8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird.— 2 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 3 „ een, bei Entgegennahme entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet 4 Bücher: 6 Büchen: ——— Be 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„— 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefe 6. Schadenersatz. 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Die Morgenſonne beeilte ſich nicht allzuſehr die Ge⸗ fängnißmauer zu überklettern und in die Fenſter des Warmen Winkels zu ſehen, und als ſie endlich kam, würde ſie will⸗ kommener geweſen ſein, wenn ſie allein gekommen wäre, ſtatt einen Platzregen mitzubringen. Aber die Stürme der Nachtgleichen wehten draußen auf der See, und der unpar⸗ teiiſche Weſtwind vernachläſſigte auf ſeinem Fluge nicht ein⸗ mal den engen Winkel des Marſhalſea⸗Gefängniſſes. Wäh⸗ rend er durch den Thurm der St. Georgs Kirche brüllte und alle Schornſteinklappen in der Nachbarſchaft umdrehte, machte er einen plötzlichen Abſtecher, um den Rauch von Southwark in das Gefängniß zu treiben, und indem er ſich in die Kamine der wenigen früh aufgeſtandenen Collegen ſtürzte, welche mit Feuermachen beſchäftigt waren, erſtickte er ſie beinahe. Arthur Clennam würde auch dann, wenn ſein Bett ver⸗ borgener geſtanden hätte und den Einwirkungen des Zu⸗ Klein Dorrit. II. 1 * Neuntes Kapitel. ſammenkehrens der Aſche des geſtrigen Feuers, des Anzün⸗ dens des heutigen unter dem Keſſel der Collegen, des Füllens dieſes ſpartaniſchen Gefäßes an der Pumpe, des Ausfegens der gemeinſchaftlichen Stube, des Beſtreuens derſelben mit Sägeſpänen und andrer ſolcher Vorbereitungen minder ausgeſetzt geweſen wäre, wenig Neigung gefühlt haben, lange im Bette zu verweilen. Von Herzen froh, den Morgen zu ſehen, wiewohl die Nacht ihm wenig Ruhe gewährt hatte, ging er hinaus ins Freie, ſobald er nur die Gegenſtände um ſich zu unterſcheiden vermochte, und wan⸗ delte zwei lange Stunden im Hofe hin und her, bevor das Thor geöffnet wurde. Die Mauern waren einander ſo nahe, und die irrenden Wolken eilten ſo raſch über ſie hin, daß ihm, wenn er nach dem gießenden Himmel aufblickte, zu Muthe wurde, als ob ſich bei ihm die Seekrankheit einſtellte. Der Regen, von Windſtößen ſchräg durch die Luft getrieben, ſchwärzte die Seite des Mittelgebäudes, welche er vergangene Nacht be⸗ ſucht hatte, aber ließ einen ſchmalen trockenen Weg unter der gegenüber liegenden Wand, wo er zwiſchen verirrten Stroh⸗ halmen, Kehrichtreſten und Papierfetzen, den übergefloßnen Fluthen der Pumpe und verſtreuten Blättern geſtern verzehr⸗ ter grüner Gemüſe auf und ab ſchritt. Es war eine ſo un⸗ behagliche Anſicht vom Leben, als man ſie nur ſehen kann. Dieſe Unbehaglichkeit wurde auch dadurch nicht gemil⸗ dert, daß er etwas von dem kleinen Weſen gewahr geworden wäre, das ihn hierher gebracht. Vielleicht glitt ſie aus ihrem — — S Mütterchen. 3 Thorwege heraus und hinein in den, wo ihr Vater wohnte, während ſein Geſicht von beiden abgekehrt war, aber er ſah nichts von ihr. Es war zu früh für ihren Bruder; ihn ein⸗ mal geſehen zu haben, reichte hin, um zu wiſſen, daß er ſich nicht eben ſputen werde, das elende Bett zu verlaſſen, daß er des Nachts inne haben mochte. So dachte denn Arthur Clennam, als er auf die Oeffnung des Thors wartend auf und ab wandelte, weit mehr an zukünftige Mittel ſeine Ent⸗ deckungen fortzuſetzen, als an ſolche, die ihm die Gegenwart bieten konnte. Endlich drehte ſich die Thür der Loge in den Angeln, und der Schließer, der auf den Stufen ſtand und mit dem Kamm im Haare ſeine Morgentoilette machte, war bereit, ihn hinauszulaſſen. Froh endlich erlöſt zu ſein, ſchritt er durch die Loge und ſah ſich wieder in dem kleinen äußern Hofe, wo er den Abend vorher mit dem Bruder geſprochen. Es drängte ſich bereits eine Reihe von Leuten herein, in denen man unſchwer die noch unbeſchriebenen Boten, Mittelsperſonen und Zuträger des Ortes erkannte. Einige von ihnen hatten im Regen gewartet, bis die Thür ſich auf⸗ that, Andere, welche ihre Ankunft mit größerer Genauigkeit abgepaßt hatten, kamen jetzt erſt herzu und ſchritten hinein mit feuchtgewordenen weißlich braunen Papierſäcken vom Materialladen, Brotlaiben, Stücken Butter, Eiern, Milch und dergleichen mehr. Die Schäbigkeit dieſer Diener der Schäbigkeit, die Armuth dieſer zahlungsunfähigen Aufwär⸗ 1* Neuntes Kapitel. ter der Zahlungsunfähigkeit war ein ſehenswürdiger Anblick. Solche fadenſcheinige Röcke und Hoſen, ſolche dumpfig riechende Kleider und Umſchlagtücher, ſolche zerknüllte Män⸗ ner⸗ und Frauenhüte, ſolche Stiefel und Schuhe, ſolche Regenſchirme und Stöcke waren auf dem Trödelmarkte nicht zu ſehen. Sie alle trugen die abgelegten Kleider anderer Leute, beſtanden aus Flecken und Flicken von anderer Leute Individualität— eine zuſammengeſchuſterte Exiſtenz, die nichts von eignem Gewüchs an ſich hatte. Ihr Gang war der Gang einer ganz beſondern Race. Sie hatten eine eigne Weiſe ſich verſtohlen um die Ecke zu drücken, als ob ſie in alle Ewigkeit zum Pfandverleiher gingen. Wenn ſie huſteten, ſo huſteten ſie wie Leute, die gewohnt ſind, auf Treppen⸗ ſtufen und in zugigen Gängen vergeſſen zu ſtehen und Ant⸗ wort auf Briefe in verblichener Dinte zu warten, welche den Empfängern ſolcher Geſchreibſel viel Seelenqual verurſach⸗ ten und keine Befriedigung gewährten. Als ſie den Fremden im Vorbeigehen betrachteten, betrachteten ſie ihn mit Augen, die um ein Darlehen baten— hungrig, gierig, voll Specu⸗ lirens auf ſeine Mildthätigkeit, für den Fall daß ſie bei ihm accreditirt wären, und auf die Wahrſcheinlichkeit, daß er etwas Geſcheidtes hergeben würde. Bettelhaftigkeit in Com⸗ miſſion bückte ſich in ihren hochgezogenen Schultern, ſchleppte ſich mit ihren ſchlotternden Beinen hin, zeigte ſich in den Knöpfen und Nadeln, den geſtopften Riſſen und den nach⸗ ſchleppenden Fetzen ihrer Kleider, ſcheuerte ihre Knopflöcher ab, lugte aus ihren Geſtalten in ſchmutzigen Endchen von Mütterchen. 5 Bindfaden und quoll ihnen aus dem Munde in Alkohol ge⸗ ſchwängerten Athemzügen. Als dieſe Leute an ihm vorübergingen, während er im Vorhofe ſtehen blieb, und einer von ihnen ſich umdrehte und ſich erkundigte, ob er ihm durch einen Dienſt gefällig ſein könne, kam Arthur Clennam der Gedanke, vor ſeinem Weggehen noch einmal mit Klein Dorrit zu ſprechen. Sie würde ſich, dachte er, jetzt von ihrer erſten Ueberraſchung er⸗ holt haben und ſich leichter bei ihm fühlen. Er fragte dieſes Mitglied der Brüderſchaft, welches zwei Pöcklinge in der Hand und einen Laib Brot nebſt einer Wichsbürſte unter dem Arme hatte, wo der erſte beſte Ort ſei, um eine Taſſe Kaffee zu bekommen. Der Unbekannte antwortete ermuthi⸗ gend und brachte ihn nach einem Kaffeehauſe, das ſich etwa einen Steinwurf weit in der Straße befand. „Kennen Sie Miß Dorrit?“ fragte der neue Client. Der Unbekannte kannte zwei Miſſes Dorrit, die eine wäre drinnen geboren— Ganz recht. Das war die Rechte Das war die Rechte! Der Unbekannte hatte ſie viele Jahre gekannt. Was die andere Miß Dorrit betraf, ſo wohnte der Unbekannte mit ihr und ihrem Oheim in ein und demſelben Hauſe. Das änderte den bereits halb fertigen Plan des Clien⸗ ten, in dem Kaffeehauſe zu bleiben, bis der Unbekannte ihm die Kunde gebracht, daß Klein Dorrit auf die Straße ge⸗ treten ſei. Er betraute den Unbekannten mit einer geheimen Botſchaft an ſie, in welcher ſie von dem Beſuche, der ver⸗ 6 Neuntes Kapitel. gangnen Abend ihrem Vater ſeine Aufwartung gemacht, um die Gefälligkeit erſucht wurde, ihm eine kurze Unterredung in der Wohnung ihres Oheims zu geſtatten. Er ſchöpfte aus derſelben Quelle eine genaue Beſchreibung der Lage des Hauſes, welches ganz in der Nähe war, entließ den Un⸗ bekannten, nachdem er ſich ſeine Dankbarkeit durch eine halbe Krone erworben, und eilte nachdem er ſich haſtig mit einer Taſſe Kaffee geſtärkt, ſo raſch als möglich nach der Wohnung des Clarionetſpielers. Es waren in dieſem Hauſe ſo viele Miethsleute, daß der Thürpfoſten ſo voll von Klingelgriffen zu ſein ſchien als eine Domorgel voll Regiſterzüge. In Zweifel, welches der Zug der Clarionette ſei, überlegte er ſich die Sache, als plötzlich ein Federball aus dem einen Fenſter fiel und ſich auf ſeinem Hute niederließ. Er bemerkte jetzt, daß ſich an dieſem Fenſter eine Blende mit der Inſchrift: Mr. Cripp⸗ les' Academie und auf einer andern Zeile das Wort: Abendſchule befand, und hinter dem Rouleau war ein blaſſer Knabe mit einer Butterſchnitte und einer Abctafel. Da das Fenſter von dem Trottoir zu erreichen war, ſo ſah er über die Blende hinein, gab den Federball zurück und trug ſeine Frage vor. „Dorrit?“ fragte der kleine blaſſe Knabe(es war Musje Cripples).„Herr Dorrit? Die dritte Klingel und einmal anpochen.“ Die Zöglinge des Mr. Cripples' ſchienen die Abſicht ge⸗ habt zu haben, aus der Hausthür ein Copierbuch zu machen, Mütterchen. 7 ſo reichlich war ſie mit Bleiſtift bekritzelt. Das häufige Vor⸗ kommen von ſolchen Inſchriften wie„Alter Dorrit“ und „Dreckiger Dick“ neben einander ließ übelwollende Abſichten auf Seiten der Zöglinge Mr. Cripples' vermuthen. Es war mehr als genug Zeit, dieſe Beobachtungen anzuſtellen, bevor die Thür von dem alten Manne ſelbſt geöffnet wurde. „Ha!“ ſagte er, ſich ſehr allmälig auf Arthur beſinnend. „Sie wurden geſtern Abend eingeſperrt?“ „Ja, Mr. Dorrit. Ich hoffe Ihre Nichte in wenigen Augenblicken hier zu treffen.“ „Oh!“ ſagte er nachdenklich.„Daß mein Bruder nicht dabei iſt? Ganz recht. Wollen Sie mit hinauf kommen und auf ſie warten?“ „Ich nehme Ihre Erlaubniß mit Dank an.“ Indem er ſich ſelbſt ſo langſam umwendete, wie er Alles, was er hörte und ſagte, in ſeinem Gemüthe umzuwenden pflegte, ging der alte Mann die enge Treppe hinauf voraus. Das Haus war ſehr eng und hatte einen unangenehmen Ge⸗ ruch. Die kleinen Treppenfenſter ſahen einwärts nach den Hinterfenſtern gleich unangenehmer anderer Häuſer, aus denen Stangen und Leinen herausgeſchoben waren, an welchen ärm⸗ liche Wäſche hing, als ob die Bewohner nach Hemden und Strümpfen angelten und ein paar erbärmliche Fänge gethan hätten, nicht werth, ſich darum zu kümmern. In einem Dach⸗ ſtübchen nach hinten hinaus— einem dunſtigen Zimmer mit einer Bettlade zum Aufklappen, die eben erſt ſo haſtig umge⸗ klappt worden war, daß die Decken gleichſam überliefen und 8 Neuntes Kapitel. die Lade offen hielten— war ein halbbeendigtes Frühſtück von Kaffee und geröſtetem Brote für zwei Perſonen auf einem gichtbrüchigen Tiſche durcheinander geſchoben. Es war Niemand da. Der alte Mann, der nach einiger Ueberlegung vor ſich hinmurmelte, daß Fanny weggelaufen ſei, ging nach dem Nebengemache, ſie zurück zu holen. Der Beſucher, welcher bemerkte, daß ſie innen die Thür zuhielt, und daß, als der Oheim ſie zu öffnen verſuchte, ſie die haſtige Beſchwörung:„Laß doch! Unſinn!“ hören ließ, während herunterhängende Strümpfe und der Schweif eines Flanell⸗ rockes ſichtbar wurden, ſchloß, daß die junge Dame in Negligé ſei. Der Oheim ſchlurrte, ohne dem Anſchein nach zu einem Entſchluß kommen zu können, wieder herein, ſetzte ſich in ſei⸗ nen Stuhl und begann ſich am Feuer die Hände zu wärmen. Nicht, daß es kalt war oder daß erirgend eine beſtimmte Vor⸗ ſtellung gehabt hätte, ob es kalt war oder nicht. „Wie kam Ihnen mein Bruder vor, Sir?“ fragte er, als er bald darauf inne ward, was er that, das Händewärmen ſein ließ, nach dem Kaminſims hinauflangte und ſein Clario⸗ netfutteral herunternahm. „Ich war erfreut,“ erwiderte Arthur ſehr verlegen; denn ſeine Gedanken beſchäftigten ſich mit dem Bruder vor ihm, „ihn ſo wohl und munter zu finden.“ „Ha!“ murmelte der alte Mann.„Ja, ja, ja, ja, ja!“ Arthur fragte ſich verwundert, was in aller Welt er wohl mit dem Clarionetfutteral vorhabe. Er hatte gar nichts damit vor. Er entdeckte zu rechter Zeit, daß es nicht das Schnupftabakdüt⸗ —,—õʒ—ʒ— — ———— Mütterchen. 9 chen wäre, welches auch auf dem Kaminſims lag, legte es wieder hin, nahm ſtatt ſeiner den Schnupftabak herunter und erquickte ſich mit einer Priſe. Er war in ſeinen Priſen ebenſo mattherzig, ſparſam und langſam wie in allen andern Dingen, aber doch ſpielte ein gewiſſes Zittern von Genuß bei ihm in den armen alten abgelebten Nerven um die Winkel ſeiner Augen und ſeines Mundes. „Amy, Mr. Clennam, was denken Sie von ihr?“ „Alles was ich von ihr geſehen und gehört habe, Mr. Dorrit, hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.“ „Mein Bruder wäre ohne Amy ganz verloren geweſen,“ entgegnete er.„Wir wären Alle verloren geweſen ohne Amy. Sie iſt ein ſehr gutes Mädchen, dieſe Amy. Sie thut ihre Schuldigkeit.“ Arthur glaubte in dieſen Lobſprüchen einen gewiſſen Ton der Angewöhnung zu hören, welchen er am vergangenen Abend von dem Vater mit einem innerlichen Widerſtreben und der Empfindung, als ſolle er Einſpruch dagegen thun, vernommen hatte. Es war nicht gerade, als ob ſie ihre Lobſprüche ein⸗ ſchränkten oder fühllos waren gegen das, was ſie für ſie that, aber es ſchien, als ob ſie in ihrer Trägheit ihrer gewohnt ge⸗ worden wären wie aller andern Dinge in ihrer Lage. Er glaubte, daß ſie von ihnen, obwohl ſie jeden Tag Gelegenheit zu Vergleichen zwiſchen ihr und ſich ſelbſt hatten, als an ihrer gebührenden Stelle befindlich angeſehen wurde, daß ſie mein⸗ ten, ſie ſtehe zu ihnen allen in einer Beziehung, welche ihr gehöre wie ihr Name und Alter. Er glaubte, daß ſie ſie nicht Neuntes Kapitel. als emporgeſtiegen über die Atmoſphäre des Gefängniſſes, ſondern als ein Zubehör desſelben betrachteten, als ungefähr das, was ſie zu erwarten berechtigt waren und weiter nichts. Ihr Oheim machte ſich wieder an ſein Frühſtück und ver⸗ ſpeiſte ſchmatzend in Kaffee eingeweichte Roſtſchnittchen, ohne auf ſeinen Gaſt zu achten. Da klang die Glocke. Das wäre Amy, ſagte er und ging hinunter, ſie herein zu laſſen. Sein Beſuch aber behielt ein lebendiges Bild ſeiner beſudelten Hände, ſeines ſchmutzbedeckten Geſichts und ſeiner verwitterten Geſtalt im Gedächtniß, wie wenn er noch in ſeinem Stuhl gebückt ſäße. Sie kam hinter ihm herauf in ihrem gewöhnlichen ein⸗ fachen Kleide und mit der gewöhnlichen ſchüchternen Geberde. Ihre Lippen hielt ſie ein wenig geöffnet, wie wenn ihr it ſchneller als gewöhnlich ſchlüge. „Mr. Clennam hat Dich ſeit einiger Zeit erwartet, Na. ſagte ihr Oheim. „Ich nahm mir die Freiheit, Ihnen eine Botſchaft zukom⸗ men zu laſſen.“ „Ich habe die Botſchaft erhalten, Sir.“ „Gehen Sie heute Morgen zu meiner Mutter? Ich glaube nicht, denn Ihre gewöhnliche Stunde iſt vorüber.“ „Heute nicht, Sir, man braucht mich heute nicht.“ „Wollen Sie mir geſtatten, ein Stückchen mit Ihnen zu gehen, wohin Sie etwa Ihr Weg führt? Ich kann dann im Gehen mit Ihnen ſprechen, und einestheils werden Sie hier — v „ 82 Miütterchen. 11 nicht aufgehalten, anderntheils brauche ich hier nicht länger beſchwerlich zu fallen.“ Sie ſah betroffen aus, erwiderte jedoch, ja, wenn es ihm beliebe. Er that, als habe er ſeinen Spazierſtock verlegt, um ihr Zeit zu geben, die Bettſtelle in Ordnung zu bringen, dem ungeduldigen Klopfen ihrer Schweſter an der Wand zu ant⸗ worten und leiſe ein Wort zu ihrem Oheim zu ſagen. Dann fand er ihn, und ſie gingen die Treppe hinab, ſie zuerſt, er hinterher, während der Oheim auf der oberſten Stufe ſtehen blieb und ſie vermuthlich ſchon vergeſſen hatte, ehe ſie das Erdgeſchoß erreichten. Mr. Cripples' Zöglinge, welche jetzt eben zur Schule kamen, ließen von ihrem Morgenvergnügen, ſich einander mit Ranzen und Büchern zu knuffen, ab, um mit allen Augen, die ſie hatten, einen Fremden anzuſtieren, welcher dem Dreckigen Dick einen Beſuch gemacht. Sie ertrugen das verlockende Schauſpiel mit Stillſchweigen, bis der geheimnißvolle Beſuch in ſicherer Entfernung war, wo ſie einen Steinhagel und ein gellendes Geſchrei losließen, einen höhnenden Tanz aufführ⸗ ten und in jeder Beziehung die Friedenspfeife mit ſo vielen wilden Ceremonien begruben, daß ſie, wenn Mr. Cripples der Häuptling des Cripplewayboo⸗Stammes geweſen wäre, ſchwerlich ihrer Erziehung mehr Gerechtigkeit hätten thun können. Mitten unter dieſen Huldigungen bot Mr. Arthur Clen⸗ nam der kleinen Dorrit ſeinen Arm, und Klein Dorrit nahm ihn an.„Wollen Sie nach der Eiſenbrücke gehen,“ ſagte er, 12 Neuntes Kapitel. „wo Gelegenheit iſt, dem Lärm der Straße zu entkommen?“ Klein Dorrit ſagte ja, wenn es ihm gefiele, und wagte bald darauf die Hoffnung auszuſprechen, er werde Mr. Cripples' Knaben„ihr Betragen nachſehen,“ denn ſie ſelbſt hätte ihre Erziehung in Mr. Cripples' Academie empfangen. Er ent⸗ gegnete mit der größten Geneigtheit von der Welt, daß er den Knaben Mr. Cripples' von Grund der Seele verzeihe. So wurde Mr. Cripples ohne ſein Zuthun der Ceremonien⸗ meiſter zwiſchen ihnen und brachte ſie auf natürliche Weiſe einander näher, als Beau Naſh es gethan haben würde, falls ſie in ſeinen goldnen Tagen gelebt hätten und er zu dem Zwecke aus ſeiner ſechsſpännigen Kutſche geſtiegen wäre. Der Morgen blieb windig und die Straßen waren er⸗ bärmlich ſchmutzig, aber es fiel kein Regen, als ſie nach der Eiſenbrücke gingen. Das kleine Weſen ſchien ſo jung in ſei⸗ nen Augen, daß es Augenblicke gab, wo es ihm vorkam, als ob er von ihr wie von einem Kinde dächte, wo nicht ſo zu ihr redete. Vielleicht ſchien er in ihren Augen ſo alt, wie ſie in den ſeinen jung ſchien. „Es thut mir leid, Sir, zu hören, daß ſie geſtern Abend die Unbequemlichkeit hatten, eingeſchloſſen zu werden. Es war ein rechtes Unglück.“ Er ſagte, das mache nichts aus. Er habe ein ſehr gutes Bett gehabt. „O ja!“ ſagte ſie raſch,„ich glaube, es gibt vortreffliche Betten im Kaffeehauſe.“ Er bemerkte, daß das Kaffeehaus für Mütterchen. 13 ſie ein majeſtätiſches Hotel war, und daß ſie ſeinen Ruf hoch⸗ ſchätzte. „Ich glaube, es iſt ſehr koſtſpielig dort,“ ſagte Klein Dorrit,„aber mein Vater hat mir erzählt, daß man wunder⸗ ſchöne Diners dort bekommen kann. Auch Wein,“ fügte ſie ſchüchtern hinzu. „Waren Sie je dort?“ „Oh nein! Nur in der Küche, um heißes Waſſer zu holen.“ Denke man ſich, daß jemand mit einer Art von Ehrfurcht vor den Herrlichkeiten dieſes ſtolzen Etabliſſements, des Mar⸗ ſhalſea⸗Hotels, aufwuchs! „Ich fragte Sie geſtern Abend,“ ſagte Clennam,„wie Sie die Bekanntſchaft meiner Mutter gemacht hätten. Hörten Sie je ihren Namen, ehe ſie nach Ihnen ſchickte?“ „Nein, Sir.“ „Glauben Sie, daß Ihr Vater ihn jemals gehört hat?“ „Nein, Sir.“ Er begegnete ihren Augen, die ſie nach den ſeinen mit ſo viel Verwunderung aufhob, ſſie erſchrak, als dieſe Begeg⸗ nung ſtattfand und ſchlug ſie raſch wieder nieder) daß er es für nothwendig hielt, zu ſagen: „Ich habe eine Urſache, ſo zu fragen, welche ich nicht wohl auseinanderſetzen kann. Aber Sie dürfen durchaus nicht glauben, daß ſie von einer Natur iſt, welche Ihnen auch nur im Mindeſten Angſt oder Schreck verurſachen kann. Ganz das Gegentheil. Und Sie glauben alſo, daß Ihrem Vater zu Neuntes Kapitel. keiner Zeit ſeines Lebens mein Name, Clennam, bekannt ge⸗ weſen iſt?“ „Nein, Sir.“ Er fühlte aus dem Tone, in welchem ſie ſprach, daß ſie nach ihm mit jenen geöffneten Lippen aufblickte. Deshalb ſah er vor ſich nieder, um ſie nicht wieder ängſtlich zu machen und zu bewirken, daß ihr Herz ſchneller ſchlüge. So gelangte ſie hinaus auf die Eiſenbrücke, welche nach dem brauſenden Lärm der Straßen ſo ſtill war, als ob ſie draußen auf dem Lande wären. Der Wind wehte ungeſtüm, die feuchten Windſtöße kamen praſſelnd hinter ihnen her, ſchäumten die Pfützen auf der Straße und dem Pflaſter ab und trieben ſie hinab in den Fluß. Die Wolken jagten wü⸗ thend über den bleifarbenen Himmel, der Rauch und Nebel jagte hinter ihnen, die dunkle Fluth ſtrömte grimm und ſtark in derſelben Richtung. Klein Dorrit ſchien das geringſte, das ruhigſte und ſchwächſte der Geſchöpfe des Himmels. „Laſſen Sie mich Sie in einen Wagen bringen, mein armes Kind,“ ſagte Arthur Clennam ſehr bald nachher. Sie lehnte es haſtig ab und ſagte, daß Naß oder Trocken ihr wenig ausmache, ſie wäre gewöhnt in jedem Wetter aus⸗ zugehen. Er wußte, daß es ſich ſo verhielt, und wurde noch mehr zum Mitleid gerührt, und er dachte an die ſchwächliche Geſtalt an ſeiner Seite, wie ſie ihren nächtlichen Gang ging durch die feuchten, dunkeln, geräuſchvollen Straßen, und nach ſolch einem Ruheplatze. „Sie ſprachen geſtern Abend ſo gefühlvoll zu mir, Sir, Mütterchen. 15 und ich fand ſpäter, daß Sie ſo großmüthig gegen meinen Vater geweſen waren, daß ich Ihrer Botſchaft nicht wider⸗ ſtehen konnte, wäre es auch nur, um Ihnen zu danken; be⸗ ſonders, da ich den lebhaften Wunſch hegte, Ihnen zu ſagen“ — ſie zögerte und zitterte, und Thränen ſtiegen ihr in die Augen, fielen aber nicht. „Um mir zu ſagen—?“ „Daß ich hoffe, Sie werden meinen Vater nicht mißver⸗ ſtehen. Beurtheilen Sie ihn nicht, Sir, wie Sie Andere außerhalb der Gefängnißthore beurtheilen würden. Er iſt ſo lange dort geweſen! Ich habe ihn nie draußen geſehen, aber ich kann begreifen, daß er ſeitdem in manchen Dingen anders geworden iſt.“ „Glauben Sie mir, meine Gedanken werden nie unge⸗ recht oder unbillig gegen ihn ſein.“ „Nicht etwa,“ ſagte ſie, mit zuverſichtlicherer Geberde, da augenſcheinlich die Befürchtung ſie beſchlich, daß es ſcheinen möchte, als gäbe ſie ihn auf—„nicht, daß er etwas an ſich hätte, deſſen er ſich ſchämen müßte, oder daß ich Urſache hätte, mich ſeiner zu ſchämen. Er muß nur verſtanden wer⸗ den. Ich bitte in Betreff ſeiner nur, daß man ſich billiger⸗ weiſe ſeines Lebens erinnere. Alles, was er ſagte, war voll⸗ ſtändig wahr. Es geſchah Alles ſo, wie er es erzählte. Er iſt ſehr geachtet. Jedermann, der hereinkommt, freut ſich ſeine Bekanntſchaft zu machen. Man erweiſt ihm mehr Aufmerk⸗ ſamkeit, als irgend jemand anders. Man hält viel mehr von ihm, als vom Marſhal.“ Neuntes Kapitel. Wenn je Stolz unſchuldig war, ſo war er unſchuldig in Klein Dorrit, als ſie anfing ſich ihres Vaters zu rühmen. 4 „Man hört oft ſagen, daß ſeine Manieren die eines ech⸗ ten Mannes von Erziehung ſind, und daß man von ihnen geradezu lernen kann. Ich ſehe an jenem Orte keine der Art, ſondern man geſteht zu, daß er alle überragt. Das iſt ebenſo ſehr der Grund, weshalb ſie ihm Geſchenke machen, als weil ſie wiſſen, daß er in Noth iſt. Er iſt nicht zu tadeln ſeiner Ar⸗ muth halber, der arme liebe Vater. Wer könnte ſich wohl befin⸗ den, wenn er ein halbes Jahrhundert im Gefängniſſe geſeſſen hat?“ Welche Kindesliebe war in ihren Worten, welches Mit⸗ leid in ihren unterdrückten Thränen, welche große treue Seele in ihrem Innern, wie wahr das Licht, welches einen falſchen Glanz um ihn ausgoß. „Wenn ich es für das Beſte hielt, zu verbergen, wo meine G Heimat iſt, ſo geſchah es nicht, weil ich mich ſeiner ſchäme. p Verhüte Gott! Noch ſchäme ich mich des Ortes ſo ſehr, als man vielleicht vermuthet. Die Leute ſind nicht ſchlecht, weil ſie dorthin kommen. Ich habe viele gute, arbeitſame, recht⸗ ſchaffene Menſchen kennen gelernt, die durch Unglück dahin ka⸗ men. Sie ſind faſt alle voll herzlicher Freundſchaft gegen ein⸗ ander. Und es würde von mir wirklich undankbar ſein, wollte ich vergeſſen, daß ich manche ruhige, behagliche Stunde dort verlebt, daß ich dort, als ich noch ein ganz kleines Kind war, einen vortrefflichen Freund gehabt habe, der mich ſehr liebte, daß ich dort unterrichtet worden bin, dort gearbeitet und dort Mütterchen. 17 ruhig geſchlafen habe. Ich denke, es würde ſchier niederträch⸗ tig und herzlos von mir ſein, wenn ich nach alledem nicht ein wenig Anhänglichkeit an den Ort hätte.“ Sie hatte damit ihr volles, treues Herz vor ihm ausge⸗ ſchüttet und ſagte demüthig, indem ſie ihre Augen bittend zu denen ihres neuen Freundes erhob:„Ich hatte nicht die Ab⸗ ſicht, ſo viel zu ſagen, und nur einmal habe ich hierüber vorher ſchon geſprochen. Aber die Sache ſcheint dadurch rich⸗ tiger dargeſtellt, als ſie geſtern Abend war. Ich ſagte, daß ich wünſchte, Sie wären mir nicht gefolgt, Sir. Ich wünſche es jetzt nicht mehr ſo ſehr, es wäre denn, Sie dächten— in der That, ich wünſche es gar nicht mehr, wenn es nicht deshalb wäre, weil ich ſo verwirrt geſprochen habe, daß— daß Sie mich kaum verſtehen können, was, wie ich befürchte, der Fall ſein mag.“ Er ſagte ihr vollkommen der Wahrheit gemäß, daß dies nicht der Fall ſei, und indem er zwiſchen ſie und den ſcharfen Wind und Regen trat, ſchützte er ſie, ſo gut er's vermochte. „Ich fühle, daß ich mir jetzt erlauben darf,“ ſagte er, „Sie ein wenig genauer über Ihren Vater zu befragen. Hat er viele Gläubiger?“ „Oh! Eine große Menge!“ „Ich meine Gläubiger, welche ihn dort feſthalten, wo er jetzt iſt.“ „O ja! Eine große Menge.“ „Können Sie mir ſagen— ich kann mir ohne Zweife Klein Dorrit. II. 2 18 Neuntes Kapitel. anderswo Nachricht verſchaffen, wenn Sie es nicht wiſſen— welcher der einflußreichſte von ihnen iſt?“ Klein Dorrit ſagte nach einigem Ueberlegen, daß ſie vor langer Zeit von einem Mr. Tite Barnacle als von einem ſehr mächtigen Manne gehört habe. Er wäre ein Commiſſionär oder ein Ausſchußmitglied oder ein Bevollmächtigter oder„ſo was der Art.“ Er wohnte in Grosvenor Square, wie ſie meine, oder ſehr nahe dabei. Er gehörte zur Regierung— hätte eine hohe Stelle im Umſchreibungs⸗Amte. Sie ſchien ſich in ihrer Kindheit einen gewaltig hohen Begriff von der Macht dieſes furchtbaren Mr. Tite Barnacle von Grosvenor Square oder dort herum, und von dem Umſchreibungs⸗Amte angeeignet zu haben, der ſie ganz niederdrückte, wenn ſie ſei⸗ ner gedachte. „Es kann nicht ſchaden,“ dachte Arthur,„wenn ich die⸗ ſem Mr. Tite Barnacle einen Beſuch mache.“ Der Gedanke ſtieg nicht ſo ruhig in ihm auf, daß ihr raſches Beobachtungsvermögen ihn nicht ergriffen hätte. „Ach!“ ſagte Klein Dorrit mit der ſanften Verzweiflung, die das Reſultat eines ganzen Lebens war.„Es dachten viele Leute einſt daran, meinen armen Vater herauszubekommen, aber Sie glauben nicht, wie hoffnungslos es iſt.“ Sie vergaß in dem Augenblicke ihre Schüchternheit, um ihn in aller Ehrlichkeit zu warnen, von dem geſunkenen Wrack, welches er heben zu können träumte, wegzubleiben, und blickte nach ihm mit Augen empor, welche ſicherlich in Ver⸗ bindung mit ihrem geduldigen Antlitze, ihrer ſchwächlichen Mütterchen. 19 Geſtalt, ihrem dürftigen Kleide und dem Winde und Regen ihn nicht von ſeinem Vorſatze, ihr zu helfen, abwendig machten. „Selbſt wenn es zu thun wäre,“ ſagte ſie—„und es iſt jetzt nicht mehr zu thun— wo könnte Vater leben oder wie könnte er leben? Ich habe oft gedacht, daß, wenn ſolch eine Veränderung vor ſich gehen könnte, ſie jetzt eher alles Andere als ein Glück für ihn ſein würde. Die Leute möchten draußen nicht ſo gut von ihm denken, als ſie dort von ihm denken. Man möchte draußen nicht ſo rückſichtsvoll mit ihm umgehen, als es dort geſchieht. Er möchte nicht ſo gut in das Leben draußen paſſen, als in jenes.“ Hier konnte ſie zum erſten Male ihre Thränen nicht vom Herabfließen zurückhalten, und die kleinen magern Hände, die er beobachtet, als ſie ſo geſchäftig waren, zitterten, als ſie ſich krampfhaft faßten. „Es würde für ihn ſchon das ein neues Leiden ſein, wenn er erführe, daß ich ein wenig Geld verdiene, und daß Fanny ein wenig Geld verdient. Er iſt ſo ängſtlich unſert⸗ halben, wenn er ſieht, wie er ohne Hülfe daeingeſchloſſen iſt. O was für ein guter, guter Vater!“ Er ließ dieſen Ausbruch ihres Gefühls vorübergehen, ehe er ſprach. Er war bald vorüber. Sie war nicht ge⸗ wöhnt an ſich zu denken, oder irgend jemand mit ihren Em⸗ pfindungen zu beläſtigen. Er hatte nur einen Blick auf die Maſſen von Daͤcher und Feuereſſen in der City, zwiſchen de⸗ nen ſchwere Rauchwolken ſich wälzten, auf den Wald von Maſten auf dem Fluſſe und den Wald von Thurmſpitzen am 2*† 20 Neuntes Kapitel. ufer gethan, welche in dem ſturmverwirrten Nebeldunſte un⸗ terſcheidungslos in einander verſchwammen, als ſie bereits wieder ſo ruhig war, als ob ſie die Nadel in ſeiner Mutter Zimmer führte. „Es würde Ihnen Freude machen, Ihren Bruder frei zu wiſſen?“ O ſehr, ſehr große Freude, Sir!“ „Nun wir wollen wenigſtens für ihn hoffen. Sie er⸗ zählten mir geſtern Abend von einem Freunde, den Sie hätten.“ „Klein Dorrit ſagte, ſein Name ſei Plorniſh.“ Und wo wohnte Plorniſh? Plorniſh wohnte im Hofe zum Blutenden Herzen. Er wäre„nur ein Putzmaurer“ ſagte Klein Dorrit, um ihn zu warnen, ſich nicht zu hohe Erwar⸗ tungen von Plorniſh's geſellſchaftlicher Stellung zu bilden. Er wohnte im letzten Hauſe des Hofes zum Blutenden Her⸗ zen, und ſein Name befände ſich über einem kleinen Thorweg. Arthur ſchrieb ſich die Adreſſe auf und gab ihr die ſeine. Er hatte jetzt alles gethan, was er vorläufig zu thun ge⸗ dachte, ausgenommen, daß er wünſchte, ſie mit einem ge⸗ wiſſen Vertrauen auf ihn zu verlaſſen und von ihr einiger⸗ maßen das Verſprechen zu erhalten, daß ſie dieſes Vertrauen bewahren werde. „Das wäre denn ein Freund! ¹ ſagte er, ſein Taſchen⸗ buch einſteckend.„Da ich Sie nun zurückbringe— Sie gehen doch zurück?“ „O ja wohl, geradewegs heim.“ Mütterchen. 21 „Da ich Sie zurückbringe,“ das Wort„heim“ ſchnitt ihm ins Herz,„ſo geſtatten Sie mir die Bitte, die Ueberzeugung zu gewinnen, daß Sie noch einen andern Freund haben. Ich mache keine Anſprüche und ſage nicht mehr.“ „Sie ſind wahrhaft gütig gegen mich, Sir. Wahrlich, ich bedarf nichts mehr.“ Sie gingen zurück durch die elenden ſchmutzigen Straßen und zwiſchen den ärmlichen und erbärmlichen Kramladen hin und wurden herumgeſtoßen von dem Haufen ſchmutziger Höker, welche Zubehör eines armen Stadttheils ſind. Es war nichts auf dem kurzen Wege, was auch nur einem der fünf Sinne angenehm geweſen wäre. Und doch war es für Clennam, indem er dieſes kleine, zarte, ſtets für das Wohl ihrer Um⸗ gebung ſorgende Weſen an ſeinem Arme hatte, kein ge⸗ wöhnlicher Gang durch gewöhnlichen Regen und Schmutz und Lärm. Wie jung ſie ihm, und wie alt er ihr, oder welch Geheimniß das Eine dem Andern zu ſein ſchien bei dieſem Beginn der vom Schickſal beſtimmten Verwebung ih⸗ rer beiderſeitigen Lebensgeſchichte, geht uns hier nichts an. Er dachte, wie ſie geboren und erzogen worden unter dieſen Scenen, wie ſie jetzt ſcheu durch ſie hindurchſchritt, wohlbe⸗ kannt mit ihnen und doch nicht zu ihnen gehörig; er dachte an ihre lange Bekanntſchaft mit der unſaubern Nothdurft des Lebens und an die Unſchuld, die ſie inmitten derſelben bewahrt, an ihr altgewohntes Sorgen für Andere und an ihre wenigen Jahre und ihr kindliches Ausſehen. Sie waren nach Highſtreet gelangt, wo das Gefängniß 22 Neuntes Kapitel. ſtand, als plötzlich eine Stimme rief:„Mütterchen! Müt⸗ terchen!“ Als Dorrit ſtehen blieb und ſich umſah, kam eine Geſtalt ſeltſamer Art außer ſich vor Freude auf ſie losge⸗ ſprungen, ſtieß, immer noch„Mütterchen“ ſchreiend, an ſie an, fiel hin und verſtreute den Inhalt eines großen Korbes, der mit Kartoffeln gefüllt war, in den Koth. „O Maggy!“ ſagte Klein Dorrit,„was biſt Du für ein unbeholfenes Kind!“ Maggy hatte keinen Schaden genommen, ſondern ſtand unverzüglich wieder auf und begann ſodann die Kartoffeln aufzuleſen, wobei ihr Klein Dorrit und Arthur Clennam halfen. Maggy las ſehr wenige Kartoffeln auf und eine große Maſſe Schmutz, aber ſie wurden alle wiedergefunden und in den Korb gethan. Maggy ſcheuerte ſich dann ihr ſchmutziges Geſicht mit ihrem Umſchlagetuche ab, und indem ſie es Mr. Clennam als Typus der Reinlichkeit präſentirte, befähigte ſie ihn, zu ſehen, was für eine Art Geſchöpf ſie war. Sie war etwa achtundzwanzig Jahre alt und hatte große Knochen, ein großes Geſicht, große Füße und Hände, große Augen und gar keine Haare. Ihre großen Augen waren trüb und faſt farblos, ſie ſchienen ſehr wenig vom Lichte afficirt zu werden und unnatürlich ſtill zu ſtehen. Es war ferner jener aufmerkſame lauſchende Ausdruck in ihrem Ge⸗ ſichte, welchen man in den Geſichtern von Blinden ſieht; aber ſie war nicht blind, da ſie ein erträglich brauchbares Auge beſaß. Ihr Geſicht war nicht gerade übertrieben häß⸗ lich, obſchon es davor nur durch ein Lächeln bewahrt war, Mütterchen. 23 ein gutmüthiges und an ſich angenehmes Lächeln, das aber dadurch, daß es ſtets da war, mitleiderregend wurde. Eine große weiße Haube mit einem gewaltigen undurchſichtigen Faltenſtreifen, welcher fortwährend herumklappte, bat für Maggy's Kahlkopf um Entſchuldigung und machte es ihrem alten ſchwarzen Hute ſo ſchwierig, ſeinen Platz auf ihrem Kopfe zu behaupten, daß ſich derſelbe wie der Säugling einer Zigeunerin um ihren Hals klammerte. Ein Comité von Schnittwaarenhändlern allein hätte Bericht erſtatten können, wovon der Reſt ihres ärmlichen Anzugs gemacht war; aber er hatte im Allgemeinen eine ſtarke Aehnlichkeit mit See⸗ tang, zwiſchen welchen hin und wieder ein gigantiſches Theeblatt eingeſtreut ſchien. Beſonders ihr Umſchlagetuch ſah wie ein lange ausgekochtes Theeblatt aus. Arthur Clennam warf einen Blick auf Klein Dorrit, welcher ſagte:„Darf ich fragen, wer das iſt?“ Klein Dor⸗ rit, deren Hand dieſe Maggy, indem ſie ſie noch immer Müt⸗ terchen nannte, zu ſtreicheln begonnen, antwortete mit Wor⸗ ten.(Sie befanden ſich unter einem Thorwege, in welchen die Mehrzahl der Kartoffeln gekollert waren.) „Das iſt Maggy, Sir.“ „Maggy, Sir,“ wiederholte wie ein Echo die geſchilderte Perſönlichkeit.„Mütterchen!“ „Sie iſt die Enkelin—“ ſagte Klein Dorrit. „Enkelin,“ ſagte Maggy als Echo. „Meiner alten Amme, welche ſchon lange todt iſt. Maggy, wie alt biſt Du?“ 24 Neuntes Kapitel. „Zehne, Mütterchen,“ ſagte Maggy. „Sie glauben gar nicht, wie gut ſie iſt, Sir,“ ſagte Klein Dorrit mit unendlicher Zärtlichkeit. „Gut ſie iſt,“ ſagte das Echo Maggy, indem es das Pronomen in ſehr ausdrucksvoller Weiſe von ſich ſelbſt auf ſein Mütterchen übertrug. „Oder wie klug,“ ſagte Klein Dorrit.„Sie richtet Auf⸗ träge ſo gut wie irgend jemand aus.“ Maggy lachte.„Und iſt ſo ſicher wie die Bank von England.“ Maggy lachte. „Sie verdient ſich ihr Brot ganz allein. Ja, ganz allein, Sir,“ ſagte Klein Dorrit in tieferem Tone triumphirend. „'s iſt wirklich ſo!“ „Was iſt ihre Geſchichte?“ fragte Clennam. „Na denke Dir'mal, Maggy!“ ſagte Klein Dorrit, in⸗ dem ſie ihre beiden großen Hände nahm und ſie zuſammen⸗ klappte.„Ein Herr, der Tauſende von Meilen weit hierher kommt, will Deine Geſchichte wiſſen.“ „Meine Geſchichte?“ ſchrie Maggy.„Mütterchen.“ „Sie meint damit mich,“ ſagte Klein Dorrit ziemlich verwirrt;„ſie hängt ſehr an mir. Ihre alte Großmutter war nicht ſo gut mit ihr, als ſie hätte ſein ſollen; nicht wahr, Maggy?“ Maggy ſchüttelte den Kopf, machte ein Trinkgefäß aus ihrer zuſammengeballten linken Hand, trank daraus und ſagte:„Schnaps.“ Dann that ſie, als wenn ſie ein Kind ſchlüge, und ſagte:„Beſenſtiele und Feuerhaken.“ „Als Maggy zehn Jahre alt war,“ ſagte Klein Dorrit, n V K —— ⸗ Mütterchen. 9—— S— ———— Mütterchen. 25 indem ſie während des Sprechens ihr Geſicht beobachtete, „verfiel ſie in ein ſchlimmes Fieber, Sir, und ſeitdem iſt ſie nicht älter geworden.“ „Zehn Jahre alt,“ ſagte Maggy mit dem Kopfe nickend. „Aber was für ein hübſches Spital! Wie bequem, nicht wahr? O wie hübſch es war! Solch ein himmliſcher Platz!“ „Sie hatte nie vorher Frieden gehabt, Sir,“ ſagte Klein Dorrit leiſe, indem ſie ſich an Arthur wendete,„und ſo ſchweift ſie ſtets dahin ab.“ „Was da für Betten ſind!“ ſchrie Maggy.„Und ſolche Limonaden! Solche Orangen! Solche köſtliche Fleiſchbrühe und Wein! Solche ſchöne Hühnchen! O, iſt das nicht ein herrlicher Platz zum Hingehen und Dortbleiben?“ „So blieb denn Maggy dort, ſo lange ſie konnte,“ ſagte Klein Dorrit in ihrem frühern Tone der Erzählung, dem Tone, wie er für Maggy's Ohr paßte;„und endlich, als ſie dort nicht mehr bleiben konnte, kam ſie heraus. Dann, weil ſie nie, ſo lange ſie auch lebte, älter als zehn Jahre werden ſollte—“ 4 „Zehn Jahre werden ſollte,“ wiederhallte Maggy, das Echo. „Und weil ſie ſehr ſchwach, in der That ſo ſchwach war, daß ſie, ſobald ſie zu lachen begann, mit Lachen nicht aufhö⸗ ren konnte— was ſehr traurig war—“ (Maggy auf einmal ungeheuer ernſthaft). „Wußte ihre Großmutter nicht, was ſie mit ihr machen ſollte, und war einige Jahre wirklich ſehr unfreundlich mit 26 Neuntes Kapitel. — ihr. Endlich im Verlaufe der Zeit gab Maggy ſich Mühe, ſich zu beſſern und ſehr aufmerkſam und ſehr freundlich zu ſein, und allmälig wurde ihr geſtattet, aus⸗ und einzugehen, ſo oft ſie Luſt hatte, und ſie bekam genug zu thun, um ihren Unterhalt zu erwerben, und ſie erwirbt ſich ihn wirklich. Und das,“ ſagte Klein Dorrit, die beiden großen Hände wieder zuſammenklappend,„iſt Maggys Geſchichte, wie Maggy weiß.“ Ah! Aber Arthur würde gewußt haben, was zur Voll⸗ ſtändigkeit der Geſchichte noch gehörte, auch wenn er nie das Wort Mütterchen gehört, auch wenn er nie das Streicheln der kleinen magern Hand geſehen, auch wenn er kein Auge für die Thränen, die jetzt in den farbloſen Augen ſtanden, ge⸗ habt, auch wenn er das Schluchzen nicht vernommen hätte, welches jetzt das unſchickliche Lachen erſtickte. Der ſchmutzige Thorweg mit dem hindurchpfeifenden Wind und dem Regen und dem Korbe voll Koth beſudelter Kartoffeln, die darauf warteten, nochmals verſchüttet und wieder aufgeleſen zu wer⸗ den, ſchien nicht mehr die gemeine Höhle, die er in der That war, als er auf ihn bei dieſem Lichte zurück blickte. Nimmer, nimmer. Sie waren jetzt dem Ende ihres Weges ſehr nahe, und ſie traten jetzt aus dem Thorwege, um ihn zu beendigen. Maggy gab ſich nicht eher zufrieden, als bis ſie am Fenſter eines Materialladens kurz vor ihrem Ziele ſtehen blieben, da⸗ mit ſie ihre Gelehrſamkeit zeigen konnte. Sie konnte leſen, daß es eine Art hatte, und fand die fettgedruckten Zahlen ——— Oͤ X 8ASA — —9—e— —.—,—,„ Mütterchen. 27. auf den Preisliſten größtentheils richtig heraus. Sie ſtolperte auch, indem der Erfolg das Mißlingen beträchtlich überwog, durch verſchiedene menſchenfreundliche Empfehlungen hin⸗ durch, als zum Beiſpiel: Verſuchen Sie unſre Mixtur, Ver⸗ ſuchen Sie unſre Familien⸗Wichſe, Verſuchen Sie unſern Orangeduftigen Pekko⸗Thee, der an der Spitze aller Blumen⸗ thees jede Mitbewerbung um den Preis ausſchließt, und ver⸗ ſchiedene Warnungen des Publicums vor lügneriſchen Etabliſ⸗ ſements und verfälſchten Waaren. Als er ſah, wie die Freude Klein Dorrits Wangen roſig färbte, wenn Maggy recht ins Zeug ging, war ihm zu Muthe, als könnte er dort ſtehen blei⸗ ben und das Fenſter des Materialladens zur Bibliothek machen, bis Regen und Wind ſich legten. Der Vorhof nahm ſie zuletzt auf, und dort ſagte er Klein Dorrit Lebewohl. So klein ſie immer erſchienen war, er⸗ ſchien ſie jetzt kleiner als je, als er ſie in den Gang der Loge des Marſhalſea gehen ſah, die kleine Mutter begleitet von ihrem großen Kinde. Die Thür des Käfigs öffnete ſich, und als der kleine, in der Gefangenſchaft aufgewachſene Vogel zahmen Flugs hin⸗ eingeflattert war, ſah er ſie wieder ſchließen, und dann ging er weg. 28 1 Zehntes Kapitel. Sehutes Kapitel. Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. Das Umſchreibungsamt war(wie jedermann weiß ohne daß es ihm geſagt zu werden braucht) das wichtigſte Depar⸗ tement unter der Regierung. Kein öffentliches Geſchäft irgend welcher Art konnte abgethan werden ohne die Einwilligung des Umſchreibungsamtes. Sein Finger war in der größten Paſtete und in der kleinſten Torte, die dem Publikum vorge⸗ ſetzt wurde. Es war gleich unmöglich, das offenkundigſte Recht geltend als das offenkundigſte Unrecht ungültig zu machen ohne die ausdrückliche Genehmigung des Umſchrei⸗ bungsamts. Wenn eine zweite Pulververſchwörung eine halbe Stunde vor dem Anzünden der Lunte entdeckt worden wäre, ſo würde Niemand das Recht gehabt haben, das Parlament zu retten, bevor das Umſchreibungsamt nicht ein halbes Schock Sitzungen, einen halben Scheffel Berathungen, meh⸗ rere Säcke voll officielle Memoranda und eine ganze Fami⸗ liengruft voll ungrammatikaliſcher Briefſchreiberei losgelaſſen gehabt hätte. Dieſes glorreiche Inſtitut war frühzeitig auf dem Platze geweſen, als das eine erhabene Princip, welches die ſchwie⸗ rige Kunſt, ein Land zu regieren, einſchließt, zum erſten Male deutlich an Staatsmänner offenbart wurde. Es war voran⸗ gegangen, dieſe ſtrahlende Offenbarung zu ſtudiren und ſei⸗ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 29 nen glänzenden Einfluß dem Ganzen des officiellen Thuns und Laſſens mitzutheilen. Was immer zu thun erfordert war, das Umſchreibungsamt ging allen öffentlichen Departements voran in der Kunſt, herauszufinden, wie es nicht zu thun ſei. Vermöge dieſer feinen Spürkraft, vermöge des Takts, womit es ſich unabänderlich der Sache bemächtigte, und ver⸗ möge der Genialität, mit welcher es ſtets in derſelben han⸗ delte, war das Umſchreibungsamt dahin gelangt, daß es alle öffentlichen Departements überragte, und die öffentliche Lage war dahin gelangt, daß ſie— war, was ſie war. Es iſt wahr, die Frage: Wie iſt es nicht zu thun? war das Hauptziel und Streben aller öffentlichen Departements und aller Politiker von Profeſſion auch in der Umgebung des Umſchreibungsamtes. Es iſt wahr, daß jeder neue Premier und jede neue Regierung, die ins Amt kam, weil ſie ein gewiſſes Ding als nothwendig zu thun auf ihre Fahne geſchrieben hatte, nicht ſo bald im Amte war, als ſie ſichs die äußerſte Anſtrengung ihrer Fähigkeiten koſten ließ, um zu entdecken, wie es nicht zu thun ſei. Es iſt wahr, daß von dem Augen⸗ blicke an, wo eine allgemeine Wahl vorüber war, jeder Ge⸗ wählte, der auf der Wahlbühne gewüthet und gewettert, weil es nicht gethan worden, und der die Freunde des ehrenwer⸗ then Herrn auf der Gegenſeite unter Androhung einer Klage auf Pflichtverletzung erſucht hatte, ihm zu ſagen, warum es nicht gethan worden, und welcher die Verſicherung gegeben hatte, daß es gethan werden müſſe, und welcher endlich ſich 30 Zehntes Kapitel. verbürgt hatte, daß es gethan werden ſolle, ſofort nachzu⸗ denken begann, wie es nicht gethan werden könne. Es iſt wahr, daß die Debatten in beiden Parlamentshäuſern die ganze Seſſion hindurch gleichförmig auf die langhingezogene Ueber⸗ legung hinausliefen, wie man es nicht thun müſſe. Es iſt wahr, daß die königliche Rede bei Eröffnung ſolch einer Seſ⸗ ſion thatſächlich ſagte: Mylords und Gentlemen, Sie haben eine beträchtliche Maſſe Arbeiten vor ſich und Sie werden ſich gefälligſt nach ihren betreffenden Berathungszimmern verfü⸗ gen und discutiren, wie es nicht zu thun iſt. Es iſt wahr, daß die königliche Rede am Schluſſe einer ſolchen Seſſion thatſächlich ſagte: Mylords und Gentlemen, Sie haben ſich mehrere Monate voll Mühe und Arbeit mit großer Loyalität und Vaterlandsliebe mit der Betrachtung beſchäftigt, wie es nicht zu thun iſt, und Sie haben es entdeckt, und mit dem Wunſche, daß die Vorſehung die Ernte(die natürliche, nicht die politiſche) ſegnen möge, entlaſſe ich Sie jetzt. Alles dies iſt wahr, allein das Umſchreibungsamt ging darüber noch hinaus. Darüber hinaus, weil das Umſchreibungsamt mechaniſch Tag für Tag fortfuhr, dieſes wunderbare, für Alles ausrei⸗ chende Rad der Staatskunſt: Wie es nicht zu thun iſt in Be⸗ wegung zu ſetzen. Weil das Umſchreibungsamt über jeden übelberathenen Beamten, der im Begriffe war, es zu thun, oder welcher durch irgend einen überraſchenden Zufall in der entfernten Gefahr ſchwebte, es zu thun, ſofort mit einer Sitzung, einem Memorandum oder einem Befehle herfiel, Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 31 wodurch er vertilgt wurde. Dieſer Geiſt natio naler Wirkſam⸗ keit im Umſchreibungsamte war es, welcher allmälig dahin geführt hatte, daß es mit allem Möglichen etwas zu thun hatte. Mechaniker, Naturforſcher, Soldaten, Seeleute, Bitt⸗ ſteller, Eingeber von Denkſchriften, Beſchwerdeführer, Leute, welche eine Beſchwerde zu vermeiden wünſchten, Leute, welche Beſchwerden abzuhelfen ſuchten, Leute, welche ein Geſchäft machen wollten, Leute, mit denen ein Geſchäft gemacht worden war, Leute, welche ihren Lohn für Verdienſte nicht bekommen konnten und Leute, welche ihre Strafe für das Gegenthei von Verdienſt nicht bekommen konnten, wurden alle durchein⸗ ander in die Actenbündel des Umſchreibungsamts einge⸗ ſchnürt. Zahlloſe Leute gingen im Umſchreibungsamte verloren. Unglücksvögel, denen Unrecht geſchehen oder welche Vorſchläge zum allgemeinen Beſten gemacht(und ſie hätten klüger ge⸗ handelt, ſich erſt Unrecht thun zu laſſen, als jenes bittere engliſche Recept zu nehmen, auf welches ſie ſicher Unrecht be⸗ kamen), welche im langſamen Gange der Zeit unter fort⸗ währender Seelenqual ſich durch andere öffentliche Departe⸗ ments hindurchgearbeitet hatten, welche, wie es die Ord⸗ nung mit ſich brachte, in dieſem angefahren, in jenen über⸗ gangen, in andern mit Ausflüchten abgeſpeiſt worden waren, wurden zuletzt an das Umſchreibungsamt verwieſen, und ſiehe da, nie erſchienen ſie wieder in dem Lichte des Ta⸗ ges. Sitzungen wurden über ſie gehalten, Sekretäre beriethen über ſie, Comités plapperten über ſie, Schreiber trugen ſie 32 Zehntes Kapitel. in ihre Regiſter ein, verſchrieben, zerſchrieben und zerkau⸗ ten ſie, bis ſie völlig zerſchmolzen. Kurz alle Geſchäfte des Landes gingen durch das Umſchreibungsamt, ausgenommen die Geſchäfte, die nie herauskamen, und deren Name war Legion. Mitunter griffen ärgerliche Geiſter das Umſchreibungs⸗ amt an. Mitunter wurden im Parlament Fragen in Betreff deſſelben vorgelegt und ſelbſt parlamentariſche Motionen wurden in Bezug auf daſſelbe eingebracht oder angedroht, von Demagogen nänlich, die ſo gemein und unwiſſend wa⸗ ren, daß ſie die Anſicht hegten, das eigentliche Recept des Regierens ſei die Frage: Wie iſt es zu thun? Dann pflegte der edle Lord oder ſehr ehrenwerthe Gentleman, zu deſſen Bereich es gehörte, das Umſchreibungsamt zu vertheidigen, ſich eine Orange in die Taſche zu ſtecken und aus der An⸗ gelegenheit einen Hauptſchlachttag zu machen. Dann pflegte er auf das betreffende Haus mit einem Schlage auf den Tiſch loszuplatzen und dem betreffenden ehrenwerthen Gent⸗ leman Auge zu Auge gegenüberzutreten. Dann war er da, dieſem ehrenwerthen Gentleman zu ſagen, daß das Um⸗ ſchreibungsamt nicht blos tadellos in dieſer Sache, ſondern zu loben in dieſer Sache, in den Himmel zu heben in dieſer Sache ſei. Dann war er da, dieſem ehrenwerthen Gentleman zu ſagen, daß, obſchon das Umſchreibungsamt unter allen Umſtänden Recht und durchaus Recht habe, es nie ſo Recht gehabt als in dieſer Sache. Dann war er da, dieſem ehren⸗ werthen Gentleman zu ſagen, daß es ihm mehr zur Ehre o d Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 33 gereicht, mehr von ſeiner Zuverläſſigkeit, ſeinem Ge⸗ ſchmacke, ſeinem geſunden Menſchenverſtande, mehr von ſei⸗ nem Beſitz aller Eigenſchaften, die das Wörterbuch der Ge⸗ meinplätze bei ſolchen Gelegenheiten hergeben muß, gezeigt haben würde, wenn er das Umſchreibungsamt unbehelligt ge⸗ laſſen und nie an dieſe Sache gerührt hätte. Dann pflegte er ein Auge auf einen Helfershelfer vom Umſchreibungsamte, der unter den Schranken ſaß, zu heften und den ehrenwerthen Herrn, der den Antrag geſtellt, mit dem Berichte des Um⸗ ſchreibungsamts von dieſer Sache niederzuſchmettern. Und obwohl eins von zwei Dingen ſtets ſich ereignete, daß nämlich entweder das Umſchreibungsamt nichts zu ſagen hatte und es ſagte, oder daß es etwas zu ſagen hatte, wo⸗ von der edle Lord oder ſehr ehrenwerthe Gentleman die eine Hälfte verpudelte und die andere vergaß, ging das Um⸗ ſchreibungsamt doch mit Hülfe einer dienſtwilligen Majori⸗ tät ſtets unbefleckt aus der Abſtimmung hervor. In Folge einer langen Laufbahn dieſer Art war das Departement eine ſolche Pflanzſchule von Staatsmännern geworden, daß mehrere würdevolle Lords ſich den Ruf ganz übermenſchlich ſtaunenswerther Geſchäftskenntniß blos da⸗ durch erworben hatten, daß ſie die Frage: Wie iſt es nicht zu thun? an der Spitze des Umſchreibungsamtes praktiſch beantwortet hatten. Was die niedern Prieſter und Leviten dieſes Tempels betrifft, ſo war das Ergebniß alles deſſen, daß ſie ſich in zwei Klaſſen theilten und bis zum jüngſten Gerichtsboten hinab entweder an das Umſchreibungsamt Klein Dorrit. II. 3 34 Zehntes Kapitel. als ein vom Himmel gefallenes Inſtitut glaubten, welches das abſolute Recht habe nach Belieben zu ſchalten, oder ſich in völligen Unglauben flüchteten und es als einen offen⸗ kundigen Krebsſchaden betrachteten. Die Familie Barnacle hatte ſeit geraumer Zeit geholfen, das Umſchreibungsamt zu verwalten. Namentlich der Zweig Tite Barnacle meinte wohlbegründete Rechte in dieſer Rich⸗ tung zu haben und nahm es übel, wenn irgend eine andre Familie viel hineinzureden hatte. Die Barnacles waren eine ſehr vornehme Familie und eine ſehr ausgebreitete Familie. Sie waren über alle öffentlichen Aemter verbreitet und hat⸗ ten alle öffentlichen Stellen inne. Entweder die Nation war den Barnacles oder die Barnacles waren der Nation zu höchſtem Danke verpflichtet. Es war nicht bis zu völliger Einſtimmigkeit ausgemacht, welches das Rechte war, die Barnacles hatten ihre Meinung, und die Nation die ihre. Der Mr. Tite Barnacle, welcher zu der jetzt in Rede ſtehenden Zeit gewöhnlich das Geſchäft eines parlamen⸗ tariſchen Helfershelfers bei dem an der Spitze des Umſchrei⸗ bungsamtes ſtehenden Staatsmanne verſah, wenn dieſes edle oder ſehr ehrenwerthe Individuum in Folge des Um⸗ ſtands, daß irgend ein Bummler in einer Zeitung ihn zur Zielſcheibe ſeiner Angriffe gemacht, ſich ein wenig unſicher im Sattel fühlte, war mehr Vollblut, als Geldſack. Als ein Barnaecle hatte er ſeine Stelle, welche ein recht nettes Ding war, und als ein Barnacle hatte er ſelbſtverſtändlich ſeinen Sohn Barnacle junior in das Amt gebracht. Aber Enthalt die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 35 er hatte in einen Zweig der Stiltſtalkings hineingeheirathet, die ebenfalls im Punkte des Blutes beſſer beſchlagen waren, als im Punkte von Gut und Geld, und aus dieſer Ehe wa⸗ ren Barnacle junior und drei junge Damen entſproſſen. Dies und die patriziſchen Anſprüche Barnacle's junior, der drei jungen Damen, der Mrs. Tite Barnacle, née Stilt⸗ ſtalking und ſeiner eigenen Perſon bewirkten, daß Mr. Tite Barnacle die Zwiſchenzeit zwiſchen Quartaltag und Quartal⸗ tag länger als wünſchenswerth fand— einen Umſtand, den er ſtets der übertriebenen Sparſamkeit des Landes zuſchrieb. Eines Tags nun fragte Arthur Clennam im Umſchrei⸗ bungsamte zum fünften Male nach Mr. Tite Barnacle. Er hatte bei frühern Gelegenheiten dieſen Herrn nach einander in einer Hausflur, einem Glasſalon, einem Vorzimmer und einem feuerfeſten Gange erwartet, wo das Departement ſeinen Segelwind aufzubewahren ſchien. Diesmal war Mr. Barnacle nicht mit dem edeln Wundergeſchöpfe an der Spitze des Departements beſchäftigt, ſondern abweſend. Indeß wurde ihm Barnacle junior als ein kleinerer Stern, der noch über dem Horizonte ſichtbar, bezeichnet. Er ſprach ſeinen Wunſch aus, mit Barnacle junior zu verhandeln. Er fand dieſen jungen Herrn mit dem Rücken gegen den Kaminſims gelehnt, damit beſchäftigt, ſich am väterlichen Feuer die Waden zu ſengen. Es war ein behag⸗ liches Gemach, welches im höhern Amtsſtuben⸗Styl aus⸗ möblirt war und in ſtattlicher Weiſe an den abweſenden Barnacle mahnte, wenn man den dicken Teppich anſah und 3* 36 Zehntes Kapitel. das lederüberzogene Sitzpult, das lederüberzogene Stehpult, den gewaltigen Großvaterſtuhl und Polſterſchemel, die da⸗ vorgeſchobene ſpaniſche Wand, die zerriſſenen Papiere, die Briefkaſten, aus denen, als ob Medicinflaſchen oder einge⸗ ſetztes Wildpret drin wäre, kleine Zettelchen heraushingen, den überall verbreiteten Duft von Leder und Mahagony und die in Allem ausgeprägte Wichtigthuerei betrachtete, mit der ſich die Löſung der Frage, wie es nicht zu thun ſei, umgab. Der gegenwärtige Barnacle, der Mr. Clennams Karte in der Hand hielt, hatte ein ſehr jugendliches Aeußere und vielleicht den ſchattenhafteſten Schatten eines Backenbärt⸗ leins, der je geſehen worden. Es war ſolch ein unreifer Flaum um ſein glattes Kinn, daß er erſt halb flügge zu ſein ſchien wie ein junger Vogel, und ein mitleidiger Beobach⸗ ter hätte behaupten können, daß er, wofern er ſich nicht die Waden bis zum Verſengen gewärmt hätte, vor Kälte um⸗ gekommen ſein würde. Er hatte ein prächtiges Augenglas vom Halſe herabbaumeln, hatte jedoch unglücklicherweiſe ſolche flache Augenhöhlen und ſolche matte Augenliderchen, daß es nicht ſtecken bleiben wollte, wenn er es einklemmte, ſondern jedesmal mit einem Klirren, welches ihn ſehr außer Faſſung brachte, auf die Knöpfe ſeiner Weſte herunter⸗ purzelte. „Oh, hören Sie mal. Sehen Sie mal! Mein Vater iſt nicht da und wird auch heute nicht kommen,“ ſagte Bar⸗ nacle junior.„Iſt es etwas, was ich beſorgen kann.“ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 37 (Klirr! Das Augenglas herunter. Barnacle junior ganz erſchrocken, fühlt ſich am ganzen Leibe herum, iſt aber nicht im Stande es zu finden.) „Sie ſind ſehr gütig,“ ſagte Arthur Clennam.„Ich wünſche jedoch Mr. Barnacle zu ſprechen.“ „Aber hören Sie mal. Sehen Sie mal! Sie haben doch keine Beſtellung,“ ſagte Barnacle junior. Enzwiſchen fand er das Augenglas und ſteckte es wie⸗ der feſt.) „Nein,“ ſagte Arthur Clennam,„das iſt's eben, was ich wünſche.“ „Aber hören Sie mal. Sehen Sie mal! Iſt es eine öffentliche Angelegenheit?“ fragte Barnacle junior. (Klirr! Das Augenglas wieder herunter. Barnacle junior ſuchte ſo emſig darnach, daß Arthur Clennam es vorläufig für unnütz hielt, ihm zu antworten.) „Iſt's etwa,“ ſagte Barnacle junior, indem er auf das gebräunte Geſicht des Beſuchers Acht hatte,—„irgend et⸗ was Tonnengeld betreffend— oder ſo was der Art?“ Endem er auf Antwort wartete, öffnete er ſein rechtes Auge mit der Hand und ſteckte ſein Glas hinein, und zwar in einer Weiſe, die es ſo entzündete, daß das Auge furcht⸗ bar zu thränen begann.) „Nein,“ ſagte Arthur,„es iſt nichts, was Tonnengeld beträfe.“ „Dann ſehen Sie mal. Iſt's eine Privatangelegenheit?“ 38 Zehntes Kapitel. „Ich bin deſſen wirklich nicht gewiß. Es betrifft einen gewiſſen Mr. Dorrit.“ „Sehen Sie mal. Will Ihnen was ſagen. Sie thäten beſſer, in unſerem Hauſe vorzuſprechen, wenn Sie da vorbei⸗ kommen. Vierundzwanzig, Mewsſtreet, Grosvenor Square. Mein Vater hat einen kleinen Gichtanfall, der ihn zu Hauſe zu bleiben nöthigt.“ (Der unglückſelige junge Barnacle war augenſcheinlich im Begriffe, auf der Seite, wo er das Augenglas hatte, blind zu werden, ſchämte ſich jedoch, in ſeinen ſchmerzvollen Arran⸗ gements nochmals eine Abänderung zu treffen.) .„Dank Ihnen. Ich will gleich dort meinen Beſuch ma⸗ chen. Guten Morgen!“ Der junge Barnacle ſchien hierüber außer Faſſung zu gerathen, da er nicht erwartet hatte, daß er gehen werde. „Sie ſind doch ganz ſicher,“ ſagte Barnacle junior, ihm nachrufend, als er in der Thür ſtand, indem er die frohe Idee, die er gefaßt, einmal etwas zu thun zu kriegen, ungern fahren ließ,„daß es ſich nicht auf Tonnengeld bezieht?“ „Vollkommen ſicher.“ Mit dieſer Verſicherung und ziemlich neugierig, was ſtatt⸗ gefunden haben würde, falls es wirklich etwas in Bezug auf Tonnengeld geweſen wäre, zog Mr. Clennam ſich zurück, um ſeine Erkundigungen weiter zu verfolgen. Mewoſtreet, Grosvenor Square war nicht gerade Gros⸗ venor Square ſelbſt, aber doch ſehr nahe dabei. Es war eine abſcheuliche kleine Gaſſe, die aus einer nackten Mauer, Stäl⸗ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 39 len und Düngerhaufen beſtand, und wo ſich über Wagenremi⸗ ſen Bodenräume, bewohnt von Kutſcherfamilien, erhoben, die eine Leidenſchaft für das Trocknen von Wäſche und die Aus⸗ ſchmückung ihrer Fenſterſimſe mit Chauſſeehausgittern en miniature hatten. Der Hauptſchornſteinfegerherr dieſes von der feinen Welt bewohnten Stadttheils wohnte am Ende von Mewsſtreet, welches eine Sackgaſſe war, und derſelbe Winkel enthielt ein Etabliſſement, welches in der Abend⸗ und Mor⸗ gendämmerung fleißig zum Zwecke des Aufkaufs von Wein⸗ flaſchen und Küchenkehricht beſucht wurde. Die Requiſiten von Kaſperle⸗Theatern pflegten an der kahlen Mauer in Mews⸗ ſtreet zu lehnen, während ihre Beſitzer anderswo zu Mittag ſpeiſten, und die Hunde der Nachbarſchaft beſtellten ſich in derſelben Localität zu Zuſammenkünften. Doch gab es zwei oder drei kleine luftloſe Häuſer am Eingange von Meysſtreet, welche eine ungeheure Miethe abwarfen, weil ſie elende An⸗ hängſel einer faſhionabeln Lage waren, und wenn ja einmal eines dieſer fürchterlichen kleinen Neſter zu vermiethen war, (was ſelten geſchah, denn es war große Nachfrage darnach) ſo zeigte es der Häuſermäkler als eine herrſchaftliche Wohnung im vornehmſten Theile der Stadt, bewohnt lediglich von der Elite der Beau Monde, an. Wenn eine herrſchaftliche Wohnung innerhalb dieſes en⸗ gen Bezirks nicht weſentlich zum Geblüt der Barnacles gehört hätte, ſo würde dieſer beſondere Zweig eine ziemlich ausge⸗ dehnte Auswahl unter, wollen ſagen zehntauſend Häuſern gehabt haben, die fünfzig Mal ſo viel Bequemlichkeit für den 40 Zehntes Kapitel. dritten Theil des Geldes boten. Unter bewandten Umſtänden ſchob Mr. Barnacle, der ſeine herrſchaftliche Wohnung über die Maßen unbequem und über die Maßen theuer fand, die Sache als Staatsdiener ſtets dem Lande in die Schuhe und führte ſie als weitern Beweis der übertriebenen Sparſamkeit des Landes an. Arthur Clennam kam zu einem zuſammengequetſchten Hauſe mit einer gebrechlich vorn übergebeugten Vorderſeite, kleinen matten Fenſtern und einem kleinen dunkeln Vorplatze, einer feuchten Weſtentaſche ähnlich, in welchem er die Adreſſe Num⸗ mer Vierundzwanzig Mewsſtreet, Grosvenor Square, entdeckte. Nach dem Geruchsſinne zu urtheilen glich das Haus einer Art Flaſche, gefüllt mit einer ſtarken Deſtillation von Schleußen⸗ ſchlamm, und als der Bediente die Thür öffnete, ſchien er den Stöpſel herauszuziehen. Der Bediente verhielt ſich zu den Bedienten von Grosvenor Square, wie das Haus zu den Häuſern von Grosvenor Square. Großartig in ſeiner Art, war ſeine Art doch eine von der Hinter⸗ und Nebengaſſe. Sein prächtiges Aeußere war nicht ohne Beimiſchung von Schmutz, und ſowohl in Betreff ſeiner Geſichtsfarbe als ſei⸗ nes Leibesbeſtandes hatte er von der Beſchränktheit ſeiner Speiſekammer gelitten. Er hatte ein vergilbtes ſchlottriges Weſen an ſich, als er den Stöpſel herausnahm und die Flaſche Mr. Clennams Naſe präſentirte. „Sein Sie ſo gut, dieſe Karte Mr. Tite Barnacle zu überreichen und zu ſagen, daß ich eben den jüngern Mr. Bar⸗ nacle beſucht habe, der mir empfahl, mich hierher zu wenden.“ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 41 Der Bediente(welcher auf den Klappen ſeiner Taſchen ſo viele große Knöpfe mit dem Wappen der Barnacles hatte, als ob er der Silberſchrank der Familie wäre und das Tafel⸗ geſchirr nebſt den Juwelen derſelben eingeknöpft mit ſich herumtrüge) dachte ein Weilchen über die Karte nach und ſagte dann:„Treten Sie ein!“ Es bedurfte einiges Geſchicks, dies zu bewerkſtelligen, ohne die Vorſaalthür einzurennen und in der darauf folgenden geiſtigen Verwirrung und leiblichen Hinderniß die Küchentreppe hinabzurutſchen. Der Beſucher wußte indeß mit heiler Haut bis zur Thürmatte zu gelangen. Nochmals ſagte der Bediente:„Treten Sie ein!“ und ſo folgte ihm der Beſucher. An der Thür des Vorſaals ſchien eine zweite Flaſche ihm an die Naſe gehalten und ein zweiter Stöpſel herausgenommen zu werden. Dieſe zweite Phiole ſchien mit eingekochten Lebensmitteln und Extract von der Goſſe der Küche gefüllt zu ſein. Nach einem Scharmützel in dem engen Gange, welches dadurch hervorgerufen wurde, daß der Bediente die Thür des düſtern Speiſeſaals zu zuverſicht⸗ lich öffnete, betroffen Jemand darin fand und in Unordnung auf den Beſuch zurückprallte, wurde letzterer, während jener ihn anzumelden ging, in ein enges Hinterſtübchen eingeſperrt Hier fand er Gelegenheit, ſich mit beiden Flaſchen zugleich zu erquicken, die Ausſicht auf eine niedrige Hintermauer drei Fuß vom Fenſter zu genießen und über die Menge der Fami⸗ lien Barnacle auf den Sterblichkeitsliſten nachzudenken, welche nach eigner freier Wahl in ſolchen Spelunken wohnten. Mr. Barnacle war bereit, ihn zu empfangen. Ob er 42 Zehntes Kapitel. hinaufgehen wollte? Er wollte, und er that es, und in dem Putzzimmer, ſein Bein auf ein Ruhebänkchen gelegt, fand er Mr. Barnacle in eigner Perſon, das ausgeprägte Bild und die deutlichſte Darſtellung der Frage: Wie iſt es nicht zu thun? Mr. Barnacle ſtammte aus einer beſſern Zeit, wo das Land nicht ſo übertrieben ſparſam und das Umſchreibungsamt nicht ſo ſchwer beläſtigt war. Er band und band Falten wei⸗ ßen Cravattenſtoffs um ſeinen Hals, ganz ſo wie er Falten von Actenpapier und Actenbindfaden um den Hals des Lan⸗ des wand. Seine Manſchetten und ſein Halskragen hatten etwas Niederdrückendes, ſeine Stimme und Geberde hatte etwas Niederdrückendes. Er trug eine große Uhrkette und ein Bündel Petſchafte, einen Rock bis zur Unbequemlichkeit zu⸗ ſammengeknöpft, eine Weſte bis zur Unbequemlichkeit zuſam⸗ mengeknöpft, ein Paar faltenloſe Hoſen, ein Paar ſteife Stiefel. Er war in allen Stücken prächtig, ſchwerfällig, überwältigend und unpraktiſch. Er ſchien alle ſeine Lebtage Sir Thomas Lawrence zu ſeinem Portrait geſeſſen zu haben. „Mr. Clennam?“ ſagte Mr. Barnacle.„Laſſen Sie ſich nieder.“— Mr. Clennam ließ ſich nieder. „Sie haben mich, glaube ich, im Umſchreibungsamte aufgeſucht,“ ſagte Mr. Barnacle, indem er auf das Wort „Umſchreibungsamt“ einen Ton legte, als ob es ein Wort von etwa fünfundzwanzig Sylben wäre. „Ich habe mir dieſe Freiheit genommen.“ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 43 Mr. Barnacle beugte feierlich ſein Haupt, als wollte er ſagen:„Ich ſtelle nicht in Abrede, daß es eine Freiheit iſt; fahren Sie fort, ſich eine zweite Freiheit zu nehmen, indem Sie mich wiſſen laſſen, was Ihr Begehr iſt.“ „Erlauben Sie mir zu bemerken, daß ich mehrere Jahre in China geweſen, daß ich völlig fremd zu Hauſe bin, und daß ich keine perſönlichen Beweggründe oder Zwecke in Be⸗ treff der Erkundigung habe, die ich einzuziehen im Begriff bin.“ Mr. Barnacle trommelte mit den Fingern auf den Tiſch, und indem er eine Miene machte, als ſäße er einem neuen und fremden Künſtler für ſein Portrait, ſchien er zu ſeinem Beſuche zu ſagen:„Sie werden mich verpflichten, wenn Sie ſo gut ſein wollen, mich mit dem gegenwärtigen erhabenen Ausdrucke darzuſtellen“ „Ich habe im Marſhalſea⸗Gefängniß einen Gefangenen, Namens Dorrit, gefunden, der viele Jahre dort geſeſſen hat. Ich wünſche ſeine verwirrten Angelegenheiten durchzuſehen, um mir Gewißheit zu verſchaffen, ob es nicht möglich iſt, nach dieſem Verlauf von Zeit ſeine unglückliche Lage zu ver⸗ beſſern. Der Name Mr. Tite Barnacle iſt gegen mich ge⸗ nannt worden als ein ſolcher, welcher unter ſeinen Gläubi⸗ gern ein im hohen Grade einflußreiches Intereſſe vertritt. Bin ich recht berichtet?“ Da es einer der Grundſätze des Umſchreibungsamtes war, unter keinerlei Umſtänden, ſeien ſie welche ſie wollen, eine gerade aufs Ziel losgehende Antwort zu geben, ſo ſagte Mr. Barnacle:„Kann möglich ſein.“ 44 Zehntes Kapitel. „Darf ich fragen, ob im Auftrage der Krone oder als Privatmann?“. „Das Umſchreibungsamt, Sir,“ erwiderte Mr. Barnacle, „kann vielleicht— ich ſage vielleicht— denn ich weiß es nicht— angerathen haben, daß ein Anſpruch, den der Staat auf den verſchuldeten Beſitz einer Firma oder eines Geſchäftstheilnehmers hatte, womit jener Mann in Verbin⸗ dung geſtanden haben mag, durch Gewaltmaßregeln geltend gemacht werde. Die Frage kann vielleicht nach dem officiel⸗ len Geſchäftsgange an das Umſchreibungsamt zur Begutach⸗ tung verwieſen worden ſein. Das Departement kann viel⸗ leicht einen Beſchluß, der dies empfahl, gefaßt oder beſtä⸗ tigt haben.“ „Nun, ſo will ich dies annehmen.“ „Das Umſchreibungsamt iſt nicht verantwortlich für das, was der eine oder der andere Herr anzunehmen beliebt,“ ſagte Mr. Barnacle. „Darf ich fragen, wo ich officielle Kunde in Betreff des wirklichen Standes der Angelegenheit einziehen kann?“ „Es ſteht jedem Einzelnen aus dem Publicum zu,“ ſagte Mr. Barnacle, indem er jene obſcure Körperſchaft als ſei⸗ nen natürlichen Feind mit Widerſtreben erwähnte,„ſich ſchriftlich an das Umſchreibungsamt zu wenden. Die Förm⸗ lichkeiten, die dabei zu beobachten ſind, kann man erfahren, wenn man ſich an die richtige Unterabtheilung dieſes De⸗ partements wendet.“ „Welches iſt die richtige Unterabtheilung?“ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 45 „Ich muß Sie,“ erwiderte Mr. Barnacle, die Glocke ziehend,„in Betreff einer formalen Antwort auf dieſe Frage, an das Departement ſelbſt verweiſen.“ „Entſchuldigen Sie die Bemerkung—“ „Das Departement iſt zugänglich für das— Publikum.“ Mr. Barnacle gab es ſtets einen kleinen Stoß, wenn dieſes Wort, das für ihn eine ſo unangenehme Bedeutung hatte, von ihm gebraucht wurde,—„wofern das— Publikum ſich ihm nach vorgeſchriebener Form nähert; wenn das— Publikum ſich nicht nach vorgeſchriebener Form ihm nähert, ſo hat ſich das— Publikum den Schaden ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben.“ Mr. Barnacle machte ihm eine ernſte Verbeugung, wie ein verletzter Familienvater, ein verletzter Nann von Amt und Würde, ein verletzter Inhaber einer herrſchaftlichen Wohnung, alles in Eins verſchmolzen. Und er machte Mr. Barnacle eine Verbeugung und wurde von denm ſchlottrigen Bedienten auf die Mewsſtreet hinausgelaſſen. Nachdem er auf dieſen Weg gerathen war, beſchloß er als Uebung in der Ausdauer ſich wieder auf das Umſchrei⸗ bungsamt zu verfügen und zu verſuchen, wie weit er dort ſein Streben befriedigen könne. So ging er denn nach dem Umſchreibungsamte zurück und ſendete nochmals an Barnacle junior ſeine Karte durch einen Boten hinauf, der es außer⸗ ordentlich übel nahm, daß er ſich unterſtand wiederzukommen, und welcher eben Kartoffelbrei mit Bratenbrühe hinter einer Wandabtheilung am Kamin des Vorhauſes ſpeiſte. 46 Zehntes Kapitel. Er wurde wieder vor Barnacle junior gelaſſen und fand dieſen jungen Herrn im Begriffe, ſich jetzt die Knie zu ſen⸗ gen, während er die langweilige Zeit bis vier Uhr zu ver⸗ gähnen beſtrebt war. „Hören Sie mal. Sehen Sie mal. Sie hängen ſich ja verteufelt feſt an uns,“ ſagte Barnacle junior, über die Schulter blickend. „Ich möchte wiſſen—“ „Sehen Sie mal. Meiner Seel', Sie dürfen nicht hier⸗ her kommen und ſagen, daß Sie was wiſſen wollen, ver⸗ ſtehen Sie wohl,“ erwiderte Barnacle junior, ſich umdre⸗ hend und das Augenglas einklemmend. „Ich möchte wiſſen,“ ſagte Arthur Clennam, welcher den Entſchluß gefaßt hatte, kurz angebunden auf ſeiner Ab⸗ ſicht zu beſtehen,„genau und deutlich wiſſen, welcherlei An⸗ ſprüche die Krone an einen Schuldgefangenen Namens Dor⸗ rit hat.“ „Hören Sie mal. Sehen Sie mal. Sie haben's wirk⸗ lich recht eilig damit, verſtehen Sie wohl. Sie haben doch keine Beſtellung erhalten,“ ſagte Barnacle junior, als ob die Sache jetzt anfing ernſthaft zu werden. „Ich möchte wiſſen,“ ſagte Arthur Clennam, und dann wiederholte er ſeinen Antrag. Barnacle junior ſtierte ihn an, bis ſein Augenglas herunterfiel, und klemmte es dann ein und ſtierte ihn an, bis es wieder herunterfiel.„Sie haben kein Recht, ſich auf dieſe Art an uns zu wenden,“ bemerkte er dann mit der größten Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 47 Schwäche.„Sehen Sie mal. Was wollen Sie eigentlich? Sie ſagten mir, Sie wüßten nicht, ob es eine öffentliche Angelegenheit wäre oder nicht.“ „Ich habe jetzt die Gewißheit erlangt, daß es eine öf⸗ fentliche Angelegenheit iſt,“ erwiderte der Bittſteller,„und ich wünſche zu wiſſen“— worauf er abermals ſeine eintönige Frage wiederholte. Die Wirkung derſelben auf den jungen Barnacle war die, daß derſelbe in der Weiſe jemandes, der entwaffnet iſt, wiederholte:„Sehen Sie mal. Sie müſſen meiner Seel' nicht hierher kommen und ſagen, daß ſie etwas wiſſen wol⸗ len, verſtehen Sie wohl.“ Die Wirkung davon auf Arthur Clennam war die, daß derſelbe ſeine Frage genau mit den⸗ ſelben Worten und in demſelben Tone wie vorher wieder⸗ holte. Die Wirkung davon auf den jungen Barnacle war die, daß er ein erſtaunliches Schauſpiel des Abgeblitztſeins und der Hülfloſigkeit darbot. „Na, ich will Ihnen was ſagen. Sehen Sie mal. Sie thäten am beſten, es mit dem Sekretariat zu verſuchen,“ ſagte er zuletzt, indem er nach der Klingel zur Seite hin⸗ ging und ſie zog.„Jenkinſon,“ ſagte er zu dem Boten mit dem Kartoffelbrei,„zu Mr. Wobbler!“ Arthur Clennam, der ſich jetzt bewußt war, daß er ſich der Erſtürmung des Umſchreibungsamts gewidmet habe und ſeine Sache durchbringen müſſe, begleitete den Boten nach einem andern Geſchoß des Gebäudes, wo dieſer Beamte ihm Mr. Wobblers Zimmer wies. Er trat in dieſes Gemach 48 Zehntes Kapitel. und traf daſelbſt zwei Herren Geſicht zu Geſicht an einem großen und bequemen Pulte ſich gegenüberſitzend, von denen der eine einen Flintenlauf auf ſeinem Taſchentuche putzte, während der andere mit einem Papiermeſſer Marmelade auf ſein Brot ſtrich. „Mr. Wobbler?“ erkundigte ſich der Bittſteller. Beide Herren warfen ihm einen Blick zu und ſchienen erſtaunt über ſein zuverſichtliches Auftreten. „So ging er denn nach dem Orte, wo ſein Vetter wohnt,“ ſagte der Herr mit dem Flintenlauf, welcher ein außerordent⸗ lich überlegſamer Sprecher war,„und nahm den Hund auf der Eiſenbahn mit. Unſchätzbarer Hund! fuhr auf den Kofferträger los, als er in den Hundewagen geſteckt wurde, und fuhr auf den Wächter los, als er herausgenommen wurde. Er brachte ein halb Dutzend Burſche in eine Scheune zuſammen und eine gute Zufuhr von Ratten und richtete den Hund auf die rechte Zeit ab. Als er fand, daß der Hund ſeine Sache ganz ungeheuer gut zu machen im Stande war, ging er die Wette ein und ſetzte eine ſchwere Summe auf den Hund. Als die Wette nun zur Entſcheidung kam, wurde ſo'n Teufelskerl beſtochen, Sir, der Hund beſoffen gemacht, dem Herrn des Hundes die Taſchen ausgeleert.“ „Mr. Wobbler?“ fragte der Bittſteller. Der Herr, welcher die Marmelade aufſtrich, erwiderte, ohne von dieſer Beſchäftigung aufzublicken:„Wie nannte er den Hund?“ „Hieß ihn Liebchen,“ ſagte der andere Herr.„Sagte, Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 49 der Hund wär' ein vollkommnes Abbild der alten Tante, von der er was zu erwarten hätte. Fand ihn ihr beſonders ähnlich, als er ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht hatte.“ „Mr. Wobbler?“ ſagte der Bittſteller. Beide Herren lachten einige Zeit. Der Herr mit dem Flintenlaufe reichte ihn, nachdem er ihn bei einer Beſich⸗ tigung in zufriedenſtellendem Zuſtande befunden, dem an⸗ dern zu; eine Beſtätigung ſeiner Anſichten empfangend, paßte er ihn wieder in ſeinen Platz in dem vor ihm liegen⸗ den Futterale, nahm den Schaft heraus und polirte dieſen, indem er leiſe dazu pfiff. „Mr. Wobbler?“ ſagte der Bittſteller. „Was giebt's?“ fragte jetzt Mr. Wobbler, indem er den Mund voll hatte. „Ich möchte wiſſen—“ und nun trug Arthur Clennam nochmals mechaniſch vor, was er zu wiſſen wünſchte. „Kann Ihnen darüber keine Auskunft geben,“ be⸗ merkte Mr. Wobbler, dem Anſchein nach zu ſeinem Frühſtück. „Hörte nie was davon. Hatte nimmermehr was damit zu ſchaffen. Beſſer, Sie verſuchen's mit Mr. Clive, zweite Thür links im nächſten Gange.“ „Vielleicht wird er mir dieſelbe Antwort geben.“ „Sehr wahrſcheinlich. Weiß durchaus nichts davon,“ ſagte Mr. Wobbler. Der Bittſteller drehte ſich um und hatte das Gemach verlaſſen, als der Herr mit der Flinte ihm nachrief:„Heda, Sie, Herr!“ Klein Dorrit. II. 4 50 Zehntes Kapitel. Er ſah wieder hinein.? „Machen Sie die Thür hübſch hinter ſich zu. Sie laſſen einen verteufelten Zug hier herein.“ Einige wenige Schritte brachten ihn zu der zweiten Thür links im nächſten Gange. In dieſem Zimmer fand er drei Herren, von denen Nummer Eins nichts Beſonderes that, Nummer Zwei nichts Beſonderes that, Nummer Drei nichts Beſonderes that. Sie ſchienen indeß unmittelbarer als die andern an der wirkſamen Durchführung des großen Grund⸗ ſatzes des Umſchreibungsamts betheiligt, indem ſich hier ein ehrwürdiges inneres Gemach mit einer doppelten Thür befand, in welchem die Weiſen des Umſchreibungsamtes zur Berathung verſammelt zu ſein ſchienen, und aus welchem men, und in welches eine großmächtige Menge von Papieren gingen, wobei ein anderer Herr, Nummer Vier, das thätige Werkzeug war. „Ich möchte wiſſen,“ fragte Arthur Clennam— und damit trug er abermals ſein Anliegen in demſelben Leier⸗ kaſtentone vor. Da Nummer Eins ihn auf Nummer Zwei verwies, und Nummer Zwei ihn auf Nummer Drei verwies, ſo hatte er Gelegenheit, es drei Mal vorzutragen, wo denn endlich alle drei ihn auf Nummer Vier verwieſen. Dieſem trug er es nochmals vor. Nummer Vier war ein lebhafter, gutausſehender, gut⸗ gekleideter, angenehmer junger Menſch— er war ein Bar⸗ nacle, ſtand aber auf der raſchern und gelenkigern Seite Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 51 der Familie— und er ſagte in leicht hingeworfener Weiſe: „Oh! Ich denke, Sie thäten beſſer, ſich damit nicht abzu⸗ quälen.“ „Mich nicht damit abquälen?“ „Nein. Ich rathe Ihnen, ſich damit nicht abzuquälen.“ Dies war ein ſo neuer Geſichtspunkt, daß Arthur Clen⸗ nam nicht recht wußte, wie er es aufnehmen ſollte. „Sie können, wenn Sie wollen. Ich kann Ihnen die ſchwere Menge Formulare zum Ausfüllen geben. Da liegen Haufen davon. Sie können ein Dutzend haben, wenn es Ihnen Spaß macht. Aber Sie werden nie vorwärts kommen damit,“ ſagte Nummer Vier. „Würde es ſolch eine hoffnungsloſe Arbeit ſein? Ent⸗ ſchuldigen Sie mich. Ich bin fremd in England.“ „Ich für meine Perſon ſage nicht, daß es hoffnungslos ſein würde,“ erwiderte Nummer Vier mit einem offen⸗ herzigen Lächeln.„Ich gebe keine Meinung darüber ab, ich gebe nur eine Meinung über Sie ab. Ich denke, Sie wür⸗ den damit nicht vorwärts kommen. Indeß können Sie na⸗ türlich thun, was Ihnen beliebt. Vermuthlich iſt man einem Contracte nicht nachgekommen oder ſo was der Art, nicht wahr?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht.“. „Nun, Das können Sie herauskriegen. Dann werden Sie herausfinden, in welches Departement der Contract ge⸗ hörte, und dann werden Sie dort die ganze Geſchichte zer ausfinden.“ 4* 52 Zehntes Kapitel. „Bitte zu entſchuldigen. Wie ſoll ich's herausfinden?“ „Je nun, Sie werden— Sie müſſen fragen, bis ſie's Ihnen ſagen. Dann werden Sie ſich ſchriftlich bei jenem Departement(nach Formularen, welche Sie ausfindig machen werden) um die Erlaubniß einkommen, bei dieſem Depar⸗ tement einzukommen. Kriegen Sie ſie(was nach einiger Zeit der Fall ſein kann) ſo muß dieſe Denkſchrift in jenem Departement einregiſtrirt, nach dieſem Departement zur Eintragung geſchickt, nach jenem Departement zur Unter⸗ zeichnung zurückgeſchickt, nach dieſem Departement zur Gegen⸗ zeichnung zurückgeſchickt werden, und dann fängt es an, regelmäßig vor jenem Departement zu ſein. Sie werden es herausfinden, wenn die Sache durch jedes dieſer Stadien geht, indem Sie in beiden Departements nachfragen, bis man es Ihnen ſagt.“ „Aber das iſt doch wahrhaftig nicht die Art, wie man Geſchäfte abthut?“ konnte Arthur Clennam nicht umhin zu bemerken. Dieſer luftige junge Barnacle war ganz entzückt über ſeine Einfalt, mit der er es auch nur einen Augenblick für mög⸗ lich halten zu können ſchien, daß es die Art, Geſchäfte ab⸗ zuthun, ſei. Dieſer gewitzigte junge Barnacle wußte voll⸗ kommen, daß es ſie nicht war. Dieſer pfiffige junge Bar⸗ nacle hatte ſich in das Departement als Privatſecretär„ein⸗ geniſtet,“ um bereit zu ſein, wenn es irgend eine fette Stelle zu ſchnappen gab, und begriff vollſtändig, daß das Departement ein politiſch⸗diplomatiſches Hokuspokus⸗Ma⸗ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 53 ſchinenwerk war, um den Herren von Adel behülflich zu ſein, das Bürgerphiliſterpack ſich vom Leibe zu halten. Dieſer reſolute junge Barnacle mit Einem Worte hatte Ausſicht ein Staatsmann zu werden und eine Rolle zu ſpielen. „Wenn die Angelegenheit ſich regelmäßig vor jenem Departement befindet, ſei es was es ſei,“ fuhr dieſer er⸗ leuchtete junge Barnacle fort,„ſo können Sie ſie von Zeit zu Zeit durch jenes Departement beobachten. Wenn ſie regel⸗ mäßig vor dieſes Departement kommt, ſo müſſen Sie ſie von Zeit zu Zeit durch dieſes Departement beobachten. Wir werden ſie nach rechts und links verweiſen, und wenn wir ſie ſonſt wohin verweiſen, ſo müſſen Sie zuſehen, wo ſie hinkommt. Wenn ſie dann irgend einmal zurück zu uns kommt, ſo thäten Sie beſſer, zuzuſehen, wo wir damit hin⸗ gerathen. Wenn ſie irgendwo kleben bleibt, ſo müſſen Sie verſuchen, ihr einen Schubs zu geben. Wenn Sie an ein anderes Departement darüber ſchreiben und dann an dieſes Departement darüber ſchreiben und nichts Befriedigendes davon hören, dann thun Sie am Beſten— je nun, weiter zu ſchreiben.“ Arthur Clennam machte ein ſehr zweifelhaftes Geſicht. „Aber ich bin Ihnen wenigſtens für Ihre Artigkeit verpflich⸗ tet,“ ſagte er. „Durchaus keine Urſache,“ erwiderte dieſer gewinnende junge Barnacle.„Verſuchen Sie's einmal und ſehen Sie, wie's Ihnen gefällt. Es wird in Ihrer Macht ſein, es zu jeder Zeit aufzugeben, falls es Ihnen nicht zuſagt. Sie 54 Zehntes Kapitel. thun klug, ſich ein Packet Formulare mitzunehmen Geben Sie ihm doch ein Pack Formulare.“ Mit dieſer Inſtruction für Nummer Zwei nahm dieſer witzſprudelnde junge Bar⸗ nacle eine neue Handvoll Papiere von Nummer Eins und Drei, um ſie den vorſitzführenden Götzen des Umſchreibungs⸗ amtes als Opfer unterzubreiten. Arthur Clennam ſteckte ſeine Formulare ziemlich trüb⸗ ſelig in die Taſche und ging ſeiner Wege über den langen ſteinernen Gang und die lange ſteinerne Treppe. Er war zu den Flügelthüren gelangt, welche auf die Straße hinaus führten, und wartete, nicht allzugeduldig, daß zwei Leute, die zwiſchen ihm und der Thür ſich befanden, hinausgingen und ihn folgen hießen. Da ſchlug die Stimme des Einen von ihnen bekannt an ſein Ohr. Er warf einen Blick auf den Sprecher und erkannte Mr. Meagles. Mr. Meagles war ſehr roth im Geſichte— röther als das Reiſen ihn gemacht haben konnte— und ſagte, indem er einen kleinen Mann beim Kragen fortſchleppte:„Heraus, du Schuft, heraus mit dir.“ Es war ein ſo unerwarteter Ton, und es war ein eben⸗ ſo unerwarteter Anblick, zu ſehen wie Mr. Meagles die Flügelthür aufſprengte und mit dem kleinen Manne, welcher von harmloſem Aeußern war, auf die Straße hinaustrat, daß Clennam einen Augenblick ſtillſtand und Blicke der Ueberraſchung mit dem Portier austauſchte. Er folgte ihnen jedoch ſchnell und ſah Mr. Meagles, ſeinen Feind neben ſich, die Straße hinabgehen. Er holte bald ſeinen alten * Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 55 Reiſegefährten ein und klopfte ihm auf den Rücken. Das zornige Geſicht, mit welchem Mr. Meagles ſich nach ihm umdrehte, glättete ſich, als er ſah, wer es war, und er reichte ihm die Freundeshand. „Wie geht's Ihnen?“ ſagte Mr. Meagles.„Was machen Sie? Bin eben erſt vom Auslande heim. Freue mich, Sie zu ſehen.“ „Und ich freue mich gleichfalls, Sie zu ſehen.“ „Danke! Danke!“ „Mrs. Meagles und Ihre Tochter?“ „Befinden ſich ſo wohl als möglich,“ ſagte Mr. Meag⸗ les.„Ich wollte nur, Sie hätten mich in etwas einnehmen⸗ derer Stimmung getroffen, was kühles Blut anlangt.“ Obſchon es nichtsweniger als ein heißer Tag war, be⸗ fand ſich Mr. Meagles in einem erhitzten Zuſtande, welcher die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden auf ſich zog, namentlich, als er ſich mit dem Rücken an ein Stacket lehnte, Hut und Cravatte abnahm und ohne ſich im Min⸗ deſten um die öffentliche Meinung zu kümmern, ſich aus Leibeskräften ſeinen dampfenden Kopf, ſein Geſicht, ſeine ge⸗ rötheten Ohren und ſeinen Hals abrieb. „Blitz!“ ſagte Mr. Meagles, ſich wieder ankleidend. „Das thut wohl. Jetzt bin ich kühler.“ „Sie ſind aus dem Gleichgewichte gekommen, Mr. Meagles. Was iſt paſſirt?“ „Warten Sie ein Bischen, ſo werde ich's Ihnen erzäh⸗ len. Haben Sie Zeit zu einem Abſtecher in den Park?“ 56 Zehntes Kapitel. „Soviel Ihnen beliebt.“ „So kommen Sie. Ah, Sie haben Recht, ſich ihn anzu⸗ ſehen.“ Er hatte nämlich ſeine Augen zufällig auf den Miſſe⸗ thäter gerichtet, welchen Mr. Meagles ſo grimmig beim Kra⸗ gen gepackt.„Er iſt in der That anſehenswerth, dieſer Kerl.“ Er war eben nicht ſo ſehr anſehenswerth, weder im Punkte der Größe, noch im Punkte des Anzugs. Er war nichts als ein kleiner viereckiger, praktiſch ausſehender Mann, deſſen Haar ergraut war und in deſſen Geſicht und Stirn das Nach⸗ denken tiefe Furchen gezogen hatte, welche ausſahen, als wä⸗ ren ſie in hartes Holz geſchnitzt. Er war anſtändig gekleidet in einen ſchwarzen, etwas roſtigen Frack, und hatte das Aus⸗ ſehen eines geſchickten Meiſters in irgend einem Handwerke. Er hielt ein Brillenfutteral in der Hand, welches er, während man über ihn ſprach, fortwährend mit jenem gelenkigen Ge⸗ brauche des Daumens umdrehte, der nur bei einer an Werk⸗ zeuge gewöhnten Hand bemerkt wird. „Sie bleiben bei uns,“ ſagte Mr. Meagles in drohendem Tone, und ich werde Sie ſogleich vorſtellen. Nun denn fort!“. 3 Clennam wunderte ſich, als ſie den nächſten Weg nach dem Parke einſchlugen, im Innern, was dieſer Unbekannte, der dem Befehle in der unterwürfigſten Weiſe nachkam, ver⸗ brochen haben könnte. Sein Aeußeres rechtfertigte keineswegs den Verdacht, daß er über Abſichten auf Mr. Meagles' Ta⸗ ſchentuch ertappt worden ſei, auch hatte er nicht das Ausſehen eines Zänkers und Raufbolds. Er war ein ruhiger, einfacher, Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 57 gelaſſener Mann, machte keinen Verſuch zu entwiſchen und ſchien ein wenig niedergedrückt, aber weder beſchämt noch reuig. War er ein Criminalverbrecher, ſo mußte er ſicherlich ein unverbeſſerlicher Heuchler ſein, und war er kein Verbre⸗ cher, weshalb ſollte ihn dann Mr. Meagles im Umſchreibungs⸗ amte beim Kragen genommen haben? Er bemerkte, daß der Mann nicht blos ihm, ſondern auch Mr. Meagles ein Räthſel war; denn die Unterhaltung, die ſie auf dem kurzen Wege bis zum Parke mit einander hatten, floß keineswegs ſehr leb⸗ haft, und Mr. Meagles'Auge irrte fortwährend zu dem Manne zurück, ſelbſt wenn er von etwas ganz Verſchiedenem ſprach. Endlich, als ſie unter den Bäumen waren, blieb Mr. Meagles plötzlich ſtehen und ſagte: „Mr. Clennam, wollen Sie mir den Gefallen thun, ſich dieſen Mann anzuſehen? Sein Name iſt Doyce, Daniel Doyce. Sie werden nicht vermuthen, daß dieſer Mann ein allbekannter Schurke iſt, nicht wahr nicht?“ „Gewiß nicht.“ Es war wirklich eine verfängliche Frage, wenn man den Mann vor ſich hatte. „Nein. Gewiß nicht. Ich wußte, Sie würden das nicht vermuthen. Sie würden ihn nicht für einen Staatsverbrecher ealten, nicht wahr, uichi „Nein.“ „Nein. Aber er iſt einer. Er iſt ein Staatsverbrecher. Weſſen hat er ſich ſchuldig gemacht? Des Mordes, Todtſchlags, der Brandſtiftung, Fälſchung, der Schwindelei, des Ein⸗ 58 Zehntes Kapitel. bruchs, Straßenraubs, der Giftmiſcherei, des Hochverraths, des Betrugs? Was würden Sie davon nennen?“ „Ich würde nicht eins davon nennen,“ erwiderte Arthur Clennam, indem er ein ſchwaches Lächeln auf Daniel Doyce's Geſicht bemerkte. „Sie haben Recht,“ ſagte Mr. Meagles.„Aber er hat Ingenium gehabt und hat verſucht, ſein Ingenium zu Gun⸗ ſten ſeines Vaterlandes zu verwenden. Das macht ihn ſofort zum Staatsverbrecher, Sir.“ Arthur ſah den Mann ſelbſt an, der nur ſeinen Kopf ſchüttelte. „Dieſer Doyce,“ ſagte Mr. Meagles, niſt ein Schmied und Mechanikus. Er hat kein großes Geſchäft, iſt aber wohl⸗ bekannt als ein ſehr erfinderiſcher Kopf. Vor einem Dutzend Jahren kommt er mit einer Erfindung zum Ziele, die einen ſehr eigenthümlichen geheimen Proceß in ſich ſchließt und welche für ſein Vaterland und ſeine Mitmenſchen von höch⸗ ſter Wichtigkeit iſt. Ich will nicht ſagen, wie viel Geld es ihm gekoſtet und wie viele Jahre ſeines Lebens er darauf verwen⸗ det hat, aber er brachte es vor einem Dutzend Jahren voll⸗ kommen zu Stande. War's nicht ein Dutzend?“ ſagte Mr. Meagles, zu Doyce gewendet.„Er iſt derjenige Menſch, der mich von allen auf Erden am meiſten in Harniſch bringen kann; er beklagt ſich nie.“ „Ja. Eher noch länger als vor zwölf Jahren.“ „Um ſo ſchlimmer!“ ſagte Mr. Meagles.„Nun denn, Mr. Clennam. Er wendete ſich an die Regierung. Im ſelben Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 59 Augenblicke, wo er ſich an die Regierung wendet, wird er ein Staatsverbrecher. Sir,“ ſagte Mr. Meagles, in Gefahr ſchwebend, ſich wieder über die Maßen zu erhitzen,„er hört auf ein unſchuldiger Bürger zu ſein und wird zum Miſſethä⸗ ter. Er wird von dieſem Augenblicke an behandelt wie ein Mann, der irgend eine Höllenthat begangen hat. Er iſt ein Menſch, den man wegſchubſen, abmucken, durch hochmüthige Geſichter einſchüchtern, uͤber die Achſeln anſehen, von dieſem jungen oder alten Herrn aus der vornehmen Vetterſchaft je⸗ nem jungen oder alten Herrn aus der vornehmen Vetterſchaft zuſchieben und wieder mit Ausflüchten abſpeiſen muß; er iſt ein Menſch, der kein Recht auf ſeine Zeit oder ſein Eigen⸗ thum hat, er iſt geradezu vogelfrei, den man auf jede Weiſe los zu werden ſtreben kann, ein Menſch, der mit allen mög⸗ lichen Mitteln mürbe gemacht werden muß.“ Nach der Erfahrung, die während dieſes Morgens ge⸗ macht worden, war dies nicht ſo ſchwer zu glauben, als Mr. Meagles vermuthete. „Stehen Sie nicht da, Doyce, und drehen Sie Ihr Bril⸗ lenfutteral um und um,“ ſchrie Mr. Meagles,„ſondern er⸗ zählen Sie Mr. Clennam, was Sie mir bekannten.“ „Die Art, wie man mit mir verfuhr,“ ſagte der Erfinder, „verſetzte mich unzweifelhaft in die Stimmung, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte. Wenn ich in den verſchiedenen Kanzleien meine unterthänigſte Aufwartung machte, behan⸗ delte man mich ſtets mehr oder weniger, als ob es ein ſehr ſchlimmes Verbrechen wäre. Ich habe es häufig, um ſelbſt — 60 Zehntes Kapitel. nicht an mir irre zu werden, nöthig gefunden, zu überlegen, daß ich wirklich nichts verbrochen hatte, was mich ins Regi⸗ ſter des Zuchthauſes bringen konnte, ſondern lediglich eine große Erſparniß und eine große Verbeſſerung herbeizuführen ſtrebte.“ „Da haben Sie's!“ ſagte Mr. Meagles.„Urtheilen Sie nun, ob ich übertreibe. Jetzt werden Sie im Stande ſein, mir zu glauben, wenn ich Ihnen den Reſt der Geſchichte er⸗ zähle.“ Mit dieſem Präl udium ging Mr. Meagles die Geſchichte durch, die feſtſtehende Geſchichte, welche uns langweilig ge⸗ worden iſt, die ſelbſtverſtändliche Geſchichte, welche wir alle auswendig können. Wie nach unendlichen perſönlichen und ſchriftlichen Anfragen, nach endloſen unverſchämten, unwiſſen⸗ den und beleidigenden Antworten Mylords einen Beſchluß, Nummer Dreitauſendvierhundertzweiundſiebzig, faßten, wo⸗ durch dem Verbrecher geſtattet ward, gewiſſe Verſuche mit ſeiner Erfindung auf eigne Koſten anzuſtellen. Wie die Ver⸗ ſuche in Gegenwart eines Ausſchuſſes von ſechs Mann ange⸗ ſtellt wurden, von welchem zwei altehrwürdige Mitglieder zu blind waren, um es zu ſehen, zwei andere altehrwürdige Mitglieder zu taub, um es zu hören, ein altehrwürdiges Mit⸗ glied zu lahm, um nahe hingehen zu können, und das letzte altehrwürdige Mitglied ein zu großer Schafskopf, um es eines Blicks zu würdigen. Wie mehr Jahre des Wartens, mehr Unverſchämtheiten, Unwiſſenheiten und Beleidigungen folg⸗ ten. Wie Mylords dann wieder einen Beſchluß, Nummer Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 61 Fünftauſendeinhundertunddrei, faßten, wodurch ſie die Ange⸗ legenheit dem Umſchreibungsamte überwieſen. Wie das Um⸗ ſchreibungsamt die Sache im Verlauf der Zeit aufnahm, als ob es ein nagelneues Ding von Geſtern wäre, wovon man früher nie gehört, und die Sache verwirrte, verpudelte und von Einem dem Andern zuwarf. Wie die Unverſchämtheiten, Unwiſſenheiten und Beleidigungen ſich nach dem ganzen Ein⸗ maleins vervielfältigten. Wie die Erfindung von drei Bar⸗ nacles und einem Stiltſtalking geprüft wurde, die nichts da⸗ von verſtanden, in deren vernagelte Köpfe ſich nichts darüber eintrichtern ließ, welche ſich darüber langweilten und welche einen Bericht voll phyſiſcher Unmöglichkeiten darüber abſtat⸗ teten. Wie das Umſchreibungsamt in einem Beſchluß, Num⸗ mer Achttauſendſiebenhundertundvierzig,„keinen Grund ſah, die Entſcheidung, bei der Mylords angelangt waren, umzu⸗ ſtoßen.“ Wie das Umſchreibungsamt, daran erinnert, daß Mylords zu keiner Entſcheidung gelangt ſeien, die Angelegen⸗ heit ad acta legte. Wie der Erfinder dieſen ſelben Morgen beim Chef des Umſchreibungsamtes eine ſchließliche Audienz gehabt und wie das Eherne Haupt geſprochen und im Allge⸗ meinen und in Anſehung aller Umſtände und nachdem es die Sache von den verſchiedenen Geſichtspunkten betrachtet, die Meinung geäußert hatte, daß einer von zwei Wegen in Be⸗ treff der Angelegenheit eingeſchlagen werden müſſe, nämlich, entweder müſſe man ſie für immer liegen laſſen oder ganz von Friſchem damit beginnen. Darauf,“ ſagte Mr. Meagles,„nahm ich als praktiſcher 62 Zehntes Kapitel. Mann an Ort und Stelle und in Gegenwart Mylords Doyce beim Kragen, ſagte ihm, es wäre mir klar, daß er ein nie⸗ derträchtiger Schurke und hochverrätheriſcher Störer der See⸗ lenruhe der Regierung ſei und ſchleppte ihn fort. Ich zog ihn am Kragen aus der Thür des Amts, damit ſelbſt der Portier wiſſe, daß ich ein praktiſcher Mann ſei, welcher die officielle Abſchätzung ſolcher Charaktere in Ehren halte, und da ſind wir jetzt!“ Wenn jener luftige junge Barnacle zugegen geweſen wäre, ſo würde er ihnen vielleicht offenherzig geſagt haben, daß das Umſchreibungsamt ſeinen Obliegenheiten nachgekom⸗ men ſei, daß, was die Barnacles zu thun hätten, darin be⸗ ſtehe, ſo lange als ſie könnten, auf dem Staatsſchiffe auszu⸗ harren; daß das Schiff aufzimmern, das Schiff erleuchten, das Schiff reinigen, ſie herausjagen hieße; daß ſie nur ein⸗ mal herausgejagt werden könnten, und daß, wenn das Schiff unterginge, während ſie noch immer auf ihm ſäßen, dies Sache des Schiffes, nicht ihre ſei. „Da!“ ſagte Mr. Meagles.„Nun wiſſen Sie die ganze Geſchichte Doyce's. Ausgenommen, was, wie ich bekenne, meinen Gemüthszuſtand nicht beſſert, daß Sie ihn ſelbſt jetzt nicht klagen hören.“ „Sie müſſen große Geduld haben,“ ſagte Arthur Clen⸗ nam, ihn mit einiger Bewunderung anſehend,„große Lang⸗ muth.“ „Nein,“ ſagte er.„Ich wüßte nicht, daß ich mehr als ein Andrer davon hätte.“ Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 63 „Nun bei Gott, Sie haben wenigſtens mehr als ich!“ ſchrie Mr. Meagles. Doyce lächelte, als er zu Clennam ſagte:„Meine Er⸗ fahrung von dieſen Dingen beginnt nicht mit mir ſelbſt. Mein Weg hat mich dahin geführt, von Zeit zu Zeit ſie ein wenig kennen zu lernen. Mein Fall iſt kein beſonders ſchlim⸗ mer. Man hat mir nicht übler mitgeſpielt als hundert An⸗ dern, welche ſich in dieſelbe Stellung gebracht haben— als allen Andern, hätt' ich beinahe geſagt.“ „Ich weiß nicht, ob ich darin meinen Troſt finden würde, wenn ich in dem Falle wäre. Aber es freut mich ſehr, daß es Ihnen ein Troſt iſt.“. „Verſtehen Sie mich recht! Ich ſage nicht,“ erwiderte er in ſeiner gelaſſenen überlegſamen Weiſe und indem er in die Ferne vor ſich ſah, als ob ſeine grauen Augen ſie meſſen wollten,„daß es eine Entſchädigung für die Mühe und die Hoffnung iſt, die man gehegt hat, aber es iſt eine große Er⸗ leichterung zu wiſſen, daß ich darauf hätte rechnen können.“ Er ſprach in jener ruhigen ſelbſtbewußten Weiſe und in jenem gedämpften Tone, der oft an Arbeitern zu bemerken iſt, welche mit großer Genauigkeit zu überlegen und anzupaſſen pflegen. Dieſelbe gehörte zu ihm wie die Gelenkigkeit ſeines Daumes und wie ſeine eigne Art aller Augenblicke ſeinen Hut hinten in die Höhe zu rücken, als ob er ein halbvollendetes Werk ſeiner Hand betrachtete und darüber nachdächte. „In meinen Hoffnungen getäuſcht?“ fuhr er fort, wäh⸗ rend er zwiſchen ihnen unter den Bäumen hinſchritt.„Ja. 64 Zehntes Kapitel. Ohne Zweifel bin ich in meinen Hoffnungen getäuſcht. Verletzt? Ja. Kein Zweifel, daß ich verletzt bin. Das iſt nur natürlich. Aber was ich meine, wenn ich ſage, daß Leute, welche ſich in dieſelbe Stellung bringen, meiſt eben ſo behandelt werden—“ „In England,“ ſagte Mr. Meagles. „Oh! Natürlich meine ich in England. Wenn ſie ihre Erfindungen in fremde Länder tragen, iſt es ganz was An⸗ deres. Und das iſt der Grund, weshalb ſo Viele dorthin gehen.“ Mr. Meagles war abermals fürchterlich heiß. „Was ich meine, iſt dies, daß, obwohl dies zur Regel bei unſrer Regierung geworden iſt, es wirklich die Regel ihres Weſens ausſpricht. Haben Sie je von einem Ent⸗ decker oder Erfinder gehört, der ſie nicht ſtets unzugänglich gefunden, und den ſie nicht entmuthigt oder gemißhandelt hätte?“ „Ich kann nicht ſagen, je von einem ſolchen gehört zu haben.“ „Haben Sie je erfahren, daß ſie vorangegangen wäre mit der Annahme eines nützlichen Gegenſtandes? Je erfah⸗ ren, daß ſie ein Beiſpiel gegeben hätte mit einem nützlichen Gegenſtande?“ „Ich bin ein gutes Stück älter als mein Freund hier,“ ſagte Mr. Meagles,„und ich will darauf antworten. Nim⸗ mermehr.“ „Aber ich glaube, wir alle Drei,“ ſagte der Erfinder, Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 65 „haben eine ziemliche Menge Fälle von ihrem feſten Ent⸗ ſchluſſe, Meilen auf Meilen und Jahre auf Jahre hinter uns Uebrigen zurückzubleiben, und von ihrem Beſtehen auf dem Gebrauche von längſt übertroffenen Dingen erfahren, ſelbſt nachdem die beſſern Dinge wohlbekannt und allgemein ein⸗ geführt waren?“ Sie waren ſämmtlich damit einverſtanden. „Nun denn,“ ſagte Doyce mit einem Seufzer,„wie ich weiß, was dieſes Metall bei dieſer Temperatur und dieſer Körper unter dieſem Drucke thun wird, ſo konnte ich, wenn ich nur nachdenken wollte, auch wiſſen, wie dieſe großen Gra⸗ fen und Herren ſicherlich mit einer Sache wie die meine um⸗ gehen würden. Ich, mit einem Kopfe auf den Schultern und Gedächtniß drin, habe kein Recht, mich zu wundern, daß ich mit allen, welche vor mir kamen, über denſelben Kamm ge⸗ ſchoren werde. Ich hätte es ſein laſſen ſollen. Ich bin wahrhaftig genug gewarnt geweſen.“ Damit ſteckte er ſein Brillenfutteral ein und ſagte zu Arthur:„Wenn ich nicht klage, Mr. Clennam, ſo kann ich doch Dankbarkeit fühlen, und ich verſichere Ihnen, daß ich ſie gegen unſern gemeinſchaftlichen Freund fühle. Bei vie⸗ lerlei Gelegenheiten und auf vielerlei Weiſe hat er mir bei⸗ geſtanden.“ „Unſinn! Dummes Zeug!“ ſagte Mr. Meagles. Arthur konnte nicht umhin, während des darauffolgen⸗ den Stillſchweigens Daniel Doyce zu betrachten. Obſchon es augenſcheinlich im Kerne ſeines Charakters lag und ſei⸗ Klein Dorrit. II. 5 . 1 „ 66 Zehntes Kapitel. ner Achtung vor der eigenen Sache entſprach, daß er ſich nutzloſen Murrens enthielt, ſo war es doch klar, daß er durch ſein langes Bemühen um ſo älter, ernſter und ärmer geworden war. Er konnte nicht umhin, zu denken, was für ein Segen es für dieſen Mann geweſen ſein würde, wenn er von den Herren, die ſo freundlich waren, ſich mit Leitung der nationalen Angelegenheiten beauftragen zu laſſen, Lehre angenommen und gelernt hätte, wie man es nicht thun muß. Mr. Meagles war etwa fünf Minuten lang erhitzt und verzweifelt, dann begann er ſich abzukühlen und heiterer zu werden. „Kommt, kommt!“ ſagte er.„Wir werden das durch unſern Aerger nicht beſſer machen. Wo wollen Sie hin, Dan?“ „Ich will nach der Fabrik zurück,“ ſagte Dan. „Je nun, ſo wollen wir alle nach der Fabrik zurück und nach dieſer Richtung hingehen,“ erwiderte Meagles munter gelaunt.„Mr. Clennam wird ſich nicht abſchrecken laſſen, weil ſie im Hofe zum Blutenden Herzen iſt.“ „Im Hofe zum Blutenden Herzen?“ ſagte Clennam. „Da wollt' ich eben hin.“ „Um ſo beſſer,“ ſchrie Mr. Meagles.„Kommt vor⸗ wärts.“— Als ſie vorwärts ſchritten, ſo dachte wenigſtens einer von der Geſellſchaft und wahrſcheinlich mehr als einer, daß der Hof zum Blutenden Herzen eben kein unpaſſender Ziel⸗ punkt für einen Mann war, welcher mit Mylords und den . Enthält die ganze Wiſſenſchaft des Regierens. 67 Barnacles in officiellem Briefwechſel geſtanden— und viel⸗ leicht drängte ſich zugleich die Ahnung auf, daß Britannia ſelbſt dahin kommen könnte, ſich nach einem Quartier im Hofe zum Blutenden Herzen umzuſehen, wenn ſie das Um⸗ ſchreibungsamt zu ſehr benutzte. Elftes Kapitel. Los gelaſſen. Eine ſpäte trübe Herbſtnacht ſenkte ſich auf den Fluß Saone herab. Der Strom ſpiegelte wie ein blöder Spiegel an einem düſtern Orte die Wolken verdunkelt ab, und die niedrigen Ufer lehnten ſich hier und da über, als ob ſie halb wünſchten, halb fürchteten, ihre dunkeln Bilder im Waſſer zu ſehen. Die weite Fläche um Chalons lag als ein langer, ſchwerer Streif, der nur zuweilen ein wenig durch eine Reihe Pappeln gezackt wurde, gegen den zornrothen Sonnenunter⸗ gang hin. Auf den Ufern des Saonefluſſes war es feucht, unbehaglich, einſam, und die Nacht wurde raſch immer dunkler. Ein Mann, der langſam auf Chalons zuſchritt, war die einzige ſichtbare Menſchengeſtalt in der Landſchaft. Kain könnte ſo einſam und gemieden ausgeſehen haben. Mit . 5* 68 4 Elftes Kapitel. einem alten Schaffellranzen auf dem Rücken, und einem rauhen, geſchälten Stocke, der aus irgend einem Buſche ge⸗ ſchnitten war, in der Hand, die Füße kothig und voll Bla⸗ ſen, mit vertretenen Schuhen und Gamaſchen, ungekämmtem Kopf⸗ und Barthaar, den Mantel, den er über den Schul⸗ tern trug, und die Kleider am Leibe vom Regen durchnäßt, in Schmerz und Noth dahin hinkend, ſah er aus, als ob die Wolken vor ihm flüchteten, als ob das klagende Heulen des Windes und das Beben des Graſes gegen ihn gerichtet wären, als ob das dumpfe, geheimnißvolle Platſchen des Waſſers gegen ihn murrte, als ob die von Krämpfen leidende Herbſtnacht durch ihn aufgeſtört wäre. Er blickte hierhin und er blickte dorthin, finſter, aber ängſtlich, und blieb mitunter ſtehen und drehte ſich um und blickte rund um ſich. Dann hinkte er wieder weiter, müh⸗ ſelig und murrend: „Zum Teufel mit dieſer Ebene, die kein Ende hat! Zum Teufel mit dieſen Steinen, die wie Meſſer ſchneiden! Zum Teufel mit dieſer gräuligen Finſterniß, die ſich um Einen herumlegt, daß Einen durch Mark und Bein friert. Ich haſſe euch!“ Und er würde, wenn er gekonnt hätte, ſeinen Haß an dem Allen ausgelaſſen haben mit dem grimmigen Blicke, den er um ſich warf. Er tappte eine Strecke weiter und blieb dann, in die Ferne vor ſich blickend, wieder ſtehen. „Ich hungrig, durſtig, ermüdet. Ihr Schwachköpfe dort, woo die Lichter ſind, eßt und trinkt und wärmt euch am Los gelaſſen. 69 Ofen. Ich wollte, es wäre mir die Plünderung Eurer Stadt geſtattet, ich wollte euch's eintreiben, Kinderchen.“ Aber die Zähne, die er der Stadt wies, und die Fauſt, die er gegen die Stadt ballte, brachten die Stadt nicht näher, und der Mann war nur noch hungriger, durſtiger und müder, als ſeine Füße über ihr zackiges Pflaſter gingen und er ſtehen blieb, ſich umzuſehen. Dort war das Hotel mit ſeinem großen Thorweg und ſeinem ſaftigen Küchendufte; dort war das Kaffehaus mit ſeinen hellerleuchteten Fenſtern und ſeinem Geklapper von Dominoſteinen; dort war die Färberei mit ihren Streifen von rothem Tuch an den Thürpfoſten; dort war das Gewölbe des Goldſchmieds mit ſeinen Ohrringen und ſeinen Kirchen⸗ ſchmuckſachen; dort war der Tabaksladen, aus welchem leb⸗ hafte Gruppen von Soldaten mit Pfeifen im Munde heraus⸗ kamen; dort waren die üblen Gerüche der Stadt, und der Regen und Kehricht in den Rinnſteinen und die matten quer über die Straße gezogenen Lampen und die unförmlich große Diligence und ihr Berg von Gepäck und ihre ſechs Schim⸗ mel mit aufgebundenen Schwänzen, eben im Begriffe von der Poſtexpedition aufzubrechen. Da ſich aber kein kleines Wirthshaus für einen knapp verſehenen Reiſenden ſehen ließ, mußte er, um eins zu ſuchen, um die dunkle Ecke gehen, wo die Krautblätter am dichteſten lagen, herumgetreten um den Stadtbrunnen, an welchem die Frauen noch nicht auf⸗ gehört hatten Waſſer zu ſchöpfen. Dort im Hintergäßchen fand er eines, den Tagesanbruch. Die mit Vorhängen ver⸗ 70 Elftes Kapitel. ſehenen Fenſter umwölkten den Tagesanbruch, aber es ſchien hell und warm drin, und er zeigte in lesbaren Inſchriften mit paſſenden maleriſchen Verſchönerungen, zum Beiſpiel einem Billardqueue nebſt Bällen, an, daß man im Tages⸗ anbruche Billard ſpielen konnte, daß man daſelbſt Eſſen, Trinken und Logis finden konnte, ob man nun zu Pferde oder Fuße käme, und daß es daſelbſt gute Weine, Liqueurs und Branntweine gab. Der Mann drehte die Klinke der Thür des Tagesanbruchs und hinkte hinein. Er grüßte, als er an der Thür herein kam, mit ſeinem abgefärbten Kalabreſerhute die wenigen Leute, welche ſich im Zimmer befanden. Zwei ſpielten an einem Ende des kleinen Tiſches Domino, drei oder vier ſaßen um den Ofen herum, ſchwatzten und rauchten, das Billard im Centrum der Stube war zu der Zeit unbeſetzt, die Wirthin des Tages⸗ anbruchs ſaß hinter ihrem kleinen Schenktiſche zwiſchen ihren mit Tabakswolken umgebenen Syrupsflaſchen, Kuchenkörben und ihrer bleiernen Stellage zum Ablaufenlaſſen der Gläſer und arbeitete an einer Nätherei. Er ſchritt auf ein leeres Tiſchchen in einem Winkel des Zimmers hinter dem Ofen zu und legte hier ſeinen Ranzen und Mantel auf den Boden. Als er den Kopf, den er dahin gebückt, erhob, fand er die Wirthin neben ſich. „Man kann hier Logis bekommen für die Nacht, Ma⸗ dame?“ „Ei ja wohl,“ ſagte die Wirthin mit hoher, ſingender, fröhlicher Stimme. Los gelaſſen. 3 71 „Gut! Man kann diniren— ſoupiren— oder wie Sie's zu nennen belieben“ „Ach ja wohl!“ ſchrie die Wirthin wie zuvor. „Nun, ſo ſputen Sie ſich gefälligſt, Madame. Etwas zu eſſen, ſo raſch Sie können, und etwas Wein ſofort. Ich bin ehft 4 „Es iſt ſehr ſchlechtes Wetter, Monſieur,“ ſagte die Wirthin. „Verfluchtes Wetter.“ „Und ein ſehr langer Weg.“ „Ein verfluchter Weg.“ Seine heiſere Stimme verſagte ihm, und er ſtützte den Kopf auf die Hände, bis ihm vom Schenktiſche eine Flaſche Wein gebracht wurde. Nachdem er ſein kleines Glas zwei Mal gefüllt und geleert und ſich von dem großen Laibe Brot, der ihm zugleich mit Tiſchtuch und Serviette, Suppen⸗ teller, Salz, Pfeffer und Oel vorgeſetzt worden war, ein Stück abgebrochen hatte, lehnte er ſich mit dem Rücken ge— gen die Ecke der Wand, machte aus der Bank, auf welcher er ſaß, ein Ruhebett und begann ſeine Kruſte zu kauen bis zu der Zeit, wo ſeine Mahlzeit fertig wäre. Es hatte jene augenblickliche Unterbrechung des Ge⸗ ſprächs am Ofen und jene zeitweilige Unaufmerkſamkeit und Ablenkung der Gedanken ſtattgefunden, welche in ſo olcher Geſellſchaft gewöhnlich unzertrennlich von der Ankunft eines Fremden iſt. Es war inzwiſchen vorübergegangen, und die 72 Elftes Kapitel. d Leute hatten ihn genug betrachtet und unterhielten ſich wieder. „Das iſt der wahre Grund,“ ſagte einer von ihnen, in⸗ dem er eine Geſchichte, die er erzählt, zu Ende führte,„das iſt der wahre Grund, weshalb es hieß, der Teufel ſei los⸗ gelaſſen.“ Der Sprecher war der lange Schweizer, welcher zur Kirche gehörte, und er brachte etwas von der Autorität der Kirche in die Discuſſion— beſonders, da ſich's um den Teufel handelte. Die Wirthin ging, nachdem ſie ihrem Manne, der als Koch des Tagesanbruchs thätig war, Anweiſung in Betreff der Verſorgung des neuen Gaſtes mit Speiſe gegeben, wie⸗ der an ihre Nätherei hinter den Schenktiſch. Sie war ein flinkes, ſaubres, freundliches Weibchen, an der reichlich viel Haube und reichlich viel Strumpf zu ſehen war, und ſie nahm an der Unterhaltung mit lächelndem Kopfnicken Theil, aber ohne von ihrer Arbeit aufzublicken. „O Himmel!“ ſagte ſie.„Als das Boot von Lyon her⸗ aufkam und die Nachricht brachte, daß der Teufel wirklich wieder losgelaſſen ſei in Marſeille, ſo nahmen leichtgläubige Leute es ohne Weiteres als wahr hin. Aber ich? Nein, ich gewiß nicht!“ „Madame, Sie haben ſtets Recht,“ erwiderte der lange Schweizer.„Zweifelsohne waren Sie über dieſen Mann erzürnt, Madame?“ „Ach ja, dann!“ ſchrie die Wirthin, indem ſie ihre Los gelaſſen. 73 Augen von der Arbeit erhob, ſie ſehr weit öffnete und den Kopf auf eine Seite warf.„Natürlich, ja wohl.“ „Er war ein ſchlechtes Subject.“ „Er war ein verworfener Böſewicht,“ ſagte die Wirthin, „und verdiente vollſtändig die Strafe, der er zu entgehen das Glück hatte. Um ſo ſchlimmer.“ Halt, Madame. Laſſen Sie uns ſehen,“ erwiderte der Schweizer, indem er mit der Miene eines Beweisführenden ſeine Cigarre zwiſchen den Lippen drehte.„Es kann ſeine unglückliche Beſtimmung geweſen ſein. Er mag ein Kind der Umſtände geweſen ſein. Es iſt ſtets möglich, daß er Gutes an ſich hatte und noch hat, wenn man nur wüßte, wie man es zu ſuchen hätte. Philoſophiſche Menſchenliebe lehrt—“ Die übrigen Mitglieder der kleinen Geſellſchaft am Ofen murmelten einen Einſpruch gegen die Einführung des dro⸗ henden Ausdrucks. Selbſt die beiden Dominoſpieler blickten von ihrem Spiele auf, als wollten ſie dagegen proteſtiren, daß die philoſophiſche Menſchenliebe unter ihrem Nauen in den Tagesanbruch gebracht werde. „Halt da, Sie mit Ihrer Menſchenliebe,“ ſchrie die lächelnde Wirthin, indem ſie mehr als je mit dem Kopfe nickte.„Hören Sie mal. Ich bin ein Frauenzimmer. Ich weiß nichts von philoſophiſcher Menſchenliebe. Aber ich weiß, was ich geſehen habe, und wem ich ins Geſicht ge⸗ blickt habe in dieſer Welt hier, wo ich mich befinde. Und 74 Elftes Kapitel. ich ſage Ihnen, mein Freund, daß es Leute gibt(unglück⸗ licherweiſe Männer ſowohl wie Weiber), die nichts Gutes in ſich haben— gar nichts. Daß es Leute gibt, welche man rückſichtslos verachten muß. Daß es Leute gibt, mit denen man als mit Feinden der Menſchheit verfahren muß. Daß es Leute gibt, welche kein menſchliches Herz haben und wie wilde Thiere vernichtet und aus dem Wege geräumt werden müſſen. Ich hoffe, es gibt ihrer nur wenige, aber ich habe geſehen(in dieſer Welt hier, wo ich mich befinde und ſelbſt in dem kleinen Tagesanbruch geſehen) daß es ſolche Leute gibt. Und ich zweifle nicht, daß dieſer Menſch — mag er heißen wie er will, ich habe ſeinen Namen ver⸗ geſſen— einer davon iſt.“ Die lebhafte Rede der Wirthin wurde im Tagesanbruch mit größerer Gunſt aufgenommen, als gewiſſe liebenswür⸗ dige Vertheidiger der von ihr ſo unvernünftig angegriffenen Menſchenklaſſen näher nach Gioßüritannien hin ſie aufgenom⸗ men haben würden. „Meiner Treu! Wenn Ihre philoſophiſche Menſchenliebe,“ ſagte die Wirthin, indem ſie ihre Arbeit hinlegte und auf⸗ ſtand, um ihrem Manne die Suppe des Fremden, mit der er an einer Seitenthür erſchien, abzunehmen,=„alle Welt der Gnade ſolcher Leute übergibt, indem ſie ſich überhaupt auf eine Beziehung mit ihnen einläßt, ſo nehmen Sie ſie ja weg aus dem Tagesanbruch; denn ſie iſt keinen Sou werth.“ Als ſie die Suppe vor den Gaſt hinſtellte, welcher ſeine Lage in eine ſitzende verwandelte, ſo ſah er ihr voll ins Ge⸗ — — Los gelaſſen. 75 ſicht, und ſein Schnurrbart ſträubte ſich unter ſeiner Naſe, und ſeine Naſe ſenkte ſich über ſeinen Schnurrbart. „Nun denn,“ ſagte der vorherige Sprecher,„laſſen Sie uns zu unſerm Gegenſtande zurückkehren. Sehen wir von alledem ab, ſo war's, weil der Menſch auf Grund ſeines Verhörs freigeſprochen wurde, daß die Leute in Marſeille ſag⸗ ten, der Teufel ſei losgelaſſen. Das war's, woher die Re⸗ densart ſich zu verbreiten begann und was ſie meinte, weiter nichts.“ „Wie nennen ſie ihn?“ fragte die Wirthin.„Biraud, nicht wahr?“ „Rigaud, Madame,“ erwiderte der lange Schweizer. „Rigaud! Ei gar!“ Auf die Suppe des Reiſenden folgte ein Gericht Fleiſch, und auf dieſes ein Gericht Gemüſe. Er aß alles, was ihm vorgeſetzt worden, leerte ſeine Flaſche Wein, forderte ein Glas Rum und rauchte dann zu ſeiner Taſſe Kaffee ſeine Ci⸗ garette. Als er wieder zu Kräften gekommen, wurde er über⸗ müthig und begann den Herablaſſenden gegen die Geſell⸗ ſchaft im Tagesanbruche zu ſpielen, indem er an ihrer Unter⸗ haltung über Alltagsgegenſtände Theil nahm und dazu eine Miene machte, als ob ſeine Stellung weit über ſeinem Aeu⸗ ßern erhaben wäre. Die Geſellſchaft hatte andere Dinge zu beſorgen, oder ſie fühlte, wie gering ſie ihm gegenüber war, aber ſei dem wie ihm wolle, ſie zerſtreute ſich allmälig, und da ſie durch keine andere Geſellſchaft erſetzt wurde, verblieb ihr neuer Gönner 76 Elftes Kapitel. im alleinigen Beſitz des Tagesanbruchs. Der Wirth klirrte in ſeiner Küche hin und her. Die Wirthin ſaß ruhig an ihrer Arbeit, und der erfriſchte Reiſende ſaß rauchend beim Ofen und wärmte ſich die zerlumpten Füße. „Entſchuldigen Sie Madame— jener Biraud?“ „Rigaud, Monſieur.“ „Rigaud. Entſchuldigen Sie nochmals— hat ſich Ihr Mißfallen auf welche Weiſe zugezogen?“ Die Wirthin, welche in dem einen Augenblicke bei ſich gedacht hatte, daß dies ein hübſcher Mann ſei, im andern Augenblicke, daß es ein häßlicher Mann ſei, ſah die Naſe ſich ſenken und den Schnurrbart ſich ſträuben, und ſie neigte ſich ſtark zu der letztern Anſicht. Sie ſagte, Rigaud wäre ein Ver⸗ brecher, der ſeine Frau ermordet hätte.. „So ſo. Tod und Teufel, das iſt in der Fhet ein Ver⸗ brecher! Aber woher wiſſen Sie es?“ 3 „Alle Welt weiß es.“ „Ha! Und doch entging er der gerechten St rafe?“ „Monſieur, das Geſetz konnte es ihm ni t zu völliger Genüge beweiſen So ſagt das Geſetz. Deſſenungeachtet weiß alle Welt, daß er's gethan hat. Die Leute wußten es ſo gut, daß ſie den Verſuch machten, ihn i in Stücke zu reißen.“ „Indem ſie alle in vollſtändiger Eintracht mit ihren eig⸗ nen Weibern lebten?“ ſagte der Gaſt.„Haha!“ Die Wirthin des Tagesanbruchs blickte ihn wieder an und fühlte ſich faſt in ihrer letzten Anſicht beſtärkt. Er hatte Los⸗gelaſſen. 77 indeß eine ſchöne Hand und ließ ſie ſehr fleißig ſehen. Sie begann wieder zu meinen, daß er denn doch nicht häßlich ſei. „Erwähnten Sie, Madame— oder wurde von den Her⸗ ren erwähnt, was aus ihm geworden iſt?“ Die Wirthin ſchüttelte den Kopf; es war das erſte Mal in der Unterhaltung, wo ihre lebhafte Theilnahme aufgehört hatte, im Takte mit dem, was ſie ſagte, zu nicken. Sie bemerkte, es ſei im Tagesanbruch auf Grund von Zeitungs⸗ nachrichten erwähnt worden, daß er ſeiner eignen Sicherheit halber im Gefängniſſe verwahrt worden ſei. Wie dem auch ſein möge, um ſo ſchlimmer ſei es, daß er dem entgangen ſei, was er verdient habe! Der Gaſt beobachtete ſie, indem er ſeine letzte Cigarette ſchmauchte und indem ſie mit dem Kopfe über ihre Arbeit ge⸗ bückt ſaß, mit einem Geſichtsausdrucke, der, wenn ſie ihn geſehen hätte, ihre Zweifel gelöſt und ihr zu einem dauern⸗ den Schluß hinſichtlich ſeines guten oder ſchlechten Ausſehens verholfen haben würde. Als ſie wirklich aufblickte, war der Ausdruck nicht da. Die Hand glättete ſeinen ſtachligen Schnurrbart. „Darf man bitten, zu Bett gebracht zu werden, Ma⸗ dame?“ „Sehr gern, Monſieur. Heda, mein Männchen!“ ˙s Männchen würde ihn die Treppe hinaufbringen. Es wäre ein Reiſender dort, ſchon eingeſchlafen, welcher, überwältigt von Müdigkeit, ſehr zeitig zu Bett gegangen wäre; aber es wäre eine ſehr große Kammer mit zwei Betten darin und Raum 78 Elftes Kapitel. genug für zwanzig. Dies ſetzte ihm die Wirthin des Tages⸗ anbruchs mit zwitſchernder Stimme auseinander, indem ſie dazwiſchen von Zeit zu Zeit„Heda, mein Männchen!“ durch die Seitenthür rief. Mein Männchen antwortete endlich: „Da bin ich, mein Weibchen!“ und indem er in ſeiner Kochs⸗ mütze erſchien, leuchtete er dem Reiſenden eine ſteile und enge Treppe hinauf. Der Reiſende, der ſeinen Mantel und Ranzen ſelbſt trug, bot der Wirthin mit einer artigen Bemerkung in Betreff des Vergnügens, ſie morgen wieder zu ſehen, gute Nacht. Es war ein großes Zimmer, mit rohen ſplitterigen Dielen, nicht mit Kalk überzogenen Tragbalken an der Decke und zwei Bettſtellen, die ſich gegenüber ſtanden. Hier ſtellte mein Männchen das Licht, das er trug, hin und gab mit einem Seitenblick auf ſeinen Gaſt, der über ſeinen Ranzen gebeugt war, kurzangebunden die Weiſung:„das Bett zur Rechten!“ und überließ ihn der Ruhe. Der Wirth, gleichviel ob er ein guter oder ſchlechter Phyſiognomiker war, hatte die volle Ueberzeugung gewonnen, daß der Gaſt ein häßlicher Menſch ſei. Der Gaſt warf einen verächtlichen Blick auf das reinliche, aber grobe Bett, das für ihn bereit gemacht war, und zog dann, ſich auf den Binſenſtuhl neben dem Bette ſetzend, ſein Geld aus der Taſche und übetzählte es in ſeiner Hand.„Man muß eſſen,“ murmelte er für ſich,„aber beim Himmel, ich muß morgen auf Koſten von jemand anders eſſen!“ Als er ſo daſaß und nachdachte und mechaniſch das Geld in ſeiner Hand abwog, trafen die tiefen Athemzüge des Rei⸗ —— Los gelaſſen. 79 ſenden in dem andern Bette ſein Ohr ſo regelmäßig, daß er ſeine Augen nach dieſer Richtung lenkte. Der Mann war warm zugedeckt und hatte den weißen Vorhang zu Häupten zuſammengezogen, ſo daß er nur zu hören, nicht zu ſehen war. Aber das tiefe regelmäßige Athmen, welches immer noch fortging, während der Andere ſeine abgeriſſenen Schuhe und Gamaſchen auszog, und immer noch fortgeſetzt wurde, als er ſeinen Rock und ſeine Halsbinde abgelegt hatte, verlockte endlich ſtark zur Neugier und entzündete in ihm die Luſt, einen Blick auf das Geſicht des Schläfers zu thun. Der wache Reiſende ſchlich ſich in Folge deſſen ein wenig näher zu dem Bette des ſchlafenden Reiſenden, bis er hart daneben ſtand. Selbſt jetzt konnte er ſein Geſicht noch nicht ſehen; denn er hatte das Betttuch darüber gezogen. Da das regelmäßige Athmen noch immer fortdauerte, ſo ergriff er mit ſeiner glatten weißen Hand(wie verrätheriſch ſah die Hand aus, als ſie ſich von ihm wegſtahl) das Betttuch und hob es auf. „Tod und Teufel!“ flüſterte er zurückfahrend.„Da iſt Cavaletto!“ Der kleine Italiener, auf deſſen Schlaf vielleicht vorher die Gegenwart des heimlich Herzugeſchlichenen Einfluß geübt hatte, hielt in ſeinem regelmäßigen Athmen inne und öff⸗ nete mit einem langen tiefen Athemzuge die Augen. Zuerſt waren ſie nur offen, nicht erwacht. Einige Secunden lag er da und blickte ruhig ſeinen alten Gefängnißkameraden an, 80 Elftes Kapitel. dann aber ſprang er plötzlich mit einem Aufſchrei der Ueber⸗ raſchung und des Schreckens aus dem Bette. „Bſt! Was iſt los? Halt das Maul? Ich bin's. Du kennſt mich doch?“ ſchrie der Andere mit unterdrückter Stimme. Aber Johann Baptiſt ſtierte ihn mit weitaufgeriſſenen Augen an, murmelte eine Maſſe von Beſchwörungen und Ausrufungen, zog ſich zitternd in einen Winkel zurück, ſchlüpfte in ſeine Hoſen und gab, indem er ſich den Rock mit den beiden Aermeln um den Hals feſt band, ein ſehr deut⸗ liches Beſtreben kund, lieber durch die Thür zu entwiſchen, als die Bekanntſchaft zu erneuern. Als ſein alter Gefäng⸗ nißgefährte dies ſah, ſprang er nach der Thür zurück und ſtemmte ſeine Schultern dagegen. „Cavaletto! Wach doch auf, Junge! Reib Dir die Angen und ſieh mich an. Nicht der Name, mit dem Du mich früher riefſt— nenne den nicht,— Lagnier, ſage Lagnier.“ Johann Baptiſt machte, indem er ihn mit Augen anſah, die ſo weit als irgend möglich geöffnet waren, eine Menge jener nationalen, nach hinten gehenden ſchüttelnden Bewegungen des Zeigefingers in die Luft, als ob er ent⸗ ſchloſſen wäre, ſchon im Voraus alles zu verneinen, was der Andere ſein ganzes Leben hindurch möglicherweiſe vor⸗ bringen könnte. „Cavaletto! Gieb mir die Hand. Du kennſt Lagnier, den Mann von Stande.“ Indem er ſich dem alten Tone herablaſſender Vornehm⸗ — Los gelaſſen. 81 heit unterwarf, trat Johann Baptiſt, noch nicht ganz feſt und ſicher auf den Beinen, vor und legte ſeine Hand in die ſeines Gönners. Monſieur Lagnier lachte, drückte die Hand, warf ſie dann in die Höhe und ließ ſie los. „So wären Sie alſo—“ ſtammelte Johann Baptiſt. „Nicht raſirt? Nein. Sieh hier!“ rief Lagnier, indem er ſeinen Kopf emporſchnellte,„er ſitzt ſo feſt am Halſe als Deiner.“ Johann Baptiſt ſah ſich mit einem leichten Schauder im ganzen Zimmer um, als wollte er ſich zurückrufen, wo er wäre. Sein Gönner ergriff dieſe Gelegenheit, den Schlüſſel im Thürſchloſſe umzudrehen und ſetzte ſich dann auf ſein Bett nieder. „Sieh mal her,“ ſagte er, ſeine Schuhe und Gamaſchen emporhaltend.„Ein ärmlicher Aufputz für einen Mann von Stande, wirſt Du ſagen. Gleichviel, Du ſollſt ſehen, wie raſch ich es ausbeſſern will. Komm und ſetze Dich. Nimm Deinen alten Platz ein.“ Johann Baptiſt, der keineswegs beruhigt ausſah, ſetzte ſich auf die Diele neben dem Bette hin, indem er ſeine Augen fortwährend auf ſeinen Gönner gerichtet hielt. „So iſt's recht!“ ſchrie Lagnier.„Nun könnten wir wie⸗ der in dem alten Höllenloche ſein, he, nicht wahr? Wie lange biſt Du heraus?“ „Zwei Tage nach Ihnen, mein Herrchen.“ „Wie kommſt Du hierher?“ „Man rieth mir, mich dort nicht aufzuhalten, und ſo ver⸗ Klein Dorrit. II. 6 82 Elftes Kapitel. ließ ich die Stadt ſogleich, und ſeitdem habe ich mich ſo her⸗ umgetrieben. Ich habe in allerlei Dingen gearbeitet, zu Avig⸗ non, zu Pont Esprit, zu Lyon, auf der Rhone, auf der Saone.“ Während er ſprach, beſchrieb er haſtig mit ſeiner ſonnenverbrannten Hand die Orte auf der Diele. „Und wo willſt Du hin?“ „Wohin ich will, mein Herrchen?“ „Nun ja.“ Johann Baptiſt ſchien der Frage ausweichen zu wollen, ohne doch recht zu wiſſen wie.„Beim Bachus!“ ſagte er zu⸗ letzt, als ob er zu dem Zugeſtändniß gezwungen wäre:„Ich habe mitunter den Gedanken gehabt, nach Paris und viel⸗ leicht nach England zu gehen.“ „Cavaletto. Dies im Vertrauen: Auch ich gehe nach Paris und vielleicht nach England. Wir wollen zuſammenreiſen.“ Der kleine Mann nickte mit dem Kopfe und zeigte die Zähne, und doch ſchien er nicht ganz überzeugt, daß es ein übertrieben wünſchenswerthes Arrangement ſei. „Wir wollen zuſammen reiſen,“ wiederholte Lagnier.„Du ſollſt ſehen, wie raſch ich ſie zwingen will, mich als Mann von Stande anzuerkennen, und Du ſollſt dabei profitiren. Iſt die Sache abgemacht? Sind wir Eins?“ „O freilich, freilich!“ ſagte der kleine Mann. „Dann ſollſt Du, bevor ich einſchlafe— und in ſech Worten, denn ich brauche Schlaf— hören, wie ich vor Dir erſcheine, ich, Lagnier. Merke dir das. Nicht der Andere.“ „Altro, altro! Nicht Rig—“ Bevor Johann Baptiſt den Los gelaſſen. 8³ Namen beenden konnte, hatte ſein Kamerad ſeine Hand un⸗ ter ſeinem Kinn und ſchloß ihm ingrimmig den Mund. „Tod und Hölle! Was machſt Du? Willſt Du, daß ich todt getreten und geſteinigt werde? Willſt Du todt getreten und geſteinigt werden? Du würdeſt's gewiß. Du bildeſt Dir doch nicht ein, daß ſie über mich herfallen und meinen Mit⸗ gefangenen laufen laſſen würden? Denke das bei Leibe nicht.“ Es war ein Ausdruck in ſeinem Geſichte, als er die Kinn⸗ lade ſeines Freundes losließ, aus welchem ſein Freund den Schluß zog, daß, wenn es im Laufe der Ereigniſſe wirklich zum Todttreten und Steinigen käme, Mr. Lagnier ihn ſo kenntlich machen würde, daß ihm ſeine volle Hälfte davon ſicher zukommen würde. Er erinnerte ſich, was für ein kos⸗ mopolitiſcher Herr Monſieur Lagnier war und wie wenig Rück⸗ ſichten aus Schwäche er nahm. „Ich bin ein Mann“ ſagte Monſieur Lagnier,„welchen die menſchliche Geſellſchaft tief verletzt hat, ſeit Du mich das letzte Mal geſehen haſt. Du weißt, daß ich leicht zu verletzen und tapfer bin, und daß es in meinem Charak⸗ ter liegt, herrſchen zu müſſen. Wie hat die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft dieſe Eigenſchaften berückſichtigt? Man hat mich mit Gekreiſch durch die Straßen verfolgt. Ich bin durch die Straßen gebracht worden mit Wache gegen die Men⸗ ſchen und beſonders die Weibsbilder, die mit allen Waf⸗ fen gegen mich angelaufen kamen, die ſie zur Hand hat⸗ ten. Ich habe der Sicherheit wegen im Gefängniſſe ge⸗ legen, wobei der Ort meiner Einſperrung geheim gehalten 6* 84 Elftes Kapitel. wurde, damit ich nicht aus demſelben herausgeſchleppt und. mit Hunderten von Schlägen zu Boden geſchlagen wurde. Man hat mich in der Stille der Nacht in einem Karren aus Marſeille gebracht und mich meilenweit in Stroh verpackt weggefahren. Ich konnte nicht wagen, nach meinem Hauſe zu gehen, und mit dem Zehrpfennig eines Bettlers in der Taſche bin ich durch gräulichen Koth und Regen gewandert die ganze Zeit nachher bis meine Füße zu Schanden gelau⸗ fen waren— ſieh mal her! Das ſind die Erniedrigungen, welche die Geſellſchaft mir zugefügt hat, mir, der ich die er⸗ wähnten Eigenſchaften beſitze, wie Du ſelbſt weißt. Aber die Geſellſchaft ſoll's büßen.“ Alles dieſes ſagte er ſeinem Gefährten ins Ohr und mit der Hand vor ſeinen Lippen. „Selbſt hier,“ fuhr er in gleicher Weiſe fort,„ſelbſt in dieſer gemeinen Kneipe verfolgt mich die menſchliche Geſell⸗ ſchaft. Madame ſchmäht mich und ihre Gäſte ſchmähen mich. Mich, der ich ein Mann von Stande mit Fähigkeiten und Manieren bin, vor denen dieſe Schächer ſich verkriechen müſſen. Aber das Unrecht, das die menſchliche Geſellſchaft auf mich gehäuft hat, iſt wohl aufgehoben in dieſer Bruſt.“ Auf alles dieſes ſagte Johann Baptiſt, indem er der ge⸗ dämpften heiſern Stimme aufmerkſam zuhörte, von Zeit zu Zeit„Freilich! Freilich!“ wobei er mit dem Kopfe nickte und die Augen ſchloß, wie wenn das Unrecht, das die menſchliche Geſellſchaft damit begangen, ſo klar auf der —-——— Los gelaſſen. 85 Hand läge, als ob die ehrlichſte Ehrlichkeit ſie dargeſtellt hätte. „Stelle meine Schuhe dorthin! Hänge meinen Rock dort neben die Thür zum Trocknen hin! Nimm meinen Hut!“ Er gehorchte jeder Anweiſung ſo wie ſie gegeben war. „Und dies iſt das Bett, in welches die menſchliche Geſell⸗ ſchaft mich verweiſt, wahrhaftig! Ha! Schon gut!“ Als er ſich der Länge nach darauf hinſtreckte, indem er ein zerlumptes Taſchentuch um ſein gottloſes Haupt band und nur ſein gottloſes Haupt über den Betttüchern zeigte, wurde Johann Baptiſt ziemlich lebhaft an das erinnert, was bei einem Haare geſchehen wäre, um dem Schnurrbarte alles weitere Sträuben und der Naſe alles weitere Sich⸗ Senken unmöglich zu machen. „Abermals aus dem Würfelbecher des Schickſals in Deine Geſellſchaft geſchüttelt, he? Beim Himmel! deſto beſſer für Dich. Du wirſt dabei profitiren. Ich werde eine lange Ruhe nöthig haben. Laß mich in den Morgen hinein⸗ ſchlafen.“ Johann Baptiſt erwiderte, daß er ſchlafen ſollte, ſo lange er Luſt habe, wünſchte ihm eine gute Nacht und löſchte die Kerze aus. Man hätte glauben ſollen, daß das Nächſte für den Italiener geweſen wäre, ſich auszukleiden, aber er that gerade das Gegentheil und zog ſich vom Kopfe bis zu den Füßen an, mit Ausnahme ſeiner Schuhe. Als er das gethan hatte, legte er ſich, indem er einiges von dem Bett⸗ 86 Elftes Kapitel. zeuge über ſich zog und ſeinen Rock um ſeinen Hals ge⸗ ſchlungen ließ, auf das Bett, um die Nacht zu verbringen. Als er aufſtand, guckte der Pathe des Tagesanbruchs, der wirkliche Tagesanbruch, auf ſein Pathchen herab. Er erhob ſich, nahm ſeine Schuhe in die Hand, drehte den Schlüſſel in der Thür mit großer Vorſicht um und ſchlich ſich die Treppe hinab. Nichts war unten noch auf den Bei⸗ nen, als der Geruch von Kaffee, Wein, Tabak und Syrup, und der kleine Schenktiſch von Madame ſah ziemlich wüſt aus. Aber er hatte Madame ſeine kleine Zeche an demſelben vorigen Abend bezahlt und wünſchte Niemand zu ſehen— wünſchte überhaupt nichts, als ſeine Schuhe anzuziehen und ſeinen Ranzen aufzupacken, die Thür zu öffnen und da⸗ von zu laufen. Seine Abſicht gelang ihm. Keine Bewegung oder Stimme ließ ſich hören, als er die Thür öffnete, kein gott⸗ loſes Haupt, umwunden mit einem zerlumpten Taſchentuche, ſchaute aus dem obern Fenſter. Als die Sonne ihre volle Scheibe über die flache Linie des Geſichtskreiſes erhoben hatte und aus der langen ſchmutzigen gepflaſterten Straße mit ihrer langweiligen Allee kleiner Bäume Feuerfunken lockte, bewegte ſich ein ſchwarzer Punkt auf der Straße hin und planſchte zwiſchen den flammenden Regenpfützen, und dieſer ſchwarze Punkt war Johann Baptiſt Cavaletto, der vor ſeinem Gönner davonlief. 87 Smülftes Kapitel. Der Hof zum Blutenden Herzen. Der Hof zum Blutenden Herzen befand ſich in London ſelbſt. Einſt hatte hier die Landſtraße nach einer oft genann⸗ ten Vorſtadt vorbeigeführt, wo ſich in den Tagen William Shakeſpeare's, des Schauſpieldichters und Schauſpielers, Jagdplätze befanden, während jetzt dort kein Jagdvergnügen vorkommt, es müßte denn das von Menſchenjägern ſein. Ein Ort, deſſen Phyſiognomie und deſſen Verhältniſſe ſich ſehr verändert, der aber doch einige Spuren alterthümlicher Größe bewahrt hatte. Zwei oder drei mächtige Gruppen von Schornſteinen und einige große dunkle Zimmer, die dem Schickſale, durch Zwiſchenwände bis zur Unerkennbarkeit ih⸗ rer frühern Verhältniſſe in kleinere Abtheilungen geſchieden zu werden, entgangen waren, gaben dem Hofe einen Charak⸗ ter. Er war von armen Leuten bewohnt, welche ſich zwiſchen ſeinen verblichenen Herrlichkeiten niedergelaſſen hatten, wie Araber der Wüſte ihre Zelte unter den herabgefallenen Stei⸗ nen von Pyramiden aufſchlagen; es ging aber ein gewiſſes behagliches Bewußtſein durch die Familien des Hofes, daß er einen Charakter habe. Wie wenn die aufſtrebende Stadt ſelbſt in dem Grund und Boden, auf dem ſie ſtand, aufgequollen wäre, hatte ſich Klein Dorrit. II. 7 88 Zwölftes Kapitel. der Boden um den Hof zum Blutenden Herzen ſo erhoben, daß man in ihn auf einer Treppe hinabſtieg, welche keinen Theil des frühern Eingangs bildete, und daß man aus ihm durch einen niedrigen Thorweg in ein Gewirr ärmlicher Gaſ⸗ ſen ging, die ſich drehten und wanden, bis ſie endlich die Ebene wieder erreichten. Am Ende des Hofes und über dem Thorwege war die Werkſtatt Daniel Doyce's, die mit ihrem Geklirr von Metall auf Metall ſo ſchwermüthig klopfte wie ein blutendes Herz von Eiſen. Die Meinung des Hofes in Betreff der Ableitung ſeines Namens war eine getheilte. Die praktiſcheren Geiſter unter ſeinen Inſaſſen blieben bei der Ueberlieferung von einer Mordthat; die empfindſameren und mit regerer Einbildungs⸗ kraft begabteren ſeiner Bewohner mit Einſchluß des ganzen ſchönen Geſchl echts hielten dagegen an der Sage feſt, welche einſt eine junge Dame von ihrem grauſamen Vater hier in ihr Kämmerlein eingeſperrt ſein ließ, weil ſie ihrem Gelieb⸗ ten treu bleiben gewollt und den Freier zurückgewieſen, den jener für ſie ausgeſucht. Die Sage erzählte, wie man die junge Dame häufig an ihrem Fenſter hinter dem Gitter ge⸗ ſehen und wie ſie dann ein Lied klagender Liebe, welches den Refrain gehabt:„Blutend Herz, blutend Herz, blute dich aus!“ geſungen habe, bis ſie geſtorben ſei. Die Partei, welche an der Mordthat feſthielt, warf ein, daß dieſer Re⸗ frain bekanntermaßen die Erfindung einer Stickerin, einer in Romanen beleſenen alten Jungfer ſei, die noch im Hofe wohnte. Da indeſſen alle Lieblingsſagen mit Herzensange⸗ Der Hof zum Blutenden Herzen. 89 legenheiten verknüpft ſein müſſen, und da bei Weitem mehr Menſchen ſich verlieben als Mordthaten begehen— was hof⸗ fentlich, ſo ſchlimm wir auch ſind, bis zum Ende der Welt mit Gottes Hülfe die Regel ſein wird— ſo trug die Ge⸗ ſchichte von dem blutenden Herzen, das ſich ausbluten ſollte, mit großer Mehrheit den Sieg davon. Keine von beiden Parteien wollte auf die Alterthumsforſcher hören, welche in der Nachbarſchaft gelehrte Vorleſungen hielten und darin dar⸗ thaten, daß das blutende Herz das Wappenzeichen der alten Familie geweſen ſei, die einſt den Ort beſeſſen habe. Und wenn man bedenkt, daß das Stundenglas, welches ſie von Jahr zu Jahr umwendeten, mit dem erdigſten und gröbſten Sande gefüllt war, hatten die Inſaſſen des Blutenden Her⸗ zens Urſache genug, ſich zu wehren gegen die Hände, welche ihnen das einzige Goldkörnchen von Poeſie nehmen wollten, das darin funkelte. Daniel Doyce, Mr. Meagles und Clennam ſtiegen nun auf den Stufen in den Hof hinab. Indem ſie den Hof ent⸗ lang und zwiſchen den offenen Thüren zu beiden Seiten hin⸗ ſchritten, welche ſämmtlich aufs Reichlichſte mit magern Kin⸗ dern, die dicke warteten, beſetzt waren, langten ſie an ſeiner entgegengeſetzten Grenze, dem Thorwege an. Hier blieb Ar⸗ thur Clennam ſtehen, um ſich nach dem Domicil Plorniſh's, des Putzmaurers, umzuſehen, deſſen Namen Daniel Doyce, nach der Sitte der Londoner, bis dieſe Stunde weder geſehen noch gehört hatte. Er war indeß leicht genug zu finden, wie Klein Dorrit 7* Zwölftes Kapitel. geſagt hatte: über einem kalkbeſpritzten Thorwege in der Ecke, in welcher Plorniſh eine Leiter und ein paar Fäſſer aufbe⸗ wahrte. Das letzte Haus im Hofe zum Blutenden Herzen, welches ſie als ſeine Wohnung beſchrieben hatte, war ein großes Haus, das an mehrere Miethsleute überlaſſen war. Aber Plorniſh deutete auf geniale Weiſe, daß er im Vorderzim⸗ mer wohnte, durch eine gemalte Hand unter ſeinem Namen an, deren Zeigefinger(auf welchen der Künſtler einen Ring und einen ſehr ausgeführten Nagel von der vornehmſten Form gemalt hatte) alle Nachfragenden nach jenem Gemache wies. Nachdem Clennam mit Mr. Meagles eine andere Zuſam⸗ menkunft verabredet, trennte er ſich von ſeinen Begleitern, ging allein in das Vorhaus und pochte mit den Knöcheln an die Thür des Vorderzimmers. Sie wurde gleich nachher von einer Frau mit einem Kinde im Arme geöffnet, deren unbe⸗ ſchäftigte Hand haſtig den obern Theil ihres Kleides in Ord⸗ nung zu bringen bemüht war. Dies war Mrs. Plorniſh, und dieſe mütterliche Beſchäftigung war die Beſchäftigung von Mrs. Plorniſh während eines großen Theils ihres wachen Daſeins. Ob Mr. Plorniſh zu Hauſe wäre?„Je nun,“ ſagte Mrs. Plorniſh, eine höfliche Frau,„die Wahrheit zu ſagen, er iſt ausgegangen, um ſich nach Arbeit umzuſehen.“ Der Ausdruck„die Wahrheit zu ſagen“ war eine Rede⸗ wendung, die zu der Methode gehörte, in der Mrs. Plorniſh⸗ ſprach. Sie ſagte unter allen Umſtänden jedermann ſo viel Der Hof zum Blutenden Herzen. 91 irgend möglich die Wahrheit, aber ſie hatte ſich's einmal an⸗ gewöhnt, in dieſer vorſichtigen Form zu antworten. „Glauben Sie, daß er bald zurück ſein wird, wenn ich auf ihn warte?“ „Ich erwarte ihn ſchon ſeit einer halben Stunde jeden Augenblick,“ ſagte Mrs. Plorniſh.„Treten Sie ein, Sir.“ Arthur trat in das ziemlich dunkle und enge, wenn auch hohe Zimmer und ſetzte ſich auf den Stuhl, den ſie ihm hin⸗ ſtellte. „Die Wahrheit zu ſagen, Sir, es thut mir wohl,“ ſagte Mrs. Plorniſh,„und ich rechne es Ihnen hoch an.“ Er begriff nicht, was ſie damit meinte, und da er dies durch ſeine Miene ausdrückte, ſo lockte er eine Erläuterung hervor. „Es gibt nicht Viele, die in das Haus armer Leute kom⸗ men und es da der Mühe werth halten, den Hut abzuneh⸗ men,“ ſagte Mrs. Plorniſh.„Aber es denkt eins doch mehr davon, als eins denkt.“ Clennam erwiderte, indem es ihm unangenehm berührte, daß eine ſo geringe Höflichkeit ungewöhnlich war:„Wenn's weiter nichts iſt!“ Und indem er ſich niederbückte, um die Wange eines andern kleinen Kindes zu kneipen, welches auf der Diele ſaß und ihn anſtarrte, fragte er Mrs. Plorniſh, wie alt dieſer hübſche Knabe ſei. „Eben vier Jahre geweſen, Sir,“ ſagte Mrs. Plorniſh. „Er iſt wirklich ein hübſches Kerlchen, nicht wahr? Aber dies hier iſt ziemlich kränklich.“ Damit wiegte ſie den Säugling zärt⸗ 92 gZwoölftes Kapitel. lich auf ihren Armen.„Aber Sie nehmen mir wohl die Frage nicht übel, ob es ein Auftrag für meinen Mann iſt, weshalb ſie gekommen ſind, Sir?“ fügte Mrs. Plorniſh ſchüchtern hinzu. Sie fragte ſo ängſtlich, daß er, wofern er irgend eine eigne Wohnung gehabt hätte, ſie lieber einen Fuß dick mit Kalk hätte abputzen laſſen, als daß er Nein geſagt hätte. Aber er war genöthigt, mit Nein zu antworten, und er ſah einen Schatten fehlgeſchlagner Hoffnung auf ihrem Geſichte, als ſie einen Seufzer unterdrückte und auf das herabgebrannte Feuer blickte. Dann ſah er auch, daß Mrs. Plorniſh eine junge Frau war, welcher die Armuth an ihrer Perſon wie an ihrem Zubehör etwas Schlotterndes gegeben, und an der die Armuth und die Kinder ſo gezerrt und gezogen hatten, daß von ihren vereinten Kräften ihr Geſicht bereits in Falten ge⸗ zogen war. „Alle ſolche Dinge, wie Aufträge,“ ſagte Mrs. Plorniſh, „ſcheinen mir von der Welt verſchwunden zu ſein, wahrhaf⸗ tig.“(Hierin beſchränkte ſich Mrs. Plorniſh mit ihrer Bemer⸗ kung auf das Putzmaurergeſchäft und ſprach ohne Beziehung auf das Umſchreibungsamt und die Familie Barnacle). „Iſt es ſo ſchwierig, Arbeit zu bekommen?“ fragte Arthur Clennam. „Plorniſh findet es ſo,“ erwiderte ſie.„Er hat auch gar kein Glück. Ja wahrhaftig keins.“ Er war wirklich ohne Glück. Er war einer von jenen vielen Pilgern auf der Straße des Lebens, welche mit über⸗ Der Hof zum Blutenden Herzen. 93 natürlichen Hühneraugen heimgeſucht zu ſein ſcheinen, die es ihnen unmöglich machen, auch nur mit ihren lahmen Mit⸗ bewerbern gleichen Schritt zu halten. Ein williger, fleißiger, ſanftmüthiger, nicht hartgeſinnter Menſch, trug Plorniſh ſein Schickſal ſo gelaſſen, als man erwarten konnte, obwol es ein hartes war. Es geſchah ſo ſelten, daß jemand ihn zu brau⸗ chen ſchien, es war ſolch ein Ausnahmsfall, wenn ſeine Kräfte irgendwo erforderlich waren, daß ſein umnebelter Geiſt ſich's nicht zu erklären vermochte, wie es überhaupt geſchah. Er nahm es deshalb, wie es kam, taumelte in allerhand Ver⸗ legenheiten hinein, taumelte wieder heraus und ſtieß ſich, in⸗ dem er ſo durchs Leben taumelte, manche ſchlimme Beule. „s iſt wahrhaftig nicht, weil er ſich nicht um Aufträge kümmerte,“ ſagte Mrs. Plorniſh, indem ſie ihre Augenbrauen in die Höhe zog und zwiſchen den Stäben des Ofengitters nach der Löſung des Problems ſuchte;„auch nicht, weil er nicht fleißig wäre, wenn welche zu haben iſt. Niemand hat meinen Mann jemals über zu viel Arbeit klagen hören.“ Dies war in der einen oder andern Weiſe das allgemeine Mißgeſchick des Hofes zum Blutenden Herzen. Von Zeit zu Zeit ging die allgemeine Klage pathetiſch herum, daß es an Arbeitskräften fehle— was von gewiſſen Leuten ſehr übel genommen zu werden ſchien, wie wenn ſie allein das Recht darauf nach ihren Bedingungen hätten— aber der Hof zum Blutenden Herzen war, obwol kein arbeitsluſtigerer Hof in ganz Großbritannien zu finden, niemals beſſer daran bei ſolcher Nachfrage. Jene vornehme alte Familie, die Barnac⸗ 94 Zwölftes Kapitel. les, war längſt zu eifrig mit ihrem großen Grundſatze beſchäf⸗ tigt geweſen, um nach der Sache zu ſehen, und in der That, die Sache hatte ja nichts mit ihrer Wachſamkeit zu ſchaffen, mit welcher ſie alle andern vornehmen alten Familien mit Ausnahme der Stiltſtalkings von den Geſchäften ſimha ten mußte. Während Mrs. Plorniſh in dieſer Weiſe von ihrem ab⸗ weſenden Eheherrn ſprach, kehrte ihr Eheherr zurück. Ein glattwangiger, friſch farbiger, mit einem gelblichen Backen⸗ barte geſchmückter Dreißiger. Lang von Beinen, ſchlaff in den Knien, einfältig von Geſicht, mit einer Flanneljacke be⸗ kleidet, weiß von Kalkflecken.„Dies iſt Plorniſh, Sir.“ „Ich kam hierher,“ ſagte Clennam, ſich erhebend,„um Sie um die Gefälligkeit zu bitten, mir über die Familie Dor⸗ rit Rede zu ſtehen.“ Plorniſh ſchöpfte Verdacht. Schien einen Gläubiger zu wittern. Sagte: Ah ja. Hm. Er wüßte nicht, wie er jemand über dieſe Familie Auskunft geben könne. Was es wol beträfe? „Ich kenne Sie beſſer,“ ſagte Clennam lächelnd,„als Sie vermuthen.“ Plorniſh bemerkte, indem er das Lächeln nicht erwiderte: Und doch hätte er durchaus nicht das Vergnügen, mit dem Herrn bekannt zu ſein. „Rein,“ ſagte Arthur,„ich kenne Ihre freundlichen Dienſte aus zweiter Hand, aber aus beſter Quelle. Durch Klein Der Hof zum Blutenden Herzen. 95 Dorrit— wollt ich ſagen,“ ſetzte er erklärend hinzu,„Fräu⸗ lein Dorrit.“ „Mr. Clennam, nicht wahr? O ich habe von Ihnen ge⸗ hört, Sir.“ „Und ich von Ihnen,“ ſagte Arthur. „Bitte, ſetzen Sie ſich wieder, Sir, und betrachten Sie ſich als willkommen.„Je nun, ja,“ ſagte Plorniſh, indem er einen Stuhl nahm und ſich das ältere Kind auf's Knie hob, damit er die moraliſche Stütze habe, zu einem Fremden über ſeinen Kopf ſprechen zu können,„ich bin ſelber auf der unrechten Seite der Gefängnißpforte geweſen, und auf die Weiſe kam's zu unſrer Bekanntſchaft mit Miß Dorrit. Ich und meine Frau, wir ſind gute Bekannte von Miß Dorrit. „Sehr gute,“ ſchrie Mrs. Plorniſh. In der That, ſie war ſo ſtolz auf die Bekanntſchaft, daß ſie einige Erbitterung im Hofe erweckt hatte, indem ſie die Summe, für welche Miß Dorrits Vater in's Schuldgefängniß gewandert, zu einer un⸗ geheuren Höhe übertrieben hatte. Die blutenden Herzen ver⸗ droß es, daß ſie mit Leuten von ſo hohem Range bekannt ſein ſollte. „Es war ihr Vater, mit dem ich zuerſt Bekanntſchaft machte. Und dadurch, daß ich mit ihm bekannt wurde— je nun— da wurde ich mit ihr bekannt,“ ſagte Plorniſh, das⸗ ſelbe wiederholend. „Das ſehe ich.“ „Ah. Und iſt das ein vornehmes Benehmen! Iſt das eine feine Bildung! Iſt das ein Herr, den ſie da in dieſes 96 Zwolftes Kapitel. Marſhalſea Gefängniß gepflanzt haben! Ei, Sie wiſſen vielleicht nicht,“ ſagte Plorniſh, indem er ſeine Stimme dämpfte und mit einer verkehrten Bewunderung von Dingen ſprach, die er eigentlich hätte bedauern oder verachten ſollen, „Sie wiſſen vielleicht nicht, daß Miß Dorrit und ihre Schweſter es ihm nicht wiſſen laſſen dürfen, daß ſie für's tägliche Brot arbeiten. Nein!“ ſagte Plorniſh, indem er mit lächerlich triumphirender Miene erſt ſeine Frau anſah und dann im ganzen Zimmer umherblickte.„Durften's ihm nicht wiſſen laſſen, wahrhaftig nicht wiſſen laſſen.“ „Ohne ihn deswegen zu bewundern,“ bemerkte Clennam ruhig,„dauert er mich doch ſehr.“ Die Bemerkung ſchien Plor⸗ niſh zum erſten Male anzudeuten, daß es doch am Ende kein ſehr ſchöner Charakterzug wäre. Er ſann einen Augenblick darüber nach und gab es dann auf. „Was mich anlangt,“ fuhr er fort,„ſo iſt Mr. Dorrit wahrhaftig ſo herablaſſend gegen mich, als ich nur erwarten kann. Und wenn ich den Unterſchied und Abſtand zwiſchen uns betrachte, nur noch mehr. Es war aber Miß Dorrit, von der wir ſprachen.“ „Wahr! Bitte, wie führten Sie ſie ins Haus meiner Mutter ein?“ Mr. Plorniſh pflückte ſich ein Sprützchen Kalk aus dem Barte, ſteckte es zwiſchen die Lippen, drehte es mit der Zunge wie ein Zuckerplätzchen um, überlegte ſich die Sache, fand ſich der Aufgabe einer deutlichen Erklärung nicht gewachſen und ſagte ſich an ſeine Frau wendend:„Sally, Du kannſt's eben⸗ Der Hof zum Blutenden Herzen. 97 ſo gut auseinander ſetzen, wie es war, altes Frauenzim⸗ merchen.“ „Miß Dorrit,“ ſagte Sally, indem ſie den Säugling von Seite zu Seite ſchaukelte und ihr Kinn auf ſeine kleine Hand legte, als er den Verſuch machte, das Kleid wieder in Unord⸗ nung zu bringen,„kam eines Nachmittags hierher mit einem Zettelchen, ſagte uns, daß ſie als Nätherin Beſchäftigung wünſche, und fragte, ob wir's als unbequem anſehen würden, wenn ſie die Leute hierher adreſſiren wollte.(„Hierher adreſ⸗ ſiren wollte,“ wiederholte Plorniſh mit tiefer Stimme, wie wenn er in der Kirche dem Vorſänger antwortete.) Ich und Plorniſh, wir ſagten ihr: Nein, Miß Dorrit, gar nicht unbe⸗ quem.(„Gar nicht unbequem,“ wiederholte Plorniſh.) Und ſo ſchrieb ſie's hinein. Darauf ſage ich und Plorniſh zu ihr: He, Miß Dorrit!(„He, Miß Dorrit,“ wiederholte Plorniſh.) Haben Sie denn auch daran gedacht, daß Sie's drei oder vier Mal abſchreiben müſſen, um es an mehr als einer Stelle bekannt zu machen? Nein, ſagt Miß Dorrit, das hab' ich mir nicht überlegt, aber ich will's thun. So ſchrieb ſie's denn auf dieſem Tiſche ab mit allerliebſten Buchſtaben, und Plor⸗ niſh, der nahm's mit, wo er arbeitete, da er damals gerade zu thun hatte;(„damals gerade zu thun hatte,“ wiederholte Plorniſh) und außerdem zum Wirthe des Hofes, und ſo kam's, daß Mrs. Clennam Miß Dorrit zuerſt beſchäftigte. Plorniſh wiederholte„Miß Dorrit beſchäftigte,“ und Mrs. Plorniſh, die zu Ende war, that, als ob ſie die kleine Hand biſſe, wäh⸗ rend ſie ſie küßte. 98 Zwölftes Kapitel. „Der Wirth des Hofes,“ fragte Arthur Clennam,„iſt—“ „Es iſt Mr. Casby, ja, ſo heißt er,“ ſagte Plorniſh, „und Pancks, der nimmt die Miethe ein. Das,“ fügte Mr. Plorniſh hinzu, indem er mit langſamer Nachdenklichkeit, die mit keinem beſtimmten Gegenſtande in Beziehung zu ſtehen und ihn nirgendwo hin zu führen ſchien, bei der Sache ver⸗ harrte,„das iſt's, was ſie ungefähr ſind, Sie mögen mir glauben oder nicht, wie Sie's für paſſend finden.“ „So ſo?“ erwiderte Clennam, ſeinerſeits gedankenvoll. „Auch Mr. Casby. Eine alte Bekanntſchaft von mir,'s iſt ſchon lange her.“ Mr. Plorniſh ſah keinen Weg, ſich dieſe Thatſache zu er⸗ klären und ging auch nicht darauf aus. Da wirklich kein Grund denkbar war, aus dem er ſich auch nur im Mindeſten dafür haͤtte intereſſiren ſollen, ſo ging Arthur Clennam auf den nächſten Zweck ſeines Beſuchs über, der darin beſtand, daß er Plorniſh zum Werkzeuge der Befreiung Tips machen wollte. Es ſollte dies ſo eingerichtet werden, daß dem Selbſt⸗ vertrauen und der eignen Thätigkeit des jungen Mannes ſo wenig als möglich Abbruch geſchähe, vorausgeſetzt, daß er noch einen Reſt dieſer Eigenſchaften beſäße: ohne Zweifel eine ſehr kühne Vorausſetzung! Plorniſh, der mit der Ur⸗ ſache des Proceſſes nach der eignen Ausſage des Beklagten vertraut war, gab Arthur zu verſtehen, daß der Kläger„ein Chaunter“, das heißt ein Roßkamm war, und daß er(Plor⸗ niſh) der Meinung ſei, zehn Schilling aufs Pfund würden Der Hof zum Blutenden Herzen. 99 „die Sache anſtändig abmachen und mehr gewähren, hieße das Geld wegwerfen. Bald nachher fuhren Clennam und ſein Werkzeug nach einem Pferdeverleiher in High Holborn, wo ein merkwürdig ſchöner grauer Wallach, der unter Brüdern ſeine fünfundſieb⸗ zig Guineen werth war(ungerechnet des Schrots, den man ihn, um ſeine Geſtalt zu verbeſſern, hatte verſchlucken laſſen) für eine fünfundzwanzig Pfund⸗Note verkauft werden ſollte, weil er letzte Woche mit der Frau des Kapitän Barbary von Cheltenham durchgegangen war, die einem Pferde von ſol⸗ chem Muthe nicht gewachſen war, und die aus purem Ver⸗ druſſe darauf beſtand, ihn für dieſe lächerliche Summe zu verkaufen, oder mit andern Worten zu verſchenken. Plorniſh ging, indem er ſeinen Auftraggeber draußen ließ, in dieſen Hof allein hinein und fand da einen Herrn mit enganliegen⸗ den lichtgrauen Tuchbeinkleidern, einem ziemlich alten Hute, einem kleinen Hakenſtocke und einem blauen Halstuche(Ka⸗ pitän Maroon von Glouceſterſhire, ein intimer Freund von Kapitän Barbary), welcher aus Freundſchaft dort war, um dieſe kleinen Umſtände in Betreff des merkwürdig ſchönen grauen Wallachen jedem echten Pferdekenner und jedem der ſchnell was Gutes wegſchnappen wollte, wenn er etwa auf die Anzeige hier herein ſehen ſollte, mitzutheilen. Dieſer Herr, der zufällig auch der Kläger im Tip'ſchen Proceſſe war, ver⸗ wies Mr. Plorniſh an ſeinen Sachwalter und lehnte es ab, mit Mr. Plorniſh zu verhandeln oder auch nur ſeine Gegen⸗ wart im Hofe zu dulden, wofern er dort nicht mit einer Zwölftes Kapitel. 100 Zwanzigpfund⸗Note erſcheine; nur in dieſem Falle nämlich wollte jener Herr annehmen, daß er ein Geſchäft zu ſchließen komme, und nur ſo könnte er bewogen werden, mit ihm zu ſprechen. Auf dieſen Wink zog Mr. Plorniſh ſich zu ſeinem Auftraggeber zurück, und nachdem er ſich mit dieſem berathen, kam er bald nachher mit dem geforderten Zeichen der Beglau⸗ bigung zurück. Dann ſagte Kapitän Maroon:„Na wieviel Zeit brauchen Sie nun, um die andern Zwanzig einzuzahlen? Na, ich will Ihnen einen Monat geben.“ Dann ſagte Kapi⸗ tän Maroon, als das nicht paſſen wollte:„Na, ich will Ihnen ſagen, was ich thun will. Sie geben mir einen guten Wech⸗ ſel zahlbar nach vier Monaten mit den andern Zwanzig bei einem guten Bankierhauſe.“ Dann ſagte Kapitän Maroon, als auch das nicht paſſen wollte:„Na denn! hören Sie das letzte, was ich Ihnen zu ſagen habe, Sie geben eine andere Zehne heraus und ich ſtreiche den Wiſch durch.“ Dann ſagte Kapitän Maroon, als das noch nicht paſſen wollte:„Na, ich will Ihnen ſagen, was wir machen werden, und damit Punktum. Er hat mir ſchlecht mitgeſpielt, aber ich will ihn laufen laſſen, wenn Sie'noch'ne Fünfe herlegen und'ne Flaſche Wein dazu, und wenn Sie der Sache ein Ende ma⸗ chen wollen, ſo ſagen Sie: Topp; iſt's Ihnen nicht gelegen, ſo laſſen Sie's bleiben.“ Schließlich ſagte Kapitän Maroon, als ſelbſt das noch nicht paſſen wollte:„Na ſo geben Sie her!“ nahm das erſte Anerbieten an, gab einen Empfangs⸗ ſchein über das Ganze und entließ den Gefangenen. „Mr. Plorniſh,“ ſagte Arthur,„ich glaube, Sie werden Der Hof zum Blutenden Herzen. 101 ſo freundlich ſein, mein Geheimniß zu bewahren. Wenn Sie es unternehmen wollen, den jungen Mann wiſſen zu laſſen, daß er frei iſt, und ihm zu ſagen, daß ſie von jemand, den ſie nicht nennen dürften, den Auftrag hätten, ſich mit ihm über die Schuld zu vergleichen, ſo würden Sie nicht nur mir einen Dienſt leiſten, ſondern auch ihm und ebenſo ſeiner Schweſter.“ „Der letzte Beweggrund, Sir,“ ſagte Plorniſh,„würde völlig hinreichend ſein. Ihre Wünſche ſollen erfüllt werden.“ „Ein Freund hat ſeine Freilaſſung erwirkt, können Sie ſagen, wenn Sie wollen. Ein Freund, welcher hofft, daß er um ſeiner Schweſter, wenn um Niemand anders willen von ſeiner Freiheit guten Gebrauch machen werde.“ „Ihre Wünſche, Sir, ſollen erfüllt werden.“ „Und wenn Sie mit Ihrer beſſern Kenntniß der Familie ſo gut ſein wollen, ſich ungeſcheut mit mir in Verbindung zu ſetzen und jeden Weg mir anzudeuten, auf den ich Ihrer Meinung nach auf zarte Weiſe Klein Dorrit wirklich nützlich ſein kann, ſo werde ich mich Ihnen verpflichtet fühlen.“ „O erwähnen Sie das nicht, Sir,“ entgegnete Plorniſh, „es wird mir ein Vergnügen ſein und zugleich ein— es wird mir ein Vergnügen ſein und zugleich ein.“ Da er ſich nicht im Stande ſah, ſeinen Satz nach den beiden Verſuchen ins Gleichgewicht zu bringen, ließ er ihn klugerweiſe fallen. Er nahm Clennams Karte und eine entſprechende pecuniäre Er⸗ kenntlichkeit für ſeine Mühe. Er hegte den Wunſch, ſich ſeines Auftrags ſogleich zu entledigen, und ſein Auftraggeber war derſelben Anſicht. So 1⁰² Zwölftes Kapitel. ſchlug ihm ſein Auftraggeber vor, ihn am Thore des Mar⸗ ſhalſea⸗Gefängniſſes abzuſetzen, und ſie fuhren in dieſer Rich⸗ tung über die Blackfriars Brücke. Auf dem Wege lockte Ar⸗ thur aus ſeinem neuen Bekannten eine verworrene Ueberſicht über das innere Leben des Hofes zum Blutenden Herzen her⸗ aus. Sie wären dort alle ſchlimm daran, ſagte Mr. Plor⸗ niſh, in der That, ſehr ſchlimm dran. Na, er könnte gerade nicht ſagen, wie das käme, er wüßte nicht einmal, ob es überhaupt jemand ſagen könnte, wie es käme, alles, was er wüßte, wäre, daß es ſo wäre. Wenn jemand an ſeinem eig⸗ nen Rücken und in ſeinem eignen Magen fühlte, daß er arm ſei, ſo wüßte dieſer Jemand(Mr. Plorniſh ſprach dies als ſeine entſchiedene Ueberzeugung aus) gar wohl, daß er arm ſei ſo oder ſo, und man könnte es ihm ebenſowenig aus⸗ reden, als man ihm ein Stück Braten in den Leib reden könnte. Dann, ſehen Sie, manche Leute, die ſich beſſer be⸗ finden— und eine Menge ſolcher Leute wohnen ſelber ziem⸗ lich hart an der Grenze der Armuth und manche ſelbſt über ihr, wie ich gehört habe— die ſagen, man wäre„unvorſich⸗ tig“(das iſt das Lieblingswort) unten im Hofe. Zum Bei⸗ ſpiel, wenn ſie einen Mann ein Mal im Jahre mit Frau und Kindern in einem Omnibus nach Hampton Court gehen ſehen, ſagen ſie:„Heda! Ich dächte, Sie wären arm, mein unvor⸗ ſichtiger Freund!“— Ei du lieber Herrgott, wie ſchwer das Einem aufs Herz fiele! Was ſollte einer da thun? Er könnte doch nicht vor Melancholie(Mr. Plorniſh ſagte Mollancholie) toll werden, und wenn er's thäte, was würde es die Sache t Der Hof zum Blutenden Herzen. 103 beſſern. Nach Mr. Plorniſh's Meinung würde man nur ſchlimmer daran ſein. Und doch ſcheine man darauf auszu⸗ gehen, die Leute vor Melancholie toll werden zu laſſen. Man wäre immer darüber Herr, wo nicht mit der rechten Hand, doch mit der linken. Was ſie im Hofe trieben? Je nun, man möge nur die Augen hinwenden und ſehen. Da wären Mäd⸗ chen und ihre Mütter, die arbeiteten an ihrer Nätherei, ihrem Schuheinfaſſen, ihrer Putzmacherei oder ihrer Weſtenmacherei Tag und Nacht und Nacht und Tag, und doch könnten ſie nicht mehr vor ſich bringen, als die äußerſte Nothdurft ver⸗ lange, oft nicht einmal ſo viel. Da wären Leute von beinahe allerlei Handwerken, die man nennen könne, die alle arbei⸗ ten wollten und doch nicht im Stande waͤren, Arbeit zu be⸗ kommen. Da wären alte Leute, die, nachdem ſie ihr ganzes Lebenlang gearbeitet hätten, ins Armenhaus geſperrt und vort viel ſchlechter untergebracht und geſpeiſt und überhaupt behandelt würden, als— als, Mr. Plorniſh ſagte Fabrik⸗ arbeiter, ſchien aber Strafarbeiter zu meinen. Ei du lieber Gott, man wüßte nicht mehr, wohin man ſich wenden ſollte um ein Krümchen Wohlbefinden. Wen der Tadel davon treffe, wußte Mr. Plorniſh nicht zu ſagen. Er könnte wol ſagen, wer darunter litt, aber nicht, weſſen Schuld es wäre. Es wäre nicht ſein Beruf, das herauszufinden, und wer würde ſich um das, was er ſagte, kümmern, wenn er's her⸗ ausfände. Er wüßte blos, daß es nicht richtig angefangen wäre von denen, die dieſe Art Geſchäfte unternähmen, und daß es nicht von ſelber in den richtigen Gang käme. Und Klein Dorrit. II.. 8 104 Dreizehntes Kapitel. kurz, ſeine unlogiſche Meinung war, daß, wenn man nichts für ihn thun könne, ſo thäte man beſſer, nichts von ihm da⸗ für zu nehmen, daß man ſich damit zu thun machte. So⸗ fern er ſich darüber klar werden könne, wäre das ungefähr der letzte Gedanke bei der Sache. In dieſer weitſchweifig unklaren, ſanftmurrenden, thö⸗ richten Weiſe drehte Plorniſh den verwirrten Strähn ſeines Zuſtandes um und um, gleich einem Blinden, der den Ver⸗ ſuch machte, den Anfang oder das Ende davon zu finden. Endlich kamen ſie an das Gefängnißthor. Dort verließ er ſeinen Auftraggeber, der ſich, als er davon fuhr, verwundert fragte, wie viele tauſend Plorniſhe es wol in der Entfer⸗ nung von einer oder zwei Tagereiſen von dem Umſchreibungs⸗ amte geben möge, die alle verſchiedene ſeltſame Variationen auf dieſelbe Melodie ſpielten, von denen jener glorreichen An⸗ ſtalt nichts zu Ohren gekommen ſei. Preizehntes Kapitel. Patriarchaliſch. Die Erwähnung Mr. Casby's ließ in Clennams Ge⸗ dächtniß die verglimmende Neugier und Theilnahme wieder aufleben, welche Mrs. Flintwinch in der Nacht ſeiner Ankunft angefacht hatte. Flora Casby war die Geliebte ſeiner Kna⸗ benjahre geweſen, und Flora war die Tochter und das ein⸗ Patriarchaliſch. 105 zige Kind des holzköpfigen alten Chriſtopher(ſo nannte man ihn nämlich noch jetzt gelegentlich unter unehrerbietigen Gei⸗ ſtern, die Geſchäfte mit ihm machten und bei denen nähere Bekanntſchaft vielleicht ihr ſprichwörtliches Ergebniß gehabt hatte), der im Rufe ſtand, reich an Wochenmiethsleuten zu ſein und eine gute Quantität Blut aus mehrern nicht eben viel verſprechenden Höfen und Winkelgäßchen zu ziehen. Nach einigen Tagen der Erkundigung und Nachforſchung gelangte Arthur Clennam zu der Ueberzeugung, daß die Sache des Vaters des Marſßhalſea wirklich eine verzweifelte ſei, und gab bekümmert die Idee, ihm wieder zur Freiheit zu verhel⸗ fen, auf. Er hatte jetzt auch keine hoffnungsvolle Erkundi⸗ gung in Betreff Klein Dorrits einzuziehen, aber er überlegte ſich, ob es nicht vielleicht von Nutzen für das arme Kind ſein könne, wenn er dieſe Bekanntſchaft erneuere. Es iſt kaum nöthig hinzuzufügen, daß er ſich ohne allen Zweifel auch dann an Mr. Casby's Thür gezeigt haben würde, wenn es keine kleine Dorrit gegeben hätte; denn wir alle wiſſen, wie wir alle uns ſelbſt täuſchen— das heißt, wie die Menſchen im Allgemeinen, unſer tieferes Selbſt ausgenommen, ſich ſelbſt täuſchen— wenn wir uns nach den Beweggründen unſrer Handlungen fragen. Mit dem behaglichen und in ſeiner Art ganz ehrenvollen Gefühle, daß er Klein Dorrits Wohl auch hierin im Auge habe, wo es ſich eigentlich nicht um ſie handelte, befand er ſich eines Nachmittags an der Ecke von Mr. Casby's Straße. Mr. Casby wohnte auf einer Straße in Gray's Inn Road, 8* 106 Dreizehntes Kapitel. welche von dieſer großen Durchfahrt ſich mit der Abſicht ab⸗ gezweigt hatte, in einem Zuge ins Thal hinab und wieder nach dem Gipfel von Pentonville Hill hinauf zu laufen, die ſich aber ſchon nach einer Strecke von ſechzig Fuß außer Athem gelaufen und ſeither ſtill geſtanden hatte. Es gibt jetzt in dieſem Stadttheile keinen ſolchen Ort mehr, aber die ſtehen⸗ gebliebene Gaſſe war dort viele Jahre zu ſehen, wie ſie mit verblüffter Miene auf die Wildniß mit ihren unfruchtbaren Gärten und ihren Puſteln gleich aufgequollnen Sommerhäu⸗ ſern hinabblickte, die ſie im Nu zu überrennen gemeint ge⸗ weſen. „Das Haus,“ dachte Clennam, als er quer über die Straße nach der Thür ging,„hat ſich ſo wie das meiner Mutter we⸗ nig verändert und ſieht faſt ebenſo ſchwermüthig aus. Aber die Aehnlichkeit endigt mit der Außenſeite. Ich kenne ſeine gelaſſene Ruhe im Innern. Der Duft ſeiner Vaſen mit allen Roſenblättern und Lavendel ſcheint ſelbſt hier zu ſpüren.“ Als ſein Klopfen mit dem blanken Meſſingklopfer von veralteter Form eine Magd an die Thür brachte, begrüßten ihn wirklich jene verdufteten Gerüche wie ein Winterhauch, der eine ſchwache Erinnerung an den verfloſſenen Frühling an ſich trug. Er trat in das nüchterne, ſtille, luftdichte Haus — man hätte auf den Einfall gerathen können, es ſei von Stummen in morgenländiſcher Manier erdroſſelt worden— und die Thür, die ſich wieder ſchloß, ſchien das Haus von jedem Geräuſch und jeder Bewegung abzuſchließen. Das Hausgeräth hatte ein förmliches, ernſtes, quäkerartiges Aus⸗ ——N ◻—-— Patriarchaliſch. 107 ſehen, war indeß wohl gehalten und hatte eine Phyſiognomie ſo einnehmend, wie irgend etwas von einem menſchlichen Geſchöpfe bis zu einem Schemel herab, das zu fleißigem Gebrauche erſchaffen und für ſehr wenig Gebrauch aufbe⸗ wahrt wurde, irgend an ſich tragen kann. Es war da eine würdevolle Wanduhr, die irgendwo die Treppe hinauf pickte, und es war da ein geſangloſer Vogel in derſelben Richtung, der an ſeinen Käfig hackte, als ob er ebenfalls pickte. Das Feuer im Wohnzimmer pickte an das Herdgeländer. Es war nur eine einzige Perſon am Kamine des Wohnzimmers, und die laute Uhr in ſeiner Taſche pickte hörbar. Die Magd hatte die beiden Worte:„Mr. Clennam“ ſo leiſe gepickt, daß ſie nicht gehört worden war, und er ſtand deshalb innerhalb der Thür, die ſie geſchloſſen, unbeachtet da. Die Geſtalt eines Mannes in vorgerückten Jahren, deſſen glatte graue Augenbrauen ſich nach dem Picken zu bewegen ſchienen, wenn das Licht des Feuers auf ihnen flackerte, ſaß in einem Armſtuhle, ſtand mit ſeinen Sahlleiſten⸗Schuhen auf dem Herdteppich und ließ ſeine Daumen ſich langſam um ein⸗ anderdrehen. Dies war der alte Chriſtopher Casby, auf den erſten Blick wieder zu erkennen, und in zwanzig und mehr Jah⸗ ren ſo wenig verändert wie ſein ſolides Hausgeräth, ſo wenig berührt von den Einwirkungen der verſchiedenen Jahreszei⸗ ten, als die alten Roſenblätter und die alten Lavendelſtengel in ihren Porzellanvaſen. Vielleicht war es in dieſer Welt voll Beſchwerden von kei⸗ nem Mann ſo ſchwer für die Einbildungskraft, ſich ihn als Kna⸗ 108 Dreizehntes Kapitel. ben vorzuſtellen. Und doch hatte er ſich in ſeiner Entwickelung durch das Leben ſehr wenig verändert. Ihm gegenüber in dem Zimmer, wo er ſaß, befand ſich das Porträt eines Kna⸗ ben, in welchem jeder, der ihn geſehen, ſofort den Musje Chriſtopher Casby, alt zehn Jahr, erkannt haben würde, obwol er durch einen Heurechen entſtellt war, ein Werkzeug, das zu brauchen er zu allen Zeiten ſo viel Geſchmack und Ge⸗ legenheit fand wie eine Taucherglocke, und(auf einem ſeiner eignen Beine) auf einer Bank von Veilchen ſaß und durch einen Dorfkirchthurm zu träumeriſcher Beſchaulichkeit ange⸗ regt wurde. Es war dasſelbe glatte Geſicht, dieſelbe glatte Stirn, dasſelbe ruhige blaue Auge, dieſelbe gelaſſene Miene. Das glänzende kahle Haupt, welches ſo groß ausſah, weil es ſo ſehr glänzte, und das lange, an ſeinen Seiten und im Nacken wie ſeidene Faden oder geſponnenes Glas herabhän⸗ gende graue Haar, das ſo wohlwollend ausſah, weil es nie abgeſchnitten wurde, waren natürlich an dem Knaben nicht wie an dem alten Manne zu ſehen. Trotzdem ließen ſich in dem ſeraphiſchen Geſchöpfe mit dem Heurechen deutlich die Grundzüge des Patriarchen mit den Sahlleiſten⸗Schuhen unterſcheiden. Patriarch war der Name, welchen viele Leute ihm zu ge⸗ ben liebten. Verſchiedene alte Damen in der Nachbarſchaft ſprachen von ihm als dem letzten der Patriarchen. So grau, ſo langſam, ſo ruhig, ſo leidenſchaftslos, ſo kugelköpfig wie er war, war Patriarch das rechte Wort für ihn. Man hatte ihn auf den Straßen angeredet und ihn ergebenſt erſucht, Pa⸗ Patriarchaliſch. 109 triarch für Maler und für Bildhauer zu werden, und zwar mit ſo viel Zudringlichkeit, daß es ſcheinen wollte, als läge es außerhalb des Bereichs der ſchönen Künſte, ſich der Züge eines Patriarchen zu erinnern oder einen zu erfinden. Philan⸗ thropen von beiderlei Geſchlecht hatten gefragt, wer er ſei, und als man ihnen geſagt:„Der alte Chriſtopher Casby, früher Stadtagent bei Lord Decimus Tite Barnacle,“ außer ſich vor Enttäuſchung ausgerufen:„O warum iſt er mit dieſem Kopfe nicht der Wohlthäter ſeines Geſchlechts! O warum iſt er mit dieſem Kopfe nicht ein Vater der Weiſen und ein Freund der Verlaſſenen!“ Mit dieſem Kopfe blieb er indeß der alte Criſtopher Casby, in der allgemeinen Mei⸗ nung ein reicher Hausbeſitzer, und mit dieſem Kopfe ſaß er jetzt in ſeinem ſtillen Wohnzimmer. In der That, es würde der Gipfel der Unvernunft ſein, zu erwarten, daß er dort ohne dieſen Kopf geſeſſen hätte. Arthur Clennam machte eine Bewegung, um ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zu lenken, und die grauen Augenbrauen wendeten ſich nach ihm. „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte Clennam, ich fürchte, Sie hörten nicht, wie ich angemeldet wurde.“ „Nein, Sir, ich hörte es nicht. Wünſchten Sie mich zu ſprechen, Sir?“ „Ich wünſchte Ihnen meine Aufwartung zu machen.“ Mr. Casby ſchien ein klein wenig enttäuſcht bei dieſen Worten, indem er ſich vielleicht vorbereitet hatte für den Wunſch des Beſuchers, ihm etwas anderes, etwa eine Zah⸗ 110 Dreizehntes Kapitel. lung zu machen.„Habe ich das Vergnügen, Sir,“ fuhr er fort—„bitte, nehmen Sie ſich einen Stuhl— habe ich das Vergnügen Sie zu kennen. Ach ja wahrhaftig, ich glaube! Ich meine nicht zu irren, wenn mir iſt, als wäre ich mit die⸗ ſen Zügen bekannt. Ich glaube, daß ich mit einem Herrn ſpreche, von deſſen Rückkehr in dieſes Land ich von Mr. Flint⸗ winch benachrichtigt wurde?“ „Das iſt Ihr gegenwärtiger Beſuch.“ „Wirklich! Mr. Clennam?“ „Kein Andrer, Mr. Casby.“ „Mr. Clennam, ich freue mich Sie zu ſehen. Wie iſt's Ihnen ergangen, ſeit wir das letzte Mal zuſammen waren?“ Ohne es der Mühe werth zu achten, ihm auseinanderzu⸗ ſetzen, daß er im Laufe von ungefähr einem Vierteljahrhun⸗ dert einige kleine Schwankungen in Geſundheit und Stim⸗ mung erlebt, antwortete Clennam, daß er ſich nie beſſer be⸗ funden oder etwas ebenſo Zweckmäßiges und ſchüttelte dem Beſitzer„dieſes Kopfes“ die Hand, während er ſein patriar⸗ chaliſches Licht auf ihn warf. „Wir ſind älter geworden, Mr. Clennam,“ ſagte Chriſto⸗ pher Casby. „Ja, wir ſind— nicht jünger geworden,“ ſagte Clen⸗ nam. Nach dieſer weiſen Bemerkung fühlte er, daß er eben nicht ſehr glänzend geſprochen, und wurde inne, daß ihm ſchwach zu Muthe war. „Und Ihr verehrter Herr Vater,“ ſagte Mr. Casby,„iſt ₰ Patriarchaliſch. 111 dahingeſchieden. Es betrübte mich, das zu hören, Mr. Clen⸗ nam, es betrübte mich, das zu hören.“ Arthur gab in der üblichen Weiſe zu erkennen, daß er ihm unendlich verbunden ſei für die Theilnahme. „Es gab eine Zeit,“ ſagte Mr. Casby,„wo ich mit Ihren Eltern nicht auf freundſchaftlichem Fuße ſtand. Es war ein kleines Mißverſtändniß zwiſchen die Familien getreten. Ihre verehrte Mutter war wol ziemlich eiferſüchtig auf ihren Sohn, wenn ich ſage, ihr Sohn, ſo meine ich Sie ſelbſt, werther Herr, Sie ſelbſt, werther Herr.“ Sein glattes Geſicht hatte ein ſo blühendes Ausſehen wie eine reife Spalierfrucht. Mit dieſem blühenden Antlitz, und jenem Kopfe und ſeinen blauen Augen ſah er aus, als trüge er Sprüche von ſeltner Weisheit und Tugend vor. In gleicher Weiſe ſchien der Ausdruck ſeiner Phyſiognomie von Wohlwollen zu ſtrotzen. Niemand hätte ſagen können, wo die Weisheit war, oder wo die Tugend war oder wo das Wohlwollen war, aber ſie ſchienen alleſammt irgendwo um ihn zu ſein. „Dieſe Zeiten ſind indeß vorbei und vorüber,“ fuhr Mr. Casby fort,„vorbei und vorüber. Ich mache mir zuweilen das Vergnügen, Ihrer verehrten Frau Mutter einen Beſuch zu machen und die Kraft und Seelenſtärke zu bewundern, mit denen ſie ihre Prüfungen erträgt, ihre Prüfungen er⸗ trägt.“ Als er dieſe kleinen Wiederholungen, die gefalteten Hände vor ſich hingelegt, in ſeinem Stuhle vorbrachte, that 11²2 Dreizehntes Kapitel. er's, indem er den Kopf auf die Seite hing und ſanft lä⸗ chelte, als ob ihm etwas im Sinne läge, das zu hold und zu tief wäre, um ſich in Worte kleiden zu laſſen, als ob er ſich die Freude, es auszuſprechen, verſagen müſſe, damit er nicht einen zu hohen Aufflug nehme und als ob ſeine Be⸗ ſcheidenheit es deshalb vorzöge, Nichtsſagendes vorzu⸗ bringen. „Ich habe gehört, daß Sie bei einem dieſer Beſuche ſo freundlich waren,“ ſagte Clennam, die Gelegenheit ergreifend, als ſie an ihm vorbeitrieb,„Klein Dorrit bei meiner Mutter zu erwähnen.“ „Klein?— Dorrit? das iſt die Nätherin, auf die ich von einem meiner kleinern Miethsleute aufmerkſam gemacht wurde? Ja, ja. Dorrit? Das iſt der Name. Ah, ja ja. Sie nennen Sie Klein Dorrit?“ 1 Keine Straße in dieſer Richtung. Nichts kam von dem Querdurchſchnitt. Er führte nicht weiter. „Meine Tochter Flora,“ ſagte Mr. Casby,„hatte, wie Sie wahrſcheinlich gehört haben, Mr. Clennam, vor mehre⸗ ren Jahren geheirathet und eine Stellung im Leben einge⸗ nommen. Sie hatte das Mißgeſchick, ihren Gatten zu verlie⸗ ren, als ſie erſt einige Monate verheirathet war. Sie wohnt wieder bei mir. Sie wird ſich freuen, Sie zu ſehen, wenn Sie mir geſtatten wollen, ihr wiſſen zu laſſen, daß Sie hier ſind.“ „O thun Sie das ja,“ erwiderte Clennam.„Ich würde Patriarchaliſch. 113 Sie darum gebeten haben, wenn mir Ihre Güte nicht zuvor⸗ gekommen wäre.“ Hierauf erhob ſich Mr. Casby in ſeinen Sahlleiſtenſchuhen und bewegte ſich mit langſamen ſchweren Tritten(er war von Elephantenbau) auf die Thür zu. Er hatte einen langen, breitſchößigen flaſchengrünen Rock an, ein Paar flaſchengrüne Hoſen und eine flaſchengrüne Weſte. Die Patriarchen waren nicht in flaſchengrünes Tuch gekleidet, und dennoch ſahen ſeine Kleider patriarchaliſch aus. Er hatte kaum das Zimmer verlaſſen und dem Picken er⸗ laubt, wieder hörbar zu werden, als eine raſche Hand einen Hauptſchlüſſel in der Hausthür drehte, ſie öffnete und wieder ſchloß. Unmittelbar nachher kam ein flinker und haſtiger klei⸗ ner dunkler Mann in das Gemach, der es ſo eilig hatte, daß er einen Fuß von Clennam ſtand, bevor er innehalten konnte. „Heda!“ ſagte er. Clennam ſah keinen Grund, weshalb er nicht auch„Heda“ rufen ſollte. „Was iſt hier los?“ ſagte der kleine dunkle Mann. „Ich habe nicht gehört, daß irgend etwas hier los wäre,“ entgegnete Clennam. „Wo iſt Mr. Casby? ²“ fragte der kleine dunkle Mann ſich umſehend. „Er wird gleich hier ſein, wenn Sie ihn haben wollen.“ „Freilich will ich ihn haben,“ ſagte der kleine dunkle Mann. „Sie nicht auch?“ Dies veranlaßte Clennam zu einigen Worten der Erklä⸗ 114 Dreizehntes Kapitel. rung. Während er dieſe vorbrachte, hielt der kleine dunkle Mann den Athem an und blickte auf ihn. Er war in Schwarz und Roſtbraun gekleidet, hatte pechſchwarze Augen, die ihm wie Glasperlen im Kopfe ſaßen, ein ſchlecht abgekratztes klei⸗ nes ſchwarzes Kinn, drahtartiges ſchwarzes Haar, das ihm in Zinken gleich Gabeln oder Haarnadeln vom Kopfe ab⸗ ſtand, und eine Geſichtsfarbe, die ſehr dunkel von Natur oder ſchmutzig durch Kunſt oder eine Miſchung von Kunſt und Natur war. Er hatte ſchmutzige Hände und ſchmutzige zer⸗ brochne Nägel und ſah aus, als ob er mit Kohlen zu thun gehabt. Er war in Schweiß und ſchnaubte und ſchnüffelte, keuchte und ſtöhnte wie eine kleine arbeitende Dampfma⸗ ſchine. „Oh!“ ſagte er, als Arthur ihm geſagt, wie es gekom⸗ men, daß er hier ſei.„Sehr wol. Das iſt recht. Wenn er nach Pancks fragen ſollte, wollen Sie da ſo gut ſein, ihm zu ſagen, daß Pancks hereingekommen iſt?“ Damit und mit einem nochmaligen Schnauben und Puſten arbeitete er ſich durch eine andere Thür hinaus. Nun waren in den alten Tagen zu Hauſe gewiſſe kühne Zweifel in Betreff des letzten Patriarchen, welche in der Luft ſchwammen, vermöge irgend welcher jetzt vergeſſenen Urſache mit Arthurs Senſorium in Berührung gekommen. Er ent⸗ ſann ſich gewiſſer Atome und Tüpfelchen von Verdacht in der Atmoſphäre jener Zeit, durch welches Medium geſehen Chri⸗ ſtopher Casby ein bloßes Wirthshausſchild ohne irgend wel⸗ ches Wirthshaus war— eine Einladung, ſich auszuruhen Patriarchaliſch. 115 und dankbar zu ſein, während kein Platz zum Ausruhen vor⸗ handen und nicht das Mindeſte da war, um dankbar dafür zu ſein. Er wußte, daß einige dieſer Tüpfelchen Chriſtopher ſogar als fähig darſtellten, allerlei Kniffe in„dieſem Kopfe“ zu hegen und daß er durch ſie als pfiffiger Gauner erſchien. Andere Atome wieder zeigten ihn als einen ſchwerfälligen, ſelbſtſüchtigen mit dem Strom treibenden Einfaltspinſel, der, nachdem er im Laufe ſeines unbeholfnen Hin⸗ und Hertöl⸗ pelns gegen Andere angetaumelt war, auf die Entdeckung hin, daß er, um ehrenvoll und bequem durchs Leben zu kom⸗ men, nichts zu thun habe, als ſeinen Mund zu halten, da⸗ für zu ſorgen, daß der kahle Theil ſeines Kopfes ſtets hübſch polirt ſei, und ſeine Haare wachſen zu laſſen, gerade genug Schlauheit beſeſſen hatte, die Idee zu erfaſſen und feſtzuhal⸗ ten. Man ſagte, daß ſeine Anſtellung als Stadtagent bei Lord Decimus Tite Barnacle nicht etwa darauf, daß er auch nur die mindeſte Befähigung zu Geſchäften gehabt, ſondern vielmehr darauf bezogen werden müſſe, weil er ſo über die Maßen wohlwollend ausſah, daß Niemand auf die Vermu⸗ thung kommen konnte, unter ſolch einem Manne könne das Eigenthum gefährdet ſein, und aus ähnlichen Gründen, ſagte man, nahm er jetzt aus ſeinen eignen elenden Baracken un⸗ zweifelhaft mehr Geld heraus, als irgend jemand mit einem weniger kugeligen und weniger glänzenden Schädel daraus hätte nehmen können. Mit einem Worte, man behauptete (wie Clennam, der jetzt allein in dem pickenden Wohnzimmer war, ſich ins Gedächtniß zurückrief) daß viele Leute ihre Mo⸗ 116 Dreizehntes Kapitel. delle faſt ganz ſo wie die eben erwähnten Maler ausſuchen, und daß, während in der königlichen Akademie alljährlich in irgend einem alten Hallunken von einem Hundediebe auf Grund ſeiner Augenwimpern, ſeines Kinns oder ſeiner Beine die Verkörperung aller Cardinaltugenden entdeckt wird(wo⸗ bei ſchärfer beobachtenden Forſchern in den Zügen der Natur Dornen der Verwirrung in die Bruſt gepflanzt werden) ganz ebenſo in der großen geſellſchaftlichen Ausſtellung Nebendinge oft ſtatt des innern Charakters angenommen werden. Indem Arthur Clennam ſich daran erinnerte und Mr. Pancks in dieſer Reihe von Dingen ſeinen Platz anwies, neigte er ſich dieſen Tag, wenn auch nicht ganz entſchieden, zu der Anſicht hin, daß der letzte der Patriarchen der vorerwähnte mit dem Strome treibende Einfaltspinſel ſei, der nur die einzige Idee habe, daß er den kahlen Theil ſeines Hauptes ſtets recht hell polirt halten müſſe, und daß ungefähr ſo wie man bisweilen ein unbehülfliches Schiff auf dem Themſe⸗ ſtrom ſchwerfällig mit der Breitſeite das Hintertheil voran mit der Fluth forttreiben ſieht, ſich ſelbſt und allen andern Din⸗ gen im Wege, obwol es große Parade mit ſeiner Schifffahrt macht, und dann plötzlich ein kleiner kohlenbeſchmutzter Schleppdampfer auf daſſelbe losſteuert, es ins Tau nimmt und mit ihm fortſchwänzelt, ganz ähnlich der unbehülfliche Patriarch von dem ſchnaubenden Pancks ins Tau genommen worden ſei und dem Kielwaſſer dieſes kleinen ſchmutzigen Fahr⸗ zeugs folge. Die Rückkehr Mr. Casby's mit ſeiner Tochter Flora machte Patriarchaliſch. 117 dieſen Betrachtungen ein Ende. Clennams Augen fielen nicht ſobald auf den Gegenſtand ſeiner alten Leidenſchaft, als ſie ein Fröſteln überfiel und ſie in die Brüche ging. Von den meiſten Menſchen wird man finden, daß ſie ſich ſelbſt hinreichend treu ſind, um einer alten Idee treu zu blei⸗ ben. Es iſt kein Beweis für ein unbeſtändiges Gemüth, ſon⸗ dern gerade das Gegentheil, wenn die Idee keinen genauen Vergleich mit der Wirklichkeit aushalten will, und der Kon⸗ traſt ein verhängnißvoller Streich auf dieſelbe iſt. Dies war bei Clennam der Fall. In ſeiner Jugend hatte er dieſes Weib glühend geliebt und auf ſie allen den verſchloſſenen Reichthum ſeiner Liebe und ſeiner Poeſie gehäuft. Dieſer Reichthum war in der Einſamkeit ſeines Vaterhauſes wie das Geld Robinſon Cruſoe's geweſen, er konnte ihn mit Niemand austauſchen, er lag müſſig da, um vom Roſte gefreſſen zu werden, bis er ihn vor ihr ausſchüttete. Seit dieſer denkwürdigen Zeit war das alte Phantaſiebild von der Vergangenheit, obwol er ſie bis auf den Abend ſeiner Ankunft vollſtändig aus aller Ver⸗ bindung mit ſeiner Gegenwart und Zukunft entlaſſen hatte, wie wenn ſie geſtorben wäre(was ſie, ſoweit ſein Wiſſen ging, leicht hätte ſein können) unverwandelt an dem alten gehei⸗ ligten Orte bewahrt geblieben. Und jetzt am Ende wandelte der letzte der Patriarchen kaltblütig in die Stube und ſagte, gleichſam:„Seien Sie ſo gut und werfen Sie's hin und tan⸗ zen Sie darauf herum. Dies iſt Flora.“ Flora, ſtets ſehr groß, war im Laufe der Zeit zugleich ſehr breit und kurzathmig geworden, aber das wollte nicht viel 118 Dreizehntes Kapitel. ſagen. Flora, die er als Lilie verlaſſen, war eine Klatſchroſe geworden, aber das wollte nicht viel ſagen. Flora, welche ihm in Allem, was ſie ſagte und dachte, bezaubernd vorgekom⸗ men, war zerſtreut und einfältig. Das wollte ſchon viel ſagen. Flora, welche kindlich und ungekünſtelt geweſen vor lan⸗ ger Zeit, war entſchloſſen, kindlich und ungekünſtelt zu ſein. Das war der verhängnißvolle Schlag. „Das iſt alſo Flora!“ „Wahrhaftig,“ kicherte Flora, indem ſie mit einer Karri⸗ katur ihrer mädchenhaften Weiſe, wie ſie ein Vermummter bei ihrem eignen Leichenbegängniſſe hätte vorbringen können, wofern ſie im claſſiſchen Alterthum gelebt und geſtorben, den Kopf zurückwarf,„ich ſchäme mich ordentlich, Mr. Clennam zu ſehen, ich bin voller Angſt, ich weiß, er wird mich fürchter⸗ lich verändert finden, ich bin wahrlich eine alte Frau, es iſt entſetzlich, ſo gefunden zu werden, es iſt wahrhaftig ent⸗ ſetzlich.“ Er verſicherte ihr, ſie ſei juſt, was er erwartet habe und daß die Zeit auch mit ihm nicht ſtillgeſtanden. „O, aber mit einem Herrn iſt es was Anderes und wirk⸗ lich, Sie ſehen ſo erſtaunlich gut aus, daß Sie kein Recht haben, etwas der Art zu ſagen, während, was mich betrifft, oh!—“" ſchrie Flora auf—„oh ich bin gräßlich.“ Der Patriarch, welcher augenſcheinlich noch nicht recht begriff, welche Rolle er in dem kleinen Drama zu ſpielen habe, glühte vor nichtsſagender Heiterkeit. „Aber wenn wir davon reden, daß Jemand ſich nicht ver⸗ Patriarchaliſch. 119 ändert hat,“ ſagte Flora, welche in nichts, was ſie ſagte, zu einem vollen Verbleiben kam,„ſehen Sie mal Papa an, iſt nicht Papa genau, was er war als Sie weggingen, iſt es nicht grauſam und unnatürlich von Papa, ſolch ein Vorwurf für ſein eigen Kind zu ſein, wenn wir in dieſer Weiſe fortgehen, ſo werden Leute, die uns nicht kennen, endlich anfangen mich für Papas Mama zu halten.“ Das würde doch lange noch dauern, dachte Arthur. „Oh, Mr. Clennam, Sie unaufrichtigſtes aller Weſen,“ ſagte Flora,„ich merke bereits, Sie haben Ihre alte Weiſe, Complimente zu machen nicht verlernt, Ihre alte Weiſe, wo Sie ſich ſtellten, als wären Sie ſo ins Herz verwundet, wiſſen Sie— wenigſtens, ich meine nicht, daß— ich— oh ich weiß nicht, was ich meine!“ Hier kicherte Flora ver⸗ wirrt und ſchickte ihm einen ihrer alten Blicke zu. Der Patriarch erhob ſich jetzt, als ob er zu merken an⸗ finge, daß ſeine Rolle in dem Stücke darin beſtehe, ſich ſo⸗ bald als möglich von der Bühne zu entfernen, ging nach der Thür, durch welche Pancks ſich hinausgearbeitet hatte und rief dieſen Schleppdampfer beim Namen. Er empfing eine Ant⸗ wort von irgend einem kleinen Dock drüben und wurde ſofort aus Sicht geſchleppt. „Sie dürfen nicht daran denken, ſchon zu gehen,“ ſagte Flora— Arthur hatte nach ſeinem Hute geſehen; denn er befand ſich in einer ſcherzhaften Verlegenheit und wußte nicht, was er thun ſollte—„Sie können nicht ſo unfreundlich ſein, ans Gehen zu denken, Arthur— ich wollte ſagen Mr. Ar⸗ Klein Dorrit. II. 9 120 Dreizehntes Kapitel. thur— oder ich glaube Mr. Clennam würde viel paſſender ſein— aber wahrhaftig, ich weiß nicht, was ich rede— Sie können nicht gehen wollen ohne Wort von der lieben alten auf ewig verſchwundnen Zeit, indeß, wenn ich an ſie denke, glaube ich, es würde viel beſſer ſein, nicht von ihr zu ſprechen, und es iſt höchſt wahrſcheinlich, daß Sie eine viel ange⸗ nehmere Bekanntſchaft haben und bitte, laſſen Sie mich die letzte in der Welt ſein, die Sie dabei ſtört, obwol es eine Zeit gab, aber ich gerathe wieder in Unſinn hinein.“ War es möglich, daß Flora in den Tagen, auf die ſie anſpielte, eine ſolche Plappertaſche geweſen war? Konnte unter den Ringen, die ihn umſtrickt hatten, irgend etwas von ihrer jetzigen ungebundenen Zungenfertigkeit geweſen ſein? „In der That, ich zweifle kaum noch,“ ſagte Flora, in⸗ dem ſie mit erſtaunlicher Schnelligkeit weiterging und ihre Unterhaltung nur mit Kommas und noch dazu ſehr wenigen abtheilte,„daß Sie mit einer chineſiſchen Dame verheirathet ſind; da Sie ſo lange in China waren und natürlich den Wunſch hegten ſich einen eignen Hausſtand zu gründen und Ihre Verbindungen auszudehnen, ſo war nichts wahrſchein⸗ licher, als daß Sie einer chineſiſchen Dame Ihre Hand an⸗ trugen und nichts natürlicher wahrhaftig als daß die chine⸗ ſiſche Dame ſie annahm und ſich dabei ſehr gut untergebracht glaubte, ich hoffe nur, daß ſie nicht zu einer Secte gehört, die in die Pagoden geht.“ „Ich bin mit keiner Dame verheirathet, Flora,“ ſagte Arthur, der ſich zum Lächeln zwang. Patriarchaliſch. 121 „O du meine himmliſche Güte, ich hoffe doch, daß Sie nicht etwa meinethalben ſo lange Junggeſell geblieben ſind!“ kicherte Flora.„Aber natürlich thaten Sie das nicht, warum ſollten Sie, bitte, antworten Sie nicht, ich weiß nicht, auf was für Zeug ich gerathe, o bitte, erzählen Sie mir was von den chineſiſchen Damen, ob ihre Augen wirklich ſo lang und ſo ſchmal ſind, wie ſie mich immer an Perlmutterfiſche beim Kar⸗ tenſpiel erinnern, und tragen ſie wirklich ihre Zöpfe den Rücken hinunter und geflochten, oder ſind es blos die Männer, und wenn ſie ihre Haare ſo ſtraff von ihren Stirnen hinaufſpan⸗ nen, verletzen ſie ſich da nicht, und warum ſtecken ſie nur über alle ihre Brücken und Tempel und Hüte und allerlei Dinge kleine Glöckchen oder thun ſie das nicht wirklich ſo?“ Flora ſandte ihm einen zweiten ihrer alten Blicke zu. Gleich darauf fuhr ſie fort, als ob er eine Zeitlang ihre Fragen be⸗ antwortend geſprochen hätte: „So iſt alſo Alles wahr und ſie thun es wirklich! Großer Gott, Arthur— bitte verzeihen Sie— alte Ge⸗ wohnheit— Mr. Clennam weit paſſender— was für ein Land, ſo lange darin zu leben, mit ſo vielen Laternen und Regenſchirmen noch dazu, wie dunkel und feucht muß dort das Klima ſein, und was für Geld muß von dieſen beiden Handwerken verdient werden, wo jedermann ſie trägt und ſie überall hinhängt, und dann die kleinen Schuhe und die in der Wiege ſchon eingeſchraubten Füße— s iſt ganz erſtaun⸗ lich— was ſind Sie für ein Reiſender!“ In ſeiner lächerlichen Verlegenheit empfing Clennam wie⸗ 122 Dreizehntes Kapitel. der einen von den alten Blicken, ohne im Mindeſten zu wiſſen, was er damit thun ſollte. „Mein Gott, mein Gott,“ ſagte Flora,„wenn, man an die Veränderung zu Hauſe denkt, Arthur— kann es nicht über's Herz bringen, ſcheint ſo natürlich,— Mr. Clennam weit paſſender— ſeit Sie vertraut wurden mit der chine⸗ ſiſchen Sitte und Sprache, von der ich überzeugt bin, daß Sie ſie wie ein Eingeborner, wo nicht beſſer ſprechen; denn Sie waren ſtets ſehr flink und geſchickt— wiewol uner⸗ meßlich ſchwierig, wahrhaftig die Theekiſten allein würden mir den Tod zuziehen, wenn ich's verſuchte— die Ver⸗ änderung, Arthur— ich thue es ſchon wieder, ſcheint ſo natürlich, höchſt unpaſſend— was niemand geglaubt hätte, wer hätte je an eine Mrs. Finching gedacht, wo ich ſelbſt mir's nicht denken kann!“ „Iſt das Ihr Name nach Ihrer Verheirathung?“ fragte Arthur, der mitten in allen dem über eine gewiſſe Wärme des Herzens ſtaunte, welche ſich in ihrem Tone kundgab, ſo bald ſie auf die Beziehung kam, in welcher ſie in ihrer Jugend zu einander geſtanden hatten.„Finching?“ „Finching! o ja iſt's nicht ein fürchterlicher Name, aber, wie Mr. F. ſagte, als er mir den Antrag machte, was er ſie⸗ ben Mal that, und ſich gern drein fügte, nach zwölf Monaten wieder anzuklopfen, wie er's nannte, er war nicht verantwort⸗ lich deshalb und konnte nichts dafür, nicht wahr nicht? Vor⸗ trefflicher Mann, nicht im Mindeſten Ihnen gleich, aber vor⸗ trefflicher Mann!“ Patriarchaliſch. 123 Flora hatte ſich zuletzt für einen Augenblick außer Athem geſprochen. Für einen Augenblick; denn ſie gelangte wieder zu Athem, während ſie als einen Tribut für den abgeſchie⸗ denen Geiſt Mr. Fs. einen winzigen Zipfel ihres Taſchen⸗ tuchs nach ihren Augen führte, und begann von Neuem. „Niemand kann beſtreiten, Arthur— Mr. Clennam— daß es ganz recht iſt, wenn Sie gegen mich unter den ver⸗ änderten Umſtänden freundliche Formen beobachten, und in der That, Sie könnten gar nicht anders ſein, wenigſtens glaube ich nicht, daß Sie es wiſſen ſollten, aber ich kann nicht umhin, mir zurückzurufen, daß es eine Zeit gab, wo es ganz anders ſtand.“ „Meine theure Mrs. Finching,“ begann Arthur, wieder von dem guten Tone getroffen. „O nicht jenen garſtigen, häßlichen Namen, ſagen Sie Flora.“ „Flora. Ich verſichere Ihnen, Flora, ich fühle mich glück⸗ lich, Sie wieder zu ſehen und zu finden, daß Sie gleich mir die alten thörichten Träume nicht vergeſſen haben, als wir Alles vor uns im Lichte unſrer Jugend und Hoffnung ſahen.“ „Bei Ihnen ſcheint das nicht der Fall zu ſein,“ ſchmollte Flora,„ſie nehmen's ſehr auf die leichte Achſel, aber ſchon gut, ich weiß, Sie finden Ihre Erwartung in mir getäuſcht, ich glaube, die chineſiſchen Damen— die Mandarineſſen, wenn Sie ſie ſo nennen— ſind die Urſache oder vielleicht bin ich ſelbſt die Urſache, was ebenſo möglich iſt.“ „Nein, nein,“ flehte Clennam,„ſagen Sie das nicht.“ 124 Dreizehntes Kapitel. „O ich muß Sie kennen,“ ſagte Flora in entſchiedenem Tone,„welcher Unſinn, nein zu ſagen— ich weiß, ich bin nicht, was Sie erwarteten, ich weiß das ſehr wohl.“ Mitten in ihrer Haſt hatte ſie das mit dem raſchen Auf⸗ faſſungsvermögen eines klügeren Weibes herausgefunden. Die unzuſammenhängende und von Grund aus unvernünf⸗ tige Weiſe, in welcher ſie demungeachtet augenblicklich fort⸗ fuhr, um das längſt aufgegebene Verhältniß der Zeit, wo ſie Knabe und Mädchen waren, mit ihrer jetzigen Zuſammen⸗ kunft zu verweben, ließen Clennam zu Muthe werden, als ob ihm ein Mühlrad im Kopfe herumginge. „Noch eine Bemerkung möchte ich machen,“ ſagte Flora, indem ſie, ohne es vorher im Mindeſten anzudeuten, zum großen Schrecken Clennams ihrer Unterhaltung den Ton eines Zanks unter Liebesleuten gab,„noch eine Erklärung wünſchte ich zu bieten, als Ihre Mama kam und eine Seene daraus machte bei meinem Papa, und als ich in das kleine Frühſtückszimmer hinabgerufen wurde, wo ſie, den Sonnen⸗ ſchirm Ihrer Mama zwiſchen ſich, auf zwei Stühlen ſaßen und ſich wie wüthende Stiere anſahen, was konnte ich da machen?“ „Meine theure Mrs. Finching,“ eiferte Clennam,„— Alles ſo lange vorbei und ſo lange abgethan, iſt es da noch der Mühe werth, ernſtlich—“. „Arthur,“ erwiderte Flora,„die ganze Geſellſchaft von China kann mich nicht als herzlos verklagen, wenn ich mich rechtfertige, da mir die Gelegenheit dazu wird, und es muß Ihnen ſehr wohl bekannt ſein, daß es einen Paul und — — Patriarchaliſch. 125 eine Virginie gab, welche ſich wiedergegeben werden mußten, und welche ſich wiedergegeben wurden ohne Bemerkung oder Erklärung, nicht daß ich damit ſagen will, daß Sie an mich, bewacht, wie ich war, hätten ſchreiben können, aber wenn er auch nur zurückgekommen wäre mit einer rothen Oblate auf dem Couvert, ſo würde ich gewußt haben, daß es hieße: „Komm nach Peking, Nanking und wie heißt der dritte Ort gleich, barfuß.“ d „Meine theure Mrs. Finching, Sie waren nicht zu ta⸗ deln und ich habe Sie nimmer getadelt. Wir waren beide zu jung, zu abhängig und zu hülflos, um etwas Anderes zu thun, als in unſre Trennung zu willigen. Bitte, denken Sie, wie lange es her iſt,“ warf Arthur ſanft ein. „Noch eine Bemerkung möchte ich machen,“ fuhr Flora mit ungeſchwächter Zungenfertigkeit fort,„noch eine Erklä⸗ rung wünſche ich zu bieten, fünf Tage lang hatte ich den Schnupfen von vielem Weinen, und dieſe fünf Tage ver⸗ brachte ich ganz in der guten Stube hinten hinaus— da iſt die gute Stube noch immer im erſten Stock und noch immer hinten hinaus, um meine Worte zu bezeugen— als dieſe traurige Zeit vorbei war, trat eine Stille ein, Jahre ſchwan⸗ den hin und Mr. F. wurde im Hauſe eines beiderſeitigen Freundes mit uns bekannt, er war ganz Aufmerkſamkeit, er beſuchte uns am folgenden Tage, er fing bald an drei Mal die Woche ſeinen Beſuch zu machen und Kleinigkeiten zum Abendeſſen zu ſchicken, es war nicht Liebe auf Mr. F's Seite, 126 Dreizehntes Kapitel. es war Anbetung, Mr. F. trug mir ſeine Hand mit der vollen Einwilligung Papas an, und was konnte ich machen?“ „Nicht das Mindeſte,“ ſagte Arthur mit freudigſter Be⸗ reitwilligkeit,„als was Sie thaten. Geſtatten Sie einem alten Freunde die Verſicherung ſeiner vollen Ueberzeugung, daß Sie ganz recht handelten.“ „Noch eine letzte Bemerkung möchte ich machen,“ fuhr Flora fort, indem ſie mit einer Bewegung ihrer Hand das Alltagsleben von ſich abwehrte, moch eine letzte Erklärung wünſche ich zu bieten, es gab eine Zeit, ehe Mr. F. mir Auf⸗ merkſamkeiten erwies, die nicht mißzuverſtehen waren, aber das iſt vorbei und ſollte nicht ſein, lieber Mr. Clennam, Sie tragen keine goldne Kette mehr, Sie ſind frei, ich hoffe zu⸗ verſichtlich, Sie werden glücklich ſein, hier iſt Papa, der im⸗ mer ſich überflüſſig macht und ſeine Naſe überall hineinſteckt, wo man ihn nicht braucht.“ Mit dieſen Worten und einer Geberde ängſtlicher Vorſicht — einer Geberde, mit der Clennams Augen in der alten Zeit wohlbekannt geweſen waren— ließ die arme Flora ſich ſelbſt als erſt achtzehnjähriges Mädchen, eine lange, lange Strecke, wieder hinter ſich und kam endlich zu einem Punktum in ihrer Rede. Oder vielmehr, ſie ließ eine Hälfte von ſich achtzehn Jahr alt hinter ſich und pfropfte den Reſt auf die Witwe des ſeli⸗ gen Mr. F., indem ſie auf dieſe Weiſe eine geiſtige See⸗ jungfer aus ſich machte, welche ihr einſtiger knabenhafter Liebhaber mit Gefühlen betrachtete, worin die Empfindung Patriarchaliſch. 127 des Betrübenden und die Empfindung des Lächerlichen ſelt⸗ ſam verſchmolzen waren. Zum Beiſpiel. Wie wenn zwiſchen ihr und Clennam ein geheimes Einverſtändniß von der ergreifendſten Art ſtattfände, wie wenn die erſte eines Zugs von vierſpännigen Poſtkutſchen, die ſich den ganzen Weg bis nach Schottland ausdehnten, um die Ecke hielte, und wie wenn ſie mit ihm nicht in die nächſte Kirche hätte gehen können(oder wollen) unter dem Schatten des Familienregenſchirms, mit dem Segen des Patriarchen auf ihrem Haupte und der vollſtändigen Einſtimmung aller Welt, erquickte Flora ihre Seele damit, daß ſie ſich mit ge⸗ heimnißvollen Zeichen abquälte, welche die Furcht, entdeckt zu werden, ausſprachen. Mit dem Gefühle, jede Minute ver⸗ wirrter zu werden, ſah Clennam zu, wie die Witwe des ſeli⸗ gen Mr. F. ſich in der wunderlichſten Weiſe damit vergnügte, daß ſie ſich ſelbſt und ihn an ihren alten Platz ſtellte und das ganze alte Stück ſpielen ließ— jetzt, wo die Bühne ſtaubig, wo die Seenerie verblichen, wo die jugendlichen Schauſpieler todt, wo das Orcheſter leer und die Lichter erloſchen waren. Und dennoch, durch all dieſe wunderliche Wiederbelebung von Dingen, die ihr, wie er ſich erinnerte, einſt ziemlich natür⸗ lich geweſen waren, konnte er nicht umhin, zu empfinden, daß ſie bei ſeinem Anblicke auflebten und daß ſich in ihnen ein zartes Gedenken der Vergangenheit verbarg. Der Patriarch beſtand darauf, daß er zum Eſſen dableibe, und Flora ſignaliſirte„Ja.“ Clennam wünſchte ſo ſehr, daß er hätte mehr thun können, als zu Tiſche dableiben— er 128 Dreizehntes Kapitel. wünſchte ſo herzlich, daß er die Flora finden gekonnt, die einſt geweſen oder auch nie geweſen— daß er dachte, die ge⸗ ringſte Sühne, die er für die Enttäuſchung, deren er ſich faſt ſchämte, bieten könne, ſei, ſich dem Wunſche der Familie zu fügen. Deshalb blieb er zum Eſſen. Pancks aß mit ihnen. Pancks dampfte aus ſeinem klei⸗ nen Dock drei Viertel auf ſechs und fuhr ſtracks auf den Pa⸗ triarchen zu, der damals gerade in unbehülflicher Weiſe durch das ſtehende Gewäſſer einer Rechnung über den Hof zum Blu⸗ tenden Herzen hintrieb. Pancks legte ſich unverzüglich feſt an ihn und ſchleppte ihn heraus. „Hof zum Blutenden Herzen?“ ſagte Pancks mit einem Puffen und Schnauben.„s iſt ein Beſitzthum, das viel Quä⸗ lerei macht. Bezahlen Sie gerade nicht ſchlecht, aber die Miethe iſt dort ſehr ſchwer einzukriegen. Sie haben mehr Aerger mit dieſem einzigen Platze, als mit all den andern, die Ihnen gehören.“ Gerade ſo wie das große Schiff im Schlepptau bei den meiſten Zuſchauern als der ſtarke Gegenſtand gilt, ſo ſchien gewöhnlich der Patriarch ſelbſt geſagt zu haben, was Pancks für ihn geſagt hatte. „In der That?“ erwiderte Clennam, auf den ein bloßer Schimmer des wohlpolirten Kopfes dieſen Eindruck ſo kräftig machte, daß er zu dem Schiffe, ſtatt zu dem Schleppdampfer ſprach.„Sind die Leute ſo arm dort?“ „Man kann nicht ſagen, man wiſſe, ob ſie arm ſind oder nicht,“ ſchnaubte Pancks, indem er eine ſeiner ſchmutzigen —jyo —jy Patriarchaliſch. 129 Hände aus ſeinen roſtfarbenen Taſchen nahm, um ſich die Nägel abzubeißen, wofern er etwas daran finden könnte, und ſeine Glasperlen von Augen auf ſeinen Brotherrn richtete. „Sie ſagen, ſie ſind's, aber das ſagen ſie alle. Wenn Je⸗ mand ſagt, er ſei reich, ſo iſt man gewöhnlich ſicher, daß er's nicht iſt. Ueberdieß, wenn ſie wirklich arm ſind, ſo können wir ihnen nicht helfen. Wir würden ſelber arm ſein, wenn wir unſer Miethgeld nicht kriegten.“ „Wahr genug,“ ſagte Arthur. „Sie können nicht offen Haus halten für alle Armen in London,“ fuhr Pancks fort.„Sie können ihnen nicht Logis umſonſt und um Nichts geben. Sie können ihnen nicht die Thore aufthun und ſie nach Belieben hereinkommen laſſen. Das geht nun einmal nicht.“ Mr. Casby ſchüttelte ſein Haupt in ruhiger und wohl⸗ wollender Gedankenloſigkeit. „Wenn eins eine Stube von Ihnen miethet für'ne halbe Krone wöchentlich, und wenn die Woche herum iſt, die halbe Krone nicht hat, ſo ſagen Sie zu ihm: Warum haben Sie denn die Stube genommen? Wenn Sie das Eine nicht ha⸗ ben, weshalb haben Sie da das Andere? Was haben Sie mit Ihrem Gelde gemacht? Was ſoll das heißen? Was bil⸗ den Sie ſich ein? Das iſt's, was Sie zu einem Menſchen von der Sorte ſagen, und wenn Sie's nicht ſagten, wär's 'ne Schande für Sie.“ Mr. Pancks machte hier ein eigen⸗ thümliches und auffallendes Geräuſch, hervorgebracht durch 130 Dreizehntes Kapitel. ein ſtarkes Blaſen in der Region der Naſe, ohne einen an⸗ dern als jenen akuſtiſchen Erfolg. „Sie haben hier einen ziemlich ausgedehnten Beſitz im Oſten und Nordoſten, glaube ich?“ ſagte Clennam in Zwei⸗ fel, welchen von den Beiden er anreden ſollte. „O ſo ziemlich,“ ſagte Pancks.„Man macht ſich nicht viel aus Oſten oder Nordoſten, jeder Punkt des Kompaſſes macht ſich gut. Was man verlangt, iſt eine gute Kapital⸗ anlage und eine raſche Wiederkehr des Geldes. Man nimmt es, wo man's finden kann. Man nimmt es nicht ſo genau mit der Lage— wenigſtens Sie nicht.“ Im Zelte des Patriarchen war noch eine vierte und höchſt originelle Geſtalt, welche ebenfalls vor dem Eſſen erſchien. Dies war ein erſtaunlich kleines altes Frauenzimmer mit einem Geſicht wie eine ſtierblickende Holzpuppe, die zu billig iſt, um einen Ausdruck in den Zügen zu haben, und einer ſteifen gelben Perrücke, die ihr ungeordnet auf dem Kopfe ſaß, wie wenn das Kind, dem die Puppe gehörte, irgend⸗ wo einen Stift hindurchgetrieben hätte, nur damit ſie be⸗ feſtigt wäre. Eine andere Merkwürdigkeit an dieſer kleinen alten Frau war, daß daſſelbe Kind ihr Geſicht an zwei oder drei Stellen mit einem ſtumpfen Inſtrument von der Natur eines Löffels zerkratzt zu haben ſchien; denn ihr Geſicht und vorzüglich ihre Naſenſpitze zeigten verſchiedengefärbte Phä⸗ nomene, welche gemeiniglich der Höhlung jenes Geräths entſprachen. Eine weitere Merkwürdigkeit an dieſem kleinen f. Patriarchaliſch. 131 alten Frauenzimmer beſtand darin, daß ſie keinen Namen hatte, ſondern blos Mr. Fs. Tante hieß. Sie kam dem Beſucher unter folgenden Umſtänden vor Augen: Flora ſagte, als eben die erſte Schüſſel aufgetragen werden ſollte, vielleicht hätte Mr. Clennam noch nicht ge⸗ hört, daß Mr. F. ihr ein Legat hinterlaſſen habe. Clennam antwortete, indem er die Hoffnung ausſprach, daß Mr. F. dem Weibe, welches er anbetete, den größern Theil ſeiner weltlichen Habe, wo nicht das Ganze zugewendet haben werde. Flora ſagte, o ja, ſie meinte nicht das, Mr. F. hätte ein wunderſchönes Teſtament gemacht, aber er hätte ihr als ein davon getrenntes Legat ſeine Tante hinterlaſſen. Sie ging dann aus dem Zimmer, um das Legat zu holen und ſtellte ihm bei ihrer Rückkehr mit ziemlich triumphirender Miene„Mr. Fs. Tante“ vor. Die Hauptcharaktermerkmale, die der Fremde in Mr. Fs. Tante entdeckte, waren äußerſter Ernſt und verbiſſene Schweig⸗ ſamkeit, zuweilen unterbrochen von einem Anfalle, mit tiefer drohender Stimme Bemerkungen zu machen, welche, indem ſie durch nichts, was irgend jemand von der Geſellſchaft ge⸗ ſagt, hervorgerufen und auf keine Gedankenverbindung zu⸗ rückzuführen waren, das Gemüth verblüfften und erſchreck⸗ ten. Mr. Fs. Tante mag dieſe Bemerkungen nach einem eignen nur ihr bekannten Syſtem vorgebracht haben, und dieſes Syſtem mag genial und geiſtreich geweſen ſein, aber es fehlte der Schlüſſel dazu. Das ſauber ſervirte und wohlzubereitete Eſſen(denn 1³² Dreizehntes Kapitel. alles im Haushalte des Patriarchen beförderte ein ruhiges Verdauen) begann mit einer Suppe, einigen gebratenen Zungen, einer Aſſiette mit Garnelenſauce und einer Schüſſel Kartoffeln. Die Unterhaltung drehte ſich noch immer um die Einnahme von Miethgeldern. Mr. Fs. Tante gab, nachdem ſie die Geſellſchaft zehn Minuten lang mit einem bitterböſen Blicke betrachtet, folgende furchtbare Bemerkung von ſich: „Wie wir in Henley wohnten, wurde Barnes' Gänsrich von Keſſelflickern geſtohlen.“ Mr. Pancks nickte muthig mit dem Kopfe und ſagte: „Ganz recht, Madam.“ Aber die Wirkung dieſer geheimniß⸗ vollen Mittheilung auf Clennam war unbedingt die, daß ſie ihm Schrecken einflößte. Und ein andrer Umſtand gab dieſer alten Dame noch etwas ganz beſonders Schreckliches. Obſchon ſie Alles anſtierte, ließ ſie nie erkennen, daß ſie ir⸗ gend einen Menſchen ſah. Der artige und aufmerkſame Fremde würde vielleicht ihre Neigungen in Betreff von Kar⸗ toffeln zu erfahren gewünſcht haben. Seine ausdrucksvolle Geberde würde bei ihr hoffnungslos verloren gegangen ſein, und was hätte er thun können! Niemand konnte ſagen: „Mr. Fs. Tante, wollen Sie mir erlauben?“ Jedermann zog ſich von dem Löffel, wie Clennam, eingeſchüchtert und ver⸗ wirrt zurück. Es gab Schöpſenbraten, ein Beefſteak und einen Apfel⸗ kuchen— nichts was auch nur im Entfernteſten mit Gän⸗ ſerichen in Verbindung geſtanden hätte, und das Eſſen ging „ —, ——— —— Patriarchaliſch. 133 fort wie ein entzaubertes Gaſtmahl, was es auch wirklich war. Es war einmal eine Zeit geweſen, wo Clennam an dieſem Tiſche geſeſſen und für nichts als für Flora Augen gehabt hatte, jetzt bemerkte er von Flora hauptſächlich, gegen ſeinen Willen, daß ſie ſehr gern Porter trank, daß ſie einen tüchtigen Schluck eres mit ihren zarten Empfindun⸗ gen in Einklang zu bringen wußte, und daß es auf gedieg⸗ nen Urſachen beruhte, wenn ſie ein wenig zu ſtark geworden war. Der letzte der Patriarchen war ſtets ein gewaltiger Eſſer geweſen, und er vertilgte eine ungeheure Quantität ſo⸗ lider Speiſe mit der wohlwollenden Miene einer guten Seele, die jemand anders nährt. Mr. Pancks, der es ſtets eilig hatte, und welcher bisweilen in einem kleinen ſchmutzi⸗ gen Notizbuche Einſicht nahm, welches er neben ſich liegen hatte(es enthielt vielleicht die Namen der Pflichtvergeßnen, die er zum Deſſert aufzuſuchen gedachte) nahm ſeine Nah⸗ rung etwa ſo zu ſich, als ob er Kohlen einnähme, mit viel Spektakel, viel Fallenlaſſen und gelegentlichem Puſten und Puffen, als ob er ziemlich in Bereitſchaft wäre, abzu⸗ dampfen. Das ganze Eſſen hindurch verband Flora ihren gegen⸗ wärtigen Appetit nach Eſſen und Trinken mit ihrem frühern Appetit nach romantiſcher Liebe in einer Weiſe, bei der Clennam ſich ſcheute, ſeine Augen von ſeinem Teller zu er⸗ heben, da er nicht nach ihr hinſehen konnte, ohne einen Blick voll geheimnißvoller Bedeutung oder Warnung zu bekommen, als ob ſie in eine Verſchwörung verwickelt waͤren. Mr. Fs. 134 Dreizehntes Kapitel. Tante ſaß ſchweigend da und warf ihm bitterböſe verächt⸗ liche Blicke zu, bis das Tiſchtuch abgenommen wurde und die Weinkaraffen erſchienen, wo ſie eine andere Bemerkung vorbrachte, die in die Unterhaltung wie eine Wanduhr hin⸗ einſchlug, ohne daß irgend jemand vorher darüber eine An⸗ deutung erhalten hatte. Flora hatte eben geſagt:„Mr. Clennam, wollen Sie mir ein Glas Portwein für Mr. Fs. Tante geben?“ „Das Denkmal bei der Londonbrücke,“ verkündete im Augenblicke nachher jene Dame,„wurde nach dem großen Brande von London errichtet, und der große Brand von London war nicht das Feuer, wo die Werkſtätten Ihres Oheims George niederbrannten.“ Mr. Pancks ſagte mit ſeiner frühern Unerſchrockenheit: „So, Madam? Ganz recht.“ Aber indem ſie ſich einzubilden ſchien, er habe ihr widerſprochen oder ſie ſonſt übel behan⸗ delt, ließ Mr. Fs. Tante, ſtatt wieder in Schweigen zu ver⸗ ſinken, die folgende weitere Verkündigung vernehmen: „Ich haſſe einen Narren.“ Sie legte in dieſen Ausſpruch, der an ſich ſchier ſalomo⸗ niſch war, einen ſo außerordentlich beleidigenden und per⸗ ſönlichen Charakter, indem ſie ihn geradewegs nach dem Kopfe des Beſuchers ſchleuderte, daß es nothwendig wurde, Mr. Fs. Tante aus der Stube zu führen. Dies wurde ruhig von Flora beſorgt. Mr. Fs. Tante leiſtete keinen Widerſtand, ſondern fragte nur mit unverſöhnlicher Er⸗ bitterung:„Nun, warum iſt er denn hierher gekommen?“ 8 — · 55 Y F allt — Patriarchaliſch. 135 Als Flora zurückkam, ſetzte ſie ihm auseinander, daß ihr Legat eine ganz kluge alte Dame, aber zuweilen etwas wun⸗ derlich ſei und leicht eine Abneigung gegen jemand faſſe— Eigenthümlichkeiten, auf die Flora eher ſtolz als etwas an⸗ ders zu ſein ſchien. Da in der Sache Flora's Gutherzigkeit zum Vorſchein kam, ſo nahm Clennam es der alten Dame jetzt, wo er von den Schreckniſſen ihrer Gegenwart erlöſt war, nicht übel, daß ſie dieſelbe hervorgelockt hatte, und ſie tranken ein paar Gläſer Wein in Frieden. Indem er dann vorausſah, daß der Dampfer Pancks in Kurzem die Anker lichten und der Patriarch ſchlafen gehen würde, ſo gab er vor genöthigt zu ſein, einen Beſuch bei ſeiner Mutter zu machen, und fragte Mr. Pancks, in welcher Richtung er gehen werde.. „Nach der City, Sir,“ antwortete Pancks. „Wollen wir zuſammen gehen?“ fragte Arthur. „Sehr angenehm,“ ſagte Pancks. Inzwiſchen murmelte Flora in raſch aufeinanderfolgen⸗ den abgeriſſnen Sätzen ihm ins Ohr, daß es eine Zeit ge⸗ geben, und daß die Vergangenheit eine gähnende Kluft ſei, und daß ihn nicht länger eine goldne Kette binde, und daß ſie das Andenken des ſeligen Mr. F. verehre, und daß ſie den nächſten Tag halb zwei Uhr zu Hauſe ſein werde, und daß die Beſchlüſſe des Schickſals ſich nicht widerrufen ließen, und daß ſie nichts für ſo unwahrſcheinlich halte, als daß er jemals Punkt vier Uhr des Nachmittags auf der Nordweſt⸗ ſeite des Gray's Inn⸗Gartens ſpazieren wandelte. Er ver⸗ Klein Dorrit. II. 10 Dreizehntes Kapitel. ſuchte beim Abſchiede ſeine Hand offen und aufrichtig der wirklichen Flora— nicht der verſchwundenen Flora oder der Seejungfer— zu geben; aber Flora wollte ſie nicht haben, konnte ſie nicht haben, war völlig unfähig ſich ſelbſt und ihn von ihrem einſtigen geiſtigen Weſen zu trennen. Er verließ das Haus in ſehr unbehaglicher Stimmung, und um ſo viel verwirrter als je, daß er, wenn er nicht ſo glück⸗ lich geweſen wäre, ins Schlepptau genommen zu werden, für die erſte Viertelſtunde vielleicht ſonſt wohin getrie⸗ ben wäre. Als er in der kühlern Luft und in der Abweſenheit von Flora zu ſich zu kommen begann, ſah er, daß Pancks in vollem Gange war, wobei er auf ſeiner dürftigen Nägel⸗ weide ſoviel, als er fand, abknupperte und von Zeit zu Zeit ſchnaubte. Dieſe Kundgebungen, womit er die weiteren verband, daß er die eine Hand in die Taſche ſteckte und ſei⸗ nen gegen den Strich geſträubten Hut mit der Hinterſeite nach vorn ſetzte, waren augenſcheinlich die Verhältniſſe, un⸗ ter denen er ſich dem Nachdenken ergab. „Eine friſche Nacht!“ ſagte Arthur. „Ja's iſt freilich friſch,“ gab Pancks zu.„Als ein Frem⸗ der fühlen Sie, glaub' ich, das Klima mehr als ich. In der That, ich habe keine Zeit, es zu fühlen.“ „Sie führen ein ſo geſchäftiges Leben?“ „Ja, ich habe immer etliche von ihnen aufzuſuchen und nach dem Einen oder Andern zu ſehen. Aber ich liebe es, zu thun zu haben. Wozu iſt man geſchaffen?“ V V — Patriarchaliſch. 137 „Zu nichts Anderem?“ ſagte Clennam. Pancks ſtellte die Gegenfrage:„Zu was Anderem?“ Die⸗ ſelbe faßte in dem kleinſten Raum eine Laſt zuſammen, die auf Clennams Leben geruht hatte, und er gab keine Ant⸗ wort. „Das iſt's, was ich unſre Wochenabmiether frage,“ ſagte Pancks.„Einige von ihnen machen mir da lange Geſichter und ſagen: So arm, wie Sie uns ſehen, gutes Herrchen, ſo placken und ſchinden und quälen wir uns doch jeden Augen⸗ blick, den wir wach ſind. Ich aber ſage zu ihnen: Wozu ſeid ihr denn anders geſchaffen? Das ſtopft ihnen den Mund. Sie können kein Wort antworten. Wozu ſeid ihr denn an⸗ ders geſchaffen? Das packt die Geſchichte beim rechten Zipfel.“ „O du mein Gott, du mein Gott, du mein Gott!“ ſeufzte Clennam. „Hier ſteh' ich,“ ſagte Pancks, indem er ſeine Beweisfüh⸗ rung gegen den Wochenmiethsmann fortſetzte.„Wozu ſonſt denken Sie, daß ich geſchaffen bin? Zu nichts weiter. Klap⸗ pern Sie mich früh morgens aus dem Bette, ſetzen Sie mich in Gang, geben Sie mir eine ſo kurze Zeit als Sie belieben, mir mein Eſſen in den Leib zu jagen, und halten Sie mich dabei feſt. Halten Sie mich immer bei der Stange, ich werde Sie immer bei der Stange halten, Sie halten dann wieder jemand anders bei der Stange. Da haben Sie die ganze Pflicht und Schuldigkeit des Menſchen in einem handeltrei⸗ benden Lande.“ Als ſie ſchweigend ein Stückchen weitergegangen waren, 10* 138 Dreizehntes Kapitel. ſagte Clennam:„Finden Sie an nichts Geſchmack, Mr. Pancks?“ „Was iſt Geſchmack?“ entgegnete trocken Pancks. „Nun, ſo ſagen wir Neigung.“ „Ich habe eine Neigung, Geld zu verdienen, Sir,“ ſagte Pancks,„wenn Sie mir zeigen wollen, wie.“ Er blies wieder jenen Ton von ſich, und es wurde ſeinem Begleiter zum er⸗ ſten Male klar, daß dies die Art ſei, wie er lache. Er war in jeder Beziehung ein eigner Menſch, er mochte es nicht völlig im Ernſt geſagt haben; aber die kurze raſche Weiſe, in welcher er dieſe Funken von Grundſätzen ausſtieß, als ob es durch mechaniſche Umdrehung bewirkt würde, ſchien ſich mit Spaßmachen nicht in Einklang bringen zu laſſen. „Sie leſen vermuthlich nicht viel?“ ſagte Clennam. „Las' niemals was Anderes als Briefe und Rechnungen. Sammelte niemals was Anderes als Anzeigen, die ſich auf das Allernächſtliegende bezogen. Wenn das ein Geſchmack iſt, ſo habe ich dieſen. Sie gehören nicht zu den Clennams von Cornwall, Mr. Clennam?“ „Nicht daß ich je gehört hätte.“ „Ich weiß, daß Sie keiner ſind. Ich fragte Ihre Mut⸗ ter. Sie hat zu viel Charakter, um ſich eine Gelegenheit ent⸗ ſchlüpfen zu laſſen.“ 1 „Geſetzt aber den Fall, ich gehörte zu den Clennams von Cornwall?“ „So würden Sie eine gute Nachricht gehört haben.“ Patriarchaliſch. 139 „So! Ich habe ſeit einiger Zeit eben nicht viele gute Nachrichten gehört.“ „s iſt ein Gut in Cornwall für ein Lumpengeld zu haben und kein Clennam von Cornwall dazu, der es für die bloße Anfrage kriegen würde,“ ſagte Pancks, indem er ſein Notiz⸗ buch aus ſeiner Taſche nahm und es wieder einſteckte.„Ich gehe hier ab. Wünſche Ihnen eine gute Nacht.“ „Gute Nacht,“ ſagte Clennam. Aber der Schleppdampfer ging plötzlich unter Segel und puſtete, da er durch keine Laſt im Tau behindert war, bereits in die Ferne hinaus. Sie hatten Smithfield zuſammen durchſchritten, und Clennam wurde an der Ecke von Barbican allein gelaſſen. Er hatte nicht die Abſicht, ſich dieſen Abend in dem düſtern Zimmer ſeiner Mutter zu zeigen und hätte ſich nicht gedrück⸗ ter und vereinſamter fühlen können, wenn er in einer Wüſte geweſen wäre. Er ſchwankte langſam hinab in Aldersgate Street und ging eben ſinnend ſeinen Weg auf die St. Pauls⸗ kirche los, in der Abſicht, in eine der großen Hauptſtraßen zu gelangen, um in ihrem Licht und Leben heiterer zu werden, als ein Menſchenhaufen auf demſelben Pflaſter ſich auf ihn zu bewegte, und er trat zur Seite gegen einen Laden, um ſie vor⸗ beizulaſſen. Als ſie herankamen, bemerkte er, daß ſie um ein Etwas verſammelt waren, welches auf den Schultern von Männern getragen wurde. Er ſah bald, daß es eine Bahre war, die in aller Eile von einem Fenſterladen oder et⸗ was dem Aehnlichen gemacht worden, und auf welcher eine Geſtalt lag, und die abgeriſſenen Bemerkungen in der Men⸗ 140 Dreizehntes Kapitel. ſchenmaſſe, ein ſchmutzbeflecktes Bündel, welches ein Mann trug, und ein ſchmutzbefleckter Hut, getragen von einem An⸗ dern, ſagten ihm, daß ein Unfall ſtattgefunden habe. Die Bahre hielt, bevor ſie ein halb Dutzend Schritte über ihn hinaus war, unter einer Lampe an, weil die Laſt anders geordnet werden ſollte, und da die Menſchenmaſſe gleichfalls ſtehen blieb, ſo befand er ſich mitten in dem Getümmel. „Wol ein Verunglückter, der nach dem Spitale gebracht wird?“ fragte er einen alten Mann neben ſich, welcher den Kopf ſchüttelte und dadurch zur Anknüpfung eines Geſpräches einlud. „Ja,“ ſagte der Mann,„' iſt von den Eilkutſchen. Sie ſollten angeklagt und gebrücht werden dieſe Eilkutſchen. Da kommen ſie aus Lad Lane und Woodſtreet herausgejagt mit 'ner Schnelligkeit von zwölf bis vierzehn Meilen die Stunde, dieſe Eilkutſchen. Es iſt nur zu verwundern, daß nicht häufi⸗ ger Leute umkommen durch dieſe Eilkutſchen.“ „Dieſer Menſch iſt hoffentlich nicht todt?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte der Mann,„wenn er's nicht iſt, ſo liegt's nicht am Willen dieſer Eilkutſchen.“ Als der Sprecher ſeine Arme übereinandergeſchlagen und eine bequeme Stellung eingenommen, um ſeine Verwünſchung der Eilkutſchen jedem der Umſtehenden, welcher ſie hören mochte, vorzutragen, be⸗ ſtätigten mehrere Stimmen aus purem Mitleid mit dem Lei⸗ denden ſeine Behauptungen: Eine Stimme ſagte zu Clen⸗ nam:„Sie ſind ein öffentliches Aergerniß, dieſe Eilkutſchen, Sir,“ eine andere:„Ich ſah eine geſtern Abend'nen halben —— Patriarchaliſch. 141 Zoll von'nem Knaben anhalten,“ eine dritte:„Ich ſah eine über eine Katze gehen, Sir— und es hätte einem ſeine eigne Mutter ſein können;“ alle aber gaben ihm zu verſtehen, daß, wofern er zufällig irgend welchen öffentlichen Einfluß hätte, er ihn nicht beſſer als gegen die Eilkutſchen verwenden könne. „Ei du lieber Gott, ein eingeborner Engländer iſt jeden Abend gezwungen, ſein Leben vor dieſen Eilkutſchen in Acht zu nehmen,“ ſagte im Tone des Beweiſes der erſte alte Mann, „und der weiß, wenn ſie um die Ecke kommen, um ihm Glied von Glied zu reißen. Was aber kann man von einem armen Fremden erwarten, der nichts von ihnen weiß!“ „Iſt dies ein Fremder?“ fragte Clennam, indem er ſich vorwärts beugte, um hinzublicken. Inmitten ſolcher Antworten wie„Franzoſe, Sir,“„Portu⸗ gieſe, Sir,“„Holländer, Sir,“„Preuße, Sir,“ und andern ſich widerſprechenden Ausſagen, hörte er jetzt eine matte Stimme auf Italieniſch und Franzöſiſch zugleich um Waſſer bitten. Indem darauf als Antwort die allgemeine Bemerkung herum⸗ ging:„Ach der arme Menſch, er ſagt, er würde es im Le⸗ ben nicht überſtehen, und kein Wunder,“ bat Clennam ihm den Durchweg zu geſtatten, da er das arme Geſchöpf verſtehe. Man führte ihn ohne Verzug vor, daß er mit ihm rede. „Vor Allem will er einen Schluck Waſſer,“ ſagte er, ſich umſchauend.(Ein Dutzend gute Burſchen fuhren auseinander, um es zu holen).„Sind Sie ſchwer verletzt, mein Freund?“ fragte er den Mann auf der Bahre auf Italieniſch. „Ja, Sir, ja, ja, ja!'s iſt mein Bein,'s iſt mein 142² Dreizehntes Kapitel. Bein. Aber ich freue mich die alte Muſik zu hören, obgleich mir ſehr übel zu Muthe iſt.“. „Sie ſind ein Reiſender? Halt! Sehen Sie, da iſt Waſ⸗ ſer! Laſſen Sie mich Ihnen etwas davon geben.“ Sie hatten die Bahre auf einem Haufen Pflaſterſteine niedergelaſſen. Es war in bequemer Höhe vom Boden, und wenn er ſich bückte, konnte er leicht mit der einen Hand den Kopf emporheben und mit der andern das Glas an die Lip⸗ pen bringen. Ein kleiner muskulöſer, brauner Mann mit ſchwarzen Haaren und weißen Zähnen. Allem Anſchein nach ein lebhaftes Geſicht. Ohrringe in ſeinen Ohren. „So iſt's gut. Sie ſind ein Reiſender?“ „Ja wol, Sir.“ „Ein Fremder in dieſer Stadt?“ „Ja wol, ja wol, ganz und gar fremd. Ich bin erſt dieſen unglücklichen Abend angekommen.“ „Aus welchem Lande?“ „Marſeille.“ „Ei ſehen Sie'mal an! Auch ich! Faſt ebenſo fremd hier als Sie, wiewol hier geboren, kam ich vor Kurzem aus Marſeille an. Seien Sie nicht niedergeſchlagen.“ Das Geſicht blickte flehentlich nach ihm empor, als er ſich erhob, nachdem er es abgewiſcht und ſanft den Rock wieder übergebreitet, wel⸗ cher die ſich krümmende Geſtalt bedeckte.„Ich werde Sie nicht eher verlaſſen, bis Sie in guten Händen ſind. Muth gefaßt! Sie werden ſich binnen einer halben Stunde viel beſſer be⸗ finden.“ Patriarchaliſch. 143 »Altro! Altro! Altro!« ſchrie der arme kleine Mann in mattem ungläubigem Tone, und als ſie ihn wieder aufhoben, hing er ſeine rechte Hand heraus, um den Zeigefinger eine nach hinten gehende Bewegung in der Luft machen zu laſſen. Arthur Clennam wendete ſich um und begleitete die Bahre, indem er neben ihr herging und hin und wieder ein ermuthigendes Wort ſagte, bis zu dem benachbarten Spitale von St. Bartholomew. Indem von der Menſchenmaſſe nie⸗ mand als er und die Träger eingelaſſen wurden, war der ver⸗ unglückte Mann bald in ruhiger, methodiſcher Weiſe auf einen Tiſch gelegt, wo ihn ein Chirurg, der ſo nahe zur Hand war und ſo raſch erſchien, wie das Unglück ſelbſt, ſorgfältig unter⸗ ſuchte.„Er verſteht ſchwerlich ein Wort Engliſch,“ ſagte Clen⸗ nam,„iſt er ſchwer verletzt?“—„Wollen erſt mal überall nachſehen,“ ſagte der Chirurg, indem er ſeine Unterſuchung mit dem Vergnügen eines Geſchäftmannes fortſetzte,„bevor wir uns ausſprechen.“ Nachdem er das Bein mit einem Finger und zwei Fin⸗ gern und einer Hand und zwei Händen und oben und unten und in dieſer und in jener Richtung geprüft und ſich über die intereſſanten Punkte wohlgefällig gegen einen andern Herrn ausgeſprochen, der ſich zu ihm geſellt hatte, klopfte der Chirurg endlich dem Patienten auf die Schulter und ſagte:„Er wird davonkommen. Es wird ſich ganz gut ma⸗ chen. Es iſt ein ſchwieriger Fall, aber wir werden ihn dies⸗ mal nicht zu bitten haben, ſich von ſeinem Beine zu tren⸗ nen.“ Clennam verdolmetſchte dies dem Patienten, welcher 144 Dreizehntes Kapitel. voller Dankbarkeit war und in ſeiner alle Gefühle äußerlich kundgebenden Weiſe mehrmals ſowol des Dolmetſchers als des Chirurgen Hand küßte. „Ich glaube,'s iſt eine ernſtliche Verletzung,“ ſagte Clennam. „Ja,“ erwiderte der Chirurg mit der nachdenklichen Freude eines Künſtlers, der in das Anſchauen des Werks auf ſeiner Staffelei verſunken iſt.„Ja, ernſtlich genug. Es iſt ein doppelter Bruch über dem Knie und eine Verrenkung darunter. Sie ſind beide von wunderſchöner Art.“ Er gab dem Patienten noch einen freundſchaftlichen Klaps auf die Schulter, als ob er wirklich fühlte, er ſei ein allerliebſtes Kerlchen und alles Lobes werth, weil er ſein Bein in einer für die Wiſſenſchaft ſo intereſſanten Art gebrochen habe. „Er ſpricht franzöſiſch?“ fragte der Chirurg. „O ja, er ſpricht franzöſiſch.“ „Dann wird er hier nicht in Verlegenheit ſein.— Sie haben blos ein Bischen Schmerz zu ertragen wie ein tapfe⸗ rer Burſche, mein Freund, und können Gott danken, daß alles ſo gut geht, wie es geht,“ fügte er in jener Sprache hinzu,„und Sie werden wieder ſo gut laufen, daß Sie ſich wundern ſollen. Nun laſſen Sie mal ſehen, ob noch etwas los iſt, und wie es mit unſern Rippen ſteht.“ Es war nichts weiter los, und„unſre Rippen“ waren ganz. Clennam blieb da, bis Alles, was zu thun war, mit Geſchick und Genauigkeit gethan war— der arme verſpä⸗ tete Wanderer im fremden Lande erbat ſich in rührenden Patriarchaliſch. 145 Worten dieſe Gunſt von ihm— und verweilte bei dem Bette, in velches er zu rechter Zeit geſchafft worden, bis er eingeſchlummert war. Selbſt dann ſchrieb er ein paar Worte für ihn auf ſeine Karte, worin er verſprach, morgen wiederzukommen, und ließ ſie da, damit man ſie ihm einhändige, wenn er aufwache. Alle dieſe Dinge nahmen ihn ſo lange in Anſpruch, daß es elf Uhr ſchlug, als er aus dem Thore des Spitals trat. Er hatte ſich für die Gegenwart eine Wohnung in Covent Garden gemiethet, und er ſchlug den nächſten Weg nach dieſem Stadttheile durch Snow Hill und Holborn ein. Nach der Bekümmerniß und der Theilnahme, die ihn während ſeines letzten Abenteuers bewegt, wieder ſich ſelbſt überlaſſen, war er natürlich in gedankenvoller Stimmung. Ebenſo natürlich war es, daß er keine zehn Minuten gehen und denken konnte, ohne ſich Flora zurückzurufen. Sie rief nothwendig ſein Leben mit all ſeiner übeln Leitung und ſeinen wenigen glücklichen Augenblicken zurück. Als er nach ſeiner Wohnung kam, ſetzte er ſich vor dem erlöſchenden Feuer nieder, wie er am Fenſter ſeines frühern Zimmers geſtanden und auf den rauchgeſchwärzten Wald von Schornſteinen hinausgeſchaut und ſeinen Blick auf die düſtre Reihe von Ereigniſſen zurückgewendet hatte, durch die er bis zu dieſem Stadium ſeiner Exiſtenz gekommen war. So lang, ſo wüſt, ſo leer! Keine Kindheit, keine Jugend, ausgenommen eine einzige Erinnerung, und dieſe einzige 146 Dreizehntes Kapitel. Erinnerung hatte ſich erſt dieſen Tag als eine Thorheit er⸗ wieſen. Es war dies ein Unglück für ihn, ſo unbedeutſam es auch für einen andern geweſen ſein möchte. Denn während alles, was hart und ſtreng in ſeiner Erinnerung war, bei der Prüfung Wirklichkeit blieb, feſt und ſtarr war, wenn er hinblickte oder es berührte und in nichts ſeine alte unab⸗ änderliche grimme Unerbittlichkeit milderte— wollte die einzige zarte Erinnerung aus ſeinen Erfahrungen dieſen Prüfſtein nicht ertragen und zerfloß in Nichts. Er hatte dies in der frühern Nacht vorausgeſehen, wo er mit wachen Augen geträumt hatte. Aber er hatte es damals noch nicht empfunden, und hatte es jetzt empfunden. Er war ein Träumer in dieſer Weiſe, weil er ein Mann war, in deſſen Natur der Glaube an alle die guten und menſchenfreundlichen Dinge, ohne die ſein Leben geweſen, feſte Wurzeln geſchlagen hatte. Erzogen in Niederträchtig⸗ keit und kargem Geizen, war er dadurch gerettet und zu einem Manne von ehrenhafter Geſinnung und freigebiger Hand geworden. Erzogen in Kälte und Strenge, war er. dadurch gerettet und ein warmfühlendes barmherziges Ge⸗ müth geworden. Erzogen in einem Glauben, der zu finſter war und zuviel Kühnheit erforderte, um ſich in ſeinem Pro⸗ ceß der Verkehrung des Spruchs, wonach der Menſch nach dem Bilde ſeines Schöpfers geſchaffen iſt, in die Einbil⸗ dung, daß ſein Schöpfer nach dem Bilde eines irrenden Menſchen geſchaffen ſei, von ihm verfolgen zu laſſen, war Patriarchaliſch. 147 er hierdurch gerettet worden und dahin gelangt, nicht den Richter zu ſpielen und in Demuth barmherzig zu ſein und Hoffnung und einen hülfreichen Sinn zu haben. Und er blieb hierdurch ferner bewahrt vor der winſeln⸗ den Weichheit und grauſamen Selbſtſucht, zu glauben, weil ſolch ein Glück oder eine Tugend ihm auf ſeinem kleinen Lebenspfade nicht begegnet oder gehörig für ihn gearbeitet habe, deshalb ſei es nicht in dem großen Plane, ſondern, wenn es ſich in der Erſcheinungswelt finde, auf die ſchlechte⸗ ſten Elemente zurückzuführen. Er hatte eine ſchwergetäuſchte Seele im Buſen, aber eine Seele zu feſt und zu geſund für ſolche ungeſunde Luft. Sie konnte, indem ſie ihn ſelbſt im Dunkeln ließ, ſich in's Licht erheben, es an Andern ſtrahlen ſehen und es freudig begrüßen. Darum ſaß er vor ſeinem erſterbenden Feuer, beküm⸗ mert, wenn er an den Weg dachte, auf welchem er bis zu dieſer Nacht gekommen war, aber ohne Gift auf den Weg zu ſtreuen, auf welchem andere Menſchen bis dahin gelangt waren. Daß es ſeine Beſtimmung geweſen, ſo Vieles zu miſſen, und daß er in ſeinen Lebensjahren ſich ſoweit um⸗ ſehen mußte nach einem Stabe, der ihm Geſellſchaft leiſte und ihn erheitere auf ſeiner nunmehr bergab gehenden Pil⸗ gerfahrt, konnte er mit Recht beklagen. Er blickte auf das Feuer, von welchem die Glut wich, deſſen Glimmen nach dem hellen Brande ſich allmälig legte, in welchem die Aſche grau wurde, worauf ſie in Staub zerfiel, und dachte:„Wie 148 Dreizehntes Kapitel. Patriarchaliſch. bald werde auch ich dieſen Wechſel der Geſtalten durchma⸗ chen und dahin ſein!“ Indem er ſein Leben an ſich vorübergehen ließ, war es ihm zu Muthe, als ob er an einem grünen Baume voll Früchte und Blüthen herabſtiege und alle Zweige verdorren und einen nach dem andern abfallen ſähe, ſowie er auf ihn herabkäme. „Von dem unſeligen Drucke, der auf meiner früheſten Kinderzeit laſtete, durch das eiſigſtrenge liebeleere Leben im Vaterhauſe, welches auf ſie folgte, durch meinen Ab⸗ ſchied von der Heimat, meine jahrelange Verbannung, meine Rückkehr, meiner Mutter Bewillkommnung, meinen Verkehr mit ihr ſeitdem bis herab zu dem heutigen Nach⸗ mittag, den ich mit der armen Flora verbrachte,“ ſagte Arthur Clennam,„was habe ich in dieſer ganzen Zeit ge⸗ funden!“ Da öffnete ſich leiſe ſeine Thür, und folgende von Men⸗ ſchenmund geſprochne Worte machten, daß er zuſammenfuhr; denn ſie kamen, als ob ſie eine Antwort auf ſeine Frage wären: „Klein Dorrit!“ 149 Bierzehutes Rapitel. Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. Arthur Clennam erhob ſich haſtig und ſah ſie an der Thür ſtehen. Dieſe Geſchichte muß manchmal mit Klein Dorrits Augen ſehen und, es ſoll dieſe Reihe von Betrach⸗ tungen damit beginnen, daß ſie jetzt ihn ſieht. Klein Dorrit ſah in eine matterleuchtete Stube, welche ihr ſehr geräumig und ſehr vornehm möblirt ſchien. Hof⸗ mäßige Ideen von Covent Garden als einem Orte mit berühmten Kaffeehäuſern, wo Herren mit goldbetreßten Röcken und Degen ſich geſtritten und Duelle ausgefochten hatten; koſtbare Ideen von Covent Garden als einem Orte, wo im Winter Blumen das Stück zu einer Guinee, Ananas das Pfund zu mehreren Guineen und grüne Erbſen das Maß zu mehreren Guineen zu haben waren; maleriſche Ideen von Covent Garden als einem Orte, wo ſich ein ge⸗ waltiges Theater befand, welches wundervolle und wunder⸗ ſchöne Ausſichten auf reichgekleidete Herren und Damen bot, und welches der armen Fanny und dem armen Oheim auf ewig unerreichbar blieb; verzweifelte Ideen von Covent Garden, als einem Orte, wo ſich alle jene Bogengewölbe be⸗ fanden, unter denen die elenden zerlumpten Kinder, durch die ſie eben erſt gegangen, wie junge Ratten herum huſchten und 150 Vierzehntes Kapitel. ſich verſteckten, ſich von Küchenabfall nährten, der Wärme halber zuſammenhockten und herumgejagt wurden(habt Acht auf die Ratten jung und alt, all Ihr Barnacles; denn bei Gott ſie freſſen eure Grundveſten durch und werden machen, daß Euch das Dach auf den Schädel fällt!); überſchwäng⸗ liche Ideen von Covent Garden, als einem Orte vergangner und gegenwärtiger Geheimniſſe, romantiſcher Begebenheiten, einem Orte des Ueberflußes, des Mangels, der Schönheit, Häßlichkeit, anmuthiger Gartenanlagen und übelriechender Rinnſteine, Alles verwirrt durcheinander— machten das Zimmer in Klein Dorrits Augen düſtrer als es war, als ſie es ſchüchtern von der Thür aus ſah. Zuerſt war da in dem Stuhle vor dem ausgegangenen Feuer und dann verwundert ſich nach ihr umkehrend, um ſie anzuſehen, der Herr, den ſie ſuchte. Der braune ernſte Herr, der ſo freundlich lächelte, der ſo offenherzig und ſo rückſichts⸗ voll in ſeinem Benehmen war, und in deſſen Ernſthaftigkeit doch etwas lag, was ſie an ſeine Mutter erinnerte, nur mit dem großen Unterſchiede, daß ſie in Strenge, er in Milde ernſt war. Jetzt betrachtete er ſie mit jenem dienſtwilligen fragenden Blicke, vor welchem Klein Dorrits Augen ſich ſtets geſenkt hatten, und vor welchem ſie ſich auch jetzt ſenkten. „Mein armes Kind! Um NMitternacht hier?“ „Ich,“ ſagte Klein Dorrit,„Sir, mit der Abſicht, Sie vorzubereiten. Ich wußte, Sie müßten ſehr überraſcht ſein.“ „Sind Sie allein?“ „Nein, Sir, ich habe Maggy bei mir.“ — Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 151 g Indem Maggy ihren Eintritt durch dieſe Erwähnung ihres Namens hinreichend vorbereitet glaubte, erſchien ſie von dem Treppenabſatze draußen mit ihrem breiten grinſen⸗ den Lächeln. Sie unterdrückte indeß dieſe Kundgebung augenblicklich und machte bleibend ein feierliches Geſicht. „Und ich habe kein Feuer,“ ſagte Clennam.„Und Sie ſind—“ er wollte ſagen„ſo leicht gekleidet,“ hielt aber inne, da dies eine Anſpielung auf ihre Armuth geweſen wäre, und ſagte:„Und es iſt ſo kalt.“ Indem er den Stuhl, von welchem er ſich erhoben, näher zum Kamingitter ſtellte, ließ er ſie darauf niederſitzen, holte haſtig Holz und Kohlen herzu, häufte ſie zuſammen und machte ein helles Feuer.„Ihr Fuß iſt kalt wie Mar⸗ mor, mein Kind;“ er hatte, als er ſich auf ein Knie nieder⸗ gelaſſen, um das Feuer anzufachen, ihn zufällig berührt, „halten Sie ihn näher an die Wärme.“ Klein Dorrit dankte ihm haſtig. Er wäre ganz warm, er wäre ſehr warm! Es griff ihm ans Herz, als er merkte, daß ſie ihre dünnen, ab⸗ getragenen Schuhe verbarg. Klein Dorrit ſchämte ſich nicht ihrer ärmlichen Schuhe. Er kannte ihre Geſchichte, und es war nicht Das. Klein Dorrit fürchtete, daß er ihren Vater tadeln möchte, wenn er ſie ſähe; daß er denken möchte:„Warum aß er heute zu Mittag und ließ dieſes kleine Weſen unbarmherzig auf den kalten Steinen gehen?“ Sie glaubte nicht, daß dies eine gerechte Bemerkung ſein würde; ſie wußte aus Er⸗ fahrung, daß den Leuten ſolche falſche Einbildungen manch⸗ Klein Dorrit. II. 11 152 Vierzehntes Kapitel. mal vor die Seele träten. Es war ein Theil des Mihigi⸗ ſchicks ihres Vaters, daß dies geſchah. „Ehe ich etwas Anderes ſage,“ begann Klein Dorrit, indem ſie vor dem bleichen Feuer ſaß und ihre Augen wie⸗ der nach dem Antlitze erhob, welches in ſeinem harmoniſchen 1 Ausdrucke von Theilnahme, Mitleid und Gönnerſchaft ihr G als ein ihren Begriffen weitentrücktes Geheimniß erſchien, „darf ich da Ihnen etwas erzählen, Sir?“ „Ja, mein Kind.“ Ein leichter Schatten von Bekümmerniß fiel auf ſie, daß er ſie ſo oft ein Kind nannte. Sie war erſtaunt, daß er das ſehen oder an ſolch eine geringfügige Sache denken ſollte, aber er ſagte ſogleich: „Ich brauchte ein zartes Wort und konnte kein an⸗ deres finden. Da Sie ſelbſt ſich eben jetzt den Namen bei⸗ legten, den man Ihnen bei meiner Mutter gibt, und da dies der Name iſt, bei welchem ich ſtets an Sie denke, ſo geſtat⸗ ten Sie mir, Sie Klein Dorrit zu nennen.“ „Dank Ihnen, Sir, er iſt mir lieber, als jeder andere Name.“ „Klein Dorrit.“ „Mütterchen“ fuhr Maggy(welche dem Einſchlafen nahe geweſen) verbeſſernd dazwiſchen. „Ganz einerlei, Maggy,“ erwiderte Dorrit,„ganz einerlei.“ „Iſt's wirklich einerlei, Mütterchen?“ „Ganz einerlei.“ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 153 Maggy lachte und ſchnarchte gleich darauf. In den Augen und Ohren Klein Dorrits waren die plumpe Geſtalt und der rauhe Ton ſo angenehm als ſie ſein konnten. Ein glühendes Gefühl des Stolzes auf ihr großes Kind überzog ihr Angeſicht, als es wieder den Augen des ernſten braunen Herrn begegnete. Sie fragte ſich, was er denken möge, als er auf Maggy und ſie blickte. Sie dachte, was für ein guter Vater er ſein würde. Wie er mit einem ſolchen Blicke ſeine Tochter berathen und aufmuntern würde. „Was ich Ihnen erzählen wollte, Sir,“ ſagte Klein Dorrit,„iſt, daß mein Bruder frei iſt.“ Arthur freute ſich herzlich, das zu hören, und hoffte, er würde ſich nun gut aufführen. „Und was ich Ihnen ſagen wollte, Sir,“ ſagte Klein Dorrit, indem ſie an ihrem ganzen kleinen Körper und mit ihrer Stimme zitterte,„iſt, daß ich nicht wiſſen ſoll, weſſen Großmuth ihn befreit hat— nie fragen ſoll und es nie erfahren ſoll und dieſem Herrn nie den Dank ausſprechen ſoll, den mein ganzes Herz fühlt.“ Er würde wahrſcheinlich keines Dankes bedürfen, ſagte Clennam. Sehr wahrſcheinlich würde er ſelbſt dankbar(und mit Grund dankbar) dafür ſein, daß er die Mittel und die Gelegenheit gehabt habe, ihr einen kleinen Dienſt zu er⸗ weiſen, die einen großen ſo wohl verdiente. „Und was ich ſagen wollte, Sir,“ ſagte Klein Dorrit, die mehr und mehr zitterte,„iſt, daß ich ihm, wofern ich ihn kennte— undich könnte ihn kennen— ſagen würde, wie er 11* 154 Vierzehntes Kapitel. nun und nimmer ermeſſen kann, wie ich ſeine Güte fühle, und wie ſie mein guter Vater fühlen würde. Und was ich ſagen wollte, Sir, iſt, daß ich ihm, wofern ich ihn kennte— und ich könnte ihn kennen— aber ich kenne ihn nicht und darf nicht— ich weiß das!— daß ich ihm dann ſagen würde, wie ich mich nicht mehr zum Schlafe niederlegen werde, ohne den Himmel gebeten zu haben, ihn zu ſegnen und es ihm zu vergelten. Und wenn ich ihn kennte— und ich könnte ihn kennen— ſo würde ich vor ihm auf meine Knie fallen und ſeine Hand ergreifen und ſie küſſen, und ihn bitten, ſie nicht wegzuziehen, ſondern mir zu laſſen— o ſie mir einen Augenblick zu laſſen!— und meine dankbaren Thränen darauf fallen laſſen; denn ich habe keinen andern Dank für ihn.“. Klein Dorrit hatte ſeine Hand an ihre Lippen gezogen und würde vor ihm niedergekniet ſein; aber er hielt ſie ſanft davon ab und ſetzte ſie wieder in ihren Stuhl. Ihre Augen und der Ton ihrer Stimme hatten ihm weit beſſer gedankt als ſie dachte. Er war nicht im Stande ganz ſo gefaßt wie gewöhnlich zu ſagen:„Schon gut, Klein Dorrit, ſchon gut, ſchon gut! Wir wollen annehmen, Sie kennten den Mann und könnten alles dies thun und hätten alles dies gethan. Und nun ſagen Sie mir, der ich ein ganz Anderer bin— der ich weiter nichts bin, als der Freund, der Sie bat, ihm zu vertrauen— warum ſind Sie zur Mitternachtsſtunde aus, und was iſt'’s, das Sie zu dieſer ſpäten Stunde ſo weit durch die Straßen hierher bringt, mein zartes, ſchwa⸗ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 155 ches“— Kind wollte er wieder ſagen— ‚meine kleine Dorrit?“ „Maggy und ich ſind heute Abend,“ antwortete ſie, ihre Gefühle mit der ruhigen Anſtrengung bezwingend, die ihr längſt zur zweiten Natur geworden war,„in dem Theater geweſen, wo meine Schweſter angeſtellt iſt.“ „Und oh, iſt das nicht ein himmliſcher Ort!“ unterbrach ſie plötzlich Maggy, welche die Gabe zu beſitzen ſchien, ein⸗ zuſchlafen und aufzuwachen, ſobald es ihr beliebte.„Faſt ſo gut wie ein Spital. Nur daß keine gebratenen Hühnchen drin ſind.“ Hier ſchüttelte Sie ſich und fiel wieder in Schlaf. „Wir gingen dorthin,“ ſagte Klein Dorrit mit einem Blick auf ihren Zögling, ‚„weil ich mich gern bisweilen mit eignen Augen überzeuge, daß meine Schweſter gut thut, und weil ich ſie gern dort ſehe, während ſie und Onkel nichts davon wiſſen. Es iſt in der That ſehr ſel⸗ ten, daß ich dies thun kann, weil ich, wenn ich nicht auf Arbeit bin, bei meinem Vater bleibe und ſelbſt, wenn ich auf Arbeit bin, raſch nach Hauſe eile. Aber heute Abend habe ich vorgegeben, zu einer Abendgeſellſchaft eingeladen zu ſein.“. Als ſie mit ſchüchternem Zögern dieſes Geſtändniß machte, erhob ſie ihre Augen nach ſeinem Geſichte und las ſeinen Ausdruck ſo deutlich, daß ſie ihn beantwortete. „O gewiß nicht! In meinem ganzen Leben war ich bei keiner Abendgeſellſchaft!“ 156 Vierzehntes Kapitel. Sie hielt unter ſeinem aufmerkſamen Blicke ein Weil⸗ chen inne, dann ſagte ſie:„Hoffentlich iſt nichts Unrechtes dabei. Ich hätte nie den geringſten Nutzen ſtiften können, wenn ich mir nicht eine kleine Nothlüge geſtattet hätte.“ Sie fürchtete, daß er ſie in ſeinem Innern tadeln möchte, daß ſie einen ſolchen Kunſtgriff gebraucht, um für ſie zu ſor⸗ gen, ihrer zu gedenken und über ſie zu wachen, ohne ihr Wiſſen und ihren Dank, vielleicht ſogar mit ihren Vor⸗ würfen wegen vermeintlicher Vernachläſſigung. Was aber wirklich ſein Inneres bewegte, war die ſchwache Geſtalt mit ihren ſtarken Vorſätzen, die dünnen abgetragenen Schuhe, die unzureichende Kleidung und der Vorwand, ſich erholen und vergnügen zu wollen. Er fragte, wo die angebliche Abendgeſellſchaft wäre? An einem Orte, wo ſie arbeitete, antwortete Klein Dorrit erröthend. Sie hätte, ſagte ſie, nur wenig davon geſprochen, nur ein paar Worte, um ihren Vater zu beruhigen. Ihr Vater habe nicht geglaubt, daß es eine glänzende Abendgeſellſchaft ſei— in der That, er hätte ſich das denken können. Und ſie blickte einen Augen⸗ blick auf das Umſchlagetuch, das ſie trug. „Es iſt die erſte Nacht, daß ich je von Hauſe weggewe⸗ ſen bin,“ ſagte Klein Dorrit.„Und London ſieht ſo groß, ſo öde und ſo wirr aus.“ In Klein Dorrit's Augen war ſeine Größe unter dem ſchwarzen Himmel grauenvoll; ein Zittern überlief ſie, als ſie die Worte ſagte. „Aber das iſt's nicht,“ fügte ſie wieder mit der ruhigen Selbſtüberwindung hinzu,„womit ich Sie zu beläſtigen ge⸗ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 157 kommen bin, Sir. Daß meine Schweſter eine Freundin ge⸗ funden hat, eine Dame, von der ſie mir erzählte und von der ich begierig war zu wiſſen, wer ſie ſei, war die erſte Ur⸗ ſache, daß ich von Hauſe wegging. Und da ich einmal weg war und(mit Vorſatz) hier bei Ihrer Wohnung vorbeikam und ein Licht am Fenſter ſah—“ Nicht zum erſten Male. Nein, nicht zum erſten Male. In den Augen Klein Dorrits war die Außenſeite dieſes Fen⸗ ſters auch an andern Abenden ein ferner Stern geweſen. Sie hatte müde und bekümmert beſchwerliche Umwege ge⸗ macht, um nach ihm hinaufzublicken und ſich zu wundern über den ernſten braunen Herrn, der zu ihr als Freund und Beſchützer geſprochen hatte. „Es waren drei Dinge, welche ich Ihnen zu ſagen ge⸗ dachte, wofern Sie allein wären und ich hinaufkommen könnte,“ ſagte Klein Dorrit.„Erſtens das, was ich zu ſagen verſucht habe, aber nie ſagen kann— nie ſagen darf.“ „Bſt, ſtill! ſtill. Das iſt abgemacht und bei Seite ge⸗ legt. Laſſen Sie uns zum zweiten übergehen,“ ſagte Clen⸗ nam, indem er ihre Aufregung hinweglächelte, bewirkte, daß die Gluth ſie beſtrahlte, und Wein, Kuchen und Obſt vor ihr auf den Tiſch ſtellte. „Ich glaube, das Zweite iſt—“ ſagte Klein Dorrit— „ich glaube, Mrs. Clennam muß mein Geheimniß entdeckt haben und muß wiſſen, woher ich komme und wohin ich gehe. Ich meine, wo ich wohne.“ 158 Vierzehntes Kapitel. „Wirklich?“ erwiderte Clennam raſch. Nach einer kur⸗ zen Ueberlegung fragte er ſie, weshalb ſie das vermuthe? „Ich denke,“ erwiderte Klein Dorrit,„daß Mr. Flint⸗ winch mich beobachtet haben muß.“ Und warum ſie das vermuthe, fragte Clennam, wäh⸗ rend er ſeine Augen auf das Feuer richtete, ſeine Augen⸗ brauen herunterzog und ſich's wieder überlegte. „Ich bin ihm zwei Mal begegnet. Beide Male in der Nähe von zu Hauſe. Beide Male des Abends, wie ich heim⸗ ging. Beide Male dachte ich(obwol das leicht ein Mißver⸗ ſtändniß auf meiner Seite geweſen ſein kann) daß er eben nicht darnach ausſah, als ſei er mir zufällig begegnet.“ „Sagte er irgend Etwas?“ „Nein, er nickte blos und legte ſeinen Kopf auf eine Seite.“. „Der Teufel hole ſeinen Kopf!“ ſagte Clennam ſinnend, indem er noch immer ins Feuer blickte,„er hängt ſtets auf einer Seite.“ Er riß ſich endlich empor aus ſeinem Sinnen, um ihr zuzureden, etwas Wein auf die Lippen zu nehmen und ſich etwas von den Eßwaaren zuzulangen— was ſehr ſchwierig war, da ſie gar ſo ängſtlich und ſchüchtern war— und ſagte dann wieder nachſinnend: „Hat meine Mutter ein anderes Benehmen gegen Sie angenommen?“ „O nicht im Mindeſten. Sie iſt ganz ſo wie immer. Ich fragte mich, ob ich nicht beſſer thäte, ihr meine Ge⸗ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 159 ſchichte zu erzählen. Ich überlegte mir, ob ich dürfte— ich meine, ob Sie es wol gern ſehen würden, wenn ich ſie ihr erzählte. Ich fragte mich,“ ſagte Klein Dorrit, indem ſie mit bittender Miene zu ihm außblickte und allmälig die Augen ſinken ließ, als er ſie anſah,„ob Sie mir nicht einen Rath in Betreff meines Verfahrens geben würden.“ „Klein Dorrit,“ ſagte Clennam und dieſer Ausdruck hatte je nach der verſchiedenen Betonung und Stellung, in welcher er gebraucht wurde bereits zwiſchen dieſen Bei⸗ den hunderterlei freundliche Ausdrücke zu vertreten begon⸗ nen,„thun Sie gar nichts. Ich will mit meiner alten Freundin, Mrs. Affery, darüber ſprechen. Thun Sie nichts, ausgenommen, daß Sie ſich mit den Mitteln erfriſchen, die hier zur Stelle ſind. Ich bitte Sie recht ſehr, das zu thun.“ „Dank Ihnen, ich bin nicht hungrig. Auch nicht dur⸗ ſtig,“ ſagte Klein Dorrit, als er ihr leiſe ihr Glas hinſchob. „Ich glaube aber, Maggy würde vielleicht gern etwas haben.“ „Wir werden ihr bald die Taſchen mit Allem füllen, was hier iſt,“ ſagte Clennam.„Aber ehe wir ſie wecken, wäre noch ein Drittes zu ſagen.“ „Ja. Aber Sie werden es nicht übel nehmen, Sir?“ „Ich verſpreche es ohne Rückhalt.“ „Es wird ſonderbar klingen. Ich weiß kaum, wie ich es ſagen ſoll. Halten Sie es nicht für unverſtändig oder 160 Vierzehntes Kapitel. undankbar von mir,“ ſagte Dorrit, indem ihre Aufregung wiederkehrte und ſich ſteigerte. „Nein, nein, nein. Ich bin überzeugt, es wird natur⸗ gemäß und recht ſein. Ich fürchte nicht, daß ich ihm eine falſche Deutung geben werde, was es auch ſei.“ „Dank Ihnen. Sie kommen wieder, um meinen Vater noch einmal zu ſehen?“ „Ja. „Sie ſind ſo gut und ſo bedachtſam geweſen, ihm ein Billet zu ſchreiben, worin Sie ihm Ihren Beſuch auf mor⸗ gen ankündigen?“ „O das war nichts! Ja.“ „Können Sie errathen,“ ſagte Klein Dorrit, indem ſie ihre kleinen Hände zuſammenfaltete und ihn mit all der Innigkeit ihrer Seele anſah, die ihr ſtets aus den Augen blickte,„was ich Sie bitten möchte nicht zu thun?“ „Ich glaube, ich kann's. Allein ich kann mich täuſchen.“ „Nein, Sie täuſchen ſich nicht,“ ſagte Klein Dorrit, den Kopf ſchüttelnd.„Wenn wir es ſo ſehr, ſehr nothwendig brauchen ſollten, daß wir ohne daſſelbe nicht verkommen können, ſo will ich ſelbſt Sie darum bitten.“ „Das ſollen Sie— das ſollen Sie.“ „Geben Sie ihm keine Veranlaſſung zu bitten. Verſte⸗ hen Sie ihn nicht, wenn er trotzdem bittet. Geben Sie es ihm nicht. Schonen Sie ihn und erſparen Sie ihm das, und Sie werden dahin gelangen, beſſer von ihm zu denken,“ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 161 Clennam ſagte— nicht ſehr deutlich, da er jene Thrä⸗ nen in ihren angſterfüllten Augen blitzen ſah— ihr Wunſch ſolle ihm heilig ſein. „Sie wiſſen nicht, was für ein Mann er iſt,“ ſagte ſie, „Sie wiſſen nicht, was er in Wahrheit iſt. Wie können Sie auch, wenn Sie ihn da ganz plötzlich ſehen, den lieben gu⸗ ten Vater, und nicht nach und nach wie ich! Sie ſind ſo gut gegen uns geweſen, ſo zartfühlend und ſo wahrhaft gut, daß ich ihn in Ihren Augen beſſer erſcheinen ſehen möchte, als in irgend jemandes. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß gerade Sie unter allen Andern ihn in den einzigen Augenblicken ſehen ſollten, wo er ſich ernie⸗ drigt.“ „Bitte,“ ſagte Clennam,„machen Sie ſich darüber kei⸗ nen Kummer. Bitte, bitte, Klein Dorrit! Wir verſtehen uns jetzt ganz.“ „Dank Ihnen, Sir, Dank Ihnen! Ich habe ſehr mit mir gekämpft, ob ich das ſagen ſolle. Ich habe darüber nachgedacht Tag und Nacht, aber als ich mit Beſtimmtheit erfuhr, daß Sie wiederkommen würden, habe ich mich ent⸗ ſchloſſen, mit Ihnen zu ſprechen. Nicht, weil ich mich ſeiner ſchämte,“ ſie trocknete raſch ihre Thränen ab,„ſondern weil ich ihn beſſer kenne als irgend jemand, weil ich ihn liebe und ſtolz auf ihn bin.“ Nachdem ſie dieſen Stein vom Herzen losgeworden, trieb es Klein Dorrit, wegzugehen. Da Maggy vollſtändig wach war und ſich eben damit beſchäftigte, daß ſie im Vor⸗ 162 Vierzehntes Kapitel. gefühle des Genuſſes kichernd aus der Ferne das Obſt und den Kuchen mit den Augen verſchlang, machte Clennam die beſte Diverſion, die in ſeiner Macht war, indem er ihr ein Glas Wein einſchenkte, welches ſie, mit einer Reihenfolge lau⸗ ten Schmatzens austrank. Nach jedem Schluck klopfte ſie ſich mit der Hand auf die Bruſt und ſagte athemlos und mit ſehr hervorquellenden Augen:„O iſt das nicht köſtlich! Iſt das nicht hoſpitaliſch!“ Als ſie mit dem Weine und den Lobſprüchen fertig war, gebot er ihr, ihren Korb(ſie war nie ohne ihren Korb) mit allem Eßbaren auf dem Tiſche zu beladen und es ſich beſonders angelegen ſein zu laſſen, keinen Brocken zu vergeſſen. Das Vergnügen, wo⸗ mit Maggy dies that und das Vergnügen ihres Mütter⸗ chens, als ſie Maggy vergnügt ſah, war ſo eine gute Wen⸗ dung, als die Umſtände der vorgehenden Unterhaltung ir⸗ gend hätten geben können. „Aber das Thor wird längſt geſchloſſen ſein,“ ſagte Clennam, ſich plötzlich daran erinnernd.„Wo gehen Sie hin?“ „Ich gehe nach Maggy's Wohnung,“ antwortete Klein Dorrit.„Ich werde dort ganz ſicher, ganz gut untergebracht ſein.“ „Ich muß Sie dorthin begleiten,“ ſagte Clennam.„Ich kann Sie nicht allein gehen laſſen.“ „Ja. Bitte, laſſen Sie uns allein dorthin gehen. O bitte!“ bat Klein Dorrit. Sie meinte es ſo ernſtlich mit der Bitte, daß Clennam Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 163 es für unzart hielt, ſich aufzudringen, und zwar um ſo mehr, als er wol begriff, daß Maggy's Wohnung von der arm⸗ ſeligſten Art war.„Komm, Maggy,“ ſagte Klein Dorrit heiter,„wir werden uns ganz wohl befinden, wir wiſſen ja den Weg, Maggy?“ „Ja, ja, Mütterchen, wir wiſſen den Weg,“ kicherte Maggy. Und ſo gingen ſie fort. Klein Dorrit drehte ſich in der Thür um und ſagte:„Gott ſegne Sie!“ Sie ſagte es ſehr leiſe, aber— wer weiß?— ſie mag droben viel⸗ leicht ſo gut gehört worden ſein, als ein ganzes Sänger⸗ chor in einer Domkirche. Arthur Clennam ließ ſie an der Ecke der Straße vor⸗ übergehen, bevor er ihnen in der Ferne folgte, nicht im Mindeſten in der Abſicht, ſich zum zweiten Male in Klein Dorrits Privatgeheimniſſe zu drängen, ſondern um ſich Be⸗ ruhigung zu verſchaffen, daß ſie ſicher in der Gegend ange⸗ kommen ſei, an die ſie gewöhnt war. Sie ſah, als ſie in dem humpelnden Schatten ihres großen Zöglings hin⸗ ſchwebte, ſo winzig aus, ſo zerbrechlich, ſo vertheidigungs⸗ los gegen das wüſte, feuchte Wetter, daß ihm in ſeinem Mitleid und in ſeiner Gewohnheit, ſie als ein Kind, aus⸗ geſchieden aus den übrigen Gliedern der rauhen Welt, zu betrachten, zu Muthe war, als hätte er ſie am liebſten auf ſeine Arme genommen und bis zum Ende ihrer Wanderung getragen. Im Verlauf der Zeit kam ſie in die Hauptſtraße, wo das Marſhalſea war, und dann ſah er ſie ihre Schritte Vierzehntes Kapitel. mäßigen und bald darauf in eine Nebengaſſe abſchwenken. Er blieb ſtehen, empfand, daß er kein Recht habe weiter zu gehen und verließ ſie langſam. Er hegte keinen Verdacht, daß ſie irgend in Gefahr wären, bis zum Morgen im Freien bleiben zu müſſen, hatte keine Idee von der Wahrheit, bis lange, lange nachher. „Das iſt eine gute Wohnung für Dich, Maggy,“ ſagte Klein Dorrit, als ſie vor einem ärmlichen Hauſe, das ganz in Finſterniß gehüllt war, ſtehen blieben, und an der Thür horchend kein Geräuſch drinnen hörten,„und wir dürfen keinen Grund zur Klage geben. Deswegen wollen wir blos zwei Mal klopfen und nicht ſehr laut, und wenn wir ſie ſo nicht erwecken können, müſſen wir bis zum Tagesanbruch herumgehen.“ Klein Dorrit klopfte ein Mal, indem ſie ſich in Acht nahm nicht zu laut zu ſein, und horchte. Sie klopfte zwei⸗ mal eben ſo bedächtig und horchte. Alles blieb ſtarr und ſtill.„Maggy, wir müſſen uns ſo gut drein fügen, als wir können, mein Herz. Wir müſſen Geduld haben und den Tag erwarten.“ Es war eine fröſtelnde, dunkle Nacht, und es wehte ein feuchter Wind, als ſie wieder in die Hauptſtraße kamen und die Thurmuhren halb Zwei ſchlagen hörten.„Nur noch fünf und eine halbe Stunde,“ ſagte Klein Dorrit,„dann werden wir heimgehen können.“ Von der Heimath zu ſpre⸗ chen und nach ihr, die ſo nahe war, hinzugehen und nach ihr zu blicken, war ein natürlicher Zuſammenhang. Sie Klein Dorrits Abendgesellschaft. Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 165 gingen nach der geſchloſſenen Pforte und guckten durch ſie in den Hof.„Ich hoffe, er ſchläft einen geſunden Schlaf,“ ſagte Klein Dorrit, indem ſie einen der Riegel küßte,„und vermißt mich nicht.“ Die Pforte war ihnen eine ſo gute alte Bekannte und glich ſo einer Geſellſchafterin, daß ſie Maggy's Korb in einen Winkel ſtellten, um ihn als Sitz zu brauchen, und indem ſie ſich eng aneinander ſchmiegten, einige Zeit dort ausruh⸗ ten. So lange die Straße leer und ſchweigſam war, hatte Klein Dorrit keine Furcht, aber wenn ſie einen Fußtritt in der Ferne hörte oder einen Schatten ſich zwiſchen den Stra⸗ ßenlampen hinbewegen ſah, fuhr ſie zuſammen und flüſterte: „Maggy, ich ſehe Jemand kommen, Komm fort!“ Maggy pflegte dann mehr oder minder verdrüßlich aufzuwachen, und ſie wanderten ein wenig herum und kamen dann wieder zurück. So lange Eſſen etwas Neues und Vergnügliches war, hielt Maggy ſich ganz leidlich auf den Beinen. Als dieſe Periode aber vorüberging, fing ſie an über die Kälte zu klagen, fröſtelte und wimmerte.„Es wird bald vorbei ſein, Herzchen,“ ſagte Klein Dorrit geduldig.„O das iſt alles recht hübſch für Dich, Mütterchen,“ erwiderte Maggy,„aber ich armes Ding erſt zehn Jahre alt.“ Klein Dorrit legte den ſchweren Kopf auf ihren Buſen und ſchläferte ſie ein wie ein Kind. Und ſo ſaß ſie an der Pforte gleichſam allein da, blickte nach den Sternen auf und ſah die Wolken in ihrer 8 . 166 Vierzehntes Kapitel. wilden Flucht darüber hin fliegen— das war der Tanz bei Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. „Wenn es wirklich eine Abendgeſellſchaft wäre!“ dachte ſie einmal, als ſie ſo daſaß.„Wenn es hell und warm und ſchön wäre, und wenn es unſer Haus und mein armer guter Vater der Herr davon und nie innerhalb dieſer Mauern ge⸗ weſen wäre! Und wenn Mr. Clennam einer unſrer Beſucher wäre und wir nach einer fröhlichen Muſik tanzten und alle ſo heiter und wohlgemuth wären als wir nur ſein könnten — ich möchte wiſſen—“ Es öffnete ſich ihr eine ſolche ver⸗ wunderliche Ausſicht vor ihr, daß ſie ganz verloren in Stau⸗ nen da ſaß und nach den Sternen aufblickte, bis Maggy wieder klagte und aufzuſtehen und herumzugehen wünſchte. 3 Drei Uhr wurde es und halb vier Uhr, und ſie waren über die Londonbrücke geſchritten. Sie hatten den Andrang der Fluth gegen Hinderniſſe gehört, hatten mit Grauen durch den dunkeln Dunſt auf dem Strome hinabgeſchaut, hatten, wo die Lampen der Brücke ſich abſpiegelten, kleine Flecke erhellten Waſſers geſehen, die wie dämoniſche Augen mit einem furchtbaren Zauber für Elend und Schuld fun⸗ kelten. Sie waren ängſtlich vor heimathloſen Leuten, die in Winkeln zuſammengekrümmt lagen, vorübergeſchlüpft, ſie waren vor Trunkenbolden davongelaufen. Sie waren 1 erſchrocken vor herumſchleichenden Menſchen, die ſich an den Ecken von Seitengäßchen einander pfiffen und Zeichen gaben oder aufs Eiligſte davon rannten. Obwol Klein Dorrit, jetzt einmal froh über ihr jugendliches Aeußere, überall die Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 167 Leiterin und Führerin abgab, ſtellte ſie ſich doch, als ſchmiege ſie ſich vertrauend auf Maggy als Beſchützerin. Und mehr als einmal hatte eine Stimme aus einem Haufen lärmen⸗ der oder ſchweigſam herumſchweifender Geſtalten auf ihrem Wege den Uebrigen zugerufen:„Laßt das Frauenzimmer mit dem Kinde vorbei!“ So war denn das Frauenzimmer mit dem Kinde vorbei⸗ gegangen und weitergegangen, und es hatte auf den Kirch⸗ thürmen Fünf geſchlagen. Sie wanderten langſam nach Oſten zu und ſchauten bereits nach dem erſten bleichen Strei⸗ fen des Tageslichts aus, als ein Weib hinter ihnen herkam. „Was machen Sie da mit dem Kinde?“ ſagte ſie zu Maggy. Sie war jung— der Himmel weiß, viel zu jung, um hier zu ſein!— und weder häßlich noch von bösartigem Ausſehen. Sie ſprach rauh, aber nicht mit einer von Na⸗ tur rauhen Stimme; es war ſogar etwas Muſikaliſches in ihrem Tone. „Was machen Sie mit ſich ſelber hier?“ erwiderte Maggy in Ermangelung einer beſſern Antwort. „Können Sie's nicht ſehen, ohne daß ich's Ihnen ſage?“ „Ich wüßte nicht, daß ich's könnte,“ ſagte Maggy. „Umbringen will ich mich. Nun habe ich Ihnen geant⸗ wortet, antworten Sie auch mir. Was machen Sie mit dem Kinde hier?“ Klein Dorrit. II. 168 Vierzehntes Kapitel. Das vermeintliche Kind hielt ſeinen Kopf niedergebückt und ſchmiegte ſich eng an Maggy's Seite. „Das arme Ding!“ ſagte das Weib.„Haben Sie denn kein Erbarmen, daß ſie's in ſolcher Zeit wie dieſe hier in der unheimlichen Straße herumſchleppen? Haben Sie keine Augen, daß Sie nicht ſehen, wie zart und ſchwach ſie iſt? Haben Sie denn keinen Verſtand(Sie ſehen freilich nicht aus, als ob Sie viel hätten), daß Sie mehr Erbarmen haben mit dieſer kalten zitternden kleinen Hand?“ Sie war auf dieſe Seite hinübergegangen, hielt die Hand zwiſchen ihren beiden und rieb ſie.„Gieb einem ar⸗ men verlornen Geſchöpfe einen Kuß, Herzchen“, ſagte ſie, ihr Geſicht niederbeugend,„und ſage mir, wo ſie dich hin⸗ führt.“ Klein Dorrit wandte ſich ihr zu. „Ei du mein Gott!“ rief ſie zurückfahrend aus,„Sie ſind ein erwachſenes Frauenzimmer!“ „Laſſen Sie ſich das nicht kümmern“, ſagte Klein Dor⸗ rit, indem ſie eine der Haͤnde erfaßte, die plötzlich die ihre losgelaſſen hatten.„Ich fürchte mich nicht vor Ihnen.“ „Dann wäre es beſſer, Sie fürchteten ſich,“ antwortete ſie.„Haben Sie keine Mutter?“ „Nein.“ A „Keinen Vater?“ „Ja, einen Vater, den ich ſehr liebe.“ „Gehen Sie heim zu ihm und fürchten Sie ſich vor mir. Laſſen Sie mich fort. Gute Nacht.“ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 169 „Ich muß Ihnen erſt danken. Laſſen Sie mich zu Ihnen ſprechen, als ob ich wirklich ein Kind wäre.“ „Das können Sie nicht,“ ſagte das Weib.„Sie ſind gut und unſchuldig, aber Sie können mich nicht mit Kindesaugen anſehen. Ich würde Sie nie angerührt haben, wenn ich Sie nicht für ein Kind gehalten hätte.“ Und mit einem ſeltſamen wilden Aufſchrei ging ſie weg. Es war noch kein Tag am Himmel, aber es war Tag in den widerhallenden Steinen der Straßen, in den Laſtwagen, Karren und Kutſchen, in den Arbeitern, die nach ihren ver⸗ ſchiedenen Beſchäftigungen ausgingen, in den frühzeitig ſich öffnenden Läden, in dem Verkehr auf den Märkten, in dem Lärm am Fluſſe hin. Es war Tagesanbruch in den flimmern⸗ den Lichtern, die eine mattere Farbe an ſich hatten, als ſie zu einer andern Zeit gehabt haben würden, Tagesanbruch in der ſchneidenden Luft und in dem geſpenſtigen Abſterben der Nacht. Sie gingen wieder nach der Pforte zurück in der Abſicht, jetzt dort zu warten, bis ſie geöffnet würde. Aber die Luft war ſo rauh und kalt, daß Klein Dorrit, welche Maggy in ihrem Schlafe herumführte, in Bewegung blieb. Indem ſie um die Kirche herumging, ſah ſie Lichter da und die Thür offen und ging die Stufen hinauf und blickte hinein. „Wer da!“ ſchrie ein ſtämmiger alter Mann, der ſich eine Nachtmütze aufſetzte, als ob er in einer Gruft zu Bett gehen wollte. 12 170 Vierzehntes Kapitel. „O s iſt weiter niemand beſonderes, Sir,“ ſagte Klein Dorrit. „Halt!“ ſchrie der Mann.„Laßt'mal ſehen, wer Ihr ſeid.“ Dies veranlaßte ſie wieder umzukehren, als ſie eben hin⸗ ausgehen wollte, und ſich und ihren Zögling ihm vorzu⸗ ſtellen. „Das dachte ich,“ ſagte er.„Ich kenne Sie.“ „Wir haben uns einander oft geſehen,“ ſagte Klein Dor⸗ rit, die in ihm den Küſter oder Beadle oder Stabträger oder was er ſonſt war, erkannte,„wenn ich hier zur Kirche ging.“ „Mehr als das, wir haben Ihre Geburt in unſerm Re⸗ giſter; Sie ſind eine von unſern Curioſitäten.“ „So!“ ſagte Klein Dorrit. „Ei freilich. Als die Tochter des— beiläufig, wie kommt's, daß Sie ſo früh aus ſind?“ „Wir wurden geſtern Abend ausgeſchloſſen und warten darauf, hinein zu kommen.“ „Ei gar? Und es iſt noch eine Stunde bis dahin! Kommen Sie in die Sakriſtei. Sie werden ein Feuer in der Sakriſtei finden der Maler wegen. Ich warte auf die Maler, ſonſt würde ich nicht hier ſein, wie ſie ſich wol denken kön⸗ nen. Eine unſrer Curioſitäten darf nicht frieren, wenn wir's in unſrer Macht haben, Sie warm zu halten. Kommen Sie. Er war mit ſeiner zuthulichen Weiſe ein ſehr guter alter Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. 171 Geſell, und als er das Feuer in der Sakriſtei angeſchürt hatte, ſah er ſich auf den Bücherbrettern, wo die Regiſter ſtanden, nach einem beſondern Bande um.„Sehen Sie, hier ſtehen Sie,“ ſagte er, ihn herunternehmend und die Blätter umwendend.„Hier werden Sie ſich finden in Lebensgröße. Amy, Tochter von William und Fanny Dorrit. Geboren Marſhalſea⸗Gefängniß, Kirchſpiel St. George. Und wir ſa⸗ gen den Leuten, daß Sie die ganze Zeit, ſeitdem Sie dort ge⸗ wohnt haben, nie einen Tag oder eine Nacht weggeweſen wä⸗ ren. Iſt das wahr?“ „Vollkommen wahr bis auf die letzte Nacht.“ „Herrgott!“ Aber der bewundernde Blick, mit dem er ſie maß, belehrte ihn zugleich über etwas Anderes, über das nämlich, worauf er ſagte:„Es dauert mich, Sie müde und matt zu ſehen. Warten Sie einen Augenblick. Ich will aus der Kirche einige Kiſſen holen, und Sie und Ihre Freundin ſollen ſich vor dem Feuer niederlegen. Fürchten Sie nicht, daß Sie nicht zu rechter Zeit hineinkommen könnten zu Ih⸗ rem Vater, wenn die Pforte aufgeht. Ich werde Sie rufen.“ Er brachte bald die Kiſſen und legte ſie auf den Boden. „Sehen Sie, da haben wir Sie. Wieder in Lebens⸗ größe. O Sie brauchen ſich nicht zu bedenken. Ich habe auch Töchter. Und wenn ſie auch nicht im Marſhalſea⸗Gefängniß geboren wurden, ſo hätte das geſchehen können, wenn ich in meiner Weiſe die Dinge zu betreiben ein Mann vom Schlage Ihres Vaters geweſen wäre. Halt ein Bischen. Ich muß was unter das Kiſſen legen für Ihren Kopf. Hier iſt ein Begräb⸗ 172 Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. nißregiſter. Juſt das rechte Ding! Wir haben Mrs. Bang⸗ ham in dieſem Buche. Aber was dieſe Bücher intereſſant für die meiſten Leute macht, iſt nicht, wer in ihnen ſteht, ſondern wer nicht d'rin ſteht— wiſſen Sie, wer hineinkommen ſoll und wann er hineinkommen ſoll. Das iſt die intereſſante Frage.“ Mit einem zum Niederlegen ermunternden Blick auf das Bett, das er improviſirt, zurückblickend, überließ er ſie der Ruhe, die ihnen für eine Stunde beſchieden war. Maggy ſchnarchte bereits, und Klein Dorrit war bald feſt einge⸗ ſchlafen, indem ihr Haupt auf jenem verſiegelten Buche des Schickſals ruhte, unbekümmert um ſeine geheimnißvollen leeren Blätter. Dies war Klein Dorrits Abendgeſellſchaft. Die Schande, Verlaſſenheit, Elendigkeit und Blöße der großen Hauptſtadt, die Näſſe, die Kälte, die langſam hinſchwindenden Stunden und die raſch dahin jagenden Wolken der düſtern Nacht. Dies war die Abendgeſellſchaft, aus welcher Klein Dorrit ermüdet heimkehrte in dem erſten grauen Nebel eines regneriſchen Tages. — F 2 S — A 2 G 2 5 — 8 S : = 2 — Z ———————.————