Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 4 von— 5. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen mü eines Buches, eine dem Werthe deſſelbe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. ſſen, bei Entgegennahme. n entſprchende Summe e von mir zurückerſtattet 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 3 1 6 Bücher: 2 Nk. Pf. 1 1— uI u—„ 7— II 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſumnt Erſatz des Ganzen verp flichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8 —— —— Der Empfang. 6) 8 1 e a 8 GRLS DSCMENS(H O2 BEIPEIG VERLAG NON S. J. WEBER. — Voꝛ(Dickens). Sämmtliche Werke. Dreiundneunzigſter Band. — — KAlein Dorrit.— Erſter Theil. — ¹. 4*.— Peipzig 1 Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber.„ 1856. 3— Klein Dorrit. Roman von(Charles Dickens) Boz. In zwei Büchern. Aus dem Englischen unn Karit; Busch. Mit Vierzig Illuſtrationen von Hablot K. Browne. Erſter Theil. — Peipzig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1856. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. Inhaltsverzeichniss. Erſtes Buch: Armuth. Erſter Theil. . Seite 1. Kapitel: Sonne und Schatten........... 3 2.„ Reiſegefährten.............. 31 3. In der Heimath........ 57 4.„ Mrs. Flintwinch hat einen n Traum...... 83 5. 2 Familienangelegenheiten.......... 89 6.„ Der Vater des Marſhalſea......... 112 7.„ Die Tochter des Marſhalſea......... 132 8.„ Hinter Schloß und Riegel.......... 154 Zweiter Theil. 9. Kapitel: Mütterchen.. 8 1 10. 7 Enthält die ganze Wiſſenſch aft des Nscxeis.. 28 11. 7 Los gelaſſen..... 67 12.„ Der Hof zum Blutenden Herzen........ 8 ¾ 13. 32 Patriarchaliſch.............. 1 04 14.„ Klein Dorrits Abendgeſellſchaft........ 149 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 25. 26. 27. 28. 29. Inhaltsverzeichniß. Dritter Theil. Rapitel: Mrs. Flintwino hat wieder einen Traum. „ 23. Rapitel: 24. 1 1 2 2 „ „ 30. Rahitol⸗ „ „„ Niemandes Schwäche Niemandes Nebenbuhler Klein Dorrits Freier.. Der Vater des Marſhalſea in aaſbiddenen vrie. hungen.... Wie man ſich in Geſellſchaft beueii...... Mr. Merdle's Uebel...... Eine Räthſelfrage........ Vierter Theil. Die Maſchinerie in Maiweduns.. Wahrſagerei.. Verſchwörer und andere Leute...... Niemandes Gemüthszuſtand......... Fünfundzwanzig........ Niemandes Verſchwinden:....... Mrs. Flintwinch fährt fort zu träumen..... Fünfter Theil. Das Wort eines Gentleman. Hochſinn.......... Mehr Wahrſagerei.......... Mr. Merdle s Uebel......... Eine ganze Sandbank voll Barnacles.. Was hinter Mr. Pancks auf Klein Dorrits Dan war Der Marſhalſea wird eine Waiſe.... 1ͤ . Kapitel: Inhaltsverzeichniß. Zweites Buch: Reichthum. Sechſter Theil. Reiſegefährten. Mrs. General. Auf der Straße Ein Brief von Klein Dorrit.. Es geht irgendwo nicht mit rechten Dingen zu Es geht irgendwo mit rechten Dingen zu Meiſtentheils Pflaumen und Prismen Siebenter Theil. :Die hochgeborne Mrs. Gowan beſinnt ſich, di es durchaus nicht anders geht. Kommen und Verſchwinden.. Die Träume von Mrs. Flintwinch nehra ſa Ein Brief von Klein Dorrit. 4 Eine große patriotiſche Verſammlung. Die Fortſchritte einer Hidemiſchen Krankheit Raths erholen..... Achter Theil. :Keine gerechte Urſache oder Behinderung, warum dieſe beiden Perſonen nicht getraut werden ſollten.............. In London. Vermißt.. Ein Luftſchloß.. Der Sturm auf das Luftſchloß.. Welches dem nächſten zur Einleitung dient. Die Geſchichte einer Selbſtquälerin Wer reitet dieſes Wegs ſo ſpät? VII 30. 31. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 32. 33. Napitel: 2 Inhaltsverzeichniß. Neunter Theil. Seite 23. Rapitel: Mrs. Affery gibt ein bedingtes Werſhetchen Virſä lich ihrer Träume.. 1 Der Abend eines langen Tages... 24 Der Haushofmeiſter gibt die Anisſide zuig.. 43 Sie ernten Sturm... 60 Der Zögling des Marſhalſea. 77 Eine Erſcheinung im Marhalſea....... 104 Eine Bitte im Marſhalſea.......... 139 Zehnter Theil. Die Stunde naht............ 1 Die Stunde iſt da............ 46 Zum Schluß.............. 63³ Zum Schluß.............. 77 Schluß................ 96 III. Jllustrationenverzeichniss B Seite I. Cheil: Die Vögel im Käfig........... 7 Unter dem Mikroskop. 5³ Mr. Flintwinch ſchlägt ſich als ein in Freund in 1' Mittel 101 Das Zimmer mit dem Porträt... 108 „ Mitterchen... 24 Davonlaufen........ 57 Mr. F.'s Tante wird abgeführt...... 134 Klein Dorrits Abendgeſellſchaft........ 165 „ Mr. und Mrs. Füntwinch. 16 Die Fähre.... 46 Die Brüder.. 82² Miß Dorrit und Klein Dorrit. 109 „ Beſuch in der Werkſtätte....... 8 Die Geſchichte von der Painzeſſi....... 62 Fünfundzwanzig........... 131 Fortſchwimmen........... 148 „ Mr. Flintwinch hat einen delmndeß un von Ras⸗ barkeit....... 1 Die Bewirthung der Penſionäre... 52 Die Geſellſchaft drückt ihrs Anſichten über das da. rathen aus........ 83 Das Marſhalſea wird eine Waiſe.. 154 Illuſtrationenverzeichniß. Zu Seite VI. Theil: Die Reiſenden...... 13 Die Würde der Familie wird beeinträchtigt.... 56 Der Inſtinkt iſt ſtärker als die Dreſſur.. 121 Mr. Sparkler unter einem Wechſel von Zufällen.. 130 VII.„ Geſtrenges Auftreten von Mr. F. 22 Tante... 45 Mr. Flintwinch empfängt die Umarmung der Freund⸗ ſchaft........... 63 . Die patriotiſche Conferenz....... 104 Baptiſt ſcheint Etwas geſehen zu haben..... 118 VIII.„ Suchen und Träumen......... 62 Begrüßung eines alten Freundes....... 67 Eine unerwartete Macüiſce„Mede........ 96 Die Nacht........... 104 IN.» Fuuns Trthecluntton......... 18 Mr. Merdle als Borger......... 42 An Mr. John Chivery's Ph vis.. 87 Im alten Zimmer.......... 119 X.„ Damocles.......... 45 Der dritte Band der guzewiche....... 117 Der Empfang........... Titelbild — Erstes Buch. Armuth. „—— . ₰4 Erötes Rapitel. Sonne und Schatten. Es war vor dreißig Jahren. Der Tag war heiß. Mar⸗ ſeille brannte förmlich in der Sonne. Eine ſengende Sonne, die auf einen grimmig heißen Auguſttag herabſieht, war in Südfrankreich damals eben keine größere Seltenheit, als je vor oder nachher. Alle Welt in und um Marſeille hatte mit grellem ſtarrem Blicke nach dem glühenden Himmel emporgeſehen und war dafür wieder mit grellem ſtarrem Blicke angeſehen worden, bis dieſer grelle ſtarre Blick geradezu allgemeine Gewohnheit geworden war. Fremde blickten, bis ihnen die Augen übergingen, auf grell und ſtarr blickende weiße Häuſer, grell und ſtarr blickende weiße Wände, grell und ſtarr blickende weiße Gaſſen, grell und ſtarr blickende Strecken ausgedörrter Landſtraßen, grell und ſtarr blickende Berge, deren Grün weggeſengt war. Das Einzige, was nicht ganz unabänderlich hell und grell blickte, waren die Rebſtöcke, die ſich unter ihrer Traubenlaſt zu Bo⸗ 1*† “ = 4. Erſtes Kapitel. den ſenkten. Dieſe nickten allerdings gelegentlich ein wenig, aber nur ein ganz klein wenig, da die heiße Luft ihre ſchlaff. herabhängenden Blätter kaum bewegte. Kein Windhauch war zu ſpüren, der das trübe Waſſer im Hafen oder auf der ſchönen klaren See draußen gekräuſelt hätte. Die Grenzlinie zwiſchen den beiden Farben, Schwarz und Blau, zeigte den Punkt, welchen die reine See nicht überſchreiten wollte, aber ſie lag ſo ruhig wie der abſcheu⸗ liche Pfuhl, mit dem ſie ſich nie vermiſchte. Boote ohne Sonnenzelte waren zu heiß zum Anfaſſen. Schiffe be⸗ deckten ſich an ihren Hafenankern mit Hitzblaſen. Die Steine an den Quais hatten ſich Monate lang Tag und Nacht nicht abgekühlt. Hindus, Ruſſen, Chineſen, Spa⸗ nier, Porkugieſen, Engländer, Franzoſen, Genueſen, Nea⸗ politaner, Venetianer, Griechen, Türken, Abkömmlinge von allen möglichen Leuten, die am Babelthurme bauen gehol⸗ fen, ſuchten, nach Marſeille in Geſchaͤften gekommen, mit gleicher Eile den Schatten auf, indem ſie ſich in jedes Ver⸗ ſteck flüchteten, das Schutz verſprach vor einer See, zu tief blau, um das Anſchauen zu geſtatten, und vor einem Pur⸗ purhimmel, der mit einem einzigen großen feurig flammen⸗ den Juwel beſetzt war. Der grelle ſtarre Blick, der einem überall begegnete, machte Augenſchmerzen. Nach dem fernen Strande der ita⸗ lieniſchen Küſte hin allerdings wurde er ein wenig durch leichte Nebelwolken gemildert, welche langſam von der Aus⸗ dünſtung der See aufſtiegen; ſonſt aber milderte er ſich Sonne und Schatten. 5 nirgends. In weiter Ferne blickte die Landſtraße mit tiefem Staube bedeckt grell und ſtarr von den Berglehnen, grell und ſtarr aus den Schluchten, grell und ſtarr von der end⸗ loſen Ebene her. In weiter Ferne hingen die beſtäubten Reben, welche Hütten am Wege überſpannen, und die ein⸗ tönigen Alleen verſengter Bäume ohne Schatten, welche die Straße beſäumten, unter dem grellen und ſtarren Blicke von Erde und Himmel traurig die Köpfe. Daſſelbe thaten die Pferde, die behangen mit ſchläfrig klingenden Schellen in langen Reihen von Frachtwagen langſam nach dem Binnen⸗ lande zu ſchlichen; daſſelbe ihre in die Schoßkelle gelager⸗ ten Fuhrleute, wofern ſie wach waren, was ſelten der Fall war; daſſelbe die erſchöpften Arbeiter auf den Feldern. Alles was lebte und webte, war niedergedrückt von dem glü⸗ henden Sonnenſchein, ausgenommen die Eidechſe, die flink über rauhe Steinmauern hinhuſchte, und die Grille, die aus heißer Kehle ihr trocknes Gezirp wie eine Klapper hören ließ. Selbſt der Staub war braun gebrannt, und es war ein Zit⸗ tern in der Atmoſphäre, als ob ſogar die Luft vor Hitze ächze. 8 Rouleaux, Sommerläden, Vorhänge, Marquiſen waren alle geſchloſſen und herabgezogen, um den grellen ſtarren Sonnenblick abzuhalten. Erlaubte man ihm auch nur eine Ritze oder ein Schlüſſelloch, auf der Stelle war er drinnen wie ein weißglühender Pfeil. Die Kirchen waren von ihm noch am meiſten befreit. Aus der Dämmerung ihrer Pfeiler und Bogengänge, in denen träumeriſche Lampen gau⸗ 6 Erſtes Kapitel. kelten und ein träumeriſches Volk garſtiger alter Schatten andächtig nickte, ſpukte und bettelte, heraustreten, hieß in einen Feuerſtrom hineinplumpen und in Todesangſt nach dem nächſten beſten Streifen Schattens ſchwimmen. In dieſer Art, wo jedes ſchattige Plätzchen mit hingelagerten Faullenzern beſetzt, wo nur wenig Stimmengeſumm und Hundegebell zu hören war, wo gelegentlich mißgeſtimmte Kirchenglocken bimmelten und gottloſe Trommeln dazwiſchen raſſelten, lag Marſeille an jenem Tage förmlich bratend in der Sonne— eine Thatſache, die deutlich zu riechen und zu ſchmecken war. In Marſeille warzu jener Zeit ein abſcheuliches Gefängniß. In einer ſeiner Zellen, einem Raume ſo abſtoßend, daß ſelbſt jener grelle ſtarre Sonnenblick mit ſeiner Zudringlichkeit da⸗ vor die Augen ſchloß und ihm nur ſo viel von ſeinem zu⸗ rückprallenden Lichte ließ, als es ſich ſelbſt anzueignen im Stande war, befanden ſich zwei Männer. Außer den beiden Männern waren darin eine vielzerſchnitzelte, krüppelhafte Bank, die an die Wand feſtgemacht war und auf welche eins mit einem Meſſer ein rohes Damenbret eingekratzt hatte, ein Damenſpiel, gemacht aus alten Knöpfen und Suppen⸗ knochen, eine Paktie Dominoſteine, zwei Matten und zwei oder drei Weinflaſchen. Das war Alles, was das Zim⸗ mer enthielt, mit Ausnahme der Ratten und andern unſicht⸗ baren Ungeziefers ſowie des ſichtbaren Ungeziefers, der bei⸗ den Menſchen. Das Licht, welches es überhaupt bekam, empfing es 44 u un ſahgg ln —— „ Sonne und Schatten. 7 durch ein Gitter von Eiſenſtangen, das wie ein ziemlich gro⸗ ßes Fenſter geformt war, und durch welches der Kerker ſtets von der düſtern Treppe in Augenſchein genommen wer⸗ den konnte, auf welche das Gitter hinausging. Dieſes Git⸗ ter hatte einen breiten ſtarken Sims, wo der untere Theil deſſelben in das Mauerwerk eingelaſſen war, drei oder vier Fuß über dem Boden. Auf dieſem Sims lehnte der eine der beiden Männer in halb ſitzender halb liegender Stel⸗ lung, indem er die Knie emporgezogen und ſeine Füße und Schultern gegen die beiden gegenüber befindlichen Sei⸗ ten der Oeffnung geſtemmt hatte. Die Eiſenbarren waren weit genug auseinander, um ihm das Durchſtecken ſei⸗ nes Arms bis zum Ellbogen zu geſtatten, und ſo hielt er ſich der größern Bequemlichkeit halber in nachläſſiger Lage an. Alles trug hier den Stempel des Kerkers. Die einge⸗ kerkerte Luft, das eingekerkerte Licht, die eingekerkerten feuchten Dünſte, die eingekerkerten Menſchen waren ſämmt⸗ lich durch die Einſperrung verdorben. Wie die Gefangenen abgezehrt und hohläugig waren, ſo war das Eiſen verroſtet, der Stein feucht, das Holzwerk verfault, die Luft beklem⸗ mend, das Licht trübe. Wie ein Brunnen, wie ein unter⸗ irdiſches Gewölbe, wie eine Gruft war der Kerker ohne Be⸗ wußtſein von dem hellen Sonnenſchein draußen und würde ſeine verdorbene Atmoſphäre ungeſchmälert bewahrt wenn auch die Gewürzinſeln des indiſchen Oceans e Thüre gelegen hätten. 8 Erſtes Kapitel. Den Mann auf dem Gitterſimſe ſchien es ſogar zu frö⸗ ſteln. Er wickelte ſeinen großen Mantel mit einer haſti⸗ gen Bewegung der einen Schulter ſchwerer um ſich und brummte:„Zum Teufel mit dieſer ſchurkiſchen Sonne, die niemals hier herein ſcheint!“ 3 Er wartete auf ſeine Atzung, indem er ſeitwärts durch die Eiſenſtäbe blickte, um weiter die Treppe hinabſehen zu können, wobei er viel von dem Ausdrucke eines wilden Thieres hatte, welches Aehnliches erwartet. Aber ſeine Au⸗ gen, zu nahe aneinander, ſaßen nicht ſo edel in ſeinem Ge⸗ ſichte, als die des Königs der Thiere in dem ſeinen, und ſie waren eher ſcharf als hell— ſpitze Waffen mit wenig Fläche, ſie zu verrathen. Sie hatten keine Tiefe und keinen Wechſel des Blicks, ſie blitzten, und ſie öffneten und ſchloſ⸗ ſen ſich. Inſofern und indem er ſich ihrer für ſich ſelbſt be⸗ dient hätte, würde ein Uhrmacher ein beſſeres Paar haben anfertigen können. Er hatte eine Habichtsnaſe, die in ihrer Art hübſch war, aber zu hoch zwiſchen den Augen ſaß und zwar ungefähr in demſelben Verhältniß, als ſeine Augen ſich einander zu nahe ſtanden. Im Uebrigen war er lang und ſchlank von Geſtalt, hatte ſchmale Lippen, wo ſein ſtarker Schnurrbart ſie überhaupt ſehen ließ, und eine Fülle trocknen Haares, welches in ſeinem wirren Zuſtande keine beſtimmte Farbe hatte, aber mit Roth durchſchoſſen war. Die Hand, mit welcher er ſich am Gitter feſthielt(über den ganzen Rücken mit häßlichen, erſt neuerdings geheilten Schrammen geſäumt) war ungewöhnlich klein und fleiſchig und würde Sonne und Schatten. 6 ohne den Gefängnißſchmuz auch ungewöhnlich weiß gewe⸗ ſen ſein. Der andere Gefangene lag auf dem Steinpflaſter, bedeckt mit einem groben braunen Rocke. „Steh auf, Du Schwein,“ brummte der Erſte.„Schlaf nicht, wenn ich hungrig bin.“ „s iſt Alles eins, mein Herrchen,“ ſagte das Schwein in unterwürfigem Tone und nicht ohne gute Laune.„Ich kann wachen, wenn ich will, und ſchlafen, wenn ich will, 's iſt Alles einerlei.“ Indem er dies ſagte, ſtand er auf, ſchüttelte ſich, kratzte ſich, knüpfte ſich ſeinen braunen Rock mit den Aermeln loſe um den Hals(er hatte ihn vorher als Decke benutzt) und ſetzte ſich gähnend auf das Steinpflaſter, ſo daß er ſich mit dem Rücken an die Wand gegenüber dem Gitter lehnte. „Welche Zeit iſt es?“ fragte mürriſch der Erſte. „Die Mittagſtunde wird ſchlagen in— in vierzig Mi⸗ nuten.“ Als er die kleine Pauſe machte, hatte er ſich in dem Raume des Kerkers umgeſehen, als ob er ſich genau über die Zeit verſichern wollte. „Du biſt eine wahre Uhr. Wie kommt's, daß Du das immer weißt?“ „Ja wie kann ich das ſagen. Ich weiß immer, was die Uhr iſt und wo ich bin. Ich wurde bei Nacht hier hereinge⸗ bracht und aus einem Boote, aber ich weiß, wo ich bin. Sehen Sie hier! Das iſt der Marſeiller Hafen,“ er kniete dabei auf das Pflaſter und zeichnete Alles mit ſeinem ſonnen⸗ 10 Erſtes Kapitel. gebräunten Zeigefinger hin.„Da iſt Toulon(wo die Ga⸗ leerenſclaven ſind), hier drüben Spanien, Algier da drüben. Da nach links hinausbiegend Nizza. Da um die Landecke nach Genua. Genua's Molo und Hafen. Quarantäne⸗Hafen. Stadt da, der Terraſſen⸗Garten über und über roth von Belladonna. Hier Porto Fino. Da geht'’s nach Livorno. Da wieder hinaus nach Civita Vecchia. Und ſo fort nach— he! da iſt kein Platz für Neapel,“ er war nämlich jetzt bis an die Wand gekommen,„aber's iſt einerlei;'s liegt da drinnen.“ Er blieb auf ſeinen Knien und ſah mit einem Blicke, der für ein Gefängniß recht lebhaft war, zu ſeinem Mitge⸗ fangenen empor. Es war ein ſonnenverbrannter, flinker, ge⸗. ſchmeidiger kleiner Mann, wiewohl etwas unterſetzt. Er hatte Ohrringe in ſeinen braunen Ohren, weiße Zähne, die aus ſeinem ſeltſamen braunen Geſichte herausblitzten, tief⸗ ſchwarzes Haar, das ſich um ſeinen braunen Hals ringelte, ein zerlumptes rothes Hemd, das über ſeiner braunen Bruſt offen war. Weite Matroſenbeinkleider, gute Schuhe, eine lange rothe Mütze, eine rothe Schärpe um die Hüften und ein Meſſer darin vervollſtändigten ſeinen Anzug. „Denken Sie ſich, daß ich von Neapel zurückkomme, wie ich hingegangen bin. Sehen Sie her, mein Herrchen! Ci⸗ vita Vecchia, Livorno, Porto Fino, die Landecke, gegenüber von Genua(welches hier drinnen ſteckt) Marſeille, Sie und ich. Die Stube des Schließers mit ſeinen Schlüſſeln iſt hier, wo ich meinen Daumen herſtelle, und hier an meiner Sonne und Schatten. 11 Handwurzel bewahren ſie das Nationalraſirmeſſer in ſeiner Scheide— hier iſt die Guillotine eingeſchloſſen.“ Der andere Mann ſpie plötzlich auf das Steinpflaſter und gurgelte in ſeiner Kehle. Irgend ein Schloß unten gurgelte unmittelbar nachher in ſeiner Kehle, und dann klapperte eine Thür. Langſame Schritte begannen die Treppe heraufzuſteigen, das Geplapper eines holden Stimmchens miſchte ſich mit dem Geräuſche, das ſie verurſachten, und der Gefängnißwärter erſchien. Er trug ſein drei⸗ oder vierjähriges Töchterchen und einen Korb. „Wie geht's, wie ſteht's heute Morgen, meine Herr⸗ ſchaften? Meine Kleine, wie Sie ſehen, die mit mir herauf⸗ geht, um ſich ihres Vaters Vögel zu beſehen. Pfui denn! Guck da die Vögel, mein Schatz, guck da die Vögel.“ Während er das Kind nach dem Gitter emporhielt, ſah er ſelbſt mit ſcharfem Blicke nach den Vögeln, namentlich nach dem kleinen Vogel, in deſſen lebhaftes Weſen er Miß⸗ trauen zu ſetzen ſchien.„Ich habe Ihr Brot gebracht, Signor Johann Baptiſt“ ſagte er(ſie ſprachen alle franzö⸗ ſiſch, aber der kleine Mann war ein Italiener),„und wenn ich Ihnen empfehlen dürfte, nicht zu ſpielen—“ „Sie empfehlen dies ja dem Herrchen nicht,“ ſagte Jo⸗ hann Baptiſt, indem er beim Lächeln die Zähne wies. „Oh, aber das Herrchen gewinnt allemal,“ erwiderte der Schließer, indem er auf den andern Mann einen flüch⸗ tigen Blick warf, in welchem ſich eben keine beſondere Zu⸗ neigung ausdrückte,„und Sie verlieren.'s iſt ganz was Erſtes Kapitel. Anders. Sie kriegen auf die Art Kleienbrot und ſauren Wein, und er kriegt Lyoner Würſtchen, Kalbsbraten in ſaf⸗ tigem Gelé, Weißbrot, Strachinokäſe und guten Wein. Guck da die Vögel, mein Schatz.“ „Die armen Vögel!“ ſagte das Kind. Das holde Geſichtchen, auf dem ſich, als es ängſtlich durch das Gitter ſah, göttliches Mitleid ſpiegelte, war in dem Gefängniſſe gleich dem eines Engels. Johann Baptiſt erhob ſich und ging darauf zu, wie wenn es eine Anziehungs⸗ kraft zum Guten hin auf ihn ausübe. Der andere Vogel aber verblieb wie vorher, ausgenommen, daß er einen un⸗ geduldigen Blick auf den Korb warf. „Bleib mal ſtill hier!“ ſagte der Schließer, indem er ſein Töchterchen auf den äußern Sims des Gitters ſetzte. „Sie ſoll die Vögel füttern. Dieſes große Brot iſt für Signor Johann Baptiſt. Wir müſſen's zerbrechen, ſonſt geht's nicht in den Käfig. So, das iſt ein zahmer Vogel, der darf's Händchen küſſen.— Dieſe Wurſt in einem Weinblatte iſt für Monſieur Rigaud. Item, dieſes Stück Kalbsbraten in ſaftigem Gelé iſt für Monſieur Rigaud. Item, dieſe drei kleinen Weißbrote ſind für Monſieur Rigaud. Item, dieſer Käſe— item, dieſer Wein— item, dieſer Tabak— Alles miteinander für Monſieur Rigaud. Ein glücklicher Vogel!“ Das Kind ſchob alle dieſe Gegenſtände zwiſchen den Eiſenbarren in die weiche, glatte, wohlgebildete Hand mit offenbarer Furcht, indem ſie die ihrige mehr als einmal zu⸗ rückzog und den Mann mit einem Ausdruck auf der gerun⸗ 2 5 Sonne und Schatten. 13 zelten Stirn anſah, der halb Angſt, halb Zorn war. Da⸗ gegen hatte ſie das Stück groben Brotes mit bereitwilligem Zutrauen in die braunen, narbenzerriſſenen, knotigen Hände Johann Baptiſts gelegt(welcher an ſeinen acht Fingern und zwei Daumen ſchwerlich ſo viel Nagel hatte, daß es einen von Monſieur Rigaud ausgemacht hätte) und als er ihr die Hand geküßt, hatte ſie ihm mit der ihrigen das Geſicht ge⸗ ſtreichelt. Monſieur Rigaud, gleichgültig gegen dieſe Aus⸗ zeichnung, verſöhnte den Vater dadurch, daß er der Tochter zulachte und zunickte, ſo oft ſie ihm etwas hinreichte, und ſobald er alle ſeine Eßwaaren in bequem gelegenen Winkeln des Simſes, auf den er lehnte, um ſich hatte, begann er mit Appetit zu eſſen. Wenn Monſieur Rigaud lachte, ſo fand in ſeinem Ge⸗ ſichte eine Veränderung ſtatt, die mehr merkwürdig als ein⸗ nehmend war. Sein Schnurrbart ſträubte ſich nach ſeiner Naſe empor, und ſeine Naſe ſenkte ſich herab über ſeinen Schnurrbart, was ihm einen ſehr unheimlichen und grauen⸗ vollen Ausdruck gab. „Da!“ ſagte der Schließer, indem er den Korb um⸗ kehrte, um die Brocken herauszuklopfen.„Ich habe alles Geld ausgegeben, welches ich empfing, hier iſt eine Rech⸗ nung darüber, und damit wären wir fertig. Monſieur Ri⸗ gaud, wie ich geſtern erwartete, ſieht der Präſident heute Nachmittag um ein Uhr dem Vergnügen Ihrer Geſellſchaft entgegen.“ „um mich zu verhören, he?“ ſagte Rigaud, indem er Erſtes Kapitel. mit dem Meſſer in der Hand und dem Biſſen im Munde ſtockte. „Wie Sie ſagen. Um Sie zu verhören.“ „Für mich giebt's nichts Neues?“ fragte Johann Bap⸗ tiſt, welcher gelaſſen ſein Brot hinterzuwürgen begonnen hatte. Der Schließer zuckte mit den Achſeln. „Heilige Mutter Gottes! Soll ich all mein Lebtag hier liegen, mein Vater?“ „Was weiß ich!“ rief der Schließer, indem er ſich mit ſüdlicher Raſchheit zu ihm wendete und mit beiden Händen und allen Fingern geſticulirte, als drohe er ihn in Stücke zu reißen.„Mein Freund, wie iſt es menſchenmöglich für mich, Ihnen zu ſagen, wie lange Sie hier liegen ſollen? Was weiß ich's, Johann Baptiſt Cavaletto? Tod und Teu⸗ fel! Es ſind hier mitunter Gefangene, die ſich gar nicht ſo hölliſch darnach reißen, ins Verhör zu kommen.“ Er ſchien bei dieſer Bemerkung im Stillen Monſieur Rigaud im Auge zu haben. Aber Monſieur Rigaud hatte bereits ſeine Mahlzeit wieder begonnen, wenn auch nicht mit ſo raſchem Appetite als vorher. „Adieu, meine Vögel!“ ſagte der Gefängnißwärter, in⸗ dem er ſein hübſches Kind auf den Arm nahm und es mit einem Kuſſe zur Wiederholung der Worte aufforderte. „Adieu, meine Vögel!“ wiederholte das hübſche Kind. Als er mit ihr wegging und ihr das Kinderliedchen vorſang: Sonne und Schatten. 15 „Wer geht vorbei den Weg ſo ſpät? Compagnon de la Majolaine! Wer geht vorbei den Weg ſo ſpät? Immer froh!“ blickte ihr unſchuldiges Geſicht ſo heiter über ſeine Schulter, daß Johann Baptiſt es als Ehrenpunkt anſah, am Gitter in richtigem Tact und Tone, wenngleich ein wenig heiſer, weiter zu ſingen: „Die Blum' iſt's aller Ritterſchaft, Compagnon de la Majolaine! Die Blum' iſt's aller Ritterſchaft, Immer froh!“ Dies begleitete ſie ſo weit hinab die wenigen ſteilen Stufen, daß der Gefängnißwärter zuletzt ſtehen bleiben mußte, damit ſeine kleine Tochter das Lied bis zu Ende hören und den Refrain wiederholen konnte, ſo lange ſie noch in Sicht waren. Dann verſchwand des Kindes Kopf und dann des Schließers Kopf, aber die kleine Stimme ſetzte die Strophe fort, bis die Thür zuklappte. Monſieur Rigaud, der den lauſchenden Johann Baptiſt ſich im Wege fand, ehe das Echo ſich beruhigt hatte(ſelbſt das Echo war ſchwächer in der Einkerkerung und ſchien zu zaudern), erinnerte ihn mit einem Fußtritte, daß er beſſer thäte, ſeinen eignen dunklen Platz wieder einzunehmen. Der kleine Mann ſetzte ſich wieder auf das Steinpflaſter hin und zwar mit der nachläſſigen Unbekümmertheit eines Men⸗ ſchen, der ſich durchaus ans Sitzen auf dem Pflaſter gewöhnt hat, und indem er drei Klumpen groben Brotes vor ſich hin⸗ Erſtes Kapitel. legte und ſich über einen vierten hermachte, begann er ge⸗ laſſen ſich durch ſie hindurchzuarbeiten, als ob ihre Ver⸗ tilgung eine Art Spiel wäre. Vielleicht warf er einen verſtohlenen Blick auf die Lyo⸗ ner Wurſt, und vielleicht warf er einen andern verſtohlenen Blick auf den Kalbsbraten im ſaftigen Gelé, aber ſie waren nicht lange da, um ihm den Mund wäſſern zu machen. Monſieur Rigaud machte ihnen raſch den Garaus, trotz Präſident und Tribunal, und ging dann daran, ſich die Finger ſo rein zu lecken, als er konnte, und ſie dann mit ſeinen Weinblättern abzuwiſchen. Dann, als er im Trinken eine Pauſe machte, um ſeinen Gefängnißkameraden zu be⸗ trachten, ſträubte ſich ſein Schnurrbart und ſenkte ſich ſeine Naſe. „Wie finſt Du das Brod?“ „Ein bischen trocken, aber ich habe meine alte Sauce hier,“ entgegnete Johann Baptiſt, indem er ſein Meſſer em⸗ porhielt. „Inwiefern Sauce?“ „Ich kann mein Brod ſo ſchneiden— wie eine Melone. Oder ſo— wie einen Eierkuchen. Oder ſo— wie einen gebackenen Fiſch. Oder ſo— wie Lyoner Würſtchen,“ ſagte Johann Baptiſt, während er die verſchiedenen Tranchirſy⸗ ſteme an dem Brode, das er in der Hand hielt, verdeutlichte und gelaſſen kaute, was er im Munde hatte. „Hier!“ rief Monſieur Rigaud.„Trink. Du magſt's austrinken.“ Sonne und Schatten. 17 Es war keine große Gabe; denn es war entſetzlich wenig Wein darin geblieben. Aber Signor Cavaletto nahm, in⸗ dem er auf die Füße ſprang, die Flaſche dankbar an, goß den Inhalt in den Mund und leckte ſich ſchnalzend die Lippen.. „Stelle die Flaſche zu den übrigen hin,“ ſagte Rigaud. Der kleine Mann gehorchte ſeinem Befehle und ſtand bereit, ihm ein angezündetes Schwefelholz zu reichen; denn jener rollte ſich ſeinen Tabak in Cigaretten, indem er ſich dabei kleiner viereckiger Papierſtreifen bediente, die mit ihm hereingekommen waren. „Hier! Da iſt eine für Dich.“ „Tauſend Dank, mein gutes Herrchen!“ Johann Bap⸗ tiſt ſagte es in ſeiner Mutterſprache und in der raſchen ge⸗ winnenden Weiſe ſeiner Landsleute. Monſieur Rigaud erhob ſich, zündete ſich eine Cigarre an, ſteckte den Reſt ſeines Vorraths in eine Bruſttaſche und ſtreckte ſich ſeiner vollen Länge nach auf die Bank. Cava⸗ letto ſetzte ſich auf den Steinboden, faßte mit jeder Hand einen ſeiner Knöchel an und ſchmauchte friedlich vor ſich hin. Die unmittelbare Nachbarſchaft von dem Theile des Steinpflaſters, wo der Daumen auf dem Plane geweſen war, ſchien auf Monſieur Rigauds Augen eine unbequeme Anziehungskraft auszuüben. Sie wurden ſo ſehr nach die⸗ ſer Richtung hingezogen, daß der Italiener ihnen mit einiger Verwunderung mehr als einmal hin und zurück folgte.“ „Was für ein Höllenloch dies iſt!“ ſagte Monſieur Ri⸗ Klein Dorrit. 2 Erſtes Kapitel. gaud, indem er eine lange Pauſe unterbrach.„Sieh mal das Licht des Tages. Des Tages? Es iſt das Licht von geſtern vor acht Tagen, das Licht von heute vor ſechs Mo⸗ naten, das Licht von heute vor ſechs Jahren, ſo matt und todt iſt es.“ Es kam dämmernd durch eine viereckige ſchornſteinartige Röhre herab, welche von einem Fenſter in der Treppenwand verdeckt wurde, durch das weder der Himmel noch ſonſt etwas anderes zu ſehen war. „Cavaletto,“ ſagte Monſieur Rigaud, indem er ſeine Blicke von dieſer Röhre, nach welcher Beide unwillkürlich die Augen gerichtet hatten, plötzlich abwendete,„Du weißt, daß ich ein Mann von Stande bin.“ „Freilich, freilich!“ „Wie lange ſind wir nun ſchon hier?“ „Ich, elf Wochen morgen Nacht zwölf Uhr. Sie, neun Wochen und drei Tage heut Nachmittag fünf Uhr.“ „Habe ich hier jemals etwas gethan? Jemals den Beſen angerührt oder die Matten gebreitet oder ſie aufgerollt, oder die Damenſteine geſucht oder die Dominos zuſammenge⸗ leſen oder meine Hand zu irgend einer Art Arbeit herge⸗ liehen?“ „Niemals.“ „Haſt du je daran gedacht, von mir irgend welche Ar⸗ beit zu erwarten?“ Johann Baptiſt antwortete mit jener eigenthümlichen Geſte, wo die Hand umgewandt und der rechte Zeigefinger 8 e un Schatten. geſchüttelt wird, und welche in der italieniſchen Sprache die entſchiedenſte Verneinung bedeutet. „Alſo nein? Du wu wo Du mich hier ſahſt, war?“ „Altro!“ erwiderte Johann ſchloß und ſeizgem Kopfe einen und zum Nicken Das Wort iſt i deutung eife Bekräftigung, eine Widerlegung, eine Be⸗ hauptung, eine Verneinung, eine Verhöhnung, ein Compli⸗ ment, ein Scherz und fünfzig andere Dinge mehr. Im gegen⸗ wärtigen Falle aber war es, und zwar in einer Bedeutung, die alle Kraft des Ausdrucks durch die Schrift überſteigt, unſer wohlbekanntes:„Na das will ich meinen!“ „Haha! Da haſt Du Recht. Ein Mann von Stande bin ich. Und als ein Mann von Stande will ich leben, als ein Mann von Stande will ich ſterben. Es iſt mein feſter Vorſatz, ein Mann von Stande zu ſein. Es iſt meine Rolle. Hol mich der Henker, ich werde ſie ausſpielen, wo⸗ hin ich auch gehen mag!“ Er veränderte ſeine Lage in eine ſitzende und ſchrie mit triumphirender Miene: „Hier bin ich! Sieh mich an! Aus dem Würfelbecher des Schickſals herausgeſchüttelt in die Geſellſchaft eines bloßen Paſchers, eingeſperrt mit einem armen Teufel von einem kleinen Händler mit Contrebande, deſſen Papiere nicht in der Ordnung ſind, und den die Polizei außerdem 2* 2 veim r., QGor. m auf dieſe kleinen Leu⸗ Hin der Ordnung waren, Lind ſiehe da, er erkennt in⸗ n, ſelbſt bei dieſem Lichte und g gut gemacht! Beim Himmel! viel ſich wenden v es will.“ ich der Schnuu n ſei uch. Welche jetzt Tu fragte er eis trocknen, heißen Bla., oem 7 ie ſich mlic ver auf Rechnung der Heiterke „Eine kleine hal Mittag.“ „Gut! Der ald einen Mann von Stande vor ſik 1 ſou ich Dir ſagen, auf Grund welch 19 3 1iuß. jetzt ſein oder nie; denn ich werd“ ee dckkehren. Entweder ich werde in die 2„Ndialft noder ich werde hingehen, um Toi⸗ letke id ben Bare 1 machen. Du weiß vo er ſein Ra⸗ firmeſſer aufhebt. 1. 4„ Signor Cavaletto nahm ſein ale ke zwiſchen den aufſtehenden Lippen heraus 1 1 zeigte augenblickliche Beſtürzung, als man hätte erwartet 6 „Ich bin ein— Monſieur Rigaun auf, um dies zu ſagen—„ich bin ein Kosmopolit. Iß. kein eigent⸗ liches Vaterland. Mein Vater war ein 1S3. eizer— aus dem Waadtlande. Meine Mutter war nach rer Abſtam⸗ mung Franzö nt c ſelbſ würde i eiagen zleſt von dem erſten Augenb Sein heaaliſhes Aurn. ich ein Mann von Sta m unter den Fal Auſeines Mand 6 Gemeinſchaftn der Manier, ſchafter unbea. aließ und genüber anredete zaWien zu der Baptiſt, indem er die Aug gemein heftigen Schwi 1 er vielmehr gad für den Vre deſſen Fi, er in kurzer 3 zu u. re, als ſit ie Mühe gét ine o fon als: mei Baptiſt Cavalet. zer ſi Lich 1. 4 „Nennen Sie mich Dreißiger. Ich habe die Welt geſehen. X. da gelebt, und allenthalben als Mange 3 Ich bin aller Orten als Mann von Stande bve nn achtet wor⸗ den. Wenn Sie verſuchen, ein Bm ih zu er⸗ wecken, indem Sie darthun, daß ich ein heit gelebt habe, ſo frage ich— wovon Wre 44, Ihre Politiker, hre Intr nten, Ihre Borſenmänner.“ Er nahm dar wähe ſeine kleine glatte Hand gleichſam als Z.in fur nen vornehmen Stand in An⸗ ſpruch, der ihm? her ofe gute Dienſte gethan hatte. „Vor zwei! un ich nach Marſeille. Ich gebe zu, daß ich arm w war krank geweſen. Wenn Ihre Ad⸗ vocaten, Ihre eker, Ihre Intriguanten, Ihre Börſen⸗ männer krank den und kein Geld zuſammengeſcharrt ha⸗ ben, ſo we ſie gleichfalls arm. Ich ſtieg im goldnen 7 22 Erſtes Kapitel. Kreuze ab— deſſen Beſitzer damals Monſieu Henri Bar⸗ ronneau war, ein Mann von mindeſtens inf idſechzig Jah⸗ ren und von ſchwacher Geſundheit. Ich in dem Hauſe eetwa vier Monate gewohnt, a's Monſieu 1 Barronneau das Unglück hatte zu ſterben— auf alle gälle eben kein ſel⸗ tenes Unglück das. Es ke it ohne iggend eine Beihülfe meinerſeits ziemlich häufig or.“„ Da Johann Baptiſt ine Cig ſte bis auf das letzte Stümpfchen aufgeraucht h. ar Monſieur Rigaud ſo großmüthig, ihm eine andere verfen. Er brannte ſich die zweite an der Aſche der erſten an und rar hte weiter, in⸗ dem er ſeitwärts nach ſeinem Gefährt ſchielte, welcher, ganz mit ſeiner eigenen Angelegenhei 7 häftigt, ihm kaum einen Blick ſchenkte. „Monſieur Barronneau hinterließ eine Witwe. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt. Sie hatte ſich den Ruf einer Schönheit erworben und(was oft ein ander Ding iſt) war wirklich ſchön. Ich blieb im goldnen Kreuze wohnen. Ich heirathete Madame Barronneau. Es ſteht mir nicht zu, zu ſagen, ob eine große Ungleichheit in ſolch einer Verbindung war. Hier ſtehe ich mit dem Flecken eines Kerkers auf meiner Ehre; aber es iſt immerhin möglich, daß Sie mich als eine paſſendere Partie für ſie anſehen, als ihr früherer Mann war.“ Er hatte ein gewiſſes Gebahren an ſich, als ob er ein ſchöner Mann wäre, was er nicht war, und er hatte ein ge⸗ wiſſes Gebahren, als ob er ein Mann von Erziehung wäre, was er ebenſowenig war. Es war bloße Wichtigthuerei und Sonne und Schatten. 23 Frechheit; aber in dieſer Beziehung wie in vielen andern gilt über die halbe Welt hin ein unverſchämt prahlendes Behaupten wie ein Beweis. „Sei dem wie ihm wolle, Madame Barronneau fand Ge⸗ fallen an mir. Das iſt hoffentlich kein Umſtand, der ge⸗ eignet iſt ein ungünſtiges Vorurtheil gegen mich zu er⸗ wecken!“ Da ſein Auge bei dieſer Frage zufällig auf Johann Baptiſt fiel, ſo ſchüttelte dieſer kleine Mann flink ſeinen Kopf als Zeichen der Verneinung und wiederholte im Tone bündiger Beweisführung leiſe ſein Altro, altro, altro, altro unzählige Male. „Nun kamen die Schwierigkeiten unſerer Lage. Ich bin ſtolz. Ich ſage nichts zur Vertheidigung des Stolzes, aber ich bin ſtolz. Es liegt ferner in meinem Charakter der Trieb zu herrſchen. Ich kann mich nicht unterordnen, ich muß herrſchen. Unglücklicherweiſe war das Vermögen der Madame Rigaud ihr ſelbſt zugeſchrieben. Das war das wahnſinnige Werk ihres verſtorbenen Mannes. Noch un⸗ glücklicher traf ſichs, daß ſie Verwandte hatte. Wenn ſich die Verwandten einer Frau gegen einen Ehemann hinein⸗ miſchen, der ein Mann von Stand und Erziehung, der ſtolz iſt und herrſchen muß, ſo ſind die Folgen dem Frie⸗ den feindlich. Es war ferner eine andere Quelle von Zwie⸗ ſpalt zwiſchen uns. Madame Rigaud war unglücklicherweiſe ein wenig gemein. Ich ſuchte ihre Manieren zu heben und ihren ganzen Ton zu verbeſſern; ſie(auch hierin von ihren Erſtes Kapitel. Verwandten unterſtützt) ſpottete meiner Bemühungen. Es entſtanden Streitigkeiten zwiſchen uns, und ſie wurden, ver⸗ breitet und übertrieben von der Verleumdung der Verwand⸗ ten der Madame Rigaud, allmälig den Nachbarn bekannt. Man hat geſagt, ich behandelte Madame Rigaud in grau⸗ ſamer Weiſe. Man mag geſehen haben, daß ich ihr Ohr⸗ feigen gab, weiter nichts. Ich habe eine leichte Hand, und wenn man mich wirklich geſehen hat, wie ich Madame Ri⸗ gaud in dieſer Art auf einen beſſern Weg zu lenken ſuchte, ſo habe ich es beinahe ſpielend gethan.“ Wenn Monſieur Rigauds Luſt zum Spielen irgendwie durch ſein Lächeln bei dieſer Stelle ausgedrückt war, ſo möchten die Verwandten der Madame Rigaud wohl haben ſagen können, daß ſie es ſehr vorgezogen haben würden, wenn er dieſe unglückliche Frau in ernſter Weiſe zu beſſern geſucht hätte. 3 „Ich bin eine zartfühlende und tapfere Natur. Ich hebe es nicht als ein Verdienſt hervor, zartfühlend und tapfer zu ſein. Wenn die männlichen Verwandten der Madame Rigaud offen mit der Sprache herausgegangen wären, ſo würde ich mit ihnen fertig zu werden gewußt haben. Sie wußten das, und ihre Machinationen wurden insgeheim betrieben. Infolge deſſen kam es zwiſchen mir und Madame Rigaud häufig zu unglücklichen Zuſammenſtößen. Selbſt wenn ich eine geringe Geldſumme zu meinen perſönlichen Ausgaben bedurfte, konnte ich nicht ohne derartige Zuſammenſtöße dazu gelangen— und nun denken Sie ſich dabei mich, einen Sonne und Schatten. 25 Mann, in deſſen Charakter es liegt, herrſchen zu wollen. Eine Nacht nun gingen Madame Rigaud und ich ganz in aller Freundſchaft— ich kann ſagen wie Liebende auf einer die See überhangenden Höhe ſpazieren. Ein un⸗ ſeliger Stern wollte, daß Madame Rigaud die Rede auf ihre Verwandten brachte. Ich redete ihr über den Punkt vernünftig zu und machte ihr Vorwürfe über den Mangel an Pflichtgefühl und Hingebung, den ſie darin kundgebe, daß ſie ſich von deren mißgünſtiger Eingenommenheit gegen ihren Gatten beeinfluſſen laſſe. Madame Rigaud erwiderte darauf mit heftigen Worten, ich erwiderte mit heftigen Worten. Madame Rigaud wurde warm, ich wurde warm und bediente mich beleidigender Ausdrücke. Ich geſtehe es ein. Offenheit iſt ein Theil meines Charakters. Endlich warf ſich Madame Rigaud in einem Anfall von Wuth, den ich ewig beklagen muß, auf mich, ſtieß ein leidenſchaftliches Ge⸗ ſchrei aus(ohne Zweifel dasjenige, welches in einiger Ent⸗ fernung vernommen wurde), zerriß mir die Kleider, raufte mir die Haare aus, zerfleiſchte meine Hände, trampelte und trat den Staub und ſprang ſchließlich hinab, wobei ſie ſich auf dem Felſen unten todt fiel. Das iſt die Aufeinander⸗ folge von Ereigniſſen, welche von der Böswilligkeit dahin verdreht worden ſind, daß ich Madame Rigaud zur Verzicht⸗ leiſtung auf ihre Rechte zu nöthigen verſucht, und als ſie bei ihrer Weigerung das von mir verlangte Zugeſtändniß zu machen beharrt habe, mit ihr gerungen, ſie meuchelmör⸗ deriſch umgebracht haben ſoll.“ —õ 26 Erſtes Kapitel. Er trat zur Seite nach dem Simſe, wo die Weinblätter noch herumgeſtreut lagen, ſammelte zwei oder drei und wiſchte ſich die Hände daran, indem er den Rücken dem Lichte zukehrte. „Nun,“ fragte er nach einigem Schweigen,„„haſt Du nichts dazu zu ſagen?“ „Eine garſtige Geſchichte,“ erwiderte der kleine Mann, welcher ſich erhoben hatte und ſein Meſſer an ſeinem Schuhe blank putzte, während er ſich mit dem Arme an die Wand lehnte. „Was meinſt Du damit?“ Johann Baptiſt putzte ſein Meſſer ſchweigend. „Meinſt Du, daß ich die Sache nicht richtig dargeſtellt habe?“ „Altro!“ erwiderte Johann Baptiſt. Das Wort war jetzt eine Vertheidigung und hieß:„Keineswegs.“ „Was dann?“ „Präſidenten und Gerichtshöfe haben ſolche Vorur⸗ theile.“ „Nun denn,“ ſchrie der Andere, indem er mit der Ge⸗ berde des Unbehagens und einem Fluche das Ende ſeines Mantels über ſeine Schulter warf,„ſo mögen ſie meinet⸗ halben das Schlimmſte thun.“ „Ich denke allerdings, daß ſie es thun werden,“ mur⸗ melte Johann Baptiſt für ſich, während er ſeinen Kopf bückte, um ſein Meſſer in den Gürtel ſtecken. Von keiner Seite wurde noch etwas geſagt, obſchon . Sonne und Schatten. 27 ſie Beide hin und her zu gehen begannen und nothwendiger Weiſe ſich bei jeder Wendung begegneten. Monſieur Rigaud machte bisweilen halb und halb Halt, als wäre er in Be⸗ griff, ſeine Angelegenheit in ein neues Licht zu ſetzen oder eine ärgerliche Gegenbemerkung zu machen; da aber Signor Cavaletto fortfuhr, mit niedergeſchlagenen Augen in einer Art wunderlichen Bummeltrabs langſam hin und her zu ge⸗ hen, ſo wurde nichts aus dieſen Anſätzen zu neuen Aus⸗ einanderſetzungen. Bald darauf gebot das Klappern des Schlüſſels im Schloſſe Beiden Halt. Ein Geräuſch von Stimmen und Fußtritten folgte. Die Thür raſſelte, die Stimmen und die Füße kamen näher, und der Gefängnißwärter ſtieg langſam die Stufen herauf, gefolgt von einem Trupp Soldaten. „Nun, Monſieur Rigaud,“ ſagte er, indem er, die Schlüſſel in der Hand, einen Augenblick am Gitter ſtehen blieb,„haben Sie die Güte, herauszukommen.“ „Wie ich ſehe, ſoll ich in feierlichem Aufzuge fort⸗ gehen.“ „Je nun, wenn Sie das nicht thäten,“ erwiderte der Schließer,„ſo könnten Sie leicht in ſo vielen Stücken fort⸗ gehen, daß es ſchwierig ſein würde, Sie wieder zuſammen⸗ zukriegen. Es iſt ein Auflauf, und das Volk iſt Ihnen nicht gut.“ Er ſchritt weiter, ſo daß die drinnen ihn aus dem Ge⸗ ſichte verloren. Dann ſchloß er eine kleine niedrige Thür im Winkel des Gemachs auf und ſchob die Riegel hinweg. 28 Erſtes Kapitel. „Na“ ſagte er, indem er ſie aufmachte und drinnen erſchien, „nun kommen Sie heraus.“ Es giebt unter allen Farbenſchattirungen unter der Sonne kein ſolches Weiß, als das Weiß, das in dieſem Au⸗ genblicke Monſieur Rigauds Geſicht überzog. Und es giebt keinen Ausdruck des menſchlichen Geſichts gleich dem Aus⸗ drucke, in deſſen kleinſter Linie man das zagende Herz ſchla⸗ gen ſieht. Beide werden hergebrachtermaßen mit dem Tode verglichen; der Unterſchied aber iſt die ganze tiefe Kluft zwiſchen dem vollbrachten Ringen und dem Kampfe auf ſeinem verzweifeltſten Endpunkte. Er zündete ſich eine andere von ſeinen Papiercigarren an der ſeines Gefährten an, klemmte ſie feſt zwiſchen die Zähne, bedeckte ſeinen Kopf mit einem weichen breitrandi⸗ gen Hute, warf das Ende ſeines Mantels wieder über ſeine Schulter und ſchritt hinaus in die Seitengalerie, nach wel⸗ cher die Thür ſich öffnete, ohne irgend welche fernere Notiz von Signor Cavaletto zu nehmen. Was dieſen kleinen Mann ſelbſt anlangt, ſo war ſeine ganze Aufn rkſamkeit von der Begier in Anſpruch genommen, in die Nähe der Thür zu gelangen und hinauszublicken. Genau ſo wie ein Thier ſich der geöffneten Thür ſeines Käfigs nähern und in die Freiheit draußen blicken würde, verbrachte er dieſe weni⸗ gen Augenblicke mit Beobachten und Starren, bis ſich die Thür wieder vor ihm ſchloß. Es war ein Officier, welcher die Soldaten befehligte, ein ſtämmiger, dienſtkundiger, vollkommen ruhiger Mann, Sonne und Schatten. 29 Er hatte ſeinen gezogenen Degen in der Hand und rauchte eine Cigarre. Er ordnete mit kurzen Worten die Stellung an, welche Monſieur Rigaud in Mitten des Trupps einneh⸗ men ſollte, ſtellte ſich mit äußerſter Gleichgültigkeit an die Spitze des letztern und commandirte:„Vorwärts marſch!“ und ſo gingen ſie alle klirrend die Treppe hinab. Die Thür raſſelte— der Schlüſſel drehte ſich— und ein Strahl un⸗ gewöhnlichen Lichts und ein Hauch ungewöhnlicher Luft ſchien durch den Kerker gezogen zu ſein. Er verſchwand in dem Rauchkränzchen, welches die Cigarre hinterlaſſen hatte. Der Gefangene in ſeinem Käfig war, wie ein wildes Thier, wie ein ungeduldiger Affe oder ein aufgejagter Bär der kleinern Gattung, jetzt allein gelaſſen, auf den Sims ge⸗ ſprungen, um auch nicht das Mindeſte vom Schauſpiele die⸗ ſes Abzugs zu verlieren. Als er noch ſo daſtand und das Gitter mit beiden Händen umklammert hielt, ſchlug ein Aufruhr an ſein Ohr, Gebrüll, Gekreiſch, Flüche, Drohun⸗ gen, Verwünſchungen waren darin inbegriffen, wiewohl, wie bei einem Sturme, nichts als ein wüthendes Durchein⸗ andertoſen deutlich zu hören war. Durch ſeine Begier mehr zu wiſſen, zu noch größerer Aehnlichkeit mit einem wilden Thiere gebracht, ſprang der Gefangene flink herab, rannte rings in dem Gemache her⸗ um, ſprang flink wieder hinauf, umklammerte das Eiſen⸗ gitter und verſuchte es zu ſchütteln, ſprang herab und rannte umher, ſprang hinauf und lauſchte und ruhte nicht eher, als bis der Lärm, ſich mehr und mehr in die Ferne verlie⸗ 30 Erſtes Kapitel. Sonne und Schatten. rend, erſtorben war. Wie viele beſſere Gefangene haben ihre edeln Herzen in derſelben Weiſe abgequält, während Niemand daran dachte, während nicht einmal die Geliebten ihrer Seele ſich's in ſeiner ganzen Wirklichkeit vorſtellten, während große Könige und Herrſcher, die ſie zu Gefangenen gemacht, fröhlich im Sonnenſchein ihre Bahn Zogen und die Menſchen ihnen zujauchzten, während endlich die er⸗ wähnten großen Perſönlichkeiten, wenn ſie in ihren Betten das Zeitliche geſegnet, einen exemplariſchen Chriſtentod ſtarben und wohlklingende Reden vor ihrem Ende hielten und von der höflichen Geſchichte, die ſerviler als ihre Werk⸗ zeuge iſt, einbalſamirt wurden. Endlich legte ſich Johann Baptiſt, jetzt in den Stand geſetzt, ſich innerhalb des Raums dieſer Wände ein eigenes Plätzchen für die Ausübung ſeiner Fähigkeit zu ſuchen, zu jeder ihm beliebigen Zeit zu ſchlafen, auf die Bank, hing den Kopf über ſeine gekreuzten Arme und ſchlummerte ein. In ſeiner Unterwürfigkeit, in ſeinem Leichtſinn, in ſeiner guten Laune, in ſeiner ſchnell verrauchenden Leidenſchaft, in der Leichtigkeit, mit welcher er ſich an hartem Brote und harten Steinen genügen ließ, in der Art wie ihm der Schlaf ſtets zu Gebote ſtand, in ſeinem ganzen Dichten und Trach⸗ ten war er ein echter Sohn des Landes, das ihn geboren. Der weithin herrſchende grelle ſtarre Blick bewirkte, daß er vor ſeinem eignen grellen Starren auf eine Weile die Augen ſchloß. Die Sonne ging unter in einem rothen, grünen, goldenen Lichtglanz. Die Sterne traten am Himmel Zweites Kapitel. Reiſegefährten. 31 hervor, und die Feuerfliegen ahmten ſie in der untern Luft nach, wie Menſchen vielleicht ſchwach die Güte einer beſſern Weſensordnung nachahmen mögen. Die langen ſtaubigen Straßen und endloſen Ebenen lagen in nächtlicher Ruhe, und auf dem Meere herrſchte ein ſo tiefes Schweigen, daß es kaum von der Zeit flüſterte, wo es ſeine Todten heraus⸗ geben ſoll. Smeitrs Kanitel. KReiſegefährten. „Das Geheul von geſtern ſcheint ganz aufgehört zu haben da drüben, mein Herr.“ „Ich habe nichts davon gehört.“ „Dann können Sie ſicher ſein, daß auch nichts geheult hat. Wenn dieſe Leute heulen, ſo heulen ſie, um gehört zu werden.“ „Das thun vermuthlich die meiſten Leute.“ „Ah! Aber dieſe Leute heulen in Einem weg. Nie glück⸗ lich auf andere Art.“ „Meinen Sie die Leute in Marſeille?“ „Ich meine das franzöſiſche Volk. Die ſind immer dabei. Was Marſeille betrifft, ſo wiſſen wir, was Marſeille iſt. Es ſandte die aufrühreriſchſte Melodie in die Welt, die je componirt wurde. Es konnte nicht exiſtiren, wenn es nicht 32 Zweites Kapitel. ſein allons und marchons zu dem Einen oder dem Andern— Sieg oder Tod oder Feuersbrunſt oder ſonſt was hören ließ.“ Der Sprecher, der die ganze Zeit über den Ausdruck einer etwas ſchrullenhaften Gutgelauntheit an ſich trug, blickte mit der verächtlichſten Miene über die Wand der Bruſtwehr auf Marſeille, und eine entſchloſſene Stellung einnehmend, indem er die Hände in die Taſchen ſteckte und mit ſeinem Gelde nach der Stadt hinklimperte, apoſtrophirte er ſie mit einem kurzen Gelächter.— 3 „Ja wahrhaftig allons und marchons. Es würde Euch, denk' ich, mehr zur Ehre gereichen, wenn Ihr andere Leute bei ihrem geſetzlich erlaubten Geſchäftsbetriebe allons und marchons machen ließet, ſtatt ſie in Eure Quarantäne ein⸗ zuſperren.“ „Langweilig genug!“ ſagte ſein Gefährte.„Aber wir werden heute herauskommen.“ „Heute herauskommen!“ wiederholte der Erſtere.„ iſt ſchier eine Erſchwerung dieſer unvernünftigen Behandlung, daß wir heute heraus ſollen. Heraus! Weshalb ſind wir überhaupt drinnen geweſen?“. „Nun, ich muß ſagen, aus keinem ſehr überzeugenden Grunde. Da wir indeß aus dem Morgenlande kommen und da das Morgenland das Land der Peſt iſt—“ „Der Peſt iſt,“ wiederholte der Andere.„Das iſt eben meine Klage. Ich habe die Peſt in einem fort gehabt, ſeit ich hier geweſen bin. Ich bin wie ein vernünftiger Menſch, den man in ein Tollhaus geſperrt hat. Ich kann's nicht er⸗ Reiſegefährten. 33 tragen, der Sache verdächtig zu ſein. Ich kam hierher ſo friſch und geſund, als ich je in meinem Leben war, aber mich als möglicherweiſe peſtkrank anſehen, heißt mir die Peſt auf den Hals ſchicken. Und ich habe ſie gehabt— und ich habe ſie gekriegt.“ „Sie ertragen ſie recht gut, Mr. Meagles,“ ſagte der zweite Sprecher lächelnd. „Nein. Wenn Sie den wirklichen Stand der Sache kenn⸗ ten, ſo würde das die letzte Bemerkung ſein, zu der Sie ſich aufgelegt fühlen würden. Ich bin Nacht auf Nacht aufge⸗ wacht und habe zu mir geſagt, jetzt hab' ich ſie, jetzt hat ſie ſich entwickelt, jetzt bin ich geliefert, jetzt treffen dieſe Schlin⸗ gel ihre Vorſichtsmaßregeln. Wahrhaftig, ich wollte mir lieber einen Stift durch den Leib ſtechen und mich in einer Käferſammlung auf eine Karte ſpießen laſſen, als das Leben führen, das ich hier geführt habe!“ „Nun, Meagles, laß gut ſein;'s iſt jetzt vorüber,“ mahnte eine fröhliche Frauenſtimme. Vorüber!“ wiederholte Mr. Meagles, welcher, ohne es jedoch böſe zu meinen, in jener eigenthümlichen Gemüths⸗ ſtimmung zu ſein ſchien, wo das letzte Wort, das Jemand anders ſpricht, eine neue Beleidigung iſt.„Vorüber, und weshalb ſollte ich nichts mehr davon ſagen, weil es vor⸗ über iſt?“ Es war Mrs. Meagles, welche zu Mr. Meagles geſpro⸗ chen hatte, und Mrs. Meagles war wie Mr. Meagles eine friſche und geſunde Perſon mit einem freundlichen engliſchen Klein Dorrit. 3 34 Zweites Kapitel. Geſichte, welches fünfundfünfzig Jahre oder länger auf aller⸗ lei behagliche Dinge geblickt und in dem hellen Widerſcheine derſelben geſtrahlt hatte. „Da haben wir's. Aber laß gut ſein, Vater, laß gut ſein,“ ſagte Mrs. Meagles.„Um alles in der Welt willen gieb Dich zufrieden mit Pet!“ „Mit Pet?“ wiederholte Mr. Meagles in ſeinem ver⸗ letzten Tone. Pet indeß, die hart hinter ihm ſtand, klopfte ihm auf die Schulter, und Mr. Meagles vergab Marſeille ſofort alle Urſachen ſeiner Klagen vom Grunde ſeines Herzens.. Pet war etwa zwanzig Jahre alt. Sie war ein ſchönes Mädchen mit reichen, braunen Haaren, die frei in natürlichen Locken herabhingen. Sie war ein liebenswürdiges Mäd⸗ chen mit einer offenherzigen Miene und wundervollen Au⸗ gen, ſo groß, ſo ſanft, ſo hell, in ſo vollkommener Weiſe in ihr freundliches gutes Antlitz geſetzt. Sie war rund und friſch, ſie hatte Grübchen in den Wangen, und es war in Pet ein zaghaftes und ſchüchternes Weſen, die beſte Schwachheit in der Welt, die ihren Reizen den einzigen höchſten hinzufügte, ohne den ein ſo niedliches und an⸗ muthiges Mädchen hätte ſein können. „Nun, ich frage Dich,“ ſagte Mr. Meagles mit dem ſanfteſten, vertrauensvollſten Tone, indem er ſelbſt einen Schritt zurückwich und ſeine Tochter einen Schritt vorwärts führte, um ſeiner Frage als Illuſtration zu dienen.„Ich frage Dich ganz einfach wie Mann zu Mann, haſt Du wirk⸗ ⸗*¹ Reiſegefährten. 35 lich je von ſolch einem verdammten Unſinn gehört, wie der iſt, Pet in die Quarantäne zu ſtecken?“ „Es hat die gute Folge gehabt, ſelbſt die Quarantäne zu einem angenehmen Orte zu machen.“ „Na!“ ſagte Mr. Meagles,„das läßt ſich hören, wahr⸗ haftig. Bin Dir verbunden für dieſe Bemerkung. Nun, Pet, mein Goldtöchterchen, Du wirſt wohl thun, mit der Mutter zu gehen und Dich für das Boot bereit zu machen. Der Geſundheitsbeamte und ein Haufen Hanswürſte in dreieckigen Hüten kommen eben herüber, uns endlich hier herauszulaſſen, und wir geſammten Eingeſponnenen haben Auͤsſicht wieder ein Mal in einigermaßen chriſtlicher Manier mit einander zu frühſtücken, ehe wir uns nach unſern ver⸗ ſchiedenen Beſtimmungsorten auf die Beine machen. Tatty⸗ coram, halte Dich hübſch nahe an Deine junge Herrſchaft.“ Er ſprach zu einem hübſchen Mädchen mit glänzend ſchwarzen Haaren und Augen und in ſehr ſauberer Klei⸗ dung; ſie äntwortete ihm mit einem halben Knix, als ſie ſich hinter Mys. Meagles und Pet entfernte. Sie gingen quer über deöde, verſengte Terraſſe, alle drei miteinander, und verſchwocden durch ein grell und ſtarr blickendes weißes Bogenthor— Meagles' Gefährte, ein ernſter, gebräun⸗ ter Mann ven vierzig Jahren, ſtand noch immer ſtill und blickte nach dieſem Bogenthore, durch das ſie gegangen wa⸗ ren, bis Mr. Meagles ihm auf den Arm klopfte. „Bitte um Entſchuldigung,“ ſagte er, ſich wieder in Bewegung ſetzend. 3* Zweites Kapitel. „Durchaus keine Urſache,“ ſagte Mr. Meagles. Sie machten ſchweigend einen Gang hin und zurück im Schatten der Mauer, indem ſie auf der Höhe, wo ſich die Quarantäne⸗Anſtalt befindet, genoſſen, was dort um ſieben Uhr Morgens von Kühlung und Erfriſchung durch die See⸗ luft zu haben war. Der Gefährte von Mr. Meagles nahm die Unterhaltung wieder auf. „Darf ich Sie fragen,“ ſagte er,„wie war gleich der Name des—“ „Tattycoram?“ fiel ihm Mr. Meagles ins Wort.„Ich habe nicht die mindeſte Idee.“ „Ich dachte,“ ſagte Jener,„daß—“ „Tattycoram?“ half ihm Mr. Meagles abermals ein. „Danke Ihnen— ich dachte Tattycoram wäre ein Name, und ich habe mich mehrmals über ſeine Seltſamkeit ge⸗ wundert.“ „Je nun, die Sache iſt die,“ ſagte Mr. Meagles.„Mrs. Meagles und ich, wir ſind beides, wie Sie ſehen, praktiſche Leute.“ N „Das haben Sie ſchon öfters geäußert im Laufe der an⸗ genehmen und intereſſanten Unterhaltungen, die wir mit einander während unſerer Spaziergänge auf didſen Steinen gehabt haben,“ ſagte Jener, indem ein halbes Lächeln durch den Ernſt auf ſeinem dunkeln Geſichte hindurchbrach. „Praktiſche Leute. So war's denn eines Tages vor fünf oder ſechs Jahren, als wir mit Pet in die Kirche beim Find⸗ Reiſegefährten. 37 lingshoſpital— Sie haben doch von dem Findlingshoſpi⸗ tal in London gehört? Aehnlich der Anſtalt für ausgeſetzte Kinder in Paris?“ „Ich habe es geſehen.“ „Nun denn, eines Tages, als wir Pet mit uns zur Kirche nahmen, damit ſie die Muſik höre— denn als prak⸗ tiſche Leute halten wir es für unſre Lebensaufgabe, ihr Alles zu zeigen, wovon wir glauben, es werde ihr Freude machen — begann Mutter(mein gewöhnlicher Name für Mrs. Meag⸗ les) ſo laut zu weinen, daß es nöthig wurde, ſie hinauszu⸗ führen. Was fehlt dir, Mutter? ſagte ich, nachdem wir ſie ein wenig beruhigt hatten, Du machſt Pet Angſt, meine Liebe.— Ja ich weiß es, Vater, ſagte Mutter, aber ich glaube, der Gedanke kam mir gerade darum in den Kopf, weil ich ſie ſo ſehr lieb habe.— Welcher Gedanke war's, der Dir in den Kopf kam, Mutter?— O du lieber, lieber Gott! rief Mutter aus, indem ſie abermals in Thränen ausbrach, als ich alle dieſe Kinder Claſſe an Claſſe gereiht ſich von dem Vater, den keines von ihnen auf Erden ge⸗ kannt hat, zu dem großen Vater unſer aller im Himmel wen⸗ den ſah, ſo dachte ich, ob wohl je eine ſolche unſelige Mut⸗ ter hierher kommt und ſich unter dieſen jungen Geſichtern umſieht und ſich fragt, welches wohl das arme Kind iſt, das ſie in dieſe ſündige Welt brachte, damit es nie in ſeinem ganzen Leben ihre Liebe, ihre Küſſe, ihr Antlitz, ihre Stimme, ja nicht einmal ihren Namen kennen lerne? Na, das war praktiſch an Mutter, und ich ſagte ihr das. Ich 38 Zweites Kapitel. ſagte: Mutter, das iſt's, was ich an Dir praktiſch nenne, meine Liebe.“ Der Andere pflichtete ihm nicht ohne Rührung bei. „So ſagte ich denn am nächſten Tage: Höre mal Mut⸗ ter, ich habe Dir einen Vorſchlag zu machen, von dem ich glaube, daß er Dir gefallen wird. Wie wär's, wenn wir eines von jenen Kindern als eine kleine Zofe für Pet zu uns nähmen? Wir ſind praktiſche Leute. So werden wir, wo⸗ fern wir ihr Temperament ein wenig mangelhaft oder irgend eine ihrer Manieren etwas zu weit von den unſeren ab⸗ ſtehend finden ſollten, wiſſen, wie viel wir davon auf ihre Rechnung ſchreiben dürfen. Wir werden wiſſen, welch ein ungeheurer Abzug gemacht werden muß von allen den Ein⸗ flüſſen und Erfahrungen, die uns gebildet haben— keine Eltern, kein kleiner Bruder, keine Schweſter, keine Einzel⸗ heimath, kein gläſerner Pantoffel und keine Fee zur Pathe. Und das iſt die Art, wie wir zu Tattycoram kamen.“ „Und der Name ſelbſt—“ „Ach der Tauſend!“ ſagte Mr. Meagles.„Mußt' ich den Namen ſelbſt vergeſſen. Je nun, ſie wurde in der An⸗ ſtalt Harriet Beadle genannt— ein beliebig aufgegriffener Name natürlich. Nun verwandelten wir Harriet in Hatty und dann in Tatty, weil wir als praktiſche Leute dachten, daß ſelbſt ein ſpaßhafter Name ihr etwas Neues ſein, ihr das Gefühl ihrer Verlaſſenheit mildern und ſie unſrer Liebe verſichern könnte. Was den Namen Beadle betrifft, ſo brauch' ich Ihnen nicht zu ſagen, daß davon keine Rede Reiſegefährten. 39 ſein konnte. Wenn es auf Erden irgend ein Ding giebt, welches unter keiner Bedingung geduldet werden ſollte, ir⸗ gend ein Ding, welches ſo recht der Typus der Geſpreiztheit und Abgeſchmacktheit mit der Amtsmiene iſt, irgend ein Ding, welches in Röcken, Weſten und großen Stöcken unſer engliſches Feſthalten am Unſinn, nachdem alle Welt heraus⸗ gefunden, daß es Unſinn iſt, repräſentirt, ſo iſt's ein Beadle*). Sie haben in der letzten Zeit keinen Beadle ge⸗ ſehen?“ „Als ein Engländer, der länger als zwanzig Jahre in China geweſen iſt, nein.“ „Dann,“ ſagte Mr. Meagles, indem er mit der Miene großer Bewegtheit ſeinen Zeigefinger auf die Bruſt ſeines Gefährten legte,„ſehen Sie ſich jetzt ja keinen Beadle an, venn Sie's vermeiden können. Sobald ich einen Beadle des Sonntags im vollen Ornate an der Spitze einer Armen⸗ ſchule die Straße hinabſchreiten ſehe, muß ich umkehren ind davon laufen, weil ich ihn ſonſt prügeln würde. Da der Name Beadle ſomit unmöglich war, und der Gründer zer Anſtalt für dieſe armen Findlinge eine gottgeſegnete Seele mit Namen Coram geweſen war, ſo gaben wir der lleinen Zofe Pets dieſen Namen. „Ihr Tochter iſt meines Wiſſens Ihr einziges Kind, Mr. *) Beadle iſt der Titel einer niedern Kirchendienerſtelle, welche zugleich tas Armenweſen umfaßt und mit einer wunderlichen altmodiſchen, dem An⸗ zuge eines Portiers ähnelnden Tracht verbunden iſt. 3 — ———— ————,— 40 Zweites Kapitel. Meagles,“ ſagte der Andere, als ſie abermals einen ſchweig⸗ ſamen Gang hin und her gemacht und, nachdem ſie einen Augenblick an der Mauer geſtanden und auf die See hin⸗ abgeſchaut, ihre Tour wieder aufgenommen hatten.„Darf ich Sie fragen— es iſt nicht aus ungebührlicher Neugier, ſondern weil ich in Ihrer Geſellſchaft ſo viel Vergnügen ge⸗ funden habe, vielleicht nie wieder im Labyrinthe dieſer Welt ein ruhiges Wort mit Ihnen reden kann, und mir eine deut⸗ liche Erinnerung von Ihnen und den Ihrigen zu bewahren wünſche— darf ich Sie fragen, ob ich Ihre gute Frau rech: verſtanden habe, daß Sie auch noch andere Kinder gehab: haben?“ „Nein, nein!“ ſagte Mr. Meagles.„Nicht gerade an dere Kinder. Ein anderes Kind blos.“ „Ich fürchte, ich habe hier ohne Wiſſen und Willen eir zartes Thema berührt.“ „Thut nichts,“ ſagte Mr. Meagles.„Wenn ich ernſt da⸗ bei bin, ſo bin ich doch nicht im Mindeſten traurig. E. macht mich einen Augenblick unruhig, aber nicht unglücklich Pet hatte eine Zwillingsſchweſter, welche ſtarb, als wir jut ihre Augen— die ganz wie Pets Augen waren— übern Tiſche ſehen konnten, wenn ſie auf den Zehen ſtand und ſich daran feſthielt.“ „Ah in der That, in der That!“— „Ja, und da wir praktiſche Leute ſind, ſo hat ſich dar aus im Gemüthe der Mrs. Meagles und in meinem ein⸗ Anſchauung entwickelt, die Sie vielleicht verſtehen, vielleich: Reiſegefährten. 41 auch nicht verſtehen werden. Pet und ihre kleine Schweſter waren ſich ſo vollkommen gleich, und ſo durchaus Eins, daß wir ſie in unſern Gedanken ſeitdem nie von einander zu trennen vermocht haben. Es würde nichts nutzen, wenn man uns ſagte, unſer verſtorbenes Töchterchen ſei ja ein bloßes Kind geweſen. Wir haben dieſes Kind nach den Veränderungen des Kindes, das uns erhalten blieb und ſtets bei uns iſt, verändert. Wie Pet gewachſen iſt, ſo iſt jenes Kind gewachſen, wie Pet an Geiſt und Körper reifte, ſo und ganz in derſelben Stufenfolge iſt auch ihre Schwe⸗ ſter an Geiſt und Körper gereift. Mir die Ueberzeugung bei⸗ zubringen, daß ich, wofern es mir morgenden Tages beſchie⸗ den ſein ſollte, in die jenſeitige Welt einzugehen, dort nicht durch Gottes Barmherzigkeit von einer Tochter ganz wie Pet empfangen werden würde, dürfte gerade ſo ſchwierig ſein, als mich zu überreden, daß Pet ſelbſt kein wirkliches Weſen an meiner Seite ſei.“ „Ich verſtehe Sie,“ ſagte der Andere ſanft. „Was ſie betrifft,“ fuhr ihr Vater fort,„ſo hat der plötzliche Verluſt ihrer kleinen Geſpielin, die ihr Ebenbild war, und die frühzeitige Richtung ihrer Gedanken auf jenes Geheimniß, an welchem wir alle gleichen Antheil haben, welches ſich aber Kindern ſelten ſo gewaltſam aufdrängt, nothwendigen Einfluß auf ihren Charakter haben müſſen. Ferner waren ihre Mutter und ich eben keine jungen Leute mehr, als wir uns heiratheten, und Pet hat immer das Leben gereifter Menſchen mit uns gelebt, wiewohl wir ver⸗ 42 Zweites Kapitel. ſucht haben, uns ihr anzupaſſen. Man hat uns mehr als einmal gerathen, wenn ſie ein wenig kränkelte, Klima und Luft mit ihr zu wechſeln, ſo oft wir konnten— namentlich um dieſe Zeit ihres Lebens— und ihr fortwährend Vergnügen zu machen. Da ich's nun nicht nöthig habe, mich an ein Comp⸗ zirdui zu heften(wiewohl ich zu meiner Zeit arm genug r; denn ſonſt hätte ich Mrs. Meagles längſt vorher zu meiner Frau gemacht), ſo ziehen wir gemüthlich in der Welt herum. So kam's, daß Sie uns trafen, wie wir den Nil und die Pyramiden und die Sphinxe und die Wüſte und den ganzen übrigen Kram anſtarrten, und ſo kam's, daß Tattycoram mit der Zeit mehr von der Welt geſehen haben wird, als Kapitän Cook.“ „Ich danke Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen,“ ſagte der Andere. „Bitte erwähnen Sie das nicht,“ entgegnete Mr. Meag⸗ les,„hab' es Ihnen wahrhaftig ganz gern erzählt. Und nun, Mr. Clennam, darf ich Sie vielleicht fragen, ob Sie ſich bereits entſchieden haben, wohin Sie zunächſt gehen?“ „In der That noch nicht. Ich bin allenthalben ein ſol⸗ ches herrenlos herumirrendes Ding, daß ich immer in Ge⸗. fahr bin, dahin getrieben zu werden, wohin die erſte beſte Strömung läuft.“ „Es kommt mir ſonderbar vor— Sie entſchuldigen, daß ich mir die Freiheit nehme mich ſo auszudrücken— daß Sie nicht ſchnurſtracks nach London gehen,“ ſagte Mr. Meag⸗ les im Tone eines vertraulichen Rathgebers. Reiſegefährten. 43 „Vielleicht gehe ich noch hin.“ „Ja ja! Allein ich meine aus freiem Willen.“ „Ich habe keinen freien Willen. Das heißt,“ hier errö⸗ thete er ein wenig,„ſo gut wie keinen, den ich jetzt ſich äußern laſſen könnte. Mit Gewaltmaßregeln erzogen, ge⸗ brochen, nicht gebeugt, mit ſchweren Ketten an einen Ge⸗ genſtand gefeſſelt, über den ich nie befragt wurde und der nie mein war, nach dem andern Ende der Welt verſchifft, bevor ich mündig war und dort verbannt bis zum Tode mei⸗ nes Vaters, der vor einem Jahre erfolgte, fortwährend eine Mühle drehend, die mir überaus verhaßt war, was iſt da von mir in meinen mittlern Jahren zu erwarten? Willen, Vor⸗ ſatz, Hoffnung? Alle dieſe Lichter waren ausgelöſcht, bevor ich die Worte ausſprechen konnte.“ „So zünden Sie ſie wieder an!“ ſagte Mr. Meagles. „Ach, das iſt leicht geſagt. Ich bin der Sohn eines har⸗ ten Vaters, Mr. Meagles, und einer eben ſo harten Mutter. Ich bin das einzige Kind von Eltern, welche Alles nach ſei⸗ nem Gewichte, Maße und Preiſe betrachteten, für welche das, was nicht gewogen, gemeſſen und in den Preiscourant einge⸗ ſchrieben werden konnte, nicht vorhanden war. Sie waren ſtrenggläubige Leute, wie man es nennt, Bekenner einer dü⸗ ſtern Religion; ihre wahre Religion aber war ein finſteres Opfer von Gefühlen und Neigungen, die nie ſo recht ihre eigenen waren und als Theil eines Vertrages dargebracht wurden, der ihren Beſitz ſichern ſollte. Sauertöpfiſche Mie⸗ nen, unerbittliche Zucht, Strafe in disſer und Schrecken in 44 Zweites Kapitel. jener Welt— nirgends Anmuth oder Sanftmuth und allent⸗ halben Leere in meinem eingeſchüchterten Herzen— das war meine Kindheit, wenn ich das Wort ſo mißbrauchen darf, um ſolch einen Lebensanfang zu bezeichnen.“ „Ei wirklich?“ ſagte Mr. Meagles, dem bei dem Bilde, das hier ſeiner Einbildungskraft vorgehalten wurde, ſehr un⸗ behaglich zu Muthe wurde.„Das war ein harter Anfang. Aber laſſen Sie's gut ſein. Sie müſſen ſich jetzt Mühe ge⸗ ben und von allem, was über dieſe Zeit hinausliegt, als prak⸗ tiſcher Mann profitiren.“ „Ja wenn die Leute, welche gewöhnlich praktiſch genannt werden, in Ihrem Sinne praktiſch wären.“— „Ei der Tauſend, das ſind ſie ja.“ „Wirklich?“ „Nun, ich denke es,“ erwiderte Mr. Meagles, indem er ſich's überlegte.„He! Eins kann doch nur praktiſch ſein, und Mrs. Meagles und ich, wir ſind es.“ „Dann iſt mein unbekannter Lebensweg bequemer und hoffnungsreicher, als ich ihn damals zu finden erwartet hätte,“ ſagte Clennam, indem er mit ſeinem ernſten Lächeln den Kopf ſchüttelte.„Aber genug von mir. Hier iſt das Boot.“ Das Boot war mit jenen dreieckigen Hüten angefüllt, gegen welche Mr. Meagles eine ſolche nationale Abneigung hatte, und die Träger dieſer dreieckigen Hüte landeten und kamen die Stufen herauf, und alle eingeſperrten Reiſenden ſammelten ſich zu Hauf. Da gab es denn ein gewaltiges Pro⸗ duciren von Papieren auf Seiten der dreieckigen Hüte, ein 8 Reiſegefährten. 45 Aufrufen von Namen uud eine große Maſſe Arbeit mit Signi⸗ ren, Siegeln, Stempeln, Dintenklexen und Sandſtreuen, welches über die Maßen ſudelige, krakelige und unentziffer⸗ bare Reſultate hatte. Endlich war Alles nach Vorſchrift abge⸗ macht, und die Reiſenden hatten die Erlaubniß abzuziehen, wohin es ihnen irgend beliebte. Sie machten ſich bei der Freude über die neuerlangte Frei⸗ heit nicht viel aus dem hellen grellen Sonnenblicke, ſondern huſchten in fröhlichen Bootgeſellſchaften über die Rhede hin und ſammelten ſich wieder in einem großen Gaſthofe, von wo die Sonne durch geſchloſſene Gitterladen abgeſperrt war, und wo gepflaſterte Fußböden, hohe Decken und widerhallende Corridore die Gewalt der Hitze mäßigten. Hier wurde bald eine große Tafel in einem großen Zimmer mit einem vortreff⸗ lichen Mahle bedeckt, und unter ausgeſuchten Gerichten, Süd⸗ früchten, gekühlten Weinen, Blumen von Genua, Schnee von den Berggipfeln und den Blitzen aller Farben des Re⸗ genbogens in den Spiegeln erinnerte man ſich kaum noch der Quartiere in der Quarantäne. „Aber ich bin dieſen eintönigen Mauern jetzt nicht mehr böſe,“ ſagte Mr. Meagles.„Man vergiebt einem Orte ſeine Fehler, ſobald man ihn hinter ſich hat. Ich möchte behaup⸗ ten, ein Gefangener verſöhnt ſich mit ſeinem Gefängniß, wenn er herausgelaſſen iſt.“ k Die Geſellſchaft beſtand aus ungefähr dreißig Perſonen und alle ſprachen, aber nothwendiger Weiſe in Gruppen. Vater und Mutter Meagles ſaßen mit ürer dochter zwiſchen 46 Zweites Kapitel. ihnen, die letztern drei auf einer Seite des Tiſches; auf der andern Seite ſaß Mr. Clennam, ein hochgewachſener franzö⸗ ſiſcher Herr, mit rabenſchwarzem Haar und Bart, von düſterm und ſchrecklichem, um nicht zu ſagen vornehm diaboliſchem Aeußern, welcher ſich jedoch als der ſanfteſte Menſch von der Welt bewieſen hatte, und eine hübſche junge Engländerin, die ganz allein reiſte. Letztere hatte ein ſtolzes beobachtendes Geſicht und hatte ſich entweder von der übrigen Geſellſchaft entfernt gehalten, oder war von der übrigen Geſellſchaft ge⸗ mieden worden— Niemand, ſie ſelbſt vielleicht ausgenom⸗ men, hätte entſcheiden können, was das Richtige war. Der Reſt der Geſellſchaft war von dem gewöhnlichen Stoffe. Ge⸗ ſchäftsreiſende und zum Vergnügen Reiſende, beurlaubte Be⸗ amte aus Indien, Kaufleute, die in griechiſchen und türki⸗ ſchen Waaren machten, ein eben verheiratheter engliſcher Geiſtlicher in einer gottſelig bis an den Hals zugeknöpften Weſte, der mit ſeiner jungen Frau eine Hochzeitstour gemacht hatte, ein majeſtätiſcher engliſcher Papa nebſt Mama von der 4 Claſſe der Patricier mit einer Familie von drei flügge wer⸗ denden Töchtern, welche zum Zweck der Verwirrung ihrer Mitgeſchöpfe ein Tagebuch führten, und eine taube alte eng⸗ liſche Mutter, von vielem Reiſen zäh geworden, mit einer ganz entſchieden erwachſenen Tochter, welche mit ihrem Skiz⸗ zenbuche das Univerſum in der Erwartung durchſtrich, ſich endlich einmal in den Stand der Ehe hineinſkizziren zu können. Die zurückhaltende Engländerin nahm Mr. Meagles’ letzte Bemerkung auf. 3 Reiſegefährten. 47 „Glauben Sie wirklich, daß ein Gefangener ſeine Einker⸗ kerung vergiebt?“ ſagte ſie langſam und mit Betonung. „Ja, das war's, was ich meinte, Miß Wade. Ich be⸗ haupte nicht, mit Beſtimmtheit zu wiſſen, was ein Gefangener empfinden würde. Ich bin noch nie einer geweſen.“ „Mademoiſelle bezweifelt, daß man es ſo leicht vergeben könne?“ ſagte der Franzoſe in ſeiner Mutterſprache. „Allerdings bezweifle ich es.“ Pet mußte dieſen Satz Mr. Meagles überſetzen, welcher ſich niemals und unter keinerlei Umſtänden irgend welche Kenntniß der Sprachen der Länder erwarb, nach denen er reiſte.„O!“ ſagte er!„Aber iſt das nicht recht beklagens⸗ werth?“ „Daß ich nicht leichtgläubig bin?“ „Das nicht gerade. Drücken Sie's anders aus. Daß Sie nicht glauben können, es ſei leicht zu vergeben.“ „Meine Erfahrung,“ erwiderte ſie ruhig,„hat mehre Jahre hindurch meinen Glauben in vielen Beziehungen bekräftigt. Es iſt unſer natürliches Verfahren, habe ich gehört.“ „Ganz recht, ganz recht! Aber hoffentlich iſt's doch nicht auch natürlich, das erlittene Böſe nachzutragen?“ ſagte Mr. Meaggles heitern Vlicks. „Wenn ich an irgend einem Orte eingeſperrt geweſen wäre, um mich zu härmen und zu leiden, ſo würde ich dieſen Ort immer haſſen und ihn niederzubrennen oder bis zum Bo⸗ den niederzureißen wünſchen. Weiter weiß ich nichts.“ „Das iſt ſtark, Sir?“ ſagte Mr. Meagles zu dem Fran⸗ 48 Zweites Kapitel. zoſen auf engliſch. Es war nämlich ebenfalls eine ſeiner Ge⸗ wohnheiten, Individuen von allen Nationen in der heimi⸗ ſchen engliſchen Zunge anzureden, indem er vollſtändig über⸗ zeugt war, ſie hätten die Verpflichtung ſie einigermaßen zu verſtehen.„Ziemlich kräftig geſprochen von unſrer ſchönen Freundin, wie Sie, glaub' ich, zugeben werden.“ Der Franzoſe erwiderte höflich:„Plait-il?« Worauf Mr. Meagles mit großer Genugthuung antwortete:„Sie haben Recht. Ganz meine Meinung.“ Als das Frühſtück bald darauf langweilig zu werden an⸗ fing, gab Mr. Meagles der Geſellſchaft eine Rede zum Be⸗ ſten. Sie war kurz genug und gut genug, in Betracht, daß es überhaupt eine Rede und daß ſie herzlich gemeint war. Sie bezog ſich lediglich darauf, daß, da ſie alleſammt durch den Zufall zuſammengewürfelt worden wären und ſich alle⸗ ſammt fortwährend gut vertragen hätten und jetzt im Be⸗ griffe ſtänden, auseinander zu gehen, und wahrſcheinlich nie wieder alleſammt zuſammentreffen würden— daß ſie in Betracht deſſen nichts Beſſeres thun könnten, als ſich einan⸗ der Lebewohl ſagen und ſich in einem gemeinſchaftlichen Glaſe kühlen Champagners um die ganze Tafelrunde herum glück⸗ liche Reiſe zu trinken. Dies geſchah, und unter allgemeinem Händeſchütteln löſte ſich die Geſellſchaft für immer auf. Die einſame junge Dame hatte dieſe ganze Zeit über nichts mehr geſagt. Sie erhob ſich mit den Uebrigen und zog ſich ſchweigend in eine entfernte Ecke des großen Zimmers zurück, wo ſie ſich an einem Fenſter in einen Polſterſeſſel Reiſegefährten. 49 ſetzte und den Widerſchein des Waſſers zu beobachten ſchien, wie er ſilberfarben an den Stäben des Gitterladens zit⸗ terte. Sie ſaß ſo, daß ſie der ganzen Länge des Gemachs den Rücken zukehrte, als ob ſie aus eignem ſtolzen Antriebe einſam wäre. Und doch würde es ſo ſchwer wie je vorher mit Beſtimmtheit zu ſagen geweſen ſein, ob ſie die Uebrigen mied oder gemieden war. Der Schatten, in welchem ſie ſaß und welcher wie ein dunkler Schleier quer über ihr Geſicht fiel, ſtimmte ſehr gut zu dem Charakter ihrer Schönheit. Man konnte dieſes Ge⸗ ſicht, das ſo ſtill und ſpöttiſch unter den hochgebogenen dun⸗ keln Augenbrauen und aus den Flechten dunkeln Haares her⸗ vortrat, kaum anſehen, ohne ſich zu fragen, was ſein Ausdruck ſein würde, wenn es die Miene wechſelte. Daß die Züge ſich kzerweichen und die Miene des Verſöhnten annehmen könnten, ſchien nahezu unmöglich. Daß es ſich in Zorn vertiefen und den äußerſten Trotz ausdrücken könne, und daß es ſich zu die⸗ ſem Ausdrucke verändern müſſe, wenn es ſich überhaupt ver⸗ änderte, würde der Eindruck geweſen ſein, den es auf die meiſten Beobachter gemacht hätte. Es lag durchaus nichts Studirtes und Gekünſteltes in ſeinem Ausdrucke. Obſchon es kein offenes Geſicht war, machte es doch keinen Anſpruch zu ſein, was es nicht war. Ich halte mich für mich und verlaſſe mich auf mich allein. Eure Meinung iſt mir gleichgültig. Ich nehme keinen Antheil an Euch, kümmre mich nicht um Euch und ſehe und höre Euch, ohne daß es mich irgend bewegt— das ſagte es deutlich. Es ſagte dies mit dem ſtolzen Auge, Klein Dorrit. 4 2 50 Zweites Kapitel. mit den gehobenen Naſenlöchern, mit dem ſchöngeformten, aber zuſammengepreßten Munde, dem ſogar ein Zug von Grauſamkeit nicht fehlte. Hätte man zwei von dieſen Kanä⸗ len des Ausdrucks bedeckt, der dritte würde noch immer daſ⸗ ſelbe geſagt haben. Hätte man ſie alle hinter einer Maske verborgen, ſo würde ſchon die bloße Wendung des Kopfs eine unbezwingliche Natur gezeigt haben. Pet hatte ſich zu ihr hinaufbegeben(ſie war der Gegen⸗ ſtand von Bemerkungen unter ihrer Familie und Mr. Clen⸗ nam geweſen, die jetzt allein noch im Zimmer zurückgeblieben waren) und ſtand ihr zur Seite. „Sind Sie“— ſie wendete ihre Augen auf ſie und Pet ſtockte—„erwarten Sie jemand hier zu treffen, Miß Wade?“ „Ich? Nein.“ „Vater ſchickt jemand nach der Poſt, um nach etwa ange⸗ kommenen Briefen zu fragen. Wird er das Vergnügen haben können, dem Boten Anweiſung zu geben, ſich auch nach Brie⸗ fen für Sie zu erkundigen?“ „Ich laſſe ihm danken. Aber ich weiß, es können keine für mich da ſein.“ „Wir fürchten,“ ſagte Pet, ſchüchtern und halb zärtlich, indem ſie ſich neben ſie ſetzte,„daß Sie ſich recht verlaſſen füh⸗ len werden, wenn wir alle fort ſind.“ „In der That!“ „Nicht,“ ſagte Pet im Tone der Entſchuldigung und ängſt⸗ lich geworden durch ihre Augen, matürlich nicht, daß wir irgend Geſellſchaft für Sie wären, oder daß wir im Stande Reiſegefährten. 51 geweſen wären, es zu ſein, oder daß wir gedacht hätten, Sie wünſchten es.“ „Ich habe nicht beabſichtigt, es merken zu laſſen, daß ich's wirklich wünſchte“ 3 „Nein. Natürlich. Aber— um kurz zu ſein,“ ſagte Pet, indem ſie ſchüchtern ihre Hand berührte, während dieſelbe ruhig zwiſchen ihnen auf dem Sopha lag,„wollen Sie nicht Vater erlauben, Ihnen irgendwie zu helfen oder zu dienen? Er wird es ſehr gern thun.“ „Sehr gern,“ ſagte Mr. Meagles, indem er mit ſeiner Frau und Mr. Clennam auf ſie zukam.„Mit dem größten Vergnügen werde ich wahrhaftig Alles unternehmen, ausge⸗ nommen, wenn Sie von mir verlangten, ich ſollte die Sprache hier ſprechen.“ „Ich bin Ihnen verbunden,“ erwiderte ſie.„Aber meine Vorkehrungen ſind getroffen, und ich ziehe es vor, meinen eig⸗ nen Weg in meiner eignen Weiſe zu gehen.“ „Wirklich?“ ſagte Mr. Meagles zu ſich ſelbſt, indem er ſie mit einer verblüfften Miene anſah.„Na! Auch darin iſt Charakter.“ „Ich bin an die Geſellſchaft junger Damen nicht ſehr ge⸗ wöhnt, und ich fürchte, ich möchte meine Werthſchätzung der⸗ ſelben nicht ſo zeigen wie Andere. Wünſche Ihnen eine an⸗ genehme Reiſe. Leben Sie wohl.“ Sie würde ihm, wie es ſchien, die Hand nicht hingereicht haben, aber Mr. Meagles ſtreckte ihr die ſeine ſo denuß vor ihr hin, daß ſie es nicht umgehen konnte. Sie legte die ihre 4* 52 Zweites Kapitel. hinein, und ſie lag dort genau ſo, wie ſie auf dem Sopha gelegen. „Leben Sie wohl,“ ſagte Mr. Meagles.„Das iſt das letzte Lebewohl auf unſrer Liſte; denn Mutter und ich haben ſo eben von Mr. Clennam Abſchied hier genommen, und er wartet nur, um ſich bei Pet zu verabſchieden. Leben Sie wohl. Wir werden uns vielleicht nicht wieder treffen.“ „Wir werden auf unſerm Gange durchs Leben die Leute treffen, welche, um uns zu treffen, oft aus gar ſeltſamen Or⸗ ten und auf gar ſeltſamen Wegen kommen,“ war die ruhige Antwort,„und es wird Alles das, was uns beſtimmt iſt, ih⸗ nen zu thun, ſowie was ihnen beſtimmt iſt, uns zu thun, un⸗ zweifelhaft geſchehen.“ Es lag in der Art dieſer Worte etwas, welches in Pets Ohr wie ein Mißklang tönte. Es lag darin, daß das, was gethan werden müſſe, nothwendig übel ſei, und es bewog ſie, flüſternd zu ſagen:„O Vater!“ und kindlich in ihrer ein wenig verzo⸗ genen Weiſe zurück zu fahren und ihm näher zu treten. Dies entging den Augen der Sprecherin nicht. „Ihre hübſche Tochter,“ ſagte ſie,„erſchrickt vor dem Ge⸗ danken an ſolche Dinge. Und doch,“ hier wandte ſie ihr das volle Geſicht zu,„können Sie verſichert ſein, daß die Männer und Frauen bereits auf dem Wege ſind, welche ihre Beſtim⸗ mung an Ihnen zu erfüllen haben, und welche ſie auch er⸗ füllen werden. Gewiß werden ſie ſie erfüllen. Sie mögen Hunderte, Tauſende von Meilen über die See dahin kommen, ſie mögen⸗hier zur Stelle ſein; ſie mögen, ohne daß Sie es — 8 2— ———— 3——— — —=— = 8 88 S = — — — 8 Reiſegefährten. 53 durch Ihr Wiſſen oder Thun verhüten können, aus dem ge⸗ meinſten Auswurfe dieſer ſelben Stadt hier hervorgehen.“ Mit dem kälteſten Lebewohl und mit einem gewiſſen Aus⸗ druck der Abgehärmtheit auf ihrer Schönheit, welcher derſel⸗ ben, obwohl ſie kaum ihre Blüthezeit erreicht hatte, ein ver⸗ blühtes Ausſehen verlieh, verließ ſie das Zimmer. Nun waren da viele Treppen und Gänge, die ſie zu über⸗ ſchreiten hatte, bevor ſie von dieſem Theile des geräumigen Hauſes nach der Stube gelangte, die ſie ſich zur Wohnung gewählt hatte. Als ſie die Reiſe nach letzterer beinahe beendigt hatte und die Galerie durchſchritt, in welcher ihr Zimmer lag, hörte ſie ein Geräuſch zornigen Murrens und Schluch⸗ zens. Eine Thür ſtand offen, und drinnen ſah ſie die Zofe des Mädchens, das ſie ſoeben verlaſſen hatte, die Kammer⸗ jungfer mit dem ſeltſamen Namen. Sie ſtand ſtill, um das Mädchen zu betrachten. Es war ein finſterblickendes, leidenſchaftlich aufgeregtes Mädchen Ihr reiches ſchwarzes Haar hing ihr über das ganze Geſicht, ihr Geſicht war geröthet und erhitzt, und während ſie ſchluchzte und wüthete, zerrte ſie mit ſchonungsloſer Hand an den Lippen. SSelbſtſüchtiges Viehzeug!“ ſagte das Mädchen, indem ſie von Zeit zu Zeit ſchluchzte und ſeufzte.„Kümmert ſie nichts, was aus mir wird. Laſſen mich hier hungrig und durſtig und ermattet vor Hunger umkommen mit ihrer Gleich⸗ gültigkeit. Das Viehzeug! Das Teufelsvolk! Das Lum⸗ penpack!“ „Mein armes Mädchen, was fehlt Ihnen denn?“ 54 Zweites Kapitel. Sie blickte plötzlich mit gerötheten Augen und aufgehobe⸗ nen Händen auf, mit denen ſie eben im Begriffe war, ſich in den Hals zu kneipen, der ſchon durch noch ganz friſche große ſcharlachrothe Flecke entſtellt war.„Es geht Sie nichts an, was mir fehlt. Es hat ſich gar niemand darum zu beküm⸗ mern.“ „O ja, doch. Mich betrübt es, Sie in dieſem Zuſtande zu ſehen.“ „Das betrübt Sie nicht,“ ſagte das Mädchen.„Sie freuen ſich darüber. Sie wiſſen wohl, daß Sie ſich darüber freuen. Ich war nur zweimal ſo wie jetzt, drüben in der Quaran⸗ täne da, und beide Male fanden Sie mich. Ich fürchte mich vor Ihnen.“ „Vor mir fürchten?“ „Ja. Sie ſcheinen zu kommen wie meine eigne Wuth, meine eigne Bosheit, meine eigne— mag's ſein, was es will— ich weiß nicht was es iſt. Aber ich werde ſchlecht be⸗ handelt, ſchlecht behandelt, ſchlecht behandelt!“ Hier began⸗ nen die Seufzer und die Thränen und das Haarausraufen, welche alleſammt ſeit der erſten Ueberraſchung aufgehört hatten, von Neuem. Die Beſucherin ſtand neben ihr und ſah ihr mit einem ſonderbaren aufmerkſamen Lächeln zu. Es war wunderbar, das Wüthen des Kampfes in dem Mädchen und das körper⸗ liche Ringen zu ſehen, das ſie durchmachte, als ob ſie von den Dämonen des Alterthums hin und her geriſſen würde. „Ich bin zwei oder drei Jahre jünger als ſie, und doch Reiſegefährten. 5⁵ bin ichs, die nach ihr ſehen muß, als ob ich die Alte wäre, und ſie iſts, die immer gehätſchelt und Goldtöchterchen genannt wird. Ich verabſcheue den Namen. Ich haſſe ſie. Sie ma⸗ chen ſie zur Närrin, ſie verziehen ſie. Sie denkt an nichts als ſich ſelbſt, ſie denkt an mich nicht mehr, als wenn ich ein Klotz oder Stein wäre!“ ſo fuhr das Mädchen fort. „Sie müſſen Geduld haben.“ „Ich will keine Geduld haben.“ „Wenn ſie zu viel an ſich ſelbſt und wenig oder gar nicht an Sie denken, ſo müſſen Sie das nicht übel aufnehmen.“ „Ich will's aber übel nehmen.“ „Still! Seien Sie klüger. Sie vergeſſen Ihre abhän⸗ gige Stellung. „Die kümmert mich nicht. Ich werde ihnen weglaufen. Ich werde irgend etwas begehen. Ich werde es nicht ertragen; ich kann es nicht ertragen, ich werde des Todes ſein, wenn ich nur verſuche, es zu ertragen.“ Die Beobachterin ſtand, die Hand auf ihren Buſen gelegt, gelaſſen da und ſah auf das Mädchen, wie etwa jemand mit einem erkrankten Körpertheile neugierig die Section und Er⸗ klärung eines gleichartigen Falles beobachten würde. Das Mädchen raſte und kämpfte mit all ihrer Jugendkraft und Lebensfülle, bis ganz allmälig ihre leidenſchaftlichen Ausrufe aufhörten und abgebrochenem Gemurmel Platz mach⸗ ten, als ob ſie von Schmerzen zu leiden hätte. In einer Stufen⸗ folge ſich entſprechender Phaſen ihrer Leidenſchaft ſank ſie in einen Stuhl, dann auf ihre Knie, dann auf den Boden neben 56 dem Bette, wobei ſie die Bettdecke herabriß, halb, wie es ſchien, um ihr ſchamerfülltes Geſicht und ihr naſſes Haar darunter zu verbergen, und halb, um ſie zu umarmen, da ſie nichts Anderes an ihre reuige Bruſt zu ſchließen hatte. „Gehen Sie weg von mir, gehen Sie weg von mir! Wenn meine Hitze über mich kommt, bin ich wahnſinnig. Ich weiß, daß ich's abhalten könnte, wenn ich mir nur ge⸗ nug Mühe gäbe, und manchmal gebe ich mir wirklich Mühe genug, und ein ander Mal thu' ich's nicht und mag ich's nicht thun. Was hab' ich geſagt! Ich wußte, als ich's ſagte, daß Alles erlogen war. Sie denken, man hat ir⸗ gendwo für mich geſorgt und ich habe, was ich brauche. Sie ſind ſtets gut gegen mich. Ich liebe ſie herzlich, kein Menſch könnte immer ſo gütig gegen ein undankbares Ge⸗ ſchöpf ſein, als ſie ſtets gegen mich ſind. Bitte, ach bitte, gehen Sie weg von mir; denn ich fürchte mich vor Ihnen. Ich fürchte mich vor mir ſelbſt, wenn ich fühle, wie meine Hitze kommt, und ich fürchte mich ganz ebenſo vor Ihnen. Gehen Sie weg von mir und laſſen Sie mich mit Gebet und Thränen verſuchen, beſſer zu werden.“ Der Tag verging, und abermals ſchloß der grelle ſtarre Sonnenblick vor der eigenen Grellheit die Augen, und die heiße Nacht lag auf Marſeille, und durch dieſelbe zog die Reiſegeſellſchaft, die am Morgen noch zuſammen geweſen, jetzt ganz aufgelöſt, die ihren einzelnen Gliedern beſtimmten Wege. Und in gleicher Weiſe, bei Tag und bei Nacht, unter der Sonne und unter den Sternen, die ſtaubigen Höhen Zweites Kapitel. Reiſegefährten. 2 Drittes Kapitel. In der Heimath. 57 emporklimmend und uns mühſelig über die langweiligen Ebenen hin arbeitend, auf Reiſen zu Lande und Reiſen zur See, um aufeinander zu ſtoßen und in Wechſelwirkung an⸗ einander zu handeln, ziehen wir ruheloſen Reiſenden alle den Pilgerpfad des Lebens entlang. Drittes Kapitel. In der Heimath. Es war ein Sonntagabend in London, düſter, beklem⸗ mend und langweilig. Es war zum Verrücktwerden, die Kirchenglocken zu hören, wie ſie in Diſſonanzen von allen Graden, ſcharf und ſtumpf, heiſer und klar, ſchnell und langſam wie ein greuliches Geklirr unzähliger Mörſer und Mörſerkeulen und ihrer Echos durcheinander klangen. Schwer⸗ müthige Straßen im Büßergewande des Kohlenrußes ſtürzten die Seelen, welche verdammt waren, aus ihren Fenſtern in ſie hinabzublicken, in grauſame Verzweiflung. In jeder Straße, faſt in jedem Seitengäßchen und an jeder Ecke, um die man ſich drehte, hämmerte, ſchlenkerte ſich und bimmelte eine trübſelige Glocke, als ob die Peſt in der Stadt wäre, und die Todtenkarren herumgingen. Alles war unter Schloß und Riegel, wodurch möglicherweiſe einem überarbeiteten Volke einige Erfriſchung hätte gewährt werden können. Keine Bilder, keine ungewöhnlichen Thiere, keine ſeltnen 58 Drittes Kapitel. Pflanzen oder Blumen, keine natürlichen oder künſt⸗ lichen Wunder der alten Welt— Alles war durch jene er⸗ leuchtete Strenggläubigkeit für tabu erklärt, ſo daß die häßlichen Gottheiten der Südſee, die im Brittiſchen Muſeum ſind, ſich hätten wieder nach Hauſe verſetzt glauben können. Nichts zu ſehen als Straßen, Straßen, Straßen. Nichts zu athmen als Straßen, Straßen, Straßen. Nichts, das brütende Gemüth auf andere Gedanken zu bringen oder zu erheben. Nichts für den abgetriebenen Arbeiter zu thun, als Vergleiche anzuſtellen zwiſchen der Eintönigkeit ſeines ſiebenten Tags mit der Eintönigkeit ſeiner ſechs Tage, ſich Gedanken über das mühſelige Leben zu machen, das er führte und ſich— je nach der Gunſt der Umſtände— ſo gut oder ſo übel zu helfen als es ging. 3 Zu ſolch einer glücklichen Zeit, die den Intereſſen der Religion und Sittlichkeit ſo günſtig war, ſaß Mr. Arthur Clennam, eben von Marſeille über Dover, und zwar mit der Poſtkutſche„die blauäugige Jungfer“ in London einge⸗ troffen, am Fenſter eines Kaffeehauſes in Ludgate Hill. Zehntauſend verantwortliche Häuſer umgaben ihn und ſtarr⸗ ten ſo ingrimmig auf die Straßen, die ſie bildeten, als ob ſie alle miteinander von den zehn jungen Leuten der Kalender⸗ geſchichte bewohnt wären, welche ihre Geſichter ſchwärzten und jede Nacht ächzend ihr Elend beklagten. Fünfzigtauſend elende Neſter umgaben ihn, wo Leute ſo ungeſund wohnten, daß reines Waſſer, des Sonnabends am Abend in ihre überfüllten Stuben gegoſſen, am Sonntag Morgens verdor⸗ In der Heimath. 59 ben ſein würde, obwohl Mylord, der Vertreter ihrer Graf⸗ ſchaft im Parlamente, ſehr verwundert war, daß ſie nicht in Geſellſchaft des Fleiſches ihres Schlächters ſchlafen wollten. Meilen enger Brunnenkeſſel und Schachte von Häuſern, wo die Bewohner nach Luft ſchnappten, ſtreckten ſich fernhin nach jeder Richtung der Windroſe. Durch das Herz der Stadt ebbte und fluthete mit tödtlicher Ausdünſtung ein Abzugsgraben ſtatt eines ſchönen friſchen Stromes. Welchen irdiſchen Wunſch konnte die Million menſchlicher Weſen, deren Arbeitsplatz ſechs Tage in der Woche zwiſchen dieſen arkadiſchen Gegenſtänden lag, aus deren holdſeligem Einerlei es zwiſchen Wiege und Grab keinen Ausweg gab— welchen irdiſchen Wunſch konnten ſie denkbarer Weiſe in Bezug auf ihren ſiebenten Tag haben? Es war ſonnenklar, ſie konnten nichts wünſchen, als einen recht groben und ſtrengen Poli⸗ zeidiener. Mr. Arthur Clennam ſaß im Fenſter des Kaffeehauſes in Ludgate Hill und zählte einer der benachbarten Glocken die Schläge nach, wobei er unwillkührlich Sätze und Re⸗ frains daraus machte und ſich nebenbei fragte, wie vieler kranker Leute Tod das Gebimmel wohl im Laufe des Jahres herbeiführen möge. Als die Stunde ſich näherte, machte der Wechſel in der Aufeinanderfolge der Schläge die Glocke immer leidenſchaftlicher und ärgerlicher. Als es drei Viertel war, bimmelte ſie in einem Zuſtande tödtlich lebhaften Unge⸗ ſtüms, indem ſie das Volk mit raſch aufeinander folgenden Schlägen ermahnte:„Kommt zur Kirche! Kommt zur 60 Drittes Kapitel. Kirche!“ Als noch zehn Minuten fehlten, wurde ſie inne, daß die Gemeinde ſehr ſchwach verſammelt ſein würde und hämmerte in niedergeſchlagener Stimmung langſam:„Sie wollen nicht kommen. Sie wollen nicht kommen. Sie wollen nicht kommen.“ Fünf Minuten vor Voll gab ſie alle Hoffnung auf und erſchütterte jedes Haus in der Nachbar⸗ ſchaft dreihundert Secunden lang mit einem einzigen furcht⸗ baren Schlage in der Secunde als eine Art Geſtöhn der Verzweiflung. „Dank dem Himmel!“ ſagte Clennam, als die Stunde ſchlug, und die Glocke ſchwieg. 3 Aber ihr Klang hatte in ſeinem Innern eine lange Reihe von Sonntagen wieder belebt, und die Proceſſion wollte mit der Glocke nicht aufhören, ſondern fuhr fort, weiterzuſchreiten.„Gott verzeih mir die Sünde,“ ſagte er, „und denen, die mich erzogen. Wie habe ich dieſen Tag gehaßt!“ Da war der trübſelige Sonntag ſeiner Kindheit, wo er, die Hände vor ſich hingelegt, daſaß und durch ein greuliches Tractätchen vor Schreck von Sinnen kam, welches das Lehr⸗ geſchäft damit begann, daß es dem armen Kinde ſchon auf ſeinem Titelblatte die Frage vorlegte, warum es in die Ver⸗ dammniß eingehe?— eine Neugier, welche dieſes in ſeinem Kinderröckchen und ſeinen Pumphöschen zu befriedigen nicht in der Lage war— und welches ſich ſeinem kindlichen Ge⸗ müthe außerdem damit empfahl, daß ſich auf jeder zweiten Zeile eine Parentheſe mit einem den Schlucken erweckenden In der Heimath. 61 Hinweiſe auf die Bibel, als z. B. 2. Ep. Thess. c. III. v. 6 u. 7 befand. Da war der ſchläfrige Sonntag ſeiner Knabenjahre, wo er dreimal des Tages moraliſch an einen andern Knaben gefeſſelt, wie ein Deſerteur durch ein Picket von Lehrern nach der Kapelle gebracht wurde, wo er bereitwillig zwei Mahlzeiten unverdaulicher Predigt für noch ein paar Unzen ſchlechten Schöpſenfleiſches verhandelt haben würde, um ſein Mittagseſſen während ſeines Wandels im Fleiſche zu verbeſſern. Da war der endlos lange Sonntag ſeiner Jünglings⸗ zeit, wo ſeine Mutter, ſtrengen Antlitzes und unbeugſamen Herzens den ganzen Tag hinter einer Bibel ſaß— die wie ihr eigenes Weſen in die härteſte, ſchmuckloſeſte und ſteifſte Schale gebunden war und eine einzige gefärbte Zierath, die wie eine ſchleppende Kette ausſah, auf der Decke hatte, während der Schnitt der Blätter mit zornrothen Tüpfelchen bedeckt war— als ob gerade ſie von allen Büchern eine Verſchanzung gegen Milde der Geſinnung, natürliche Liebe und freundlichen Verkehr wäre. Da war der grollende Sonntag von etwas ſpäter, wo er den ganzen träg hinſchleichenden Tag mürriſch und dü⸗ ſterblickend daſaß, das Herz voll trüber Gedanken an das erlittene Unrecht und ohne mehr wirkliches Wiſſen von der wohlthätigen Geſchichte des Neuen Teſtaments, als ob er henern auferzogen worden wäre. ne Legion von Sonntagen, alles Tage un⸗ 4 62 Drittes Kapitel. nützerweiſe in ihm erweckter Bitterkeit und Niedergeſchlagen⸗ heit, an ihm vorüber. „Bitt' um Entſchuldigung, Sir,“ ſagte ein flinker Kell⸗ ner, indem er den Tiſch abwiſchte.„Wünſchen ſich Schlaf⸗ zimmer anzuſehen?“ „Ja. Habe mich eben dazu entſchloſſen.“ „Stubenmädchen!“ ſchrie der Kellner.„Herr in Bank Nummer Sieben Schlafzimmer anſehen., „Halt!“ ſagte Clennam ſich ermunternd.„Ich dachte nicht an das, was ich ſagte. Ich antwortete mechaniſch. Ich werde nicht hier ſchlafen. Ich gehe heim.“ „So, Sir. Stubenmädchen! Herr in Bank Nummer Sieben nicht hier ſchlafen. Geht heim.“ Er ſaß noch immer an derſelben Stelle, als der Tag ſank, blickte auf die düſtern Häuſer gegenüber und dachte, wie ſehr die abgeſchiedenen Geiſter früherer Bewohner, wenn ſie von ſich wüßten, ſich ſelbſt bedauern müßten, einſt in ſolche Gefängniſſe eingeſperrt geweſen zu ſein. Zuweilen erſchien ein Geſicht hinter dem trüben Glaſe eines Fenſters und verlor ſich dann wieder in der Dü⸗ ſterheit, als ob es genug vom Leben geſehen hätte und aus demſelben verſchwunden wäre. Bald begann Regen in ſchiefen Strichen zwiſchen ihm und dieſen Häuſern zu fallen, und die Leute fingen an ſich unter dem öffent⸗ lichen Durchgange drüben ins Trockne zu ſammeln und mit hoffnungsloſer Miene nach dem Himmel zu blicken, als der Regen dichter und raſcher herabfiel. ann begannen In der Heimath. 63 naſſe Regenſchirme zu erſcheinen, kothbeſpritzte Kleiderſäume und Schmutz. Was der Schmutz mit ſich gemacht hatte oder von wo er gekommen war, wer konnte es ſagen? Aber er ſchien ſich wie ein Volksauflauf im Augenblicke anzuſammeln und in weniger als fünf Minuten alle Söhne und Töchter Adams beſudelt zu haben. Der Lampenwärter machte jetzt die Runde, und wie die kleinen Feuerquellen unter ſeiner Berührung aufſprangen, hätte man meinen können, ſie ſeien erſtaunt, daß man ihnen geſtatte, über ſolch eine düſtere Scene einiges Licht zu verbreiten. Mr. Arthur Clennam ergriff ſeinen Hut, knöpfte ſich den Rock zu und ſchritt hinaus. Auf dem Lande würde der Re⸗ gen tauſend friſche Düfte entwickelt haben, und jeder Tro⸗ pfen würde eine glänzende Verbindung mit irgend einer ſchönen Form des Lebens eingegangen ſein. In der Stadt entwickelte er lediglich faule, müffige Gerüche und war eine ekelhafte, lauwarme, ſchmutzbedeckte, abſcheuliche Zugabe zu den Rinnſteinen. Er ſchritt quer über den Kirchhof von St. Pauls und ging in einem langen Winkel, der faſt bis zum Rande des Waſſers reichte, durch einige der gekrümmten und abſchüſſi⸗ gen Gaſſen hinab, welche zwiſchen dem Fluſſe und Cheapſide liegen und damals noch krümmer und enger waren. Indem er bald an der dumpfigen Halle einer veralteten„Andächtigen Geſellſchaft,“ bald an den hellerleuchteten Fenſtern einer „Gemeindeloſen Kirche“ vorüberging, welche auf einen abenteuernden Belzoni zu warten ſchien, der ſie ausgrübe 64 Drittes Kapitel. und ihre Geſchichté entdeckte; indem er ferner an ſchweigſa⸗ men Speichern und Werften und hin und wieder an einem engen Winkelgäßchen vorbeiſchritt, wo ein elender Zettel mit der Ueberſchrift:„Ertrunken gefunden“ an der naſſen Mauer weinte, kam er endlich zu dem Hauſe, welches er ſuchte. Es war ein altes Ziegelhaus, ſo verräuchert, daß es faſt ganz ſchwarz ausſah. Es ſtand allein innerhalb eines Thorwegs. Vor ihm war ein viereckiger Hof, wo ein paar Sträucher und ein Grasplatz(um viel zu ſagen) ſo kräftig wucherten, als der Roſt auf dem Eiſengitter, welches ſie ein⸗ faßte, dahinter ein Gewirr von Dächern. Es war ein Doppelhaus mit langen, ſchmalen, ſchwerfällig eingerahm⸗ ten Fenſtern. Vor vielen Jahren hatte es ſich in den Kopf geſetzt gehabt, nach der Seite hinzurutſchen; es war jedoch aufgeſtützt worden und lehnte ſich auf ein halb Dutzend gi⸗ gantiſcher Krücken, ein Turnplatz für die Katzen der Nach⸗ barſchaft, welcher, wetterbeſudelt, rauchgeſchwärzt und über⸗ wachſen mit Unkraut, in dieſen ſpätern Tagen keinen rechten Verlaß mehr zu bieten ſchien. „Nichts anders geworden,“ ſagte der Reiſende, indem er ſtill ſtand, um ſich umzuſehen.„So dunkel und erbärmlich wie immer. Ein Licht im Fenſter meiner Mutter, welches ſeit der Zeit, wo ich zweimal jährlich aus der Schule heim⸗ kam und meinen Koffer über dieſes Pflaſter ſchleppte, nie ausgelöſcht worden zu ſein ſcheint. Hm, hmehm!“ FEr ging nach der Thür hin, welche vorſtehendes Wetterdach von Schnitzwerk hatte, das guirlandenartig auf⸗ 4 In der Heimath. 65 gehangene Rollquehlen und Kinderköpfe mit Waſſer auf den Köpfen darſtellte, entworfen nach einem ehemals beliebten Mu⸗ ſter der Bildhauerkunſt. Er klopfte. Ein ſchlürfender Schritt ließ ſich bald darnach auf der ſteinernen Flur des Vorhauſes hören, und die Thür wurde von einem alten gekrümmten und zuſammengedorrten Manne mit ſtechenden Augen geöffnet. Er hatte eine Kerze in der Hand, die er einen Augen⸗ blick emporhielt, um ſeinen ſcharfen Augen zu Hülfe zu kommen. „Ah, Mr. Arthur!“ ſagte er ohne irgend welche Bewe⸗ gung,„Sie ſind endlich gekommen. Treten Sie ein.“ Mr. Arthur trat ein und ſchloß die Thür. „Sie ſind fleiſchiger und unterſetzter geworden,“ ſagte der alte Mann, indem er ſich umdrehte und mit wieder er⸗ hobener Kerze ihn betrachtete;„aber,“ er ſchüttelte den Kopf,„meiner Anſicht nach kommen Sie Ihrem Vater nicht gleich. Nicht einmal Ihrer Mutter.“ „Wie befindet ſich meine Mutter?“ „Sie befindet ſich, wie ſie ſich jetzt immer befindet. Hü⸗ tet ihr Zimmer, wenn ſie nicht gerade bettlägerig iſt, und iſt nicht fünfzehn Mal herausgekommen in ebenſo vielen Jahren.“ Sie waren in ein dürftiges, mager ausgeſtattetes Speiſezimmer getreten. Der alte Mann hatte den Leuchter auf den Tiſch geſetzt und ſtrich ſich, indem er ſeinen rechten Ellbogen mit der linken Hand ſtützte, ſeine lederartigen Backen, während er den Beſuch anſah. Der Beſuch bot ihm die Hand. Der Alte nahm ſie mit Kälte hin und ſchien 5 Klein Dorrit. 5 66 Drittes Kapitel. ſeine Backen vorzuziehen, zu denen er, ſobald er konnte, zu⸗ rückkehrte. „Ich zweifle, ob Ihre Mutter es billigen wird, daß Sie am Tage des Herrn nach Hauſe kommen, Arthur,“ ſagte er, bedächtig den Kopf ſchüttelnd. „Sie wollen doch nicht, daß ich wieder gehen ſoll?“ „Oh! Ich? Ich? Ich bin nicht der Herr im Hauſe. Ich würde es nicht haben wollen. Ich habe viele Jahre zwi⸗ ſchen Ihrem Vater und Ihrer Mutter geſtanden. Ich beab⸗ ſichtige aber nicht, mich zwiſchen Ihre Mutter und Sie zu ſtellen.“— „Wollen Sie ihr ſagen, daß ich heimgekommen bin?“ „Ja, Arthur, ja wohl. O freilich. Ich will ihr ſagen, daß Sie nach Hauſe gekommen ſind. Warten Sie gefälligſt hier. Sie werden keine Veränderung am Zimmer finden.“ Er nahm eine andere Kerze von einem Ecktiſche, zündete ſie an, ließ die erſte auf dem Tiſche und entfernte ſich aus dem Zimmer, um ſeinen Auftrag auszurichten. Er war ein klei⸗ ner, kahlköpfiger alter Mann in einem hochſchultrigen ſchwarzen Rocke, gleichfarbiger Weſte, hellgrauen grobtuchnen Beinkleidern und langen hellgrauen Gamaſchen. Nach ſeiner Kleidung zu ſchließen, mochte er lange Zeit entweder Com⸗ mis oder Bedienter geweſen ſein, und in der That war er beides geweſen. Er hatte keinerlei Schmuck an ſich als eine Uhr, welche in die Tiefen der für ſie beſtimmten Taſche an einem alten ſchwarzen Bande hinabgelaſſen war und über welcher ein beſchmuzter kupferner Uhrſchlüſſel feſtgemacht In der Heimath. 67 war, um die Stelle zu zeigen, wo ſie verſenkt war. Sein Kopf hing ſchief, und er hatte ein einſeitiges, krabbenarti⸗ ges Weſen an ſich, wie wenn die Grundlagen ſeines Baues ungefähr um dieſelbe Zeit nachgegeben hätten, als die des Hauſes und als ob er in gleicher Weiſe hätte geſtützt werden ſollen. „Wie ſchwach ich doch bin!“ ſagte Arthur Clennam, als er fort war,„'s iſt mir, als ob ich Thränen über dieſen Em⸗ pfang vergießen könnte. Ich, der ich nie etwas anderes er⸗ fahren, nie etwas anderes erwartet habe.“ Er konnte nicht blos Thränen vergießen, ſondern ver⸗ goß deren wirklich. Es war das augenblickliche Ueberwallen einer Natur, welche vom Aufdämmern ihrer erſten Beobach⸗ tungen an fortwährend getäuſcht worden war, aber doch noch nicht alle ihre Hoffnung und Sehnſucht aufgegeben hatte. Er bezwang ſein Gefühl, nahm die Kerze und be⸗ gann das Zimmer zu unterſuchen. Die alten Möbel waren auf ihren alten Plätzen. Die Plagen Aegyptens, noch viel düſterer durch die Londoner Plagen von Fliegen und Rauch, hingen unter Glas und Rahmen an den Wänden. Da war der alte Flaſchenkeller mit nichts darin, wie eine Art Sarg in Abtheilungen mit Blei ausgefüttert. Dort war das alte, dunkle Speiſekämmerchen, ebenfalls mit nichts darin, deſſen einziger Inhalt öfters er geweſen, an Straftagen nänlich, wo er es als den Eingang jener Grenze betrachtet hatte, auf welche das Tractätchen ihn zueilen ſah. Da war die große Wanduhr mit den harten Zügen auf dem Ecktiſche, 5* 68 Drittes Kapitel. die er ihre figurengeſchmückte Stirn mit wilder Freude gegen ſich runzeln geſehen hatte, wenn er mit ſeinen Lectionsauf⸗ gaben in Rückſtand war, und welche, wenn ſie wöchentlich einmal mit einem Eiſenſchlüſſel aufgezogen wurde, einen Ton von ſich gab, als ob ſie im Voraus ein grauſames Freudengeheul ausſtieße über das Elend, das ſie über ihn bringen wolle. Aber hier war der alte Mann zurückgekom⸗ men. Er ſagte:„Arthur, ich will vorausgehen und Ihnen leuchten.“ Arthur folgte ihm die Treppe hinauf, welche in Zwi⸗ ſchenräumen gleich eben ſo vielen Trauertäfelchen abgetäfelt war, in eine matterleuchtete Schlafkammer, deren Dielen ſich allmälig ſo geſetzt und geſenkt hatten, daß ſich der Ka⸗ min in einer Vertiefung befand. Auf einem ſchwarzen bah⸗ renartigen Sopha in dieſer Vertiefung, welches gleich dem Richtblocke bei einer feierlichen Hinrichtung in der guten alten Zeit hinten mit einem großen eckigen Polſter geſtützt war, ſaß ſeine Mutter in Witwenkleidern. Sie und ſein Vater waren von ſeiner früheſten Erinne⸗ rung an ſich entfremdet geweſen. Selbſt ſprachlos in Mitten des ſtrengſten Schweigens zu ſitzen und furchtſam bald auf das eine, bald auf das andere abgewandte Geſicht zu blicken, war noch die friedlichſte Beſchäftigung ſeiner Kindheit gewe⸗ ſen. Sie gab ihm einen gleichgültigen Kuß und vier ſteife in wollene Müffchen gehüllte Finger. Nachdem dieſe Umar⸗ mung zu Ende war, ſetzte er ſich an der andern Seite ihres kleinen Tiſches nieder. Es war ein Feuer im Kamin, wie In der Heimath. 69 ſeit fünfzehn Jahren Tag und Nacht eins dort geweſen war. Es hing ein Keſſel am Haken, wie ſeit fünfzehn Jahren Tag und Nacht einer daran gehangen hatte. Es war ein kleiner Haufen erloſchener Aſche oben auf dem Feuer und ein ande⸗ rer kleiner Haufen unter dem Kamingitter zuſammengefegt, wie ſeit fünfzehn Jahren Tag und Nacht ſolche Haufen Aſche dort geweſen waren. Es war in dem luftloſen Zimmer ein Geruch von ſchwarzer Farbe, welchen das Feuer aus dem Krepp und dem andern Zeug der Witwenkleider ſeit fünf⸗ zehn Monaten, aus dem bahrenartigen Sopha ſeit fünfzehn Jahren gezogen hatte. „Mutter, es iſt ein Wechſel in Deiner altgewohnten Thätigkeit eingetreten.“ „Die Welt hat ſich bis auf dieſe Grenze verengert, Ar⸗ thur,“ entgegnete ſie, indem ſie ihren Blick über das Zimmer ſchweifen ließ.„Es iſt gut für mich, daß ich mein Herz nie an ihre hohle Eitelkeit gehängt habe.“ Der alte Einfluß, den ihre Gegenwart und ihre ſtrenge ſtarke Stimme auf ihren Sohn ausgeübt, ſammelte ſich ſo um dieſen, daß er ſich bewußt wurde, wie das ſchüchterne Fröſteln und die zurückhaltende Aengſtlichkeit ſeiner Kinder⸗ jahre ſich von Neuem regten. „Verläßt Du Deine Stube niemals, Mutter?“ „Wie ſollte ich mit meinem rheumatiſchen Uebel und mit der nebenhergehenden Altersſchwäche oder Nervenſchwäche— Namen thun jetzt nichts zur Sache ich habe den Ge⸗ brauch meiner Glieder verloren. Ich verlaſſe meine Stube 70 Drittes Kapitel. nie. Ich bin nicht aus dieſer Thür gekommen ſeit— ſag' ihm ſeit wie lange,“ ſagte ſie über ihre Schulter ſprechend. „Zwölf Jahre wird's nächſte Weihnachten,“ erwiderte eine grelle Stimme aus der halben Finſterniß hinter ihr. „Iſt das Affery?“ ſagte Arthur, indem er nach ihr hin⸗ blickte. Die grelle Stimme antwortete, es ſei Affery, und eine alte Frau kam in das zweifelhafte Licht des Vordergrundes hervor und küßte ihre Hand ein Mal, dann ſetzte ſie ſich wie⸗ der in die Dunkelheit.. „Ich bin im Stande,“ ſagte Mrs. Clennam mit einer leichten Bewegung ihrer mit Wollmüffchen bekleideten rech⸗ ten Hand nach einem Räderſtuhle, welcher vor einem hochge⸗ wachſenen, feſtverſchloſſenen Schreibeſekretär ſtand,„ich bin im Stande, meine Pflichten gegen das Geſchäft zu verſehen, und ich danke dem Herrn für dieſe Gnade. Es iſt eine große Gnade. Aber nichts mehr von Geſchäftsſachen am heutigen Tage. Es iſt eine üble Nacht, nicht wahr?“ „Ja, Mutter.“ „Schneit es?“ „Schneien, Mutter? Wir ſind ja erſt im September.“ „Mir ſind alle Jahreszeiten gleich,“ entgegnete ſie m einem gewiſſen grimmigen Behagen.„Hier dagsfhloſſen weiß ich nichts von Sommer und Winter. Es hat deem Herrn gefallen, mir darüber hinauszuhelfen.“ Mit ihren kalten grauen Augen und ihrem kalten grauen Haar und —— In der Heimath. 71 ihrem unbeweglichen Geſichte, das ſo ſteif war als die Flech⸗ ten ihres ſteinſtarren Kopfputzes, ſchien der Umſtand, daß ſie außerhalb des Bereichs der Jahreszeiten war, nur eine paſ⸗ ſende Folge des Umſtandes, daß ſie außerhalb des Bereichs aller wechſelnden Empfindungen war. Auf ihrem kleinen Tiſche lagen zwei oder drei Bücher, ihr Taſchentuch, eine Brille, erſt kürzlich abgenommen und eine altmodiſche Uhr in einem ſchweren doppelten Gehäuſe. Auf dieſem letztern Gegenſtande ruhten jetzt ihre und ihres Sohnes Augen zugleich. „Ich ſehe, daß Du das Packet, das ich Dir bei Vaters Tod ſendete, richtig erhalten haſt, Mutter.“ „So iſt's.“. „Ich habe den Vater niemals ſich ſo wegen einer Sache abängſtigen ſehen, als darüber, daß ſeine Uhr unverzüglich an Dich geſchickt werden ſollte.“ „Ich hebe ſie hier als Andenken an Deinen Vater auf.“ „Es war nicht eher, als ganz zuletzt, daß er den Wunſch ausdrückte; als er nur noch ſeine Hand auf ſie legen und ganz inſtinctartig ſagen konnte:„Deine Mutter.“ Ei⸗ nen Augenblick vorher dachte ich, er phantaſire, was er mehrere Stunden lang gethan hatte— ich glaube, er hatte während ſeiner kurzen Krankheit kein Bewußtſein von Schmerz da ſah ich, wie er ſich im Bette umdrehte und ſie zu öffnen verſuchte.“ 72 Drittes Kapitel. „Phantaſirte Dein Vater nicht auch da, als er ſie zu öff⸗ nen verſuchte?“ „Nein, er war ganz bei Sinnen zu dieſer Zeit.“ Mrs. Clennam ſchüttelte den Kopf, ob aus Mißbilli⸗ gung der Handlungsweiſe des Verſtorbenen, oder weil ſie ſich der Anſicht ihres Sohnes entgegenſtellte, wurde nicht deutlich ausgedrückt. „Nach dem Tode des Vaters öffnete ich ſie ſelbſt, indem ich dachte, es könnte möglicherweiſe ein Memorandum darin ſein. Es war indeſſen nichts darin, als das alte ſeidene mit Glasperlen geſtickte Uhrpapier, welches Du ohne Zweifel an ſeiner Stelle zwiſchen den Gehäuſen gefunden haſt, wo ich es fand und ließ.“ Mrs. Clennam deutete durch eine Geberde ihre Beiſtim⸗ mung an und fügte dann hinzu:„Nichts mehr von Geſchäf⸗ ten am heutigen Tage. Affery,'s iſt neun Uhr.“ Auf dieſe Bemerkung hin räumte die alte Frau den Tiſch ab, ging aus dem Zimmer und kehrte raſch mit einem Prä⸗ ſentirbrette zurück, auf welchem ſich ein Gericht kleiner Zwie⸗ backe und ein kleines, kühles, ſymmetriſch abgetheiltes, weißes und fettes Stück Butter befand. Der alte Mann, welcher während der ganzen Zuſammenkunft in einer und der⸗ ſelben Stellung an der Thür geſtanden und die Mutter im erſten Stock wie den Sohn im Erdgeſchoß angeſehen hatte, ging zu gleicher Zeit hinaus und kehrte nach einer längern Abweſenheit mit einem zweiten Präſentirbrette zurück, worauf ſich der größere Theil einer Flaſche Portwein(die er nach ſei⸗ In der Heimath. 73 nem Keuchen zu urtheilen aus dem Keller geholt hatte), eine Citrone, eine Zuckerſchale und eine Gewürzſchachtel befanden. Mit dieſen Materialien und mit Hülfe des Keſſels füllte er ein Weinglas mit einer heißen, gewürzig duftenden Miſchung, die mit einer Genauigkeit abgemeſſen und zuſammengebraut war, als ob ſie das Recept eines Arztes wäre. In dieſe Mi⸗ ſchung tauchte Mrs. Clennam gewiſſe von den Zwiebacken und aß ſie, während die alte Frau gewiſſe andere Zwiebacke, welche allein gegeſſen werden ſollten, mit Butter beſtrich. Als die Kranke alle Zwiebacke gegeſſen und die ganze Miſchung ausgetrunken hatte, wurden die beiden Bretter weggeſchafft und die Bücher, die Kerze, Uhr, Taſchentuch und Brille wie⸗ der auf den Tiſch gelegt. Sie ſetzte hierauf die Brille auf und las verſchiedene Stellen laut aus einem Buche— finſtern Blicks, grimmig, zornmüthig— indem ſie betete, daß ihre Feinde(ſie machte ſie durch ihren Ton und ihre Weiſe aus⸗ drücklich zu den ihren) der Schärfe des Schwertes überant⸗ wortet, von Feuer verzehrt, mit Peſtilenz und Ausſatz geſchla⸗ gen, daß ihre Knochen zu Staub zermahlen und daß ſie gänz⸗ lich ausgerottet werden möchten. Als ſie weiter las, ſchie⸗ nen ihrem Sohne Jahre zu verſchwinden gleich den Gedan⸗ kenbildern eines Traums, und alle die alten dunkeln Schrecken der Art, wie man ihn, das unſchuldige Kind, auf den Schlaf vorbereitete, überſchatteten ihn. Sie ſchloß das Buch und blieb eine Weile ſo ſitzen, daß ſie ihr Geſicht mit ihrer Hand beſchattete. Dasſelbe that der alte Mann, der ſeine Stellung noch immer mit keiner andern 74 Drittes Kapitel. vertauſcht hatte; dasſelbe wahrſcheinlich auch die alte Frau in dem dunklern Theile des Zimmers. Dann war die Kranke bereit zu Bett zu gehen. „Gute Nacht, Arthur. Affery wird Sorge tragen, daß du untergebracht wirſt. Rühre mich blos leiſe an, denn meine Hand iſt empfindlich.“ Er berührte das wollene Müffchen ihrer Hand— das war nichts; wenn ſeine Mutter in einer meſſingnen Scheide geſteckt hätte, ſo würde keine neue Schei⸗ dewand zwiſchen ihnen geweſen ſein— und folgte dem alten Mann und der alten Frau die Treppe hinab. Die letztere fragte ihn, als ſie unter den ſchweren Schatten des Speiſezimmers allein waren, ob er zu Abend eſſen wollte. „Rein, Affery, ich mag nicht zu Abend ſpeiſen.“ „Sie ſollen, wenn Sie Luſt haben,“ ſagte Affery.„Es iſt hier im Speiſeſchranke ein für morgen beſtimmtes Rebhuhn, ihr erſtes in dieſem Jahre; ſagen Sie nur ein Wort, und ich will es braten.“ Nein, er hätte nicht lange vorher geſpeiſt und könne nichts eſſen. „Nun, ſo trinken Sie wenigſtens etwas,“ ſagte Affery. „Sie ſollen etwas von ihrer Flaſche Portwein haben, wenn Sie wollen. Ich will Jeremiah ſagen, Sie hätten mir be⸗ fohlen, ſie Ihnen zu bringen.“ Nein, er wollte auch das nicht haben. 4 „Es folgt daraus,“ ſagte die alte Frau, indem ſie ſich über ihn beugte und ihm ins Ohr flüſterte,„daß ich vor ihnen meines Lebens nicht ſicher zu ſein glaube, noch nicht, daß Sie In der Heimath. 75 das auch glauben müſſen. Sie haben doch das halbe Ver⸗ mögen geerbt, nicht wahr?“ „Ja wohl.“ „Nun, dann laſſen Sie wenigſtens ſich nicht in's Bocks⸗ horn jagen. Sie ſind ein kluger Herr, Arthur, nicht wahr? Er nickte, da ſie eine bejahende Antwort zu erwarten ſchien. „Dann treten Sie auf gegen ſie. Sie iſt fürchterlich klug, und nur ein Kluger darf ein Wort zu ihr ſagen. Er iſt eben⸗ falls klug— oh, ſehr klug, und er ſteckt's ihr, wenn er in der Laune dazu iſt, ganz gehörig.“ „Ihr Mann, meinen Sie.“ „Und ob er's thut? Ich zittre am ganzen Leibe, wenn ich höre, wie er's ihr ſteckt. Min Mann Jeremiah Flintwinch wird ſelbſt mit Ihrer Mutter fertig. Was anders als ein klu⸗ ger Mann kann er ſein, wenn er das vollbringt?“ Da in dieſem Augenblicke ſein ſchlürfender Fußtritt auf ſie zukam, ſo retirirte ſie nach dem andern Ende des Zim⸗ mers. Obſchon ſie ein hochgewachſenes, kräftiges, muskel⸗ ſtarkes Frauenzimmer war, welches in ſeinen jungen Jahren ohne viel Furcht vor Entdeckung ſich zum Eintritt in die Leib⸗ garde hätte melden können, fuhr ſie doch vor dem ſcharfäugi⸗ gen, krabbenartigen alten Männchen zuſammen. „Na, Affery,“ ſagte er,„na Weibsbild, was treibſt Du⸗ hier? Kannſt Du denn nicht für Herrn Arthur das Eine oder Andere zum Knaupeln herzuſuchen?“ Herr Arthur wiederholte ſeine eben vorgebrachte Weige⸗ rung, etwas knaupeln zu wollen. 76 Drittes Kapitel. „Sehr wohl,“ ſagte der alte Mann,„dann mache ſein Bett zurecht. Spute dich.“ Sein Hals war ſo gedreht, daß die zuſammengeknüpften Enden ſeines weißen Halstuchs ge⸗ wöhnlich unter dem einen Ohre ſchwebten. Seine angeborene Nauhheit und Heftigkeit, die ſtets mit einer durch Gewohn⸗ heit zur zweiten Natur gewordenen Zurückhaltung kämpfte, gab ſeinen Geſichtszügen einen geſchwollenen und verſtellten Ausdruck, und Alles zuſammengenommen machte er den un⸗ heimlichen Eindruck, als ob er ſich irgend einmal gehangen gehabt und ſeitdem immer mit Strang und allem zuſammen genau ſo herumgezogen ſei, wie eine noch zu rechter Zeit er⸗ ſchienene Hand ihn abgeſchnitten. 8 „Sie werden morgen von Ihrer Mutter bittere Worte zu hören bekommen, Arthur,“ ſagte Jeremiah.„Ihr Aufgeben des Geſchäfts nach Ihres Vaters Tode— welches ſie ver⸗ muthet, obwohl wir's Ihnen überlaſſen h. ben, es ihr zu er⸗ zählen— wird nicht glatt ablaufen.“ 1 „Ich habe Alles im Leben zu Gunſten des Geſchäfts auf⸗ gegeben, und die Zeit kam für mich, dies aufzugeben.“ „Gut!“ ſchrie Jeremiah, indem er augenſcheinlich „Schlimm“ ſagen wollte.„Sehr gut! Nur erwarten Sie nicht, daß ich den Vermittler zwiſchen Ihnen und Ihrer Mut⸗ ter mache, Arthur. Ich machte den Vermittler zwiſchen Ihrer Mutter und Ihrem Vater, indem ich bald den Stoß, bald jenen Stoß abfing und zwiſchen ihnen zerquetſcht und zer⸗ malmt wurde, und ich bin mit ſolcher Arbeit jetzt zu Ende.“ In der Heimath. 77 „Sie werden niemals gebeten werden, es für mich von Neuem zu thun, Jeremiah.“ „Gut, das freut mich zu hören, weil ich's ſonſt ablehnen müßte. Das iſt genug— wie Ihre Mutter ſagt— und mehr als genug von ſolchen Dingen am Tage des Herrn. Affery, Weibsbild, haſt du ſchon gefunden, was Du brauchſt.“ Sie hatte aus einer Wäſchpreſſe Betttücher und Decken zuſammengeſucht und beeilte ſich jetzt, ſie aufzunehmen und „Ja Jeremiah,“ zu antworten. Arthur Clennam half ihr, indem er die Laſt ſelbſt trug, wünſchte dem alten Manne gute Nacht und ging mit ihr nach dem Boden des Hauſes hinauf. Sie ſtiegen höher und immer höher, durch den dumpfigen Geruch eines alten, wenig gebrauchten Hauſes, bis ſie zu einer geräumigen Dachſchlafkammer kamen. Kümmerlich und dürftig möblirt, wie alle übrigen Zimmer, war ſie ſogar noch häßlicher und finſterer als die andern, indem ſie der Verban⸗ nungsort für das abgebrauchte Hausgeräth war. Ihre Mö⸗ bel waren häßliche alte Stühle mit zerſeſſenen Sitzkiſſen und häßliche alte Stühle ohne alle Sitzkiſſen, ein fadenſcheiniger Teppich ohne Muſter, ein verſtümmelter Tiſch, ein verkrüppel⸗ ter Kleiderſchrank, ein Paar Feuereiſen ſo hager, als ob ſie das Skelett eines mit Tode abgegangenen Paars wären, ein Waſchtiſch, der ausſah, als ob er ſeit Menſchengedenken in einem Platzregen ſchmutzigen Seifenwaſſers geſtanden hätte, und eine Bettſtelle mit vier bloßen Atomen von Pfoſten, von denen jeder in eine Spitze endigte, als ob damit Bewoh⸗ nern, welche Luſt haben ſollten, ſich zu pfählen, Gelegenheit 78 Drittes Kapitel. gegeben werden ſollte, ſich das grauſame Vergnügen zu ma⸗ chen. Arthur öffnete das lange tiefherabgehende Fenſter und blickte auf den alten wildzerzauſten und rauchgeſchwärzten Wald von Schornſteinen und den alten rothen Schein am Himmel, welcher ihm einſt in alter Zeit nur als der nächtliche Widerſchein der feurigen Höllenrunde vorkam, welcher ſeiner kindlichen Einbildungskraft nach allen Richtungen hin, wohin ſie auch blicken mochte, vor Augen gehalten wurde. Erzog den Kopf wieder herein, ſetzte ſich neben das Bett und ſah zu, wie Affery Flintwinch das Bett machte. „Affery, Sie waren nicht verheirathet, als ich wegging.“ Sie ſchraubte ihren Mund in die Form, womit man „Nein“ ſagt, ſchüttelte den Kopf und fuhr fort ein Kiſſen in den Ueberzug zu ſtopfen. „Wie kam es nur?“ „Je nun, Jeremiah, natürlich,“ ſagte Affery, indem ſie das eine Ende des Kiſſens zwiſchen den Zähnen hielt. „Natürlich machte er Ihnen den Antrag;“ aber wie kam es überhaupt? Ich hätte gedacht, daß keines von ihnen bei⸗ den jemals geheirathet haben würde; am allerwenigſten aber hätte ich gedacht, daß Sie ſich einander heirathen würden.“ „Ebenſo wenig hätte ich's gedacht,“ ſagte Mrs. Flint⸗ winch, indem ſie das Kiſſen in ſeinen Ueberzug feſt band. „Das iſt's eben, was ich meinte. Wann geſchah's, daß Sie auf andere Gedanken kamen?“ Da ſie ſah, daß er, während ſie das Kiſſen auf ſeinem Platze auf der Polſterunterlage glatt klopfte, ſie noch immer 5 In der Heimath. 79 anblickte, als erwarte er den Schluß ihrer Antwort, ſo gab ſie dem Kiſſen einen mächtigen Schlag auf die Mitte und fragte:„Wie konnt' ich denn anders?“ „Wie Sie anders konnten, als ihn heirathen?“ „Freilich,“ ſagte Mrs. Flintwinch,„es ging ja nicht von mir aus. Ich hätte im Leben nicht daran gedacht. Nun ja, es ging auch mit von mir aus, aber ohne daß ich mir was dabei gedacht hätte. Sie zwang mich dazu, als ſie heiumn gehen konnte, und ſie konnte damals herum gehen.“ „Nun?“ „Nun?“ wiederholte Mrs. Flintwinch.„Das iſt's, was ich ſelber ſagte. Nun gut! Was nützt das Ueberlegen? Wenn die beiden klugen Leute ſich's vorgeſetzt haben, was bleibt da mir übrig? Gar nichts.“ „Was hatte denn meine Mutter damit im Sinne?“ „Na Gott ſegne Sie, Arthur, und vergebe mir den Wunſch!“ ſchrie Affery, die ſonſt ſtets in gedämpftem Tone ſprach.„Wenn ſie nicht Beide was im Sinne gehabt hätten, wie in aller Welt könnte es da geſchehen ſein? Jeremiah hat mir niemals die Cour gemacht; es war auch eben nicht wahrſcheinlich, nachdem er ſo viele Jahre mit mir in dem Hauſe gelebt und mir befohlen hatte. Er ſagte zu mir eines Tages,„Affery,“ ſagte er,„ich will dir mal was ſagen. Was denkſt du von dem Namen Flintwinch?“—„Na was ſoll ich davon denken,“ ſag' ich.„Ja“ ſagte er,„' iſt, weil du ihn annehmen ſollſt,“ ſagte er.„Annehmen?“ O er iſt ein klu⸗ ger Kopf!“ 80 Drittes Kapitel. Mrs. Flintwinch fuhr fort, das obere Betttuch über das Bett zu breiten und über dieſes die wollene Decke, und die Steppdecke über dieſe, als ob ſie mit ihrer Erzählung völlig zu Ende wäre. „Nun?“ ſagte Arthur wieder. „Nun?“ wiederholte Mrs. Flintwinch wieder.„Wie konnte ich anders? Er ſagte zu mir:„Affery, Du und ich, wir müſ⸗ ſen uns heirathen, und ich will Dir ſagen, warum. Sie iſt von ſchwacher Geſundheit, und ſie wird fortwährend Jemand zur Bedienung haben müſſen oben in ihrer Stube, und wir werden viel bei ihr ſein müſſen, und es wird jetzt Niemand als wir da ſein, wenn wir weg von ihr ſind, und kurz, es wird ſich ſo beſſer paſſen Sie iſt meiner Meinung,“ ſagte er, „und ſo wirſt du nächſten Montag früh acht Uhr deinen Hut aufſetzen, und wir werden's abmachen.“ Mrs. Flintwinch ſtrich das Bett glatt. „Nun?“ „Nun?“ wiederholte Mrs. Flintwinch.„Ich dachte auch ſo. Ich ſetze mich hin und ſage ihm das. Na!— Jeremiah ſagt dann zu mir:„Was die Trauung betrifft, ſo iſt der Grund, daß ich den Montag wähle, der, daß nächſten Sonn⸗ tag das dritte Aufgebot ſtattfindet(ich habe es nämlich vor vierzehn Tagen beſtellt). Sie wird ſelbſt mit Dir darüber ſprechen, und jetzt wird ſie Dich vorbereitet finden, Affery.“ Dieſen ſelbigen Tag noch ſprach ſie mit mir, und ſie ſagte: „So, Affery, ich höre, daß Du und Jeremiah Euch heirathen wollt. Ich freue mich darüber, und Ihr gleichfalls und mit In der Heimath. 3 81 Recht. Es iſt ſehr gut für Euch und mir unter dieſen Um⸗ ſtänden ſehr willkommen. Er iſt ein verſtändiger Mann, und ein vertrauenswerther Mann, und ein Mann von Ausdauer und ein frommer Mann.“ Was konnte ich ſagen, als es ſo⸗ weit gekommen war. Lieber Gott, wenn ſie mich hätten— räuchern wollen ſtatt verheirathen,“ Mrs. Flintwinch ſuchte lange in ihrem Gemüthe nach dieſer Ausdrucksform,„ich würde dieſen beiden klugen Köpfen gegenüber nicht ein Wort haben dagegen ſagen können.“ „Das glaub' ich wahrhaftig.“ „Ja das können Sie glauben, Arthur.“ „Affery, was für ein Mädchen war das eben jetzt in der Stube meiner Mutter?“ „Mädchen?“ ſagte Mrs. Flintwinch in ziemlich ſcharfem Tone. „Es war ein Mädchen, freilich, welches ich bei Ihnen ſah— ziemlich ganz verborgen in dem dunkeln Winkel.“ „O! Die? Die kleine Dorrit? Die iſt gar nichts; die iſt eine bloße Grille von— ihr.“ Es war eine Eigenthümlichkeit von Affery Flintwinch, daß ſie Mrs. Clennam nie bei ihrem Namen nannte.„Aber es giebt noch eine andere Art Mädchen als die hier. Ha⸗ ben Sie Ihre alte Liebſte vergeſſen? Lange, ſehr lange her allerdings.“ „Ich litt davon, daß meine Mutter uns trennte, gerade genug, um mich ihrer zu erinnern. Ich beſinne mich ſehr wohl auf ſie.“ Klein Dorrit. 6 82 Drittes Kapitel. In der Heimath. „Haben Sie eine andere?“ „Nein.“ „Nun dann habe ich Ihnen eine gute Nachricht zu brin⸗ gen. Sie iſt wohlauf jetzt und Witwe. Und wenn Sie ſie gern haben mögen, ſo können Sie ſie kriegen.“ „Und woher wiſſen Sie das, Affery?“ „Die beiden klugen Leute ſprachen davon.— Aber da iſt Jeremiah auf der Treppe!“ Sie war im Augenblicke auf und davon. Mrs. Flintwinch hatte in das Gewebe, welches ſein Ge⸗ müth geſchäftig webte, in der alten Werkſtatt, wo der Web⸗ ſtuhl ſeiner Jugend geſtanden, den letzten Faden geſchoben, der zu dem Muſter mangelte. Die luftige Thorheit der Liebe eines Knaben hatte ihren Weg ſelbſt in dieſes Haus gefun⸗ den, und er hatte ſich in ihrer Hoffnungsloſigkeit ſo unglück⸗ lich gefühlt, als ob das Haus ein romanhaftes Schloß ge⸗ weſen wäre. Vor nicht viel länger als einer Woche hatte zu Marſeille das Geſicht des hübſchen Mädchens, von dem er mit Bedauern geſchieden war, ein ungewöhnliches Intereſſe für ihn gehabt und ihn mit zarten Händen feſtgehalten, und zwar deshalb, weil es einige Aehnlichkeit, wirkliche oder ein⸗ gebildete, mit jenem erſten Geſichte hatte, welches aus ſeinem düſteren Leben in die helle Lichtwelt der Phantaſie emporge⸗ ſchwebt war. Er lehnte ſich auf den Sims des langen niedri⸗ gen Fenſters und begann, wieder auf den rauchgeſchwärzten Wald von Schornſteinen hinausblickend, zu träumen. Denn es hatte im Leben dieſes Mannes— an dem ſo viel fehlte, —— Viertes Kapitel. Mrs. Flintwinch hat einen Traum. 83 woran man gern denkt, und ſo viel war, was beſſer einge⸗ richtet hätte ſein und glücklichere Erinnerungen hätte wecken können— Alles und Jedes dahin gewirkt, ihn trotz mancher entgegenſtehenden Eigenſchaften zum Träumer zu machen. Biertes Kanitel. Mrs. Flintwinch hat einen Traum. Wenn Mrs. Flintwinch träumte, ſo träumte ſie gewöhn⸗ lich, ungleich dem Sohne ihrer alten Herrin, mit geſchloſſe— nen Augen. Sie hatte dieſe Nacht einen merkwürdig leb⸗ haften Traum, und zwar bevor ſie den Sohn ihrer alten Herrin viele Stunden verlaſſen hatte. In der That war es eigentlich gar nicht wie ein Traum, ſo ungemein wirklich war es in jeder Rückſicht. Es begab ſich folgendermaßen. Die Schlafſtube, welche Mr. und Mrs. Flintwinch innehatten, befand ſich wenige Schritte von der, auf welche Mrs. Clennam ſo lange beſchränkt geweſen war. Sie war nicht auf derſelben Diele; denn es war ein Zimmer an der Seite des Hauſes, nach welchem man auf einer ſteilen Treppe von einigen wunderlich geformten Stufen hinabſtieg, die von der Haupttreppe in der Nähe von Mrs. Clennams Thüre abzweigte. Man konnte kaum ſagen, ſie ſei innerhalb Rufsweite; denn die Wände, Thüren und Hohzverkleidun⸗ 6* 84 Viertes Kapitel. gen des alten Gebäudes waren zu große Hinderniſſe. Aber man konnte ſie leicht erreichen, gleichviel wie ſehr entkleidet, gleichviel zu welcher Stunde der Nacht, gleichviel bei welcher Temperatur. Am Kopfende des Bettes und keinen Fuß weit vom Ohre der Mrs. Flintwinch war eine Klingel, deren Schnur Mrs. Clennam mit der Hand erreichen konnte. Sobald dieſe Glocke klang, fuhr Affery in die Höhe und war im Krankenzimmer, bevor ſie erwachte. Nachdem ſie ihre Herrin zu Bett gebracht, ihre Lampe angezündet und ihr Gutenacht gewünſcht hatte, kroch Mrs. Flintwinch wie gewöhnlich ins Neſt, nur war ihr Herr Ge⸗ mahl noch nicht erſchienen. Es war ihr Herr Gemahl ſelbſt, welcher— eine Abweichung von den Beobachtungen der meiſten Philoſophen, nach welchen es der letzte Gegenſtand ſein muß, der die Gedanken beſchäftigt hat— der Gegen⸗ ſtand von Mrs. Flintwinchs Traume war. Es ſchien ihr, als ob ſie wach würde, nachdem ſie einige Stunden geſchlafen, und Jeremiah neben ſich im Bette ver⸗ mißte; als ob ſie ferner einen Blick auf die Kerze würfe und, indem ſie die Zeit wie König Alfred der Große mäße, durch das Herabgebranntſein derſelben in ihrem Glauben beſtärkt würde, daß ſie eine beträchtliche Zeit geſchlafen hätte; endlich ſchien es ihr, als ob ſie aufſtünde, ſich in ein dickes Tuch hüllte, ihre Schuhe anzöge und ſehr erſtaunt auf die Treppe hinausginge, um ſich nach Jeremiah umzuſehen. Die Treppe war ſo hölzern und feſt, als es nöthig war, und Affery ging geradewegs hinunter ohne irgend eine von Mrs. Flintwinch hat einen Traum. 85 jenen Abſchweifungen, welche Träumen eigenthümlich ſind. Sie glitſchte nicht über ſie hinunter, ſondern ſchritt hinab und ſuchte ſich, da ihr Licht inzwiſchen erloſchen war, den Weg vermittelſt der Treppenlehne. In einem Winkel der Mauer, hinter der Hausthür war ein kleines Empfangszim⸗ mer, wie ein Brunnenkeſſel, mit einem langen ſchmalen Fenſter darin, als ob es aufgeſchlitzt worden wäre. In die⸗ ſem Zimmer, welches nie gebraucht wurde, brannte ein Licht. Mrs. Flintwinch ging über die Hausflur, wobei ſie fühlte, wie die Flieſen deſſelben ihre ſtrumpfloſen Füße kalt machten, und guckte zwiſchen den roſtigen Angeln der Thür hinein, welche ein wenig offen ſtand. Sie erwartete Mr. Flintwinch feſt eingeſchlafen oder vom Schlage gerührt zu finden, aber er ſaß ruhig, vollkommen wach und in ſeiner gewöhnlichen Geſundheit in einem Stuhle. Aber was— hu! Gott verzeih uns unſre Sünde!— Mrs. Flintwinch ſtieß einige derartige Ausrufe aus, und es wurde ihr ſchwarz vor den Augen. Denn der wache Mr. Flintwinch beobachtete den einge⸗ ſchlafenen Mr. Flintwinch. Er ſaß auf der einen Seite eines kleinen Tiſches und beobachtete ſcharf ſich ſelbſt, der auf der andern Seite ſaß, das Kinn auf die Bruſt geſenkt hatte und ſchnarchte. Der wache Flintwinch kehrte ſeiner Frau das volle Geſicht zu, der ſchlafende war nur im Profil zu ſehen. Der wache Flintwinch war das altbekannte Ori⸗ ginal, der ſchlafende ſein Doppelgänger. Ganz wie ſie zwi⸗ ſchen einem greifbaren Gegenſtande und ſeinem Abbilde im Viertes Kapitel. 86 Spiegel unterſchieden haben würde, machte ſich Affery, wäh⸗ rend ihr der Kopf um und umging, dieſen Unterſchied klar. Wenn ſie noch irgendwie in Zweifel geweſen wäre, wel⸗ ches ihr Jeremiah war, ſo würde ſich derſelbe durch ſeine Ungeduld aufgelöſt haben. Er ſah ſich einen Augenblick nach einer Angriffswaffe um, ergriff die Lichtſcheere und ſprang, bevor er ſie gegen die Lichträuber der Kerze verwen⸗ dete, auf den Schläfer zu, als wollte er ſie ihm durch den Leib rennen. „Wer da? Was iſt los?“ ſchrie der Schläfer auf⸗ ſpringend. Mr. Flintwinch machte eine Bewegung mit der Licht⸗ ſcheere, als ob er dadurch, daß er ſie ſeinem Gefährten in den Schlund hinabſtieße, denſelben zum Schweigen nöthigen wolle. Der Gefährte kam zu ſich und ſagte, ſich die Augen reibend:„Ich vergaß, wo ich war.“ „Du haſt,“ krächzte Jeremiah, auf ſeine Uhr blickend, „zwei Stunden geſchlafen. Du ſagteſt, Du würdeſt genug geruht haben, wenn Du ein kurzes Schläfchen gemacht hätteſt.“ „Ich habe blos ein kurzes Schläfchen gemacht,“ ſagte der Doppelgänger. „Halb drei Uhr Morgens,“ murrte Jeremiah.„Wo iſt Dein Hut? Wo iſt Dein Rock? Wo iſt der Kaſten?“ „Alles hier,“ ſagte der Doppelgänger, indem er mit ſchläfriger Sorgloſigkeit ſich den Hals in einen Shawl wik⸗ kelte.„Halt einen Augenblick. Nun gieb den Aermel her, Mrs. Flintwinch hat einen Traum. 87 nein, nicht dieſen Aermel, den andern. Ha! ich bin nicht ſo jung mehr als ich war.“ Mr. Flintwinch hatte ihn mit zorniger Energie in ſeinen Rock hineingezerrt.„Du ver⸗ ſprachſt mir ein zweites Glas, wenn ich mich ausgeruht ha⸗ ben würde.“ „Trink's!“ erwiderte Jeremiah,„und— erſticke dran, wollt' ich ſagen— aber geh, meine ich.“ Zu gleicher Zeit brachte er die mehrgedachte Portweinflaſche zum Vorſchein und füllte ein Weinglas. „Ihr Portwein, glaub' ich?“ ſagte der Doppelgänger und koſtete, als ob er in den Docks wäre und ganze Stun⸗ den übrig hätte.„Ihre Geſundheit.“ Er that einen Zug. „Deine Geſundheit.“ Er that einen zweiten Zug. „Seine Geſundheit.“ Er that noch einen Zug. „Und alle Freunde rings um St. Pauls Kirchhof ſollen leben.“ Er leerte das Weinglas und ſetzte es hin, während er dieſen alten Toaſt der Bürger von London ausbrachte. Dann hob er den Kaſten auf. Es war eine eiſerne Kiſte von etwa zwei Fuß ins Gevierte, welche er mit ziemlicher Leichtigkeit unter ſeinem Arme tragen konnte. Jeremiah be⸗ obachtete ſeine Art, wie er ſie ſich zurecht rückte, mit eifer⸗ ſüchtigen Blicken, verſuchte ſie mit den Händen, um ſich zu verſichern, daß er ſie gehörig feſt gefaßt, hieß ihn, ſo lieb ihm ſein Leben ſei, vorſichtig ſein bei dem, was er vorhabe, 88 Viertes Kapitel. und ſchlich ſich dann auf den Zehen hinaus, um die Thür zu öffnen. Affery, welche dieſe letzte Bewegung vorausſah, war ſchon wieder auf der Treppe. Die Aufeinanderfolge dieſer Dinge war ſo gewöhnlich und natürlich, daß ſie dort ſtehend die Thür ſich öffnen hören, die Nachtluft fühlen und die Sterne draußen ſehen konnte. Aber jetzt kam der merkwürdigſte Theil des Traums. Sie war von einer ſolchen Furcht vor ihrem Manne er⸗ griffen, daß ſie auf der Treppe ſtehend, nicht die Kraft hatte, ſich nach ihrem Zimmer zurückzuziehen(was ſie leicht hätte thun können, bevor er die Thür geſchloſſen hätte) ſondern ſtarren Blicks dort ſtehen blieb. Infolge deſſen wurde er ihrer, als er mit der Kerze die Treppe heraufkam, um zu Bett zu gehen, in voller Geſtalt anſichtig. Er ſah erſtaunt aus, ſagte aber nicht ein Wort. Er hielt ſeine Augen auf ſie geheftet und ſchritt weiter, und ſie, vollſtändig unter ſeinem Einfluſſe, ſchritt zurück. So indem ſie rückwärts und er vorwärts ging, kamen ſie in ihr Zimmer. Sie waren nicht ſobald dort, als Mr. Flintwinch ſie an der Gurgel packte und ſo lange ſchüttelte, bis ſie ſchwarz im Ge⸗ ſichte war. „Ei der Tauſend, Affery, Weibsbild— Affery?“ ſagte Mr. Flintwinch.„Von was haſt Du nur geträumt? Wach auf, wach auf! Was haſt Du nur?“ „Was— was ich habe, Jeremiah? keuchte Mrs. Flintwinch, indem ſie die Augen verdrehte. Mrs. Flintwinch hat einen Traum. 89 „Ei Tauſend, Affery, Weibsbild— Affery! Du biſt im Schlafe aus dem Bette gerathen, mein Schatz. Ich komme herauf, nachdem ich unten ſelbſt eingeſchlafen war, und finde Dich hier in Deinem Umſchlagtuche, vom Alp geplagt. Affery, Weibsbild,“ ſagte Mr. Flintwinch mit einem freund⸗ lichen Grinſen auf ſeinem ausdrucksvollen Geſichte,„wenn Du mir je wieder einen Traum von dieſer Sorte haſt, ſo wird es mir ein Zeichen ſein, daß Du Arznei brauchſt. Und ich werde Dir ſolch eine Doſis geben, altes Weibsbild— ſolch eine Doſis!“ Mrs. Flintwinch bedankte ſich bei ihm und kroch ins Bett. Fünftes Kapitel. Familienangelegenheiten. Als am Montag früh die Uhren der Stadt Neun ſchlu⸗ gen, wurde Mrs. Clennam von Jeremiah Flintwinch, dem Mann mit der Phyſiognomie des vom Stricke Geſchnittnen, nach ihrem hohen dünnleibigen Sekretäre gerollt. Als ſie ihn aufgeſchloſſen und geöffnet und ſich an ſeinem Schreibe⸗ pulte zurechtgeſetzt hatte, zog ſich Jeremiah— man konnte meinen, um ſich mit beſſerm Erfolg zu hängen— zurück, und ihr Sohn erſchien. „Fühlſt Du Dich etwas beſſer heute Morgen, Mutter?“ Sie ſchüttelte ihr Haupt mit derſelben herben Miene ſelbſtgenugſamer Ueberhebung, welche ſie am vergangenen Klein Dorrit. 7 90 Fünftes Kapitel. Abend gezeigt, als vom Wetter die Rede war.„Ich werde nie wieder beſſer werden. Es iſt nur gut für mich, Arthur, daß ich das weiß und es ertragen kann.“ Als ſie ſo daſaß, die Hände getrennt von einander auf das Pult gelegt und den dünnleibigen Sekretär vor ſich, ſah ſie aus, als ob ſie eine ſtumme Orgel ſpielte. Wenig⸗ ſtens dachte ihr Sohn ſo(und es war eine altgewohnte Vorſtellung von ihm), als er neben dem Sekretär Platz nahm. Sie öffnete ein paar Schubfächer, überblickte einige Ge⸗ ſchäftspapiere und legte ſie wieder zurück. Ihr ſtreng gefal⸗ tetes Geſicht hatte keine Faſer an ſich, bei deren Nachlaſſen ein Beobachter Gelegenheit gehabt hätte, ſich ihrer als eines Leitfadens in das düſtre Labyrinth ihrer Gedanken zu be⸗ dienen. „Soll ich von unſern Angelegenheiten ſprechen, Mutter? Biſt Du geneigt, auf Geſchäftsſachen einzugehen?“ „Ob ich geneigt bin, Arthur? Ich möchte vielmehr fra⸗ gen, ob Du es biſt? Dein Vater iſt ſchon ein Jahr todt und länger. Ich habe die ganze Zeit ſeitdem zu Deiner Verfü⸗ gung geſtanden und gewartet, ob Dir's gefällig wäre.“ „Es war vielerlei zu ordnen, bevor ich abreiſen konnte, und als ich endlich abreiſte, reiſte ich ein wenig zum Zwecke des Ausruhens und der Erholung.“ Sie wandte ihr Geſicht nach ihm hin, als wenn ſie ſeine letzten Worte nicht gehört oder verſtanden habe. „Zum Zwecke des Ausruhens und der Erholung.“ Familienangelegenheiten. 91 Sie blickte ſich in dem düſtern Zimmer um und ſchien nach der Bewegung ihrer Lippen ſich die Worte zu wieder⸗ holen, als ob ſie ſie zu Zeugen aufriefe, wie wenig von beiden es ihr gewährte. „Ueberdieß, Mutter, biſt Du alleinige Teſtamentsvoll⸗ ſtreckerin und haſt die Leitung und Ordnung des Vermögens in Händen, und ſo blieb für mich wenig oder nichts zu thun übrig, bis Du Zeit hatteſt, die Sache nach Deinem Gefal⸗ len zu arrangiren.“ „Die Beträge ſind ausgeſchrieben,“ erwiderte ſie,„ich habe ſie hier. Die Belege ſind ſämmtlich geprüft und rich⸗ tig befunden. Du kannſt ſie durchſehen, ſobald Dir's be⸗ liebt, Arthur; wenn Du Luſt haſt, jetzt gleich.“ „Es genügt vollkommen, Mutter, zu wiſſen, daß die Angelegenheit abgemacht iſt. Soll ich mich nun weiter er⸗ klären?“ „Weshalb nicht?“ ſagte ſie in ihrer froſtigen Weiſe. „Mutter, unſer Haus hat ſchon ſeit mehrern Jahren weniger und immer weniger gethan, und unſre Geſchäfte haben fortwährend abgenommen. Wir haben niemals viel Vertrauen gezeigt, niemals viel erworben, wir haben nie⸗ mand an uns gefeſſelt, der Weg, den wir innegehalten ha⸗ ben, iſt nicht der Weg der Zeit, und wir ſind weit hinter der Gegenwart zurückgeblieben. Ich brauche mich damit vor Dir nicht aufzuhalten, Mutter, Du mußt das ſelbſt wiſſen.“ „Ich weiß, was Du meinſt,“ antwortete ſie in beſtimm⸗ tem Tone. 7*† 92 Fünftes Kapitel. „Selbſt dieſes alte Haus, in dem wir ſprechen,“ fuhr ihr Sohn fort,„iſt ein Beiſpiel für meine Behauptung. In den jüngern Jahren des Vaters und zur Zeit ſeines Oheims vor ihm, war es ein Ort zu Geſchäften— ein Ort, wo man Geſchäfte machen, ſich zu Geſchäften verſammeln konnte. Jetzt iſt es hier eine Naturwidrigkeit und Unge⸗ reimtheit, aus der Mode gekommen und zwecklos. Alle unſre Waarenſendungen ſind längſt ſchon an das Commiſſionshaus Rovingham gegangen, und wenn Dein ſcharfer Verſtand und Deine Wachſamkeit in der Abſchreckung jener von Un⸗ terſchleifen und in der Aufſicht über die Hülfsquellen des Vaters gute Dienſte geleiſtet haben, ſo hätten dieſe Eigen⸗ ſchaften doch gewiß den gleichen Einfluß auf das Vermögen des Vaters geübt, wenn Du in irgend einem Privathauſe gewohnt hätteſt. Meinſt Du nicht auch?“ „Wirſt Du behaupten,“ erwiderte ſie, ohne ſeine Frage zu beantworten,„daß ein Haus keinem Zwecke diene, Arthur, wenn es Deiner altersſchwachen und ſchwer heimgeſuchten— Deiner durch Gottes Gerechtigkeit ſchwach gewordenen und durch gerechten Rathſchluß heimgeſuchten— Mutter ein Ob⸗ dach gewährt?“ „Ich ſprach ja nur von Zwecken des Geſchäfts. 4 „In welcher Abſicht?“ „Ich komme ſogleich dazu.“ „Ich ſehe voraus,“ entgegnete ſie, ihre Augen auf ihn heftend,„was es iſt. Aber der Herr verhüte, daß ich unter irgendwelcher Heimſuchung, ſei ſie welche ſie wolle, Familienangelegenheiten. 93 murre. In meiner Sündhaftigkeit verdiene ich bittere Ent⸗ täuſchung, und ich nehme ſie an.“ „Mutter, es ſchmerzt mich tief, Dich ſo ſprechen zu hö⸗ ren, wie wohl ich befürchtete, Du würdeſt—“ „Du wußteſt, ich würde. Du kannteſt mich,“ unterbrach ſie ihn. Ihr Sohn hielt einen Augenblick inne. Er war als Stahl an dieſes Feuerſteingemüth getroffen, und er war er⸗ ſtaunt über die Funken, die es gab. „Nun denn!“ ſagte ſie und ward wieder zum empfin⸗ dungsloſen Steine.„Weiter. Laß hören.“ „Du haſt errathen, Mutter, daß ich meines Theils mich entſchieden habe, das Geſchäft zu verlaſſen. Ich habe damit abgeſchloſſen. Ich will's nicht auf mich nehmen, Dir einen Rath zu ertheilen; Du wirſt es, wie ich ſehe, fortſetzen. Hätte ich irgend Einfluß auf Dich, ſo würde ich mich ſeiner nur bedienen, um Dein Urtheil über die Vereitelung Deiner Hoffnungen, die ich Dir damit bereite, zu mildern, Dir vor⸗ zuſtellen, daß ich die Hälfte meines Lebens hinter mir habe, ohne je zuvor meinen Willen dem Deinen gegenüber geltend gemacht zu haben. Ich kann nicht behaupten, im Stande geweſen zu ſein, mich in Herz und Geiſt Deinen Lebensre⸗ geln anzubequemen, ich kann nicht behaupten, des Glau⸗ bens zu ſein, daß meine vierzig Jahre mir oder irgend je⸗ mand nützlich oder angenehm geweſen ſind; aber ich habe mich ſtets unterworfen, und ich bitte Dich nur, deſſen ein⸗ gedenk zu ſein.“ 94 Fünftes Kapitel. Wehe dem Bittſteller, welcher in dem unerbittlichen Ge⸗ ſichte vor dem Sekretär nach der Spur eines Zugeſtändniſſes zu ſuchen hatte! Wehe dem armen Sünder, der an den Ge⸗ richtshof zu appelliren hatte, wo dieſe ſtrengen Augen den Vorſitz führten! Gar ſehr bedurfte das unbeugſame Weib ihrer myſtiſchen Religion, die in Nacht und Dunkel gehüllt war und durch deren ſchwarze Wolkenumhüllung Blitze des Fluchs, der Rache und der Vernichtung zuckten. Vergieb uns unſre Schuld wie wir vergeben unſern Schuldigern, war ein Gebet, das für ſie zu arm an Geiſt war. Schlag meine Schuldiger, o Herr, laß ſie verdorren, zermalme ſie, thue, wie ich thun würde und ich will dir meine Dienſte weihen: dies war der ſteinerne Thurm, den ſie in ihrer gottloſen Weiſe erbaute, um den Himmel zu erklettern. „Biſt Du zu Ende, Arthur, oder haſt Du mir noch etwas zu ſagen. Ich denke, es kann nichts mehr übrig ſein. Du biſt kurz, aber inhaltreich geweſen in Deiner Rede.“ „Mutter, ich habe doch noch etwas zu ſagen. Es hat mir die ganze lange Zeit über Tag und Nacht auf dem Her⸗ zen gelegen. Es iſt weit ſchwerer zu ſagen als das, was ich geſagt⸗habe. Jenes betraf nur mich, dieſes betrifft uns alle.“ „Uns alle? Wer ſind denn dieſe alle?“ „Du, ich, mein hingeſchiedener Vater.“ Sie nahm ihre Hände von dem Pulte, faltete ſie in ihrem Schooße und blickte ins Feuer mit dem ſtarren, undurchdring⸗ lichen Blicke eines ägyptiſchen Steinbildes. Familienangelegenheiten. 95 „Du kannteſt den Vater unendlich viel beſſer, als ich ihn je kennen lernte, und ſeine Verſchloſſenheit gegen mich gab Dir gegenüber nach. Du warſt ihm an Seelenſtärke überlegen und leiteteſt thn. Das wußte ich als Kind ſchon ſo gut als ich's jetzt weiß. Ich wußte, daß Deine Ueberlegenheit über ihn die Urſache war, weshalb er nach China ging, um dort das Geſchäft zu überwachen, während Du es hier beſorgteſt (obwohl ich ſelbſt jetzt noch nicht weiß, ob die Uebereinkunft, mit der Du dich zufrieden erklärteſt, wirklich eine Trennung ſein ſollte) und daß es Dein Wille war, daß ich bis zum zwanzigſten Jahre bei Dir bleiben und dann zu ihm gehen ſollte. Du wirſt es nicht übel aufnehmen, wenn ich dies nach zwanzig Jahren Dir zurückrufe.“ „Ich erwarte zu hören, weshalb Du mir's zurückrufſt.“ Er dämpfte ſeine Stimme und ſagte mit augenſcheinlichem Zögern und gegen ſeinen Willen: „Ich möchte Dich fragen, Mutter, ob in Dir je der Ver⸗ dacht aufgeſtiegen iſt—“ Bei dem Worte Verdacht richtete ſie auf einen Moment die Augen mit einem finſteren Blicke auf ihren Sohn. Sie ließ ſie dann wieder das Feuer ſuchen, doch blieb die finſtere Miene über ihnen, als ob der altägyptiſche Bildhauer die Ab⸗ ſicht gehabt hätte, das harte granitne Antlitz in Ewigkeit fin⸗ ſter blicken zu laſſen. —„daß er irgend eine geheime Erinnerung hatte, die ihm die Ruhe des Gemüths raubte— ihm Gewiſſensbiſſe verurſachte? Ob Du je in ſeinem Benehmen etwas bemerk⸗ 96 Fünftes Kapitel. teſt, was darauf deutete? oder je zu ihm darüber ſprachſt, oder ihn je auf etwas derartiges anſpielen hörteſt?“ „Ich verſtehe nicht, was für eine Art geheime Erinnerung Du meinſt, von welcher Dein Vater ergriffen geweſen ſein ſoll,“ ſagte ſie nach einigem Schweigen.„Duſprichſt ſo geheimnißvoll.“ „Iſt es möglich, Mutter,“ ihr Sohn beugte ſich vorwärts, um ihr näher zu ſein, während er ihr dies zuflüſterte, und legte ſeine Hand feſt auf ihr Pult,„iſt es möglich, daß er un⸗ glücklicher Weiſe jemand Unrecht gethan und es nicht wieder ausgeglichen hat?“ Sie warf ihm einen zornigen Blick zu und bog ſich in⸗ ihrem Stuhle zurück, um weiter von ihm entfernt zu ſein, gab aber keine Antwort. „Ich empfinde es tief, Mutter, daß, wenn dieſer Gedanke Dir nie aufgeſtiegen iſt, es Dir grauſam und unnatürlich an mir erſcheinen muß, wenn ich ihn ſelbſt in dieſem Augenblicke des Herzenserguſſes unter vier Augen auch nur mit einem Hauche andeute. Aber ich kann ihn nicht los werden. Zeit und Wechſel der Gedanken(ich habe beides verſucht, ehe ich das Schweigen brach) thun nichts, ihn zu entfernen. Erinnre Dich, ich war beim Tode des Vaters zugegen. Erinnre Dich, ich ſah ſein Geſicht, als er mir ſeine Uhr zur Verwahrung übergab und ſich abmühte, mir auszudrücken, daß er ſie als ein Gedenkzeichen, welches Du verſtehen würdeſt, Dir über⸗ ſende. Erinnere Dich, ich ſah ihn im letzten Augenblicke, wie er mit dem Bleiſtifte in der den Dienſt verſagenden Hand ſich bemühte, ein Wort zu ſchreiben, welches Du leſen ſollteſt, dem —,— Familienangelegenheiten. 97 er aber keine Geſtalt mehr zu geben vermochte. Je mehr dieſer unbeſtimmte Verdacht vom Wiſſen entfernte und je grauſamer er iſt, um ſo ſtärker ſind die Umſtände, die ihm für mich den Anſchein der Wahrſcheinlichkeit geben könnten. Um des Him⸗ mels willen, laß uns mit heiligem Ernſte prüfen, ob uns die Verpflichtung auferlegt iſt, irgend ein Unrecht wieder gut zu machen. Niemand kann dazu helfen, Mutter, als Du.“ Indem ſie noch immer ſo in ihrem Stuhle zuſammenge⸗ krümmt lag, daß ihr Uebergewicht nach der einen Seite ihn von Zeit zu Zeit ein wenig auf ſeinen Rädern bewegte und ihr das Ausſehen eines düſtern Phantoms gab, welches von ihm wegſchwebte, legte ſie ihren linken Arm ſo zwiſchen ſich und ihn, daß er am Elbogen gebogen und die Hand mit dem Rücken ihrem Geſichte zugekehrt war, und blickte ihn mit ſtar⸗ rem Schweigen an. „Bei dem Haſchen nach Geld und beim Abſchließen harter Contracte— ich habe begonnen und muß von ſolchen Dingen jetzt ſprechen, Mutter— mag jemand getäuſcht, beeinträchtigt, zu Grunde gerichtet worden ſein. Du warſt die bewegende Kraft dieſer ganzen Maſchine ſchon vor meiner Geburt, Dein ſtärkerer Geiſt iſt mehr als vierzig Jahre allen Handlungen des Vaters eingeflößt worden. Du kannſt dieſe Zweifel, denk' ich, beru⸗ higen, wenn Du mir wirklich helfen willſt, die Wahrheit zu entdecken. Willſt Du das, Mutter?“ Er hielt inne in der Hoffnung, daß ſie ſprechen würde; aber ihre grauen Haare waren in ihren beiden Flechten nicht unbeweglicher als ihre feſtgeſchloſſenen Lippen. 98 Fünftes Kapitel. „Wenn jemand wieder in den vorigen Stand geſetzt, wenn jemandem unrecht genommenes Gut wiedererſtattet werden kann, ſo laß es uns wiſſen und thun. Ja, Mutter, wenn es die Schranken meiner Mittel nicht überſteigt, ſo laß es mich allein thun. Ich habe ſo wenig Glück vom Gelde kommen ſehen, es hat meines Wiſſens dieſem Hauſe und allen die zu ihm gehören ſo wenig Frieden gebracht, daß es mir weni⸗ ger werth iſt als Andern. Ich kann mir nichts dafür kaufen, was mir nicht ein Vorwurf und eine Qual ſein würde, wenn mich wie ein böſer Geiſt der Verdacht verfolgt, daß es die letzten Stunden meines Vaters verdüſterte und daß es nicht mit Ehren und Recht mein iſt.“ Es befand ſich an der getäfelten Wand zwei bis drei Schritt von dem Sekretär ein Klingelzug. Durch eine raſche und plötzliche Bewegung ihres Fußes trieb ſie ihren Rollſtuhl ſchnell zurück nach demſelben und zog mit heftigem Ruck dar⸗ an— wobei ſie noch immer ihren linken Arm wie einen Schild empor hielt, als ob er nach ihr ſchlüge und ſie den Hieb ab⸗ fangen wollte. Ein Mädchen kam haſtig und mit erſchrockener Miene herein. „Schicken Sie Flintwinch her.“ In einem Augenblicke hatte das Mädchen ſich zurückgezo⸗ gen, und der alte Mann ſtand in der Thür.„Was? Sind Sie ſchon mit den Köpfen aneinander gerathen?“ ſagte er, indem er ſich gelaſſen über das Geſicht ſtrich.„Dacht' ich's doch. War meiner Sache ziemlich gewiß.“ Familienangelegenheiten. 99 „Flintwinch,“ ſagte die Mutter.„Sehen Sie meinen Sohn an. Sehen ſie ihn an.“ „Na! Ich ſehe ihn jetzt an,“ ſagte Flintwinch. Sie ſtreckte den Arm aus, der ihr als Schild gedient, und zeigte, als ſie fortfuhr, auf den Gegenſtand ihres Zornes. „Schier in der erſten Stunde nach ſeiner Rückkehr— bevor der Schuh an ſeinem Fuße trocken iſt— beſudelt er das Andenken ſeines Vaters vor ſeiner Mutter. Fordert ſeine Mutter auf, mit ihm die Handlungen ſeines Vaters während ſeines ganzen Lebens durchzuſpioniren. Hegt den Verdacht, daß die Güter dieſer Welt, die wir mühſelig zuſammenge⸗ bracht haben mit Frühaufſtehen und Spätaufſein, mit Sorgen und Schmerzen, Plackerei und Darben, nichts als Raub ſind, und fragt mich, wem ſie wieder gebracht und zurückgegeben werden ſollen.“ Obwohl ſie dies in höchſtem Zorne ſagte, ſagte ſie es mit einer Stimme, die ſo fern davon war, außer ihrer Gewalt zu ſein, daß ſie ſelbſt gedämpfter als ihr gewöhnlicher Ton klang. Ebenſo ſprach ſie mit großer Beſtimmtheit. „Wiedergebracht!“ ſagte ſie.„Ja wahrhaftig!'s iſt gar leicht für ihn von Wiederbringung zu reden, friſch wie er kommt vom Herumkutſchiren und Herumdſchonkiren in fremden Län⸗ dern und vom Praſſen in eiteln Vergnügungen. Mag er doch auf mich ſehen, hier in Kerker und Banden. Ich dulde ohne Murren, dieweil es verordnet iſt, daß ich auf dieſe Weiſe meine Sünden ausgleichen ſoll. Wiederbringung? Ausgleichung? 100 Fünftes Kapitel. Iſt denn keine in dieſem Gemach? Keine geweſen während dieſer letzten funfzehn Jahre?“ So zog ſie ſtets die Bilanz in ihrer Geſchäftsverbindung mit der Majeſtät im Himmel, buchte die Eingangspoſten auf die Seite, wo ihr Haben ſtand, hielt genaue Rechnung über ihre Gegenforderungen und machte geltend, was ihr gebührte. Sie war hierin nur durch die Gewaltſamkeit und ſtarke Be⸗ tonung, mit der ſie verfuhr, merkwürdig. Tauſende und aber Tauſende thun daſſelbe nach ihrer verſchiedenen Weiſe jeden Tag. „Flintwinch, geben Sie mir das Buch da her.“ Der alte Mann reichte es ihr vom Tiſche. Sie ſchob zwei Finger zwiſchen die Blätter, ſchloß das Buch über dieſelben und hielt es mit drohender Geberde vor ihrem Sohne empor. „In den Tagen des Alterthums, Arthur, von denen die⸗ ſes Buch handelt, waren fromme Männer, Geliebte des Herrn, welche ihre Söhne für weniger als dies verflucht hätten, welche ſie, und welche ganze Völker weggeſandt haben würden, wenn ſie ſie unterſtützt hätten, weggeſandt, um ein Greuel vor Gott und den Menſchen zu ſein und unterzugehen bis auf den Säug⸗ ling an der Bruſt. Aber ich ſage Dir blos, daß, wenn Du je wieder dieſes Thema vor mir erwähnſt, ich mich von Dir los⸗ ſagen und Dich ſo wegſchicken will durch dieſe Thür, daß Dir beſſer wäre, von der Wiege an ohne Mutter geweſen zu ſein. Ich werde Dich dann nie mehr ſehen noch kennen. Und wenn Du nach allem dem in dieſes dunkle Gemach kommen woll⸗ teſt, um mich im Sarge liegen zu ſehen, ſo ſollte bei Deiner ame gi a aag Quneng un an ens züuies Humunf ant Familienangelegenheiten. 101 Annäherung, wenn ich's möglich machen könnte, noch meine Leiche bluten.“ Etwas erleichtert durch die Wucht dieſer Drohung und M anderntheils(ſo monſtrös die Sache iſt) unter dem Eindrucke handelnd, daß dieſelbe eine Art religiöſer Handlung ſei, reichte ſie das Buch dem alten Manne zurück und ſchwieg. „Nun denn,“ ſagte Jeremiah,„indem ich vorausſchicke, daß ich nicht die Abſicht habe, mich zwiſchen Sie beide zu mengen, laſſen Sie mich(da ich einmal hereingerufen und zum dritten Mann gemacht worden bin) die Frage thun, um was handelt ſich's eigentlich mit allem dem?“ „Laſſen Sie ſich's von meiner Mutter erzählen,“ erwi⸗ derte Arthur, als er fand, daß ihm das Reden überlaſſen ſei.„Mag es damit ſein Bewenden haben. Was ich geſagt habe, wurde nur zu meiner Mutter geſagt.“ „Oh!“ entgegnete der alte Mann.„Von Ihrer Mutter? Von Ihrer Mutter ſoll ich mir's erzählen laſſen. Hm! Aber Ihre Mutter erwähnte, daß Sie Ihren Vater im Verdachte gehabt hätten. Das iſt nicht die Art eines guten Sohns, Arthur. Wen werden Sie dann zunächſt im Verdacht haben?“ „Genug,“ ſagte Mrs. Clennam, indem ſie ihr Geſicht ſo wendete, daß es für den Augenblick nur dem alten Mann zugekehrt war.„Nichts mehr hiervon.“ „Ja, aber halt ein Weilchen,“ ſagte der alte Mann, der ſich nicht ſo leicht abweiſen laſſen wollte.„Haben Sie ſchon Herrn Arthur geſagt, daß er gegen ſeinen Vater keine Be⸗ NM+MBNͤNxͤxNͤNMNMNMNMNMNMNS. 102 Fünftes Kapitel. leidigungen vorbringen darf? daß er kein Recht dazu hat? daß ihm dabei der Boden unter den Füßen fehlt?“ „Ich werde ihm das ſogleich ſagen.“ „Ah ganz recht!“ ſagte der alte Mann.„Sie werden's ihm ſogleich ſagen. Sie hatten's ihm vorher nicht geſagt und werden's ihm jetzt ſagen. So ſo! das iſt recht. Wiſſen Sie, ich ſpielte den Mittelsmann zwiſchen Ihnen und ſeinem Vater ſo lange, daß es mir vorkommt, als hätte der Tod keinen Unterſchied gemacht und ich ſtände noch immer zwi⸗ ſchen Ihnen. Das will ich denn auch, und ſo verlange ich mit gutem Rechte, daß mir die Sache klar auseinandergeſetzt wird. Arthur, Sie werden gefälligſt anhören, daß Sie kein Recht haben, Ihrem Vater zu mißtrauen und daß Ihnen der Boden unter den Füßen fehlt.“ Er legte ſeine Hände auf die Lehne des Rollſtuhls, und indem er etwas vor ſich hin murmelte, rollte er ſeine Herrin langſam nach ihrem Sekretär zurück.„Nun“, nahm er hinter ihr ſtehend, ſeine Rede wieder auf,„falls ich weggehen ſollte, während die Angelegenheit erſt halb abgemacht iſt, und wieder gebraucht werden ſollte, wenn Sie zu der andern Hälfte kommen und wieder einen ihrer Anfälle kriegen— hat Arthur Ihnen geſagt, was er in Betreff des Geſchäfts zu thun gedenkt?“ „Er iſt ausgetreten.“ „Vermuthlich zu Niemandes Gunſten?“ Mrs. Clennam warf einen Blick auf ihren Sohn, der in einem der Fenſter lehnte. Er bemerkte den Blick und ſagte: „ * 4— vV Familienangelegenheiten. 103 „Natürlich zu Gunſten meiner Mutter. Sie thut, was ihr beliebt.“. „Und wenn,“ ſagte Sie nach einer kurzen Pauſe,„aus der Vereitelung meiner Erwartungen, daß mein Sohn in der Vollkraft ſeines Lebens ihm neue Jugend und Kraft einflößen und ihm zu großer Fruchtbarkeit und Macht ver⸗ helfen würde, irgend eine Freude für mich hervorgehen könnte, ſo ſollte ſie darin beſtehen, daß ich einen alten und getreuen Diener befördere. Jeremiah, der Kapitän ver⸗ läßt das Schiff, aber Sie und ich wollen mit ihm unter⸗ ſinken oder weiterfahren.“. Jeremiah, deſſen Augen funkelten, als ob ſie Geld ſähen, ſchleuderte dem Sohne einen ſchnellen Blick zu, welcher zu ſagen ſchien:„dafür bin ich Ihnen keinen Dank ſchuldig; Sie haben nichts dazu gethan,“ und ſagte ſodann der Mutter, daß er ihr danke, und daß Affery ihr danke, und daß er ſie nie verlaſſen werde, und daß Affery ſie nie verlaſſen werde. Endlich zog er die Uhr aus der Tiefe, in der ſie ſaß, und ſagte:„Elf Uhr! Zeit für Ihre Auſtern,“ und mit dieſem Wechſel des Gegenſtandes, mit dem kein Wechſel in Miene und Geberde verbunden war, zog er die Klingel Allein Mrs. Clennam, entſchloſſen, ſich mit um ſo größerer Strenge zu behandeln, als die Vermuthung laut geworden war, ſie ſei unbekannt mit Ausgleichung ihrer Sündhaftigkeit, weigerte ſich, ihre Auſtern zu eſſen, als ſie gebracht wurden. Sie ſahen verführeriſch aus. Es waren 104 Fünftes Kapitel. ihrer acht Stück, die kreisförmig auf einem weißen Teller auf einem Präſentirbrette geordnet waren, das eine weiße Serviette bedeckte; daneben lag eine mit Butter beſtrichne Schnitte Franzbrot, während auf der andern Seite ein kleines, ſtarkes Glas mit kühlem Wein und Waſſer ſtand. Aber ſie widerſtand allen Verſuchungen und ſchickte ſie wie⸗ der hinunter— indem ſie ohne Zweifel die That in ihrem Tagebuche für das ewige Leben auf die Seite des Habens eintrug. 3 Bei dieſem Auſternfrühſtück führte nicht Affery, ſondern das Mädchen den Vorſitz, welches auf den Ruck der Klingel erſchienen war; dieſelbe, welche am vergangenen Abend in der matterleuchteten Zimmerecke geweſen. Jetzt, wo Arthur Gelegenheit hatte, ſie zu beobachten, fand er, daß ihre winzige Geſtalt, ihr kleines Geſicht und ihr ſchlichtes, dürf⸗ tiges Kleidchen ihr das Ausſehen gaben, jünger zu ſein, als ſie war. Ein weibliches Weſen von wahrſcheinlich nicht weniger als zweiundzwanzig Jahren, hätte ſie auf der Straße für nur wenig mehr als halb ſo alt paſſiren kön⸗ nen. Nicht daß ihr Geſicht ſehr jugendlich war— denn in Wahrheit lag mehr Nachdenklichkeit und Sorge darin, als naturgemäß ihm gehörte, wenn man die äußerſt mögliche Höhe ihres Alters angenommen hätte; aber ſie war ſo klein und leicht, ſo geräuſchlos und ſchüchtern und ſchien ſich ſo bewußt zu ſein, daß ſie unter den drei hartgemutheten älteren Perſonen nicht an ihrem Platze war, daß ſie ganz die Manieren und viel von der Erſcheinung eines unterwürfigen Kindes hatte. 45 — Familienangelegenheiten. 105 In ihrer harten Weiſe und mit einem unſichern Beneh⸗ men, welches zwiſchen Gönnerſchaft und Unterdrückung, dem Beſpritzen mit einer Gießkanne und dem Druck einer hydrau⸗ liſchen Preſſe ſchwankte, bewies Mrs. Clennam ein gewiſſes Intereſſe an dieſer Dienerin. Selbſt in dem Momente, als ſie auf den heftigen Ruck an der Klingel eintrat, wo die Mutter ſich mit jener eigenthümlichen Armbewegung gegen den Sohn ſchützte, hatten die Augen von Mrs. Clennam eine gewiſſe individuelle Anerkennung in ihrem Blick, welche für ſie zurückgeblieben war. Wie es Grade von Härte ſelbſt im härteſten Metall, und Farbenſchattirungen ſelbſt im Schwarz giebt, ſo war ſelbſt in der Rauhheit des Beneh⸗ mens, das Mrs. Clennam gegen die ganze Menſchheit wie gegen Klein Dorrit an den Tag legte, ein feiner Grad⸗ unterſchied. Klein Dorrit war eine Nätherin. Zu ſo und ſo viel den Tag— wenn man vill, zu ſo und ſo wenig— von acht zu acht Uhr war Klein Dorrit zu haben. Pünktlich mit der Sekunde erſchien Klein Dorrit, pünktlich zu der Sekunde ver⸗ ſchwand ſie. Was aus Klein Dorrit zwiſchen acht Uhr Abends und acht Uhr Morgens wurde, war ein Geheimniß. Noch eine von den moraliſchen Eigenthümlichkeiten Klein Dorrits. Außer ihrem Nätherlohne war in ihrem täglichen Contracte auch das Eſſen inbegriffen. Sie hatte einen außerordentlichen Widerwillen gegen das Eſſen in Geſellſchaft; ſie pflegte das, wo ſie ihm irgend entgehen konnte, nie zu thun. Stets gab ſie vor, erſt dieſes Stückchen Klein Dorrit. 8 106 Fünftes Kapitel. Arbeit beginnen oder jenes Stückchen Arbeit beendigen zu müſſen, und immer wußte ſie es— freilich nicht ſehr ſchlau; denn ſie täuſchte damit niemand— ſo einzurichten, daß ſie allein ſpeiſen konnte. Gelang ihr das, war ſie ſo glücklich, ihren Teller irgendwie hinwegbringen zu können, um dann aus ihrem Schooße oder einem Kaſten oder dem Erdboden einen Tiſch zu machen oder, wie man vermuthete, ſogar auf den Zehen ſtehend beſcheiden auf einem Kamin⸗ ſimſe zu diniren, ſo war Klein Dorrit über die Hauptſorge ihres Tages beruhigt. Es war nicht leicht, über Klein Dorrits Geſicht ins Klare zu kommen, ſo ſehr zog ſie ſich zurück, in ſo entfern⸗ ten Winkeln beſchäftigte ſie ſich mit ihrer Nadel, und ſo ängſtlich huſchte ſie davon, wenn man ihr auf der Treppe begegnete. Aber es ſchien ein bleiches, durchſichtiges Geſicht zu ſein, ſchnell wechſelnd im Ausdruck, aber nicht ſchön in den Zügen, mit Ausnahme der ſanften haſelnußfarbenen Augen. Ein zart gebogener Kopf, eine niedliche Geſtalt, ein Paar flinke, ſtets geſchäftige Händchen und ein abge⸗ ſchabtes Kleid— es muß nothwendig abgeſchabt geweſen ſein, um bei ſeiner Sauberkeit überhaupt ſo auszuſehen— das war Klein Dorrit, wenn ſie bei der Arbeit ſaß. Dieſe Beſonderheiten oder Allgemeinheiten in Betreff„. Klein Dorrits dankte Mr. Arthur im Laufe des Tages ſeinen eignen Augen und der Zunge Mrs. Affery's. Wenn Mrs. Affery etwas drein zu reden gehabt hätte, ſo würde es wahrſcheinlich Klein Dorrit ungünſtig geweſen ſein. — Familienangelegenheiten. 107 Da jedoch„die beiden klugen Leute“— auf die Mrs. Affery ſich ſtets bezog und in denen ihre eigne Perſönlichkeit völlig aufging— darüber einig waren, daß Klein Dorrit als eine Sache, die ſich von ſelbſt verſteht, zu betrachten ſei, ſo blieb ihr nichts übrig, als desgleichen zu thun. Ebenſo würde, wenn die beiden klugen Leute übereingekommen wären, Klein Dorrit bei Kerzenlicht zu ermorden, und Mrs. Affery aufgefordert worden wäre, dazu das Licht zu halten, dieſelbe dies ohne Zweifel gethan haben. In den Zwiſchenpauſen zwiſchen dem Braten des Reb⸗ huhns für das Krankenzimmer und der Zubereitung einer Backſchüſſel voll Rinderbraten und Pudding für den Spei⸗ ſeſaal machte Mrs. Affery die oben auseinandergeſetzten Mittheilungen. Unabänderlich ſteckte ſie ihren Kopf, nach⸗ dem ſie ihn zurückgezogen, wieder in die Thür, um zum Widerſtand gegen die beiden klugen Leute anzuſpornen. Es ſchien in Mrs. Flintwinch der leidenſchaftliche Wunſch erwacht zu ſein, den einzigen Sohn gegen ſie zu hetzen. Im Laufe des Tages hatte Arthur zugleich Umſchau im ganzen Hauſe gehalten. Er fand es düſter und dunkel. Die verräucherten Zimmer, ſeit Jahren unbewohnt, ſchienen in eine trübſinnige Lethargie verſunken zu ſein, aus der * nichts ſie wieder erwecken konnte. Das Hausgeräth, zugleich dürftig und gebrechlich, verſteckte ſich vielmehr in den Stu⸗ ben als es ſie ausſtattete, und es war im ganzen Hauſe keine Farbe. Was je von Farbe dageweſen war, war längſt ſchon auf verirrten Sonnenſtrahlen weggeflogen— hatte 8* Fünftes Kapitel. ſich aufgelöſt, vielleicht in Blumen, Schmetterlinge, Voögelgefieder, Edelſteine oder ſonſt was. Es war nicht eine geradelaufende Diele vom Grunde bis hinauf zum Dache. Die Decken waren von Rauch und Staub ſo phan⸗ taſtiſch bewölkt, daß alte Weiber aus ihnen beſſer als aus dem Bodenſatz von Thee hätten wahrſagen können. Die todkalten Herde zeigten keine andere Spur, daß ſie je erwärmt geweſen, als in Haufen von Rußflocken, die aus den Schornſteinen herabgefallen waren und in kleinen ſchwarzen Wirbeln umherſtiebten, wenn die Thüren geöffnet wurden. In dem Gemache, welches einſt die Putzſtube ge⸗ weſen war, befanden ſich zwei dünnleibige Spiegel, um deren Rahmen Leichenzüge von ſchwarzen Figuren, ſchwarze Guirlanden tragend, herumgingen. Aber ſelbſt dieſen fehlten Köpfe und Beine, und ein Kupido, der wie ein Leichenbitter ausſah, hatte ſich ſogar um ſeine eigne Achſe gedreht und ſtand auf dem Kopfe, während ein anderer ganz herabgefallen war. Das Zimmer, welches Arthur Clennams verſtorbener Vater in der erſten Zeit, deren er ſich entſann, zu Geſchäfts⸗ zwecken inne gehabt hatte, war ſo wenig verändert, daß er glauben konnte, er habe es unſichtbar noch inne, wie ſeine ſichtbare hinterlaſſene Ehehälfte ihre Stube oben inne hatte, und daß Jeremiah Flintwinch noch immer zwiſchen ihnen den Poſtenträger machend hin und herginge. Sein Bild, das dunkel und düſter, in ernſtem Schweigen an der Wand hing und die Augen feſt auf den Sohn richtete, wie er ſelbſt ſie auf ihn gerichtet, als das Leben aus ihnen ſchwand, Familienangelegenheiten. 109 ſchien ihn mit furchtbarem Ernſt an die Aufgabe zu mahnen, die er ſich geſtellt. Aber er hatte jetzt keine Hoffnung auf Nachgiebigkeit von Seiten ſeiner Mutter, und was andere Wege, ſein Mißtrauen zu beruhigen, betraf, ſo hatte er die Hoffnung auf ſie längſt aufgegeben. Unten in dem Keller wie oben in den Schlafkammern waren alte ihm wohler⸗ innerliche Gegenſtände durch Alter und Verfall verändert, aber noch immer an ihren alten Stellen. Dies war ſelbſt G . mit den leeren Biertonnen der Fall, die mit Spinneweben überzogen waren, und mit den leeren Weinflaſchen, denen pelzartiger Moder und Schwamm erſtickend in der Kehle wuchſen. Da war endlich unter ungebrauchten Flaſchen⸗ regalen und bleichen Lichtſtreifen vom Hofe oben auch das feſte Gewölbe, wo die alten Handlungsbücher aufbewahrt wurden, welche einen ſo müffigen und faulen Geruch hat⸗ 5 ten, als ob ſie in der Geiſterſtunde regelmäßig durch ein Heer nächtlich auferſtehender alter Buchhalter verglichen würden. Die Backſchüſſel wurde um zwei Uhr in einer Weiſe, die an einen Buß⸗ und Bettag erinnerte, auf einem zuſammen⸗ gefahrnen Tiſchtuche an einem Ende der Speiſetafel auf⸗ geſtellt, wo er mit Mr. Flintwinch, dem neuen Compagnon, ſpeiſte. Mr. Flintwinch benachrichtigte ihn, daß ſeine Mut⸗ ter ihren Gleichmuth jetzt wieder erlangt hätte und daß er nicht zu befürchten brauche, ſie werde auf das, was am Morgen vorgefallen, wieder zurückkommen.„Und beleidigen Sie Ihren Vater nicht, Mr. Arthur,“ fügte Mr. Flintwinch 8 8 110 Fünftes Kapitel. hinzu,„ein für alle Mal, laſſen Sie das ja. Nun ſind wir damit zu Ende.“ Mr. Flintwinch hatte bereits ſein eignes kleines Ge⸗ ſchäftszimmer aufgeräumt und abgeſtäubt, als ob er der Beförderung zu ſeiner neuen Würde damit eine Ehre anthun wollte. Er nahm dieſes Geſchäft wieder auf, als er ſich mit Rinderbraten den Leib gefüllt, die ganze Brühe in der Back⸗ ſchüſſel mit der Fläche ſeines Meſſers aufgeſchaufelt und aufgeſaugt und ein Faß Dünnbier in der Flaſchenkammer tapfer angezapft hatte. In dieſer Weiſe erfriſcht, ſtreifte er ſich die Hemdärmel auf und ging wieder an die Arbeit, und Mr. Arthur, der ihn dabei beobachtete, ſah deutlich, daß ſeines Vaters Bild oder ſeines Vaters Grab gerade ſo mit⸗ theilſam gegen ihn ſein würde, als dieſer alte Mann. „Na, Affery, Weibsbild,“ ſagte Mr. Flintwinch, als ſie durch die Hausflur ging.„Du hatteſt Mr. Arthurs Bett noch nicht gemacht, als ich das letzte Mal oben war. Mach raſch. Rege die Hände.“ Aber Mr. Arthur fand das Haus ſo öd und unbehaglich und war ſo wenig geneigt, noch ein Mal zuzuhören, wie ſeine Mutter ihre Feinde(ihn ſelbſt vielleicht darunter) der Verſtümmlung dieſſeits und dem Untergange jenſeits über⸗ antwortete, daß er ſeine Abſicht ankündigte, in dem Kaffee⸗ hauſe Quartier zu nehmen, wo er ſein Gepäck gelaſſen hatte. Mr. Flintwinch ergriff ſehr gern die Idee ihn loszuwerden, ſeine Mutter war abgeſehen von Rückſichten der Sparſamkeit gegen die meiſten häuslichen Anordnungen, die nicht im Familienangelegenheiten. 111 Bereiche der vier Wände ihrer Stube lagen, gleichgültig, und ſo ſetzte er dieſen Punkt mit Leichtigkeit und ohne neuen Anſtoß zu geben durch. Man vereinigte ſich über tägliche Geſchäftsſtunden, welche ſeine Mutter, Mr. Flintwinch und er ſelbſt dem nothwendigen Collationiren von Büchern und Papieren widmen ſollten, und dann verließ er das eben erſt gefundene Elternhaus mit gedrücktem Herzen. Aber Klein Dorrit? Die Geſchäftsſtunden währten mit Abzug der Zwiſchen⸗ pauſen, wo die Kranke ihre Auſtern und Rebhühner ver⸗ ſpeiſte und Mr. Clennam ſich mit einem Spaziergange er⸗ friſchte, die nächſten vierzehn Tage von zehn bis ſechs Uhr. Manchmal war Klein Dorrit mit ihrer Nadel beſchäftigt, manchmal nicht, manchmal erſchien ſie als beſcheidner Be⸗ ſuch; letzteres mußte ihre Rolle am Tage ſeiner Ankunft geweſen ſein. Seine urſprünglich ſchon rege Neugier ſteigerte ſich von Tag zu Tag, wenn er ſie beobachtete, ſie ſah oder nicht ſah und über ſie nachdachte. Unter dem Einfluſſe der Idee, die ihn beherrſchte, verfiel er ſogar in die Gewohn⸗ heit, bei ſich die Möglichkeit zu erwägen, daß ſie ſelbſt mit dieſer Idee in Verbindung ſtünde. Endlich beſchloß er, Klein Dorrit zu beobachten und mehr von ihrer Geſchichte in Erfahrung zu bringen. 112 Sechſtes Kapitel. Herhutes Kapitel. Der Vater des Marſhalſea. Vor dreißig Jahren ſtand wenige Thüren von der St. Georgskirche im Burgflecken Southwark auf der linken Seite des nach Süden führenden Weges das Marſhalſea⸗Gefäng⸗ niß. Es hatte viele Jahre dort geſtanden, und es blieb noch einige Jahre dort; aber es iſt jetzt verſchwunden, und die Welt iſt deshalb eben nicht ſchlimmer daran. Es war ein länglichrundes kaſernenartiges Gebäude, das in zwei unſaubere Häuſer zerfiel, welche mit der Rück⸗ ſeite aneinander ſtanden, ſo daß es keine Stuben nach hin⸗ ten hinaus gab. Dieſelben umgab ein enger gepflaſterter Hof, den hohe, oben gebührlich mit Eiſenſpitzen beſetzte Mauern umſchloſſen. An ſich ſchon ein enges und die Freiheit des Ausgehens beſchränkendes Gefängniß für zahlungsun⸗ fähige Schuldner, enthielt es in ſeinen Mauern einen noch engeren und ſtrengeren Kerker für Schmuggler. Leute, die gegen die Zollgeſetze geſündigt und ſolche, welche die Acciſe und Mauth hinterzogen hatten und die Strafgelder, in die ſie verfallen, nicht zahlen konnten, ſollten hinter einer eiſen⸗ beſchlagenen Thür eingeſperrt werden, welche ein zweites Ge⸗ fängniß, das aus einer oder zwei feſten Zellen beſtand, und ein Sackgäßchen von etwa vier Fuß Breite verſchloß. Dieſes Gäßchen bildete das geheimnißvolle Ende des ſehr beſchränk⸗ —— —,— Der Vater des Marſhalſea. 113 ten Kegelſchubs, in welchem die Schuldgefangenen des Mar⸗ ſhalſea ihre Sorgen verkegelten. Ich ſage, ſie ſollten dort eingeſperrt ſein, weil die Zeit zu weit fortgeſchritten war, um die feſten Zellen und das Sackgäßchen noch zu dulden. In der Praxis war es da⸗ hingekommen, daß man ſie für ein wenig zu ſchlecht anſah, wiewohl ſie in der Theorie noch ganz ſo gut wie je vorher waren; was man noch heutzutage an andern Zellen, die durchaus nicht feſt ſind, und an andern Sackgäßchen, die ſo finſter wie ein Sack ſind, beobachten kann. So geſchah es, daß die Schmuggler ſich gewöhnlich zu den Schuldgefangenen geſellten(welche ſie mit offenen Armen aufnahmen) ausge⸗ nommen in gewiſſen Momenten, wo ein gewiſſer Jemand aus einer gewiſſen Amtsſtube kam, um mit einer gewiſſen Förmlichkeit ein gewiſſes Etwas ſeiner Beſichtigung zu unter⸗ ziehen, wovon weder er noch irgend jemand anders etwas wußte. Bei ſolchen echt brittiſchen Gelegenheiten verfügten ſich die Schmuggler, wofern deren da waren, zum Schein in die feſten Zellen und das Sackgäßchen, während dieſer Je⸗ mand that, als ob er ſein Geſchäft beſorge, und kamen wieder heraus, ſobald er es beſorgt oder vielmehr nicht be⸗ ſorgt hatte— ein ſauberes Beiſpiel für den Geiſt, in wel⸗ chem die meiſten öffentlichen Angelegenheiten auf unſerer kleinen und kleinlich denkenden Inſel verwaltet werden. Nun war lange vor dem Tage wo die Sonne ſo heiß auf Marſeille und die Eröffnung dieſer Geſchichte geſchienen hatte, ein Schuldner nach dem Marſhalſea⸗Gefängniſſe ge⸗ 114 Sechſtes Kapitel. bracht worden, mit dem dieſe Geſchichte in gewiſſem Maße zu thun hat. Er war zu dieſer Zeit ein Herr, der ſehr liebenswürdig war, ſich ſehr wenig ſelbſt zu helfen wußte und unverzüglich wieder herauskommen ſollte. Ganz natürlich ſollte er unver⸗ züglich wieder herauskommen, weil das Schloß des Mar⸗ ſhalſea ſich nie vor einem Schuldgefangenen aufthat, bei dem dies nicht der Fall geweſen wäre. Er brachte einen Leder⸗ koffer mit herein, von dem er zweifelte, ob es ſich der Mühe verlohnen werde, ihn auszupacken, ſo klar war es ihm— wie allen Uebrigen, ſagte der Schließer am Thore— daß er unverzüglich wieder herauskommen werde. Er war ein ſchüchterner, zurückhaltender Mann von an⸗ genehmem, obwohl etwas weibiſchem Aeußern, hatte eine ſanfte Stimme, gelocktes Haar und fahrige Hände, an denen in dieſen Tagen Ringe ſtaken und welche in der erſten halben Stunde ſeiner Bekanntſchaft mit dem Gefängniſſe an die hundert Mal nach ſeinen zuckenden Lippen wanderten. Seine Hauptangſt betraf ſeine Frau. „Meinen Sie wohl, Sir,“ fragte er den Schließer,„daß ſie ſehr erſchrecken würde, wenn ſie morgen früh an's Gitter⸗ thor kommen ſollte?“ Der Schließer gab als Reſultat ſeiner Erfahrung ſeine Meinung dahin ab, daß die Einen erſchräken, die Andern nicht erſchräken, doch im Allgemeinen kämen mehr Nein als Ja vor.„Was für'ne Frau iſt ſie?“ fragte er philoſophiſch; „denn ſehen Sie, das iſt's, worum ſich's dabei dreht.“ — Der Vater des Marſhalſea. 115 „Sie iſt allerdings ſehr zart und ſehr unerfahren.“ „Das,“ ſagte der Schließer,„ſpricht gegen ſie.“ „Sie iſt ſo wenig gewohnt, allein auszugehen,“ ſagte der Schuldgefangene,„daß ich nicht weiß, wie ſie ſich über⸗ haupt hierher finden wird, falls ſie zu Fuße kommt.“ „Na vielleicht,“ bemerkte der Schließer,„wird ſie ſich 'nen Fiaker nehmen.“ „Vielleicht.“ Die fahrigen Finger bewegten ſich nach der zuckenden Lippe.„Hoffentlich wird ſie's thun. Aber wenn ſie nicht daran dächte?“ „Oder vielleicht,“ ſagte der Schließer, indem er ihm ſeine Vermuthungen von ſeinem hohen ausgeſeſſenen Holz⸗ ſchemel zukommen ließ, ganz wie er ſie einem Kinde hätte zukommen laſſen, mit deſſen Schwäche er Mitleid gefühlt hätte,„vielleicht wird ſie ihren Bruder oder ihre Schweſter bitten, mit ihr her zu kommen.“ „Sie hat weder Bruder und Schweſter.“ „Nichte, Neffen, Vetter, Magd, junges Mädel, Gemüſe⸗ händler. Immer drauf! Eins oder das Andre davon,“ ſagte der Schließer, indem er im Voraus die Ablehnung aller ſei⸗ ner Vermuthungen zurückwies. „Ich fürchte— ich hoffe, es iſt nicht gegen die Regeln, — daß ſie die Kinder mitbringen wird.“ „Die Kinder?“ ſagte der Schließer.„Und die Regeln! Ei du liebe Zeit? Wo denken Sie hin? Wir haben ja einen regu⸗ lären Spielplatz für Kinder hier. Kinder? Ei Du meine 116 Sechſtes Kapitel. Güte, wir haben einen ganzen Schwarm hier! Wie viel ha⸗ ben Sie denn?“ „Zwei,“ ſagte der Schuldgefangene, indem er ſeine fahrige Hand wieder an die Lippe brachte und ſich in das Gefängniß begab. Der Schließer folgte ihm mit den Augen.„Und Du ſel⸗ ber biſt noch eins,“ bemerkte er mit ſich ſelbſt redend,„das macht drei. Und Deine Frau iſt wieder eins, will'nen Kro⸗ nenthaler wetten. Das macht Eurer viere. Und noch eins iſt auf dem Wege, will'ne halbe Krone wetten. Das macht fünfe. Und ich will noch einmal meine achthalb Schilling hin⸗ legen, wenn mir eins ſagt, wer ſich am Wenigſten zu helfen weiß, das ungeborene Kind oder Du ſelber.“ Er hatte in allen Einzelheiten recht. Sie kam den näch⸗ ſten Tag mit einem kleinen Knaben von drei und einem klei⸗ nen Mädchen von zwei Jahren, und er ſtand ganz getröſtet da. „Haben jetzt'ne Stube, nicht wahr?“ fragte der Schließer den Schuldgefangenen nach Verlauf von ein paar Wochen. „Ja, ich habe ein ſehr gutes Zimmer.“ „Wird wohl ein Biſſel Kram kommen, es auszumöbliren,“ ſagte der Schließer. „Ich erwarte, daß der Fuhrmann dieſen Nachmittag einige nothwendige Möbel hier abliefern wird.“ „Frauchen und die Kinderchens kommen wohl, Ihnen Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten?“ fragte der Schließer. „Hm, ja, wir meinen, es iſt beſſer, wenn wir uns nicht trennen, ſei es auch nur für einige Wochen.“ Der Vater des Marſhalſea. 117 „Natürlich nur für einige Wochen,“ erwiderte der Schließer. Und er folgte ihm wieder mit den Augen und nickte ſieben Mal mit dem Kopfe, als er weg war. Die Angelegenheiten dieſes Schuldgefangenen waren durch ein Compagniegeſchäft in Unordnung gerathen, von dem er nichts weiter wußte, als daß er Geld darin angelegt hatte, durch geſetzmäßig ausgeſtellte Wechſel und Verſchreibungen, Ceſſionen hier und Ceſſionen dort, durch den Verdacht unge⸗ ſetzlicher Bevorzugung von Gläubigern in dieſer und geheim⸗ nißvollen Verſchwindens von Waaren in jener Richtung, und da Niemand auf Gottes Erdboden weniger befähigt war, jeden einzelnen Poſten in dem Haufen von Confuſion aufzu⸗ klären, als der Schuldner ſelbſt, ſo ließ ſich aus ſeinem Pro⸗ ceß nichts Begreifliches machen. Ihm über Einzelheiten Fragen vorlegen und verſuchen ſeine Antworten in Einklang zu bringen, ihn mit Rechnungsführern und geſchäftskundigen Advokaten einſchließen, welche alle Kniffe zahlungsunfähiger Schuldner und Bankerotteurs kannten, hieß nur, die Ange⸗ legenheit auf Zinſeszinſen der Unbegreiflichkeit ausleihen. Die fahrigen Finger fuhren bei allen ſolchen Gelegenheiten nur mehr und mehr zwecklos um die zuckende Lippe, und die ſcharf⸗ ſinnigſten Sachwalter gaben ihn als hoffnungslos auf. „Heraus will er?“ ſagte der Schließer.„Der wird nie herauskommen, es wäre denn, daß ſeine Gläubiger ihn bei den Schultern kriegten und ihn hinausſchupſten.“ Er war fünf oder ſechs Monate dort geweſen, als er eines Vormittags zu dieſem Schließer gelaufen kam, um ihm 118 Sechſtes Kapitel. athemlos und blaß zu ſagen, daß ſeine Frau krank ge⸗ worden. „Wie alle Welt hätte vorauswiſſen können,“ ſagte der Schließer. „Wir hatten die Abſicht,“ erwiderte er,„ſie ſollte erſt mor⸗ gen nach einer Wohnung auf dem Lande ziehen. Was ſoll ich thun? O guter Himmel, was ſoll ich thun?“ „Verſchwenden Sie Ihre Zeit nicht damit, daß Sie die Hände ringen und ſich auf die Finger beißen,“ erwiderte der praktiſche Schließer, indem er ihn beim Elbogen nahm,„ſon⸗ dern kommen Sie mit mir.“ Der Schließer führte ihn, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte und fortwährend mit gedämpfter Stimme winſelte, was er thun ſolle, während ſeine fahrigen Finger die Thränen auf ſeinem Geſichte herumwiſchten, eine der allgemeinen Trep⸗ pen im Gefängniß hinauf nach einer Thür zu einer der Dach⸗ ſtuben, an welche Thür der Schließer mit dem Griffe ſeines Schlüſſels pochte. „Herein!“ rief eine Stimme drinnen. Als der Schließer die Thür öffnete, zeigten ſich in einem elenden, übelriechenden Stübchen zwei heiſere, aufgedunſene, rothnaſige Perſonen, die an einem gebrechlichen Tiſche„Alle Viere“ ſpielten, Thonpfeifen ſchmauchten und Schnaps tranken. „Doctor,“ ſagte der Schließer,„hier verlangt die Frau eines Herrn nach Ihnen, aber es iſt keine Minute zu ver⸗ lieren.“ 3 Der Freund des Doctors war blos der Poſitiv von Hei⸗ ☛ . ——— Der Vater des Marſhalſea. 119 ſerkeit, Aufgedunſenheit, Rothnaſigkeit, Spielſucht, Tabak, Schmutz und Schnaps, der Doctor ſelbſt der Comparativ, heiſerer, aufgedunſener, rothnaſiger, ſpielſüchtiger, tabaks⸗ duftiger, ſchmutziger und ſchnapſiger. Der Doctor war bis zur Ungeheuerlichkeit ſchäbig in ſeiner zerlumpten und geflick⸗ ten Matroſenjacke, aus der die Elbogen guckten und welche alle Knöpfe verloren hatte(er war zu ſeiner Zeit Arzt auf einem Auswandrerſchiffe geweſen), den ſchmutzigſten weißen Hoſen, die ſterbliche Menſchen ſich vorzuſtellen im Stande ſind, Pan⸗ toffeln von Teppichſtoff und ohne ſichtbare Wäſche. „Ein Wochenbett?“ ſagte der Doctor.„Da bin ich der rechte Mann.“ Damit nahm der Doctor einen Kamm vom Kaminſims und ſtrich ſich das Haar, daß es gerade empor⸗ ſtand— was die Art zu ſein ſchien, in der er die Operation des Waſchens vollzog— langte ein Futteral mit Inſtrumenten ſeines Berufs, die ein ganz abſcheuliches Ausſehen hatten, von dem Seitentiſche herab, wo er ſeine Ober⸗ und Untertaſſe und ſeine Kohlen verwahrte, fuhr mit dem Kinn in den'ſchmie⸗ rigen Shawl, den er um den Hals trug, und ſah nun wie eine ſcheußliche mediciniſche Vogelſcheuche aus. Der Doctor und der Schuldgefangene liefen die Treppe hinab, indem ſie es dem Schließer überließen, zu ſeinem Schloſſe zurückzukehren, und eilten nach dem Zimmer des Schuldgefangenen. Alle Damen im Gefängniſſe hatten die Neuigkeit erfahren und befanden ſich im Hofe. Die Einen hatten ſich bereits der beiden Kinder bemächtigt und trugen ſie dienſtbereit davon. Andere boten von ihrem eignen dürftigen 8☛ 120 Sechſtes Kapitel. Vorrath kleine Bequemlichkeiten leihweiſe an. Wieder Andere drückten ihre Theilnahme mit der größten Zungenfertigkeit aus. Die Herren unter den Gefangnen, die ſich im Nachtheile ſahen, hatten ſich größtentheils nach ihren Stuben weggemacht, um nicht zu ſagen weggeſchlichen. Einige von ihnen begrüßten den Doctor, als er unten vorbeiging, aus den offnen Fenſtern mit Pfeifen, während Andere, mit verſchiedenen Stockwerken zwiſchen ſich, ſpöttiſche Anſpielungen auf die herrſchende Auf⸗ regung austauſchten. Es war ein heißer Sommertag, und in den Zimmern des Gefängniſſes herrſchte zwiſchen den hohen Mauern eine wahre Backofenhitze. In der Stube des Schuldgefangenen hatte ſich Mrs. Bangham, Tagelöhnerin und Botenfrau, welche nicht zu den Gefangenen gehörte(wiewohl ſie früher dazu gehört hatte) ſondern das allgemeine Mittel des Verkehrs mit der Außenwelt war, ihre Dienſte als Fliegenfängerin und Wär⸗ terin angeboten. Die Wände und die Decke waren ſchwarz von Fliegen. Mrs. Bangham, erfahren in raſchwirkenden Kunſtgriffen, fächelte mit der einen Hand der Leidenden mit einem Krautblatte Kühlung zu und ſtellte mit der andern Fallen in Geſtalt mit Eſſig und Zucker gefüllter Salbenbüchs⸗ chen, während ſie zu gleicher Zeit ermuthigende und glückwün⸗ ſchende Bemerkungen fallen ließ, wie ſie für den Fall paßten. „Die Fliegen quälen Sie wohl recht ſehr, mein Herzchen?“ ſagte Mrs. Bangham.„Aber vielleicht werden ſie Ihre Ge⸗ danken von der Sache ablenken und Ihnen gut thun. Ja, hier zwiſchen dem Gottesacker, dem Materialladen, den Kut⸗ Der Vater des Marſhalſea. 121 ſcherſtällen und dem Kaldaunenmarkte werden die Marſhalſea⸗ Fliegen ſchreckbar groß. Vielleicht ſind ſie zum Troſte geſen⸗ det, wenn wir's nur wüßten. Wie befinden Sie ſich jetzt, mein Herzchen? Noch nicht beſſer? Nein, mein Herzchen,'s iſt auch nicht zu erwarten; Sie werden's noch ſchlimmer krie⸗ gen, ehe es beſſer wird, und Sie wiſſen das, nicht wahr? Ja. So iſt's recht. Und der Gedanke, daß ein kleines liebes En⸗ gelchen hier innerhalb der Thore geboren wird! Na iſt das nicht allerliebſt, iſt das nicht ein Gedanke, der's Ihnen mit Freuden überſtehen laſſen wird? Ei der Tauſend, das iſt uns hier ſo lange ich denken kann nicht paſſirt, mein Herzchen. Und Sie wollen weinen?“ ſagte Mrs. Bangham, indem ſie die Leidende mit immer kräftigeren Troſtgründen verſah.„Sie, die dadurch ſo berühmt werden! Während die Fliegen zu Fünf⸗ zigen in die Salbentöpfchen purzeln! Und Alles ſo gut von Statten geht! Und hier, kommt da nicht,“ ſagte Mrs. Bang⸗ ham, als die Thür aufging,„kommt da nicht Ihr Herr Ehe⸗ liebſter mit dem Doctor Haggage! Und nun, denke ich, ſind alle die richtigen Leute beiſammen.“ Der Doctor war keine Erſcheinung der Art, elche einem Patienten die Empfindung einflößte, daß alle die richtigen Leute beiſammen wären, aber als er bald darauf die Meinung außerte:„Wir ſind ſo richtig, als wir ſein können, Mrs. Bangham, und wir werden die Geſchichte überwinden wie ein Haus im Feuer,“ und als er und Mrs. Bangham ſich des ar⸗ men hülfloſen Paars bemächtigten, wie alle Welt zu aller Zeit es gethan hatte, ſo waren die Mittel, die zur Hand waren, Klein Dorrit. 3 9 122 Sechſtes Kapitel. im Ganzen ſo gut als ſie hier ſein konnten. Der eigenthüm⸗ liche Grundzug der Manier, in welcher D. Haggage den Fall behandelte, war ſein Entſchluß, Mrs. Bangham bei dem zu erhalten, was er im Auge hatte. Dies geſchah folgender⸗ maßen: „Mrs. Bangham,“ ſagte der Doctor, bevor er zwanzig Minuten da war,„gehen Sie hinaus und holen Sie ein we⸗ nig Branntwein, ſonſt werden wir Sie krank haben.“ „Danke ſchön, Herr Doctor. Aber ja nicht meinetwegen,“ ſagte Mrs. Bangham. „Mrs. Bangham,“ erwiderte der Doctor,„ich bin in mei⸗ nem Berufe am Krankenbette dieſer Dame und habe keine Luſt zu geſtatten, daß Sie hier eine Discuſſion beginnen. Gehen Sie hinaus und holen Sie ein wenig Branntwein, ſonſt ſehe ich voraus, daß Sie zuſammenbrechen.“ „Ich muß Ihnen gehorchen, Herr Doctor,“ ſagte Mrs. Bangham aufſtehend.„Wenn Sie ſich die Lippen damit be⸗ netzen wollten, ſo denk' ich, Sie würden ſich eben keinen Scha⸗ den thun; denn Sie ſehen kränklich aus, Herr Doctor.“ „Mrs. Bangham,“ erwiderte der Doctor,„danke ſchön, aber ich bin nicht Ihr Pflegebefohlner, ſondern Sie der meine. Kümmern Sie ſich gefälligſt nicht um mich. Ihr Amt iſt zu thun, was Ihnen geheißen wird und zu gehen und zu holen, was ich Ihnen gebiete.“ Mrs. Bangham gehorchte, und der Doctor nahm, nach⸗ dem er ihr ihr Tränkchen eingegeben, das ſeine ein. Er wieder⸗ holte dieſe Behandlung jede Stunde; denn er hielt ſehr ſtreng Der Vater des Marſhalſea. 123 darauf, daß Mrs. Bangham ihre Medicin bekam. Drei oder vier Stunden verfloſſen ſo, die Fliegen fielen zu Hunderten in die Fallen, und endlich erſchien ein kleines Leben, das kaum ſtärker als das ihre war, unter der Maſſe von erlöſchen⸗ den Leben geringerer Art. „Ein ſehr hübſches kleines Mädchen wahrhaftig!“ ſagte der Doctor,„klein, aber wohlgebildet. Holla, Mrs. Bang⸗ ham! Sie ſehen ſonderbar aus! Fort, Frau, den Augenblick und noch ein wenig Branntwein geholt, ſonſt ſehen wir Sie in hyſteriſchen Anfällen.“ Inzwiſchen waren von den Händen des Schuldgefangenen die Ringe gefallen wie die Blätter eines Baumes im Winter. Nicht ein einziger blieb dieſe Nacht auf ihnen ſitzen, als er dem Doctor etwas Klingendes in die ſchmutzige Hand ſteckte. Mitt⸗ lerweile hatte Mrs. Bangham einen Auftrag in einem Etabliſſe⸗ ment der Nachbarſchaft ausgerichtet, welches mit drei goldenen Kugeln geſchmückt war“) und wo man ſie gut kannte. „Danke,“ ſagte der Doctor,„dank Ihnen. Ihre gute Frau Gemahlin hat Alles überſtanden. Befindet ſich ganz aller⸗ liebſt.“ „Ich bin ſehr glücklich und ſehr dankbar, das zu erfahren,“ ſagte der Schuldgefangene,„obwohl ich mir einſt ſchwerlich gedacht hätte, daß—“ „Daß Ihnen ein Kind geboren werden würde, an einem *) Die drei goldenen Kugeln ſind in England das Zeichen der Privat⸗ Leihanſtalten. 9* 124 Sechſtes Kapitel. Orte wie dieſer?“ ſagte der Doctor.„Bah, bah, Sir, was hat das zu bedeuten? Ein wenig mehr Spielraum iſt Alles, was wir hier nöthig haben. Wir ſind hier im Hafen der Ruhe, werden nicht von Manichäern umſtellt wie der Dachs in ſei⸗ nem Loche; es iſt kein Klopfer hier, Sir, mit dem die Gläu⸗ biger an die Thür hämmern, daß einem das Herz auf die Zunge ſpringen möchte. Niemand kommt hierher, um zu fra⸗ gen, ob man zu Hauſe iſt, und zu ſagen, er wolle auf der Abſtreichmatte ſtehen bleiben, bis man käme. Niemand ſchreibt Drohbriefe wegen Geld nach dieſem Orte. Das iſt Freiheit, Herr, das iſt Freiheit. Ich habe daheim und in der Fremde, auf dem Marſche und auf Schiffen zu thun gehabt wie heute, und ich ſage Ihnen: ich wüßte nicht, daß ich je unter ſo ruhi⸗ gen Verhältniſſen meinen Beruf verfolgt hätte, als am heuti⸗ gen Tage. Anderwärts ſind die Leute ruhelos, hetzen und jagen ſich ab, ſtreben haſtig nach dieſem, ſtreben haſtig nach jenem Dinge. Nichts der Art hier, Sir. Wir ſind über alles das hinaus, wir haben das Schlimmſte kennen gelernt, wir ſind auf dem Boden angelangt, wir können nicht mehr fallen, und was haben wir gefunden? Frieden. Das iſt das rechte Wort. Frieden.“ Mit dieſem Glaubensbekenntniß kehrte der Doctor, der ein alter Vogel in dieſem Käfig war und aufge⸗ dunſener als gewöhnlich ausſah und überdies das ungewöhn⸗ liche Aufheiterungsmittel des Geldes in der Taſche hatte, zu ſeinem Stubenburſchen und Ebenbilde an Heiſerkeit, Aufge⸗ ſchwemmtheit, Rothnaſigkeit, Spielſucht, Tabaraduſt Schmutz und Verſchnapſtheit zurück. Der Vater des Marſhalſea. 125 Nun war der Schuldgefangene ein Mann, der von dem Doctor ſehr verſchieden war, aber doch hatte er bereits den Anfang gemacht, durch ſein entgegengeſetztes Segment des Kreiſes auf denſelben Punkt hinzurücken. Anfangs niederge⸗ ſchmettert von ſeiner Einkerkerung, hatte er bald einen trüb⸗ ſeligen Troſt darin gefunden. Er war unter Schloß und Rie⸗ gel, aber das Schloß und der Riegel, die ihn einſperrten, ſperrten unzählige Sorgen von ihm ab. Wäre er ein Mann mit dem ſtarken Willen geweſen, dieſen Sorgen entgegenzu⸗ treten und ſie zu bekämpfen, ſo würde entweder die Feſſel, die ihn hielt, oder ſein Herz gebrochen ſein; ſo wie er war, glitt er ſchlaff dieſen glatten Abhang hinunter und that nie wieder einen Schritt nach aufwärts. Als er aus dem Wirrſal ſeiner Angelegenheiten, das ſich durch nichts aufwickeln ließ, dadurch befreit war, daß ein Dutzend von Leuten, die mit der Entwirrung beauftragt wa⸗ ren, aber weder Anfang noch Mitte noch Ende in der Sache oder ihm ſelbſt zu finden vermochten, einer nach dem andern die Angelegenheit ihm zurückſtellten, fand er, daß ſein elender Zufluchtsort ein ruhigerer Ort als vorher war. Schon längſt hatte er den Lederkoffer ausgepackt, und ſeine ältern Kinder ſpiel⸗ ten regelmäßig im Hofe, und Jedermann kannte das Kleinſte und beanſpruchte eine Art Eigenthumsrecht an demſelben. „Wahrhaftig, ich werde ordentlich ſtolz auf Sie,“ ſagte ſein Freund der Schließer eines Tages.„Sie werden hier bald der älteſte Einwohner ſein. Das Marſhalſea würde nicht das Marſhalſea ſein ohne Sie und Ihre Familie.“ 126 Sechſtes Kapitel. Der Schließer war wirklich ſtolz auf ihn. Er pflegte ſich gegen neue Ankömmlinge in Lobeserhebungen über ihn zu er⸗ gehen, wenn er den Rücken gewendet hatte.„Bemerkten Sie ihn wohl,“ ſagte er bei ſolchen Gelegenheiten,„den, der juſt aus der Loge ging?“— Antwortete der neue Ankömmling darauf mit Ja; ſo fuhr er fort: „Wenn je Einer zum vornehmen Herrn erzogen wurde, ſo iſt er's. Erzogen mit ungeheuren Koſten. Ging mal ins Haus des Marſhals, um ein neues Piano für ihn zu probiren. Spielte es, wie ich höre, wie Nummer Eins— wunderſchön! Fremde Sprachen— da ſpricht er alles Mögliche. Wir haben während ſeiner Zeit nen Franzoſen hier gehabt, und ich bin der Meinung, daß er mehr Franzöſiſch verſtand als der Franzoſe. Wir haben während ſeiner Zeit'nen Italiener da gehabt, und er ſchwatzte ihn in Grund und Boden ehe ne halbe Mi⸗ nute vorüber war. Sie werden tüchtige Leute anderwärts hinter Schloß und Riegel finden, ich beſtreite die Möglichkeit nicht; wenn Sie aber den Haupthahn in den von mir er⸗ wähnten Geſchichten ſehen wollen, ſo müſſen Sie nach dem Marſhalſea kommen.“ Als ſein jüngſtes Kind acht Jahre alt war, ging ſeine Frau, welche ſchon längſt geſiecht hatte— an der ihr ange⸗ bornen Schwäche, nicht deshalb, weil ſie ſich in Betreff ihres Aufenthaltsorts mehr von dem anfänglichen Grame bewahrt hätte als er— auf Beſuch zu einer armen Freundin und al⸗ ten Wärterin auf dem Lande und ſtarb dort. Er hielt ſich — Der Vater des Marſhalſea. 127 vierzehn Tage lang nach dem Ereigniſſe in ſeinem Zimmer ein⸗ geſchloſſen, und der Schreiber eines Sachwalters, welcher an dem Gerichtshofe der Zahlungsunfähigen wirkſam war, ver⸗ faßte eine lange Beileidsadreſſe an ihn, welche wie ein Pacht⸗ contract ausſah und welche von ſämmtlichen Gefangenen unter⸗ zeichnet wurde. Als er wieder ſichtbar wurde, war er ergrauter als vorher(er hatte bald einen grauen Kopf bekommen), und der Schließer bemerkte, daß ſeine Hände wieder ſo häufig wie bei ſeiner Ankunft nach ſeinen zuckenden Lippen fuhren. Aber er kam in einigen Monaten ziemlich gut darüber hinaus, und in der Zwiſchenzeit ſpielten die Kinder ſo regelmäßig wie je im Hofe, nur waren ſie in Trauerkleidern. Dann fing Mrs. Bangham, lange das beliebte Commu⸗ nicationsmittel mit der Außenwelt, an alt und ſchwach zu wer⸗ den, und es geſchah häufiger als ſonſt, daß ſie eingeduſelt auf dem Plaſter gefunden wurde, wobei ihr Korb die Einkäufe verſchüttet hatte und an dem Gelde, das ſie ihren Auftrag⸗ gebern wiederbringen ſollte, neun Pence fehlten. Sein Sohn begann Mrs. Bangham auszuſtechen und Aufträge in geſchick⸗ ter Weiſe auszurichten und vom Gefängniſſe Gefängnißmanier, von der Straße Straßenmanier anzunehmen. Die Zeit verging, und auch der Schließer fing an zu krän⸗ keln. Seine Bruſt ſchwoll auf, ſeine Beine wurden ſchwach und es fehlte ihm an Athem. Der ausgeſeſſene Holzſchemel war„nichts mehr für ihn,“ klagte er. Er ſaß in einem Arm⸗ ſtuhl mit einem Kiſſen und röchelte bisweilen Minuten lang ſo ſehr, daß er die Thür nicht öffnen konnte. Wenn er von 128 Sechſtes Kapitel. ſolchen Anfällen überwältigt wurde, ſchloß oft der Schuldge⸗ faüngene fr ihn auf. „Sie und ich,“ ſagte der Schließer an einem ſchneeigen Winterabend, wo die Loge mit ihrem hellen Kaminfeuer eine ziemlich zahlreiche Geſellſchaft verſammelt hatte,„ſind die älte⸗ ſten Bewohner. Ich ſelber kam nur ſieben Jahre vor Ihnen hierher. Ich werd's nicht lange mehr machen. Wenn ich vom Hauptthore weg bin, werden Sie der Vater des Marſhalſea ſein.“ Der Schließer verließ ſchon am folgenden Tage das Haupt⸗ thor dieſer Welt. Man erinnerte ſich ſeiner Worte und wie⸗ derholte ſie, und die Tradition übertrug ſpäter von Generation zu Generation— eine Marſhalſea⸗Generation war auf etwa drei Monate zu berechnen— das Wort, daß der ſchäbige alte Schuldgefangene mit dem ſanften Benehmen und den weißen Haaren der Vater des Marſhalſea ſei. Und es kam dahin, daß er ſtolz auf den Titel wurde. Wenn irgend ein Betrüger aufgeſtanden wäre, um ihn zu be⸗ anſpruchen, ſo würde er Thränen der Wehmuth vergoſſen ha⸗ ben über den Verſuch, ihn ſeiner Rechte zu berauben. Man bemerkte an ihm eine gewiſſe Neigung, die Zahl der Jahre, die er da geweſen, zu übertreiben. Es hieß allgemein, man müſſe von ſeiner Rechnung einige abziehen. Er wäre eitel, ſagten die ab⸗ und zufließenden Generationen von Schuld⸗ gefangenen. Alle neuen Ankömmlinge wurden ihm vorgeſtellt. Er nahm es peinlich genau mit dieſer Ceremonie. Die Witzbolde 1 ——P Der Vater des Marſhalſea. 129 entledigten ſich der Pflicht der Einführung mit übertriebener Feierlichkeit und Höflichkeit, aber es ward ihnen ſchwer, ſei⸗ nen Begriff von ihrem Ernſte zu überbieten. Er empfing ſie in ſeinem ärmlichen Zimmer(er war kein Freund von Vor⸗ ſtellungen im bloßen Hofe, mißbilligte ſie als formwidrig, da ſie jedermann paſſiren konnten) mit einer Miſchung von Gebeugtheit und Wohlwollen. Er hieße ſie willkommen in Marſhalſea, pflegte er zu ſagen. Ja, er wäre der Vater des Ortes. Dieſen Namen ſei die Welt ſo freundlich ihm zu ge⸗ ben, und das ſei er auch, da ein Aufenthalt von mehr als zwanzig Jahren ihm Anſpruch auf dieſen Titel verleihe. Der Ort ſähe anfänglich klein aus, indeß wäre ſehr gute Geſell⸗ ſchaft da— mit einiger Beimiſchung— natürlich mit einiger Beimiſchung von andern Elementen— und ſehr gute Luft. Es geſchah nicht ungewöhnlich, daß des Nachts Briefe, die eine halbe Krone, zwei halbe Kronen, hin und wieder in langen Zwiſchenräumen auch einen halben Sovereign für den Vater des Marſhalſea einſchloſſen, unter ſeine Thür gelegt wurden.„Mit freundlichem Gruß eines Collegen, der Abſchied nimmt.“ Er empfing die Gaben als einen Tribut von Be⸗ wunderern eines öffentlichen Charakters. Manchmal gaben ſich die Briefſteller ſcherzhafte Namen, z. B. Ziegelſtein, Blaſe⸗ balg, Alte Stachelbeere, Schlaukopf, Mops, Reißaus, der Hundefleiſch⸗Mann; aber er ſah dies als einen Beweis ſchlechten Geſchmacks an und fühlte ſich ſtets ein wenig ver⸗ letzt davon. Als im Laufe der Zeit dieſe Correſpondenz Zeichen des 130 Sechſtes Kapitel. Aufhörens verrieth und auf Seiten der Brieſſteller eine An⸗ ſtrengung zu erfordern ſchien, welcher viele von ihnen unter dem Drange der Verhältniſſe des Abzugs nicht gewachſen wa⸗ ren, führte er den Gebrauch ein, daß er Collegen von ge⸗ wiſſem Range das Geleit nach der Thür gab und dort von ihnen Abſchied nahm. Die in Rede ſtehenden Collegen pfleg⸗ ten dann, nachdem ſie ihm die Hand geſchüttelt, gelegentlich Halt zu machen, um etwas in ein Stück Papier zu wickeln und dann umzukehren und Heda zu rufen. Dann ſah er ſich mit der Miene des Verwunderten um. „Meinen Sie mich?“ fragte er lächelnd. Inzwiſchen war der College an ihn herangekommen, und er fügte väterlich hinzu:„Was haben Sie vergeſſen? Was kann ich für Sie thun?“ „Ich vergaß dies hier zurückzulaſſen,“ pflegte der College gewöhnlich zu erwidern,„für den Vater des Marſhalſea.“ „Mein guter Herr,“ entgegnete er dann,„er iſt Ihnen ſehr verbunden.“ Aber dann blieb während mehrerer Gänge durch den Hof die unſchlüſſige Hand von ehedem bis zuletzt in der Taſche, in welche er das Geld hatte gleiten laſſen, damit das Geſchäftchen unter der Geſellſchaft der Collegen nicht zu offenkundig würde. Eines Nachmittags hatte er die Honneurs des Platzes einem ziemlich ſtarken Trupp von Collegen erwieſen, welche zufällig zuſammen entlaſſen wurden. Da begegnete er auf dem Rückwege einem von der Armenſeite, welcher, eine Woche zuvor wegen einer geringfügigen Summe in Anſpruch genom⸗ Der Vater des Marſhalſea. 131 men, ſich im Laufe jenes Nachmittags mit ſeinem Gläu⸗ biger„geſetzt“ hatte und nun ebenfalls herausging. Der Mann war ein bloßer Putzmaurer in ſeinem Werktagsanzuge, hatte ſeine Frau bei ſich und ein Bündel und war in beſter Laune. „Behüte Sie Gott, Sir,“ ſagte er im Vorbeigehen. „Wünſche Ihnen desgleichen,“ erwiderte leutſelig der Vater des Marſhalſea. Sie waren, da jeder ſeinen verſchiedenen Weg ging, ſchon ziemlich fern von einander, als der Putzmauerer ausrief: „Heda, hören Sie mal, Sir!“ und zu ihm zurückkam. „Wenig mit Liebe,“ ſagte der Putzmaurer, indem er ihm ein kleines Röllchen Halfpence in die Hand drückte. Dem Vater des Marſhalſea war noch nie ein Tribut in Kupfermünze angeboten worden. Seine Kinder hatten dergleichen bekommen und mit ſeiner vollkommenen Zulaſ⸗ ſung war es in die gemeinſchaftliche Kaſſe gewandert, um Fleiſch, das er gegeſſen und Getränke, die er Vetrunken, zu kaufen; aber Maucheſterhoſen beſpritzt mit weißem Kalk, die ihn mit Halfpence beſchenkten, waren ihm etwas Neues. „Wie können Sie ſich unterſtehen?“ ſagte er zu dem Manne und brach in Thränen aus. Der Putzmaurer drehte ihn nach der Wand um, daß ſein Geſicht nicht geſehen werden möchte, und dies geſchah mit ſolchem Zartgefühl, und der Mann war ſo durchdrungen von Reue und bat ſo aufrichtig um Verzei⸗ hung, daß er dies durch nichts Geringeres anerkennen konnte 132 Siebentes Kapitel. als dadurch, daß er ſagte:„Ich weiß, Sie meinten es gut. Sagen Sie nichts mehr davon.“ „Weiß der Himmel, Sir,“ ſagte eifrig der Pußzmanrer. „ich meinte es wahrhaftig gut. Ich glaube, ich würde mehr thun gegen Sie als die Anderen.“ „Was würden Sie thun?“ fragte er. „Ich würde Sie beſuchen, nachdem ich'raus bin.“ „Geben Sie das Geld wieder her,“ ſagte der Andere drin⸗ gend,„ich will es aufbewahren und nie verthun. Dank Ihnen dafür, dank Ihnen! Ich werde Sie wiederſehen.“ „Gewiß, wenn ich noch eine Woche lebe.“ Sie ſchüttelten ſich die Hände und trennten ſich. Die Collegen, die dieſen Abend im Warmen Winkel zum Sympo⸗ ſium verſammelt waren, wunderten ſich baß, was ihrem Vater paſſirt ſein müßte, ſo ſpät wandelte er in dem Schatten des Hofes noch umher, und ſo niedergeſchlagen ſah er aus. Hirbentrs KRanitel. Die Tochter des Marſhalſea. Das Kind, deſſen erſten Athemzug der Duft von Doctor Haggage's Schnaps gewürzt hatte, wurde unter den Collegen von einer Generation an die andere wie eine Ueberlieferung von ihrem gemeinſchaftlichen Stammvater weitergegeben. In Die Tochter des Marſhalſea. 133 den früheren Stadien ſeiner Exiſtenz wurde es im buchſtäbli⸗ chen und proſaiſchen Sinne weiter gegeben, da es beinahe eine Eintrittsförmlichkeit für jeden neuen Collegen war, das Kind zu warten, welches im Collegium geboren worden. „Von Rechtswegen,“ bemerkte der Schließer, als ſie ihm zuerſt gezeigt wurde,„ſollte ich ihr Pathe werden.“ Der Schuldgefangene dachte unſchlüſſig einen Augenblick darüber nach und ſagte dann: Vielleicht hätten Sie nichts dagegen einzuwenden, wirklich ihr Pathe zu werden.“ „Oh! ich habe nichts einzuwenden,“ erwiderte der Schlie⸗ ßer,„wenn Sie nichts dagegen haben.“ So begab ſich's, daß ſie an einem Sonntagnachmittag, wo der Schließer in ſeinem Thürhüteramte abgelöſt war, ge⸗ tauft wurde, und daß der Schließer an den Taufſtein der St. Georgskirche trat und für ſie verſprach, gelobte und dem Teufel entſagte,„wie ſich's“— ſo drückte er ſich, als er heim⸗ gekehrt, ſelbſt aus—„für einen guten Chriſtenmenſchen ge⸗ ziemt.“ Damit bekam der Schließer außer und über ſeinem vor⸗ herigen amtsmäßigen Antheile noch einen neuen an dem Kinde, der ihm Eigenthumsrecht gab. Als ſie gehen und reden lernte, gewann er ſie lieb, kaufte ein Armſtühlchen und ſtellte es neben das hohe Kamingitter in ſeiner Loge, ſah es gern, wenn ſie ihm an der Thür Geſellſchaft leiſtete und pflegte ſie mit billigem Spielzeuge zu Beſuchen und Unterhaltungen mit ſich herbeizulocken. Das Kind ſeinerſeits wurde dem Schlie⸗ ßer ſo zugethan, daß es aus eignem Antriebe zu allen Stun⸗ 134 Siebentes Kapitel. den des Tages die Stufen zu ſeiner Loge hinaufgeklettert kam. Wenn ſie in dem Armſtühlchen neben dem hohen Kamingitter einſchlief, ſo pflegte der Schließer ſie mit ſeinem Taſchentuche zu bedecken, und wenn ſie darin ſaß und ihre Puppe an⸗ und auskleidete— welche bald den andern Puppen jenſeits des Gefängnißthors ſehr ungleich wurde und eine ſchreckbare Familienähnlichkeit mit Mrs. Bangham entwickelte— be⸗ trachtete er ſie von der Höhe ſeines Schemels mit außerordent⸗ lich liebreichem Blicke. Die Collegen, die von dieſen That⸗ ſachen Zeuge waren/ pflegten die Meinung auszuſprechen, der Schließer, welcher Junggeſell war, ſei von der Natur eigentlich zum Familienvater geſchnitzt. Aber der Schließer dankte ihnen für das Compliment und meinte:„Nein, im Ganzen genommen wäre es genug für ihn, anderer Leute Kinder da zu ſehen.“ In welcher Periode ſeiner Jugendzeit das kleine Geſchöpf zu merken begann, daß es nicht die Gewohnheit aller Welt war, in engen Höfen, eingeſchloſſen von hohen, oben mit Eiſenzacken beſetzten Mauern zu wohnen, würde eine ſchwer zu entſcheidende Frage ſein. Aber ſie war noch ein ſehr, ſehr kleines Geſchöpfchen, als ſie wer weiß wie inne geworden war, daß ſie an der Thür, welche der große Schlüſſel öffnete, ſtets die Hand ihres Vaters loslaſſen mußte, und daß, während ihre eignen leichten Schritte die Erlaubniß hatten, darüber hinauszugehen, ſeine Füße dieſe Linie nie überſchreiten durf⸗ ten. Ein mitleidiger und trauriger Blick, mit dem ſie ihn zu betrachten begonnen, als ſie noch ſehr jung war, war viel⸗ leicht das Ergebniß dieſer Entdeckung. Die Tochter des Marſhalſea. 135 Mit einem mitleidigen und traurigen Blicke für Alles, aber mit einem Etwas darin, das nur ihm galt und wie das Bewußſein ihn ſchützen zu müſſen ausſah, ſaß dieſes Kind des Marſhalſea und des Vaters des Marſhalſea in den erſten acht Jahren ihres Lebens bei ihrem Freunde, dem Schließer, in der Loge, hielt ſich in der Stube ihrer Familie auf oder wan⸗ delte über den Gefängnißhof. Mit einem mitleidigen und traurigen Blicke für ihre mürriſche Schweſter, für ihren trägen Bruder, für die hohen nackten Mauern, für die herabgekom⸗ menen Menſchen, welche ſie einſchloſſen, für die Spiele der Gefangenenkinder, wenn ſie ſchreiend umherrannten und Ver⸗ ſtecken ſpielten und aus den Eiſenbarren des einen Thorwegs ihren„Pax“ machten. Tiefſinnig und gedankenvoll pflegte ſie an Sommertagen neben dem hohen Kamingitter der Loge zu ſitzen, nach dem Himmel empor zu blicken durch das mit Eiſenſtäben ver⸗ wahrte Fenſter, bis beim Abwenden der Augen Stäbe von Licht zwiſchen ihr und ihrem Freunde entſtanden und ſie auch ihn durch ein Gitter ſah. „Denkſt an die Felder draußen, he, nicht wahr?“ ſagte der Schließer einſt, nachdem er ſie beobachtet. „Wo ſind die?“ erkundigte ſie ſich. „Je nun, die ſind— die ſind da drüben, mein Herz⸗ chen,“ ſagte der Schließer, indem er ſeinen Schlüſſel aufs Gerathewohl hin ſchwang.„Etwa dort hinaus.“ „Iſt da jemand, der auf⸗ und zuſchließt. Sind ſie verriegelt?“ 136 Siebentes Kapitel. Der Schließer war in Verlegenheit, was er antworten ſollte.„Na,“ ſagte er,„für gewöhnlich nicht.“ „Sind ſie ſehr hübſch, Bob?“ Sie nannte ihn auf ſeine eigene Bitte und Anweiſung hin Bob. „Allerliebſt. Voll Blumen. Da ſind Butterblumen und da ſind Gänſeblümchen und da ſind“— der Schließer hielt inne, da ſein Vorrath von Blumennamen nicht weit reichte — da iſt Löwenzahn und allerlei andere mehr.“ „Es iſt wohl ſehr angenehm, dort zu ſein, Bob?“ „Ganz über die Maßen,“ ſagte der Schließer. „War Vater je dort?“ „Hm!“ hüſtelte der Schließer.„O ja er iſt manchmal dort geweſen.“ „Iſt er betrübt, daß er jetzt nicht dort iſt?“ „Nicht eben ſehr,“ ſagte der Schließer. „Auch die Anderen wohl nicht?“ fragte ſie mit einem Blicke auf die gleichgültige Menge im Hofe.„O biſt Du deſſen ganz ſicher und gewiß, Bob?“ Bei dieſem ſchwierigen Punkte der Unterhaltung lenkte Bob ab und wechſelte den Gegenſtand des Geſprächs, indem er von Zuckergebacknem zu ſprechen anfing, ſtets ſeine letzte Zuflucht, wenn er merkte, daß ſeine kleine Freundin ihn in eine politiſche, ſociale oder theologiſche Sackgaſſe zu treiben im Begriffe war. Aber dies war der Urſprung einer Reihe von Sonntagsausflügen, welche dieſe beiden wunderlichen Leutchen mit einander machten. Sie pflegten einen Sonn⸗ tagsnachmittag um den andern mit vieler Würde aus der —— 3 Die Tochter des Marſhalſea. 137 Loge außzubrechen, indem ihr Ziel eine gewiſſe Heckengaſſe oder Wieſe war, die der Schließer im Laufe der Woche genau beſchrieben hatte, und dort pflückte ſie Gras und Blumen, um ſie mit hinein zu nehmen, während er ſeine Pfeife ſchmauchte. Später folgte ein Beſuch im Thee⸗ garten, ein Gericht Garnelen, Ale und andere Delikateſſen, und dann kamen ſie zurück Hand in Hand, wenn ſie nicht etwa, ermüdeter als gewöhnlich, auf ſeiner Schulter einge⸗ ſchlafen war. Schon in dieſen Tagen begann der Schließer ernſtlich eine Frage ins Auge zu faſſen, welche ihm ſo viel geiſtige Anſtrengung koſtete, daß ſie bis auf ſeinen Todestag unent⸗ ſchieden blieb. Er entſchloß ſich, ſeine kleinen Erſparniſſe ſeinem Pathchen zu vermachen und zu verſchreiben, und da erhob ſich die Frage, wie es ſo feſt gemacht werden könnte, daß nur ſie den Nutzen davon zöge. Seine Erfahrungen am Hauptthore des Schuldgefängniſſes gaben ihm einen ſo deut⸗ lichen Begriff von den außerordentlichen Schwierigkeiten, Geld mit einiger Ausſicht auf wirkliches Bleiben am Orte feſt zu machen, und anderntheils von der merkwürdigen Leichtigkeit, mit welcher es wieder locker wurde, daß er eine Reihe von Jahren die Schürzung dieſes Knotens jedem neuen zahlungsunfähigen Sachwalter oder andern Rechts⸗ kundigen auseinanderſetzte, der aus⸗ und einzog. „Geſetzt den Fall,“ pflegte er zu ſagen, indem er die Sache mit ſeinem Schlüſſel auf der Weſte des betreffenden Herrn erläuterte,„geſetzt, es wollte Jemand ſein Vermögen Klein Dorrit. 10 138 Siebentes Kapitel. einem jungen Frauenzimmer vermachen und wollte es ſo feſt machen, daß Niemand anders im Stande wäre, die Hand darnach auszuſtrecken, wie würden Sie dieſes Ver⸗ mögen feſt machen?“ „Würde es ſo verclauſuliren, daß es ganz deutlich als ihr vermacht erſchiene,“ pflegte der Advocat mit Gelaſſenheit zu erwidern. „Aber ſehen Sie mal,“ warf der Schließer ein.„Wie wär's, wenn ſie, wollen ſagen, einen Bruder, oder einen Vater oder einen Mann hätte, von dem anzunehmen wäre, daß er die Hand nach dem Vermögen ausſtrecken könnte, wenn ſie das Erbe anträte— wie ſtünde es dann? „Es würde ihr vermacht ſein, und Jene würden nicht mehr geſetzliches Recht darauf haben, als Sie und ich,“ war die Antwort des Advocaten. „Hören Sie noch Eins,“ ſagte der Schließer.„Geſetzt Sie wäre ein gutherziges Ding, und Sie kriegten ſie herum? Wo iſt Ihr Geſetz, es dann feſt zu machen?“ Der ſcharfſinnigſte Geiſt, den der Schließer darüber ſondirte, war nicht im Stande, ein Geſetz anzuführen, mit dem ſich ein Knoten gleich dieſem knüpfen ließ. So dachte denn der Schließer ſein ganzes Leben darüber nach und ſtarb demungeachtet, ohne ein Teſtament zu machen. Aber das war lange nachher, als ſeine Pathe älter als ſechszehn Jahre war. Die erſte Hälfte dieſes Stadiums ihres Lebens war eben erfüllt, als ihr mitleidiger und —— Die Tochter des Marſhalſea. 139 trauriger Blick ihren Vater als Witwer ſah. Von dieſer Zeit an verkörperte ſich das Streben ihm zu nützen, das ihre fragenden Augen in Betreff ſeiner ausgedrückt hatten, zur That, und das Kind des Marſhalſea trat in eine neue Beziehung zu ſeinem Vater. Anfänglich konnte ſolch ein Kind wenig mehr thun als bei ihm ſitzen, indem es ſeinen lebhafteren Platz bei dem hohen Kamingitter verließ und ihn ruhig beobachtete. Aber dies machte ſie ihm inſofern nothwendig, daß er ſich an ihre Anweſenheit gewöhnte und ein Gefühl hatte, als ob ihm etwas fehle, wenn ſie nicht da war. Durch dieſe kleine Pforte ſchritt ſie aus der Kindheit in die ſorgenbeladene Welt. Was ihr mitleidiger Blick ſchon in dieſer frühen Zeit an ihrem Vater, ihrer Schweſter, ihrem Bruder, an dem Gefängniſſe ſah, wie viel oder wie wenig von der traurigen Wahrheit es Gott gefiel ihr ſichtbar werden zu laſſen, iſt wie manches andere Geheimniß verborgen geblieben. Es iſt genug, daß ihr die Eingebung ward, etwas zu ſein, was Andere nicht waren, und dieſes Etwas mit Eifer und Fleiß zum Beſten Anderer zu ſein. Die Eingebung? Ja. Sollen wir von der Eingebung eines Dichters oder Prieſters reden, und nicht von der Eingebung des Herzens, welches durch Liebe und Selbſtaufopferung angetrieben wird zu der beſchei⸗ denſten Arbeit in den beſcheidenſten Lebenskreiſen? Ohne einen irdiſchen Freund, der ihr Beiſtand geleiſtet oder ſie auch nur beſucht hätte(mit Ausnahme des ſo ſonder⸗ 10* 140 Siebentes Kapitel. bar mit ihr verknüpften), ohne Kenntniß zu haben auch nur von den gewöhnlichen All ltagsmanieren und Gewohnheiten der Mitglieder der freien bürgerlichen Geſellſchaft, die nicht in Gefängniſſe geſperrt iſt, geboren und erzogen in einer geſellſchaftlichen Stellung, die ſelbſt mit der falſcheſten Stellung außerhalb der Gefängnißmauern verglichen falſch war, von Kindesbeinen an aus einem Brunnen trinkend, deſſen Waſſer ſeinen eignen beſondern Schmutz, ſeinen eignen ungeſunden und unnatürlichen Geſchmack hatte, begann die Tochter des Marſhalſea ihr Leben als Weib. Gleichviel, durch was für Mißverſtändniſſe und ent⸗ muthigende Entdeckungen, was für(nicht gerade böſe gemeinte, aber tiefgefühlte) Witzeleien über ihre Jugend und Kleinheit, was für demüthiges Erkennen ihrer Kinder⸗ ſchwäche und Kraftloſigkeit ſelbſt im Heben und Tragen, durch wie viele trübſelige und hoffnungsloſe Tage und wie viele insgeheim vergoſſene Thränen: ſie plagte ſich geduldig weiter, bis ſie als nützlich, ja als unentbehrlich anerkannt wurde. Dieſe Zeit kam. Sie nahm die Stelle des älteſten der drei Geſchwiſter in Allem, was nicht den Vorrang betraf, ein, war das Haupt der herabgekommenen Familie. In ihrem dreizehnten Jahre konnte ſie leſen und Rech⸗ nungen führen— das heißt, ſie konnte in Worten und Zahlen aufſchreiben, wie viel die nothwendigſten Dinge, die ſie brauchten, koſten würden und wie viel weniger ſie hatten, um ſie zu kaufen. Sie war, immer einige Wochen hintereinander, in eine Abendſchule außerhalb des Gefäng⸗ Die Tochter des Marſhalſea. 141 niſſes gegangen und hatte es dahin gebracht, daß ihre Geſchwiſter mit häufigen Unterbrechungen drei bis vier Jahre die Tagesſchule beſuchten. Zu Hauſe war von keinem unterricht für irgend eines derſelben die Rede, aber ſie wußte wohl— niemand wußte es beſſer— daß ein Mann, der ſo tief herabgekommen war, um Vater des Marſhalſea zu ſein, kein Vater für ſeine Kinder ſein konnte. Zu dieſen kärglichen Mitteln der Verbeſſerung fügte ſie ein eignes von eigener Erfindung. Einſt erſchien unter der vielfach zuſammengewürfelten Menge der Bewohner des Gefängniſſes auch ein Tanzmeiſter. Ihre Schweſter hegte den ſehnlichen Wunſch, die Kunſt des Tanzmeiſters zu erlernen und ſchien Anlage nach dieſer Seite zu haben. Da, es war in ihrem dreizehnten Jahre, präſentirte ſich die Tochter des Marſhalſea vor dem Tanzmeiſter mit einem kleinen Beutel in ihrer Hand und trug ihm ihr demüthiges Anliegen vor. „Mit Erlaubniß, ich wurde hier geboren, Sir.“ „O, Sie ſind die junge Dame, in der That,“ ſagte der Tanzmeiſter, indem er die kleine Geſtalt und das emporge⸗ richtete Antlitz mit den Blicken maß. „Ja, Sir.“ „Und womit kann ich Ihnen gefällig ſein?“ ſagte der Tanzmeiſter. „Ich bitte nichts für mich, Sir,“ ſagte ſie, ängſtlich die Schnuren des Beutelchens auseinander ziehend,„aber wenn 142 Siebentes Kapitel. Sie während Ihres Hierſeins ſo freundlich ſein wollten, meiner Schweſter für ein Billiges Unterricht—“ „Mein Kind, ich will ſie umſonſt unterrichten,“ ſagte der Tanzmeiſter, indem er den Beutel zuzog. Er war ein ſo gut⸗ herziger Tanzmeiſter, als je einer vor dem Gerichtshof der zahlungsunfähigen Schuldner tanzte, und hielt Wort. Die Schweſter war eine ſo gelehrige Schülerin und der Tanzmei⸗ ſter hatte ſo überflüſſig viel Zeit auf ſie zu verwenden(denn es koſtete ihm gegen zehn Wochen, ſich mit ſeinen Gläubi⸗ gern zu ſetzen, die Sache zu Ende zu führen und zu ſeiner frühern Berufsthätigkeit zurück zu gelangen) daß wunderbare Fortſchritte gemacht wurden. In der That, der Tanzmeiſter war ſo ſtolz darauf und ſo begierig, ſein Werk, bevor er ab⸗ ging, vor einigen auserwählten Freunden unter den Colle⸗ gen zu zeigen, daß an einem ſchönen Morgen früh ſechs Uhr eine Menuet de la Cour im Hofe— die Räume des Colle⸗ giums nämlich waren zu beſchränkt zu dem Zwecke— zu Stande kam, die ſo viel Boden bedeckte, und wobei die Tou⸗ ren ſo gewiſſenhaft ausgeführt wurden, daß der Tanzmeiſter, der noch außerdem die Geige zu ſpielen hatte, ganz ſchach⸗ matt wurde. Der Erfolg dieſes Anfangs, der dahin führte, daß der Tanzmeiſter den Unterricht nach ſeiner Befreiung fortſetzte, ermuthigte das arme Kind, es noch einmal zu verſuchen. Sie lauerte und wartete Monate lang auf eine Nätherin. Im Verlaufe der Zeit kam eine Putzmacherin herein, und zu ihr begab ſie ſich, um jetzt für ſich ſelbſt zu bitten. —— Die Tochter des Marſhalſea. 143 „Bitte um Entſchuldigung, Madame,“ ſagte ſie, ſchüch⸗ tern in die Thür der Putzmacherin blickend, welche ſie wei⸗ nend im Bette fand:„aber ich wurde hier geboren.“ Alle Welt ſchien von ihr zu hören, ſobald man ankam; denn die Putzmacherin ſetzte ſich im Bette in die Höhe, trock⸗ nete ihre Augen und ſagte, ganz wie der Tanzmeiſter geſagt hatte: „Oh! Sie ſind das Kind, in der That?“ „Ja, Madame.“ „Ich bedaure, daß ich auch gar nichts für Sie habe,“ ſagte die Putzmacherin, den Kopf ſchüttelnd. „Das mein' ich nicht, Madame. Mit Ihrer Erlaubniß, ich möchte das Nähen lernen.“ „Warum ſollten Sie das wollen, wo Sie mich vor ſich haben?“ entgegnete die Putzmacherin.„Es hat mir eben nicht viel genützt.“ „Nichts— ſei es was es wolle— ſcheint irgend einem, der hierher kommt, viel genützt zu haben,“ entgegnete ſie in aller Einfalt;„aber ich möchte es trotzdem lernen.“ „Ich fürchte, Sie ſind zu ſchwach,“ warf die Putzmache⸗ rin ein. „Ich denke nicht, daß ich ſchwach bin, Madame.“ „Und dann, ſehen Sie, ſind Sie ſo ſehr, ſehr klein,“ warf die Putzmacherin ein. „Ja, ich fürchte, ich bin wirklich ſehr klein,“ erwiderte das Kind des Marſhalſea, und damit begann ſie zu ſchluch⸗ zen über dieſen ihren unglückſeligen Körperfehler, der ihr ſo 144 Siebentes Kapitel. oft in den Weg trat. Die Putzmacherin, welche keine mür⸗ riſche oder hartherzige Natur, nur von dem noch neuen Ge⸗ fühle ihrer Zahlungsunfähigkeit düſter geſtimmt war, ließ ſich dadurch rühren, nahm ſie mit gutem Willen in die Hand, fand in ihr die geduldigſte und eifrigſte Schülerin und machte aus ihr im Verlaufe der Zeit eine geſchickte Arbei⸗ terin. Im Verlaufe der Zeit, und zwar genau in demſelben Verlaufe der Zeit blühte aus dem Charakter des Vaters des Marſhalſea allmälig eine neue Blume hervor. Je väter⸗ licher er in Betreff des Marſhalſea wurde und je mehr er von den Contributionen ſeiner ſtets wachſenden Familie ab⸗ hängig wurde, deſto mehr hielt er auf ſeinen verloren ge⸗ gangenen vornehmen Stand. Mit derſelben Hand, welche eine halbe Stunde zuvor die halbe Krone eines Collegen in die Taſche geſteckt hatte, pflegte er die Thränen abzuwiſchen, die ſein Geſicht überſtrömten, wenn irgendwie des Umſtands erwähnt wurde, daß ſeine Töchter ſich ihr täglich Brod ver⸗ dienten. So hatte die Tochter des Marſhalſea außer und über den ſtets auf ihr laſtenden Tagesſorgen auch die Sorge auf ſich, ſtets die vornehme Einbildung aufrecht zu erhalten, daß ſie alleſammt faulenzende Bettler wären.. 1318 94. Die Schweſter wurde eine Tänzerin. Zur Grupe der Familie gehörte ein ruinirter Oheim— ruinirt durch ſeinen Bruder, den Vater des Marſhalſea, und zwar ohne daß er mehr von dem Wie begriffen hätte als der, welcher ihn ruinirte; er nahm eben die Thatſache als unabwendbare Die Tochter des Marſhalſea. 145 Gewißheit hin— auf dieſen war ſie als ihren Beſchützer angewieſen. Von Natur ein ſchüchterner und einfacher Mann, hatte er keine beſondere Aufregung über ſeinen Ruin gezeigt, als dieſe Calamität ihn überfiel; er hatte es blos aufgegeben, ſich zu waſchen, als der Stoß, den ſein Vermögen bekommen, gemeldet wurde, und ſich dieſen Luxus nie wieder geſtattet. Er hatte in den Tagen ſeines Glanzes in ſehr mittelmäßiger Weiſe Muſik aus Liebhaberei getrieben, und als er mit ſeinem Bruder fiel, hatte er ſeines Lebensunterhaltes wegen dazu gegriffen, daß er eine Clarinette ſo ſchmutzig wie er ſelbſt im Orcheſter eines kleinen Theaters ſpielte. Es war das Theater, in welchem ſeine Nichte Tänzerin wurde. Er war dort ſchon längſt ein niet⸗ und nagelfeſtes Möbel geworden, als ſie ihre dürftig beſoldete Stelle einnahm, und ſo übernahm er die Aufgabe, als ihr Vormund und Beſchützer zu dienen, ganz ſo wie er eine Krankheit, ein Vermächtniß, einen Schmaus, denHun⸗ gertod— kurz alles mit Ausnahme von Seife aufgenom⸗ men haben würde. Um das Mädchen in den Stand zu ſetzen, ihre paar Schillinge die Woche zu verdienen, war es nöthig, daß die ſche des Marſhalſea eine wohlſtudirte Scene mit dem Le durchſpielte. „Fanny iſt jetzt im Begriff, von uns wegzuziehen, Vater. Sie wird den Tag über viel hier ſein, aber ſie will draußen beim Onkel wohnen.“ „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen. Weshalb?“ 146 Siebentes Kapitel. „Ich glaube, Onkel will eine Gefährtin haben, Vater. Auch er ſollte eigentlich jemand haben, der ihn abwartet und nach ihm ſieht.“ „Eine Gefährtin? Er verlebt ja viel von ſeiner Zeit hier, und du warteſt ihn ab und ſiehſt nach ihm viel beſſer, Amy, als deine Schweſter das je thun wird. Ihr geht mir alle zu viel aus, alle zu viel aus.“ Er ſagte dies, um den Schein aufrecht zu erhalten, als habe er keine Idee, daß Amy ſelbſt den Tag über auf Arbeit ging. „Aber wir freuen uns alle Mal ſehr nach Hauſe zu kommen, Vater; meinſt du das nicht? Und was Fanny betrifft, ſo möchte es abgeſehen davon, daß ſie dem Onkel Geſellſchaft leiſten und ſeine Abwartung beſorgen muß, gut für ſie ſein, wenn ſie nicht immer hier lebte. Weißt du, Vater, ſie iſt nicht hier geboren, wie ich.“ „Schon gut, Amy, ſchon gut. Ich bin nicht ganz deiner Anſicht, allein es iſt eine natürliche Vorausſetzung, daß ich annehme, Fanny gefällt es beſſer draußen und auch Dir oft. So ſollt ihr denn, Du und Fanny und Euer Oheim thun wie's Euch gefällt. Gut, gut. Ich will nicht dazwiſchen treten. Seht ab von mir.“ Ihren Bruder aus dem Gefängniſſe zu ſchaffen, aus der Nachfolgerſchaft im Botendienſte der Mrs. Bangham und aus dem gemeinen Gedankenaustauſch mit ſehr zwei⸗ felhafter Geſellſchaft, der die Folge von beiden war, war ihre ſchwerſte Aufgabe. Sie wußte, er würde ſich vom 3 Die Tochter des Marſhalſea. 147 achtzehnten Jahre bis zum achtzigſten hingeſchleppt ha⸗ ben, ohne anders als von der Hand zum Munde, von Stunde zu Stunde, von Penny zu Penny etwas zu ver⸗ dienen. Niemand kam in das Gefängniß, von dem er etwas Nützliches und Gutes hätte lernen können, und ſie konnte keinen Gönner für ihn finden, als ihren alten Freund und Pathen. „Lieber Bob,“ ſagte ſie,„was ſoll aus dem armen Tip werden?“ Sein Name war Eduard, und deſſen Abkürzung Ted war innerhalb der Gefängnißmauern in Tip umgewan⸗ delt worden. Der Schließer hatte insgeheim eine ſehr beſtimmte Meinung über das, was aus dem armen Tip werden würde und war in der Abſicht, ihre Erfüllung abzuwenden, ſogar ſchon ſo weit gegangen, daß er Tip auszuforſchen verſucht hatte, ob es nicht gerathen ſei, wegzulaufen und ſeinem Vaterlande als Soldat zu dienen. Aber Tip hatte ſich bedankt und geſagt, es käme ihm vor, als ob er ſich aus ſeinem Vaterlande nichts mache. „Na,“ ſagte der Schließer,„es ſollte freilich etwas für ihn geſchehen, mein Herzchen. Wie wär's, wenn ich ihn bei einem Advocaten unterbrächte?“ „O das würde ſo gut von dir ſein, Bob!“ Der Schließer hatte den rechtsgelehrten Herren, wenn ſie ein⸗ und auszogen, jetzt zwei Punkte vorzulegen. Er legte den zweiten mit ſolcher Ausdauer vor, daß ſich zuletzt für Tip ein Comptoirſeſſel und zwölf Schillinge die Woche 148 Siebentes Kapitel. in der Kanzlei eines Attorneys in einem großen National⸗ palladium, genannt der Palaſtgerichtshof fanden— zu jener Zeit eines von einer beträchtlichen Reihe ewiger Boll⸗ werke der Würde und Sicherheit Albions, deſſen Städte ſie jetzt nicht mehr kennen. Tip langweilte ſich in Cliffords Inn ſechs Monate und ſchlenderte nach Verlauf dieſer Periode eines Abends, die Hände in den Taſchen, wieder nach Hauſe, wo er ſeiner Schweſter gelegentlich bemerkte, daß er nicht wieder zurück⸗ gehen werde. „Nicht wieder zurückgehen?“ ſagte die kleine arme, angſtgequälte Tochter des Marſhalſea, die ſtets in der erſten Reihe ihrer Obliegenheiten Berechnungen und Pläne für Tip ſtehen hatte. „Ich habe die Geſchichte ſo ſatt,“ ſagte Tip,„daß ich ſie aufgeſteckt habe.“ Tip bekam Alles ſatt. Mit Zwiſchenpauſen von Fau⸗ lenzerei in dem Marſhalſea und Wiederaufnahme der Ge⸗ ſchäfte von Mrs. Bangham war er von ſeiner kleinen zweiten Mutter unter dem Beiſtande ihres getreuen Freun⸗ des nach einander in einem Speicher, bei einem Handels⸗ gärtner, bei einem Hopfenhändler, wieder bei einem Advo⸗ caten, im Geſchäfte eines Auctionators, in einer Brauerei, bei einem Börſenmäkler, abermals bei einem Advocaten, in einem Fiackerbureau, in einem Omnibusbureau, noch⸗ mals bei einem Advocaten, bei einem Krämer, in einer Branntweinbrennerei, wieder bei einem Advocaten, in einer Die Tochter des Marſhalſea. 149 Wollſpinnerei, in einem Schnittwaarengeſchäft, bei einem Viehhändler, einem Kaufmann, der mit(fremdem Obſte handelte und in den Docks untergebracht worden. Aber wo Tip auch eintreten mochte, ſtets bekam er es ſatt und kehrte mit der Anzeige heim, daß er es aufgeſteckt habe. Wohin er auch gehen mochte, überall ſchien dieſer Pechvogel Tip die Gefängnißmauern mit ſich zu nehmen und ſie in ſolch einem Geſchäfte oder Berufe um ſich aufzubauen und zwiſchen ihren engen Schranken in der alten ſchlotterigen, zweckloſen Bummelmanier herum zu lungern, bis endlich die wirklichen unbeweglichen Mauern des Marſhalſea ihre Anziehungskraft auf ihn ausübten und ihn zurückbrachten. Demungeachtet war dieſes wackre kleine Geſchöpf mit ihrem ganzen Dichten und Trachten ſo ſehr auf die Rettung ihres Bruders bedacht, daß ſie, während er in ſo kläglicher Weiſe fortwährend von Einem zum Andern überging, ſich genug abdarbte und zuſammenſcharrte, daß ſie für ihn die Ueberfahrt nach Canada zurücklegte. Als er das Nichtsthun ſatt hatte und geneigt war ſelbſt dieſes aufzugeben, willigte er gnädig ein, nach Canada zu gehen. Und es war Gram in ihrem Buſen über die Trennung von ihm und Freude in der Hoffnung, ihn endlich auf den rechten Weg gebracht zu haben. „Gott ſegne dich, theurer Tip. Werde mir nicht zu ſtolz zu einem Beſuche bei uns, wenn Du Dein Glück gemacht haſt.“ „Schon recht!“ ſagte Tip und ging. 150 Siebentes Kapitel. Er ging, aber nicht den ganzen Weg bis Canada, ja, eigentlich nicht weiter als Liverpool. Nachdem er die Reiſe von London bis zu dieſer Hafenſtadt gemacht, fühlte er in ſich einen ſo ſtarken Antrieb, die Seefahrt aufzuſtecken, daß er ſich entſchloß nach Hauſe zu wandern. Er führte dieſen Entſchluß aus und präſentirte ſich nach Verlauf eines Mo⸗ nats vor ihr in Lumpen, ohne Schuhe und viel ſatter alles Arbeitens als je zuvor. Endlich nach einer abermaligen Zwiſchenzeit, in der er den Nachfolger der Mrs. Bangham gemacht, fand er ſelbſt einen Lebensberuf und kündigte es ihr an. „Amy, ich habe'ne Stelle.“ „Haſt Du wirklich und wahrhaftig eine, Tip?“ „Alles in der Ordnung. Werde jetzt gut thun. Brauchſt keine ängſtlichen Geſichter mehr wegen mir zu machen, al⸗ tes Mädel.“ „Was iſt es, Tip?“ „Je nun, du kennſt wohl den Slingo von Anſehen?“ „Doch nicht der, den ſie den Mäkler nennen?“ „Richtig, das iſt der Kerl. Er wird den Montag raus⸗ kommen und will mir'ne Stelle geben.“ „In was beſteht ſein Geſchäft, Tip?“ „Pferde. Alles in der Ordnung. Werde jetzt gut thun, Amy.“ Sie verlor ihn auf Monate aus den Augen und hörte 3 nur ein Mal von ihm. Man flüſterte unter den älteren Collegen davon, daß man ihn in einer Trugauction in 1 Die Tochter des Marſhalſea. 151 Moorfields geſehen, wie er als Helfershelfer des Principals gethan als kaufe er verſilberte Waaren als maſſives Silber und für ſie mit der größten Freigebigkeit in Banknoten Zahlung geleiſtet habe, aber es kam ihr nie zu Ohren. Eines Abends war ſie allein bei ihrer Arbeit und ſtand eben am Fenſter, um das Zwielicht, das über der Wand noch weilte, zu benutzen, als er die Thür öffnete und hereinſchritt. Sie küßte ihn und hieß ihn willkommen, fürchtete ſich jedoch ihn zu fragen. Er ſah, wie ängſtlich und ſchüchtern ſie war und ſchien darüber betrübt zu ſein. „Ich fürchte, Amy, Du wirſt Dich dies Mal über die Geſchichte ärgern. Ich fürchte mich meiner Seel'.“ „Es betrübt mich ſehr, Dich ſo reden zu hören, Tip. Biſt Du zurückgekommen?“ „Hm— ja. „Da ich diesmal nicht erwartete, daß das, was Du ge⸗ funden hatteſt, ſehr entſprechend ſein würde, ſo bin ich weniger überraſcht und betrübt, als ich ſonſt wohl ſein würde, Tip.“ „Ah! Aber das iſt nicht das Schlimmſte bei der Ge⸗ ſchichte.“ „Nicht das Schlimmſte bei der Geſchichte?“ „Na, mach nur kein ſo erſchrocknes Geſicht. Niin, Amy, nicht das Schlimmſte bei der Geſchichte. Ich bin zurückge⸗ kommen, wie Du ſiehſt; aber— mach mir doch nur kein ſo erſchrocknes Geſicht— aber ich bin in einer Art zurück⸗ gekommen, die ich einen neuen Weg nennen könnte. Ich 152 Siebentes Kapitel. bin von der Liſte der Freiwilligen herunter, ich bin jetzt als einer von dem Regimente hier drinnen.“ „Oh! Sag mir nicht, daß Du als Gefangener hier biſt, Tip! Bitte, bitte, nur das nicht!“ „Je nun, ich will es nicht gerade ſagen,“ erwiderte er zögernden Tons,„aber wenn Du nich nicht verſte⸗ hen kannſt, ohne daß ich es ſage, was ſoll ich machen. Ich bin eingeſteckt wegen einer Schuld von ungefähr vierzig Pfund.“ Zum erſten Male in allen dieſen Jahren ſank ſie unter der Laſt ihres Kummers zuſammen. Sie ſchrie, indem ſie ihre krampfhaft gefalteten Hände über ihren Kopf emporhob, daß dies ihres Vaters Tod ſein würde, falls er es je er⸗ führe, und fiel vor den Füßen des herzloſen Tip nieder. Es war für Tip leichter, ſie wieder zum Bewußtſein zu bringen, als für ſie, ihm begreiflich zu machen, daß der Vater des Marſhalſea außer ſich ſein würde, falls er die Wahrheit erführe. Das war Tip unverſtändlich und erſchien ihm als ein bloßer hübſcher Spaß. Er gab ihr nur in dieſem Sinne nach, als er ſich ihren Bitten anbequemte, welche von ſeinem Oheim und der ältern Schweſter un⸗ terſtützt wurden. Es mangelte nicht an vorausgegangnen Beiſpielen für ſeine Rückkehr, man gab dem Vater in der gewöhnlichen Weiſe darüber Rechenſchaft, und die Collegen, welche den frommen Betrug beſſer begriffen, als Tip, unter⸗ ſtützten ihn nach Gebühr. Dies war das Leben und dies die Geſchichte der Tochter Die Tochter des Marſhalſea. 153 des Marſhalſea in ihrem zweiundzwanzigſten Jahre. Trotz einer noch immer lebendigen Anhänglichkeit an den elendigen Hof und Häuſercomplex, der ihre Heimath und Geburts⸗ ſtätte war, ging ſie jetzt ängſtlich dort aus und ein, indem ſie ein Gefühl jungfräulicher Scheu empfand, als ob Jedermann auf ſie zeigte. Seit ſie angefangen hatte außerhalb der Mauern zu arbeiten, hatte ſie es nothwendig gefunden, zu verhehlen, wo ſie wohnte und ſo geheim als möglich ihre Gänge einzurichten, die ſie zwiſchen der freien Stadt und den Eiſenthoren zu machen hatte, außerhalb deren ſie in ihrem Leben noch nicht geſchlafen hatte. Die ihr angeborene Schüchternheit war mit dieſer Heimlichkeit noch gewachſen, und ihr leichter Tritt und ihre kleine Geſtalt entgingen dem Gedränge in den Straßen, während ſie durch ſie hindurch⸗ ſchritt. Voll Weltklugheit in Betreff der Erforderniſſe ihrer har⸗ ten und ärmlichen Umſtände, war ſie in allen andern Din⸗ gen voll kindlicher Einfalt und Unſchuld. Voll Unſchuld in dem Nebel, durch den ſie ihren Vater und das Gefängniß und den trüben unruhigen Strom von Leben ſah, der durch daſſelbe hindurch und weiter floß. Dies war das Leben, und dies die Geſchichte von Klein Dorrit, die jetzt eben an einem düſtern Septemberabende nach Hauſe ging, während ſie aus einiger Entfernung von Arthur Clennam beobachtet wurde. Dies war das Leben und dies die Geſchichte von Klein Dorrit, die jetzt am Ende der London⸗Brücke ſich zur Seite wendete, wieder über die⸗ Klein Dorrit. 11 154 Achtes Kapitel. ſelbe ging, abermals zurückkam, bis an die Sanct Georgs⸗ kirche weiter ſchritt, ſich plötzlich nochmals umdrehte und durch die offenſtehende Außenpforte und den kleinen Vorhof des Marſhalſea hineinhuſchte. Achtes Kapitel. Hinter Schloß und Kiegel. Arthur Clennam ſtand in der Straße und wartete auf einen Vorübergehenden, welchen er fragen könnte, was für ein Ort dies wäre. Er ließ einige Leute, in deren Geſicht keine Ermuthigung zu dieſer Erkundigung zu leſen war, an ſich vorbeigehen und ſtand noch immer zögernd in der Straße, als ein alter Mann herzu kam und in den Vorhof abſchwenkte. Er ging ſehr gebückt und ſchleppte ſich in langſamer und nachdenklicher Weiſe fort, was die Londoner Hauptſtraßen mit ihrem Menſchengewühl zu keinem ſehr ſichern Orte für ihn machte. Er war ſchmutzig und elend gekleidet, trug einen fadenſcheinigen Rock, der einſt blau geweſen war, ihm bis an die Knöchel reichte und bis zum Kinn zugeknöpft war, 3 wo er in dem bleichen Geſpenſte eines Sammtkragens ver⸗ ſchwand. Ein Stück rothes Tuch, womit dieſes Geſpenſt bei ſeinen Lebzeiten aufgeſteift worden, war jetzt blos gelegt Hinter Schloß und Riegel. 155 und hatte ſich hinten am Halſe des alten Mannes in ein Wirrſal von grauen Haaren und einer roſtigen Halsbinden⸗ ſchnalle emporgeſchoben, welche ihm beinahe den Hut vom Kopfe ſtieß. Dieſer Hut war ein ſchmieriges abgegriffenes Exemplar, das ihm über die Augen hereinhing, deſſen Rand zerriſſen und zerknüllt war und unter dem ein Zipfel von einem Schnupftuche heraushing. Seine Hoſen waren ſo lang und ſchlotterig und ſeine Schuhe ſo plump und groß, daß er wie ein Elephant hinſchlurrte, wiewohl Niemand hätte ſagen können, wie viel davon Gang, und wie viel Nachſchleppen von Leder und Tuch war. Unter einem Arm trug er ein krüppeliges und abgeſchabtes Futteral, welches ein Blasinſtrument enthielt; in derſelben Hand hatte er ein Pfennigdütchen Schnupftabak von weißlichgrauem Papier, aus welchem er, als Arthur Clennam ihn anſah, gerade ſeine arme alte blaue Naſe mit einer in die Länge gezogenen Priſe tröſtete. Bei dieſem alten Manne, der nun über den Vorhof hin⸗ ſchritt, beſchloß er ſeine Erkundigung einzuziehen. Er klopfte ihm auf die Achſel. Der alte Mann blieb ſtehen und ſah ſich um, wobei ſeine ſchwachen grauen Augen den Ausdruck jemandes hatten, deſſen Gedanken in die Ferne geſchweift, und der zugleich etwas ſchwerhörig war. „Bitte, Sir,“ ſagte Arthur, ſeine Frage wiederholend, „was iſt das für ein Ort?“ „Ah ſo! dieſer Ort?“ antwortete der alte Mann, indem er ſeine Priſe auf ihrer Straße zur Naſe anhielt und nach 11* Achtes Kapitel. dem Orte zeigte, ohne nach ihm aufzublicken.„Hm, das iſt das Marſhalſea, Sir.“ „Das Schuldgefängniß?“ „Sir,“ ſagte der alte Mann mit einer Miene als hielte er es für nicht gerade nothwendig, auf dieſer Bezeichnung zu beſtehen,„das Schuldgefängniß.“ Damit drehte er ſich um und ging weiter. „Verzeihen Sie,“ ſagte Arthur ihn noch einmal zum Ste⸗ henbleiben nöthigend,„wollen Sie mir wohl eine andre Frage erlauben? Kann ich hier herein gehen?“ „Jedermann kann hinein gehen,“ erwiderte der alte Mann, indem er durch ſeine Betonung des Wortes hinein deutlich hinzufügte:„Aber rivt jedermann kann heraus⸗ gehen?“ „Verzeihen Sie noch eine Frage. Sind Sie hier be⸗ kannt.“ „Sir, ich bin's,“ entgegnete der Alte, indem er ſein Schnupftabaksdütchen in der Hand zuſammendrückte und auf den Frager einen Blick warf, als ob ſolche Fragen ihn ver⸗ letzten. „Bitte um Entſchuldigung. Es iſt keine ungebührliche Neugier von mir, ſondern ich habe eine gute Abſicht. Ken⸗- nen Sie hier den Namen Dorrit?“ „Ich heiße Dorrit, Sir“ erwiderte der alte Mann ſehr un⸗ erwartet. Arthur zog den Hut vor ihm.„Haben Sie die Güte, mir ein halb Dutzend Worte zu erlauben. Ich war völlig unvor⸗ Hinter Schloß und Riegel. 157 bereitet auf das, was Sie mir mittheilten, und hoffe, daß dieſe Verſicherung eine hinreichende Entſchuldigung dafür ſein wird, daß ich mir die Freiheit genommen habe, Sie anzureden. Ich bin erſt neuerdings nach langer Abweſenheit von Eng⸗ land heimgekommen. Ich habe im Hauſe meiner Mutter— Mrs. Clennam in der City— ein junges Frauenzimmer als Nätherin beſchäftigt geſehen, die ich nur Klein Dorrit nennen hörte. Ich habe mich aufrichtig für ſie intereſſirt und hege ſehr den Wunſch, etwas Näheres über ſie zu erfahren. Ich ſah ſie kaum eine Minute, ehe Sie hierher kamen, durch jenes Thor gehen.“ Der alte Mann ſah ihn aufmerkſam an.„Sind Sie ein Matroſe, Sir?“ fragte er. Er Hien durch das Kopfſchütteln, das ihm als Antwort wurde, ein wenig in ſeiner Erwartung getäuſcht.„Alſo kein Matroſe? Ich ſchloß es aus Ihrem ſonnen⸗ verbrannten Geſichte. Meinen Sie's wirklich ernſthaft, Sir? „Ich verſichere Ihnen, daß ich's wirklich ſo meine und bitte Sie im vollen Ernſte, zu glauben, daß ich's ſo meine.“ „Ich weiß ſehr wenig von der Welt, Sir,“ erwiderte der Andere, welcher eine ſchwache und zitternde Stimme hatte. „Ich gehe blos meinen Weg wie der Schatten an der Son⸗ nenuhr. Es würde ſich nicht der Mühe verlohnen, mich irre zu führen, es würde wirklich zu leicht ſein— ein zu ärmlicher Triumph, um Befriedigung zu gewähren. Das junge Frauen⸗ zimmer, welches Sie hier eintreten ſahen, iſt das Kind mei⸗ nes Bruders. Mein Bruder iſt William Dorrit, ich heiße Frederick. Sie ſagen, Sie haben Sie im Hauſe Ihrer Mut⸗ 158 Achtes Kapitel. ter geſehen(ich weiß, Ihre Mutter iſt ihr freundlich geſinnt), haben ein Intereſſe an ihr genommen und wünſchen zu wiſ⸗ ſen, was ſie hier thut. Kommen Sie und ſehen Sie.“ Damit ſchritt er weiter, und Arthur folgte ihm.. „Mein Bruder,“ ſagte der alte Mann ſtillſtehend und ſich wieder umkehrend,„iſt viele Jahre hier geweſen, und ſelbſt mancherlei von dem, was unter uns hier draußen vorgeht, bleibt ihm aus Gründen, auf die ich jetzt nicht eingehen kann, verſchwiegen. Seien Sie ſo gut nichts davon zu ſagen, daß meine Nichte als Nätherin arbeitet. Seien Sie ſo gut, nichts zu ſagen, was über das hinausgeht, wovon unter uns die Rede war. Bleiben Sie in Ihren Schranken, ſo können Sie nicht gut irre gehen. Nun denn! Kommen und ſehen Sie.“ Arthur folgte ihm durch einen engen Eingang, an deſſen Ende ein Schlüſſel ſich drehte und eine ſtarke Thür ſich von innen öffnete. Dieſe ließ ſie in eine Loge oder einen Vorſaal ein, über welchen ſie nach einer zweiten Thür und durch dieſe und ein Gitter in das Gefängniß gelangten. Der alte Mann ſchlurrte voraus und kehrte ſich, als ſie zu dem wachehabenden Schließer kamen, in ſeiner langſamen, ſteifen, gebückten Weiſe um, als wollte er ſeinen Gefährten vorſtellen. Der Schließer nickte, und der Gefährte ging herein, ohne gefragt zu werden, zu wem er wolle. Die Nacht war dunkel, und die Gefängnißlampen im Hofe und die Kerzen in den Gefängnißfenſtern, die matt hin⸗ ter mancherlei verzerrten alten Vorhängen und Rouleaup ſchie⸗ nen, waren nicht der Art, daß ſie dieſelbe heller machten. Einige Hinter Schloß und Riegel. 159 wenige Leute trieben ſich im Hofe herum, aber die Mehrzahl der Bevölkerung war in den Stuben. Der Alte hielt ſich zur linken Seite des Hofes, bog in den dritten oder vierten Thor⸗ weg ein und begann die Treppe hinaufzuſteigen.„Die Treppe iſt ziemlich dunkel, Sir, aber Sie werden nichts im Wege liegen finden.“ Er blieb einen Augenblick ſtehen, bevor er eine Thür im zweiten Stockwerke öffnete. Er hatte nicht ſobald die Klinke gedreht, als der Beſucher Klein Dorrit ſah, und die Urſache ſah, aus der ſie bei ihrem Alleineſſen ſo viel Vorrath einlegte. Sie hatte das Fleiſch, das ſie hätte ſelbſt eſſen ſollen, mit nach Hauſe genommen, und wärmte es bereits auf einem Dreifuß über dem Feuer für ihren Vater, der in einem alten grauen Rocke und einer ſchwarzen Mütze am Tiſche ſein Abend⸗ eſſen erwartete. Ein reines Tiſchtuch war vor ihm ausgebrei⸗ tet, und darauf befanden ſich Meſſer, Gabel, Löffel, Salz⸗ faß, Pfefferbüchſe, ein Glas und ein zinnerner Alekrug. Selbſt ſolche gewürzige Zuthaten, als ſeine beſondere kleine Phiole mit Cayennepfeffer und eine Untertaſſe, worin für einen Penny Pickles waren, mangelten nicht. Sie fuhr zuſammen, erröthete tief und erblaßte. Der Beſucher bat ſie, mehr mit den Augen als durch die leiſe Hand⸗ bewegung, mit der er ihr andeutete ſich nicht ſtören zu laſſen, um Muth und Vertrauen. „Ich fand dieſen Herrn,“ ſagte der Oheim—„Mr. Clen⸗ nam, William, Sohn der Freundin Amy's— an der Außen⸗ pforte, wo er, als ich vorbeigiug, den Wunſch hegte, Dir 160 Achtes Kapitel. ſeine Achtung zu erzeigen, aber zweifelhaft war, ob er herein⸗ kommen ſolle oder nicht. Das iſt mein Bruder William, Sir.“ „Ich hoffe,“ ſagte Arthur, der unſchlüſſig war, was er ſagen ſollte,„daß die Achtung, die ich vor Ihrer Tochter hege, meinen Wunſch, Ihnen vorgeſtellt zu werden, erklären und rechtfertigen wird, Sir.“ „Mr. Clennam,, erwiderte der Andere, indem er ſich er⸗ hob, ſeine Mütze abnahm und ſo in der flachen Hand hielt, daß er ſie gleich wieder aufſetzen konnte,„Ihr Beſuch ehrt mich. Seien Sie willkommen, Sir.“ Damit machte er einen tiefen Bückling.„Frederick, einen Stuhl. Bitte, laſſen Sie ſich nieder, Mr. Clennam.“ Er ſetzte ſeine ſchwarze Mütze wieder auf, wie er ſie abge⸗ nommen hatte, und nahm ſeinen Platz wieder ein. In ſeinem Benehmen lag über die Maßen viel Wohlwollen und Herab⸗ laſſung. Dies waren die Ceremonien, mit denen er die Col⸗ legen empfing. „Seien Sie willkommen im Marſhalſea, Sir. Ich habe ſchon viele Herren in dieſen Mauern willkommen geheißen. Vielleicht iſt es Ihnen bekannt— meine Tochter Amy mag es erwähnt haben— daß ich der Vater dieſes Ortes bin.“ „Ich— das habe ich gehört,“ ſagte Arthur, der die Be⸗ merkung begierig ergriff. „Sie wiſſen vermuthlich, daß meine Tochter Amy hier ge⸗ boren wurde. Ein gutes Mädchen, Sir, ein liebes Mädchen und ſeit lange mein Troſt und meine Stütze. Amy, mein Hinter Schloß und Riegel. 161 Herz, ſetze dein Gericht auf. Mr. Clennam wird die primiti⸗ ven Gewohnheiten entſchuldigen, auf die wir hier reducirt ſind. Iſt es ein Compliment, wenn ich Sie frage, ob Sie mir die Ehre anthun wollen, Sir,“— „Danke,“ erwiderte Arthur,„nicht einen Biſſen.“ Er war ganz verſunken in Verwunderung über die Weiſe des Mannes und daß die Wahrſcheinlichkeit, daß ſeine Toch⸗ ter über ihre Familiengeſchichte Zurückhaltung beobachtet habe, ſeinen Gedanken ſo fern liegen ſollte. Sie füllte ſein Glas, ſtellte alle die verſchiedenen Kleinig⸗ keiten ihm zur Hand auf den Tiſch und ſetzte ſich dann neben ihn, während er ſein Abendeſſen verzehrte. Augenſcheinlich um ihre abendliche Sitte zu beobachten, legte ſie etwas Brod vor ſich und benetzte ihre Lippen mit ſeinem Glaſe; aber Ar⸗ thur ſah, daß ſie bekümmert war und nichts zu ſich nahm. Ihr Blick auf ihren Vater, ihn halb bewundernd und ſtolz auf ihn, halb über ihn beſchämt, aber durchaus Hingebung und Liebe, drang ihm bis in's Innerſte ſeines Herzens. Der Vater des Marſhalſea benahm ſich gegen ſeinen Bru⸗ der herablaſſend wie gegen ein liebenswürdigen, wohlmeinen⸗ den Mann, einen beſcheidenen Charakter, der nicht zu Auszeich⸗ nungen gelangt war.„Frederick,“ ſagte er,„Du und Fanny eßt, wie ich weiß, heute Abend in Eurer Wohnung. Was haſt Du mit Fanny angegeben, Frederick?“ „Sie geht mit Tip ſpazieren.“ „Tip iſt— wie Sie vielleicht wiſſen, Mr. Clennam— mein Sohn. Er iſt ein wenig ausgelaſſen und ohne rechtes 162 Achtes Kapitel. Sitzfleiſch geweſen, allein ſeine Einführung in die Welt war freilich—“ er zuckte die Achſeln mit einem ſchwachen Seufzer und ſah ſich im Zimmer um—„ein wenig ungünſtig. Ihr erſter Beſuch hier, Sir?“ „Mein erſter.“ „Sie könnten kaum ſeit Ihren Knabenjahren einmal hier geweſen ſein, ohne daß ich's wüßte. Es geſchieht ſehr ſelten, daß jemand, der Anſpruch— der irgend Anſpruch hat, zur guten Geſellſchaft zu gehören, hierher kommt, ohne ſich mir vorſtellen zu laſſen.“ „Es ſind ihrer ſchon an die vierzig, fünfzig in einem Tage meinem Bruder vorgeſtellt worden,“ ſagte Frederick, indem ein matter Strahl von Stolz ſeine Züge erhellte. „Ja wohl,“ beſtätigte der Vater des Marſhalſea.„Wir haben ſchon mehr als dieſe Zahl da gehabt. An ſchönen Sonntagen zu Terminzeiten iſt es ganz wie ein Empfang beim Könige. Amy, meine Liebe, ich habe den halben Tag ver⸗ ſucht, mich an den Namen des Herrn von Camberwell zu er⸗ innern, welcher mir in der letzten Weihnachtswoche durch jenen liebenswürdigen Kohlenhändler vorgeſtellt wurde, der auf ſechs Monate zurückgeſchickt worden war. „Ich beſinne mich nicht auf ſeinen Namen, Vater.“ „Frederick, entſinnſt Du Dich etwa des Namens?“ Frederick zweifelte, ob er ihn je gehört habe. Niemand konnte bezweifeln, daß Frederick die letzte Perſon auf Erden war, der man eine ſolche Frage in der Hoffnung auf Aus⸗ kunft vorlegen durfte. Hinter Schloß und Riegel. 163 „Ich meine,“ ſagte ſein Bruder,„den Herrn, der jene ſchöne That mit ſo viel Delikateſſe vollzog. Ha, der Tauſend! Der Name iſt mir ganz entfallen. Mr. Clennam, da ich zu⸗ fällig einer ſchönen und mit Delikateſſe ausgeführten That gedacht habe, ſo werden Sie vielleicht gern wiſſen wollen, was es war.“ „Allerdings ſehr gern,“ ſagte Arthur, indem er ſeine Au⸗ gen von dem zarten Köpfchen, welches ſich zu ſenken anfing, und dem bleichen Geſichte abkehrte, über deſſen Züge eine neue Sorge ſich hinſtahl. „Es iſt eine ſo großmüthige That und zeigt ſo viel ſchö⸗ nes Gefühl, daß es ſchier Pflicht iſt, davon Erwähnung zu thun. Ich ſagte damals, daß ich es ſtets bei jeder paſſenden Gelegenheit ohne Rückſicht auf perſönliche Empfindungen er⸗ wähnen würde. Hm— na— es führt zu nichts, die That⸗ ſache zu verbergen— Sie müſſen wiſſen, Mr. Clennam, daß es bisweilen geſchieht, daß Leute, welche hierher kommen, dem Vater des Ortes ein kleines— hm, Ehrengeſchenk— zu überreichen wünſchen. Ihre Hand zu ſehen, wie ſie mit ſtummer, halb unter⸗ drückter Bitte ſeinen Arm berührte, und ihre ſchüchterne kleine ängſtlich zuſammen fahrende Geſtalt zu beobachten, wie ſie ſich abwendete, war ein trauriger, trauriger Anblick. „Bisweilen,“ fuhr er mit tiefer, weicher Stimme aufge⸗ regt und indem er aller Augenblicke verlegen huſtete fort, „bisweilen— hm— nimmt es die, bisweilen jene Geſtalt an; aber es iſt in der Regel— ha— Geld. Und es iſt, 164 Achtes Kapitel. ich kann nicht umhin, das einzugeſtehen, nur zu oft— hm — willkommen. Dieſer Herr, von dem ich ſpreche, wurde mir in einer für meine Gefühle höchſt ſchmeichelhaften Weiſe vorgeſtellt, Mr. Clennam, und unterhielt ſich mit mir nicht blos mit großer Höflichkeit, ſondern zugleich mit großer— hm — Sachkenntniß.“ Dieſe ganze Zeit über arbeitete er, ob⸗ ſchon ſein Abendeſſen verzehrt war, gewaltig mit Meſſer und Gabel auf ſeinem Teller herum, als ob noch etwas davon vor ihm ſtände.„Es ging aus ſeiner Unterhaltung hervor, daß er einen Garten beſaß, obwohl er ſo zartfühlend war, ſeiner Anfangs nicht zu gedenken, da Gärten mir— hm— unzugänglich ſind. Aber es kam heraus, indem ich ein ſehr ſchönes Stöckchen Geranium— wahrhaftig ein wunderſchö⸗ nes Geraniumſtöckchen— bewunderte, welches er aus ſeinem Wintergarten mitgebracht hatte. Als ich ſeine prächtige Farbe in Augenſchein nahm, zeigte er mir ein Stück Papier rund um dasſelbe, auf welches geſchrieben war:„Für den Vater des Marſhalſea,“ und ſchenkte es mir. Aber das war— hm — noch nicht Alles. Er ſtellte, als er Abſchied nahm, die eigenthümliche Bitte an mich, das Papier binnen einer halben Stunde abzunehmen. Ich— ha— ich that dies, und ich fand, daß es zwei Guineen enthielt. Ich verſichere Ihnen, Mr. Clennam, ich habe— hm— Ehrengeſchenke in ver⸗ ſchiedener Weiſe und von verſchiedenem Werthe erhalten, und ſie ſind ſtets— ha— unglücklicher Weiſe willkommen gewe⸗ ſen, aber nie freute ich mich mehr, als über— hm— über dieſes Ehrengeſchenk. Hinter Schloß und Riegel. 165 Arthur war im Begriffe, das Wenige zu ſagen, was er über ſolch ein Thema ſagen konnte, als eine Glocke zu ertö⸗ nen begann und Fußtritte ſich der Thür näherten. Ein hüb⸗ ſches Mädchen von weit beſſerer Geſtalt und weit entwickelter als klein Dorrit, obſchon ſie, wenn die Beiden zuſammen beobachtet wurden, im Geſichte viel jünger ausſah, blieb unter der Thür ſtehen, als ſie einen Fremden erblickte, und ein junger Mann, der bei ihr war, blieb gleichfalls ſtehen. „Mr. Clennam, Fanny. Meine älteſte Tochter und mein Sohn, Mr. Clennam. Die Glocke iſt ein Zeichen für Beſu⸗ cher, ſich zurückzuziehen, und ſo ſind ſie gekommen, Gute Nacht zu ſagen; aber es iſt noch viel Zeit, viel Zeit. Mäd⸗ chens, Mr. Clennam wird jedes Haushaltungsgeſchäft ent⸗ ſchuldigen, das ihr zuſammen haben mögt. Er weiß, glaube ich, daß ich hier blos ein Zimmer habe.“ „Ich will blos mein neuwaſchenes Kleid von Amy, Vater,“ ſagte das zweite Mädchen. „Und ich meine Wäſche,“ ſagte Tip. Amy öffnete eine Schublade in einem alten Möbel, wel⸗ ches oben eine Kommode und unten eine Bettſtelle war, und langte zwei kleine Bündel heraus, welche ſie an Bruder und Schweſter übergab.„Ausgebeſſert und in Ordnung gebracht?“ hörte Clennam die Schweſter flüſtern, worauf Amy mit„Ja“ antwortete. Er war jetzt aufgeſtanden und ergriff die Gele⸗ genheit, ſich im Zimmer umzuſehen. Die nackten Wände waren, offenbar von einer unerfahrenen Hand, grün ange⸗ ſtrichen und kärglich mit einigen Kupferſtichen geſchmückt. Das 166 Achtes Kapitel. Fenſter hatte einen Vorhang und die Diele einen Teppich, und es gab Simſe und Kleiderrechen und andere derartige Bequemlichkeiten, die ſich im Laufe der Jahre zuſammenge⸗ funden hatten. Es war ein enges, ſchmales, ärmlich möblir⸗ tes Stübchen, und obendrein rauchte der Kamin, oder der Blechſchirm oben am Feuerherde war überflüſſig, aber unab⸗ läſſige Bemühung und Aufmerkſamkeit hatte es ſanber und ſelbſt in ſeiner Art behaglich gemacht. Die ganze Zeit über ſchellte die Glocke, und der Oheim trieb zum Gehen an.„Komm, komm nun, Fanny,“ ſagte er mit ſeinem zerlumpten Clarinettfutterale unter dem Arme, „man ſchließt, Kind, man ſchließt.“ Fanny bot ihrem Vater gute Nacht und huſchte luftig da⸗ von. Tip war bereits hinuntergetrappelt.„‚Nun, Mr. Clen⸗ nam,“ ſagte der Oheim, ſich umſehend, indem er hinter ihnen her ſchlurrte,„das Thor, Sir, das Thor wird geſchloſſen.“ Mr. Clennam hatte zwei Dinge zu thun, bevor er folgte, einmal mußte er dem Vater des Marſhalſea ſein Ehrengeſchenk anbieten, ohne ſeinem Kinde damit wehe zu thun, und ſodann mußte er dieſem Kinde etwas, wenn auch nur ein Wort, ſa⸗ gen, um ſeinen Beſuch zu rechtfertigen. „Erlauben Sie mir, Sie hinab zu begleiten,“ ſagte der Vater. 6 Sie war hinter den Uebrigen hinausgeſchlüpft und ſie waren allein.„Unter keinerlei Umſtänden,“ ſagte der Beſu⸗ cher haſtig. „Bitte, geſtatten Sie mir, Ihnen“— kling, ling, ling. Hinter Schloß und Riegel. 167 „Mr. Clennam,“ ſagte der Vater,„ich bin auf das Tieſſte, auf das Tiefſte—“ Aber ſein Beſucher hatte ihm die Hand zugedrückt, um das weitere Geklingel zu verhüten und war in großer Eile hinabgegangen. Er ſah Klein Dorrit weder auf ſeinem Wege die Treppe hinunter noch im Hofe. Die letzten zwei oder drei Nachzügler rannten haſtig nach der Loge, und er folgte ihnen, als er plötzlich ihrer im Thorwege des erſten Hauſes vom Eingange gewahr wurde. Er kehrte eilig um. „Bitte, verzeihen Sie mir,“ ſagte er,„daß ich hier mit Ihnen ſpreche. Bitte, verzeihen Sie, daß ich überhaupt hierher gekom⸗ men bin. Ich folgte Ihnen heute Abend. Ich that es, um den Verſuch machen zu können, Ihnen und Ihrer Familie einen Dienſt zu leiſten. Sie wiſſen, auf welchem Fuße ich zu meiner Mutter ſtehe, und werden deshalb nicht über⸗ raſcht ſein, daß ich in ihrem Hauſe in keine nähere Beziehung zu Ihnen getreten bin, da ich ſie auf dieſe Weiſe leicht ohne es zu wollen hätte eiferſüchtig oder ärgerlich machen oder Ih⸗ nen in ihrer Achtung hätte Unrecht thun können. Was ich in dieſer kurzen Zeit hier geſehen habe, hat meinen herzlichen Wunſch, Ihnen ein Freund zu ſein, ſehr geſteigert. Es würde mich für manche fehlgeſchlagene Hoffnung tröſten, wenn ich hoffen könnte, Ihr Vertrauen zu gewinnen.“ Sie war anfänglich erſchrocken, ſchien aber Muth zu faſſen, während er zu ihr ſprach. „Sie ſind ſehr gütig, Sir. Sie ſprechen ſehr ernſtlich 168 Achtes Kapitel. mit mir. Aber— aber ich wollte doch, Sie hätten mich nicht beobachtet.“ Er begriff, daß die Aufregung, mit der ſie das ſagte, ihrem Vater galt, und er achtete ſie und ſchwieg ſiill. „Mrs. Clennam iſt mir ſehr nützlich geweſen; ich weiß nicht, was aus uns geworden ſein würde ohne die Beſchäfti⸗ gung, die ſie mir gegeben hat; ich fürchte, es wird kein guter Dank ſein, wenn ich etwas hinter ihrem Rücken thue. Ich kann Ihnen heut Abend nichts mehr ſagen. Ich weiß, daß Sie die Abſicht haben, freundlich gegen uns zu ſein. Dank Ihnen dafür, Dank Ihnen.“ „Geſtatten Sie mir noch eine Frage, bevor ich gehe. Haben Sie meine Mutter ſchon lange gekannt?“ „Ich glaube ſeit zwei Jahren, Sir.— Aber die Glocke hat aufgehört mit Läuten.“ „Wie machten Sie ihre Bekanntſchaft? Schickte Sie nach Ihnen hierher?“ „Nein, ſie weiß nicht einmal, daß ich hier lebe. Wir ha⸗ ben einen Freund, Vater und ich— ein armer Tagearbeiter, aber der beſte Freund von der Welt— und ich ſchrieb einen Zettel, daß ich mit Nätherarbeit beſchäftigt zu ſein wünſche und gab für Nachfragen ſeine Adreſſe an. Und er ſchlug, was ich aufgeſchrieben an einigen Orten an, wo es nichts koſtete, und Mrs. Clennam fand mich auf dieſe Weiſe und ſchickte— nach mir.— Das Thor wird geſchloſſen werden, Sir.“ Sie war ſo zaghaft und aufgeregt, und er war ſo ergrif⸗ fen von Mitleid mit ihr und von tiefem Intereſſe an ihrer 4 Hinter Schloß und Riegel. 169 Geſchichte, als ſie ihm aufdämmerte, daß er ſich kaum loszu⸗ reißen vermochte. Aber das Aufhören des Läutens und die Stille im Gefängniß warnte ihn, ſich fortzumachen, und ſo verließ er ſie mit einigen kurzen, freundlichen Worten, wäh⸗ rend ſie zu ihrem Vater zurückkehrte. Aber er war zu lange geblieben. Das innere Thor war verriegelt und die Loge geſchloſſen. Nach einigem vergeblichen Pochen mit der Hand ſtand er da mit der unangenehmen Ueberzeugung, daß er die Nacht hier zubringen müſſe. Da rief ihn von hinten eine Stimme. „Gefangen, he?“ ſagte die Stimme.„Sie werden vor morgen früh nicht nach Hauſe gehen.— Oh! ſind Sie nicht Mr. Clennam?“ Die Stimme gehörte Tip an, und ſie ſtanden vor einan⸗ der und blickten einer den andern an, als es zu regnen be⸗ gann. „Daran ſind Sie ſelber Schuld,“ bemerkte Tip,„Sie müſſen's das nächſte Mal geſcheidter anfangen.“ „Aber Sie ſind ja auch eingeſperrt,“ ſagte Arthur. „Glaube, Sie haben Recht,“ ſagte Tip ſpöttiſch. „So ungefähr. Aber nicht in Ihrer Weiſe. Ich gehöre zur Geſellſchaft, nur hat meine Schweſter die Anſicht, daß unſer Alter das nicht wiſſen darf. Ich meines Theils ſehe den Grund davon nicht ein.“ „Kann ich ein Obdach bekommen?“ fragte Arthur.„Was wäre das Beſte für mich?“ „Wir thäten am Beſten, vor Allem nachzuſehen, ob wir Klein Dorrit. 12 170 Achtes Kapitel. Amy's habhaft werden können,“ ſagte Tip, der jede Schwie⸗ rigkeit als eine Sache die ſich von ſelbſt verſtand ihr zuſchob. „Lieber wollte ich die ganze Nacht herumgehen—'iſt nicht viel zu thun— als Ihr dieſe Verlegenheit zu bereiten.“ „Sie brauchen das nicht zu thun, wenn es Ihnen nicht darauf ankommt, für ein Bett zu bezahlen. Wenn es Ihnen auf' Bezahlen nicht ankommt, ſo werden ſie Ihnen unter dieſen Umſtänden eins auf dem Tiſche im Warmen Winkel zurecht machen. Wenn Sie mitkommen wollen, ſo werde ich Sie dort einführen.“ Als ſie den Hof hinabſchritten, warf Arthur einen Blick hinauf nach dem Fenſter des Zimmers, das er ſoeben verlaſ⸗ ſen, und wo das Licht noch brannte.„Ja, Sir,“ verſetzte Tip, ſeinem Blicke folgend,„Da wohnt der Alte. Sie wird mit ihm noch eine Stunde aufſitzen und ihm die geſtrige Zei⸗ tung vorleſen oder ſo was der Art, und dann wird ſie her⸗ auskommen wie ein kleiner Geiſt und ohne irgend welches Ge⸗ räuſch verſchwinden.“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Der Alte ſchläft oben in der Stube, und ſie hat'ne Wohnung beim Schließer.'s erſte Haus dort,“ ſagte Tip, indem er auf den Thorweg zeigte, nach dem ſie ſich vorher zurückgezogen hatte.„'s erſte Haus, oben im Dachſtübchen. Sie bezahlt zweimal ſo viel dafür, als für ein zweimal ſo gutes draußen. Aber ſie ſteht dem Alten Tag und Nacht zur Seite, das arme gute Mädel.“— Damit waren ſie nach der Schenke am obern Ende des Hinter Schloß und Riegel. 171 Gefängniſſes gelangt, wo die Collegen ſo eben ihren ge⸗ ſelligen Abendelub verlaſſen hatten. Das Parterrezimmer, in welchem derſelbe ſich verſammelte, war der in Rede ſtehende Warme Winkel. Die Tribüne des Vorſitzenden, die Zinnkrüge, Gläſer, Pfeifen und Aſchenhäufchen und der allgemeine Duft der Mitglieder waren noch ganz ſo vorhan⸗ den, wie dieſes geſellige Inſtitut ſie bei ſeiner Vertagung verlaſſen hatte. Der Warme Winkel beſaß zwei von den Eigenſchaften, die das Volk als weſentlich für Damengrog betrachtet: er war nämlich heiß und ſtark, aber im dritten Vergleichspunkte, welcher reichliche Portionen verlangt, mangelte es dem Warmen Winkel, da derſelbe nur ein Ge⸗ mach war, das man durch eine Bretterwand von einem an⸗ dern abgeſchieden hatte. Der mit den hieſigen Gewohnheiten unbekannte Beſucher von draußen ſah natürlich jedermann hier als Gefangenen an: Wirth, Kellner, Schenkmädchen, Unterkellner und alle miteinander. Ob ſie dies waren oder nicht, kam nicht zum Vorſchein, aber ſie hatten alleſammt ein Ausſehen, das an Unkraut erinnerte. Ein Mann, der einen Victualienkram in einem Vorzimmer hielt, und Herren von Stande bei ſich zur Miethe hatte, lieh ſeinen Beiſtand beim Aufſchlagen des des Bettes. Er war zu ſeiner Zeit ein Schneider geweſen und hatte einen Phaeton gehalten, wie er ſagte. Er rühmte ſich kampfesmuthig für die Intereſſen des Collegiums in die Schranken getreten zu ſein, und er hatte unklare und un⸗ aufklärbare Ideen, daß der Marſhal einen„Fond“ unter⸗ 12 172 Achtes Kapitel. ſchlagen habe, der den Collegen zu Gute zu kommen beſtimmt geweſen ſei. Er ſteifte ſich darauf, dies zu glauben und trug dieſe ſchattenhafte Beſchwerde jedem neuen Ankömmling und jedem Fremden vor, obwohl er, und wenn es ihm ſein Le⸗ ben gekoſtet hätte, nicht hätte angeben können, welchen Fond er meinte und wie der Gedanke in ſeiner Seele Wurzel geſchlagen. Er überredete indeß ſich ſelbſt vollſtändig, daß der ihm gebührende Antheil an dem Fond in drei Schillin⸗ gen neun Pence wöchentlich beſtünde, und daß er als einzel⸗ ner College jeden Montag um dieſen Betrag vom Marſhal beſchwindelt würde. Er half augenſcheinlich nur deshalb beim Bettmachen, um die Gelegenheit nicht zu verſäumen, dieſen Umſtand anzubringen. Nachdem er auf dieſe Art ſein Gemüth entlaſtet und(wie er ſtets zu thun ſchien, ohne daß etwas dabei herauskam) angekündigt, daß er einen Brief an die Zeitungen ſchreiben und den Marſhal im rechten Lichte darſtellen wolle, begann er ſich über gemiſchte Gegenſtände mit den Uebrigen zu unterhalten. Es ging aus dem ganzen Tone der hier verſammelten Geſellſchaft hervor, daß ſie da⸗ hin gelangt waren, Zahlungsunfähigkeit als den Normal⸗ zuſtand des Menſchengeſchlechts und die Bezahlung von Schulden als eine eanithait anzuſehen, welche gelegentlich ausbräche. Auf dieſem ſeltſamen Schauplatze und während dieſe ſeltſamen Geſpenſter um ihn herumſchwebten, ſah Arthur Clennam den Vorbereitungen zu, als ob ſie Theil eines Traumes wären. Inzwiſchen zeigte ihm der längſt einge⸗ Hinter Schloß und Riegel. 173 weihte Tip, während er ſich mit den Hülfsquellen des War⸗ men Winkels eine ungeheure Güte that, das gemeinſchaft⸗ liche Küchenfeuer, das durch gemeinſchaftliche Beiträge der Collegen genährt wurde, den Keſſel zu heißem Waſſer, der in gleicher Weiſe unterhalten wurde, und anderes Zube⸗ hör, welches gewöhnlich zu dem Schluſſe führte, daß der Weg, geſund, reich und weiſe zu werden, der ſei, nach dem Mar⸗ ſhalſea zu kommen. Die beiden in einer Ecke zuſammengeſchobenen Tiſche verwandelten ſich endlich in ein gutes Bett, und der Fremde wurde den Windſorſtühlen, der Präſidententribune, der bierdunſtigen Atmoſphäre, den Sägeſpänen, Fidibuſſen und Spucknäpfen und dem Schlafe überlaſſen. Aber das letzte Glied dieſer Kette von Gegenſtänden verband ſich erſt lange lange darauf mit den übrigen. Die Neuheit des Orts, der Eintritt in denſelben ohne Vorbereitung, das Gefühl, hinter Schloß und Riegel zu ſein, die Erinnerung an das Zimmer oben, an die beiden Brüder und vor Allem an die ſchüchterne, kindliche Geſtalt und das Geſicht, in welchem er nun mehrere Jahre ungenügender Nahrung, wo nicht abſoluten Mangels ſah, hielten ihn wach und machten ihn unglücklich. Außerdem liefen Gedanken, welche in den ſeltſamſten Beziehungen zu dem Gefängniſſe ſtanden, aber ſtets das Gefängniß betrafen, alpartig durch ſein Gemüth, während er wach blieb. Ob man Särge für Leute bereit hielte, welche dort möglicher Weiſe ſterben könnten, wo ſie aufbewahrt, 174 Achtes Kapitel. wie ſie aufbewahrt würden, wo man wohl Leute, die im Gefängniſſe ſtürben, begraben möchte, wie ſie hinausge⸗ ſchafft, was für Förmlichkeiten dabei beobachtet würden, ob ein unverſöhnlicher Gläubiger auch die Todten zurück⸗ halten könnte? In Betreff des Entwiſchens, was es für Ausſichten des Entwiſchens gäbe? Ob ein Gefangener wohl vermöge einer Strickleiter und eines Strickhakens die Mauern erklettern könnte, wie er auf der andern Seite hinabſteigen, ob er auf einen Hausfirſt ſich herab⸗ laſſen, ſich die Treppe hinabſchleichen, ſich zu einer Thür hinausmachen und in dem Menſchengewühl verlieren würde? Was eine Feuersbrunſt im Gefängniß betraf, wie, wenn eine ausbräche, während er da läge? Und dieſe unwillkürlichen Gebilde der Phantaſie waren eigentlich nur die Einfaſſung eines Bildes, in welchem ſich drei Geſtalten vor ihm erhielten: ſein Vater mit dem ſtarren Blicke, mit dem er geſtorben, ein Blick, den das Portrait prophetiſch dunkel andeutete; ſeine Mutter, die ihren Arm erhoben hatte, um ſeinen Verdacht abzuwehren; Klein Dorrit, mit ihrer Hand auf dem Arme des tief⸗ geſunkenen Vaters und ihrem abgewandten, geſenkten Köpfchen. Wie, wenn ſeine Mutter von früherher ſich wohl bewußt war, Urſache zur Milde gegen dieſes arme Mädchen zu haben? Wie, wenn der Gefangene, der jetzt, gäb' es Gott! ruhig ſchlummerte, beim Lichte des großen Gerichtstages ſeinen Fall auf ſie zurückführte? Wie, wenn irgend eine — Hinter Schloß und Riegel. 175 ihrer Handlungen oder der ſeines Vaters auch nur entfernt dazu beigetragen hätte, die grauen Häupter der beiden Brüder ſo tief zu beugen? Ein raſcher Gedanke ſchoß ihm durch den Sinn. Ob nicht ſeine Mutter zwiſchen dieſer langen Kerkerhaft hier und ihrer eigenen langen Beſchränkung auf ihr Zimmer eine Aehnlichkeit fand, die ſie letztere als ein Aufwiegen der erſteren anſehen ließ? Ich gebe zu, ließ er ſie abrechnen, daß ich Miturheberin der Einſperrung dieſes Mannes war. Ich habe dafür Aehnliches gelitten. Er iſt in ſeinem Gefäng⸗ niſſe, ich bin in meinem verdorben. Ich habe meine Strafe abgezahlt. Als alle übrigen Gedanken erblichen waren, hielt dieſer ihn noch immer feſt. Als er endlich einſchlief, kam ſie vor ihn in ihrem Rollſtuhle und wehrte ihn mit dieſer Rechtfertigung ab. Als er erwachte und ohne Urſache erſchrocken emporſprang, ſo hörte er die Worte in ſeinen Ohren klingen, als ob ihre Stimme ſie langſam an ſeinem Kopfkiſſen geſprochen, um ſeine Ruhe zu ſtören:„Er ſchmach⸗ tet dahin in ſeinem Kerker, ich in meinem; die unerbittliche Gerechtigkeit hat ihren Lauf gehabt. Was bin ich hier noch ſchuldig?“ Ende des erſten Theiles. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. 2 —