e Leihbibliothekr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur„ von.. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. ¹. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab 4 e von mir zurückerſtattet wird. 4 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2„— 1— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hi der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. .6. Schadenersatz. 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Fünkzehutes Kapitel. Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. Das gichtbrüchige alte Haus in der City, gehüllt in ſeinen Rußmantel und ſchwerfällig auf die Krücken gelehnt, die an ſeinem Verfall Theil genommen hatten und mit ihm vermodert waren, erlebte nie eine geſunde oder heitere Zwi⸗ ſchenpauſe, mochte geſchehen, was da wollte. Wenn die Sonne es ja berührte, war es nur mit einem Strahle und der war in einer halben Stunde wieder weg; wenn das Mondlicht ja darauf fiel, ſo war es nur, um ein paar Flik⸗ ken auf ſeinen dunkeln Mantel zu ſetzen und zu bewirken, daß es noch elender ausſah. Die Sterne allerdings ſchau⸗ ten mit kaltem Blicke darauf herab, wenn die Nächte klar und der Rauch nicht ſo dick waren, und alles ſchlechte Wet⸗ ter hielt ſich zu ihm mit ſeltner Treue. Man ſah zu gleicher Zeit Regen, Hagel, Froſt und Thauwetter in dieſem düſtern engen Hofe zögernd verweilen, und was den Schnee betraf, ſo konnte man ihn dort Wochen hindurch, nachdem er vom Gelben ins Schwarze übergegangen, ſein ſchmutziges Leben Klein Dorrit. III. 1 2 Fünfzehntes Kapitel. verweinen ſehen. Der Ort hatte ſonſt Niemand, der ihm Anhänglichkeit bewies. Was das Geräuſch der Straße an⸗ langte, ſo hallte das Rollen von Rädern nur im Vorüber⸗ gehen auf einen Augenblick durch den Thorweg herein und flugs wieder hinaus, ſo daß es der lauſchenden Miſtreß Af⸗ fery zu Muthe war, als ob ſie taub wäre und ihren Gehör⸗ ſinn nur auf einen kurzen Ruck bisweilen wieder erlangte. Ebenſo war es mit Pfeifen, Singen, Sprechen, Lachen und allen angenehmen Tönen der Menſchenwelt. Sie huſchten im Augenblick an der Lücke vorüber und gingen ihres Wegs. Der Wechſel des Lichtes von Feuer und Kerze in Mrs. Clennams Zimmer war die größte Veränderung, die je die todtenſtille Eintönigkeit des Ortes unterbrach. In ihren beiden langen ſchmalen Fenſtern ſtrahlte das Feuer mürriſch den ganzen Tag und mürriſch die ganze Nacht. In ſeltenen Fällen zuckte es leidenſchaftlich auf, wie ſie, aber meiſten⸗ theils war es verhalten, wie ſie, und verzehrte ſich ſelbſt ge⸗ laſſen und langſam. Viele Stunden der kurzen Wintertage jedoch, wo es dort ſchon zeitig nach Mittag dunkelte, ſchat⸗ teten ſich mehrfach wechſelnd verrenkte Bilder von ihr in ih⸗ rem Räderſtuhle, von Mr. Flintwinch mit ſeinem ſchiefen Halſe, von der kommenden und gehenden Miſtreß Affery auf der Hauswand über dem Thorwege ab und ſchwebten dort wie Schatten aus einer großen Zauberlaterne. Wenn die ihr Zimmer hütende Kranke ſich zur Nacht einrichtete, pfleg⸗ ten dieſe allmälig zu verſchwinden, wobei Miſtreß Affery's vergrößerter Schatten ſtets zuletzt umherhuſchte, bis er end⸗ Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 3 lich in die Luft hinwegglitt, als ob ſie ſich zu einer Hexen⸗ fahrt davon gemacht hätte. Dann pflegte das einſame Licht durch keinen Wechſel geſtört zu brennen, bis es kurz vor der Morgendämmerung bleich brannte und zuletzt unter dem Hauche der Miſtreß Affery erſtarb, wenn ihr Schatten aus der Zaubergegend des Schlafes zu ihm herabſtieg. Seltſam, wenn das kleine Feuer im Krankenzimmer ei⸗ gentlich ein Signalfeuerwäre, beſtimmt, jemand herbeizuru⸗ fen, und zwar den unwahrſcheinlichſten Jemand von der Welt, ihn herbeizurufen nach der Stelle, wohin er kommen muß. Seltſam, wenn das kleine Licht im Krankenzimmer eigentlich ein Wächterlicht wäre und an dieſer Stelle jede Nacht brennte, bis ein vorhergeſehenes Ereigniß zu erſpähen wäre. Welche von der ungeheuren Menge von Reiſenden, die unter der Sonne und den Sternen die ſtaubigen Höhen emporklimmen, ſich mühſelig über die langweiligen Ebenen hinarbeiten, zu Lande reiſen und zur See reiſen, ſo ſonder⸗ bar kommen und gehen, um ſich zu begegnen und in Wech⸗ ſelwirkung an einander zu handeln, welche von der Schaar mögen wol, ohne das Ziel ihrer Reiſe zu ahnen, mit Ge⸗ wißheit hierher wandern? Die Zeit wird es uns zeigen. Der Ehrenpoſten und der Schandpfahl, die Stellung des Generals und des Trom⸗ melſchlägers, die Statue eines Peers in der Weſtminſter⸗ abtei und die Hängematte eines Matroſen im Buſen der Tiefe, die Biſchofsmütze und das Armenhaus, der Wollſack und der Galgen, der Thron und die Guillotine— die Rei⸗ 1* Fünfzehntes Kapitel. ſenden nach allen ſind auf der großen Heerſtraße, aber ſie hat wunderbare Windungen, und nur die Zeit wird uns zei⸗ gen, welches der Beſtimmungsort jedes Reiſenden iſt. An einem Nachmittag im Winter in der Dämmerung träumte Mrs. Flintwinch, die den ganzen Tag einen ſchwe⸗ ren Kopf gehabt, folgenden Traum. Es war ihr, als ob ſie in der Küche wäre, um den Keſ⸗ ſel für den Thee zurecht zu machen, und ſich, die Füße auf das Kamingeländer geſtemmt und den Schweif ihres Rockes hinaufgeſchürzt, vor dem zuſammengeſunkenen Feuer in Mitten des Roſts wärmte, welches auf beiden Seiten von einer tiefen kalten ſchwarzen Furche begrenzt war. Es war ihr, als ob, während ſie ſo da ſäße und über die Frage, ob das Leben nicht für manche Leute eine recht langwei lige Er⸗ findung ſei, nachſänne, ein plötzliches Geräuſch hinter ihr ſie erſchreckte. Es war ihr, als ſei ſie ſchon letzte Woche in ähnlicher Weiſe erſchreckt worden, und als ſei das Geräuſch von geheimnißvoller Art— ein Raſcheln und drei oder vier raſche Schläge wie ein ſchneller Schritt, während ein Stoß oder Zittern durch ihr Herz ging, wie wenn der Schritt die Decke erſchüttert hätte oder ſogar wie wenn ſie von einer grauenvollen Hand berührt worden wäre. Es war ihr, als riefe dies gewiſſe alte Befürchtungen von ihr wach, daß es in dem Hauſe ſpuke, und als flöge ſie die Küchentreppe hin⸗ auf, um— ſie wußte nicht, wie ſie hinaufkam— näher bei Menſchen zu ſein. Miſtreß Affery war es, als ſähe ſie, als ſie die Haus⸗ Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 5 flur erreicht, die Thür des Geſchäftszimmers ihres Herrn Gemahls offen und das Gemach leer. Als ginge ſie nach dem zerſprungnen Fenſter in dem Stübchen neben der Haus⸗ thür, um ihr klopfendes Herz durch das Glas mit dem Leben jenſeits und außerhalb des geſpenſtiſchen Hauſes in Verbin⸗ dung zu bringen. Als ſähe ſie dann auf der Wand über dem Thorwege die Schatten der beiden klugen Köpfe eben im Geſpräche. Als ginge ſie dann, die Schuhe in der Hand, hinauf, theils um den beiden klugen Köpfen als Leuten, die es mit den meiſten Geſpenſtern aufnehmen könnten, nahe zu ſein, theils um zu hören, worüber ſie ſich unterhielten. „Laſſen Sie mich mit Ihrem Unſinn ungeſchoren,“ ſagte Mr. Flintwinch.„Ich laſſe mir das von Ihnen nicht ge⸗ fallen.“ Mrs. Flintwinch träumte, ſie ſtünde hinter der gerade etwas aüfſtehenden Thür und hörte ihren Gatten ganz deut⸗ lich dieſe kecken Worte ſagen. „Flintwinch,“ erwiderte Mrs. Clennam in ihrem ge⸗ wöhnlichen ſtrengen, tiefen Tone,„es ſteckt ein Zornteufel in Ihnen. Hüten Sie ſich vor ihm.“ „Es iſt mir einerlei, ob einer oder ein ganzes Dutzend in mir ſteckt,“ ſagte Mr. Flintwinch, indem er ſehr ſtark die Vermuthung hervorrief, daß die größere Zahl der Wahrheit näher ſei.„Stäken fünßzig in mir, ſo ſollten ſie alle ſagen: Laſſen Sie mich mit Ihrem Unſinn ungeſchoren, ich laſſe mir das von Ihnen nicht gefallen. Ich würde ſie zwingen, ſo zu ſagen, möchten ſie wollen oder nicht.“ Fünfzehntes Kapitel. „Was habe ich gethan, Sie wüthender Menſch?“ fragte ihre ſtrenge Stimme. „Gethan?“ ſagte Mr. Flintwinch.„Ueber mich herge⸗ fallen ſind Sie.“ „Wenn Sie meinen, ich hätte Ihnen Vorſtellungen ge⸗ macht—“ „Legen Sie mir nicht Worte in den Mund, die ich nicht meine,“ ſagte Jeremiah, indem er mit zäher und unerbittli⸗ cher Hartnäckigkeit an ſeinem figürlichen Ausdrucke feſthielt, „ich meine, Sie ſind über mich hergefallen.“ „Ich machte Ihnen Vorſtellungen,“ begann ſie von Neuem,„weil—“ „Ich will das aber nicht haben!“ ſchrie Jeremiah.„Sie fielen über mich her.“ „Nun gut, Sie übelberathener Mann, ich fiel über Sie her(Jeremiah kicherte, daß er ſie genöthigt, ſich ſeines Aus⸗ drucks zu bedienen), weil Sie an jenem Morgen unnöthiger Weiſe gegen Arthur gewiſſe Dinge andeuteten. Ich habe ein Recht mich darüber zu beklagen, da es faſt eine Verletzung des Vertrauens iſt. Sie meinten damit nicht—⸗ „Ich will das nicht haben,“ fuhr der widerſpruchsvolle Jeremiah dazwiſchen, indem er ihr das Zugeſtändniß zu⸗ rückwarf.„Ich meinte es allerdings damit.“ „Ich glaube, ich muß es Ihnen überlaſſen, ſich nach Be⸗ lieben mit ſich ſelbſt zu unterhalten,“ erwiderte ſie nach einer Pauſe, die eine verdrießliche zu ſein ſchien.„Es iſt nutzlos, wenn ich mich an einen hitzköpfigen ſteifnackigen alten Mann Mrs Flintwinch hat wieder einen Traum. 7 wende, der ſich's in den Kopf geſetzt hat, mich nicht zu hören.“ „Na, auch das laſſe ich mir von Ihnen nicht gefallen,“ ſagte Jeremiah.„Ich habe mir das nicht in den Kopf ge⸗ ſetzt. Wollen Sie wiſſen, warum ich es ſo meinte, Sie hitz⸗ köpfige, ſteifnackige alte Frau?“ „Am Ende wiederholen Sie nur meine eignen Worte,“ ſagte ſie, mit ihrer Entrüſtung kämpfend.„Ja.“ „Gut, darum alſo, weil Sie ihn nicht über ſeinen Vater aufgeklärt hatten, und weil Sie das hätten thun ſollen; weil Sie, ehe Sie irgend ein Geplapper von ſich ſelbſt an⸗ fingen, die Sie doch—“ „Halt hier, Flintwinch!“ ſchrie ſie mit veränderter Stimme,„Sie könnten hier um ein Wort zu weit gehen.“ Der alte Mann ſchien das auch zu denken. Es folgte wieder eine Pauſe, und er hatte ſeine Stellung im Zimmer mit einer andern vertauſcht, als er wieder, aber in ſanfterem Tone, ſprach: „Ich war im Begriffe, Ihnen zu ſagen, warum es ſo kam. Weil Sie, ehe Sie Ihre Partie ergriffen, erſt die Partie von Arthurs Vater hätten ergreifen ſollen. Arthurs Vater! Ich hatte eben keine beſondere Liebe zu Arthurs Vater. Ich diente dem Oheim von Arthurs Vater in dieſem Hauſe, als Arthurs Vater nicht vielmehr als ich— als er im Punkte des Geldbeutels ärmer als ich war— als ſein Oheim eben ſo gut mich als ihn hätte zum Erben einſetzen können. Er hungerte im Putzzimmer, ich hungerte in der Fünfzehntes Kapitel. Küche, das war der Hauptunterſchied unſrer beiderſeitigen Stellungen, es war zwiſchen uns nicht mehr als einige Stufen einer halsbrecheriſchen Treppe. Ich war ihm in die⸗ ſen Zeiten niemals grün; ich wüßte nicht, daß ich ihm je⸗ mals beſonders grün geweſen wäre. Er war ein unentſchloſſe⸗ ner, unentſchiedener Junge, aus dem ſie in ſeiner Kindheit alles mit Ausnahme ſeines verwaiſten Lebens herausge⸗ ſchreckt hatten. Und als er hierher die Frau, die ſein Oheim für ihn ausgeſucht hatte, heimführte, ſo brauchte ich Sie nicht zwei Mal anzuſehen(Sie waren damals eine Frau von gutem Ausſehen) um zu wiſſen, wer das Regiment führen würde. Sie haben die ganze Zeit daher auf eignen Füßen geſtanden. Stehen Sie auch jetzt auf eignen Füßen. Lehnen Sie ſich nicht an die Todten.“ „Ich lehne mich nicht— wie Sie es nennen— an die Todten.“ „Aber Sie hatten Luſt, es zu thun, wenn ich es zuge⸗ geben hätte,“ brummte Jeremiah,„und das iſt's, weshalb Sie über mich herfallen. Sie können es nicht vergeſſen, daß ich es nicht zugegeben habe. Ich glaube, Sie wundern ſich drüber, daß ich's der Mühe werth halte, dahin zu wir⸗ ken, daß Arthurs Vater ſein Recht widerfährt? He, nicht wahr? Es iſt einerlei, ob Sie antworten oder nicht, weil ich weiß, daß Sie ſich wundern, und weil Sie's auch wiſſen. Hören Sie denn, will Ihnen ſagen, wie es damit ſteht. Ich mag in meinem Temperamente ein Bischen wunderlich ſein— aber es iſt nun einmal mein Temperament, daß ich Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 9 Niemand ganz ſeinen Weg gehen laſſen kann. Sie ſind eine entſchloſſene Frau und eine geſcheidte Frau, und wenn Sie Ihr Ziel vor ſich ſehen, wird nichts Sie davon abwendig machen. Wer weiß das beſſer als ich.“ „Nichts wird mich davon abwendig machen, Flintwinch, wenn ich es vor mir ſelbſt gerechtfertigt habe. Fügen Sie das hinzu.“ „Vor ſich ſelbſt gerechtfertigt? Ich ſagte, Sie wären die entſchloſſenſte Frau auf Erden(oder wollte das ſagen) und wenn Sie entſchloſſen ſind, irgend einen Plan, den Sie haben, zu rechtfertigen, ſo werden Sie es natürlich thun.“ „Menſch! Ich rechtfertige mich nach Maßgabe dieſer Bücher,“ ſchrie ſie mit ſtrenger Betonung und ſchien nach dem Geräuſche welches folgte, mit ihrem Arme auf den Tiſch zu ſchlagen. „Laſſen Sie das,“ erwiderte Jeremiah gelaſſen,„wir wollen auf dieſe Frage gegenwärtig nicht eingehen. Wie ſich das auch verhalten mag, Sie führen Ihre Vorſätze aus und laſſen alles Andere ſich vor ihnen beugen. Na aber ich will mich nicht vor ihnen beugen. Ich bin getreu geweſen gegen Sie, und von Nutzen für Sie und anhänglich gegen Sie. Aber ich kann nicht einwilligen, und ich will nicht ein⸗ willigen, und ich habe nie eingewilligt und werde nie ein⸗ willigen, in Ihnen aufzugehen. Verſchlingen Sie alle Welt außer mir, und ich ſage Bravo! Die Eigenthümlichkeit mei⸗ nes Temperaments beſteht darin, Madam, daß ich keine Luſt habe, mich lebendig verſchlingen zu laſſen.“ 10 Fünfzehntes Kapitel. Vielleicht war dies urſprünglich die Haupturſache des Einverſtändniſſes zwiſchen ihnen geweſen. Vielleicht hatte Mrs. Clennam, indem ſie viel Charakterſtärke in Mr. Flint⸗ winch entdeckt, es der Mühe werth gefunden, ein Bündniß mit ihm einzugehen. „Genug, und mehr als genug von dem Gegenſtande,“ ſagte ſie düſter. „Es wäre denn, Sie fielen wieder über mich her,“ ent⸗ gegnete der hartköpfige Flintwinch,„und dann müſſen Sie erwarten, wieder davon zu hören.“ Miſtreß Affery träumte, als begänne die Geſtalt ihres Eheherrn hier im Zimmer auf und ab zu gehen, wie wenn er ſeinen Aerger abkühlen wollte, und als liefe ſie davon, als ſchliche ſie ſich aber, wie er, nachdem ſie ein Weilchen lauſchend und zitternd in der ſchattigen Hausflur geſtanden, nicht herauskam, wieder, von Geſpenſtern und Neugier ge⸗ trieben, die Treppe hinauf und kauerte ſich wieder draußen vor der Thür hin. „Seien Sie ſo gut, die Kerze anzuzünden, Flintwinch,“ ſagte Mrs. Clennam, indem ſie augenſcheinlich wünſchte ihn auf ihren gewöhnlichen Ton zurückzubringen.„Es iſt bald Zeit für den Thee. Klein Dorrit kommt und wird mich im Finſtern treffen.“ Mr. Flintwinch zündete raſch das Licht an und ſagte, als er es auf den Tiſch ſetzte: „Was haben Sie mit Klein Dorrit im Sinne? Soll ſie in alle Ewigkeit hierher auf Arbeit kommen? In alle Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 11 Ewigkeit hierher zum Thee kommen? In alle Ewigkeit in derſelben Weiſe hier aus und eingehen?“ „Wie können Sie von„alle Ewigkeit“ reden gegen ſolch ein gebrechliches Geſchöpf wie ich? Werden wir nicht alle niedergemäht gleich dem Gras auf dem Felde und wurde ich nicht vor vielen Jahren ſchon von der Senſe getroffen, eine Zeit, ſeit welcher ich dagelegen und gewartet habe, in die Scheuer geſammelt zu werden!“ „Schon gut, ſchon gut! Aber ſeit Sie hier gelegen haben— nicht gerade dem Tode nahe— nicht im Min⸗ deſten— ſind unzählige Kinder und junge Leute, blühende Frauen, ſtarke Männer und was weiß ich ſonſt niedergemäht und fortgeſchafft worden, und noch immer ſind Sie hier, wie Sie ſehen, am Ende nicht ſehr verändert. Ihre Zeit und die meinige können noch eine lange Weile dauern. Wenn ich ſage: in alle Ewigkeit, ſo meine ich(obſchon ich kein Poet bin) unſere ganze Lebenszeit hindurch.“ Mr. Flint⸗ winch ertheilte dieſe Erläuterung mit großer Gelaſſenheit und wartete gelaſſen auf eine Antwort. „So lange Klein Dorrit ruhig und fleißig iſt und der kleinen Hülfe bedarf, die ich ihr leiſten kann, und ſie ver⸗ dient, ſo lange, glaube ich, daß ſie— es wäre denn, ſie ſelbſt zöge ſich aus freiem Entſchluſſe zurück— fortfahren wird, hierherzukommen, wofern ich das Leben behalte.“ „Nichts weiter als das?“ ſagte Mr. Flintwinch, indem er ſich über Mund und Kinn ſtrich. „Was könnte mehr ſein, als das? Was könnte denn 12 Fünfzehntes Kapitel. mehr ſein, als das?“ rief ſie haſtig in ihrer ſtrengen fragen⸗ den Weiſe. Mrs. Flintwinch träumte, daß ſie ſich einige Minuten mit der Kerze zwiſchen ſich einander anblickten, und ihr der Eindruck würde, als ob ſie ſich einander ſcharf und feſt an⸗ blickten. „Wiſſen Sie etwa zufällig, Mrs. Clennam,“ fragte dann Affery's Eheherr mit viel gedämpfterer Stimme und mit einem Aufwand von Betonung, der zu dem einfachen Zwecke ſeiner Worte ganz außer Verhältniß zu ſtehen ſchien,„wo ſie wohnt?“ „Nein.“ „Möchten Sie— hm, möchten Sie es wol wiſſen?“ ſagte Jeremiah mit einer Plötzlichkeit, als wäre er wie ein Raubthier auf ſie geſprungen. „Wenn ich was drauf gäbe, es zu wiſſen, ſo würde ich es bereits wiſſen. Hätte ich ſie nicht jeden Tag fragen können?“ „Dann machen Sie ſich nichts draus, es zu wiſſen?“ „Nein.“ Mr. Flintwinch ſagte, nachdem er in bezeichnender Weiſe tief aufgeathmet, mit ſeiner früheren Betonung: „denn ich habe es zufällig— bemerken Sie wol— heraus⸗ bekommen.“ „Wo ſie auch leben mag,“ ſagte Mrs. Clennam, indem ſie mit eintöniger ſtrenger Stimme ſprach und ihre Worte ſo deutlich von einander trennte, als ob ſie dieſelben von einzelnen Metallſtückchen läſe, die ſie eines nach dem andern Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 13 aufhöbe,„ſie hat ein Geheimniß daraus gemacht, und ſie ſoll ihr Geheimniß immer vor mir behalten.“ „Am Ende möchten Sie vielleicht die Geſchichte nicht einmal gern wiſſen?“ ſagte Jeremiah, und er ſagte es in ſo verdrehter Weiſe, als ob ſeine Worte aus ihm in ſeiner eig⸗ nen ſchiefhalſigen Geſtalt gekommen wären. „Flintwinch,“ ſagte ſeine Herrin und Geſchäftstheil⸗ haberin, indem ſie zu einer plötzlichen Energie aufblitzte, vor welcher Affery zuſammenfuhr,„warum ſuchen Sie mich zu reizen? Sehen Sie ſich um in dieſer Stube. Wenn es irgend eine Entſchädigung für meine lange Beſchränkung in dieſen engen Grenzen iſt— nicht, daß ich über meine Heimſuchung klagen wollte; Sie wiſſen, ich klage nie dar⸗ über— wenn es irgend eine Entſchädigung für meine lange Beſchränkung auf dieſe Stube iſt, daß, während ich von allem angenehmen Wechſel abgeſchloſſen bin, ich zugleich von der Kenntniß gewiſſer Dinge abgeſchloſſen bin, die ich viel⸗ leicht nicht zu wiſſen vorziehe, weshalb ſollten gerade Sie von allen Menſchen mir dieſen Troſt mißgönnen?!“ „Ich mißgönne ihn Ihnen nicht,“ erwiderte Jeremiah. „Dann ſagen Sie nichts weiter. Sagen Sie nichts weiter. Laſſen Sie Klein Dorrit ihr Geheimniß vor mir be⸗ wahren, und bewahren Sie ſelbſt es vor mir. Laſſen Sie ſie kommen und gehen unbeobachtet und unbefragt. Laſſen Sie mich leiden und laſſen Sie mich die Erleichterung haben, die zu meinem Zuſtande gehört. Iſt es ſo viel, daß Sie mich wie ein böſer Geiſt martern?“ 14 Fünfzehntes Kapitel. „Ich that eine Frage an Sie. Das iſt Alles.“ „Dann habe ich ſie beantwortet. So ſagen Sie nichts mehr. Sagen Sie nichts mehr.“ Hier ließ ſich das Geräuſch des Räderſtuhls auf der Diele hören, und Affery's Klingel tönte von einem haſtigen Ruck. In dieſem Augenblicke mehr voll Furcht vor ihrem Manne als vor dem geheimnißvollen Tone in der Küche, ſchlich ſich Affery ſo leiſe und ſo raſch als ſie konnte hin⸗ weg, ſtieg die Küchentreppe faſt ſo geſchwind, als ſie herauf⸗ geſtiegen, hinab, nahm ihren alten Sitz vor dem Feuer wieder ein, ſchlug den Schweif ihres Rockes wieder in die Höhe und warf endlich ihre Schürze über ihren Kopf. Dann erſcholl die Klingel noch einmal, dann noch einmal, und dann klingelte es in Einem fort, aber trotz dieſer dringen⸗ den Mahnung blieb Affery noch immer hinter ihrer Schürze ſitzen, um wieder zu Athem zu kommen. Endlich kam Mr. Flintwinch ſchlürfend die Treppe nach der Hausflur herab, indem er den ganzen Weg hin fortwäh⸗ rend„Affery, Weibsbild!“ murmelte und ſchrie. Da Affery immer noch hinter ihrer Schürze verblieb, ſo kam er, die Kerze in der Hand, die Stufen nach der Küche herabgeſtol⸗ pert, trat ihr zur Seite, riß ihr die Schürze ab und weckte ſie auf. „O Jeremiah!“ ſchrie Affery erwachend.„Was haſt du mir für einen Schreck eingejagt!“ „Was haſt Du getrieben, Weibsbild?“ fragte Jeremiah. „Man hat fünfzig Mal nach Dir geklingelt.“ -H um Sans Qun allt WMAl — — I 9 Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 15 „O Jeremiah!“ ſagte Miſtreß Affery.„Ich habe ge⸗ träumt.“ An ihre frühere Leiſtung auf dieſem Gebiete erinnert, hielt Mr. Flintwinch die Kerze an ihren Kopf, als hätte er die Abſicht, ſie zum Zwecke der Erleuchtung der Küche anzu⸗ zünden. „Weißt Du nicht, daß ihre Theezeit da iſt?“ fragte er mit einem boshaften Grinſen und gab einem der Beine von Miſtreß Affery's Stuhl einen Stoß mit dem Abſatz. „Jeremiah? Theezeit? Ich weiß nicht, wie mir iſt. Aber ich kriegte ſolch einen fürchterlichen Raps, ehe ich hinauf— ehe ich aufhörte zu träumen, daß ich denke, es muß das ge⸗ weſen ſein.“ „Uff! Duſelkopf!“ ſagte Mr. Flintwinch.„Was redeſt Du da für Zeug?“ 8 „Solch ein ſeltſames Geräuſch, Jeremiah, und ſolch eine ſonderbare Bewegung. In der Küche hier— juſt hier.“ Jeremiah hielt ſein Licht empor und ſah nach der ge⸗ ſchwärzten Decke hinauf, hielt ſein Licht hinunter und ſah nach der feuchten Steinflur, drehte ſich um mit ſeinem Lichte und ſah an den riſſigen und befleckten Mauern herum. „Ratzen, Katzen, Waſſer, Abzugsröhren,“ ſagte Je⸗ remiah. Miſtreß Affery verneinte jedes Einzelne mit einem Kopf⸗ ſchutteln.„Nein, Jeremiah, ich habe es vorher ſchon bemerkt. Ich habe es oben bemerkt und einmal auf der Treppe, als 16 Fünfzehntes Kapitel. ich aus ihrer Stube in unſre ging des Nachts— ein Ra⸗ ſcheln und eine Art zitternde Berührung hinter mir.“ „Affery, mein Weiblein,“ ſagte Mr. Flintwinch grimmig, nachdem er ſeine Naſe den Lippen dieſer Dame genähert, um zu unterſuchen, ob ſie nach geiſtigen Getränken röche,„wenn Du nicht hübſch flink Thee machſt, altes Weibsbild, ſo wirſt Du ein Raſcheln und eine Berührung ſpüren, daß Du bis ans andre Ende der Küche fliegſt.“ Dieſe Vorausſagung ſpornte Mrs. Flintwinch an, ſich zu ſputen und nach Mrs. Clennams Stube hinauf zu eilen. Aber trotz alledem begann ſie jetzt die feſte Ueberzeugung zu hegen, daß es in dem düſtern Hauſe nicht ganz mit rechten Dingen zugehe. Fortan war ſie nie ruhig darin, ſobald das Tageslicht verſchwunden war, und ging im Dunkeln nie die Treppe hinauf oder hinab, ohne ſich ihre Schürze über den Kopf zu ziehen, damit ſie nicht etwas ſähe. Mit dieſer Geſpenſterfurcht und ihren ſonderbaren Träu⸗ men verfiel Mrs. Flintwinch dieſen Abend in einen Gemüths⸗ zuſtand, in dem ſie ſich von Spukgeſtalten umgeben glaubte, und es wird vielleicht lange währen, bevor die gegenwärtige Erzählung eine Spur der Beſſerung darin entdeckt. In der Wüſtheit und Undeutlichkeit aller ihrer neuen Erfahrungen und Beobachtungen begann ſie, da Alles um ſie ihr ein Ge⸗ heimniß war, gegen Andere ein Geheimniß zu ſein und war für jedermann ebenſo ſchwer genügend zu begreifen, als ſie ſelbſt das Haus und Alles in ihm ſchwer zu begreifen vermochte. Sie war mit den Vorbereitungen zu Mrs. Clennams Mrs. Flintwinch hat wieder einen Traum. 17 Thee noch nicht zu Ende, als das ſanfte Klopfen an der Thür ſich hören ließ, welches ſtets Klein Dorrit ankündigte. Miſtreß Affery ſah zu, als Klein Dorrit ihren einfachen Hut in der Hausflur abnahm und Mr. Flintwinch an ſeinem Kinn kratzte und ſie ſchweigend beobachtete, als erwartete ſie eine wunderſame Folge davon, welche ſie durch Schreck um ihre fünf Sinne bringen oder ſie alle drei in die Luft ſpren⸗ gen würde. Nach dem Thee ließ ſich wieder ein Klopfen hören, wel⸗ ches Arthur anzeigte. Miſtreß Affery ging hinunter, um ihn herein zu laſſen, und er ſagte beim Eintreten:„Affery, das iſt mir lieb, daß Du es biſt. Ich möchte Dich was fragen.“ Affery antwortete ſogleich:„Um Gottes willen fragen Sie mich nichts, Arthur. Ich habe die eine Hälfte meines Lebens durch Schreck, und die andere durch Träume eingebüßt. Fra⸗ gen Sie mich nichts nicht. Ich weiß nicht, wo mir der Kopf ſteht“— und flugs lief ſie ihm davon und kam ihm nicht wieder zu nahe. Da Miſtreß Affery keinen Geſchmack am Bücherleſen fand und in dem gedrückten Zimmer kein Licht zur Nätherei ge⸗ habt hätte, vorausgeſetzt, daß ſie Neigung dazu gehabt, ſo ſaß ſie jetzt jeden Abend in dem düſtern Starren, aus dem ſie am Abend der Rückkehr Arthur Clennams auf einen Augen⸗ blick emporgefahren war, und beſchäftigte ſich mit einer Maſſe toller Speculationen und Vermuthungen in Betreff ihrer Herrin, ihres Mannes und des Geräuſches in dem Hauſe. Wenn die ingrimmigen Andachtsübungen ſtattfanden, lenk⸗ Klein Dorrit. III. 2 18 ten dieſe Speculationen die Augen Miſtreß Affery's nach der Thür ab, als erwartete ſie, daß irgend eine dunkle Geſtalt in dieſen günſtigen Augenblicken erſcheinen und die Geſell⸗ ſchaft um eine Perſon zu ſtark machen würde. Sonſt ſagte oder that Affery nichts, um die Aufmerkſam⸗ keit der beiden klugen Köpfe irgendwie in bemerkenswerthem Grade auf ſich zu lenken, ausgenommen bei gewiſſen Gele⸗ genheiten, wo ſie plötzlich aus ihrem düſtern Winkel heraus⸗ fuhr und mit ſchreckenbleichem Geſichte Mr. Flintwinch, der in der Nähe von Mrs. Clennams Theetiſchchen die Zeitung las, zuflüſterte: „Da, Jeremiah! Jetzt! Was iſt das für ein Geräuſch?“ Dann pflegte das Geräuſch, wenn überhaupt eins zu hören war, aufgehört zu haben, und Mr. Flintwinch knurrte ſie, indem er auf ſie losfuhr, als hätte ſie ihn in dieſem Augenblicke gegen ſeinen Willen zu Boden geſchlagen, an: „Affery, altes Weibsbild, Du wirſt ſolch eine Doſis kriegen, altes Weibsbild, ſolch eine Doſis! Du haſt wieder einen Deiner Träume gehabt.“ Sechszehntes Kapitel. Herhazehutes Rapitel. Riemandes Schwäche. Da die Zeit gekommen war, wo er ſeine Bekanntſchaft mit der Familie Meagles erneuern ſollte, wendete Clennam, Niemandes Schwäche. 19 zufolge des Uebereinkommens zwiſchen ihm und Mr. Meagles, welches im Hofe zum Blutenden Herzen abgeſchloſſen worden war, ſein Antlitz an einem gewiſſen Sonntage nach Twicken⸗ ham, wo Mr. Meagles ein Landhaus beſaß. Da das Wetter ſchön und trocken war, und für ihn, der ſo lange abweſend geweſen, jede Straße Englands großes Intereſſe hatte, ſo ſchickte er ſeinen Mantelſack mit der Poſt hin und brach zu Fuße auf. Ein Spaziergang war an ſich ſelbſt ein neues Vergnügen für ihn und ein ſolches, welches lange keine Un⸗ terbrechung in ſeinem Leben verurſacht hatte. Er ging über Fulham und Putney, um des Vergnügens willen, über die Haide zu ſchlendern. Es war heller Sonnen⸗ ſchein dort, und als er ſich ſo weit auf ſeinem Wege nach Twickenham ſah, fand er, daß er eine lange Strecke auf ſeinem Wege nach luftigeren und weniger greifbaren Beſtimmungs⸗ orten zurückgelegt hatte. Sie waren bei der geſunden Leibes⸗ bewegung und der guten Straße raſch vor ihm aufgeſtiegen. Es iſt nicht leicht, allein auf dem Lande zu wandern, ohne über etwas nachzuſinnen. Und er hatte eine Menge unabge⸗ machter Gegenſtände ſich zu überlegen, als ob er bis nach Lands End“) gegangen wäre. Da war zuerſt der Gegenſtand, der ihm ſelten aus dem Sinne kam, die Frage, was er fortan im Leben thun ſollte, welcher Beſchäftigung er ſich zu widmen und in welcher Rich⸗ *) Lands End iſt die fernſte Südweſtſpitze Englands am Ein⸗ gange des Kanals. 2* 20 Sechszehntes Kapitel. tung er ſie am Beſten zu ſuchen hätte. Er war weit entfernt davon, reich zu ſein, und jeder Tag der Unentſchloſſenheit und Unthätigkeit machte ihm ſein Erbtheil zu einer Quelle größerer Beſorgniß. So oft er ſich zu überlegen begann, wie er dieſes Erbtheil zu mehren oder es anzulegen habe, kam ſeine Ahnung, daß jemand mit einem noch nicht befriedigten Anſpruche auf ſeine Gerechtigkeit da ſei, wieder, und das allein war ein Gegenſtand, der den längſten Spaziergang ihn beſchäftigen konnte. Ein anderer Gegenſtand ſodann wa⸗ ren ſeine Beziehungen zu ſeiner Mutter, mit der er jetzt auf ruhigem und friedfertigem, aber durchaus nicht vertrautem Fuße ſtand, und welche er wöchentlich mehrmals ſah. Klein Dorrit war ein beſtändiger Hauptgegenſtand; denn die Um⸗ ſtände ſeines Lebens, verbunden mit denen ihrer eignen Ge⸗ ſchichte ließen ihm das kleine Weſen als die einzige Perſon erſcheinen, zwiſchen welcher und ihm Bande unſchuldigen Vertrauens auf einer Seite und liebreichen Schutzes auf der andern, Bande des Mitleids, der Achtung, des ſelbſtſuchtloſen Intereſſes, der Dankbarkeit und des Erbarmens beſtanden. Indem er an ſie und an die Möglichkeit der Befreiung ihres Vaters aus dem Gefängniſſe durch die Hand des Todes, der alle Riegel aufthut, dachte— es war vorausſichtlich der ein⸗ zige Wechſel der Verhältniſſe, welcher ihn in den Stand ſetzen konnte, ihr ſolch ein Freund zu ſein, wie er wünſchte, indem er ihre Lebensweiſe änderte, ihren rauhen Lebenspfad ebnete und ihr eine Heimath gab— betrachtete er ſie, in dieſer Hinſicht, als ſeine Adoptivtochter, ſein armes Kind des Mar⸗ Niemandes Schwäche. 21 ſhalſea, das er zur Ruhe gebracht. Wenn noch ein letzter Ge⸗ genſtand ihm durch den Sinn ging, und er lag nach Twicken⸗ ham hin, ſo war ſeine Geſtalt ſo unbeſtimmt, daß er wenig mehr als die alles umgebende Atmoſphäre war, in welcher dieſe andern Gegenſtände vor ihm ſchwebten. Er hatte die Haide überſchritten und ließ ſie eben hinter ſich, als er ſich einer Geſtalt näherte, welche eine Zeitlang vor ihm geweſen war, und welche er, als er ſich ihr näherte, zu kennen glaubte. Er gewann dieſen Eindruck von etwas in der Wendung des Kopfes und von der Art, wie die Geſtalt ſich benahm, wenn ſie ſich etwas betrachtete, als ſie mit ziem⸗ lich kräftigem Schritt vorwärts ging. Als aber der Mann— denn es war die Geſtalt eines Mannes— ſich den Hut auf den Hinterkopf ſchob und ſtehen blieb, um ſich einen Gegen⸗ ſtand vor ihm zu betrachten, ſo wußte er, daß es Daniel Doyce war. „Wie geht's, Mr. Doyce?“ ſagte Clennam ihn einholend, „Freue mich, Sie wieder zu ſehen und an einem geſünderen Orte als das Umſchreibungsamt.“ „Ha! der Freund von Mr. Meagles!“ rief dieſer Staats⸗ verbrecher aus, indem er ſich aus einigen Gedankenverbin⸗ dungen, die er angeſtellt, herausfand und ihm ſeine Hand bot.„Freue mich, Sie zu ſehen, Sir. Werden Sie mich entſchuldigen, wenn ich Ihren Namen vergeſſen habe?“ „Gern,'s iſt kein berühmter Name,'siſt nicht Barnacle.“ „Nein, nein“, ſagte Daniel lachend.„Und jetzt weiß ich, Sechszehntes Kapitel. wie er heißt. Er heißt Clennam. Wie geht's Ihnen, Mr. Clennam?“ „Ich bin der Hoffnung“, ſagte Arthur, als ſie zuſammen weiterſchritten,„daß wir nach demſelben Orte gehen, Mr. Doyce?“ „Sie meinen Twickenham?“ erwiderte Daniel,„das iſt mir lieb zu hören.“ Sie waren bald ganz vertraut mit einander und verkürzten ſich den Weg mit mancherlei Geſprächen. Der erfindungs⸗ reiche Verbrecher war ein Mann von großer Beſcheidenheit und vielem Verſtande, und obſchon ein ſchlichter Mann, war er doch zu ſehr gewöhnt, das, was eigenthümlich und kühn im Plane war, mit dem zu verbinden, was geduldig und bis ins Kleinſte genau in der Ausführung war, um irgendwie ein gewöhnlicher Mann zu ſein. Es war Anfangs ſchwer ihn zum Sprechen über ſich ſelbſt zu bewegen, und er wies Arthurs Verſuche, nach dieſer Richtung das Geſpräch zu lenken, damit ab, daß er ganz obenhin zugab, o ja, er hätte dies gethan und das gethan, und dies hätte er gemacht, und das wieder wäre ſeine Entdeckung, aber es wäre ſein Geſchäft und Hand⸗ werk, bis er, endlich gewiß, daß ſein Begleiter ein wirkliches Intereſſe an ſeinem Berichte von ſich hätte, demſelben mit Offenheit Rechnung trug. Dann ergab ſich's, daß er der Sohn eines Goldſchmieds aus einer nördlichen Graſſchaft und urſprünglich von ſeiner verwitweten Mutter als Lehrling zu einem Schloſſer gethan worden war; daß er bei dem Schloſſer„ein paar Kleinigkeiten“ entworfen hatte, welche da⸗ Niemandes Schwäche. 23 hin geführt hatten, daß man ihn ſeiner Verbindlichkeiten mit einem Geſchenke entledigt hatte. Dieſes Geſchenk hatte es ihm ermöglicht, ſeinem eifrigen Wunſche zu genügen, bei einem Maſchinenbauer einzutreten, unter welchem er ſieben Jahre lang hart gearbeitet, hart ſtudirt und hart gelebt hatte. Nach Vollendung ſeiner Lehrzeit hatte er in der Werkſtatt wei⸗ tere ſieben oder acht Jahre auf Wochenlohn gearbeitet, und dann ſich an die Ufer des Clyde begeben, wo er noch ſechs oder ſieben Jahre ſtudirt, gefeilt, gehämmert und ſein Wiſſen theoretiſch und praktiſch vervollſtändigt hatte. Dort war ihm ein Anerbieten gemacht worden, nach Lyon zu gehen, welches er angenommen hatte, und von Lyon hatte man ihn nach Deutſchland berufen, und in Deutſchland war er nach St. Petersburg engagirt worden, und dort hatte er ſich ſehr wohl befunden— in der That, nirgends beſſer. Er hatte indeß natürlich ſeinem Vaterlande den Vorzug gegeben und den Wunſch gehegt, ſich dort auszuzeichnen, und lieber dort als irgendwo anders nach Kräften nützlich zu ſein. Und ſo war er heimgekommen. Und ſo hatte er ſich daheim ein Geſchäft eingerichtet und erfunden und ausgeführt und ſich durchgear⸗ beitet, bis er endlich nach einem Dutzend von Jahren fort⸗ währenden Ringens und Dienens in die große britiſche Ehren⸗ legion, die Legion der vom Umſchreibungsamte Abgewieſenen eingereiht und mit dem großen britiſchen Verdienſtorden, dem Orden der Unordnung der Barnacles und Stiltſtalkings ge⸗ ſchmückt worden war. 24 Sechszehntes Kapitel. „Es iſt ſehr zu beklagen“, ſagte Clennam,„daß Sie je⸗ mals Ihre Gedanken darauf richteten.“ „Wahr, Sir, wahr bis zu einem gewiſſen Grade! Aber was ſoll man thun? Wenn man das Unglück hat, etwas der Nation Nützliches zu ſchaffen, ſo muß man folgen, wohin es einen führt.“ „Thäte man nicht beſſer, es ſein zu laſſen?“ fragte Clennam. „Das kann man nicht,“ ſagte Doyce, indem er mit ge⸗ dankenvollem Lächeln den Kopf ſchüttelte.„Es iſt einem nicht in den Kopf gelegt worden, um begraben zu ſein. Es iſt ei⸗ nem in den Kopf gelegt, um nützlich zu ſein. Man hat ſein Leben auf die Bedingung hin, daß man bis zum letzten Au⸗ genblicke hart dafür kämpft. Jedermann hat eine Entdeckung auf dieſelbe Bedingung.“ „Das heißt“, ſagte Arthur mit ſteigender Bewunderung ſeines ruhigen Gefährten,„Sie ſind ſelbſt jetzt noch nicht gänzlich entmuthigt?“ „Wenn ich's bin, habe ich kein Recht dazu,“ entgegnete Jener,„die Sache iſt ſo wahr, als ſie jemals war.“ Als ſie ſchweigend eine Strecke weiter gegangen waren, fragte Clennam, um ſogleich den directen Gang ihrer Unter⸗ haltung zu wechſeln und ihn nicht zu plötzlich zu wechſeln, Mr. Doyce, ob er keinen Theilhaber bei ſeinem Geſchäfte habe, der ihm einen Theil ſeiner Sorgen erleichterte „Nein,“ erwiderte er,„gegenwärtig nicht. Ich hatte ei⸗ nen, als ich anfing, und er war ein guter Mann. Aber er Niemandes Schwäche. 25 iſt vor einigen Jahren geſtorben, und da ich mich, als ich ihn verlor, nicht ſo leicht an den Gedanken gewöhnen konnte, einen andern zu nehmen, ſo kaufte ich ſeinen Antheil für mich und bin ſeitdem für mich geblieben. Und hier iſt ein anderer Punkt,“ ſagte er, indem er mit einem gutgelaunten Lächeln in ſeinen Augen ſtehen blieb und ſeine geſchloſſene rechte Hand mit ihrer eigenthümlichen Biegſamkeit des Daumes auf Clen⸗ nams Arm legte,„wiſſen Sie, kein Erfinder kann ein guter Geſchäftsmann ſein.“ „Wirklich nicht?“ ſagte Clennam. „Je nun, die Geſchäftsleute ſagen ſo,“ antwortete er, in⸗ dem er laut herauslachend ſeinen Gang fortſetzte.„Ich weiß nicht, warum wir unglückſeligen Geſchöpfe gerade des geſun⸗ den Menſchenverſtandes ermangeln ſollen, aber es gilt allge⸗ mein als ausgemacht, daß es ſo mit uns iſt. Selbſt der beſte Freund, den ich auf der Welt habe, unſer trefflicher Freund da drüben,“ ſagte Doyce, nach Twickenham hinnickend,„dehnt eine Art von Gönnerſchaft über mich aus, wie über einen Menſchen, der ſich nicht ganz ſelbſt zu helfen weiß.“ Arthur Clennam konnte nicht umhin, in das gutgelaunte Lachen einzuſtimmen; denn er wußte, daß die Beſchreibung wahr war. „So finde ich denn, daß ich einen Geſchäftstheilnehmer haben muß, der ein Kaufmann iſt und ſich keiner Erfindung ſchuldig gemacht hat,“ ſagte Daniel Doyce, indem er den Hut abnahm und ſich mit der Hand über die Stirn fuhr, „wäre es auch nur, um der Meinung der Welt ſich anzube⸗ 26 Sechszehntes Kapitel. quemen und den Credit der Werkſtätte aufrecht zu erhalten. Ich denke nicht, daß er finden wird, ich bin in meiner Art, ſie zu leiten läſſig oder verwirrt geweſen. Aber das zu ſagen iſt ſeine Sache— wer er auch ſein mag— nicht die meine.“ „Sie haben ſich ihn alſo noch nicht gewählt?“ „Nein, Sir, nein. Ich bin erſt bei dem Entſchluſſe ange⸗ langt, mir einen zu nehmen. Die Sache iſt, es gibt jetzt mehr zu thun als früher, und die Werkſtätten ſind genug für mich, da ich älter werde. Was die Bücher und die Correſpon⸗ denz und die Reiſen ins Ausland betrifft, für welche ein Prin⸗ cipal nöthig iſt, ſo kann ich nicht Alles thun. Ich bin im Begriffe, wenn ich zwiſchen heute und Montag Morgen eine überflüſſige Stunde finden kann, die beſte Weiſe, wie die Geſchichte einzurichten iſt, mit meinem— meinem Wärter und Beſchützer zu beſprechen,“ ſagte Doyce wieder mit lachen⸗ den Augen.„Er iſt ein kluger Mann in Geſchäftsſachen und hat eine gute Lehre darin durchgemacht.“ Nach Dieſem unterhielten ſie ſich über verſchiedene Gegen⸗ ſtände, bis ſie am Ziele ihrer Reiſe ankamen. In Daniel Doyce war eine gelaſſene und beſcheidene Zuverſicht auf ſich ſelbſt zu bemerken— ein ruhiges Bewußtſein, daß das, was wahr ſei, wahr bleiben müſſe, trotz aller Barnacles in dem Familienocean, und juſt die Wahrheit und nichts mehr oder weniger ſein würde, wenn ſelbſt dieſe See ſich verlaufen hätte und trocken geworden wäre— worin eine Art von Größe lag, wenn auch nicht die von amtlicher Art. Da er mit dem Hauſe gut bekannt war, ſo führte er „——„— Niemandes Schwäche. 27 Arthur auf dem Wege hin, wo es ſich am Vortheilhafteſten ausnahm. Es war ein allerliebſtes Plätzchen(nicht ſchlechter, weil es ein wenig wunderlich war) an der Straße beim Fluſſe und juſt ein Ort, wie ihn die Familie Meagles bewohnen mußte. Es ſtand in einem Garten, der ohne Zweifel ſo friſch und ſchön im Mai des Jahres war, als Pet jetzt im Mai ihres Lebens, und es war geſchützt von einer Reihe hübſcher Bäume und rankendem Immergrün, wie Pet von Mr. und Mrs. Meag⸗ les. Es war aus einem alten Ziegelhauſe entſtanden, von dem ein Theil niedergeriſſen, und ein anderer Theil in das gegenwär⸗ tige Landhaus verwandelt worden war; ſo war da eine ge⸗ ſunde ältere Abtheilung, um Mr. und Mrs. Meagles darzu⸗ ſtellen, und eine junge maleriſche und ſehr hübſche Abtheilung, um Pet dazuſtellen. Da war ſogar der neuere Anbau eines Gewächshauſes unter ſeinem Schutze, von ungewiſſer Fär⸗ bung in ſeinem tiefen bunten Glaſe und in ſeinen durchſich⸗ tigeren Theilen in den Strahlen der Sonne blitzend, welches Tattycoram hätte vertreten können. In Sicht war der fried⸗ liche Fluß und das Fährboot, um den Inſaſſen die Moral einzuprägen: Jung oder Alt, Leidenſchaftlich oder Gelaſſen, hadernd mit dem Schickſal oder Zufrieden, ihr Alle, ſo läuft die Strömung allezeit. Laßt das Herz anſchwellen zu welchem Nißklang es will, ſo ſpielt das gekräuſelte Waſſer am Buge des Fährboots immer dieſelbe Weiſe. Jahr auf Jahr, ſoviel Raum für das Forttreiben des Bootes, ſoviel Meilen die Stunde das Fluthen des Stromes, hier die Binſen, dort die Lilien, nichts ungewiß oder unruhig auf dieſer Straße, die 28 Sechszehntes Kapitel. ſtetig dahinläuft, während ihr auf eurer fließenden Lebens⸗ ſtraße ſo launenhaft und zerſtreut ſeid. Die Klingel am Thore hatte ſich kaum hören laſſen, als Mr. Meagles heraus kam, ſie zu empfangen. Mr. Meagles war kaum herausgekommen, als Mrs. Meagles heraus kam. Mrs. Meagles war kaum heraus gekommen, als Pet heraus kam. Pet war kaum heraus gekommen, als Tattycoram her⸗ aus kam. Nie wurde Beſuchern ein gaſtfreundlicherer Em⸗ pfang zu theil. „Hier ſind wir, wie Sie ſehen, Mr. Clennam, einge⸗ ſchachtelt,“ ſagte Mr. Meagles,„als ob wir nie wieder uns ausdehnen— das heißt reiſen— wollten. Nicht wie Mar⸗ ſeille, he? Kein allons und marchons Geſinge hier?“ „In der That, eine andere Art Schönheit hier?“ ſagte Clennam ſich umſchauend. „Aber bei Gott!“ ſchrie Mr. Meagles, indem er ſich ver⸗ gnügt die Hände rieb,„es war ein ungemein angenehmes Ding, Quarantäne halten zu müſſen, nicht wahr? Wiſſen Sie wol, daß ich mich oft darnach zurück geſehnt habe? Wir waren eine prächtige Geſellſchaft.“ Dies war Mr. Meagles' unabänderliche Gewohnheit. Stets hatte er ſich über Alles zu beſchweren, wenn er auf der Reiſe war, und ſtets wünſchte er ſich dahin zurück, wenn er nicht reiſte. „Wenn es Sommerszeit wäre,“ ſagte Mr. Meagles,„was ich Ihrethalben wünſchte, damit Sie den Ort in ſeinem beſten Staate ſähen, ſo würden Sie kaum Ihr eignes Wort vor Niemandes Schwäche. 29 Vögeln hören. Da wir praktiſche Leute ſind, ſo geſtatten wir Niemandem, die Vögel zu ſcheuchen, und die Vögel, die gleichfalls praktiſche Leutchen ſind, kommen um uns herum in Myriaden. Wir ſind entzückt, Sie zu ſehen, Clennam (wenn Sie mir erlauben wollen, den Miſter wegzulaſſen) ich verſichere Ihnen von Herzen, daß wir entzückt ſind.“ „Ich bin nicht in ſo erfreulicher Weiſe begrüßt worden,“ ſagte Clennam— dann erinnerte er ſich, was Klein Dorrit zu ihm auf ſeinem eignen Zimmer geſagt hatte, und ſetzte ge⸗ treulich hinzu:„ausgenommen einmal— ſeit wir das letzte Mal zuſammen ſpazieren gingen und auf das Mittelmeer hin⸗ abſchauten.“ „Ah!“ erwiderte Mr. Meagles.„Das war ſo was wie 'ne Ausſicht, nicht wahr? Ich mag keine Militärherrſchaft ha⸗ ben, aber ich würde nichts dagegen haben, wenn in dieſer Nachbarſchaft ein Bischen allons und marchons— juſt ein Verſuch damit— geſungen würde. Es iſt verteufelt ſtill.“ Indem er dem einſamen Charakter ſeines Zufluchtsortes dieſen Lobſpruch mit einem bedenklichen Kopfſchütteln ertheilte, ging er ihnen ins Haus voran. Es war gerade geräumig ge⸗ nug, aber nicht mehr, war ſo hübſch drinnen wie draußen, und war vollkommen gut eingerichtet und bequem. Es lie⸗ ßen ſich von der Reiſeluſt der Familie einige Spuren in den verhangenen Bilderrahmen und Möbeln und in den zuſam⸗ mengewickelten Vorhängen bemerken, aber es war leicht zu ſehen, daß es eine der Schrullen Mr. Meagles' war, das Häuschen in ihrer Abweſenheit ſtets gehalten zu ſehen, als 30 Sechszehntes Kapitel. ob ſie immer übermorgen zurückzukehren beabſichtigten. Von Gegenſtänden, die auf ſeinen verſchiedenen Expeditionen ge⸗ ſammelt worden waren, gab es ſolch eine ungeheure Samm⸗ lung, daß es der Wohnung eines liebenswürdigen Korſaren glich. Da gab es Alterthümer aus Mittelitalien, angefertigt von den beſten modernen Häuſern in dieſem Induſtriezweige, Brocken von Mumien aus Aegypten(oder vielleicht aus Bir⸗ mingham) kleine Gondeln aus Venedig, kleine Schweizer⸗ dörfer, Stückchen von muſiviſchem Pflaſter aus Herkulanum und Pompeji, die wie verſteinertes Pfefferfleiſch ausſahen, mauriſche Pantoffeln, toskaniſche Haarnadeln, Sculpturen von carrariſchem Marmor, Schärpen aus Traſtavere, genueſi⸗ ſche Sammetdecken und Filigränarbeiten, Aſche aus Gräbern und Lava aus dem Veſuv, ſpaniſche Fächer, Strohhüte aus Spezzia, neapolitaniſche Korallen, römiſche Cameen, Juwe⸗ lierarbeiten aus Genua, arabiſche Laternen, Roſenkränze, die ringsherum vom Papſte ſelbſt geſegnet waren, und eine end⸗ loſe Menge andern Plunders. Da waren Anſichten, ähnlich und unähnlich, von einer Menge von Orten, und da war ein kleines Gemäldezimmer, welches einigen von den richtigen alten wie mit der Art zugehauenen Heiligen gewidmet war mit Sehnen wie Peitſchenſchnuren, Haaren gleich denen des Nep⸗ tun, Runzeln wie Tättowirung und ſolch einem Firnißüberzuge, daß jede heilige Perſonage als Fliegenfalle diente. Von die⸗ ſen Acquiſitionen aus dem Gebiete der Malerei ſprach Mr. Meggles in der gewöhnlichen Weiſe. Er wäre kein Kenner, ſagte er, ausgenommen in dem, was ihm gefiele, er hätte ſie Niemandes Schwäche. 31 ſpottwohlfeil aufgeleſen und die Leute hätten ſie wirklich für ſehr ſchön erklärt. Einer, welcher jedenfalls etwas davon ver⸗ ſtehen müßte, hätte den Sage Reading da(ein ganz beſonders öliger alter Herr in einer Pferdedecke mit einem Schwanpelz⸗ kragen, der einen Bart vorſtellen ſollte, und über und über mit einem Gewebe von Riſſen bedeckt, mit welcher er wie fette Paſtetenrinde ausſah) für einen ſchönen Guereino erklärt. Was dort den Sebaſtian del Piombo betrifft, ſo würden Sie ſelbſt ſo urtheilen, wäre es nicht ſeine ſpätere Manier, ſo wäre die Frage: Wer ſollte ſonſt der Meiſter ſein? Das dort möchte Titian ſein oder auch nicht ſein— vielleicht hätte er nur ein paar Striche daran gethan. Daniel Doyee ſagte, vielleicht hätte er auch keinen Strich daran gethan, aber Mr. Meagles that, als hörte er die Bemerkung nicht. Als er ſeine geſammte Beute gezeigt hatte, führte ſie Mr. Meagles in ſeine eigne ſaubere Stube, welche den Gras⸗ platz vor dem Hauſe überblickte, halb als Ankleidezimmer und halb als Comptoir ausſtaffirt war und in welcher auf einer Art Schreibepult ein paar meſſingne Wagſchaalen zum Gold⸗ wägen und eine Schöpfkelle zum Geldaufſchaufeln lagen. „Sehen Sie, da ſind ſie,“ ſagte Mr. Meagles.„Ich ſtand hinter dieſen beiden Dingern fünfunddreißig Jahre hin⸗ tereinander, wo ich nicht mehr an's Herumſchwärmen dachte, als ich jetzt daran denke, zu Hauſe zu bleiben. Als ich die Bank auf immer verließ, bat ich um ſie und nahm ſie mit mir weg. Ich erwähne das gleich jetzt, weil Sie ſonſt denken könnten, ich ſitze in meinem Comptoir(wie Pet ſagt) wie der 32 Sechszehntes Kapitel. König im Märchen von den vierundzwanzig Amſeln mein Geld zählend.“ Clennams Augen waren nach einem echten Bilde an der Wand hingeſchweift, welches zwei hübſche kleine Mädchen dar⸗ ſtellte, die ſich mit ihren Armen umfaßt hielten.„Ja, Clen⸗ nam,“ ſagte Mr. Meagles mit leiſerer Stimme.„Da ſind ſie beide. Es wurde vor ſiebzehn Jahren aufgenommen. Wie ich oft zu Mutter ſage, ſie waren damals kleine Kinderchen.“ „Ihre Namen?“ ſagte Clennam. „Ah, ganz richtig. Sie haben nie einen andern Namen, als Pet gehört. Pets Name iſt Minnie, der ihrer Schweſter Lillie.“ „Würden Sie wol gewußt haben, Mr. Clennam, daß eine von ihnen mich vorſtellen ſoll?“ fragte Pet ſelbſt, die jetzt in der Thüre ſtand. „Ich hätte glauben können, daß beide Sie vorſtellen ſoll⸗ ten, ſo ähnlich ſind beide Ihnen noch. In der That,“ ſagte Clennam, indem er von dem holden Originale wieder auf das Bild und wieder zurückblickte,„ich kann ſelbſt jetzt noch nicht ſagen, welches Ihr Portrait nicht iſt.“ „Hörſt Du wol, Mutter?“ ſchrie Mr. Meagles ſeiner Frau zu, welche ihrer Tochter gefolgt war.„s iſt immer das⸗ ſelbe, Clennam, niemand kann es entſcheiden. Das Kind zu Ihrer linken Hand iſt Pet.“ Das Bild befand ſich in der Nähe eines Spiegels. Als Arthur wieder nach demſelben blickte, ſah er durch den Spie⸗ gel zurückgeworfen Tattycoram beim Vorbeigehen draußen vor —————„—· in Niemandes Schwäche. 33 der Thür ſtehen bleiben, um zu horchen, was vorginge, und mit einer ärgerlichen und verächtlichen Miene auf dem Ge⸗ ſichte, welche ſeine Schönheit in Häßlichkeit verwandelte, wei⸗ tergehen. „Aber kommen Sie,“ ſagte Mr. Meagles.„Sie haben einen weiten Weg gemacht und werden gern Ihre Stiefel ausziehen wollen. Was Daniel hier betrifft, ſo glaube ich, daß er nie daran denken würde, ſeine Stiefel auszuziehen, wenn wir ihm nicht den Stiefelknecht zeigten.“ „Warum denn nicht?“ fragte Daniel mit einem bedeut⸗ ſamen Lächeln gegen Clennam. „Oh! Sie haben über ſo vielerlei Dinge nachzudenken,“ erwiderte Mr. Meagles, ihm auf die Schulter klopfend, als ob ſeine Schwäche durchaus nicht ſich ſelbſt überlaſſen werden dürfte.„Zahlen und Räder und Radkämme und Hebel und Schrauben und Cylinder und tauſenderlei Dinge.“ „In meinem Berufe,“ ſagte Daniel vergnügt,„ſchließt das Größere gewöhnlich das Kleinere in ſich. Aber ſchon gut, ſchon gut! Was Ihnen gefällt, gefällt mir.“ Clennam konnte, als er ſich in ſeinem Zimmer an's Feuer geſetzt, nicht umhin darüber nachzuſinnen, ob nicht am Ende in der Bruſt dieſes wackern, liebreichen und herzlichen Mr. Meag⸗ les ein mikroſkopiſch kleines Theilchen des Senfkorns ver⸗ borgen ſein könnte, welches zu dem großen Baum des Um⸗ ſchreibungsamtes emporgeſproßt war. Seine ſeltſame An⸗ ſicht, daß er Daniel Doyce allenthalben überlegen ſei, eine Anſicht, die nicht ſo ſehr auf irgend etwas in Daniels Cha⸗ Klein Dorrit. III. 3 34 Sechszehntes Kapitel. rakter, als auf die Thatſache begründet zu ſein ſchien, daß er ein Erfinder und ein Mann war, der den ausgetretenen Weg der Alltäglichkeit nicht ging, gab ihm den Gedanken ein. Derſelbe würde ihn beſchäftigt haben, bis er eine Stunde ſpäter zu Tiſche ging, wenn er nicht eine andere Frage zu überlegen gehabt hätte, welche ſich ſchon aus der Zeit her⸗ ſchrieb, wo er zu Marſeille Quarantäne gehalten hatte, und welche jetzt wiederkehrte und zwar ſehr dringend. Es war keine geringere Frage als die, ob er ſich geſtatten ſolle, ſich in Pet zu verlieben. Er war zwei Mal ſo alt als ſie. Er wechſelte das Bein, welches erüber das andere gelegt, und verſuchte die Rechnung noch einmal, konnte aber die Summe nicht geringer machen. Er war und blieb zwei Mal ſo alt als ſie. Gut! Er war jung von Anſehen, jung an Geſundheit und Kraft, jung am Herzen. Ein Mann von vierzig Jahren war ſicherlich noch nicht alt, und viele Männer waren nicht in den Verhält⸗ niſſen oder nicht Willens zu heirathen, ehe ſie dieſe Zeit des Lebens erreicht hatten. Andrerſeits aber fragte es ſich nicht, was er von dem Punkte dachte, ſondern was ſie davon dachte. Er glaubte, daß Mr. Meagles geneigt war, eine ge⸗ reifte Achtung vor ihm zu hegen, und er wußte, daß er vor Mr. Meagles und ſeiner guten Frau eine aufrichtige Hoch⸗ achtung hegte. Er konnte vorausſehen, daß die Ueberlaſſung dieſes ihres einzigen ſchönen Kindes, das ſie ſo zärtlich lieb⸗ ten, an irgend einen Gatten, eine Prüfung ihrer Liebe ſein Niemandes Schwäche. 35 würde, welche ſie vielleicht noch nicht den Muth gehabt hat⸗ ten ins Auge zu faſſen. Aber je ſchöner und gewinnender und reizender ſie war, um ſo näher mußten ſie immer der Nothwendigkeit ſein, ſich dieſer Prüfung zu unterwerfen. Und weshalb nicht ebenſowol zu ſeinen als zu eines An⸗ dern Gunſten? Als er ſo weit gekommen war, fiel ihm wieder ein, daß die Frage die war, nicht was ſie davon dächten, ſondern was ſie ſelbſt davon denke. Arthur Clennam war ein in ſich gekehrter Mann, der ſich mancher Mängel bewußt war, und er erhob die Ver⸗ dienſte der ſchönen Minnie in ſeinen Gedanken ſo hoch und drückte die ſeinen ſo tief herab, daß, als er bei dieſem Punkte verblieb, ſeine Hoffnungen zu ſchwinden begannen. Er kam, als er ſich zum Eſſen bereit machte, zu dem Endbe⸗ ſchluß, daß er ſich nicht geſtatten wolle, ſich in Pet zu ver⸗ lieben. Sie waren nur ihrer fünf an einem runden Tiſche, und es war ſehr angenehm. Sie hatten ſich ſo viele Plätze und Menſchen zurückzurufen, und ſie waren alle ſo froh und hei⸗ ter geſtimmt(wobei Daniel Doyce entweder daſaß wie ein vergnügter Zuſchauer beim Kartenſpiel oder mit irgend ei⸗ ner klugen kleinen Bemerkung aus eigner Erfahrung einfiel, wenn es ſich paßte) daß ſie zwanzig Mal hätten beiſammen ſein können, ohne ſo viel von einander zu erfahren. „Und Miß Wade,“ ſagte Mr. Meagles, als ſie ſich eine 3* 36 Sechszehntes Kapitel. Menge von Reiſegefährten zurückgerufen hatten.„Hat irgend eines Miß Wade geſehen?“ „Ich habe ſie geſehen,“ ſagte Tattycoram. Sie hatte ein Mäntelchen gebracht, nach welchem ihre junge Herrin geſchickt hatte, und beugte ſich über ſie, um es ihr umzuthun, als ſie ihre dunkeln Augen aufſchlug und dieſe unerwartete Antwort gab. „Tatty!“ rief ihre junge Herrin aus.„Du Miß Wade geſehen?— wo denn?“ „Hier, Miß,“ ſagte Tattycoram. „Wie?“ Ein ungeduldiger Blick von Tattycoram ſchien, als Clennam ihn ſah, zu antworten:„Mit meinen Augen.“ Aber ihre einzige Antwort in Worten war:„Ich ſah ſie in der Nähe der Kirche.“ „Möchte wiſſen, was ſie da wollte,“ ſagte Mr. Meagles. „Doch nicht dorthin gehen, ſollte ich denken.“ „Sie hatte vorher an mich geſchrieben,“ ſagte Tatty⸗ coram. „O Tatty,“ murmelte ihre Herrin,„nimm Deine Hände weg. Es iſt mir, als ob mich jemand Anders angriffe.“ Sie ſagte es in raſcher unfreiwilliger Weiſe, aber halb ſpielend und nicht verletzender oder unangenehmer, als ein Lieblingskind gethan haben würde, welches im nächſten Augenblicke lachte. Tattycoram preßte ihre vollen rothen Lippen aufeinander und kreuzte ihre Arme auf ihrem Buſen. „Wünſchen Sie etwa zu wiſſen, Sir,“ ſagte ſie, Mr. 5 Niemandes Schwäche. 37 Meagles anſehend,„was Miß Wade an mich geſchrieben hat?“ „Nun gut, Tattycoram,“ erwiderte Mr. Meagles,„da Du einmal die Frage thuſt und wir hier lauter Freunde ſind, ſo könnteſt Du es ja vielleicht mittheilen, wenn Du dazu geneigt biſt.“ „Sie wußte, als wir auf der Reiſe waren, wo Sie wohn⸗ ten,“ ſagte Tattycoram,„und ſie hatte mich geſehen, wie ich nicht ganz— nicht ganz—“ „Wie Du nicht ganz auf der rechten Laune wareſt, Tat⸗ tycoram?“ half ihr Mr. Meagles ein, indem er mit ruhiger Vorſicht über die dunkeln Augen den Kopf ſchüttelte.„Nimm Dir ein Weilchen Zeit— zähle bis fünfundzwanzig, Tatty⸗ coram.“ Sie preßte ihre Lippen abermals zuſammen und that einen langen tiefen Athemzug. „So ſchrieb ſie an mich, um mir zu ſagen, wenn ich mich je verletzt fühlte—“ damit blickte ſie auf ihre junge Herrin herab—„oder mich übel behandelt glaubte—“ damit blickte ſie wieder nach ihr herab—„ſo ſollte ich zu ihr kom⸗ men und einer rückſichtsvollen Behandlung gewärtig ſein. Ich ſollte es mir überlegen und könnte mit ihr bei der Kirche ſprechen. So ging ich denn hin und bedankte mich bei ihr.“ „Tatty,“ ſagte ihre junge Herrin, indem ſie ihr über ihre Schulter die Hand reichte, daß jene ſie ergreifen möchte, „Miß Wade jagte mir ſchier Furcht ein, als wir Abſchied nahmen, und es war mir kaum ein angenehmer Gedanke, 38 daß ſie eben jetzt mir ſo nahe geweſen ſei, ohne daß ich da⸗ von wußte. Tatty, liebe Tatty!“ Tatty ſtand einen Augenblick unbeweglich da. „He!“ rief Mr. Meagles.„Zähle noch einmal bis fünf⸗ undzwanzig, Tattycoram.“ Sie mochte etwa bis zwölf gezählt haben, als ſie ſich bückte und ihre Lippen auf die Hand drückte, die ſie ſtrei⸗ chelte. Sie ſtrich ihr die Wange, als ſie die ſchönen Locken der Eigenthümerin berührte, und Tattycoram ging weg. „Na da ſehen Sie mal,“ ſagte Mr. Meagles, indem er ſich von dem Zucker zu ſeiner Rechten zulangte,„da haben wir ein Mädchen, das verloren ſein und zu Grunde gehen würde, wenn ſie nicht unter praktiſchen Leuten wäre. Mut⸗ ter und ich wiſſen, einzig und allein, weilwir praktiſche Leute ſind, daß es Zeiten gibt, wo die ganze Natur dieſes Mädchens ſich dagegen aufſträubt, daß ſie ſehen muß, wie vernarrt wir in Pet ſind. Das arme Ding hatte freilich keinen Va⸗ ter und keine Mutter, die in ſie hätten vernarrt ſein können. Ich denke nicht gern an das, was dieſes unglückliche Kind mit aller dieſer Leidenſchaftlichkeit und dieſem Trotz in ſich empfinden muß, wenn ſie Sonntags das fünfte Gebot hört. Ich bin ſtets geneigt auszurufen: Kirche, zähle bis fünf⸗ undzwanzig, Tattycoram.“ Mr. Meagles hatte zwei Aufwärterinnen in der Perſon zweier Stubenmädchen mit roſigen Wangen und hellen Au⸗ gen, welche ein höchſt anmuthiger Schmuck unter den Ge⸗ genſtänden waren, mit denen die Tafel geſchmückt war. Sechszehntes Kapitel. Niemandes Schwäche. 39 „Und warum nicht, ſehen Sie?“ ſagte Mr. Meagles über dieſes Kapitel.„Wie ich immer zu Mutter ſage: Warum nicht was Hübſches für die Augen haben, wenn man über⸗ haupt was hat?“ Eine gewiſſe Mrs. Tickit, welche Köchin und Ausge⸗ berin war, wenn die Familie ſich zu Hauſe befand, und nur Ausgeberin, wenn die Familie verreiſt war, vervollſtändigte die Anſiedelung. Mr. Meagles bedauerte, daß die Natur der Obliegenheiten, von denen ſie in Anſpruch genommen ſei, Mrs. Tickit gegenwärtig nicht zur Vorſtellung geeignet ſein laſſe, hoffte indeß, ſie dem neuen Beſuche morgen bekannt machen zu können. Sie wäre ein wichtiger Theil des Landhauſes, ſagte er, und alle ſeine Freunde kennten ſie. Das wäre ihr Bild dort in der Ecke. Wenn ſie weg⸗ gingen, ſo legte ſie ſtets das Seidenkleid und die Reihe pechſchwarzer Locken an, die auf dem Portrait dargeſtellt ſeien(ihr Haar war in der Küche von röthlichgrauer Farbe) richtete ſich im Frühſtückszimmer ein, ſteckte ihre Brille zwi⸗ ſchen zwei beſondere Blätter in Doctor Buchans Hausme⸗ diein und ſäße den ganzen Tag da und guckte über die Som⸗ merladen, bis ſie wieder zurückkämen. Man war der Anſicht, daß ſich kein Ueberredungsgrund erfinden ließe, durch den Mrs. Tickit vermocht werden könnte, ihren Poſten am Sommerladen, wie lange auch ihre Abweſenheit dauern möchte, aufzugeben, oder ſich der Geſellſchaft des Doctors Buchan zu entſchlagen, wiewol Mr. Meagles im Stillen den Glauben hegte, daß ſie ſich in den Auseinanderſetzun⸗ 40 Sechszehntes Kapitel. gen dieſes gelehrten Medicus in ihrem ganzen Leben noch nicht bis zum Betrage eines einzigen Wortes Raths erholt habe. Am Abend ſpielten ſie einen altmodiſchen Rubber und Pet ſaß dabei und ſah ihrem Vater über die Hand oder ſang ſich, indem ſie plötzlich Luſt dazu bekam und aufſprang, etwas am Piano vor. Sie war ein verzogenes Kind, aber wie konnte ſie anders ſein? Wer konnte viel mit einem ſo ſanften und ſchönen Geſchöpfe zuſammenſein, ohne ihrem einſchmeichelnden Einfluſſe nachzugeben? Wer konnte einen Abend im Hauſe verbringen, ohne ſie um der Anmuth und des bezaubernden Weſens willen zu lieben, welche ſchon ihre bloße Gegenwart über das Zimmer verbreiteten? Dies war Clennams Gedanke trotz des Endbeſchluſſes, den er oben gefaßt hatte. Indem er dieſen Gedanken hatte, widerrief er ihn.„Ei der Tauſend, an was denken Sie nur, mein guter Herr?“ fragte der erſtaunte Mr. Meagles, welcher ſein Partner war. „Bitte um Entſchuldigung. Nichts“, erwiderte Clennam. „Denken Sie das nächſte Mal an etwas, mein lieber Junge,“ ſagte Mr. Meagles. Pet ſprach lachend den Glauben aus, er habe an Miß Wade gedacht.„Warum an Miß Wade, Pet?“ fragte ihr Vater.„Ja wahrlich, warum!“ ſagte Ar⸗ thur Clennam. Pet erröthete ein wenig und ging wieder nach dem Piano. Als ſie ſich für dieſe Nacht trennten, hörte Arthur, wie Doyce ſeinen Wirth fragte, ob er ihm vor dem Frühſtück Niemandes Schwäche. 41 am Morgen eine Unterhaltung von einem halben Stünd⸗ chen gewähren könne. Da der Wirth ſeine Bereitwilligkeit ausſprach, blieb Arthur einen Augenblick zurück, indem er über dieſen Punkt ſeinerſeits ein Wort hinzuzufügen hatte. „Mr. Meagles,“ ſagte er, als ſie allein waren,„erinnern Sie ſich daran, daß Sie mir einmal riethen, geradenwegs nach London zu gehen?“ „Vollkommen wohl.“ „Und daß Sie mir noch andere gute Rathſchläge gaben, die ich damals nöthig hatte?“ „Ich will nicht ſagen, was ſie werth waren,“ antwortete Mr. Meagles,„aber natürlich erinnere ich mich, daß unſer Verhältniß ein ſehr angenehmes und vertrautes war.“ „Ich habe nach Ihrem Rathe gehandelt, und nachdem ich mich von einer Beſchäftigung losgemacht habe, welche mir aus vielerlei Gründen peinlich war, wünſche ich mich und die Mittel, die ich habe, einem andern Zwecke zu widmen.“ „Recht. Sie können es nicht ſchnell genug thun,“ ſagte Mr. Meagles. „Nun fand ich, als ich heute herunterkam, daß Ihr Freund, Mr. Doyce, ſich nach einem Geſchäftstheilnehmer umſieht— nicht ein Geſchäftstheilnehmer mit ſeiner Kunde von Maſchinen, ſondern ein ſolcher, der die Wege und Mit⸗ tel kennt, die daraus hervorgehenden Waaren am Beſten zu verwerthen.“ „Juſt das iſt's,“ ſagte Mr. Meagles mit den Händen in 42 Sechszehntes Kapitel. den Taſchen und dem alten geſchäftsmänniſchen Geſichts⸗ ausdrucke, der zu der Goldwage und der Geldſchaufel ge⸗ hört hatte. „Mr. Doyce erwähnte beiläufig im Verlaufe unſrer Un⸗ terhaltung, daß er ſich in Betreff ſolch eines Theilhabers Ihren ſchätzbaren Rath ausbitten wolle. Wenn Sie irgend der Anſicht ſein ſollten, daß unſre Meinungen und Mittel überhaupt zuſammenpaſſen, ſo hätten Sie wol die Güte, ihn wiſſen zu laſſen, daß meine Stellung für ihn von Nutzen ſein könnte. Ich ſpreche natürlich ohne Kenntniß der Ein⸗ zelheiten, und ſie mögen auf beiden Seiten eine weitere Verfolgung der Angelegenheit unmöglich machen.“ „Kein Zweifel, kein Zweifel,“ ſagte Mr. Meagles mit der Vorſicht, welche zu der Goldwage und der Geldſchaufel gehörte. „Aber ſie werden eine Frage nach Zahlen und Rechnun⸗ gen ſein—“ „Ganz recht, ganz recht,“ ſagte Mr. Meagles mit der arithmetiſchen Gediegenheit, die zu der Goldwage und der Geldſchaufel gehörte. „— Und ich werde mich freuen, auf die Sache einzu⸗ gehen, vorausgeſetzt, daß Mr. Doyce ſich dafür erklärt und Sie gut davon denken. Wenn Sie mir daher für jetzt ge⸗ ſtatten wollten, es in Ihre Hand zu legen, ſo würden Sie mich ſehr verpflichten.“ „Clennam, ich nehme Ihr Vertrauen bereitwillig an,“ ſagte Mr. Meagles.„Und ohne irgend einen der Punkte, Niemandes Schwäche. 43 die Sie als ein Geſchäftsmann ſelbſtverſtändlich ſich reſer⸗ virt haben, als abgemacht zu betrachten, erlaube ich mir, Ihnen zu ſagen, daß ich glaube, es wird hier zu etwas kom⸗ men. Ueber Eins können Sie vollkommen ſicher ſein. Daniel iſt ein Ehrenmann.“ „Deſſen bin ich ſo gewiß, daß ich ſofort den Entſchluß gefaßt habe, mit Ihnen darüber zu ſprechen.“ „Sie müſſen ihn leiten, wiſſen Sie, müſſen ihn lenken, müſſen ihm die Richtung geben, er iſt einer von der unbe⸗ hülflichen Art,“ ſagte Mr. Meagles, indem er augenſchein⸗ lich nichts Anderes meinte, als daß er ungewöhnliche Dinge that und ungewöhnliche Wege ging,„aber ſein Charakter iſt ſo rein wie die Sonne, und damit gute Nacht.“ Clennam ging nach ſeiner Stube zurück, ſetzte ſich wie⸗ der vor das Feuer hin und überlegte ſich's, wie froh er ſei, den Entſchluß gefaßt zu haben, ſich nicht in Pet zu ver⸗ lieben. Sie war ſo ſchön, ſo liebenswürdig, ſo geeignet, jeden echten Eindruck, der ihrer ſanften Natur und ihrem unſchuldigen Herzen entgegengebracht wurde, aufzunehmen, und den Mann, der ſo glücklich war, ihr ihn mitzutheilen, zum glücklichſten und beneidenswertheſten aller Männer zu machen, daß er in der That ſehr froh war, zu jenem Ent⸗ ſchluſſe gekommen zu ſein. Da dies aber ein Grund hätte ſein können, zu dem ent⸗ gegengeſetzten Entſchluſſe zu kommen, ſo verfolgte er das Thema in Gedanken noch einmal ein Stückchen weiter. Vielleicht, um ſich zu rechtfertigen. 44 Sechszehntes Kapitel. „Angenommen, daß ein Mann,“ ſo war der Gang ſeiner Gedanken,„welcher ſeit etwa zwanzig Jahren mündig wäre, welcher auf Grund ſeiner Jugendverhältniſſe mißtrauiſch wäre, welcher auf Grund ſeines Lebensganges ein ziemlich ernſter Mann wäre, welcher wüßte, daß ihm, der ſo lange in einer entlegenen Weltgegend gelebt, ohne irgend einem mil⸗ dernden Einfluſſe ausgeſetzt zu ſein, mancherlei kleine ge⸗ winnende Eigenſchaften mangelten, die er an Andern be⸗ wunderte, welcher ihr keine liebreichen Schweſtern vorzuſtel⸗ len hätte, welcher kein ihr geiſtig nahe ſtehendes Vaterhaus beſäße, in dem er ſie bekannt machen könnte, welcher ein Fremdling im Lande wäre, welcher kein Vermögen hätte, womit ſich dieſe Mängel in irgend welchem Maße auf⸗ wiegen ließen, der nichts zu ſeinen Gunſten anführen könnte, als ſeine aufrichtige Liebe und ſeinen Wunſch, immer das Rechte zu thun— angenommen, daß ſolch ein Mann in dieſes Haus käme und ſich von dieſem bezaubernden Mäd⸗ chen gefangen nehmen ließe und ſich überredete, zu hoffen, er werde ſie gewinnen: was für eine Schwäche würde das ſein?“ Er öffnete leiſe ſein Fenſter und blickte hinaus auf den heitern Fluß. Jahr auf Jahr ſo viel Raum für das Hin⸗ treiben des Fährbootes, ſo viele Meilen die Stunde das Fluthen des Stromes, hier die Binſen, dort die Lilien, nichts ungewiß oder unruhig. Warum ſollte er wunden oder kranken Herzens ſein? Es war nicht ſeine Schwäche, wie er ſich's eingebildet. Es aaljug ault ————— Niemandes Nebenbuhler. 45 war niemandes, niemandes ſoviel er wußte, warum ſollte es ihm ſeine Ruhe rauben? Und doch raubte es ihm ſeine Ruhe. Und er dachte— wer hätte es nicht auch bisweilen gedacht?— daß es vielleicht beſſer wäre, eintönig dahin zu fließen wie der Strom und ſich über ſeine Fühlloſigkeit gegen das Glück mit ſeiner Fühlloſigkeit gegen den Schmerz zu tröſten. Hirbzehntes Kapitel. Riemandes Rebenbuhler. Vor dem Frühſtück am Morgen ging Arthur aus, um ſich umzuſehen. Da der Morgen ſehr ſchön war und er eine Stunde vor ſich hatte, ſo ſetzte er auf der Fähre über den Fluß und ſchlenderte einen Fußweg durch Wieſen hin. Als er nach dem Leinpfad zurückkam, fand er das Fährboot auf der andern Seite und einen Herrn, der ihm zurief und auf das Uebergeſetztwerden wartete. Dieſer Herr ſah kaum wie ein Dreißiger aus. Er war gut gekleidet, von friſchem und munterm Aeußern, eine wohl⸗ gebildete Geſtalt und eine tiefe dunkle Geſichtsfarbe. Als Arthur über den Steg und an den Rand des Waſſers kam, warf der Wartende einen kurzen Blick auf ihn und nahm dann ſeine Beſchäftigung Steine mit dem Fuße ins Waſſer 46 Siebzehntes Kapitel. zu ſchleudern wieder auf. Es lag in der Art, mit der er ſie mit der Ferſe aus ihren Plätzen heraushackte und ſie in die erforderliche Lage brachte, ein Etwas, welches Clennam wie Grauſamkeit vorkam. Die meiſten von uns haben mehr oder minder häufig einen ähnlichen Eindruck empfangen, wenn wir Jemand etwas ſehr Geringfügiges thun, eine Blume pflücken, ein Hinderniß wegräumen oder ſelbſt einen fühlloſen Gegenſtand zerſtören ſahen. Die Gedanken des Herrn waren, wie ſein Geſicht zeigte, ganz von etwas in Anſpruch genommen, und er nahm keine Notiz von einem ſchönen Neufundländerhunde, welcher ihn aufmerkſam beobachtete und ebenſo jeden Stein nach der Reihe beobachtete, indem er begierig das Zeichen ſeines Herrn erwartete, ihm in den Fluß nachzuſpringen. Das Fährboot kam indeß herüber, ohne daß er ein Zeichen em⸗ pfangen hätte, und als es anlegte, nahm ſein Herr ihn beim Halsbande und ſchleppte ihn hinein. „Heute Morgen nicht,“ ſagte er zu dem Hunde.„Du paßt nicht in Damengeſellſchaft, wenn Du vor Näſſe triefſt. Kuſch dich.“ Clennam folgte dem Manne und dem Hunde in das Boot und ſetzte ſich. Der Hund that, wie ihm geheißen war. Der Mann blieb mit den Händen in den Taſchen ſtehen und verſperrte Clennam mit ſeiner hohen Geſtalt die Ausſicht. Mann und Hund ſprangen leichtfüßig heraus, ſobald ſie das andere Ufer erreicht hatten, und gingen weg. Clennam war froh, ſie los zu ſein. Niemandes Nebenbuhler. 47 Die Kirchenuhr ſchlug die Frühſtücksſtunde, als er die kleine Heckengaſſe, durch die man ſich der Gartenthür näherte, erreicht hatte. In dem Augenblick, wo er die Klingel zog, ſcholl ihm ein tiefes lautes Gebell von innen entgegen. „Ich hörte doch geſtern Abend keinen Hund,“ dachte Clen⸗ nam. Die Thür wurde von einer der roſigen Mägde geöffnet, und auf dem Raſenplatze vor dem Hauſe waren der Neufund⸗ länder und ſein Herr. „Miß Minnie iſt noch nicht herunter, meine Herren,“ ſagte die erröthende Pförtnerin, als ſie alle in den Garten kamen. Dann ſagte ſie zu dem Herrn des Hundes:„Mr. Clennam, Sir“ und trippelte davon. „Seltſam genug, Mr. Clennam, daß wir uns gerade erſt vorhin treffen mußten,“ ſagte der Mann. Darauf wurde der Hund ſtumm.„Erlauben Sie mir, mich ſelbſt bei Ihnen ein⸗ zuführen— Henry Gowan. Ein niedlicher Platz dieſer, und ſieht dieſen Morgen wunderbar gut aus.“ Die Manier, in der er das ſagte, war ungezwungen und die Stimme angenehm; aber dennoch dachte Clennam, wenn er nicht jenen entſchiedenen Entſchluß gefaßt hätte, ſich in Pet nicht zu verlieben, würde er eine Abneigung gegen dieſen Henry Gowan gefaßt haben. „Er iſt Ihnen was Neues, glaube ich?“ ſagte dieſer Go⸗ wan, als Arthur den Ort lobte. „Ganz neu. Ich machte erſt geſtern Nachmittag ſeine Be⸗ kanntſchaft.“ 48 Siebzehntes Kapitel. „Ah! Natürlich iſt dies nicht ſein beſtes Ausſehen. Er ſah bezaubernd aus letztes Frühjahr, ehe ſie wegreiſten. Ich wollte, Sie hätten ihn damals geſehen.“ Wäre jener Entſchluß nicht geweſen, ſo würde Clennam ihn zum Dank für dieſe Höflichkeit in den Krater des Aetna verwünſcht haben. „Ich habe das Vergnügen gehabt, ihn die letzten drei Jahre unter mancherlei Umſtänden zu ſehen und es iſt— ein Paradies.“ Es ſah wie eine ſchlaue Unverſchämtheit von ihm aus, ihn ein Paradies zu nennen— hätte wenigſtens ſo ausſehen können, wenn nicht immer jener weiſe Entſchluß davon abge⸗ halten hätte. Denn er nannte ihn nur ein Paradies, weil er ſie zuerſt kommen ſah und ſie ſo, daß ſie es hörte, zu einem Engel machte— hol' ihn der und jener! Und ah! wie ſtrahlend ſah ſie aus und wie heiter! Wie ſie den Hund ſtreichelte und wie gut der Hund ſie kannte! Wie ausdrucksvoll jene erhöhte Farbe in ihrem Antlitze, jenes verwirrte Benehmen, ihre niedergeſchlagenen Augen, ihr ſchüchternes Glück! Wann hatte Clennam ſie ſo geſehen? Nicht, daß irgend ein Grund geweſen wäre, aus dem er ſie je ſo hätte ſehen können, wollen oder ſollen, oder daß er je gehofft hätte, ſie zu ſeinen Gunſten ſo zu ſehen; aber den⸗ noch— wann hatte er je erfahren, daß ſie ſo ausſah? Er ſtand ein Stückchen von ihnen. Dieſer Gowan war, als er von einem Paradieſe geſprochen, auf ſie zugegangen und hatte ihre Hand ergriffen. Der Hund hatte ſeine großen Niemandes Nebenbuhler. 49 Pfoten auf ihren Arm gelegt und lehnte ſeinen Kopf an ihren Buſen. Sie hatte gelacht und ſie willkommen geheißen und viel zu viel Weſens mit dem Hunde gemacht, viel, viel zu viel— das heißt in der Vorausſetzung, daß eine dritte Per⸗ ſon als Zuſchauer dabei geweſen wäre, welche ſie geliebt hätte. Sie machte ſich jetzt los und kam zu Clennam und legte ihre Hand in die ſeine und wünſchte ihm guten Morgen und that anmuthig, als wollte ſie ſeinen Arm nehmen und ſich von ihm ins Haus führen laſſen. Dieſer Gowan hatte nichts dawider. Nein, er wußte ſich zu ſicher. Ueber Mr. Meagles' gutmüthiges Geſicht zog eine Wolke, als ſie alle drei(vier mit Einrechnung des Hundes, welcher Einen ausgenommen der unliebſamſte von der Geſellſchaft war) zum Frühſtück hereinkamen. Weder dies noch der Zug von Unbehaglichkeit bei Mrs. Meagles, als ſie ihre Augen auf ſie richtete, blieb von Clennam unbemerkt. „Nun, Gowan,“ ſagte Mr. Meagles, der ſogar einen Seufzer unterdrückte,„wie geht's, wie ſteht's mit Ihnen heute Morgen?“ „Ungefähr ſo wie immer, Sir. Lion und ich, entſchloſ⸗ ſen, von unſerm wöchentlichen Beſuch gar nichts einzubüßen, machten uns am frühen Morgen auf und kamen von King⸗ ſton, unſerm gegenwärtigen Hauptquartier herüber, wo ich eben ein paar Skizzen mache.“ Dann erzählte er, wie er Mr. Clennam an der Fähre getroffen und wie ſie zuſammen her⸗ übergekommen. Klein Dorrit. III. 4 50 Siebzehntes Kapitel. „Mrs. Gowan iſt bei guter Geſundheit, Henry!“ ſagte Mrs. Meagles.(Clennam wurde aufmerkſam.) „Danke Ihnen, meine Mutter befindet ſich ganz wohl.“ (Clennam wurde unaufmerkſam.)„Ich habe mir die Freiheit genommen Ihre heutige Mittagsgeſellſchaft um eine Perſon zu vermehren, was hoffentlich weder Ihnen noch Mr. Meagles unbequem ſein wird. Ich konnte nicht recht gut darüber weg⸗ kommen,“ ſagte er erklärend, indem er ſich an den letztern wendete.„Der junge Menſch ſchrieb an mich und bot ſich mir ſelbſt an, und da er von guter Familie iſt, ſo dachte ich, Sie würden nichts dagegen haben, wenn ich ihn hier herüber brächte.“ „Und wer iſt der junge Menſch?“ fragte Mr. Meagles mit eigenthümlichem Wohlgefallen. „Er iſt einer von den Barnacles, Tite Barnacle's Sohn, Clarence Barnacle, welcher in ſeines Vaters Departement iſt. Ich kann wenigſtens dafür bürgen, daß der Fluß durch ſei⸗ nen Beſuch nicht Schaden leiden wird. Er wird ihn nicht in Brand ſtecken.“ „So, ſo?“ ſagte Meagles.„Alſo ein Barnacle iſt er? Wir wiſſen ein Lied von dieſer Familie zu ſingen, he Doyce? Beim Himmel, ſie ſind indeß Leute bei der Spritze. Laßt mich mal ſehen. Was wird nun die Verwandtſchaft zwiſchen dieſem jungen Menſchen und Lord Decimus ſein? Seine Lordſchaft heirathete ſiebzehnhundertneunundſiebzig Lady Je⸗ mima Bilberry, welche die zweite Tochter aus dritter Ehe — nein! da bin ich irre! Das war Lady Seraphina— Niemandes Nebenbuhler. 51 Lady Jemima war die erſte Tochter zweiter Ehe des fünfzehn⸗ ten Grafen von Stiltſtalking mit der Ehrenwerthen Clemen⸗ tina Toozellem. Ganz recht. Nun heirathete der Vater dieſes jungen Menſchen eine Stiltſtalking, und ſein Vater wieder heirathete ſeine Couſine, welche eine Barnacle war. Der Va⸗ ter jenes Vaters, welcher eine Barnacle heirathete, heirathete eine Joddleby. Ich gehe ein wenig zu weit zurück, Gowan; ich möchte herauskriegen, wie dieſer junge Menſch mit Lord Decimus verwandt iſt.“ „Das iſt leicht anzugeben. Sein Vater iſt ein Neffe des Lord Decimus.“ „Ein Neffe— des— Lord— Decimus,“ wiederholte Mr. Meagles mit geſchloſſenen Augen, damit nichts ihn von ſeinem Schwelgen im vollen Dufte des Stammbaums ablen⸗ ken möge.„Weiß Gott, da haben Sie Recht, Gowan. Das iſt er.“ „Folglich iſt Lord Decimus ſein Großoheim.“ „Aber halt mal!“ ſagte Mr. Meagles, indem er ſeine Augen mit einer neuen Entdeckung öffnete.„Dann iſt müt⸗ terlicher Seits Lady Stiltſtalking ja ſeine Großtante.“ „Natürlich iſt ſie das.“ „So, ſo, ſo?“ ſagte Mr. Meagles mit großem Intereſſe. „In der That, in der That? Wir werden uns freuen, ihn zu ſehen. Wir wollen ihn ſo gut aufnehmen, als wir können in unſrer beſcheidenen Weiſe, und wir werden ihn, hoff' ich, auf keinen Fall verhungern laſſen.“ Beim Beginn dieſes Zwiegeſprächs hatte Clennam von 4*† 52 Siebzehntes Kapitel. Mr. Meagles einen großen harmloſen Gefühlsausbruch er⸗ wartet, wie der, bei welchem er, Doyce am Kragen haltend, aus dem Umſchreibungsamte hinausgefahren war. Aber ſein guter Freund hatte eine Schwäche, welche jeder von uns fin⸗ den kann, ohne auch nur bis in die nächſte Straße zu gehen, und welche keine noch ſo ſchwere Erfahrung im Umſchreibungs⸗ amte in ihm zu unterdrücken vermochte. Clennam ſah Doyce an, aber Doyce wußte Alles ſchon im Voraus und blickte auf ſeinen Teller, machte kein Zeichen und ſagte kein Wort. „Ich bin Ihnen ſehr verbunden,“ ſagte Gowan, um den Gegenſtand abzuthun.„Clarence iſt ein großer Eſel, aber er iſt mir einer der liebſten und beſten Jungen von der Welt.“ Es ſchien, ehe das Frühſtück vorbei war, daß Jedermann, den dieſer Gowan kannte, mehr oder weniger ein Eſel oder mehr oder weniger ein Schurke, aber trotzdem der liebens⸗ würdigſte, der bezauberndſte, der einfachſte, treueſte, guther⸗ zigſte, liebſte, beſte Junge von der Welt war. Der Proceß, durch welchen dieſes unabänderliche Reſultat gewonnen wurde, was auch die Vorausſetzungen waren, hätte durch Mr. Henry Gowan folgendermaßen beſchrieben werden können:„Ich mache darauf Anſpruch, ſtets mit beſonderer Genauigkeit Buch zu halten in Betreff jedermanns und eine ſorgfältige Rech⸗ nung des Guten und Böſen an ihm einzutragen. Ich thue dies ſo gewiſſenhaft, daß ich ſo glücklich bin, Ihnen ſagen zu können, ich finde, wie der nichtswürdigſte Menſch zugleich die beſte alte Haut iſt, und daß ich mich in der Lage ſehe, den erfreulichen Bericht abzuſtatten, daß zwiſchen einem Ehren⸗ Niemandes Nebenbuhler. 53 mann und einem Schuft viel weniger Unterſchied iſt, als man anzunehmen geneigt iſt.“ Die Wirkung dieſer erfreulichen Entdeckung war nun, daß er, während er ängſtlich bemüht ſchien in den meiſten Menſchen Gutes zu finden, es in der Wirklichkeit, wo es war, herabſetzte und wo es nicht war, es annahm; aber das war nicht der einzige unangenehme und gefährliche Charakterzug an ihm. Es ſchien indeß Mr. Meagles kaum ſo viel Befriedigung zu gewähren, als die Genealogie der Barnacles. Die Wolke, die Clennam vor dieſem Morgen auf ſeinem Geſichte nie ge⸗ ſehen, überſchattete es häufig wieder, und auf dem ſchlichten Antlitze ſeiner Frau war derſelbe Schatten des Mißbehagens, wenn ſie ihn beobachtete. Mehr als ein oder zwei Mal, wo Pet dem Hunde ſchmeichelte, ſchien es Clennam, als ob ihr Vater ſich, als er es ſah, unglücklich fühlte, und ein Mal ganz beſonders, als Gowan auf der andern Seite des Hun⸗ des ſtand und ſeinen Kopf zu derſelben Zeit bückte, glaubte Arthur Mr. Meagles Thränen in die Augen ſteigen zu ſehen, als er haſtig aus der Stube ging. Es war ferner Thatſache oder weitere Einbildung von ihm, daß Pet ſelbſt dieſe kleinen Zwiſchenfälle nicht unbemerkt blieben, daß ſie mit einer noch zarteren Liebe als gewöhnlich ihrem guten Vater auszudrücken ſuchte, wie ſehr ſie ihn liebe, daß es deshalb geſchah, wenn ſie ſowol beim Gange nach der Kirche als bei der Rückkehr aus derſelben hinter den Uebrigen zurückblieb und ſeinen Arm nahm. Er hätte faſt ſchwören können, daß er ſie, als er ſpä⸗ ter allein im Garten luſtwandelte, auf einen Augenblick im 54 Siebzehntes Kapitel. Zimmer ihres Vaters erblickt, wie ſie ihre beiden Eltern mit größter Zärtlichkeit umfaßt hielt und an der Schulter ihres Vaters weinte. Da der letzte Theil des Tages regneriſch war, ſo zogen ſie es vor, im Hauſe zu bleiben, Mr. Meagles' Sammlung zu beſichtigen und ſich die Zeit mit Unterhaltung zu vertreiben. Dieſer Gowan hatte eine Menge von Dingen für ſich zu ſa⸗ gen und ſagte ſie in ungezwungener und angenehmer Weiſe. Er ſchien ſeines Zeichens ein Künſtler zu ſein und ſich einige Zeit in Rom aufgehalten zu haben. Doch hatte er etwas Oberflächliches, Sorgloſes, Dilettantenhaftes an ſich— eine merkbare Lahmheit ſowol in ſeiner Liebe zur Kunſt als auch in ſeinem Wiſſen— was Clennam kaum zu begreifen ver⸗ mochte. Er wendete ſich an Daniel Doyce um Aushülfe, als ſie bei einander ſtanden und aus dem Fenſter blickten. „Sie kennen Mr. Gowan?“ fragte er mit leiſer Stimme. „Ich habe ihn hier geſehen. Kommt jeden Sonntag hier⸗ her, wenn ſie zu Hauſe ſind.“ „Ein Künſtler, wie ich aus dem, was er ſagt, ſchließe?“ „Ja eine Art Künſtler,“ ſagte Daniel Doyce in verdrieß⸗ lichem Tone. „Was für eine Art?“ fragte Clennam lächelnd. „Je nun, er iſt mit dem Bummelgang von Pallmall in die Künſte hineingeſchlendert,“ ſagte Doyce,„und ich bin zweifelhaft, ob ſie ſich gern ſo auf die leichte Achſel nehmen laſſen.“ Niemandes Nebenbuhler. 55 Clennam fand, als er ſeine Erkundigungen weiter ver⸗ folgte, daß die Familie Gowan eine ſehr entfernte Verzwei⸗ gung der Barnacles war, und daß Gowan der Vater, ur⸗ ſprünglich einer Geſandtſchaft im Auslande zugetheilt, als Commiſſär bei nichts Beſonderem penſionirt worden und auf ſeinem Poſten mit ſeinem gezogenen Gehalte in der Hand geſtorben wäre, indem er ihn tapfer bis zum letzten Hauche vertheidigt. In Betracht dieſer außerordentlich wich⸗ tigen Dienſtleiſtung für das Vaterland hatte der damals am Ruder befindliche Barnacle der Krone empfohlen, ſeiner Witwe eine Penſion von zwei⸗ oder dreihundert Pfund jähr⸗ lich zu verleihen, und hierzu hatte der nächſtfolgende Barnacle am Ruder gewiſſe ſchattige und ruhige Gemächer im Palaſte von Hampton Court gefügt, wo die alte Dame noch lebte und mit verſchiedenen alten Weibern von beiderlei Geſchlecht die Entartung der Zeiten beklagte. Ihr Sohn, Mr. Henry Gowan, der von ſeinem Vater, dem Commiſſär, jene ſehr zweifelhafte Hülfe im Leben, ein ſehr kleines Vermögen ge⸗ erbt, war ſchwer unterzubringen geweſen, zumal da öffentliche Stellen zufällig ſelten waren und ſein Genius während der erſten Jahre ſeines Mannesalters von jenem ausſchließlich ländlichen Charakter geweſen war, der ſich mit dem Kalbaus⸗ treiben beſchäftigt. Endlich hatte er erklärt, daß er ein Maler werden wolle, theils weil er ſtets einen trägen Hang nach dieſer Richtung gehabt hatte, und theils weil er die Herzen der Häuptlinge vom Geſchlechte Barnacle kränken wollte, die nicht für ihn geſorgt hatten. So hatte es ſich denn in der 56 Siebzehntes Kapitel. Folge begeben, daß erſtens mehrere vornehme Damen einen entſetzlichen Schreck bekommen hatten, ſodann, daß Mappen mit Leiſtungen von ihm des Abends herumgegeben und mit himmelhohem Entzücken für vollkommene Claudes, vollkom⸗ mene Cuyps, vollkommene Phänomene erklärt worden waren, hierauf, daß Lord Decimus ſein Bild gekauft und den Prä⸗ ſidenten nebſt dem akademiſchen Rathe auf einen Ruck zu Ti⸗ ſche gebeten und mit der ihm eignen prächtigen Würde geſagt hatte:„Wiſſen Sie wol, mir ſcheint in dieſem Werke wirk⸗ lich ein ungeheures Verdienſt zu liegen,“ und kurz, daß Leute von Rang und Stellung ſich entſchiedene Mühe gegeben hat⸗ ten, ihn in die Mode zu bringen. Aber Gott weiß wie, es war alles fehl geſchlagen. Das vorurtheilsvolle Publicum hatte hartnäckig nichts davon wiſſen wollen. Man hatte ſichs in den Kopf geſetzt, das Bild des Lord Decimus nicht zu be⸗ wundern. Man hatte ſichs in den Kopf geſetzt, zu glauben, daß in jedem Berufe, ausgenommen in dem jedes einzelnen dieſes Publicums, ein Mann ſich auszeichnen müſſe, indem er Tag und Nacht ſtrebe und mit Leib und Seele und aller Macht und Kraft arbeite. So hing denn jetzt Mr. Gowan wie jener verwitterte alte Sarg, der nimmer Mahomed noch irgend jemandes andern Gebeine einſchloß, in der Mitte zwi⸗ ſchen zwei Punkten: ſcheelſüchtig und mißgünſtig in Betreff des einen, den er verlaſſen, und ſcheelſüchtig und mißgünſtig in Betreff des andern, den er nicht erreichen konnte. Dies etwa war das Wichtigſte von Clennams Entdeckun⸗ 5 Niemandes Nebenbuhler. 57 gen in Bezug auf ihn, die er an dieſem regneriſchen Sonntag⸗ nachmittag und ſpäter machte. Etwa eine Stunde nach der Eſſenszeit erſchien der junge Barnacle, begleitet von ſeinem Augenglas. Um ſeinen Fa⸗ milienverbindungen die gebührende Ehre anzuthun, hatte Mr. Meagles die beiden hübſchen Stubenmädchen für dieſen Tag caſſirt und an ihre Stelle zwei ſchmutzige Bedienten in Pflicht genommen. Der junge Barnacle war im äußerſten Grade verblüfft und aus dem Häuschen, als er Arthur ge⸗ wahr wurde und hatte unwillkürlich gemurmelt:„Nun ſehen Sie mal!— Meiner Seele, wiſſen Sie!“ bevor ſeine Gei⸗ ſtesgegenwart wiederkehrte. Selbſt dann war er noch genöthigt, die erſte beſte Ge⸗ legenheit zu ergreifen, um ſeinen Freund an ein Fenſter zu ziehen und mit näſelnder Stimme, die ein Theil ſeiner allge⸗ meinen Gebrechlichkeit war, zu ſagen: „Ich muß mit Ihnen was ſprechen, Gowan. Hören Sie mal. Sehen Sie mal. Wer iſt dieſer Menſch?“ „Ein Freund unſres Wirthes. Keiner von mir.“ „Er iſt ein furchtbar wüthender Radicaler, wiſſen Sie,“ ſagte der junge Barnacle. „Wirklich? woher wiſſen Sie das?“ „Mein Gott, Sir, er fuhr neulich in der entſetzlichſten Weiſe in unſere Leute hinein. Lief nach unſerm Hauſe und fuhr auf meinen Vater in ſolchem Grade los, daß es nöthig wurde, ihm die Thür zu weiſen. Kam nach unſerm Departe⸗ 58 Siebzehntes Kapitel. ment zurück und fuhr auf mich los. Sehen Sie mal. Sie haben im Leben keinen ſolchen Menſchen geſehen.“ „Was wollte er denn?“ „Mein Gott, Sir,“ erwiderte der junge Barnacle.„Er ſagte, er wollte wiſſen, Sie wiſſen ſchon. Lief durch unſer ganzes Departement— ohne eine Ladung— und ſagte, er wollte wiſſen.“ Der ſtiere Blick entrüſteten Staunens, mit welchem der junge Barnacle dieſe Eröffnung begleitete, würde ſeine Augen zu ſehr angeſtrengt und ihnen geſchadet haben, hätte nicht zu rechter Zeit das Eſſen ihn erlöſt. Mr. Meagles(welcher ſich über die Maßen eifrig nach dem Befinden ſeines Oheims und ſeiner Tante erkundigt hatte) erſuchte ihn, Mrs. Meagles ins Speiſezimmer zu führen. Und als er Mrs. Meagles zur Rech⸗ ten Platz genommen hatte, ſah Mr. Meagles ſo befriedigt aus, als ob ſeine ganze Familie da wäre. Der ganze natürliche Zauber des vorhergehenden Tages war dahin. Die Speiſenden an der Tafel wie die Speiſen ſelbſt waren lau, ſaftlos, übergahr— und an dem Allen war dieſer arme, kleine, blöde Barnacle Schuld. Er wußte nie viel zu reden, und er war jetzt noch das Opfer einer Schwäche, die nur dieſe Gelegenheit hervorgerufen und die allein auf Clennam zurückzuführen war. Es drängte ihn unaufhörlich, dieſen Herrn anzuſehen, in Folge deſſen ſein Augenglas in ſeine Suppe, in ſein Weinglas, auf Mrs. Meagles' Teller fiel, ihm wie ein Klingelzug über den Rücken herabhing und ihm mehrmals ſchmählig von einem der ſchmutzigen Bedienten Niemandes Nebenbuhler. 59 wieder über die Bruſt gehangen wurde. Geſchwächt am Geiſte durch den häufigen Verluſt dieſes Inſtrumentes und ſeine Entſchloſſenheit, nicht in ſeinen Augen ſtecken bleiben zu wol⸗ len, und immer wirrer im Kopfe werdend, ſo oft er den ge⸗ heimnißvollen Clennam anſah, ſteckte er ſich Löffel, Gabeln und andere nicht dahin, ſondern zum Tafelgeſchirr gehörige Dinge ins Auge. Entdeckte er dann dieſe Mißgriffe, ſo ver⸗ mehrte ſich ſeine ängſtliche Stimmung beträchtlich, erlöſte ihn aber durchaus nicht von der Nothwendigkeit, Clennam anzu⸗ ſehen. Und ſo oft Clennam ſprach, wurde dieſer unſelige junge Mann deutlich von der Furcht ergriffen, daß er mit irgend einem argliſtigen Schliche endlich auf jenen Punkt gelangen würde,„wiſſen zu wollen, Sie wiſſen ſchon.“ Es kann deshalb fraglich ſein, ob irgend jemand außer Mr. Meagles viel Genuß von dieſer Zeit hatte. Mr. Meagles aber hatte den gründlichſten Genuß von dem jungen Barnacle. Wie ein bloßes Fläſchchen von dem goldnen Waſſer im Mär⸗ chen ausgegoſſen eine volle Quelle wurde, ſo ſchien Mr. Meagles das Gefühl zu haben, daß dieſes kleine Würzknösp⸗ lein von einem Barnacle ſeiner Tafel den Duft des ganzen Stammbaumes der Familie mittheile. In ſeiner Gegenwart erbleichten ſeine treuherzigen, ſchönen und echten Eigenſchaf⸗ ten; er war nicht ſo ungezwungen, er war nicht ſo natürlich, er bemühte ſich, etwas zu ſein, was nicht ſeine Art war, er war nicht er ſelbſt. Was für eine ſeltſame Eigenheit auf Sei⸗ ten Mr. Meagles', und wo würden wir einen Fall ähnlicher Art finden! 60 Siebzehntes Kapitel. Endlich verging der regneriſche Sonntag in eine regneri⸗ ſche Nacht, und der junge Barnacle kehrte, matt rauchend, in einem Fiaker nach Hauſe zurück, und der widerwärtige Gowan ging, begleitet von dem widerwärtigen Hunde, zu Fuße fort. Pet hatte ſich den ganzen Tag auf die liebenswürdigſte Weiſe bemüht, mit Clennam freundlich zu ſein; aber Clennam war ſeit dem Frühſtück ein wenig zurückhaltend geweſen— das heißt, er würde es geweſen ſein, wenn er ſie geliebt hätte. Als er auf ſein Zimmer gegangen war und ſich auf den Stuhl am Feuer geworfen hatte, klopfte Mr. Doyce mit der Kerze in der Hand an die Thür und fragte, um welche Stunde er am Morgen zurückkehren wollte. Nachdem dieſe Frage er⸗ ledigt war, ſagte er ein Wort zu Mr. Doyce über dieſen Go⸗ wan— der ihm ſehr im Kopfe herum gegangen ſein würde, falls er ſein Nebenbuhler geweſen wäre. „Das ſind keine guten Ausſichten für einen Maler,“ ſagte Clennam. „Nein,“ erwiderte Doyce. Mr. Doyee ſtand da, den Nachtleuchter in der Hand, die andere Hand in der Taſche, und blickte ſcharf in das Licht, wobei ſich in ſeinem Geſichte ein gewiſſer Zug ruhiger Erwar⸗ tung ausdrückte, als ſollten ſie ſich noch etwas mehr ſagen. „Mir erſchien unſer guter Freund ein wenig verändert und übelgelaunt, als er heute Morgen kam,“ ſagte Clennam. „Ja,“ erwiderte Doyce. „Aber nicht ſo ſeine Tochter,“ ſagte Clennam. „Nein,“ ſagte Doyce. + Niemandes Nebenbuhler. 61 Es folgte eine Pauſe auf beiden Seiten; Mr. Doyce, der noch immer auf die Flamme ſeiner Kerze blickte, begann lang⸗ ſam wieder: „Die Sache verhält ſich ſo, er hat ſeine Tochter zweimal ins Ausland geführt in der Hoffnung ſie von Mr. Gowan zu trennen. Er denkt aber, daß ſie geneigt iſt, ihn zu lieben und er hegt peinigende Zweifel in Betreff der Hoffnungen, die ſich an ſolch eine Heirath knüpfen. Ich bin darin ganz einverſtanden mit ihm und ich meine, Sie auch.“ „Na“— Clennam ſtockte, huſtete und hielt inne. „Ja, Sie haben ſich erkältet,“ ſagte Doyce, doch ohne ihn anzublicken. „Natürlich haben ſie ſich mit einander verſprochen?“ ſagte Clennam leichthin. „Nein, ſo viel mir geſagt worden iſt, gewiß nicht. Es iſt von Seiten des Herrn erbeten worden, aber nicht zu Stande gekommen. Seit ihrer neulichen Rückkehr hat unſer Freund ſich herbeigelaſſen, einen wöchentlichen Beſuch zu ge⸗ ſtatten, aber das iſt das Aeußerſte. Minnie würde ihre El⸗ tern nicht täuſchen. Sie ſind mit ihnen gereiſt, und ich glaube, Sie wiſſen, was für Bande ſie zuſammenhalten, Bande, die ſich ſelbſt über dieſes Leben hinaus erſtrecken. Alles, was zwiſchen Miß Minnie und Mr. Gowan vorgeht, ſehen wir ohne Zweifel.“ „Ah! Wir ſehen genug!“ rief Arthur aus. Mr. Doyce wünſchte ihm gute Nacht im Tone eines Man⸗ nes, der einen Ausruf der Trauer, um nicht zu ſagen, der 62 Siebzehntes Kapitel. Verzweiflung gehört hatte, und der einige Ermuthigung und Hoffnung in die Seele deſſen, der ihn ausgeſtoßen, zu flößen ſuchte. Solch ein Ton war vermuthlich nur ein Theil ſeiner Wunderlichkeit als eines Menſchen, der zur Schaar der Son⸗ derlinge gehörte: denn wie hätte er etwas Derartiges hören können, ohne daß auch Clennam es gehört hätte? Der Regen fiel in ſchweren Tropfen auf das Dach und praſſelte auf den Erdboden und tröpfelte auf die Blätter des Immergrün und die entlaubten Zweige der Bäume. Der Regen ſiel ſchwer und trübſelig. Wenn Clennam ſich es nicht vorgenommen hätte, ſich in Pet nicht zu verlieben, wenn er ſo ſchwach geweſen wäre, es wirklich zu thun, wenn er ſich ganz allmälig überredet hätte, alle die Feſtigkeit ſeines Weſens, alle die Macht ſeiner Hoff⸗ nung und allen den Reichthum ſeines gereiften Charakters an dieſe Aufgabe zu ſetzen, wenn er dies gethan und da⸗ bei gefunden hätte, daß Alles vergeblich geweſen, ſo würde er dieſe Nacht unausſprechlich elend geweſen ſein. So wie die Sachen ſtanden— So wie die Sachen ſtanden, fiel der Regen ſchwer und trübſelig herab. 63 Achtzehntes Kanitel. Klein Dorrits Freier. Klein Dorrit hatte ihren zweiundzwanzigſten Geburtstag nicht erreicht, ohne einen Liebhaber zu finden. Selbſt in dem bleichen Marſhalſea⸗Gefängniß ſchoß der ewig junge Bogen⸗ ſchütz dann und wann ein paar ungefiederte Pfeile von einem vermoderten Bogen und beflügelte einen oder ein paar Col⸗ legen. Klein Dorrits Liebhaber war jedoch kein College. Er war der empfindſame Sohn eines Schließers. Sein Vater hoffte ihm, wenn die Zeit erfüllet wäre, das Erbtheil eines unbe⸗ fleckten Schlüſſels zu hinterlaſſen und hatte ihn ſchon in frü⸗ her Jugend mit den Pflichten ſeines Amts vertraut gemacht und ihm den Ehrgeiz eingeflößt, den Riegel des Gefängniſſes der Familie zu erhalten. Während die Nachfolge im Amte noch zu erwarten ſtand, half er ſeiner Mutter in der Ver⸗ waltung eines hübſchen kleinen Tabaksladens hinter der Ecke von Horſemongers Lane(ſein Vater war nämlich einer der Schließer, die nicht im Gefängniſſe ſelbſt wohnten), welcher gewöhnlich eine gute Kundſchaft innerhalb der Mauern des Collegs beſaß. Vor Jahren, als der Gegenſtand ſeiner Neigung in ihrem Armſtühlchen bei dem hohen Kamingeländer der Loge zu ſitzen 64 Achtzehntes Kapitel. pflegte, hatte der junge John(Familienname Chivery), ein Jahr älter als ſie, ſie mit bewundernder Neugier betrachtet. Wenn er mit ihr im Hofe geſpielt hatte, ſo war ſein Lieb⸗ lingsſpiel geweſen, ſie zum Scheine in Winkel einzuſperren und ſie für wirkliche Küſſe herauszulaſſen. Als er lang genug wurde, um durch das Schlüſſelloch des großen Schloſſes am Thore zu gucken, hatte er mehrmals das Mittags⸗ oder Abend⸗ eſſen ſeines Vaters hingeſetzt, um ſo gut er konnte an die äußere Seite desſelben zu gelangen und auf die Gefahr hin, ſich das eine Auge zu erkälten, durch dieſes luftige Perſpectiv nach ihr zu blicken. Wenn der junge John in den weniger zu ergründenden Tagen ſeiner Knabenjahre, wo die Jugend geneigt iſt, ihre Stiefel ungebunden zu tragen und in glücklicher Unbefangen⸗ heit nichts von den Organen der Verdauung weiß, jemals in ſeiner Treue nachgelaſſen, ſo hatte er ſie bald wieder ſtraff angezogen und feſt zuſammengeſchnürt. Im neunzehnten Jahre hatte ſeine Hand mit Kreide an den Theil der Mauer, der ihrer Wohnung gegenüber lag, zur Feier ihres Geburts⸗ tags die Worte geſchrieben:„Willkommen, holder Liebling der Feen!“ Im dreiundzwanzigſten Jahre präſentirte dieſelbe Hand des Sonntags zitternd dem Vater des Marſhalſea und Vater der Königin ſeines Herzens Cigarren. Der junge John war klein von Statur mit ziemlich ſchwa⸗ chen Beinen und ſehr ſchwachem lichten Haar. Eins ſeiner Augen, vielleicht das, mit welchem er durch das Schlüſſelloch geguckt, war ebenfalls ſchwach und ſah größer als das andere Klein Dorrits Freier. 65 aus, als ob es ſich nicht zuſammenhalten könnte. Der junge John war ſodann von ſanfter Gemüthsart. Aber er hatte eine große Seele. Er war poetiſch, weitfliegend, getreuen Herzens. Obſchon zu demüthig vor der Beherrſcherin ſeines Herzens, um ſich ſanguiniſchen Hoffnungen hinzugeben, hatte der junge John doch den Gegenſtand ſeiner Anhänglichkeit nach allen ſeinen Licht⸗ und Schattenſeiten erwogen. Indem er ihn bis zu glückverheißenden Ergebniſſen verfolgt, hatte er ohne Selbſt⸗ erhebung etwas Paſſendes darin entdeckt. Angenommen, die Sache machte ſich und ſie wurden ein Paar. Sie das Kind des Marſhalſea, er der Thorwart. Das paßte. Angenom⸗ men, er wurde ein im Gefängniß ſelbſt wohnender Schließer. Da würde ſie von Amtswegen die Stube bewohnen, die ſie ſo lange in Miethe gehabt. Das paßte wunderſchön. Sie ſah über die Mauer, wenn man ſich auf die Zehenſpitzen ſtellte und konnte mit einem Geländer von Scharlachbohnen und etwa einem Kanarienvogel eine vollkommene Laube werden. Das war eine allerliebſte Idee. Dann, wenn ſie ſo eines dem andern Alles waren, ſo mußte das ſogar dem Gefängnißthore eine paſſende Zierde verleihen. Wenn die Welt ausgeſchloſ⸗ ſen war(mit Ausnahme des Theils natürlich, der einge⸗ ſchloſſen wäre); ihre Sorgen und Störungen ihnen nur vom Hörenſagen, nach der Beſchreibung der Pilger bekannt wa⸗ ren, die auf ihrem Wege zum Heiligthume der Zahlungsun⸗ fähigen bei ihnen verweilten, wenn oben die Laube und un⸗ ten die Loge war, ſo konnten ſie den Strom der Zeit in hir⸗ Klein Dorrit. III. 5 66 Achtzehntes Kapitel. tenhaftem Familienglücke hinabgleiten. Dem jungen John traten die Thränen in die Augen, als er das Bild mit einem Grabſteine auf dem benachbarten Kirchhofe hart neben der Gefängnißmauer beſchloß, welcher die folgende rührende In⸗ ſchrift trug: „Geweiht dem Gedächtniß von John Chivery, ſechzig Jahre Schließer und fünfzig Jahre Oberſchließer des benach⸗ barten Marſhalſea, welcher allgemein geachtet aus dieſem Le⸗ ben ſchied am einunddreißigſten December des Jahres ein⸗ tauſend achthundert und achtundſechzig, ſeines Alters drei⸗ undachtzig Jahre. Und ſeiner treu geliebten und ihn treu liebenden Ehegattin, Amy, geborene Dorrit, welche ſeinen Verluſt nicht ganz achtundvierzig Stunden überlebte, und welche ihren letzten Athemzug in vorbeſagtem Marſhalſea that. Dort war ſie geboren, dort lebte ſie, dort ſtarb ſie.“ Die Eltern Chivery's waren nicht unbekannt mit der Neigung ihres Sohnes— dieſelbe hatte allerdings in eini⸗ gen Ausnahmefällen ihn in einen Gemütheszuſtand verſetzt, der ihn verleitet hatte, ſich gegen die Kunden aufgeregt zu benehmen und dem Geſchäfte zu ſchaden— aber ſie hatten in ihrer Weiſe dahin gearbeitet, daß eine wünſchenswerthe Verſtändigung erfolgt war. Mrs. Chivery, eine kluge Frau, hatte ihren Mann gebeten, in Betracht zu ziehen, daß die Ausſichten ihres Sohnes auf den Schließerpoſten gewiß ver⸗ ſtärkt werden würden durch eine Verbindung mit Miß Dorrit, welche ihrerſeits Anſprüche auf die Rückſicht des Collegs habe und dort ſehr geachtet ſei. Mrs. Chivery hatte ihren Mann ——— Klein Dorrits Freier. 67 gebeten, in Betracht zu ziehen, daß, wenn einerſeits ihr Sohn Mittel und einen Vertrauenspoſten hätte, andrerſeits Miß Dorrit von guter Familie wäre, und daß ihr(Mrs. Chivery's) Wahlſpruch wäre, daß zwei Hälften ein Ganzes machten. Mrs. Chivery hatte ſodann als Mutter und nicht als Diplo⸗ matin ihren Mann von einem andern Geſichtspunkte aus ge⸗ beten, ſich zu erinnern, daß ihr Sohn niemals ſtark geweſen ſei und daß ſeine Liebe ihn gerade genug abgemagert und aus⸗ gezehrt hätte, ohne daß es nöthig wäre, daß er ſich ein Leids anthue, wovon niemand ſagen könnte, ob er es nicht thun werde, wenn man ihm der Quere käme. Dieſe Beweisgründe hatten auf das Gemüth Mr. Chivery's, der ein Mann von wenig Worten war, einen ſo mächtigen Einfluß geübt, daß er an verſchiedenen Sonntagsmorgen ſeinem Sohne, was er einen„richtigen Drücker“ nannte gegeben hatte, womit er andeuten wollte, daß er eine ſolche Aufmunterung, ſein Glück zu verſuchen, als Vorbereitung dafür anſähe, daß er noch dieſen Tag ſeine Liebe erklären und triumphiren würde: Aber der junge John hatte nie den Muth gefunden, ſich zu erklä⸗ ren, und es war beſonders bei dieſen Gelegenheiten geweſen, daß er aufgeregt nach dem Tabaksladen zurückgekehrt und auf die Kunden losgefahren war. In dieſer Angelegenheit wie in jeder andern war Klein Dorrit ſelbſt die letzte Perſon, die man in Betracht zog. Ihr Bruder und ihre Schweſter wußten davon und nahmen da⸗ durch eine Stellung ein, bei der ſie eine Art Pflock daraus machten, um die erbärmlich zerlumpte alte Einbildung von 5* 68 Achtzehntes Kapitel. der Vornehmheit der Familie auszulüften. Ihre Schweſter biß die Vornehmheit der Familie heraus, indem ſie den ar⸗ men Jungen verhöhnte, wenn er um das Gefängniß herum⸗ ſchlich, um einen Blick auf ſeine Liebe zu erhaſchen. Tip biß die Vornehmheit der Familie und ſeine eigne heraus, indem er den ariſtokratiſchen Bruder vorſtellte und in der kleinen Kegelbahn mit hochgehobner Naſe großthat, daß ein gewiſſer Herr in den Fall kommen könnte, einen gewiſſen jungen Schneffel, den er nicht nennen wolle, bei den Ohren zu krie⸗ gen. Dieſe waren aber nicht die einzigen Mitglieder der Fa⸗ milie Dorrit, welche die Angelegenheit verwertheten. Nein, nein. Vom Vater des Marſhalſea glaubte man, daß er na⸗ türlich nichts von der Sache wiſſe, ſein Bettelſtolz konnte eben nicht ſo tief herabſehen. Aber er nahm die Cigar⸗ ren des Sonntags und war froh, daß er ſie bekam, und ließ ſich zuweilen ſogar ſo tief herab, daß er mit dem Geber(der dann ſtolz und voll Hoffnung war) im Hofe auf und abging und eine in ſeiner Geſellſchaft ſchmauchte. Mit nicht geringe⸗ rer Bereitwilligkeit und Herablaſſung nahm er die Aufmerk⸗ ſamkeiten von Chivery senior auf, welcher ihm ſtets ſeinen Armſtuhl und ſeine Zeitung überließ, wenn er während ſeiner amtlichen Thätigkeit zu ihm in die Loge kam, und welcher ihm ſogar geſagt hatte, wenn er irgend einmal nach Dunkel⸗ werden Luſt hätte, leiſe in den Vorhof zu gehen und einen Blick in die Straße hinaus zu thun, ſo ſtünde ihm nicht viel im Wege. Wenn er ſich dieſes letztern höflichen Anerbietens nicht bediente, ſo geſchah es nur, weil er allen Genuß daran ———— Klein Dorrits Freier. 69 verloren hatte; denn ſonſt nahm er alles, was er bekommen konnte, an und ſagte zuweilen:„Ueber die Maßen artiger Mann, der Chivery; ſehr aufmerkſamer Menſch und ſehr dienſtwillig. Der junge Chivery gleichfalls; in der That, faſt ſo was wie ein zartfühlender Begriff von der Stellung, die man hier einnimmt. Eine ſehr wacker geleitete Familie, dieſe Chivery's, fürwahr. Ihr Benehmen gereicht mir zum Ver⸗ gnügen.“ Der treu ergebene junge John betrachtete dieſe ganze Zeit die Familie mit Ehrfurcht. Er träumte nie davon, ihr ihre Anſprüche zu beſtreiten, ſondern brachte dem elenden Bettel⸗ ſtolze, mit dem ſie paradirte, ſeine Huldigung dar. Nie dachte er daran, die Hochnäſigkeit ihres Bruders abzuweiſen; denn ſelbſt wenn er nicht von Natur höchſt friedliebenden Charak⸗ ters geweſen wäre, würde er, wofern er gegen dieſen gehei⸗ ligten Herrn ſeine Zunge hätte regen oder ſeine Hand hätte aufheben ſollen, eine ſchwere Sünde zu begehen geglaubt haben. Er war beſorgt, daß ſein vornehmes Gefühl ſich be⸗ leidigt finden könnte, und doch fühlte er, daß die Sache nicht unvereinbar mit ſeiner Vornehmheit ſei, und ſuchte dieſe ſtolze Seele zu gewinnen und zu verſöhnen. Ihren Vater, einen Herrn von Stande in unglücklichen Verhältniſſen— einen Herrn von Geiſt und vornehmen Manieren, der ſtets herab⸗ laſſend gegen ihn war— verehrte er tief. Ihre Schweſter betrachtete er als etwas eitel und ſtolz, aber als eine junge Dame von unendlichen Fähigkeiten, welche die Vergangenheit nicht vergeſſen konnte. Es war ein inſtinctmäßiges Zeugniß 70 Achtzehntes Kapitel. für Klein Dorrits Werth, daß der arme junge Menſch ſie einfach wegen deſſen liebte und ehrte, was ſie war. Das Tabaksgeſchäft an der Ecke von Horſemongers Lane wurde in einem ländlichen Etabliſſement von einem Stock⸗ werke betrieben, welches den Genuß der Luft aus den Höfen des Horſemonger Lane Gefängniſſes und den Vortheil eines einſamen Spaziergangs unter der Mauer dieſer anmuthigen Anſtalt hatte. Der Laden war von zu einfachem Charakter, um einen lebensgroßen Mohren unterhalten zu können, aber er hatte einen kleinen auf einer Leiſte über dem Thürgewände, der wie ein gefallener Cherub ausſah, welcher es für nöthig gehalten hatte, ſchwarz zu werden. Aus dem auf dieſe Weiſe geſchmückten Portale ſchritt eines Sonntags nach einem zeitig eingenommenen Mittags⸗ eſſen von Fleiſchgebäck der junge John zu ſeinem gewöhnlichen Sonntagsgange heraus, nicht mit leeren Händen, ſondern mit ſeinem Cigarrenopfer. Er war ſauber gekleidet in einen pflaumenblauen Rock mit einem ſchwarzen Sammetkragen, ſo groß als ſeine Geſtalt ihn zu tragen fähig war, eine ſeidene Weſte, bedeckt mit Goldzweigen, ein ſauberes Halstuch von der Art, wie ſie damals ſehr Mode waren und welche bläu⸗ lichrothe Faſanen auf orangefarbenem Grunde vorſtellten, Pantalons, die ſo reichlich mit Strippen decorirt waren, daß jedes Bein eine dreiſaitige Laute war, und einem Paradehute ſehr hoch und ſteif. Als die kluge Mrs. Chivery bemerkte, daß ihr John außer dieſen Zierrathen ein Paar weiße Glace⸗ handſchuhe und ein Rohr von der Stärke eines kleinen Fin⸗ Klein Dorrits Freier. 71 gers, überragt von einer elfenbeinernen Hand, die ihm den Weg wies, trug, und als ſie ihn in dieſer prächtigen Parade⸗ uniform rechts um die Ecke gehen ſah, ſo bemerkte ſie zu Mr. Chivery, der zu der Zeit gerade zu Hauſe war, daß ſie w·ſſe, woher der Wind wehe. Die Collegen hatten dieſen Sonntagsnachmittag eine be⸗ trächtliche Menge von Beſuchern bei ſich, und ihr Vater hütete ſein Zimmer, um Audienz zu geben. Nachdem Klein Dorrits Liebhaber ſeinen Weg durch den Hof gemacht, ging er mit pochendem Herzen hinauf und klopfte mit ſeinen Knöcheln an die Thür des Vaters. „Herein, herein!“ ſagte eine gnädige Stimme, des Vaters Stimme, ihres Vaters, des Vaters des Marſhalſea. Er ſaß in ſeinem ſchwarzen Sammetkäppchen mit ſeiner Zeitung da. Drei Schilling ſechs Pence waren zufällig auf dem Tiſche lie⸗ gen geblieben, zwei Stühle waren in Bereitſchaft geſtellt. Alles war bereit zur Audienzertheilung. „Ah, der junge John! Wie geht's, wie geht's?“ „Ziemlich gut, danke Ihnen, Sir. Ich hoffe, es iſt ebenſo mit Ihnen.“ „Ja, John Chivery. Ueber nichts zu klagen.“ „Ich habe mir die Freiheit genommen, Sir, Ihnen—“ „So?“ Der Vater des Marſhalſea hob bei dieſem Punkte ſtets die Augenbrauen und wurde liebenswürdig zerſtreut und geiſtesabweſend. ⸗ „Ein paar Cigarren, Sir.“ „Oh!“ Er war für den Augenblick über die Maßen über⸗ 72 Achtzehntes Kapitel. raſcht.„Dank Ihnen, John, Dank Ihnen. Aber wirklich, ich fürchte, ich bin zu— Nein? Na denn, ich will nichts weiter darüber ſagen. Legen Sie ſie auf den Kaminſims, wenn Sie ſo gefällig ſein wollen, John. Und ſetzen Sie ſich, ſetzen Sie ſich. Sie ſind hier kein Fremder, John.“ 2 „Danke Ihnen, Sir, wahrhaftig.— Miß“— hier drehte der junge John den großen Hut langſam auf ſeiner linken Hand herum wie ein langſam ſich umdrehendes Rad in einem Mäuſekäfig.„Miß Amy befindet ſich doch ganz wohl, Sir?“ „Ja, John, ja, ſehr wohl. Sie iſt ausgegangen.“ „In der That, Sir?“ „Ja, John. Miß Amy iſt ausgegangen, um Luft zu ſchöpfen. Meine jungen Leute gehen alle viel aus. Aber in ihrem Alter iſt das natürlich, John.“ „Ja wahrhaftig, ſo iſt es, Sir.“ „Luft zu ſchöpfen. Um Luft zu ſchöpfen. Ja.“ Er trom⸗ melte heiter mit den Fingern auf den Tiſch und warf die Augen nach dem Fenſter.„Amy iſt um Luft zu ſchöpfen nach der Eiſenbrücke gegangen. Sie hat ſich in der letzten Zeit völlig in die Eiſenbrücke verliebt und ſcheint dort lieber als irgendwo anders ſpazieren zu gehen.“ Er kehrte zur Unter⸗ haltung zurück.„Ihr Vater hat jetzt nicht ſeinen Tag, John?“ „Nein, Sir, er kommt ſpäter am Nachmittag daran.“ Wieder eine Umdrehung des großen Hutes, dann ſagte der junge John aufſtehend:„Ich bedauere, mich Ihnen em⸗ pfehlen zu müſſen, Sir.“ Klein Dorrits Freier. 73 „So bald ſchon? Leben Sie wohl, John. Nein, nein,“ ſagte er mit der äußerſten Herablaſſung,„laſſen Sie nur Ihren Handſchuh. Behalten Sie ihn nur an, wenn Sie mir die Hand geben. Sie wiſſen, Sie ſind hier kein Fremder.“ Höchſt erfreut von dieſer freundlichen Aufnahme ſtieg der junge John die Treppe hinab. Auf ſeinem Wege hin⸗ unter begegnete er mehreren Collegen, welche Beſucher zur Vorſtellung heraufführten, und in dieſem Augenblicke rief Mr. Dorrit— zufällig— mit beſonderer Deutlichkeit über das Geländer herab:„Vielen Dank, John, für Ihre kleine Aufmerkſamkeit!“ Klein Dorrits Liebhaber legte ſehr bald ſeinen Penny auf den Teller des Zolleinüehmers der Eiſenbrücke und kam auf dieſelbe und ſah ſich nach der wohlbekannten geliebten Geſtalt um. Zuerſt fürchtete er, ſie ſei nicht da, als er aber weiter nach der Middleſex⸗Seite wandelte, ſah er ſie ſtill ſtehen und in das Waſſer blicken. Sie war in Gedanken, und er fragte ſich, was ſie denken möchte. Es gab da Maſſen von Dächern und Schornſteinen der City, die freier vom Rauche waren als an Wochentagen, und es gab da die fer⸗ nen Maſten und Kirchthürme. Vielleicht dachte ſie an dieſe. Klein Dorrit ſann ſo lange nach und war ſo völlig mit ihren Gedanken beſchäftigt, daß, obwol ihr Liebhaber, nach ſeinen Begriffen eine lange Weile ſtill ſtand und ſich zwei oder drei Mal zurückzog und wieder nach der frühern Stelle zurückkehrte, ſie ſich doch noch nicht regte. So ent⸗ ſchloß er ſich denn am Ende auf ſie zuzugehen und zwar ſo, 74 Achtzehntes Kapitel. als ob er im Vorübergehen zufällig auf ſie ſtieße, und ſie anzureden. Der Ort war ruhig, und jetzt oder nie war die Zeit, zu ihr zu ſprechen. Er ſchritt weiter, und ſie ſchien ſeine Schritte nicht zu hören, bis er hart vor ihr ſtand. Als er ſagte„Miß Dorrit⸗ fuhr ſie zuſammen und trat zurück vor ihm mit einem Aus⸗ drucke von Furcht und etwas wie Mißbehagen auf ihrem Ge⸗ ſichte, was ihm außerordentliche Betrübniß verurſachte. Sie war ihm vorher oft ausgewichen— immer ſogar ſeit langer, langer Zeit. Sie hatte ſich ſo oft abgewendet und war zur Seite gehuſcht, wenn ſie ihn hatte auf ſich zukommen ſehen, daß der unglückliche junge John es nicht für Zufall halten konnte. Aber er hatte gehofft, daß es Schüchternheit ſein möchte, ihr menſchenſcheues Weſen, ihre Ahnung von ſeinem Herzenszuſtande, alles Mögliche, nur keine Abneigung. Nun aber hatte dieſer kurze Blick geſagt:„Der, von aller Welt! Ich wollte doch lieber jeden Andern auf Erden ſehen, als Den!“ Es war ein kurzer Blick, inſofern ſie ihn unterdrückte und mit ihrem ſanften Stimmchen ſagte:„Oh, Mr. John! Sind Sie es?“ Aber ſie empfand, was es geweſen, wie er em⸗ pfand, was es geweſen, und ſie ſtanden beide gleich ſehr ver⸗ wirrt vor einander. „Miß Amy, ich fürchte, daß ich Sie geſtört habe, indem ich Sie anredete.“ „Ja, ſo ziemlich. Ich kam hierher, um allein zu ſein, und ich dachte, ich wäre es.“ Klein Dorrits Freier. 75 „Miß Amy, ich nahm mir die Freiheit dieſen Weg zu gehen, weil Mr. Dorrit bei dem Beſuch, den ich ihm eben machte, zufällig erwähnte, daß Sie—“ Sie verurſachte ihm noch mehr Herzeleid, als vorher, in⸗ dem ſie plötzlich in herzzerreißendem Tone„Oh Vater! Vater!“ murmelte und ihr Geſicht abwendete. „Miß Amy, ich hoffe, daß ich ſie nicht betrübe, wenn ich Mr. Dorrit nenne. Ich verſichere Ihnen, daß ich ihn ſehr wohl auf und in der beſten Stimmung fand, und daß er mir mehr als ſeine gewöhnliche Freundlichkeit zeigte, indem er ſo ſehr gütig war, zu ſagen, ich ſei kein Fremder dort, und mich in jeder Beziehung durchaus zu meiner Befriedigung behandelte.“ Zum unausſprechlichen Schrecken ihres Liebhabers mur⸗ melte Klein Dorrit, indem ſie die Hände vor ihr abgewandtes Geſicht hielt und ſich da, wo ſie ſtand, wie in Schmerzen wand:„O Vater, wie kannſt Du! O lieber, lieber Vater, wie kannſt, wie kannſt Du ſo handeln!“ Der arme Burſche ſtarrte ſie an, floß über von Mitleid, aber wußte nicht, was er daraus machen ſollte, bis ſie, nach⸗ dem ſie ihr Taſchentuch herausgenommen und es vor ihr noch immer abgewandtes Geſicht gedrückt, mit eiligen Schritten davon ging. Erſt blieb er ſtill wie eingewurzelt ſtehen, dann eilte er ihr nach. „Miß Amy, bitte. Wollen Sie die Güte haben, einen Augenblick innezuhalten. Miß Amy, wenn es dahin kommt, ſo laſſen Sie lieber mich gehen. Ich werde von Sinnen kom⸗ 76 Achtzehntes Kapitel. men, wenn ich denken muß, daß ich Sie in dieſer Weiſe weg⸗ getrieben habe.“ Seine zitternde Stimme und ungeheuchelte Aufregung machten, daß Klein Dorrit ſtehen blieb.„Ich weiß nicht, was ich thun ſoll,“ rief ſie,„ich weiß nicht, was ich thun ſoll.“ Dem jungen John, welcher ſie nie ihrer ruhigen Selbſt⸗ beherrſchung beraubt, welcher ſie von ihrer Kindheit auf ſtets ſo verläſſig und willensſtark geſehen, gab der Anblick ihres Herzeleids und der Umſtand, daß er ſich als Urſache desſelben zu betrachten hatte, einen Stoß, der ihn von ſeinem großen Hute an bis hinab aufs Pflaſter erſchütterte. Er fühlte, daß er ſich erklären müſſe. Er konnte mißverſtanden— es konnte angenommen worden ſein, er meine etwas oder habe etwas gethan, was ihm nie in den Sinn gekommen war. Er bat ſie, ſeine Erklärung anzuhören, es wäre die größte Gunſt, die ſie ihm erzeigen könnte. „Miß Amy, ich weiß ſehr wol, daß Ihre Familie weit über der meinen ſteht. Es wäre vergeblich, das verhehlen zu wollen. Nie habe ich gehört, daß ein Chivery zu den vorneh⸗ men Leuten gehört hätte, und ich will nicht die Gemeinheit begehen, eine ſo wichtige Sache falſch darzuſtellen. Miß Amy, ich weiß ſehr wol, daß Ihr hochſtrebender Herr Bruder und Ihre hochbegabte Fräulein Schweſter mich mit Geringſchätzung von ſich ſtoßen. Was mir zukommt iſt, ſie zu achten, den Wunſch zu hegen, ihrer Freundſchaft gewürdigt zu werden, nach der Höhe, auf die ſie geſtellt ſind, von meiner niedrigen Stellung hinaufzublicken— denn mag man ſie nun als im Klein Dorrits Freier. 77 Tabaksladen oderals am Schließerpoſten betrachten, ich weiß wol, daß ſie niedrig iſt— und ihnen ſtets Wohlergehen und Glück zu wünſchen.“ Es war wirklich ein echtes Gefühl in dem armen Bur⸗ ſchen und ein Contraſt zwiſchen der Härte ſeines Hutes und der Weichheit ſeines Herzens(wenn auch vielleicht zugleich ſei⸗ nees Kopfes), der rührend war. Klein Dorrit bat ihn inſtän⸗ dig, weder ſich noch ſeine Stellung zu gering zu achten, und ſich vor allen Dingen den Gedanken aus dem Kopf zu ſchla⸗ gen, als ſei die ihrige eine höhere. Dies tröſtete ihn einiger⸗ maßen. „Miß Amy,“ ſtammelte er dann,„ich habe lange Zeit ſchon— es ſcheint mir eine Ewigkeit zu ſein— eine uner⸗ meßlich lange Zeit— den innigen herzlichen Wunſch gehegt, Ihnen etwas zu ſagen. Darf ich es ſagen?“ Klein Dorrit ſchrak unwillkürlich wieder von ſeiner Seite zurück, indem ein ſchwacher Schatten des frühern Blicks wie⸗ der über ihr Geſicht ging. Indem ſie dies unterdrückte, ſchritt ſie in großer Eile halb über die Brücke, ohne zu antworten. „Darf ich— Miß Amy, ich thue dieſe Frage nur ganz beſcheiden— darf ich es ſagen? Ich bin bereits ſo unglück⸗ lich geweſen, Ihnen Schmerz zu machen, ohne— beim heili⸗ gen Himmel ſei's geſchworen!— die Abſicht zu haben, daß Sie nicht zu fürchten haben, ich werde es ohne Ihre Erlaub⸗ niß ſagen. Ich kann allein elend ſein, kann für mich allein gekränkt ſein, warum ſollte ich zugleich jemand elend machen und kränken, für den ich mich von dieſer Brüſtung hinabſtür⸗ 78 Achtzehntes Kapitel. zen würde, wenn ich ihm damit einen halben Augenblick Freude bereiten könnte. Nicht, daß das was Großes wäre; denn ich wollte es für'ne Lumperei thun.“ Die tiefe Betrübniß ſeines Herzens und die Pracht ſei⸗ nes Aeußern würden ihn lächerlich gemacht haben, wenn ſein Zartgefühl ihn nicht achtungswerth gemacht hätte. Klein Dorrit lernte daraus, was ſie zu thun hatte. „Mit Ihrer Erlaubniß, John Chivery,“ erwiderte ſie, zitternd, aber in ruhigem Tone,„da Sie ſo rückſichtsvoll ſind, mich zu fragen, ob Sie weiter ſprechen ſollen— ſpre⸗ chen Sie lieber nicht weiter.“ „Niemals, Miß Amy?“ „Nein, wenn Sie wollen. Niemals.“ „O Gott!“ ächzte der junge John. „Aber vielleicht werden Sie mir ſtatt deſſen erlauben, Ihnen etwas zu ſagen. Ich wünſche es im vollen Ernſte und mit ſo großer Deutlichkeit als möglich zu ſagen. Wenn Sie an uns denken, John— ich meine meinen Bruder, meine Schweſter und mich— ſo denken Sie ſich uns nicht als verſchieden von andern Leuten; denn was wir auch einſt geweſen ſind(wovon ich kaum etwas weiß), wir haben längſt aufgehört, es zu ſein und können es nie wieder wer⸗ den. Es wird weit beſſer für Sie und für Andere ſein, wenn Sie das thun wollen ſtatt deſſen, was Sie jetzt thun.“ Der junge John verſicherte trübſelig, er werde verſu⸗ chen, es im Gedächtniß zu behalten und von Herzen gern alles thun, was ſie wünſche. Klein Dorrits Freier. 79 „Was mich anlangt,“ ſagte Klein Dorrit,„ſo denken Sie an mich ſo wenig, als Sie können, je weniger deſto beſſer. Wenn Sie überhaupt an mich denken, John, ſo den⸗ ken Sie an mich nur als an das Kind, das Sie im Ge⸗ fängniſſe aufwachſen ſahen, das ſtets eine einzige Reihe von Pflichten zu erfüllen hatte, als an ein ſchwaches, auf ſich beſchränktes, zufriedenes, ſchutzloſes Mädchen. Ich wünſche beſonders, daß Sie deſſen eingedenk bleiben, daß ich, wenn ich das Thor des Gefängniſſes verlaſſe, einſam und ohne Beſchützer bin.“ Er ſagte, er wolle alles thun, was ſie wünſche. Aber warum wollte Miß Amy, daß er gerade deſſen eingedenk bleibe? „Weil ich weiß,“ erwiderte Klein Dorrit,„daß ich Ihnen dann ganz vertrauen kann, daß Sie den heutigen Tag nicht vergeſſen und nichts mehr zu mir ſagen werden. Sie ſind ſo edel, daß ich weiß, ich kann Ihnen hierin Vertrauen ſchenken, und ich verlaſſe mich auf Sie und ich werde es ſtets thun. Ich will Ihnen ſogleich zeigen, daß ich Ihnen vollſtändig vertraue. Ich liebe dieſen Ort, wo wir ſprechen, mehr als irgend einen Ort, den ich kenne,“ die ſchwache Röthe auf ihrem Geſicht war entwichen, aber ihrem Liebha⸗ ber war es, als ob ſie eben jetzt wiederkäme,„und ich könnte oft hier ſein. Ich weiß, ich habe nur nöthig, dies Ihnen zu ſagen, um völlig ſicher zu ſein, daß Sie nie wieder hier⸗ her kommen werden, um mich zu ſuchen. Und ich bin— deſſen ganz ſicher.“ 80 Achtzehntes Kapitel. Sie könnte ſich darauf verlaſſen, ſagte der junge John. Er wäre ein unglücklicher elender Menſch, aber ihr Wort wäre ihm mehr als ein Geſetz. „Und nun leben Sie wohl, John,“ ſagte Klein Dorrit. „Und ich hoffe, Sie werden eines Tages eine gute Frau ha⸗ ben und ein glücklicher Mann ſein. Wahrhaftig, Sie ver⸗ dienen glücklich zu ſein, John, und Sie werden es ſein.“ Als ſie ihm mit dieſen Worten ihre Hand hinhielt, ſo ſchwoll das Herz, das unter der Weſte mit den Goldzweigen ſaß(die, wenn die Wahrheit geſtanden werden muß, blos aufgenäht waren) zu der Größe des Herzens vornehmer Her⸗ ren an, und der arme niedrige Burſche hatte keinen Raum es zu halten und brach in Thränen aus. „O weinen Sie nicht,“ ſagte Klein Dorrit mitleidsvoll. „Bitte, weinen Sie nicht. Leben Sie wohl, John, Gott ſegne Sie.“ „Leben Sie wohl, Miß Amy. Leben Sie wohl!“ Und damit verließ er ſie, nachdem er zuerſt bemerkt, daß ſie ſich in den Winkel eines Sitzes niederließ und nicht nur ihre kleine Hand auf die rauhe Mauer ſtützte, ſondern auch ihr Geſicht darauf legte, als ob ihr Kopf ſchwer und ihr Herz betrübt ſei. Es war ein rührendes Beiſpiel der Nichtigkeit menſch⸗ licher Pläne, ihren Liebhaber zu ſehen, wie er, den großen Hut über die Augen gezogen, den Sammtkragen, als ob es regnete, in die Höhe geſchlagen, den pflaumenblauen Rock zugeknöpft, um die ſeidene Weſte mit den Goldzweigen zu —— —;———ęęQ—QOQO—CU—ę—ę——— Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 81 verbergen, den Stock in der Hand, deſſen Wegweiſer uner⸗ bittlich heim wies, durch die ſchlechteſten Seitengäßchen hin⸗ ſchlich und im Gehen die folgende neue Inſchrift für einen Leichenſtein auf dem Kirchhof zu St. George componirte: „Hier liegen die ſterblichen Reſte von John Chivery, der niemals der Erwähnung werth war. Er ſtarb gegen das Ende des Jahres achtzehnhundert ſechsundzwanzig, gebroch⸗ nen Herzens. Seine letzte Bitte war, daß über ſeine Aſche das Wort Amy geſchrieben werden möchte, was gebühren⸗ dermaßen geſchah auf Veranlaſſung ſeiner tiefbetrübten Eltern.“ Neunzehntes Kapitel. Der vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. Die Brüder William und Frederick Dorrit waren, wenn ſie im Hofe des Collegiums auf⸗ und abwandelten— natür⸗ lich auf der ariſtokratiſchen oder Pumpen⸗Seite; denn der Vater machte es ſich bei ſeinem ceremoniöſen Weſen zum Geſetz, ſich nur ſelten unter ſeine Kinder auf der Armen⸗Seite zu begeben, ausgenommen an Sonntagsmorgen, am Weihnachts⸗ feſt und bei anderen Gelegenheiten zu feierlichem Auftreten, in deren Wahrnehmung er ſehr pünktlich war, und zu welchen Zeiten er ſeine Hand auf die Häupter ihrer Kinder legte und Klein Dorrit. III. 6 82 Neunzehntes Kapitel. dieſe jungen Zahlungsunfähigen mit einem Wohlwollen ſeg⸗ nete, das höchſt erbaulich war— die beiden Brüder alſo, wenn ſie im Hofe des Collegs auf⸗ und abwandelten, waren ein merkwürdiger Anblick. Frederick, der Freie, war ſo nie⸗ dergedrückt, gebeugt, verwelkt und verblichen, William, der Unfreie, ſo vornehm, ſo herablaſſend, und zeigte ein ſolches mit Wohlwollen gemiſchtes Bewußtſein ſeiner Stellung, daß ſchon in dieſer, wenn in keiner anderen Beziehung die Brüder ein verwundernswürdiges Schauſpiel waren. So wandelten ſie am Abende jenes ſonntäglichen Zuſam⸗ mentreffens Klein Dorrits mit ihrem Liebhaber auf der Eiſen⸗ brücke im Hofe auf und ab. Die Staatsgeſchäfte waren für dieſen Tag abgethan, das Audienzzimmer war ſehr beſucht geweſen, mehrere neue Vorſtellungen hatten Statt gefunden, die drei Schilling ſechs Pence, die zufällig auf dem Tiſche liegen geblieben waren, hatten ſich zufällig zu zwölf Schilling vermehrt, und der Vater des Marſßhalſea erquickte ſich mit einer Cigarre. Indem er auf und ab ſchritt, leutſelig ſeinen Schritt dem langſamen Dahinſchlürfen ſeines Bruders anbe⸗ quemte, ohne Stolz auf ſeine Ueberlegenheit, ſondern voll Rückſicht auf jenes arme Weſen, indem er Nachſicht mit ihm hatte und in jedem Rauchwölkchen, das ſeinen Lippen ent⸗ quoll und über die mit Stacheln beſetzte Mauer zu gelangen ſtrebte, Duldung ſeiner Schwächen athmete, war er ein ver⸗ wundernswürdiger Anblick. Sein Bruder Frederick mit dem blöden Auge, der ſchmu⸗ tzigen Hand, der gebückten Geſtalt und dem wirren Sinne Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 83 ſchlurrte unterwürfig neben ihm hin und nahm ſeine Gönner⸗ ſchaft an, wie er alles annahm, was ihm in der labyrinthi⸗ ſchen Welt vorkam, in die er ſich verirrt hatte. Er hielt wie gewöhnlich das zuſammengedrehte Stück weißlich⸗braunen Papiers in ſeiner Hand, aus welchem er dann und wann eine ſpärliche Priſe nahm. Hatte er dieſe mit zitternder Hand an Ort und Stelle befördert, ſo pflegte er auf ſeinen Bruder einen Blick zu werfen, der nicht ohne Bewunderung war, die Hände auf den Rücken zu legen und weiter neben ihm her zu ſchlurren, bis er eine andere Priſe nahm oder ſtill ſtand und ſich umſah,— indem er vielleicht plötzlich ſeine Clarinette vermißte. Die Beſucher des Collegs verloren ſich, als die Schatten des Abends näher kamen, aber der Hof war noch immer ziem⸗ lich voll, indem die Collegen meiſt draußen waren und ihre Freunde nach der Loge begleiteten. Als die Brüder im Hofe hinſchritten, ſah William, der Unfreie, ſich um, um Grüße zu empfangen, erwiderte ſie, indem er in gnädiger Haltung den Hut lüftete, und verhinderte mit verbindlicher Miene Frederick den Freien, an die Geſellſchaft anzurennen oder an die Mauer geſtoßen zu werden. Die Collegen waren im All⸗ gemeinen eben nicht Leute, auf die man leicht einen Eindruck machte, aber ſelbſt ſie ſchienen, nach ihrer verſchiedenen Art ſich zu wundern, in den beiden Brüdern einen verwunderns⸗ würdigen Anblick zu finden. „Du biſt mir heut Abend ein wenig niedergeſchlagen, Frederick“, ſagte der Vater des Marſhalſea. Iſt etwas paſſirt?“ 6* 84 Neunzehntes Kapitel. „Paſſirt?“ Er ſtierte einen Augenblick vor ſich hin und ließ dann wieder Kopf und Augen ſinken.„Nein, William, nein. Es iſt nichts paſſirt.“ „Wenn Du zu überreden wärſt, Dich ein wenig netter zu kleiden, Frederick—“ „Ja, ja,“ ſagte der alte Mann haſtig.„Aber es geht nicht. Es geht nicht. Rede nicht ſo. Das iſt Alles vorbei.“ Der Vater des Marſhalſea warf auf einen vorübergehen⸗ den Collegen, mit dem er auf freundſchaftlichem Fuße ſtand, einen Blick, als wollte er ſagen:„s iſt ein ſchwachſinniger alter Mann, aber es iſt mein Bruder, Sir, mein Bruder, und die Stimme der Natur iſt mächtig,“ und lenkte ſeinen Bruder, indem er ihn beim fadenſcheinigen Aermel faßte, an dem Pumpenſchwengel vorüber. Es würde nichts zur Voll⸗ kommenheit ſeines Charakters als brüderlicher Führer, Philo⸗ ſoph und Freund gemangelt haben, wenn er nur ſeinen Bruder vom Ruin weggelenkt hätte, ſtatt ihn über ihn zu bringen. „Ich denke, William,“ ſagte der Gegenſtand dieſer lieb⸗ reichen Rückſichtnahme,„daß ich müde bin und heim in’s Bett gehen will.“ „Mein theurer Frederick,“ erwiderte Jener.„Laß Dich von mir nicht abhalten, opfere mir Deine Neigungen nicht.“ „Die ſpäte Stunde und die erhitzte Atmoſphäre und ver⸗ muthlich die Jahre machen mich ſchwach,“ ſagte Frederick. „Mein theurer Frederick,“ entgegnete der Vater des Mar⸗ ſhalſea,„meinſt Du wol, daß Du hinreichend Sorge für Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 85 Dich trägſt? Meinſt Du, daß Deine Gewohnheiten ſo genau bemeſſen und ſo methodiſch ſind als— ſoll ich ſagen die meinen? Um nicht auf jene kleine Wunderlichkeit, die ich eben erwähnte, zurückzukommen, möchte ich zweifeln, ob Du Dir genug Bewegung in freier Luft machſt, Frederick. Hier iſt die Promenade ſtets zu Deiner Verfügung. Warum nicht regel⸗ mäßiger davon Gebrauch machen?“ „Ha!“ ſeufzte jener.„Ja, ja, ja, ja.“ „Aber es nutzt nichts, ja ja zu ſagen, mein theurer Fre⸗ derick,“ fuhr der Vater des Marſhalſea in ſeiner milden Weis⸗ heit fort,„wenn Du nicht nach dieſem Zugeſtändniß handelſt. Betrachte einmal meinen Fall, Frederick. Ich bin eine Art Beiſpiel. Zwang und Zeit haben mich gelehrt, was zu thun iſt. Zu beſtimmt feſtgeſetzten Stunden des Tags wirſt Du mich auf der Promenade, in meinem Zimmer, in der Loge Zeitungen leſend, Geſellſchaft empfangend, eſſend und trin⸗ kend finden. Ich habe es meiner Amy viele Jahre hindurch eingeſchärft, daß ich G. B.) mein Eſſen pünktlich haben muß. Amy iſt in dem Bewußtſein der Wichtigkeit dieſer Einrich⸗ tungen aufgewachſen, und Du weißt, was für ein gutes Mädchen ſie iſt.“ Der Bruder ſeufzte blos wieder, als er träumeriſch dahin⸗ tappte:„Ha! Ja, ja, ja, ja.“ „Mein lieber Junge,“ ſagte der Vater des Marſhalſea, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte und ihm ſanfte Vorwürfe machte— ſanfte, denn der arme gute Bruder war ja ſo ſchwachen Geiſtes— Du ſagteſt das 86 Neunzehntes Kapitel. ſchon vorher, und es drückt nicht viel aus, Frederick, wenn es auch viel bedeuten mag. Ich wollte, ich könnte Dich erwecken, Frederick, Du bedarfſt eines Weckers.“ „Ja, William, ja. Ohne Zweifel,“ erwiderte Jener, in⸗ dem er ſeine blöden Augen zu ſeinem Antlitze erhob. Aber ich bin nicht wie Du. Der Vater des Marſhalſea ſagte, indem er mit beſcheide⸗ ner Entäußerung des Bewußtſeins ſeiner Würde die Achſeln zuckte:„Oh! Du könnteſt aber wie ich ſein, mein theurer Frederick, Du könnteſt, wenn Du nur wollteſt!“ und gab es mit der Großmuth, die ihm ſeine Kraft einflößte, auf, weiter in ſeinen gefallenen Bruder zu dringen. Wie gewöhnlich an Sonntagsabenden ging es nun in den Winkeln an ein Abſchiednehmen, und hier und da im Dunkeln weinte ein armes Weib, Gattin oder Mutter an der Bruſt eines neuen Collegen. Es hatte eine Zeit gegeben, wo der Vater im Schatten dieſes Hofes ebenfalls geweint hatte, wie ſeine arme Frau geweint hatte. Aber es war vor vielen Jahren geweſen, und jetzt war er wie ein Paſſagier an Bord eines Schiffes auf einer langen Reiſe, welcher ſich von der Seekrankheit erholt hat und verdrießlich iſt über dieſe Schwä⸗ che, wenn ſie ſich bei neueren Paſſagieren zeigt, die beim letzten Hafen an Bord genommen worden ſind. Er war geneigt, es den Leuten zu verweiſen und die Meinung auszuſprechen, daß Leute, die das Weinen nicht laſſen könnten, dort nichts zu ſuchen hätten. Durch Geberden, wo nicht in Worten bezeigte er ſtets ſein Mißfallen über dieſe Unterbrechung der allgemei⸗ Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 87 nen Harmonie, und das war ſo wohl bekannt, daß die, wel⸗ che dagegen ſündigten, ſich gemeiniglich fortmachten, wenn ſie ſeiner gewahr wurden. An dieſem Sonntagsabende begleitete er ſeinen Bruder mit einer Miene voll Geduld und Nachſicht nach dem Thor, da er heiterer Laune und gnädig geneigt war, die Thrä⸗ nen zu überſehen. In dem grellen Gaslichte der Loge ſonn⸗ ten ſich mehrere der Collegen, einige nahmen Abſchied von Beſuchern, und einige, welche keinen Beſuch bekommen, be⸗ obachteten das häufige Umdrehen des Schlüſſels und unter⸗ hielten ſich miteinander und mit Mr. Chivery. Der Eintritt des Vaters machte natürlich Aufſehen, und Mr. Chivery ſprach, indem er ſeinen Hut mit dem Schlüſſel berührte(aller⸗ dings in etwas kurzangebundener Weiſe) die Hoffnung aus, daß er ſich erträglich befände. „Danke Ihnen, Chivery, ganz wohl. Und Sie?“ Mr. Chivery ſagte mit einem dumpfen Brummen:„O mit ihm wäre es ſoweit in der Ordnung,“ was ſeine ge⸗ wöhnliche Art, Fragen nach ſeinem Befinden zu beantworten war, wenn er ein wenig verdrießlich war. „Ich hatte heute Beſuch vom jungen John, Chivery. Und ich verſichere Ihnen, er ſah ſehr ſchmuck aus.“ Das hatte Mr. Chivery gehört, Mr. Chivery mußte in⸗ deß geſtehen, daß er wünſchte, der Junge verwendete darauf nicht ſo viel Geld. Denn was brächte es ihm ein? Es brächte ihm nur Herzeleid. Und das könnte er überall um⸗ ſonſt kriegen. Neunzehntes Kapitel. „Wiefern Herzeleid, Chivery?“ fragte der gütige Vater. „Schon gut,“ erwiderte Mr. Chivery.„Laſſen Sie's gut ſein. Mr. Frederick will wol hinaus?“ „Ja, Chivery, mein Bruder geht nach Hauſe und zu Bett. Er iſt müde und nicht ganz wohl. Nimm Dich in Acht, Frederick, nimm Dich in Acht. Gute Nacht, mein theurer Frederick!“ Indem er ſeinem Bruder die Hand gab und ſeinen fetti⸗ gen Hut vor der Geſellſchaft in der Loge lüftete, ſchlurrte Frederick aus dem Thore, welches Mr. Chivery für ihn auf⸗ riegelte. Der Vater des Marſhalſea zeigte die liebenswürdige Beſorgniß eines höherſtehenden Weſens, daß er nicht etwa zu Schaden kommen möchte. „Seien Sie ſo freundlich, das Thor einen Augenblick offen zu laſſen, Chivery, damit ich ihn über den Gang und die Stufen hinabgehen ſehen kann. Nimm Dich in Acht, Frederick.(Er iſt ſehr ſchwach.) Denke hübſch an die Stufen. (Er iſt ſo ſehr geiſtesabweſend.) Sieh Dich vor, wenn Du über die Straße gehſt, Frederick.(Ich darf gar nicht daran denken, daß er noch einen weiten Weg vor ſich hat, er iſt ſo außerordentlich der Gefahr ausgeſetzt, niedergerannt zu werden). Mit dieſen Worten und mit einem Geſichte, welches viele bedenkliche Zweifel und viel beſorgte Vormundſchaft ausdrückte, wendete er ſeine Aufmerkſamkeit der in der Loge verſammelten Geſellſchaft zu. Seine Miene drückte ſo deutlich aus, daß ſein Bruder zu bedauern ſei, nicht unter Schloß und Riegel Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 89 zu ſein, daß unter den verſammelten Collegen eine dahin lautende Anſicht herumging. Er jedoch nahm ſie nicht mit unbeſchränkter Beiſtimmung auf. Im Gegentheile, er ſagte:„Nein, die Herren möch⸗ ten ihn nicht mißverſtehen. Sein Bruder Frederick ſei ſehr geſchwächt, kein Zweifel und es würde ihm(dem Vater des Marſhalſea) angenehm ſein, zu wiſſen, daß er ſicher innerhalb der Mauern wäre. Allein man müſſe ſich erinnern, daß der, welcher daſelbſt viele Jahre exiſtiren wollte, die Stütze einer gewiſſen Combination von Eigenſchaften— er ſagte nicht: ho⸗ he Eigenſchaften, aber Eigenſchaften— moraliſcher Eigenſchaf⸗ ten bedürfe. Nun aber, hätte wol ſein Bruder Frederick dieſe beſondere Verbindung von Eigenſchaften? Die Herren wüß⸗ ten, er wäre ein höchſt vortrefflicher Mann, ein äußerſt ſanf⸗ ter, zartfühlender und ſchätzenswerther Mann, der die Einfalt eines Kindes beſäße, aber würde er, obſchon er für die mei⸗ ſten anderen Plätze untauglich wäre, für dieſen Platz paſſen? Nein, er ſagte zuverſichtlich, nein. Und er ſagte, möge der Himmel verhüten, daß Frederick einmal in irgend einer an⸗ dern Rolle, als in ſeiner gegenwärtig freiwillig übernomme⸗ nen Rolle dort ſein ſollte. Die Herren wüßten, wer je in dieſes Colleg käme, um dort längere Zeit zu verbleiben, der müßte die Charakterſtärke haben, viel durchzumachen, und aus vie⸗ lerlei Dingen unverletzt hervorzugehen. Wäre ſein geliebter Bruder Frederick ein ſolcher Mann? Nein. Sie ſähen, daß er ſelbſt unter dieſen Umſtänden unter ſeiner Laſt erdrückt ſei. Die Laſt des Unglücks hätte ihn erdrückt. Er hätte nicht Neunzehntes Kapitel. Schmiegſamkeit genug, nicht Dehnbarkeit genug, um lange Zeit an ſolch einem Orte zu ſein und doch ſeine Selbſtachtung zu bewahren und ſich bewußt zu bleiben, ein Gentleman zu ſein. Frederick hätte nicht Kraft genug(wenn er den Ausdruck gebrauchen dürfe) in jeder kleinen Aufmerkſamkeit und— und — jeder Achtungsbezeugung, die ihm unter ſolchen Umſtän⸗ den werden möchte, die Güte der menſchlichen Natur und den ſchönen Gemeingeiſt, der die Collegen beſeele, und doch zu⸗ gleich keine Erniedrigung ſeiner ſelbſt und keine Verläugnung ſeiner Anſprüche auf den Namen eines Gentlemans zu ſehen. Behüte Sie Gott, meine Herren.“ Dies war die Homilie, mit welcher er die Gelegenheit für die Geſellſchaft in der Loge nutzbar machte, bevor er wieder in den düſtern Hof hinausſchritt, und mit ſeinem armſeligen Lumpenſtolze an dem Collegen im Schlafrocke, der keinen Gehrock beſaß, an dem Collegen in Matroſenpantoffeln, der keine Schuhe hatte, an dem ſtämmigen Gemüſehöker⸗Collegen in Plüſch⸗Kniehoſen, der keine Sorgen, und an dem dürren Schreiber-Collegen in dem knopfloſen ſchwarzen Anzug, der keine Hoffnungen hatte, vorüber, ſeine eigne armſelige Treppe hinauf nach ſeinem eignen armſeligen Zimmer ging. Dort war der Tiſch für ſein Abendbrot gedeckt und ſein alter grauer Rock für ihn auf der Stuhllehne am Feuer bereit gehängt. Seine Tochter ſteckte ihr kleines Gebetbuch in die Taſche— hatte ſie um Erbarmen mit allen Gefangenen und in Banden Gelegten gebetet?— und erhob ſich ihn zu bewill⸗ kommnen. Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 91 „Onkel wäre alſo heimgegangen?“ fragte ſie, als ſie ihm den andern Rock anzog und ihm ſein ſchwarzes Sammtkäppchen reichte. Ja, Onkel wäre heimgegangen. Ob ihr Vater Ver⸗ gnügen von ſeinem Spaziergange gehabt hätte? Je nun, nicht viel, Amy, nicht viel. Nein? Wäre ihm nicht ganz wohl zu Muthe? Als ſie ſo hinter ihm ſtand und ſich ſo liebreich über ſei⸗ nen Stuhl beugte, blickte er mit niedergeſchlagenen Augen ins Feuer. Eine Unbehaglichkeit überſchlich ihn, die wie ein Anfall von Scham war, und als er bald nachher ſprach, ge⸗ ſchah es in unzuſammenhängender und verlegener Weiſe. „Es iſt dem Chivery was— hm!— ich weiß nicht was der Quer gegangen. Er iſt nicht— ha!— er iſt heut Abend nicht halb ſo zuvorkommend und aufmerkſam als ge⸗ wöhnlich. Es iſt— hm!— es iſt eine Kleinigkeit, aber es ſtört mich doch, mein Herz. Es iſt eine Unmöglichkeit, zu vergeſſen“, damit drehte er die Hände fortwährend in einan⸗ der und blickte ſtarr auf ſie, ‚daß— hm!— daß ich bei ſolch einem Leben wie das meine, unglücklicherweiſe jede Stunde des Tages in Bezug auf etwas von dieſen Leuten abhänge.“ Ihr Arm lag auf ſeiner Schulter, aber ſie blickte ihm nicht ins Geſicht während er ſprach. Indem ſie ihren Kopf beugte, blickte ſie anders wohin. „Ich— hm!— ich kann mir nicht denken, Amy, was Chivery Anſtoß gegeben hat. Er iſt gewöhnlich ſo— ſo ſehr aufmerkſam und achtungsvoll. Und heut Abend war er ganz 92 Neunzehntes Kapitel. — ganz kurz mit mir. Andere Leute dort ebenfalls. Ei du guter Himmel, wenn ich die Unterſtützung und Anerkennung Chiverys und ſeiner Collegen im Schließeramte verlieren ſollte, ſo könnte ich hier verhungern.“ Während er ſprach, öffnete und ſchloß er ſeine Hände wie Klappen, indem er ſich die ganze Zeit über jenes Anfalls von Schamgefühl ſo bewußt war, daß er vor dem eignen Bewußt⸗ ſein deſſen, worauf er hindeutete, zurückſchrak. „Ich— ha!— ich kann mir nicht denken, woher es kommt. Wahrhaftig, ich habe keine Idee, was die Urſache davon iſt. Es war hier einmal ein gewiſſer Jackſon, ein Schließer mit Namen Jackſon(ich glaube nicht, daß du dich ſeiner erinnern wirſt, mein Kind, du warſt damals noch ſehr klein) und— hm!— er hatte— einen Bruder, und— dieſer junge Bruder verliebte ſich in— oder vielmehr bewun⸗ derte— bewunderte voll Hochachtung die— nicht die Toch⸗ ter, die Schweſter— eines von uns, es war ein ſehr hoch⸗ geſtellter College, ich darf ſagen ein ganz beſonders hochge⸗ ſtellter. Sein Name war Kapitän Martin, und er bat mich um meine Anſicht in Betreff der Frage, ob es nothwendig ſei, daß ſeine Tochter— wollte ſagen Schweſter— es wagen ſollte, den Bruder, der Schließer war, zu beleidigen, indem ſie zu— ha!— zu offen gegen den andern Bruder wäre. Kapitän Martin war ein Mann von Anſtand und Ehrgefühl, und ich gab ihm die Frage zurück und bat ihn zunächſt um ſeine Meinung. Kapitän Martin(ſehr angeſehen in der Ar⸗ mee) ſagte dann ohne Zögern, es ſchiene ihm, daß ſeine— Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 93 ha!— Schweſter nicht verpflichtet wäre, den jungen Mann zu deutlich zu verſtehen, und daß ſie ihn hinhalten dürfe— ich bin nicht ſicher, ob Kapitän Martin gerade das Wort hin⸗ halten brauchte; ich glaube in der That, er ſagte, ihn dul⸗ den dürfe— zum Beſten ihres Vaters— wollte ſagen Bru⸗ ders. Aber ich begreife kaum, wie ich auf dieſe Geſchichte gekommen bin. Ich glaube, es war, weil ich nicht im Stande war, mir Chivery zu erklären; aber was das Verhältniß der beiden betrifft, ſo ſehe ich nicht—“ Seine Stimme erſtarb, als ob ſie den Schmerz nicht er⸗ tragen könnte, ihn zu hören, und ihre Hand hatte ſich all⸗ mälig bis zu ſeinen Lippen geſchlichen. Ein Weilchen herrſchte Todtenſtille, und er blieb zurückgefahren in ſeinem Stuhle, und ſie blieb mit ihrem Arm um ſeinen Hals und ihrem Kopf auf ſeiner Schulter. Sein Abendeſſen kochte in einer Pfanne auf dem Feuer, und als ſie ſich bewegte, war es, um es für ihn auf dem Tiſche zurecht zu machen. Er nahm ſeinen gewöhnlichen Sitz ein, ſie den ihren und er begann ſeine Mahlzeit. Sie hatten ſich bis jetzt noch nicht angeſehen. Nach und nach begann er unruhig zu werden, legte geräuſchvoll Meſſer und Gabeln hin, nahm andere Dinge haſtig auf, biß auf ſein Brod, als ob er von ihm beleidigt worden wäre, und zeigte auf ähnliche Weiſe, daß er außer ſich war. Zuletzt ſchob er ſeinen Teller von ſich und ſprach laut, und zwar in ſeltſam unzuſammenhängender Weiſe: „Was hat es zu bedeuten, ob ich eſſe oder verhungere? 94 Neunzehntes Kapitel. Was hat es zu bedeuten, ob ſo ein verfehltes Leben wie das meine jetzt oder nächſte Woche oder nächſtes Jahr ein Ende nimmt? Was für einen Werth habe ich für irgend Jemanden? Ein armer Gefangener, der ſich von Almoſen und Ueberbleib⸗ ſeln von andrer Leute Tiſche nährt, ein ſchmutziger ehrloſer Lump!“ „Vater, Vater!“ Als ſie aufſtand, fiel ſie vor ihm auf die Knie und erhob die Hände zu ihm. „Amy,“ fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, indem er heftig zitterte und ihr ſo irre Blicke zuwarf, als ob er wahn⸗ ſinnig geworden wäre.„Ich ſage dir, wenn du mich ſehen könnteſt, wie die Mutter mich ſah, ſo würdeſt du nicht glau⸗ ben, daß es das Geſchöpf wäre, auf das du nur durch die Eiſenſtäbe dieſes Käfigs geblickt haſt. Ich war jung, ich war begabt, ich war von hübſchem Aeußeren, ich war unabhängig — bei Gott, das war ich, Kind!— und die Leute ſuchten mich und beneideten mich. Ja beneideten mich.“ „Theurer Vater!“ Sie verſuchte den zitternden Arm, den er in der Luft ſchwang, herabzuziehen, aber er widerſand und ſchob ihre Hand weg. „Wenn ich nur ein Bild von mir in dieſen Tagen dätte obwol ich ſtets ſo ſchlecht getroffen war, ſo würdeſt du ſtolz darauf ſein, ja ſtolz darauf ſein. Aber ich habe nichts der Art. Nun laß mich dir eine Warnung ſein! Möge Nie⸗ mand,“ ſchrie er, wild um ſich blickend„verfehlen, wenigſtens dieſes Wenige von den Zeiten ſeines Wohlbefindens und ſei⸗ ner geachteten Stellung zu bewahren. Möge er ſeinen Kin⸗ Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 95 dern dieſen Schlüſſel zu dem, was er war, haben laſſen. Wenn nicht mein Geſicht, wenn ich todt bin, jenen längſt entſchwundenen Ausdruck wieder annimmt— man hat Der⸗ artiges ſtattfinden ſehen— ſo werden meine Kinder mich nie geſehen haben.“ „Vater, Vater!“ „O verachte mich, verachte mich! Blicke weg von mir, höre nicht auf mich, heiß mich ſchweigen, erröthe für mich, weine um mich— ſelbſt du, Amy! Thu' es, thu' es! Ich thue es ſelbſt gegen mich! Ich bin hart geworden jetzt, ich bin zu tief geſunken, um mich ſelbſt darum lange zu betrüben.“ „Theurer Vater, geliebter Vater, Liebling meines Her⸗ zens!“ Sie umklammerte ihn mit ihren Armen und brachte ihn dazu, wieder in ſeinen Stuhl zu ſinken und faßte den er⸗ hobenen Arm und verſuchte, ihn ſich um den Hals zu legen. „Laß ihn da liegen, Vater. Sieh mich an, Vater, küſſe mich, Vater! Denke nur an mich, Vater, nur einen kleinen Augenblick!“ Aber er fuhr fort in derſelben wilden Art, obwol dieſelbe allmälig nachließ und einem jämmerlichen Gewinſel Platz machte. „Und doch ſtehe ich hier in einigem Anſehen. Ich habe mich einigermaßen dagegen zur Wehre geſetzt. Ich bin noch nicht völlig zu Boden getreten. Geh hinaus und frage, wer die Hauptperſon hier iſt. Man wird dir ſagen, es iſt dein Vater. Geh hinaus und frage, mit wem man nie zu ſpielen wagt, wen man ſtets mit einigem Zartgefühl behandelt. Man 96 Neunzehntes Kapitel. wird ſagen, dein Vater. Geh hinaus und frage, welches Leichenbegängniß hier(ich weiß, es muß hier ſein, es kann nirgendwo anders ſein) mehr beſprochen werden und vielleicht mehr Trauer hervorrufen wird, als irgend eines, das je aus dem Thore gegangen iſt. Man wird ſagen, das deines Va⸗ ters. Wohlan denn. Amy! Amy! Iſt dein Vater ſo all⸗ gemein verachtet! Gibt es nichts, was ihn in deiner Mei⸗ nung heben kann? Wirſt du nichts haben, wobei du dich ſeiner erinnern kannſt, als ſeinen Ruin und Verfall? Wirſt du im Stande ſein, ihm keine Liebe zu bewahren, wenn er dahin iſt, der arme Verſtoßene, dahin?“ Er brach in Thränen eines kläglichen Mitgefühls mit ſich ſelbſt aus und geſtattete ihr endlich, ihn zu umarmen und ſich ſeiner anzunehmen, ließ ſeinen grauen Kopf an ihrer Wange ruhen und beweinte ſeine Erbärmlichkeit. Bald darauf wech⸗ ſelte er den Gegenſtand ſeiner Klagen, und indem er ſeine Hände um ſie ſchlang, während ſie ihn umarmt hielt, rief er: „O Amy, mein mutterloſes, verlaſſenes Kind! O der Tage, wo ich dich ſo beſorgt und fleißig für mich geſehen habe!“ Dann kam er wieder auf ſich zurück und ſagte ihr mit ſchwa⸗ cher Stimme, wie viel mehr ſie ihn geliebt haben würde, wenn ſie ihn in ſeinem nun dahingeſchwundenen Weſen ge⸗ kannt hätte, und wie er ſie an einen Herrn verheirathet haben würde, der auf ſie als auf ſeine Tochter ſtolz geweſen ſein würde, und wie ſie(worüber er wieder weinte) vorher an ſeiner väterlichen Seite auf ihrem eigenen Pferde hätte reiten ſollen, und wie das gemeine Volk(worunter er ſicherlich die Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 97 Leute verſtand, die ihm die zwölf Schilling gegeben hatten, die er jetzt in der Taſche trug) ehrerbietig zu ihnen aufblickend auf den ſtaubigen Straßen hingetappt ſein würde. Auf dieſe Weiſe, bald großthuend, bald verzweifelnd, bei dem einen wie bei dem andern Anfall ein Gefangener, auf dem die Fäulniß des Kerkers lag und dem ſich die Unreinig⸗ keit des Gefängniſſes in die Seele gefreſſen hatte, ent— ſchleierte er ſeinem liebenden Kinde den verkommenen Zu⸗ ſtand ſeines Gemüths. Niemand anders ſah ihn jemals ſo bis in die Einzelheiten ſeiner Erniedrigung. Wenig ließen die Kollegen, die auf ihren Stuben über ſeine letzte Rede in der Loge lachten, ſich träumen, was für ein ernſtes Ge⸗ mälde ſie in dieſer Sonntagsnacht in der dunkeln Galerie des Marſhalſea hatten. Es gab einſt in der claſſiſchen Zeit— vielleicht— eine Tochter, welche ihrem Vater in ſeinem Gefängniſſe das reichte, was ihre Mutter ihr gereicht. Klein Dorrit, ob⸗ wol von dem unheroiſchen modernen Geſchlechte und eine bloße Engländerin, that viel mehr, indem ſie das zerriſſene Herz ihres Vaters auf ihrer unſchuldigen Bruſt tröſtete und ſie in eine Quelle der Liebe und Treue verwandelte, die nie austrocknete oder verſiegte alle die Hungerjahre hindurch, die er verlebte. Sie beſchwichtigte ihn, bat ihn um Verzeihung, wenn ſie pflichtvergeſſen geweſen wäre oder geſchienen hätte, ſagte ihm, der Himmel weiß wie wahr, daß ſie ihn nicht mehr ehren könnte, wenn er der Günſtling des Glücks wäre und die Klein Dorrit. III. 7 Neunzehntes Kapitel. ganze Welt ſeine Trefflichkeit anerkännte. Als ſeine Thrä⸗ nen getrocknet waren und er in ſeiner Schwäche nicht län⸗ ger mehr ſchluchzte und frei war von jenem Anfall von Be⸗ ſchämung und ſeine gewöhnliche Haltung wieder erlangt hatte, ſo wärmte ſie die Reſte ſeines Mahls wieder auf und freute ſich, neben ihm ſitzend, ihn eſſen und trinken zu ſe⸗ hen. Denn jetzt ſaß er in ſeinem ſchwarzen Sammetkäppchen und ſeinem alten grauen Rocke wieder großartig da und würde ſich gegen jeden Collegen, der etwa hereingeſehen hätte, um ſich bei ihm Raths zu erholen, wie ein großer moraliſcher Lord Cheſterfield oder ethiſcher Ceremonienmei⸗ ſter des Marſhalſea geberdet haben. Um ſeine Aufmerkſamkeit wach zu erhalten, ſprach ſie mit ihm über ſeine Garderobe, wo er denn zu ſagen geruhte, daß— nun ja, in der That, dieſe Hemden, die ſie vorſchlüge, würden außerordentlich annehmbar ſein; denn die, welche er hätte, wären abgetragen und hätten ihm, da ſie fertig gekauft worden, nie gepaßt. Da er bei vernünftiger und geſprächiger Laune war, lenkte er dann ihre Aufmerkſamkeit auf ſeinen Rock, der hinter der Thüre hing, indem er be⸗ merkte, daß der Vater des Orts ſeinen Kindern, die ohne⸗ hin zur Nachläſſigkeit geneigt wären, kein gutes Beiſpiel ge⸗ ben würde, wenn er ſich unter ihnen mit zerriſſenen Ellbo⸗ gen zeigen wollte. Er war auch in der Stimmung, über die Abſätze ſeiner Schuhe Witze zu machen, wurde aber ernſt in Betreff ſeiner Halsbinde und verſprach ihr, daß 99 Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. ſie ihm, wenn ſie es im Stande wäre, eine neue kaufen dürfte. Während er ſeine Cigarre in Frieden ausrauchte, machte ſie ſein Bett und brachte ſein Stübchen in Ordnung, damit er ſich zur Ruhe legen könnte. Da er in Folge der vorgerück⸗ ten Stunde und ſeiner Aufregung müde war, ſo kam er aus ſeinem Stuhle, um ſie zu ſegnen und ihr gute Nacht zu wünſchen. Die ganze Zeit über hatte er nicht ein einzi⸗ ges Mal an ihren Rock, ihre Schuhe, ihre Bedürfniſſe gedacht. Kein andrer Menſch auf Erden, ſie ausgenommen, hätte ihres Mangels ſo wenig gedenken können. Er küßte ſie vielmals mit einem„Gott ſegne Dich, meine Liebe. Gute Nacht, mein Herz.“ Aber ihr ſanftes Herz war durch das, was ſie von ihm geſehen, ſo tief verwundet, daß ſie nicht Willens war, ihn allein zu laſſen, damit er nicht wieder klagen und verzwei⸗ feln ſollte.„Lieber Vater, ich bin nicht müde, laß mich bald wieder kommen, wenn Du im Bette biſt, und neben Dir ſitzen.“ Er fragte ſie mit einer Gönnermiene, ob ihr einſam zu Muthe ſei. „Ja, Vater.“ „Dann komm ja zurück, meine Liebe.“ „Ich werde ſehr ruhig ſein, Vater.“ „Denke nicht an mich, mein Herz,“ ſagte er, ihr gütig ſeine volle Erlaubniß gebend.„Komm ja zurück.“ Er ſchien zu ſchlummern, als ſie zurückkehrte, und ſie Neunzehntes Kapitel. ſchob das niedergebrannte Feuer ſehr leiſe zuſammen, damit ſie ihn nicht aufweckte. Aber er hörte ſie und fragte, wer es wäre. „Nur Amy, Vater.“ „Amy, mein Kind, komm hierher. Ich möchte ein Wort mit Dir ſprechen.“ Er erhob ſich ein wenig in ſeinem niedrigen Bette, als ſie neben daſſelbe kniete, um ihr Antlitz ihm zu nähern, und legte ſeine Hand zwiſchen die ihren. O! Beide, ſo⸗ wol der Privatvater und der Vater des Marſhalſea waren jetzt in ihm ſehr lebendig. „Meine Liebe, Du haſt hier ein Leben voll Mühſeligkeit gehabt. Keine Geſpielinnen, keine Erholungen, viele Sor⸗ gen, fürchte ich.“ „Denke daran nicht, lieber Vater. Ich denke nie daran.“ „Du kennſt meine Lage, Amy. Ich bin nicht im Stande geweſen, viel für Dich zu thun, aber alles, was ich thun konnte, habe ich gethan.“ „Ja, mein theurer Vater, ſagte ſie ihn küſſend,„ich weiß, ich weiß.“. „Ich habe dreiundzwanzig Jahre meines Lebens hier zu⸗ gebracht,“ ſagte er mit einem tiefen Athemzuge, der nicht ſowol ein Seufzer, als ein unaufhaltſamer Ton von Selbſt⸗ zufriedenheit, der kurze Ausbruch eines edlen Selbſtgefühls war.„Es iſt alles, was ich für meine Kinder thun konnte— ich habe es gethan. Amy, meine Liebe, Du biſt bei Wei⸗ Der Vater des Marſhalſea in verſchiedenen Beziehungen. 101 tem die am Meiſten geliebte von den Dreien, ich habe Dich hauptſächlich im Gedächtniß getragen— was ich nur im⸗ mer zu Deinem Beſten thun konnte, mein theures Kind, habe ich gern und ohne Murren gethan.“ Nur die Weisheit, die den Schlüſſel zu allen Herzen und allen Geheimniſſen hat, kann mit Sicherheit wiſſen, bis zu welchem Grade ein Menſch, namentlich ein ſo herabgekom⸗ mener Menſch als dieſer ſich ſelbſt anlügen kann. Genug für hier, daß er dalag mit naſſen Augenlidern, in heiterer Würde, in gewiſſem Grade majeſtätiſch, nachdem er ſein Leben voll Erniedrigung als eine Art Gabe dem treuerge⸗ benen Kinde angerechnet hatte, auf welches ſein Elend ſo ſchwer gefallen war, und deſſen Liebe allein ihn vor tieferem Sinken bewahrt hatte. Dieſes Kind hegte keinerlei Zweifel, legte ſich keinerlei Fragen vor; denn ſie war nur zu zufrieden, ihn mit einem Strahlenkranz um das Haupt zu ſehen.„Armer theurer, guter theurer, treueſter, gütigſter, liebſter Vater“ waren die einzigen Worte, die ſie für ihn hatte, als ſie ihn zur Ruhe brachte. Sie ließ ihn die ganze Nacht nicht allein. Als ob ſie ihm ein Unrecht zugefügt hätte, welches ihre Zärtlichkeit kaum wieder gut zu machen vermöchte, ſaß ſie bei dem Schlafenden, indem ſie ihn zuweilen mit angehaltenem Athem ſanft küßte und ihn flüſternd bei einem Namen der Liebe rief. Bisweilen trat ſie zur Seite, um das Licht des niedergebrannten Feuers nicht aufzufangen, und fragte ſich, Neunzehntes Kapitel. indem ſie ihn, wenn es auf ſein ſchlummerndes Geſicht fiel, beobachtete, ob er wol jetzt ſo ausſähe, wie er ausgeſehen, als er in Wohlſtand und Glück gelebt, da er ſie durch die Vorſtellung, daß er in jener furchtbaren Zeit vielleicht noch einmal ſo ausſehen werde, ſo gerührt hatte. Bei dem Ge⸗ danken an jene Zeit kniete ſie wieder neben ſein Bett nie⸗ der und betete:„O ſchone ſein Leben! O ſpare ihn mir auf! O ſchaue hernieder auf meinen theuern, langdul⸗ denden, unglücklichen, ſehr veränderten, lieben lieben Vater!“. Nicht eher, als bis der Morgen kam, um ihn zu ſchützen und zu ermuthigen, gab ſie ihm ihren letzten Kuß und verließ das Zimmer. Als ſie ſich die Treppe hinabgeſtohlen und über den leeren Hof und nach ihrem eignen hohen Dachkämmerchen geſchlichen hatte, waren die rauchloſen Hausfirſten und die fernen Hügel auf dem Lande über die Mauer hinweg in dem klaren Morgen erkennbar. Indem ſie leiſe das Fenſter öffnete und nach Oſten zu in den Gefängnißhof hinabſchaute, waren die Zinken auf der Mauer mit Roth betüpfelt, dann warfen ſie ein düſter purpurnes Muſter auf die Sonne, als ſie flammend am Himmel emporſtieg. Die Zinken hatten nie ſo ſcharf und grauſam, die Eiſenſtäbe nie ſo ſchwerfällig, der Gefängnißraum nie ſo trübſelig und beengt ausgeſehen. Sie dachte an den Sonnenaufgang auf hinfluthenden Strömen, an den Son⸗ nenaufgang auf weiten Meeresflächen, an den Sonnenaufgang auf tiefgrünen Landſchaften, an den Sonnenaufgang auf großen Wäldern, wo die Vögel erwachten und die Bäume Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 103 rauſchten, und ſie blickte hinab auf den Ort des Lebendig⸗ Begrabenſeins, über welchem die Sonne ſich erhoben, dachte an ihren Vater darinnen und an die dreiundzwanzig Jahre, die er in dieſem Grabe verlebt, und ſagte mit einem Aus⸗ bruche von Herzeleid und Mitgefühl:„Nein, nein, ich habe ihn in meinem Leben nie geſehen.“ Smanzigstes Kugpitel. Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. Wenn der junge John Chivery die Neigung und die Gabe gehabt hätte, eine Satire auf Familienſtolz zu ſchreiben, ſo würde er, um ein treffendes Beiſpiel zu finden, nicht nöthig gehabt haben, über den Kreis der Familie ſeiner Geliebten hinauszugehen. Er würde es überreichlich in jenem hochfah⸗ renden Bruder und jener ſchnippiſchen Schweſter gefunden haben, die ſo tief verſunken in die Niedrigkeiten des Lebens und doch ſo hochmüthig ſich ihres Familiennamens bewußt waren, die ſo bereit waren, ſelbſt vom Aermſten zu betteln und zu borgen, Jedermanns Brot zu eſſen, Jedermanns Geld zu verthun, aus Jedermanns Becher zu trinken und ihn hin⸗ terher zu zerbrechen. Die ſchmutzigen Thatſachen ihres Lebens und ſie ſelbſt zu malen, wie ſie unabläſſig das Geſpenſt der Vornehmheit ihrer Familie heraufbeſchworen, zu kommen und 104 Zwanzigſtes Kapitel. ihre Wohlthäter zu erſchrecken, würde den jungen John zu einem Satiriker erſten Ranges gemacht haben. Tip hatte ſeine Freiheit in vielverſprechender Weiſe ange⸗ legt, indem er Billardmarqueur geworden war. Er hatte ſich ſo wenig um die Art gekümmert, auf welche ihm ſeine Befrei⸗ ung vermittelt worden war, daß Clennam ſich kaum die Mühe zu geben gebraucht hätte, Mr. Plorniſh dieſen Gegenſtand auf die Seele zu binden. Wer auch immer ihm das Compli⸗ ment erzeigt hatte, er nahm ſehr bereitwillig das Compliment mit einem Compliment von ſeiner Seite an, und damit Pune⸗ tum. Indem er ſich auf ſo leichte Bedingungen hin aus dem Thore machte, wurde er Billardmarqueur und machte jetzt ge⸗ legentlich in dem kleinen Kegelſchube ſeinen Beſuch in einem grünen Newmarket⸗Rock(beim Trödler gekauft) mit einem glänzenden Kragen und blinkenden Knöpfen(neu) und trank das Bier der Collegen. Ein ſolider feſtſtehender Punkt in dem ſchlottrigen Weſen. dieſes Herrn war der, daß er ſeine Schweſter Amy hochachtete und bewunderte. Dieſes Gefühl hatte ihn nie bewogen, ihr auch nur einen Augenblick Verdruß zu erſparen oder ſich ihret⸗ wegen Zwang anzuthun, aber mit dieſem Flecken aus dem Schmutz des Marſhalſea auf ſeiner Liebe liebte er ſie. Der⸗ ſelbe muffige Marſhalſea⸗Duft ließ ſich darin erkennen, daß er genau bemerkte, wie ſie ihr Leben ihrem Vater opferte, da⸗ bei aber keine Idee hatte, daß ſie irgendetwas für ihn ſelbſt gethan. Wann dieſer lebhafte junge Mann und ſeine Schweſter Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 105 ſyſtematiſch begonnen hatten, das Geſpenſt der Familienehre zur Verblüffung des Collegs zu citiren, kann dieſe Erzählung nicht genau angeben. Wahrſcheinlich war es um die Zeit, wo ſie vom Mitleid des Collegs ſich zu nähren begannen. Gewiß iſt, daß, je leerer und hungriger ihr Magen war, deſto pomphafter das Geſpenſt aus ſeiner Gruft ſtieg, und daß, wenn etwas beſonders Lumpiges drohte, das Geſpenſt ſtets mit dem grauenvollſten Flügelſchwunge bei der Hand war. Klein Dorrit wurde am Montag Morgen bis ſpät zu Hauſe aufgehalten, denn ihr Vater ſchlief lange und nachher war ſein Frühſtück zu bereiten und ſein Zimmer in Ordnung zu bringen. Sie hatte indeß keinen Auftrag zur Arbeit außer dem Hauſe und blieb deshalb bei ihm, bis ſie mit Maggys Hülfe alles um ihn zurecht gemacht und ihn zu ſeinem Mor⸗ genſpaziergange(von etwa zwanzig Schritt Länge) nach dem Kaffeehauſe hatte aufbrechen ſehen, wo er die Zeitung las. Sie ſetzte dann ihren Hut auf und ging aus; ſie wäre gern viel früher ausgegangen. Wie gewöhnlich wurde die Unter⸗ haltung über Kleinigkeiten in der Loge bei ihrem Durchgang ausgeſetzt, und ein College, der am Samstagabend erſt her⸗ eingekommen, empfing von dem Ellbogen eines länger hier lagernden Collegen die Andeutung:„Guck! da iſt ſie!“ Sie wollte ihre Schweſter beſuchen, als ſie aber zum Hauſe des Mr. Cripples kam, fand ſie, daß ſowol ihre Schweſter als ihr Oheim nach dem Theater gegangen waren, wo ſie Anſtellung hatten. Indem ſie dieſe Wahrſcheinlichkeit während des Weges ins Auge gefaßt und ſich vorgenommen 106 Zwanzigſtes Kapitel. hatte, in dieſem Falle ihnen zu folgen, machte ſie ſich nach dem Theater auf, welches auf dieſer Seite des Fluſſes und nicht ſehr weit entfernt war. Klein Dorrit war mit der Einrichtung von Theatern ſchier ſo unbekannt als mit der Einrichtung von Goldbergwerken, und als ſie nach einer Art Schlupfthürchen gewieſen wurde, das eine ſeltſame Miene, als ob es die ganze Nacht auf wäre, hatte, und ſich über ſich ſelbſt zu ſchämen und ſich deshalb in einem Seitengäßchen zu verſtecken ſchien, zögerte ſie ſich ihm zu nä⸗ hern. Sie wurde außerdem abgeſchreckt durch den Anblick von etwa einem halben Dutzend glattraſirter Herren, die ihre Hüte in ſehr eigenthümlicher Weiſe aufhatten und um die Thür herumlungerten, wobei ſie viel Aehnlichkeit mit den Collegen des Marſhalſea hatten. Als ſie, wieder ermuthigt durch dieſe Aehnlichkeit, ſich bei ihnen Auskunft erbat, wo Miß Dorrit zu finden ſei, machten ſie ihr Platz zum Eintritt in ein dunkles Vorhaus, welches mehr einer düſtern eben ausgegangenen La⸗ terne als etwas anderem glich, und wo ſie das ferne Spiel von Muſik und das Geräuſch tanzender Füße hören konnte. Ein Mann, dem die freie Luft ſo ſehr fehlte, daß er mit einem blauen Moder überlaufen war, ſaß den Ort bewachend in einem Loche in der Ecke wie eine Spinne, und er ſagte ihr, daß er durch die erſte Dame oder den erſten Herrn, die durch⸗ gingen, Botſchaft nach Miß Dorrit hinaufſenden wollte. Die erſte Dame, welche durchging, hatte eine Notenrolle halb in ihrem Muff und halb außer demſelben und war überhaupt in einem ſolchen zerknüllten Zuſtande, daß es ſchien, als würde — Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 107 es eine Handlung der Barmherzigkeit ſein, ſie auszuplätten. Aber ſie war ſehr gutherzig und ſagte:„Kommen Sie nur mit mir, ich will Miß Dorrit bald für Sie finden. Miß Dorrits Schweſter ging mit ihr und näherte ſich mit jedem Schritte, den ſie in der Finſterniß that, mehr dem Geräuſche der Muſik und dem Geräuſche tanzender Füße. Endlich kamen ſie in einen Nebel von Staub, wo ein Haufen von Menſchen ſich durch einander tummelte und wo ſolch eine Verwirrung unerklärlicher Geſtalten von Balken, Bretterverſchlägen, Ziegelwänden, Stricken und Walzen und ſolch ein Gemiſch von Gaslicht und Tageslicht herrſchte, daß ſie auf die umgekehrte Seite des Muſters des Univerſums gerathen zu ſein ſchienen. Klein Dorrit, ſich ſelbſt überlaſſen und jeden Augenblick von Jemand angerannt, war ganz ver⸗ ſtört, als ſie plötzlich die Stimme ihrer Schweſter hörte. „Ei du meine Güte, Amy, was in aller Welt bringt Dich hierher!“ „Ich wünſchte Dich zu ſehen, liebe Fanny, und da ich morgen den ganzen Tag aus bin und wußte, daß Du heute wahrſcheinlich den ganzen Tag beſchäftigt ſein würdeſt, ſo dachte ich“— „Aber die Idee, Amy, daß gerade Du hier hinter kommſt! Ich bin nie hier geweſen!“ Indem ihre Schweſter dies in nicht ſehr herzlichem Tone der Bewillkommnung ſagte, führte ſie Jene nach einem Orte, wo dies Dämmerlicht etwas heller war, wo ver⸗ ſchiedene goldne Stühle und Tiſche zuſammengehäuft waren, und wo eine Anzahl junger Damen auf allem, was ſie finden 108 Zwanzigſtes Kapitel. konnten, herumſaßen und plauderten. Alle dieſe jungen Damen bedurften des Ausplättens und alle hatten eine ſeltſame Weiſe ſich während ihres Geplauders allenthalben umzuſehen. Gerade als die Schweſtern dort anlangten, ſteckte ein Junge mit einer ſchottiſchen Mütze, der keine Miene verzog, ſeinen Kopf neben einem Balken links hervor und ſagte: „Nicht ſo viel Spektakel, da, Damens!“ worauf er verſchwand. Gleich darauf ſteckte ein Herr mit lebhaftem Mienenſpiel, dem eine Fülle langer ſchwarzer Haare um das Geſicht hing, ſeinen Kopf neben einem Balken rechts hervor und ſagte: „Nicht ſo viel Spektakel da, Herzchen,“ worauf er ebenfalls verſchwand. „Dich unter uns Leuten von der Bühne zu ſehen, Amy, iſt wirklich das Letzte, was ich mir hätte einfallen laſſen!“ ſagte ihre Schweſter.„Ei, Tauſend, wie biſt Du nur hier⸗ her gekommen?“ „Ich weiß nicht; die Dame, die Dir ſagte, daß ich hier ſei, war ſo gut, mich herzuführen.“ „Das ſieht Euch ruhigen kleinen Dingern ähnlich! Ihr findet, glaub' ich, Euren Weg überall hin. Ich wäre es nicht im Stande geweſen, Amy, obwol ich ſo viel mehr von der Welt weiß.“ Es war der Gebrauch der Familie, es als Familiengeſetz aufzuſtellen, daß ſie ein einfaches kleines Geſchöpf, gut für's Haus, aber ohne die großen und weiſen Erfahrungen der Uebrigen ſei. Dieſe Familieneinbildung beſtimmte die Anſicht —ÿ— Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 109 der Familie von ihren Dienſtleiſtungen. Man durfte ſie nicht zu hoch veranſchlagen. „Nun! Und was haſt Du auf dem Herzen, Amy? Na— kürlich haſt Du etwas in Bezug auf mich auf dem Herzen?“ ſagte Fanny. Sie ſprach, als ob ihre Schweſter, die zwei bis drei Jahre jünger als ſie war, das Vorurtheil hegte, ihre Großmutter zu ſein. „Es iſt nicht viel, aber da Du mir von der Dame er⸗ zählteſt, welche Dir das Armband gab, Fanny—“* Der Knabe ohne Miene ſteckte ſeinen Kopf neben dem Balken links heraus und ſagte:„Achtung geben, Damens!“ und verſchwand. Der Herr mit dem lebhaften Mienenſpiel und mit den ſchwarzen Haaren ſteckte ebenſo plötzlich ſeinen Kopf neben dem Balken rechts heraus und ſagte:„Achtung geben, Herzchen!“ worauf er gleichfalls verſchwand. Darauf erhoben ſich alle die jungen Damen und begannen die Falten auszuſchütteln, die ſie ſich hinten in ihre Röcke geſeſſen. „Nun, Amy,“ ſagte Fanny, indem ſie wie die Uebrigen that,„was wollteſt Du ſagen?“ „Seit Du mir erzählteſt, eine Dame habe Dir das Arm⸗ band gegeben, welches Du mir zeigteſt, Fanny, bin ich Dei⸗ nethalben nicht ganz ruhig geweſen, und möchte in der That etwas Weiteres darüber wiſſen, wenn Du mir ſo viel Zutrauen ſchenken willſt.“ „Jetzt, Damens!“ ſagte der Junge mit der ſchottiſchen Mütze.„Jetzt, Herzchen ¹ ſagte der Herr mit den ſchwarzen 110 Zwanzigſtes Kapitel. Haaren. Sie waren im Augenblick alle weg, und die Muſik und die tanzenden Füße ließen ſich wieder hören. Klein Dorrit ſetzte ſich, ganz ſchwindelig von dieſen raſch aufeinanderfolgenden Unterbrechungen, in einen goldnen Stuhl. Ihre Schweſter und die Uebrigen waren geraume Zeit weg, und während ihrer Abweſenheit rief eine Stimme (es ſchien die des Herrn mit den ſchwarzen Haaren zu ſein) fortwährend durch die Muſik hindurch:„Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs— vorwärts! Eins, zwei drei, vier, fünf, ſechs— vorwärts! Takt halten, Herzchen! Eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs— vorwärts!“ Endlich hielt die Stimme inne, und ſie kamen alle wieder zurück, mehr oder minder außer Athem, wickelten ſich in ihre Umſchlagetücher und machten ſich zurecht, auf die Straße zu gehen.„Warte ein Weilchen, Amy, und laß ſie vor uns weggehen,“ flüſterte Fanny. Sie waren bald allein gelaſſen, indem inzwiſchen nichts von Wichtigkeit geſchah, als daß der Junge neben ſei⸗ nem alten Balken hervorgukte und ſagte:„Alle miteinander morgen um elf Uhr, Damens!“ und daß der Herr mit den ſchwarzen Haaren neben ſeinem alten Balken hervorgukte und ſagte:„Alle miteinander morgen elf Uhr, Herzchen!“ jeder in ſeiner gewohnten Weiſe. Als ſie allein waren, wurde etwas weggewälzt oder auf andere Weiſe aus dem Wege geſchafft, und es war vor ihnen ein großer leerer Brunnen. Fanny, in die Tiefe desſelben hinabblickend, ſagte:„Nun, Onkel?“ Klein Dorrit ward ſeiner, als ihre Augen ſich an die Finſterniß gewöhnten, in Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 111 ſchwachen Umriſſen auf dem Grunde des Brunnens gewahr. Er ſaß in einem dunkeln Winkel für ſich allein und hatte ſein Inſtrument in ſeinem zerriſſenen Futteral unterm Arm. Der alte Mann ſah aus, als ob die entfernten hohen Galleriefenſter mit ihrem Streifchen Himmel der Punkt ſeines beſſern Schickſals hätten ſein können, von welchem er herabge⸗ ſtiegen, bis er allmälig bis dort auf den Boden hinunterge⸗ ſunken ſei. Er war viele Jahre hindurch ſechs Tage der Woche dort geweſen, aber nie hatte man beobachtet, daß er ſeine Augen über ſein Notenbuch erhoben und man glaubte zuver⸗ ſichtlich, daß er nie ein Stück geſehen. Es gingen an dem Orte Sagen um, daß er nicht einmal die bekannteſten Helden und Heldinnen von Anſehen kenne und daß der Hanswurſt in Folge einer Wette fünfzig Nächte hintereinander ihm Geſichter geſchnitten habe, ohne daß er eine Spur von Bewußtſein ge⸗ zeigt. Die Zimmerleute hatten einen Witz, der dahin ging, daß er todt ſei ohne es zu merken, und die Beſucher des Par⸗ terres hegten die Vermuthung, daß er ſein ganzes Leben, Nacht und Tag, Sonntag und alles miteinander im Orcheſter verbringe. Sie hatten ihn ein paar Mal damit verſucht, daß ſie ihm über das Geländer eine Priſe boten und er hatte die⸗ ſer Aufmerkſamkeit ſtets mit einem Erwachen für einen Augen⸗ blick entſprochen, in deſſen Art etwas wie der blaſſe Schatten eines Gentlemans lag, darüber hinaus aber ſpielte er in dem, was vorging, bei keiner Gelegenheit eine andere Rolle als die Rolle, die für ſeine Clarinette ausgeſchrieben war; im Privat⸗ leben, wo es keine Rolle für die Clarinette gab, hatte er gar 11² Zwanzigſtes Kapitel. keine. Manche ſagten, er ſei arm, manche ſagten, er ſei ein reicher Geizhals; er aber ſagte nichts, erhob nie ſein ge⸗ bücktes Haupt und änderte nie ſeinen ſchlurrenden Gang durch Erhebung ſeines ſehnenloſen Fußes vom Erdboden. Obſchon er jetzt erwartete von ſeiner Nichte abgerufen zu werden, hörte er ſie nicht, bis ſie drei oder vier Mal zu ihm geſprochen hatte, auch war er nicht im Mindeſten verwundert über die Anweſen⸗ heit von zwei Nichten ſtatt einer, ſondern ſagte blos mit ſeiner zitternden Stimme:„Ich komme, ich komme!“ und kroch auf einer Art unterirdiſchem Wege heran, welcher einen Kellerge⸗ ruch ausſtrömte. „Und ſo, Amy,“ ſagte ihre Schweſter, als die drei zu⸗ ſammen hinausgingen, an der Thür, die ſolch ein ſchamer⸗ fülltes Bewußtſein von ihrer Verſchiedenheit von andern Thüren hatte, und während der Oheim inſtinktmäßig Amy's Arm, als den Arm nahm, auf den man ſich verlaſſen konnte,„ſo biſt Du alſo neugierig in Betreff meiner, Amy?“ Sie war hübſch, und ſie wußte es und war ziemlich auf⸗ geblaſen, und die Herablaſſung, mit der ſie den Vorzug ihrer Reize und ihrer Welterfahrung bei Seite ſetzte und zu ihrer Schweſter faſt wie zu Ihresgleichen ſprach, hatte einen ſehr ſtarken Anſtrich von der Art der Familie an ſich. „Ich nehme Intereſſe und Antheil an Allem, was Dich betrifft, Fanny.“ „Das thuſt Du, das thuſt Du, und Du biſt die beſte Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 113 aller Amy's. Wenn ich ja ein Bischen hoch hinaus will, ſo weiß ich, daß Du in Betracht nehmen wirſt, was es heißt, meine Stellung einnehmen und ſich bewußt ſein, über derſelben zu ſtehen. Es ſollte mir einerlei ſein,“ ſagte die Tochter des Vaters des Marſhalſea,„wenn die Andern nicht ſolch gemeines Volk wären. Keins von ihnen iſt in der Welt heruntergekommen. Sie ſind alle mit einander an der Stelle, wo ſie hingehören. Gemeines Volk.“ Klein Dorrit warf einen ſanften Blick auf die Spreche⸗ rin, unterbrach ſie aber nicht. Fanny nahm ihr Taſchen⸗ tuch heraus und wiſchte ſich ziemlich ärgerlich die Augen. „Ich wurde nicht da geboren, wo Du geboren biſt, und das. macht vielleicht einen Unterſchied. Mein liebes Kind, wenn wir Onkel los ſind, ſollſt Du Alles darüber erfahren. Wir wollen ihn in der Garküche laſſen, wo er zu eſſen pflegt.“ Sie gingen mit ihm, bis ſie zu einem ſchmutzigen La⸗ denfenſter in einer ſchmutzigen Straße kamen, welches durch den Dampf kochender Fleiſchſtücke, Gemüſe und Puddings faſt undurchſichtig gemacht war. Aber es ließ ſich doch Eini⸗ ges erkennen, ſo eine bratende Schweinskeule, die vor dem Salbey und den Zwiebeln, die ſie in einer mit Fettbrühe gefüllten metallnen Pfanne umgaben, in Thränen ausbrach, ſo ein fettes Stück Rinderbraten und ein blaſenbedeckter Yorkſhire⸗Pudding, die in einem ähnlichen Behältniß vor Hitze quackerten, ſo eine gefüllte Kalbsbruſt, die haſtig an⸗ geſchnitten worden, ſo ein Schinken, der von der Schnel⸗ Klein Dorrit. III. 8 114 Zwanzigſtes Kapitel. ligkeit, mit der er dem Gahrwerden entgegenging, in Schweiß gebadet war, ſo ein niedriger Trog mit gebratenen Kartoffeln, die in Folge ihrer eigenen Fettigkeit zuſammen⸗ geſchmort waren, ſo ein paar Bündel gekochter Gemüſe und andere ſolide Delikateſſen. Im Innern waren einige höl⸗ zerne Scheidewände, hinter welchen ſolche Kunden, welche es vorzogen, ihr Eſſen im Magen, ſtatt in den Händen mit ſich zu nehmen, das, was ſie ſich gekauft, in der Einſamkeit an Ort und Stelle beförderten. Fanny machte, während ſie dieſe Dinge betrachtete, ihren Strickbeutel auf, legte aus dieſem Behälter einen Schilling heraus und händigte ihn dem Oheim ein. Der Oheim, nachdem er ihn eine gute Weile betrachtet, errieth endlich ſeinen Zweck und ver⸗ ſchwand, indem er:„Mittagseſſen? Ja, ja, ja“ murmelte, langſam in dem Küchennebel. „Jetzt, Amy,“ ſagte ihre Schweſter,„komm mit mir, wenn Du nicht zu müde biſt, um nach Harley Street, Ca⸗ vendiſh Square zu gehen.“ Die Miene, mit der ſie dieſe vornehme Adreſſe hervor⸗ ſtieß und die Art, mit der ſie ihren neuen Hut(welcher mehr Florbeſatz hatte, als ihm nützlich war) zurückwarf, nahmen ihre Schweſter Wunder; ſie ſprach indeß ihre Bereitwilligkeit aus, mit nach Harley Street zu gehen, und dorthin richte⸗ ten ſie nun ihre Schritte. Angelangt an dieſem großartigen Ziele, ſuchte Fanny das ſchönſte Haus heraus, klopfte an die Thür und fragte nach Mrs. Merdle. Der Bediente, welcher die Thür öffnete, gab, obwol er Puder in den Haa⸗ Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 115 ren und zwei andere Bediente, gleichfalls gepudert, hinter ſich hatte, nicht nur zu, daß Mrs. Merdle zu Hauſe ſei, ſondern bat auch Fanny einzutreten. Fanny ging hinein und nahm ihre Schweſter mit ſich, und ſie gingen die Treppe hinauf mit Puder vor ſich und Puder hinter ſich und wur⸗ den in einem geräumigen, halbrunden Putzzimmer, einem von mehreren Putzzimmern, ſtehen gelaſſen, wo ſich ein Pa⸗ pagei befand, der ſich an der Außenſeite eines goldnen Kä⸗ figs mit dem Schnabel feſthielt, die ſchaligen Beine in der Luft ſchweben ließ und ſich in allerlei Stellungen kopfüber kopfunter brachte. Dieſe Eigenthümlichkeit iſt an Vögeln von ganz anderm Gefieder, die an goldnen Drähten empor⸗ klettern, ebenfalls bemerkt worden. Das Gemach war weit prachtvoller als irgend eins, welches Klein Dorrit ſich je vorgeſtellt hatte und würde in Aller Augen prachtvoll und reich ausgeſehen haben. Sie blickte voll Verwunderung ihre Schweſter an und würde ſie darüber gefragt haben, wenn Fanny nicht mit warnendem Stirnrunzeln nach einer Thür gedeutet hätte, welche, mit einem Vorhange verhüllt, nach einem Nebenzimmer führte. Der Vorhang bewegte ſich im nächſten Augenblicke, und eine Dame erhob ihn mit einer ſchwer beringten Hand und ließ ihn als ſie eintrat hinter ſich wieder fallen. Die Dame war nicht jung und friſch von der Hand der Natur, aber jung und friſch von der Hand ihrer Kammer⸗ jungfer. Sie hatte große gefühlloſe, hübſche Augen und dunkle gefühlloſe, hübſche Haare und einen breiten, gefühl⸗ 8* — Zwanzigſtes Kapitel. loſen, hübſchen Buſen, und war in jeder Einzelheit ſo her⸗ ausſtaffirt, daß alle ihre Vorzüge ins Licht traten. Ent⸗ weder weil ſie ſich erkältet, oder weil es ihrem Geſichte gut ſtand, trug ſie ein reiches weißes Wollennetz, welches ihr über den Kopf und unter dem Kinn gebunden war. Und wenn es je ein gefühlloſes hübſches Kinn gab, welches aus⸗ ſah, als ob es ſicherlich niemals in freundſchaftlicher Unter⸗ haltung von einer Männerhand einen gemüthlichen Klaps bekommen hätte, ſo war es das Kinn, das hier ſo dicht und feſtanſchließend mit dieſem geſtickten Zaum aufgezäumt war. „Mrs. Merdle,“ ſagte Fanny.„Meine Schweſter, Ma⸗ dame.“ „Es freut mich, Ihre Schweſter zu ſehen, Miß Dorrit. Ich beſann mich nicht, daß Sie eine Schweſter hatten.“ „Ich habe das nicht erwähnt,“ ſagte Fanny. „Ja wol.“ Mrs. Merdle krümmte den kleinen Finger ihrer rechten Hand, als wollte ſie ſagen:„Ich habe Dich gefangen. Ich weiß, daß Du es nicht erwähnteſt.“ Alle ihre Geberden machte ſie gewöhnlich mit ihrer linken Hand, weil ihre Hände kein Paar waren, da die linke viel weißer und voller als die andere war. Dann fügte ſie hinzu: „Setzen Sie ſich“ und machte es ſich ſelbſt in behaglicher Lage in einem Neſte karmoiſinrother und goldner Kiſſen auf einer Ottomane neben dem Papagei bequem. „Auch von der Bühne!“ ſagte Mrs. Merdle, indem ſie Klein Dorrit durch ein Augenglas anſah. Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 117 „Nein,“ antwortete Fanny.„Nein,“ ſagte Mrs. Merdle, ihr Augenglas fallen laſſend.„Hat nicht die Art von Büh⸗ nenmitgliedern an ſich. Sehr anmuthig, aber nicht von der Bühne.“ 3 „Meine Schweſter, Madame,“ ſagte Fanny, in welcher ſich eine eigenthümliche Miſchung von Chrerbietigkeit und Keckheit ausprägte,„hat mich gebeten, ihr, wie ſich's un⸗ ter Schweſtern ſchickt, zu erzählen, wie ich zu der Ehre ge⸗ kommen bin, Sie zu kennen. Und da ich verſprochen hatte, Ihnen noch einen Beſuch zu machen, ſo dachte ich, ich dürfe mir die Freiheit nehmen, ſie mitzubringen, wo Sie viel⸗ leicht es ihr ſelbſt ſagen würden. Ich wünſche, daß ſie es weiß, und Sie werden es ihr vielleicht ſagen.“ „Glauben Sie, im Alter Ihrer Schweſter“ Merdle zögernd. „Sie iſt viel älter, als ſie ausſieht,“ ſagte Fanny,„faſt ſo alt wie ich.“ „Die Geſellſchaft“, ſagte Mrs. Merdle mit einer aberma⸗ ligen Krümmung ihres kleinen Fingers,„läßt ſich jungen Perſonen, ja den meiſten Leuten überhaupt, ſo ſchwer erklä⸗ ren, daß ich mich freue, das zu hören. Ich wollte, die Ge⸗ ſellſchaft wäre nicht ſo willkürlich, ich wollte, ſie zwänge nicht zu ſo manchen Dingen— Vogel ſei ſtill.“ Der Papagei hatte ein äußerſt durchdringendes Geſchrei ausgeſtoßen, als ob ſein Name Geſellſchaft hieße und er das Recht derſelben auf Ausübung jenes Zwangs behaupten wollte. ſagte Mrs. 118 Zwanzigſtes Kapitel. „Aber.“ fuhr Mrs. Merdle fort,„wir müſſen ſie nehmen, wie wir ſie finden. Wir wiſſen, daß ſie hohl und gezwungen und weltlich geſinnt und ſehr abſcheulich iſt, aber, wenn wir nicht Wilde in den tropiſchen Meeren ſind(ich würde entzückt ſein, ſelbſt eine ſolche Wilde zu ſein— höchſt angenehmes Leben und vortreffliches Klima, ſagt man) müſſen wir ſie be⸗ rückſichtigen. Es iſt dies das allgemeine Loos. Mr. Merdle i*ſt ein Kaufmann mit einem höchſt ausgedehnten Geſchäft, ſeine Speculationen werden auf dem großartigſten Fuße be⸗ trieben, aber ſelbſt er— Vogel ſei ſtill!“ Der Papagei hatte abermals ein Gekreiſch ausgeſtoßen, und es füllte den Satz ſo ausdrucksvoll aus, daß Mrs. Merdle nicht nöthig hatte, ihn zu beenden. „Da Ihre Schweſter mich bittet, das Nähere über unſere perſönliche Bekanntſchaft mitzutheilen,“ begann ſie von Neuem, zu Klein Dorrit gewendet,„indem ich die Umſtände erzähle, die ihr ſo viel Ehre machen, ſo kann ich wahrhaftig nicht umhin, ihrer Bitte zu willfahren. Ich habe einen Sohn(ich verheirathete mich das erſte Mal außerordentlich jung) von zwei oder dreiundzwanzig Jahren.“ Fanny kniff die Lippen zuſammen, und ihre Augen blick⸗ ten halb triumphirend auf ihre Schweſter. „Einen Sohn von zwei oder dreiundzwanzig Jahren. Er i*ſt ein wenig luſtig, ein Ding, woran die Geſellſchaft bei jungen Leuten gewöhnt iſt, und er iſt ſehr eindrucksfähig. Vielleicht hat er dieſes Unglück geerbt. Ich ſelbſt bin ſehr Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 119 eindrucksfähiger Natur. Die weichſte aller Seelen. Mein Herz iſt im Augenblicke gerührt.“ Sie ſagte alles Dieſes und überhaupt alles Andere ſo kalt wie ein Weib von Schnee, indem ſie die Schweſtern faſt ganz vergaß und augenſcheinlich zu einem Abſtractum von Geſellſchaft ſprach, mit Rückſicht auf das ſie auch gelegentlich ihr Kleid ordnete und ihrer Geſtalt auf der Ottomane eine würdigere Haltung gab. „Er iſt alſo ſehr eindrucksfähig. Kein Unglück im Natur⸗ zuſtande, glaube ich, allein wir befinden uns nicht im Natur⸗ zuſtande. Sehr zu beklagen ohne Zweifel, namentlich von mir, die ich ein Kind der Natur bin, wenn ich es nur zeigen könnte, aber es iſt nun einmal ſo. Die Geſellſchaft unter⸗ drückt uns und beherrſcht uns— Vogel ſei ſtill.” Der Papagei hatte einem Anfall heftigen Lachens nachge⸗ geben, nachdem er verſchiedene Stangen ſeines Käfigs mit ſeinem krummen Schnabel verflochten und ſie mit ſeiner ſchar⸗ fen Zunge beleckt hatte.— „Es iſt völlig unnöthig einer Perſon von Ihrem Ver⸗ ſtande, Ihren reifen Erfahrungen und Ihren gebildeten Em⸗ pfindungen zu bemerken“, ſagte Mrs. Merdle aus ihrem kar⸗ moiſinrothen und goldenen Neſte, indem ſie ihr Glas aufnahm, um ihr Gedächtniß in Betreff derer, die ſie anredete, aufzu⸗ friſchen,„daß die Bühne auf junge Leute von derartigem Charakter bisweilen einen Zauber ausübt. Indem ich das Wort Bühne brauche, meine ich die Leute weiblichen Geſchlechts auf derſelben. Deshalb, als ich hörte, daß man von meinem 120 Zwanzigſtes Kapitel. Sohne glaube, er habe ſich von einer Tänzerin bezaubern laſſen, ſo wußte ich, was das gewöhnlich in der Geſellſchaft hieß und verließ mich darauf, daß ſie eine Tänzerin in der Oper ſei, wo junge Leute, die ſich in der Geſellſchaft bewegen, ſich gewöhnlich bezaubern laſſen.“ Sie ließ ihre weißen Hände übereinander gleiten, indem ſie jetzt die Schweſtern anblickte, und die Ringe auf ihren Fingern rieben ſich aneinander mit knirſchendem Geräuſch. „Wie Ihre Schweſter Ihnen erzählen wird, als ich fand, was es für ein Theater war, war ich ſehr überraſcht und ſehr unglücklich. Aber als ich fand, daß Ihre Schweſter, indem ſie die Anträge meines Sohnes(ich muß hinzufügen in uner⸗ warteter Weiſe) zurückwies, ihn dahin gebracht hatte, ihr die Heirath anzutragen, ſo gerieth ich in die tiefſte Seelenangſt.“ Sie ſtrich ſich über die linke Augenbraue und brachte ſie in Ordnung. „In einer tiefbetrübten Stimmung, die nur eine Mutter — die ſich in Geſellſchaft bewegt— begreifen kann, entſchloß ich mich, ſelbſt nach dem Theater zu gehen und meinen Ge⸗ müthszuſtand der Tänzerin vorzuſtellen. Ich machte die Be⸗ kanntſchaft Ihrer Schweſter. Ich fand ſie zu meinem Erſtau⸗ nen in vielen Beziehungen verſchieden von dem, was ich er⸗ wartet hatte, und ſicherlich in keiner mehr verſchieden, als darin, daß ſie mir— wie ſoll ich mich ausdrücken?— mit einer Art Pochen auf die Bedeutung ihrer eigenen Familie entgegen trat.“ Mrs. Merdle lächelte. „Ich ſagte Ihnen, Madame,“ verſetzte Fanny mit Er⸗ 4 Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 121 röthen,„daß ich, obwol Sie mich in dieſer Stellung fänden, ſo hoch über den Anderen ſtünde, daß ich meine Familie für ſo gut als die Ihres Sohnes hielte und daß ich einen Bru⸗ der hätte, welcher, wenn er die Umſtände kennte, derſelben Meinung ſein und ſolch eine Verbindung durchaus nicht als eine Ehre anſehen würde.“ „Miß Dorrit,“ ſagte Mrs. Merdle, nachdem ſie ſie froſtig durch ihr Augenglas angeſehen hatte,„genau das, was ich in Folge Ihrer Bitte in Begriff war Ihrer Schweſter zu er⸗ zählen. Sehr verbunden, daß Sie es ſo genau zurückgaben und mir zuvorkamen. Ich nahm unverzüglich,“ damit redete ſie wieder zu Klein Dorrit,„denn ich bin ein Weſen, das auf den augenblicklichen Anſtoß handelt, ein Armband von mei⸗ nem Arm und bat Ihre Schweſter, es um den ihren legen zu dürfen zum Zeichen der Freude, die ich hatte, an die Sache inſoweit von gleichem Standpunkte aus gehen zu können.“ Dies war vollkommen wahr, indem die Dame auf ihrem Wege zu der Zuſammenkunft ein wohlfeiles und prahlendes Armband gekauft hatte, in der Abſicht damit zu beſtechen. „Und ich ſagte Ihnen Mrs. Merdle,“ ſagte Fanny,„daß wir vielleicht unglücklich, aber nicht gemein ſeien.“ „Genau dieſelben Worte, glaub' ich, Miß Dorrit,“ ſtimmte Mrs. Merdle ein. „Und ich ſagte Ihnen, Mrs. Merdle,“ fuhr Fanny fort, „daß, wenn Sie mir von der höheren Stelle, die Ihr Sohn in der Geſellſchaft einnähme, ſprächen, es ſehr möglich ſei, daß Sie ſich in Ihren Vermuthungen in Betreff meiner Herkunft 122 Zwanzigſtes Kapitel. täuſchten, und daß die Stellung meines Vaters ſelbſt in der Geſellſchaft, in der er ſich jetzt bewege(welche das war, war mir ſelbſt am Beſten bekannt) eine außerordentlich hohe und von Jedermann anerkannte ſei.“ „Ganz genau ſo,“ entgegnete Mrs. Merdle.„Ein höchſt bewundernswerthes Gedächtniß.“ „Danke Ihnen, Madame. Vielleicht werden Sie ſo gütig ſein, meiner Schweſter das Uebrige zu erzählen.“ „Es iſt nur noch ſehr wenig zu erzählen,“ ſagte Mrs. Merdle, indem ſie ihre Blicke über die Breite ihres Buſens gleiten ließ, welche weſentlich nothwendig zu ſein ſchien, da⸗ mit ſie Raum genug habe, gefühllos darin zu ſein,„aber es ge⸗ reicht Ihrer Schweſter zur Ehre. Ich deutete Ihrer Schweſter den einfachen Stand der Dinge an, die Unmöglichkeit, daß die Geſellſchaft, in der wir uns bewegen, die Geſellſchaft in der ſie ſich bewegt, anerkenne— ſo liebenswürdig ſie auch wie ich nicht zweifle, ſein mag— ein unermeßlicher Nachtheil, welchen ſie folglich der Familie, von der ſie eine ſo hohe Mei⸗ nung hätte, dadurch zufügen würde, daß wir uns genöthigt ſehen würden, mit Verachtung auf ſie herabzuſehen und vor welcher wir uns(um mit der Geſellſchaft zu reden) mit Abſcheu zurückzuziehen gezwungen fühlen würden. Kurz, ich wendete mich an jenen löblichen Stolz in Ihrer Schweſter.“ „Laſſen Sie meine Schweſter auch gefälligſt wiſſen, Mrs. Mersle,“ ſprudelte Fanny mit einem heftigen Zurückwerfen ihres florgeſchmückten Hutes,„daß ich bereits die Ehre gehabt Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 123 hatte, Ihrem Sohne zu ſagen, ich wünſchte durchaus nichts mit ihm zu reden zu haben.“ „Gut, Miß Dorrit,“ gab Mrs. Merdle zu,„ich hätte das vielleicht ſchon erwähnen ſollen. Wenn ich nicht daran dachte, ſo geſchah es vielleicht, weil ich mir die Befürchtungen ins Gedächtniß zurückrief, die ich damals hatte, daß er nämlich auf ſeinem Sinne beharren, und daß Sie ihm etwas zu ſagen haben würden. Ich erwähnte auch gegen Ihre Schweſter— ich ſpreche jetzt wieder zu der nicht der Bühne angehörigen Miß Dorrit— daß mein Sohn im Falle einer ſolchen Hei⸗ rath nichts haben und ein vollkommener Bettler ſein würde. Ich erwähne das blos als eine Thatſache, die ein Theil der Geſchichte iſt und nicht in der Vermuthung, als ob es Einfluß auf Ihre Schweſter gehabt hätte, ausgenommen in der klugen und berechtigten Weiſe, in welcher bei der künſtlichen Geſtalt, die das Syſtem unſrer Geſellſchaft angenommen hat, wir alle von ſolchen Betrachtungen beeinflußt werden müſſen. Endlich, nach einigen Ergüſſen des Stolzes auf Seiten Ihrer Schweſter kamen wir zu der vollkommenen Einſicht, daß keine Gefahr dabei ſei, und Ihre Schweſter war ſo freundlich mir zu erlauben, ihr mit einigen Zeichen meiner Hochachtung ein Geſchenk zu machen, die bei meiner Putzmacherin abzugeben waren.“ Klein Dorrit ſah betrübt aus und blickte auf Fanny mit einem Geſicht voll Bekümmerniß. „Auch verſprach ſie mir,“ fuhr Mrs. Merdle fort,„mir das heute mir gewordene Vergnügen eines ſchließlichen Be⸗ ſuchs zu machen, wobei wir auf dem beſten Fuße ſcheiden, 124 Zwanzigſtes Kapitel. Bei welcher Gelegenheit,“ fügte Mrs. Merdle hinzu, indem ſie ihr Neſt verließ und etwas in Fannys Hand legte,„Miß Dorrit mir erlauben wird, ihr in meiner eigenthümlichen blöden Weiſe mit meinen beſten Wünſchen Lebewohl zu ſagen.“ Die Schweſtern erhoben ſich zu derſelben Zeit, und ſie alle traten in die Nähe des Käfichs mit dem Papagei, während er eine Kralle voll Biscuit zerriß und ausſpuckte, ſie mit einem pomphaften Tanze ſeines Körpers, wobei er die Füße nicht bewegte, zu verhöhnen ſchien und plötzlich das Oberſte zu un⸗ terſt kehrend mit Hülfe ſeines ſcharfen Schnabels und ſeiner ſchwarzen Zunge ſich über die ganze Außenſeite ſeines golde⸗ nen Käfigs hinſchleppte. „Adieu, Miß Dorrit, meine beſten Wünſche mit Ihnen,“ ſagte Mrs. Merdle.„Wenn wir's nur bis zum tauſendjähri⸗ gen Reiche bringen könnten oder zu ſo etwas der Art, ſo würde ich vor Allem das Vergnügen haben, eine Menge liebenswür⸗ diger und talentvoller Perſonen kennen zu dürfen, von deren Bekanntſchaft ich gegenwärtig ausgeſchloſſen bin. Ein ur⸗ ſprünglicherer Zuſtand der Geſellſchaft würde mir etwas Köſt⸗ liches ſein. Es gab in der Zeit, wo ich meine Schulaufgabe lernte, ein Gedicht, welches etwa anfing: Weh der arme In⸗ dianer! Wenn einige tauſend Menſchen, die ſich in der Ge⸗ ſellſchaft bewegen, nur hingehen und Indianer ſein könnten, ſo würde ich ſofort meinen Namen unterſchreiben; allein, da wir, die wir uns in der Geſellſchaft bewegen, nicht Indianer ſein können, ſo iſt unglücklicherweiſe— Guten Morgen!“ Sie kamen die Treppe herab mit Puder vor ſich und Pu⸗ Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 125 der hinter ſich, die ältere Schweſter voll ſtolzem Selbgefühl, die jüngere Schweſter gedemüthigt, und wurden hinausge⸗ ſchloſſen in die ungepuderte Harley Street, Cavendish Square. „Nun?“ ſagte Fanny, als ſie eine kleine Strecke Wegs ohne zu ſprechen gegangen waren,„haſt Du nichts zu ſagen, Amy?“ „O, ich weiß nicht, was ich dazu ſagen ſoll!“ antwortete ſie betrübt.„Du liebteſt dieſen jungen Mann doch nicht, Fanny?“ „Ihn leiden können? Der Menſch iſt ja faſt blödſinnig.“ „Ich bedauere— nimm es mir nicht übel— aber da Du mich fragſt, was ich zu ſagen habe, ich bedauere ſehr, Fanny, daß Du es zuließeſt, daß dieſe Dame Dir etwas gab.“ „Du kleine Närrin!“ erwiderte ihre Schweſter, indem ſie ſie mit einem ſcharfen Ruck, den ſie ihrem Arm gab, ſchüttelte. „Haſt Du denn gar keinen Stolz? Aber das iſt juſt ſo Deine Art. Du haſt keine Selbſtachtung, Du haſt nicht den gebüh⸗ renden Stolz. Ganz ſo wie Du Dir's gefallen läßt, daß Dir ſolch ein verächtliches kleines Ding wie der Chivery nachläuft,“ dies ſagte ſie mit höhniſchſter Betonung,„würdeſt Du auch Deine Familie in den Schmutz treten laſſen ohne zu muckſen.“ „Sage das nicht, liebe Fanny. Ich thue für ſie, was ich kann.“ „Du thuſt für ſie, was Du kannſt!“ wiederholte Fanny, indem ſie ſie ſehr haſtig mit ſich fortzog.„Würdeſt Du ein Frauenzimmer wie dieſe, von der u, wenn Du auch nur et⸗ was Erfahrung hätteſt, ſehen könnteſt, daß ſie ſo falſch und 126 Zwanzigſtes Kapitel. unverſchämt iſt, als ein Frauenzimmer nur ſein kann— wür⸗ deſt Du ſie ihren Fuß auf Deine Familie ſetzen laſſen und Dich dafür bei ihr bedanken?k? „Nein, Fanny, wahrhaftig nicht!“ „Nun dann laß ſie dafür bezahlen, Du gemein denkendes kleines Ding. Wozu kannſt Du ſie ſonſt bringen! Laß ſie bezahlen dafür, Du einfältiges Kind, und thue Deiner Familie eine Ehre an mit dem Gelde.“ Sie ſprach den ganzen Weg bis zurück zu der Wohnung, wo Fanny und ihr Oheim lebten, nichts mehr. Als ſie dort ankamen, fanden ſie den alten Mann, wie er in einem Winkel des Zimmers in der kläglichſten Weiſe ſich auf ſeiner Clarionette übte. Fanny hatte ein zuſammengeſetztes Mahl von Schöps⸗ coteletten, Porter und Thee zu bereiten, und that entrüſtet als mache ſie es für ſich zurecht, obwol es eigentlich ihre Schwe⸗ ſter in aller Ruhe that. Als Fanny ſich zuletzt niederſetzte, um zu eſſen und zu trinken, ſo warf ſie das Tiſchgeſchirr her⸗ um und war ärgerlich mit ihrem Brote, faſt ganz ſo wie in der Nacht vorher ihr Vater geweſen. „Wenn Du mich verachteſt,“ ſagte ſie, in heftige Thränen ausbrechend,„weil ich eine Tänzerin bin, warum haſt Du mich dahin gebracht, daß ich eine bin? Es war Dein Anſtif⸗ ten. Du möchteſt, daß ich mich vor dieſer Mrs. Merdle bis auf den Boden verbeugt hätte, daß ich ſie hätte reden laſſen, was ſie wollte und thun, was ſie wollte und uns alle ver⸗ achten und mir das ins Geſicht ſagen. Blos weil ich eine Tänzerin bin!“ Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 127 „O Fanny!“ „Und ebenſo Tip, der arme Junge. Sie kann ihn juſt ſo viel herabſetzen, als es ihr beliebt, ohne Widerſtand— ver⸗ muthlich, weil er bei einem Advocaten Schreiber und in den Docks und bei verſchiedenen Dingen geweſen iſt. Je nun, es war auf Deine Veranlaſſung, Amy. Du könnteſt wenigſtens zugeben, daß er ſich vertheidigen läßt.“ Dieſe ganze Zeit über blies der Oheim ſeine Clarionette trauervoll in dem Winkel. Manchmal nahm er ſie auf einen Augenblick etwa einen Zoll vom Munde weg, während er inne⸗ hielt, um mit der halbklareg Empfindung, daß Jemand etwas geſagt habe, nach ihnen hinzublicken. „Und unſer Vater, unſer armer Vater, Amy. Weil er nicht frei iſt, um ſich zeigen und für ſich ſelbſt ſprechen zu können, wollteſt Du ſolches Volk ihn ungeſtraft beleidigen laſſen? Wenn Du nicht für Dich ſelbſt fühlſt, weil Du auf Arbeit gehſt, ſo ſollteſt Du, meine ich, wenigſtens für ihn fühlen, da Du weißt, was er ſo lange ertragen hat.“ Die arme Klein Dorrit fühlte die Ungerechtigkeit dieſes Tadels ziemlich ſtark. Die Erinnerung an die vergangne Nacht ſetzte ihm eine Spitze mit Widerhaken an. Sie erwi⸗ derte nichts, drehte aber ihren Stuhl vom Tiſche nach dem Feuer hin. Der Oheim blies, nachdem er noch eine Pauſe gemacht, eine trübſelige Trauerweiſe und fuhr wieder fort. Fanny verfuhr, ſo lange ihre Leidenſchaft dauerte, är⸗ gerlich mit den Theetaſſen und dem Brote, und behauptete 128. Zwanzigſtes Kapitel. dann feierlich, daß ſie das unglücklichſte Mädchen von der Welt ſei und wünſche, ſie wäre todt. Nach dieſem miſchten ſich in ihr Weinen Gewiſſensbiſſe und ſie ſtand auf und ſchlang ihre Arme um ihre Schweſter. Klein Dorrit ver⸗ ſuchte ſie zu hindern, etwas zu ſagen, aber ſie antwortete, daß ſie wolle, daß ſie müſſe. Darauf ſagte ſie wieder und immer wieder:„Bitte, verzeih mir, Amy,“ und„Vergieb mir, Amy,“ faſt ſo leidenſchaftlich als ſie geſagt, was ſie bedauerte. „Aber wirklich, wirklich, Amy,“ nahm ſie ihre Rede wieder auf, als ſie ſich in ſchweßerlicher Eintracht Seite an Seite neben einander geſetzt,„ich hoffe und glaube, daß Du dies in einem andern Lichte geſehen haben würdeſt, wenn Du ein wenig mehr von der Geſellſchaft geſehen hätteſt.“ „Vielleicht, Fanny,“ ſagte die ſanfte Klein Dorrit. „Siehſt Du, während Du zu Hauſe geblieben und dort ohne Murren eingeſperrt geblieben biſt, Amy,“ fuhr ihre Schweſter, allmälig wieder die Gönnermiene annehmend, fort,„bin ich draußen in der Welt geweſen, habe mich in der Geſellſchaft bewegt und mag da etwas ſtolz und hoch⸗ müthig geworden ſein— vielleicht mehr als ich ſollte.“ Klein Dorrit antwortete:„Ja. O ja!“ „Und während Du an das Nittagseſſen und an die Wäſche gedacht haſt, habe ich, wie Du weißt, an die Fa⸗ milie gedacht. Nun, kann das nicht ſo ſein, Amy?“ Wie man ſich in Geſellſchaft bewegt. 129 Klein Dorrit nickte wieder Ja, aber ihr Geſicht war hei⸗ terer als ihr Herz. „Namentlich da wir wiſſen,“ ſagte Fanny,„daß aller⸗ dings an dem Orte, an dem Du mit ſolcher Treue gehalten haſt, ein Ton herrſcht, welcher zu ihm gehört und welcher ihm allerdings ein Aeußeres gibt, das verſchieden iſt von dem Aeußern anderer Orte, wo die Geſellſchaft ſich bewegt. So gib mir noch einen Kuß, liebe Amy, und wir wollen uns dahin vergleichen, daß wir beide Recht haben, und daß Du ein ruhiges, häusliches, die Heimath liebendes, gutes Mädchen biſt.“ Die Clarionette hatte während dieſes Zwiegeſprächs ſich in höchſt pathetiſche Klagetöne ergoſſen, wurde aber jetzt plötzlich unterbrochen, indem Fanny anzeigte, daß es Zeit ſei zu gehen; eine Anzeige, die ſie ihrem Oheim dadurch machte, daß ſie ihm ſein Notenbuch zuſchlug und ihm die Clarionette aus dem Munde zog. Klein Dorrit ſchied von ihnen an der Thür und eilte zurück nach dem Marſhalſea. Es wurde e durt e eher dunkel als anderwärts, und dieſen Abend in daſſelbe hineingehen war, als ob man in einen tiefen Graben ginge. Der Schat⸗ ten der Mauer war auf jedem Gegenſtande. Nicht am We⸗ nigſten war er auf der Geſtalt in dem alten grauen Rocke und dem ſchwarzen Sammetkäppchen, als ſie ſich, wie ſie die Thür des dämmerigen Zimmers öffnete, nach ihr um⸗ kehrte. „Warum nicht auch auf mir!“ dachte Klein Dorrit, in⸗ Klein Dorrit. III. 9 130 Einundzwanzigſtes Kapitel. dem ſie die Thür noch in der Hand hielt.„Es war nicht unverſtändig von Fanny.“ Einundzmanzigstes Kapitel. Mr. Merdle's Aebel. Auf jener Prachtwohnung, der Wohnung der Familie Merdle in Harley Street, Cavendiſh Square ſchattete ſich nicht mehr gemeine Mauer ab, als die Fronten andrer Prachtwohnungen auf der gegenüberbefindlichen Seite der Straße boten. Gleich der Geſellſchaft, die keine Ausnahmen kennt, ſtanden die entgegengeſetzten Häuſerreihen in Harley Street ſich ſehr einförmig gegenüber. In der That, die Ge⸗ bäude und ihre Bewohner glichen ſich in dieſer Hinſicht ſo ſehr, daß man die Leute häufig, wenn ſie an den ſich ge⸗ genüber befindlichen Seiten von Speiſetafeln im Schatten ihrer eigenen Erhabenheit nebeneiander gereiht ſaßen, nach der andern Seite mit der gleichgültigen Miene der Häuſer ſtarren ſah... Jedermann weiß, wie ähnlich der Straße die beiden Reihen von Tiſchgäſten, die ihren Platz neben der Straße nehmen, ſein wird. Die ausdrucksloſen, gleichförmigen zwanzig Häuſer, wo man an allen in derſelben Form pochen und klingeln muß, zu denen allen man auf denſelben lang⸗ weiligen Stufen emporſteigt, die alle durch daſſelbe Gelän⸗ Mr. Merdle's Uebel. 13¹ dermuſter abgeſperrt ſind, die alle mit denſelben unprakti⸗ ſchen Rettungsleitern für Feuersgefahr, alle mit denſelben unpaſſenden Anhängſeln an ihren Gipfeln verſehen ſind und wo alles ohne Ausnahme zu hoher Taxe angenommen werden muß— wer hätte noch nicht in ihnen geſpeiſt? Das Haus, das ſo trübſelig ohne Ausbeſſerung gelaſſen worden iſt, das gelegentliche Bogenfenſter, das mit Stuck ausgeputzte Haus, das mit einer neuen Front verſehene Haus, das Eckhaus, welches nur eckige Stuben hat, das Haus, wo die Vorhänge ſtets herunter, das Haus, wo das Wappen aufgemacht iſt, das Haus, wo der Einnehmer ſich eingeſtellt und um eine Viertel⸗Idee gebeten und Niemand zu Hauſe gefunden hat— wer hätte noch nicht in ihnen geſpeiſt? Das Haus, welches Niemand nehmen mag und das um einen Spottpreis zu haben iſt— wer kennt es nicht? Das prunkvolle Haus, welches der getäuſchte Herr auf Lebenszeit nahm und welches ihm durchaus nicht be⸗ hagt— wer wäre unbekannt mit dieſem geſpenſtiſchen Wohnplatze? Harley Street, Cavendiſh Square war ſich mehr als blos bewußt, daß Mr. und Mrs. Merdle dort wohnten. Es gab Eindringlinge in Harley Street, von denen ſie nichts wußte, aber Mr. und Mrs. Merdle ehrten ſie mit Freuden. Die Geſellſchaft wußte von Mr. und Mrs. Merdle. Die Geſellſchaft hatte geſagt:„Erlauben wir ihnen, für uns zu exiſtiren; kennen wir ſie.“ Mr. Merdle war unermeßlich reich, ein Mann von un⸗ 9* 132 Einundzwanzigſtes Kapitel. geheurem Unternehmungsgeiſt, ein Midas ohne die Ohren, welcher alles, was er anrührte, in Gold verwandelte. Er war in allen Dingen gut, von Bankgeſchäften bis zu Bau⸗ geſchäften. Er ſaß natürlich im Parlament. Er war noth⸗ wendig Mitglied des Stadtraths. Er war Vorſitzender hier, Bevollmächtigter da, Vorſteher wieder wo anders. Der wichtigſte Mann im Staate hatte zu Leuten, die ihm einen Plan vorlegten, geſagt:„Na, was habt Ihr für ei⸗ nen Namen dazu? Habt Ihr Merdle?“ Und da die Ant⸗ wort eine verneinende war, hatte er geſagt:„dann mag ich nichts von Euch wiſſen.“ Dieſer große und glückliche Mann hatte jenen mächtigen Buſen, der ſo viel Raum erforderte, um fühllos genug da⸗ rin zu ſein, vor etwa fünfzehn Jahren mit einem Neſte von Karmoiſin und Gold verſehen. Es war kein Buſen, um darauf zu ruhen, aber es war ein prächtiger Buſen, um Juwelen daran zu hängen. Mr. Merdle bedurfte etwas, um Juwelen daran zu hängen, und ſo kaufte er ihn zu dem Zwecke. Storr und Mortimer hätten in derſelben Abſicht heirathen können. u Wie alle ſeine andern Speculationen war auch dieſe tüchtig und erfolgreich. Die Juwelen zeigten ſich im vor⸗ theilhaftaſten Lichte. Der Buſen lenkte, wenn er ſich mit dei auf ihit ausgeſtellten Juwelen in der Geſellſchaft be⸗ wogte/ dis jallgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Der Billi⸗ gung der Geſellſchaft ſicher, wat Mr. Merdle zufrieden. Er war der uninckreſſirteſte Manmvonndey⸗Welt— that Alles 0 G Mr. Merdle's Uebel. 2 133 für die Geſellſchaft und gewann mit allem ſeinem Gewinne und allen ſeinen Sorgen ſo Wenig für ſich ſelbſt als man nur kann. Das heißt, man darf vermuthen, daß er Alles gewann, was er wünſchte, ſonſt würde er es mit ſeinem unbegrenzten Reichthum ſich verſchafft haben. Aber ſein Wunſch war bis auf's Aeußerſte, die Geſellſchaft zu befriedigen(was ſie auch ſein mochte) und alle die Wechſel, die ſie auf ihn zog, als Tribut einzutragen. Er glänzte nicht in Geſellſchaft, er hatte nicht ſehr viel für ſich zu ſagen, er war ein zurückhal⸗ tender Mann mit einem breiten, vorn überhangenden wach⸗ ſamen Kopfe, jener eigenthümlichen Art dunkelrother Farbe auf ſeinen Wangen, die eher das Alter als Jugendfriſche anzeigt und einem etwas unbehaglichen Ausdruck um ſeine Rockaufſchläge, als ob ſie in ſein Vertrauen gezogen wären und Urſache hätten, eifrig ſeine Hände zu verbergen. In dem Wenigen, was er ſagte, war er ein recht angenehmer Mann, einfach und höchſt gewiſſenhaft in Bezug auf öffent⸗ liches oder Privatvertrauen und hielt mit zäher Strenge darauf, daß der Geſellſchaft von Allen in allen Din⸗ gen die größte Ehrerbietung erwieſen wurde. In dieſer ſel⸗ ben Geſellſchaft(wofern die es war, die zu ſeinen Diners und zu Mrs. Merdle's Abendgeſellſchaften und Concerten kam) ſchien er ſich kaum ſehr wohl zu befinden und war⸗ meiſt hinter Wänden und Thüren anzutreffen. Ebenſo wenn er zu ihr ausging, ſtatt daß ſie zu ihm kam, ſchien er ein wenig ermüdet und im Allgemeinen vielmehr zum Schlafen⸗ 134 Einundzwanzigſtes Kapitel. gehen aufgelegt; aber trotzdem cultivirte er ſie ſtets, be⸗ wegte ſich ſtets in ihr und gab mit der größten Freigebigkeit Geld für ſie aus. Mrs. Merdle's erſter Gemahl war ein Oberſt geweſen, unter deſſen Auſpicien der Buſen ſich in einen Wettſtreit mit den Schneemaſſen Nordamerika's eingelaſſen hatte, wo⸗ bei er im Punkte der Weiße nur wenig, im Punkte der Kälte gar nicht nachgeſtanden hatte. Der Sohn des Ober⸗ ſten war Mrs. Merdle's einziges Kind. Er war ein Menſch mit ewig kicherndem Geſichte, hochſchultrig und im Allge⸗ meinen von einem Aeußern, als ob er nicht ſo ſehr ein jun⸗ ger Mann, als ein aufgeſchoſſener Junge wäre. Er hatte ſo wenig Zeichen von Verſtand gezeigt, daß unter ſeinen Bekannten der Scherz herumging, ihm ſei bei einem ge⸗ waltigen Froſt, der zu St. Johns in Neubraunſchweig zur Zeit ſeiner Geburt daſelbſt geherrſcht habe, das Gehirn er⸗ froren und bis dieſe Stunde noch nicht wieder aufgethaut. Ein anderer Witz behauptete von ihm, er ſei in ſeinen Kin⸗ derjahren in Folge der Nachläſſigkeit ſeiner Wärterin aus einem hohen Fenſter auf den Kopfgefallen, welchen urtheils⸗ fähige Zeugen zerbrechen gehört hätten. Es iſt wahrſchein⸗ lich, daß dieſe beiden Behauptungen ſpäteren Urſprungs wa⸗ ren; der junge Herr nämlich(deſſen ausdrucksvoller Name Sparkler war) hatte die Monomanie, daß er allerlei jungen. Damen, die Niemand für wünſchenswerth hielt, die Heirath anbot und von jeder der jungen Damen, denen er nach⸗ einander einen Heirathsantrag machte, bemerkte, daß ſie Mr. Merdle's Uebel. 135 „ein verteufelt hübſches Mädel— dazu von guter Erziehung — und ohne verdammten Unſinn um ſich“ wäre. Ein Stiefſohn mit dieſen beſchränkten Eigenſchaften würde für andere Leute eine Laſt geweſen ſein. Aber Merdle wollte keinen Stiefſohn für ſich, er wollte einen Stiefſohn für die Geſellſchaft haben. Mr. Sparkler hatte bei der Garde geſtanden, und da er die Gewohnheit hatte, alle Wettrennen, alle Müſſiggängerelubs und alle Geſellſchaften zu beſuchen und wohlbekannt war, ſo war die Geſellſchaft mit ſeinem Stiefſohn zufrieden. Zu dieſem glücklichen Er⸗ gebniß würde Mr. Merdle in befriedigender Weiſe gekom⸗ men zu ſein geglaubt haben, auch wenn Mr. Sparkler ein noch koſtſpieligerer Artikel geweſen wäre. Und er hatte Mr. Sparkler auch, wie die Sache ſtand, durchaus um keinen billigen Preis für die Geſellſchaft. Es wurde in der Wohnung in Harley Street ein Mit⸗ tagseſſen gegeben, während Klein Dorrit in der Stube ihres Vaters neue Hemden nähte, und es gab dort Magna⸗ ten vom Hofe und Magnaten von der City, Magnaten vom Unterhauſe und Magnaten vom Oberhauſe, Magnaten von der Richterbank und Magnaten vom Advocatenſtande, Ma⸗ gnaten vom Biſchofsſtuhle, Magnaten aus dem Schatzamte, Magnaten von der reitenden Leibgarde, Admiralitätsma⸗ gnaten— alle die Magnaten, die uns gehen machen und uns bisweilen ein Bein ſtellen. „Da höre ich,“ ſagte der biſchöfliche Magnat zu dem von der Reitergarde,„daß Mr. Merdle wieder einen unge⸗ 136 Einundzwanzigſtes Kapitel. heuren Schlag gemacht hat. Man ſagt, hunderttauſend Pfund.“ Der von der Reitergarde hatte zweimalhunderttauſend gehört. Der vom Schatzamte dreimalhunderttauſend. Der Magnat vom Advocatenſtande ſah, indem er ſein gewinnendes doppeltes Augenglas hin⸗ und herdrehte, kei⸗ neswegs klar in der Sache, neigte ſich indeß zu der Mei⸗ nung, es möchten vierhunderttauſend ſein. Es wäre einer jener glücklichen Griffe der Berechnung und Zuſammenſtel⸗ lung, deren Ergebniß ſich ſchwer abſchätzen ließe. Es wäre eines jener Beiſpiele eines umfaſſenden Begriffsvermögens, vereint mit gewohntem Glück und charakteriſtiſcher Kühn⸗ heit, von welchen ein Menſchenalter uns nur wenige vor⸗ führte. Aber da wäre College Bellows, welcher bei der großen Bankſache betheiligt geweſen ſei, und der vermuth⸗ lich mehr davon zu erzählen wüßte. Auf wie hoch veran⸗ ſchlagte wol College Bellows dieſen neuen Erfolg? College Bellows war auf dem Wege, dem Buſen ſeine Verbeugung zu machen und konnte ihnen blos im Vorüber⸗ gehen ſagen, daß er in einer Weiſe, die ſehr viel für ſich gehabt, davon habe ſprechen hören, daß alles zuſammenge⸗ nommen die Sache ihre halbe Million werth ſein müſſe. Der Magnat von der Admiralität ſagte, Mr. Merdle ſei ein wunderbarer Mann. Der von der Schatzkammer agte, er ſei eine neue Macht im Lande und würde im Stande ſein, das ganze Unterhaus aufzukaufen. Der bi⸗ — G Mr. Merdle's Uebel. 137 ſchöfliche Magnat ſagte, er freue ſich, denken zu können, daß dieſer Reichthum in die Truhen eines Herrn flöſſe, welcher ſtets geneigt geweſen ſei, die beſten Intereſſen der Geſell⸗ ſchaft wahrzunehmen. Mr. Merdle ſelbſt kam gewöhnlich ſpät bei ſolhen Ge⸗ legenheiten als ein Mann, der noch immer in den Klauen rieſiger Unternehmungen zurückgehalten wird, wenn andre Leute ſchon ihre Zwerge für den Tag abgeſchüttelt haben. Bei dieſer Gelegenheit war er der, welcher zuletzt eintraf. Der Schatzkammermagnat ſagte, Mr. Merdle's Arbeit ſtrafte ihn ein wenig. Der biſchöfliche ſagte, er freue ſich, denken zu können, daß dieſer Reichthum in die Truhen eines Herrn flöſe, der ihn in Demuth annähme. Puder! Es war ſo viel Puder bei der Aufwartung, daß es dem Eſſen ſeinen Geſchmack mittheilte. Puderſtaub fiel in die Gerichte, und die Braten, welche die Geſellſchaft verzehrte, würzten ſich mit dem Geſchmack von Bedienten erſter Claſſe. Mr. Merdle führte eine Gräfin zu Tiſche, welche irgendwie in dem Gehäuſe eines ungeheuren Kleides eingeſchloſſen war, zu dem ſie in einem Verhältniſſe ſtand, wie das Herzchen eines Krautkopfs zu den übergewachſenen Blättern. Wenn ein ſo gemeines Gleichniß erlaubt iſt, ſo ging das Kleid die Treppe hinab wie ein reich brocadirter Hans im Laub*), und Niemand wußte, was für ein kleines Perlönchen darin ſteckte. 2*) Im Original„Jack in the Green“. Der Verfaſſer ſpielt damit auf die Sitte der londoner Schornſteinfeger an, alljährlich am 138 Einundzwanzigſtes Kapitel. Die Geſellſchaft hatte bei Tiſche alles was ſie wünſchen und nicht wünſchen konnte. Sie hatte alles Mögliche für die Augen, alles Mögliche zu eſſen, alles Mögliche zu trinken. Es iſt zu hoffen, daß ſie ſich damit vergnügte; denn Mr. Merdle's eigner Antheil an dem Mahle wäre mit anderthalb Schillingen bezahlt geweſen. Mrs. Merdle war prachtvoll. Der Chef der Dienerſchaft war das nächſte Prachtſtück, wo⸗ mit der Tag gefeiert wurde. Er war der ſtattlichſte Mann in der Geſellſchaft. Er that nichts, als daß er zuſah, wie wenige andere Menſchen zugeſehen haben könnten. Er war Mr. Merdle's letztes Geſchenk an die Geſellſchaft. Mr. Merdle brauchte ihn nicht und er wurde verlegen, wenn das große Geſchöpf ihn anblickte, aber die unerbittliche Geſellſchaft wollte ihn haben— und hatte ihn bekommen. Die unſichtbare Gräfin trug ihre Laubhülle in dem ge⸗ wöhnlichen Stadium des Gaſtmahls hinaus, und die Reihe von Schönheiten, welche ihr folgten, wurde durch den Buſen geſchloſſen. Der Schatzkammermagnat ſagte, Juno. Der Biſchöfliche ſagte, Judith. Der Magnat vom Advocatenſtande begann eine Erörte⸗ rung mit dem Reitergarden⸗Magnaten über Kriegsgerichte. College Bellows und der Magnat von der Richterbank miſch⸗ ten ſich hinein. Andere Magnaten traten paarweiſe zuſam⸗ 1. Mai einen Kameraden unter ein zuckerhutförmiges Laubgeflecht zu ſtecken, welches nur die Beine von den Knien an ſehen läßt, und mit ihm durch die Straßen zu tanzen, wobei man Geldſpenden ſam⸗ melt. Aehnlich der„grüne Mann“ und der, Lattigkönig“ in Thü⸗ ringen. Mr. Merdle's Uebel. 139 men. Mr. Merdle ſaß ſchweigend da und ſah das Tafeltuch an. Bisweilen redete ein Magnat ihn an, um den Strom ſeiner eignen beſondern Unterhaltung auf ihn zu lenken; allein Mr. Merdle ſchenkte demſelben nicht viel Aufmerkſamkeit oder that nicht mehr, als daß er ſich von ſeinen Berechnungen losriß und den Wein weiter gehen ließ. Als ſie ſich erhoben, hatten ſo viele von den Magnaten etwas nur ſie Betreffendes zu Mr. Merdle zu ſagen, daß er am Schenktiſche kleine Audienzen gab und ſie, als ſie zur Thür hinaus gingen, zurückhielt. Der Magnat aus der Schatzkammer ſprach die Hoffnung aus, daß er es wagen dürfte, einem von Englands berühm⸗ ten Kapitaliſten und Kaufmannsfürſten(er hatte dieſe ur⸗ ſprüngliche Redensart ein paar Mal im Hauſe gebraucht und ſie war ihm geläufig geworden) zu einem neuen Erfolge Glück zu wünſchen. Die Triumphe ſolcher Männer auszudehnen, hieße die Triumphe und Hülfsquellen der Nation ausdehnen, und es würde ihm, dem Magnaten von der Schatzkammer— wie er Mr. Merdle zu verſtehen gab— bei der Sache pa⸗ triotiſch zu Muthe. „Ich danke Ihnen, Mylord,“ ſagte Mr. Merdle,„ich danke Ihnen. Ich nehme Ihre Glückwünſche mit Stolz an und freue mich, daß Sie die Sache billigen.“ „Je nun, ich billige ſie nicht ohne Vorbehalt, mein lieber Mr. Merdle. Weil,“ der lächelnde Schatzkammer⸗Magnat drehte ihn am Arme nach dem Schenktiſche und ſprach ſcher⸗ 140 Einundzwanzigſtes Kapitel. zend,„es ſich bei Ihnen nie der Mühe verlohnen kann, unter uns zu kommen und uns zu helfen.“ Mr. Merdle fühlte ſich geehrt durch den— „Nein, nein,“ ſagte der Magnat von der Schatzkammer, „das iſt nicht das Licht, in welchem Jemand, der ſo hervor⸗ ragt durch praktiſche Kenntniß und große Vorausſicht, die Sache betrachten darf. Sollten wir je durch ein glückliches Geſchick in den Stand geſetzt werden, zufällig die Umſtände ſo zu beherrſchen, daß wir einem ſo eminenten Geiſte den Vorſchlag machen dürften, zu— zu uns zu kommen und uns das Gewicht ſeines Einfluſſes, ſeines Wiſſens und ſeines Rufes zu geben, ſo könnten wir es ihm lediglich als eine Pflicht vorſchlagen. In der That als eine Pflicht, die er der Geſellſchaft ſchuldet.“ Mr. Merdle drückte ſich in einer Weiſe aus, welche die Geſellſchaft als ſeinen Augapfel und ihre Anſprüche als die wichtigſten unter allen andern Rückſichten erſcheinen ließ. Der Magnat der Schatzkammer ſchritt weiter und der Magnat vom Advocatenſtande trat herzu. Der advocatoriſche Magnat ſprach mit der kleinen ein⸗ ſchmeichelnden Verbeugung, die er den Geſchworenen zu machen pflegte, und indem er ſein gewinnendes doppeltes Augenglas drehte, die Hoffnung aus, Entſchuldigung zu finden, wenn er gegen einen der Größten unter Denen, welche die Wurzel alles Uebels in die Wurzel alles Goldes verwandelten, gegen einen Mann, der ſeit langer Zeit einen ſtrahlenden Glanz auf die Jahrbücher ſelbſt dieſes Handelslandes geworfen, wenn Mr. Merdle's Uebel. 141 er gegen dieſen unintereſſirt und als das,„was wir Advo⸗ caten in unſrer pedantiſchen Weiſe amicus curiae nennen,“ einer Thatſache erwähne, die ihm zufällig bekannt geworden ſei. Man habe von ihm verlangt, er ſolle den Lehnbrief eines ſehr beträchtlichen Gutes in einer der öſtlichen Grafſchaften durch⸗ ſehen— das Gut läge eigentlich; denn Mr. Merdle wüßte, daß„wir Advocaten es gern genau nähmen,“ an den Gren⸗ zen von zwei öſtlichen Grafſchaften. Nun wäre der Lehnbrief vollkommen in der Ordnung und das Gut wäre für Jemand, dem das nöthige— Geld zu Gebote ſtünde(Geſchwornen⸗ gerichts⸗Bückling und Griff nach dem gewinnenden Augen⸗ glas) zu merkwürdig vortheilhaften Bedingungen zu kaufen. Dies wäre ihm erſt an dieſem Tage bekannt geworden und es wäre ihm eingefallen„Du wirſt heute die Ehre haben, mit Deinem verehrten Freunde Mr. Merdle zu Abend zu ſpei⸗ ſen und da ſollteſt Du ihm von der Gelegenheit im Vertrauen Mittheilung machen.“ Ein ſolcher Kauf würde nicht nur großen geſetzmäßigen politiſchen Einfluß in ſich ſchließen, ſondern auch ein halb Dutzend Präſentationen kirchlicher Stellen von beträchtlichem jährlichen Werthe. Nun wiſſe er wol, daß Mr. Merdle nicht in Verlegenheit ſei, Mittel zur Anlegung ſelbſt eines Kapitals wie das ſeine und zu voller Beſchäftigung ſelbſt eines ſo thatkräftigen und lebhaften Geiſtes wie der ſeine zu entdecken, aber er wollte ſich doch die Bemerkung geſtatten, daß in ſeiner Seele die Frage auf⸗ geſtiegen ſei, ob Jemand, der verdientermaßen eine ſo ho⸗ he Stellung und einen ſolchen europäiſchen Ruf gewonnen 142 Einundzwanzigſtes Kapitel. hätte, es nicht, er wolle nicht ſagen, ſich ſelbſt, wol aber der Geſellſchaft ſchuldig wäre, ſich in den Beſitz eines ſolchen Einfluſſes zu ſetzen und ihn, er wolle nicht ſagen zu Gunſten ſeiner ſelbſt oder ſeiner Partei, wol aber zu Gunſten der Geſellſchaft auszuüben. Mr. Merdle ſprach ſeine völlige Hingebung an dieſen Gegenſtand ſeiner ſteten Rückſichtnahme aus, und der advoca⸗ toriſche Magnat trug ſein gewinnendes Augenglas die große Treppe hinauf. Dann kam der biſchöfliche Magnat abſichts⸗ los in der Richtung des Schenktiſches herangeglitten. Sicherlich könnten die Güter dieſer Welt, bemerkte der Biſchof ganz zufällig, kaum in beſſere Kanäle gelenkt werden, als wenn ſie ſich unter der magiſchen Berührung der Klugen und Weiſen ſammelten, die, indem ſie den rechten Werth von Reichthümern kännten(der Biſchof verſuchte hier die Miene anzunehmen, als ob er ſelbſt eher arm als reich wäre) ſich der Wichtigkeit bewußt wären, welche ſie, verſtändig verwaltet und gerecht vertheilt, für die Wohlfahrt unſrer Brüder im Allgemeinen hätten. Mr. Merdle ſprach mit Demuth die Ueberzeugung aus, daß der Herr Biſchof nicht ihn meinen könne, und ſprach da⸗ mit nicht in Uebereinſtimmung ſeine hohe Befriedigung über die gute Meinung des Herrn Biſchofs aus. Der biſchöfliche Magnat trug dann— indem er munter mit ſeinem wohlgebildeten rechten Beine einen Schritt vor⸗ trat, als wollte er ſagen:„Kümmere Dich nicht um den Prie⸗ Mr. Merdle's Uebel. 143 ſterrock, eine bloße Form!“— ſeinem guten Freunde ſein Anliegen vor. Ob ſein guter Freund wol ſchon daran gedacht habe, daß die Geſellſchaft nicht ohne Grund erwarten könne, daß Jemand, der in ſeinen Unternehmungen ſo geſegnet und deſſen Beiſpiel in ſeiner Stellung ſo einflußreich auf ſie ſei, etwas Geld in Betreff einer Miſſion nach Afrika oder ſo etwas aus⸗ zugeben beabſichtige? Als Mr. Merdle andeutete, daß er der Idee ſeine regſte Aufmerkſamkeit zuwenden werde, trug der biſchöfliche Magnat ein anderes Anliegen vor: Ob ſein guter Freund ſich wol ſchon für die Fortſchritte unſeres Vereinigten Ausſchuſſes für Fundirung neu zu errich⸗ tender Kirchendienerſtellen einigermaßen intereſſirt hätte und ob er ſchon daran gedacht hätte, daß etwas Geld zu dieſem Be⸗ hufe ausgegeben die endliche Ausführung eines großen Ge⸗ dankens ermöglichen würde? Mr. Merdle gab eine ähnliche Antwort, und der Herr Biſchof ſetzte ihm den Grund auseinander, aus dem er ſich erkundigt hätte.. Die Geſellſchaft erwarte von ſolchen Leuten wie ſein guter Freund, daß ſie ſolche Dinge thun würden. Es wäre nicht, weil er es erwarte, aber weil es die Geſellſchaft erwarte; ganz ſo wie es nicht„unſer Ausſchuß wäre, welcher die Ver⸗ mehrung fundirter Kirchenſtellen wünſche, ſondern die Geſell⸗ ſchaft, die ihnen mit dem ſehnlichſten Verlangen entgegenſähe. Er bat ſeinen guten Freund verſichert zu ſein, daß er außer⸗ 144 Einundzwanzigſtes Kapitel. ordentlich gut wiſſe, wie ſein guter Freund bei allen Gelegen⸗ heiten für die Intereſſen der Geſellſchaft ein Herz gehabt habe, und er glaube, daß er zugleich dieſe Intereſſen im Auge habe und das Gefühl der Geſellſchaft ausdrücke, wenn er ihm Fortdauer ſeines Glücks, Fortdauer des Wachſens ſeiner Reich⸗ thümer und Fortdauer aller andern Dinge wünſche. Der Herr Biſchof begab ſich nun die Treppe hinauf, und die andern Magnaten verliefen ſich allmälig hinter ihm her, bis Niemand mehr unten zurückgeblieben war, als Mr. Merdle. Dieſer Herr ging, nachdem er ſo lange auf das Tafeltuch ge⸗ ſtarrt, bis die Seele des Oberhaushofmeiſters von edler Ent⸗ rüſtung glühte, langſam hinter den Uebrigen hinauf und blieb in dem Menſchenſtrome auf der großen Treppe ganz unbemerkt. b Mrs. Merdle war in ihrem Element, die beſten Juwelen wa⸗ ren zur Betrachtung ausgehangen, die Geſellſchaft bekam das, weshalb ſie gekommen, Mr. Merdle trank für zwei Pence Thee in einem Winkel und hatte daran mehr als er brauchte. Unter den Magnaten des Abends war ein berühmter Arzt, der alle Welt kannte und von aller Welt gekannt war. Als er in die Thür trat, ſtieß er auf Mr. Merdle, der ſeinen Thee in einem Winkel trank, und berührte ſeinen Arm. Mr. Merdle fuhr zuſammen.„Oh! Sind Sie es?“ „Etwas beſſer heute?“ 1 „Nein,“ ſagte Mr. Merdle.„Ich fühle mich nicht beſſer.“ „Schade, daß ich Sie heute Morgen nicht ſah. Bitte kommen Sie doch morgen zu mir, oder ich will zu Ihnen kommen.“ Mr. Merdle's Uebel. 145 „Gut!“ erwiderte er.„Ich will morgen, wenn ich vorbei⸗ fahre, kommen.“ Der advocatoriſche und der biſchöfliche Magnat hatten dieſem kurzen Zwiegeſpräch beigewohnt und als Mr. Merdle von dem Gedränge fortgeſchoben wurde, machten ſie ihre Be⸗ merkungen über daſſelbe gegen den Arzt. Der Advocat ſagte, daß es einen gewiſſen Punkt geiſtiger Anſpannung gäbe, über den Niemand hinausgehen könnte, daß dieſer Punkt ſich nach den verſchiedenen Gehirnbildungen und Eigenthümlichkeiten der Leibesbeſchaffenheit verſchieden ſtellte, wie er an mehreren ſeiner gelehrten Collegen zu bemerken Gelegenheit gehabt; würde aber der Punkt, bis zu dem die Natur aushielte, um die Breite einer Linie überſchritten, ſo folgten Abſpannung und Störung der Verdauung. Er wolle nicht in die geheiligten Geheimniſſe der Medicin eindringen, aber er glaube jetzt(dies ſagte er mit dem Geſchwornengerichts⸗Bückling und einem Griff nach dem gewinnenden Augenglas), daß dies mit Merdle der Fall ſei. Der Biſchof ſagte, daß er, als er jung geweſen und damals auf nur kurze Zeit in die Gewohnheit verfallen ſei, ſeine Predigt am Sonnabend niederzuſchreiben, eine Gewohn⸗ heit, welche alle jungen Söhne der Kirche eifrig vermeiden ſoll⸗ ten, häufig eine Abſpannung gefühlt habe, die vermuthlich von zu großer geiſtiger Anſtrengung entſtanden ſei, und auf welche das Dotter eines friſch gelegten Eies, von der guten Frau, in deren Hauſe er damals gewohnt, mit einem Glaſe guten Sherrys, Muskatnuß und geſtoßenem Zucker zubereitet wie ein Zaubermittel gewirkt habe. Ohne ſich anzumaßen ein ſo ein⸗ Klein Dorrit. III. 10 Einundzwanzigſtes Kapitel. faches Mittel der Beachtung eines ſo tiefgelehrten Kenners der großen Heilkunſt zu empfehlen, wollte er ſich doch die Frage erlauben, ob die durch ſchwierige Berechnungen geſtörte Har⸗ monie, ob die Stimmung des Gemüths nicht(um in populärer Weiſe zu ſprechen) durch ein mildes und doch zugleich kräf⸗ tiges Reizmittel zu ihrem rechten Tone zurückzubringen ſei. „Ja,“ ſagte der Arzt.„Sie haben Beide Recht. Aber ich darf Ihnen zugleich ſagen, wie ich nicht finden kann, daß Mr. Merdle überhaupt etwas fehlt. Er hat die Leibesbeſchaffen⸗ heit eines Rhinoceros, die Verdauung eines Straußen und die Concentration einer Auſter. Was die Nerven betrifft, ſo iſt Mr. Merdle von kühlem Temperament und kein reizbarer Mann, iſt ungefähr ſo unverwundbar, möchte ich ſagen, wie Achil⸗ les. Wie ſolch ein Mann ſich ohne Grund für unwohl halten ſollte, mögen Sie als ſeltſam betrachten. Aber ich habe nichts Unrechtes an ihm finden können. Möglich, daß er ein tief⸗ ſitzendes verborgenes Uebel hat. Ich kann es nicht ſagen. Ich ſage nur, daß ich es bis jetzt noch nicht herausgefunden habe.“ Es war kein Schatten von Mr. Merdle's Uebel auf dem Buſen, der jetzt mit vielen ähnlichen ſtolzen Juwelenkiſſen um die Wette koſtbarer Steine funkeln ließ; es war kein Schatten von Mr. Merdle's Uebel auf dem jungen Sparkler, der in den Zimmern umherſchwebte und in ſeiner Monomanie nach einer hinreichend unwählbaren jungen Dame ſuchte, die keinen Un⸗ ſinn an ſich hätte; es war kein Schatten von Mr. Merdle's Uebel auf dem Barnacles und Stiltſtalkings, von denen ganze Colonien zugegen waren, oder auf irgend Jemand von der — —˖—ʒ—:—2ʒÿʒ;ά—ͦů—X⏑—-— ——ÿ—ᷣ 4 j— 2— Eine Räthſelfrage. 147 Geſellſchaft. Sogar auf ihm ſelbſt war ſein Schatten kaum ſichtbar, als er durch das Gedränge ging und Huldigungen empfing. Mr. Merdle's Uebel. Die Geſellſchaft und er hatten in allen andern Dingen ſo viel mit einander zu thun, daß man ſich kaum denken kann, ſein Uebel, wenn er eins hatte, ſei einzig und allein ſeine Sache gebbeſen. Hatte er jenes tief⸗ ſitzende, verborgene Uebel und fand es irgend ein Doctor aus? Geduld. Inzwiſchen hatte der Schatten des Marſhalſea⸗ Gefängniſſes einen wirklich verdunkelnden Einfluß und konnte auf der Familie Dorrit in jedem Stadium des Laufs der Sonne geſehen werden. Smweinndzmanzigstes Kapitel. Eine Räthſelſrage. Mr. Clennam ſtieg in der Gunſt des Vaters des Marſhal⸗ ſea nicht in dem Verhältniß, in dem ſeine Beſuche ſich mehrten. Seine Schwerhörigkeit in Betreff der großen Frage der klingenden Achtungsbeweiſe war nicht darnach angethan, in der väterlichen Bruſt Bewunderung zu erregen, ſondern hatte vielmehr Ausſicht, an jener zartfühlenden Stelle Anſtoß zu er⸗ regen und als ein entſchiedener Mangel im Punkte anſtändiger Denkungsart betrachtet zu werden. Ein Gefühl der Enttäu⸗ 10* 148 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. ſchung, hervorgerufen durch die Entdeckung, daß Mr. Clennam kaum jenes Zartgefühl beſäße, welches er ihm mit dem ihm angeborenen Vertrauen zuzuſchreiben geneigt geweſen, begann das Gemüth des Vaters in Betreff dieſes Herrn zu umdüſtern. Der Vater ging ſo weit, daß er in ſeinem innern Familien⸗ kreiſe ſagte, er fürchte, Mr. Clennam ſei nicht ein Mann von hohem Streben. Er freue ſich, bemerkte er, in ſeiner öffent⸗ lichen Eigenſchaft als Führer und Vertreter des Collegs, Mr. Clennam zu empfangen, wenn er verſpräche, ihm ſeine Achtung zu bezeigen, aber er fände nicht, daß er perſönlich mit ihm weiter käme. Es ſcheine ihm etwas, er wüßte nicht was, zu mangeln. Wie dem aber auch war, der Vater verfehlte nicht, ihm äußerlich alle mögliche Höflichkeit zu beweiſen, ja er ehrte ihn ſogar mit vieler Aufmerkſamkeit, indem er viel⸗ leicht die Hoffnung hegte, daß es, obwol er kein Mann von hinreichend glänzender Freigebigkeit ſei, um ſeinen frühern Achtungsbeweis unaufgefordert zu wiederholen, doch vielleicht innerhalb der Grenzen ſeiner Natur liege, ſich als willfähriger Herr zu zeigen, wenn ihm ein dahin zielender Brief zuginge. In der dreifachen Eigenſchaft, als Herr von draußen, der in der Nacht ſeines erſten Erſcheinens eingeſchloſſen worden, als Herr von draußen, welcher ſich nach den Angelegenheiten des Vaters des Marſhalſea erkundigt und die ſtaunenswürdige Idee gehabt ihn zu befreien, und als der Herr von draußen, der für das Kind des Marſhalſea Theilnahme fühlte, wurde Clennam bald ein Beſuch von Auszeichnung. Er war nicht erſtaunt über die Aufmerkſamkeiten, die Mr. Chivery ihm be⸗ — — — Eine Räthſelfrage. 149 wies, wenn er den Schlüſſel führte; denn er machte geringen Unterſchied zwiſchen der Höflichkeit Mr. Chivery's und der von andern Schließern. Es war an einem beſonderen Nach⸗ mittage, wo Mr. Chivery ihn plötzlich überraſchte und in kühnem Relief aus der Reihe ſeiner Gefährten hervortrat. Mr. Chivery hatte durch eine ſchlaue Ausübung ſeiner Machtvollkommenheit, die Loge zu reinigen, es ſo einzurichten gewußt, daß er alle darin herumlungernden Collegen hinaus⸗ gebracht hatte, damit Clennam, wenn er aus dem Gefängniß käme, ihn allein auf ſeinem Poſten fände.. (Heimlich)„Bitte um Verzeihung Sir,“ ſagte Mr. Chi⸗ very leiſe,„aber welchen Weg werden ſie wol gehen?“ „Ich werde über die Brücke gehen.“ Er erblickte in Mr. Chivery mit einigem Staunen eine vollkommene Statue des Schweigens, indem er den Schlüſſel auf die Lippen haltend vor ihm ſtand. (Heimlich)„Ich bitte nochmals um Verzeihung,“ ſagte Mr. Chivery,„aber wäre es Ihnen wol möglich, den Um⸗ weg über Horſemonger Lane zu machen? Könnten Sie wol Zeit finden, bei dieſer Adreſſe einmal vorzuſprechen?“ Damit händigte er ihm eine kleine Karte ein, die zum Zwecke der Circulation unter den Kunden von Chivery und Co. Tabaks⸗ händlern, Importeuren von echten Havannaheigarren, Ben⸗ gal⸗Cheroots, und wohlriechenden Cubas, Händlern mit Mode⸗Schnupftabaken u. ſ. w. u. ſ. w. gedruckt war. (Heimlich)„Es iſt kein Tabaksgeſchäft,“ ſagte Mr. Chi⸗ very.„Die Sache iſt die,'s iſt meine Frau. Sie möchte 150 Ihnen gern was ſagen, Sir, über einen Punkt in Betreff— ja,“ ſagte Mr. Chivery, indem er den ahnenden Blick Clen⸗ nams mit einem Nicken beantwortete,„in Betreff ihrer.“ „Ich will es ſo einrichten, daß ich Ihre Frau ſogleich ſehe.“ „Danke Ihnen Sir. Sehr verbunden. Es iſt ein Um⸗ weg von nicht mehr als zehn Minuten. Bitte, fragen Sie nach Mrs. Chivery!“ Dieſe Anweiſungen rief ihm Mr. Chi⸗ very, der ihn bereits hinaus gelaſſen, vorſichtig durch einen kleinen Schieber in dem äußern Thore zu, welchen er von innen zurückziehen konnte, wenn er Luſt hatte, Beſucher in Augenſchein zu nehmen.. Arthur Clennam begab ſich mit der Karte in der Hand nach der Adreſſe, welche darauf angegeben war und kam bald daſelbſt an. Es war ein ſehr kleines Etabliſſement, in wel⸗ chem eine ſauber gekleidete Frau hinter dem Ladentiſche ſaß und nähte. Kleine Kruken mit Tabak, kleine Kiſten mit Cigarren, eine kleine Auswahl von Pfeifen, ein oder zwei kleine Behältniſſe mit Schnupftabak und ein kleines Inſtru⸗ ment wie ein Schuhanzieher, um ihn auszutheilen, machten den Vorrath des Kleinhandels aus. Arthur nannte ſeinen Namen und ſagte, daß er auf die Bitte Mr. Chiverys verſprochen habe einen Beſuch zu machen. Er glaube, wegen etwas in Betreff Miß Dorrits. Mrs. Chi⸗ very legte ſogleich ihre Arbeit hin, erhob ſich von ihrem Sitz hinter dem Ladentiſche und ſchüttelte wehmüthig ihren Kopf. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. —— ⸗-— Eine Räthſelfrage. 151 „Sie können ihn jetzt gleich ſehen,“ ſagte ſie,„wenn ſie die Herablaſſung haben wollen, hierdurchzugucken.“ Mit dieſen geheimnißvollen Worten ging ſie dem Be⸗ ſucher in ein kleines Zimmer hinter dem Laden voraus, aus welchem man durch ein kleines Fenſter einen ſehr kleinen dunkeln Hinterhof überſah. In dieſem Hofe verſuchten(aus Mangel an Luft vergeblich) etliche eben gewaſchene Betttücher und Tiſchtücher auf einigen Leinen trocken zu werden, und unter dieſen ſchlaff herabhängenden Gegenſtänden ſaß in einem Stuhle, gleich dem letzten Matroſen, der auf dem Deck eines feuchten Schiffs am Leben geblieben iſt, ohne die Kraft zum Aufſpannen der Segel zu haben, ein kleiner in Gram ver⸗ ſunkener junger Mann. „Unſer John,“ ſagte Mrs. Chivery. Um ſeine Theilnahme zu zeigen, fragte Clennam, was er wol da triebe. „Das iſt die einzige Veränderung, zu der er ſich bequemt,“ ſagte Mrs. Chivery, wieder den Kopf ſchüttelnd.„Er mag nicht ausgehen, nicht einmal in den Hinterhof, wenn keine Wäſche da hängt; aber wenn Wäſche dort iſt, welche die Augen der Nachbarn verhindert ihn zu ſehen, ſo pflegt er dort ſtundenlang zu ſitzen. Ja wol ſtundenlang. Sagt, es wäre ihm zu Muthe, als ob es ein Wäldchen wäre.“ Mrs. Chivery ſchüttelte abermals ihren Kopf, hielt in der Weiſe von Müttern ihre Schürze vor die Augen und führte ihren Beſuch in die Regionen des Geſchäfts zurück. „Nehmen Sie gefälligſt Platz, Sir,“ ſagte Mrs. Chivery. 152 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Miß Dorrit iſt's, was unſerm John fehlt, Sir; es bricht⸗ ihm das Herz um ſie, und ich wollte mir die Freiheit nehmen, zu fragen, wie es bei ſeinen Eltern wieder gut gemacht wer⸗ den kann, wenn es ihm bricht.“ Mrs. Chivery, die eine Frau von behaglichem Ausſehen und in Horſemonger Lane wegen ihrer gefühlvollen Art und Unterhaltung ſehr geachtet war, hielte dieſe Rede mit trotziger Faſſung und begann gleich darauf wieder den Kopf zu ſchüt⸗ teln und ſich die Augen zu trocknen. „Sir,“ ſagte ſie fortfahrend,„Sie ſind bekannt mit der Familie und haben ſich intereſſirt für die Familie und beſitzen Einfluß auf die Famile. Wenn Sie Ausſichten eröffnen kön⸗ nen, die darauf gehen, zwei junge Leute glücklich zu machen, ſo laſſen Sie mich Sie um unſres Johns willen und um Beider willen bitten, es zu thun.“ „Ich bin ſo gewohnt geweſen,“ erwiderte Arthur in Ver⸗ legenheit,„während der kurzen Zeit, die ich ſie kenne, Klein — ich bin ſo gewohnt geweſen, Miß Dorrit in einem durch⸗ aus andern Lichte zu betrachten, als in welchem Sie mir ſie darſtellen, daß Sie mich ganz überraſchen. Kennt ſie denn Ihren Sohn?“ „Zuſammen auferzogen, Sir,“ ſagte Mrs. Chivery. „Spielgenoſſen geweſen.“ „Kennt ſie Ihren Sohn als ihren Bewunderer?“ „O du lieber Himmel, Sir,“ ſagte Mrs. Chivery mit einer Art triumphirendem Zittern,„ſie hätte ihn des Sonn⸗ tags nie haben ſehen können ohne zu wiſſen, daß er das Eine Räthſelfrage. 153 wäre. Sein Spazierſtock allein würde es ihr lange ſchon ge⸗ ſagt haben, wenn nichts Anderes. Junge Leute wie John legen ſich mir nichts, Dir nichts keine Elfenbeinhände, die ſo zeigen, zu. Woher merkte ich's denn zuerſt? Auf ähnliche Weiſe.“ „Vielleicht merkt Miß Dorrit nicht ſo ſcharf auf wie Sie.“ „Nun dann weiß ſie es, Sir,“ ſagte Mrs. Chivery,„aus ſeinem Munde.“ „Sind Sie deß gewiß?“ „Sir,“ ſagte Mrs. Chivery,„ſo ſicher und gewiß als ich in dieſem Hauſe bin. Ich ſah meinen Sohn mit dieſen mei⸗ nen Augen ausgehen, als ich in dieſem Hauſe war, und ich ſah meinen Sohn wieder hereinkommen, als ich in dieſem Hauſe war, und ich weiß, daß er's gethan hat.“ Mrs. Chi⸗ very gewann aus der vorher mitgetheilten Darlegung und Wiederholung der Umſtände eine überraſchende Kraft der Be⸗ tonung. „Darf ich Sie fragen, wie es kam, daß er in den ver⸗ zweifelten Zuſtand verfiel, der Ihnen ſo viel Unruhe macht?“ „Das,“ ſagte Mrs. Chivery,„fand ſtatt an demſelben Tage, als ich dieſen John nach dieſem Hauſe mit dieſen mei⸗ nen Augen zurückkehren ſah. Nie wieder er ſelbſt geweſen in dieſem Hauſe ſeit da. War nie ſo etwas mit ihm, was ſeit⸗ dem mit ihm iſt, niemals von der Stunde an, wo vor ſieben Jahren ich und ſein Vater in dieſes Haus als Miethsleute aufs Vierteljahr zogen!“ Durch die eigenthümliche Gewalt, 154 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. die in ihrer Wortſtellung lag, wirkte die Rede der Mrs. Chi⸗ very wie eine beſchworene Zeugenausſage. „Darf ich fragen, was Ihre Verſion der Sache iſt?“ „Das dürfen Sie,“ ſagte Mrs. Chivery,„und ich will es Ihnen auf meine Ehre und mein Wort ſagen, ſo wahr ich in dieſem Laden hier ſtehe. Alle Welt iſt unſerm John gut und will ihm wohl. Er ſpielte mit ihr als Kind wie ſie als Kind in jenem Hofe ſpielte. Er iſt ſeitdem immer mit ihr bekannt geweſen. Er ging am Sonntag des Nachmittags aus, als er in dieſer Stube da zu Mittag gegeſſen, und traf ſie, ob auf Beſtellung oder ohne Beſtellung behaupte ich nicht ſagen zu können. Er machte ihr ſeinen Antrag. Ihr Bruder und ihre Schweſter betrachten ſich als etwas Vornehmes und ſind gegen unſern John. Ihr Vater denkt nur an ſich und mag ſie mit Niemand theilen. Unter dieſen Umſtänden hat ſie unſerm John geantwortet:„Nein, John, ich kann Deine Frau nicht werden, ich kann niemals Frau werden, ich beabſichtige mich gar nicht zu verheirathen, ich beabſichtige ſtets ein Opfer zu ſein, lebe wohl, ſuche Dir eine andere, die Deiner würdig iſt und vergiß mich.“ Das iſt die Art, in welcher ſie verdammt iſt, eine ewige Sclavin zu ſein, vor ihnen, die nicht werth ſind, daß ſie eine ewige Sclavin vor ihnen ſein ſollte. Das iſt die Art, in welcher unſer John dahin gekommen iſt, kein anderes Vergnügen zu finden, als unter der Wäſche den Schnupfen zu kriegen und in dieſem Hofe, wie ich Ihnen gezeigt habe, eine zuſammengebrochene Ruine zu ſein, die hinzugehen im Begriff iſt in ihre Muttererde!“ Hier — — — 4 Eine Räthſelfrage. 155 zeigte das gute Weib nach dem kleinen Fenſter, wo man ihren Sohn troſtlos in dem geſangloſen Wäldchen ſitzen ſehen konnte, und ſchüttelte abermals den Kopf und wiſchte ſich die Augen und bat ihn flehentlich, doch ja zum Beſten der beiden jungen Leute ſeinen Einfluß anzuwenden, um dieſe traurigen Ereigniſſe zu einem fröhlichen Ende zu bringen. Sie war ſo zuverſichtlich in der Auseinanderſetzung der Angelegenheit, und dieſelbe war ſo unläugbar auf richtige Vorausſetzungen begründet, ſo weit die Beziehungen Klein Dorrit's zu ihrer Familie in Betracht kamen, daß Clennam auf der andern Seite ſeiner Sache nicht gewiß war. Er war dahin gekommen, daß ihn an Klein Dorrit ein ſo ei⸗ genthümliches Intereſſe knüpfte— ein Intereſſe, welches, während es aus den gemeinen und rohen Dingen, die ſie umgaben, hervorwuchs, ſie über dieſelben erhob— daß er ſich unangenehm, faſt ſchmerzlich enttäuſcht fand, von ihr annehmen zu ſollen, daß ſie zu dem jungen Mr. Chivery im Hinterhofe oder irgend einer derartigen Perſon Liebe hegen könnte. Andererſeits warf er ſich ein, daß ſie ebenſo gut und ebenſo treu ſein würde, ob ſie ihn liebe oder nicht liebe, und daß es nur eine Schwäche ſeiner eignen Einbildung und eben keine freundſchaftliche ſein würde, wenn er ſie durch Trennung ihres Herzens von dem einzigen Menſchen, den ſie kannte, zu einer Art gezähmter Fee machen wollte. Dennoch ließen ſich ihr jugendliches und ätheriſches Aeußere, ihr ſchüchternes Weſen, der Zauber ihrer gefühlvollen Stimme und ihrer Augen, die vielfachen Beziehungen, in 156 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. welchen ſie ihn, abgeſehen von ihrer eignen Individualität, intereſſirt und der ſtarke Unterſchied zwiſchen ihr und ihrer Umgebung nicht mit dieſer ihm neu vorgelegten Idee ver⸗ einigen und waren entſchloſſen, ſich damit vereinigen zu laſſen. Er ſagte der würdigen Mrs. Chivery, nachdem er dieſe Dinge bei ſich überlegt hatte— er that dieß eigentlich ſchon als ſie noch ſprach— daß man ſich auf ihn verlaſſen könne, er werde zu allen Zeiten ſein Aeußerſtes thun, Miß Dorrit's Glück zu befördern und den Wünſchen ihres Herzens zur Erfüllung zu helfen, wenn es in ſeiner Macht ſtünde, es zu thun und wenn er entdecken könnte, welcher Art ſie wären. Zu gleicher Zeit warnte er ſie vor unberechtigten Annahmen nach dem bloßen Schein, legte ihr ſtrenges Schweigen und Geheimhalten auf, damit Miß Dorrit nicht unglücklich ge⸗ macht würde, und rieth ihr beſonders, den Verſuch zu ma⸗ chen, das Vertrauen ihres Sohnes zu gewinnen und auf dieſe Weiſe ganz ſicher zu werden, wie die Sache ſtünde. Mrs. Chivery betrachtete die letztere Vorſichtsmaßregel als überflüſſig, ſagte indeß, ſie wollte es verſuchen. Sie ſchüt⸗ telte den Kopf, als ob ihr nicht aller der Troſt geworden wäre, den ſie von dieſer Zuſammenkunft ſo zärtlich erwar⸗ tet hätte, dankte ihm aber nichtsdeſtoweniger für die Mühe, die er ſich freundlich gegeben. Sie ſchieden dann als gute Freunde und Arthur ging fort. Da das Gedränge der Straße das Gedränge in ſeiner Seele ſtörte und die beiden Arten von Gedränge in Verwir⸗ — Eine Räthſelfrage. 157 rung geriethen, ſo vermied er die London⸗Brücke und wandte ſich in die ruhigere Region der Eiſenbrücke. Er hatte kaum den Fuß darauf geſetzt, als er Klein Dorrit vor ſich hin⸗ wandeln ſah. Es war ein angenehmer Tag, ein leichter Wind wehte und ſie ſchien in dieſem Augenblicke erſt dort⸗ hin gekommen zu ſein, um Luft zu ſchöpfen. Er hatte ſie vor kaum einer Stunde verlaſſen. Es war eine gute Gelegenheit, die ſeinem Wunſche günſtig war, ihr Geſicht und Benehmen zu beobachten, wenn niemand Anders dabei war. Er beſchleunigte ſeinen Schritt, aber ehe er ſie erreichte, wendete ſie den Kopf. „Habe ich Sie erſchreckt?“ fragte er. „Mir kam der Tritt bekannt vor,“ antwortete ſie zö⸗ gernd. „Und kannten Sie ihn wirklich, Klein Dorrit? Sie konn⸗ ten meinen Schritt doch kaum erwartet haben?“ „Ich erwartete gar keinen. Aber als ich Schritte hörte, dachte ich, er— klänge wie der Ihrige.“ „Gehen Sie noch weiter?“ „Nein, Sir, ich gehe hier blos, um ein wenig Luft zu ſchöpfen.“ Sie gingen mit einander, und ſie gelangte wieder zu ih⸗ rer zutraulichen Weiſe gegen ihn und ſah ihn an, indem ſie, nachdem ſie ſich umgeſchaut, ſagte: „Es iſt ſo ſeltſam. Vielleicht können Sie es kaum be⸗ greifen. Mir iſt zuweilen zu Muthe, als ob es faſt gefühllos wäre, hier ſpazieren zu gehen.“ 158 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Gefühllos?“ „Den Fluß zu ſehen und ſo viel Himmel und ſo viele Gegenſtände und ſolch einen Wechſel, ſolch eine Bewegung. Dann wieder zurückzukehren, Sie wiſſen, wohin, und ihn an demſelben engbegrenzten Orte zu finden.“ „Ach ja! Aber indem Sie zurückkehren, müſſen Sie ſich erinnern, daß Sie den Geiſt und die Einwirkung ſolcher Dinge mit ſich nehmen, um ihn außzuheitern.“ „Thue ich das? Ich hoffe, daß ich's thue. Ich fühle, daß Sie ſich zu viel vorſtellen, Sir, und mir zuviel Macht zu⸗ ſchreiben. Wenn Sie im Gefängniß wären, könnte ich Ihnen ſo viel Troſt bringen?“ „Ja, Klein Dorrit. Ja wahrhaftig!“ „Er ſchloß aus einem Zittern ihrer Lippen und einem Schatten großer Gemühtsaufregung, der über ihr Geſicht ging, daß ihre Gedanken bei ihrem Vater ſeien. Er ſchwieg einige Augenblicke, damit ſie ihre Faſſung wiedererlangen möchte. Die kleine Dorrit, die bebend an ſeinem Arme hing, war weniger als je mit der Theorie der Mrs. Chivery zu vereinigen und war doch nicht unvereinbar mit einer neuen Vorſtellung, die in ihm ſich erhob, daß vielleicht ein anderer Jemand auf⸗ dämmere in der hoffnungsloſen— noch neuern Vorſtellung — in der hoffnungsloſen, unerreichbaren Ferne. Sie wendeten ſich um und Clennam ſagte, da käme Mag⸗ gy. Klein Dorrit blickte überraſcht auf, und ſie traten Maggy gegenüber, welche, als ſie ihrer gewahr wurde, ſtockſtill ſtand. Sie war ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt und emſig dahin getrabt, Eine Räthſelfrage. 159 daß ſie ſie nicht eher erkannt hatte, als bis ſie ſich nach ihr umkehrten. Sie war jetzt plötzlich ſo im Gewiſſen getroffen, Daß ſelbſt der Korb an der Veränderung theilnahm. „Maggy, Du verſprachſt mir ja beim Vater zu blei⸗ ben.“ „Das wollte ich auch, Mütterchen, aber er wollte nicht. Wenn es ihm einfällt, mich wegzuſchicken, ſo muß ich ge⸗ hen. Wenn es ihm einfällt, mir zu ſagen: Maggy, du läufſt raſch fort und zurück mit dieſem Briefe, und du ſollſt 'nen Sixpence haben, wenn die Antwort'ne gute iſt, ſo muß ich ihn nehmen. Lieber Gott, Mütterchen, was ſoll ſo'n armes Ding von zehn Jahren machen? Und wenn Mr. Tip— wenn er gerade'reinkommt wie ich'nausgehe— und wenn er ſagt: Wo willſt du hin, Maggy? und wenn ich ſage: Ich gehe da und dahin, und wenn er ſagt: Ich will's doch auch verſuchen, und wenn er in den Georg geht und'nen Brief ſchreibt und wenn er mir ihn gibt und ſagt: Nimm den auch nach derſelben Stelle mit, und wenn die Antwort eine gute iſt, ſo will ich Dir'nen Schilling ge⸗ ben, ſo iſt es nicht meine Schuld, Mutter.“ Arthur las in Klein Dorrit's niedergeſchlagenen Augen, daß ſie vorausſah, an wen die Briefe gerichtet waren. „Ich gehe da und dahin. Da! Da ſtehts, wo ich hin⸗ gehe,“ ſagte Maggy.„Ich gehe da und dahin. Du biſt's nicht, Mütterchen, die mit den Briefen was zu thun hat— wiſſen Sie, Sie ſind's,“ ſagte Maggy, ſich an Arthur wen⸗ dend.„Sie thäten am Beſten, wenn Sie mit mir da und Zweiundzwanzigſtes Kapitel. 160 dahin gingen, daß ich Ihnen die Briefe geben könnte.“ „Wir wollen's nicht ſo genau damit nehmen, Maggy. Gib mir ſie hier,“ ſagte Clennam mit leiſer Stimme. „Gut denn, kommen Sie mit über die Straße,“ ant⸗ wortete Maggy mit einem ſehr lauten Geflüſter.„Mütter⸗ chen ſollte nichts davon erfahren und ſie würde auch nichts nicht erfahren haben, wenn Sie nur da und dahin gegan⸗ gen wären, ſtatt ſich hier aufzuhalten und herumzutreiben. Es iſt nicht meine Schuld. Ich muß thun, was ſie mir hei⸗ ßen. Sie ſollten ſich vor ſich ſelber ſchämen, daß ſie mir ſo was heißen.“ Clennam ging auf die andere Seite hinüber und öffnete haſtig die Briefe. Der von dem Vater beſagte, daß er, ſich höchſt unerwartet in der ihm neuen Lage ſehend, daß eine Rimeſſe von der City, auf welche er zuverſichtlich gerechnet, ihm ausgeblieben ſei, die Feder ergreife, da er durch den un⸗ glücklichen Umſtand ſeiner Einkerkerung während dreiund⸗ zwanzig Jahren(dies doppelt unterſtrichen) verhindert ſei, ſelbſt zu kommen, was er ſonſt ſicherlich gethan haben würde — die Feder ergreife, um Mr. Clennam zu bitten, ihm auf den Schuldſchein, welchen er ſich beizuſchließen erlaube, die Summe von drei Pfund zehn Schilling vorzuſchießen. Der von dem Sohne ſagte, daß Mr. Clennam, wie er wiſſe, mit Befriedigung hören würde, daß er endlich eine dauernde Be⸗ ſchäftigung von höchſt zufriedenſtellender Natur erlangt habe, die alle Ausſicht auf den vollſtändigſten Erfolg im Leben ge⸗ währe, aber daß das zeitweilige Vermögen ſeines Prinzipals Eine Räthſelfrage. 161 ihm die Rückſtände ſeines Gehaltes bis zu dieſem Datum auszuzahlen(eine Lage, in welcher beſagter Principal ſich an jene großmüthige Nachſicht gewendet hätte, die ihm, wie er zuverſichtlich hoffe, nie gegen ſeine Mitmenſchen mangeln würde) verbunden mit dem betrügeriſchen Benehmen eines falſchen Freundes und dem gegenwärtigen hohen Preiſe der Lebensmittel ihn an den Rand des Verderbens gebracht hätte, wofern er nicht vor dreiviertel auf ſechs Uhr dieſen Abend die Summe von acht Pfund zuſammenbringen könne. Dieſe Summe hätte er, wie Mr. Clennam ſich freuen würde zu hö⸗ ren, durch die Bereitwilligkeit verſchiedener Freunde, die ein feſtes Vertrauen auf ſeine Redlichkeit hegten, bereits zuſam⸗ mengebracht, mit Ausnahme einer Kleinigkeit von einem Pfund ſiebzehn Schilling und vier Pence, und ein Darlehen im Betrag dieſer Kleinigkeit auf einen Monat würde reich be⸗ lohnt werden durch die gewöhnlichen wohlthätigen Folgen. Dieſe Briefe beantwortete Clennam mit Hülfe ſeines Bleiſtiftes und Taſchenbuches auf der Stelle. Dem Vater ſchickte er das, was er ſich erbeten, und gegen den Sohn ent⸗ ſchuldigte er ſich, daß er ſeinem Verlangen nicht willfahren könne. Er beauftragte dann Maggy, mit dieſen Antworten zurückzukehren, und gab ihr den Schilling, um den ſie bei dem Fehlſchlagen ihres zweiten Auftrages ſonſt gekommen ſein würde. Als er ſich wieder zu Klein Dorrit geſellte und ſie wieder begonnen hatten, wie vorher ſpazieren zu gehen, ſagte ſie Klein Dorrit. III. 11 162 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. plötzlich:„Ich denke, ich thäte beſſer, zu gehen. Ich thäte beſſer, heim zu gehen.“ „Betrüben Sie ſich nicht,“ ſagte Clennam.„Ich habe die Briefe beantwortet. Es war nichts darin. Sie wiſſen, was darin war. Es war nichts darin.“ „Aber ich fürchte mich, ihn zu verlaſſen,“ erwiderte ſie. „Ich fürchte, einen von ihnen zu verlaſſen. Wenn ich fort bin, machen ſie mir— freilich ohne es zu beabſichtigen— ſelbſt Maggy irre.“ „Es war ein ſehr unſchuldiger Auftrag, den ſie übernahm, das arme Ding. Und indem ſie ihn vor Ihnen geheim hielt, glaubte ſie ohne Zweifel, daß ſie Ihnen Unruhe erſparte.“ „Ja, das hoffe ich, das hoffe ich. Aber ich thäte beſſer, heim zu gehen. Es war erſt neulich, daß meine Schwe⸗ ſter mir ſagte, ich habe mich ſo an das Gefängniß gewöhnt, daß ich ſeinen Ton und Charakter angenommen hätte. Es muß ſo ſein. Wahrhaftig, es muß ſo ſein, wenn ich dieſe Dinge ſehe. Mein Platz iſt dort. Es iſt am beſten, wenn ich dort bin. Es iſt gefühllos von mir, hier zu ſein, wenn ich dort auch nur das Geringſte thun kann. Leben Sie wohl. Ich thäte viel beſſer, zu Hauſe zu bleiben.“ Die angſtvolle Weiſe, in welcher ſie dieſe Worte ausſprach, als ob ſie von ſelbſt aus ihrem gepreßten Herzen quöllen, machte es Clennam ſchwer, ſich der Thränen zu enthalten, als er ſie ſah und hörte. „Nennen Sie es nicht zu Hauſe, mein Kind,“bater.„Es iſt mir ſtets ſchmerzlich, zu hören, wie Sie es zu Hauſe nennen.“ — Eine Räthſelfrage. 163 „Aber es iſt meine Heimath! Was könnte ich ſonſt Hei⸗ math nennen? Warun ſollte ich das je einen einzigen Augen⸗ blick vergeſſen?“ „Das thun Sie auch nie, liebe kleine Dorrit; Sie zeigen es durch Ihre gute und treue Fürſorge.“ „Ich hoffe, daß ich es nicht vergeſſe, o ich hoffe es! Aber es iſt beſſer für mich, dort zu bleiben, viel beſſer, viel pflicht⸗ getreuer, viel glücklicher. Bitte, gehen Sie nicht mit mir, laſſen Sie mich allein gehen. Leben Sie wohl. Gott ſegne Sie. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen.“ Er empfand, daß es beſſer ſei, ihre Bitte zu achten, und bewegte ſich nicht weiter, während ihre ſchmächtige Geſtalt ſich raſch von ihm entfernte. Als ſie ihm aus dem Geſichte gekommen war, kehrte er ſein Geſicht dem Waſſer zu und ſtand in Gedanken verſunken. Sie würde unter allen Umſtänden unglücklich geweſen ſein über die Entdeckung der Briefe; aber würde ſie es ſo ſehr geweſen ſein und in dieſer unaufhaltſamen Weiſe? Nein. Als ſie ihren Vater in ſeiner fadenſcheinigen Verhüllung hatte betteln ſehen, als ſie ihn gebeten hatte, ihrem Vater kein Geld zu geben, war ſie betrübt geweſen, aber nicht ſo wie jetzt. Ein Etwas hatte ihr Gefühl gerade jetzt ſchärfer und bitterer gemacht. Nun, war da irgend ein Jemand in der hoffnungsloſen, unerreichbaren Ferne? Oder war dieſer Ver⸗ dacht in ſeine Seele gebracht worden durch die Beziehung, in die ſeine Gedanken den wild unter der Brücke hinfluthenden 11* Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Strom zu demſelben Strome weiter oben und mit der eintö⸗ nigen Weiſe, die er an dem Fährboote ſpielte, geſetzt hatten — wie die friedliche Fluth ſo viele Meilen die Stunde dahin⸗ ſtrömte, wo hier die Binſen, dort die Lilien, nichts ungewiß und nichts unruhig war? Er dachte an ſein armes Kind, Klein Dorrit, dort eine lange Zeit; er dachte an ſie, wie ſie nach Hauſe ging, er dachte an ſie in der Nacht, er dachte an ſie, als der Tag wieder⸗ kehrte. Und das arme Kind, Klein Dorrit, dachte an ihn— zu getreulich, ach nur zu getreulich!— im Schatten der Mauer des Marſhalſea. Ende des dritten Theiles. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. —— —.——