——— X —-— — 7 Uhr bis Abends 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücker: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Landenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Ainbs per Bücher jeden Tag von Morgens hr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von den angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: 8 5728„„ 7„, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 36. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— S 77 d Boz(Dickens) 54 mmtliche Werke. Sechsundneunzigſter Band. Klein Dorrit. 5 Vierter Theil. =3S Peipeig 5 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. Plein Dorrit. Roman von(Charles Dickens) Boz. In 2 Pi 3 In zwei Büchern. Aus dem Englischen unn Murit; Busch. Mit vierzig Illuſtrationen von Hablot K. Browne. Vierter Theil. — 1 eipeig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. . Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Maſchinerie in Bewegung. Mr. Meggles beeilte ſich mit ſolcher raſchentſchloſſener Thätigkeit in Betreff der Unterhandlung mit Daniel Doyce, womit Clennam ihn betraut hatte, daß er ſie bald in ge⸗ ſchäftsmäßigen Zug brachte und eines Morgens um neun Uhr bei Clennam vorſprach, um Bericht abzuſtatten. „Doyce iſt höchſt erfreut über Ihre gute Meinung,“ ſagte er, das Geſpräch eröffnend,„und wünſcht nichts ſo ſehr, als daß Sie den Stand der Werke ſelbſt prüfen und ſich eine vollkommene Kenntniß derſelben verſchaffen. Er hat mir die Schlüſſel zu allen ſeinen Büchern und Papieren eingehän⸗ digt— hier klirren ſie in meiner Taſche— und der einzige Befehl, den er mir gegeben hat, heißt: geben Sie Mr. Clen⸗ nam die Mittel an die Hand, ſich mir vollkommen gleichzu⸗ ſtellen im Punkte deſſen, was ich weiß. Sollte es zuletzt zu nichts kommen, ſo wird er mein Vertrauen achten. Wäre ich deſſen nicht von Anfang an gewiß geweſen, ſo würde ich Klein Dorrit. IV. 1 2 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. nichts mit ihm zu ſchaffen haben. Und da haben Sie, wie Sie ſehen,“ ſagte Mr. Meagles,„den Lun Daniel Doyce.“ „Ein ſehr ehrenwerther Charakter!“ „O ja freilich. Kein Zweifel daran. Wunderlich, aber ſehr ehrenwerth. Indeß auch ſehr wunderlich. Würden Sie's wol glauben, Clennam,“ ſagte Mr. Meagles, indem er ſich über die Seltſamkeit ſeines Freundes von Herzen freute,„daß ich einen ganzen Morgen in— wie heißt der Hof gleich?“— „Zum Blutenden Herzen.“ „Daß ich einen ganzen Morgen im Hofe zum Blutenden Herzen zubrachte, ehe ich ihn dahin führen konnte, auf die Sache überhaupt einzugehen?“ „Wie kam das?“ „Wie das kam, mein Freund? Ich hatte nicht ſobald Ih⸗ ren Namen in Verbindung damit erwähnt, als er ſich dage⸗ gen erklärte.“ „Sich dagegen erklärte, meinetwegen?“ „Ich hatte nicht ſobald Ihren Namen erwähnt, Clen⸗ nam, als er ſagte: das geht durchaus nicht! Was meinte er damit? Ich fragte ihn. Einerlei, Meagles, das ginge durch⸗ aus nicht an. Warum es durchaus nicht anginge? Sie wer⸗ den es kaum glauben, Clennam,“ ſagte Mr. Meagles, indem er innerlich lachte,„aber es ergab ſich, daß es deshalb durch⸗ aus nicht angehen ſollte, weil Sie vorher auf dem Wege nach Twickenham in eine freundſchaftliche Unterhaltung gerathen waren, in deren Verlauf er auf ſeine Abſicht gekommen war, ⁵ — Die Maſchinerie in Bewegung. 3 ſich einen Theilnehmer in's Geſchäft zu nehmen, wobei er da⸗ mals geglaubt hatte, Sie ſeien ſo feſt und für alle Zeit wie die St. Paulskathedrale irgendwo anders untergebracht. Und deshalb könnte Mr. Clennam, ſagte er, jetzt glauben, daß ich, wenn ich ſein Anerbieten annähme, in dem, was freie, offenherzige Rede war, einen argliſtigen und ſchlauen Beweg⸗ grund gehabt habe. Und das kann ich nicht ertragen, ſagte er, das zu ertragen bin ich wirklich zu ſtolz.“ „Ich würde ebenſowol den Verdacht hegen—“ „Freilich würden Sie,“ unterbrach ihn Mr. Meagles, „und das ſagte ich ihm auch. Aber es koſtete einen ganzen Morgen, dieſen Wall zu erſtürmen, und ich zweifle, ob irgend ein Andrer als ich(er iſt mir gut von Alters her) ſeine Beine darüber gebracht hätte. Nun denn, Clennam. Nachdem die⸗ ſes geſchäftliche Hinderniß überwunden war, machte er ſich aus, daß ich vor Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Ihnen die Bücher durchſehen und mir ſelbſt eine Meinung bilden ſollte. Ich ſah die Bücher durch und bildete mir eine Meinung. Iſt ſie im Allgemeinen für oder gegen? ſagte er. Für, ſagte ich. Dann mögen Sie, mein guter Freund, nun Mr. Clennam Gelegenheit geben, ſich ſeine Meinung zu bil⸗ den. Um ihn in den Stand zu ſetzen, dies ohne Beeinträchti⸗ gung und mit vollſtändiger Freiheit zu thun, werde ich die Stadt auf eine Woche verlaſſen. Und er iſt richtig fort,“ ſagte Mr. Meagles,„das iſt das Ende vom Liede.“ „Wodurch er mir“ ſagte Clennam,„einen an hohen Begriff einflößt von ſeiner Redlichkeit und ſeiner— „ 1* Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Querköpfigkeit, ſollt' ich denken,“ fuhr Mr. Meagles da⸗ zwiſchen. Es war das nicht gerade das Wort auf Clennam's Lip⸗ pen, aber er unterließ es, ſeinen gut gelaunten Freund zu unterbrechen. „Und nun,“ fügte Meagles hinzu,„können Sie, ſobald es Ihnen paſſend dünkt, beginnen, ſich die Sache anzuſehen. Ich habe es über mich genommen, Ihnen Erklärungen zu geben, wo Sie ſie brauchen, werde aber ſtreng unparteiiſch ſein und nichts weiter thun.“ Sie begannen ihre Unterſuchungen im Hofe zum Bluten⸗ den Herzen dieſen ſelben Vormittag. Leicht entdeckten erfah⸗ rene Augen kleine Eigenheiten in Mr. Doyce's Art, ſeine An⸗ gelegenheiten zu verwalten, aber ſie ſchloſſen faſt immer eine kluge Vereinfachung von Schwierigkeiten oder eine einfache Straße nach dem gewünſchten Ziele ein. Daß er mit ſeinen Papieren im Rückſtande war und daß er Beiſtand brauchte, um die Tragkraft ſeines Geſchäfts zu entwickeln, lag auf der Hand; aber alle Ergebniſſe ſeiner Unternehmungen während vieler Jahre waren genau auseinandergeſetzt und leicht feſtzu⸗ ſtellen. Nichts war gethan in Betreff der in Rede ſtehenden Unterſuchung, Alles war in ſeinem unveränderten Werkeltags⸗ rocke und in einer gewiſſen ehrenfeſten, rauhen Ordnung. Die Berechnungen und Buchungen von ſeiner eignen Hand, deren viele waren, waren unbeholfen und mit keiner ſehr großen Präciſion geſchrieben, waren aber ſtets deutlich und gerade⸗ wegs auf den Zweck gerichtet. Es kam Arthur vor, als ob & Die Maſchinerie in Bewegung. 5 ein viel künſtlicheres und mehr in's Auge ſpringendes Schau⸗ ſpiel geſchäftlicher Thätigkeit— wie es vielleicht die Urkun⸗ den des Umſchreibungsamts boten— viel weniger von Nutzen ſein könne, da dabei die Abſicht war, es weniger verſtänd⸗ lich ſein zu laſſen. Drei oder vier Tage fleißiger Beſchäftigung mit der Sache ließen ihn ſich aller der Thatſachen bemeiſtern, mit denen be⸗ kannt zu ſein für ihn weſentlich war. Mr. Meagles war die ganze Zeit über zur Hand, ſtets bereit, jede dunkele Stelle mit dem hellleuchtenden Sicherheitslämpchen zu erleuchten, das zu den Wagſchalen und der Geldſchaufel gehörte. Unter ſich kamen ſie über die Summe überein, die man gerechter⸗ weiſe für einen Antheil am Geſchäfte bis zur Hälfte deſſelben bieten könne, und dann entſiegelte Mr. Meagles ein Papier, auf welches Daniel Doyce die Summe geſchrieben hatte, zu welcher er ſeinen Werth veranſchlagte, und dieſe war ſogar noch etwas geringer. So fand denn Daniel, als er zurück⸗ kam, die Angelegenheit ſo gut wie abgemacht. „Und ich kann jetzt bekennen, Mr. Clennam,“ ſagte er, ihm herzlich die Hand ſchüttelnd,„daß, wenn ich mich in der Höhe und in der Tiefe nach einem Compagnon umgeſehen hätte, ich, wie ich glaube, keinen gefunden haben würde, der mehr nach meinem Sinne wäre.“ „Ich ſage Daſſelbe,“ ſagte Clennam. „Und ich ſage von Euch allen Beiden,“ fügte Mr. Mea⸗ gles hinzu,„daß Ihr gut zuſammenpaßt. Sie halten ihn im Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Zaume, Clennam, mit Ihrem praktiſchen Sinne, und Sie, Dan, widmen ſich fleißig den Arbeiten mit Ihrem—“ „Unpraktiſchen Sinne?“ half Daniel ihm nach mit ſei⸗ nem ruhigen Lächeln. „Sie mögen es ſo nennen, wenn Sie wollen— und jeder von Euch wird dem Andern eine rechte Hand ſein. Hier habt Ihr Beide meine eigne rechte Hand darauf als die eines prak⸗ tiſchen Mannes.“ Der Ankauf des Antheils war binnen Monatsfriſt voll⸗ endet. Er ließ Arthur in Beſitz von Privatmitteln für ſeine Perſon, welche einige hundert Pfund nicht überſtiegen, er⸗ öffnete ihm aber die Laufbahn zu einer vielverſprechenden Thä⸗ tigkeit. Die drei Freunde ſpeiſten bei der feierlichen Gelegen⸗ heit mit einander, die Fabrik nebſt den Weibern und Kindern der Fabrik machten Feiertag und ſpeiſten gleichfalls; ſelbſt der Hof zum Blutenden Herzen ſpeiſte und war voll von Braten. Zwei Monate waren kaum verfloſſen, als der Hof zum Blu⸗ tenden Herzen mit dem Zuſtande, wo Schmalhans Küchen⸗ meiſter iſt, wieder ſo vertraut war, daß die Spende dort ver⸗ geſſen war, wo an der Compagnonſchaft nichts mehr neu ſchien als die Farbe der Aufſchrift auf dem Thürpfoſten Doyce und Clennam, oo es ſelbſt Clennam zu Muthe war, als habe er die Angelegenheiten der Firma ſchon Jahre lang mit ſich herumgetragen. Die kleine Schreibſtube, die jetzt für die ihm zufallenden Arbeiten reſervirt war, beſtand in einem Zimmerchen von Holz und Glas am Ende einer langen, niedrigen Werkſtatt, ange⸗ —— — —— — 1— Die Maſchinerie in Bewegung. 7 füllt mit Bänken, Schraubſtöcken und Werkzeugen, Lederrie⸗ men und Rädern, welche, wenn ſie mit der Dampfmaſchine in Verbindung geſetzt waren, zerrend rund umgingen, als hät⸗ ten ſie eine ſelbſtmörderiſche Beſtimmung, das Geſchäft zu Staub zu zerſchleifen und die Fabrik in Stücke zu reißen. Große Fallthüren in der Diele und der Decke, welche den un⸗ tern Arbeitsſaal mit dem obern verbanden, ließen in dieſer Richtung einen Lichtſtrahl fallen, der Clennam an das alte Kinderbilderbuch erinnerte, wo ähnliche Strahlen die Zeu⸗ gen vom Morde Abels waren. Das Geräuſch war hinreichend entfernt und ausgeſchloſſen von der Schreibſtube, um ſich auf ein geſchäftiges Summen zu ermäßigen, welches von einem gelegentlichen Klirren oder Aufſtampfen unterbrochen war. Die geduldigen Geſtalten der Arbeiter waren geſchwärzt von den Eiſen⸗ und Stahlfeilſpänen, die auf jeder Bank tanzten und durch jede Fuge in den Dielen quollen. Nach der Werk⸗ ſtatt gelangte man vermittelſt einer Leiter vom äußern Hofe unten, wo dieſelbe als Schutzdach für den großen Schleifſtein diente, auf dem die Werkzeuge geſchliffen wurden. Das Ganze hatte in Clennam's Augen ſowol ein phantaſievolles als ein praktiſches Ausſehen, was eine willkommene Veränderung war, und ſo oft er ſeine Blicke von ſeiner erſten Arbeit, die Reihe der geſchäftlichen Belege in vollkommene Ordnung zu bringen, erhob, ſchaute er auf dieſe Dinge mit einem Gefühle von Behagen an ſeinem Berufe, welches ihm neu war. Indem er ſeine Augen eines Tages auf dieſe Weiſe er⸗ hob, war er überraſcht, einen Damenhut ſich die Leiter her⸗ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. aufarbeiten zu ſehen. Der ungewöhnlichen Erſcheinung folgte ein zweiter Damenhut. Er bemerkte ſodann, daß der erſte Hut auf dem Kopfe von Mr. Fs Tante und der zweite auf Flora's Kopfſaß, welche ihr Vermächtniß mit erheblicher Schwierig⸗ keit die ſteile Treppe heraufgeſchoben zu haben ſchien. Obſchon durchaus nicht ſehr entzückt über den Anblick die⸗ ſes Beſuchs, verlor Clennam doch keine Zeit, die Schreib⸗ ſtubenthür zu öffnen und ſie von der Werkſtatt loszueiſen, eine Rettung, die um ſo nothwendiger wurde, als Mr. Fs Tante bereits über ein Hemmniß geſtolpert war und die Dampf⸗ kraft als Einrichtung mit einem ſteinharten Strickbeutel be⸗ drohte, den ſie in der Hand trug. „Ei du lieber Himmel, Arthur“— wollte ſagen, Mr. Clennam, viel ſchicklicher— die Kletterei, die wir hatten, hier herauf zu kommen, und wie wieder hinuntergelangen ohne eine Feuerrettungsanſtalt, und wenn Mr. Fs Tante durch die Stufen hindurchführe und ſich am ganzen Leibe Beulen ſchlüge, und Sie hier in einem Maſchinen⸗ und Gießerei⸗ Geſchäft, ohne uns ein Wort zu ſagen.“ So Flora außer Athem. Inzwiſchen rieb Mr. Fs Tante ihre werthgeſchätzten Knöchel mit ihrem Regenſchirm und glühte vor Rachgier. „Sehr unfreundlich, uns nie wieder einen Beſuch abzu⸗ ſtatten ſeit jenem Tage, obſchon es natürlich nicht zu erwarten war, daß Sie etwas nach unſerm Hauſe ziehen würde und Sie viel angenehmere Verpflichtungen hatten, das iſt ziemlich gewiß, und iſt ſie blond oder brunett, blaue oder ſchwarze 4 — —x— XIV Besuch in der Werkstättt. —————— Die Maſchinerie in Bewegung. 9 Augen, möcht' es wiſſen, nicht daß ich erwartete, daß ſie nicht in allen Stücken das vollkommene Gegentheil von mir ſein ſollte, denn wie ich ſehr wol weiß, haben Sie ſich in mir getäuſcht, und Sie haben ganz recht, ihr ergeben zu ſein, ob⸗ ſchon ich, lieber Himmel, Arthur— laſſen Sie's gut ſein— ſelber kaum weiß was ich rede.“ Mittlerweile hatte er in der Schreibſtube Stühle für ſie hingeſtellt. Als Flora in den ihren ſank, ſchenkte ſie ihm den alten Blick. „Und der Gedanke: Doyce und Clennam, und wer Doyce ſein kann,“ ſagte Flora,„allerliebſter Mann, ohne Zweifel, und verheirathet vielleicht oder vielleicht eine Tochter, nun, hat er wirklich eine? Dann verſteht man die Geſchäftsverbindung und ſieht Alles, erzählen Sie mir nichts davon, denn ich weiß, ich habe kein Recht zu der Frage, die goldne Kette, die einſt geſchmiedet, iſt ja zerriſſen und ganz recht ſo.“ Flora legte ihre Hand zärtlich auf die ſeine und warf ihm wieder einen von den jugendlichen Blicken zu. „Lieber Arthur— Macht der Gewohnheit, Mr. Clennam, in jeder Beziehung zartfühlender und den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden angemeſſener— ich muß um Entſchuldigung bitten, daß ich mir die Freiheit nehme, Sie zu beläſtigen, aber ich dachte, ich dürfte mir in Erinnerung alter Zeiten, die für im⸗ mer dahin ſind und nie wieder erblühen werden, ſo viel wa⸗ gen und mit Mr. Fs Tante einen Beſuch machen, um beſtens Glück zu wünſchen, jedenfalls dem Leben in China ſehr vor⸗ zuziehen und viel näher, wenn auch höher oben.“ 10 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Ich bin ſehr glücklich, Sie zu ſehen,“ ſagte Clennam, „und ich danke Ihnen ſehr, Flora, für Ihre freundliche Er⸗ innerung.“ „Auf alle Fälle mehr, als ich ſelbſt ſagen kann,“ erwiderte Flora,„denn ich könnte zwanzig Mal hinter einander geſtor⸗ ben und begraben ſein und was ſonſt noch Alles ohne Zwei⸗ fel, ehe Sie ſich meiner erinnert hätten und dergleichen, aber trotzdem wünſche ich eine letzte Bemerkung zu machen, wün⸗ ſche ich eine letzte Erklärung zu geben—“ „Meine theure Mrs. Finching!“ warf Arthur erſchro⸗ cken ein. „O nicht dieſen garſtigen Namen, ſagen Sie Flora.“ „Flora, iſt's denn der Mühe werth, daß Sie ſich von Neuem aufregen, indem Sie auf Erklärungen eingehen? Ich verſichere Ihnen, daß keine nöthig ſind. Ich bin zufrieden⸗ geſtellt— ich bin völlig zufriedengeſtellt.“ Es wurde hier eine Unterbrechung veranlaßt, indem Mr. Fs Tante die folgende unerbittliche und furchtbare Bemer⸗ kung machte: „Es gibt Meilenſteine auf der Straße nach Dover!“ Sie ſchleuderte dieſes Geſchoß mit einer ſolchen tödtlichen Feindſchaft gegen das menſchliche Geſchlecht, daß Clennam völlig in Verlegenheit war, wie er ſich vertheidigen ſollte, und zwar um ſo mehr, als er ſchon durch die Ehre eines Be⸗ ſuchs von dieſer ehrwürdigen Dame verſtört worden war, da es doch klar war, daß ſie den äußerſten Abſcheu vor ihm Die Maſchinerie in Bewegung. 11 hegte. Er konnte nicht umhin, ſie mit hülfloſen Blicken an⸗ zuſehen, als ſie ſo, Bitterkeit und Hohn athmend und meilen⸗ weit ins Ungewiſſe ſtierend, vor ihm ſaß. Flora dagegen nahm die Aeußerung auf, als wäre ſie höchſt paſſender und ange⸗ nehmer Natur geweſen, indem ſie laut die lobende Bemer⸗ kung machte, daß Mr. Fs Tante ſehr viel Geiſt beſäße. An⸗ geregt entweder von dieſem Complimente oder von ihrer bren⸗ nenden Entrüſtung, fügte dann dieſes erhabene Weib hinzu: „Mag er dem ins Geſicht blicken, wenn er kann.“ Und mit einer trotzigen Bewegung ihres ſteinharten Strickbeutels(ein Anhängſel von bedeutender Größe und foſſilem Ausſehen) deutete ſie an, daß Clennam die unſelige Perſon ſei, dem die Ausforderung zugeſchleudert wurde. „Ich wollte vorhin ſagen,“ begann Flora von Neuem, „ich wünſche eine letzte Bemerkung zu machen, wünſche eine letzte Erklärung zu geben, Mr. Fs Tante und ich würden Sie nicht in Geſchäftsſtunden beläſtigt haben, da Mr. F. ſelbſt Geſchäftsmann war und obſchon der Weinhandel ein ſtilles Geſchäft iſt, war's doch ein Geſchäft, mag man's nen⸗ nen wie man will, und die Gewohnheiten von Geſchäftsleu⸗ ten ſind ſtets dieſelben, wie Mr. F. bezeugt, der ſtets punkt zehn Minuten vor ſechs des Nachmittags ſeine Pan⸗ toffeln auf der Matte und ſtets punkt zehn Minuten vor acht am Morgen ſeine Stiefeln hinter dem Kamingitter hatte, mochte das Wetter ſein wie es wollte, hell oder dunkel— würde deshalb Sie nicht ohne Grund beläſtigen, ein Grund, 12 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. deſſen gute Abſicht hoffentlich eine gute Aufnahme finden wird, Arthur, wollte ſagen, Mr. Clennam, viel ſchicklicher, vielleicht ſogar Doyce und Clennam geſchäftsmäßiger.“ „Bitte, ſagen Sie nichts mehr zu Ihrer Entſchuldigung,“ bat Arthur.„Sie ſind ſtets willkommen.“ „Sehr höflich von Ihnen, ſo zu ſagen, Arthur— kann mich auf den Mr. Clennam nicht eher beſinnen, bis das Wort heraus iſt, ſo ſtark iſt die Gewohnheit von Zeiten, die auf immer entflohen ſind, und ſo wahr iſt es, daß oft in ſtiller Nacht, ehe des Schlummers Kette uns gefeſſelt hat, die zärtliche Erinnerung das Licht anderer Tage um uns aus⸗ gießt— ſehr höflich, aber mehr höflich als wahr, fürchte ich; denn in ein Maſchinengeſchäft einzutreten, ohne auch nur eine Zeile oder eine Karte an Papa zu ſchicken— ich ſage nicht an mich, obwol es eine Zeit gab, aber die iſt vorüber, und die ſchnöde Wirklichkeit mich jetzt ſagen läßt: o laßt es gut ſein— Sie müſſen eingeſtehen, es ſieht nicht dar⸗ nach aus.“ Selbſt die Kommas Floras ſchienen ihr bei dieſer Ge⸗ legenheit entflohen zu ſein, ſo viel mehr war ſie diesmal außer ſich und redſelig als bei der vorigen Zuſammenkunft. „Obſchon in der That,“ fuhr ſie haſtig fort,„nichts An⸗ deres zu erwarten iſt, und warum ſollte es zu erwarten ſein, und wenn es nicht zu erwarten iſt, warum ſollte es ſein, und ich bin weit entfernt, Sie oder irgend Jemand zu tadeln, als Ihre Mamma und mein Papa uns zu Tode kränkten und Die Maſchinerie in Bewegung. 13 ſie zerſchnitten jene goldene Kelle— Kette wollt' ich ſagen, aber ich glaube, Sie wiſſen, was ich meine, und wenn Sie's nicht wiſſen, ſo verlieren Sie nicht viel daran und kümmern ſich eben ſo wenig darum, möcht' ich hinzufügen— als ſie die goldene Kette trennten, die uns feſſelte und uns auf dem Sopha Fluthen von Thränen auspreßten, die mich faſt er⸗ ſtickten, ſo war Alles verändert, und indem ich meine Hand Mr. F. gab, ſo weiß ich, daß ich das mit offenen Augen that, aber er war ſo unſicher in ſeinen Entſchlüſſen und in ſo ge⸗ drückter Stimmung, daß er in ſeiner Verzweiflung ſchon vom Fluſſe, wo nicht gar von einem gewiſſen Oel beim Apotheker geſprochen hatte, und ich that es als das Beſte, was ich thun konnte.“ „Meine gute Flora, wir brachten das ja ſchon in Ord⸗ nung. Es war Alles ganz recht.“ „Es iſt vollkommen klar, daß Sie ſo denken,“ erwiderte Flora;„denn Sie nehmen es ganz kühl hin, wenn ich nicht gewußt hätte, daß es China war, ſo würde ich auf die Polar⸗ gegenden gerathen haben, lieber Mr. Clennam, Sie haben je⸗ doch recht, und ich kann Sie nicht tadeln, aber was Doyce und Clennam betrifft, ſo hörten wir es, da hier Papas Häuſer ſind, von Pancks, und ohne ihn hätten wir nie ein Wort da⸗ von erfahren, deß bin ich ſicher.“ „Nein, nein, ſagen Sie das nicht.“ „Welcher Unſinn, es nicht zu ſagen, Arthur— Doyce und Clennam— leichter und weniger gefährlich für mich als Klein Dorrit. IV. 2 14 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Clennam— wenn ich es weiß und Sie es wiſſen und es nicht in Abrede ſtellen können.“ „Aber ich ſtelle es wirklich in Abrede, Flora. Ich würde Ihnen in Kurzem einem freundſchaftlichen Beſuch gemacht haben.“ „Ah!“ ſagte Flora, den Kopf zurückwerfend.„Ich glau⸗ be!“ und wieder warf ſie ihm einen der alten Blicke zu.„Sei dem aber wie ihm wolle, als Pancks uns das erzählte, ent⸗ ſchloß ich mich, mit Mr. Fs Tante herzukommen und Sie zu beſuchen, weil, als Papa— was vordem geſchah— zufäl⸗ lig ihren Namen erwähnte und ſagte, daß Sie ſich für ſie intereſſirten, ſo ſagte ich gleich: Lieber Himmel, warum ſie nicht hier haben, ſtatt es aus dem Hauſe zu geben, wenn was zu thun iſt!“ „Wenn Sie ſagen: ſie,“ bemerkte Clennam, jetzt ziem⸗ lich verblüfft,„meinen Sie da Mr. Fs—“ „Ei du meine Güte, Arthur— Doyce und Clennam wirklich leichter mit meinen alten Erinnerungen zu vereinigen — wer hat denn jemals gehört, daß Mr. Fs Tante auf Ta⸗ gelohn nähen geht?“ „Auf Tagelohn nähen geht! Sprechen Sie von Klein Dorrit?“ „Ei ja freilich!“ erwiderte Flora,„und von allen ſelt⸗ ſamen Namen, die ich im Leben gehört habe, iſt's der ſelt⸗ ſamſte, wie ein Platz draußen auf dem Lande mit'ner Chauſ⸗ ſee, oder ein Lieblingspferdchen oder Schiffchen, oder ein Vogel, oder ſo was aus dem Samenladen, das in einen Die Maſchinerie in Bewegung. 15 Garten oder'nen Blumennapf geſteckt wird und mit Tüpfel⸗ chen heraus kommt.“ „Dann, Flora,“ ſagte Arthur mit plötzlichem Intereſſe an der Unterhaltung,„war alſo Mr. Casby ſo gütig, Klein Dorrit gegen Sie zu erwähnen, nicht wahr? Was ſagte er?“ „O, Sie wiſſen ja, wie Papa iſt, und mit welcher ver⸗ drießlichen Weiſe er da ſitzt und ſchön ausſieht und ſeine Daumen Mühle ſpielen läßt, bis Einem ſchwindelig wird, wenn Eins die Augen auf ihn gerichtet hält; er ſagte, als wir von Ihnen ſprachen— ich weiß nicht, wer zuerſt den Namen Arthur(Doyce und Clennam) erwähnte, aber ich war's wahr⸗ haftig nicht, hoffentlich wenigſtens nicht, aber Sie müſſen mich wirklich entſchuldigen, wenn ich über dieſen Punkt nicht mehr geſtehe.“ „Gewiß,“ ſagte Arthur.„Jedenfalls.“ „Sie ſind ſehr bereit dazu,“ fuhr Flora heraus, indem ſie in ihrer einſchmeichelnden Mädchenſchüchternheit plötzlich Halt machte.„Das muß ich zugeben, Papa ſagte, Sie hätten ſehr eifrig von ihr geſprochen, und ich ſagte, was ich Ihnen er⸗ zählt habe und das iſt Alles.“ „Das iſt Alles?“ ſagte Arthur, ein wenig getäuſcht. „Ausgenommen daß ich, als Pancks uns erzählte, Sie hätten ſich in dieſes Geſchäft begeben und uns mit Schwie⸗ rigkeit überredete, daß Sie's wirklich wären, daß ich da zu Mr. Fs Tante ſagte, wir wollten hergehen und fragen, ob es allen Betheiligten angenehm ſein würde, wenn man ſie, falls es nöthig wäre, in unſerm Hauſe beſchäftigte, denn ich weiß, 2* 16 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſie geht oft zu Ihrer Mama, und ich weiß, daß Ihre Mama ein ſehr aufbrauſendes Temperament hat, Arthur— Doyce und Clennam— ſonſt hätte ich im Leben Mr. F. nicht ge⸗ heirathet und könnte in dieſer Stunde— aber ich gerathe auf dummes Zeug.“ „Es war ſehr gütig von Ihnen, Flora, daran zu den⸗ Ten.. Die arme Flora erwiderte mit einfacher Aufrichtigkeit, die ihr beſſer ſtand als ihre jugendlichſten Blicke, ſie freue ſich, daß er ſo denke. Sie ſagte es mit ſo viel Herzlichkeit, daß Clennam viel darum gegeben hätte, auf der Stelle die alte Anſicht, die er von ihr gehegt, kaufen und ſie nebſt der Seejungfer für immer wegwerfen zu können. „Ich denke, Flora,“ ſagte er,„daß die Beſchäftigung, die Sie Klein Dorrit geben, und die Güte, die Sie ihr erzei⸗ gen können—“ „Ja, das will ich,“ ſagte Flora raſch. „Deſſen bin ich verſichert— ihr eine große Hülfe und Unterſtützung ſein wird. Ich glaube nicht das Recht zu haben, Ihnen mitzutheilen, was ich von ihr weiß, denn ich erfuhr, was ich weiß, im Vertrauen und unter Umſtänden, die mich zum Stillſchweigen verpflichten. Aber ich nehme Intereſſe an dem kleinen Weſen und habe eine Hochachtung vor ihr, die ich gegen Sie nicht ausdrücken kann. Ihr Leben iſt ſo voll Prü⸗ fungen und Opfern geweſen, und ſo reich an ſtiller Güte, daß Sie es ſich kaum vorſtellen können. Ich kann kaum an ſie denken, noch weit weniger von ihr ſprechen, ohne gerührt zu — 5——— 2 Die Maſchinerie in Bewegung. 17 ſein. Laſſen Sie dieſes Gefühl für das gelten, was ich Ih⸗ nen erzählen könnte, und geſtatten Sie, daß ich ſie mit mei⸗ nem Danke Ihrer Freundlichkeit empfehle.“ Wieder reichte er ſeine Hand treuherzig Flora hin, und wieder konnte die arme Flora ſie nicht mit gleicher Treuherzig⸗ keit annehmen, hielt es für werthlos, es offen zu thun, mußte daraus die alte Intrigue und das alte Geheimniß machen. Eben ſo ſehr zu ihrer Befriedigung, als zu ſeinem Verdruſſe, bedeckte ſie ſie mit einem Zipfel ihres Shawls, als ſie ſie nahm. Dann, indem ſie einen Blick auf die Glasfronte des Comptoirs warf und zwei Geſtalten ſich nähern ſah, ſchrie ſie mit unendlichem Genuß:„Papa! Still, Arthur, um des Himmels willen“ und taumelte in der furchtbaren Ueberraſchung und der mädchenhaften Verwirrung ihres Gemüths mit einer erſtaunlich guten Nachahmung der Gefahr, in Ohnmacht zu fallen, nach ihrem Stuhle zurück. Der Patriarch kam inzwiſchen mit ſeinem nichtsſagenden ſtrahlenden Geſichte im Kielwaſſer von Pancks nach der Schreibſtube. Pancks öffnete die Thür für ihn, bugſirte ihn herein und zog ſich dann nach ſeinem eigenen Ankerplatze in eine Ecke zurück. „Ich hörte von Flora,“ſagte der Patriarch mit ſeinem wohl⸗ wollenden Lächeln,„daß ſie einen Beſuch machen wollte, Beſuch machen wollte. Und da ich aus war, ſo dachte ich, ich wollte Sie auch einmal beſuchen, auch einmal beſuchen.“ Die wohlwollende Weisheit, die er dieſer(an ſich nicht eben tiefen) Erklärung mit Hülfe ſeiner blauen Augen, ſeines 18 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. glänzenden Kopfes und ſeines langen, weißen Haares mit⸗ theilte, war höchſt wirkungsvoll. Dieſelbe ſchien werth, neben die edelſten Sprüche, welche die beſten der Menſchen verkün⸗ digt haben, niedergelegt zu werden. Ebenſo, als er ſich in den ihm gebotenen Stuhl ſetzend zu Clennam ſagte:„Und ſie ſind in einem neuen Geſchäfte, Mr. Clennam? Ich wün⸗ ſche Ihnen Glück, Sir, ich wünſche Ihnen Glück!“ ſchien er Wunder des Wohlwollens gethan zu haben. „Mrs. Finching hat mir ſoeben geſagt, Sir,“ ſagte Arthur, nachdem er gedankt, während die Wittwe des ſeligen Mr. F. mit einer Geberde gegen ſeinen Gebrauch dieſes reſpektabeln Namens Verwahrung einlegte,„daß ſie gelegentlich die junge Nätherin zu beſchäftigen hofft, welche Sie meiner Mutter empfohlen haben. Dafür habe ich ihr eben gedankt.“ Der Patriarch drehte ſeinen Kopf ſchwerfällig nach Pancks um, dieſer Gehülfe ſteckte das Notizbuch ein, in das er ſich verſenkt hatte, und nahm ihn in's Schlepptau. 2 „Sie haben ſie ja gar nicht empfohlen,“ ſagte Pancks,„wie konnten Sie auch? Sie wußten ja gar nichts von ihr. Der Name wurde gegen Sie erwähnt, und Sie ließen ihn weiter gehen. Das iſt's, was Sie thaten.“ „Nun!“ ſagte Clennam.„Da ſie jede Empfehlung recht⸗ fertigt, ſo iſt es ziemlich dasſelbe.“ „Sie freuen ſich, daß ſie gut anſchlägt,“ ſagte Pancks, „aber es würde nicht Ihre Schuld geweſen ſein, wenn ſie ſchlecht angeſchlagen hätte. Die Ehre kommt Ihnen nicht zu, Die Maſchinerie in Bewegung. 19 wie die Sache ſteht, und die Schande würde ſie nicht getrof⸗ fen haben, wäre ſie geweſen, wie ſie hätte ſein können. Sie gaben keine Bürgſchaft. Sie wußten nichts von ihr.“ Sie ſind alſo mit Niemand von ihrer Familie bekannt?“ ſagte Arthur, indem er eine Frage auf's Gerathewohl hin wagte. „Bekannt mit Jemand von ihrer Familie?“ erwiderte Pancks.„Wie ſöllten Sie mit irgend Jemand von ihrer Familie bekannt ſein? Sie haben nie von ihnen gehört. Sie können doch nicht mit Leuten bekannt ſein, von denen Sie nie etwas gehört haben. Ich dächte, das ginge doch nicht an.“ Dieſe ganze Zeit über ſaß der Patriarch heiter lächelnd da und nickte oder ſchüttelte ſein Haupt wohlwollend, je nachdem es die Sache erforderte. „Wenn Sie Auskunft ertheilen ſollten,“ ſagte Pancks, ſo wiſſen Sie im Allgemeinen, was es heißt, Auskunft ertheilen. Es iſt alles Ihr Auge das. Sehen Sie mal Ihre Miethleute unten im Hofe an. Sie würden alle die Auskunftsgeber für einander machen, wenn Sie ſie ließen. Was würde es nu⸗ tzen, ſie zu laſſen. Es iſt keine Genugthuung, von Zweien ſtatt von Einem über's Ohr gehauen zu werden. Eins iſt genug. Ein Menſch, der nicht bezahlen kann, ſucht einen andern, der nicht bezahlen kann, auf, Bürgſchaft zu leiſten, daß er bezah⸗ len kann. Ganz wie wenn Einer mit zwei Holzbeinen einen andern mit zwei Holzbeinen auffordern wollte, ſich dafür zu verbürgen, daß er zwei natürliche Beine habe. Ich glaube nicht, daß Einer von Beiden im Stande iſt, eine Wette im Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Laufen auszuführen. Und vier hölzerne Beine ſind für Einen, der überhaupt keine mag, unbequemer als zwei.“ Mr. Pancks ſchloß damit, daß er in ſeiner gewöhnlichen Weiſe ſeinen Dampf ausſchnaubte. Ein augenblickliches Stillſchweigen, welches folgte, wurde durch Mr. Fs Tante unterbrochen, welche ſeit ihrer letzten öffentlichen Bemerkung in einem kataleptiſchen Zuſtande auf⸗ recht dageſeſſen hatte. Sie wurde jetzt von einem heftigen Aufzucken ergriffen, welches auf die Nerven der Uneingeweih⸗ ten eine erſchreckende Wirkung ausübte, und bemerkte mit der tödtlichſten Feindſeligkeit: „Sie können aus einem meſſingnen Knauf, in dem nichts iſt, keinen Kopf mit Gehirn machen. Sie konnten das nicht, als Ihr Oheim George noch lebte, wie viel weniger, da er todt iſt.“ Mr. Pancks war nicht faul, mit ſeiner gewöhnlichen See⸗ lenruhe zu antworten:„In der That, Madame? Ei der Tau⸗ ſend! Bin erſtaunt, das zu hören.“ Trotz ſeiner Geiſtesge⸗ genwart machte jedoch die Rede von Mr. Fs Tante einen niederſchlagenden Eindruck auf die kleine Geſellſchaft, erſtens, weil man ſich durchaus nicht verhehlen konnte, daß Clennams harmloſes Haupt der auf dieſe Weiſe geſchmähte Tempel der Vernunft war, und zweitens, weil bei ſolcher Gelegenheit Niemand im Geringſten wußte, auf weſſen Oheim George man ſich bezog, oder welches Geſpenſt unter dieſer Bezeich⸗ nung aufgerufen wurde, zu erſcheinen. Deshalb ſagte Flora, wiewol nicht ohne einen gewiſſen Die Maſchinerie in Bewegung. 21 Stolz und Triumph auf ihre Erbſchaft, Mr. Fs Tante ſei heute ſehr lebhaft, und ſie dächte, man würde gut thun, zu gehen. Aber Mr. Fs Tante bewies ſich ſo lebhaft, daß ſie die Andeutung mit unerwartetem Ingrimm aufnahm und er⸗ klärte, ſie würde nicht gehen, indem ſie mit verſchiedenen be⸗ leidigenden Ausdrücken hinzufügte, daß wenn„Er“— womit nur zu augenſcheinlich Clennam gemeint war— ſie los ſein wolle, ſo„möge er ſie aus dem Fenſter werfen,“ und ihren dringenden Wunſch ausſprach,„Ihn“ dieſe Ceremonie ausfüh⸗ ren zu ſehen. In dieſem Dilemma ſetzte Mr. Pancks, deſſen Hülfsmit⸗ tel jedem Vorkommniß im Leben des Patriarchen gewachſen zu ſein ſchienen, flink ſeinen Hut auf, ſchoß flink aus der Thür der Schreibſtube hinaus und flink im Augenblicke darauf wie⸗ der herein, wobei er eine künſtliche Friſche angenommen hatte, als ob er mehrere Wochen auf dem Lande gelebt hätte.„Ei der Tauſend, Madame,“ ſagte Pancks, ſich mit der Miene großen Staunens das Haar emporſtreichend,„ſind Sie das?“ Wie geht's Ihnen, Madame? Sie ſehen heute allerliebſt aus. Bin entzückt, Sie zu ſehen. Haben Sie die Gnade, mir Ihren Arm zu erlauben, wollen einen kleinen Spazier⸗ gang machen, Sie und ich, wofern Sie mich mit Ihrer Ge⸗ ſellſchaft beehren wollen.“ Und ſo escortirte er Mr. Fs Tante mit großer Artigkeit und ebenſo großem Erfolg die innere Treppe des Comptoirs hinab. Der patriarchaliſche Mr. Casby erhob ſich dann mit der Miene, als ob er es gethan, und folgte freundlich lächelnd, wobei er ſeiner Tochter, als ſie ihm ☛ 6 — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ihrerſeits folgte, Zeit ließ, gegen ihren einſtigen Geliebten in einem verzweifelten Geflüſter(welches ihr ſehr wohl that) zu bemerken, daß ſie den Kelch des Lebens bis auf die Hefen geleert hätte, und ferner geheimnißvoll anzudeuten, daß der ſelige Mr. F. auf dem Boden desſelben wäre. Wieder allein, wurde Clennam eine Beute ſeiner alten Zweifel in Bezug auf ſeine Mutter und Klein Dorrit und es gingen ihm die alten Gedanken und Verdachtsgründe durch den Sinn. Sie waren alle in ſeiner Seele und miſcchten ſich mit den Pflichten, die er maſchinenmäßig erfüllte, als plötz⸗ lich ein Schatten auf ſeinen Papieren ihn veranlaßte, nach der Urſache aufzublicken. Die Urſache war Mr. Pancks. In⸗ dem er ſeinen Hut ganz hinten auf den Ohren ſitzen hatte, als ob ſeine drathartigen Haarzinken wie Springfedern em⸗ porgeſchnellt wären und ihn zurückgeſchoben hätten, mit ſei⸗ nen pechſchwarzen Glasperlenaugen, die ſcharf fragend her⸗ umſtierten, die Finger ſeiner rechten Hand im Munde, damit er ſich die Nägel abbeißen konnte, und die Finger ſeiner lin⸗ ken Hand in Reſerve für einen zweiten Gang in die Taſche, warf Mr. Pancks durch das Glas ſeinen Schatten auf die Bücher und Papiere. Mr. Pancks erkundigte ſich mit einer leichten, fragenden Wendung ſeines Kopfes, ob er wieder hereinkommen könne. Clennam antwortete mit einem Kopfnicken bejahend. Mr. Pancks arbeitete ſich herein, kam neben das Pult, warf Anker, indem er ſeine Arme darauf lehnte und begann die Unterhaltung mit einem Puffen und Schnauben. Die Maſchinerie in Bewegung. 23 „Mr. Fs Tante iſt hoffentlich beruhigt?“ ſagte Clen⸗ nam. „Alles in der Ordnung, Sir,“ ſagte Pancks. „Ich habe das Unglück gehabt, in der Bruſt dieſer Dame eine ſtarke Abneigung gegen mich zu erwecken,“ ſagte Clen⸗ nam.„Wiſſen Sie vielleicht wodurch?“ „Weiß ſie denn, wodurch?“ fragte Pancks. „Ich glaube nicht.“ „Ich glaube auch nicht,“ ſagte Pancks. Er nahm ſein Notizbuch heraus, öffnete es, ſchloß es, ließ es in ſeinen Hut fallen, der neben ihm auf dem Pulte ſtand und blickte auf dasſelbe, als es auf dem Boden des Hutes lag, Alles mit dem Anſcheine tiefen Nachdenkens. „Mr. Clennam,“ begann er ſodann,„ich brauche Aus⸗ kunft über Etwas, Sir.“ „In Bezug auf dieſe Firma?“ fragte Clennam. „Nein,“ ſagte Pancks. „Worauf denn, Mr. Pancks? Das heißt, ich ſetze vor⸗ aus, daß Sie die Auskunft von mir haben wollen.“ „Ja Sir, ja wol, ich will ſie von Ihnen,“ ſagte Pancks, „wenn ich Sie überreden kann, ſie mir zu geben. A, B, C, D. Da, de, di, do. Lexikaliſche Ordnung. Dorrit. Das iſt der Name, Sir.“ Mr. Pancks ließ abermals ſein eigenthümliches ſchnau⸗ bendes Geräuſch hören und machte ſich an die Nägel ſeiner rechten Hand. Arthur warf einen fragenden Blick auf ihn, er erwiderte den Blick. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Ich verſtehe Sie nicht, Mr. Pancks.“ „Das iſt der Name, über den ich Auskunft haben möchte.“ „und was möchten Sie wiſſen?“ „Alles, was Sie mir erzählen können und wollen.“ Die⸗ ſes kurzgefaßte Inhaltsverzeichniß ſeiner Wünſche wurde nicht ausgeſprochen, ohne daß die Maſchinerie von Mr. Pancks ziemlich ſchwer gearbeitet hätte. „Das iſt ein eigenthümlicher Beſuch, Mr. Pancks. Er fällt mir als um ſo außerordentlicher auf, da Sie es ſind, der mit ſolch einem Anliegen zu mir kommt.“ „Es mag alles miteinander außerordentlich ſein,“ erwi⸗ derte Pancks.„Es mag außerhalb des gewöhnlichen Weges liegen und doch Geſchäft ſein. Kurz, es iſt Geſchäft. Ich bin ein Geſchäftsmann. Was für ein Geſchäft habe ich in dieſer Welt hier, als mich an's Geſchäft zu halten? Kein anderes Geſchäft!“ Mit ſeinem früheren Zweifel, ob es dieſe trockne, harte Perſönlichkeit ernſtlich meine, richtete Clennam ſeine Augen nochmals aufmerkſam auf ſein Geſicht. Es war ſo ſtachlig und verräuchert wie immer, und ſo voll raſcher Energie wie immer, und er konnte nichts darin lauern ſehen, was auch nur im Mindeſten eine verborgene Verſtellung ausdrückte, die ſein Ohr in der Stimme zu treffen ſchien. 2 „Na, um dieſes Geſchäft gleich an ſeine rechte Stelle zu ſetzen,“ ſagte Pancks,„es hat mit meinem Eigenthümer nichts zu thun.“ lig rur ein ner Die Maſchinerie in Bewegung. 25 „Beziehen Sie ſich auf Mr. Casby als auf Ihren Eigen⸗ thümer?“ Pancks nickte.„Mein Eigenthümer. Nehmen Sie mal einen beſtimmten Fall an. Sagen wir, bei meinem Eigen⸗ thümer hör' ich'nen Namen— den Namen einer jungen Perſon, welcher Mr. Clennam zu dienen wünſcht. Sagen wir, der Name zuerſt gegen meinen Eigenthümer erwähnt von Plorniſh im Hofe. Sagen wir, ich gehe zu Plorniſh. Sagen wir, ich frage Plorniſh als einer Geſchäftsſache wegen um Auskunft. Sagen wir, Plorniſh, obſchon ſechs Wochen im Rückſtande bei meinem Eigenthümer, lehnt es ab. Sagen wir, Mrs. Plorniſh lehnt ebenfalls ab. Beide beziehen ſich auf Mr. Clennam. Setzen Sie mal dieſen Fall.“ „Nun?“ „Nun, Sir,“ erwiderte Plancks,„ſagen wir, ich komme zu ihm. Sagen wir, hier bin ich.“ „Mit jenen Haarzinken, die über ſeinen ganzen Kopf em⸗ porſtanden und mit ſeinem Athem, der ſehr hart und kurz kam und ging, that der geſchäftige Pancks einen Schritt rückwärts, machte er eine halbe Schwenkung nach hinten, würden wir ſagen, wenn wir den Vergleich mit einem Schleppſchiffe bei⸗ behalten wollten, als wolle er ſeinen verräucherten Rumpf vollſtändig zeigen, dampfte dann wieder vorwärts und ließ ſeinen raſchen Blick abwechſelnd bald in ſeinen Hut, wo ſein Notizbuch war, und über Clennams Geſicht ſchweifen. „Mr. Pancks, um mich nicht in Ihr Geheimniß zu drän⸗ 26 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. gen, will ich ſo einfach mit Ihnen ſein als ich kann. Laſſen Sie mich Ihnen zwei Fragen vorlegen. Erſtens—“ „Ganz in der Ordnung,“ ſagte Pancks, indem er ſeinen ſchmutzigen Zeigefinger mit ſeinem zerriſſenen Nagel empor⸗ hielt.„Ich ſehe ſchon! Was iſt Ihr Beweggrund, wollen Sie fragen.“ „Ganz recht.“ „Der Beweggrund,“ ſagte Pancks,„iſt gut. Nichts zu thun mit meinem Eigenthümer, jetzt nicht anzugeben, lächer⸗ lich, wenn ich ihn jetzt angeben wollte, aber gut. Wunſch, einer jungen Perſon mit Namen Dorrit zu dienen,“ ſagte Pancks, indem er ſeinen Zeigefinger noch immer als Vor⸗ ſichtsmaßregel emporhielt.„Thäten beſſer zuzugeben, daß der Beweggrund gut iſt.“ „Zweitens und letztens, was wünſchen Sie zu wiſſen?“ Mr. Pancks fiſchte, bevor dieſe Frage geſtellt war, ſein Notizbuch auf und antwortete, indem er es ſorgfältig in ſeine innere Bruſttaſche einknöpfte und die ganze Zeit über Clen⸗ nam unverwandten Blickes anſah, mit einem kurzen Schnau⸗ ben:„Ich möchte jede Auskunft haben, die meine Kenntniß von der Sache vervollſtändigt.“ Clennam konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, als der keuchende kleine Schleppdampfer, der für jenes unbehülf⸗ liche Schiff, den Casby, ſo nützlich war, wartete und ihn be⸗ obachtete, als ob er eine Gelegenheit ſuchte, auf ihn loszu⸗ ſchießen und ihm Alles abzunehmen, was er brauchte, bevor er ſeinen Manövern Widerſtand leiſten könnte, obſchon in Die Maſchinerie in Bewegung. 27 Mr. Pancks Art zugleich Etwas war, was in ſeinem Gemüthe mancherlei wunderſame Gedanken erweckte. Nach einiger Ueberlegung entſchloß er ſich, Mr. Pancks ſo viel Auskunft zukommen zu laſſen, als ihm zu geben erlaubt war, indem er wol wußte, daß Mr. Pancks, wenn ihm ſeine jetzige Nach⸗ forſchung fehlſchlug, ziemlich ſicher war, andere Mittel zu fin⸗ den, ſie ſich zu verſchaffen. Er ſagte ihm deshalb, nachdem er vorher Mr. Pancks gebeten, ſich ſeiner freiwilligen Erklärung, daß ſein Eigen⸗ thümer keinen Theil an der Eröffnung habe und daß ſeine eigenen Abſichten gut wären, zu erinnern(zwei Erklärungen, welche jener kohlſchwarze kleine Herr mit dem größten Eifer wiederholte) ganz offen, daß er in Betreff der Herkunft und des früheren Wohnplatzes der Familie Dorrit keine Auskunft mitzutheilen habe, und daß ſeine Bekanntſchaft mit der Fa⸗ milie ſich nicht über die Thatſache hinauserſtrecke, nach wel⸗ cher ſie jetzt auf fünf Mitglieder reducirt ſei, nämlich auf zwei Brüder, von denen der eine ein Junggeſell und der andere ein Wittwer mit drei Kindern ſei. Er machte dann Mr. Pancks mit dem Alter der Familienglieder ſo genau bekannt, als er es verrathen konnte, und ſchließlich beſchrieb er ihm die Lage des Vaters des Marſhalſea und den Gang der Zei⸗ ten und Ereigniſſe, durch den er zu dieſer Würde gelangt war. Auf alles Dieſes hörte Mr. Pancks, indem er in dem Grade, als ſein Intereſſe wuchs, heftiger und immer heftiger puſtete und ſchnaubte, mit großer Aufmerkſamkeit, wobei er von den ſchmerzlichſten Theilen der Erzählung die angenehm⸗ 28 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſten Empfindungen zu gewinnen, namentlich von dem Be⸗ richte über William Dorrits lange Haft ganz bezaubert zu ſein ſchien. „Schließlich, Mr. Pancks,“ ſagte Arthur,„habe ich nur dies zu bemerken. Ich habe Gründe, die über meine perſön⸗ liche Theilnahme hinausgehen, ſo wenig als möglich von der Familie Dorrit zu ſprechen, vorzüglich im Hauſe meiner Mut⸗ ter(Pancks nickte) und ſo viel als möglich zu erfahren. Ein ſo eifriger Geſchäftsmann wie Sie— ha, wie?“ Er unterbrach ſich mit der Frage, weil Mr. Pancks ſein Schnauben plötzlich mit ungewöhnlicher Kraft hatte hören laſſen. „s iſt nichts,“ ſagte Pancks. „Ein ſo eifriger Geſchäftsmann wie Sie weiß vollkom⸗ men, was zu einem ordentlichen Geſchäftsvertrage gehört. Ich wünſche einen ſolchen ordentlichen Geſchäftsvertrag mit Ihnen abzuſchließen, dahin, daß Sie mich über die Familie Dorrit aufklären ſollen, wenn es in Ihrer Gewalt ſteht, wie ich Sie aufgeklärt habe. Es muß Ihnen keinen ſehr günſti⸗ gen Begriff von meinen geſchäftlichen Gewohnheiten geben, daß ich es unterließ, meine Bedingungen vorher zu ſtellen,“ fuhr Clennam fort,„aber ich ziehe es vor, ſie zum Ehren⸗ punkte zu machen. Ich habe ſo viel Geſchäfte auf ſtreng be⸗ meſſene Grundſätze hin machen ſehen, daß ich, die Wahrheit zu ſagen, ſie ſatt habe.“ Mr. Pancks lachte.„Abgemacht, Sir!“ ſagte er.„Sie ſollen finden, daß ich feſt daran halte.“ Die Maſchinerie in Bewegung. 29 Hierauf ſtand er ein Weilchen ſtill und blickte Clennam an, indem er ſich alle ſeine zehn Nägel nach der Reihe abbiß, während er augenſcheinlich in ſeinem Gedächtniß das feſt⸗ ſtellte, was ihm erzählt worden war, und es ſorgfältig durch⸗ ging, bevor die Mittel, eine Lücke in ſeiner Erinnerung aus⸗ zufüllen, nicht mehr zur Hand waren. „Alles in der Ordnung,“ ſagte er endlich,„und nun wünſche ich Ihnen einen guten Tag, da es Sammeltag im Hofe iſt. Indeß beiläufig. Ein lahmer Fremder mit'nem Stocke.“ „Ja wol, ja wol. Sie ziehen, wie ich ſehe, mitunter Ihre Erkundigung ein?“ ſagte Clennam. „Wenn er bezahlen kann, Sir,“ erwiderte Pancks. „Nimm alles, was du kriegen kannſt, und halt alles zurück, was man dich herauszugeben nicht zwingen kann— das iſt Geſchäftsregel. Der lahme Fremde mit dem Stocke möchte unten im Hofe eine Dachſtube haben. Iſt er gut dafür?“ „Ich bürge für ihn,“ ſagte Clennam. „Das iſt genug. Was ich vom Hofe zum Blutenden Her⸗ zen haben muß,“ ſagte Pancks, indem er ſich eine Notiz über die Sache in ſein Buch machte,„iſt meine Sicherheit. Ich brauche Sicherheit, wie Sie ſehen. Zahlen oder zeigen, daß eins was hat, heißt das Feldgeſchrei unten im Hofe. Der lahme Fremde mit dem Stocke behauptete, daß Sie ihn geſchickt hätten. Aber er hätte ebenſo gut behaupten können, der Großmogul hätte ihn geſchickt. Er iſt, glaub' ich, im Hoſpital geweſen?“ Klein Dorrit. IV. 3 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Ja. Weil er einen Unfall gehabt hat. Er iſt eben erſt entlaſſen.“ „Einen in's Hoſpital laſſen, Sir, heißt nach meiner Erfahrung ihn der Armuth zuführen,“ ſagte Pancks. Und wieder ließ er jenen merkwürdigen Ton hören. „Nach meiner Erfahrung auch,“ ſagte Clennam kalt. Mr. Pancks, der jetzt ganz fertig zur Abfahrt war, dampfte ſofort ab und puſtete ohne ein anderes Signal und ohne alle Ceremonie bereits die Treppe hinab, um ſich in den Hof zum Blutenden Herzen hineinzuarbeiten, ehe er noch recht aus der Schreibſtube hinaus zu ſein ſchien. Während des Reſtes des Tages war der Hof zum Bluten⸗ den Herzen eitel Betroffenheit, da der grimme Pancks in ihm kreuzte, die Inſaſſen wegen ihrer Saumſeligkeit im Punkte der Bezahlung rüffelte, ſeine Sicherheit forderte, mit Auszie⸗ henmüſſen und Auspfändung drohte, die Pflichtvergeſſenen niederrannte und einen Schwall von Entſetzen vor ſich ver⸗ breitete und in ſeinem Kielwaſſer hinter ſich ließ. Gruppen von Leuten, ergriffen von einer verhängnißvollen Anziehungs⸗ kraft, lauerten ängſtlich vor jedem Hauſe, von dem man wußte, daß er darin war, und lauſchten auf Bruchſtücke ſeiner Reden vor den drin Befindlichen, und oft konnten ſie, wenn der Ruf ſich verbreitete, daß er die Treppe herabkäme, nicht raſch genug auseinander ſtieben, als daß er nicht vor der Zeit mitten unter ihnen geweſen wäre, und durch die Forderung ihrer eigenen Rückſtände ſie wie eingewurzelt feſt⸗ gehalten hätte. Den ganzen übrigen Tag erſchallten die Fra⸗ Die Maſchinerie in Bewegung. 31 gen Mr. Pancks': Wozu ſie da wären? und: Was ſie denn damit meinten? über den ganzen Hof. Mr. Pancks wollte nichts von Entſchuldigungen, nichts von Klagen, nichts von ſpäterer Berichtigung hören, er wollte von nichts hören als von unbedingter Zahlung des Geldes. Schwitzend und puſtend und in wunderlichen Richtungen umherſchießend und jeden Augenblick heißer und ſchmutziger werdend, peitſchte er die Fluth des Hofes in einen höchſt aufgeregten und verwirr⸗ ten Zuſtand hinein. Dieſelbe war noch nicht wieder zu ruhi⸗ gem Waſſer geworden, als er ſchon zwei volle Stunden am Hortzonte auf der oberſten Stufe der Treppe hinweggedampft war. Es gab dieſen Abend mehrere kleine Verſammlungen der blutenden Herzen an den beliebten Sammelplätzen im Hofe. Unter ihnen war man allgemein einig, daß Mr. Pancks ein harter Mann ſei, mit dem ſich's übel verkehren laſſe, und daß es ſehr zu beklagen ſei, daß ein Herr wie Mr. Casby ſeine Einnahmen in ſeine Hand lege und ihn nie in ſeinem rechten Lichte erkenne. Denn(ſagten die blutenden Herzen),„wenn ein Herr mit dieſen Haaren und ſolchen Augen ſeine Miethe ſel⸗ ber einnehmen thät, Madamchen, ſo würde keine ſolche Hu⸗ delei und Quälerei ſein und die Sachen ſtänden ganz an⸗ ders.“ Und zu dieſer ſelbigen Stunde und Minute des Abends fuhr der Patriarch— welcher an dem Morgen, bevor dieſe Hetzjagd begann, mit heiterer Würde durch den Hof geſchwom⸗ men war, und zwar mit der ausdrücklichen Abſicht, dieſes 3 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Vertrauen auf ſeinen glänzenden Schädel und ſeine Silber⸗ locken zu erregen— zu dieſer ſelbigen Stunde und Minute fuhr jenes Lügenſchiff von tauſend Kanonen ſchwerfällig in das kleine Dock ſeines Schleppdampfers zu Hauſe hinein und ſagte, indem er ſeine Daumen Mühle ſpielen ließ: „Eine ſehr ſchlechte Tagesernte, Pancks, eine ſehr ſchlechte Tagesernte. Es ſcheint mir, Sir, und ich muß, wenn ich ge⸗ gen mich gerecht ſein will, darauf beſtehen, die Bemerkung mit Nachdruck zu machen, daß Sie viel mehr Geld hät⸗ ten einnehmen ſollen, viel mehr Geld hätten einnehmen ſollen.“ Bierundzmanfigates Kapitel. Wahrſagerei. Klein Dorrit empfing dieſen ſelben Abend einen Beſuch von Mr. Plorniſh, welcher, nachdem er ihr ſeinen Wunſch, insgeheim mit ihr zu ſprechen, in einer Reihenfolge von Hu⸗ ſtenanfällen ſo bemerkbarer Art zu verſtehen gegeben, daß ſie die Idee begünſtigten, ihr Vater ſei in Betreff ihrer Beſchäfti⸗ gung als Nätherin ein Beleg zu dem Arxiom, nach welchem es keine ſolchen ſtockblinden Menſchen gibt, als die, welche nicht ſehen wollen, eine Audienz bei ihr auf der Treppe vor der Thür draußen hatte. 5 n Wahrſagerei. 33 „Es iſt da heute'ne Dame bei uns zu Hauſe geweſen, Miß Dorrit,“ brummte Plorniſh,„und noch eine mit ihr, wie'n alter Spinnekanker.'s war, als wollte ſie Einem die Augen auskratzen— ſchauderhaft!“ Der ſanfte Plorniſh war zuerſt völlig außer Stande, ſeine Gedanken von Mr. Fs Tante abzuwenden.„Denn ſie iſt,“ ſagte er, ſich entſchuldigend,„ein wahrer Sauertopf von einem Frauenzimmer.“ Endlich machte er ſich durch eine große Anſtrengung hin⸗ reichend von der Sache los, um zu bemerken: „Aber ſie iſt gerade jetzt weder hier noch dort. Die andere Dame, die iſt Mr. Casby's Tochter, und wenn Mr. Casby nicht gut und nicht noch beſſer dran iſt, ſo iſt das nicht Pancks ſeine Schuld. Denn was Pancks betrifft, der ver⸗ ſtehts, der verſtehts richtig, der verſtehts aus dem Funda⸗ mente.“ Mr. Plorniſh war in ſeiner gewöhnlichen Weiſe etwas dunkel, aber gewiſſenhaft ſalbungsvoll. „Und weshalb kommt ſie zu uns,“ fuhr er fort,„weil ſie den Auftrag da laſſen wollte, wenn Miß Dorrit dieſe Karte benutzen und hinaufkommen wollte— es iſt Mr. Casby's Haus, und Mr. Pancks hat'ne Schreibſtube hinten, wo er's wirklich unglaublich gut verſteht— ſo würde ſie ſich freuen, ſie beſchäftigen zu können. Sie ſagte dann beſonders noch, ſie wäre eine alte gute Freundin von Mr. Clennam und hoffte ſeiner Freundin eine nützliche Freundin zu ſein. Das waren ihre Worte. Da ſie zu wiſſen wünſchte, ob Miß Dorrit Vierundzwanzigſtes Kapitel. morgen früh kommen könnte, ſo ſagte ich, ich wollte Sie be⸗ ſuchen, Miß, und mich erkundigen, und heute Abend dort mal hinſehen und fragen ob ja oder— wenn Sie morgen zu thun hätten, wann.“ „Ich danke Ihnen, ich kann morgen gehen,“ ſagte Klein Dorrit.„Dies iſt ſehr gütig von Ihnen, aber Sie ſind im⸗ mer gut.“ Mr. Plorniſh öffnete mit einer beſcheidenen Ablehnung dieſes Lobes die Stubenthür, damit ſie wieder hineingehe und folgte ihr, indem er ſich in ſo außerordentlich ungeſchick⸗ ter Weiſe ſtellte, als wäre er überhaupt nicht draußen gewe⸗ ſen, daß ihr Vater es hätte bemerken können, ohne ſehr miß⸗ trauiſch zu ſein. In ſeiner Leutſeligkeit jedoch, in der er von dem Allen nichts wiſſen wollte, gab er nicht Acht darauf. Plor⸗ niſh nahm Abſchied, nachdem er ſich ein Weilchen unterhalten und dabei ſeine frühere Pflicht als College mit ſeinem jetzigen Rechte als beſcheidener Freund von draußen, Letzteres wieder beſchränkt durch ſeinen niedern Stand als Putzmaurer, als gemeinſchaftlichen Grund ſeines Beſuchs angeführt hatte. Ehe er hinausging, machte er einen Gang durch das Ge⸗ fängniß und ſah dem Kegelſpiel zu, und zwar mit dem gemiſchten Gefühl eines alten Inſaſſen, der ſeine guten Gründe hatte zu glauben, daß es ſein Loos ſein könne, ein⸗ mal wieder zurückzukommen. Früh am Morgen machte ſich Klein Dorrit, indem ſie Maggy mit dem Hausweſen betraut zurück ließ, nach dem Zelte des Patriarchen auf. Sie ging über die Eiſenbrücke, I Wahrſagerei. 35 wiewol ihr das einen Penny koſtete, und ging auf dieſem Theile ihrer Wanderung langſamer als irgendwo anders. Fünf Minuten vor acht Uhr lag ihre Hand auf dem Klopfer des Patriarchen, welcher gerade ſo hoch war, als ſie reichen konnte. Sie gab Mrs. Finchings Karte dem jungen Frauenzim⸗ mer, welches die Thür öffnete, und das junge Frauenzimmer ſagte ihr, daß„Miß Flora“— Flora hatte ſich nach ihrer Rückkehr unter das väterliche Dach den Titel wieder zugelegt, unter dem ſie einſt dort gelebt— noch nicht aus ihrem Schlafzimmer wäre, daß ſie jedoch gefälligſt in Floras Wohn⸗ zimmer hinaufgehen möchte. Sie ging denn auch pflicht⸗ ſchuldigſt in Miß Floras Wohnzimmer hinauf und fand dort den Frühſtückstiſch mit zwei Gedecken belegt, und ein weite⸗ res Kaffeebret für eine Perſon. Das junge Frauenzimmer verſchwand auf einen Augenblick und kam dann zurück, um zu ſagen, ſie möge gefälligſt einen Stuhl am Feuer nehmen, ihren Hut ablegen und ſich's bequem machen. Da aber Klein Dorrit ſchüchtern und nicht gewöhnt war, ſich's bei ſol⸗ chen Gelegenheiten bequem zu machen, ſo war ſie in Verle⸗ genheit, wie ſie es anfangen ſollte. So ſaß ſie noch immer neben der Thür und hatte ihren Hut auf, als Flora eine halbe Stunde ſpäter haſtig herein kam. Flora bedauerte ſo ſehr, daß ſie ſie habe warten laſſen, und lieber Himmel, warum ſie hier haußen in der Kälte ſäße, wo ſie erwartet hätte, ſie beim Feuer ſitzen und die Zeitung leſen zu ſehen, und ob ihr denn dieſes unachtſame Mädchen 36 Vierundzwanzigſtes Kapitel. ihren Auftrag nicht ausgerichtet hätte, und ob ſie denn wirk⸗ lich die ganze Zeit über den Hut aufbehalten hätte und ſie möge doch um Gotteswillen ſich ihn von Flora abnehmen laſſen. Flora nahm ihn ab mit der gutherzigſten Manier von der Welt und war von dem Geſichte, das er offenbarte, ſo überraſcht, daß ſie ausrief:„Ei der Tauſend, was für ein gutes kleines Ding Sie ſind, meine Liebe!“ und das Geſicht mit größter Zärtlichkeit in ihre Hände drückte. Es war das Wort und das Werk eines Augenblicks. Klein Dorrit hatte kaum Zeit, ſich zu überlegen, wie gütig es war, als Flora ſchon geſchäftig auf den Frühſtückstiſch losfuhr und ſich über Hals über Kopf in Redſeligkeit ſtürzte. „Wirklich ſehr betrübt, daß ich zufällig gerade dieſen Morgen ſo ſpät aufſtand, weil es meine Abſicht und mein Wunſch war, Sie, wenn Sie kämen, zu empfangen und Ih⸗ nen zu ſagen, daß jedes, das Arthur Clennam auch nur halb ſo intereſſire, mich intereſſiren müſſe, und daß Sie mir herzlich willkommen ſeien und ich mich ſehr freue, ſtatt deſſen fällts ihnen ein mich gar nicht zu rufen und ſo ſchnarche ich noch, und wenn Sie nicht gern kaltes Geflügel oder warmen, ge⸗ kochten Schinken eſſen, was manche Leute glaub' ich nicht mögen, außer den Juden, und die haben Gewiſſensbedenken, welche wir alle reſpectiren müſſen, obſchon ich ſagen muß, ich wollte ſie wären bei ihnen ebenſo ſtark, wenn ſie uns ge⸗ fälſchte Waaren für ächte verkaufen, die gewiß das Geld nicht werth ſind— ſo werde ich ſehr betrübt ſein,“ ſagte Flora. I Wahrſagerei. 37 Klein Dorrit dankte ihr und ſagte ſchüchtern, Brot und Butter und Thee wären alles, was ſie gewöhnlich— „O Unſinn, mein liebes Kind, ich mag davon durchaus nichts wiſſen,“ ſagte Flora, indem ſie die Theemaſchine in der unvorſichtigſten Weiſe umkehrte und mit den Augen blinzelte, da ſie ſich beim Hineingucken in die Theekanne heißes Waſſer in die Augen geſpritzt hatte.„Sie ſind hierhergekommen auf dem Fuße einer Freundin und Geſellſchafterin, wenn Sie mir erlauben wollen, daß ich mir dieſe Freiheit nehme, und ich würde mich in der That meiner ſelbſt ſchämen, wenn Sie auf einem andern hierher kommen könnten, außerdem aber hat Arthur Clennam in Ausdrücken von Ihnen geſprochen— aber Sie ſind ermüdet, meine Liebe.“ „Nein, Madam.“ „Sie werden mir ſo blaß, auch ſind Sie lange vor dem Frühſtück gegangen und wohnen, wie ich glaube, weit von hier und hätten fahren ſollen,“ ſagte Flora,„lieber Himmel, gibt es etwas, was Ihnen gut thun könnte?“ „In der That, ich bin ganz wohl, Madam. Ich danke Ihnen vielmals, aber ich bin ganz wohl.“ „Dann bitte, trinken Sie Ihren Thee ſogleich,“ ſagte Flora,„und dieſen Hühnerflügel und das Stück Schinken, kümmern Sie ſich nicht um mich oder warten Sie auf mich, weil ich ſtets dieſes Kaffeebret ſelber zu Mr. Fs Tante trage, welche im Bette frühſtückt und eine allerliebſte alte dame und ſehr geſcheidt iſt, Portrait von Mr. F. hinter der Thür und ſehr ähnlich, obſchon zu viel Stirne und was den Pfeiler mit 38 Vierundzwanzigſtes Kapitel. dem Marmorpflaſter und der Balüſtrade und den Berg be⸗ trifft, ſo ſah ich ihn niemals bei ſo etwas, iſt auch nicht wahrſcheinlich beim Weinhandel, vortrefflicher Mann, aber durchaus nicht ſo.“ Klein Dorrit warf einen Blick auf dieſes Portrait, indem ſie den Nachweiſungen in Bezug auf dieſes Kunſtwerk nur ſehr unvollkommen folgte. „Mr. F. war mir ſo zugethan, daß er's nie ertragen konnte, mich nicht vor Augen zu haben,“ ſagte Flora,„ob⸗ wol ich natürlich nicht ſagen kann, wie lange das gedauert ha⸗ ben würde, wenn er nicht plötzlich geſtorben wäre, als ich noch ein neuer Beſen war, würdiger Mann, aber nicht poetiſch, männlich proſaiſch, aber nichts Romanhaftes.“ Klein Dorrit blickte wieder auf das Portrait. Der Künſt⸗ ler hatte ihm einen Kopf gegeben, der vom Standpunkte der Intelligenz für Shakespeare zu ſchwer geweſen ſein würde. „Die Romantik jedoch,“ fuhr Flora fort, indem ſie ge⸗ ſchäftig das Brot von Mr. Fs Tante am Feuer röſtete,„wie ich offenherzig zu Mr. F. ſagte, als er mir ſeinen Antrag machte, und Sie werden erſtaunt ſein zu hören, daß er mir den Antrag ſieben Mal machte, einmal in einem Fiaker, ein⸗ mal in einem Boote, einmal in einem Kirchenſtuhl und ein⸗ mal auf einem Eſel im Bade von Tunbridge und die übrigen Male auf ſeinen Knien— die Romantik war entflohen mit der Jugendzeit Arthur Clennams, unſere Eltern riſſen uns von einander, wir wurden Marmor und die ſtrenge Wirklich⸗ keit nahm den Thron ein, Mr. F. ſagte, was ihm ſehr zur 1p 1 Wahrſagerei. 39 Ehre gereichte, daß er ſich deſſen vollkommen bewußt ſei und dieſen Stand der Dinge ſogar vorzöge, und ſo wurde das Wort geſprochen, und das Werde erſcholl, und das iſt das Leben, meine Liebe, und doch brechen wir nicht und beugen uns nicht, bitte, laſſen Sie ſich das Frühſtück ſchmecken, wäh⸗ rend ich mit dem Kaffeebret hineingehe.“ Sie verſchwand und hinterließ Klein Dorrit in Gedan⸗ ken über ihre zerſtreuten Worte. Sie kam bald wieder zurück, und begann endlich ihr eigenes Frühſtück einzunehmen, wobei ſie die ganze Zeit über ſchwatzte. „Sie ſehen, meine Liebe,“ ſagte Flora, indem ſie ein paar Löffel einer braunen Flüſſigkeit herausthat, die wie Cognac roch und ſie in ihren Thee goß,„ich bin verpflichtet, ſorgfältig den Anweiſungen meines Arztes zu folgen, obſchon der Geſchmack eben nicht ſehr angenehm iſt, denn ich bin ein armes Geſchöpf und habe mich vielleicht nie von dem Stoße erholt, den ich in meiner Jugend empfing, als ich mich zu ſehr dem Weinen hingab in der N kebenſtube da, wie ich von Arthur getrennt wurde, kennen Sie ihn ſchon lange!“ Sobald Klein Dorrit begriff, daß ſie gefragt worden war — wozu ſie Zeit bedurfte, da der Galopp der Rede ihrer neuen Gönnerin ſie weit hinter ſich gelaſſen hatte— ant⸗ wortete ſie, daß ſie Mr. lennam ſchon ſeit ſeiner Ankunft gekannt habe. „Natürlich hätten Sie ihn nicht eher kennen können, Sie müßten denn in China geweſen ſein oder Briefe mit ihm ge⸗ wechſelt haben, was Beides nicht wahrſcheinlich iſt,“ erwiderte 40 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Flora,„denn Leute, die viel reiſen, werden gewöhnlich mehr oder weniger braun wie Mahagony und Sie ſind gar nicht ſo, und was das Brieſſchreiben betrifft, über was hätten Sie ſchreiben ſollen? Das iſt ſehr wahr, es müßte denn Thee ge⸗ weſen ſein, ſo war's alſo bei ſeiner Mutter, wo ſie ihn zuerſt kennen lernten, eine höchſt verſtändige, aber fürchterlich ſtrenge Frau— ſollte die Mutter des Mannes mit der eiſer⸗ nen Maske ſein.“ „Mrs. Clennam iſt gegen mich gütig geweſen,“ ſagte Klein Dorrit. „Wirklich? Wahrhaftig ich freue mich das zu hören, weil, da ſie Arthurs Mutter iſt, es ſelbſtverſtändlich angenehm für mein Gefühl iſt, von ihr eine beſſere Meinung als vorher zu haben, obſchon ich nie weiß, noch mir vorſtellen kann, was ſie von mir denkt, wenn ich darauf losſchwatze, was ich ſtets ſicher bin zu thun, und ſie daſitzt und mich finſter anblickt, wie das Schickſal in einem Laufſtühlchen— gräßlicher Ver⸗ gleich wirklich— gebrechlich und nicht ihre Schuld.“ „Soll ich mir meine Arbeit ſuchen, wo ich will, Madame?“ fragte Klein Dorrit, indem ſie ſich ſchüchtern umſah.„Kann ich mir ſie holen?“ „Sie fleißige kleine Hexe,“ ſagte Flora, indem ſie in einer zweiten Taſſe Thee eine zweite von den Doſen nahm, die ihr Arzt ihr verſchrieben.„Es eilt nicht im Mindeſten damit, und es iſt beſſer, daß wir damit anfangen, das Herz auszuſchütten über unſern gemeinſchaftlichen Freund— ein zu kaltes Wort wenigſtens für mich, ich meine das nicht, ſehr 5 Wahrſagerei. 41 paſſender Ausdruck gemeinſchaftlicher Freund— als durch bloße Formalitäten, womit ich nicht Sie, ſondern mich meine, wie der ſpartaniſche Knabe zu werden, den der Fuchs biß, ſie werden hoffentlich entſchuldigen, daß ich den vorbringe; denn von allen den langweiligen Jungen, die in jede Art von Geſellſchaft die Naſe hineinſtecken müſſen, iſt jener Knabe der langweiligſte.“ Klein Dorrit ſetzte ſich mit ſehr bleichem Geſichte wieder hin und hörte zu. Thäte ich nicht beſſer, dabei zu arbeiten?“ fragte ſie.„Ich kann arbeiten und zugleich zuhören. Wenn es geht, möchte ich dies vorziehen.“ Ihr Eifer drückte ſo deutlich aus, daß ſie ſich ohne ihre Arbeit unwohl fühle, daß Flora antwortete:„Gut, meine Liebe, machen Sie es ganz, wie es Ihnen gefällt,“ und einen Korb voll weißer Taſchentücher herzubrachte. Klein Dorrit ſtellte ihn fröhlich neben ſich, nahm ihr kleines Nähetui aus der Taſche, fädelte ihre Nadel ein und begann zu ſäumen. Was für fixe Finger ſie haben,“ ſagte Flora.„Aber ſind Sie mir auch wirklich ganz wohl?“ „O ja wol!“ 1 Flora ſtellte ihre Füße auf das Kamingitter und machte ſichs bequem, um ſich recht gründlich ihrer romantiſchen Ge⸗ fühle zu entledigen. Sie ging ſofort ſtark ins Zeug, warf den Kopf hin und her, ſeußzte in der bezeichnendſten Weiſe, machte viel Gebrauch von ihren Augenbrauen und warf ge⸗ legentlich, aber nicht oft, einen Blick auf das ruhige Geſicht, das über ſeine Arbeit gebeugt war. Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Sie müſſen wiſſen, meine Liebe,“ ſagte Flora,„aber Sie wiſſen es ohne Zweifel bereits, nicht blos, weil ich es bereits im Allgemeinen angedeutet habe, ſondern weil ich fühle, daß ſeine Namen in flammenden Lettern auf meine Stirn geprägt ſind— daß ich vor meiner Bekanntſchaft mit dem ſeligen Mr. F. mit Arthur Clennam verlobt geweſen bin— Mr. Clennam öffentlich, wo Zurückhaltung nöthig iſt, Arthur hier— wir waren Eins dem Andern Alles, es war der Morgen des Lebens, es war Seligkeit, es war Wahnſinn, es war alles andere Derartige im höchſten Grade, als wir von einander geriſſen wurden, wurden wir zu Stein, in welchem Zuſtande Arthur nach China ging und ich die Marmorbraut des ſeligen Mr. F. wurde.“ Flora ſchwelgte, indem ſie dieſe Worte mit tiefer Stimme ausſprach, unermeßlich in Gefühlen. „Die Empfindungen dieſes Morgens zu malen,“ ſagte ſie,„als drinnen alles Marmor war und Mr. Fs Tante in einer Glaskutſche folgte, von welcher anzunehmen iſt, daß ſie in ſchmählichem Zuſtande war, ſonſt würde ſie nicht zwei Straßen weit von dem Hauſe zerbrochen und Mr. Fs Tante wie der fünfte November) in einem Stuhl mit einem Binſen⸗ ſitz nach Hauſe geſchafft worden ſein, will ich nicht verſuchen, es genüge zu ſagen, daß die hohle Förmlichkeit eines Frühſtücks unten im Eßzimmer ſtattfand, daß Papa ſich durch zu vieles Verſpeiſen von geräuchertem Lachs eine wochenlange Krank⸗ d' Anſpielung auf die Fiand des Guy Fawkes, die an dieſem Tage vom Volke herumgetragen wird. Wahrſagerei. heit zuzog und daß Mr. F. und ich eine Tour nach Calais machten, wo die Leute auf der Landungsbrücke ſich um uns boxten, bis ſie uns voneinander trennten, obſchon nicht für immer, das ſollte erſt ſpäter kommen.“ Die Marmorbraut fuhr, kaum Athem ſchöpfend, mit der größten Seelenruhe fort, ihre Gedanken weiterſchweifen zu laſſen. N will einen Schleier ziehen über dieſes Traumleben, .F. war guter Laune, ſein Appetit war gut, er fand 3edna an der dortigen Küche, er erklärte den Wein für ſchwach, aber trinkbar und Alles ging gut, wir kehrten in die unmittelbare Nachbarſchaft von Nummer dreißig, Little Gos⸗ ling Street bei den London Docks zurück und ließen uns da nieder, ehe wir aber noch vollſtändig entdeckt hatten, daß uns die Hausmagd die Federn aus dem überzähligen Bette ver⸗ kaufte, ſchwebte die nach dem Kopfe getretene Gicht mit Mr. F. nach einer andern Sphäre.“ Seine Wittwe ſchüttelte, mit einem Blick auf ſein Por⸗ trait, ihren Kopf und wiſchte ſich die Augen. „Ich verehre das Andenken Mr. Fs ines ſchä⸗ tzenswerthen Mannes und eines höchſ 8 Gatten, brauchte nur zu erwähnen, daß ich Spe i wollte, ſo erſchien er, oder verlauten zu laſſe dies oder jenes e zu t gezaubert in ber eine be⸗ haglich Lage, ich kehrte unter Papa's Dan ie und lebte abgeſchloſſen von der Welt, wenn auch nie klich, mehre 44 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Jahre, bis eines Tages Papa mit der Nachricht ins Haus ge⸗ poltert kam, daß Arthur Clennam mich unten erwarte, ich ging hinunter und fand ihn, fragen Sie mich nicht, wie ich ihn fand, ausgenommen daß er noch immer unverheirathet, noch immer unverändert war.“ Das dunkle Geheimniß, in welches Flora ſich jetzt hüllte, könnte andere, als die geſchäftigen Finger, die neben ihr ar⸗ beiteten, zum Innehalten veranlaßt haben. Sie arbeiteten weiter ohne Unterbrechung und der geſchäftige Kopf beugte ſich über ſie und beobachtete die Stiche. „Fragen Sie mich nicht, ob ich ihn noch liebe,“ ſagte Flora, oder ob er mich noch liebt und was das Ende ſein und wann es kommen wird, wir ſind von wachſamen Augen umgeben, und es mag ſein, daß wir beſtimmt ſind, getrennt uns abzunagen, es mag ſein, daß wir uns nie wieder ver⸗ einigen ſollen, kein Wort, kein Hauch, uns zu verrathen, alles muß geheim bleiben wie das Grab, wundern Sie ſich deshalb nicht, wenn ich verhältnißmäßig kalt gegen Arthur und Arthur verhältnißmäßig kalt gegen mich ſcheinen ſollte, wir haben verhäng ißvolle Urſache dazu, es iſt genug, wenn wir ſie verſte ill!“ Alles die ora mit ſo ungeſtümer Heftigkeit, als ob ſie es w Es iſt nicht ſehr zu bezweifeln, daß, wenn vollen Seejungferzuſtand hinein⸗ gearbeitet, Alles glaubte, was ſie in demſelben ſagte. 3 rholte Flora,„ich habe Ihnen jetzt Wahrſagerei. 45 Alles geſagt, wir ſind Vertraute geworden, bſt, aber ſtill, Arthur zu Liebe will ich Ihnen ſtets eine Freundin ſein, mein liebes Mädchen, und in Arthurs Namen können Sie ſich ſtets auf mich verlaſſen.“ Die geſchäftigen Finger legten die Arbeit bei Seite, und die kleine Geſtalt erhob ſich und küßte ihre Hand.„Sie ſind ſehr kalt,“ ſagte Flora, indem ſie jetzt ihre echte natürliche gutherzige Art annahm und bei dieſer Veränderung ſehr ge⸗ wann.„Arbeiten Sie heute nicht, wahrhaftig Sie ſind nicht wohl, wahrhaftig, Sie ſind nicht ſtark.“ „Ich bin blos ergriffen von Ihrer Güte und von der Güte Mr. Clennams, mit der er mich Jemand anvertraute, den er ſo lange gekannt und ſo lange geliebt hat.“ „Nun in der That, meine Liebe,“ ſagte Flora, die ſtets eine entſchiedene Neigung hatte, aufrichtig zu ſein, wenn ſie ſich Zeit ließ, daran zu denken,„wir können das ebenſo gut auf ſich beruhen laſſen, denn ich könnte es mir am Ende doch nicht getrauen, zu ſagen, ob es ſo iſt, aber's iſt einerlei, legen Sie ſich ein wenig hin.“ „Ich bin ſtets ſtark genug geweſen, das zu thun, was ich thun will, und ich werde ſogleich wieder wohl ſein“ erwi⸗ derte Klein Dorrit mit einem matten Lächeln.„Sie haben das Gefühl der Dankbarkeit zu lebhaft in mir rege gemacht, das iſt Alles. Wenn ich mich einen Augenblick neben das Fenſter ſetze, werde ich ganz wieder ich ſelbſt ſein.“ Flora öffnete ein Fenſter, ſetzte ſie auf einen Stuhl daneben und zog ſich bedächtig auf ihren frühern Platz zurück. Es war Klein Dorrit. IV. 4 46 Vierundzwanzigſtes Kapitel. ein windiger Tag, und die Luft, die Klein Dorrit in’s Ge⸗ ſicht fächelte, gab ihm bald eine lebhafte Farbe. Nach weni⸗ gen Minuten kehrte ſie zu ihrem Arbeitskörbchen zurück und ihre geſchäftigen Finger waren ſo geſchäftig wie jemals. Ruhig ihre Aufgabe verfolgend, fragte ſie Flora, ob Mr. Clennam ihr geſagt habe, wo ſie wohne. Als Flora dies ver⸗ neinte, ſagte Klein Dorrit, ſie begreife, warum er ſo zartfüh⸗ lend geweſen ſei, daß ſie aber ſicher ſei, er werde es billigen, wenn ſie ihr Geheimniß Flora mittheile und daß ſie dies jetzt mit Floras Erlaubniß thun wolle. Da ſie eine ermuthi⸗ gende Antwort empfing, ſo drängte ſie die Geſchichte ihres Lebens in einige ſpärliche Worte über ſich ſelbſt und eine feurige Lobrede auf ihren Vater zuſammen, und Flora nahm Alles mit einer natürlichen Zartheit auf, die es völlig ver⸗ ſtand, und in welcher kein Widerſpruch war. Als die Eſſenszeit kam, zog Flora den Arm ihrer neuen Pflegebefohlenen durch den ihren, führte ſie die Treppe hinab und ſtellte ſie dem Patriarchen und Mr. Pancks vor, die be⸗ reits im Speiſezimmer waren und auf den Beginn der Mahl⸗ zeit warteten.(Mr. Fs Tante war diesmal im Bette in ihrer Kammer). Von jenen Herren wurde ſie nach Maßgabe ihres Charakters empfangen: der Patriarch ſchien ihr einen un⸗ ſchätzbaren Dienſt zu erweiſen, indem er ſagte, daß er ſich ſehr freue, ſie zu ſehen, ſehr freue, ſie zu ſehen, und Mr. Pancks ſchnaubte als Salutſchuß ſeinen Lieblingston hervor. In dieſer neuen Geſellſchaft würde ſie unter allen Umſtänden ſehr ſcheu geweſen ſein und vorzüglich, als Flora darauf be⸗ Wahrſagerei. 47 ſtand, daß ſie ein Glas Wein trinke und das Beſte eſſe, was da war, aber ihre Schüchternheit wurde durch Mr. Pancks ſehr vermehrt. Das Benehmen dieſes Herrn ließ ſie zuerſt vermuthen, daß er ein Portraitmaler ſein könnte, ſo aufmerkſam ſah er ſie an und ſo häufig blickte er auf das kleine Notizbuch neben ſich. Da ſie indeß bemerkte, daß er keine Skizze machte, und daß er nur von Geſchäften redete, begann ſie den Verdacht zu hegen, daß er einen Gläubiger ihres Vaters verträte, deſſen Forderung in jenem Taſchenbuche notirt ſei. Von dieſem Standpunkte aus betrachtet drückte das Schnauben des Mr. Pancks Beleidigung und Ungeduld aus, und jeder lautere Ausbruch ſeines Puſtens wurde eine Aufforderung, endlich zu bezahlen. Aber auch hier wieder wurde ſie durch das ungewöhnliche und unzuſammenhängende Benehmen auf Seiten des Mr. Pancks des Irrthums überführt. Sie hatte den Tiſch ſeit einer halben Stunde verlaſſen und ſaß allein bei ihrer Arbeit. Flora war in das Nebenzimmer„fortgegangen, ſich ein wenig niederzulegen“, und zu gleicher Zeit mit ihrem Rückzuge hatte ſich in dem Hauſe ein Geruch wie von etwas Trinkbarem verbreitet. Der Patriarch war unter einem gelben Ta⸗ ſchentuche im Speiſezimmer feſt eingeſchlafen, wobei ihm ſein menſchenfreundlicher Mund weit offen ſtand. In dieſer ſtillen Zeit erſchien leiſe Mr. Pancks vor ihr mit höflichem Nicken. „Finden es ein Bischen langweilig, Miß Dorrit,“ fragte Mr. Pancks mit gedämpfter Stimme. „Nein, danke Ihnen, Sir,“ ſagte Klein Dorrit. 4* 48 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Fleißig, wie ich ſehe,“ bemerkte Mr. Pancks, indem er ſich zollweiſe ins Zimmer hereinſtahl.„Was ſind das hier für Dinger, Miß Dorrit?“ „Taſchentücher.“ „So ſo, wirklich!“ ſagte Pancks.„Ich hätte das denken ſollen.“ Dabei ſah er nicht im Mindeſten auf ſie, ſondern auf Klein Dorrit.„Vielleicht wundern ſie ſich, wer ich bin. Soll ich's Ihnen ſagen? Ich bin ein Wahrſager.“ Klein Dorrit begann jetzt zu denken, er ſei verrückt. „Ich gehöre mit Leib und Seele meinem Eigenthümer,“ ſagte Pancks.„Sie ſahen meinen Eigenthümer unten ſeine Mahlzeit einnehmen. Aber ich treibe manchmal daneben ein Bischen andere Geſchäfte, geheim, ganz geheim, Miß Dorrit.“ Klein Dorrit ſah ihn zweifelnd an, aber nicht ohne Aengſtlichkeit. „Ich wollte, Sie zeigten mir mal die innere Fläche Ihrer Hand,“ ſagte Pancks.„Ich möchte gern einmal einen Blick darauf thun. Laſſen Sie ſich nicht durch mich ſtören.“ Er ſtörte inſofern, als er dort durchaus nicht verlangt war; aber ſie legte ihre Arbeit auf einen Augenblick in ihren Schooß und hielt ihm ihre linke Hand mit dem Fingerhut darauf hin. „Jahre voll Mühſeligkeit, he?“ ſagte Pancks ſanft, in⸗ dem er ſie mit ſeinem ſtumpfen Zeigefinger berührte.„Aber wozu ſonſt ſind wir denn gemacht? Zu nichts weiter. Holla!“ mit einem Blick auf die Linien.„Was iſt dies mit den Eiſen⸗ ſtäben? Es iſt ein Collegium! Und was iſt dies mit dem Wahrſagereiä. 49 grauen Schlafrocke und dem Sammtkäppchen? Es iſt ein Vater! Und was iſt dies mit'ner Clarionette? Es iſt ein Oheim! Und was iſt dies mit den Tanzſchuhen? Es iſt eine Schweſter! Und was iſt dies da mit dem bummeligen Gan⸗ ge? Es iſt ein Bruder! Und was iſt dies hier, was für ſie alle denkt? Je nun, das ſind Sie, Miß Dorrit.“ Ihre Augen begegneten den ſeinen, als ſie verwundert in ſein Geſicht aufblickte, und es war ihr, als ob er, obgleich ſeine Augen ſehr ſtechend waren, ein freundlicher und ſanfter ausſehender Mann wäre, als ſie bei Tiſche gemeint hatte. Seine Augen waren ſogleich wieder auf ihrer Hand, und da⸗ mit war die Gelegenheit, ihren Eindruck zu befeſtigen oder zu verbeſſern, dahin. „Nun, da muß der Teuxel drin ſitzen,“ murmelte Pancks, indem er mit ſeinem plumpen Finger einer Linie in ihrer Hand folgte,„wenn ich das nicht bin hier in der Ecke. Was hab' ich hier zu ſchaffen? Was ſteckt hinter mir?“ Er ſtreifte mit ſeinem Finger langſam bis herab zu ihrem Handgelenk und um das Handgelenk, und that, als ob er auf dem Rücken der Hand nachſähe, was hinter ihm ſtände. „Iſt's was Böſes?“ fragte Klein Dorrit lächelnd. „Der Teuxel auch!“ ſagte Pancks.„Was denken Sie wol, was es bedeutet?“ „Das müßte ich Sie fragen. Ich bin nicht der Wahrſager.“ „Wahr,“ ſagte Pancks.„Was es bedeutet? Sie werden es erleben, daß Sie es ſehen.“ Indem er die Hand langſam losließ, zog er alle ſeine 50 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Finger durch ſeine zinkenartigen Haare, ſo daß ſie in der fürchterlichſten Weiſe emporſtanden, und wiederholte langſam: „Erinnern Sie ſich, Miß Dorrit, Sie werden es erleben, daß Sie es ſehen. Sie konnte nicht umhin, zu zeigen, daß ſie ſehr überraſcht war, wenn auch nur dadurch, daß er ſo viel von ihr wußte. „Ah, jetzt hab' ich's!“ ſagte Pancks.„Miß Dorrit, nicht immer Miß Dorrit!“ Noch mehr überraſcht und ein wenig mehr in Furcht ver⸗ ſetzt, ſah ſie ihn mit einem Blicke an, der eine Erklärung ſeiner letzten Worte forderte. „Nicht das,“ ſagte Pancks, indem er mit großer Ernſt⸗ haftigkeit die Miene und Geberde des Ueberraſchten annahm, wobei er, ohne die Abſicht zu haben, wunderlich ausſah. „Thun Sie das nicht. Niemals, wenn Sie mich ſehen, gleichviel wo, gleichviel wann. Ich bin Niemand. Nehmen Sie ſich's nicht vor, ſich meiner zu erinnern. Erwähnen Sie mich nicht. Nehmen Sie keine Notiz von mir. Wollen Sie ja dazu ſagen, Miß Dorrit?“ „Ich weiß kaum, was ich ſagen ſoll,“ erwiderte Klein Dorrit, ganz erſtaunt.„Warum?“ „Weil ich ein Wahrſager bin. Pancks der Zigeuner. Ich habe Ihnen noch nicht ſo viel von Ihrem Schickſal ge⸗ ſagt, Miß Dorrit, um Ihnen zu ſagen, was auf jener kleinen Hand hinter mir war. Ich habe Ihnen geſagt, daß Sie es erleben werden, es zu ſehen. Sind Sie einverſtanden damit, Miß Dorrit?“ 51 Wahrſagerei. „Einverſtanden, daß ich zu— u „Daß Sie außer hier keine Notiz von mir nehmen, wenn ich es nicht zuerſt thue. Daß Sie es nicht merken, wenn ich komme oder gehe. Es iſt ſehr leicht. Es iſt an mir nichts verloren, ich bin nicht hübſch, ich bin kein guter Geſellſchafter, ich bin nur der Ausjäter meines Eigenthümers. Sie brauchen weiter nichts zu thun als zu denken: Ah! Pancks der Zigeu⸗ ner über ſeinem Wahrſagen her— er wird mir den Reſt meines Schickſals eines Tages erzählen— ich werde es er⸗ leben, daß ich's erfahre. Sind Sie einverſtanden, MißDorrit?“ „Ja— a,“ ſtammelte Klein Dorrit, die er ſehr ver⸗ wirrte.„Ich glaube, ſo lange Sie nichts Unrechtes thun.“ „Gut!“ Mr. Pancks warf einen Blick auf die Wand des anſtoßenden Zimmers und beugte ſich nach vorn.„Ehrliches Geſchöpf, Frauenzimmer mit vortrefflichen Seiten, aber un⸗ vorſichtig und eine Plaudertaſche, Miß Dorrit.“ Damit rieb er ſich die Hände, als ob die Unterredung ihm ſehr viel Ge⸗ nugthuung gewährt hätte, keuchte nach der Thür und ging mit höflichem Kopfnicken wieder hinaus. Wenn Klein Dorrit durch dieſes ſeltſame Benehmen von Seiten ihres neuen Bekannten und darüber, daß ſie in die⸗ ſen eigenthümlichen Vertrag verwickelt worden, über die Ma⸗ ßen verwirrt war, ſo wurde ihre Verwirrung durch die folgen⸗ den Umſtände nicht vermindert. Abgeſehen davon, daß Mr. Pancks jede Gelegenheit, die ihm in Mr. Casby's Hauſe ge⸗ boten war, ihr bedeutungsvolle Blicke und Ausbrüche ſeines Schnaubens zuzuſenden— was nach dem, was er bereits 52 Vierundzwanzigſtes Kapitel. gethan, nicht viel ſagen wollte— benutzte, begann er ihr tägli⸗ ches Leben zu durchkreuzen. Sie ſah ihn fortwährend auf der Straße. Wenn ſie zu Mr. Casby ging, war er ſtets da. Wenn ſie zu Mrs. Clennam ging, ſo kam er unter irgend einem Vorwande hin, als ob er ſie in den Augen behalten wollte. Es war noch keine Woche vergangen, als ſie ihn eines Abends in der Loge fand, wo er ſich mit dem die Wache habenden Schließer unterhielt und allem Anſcheine nach auf vertrauteſtem Fuße mit ihm ſtand. Ihre nächſte Ueberraſchung beſtand darin, daß ſie fand, wie er ſich eben ſo ungezwungen im Gefängniß bewegte, daß ſie hörte, wie er ſich bei den ſonntäglichen Audienzen in ihres Vaters Stube als Beſucher hatte vorſtellen laſſen, daß ſie ihn Arm in Arm mit einem Freunde aus dem Collegium im Hofe wandeln ſah, daß ſie gerüchtweiſe erfuhr, wie er ſich eines Abends in dem geſelli⸗ gen Kreiſe, der hier Sitzungen im Warmen Winkel hielt, ſehr hervorgethan habe, indem er den Mitgliedern dieſes Inſtituts eine Rede gehalten, ein Lied vorgetragen und die Geſellſchaft mit fünf Gallonen Ale— das Gerücht fügte wahnwitzig noch einen Scheffel Krabben hinzu— tractirt habe. Die Wirkung, welche diejenigen dieſer Phänomene, von welchen Mr. Plorniſh bei ſeinen getreulichen Beſuchen Augenzeuge war, auf dieſen Herrn machten, war kaum weniger erſtaunlich als die Phänomene ſelbſt. Sie ſchienen ihn förmlich zu knebeln und zu binden. Er konnte nur große Augen machen und bisweilen matt vor ſich hinmurmeln, man werde es unten im Hofe zum Blutenden Herzen nicht glauben, daß Wahrſagerei. 53 dies Pancks ſei, aber nie ſagte er ein Wort mehr oder gab ein Zeichen mehr von ſich, ſelbſt gegen Klein Dorrit nicht. Mr. Pancks ſetzte ſeinem geheimnißvollen Weſen die Krone auf, indem er ſich auf unbekannte Weiſe mit Tip bekannt machte und mit ihm eines Sonntags einen Gang durch das Collegium that. Niemals nahm er irgendwelche Notiz von Klein Dorrit, ausgenommen ein oder zwei Mal, wo er ihr zufällig ſehr nahe kam und Niemand ſehr nahe war, bei welchen Gelegenheiten er im Vorübergehen mit einer freund⸗ lichen Miene und einem ermuthigenden Puſten ſagte:„Pancks, der Zigeuner— beim Wahrſagen.“ Klein Dorrit arbeitete und kämpfte wie gewöhnlich; ſie wunderte ſich über dies Alles, behielt aber ihre Verwunde⸗ rung in ihrem Herzen, wie ſie in ihrem Leben manche ſchwere Laſt dort bewahrt hatte. Eine Veränderung hatte ſich über das duldende Herz geſtohlen und ſtahl ſich noch immer mehr über dasſelbe. Jeder Tag fand ſie noch etwas zurückhaltender, als der vorhergehende. Unbemerkt in das Gefängniß und aus demſelben herauszukommen und anderwärts überſehen und vergeſſen zu ſein, waren für ſie ſelbſt ihre Hauptwünſche. Auch in ihr eignes Zimmer, ein Zimmer, das in einem ſeltſamen Verhältniß zu ihrer zarten Jugend und ihrem Cha⸗ rakter ſtand, zog ſie ſich gern und ſo oft zurück, als ſie es konnte, ohne eine Pflicht zu verletzen. Es gab Nachmittage, wo ſie unbeſchäftigt war und wo Beſucher zu ihrem Vater kamen, um Karte mit ihm zu ſpielen, und wo ſie entbehrt werden konnte und beſſer nicht da war. Dann flog ſie über 54 Vierundzwanzigſtes Kapitel. den Hof, kletterte die Dutzende von Stufen hinauf, die nach ihrer Stube führten, und nahm ihren Sitz beim Fenſter. Mancherlei Verbindungen nahmen jene Zinken auf der Mauer an, in mancherlei leichte Geſtalten verwebte ſich das ſtarke Eiſen, mancherlei goldene Tüpfelchen fielen auf den Roſt, während Klein Dorrit ſinnend dort ſaß. Bisweilen ſprangen in dem düſter ſtarrenden Muſter neue Zickzacke hervor, wenn ſie durch einen Thränenerguß darauf ſah, aber mochte es ver⸗ ſchönert oder noch mehr verdüſtert ſein, ſtets ſah ſie in ihrer Einſamkeit gern darüber und darunter hindurch und ſah Alles mit dieſem unvertilgbaren Stempelzeichen. Klein Dorrits Stube war ein Dachſtübchen und ein Marſhalſea⸗Dachſtübchen ohne verſchönernde Zuthat. Sehr ſauber gehalten war es an ſich häßlich, und hatte nichts, was es angenehm machte, als daß es rein und luftig war; denn die Verſchönerungen, welche ſie im Stande geweſen war, zu kaufen, waren in das Zimmer ihres Vaters gewandert. Sei dem wie ihm wolle, für dieſen armſeligen Ort zeigte ſie eine wachſende Liebe, und an ihm allein zu ſitzen wurde ihr größtes Vergnügen. Dies war ſo ſehr der Fall, daß ſie an einem gewiſſen Nachmittage, während Pancks ſein geheimnißvolles Weſen trieb und ſie an ihrem Fenſter ſaß und Maggy's wohlbekann⸗ ten Schritt die Treppe heraufkommen hörte, über die Be⸗ fürchtung, weggeholt zu werden, ganz außer ſich gerieth. Als Maggy's Schritte höher herauf und näher kamen, zitterte und —— Wahrſagerei. 55 bebte ſie, und als Maggy endlich erſchien, konnte ſie kaum ſprechen.. „Mit Erlaubniß, Mütterchen,“ ſagte Maggy, nach Athem ſchnappend,„Du mußt hinunterkommen und ihn ſehen. Er iſt da.“ „Wer denn, Maggy?“ „Je nun, natürlich Mr. Clennam. Er iſt in Deinem Vater ſeiner Stube und er ſagte zu mir, Maggy, willſt Du ſo gut ſein und hingehen und ſagen,'s wäre blos ich.“ „Ich bin nicht recht wohl, Maggy. Ich thue beſſer, nicht zu gehen. Ich will mich eben niederlegen. Sieh, da liege ich, um es meinem Kopfe bequem zu machen. Sage mit meinem dankbaren Gruße, daß Du mich ſo verlaſſen haſt, ſonſt würde ich gekommen ſein.“ „Na, aber das iſt nicht ſehr artig, Mütterchen,“ ſagte Maggy, große Augen machend,„daß Du Dein Geſicht ab⸗ wendeſt.“ Maggy war empfänglich für Zeichen perſönlicher Nicht⸗ achtung und ſehr geſchickt, dergleichen zu erfinden.„Und beide Hände vor's Geſicht zu halten noch dazu,“ fuhr ſie fort. „Wenn Du die Blicke eines armen Dinges wie ich nicht er⸗ tragen kannſt, ſo thäteſt Du beſſer, es ihr ohne Weiteres zu zu ſagen, und nicht ſie ſo von Dir zu ſtoßen, ihre Gefühle zu verletzen und ihr Herz zu brechen, das arme Ding von zehn Jahren.“ s iſt blos, um meinem Kopfe Erleichterung zu verſchaf⸗ fen, Maggy.“ 56 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Gut, und wenn Du weinſt, um Deinem Kopfe Erleich⸗ terung zu verſchaffen, Mütterchen, ſo laß mich mit weinen. Behalte nicht Dein ganzes Weinen für Dich allein,“ predigte Maggy,„Du mußt nicht ſo begierig darauf ſein.“ Und ſofort begann ſie zu ſchluchzen. Nur mit einiger Schwierigkeit war ſie zu vermögen, mit der Entſchuldigung zurückzukehren, aber das Verſprechen, es ſolle ihr eine Geſchichte erzählt werden— von jeher eine große Luſt für ſie— wofern ſie ihre Geiſteskräfte auf ihren Auftrag concentrirte und ihre Herrin eine Stunde ſich ſelbſt überließe, verbunden mit einer Ahnung auf Seiten Maggy's, daß ſie ihre Gutherzigkeit unten auf der Treppe gelaſſen, überwog endlich. So ging ſie denn fort, murmelte ihren Auftrag den ganzen Weg vor ſich hin, um ihn zu behalten, und kam zu der feſtgeſetzten Zeit zurück. „Ich muß Dir ſagen, daß er es ſehr bedauerte,“ berich⸗ tete ſie,„und einen Doctor ſchicken wollte. Und morgen da will er wiederkommen, und ich glaube nicht, daß er heute Nacht gut ſchlafen wird, ſeit er von Deinem Kopfe gehört hat, Mütterchen. O lieber Gott! Haſt Du nicht geweint?“ „Ich glaube, ein wenig, Maggy.“ „Ein wenig! Oh!“ „Aber's iſt jetzt ganz vorbei— ganz vorbei für immer, Maggy. Und mein Kopf iſt viel beſſer und kühler, und ich befinde mich ganz behaglich. Ich bin ſehr froh, daß ich nicht hinuntergegangen bin.“ Ihr großes Kind mit den ſtierenden Augen umarmte ſie 5 Wahrſagerei. 57 zärtlich und ſchloß ſie, nachdem es ihr die Haare glattgeſtri⸗ chen und ihre Stirn nebſt den Augen mit kaltem Waſſer ge⸗ badet(Dienſtleiſtungen, wobei ihre unbehülflichen Hände ge⸗ ſchickt wurden) nochmals in die Arme, jauchzte über ihre fröh⸗ lichere Miene und ſetzte ſie in ihren Stuhl beim Fenſter. Dieſem Stuhle gegenüber ſchleppte Maggy mit krampfhafter Anſtrengung, deren es gar nicht bedurfte, den Kaſten, der ihr Sitz bei Gelegenheiten war, wo Geſchichten erzählt wur⸗ den, ſetzte ſich darauf, umfaßte ihre Knie mit den Händen und ſagte mit einem Heißhunger nach Geſchichten und weit aufgeriſſenen Augen: „Nun Mütterchen, gib eine recht hübſche zum Beſten.“ „Wovon ſoll ſie handeln, Maggy?“ „Oh, erzähle von einer Prinzeſſin,“ ſagte Maggy,„und laß ſie eine richtige ſein. Weißt Du,'s muß gar nicht zu glauben ſein.“ Klein Dorrit überlegte ſich's einen Augenblick und mit einem recht traurigen Lächeln auf ihrem Geſicht, welches vom Sonnenuntergange beſtrahlt war, begann ſie: „Maggy, es war einmal ein ſchöner König, der hatte alles, was er ſich nur wünſchen konnte und noch viel mehr. Er hatte Gold und Silber, Diamanten und Rubinen, Reich⸗ thümer aller Art. Er hatte Paläſte und er hatte—“ „Spitäler,“ fiel Maggy ein, die noch immer ihre Knie umfaßt hielt.„Laß ihn auch Spitäler haben, weil ſie ſo be⸗ haglich ſind. Hoſpitäler mit ungeheuer viel gebratenen Hühn⸗ chen.“ 58 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Ja, er hatte eine Menge davon, und er hatte von allen Dingen eine Menge“ „Auch eine Menge von gebratenen Kartoffeln, zum Bei⸗ ſpiel?“ ſagte Maggy. „Von allen Dingen eine Menge.“ „Herrgott!“ kicherte Maggy, indem ſie ihren Knien eine Umarmung zu Theil werden ließ.„War das nicht präch⸗ tig!“ „Dieſer König hatte eine Tochter, welche die klügſte und ſchönſte Prinzeſſin war, die je geſehen wurde. Als ſie noch ein Kind war, verſtand ſie alle ihre Lectionen ſchon, ehe ſie ihre Lehrer ihr gelehrt hatten, und als ſie erwachſen war, war ſie die Bewunderung der Welt. Nun war neben dem Palaſte, worin die Prinzeſſin wohnte, eine Hütte, in welcher ein armes, klei⸗ nes Weibchen ganz für ſich allein lebte.“ „Eine alte Frau,“ ſagte Maggy mit einem Schmatzen, als ob ſie etwas Fettes auf den Lippen hätte. „Nein, keine alte Frau. Eine ganz junge.“ „Da wundere ich mich, daß ſie ſich nicht fürchtete,“ ſagte Maggy.„Aber bitte, erzähle weiter.“ „Die Prinzeſſin fuhr an der Hütte faſt jeden Tag vorbei, und jedes Mal, wenn ſie in ihrer ſchönen Kutſche vorbeifuhr, ſah ſie das arme kleine Weibchen an ihrem Spinnrade ſpin⸗ nen, und ſie ſah das kleine Weibchen an und das kleine Weibchen ſah ſie an. So ließ ſie eines Tages den Kutſcher ein Stückchen von der Hütte halten und ſtieg aus und ging hin und guckte durch die Thür hinein und da war wie ge⸗ 5 9 — — Wahrſagerei. 59 wöhnlich das kleine Weibchen und ſpann an ſeinem Rade, und ſie ſah die Prinzeſſin an und die Prinzeſſin ſah ſie an.“ „Wie als ob ſie verſuchen wollten, wer es mit dem An⸗ ſtieren am Längſten aushalten könnte,“ ſagte Maggy.„Aber bitte, fahre fort, Mütterchen.“ „Nun war die Prinzeſſin ſolch eine wundervolle Prinzeſ⸗ ſin, daß ſie die Macht hatte, Geheimniſſe zu wiſſen, und ſie ſagte zu dem kleinen Weibchen, warum hältſt Du es dort ver⸗ ſteckt? Dies zeigte ihr gleich, daß die Prinzeſſin wußte, war⸗ um ſie ſo ganz allein für ſich lebte und an ihrem Rade ſpann, und ſie kniete vor der Prinzeſſin nieder und bat ſie, ſie doch ja nicht zu verrathen. Da ſagte die Prinzeſſin, ich will Dich gewiß nicht verrathen. Laß mich's mal ſehen. Da ſchloß das kleine Weibchen den Laden des Hüttenfenſters und riegelte die Thür zu und indem ſie vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, vor Furcht, daß Jemand Verdacht auf ſie werfen würde, öffnete ſie einen ſehr geheimen Ort und zeigte der Prinzeſſin einen Schatten.“ „Herrgott!“ ſagte Maggy. „Es war der Schatten von Jemand, welcher lange vor⸗ her vorüber gegangen, von Jemand, welcher weit hinweg in eine unerreichbare Ferne gezogen war, um nie, nie wieder⸗ zukehren. Er ſah ſehr heiter aus, und als das kleine Weib⸗ chen ihn der Prinzeſſin zeigte, war ſie von ganzem Herzen ſtolz darauf, als auf einen großen, großen Schatz. Als die Prinzeſſin ihn eine Weile betrachtet hatte, ſagte ſie zu dem kleinen Weibchen: Und Du hältſt Wache über das, jeden 60 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Tag? Und ſie ſchlug ihre Augen nieder und flüſterte: Ja. Dann ſagte die Prinzeſſin: Erinnere mich daran, warum. Da antwortete die Andere, daß niemals Jemand ſo gut und ſo freundlich dieſen Weg vorübergegangen ſei, und das wäre der Anfang von dem Warum. Sie ſagte auch, daß Niemand ihn vermißte, daß es Niemand Schaden brächte, denn jener Jemand ſei weiter gegangen, zu denen, die ihn erwartet—“ „Der Jemand war alſo ein Mann?“ warf Maggy ein. Klein Dorrit ſagte ſchüchtern, ja, ſie glaubte, es wäre einer geweſen, und fuhr dann fort: „Weiter gegangen zu denen, die ihn erwarteten, und daß dieſe Erinnerung von Niemand geſtohlen und Niemandem vor⸗ enthalten ſei. Die Prinzeſſin antwortete: Ah, aber wenn die Bewohnerin der Hütte ſtürbe, ſo würde der Schatten dort entdeckt werden. Das kleine Weibchen ſagte: Nein; wenn die Zeit käme, würde er ſtill in ihr eigenes Grab ſinken und nir⸗ gends zu finden ſein.“ „Nu freilich!“ ſagte Maggy. Bitte, fahre fort.“ „Die Prinzeſſin war ſehr erſtaunt, dies zu hören, wie Du Dir wol vorſtellen kannſt, Maggy.“ „Na, das konnte ſie wol auch,“ ſagte Maggy. „So beſchloß ſie, das kleine Weibchen zu beobachten und zu ſehen, was daraus würde. Jeden Tag fuhr ſie in ihrer ſchönen Kutſche bei der Thür der Hütte vorbei, und dort ſah ſie das kleine Weibchen ſtets allein für ſich an ihrem Spinn⸗ rade, und ſie ſah das kleine Weibchen an, und das kleine Weibchen ſah ſie an. Endlich ſtand eines Tages das Rad 5 V V Wahrſagerei. 61 ſtill und das kleine Weibchen war nicht zu ſehen. Als die Prinzeſſin ſich erkundigte, warum das Rad ſtill ſtünde und wo das kleine Weibchen wäre, ſagte man ihr, das Rad ſtünde ſtill, weil Niemand da wäre, es zu drehen, da das kleine Weibchen todt wäre.“ („Sie hätten ſie ſollen in's Hoſpital ſchaffen,“ ſagte Maggy,„da würde ſie ſich erholt haben.“) „Die Prinzeſſin, nachdem ſie nur ſehr wenig über den Verluſt des kleinen Weibchens geweint hatte, trocknete ihre Augen und ſtieg aus ihrer Kutſche an der Stelle, wo ſie frü⸗ her angehalten hatte und ging nach der Hütte und guckte durch die Thür hinein. Es war jetzt Niemand da, ſie anzu⸗ ſehen und Niemand, den ſie hätte anſehen können; ſo ging ſie ſogleich hinein, um den theuren Schatten zu ſuchen Aber es war keine Spur von ihm zu finden, und da wußte ſie, daß das kleine Weibchen ihr die Wahrheit geſagt hatte, und daß der Schatten Niemandem Schmerz verurſachen gewollt, und daß er ſtill in ſein Grab geſunken war und daß ſie und der Schatten zuſammen zur Ruhe gegangen waren.“ „Das iſt Alles, Maggy.“ Die Strahlen der untergehenden Sonne fielen ſo hell auf Klein Dorrits Geſicht, als ſie auf dieſe Weiſe mit ihrer Geſchichte zu Ende war, daß ſie es durch Vorhalten der Hände verſchattete. „War ſie alt geworden?“ fragte Maggy. „Das kleine Weibchen?“ „Ah“ Klein Dorrit. IV.. 5 Vierundzwanzigſtes Kapitel. „Ich weiß nicht,“ ſagte Klein Dorrit.„Aber es würde ganz dasſelbe geweſen ſein, wenn ſie auch noch ſo alt gewor⸗ den wäre.“ „Wirklich!“ ſagte Maggy.„Na ich denke doch am Ende.“ Und ſie ſtarrte nachſinnend vor ſich hin. Sie ſaß ſo lange mit weit geöffneten Augen da, daß endlich Klein Dorrit, um ſie von ihrem Kaſten wegzulocken, aufſtand und zum Fenſter hinausſah. Als ſie einen Blick in den Hof hinab that, ſah ſie Pancks hereinkommen und aus dem Winkel ſeines Auges zu ihr heraufſchielen. „Was iſt der nur, Mütterchen?“ fragte Maggy. Sie hatte ſich zu ihr ans Fenſter begeben und lehnte an ihrer Schulter.„Ich ſehe ihn oft aus⸗ und eingehen.“ „Ich habe gehört, daß man ihn einen Wahrſager nennt,“ ſagte Klein Dorrit.„Aber ich zweifle, ob er vielen Leuten auch nur ihr vergangenes und gegenwärtiges Schickſal ſagen kann.“ „Könnte er nicht der Prinzeſſin ihres geſagt haben?“ fragte Maggy. Klein Dorrit, ſinnend in das dunkle Thal des Gefäng⸗ niſſes hinabſchauend, ſchüttelte den Kopf. „Auch dem kleinen Weibchen ſeines nicht?“ fragte Maggy. „Nein,“ ſagte Klein Dorrit, hell von den Strahlen des Sonnenuntergangs uniloſſen.„Aber laß uns vom Fenſter weggehen.“ Die Geschichte von der Prinzessin. Verſchwörer und andere Leute. Fünkundzmanzigrtes Kugpitel. verſchwörer und andere Leute. Die Privatwohnung des Mr. Pancks war in Pentonville, wo er im zweiten Geſtock des Hauſes eines Rechtsgelehrten auf außerordentlich beſcheidenem Fuße wohnte, welcher inner⸗ halb der Hausthür eine innere Thür hatte, die auf einer Fe⸗ der ruhte und mit einem Klirren wie eine Falle aufſprang, und welcher in das Giebelfenſter geſchrieben hatte: Rugg, Generalagent, Rechnungsführer, hier werden Schulden eingetrieben. Dieſer Zettel, majeſtätiſch in ſeiner ſtrengen Einfachheit, beſtrahlte einen kleinen Fleck Garten, welcher an die durſtige Heerſtraße ſtieß und wo einige der ſtaubigſten Blätter ihre trübſeligen Köpfe hingen und ein Leben unaufhörlicher Er⸗ ſtickung lebten. Ein Profeſſor der Schreibekunſt hatte das erſte Stock inne und belebte das Gartengeländer mit Glas⸗ käſten, welche ausgewählte Proben deſſen enthielten, was ſeine Zöglinge geweſen waren vor der ſechſten Lexion und während ſeine ganze junge Familie am Tiſche rüttelte und deſſen, was ſie geworden waren nach ſechs Lectionen, wo die junge Fa⸗ milie ſich ruhig verhalten. Der Raum, den Mr. Pancks inne hatte, beſchränkte ſich auf eine luftige Schlafkammer, und er 5* 64 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. hatte mit Mr. Rugg, ſeinem Wirthe, einen Pact und Ver⸗ trag abgeſchloſſen, daß er gegen Errichtung einer gewiſſen, genau feſtgeſtellten Summe und auf zu gehöriger Zeit erfolgte Meldung das Recht haben ſollte, nach ſeiner Wahl das ſonn⸗ tägliche Frühſtück, Mittagseſſen, Thee oder Abendbrot oder eines von dieſen oder auch alle dieſe Mahlzeiten des Mr. Rugg und der Miß Rugg ſeiner Tochter) im Hinterzimmer zu theilen. Miß Rugg war eine Dame von wenig Vermögen, wel⸗ ches ſie ſich nebſt vieler Auszeichnung unter der Nachbarſchaft dadurch erworben hatte, daß ihr Herz ſchwer zerriſſen und ihre Gefühle tief verletzt worden waren, und zwar durch einen Bäcker mittleren Alters, der in der Nähe wohnte und gegen den ſie durch Mr. Rugg einen Prozeß wegen Entſchädigung in Betreff des Bruchs eines Heirathsgelöbniſſes vor Gericht klagbar zu werden für nöthig befunden hatte. Der Bäcker, der bei dieſer Gelegenheit durch den Sachwalter der Miß Rugg, auf vernichtende Weiſe auf den vollen Betrag von zwanzig Guineen verklagt und in entſprechende Entſchä⸗ digung verurtheilt worden war, erfuhr gelegentlich noch immer Verfolgungen von der Jugend Pentonvilles. Aber Miß Rugg, umgeben von der Majeſtät des Geſetzes und be⸗ fliſſen geweſen, ihre Entſchädigung in ſichern Staatspapieren anzulegen, wurde mit Achtung behandelt. In der Geſellſchaft von Mr. Rugg, welcher ein rundes, weißes Geſicht hatte, als ob all ſein Erröthen ihm ſchon längſt abgezapft worden wäre, und welcher einen zerzauſten 1 Verſchwörer und andere Leute. 65 gelben Kopf wie ein ausgedienter Flederwiſch hatte, und in der Geſellſchaft der Miß Rugg, welche kleine Nankingflecke in der Größe von Hemdknöpfchen über ihr ganzes Geſicht hatte und deren ebenfalls gelbe Haare mehr borſtig als üppig wa⸗ ren, hatte Mr. Pancks ſeit einigen Jahren gewöhnlich des Sonntags geſpeiſt und zweimal die Woche ein Abendeſſen, beſtehend in Brod, holländiſchem Käſe und Porter, eingenom⸗ men. Mr. Pancks war einer der ſehr wenigen heirathsfähi⸗ gen Männer, vor denen Miß Rugg keinen Schrecken empfand. Der Grund, womit er ſich ſelber darüber ſicherſtellte, war ein doppelter: erſtens,„daß es nicht zweimal anginge“ und zweitens,„daß er's nicht werth wäre.“ Gewappnet mit dieſem doppelten Harniſch hatte Mr. Pancks Miß Rugg gegenüber gut Schnauben. Bis zu dieſer Zeit hatte Mr. Pancks in ſeinem Quartier zu Pentonville mit Ausnahme des Schlafgeſchäftes wenig oder gar keine Geſchäfte gemacht; aber jetzt, wo er Wahrſager ge⸗ worden war, ſaß er oft noch nach Mitternacht mit Mr. Rugg in ſeinem kleinen Comptoir im Vorderhauſe eingeſchloſſen und brannte ſelbſt nach dieſer ſpäten Stunde ein Talglicht in ſeiner Schlafkammer. Obſchon ſeine Obliegenheiten als Aus⸗ jäter ſeines Eigenthümers in keiner Weiſe ſich vermindert hatten, und obſchon dieſer Dienſt keine größere Aehnlichkeit mit einem Roſenbette hatte, als die, welche ſich in ſeinen vielen Dornen entdecken ließ, nahm irgend ein neuer Indu⸗ ſtriezweig ihn fortwährend in Anſpruch. Wenn er ſich am Abend von dem Patriarchen losmachte, war es nur, um ein 66 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. noch ungetauftes Schiff ins Schlepptau zu nehmen und von Friſchem in anderen Gewäſſern drauflos zu arbeiten. Der Fortſchritt von der perſönlichen Bekanntſchaft mit dem älteren Mr. Chivery zu einer Einführung bei ſeiner lie⸗ benswürdigen Gattin und ſeinem untröſtlichen Sohne mag leicht geweſen ſein, aber leicht oder nicht, Mr. Pancks machte ihn bald. Binnen ein paar Wochen nach ſeinem erſten Erſcheinen im Collegium hatte er ſich in dem Buſen des Tabaksgeſchäfts eingeniſtet und beſtrebte ſich vorzüglich, ein gutes Einver⸗ nehmen mit dem jungen John zu pflegen. In dieſem Be⸗ ſtreben war er ſo glücklich, dieſen ſeufzenden Schäfer aus ſeinem Haine wegzulocken und ihn zu verleiten, geheimniß⸗ volle Sendungen zu übernehmen, bei welchen er in unbe⸗ ſtimmten Zwiſchenräumen auf etwa zwei bis drei Tage zu ver⸗ ſchwinden begann. Die kluge Mrs. Chivery, welche ſich ſehr über dieſe Veränderung wunderte, würde ſich dagegen als ge⸗ gen eine Beeinträchtigung des Sinnbildes auf dem Thürge⸗ wände verwahrt haben, wenn nicht zwei zwingende Gründe geweſen wären, einmal deshalb, weil ihr John angeregt wurde, ſtarkes Intereſſe an dem Geſchäfte zu nehmen, wel⸗ ches dieſe Reiſen fördern ſollten— und weil ſie dies für ein gutes Mittel gegen ſeine Niedergeſchlagenheit hielt, dann aber deshalb, weil Mr. Pancks mit ihr im Vertrauen übereinkam, ihr dafür, daß er die Zeit ihres Sohnes in Anſpruch nahm, für den Tag die hübſche Summe von ſieben Schilling ſechs Pence zu entrichten. Der Vorſchlag hatte ſeinen Urſprung in ihm ſelbſt und wurde in die markigen Worte gekleidet:„Wenn Verſchwörer und andere Leute. 67 Ihr John ſchwach genug iſt, Madame, es nicht zu nehmen, ſo iſt das kein Grund, weshalb Sie ſo ſchwach ſein ſollten; ſehen Sie das nicht ein? So alſo, ganz unter uns, Madame, Geſchäft iſt Geſchäft, hier iſt es.“ Was Mr. Chivery von dieſen Dingen dachte oder wie viel oder wie wenig er von ihnen wußte, iſt von ihm nie in Er⸗ fahrung gebracht worden. Es iſt bereits bemerkt worden, daß er ein Mann von wenig Worten war, und es kann hier ge⸗ ſagt werden, daß er von ſeinem Beruf die Gewohnheit ange⸗ nommen hatte, Alles verſchloſſen zu halten. Er verſchloß ſich ſo ſorgfältig, wie er die Schuldgefangenen des Marſhalſea ver⸗ ſchloß. Selbſt die Art, mit der er ſein Eſſen hinter Schloß und Riegel beförderte, mag ein Theil eines nach Einer Form ausgeprägten Ganzen geweſen ſein, aber es iſt keine Frage, daß er zu allen anderen Zwecken ſeinen Mund hielt, wie er das Thor des Marſhalſea verſchloſſen hielt. Er öffnete ihn nie, ohne Gelegenheit dazu zu haben. War es nöthig, ſich über etwas auszulaſſen, ſo öffnete er ihn ein wenig, hielt ihn offen, ſo lange bis es für den Zweck hinreichte, und ſchloß ihn wieder. Ganz ſo, wie er ſich an der Thür des Marſhalſea die Mühe zu erſparen pflegte und einen Beſucher, der hinaus wollte, einige Augenblicke warten ließ, wenn er einen anderen Beſucher den Hof herabkommen ſah, ſodaß eine Umdrehung des Schlüſſels für beide genügte, hielt er oft eine Bemerkung zurück, wenn er merkte, daß eine andere auf dem Wege zu ſeinen Lippen war, und trug beide zugleich vor. Suchte man irgend einen Schlüſſel zu ſeinem inneren Wiſſen in ſeinem 68 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Geſichte, ſo war der Marſhalſea⸗Schlüſſel ein ebenſo lesbarer Inder zu den Charakteren und Lebensgeſchichten, welche er verſchloß. 1 Daß Mr. Pancks ſich bewogen finden ſollte, irgend Je⸗ mand nach Pentonville zu Tiſch einzuladen, war eine That⸗ ſache, die bis dahin in ſeinem Kalender noch nicht vermerkt war. Aber er lud den jungen John zu Tiſch ein und brachte ihn ſogar in Schußweite der gefährlichen(weil koſtſpieligen) Reize von Miß Rugg. Das Gaſtmahl wurde auf Sonntag feſtgeſetzt, und Miß Rugg ſtopfte mit eigener Hand einen Schöpſenbraten mit Auſtern für die feierliche Gelegenheit und ſchickte ihn zum Bäcker— nicht zu dem Bäcker, ſondern in einen Laden, der dieſem Concurrenz machte. Es wurden auch Apfelſinen, Aepfel und Nüſſe eingekauft. Und Rum wurde von Mr. Pancks am Samſtagabend mit hereingebracht, um das Herz des Gaſtes fröhlich zu machen. Der Haufe von Annehmlichkeiten aus der Welt der Ge⸗ ſchöpfe war nicht das Wichtigſte bei dem Empfang des Be⸗ ſuchers. Sein Grundzug war die vorhergängige Vertraulich⸗ keit und Theilnahme der Familie. Als der junge John um halb zwei Uhr ohne die Elfenbeinhand und die Weſte mit den Goldzweigen, wie eine Sonne, die durch unſelige Wolken um ihre Strahlen gekommen iſt, erſchien, ſtellte ihn Mr. Pancks den Ruggs als den ſo oft erwähnten jungen Mann vor, der Miß Dorrit geliebt habe. „Ich freue mich,“ ſagte Mr. Rugg, ihn vorzüglich nach dieſer Seite hin anredend,„das außerordentliche Vergnügen „ / Verſchwörer und andere Leute. 69 zu haben, Ihre Bekanntſchaft zu machen, Sir. Ihre Gefühle machen Ihnen Ehre. Sie ſind jung, mögen Sie nie Ihre Gefühle überleben. Sollte ich meine Gefühle überleben, Sir,“ ſagte Mr. Rugg, welcher ein Mann von vielen Worten war und für einen merkwürdig guten Redner galt,„ſollte ich meine Gefühle überleben, ſo würde ich in meinem Teſtamente dem fünfzig Pfund vermachen, der mich aus dem Leben ſchaffte.“ Miß Rugg that einen Seußzer. „Meine Tochter, Sir,“ ſagte Mr. Rugg.„Anaſtaſia, Dir ſind die Empfindungen dieſes jungen Mannes nicht fremd. Meine Tochter hat auch ihre Prüfungen gehabt, und ſie kann ſich in Ihre Lage verſetzen.“ Der junge John, ſchier außer ſich über die rührende Art dieſer Begrüßung, ſprach einige Worte, die dies ausdrückten. „Um was ich Sie beneide, Sir,“ ſagte Mr. Rugg,„aber erlauben Sie mir doch Ihren Hut— es geht bei uns knapp zu mit Pflöcken zum Aufhängen— ich will ihn in den Win⸗ kel ſtellen, Niemand wird ihn dort eintreten. Um was ich Sie beneide, Sir, iſt der Reichthum Ihrer Empfindungen. Ich gehöre zu einem Stande, in welchem uns dieſer Reichthum bisweilen verſagt iſt.“ Der junge John erwiderte, indem er ſeinen Dank aus⸗ ſprach, daß er allein die Hoffnung hege, zu thun, was recht ſei und was zeige, wie er mit Leib und Seele Miß Dorrit er⸗ geben ſei. Er wünſchte ohne ſelbſtſüchtige Abſichten zu ſein, und er hoffte, er wäre es. Er wünſchte alles, was in ſeiner Macht ſtünde, zu thun, um Miß Dorrit einen Dienſt zu lei⸗ 70 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſten und ihr dabei gar nicht vor die Augen zu kommen, und er hoffte, er thäte es. Es wäre nur wenig, was er thun könnte, aber er hoffte, es geſchähe. „Sir,“ ſagte Mr. Rugg, ihn bei der Hand nehmend, „Sie ſind ein junger Mann, dem zu begegnen Einem wohl⸗ thut. Sie ſind ein junger Mann, den ich auf die Zeugen⸗ bank haben möchte, daß er die Herzen der Herren Sachwalter menſchlicher mache. Ich hoffe, Sie haben Ihren Appetit mit⸗ gebracht und beabſichtigen fleißig mit Meſſer und Gabel zu arbeiten.“ „Dank Ihnen, Sir,“ erwiderte der junge John,„ich eſſe gegenwärtig eben nicht viel.“ Mr. Rugg zog ihn ein wenig zur Seite.„Der Fall mei⸗ ner Tochter, Sir,“ ſagte er,„zu der Zeit, wo ſie, um für Verletzung ihrer Gefühle und ihres Geſchlechts in Sachen Rugg gegen Bawkins klagbar wurde. Ich glaube, ich hätte es, wofern ich es der Mühe werth gehalten hätte, mit Bewei⸗ ſen belegen können, Mr. Chivery, daß der Betrag feſter Nah⸗ rungsmittel, den meine Tochter während dieſer Periode zu ſich nahm, zehn Unzen wöchentlich nicht überſtieg.“ „Ich denke, ich gehe ein wenig darüber hinaus, Sir,“ ſagte jener zögernd, als ob er es mit Beſchämung ein⸗ geſtünde. „Aber in Ihrem Falle iſt kein Teufel in Menſchengeſtalt da,“ ſagte Mr. Rugg mit einem Lächeln und einer Handbe⸗ wegung, die das beſtärkten.„Bemerken Sie wohl, Mr. Chi⸗ very, kein Teufel in Menſchengeſtalt.“ —— —— Verſchwörer und andere Leute. 71 „Nein, gewiß nicht,“ fügte der junge John in ſeiner Ein⸗ falt hinzu.„Ich würde ſehr betrübt ſein, wenn es ſo wäre“ „Dieſen Ausſpruch,“ ſagte Mr. Rugg,„konnte ich nach Ihren mir bekannten Grundſätzen erwarten. Es würde meine Tochter ſehr rühren, Sir, wenn ſie es hörte. Da ich den Schöpſenbraten merke, bin ich froh, daß ſie es nicht gehört hat. Mr. Pancks, bitte, ſetzen Sie ſich bei dieſer Gelegenheit mir gegenüber. Mein Kind nimmt Mr. Chivery gegenüber Platz. Für das, was wir im Begriffe ſind zu genießen, dür⸗ fen wir(und Miß Dorrit) wahrhaft dankbar ſein.“ Hätte aus der Art, mit welcher Mr. Rugg dieſe Einlei⸗ tung in die Freuden des Gaſtmahls vortrug, nicht der Spaß⸗ vogel mit ernſter Miene herausgeſehen, ſo hätte es ſcheinen können, als würde erwartet, daß Miß Dorrit von der Partie ſein werde. Pancks erkannte den Ausfall in ſeiner gewöhn⸗ lichen Weiſe an und nahm ſeine Proviſionen in ſeiner ge⸗ wöhnlichen Weiſe ein. Miß Rugg hielt ſich, vielleicht um ihre Rückſtände einigermaßen auszugleichen, ebenfalls ſehr wacker an den Schöpſenbraten und er ſchwand raſch bis auf den Knochen zuſammen. Ein Brot⸗ und Butter⸗Pudding ver⸗ ſchwand gänzlich und eine beträchtliche Maſſe von Käſe und Radieschen ward auf demſelben Wege unſichtbar. Dann kam das Deſſert. Dann kam auch, und zwar bevor der Grog angezapft wurde, Mr. Pancks Notizbuch. Die folgenden Geſchäftsver⸗ handlungen waren kurz, aber ſeltſam, und hatten viel Aehn⸗ lichkeit mit einer Verſchwörung. Mr. Pancks ſah eifrig in 72 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſeinem Notizbuche nach, welches ſich jetzt füllte, und las kleine Auszüge heraus, die er auf dem Tiſche auf kleine Zettel ſchrieb. Mr. Rugg ſah ihn inzwiſchen mit ſcharfer Aufmerk⸗ ſamkeit an, während der junge John ſich mit ſeinen auf nichts Beſtimmtes gerichteten Augen in den Nebeln der Beſchaulich⸗ keit verlor. Als Mr. Pancks, der die Rolle des Hauptver⸗ ſchwörers ſpielte, ſeine Auszüge vollendet hatte, überblickte er ſie, verbeſſerte ſie, ſteckte ſein Notizbuch ein und hielt die Zet⸗ tel wie eine Hand voll Spielkarten vor ſich hin. „Na, da iſt ein Kirchhof in Bedfordſhire,“ ſagte Pancks. „Wer nimmt ihn?“ „Ich will ihn nehmen,“ erwiderte Mr. Rugg,„wenn Nie⸗ mand drauf bietet.“ Pancks theilte ihm ſeine Karte zu und ſah wieder auf ſeine Hand. „Und da iſt'ne Nachfrage zu halten in York,“ ſagte Pancks.„Wer übernimmt die?“ „Ich tauge nicht für York,“ ſagte Mr. Rugg. „Dann werden Sie vielleicht ſo gefällig ſein, John Chi⸗ very,“ fuhr Pancks fort. Als der junge John ſich bereit erklärte, theilte Pancks ihm ſeine Karte zu und blickte wieder auf ſeine Hand. „Da iſt'ne Kirche in London, die kann ich ebenſo gut übernehmen. Und eine Familienbibel, die kann ich ebenſo gut ſelbſt übernehmen. Das ſind zwei für mich. Zwei für mich,“ wiederholte Pancks, indem er über ſeinen Karten tief Athem holte.„Hier iſt ein Kaufmannsdiener zu Durham für Sie, Verſchwörer und andere Leute. 73 John, und ein alter Seekapitän zu Dunſtable für Sie, Mr. Rugg. Zwei für mich, nicht wahr? Ja zwei für mich. Hier i*ſt ein Grabſtein, drei für mich. Und ein todtgeborenes Kind, vier für mich. Und das iſt Alles für jetzt.“ Als er auf dieſe Weiſe ſeine Karten vertheilt, was alles ſehr ruhig und mit gedämpfter Stimme geſchah, fuhr Mr. Pancks puſtend in ſeine eigene Bruſttaſche hinein und ſchleppte einen Leinwandſack heraus, aus welchem er mit zögernder Hand Geld für Reiſekoſten in zwei kleinen Portionen ab⸗ zählte.„Das Geld geht raſch zu Ende,“ ſagte er ängſtlich, indem er jedem von ſeinen beiden männlichen Geſellſchaftern ſeinen Theil zuſchob,„ſehr raſch.“ „Ich kann Ihnen nur die Verſicherung geben, Mr. Pancks,“ ſagte der junge John,„daß ich tief bedauere, in ſolchen Verhältniſſen zu ſein, in denen mir's unmöglich iſt, meine Reiſekoſten ſelbſt zu bezahlen, und daß es nicht rathſam iſt, daß ich mir die Zeit nehme, die Entfernungen zu Fuße zurückzulegen. Denn nichts würde mir größere Befriedigung gewähren, als wenn ich mir ohne Lohn und Entſchädigung die Beine ablaufen könnte.“ Die Uneigennützigkeit dieſes jungen Mannes ſchien in den Augen der Miß Rugg ſo lächerlich, daß ſie genöthigt war, ſich Hals über Kopf aus der Geſellſchaft zurückzuziehen und ſich auf die Treppe zu ſetzen, bis ſie ſich ausgelacht hatte. Inzwiſchen drehte Mr. Pancks, indem er nicht ohne Mitleid den jungen John anblickte, langſam und gedankenvoll ſei⸗ nen Leinwandſack zuſammen, als ob er ihm den Hals um⸗ 74 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. drehen wollte. Die Dame kam zurück, als er ihn wieder in die Taſche ſteckte, miſchte Rum und Waſſer für die Geſell⸗ ſchaft, wobei ſie ihr holdes Ich nicht vergaß, und händigte Jedem ſein Glas ein. Als Alle verſehen waren, erhob ſich Mr. Rugg und lud, indem er ſchweigend ſein Glas über die Mitte des Tiſches hielt, die Uebrigen durch dieſe Geberde ein, die ihrigen hinzuzufügen und ſich mit ihm zu einem allgemeinen verſchwöreriſchen Klirren zu vereinigen. Die Ceremonie war bis zu einem gewiſſen Punkte wirkſam und würde dies ganz geweſen ſein, wenn Miß Rugg, indem ſie ihr Glas, um die Feierlichkeit zu vollenden zu den Lippen erhob, nicht zufällig einen Blick auf den jungen John geworfen hätte, wo die ver⸗ ächtliche Lächerlichkeit ſeiner Uneigennützigkeit ſie ſo überwäl⸗ tigte, daß ſie etliche ambroſiſche Tropfen von Grog umher⸗ ſprudelte und ſich in Verwirrung zurückzog. Der Art war das Eſſen, ohne vorhergängiges Beiſpiel, welches Pancks zu Pentonville gab, und der Art war das ge⸗ ſchäftige und ſeltſame Leben, welches Pancks führte. Die ein⸗ zigen wachen Momente, in welchen er von ſeinen Sorgen nachzulaſſen und ſich dadurch zu erholen ſchien, daß er wohin ging und etwas ſagte, ohne einen beſtimmten Zweck im Auge zu haben, waren die, wo er ein aufdämmerndes Intereſſe an dem lahmen Fremden mit dem Stocke unten im Hofe zum Blutenden Herzen zeigte. Der Fremde, Namens Johann Baptiſt Cavaletto— man nannte ihn im Hofe Mr. Baptiſt— war ſolch ein piepſender, leichtherziger, hoffnungsreicher kleiner Burſch, daß die Anzie⸗ Verſchwörer und andere Leute. 75 hungskraft, die er auf Pancks ausübte, wahrſcheinlich aus dem Contraſt hervorging, in dem er zu ihm ſtand. Einſam, ſchwach, ſpärlich bekannt mit den allernothwendigſten Worten der einzigen Sprache, in welcher er ſich mit den Leuten um ihn herum verſtändigen konnte, ſchwamm er friſch und mun⸗ ter, wie es in dieſen Gegenden neu war, mit dem Strome des Schickſals. Mit wenig zu eſſen und noch weniger zu trin⸗ ken und nichts, ſich zu kleiden mit Ausnahme deſſen, was er auf dem Leibe trug und was er in das kleinſte Bündel, das je geſehen worden, geknüpft, mitgebracht hatte, machte er doch ein ſo fröhliches Geſicht dazu, als ob er ſich in den blühend⸗ ſten Umſtänden befände, als er zuerſt in dem Hofe auf und ab humpelte und demüthig mit ſeinen weißen Zähnen ſich das allgemeine Wohlwollen erbat. Es war ein ſchwieriges Werk für einen Fremden, gleich⸗ viel ob lahm oder geſund, mit den blutenden Herzen fortzu⸗ kommen. Erſtens hatten ſie die unklare Ueberzeugung, daß jeder Fremde ein Meſſer bei ſich führe, ſodann aber hielten ſie es für ein vernünftiges nationales Axiom, daß er ſich in ſein eigenes Land heimſcheren ſollte. Sie dach⸗ ten nie daran, wie viele ihrer eigenen Landsleute von ver⸗ ſchiedenen Theilen der Welt heimgeſchickt werden würden, wenn jener Grundſatz allgemein anerkannt wäre, ſie betrach⸗ teten ihn als ganz beſonders und ausnahmsweiſe engliſch. Drittens hatten ſie die Anſicht, daß es eine Art göttlicher Heimſuchung für einen Fremden ſei, kein Engländer zu ſein, Fünfundzwanzigſtes Kapitel. und daß ſein Land von allerlei Unfällen befallen würde, weil es Dinge that, die England unterließ, und Dinge unterließ, die England that. In dieſem Glauben freilich waren ſie lange ſorgfältig erzogen worden von den Barnacles und Stiltſtal⸗ kings, welche ihnen ſtets amtlich und nichtamtlich verkünde⸗ ten, daß kein Land, welches es unterließe, ſich dieſen beiden großen Familien zu unterwerfen, irgendwelche Hoffnung habe, unter dem Schutze der Vorſehung zu ſtehen, und welche, wenn ſie es glaubten, ſie privatim als das vorurtheilsvollſte Volk unter der Sonne verſchleierten. Dies konnte deshalb eine politiſche Stellung der bluten⸗ den Herzen genannt werden, aber ſie hatten noch andere Ein⸗ würfe dagegen, daß Ausländer in ihrem Hofe wohnten. Sie glaubten, daß Fremde ſich ſtets übel befänden, und obwol ſie ſelbſt ſich ſo übel befanden, als ſie nur wünſchen konnten, ſchwächte dies doch die Kraft des Einwurfs nicht ab. Sie glaubten, daß Fremde mit Dragonern und Bayonnetten be⸗ arbeitet würden, und obwol ihnen ebenfalls die Schädel ſo⸗ fort eingeſchlagen wurden, wenn ſie üble Laune an den Tag legten, ſo war das mit einem ſtumpfen Inſtrument, und das zählte nicht. Sie glaubten, daß Fremde ſtets unmoraliſch wären, und obſchon ſie gelegentlich eine Verurtheilung zu Hauſe hatten und dann und wann einen Scheidungsfall oder ſo etwas der Art, ſo hatte das nichts damit zu ſchaffen. Sie glaubten, daß Fremde keinen unabhängigen Sinn hätten, weil ſie nie von Lord Decimus Tite Barnacle in Heerden nach Verſchwörer und andere Lente. 77 der Wahlurne getrieben wurden mit fliegenden Fahnen und nach dem Tacte der Melodie„Herrſche Britannia“. Um nicht langweilig zu ſein, ſie hatten manche andere Glaubensartikel ähnlicher Art. Gegen dieſe Hinderniſſe mußte der lahme Fremde mit dem Stocke ſich ſo gut ſtemmen als er konnte. Er war dabei nicht völlig ohne Hülfe; denn Mr. Arthur Clennam hatte ihn an die Plorniſhes empfohlen(er wohnte auf dem Dache deſſelben Hauſes), aber dennoch war es ein ſchweres Stück Arbeit. In⸗ deß waren die blutenden Herzen gute Herzen, und als ſie den kleinen Mann fröhlich mit gutgelauntem Geſichte herumhin⸗ ken ſahen und bemerkten, daß er nirgends Schaden that, kein Meſſer zog, ſich keine entſetzlichen Immoralitäten zu Schulden kommen ließ, hauptſächlich von Mehl und Milch lebte und Abends mit den Kindern des Mr. Plorniſh ſpielte, begannen ſie zu denken, daß es, obſchon er nie hoffen könne, ein Eng⸗ länder zu werden, doch hart ſein werde, dieſes Unglück an ihm heimzuſuchen. Sie begannen ſich ſeinem Standpunkte anzubequemen, riefen ihn„Mr. Baptiſt,“ behandelten ihn aber wie ein Wiegenkind und lachten unbändig über ſein leb⸗ haftes Geberdenſpiel und ſein kindiſches Engliſch— mehr vielleicht, weil er ſich nichts daraus machte und ſelbſt drüber lachte. Sie ſprachen zu ihm mit ſehr lauter Stimme, als ob er ſtocktaub wäre. Sie bildeten, indem ſie ihm die Sprache in ihrer Reinheit beizubringen bemüht waren, Sätze, wie die Wilden ſie gegen Kapitän Cook anwendeten, oder Freitag Klein Dorrit. IV. 6 78 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. gegen Robinſon Cruſoe. Mrs. Plorniſh war beſonders er⸗ finderiſch in dieſer Kunſt und erwarb ſich dadurch, daß ſie ſagte:„Ik off’, Ihr Bein keſund bald,“ einen ſolchen Ruf, daß man im Hofe der Anſicht war, es ſei dies nur noch we⸗ nig vom Italieniſchreden entfernt. Ja, Mrs. Plorniſh ſelbſt begann zu glauben, daß ſie von Natur Anlage zum Sprechen dieſer Sprache habe. Als er beliebter wurde, brachte man Gegenſtände des Haushalts herbei, um ihm einen reichen Wortſchatz zu verſchaffen, und ſo oft er im Hofe erſchien, ka⸗ men ſie dann aus den Thüren geflogen und ſchrieen:„Mr. Baptiſt— Theekanne!“—„Mr. Baptiſt— Kehrichtkorb!“ —„Mr. Baptiſt— Mehlſtreubüchſe!“—„Mr. Baptiſt— Kaffeeſack!“— Zu gleicher Zeit zeigten ſie ihm dieſe Dinge und erfüllten ihn mit dem Gefühle der erſtaunlichen Schwierig⸗ keiten der angelſächſiſchen Sprache. Es war in dieſem Stadium ſeiner Fortſchritte und etwa in der dritten Woche ſeiner Beſchäftigung, wo Pancks ſich von dem kleinen Manne angezogen fühlte. Indem er, beglei⸗ tet von Mrs. Plorniſh als Dolmetſcherin, zu ſeinem Käm⸗ merchen hinaufſtieg, fand er Mr. Baptiſt, ohne andere Mö⸗ beln als ſein Bett auf dem Boden, einem Tiſch und einem Stuhl, wie er mit Hülfe einiger einfacher Werkzeuge in der luſtigſten Weiſe Blumen ſchnitzte. „Na alter Junge,“ ſagte Pancks,„heraus mit dem Gelde.“ Er hatte ſein Geld bereit, indem er es in ein Stück Pa⸗ Verſchwörer und andere Leute. 79 pier gewickelt hatte, und übergab es ihm lachend; dann ſtreckte er mit freier Erfindung ſo viele Finger ſeiner rechten Hand empor, als es Schillinge waren, und machte hierauf einen Schnitt kreuzweiſe in die Luft für einen Sixpence darüber. „Oh!“ ſagte Mr. Pancks, ihn mit Verwunderung be⸗ trachtend.„Das iſt's, nicht wahr? Du biſt ein pfiffiger Ge⸗ ſell. Ganz richtig. Indeß dachte ich nicht, daß ich's kriegen würde.“ Mrs. Plorniſh miſchte ſich hier mit großer Herablaſſung in die Sache und erklärte es Mr. Baptiſt.„Er ſich freuen. Er froh, Geld kriegen.“ Der kleine Mann lächelte und nickte. Sein fröhliches Geſicht ſchien Mr. Pancks ungemein anziehend zu ſein.„Wie geht es mit ſeinem Beine?“ fragte er Mrs. Plorniſh. „O er iſt viel beſſer, Sir,“ ſagte Mrs. Plorniſh.„Wir erwarten, daß er nächſte Woche im Stande ſein wird, ſeinen Stock ganz wegzulegen.“(Da die Gelegenheit zu günſtig war, um ſie zu verlieren, ſo legte Mrs. Plorniſh ihr großes Geſchick an den Tag, indem ſie mit verzeihlichem Stolze Mr. Baptiſt verdolmetſchte:„Er offen, Ihr Bein gut bald.“) „Er iſt außerdem ein luſtiges Kerlchen,“ ſagte Pancks, indem er ihn wie eine mechaniſche Spielpuppe bewunderte. „Wovon lebt er denn eigentlich?“ „Je nun, Sir,“ erwiderte Mrs.Plorniſh,„es ergibt ſich, daß er ſehr geſchickt iſt, ſolche Blumen auszuſchneiden, mit Fünfundzwanzigſtes Kapitel. denen Sie ihn jetzt beſchäftigt ſehen.“(Mr. Baptiſt, der ihre Geſichter beobachtet hatte, als ſie ſprachen, hielt ſeine Arbeit in die Höhe. Mrs. Plorniſh verdolmetſchte in ihrer italieniſchen Manier zu Gunſten Mr. Pancks:„Gefällt ihm. Sehr gut.“) „Kann er davon leben?“ fragte Mr. Pancks. „Er kann von ſehr wenig leben, Sir, und man darf er⸗ warten, daß er mit der Zeit im Stande ſein wird, ſich ſein Brot recht gut zu verdienen. Mr. Clennam verſchaffte ihm die Arbeit und gibt ihm allerlei zu thun in den Werkſtätten nebenan— oder richtiger, macht es für ihn, wenn er weiß, daß er's braucht.“ „Und was gibt er mit ſich ſelbſt an, jetzt, wo er noch nicht ſcharf drüber her iſt?“ fragte Mr. Pancks. „Je nun, bis jetzt nicht viel, Sir, vermuthlich weil er noch nicht im Stande iſt, viel zu gehen; aber er ſpaziert im Hofe herum, und ſchwatzt mit den Leuten, ohne ſie gerade zu verſtehen oder von ihnen verſtanden zu werden, und er ſpielt mit den Kindern und ſitzt in der Sonne— er ſetzt ſich überall hin, als ob's ein Armſtuhl wäre— und ſingt und lacht.“ „Lachen!“ wiederholte Mr. Pancks.„Der ſieht mir aus, als ob jeder Zahn in ſeinem Kopfe in einem fort lachte.“ „Aber immer, wenn er auf die oberſte Stufe am an⸗ dern Ende des Hofes kommt,“ ſagte Mrs. Plorniſh,„ſo Verſchwörer und andere Leute. 81 guckt er in der wunderlichſten Weiſe hinaus, ſo daß manche unter uns denken, er ſieht nach der Stelle, wo ſein Vater⸗ land iſt, und andere wieder denken, er ſieht ſich nach Jemand um, den er nicht zu erblicken wünſcht, und einige von uns wiſſen nicht, was ſie denken ſollen.“ Mr. Baptiſt ſchien im Allgemeinen zu verſtehen, was ſie ſagte, oder vielleicht bemerkte ſein raſcher Blick ihre leiſe Geberde des Sichumſchauens und zog Schlüſſe daraus. Sei dem wie ihm wolle, er ſchloß ſeine Augen und warf den Kopf zurück mit der Miene eines Mannes, der guten Grund zu dem hatte, was er that, und ſagte in ſeiner Muntoiſprauhe, es hätte nichts zu bedeuten. Altro. „Was heißt Altro?“ fragte Pancks. „Hm!'s iſt'ne Art Ausdruck für Alles, Sir,“ ſagte Mrs. Plorniſh. „In der That?“ ſagte Pancks.„Na denn Altro für Dich, alter Junge. Guten Abend. Altro!“ Mr. Baptiſt wiederholte das Wort in ſeiner lebhaften Weiſe mehrere Male, Mr. Pancks in ſeiner langſamen Weiſe gab es ihm einmal zurück. Von dieſer Zeit an wurde es eine häufig vorkommende Gewohnheit bei Pancks dem Zi⸗ geuner, wenn er Abends ermüdet nach Hauſe ging, am Hofe zum Blutenden Herzen vorbeizupaſſiren, ruhig die Treppe hinaufzugehen, in Mr. Baptiſt's Stube hineinzuſehen und, wenn er ihn in ſeiner Stube fand, zu ſagen:„Holla, alter Junge! Altro“ Worauf denn Mr. Baptiſt mit einem un⸗ 82 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. endlichen, fröhlichen Nicken und Lächeln zu antworten pflegte: „Altro, Signore, altro, altro, altro!“ Nach dieſer höchſt zuſammengedrängten Unterhaltung ging dann Mr. Pancks ſeiner Wege mit dem Anſchein, als ob er ſich erleichtert und erfriſcht habe. Sechanndzmanzigstes Rapitel. Riemands Gemüthszustand. Wäre Arthur Clennam nicht zu jenem weiſen Entſchluſſe gelangt, ſich mit Feſtigkeit gegen das Verlieben in Pet zu wehren, ſo würde er auch ferner in einem Zuſtande großer Verlegenheit, voll ſchwieriger Kämpfe mit ſeinem eigenen Her⸗ zen gelebt haben. Nicht der kleinſte derſelben würde ein fort⸗ während in demſelben wüthender Streit zwiſchen der Neigung, Mr. Henry Gowan unangenehm, wo nicht geradezu widerlich zu finden und einem Etwas geweſen ſein, welches ihm zuflü⸗ ſterte, dieſe Neigung ſei unwürdig. Eine großherzige Natur unterliegt nicht leicht ſtarken Abneigungen und geht langſam daran, dieſe ſelbſt da, wo ſie leidenſchaftslos auftreten, zuzulaſ⸗ ſen; aber wenn ſie findet, daß in ihr Uebelwollen die Ober⸗ hand gewinnt, und in Zwiſchenpauſen herausfinden kann, daß der Urſprung davon nicht leidenſchaftslos iſt, ſo wird eine ſolche Natur betrübt. Deshalb würde Mr. Henry Gowan Clennams Gemüth verdüſtert und demſelben weit häufiger vorgeſchwebt haben, als Klein Dorrit. IV. 7 86 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. angenehmere Perſonen und Gegenſtände, hätte er nicht die große Klugheit beſeſſen, vorbenannten Beſchluß zu faſſen. Wie die Sache ſtand, ſchien Mr. Gowan auf Daniel Doyce's Ge⸗ müth übertragen, wenigſtens machte ſich's ſo, daß es gewöhn⸗ lich eher Mr. Doyce's als Clennam's Sache war, von ihm in den freundſchaftlichen Unterhaltungen, die ſie miteinander hatten, zu reden. Letztere fanden jetzt häufig ſtatt, da die beiden Compagnons zuſammen einen Theil eines geräumi⸗ gen Hauſes in einer der erſten altmodiſchen Straßen der City innehatten, welche nicht weit von der Bank von England in der Nähe von London Wall lag. Mr. Doyce war in Twickenham geweſen, um den Tag dort zuzubringen. Clennam hatte ſich entſchuldigt. Mr. Doyce war eben nach Hauſe gekommen. Er ſteckte ſeinen Kopf durch die Thür von Clennams Wohnzimmer, um ihm gute Nacht zu ſagen. „Kommen Sie herein, kommen Sie herein!“ rief Clen⸗ nam. „Ich ſah, daß Sie laſen“, erwiderte Doyce, als er eintrat,„und dachte, Sie würden ſich nicht gern ſtören laſſen.“ Wäre jener wohlbekannte Entſchluß nicht geweſen, den er gefaßt, ſo würde Clennam wol nicht gewußt haben, was er geleſen, ſo würde er in der That ſchon ſeit einer Stunde nicht einmal die Augen in dem Buche gehabt haben, obſchon es offen vor ihm lag. Er klappte es ziemlich haſtig zu. „Befinden ſie ſich wohl?“ fragte er. Niemands Gemüthszuſtand. 87 „Jau, ſagte Doyce,„ſie ſind wohl. Sie befinden ſich alle wohl.“ Daniel hatte es, gleich andern Handwerkern, in der Ge⸗ wohnheit, ſein Schnupftuch in ſeinem Hute zu tragen. Er nahm es heraus und wiſchte ſich damit die Stirn ab, indem er langſam wiederholte:„Sie befinden ſich alle wohl. Miß Minnie ſah, wie mir's vorkam, ganz beſonders wohl aus.“ „War Geſellſchaft im Landhauſe?“ „Nein, keine Geſellſchaft.“ „Und wie verkamt Ihr mit einander, Ihr vier?“ fragte Clennam heiter. „Wir waren ihrer fünf,“ entgegnete ſein Compagnon. „Da war der, wie heißt er gleich? Der war da.“ „Wer iſt dieſer Der?“ ſagte Clennam. „Mr. Henry Gowan.“ „Ach ja freilich!“ rief Clennam mit ungewöhnlicher Leb⸗ haftigkeit.„Ja wol!— Ich hatte ihn ganz vergeſſen.“ „Wie ich erwähnte, Sie erinnern ſich ja wol,“ ſagte Daniel Doyce,„er iſt Sonntags immer da.“ „Ja wol, ja wol,“ erwiderte Clennam, ich beſinne mich jetzt.” Daniel Doyce wiederholte, indem er ſich noch immer die Stirn wiſchte, zerſtreut:„Ja wol. Er war da, er war da. Oh ja, er war da. Und ſein Hund. Der war auch da.“ „Miß Meagles iſt dem— dem Hunde ſehr gut,“ bemerkte Clennam. 7* 88 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Ganz recht,“ ſagte ſein Compagnon beiſtimmend.„Hält mehr von dem Hunde, als ich von dem Manne.“ „Sie meinen Mr.—?“ „Ich meine ganz entſchieden Mr. Gowan,“ ſagte Daniel Doyce. Es folgte eine Pauſe in der Unterhaltung, welche Clen⸗ nam benutzte, um ſeine Uhr aufzuziehen. „Vielleicht ſind Sie in Ihrem Urtheil etwas haſtig,“ ſagte er.„Unſre Urtheile— ich ſetze einen allgemeinen Fall—“ „Natürlich,“ ſagte Doyce. „Sind ſo leicht dem Einfluß von Rückſichten ausgeſetzt, welche ſchier ohne unſer Wiſſen unbillig ſind, daß es noth⸗ wendig iſt, ſich vor ihnen in Acht zu nehmen. Zum Beiſpiel, Mr.—“ „Gowan,“ ſagte ruhig Doyce, dem es faſt immer zufiel, den Namen auszuſprechen. „Iſt jung und hübſch, ungezwungen und raſch, hat Ta⸗ lent und hat ziemlich viel vom Leben geſehen. Es möchte ſchwer ſein, einen unſelbſtſüchtigen Grund anzugeben, wenn man gegen ihn eingenommen wäre.“ „Nicht ſchwer für mich, denk' ich,“ erwiderte ſein Com⸗ pagnon.„Ich ſehe, daß er jetzt Beängſtigung und künftig, wie ich fürchte, Kummer in das Haus meines alten Freundes bringt. Ich ſehe, daß die Falten in dem Geſichte meines al⸗ ten Freundes tiefer werden, je mehr er ſich dem Geſichte ſei⸗ ner Tochter nähert und je öfter er in dasſelbe blickt. Kurz, Niemands Gemüthszuſtand. 89 ich ſehe ihn ein Netz um das ſchöne, liebreiche Geſchöpf ziehen, welches er nie glücklich machen wird.“ „Wir wiſſen nicht,“ ſagte Clennam, faſt in dem Tone eines Mannes, der Schmerz empfindet,„ob er ſie nicht glück⸗ lich machen wird.“ „Wir wiſſen nicht,“ entgegnete ſein Compagnon,„ob die Erde noch weitere hundert Jahre dauern wird, aber wir hal⸗ ten es für höchſt wahrſcheinlich.“ „Schon gut, ſchon gut,“ ſagte Clennam,„wir müſſen hoffen, daß es ſich zum Guten wendet, und wir müſſen min⸗ deſtens, wo nicht großmüthig(wozu wir in dieſem Falle keine Veranlaſſung haben), ſo doch gerecht ſein. Wir wollen von dieſem Herrn nichts Uebles denken, weil er in ſeinen Be⸗ mühungen um den ſchönen Gegenſtand ſeines Strebens Er⸗ folg hat, und wir wollen ihr natürliches Recht nicht in Frage ziehen, ihre Liebe Jemand zu ſchenken, den ſie derſelben für würdig hält.“ „Mag ſein, mein Freund,“ ſagte Doyce.„Mag aber auch ſein, daß ſie zu jung und zu verzogen, zu vertrauensvoll und zu arm an Erfahrung iſt, um richtig zu urtheilen.“ „Das zum Beſſern zu lenken, würde weit über unſre Macht hinausgehen,“ ſagte Clennam. Daniel Doyce ſchüttelte ſeinen Kopf ernſt und entgeg⸗ nete:„Das fürchte ich auch.“ „Deshalb, mit Einem Worte,“ ſagte Clennam,„ſollten wir uns klar werden, daß es ſich für uns nicht ſchickt, von Mr. Gowan übel zu ſprechen. Es würde kleinlich ſein, Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ein Vorurtheil gegen ihn zu hegen. Und ich meines Theils bin entſchloſſen, ihn nicht herabzuſetzen.“ „Ich bin meiner nicht ſo gewiß,“ erwiderte Jener,„und ich behalte mir deshalb das Recht vor, Einwendungen gegen ihn zu machen. Aber wenn ich meiner nicht gewiß bin, ſo bin ich Ihrer gewiß, Clennam, und ich weiß, was für ein auf⸗ richtiger Mann und wie ſehr Sie zu achten ſind. Gute Nacht, mein Freund und Compagnon!“ Er ſchüttelte ihm, indem er dies ſagte, die Hand, als ob etwas Ernſthaftes im Hinter⸗ grunde ihrer Unterhaltung geſtanden hätte, und ſie trenn⸗ ten ſich. In dieſer Zeit hatten ſie die Familie verſchiedene Male beſucht und dann ſtets bemerkt, daß ſelbſt eine flüchtige An⸗ ſpielung auf Mr. Henry Gowan, wenn er nicht unter ihnen war, die Wolke zurückrief, welche Mr. Meagles' Sonnenſchein an dem Morgen verdunkelt hatte, wo jenes zufällige Zuſam⸗ mentreffen an der Fähre ſtattgefunden. Wenn Clennam der Leidenſchaft, die er ſich unterſagt, jemals den Zutritt in ſein Herz geſtattet hätte, ſo würde dieſe Periode eine Periode wirk⸗ licher Prüfung geweſen ſein; unter den obwaltenden Umſtän⸗ den war es unzweifelhaft nichts— gar nichts. Ebenſo, wenn ſein Herz dieſem verbotenen Gaſte Herberge gegeben hätte, würde die Art, wie er ſchweigſam ſich durch den Gemüthszuſtand dieſer Periode hindurchkämpfte, vielleicht ein wenig verdienſtlich geweſen ſein. In dem ſteten Beſtreben, ſich nicht in eine neue Phaſe der Sünde, die ihn ſeiner Er⸗ fahrung nach bedrängt, in die Verfolgung ſelbſtſüchtiger Ab⸗ Niemands Gemüthszuſtand. 91 ſichten durch niedere und kleinliche Mittel verlocken zu laſſen, ſondern an dem erhabenen Grundſatze der Ehre und Groß⸗ muth feſtzuhalten, könnte wol ein wenig Verdienſt gelegen haben. In dem Beſchluſſe, nicht einmal Mr. Meagles' Haus zu vermeiden, damit er nicht durch ſelbſtſüchtige Schonung ſeiner ſelbſt über die Tochter irgend welche kleine Bekümmer⸗ niß brächte, indem er ſie zur Urſache einer Entfremdung machte, welche, wie er glaubte, dem Vater unlieb ſein würde, könnte wol ein wenig Verdienſt gelegen haben. In der Be⸗ ſcheidenheit und Wahrheitsliebe, mit welcher er ſtets vor Augen behielt, daß Mr. Gowan eine größere Gleichheit der Jahre für ſich hatte und durch ſein Aeußeres wie durch ſein Benehmen eine größere Anziehungskraft üben mußte, könnte wol ein wenig Verdienſt gelegen haben. Indem er alles Dies und viel mehr in völlig ungezwungener Weiſe und mit männlicher und feſter Ausdauer that, während der Schmerz in ihm(ſo eigenthümlich wie ſein Leben und ſeine Geſchichte) ſehr ſcharf war, hätte man wol etwas von ruhiger Charakter⸗ ſtärke finden können. Aber nach dem Entſchluſſe, den er ge⸗ faßt, konnte er natürlich keine ſolchen Verdienſte haben, und ſolch ein Gemüthszuſtand exiſtirte in Niemand— in gar Niemand. Mr. Gowan kümmerte ſich ſeinerſeits nicht darum, ob er in Niemand oder in Jemand exiſtirte. Er bewahrte ſeine voll⸗ kommene Seelenheiterkeit bei allen Gelegenheiten, als ob die Möglichkeit, daß Clennam ſich anmaßen könne, die große Frage zur Beſprechung zu bringen, zu entfernt und zu lächer⸗ 9² Sechsundzwanzigſtes Kapitel. lich ſei, um gedacht werden zu können. Er war gegen Clen⸗ nam ſtets leutſelig und behandelte ihn ſtets mit einer Unge⸗ zwungenheit, welche an ſich(vorausgeſetzt den Fall, daß er nicht jenen klugen Weg eingeſchlagen gehabt) ein ſehr unbe⸗ hagliches Element in ſeinem Gemüthszuſtande geweſen ſein würde. „Ich bedauere ſehr, daß Sie geſtern nicht mit uns zuſam⸗ men geweſen ſind,“ ſagte Mr. Henry Gowan, indem er Clen⸗ nam am nächſten Morgen ſeinen Beſuch machte.„Wir hatten einen angenehmen Tag dort den Fluß hinauf.“ Das hätte er gehört, ſagte Arthur. „Von Ihrem Compagnon?“ erwiderte Henry Gowan. „Was für ein lieber alter Knabe er iſt!“ „Ich habe große Achtung vor ihm.“ „Wahrhaftig, er iſt ein allerliebſter Menſch!“ ſagte Go⸗ wan.„So friſch, ſo grün, glaubt an ſolche wunderſame Dinge.“ Hier war einer der vielen kleinen, rauhen Punkte, welche Clennams Ohr verletzen konnten. Er ſchob ihn bei Seite, indem er einfach wiederholte, daß er vor Mr. Doyce große Achtung hege. „Er iſt bezaubernd. Ihn ſo hinduſeln zu ſehen bis in ſeine Jahre, nichts hinlegen, nichts aufleſen zu ſehen auf ſei⸗ nem Wege, iſt entzückend. Macht Einen warm um's Herz. So unverdorben, ſo einfältig, ſo herzensgut! Meiner Seel', Mr. Clennam, im Vergleich mit ſolch einem unſchuldigen Geſchöpfe wird Einem ganz verzweifelt weltlich und gottlos zu — Niemands Gemüthszuſtand. 93 Muthe. Ich rede von mir, muß ich hinzufügen, ohne Sie ein⸗ zuſchließen. Auch Sie ſind eine echte Natur.“ „Danke Ihnen für das Compliment,“ ſagte Clennam, der ſich unbehaglich fühlte,„ich hoffe das auch von Ihnen.“ „Na,'s iſt damit ſo, ſo,“ erwiderte Jener.„Um aufrich⸗ tig gegen Sie zu ſein, ſo halbwegs. Ich bin kein großer Auf⸗ ſchneider. Kaufen Sie eins von meinen Bildern, und ich verſichere Sie im Vertrauen, es wird das Geld nicht werth ſein. Kaufen Sie eins von Jemand anders— irgend einem großen Profeſſor, der mich über die Achſel anſieht— und die Sache ſteht ſo, daß er Sie, jemehr Sie ihm geben, deſto mehr betrügt. Sie thun das alle. „Alle Maler?“ Maler, Schriftſteller, Patrioten, alle Uebrigen, welche eine Bude auf dem Markte haben. Sie mögen beinahe jedem, den ich kenne, zehn Pfund geben und er wird Sie in ent⸗ ſprechendem Maße betrügen; tauſend Pfund in entſprechen⸗ dem Maße, zehntauſend Pfund in entſprechendem Maße. So groß der Erfolg, ſo groß der Betrug. Aber was für eine prächtige Welt es iſt!“ rief Gowan mit warmer Begeiſterung. „Was für eine luſtige, vortreffliche, liebenswürdige Welt es iſt!“ „Ich hätte eher gemeint,“ ſagte Clennam,„daß der von Ihnen erwähnte Grundſatz hauptſächlich von den—“ „Von den Barnacles angewendet würde?“ unterbrach ihn Gowan lachend. „Von den Politikern, welche ſo gnädig ſind, das Um⸗ ſchreibungsamt zu verwalten.“ 94 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Ah! Seien Sie nicht hart gegen die Barnacles,“ ſagte Gowan, von Neuem lachend,„es ſind allerliebſte Kerlchen! Selbſt der arme kleine Clarence, der geborne Dummkopf der Familie, iſt der angenehmſte und liebenswürdigſte Schafs⸗ kopf! Und beim Jupiter! er beſitzt auch eine Art üugheir die Sie in Erſtaunen ſetzen würde.“ „O ja. Gewiß ſehr,“ ſagte Clennam trocken. „Und am Ende,“ rief Gowan mit jenem charakteriſtiſchen Abwägen, wodurch er Alles in der weiten Welt auf dasſelbe leichte Gewicht reducirte,„obwol ich nicht leugnen kann, daß das Umſchreibungsamt ſchließlich Alle und Alles ſcheitern machen wird, ſo wird das doch wahrſcheinlich nicht in unſrer ür vornehme Herren.“ „Es iſt, fürchte ich, eine ſehr gefährliche, ungenügende und koſtbare Schule für das Volk, welches die Unterhalts⸗ koſten der Zöglinge darin zu zahlen hat,“ ſagte Clennam, den Kopf ſchüttelnd. „Ah! Sie ſind ein I fürchterlicher Geſell,“ erwiderte Go⸗ wan leichthin.„Ich begreife, wie Sie jenen kleinen Eſel Cla⸗ rence, das ſchätzenswertheſte aller Mondkälber(ich bin ihm wirklich gut), vor Schreck faſt um ſeinen Verſtand gebracht haben. Aber genug von ihm und von allen Uebrigen. Ich wünſche Sie meiner Mutter vorzuſtellen, Mr. Clennam. Bitte, thun Sie mir den Gefallen, mir Gelegenheit dazu zu geben.“ In dem Gemüthszuſtande, in welchem Niemand ſich be⸗ fand, wäre nichts geweſen, was Clennam weniger gewünſcht Niemands Gemüthszuſtand. 95 oder in Bezug worauf er ſich mehr in Verlegenheit befunden hätte, auf welche Art es zu vermeiden wäre. „Meine Mutter wohnt in der urväterlichſten Weiſe unten in jenem trübſeligen Kerker von rothen Ziegeln zu Hampton Court,“ ſagte Gowan.„Wenn Sie ſich nach Belieben beſtim⸗ men und einen Tag feſtſetzen wollten, wo Sie mir erlauben, Sie dorthin zu Tiſche zu führen, ſo würden Sie ſich lang⸗ weilen und ſie würde entzückt ſein. So iſt wirklich der Stand der Sache.“ Was konnte Clennam nach Dieſem ſagen? Sein zurück⸗ haltender Charakter ſchloß Mancherlei ein, was man Einfalt im beſten Sinne des Wortes nennt, weil es auf Unerfahren⸗ heit und Unbekanntſchaft mit der Welt beruht, und in ſeiner Einfachheit und Beſcheidenheit konnte er nur ſagen, daß er glücklich ſei, ſich Mr. Gowan zur Verfügung ſtellen zu kön⸗ uen. In Folge deſſen ſagte er es, und der Tag wurde feſtge⸗ ſetzt. Es war ein gefürchteter Tag ſeinerſeits, und ein ſehr unwillkommener Tag, als er kam und ſie miteinander nach Hampton Court gingen. Die ehrwürdigen Inſaſſen dieſes ehrwürdigen Gebäudes ſchienen in jenen Zeiten dort ihren Lagerplatz zu haben wie eine Art civiliſirter Zigeuner. Ihre Niederlaſſungen hatten einen Anſtrich von Zeitweiligkeit, als ob ſie im Augenblick, wo ſie etwas Beſſeres bekommen könnten, wegziehen wollten. Auch ſie ſelbſt hatten einen unzufriedenen Anſtrich, als ob ſie es ſehr übel vermerkten, daß ſie nicht ſchon etwas Beſſeres hätten. Vornehm ausſehende Verhüllungen und Nothbehelfe 96 waren mehr oder minder bemerkbar, ſobald man die Thüren öffnete: Spaniſche Wände, nicht halb hoch genug, welche Speiſezimmer aus gewölbten Gängen machten und dunkle Winkel verbargen, wo des Nachts Bedienten zwiſchen Meſſern und Gabeln ſchliefen; Vorhänge, die Einen zu dem Glauben verleiten wollten, daß durch ſie nichts verſteckt würde; Glas⸗ ſcheiben, welche Einen baten, ſie nicht zu ſehen; mancherlei Gegenſtände von verſchiedener Geſtalt, welche ſich ſtellten, als ſtünden ſie in keiner Verbindung mit dem Geheimniſſe, das in ihnen ſich verbarg, einem Bette; verkleidete Löcher in den Wänden, welche augenſcheinlich Kohlenbehälter waren; Stel⸗ len, wo man es ſo eingerichtet hatte, als gäbe es keinen Durchgang, und welche doch deutlich Thüren zu kleinen Küchen waren. Geiſtige Vorbehalte und künſtliche Geheim⸗ niſſe erwuchſen aus dieſen Dingen. Beſucher, welche feſten Blickes in die Augen Derer ſahen, die ihren Beſuch empfingen, thaten, als röchen ſie es nicht, daß drei Fuß weit von ihnen gekocht wurde; Leute, welche zufällig offen gelaſſenen Seiten⸗ gemächern gegenüber ſaßen, thaten, als ob ſie die Flaſchen dort nicht ſähen; vorſprechende Bekannte, die mit ihren Köpfen gegen eine dünne Leinwand ſaßen, hinter der ſich auf der andern Seite ein Bedienter mit einem jungen Frauen⸗ zimmer zankte, ließen glauben, ſie ſäßen umgeben von einer Stille wie am erſten Tage der Welt. Es war kein Ende die⸗ ſer kleinen geſellſchaftlichen Rückſichtnahmen, welche dieſe Zi⸗ geuner der vornehmen Welt ſich gegenſeitig erwieſen und von einander annahmen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. — ,— —— —,. —2 Niemands Gemüthszuſtand. 97 Einige dieſer Zigeuner waren von reizbarem Tempera⸗ ment, da ſie fortwährend von zwei Gegenſtänden des Ver⸗ druſſes geärgert und gekränkt wurden. Der eine war das Be⸗ wußtſein, daß ſie vom Publicum nicht genug bekommen hät⸗ ten, der andere das Bewußtſein, daß das Publicum Zutritt zu dem Gebäude hatte. Unter letztgenanntem großen Unrecht litten Einige furchtbar— namentlich Sonntags, wo ſie eine Zeit lang ſich der Erwartung hingegeben, daß die Erde ſich öffnen und das Publicum verſchlingen würde, welches wün⸗ ſchenswerthe Ereigniß jedoch in Folge einer tadelnswerthen Nachläſſigkeit in den Einrichtungen des Univerſums noch nicht eingetreten war. Vor der Thür der Mrs. Gowan ſtand ein Diener, der ſchon mehrere Jahre bei ihr diente, und welcher mit dem Pu⸗ blicum ebenfalls ſein Hühnchen zu pflücken hatte, in Betreff nämlich einer Anſtellung auf dem Poſtamte, welche er ſeit einiger Zeit erwartet, zu der er indeß noch nicht berufen wor⸗ den. Er wußte ſehr wohl, daß das Publicum ihn nie hätte hineinbringen können, aber er hielt grimmig die Vorſtellung feſt, daß das Publicum ihn am Hineinkommen hindere. Un⸗ ter dem Einfluſſe dieſer Beleidigung(vielleicht auch, weil man im Punkte des Lohnes etwas knapp und unregelmäßig verfuhr) war er dahin gekommen, daß er ſein Aeußeres ver⸗ nachläſſigte und ein mürriſches Weſen annahm, und als er jetzt in Clennam einen von der herabgewürdigten Maſſe ſei⸗ ner Unterdrücker erblickte, empfing er ihn mit Verächtlichkeit. Mrs. Gowan dagegen empfing ihn mit Herablaſſung. 98 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Er fand in ihr eine vornehme alte Dame, die einſt eine Schönheit geweſen und noch jetzt hinreichend von der Natur begünſtigt war, um nicht abſehen zu können von dem Puder auf ihrer Naſe und einer gewiſſen, unmöglich von der Natur erzeugten blühenden Röthe unter jedem Auge. Sie that et⸗ was großartig gegen ihn und ebenſo that eine andere alter Dame mit dunkeln Augenbrauen und einer hochgebogenen Naſe, welche nicht hätte exiſtiren können, wofern nicht etwas Wirkliches an ihr geweſen wäre, wiewol es ſicher weder ihr Haar, noch ihre Zähne, noch ihre Geſtalt, noch ihre Geſichts⸗ farbe waren; ebenſo ein grauer alter Herr von würdevollem und verdrießlichem Weſen, welche Beide gekommen waren, um da zu ſpeiſen. Aber da ſie alle in britiſchen Geſandtſchaften in verſchiedenen Theilen der Erde geweſen waren, und da eine britiſche Geſandtſchaft ſich bei dem Umſchreibungsamt nicht beſſer einen Namen machen kann, als dadurch, daß ſie ihre Landsleute mit unbeſchränkter Verachtung behandelt(ſonſt würde ſie ja wie die Geſandtſchaften andrer Länder werden), ſo fühlte Clennam, daß ſie ihn im Ganzen leidlich behan⸗ delten. In Betreff des würdevollen alten Herrn ergab ſichs, daß er Lord Lancaſter Stiltſtalking war, welchen das Umſchrei⸗ bungsamt viele Jahre als Vertreter der britaniſchen Majeſtät im Auslande gehalten hatte. Dieſes hochadelige Kühlfaß hatte zu ſeiner Zeit verſchiedene europäiſche Höfe gekühlt, und es mit ſo vollſtändigem Erfolge gethan, daß ſchon der bloße Name eines Engländers den Fremden, welche die ausgezeich⸗ Niemands Gemüthszuſtand. 99 nete Ehre hatten, ſich ſeiner nach Verlauf eines Vierteljahr⸗ hunderts zu erinnern, wie Eis in den Magen fuhr. Er hatte ſich jetzt von Geſchäften zurückgezogen und ſo war er(in einer mächtigen weißen Cravatte, die wie eine ſteifgefrorene Schneewehe ausſah) ſo gütig, das Mittagseſſen mit ſeiner Gegenwart zu beſchatten. Es war ein Anflug des Alles durchdringenden zigeunerhaften Charakters in dem nomadenhaften Weſen des Tafelgeſchirrs und der ſeltſamen Racen von Tellern und Schüſſeln, aber das hochadelige Kühlfaß, unendlich viel beſſer als Silbergeſchirr und Por⸗ zellan, machte es vortrefflich. Er beſchattete das Eſſen, kühlte die Weine, machte die Bratenbrühe gerinnen und machte das Gemüſe friſch. Es war nur noch eine andere Perſon im Zimmer, ein mikroskopiſch kleiner Laufburſch, der dem ingrimmigen Be⸗ dienten zur Hand ging, welcher die Poſtbedientenſtelle nicht bekommen hatte. Selbſt an dieſem Jünglinge würde man, falls man ſeine Jacke hätte aufknöpfen und ſein Herz hätte blos legen können, geſehen haben, daß er als entferntes Zu⸗ behör zur Familie Barnacle bereits Abſichten auf eine Stelle unter der Regierung habe. Mrs. Gowan lenkte mit einer ſanften Schwermuth, die davon herrührte, daß ihr Sohn ſo herabgekommen war, als ein Mann, der ſich den niedern Künſten gewidmet, um die Gunſt des gemeinen Publicums buhlen zu müſſen, ſtatt ſein Geburtsrecht geltend machen und als ein anerkannter Barnacle ihm einen Ring durch die Naſe ziehen zu können, 100 das Geſpräch bei Tiſche auf die ſchlechten Zeiten, und jetzt erfuhr Clennam zum erſten Male, auf was für kleinen An⸗ geln dieſe große Welt ſich dreht. „Wenn John Barnacle,“ ſagte Mrs. Gowan, nachdem die Verderbniß der Zeit vollſtändig feſtgeſtellt worden,„wenn John Barnacle nur ſeine höchſt unglückliche Idee aufgegeben hätte, ſich mit dem Pöbel zu vertragen, ſo würde Alles gut geweſen und wie ich glaube, das Vaterland gerettet wor⸗ den ſein.“ Die alte Dame mit der hohen Naſe ſtimmte ein, fügte aber hinzu, wenn Auguſtus Stiltſtalking ohne Weiteres die Kavallerie herzubefehligt und ihr geheißen habe, einzuhauen, ſo würde das Vaterland gerettet worden ſein. Das hochadelige Kühlfaß erklärte ſich damit einverſtan⸗ den, ſetzte indeß hinzu, daß er glaube, wenn William Bar⸗ nacle und Tudor Stiltſtalking, wie ſie zu einander gekom⸗ men und jene ewigdenkwürdige Coalition eingegangen ſeien, friſch weg den Zeitungen einen Maulkorb angelegt und es zu einem Verbrechen für jeden Redacteur gemacht hätten, wenn er ſich herausnähme, die Aufführung irgend einer von der Re⸗ gierung eingeſetzten Behörde daheim oder im Auslande einer Beſprechung zu unterwerfen, ſo würde das Vaterland gerettet worden ſein. Man kam darin überein, daß das Vaterland(ein an⸗ deres Wort für die Barnacles und Stiltſtalkings) der Ret⸗ tung bedürfe, aber wie es kam, daß es der Rettung bedürfe, war nicht ſo klar. Es war lediglich klar, daß die Frage ſich Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Niemands Gemüthszuſtand. 101 ganz allein um John Barnacle, Auguſtus Stiltſtalking, Wil⸗ liam Barnacle und Tudor Stiltſtalking, Tom, Dick oder Harry Barnacle oder Stiltſtalking handelte, weil ſonſt Nie⸗ mand anders als Pöbel vorhanden war. Und dies war ein Zug in der Unterhaltung, welcher auf Clennam, als einen daran nicht Gewöhnten, einen ſehr unangenehmen Eindruck machte und Zweifel in ihm hervorrief, ob es ganz recht ſei, hier zu ſitzen und zuzuhören, wie eine große Nation in ſo enge Gränzen zuſammengedrängt wurde. Indem er ſich je⸗ doch beſann, daß es ſich bei den Parlamentsdebatten, moch⸗ ten ſie nun über das leibliche oder geiſtige Leben dieſer Nation ſtattfinden, in der Regel nur um John Barnacle, Auguſtus Stiltſtalking, William Barnacle und Tudor Stilt⸗ ſtalking, Tom, Dick oder Harry Barnacle oder Stiltſtalking handelte und um Niemand anders, ſo ſagte er nichts in Be⸗ treff des Pöbels, da er ſich überlegte, daß der Pöbel daran gewöhnt ſei. Mr. Henry Gowan ſchien ein boshaftes Vergnügen darin zu finden, daß er die drei Perſonen, die ſich unterhielten, gegen einander hetzte und dann Clennam erſchrecken ſah über das, was ſie ſagten. Da er die Klaſſe, die ihn von ſich ge⸗ ſtoßen, ebenſo tief verachtete, als die Klaſſe, die ihn nicht bei ſich aufgenommen, ſo empfand er über nichts von dem, was vorging, eine perſönliche Beunruhigung. Bei ſeinem geſun⸗ den Gemüthszuſtand ſchien er ſogar über Clennams unbe⸗ queme Lage und ſeine Vereinſamtheit in der guten Geſellſchaft Klein Dorrit. IV. 8 8₰ 102 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Befriedigung zu empfinden, und wenn Clennam ſich in jener Lage befunden hätte, mit welcher jener Niemand unaufhör⸗ lich kämpfte, ſo würde er das vermuthet und mit dem Ver⸗ dachte als mit einer Gemeinheit gerungen haben und zwar ſelbſt jetzt, wo er an dem Tiſche ſaß. Im Verlauf von ein paar Stunden gerieth das hoch⸗ adelige Kühlfaß, welches zu keiner Zeit weniger weit als ein Jahrhundert hinter der Gegenwart zurück war, gegen fünf Jahrhunderte zurück und ließ feierliche politiſche Orakel ver⸗ nehmen, wie ſie für dieſe Periode paßten. Es endigte da⸗ mit, daß es für ſeinen eigenen Bedarf eine Taſſe Thee ge⸗ frieren ließ und ſich dann in ſeiner niedrigſten Temperatur zurückzog. Dann lud Mrs. Gowan, welche in den Tagen ihrer Herrlichkeit gewohnt geweſen war, neben ſich einen leeren Armſtuhl ſtehen zu haben, auf welchen ſie die ihr ergebenen Sklaven einen nach dem andern zu kurzen Audienzen als Merk⸗ malen ihrer beſonderen Gunſt rief, Clennam durch eine Wen⸗ dung ihres Fächers ein, ſich ihr zu nähern. Er gehorchte und ſetzte ſich auf den Dreifuß, den Lord Lancaſter Stiltſtal⸗ king ſoeben geräumt hatte. „Mr. Clennam,“ ſagte Mrs. Gowan,„abgeſehen von dem Vergnügen, welches ich empfinde, Ihre Bekanntſchaft zu machen, wenn auch an dieſem widerwärtig unbequemen Orte — eine bloße Kaſerne— gibt es einen Gegenſtand, über den ich mit Ihnen dringend zu ſprechen wünſche. Es iſt der Gegenſtand, in Verbindung mit welchem mein Sohn, wie Niemands Gemüthszuſtand. 103 ich glaube, zuerſt das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntſchaft zu cultiviren.“ Clennam neigte ſeinen Kopf als eine im Allgemeinen paſſende Antwort auf eine Rede, die er bis jetzt noch nicht ganz begriff. „Erſtens,“ ſagte Mrs. Gowan.„Iſt ſie denn wirklich hübſch?“ 3 Hätte er ſich in der ſchwierigen Lage befunden, in der ſich Niemand befand, ſo würde es ihm ſehr ſchwer geworden ſein, zu antworten, ſehr ſchwer in der That, zu lächeln und zu ſagen:„Wer?“ „Oh! Sie wiſſen ja,“ erwiderte ſie.„Dieſe Flamme Henry's. Dieſe unglückſelige Einbildung. Da! Wenn es ein Ehrenpunkt iſt, daß ich zuerſt den Namen ausſpreche— Miß Mickles— Miggles.“ „Miß Meagles,“ ſagte Clennam,„iſt ſehr ſchön.“ „Männer irren ſich ſo oft in dieſen Punkten,“ entgegnete Mrs. Gowan kopfſchüttelnd,„daß ich Ihnen aufrichtig ge⸗ ſtehen muß, wie ich mir ſelbſt jetzt noch nichts weniger als gewiß darüber bin; obſchon es immer etwas ſagen will, wenn Henry's Ausſage mit ſo viel Ernſt und Betonung be⸗ ſtärkt wird. Er hat die Leute, glaube ich, zu Rom auf⸗ geleſen?“ Die Phraſe würde jenen Niemand tödtlich beleidigt ha⸗ ben. Clennam erwiderte:„Entſchuldigen Sie, ich bin in Zweifel, ob ich Ihren Ausdruck richtig verſtanden habe.“ „Die Leute aufgeleſen,“ ſagte Mrs. Gowan, indem ſie 8* 104 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. mit den Stäben ihres geſchloſſenen Fächers(ein großer grü⸗ ner, deſſen ſie ſich als eines Handſchirms bediente) auf ihren kleinen Tiſch klopfte.„Stieß auf ſie. Entdeckte ſie. Stol⸗ perte gegen ſie.“ „Die Leute?“ „Ja, die Leute, die Miggles.“ „Ich kann wirklich nicht ſagen,“ ſagte Clennam,„wo mein Freund Mr. Meagles zuerſt Mr. Henry Gowan ſeiner Tochter vorgeſtellt hat.“ „Ich bin ziemlich ſicher, daß er ſie zu Rom aufgeleſen hat, aber einerlei, wo— irgendwo meinethalben. Nun— das iſt ganz unter uns geſagt— iſt ſie ſehr plebej?“ „In der That, Madam,“ erwiderte Clennam, nich bin ſelbſt ſo unzweifelhaft plebej, daß ich mich nicht in der Lage ſehe, ein Urtheil zu fällen.“ „Sehr nett!“ ſagte Mrs. Gowan, indem ſie kaltblütig ihren Fächer entfaltete.„Sehr glücklich! Ich nehme daraus ab, daß Sie insgeheim denken, daß ihr Benehmen ihrem Aeußern gleichkommt.“ Clennam verbeugte ſich, nachdem er einen Augenblick ſteif dageſeſſen. „Das iſt tröſtlich, und ich hoffe, daß Sie Recht haben. Erzählte mir wol Henry, daß Sie mit ihnen gereiſt ſeien?“ „Ich reiſte mit meinem Freunde Meagles und ſeiner Frau und Tochter einige Monate hindurch“.(Das Herz jenes Nie⸗ mand würde ſich bei der Erinnerung daran wahrſcheinlich ſchmerzlich geregt haben.) Niemands Gemüthszuſtand. 105 „Wirklich troſtreich, weil Sie ſie dann ſehr genau kennen gelernt haben müſſen. Sie ſehen, Mr. Clennam, dieſe Ge⸗ ſchichte ſpinnt ſich nun ſchon lange Zeit fort und ich finde nicht, daß es ſich damit beſſert. Deshalb iſt die Gelegenheit, mit Jemand zu ſprechen, der ſo gut davon unterrichtet iſt wie Sie, für mich ein unermeßlicher Troſt. Eine wahre Gottes⸗ gabe. Ein wirklicher Segen, wahrhaftig!“ „Verzeihen Sie mir“, erwiderte Clennam,„aber Mr. Henry Gowan hat mich nicht in ſein Vertrauen gezogen. Ich bin weit entfernt davon, ſo gut unterrichtet zu ſein, als Sie von mir annehmen. Ihr Mißverſtändniß macht meine Lage zu einer ſehr delicaten. Nie iſt zwiſchen Mr. Henry Gowan und mir ein Wort über dieſen Punkt gewechſelt worden“. Mrs. Gowan warf einen Blick nach dem andern Ende des Zimmers, wo ihr Sohn auf einem Sopha mit der alten Dame, die für den Kavallerieangriff war, Ecarté ſpielte. „Nicht in ſein Vertrauen gezogen? Nein“, ſagte Mrs. Gowan.„Kein Wort iſt gewechſelt worden zwiſchen Ihnen? Nein. Das kann ich mir vorſtellen. Aber es gibt Fälle unausgeſprochenen Vertrauens, Mr. Clennam, und da Sie beide auf intimem Fuße mit den Leuten verkehrt haben, ſo kann ich nicht zweifeln, daß in dem gegenwärtigen Falle ein Vertrauen dieſer Art exiſtirt. Vielleicht haben Sie gehölt, wie ich die tiefſte Bekümmerniß empfunden habe, daß Henry ſich einem Berufe gewidmet hat, welcher— nun!“ hier zuckte ſie mit den Achſeln.„Ein ſehr achtbarer Beruf, glaube ich, und manche Künſtler ſind als Künſtler ſehr hochſtehende Per⸗ 106 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ſonen; indeß wir in unſrer Familie haben es nie weiter als bis zu Dilettanten gebracht, und es iſt eine verzeihliche Schwäche, wenn es Einem ein wenig zu Muthe iſt, als—“ Als Mrs. Gowan abbrach, um einen Seufzer zu thun, konnte Clennam, obwol er ſich entſchloſſen, großmüthig zu ſein, den Gedanken nicht unterdrücken, daß ſelbſt unter ſo bewandten Umſtänden die Familie außerordentlich wenig Ge⸗ fahr lief, es weiter als bis zum Dilettanten zu bringen. „Henry“, fuhr die Mutter fort.„iſt eigenwillig und ent⸗ ſchloſſen, und da dieſe Leute natürlich alles Mögliche dran ſetzen, ihn zu fangen, ſo kann ich ſehr wenig Hoffnung he⸗ gen, Mr. Clennam, daß die Sache abgebrochen werden wird. Ich fürchte, das Vermögen des Mädchens wird ſehr gering ſein. Henry hätte viel beſſer thun können. Es iſt kaum ir⸗ gend Etwas, wodurch man ſich mit der Verbindung verſöhnt fühlen könnte. Indeß, er handelt für ſich, und wenn ich nicht in kurzer Zeit eine Beſſerung finde, ſehe ich keinen andern Ausweg, als den, zu reſigniren und mich ſo gut es geht mit dieſen Leuten zufrieden zu geben. Ich bin Ihnen unendlich verbunden für das, was Sie mir erzählt haben.“ Während ſie die Achſeln zuckte, machte Clennam ihr wie⸗ der eine ſteife Verbeugung. Mit der Röthe der Verlegenheit auf ſeinem Geſichte und Zögern in ſeiner Haltung ſagte er ſodann in noch gedämpfterem Tone als bisher: „Mrs. Gowan, ich weiß kaum, wie ich mich deſſen entle⸗ digen ſoll, was ich für Pflicht halte, und doch muß ich um Ihre freundliche Rückſichtnahme bitten, indem ich den Verſuch Niemands Gemüthszuſtand. 107 mache, es vom Herzen los zu werden. Ein Mißverſtändniß auf Ihrer Seite, ein ſehr großes Mißverſtändniß, wenn ich mir erlauben darf, es ſo zu bezeichnen, ſcheint eine Berich⸗ tigung zu erfordern. Sie ſtellten die Vermuthung auf, daß Mr. Meagles und ſeine Familie alles Mögliche daran ſetz⸗ ten,— ich glaube, Sie ſagten“— „Alles Mögliche daran ſetzten“, wiederholte Mrs. Go⸗ wan, indem ſie ihn, ihren grünen Fächer zwiſchen ihn und das Feuer haltend, mit ruhiger Hartnäckigkeit anblickte. „Mr. Henry Gowans ſich zu verſichern?“ Die Dame drückte gelaſſen ihre Beiſtimmung aus. „Nun iſt das aber“, ſagte Arthur,„ſo wenig der Fall, daß ich ſogar weiß, daß Mr. Meagles ſich über die Sache unglücklich fühlt und alle denkbaren Hinderniſſe dazwiſchen geſchoben hat in der Hoffnung, ihr ein Ende zu machen.“ Mrs. Gowan klappte ihren großen grünen Fächer zuſam⸗ men, klopfte ſich damit auf den Arm und klopfte damit ihre lächelnden Lippen.„Ei ja freilich“, ſagte ſie.„Juſt was ich meine.“ Arthur beobachtete ihr Geſicht, um eine Erklärung heraus⸗ zuleſen, was ſie denn eigentlich meine. „Sind Sie wirklich im Ernſte, Mr. Clennam? Sehen Sie denn nicht?“ Arthur ſah in der That nicht und ſagte das. „Ei der Tauſend, kenne ich denn meinen Sohn nicht und weiß ich denn nicht, daß dies gerade der Weg iſt, ihn feſtzuhal⸗ ten?“ ſagte Mrs. Gowan verächtlich, und wiſſen denn dieſe Leute, dieſe Miggles das nicht wenigſtens eben ſo gut als ich? 108 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. O ſchlaues Volk, Mr. Clennam, augenſcheinlich Geſchäfts⸗ leute! Ich glaube, Miggles gehörte einer Bank an. Es hätte eine ſehr einträgliche Bank ſein ſollen, wenn er viel mit ihrer Leitung zu thun gehabt hätte. Das iſt in der That ſehr gut eingefädelt“. „Ich bitte und beſchwöre Sie, Madame“— warf Arthur ein. „Oh, Mr. Clennam, können Sie wirklich ſo leichtgläu⸗ big ſein?“ Sie in dieſem vornehmen Tone ſprechen zu hören und zu ſehen, wie ſie auf ihre verachtungsvoll verzogenen Lippen mit dem Fächer klopfte, machte auf ihn einen ſo peinlichen Ein⸗ druck, daß er ſehr ernſthaft ſagte:„Glauben Sie mir, Ma⸗ dame, dies iſt ein ungerechter, ein vollkommen ungerechter Verdacht.“ „Verdacht?“ wiederholte Mrs. Gowan.„Nicht Verdacht, Mr. Clennam, Gewißheit. Es iſt in der That ſehr ſchlau eingefädelt und ſcheint Sie vollſtändig für ſie eingenommen zu haben“. Sie lachte und klopfte ſich wieder mit dem Fä⸗ cher auf die Lippen und warf den Kopf in die Höhe, als wollte ſie hinzufügen:„Ach, lehren Sie mich das nicht ken⸗ nen! Ich weiß, ſolche Leute werden alles Mögliche um die Ehre einer ſolchen Verbindung thun.“ In dieſem glücklichen Augenblick wurden die Karten hin⸗ geworfen, und Mr. Henry Gowan kam über die Stube auf ſie zu und ſagte:„Mutter, wenn Du Mr. Clennam jetzt ent⸗ behren kannſt, wir haben noch einen weiten Weg vor uns und es wird ſpät“. Mr. Clennam erhob ſich hierauf, da er Niemands Gemüthszuſtand. 109 nicht die Wahl hatte, es anders einzurichten, und Mrs. Go⸗ wan zeigte ihm bis zuletzt denſelben Blick und dieſelben ver⸗ ächtlich verzogenen Lippen. „Sie haben eine ungeheuer lange Audienz bei meiner Mutter gehabt“, ſagte Gowan, als die Thür ſich hinter ihnen ſchloß.„Ich hege die lebhafte Hoffnung, daß Sie von ihr nicht gelangweilt ſind.“ „Nicht im Mindeſten“, ſagte Clennam. Sie hatten einen kleinen offenen Phaeton für die Reiſe und befanden ſich bald darin auf dem Nachhauſewege. Go⸗ wan, welcher den Kutſcher machte, zündete ſich eine Cigarre an, Clennam ſchlug die ihm gebotene aus. Mochte er thun, was er wollte, er verſank in ſolch ein zerſtreutes Weſen, daß Gowan nochmals ſagte:„Ich fürchte ſehr, meine Mutter hat Sie gelangweilt,“ worauf Jener ſich zu der Antwort:„Nicht im Mindeſten“ ermannte und bald wieder in ſein Brüten verſank. In dieſem Gemüthszuſtande, der Niemand unbehaglich war, würde Clennam's Nachſinnen ſich vorzüglich auf den Mann an ſeiner Seite gerichtet haben. Er würde an den Morgen ge⸗ dacht haben, wo er ihn zuerſt die Steine mit dem Stiefelab⸗ ſatze hatte heraushacken ſehen und er würde ſich gefragt ha⸗ ben:„Schleudert er etwa auch mich in derſelben rückſichtsloſen, grauſamen Weiſe aus ſeinem Pfade?“ Er würde gedacht haben, ob er dieſe Vorſtellung bei ſeiner Mutter herbeigeführt hätte, weil er gewußt, was ſie ſagen würde, und daß er auf dieſe Weiſe ſeine Stellung einem Nebenbuhler vorlegen und ihn auf ſtolze Weiſe vor weiterer Verfolgung ſeiner Pläne 110 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. warnen könne, ohne ihm ſelbſt ein Wort des Vertrauens zu⸗ kommen zu laſſen. Er würde gedacht haben, ob er ihn, wenn auch kein ſolcher Plan vorläge, nicht wenigſtens dort⸗ hin gebracht hätte, um mit ſeinen unterdrückten Empfindun⸗ gen zu ſpielen und ihn zu quälen. Der Strom ſolcher Ge⸗ danken würde bisweilen von einer heftigen Gegenſtrömung der Scham aufgehalten worden ſein, die ihm aus ſeiner eige⸗ nen offenen Natur einen Vorwurf zugetragen haben würde, welcher geſagt hätte, daß ſolchen Verdacht auch nur für den vorübereilenden Moment zu hegen, nicht auf der hohen neidlo⸗ ſen Bahn beharren heiße, die er einzuhalten ſich entſchloſſen. In dieſen Augenblicken würde das Kämpfen in ihm am här⸗ teſten geweſen ſein, und wenn er aufgeblickt hätte und Go⸗ wans Augen begegnet wäre, würde er zuſammengefahren ſein, als ob er ihm ein Unrecht zugefügt hätte. Dann würde er, auf die dunkle Straße und die unge⸗ wiſſen Gegenſtände auf ihr blickend, allmälig ſich wieder in Gedanken verloren haben wie zum Beiſpiel:„Möchte wiſſen, wo wir hinfahren, er und ich, auf der dunklen Straße des Lebens? Wie wird es mit uns und mit ihr ſtehen in der ver⸗ borgenen Ferne?“ Indem er an ſie gedacht hätte, würde von Neuem ahnend der Vorwurf in ihm aufgeſtiegen ſein, daß es nicht einmal mit der Treue gegen ſie zu vereinigen wäre, Ab⸗ neigung gegen ihn zu empfinden, und daß er, indem erſo leicht ein Vorurtheil gegen ihn faßte, ſie noch weniger als vorher verdiene. 111 Funfundzwanzig. „Sie ſind augenſcheinlich ſehr übler Laune,“ ſagte Gowan, ſich fürchte, meine Mutter hat Sie fürchterlich ge⸗ langweilt.“ „Glauben Sie mir, nicht im Mindeſten,“ ſagte Clennam. „Es iſt nichts— gar nichts.“ Hiebenundzmanzigstes Rapitel. Fünfundzwanzig. Ein häufig wiederkehrender Zweifel, ob Mr. Pancks' Wunſch, Nachrichten über die Familie Dorrit zu ſammeln, irgend welche Beſtätigung der ſchlimmen Ahnungen bringen könne, welche er ſeiner Mutter nach ſeiner Rückkehr von ſei⸗ ner langen Verbannung mitgetheilt, machte Arthur Clennam in dieſer Zeit viele Sorge. Was Mr. Pancks bereits von der Familie Dorrit wußte, was er ſonſt eigentlich zu entdecken wünſchte, und weshalb er ſeinen ſtets mit Geſchäften aller Art erfüllten Kopf überhaupt ihrethalben anſtrengte, waren⸗ Fragen, die ihn oft betroffen machten. Mr. Pancks war nicht der Mann dazu, ſeine Zeit und Mühe an Nachforſchun⸗ gen zu verſchwenden, die eitle Neugier veranlaßt. Daß er einen ganz beſtimmten Zweck dabei verfolgte, bezweifelte Clennam durchaus nicht. Und ob die Erreichung dieſes Zwecks durch Mr. Pancks' Eifer nicht vielleicht auf irgend eine unangenehme Weiſe geheime Gründe an's Licht fördern 112 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. würde, die ſeine Mutter bewogen, Klein Dorrits ſich anzu⸗ nehmen, war ein Gegenſtand ernſtlicher Ueberlegung. Nicht daß er jemals in ſeinem Wunſche oder in ſeinem Entſchluſſe gewankt hätte, ein Unrecht, das in ſeines Vaters Zeit begangen worden, wieder gut zu machen, falls ein Un⸗ recht an’s Licht kommen und ausgleichbar ſein ſollte. Der Schatten der Vermuthung, daß eine unrechte Handlung ſtatt⸗ gefunden, welcher über ihm geſchwebt hatte ſeit ſeines Va⸗ ters Tod, war ſo unbeſtimmt und formlos, daß er das Er⸗ gebniß einer Wirklichkeit ſein konnte, die ſehr weit entfernt von der Idee war, welche er ſich davon gebildet. Wenn aber ſeine Befürchtungen ſich begründet erweiſen ſollten, ſo war er bereit, in jedem Augenblicke Alles, was er hatte, hinzu⸗ geben und von vorn zu beginnen. Da die wilde, finſtre Lehre, die er in ſeiner Kindheit empfangen, nie in ſein Herz gedrungen war, ſo war der erſte Artikel ſeines moraliſchen Geſetzbuchs, daß er in praktiſcher Demuth beginnen müſſe, gehörig vor ſeine Füße auf Erden hinzublicken und daß er nie auf Schwingen von Worten zum Himmel auffliegen könne. Pflichterfüllung auf Erden, Vergeltung auf Erden, Handlung auf Erden, dieſe zuerſt als die erſten ſteilen Stu⸗ fen nach oben. Eng war die Pforte und ſchmal war der Weg, viel enger und ſchmaler als die breite Heerſtraße ge⸗ pflaſtert mit eiteln Bekenntniſſen und eiteln Wiederholungen, Splittern aus anderer Leute Augen und ſtets bereiter Ueber⸗ lieferung Anderer an das Gericht— alles wohlfeile Mate⸗ rialien, die abſolut nichts koſteten. Fünfundzwanzig. 113 Nein. Es war kein ſelbſtiſches Fürchten und Zögern, was ihn beängſtigte, ſondern das Mißtrauen, daß Pancks ſeine Rolle des Einverſtändniſſes zwiſchen ihnen nicht inne⸗ halten und wenn er eine Entdeckung machte, ſeinen Weg auf Grund derſelben verfolgen könnte, ohne ſie ihm mitzutheilen. Andrerſeits freilich, wenn er ſich ſeine Unterhaltung mit Pancks zurückrief und die geringe Urſache bedachte, die er zu der Vermuthung hatte, daß es irgend wahrſcheinlich ſei, daß dieſe ſeltſame Perſönlichkeit uͤberhaupt dieſer Spur folge, gab es Zeiten, wo er ſich wunderte, daß er ſo viel Aufhebens da⸗ von machte. Indem er in dieſer See ſich abmühte, wie alle Schiffe, die in rauher See arbeiten, warf er ſich herum und kam zu keinem Hafen. Daß Klein Dorrit von ihrem gewohnten Zuſammenleben abgehalten war, machte die Sache nicht beſſer. Sie war ſo viel aus und ſo viel in ihrer eigenen Stube, daß er ſie zu vermiſſen und eine Lücke an ihrer Stelle zu finden begann. Er hatte an ſie geſchrieben und ſich erkundigt, ob ſie ſich beſſer befinde, und ſie hatte ihm ſehr dankbar und gerührt zurück geſchrieben und ihm geſagt, er möge ſich um ſie keiner Beſorgniß hingeben; denn ſie befände ſich ganz wohl, aber er hatte ſie im Vergleich mit ihrem ſonſtigen Verkehr lange Zeit nicht geſehen. Er kehrte eines Abends von einer Zuſammenkunft mit ihrem Vater zurück, welcher ihm geſagt, ſie ſei auf Beſuch ausgegangen,— was er ſtets ſagte, wenn ſie hart arbeitete, um ihm ſein Abendeſſen kaufen zu können— und fand Mr. 114 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Meagles in aufgeregtem Zuſtande auf und ab gehend. Als er die Thür öffnete, blieb Mr. Meagles ſtehen, drehte ihm das Geſicht zu und ſagte: „Clennam!— Tattycoram!“ „Was gibt's mit ihr?“ „Verloren!“ „Ei der Tauſend!“ rief Clennam betroffen.„Was mei⸗ nen Sie?“ „Wollte nicht bis fünfundzwanzig zählen, Sir; war nicht dazu zu bringen; hielt bei der Acht inne und lief davon.“ „Verließ ihr Haus?“ „Um nie wieder zurückzukommen,“ ſagte Mr. Meagles kopfſchüttelnd.„Sie kennen den leidenſchaftlichen und ſtolzen Charakter dieſes Mädchens nicht. Ein Geſpann Pferde könnte ſie jetzt nicht zurückziehen, die Riegel und Querbalken der al⸗ ten Baſtille könnten ſie nicht halten.“ „Wie kam das nur? Bitte, ſetzen Sie ſich und erzählen Sie.“ „Was das betrifft, wie es kam, ſo iſt das nicht ſo leicht zu erzählen; weil Sie das unglückliche Temperament des ar⸗ men ungeſtümen Mädchens haben müßten, um es vollkom⸗ men begreifen zu können. Aber es ging ungefähr ſo zu. Pet und Mutter und ich haben in der letzten Zeit Mancherlei mit einander zu beſprechen gehabt. Ich will Ihnen nicht verheh⸗ len, Clennam, daß dieſe Beſprechungen nicht ſo heiterer Art geweſen ſind, als ich gewünſcht hätte; ſie bezogen ſich dar⸗ auf, daß wir wieder wegreiſen wollen. Indem ich dies Fünfundzwanzig. 115 vorſchlug, hatte ich allerdings einen beſtimmten Zweck im Auge.“ Niemands Herz ſchlug raſch. „Einen Zweck,“ ſagte Mr. Meagles nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe,„den ich Ihnen ebenfalls nicht verhehlen will, Clennam. Es iſt eine Neigung auf Seiten meines lie⸗ ben Kindes vorhanden, die mich bekümmert. Sie errathen vielleicht die Perſon. Henry Gowan.“ „Ich war nicht unvorbereitet, dies zu hören.“ „Wohlan!“ ſagte Mr. Meagles mit einem tiefen Seuf⸗ zer.„Wollte Gott, Sie hätten es nie zu hören gehabt. In⸗ deß es iſt nun einmal ſo. Mutter und ich wir haben Alles gethan, die Sache zu beſſern, Clennam. Wir haben es mit zärtlichem Rath, wir haben es mit Zeit, haben es mit Abwe⸗ ſenheit verſucht. Bis jetzt ohne Nutzen. Unſte letzten Be⸗ ſprechungen bezogen ſich darauf, daß wir wenigſtens noch ein Jahr wegreiſen wollten, damit für dieſe Zeit eine vollkom⸗ mene Trennung und Scheidung einträte. Bei dieſer Frage iſt Pet unglücklich geweſen und folglich ſind Mutter und ich ebenfalls unglücklich geweſen.“ Clennam ſagte, daß er das ſehr glaublich finde. „Gut!“ fuhr Mr. Meagles im Tone der Entſchuldigung fort,„ich gebe als praktiſcher Mann zu, und ich bin ſicher, auch Mutter, als eine praktiſche Frau, wird es zugeben, daß wir in Familien allerdings unſre Sorgen vergrößern und Berge aus unſern Maulwurfshügeln machen, und das in einer Weiſe, die für Leute, welche dem zuſehen— wiſſen 116 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Sie, Clennam, bloße Draußenſtehende, ziemlich unbehag⸗ lich ſein muß. Dennoch iſt Pets Glück oder Unglück eine Lebensfrage für uns, und wir werden hoffentlich zu entſchul⸗ digen ſein, wenn wir uns viel damit beſchäftigen. Auf alle Fälle hätte Tattycoram es ertragen können. Na, denken Sie nicht auch ſo?“ „Ich denke allerdings wirklich und wahrhaftig ſo,“ er⸗ widerte Clennam, indem er in feierlichſter Weiſe dieſer ſehr gemäßigt ausgeſprochenen Erwartung entſprach. „Nein, Sir,“ ſagte Mr. Meagles, indem er traurig den Kopf ſchüttelte.„Sie konnte es nicht ertragen. Das Nagen und Glühen im Herzen dieſes Mädchens, die Art, wie es dieſes Mädchen quälte und herumriß, iſt ſo ſchreckbar gewe⸗ ſen, daß ich immer und immer wieder im Vorübergehen leiſe zu ihr geſagt habe: Fünfundzwanzig, Tattycoram, fünfund⸗ zwanzig! Ich wünſchte vom Herzen, ſie hätte fortfahren kön⸗ nen, Tag und Nacht bis fünfundzwanzig zu zählen; denn dann würde es nicht geſchehen ſein.“ Mr. Meggles ſtrich ſich mit einer verzweifelten Miene, in welcher ſeine Herzensgüte ſich ſogar noch mehr ausprägte als in den Zeiten, wo er munter und heiter war, mit der Hand von der Stirn über das Geſicht bis zum Kinn und ſchüttelte abermals den Kopf. „Ich ſagte zu Mutter(richt daß es nothwendig war; denn ſie würde es Alles ganz für ſich ſchon gedacht haben): Wir ſind praktiſche Leute, meine Liebe, und wir kennen ihre Lebensgeſchichte, wir ſehen in dieſem unglücklichen Mädchen Fünfundzwanzig. 117 einen Abglanz von dem, was in ihrer Mutter Herzen tobte, ehe ſolch ein Geſchöpf wie dieſes arme Ding in der Welt war; wir wollen über ihre ſchlechte Laune hinwegſehen, Mutter, wollen jetzt keine Notiz davon nehmen, meine Liebe, wollen eine beſſere Stimmung von ihr zu einer andern Zeit benutzen. So ſagten wir nichts. Aber mochten wir thun, was wir wollten, es ſcheint, als ob es hätte ſein ſollen; ſie brach eines Abend's heftig los.“ „Wie und weshalb?“ „Wenn Sie mich fragen, weshalb,“ ſagte Mr. Meagles, ein wenig irr geworden durch die Frage; denn er war weit mehr darauf aus, ihre Sache, als die der Familie, zu mildern, „ſo kann ich Sie blos darauf verweiſen, was ich ſoeben wie⸗ derholte; es waren dies ziemlich genau meine Worte gegen Mutter. Was das Wie betrifft, ſo hatten wir in ihrer Ge⸗ genwart zu Pet Gute Nacht geſagt(ſehr liebevoll, muß ich zugeſtehen) und ſie hatte Pet hinaufbegleitet; ſie erinnern ſich, daß ſie ihre Kammerjungfer war. Vielleicht mag Pet, die übler Laune war, ein wenig mehr unüberlegt als ge⸗ wöhnlich geweſen ſein, indem ſie Dienſtleiſtungen von ihr verlangte. Aber ich weiß nicht, ob ich ein Recht habe, das zu ſagen; ſie war ſtets rückſichtsvoll und ſanft.“ „Die ſanfteſte Herrin in der Welt.“ „Danke Ihnen, Clennam,“ ſagte Mr. Meagles, ihm die Hand ſchüttelnd,„Sie haben ſie oft beiſammen geſehen. Gut denn! Bald darauf hörten wir dieſe unglückſelige Tattyco⸗ ram laut und zornig, und ehe wir fragen konnten, was es Klein Dorrit. IV. 9 118 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. gäbe, kam Pet am ganzen Leibe zitternd zurück und ſagte, daß ſie ſich vor ihr fürchte. Hart hinter ihr kam Tattycoram ganz Feuer und Flamme vor Wuth.„Ich haſſe Euch alle Drei,“ ſagte ſie, indem ſie mit dem Fuße ſtampfte.„Ich möchte platzen vor Haß gegen das ganze Haus.“ „Worauf Sie—“ „Ich,“ ſagte Mr. Meagles mit einfacher Treuherzigkeit, die ſich ſelbſt den Glauben der Mrs. Gowan erzwungen ha⸗ ben würde,„ich ſagte, zähle bis fünfundzwanzig, Tattyco⸗ ram.“ Mr. Meagles ſtrich ſich abermals über das Geſicht und ſchüttelte den Kopf mit einer Miene tiefen Bedauerns. „Sie war ſo gewöhnt, es zu thun, Clennam, daß ſie ſelbſt da, wo ſie ein Bild der Leidenſchaft war, wie Sie es nie geſehen haben, ſofort inne hielt, mir voll ins Geſicht blickte und(ſo viel ich verſtand) bis acht zählte. Aber ſie konnte es nicht über ſich gewinnen, weiter zu zählen. Da riß ihr die Geduld, dem armen Ding, und ſie überließ die andern Siebzehn allen vier Winden. Jetzt platzte ſie mit Allem her⸗ aus. Sie verabſcheute uns, ſie fühlte ſich elend bei uns, ſie könnte es nicht ertragen, ſie wollte es nicht ertragen, ſie wäre entſchloſſen wegzugehen. Sie wäre jünger, als ihre junge Herrin, und ob ſie wol bleiben würde, um zu ſehen, daß ſie als das einzige junge und intereſſante Weſen, als die Ein⸗ zige, die man in's Herz ſchließen und lieben müſſe, betrachtet würde. Nein, das würde ſie nicht, das würde ſie nicht, das würde ſie gewiß nicht. Was dächten wir wol, daß ſie, Tatty⸗ Fünfundzwanzig. 119 coram, geweſen ſein würde, wenn ſie als kleines Kind gehät⸗ ſchelt und gepflegt worden wäre, wie ihre junge Herrin? So gut wie ſie. Ach, vielleicht fünfzig Mal ſo gut! Wenn wir uns ſtellten, als ob wir uns einander liebten, ſo triumphir⸗ ten wir über ſie, ja das wär' es, was wir thäten, wir trium⸗ phirten über ſie und höhnten ſie. Und Alle im Hauſe thäten daſſelbe. Sie ſchwatzten von ihren Vätern und Müttern und Brüdern und Schweſtern; ſie machten ſich's zum Vergnügen, ſie ihr vorzureiten. Da wäre dieſe Mrs. Tickit, die hätte ſich erſt geſtern, als ihr Enkelchen bei ihr geweſen, darüber er⸗ götzt, daß das Kind verſucht hätte, ſie bei dem elenden Namen Cattycoram) zu rufen, den wir ihr gegeben, und hätte über den Namen gelacht. Ja, und wer lachte nicht darüber, und wer wären wir, daß wir das Recht hätten, ihr einen Namen wie einem Hunde oder einer Katze zu geben? Aber es wäre ihr einerlei. Sie wollte keine Wohlthaten mehr von uns an⸗ nehmen; ſie wollte uns ihren Namen zurückſchleudern und ihrer Wege gehen. Sie wollte uns noch dieſen Augenblick verlaſſen, Niemand ſollte ſie aufhalten, und wir ſollten nie wieder Etwas von ihr hören.“ Mr. Meagles hatte alles Dieſes mit einer ſolchen lebhaf⸗ ten Erinnerung an ſein Original mitgetheilt, daß er jetzt faſt ebenſo heiß und roth war, als wie er ſie beſchrieben hatte. „Ach na!“ ſagte er, ſich das Geſicht abwiſchend,„es war nutzlos, gegen ſolch ein heftig keuchendes Geſchöpf Vernunft⸗ gründe vorzubringen(der Himmel weiß, was die Geſchichte ihrer Mutter geweſen ſein mag); und ſo ſagte ich ihr gelaſſen, 9* 120 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. daß ſie in dieſer ſpäten Abendſtunde nicht gehen dürfte, gab ihr meine Hand, führte ſie auf ihre Stube und verſchloß die Hausthüren. Aber ſie war fort dieſen Morgen.“ „Und Sie wiſſen weiter nichts von ihr?“ „Weiter nichts,“ erwiderte Mr. Meagles.„Ich habe den ganzen Tag herumgeſpürt. Sie muß ſehr zeitig und ſehr leiſe fortgegangen ſein. Ich habe dort unten bei uns herum keine Spur von ihr gefunden.“ „Halt! Sie wünſchen ſie zu ſehen,“ ſagte Clennam, nachdem er ſich einen Augenblick beſonnen.„Ich ſetzte das voraus.“ „Ja wol, ſicherlich; ich möchte ihr noch eine Gelegenheit geben, Mutter und Pet wünſchen ihr auch noch eine Gelegen⸗ heit zu geben, das iſt's. Auch Sie,“ ſagte Mr. Meagles im Tone der Ueberredung, als ob ihm durchaus keine Urſache ge⸗ geben worden, zornig zu ſein,„wünſchen dem armen, leiden⸗ ſchaftlichen Mädchen noch eine Gelegenheit zu geben, Clen⸗ nam.“ „Es würde in der That ſeltſam und hart ſein, wenn ich es nicht wünſchte, da Sie alle ſo bereit ſind zu vergeben. Aber was ich Sie fragen wollte, haben Sie wol ſchon an jene Miß Wade gedacht?“ „Ja das hab' ich. Ich dachte nicht eher an ſie, als bis ich unſre ganze Nachbarſchaft durchſtreift hatte, und ich weiß nicht, ob ich dann darauf gerathen wäre, wenn ich nicht, als ich heimkam, Mutter und Pet von dem Gedanken erfüllt ge⸗ troffen hätte, daß Tattycoram zu ihr gegangen ſein müſſe. Fünfundzwanzig. 121 Dann fiel mir natürlich wieder ein, was ſie jenen Tag beim Mittagseſſen ſagte, wo Sie das erſte Mal bei uns waren.“ „Haben Sie irgend eine Idee, wo Miß Wade zu fin⸗ den iſt?“ „Um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen],“ erwiderte Mr. Meagles,„Sie fanden mich hier wartend, weil ich ſo Etwas wie den Schatten einer Idee von der Sache habe. Es iſt da einer von den ſeltſamen Eindrücken in meinem Hauſe, welche bisweilen auf geheimnißvolle Weiſe in Häuſer gerathen, welche Niemand in beſtimmter Form von irgend Jemand auf⸗ geleſen zu haben ſcheint, und welche doch Jedermann ſo oben⸗ hin von Dem oder Jenem empfangen und weiter gegeben zu haben ſcheint, daß ſie hierherum wohnt oder gewohnt hat.“ Damit händigte ihm Mr. Meagles ein Zettelchen ein, auf welches der Name eines der düſtern Seitengäßchen in der Ge⸗ gend von Grosvenor Place in der Nähe von Park Lane ge⸗ ſchrieben war. 3 „Hier ſehe ich aber keine Nummer,“ ſagte Arthur, das Zettelchen überblickend. „Keine Nummer, mein lieber Clennam?“ erwiderte ſein Freund.„Gar nichts! Schon der bloße Name der Straße mag in der Luft geſchwebt haben; denn wie ich Ihnen erzähle, kann keiner von meinen Leuten ſagen, woher er ihn hat. Indeß iſt es immer einer Erkundigung werth, und da ich die⸗ ſelbe lieber in Geſellſchaft, als allein einziehen möchte und da Sie ebenfalls ein Reiſegefährte jenes gefühlloſen Frauen⸗ zimmers waren, ſo dachte ich, vielleicht—“ Clennam be⸗ 122 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. endete den Satz für ihn, indem er wieder zu ſeinem Hute griff und ſagte, er ſei bereit. Es war jetzt Sommer, ein grauer, heißer, ſtaubiger Abend. Sie fuhren nach dem obern Ende von Orfordſtreet, und verloren ſich, dort abſteigend, in das bei Park Lane be⸗ findliche Labyrinth großer Straßen von ſchwermüthig ſtatt⸗ lichem Weſen und kleinen Straßen, die ebenſo ſtattlich aus⸗ zuſehen verſuchen, es aber nur bis zu größerer Schwermuth bringen. Wildniſſe von Eckhäuſern mit barbariſchen alten Säulenvorbauten und Zierrathen, greuliche Figuren, die in einer querköpfigen Zeit dem Gehirn eines Querkopfs ent⸗ ſprungen, dennoch die blinde Bewunderung aller folgenden Generationen forderten und ſie zu fordern entſchloſſen waren, bis ſie herabſtürzten, blickten mürriſch auf das Zwielicht. Schmarotzeriſche kleine Wohnungen mit dem Krampf in ihrer ganzen Geſtalt, von der zwerghaften Hausthür nach dem rie⸗ ſenhaften Modell Sr. Gnaden auf dem Platze draußen bis zu dem zuſammengedrängten Fenſter des Boudoirs, welches auf die Düngerhaufen in den Hintergäßchen herabſah, gaben dem Abend einen kläglichen Eindruck. Gichtbrüchige Woh⸗ nungen, unzweifelhaft nach der Mode eingerichtet, aber für Niemand als für einen abſcheulichen Geruch behaglichen Aufenthalt zu bieten fähig, die wie die letzten kränklichen Ge⸗ burten eines der großen Adelshäuſer ausſahen, und deren kleine, angeflickte Erker und Altane von dünnen eiſernen Säu⸗ len getragen wurden, ſchienen ſich gleich Skrophulöſen auf Krücken zu ſtützen. Hier und da ſtarrte ein Wappen mit der Fünfundzwanzig. 123 ganzen Wiſſenſchaft der Heraldik in ſich auf die Straße herab wie ein Erzbiſchof, der über die Eitelkeit predigt. Die Läden, gering an Zahl, machten keine Anſtrengung, geſehen zu wer⸗ den; denn die öffentliche Meinung war ihnen gleichgültig. Der Paſtetenbäcker wußte, wer in ſeinen Büchern ſtand, und konnte in dieſem Bewußtſein ruhig ſein mit den paar Glas⸗ flaſchen mit Pfeffermünztropfen und dem halben Dutzend alter Proben von Johannisbeergelée, die in ſeinem Fenſter ſtan⸗ den. Ein paar Orangen bildeten Alles, womit der Gemüſe⸗ händler der Anſicht der vulgären Geſellſchaft ſich anbequemte. Ein einziger Korb, von Moos gemacht, welches einſt Kiebitz⸗ eier enthielt, umſchloß Alles, was der Geflügelhändler dem Pöbel zu ſagen hatte. Jedermann in dieſen Straßen ſchien (was in dieſer Jahreszeit und zu dieſer Stunde ſtets der Fall iſt) zu Tiſche ausgegangen zu ſein und Niemand ſchien die Gaſtmähler zu geben, zu denen ſie gegangen waren. Auf den Stufen vor den Thüren lungerten Bedienten mit hellem, bunt⸗ farbigem Gefieder und weißgepuderten Köpfen, wie eine aus⸗ geſtorbene Race ungeheurer Vögel herum, und Haushofmei⸗ ſter, einſame Männer mit gehaltenem Benehmen, von denen jeder mißtrauiſch auf andere Haushofmeiſter zu blicken ſchien. Das Rollen der Wagen im Park war für dieſen Tag vorüber, die Straßenlaternen wurden angezündet, und gottloſe kleine Stallburſchen in eng anliegenden Kleidern lehnten mit ver⸗ ſchlungenen Beinen, die den Verſchlingungen ihrer Gemüther entſprachen, paarweiſe herum, kauten Strohhalme und tauſch⸗ ten betrügeriſche Geheimniſſe aus. Die gefleckten Hunde, 124 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. welche mit den Kutſchen ausgingen und welche man ſo ſehr mit glänzenden Kutſchen zu verbinden gewohnt iſt, daß es wie eine Herablaſſung von dieſen Thieren ausſah, ohne ſie herauszukommen, begleiteten Laufburſchen bei ihren Gängen hin und her. Hier und dort war ein beſcheidenes Gaſthaus, welches keinen Anſpruch darauf machte, von den Schultern des Publicums getragen zu werden, und wo man ſich nicht ſehr nach Herren ſehnte, die keine Livree trugen. Dieſe letztere Entdeckung wurde von den Freunden ge⸗ macht, als ſie ihre Nachforſchung verfolgten. Nichts war dort oder irgendwo von ſolch einer Perſon wie Miß Wade in Verbindung mit der Straße, welche ſie ſuchten, bekannt. Es war eine der Schmarotzerſtraßen, lang, regelmäßig, eng, finſter und düſter, wie ein Leichenzug von Ziegeln und Mör⸗ tel. Sie fragten an verſchiedenen kleinen Vorhofsthüren, wo ein trübſinniger Jüngling ſtand und ſein Kinn auf die Spitzen des Geländers einer ſteilen kleinen Holztreppe zu ſpießen ver⸗ ſuchte, konnten aber keine Nachricht bekkommen. Sie gingen die Straße auf der einen Seite des Wegs hinauf und auf der andern hinab, während zwei ſchreihalſige Zeitungsver⸗ käufer, die ein außerordentliches Ereigniß ausſchrien, welches ſich nie begeben hatte und ſich nie begeben konnte, ihre hei⸗ ſeren Stimmen in die entlegenſten Gemächer dringen ließen, aber es kam nichts dabei heraus. Endlich ſtanden ſie an der Ecke, mit der ſie begonnen, und es war dunkel geworden und ſie waren um nichts klüger. Nun begab ſich's, daß ſie in der Straße mehrmals an Fünfundzwanzig. 125 einem ſchmutzigen Hauſe vorübergegangen waren, welches augenſcheinlich leer ſtand und an deſſen Fenſtern Zettel ſteck⸗ ten, welche anzeigten, daß es zu vermiethen ſei. Die Zettel ſahen als Abwechslung in dem Leichenzuge faſt wie eine Zier⸗ rath aus. Vielleicht, weil ſie das Haus in ſeiner Erinnerung vor andern auszeichneten, oder vielleicht, weil Mr. Meagles und Clennam im Vorübergehen zwei Mal einig geweſen wa⸗ ren, es„ſei klar, daß ſie dort nicht wohne,“ ſchlug Clennam jetzt vor, bevor ſie ſchließlich weggingen, zurückzukehren und es mit dem Hauſe zu verſuchen. Mr. Meagles ſtimmte ein und ſie kehrten zurück. Sie klopften einmal, und ſie klingelten einmal, ohne Antwort zu hören.„Leer,“ ſagte Mr. Meagles lauſchend. „Noch einmal,“ ſagte Clennam und klopfte noch einmal. Nach dieſem Klopfen hörten ſie unten ſich Etwas bewegen und Jemand nach der Thür herauf geſchlurft kommen. Der enge Eingang war ſo dunkel, daß es unmöglich war, genau zu erkennen, was für eine Art Perſon die Thür öffnete, aber es ſchien eine alte Frau zu ſein.„Entſchuldi⸗ gen Sie, wenn wir ſtören,“ ſagte Clennam.„Bitte, können Sie uns berichten, wo Miß Wade wohnt?“ Die Stimme in der Finſterniß antwortete unerwartet:„Wohnt hier.“ „Iſt ſie zu Hauſe?“ Da keine Antwort erfolgte, fragte Mr. Meagles noch⸗ mals.„Bitte, iſt ſie zu Hauſe?“ Nach einer abermaligen Pauſe ſagte die Stimme kurz: 126 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ich glaube. Sie thäten aber beſſer, hereinzukommen, und ich will fragen.“ Sie wurden ohne Weiteres in das enge, ſchwarze Haus eingeſchloſſen, und die Geſtalt ſagte, indem ſie hinweg⸗ rauſchte, von einer höheren Stelle wieder:„Kommen Sie gefälligſt herauf, Sie können über nichts ſtolpern.“ Sie tappten ſich ihren Weg die Treppe hinauf nach einem mat⸗ ten Lichte, welches ſich als die durch ein Fenſter ſcheinende Straßenlaterne erwies, und die Geſtalt verließ ſie eingeſperrt in einem luftloſen Gemache. „Das iſt ſeltſam, Clennam,“ ſagte Mr. Meagles leiſe. „Seltſam genug,“ ſagte Clennam beiſtimmend in dem⸗ ſelben Tone.„Aber wir haben unſern Zweck erreicht, das iſt die Hauptſache. Hier kommt ein Licht.“ Das Licht war eine Lampe, und die Trägerin eine alte Frau: ſehr ſchmutzig, ſehr runzelig und dürr.„Sie iſt zu Hauſe,“ ſagte ſie(und die Stimme war dieſelbe, die zuvor geſprochen hatte),„ſie wird gleich kommen.“ Nachdem ſie die Lampe auf den Tiſch geſetzt, ſtäubte ſich die alte Frau ihre Hände mit ihrer Schürze, was ſie immerfort gethan haben könnte, ohne ſie rein zu machen, ſah die Beſucher mit einem naſſen Augenpaar an und ging hinaus. Die Dame, die ſie zu ſehen gekommen, ſchien, wenn ſie die gegenwärtige Inhaberin des Hauſes war, ihr Quartier dort aufgeſchlagen zu haben, wie ſie ſich in einem morgen⸗ ländiſchen Karavanſerei niedergelaſſen haben würde. Ein kleiner, viereckiger Teppich in der Mitte des Zimmers, einige —— ———— — Fünfundzwanzig. 127 Möbel, die augenſcheinlich nicht in die Stube gehörten, und ein Wirrwarr von Koffern und Reiſegeräthſchaften bildeten Alles, was ſie umgab. Unter einem früheren regelmäßigen Miethsmann hatte das dunſtige kleine Gemach ſich zu einem Pfeilerſpiegel und einem vergoldeten Tiſche emporgeſchwun⸗ gen, aber die Vergoldung war ſo verblichen, wie Blumen vom vorigen Jahre, und das Spiegelglas war ſo angelaufen, daß es auf magiſche Weiſe alle Nebel und alle Regengüſſe auf⸗ zubewahren ſchien, das es jemals reflectirt hatte. Die Be⸗ ſucher hatten ein paar Minuten Zeit gehabt, ſich umzuſehen, als die Thür ſich öffnete und Miß Wade hereintrat. „Ich vermuthe,“ ſagte ſie,„daß ich die Urſache weiß, aus der Sie mich mit dieſem Beſuch beehren. Wir können ſofort dazu kommen.“ „Die Urſache iſt alſo Tattycoram,“ ſagte Mr. Meagles. „Das dachte ich.“ „Miß Wade,“ ſagte Mr. Meagles,„wollen Sie die Güte haben, uns zu ſagen, ob Sie Etwas von ihr wiſſen?“ „Sicherlich. Ich weiß, daß ſie hier bei mir iſt.“ „Dann, Fräulein,“ ſagte Mr. Meagles,„erlauben Sie mir, daß ich Sie damit bekannt mache, wie ich ſie gern zu⸗ rück haben möchte, und daß meine Frau und Tochter ſie eben⸗ falls gern zurück haben möchten. Sie iſt lange bei uns ge⸗ weſen, wir vergeſſen nicht, daß ſie Anſprüche an uns hat, und ich hoffe, wir wiſſen auch zu verzeihen.“ „Sie hoffen, Sie wiſſen zu verzeihen?“ erwiderte ſie mit ruhiger, gemeſſener Stimme.„Was zu verzeihen?“ 128 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Ich denke, mein Freund wollte ſagen, Miß Wade,“ ſagte Clennam, ſich einmiſchend, da er Mr. Meagles in eini⸗ ger Verlegenheit ſah,„Verzeihung gewähren in Betreff der Leidenſchaftlichkeit, welche das arme Mädchen zuweilen über⸗ fällt und welche gelegentlich über die Erinnerung an ihre Schuldigkeit die Oberhand gewinnt.“ Die Dame lächelte, als ſie ihre Augen auf ihn wendete. „In der That?“ war Alles, was ſie antwortete. Sie ſtand nach dieſer Antwort auf ſeine Bemerkung ſo vollkommen gefaßt und ſtill neben dem Tiſche, daß Mr. Meagles wie unter einer Art Bezauberung auf ſie hinſtarrte und nicht einmal Clennam durch einen Blick zu einer wei⸗ tern Bemerkung veranlaſſen konnte. Nachdem er, wunderlich genug, einige Augenblicke gewartet, ſagte Arthur: „Vielleicht würde es gut ſein, wenn Mr. Meagles ſie ſehen könnte, Miß Wade.“ „Das iſt leicht gethan,“ ſagte ſie.„Komm her, Kind!“ Sie hatte, während ſie dies ſagte, eine Thür geöffnet und führte jetzt das Mädchen an der Hand herein. Es war ein eigener Anblick, ſie zuſammenſtehen zu ſehen, das Mädchen, wie ſie mit den losgelaſſenen Fingern den Buſen ihres Klei⸗ des glatt ſtrich, halb unentſchloſſen, halb leidenſchaftlich; Miß Wade, wie ſie mit ihrem ruhigen Geſicht ſie aufmerkſam betrachtete und einem beſonders ſcharfblickenden Beobachter in ihrer Ruhe gerade(wie ein Schleier die Geſtalt, die er verhüllt, zu verrathen pflegt) die unauslöſchliche Leidenſchaft ihrer eigenen Natur verrieth. —— Fünfundzwanzig. 129 „Sieh hierher,“ ſagte ſie in derſelben gelaſſenen, glatten Weiſe wie vorher.„Hier iſt Dein Gönner, Dein Herr. Er iſt Willens, Dich zurückzunehmen, meine Liebe, wenn Du dieſe „Gunſt anerkennſt und Luſt haſt zu gehen. Du kannſt wieder ein Spielzeug für ſeine ſchöne Tochter, eine Sclavin ihres anmuthigen Eigenwillens und ein Putzgegenſtand in dem Hauſe ſein, welcher die Gutherzigkeit der Familie zeigt. Du kannſt deinen neckiſchen Namen wieder haben, der Dich auf ſpashafte Weiſe auszeichnet und vor Andern hervorhebt, wie ſich's verſteht, daß Du ausgezeichnet und vor Andern hervor⸗ gehoben werdeſt.(Deine Geburt, verſtehſt du wohl; Du darfſt Deine Geburt nicht vergeſſen). Du kannſt wieder der Tochter dieſes Herrn gezeigt werden, Harriet, und für ſie ge⸗ halten werden als lebendige Erinnerung daran, daß ſie etwas Beſſeres iſt, und als Gegenſtand, an dem ſie ihre gnädige Herablaſſung zeigen kann. Du kannſt alle dieſe Vortheile wieder erlangen und noch viele andere derſelben Art, welche, wie ich glaube, in Deiner Erinnerung auftauchen, während ich ſpreche, und welche Du verlierſt, wenn Du bei mir Zu⸗ flucht ſuchſt— Du kannſt ſie alle wieder erlangen, wenn Du dieſen Herren ſagſt, wie gedemüthigt und reuevoll Du biſt, und wenn Du mit ihnen zurückkehrſt, um Vergebung zu ſuchen. Was ſagſt Du dazu, Harriet! Willſt Du gehen?“ Das Mädchen, welche unter dem Einfluß dieſer Worte allmälig immer zorniger und röther geworden war, antwor⸗ tete, indem ſie ihre leuchtenden ſchwarzen Augen für den 130 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Augenblick erhob und ihre Hand über den Falten ballte, welche ſie aufgezupft hatte:„Lieber den Tod!“ Miß Wade, die noch immer neben ihr ſtand und ſie bei der Hand hielt, ſah ſich ruhig um und ſagte lächelnd:„Meine Herren, was thun Sie nach dieſer Erklärung?“ Die unausſprechliche Betroffenheit, die der arme Mr. Meagles empfand, als er ſeine Beweggründe und Handlun⸗ gen in dieſer Weiſe verdrehen hörte, hatte ihn abgehalten, bis dahin auch nur ein Wort der Einrede laut werden zu laſſen; jetzt aber gewann er die Macht zu ſprechen wieder. „Tattycoram,“ ſagte er,„denn ich werde Dich noch jetzt bei dieſem Namen nennen, mein gutes Mädchen, da ich mir bewußt bin, nichts als Gutes damit gemeint zu haben, als ich ihn Dir gab, und da ich mir bewußt bin, daß Du es weißt“— „Ich weiß es nicht“, ſagte ſie, wieder aufblickend und in⸗ dem ſie ſich mit derſelben haſtig arbeitenden Hand faſt zerriß. „Nein, jetzt vielleicht nicht,“ ſagte Mr. Meagles,„nicht wenn die Augen dieſer Dame ſo feſt auf Dich gerichtet ſind, Tattycoram“, ſie warf einen ſchnellen Blick auf Jene,„und nicht wenn ſie die Gewalt über Dich hat, die ſie, wie wir ſehen, über Dich ausübt; vielleicht jetzt nicht, aber zu einer andern Zeit. Tattycoram, ich will dieſe Dame nicht fragen, ob ſie glaubt, was ſie geſagt hat, ſelbſt bei der zornigen, erhitzten Weiſe, in welcher ſie, wie ich ſowol, als mein Freund hier wiſſen, geſprochen hat, obſchon ſie ſich mit einer Entſchieden⸗ heit bezwingt, die Niemand, der ſie einmal geſehen hat, V V —9 /· 8 A 2 — ₰npf Ünuumt gun jung Fünfundzwanzig. 131 leicht vergeſſen wird. Ich will Dich nicht fragen, ob Du bei der Erinnerung an mein Haus und Alles, was dazu ge⸗ hört, es glaubſt. Ich will nur ſagen, daß Du mir und den Meinigen kein Geſtändniß abzulegen und nicht um Vergebung zu bitten haſt, und daß Alles in der Welt, worum ich Dich bitte, darin beſteht, bis fünfundzwanzig zu zählen.“ Sie ſah ihn einen Augenblick an und ſagte dann mit finſte⸗ rer Miene:„Ich will nicht, Miß Wade, führen Sie mich weg.“ Der Kampf, der in ihr wüthete, hatte jetzt nichts Be⸗ ſänftigendes in ſich, es ſtritten in ihr ganz allein leidenſchaft⸗ licher Trotz und hartnäckiger Trotz. Ihre tiefe Röthe, ihr raſches Blut, ihr ſchnell gehender Athem ſtemmten ſich alle⸗ ſammt gegen die Gelegenheit, ihren Schritt rückgängig zu ma⸗ chen.„Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht,“ wiederholte ſie mit dumpfer, halberſtickter Stimme.„Lieber will ich in Stücke geriſſen werden. Lieber will ich mich ſelber in Stücke reißen.“ Miß Wade, welche ihre Hand losgelaſſen hatte, legte die ihrige beſchützend einen Augenblick auf den Hals des Mäd⸗ chens und ſagte dann, indem ſie ſich mit ihrem früheren Lä⸗ cheln umſah und genau in demſelben Tone wie früher ſprach: „Meine Herren, was werden Sie darauf thun?“ „O Tattycoram, Tattycoram!“ rief Mr. Meagles, indem er ſie zugleich mit warnender Hand beſchwor.„Höre die Stimme dieſer Dame, ſieh dieſer Dame ins Geſicht, über⸗ lege Dir, was im Herzen dieſer Dame liegt, und bedenke, was für eine Zukunft Du vor Dir haſt. Mein Kind, was Du auch denken magſt, der Einfluß dieſer Dame auf Dich 1³² Siebenundzwanzigſtes Kapitel. — erſtaunlich für uns, und ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn ich ſage, furchtbar für uns zu ſehen— gründet ſich auf eine Leidenſchaft, die wilder als deine, und auf eine Ge⸗ müthsart, die heftiger als deine iſt. Was könnt Ihr Beiden zuſammen ſein? Was kann davon kommen?“ „Ich bin allein hier, meine Herren,“ bemerkte Miß Wade, ohne Stimme oder Geberde zu erwidern.„Sagen Sie, was Ihnen beliebt.“ „Die Höflichkeit nöthigt mich, dieſem verleiteten Mädchen bei ihrem gegenwärtigen Schritte nachzugeben,“ ſagte Mr. Meagles,„obſchon ich ſie nicht ganz aus den Augen zu laſſen hoffe, ſelbſt bei dem großen Unrecht, welches Sie ihr vor mir anthun. Entſchuldigen Sie, wenn ich Sie in ihrer Gegen⸗ wart daran erinnere— ich muß es ſagen— daß Sie uns Allen ein Geheimniß waren, und mit Niemand von uns allen Etwas gemein hatten, als ſie unglücklicher Weiſe Ihnen in den Weg kam. Ich weiß nicht, was Sie ſind, aber Sie verber⸗ gen nicht, können nicht verbergen, was für einen finſtern Geiſt Sie in ſich tragen. Sollte es ſein, daß Sie ein Weib ſind, welches aus was immer für einer Urſache ein boshaftes Vergnügen daran findet, eine ihrer Mitſchweſtern ebenſo elend zu machen als ſie iſt(ich bin alt genug, um von ſolchen Wei⸗ bern gehört zu haben), ſo warne ich ſie vor Ihnen und ſo warne ich Sie vor ſich ſelbſt.“ „Meine Herren,“ ſagte Miß Wade ruhig,„wenn Sie fer⸗ tig ſind— Mr. Clennam, vielleicht werden Sie ihren Freund vermögen—“ Fünfundzwanzig. 133 „Nicht ohne noch eine Anſtrengung gemacht zu haben,“ ſagte Mr. Meagles hartnäckig.„Tattycoram, mein armes, liebes Mädchen, zähle bis fünfundzwanzig.“ „Stoßen Sie nicht die Hoffnung, die Gewißheit zurück, die dieſer gutherzige Mann Ihnen bietet,“ ſagte Clennam mit tiefer, gerührter Stimme.„Wenden Sie ſich den Freun⸗ den zu, die Sie nicht vergeſſen haben. Bedenken Sie ſich's noch einmal.“ „Ich will nicht! Miß Wade,“ ſagte das Mädchen, indem ihr der Buſen hoch aufſchwoll und ſie mit an die Kehle ge⸗ haltener Hand ſprach,„führen Sie mich weg.“ „Tattycoram,“ ſagte Mr. Meagles.„Noch einmal! Das Einzige in der Welt, um was ich Dich bitte, mein Kind! Zähle bis fünfundzwanzig.“ Sie hielt ſich feſt die Ohren zu, und das ſo haſtig, daß ihr ſchwarzes Haar wirr herunterſiel und wendete ihr Geſicht entſchloſſen der Wand zu. Miß Wade, welche ſie während dieſer letzten Anſprache mit jenem ſeltſamen auf⸗ merkſamen Lächeln und jener Hand, die den eigenen Buſen zurückdrückte, beobachtet hatte, womit ſie Jene in ihrem Kampfe zu Marſeille beobachtet, legte dann ihren Arm um ihre Taille, als ob ſie auf ewig von ihr Beſitz nähme. Und es lag ein ſichtbarer Triumph in ihrem Geſichte, als ſie ſich umwendete, um ihren Beſuch zu verabſchieden. „Da es das letzte Mal iſt, daß ich dieſe Ehre haben werde,“ ſagte ſie,„und da Sie davon geſprochen haben, Sie wüßten nicht, was ich bin, und ebenſo vom Grunde meines Klein Dorrit. IV. 10 134 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Einfluſſes hier, ſo mögen Sie wiſſen, daß er ſich auf eine gemeinſchaftliche Sache gründet. Was Ihr zerbrochenes Spiel⸗ zeug iſt in Betreff der Geburt, das bin ich auch. Sie hat keinen Namen. Ich habe keinen Namen. Ihre Unbill iſt meine Unbill. Ich habe Ihnen nichts weiter zu ſagen.“ Dies war an Mr. Meagles gerichtet, welcher bekümmert hinausging. Als Clennam ihm folgte, ſagte ſie zu ihm mit derſelben äußerlichen Faſſung und mit derſelben ruhigen Stim⸗ me, aber mit einem Lächeln, welches nur auf boshaften Ge⸗ ſichtern zu ſehen iſt, einem ſehr feinen Lächeln, welches die Naſenflügel hebt, kaum die Lippen berührt und nicht all⸗ mälig aufhört, ſondern plötzlich abbricht, wenn es ſeinen Zweck erfüllt hat: „Ich hoffe, die Frau Ihres theuren Freundes, Mr. Go⸗ wan, wird glücklich ſein in dem Contraſt, in dem ihre Her⸗ kunft zu der dieſes Mädchens und der meinigen ſteht und in dem großen Glücke, das ſie erwartet.“ Achtundzmanzigstes Kanitel. Riemands verſchwinden. Nicht zufrieden mit den Beſtrebungen, die er zur Wieder⸗ erlangung ſeiner verlorenen Pflegebefohlenen gemacht, richtete Mr. Meagles einen Brief voll Vorſtellungen, die nichts als Niemands Verſchwinden. 135 Wohlwollen athmeten, ſowol an ſie, als an Miß Wade. Da weder auf dieſe Epiſteln, noch auf eine andere, die an das hartnäckige Mädchen von der Hand ihrer einſtigen jungen Herrin geſchrieben wurde, eine Antwort kam lalle drei Briefe wurden Wochen nachher zurückgeſtellt, da man die Annahme an der Hausthür verweigert hatte), ſo ſandte er Mrs. Mea⸗ gles ab, um den Verſuch einer perſönlichen Zuſammenkunft zu machen. Da dieſe würdige Dame nicht im Stande war, eine zu erlangen und ihr ſtandhaft der Zutritt verweigert wurde, ſo bat Mr. Meagles Arthur, noch einmal zu ſehen, was er ausrichten könnte. Dieſer willigte ein, aber Alles, was dabei herauskam, war ſeine Entdeckung, daß das Haus unter Aufſicht der alten Frau gelaſſen worden, daß Miß Wade fort war, daß das Gewirr und Durcheinander von Möbeln fort war, und daß die alte Frau jedwede Anzahl von halben Kro⸗ nen annahm und dem Geber freundlich dankte, aber keinerlei Nachricht für dieſe Münzen auszuwechſeln hatte, mit Aus⸗ nahme der, daß ſie ihm ſtets ein Verzeichniß von niet⸗ und nagelfeſten Gegenſtänden zur Einſichtnahme anbot, welches der Schreiber des Hausmäklers in der Hausflur zurückgelaſſen hatte. Selbſt nach ſo mißlichem Erfolg nicht Willens, die Un⸗ dankbare aufzugeben und ſie ohne Hoffnung zu laſſen, falls ihre beſſeren Neigungen die Oberhand über die dunklere Seite ihres Charakters gewännen, rückte Mr. Meagles ſechs Tage hintereinander einen vorſichtig und rückſichtsvoll abgefaßten Aufruf in die Morgenblätter, in welchem es hieß, wenn eine 10* 136 Achtundzwanzigſtes Kapitel. gewiſſe junge Perſon, welche neuerdings ihr elterliches Haus unbeſonnen verlaſſen, ſich jemals an ſeine Adreſſe zu Twicken⸗ ham wenden ſollte, ſo würde Alles wieder wie zuvor ſein und keine Vorwürfe wären zu fürchten. Die unerwarteten Folgen dieſer Veröffentlichung belehrten den betrübten Mr. Meagles zum erſten Male, daß etliche hundert junge Perſonen jeden Tag unbeſonnen ihr elterliches Haus verlaſſen müßten; denn Haufen ungerathener junger Leute kamen nach Twickenham hinunter, welche, als ſie ſich nicht mit Begeiſterung empfan⸗ gen ſahen, gemeiniglich Entſchädigung und überdies die Wa⸗ genmiethe hin und zurück forderten. Und es waren dies nicht die einzigen ungeladenen Clienten, welche die Anzeige brachte. Der Schwarm von Bettelbriefſchreibern, welche ſtets gierig auf jeden auch noch ſo kleinen Haken lauern, an den ſich ein Brief hängen läßt, ſchrieben ihm, daß ſie durch den Anblick der Anzeige veranlaßt worden wären, ſich mit Zuverſicht we⸗ gen verſchiedener Summen, die von zehn Schilling bis zu fünfzig Pfund betrugen, an ihn zu wenden, nicht weil ſie irgend Etwas über die junge Perſon wüßten, ſondern weil ſie fühlten, daß es das Gemüth deſſen, der die Anzeige einge⸗ rückt, ſehr erleichtern würde, wenn er ſich von dieſen Schen⸗ kungen trennte. Ebenſo benutzten verſchiedene Erfinder die⸗ ſelbe Gelegenheit, mit Mr. Meagles zu correſpondiren, in⸗ dem ſie ihn zum Beiſpiel benachrichtigten, daß ſie, durch einen Freund auf die Anzeige aufmerkſam gemacht, ihm mitzuthei⸗ len ſich erlaubten, wie ſie, wofern ſie jemals Etwas von der jungen Perſon hören ſollten, nicht verfehlen würden, es ihn Niemands Verſchwinden. 137 ſofort wiſſen zu laſſen, und daß, wenn er in der Zwiſchenzeit ſo freundlich ſein wolle, ſie mit den Fonds zu verſehen, die dazu erforderlich ſeien, um eine gewiſſe durchaus neue Art von Pumpen zur Vollendung zu bringen, ſich für die Menſch⸗ heit die glücklichſten Reſultate ergeben würden. Mr. Meagles und ſeine Familie hatten unter dem ver⸗ einigten Einfluſſe dieſer entmuthigenden Umſtände zögernd begonnen, Tattycoram als unwiederbringlich verloren zu be⸗ trachten, als die neue thätige Firma Doyce und Clennam in ihrer Eigenſchaft als Privatperſonen eines Samstags hinun⸗ terfuhr, um bis Montag in dem Landhauſe zu verweilen. Der ältere Compagnon nahm einen Wagen, der jüngere Compagnon nahm ſeinen Spazierſtock. Ein ruhiger Sommerſonnenuntergang ſtrahlte ihn an, als er ſich dem Ende ſeines Ganges näherte und durch die Wieſen am Flußufer ging. Er empfand jenes Gefühl des Friedens und der Erleichterung von Sorgen, welches die Stille des Landes in der Bruſt von Städtebewohnern er⸗ weckt. Alles, was er ſah, war lieblich und friedenvoll. Das dichte Laub der Bäume, das üppige Gras, mit welchem wilde Blumen wechſelten, die kleinen grünen Inſeln im Strome, die Beete von Schilf, die Waſſerlilien, die auf der Oberfläche des Fluſſes ſchwammen, die fernen Stimmen in Booten, welche wie Muſik auf dem gekräuſelten Waſſer und der Abend⸗ luft zu ihm getragen wurden, ſprachen alleſammt von Ruhe. In dem gelegentlichen Aufſchnellen eines Fiſches, dem Auf⸗ klatſchen eines Ruders, dem Zwitſchern eines noch nicht zu 138 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Neſte gegangenen Vogels, dem fernen Bellen eines Hundes oder dem Gebrüll einer Kuh— in allen ſolchen Tönen wal⸗ tete der Hauch der Ruhe vor, welcher ihn in jedem Dufte zu umgeben ſchien, der die würzige Luft verſüßte. Die lan⸗ gen Linien von Roth und Gold am Himmel und die ſtrah⸗ lende Bahn der ſinkenden Sonne waren alle von himmliſcher Ruhe. Auf den purpurnen Baumwipfeln in der Ferne und auf der grünen Höhe in der Nähe, an welcher die Schatten langſam hinaufkrochen, lag ein ähnliches ſchweigſames We⸗ ſen. Zwiſchen der wirklichen Landſchaft und ihrem Schatten⸗ bilde im Waſſer war kein Unterſchied, ſo ungeſtört und klar waren beide, ſo voll von feierlichen Geheimniſſen über Leben und Tod und doch in ihrer zarten und gnadenvollen Schön⸗ heit zugleich ſo voll Hoffnung für das getröſtete Herz des Be⸗ ſchauers. Clennam war ſtehen geblieben, nicht zum erſten Male unter vielen Malen, um ſich umzuſehen und das, was er ſah, ſich in die Seele ſinken zu laſſen, wie die Schatten, die, wenn er auf ſie blickte, tiefer und immer tiefer in's Waſſer zu ſinken ſchienen. Er machte ſich eben langſam wieder auf den Weg, als er auf dem Pfade vor ſich eine Geſtalt ſah, deren Bild er vielleicht ſchon mit dem Abend und ſeinen Eindrücken verbun⸗ den hatte. Minnie war dort, allein. Sie hatte einige Roſen in der Hand und ſchien, als ſie ſeiner anſichtig geworden, ſtehen ge⸗ blieben zu ſein und auf ihn zu warten. Ihr Geſicht war ihm zugekehrt und ſie ſchien von der entgegengeſetzten Seite her⸗ Niemands Verſchwinden. 139 gekommen zu ſein. Es war eine gewiſſe Verlegenheit in ihrem Weſen, welche Clennam zuvor nie bemerkt hatte, und als er ſich ihr näherte, kam ihm plötzlich der Gedanke, daß ſie mit Vorſatz dort ſei, um mit ihm zu ſprechen. Sie gab ihm die Hand und ſagte:„Sie wundern ſich, mich hier allein zu ſehen? Aber der Abend iſt ſo wunder⸗ ſchön, daß ich weiter geſchlendert bin, als ich Anfangs beab⸗ ſichtigte. Ich hielt es für wahrſcheinlich, daß ich Ihnen be⸗ gegnen würde und das gab mir mehr Zutrauen. Sie kom⸗ men ſtets dieſen Weg, nicht wahr?“ Als Clennam ſagte, es ſei ſein Lieblingsweg, fühlte er, wie ihre Hand auf ſeinem Arme bebte und ſah die Roſen ‚zittern.* „Wollen Sie mir erlauben, Ihnen eine zu geben, Mr. Clennam? Ich ſammelte ſie, als ich aus dem Garten kam. In der That, ich ſammelte ſie eigentlich faſt für Sie, indem ich es für ſo wahrſcheinlich hielt, daß ich Ihnen begegnen würde. Mr. Doyce traf vor länger als einer Stunde ein und erzählte uns, daß Sie zu Fuße herunterkämen.“ Seine eigene Hand bebte, als er eine oder zwei Roſen von ihr annahm und ihr dankte. Sie waren jetzt an einer Allee von Bäumen. Ob ſie ſich in ſie auf ſeine oder ihre Veranlaſſung wendeten, iſt ziemlich gleichgültig. Er wußte niemals, wie es kam. „Es iſt ſehr düſter hier,“ ſagte Clennam,„aber ſehr an⸗ genehm in dieſer Stunde. Wenn wir durch dieſen tiefen Schatten und aus jenem Lichtbogen am andern Ende gehen, 140 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſo kommen wir, denke ich, auf dem beſten Wege nach der Fähre und dem Landhauſe.“ In ihrem einfachen Gartenhute und ihrem leichten Sommerkleide, ihr reiches braunes Haar in natürlichen Locken um ſich und ihre wundervollen Augen einen Augen⸗ blick mit einem Ausdruck zu den ſeinen erhebend, worin Ach⸗ tung vor ihm und Vertrauen auf ihn ſich in auffallender Weiſe mit einer Art ſchüchterner Bekümmerniß um ihn miſchten, war ſie ſo ſchön, daß es gut für ſeinen Frieden— oder ſchlimm für ſeinen Frieden, er wußte nicht recht was— war, daß er jenen heldenmüthigen Entſchluß gefaßt hatte, an den er ſo oft gedacht. Nach einem kurzen Schweigen fragte ſie, ob er wiſſe, daß Papa an eine abermalige Tour ins Ausland gedacht hätte? Er ſagte, daß er davon reden gehört. Nach aber⸗ maligem kurzen Schweigen fügte ſie mit einigem Zögern hin⸗ zu, daß Papa die Idee aufgegeben habe. Darauf dachte er ſogleich„ſie werden ſich heira⸗ then.“ „Mr. Clennam,“ ſagte ſie noch ſchüchterner und zögern⸗ der und indem ſie ſo leiſe ſprach, daß er ſeinen Kopf neigte, um ſie zu hören.„Ich würde Ihnen ſehr gern mein Ver⸗ trauen ſchenken, wenn Sie nur die Güte haben wollten, es anzunehmen. Ich würde es Ihnen gern ſchon längſt geſchenkt haben, weil— ich fühlte, daß Sie ſo ſehr unſer Freund wurden.“ „Wie könnte ich zu irgend einer Zeit anders als ſtolz Niemands Verſchwinden. 141 darauf ſein! Bitte, ſchenken Sie es mir. Bitte, vertrauen Sie mir.“ „Ich würde nie Anſtand genommen haben, Ihnen zu ver⸗ trauen,“ erwiderte ſie, indem ſie ihn mit offenem Blicke an⸗ ſah.„Ich glaube, ich würde es ſchon vor einiger Zeit ge⸗ than haben, wenn ich gewußt hätte, wie. Aber ich weiß ſelbſt jetzt kaum, wie ich mich ausſprechen ſoll.“ „Mr. Gowan,“ ſagte Arthur Clennam,„hat Urſache, ſehr glücklich zu ſein. Gott ſegne ſeine Frau und ihn!“ Sie weinte, als ſie ihm zu danken verſuchte. Er be⸗ ruhigte ſie, nahm ihre Hand, als ſie mit den zitternden Ro⸗ ſen darin auf ſeinem Arme lag, nahm die übrigen Roſen aus derſelben und küßte ſie. In dieſem Augenblicke ſchien es ihm, als ob er endlich ganz die ſchwindende Hoffnung aufgäbe, die in Niemands Herz noch geflackert und ihm ſo viel Schmerz und Unruhe verurſacht, und von dieſer Zeit an wurde er in ſeinen Augen in Betreff aller ähnlichen Hoffnungen und Aus⸗ ſichten ein viel älterer Mann, der mit dieſem Theil des Le⸗ bens abgeſchloſſen hatte. Er ſteckte die Roſen in ſeinen Buſen und ſie gingen ein Weilchen langſam und ſchweigſam weiter unter den ſchattigen Bäumen. Dann fragte er ſie mit der Stimme heiterer Güte, ob es noch Etwas gäbe, was ſie ihm als ihrem Freunde und dem Freunde ihres Vaters und als einem Manne, der viele Jahre älter als ſie ſei, zu ſagen hätte; ob ſie ihm ein Ver⸗ trauen erweiſen, einen Dienſt von ihm, eine Hülfeleiſtung zur Förderung ihres Glücks erbitten wolle, von der ſie zu — 142 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſeiner ſteten dankbaren Erinnerung glauben könnte, es ſei in ſeiner Gewalt, ſie zu gewähren? Sie war im Begriffe, zu antworten, als ſie von einem verborgenen Kummer oder Mitgefühl— was könnte es ge⸗ weſen ſein?— ſo ergriffen wurde, daß ſie, wieder in Thrä⸗ nen ausbrechend, ſagte:„O Mr. Clennam! Guter, großher⸗ ziger Mr. Clennam, bitte, ſagen Sie mir, daß Sie mich nicht tadeln.“ 3 „Ich Sie tadeln?“ ſagte Clennam.„Mein theuerſtes Mädchen! Ich Sie tadeln? Nein!“ Nachdem ſie ihre beiden Hände über ſeinem Arm gefaltet und vertrauensvoll in ſein Geſicht aufblickend, ihm mit eini⸗ gen haſtigen Worten geſagt, daß ſie ihm von Herzen danke (was ſie wirklich that, wofern es die Quelle ernſtlicher Wil⸗ lensäußerungen iſt), beruhigte ſie ſich allmälig, indem er, während ſie langſam und beinahe ganz ſchweigſam unter den dunkelnden Bäumen hinſchritten, ihr dann und wann ein Wort des Troſtes ſagte. „Und nun, Minnie Gowan,“ ſagte endlich Clennam lächelnd,„wollen Sie mich um nichts bitten?“ „O, ich habe Sie um ſehr Vieles zu bitten.“ „Das iſt recht! Ich hoffte das; ich habe mich nicht ge⸗ täuſcht.“ „Sie wiſſen, wie ich zu Hauſe geliebt werde, und wie ich das Elternhaus liebe. Sie werden das vielleicht kaum den⸗ ken, lieber Mr. Clennam,“ ſie ſprach mit großer Bewegung, Niemands Verſchwinden. 143 „wenn Sie mich nach meiner freien Wahl aus demſelben ge⸗ hen ſehen, aber ich liebe es doch ſo innig.“ „Ich bin deſſen gewiß,“ ſagte Clennam.„Können Sie glauben, daß ich daran zweifle?“ „Nein, nein. Aber es erſcheint mir ſelbſt ſonderbar, daß ich, die ich es ſo liebe und in ihm ſo geliebt bin, ertragen kann, es von mir zu ſtoßen. Es ſcheint eine ſolche Vernach⸗ läſſigung desſelben, eine ſolche Undankbarkeit zu ſein.“ „Mein liebes Mädchen,“ ſagte Clennam,„es iſt das der naturgemäße Gang und Wechſel der Zeit. Jedes Eltern⸗ haus wird einmal ſo verlaſſen.“ „Ja, ich weiß es, aber nicht jedes Elternhaus wird mit einer ſolchen Lücke verlaſſen, wie ſie in meinem fühlbar ſein wird, wenn ich fort bin. Nicht, daß Mangel an viel beſſern und liebenswerthern und begabtern Mädchen als ich wäre, nicht daß an mir viel iſt, ſondern weil ſie ſo viel von mir gehalten haben.“ Pets liebevolles Herz war übervoll und ſie ſchluchzte, während ſie ſich ausmalte, was geſchehen würde. „Ich weiß, was Papa zuerſt für eine Veränderung füh⸗ len wird, und ich weiß, daß ich ihm zuerſt durchaus nicht das ſein kann, was ich ihm ſo viele Jahre geweſen bin. Und dann, Mr. Clennam, dann mehr als zu jeder andern Zeit, bitte ich Sie inſtändig, ſich ſeiner zu erinnern und ihm Geſellſchaft zu leiſten, wenn Sie ein wenig Zeit übrig ha⸗ ben, und ihm zu ſagen, daß ich ihn mehr liebte als jemals in meinem Leben, als ich ihn verließ. Denn es gibt Nie⸗ 144 Achtundzwanzigſtes Kapitel. mand— er ſagte mir das ſelbſt, als er noch heute mit mir ſprach— es gibt Niemand, den er ſo ſehr liebt und dem er ſo ſehr vertraut, als Sie.“ Ein Schlüſſel zu dem, was zwiſchen Vater und Tochter vorgegangen war, fiel wie ein ſchwerer Stein in den Born von Clennams Herzen und ließ ihm das Waſſer in den Au⸗ gen ſchwellen. Er ſagte heiter, aber nicht ganz ſo heiter, als er es zu ſagen verſuchte, daß es geſchehen ſollte, daß er ihr ſein feſtes Verſprechen gäbe. „Wenn ich nicht von Mama ſpreche,“ ſagte Pet, indem ſie in ihrem unſchuldigen Kummer gerührter und zugleich ſchöner war, als daß Clennam ſelbſt jetzt noch daran zu den⸗ ken wagen durfte— weshalb er die Bäume zwiſchen ihnen und dem hinſchwindenden Lichte zählte, wie ſie langſam an Zahl abnahmen—„ſo iſt's, weil Mama mich in dieſem Schritte beſſer verſtehen, meinen Verluſt in anderer Weiſe empfinden und in anderer Weiſe in die Zukunft blicken wird. Aber Sie wiſſen, was für eine liebe, treue Mutter ſie iſt, und Sie werden auch ihrer eingedenk ſein, nicht wahr?“ Minnie möge auf ihn bauen, ſagte Clennam, Minnie möge auf ihn bauen in Allem, was ſie wünſchte. „Und, lieber Mr. Clennam,“ ſagte Minnie,„weil Papa und Jemand, den ich nicht zu nennen brauche, ſich einander noch nicht ganz nach ihrem Werthe ſchätzen und noch nicht völ⸗ lig verſtehen, was allmälig geſchehen wird, und weil es die Pflicht, der Stolz und die Freude meines neuen Lebens ſein wird, ſie einander näher zu bringen und zu bewirken, daß ſie Niemands Verſchwinden. 145 ſich gegenſeitig glücklich machen und ſtolz auf einander ſind, und einander lieben, da Beide mich ſo innig lieben— o ſo verſuchen Sie, da Sie ein ſo gütiger, treuherziger Mann ſind, wenn ich zuerſt vom Hauſe getrennt bin(ich gehe in weite Ferne weg), Papa ein wenig mehr mit ihm zu verſöhnen, und benutzen Sie Ihren großen Einfluß dazu, daß er Papa frei von Vorurtheil und in ſeiner wahren Geſtalt vor Augen bleibt. Wollen Sie das für mich thun als edelherziger Freund?“ Arme Pet! In Selbſttäuſchung befangenes, irrendes Kind! Wann wurde je eine ſolche Veränderung bewirkt in den natürlichen Beziehungen von Menſchen zu einander, wann wurde je eine ſolche Verſöhnung tiefinnerlichſter Ge⸗ genſätze zu Stande gebracht! Es iſt oft von andern Töch⸗ tern verſucht worden, Minnie; es iſt nie von Erfolg gewe⸗ ſen, es iſt nie etwas Anderes dabei herausgekommen, als Mißlingen. So dachte Clennam. So ſagte er aber nicht; es war zu ſpät. Er verpflichtete ſich, Alles zu thun, um was ſie ihn bat, und ſie wußte ſehr wohl, daß er es thun würde. Sie waren jetzt am letzten Baume in der Allee. Sie blieb ſtehen und entzog ihm ihren Arm. Indem ſie zu ihm ſprach, blickte ſie empor ihm in die Augen und berührte mit der Hand, die vorher zitternd auf ſeinem Aermel geruht, eine der Roſen in ſeinem Buſen. Sie ſagte: „Theurer Mr. Clennam, in meinem Glücke— denn ich bin glücklich, obſchon Sie mich weinen ſahen— kann ich es 146 Achtundzwanzigſtes Kapitel. nicht ertragen, daß irgend eine Wolke zwiſchen uns bleibt. Wenn Sie mir irgend Etwas zu vergeben haben(nicht, daß es Etwas wäre, was ich mit Willen gethan, ſondern ich meine jeden Schmerz, den ich Ihnen gemacht, ohne es zu wollen, oder ohne die Macht gehabt zu haben, ihn zu verhüten) ſo vergeben Sie mir es heute Abend mit ihrem edlen Herzen!“ Er beugte ſich nieder, um dem ſchuldloſen Antlitze zu be⸗ gegnen, das dem ſeinen begegnete, ohne zurückzuweichen. Er küßte es und antwortete, der Himmel wiſſe, daß er ihr nichts zu vergeben habe. Als er ſich niederbeugte, um dem unſchuldigen Antlitze noch einmal zu begegnen, flüſterte ſie:„Leben Sie wohl!“ und er wiederholte es. Es hieß dies Abſchied nehmen von allen ſeinen alten Hoffnungen— von allen alten ruheloſen Zweifeln, die Niemand gehegt. Sie kamen im nächſten Augenblicke aus der Allee, Arm in Arm, wie ſie dieſelbe betreten hatten, und die Bäume ſchienen ſich hinter ihnen in der Dunkelheit zu ſchließen, wie ihre eigenen Ausſichten in die Vergangenheit. Die Stimmen von Mr. und Mrs. Meagles und Mr. Doyce waren augenblicklich hörbar, indem ſie in der Nähe der Gar⸗ tenthür ſprachen. Als Clennam Pets Namen erwähnen hörte, rief er„ſie iſt hier bei mir!“ Man wunderte ſich ein wenig und lachte ein wenig, bis ſie zu ihnen hinkamen, aber ſobald ſie Alle zuſammen gekommen waren, hörte es auf und Pet ſchlich ſich davon. Mr. Meagles, Doyce und Clennam wandelten ohne zu ſprechen einige Minuten am Ufer des Fluſſes im Scheine des Niemands Verſchwinden. 147 aufgehenden Mondes hin und her, dann blieb Doyce zu⸗ rrck und begab ſich ins Haus. Mr. Meagles und Clennam wandelten zuſammen noch ein paar Minuten ohne zu ſprechen auf und ab, bis endlich der Erſtere das Schweigen brach. „Arthur,“ ſagte er, indem er dieſe zutrauliche Bezeichnung zum erſten Male in ihrem Verkehr gebrauchte,„erinnern Sie ſich, wie ich Ihnen einſt bemerkte, als wir an einem heißen Morgen auf⸗ und abgingen und über den Hafen Marſeille blickten, daß Pets kleine Schweſter, welche verſtorben war, Mutter und mir gewachſen, wie ſie gewachſen und ſich verändert zu haben ſchien, wie ſie ſich verändert?“ „Ganz recht.“ „Sie erinnern ſich, daß ich ſagte, unſre Gedanken ſeien nie fähig geweſen, dieſe Zwillingsſchweſtern zu trennen, und daß in unſerer Phantaſie das, was Pet war, auch immer die Andere war?“ „Ja ganz recht.“ „Arthur,“ ſagte Mr. Meagles ſehr niedergeſchlagen,„ich führe dieſe Phantaſie heute Abend weiter. Mir iſt heute Abend, mein lieber Freund, als ob Sie mein verſtorbenes Kind ſehr zärtlich geliebt und ſie verloren hätten, als ſie ſo geweſen, wie Pet jetzt iſt.“ „Dank Ihnen,“ murmelte Clennam,„Dank Ihnen!“ Und er drückte ihm die Hand. „Wollen Sie nun mit hereinkommen?“ ſagte Mr. Mea⸗ gles bald darauf. „In einem Weilchen.“ 148 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Mr. Meagles ging weg und Clennam blieb allein. Als er etwa eine halbe Stunde im friedlichen Mondſchein am Ufer des Fluſſes hingegangen war, ſteckte er die Hand in ſeinen Buſen und nahm zärtlich die Hand voll Roſen heraus. Viel⸗ leicht drückte er ſie an ſein Herz, vielleicht drückte er ſie an ſeine Lippen, gewiß iſt nur, daß er ſich vom Ufer hinab bückte und ſie mit behutſamer Hand dem dahinfluthenden Fluſſe anvertraute. Bleich und geiſterhaft im Mondenlichte führte der Strom ſie hinweg. 3 Die Lichter brannten hell im Hauſe, als er eintrat, und die Geſichter, auf welche ſie ſchienen, ſein eigenes Geſicht nicht ausgenommen, waren bald voll ruhiger Heiterkeit. Sie ſprachen von mancherlei Dingen(ſein Compagnon hatte noch nie einen ſo reichen Vorrath von Gegenſtänden beſeſſen, um die Zeit zu vertreiben) und ſo ging es zu Bett und ſo ſchlie⸗ fen ſie ein, während die Blumen bleich und geiſterhaft im Mondenſchein auf dem Strome hintrieben, ganz wie größere Dinge, die einſt in unſerm Herzen waren und unſerm Herzen nahe, von uns hinfliehen in die Meere der Ewigkeit. Meunundzwanzigutes Kapitel. Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. Das Haus in der City bewahrte ſein ſchwerfälliges düſte⸗ res Weſen während aller dieſer Vorgänge, und die gebrech⸗ 5 S S 5 5 5 5 5 Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 149 liche Frau in ihm fuhr in derſelben wechſelloſen Weiſe fort zu leben. Morgen, Mittag und Nacht, Morgen, Mittag und Nacht kehrten Jedes mit der ihnen anhaftenden Eintönigkeit wieder, ſtets war es dieſelbe widerwillige Rückkehr derſelben Aufeinanderfolge von mechaniſchen Vorgängen, wie in einem langſam hinſchleichenden Uhrwerk. Man kann ſich denken, daß der Rollſtuhl ſeine Erinne⸗ rungen und Träumereien hatte, wie ſie jeder Ort hat, der zum Standorte menſchlicher Weſen gemacht iſt. Bilder von niedergeriſſenen Straßen und umgebauten Häuſern, wie ſie früher waren, als die, welche den Stuhl inne hatte, mit ihnen wohl bekannt war; Bilder von Leuten, ebenfalls wie ſie einſt geweſen, mit geringen oder gar keinen Zugeſtänd⸗ niſſen an den Verlauf der Zeit, in welcher ſie zum letzten Male geſehen worden, von Dieſen müſſen in der langen Reihenfolge düſterer Tage viele erſchienen ſein. Die Uhr des geſchäftigen Daſeins ſtill ſtehen zu laſſen zu der Stunde, in der man ſelbſt von ihr getrennt wurde; zu glauben, daß die ganze Menſchheit die Bewegung verloren habe, wenn wir zum Stillſtande gebracht worden ſind; unfähig zu ſein, die außer unſerem Geſichtskreis liegenden Veränderungen nach einem größeren Maße, als dem zuſammengeſchrumpften unſrer eige⸗ nen einförmigen und beſchränkten Exiſtenz zu meſſen, das iſt die Schwäche mancher Gebrechlichen und die geiſtige Unge⸗ ſundheit beinahe Aller, welche in einſamer Klauſe zu leben genöthigt ſind. Was für Scenen und handelnde Perſonen die ſtrenge Klein Dorrit. IV. 11 150 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Frau am häufigſten vor ſich vorübergehen ließ, während ſie von Jahr zu Jahr immer in demſelben düſteren Zimmer ſaß, wußte Niemand als ſie ſelbſt. Mr. Flintwinch würde, da ſeine Gegenwart täglich wie eine excentriſche mechaniſche Kraft auf ſie wirkte, es ihr vielleicht abgedrückt haben, wenn weni⸗ ger Widerſtandskraft in ihr geweſen wäre, aber ſie war zu ſtark für ihn. Was Mrs. Affery betrifft, ſo war es Beſchäf⸗ tigung genug für ſie, ihren Eheherrn und ihre gichtbrüchige Herrin mit einem Geſichte voll nichtsſagender Verwunderung anzuſtarren, im Hauſe nach Dunkelwerden mit ihrer Schürze über dem Kopfe herumzugehen, ſtets nach dem ſeltſamen Ge⸗ räuſche zu lauſchen und bisweilen es zu hören und nie aus ihrem geiſterſeheriſchen, träumeriſchen, ſchlafwachen Zuſtande aufzuwachen. Es wurden ſehr gute Geſchäfte gemacht, wie Mrs. Affery gewahr wurde; denn ihr Gatte war überaus beſchäftigt in ſeinem kleinen Comptoir und ſah mehr Leute bei ſich, als ſonſt viele Jahre gekommen waren. Dies konnte leicht ſein, da das Haus lange ganz verlaſſen geweſen war; aber er empfing Briefe und Beſuche, hielt Buch und correſpondirte. Außer⸗ dem ging er in andere Comptoire und nach den Werften und Docks und nach dem Zollhauſe und nach Garraways Kaffee⸗ hauſe und dem Jeruſalemer Kaffeehauſe und auf die Börſe, ſodaß er viel ein⸗ und ausging. Außerdem begann er bis⸗ weilen des Abends, wo Mrs. Clennam gerade kein beſonde⸗ res Verlangen nach ſeiner Geſellſchaft ausſprach, ſich in ein Gaſthaus der Nachbarſchaft zu begeben, um in der Abend⸗ — — Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 151 zeitung nach Schiffernachrichten und Schlußpreiſen zu ſehen und ſelbſt mit Kauffahrteiſchiffskapitainen, welche dieſes Etabliſſement beſuchten, einigermaßen Bekanntſchaft zu ma⸗ chen. Täglich zu einer gewiſſen Zeit hielt er und Mrs. Clen⸗ nam eine Berathung über Geſchäftsangelegenheiten, und es ſchien Affery, die ſtets herumtaſtete, lauſchte und beobachtete, daß die beiden Schlauköpfe Geld machten. Der Gemüthszuſtand, in welchen Mr. Flintwinch's Ehe⸗ hälfte verfallen war, hatte jetzt begonnen, ſich ſo ſehr in allen ihren Blicken und Handlungen auszuprägen, daß die beiden Schlauköpfe ſie ſehr geringſchätzten und als eine Perſon be⸗ trachteten, welche nie von ſtarkem Geiſte geweſen und jetzt im Begriffe wäre, albern zu werden. Vielleicht weil ihr Aeuße⸗ res nicht von commerziellem Gepräge war, oder vielleicht, weil es ihm einfiel, der Umſtand, daß er ſie geheirathet, möchte in den Gemüthern ſeiner Kunden Zweifel über ſeinen Verſtand erwecken, befahl ihr Mr. Flintwinch, über ihre ehe⸗ lichen Beziehungen den Mund zu halten und ihn außer dem Trio im Hauſe nie Jeremiah zu nennen. Ihr häufiges Ver⸗ geſſen dieſer Ermahnung verſtärkte ihr ſchreckhaftes Weſen, da Mr. Flintwinchs Gewohnheit, ſich für ihre Nachläſſigkeit dadurch zu rächen, daß er ihr an der Treppe an den Hals ſprang und ſie abſchüttelte, Veranlaſſung wurde, daß ſie ſtets ungewiß war, wann er ihr wieder einmal auf dieſe Weiſe auflauern möchte. Klein Dorrit hatte eines Tages endlich ihre Arbeit in Mrs. Clennams Stube vollendet und ſuchte ſorgſam ihre 11* Neunundzwanzigſtes Kapitel. Fleckchen und Schnipfel auf, bevor ſie nach Hauſe ging. Mr. Pancks, den Affery ſoeben hereingelaſſen, richtete eine Nach⸗ frage in Betreff von Mrs. Clennams Befinden aus, verbun⸗ den mit der Bemerkung,„da er ſich zufällig gerade in die⸗ ſer Gegend befinde,“ ſo hätte er hereingeguckt, um im Na⸗ men ſeines Eigenthümers ſich zu erkundigen, wie es ihr ginge. Mrs. Clennam ſah ihn mit tief herabgezogenen Au⸗ genbrauen an. „Mr. Casby weiß,“ ſagte ſie,„daß ich keinen Verände⸗ rungen unterworfen bin. Die Veränderung, die ich hier er⸗ warte, iſt die große Veränderung.“ „In der That, Madame?“ erwiderte Pancks, indem er ſein Auge nach der Geſtalt der kleinen Nätherin ſchweifen ließ, welche auf den Knien lag, um Faden und Abfälle von ihrer Arbeit vom Teppich aufzuleſen.„Sie ſehen munter aus, Madame.“ „Ich trage, was ich zu tragen habe,“ antwortete ſie. „Thun Sie, was Sie zu thun haben.“ „Danke Ihnen, Madame,“ ſagte Mr. Pancks,„das iſt mein Beſtreben.“ „Sie kommen oft in dieſe Gegend, nicht wahr?“ fragte Mrs. Clennam. „Je nun, ja, Madame,“ ſagte Pancks,„namentlich ſeit einiger Zeit; ich bin in der letzten Zeit oft hier herum gewe⸗ ſen, bald deshalb, bald einer anderen Sache wegen.“ „Bitten Sie Mr. Casby und ſeine Tochter, ſich nicht durch Botſchaften um mich zu bemühen. Wenn ſie mich zu Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 153 ſehen wünſchen, ſo wiſſen ſie, daß ich hier bin, ſie zu em⸗ pfangen. Sie haben es nicht nöthig, ſich mit Sendboten zu bemühen. Sie ſelbſt brauchen ſich nicht damit zu bemühen, daß Sie herkommen.“ „Nicht die mindeſte Bemühung, Madame,“ ſagte Mr. Pancks.„Sie ſehen wirklich ungemein gut aus, Madame.“ „Danke Ihnen. Guten Abend.“ Die Entlaſſung und der geradewegs nach der Thür zei⸗ gende Finger, der ſie begleitete, war ſo kurz und direct, daß Mr. Pancks keinen Weg ſah, ſeinen Beſuch zu verlängern. Er ſtrich ſich das Haar mit dem heiterſten Geſichtsausdruck in die Höhe, warf noch einen Blick auf die kleine Geſtalt, ſagte:„Guten Abend, Madame; kommen Sie nicht mit hin⸗ unter, Mrs. Affery, ich kenne den Weg nach der Thür,“ und dampfte hinaus. Mrs. Clennam folgte ihm, indem ſie ihr Kinn auf ihrer Hand ruhen ließ, mit aufmerkſamen Blicken, in denen ſich ein finſteres Mißtrauen ſpiegelte, und Affery ſtand da und blickte ſie an, als ob ſie von einem Zauber ge⸗ feſſelt wäre. Langſam und nachdenklich wendeten ſich die Augen von der Thür, durch welche Pancks hinausgegangen war, auf Klein Dorrit, die ſich von dem Teppich erhob. Indem ihr Kinn ſchwerer in ihre Hand ſank, ſaß die kranke Frau da und blickte ſie mit wachſamen und lauernden Blicken an, bis ſie ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Klein Dorrit erröthete unter ſolch einem Blicke und ſah zu Boden. Mrs. Clennam ſtarrte ſie immer noch an. 154 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Klein Dorrit,“ ſagte ſie, als ſie endlich das Schweigen brach,„was wiſſen Sie von dieſem Menſchen?“ „Ich weiß durchaus nichts von ihm, Madame, aus⸗ genommen, daß ich ihn um mich geſehen habe, und daß er zu mir geſprochen hat.“ „Was hat er zu Ihnen geſagt?“ „Ich verſtehe nicht, was er geſagt hat, er iſt ſo ſeltſam. Aber es war nichts Grobes oder Unangenehmes.“ „Warum kommt er hierher, Sie zu ſehen?“ „Das weiß ich nicht, Madame,“ ſagte Klein Dorrit voll⸗ kommen aufrichtig. „Sie wiſſen, daß er hierher kommt, um Sie zu ſehen?“ „Ich habe ſo gedacht,“ ſagte Klein Dorrit.„Aber wes⸗ halb er gerade darum hierher oder ſonſt wohin kommen ſollte, Madame, kann ich mir nicht denken.“ Mrs. Clennam ſchlug ihre Augen zu Boden und ſaß, indem ſich ihr ſtrenges Geſicht ſo feſt auf einen Gegenſtand in ihren Gedanken richtete, als es ſo eben noch auf die Geſtalt gerichtet geweſen, die von ihren Augen hinweggegangen war, gedankenvoll da. Einige Minuten verfloſſen, ehe ſie dieſes Nachſinnen aufgab und ihre ſtrenge Faſſung wiedergewann. Klein Dorrit hatte inzwiſchen gewartet, gehen zu können, aber gefürchtet, ſie zu ſtören, wenn ſie ſich bewegte. Sie wagte es jetzt, die Stelle zu verlaſſen, wo ſie geſtanden, ſeit ſie ſich erhoben, und leiſe um den Rollſtuhl herumzugehen. Sie blieb neben ihm ſtehen, um zu ſagen:„Gute Nacht, Madame!“ Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 155 Mrs. Clennam ſtreckte ihre Hand aus, um ſie auf ihren Arm zu legen. Klein Dorrit, verwirrt von der Berührung, ſtand zitternd da. Vielleicht war in ihrer Seele eine augen⸗ blickliche Erinnerung an die Geſchichte von der Prinzeſſin. „Sagen Sie mal, Klein Dorrit,“ ſagte Mrs. Clennam, haben Sie jetzt viele Freunde?“ „Sehr wenige, Madame. Außer Ihnen nur Miß Flora und— noch einen.“ „Das heißt,“ ſagte Mrs. Clennam, indem ſie mit ihrem ausgeſtreckten Finger nach der Thür wies,„dieſen Mann?“ „Oh nein, Madame!“ „Vielleicht einen Freund von ihm?“ „Nein, Madame.“ Klein Dorrit ſchüttelte überzeugt den Kopf.„Oh nein! Keinen, der ihm irgend gliche oder zu ihm gehörte.“ „Gut,“ ſagte Mrs. Clennam, beinahe lächelnd.„Es iſt das nicht meine Sache. Ich frage, weil ich ein Intereſſe an Ihnen nehme, und weil ich glaube, daß ich Ihre Freundin war, als Sie keine andere hatten, die Ihnen dienen konnte. Iſt das ſo?“ „Ja, Madame, es iſt in der That ſo. Ich bin oftmals hier geweſen, wo wir, wenn Sie und die Arbeit, die Sie mir gaben, nicht geweſen wären, Mangel an Allem gelitten haben würden.“ „Wir,“ wiederholte Mrs. Clennam mit einem Blicke auf die Uhr, die einſt ihrem verſtorbenen Gatten gehört hatte und jetzt ſtets auf ihrem Tiſche lag.„Sind Sie Mehrere?“ 156 Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Nur Vater und ich jetzt. Ich meine, nur Vater und ich von dem regelmäßig zu erhalten, was wir bekommen.“ „Haben Sie vielen Mangel gelitten? Sie und Ihr Vater und wer ſonſt noch dazu gehören mag?“ ſagte Mrs. Clen⸗ nam, indem ſie mit augenſcheinlicher Ueberlegung ſprach und die Uhr fortwährend umwendete. „Bisweilen war es ziemlich ſchwer, das Leben durchzu⸗ bringen,“ ſagte Klein Dorrit mit ihrer ſanften Stimme und in ihrer ſchüchternen, klageloſen Weiſe,„aber ich denke, was das betrifft, nicht ſchwerer, als es viele Leute finden.“ „Das iſt gut geſprochen,“ erwiderte Mrs. Clennam raſch. „Das iſt die Wahrheit. Sie ſind ein gutes, überlegſames Mädchen. Sie ſind auch ein dankbares Mädchen, oder ich 4 müßte Sie mißverſtehen.“. „Es iſt das nur natürlich. Es liegt kein Verdienſt darin, dankbar zu ſein,“ ſagte Klein Dorrit.„Ich bin es in der That.“ „Mrs. Clennam zog mit einer Milde, welche die träu⸗ meriſche Affery ſich nie von ihr hätte träumen laſſen, das Ge⸗ ſicht ihrer kleinen Nätherin zu ſich herunter und küßte ſie auf die Stirn. „Nun gehen Sie, Klein Dorrit,“ ſagte ſie,„oder Sie werden ſich verſpäten, armes Kind.“ In allen den Träumen, welche Mrs. Affery aufgeſchichtet hatte, ſeit ſie ſich dieſem Zuſtande hingegeben, hatte ſie nichts Erſtaunlicheres als dies geträumt. Es that ihr der Kopf weh von dem Gedanken, daß ſie nächſtens den andern Schlaukopf — Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 157 Klein Dorrit küſſen und dann beide Schlauköpfe ſich einan⸗ der umarmen und in Thränen zärtlichen Mitgefühls mit der ganzen Menſchheit zerfließen ſehen werde. Die Idee machte ſie völlig verblüfft, als ſie den leichten Fußtritten die Treppe hinab folgte, um die Hausthür ſicher zu ſchließen. Als ſie dieſelbe öffnete, um Klein Dorrit hinauszulaſſen, fand ſie, daß Mr. Pancks, ſtatt ſeiner Wege gegangen zu ſein, wie man von ihm an einem weniger wunderſamen Orte und unter weniger wunderſamen Umſtänden vernünftiger Weiſe hätte erwarten können, vor dem Hauſe draußen im Hofe auf und ab ſpazierte. In dem Augenblicke, wo er Klein Dorrit ſah, ging er raſch an ihr vorbei, ſagte mit dem Finger an ſeiner Naſe(wie Mrs. Affery deutlich hörte):„Pancks, der Zigeuner, beim Wahrſagen!“ und ging fort. „Gott ſteh' uns bei, hier iſt nun ein Zigeuner und ein Wahrſager darin!“ ſchrie Mrs. Affery.„Was wird nächſtens noch kommen?“ Sie ſtand an einem regneriſchen Gewitterabende an der offenen Thür und quälte ſich mit dieſem Räthſel ab. Die Wolken flogen raſch dahin, der Wind kam in Stößen daher⸗ geſauſt, mit denen er Fenſterladen in der Nachbarſchaft, die losgegangen waren, herumwarf, die roſtigen Schornſteinkap⸗ pen und Wetterhähne herumwirbelte und in einem benachbar⸗ ten engen Kirchhofe im Kreiſe herumwüthete, als ob er ſich's in den Kopf geſetzt hätte, die todten Bürger aus ihren Grä⸗ bern zu wehen. Der dumpfe Donner, der in allen Himmels⸗ gegenden zugleich rollte, ſchien Rache für dieſe beabſichtigte 158 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Entheiligung zu drohen und zu murmeln:„Laß ſie ruhen! Laß ſie ruhen!“ Mrs. Affery, mit deren Furcht vor Donner und Blitz ſich nur ihre Furcht vor dem geſpenſtiſchen Hauſe, in dem eine frühzeitige und unnatürliche Dunkelheit herrſchte, vergleichen ließ, ſtand unſchlüſſig da, ob ſie hineingehen ſollte oder nicht, bis die Frage für ſie durch die Thür entſchieden wurde, welche, von einem heftigen Windſtoße gefaßt, zuſchlug und ſie hin⸗ ausſperrte.„Was iſt nun zu machen! Was iſt nun zu ma⸗ chen!“ ſchrie Mrs. Affery in dieſem letzten aller ihrer un⸗ ruhigen Träume.„Wo ſie ganz allein drin iſt und ebenſo wenig herunterkommen und aufmachen kann, als die Todten draußen auf dem Kirchhofe.“ In dieſem Dilemma lief Mrs. Affery mit ihrer Schürze als Kaputze über ſich, um den Regen abzuhalten, in dem ein⸗ ſamen, gepflaſterten Hofe mehrmals hin und her. Warum ſie dann ſich bückte und durch das Schlüſſelloch der Thür guckte, als ob ſie ſich mit den Augen öffnen ließe, würde ſchwer zu ſagen ſein; es iſt indeß nur das, was die meiſten Leute in ihrer Lage gethan haben würden, und es iſt das, was ſie that. Aus dieſer Stellung fuhr ſie plötzlich mit einem halb⸗ unterdrückten Gekreiſch auf, indem ſie Etwas auf ihrer Schul⸗ ter fühlte. Es war die Berührung einer Hand, einer Män⸗ nerhand. Der Mann war wie ein Reiſender gekleidet, hatte eine pelzbeſetzte Mütze auf und trug einen weiten Mantel. Er ſah Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 159 wie ein Fremder aus. Er trug langes Haar und einen gro⸗ ßen Schnurrbart— kohlſchwarz mit Ausnahme der ſtachligen Enden, wo er einen röthlichen Anflug hatte— und eine große Habichtsnaſe. Er lachte über Mrs. Affery's Schreck und Aufſchrei, und als er lachte, ſträubte ſich ſein Schnurr⸗ bart nach ſeiner Naſe empor und ſeine Naſe kam über ſeinen Schnurrbart herab. „Was gibt's?“ fragte er in gutem Engliſch.„Wovor fürchten Sie ſich?“ „Vor Ihnen,“ ſtöhnte Affery. „Vor mir, Madame?“ „Und vor dem düſteren Abend und— und vor allem Möglichen. Und hier! der Wind hat die Thür zugeweht, und ich kann nicht hineinkommen.“ „Ha!“ ſagte der Herr, welcher es ſehr kaltblütig auf⸗ nahm.„In der That. Wiſſen Sie wol hierherum einen ſol⸗ chen Namen wie Clennam?“ „Ei du lieber Herrgott, ich ſollte meinen, ich ſollte mei⸗ nen!“ ſchrie Affery, die über die Frage ſo außer ſich gera⸗ then, daß ſie von Neuem die Hände rang. „Wo herum denn hier?“ „Wo!“ ſchrie Affery, abermals mit einer Unterſuchung des Schlüſſellochs beſchäftigt.„Wo ſonſt, als hier in dieſem Hauſe? Und ſie iſt ganz allein in ihrer Stube und hat den Gebrauch ihrer Glieder verloren und kann ſich nicht regen, um ſich oder mir hier unten zu helfen, und der andere Schlaukopf iſt ausgegangen. Gott vergib mir's!“ ſchrie 160 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Affery, von dieſen aufeinandergehäuften Betrachtungen zu einem wahnwitzigen Herumhüpfen getrieben,„wenn ich nicht auf der Stelle und ohne Weiteres verrückt werde.“ Der Herr, welcher der Sache jetzt eine wärmere Theil⸗ nahme ſchenkte, da ſie ihn mitbetraf, trat zurück, um ſich das Haus anzuſehen, und ſeine Augen ruhten auf dem langen, ſchmalen Fenſter des Stübchens neben der Thür zum Vor⸗ hauſe. „Wo mag die Dame ſein, welche den Gebrauch ihrer Glieder verloren hat, Madame?“ erkundigte er ſich mit je⸗ nem eigenthümlichen Lächeln, auf welches Mrs. Affery nicht umhin konnte, ihre Augen zu heften. „Da oben!“ ſagte Affery.„Die beiden Fenſter da.“ „Ha! Ich bin von gehöriger Größe, könnte aber doch nicht die Ehre haben, mich in dieſer Stube vorzuſtellen, ohne Hülfe einer Leiter. Nun, Madame, offenherzig geſagt — Offenherzigkeit iſt ein Zug meines Charakters— ſoll ich für Sie die Thür aufmachen?“ „Ei ja wol, mein allerliebſtes Herrchen und machen Sie nur gleich los,“ ſchrie Affery;„denn ſie kann in dieſem ſelbi⸗ gen Augenblicke mich rufen oder ſich dem Feuer nähern und ſich zu Tode verbrennen oder ich weiß nicht, was ihr Alles paſſiren kann, und ich werde verrückt, wenn ich nur d'ran denke.“ „Halt, meine gute Madame!“ Er hielt ihre Ungeduld mit einer glatten, weißen Hand zurück.„Die Geſchäftsſtun⸗ den ſind, fürchte ich, für dieſen Tag vorbei?“ Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 161 „Ja wol, ja wol, ja wol,“ ſchrie Affery.„Schon lange.“ „Nun ſo laſſen Sie mich Ihnen einen billigen Vorſchlag machen. Billigkeit iſt ein Zug meines Charakters. Ich bin eben gelandet vom Packetboote, wie Sie ſehen können.“ Er zeigte ihr, daß ſein Mantel ſehr naß und daß ſeine Stiefel vom Waſſer durchdrungen waren; ſie hatte vorher bemerkt, daß ſein Haar in Unordnung und ſeine Geſichtsfarbe bleich war wie von einer ſtürmiſchen Fahrt, und daß er ſo durch⸗ froren war, daß ihm die Zähne klapperten.„Ich bin eben vom Packetboote gelandet und bin vom Wetter, dem Höllen⸗ wetter aufgehalten worden! In Folge deſſen, Madame, iſt ein nothwendiges Geſchäft(ein nothwendiges Geſchäft, weil es ein Geldgeſchäft iſt), welches ich ſonſt in den regelmäßigen Stunden hier abgemacht haben würde, noch abzuthun. Wenn Sie nun, zum Danke dafür, daß ich die Thür öffne, eine geſetzlich dazu berechtigte Perſon aus der Nachbarſchaft her⸗ beiholen wollen, die es thut, ſo will ich die Thür aufmachen. Sollte dieſer Vergleich Ihnen nicht behagen, ſo will ich—“ und mit demſelben Lächeln machte er eine bezeichnende Be⸗ wegung, als wollte er wieder fort gehen. Mrs. Affery, von Herzen gern bereit, auf das vorgeſchla⸗ gene Compromiß einzugehen, gab bereitwillig ihre Einſtim⸗ mung zu erkennen. Der Herr erſuchte ſie ſofort, ihm gefäl⸗ ligſt ſeinen Mantel zu halten, nahm einen kurzen Anlauf nach dem ſchmalen Fenſter, that einen Sprung nach dem Simſe, kletterte an den Ziegeln in die Höhe und hatte au⸗ 162 Neunundzwanzigſtes Kapitel. genblicklich ſeine Hand am Schubfenſterchen und ſchob es empor. Als er ſein Bein in die Stube ſchob und ſich nach ihr umblickte, ſahen ſeine Augen ſo unheimlich aus, daß ſie, indem es ihr plötzlich kalt über den Rücken lief, dachte, was ſie nun wol thun könnte, ihn zu hindern, wenn er ſtracks hinaufginge und die Kranke ermordete. Glücklicherweiſe hatte er keine ſolche Abſicht, denn er erſchien im Augenblick wieder in der Hausthür.„Nun, meine liebe Madame,“ ſagte er, als er ſeinen Mantel zu⸗ rück nahm und ihn umwarf,„wenn Sie nur die Güte haben wollten— was der Teufel iſt das?“ Das ſeltſamſte Geräuſch von der Welt. Augenſcheinlich ganz in der Nähe nach dem eigenthümlichen Stoße, den es der Luft mittheilte, aber gedämpft, als ob es in weiter Ferne wäre. Ein Zittern, ein Rumpeln, und ein Fall von irgend einem leichten und trockenen Gegenſtande. „Was der Teufel iſt es?“ „Ich weiß nicht, was es iſt, aber ich habe dem Aehn⸗ liches wieder und immer wieder gehört,“ ſagte Affery, welche ſeinen Arm ergriffen hatte. Er konnte kaum ein muthiger Mann ſein, ſo dachte ſelbſt ſie in ihrem träumeriſchen Auffahren und Erſchrecken; denn ſeine bebenden Lippen waren farblos geworden. Nachdem er noch einige Augenblicke hingelauſcht, that er, als ob er ſich nichts draus machte. „Bah! Nichts! Nun, meine liebe Madame, mir iſt, als hätten Sie von einer gewiſſen klugen Perſon geſprochen. Wol⸗ Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen. 163 len Sie ſo gut ſein, mich mit dieſem Genius zuſammenzu⸗ bringen?“ Er hielt die Thür in ſeiner Hand, als ob er voll⸗ ſtändig bereit wäre, ſie wieder auszuſchließen, wofern ſie Nein ſagte. 3 „Sagen Sie nur aber nichts von der Thür und mir,“ flüſterte Affery. „Nicht ein Wort.“ „Und begeben Sie ſich nicht weg von hier und ſprechen Sie nicht, wenn ſie ruft, während ich um die Ecke laufe.“ „Madame, ich werde ſtillſtehen wie ein Steinbild.“ Affery hegte eine ſo lebhafte Furcht, daß er ſich heimlich hinaufſchleichen werde in dem Augenblick, wo ſie den Rücken gewendet, daß ſie, nachdem ſie ihm aus den Augen geeilt, nach dem Thorwege zurückkehrte, um nach ihm zu lauſchen. Da ſie ihn noch immer auf der Schwelle ſtehen ſah und zwar mehr außer, als in dem Hauſe, als ob er keine Liebe zur Fin⸗ ſterniß und keinen Wunſch hegte, ihre Geheimniſſe kennen zu lernen, flog ſie in die nächſte Straße und ſchickte eine Bot⸗ ſchaft in das Gaſthaus zu Mr. Flintwinch, welcher ſofort herauskam. Indem die Beiden zurückkehrten— die Dame voraus und dann Mr. Flintwinch, beſeelt von der Hoffnung, ſie abſchütteln zu können, bevor ſie in's Haus gelangte— ſahen ſie den Herrn auf derſelben Stelle im Dunkeln ſtehen und hörten die heftige Stimme der Mrs. Clennam aus ihrer Stube rufen:„Wer iſt das? Was iſt das? Warum ant⸗ wortet Niemand? Wer iſt denn das da unten!“ Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. ————— “ “ — 8 F. 4 * 8—.