1 — Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofkmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. I1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 JI 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelie n Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 1 14: Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 4 für wüchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1.—————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nrr. 50 Pf. 2 Mt. Pf. „„„=„ 3„=„ 4„= 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und A₰odefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 3 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen d. der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Daniel De Foe's (Verfaſſers des„Robinſon Cruſoe“) geſammelte Komane. Zweiter Band. Oberſt Jack, oder Schickſale eines Elternloſen. Stuttgart. Verlag der Chr. Belſer'ſchen Buchhandlung. 1842. Oberſt Jack, oder Schickſale eines Elternloſen. Vom Verfaſſer des„Robinſon Cruſne.“ Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. —— Stuttgart. Verlag der Chr. Belſer’ſchen Buchhandlung. 1842. Vorwort des engliſchen Herausgebers. Es iſt ſo allgemeine Sitte, alle Bücher dieſer Art, um ihnen bei der Leſewelt eine günſtigere Auf⸗ nahme zu verſchaffen, mit einer Vorrede zu begleiten, daß ich nicht umhin kann, ein Gleiches zu thun, obſchon aus dem angedeuteten Grunde die gegenwärtige Schrift gewiß ſo wenig einer Vorrede bedarf, als irgend eine vor ihr. Denn der unterhaltende Theil derſelben ſpricht für ſich ſelbſt; der nützliche und belehrende aber iſt ſo umfaſſend und ſo vieler Nutzanwendungen fähig, daß dieſe leicht ein eben ſo großes Buch, als das vor⸗ liegende, ausfüllen würden. VI Wir finden hier reichen Stoff zu Betrachtungen über den Segen und die Vortheile einer vernünftigen Erziehung, indem ſich uns zugleich der wehmüthige, Gedanke aufdrängt, welche Unzahl von jungen Leuten aller Art aus Mangel an Zucht ins Verderben rennen, und wie ſehr die oͤffentlichen Schulen und Wohlthätig⸗ keitsanſtalten der Verbeſſerung bedürfen, um der Demo⸗ raliſirung ſo vieler unglücklicher Kinder vorzubeugen, welche, namentlich in London, jedes Jahr zum Galgen heranreifen. Die elende Lage unglücklicher Kinder, deren manche von Natur ſehr gelehrig ſind, und die ſich noch bereit⸗ williger zum Guten als zum Böſen lenken laſſen wür⸗ den, iſt in der That höchſt beklagenswerth, wie man aus Oberſt Jacks Geſchichte erſehen kann, den ſeine Ver⸗ hältuiſſe zum Diebe machten, obgleich ihn ein in ſeiner Lage ungewöhnlicher Sinn für das Beſſere ſchon frühe gegen die ſchlimmſten Seiten ſeines Gewerbes ſchützte und ihn endlich vermochte, ganz davon abzulaſſen. Welch ein Mann hätte aus ihm werden koͤnnen, wenn ihm von VII der Welt die Vortheile einer guten Erziehung geboten worden wären, unter denen ſich der urſprünglich geſunde Kern edel hätte entfalten koͤnnen. Die verſchiedenen Wechſelfälle ſeines Geſchicks bie⸗ ten dem Leſer ein ergöͤtzliches Feld, darin er ſich ergehen kann,— einen Garten, wo er nur wohlthätige Arznei⸗ kräuter, keineswegs aber Giftpflanzen findet; wo er Tugend und wahre Weisheit geehrt, ermuthigt und belohnt, das Laſter aber von Elend aller Art begleitet ſieht; und endlich, wo er nichts anderes wahrnimmt, als wie Sünde und Schmach Hand in Hand geht, um das Gewiſſen zu wecken und mit Abſcheu vor dem Ver⸗ brechen zu erfuͤllen. Fallen dieſe Blätter einem Verirrten in die Hände, ſo mögen ſie ihn zur Umkehr veranlaſſen und ihn be⸗ lehren, daß das einzige gute Ende eines übelangewen⸗ deten Lebens die Reue iſt, in der er Troſt, Frieden und oftmals Hoffnung finden und vielleicht einen ſchlimmen Anfang durch einen beſſeren Schluß gut machen mag. Da dieſe und ähnliche Momente die Tendenz des VIII ganzen Buches bilden, ſo brauche ich wohl kein Wort Ganzen zu ſagen; denn welche vernünftige Einwendung läßt ſich machen, ſobald ſich ein Autor die Aufgabe ſtellt, das Laſter zu entmuthigen und die Tugend zu ermun⸗ tern, mag nun der eigentliche Inhalt der Erzählung wahr ſein oder nicht? Iſt doch eine Parabel nicht min⸗ der lehrreich und ebenſo geeignet, Gutes zu wirken, als die Schilderung von etwas wirklich Geſchehenem; und ſobald dieſer Zweck treulich verfolgt iſt, ſo empfiehlt ſich eine Schrift von ſelbſt, ohne einer weiteren Einleitung zu bedürfen. —— mehr zur Rechtfertigung weder des Einzelnen noch des —— Erſtes Kapitel. Die drei Jacks.— Tod meiner Wärterin.— Ein Bett von Aſche.— Die Seelenverkäufer und der Capitän. Da mein Leben bunt genug geweſen iſt, und ich nun in einer Lage bin, die mir geſtattet, aus einer ſichereren Entfernung darauf zurückblicken, als dieß gewöhnlich bei den Mitgliedern der Sippſchaft der Fall iſt, welcher ich einmal angehörte, ſo dürfte wohl die Erzählung meiner Geſchichte eben ſo wohl am Orte ſein, als viele andere, die ich jeden Tag mit Vergnügen leſen ſehe, obgleich ſie nicht halb ſo unterhaltend und belehrend ſind, als man, wie ich hoffe, die meinige finden wird. 3 Meine Abkunft mag, ſo viel wenigſtens zu meiner Kenntniß kam, ſo hoch ſein, als die irgend jemandes, da meine Mutter ſehr vornehme Geſellſchaft hielt; doch dieß gehört zu ihrer Geſchichte, nicht zu der meinigen, und alles, was ich davon weiß, verdanke ich blos mündlicher Ueber⸗ lieferung. Meine Wärterin ſagte mir, meine Mutter wäre eine Dame von Stande, und mein Vater ein hochgeſtellter 10 So⸗ Mann, welcher ihr(der Wärterin) ein ſchönes Stück Geld gegeben hätte, damit ſie mich ſeinen Händen entnähme und ihn ſowohl, als die Mutter der Ungelegenheiten enthöbe, die gewöhnlich aus der Erziehung eines Kindes entſpringen, von deſſen Daſein man nichts erfahren ſoll. Mein Vater zahlte, wie es ſcheint auf die Bitte meiner Mutter, der Wärterin mehr als die bedungene Summe, wogegen er ſich das feierliche Verſprechen geben ließ, mich gut zu behandeln und in eine Schule zu ſchicken; auch er⸗ theilte er ihr den Auftrag, mich, wenn ich groß genug werden ſollte, um die Bedeutung des Wortes zu verſtehen, ſtets daran zu erinnern, daß ich ein Gentleman ſei; weiter verlange er für mich keine Erziehung; denn er zweifle nicht, ſagte er, daß dieſe Andeutung früher oder ſpäter mich zu Geſinnungen begeiſtern würde, die meiner Geburt angemeſ⸗ ſen wären, und daß ich mich gewiß wie ein Gentleman benähme, ſobald ich der Ueberzeugung lebte, einer zu ſein. Mein ungünſtiges Geſtirn ſollte jedoch nicht gleich bei dem Beginne erbleichen; denn ſelten tritt der Fall ein, daß man nur für einen Tag unglücklich iſt. Wie die Großen allmählig über alle Abſtufungen der Größe bis zu dem Gipfel des Ruhmes hinanklimmen, in welchem ſie vor der Welt erſcheinen, ſo ſinkt auch der Unglückliche nur durch eine fortgeſetzte Reihe von Mißgeſchicken zu der Tiefe ſeines Elends herunter, deſſen Folterqualen er oft ſo lange erdul⸗ den muß, ehe ihn— wenn dieß überhaupt je der Fall 11 iſt— ein günſtiger Stern die Hoffnung der Erlöſung ſchauen läßt. Meine Wärterin hielt ihr Verſprechen ſo ehrlich, als ſich von Leuten ihres Geſchäftsbetriebs erwarten läßt— jedenfalls ſo ehrlich, als es ihre Verhältniſſe geſtatteten; denn ſie erzog mich ſehr ſorgfältig mit ihrem eigenen Sohne und einem anderen Sohne der Sünde, den ſie unter ähnlichen Bedingungen, wie mich, angenommen hatte. Man ſagte mir, daß ich John hieße, aber weder ſie, noch ich oder ſonſt jemand wußte etwas von dem Zunamen, der mir gebührte, weßhalb es mir überlaſſen blieb, einen ſolchen nach Gutdünken zu wählen, wenn mir einmal das Glück und beſſere Verhältniſſe Gelegenheit dazu an die Hand geben ſollten. Zufälliger Weiſe hieß ihr eigener Sohn, der um ein Jahr älter war, als ich, gleichfalls John, und der aus wil⸗ der Ehe entſproſſene Knabe, den ſie zwei Jahre nach mir in ihre Pflege nahm, führte gerade auch denſelben Namen. Da wir nun alle drei Johns waren, mußten wir in Bälde auch lauter Jacks werden, da man in jenem Stadt⸗ theile, wo wir erzogen wurden— nämlich in der Nähe von Goodmans Fields— den Namen John in Jack zu ver⸗ ketzern pflegt. Um jedoch ihren eigenen Sohn ein wenig vor den übrigen auszuzeichnen, nannte ihn die Wärterin. Capitän, weil er in der That auch der älteſte war. Es wollte mir nicht recht behagen, daß dieſer Capitän — 12 G⸗ ſein ſollte. Ich weinte ſehr und wollte ſelber Capitän ſein, weil meine Amme mir geſagt hätte, daß ich ein Gentleman wäre, und daher durchaus Capitän ſein mußte. Die gute Frau beſchwichtigte mich, indem ſie mir zugab, daß ich ein Gentleman ſei und eben deßhalb auch über dem Capitän ſtehe; ich ſolle daher Oberſt heißen, was mehr als Capitän ſei;„denn, mein Lieber,“ ſagte ſie,„jeder Matroſe, wenn er auch nur das Commando über eine Preß⸗Smacke*) erhält, wird Capitän genannt; aber die Oberſten ſind Soldaten, und nur Gentlemen können Oberſt werden; außerdem,“ fügte ſie bei,„habe ich Oberſte gekannt, die Lords und ſo⸗ gar Generale wurden trotz ihrer unehelichen Abkunft, und Du ſollſt daher Oberſt heißen.“ Ich ließ mich vor der Hand hiemit beſchwichtigen, ob⸗ gleich mir die Sache nicht recht gefallen wollte, bis ich ſie eine Weile nachher zu ihrem eigenen Sohne ſagen hörte, ich wäre ein Gentleman, weßhalb er mich Oberſt nennen müßte. Ihr Sohn hub darauf zu weinen an und wollte ebenfalls Oberſt heißen. Dieß machte mir viel Vergnügen; denn jetzt wußte ich gewiß, daß der Oberſt mehr ſei, als der Capitän, und ich freute mich nicht wenig, eine ſo hohe Stellung einzunehmen. So allgemein wurzelt der Ehrgeiz in den Gemüthern des Menſchen, daß nicht einmal der Bettlerknabe davon frei iſt. **) Ein kleines Fahrzeug, in dem die Preßmannſchaft gelandet wird. 2 13 So⸗ Es gab alſo einen Oberſt Jack und einen Capitän Jack; was den dritten Knaben betrifft, ſo hieß er einige Jahre lang nur kurzweg Jack, bis er endlich vermöge ſeiner Geburtsrechte, wie wir ſpäter hören werden, gleichfalls avancirte. Wir waren alle drei hoffnungsvolle Jungen und ver⸗ ſprachen ſchon in frühen Jahren bei vielen Anläſſen, aus⸗ gemachte Taugenichtſe zu werden, obgleich ich, wenn alles, was ich von dem Charakter unſerer Pflegerin hörte, wahr iſt, nicht anders ſagen kann, als daß ſie allem aufbot, es zu verhindern. Ehe ich in meiner Geſchichte fortfahre, wird es paſſend ſein, eine kurze und unparteiiſche Schilderung der drei Gebrüder Jack zu geben. Capitän Jack war der älteſte. Er war ein gedrungener kräſtiger Junge und verſprach ſeiner Zeit einen ſtämmigen Burſchen zu geben. Verſchlagen, ſtöckiſch, rückhaltig, bos⸗ haft und rachſüchtig von Natur, zeigte er ſich überhaupt roh, grauſam, bäueriſch im Benehmen und händelſüchtig, wie nur ein Gaſſenjunge ſein kann; auch war er unwiſſend und. wollte von Kindheit an durchaus nichts lernen. Er hatte viel von dem Charakter der Bulldogge, kühn und verzwei⸗ felt, aber ohne die Spur eines edeln Zuges. Die Lehrer, zu denen wir gingen, konnten ihn trotz aller Mühe nicht einmal ſo weit bringen, daß er ſeinen Namen ſchreiben lernte; und da er ein geborener Dieb war, 2 14 G⸗ ſo ſtahl er, faſt noch ehe er ſprechen konnte, alles, was in den Bereich ſeiner Finger kam— nicht nur bei ſeiner Mut⸗ ter, ſondern allenthalben; und auch wir, die wir doch ſeine Brüder und Gefährten waren, blieben nicht verſchont. Er war ein Erzſpitzbube; denn er verübte aus lauter Liebhaberei die allerheilloſeſten Streiche und hatte außerdem nicht den mindeſten Sinn für Ehrlichkeit— ich meine, gegen die Genoſſen ſeiner Tücken, während doch ſonſt ſogar Diebe es zu einem Ehrenpunkte machen, unter ſich redlich zu ver⸗ fahren. Der zweite, das heißt, der jüngſte John, verdankte nachſtehendem Umſtande den Namen Major Jack. Die Dame, welche ihn der Obhut unſerer Wärterin anvertraute, hatte ihr eingeſtanden, daß der Vater des Kindes ein Gardemajor ſei, deſſen Name jedoch geheim gehalten werden müſſe. Man nannte ihn daher anfangs John den Major, ſpäter den Major und endlich, als er Theil an unſeren Streif⸗ zügen nahm, Major Jack, um ihn den beiden andern Jacks anzupaſſen. Major Jack war ein heiterer, launiger, angenehmer Knabe, mit gutem Verſtand— beſonders in den Fingern— ſteckte voll Witz und Späſſen und hatte etwas Gentleman⸗ artiges an ſich. Er war muthig, furchtlos und hätte, ohne ſich lange zu beſinnen, dem Tod ins Auge ſehen können; dabei zeigte er ſich aber, wenn ſich Gelegenheit dazu gab, als den edelmüthigſten und theilnehmendſten Jungen. Kampfluſt 9 15 So⸗ theilte er mit dem Capitän, jedoch nicht in der rohen und grauſamen Weiſe deſſelben, und mit Einem Worte— es fehlte ihm nichts, als die Ehrlichkeit, um ihn zu einem ganz vortrefflichen Menſchen zu machen. Er hatte, wie ich, leſen gelernt, und da er ſehr gut ſprach, ſo wußte er auch ſeine Gedanken auf eine recht artige Weiſe ſchriftlich auszudrücken, wie wir ſpäter zu ſehen Gelegenheit haben werden. Was des Leſers unterthänigen Diener, den Oberſt Jack, anbelangt, ſo war er ein lenkſamer, armer Wicht, der willig und fähig genug geweſen wäre, etwas zu lernen, wenn er nicht den Satan zum Lehrmeiſter gehabt hätte. Er wurde ſo früh in die Welt hinaus geworfen, daß er, als er ſchlimme Streiche zu verüben anfing, nicht einmal eine Ahnung von der Schlechtigkeit derſelben oder ihren etwaigen Folgen hatte. Ich erinnere mich noch ſehr gut, daß ich einmal wegen eines Diebſtahls, den ich übrigens nicht begangen hatte, vor Gericht geſtellt wurde, und daß ich mich dabei in einer Weiſe vertheidigte, welche nicht nur den Irrthum meiner Ankläger, ſondern auch die Wider⸗ ſprüche, in die ſie ſich verwickelt hatten, darthat. Der Friedensrichter ſagte mir, es wäre Schade, daß ich mich nicht mit etwas Beſſerem beſchäftigte, da man mich gewiß zu etwas anderem erzogen hätte; aber darin waren ſeiner Geſtrengen im Irrthum; denn ich hatte nie etwas anderes. gelernt, als Stehlen, Leſen und Schreiben etwa ausgenommen, und dieß waren Fertigkeiten, die ich mir ſchon vor meinem 2 16 So⸗ zehnten Jahre zu eigen machte. Ich hatte indeß eine ſehr fertige Zunge und wußte mich, wo es galt, beſſer auszu⸗ drücken, als viele, die eine weit beſſere Schule genoſſen hatten. Ich galt unter meinen Kameraden als ein kühner, ent⸗ ſchloſſener Junge, der alles auszukämpfen vermöchte. Ich ſelbſt jedoch hatte eine andere Anſicht von mir und vermied ſo viel möglich alle Balgereien, obgleich ich hin und wieder auch mit zu machen wagte und dabei nicht den kürzeren zog, da es mir nicht an Leibeskräſten und Behendigkeit gebrach. Oft half mir indeß die Zunge durch, wo die Fäuſte nicht hinreichten— ein Vortheil, der mir damals als Knabe, wie auch ſpäter als Mann, gut zu ſtatten kam. Ich war ſchlau und gewandt in meinem Gewerbe, weßhalb ich nicht ſo oft aufgefangen wurde, als meine Kameraden— ich meine nämlich in meinen Knabenjahren; denn als Mann begegnete mir nicht ein einzigesmal ein ſolches Unglück. 4 Was mein Aeußeres betrifft, ſo läßt ſich von einem ſchmutzigen Glashüttenjungen, der in den Aſchenlöchern ſchlief und ohne Unterlaß in dem Straßenkoth herumſtampfte, nicht viel Erhebliches erwarten, was denn überhaupt auch bei uns allen der Fall war; das heißt, wir ſahen aus wie Stiefelwichſer, Bettelknaben, Strolche oder wie man es immer nennen mochte— armſelig und erbärmlich im höch⸗ ſten Grade. Und doch erinnere ich mich, daß die Leute oft 17& von mir ſagten, ich hätte ein gutes Geſicht und würde, ſauber gewachſen und gekleidet, gar kein übler Knabe ſein. „Schade um ihn,“ hieß es;„man darf nur ſeine Augen und das angenehme Lächeln um ſeinen Mund anſehen. Ich möchte nur wiſſen, wer die Eltern dieſes jungen Schelms ſind“ und dergleichen. Hin und wieder rief man mich auch an und fragte mich nach meinem Namen, welchen ich dann als Jack angab.„Aber Dein Zuname 2% konnte es dann heißen.„Ich weiß nicht.“—„Wer ſind Deine Eltern 266— „Ich habe keine.“—„Was— und Du haſt auch nie welche gehabt?“—„Nicht, daß ich wüßte.“ Dann ſchüt⸗ telte man den Kopf, rief allenfalls:„Armer Knabe! Es iſt Schade“ u. dgl., und ließ mich gehen. Aber ich nahm mir alle dieſe Vorgänge zu Herzen. Ich war faſt zehn, der Capitän eilf und der Major ungefähr acht Jahre alt, als unſere Pflegemutter ſtarb. Ihr Mann, ein Matroſe, war kurz zuvor mit einem königlichen Schiffe, welches den Herzog von York(zu König Carls II. Zeiten) nach Schottland begleiten ſollte, zu Grunde gegan⸗ gen, und da die gute Frau in ſehr dürftigen Umſtänden das Zeitliche ſegnete, ſo mußte ſie auf Gemeindekoſten beerdigt werden. Bei ihrem Leichenbegängniß, welchem die drei Jacks anwohnten, ſpielte ich als der Oberſt.— denn wir galten alle als ihre Kinder— den Hauptleid tragenden, was indeß ihr wirklicher Sohn, der Capitän,, höchlich übel nahm. Oberſt Jack. II. 2 18 S⸗ Mit dem Tode unſerer Pflegemutter waren wir ganz in die Welt hinaus geſtoßen. Um das Gute, das uns die Gemeinde erwies, kümmerten wir uns nicht ſonderlich; denn wir trieben uns mit einander umher, und da uns die Leute von Rosmary Lane, Ratcliff und der Umgegend gut kann⸗ ten, ſo wußten wir uns leicht genug Lebensmittel zu ver⸗ ſchaffen, ohne viel betteln zu müſſen. Beſonders ſtand ich im Rufe eines ungemein höflichen und ehrlichen Knaben; denn wenn man mir einen Auftrag gab, ſo beſorgte ich ihn immer pünktlich und ſchnell, wie ich denn auch, wenn mir etwas anvertraut wurde, nie das mindeſte entwendete, da ich es mir zur Ehrenſache rechnete, in allem, was man mir übertrug, gewiſſenhaft zu Werke zu gehen. Gleichermaßen vertrauten mir einige der ärmeren Krä⸗ mer oft die Obhut über ihre Buden, wenn ſie zum Mittag⸗ eſſen oder in ein benachbartes Bierhaus gehen wollten, was denn immer gern und freudig von mir übernommen wurde, ohne daß ich dabei der Ehrlichkeit auch nur im min⸗ deſten zu nahe getreten wäre. Capitän Jack dagegen, ein ſauertöpfiſcher, übelſichtiger, barſcher Junge, zeigte keine Spur von guter Lebensart und umg'änglichem Charakter. Wenn man etwas von ihm ver⸗ langt, e, ſo blieb er bei einem Ja oder Nein, und das war alles; aber keinem Menſchen that er eine Gefälligkeit. Trug man ih.m etwas auf, ſo vergaß er die Hälfte, ging, wenn ☛△ x⏑ m B⏑‿- ——=h--— 8 8 8&— ½ ☛ -·———„ 19 So es ſich gerade um ein Knabenſpiel handelte, gar nicht, oder wenn er auch ging, ſo brachte er keine Antwort. Um dieſer Sorgloſigkeit und Ungefälligkeit willen war auch Niemand gut auf ihn zu ſprechen, und alle Welt ſagte von ihm, er hätte ganz das Ausſehen eines Spitzbuben und würde gewiß noch gehangen werden. Kein Menſch wollte ihm daher auch nur das mindeſte Gute erweiſen, und ſo mußte er, um eſſen zu können, nothwendig ſtehlen, um ſo mehr, da er, wenn er bettelte, dieß in einem Tone that, der wie ein Befehl nicht wie eine Bitte klang; wie denn auch einmal ein Mann, den er um eine Gabe anſprach, und der ihn kannte, zu ihm ſagte:„Capitän Jack, Du gehörſt als Knabe ſchon einem argen Schlage von Bettlern an, und ich zweifle nicht, daß Du, wenn Du zu Jahren kommſt, geeig⸗ neter ſein wirſt, den Leuten den Beutel, als den Penny abzufordern.“ Der Major war ein luſtiger, gedankenloſer Burſche, der ſich nie über etwas Sorge machte. Er beklagte ſich nie, mochte er etwas zu eſſen haben oder nicht; auch empfahl er ſich durch ſein Benehmen ſo ſehr, daß die Nachbarn ihn gern hatten und daß man ihm immer etwas zufließen ließ. In dieſer Weiſe wußten wir uns, ſo klein wir auch waren, immer vor Hungerſterben zu ſchützen. Unſer Nachtquartier nahmen wir zur Sommerszeit um die Wachthäuſer herum oder in den Bretterverſchlägen und Vorthüren der Kaufläden, die uns gerade bekannt waren. Von einem Bette wußten 2* — 20 SE⸗ wir mehrere Jahre nach dem Tode unſerer Pflegemutter gar nichts, und Winters krochen wir in die Aſchenlöcher oder in die Kühlgewölbe der Glashütte, welche in Roſe⸗ marylane unter dem Namen Dallows Glashütte bekannt iſt; wünſchten wir eine Wohnungsveränderung, ſo bedienten wir uns einer andern derartigen Anſtalt in Ratkliffhighway. Auf dieſe Weiſe verlebten wir mehrere Jahre; es fehlte uns während dieſer Zeit nicht an Genoſſen; denn wir gerie⸗ then unter eine Bande junger Gauner, nackt und zerlumpt, wie wir ſelbſt, und jetzt ſchon reif für alle Arten von Schandthaten, die erſt in ihrem ſpäteren Alter ihre volle Ausübung finden ſollten. Aus dieſer Zeit erinnere ich mich, daß wir einſt in einer kalten Winternacht aus unſerer Ruhe aufgeſchreckt wurden. Ein Conſtabler und ſeine Mannſchaft machten wegen eines gewiſſen Wry⸗neck, der eine Reihe von Schurkenſtreichen verübt haben mußte, Lärm, und wir erkannten hierin als⸗ bald das Geſchrei, mit dem gewöhnlich flüchtige Diebe ver⸗ folgt werden. Die Wache hatte nämlich Wind bekommen, daß der Geſuchte in der Geſellſchaft der Betteljungen unter den Kühlgewölben in der Glashütte ſein Quartier genom⸗ men habe und daſelbſt auch zu finden ſein müſſe. Durch dieſen Lärm wurden wir nun mitten in der Stille der Nacht aufgeſchreckt, und zwar durch die ſchönen Begrüßungen:„Heraus, Du junge Teufelsbrut— her⸗ aus— ans Licht!“— u. dgl. mehr. So wurden wir 5 21& nun alle aus unſerm Verſteck herausgetrieben; einige krochen, indem ſie ſich die Augen rieben und die Köpfe kratzten, von ſelbſt hervor, andere dagegen wurden durch die Gefälligkeit der Wachſoldaten herausgeſchleppt. Wir mochten etwa unſerer ſiebenzehn ſein— aber Wry⸗neck, wie ſie ihn nannten, war nicht darunter. Er mußte ein ziemlich ſtarker Burſche ſein, der ſich gewöhnlich bei den Leuten in der Umgebung des Patzes aufhielt, und der gemeinſchaftlich mit einem Genoſſen ſeines edlen Handwerks die Nacht vorher bei einer geſetz⸗ widrigen Unternehmung bemerkt worden war. Sein edler Freund, der darüber ertappt und feſtgenommen wurde, ver⸗ rieth ihn in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe der Strafe zu entgehen, und gab deßhalb auch der Wache ſein gewöhn⸗ liches Nachtquartier an. Der Verrathene war indeſſen, wie es ſchien, von der Treuloſigkeit ſeines Genoſſen unterrichtet und hatte ſich, wenigſtens für dieſen Augenblick, in Sicher⸗ heit gebracht. Wir durften deßhalb wieder nach unſerm warmen Lager in der Kohlenaſche kriechen, wo ich manche kalte Winternacht— ja ich darf ſagen— manchen Winter durchſchlief, ſo geſund und behaglich, wie nur immer einen ſeit dieſer Zeit, obgleich ich inzwiſchen beſſere Wohnungen kennen gelernt habe. Auf dieſe Weiſe lebten wir eine geraume Zeit— es mochten etwa zwei Jahre ſein, ohne daß einer von uns etwas Böſes that oder nur im Schilde führte. Meiſtens gingen wir alle drei zuſammen. Der Capitän, der ſich -—2 22 SE⸗ wegen ſeines gänzlichen Mangels an feineren Sitten und durch das Stöckiſche und Widerliche in ſeinem Benehmen nirgends beliebt machte, wäre ſicherlich Hungers geſtorben, wenn wir ihn nicht mit uns genommen und eigentlich ganz ernährt hätten. Da wir immer in ſo enger Geſellſchaft zuſammenlebten, waren wir nur unter dem Namen der drei Jacks bekannt; Oberſt Jack aber hatte immer den Vorzug vor den übrigen, und dieß in mancher Beziehung. Der Major war, wie ich oben ſchon bemerkte, munter und an⸗ genehm, aber der Oberſt ſuchte ſich immer mit der beſſern Sorte zu unterhalten, ich meine mit der beſſern Sorte von denen, welche mit einem Bettelbuben in Verkehr treten wollten. Ich wußte gut zu ſprechen und machte mirs zu einem Geſchäfte, über alles, was öffentlich oder im Privat⸗ leben geſchah, Nachrichten einzuziehen; insbeſondere liebte ich die Unterhaltung mit Matroſen und Soldaten, welche Feldzüge und Seekriege mitgemacht hatten, und da mich die geſpannte Aufmerkſamkeit, mit der ich zuhörte, kein Wort von dem, was mir einer ſagte, vergeſſen ließ, ſo wußte ich bald, das heißt nach wenigen Jahren, faſt eben ſo gut von dem holländiſchen Kriege, von den Seeſchlachten, von den Feldzügen in Flandern, der Einnahme von Maſtricht und dergleichen zu erzählen, als diejenigen, welche dabei geweſen waren. Dieß verſchaffte mir die Zuneigung der alten Sol⸗ daten und Theerjacken; ſie unterhielten ſich gern mit mir und erzählten mir alle Geſchichten, deren ſie ſich noch erinnern 23&f& konnten, nicht nur ſolche, die auf die neuere Zeit Bezug hatten, ſondern auch Cromwells Kriege, den Tod König Karls I. u. dgl. 1 Durch ſolche Mittel bildete ich mich trotz meiner Jugend gewiſſermaßen zu einem Hiſtoriker aus, und obgleich ich keine Bücher geleſen und ſolche überhaupt niemals zum Leſen in die Hände bekommen hatte, war ich doch im Stande, von allen merkwürdigen Ereigniſſen und dem Thun und Treiben in der Welt eine erträgliche Schilderung zu geben; beſonders aber konnte ich meine hiſtoriſche Gewandtheit in jenen Angelegenheiten entwickeln, die das Intereſſe meines eigenen Volkes berührten. Ich wußte den Namen eines jeden Schiffes der Marine, ſo wie den ſeines Befehlshabers, und dieß alles noch vor meinem vierzehnten Jahre, oder doch wenigſtens kurze Zeit nachher. Capitän Jack fiel um dieſe Zeit in eine ſchlimme Ge⸗ ſellſchaft und trennte ſich in Folge deſſen von uns. Es ſtand eine geraume Zeit an, bevor uns irgend eine Nachricht über ſeine neuen Schickſale zu Ohren kam, bis ich nach etwa einem halben Jahre erfuhr, daß er unter eine Bande von Seelenverkäufern gerathen ſei. Es war dieß eine Art von Gaunern, deren Hauptgewerbe war, den Leuten ihre Kin⸗ der zu rauben, und das ſaubere Verfahren beſtand darin, daß ſie dieſelben in der Dunkelheit ſchnell aufgriffen, ihnen den Mund verſtopften und dann in Häuſer ſchleppten, wo weitere verruchte Hände zu ihrer Empfangnahme bereit 2 24 S&- waren; von hier aus wurden die unglücklichen Geſchöpfe an Bord der nach Virginien beſtimmten Schiffe gebracht, um daſelbſt verkauft zu werden. Dieß war ein Gewerbe, das für den ſtruppigen Jack, wie ich ihn gewöhnlich nannte, vortrefflich paßte, beſonders der gewaltſame Theil deſſelben; denn wenn ein kleines Kind in ſeine Klauen fiel, wollte er ihm, anſtatt den Mund, lieber gleich den Athem ſtopfen, und nie machte ihm die Beſchwichtigung des unglücklichen Kleinen viele Sorgen— er erdroſſelte es faſt und verhinderte ſo jeden Lärm, der möglicher Weiſe bei einem ſo ſaubern Geſchäfte hätte gemacht werden können. Um dieſe Zeit mußte unter der Bande eine ganz abſcheuliche Geſchichte vorgefallen ſein, bei der es ſich darum handelte, ob ein Kind gemordet oder ſonſt auf eine unnatürliche Art mißhandelt worden war. Das Opfer ge⸗ hörte, wie es ſchien, einem hochſtehenden Bürger, und die Eltern bekamen auf irgend eine Art Wind von dem Schurken⸗ ſtreiche, ſo daß ſie ihr Kind, obgleich in einem traurigen Zuſtande und halbtodt, wieder zurück erhielten. Ich war damals noch zu jung, und es ſind zu viele Jahre darüber verfloſſen, um mich jetzt der ganzen Geſchichte noch klar zu erinnern; nur das weiß ich noch mit Beſtimmtheit, daß alle Glieder der abſcheulichen Geſellſchaft aufgegriffen und nach Newgate geführt wurden, unter ihnen auch Capitän Jack, obgleich er noch ſehr jung war: der Burſche hatte damals kaum das dreizehnte Jahr zurückgelegt. Jack, ders Kind und, die 25 G Was für eine Art von Strafe über die Genoſſen dieſer Bande verhängt wurde, weiß ich nicht anzugeben; denn ich erinnere mich nur noch, daß der Capitän in Rückſicht auf ſein jugendliches Alter die Ehre hatte, zu Bridewell dreimal tüchtig gepeitſcht zu werden. Der Lordmajor, der ihm das Urtheil publicirte, ſagte ihm, dieß geſchehe nur aus Mitleid mit ihm, um ihn vor dem Galgen zu bewahren, vergaß aber dabei nicht, ihm ſeine entſchiedene Galgenmiene vorzu⸗ halten und aus dieſem Grunde anzuempfehlen, daß er ſich ja recht in Acht nehmen möchte. So bezeichnend war des Capitäns Geſicht ſchon in dieſer frühen Jugend, und er mußte ſich ſpäter bei vielen Anläſſen ein Gleiches ſagen laſſen. Als er zu Bridewell war, hörte ich von ſeinem Mißge⸗ ſchicke, weßhalb der Major und ich den Entſchluß faßten, ihn zu beſuchen; denn bis auf dieſen Augenblick hatten wir nie erfahren, was aus ihm geworden war. An demſelben Tage, an welchem wir unſere Abſicht ausführen wollten, wurde eben die richterliche Correction, wie ſie es nannten, an ihm vorgenommen, die denn auch in der vollen Strenge, welche das Urtheil vorſchrieb, an ihm vollzogen ward. Bei dieſer Gelegenheit hielt der Prãä⸗ ſident von Bridewell, der, wie ich glaube, Sir William Turner hieß, eine eindringliche Rede, in welcher er ihm ſeine Jugend vorſtellte, und wie ſchrecklich es ſei, daß ein ſo junger Menſch geraden Wegs dem Galgen zueile; er ſolle ſich die gegenwärtige Züchtigung zur Warnung dienen laſſen 23 26 S⸗ und bedenken, welche Verruchtheit es ſei, arme und unſchul⸗ dige Kinder zu ſtehlen. Während der ganzen Rede ſchlug der Gerichtsdiener unbarmherzig auf ihn los; denn er durfte nicht aufhören, bis Sir William mit einem kleinen Hammer auf den Tiſch klopfte. Der arme Capitän ſtampfte, tanzte und ſchrie, wie ein Wahnſinniger. Ich muß übrigens geſtehen, daß ich gleich⸗ falls faſt bis in den Tod erſchrocken war; denn obgleich ich mich als ein armer Junge nicht ſo weit nähern konnte, um das gräuliche Verfahren mit ihm genauer betrachten zu können, ſah ich doch nach der Execution, wie ſein Rücken mit Schwielen und Hieben ganz überſäet war, an mehreren Stellen ſogar voll Blut, und ich meinte ſchon, Zeuge ſeines Todes ſein zu müſſen. Ich ſollte indeſſen ſpäter ſchon beſſer mit derartigen Dingen vertraut werden. Sobald ich die Erlaubniß bekam, den Capitän zu be⸗ ſuchen, bot ich allem auf, den armen Wicht zu tröſten. Das Schlimmſte war indeſſen noch nicht über ihn gekommen; denn zweimal noch hatte er die Ruthe zu koſten, bevor ſeine Strafe zu Ende war; und in der That peitſchte man ihn auch ſo ernſtlich durch, daß ihm das edle Handwerk des Kinderſtehlens auf einige Zeit wohl vergehen mußte. Lange übrigens dauerte dieſe Nachwirkung nicht: denn er gerieth bald wieder unter die alte Bande und blieb unter ihr, ſo lange ſie ihr ſchändliches Gewerbe, das erſt nach ein paar Jahren ſein Ende nahm, forttrieb. Zweites Kapitel. Major Jack macht ſein Glück und fängt an, als Gentleman zu leben. — Mein erſter Feldzug und der Will.— Die volle Brieftaſche und die ſchlafloſe Nacht. Der Major und ich, obgleich noch ſehr jung, hatten doch das ernſte Verfahren mit dem Capitän ſehr zu Herzen und eine ernſte Rückerinnerung daran in unſerm Innern mitgenommen. Eine ſolche Sprache ſchien uns ſehr klar und eindringlich, und wir fühlten uns eigentlich ſo gut ab⸗ geſtraft, als der Capitän ſelbſt, obgleich wir an ſeinem Ver⸗ brechen nicht den entfernteſten Antheil genommen hatten. Es war aber kaum ein Jahr verſtrichen, ſo ließ ſich auch der Major, von einem Paar junger Gauner, die ihr Quartier auch in der Glashütte genommen hatten, zu einem Spaziergange, wie ſie ſagten, verleiten. Die Herrchen waren alle ziemlich gleichen Alters; der Major mochte unge⸗ fähr zwölf Jahre zählen, während der älteſte von beiden Verführern nicht über vierzehn alt war; als Ziel des Aus⸗ fluges wählte man den Bartholomäimarkt, um dort— mit Einem Worte fremde Taſchen zu leeren. 28 E⸗ Der Major war in dieſem Geſchäfte nicht bewandert und wollte deßhalb auch nicht mitmachen; ſeine Genoſſen verſprachen ihm aber an der ganzen Beute den gleichen Antheil, den die Gewandtern und Erfahrneren erhielten, und ſo gingen ſie mit einander. Die zwei geübten jungen Galgenſtricke führten dort ihre Geſchäfte ſo gut aus, daß ſie ſchon ungefähr Abends 8 Uhr wieder in ihr ſtaubiges Quartier unter der Glashütte zurückkehrten. Dort kauerten ſie ſich in eine Ecke zuſammen und theilten ihren Raub, zu welchem Geſchäfte ihnen das Feuer der Glashütte als Licht diente. Der Major packte die Herrlichkeiten aus; denn ſo⸗ bald die Andern eine Erwerbung gemacht, hatten ſie dieſelbe auf ihn abgeladen, damit bei ihnen ſelbſt, im Falle ſie we⸗ gen Diebſtahls ſollten feſtgenommen werden, nichts von dem Geſtohlenen anzutreffen wäre. Der Markttag hatte die Geſellſchaft mit einem wahren Höllenglück überſchüttet; der Satan ſelbſt mußte ihnen bei der Auffindung ihres Raubes beigeſtanden ſein, um ſich in dem Major einen neuen Braten nachzuziehen und ihn zu Unternehmungen zu ermuthigen, von denen ihn das Unglück des Capitäns hätte abſchrecken können. Folgendes war ihre Beute von dem erſten Abende:. 1) Ein weißes Schnupftuch von einem Landmädchen, das im Staunen über einen Hanswurſt auf ihre Taſche zu achten vergeſſen hatte; in ein Ende des Tuches waren 29 drei Schillinge und ſechs Pence und ein Stecknadeln⸗ brief eingeknüpft. 2) Ein farbiges ditto aus der Taſche eines jungen Bauern⸗ burſchen, während derſelbe eine chineſiſche Pommeranze kaufte. 3) Ein geknüpfter Geldbeutel mit einem Inhalte von eilf Schillingen, drei Pence und einem ſilbernen Fingerhut, der aus der Taſche einer jungen Frau gefallen war; die Diebe kaperten ihn, als eben ein junger Mann ihr denſelben aufheben wollte. Die Frau vermißte ihren Beutel augenblicklich; da ſie aber den Dieb nicht be⸗ merkte, bezüchtigte ſie den Mann, der ihn aufheben wollte, des Raubes und rief:„ein Taſchendieb!“ Der Unſchuldige fiel in die Hände des Pöbels, wußte ſich aber, da er in der Straße bekannt war, obwohl nicht ohne große Schwierigkeit, zu retten. 4) Ein Meſſer und eine Gabel, die ein Paar Jungen eben erſt gekauft hatten und nun heim tragen wollten; der junge Taugenichts, der den Diebſtahl beging, war ſchon die Minute darnach, als der Knabe ſeinen Kauf⸗ in die Taſche geſteckt hatte, im Beſitze des Raubes. 5) Ein kleines ſilbernes Büchschen mit ſieben Schillingen, die in lauter kleinen Münzſorten, Ein⸗, Zwei⸗, Drei⸗ und Vierpenny⸗Stücken beſtanden. Ein Mädchen ſchien dieſes Büchschen, um beim Eingange in eine Comö⸗ dienbude das Eintrittsgeld zu bezahlen, aus der Taſche 30& gezogen zu haben, und der kleine Spitzbube benützte den Augenblick, in dem ſie es wieder einſtecken wollte. 6) Ein weiteres Taſchentuch von Seide, aus der Taſche eines Herrn. 7) Ein ditto. 4 8) Eine Gliederpuppe und ein kleiner Spiegel, geſtohlen aus der Marktbude eines Trödelhändlers. Dieſe ganze Ladung wurde in Einem Nachmittage oder vielmehr Abend heimgebracht, und ich muß geſtehen, ein ſol⸗ cher Diebſtahl, blos von jungen Lehrlingen im Handwerke ausgeführt, war in der That außerordentlich; der Major wurde auch den folgenden Tag auf eine höhere Rangſtuft befördert. Er kam, da ich nicht weit von ihm entfernt mein Lager hatte, ſchon in aller Frühe und ſagte mir:„Oberſt Jack ich möchte gern etwas mit Dir reden.“—„Gut,“ ſagte ich,„was weißt Du?“—„Hier kann ich wegen der mög⸗ lichen Folgen nicht ſprechen,“ entgegnete er; und ſo gingen wir mit einander hinaus. Sobald wir in ein ſchmales Gäßchen in der Nähe der Glashütte eingetreten waren, flüſterte er mir ein freudiges„Sieh da“ zu und zog faſt eine ganze Hand voll Geld hervor. Ich war überraſcht von dem Anblicke, und noch mehr als er das Geld wieder einſteckte und ſogleich ſeine Hand wieder hervorbrachte.„Da,“ ſagte er;„Du ſollſt auch da⸗ von haben;“ und mit dieſen Worten gab er mir ein Sechs⸗ mit ſeh Lal ützte ollte. aſche ohlen oder ſol⸗ werke Najor gſtufe Lager Jack ſagte mög⸗ zingen males varen, g faſt mehr Hand ch da⸗ Sechs⸗ 31&⸗ Penceſtück nebſt einem Schilling in lauter kleinen Münz⸗ ſorten. Dieſes Geſchenk war mir äußerſt willkommen, da ich— ein Gentleman, der nach meiner ganz richtigen An⸗ ſicht auch Geld haben mußte— in meinem ganzen Leben vorher nie über einen Pfennig zu gebieten gehabt hatte. Ich war ſehr begierig, zu erfahren, auf welchem Wege der Major zu dieſem Reichthume gekommen war; denn ſein Antheil an dem Raube beſtand in ſieben Schillingen ſechs Pence in Geld, in dem filbernen Fingerhut und einem ſei⸗ denen Sacktuche, was natürlich für einen Menſchen, der, wie ich ſelber auch, früher nie über einen Schilling zu ge⸗ bieten gehabt hatte, ein großer Reichthum war. „Und, was willſt Du jetzt damit thun, Jack?“ ſagte ich.—„Was ich damit thun will?“ entgegnete er;„zuerſt habe ich im Sinne, in eine Trödelbude zu gehen und mir ein Paar Schuhe und Strümpfe zu kaufen.“—„Das iſt recht,“ erwiederte ich;„ich will ein gleiches thun.“ Und ſo gingen wir zuſammen fort und kauften uns bei dem nächſten beſten Trödler zwei Paar Strümpfe, die zuſammen fünf Pence koſteten, und die ſo gut waren, daß ſie nur ſchlecht mit unſerem übrigen Anzug harmonirten. Schwieriger fanden wir es, uns mit Schuhen zu ver⸗ ſehen, da wir in dieſer Beziehung etwas ekel waren; endlich aber fanden wir, was wir ſuchten, in einem wohlverſehenen Laden, wo wir ſechszehn Pence für zwei Paar Schuhe bezahlten. 2 32& Wir zogen ſogleich dieſe neuerworbenen Montirungs⸗ ſtücke an und gefielen uns nicht wenig darin; denn wir hatten ſeit langer Zeit keinen Strumpf beſeſſen, der an unſere Beine gepaßt hätte; auch befand ich mich ſehr be⸗ haglich in meinen warmen Strümpfen und in meinem Paar trockener Schuhe— Dinge, die ich faſt nur vom Hören⸗ ſagen kannte, ſo daß mir jetzt auf einmal in dem Bewußt⸗ ſein, ein Gentleman zu ſein, der Kamm ſchwoll, und ich der feſten Ueberzeugung lebte, es werde von nun an alles beſſer gehen. Als wir uns ſo herausſtaffirt ſahen, ſagte ich zu meinem Kameraden:„Höre, Major, wir beide, Du und ich, haben in unſerm Leben nie Geld beſeſſen und auch nie ein ordentliches Mittageſſen zu uns genommen. Wie wäre es, wenn wir hingingen und uns einige Lebensmittel ein⸗ kauften? Ich bin ſehr hungrig.“ „Ja, das wollen wir,“ entgegnete der Major;„ich bin gleichfalls hungrig.“ Und ſo begaben wir uns in eine Gar⸗ küche in Roſemarylane, wo wir uns nobel tractiren ließen und, meiner Anſicht nach, ganz wie Gentlemen zu leben anfingen; denn wir verzehrten daſelbſt für drei Pence Ochſen⸗ fleiſch, einen Pudding für zwei Pence, für einen Penny Back⸗ ſteinbrod und eine ganze Pinte ſtarkes Bier, was in allem ſieben Pence ausmachte. Wir erhielten dazu noch eine Schüſſel trefflicher Fleiſchbrühe in den Kauf. Am meiſten fühlte ſich aber mein Herz entzückt, als das Mädchen und der Aufwart⸗ junge, ſo oft ſie an dem offenen Ställchen, in welchem wir — 33 SE tafelten, vorbeikamen, hereinſahen und fragten:„Haben die Gentlemen gerufen?“ oder„befehlen die Gentlemen irgend etwas? Dieſe Begrüßung behagte mir eben ſo ſehr, als mein Mittageſſen. Die beſte Haushälterin im Sprengel von Stepney, der Lordmayor von London, ja ſogar der größte Mann auf der ganzen Erde hätte ſich in ſeiner Einbildung nicht glücklicher und ſorgenfreier fühlen können, als ich mich in meinem nun⸗ mehrigen Wohlſtande dünkte; denn obgleich Major Jack in Vergleichung mit mir ein wahrer Cröſus war, ſo konnte ich mich doch in Vergleich mit meinem früheren Beſitzthum für einen reichen Mann halten, obſchon mein ganzer An⸗ theil an der Beute nur aus achtzehn Pencen beſtand. Denſelben Abend legten der Major und ich ſich im ſelig⸗ ſten Freudenrauſche nieder, und wir beide ſchliefen herrlich an dem gewohnten Platze, gewärmt von dem Feuer der Glashütte über uns, welches uns vollen Erſatz für den Staub und die Aſche gewährten, in denen wir umher kugelien. Wer die Einrichtung dieſer Glashütten und der Ge⸗ wölbe kennt, in denen die Flaſchen, nachdem ſie geblaſen ſind, abgekühlt werden, der weiß auch, daß die Behälter, wohin die Aſche geworfen wird, und wo die armen Knaben ihre Schlafſtätten ſuchen, aus gemauerten Höhlungen be⸗ ſtehen, die überall bis auf den Eingang feſt verſchloſſen ſind; ſie ſind daher ſo warm wie die Ankleidezimmer eines Bad⸗ hauſes, ſo daß man, hätte man ſie ſelbſt in Grönland oder Oberſt Jack. II. 3 — — ———m — 34&⸗ Novo Zembla, keine Kälte darin ſpürt, weßhalb ſie ſich zu recht behaglichen Schlafſtätten eignen, die Aſche ausgenom⸗ men, die uns übrigens nicht im mindeſten beläſtigte. Des andern Tages ging der Major abermals mit ſeinen Kameraden aus und arbeitete gleichfalls mit gutem Erfolge, wie ſie denn auch, ich weiß nicht wie viele Monate, ihr Gewerbe ungeſtört forttrieben. Major Jack wurde in Folge des Unterrichts und der Uebung ein ſo geſchickter Taſchen⸗ dieb, als nur irgend einer ſeiner Geſellſchaft, und machte geraume Zeit eine glänzende Carriere, die indeß zu lang iſt, als daß ich mich noch weiter damit befaſſen könnte, da ich jetzt auf meine eigene Geſchichte zurückkommen muß. Der Major verfehlte nicht, mich jeden Tag die Früchte ſeiner von Glück begünſtigten Betriebſamkeit ſehen zu laſſen, und war auch ſo gefällig, mir hin und wieder ein Sechs⸗ penceſtück, bisweilen auch einen Schilling zuzuwerfen. In⸗ zwiſchen hatte er ſich auch Kleider angeſchafft, die den Auf⸗ enthalt in den Aſchenlöchern nicht mehr geſtatteten, und ſich daher eine Geſellſchaftswohnung aufgeſucht, die ich gelegent⸗ lich näher beſchreiben werde; was aber mehr als alles war, er trug jetzt ein Hemd— ein Luxusartikel, den weder er noch ich ſeit drei Jahren und darüber gekannt hatten. Dieſe ganze Zeit über bemerkte ich, daß Major Jack, obgleich er ſein Gewerbe ſchwunghaft betrieb und ſtets gütig, ſogar großmüthig gegen mich war, indem er mir oft Geld gab, mich doch nie einlud, ſeiner Geſellſchaft beizutreten oder en, In⸗ uf⸗ ſich ent⸗ dar, er ack, tig, Beld oder 35 S⸗ in Gemeinſchaft mit ihm zu arbeiten, damit ich mich eines gleichen Glückes zu erfreuen haben möchte. Dieſe Zurückhaltung gegen mich wollte mir nicht recht gefallen. Ich wußte zwar im allgemeinen von ihm, daß ſich ſeine Betriebſamkeit auf das Leeren von anderer Leute Taſchen erſtreckte, und bildete mir wohl ein, daß die ganze Kunſt in einer leichten Hand und in einer großen Fertigkeit und Geſchwindigkeit beſtehe, meinte übrigens, daß dieß nicht allzuſchwer zu erlernen ſein dürfte. Auch hielt ich die Ge⸗ legenheit dazu für nicht gerade ſelten, da die Landleute, welche nach London kommen, thöricht genug find, über dem Gaffen alles andere zu vergeſſen, und ſo mochte nun das Handwerk mit keiner zu großen Gefahr verbunden und die Schule leicht durchzumachen ſein, wenn man nur einmal mit den Elementarbegriffen und der Art, mit der man es anzugreifen hatte, vertraut war. Der Teufel iſt indeß ſchlau genug und zu allen Zeiten bereit, ſeine Diener zu ermuthigen; er beſeitigte alle Schwierig⸗ keiten und brachte mich in vertrauteſten Verkehr mit einem Taſchendiebe der Stadt, und der neue Verbündete trug Sorge dafür, daß ich glücklich in ſein Gewerbe eingeleitet wurde. Er ſtand höher als die kleinen Jungen, welche wegen Kleinigkeiten und puren Tandes die Bartholomäimeſſe be⸗ ſuchten und ſich der Gefahr ausſetzten, für drei oder vier Schillinge vom Pöbel zerriſſen zu werden. Sein Streben 3 3 ging nach größeren Dingen, da er es immer auf beträcht⸗ liche Summen und Banknoten abgeſehen hatte. Er lag mir ernſtlich an, ſeine Spaziergänge mit ihm zu theilen, indem er es mir anheimſtellte, ſo ſchlecht zu ſein, als ich wollte, wenn ich einmal das Handwerk verſtand, das heißt— um mich ſeiner eigenen Ausdrücke zu bedienen— er gedachte, mich in das Geſchäft einzuführen, und wollte es dann mir überlaſſen, es auf eigene Fauſt fortzuſetzen, wenn ich Luſt dazu hätte, wozu er mir alles mögliche Glück wünſchte. Er machte es gerade wie Major Jacks Kameraden, indem er mich vor der Hand mit ſich nahm, um Zeuge der Technik zu ſein, da ich weiter nichts zu thun hatte, als die Beute von ihm in Empfang zu nehmen, wobei ich, wenn ich meinen Auftrag gut ausführte, den gleichen Antheil wie er haben ſollte; er verſicherte mir, dieß wäre Handwerks⸗ brauch, um junge Anfänger zu ermuthigen; denn man wäre für das Geſchäft verdorben, wenn man nicht eine löwen⸗ kühne Unerſchrockenheit beſäße. Ich zögerte geraume Zeit und ſtellte ihm die Gefahr vor, indem ich ihm die Geſchichte des Capitän Jack— meines ältern Bruders, wie ich ihn nennen möchte— erzählte. „Gut, Oberſt,“ ſagte er;„ich finde, Du biſt ein Haſen⸗ herz, und ſolche Leute ſind in der That unbrauchbar für unſer Gewerbe, da ſich nur eine muthige Seele dabei durch⸗ zuhelfen weiß. Da Du indeß vor der Hand nichts bei der 2 37 e- Sache zu thun haſt, ſo iſt wenigſtens für das erſte Mal durchaus keine Gefahr für Dich zu befürchten. Werde ich auch aufgegriffen,“ fügte er bei,„ſo kann man Dir nicht zu Leibe, und man muß Dich frei ausgehen laſſen, da ich der Sache leicht eine Wendung geben kann, welche den Beweis führt, daß Du bei meinen Thaten nicht die Hand im Spiele hatteſt.“ So ließ ich mich endlich bereden, mit ihm auszuziehen. Ich fand indeß bald, daß mein neuer Freund ein qualificirter Jauner und kein gemeiner Taſchendieb war, da er ſich ſein Ziel weit höher als mein Bruder Jack ſteckte. Er war ein anſehnliches größer als ich, da ich trotz meiner fünfzehn Jahre zu den kleinen Jungen gehörte; und als ich ihm an⸗ fangs folgte, war ich mit der Natur meines Unterfangens ſo wenig bekannt, daß ich meine Betheiligung an ſeinen Streifzügen lange Zeit nicht einmal für ein Verbrechen anſah. Ich betrachtete die Beutelſchneiderei als ein eigent⸗ liches Gewerbe, in welchem ich jetzt die Lehrzeit durchzu⸗ machen vermeinte. Ich hatte dieſe Anſicht ſowohl meiner Jugend, als auch meinem kurzen Verkehr mit den Jaunern zu verdanken; aber ſelbſt ſpäter ſah ich in dem Ganzen nichts weiteres, als daß wir bei unſerer Fingerfertigkeit Gefahr liefen, im Falle des Ertapptwerdens unter die Pumpe zu kommen, womit dann alles abgemacht wäre— und was machten wir uns daraus, wenn unſere Lumpen auch ein wenig durchnäßt wurden? Erſt lange nachher erfuhr ich, 38 S⸗ daß wir uns mit einem Kapitalverbrechen abgäben, wofür wir nach Newgate geſchickt werden könnten— eine Ent⸗ deckung, welche ich dem Umſtande verdankte, daß ein großer Burſche unſerer Geſellſchaft, den man faſt unter die Männer zählen konnte, wegen ſeiner Streiche gehangen wurde. Dieſer Vorfall erfüllte mich mit einer wahren Todesangſt, wie der Leſer ſeiner Zeit hören wird. Den Ueberredungskünſten des obgenannten Burſchen weichend, ging ich alſo mit ihm aus, und als einem un⸗ ſchuldigen armen Jungen— ich erinnere mich noch recht wohl meiner damaligen Gedanken— kam mir damals durchaus nichts Arges zu Sinne. Ich hatte in meinem Leben nie etwas geſtohlen, und wenn mir etwa ein Gold⸗ ſchmied ſeinen Laden anvertraute, ſo hätte mir meine Ehr⸗ lichkeit nicht erlaubt, nur einen Heller von dem haufenweiſe um mich liegenden Gelde anzurühren; aber der ſchlaue Ver⸗ ſucher lockte mich mit einem Köder, wie er für meine Jugend paßte, indem er mir den Taſchendiebſtahl als etwas Unver⸗ fängliches— als ein eigentliches Gewerbe vorſtellte, das ich erlernen ſollte. So wurde ich, ohne es zu wollen, ein Dieb und trieb mich lange auf dieſen nächtlichen Wegen herum, ohne daß ich das gewöhnliche Ziel derſelben, nämlich das Deportationsſchiff oder den Galgen, erreichte. Mein Lehrer führte mich auf dem erſten Ausfluge un⸗ mittelbar nach der City, und da wir zuerſt die Flußſeite beſuchten, ſo ging er mit mir in die Halle des Zollhauſes. 39 G Wir waren im beſten Falle ein paar zerlumpte Jungen, was ſich hauptſächlich von mir ſagen ließ; denn mein Führer hatte doch wenigſtens einen Hut, ein Hemd und ein Hals⸗ tuch, lauter Artikel, deren ich mich nicht rühmen konnte, da ich mich ſeit dem Tode meiner Amme, das heißt, ſchon ſeit mehreren Jahren, nicht ſo weit verhätſchelt hatte, um für meinen Kopf eines Hutes zu bedürfen. Er trug mir auf, mich immer in ſeiner Nähe, aber nicht dicht an ihn zu halten und allen Anſchein zu vermeiden, als ob ich auf ihn Acht gäbe, bis er zu mir käme; entſtünde übrigens ein Tumult, ſo ſollte ich durchaus nicht thun, als ob ich ihn kenne oder überhaupt mit ihm zu ſchaffen habe. Ich kam dieſer Weiſung buchſtäblich nach. Während er ſich in allen Ecken umſah und ſeine Augen auf allen Anweſenden umherſtreifen ließ, ließ ich ihn keinen Augen⸗ blick aus dem Geſichte, obgleich ich mich ſtets in einer ge⸗ wiſſen Entfernung hielt und an der andern Seite der Halle auf⸗ und abſpazierte, wobei ich mir den Anſchein gab, als leſe ich die Stecknadeln im Staube auf, deren ich auch wirklich vierzig bis fünfzig gefunden und in meinen Rock⸗ ärmel geſteckt hatte. Dabei ſchielte ich aber ſtets nach mei⸗ nem Kameraden, der, wie ich bemerkte, ſich gar geſchäftig unter der Menge umhertrieb, die an der Zollbank Güter aufnehmen ließ, Scheine löste u. dgl. Endlich näherte er ſich mir, bückte ſich, als wolle er dicht neben mir eine Nadel aufnehmen, und drückte mir 2 40 Se⸗ etwas in die Hand, indem er mir ſagte:„Stecke dieß ein, und folge mir raſch die Treppe hinunter.“ Dann ſchlen⸗ derte er langſam durch die Menge und verließ die Halle an einem andern Ende, als an dem, durch welches wir her⸗ eingekommen waren. Als er ſah, daß ich ihm nachfolgte, blieb er nicht, wie ich erwartet hatte, unten ſtehen, ſondern eilte, ohne mir ein Wort zu ſagen, weiter, bis wir durch unzählige enge Gäßchen und Bogenwege, die Fenchurchſtraße, die Billittergaſſe und die Leadenhallſtraße nach dem Leaden⸗ hallmarkt gelangten. Da gerade kein Fleiſchmarkttag war, ſo hatten wir Raum genug, uns auf eine der Schlächterbänke niederzu⸗ ſetzen, und nun hieß er mich auspacken. Er hatte mir eine lederne Brieftaſche gegeben, in der ein franzöſiſcher Schreib⸗ kalender und viele Papiere verſchiedener Art ſteckten. Wir beſahen unſere Beute und fanden mehrere werth⸗ volle Wechſel, Treſſorſcheine und andere Noten darin, von denen ich nichts verſtand; darunter war auch eine Gold⸗ ſchmidsrechnung, wie mein Freund ſie nannte, auf einen gewiſſen Sir Stephen Evans, im Betrage von dreihundert Pfunden, die an den Ueberbringer derſelben ausbezahlt wer⸗ den ſollten, und eine andere derartige von zwölf Pfunden zehn Schillingen, deren Adreſſe ich jedoch vergeſſen habe. Wir entdeckten auch ein oder zwei franzöſiſch geſchriebene Wechſel, die jedoch keiner von uns verſtand, obgleich ſie einen großen Werth zu haben ſchienen und als acceptirt unterzeichnet waren. rth⸗ von old⸗ inen dert wer⸗ nden Wir hſel, oßen aren. 41 So⸗ Mein Lehrer, der ein durchtriebener Schelm war, wußte wohl, wie man ſich bei derartigen Goldſchmidsrechnungen zu verhalten hatte, wie er denn auch, als er die des Sir Stephens las, bemerkte:„Dieſe iſt zu groß, als daß ich mich damit befaſſen möchte.“ Als ihm aber die zwölf Pfund und zehn Schillinge unter die Hand fielen, ſo ſagte er: „Komm, Jack, mit dieſer wird's gehen.“ Und mit dieſen Worten packte er haſtig die übrigen Papiere in die Brief⸗ taſche und eilte nach der Lombardſtraße, wohin ich ihm nachfolgte. Er hatte bald den Namen des Betreffenden ausfindig gemacht und ſchritt mit einem ernſten Geſichte hinein, wo ihm auch das Geld ohne alle Zögerung oder Nachfrage ausbezahlt wurde. Ich ſtellte mich auf der andern Seite der Straße auf und betrachtete mir gleichgültig die Häuſer, bemerkte übrigens, daß mein Kamerad, als er die Wechſel präſentirte, dte Brieftaſche herauszog und ſich dabei ganz das Anſehen eines mit dem Geſchäft vertrauten Laden⸗ burſchen gab, der noch andere Wechſel bei ſich hätte. Man zahlte ihm das Geld in Gold aus, worauf er, nachdem er es flüchtig überzählt, ſich entfernte und an mir vorbei nach dem Dreikönigshof auf der andern Seite der Straße ging; dann bogen wir hinten in die Clemensgaſſe ein, eilten nach Colehorbour an der Themſe und ließen uns für einen Penny nach der Saint Mary⸗Ovens Treppe über⸗ ſetzen, wo wir wohlbehalten ans Land ſtiegen. Hier wandte er ſich an mich, indem er ſagte:„Oberſt 42 G&⸗ Jack, ich glaube, Du biſt ein Glückskind; denn wir haben da ein gutes Geſchäft gemacht. Jetzt wollen wir aber nach Saint Georgesfield gehen und unſere Beute theilen.“ Dem⸗ gemäß verfügten wir uns nach dem bezeichneten Orte und ſetzten uns ziemlich abſeits von der Straße ins Gras nieder, wo er das Geld herauszog.„Sieh einmal her, Jack,“ ſagte er;„haſt Du je in Deinem Leben ſo etwas geſehen?“ —„Nein,“ entgegnete ich, indem ich in meiner Unſchuld beifügte:„Dürfen wir aber auch alles behalten?“—„Alles behalten?“ verſetzte er.„Wer ſollte denn ſonſt etwas davon bekommen?“—„Nun, ich dächte, der Mann, der es ver⸗ loren hat?“ erwiederte ich.—»„Was?— der?“ ſagte er. „Was willſt Du damit ſagen?“—„Ich weiß es ſelbſt nicht,“ entgegnete ich.—„Aber warum ſagteſt Du denn vorhin, er ſolle den andern Wechſel wieder haben, da er zu groß für Dich ſey?“ Er lachte mich aus und ſagte:„Du biſt allerdings nur ein kleiner Junge, aber für ſo kindiſch hätte ich Dich doch nicht gehalten.“ Er ſetzte mir dann die Sache mit vielem Ernſte ſo aus einander:„Die Summe des Sir Stephen Evans iſt zu groß, und wenn ein armer Junge, wie ich, es wagen wollte, das Geld zu holen, ſo wäre die erſte Frage, wie ich zu dem Wechſel gekommen; denn ent⸗ weder müſſe ich ihn gefunden oder geſtohlen haben. Man würde mich daher greifen, ihn mir abnehmen, und ſo hätte ich tauſend Ungelegenheiten. Wenn ich daher ſagte, die 2 43& Summe ſei zu groß, als daß ich mich damit befaſſen könne, ſo iſt das ſo zu verſtehen, daß ich den Wechſel gern dem Eigenthümer wieder heimgeben wollte, wenn ich nur wüßte wie; aber von dem Gelde, Jack, das wir da haben, ſoll er, ich ſtehe Dir dafür, nicht einen Penny wieder bekommen. „Außerdem,“ fügte er bei,„wird auch derjenige, welcher dieſe Brieftaſche verloren, ſobald er ſie vermißt, zu dem Goldſchmid laufen und ihm den Auftrag geben, daß man jeden, der das Geld hole, feſthalten ſolle. Jedenfalls bin ich doch zu alt, um mich auf dieſe Weiſe ertappen zu laſſen,“ meinte er. „Aber, was willſt Du denn mit dem Wechſel anfan⸗ gen?« fragte ich.„Ihn etwa wegwerfen? Wenn Du das thuſt, wird ihn ein anderer finden, der dann hingeht und das Geld holt.“—„Nein, nein,“ entgegnete er;„Geld kriegt niemand; denn man wird jeden anhalten und aus⸗ fragen, wie man es mit mir machen würde.“ Ich wußte mir dieß alles nicht zu erklären, und ſo ſprach ich nicht wei⸗ ter davon, ſondern ſchickte mich an, mit meinem Kameraden zu theilen. Ich hatte in meinem ganzen Leben nie ſo viel Geld beiſammen geſehen und wußte auch in der That nicht, was ich damit anfangen ſollte, ſo daß ich mich einigemal verſucht fühlte, meinen Freund zu bitten, es für mich auf⸗ zuheben, was übrigens kindiſch genug geweſen wäre, da ich ſicher nachher keinen Heller wieder zu Geſicht bekommen von meinem Häu 2 44 G⸗ hätte, obgleich er ſo glücklich war, nie der Gerechtigkeit in die Hände zu fallen. Zum Glücke unterließ ich jedoch dieſes Anſuchen, und ſo theilte er das Geld ganz ehrlich mit mir. Erſt am Ende ſagte er mir, es ſei zwar wahr, daß er mir die Hälfte verſprochen hätte; da dieß übrigens mein erſter Ausflug geweſen, und ich weiter nichts gethan, als dabei zugeſehen hätte, ſo hielte er es für billig, wenn ich etwas weniger, als er bekäme. Er theilte daher die zwölf Pfund und zehn Schillinge in zwei gleiche Theile und eignete ſich ſodann ſchen ein Pfund und fünf Schillinge zu⸗ mit der Bemerkung, daß ich ihm dieſes als Handgeld geben ſolle.„Gut,“ ſagte ich;„ſo nimm es; denn Du haſt es im Grunde ja ganz verdient.“ Ich nahm ſodann das Uebrige und fuhr fort:„Aber, was ſoll ich damit anfangen; denn ich habe nichts, wo ich es aufbewahren könnte?“— „Ei,“ fragte er,„haſt Du denn keine Taſchen?“—„J/* ſagte ich;„aber ſie ſind ganz durchlöchert.“ Ich habe ſeit⸗ dem oft nicht ohne Vergnügen daran gedacht, daß ich doch einmal ſo reich war, um nicht zu wiſſen, was ich mit mei⸗ angen ſollte; denn ich hatte keine Wohnung nen Schätzen anfe und eben ſo wenig einen Kaſten, oder eine Truhe, um ja, nicht einmal eine mein Geld aufbewahren zu können— Taſche, die im Stande geweſen wäre, mir dieſen Dienſt zu leiſten. Ich kannte niemand auf der ganzen Welt, dem ich es hätte zum Aufheben geben können; denn wo ich damit zu, den aſt das en; Ja,“ ſeit⸗ doch mei⸗ nung um eine Dienſt „dem damit 45 So⸗ hingekommen wäre, würde man, da ich nur ein armer zerriſſener Knabe war, geſagt haben, ich hätte Jemanden beſtohlen, was leicht dazu hätte Anlaß geben können, daß man ſich meiner verſicherte, und ſo wäre denn mein Geld mein Verbrechen geworden, wie es der Sage nach oft in fremden Ländern der Fall ſein ſoll. Mein Reichthum machte mir daher viel Sorge, da ich nicht wußte, wie ich ihn ver⸗ wahren ſollte; und ich trieb mich dieſen und den nächſten Tag in einer ſolchen Seelenangſt umher, daß ich mich end⸗ lich niederſetzte und weinte. Beſonders läſtig fiel mir jenes Geld am erſten Abende. Da es mit Ausnahme von vierzehn Schillingen in Gold beſtand, ſo trug ich es eine geraume Zeit in der Hand herum, obgleich mir dabei die vierzehn Schillinge weit mehr zu ſchaffen machten, als die vier Guineen. Ich ſetzte mich endlich nieder, zog einen meiner Schuhe aus und legte die vier Guineen hinein; aber nachdem ich eine Weile gegangen war, drückte mich der Schuh ſo, daß ich nicht mehr weiter gehen konnte und alſo wieder niederſitzen und das Geld heraus nehmen mußte, worauf ich es wieder in der Hand trug. Dann fand ich einen ſchmutzigen Leinwandlappen auf der Straße, den ich aufhob, meine geſammte Baar⸗ ſchaft hineinwickelte und ſie ſo eine gute Weile mit mir herumſchleppte. Ich habe ſeitdem oft die Leute ſagen hören, wenn ſie von einem Gelde, das ihnen nicht eingehen wollte, ſprachen, es wäre ihnen lieber, ſie hätten es in einem alten 2 46 SE Lumpen aufbewahrt, als in dieſer Weiſe ausgethan: mein Geldbeutel war jetzt im buchſtäblichen Sinne des Sprich⸗ worts ein alter Lumpen und noch obendrein ſchmutzig genug; doch that er die geeigneten Dienſte, bis ich an eine paſſende Stelle kam, wo ich mich niederſetzte, den Fetzen in der Goſſe auswuſch und mein Geld wieder darin verwahrte. So nahm ich es mit nach meinem Nachtquartier in die Glashütte, wo erſt die Sorge aufs neue anging und mir den Schlaf raubte; denn hätten meine ehrenwerthen Bekannten etwas davon gewußt, ſo hätten ſie mich wahr⸗ ſcheinlich in der Aſche erſtickt oder mir ſonſt eine Tücke geſpielt, um ſich meiner Baarſchaft zu bemächtigen. Ich wußte daher nichts anderes zu thun, als ſie in meiner Hand zu behalten und dieſe in meinen Bruſtlatz zu ſtecken; aber von Schlafen war keine Rede. So ſchwer laſtet die Sorge! Den armen Bettelknaben floh der Schlummer, ſobald er nur ein wenig Geld beſaß, während er ſonſt auf einem Haufen Ziegelſteinen, Aſche oder Spreu ſo geſund, ja noch geſünder, als ein reicher Mann auf ſeinem Daunenbette, geſchlafen hatte.. Wenn mir hin und wieder die Augen zufielen, ſo träumte mir, mein Geld wäre verloren, und ich fuhr erſchreckt wie⸗ der auf. Wenn ich dann fand, daß es noch in meiner Hand war, ſo verſuchte ich wieder einzuſchlafen, aber nur, um eben ſo ſchnell durch meine Träume wieder aufgeweckt zu werden. Endlich fuhr mir der Gedanke durch den Kopf, 5 47 SE⸗ wenn ich wirklich feſt ſchliefe, ſo könnte ich von dem Geld träumen und im Schlummet ausſchwatzen, daß ich es hätte, und ſobald einer von den jungen Schelmen um mich dieß hörte, ſo würden ſie es mir aus dem Buſen und aus der Hand nehmen, ohne mich zu wecken. Dieſe Beſorgniß ließ mich keinen Augenblick mehr ſchlafen; und ſo verbrachte ich die ganze Nacht in Angſt und Sorge— die erſte, in der die Bekümmerniſſe des Lebens und die Trüglichkeit des Reich⸗ thums den Schlummer von meinen Augen ſcheuchten. Drittes Kapitel. Der Schatz im Baume.— Ich fange an, einen Hut zu tragen.— Das Abenteuer im Zollhauſe.— Der gutherzige Schre'ber.— Ich . werde ein Capitaliſt. Sobald der Morgen graute, verließ ich mein Nacht⸗ lager und ſtreifte in den Feldern von Stepney umher, wobei mich ſtets der Gedanke quälte, was ich mit meinem Gelde anfangen ſollte, ſo daß ich oft wünſchte, es nicht zu beſitzen; denn trotz all meinem Sinnen und Ueberlegen konnte ich doch auf kein Mittel kommen, es ſicher unterzubringen, was mich endlich ſo verwirrte, daß ich mich, wie bereits geſagt, niederſetzte und aus Herzensgrund zu weinen anfing. Aber das Weinen änderte nichts in meiner Lage; denn immer hatte ich noch das Geld, mit dem ich nichts anzufan⸗ gen wußte. Endlich kam mir der Gedanke, mich nach irgend einem Loche in einem Baume umzuſehen und zu verzuchen, ob ich es nicht dort verbergen könnte. Ich that mir etwas auf dieſen geſcheidten Einfall zu gut und fing an nach einem Baume zu ſpähen; aber in den Feldern um Stepney und Mile⸗end war keiner zu finden, der für meinen Zweck paßte, 2 49 S⸗⸗ und wenn es auch der Fall geweſen wäre, ſo wimmelte es in der Gegend doch ſo ſehr von Menſchen, daß es nicht unentdeckt bleiben konnte, wenn ich hier irgend Etwas ver⸗ ſteckte. Ueberhaupt war es mir, als ſähen mir die Leute allenthalben nach, und insbeſondere meinte ich, daß mir zwei Männer folgten, um Acht zu geben, was ich beabſichtigte. Dieß trieb mich von der Stelle. Ich ging über den nach Mile⸗end führenden Weg in die Mitte der Stadt, wo ich in ein Gäßchen einbog, das nach der Herberge zum blinden Bettler in Bednak⸗green führt. Als ich eine Weile in dem Gäßchen fortgegangen war, ſtieß ich auf einen Fuß⸗ pfad nach den Feldern, in denen ich mehrere Bäume erblickte, welche, wie ich vermeinte, recht gut für meine Abſicht paßten. Auch fand ich endlich einen Baum, in dem ein kleines Loch, ziemlich hoch im Stamme, war, deßhalb ich an demſelben hinanklimmte und vie Oeffnung unterſuchte, die mir ein ganz paſſender Ort für meinen Zweck zu ſein ſchien. Ich ſteckte daher meinen Schatz hinein und war ungemein ver⸗ gnügt, ihn ſo untergebracht zu ſehen; aber ſiehe da— als ich meine Hand abermals hineinbrachte, um das Geld paſ⸗ ſender zu legen, ſo glitt es unter meinen Fingern weg, und ich fand nun, daß der Baum hohl und das kleine Päckchen ganz meinem Bereiche entrückt war, ohne daß ich wiſſen konnte, wie tief unten es im Stamme ſtack. So war denn mit Einem Worte mein Geld verloren; denn ich durfte nicht hoffen, es je wieder zu ſehen, da der Baum ſehr groß war. Oberſt Jack. II. 4 1 50 S⸗ Trotz meiner Jugend ärgerte ich mich doch ungemein über meine Dummheit, die mich keine Mittel finden ließ, mir das Geld zu bewahren, ſondern mich veranlaßte, es in ein Loch zu werfen, wo ich es nicht mehr herausholen onnte. Ich ſteckte meinen Arm bis an den Ellenbogen hin⸗ ein, aber da war kein Grund der Höhlung zu finden. Ich riß einen Aſt vom Baume ab und ſchob ihn gleichfalls hin⸗ unter, aber mit keinem beſſern Erfolge. Nun weinte ich— doch nein, ich ſchrie in leidenſchaftlichem Ungeſtüm laut auf. Ich verſuchte es wieder und wieder, mein Geld her⸗ aus zu holen, und langte ſo oſt in die Höhle, bis mein Arm ganz zerkratzt und blutig war, während ich die ganze Zeit über bittere Thränen vergoß. Denn nicht einmal ſo viel war mir geblieben, um mir nur einen Halbpennyweck kau⸗ fen zu können, und ich war ſehr hungrig. Ich verließ den Ort in wahrer Verzweiflung, heulend und brüllend wie ein Junge, der gepeitſcht wird, worauf ich wieder zu dem Baume zurückkehrte und abermals hinaufkletterte,— eine Uebung, die ich mehrere Male wiederholte. Als ich das letzte Mal an dem Baume hinangeklom⸗ men war, kam ich zufälliger Weiſe auf der andern Seite deſſelben herunter, und ſiehe da— der Baum hatte hart an der Erde eine große offene Stelle, wie es oft bei alten hohlen Bäumen der Fall iſt. Ich unterſuchte dieſelbe genauer und ſah zu meiner unausſprechlichen Freude mein Geld in dem Leinwandfetzen ganz ſo, wie ich es in das Loch geſteckt 51 Se⸗ hatte, daliegen; denn die obere Oeffnung hatte auf ihrem Boden nur eine Auskleidung von Moos oder Mulm— was ich damals nicht zu beurtheilen wußte,— gehabt, welche, ſobald ich das Päckchen fallen ließ, durchbrach, ſo daß es durch den ganzen hohlen Baum hinuntergerollt war. Ich war nur ein Kind und freute mich daher wie ein Kind; denn ich begrüßte die Entdeckung mit einem lauten Jubelruf. Ich hob den ſchmutzigen Fetzen auf und küßte ihn hundert Mal; dann tanzte und hüpfte ich umher und ſprang von dem einen Ende des Feldes nach dem andern: kurz, ich wußte nicht und weiß es jetzt noch viel weniger, was ich that, obgleich ich— weder meinen Gram, als ich den Schatz für verloren hielt, noch mein Entzücken, als ich ihn wieder gefunden hatte, je vergeſſen werde. Im erſten Freudentaumel rannte ich alſo, ohne zu wiſ⸗ ſen, was ich that, hin und her; ſobald ſich aber derſelbe etwas gelegt hatte, ſetzte ich mich nieder, öffnete den alten Fetzen, betrachtete das Geld, zählte es und fand, daß noch alles beiſammen war; dann brach ich wieder in Thränen aus, wie ich zuvor gethan hatte, als ich meine Habe für verloren gab. Doch es würde den Leſer ermüden, wenn ich länger bei dieſer kindiſchen Scene verweilen wollte. Die Freude iſt ebenſo erſchütternd als der Gram, und da ich inzwiſchen zum Manne herangereift bin, ſo kam mir oft der Gedanke, es dürfte wohl auch einem Erwachſenen nicht anders ergangen 4* . 52 S⸗ ſein, der, nachdem er ſein Alles verloren und ihm kein Biſſen Brods, um ſeinen Hunger zu ſtillen, übrig geblieben war, auf einmal ſo unverhofft wieder vollen Erſatz gefun⸗ den hätte. Ich packte nun mein Geld wieder zuſammen, nachdem ich zuvor ein Sechspenceſtück herausgenommen hatte, und ging ſodann nach einem Kramladen in Mile⸗end, wo ich für einen Penny Weck und Käſe kaufte— ein Mahl, das ich unter der Ladenthüre mit beſtem Appetit verzehrte, wozu mir auf meine Bitte die gute Krämersfrau ſehr bereitwillig einen Trunk Bier reichte. Sodann begab ich mich nach der Stadt, um zu ſehen, ob ich nicht einige meiner Gefährten finden könnte— na⸗ türlich mit dem faſten Entſchluſſe, meinen Schatz keinem hohlen Baume mehr anzuvertrauen. In Whitechapel traf ich gerade der Kirche gegenüber auf einen Trödlerladen, wo alte Kleider verkauft wurden; und da ich nur die ſchlechteſten Fetzen auf dem Leib hatte, ſo blieb ich daſelbſt ſtehen und betrachtete die Kleider, welche an der Thüre hingen. „»Nun, junger Herr,“ ſagte ein Mann, der an der Thüre ſtand,„Ihr ſeht ſo verlangend aus. Iſt vielleicht etwas da, was Euch anſteht, und iſt Eure Taſche dermalen im Stande, Euch zu einem guten Rock zu verhelfen; denn es ſcheint, Ihr gehört zu dem Lumpenregiment?“ Ich war 53 SE⸗ ärgerlich über den Burſchen.„Was geht es Euch an, wie zerlumpt ich bin?« entgegnete ich.„Wenn ich etwas ge⸗ ſehen habe, das mir anſteht, ſo habe ich auch Geld, um es zu bezahlen; aber ich kann auch hingehen, wo man mich nicht meines Ausſehens wegen anſchnaubt.“ Während ich in dieſer beherzten Weiſe zu dem Burſchen ſprach, kam ein Weib heraus, die den Mann folgender⸗ maßen anredete:„Was fällt Dir ein, unſern Kunden auf dieſe Weiſe wegzuſcheuchen? Das Geld dieſes armen Kna⸗ ben iſt ſo gut, als das des Lordmayors. Was würde aus unſerem Geſchäft, wenn die armen Leute nicht alte Kleider kauften?« Dann wandte ſie ſich an mich und ſagte:„Komm her, mein Kind, wenn Du etwas haben willſt; Du brauchſt Dich vor dem alten Brummbären nicht zu fürchten. Es iſt ein recht hübſcher Knabe,“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an eine andere Frau wandte, die inzwiſchen herzugetreten war. „Ja,“ fuhr ſie fort,„er ſieht recht gut aus, wenn er nur reinlich und gut gekleidet wäre; jedenfalls könnte er dann ſo gut für den Sohn eines Gentlemans gelten, als ſo mancher von unſerer Bekanntſchaft, der in einem guten Anzuge umherſtolzirt. Komm her, mein Lieber, und ſage mir, was Du haben willſt?« Es that mir ungemein wohl, mich mit dem Sohne eines Gentlemans vergleichen zu hören, da es in mir die Rückerinnerung an vergangene Zeiten weckte; aber als ſie von meiner Unreinlichkeit und meinen Lumpen ſprach, fing ich an zu weinen. 54 S⸗ Sie drang in mich, ihr zu ſagen, ob ich etwas ſehe, was ich brauchen könnte, worauf ich mit Nein erwiderte, da die ausgehängten Kleider alle zu groß für mich wären. „So komm mein Kind,“ ſagte ſie;„ich habe zwei Dinge, die ſicherlich paſſend für Dich ſind, und die Du brauchen kannſt. Da iſt einmal ein kleiner Hut“— ſie ſtieß mir denſelben zu—„den ſollſt Du umſonſt haben. Und hier iſt ein gutes warmes Paar Hoſen. Wenn Du allenfalls ſo viel Geld haſt, daß Du nicht weißt, wohin damit, ſo ſind hier zwei vortreffliche Taſchen und ein kleines Täſch⸗ chen, wohin Du Dein Gold und Deine Uhr hineinſtecken kannſt, wenn Du eines von beiden haſt.“ Es erfüllte mich mit einer unbeſchreiblichen Freude, in den Beſitz eines Kleidungsſtückes zu kommen, worin ich mein Geld aufbewahren konnte, ohne nöthig zu haben, es in einem hohlen Baume zu verbergen. Ich riß ihr daher die Hoſen aus der Hand und wunderte mich, wie ich ſo thöricht ſein konnte, nicht früher an den Einkauf einer ſol⸗ chen Bekleidung gedacht zu haben, in der ich mein Geld verwahren konnte, ſondern es lieber zwei Tage in der Hand oder im Schuh mit mir herumſchleppte. Ich dankte der guten Frau für den Hut, zahlte ihr zwei Schillinge für die Hoſen und ſagte ihr, ich würde wiederkommen, wenn ich mehr Geld hätte, und andere Dinge, die ich bedürfte, ein⸗ kaufen, worauf ich nach dem Kirchhof hinüberging, die Bein⸗ kleider anzog und das Geld in meine neuen Taſchen ſteckte. G ꝙ 55 Ich fühlte mich jetzt ſo glücklich, als ſich nur ein Prinz in ſeinem Wagen mit Sechſen fühlen kann. Ich war allerdings nur ein Knabe, betrachtete mich aber demungeachtet als einen Erwachſenen, da ich jetzt eine Taſche hatte, um mein Geld aufzubewahren, und machte mich auf den Weg, um zu meinem Kameraden zu gelangen, unter deſſen Beihülfe ich zu meinem Geld gekommen war. Man denke ſich aber mein Entſetzen, als ich hörte, daß er nach Bridewell abgeführt worden ſei; denn da dieß⸗ meiner Anſicht nach, aus keiner andern Urſache, als wegen der Brieftaſche, geſchehen ſein konnte, ſo zweifelte ich keinen Augenblick, daß auch ich aufgegriffen werden würde. Dabei dachte ich zugleich an das Schickſal meines armen Bruders, des Capitäns Jack, und ich ſah mich ſchon im Geiſte ebenſo unbarmherzig gepeitſcht, wie ihn, was mir eine ſolche Furcht einjagte, daß ich nicht wußte, was ich thun ſollte. Des Nachmittags begegnete ich jedoch meinem Freunde. Er war allerdings wegen der genannten Geſchichte nach Bridewell geführt worden, ohne jedoch dort feſtgehalten zu werden. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo: Da er Tags zuvor in dem Zollhauſe einen ſo guten Fang gethan hatte, ſo beſuchte er es am nächſten Tage wieder; aber wie er ſo in der Halle gaffend auf und ab ging, packte ihn ein Mann am Kragen und rief einem der Schreiber, die hinter ihm ſaßen zu:„Hier iſt derſelbe junge Spitzbube, von dem ich Euch ſagte, daß ich ihn geſtern umherſchleichen ſah, als der 56 SCe Herr ſeine Brieftaſche mit den Goldſchmidswechſeln verlor. Verlaßt Euch darauf, kein andrer Menſch als er hat ſie geſtohlen.“ Nun ſammelte ſich eine Menge Leute um ihn und legten ihm geradezu den Diebſtahl zur Laſt. Er war jedoch zu ſehr an derartige Auftritte gewöhnt, um ſich das Geſtändniß einer Sache abängſtigen zu laſſen, von der er wußte, daß man ſie ihm nicht beweiſen konnte; denn er hatte nichts bei ſich, was gegen ihn hätte zeugen können, wie denn auch ſein ganzer Geldvorrath nur in ſechs Pencen und einigen ſchmutzigen Farthings beſtand. Man drohte ihm, zerrte ihn hin und her, bis ihm faſt die Kleider vom Leibe geriſſen waren, und die Zollbeamten nahmen ihn ins Verhör. Doch all dieß führte zu nichts; denn er betheuerte ſeine Unſchuld und verſicherte, er ſei da⸗ mals und heute nur hergekommen, um die Halle zu beſehen. Da er ſeinen erſten Beſuch nicht in Abrede zog und alſo, weil ſich außerdem nichts aus der Brieftaſche bei ihm vor⸗ fand, kein Beweis vorhanden war, ſo mußten ſie ihn end⸗ lich gehen laſſen. Demungeachtet aber thaten ſie, als ob ſie ihn nach Bridewell führen wollten, und brachten ihn auch wirklich bis ans Thor, um zu ſehen, ob ſie ihn nicht zu einem Geſtändniß veranlaſſen könnten. Dazu ließ er ſich aber nicht bewegen, und da ſie keinen richterlichen Haft⸗ befehl aufzuweiſen hatten, ſo durften ſie es nicht wagen, ihn in das Haus zu bringen, wie man ihn auch wahrſchein⸗ lich dort nicht aufgenommen haben würde. —— —— 57 S⸗ Da ſie nun nichts aus ihm herausbringen konnten, ſo führten ſie ihn in ein Bierhaus und ſagten ihm dort, daß die Brieftaſche Wechſel von großem Werthe enthielt, welche dem Schelm, der ſie geſtohlen hätte, nichts nützten, wohl aber dem Herrn, der ſie verloren, einen unberechenbaren Schaden brächten; er hätte indeß dem Schreiber, welchem der ebenfalls anweſende Mann, der ihn angehalten, zuge⸗ rufen, das Wort gegeben, er wolle jeden, der ihm wieder zu ſeinem Eigenthum helfe, mit dreißig Pfund belohnen, wobei er feierlich betheuert habe, dem Ueberbringer, wer er auch ſein möge, durchaus keine Ungelegenheit zu bereiten. Er hatte ſich eben ihren Händen entwunden, als ich ihm begegnete; und nun erzählte er mir die ganze Ge⸗ ſchichte, indem er beifügte, er habe ſich aber durchaus zu keinem Geſtändniß bewegen laſſen und ſei deßhalb frei aus⸗ gegangen.„Und was willſt Du jetzt mit der Brieſtaſche und den Wechſeln anfangen?“ fragte ich.„Willſt Du ſie nicht dem armen Manne wieder heimgeben?“—„Was fällt Dir ein?“ verſetzte er.„Nein, nein; ich traue nicht— und was kümmere ich mich überhaupt um die Wechſel?“ So lung ich auch war, ſo machte ich mir doch Gedanken darüber, daß es in der That etwas trauriges ſei, einem Menſchen ſo werthvolle Wechſel wegzunehmen, ohne dabei auch nur einen Vortheil zu haben; denn, folgerte ich weiter — der Herr, dem die Wechſel gehören, verliert all ſein Geld, und es iſt doch nicht recht, etwas zu behalten, was einem 58 So nichts nützen kann und einem Andern einen ſo großen Schaden zufügt. Ich erinnere mich noch, daß mir dieſe Gedanken nicht aus dem Kopfe wollten, und daß ſie mir, obgleich ich nicht viel davon verſtand, ſehr zu ſchaffen machten. Ich ſagte daher oft und viel zu meinem Freunde, er möchte dem Herrn ſeine Wechſel wiedergeben, wobei ich ihm ſo zuſetzte, daß ich endlich in Thränen ausbrach:„Du möchteſt mich alſo gern aufgegriffen und nach Bridewell geſchickt ſehen, um daſelbſt wie Dein Bruder, der Capitän Jack, durchgepeitſcht zu werden?“„Nein,“ erwiederte ich;„ich möchte nicht, daß Du gepeitſcht würdeſt, aber ich wünſchte, daß der Mann ſeine Wechſel wieder hätte; denn Dir gewähren ſie keinen Nutzen, und der Herr wird vielleicht durch ihren Verluſt zu Grunde gerichtet. Ach! ich bitte, gib ſie ihm doch wieder zurück.“ Er fertigte mich mit kurzen Worten ab, indem er ſagte:„Soll ich ſie ihm etwa ſelber bringen? Wer darf es wagen, ſie hin zu tragen? Ich wenigſtens in keinem Falle; denn man wird mich feſtnehmen und zu dem Gold⸗ ſchmid führen, um zu ſehen, ob er mich nicht kennt. Und ſobald es ſich herausſtellt, daß er mich kennt, ſo bin ich des Diebſtahls überführt und werde gehangen. Möchteſt Du mich wohl am Galgen ſehen, Jack?“ Dieß brachte mich zum Schweigen; denn was hätte ich weiter ſagen können, wenn er fragte:„Willſt Du mich ge⸗ hangen ſehen, Jack?“ Des andern Tages aber kam er zu mir und ſagte:„Oberſt Jack, ich habe auf Mittel gedacht, 59& wie der Herr ſeine Wechſel wieder erhalten kann, und wir beide außerdem noch ein ordentliches Geld verdienen mögen, wenn Du anders ſo ehrlich gegen mich biſt, als ich gegen Dich war.“— Ich antwortete:„In der That, Will,— denn dieß war ſein Name— Du kannſt Dich auf meine Ehrlichkeit verlaſſen; theile mir Deinen Entwurf mit; denn es wäre mir gar zu lieb, wenn dem Herrn die Wechſel wieder zugeſtellt würden.“ „Je nun,“ verſetzte er,„ich hörte, er habe dem Schrei⸗ ber in der Halle ſein CEhrenwort gegeben, daß er jeden, der ihm die Wechſel wiederbrächte, und zwar ohne weitere Nach⸗ fragen, mit dreißig Pfunden belohnen wolle. Wenn nun Du, als ein armer unſchuldiger Junge, der Du auch wirk⸗ lich biſt, in die Halle gehſt und mit dem Schreiber ſprichſt, ſo läßt es ſich vielleicht machen. Du kannſt ihm ſodann ſagen, wenn der Herr halten wolle, was er verſprochen, ſo glaubeſt Du ihm entdecken zu können, wer das Buch hätte. Iſt man dann höflich gegen Dich und geneigt, das Ver⸗ ſprechen zu halten, ſo ſollſt Du die Brieftaſche haben und ſie ihnen bringen.“ Ich erklärte mich von ganzem Herzen bereit.„Aber, Oberſt Jack,“ ſagte er,„wenn ſie Dich feſtnehmen und Dir mit der Peitſche drohen,— wirſt Du mich nicht an ſie verrathen?“«—„Nein,“ entgegnete ich;„und wenn ſie mich zu Tode peitſchten.“—„Wohlan denn“ ſagte er;„da iſt die Brieftaſche, und gehe nun hin.“ Er gab mir noch 60 S⸗⸗ weitere Weiſungen, was ich zu thun und zu ſprechen hätte; aber ich wollte die Brieftaſche nicht mit mir nehmen, damit ſie nicht bei mir gefunden und als ein Anklagebeweis gegen mich geltend gemacht würde, falls man verrätheriſch gegen mich handeln und mich, in der Hoffnung, etwas bei mir zu finden, feſthalten würde. Des andern Morgens ging ich verſprochenermaßen zu dem Zollhaus. Die Anleitungen mei⸗ nes Freundes werden ſich im Verlaufe des Berichts über das, was mir daſelbſt begegnete, herausſtellen; denn ich übergehe ſie hier, um nicht zweimal davon ſprechen zu müſ⸗ ſen. In der That war auch der Auftrag von zu großer Wichtigkeit, um einem ſo jungen Knaben anvertraut zu werden, der noch ſo wenig in die Schelmerei eingeweiht war, als ich. Ich trat meinen Gang mit dem feſten Entſchluſſe an, erſtlich, daß der Mann ſeine Wechſel wieder haben ſollte; denn es ſchien mir etwas Schreckliches zu ſein, daß er ſein Geld aus dem einfachen Grunde verlieren ſollte, weil wir die Brieftaſche nicht ohne Gefahr heimgeben konnten; und zweitens, daß ich nie den Namen meines Kameraden, Will, der den Diebſtahl begangen, nennen wollte. Mit dieſen ehrenhaften Vorſätzen, denn das waren beide, und mit einem männlichen Muthe, dem meine knabenhafte Unerfah⸗ renheit keinen Eintrag that, kam ich in die Halle des Zoll⸗ hauſes. Ich ſah daſelbſt den Mann, den ich das letzte Mal 61 SE⸗⸗ ſchon bemerkt, an derſelben Stelle ſitzen, wobei es mir vor⸗ kam, als wäre er von jener Stunde an gar nicht von dem Platze gekommen; doch ich verſtand das nicht beſſer. Ich ging auf ihn zu und ſtellte mich an die Seite des Schreib⸗ tiſches, der durch dieſen Theil der Halle lief, und der gerade niedrig genug war, daß ich meine Arme darauf legen konnte. Während ich ſo daſtand, ſtieß mich bald einer dahin, bald ein anderer dorthin, und auch der Mann hinter dem Schreibtiſche begann auf mich aufmerkſam zu werden. End⸗ lich rief er mir zu:„Was machſt Du hier, Junge? Willſt Du Dich gleich zum Henker packen, Schlingel? Oder biſt Du vielleicht einer von den Spitzbuben, die am letzten Montag dem Herrn ſeine Brieftaſche ſtahlen?“ Dann wandte er ſich an einen Herrn und fuhr folgendermaßen fort:„Habt Ihr nicht auch von dem Unglück gehört, das Herrn— am letzten Montag auf derſelben Stelle zuſtieß?“ —„Kein Wort,“ entgegnete der Herr.—„Ei, er ſtand ge⸗ rade da, wo Ihr ſteht,“ ſagte der Schreiber,„um ſeine Waaren eintragen zu laſſen. Er zog ſeine Brieftaſche heraus, legte ſie, wie er ſagt, gerade neben ſich hin, und wie er über den Tiſch hinüberlangt, um eine Feder einzu⸗ tauchen, wird ſie ihm von Jemanden geſtohlen.“ „Seine Brieftaſche?“ ſagte der Andere.„Wie, und waren vielleicht Wechſel darin?“ „Ja,“ ſagte der Schreiber;„einer auf Sir Stephen 62 E& Evans im Betrag von dreihundert Pfunden und ein an⸗ derer Goldſchmidswechſel für etwa zwölf Pfund. Das Schlimmſte aber iſt, daß ſich ein paar fremde acceptirte Wechſel darin befanden, die ich weiß nicht welche große Summe werth warenz einer davon, ein franzöſiſcher, be⸗ trug, glaube ich, allein zwölfhundert Kronen.“ „Wer mochte wohl der Dieb ſein?« ſagte der Herr. „Niemand weiß es,“ entgegnete der Schreiber,„aber einer der Hallenwärter ſagte, er hätte ein paar junge Jau⸗ ner, wie dieſer, er zeigte dabei auf mich— umherſchlendern ſehen, die mit einem Male wieder verſchwunden wären.“ „Das nenne ich mir einen Spitzbubenſtreich,“ ſagte der Herr wieder.„Aber, was können ſie damit anfangen? Ich denke, er ging doch gleich hin, um eine Anzeige zu machen, daß die Auszahlung zurückgehalten ward.“ „Das that er freilich,“ verſetzte der Schreiber;„aber die Schelme kamen ihm doch mit dem kleinen Wechſel auf zwölf Pfund zuvor; denn dieſen hatten ſie ſich bereits aus⸗ zahlen laſſen. Hinſichtlich des Uebrigen wurden natürlich Vorkehrungen getroffen; demungeachtet aber erwächst ihm daraus ein unberechendarer Nachtheil, weil er ſeines Geldes bedarf.“ 1 „Nun, da ſollte er eine Belohnung ausſchreiben, um diejenigen, welche im Beſitz der Papiere ſind, zur Zurücker⸗ ſtattung zu bewegen. Ich wette, ſie würden dieſelbe gern wieder bringen.“ — 63& „Er hat einen Anſchlag an die Thüre machen laſſen, der ihnen dreißig Pfund verheißt.“ „Ja, er müßte aber auch beifügen, daß er keine ge⸗ richtliche Verfolgung eintreten laſſen und den Ueberbringer durchaus in keine Ungelegenheiten bringen will.“ „Auch das hat er gethan,“erwiederte der Schreiber,„aber ich fürchte, ſie wagen es nicht, ehrlich zu ſein, aus Scheu, er möge ſein Wort brechen.“ „Je nun, er hätte vielleicht ein Recht dazu, es in dieſem Falle zu thun; doch ſollte Niemand von einem ſolchen Rechte Gebrauch machen, da ſonſt kein Spitzbube mehr es wagen würde, geſtohlenes Gut zurück zu erſtatten, und ſomit daraus für Andere nach ihm Schaden erwüchſe.“ „Ich wollte mein Leben für ihn zum Pfande ſetzen, daß er einen ſolchen Schritt verachten würde.“ Nachdem die Sache ſo weit beſprochen war, gingen ſie auf etwas Anderes über. Ich hörte Alles geraume Zeit an, wußte aber nicht, was ich thun ſollte. Endlich paßte ich dem Herrn ab, und als er ſich entfernte, eilte ich ihm nach, in der Abſicht, den Handel durch ihn abmachen zu laſſen. Er ging eilig durch einige mit Menſchen angefüllte Zimmer nach dem jenſeitigen Ende der Halle; aber als ich ihm dahin folgen wollte, wieſen mich die Thürhüter mit dem Bedeuten zurück, daß ich da nicht herein dürfe. So kehrte ich dann wieder um und ſchlenderte in der Nähe des Tiſches umher, hinter welchem der Schreiber ſaß, bis end⸗ 64 S⸗⸗ lich die Glocke zwölf ſchlug, und die Halle leerer zu wer⸗ den begann. Er ſchrieb noch immer an dem Tiſche, wie er den ganzen Morgen gethan hatte. Da jetzt der Raum um ihn frei war, ſo trat ich näher und ſtellte mich wie früher dicht an den Tiſch. Als er von ſeinem Papiere aufſah und mich erblickte, ſagte er zu mir:„Du biſt den ganzen Morgen hier herumgeſchlingelt, Burſche; was willſt Du? Sicherlich führeſt Du nichts Gutes im Schilde.“ Ich zog dieß in Abrede. „Wirklich?“ entgegnete er.„Nun, das ſoll Dir gut kommen. Aber was haſt Du in der Halle zu ſchaffen, Bürſchchen; Du biſt doch kein Kaufmann?⸗ „Ich wollte mit Euch ſprechen,“ ſagte ich. „Mit mir?“ erwiederte er.„Was kannſt Du mir zu ſagen haben?“ „Ich könnte Euch wohl Etwas ſagen,“ verſetzte ich, „wenn Ihr mir dafür nichts zu Leide thun wolltet.“ „Ich Dir ein Leides thun, Kind?“« Was könnte ich Dir denn zu Leide thun?“ Sein Ton war ſehr mild, als er ſo ſprach. 3 „Wollt Ihr wirklich nicht, Sir?“« fragte ich. „Gewiß nicht, Kind. Durch mich ſoll Dir nichts Un⸗ angenehmes zuſtoßen. Wovon handelt ſichs? Weißt Du vielleicht etwas von der Brieſtaſche des Herrn?« Ich antwortete, aber ſo leiſe, daß er mich nicht ver⸗ -5 65 SE⸗ ſtehen konnte. Er rückte daher auf den nächſten Sitz hin⸗ über, öffnete eine Schranke in dem langen Schreibtiſche und hieß mich hereinkommen, was ich auch that. Dann fragte er mich wieder, ob ich Etwas von der Brieftaſche wüßte. Ich erwiderte abermals in leiſem Tone: „Ich fürchte, die Leute möchten uns hören.“ Dann wiederholte er ſeine Frage, dießmal aber flüſternd. Ich ſagte ihm nun, ich glaubte allerdings über die Brieftaſche Auskunft geben zu können; ich hätte ſie übrigens nicht, wäre auch nicht bei dem Diebſtahle thätig geweſen; ſie befände ſich indeß in den Händen eines Knaben, der ſie verbrannt haben würde, wenn ich nicht geweſen wäre. Er erwiederte hierauf, der Herr werde froh ſein, daß er ſie wieder bekomme, und ſich außerdem noch ein Schönes dafür koſten laſſen. „Du darſſt Dich auf meine Worte verlaſſen, Kind,“ ſagte er;„und wenn Du ihm die Brieftaſche wieder bringen kannſt, ſo zahlt er Dir eine gute Belohnung— jedenfalls nicht weniger, als dreißig Pfund, wie er ver⸗ ſprochen hat.“ „Aber Ihr ſagtet auch zu dem vorhin anweſenden Herrn,“ entgegnete ich,„Ihr wäret überzeugt, daß er dem Ueberbringer keine Ungelegenheiten bereiten würde?“ „Nein, nein; ich gebe Dir mein Wort darauf, er wird Dir kein Leid zufügen.“ Oberſt Jack. II. 5 66 Sc⸗ Ich. Aber wird man mich nicht zwingen, andere Leute ins Unglück zu bringen? Schreiber. Nicht doch; man wird Dich weder nach einem Namen noch nach ſonſtiger Auskunft fragen. Ich. Ich bin nur ein armer Knabe, und ich möchte gern, daß der Herr ſeine Wechſel wieder hätte; aber gewiß ich habe ſie weder weggenommen noch verborgen. Schreiber. Aber kannſt Du ſagen, wie der Herr wieder dazu kommen ſoll? Ich. Wenn ich ſie kriegen kann, ſo will ich ſie mor⸗ gen früh zu Euch herbringen. Schreiber. Kannſt Du dieß nicht heute Abend thun? Ich. Ich glaube, ich könnte es, wenn ich wüßte, wo⸗ hin ich kommen ſollte. Schreiber. So komm in mein Haus, Kind. Ich. Ich weiß nicht, wo Ihr wohnt. Schreiber. So geh jetzt mit mir; ich will Dirs zeigen. Er führte mich nun in die Towerſtraße, zeigte mir ſein Haus und hieß mich Abends fünf Uhr zu ihm kommen, was ich denn auch mit der Brieftafel in der Taſche that. Als ich hinkam, fragte mich der Herr, ob ich das Buch— wie er es nannte— bei mir hätte. „Es iſt kein Buch,“ verſetzte ich. „Nun, ſo iſt es die Brieftaſche; das iſt ganz daſſelbe,“ ſagte er. 2 67 SE „Ihr habt mir verſprochen, mir nichts zu Leide zu thun,“ entgegnete ich und fing an zu weinen. „Fürchte Dich nicht,“ ſagte er;„es ſoll Dir nichts ge⸗ ſchehen, armer Knabe. Niemand will Dir ein Ungemach zufügen.“. „Hier iſt ſie,“ erwiederte ich, indem ich die Brieftaſche herauszog. Er brachte nun einen andern Herrn herein, welcher der Eigenthümer der Brieſtaſche zu ſein ſchien, und fragte ihn, ob dieſe es wäre, was er bejahte. Dann fragte er mich, ob alle Wechſel darin wären. Ich entgegnete, daß ich hätte ſagen hören, einer wäre fort, aber ich glaube, daß alle übrigen noch da wären. „Warum glaubſt Du das?“ „Weil ich den Knaben, der ſie vermuthlich geſtohlen hat, ſagen hörte, ſie wären zu groß, um ſich damit ein⸗ laſſen zu können.“ Der Herr, dem die Brieftaſche gehörte, fragte nun, wo dieſer Knabe wäre, worauf ihm übrigens der Andere mit der Erklärung ins Wort fiel: „Nein, das müßt Ihr ihn nicht fragen. Ich habe ihm mein Wort darauf gegeben und ihm verſichert, daß er nicht genöthigt werden ſollte, es irgend Jemanden zu ſagen.“ „Nun Kind,“ verſetzte der Fremde,„Du willſt uns alſo die Brieftaſche öffnen laſſen, um nachſehen zu können, ob die Wechſel darin ſind?“ 5* 68 S⸗ Ich antwortete mit Ja. Dann fragte der Schreiber, wie viele Wechſel in der Brieſtaſche geweſen wären. „Außer dem Wechſel im Betrag von zwölf Pfund und zehn Schillingen nur drei,“ verſetzte der Andere;„einer an Sir Stephen Evans im Werthe von dreihundert Pfund und zwei fremde Wechſel.“ „Wenn ſich alſo dieſe in der Brieſtaſche befinden, ſo ſoll der Knabe ſeine dreißig Pfund haben— nicht wahr?“ „Ja,“ entgegnete der Herr;„ohne allen Anſtand.“ „So komm denn, Kind,“ ſagte der Andere;„laß michs aufmachen.“. Ich gab ihm alſo die Brieftaſche, welche er öffnete; und da die drei Wechſel nebſt mehreren andern Papieren ohne alle Beſchädigung ſich vorfanden, ſo erklärte der Herr, daß alles richtig wäre. Der Schreiber ſagte nun:„Ich bin dem Knaben Bürge geworden für das Geld.“—„Wohl,“ ver⸗ ſetzte der andere;„aber die Schelme haben die zwölf Pfund und zehn Schillinge bereits ſelbſt genommen; dieſe müſſen an den dreißig Pfunden abgerechnet werden.“ Hätte er das zu mir geſagt, ſo würde ich aufs erſte Wort eingewilligt haben. Aber der Schreiber des Zollhauſes ſtand mir als Freund zur Seite.„Nicht doch,“ ſagte er;„Ihr habt die dreißig Pfund ausgeboten, als Ihr bereits wußtet, daß die zwölf Pfund und zehn Schillinge ausbezahlt waren; auch habt Ihr das Gleiche durch den Anſchlag und den öffent⸗ 69&- lichen Ausrufer bekannt machen laſſen, und erſt dieſen Mor⸗ gen noch verſprach ich dieſem Knaben die dreißig Pfund.“ Sie ſprachen noch lange hin und her, und ich dachte, es würde zwiſchen den beiden zu einem Streite kommen. Endlich aber verglichen ſie ſich, und der Schreiber händigte mir fünfundzwanzig Pfund in guten Guineen ein, die er mir auf die Hand zählte. Als dieß geſchehen war, fragte er mich, ob es ſo recht wäre, worauf ich entgegnete, daß ich es nicht wiſſe, aber es glauben wolle.„Ei,“ ſagte er, „kannſt Dus denn nicht zählen?«—„Nein,“ erwiederte ich;„ich habe in meinem Leben nie ſo viel Geld geſehen und weiß auch überhaupt nicht, wie man Geld zählt.“— „Nun,“ ſagte er,„weißt Du denn nicht, daß es Guineen ſind?“«—„Nein,“ verſetzte ich; denn ich wußte nicht, wie viel eine Guinee iſt. „Aber ſagteſt Du nicht eben, Du glaubeſt, daß es recht wäre,“ erwiederte er. Ich entgegnete ihm, ich glaube es, weil ich denke, er werde mir nicht Unrecht thun. „Armes Kind,“ ſagte er,„Du verſtehſt Dich in der That nur wenig auf die Welt. Was biſt Du denn?“ „Ich bin ein armer Knabe,“ ſagte ich und weinte. „Wie heißt Du?“ verſetzte er.„Aber halt; ich vergaß, daß ich verſprochen habe, Dich nicht nach Deinem Namen zu fragen, und ſo brauchſt Du ihn mir nicht zu nennen, wenn Du nicht willſt.« — 70& „Ich heiße Jack.“ „Aber Dein Zuname?“ fragte er. „Was iſt das?“ fragte ich. „Du mußt doch außer Jack noch einen andern Namen haben,“ ſagte er,„oder nicht?“ „Ja,“ entgegnete ich.„Man nennt mich Oberſt Jack.“ „Einen weitern Namen haſt Du nicht?“ „Nein,“ ſagte ich. „Wie kommt es aber, daß man Dich Oberſt nennt?« „Man hat mir geſagt, mein Vater habe ſo geheißen.“ „Iſt Dein Vater oder Deine Mutter noch am Leben?⸗ fragte er. „Nein,“ ſagte ich;„mein Vater iſt todt.“ „Und wo iſt denn Deine Mutter?“ fragte er. „Ich habe nie eine Mutter gehabt,“ entgegnete ich. Dieß brachte ihn zum Lachen.„Wie?“ fragte er;„Du haſt nie eine Mutter gehabt? was denn ſonſt?« „Ich hatte eine Wärterin, aber ſie war nicht meine Mutter.“ „Nun,“ ſagte er zu dem andern Herrn;„ich bin über⸗ zeugt, dieſer Knabe war nicht der Dieb, der Eure Wechſel ſtahl.“ „Ach! freilich nicht!“ erwiederte ich und fing wieder an zu weinen. „Nein, nein, Kind,“ verſetzte der gute Mann,„wir glauben nicht, daß Du es thateſt. Es iſt kein übler Knabe,“ , 71 α.α fuhr er gegen den andern Herrn fort;„aber auch ſo un⸗ wiſſend, als ehrlich. Es wäre Schade, wenn man nicht für ihn ſorgte und etwas für ihn thäte. Sprechen wir noch ein wenig weiter mit ihm.“ Sie ſetzten ſich nun nieder und tranken Wein, wovon ſie mir auch etwas gaben; dann begann der Schreiber wie⸗ der mit mir zu ſprechen. „Nun,“ ſagte er,„was willſt Du mit dem Gelde, das Du jetzt haſt, anfangen?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte ich. „Wo willſt Du es aufbewahren?“ fragte er. „In meiner Taſche,“ antwortete ich. „In Deiner Taſche?« fragte er.„Iſt Deine Taſche ganz? kannſt Du es nicht verlieren?“ „Nein,“ entgegnete ich;„meine Taſche iſt ganz.“ „Und wo willſt Du es hinthun, wenn Du nach Hauſe kommſt?“ „Ich bin nirgends zu Hauſe,“ ſagte ich und brach wie⸗ der in Thränen aus. „Armes Kind!“ entgegnete er.„Aber wie bringſt Du Dich denn durch?“ „Ich beſorge Aufträge für die Leute in Roſemarylane.“ „Und wo haſt Du Dein Nachtquartier?“ „Ich ſchlafe des Nachts in der Glashütte.“ „Wie— in der Glashütte? Gibt es denn Betten dort?“ „Ich kann mich nicht erinnern, je in einem Bette ge⸗ legen zu haben.“ „Aber auf was liegſt Du denn in der Glashütte?“ fragte er. „Auf dem Boden,“ antwortete ich;„bisweilen auch auf einem bischen Stroh oder auf der warmen Aſche.“ Hier fiel der Herr, der die Wechſel verloren hatte, ein. „Dieſes arme Kind iſt wohl im Stande, einen Mann über das Elend des Menſchengeſchlechts weinen zu machen und mit ſeiner eigenen Lage zufrieden zu ſtellen; es treibt mir wahrhaft die Thränen in die Augen.“—„Auch mir,“ ver⸗ ſetzte der andere, indem er ſich die Augen wiſchte.„Aber jetzt ſage mir, Jack,“ fuhr er gegen mich gewendet fort, „gibt man Dir kein Geld, wenn Du Aufträge zu beſor⸗ gen haſt?“ „Man gibt mir Lebensmittel, und das iſt beſſer,“ ent⸗ gegnete ich. „Wie kommſt Du aber zu Deinen Kleidern?“ fragte er. „Ich kriege bisweilen etwas Altes, das gerade übrig iſt,“ verſetzte ich. „Du haſt, glaube ich, nicht einmal ein Hemd an?“ ſagte er. „Seit dem Tode meiner Amme habe ich nie ein Hemd gehabt,“ entgegnete ich. „Und wie lange iſt das?“ fragte er. „Wenn dieſer vorüber iſt, ſechs Winter,“ antwortete ich. 8 73 S „Wie alt biſt Du denn?“ fragte er weiter. „Das kann ich nicht ſagen,“ erwiederte ich. „Aber da Du jetzt dieſes Geld haſt, willſt Du Dir davon nicht einige Kleider und ein Hemd kaufen?“ „Ja,“ antwortete ich;„ich möchte mir wohl Kleider kaufen.“ „Und was willſt Du mit dem Uebrigen anfangen?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte ich und weinte. „Warum weinſt Du, Jack?“ fragte er. „Ich fürchte mich,“ entgegnete ich, noch immer fort⸗ weinend. „Vor was denn?“ „Sie könnten erfahren, daß ich Geld habe.“ „Nun und was weiter?“ „Ach, ich darf dann nicht mehr in der warmen Glas⸗ hütte ſchlafen und werde vor Kälte umkommen; denn wenn ich dort bliebe, ſo würden ſie mir mein Geld nehmen.“ „Aber iſt es denn gerade nöthig, daß Du dort ſchläfſt?“ Hier bemerkten die Herren gegen einander, welche noth⸗ wendige Folge des Beſitzes Angſt und Verwirrung wäre. „Ich wette,“ ſagte der Schreiber,„ſo lange dieſer arme Knabe kein Geld hatte, ſchlief er alle Nacht auf dem Stroh oder in der Aſche der Glashütte ſo vergnügt und ſorgenlos, als es nur ein Geſchöpf thun kann. Jetzt aber, da er ſich eines kleinen Beſitzes erfreut, bringt ihm die Sorge für deſſen Erhaltung Thränen ins Auge und Furcht ins Herz.“ 2 74 Se⸗ Sie fragten mich noch manches andere, was ich ihnen in meiner kindiſchen Weiſe ſo gut beantwortete, als ich konnte, und meine Reden ſchienen ihnen nicht übel zu ge⸗ fallen. Endlich ging ich, zwar mit ſchwerer Taſche, aber keineswegs mit leichtem Herzen, fort; denn der Beſitz des vielen Geldes ängſtigte mich ſo ſehr, daß ich gar nicht wußte, was ich mit mir anfangen ſollte. Ich entfernte mich und lief eine Weile herum, ohne mit mir einig werden zu können, was ich thun ſollte; und endlich, nachdem ich zwei Stunden umhergeſchlendert war, kehrte ich wieder zurück, ſetzte mich an der Thüre des Herrn nieder und weinte dort ſo lange, als die Thränen fließen wollten, ohne daß ich übrigens den Muth hatte, an die Thüre zu klopfen. Ich ſaß noch nicht lange da, als mich ein Mädchen, das vermuthlich zu der Familie gehörte, bemerkte. Sie kam zu mir heraus und redete mich an; aber ich ſagte ihr nur wenig, ſondern weinte an einem fort, bis endlich die Nach⸗ richt davon zu den Ohren des Herrn gelangte. Der Kauf⸗ mann hatte ſich bereits entfernt. Als der Herr von mir hörte, rief er mich ins Haus und begann wieder mit mir zu ſprechen, indem er mich fragte, warum ich ſo lang ver⸗ weile? Ich ſagte ihm, daß ich nicht immer da, ſondern eine geraume Zeit fort geweſen und erſt vor kurzem zurück⸗ gekommen wäre. »„Gut,“ ſagte er,„aber warum biſt Du wieder ge⸗ kommen?“ 2 75 S⸗ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete ich. „Und weßhalb weinſt Du ſo? Ich will doch nicht hoffen, daß Du Dein Geld verloren haſt?“ „Nein,“ verſetzte ich,„ich habe es noch nicht verloren, aber ich fürchte, daß ich es verlieren werde.“ „Und deßhalb weinſt Du?« fragte er weiter. Ich bejahte dieß; denn ich wußte, daß ich nicht im Stande war, meine Habe zu ſichern, und lebte deßhalb in großer Sorge, darum betrogen oder wegen derſelben gar ermordet zu werden. „Und von wem wohl?“ ſagte er.„Mit was für einem Menſchenſchlage verkehrſt Du denn?“ Ich ſagte ihm, es ſeien lauter Knaben, aber grund⸗ verderbte Jungen,„Diebe und Beutelſchneider,“ fügte ich bei,„unter denen auch derjenige iſt, welcher die Brieftaſche ſtahl. Eine traurige Bande, unter der ich unmöglich länger wohnen kann.“ „Nun, Jack,“ erwiederte er,„was ſoll ich für Dich thun? Soll vielleicht ich Dir Dein Geld aufbewahren?“ „Ach, das wäre mir ein großer Gefallen,“ verſetzte ich. „So gib es denn her,“ ſagte er.„Zur Sicherheit will ich Dir einen Schein für die Summe und ihre Intereſſen ſchreiben, den Du leicht aufbewahren kannſt; und ſelbſt wenn Du ihn verlierſt,“ fügte er bei,„oder wenn ihn Dir Jemand ſtiehlt, ſo ſoll Niemand auch nur einen Pfennig von dem Gelde erhalten, als Du ſelber.“ Ich packte ſogleich all mein Geld aus und gab es ihm, indem ich nur ungefähr fünfzehn Schillinge für mich behielt, um einige Kleider zu kaufen. Und ſo endigte dieſe erſte Beſprechung, welche vor der Hand auch die letzte war. Nachdem ich mein Geld zu meiner vollen Zufriedenheit untergebracht hatte, fühlte ich mich wieder leicht, und die traurigen Gedanken, die zuvor mein Gemüth beſtürmt hatten, entſchwanden. Aus dieſem kleinen Beiſpiele erhellt, aus welcher Quelle die meiſten Sorgen und Bedrückungen des menſchlichen Lebens fließen, nämlich einmal aus dem raſtloſen Haſchen und Jagen nach Geld, und dann aus der unabläſſigen Sorge, ſich daſſelbe zu erhalten, ſobald man in deſſen Beſitz iſt. So lange ich nichts hatte und nicht wußte, was es iſt, etwas zu haben, war mir jede dieſer beiden Sorgen fremd. Ich brauchte nichts, obgleich ich nichts hatte, da ſich meine Ge⸗ danken einzig auf das bischen Lebensmittel und wo ich ſchlafen ſollte beſchränkten. Ich wußte nicht, was Geld war, und was man damit anfangen könne, und nie hatte der Schlaf mein Lager geflohen, bis mir die Furcht, meinen Mammon zu verlieren, den Schlummer von den Augen ſcheuchte. Damals hätte ich, wenn ich nicht zu thöricht und noch zu ſehr Kind geweſen wäre, wohl eine Gelegenheit gehabt, eine Bitte für mich einzulegen, und ich zweifle nicht, daß mir die Herren zu einem Dienſt verholfen oder mich unter 77 SE⸗⸗ ihre perſönliche Obhut genommen hätten; denn ſie ſchienen ſehr geneigt zu ſein, etwas für mich zu thun, und waren ebenſo überraſcht über mein unſchuldiges Gerede, als über das Elend meiner Lage(denn in dieſem Lichte erſchien ſie ihnen). Aber ich handelte in der That wie ein Kind und über⸗ ließ dem Herrn mein Geld, ohne mich ihm im Verlauf der nächſten Jahre auch nur ein einziges Mal zu nähern. Die Wege, die ich in der Zwiſchenzeit einſchlug, waren ſo voll Wechſel und enthalten ſo viel Belehrendes, daß ich dieſelben unmöglich hier übergehen kann. Ein glücklicher Umſtand, der erſte, den die Welt mir darbot, war nun eingetroffen. Ich hatte Geld; aber ich kannte weder deſſen Werth, noch die Art, wie ich es ver⸗ wenden ſollte. Die Lebensweiſe, mit der ich begonnen hatte, war mir ſo natürlich, daß mir nicht einmal der Gedanke kam, ſie zu verbeſſern; denn meine Wünſche erſtreckten ſich nicht weiter, als auf den Ankauf einiger Kleider, unter denen ich ſogar das Hemd für entbehrlich hielt; und eben ſo wenig fiel es mir ein, mich nach einer andern Wohnung, als der in der Glashütte, umzuſehen und mein bisheriges Herum⸗ ſchlendern auf der Straße aufzugeben. Ich wußte nichts Beſſeres und hatte ſomit noch kein Ungemach erfahren— das heißt, das Leben, welches ich bisher geführt, erſchien mir durchaus nicht als ein Uebel. So trat ich in meine armſelige Lage zurück; denn 78 SE⸗ eine ſolche war ſie in jeder andern Hinſicht, nur nicht für mich, weil ich ſie nicht zu beurtheilen wußte und keine beſſere kannte. Mein Kamerad, der mir die Wechſel gegeben, und der ohne mein Dringen nie an die Rückerſtattung derſelben ge⸗ dacht hätte, fragte mich nie nach der erhaltenen Belohnung, ſondern ſagte, wenn ich etwas bekomme, ſo wäre es mit vollem Rechte mein Eigenthum, da ich die ganze Gefahr der Zurückgabe auf mich genommen hätte; auch nahm er ſich nie die Mühe, mich zu fragen, ob ich etwas und was ich erhalten hätte, weßhalb meine Anſprüche auf den aus⸗ geſetzten Preis unbeſtritten waren. Ich ſetzte meine Lebensweiſe wie früher fort, ließ Nie⸗ mand von dem Gelde, welches ich in der Taſche hatte, etwas merken, fuhr fort, den Ausläufer für die Leute zu machen, und nahm das, was man mir gab, mit ſo dank⸗ barem Herzen hin, als je. Nur ein Unterſchied war einge⸗ treten, nämlich der, daß ich, wenn ich hungrig war, und Niemand mich beſchäftigte oder mir etwas zu eſſen gab, nicht wie früher von Thüre zu Thüre bettelte, ſondern in eine Garküche ging und mir für einen halben Penny Fleiſch⸗ brühe und ein Stück Brod geben ließ. Sehr ſelten kam es zu einem Stückchen Fleiſch, wohl aber hin und wieder, wenn ich mir recht gütlich thun wollte, zu einem Stückchen Käſe für einen halben Penny— Auslagen, die in der Woche 5 79 E zwei oder drei Pence nicht überſtiegen, da ich im Gegenſatz von meinen Kameraden äußerſt mäßig war. Auch hatte ich noch keine von den Guineen, welche mir von dem kleinen Goldſchmidswechſel zugefallen waren, angegriffen; denn ich wußte, wie ich auch gegen den Zollhausherrn bemerkte, nicht einmal, was eine Guinee werth war. Viertes Kapitel. Neue Expeditionen unter Wills Anführung.— Der Kohlenhändler.— Der geſprächige Herr und ſein Taſchenbuch.— Will zeigt ſich als ſchlauen Diplomaten.. Nachdem ich einen Monat auf dieſe Weiſe zugebracht hatte, kam eines Morgens mein Kamerad wieder zu mir. „Oberſt Jack,“ ſagte er,„wann wollen wir wieder einen Spaziergang machen?“—„Sobald es Dir beliebt,“ ant⸗ wortete ich.—„Haſt Du gegenwärtig freie Zeit?“ fragte er.— Ich antwortete mit Ja; und im Verlaufe unſerer Unterredung ſagte er mir, ich ſei ein Glückskind, und ſo hoffe er mit mir dießmal wieder gut zu fahren; er müſſe indeß jetzt einen neuen Handel mit mir eingehen;„denn Oberſt,“ ſagte er,„wir laſſen zwar das erſte Mal dem Handlanger einen vollen Antheil, um ihn zu ermuthigen, ſpäter aber muß er ſich das, was man ihm freiwillig gibt, gefallen laſſen, es wäre denn, daß er ſelbſt dabei thätig iſt und gleiche Gefahr läuft. Doch wir ſind Ehrenleute und werden immer honett mit einander umgehen; wenn Du —2 81 SE⸗ daher die Sache mir anheim ſtellſt, ſo ſollſt Du, verlaß Dich darauf, nicht übel dabei fahren.“ Ich erwiederte ihm, daß ich allerdings nicht im Stande wäre, ſelber Hand an⸗ zulegen, da ich nicht wüßte, wie ich es anzugreifen hätte, und daher nicht hoffen dürfte, ſelber etwas zu erlangen; ich wolle übrigens thun, was er mich heiße. Und ſo gingen wir mit einander aus. Das Zollhaus wieder zu beſuchen, hielten wir nicht für gerathen; denn das Wagniß wäre zu kühn geweſen. Zudem wollte ich auch dort nicht geſehen werden und am aller⸗ wenigſten in meines Kameraden Geſellſchaft. Wir verfügten uns daher unmittelbar nach der Börſe, wo wir uns in Caſtle⸗alley, Swithins⸗alley und vor den Thüren der Kafee⸗ häuſer umhertrieben. Es war ein ſehr unglücklicher Tag; denn wir eroberten nichts als zwei oder drei Taſchentücher, die wir nach dem alten Quartier, der Glashütte, brachten; auch hatte ich den ganzen Tag nichts weiter gegeſſen und getrunken, als ein Stückchen Brod, das mir mein Kamerad gab, und einen Trunk Waſſer aus dem Brunnen an dem Börſenthore. Ich ging daher, als er mich verließ(denn er ſchlief nicht in der Glashütte) nach meiner alten Garküche, um daſelbſt meine gewöhnliche Erfriſchung zu mir zu neh⸗ men, und ſuchte ihn des nächſten Morgens wieder zeitig auf, wie er mich geheißen hatte. Da es noch früh am Tage war, ſchlugen wir den Weg nach Billings⸗gate ein, wo zu dieſer Jahreszeit mit dem Oberſt Jack. II. 6 — 82 S grauenden Morgen zwei Volksklaſſen ihr Gewerbe zu begin⸗ nen ſchienen; es waren dieß nämlich die Inhaber von Kohlenſchiffen mit ihren Unterhändlern und die Fiſchverkäufer mit ihren Kunden. Auf die erſteren dieſer Leute hatte mein Kamerad ein beſonderes Auge, demzufolge er mir nachſtehende Weiſung gab:„Du mußt,“ ſagte er,„auf unſerem Spaziergang alle Bierhäuſer beſuchen und Acht geben, wo die Leute Geld zählen. Wo dieß der Fall iſt, da kommſt Du zu mir und erſtatteſt Bericht.“ Er blieb ſodann an der Thüre ſtehen, während ich in die Häuſer hineinging. Da die Kohlenhänd⸗ ler ihre Waaren meiſtens an dem Gatter, wie ſie es nennen, verkaufen, ſo wird ihnen in der Regel das Geld in dieſen Wirthshäuſern ausbezahlt. Es ſtand daher nicht lange an, bis ich meinem Kameraden eine Meldung bringen konnte. Er trat nun ſelbſt auch ins Haus und ſtellte ſeine Beobach⸗ tungen an, wobei er übrigens nichts ausfindig machen konnte, was zu einem Zwecke geführt hätte. Dieß wieder⸗ holte ſich öfters, bis ich ihm endlich Nachricht brachte, daß in einem dieſer Häuſer ein Mann ſäße, der, wie ich glaubte, von mehreren Leuten viel Geld eingenommen hätte, und daß dieſes in einem Haufen auf dem Tiſche liege, während er ſelbſt emſig beſchäftigt ſei, die Summe aufzuſchreiben und in mehrere Säcke zu ſtecken.„Was ſagſt Du da?“ erwiederte er;„ich ſtehe dafür, davon muß etwas mein werden. Und ſofort verfügte er ſich ins Haus. Er ging 3 83 E in den Schenkſtuben hin und her und horchte auf, ob er nicht den Namen des Mannes erfahren könnte, den er dann auch wirklich als Cullum, oder wie es ſonſt lauten mochte, anreden hörte. Er nahm nun der Gelegenheit wahr, trat auf ihn zu und erzählte ihm eine lange Geſchichte, daß zwei Herren in einer andern Taverne wären, welche ihn abgeſchickt hätten, ihn zu ſuchen, da ſie etwas Nothwendi⸗ ges mit ihm zu ſprecheu hätten. Der Kohlenſchiffer hatte, wie geſagt, ſein Geld vor ſich liegen, unter dem ſich auch ein paar kleine Zahlungen in ſchmierigen ſchwarzen Säckchen befanden; und da es noch ziemlich dunkel war, ſo fand mein Kamerad bei Ausrichtung ſeiner Botſchaft Mittel, die Hand auf einen dieſer Säcke zu legen und ihn ganz unbemerkt zu entführen. Als er im Beſitze des Geldes war, kam er zu mir heraus,(ich war nämlich an der Thüre ſtehen geblieben) zupfte mich an dem Aermel und ſagte:„Lauf, Jack, ſo ſchnell Du kannſt.“ Dann rannte er davon, und ich ihm nach, ohne anzuhalten oder umzuſehen, bis wir die ganze Fenchurch⸗, Lwie⸗ und Leadenhallſtraße, Saint Mary⸗Axe, Londonwall, das Biſchofsthor und Old⸗Bedlam im Rücken hatten und in den Moorfeldern anlangten. Wir hätten indeß nicht nöthig gehabt, ſo ſchnell zu laufen, oder über⸗ haupt auch nur ſo weit zu gehen; denn ich bemerkte nicht, daß wir von Jemand verfolgt worden wären. Erſt in den Moorfeldern kamen wir wieder zu Athem, worauf ich ihn 6* 84 E fragte, was ihn ſo erſchreckt hätte.„Mich erſchreckt?“ ſagte er.„Ach, Du einfältiger Menſch! Der Umſtand iſt, daß ich einen teufelmäßig großen Sack mit Geld erobert habe.“ —„Einen Sack?“— entgegnete ich.—„Ja, ja,“ ſagte er.„Komm nur mit in die Felder, damit ihn Niemand ſehen kann, ſo will ich ihn Dir zeigen.“ Wir gingen nun durch Long⸗alley, Hog⸗lane und Holloway⸗lane in die Mitte des großen Feldes, welches ſeitdem den Namen„Heller⸗ paſtetenhausfeld“ erhalten hat. Wir wollten uns hier nieder⸗ ſetzen, aber es war alles voll Waſſer, weßhalb wir die Straße nach Anniſeed Cleer kreuzten und uns nach dem Felde begaben, wo jetzt der große Spital ſteht. Dort fan⸗ den wir einen geeigneten Platz, auf dem wir uns nieder⸗ ließen, worauf er ſeinen Sack auspackte.„Du biſt ein Glücksjunge, Jack,“ ſagte er,„und verdienſt in der That einen großen Antheil an der Beute; denn ich habe ihn blos Deiner guten Nachricht zu danken.“ So ſchüttete er nun alles in meinen Hut; denn ich trug jetzt, wie bereits erzählt, eine ſolche Kopfbedeckung. Ich kann nicht ſagen, wie es ihm möglich wurde, einem Manne, der wach und bei Sinnen war, einen ſolchen Geld⸗ ſack wegzuſtibitzen; denn ich weiß nur ſo viel, daß ein ziem⸗ licher Haufen Geld darin war, unter anderem auch einiges in Papier eingeſchlagen. Als das Papier aus dem Sack rollte, rief mein Kamerad:„Halt, das iſt Gold!“ worauf er in ſeiner Freude toll zu ſchreien und zu krähen anfing. 2 85 Aber hierin hatte er ſich getäuſcht; denn das Papier enthielt nichts, als einige alte Silbermünzen von ſchottiſchem und iriſchem Gepräge, obgleich der Sack im übrigen ſiebzehn bis achtzehn Pfund, wie er ſagte, enthielt, was ich ihm aufs Wort glaubte, da ich mich nicht aufs Geldzählen verſtand. Er theilte nunmehr das Geld in drei Theile, nämlich zwei für ihn und einen für mich, und fragte, ob ich damit zufrieden wäre. Ich bejahte es, denn ich hatte allen Grund dazu, da ich nebſt dem, was mir von ſeinem früheren Aben⸗ teuer noch übrig war, jetzt ſo viel Geld hatte, daß ich nicht wußte, wo ich damit hin, und was ich mit mir ſelbſt an⸗ fangen ſollte. Ich ſah nun, daß mein Kamerad ein Meiſter in ſeiner Kunſt war; denn er beſaß eine ſolche Fingerfertigkeit, daß kaum etwas, auf das er ein Augenmerk hatte, ſeinen Hän⸗ den entging. Ueberhaupt kann ich mich nicht erinnern, daß er je ſeines Zieles verfehlt hätte oder auf der That ergrif⸗ fen worden wäre. Auch auf die Taſchen verſtand er ſich vortrefflich, wobei er es namentlich auf goldene Damenuhren abgeſehen hatte. Gewöhnlich aber ſtrebte er nach höheren Dingen, zumal nach Heldenthaten, wie die eben erzählte, die er gemeiniglich mit unbegreiflich gutem Erfolge durchführte; und in dieſem heilloſen Fache der Dieberei wurde ich ſein Schüler. Da wir nun ſo reich waren, wollte er mich nicht län⸗ ger in der Glashütte ſchlafen oder nackt und zerlumpt 86 S& umhergehen laſſen. Er veranlaßte mich daher zwei Hemden, eine Weſte und einen Ueberrock zu kaufen; denn ein Ueber⸗ rock war weit geeigneter für unſer Gewerbe als jede andere Bekleidung. So nach ſeiner Weiſung ausſtaffirt, nahm er mich mit in ſeine eigene Wohnung, wo wir gemeinſchaft⸗ lich in einem kleinen Dachſtübchen, das für Leute unſeres Schlages ganz geeignet war, hausten. Bald nachher machten wir wieder einen Spaziergang und verſuchten unſer Glück abermals bei der Börſe. Hier begannen wir unſer Geſchäft zu trennen, indem ich auf eigene Fauſt arbeitete; und gerade mein erſtes Probeſtück war ein Streich, der für einen Anfänger ziemliche Geſchick⸗ lichkeit erforderte, beſonders, da ich einen ähnlichen nie vorher hatte ausführen ſehen. Ich bemerkte nämlich zwei Herren, die ganz eifrig mit einander ſprachen, und von denen der eine etliche Mal ein Taſchenbuch herauszog und es wieder in ſeine Rocktaſche gleiten ließ, nachdem er einige Papiere herausgenommen und andere hineingelegt hatte. Die beiden Herren ſchienen etwas ſehr Wichtiges zu ver⸗ handeln. Sie ſtanden jedoch nicht allein, ſondern zwei oder drei andere befanden ſich hart in ihrer Nähe. Das letzte Mal ſteckte der beſagte Mann ſeine Brieſtafel mit einer ſolchen Haſt und Unbedachtheit in die Taſche, daß ſie nicht ganz den Grund erreichte, ſondern auf ein Buch oder etwas Aehnliches zu liegen kam, was Veranlaſſung gab, daß das eine Ende aus der Taſche hervorſah. Dieſe ſorgloſe Art, 87 So⸗ mit einem Taſchenbuche umzugehen, das ſo leicht von dem kleinſten Jungen, der ſich auf das Handwerk verſteht, weg⸗ ſtibitzt werden kann, vermag nie genug gerügt zu werden. Die Leute ſind jedoch oft ſo im Eifer, und ihre Gedanken ſo ganz in Anſpruch genommen, daß ſie ſich unmöglich genug vor ſo kleinen falkenaugigen Schelmen, wie wir damals waren, in Acht nehmen können. Um ſich daher ſicher zu ſtellen, ſollten ſie entweder nie ihre Taſchenbücher zu ſich ſtecken oder ſie wenigſtens ſicherer verwahren, wenn ſie Dinge von Werth enthalten. Ich ſtand zufällig dem genann⸗ ten Herrn gerade gegenüber in dem Durchgange, den Swithins⸗alley gegen die königliche Börſe bildet, und als ich das Taſchenbuch ſo oft heraus und wieder hinein ſpazie⸗ ren ſah, ſo kam mir der Gedanke in den Kopf, daß ich es wohl abfangen könnte, wenn ich ſchnell genug wäre; denn ſicher würde es Will nicht entgehen, wenn er alles das ſo mit angeſehen hätte. Als ich nun vollends bemerkte, daß es hervor ſah, ſagte ich zu mir ſelbſt:„Jetzt gehört es mir,“ ging über den Weg herüber, ſtreifte leicht, aber ganz nahe an dem Mann vorbei, indem ich die Hand flach an meine Seite andrückte, faßte die hervorſehende Ecke, und ſo kam das Buch mit einer ſolchen Leichtigkeit in meine Hand, daß weder der Herr einen Ruck fühlen, noch ſonſt Jemand mein Kunſt⸗ ſtück wahrnehmen konnte. Ich eilte ſodann vorwärts nach dem großen Platze an der Nordſeite der Börſe, jagte dann das Bartholomäigäßchen hinab nach dem Münzhofe und 88 von da durch einige Gäßchen nach London⸗Wall und durch das Moorthor, bis ich die mittleren Moorfelder erreichte, wo ich mich in dem Graſe niederſetzte. Dieß war der Ort, den Will mir für unſere Zuſammenkunft bezeichnet hatte, wenn einer von uns eine Beute machen würde. Will war noch nicht dort, aber nach einer halben Stunde ſah ich auch ihn ankommen. Sobald Will anlangte, fragte ich ihn, was er für Geſchäfte gemacht hätte. Er ſah ſehr bleich und, wie mir dünkt, ſehr erſchreckt aus; er erwiederte jedoch:„Ich habe nichts, aber Du biſt ein glücklicher junger Hund. Was haſt denn Du erobert? Nicht wahr, das Taſchenbuch des Herrn in Swithins⸗alley?«—„Ja,“ ſagte ich und lachte ihn aus;„aber wie kannſt Du das wiſſen?“—„Woher ichs weiß?“ ſagte er.„Ei, der Herr iſt ganz raſend und von Sinnen; er ſtampft und ſchreit und zerreißt ſich ſeine Klei⸗ der, nennt ſich einen zu Grunde gerichteten Mann, und alle Leute in dem Durchgange ſagen, es ſeien, weiß nicht wie viel, tauſend Pfund in dem Taſchenbuch. Was mag es „ wohl ſein? Komm, laß ſehen.“ Wir legten uns im Felde ſo ins Gras, daß Niemand uns ſehen konnte, und öffneten das Taſchenbuch, in dem ſich viele Wechſel und Banknoten befanden; auch einige Gold⸗ ſchmidswechſel, etliche Verſicherungsſcheine, wie man es nennt, u. dgl. Aber all dieß ſchien nicht ſo viel werth zu ſein, als das Uebrige, welches wir in einer Kapſel mit 2 89 S⸗ mehreren Abtheilungen in dem Deckel des Taſchenbuches fanden, nämlich ein Häufchen ungefaßter Diamanten. Der Beraubte war, wie wir nachher erfuhren, ein Jude, der mit ſolchen Waaren Geſchäfte machte, und der in der That auf ſo werthvolle Gegenſtände beſſer hätte Acht haben ſollen. Dieſe Beute war wirklich zu groß, als daß ſelbſt Will ſich damit hätte einlaſſen mögen; denn obgleich ich mich inzwiſchen auf den Werth der Gegenſtände beſſer verſtehen gelernt hatte, ſo hatte doch Will eine weit größere Gewandt⸗ heit in derartigen Dingen, als ich. Wir beide waren gleich verblüfft über meinen Fang, und wir befanden uns ganz in der Lage des Hahns in der Fabel; denn alle dieſe Wechſel, unter denen einer auf Sir Henry Fourneß im Betrag von zwölfhundert Pfund lautete, und alle dieſe Diamanten, die dem Vernehmen nach einen Werth von ungefähr hundertundfünfzig Pfund hatten, konn⸗ ten uns nichts nützen, und ein kleines Beutelchen mit Gold wäre uns weit lieber geweſen.„Doch komm,“ ſagte Will, „wir wollen ſehen, ob ſich unter den Wechſeln nicht auch ein kleiner befindet.“ 3 „Wir ſahen ſie alle durch und fanden darunter wirklich auch einen kleineren im Betrage von zweiunddreißig Pfun⸗ den.„Nun,“ ſagte Will,„da wollen wir hingehen und fragen, wo der Mann, auf den das Papier ausgeſtellt iſt, wohnt.“ Wir verfügten uns ſofort wieder nach der City, und Will erkundigte ſich auf dem Poſtamt, wo er erfuhr, 90 SE⸗ daß wir ihn in Temple⸗bar aufzuſuchen hätten.„Gut,“ ſagte Will;„ich will es wagen, das Geld einzukaſſiren. Vielleicht hat man vergeſſen, hinzuſenden und die Ausbe⸗ zahlung einſtellen zu laſſen.“ Da kam ihm plötzlich ein anderer Gedanke.„Doch nein,“ ſagte Will;„ich will nach Swithins⸗alley zurück⸗ gehen und ſehen, ob ich nicht erfahre, was weiter vorge⸗ fallen iſt; denn ich glaube, der Tumult hat noch kein Ende genommen. Es kam mir vor, als hätte man dem Mann, der das Buch verloren, in die Königskopftaverne geführt, die am Ende jenes Durchgangs liegt; denn ich ſah daſelbſt ein großes Gedränge vor der Thüre.“ Will ging alſo hin und lauerte auf dem Platze auf. Als er daſelbſt einigen Leuten begegnete, denn das Gedränge hatte ſich noch nicht verlaufen, ſo fragte er ein Paar, was es gäbe, worauf man ihm eine lange Geſchichte von einem Herrn erzählte, der ſein Taſchenbuch mit einer großen An⸗ zahl von Diamanten, Wechſeln für mehrere tauſend Pfund und ich weiß nicht was alles noch verloren hätte; auch wäre eben eine Belohnung von hundert Pfund für denjenigen ausgeboten worden, der das abhanden gekommene Buch entdeckte und zurückſtellte.. „Ich möchte nur wiſſen, wer es hätte,“ ſagte er zu einem der Sprecher;„ich wollte dann dem Herrn wohl wie⸗ der dazu verhelfen. Kann er ſich keines Burſchen erinnern, der ihm nahe kam? Wenn er nur eine Beſchreibung geben —— — 91&- könnte, ſo ließ es ſich vielleicht machen.“ Einer, der dieſe Worte hörte, war ſo bereitwillig, dem armen Herrn zu dienen, daß er wieder umkehrte und demſelben zu wiſſen that, was ein junger Menſch— er meinte damit Will— an der Thüre geſprochen, worauf ein anderer Herr herunter kam, Will bei Seite nahm und ihn fragte, was er eben geſagt hätte. Will wußte ſich eine ſolche Würde zu geben, daß man ihm, obgleich er ein ausgelernter Dieb war, doch nichts von ſeinem Gewerbe anſehen konnte; er antwortete daher, ſein Geſchäft bringe ihn mit Orten in Berührung, wo viele junge Taſchendiebe hausten, und wenn er nur die geringſte Beſchreibung von der beargwöhnten Perſon hätte, ſo dürfte dieſelbe wohl aufzufinden und auch das geſtohlene Gut wieder herbeizuſchaffen ſein. Man erſuchte ihn daher, mit zu dem Herrn hinaufzugehen, was er auch that Seiner ſpäteren Erzählung nach fand er denſelben mit gegen den Stuht zurückgelehntem Kopfe, blaß wie Leinwand und ſo troſtlos, als ſei ihm eben das Todesurtheil verleſen worden. Als nun der Beſtohlene gefragt wurde, ob er nicht irgend einen Burſchen oder zerlumpten Kerl in ſeiner Nähe hätte herumſchleichen ſehen, antwortete er mit Nein; denn er konnte ſich nicht erinnern, daß ihm jemand nahe gekom⸗ men wäre.„Dann wird es freilich ſchwer, wo nicht unmög⸗ lich ſein,“ entgegnete Will,„das Entwendete wieder aufzu⸗ finden. Wenn ihr mir indeß Zeit laſſen wollt, ſo will ich mich unter die Spitzbuben miſchen,„obgleich ich geſtehen muß, 92 S daß es gerade kein ſehr angenehmes Geſchäft iſt. Dem⸗ ungeachtet aber will ichs verſuchen, und Henn einer aus dieſer Bande das Taſchenbuch hat, ſo iſt zehn gegen eins zu wetten, daß ich Etwas davon erfahre.“ Sie fragten ihn dann, ob er gehört, was der Herr für die Herbeiſchaffung deſſelben ausgeboten hätte; und als er dieß verneinte— obwohl er damit eine Unwahrheit ſagte, da er es bereits an der Thüre vernommen,— ſo bedeuteten ſie ihm, daß bei dem Geſchäfte hundert Pfund zu verdienen wären.„Das iſt zu viel,“ ſagte Will;„überlaßt indeß die Sache mir, und das Abhandengekommene ſoll für weniger zurückerſtattet werden, wenn es mir überhaupt möglich iſt, es zu bewerkſtelligen.“ Der beraubte Herr ſagte nun zu einem andern, er möchte dem jungen Menſchen bedeuten, daß der Ueberſchuß ihm gehören ſolle, wenn er wohlfeiler dazu käme, worauf Will entgegnete, er würde ſich glücklich ſchätzen, wenn er dem Herrn dienen könnte, und wolle ſeine Belohnung ganz ihm anheimſtellen.„Gut, junger Mann,“ ſagte einer der Herrn;„was ihr immer mit dem jungen Taſchenkünſtler ausmacht,— es ſoll ausbezahlt werden, wenn es fünfzig Pfund nicht überſteigt; auch iſt außerdem der Herr bereit, euch fünfzig Pfund für eure Bemühung zu geben.“ „Es war in der That reiner Zufall,“ ſagte Will,„daß ich an die Thüre kommen und, als ich das Gedränge ſah, fragen mußte, was es gäbe. Es ſoll mich aber freuen, % 93 S⸗ wenn ich das Werkzeug werden kann, dieſem unglücklichen Herrn wieder zu ſeinem Eigenthum zu verhelfen. Ich bin nicht ſo reich, daß ich fünfzig Pfund verſchmähen dürſte, wenn ſie ſich auf ehrliche Weiſe verdienen laſſen, und es iſt wohl der Mühe werth, daß ich meine Zeit darauf verwende.“ Er ließ ſich nun die Weiſungen geben, zu wem und wo⸗ hin er kommen ſollte, wenn er etwas ausgekundſchaftet hätte u. dgl. Will blieb ſo lange aus, daß ich unſerm Ueberein⸗ kommen gemäß mich nach Hauſe begab, wo er ſich übrigens erſt mit dem Einbruch der Nacht einſtellte; denn wir hatten ſchon vorher in Erwägung gezogen, daß es nicht gerathen wäre, wenn er unmittelbar zu mir käme, damit man ihm nicht nachfolge und mich ergreife. Nach unſerer Ueberein⸗ kunft ſollte er, wenn ſich nichts machen ließe, nach einer halben Stunde zurückkommen, da er aber ſo lange ausblieb, ſo trafen wir erſt in Roſemary⸗lane zuſammen. Als er kam, erſtattete er genauen Bericht über Alles, was vorge⸗ gangen, beſonders aber über den Herrn, der das Taſchen⸗ buch verloren, indem er zugleich bemerkte, er zweifle nicht, daß ſich durch die Rückerſtattung deſſelben eine ſchöne Summe gewinnen laſſen würde. Wir beriethen uns nun den ganzen Abend über die Angelegenheit und kamen zu dem Beſchluſſe, daß Will den nächſten Tag nichts von ſich hören laſſen und erſt am zwei⸗ ten hingehen ſolle, ohne jedoch eine weitere Entdeckung zu machen, als daß er dem Verlorenen auf der Spur ſei, und daß er glaube, es wieder herbeiſchaffen zu können; er ſolle übrigens die Sache ſo ſchwierig als möglich darſtellen und alle nur erdenklichen Einwürfe vorbringen. Dem gemäß verfügte er ſich am zweiten Tage wieder zu dem Herrn, der über ſein langes Ausbleiben ſehr unruhig geworden war und ihm ſagte, ſie wären bereits in Furcht geweſen, er hätte ihnen nur Hoffnung gemacht, um ihrer los zu werden, wo⸗ bei er zugleich bemerkte, ſie hätten bedauert, ihn ſo leichten Kaufes ohne weiteres Verhör losgelaſſen zu haben. Darüber that Will ſehr beleidigt und ſagte ihnen, wenn das der Lohn für ſeine freimüthige Erklärung, er glaube dem Herrn einen Dienſt leiſten zu können, ſei, ſo könnten ſie aus ſeinem Wiederkommen entnehmen, wie ſehr Unrecht ſie ihm thäten; und wenn ſie meinten, durch Verhör etwas aus ihm herausbringen zu können, ſo möchten ſie es nur verſuchen, wenn ſie Luſt dazu hätten; er habe weiter nichts zu ſagen, als daß er wiſſe, wo ſich einige der jungen Tau⸗ genichtſe aufhielten, die wegen derartiger Streiche berüchtigt wären, und daß er glaube, durch einige Nachfragen und Geldanerbietungen es ſo weit bringen zu können, daß einer den andern verrathe, und man ſo dem Entwendeten auf die Spur kommen könne; dieſe Ausſage wolle er, wenn ſie es für paſſend hielten, vor einem Friedensrichter machen; dann habe er ihnen aber weiter nichts zu ſagen, als daß er einen oder zwei Tage in ihrem Dienſt verbracht und nichts dafür 2 95 S⸗ gewonnen hätte, als für ſeine Mühe beargwohnt zu werden; ſie ſollen daher thun, was ihnen gut dünkte, aber dann auch ſehen, wie ſie ſelber zu dem Vermißten kämen. Sie machten hierüber große Augen und fragten ihn, ob er ihnen Hoffnung machen könne, zu dem Verlorenen wieder zu gelangen: worauf er entgegnete, er nähme keinen Anſtand zu ſagen, daß er glaube, einige Kunde davon zu haben, und daß vielleicht ohne ihn Wechſel ſammt Buch und Allem bereits verbrannt wären; er müſſe übrigens bitten, daß man jetzt keine weitere Frage an ihn ſtelle, bis man ihm zwei oder drei Punkte beantwortet habe. Sie er⸗ boten ſich darauf zu Allem, was in ihren Kräften ſtände, und forderten ihn auf, zu ſagen, was er zu wiſſen wünſche. „Je nun, Herr, wie könnt Ihr erwarten, daß ein Dieb, der an Euch einen ſo beträchtlichen Raub begangen hat, ſich ſelbſt mit dem Geſtändniſſe, er habe Eure Sachen, in Eure Hände liefern und Euch dieſelben zurückerſtatten werde, wenn er nicht der Ueberzeugung leben darf, nicht nur die ausgebotene Belohnung zu erhalten, ſondern auch frei und ungehindert von dannen ziehen zu dürfen?“ Man erwiderte hierauf, daß man hiefür jede mögliche Bürgſchaft zu leiſten gedenke.„Aber welche Bürgſchaft ſeid Ihr zu geben im Stande?“ entgegnete er;„denn wenn der geg arme Teufel einmal in Euren Klauen iſt und Euch Euer Eigenthum gezeigt hat, ſo könnt Ihr ihn als einen Dieb aufgreifen laſſen, und er iſt dann natürlich überwieſen. Ihr — 96 E⸗ nehmt das Geſtohlene wieder zu Euch, ſchickt ihn ins Ge⸗ fängniß, und wie kann er ſich nachher an Euch halten?“ Dieſer Einwurf brachte die Herren in große Verlegen⸗ heit. Dann fragten ſie ihn, ob er nicht den Verſuch machen könnte, die Brieftaſche in ſeine Hände zu bekommen; ſie wollten ihm in dieſem Falle das Geld auszahlen, ehe er ſie aus den Händen gäbe, indem ſie gern zu der eidlichen Ver⸗ ſicherung bereit wären, erſt eine halbe Stunde nach ihm das Zimmer zu verlaſſen. „Nein, meine Herrn,“ erwiederte Will,„das geht jetzt nicht mehr. Hättet Ihr ſo geſprochen, ehe Ihr Eure Ab⸗ ſicht blicken ließet, mich für nichts und wieder nichts feſt⸗ nehmen zu laſſen, ſo würde ich Euren Worten geglaubt haben. Jetzt iſt es aber klar, daß ihr mit ſolchen Gedan⸗ ken umgegangen ſeid, und wie kann da ich oder ein andrer ſich für ſicher halten?“ Es wurden nun verſchiedene Vorſchläge zur Beilegung der Sache gemacht, ohne daß jedoch Will auf einen einzu⸗ gehen für gut hielt, bis endlich einer der Anweſenden ſagte, man könne ihm ja mittelſt eines Wechſels von tauſend Pfund Bürgſchaft leiſten, daß man den Ueberbringer in keiner Weiſe beunruhigen wolle. Will erklärte, daß eine ſolche Verbindlichkeit keinen Werth hätte; denn ſobald der Herr ſeines Eigenthums anſichtig würde, könnte er ſich deſ⸗ ſelben bemächtigen.„Und welche Folgen würde es haben,“ fügte er bei,„wenn ein armer Taſchendieb wegen ſeiner - 97 So⸗ Belohnung klagbar würde?“ Sie wußten hierauf Nichts einzuwenden, ſondern ſagten ihm blos, er ſolle das Taſchen⸗ buch dem Knaben, wenn es ein ſolcher wäre, abnehmen, wogegen ſie ihm die eidliche Verſicherung geben wollten, ihm das verſprochene Geld auszubezahlen. Er lachte darüber und entgegnete:„Nein, meine Herren; da ich nicht der Dieb bin, ſo wäre es mir leid, dafür genommen zu werden und mich Eurer Gnade anheim zu geben.“ Sie erklärten hierauf, daß ſie in der That nicht wüßten, was ſie weiter thun könnten; es wäre übrigens hart, daß er ihnen nicht im Mindeſten trauen wolle. Er verſetzte, er ſei allerdings bereit, ihnen zu trauen und ihnen zu dienen, nur möge er nicht für ſeine Bemühungen zu Grunde ge⸗ richtet und als Dieb behandelt werden, was in der That noch viel härter wäre. Sie erboten ſich nun, es ihm ſchriftlich zu geben, daß ſie ihn nicht im Mindeſten beargwöhnten; daß ſie ihn nie mit einer Anklage behelligen wollten; daß ſie recht wohl wüßten, er ſpähe auf ihre Aufforderung hin nach dem Ent⸗ wendeten; und daß ſie ihm, ſobald er es brächte, vor oder nach der Auslieferung deſſelben, das Geld einhändigen woll⸗ ten, ohne ihm die Verbindlichkeit aufzulegen, die Perſon, von der er es erhalten, namhaft zu machen. Dieſes Beglaubigungsſchreiben wurde ausgefertigt und von drei anweſenden Herrn nebſt dem Beraubten unterzeich⸗ net, worauf ihnen Will erklärte, er wolle jetzt gehen und Oberſt Jack. II. 7 98 Se Allem aufbieten, das Taſchenbuch ſammt deſſen Inhalt an ſich zu bringen. Zuvor verlangte er jedoch, man ſolle ein ausführliches Verzeichniß über Alles, was ſich in dem Buche befände, auf⸗ nehmen, damit man ihm, wenn er es brächte, nicht ſagen könnte, es fehle Etwas. Beſagtes Verzeichniß ſolle unter Siegel gelegt werden, wie er auch die Brieftaſche, ehe er fie übernehme, einſiegeln laſſen wolle. Man ließ ſich das gefallen, und der Herr zählte ſofort die Wechſel, deren er ſich erinnern konnte, wie auch die Diamanten folgender⸗ maßen auf: Ein Wechſel auf Sir Henry Fourneß im Betrage von zwölfhundert Pfund. Ein Wechſel auf Sir Charles Duncomb im Betrage von achthundert Pfund; zweihundert und fünfzig Pfund endoſſirt.— Fünfhundert fünfzig Pfund. Ein Wechſel auf den Goldſchmid J. Taſſel— hun⸗ dertfünfundſechzig Pfund. Ein Wechſel auf Sir Franzis Child— neunund⸗ dreißig Pfund. Ein Wechſel auf einen gewiſſen Stewart, der ein Spielhaus und ein Verſicherungsbureau hielt— dreihun⸗ dertfünfzig Pfund. Ein Paypier mit ſiebenunddreißig ungefaßten Dia⸗ manien— Werth ueah zweihundertundfünfzig Pfund. Ein kleines Papier mit drei großen rohen und einem Ae 99 S⸗⸗ großen geſchliffenen Diamanten— Werth hundertfünfund⸗ achtzig Pfund. Für all dieß verſprachen ſie, einmal, dem Dieb alles auszubezahlen, worüber Will mit ihm übereinkäme, fofern es fünfzig Pfund nicht überſteige, und ſodann ihn ſelbſt für ſeine Mühe mit fünfzig Pfund zu belohnen. Da er nun mit ſeiner Rolle zu Ende war, ſo kam er zu mir und theilte mir alles treulich mit, was vorgefallen. Ich händigte ihm daher das Buch ein, worauf er mir ſagte, er meine, es wäre gut, wenn wir nicht die volle Summe nähmen, weil es dann den Anſchein gewinnen würde, er hätte ihnen einen weſentlichen Dienſt geleiſtet, was ſie zu einem bereitwilligeren Herausrücken mit dem Gelde veran⸗ laſſen dürfte. Mir war alles recht; und ſo verfügte er ſich des andern Tages nach dem Orte, wo ſich bereits die Herrn ſehr pünktlich eingeſtellt hatten. Er ſagte ihnen, er hoffe ſein Geſchäft nach ihrem Sinne ausgeführt zu haben, und erzählte, daß er das Ganze, wenn die Diamanten nicht geweſen wären, für zehn Pfund hätte bekommen können; dieſe hätten jedoch ſo berückend auf die Einbildungskraft des Knaben gewirkt, daß er immer vom Durchgehen nach Frankreich oder Holland geſprochen, um daſelbſt Tag ſeines Lebens wie ein Gentleman leben zu können— eine Aeußerung, welche die Herren ſehr beluſtigend fanden.„Doch hier, meine Herren, iſt das Buch,“ ſagte er, indem er es herauszog und aus einem ßFetzen eines far⸗ 7* 2 100 E⸗ bigen Schnupftuches, ſo ſchwarz, als es die Straße nur machen konnte, herauswickelte; es war mit etwas ſchwarzem Lack und ſtatt des Petſchafts mit einem Penny eingeſiegelt. Das Verzeichniß wurde nun entſiegelt, und da er zu gleicher Zeit ſein Taſchenbuch zeigte, ſo wurde der Beraubte ungeachtet des einleitenden Geſprächs ſo von Freude über⸗ wältigt, daß er nach einem Glas Wein oder Branntwein rief, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Nach Eröffnung des Taſchenbuches wurde zuerſt das Papier mit den Diamanten herausgenommen; es war in⸗ deß nur eines vorhanden, da ſich die rohen Diamanten unter den übrigen befanden; der Herr geſtand jedoch zu, daß keiner davon fehlte. Dann wurde ein Wechſel nach dem andern durchge⸗ ſehen, bei welchem Geſchäfte ſie auch einen von achtzig Pfunden fanden, der in dem Verzeichniß nicht aufnotirt war. Es waren auch noch andere Papiere, zwar ohne Geldwerth, aber doch von großer Wichtigkeit für den Herrn darin, und er geſtand zu, daß alles vorhanden ſei.„Wohlan, junger Mann,“ ſagten ſie;„Ihr ſollt nun ſehen, daß wir ehrlich gegen Euch verfahren.“ und ſo gaben ſie ihm fünfzig Pfund für ihn ſelbſt, worauf ſie weitere fünfzig für mich aufzählten. Er wickelte ſeinen Antheil, der ihm ganz in Gold ein⸗ gehändigt wurde, in ein Papier und ſteckte ihn in die Taſche. Dann fing er an, die andern fünfzig Pfund zu überzählen; 101 S⸗⸗ als er aber bis zu dreißig gekommen war, ſagte er:„Halt, meine Herren; ich gehe ehrlich gegen Euch zu Werke und muß daher bemerken, daß ich nur für dreißig Pfund mit dem Knaben eins geworden bin; die übrigen zwanzig ſtehen daher wieder zu Eurer Verfügung. Sie ſahen ſich eine Weile, in ſtummer Ueberraſchung über dieſe Ehrlichkeit, an; denn ſie hatten wohl die ganze Zeit über den geheimen Verdacht unterhalten, daß er ſelbſt der Dieb wäre; aber dieſes Stückchen Klugheit entfernte allen weiteren Argwohn. Der Herr, welcher ſeine Wechſel wieder erhalten hatte, ſagte leiſe zu einem andern:„Gebt es ihm ganz,“ worauf ihm übrigens ein dritter zuflüſterte: „Nein, nein; da er wohlfeiler dazu gekommen und mit den erhaltenen fünfzig Pfunden zufrieden iſt, ſo laſſen wirs.“ Will hatte aber die Worte wohl vernommen und ſagte da⸗ her:„Ich bin vollkommen zufrieden und freue mich, daß ich das Abhandengekommene habe wieder bringen können.“ Und ſomit ſchickte er ſich an, fortzugehen. Ehe er jedoch die Thüre erreichte, rief ihm einer der Herrn zu:„Kommt noch einmal her, junger Mann. Ihr ſeht, daß wir gerecht und ehrlich gegen Euch verfahren ſind, und da wir auch Eure eigene Ehrlichkeit zu ſchätzen wiſſen, ſo verlangen wir nicht von Cuch zu erfahren, wer der ſchlaue Dieb iſt, der dieſen Herrn beſtohlen. Da Ihr aber mit ihm geſprochen habt, ſo könnt Ihr uns wohl auch ſagen, 2 102&⸗ wie er den Streich ausführte, damit wir uns in Zukunft vor ſolchen Herrchen in Acht nehmen können.“ „Herr,“ ſagte Will,„wenn ich Euch den Vorgang um⸗ ſtändlich mittheile, ſo würde ſich der Herr, wo nicht mehr, doch wenigſtens ebenſo als irgend ein Dritter zu ſchämen haben. Der kleine Schelm, der den Diebſtahl beging, ſtand, wie es ſchien, mit einem Kameraden, der zu den flink⸗ ſten Taſchendieben Londons gehört, auf der Lauer: der letz⸗ tere war gerade nicht zur Hand, und erſterer hatte nie zuvor eine Taſche geleert. Er ſtand aber, wie er ſagt, gerade dem Durchgang an der Oſtſeite der Börſe gegenüber, wäh⸗ rend der Herr ſelber ſich in dem Durchgange befand. Als das Taſchenbuch das letztemal eingeſteckt wurde, gelangte es nicht ganz auf den Grund und ſah daher ein wenig aus der Taſche heraus, was der Dieb, der ſchon eine gute Weile aufgepaßt hatte, bemerkte. Er ging nun ganz dicht an dem Herrn vorbei und zog es ſo ſachte heraus, daß der verr auch nicht das Mindeſte davon verſpüren konnte“ „Es iſt ſonderbar,“ fuhr er fort,„daß man eine Brief⸗ taſche mit ſo werthvollen Dingen unachtſamer Weiſe in ſo weite Taſchen ſteckt.“—„Er hat Recht,“ ſagte der Herr zu ſeinen Freunden, und nachdem man noch einiges Andere von nicht ſonderlichem Belange mit Will geſprochen hatte, entfernte ſich dieſer und kam zu mir. . Fünftes Kapitel. Der eintraͤgliche Huſten.— Der arme Lehrling, ein unfreiwilliger Luft⸗ ſpringer.— Die Lection in der Glashütte.— Neue Kameradſchaft und neues Gewerbe.— Das Weib von Kentiſch⸗town. Wir waren nun ſo reich, daß wir kaum wußten, was wir mit unſerem Gelde anfangen ſollten. Wenigſtens ich wußte es nicht; denn ich hatte keine Verwandten, keinen Freund und überhaupt auch keinen Ort, wo ich es aufbe⸗ wahren konnte, als meine Taſchen, während Will eine arme Mutter hatte, die übrigens um kein Haar beſſer als er ſelbſt und über das Glück ihres hoffnungsvollen Sohnes höchlich erfreut war, von deſſen Raube ſie ſich bereicherte. Wir theilten das Geld in gleiche Theile; denn obgleich die Eroberung durch mich gemacht wurde, ſo war doch die Ausbeute derſelben ſein Werk, da weder ich noch er auf einem andern Weg einen erſprießlichen Vortheil daraus zu ziehen gewußt hätten. Die Wechſel hätten ſich allerdings theilweiſe mögen zu Geld machen laſſen; jedenfälls wäre man aber Gefahr gelaufen, daß die Zahlung bereits einge⸗ ſtellt, oder der Ueberbringer der Note in dem Augenblick, —- 104 G& wo er das Geld in Empfang nehmen wollte, aufgegriffen worden wäre. Und was die Diamanten anbelangt, ſo hätten arme Knaben, wie wir, dieſelben nur an bekannte Diebs⸗ hehler verkaufen können, welche uns in Vergleichung mit ihrem Werthe nichts dafür gegeben haben würden; denn ich hörte ſpäter, daß diejenigen, welche mit geſtohlenen Waaren einen Handel treiben, falſche Gewichte führen und einen armen Teufel von Dieb wenigſtens um ein Loth bei dreien betrügen. Wir hatten alſo im Ganzen den Vorfall in mehrfacher Hinſicht auf die beſte Weiſe ausgebeutet. Trotz meiner un⸗ günſtigen Lage war mir nämlich doch eine Art von Gewiſſen⸗ haftigkeit geblieben, wornach ich zwar kein Bedenken trug, mir in dieſer Weiſe das Eigenthum eines Andern zuzueignen, aber es doch nicht übers Herz bringen konnte, Wechſel und Papiere, deren Verluſt dem Beraubten einen großen Nach⸗ theil brachte, während ihr Beſitz mir nichts nützte, zu zer⸗ ſtören, und ich fühlte mich ſo bedrückt, daß ich Tag und Nacht nicht ruhen konnte, bis ich die Leute, welche ich ſo beſtohlen, wieder zufrieden geſtellt ſah. Ich war nun reich— ſo reich, daß ich nicht wußte, was ich mit meinen Schätzen oder mit mir ſelbſt anfangen ſollte. Ich hatte ſo eingezogen gelebt, daß ich, wie geſagt, nur hin und wieder ein paar Pence zur Stillung meines Hungers brauchte; und da mir viele Leute für Beſorgung kleiner Aufträge Lebensmittel, mitunter auch Kleider gaben, 2 105 S⸗ ſo hatte ich im Verlaufe eines ganzen Jahres nicht einmal die fünfzehn Schillinge verbraucht, die ich mir von dem Gelde des Zollhausherrn vorbehalten hatte. Auch beſaß ich noch von dem Gelde, das ich in den Baum hatte fallen laſſen, vier Guineen, welche ſich gleichfalls in dem Gewahr⸗ ſam meiner Taſche befanden. Jetzt aber fing ich an, höher hinaufzuſtreben, und ob⸗ gleich ich noch mehrere Male mit Will auf Geſchäfte aus⸗ ging, ſo mochten wir uns doch mit Kleinigkeiten, als Taſchen⸗ tücher u. dgl., nicht mehr befaſſen, da wir uns wegen einer Bagatelle keiner Gefahr ausſetzen wollten. Eines Tages traf es ſich, als wir in Weſt Smith⸗field umherſtreiften, daß wir auf dem Markte einem alten Herrn vom Lande begeg⸗ neten, der etliche ſehr große, wahrſcheinlich aus Suſſex kommende Stiere verkaufte. Seine Geſtrengen— denn ſo nannte man ihn— hatte ſich das Geld in einem Wirths⸗ hauſe, deſſen Schild ich vergeſſen, auszahlen laſſen und trug nun einiges davon in einem Sacke in der Hand, als er plötzlich von einem heftigen Huſten befallen wurde. Er ſtützte ſich mit der Hand, in welcher er das Geld hatte, auf einen Ladenverſchlag in der Nähe des Kloſterthors in Smith⸗ field, und wir befanden uns hart hinter ihm. Da ſagte Will zu mir:„Mache Dich fertig;“ und nun that er, als ob er ſtolperte und fiel mit dem Kopfe gerade gegen den alten Herrn, als dieſer von dem Huſten eben ganz blauroth und mit einem förmlichen Erſtickungsanfalle bedroht war. —2 106 E& Die Heftigkeit des Anpralls warf den alten Mann zu Boden. Demungeachtet aber ließ er das Geld nicht fahren, weßhalb ich ſchnell hinzulief und ihm den Sack mit einem raſchen Rucke aus der Hand riß, worauf ich wie der Wind an dem Kloſter vorbeirannte, links an demſelben nach Little⸗ britain einbog, durch Bartholomomewo⸗cloſe, Aldersgate⸗ſtreet, Pauls⸗alley nach Rederoß⸗ſtreet und noch durch viele Straßen und Gäßchen eilte, ohne inne zu halten, bis ich das mittlere Moorfeld, unſern gewöhnlichen Zuſammenkunſtsort, erreicht hatte. Will war mit dem alten Herrn zu Boden gefallen, aber ſchnell wieder aufgeſtanden. Der alte Ritter, denn ein ſolcher ſchien er zu ſein, war durch den Fall ſo erſchreckt, und ſein Athem durch den Huſten ſo beengt, daß er geraume Zeit keine Worte finden konnte, was Will dazu benützte, in aller Eile ſich aus dem Staube zu machen. Endlich begann der alte Herr nach einem heftigen Huſten, ob dem er ganz blau wurde:„Die Spi— khä, khä, khä, die Spitzbuben— khä, haben— khä, khä, khä, khä, khä, khä—, dann hielt er ein wenig an, um zu Athem zu kommen;„die Spitzbuben— khä, khä;“ und nach vielen Khä's und Spitzbuben brachte er endlich heraus—„haben mir meinen Sack mit Geld genommen.“ Die Leute wußten die ganze Zeit über nicht, was ſie von der Sache denken ſollten, bis wir uns ſo weit geborgen hatten, daß wir nicht mehr aufgegriffen werden konnten; — 107& und in ungefähr einer Stunde erſchien Will an unſerem Stelldichein. Wir ſetzten uns wieder in das Gras, ſchütteten das Geld aus und fanden acht Guineen und fünf Pfund, zehn Schillinge in Silber, was zuſammen vierzehn Pfund ausmachte. Wir theilten es auf der Stelle und ſahen uns noch denſelben Tag nach weiterer Arbeit um. Sei es nun aber, daß wir, durch unſer Glück zu aufgeregt, nicht acht⸗ ſam genug waren, oder daß ſich überhaupt keine Gelegen⸗ heit darbot— genug, wir erbeuteten nichts mehr und gewahrten auch nicht des Mindeſten, was die Mühe eines Verſuchs gelohnt hätte. Wir machten viele derartige Spaziergänge, bisweilen auch gemeinſchaftlich, jedoch ſtets in einiger Entfernung von einander, wobei wir hin und wieder auf einen kleinen Treffer ſtießen. Unſer Glück hatte uns jedoch ſo übermüthig gemacht, daß wir uns, wie geſagt, nicht mehr mit Kleinig⸗ keiten und Dingen, ob denen andere froh geweſen wären, abgeben wollten; denn unſer Sinn ſtand jetzt nach nichts, als Taſchenbüchern und größeren Geldſummen. Unſer nächſtes Abenteuer fand zur Zeit des Zwielichts in einem Hofe ſtatt, der Gracechurch⸗ſtreet mit Lombard⸗ ſtreet verbindet, und wo ein Verſammlungshaus der Quäcker ſteht. Dort war ein junger Burſche, wie wir ſpäter erfuhren, der Lehrling eines Tuchmachers in Gracechurch⸗ſtreet, der eine beträchtliche Geldſumme eingenommen zu haben ſchien und eben in einen Goldſchmidsladen in Lombard⸗ſtreet hineinging. 108 SE⸗ Er zahlte daſelbſt das meiſte ſeines Geldes aus, und da es bereits dunkel wurde, ſo begann der Goldſchmid ſeinen Laden zu ſchließen und Lichter anzuzünden. Wir paßten auf der andern Seite der Straße auf und gaben auf das, was vor⸗ ging, Acht. Als der Lehrburſche ſeine Zahlung gemacht hatte, verweilte er noch ein wenig, vermuthlich um ſich quittiren zu laſſen; und inzwiſchen war es dunkel geworden. Endlich kam er mit einem immer noch ziemlich großen Sacke unter dem Arm aus dem Laden heraus und ging über den bereits ſehr verdunkelten Hof, durch deſſen Mitte ſich ein mit Dielen bedeckter Weg zieht, welcher in eine Treppe ausgeht. Sobald er über dieſe Treppe kam, mußte er linker Hand in Gracechurch⸗ſtreet einbiegen. „Gib Acht,“ ſagte Will zu mir,„und ſei hurtig.“ Und mit dieſen Worten flog er auf den jungen Menſchen zu, gab ihm einen ſo heftigen Stoß, daß dieſer nicht dagegen Stand zu halten vermochte, und wie er ſich wieder ins Gleichgewicht bringen wollte, über die Treppe taumelte und vorwärts in einen andern Theil des Hoſs fiel, als wäre er durch die Luft geflogen, indem er zugleich mit dem Kopfe gegen das Verſammlungshaus der Quäcker zu liegen kam. Ich war im Augenblick da und griff den Geldſack, den ich fallen hörte, auf; denn er war ſeiner Hand entglitten, da er mehr auf Rettung ſeiner Gliedmaßen, als des Geldes bedacht geweſen war. Ich eilte mit meinem Raube vor⸗ wärts, und ſobald Will fand, daß ich meine Rolle ausge⸗ - 109 S⸗ führt hatte, ſo folgte er mir nach und holte mich in Fenchurch⸗ ſtreet ein, worauf wir uns miteinander nach Hauſe begaben. Der arme junge Menſch war ein wenig von dem Falle ver⸗ letzt und berichtete, wie wir nachher hörten, ſeinem Meiſter, er ſei niedergeſchlagen worden, was übrigens eine Lüge war, denn weder Will noch ich hatten einen Stock zur Hand. Der Lehrherr des Burſchen ſchien übrigens froh zu ſein, daß dieſes Unglück ſeinem Jungen nicht begegnet war, ehe er das andere Geld— mehr als hundert Pfund— an den Goldſchmid Sir John Sweetapple abgegeben, und machte keinen großen Lärmen über ſeinen Verluſt, indem er, wie wir nachmals erfuhren, ſeinen Lehrling nur verwarnte, in Zukunft achtſamer zu ſein und in der Finſterniß ſolche Plätze zu vermeiden. Die Beute belief ſich auf neunundzwanzig Pfund, ſech⸗ zehn Schillinge, was für jeden vierzehn Pfund, achtzehn Schillinge ausmachte— allerdings ein ſchöner Zuwachs für meinen Vorrath, der nachgerade viel zu groß geworden war, um ihn geſchickt bei mir führen zu können, was mich auch nicht wenig um ſeine Erhaltung bekümmert machte. Ich bedurfte eines zuverläßigen Freundes, dem ich ihn anver⸗ trauen konnte, aber wo hätte ein armer Knabe, der unter Dieben aufgewachſen war, einen ſolchen finden können? Hätte ich irgend einen ehrlichen Mann wiſſen laſſen, daß ich im Beſitze ſo vielen Geldes wäre, ſo würde er mich gefragt haben, wie ich dazu gekommen; und er hätte ſich wohl in keinem Falle damit befaßt, um nicht, wenn ich 110 SE⸗ früher oder ſpäter ertappt würde, als Hehler geſtohlenen Guts und als Diebshelfer in Anklageſtand verſetzt zu werden. Wir führten noch eine Menge anderer Unternehmungen glücklich durch, ohne daß uns je die Gefahr drohte, ergriffen zu werden. Inzwiſchen war aber mein Gefährte Will zum Manne geworden, und durch ſein Glück ermuthigt, ging er zu einem ganz anderen Zweige der Verruchtheit über, indem er unter eine Bande heilloſer Burſchen gerieth, die vor keiner Schandthat zurückſchracken. Will war ein derber, kräftiger Burſche und ſo kühn und wagehalſig, daß er vor nichts zurückſchrack und es mit dem Satan ſelbſt aufgenommen haben würde. Das Gewerbe eines ordinären Taſchendiebs war ihm zu gemein geworden, und ich traf nur noch ſelten mit ihm zuſammen. Eines Tages kam er jedoch ſehr freundlich zu mir und fragte mich, wie es mir ginge, worauf ich ihm erzählte, daß ich das alte Gewerbe forttreibe und zwei oder drei gute Priſen ge⸗ macht habe, die eine bei einer jungen Frau, aus deren Beutel ich eilf Guineen geholt, die andere bei einem Bauern⸗ weibe, die ich, als ſie eben die Poſtkutſche verlaſſen, ihren Beutel habe herausziehen ſehen, um den Kutſcher zu bezahlen; ich ſei ihr nachgefolgt, bis ſich eine Gelegenheit dargeboten, und hätte ihr denſelben ſo künſtlich wegſtibitzt, daß ſie nicht das mindeſte davon verſpürt, obgleich er acht Pfund und ſiebzehn Schillinge enthalten habe. Außerdem theilte ich ihm noch einige weitere Stückchen mit, bei denen ich gleichfalls 111 keine üble Erwerbung gemacht hatte.„Ich ſagte immer, Du ſeieſt ein Glückskind, Oberſt Jack,“ entgegnete er;„doch komm, Du biſt nun faſt zum Manne geworden und ſollſt nicht immer ſolche Kinderſpiele treiben. Ich habe mich auf ein beſſeres Gewerbe gelegt, und Du wirſt Dich gleichfalls bald darin einſchießen. Ich will Dich unter eine Bande von Braven bringen, Jack,“ fügte er bei,„wo alles gentle⸗ manartig betrieben wird.“ 4 Er erzählte mir noch weiteres von ſeinen Kunſtgenoſſen — einer Bande von Burſchen, welche die verwegenſten und kunſtreichſten Zweige des Diebſtahls übten; ſie waren näm⸗ lich Abends Straßenräuber und brachen nächtlicherweile in den Häuſern ein. Will erzählte mir ſo viele vergnügliche Stückchen und ſchwazte mir ein Langes und Breites von ihren Heldenthaten vor, ſo daß ich, ſtets gewohnt, mich von ihm leiten zu laſſen, ohne Bedenken mit ihm ging. Die arge Unwiſſenheit, die ich meiner verwahrlosten Erziehung verdankte, die Verderbtheit meiner Kameradſchaft und das Gewerbe, zu welchem ich, ſo zu ſagen, erzogen worden, hatten bisher keine Gedanken über das Schlimme in meinen Wegen bei mir aufkommen laſſen. Demungeachtet machte ſich, ich wußte nicht wie, ein geheimer Einfluß in meinen Innern geltend, der mich vor vielen Arten der Verderbtheit und Laſterhaftigkeit meiner Kameraden bewahrte, indem ich zum Beiſpiel nie fluchte und nie dem Trunke er⸗ geben war. Ich kann es nicht unterlaſſen, eines Umſtandes 112 G⸗ zu erwähnen, welcher viel dazu beitrug, mich vor dieſen und ähnlichen Laſtern zu ſchützen. Ich that mir nämlich, wie ich bereits früher bemerkt, viel darauf zu gut, daß ich ein Gentleman wäre, und es ereigneten ſich hin und wieder Umſtände, welche dieſe hohe Meinung von mir ſelber vermehren halfen. So befand ich mich eines Tages in dem Hofe der Glashütte zwiſchen Roſe⸗ mary⸗lane und Statcliffhighway, wo ich einen ſehr gut ge⸗ kleideten Mann aus einer Kutſche ſteigen ſah, wahrſcheinlich um gläſerne Flaſchen und andere Waaren, die man dort haben konnte, zu kaufen, und als er ſo im Handeln be⸗ griffen war, fuhr faſt nach jedem zweiten oder dritten Worte ein ſchrecklicher Fluch aus ſeinem Munde. Endlich nahm ſich der Inhaber der Glashütte, ein ernſter alter Herr, die Freiheit, es ihm zu verweiſen, worauf es aber anfänglich nur noch ſchlimmer wurde. Später wurde der Herr etwas ruhiger, und obgleich er immer noch fluchte, ſo machte er es doch nicht mehr ſo bunt, wie im Anfang. Nach einer Weile wandte ihm jedoch der Beſitzer der Glashütte den Rücken und ſagte:„In der That, Herr, Ihr mißbraucht den Namen Gottes in einer Weiſe, daß ich es unmöglich länger bei Euch aushalten kann. Es iſt mir daher lieber, Ihr laßt mir meine Waare und macht Eure Einkäufe an⸗ derswo. Ich hoffe, Ihr nehmt mirs nicht übel, aber ich mag nicht mit einem Manne verkehren, der ſich ſo benimmt; denn ich befürchte immer, die Glashütte möchte mir über 2 113, dem Kopfe zuſammen fallen, ſo lange Ihr in derſelben ver⸗ weilt.“ Der Herr nahm dieſen Tadel nicht übel und ſagte: „Nein, nein, Ihr braucht nicht wegzugehen. Ich will nicht mehr ſchwören, wenn ich es vermeiden kann; denn ich weiß wohl, daß es nicht Recht iſt.“ Der alte Herr wandte ſich wieder nach ihm hin und erwiederte:„In der That, Herr, es iſt Schade um Euch daß Ihr, der Ihr doch ein gutmüthiger, wohlerzogener Herr zu ſein ſcheint, mit einer ſo häßlichen Angewöhnung be⸗ haftet ſeid. Es ziemt einem Gentleman durchaus nicht, zu ſchwören, und es iſt ſchon ſchlimm genug, daß ich es von den ſchwarzen Strolchen an meinem Ofen oder von dieſen zerlumpten nackten Galgenſtricken, welche in der Aſche liegen“ — er wies damit auf mich—„hören muß. Ja“ ſagte er,„es iſt ſchlimm genug für ſie, und ſie verdienten deßhalb gezüchtigt zu werden. Ein Mann von Erziehung, Herr, ein Gentleman ſollte ſich aber höher denken, da er doch etwas Beſſeres gelernt hat, wie denn auch Ihr ſelbſt ſicherlich etwas Beſſeres wißt. Ich bitte Euch daher, fragt Euch ſtets, wenn Euch die Verſuchung des Fluchens beſchleicht, ob dieß auch eines Gentlemans würdig ſei. Dieſe Frage wird ſchon hinreichen, Eurer Vernunft den Zügel zu verſchaffen — und ſo werdet Ihr Euch bald dieſer ſchlimmen Gewohn⸗ heit entſchlagen können.“ Ich hörte alles dieſes mit an, und das Blut rann mir Oberſt Jact. II. 8 — 114 eiskalt durch die Adern, als er ſagte, daß man Flucher nur unter Leuten, wie ich, fände. Mit Einem Worte— es machte einen eben ſo tiefen Eindruck auf mich als auf den Herrn, der den Rath des Glashändlers durchaus nicht übel nahm, ſondern ihm im Gegentheil dafür dankte. Von dieſer Zeit an war mir jede Neigung zum Fluchen ver⸗ gangen, und ich entſetzte mich ſogar, wenn ich Andere gegen das zweite Gebot ſündigen hörte. Was das Trinken anbe⸗ langt, ſo hatte ich keine Gelegenheit dazu, da mein Trunk außer dem Brunnenwaſſer höchſtens in etwas Dünnbier beſtand, welches mir gutherzige Leute reichten, da man nicht gern das kräftigere hergibt; und als ich Geld hatte, ge⸗ lüſtete mich eben ſo wenig nach Doppelbier, als ich mich von meinem Gelde trennen mochte, um welches zu kaufen. Freilich gebrach es mir an der guten Grundlage der Erziehung, und da mich mein Geſchick ſchon frühe in die Klauen des Argen geführt, ſo wußte ich nicht einmal, zwi⸗ ſchen Gut und Böſe zu unterſcheiden. Als ich aber älter wurde, und mit der Entwickelung meiner Geiſteskräfte auch das Bewußtſein in mir erwachte, daß ich ein Menſch wäre. der mit Rieſenſchritten dem Galgen entgegen reifte, ſo kam mir doch oft der Gedanke, ich hätte nicht den rechten Weg eingeſchlagen, indem ich auf der breiten Heerſtraße des Teu⸗ ſels dahinzöge, und ich machte zu wiederholten Malen Halt, um mich zu fragen, ob das auch das Leben eines Gentle⸗ mans wäre? — ——** 115& Solche Gedanken entſchwanden jedoch eben ſo ſchnell wieder, als ſie aufgetaucht waren, und ich folgte wieder dem alten Gewerbe; zumal wenn Will mit ſeinen Ver⸗ lockungen angerückt kam, der mir in meinen Unternehmungen eine Art Führer war, wie ich denn auch nach und nach ihm alle ſeine Schliche und Kunſtgriffe ablernte. Kehren wir indeß zu dem Gange unſerer Erzählung zurück. Wie bereits bemerkt, kam Will zu mir und ſagte mir, wie er ſich bei einem ganz andern Geſchäfte betheiligt habe, und wenn ich mit ihm gehe, ſolle ich ein Gentleman werden. Will nahm, wie es ſcheint, dieſes Wort in einem ganz andern Sinne, als ich; denn ſein Gentleman war nichts mehr und nichts weniger, als ein Dieb aus einer höhern Rangſtufe, denn die des Taſchendiebes war,— ein Spitzbube alſo, der ein weit höheres Anrecht an den Galgen hatte, als die kleinlicheren Langenfingerhelden; aber mein Gentleman war etwas ganz anderes, obgleich es mir eigent⸗ lich ſelbſt nicht recht klar war, was ich darunter verſtand. Wie dem übrigens ſein mag— ich ließ mich durch das Wort beſtechen und ging mit ihm. Will war jetzt unge⸗ fähr vierundzwanzig Jahre alt, während ich ins neunzehnte ging, übrigens ziemlich groß für mein Alter war. Als ich ihn das erſte Mal begleitete, brachte er mich nur mit zwei jungen Burſchen in Berührung. Wir trafen ſie ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang an dem untern Theile von Grays⸗Inn⸗lane und gingen mit ihnen 8* 116 S⸗ nach den Feldern in der Nähe des Platzes, welcher den Na⸗ men des Pindar von Wackefield trägt, und wo es eine Menge Ziegelhütten gibt. Hier vertheilten wir uns auf den Feldwegen und Straßen, bis nach der Pancraskirche hin, um irgend ein Wild abzupaſſen, das wir, wie ſie ſich aus⸗ drückten, im Fluge ſchießen könnten. Auf einem Seitenpfade des nach Kentiſh⸗town führenden Weges trafen zwei von unſerer Bande, Will und einer der beiden andern, auf einen einzelnen Herrn, welcher raſch auf die Stadt zuſchritt. Es war bereits dunkel, und Will rief nun:„Aufgepaßt!“ was, wie es ſchien, das Signal war, um uns in die Nähe zu ziehen, damit wir, wenn er des Beiſtandes bedürfte, herzu⸗ kommen, oder wenn ſich etwas Gefahrdrohendes näherte, einen Warnungsruf erſchallen laſſen könnten. Will trat auf den Herrn zu, hielt ihn an und ließ die gewerbsmäßige Aufforderung, nämlich:„Eure Börſe, Herr!“ an ihn ergehen. Als der Herr ſah, daß der Straßenräuber nur allein war, ſo ſchlug er mit ſeinem Rohre nach ihm, aber Will, ein hurtiger, ſtarker Burſche, ſprang auf ihn zu, rang mit ihm und brachte ihn unter ſich, worauf der Herr um ſein Leben bat, da Will unter Fluchen betheuerte, er wolle ihm den Hals abſchneiden. Während dieß vorging, kam eine Miethkutſche des Weges daher. Der vierte Mann, der in jener Richtung aufgeſtellt war, rief:„Aufgepaßt!“ womit er indeß nicht warnen, ſondern nur darauf aufmerk⸗ ſam machen wollte, daß eine weitere Priſe ſich nähere. Ein 5 117 So⸗ zweiter eilte ihm daher zu Hülfe, und ſie hielten die Kutſche an, in der ein Arzt und ein Wundarzt ſaßen, welche eben von einem reichen Patienten kamen und daher muthmaßlich ſchöne Honorare in den Taſchen trugen. Sie eroberten auch bei dieſer Gelegenheit zwei ſchöne Börſen, von denen eine zwölf Guineen, die andere ſechs mit etwas Scheidemünze enthielt, zwei Uhren, einen Diamantring und den Verband⸗ zeug des Wundarzts, deſſen Inſtrumente ſchwer mit Silber ausgelegt waren. 6 Während dieſes Vorgangs knieete Will fortwährend auf der Bruſt des Herrn, und obgleich er demſelben verſprach, ihn nicht zu tödten, wenn er keinen Lärm mache, ſo ließ er ihn doch nicht von der Stelle, bis er den Wagen wieder weiter rollen hörte, woraus er entnahm, daß das dortige Geſchäft abgethan wäre. Dann führte er ihn ein wenig bei Seite, knebelte ihm die Hände auf dem Rücken zuſam⸗ men und befahl ihm, ſich niederzulegen und nicht zu muckſen; er wolle in einer halben Stunde wieder kommen und ihn losbinden; ſobald er ſich aber nur einen Laut erlaube, ſo ſei ſein Leben verwirkt. Der arme Mann verſprach, ſich ruhig zu verhalten, was er auch treulich hielt. Will nahm ihm ſeine Baar⸗ ſchaft ab, die nicht über eilf Schillinge, ſechs Pence betrug, und vereinigte ſich ſodann mit den Uebrigen. Ich befand mich auf der Seite des Pindar von Wackefield, und als ſie -— 118& ſich eine Weile mit einander beſprochen hatten, gab ich gleichfalls das Zeichen:„Aufgepaßt!“ Die Entdeckung, die ich gemacht, beſtand aus einem Paar armer Weibsperſonen, die nach Kentiſh⸗town wollten, und von denen die eine eine Art Kinderwärterin, die andre ein Dienſtmädchen war. Da Will wußte, daß ich mich noch nicht auf dieſes Geſchäft verſtand, ſo kam er eilig auf mich zu; wie er aber bemerkte, daß es nur eine leichte Priſe wäre, ſo ſagte er:„Wohlan, Oberſt, ans Werk.“— Ich ging auf ſie zu und redete die ältere der beiden Weibsper⸗ ſonen an.„Eilt nicht ſo, gute Frau,“ begann ich;„ich habe ein Wörtchen mit Euch zu ſprechen.“ Sie machten Halt und ſahen mich etwas erſchrocken an.„Du brauchſt Dich nicht zu fürchten, Schätzchen,“ ſagte ich zu dem Dienſtmäd⸗ chen.„Ein Bischen von dem Geld in Deiner Taſche bringt alles ins Reine, und es ſoll Dir durchaus nichts Leids geſchehen.“„Inzwiſchen war Will dazu getreten, den ſie vorher nicht geſehen hatten, und nun fingen ſie an, laut zu ſchreien.„Halt,“ ſagte ich;„keinen Lärm, wenn Ihr uns nicht zwingen wollt, Euch das Meſſer in den Leib zu rennen. Gebt mir augenblicklich Euer Geld, und macht nicht viel Federleſens; es ſoll Euch dann nichts Weiteres geſchehen.“ Das Mädchen zog nun fünf Schillinge und ſechs Pence hervor, während die alte Frau eine Guinee und einen Schil⸗ ling ausſackte und dabei bitterlich um ihr Geld weinte; denn es ſei das einzige, was ſie auf der Welt beſäße. Demun⸗ ——— ν—8— —2 119& geachtet mußte ſie es aber hergeben, obgleich mir das Herz blutete, als ich ſah, mit welchem Schmerze ſich die alte Frau davon trennte. Ich fragte ſie, wo ſie wohnte, und er⸗ fuhr, daß ſie von Kentiſh⸗town war und Smith hieß. Ich befahl ſodann den Weibsperſonen, weiter zu gehen, und hän⸗ digte Will das Geld ein. In ein paar Minuten war unſere ganze Geſellſchaft wieder bei einander, und einer meinte, es wäre jetzt Zeit genug zu gehen; denn wir hätten genug für einen Streifzug erbeutet. Wir gingen daher querfeldein und Tottenhamm-court zu.„Aber halt,“ ſagte Will;„ich muß den Mann wieder losbinden.“—„Hol' ihn der Henker“ entgegnete ein anderer;„laß ihn liegen. 4⁸ —„Nein,“ erwiederte Will;„ich will nicht wortbrüchig werden, ſondern will ihn losbinden.“ So ging er nach der Stelle zurück, aber der Mann war fort. Er mußte ſich entweder ſelber losgemacht haben oder durch Beihülfe eines Vorübergehenden, welchen er anſprach, befreit worden ſein; denn Will ſah und hörte nichts von ihm, obgleich er es wagte, einige Male laut nach ihm zu rufen. Dieß veranlaßte uns raſcher zu gehen, und da die Uebrigen den Tottenham⸗courtweg für zu nahe hielten, ſo begaben ſie ſich bei Saint Giles in die Stadt, kreuzten Piccadilly und kamen zu dem Hyde⸗Parkthore. Hier wagten ſie es, eine andere Kutſche zu berauben— das heißt, Will und einer der beiden anderen thaten es, und zwar zwi⸗ ſchen dem Parkthore und der Ritterbrücke. In der Kutſche — 120& befand ſich ein Herr mit einer Dirne, die er, wie es ſcheint, weiter oben bei Spring⸗garden hatte einſitzen laſſen. Sie nahmen dem Herrn ſein Geld, ſeine Uhr und ſeinen mit einem filbernen Heft verſehenen Degen ab; aber als ſie ſich an das Mädchen machten, wurden ſie von derſelben mit Schimpfworten und Flüchen empfangen, weil ſie dem Herrn ſein Geld geraubt und nichts für ſie übrig gelaſſen hatten. Bei ihr ſelbſt fand ſich auch nicht die mindeſte Baarſchaft vor, obgleich ſie im Uebrigen gut gekleidet war. Nach Beſtehung dieſes Abenteuers verließen wir auch dieſen Weg und gingen über die Felder nach Chelſea. Zwiſchen Weſtmünſter und Chelſea trafen wir auf drei Herrn, die jedoch zu ſtark waren, als daß wir uns mit ihnen ein⸗ laſſen konnten; denn da es bereits acht Uhr und trotz des Mondlichts ſchon zu ſpät und zu dunkel war, um nicht auf einen Angriff gefaßt ſein zu müſſen, ſo hatten ſie in Chelſea zwei Männer mit Heugabeln und einen Fährmann mit einer Fiſcherſtange zu ihrem Schutze gemiethet. Wir hätten uns gern ungeſehen an ihnen vorbeigemacht, wenn es ſich hätte thun laſſen; aber ſie bemerkten uns und riefen, wer da käme? Auf unſere Antwort:„Gut Freund“ gingen ſie jedoch zu unſerer großen Beruhigung weiter. Als wir nach Chelſea kamen, ſchienen meine Begleiter noch auf ein anderes Geſchäft auszugehen, von dem ſie mir bisher nichts mitgetheilt hatten— nämlich auf die Berau⸗ bung eines Hauſes. Sie unterhielten, wie es mir vorkam, — 121 SE⸗ ein Einverſtändniß mit einem Diener deſſelben, der zu ihrer Bande gehörte, und der ſie auf ein beſtimmtes Loſungswort einlaſſen ſollte; aber dieſer Kerl täuſchte uns, nicht etwa weil er kein Schurke war, ſondern weil er ſich betrunken und deßhalb ſeine Rolle vergeſſen hatte. Seinem Verſpre⸗ chen gemäß wollte er Morgens um zwei Uhr aufſtehen und uns öffnen; da er aber in einer Kneipe liegen geblieben und um eilf Uhr noch nicht zu Hauſe war, ſo befahl ſein Herr, daß er hinausgeſperrt und unter keinen Umſtänden während der Nacht hereingelaſſen werden ſolle. Wir kamen um ein Uhr vor das Haus, um unſere Beobachtungen anzuſtellen, wobei wir beſchloſſen, uns unter der Mauer von Beaufort⸗Houſe zu verbergen, bis es zwei ſchlüge. Aber ſiehe da— als wir vor das Haus kamen, lag der Burſche betrunken und feſt eingeſchlafen vor der Thür. Will, der, wie ich bemerkte, bei all dieſen Stück⸗ chen der Anführer war, weckte den Burſchen, welcher, da er bereits zwei Stunden dortgelegen, nun ein wenig zu ſich kam und ſein geſchlagenes Elend, wie er es nannte, erzählte: nämlich, daß man ihn nicht mehr eingelaſſen hatte. Meine Begleiter führten zwar etliche Inſtrumente bei ſich, mit wel⸗ chen ein gewaltſamer Einbruch hätte bewerkſtelligt werden können, aber Will hielt es für gerathen, eine gelegenere Zeit abzuwarten, und ſo entſchloſſen ſie ſich, vor der Hand ruhig zu bleiben und das Vorhaben bis auf weiteres zu verſchieben. -— 122&- Dieſer Rauſch kam übrigens der Familie ſehr zu ſtatten; denn der Kerl geberdete ſich in ſeinem trunkenen Zuſtande äußerſt unverſchämt und erlaubte ſich verſchiedene Aeuße⸗ rungen, z. B.„man würde gut thun, ihn einzulaſſen,“— „ſie ſollten ihm theuer dafür büßen“ u. dgl.,— was den Herrn, welcher ſie hörte, bewog, den Menſchen am andern Morgen aus dem Dienſt zu jagen und nie wieder in ſein Haus zu laſſen. Ich darf daher wohl ſagen, daß dieſer Rauſch ein Glück für die Familie war; denn er bewahrte ſie vor Beraubung, vielleicht gar vor Ermordung; denn die Einbrecher waren eine heilloſe, blutige Bande. Wie ich ſpäter fand, beſtand ſie im Ganzen aus dreizehn Mann, deren ſichs drei zum Geſchäft machten, bei wohlhabenden Leuten Dienſte zu nehmen, um zur Nachtzeit ihren Spieß⸗ geſellen die Häuſer zu öffnen und bei Raub und Zerſtörung Vorſchub leiſten zu können. Ich ſtreifte die ganze Nacht mit umher. Von Chelſea, wo ſie, wie eben bemerkt, nicht ihre Rechnung gefunden, be⸗ gaben ſie ſich nach Kenſington, wo ſie durch ein Brenn⸗ und Waſchſtübchen in die Außenküche eines Hauſes einbra⸗ chen und, ohne geſtört zu werden, alles daſelbſt befindliche Kupfergeſchirr und wohl an hundert Pfund Zinngeräth mit⸗ laufen ließen. Jeder ging ſodann ſeinen eigenen Weg, und ſo fanden ſie Mittel, ihren Raub in ihren gewöhnlichen Schlupfwinkeln zu bergen. Des andern Tages verhielten wir uns ruhig und theilten 123&. die in der Nacht gemachte Beute, von welcher acht Pfund und neunzehn Schillinge auf mich kamen. Das Kupfer und Zinn wurde gewogen und etwa um den halben Werth an einen Diebshehler verkauft; und Nachmittags trennte ſich Will mit mir von ſeinen Genoſſen. Er bildete ſich ge⸗ waltig viel auf das Glück der letzten Nacht ein und meinte, es werde gewiß jetzt alle Tage ſo fort gehen, doch blieb es ihm nicht unbemerkt, daß ich nicht halb ſo viel Freude über die Ergebniſſe des Streifzuges ausdrückte, als ich ſonſt zu thun pflegte, und daß ich nicht ſonderlich auf ſeine ſangui⸗ niſchen Ausſichten für die Zukunft einging, obgleich ich im Ganzen nicht viel über die Sache ſprach. Mein Herz war bedrückt von dem Unglücke des armen Weibes in Kentiſh⸗town, und ich faßte den Entſchluß, wo möglich ſie aufzuſuchen und ihr Geld zurückzuerſtatten. Dem Abſcheu, welchen die Grauſamkeit jener That in meiner Seele erzeugte, folgte nothwendig einiger Widerwille an dem Gewerbe ſelbſt, und der Gedanke drängte ſich mir nun mit Macht auf, daß dieß die Heerſtraße der Sünde, keines⸗ wegs aber die Bahn eines Gentlemans wäre. Sechstes Kapitel. Wills ſaubere Geſellſchaft wird zerſpreugt.— Seine Gefangenneh⸗ mung.— Meine Angſt und Noth. Will und ich trennten uns für dieſen Tag, aber am nächſten Morgen trafen wir uns wieder, wobei Will unge⸗ mein heiter war.„SJetzt, Oberſt Jack,“ ſagte er,„werden wir in Bälde reich ſein.“—„Und was wollen wir thun, wenn wir reich ſind?“ entgegnete ich.„Was wir anfangen wollen?“ ſagte er.„Wir kaufen ein Paar gute Pferde und rücken wieder ins Feld.“„Was meinſt Du damit?« fragte ich.—„Ei,“ ſagte er,„wir beſetzen dann die Landſtraße, wie Gentlemen, und ſammeln uns Reichthümer.“—„Und was dann?“ erwiederte ich.—„Je nun„ ſagte er;„dann können wir wie Gentlemen leben.“ „Aber Will,“ verſetzte ich;„wenn wir viel Geld haben, wäre es nicht beſſer, wir gäben das Gewerbe auf und ſetz⸗ ten uns zur Ruhe, um es gemächlich zu verzehren?“ „Wenn wir einmal recht viel haben,“ entgegnete Will, „ſo bin ich allerdings auch willens, mich von dem Geſchäfte zurückzuziehen.“ —— 125 SE⸗ „Aber wohin wird es führen,“ ſagte ich,„wenn wir dieſe verfluchte Handthierung forttreiben? Werden wir wohl dieſe Zeit erleben?“ „Was fällt Dir ein, Dich mit ſolchen Gedanken zu plagen?“ erwiederte Will.„Wenn Du Dir ſolche Grillen in den Kopf ſetzſt, ſo wirſt Du es nie zu einem Gentleman bringen.“ Er berührte mich hier in der That an einer ſehr empfindlichen Seite und machte mich eine Weile verſtummen; denn ich trug mich noch immer mit dem Gedanken, es zu einem Gentleman zu bringen. Ich beſann mich jedoch bald und fragte ihn ziemlich beißend:„Ei, Will, nennſt Du dieſe Art zu leben das Leben eines Gentleman?“ „Und warum ſollte ich nicht?“ verſetzte er. „Nun,“ entgegnete ich;„war es gentlemanmäßig von mir gehandelt, einem armen alten Weibe zweiundzwanzig Schillinge abzunehmen, als ſie mich auf den Knieen bat, ſie ihr zu laſſen, da ſie auf der ganzen Welt kein anderes Geld hätte, um Brod für ſich und für ihr zu Hauſe liegen⸗ des Kind zu kaufen? Glaubſt Du, ich hätte ſo grauſam ſein können, wenn Du mir nicht zur Seite geſtanden und mich zur That ermuthigt hätteſt? Das Waſſer iſt mir dabei eben ſo gut in die Augen getreten, als dem armen Weibe, obgleich ich es gegen Dich zu verbergen ſuchte.“ „Du biſt ein Narr,“ ſagte Will,„und für das Geſchäft verdorben, wenn Du ſolche Gedanken aufkommen läßſt. Doch ich will Dir dieſe Albernheit bald aus dem Kopf 126& bringen. Wenn Du es zu etwas bringen willſt, ſo mußt Du fechten lernen, wenn man Dir Widerſtand leiſtet, und Gurgeln abſchneiden können, wenn man ſich unterwirft; es gehört zum Ganzen, dem Geſindel den Athem zu ſtopfen, daß es nicht mehr bitten und betteln kann. Sage mir nur, was Du mit Deinem einfältigen Mitleid willſt? Wer wird uns bemitleiden, wenn wir nach Old⸗Bailey kommen? Ich ſtehe Dir dafür, jenes alte Weib, das ſo flehentlich um ihre zweiundzwanzig Schillinge bat, würde Zeugniß gegen uns ablegen, und wenn wir beide ſie auf den Knieen an⸗ flehten, unſer Leben dadurch zu retten, daß ſie nicht vor Gericht erſchiene. Haſt Du ſchon einmal Jemanden weinen ſehen, wenn man irgend einen armen Teufel zum Galgen führte?“ „Mir iſts eben immer, Will,“ ſagte ich,„wir thäten beſſer, wenn wir bei dem Geſchäfte blieben, welches wir vorher trieben. Jedenfalls iſt es nicht ſo grauſam; und zudem brachte es auch mehr ein, als ſich, wie mir düntt bei dieſem erwerben läßt.“ „Nein, nein,“ entgegnete Will;„Du biſt ein Thor und weißt nicht, welche hübſche Stückchen wir in Kurzem ausführen können.“ Nach dieſem Geſpräche trennten wir uns vor der Hand; aber ich war feſt entſchloſſen, nie wieder ſolche Wege mit ihm einzuſchlagen. Der eigentliche Grund lag übrigens darin: die Bande beſtand aus ſo abſcheulich rohen Böſe⸗ 127& wichtern, daß es mich ſogar während meines kurzen Auf⸗ enthalts unter ihnen eiskalt überlief, wenn ich mit anhören mußte, wie ſie ohne Unterlaß faſt bei jedem Worte, das aus ihrem Munde ging, ſich ſelbſt und ihre Kameraden ver⸗ fluchten und verwünſchten und ſtets mit Gurgelabſchneiden und Mord umgingen— ein Verfahren, das ſie bei jeder Gelegenheit in Anwendung bringen zu müſſen meinten. Dieß bemerkte ich zuerſt in dem Geſpräche über den Fehlgang nach Chelſea, wobei die beiden Strolche, welche bei uns waren, und auch Will aus Leibeskräften rasten und fluch⸗ ten, weil ſie nicht in das Haus kommen konnten und unter ſchrecklichen Schwüren dem Herrn die Kehle abzuſchneiden drohten, ſobald ſie an ihn kommen könnten. Sie gaben ſich die Hand darauf und verwünſchten ſich ſelbſt, wenn ſie nicht die ganze Familie ermordeten, ſobald Tom— ſo hieß nämlich der treuloſe Diener— ihnen Einlaß verſchaffte. Zwei Tage nachher kam Will in meine Wohnung; denn ich hatte mir nun eine eigene Kammer gemiethet, und da ich auch ziemlich gute Kleider nebſt einigen Hemden gekauft hatte, ſo fing ich nachgerade an wie andere Leute auszuſehen. Ich war gerade in einer andern Expedition begriffen; denn obgleich ich kein ſo verhärteter Böſewicht war, als Will wohl gern geſehen hätte, ſo gebrach es mir doch an Grundſätzen, welche mich von einem Leben abge⸗ halten hätten, das, wenn es auch nicht durch ſo gewalt⸗ ſame Verbrechen bezeichnet, doch immerhin noch heillos 2 128 G&⸗ genug war, um mich in das gleiche Verderben zu führen. Er ließ mich für den Abend nach einem beſtimmten Platze beſtellen, und da ich zeitig genug nach Hauſe kam, ſo begab ich mich an Ort und Stelle, jedenfalls aber mit dem feſten Entſchluſſe, nicht mehr mit ihm unter die Bande zu gehen. Zu meiner großen Beruhigung traf ich ihn jedoch nicht; denn die Bande hatte ihn nach einem andern Platze beſtellt, wo dieſelbe gemeinſchaftlich operiren und einen Hauptſtreich ausführen wollte. Einer von ihren in den Familien unter⸗ gebrachten Helfershelfern hatte ihnen nämlich die Anzeige gemacht, daß ſich weit unten, faſt in Hounslow, Gelegen⸗ heit zu einem Raube böte, und dort verwundeten ſie einen Gärtner ſo, daß er, glaube ich, bald nachher ſtarb, dem ſie zugleich das Haus plünderten und eine bedeutende Beute an Geld und Silbergeſchirr ſortſchleppten. Dieſer Streich ging jedoch nicht ſo leicht und ſtille ab; denn durch den Widerſtand, auf den ſie trafen, wurde die ganze Nachbarſchaft auf die Beine gebracht. Man ſetzte den Herrnchen nach und griff einen derſelben in London mit ſeinem Raube auf. Will, ein gewandter Burſche, entkam, ſtürzte ſich, trotz der ſchweren Laſt, welche er an Geld und Silbergeſchirr in ſeinen Kleidern ſtecken hatte, in die Themſe und ſchwamm nach einer Stelle, wo kein Pfad oder Weg nach dem Fluſſe führte, ſo daß Niemand vermuthen konnte, wohin er ſich gewendet hatte. Von dort aus ſtahl er ſich, naß wie er war, in das —— ½ 8 - 129&⸗ benachbarte Gehölz und kam, wie er mir nachher verſicherte, bis in die Nähe von Chertſey, wo er in dem Gebüſch und in den Feldern umherſchlich, bis ſeine Kleider trocken waren. Erſt als es Nacht wurde, ging er nach Kingſton und Mort⸗ lake hinunter, wo er ſich in einem Boote nach London überſetzen ließ.. Die Verhaftung eines ſeiner Kameraden war ihm un⸗ bekannt geblieben; denn er wußte nur, man ſei ihnen ſo hart auf die Näthe gegangen, daß jeder zu thun hatte, um ſich ſelbſt in Sicherheit zu bringen, und daher die Bande verſprengt war. Sein gutes Glück hatte ihn bewahrt, daß er erſt des Nachts zurückkam; denn kurz zuvor war von den Conſtablern Nachfrage nach ihm gehalten worden. Der Gefangene hatte in der Hoffnung auf Begnadigung ſeine Spießgeſellen und unter dieſen auch Will als den Rädels⸗ führer bei der ganzen Unternehmung angegeben. Will erhielt dieſe Nachricht nachzeitig genug, um Reiß⸗ aus nehmen zu können, worauf ſein erſter Gang zu mir war; mein gutes Glück bewahrte mich jedoch, ſo daß ich wieder nicht zu Hauſe war. Demungeachtet ließ er ſeine ganze Beute in meiner Wohnung und verſteckte ſie in einem Rocke, welcher unter dem Bette lag, wobei er mir ſagen ließ, mein Bruder Will ſei da geweſen und habe den Rock, den er von mir geborgt, zurückgelaſſen und unter mein Bette gelegt. Ich wußte nicht, was ich von dieſer Meldung denken Oberſt Jack. II. 9 ſollte, und wollte eben zu Bette gehen, als ich zu meinem großen Schrecken den Pack entdeckte, in dem über hundert Pfund in Geld und Silbergeſchirr eingeſchlagen waren,— ein Umſtand, der mich um ſo mehr beunruhigte, da ich von Bruder Will, wie er ſich nannte, keine Weiſung hatte und auch überhaupt in den nächſten drei oder vier Tagen nicht eine Sylbe von ihm hörte. Nach dem Ablaufe dieſer Zeit vernahm ich ganz zufäl⸗ lig, daß Will, den man ſo oſt bei mir geſehen und der mich Bruder nannte, eingefangen wäre und wohl am Galgen den Lohn ſeiner Thaten finden dürfte. Tags darauf begeg⸗ nete mir in Roſemarylane ein armer Mann, ein Schuh⸗ macher, der mir vormals viele Güte erwieſen und mir für Beſorgung kleiner Aufträge manchmal Lebensmittel gegeben hatte. Sobald er meiner anſichtig wurde, packte er mich feſt am Arme und rief:„So, junger Menſch, hab' ich Dich jetzt?“ wobei er mich mit ſich fortſchleppte, als wäre ich ein ertappter Dieb, und er der Gerichtsdiener.„Höre, Oberſt Jack,“ fuhr er fort, komm ein wenig mit mir, ich muß mit Dir ſprechen. Du biſt alſo auch unter dieſe Bande gerathen? Wie— biſt Du wirklich ein Hauseinbrecher geworden? Komm nur, Du ſollſt mir ſo gut den Galgen zieren, wie die andern.“ Dieſe Worte klangen ſchrecklich in meinen Ohren; denn obgleich ich in dem gegenwärtigen Falle unſchuldig war, ſo bebte ich doch ſchon bei dem Gedanken an das Gericht, und n e—— 2 131 S⸗⸗ zudem konnte ich ja nicht wiſſen, ob ich nicht vielleicht auch mit Will angeſchuldigt war, falls ihn, wie die Sage berich⸗ tete, die Häſcher aufgegriffen hatten. Der Schuhmacher fuhr mittlerweile fort, mich nachzuſchleppen, wie er gethan hatte, als ich noch ein Knabe war. Ich faßte mich jedoch bald und entgegnete ihm höchlich entrüſtet:„Was wollt Ihr damit ſagen, Herr—— 2 Laßt mich gehen, oder Ihr nöthigt mich, Euch dazu zu zwingen.“ Mit dieſen Worten blieb ich ſtehen und machte ihm bald bemerklich, daß ich ein wenig zu groß war, um noch ſo herumgezerrt werden zu können, wie er zur Zeit gethan hatte, in der ich als Knabe ſeine Aufträge beſorgte; zugleich holte ich auch mit meiner andern Hand aus, als wollte ich ihn ins Geſicht ſchlagen. „Wie, Jack!“ ſagte er,„Du willſt mich ſchlagen? Du willſt Deinen alten Freund ſchlagen?“ Und dann ließ er meinen Arm fahren und lachte.„Jetzt, höre aber, Oberſt; es iſt mir Ernſt— ich habe ſchlimme Nachrichten von Dir gehört. Es heißt, Du ſeiſt in üble Geſellſchaft gerathen, und dieſer Will nenne Dich Bruder. Er iſt ein arger Böſe⸗ wicht und dem Vernehmen nach wegen eines mit Mord verbundenen Raubes angeklagt, ſo daß er, wenn er aufge⸗ griffen wird, ohne Weiteres dem Stricke verfällt. Ich hoffe, Du biſt nicht mit ihm betheiligt; wenn es aber der Fall iſt, ſo möchte ich Dir rathen, für Dich Sorge zu tragen. Die Häſcher ſind ihm auf der Ferſe, und wenn er auf Dich 9* etwas abladen kann, ſo wird er es ſicherlich thun, da er gewiß kein Bedenken tragen wird, Dich an den Galgen zu bringen, wenn er ſeinen eigenen Hals dadurch zu retten hofft.“. Dieß war freundlich, und ich dankte ihm dafür, fügte aber bei, die Sache ſei zu ernſthaft, um einen Scherz da⸗ mit zu treiben, wie er vorhin gethan; ein unwiſſender Fremder hätte mich leicht als einen Verbrecher aufgreifen mögen, obgleich mir weiter nichts nachzuſagen wäre, als daß ich mit dem Mann bekannt ſei, und ſo hätte ich leicht für Nichts und wieder Nichts in Ungelegenheiten kommen können; jedenfalls könnten— gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht— die Leute meinen, ich gehöre zu der Rotte, wo⸗ durch trotz meiner Unſchuld Verdacht auf mich geladen würde. Er gab dieß zu und ſagte, er hätte nur mit mir geſcherzt und eben ſo mit mir geſprochen, wie er ſonſt auch gethan. „Ich will mir übrigens in einer Sache, die ſo gefährliche Folgen haben kann, keinen Spaß mehr erlauben,“ ſetzte er hinzu;„das aber rathe ich Dir, mit dem Burſchen keine Gemeinſchaft mehr zu unterhalten. Ich dankte ihm für ſeine gute Abſicht und entfernte mich, obgleich in der größten Beſtürzung. Sinnend ging ich über die Felder nach Stepney(mein gewöhnlicher Spa⸗ ziergang), wo ich über meine ſofortigen Schritte nachdachte; denn da Will ſeine Beute in meinem Dachſtübchen gelaſſen -— 133& hatte, ſo quälte mich die Vorſtellung, er möchte in der Haft bekennen; Polizeibeamte kämen, um nachzuſuchen; müßten das geſtohlene Gut finden, und ſomit wäre es um mich geſchehen, da man mich als einen Verbündeten einziehen würde, obgleich ich von der ganzen Sache nichts wußte, noch viel weniger eine Hand dabei im Spiele hatte. Während ich dieſen verwirrenden Gedanken nachhing, hörte ich Jemanden mir zurufen, und als ich aufblickte, ſah ich Will heraneilen. Ich wußte anfangs nicht, was ich davon denken ſollte, faßte aber bald Muth, als ich ihn allein kommen ſah, und hielt vor ihm Stand. Als er näher trat, fragte ich ihn:„Was gibts, Will?“—„Was es gibt?“ verſetzte Will.„Leider nur zu viel. Mit mir iſts aus— wann biſt Du zu Hauſe geweſen?“ „Ich ſah, was Du dort gelaſſen,“ entgegnete ich.„Aber was willſt Du, und wo kommſt Du her? Macht Dir dieß vielleicht den Garaus?“ „Wenigſtens ſind mir die Häſcher auf der Ferſe, und wenn ſie mich aufgreifen, ſo iſt es allerdings um mein Leben geſchehen. Georg, den ſie in ihre Gewalt bekommen haben, hat mich und alle andere angegeben, um ſein Leben zu retten.“ „Leben?“ ſagte ich.„Und warum ſollteſt Du Dein Leben verlieren, wenn ſie Dich aufgreifen? Was kann man Dir denn thun?« »Was man mir thun kann?“ entgegnete er.„Hängen 134&⸗ wird man mich, wenn anders der König in ſeinen Garden noch einen Soldaten hat, um die Execution zu ſchützen. Ja, ja, mir blüht der Strick, ſo wahr ich dermalen noch am Leben bin.“ Dieß erſchreckte mich nicht wenig, und ich erwiederte: „Aber was willſt Du jetzt thun?“—„Das weiß ich nicht,“ ſagte er.„Ich möchte gern England verlaſſen, wenn ich nur wüßte, wie? aber ich verſtehe mich nicht auf ſolche Dinge und weiß nicht, wie ich es anzugreifen habe. Gib mir einen Rath, Jack; ſage mir, wo ich hin ſoll. Ich hätte gute Luſt, zur See zu gehen.“ „Du ſprichſt von außer Landes gehen?“ ſagte ich.„Was ſoll dann aus dem werden, was Du in meinem Stübchen verborgen haſt? Es darf dort nicht liegen bleiben; denn wenn ich deßhalb eingeſetzt würde und ſich herausſtellte, daß es das Geld iſt, welches Du geſtohlen haſt, ſo wäre ich zu Grunde gerichtet.“ „Mir iſts eins, was daraus wird,“ erwiederte Will; „denn hier iſt meines Bleibens nicht. Nimm Du es, wenn Du willſt, und ſchalte damit nach Belieben; denn auf mei⸗ ner Flucht kann ich es nicht brauchen.“—„Ich will es nicht,“ ſagte ich;„aber ich will hingehen und es für Dich holen, wenn Du es mitnehmen möchteſt; denn ich mag mich in keinem Fall damit befaſſen. Außerdem iſt auch Silber⸗ geſchirr dabei; was ſoll ich mit Sibergeſchirr anfangen? 135 So⸗⸗ Wenn ich es irgendwo zum Verkauf ausböte, ſo würde man mich feſtnehmen.“ „Was das anbelangt,“ meinte Will,„ſo wollte ich es ſchon anbringen, wenn ich es hätte. Doch ich darf mich nirgends unter meinen alten Bekannten blicken laſſen, da mich alle verrathen würden, weil ich jetzt zu verrufen bin. Aber ich will Dir ſagen, wo Du es verkaufen kannſt, und wo man Dir keine weitere Fragen vorlegen wird, wenn Du nur die Loſung kannſt.“ Er gab mir nun die Loſung: „Es ſteht gut im Tower“ mit weiteren Weiſungen an einen Pfandverleiher in der Nähe von Cloth⸗fair, worauf er noch beifügte:„Oberſt Jack, ich bin überzeugt, Du wirſt mich nicht verrathen, und ich verſpreche Dir, wenn ich auch gefangen oder gehangen werde, Deinen Namen nie zu nennen. Ich will da und da hingehen,(er nannte mir ein Haus bei Bromley in der Nähe vom Bow, wo ich oft mit ihm eingeſprochen hatte) und dort bleiben, bis es dunkel wird. Nachts komme ich dann auf die Straße heraus und krieche unter den Heuſchober(einem Platz, der uns beiden gleich gut bekannt war); kannſt Du ſobald nicht fertig wer⸗ den, ſo will ich nach dem Bow zurückgehen.“ Ich begab mich nach Hauſe, nahm das Silbergeſchirr zu mir, ging nach Cloth⸗fair und gab daſelbſt die Loſung ab. Man nahm, ohne ein Wort zu ſprechen, das Silber in Empfang, wog es ab und zahlte mir zwei Schillinge für die Unze, worauf ich mich wieder nach Will umſah 2 136& Ich traf ihn indeß nicht mehr in dem Bow, weßhalb ich den Heuſchober ſuchte, wo ich ihn feſt eingeſchlafen fand. Ich händigte ihm die Summe ein, deren Betrag ich nicht kannte, da ich ſie nicht gezählt hatte, und kam ſehr ſpät und ermüdet nach Hauſe. Ich verſuchte zu ſchlafen, was mir aber trotz meiner Ermattung mehrere Stunden lang nicht gelang; und als mich endlich der Schlummer beſchlich, wurde ich bald darauf durch einen Lärm auf der Straße geweckt, wobei faſt die Thüre eingeſchlagen und ohne Unterlaß gerufen wurde:„Aufgemacht! Laßt den Gerichtsdiener hinein! Es gilt einen Beſuch bei eurem Miethsmann in der Dachkammer!“ Ich war höchlich erſchrocken und fuhr von meinem Bette auf; aber als ich ganz zu mir kam, hörte ich keinen wei⸗ teren Lärm, als das Klopfen der Nachtwächter an die Thü⸗ ren, welche die dritte Stunde und einen regneriſchen Morgen anriefen. Ich freute mich innig, als ich fand, daß ich nur geträumt hatte; aber bald wurde ich zum zweitenmal durch denſelben Lärm und dieſelben Worte geweckt. Dießmal erwachte ich früher als vorhin; ich ſprang auf, eilte nach dem Fenſter und fand, daß es eine Stunde ſpäter war; denn die Nachtwächter machten ihre Vieruhrrunde und gin⸗ gen ruhig weiter. Ich legte mich abermals nieder und ſchlief nun den Reſt der Nacht ziemlich ruhig. Ich legte kein beſonderes Gewicht auf dieſen Traum und dachte überhaupt damals nicht daran, daß Träume 137 So⸗ auch eine Bedeutung haben könnten; aber als ich des andern Tages meine Wohnung verließ, um Bruder Will aufzu⸗ ſuchen, kam mir zufällig mein früherer Bruder, der Capitän Jack, in den Weg. Als er mich ſah, trat er in ſeiner plumpen Manier auf mich zu und fragte mich:„Haſt Du von der Neuigkeit gehört?“—„Nein,“ ſagte ich;„was meinſt Du für eine Neuigkeit?“«—„Dein alter Kamerad und Lehrer iſt dieſen Morgen gefaßt und nach Newgate geführt worden.“—„Wie?“ ſagte ich;„dieſen Morgen?“ —„Ja,“ verſetzte er;„dieſen Morgen um vier Uhr. Er iſt angeklagt, irgendwo hinter Brentford einen Raub und Mord begangen zu haben; und was noch das Schlimmſte iſt, einer der Bande hat, um ſein Leben zu retten, ihn angegeben und wird als Zeuge gegen ihn auftreten. Du wirſt daher am beſten wiſſen,“ fügte der Capitän bei,„was Du zu thun haſt.“—„Was ich zu thun habe?“ fragte ich. „Was willſt Du damit ſagen?“—„Du mußt nicht böſe werden, Oberſt,“ ſagte er;„denn Du mußt es natürlich ſelber beurtheilen können. Es ſoll mich freuen, wenn Du Dich ſicher fühlſt; aber ich laſſe mirs nicht nehmen, daß Du dabei geweſen biſt.“—„Du irrſt Dich,“ erwiederte ich; „ich verſichere Dich, daß ich nichts damit zu ſchaffen gehabt habe.“—„Nun,“ fagte er,„wenn Du auch bei dieſem Stückchen nicht mitgemacht haſt, ſo haſt Du doch bei andern Gelegenheiten geholfen, was im Grund auf eines heraus⸗ kommt.“—„Nein,“ verſetzte ich,„Du biſt ganz und gar 138 SE⸗⸗ im Irrthum. Ich gehöre nicht zu ihrer Bande; ſie ſind mir zu vornehm.“ Nach dieſen und andern derartigen Gegen⸗ reden trennten wir uns, und Capitän Jack ging ſeines Weges. Als ich ihm aber nachſah, bemerkte ich, daß er ſeinen Kopf ſchüttelte und üherhaupt eine ſchwerere Laſt auf ſeiner Bruſt zu haben ſchien, als er wohl um meinetwillen gefühlt haben würde, worüber indeß der Leſer bald mehr hören wird. Die Nachricht, daß Will in Newgate ſitze, beunruhigte mich ungemein, und hätte ich gewußt, wohin ich mich wen⸗ den ſollte, ſo würde ich gelaufen ſein, ſo weit ich gekonnt hätte. Meine Kniee zitterten, und es hätte wenig gefehlt, daß ich zu Boden geſunken wäre; überhaupt befand ich mich dieſen Tag und die folgende Nacht in der äußerſten Be⸗ ſtürzung; denn mein Gehirn träumte von nichts als von Newgate und dem Galgen, den ich ſehr wohl verdient hatte, wäre es auch nur um der zwanzig Schillinge geweſen, die ich dem armen alten Weibe abgenommen hatte. Siebentes Kapitel. Mein Beſuch bei dem ehrlichen Schreiber.— Eine Gerichtsſcene.— Ende des armen Will.— Ich mache ein gethanes Unrecht wieder gut. Sobald ich meiner Gedanken wieder mächtig war, ſann ich zuerſt auf Sicherung meines Geldes. Dieſes führte ich in einer kleinen Büchſe beſtändig in der Taſche mit mir herum. Ich hatte nun, wie aus den mitgetheilten Auf⸗ zählungen erhellt, über ſechzig Pfund beiſammen(denn ich gab nichts aus) und wußte durchaus nicht, was ich damit anfangen ſollte. Endlich kam mir der Gedanke, zu meinem Wohlthäter, dem Schreiber im Zollhauſe, zu gehen und ihn, wenn ich ihn auffinden könnte, zu vermögen, auch das übrige Geld anzunehmen. Es handelte ſich dabei nur noch davon, wie ich ihm ein annehmliches Mährchen erzählen könnte, damit er keine weitere Nachfrage hielte, wie ich meinen Reichthum erworben. Ich wußte mir indeß ſchnell zu helfen. In einem der Häuſer, wo wir unſere Zuſammenkünfte hielten, lag ein Anzug, den einer von der Bande dort hatte liegen laſſen, 140& um ſich gelegenheitlich deſſen als einer Verkleidung zu be⸗ dienen: er beſtand aus einer grünen Livree mit roſenrothen Aufſchlägen und dergleichen Saumſtreiſchen, einem eckigten Hut, einem Paar Stiefel und einer Peitſche. Ich ſtutzte mich in dieſer Weiſe zu und begab mich nach dem Hauſe in der Towerſtraße, wo ich den Herrn in guter Geſundheit und mit demſelben redlichen Geſichte wie immer fand. Als ich auf ihn zuging, ſah er mich mit großen Augen an(denn ich traf ihn gerade unter ſeiner Thüre) und ſchien mich auch nicht im mindeſten zu erkennen, obgleich ich mich mehrere Male mit meinem Bortenhute unter dem Arme gegen ihn verbeugte.„Wünſcheſt Du mich zu ſprechen, junger Mann?“ fragte er endlich.—„Ja, Herr,“ antworte ich;„ich glaube, Euer Geſtrengen(ich hatte indeſſen etwas Manier gelernt) kennt mich nicht mehr. Ich bin der arme Knabe Jack.“ Er betrachtete mich ſcharf, erinnerte ſich aber augenblicklich meiner und ſagte:„Ah, Oberſt Jack? Ei, wo biſt Du denn dieſe ganze Zeit über geweſen? Es mögen wohl fünf oder ſechs Jahre ſein, daß ich Dich nicht mehr geſehen habe.“—„Erlauben Euer Geſtrengen, es iſt über ſechs Jahre,“ war meine Antwort. „Wohl, und wo haſt Du inzwiſchen geſteckt?“ fragte er. „Ich habe in der Provinz Dienſte genommen,“ entgeg⸗ nete ich. „Nun, Oberſt Jack,“ ſagte er;„Du gibſt langen Kredit. Warum haſt Du denn ſo lange weder Geld noch Intereſſe —— 141 GR& geholt? Du mußt ja durch die Zinſen Deines Kapitals ſo reich werden, daß Du nicht weißt, was Du mit Deinem Vermögen anfangen ſollſt.“ Ich antworte darauf nur durch eine Verbeugung und etliche Kratzfüße. „Nun, ſo komm herein,“ ſagte er;„ich will Dir den Grundſtock ſammt den Intereſſen auszahlen.“ Ich verbeugte mich abermals und ſagte ihm, ich ſei nicht des Geldes wegen gekommen, da ich ein paar gute Stellen gehabt habe und keines Zuſatzes bedürfe. „Nun, Oberſt Jack,“ verſetzte er,„und bei wem ſtehſt Du denn eigentlich im Dienſte?“ „Euer Geſtrengen aufzuwarten,“ antwortete ich,„bei Sir Jonathan Loxham in Somerſetshire.“ Dieß war ein Name, den ich früher hatte nennen hören, ohne daß ich übrigens etwas von einem ſolchen Herrn oder auch über⸗ haupt nur von dem Bezirke wußte. „Schön,“ ſagte er,„Du willſt alſo Dein Geld nicht holen, Jack?“ „»Mit Euer Geſtrengen Erlaubniß, nein,“ verſetzte ich. „Vielleicht könnteſt Du aber etwas damit anfangen? Wie geſagt, das Geld liegt bereit.“ „Nein, Herr,“ entgegnete ich;„aber ich habe eine gute Stelle gehabt.“ „Das freut mich; aber was willſt Du damit ſagen, Jack? Ich verſtehe Dich nicht.“ 142 So⸗⸗ „Je nun, mit Euer Geſtrengen Erlaubniß, mein alter Herr, Sir Jonathans Vater, hinterließ mir, als er ſtarb, dreißig Pfund und einen Traueranzug, und— „Und was, Jack? Bringſt Du mir etwa noch mehr Geld?“ denn er fing an, zu begreifen, was ich wollte. „Ja;“ ſagte ich;„und wenn Euer Geſtrengen ſo gut ſein möchten, es zu dem andern zu ſchlagen— ich habe auch einiges von meinem Lohn erſpart.“ „Sagte ichs nicht, Jack, Du würdeſt noch reich werden?“ entgegnete er.„»Und wie viel haſt Du erſpart; komm, laß michs ſehen.“ Ich zog meine Baarſchaft heraus, welche er bereitwillig annahm und mir einen Wechſel für die ganze Summe ſammt den Intereſſen ausſtellte. Sie belief ſich nun auf vierund⸗ neunzig Pfund, nämlich: das erſte Geld.... 25 Pfund, Intereſſen für ſechs Jahre 9„ Nachbezahlt.... 60„ Zuſammen 94 Pfund. Ich machte ihm in meiner Herzensfreude eine Menge Bücklinge und Kratzfüße und eilte fort, um meine Kleider zu wechſeln, feſt entſchloſſen, London zu verlaſſen und es eine geraume Zeit nicht wieder zu beſuchen. Aber wie war ich überraſcht, als ich des andern Morgens über Roſemary⸗ lane(an der Stelle, welche Rag⸗fair heißt) ging und Jeman⸗ den meinen Namen rufen hörte, Der Rufende hatte vorher 143 SE⸗ etwas geſagt, was ich nicht verſtanden; aber als ich meinen Namen hörte, blickte ich zurück und ſah nun drei Männer, denen ein Conſtable folgte, in aller Haſt auf mich zu eilen. Ich war in den Tod erſchreckt und wollte eben auf und davon rennen; aber einer von ihnen faßte mich am Kragen, und im Nu war ich umringt und gefangen. Ich fragte nun, was ſie von mir wollten, und was ich verbrochen hätte; ſie erklärten mir jedoch, dieß wäre nicht der Ort, hierüber zu ſprechen, zeigten mir einen Haftbefehl, welchen ſie mir zum Leſen hingaben, und meinten, das Uebrige würde ich er⸗ fahren, wenn ich vor dem Richter ſtände. Sofort wurde ich abgeführt. Ich hatte den Haftbefehl in meiner Beſtürzung hinge⸗ nommen, aber ich wußte nichts daraus zu machen, da ich ihn nicht leſen konnte. Ich bat daher, daß man mir ihn vorleſen möchte, und ſo erfuhr ich, daß ſie bevollmächtigt ſeien, einen verrufenen Dieb aufzugreifen, der unter dem Namen eines der drei Jacks von Rag⸗fair bekannt wäre; denn es läge die beeidigte Anklage vor, daß er an dem famoſen Raub, Einbruch und Mord, begangen ſo und ſo, da und da, unter dem und dem Datum, Theil genommen hätte. Es half mich nichts, daß ich erklärte, ich wiſſe nichts davon; denn das zu unterſuchen ſei nicht ihre Sache, ſagten ſie; ich habe das vor dem Friedensrichter auszumachen, wo ich mich überzeugen könne, daß der Eid direct gegen mich laute, und wo ich dann wohl andere Saiten aufziehen werde. — 144& Unter ſolchen Umſtänden blieb mir nichts übrig, als mich in meine verzweifelte Lage zu fügen; doch erlag ich faſt der Angſt und dem Bewußtſein meiner Schuld, als ſie mich mit ſich fortführten. Denn wenn ich auch an dem letzten Verbrechen nicht Theil genommen, ſo hatte ich doch bei früheren mitgewirkt; ich zweifelte daher keinen Augen⸗ blick, daß ich nach Newgate geſchickt und gehangen werden würde, da nach meinen Begriffen ein Gang nach Newgate nothwendig mit dem Galgen endigen mußte. Als mich der Conſtable dem Richter vorführte, wurde ich zuerſt nach meinem Namen gefragt.„Doch halt, junger Mann,“ fügte der Richter bei;„es ſoll Euch nicht Unrecht geſchehen, und ehe ich das Verhör beginne, mögt Ihr wiſſen, daß Ihr nicht verpflichtet ſeid, zu antworten, bis Eure Ankläger kommen.“ Er wandte ſich ſodann an den Conſtable und fragte nach deſſen Arreſtationsvollmacht. „Ihr habt alſo dieſen jungen Mann kraft dieſer Voll⸗ macht hieher gebracht?“ ſagte der Richter.„Iſt es aber auch wirklich dieſelbe Perſon, welche darin bezeichnet iſt?« Gerichtsdiener. Erlauben Euer Geſtrengen, ich glaube ſo. Richter. Ihr glaubt ſo? Wißt Ihr es denn nicht gewiß? Gerichtsdiener. Verzeihen Euer Geſtrengen, die Leute ſagten wenigſtens, er wäre es, und hießen mich ihn aufgreifen. 145 So Richter. Das iſt ein ſonderbarer Haftbefehl. Man ſoll da einen jungen Menſchen arretiren, der unter dem Namen Jack ohne irgend einen weiteren Zunamen bekannt iſt, indem es nur dabei heißt, daß man ihn auch den Capitän Jack oder ſo etwas nenne. Nun, junger Menſch, iſt Euer Name wirklich Capitän Jack, oder pflegt man Euch ſonſt denſelben beizulegen? Ich fand ſogleich, daß die Leute, welche mich verhaftet, nichts von mir wußten, und der Conſtable nur auf Hören⸗ ſagen Hand an mich gelegt hatte. Ich faßte mir daher ein Herz und ſagte dem Richter, daß ich unterthänigſt der Meinung wäre, es handle ſich vor der Hand nicht um meinen Namen, ſondern um das, was mir von dieſen Menſchen oder von ſonſt Jemand zur Laſt gelegt werde; jedenfalls müſſe zuvörderſt dargethan werden, ob ich die Perſon ſey, auf welche der Haftbefehl laute. Er lächelte und ſagte:„Sehr wahr, junger Mann, ſehr wahr; und auf mein Wort, wenn ſie Euch aufgegriffen haben, ohne Euch zu kennen, und ohne daß ſich eine Anklage gegen Euch herausſtellt, ſo ſollen ſie dieſen Mißgriff zu ihrem eigenen Schaden gethan haben.“ Ich ſagte ſodann ſeiner Geſtrengen, ich hoffe, daß man mich nicht zwinge, meinen Namen zu nennen, bis mir mein Ankläger gegenüber geſtellt werde, da ich ihn nur dann anzugeben gedenke. „Das iſt ganz in der Ordnung,“ verſetzte ſeine Oberſt Jack. II. 10 * 2 146 S⸗ Geſtrengen und fuhr ſodann an die Gerichtsdiener gewandt fort:„Conſtable, ſeid Ihr überzeugt, daß dieß die Perſon iſt, auf welche der Arreſtbrief lautet? Iſt dieß nicht der Fall, ſo habt Ihr den Ankläger herbeizuholen, auf deſſen Eid der Haſtbefehl ausgeſtellt wurde.“ Sie redeten viel hin und her, um darzuthun, daß ich wirklich die ausgeſchriebene Perſon ſei, daß ich dieß recht wohl wiſſe, und daß man mich zwingen ſolle, meinen Namen zu nennen. Der Richter erklärte ihnen jedoch in dürren Worten, wenn ich wolle, ſo könne ich allerdings meinen Namen nennen, er ſei aber keineswegs berechtigt, Gewaltmaßregeln gegen mich anzuwenden.„Ihr ſeht indeß,“ fügte der Richter bei,„er kennt ſeine Lage zu gut, um ſich übertölpeln zu laſſen.“ Die Debatte zog ſich in die Länge und mochte wohl eine Stunde dauern, während welcher Zeit ich gegen vier von ihnen das Wort führte, bis ihnen der Richter ſagte, daß er, wenn ſie den Ankläger nicht bei⸗ zubringen wüßten, mich entlaſſen müßte. Dieß ermuthigte mich ungemein und gab mir neue Lebenskraft. Endlich wurde der Ankläger gefeſſelt aus dem Gefängniß geholt, und meine Freude war nicht gering, als ich ſah, daß ich ihn nicht kannte— das heißt, daß er keiner von den beiden war, mit denen ich damals das arme alte Weib beraubt hatte. Sobald der Gefangene ins Zimmer gebracht wurde, confrontirte man ihn mit mir. „ 147 So⸗ „Kennt Ihr dieſen jungen Mann?“ fragte der Richter. „Nein, Herr,“ antwortete der Gefangene;„ich habe ihn in meinem Leben nicht geſehen.“ „Hm!“ ſagte der Richter.„Aber habt Ihr nicht einen gewiſſen Jack oder Capitän Jack, wie man ihn nennt, als einen Betheiligten bei dem Raubmord bezeichnet, wegen deſſen Ihr in Haft ſeid?“ Gefangener. Ja, Euer Geſtrengen. Richter. Und iſt es dieſer, oder iſt er es nicht? Gefangener. Dieſer iſt es nicht, Herr. Ich habe ihn nie zuvor geſehen. „Gut,“ ſagte der Richter.„Conſtable, was iſt jetzt zu thun?« „Ich bin wie aus den Wolken gefallen,“ antwortete der Conſtable.„Ich ſtand an einem Hauſe,(er nannte das Haus) und der junge Menſch ging vorbei, worauf die Leute riefen:„Dort iſt Jack; das iſt Euer Mann.“ Und die Leute liefen ihm nach und ergriffen ihn.“ „Nun,“ fuhr der Richter fort,„und haben dieſe Leute etwas gegen ihn vorzubringen? Können ſie beweiſen, daß es dieſelbe Perſon iſt?« Der eine ſagte Nein, der andere wieder Nein, und ſo lautete es bei allen.„Wohlan denn,“ erklärte der Richter; „da iſt weiter nichts zu machen, als den jungen Mann in Freiheit zu ſetzen. Euch aber, Conſtable, und euch, ihr Herren, die ihr ihn hiehergebracht, muß ich ſagen, daß er 10* 2 148 S⸗ Euch für eure Voreiligkeit in Ungelegenheit bringen kann, wenn er es für paſſend hält. Aber habt ein Einſehen, junger Mann,“ fuhr er fort.„Schaden iſt Euch kein be⸗ deutender daraus erwachſen, und wenn der Conſtable auch einen Mißgriff beging, ſo that er es nicht in böſer Abſicht, ſondern in ſeinem Dienſteifer. Ich denke, Ihr ſolltet die Sache bewenden laſſen.“ Ich ſagte ſeiner Geſtrengen, ich wolle mich gern dem Nathe fügen; demungeachtet ſei ich aber der Meinung, daß der Conſtable und die Uebrigen nicht weniger thun könnten, als mit mir nach dem Orte zurück zu gehen, wo ſie mich beſchimpft, um daſelbſt öffentlich zu erklären, daß ich ehren⸗ voll entlaſſen worden, und daß ich nicht die angeſchuldigte Perſon ſei. Seine Geſtrengen fand dieß ſehr billig, und der Conſtable nebſt ſeinen Helfern verſprach, meinem Ver⸗ langen nachzukommen. Wir gingen daher in gutem Ver⸗ neymen mit einander fort, und ſo war ich für dießmal ſiegreich durchgekommen. Es war bei dieſer Gelegenheit, daß, wie ich oben erwähnte, der Richter zu mir ſagte, ich ſei zu beſſern Dingen geboren, und er entnehme aus meiner geſchickten Verthei⸗ digung, daß ich eine gute Erziehung genoſſen haben müſſe; es thue ihm leid, daß mir dieſer Unfall begegnet, er hoffe jedoch, daß er mir nicht zum Nachtheil gereichen werde, da ich mich ſo ſchön gerechtfertigt habe. Obgleich ſeine Geſtrengen hinſichtlich meiner guten „ „ - 149 S⸗⸗ Erziehung im Irrthum war, ſo übte doch dieſe Aeußerung inſofern eine gute Wirkung auf mich, daß ich mich entſchloß, wo möglich leſen und ſchreiben zu lernen, um nicht als ein Tölpel herumzulaufen, der nicht einmal einen Haſtbefehl leſen und daher nicht ermeſſen kann, ob er die gemeinte Perſon iſt oder nicht. Ich erfuhr übrigens bei dieſem Anlaß mehr, als ich mir gedacht hatte; denn es ſtellte ſich klar heraus, daß Capitän Jack, der mich mit meiner angeblichen Betheiligung bei der Sache verhöhnt hatte, ſelbſt darein verwickelt war und daher, als er mir den Rath ertheilte, für mich Sorge zu tragen, allen Grund hatte, auf ſeine eigene Rettung bedacht zu ſein. Ich entſchloß mich ſofort, ihn aufzuſuchen und ihm von dem Vorfalle Nachricht zu ertheilen. Da ich übrigens nun hinſichtlich meiner eigenen Sicherheit beruhigt war, ſo begann ich für den armen Will beſorgt zu werden, welcher dermalen feſt in Newgate’s Mauern ſaß, während ich mich meiner Frei⸗ heit freute. Es verlangte mich, ihn zu ſehen; ich ſuchte ihn daher auf, fand ihn aber in einer traurigen Lage, mit ſchweren Ketten beladen, ohne die mindeſte Ausſicht oder Hoffnung des Entkommens. Er ſagte mir, er müſſe zwar ſterben, ich ſolle übrigens ruhig ſein; denn da es ihm nichts nützen könne, mich, der nur ein einziges Mal mit ihnen aus ge⸗ weſen, anzuklagen, ſo dürfe ich mich darauf verlaſſen, daß 2 150 S⸗⸗ er mich nicht in Ungelegenheit bringen werde; der Schurke, welcher ſie alle verrathen, könne mir kein böſes Spiel be⸗ reiten, da ich überzeugt ſein dürfe, daß er mich in ſeinem Leben nie geſehen habe.„Aber,“ fügte er bei,„Dein Bruder, der Capitän, iſt einer der Unſrigen geweſen, und der Elende hat ihn ſicherlich auch angegeben. Wenn Du ihm daher in Zeiten Nachricht geben kannſt, ſo thue es, damit er für ſeine Sicherheit Sorge trägt.“ Er ſprach noch Manches, um mich von den Wegen, zu denen er mich verleitet, abzumahnen.„Ich war arg im Irrthum, Jack,“ ſagte er ſeufzend,„als ich gegen Dich äußerte, ein verwegener Dieb führe das Leben eines Gentle⸗ mans.“ Am allermeiſten aber ängſtigte ihn die Furcht, daß der Gärtner des Herrn getödtet worden ſein möchte, da namentlich er ihm eine Halswunde verſetzt hätte, an welcher der Mann vielleicht nimmer aufkäme. Er hatte eine große Geldſumme in Gold bei ſich— dieſelbe, welche ich ihm nach dem Heuſchober gebracht, und die er ſo gut zu verwahren gewußt hatte, daß ſie der Auf⸗ merkſamkeit derjenigen, welche ihn aufgriffen, entgangen war. Er gab mir den größten Theil davon, um ihn ſeiner Mutter zu bringen— ein Auftrag, den ich ehrlich ausrich⸗ tete; und ſo trennte ich mich von ihm mit ſchwerem Herzen, ohne daß ich ihn je wieder ſah; denn da in den nächſten Sitzungen ſein Urtheil geſprochen wurde, ſo endete er drei Wochen nach dieſem Beſuche ſein Leben an dem Galgen. — 2 151 SE⸗⸗ Mein Erſtes war nun, den Capitän aufzuſuchen, den ich, wiewohl nicht ohne Mühe, endlich auch auskundſchaftete. Ich erzählte ihm, was ich wußte, daß ich nämlich irrthüm⸗ lich ſtatt ſeiner gefangen und wieder freigelaſſen worden, daß aber der Verhaftbefehl gegen ihn immer noch in Wirk⸗ ſamkeit wäre, und ſtrenge Nachfragen nach ihm gehalten würden. Seine Beſtürzung verrieth mir ſogleich, daß er ſich ſchuldig fühlte, und nach einigen Gegenreden geſtand er mir zu, daß er wirklich bei dem Raub betheiligt geweſen ſei und einen Theil der Beute in Verwahrung habe, ohne jedoch zu wiſſen, was er damit oder mit ſich ſelbſt anfangen ſolle. Ich ſolle ihm daher rathen— was freilich viel von mir gefordert war, da ich die Welt nur wenig kannte. Er ſagte mir ſodann, er ginge mit dem Gedanken um, nach Schottland zu fliehen, was ſich leicht thun ließe, und fragte mich, ob ich nicht mit ihm wollte, worauf ich ihm erklärte, ich würde es mit Freuden thun, wenn ich nur Geld genug hätte, um die Unkoſten zu beſtreiten. Er antwortete mir in einer Weiſe, welche deutlich zeigte, daß er noch immer ſein altes Gewerbe im Auge hatte; denn er meinte, ich ſolle nur ihn machen laſſen; denn die Reiſe ſelbſt müſſe die Koſten einbringen. Ich entgegnete ihm, ich möchte nicht einmal daran denken, abermals auf Abenteuer auszugehen, um ſo weniger, da es um uns geſchehen wäre, ſobald uns an einem unbekannten Orte ein Mißgeſchick zuſtieße.„Pah!“ ſagte er;„wenn ſie uns aufgreifen können, ſo finden wir 8 152& hier auch keine Gnade; und was kann uns draußen Schlim⸗ meres begegnen? Ich bin jedenfalls für das Wageſtück.“ „Aber Capitän,“ ſagte ich,„haſt Du denn mit Deiner Zeit ſo übel gewirthſchaftet, daß Du nicht einmal für einen Augenblick wie der gegenwärtige mit Geld vorgeſehen biſt?« —„Ich beſitze in der That nur ſehr wenig,“ verſetzte er; „denn ich habe in der letzten Zeit nicht viel Glück gehabt.“ Dieß war jedoch eine Lüge; denn er war, wie bereits be⸗ merkt, im Beſitze eines großen Theils des kürzlich verübten Raubs; wie denn auch die Uebrigen ſich beſchwerten, ſie wären in ihren Portionen durch Will und Jack, welche das meiſte behalten, verkürzt worden— ein Umſtand, der ſie nur zu bereit machte, dieſe beiden anzugeben. Wie dem übrigens ſein mochte, er geſtand zu, daß er ungefähr zweiundzwanzig Pfund an Geld und noch Einiges an Geldeswerth beſäße. Vermuthlich war das Letztere Sil⸗ bergeſchirr; aber er wollte mir nicht ſagen, was und wo es wäre, indem er erklärte, er dürfe es nicht holen, weil er dabei Gefahr liefe, verrathen und ergriffen zu werden; und ſo entſchloß er ſich, daſſelbe im Stiche zu laſſen.„Wir kommen ja früher oder ſpäter wieder zurück,“ meinte er. Ich zeigte ihm redlich alles Geld, welches ich beſaß, und das aus ſechzehn Pfund und einigen Schillingen beſtand. „Nun,“ ſagte ich;„wenn wir gut haushalten und auf unſerer Reiſe ſparſam leben, ſo wird uns dieß wohl aus dem Be⸗ reich der Gefahr bringen;“ denn wir hatten gehört, daß wir, — . 153 E wenn wir Englands Grenzen überſchritten hätten, ſicher wären, ſo daß uns Niemand etwas anhaben könnte, wenn man uns auch erkennen ſollte. Aber keiner von uns dachte, daß es uns ſo manchen ſauren Tritt koſten dürfte, um nach Schottland zu kommen, wie wir es ſpäter in der Wirklich⸗ keit fanden. Ich ſpreche von mir, als ob ich mit meinem Bruder Jack in gleich drohender Gefahr geweſen wäre; die Sache verhielt ſich aber eigentlich ſo, daß ich mich eben ſo ſehr fürchtete, als er, obſchon ich nicht ſo viel zu fürchten hatte. Ich kann hier nicht unterlaſſen, eines Umſtandes zu erwähnen, der ſich einige Tage vorher zutrug, ehe ich mein Geld zu dem Herrn in der Towerſtraße brachte. Ich machte nämlich allein einen Spaziergang über die Felder, um nach Kentiſh⸗town zu gehen und das an der armen alten Wär⸗ terin begangene Unrecht wieder gut zu machen, bei welcher Gelegenheit ich, ehe ichs mich verſah, an dieſelbe Stelle gelangte, wo ich die arme alte Frau und das Mädchen beraubt, oder wo, wie ich lieber ſagen möchte, Will mich veranlaßt hatte, ſie zu berauben. Mein Inneres hatte mir ſchon oft dieſe grauſame Handlung zum Vorwurf gemacht, weßhalb ich zu wiederholten Malen den Vorſatz faßte, Mittel und Wege zu ſuchen, ihr Genugthuung zu leiſten und das Geld zurück zu erſtatten, wie ich denn auch den genannten Tag dazu erwählt hatte, meinen Entſchluß auszuführen. Demungeachtet fühlte ich mich aber höchſt ſchmerzlich 2 154 G⸗⸗ berührt, als ich dieſen unglücklichen Ort wieder betrat; denn er brachte mir aufs neue die dort begangene Unthat ins Gedächtniß, und es durchzuckte mich eine Art von Wunſch— ich kann nicht ſagen Gebet; denn ich wußte nicht, was beten war— von dieſem unglückſeligen Gewerbe abzulaſſen, indem ich zu mir ſelber ſagte:„Ach, daß ich doch etwas gelernt hätte, wovon ich leben könnte! Gewiß wollte ich nie mehr einen Raub begehen; denn es iſt in der That etwas Heilloſes und Schreckliches darum.“ Ich fühlte jetzt zum erſten Mal, wie viel man entbehrt, wenn man ſich der zärtlichen Elternpflege nicht hat erfreuen dürfen und nicht zu einem ehrlichen Gewerbe oder Geſchäfte herangezogen worden iſt. Ja, es kamen mir oft Thränen in die Augen, weil ich nichts anzufangen wußte, ſo gern ich auch die heilloſen Wege, auf denen ich wandelte, ver⸗ laſſen hätte. V Um jedoch auf meinen Gang zurückzukommen,— ich erkundigte mich nach dem Weg nach Kentiſh⸗town, und V zwar zufälligerweiſe bei einer alten Frau, welche ihrer Aus⸗ 5 ſage nach von Kentiſh⸗town war. Ich fragte ſie daher, ob ſie nicht eine dort wohnende Frau, Namens Smith, kenne, was ſie mit dem Beifügen bejahte, daß ſie eine ehrliche, fleißige, arme Frau ſei und durch ihrer Hände Arbeit einen kranken Gatten ernähre, der ſchon ſeit Jahren nichts mehr verdienen könne. „Welch ein Elender war ich,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, 2 155 So „daß ich dieſes arme Weib berauben und ihren Gram, ihr Elend und ihre Thränen noch vermehren konnte!“ Dieſe Mittheilung beſchleunigte die Ausführung meines Entſchluſ⸗ ſes, ihr das Geld zurückzuerſtatten, welchem ich auch noch einiges weitere beizufügen gedachte. Ich ging daher nach der erhaltenen Weiſung weiter und fand ohne viele Mühe ihre Wohnung. Ich fragte ein kleines Mädchen unter dem Hauſe, und da ſie es mit anhörte, wie ich ihren Namen nannte, ſo kam ſie ſogleich an die Thüre. Ich redete ſie an und fragte:„Liebe Frau, ſeid Ihr nicht vor ungefähr einem Jahre beraubt worden, als Ihr beim Heimwege von Lon⸗ don über den Pindar von Wackefield kamt?“—„Ja, frei⸗ lich,“ ſagte ſie;„es hat mich damals in eine ſchreckliche Angſt verſetzt.“—„Und wie viel wurde Euch abgenommen,“ fuhr ich fort.—„Ach, ich habe all mein Hab und Gut verloren,“ entgegnete ſie;„ich mußte mirs dafür ſehr ſauer werden laſſen; denn ich hatte damals ein Pflegkind, und es war das Koſtgeld, das man mir in London ausbezahlt hatte.“—„Aber wie viel war es, gute Frau?“ ſagte ich. —„Je nun,“ erwiederte ſie;„es waren zweiundzwanzig Schillinge und ſiebenthalb Pence. Das Koſtgeld betrug einundzwanzig Schillinge; das Uebrige hatte ich vorher zu⸗ ſammengeſpart.“ 1 „Wohlan, gute Frau, was würdet Ihr ſagen, wenn ich Euch ein Mittel nennen würde, wieder zu Eurem Gelde zu kommen? Denn ich glaube, der Burſche, der Euch beraubte, ſitzt jetzt feſt genug, und ich bin zu Euch heraus⸗ gekommen, weil ich Euch vielleicht in der Sache einen Ge⸗ fallen erweiſen kann.“—„Ach, Du mein Himmel!“ ſagte die alte Frau; ich weiß, wo Ihr hinaus wollt; aber in der That, ich kann auf des Mannes Geſicht nicht ſchwören, da es bereits dunkel war; und außerdem möchte ich nicht, daß der arme Tropf um meines Geldes willen gehangen würde. Mag er leben und bereuen.“—„Das iſt eine ſehr menſchenfreundliche Geſinnung,“ entgegnete ich;„mehr, als er um Euch verdient hat. Aber das braucht Euch nicht zu kümmern; denn er wird gehangen werden, mögt Ihr nun gegen ihn zeugen oder nicht. Wollt Ihr aber zu Eurem verlorenen Gelde kommen?“—„Es wäre mir freilich lieb,“ entgegnete ſie,„wenn ichs wieder bekäme; denn ich bin nie geldbedürftiger geweſen, als im gegenwärtigen Augenblick. Es wird einer armen Perſon ſo ſchwer, den nothdürftigen Unterhalt zu erſchwingen, obgleich ich von Morgen bis in die Nacht arbeite.“ Nach dieſen Worten fing ſie zu weinen an. Ich meinte, das Herz müſſe mir brechen bei dem Gedan⸗ ken, wie ſich dieſe arme, faſt ſechzigjährige Perſon abmühen mußte, während ich, ein junger Kerl von kaum zwanzigen, hergehen und ſie ihres Brodes berauben konnte, um ein Leben voll Trägheit und Verderbtheit zu friſten. Die Thrä⸗ nen traten mir wider Willen ins Auge, und auch dem Weibe entging meine bewegte Stimmung nicht.„Arme Frau,“ ſagte ich; ves iſt etwas Schreckliches, daß dieſe Elenden 2 157 S⸗⸗ eine ſo unglückliche Perſon wie Euch plündern konnten. Ich verſichere Euch aber, er hat jetzt Zeit ſeine Unthat zu bereuen.“ —„Ihr habt ein ſehr mitleidiges Herz, wie ich bemerke,“ fuhr ſie fort;„ich wünſche übrigens, daß er die Friſt, die ihm Gott gelaſſen hat, zur Reue verwenden möge, und will beten, daß Gott ſich ſeiner erbarme. Wer er auch ſein mag, ich vergebe ihm, ob er mir das Geraubte zurücker⸗ ſtattet oder nicht. Möge ihm Gott ebenſo vergeben; denn ich wünſche ihm nichts Böſes dafür.“ Es ergriff mich im Innerſten, als ich ſie in dieſer Weiſe für mich beten hörte. „Nun, Frau, kommt ein wenig zu mir her,“ ſagte ich, und ſteckte die Hände in meine Taſche, während ſie auf mich zukam. Macht Eure Hand auf,“ fuhr ich fort. Sie that, wie ich ihr geheißen und ich zählte ihr neun halbe Kronen in die Hand.„Da, gute Frau,“ ſagte ich;„da ſind Eure zwei und zwanzig Schillinge, ſechs Pence, die Ihr verloren habt; ich verſichere Euch, daß ich das Hauptwerkzeug gewe⸗ ſen, ihn zur Rückerſtattung zu vermögen; denn ſeit er mir unter ſeinen übrigen Uebelthaten auch dieſe Geſchichte er⸗ zählte, ließ ich ihm keine Ruhe, bis er mir gelobte, ſein Vergehen an Euch wieder gut zu machen.“ Während dieſer Worte hielt ich ihre Hand, in der ſie das Geld hatte, feſt und ſah ihr ins Geſicht, wobei ich bemerkte, wie ſie in überſeliger Freude, wieder zu ihrem Eigenthum gekommen zu ſein, bald erröthete, bald erblaßte. „»Nun, Gott ſegne ihn,“ ſagte ſie endlich,„und bewahre ihn, wenn es ſein heiliger Wille iſt, vor dem ſchlimmen Geſchicke, das ihn bedroht; denn gewiß an mir hat er ſo ehrlich gehandelt, wie ich es nimmermehr erwartet hätte.“ Sie machte noch eine Weile in dieſer Weiſe fort und ver⸗ goß bittere Thränen, als ich ſagte, ich zweifle, ob der Dieb Hoffnung habe, mit dem Leben davon zu kommen.„Nun,“ entgegnete ſie,„dann möge ihm Gott ein reumüthiges Herz und den Himmel ſchenken; denn in dem Grunde ſeiner Seele muß doch noch etwas Gutes liegen. Gewiß, er kann nicht ganz verderbt ſein, mögen ihn nun ſchlimme Geſellſchaft, böſes Beiſpiel oder andere Verſuchungen auf ſchlechte Pfade geführt haben. Sicherlich wird er aber früher oder ſpäter jedenfalls noch vor ſeinem Ende den Weg der Buße finden.“ All dieß berührte mich weit mehr, als ſie ſich denken konnte; denn ich war ja die Perſon, für welche ſie, ohne es zu wiſſen, gebetet hatte, und mein Herz ſagte Amen da⸗ zu. Ich fühlte es, daß ich eine der niederträchtigſten Hand⸗ lungen, welche je verübt worden, begangen, indem ich ein armes Weib in einer ſolchen Lage angegriffen und mich nicht an ihr Flehen gekehrt hatte, da ſie doch ſo dringend um ihre kleine Habe bat. Mit Einem Wort, die gute Alte bewegte mich mit ihren chriſtlichen Gebeten ſo ſehr, daß ich die Hand abermals in meine Taſche ſteckte.„Gute Frau,“ ſagte ich,„Ihr ſeid ſo menſchenfreundlich in Euren Bitten für dieſen unglücklichen Menſchen, daß ich entſchloſſen bin, in ſeiner Angelegenheit 159 Se⸗ noch weiter zu gehen, mag er mich nun dazu beauftragt haben oder nicht. Ich bitte Euch daher in ſeinem Namen um Vergebung für den an Euch begangenen Raub; denn es war außer dem Verbrechen eine Kränkung Eurer ſelbſt. Verzeiht ihm daher; wollt Ihr ihm aufrichtig und von ganzem Herzen verzeihen, gute Frau? Ich ſpreche Euch darum an.“ Und mit dieſen Worten ſtand ich auf und nahm meinen Hut ab. „O,“ entgegnete ſie,„bleibt doch ſitzen und nehmt nicht Euren Hut vor mir ab. Ich bin eine arme Frau und ver⸗ zeihe ihm, wie auch allen, die ihm geholfen haben; denn es waren noch etliche bei ihm. Ich vergebe ihnen von ganzem Herzen und bitte Gott, daß er ihnen gleichfalls vergeben möge.“ „Wohlan, gute Frau,“ ſagte ich,„da habt Ihr noch etwas über Euren Verluſt, als Belohnung für Eure chriſt⸗ liche Liebe;“ und dabei drückte ich ihr eine weitere Krone in die Hand. Dann fragte ich ſie nach der Perſon, die zugleich mit ihr, beraubt worden war. Sie war ihrer Ausſage nach ein Dienſtmädchen, das damals in der Stadt lebte, nunmehr aber ſeinen Platz gewechſelt hätte, ohne daß es der Frau bekannt wäre, wo ſie ſich zur Zeit aufhielt.„Nun,“ entgeg⸗ nete ich,„wenn Ihr von ihr hört, ſo erkundigt Euch, wo ſie wohl zu finden iſt, und wenn ich wieder mit Euch zu⸗ ſammentreffe, ſo iſt es mir vielleicht gelungen, den Unglück⸗ lichen zu veranlaſſen, daß er auch ihr das Geraubte wieder zurückerſtattet. Ich glaube, es war nur wenig— oder nicht?“ —„Nicht weiter, als fünf Schillinge und ſechs Pence,“ lautete ihre Antwort, was mir allerdings ſo gut, als ihr bekannt war.„Nun, gute Frau,“ fuhr ich fort,„ſo erkun⸗ digt Euch nach ihr, wenn ſich Gelegenheit bietet.“ Sie ver⸗ ” ſprach mir dieß, und ſo trennten wir uns. Ich war ſehr erfreut, auf dieſe Art mein Gewiſſen etwas erleichtert zu haben, obſchon aus dieſem Vorgange auf die natürlichſte Weiſe Betrachtungen floßen, die mir nachher viel zu ſchaffen machten,— nämlich, daß ich allen, welchen ich Unrecht gethan, Erſatz leiſten müßte, und wie ich dieß wohl angehen könnte. Dieß war nun freilich eine Unmöglichkeit, da ich die meiſten Leute, welche ich beein⸗ trächtigt hatte, gar nicht einmal kannte, und ſo gab ich mich vor der Hand zufrieden und ließ derartige Gedanken fahren. Achtes Kapitel. Antritt unſerer Reiſe.— Capitän Jack hilft ſich zu einem Pferde— verſieht ſich mit Leibweißzeug— läßt ſich in Newmarket von einem Pferde ſtehlen.— Weitere Kunſtſtücke des Capitäns in Stamford.— Ankunft in Neweaſtle.— Der Capitän muß ſich flüchten. Ich komme nunmehr auf meine Reiſe mit meinem ſo betitelten Bruder, dem Capitän Jack, zurück. Wir verließen London zu Fuß und kamen am erſten Tage nach Ware; denn wir hatten uns ſo viel Ortskenntniß verſchafft, um zu wiſſen, daß der Weg durch dieſe Stadt führte. Da wir des Reiſens nicht gewöhnt waren, ſo fühlten wir uns bereits nach dem erſten Tagmarſche ungemein ermüdet. Demun⸗ geachtet ſchickten wir uns an, nach unſerer Ankunft ein wenig in der Stadt umher zu gehen. Ich fand jedoch bald, daß der Capitän dieſen Spazier⸗ gang nicht unternahm, um durch ein Betrachten der Stadt ſeine Neugierde zu befriedigen; denn ſolche Gedanken waren ihm durchaus fremd, da in ſeinem Kopfe nichts anderes als ſein Gewerbe ſpuckte. Dieſes hatte ihn allmählig ſo ſehr zum Diebe geſtempelt, daß ihm nichts aufſtoßen konnte, ohne Oberſt Jack. II. 11 —2 daß er darüber nachſann, ob es wohl nicht entführbar ſein möchte, in welcher Weiſe er ſich daſſelbe geſchickt zueignen könnte, u. dgl. Er ſah in Ware nichts, was ſeinem Geſchmack zuſagte, da kein Markttag war; und was mich anbelangt, ſo war ich, obgleich ich mir kein Bedenken daraus machte, auf Koſten ſeiner Spitzbüberei zu eſſen und zu trinken, doch feſt ent⸗ ſchloſſen, mich auf nichts einzulaſſen und meine Finger rein zu erhalten. Als der Capitän fand, daß ich mich von meinem Vor⸗ ſatze nicht abbringen laſſe, ſo fragte er mich, wie ich denn weiter zu kommen gedenke, worauf ich meinte, daß bei ſeiner Weiſe ſchon andere für das Weiterkommen ſorgen dürſten, da er ſich darauf verlaſſen könnte, gehangen zu werden, wenn er auch nur wegen des geringſten Verbrechens aufge⸗ griffen würde.„Wie wäre das möglich,“ ſagte er,„ſie kennen mich ja hier zu Lande nicht.“—„Das iſt allerdings wahr,“ entgegnete ich;„aber glaubſt Du nicht, daß man, ſobald ein Dieb in der Provinz aufgegriffen wird, in Newgate Nachfrage halten wird, ob nicht einer daſelbſt entſprungen ſei, der dahin wieder abzuliefern wäre? Verlaß Dich darauf,“ fügte ich bei,„die Gefängnißhüter ſtehen in gegenſeitiger Correſpondenz und theilen ſich alles auf das Ausführlichſte mit. Wenn Du alſo hier nur einen Korb voll Eier ſtiehlſt, ſo wird man Deinen Ankläger herunter ſenden, damit er zuſehe, ob er Dich nicht kennt.“ 163 S⸗⸗ Dieß erſchreckte ihn für eine Weile und machte ihn auf drei oder vier Tage ehrlich. Länger dauerte es aber nicht; denn von nun an übte er eine Menge Spitzbubenſtreiche ohne mich, bis er endlich, gleichfalls ohne mich, an dem Ziele ſeiner Laufbahn anlangte, was übrigens erſt viele Jahre nachher geſchah, wie der Leſer ſeiner Zeit hören wird. Da jedoch dieſe Heldenthaten nicht zu meiner Geſchichte, ſondern zu der ſeinigen, die weit größer ausfallen würde, als die meinige, gehören, ſo übergehe ich alle Abenteuer dieſer mühevollen Reiſe, bei welchen ich nicht unmittelbar betheiligt war. Von Ware reisten wir nach Cambridge, obgleich dieß etwas von dem geraden Wege ablag, wozu wir durch fol⸗ genden Umſtand veranlaßt wurden. Als wir durch das Dorf Puckeridge kamen, kehrten wir in einem Wirthshauſe ein, welches einen Falken zum Schilde hatte, und während wir ſo daſaßen, trat ein Bauer in die Gaſtſtube, der, während er ſich einen Trunk holte, ſein Pferd an der Thüre ange⸗ bunden hatte. Wir ſaßen in dem Thorwege und hatten uns einen Krug Bier reichen laſſen. Bei dieſer Gelegenheit fragten wir den Hausknecht nach dem Wege nach Schottland, worauf er uns den nach Royſton andeutete; wir ſollten uns aber in Acht nehmen, meinte er, daß wir bei der nächſten Theilung des Weges nicht den linken einſchlügen, weil wir ſonſt nach Cambridge kommen würden. Wir hatten unſer Bier bezahlt und blieben nur noch, 11* um auszuruhen, vor der Thüre ſitzen, als plötzlich ein Herr in einer Kutſche mit drei oder vier berittenen Begleitern an dem Wirthshauſe vorfuhr. Die letztern ritten in den Hof, und da der Hausknecht ihnen folgen mußte, ſo ſagte er zu dem Capitän:„Junger Mann, ſeid ſo gut und haltet dieſes Pferd(er meinte damit den oben angeführten Bauerngauh) und führt es ein wenig auf die Seite, daß die Kutſche Platz gewinnt.“ Er that es und winkte mir zu folgen, worauf wir miteinander bis zu der Theilung des Weges gingen. „Geh voraus,“ ſagte er zu mir,„und ſchlage den Weg durch die Gaſſe ein; ich will Dich ſchon einholen.“ Ich ging daher die Gaſſe hinauf, und ehe ein paar Minuten verfloſſen waren, ritt er auf dem Pferde hinter mir her.„Steig auf,“ ſagte er;„es geht uns ſonſt an die Riemen, wenn wir uns nicht aus dem Staube machen.“ Ich nahm kein Bedenken, mich hinten aufzuſetzen, und ſo ging es in ſcharfem Trabe vorwärts, da das kräftige Pferd wohl etwas ausdauern konnte. Wir ritten eine Stunde lang und darüber wacker darauf los, bis wir weit genug zu ſein vermeinten, um nicht mehr eingeholt werden zu können, um ſo weniger, da zu erwarten ſtand, daß der Bauer, ſobald er ſein Pferd vermißte und von unſerer Abſicht, nach Royſton zu gehen, hörte, uns in dieſer Richtung und nicht nach Cam⸗ bridge nachſetzte. Nach Ablauf dieſer Zeit eilten wir nicht mehr ſo ſehr, ſtiegen vor den Thoren der paar Städte, durch 165 S⸗⸗ welche wir kamen, ab und ritten auch nicht zu zwei durch die Dörfer.. Konnte der Capitän ohnehin ſchon an nichts vorbei⸗ gehen, ohne es mitlaufen zu laſſen, ſo war die Verſuchung um ſo ſtärker, da er jetzt ein Pferd hatte, dem er ſeine Beute aufladen konnte. So kamen wir durch ein Dorf, wo eine ehrliche Bäuerin gewaſchen und Weißzeug an eine Hecke des Weges aufgehangen hatte; und er konnte unmöglich vorbei, ohne ein paar gute Hemden mitzunehmen, obgleich ſie erſt halb trocken waren. Ich war vorausgegangen, und er holte mich bald wieder ein, worauf ich wieder hinten aufſaß, und das Pferd im ſchärfſten Galopp weiter jagte. Auf dieſem Ausflug führte uns ſein oder mein gutes Glück ganz von der Straße ab, und da wir Niemand ſahen, der uns zurechtweiſen konnte, ſo verirrten wir uns, ich weiß nicht wie viele Meilen, nach rechts, bis wir endlich, da wir auf Gerathewohl zuritten, bei Biſhop⸗Stratford in die Poſt⸗ ſtraße von London nach Cambridge gelangten. Das Land beſtand nämlich aus lauter offenen Kornfeldern ohne Um⸗ zäunungen, und als wir an einen kleinen Hügel gelangten, bat ich den Capitän, das Pferd halten zu laſſen, da ich abſteigen und mich ein wenig verlaufen wollte; denn das lange Reiten auf der Croupe des Pferdes hatte mich ſehr ermüdet. Ich ſah mich bei dieſer Gelegenheit um und er⸗ blickte ganz deutlich die große weiße Straße, die wir hätten gehen ſollen, in einer Entfernung von faſt zwei Meilen vor uns. 166& Als ich aber auf demſelben Wege ein wenig nach links zurückſah, bemerkte ich vier oder fünf Reiter, welche, in einiger Entfernung von einander, in voller Haſt einherſpreng⸗ ten, wie Leute, die in eifriger Verfolgung begriffen ſind. Der Umſtand erſchreckte mich nicht wenig.„Geſchwind von dem Pferde herunter, Bruder Jack,“ ſagte ich,„und frage mich ein andermal nach dem Grund.“ Er that, wie ich ihn geheißen, und fragte nun, was es gäbe.„Was es gibt?“ ſagte ich.„Sieh nur dorthin; es iſt ein Glück, daß wir unſern Weg verloren haben. Siehſt Du, wie ſie reiten? Verlaß Dich drauf, ſie ſetzen uns nach, ſei es nun von dem letzten Dorfe aus wegen der zwei Hemden, oder von Pucke⸗ ridge aus wegen des Pferdes.“ Er hatte ſo viel Geiſtes⸗ gegenwart, daß er, ohne meine Aufforderung abzuwarten, das Pferd hinter einem großen Weißdornbuſch, der in der Nähe ſtand, verſteckte, ſo daß man von der Straße aus deſſelben nicht anſichtig werden konnte, was ſonſt nicht hätte vermieden werden können, da wir uns gerade auf der Höhe des Hügels befanden; und ſo ritten unſere Verfolger aufs Ungefähr ihres Weges weiter. Konnten ſie übrigens ſchon das Pferd nicht ſehen, ſo war es bei uns noch weniger der Fall; denn die Straße war ziemlich entfernt, und wir ſaßen auf dem Boden, um ihnen deſto gemächlicher nachſchauen zu können. Da die Straße einen großen Bogen machte, ſo behiel⸗ ten wir ſie lange im Auge und bemerkten dabei, daß ſie 2 167 G ſo ſcharf ritten, als es ihre Pferde nur auszudauern ver⸗ mochten. Sobald wir ſie gänzlich aus dem Geſichte verloren hatten, ſtiegen wir auf und beeilten uns gleichfalls, ſo gut wir konnten, indem wir, obgleich wir zu zwei waren, wo es der Weg geſtattete, einen ſcharfen Trab einhielten, ohne uns mit Fragen über die Richtung aufzuhalten, bis wir nach ungefähr zwei Stunden zu einer Stadt kamen, welche, wie man uns ſagte, Cheſterford hieß. Hier machten wir Halt, fragten aber nicht nach irgend einem Orte, ſondern nur woher dieſer Weg käme, wodurch wir erfuhren, daß wir uns auf der Poſtſtraße nach Cambridge, folglich auch auf dem Weg nach Newmarket, Saint Edmunds⸗Bury, Norwich, Yarmouth, Lynn, Ely u. ſ. f. befanden. Wir blieben hier eine gute Weile, da wir uns für ſicher hielten, und ſetzten gegen Abend unſere Reiſe nach Bournbridge fort,— einem Orte, der nur aus zwei Wirths⸗ häuſern beſtand— von wo der Cambridger Weg ſich mit dem nach Newmarket verbindet. Hier ſagte der Capitän zu mir:„Du haſt geſehen, Jack, daß wir Cambridge zu ver⸗ folgt wurden; wir haben daher zu gewärtigen, dort ange⸗ halten zu werden, ſobald wir dieſe Richtung einſchlagen. Nach Newmarket iſt es aber nur zehn Meilen, und wir finden dort nicht nur Sicherheit, ſondern auch Gelegenheit, Geſchäfte zu machen.“ „Ach, geh mir, Jack,“ entgegnete ich;„und ſage mir nichts vom Geſchäftemachen; denn ich bin durchaus nicht 168 So Willens, mich mit Dir in derartige Geſchichten einzulaſſen. Ich wollte, ich hätte Dich ſchon in Schottland; denn wahr⸗ ſcheinlich fällſt Du dem Stricke ſchon früher anheim. Ich mag Dich nicht in England hängen ſehen, wenn ichs ändern kann, weßhalb ich auch nicht nach Newmarket will, wenn Du mir nicht verſprichſt, Dich dort ruhig zu verhalten.“ „Nun,“ entgegnete er,„wenn Du ſo darauf verſeſſen biſt, ſo will ich Dir den Willen laſſen; aber ich hoffe, Du wirſt nichts dagegen haben, wenn ich ein anderes Pferd aufgreife, damit wir unſere Reiſe ſchneller fortſetzen können?“ „Nein, nein,“ erwiederte ich;„ich verwahre mich da⸗ gegen mit Leibeskräften; aber wenn Du mich dieſes Pferd wieder ehrlich zurückſchicken läſſeſt, ſo bin ich damit einver⸗ ſtanden, für ein oder zwei Stationen Reitpferde zu miethen, die wir ſo weit mitnehmen können, als uns beliebt. Es bedarf dann nur eines Briefes an den Eigenthümer, und wenn wir auch aufgegriffen werden, ſo kann uns wenig Schaden erwachſen.“— „Du biſt ein ſchlaues, pfiffiges Bürſchchen,“ verſetzte der Capitän;„aber ich verſichere Dich, es iſt beſſer, ſo wie es jetzt iſt; denn ſobald wir dieſen Ort im Rücken haben, ſo haben wir nichts mehr von Eingeholt⸗ und Aufgegriffen⸗ werden zu fürchten.“ Es war bereits dunkle Nacht, und wir hatten noch nicht ausgeſprochen, als ein Mann vor die Thüre des andern Wirthshauſes kam, der ſich einen Krug Bier geben laſſen % 169&, wollte; aber die Leute waren ſchon zu Bett und wollten nicht mehr aufſtehen. Er fragte ſodann, ob man nicht zwei Burſche auf einem Pferde habe des Wegs kommen ſehen. Der Hausknecht entgegnete, daß allerdings ſolche Leute des Nachmittags vorbeigekommen wären, aber, nachdem ſie einen Krug Bier getrunken, nach dem Cambridger Weg gefragt und wieder fortgegangen ſeien.„O!“ ſagte er;„alſo nach Cambridge ſind ſie? Wenn das iſt, ſo will ich ſie bald eingeholt haben.“ Ich war noch wach und hatte von dem Dachſtübchen des Wirthshauſes, in welchem ich wohnte, das Rufen des Mannes gehört, weßhalb ich, da mich jedes Geräuſch mit Angſt erfüllte, mich ans Fenſter begab und ſomit Zeuge der ganzen Verhandlung wurde. Es war klar, daß unſere Stunde noch nicht geſchlagen, und das Schickſal uns noch andere Dinge vorbehalten hatte. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo: Als wir das erſte Mal nach Bournbridge kamen, ſprachen wir in dem erſten Wirthshauſe ein, tranken einen Krug Bier, fragten nach dem Cambridger Weg und zogen weiter, wobei man uns wohl die genannte Straße einſchlagen ſah. Mit dem Einbruch der Nacht fühlten wir uns aber ſehr ermüdet; auch fürchteten wir den Weg zu verlieren, weßhalb wir umkehrten und in dem anderen Wirthshauſe einſprachen, welches jetzt das erſte war, wie das andere das erſte im Herweg geweſen. Man kann ſich denken, daß ich nun Grund genug hatte, 170 SE⸗ unruhig zu ſein. Der Capitän lag bereits in ſeinem Bette und war feſt eingeſchlafen. Ich machte indeß Lärm und weckte ihn mit den Worten:„Steh auf, Jack, wir ſind beide verloren; denn man iſt uns auf der Ferſe.“ Ich hätte ihn allerdings nicht ſo ſchnell wecken ſollen; denn er ſchrack zuſammen, ſprang aus ſeinem Bette und eilte, ohne zu wiſſen, wo er war, nach dem Fenſter, durch das er in ſeinem Halbſchlafe eben hinausſpringen wollte, als ich ihn, gerade zur rechten Zeit, noch an den Beinen erwiſchte. „Was fällt Dir ein?“ fragte ich;„was haſt Du im Sinne?“ „Ich will mich nicht greifen laſſen,“ lautete die Ant⸗ wort;„laß mich gehen; wo ſind ſie?“« Er war dabei von Angſt und Schlaftrunkenheit ſo verwirrt, daß ich die größte Mühe hatte, zu verhindern, daß er nicht aus dem Fenſter ſprang. Ich ließ ihn jedoch nicht fahren, und ſo kam er denn nach und nach um ſo mehr zur Beſinnung, da es unten wieder ruhig geworden war. Ich erzählte ihm nun, was ich gehört, und während wir neben einander auf dem Bette ſaßen, beriethen wir uns über die Schritte, die wir einzuſchlagen hätten. Da indeß der Mann augenſcheinlich nach Cambridge gegangen war, ſo hatten wir nichts zu fürchten und brauchten uns blos bis Tagesanbruch ruhig zu verhalten, dann unſer Thier zu be⸗ ſteigen und uns aus dem Staube zu machen. Zum Glück hatten wir bereits an dem andern Hauſe 2 171 So⸗ erfahren, daß der Weg nach Cambridge links abführe, wäh⸗ rend der nach Newmarket gerade aus ginge. Sobald nun der Morgen graute, ſagte mir der Capitän, er wolle zu Fuß nach Newmarket gehen, damit es, wenn ich den Ort verlaſſe, den Anſchein bekäme, ich wäre nur ein einzelner Reiſender— ein Entſchluß, den er auch ſogleich ausführte und dabei ſo hurtig marſchirte, daß ich, als ich ihm folgte, auf die Vermuthung kam, er hätte mich ganz und gar im Stiche gelaſſen; denn obgleich ich ſcharf ritt, ſo konnte ich ihn doch vor einer Stunde nicht zu Geſicht bekommen. End⸗ lich traf ich ihn an dem großen Damme, welcher der Teu⸗ felsgraben heißt, und ließ ihn hinten aufſitzen, worauf wir wieder zu zwei ritten, bis wir faſt die erſten Häuſer von Newmarket erreicht hatten. An einem derſelben ſtand ein Pferd ebenſo an die Thüre gebunden, wie es in Puckeridge der Fall geweſen war. Jack meinte, wenn er das Thier an dem andern Ende der Stadt hätte, ſo wollte er mit ihm ebenſo gut fortkommen, wie mit dem von Puckeridge. Da ſich aber unter dieſen Umſtänden nichts machen ließ, ſo ſchlenderte er vorbei und ging auf der rechten Seite der Straße durch die Stadt. Er hatte noch nicht die Mitte derſelben erreicht, als das Pferd, das auf ein oder die andere Weiſe losgeworden war, ſachte hinter ihm drein trabte, ohne daß ihm Jemand folgte. Sobald der Capitän, der in derartigen Dingen ein geübter Praktikus war, ſah, daß das Pferd einen hübſchen - 172 S⸗⸗ Vorſprung vor ihm hatte, ohne daß Jemand hinten drein kam, ſo ſetzte er demſelben nach, worauf es, da es nun einen Verfolger hörte, nur um ſo ſchneller lief. Der Capi⸗ tän rief an einem fort.„Haltet das Pferd,“ und mittlerweile hatte es faſt das andere Ende der Stadt erreicht, ohne daß es die Leute in dem Hauſe, vor dem es angebunden gewe⸗ ſen, vermißt hätten. Auf ſeinen Ruf,„haltet das Pferd,“ liefen die in der Nähe beſindlichen armen Leute der Stadt von beiden Seiten über den Weg, fingen es ein und hielten es, bis er hinzu⸗ kam, worauf er ſich ganz gravitätiſch in den Sattel ſchwang, dem Thier einige Hiebe verſetzte und es wegen ſeines Da⸗ vonlaufens,„eine heilloſe Beſtie“ titulirte; dann gab er dem Mann, der es gefangen, ein paar Pence und eilte mir nach. Dieß war das ſeltſamſte Abenteuer, welches ſich zutra⸗ gen konnte; denn das Pferd ſtahl den Capitän, nicht der Capitän das Pferd. Als er mich einholte, ſagte er zu mir: „Nun, Oberſt Jack, was hältſt du von meinem guten Glück? Hätteſt du mir zumuthen können, das Pferd zurück⸗ zuweiſen, als es mir ſo höflich nachkam und mich erſuchte, es zu beſteigen?“ „Nein, nein,“ entgegnete ich;„du biſt durch deinen Witz und nicht durch einen überlegten Diebsplan dazu ge⸗ kommen und magſt dich daher des Thieres wohl bedienen; 173 So⸗ jedenfalls biſt du jetzt in einer weit ſichereren Lage, als ich, wenn wir aufgegriffen werden ſollten.“ Nun war die nächſte Frage, welche Richtung wir ein⸗ ſchlagen ſollten; denn wir hatten jetzt vier Wege vor uns. Der erſte, welcher eine kleine Meile von der Stadt rechts abbog, führte nach Saint⸗Evmungs⸗bury; gerade aus, mit einer ſpäteren gleichfallſigen Neigung nach rechts, lag die Landſtraße nach Barton⸗Mills, Thatford und Norwich; ein weiterer Weg führte nach Brandon und Lynn, und mehr noch links ein kleinerer nach der Stadt Elly und den Torf⸗ gründen. Wir wußten in der That nicht, welche dieſer Richtun⸗ gen wir einſchlagen ſollten, und welcher Weg uns nach der großen Nordſtraße, die wir verlaſſen hatten, bringen konnte, weßhalb wir auf Gerathewohl den nach Brandon und Lynn wählten. In Brand oder Brandon ſagte man uns, daß wir an der Downhambrücke das Torfland quer bis Wis⸗ beack ſturchſchneiden, dann uns dem Ufer des Nynn bis Peterborough nähern und von dort aus nach Stamford reiten müßten, wo wir den Nordweg wieder träfen; wir könnten übrigens auch bei Lynn aus an den Waſhes vorbei nach Linkolnshire kommen und ſo unſeren Weg nach Norden fortſetzen. Wir hatten es uns jedoch zur Regel gemacht, daß wir, wenn wir an irgend einem Orte nach einem Wege fragten, gewiß nicht den uns genannten einſchlugen, ſondern jedesmal einen andern, den wir zufällig nennen hörten,— 174 So⸗ und ſo hielten wir es auch hier; denn obgleich unſere Fra⸗ gen hauptſächlich die Nordſtraße betrafen, ſo entſchloſſen wir uns doch, unmittelbar nach Lynn zu gehen. Wir langten daſelbſt ganz gemächlich und wohlbehalten an. Hier ſahen wir uns jedoch etwas in die Enge getrie⸗ ben; denn als wir überlegten, welchen Weg wir einſchlagen wollten, fanden wir, daß uns keine andere Wahl blieb, als an den Waſſhes vorbei nach Linkolnſhire zu reiten— ein Strich, der uns als ſehr gefährlich bezeichnet wurde. Der Zufall war uns aber günſtig; denn wir trafen auf einen Mann, der über die Torfgründe gehen wollte, und nahmen denſelben als Führer mit. Auf dieſe Weiſe gelang⸗ ten wir nach Spalding, von da zu einer Stadt, welche Deeping heißt, und endlich nach Stamford in Linkolnſhire. Die letztere iſt eine große, ſehr bevölkerte Stadt, und als wir daſelbſt anlangten, war gerade Markttag. Wir ſtellten unſere Pferde in einem kleinen Wirthshauſe an dem dieſſeitigen Ende der Stadt ein und begaben uns in das Innere derſelben. Hier war es meinem Capitän nicht möglich, ſeine Tücken zu unterlaſſen, und ich lebte um ſeinetwillen in beſtändiger Todesangſt. Ich verweigerte ihm meine Begleitung, da er mir nicht verſprechen wollte, ſein Diebstalent unverſucht zu laſſen, und die Beſorgniſſe über ſeine Waghalſigkeit beun⸗ ruhigten mich ſo ſehr, daß ich erklärte, keinen Tritt aus dem Hauſe zu thun. Aber ich predigte tauben Ohren. Er 2 175 S⸗ ging in die Stadt und traf daſelbſt einen Marktſchreier, der ihm des Gedränges wegen, das ſich um denſelben bildete, ſehr gelegen kam. Wie er übrigens daſelbſt in einer Viertel⸗ ſtunde zwei Taſchen leerte und ein Stück holländiſche Lein⸗ wand von acht oder neun Ellen in unſer Quartier zurück⸗ brachte, wie er im Verlaufe von weniger als zwei Stunden noch drei oder vier weitere Diebereien ausführte, wie er endlich einen Arzt beraubte und doch mit heiler Haut davon kam,— all Dieſes gehört, wie ich bereits oben ſagte, ſeiner, nicht meiner Geſchichte, an. Ich zankte mich ernſtlich mit ihm, als er zurückkam, und ſagte ihm, er würde ſicher mich und ſich zu Grunde rich⸗ ten, wenn er ſo fortmachte, wozu ich noch die Drohung fügte, daß ich ihn verlaſſen, das Pferd nach Puckeridge, wo wir es geborgt, zurückführen und wieder nach London gehen wolle. Er verſprach zwar Beſſerung, aber da wir uns ent⸗ ſchloſſen hatten, die Nordſtraße nur des Nachts zu bereiſen, und wir noch geraume Zeit bis dahin hatten, ſo entſchlüpfte er mir wieder. Er war noch keine halbe Stunde fort, als er mit einer goldenen Uhr zurückkam. „Wie?“ fragte er;„biſt Du noch nicht fertig? Ich bin bereit, zu gehen, wann Du willſt.“ Und mit dieſen Wor⸗ ten zog er die goldene Uhr heraus. Ich war nicht wenig verwundert, etwas derartiges in einem Landſtädtchen zu ſehen. Es ſchien jedoch in einer der Kirchen eine Abendandacht gehalten worden zu ſein— eine 176 Se⸗ Gelegenheit, welche er dazu benützte, ſich in die Nähe einer Dame zu ſtehlen, welcher er dieſen Schmuck, ohne daß ſie es bemerkte, entwendete. Wir brachen noch dieſelbe Nacht beim Mondenlichte auf, nachdem wir noch vorher das Vergnügen gehabt, die Uhr ausrufen zu hören, wobei für die Wiederbringung zehn Guineen ausgeboten wurden. Die zehn Guineen wären ihm freilich lieber geweſen, als die Uhr, aber er durfte es nicht wagen, ſie zurückzuerſtatten. „Du haſt Angſt, wie ich merke,“ ſagte ich, pund aller⸗ dings nicht ohne Grund. Aber überlaß ſie mir, ich will verſuchen, ob ich ſie heimgeben kann.“ Dieß behagte ihm übrigens nicht; denn er ſagte mir, wenn wir nach Schottland kämen, könnten wir Alles, was wir hätten, ohne Gefahr verkaufen, was ſich in der That auch als wahr erwies; denn es wurden uns nirgends ver⸗ fängliche Fragen vorgelegt. 4 Wir begaben uns, wie geſagt, beim Mondenlicht auf den Weg und ließen auf der ebenen breiten Straße unſere Pferde rüſtig ausſchreiten, bis wir gegen zwei Uhr Morgens nach Grantham kamen, wo wir alles noch in tiefem Schlaf antrafen. Wir ritten weiter nach Newark, das wir unge⸗ fähr Morgens acht Uhr erreichten, und machten daſelbſt Halt, um den größten Theil des Tages zu verſchlafen. Dieſes war mir ſehr lieb; denn der Capitän wurde dadurch wenigſtens abgehalten, Unheil zu ſtiften, was er ſonſt wohl nicht hätte unterlaſſen können. —— 4 2 177 S⸗⸗ In Newark hörten wir zufällig eine Vergleichung über die Wege anſtellen, woraus wir folgerten, daß die Straße nach Nottingham die beſte für uns ſein würde. Wir ver⸗ ließen daher die Nordſtraße und folgten den Ufern des Trent nach Nottingham. Hier ließ der Capitän ſeine Tücken ſo offen ſpielen, daß ich mich nicht genug wundern konnte, wie es geſchah, daß er immer ſo frei ausging und nie er⸗ tappt wurde. Ueberhaupt hatte er jetzt ſo viel zuſammen⸗ geſtohlen, daß er einen Mantelſack kaufen mußte, um es darin aufzubewahren. Meine Bemühungen, ihn zurückzuhalten, waren vergeblich, und ſo ließ ich ihn denn ſeine Wege gehen. Er machte, wie geſagt, in Nottingham ſo erfolgreiche Geſchäfte, daß wir unſere Abreiſe weit mehr als an einem andern Orte beſchleunigten, damit wir nicht aufgegriffen werden möchten. Wir verließen die Straße, welche von dort aus wieder nach Norden führt, und ritten an Mans⸗ field vorbei nach Scarsdale in Yorkſhire. Ich ſchleppte den Capitän, um ihn von weiteren Schel⸗ menſtreichen abzuhalten, ſo ſchnell als möglich vorwärts, bis wir Leeds in Yorkſhire erreichten. So groß und bevöl⸗ kert aber auch dieſe Stadt iſt, ſo konnte er doch weder hier noch in Wackefield etwas machen, und er ſagte mir rund heraus, er wäre überzeugt, die Leute in dieſem nördlichen Striche wären lauter Diebe. „Wie ſo?« fragte ich.„Die Leute kommen mir doch gerade ſo, wie andere, vor.“ 12 Oberſt Jack. II. 2 178& „Nein, nein,“ entgegnete er;„ſie laſſen immer die Augen umherlaufen und ſind äußerſt vorſichtig. Beſtimmt ſehen ſie jeden, der ihnen nahe kömmt, für einen Taſchen⸗ dieb, an, ſonſt könnten ſie nicht ſo ſehr auf ihrer Hut ſein. Zudem ſind ſie auch ſo arm, daß nur wenig bei ihnen zu finden iſt, und ich glaube, daß wir es immer ſchlimmer treffen werden, je weiter wir nach Norden kommen.“ „Nun, und was dann?“ ſagte ich. „Was dann?“ erwiederte er.„Zum Henker, das Hand⸗ werk iſt uns eben gelegt, und ich könnte eben ſo gut nach dem Süden zurückgehen, um mir die Halsbinde anlegen zu laſſen, als im Norden Hungers ſterben.“ Endlich kamen wir nach Neweaſtle oberhalb des Tyne. Es war eben ein Markttag und ein lebhaftes Menſchen⸗ gewühl, da die Städter Nahrungsmittel einkauften. Hier erprobte der Capitän wieder ſein Talent, ſtahl einem Krä⸗ mer, ohne ertappt zu werden, für fünfzehn oder ſechzehn Pfund Waaren, verkaufte das Pferd, das er mit hergebracht, ſtahl ein anderes und übte mit einem Worte ſo viele Spitz⸗ bübereien, daß ich um ſeinetwillen in große Angſt gerieth: ich ſage um ſeinetwillen; denn für mich war ich unbeküm⸗ mert, da ich nie das Haus, in welchem ich wohnte, verließ — wenigſtens nicht mit ihm, und nie ohne eine oder die andere Perſon, welche in das Wirthshaus gehörte und im Nothfalle Zeugniß für mich ablegen konnte. Dieſe Vorſicht war nicht umſonſt; denn er war durch 179 S⸗⸗ ſeine Diebereien ſo berüchtigt geworden, daß man ihm allent⸗ halben aufpaßte, und wäre er nicht ſo ſchlau geweſen, die Leute glauben zu machen, daß er von Schottland komme und nach London wolle, zu welchem Ende er nach dem Weg fragte u. dgl.— ein Kunſtgriff, womit er ſeine Ver⸗ folger anfangs irre machte, ſo wäre er ſicherlich in New⸗ caſtle aufgegriffen und ohne Umſtände gehangen worden. So aber gewann er den Vorſprung eines halben Tages, welcher ihm übrigens nur knapper Noth durchhalf; denn er mußte ſich ſammt Pferd und allem in den Tweed ſtür⸗ zen und über dieſen Fluß ſchwimmen, ſonſt wäre es um ihn geſchehen geweſen. Er ſtand nun allerdings auf ſchottiſchem Grund und Boden und konnte jetzt rechtlich nicht mehr zurückgeholt werden. Demungeachtet aber hätte man im Verfolgungseifer die Jagd weiter fortſetzen können, da man dabei höchſtens Gefahr lief, den Gefangenen auf Verlangen wieder ausliefern zu müſſen. Als er jedoch das andere Ufer erreicht hatte, war er ſicher genug; denn ſeine Verfolger mochten ihm nicht durch das ſtarkangeſchwellte Waſſer nachſchwimmen, wie ſie ihn denn auch nicht wohl, ohne Rede ſtehen zu müſſen, hätten zurückbringen können. Der Ort, wo er über den Fluß geſetzt hatte, war eine Furth unterhalb Kelſo, welche der eingetretenen Fluth wegen nicht paſſirt werden konnte; aber man hatte ihm keine Zeit gelaſſen, ſich des Fährbootes zu bedienen, das etwa eine Achtelmeile weiter unten der Stadt gegenüber lag. ——Q—— 12* ₰ Neuntes Kapitel. Wir langen in Edinburgh an— werden daſelbſt durch ein ſeltſames Schauſpiel begrüßt.— Der Capitän macht ſich unſichtbar.— Ich entſchließe mich, das Gewerbe ganz zu verlaſſen,— lerne leſen und ſchreiben— finde ein Unterkommen, das mir gerade keine Roſen bringt. — Wiederauftreten des Capitäns in neuen Verhältniſſen.— Ich werde Soldat.— Deſertion. Nachdem der Capitän ſo ſeine Flucht bewerkſtelligt hatte, begab er ſich nach Kelſo, wo ich ihn unſerer Verab⸗ redung gemäß wieder treffen ſollte.. Ich folgte ihm mit ſchwerem Herzen und erwartete jede Stunde, ihm auf der Landſtraße in der Begleitung von Conſtablen und derartigen Leuten zu begegnen oder die Nachricht zu hören, daß er im Gefängniß ſäße. Aber als ich an den Grenzort Woller⸗haugh⸗head kam, ſo vernahm ich, wie man ihn gehetzt hatte, und daß er glücklich ent⸗ ronnen war. 1 In Kelſo fand ich ihn leicht auf; denn das Wageſtück über den Tweed, einen reißenden und ſtarken Fluß, zu ſchwim⸗ men, hatte viel Redens veranlaßt, obgleich man weder von dem Grunde, der Veranlaſſung dazu gegeben, noch von S— 181 Se⸗ dem Charakter des Tageshelden etwas zu wiſſen ſchien; denn er war klug genug, ſich nicht ſelbſt zu verrathen und ſich möglichſt verborgen zu halten, bis ich nachkam. Ich war weniger über ſein Entkommen erfreut, als über ſein Benehmen entrüſtet, um ſo mehr, da ich nicht finden konnte, daß er ſich die bisherigen Vorfälle hätte zur Lehre dienen laſſen, oder daß er ſich überhaupt in die Ver⸗ hältniſſe zu fügen gedächte, trotz dem, daß er mir früher Wohlverhalten verſprochen hatte. Ich war indeß längſt zu der Ueberzeugung gekommen, daß Worte nichts bei ihm ver⸗ fingen, und ſo ſagte ich ihm blos, es freue mich, ihn an einem ſichern Orte zu wiſſen, worauf ich ihn fragte, womit er ſich hier durchzubringen beabſichtige. Er erwiederte mir kurz, er wiſſe das noch nicht; denn es unterliege kaum einem Zweifel, daß die Leute ſehr arm wären; wenn ſie aber etwas Geld hätten, ſo ſei er überzeugt, auch etwas davon abzubekommen. „Aber weißt Du auch,“ verſetzte ich,„daß man nirgends in der Welt mit Verbrechern Deines Schlages ſo grauſam umgeht, als hier?“« Er ſchlage das nicht beſonders an, meinte er in ſeiner plumpen Weiſe, und wolle es auf das hin wagen. Ich entgegnete ihm nun, unter ſolchen Um⸗ ſtänden, und weil ich ſähe, daß er feſt entſchloſſen ſei, ſich an den Galgen zu liefern, wolle ich mich von ihm verab⸗ ſchieden und nach England zurückgehen. Er ſchien verdrieß⸗ lich und erwiederte mir, ich könne thun, was ich wolle; 182 S⸗ denn er ſei einmal willens, keine Gelegenheit unbenützt vor⸗ beiſtreichen zu laſſen. Demungeachtet trennten wir uns nicht ſogleich, ſondern gingen miteinander der Hauptſtadt zu. Unterwegs trafen wir eine ſo dünne Bevölkerung und ſo viel Armuth, daß der Capitän faſt die Hoffnung aufgab, aus ſeinem Gewerbe vielen Vortheil zu ziehen; denn obgleich er ſeine Sperberaugen ohne Unterlaß umherſchweifen ließ, ſo ſah er doch ein, daß nichts zu machen war. Die Män⸗ ner hatten das Ausſehen, als ob nicht viel Geld in ihren Taſchen wäre, und die Tracht der Weiber war von der Art, daß, wenn ſie auch Geld oder überhaupt nur Taſchen be⸗ ſaßen, denſelben unmöglich beizukommen war, denn die langen Plaids, welche ſie bis zu den Knieen umhüllten, ließen an einen derartigen Verſuch gar nicht denken. Kelſo war in der That eine gute Stadt, mit einer anſehnlichen Bevölkerung; aber obgleich er den Sonntag über dort blieb und die ſehr geräumige Kirche beſuchte, ſo ſagte er mir doch, daß er trotz des großen Gedränges in der ganzen Kirche keine einzige Frauensperſon ohne ihren Maid geſehen habe, ein paar vornehme Damen in abge⸗ ſchloſſenen Stühlen ausgenommen, welche, als ſie das Gotteshaus verließen, ſo von Laquaien umringt waren, daß man ihnen eben ſo wenig nahe kommen konnte, als dem König, wenn er von ſeinen Garden umringt einherzieht. Dieſe entmuthigenden Verhältniſſe ſetzten ſeiner Induſtrie ein Ziel, worüber ich im Grunde meines Herzens vergnügt 25 183 S⸗⸗ war, und ſo zogen wir weiter nach Edinburgh. Der Weg dahin führte uns durch keine beträchtliche Stadt, und da wir unbekannt mit der Gegend waren, ſo war unſere Reiſe ſehr mühſelig. Wir trafen bei Lauderdale auf eine in Folge des vielen Regnens ſehr gefährlich angeſchwellte Fuhrt, wo der Capitän beinahe ertrunken wäre; denn als er ſein Pferd in den Fluß trieb, ſank es unter ihm zuſammen, wodurch er ganz durchnäßt und ſeine von Neweaſtle mitge⸗ brachten, geſtohlenen Güter ganz verderbt wurden, welche er früher auf eine wunderſame Weiſe trocken gehalten, in⸗ dem er ſie, als er über den Tweed ſchwamm, mit den Armen in die Höhe gehoben hatte. Aber hier hätte in der That wenig gefeblt, daß er ſammt Roß und Allem zu Grunde gegangen wäre, weniger wegen der Tiefe des Waſſers als wegen der Heftigkeit der Strömung. Ein bekanntes Sprüchwort bewährte ſich jedoch an ihm, und ſo entkam er, obgleich nicht ohne große Mühe, da er nicht beſtimmt war, zu ertrinken, wie wir an einem andern Orte hören werden. Wir kamen drei Tage, nachdem wir Kelſo verlaſſen, in Edinburgh an, und hielten uns einen vollen Tag in einem Wirthshauſe auf dem Soutra⸗hell⸗platze auf, um unſere durchnäßte Habe zu trocknen und uns auszuruhen. Des andern Tages nach unſerer Ankunft harrte unſerer eine ſeltſame Begrüßung. Der Capitän wünſchte auszu⸗ gehen und fragte mich, ob ich nicht mit ihm die Stadt 184 So⸗ beſehen wolle. Ich willigte ein, und als wir durch ein Thor kamen, welches man den niederen Bogen der großen Landſtraße nennt, gewahrten wir zu unſerer nicht geringen Ueberraſchung ein ungeheures Menſchengewühl. Der Capi⸗ tän meinte, da wäre etwas zu machen; ich hatte ihm jedoch das Verſprechen abgenommen, ſich an dieſem Tage ruhig verhalten zu wollen, da ich nur unter dieſer Bedingung mit ihm ausgehen würde, und ſo hielt ich ihn denn am Aermel, daß er mir nicht von der Seite konnte. Wir kamen nun zu dem Marktkreuze und ſahen daſelbſt unter dem ab⸗ und zudrängenden Volke eine große Parade oder eine Art von Verſammlung, wie auf der Börſe, wo Männer jeden Ranges zugegen waren. Dieß ermuthigte meinen Capitän abermals, und er fand ein ungemeines Behagen an dem Anblick. Während wir ſo verwundert umherſahen, wurden wir durch ein ſehr unerwartetes Schauſpiel überraſcht. Wir bemerkten nämlich, daß die Leute plötzlich zu laufen anfin⸗ gen, als ob irgend eine Merkwürdigkeit zu ſehen ſei, was allerdings auch der Fall war; denn wir gewahrten jetzt, zwei Männer, die bis auf den Bund hinunter nackt waren, und ſo ſchnell wie der Wind an uns vorbeieilten, ſo daß wir nicht anders glaubten, als daß es ein paar Läufer wären, bei deren Schnelligkeit es ſich um eine große Wette handle. Bald aber ſahen wir, daß zwei lange Stricke, welche anfangs ſchlaff herunterhingen, ſich anſpannten: die * 2 185 S⸗ zwei Renner machten Halt und blieben dicht neben einander ſtehen. Wir konnten uns nicht denken, was dieß zu bedeu⸗ ten habe, aber der Leſer mag ſich unſere Ueberraſchung vor⸗ ſtellen, als wir fanden, daß ihnen ein Mann folgte, welcher die Stricke in ſeiner Hand hielt und der, als er ihnen nahe kam, jedem ein paar Hiebe mit einer Drahtpeitſche verſetzte, die er in der andern Hand hatte. Dann fingen die zwei armen Wichte aufs neue zu laufen an, ſoweit es die Seile geſtatteten, und warteten abermals auf eine neue Begrüßung. Auf dieſe Weiſe tanzten ſie die Straße entlang fort, unge⸗ fähr eine halbe Meile weit. Dieß war eine betrübte Ausſicht für meinen Capitän; denn ſie führte ihm nicht nur das, was er zu gewärtigen hätte, wenn er hier auf einem Diebſtahl ertappt würde, ſondern auch das, was er in Bridewell durchgemacht, zu Gemüthe. Dieß war jedoch nicht alles; denn da wir einmal der Execution zuſahen, ſo waren wir auch neugierig, wegen welchen Verbrechens ſie geübt würde. Wir fragten daher einen in der Nähe ſtehenden Burſchen, was die zwei Män⸗ ner gethan hätten, um eine ſolche Züchtigung zu verdienen. Der Menſch, ein ingrimmiger Schotte, bemerkte an unſe⸗ rer Ausſprache, daß wir Engländer, und an unſerer Frage, daß wir Fremde wären, und ſagte uns mit beißender Bos⸗ heit, die Delinquenten wären zwei Engländer, die wegen Taſchendiebſtahls und anderem kleinen Unfugs ausgepeitſcht 186 So und nachher an die engliſchen Behörden ausgeliefert würden. Dieß war jedoch eine Unwahrheit und nur von dem Kerl erfunden, um uns, als Engländer, zu beleidigen; denn als wir weiter nachfragten, erfuhren wir, daß die Männer Schotten waren, welche für Vergehungen, die in England die gleiche Strafe nach ſich ziehen, ausgepeitſcht wurden. Der Mann, der die Stricke hielt und die Strafe vollzog, war der Henker der Stadt, der daſelbſt für einen Mann von Bedeutung gilt, einen jährlichen Gehalt bezieht und, inſofern er ſich gut auf ſeine Funktion verſteht, ein ſchönes Geld verdienen kann. Dieſer Anblick machte keinen ſehr erfreulichen Eindruck auf uns, und der Capitän meinte, wir ſollten fortgehen, er könne es hier nicht länger aushalten. Ich war froh, ihn ſo ſprechen zu hören, obſchon ich nicht glaubte, daß es ihm ganz Ernſt damit wäre. Wir gingen jedoch nach un⸗ ſerem Quartier zurück und hielten uns hübſch ruhig zu Hauſe, da wir nur in den Abendſtunden unſere Spaziergänge machten. Aber auch dann fand mein Capitän weder Be⸗ ſchäftigung noch Ermuthigung dazu. Ein paar Mal machte er wohl eine kleine Eroberung an Putzartikeln; aber als er ſie hatte, wußte er nicht, was er damit anfangen ſollte, und ſo ſah er ſich denn genöthigt, wider Willen ehrlich zu ſein. Wir blieben ungefähr einen Monat an Ort und Stelle, als auf einmal mein Capitän ſammt Pferd und allem 3 187 So⸗ verſchwand, ohne daß ich wußte, was aus ihm geworden war. Auch vernahm ich achtzehn Monate lang gar nichts von ihm; denn er hatte mir nicht die mindeſte Nachricht hinterlaſſen, wohin er gehe, und ob er Willens ſei, wieder nach Edinburgh zurückzukehren, oder nicht. Sein Entweichen ärgerte mich ſehr; denn da ich ganz fremd war, ſo wußte ich durchaus nichts anzufangen; und auf der andern Seite ging auch mein Geld mit Rieſen⸗ ſchritten auf die Neige. Ich hatte nebſt mir auch mein Pferd zu unterhalten, und da in Schottland für Pferde nur ein ſehr geringer Preis bezahlt wird, ſo fand ich keine Gelegenheit, das meinige ordentlich anzubringen. Zudem war ich auch heimlich entſchloſſen, wenn ich nach England zurückginge, das Thier dem Eigenthümer zu Puckeridge bei Warn wieder zuzuſtellen, ſo daß derſelbe zu keinem weitern Schaden gekommen wäre, als daß er dieſe Zeit über den Nutzen deſſelben entbehrt hätte. Ich fand jedoch Gelegen⸗ heit, des Pferdes in einer Weiſe los zu werden, die allen meinen Abſichten entſprach. Eines Tages kam ein Mann zu dem Stallknecht und fragte nach, ob man ihm keine Pferde wiſſe, die nach Eng⸗ land zurückgingen. Mein Wirth kam daher zu mir und fragte mich in ſeiner derben Weiſe, ob das Pferd, welches ich bei mir hätte, mein Eigenthum wäre. Dieß war aller⸗ dings für meine Verhältniſſe eine etwas verfängliche Frage und verblüffte mich anfangs, weßhalb ich den Grund der⸗ 188 So⸗ ſelben wiſſen wollte, und was es gäbe.„Je nun,“ entgeg⸗ nete er,„wenn es ein Miethpferd aus England wäre, deren ſich die nach Schottland reiſenden Engländer häufig bedienen, ſo könnte ich Euch dazu verhelfen, daß es wieder an Ort und Stelle käme, und daß Euch noch obendrein etwas für die Benützung bezahlt würde.“ Ich war ſehr erfreut über dieſe Gelegenheit, ließ die Perſon für die ſichere Ablieferung des Pferdes in wohlerhal⸗ tenem Stande Bürgſchaſt leiſten und erhielt noch fünfzehn Pfund ſchottiſch für die Benützung. Nach dieſer Ueberein⸗ kunft, gab ich dem Manne den Auftrag, das Pferd in dem Falken zu Puckeridge einzuſtellen, was denn auch, wie ich viele Jahre ſpäter hörte, ehrlich geſchah. So erhielt alſo der Eigenthümer ſein Pferd wieder, obgleich ich ihm die Miethe ſchuldig blieb. Nachdem ich mir ſo hinſichtlich der Koſten für das Pferd Erleichterung verſchafft, jetzt aber auch nicht die min⸗ deſte Beſchäftigung hatte, ſo begann ich mit mir zu Rathe zu gehen, was aus mir werden, und was für ein Geſchäft ich treiben könnte. Mein Geldvorrath war noch nicht allzu⸗ ſehr zuſammengeſchmolzen; denn obgleich ich an des Capi⸗ täns verzweifelten Streichen nicht Theil nehmen wollte, ſo machte ich mir doch kein Bedenken, auf ſeine Koſten zu leben, was eigentlich etwas ganz Unverfängliches geweſen wäre, da ich England nur, um ihm Kameradſchaft zu leiſten, verlaſſen hatte, wenn ich nicht gewußt hätte, daß „ 189&. alles, was er auf mich verwendete, ehrlichen Leuten geraubt, und ich ſomit nur ein Verzehrer geſtohlenen Gutes war. Ich war jedoch damals noch nicht ſo weit gekommen, um mein Gewiſſen durch ſolche Bedenklichkeiten rühren zu laſſen. Ferner betrachtete ich die Abnahme meines Geldes auch nicht mit all zu ängſtlichen Blicken; denn ich wußte, welchen Vorbehalt ich noch in London hatte. Demungeachtet hätte ich mich gern für das ganze Leben bei irgend einem ehr⸗ lichen Gewerbe betheiligt, denn ich war in der That des Lebens, welches ich bisher geführt, müde und hatte den Entſchluß gefaßt, nicht mehr zu ſtehlen; aber von zwei oder drei Stellen, für die ich meine Dienſte anbot, wurde ich zurückgewieſen, weil ich weder ſchreiben noch leſen konnte. Dieß trieb mich geraume Zeit in großem Herzeleid umher; aber der bereits genannte Stallknecht enthob mich meiner Bekümmerniß, indem er mich zu einem armen, aber ehrlichen jungen Manne brachte, der es über ſich nahm, in kurzer Zeit und für geringe Koſten mich beides zu lehren, wenn ich mir Mühe geben wolle. Ich verſprach allen mög⸗ lichen Fleiß, und ſo begann denn der Unterricht, wobei ich übrigens das Schreiben weit ſchwieriger als das Leſen fand. In der Friſt von einem halben Jahre oder etwas dar⸗ über, konnte ich jedoch ziemlich gut leſen und ſchreiben, ſo daß ich zu glauben begann, ich wäre jetzt hinreichend mit Kenntniſſen ausgeſtattet, um für irgend ein Geſchäft brauch⸗ bar zu ſein. Ich nahm daher Dienſte bei einem Zollbeamten, ⸗5 190 S⸗ der mich eine Weile beſchäftigte, wobei ich übrigens nichts zu thun hatte, als zwiſchen Leads und Edinburgh mit Rech⸗ nungen für die dortigen Zollpächter hin und her zu gehen. Ich mußte, bis mein Lohn völlig war, auf eigene Koſten leben, und ſomit ging meine Baarſchaft für Kleidung und Lebensunterhalt faſt ganz auf die Neige. Der Jahresſchluß, an dem ich zwölf engliſche Pfund einnehmen ſollte, war nahe, als mein Herr ſeiner Stelle entſetzt wurde. Das Schlimmſte dabei war jedoch, daß er ſich einige Unterſchleife hatte zu Schulden kommen laſſen und deßhalb Schutz in England ſuchen mußte— ein Umſtand, der ſeine drei Die⸗ ner, unter denen auch ich war, ihres Lohnes beraubte und es denſelben anheimſtellte, ſo gut ſie konnten, ſelbſt für ſich zu ſorgen. Ddieß war ein harter Schlag für mich an einem frem⸗ den Orte, der mich in der That in die äußerſte Noth ver⸗ ſetzte. Ich hätte nun nach England zurückreiſen können; denn der Inhaber eines eben anweſenden engliſchen Schiffes wollte mich, als ich ihm mein Unglück erzählte, auf mein Verſprechen, daß ich ihm in London zehn Schillinge zahlen wolle, mitnehmen. Aber gerade damals kam Capitän Jack unter neuen Verhältniſſen wieder zum Vorſchein, die ſeine Entfernung nicht geſtatteten; und was mich anbelangt, ſo mochte ich ihn nicht gern verlaſſen. Ich habe bereits erzählt, daß er mich verlaſſen, und daß ich ihn im Verlaufe von achtzehn Monaten nicht wieder 2 191 E⸗⸗ geſehen hatte. Er war in dieſer Zeit viel gewandert und hatte manches Abenteuer ausgeſtanden. Seine erſte Tour war nach Glasgow, wo er einige merkwürdige Diebſtähle beging, auf faſt wunderbare Weiſe dem Galgen entkam und nach Irland flüchtete. Dort ſtrich er umher, trieb gleichfalls ſein altes Weſen und entwich von Londondery aus über die Hochlande in den Norden von Schottland. Ungefähr einen Monat, nachdem mich mein Herr zu Leith mittellos im Stiche gelaſſen hatte, langte mein edler Capi⸗ tän auf einem Fährmannsboote von Fife an; denn er war nach allen ſeinen Abenteuern und Erfolgen endlich zu der Würde eines Gemeinen in einer Rekrutenabtheilung vor⸗ gerückt, welche im Norden für das Regiment Douglas aus⸗ gehoben worden war. Da mich mein Unglück faſt in eine eben ſo ſchlimme Lage als den Capitän gebracht hatte, ſo wußte ich vor der Hand nichts Beſſeres zu thun, als mich gleichfalls anwerben zu laſſen. Wir ſtanden daher miteinander, jeder die Mus⸗ kete auf der Schulter, in Reihe und Glied, und ich geſtehe, daß mir die Sache nicht ganz ſo übel vorkam, als ich mir anfangs dachte; denn ſo rauh die Koſt und ſo ſchlecht auch das Quartier ſein mochte, ſo machte das für einen Men⸗ ſchen, der an die Aſche der Glashütte gewöhnt war, nicht viel aus. Ich war ſeelenfroh, nicht mehr in die Nothwen⸗ digkeit verſetzt zu ſein, zu ſtehlen und ohne Furcht vor dem Gefängniß oder der Peitſche des Henkers leben zu können. % 192 E⸗⸗ Beſonders die letztere war mir, ſeit ich ſie in Edinburgh geſehen, ſo ſchrecklich, daß ich nicht ohne Entſetzen daran denken konnte, und ich fühlte mich ungemein erleichtert, daß ich mich nunmehr in einer Laufbahn befand, welche ehrlich und— wie ich wohl ſagen kann— eines Gentlemans nicht unwürdig war. So zufrieden ich übrigens mit dieſem Theile meiner Lage war, ſo gab es doch Verhältniſſe, welche mir nicht ſo ganz zuſagten; denn nach ungefähr ſechsmonatlicher Dienſt⸗ zeit erhielten wir die Nachricht, daß wir nach England mar⸗ ſchiren müßten, und in Newcaſtle oder Hull eingeſchifft werden ſollten, um zu dem Regiment, welches damals in Flandern lag, zu ſtoßen. Ich muß noch anführen, daß mir, ehe dieſer Befehl anlangte, das Soldatenleben unge⸗ mein gefiel; auch ging mir das Exerciren ſo leicht ein, daß der Sergeant, welcher uns im Waffendienſt unterrichtete, als er mich ſo anſtellig fand, die Frage an mich ſtellte, ob ich nie zuvor die Waffen geführt hätte? Ich verneinte dieß, worauf er ſcherzend meinte:„Man nennt Dich Oberſt, und ich glaube, Du wirſts zu einem bringen. Jedenfalls mußt Du der Baſtard eines ſolchen Stabsoffiziers ſein, ſonſt wüßteſt Du nicht ſo gut mit den Waffen umzuſpringen, wenn man Dirs kaum ein oder zweimal gezeigt hat.“ Ich hatte eine große Freude an dieſen Worten und fühlte mich dadurch ermuthigt, wie ich überhaupt für den Soldatenſtand eingenommen war. Aber als der Capitän 2 193 S⸗⸗ Jack kam und mir die Nachricht brachte, daß es nach Eng⸗ land ginge, und daß wir nach Newcaſtle über dem Tyne nach Flandern eingeſchifft werden ſollten, erſchrack ich nicht wenig, und andere Gedanken begannen nunmehr in meinem Kopfe zu ſpucken. Einmal durfte ſich der Capitän in New⸗ caſtle nicht öffentlich zeigen, was ſich bei ſeinem Marſche mit dem Bataillon(es war nämlich eine Abtheilung von über vierhundert Mann, die ſich ein Bataillon nannten, obgleich ſie nur Rekruten und für verſchiedene Compagnien conſignirt waren) nicht umgehen ließ; er hätte nothwendig mit marſchiren müſſen und wäre dann geſehen worden— ein Umſtand, der ihm Verhaftung und den Galgen einge⸗ tragen hätte. Zweitens erinnerte ich mich, daß ich faſt hundert Pfund in London liegen hatte; und wenn man alle Soldaten in dem Regiment gefragt hätte, welcher von ihnen als Gemeiner mit nach Flandern gehen wolle,— ich glaube, keiner mit hundert Pfund in der Taſche würde ſich gemeldet haben. Hundert Pfund waren damals hinreichend, um in einem neuen Regiment eine Offiziersſtelle zu kaufen; nur bei dem unſrigen, welches ſchon lange beſtand, ging dieſes nicht an. Dieſe Betrachtung ſtachelte meinen Ehrgeiz, und ich träumte jetzt von nichts als einem Gentlemanofſizier— wie ich vormals von einem Gentlemanſoldaten geträumt hatte. 3 Dieſe doppelte Rückſicht wurmte mich ſehr, und ich hatte Oberſt Jack. II. 13 194 S⸗⸗ ganz und gar nicht Luſt, als ein armer Musketier nach Flandern zu gehen und mich für einen Sold von 3 ½ Schil⸗ ling wöchentlich vor den Kopf ſchlagen zu laſſen. Ich ſann Tag und Nacht über den beabſichtigten Marſch nach und ging mit mir zu Rathe, was ich thun ſollte, als eines Abends der Capitän zu mir kam. „Hör, Jack,“ ſagte er,„ich muß mit Dir ſprechen. Laß uns ein wenig auf die Felder gehen, damit wir aus dem Bereich der Häuſer kommen.“ Unſer Quartier war an einem Orte Namens Park⸗end in der Nähe von Dunbar, unge⸗ fähr zwanzig Meilen von Berwick über dem Tweed und etwa ſechzehn Meilen von dem Fluſſe Tweed in der nächſten Entfernung. Wir gingen alſo miteinander und beſprachen die Sache ernſtlich. Der Capitän ſetzte mir die Sachlage auseinander und ſagte mir, daß er es nicht wagen dürfe, mit dem Bataillon in Newcaſtle einzuziehen; denn wenn er es thäte, ſo würde er ohne weiteres aus Reih und Glied geholt, und ich wiſſe ja ſelber, was ihm dann blühte.„Im Geheimen könnte ich wohl nach Neweaſtle gehen,“ ſagte er;„denn ich getraute mir ſchon, unentdeckt durch die Stadt zu kommen; es aber öffentlich thun, hieße geradezu dem Galgen ent⸗ gegenlaufen.“ k „Das iſt allerdings wahr,“ entgegnete ich,„aber was willſt Du thun?“ 3 „Was ich thun will?« verſetzte er.„Meinſt Du, meine ———— 2 195 So⸗ Soldatenehre fordere von mir, daß ich mich hängen laſſe? Nein, nein, ich bin entſchloſſen, Reißaus zu nehmen, und es wäre mir lieb, wenn Du auch mit uns gingeſt.“ Ich fragte ihn nun um Auskunft, was er unter dem „Uns“ verſtände. „Je nun,“ entgegnete er;„da iſt noch ein anderer ehr⸗ licher Kerl, gleichfalls ein Engländer, der auch entſchloſſen iſt, zu deſertiren. Er hat ſchon lange gedient und ſagt, er wiſſe wohl, wie man auswärts behandelt werde. Ihn ſolle gewiß Niemand nach Flandern bringen, ſagte er.“ „Aber wenn man euch aufgreift,“ entgegnete ich,„ſo wird man euch als Deſerteurs todtſchießen. Man läßt in aller Bälde durch das ganze Land nach euch fahnden, und ſo werdet ihr ſicher in ihre Hände fallen.“ „Was das anbelangt,“ erwiederte er,„ſo laß dafür nur uns ſorgen. Mein Kamerad kennt alle Schliche und nimmt es über ſich, uns an die Ufer des Tweed zu bringen, ehe man uns auf den Leib rücken kann; und ſind wir ein⸗ mal auf der andern Seite des Fluſſes, ſo können ſie uns nichts mehr anhaben.“ „Und wann wolltet ihr eure Flucht bewerkſtelligen?“ fragte ich. „Noch in dieſer Minute,“ antwortete er.„Wir haben keine Zeit zu verlieren, und außerdem iſt es eine ſchöne Mondnacht.“ „Ich habe kein Gepäck bei mir,“ ſagte ich.„Laß mich 13* 196 So⸗ vorher zurückgehen und mein Weißzeug nebſt anderem Noth⸗ dürftigen holen.“ „Dein Weißzeug iſt, denke ich, nicht viel,“ entgegnete er;„und in England werden wir leicht auf die alte Weiſe den Schaden erſetzen können.“ „Nein,“ ſagte ich;„ſchweige mir von Deiner alten Weiſe. Gerade dieſer alten Weiſe haben wir es zu danken, daß wir jetzt in einer ſolchen Klemme ſtecken.“ „Pah; ſei nicht gleich oben hinaus,“ erwiederte er; „und die alte Weiſe iſt doch immer beſſer, als dieſes hunger⸗ leidige Gentlemanweſen.“ 4 „Aber wir haben kein Geld in unſerer Taſche,“ ſagte ich.„Wie ſollen wir denn reiſen?“ „Ich habe ein wenig,“ verſetzte der Capitän,„wenig⸗ ſtens genug, um uns nach Newcaſtle zu helfen; und wenn wir unterwegs keines auftreiben, ſo können wir wohl noch auf einem Kohlenſchiff ein Unterkommen finden, welches uns zur See nach London bringt.“ „Nun, der Vorſchlag gefällt mir,“ entgegnete ich. „Wenigſtens iſt es der beſte von allen übrigen.“ Und ſomit willigte ich ein, mit ihm Reißaus zu neh⸗ men, was denn auch auf der Stelle ins Werk geſetzt wurde. Der ſchlaue Burſche hatte ſeinen Kameraden eine Meile weiter unten an den Bergen aufgeſtellt und mich durch ſein Plaudern allmählig der Stelle immer näher gebracht. Als ich meine Zuſtimmung gab, waren wir deſſelben bereits 2 197& anſichtig, worauf er zu mir ſagte:„Sieh, dort iſt mein Kamerad!“ Ich erkannte denſelben ſogleich; denn ich hatte ihn ſchon unter der Mannſchaft geſehen. Als wir ſo unter die Berge gelangt und bereits eine Meile von unſerem Quartiere entfernt waren, ſo liefen wir unter dem Schutze der einbrechenden Nacht raſch weiter, in der Hoffnung, aus dem Bereiche einer Verfolgung zu kom⸗ men, ehe man uns vermiſſen oder überhaupt unſerer Ab⸗ weſenheit gewahr werden würde.. Wir benützten unſere Zeit ſo gut und ſchritten ſo rüſtig aus, daß wir Morgens um fünf Uhr bei einem kleinen Dorfe, deſſen Namen ich vergeſſen, anlangten, wo wir er⸗ fuhren, daß wir nur noch acht Meilen bis zum Tweed hätten, und daß wir, ſobald wir auf dem andern Ufer wären, auf engliſchem Grund und Boden ſtänden. Wir nahmen hier einige Erfriſchungen zu uns, eilten aber ſchon nach ganz kurzem Aufenthalte wieder weiter. Wir langten indeß erſt um halb neun Uhr Morgens an dem Tweed an, weßhalb der Weg wenigſtens zwölf Meilen be⸗ tragen mußte, obgleich man uns nur acht namhaft gemacht hatte. Hier holten wir zwei weitere Deſerteure von dem⸗ ſelben Regiment ein, die von Hattington ausgeriſſen waren, wo die andere Rekrutenabtheilung im Quartier lag. Dieſe waren Schotten und zwar blutarme Teufel; denn keiner hatte einen Penny in ſeiner Taſche, da ſie die acht Schillinge, welche ſie bei ihrer Flucht miteinander beſeſſen, 2 198 G&⸗ bereits verbraucht hatten. Als ſie unſerer anſichtig wurden und in uns Leute von demſelben Regiment erkannten, ſo nahmen ſie uns für Verfolger, die gekommen wären, um ſie aufzugreifen. Sie ſetzten ſich daher in den Stand der Vertheidigung und zogen ihre Säbel,— ſie hatten nämlich, wie wir ſelbſt auch, dieſe Waffen von dem Regiment, aber keine weitere Montirung, da wir die Colletten erſt erhalten ſollten, wenn wir bei dem Regiment in Flandern angelangt wären. Es bedurfte keiner langen Zeit, um ihnen verſtändlich zu machen, daß wir mit ihnen in der gleichen Lage wären, und wir bildeten bald nur eine Geſellſchaft. Nachdem wir eine Weile an dem engliſchen Ufer ausgeruht hatten(denn wir waren ſammt und ſonders ſehr ermüdet), ſetzten wir uns wieder gen Newcaſtle in Bewegung, von wo aus wir entſchloſſen waren, unſern Weg zur See nach London fort⸗ zuſetzen, da wir nicht Geld genug hatten, um auf eine andere Weiſe zu reiſen. Zehntes Kapitel. Die Hexe von Neweaſtle und ihr Punſch.— Schreckliches Erwachen. — Heftige Scenen auf dem Schiffe.— Ankunft in Maryland.— Tragiſches Ende des Capitäns. In unſerer Baarſchaft war in der That große Ebbe eingetreten; denn obgleich ich noch ein Goldſtück in der Taſche hatte, das ich für den äußerſten Nothfall aufbewahrt, ſo beſtand daſſelbe doch nur in einer halben Guinee; und da der Capitän alle unſere Ausgaben beſtritt, ſo weit ſein Geld reichen wollte, ſo verblieben uns, als wir in Newcaſtle anlangten, nicht mehr als ſechs Pence, die uns weiter helfen ſollten: die beiden Schotten hatten den ganzen Weg über an der Straße gebettelt. Wir richteten es ſo ein, daß wir in der Dunkelheit nach Newcaſtle kamen, und ſelbſt dann durften wir uns nicht in die beſuchteren Theile der Stadt wagen, weßhalb wir etwas unterhalb der Stadt, an der Flußſeite, wo einige Glashütten ſtanden, ein Unterkommen ſuͤchten. Wir waren freilich auch hier ganz rathlos; wir machten jedoch gute Miene zum ſchlimmen Spiele, gaben uns dem Schickſal 2 200 So⸗ 3 anheim und gingen in ein Bierhaus, wo wir uns nieder⸗ ſetzten und eine Kanne Bier verlangten. Das Haus wurde nur durch eine Frau bedient, wenig⸗ ſtens ſahen wir Niemand anders, und da ſie ſehr zuvor⸗ kommend gegen uns war und ſich mit uns ſo freundlich unterhielt, ſo theilten wir ihr unſere Lage mit und fragten ſie, ob ſie uns nicht behülflich ſein könne, daß uns irgend ein Kohlenſchiffinhaber mit nach London nehme. Die ſchlaue Hexe, der wir ein willkommener Braten waren, gab uns die freundlichſten Worte von der Welt und ſagte uns, es thue ihr herzlich leid, daß ſie uns nicht einen Tag früher kennen gelernt habe; es ſei ein Kohlenſchiffer, den ſie genau kenne, erſt dieſen Morgen mit der Fluth aus⸗ und nach Shields hinabgefahren; ſie glaube indeß, daß er die Barre noch nicht verlaſſen habe, und wolle daher nach dem Hauſe des Schiffers ſchicken, um zu ſehen, ob er bereits an Bord gegangen ſei; denn die Schiffsherrn gingen gewöhnlich erſt um eine Fluthzeit ſpäter ab, als das Schiff, und ſie ſei überzeugt, ſie werde es über ihn gewinnen, uns alle mit⸗ zunehmen, wenn er anders die Stadt noch nicht verlaſſen habe; im günſtigen Falle fürchte ſie jedoch, daß wir uns ſogleich auf den Weg machen und dieſelbe Nacht noch an Bord gehen müßten. Wir erſuchten ſie, nach dem Hauſe zu ſchicken; denn wir wußten nicht, was wir anfangen ſollten, und wenn ſie ihn nur bewegen konnte, uns an Bord zu nehmen, ſo war 2 201 Se es uns gleichgültig, zu welcher Zeit der Nacht es geſchah; denn da wir kein Geld hatten, um die Wohnung zu be⸗ zahlen, ſo fehlte uns nichts, als ein Unterkommen auf einem Schiffe. Wir betrachteten es als eine ungemeine Gefälligkeit, daß ſie nach des Kohlenſchiffers Haus ſchickte, und zu unſerer großen Freude erhielten wir nach ungefähr einer Stunde die Nachricht, daß er noch nicht fort, ſondern in einem Wirths⸗ haus der Stadt wäre, wo ihn ſein Bedienter habe holen wollen; er habe übrigens ſagen laſſen, daß er auf dem Heimwege ſelbſt einſprechen würde. Wir waren ungemein erfreut über dieſe Kunde und lebten in der beſten Hoffnung. Ungefähr eine Stunde nach⸗ her, als ſich die Wirthin eben mit uns unterhielt, brachte ihr Mädchen die Nachricht, daß der Schiffer unten wäre. Sie ging alſo hinunter, nachdem ſie uns geſagt hatte, ſie wolle hingehen, ihn über unſere Lage unterrichten und ſehen, ob ſie ihn nicht bereden könne, uns alle an Bord zu neh⸗ men. Nach einer Weile kam ſie mit ihm ſelbſt herauf. „Wo ſind die ehrlichen Herren Soldaten,“ begann er, „die ſich in einem ſolchen Unglücke befinden?“ Wir ſtanden alle auf und erwieſen ihm unſere Ehrer⸗ bietung. „Schön, meine Herren, und euer Geld iſt alſo alles aufgezehrt?“ „Das iſt es in der That,“ erklärte einer aus der 2 202 So⸗ Geſellſchaft,„und wir werden Euch ungemein verbunden ſein, wenn Ihr uns mitnehmt, Herr. Wir ſind bereit, alles, was auf dem Schiffe zu arbeiten iſt, zu thun.“ „Ei,“ ſagte er,„iſt denn nie einer von euch auf der See geweſen?“ „Nein,“ antworteten wir,„kein einziger von uns.“ „Dann wird es mit euern Dienſten nicht weit her ſein,“ meinte er,„da ich in dieſem Falle nur Seekranke zu fahren habe. Doch ſeis drum; ich wills der guten Wirthin hier zu lieb thun. Aber ſeid ihr bereit, an Bord zu gehen? denn ich fahre noch dieſe Nacht ab.“ „Ja, Herr,“ entgegneten wir;„wir können zu jeder Minute aufbrechen.“ „Nicht doch,“ erwiederte er ſehr freundlich;„wir wollen erſt eins zuſammen trinken. Kommt, Frau Wirthin,“ ſagte er;„macht dieſen ehrlichen Herren eine Bowle Punſch.“ Wir ſahen einander an; denn wir wußten, daß wir kein Geld hatten, und er bemerkte es. „Laßt das gut ſein,“ ſagte er.„Der Umſtand, daß ihr kein Geld habt, darf euch nicht kümmern. Meine Wirthin hier und ich ſcheiden nie mit trockenen Lippen. Macht immerhin den Punſch, gute Frau, wie ich Euch ge⸗ heißen habe.“ Wir dankten dem edlen Capitän und ſagten ihm wohl hundertmal„vergelts Gott“; ſo gar ſehr freuten wir uns, in 203 S⸗ ſo gute Hände gekommen zu ſein. Während wir den Punſch tranken, rief er der Wirthin.— „Wohlan,“ ſagte er, vich will nach Hauſe gehen und meine Sachen holen. Gott befohlen inzwiſchen; ich werde Befehl ertheilen, daß das Boot zur Fluthzeit herauffömmt und mich hier einnimmt. Euch aber, gute Frau, bitte ich,“ fügte er bei,„ein Nachteſſen zu beſorgen; denn wenn ich dieſen ehrlichen Leuten freie Ueberfahrt geben kann, ſo darf es mir auch auf ein bischen Lebensmittel nicht ankommen. Ich denke wohl, daß ſie nicht viel zum Mittageſſen abge⸗ kriegt haben.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und nach einer kleinen Weile hörten wir den Bratenwender knarren. Einer von uns ging als Spion die Treppe hinunter und brachte die Nachricht, daß eine ſchöne Hammelskeule am Feuer wäre. In weniger als einer Stunde kehrte unſer Capitän zurück und kam zu uns herauf, wobei er uns tadelte, daß wir den Punſch nicht ausgetrunken hätten. „Seid nicht blöde,“ ſagte er;„wenn wir dieſen aus⸗ getrunken haben, können wir noch andern bekommen. Ich habe es gern, wenn ich mir arme Leute verpflichten kann.“ Wir fingen wieder an zu trinken und wurden bald mit dem Punſch fertig, worauf noch weiterer gebracht wurde, bei welchem er uns gleichfalls kräftig zuſprach. Dann kam die Hammelskeule; und ich brauche nicht zu ſagen, daß wir 2 204 Se⸗ kräftig zulangten, da man uns zu wiederholtenmalen ver⸗ ſicherte, daß wir nichts dafür zu bezahlen brauchten. Als wir mit dem Eſſen fertig waren, trug er der Wirthin auf, nachzufragen, ob das Boot angelangt wäre. Sie kam mit einer verneinenden Antwort zurück, da es noch ziemlich lang anſtände, bis die Fluth eintrete. „So?« entgegnete er.„Wohlan, ſo bringt uns noch mehr Punſch.“ Es wurde uns ſofort weiterer Punſch ge⸗ bracht, dem man, wie wir ſpäter merkten, mehr Brannt⸗ wein als gewöhnlich oder irgend etwas Betäubendes beige⸗ miſcht hatte, ſo daß wir alle, nachdem wir den Trank verſorgt hatten, ſchwer betrunken waren. Ich ſelber war mittlerweile in tiefen Schlaf verſunken. Endlich wurde uns mitgetheilt, daß das Boot ange⸗ langt wäre, und ſo taumelten wir hinaus, fielen faſt in das Boot hinein und fuhren miteinander ab. Die meiſten von uns, wo nicht alle, waren eingeſchlafen, bis endlich nach ich weiß nicht wie langer Zeit das Boot Halt machte, und wir mit der Kunde geweckt wurden, daß wir uns an der Seite des Schiffes befänden, was ſich auch wirklich ſo verhielt. So wurden wir denn nicht ohne Mühe, denn man fürchtete, wir würden über Bord taumeln, in das Schiff geſchafft. Ich kann mich auf weiter nichts mehr beſinnen, als daß unſer Capitän, wie wir ihn nannten, ſobald wir an Bord waren, rief:„Da, Bootsmann; trage Sorge für dieſe Herren; gib ihnen eine gute Lagerſtätte, und laß ſie 5% 205 S⸗ ſchlafen; denn ſie ſind ſehr müde.“ Das waren wir aller⸗ dings und tüchtig betrunken obendrein; denn es war das erſtemal in meinem Leben, daß ich Punſch getrunken hatte. Demgemäß wurde für uns Sorge getragen, indem man uns ſehr gute Lagerſtätten anwies, wo wir augen⸗ blicklich wieder in Schlaf verſielen. Inzwiſchen lichtete das Schiff, welches in der That ſchon zur Abfahrt bereit war und in Shields nur auf uns gewartet hatte, die Anker, fuhr durch die Barre und ſtach in die See. Als wir gegen Mittag erwachten und umherzuſehen begannen, fanden wir, daß wir ſchon weit in der See ſtanden. Wir hatten aller⸗ dings noch das Land im Geſicht, aber in einer großen Ent⸗ fernung; und es ging, wie wir glaubten, luſtig nach London zu. Wir wurden ſehr gut behandelt und waren drei Tage ſehr wohl mit unſerer Lage zufrieden; aber nun begannen wir zu fragen, ob unſere Fahrt nicht bald zu Ende ginge, und wie lange es noch anſtehen dürſte, bis wir in den Fluß gelangten. „In was für einen Fluß?“ fragte einer der Matroſen. „Je nun, in die Themſe,“ antwortete Capitän Jack. „In die Themſe?“ ſagte der Matroſe.„Was wollt Ihr damit ſagen? Zum Henker, habt Ihr noch nicht Zeit genug gehabt, nüchtern zu werden?“ Capitän Jack ſagte daher nichts mehr, ſondern ſah den andern nur verblüfft an. Nach einer Weile ſtellte ein Zweiter von uns die gleiche Frage, Zund die Matroſen, die 206 Sc⸗ nichts von dem Betrug wußten, der uns geſpielt worden, fingen nun an, die Hinterliſt zu wittern. Einer derſelben wandte ſich daher an den Engländer, der mit uns gekom⸗ men war, und fragte: „Wohin meint Ihr wohl, daß es gehe, weil Ihr ſo oft darnach fragt?“ „Ei, das verſteht ſich, nach London,“ antwortete er, „wohin ſollte es ſonſt gehen 2 Wir ſind mit dem Capitän eins geworden, uns nach London zu führen.“ „O nein, gewiß nicht mit dem Capitän,“ entgegnete der Matroſe.„Arme Leute! Ihr ſeid alle betrogen; und ich dachte mirs gleich, als ich Euch mit dem ſeelenver⸗ käuferiſchen Schuft Gilliman an Bord kommen ſah. Arme Leute,“ fügte er bei;„Ihr ſeid verrathen; Eure Beſtimmung iſt nach Virginien, wohin unſer Schiff ſegelt.“ Der Engländer begann nun wie ein Toller zu ſtürmen und zu toben. Wir verſammelten uns um ihn, und jeder mag ſich, wenn er kann, unſere Ueberraſchung und Be⸗ ſtürzung denken, als wir die Sachlage erfuhren. Mit einem Worte, wir zogen unſere Säbel, begannen um uns zu ſchlagen und machten einen ſolchen Lärm und Tumult in dem Schiff, daß ſich die Matroſen endlich genöthigt ſahen, um Hülfe zu rufen. Der Capitän befahl, uns zu entwaffnen, was jedoch nicht ohne Wunden von beiden Seiten ablief. Nachdem es endlich geſchehen war, ließ er uns in die große Cajüte bringen. 2 2 0 7 So⸗ Hier ſprach er ruhig mit uns und erklärte, es thue ihm ſehr leid, daß uns ſo mitgeſpielt worden; er ſähe jetzt, daß wir in eine Schlinge gegangen ſeien, und der Kerl, der uns an Bord gebracht, ſei ein Spitzbube, der ſich mit einem ſo verruchten Gewerbe abgebe, wie es nur ein Menſch ſeines Schlages thun könne; wahrſcheinlich, ſetzte er hinzu, werde er ſich bei uns für den Capitän des Schiffes ausgegeben haben. Wir bejahten dieß und gaben ihm weitläufige Aus⸗ kunft über uns ſelbſt, indem wir ihm erzählten, wie wir in das Haus der Wirthin gekommen ſeien, um zu fragen, ob nicht ein Londoner Schiffer uns mitnehmen könnte; daß dieſer Mann ſich anheiſchig gemacht habe, uns in ſeinem eigenen Schiffe nach London zu führen u. ſ. w. Er ſagte uns, er bedauere dieſen Vorfall herzlich, könne aber nichts dabei machen, da er nicht die Hand im Spiel gehabt habe. Er theilte uns ſodann unumwunden unſere Lage mit, nämlich, daß wir an Bord ſeines Schiffes ge⸗ bracht worden wären, um in Maryland an einen Mann, den er uns nannte, als Dienſtleute abgeliefert zu werden; wenn wir uns übrigens ruhig und ordentlich auf dem Schiffe aufführten, ſo wolle er uns während unſerer Fahrt gut be⸗ handeln und auch Sorge tragen, daß wir an Ort und Stelle ordentlich behandelt würden, wie er überhaupt alles thun wolle, was in ſeinen Kräften ſtehe; wären wir aber unruhig und widerſpenſtig, ſo könnten wir nichts anderes erwarten, als daß Maßregeln getroffen würden, die uns ₰ 208 So⸗ wohl zu Paaren treiben könnten; mit Einem Worte, wir ſollten dann in Eiſen gelegt und als Gefangene zwiſchen den Decken aufbewahrt werden; denn der Capitän erklärte, es ſei ſeine Pflicht, Sorge dafür zu tragen, daß keine Unord⸗ nung auf dem Schiffe ſtattfinde. Capitän Jack tobte wie ein Wahnſinniger, fluchte auf den Capitän und ſagte, er wolle ihm, wo er ihn träfe, am Bord oder am Lande, die Gurgel abſchneiden; und wenn er es jetzt nicht könne, ſo werde er es thun, wenn er wie⸗ der nach England gelange und ihn dort wieder zu Geſichte bekomme; denn er möge ſich darauf verlaſſen, daß er auch von Virginien aus ſeinen Weg wieder nach England finden werde, und wenn es auch zwanzig Jahre anſtehe,— Rache müſſe ihm werden. „Nun, junger Mann,“ ſagte der Capitän lächelnd;„das iſt ſehr ehrlich geſprochen. Aber in dieſem Falle muß ich, ſo lange ich Euch noch hier habe, Sorge für Euch tragen; ſpäter will ich dann ſchon für mich ſorgen.“ „Verſucht Euer Schlimmſtes,“ entgegnete Jack kühn; „ich werde es Euch früher oder ſpäter wieder heimgeben.“ „Ich muß mir das gefallen laſſen,“ erwiederte er ruhig; „aber für den Augenblick haben wir ein Woͤrtchen miteinander zu ſprechen.“ 3 Er befahl ſodann dem Bootsmann, der in der Nähe ſtand, ihn zu greifen, was auch geſchah. Ich ſprach Jack -2 209 So⸗ zu, daß er ruhig und zufrieden ſein ſolle, da der Capitän an unſerem Unglück ja nicht ſchuldig ſei. „Was— nicht ſchuldig? Hol ihn der Teufel!“ rief Jack laut.„Meinſt Du, er ſei bei der Schurkerei nicht gleichfalls betheiligt? Würde ein ehrlicher Mann Leute an Bord ſeines Schiffes nehmen, ohne ſie nach ihren Umſtän⸗ den zu fragen, ſondern ſie nur, mir nichts dir nichts, fort⸗ führen, ohne auch mit ihnen zu ſprechen? Und nun er weiß, wie barbariſch man mit uns umgegangen, warum ſetzt er uns nicht wieder ans Land? Ich ſage Dir, er iſt ein Schuft, wie es keinen mehr gibt. Warum vollendet er nicht ſeine Schurkerei und ermordet uns, damit er ſicher vor unſerer Rache ſein kann? Wenigſtens ſoll ihn nichts anderes vor meinen Händen ſichern, als wenn er uns zum Teufel ſchickt oder ſelbſt zu ihm fährt. Jedenfalls bin ich weit ehrlicher gegen ihn, indem ich ihm meine Meinung offen ins Geſicht ſage, als er gegen mich geweſen iſt; denn ich weiß, meine Leidenſchaftlichkeit iſt nicht größer, als die ſeinige.“ 1 Ich muß ſagen, daß der Capitän ein wenig verblüfft über dieſe Kühnheit war; denn Jack ſprach noch lange über denſelben Gegenſtand und zwar mit einer ſachgemäßen Be⸗ redtſamkeit, wie ich ſie bei ihm noch nie wahrgenommen hatte. Alſo, wie geſagt, der Capitän war ein wenig ver⸗ blüfft darüber, gab ihm jedoch gute Worte und ſagte zu ihm:„Ich will Nachſicht mit Euch haben, junger Mann; Oberſt Jack. II. 14 210 So⸗ denn ich ſehe ein, daß Euer Loos ein ſehr hartes iſt. Ihr begreift indeß wohl, daß ich mir Eure Drohungen nicht gefallen laſſen kann, und zwingt mich daher, ſtrenger mit Euch zu verfahren, als mir lieb iſt; doch ſoll Euch weiter nichts geſchehen, als Eure feindſeligen Abſichten gegen mich unumgänglich nothwendig machen.“ Der Bootsmann rief ihn ſofort vor die Kardeelen, wie man es nannte, um ihm die neunſchwänzige Katze koſten zu laſſen— lauter Ausdrücke, von denen wir nichts ver⸗ ſtanden, bis man uns ſagte, es handle ſich dabei um ein Auspeitſchen, da man eine ſolche Unbotmäßigkeit nicht auf⸗ kommen laſſen dürfe. Aber der Capitän ſagte:„Nein, nicht ſo; dem jungen Mann iſt in der That Unrecht geſchehen, und er hat allen Grund für ſeine Gereiztheit, obgleich er ſich damit an den Unrechten wendet.“ Er betheuerte ſodann wiederholt, daß er keine Hand dabei im Spiel habe, und verſicherte, daß das Schiff nicht ſein Eigenthum, und wir für Rechnung der wirklichen Schiffsherren an Bord wären; es ſei zwar wahr, daß ihr Geſchäft vorzüglich in dem Sklaven⸗ handel beſtehe, und daß ſie bei jeder Reiſe ziemlich viele mit⸗ zunehmen hätten, aber ihm, als Commandanten, bringe dieß keinen Vortheil; dieſelben würden immer durch die Schiffs⸗ herren oder deren Agenten an Bord gebracht, und es gehöre nicht zu ſeiner Aufgabe, Nachfrage darüber anzuſtellen; um uns übrigens zu beweiſen, daß er keinen Theil daran habe 4 und ſelber ärgerlich über eine ſo nichtswürdige Handlung „ — — -2n 211 SEe⸗ ſei, da er ſich nicht gern zu dem Werkzeug einer unfrei⸗ willigen Entführung hergebe, ſo wollte er uns lieber, wenn Wind und Wetter es geſtatten, wieder ans Land ſetzen. Freilich wäre es aber jetzt unmöglich, da eine ſtarke Kühlte aus Nordweſten blieſe, und wir bereits bis zu den Orkney⸗ inſeln gekommen wären. Aber Capitän Jack blieb ſich immer gleich; er erwie⸗ derte, möge der Wind blaſen wie er wolle, ſo ſolle der Capitän uns nicht ohne unſere Zuſtimmung fortführen; und was ſeine Vorwände hinſichtlich der Schiffseigner und der⸗ gleichen anbelange, ſo verdiene dieß gar keiner Gegenrede; denn er, der Capitän, ſei es einmal, der uns fortgeführt habe. Was immer für ein Elender uns auch an Bord gelockt habe, ſo hätte er, da er denſelben gekannt, uns eben ſo wenig mitnehmen, als einen Auftrag zu unſerer Ermordung vollziehen ſollen; er verlange daher wieder ans Land geſetzt zu werden; denn wenn dieß nicht geſchehe, ſo ſei ihm der Capitän nichts anderes als ein Dieb und ein Mörder. Der Capitän ließ ſich nicht aus der Faſſung bringen: und nun ſuchte ich Jack zu beſchwichtigen, indem ich ihm vorſtellte, daß der Capitän ja nicht abgeneigt wäre, uns alle wieder zurück zu bringen, wenn ihn das Wetter nicht daran hinderte, was in der That auch ganz richtig war, K wie ich ſpäter, als ich mit dem Seeweſen vertrauter wurde, einſehen lernte. Ich bedauerte ſodann gegen den Capitän, 14* 212 S⸗⸗ daß mein Bruder ſo warm geworden ſei, und entſchuldigte ihn mit der an uns verübten niederträchtigen Hinterliſt, welche er auch durchaus nicht in Abrede zog. Sodann nahm ich, ganz gegen meine Gewohnheit, eine höhere Miene an und ſagte ihm, daß wir nicht die Leute darnach wären, um als Sklaven verkauft zu werden; denn obgleich wir das Unglück gehabt hätten, in eine Lage zu kommen, die es nöthig machte, uns zu verbergen, ſo gebreche es uns doch durchaus nicht an Mitteln, durch die es uns möglich geworden wäre, uns vom Dienſte loszukaufen, wenn wir uns nur in der Geſchwindigkeit hätten mit der Heimath in Verbindung ſetzen können; wir ſeien daher nur von der Armee weggelaufen, weil uns der Zug nach Flandern nicht angeſtanden. Um ihn von der Wahrheit meiner Ausſage zu überzeugen, erbot ich mich, ihm hinreichende Sicherheit für die Auszahlung von zwanzig Pfund ſowohl für mich als für meinen Bruder zu geben, die er erhalten ſollte, ſobald ſie ſich von London aus an den Ort, wo er uns ans Land ſetze, ſchaffen ließen. Sofort zog ich den Vier⸗ undneunzig⸗Pfund⸗Wechſel des Zollhausherrn aus der Taſche, und es machte mir ungemeine Freude, als ich fand, daß der Capitän den Unterzeichner perſönlich kannte. Er war hierüber ſehr erſtaunt, hob die Hände in die Höhe und rief: „Durch welche Hexerei ſeid Ihr hieher gekommen!“ „Wir haben Euch,“ fuhr ich fort,„unſere ganze Ge⸗ ſchichte erzählt und wiſſen derſelben nichts mehr beizufügen, 2 213 S⸗⸗ aber wir beſtehen darauf, daß Ihr uns dieſe Gerechtigkeit widerfahren laßt.“ „Nun,“ ſagte er;„es thut mir leid, daß es ſo gekom⸗ men iſt; aber einmal kann ich nicht die Verantwortung auf mich nehmen, das Schiff umzuwenden, und ſelbſt wenn ich es könnte, ſo wäre es in gegenwärtigem Augenblick nicht ausführbar.“ 4 Die beiden Schotten und der andere Engländer ver⸗ hielten ſich während dieſes Geſprächs ganz ſchweigend; aber als ich mich zu fügen ſchien, begannen die Schotten ſich ihrer Haut zu wehren. Ich will jedoch ihre Worte nicht wiederholen und würde überhaupt des Umſtandes gar nicht erwähnt haben, wäre nicht eine komiſche Aeußerung dabei vorgekommen. Nachdem nämlich die Schotten alles Erdenk⸗ liche vorgebracht hatten, und der Capitän noch immer ſagte, daß ſie ſich eben darein fügen müßten, fragte einer derſelben: „Und Ihr wollt uns alſo wirklich nach Virginien führen?« „Ja,“ lautete die Antwort des Capitäns. „Und wir ſollen dort verkauft werden, wenn wir hin⸗ kommen?“ fragte der Schotte weiter. „Ja,“ ſagte der Capitän. „Wohlan denn, Herr,“ erwiederte der Schotte,„ſo wird Euch der Teufel am hintern Ende mit in den Kauf nehmen.“ „Meint Ihr?“« fragte der Capitän lächelnd.„Nun, nun, ſo laßt das mich allein mit dem Teufel ausmachen. —, 214 S⸗ Verhaltet Euch nur ruhig und manierlich, wie es einem anſtändigen Menſchen zukommt, und Ihr ſollt hier und vort ſo freundlich behandelt werden, als ich es durch meinen Einfluß möglich machen kann.“ Die armen Schotten wußten auf dieſe Antwort nichts mehr zu ſagen, und daſſelbe war bei jedem von uns der Fall; denn wir ſahen ein, daß da kein anderes Gegenmittel war, als die Sache den Teufel und den Capitän untereinan⸗ der abmachen zu laſſen, wie der letztere ſelbſt geſagt hatte. So waren wir genöthigt, uns zufrieden zu geben, und nur der Capitän Jack verharrte auf ſeiner Hartnäckigkeit, um ſo mehr, da er jetzt wußte, ich beſäße die Mittel, das genannte Anerbieten zu machen, ſo daß auch meine Ueber⸗ redungskünſte nichts bei ihm verfangen wollten. Es kam im Laufe der Reiſe zwiſchen ihm und dem Schiffscapitän noch zu manchem vergnüglichen Wortwechſel, in denen Jack ihn nie anders als Seelenverkäufer, Spitzbube u. dgl. titu⸗ lirte und ihm ſtets mit ſeinen Racheentwürfen drohte. Der Wind blies in gleicher Stärke, obwohl günſtig, fort, bis wir, der Ausſage der Matroſen zufolge, an den Inſeln im Norden Schottlands vorbei waren, von wo aus wir weſtlich zu ſteuern begannen— ein Weg, auf dem wir, wie ich ſeitdem erfuhr, auf viele hundert Seemeilen kein Land treffen konnten. Es blieb uns alſo kein anderes Mittel, als geduldig zu ſein und uns ſo ruhig zu verhalten, als 215 S⸗ wir konnten. Nur mein ingrimmiger Capitän Jack blieb den ganzen Weg über immer der Gleiche. Wir hatten eine ſehr gute Fahrt, auf dem ganzen Wege keine Stürme und faſt zwanzig Tage lang nördlichen Wind, ſo daß wir von der Zeit an, als wir weſtlich zu ſteuern begannen, was an der Nordſeite der Inſel Groß⸗ brittanien unter einer Breite von 6⁰ 30 Minuten geſchah, in zweiunddreißig Tagen der Vorgebirge von Virginien an⸗ ſichtig wurden, was die Matroſen eine ſehr ſchnelle Fahrt nannten. Wir landeten in einem großen Fluſſe, welchen ſie Po⸗ tomac nannten, und nun fragte uns der Capitän(namentlich mich), ob wir ihm nichts zu ſagen hätten. Jack antwortete: „Ja, ich habe Euch etwas zu ſagen, Capitän: nämlich daß ich geſchworen habe, Euch den Hals abzuſchneiden, und verlaßt Euch drauf, ich werde meinem Eide keine Unehre machen.“ 1 „Schon gut,“ entgegnete der Capitän.„Ihr mögt es thun, wenn ich es nicht zu vereiteln weiß.“ Und ſomit wandte er ſich an mich. Ich verſtand wohl, was er damit meinte; aber ich war nun außer dem Bereich jeglicher Hülfe, und was meinen Wechſel betraf, ſo war er jetzt nichts weiter, als ein werthloſer Fetzen, da niemand anders als ich das Geld erheben konnte. Ich ſah da keinen Ausweg und ſprach daher ganz kaltblütig mit ihm über 2 216 Se⸗ das mir bevorſtehende Geſchick, wie von einer Sache, die mir ſehr gleichgültig wäre. Sie war es mir aber auch in der That; denn ich hatte auf der ganzen Reiſe Betrachtungen darüber angeſtellt, daß ich als Vagabund erzogen, Taſchen⸗ dieb und Soldat geworden und dann meiner Fahne ent⸗ wichen wäͤre. Ich hatte nirgends eine Heimath, verſtand mich auf keinen Erwerb als den ſchlechten, zu dem ich erzogen war, und der mich nothwendig an den Galgen brin⸗ gen mußte— lauter Verhältniſſe, die mir den Dienſt, welcher mir bevorſtand, ebenſo angenehm als irgend eine andere Beſchäftigung machten. Auch gefiel mir beſonders die Kunde, daß ich durch fünfjährige Dienſtzeit das Bür⸗ gerrecht des Landes erhielte, welches mit einem beſtimmten Antheil an Land verbunden war, das ich für mich ſelbſt bebauen durfte. Ich konnte daher wahrſcheinlich zu etwas kommen, was mir meinen Lebensunterhalt verſchaffte, ohne zu dem heilloſen Stehlen zurückkehren zu müſſen, das mir in der Seele zuwider war, und von dem ich ſchon ſeit der Zeit, als ich die arme Wittwe von Kentiſhtown beraubte, loszukommen ſuchte. In einer ſolchen Stimmung langte ich in Virginien an. Als mich daher der Capitän fragte, was ich zu thun beabſichtige, und ob ich ihm keinen Vorſchlag zu machen habe— er meinte nämlich damit, ob ich ihm nicht meinen Wechſel geben wolle, der ihm gar gut angeſtanden wäre, — ſo antwortete ich ganz kaltblütig, mein Wechſel wäre - 217 So mir jetzt von keinem Werth; denn niemand würde mir etwas darauf vorſchießen; wenn er aber mich und den Capitän Jack nach London zurücknehmen wolle, ſo wäre ich Willens, ihm von demſelben vierzig Pfund abzutreten. Dieß hatte er jedoch nicht im Sinne.„Was Euren Bruder an⸗ belangt,“ ſagte er,„ſo möchte ich ihn nicht um das Doppelte in mein Schiff nehmen; denn er iſt ein ſo verhärteter Schurke, daß ich ihn auf dem Heimwege in Eiſen legen müßte, wie ich ihn hergebracht habe.“ So ſchieden wir von dem Capitän oder von dem See⸗ lenverkäufer, wie man ihn jetzt nennen will. Wir wurden nun an die Kaufleute, an die wir addreſſirt waren, aus⸗ geliefert; und dieſe verfügten wieder über uns, ſo daß wir in wenigen Tagen getrennt waren. Was den Capitän Jack anbelangt, ſo berichte ich nur kürzlich, daß der verzweifelte Burſche das Glück hatte, einen ſehr gelinden Herrn zu erhalten, deſſen Gutmüthigkeit er ſehr mißbrauchte. Er benützte die Gelegenheit, mit einem Boote, das ſein Herr ihm und noch einem Diener anver⸗ traute, um Mundvorrath den Fluß abwärts nach einer andern gleichfalls ihm zugehörigen Plantage zu führen, zu entfliehen. Sie entwendeten das Boot und die Ladung, ſegelten nach Norden in die Cheſapeakbai und den Susque⸗ hanna, wo ſie das Boot verließen und durch die Wälder wanderten, bis ſie nach Penſylvanien kamen. Von hier 218 Sc⸗ aus fanden ſie Gelegenheit nach Neuengland zu kommen und kehrten ſodann nach Hauſe zurück, wo Jack wieder in ſeine alten Kameradſchaften und in ſein altes Gewerbe verfiel. Er wurde endlich ergriffen und gehangen, ungefähr einen Monat, ehe ich nach London zurückkam, was etwa zwanzig Jahre ſpäter geſchah. Eilftes Kapitel. Ich werde an einen Pflanzer verkauft.— Der junge Deportirte.— Wichtige Unterredung mit meinem Herrn.— Aus einem Selaven ein Gentleman. 3 Mein Loos war anfangs hart, obgleich es ſich ſpäter beſſerte. Man verkaufte, oder was das gleiche iſt, verdang mich und den andern Engländer, der mit uns ausgeriſſen, und mit dem mich Jack in der Nähe von Dunbar in Berührung gebracht hatte, an einen reichen Pflanzer, der Smith hieß. Wir waren nun beide Sklaven und wurden auf einem kleinen Fluſſe, der in den Potomac fällt, etwa acht Meilen von dem großen Fluß weg ins Land hinein geführt. Unſer Herr hatte daſelbſt eine Pflanzung, und wir wurden dem Aufſeher überliefert, welcher uns unter ungefähr fünfzig Sclaven, ſowohl Neger als Weiße, ſteckte und uns mit⸗ theilte, welches Geſchäft, das in der That kein leichtes war, unſerer harrte; denn ſein Herr, ſagte er, kaufe keine Leute zum Nichtsthun. Ich entgegnete ihm ſehr unterwürfig, daß wir, ſeit uns unſer Mißgeſchick in eine ſo armſelige Lage verſetzt, nichts Anderes erwartet hätten; wir wünſchten indeß, - 220 daß man uns in das Geſchäft einleite und uns erlaube, es allmählig zu lernen, da wir an ſolche Arbeiten nicht gewöhnt ſeien; auch fügte ich bei, wenn er wüßte, durch welche Kunſtgriffe und Schlingen wir in eine ſolche Lage gebracht worden ſeien, ſo würde er gewiß ein Einſehen haben und uns wenigſtens dieſe Gunſt erweiſen, wenn er auch ſonſt nichts für uns thun wollte. Ich ſagte dieß mit einem ſo beweglichen Tone, daß er neugierig wurde und uns um die Einzelnheiten unſerer Geſchichte befragte, die wir ihm auch der Länge nach mittheilten, nur mit einigen Aus⸗ ſchmückungen, die mehr zu unſerem Vortheile klangen. Dieſe Geſchichte ſtimmte ihn, wie ich es erwartete, zu einer gewiſſen Milde; aber doch ſagte er uns, das Geſchäft ſeines Herrn müſſe geſchehen, und er hoffe, daß wir unſer Tagewerk treulich vollbrächten, da er uns deſſelben unter keiner Bedingung entheben könne. Wir begaben uns dem⸗ gemäß an die Arbeit und hatten dabei in der That mit drei harten Dingen zu kämpfen, nämlich mit harter Arbeit, hartem Lager und harter Koſt. Mit der erſten konnte ich mich am allerwenigſten befreunden, da ich durchaus nicht daran gewöhnt war, während ich mich in die beiden letzteren Punkte leidlich zu fügen wußte. Im Laufe dieſes Abſchnittes meines Lebens hatte ich Zeit über die Vergangenheit und meine bisherige Lebens⸗ weiſe nachzudenken; und ob ich gleich nicht ſonderlich im Stande war, mit mir ſelbſt ins Gericht zu gehen, da ich —— 221 G nur ſehr unvollkommene Begriffe von Recht und Unrecht hatte, ſo verſetzte mich doch mein Gewiſſen manchmal in eine peinliche Unruhe. Namentlich wurde mir klar, daß ich durch eine wunderbar leitende Macht in die traurige Lage eines Sklaven gekommen ſei, um die Verderbtheit meiner Jugendjahre zu büßen, und dieſer Eindruck wurde noch durch folgenden Vorfall erhöht. Der Herr, in deſſen Dienſten ich ſtand, war ſehr reich, ſpielte in der Gegend eine bedeutende Rolle und hatte eine Miaenge ſowohl ſchwarzer als engliſcher Sklaven. Es moch⸗ ten an zweihundert ſein, und unter ſo vielen gab es jedes Jahr Kranke und Arbeitsunfähige; andere gingen nach Ab⸗ lauf ihrer Zeit von dannen, und wieder andere ſtarben. Durch ſolche und andere Zufälle wäre die Zahl ſehr gemin⸗ dert worden, wenn man die Lücken nicht ſtets erſetzt hätte, und dieß veranlaßte ihn, jedes Jahr neue zu kaufen. Während ich dort war, traf es ſich, daß ein Schiff von London mit mehreren Sklaven anlangte, unter denen ſich auch ſiebenzehn deportirte Verbrecher befanden, deren einige ſogar gebrandmarkt waren. Mein Herr kaufte acht derſelben für die in dem Deportationsurtheil bezeichnete Friſt, welche bald in einer größern, bald in einer kleinern 15 von Jahren beſtand. Unſer Gebieter war ein einflußreicher Mann und zu⸗ gleich Friedensrichter, kam aber ſelten in die Pflanzung, in der ich mich befand. Als jedoch die neuen Sklaven ans Land geſetzt und nach unſerer Pflanzung abgeliefert wurden, beſuchte uns ſeiner Gnaden mit einer Art von Gefolge, um ſie zu ſehen und ſie in Empfang zu nehmen. Als ſie ihm vorgeſtellt wurden, erhielt ich nebſt anderen Dienſtleuten den Auftrag, ſie, ſobald er ſie geſehen, in Verwahrung zu neh⸗ men und zur Arbeit zu führen. Sie wurden durch eine Wache von Matroſen an Ort und Stelle transportirt, und der zweite Steuermann des Schiffes kam mit ihnen, um ſie, wie oben bemerkt, mit ihren Deportationsurtheilen an unſeren Herrn abzuliefern. Als ſeiner Gnaden die Urtheile geleſen hatte, ließ er jeden einzeln vor ſich kommen und bedeutete ihm, er habe das Urtheil des Gerichtshofes geleſen und kenne daher die Art ſeiner Verbrechen; er hielt ſodann eine ernſte Rede an denſelben und bedeutete ihm, wie viel Gnade ihm wieder⸗ fahren wäre, daß man ihn mit dem Galgen verſchont habe, der die geſetzliche Strafe ſeines Vergehens ſeiz das Urtheil habe nicht auf Deportation, ſondern auf den Galgen gelautet, und die Umwandlung der Strafe in die erſtere ſei ihm nur auf ſein(des Verbrechers) demüthiges Bitten und Flehen gewährt worden. Er ſtellte ihnen ſodann vor, daß ſie ihre künftige Lauf⸗ bahn als den Beginn eines neuen Lebens betrachten müßten; daß ſie, wenn ſie fleißig und nüchtern zu ſein gedächten, nach dem Ablauf ihrer Dienſtzeit in der Verfaſſung des Lan⸗ des Schutz fänden und ſich für ſich ſelbſt niederlaſſen und 3 223 S⸗ anſiedeln könnten; und daß er ſelber auch ihnen gern an die Hand gehen wolle, wenn ſie ſich nach treu erſtandener Dienſtzeit im Lande heimiſch zu machen beabſichtigten, wie er auch ſchon bei andern gethan, die ſich durch ihr Betragen deſſen würdig gemacht hätten. Sie könnten in der Umgegend mehrere Pflanzer ſehen, die ſich ſehr gut ſtänden und, wie ſie ſelbſt, eben aus Newgate in ſeine Dienſte gekommen wären; einige davon wären ſogar an den Händen gebrand⸗ markt, aber ſie lebten jetzt als ſehr ehrliche Leute und ge⸗ nößen eines guten Rufes. Unter dieſen neuen Ankömmlingen befand ſich auch ein junger Burſche, der nicht über ſiebenzehn oder achtzehn Jah⸗ ren zählen mochte und in ſeinem Urtheil als ein trotz ſeiner Jugend alter Verbrecher bezeichnet war. Das Gericht hatte ihn ſchon mehreremale verdammt, aus Rückſicht ſeines Alters aber zur Begnadigung empfohlen, was er ſich jedoch nicht zur Lehre dienen ließ, indem er ſein Weſen als unver⸗ beſſerlicher Taſchendieb forttrieb. Das Verbrechen, wegen deſſen er deportirt wurde, beſtand in der Entwendung einer Brieftafel mit Wechſeln von großem Werth, welche er einem Kaufmann aus der Taſche gezogen. Er hatte ſich für einige der Wechſel das Geld auszahlen laſſen; aber als er mit einem weiteren zu einem Goldſchmid in der Lombardſtraße ging und denſelben umſetzen wollte, wurde er angehalten, da der Verluſt bereits angezeigt war. Er wurde in Folge dieſes Diebſtahls zum Tode verurtheilt und hätte auch, da 2 224 So⸗ er als unverbeſſerlich bekannt war, unvermeidlich ſein Leben an dem Galgen beſchließen müſſen, wenn nicht die ernſtliche Verwendung des Kaufmanns für den Fall, daß er die übri⸗ gen Wechſel zurückerſtatte, eine Umwandlung dieſer Strafe in Deportation zu Wege gebracht hätte.„ Unſer Herr ſprach lange mit dieſem jungen Menſchen und bemerkte mit einiger Ueberraſchung, wie es nur mög⸗ lich ſei, daß ein ſo junger Menſch ſchon ſo lange dieſem ruchloſen Gewerbe folge, um den Namen eines„trotz ſeiner Jugend alten Verbrechers“ zu verdienen; und wie einer ſo⸗ gar unverbeſſerlich ſein könne, daß er trotz eines zwei oder dreimaligen Auspeitſchens, öfterer Gefängnißſtrafen und ſo⸗ gar der Brandmarkung in der Hand nicht von ſeinen ſchlim⸗ men Pfaden abgehe. Er richtete einen nachdrücklichen reli⸗ giöſen Zuſpruch an den jungen Menſchen und ſagte ihm, Gott habe ihn nicht nur mit dem Galgen verſchont, ſondern ihm in ſeiner Gnade auch die Gelegenheit genommen, die gleiche Sünde wieder zu begehen, und noch obendrein ihn in die Lage verſetzt, ein ehrliches Leben zu führen, welches er vorher nie gekannt habe; und obgleich ein Abſchnitt ſeines Lebens nun mühſelig ſein werde, ſo müſſe er ihn doch für nichts anderes anſehen, als für die Lehrzeit zu einem ehr⸗ baren Gewerbe, die ihn, wenn ſeine Zeit aus ſei, in den Stand ſetzen könne, ſich ein anſtändiges Auskommen zu verſchaffen. Dann ſagte er ihm, er werde, ſo lange er in ſeinen —)ÿ,3 225 SE⸗ Dienſten ſei, keine Gelegenheit haben, unehrlich zu ſein, und daher auch, wenn er einmal für ſich ſelbſt ſtehe, ſich nicht mehr dazu verſucht fühlen. Nachdem er ihm und den Uebrigen in dieſer Weiſe kräftig zugeſprochen hatte, entließ er ſie. Ich war außerordentlich bewegt über die Worte unſeres Herrn, wie ſich wohl jeder denken kann, da ſie einem Men⸗ ſchen galten, der dieſelbe Carriere durchlaufen hatte, wie ich. Es war mir, als hätte mein Herr ausſchließlich zu mir geſprochen, und bisweilen kam mir der Gedanke in den Kopf, er ſei gewiß ein außerordentlicher Mann, der von allem unterrichtet wäre, was ich je in meinem Leben verübte. Man denke ſich aber meine Ueberraſchung, als mein Gebieter, nachdem er die übrigen Dienſtleute entlaſſen, auf mich deutete und zu ſeinem Geſchäftsführer ſagte, man ſolle ihm„dieſen jungen Menſchen da“ vorſtellen. Ich hatte faſt ein Jahr meiner Dienſtzeit zurückgelegt und mich dabei ſo gut angelaſſen, daß der Geſchäftsführer oder Aufſeher mir verſicherte, daß er mit meinem Betragen ſehr wohl zufrieden ſei; und da er wohl keinen Grund hatte, mir zu ſchmeicheln, ſo mußte ich wohl glauben, daß er es wirklich im Ernſte meinte; aber ich erſchrack ungemein, als ich mich in einer Weiſe aufrufen hörte, wie es bei denen üblich iſt, welche irgend eines Vergehens wegen gepeitſcht oder mit einer anderen Züchtigung belegt werden ſollen. Ich trat in der That wie ein Uebelthäter vor und Oberſt Jack. II. 15 226 S mochte wohl ganz wie ein Menſch ausſehen, der auf einem Verbrechen ertappt und vor den Richter geführt wird. Unſer Herr hatte zu den übrigen in einer großen Halle geſprochen, wo er, wie ein Lordoberrichter auf der Gerichtsbank oder ein kleiner König auf ſeinem Throne, in einem Seſſel ſaß. Er ließ mich in ein inneres Zimmer des Hauſes bringen, hieß den Geſchäftsführer hinausgehen, und da ich, halb nackt, mit entblöstem Kopf und mit meinem Karſt in der Hand(meinem Arbeitscoſtüme) bei der Thüre ſtehen blieb, ſo befahl er mir, mein Werkzeug wegzulegen und näher zu treten. Seine Blicke wurden nun weniger ernſt und furchtbar, als ſie mir früher vorgekommen waren; möglich auch, daß mich nur meine Einbildungskraft getäuſcht und mir dieſelben anders vorgemalt hatte, als ſie wirklich waren, denn wir beurtheilen derartige Dinge nicht immer nach dem wahren Thatbeſtand, ſondern häufig nur nach dem Maßſtabe unſerer eigenen Befürchtungen. Er begann ſofort das Geſpräch mit der Frage, wie alt ich ſei?. Ich. Das kann ich in der That nicht ſagen, Herr. Herr. Wie heißt Ihr? Ich. Euer Gnaden aufzuwarten, ſie nennen mich Oberſt; aber mein eigentlicher Name iſt Jack. Herr. Wie nennt Ihr Euch aber im Ganzen? Ich. Jack.. „ 2 227 S⸗ Herr. So iſt wohl Euer Taufname Jack, und Euer Zuname Oberſt? Ich. Um Euer Gnaden die Wahrheit zu ſagen, ich weiß wenig oder nichts von mir ſelbſt und kenne daher nicht einmal meinen eigentlichen Namen. Ich erinnere mich nur, nie anders genannt worden zu ſein. Was mein Tauf⸗ name oder mein Familienname iſt, kann ich ebenſo wenig ſagen, als ob ich wirklich getauft wurde oder nicht. Herr. Das wäre! Nun, jedenfalls iſt es doch eine . ehrliche Antwort. Aber wie kommt Ihr hieher, und welche Verhältniſſe haben Euch in meine Dienſte gebracht? Ich. Ich wollte, Euer Gnaden hätten Geduld genug, meine ganze Geſchichte anzuhören; es iſt mir darin ſo viel Unrecht widerfahren, als Euch gewiß nie zu Ohren kam. Herr. Wirklich? So erzählt mir dieſelbe ausführlich; ich verſpreche Euch, ſie anzuhören, und wenn ſie eine Stunde währen ſollte. Dieß ermuthigte mich, und ich begann zu erzählen, wie ich Soldat geweſen und mich in Dunbar habe verleiten laſſen, von meiner Fahne zu entweichen. Ich ging dabei ganz ins Einzelne, wie es der Leſer bereits vernommen, bis zu der Zeit, wo ich in Amerika ans Land geſetzt wurde, bei welcher Gelegenheit mir der Capitän meinen Wechſel abzuſchwatzen dachte. Im Verlaufe meines Berichts erhob er mehreremal ſeine Hände und drückte ſeinen Abſcheu über die mir in Newcaſtle gewordene Behandlung aus. Dann 45* — 2 228. fragte er mich nach dem Namen des Schiffsherrn und ſagte, der Capitän müſſe trotz ſeiner glatten Zunge ein Schuft ſein. Ich nannte ihm daher ſeinen Namen und den Namen des Schiffs, was er beides in ſein Buch einſchrieb, worauf wir das Geſpräch fortſetzten. Herr. Jetzt aber wünſche ich die ehrliche Beantwor⸗ tung einer weitern Frage. Was hat Euch ſo beſtürzt ge⸗ macht, als ich mit dem jungen Menſchen, dem Taſchendiebe, ſprach? Ich. Ach, Euer Gnaden, es bewegte mich in meinem Innerſten, als ich Euch ſo freundlich mit einem armen Sklaven ſprechen hörte. Herr. Und war das Alles? Sprecht aufrichtig. Ich. Nein; denn zugleich regte ſich in meinem Innern der geheime Wunſch, daß Ihr, der Ihr ſo gut gegen Ge⸗ ſchöpfe ſeines Gleichen ſeid, auf die eine oder die andere Weiſe mein Schickſal erfahren möchtet, weil ich hoffte, wenn dieß der Fall wäre, ſo würdet Ihr gewiß mich bemitleiden und etwas für mich thun. Herr. Aber war nichts in ſeinem Geſchicke, was Euch näher anging, da es Euch ſo ſehr ergriff? Ich ſah, wie Euch Thränen in die Augen traten, und dieß veranlaßte mich mit Euch zu ſprechen. Ich. In der That, Herr, ich bin ein böſer, unnützer Knabe geweſen und ſtand ganz vereinzelt und rathlos in der Welt; aber jener junge Menſch iſt ein Dieb und zum Gal⸗ — 229 So⸗ gen verurtheilt. Ich ſtand in meinem Leben nie wegen eines begangenen Vergehens vor einem Gerichtshof. Herr. Nun, ich will Euch nicht zu weit ausfragen. Wenn Ihr nie von einem Gerichtshof verurtheilt wurdet und kein deportirter Verbrecher ſeid, ſo habe ich Euch weiter nichts zu fragen. Es iſt nicht zu beſtreiten, daß man übel mit Euch umgegangen iſt; und das war es wohl, was Euch ſo bewegte? Ich. Ja, ſo iſts, Euer Gnaden(denn ſo wurde er von allen betitelt). Herr. Gut, aber nun ich Euern Fall kenne, was kann ich für Euch thun? Ihr ſprecht von einem Wechſel im Betrag von vierundneunzig Pfunden und wolltet dem Capitän für Eure Befreiung vierzig Pfund davon abtreten; habt Ihr denſelben noch bei Handen? Ich. Ja, Herr, hier iſt er. Ich zog ihn ſofort aus dem Bunde meiner Unterbein⸗ kleider, wo ich ihn in ein Stück Papier gewickelt mit einer Stecknadel angeheſtet hatte,— eine Aufbewahrungsmethode, wodurch er freilich ſehr Noth gelitten. Er las ihn. Herr. Und lebt der Mann noch, der Euch dieſen Wechſel gab? Ich. Ja, Herr, er lebte noch und war in guter Ge⸗ ſundheit, als ich London verließ, wie Ihr aus dem Datum des Wechſels erſehen könnt; denn ich machte mich den andern Tag auf den Weg. 230 Herr. Da nimmt es mich freilich nicht Wunder, daß der Capitän den Wechſel gern gehabt hätte, als er Euch ans Land ſetzte. Ich. Ich hätte ihm gern das Verſprochene davon ausbezahlt, wenn er mich und meinen Bruder Jack wieder nach England geführt hätte. Herr. Das konnte er glücklicher Weiſe nicht thun; denn da er einmal wußte, Ihr beſäßet Freunde dort, ſo hätte er leicht für ſeine That zur Rechenſchaft gezogen wer⸗ den können. Aber es wundert mich, daß er ſich deſſelben, als Ihr noch zur See waret, nicht durch Liſt oder Gewalt bemächtigte. Ich. Das hat er nun freilich nicht verſucht. Herr. Nun, junger Mann, ich will ſehen, was ich thun kann, um Euch in dieſem Fall einen Dienſt zu leiſten. Auf mein Wort, wenn das Geld flüſſig gemacht und ſicher hieher gebracht werden kann, ſo bin ich vielleicht im Stande, Euch auf einen Weg zu bringen, auf dem Ihr ein reicher Mann werden könnt, wenn Ihr anders nur ehrlich und fleißig ſeid. Ich. Ich hoffe, Ihr werdet aus meinem Benehmen in Eurem Dienſte erſehen, was von mir zu erwarten ſteht. Herr. Aber vielleicht ſehnt Ihr Euch nach England? Ich. Das nicht; denn wenn ich hier mein Brod ehr⸗ lich verdienen kann, ſo habe ich nicht im Sinne, nach England zurückzukehren. Ich weiß mir dort kein honnettes Auskom⸗ 231 SE⸗ men zu ſichern; denn wenn das geweſen wäre, ſo hätte ich mich nicht als Soldat anwerben laſſen. Herr. Wohl!, aber das führt auf einige weitere Fragen, auf die ich nachher kommen will. Es iſt in der That ſon⸗ derbar, daß Ihr Euch mit vierundneunzig Pfunden anwer⸗ ben ließt. Ich. Wenn Euer Gnaden mich anhören will, ſo kann ich Euch einen umſtändlichen Bericht über den andern Theil meines Lebens erſtatten; aber er iſt ſehr lang. Herr. Nun, davon ein andermal. Aber um auf den gegenwärtigen Fall zurückzukommen,— iſt es Euch recht, wenn ich in London mit dem Herrn, der Euch den Wechſel gab, ſprechen laſſe? Nicht um das Geld bei ihm zu holen, ſondern nur ihn zu fragen, ob er wirklich ſo viel von Euch in Händen habe, und ob er es auszahlen wolle, ſobald Ihr Ordre dazu gebt und ihm den Wechſel oder ein Duplicat, d. h. eine Abſchrift deſſelben ſendet. Ich. Ja Herr; ich will Euch ſogar den Wechſel ſelbſt einhändigen, wenn Ihr ihn annehmen wollt; denn Euch kann ich ihn wohl anvertrauen, obſchon ichs bei dem Schiffs⸗ capitän nicht hätte wagen mögen. Herr. Nein, nein, junger Mann behaltet ihn immer⸗ hin ſelber. Ich. Es wäre mir lieb, wenn Euer Gnaden mir den Gefallen erwieſen, ihn aufzubewahren; denn wenn ich ihn verlöre, ſo wäre ich ganz zu Grunde gerichtet. 2 232 G⸗ Herr. Nun ſo will ich meinetwegen denſelben für Euch in Verwahrung nehmen, Jack,— aber nur unter der Bedingung, daß ich Euch eine eigenhändige Beſcheinigung ausſtelle, mit der Bemerkung, daß ich ihn auf Verlangen zurückerſtatte. Dieß wird für Euch ſo gut ſein, als der Wechſel ſelbſt. Ich gab alſo meinem Herrn den Wechſel, der mir die Beſcheinigung ausſtellte und ein treuer Hüter deſſelben war, wie man ſeiner Zeit hören wird. Nach dieſer Beſprechung wurde ich entlaſſen, und ich begab mich wieder an meine Arbeit. Aber zwei Stunden nachher kam der Plantagen⸗ aufſeher zu Pferde nach dem Orte, wo ich beſchäftigt war, zog eine Flaſche aus ſeiner Taſche, rief mich herbei und gab mir ein Glas Rum. Höflicherweiſe ſchlürſte ich nur davon, aber er hielt es mir wieder hin, ſagte mir, ich ſollte es austrinken, und behandelte mich überhaupt mit einer er⸗ ſtaunlichen Artigkeit, wie er früher nie gethan hatte. Dieß ermuthigte mich und erfüllte mich mit Hoffnungen, obgleich ich mir nicht vorſtellen konnte, auf welche Art mir Elleich⸗ terung zu Theil werden ſollte. Ein paar Tage nachher, als wir alle des Morgens an unſere Arbeit gingen, rief mich der Aufſeher wieder zu ſich, gab mir abermals einen Trunk nebſt einem ſchönen Stück Brod und ſagte zu mir, ich ſolle um Ein Uhr meine Arbeit einſtellen und zu ihm ins Haus kommen; denn er müſſe mit mir ſprechen. — — 233& Ich machte ihm, natürlich in der gewöhnlichen Tracht eines armen, halbnackten Sklaven, meine Aufwartung. „Kommt hierher junger Mann, und gebt mir Euern Karſt.“ Als ich ihm denſelben reichte, ſagte er:„Iſt ſchon gut ſo, Ihr ſollt nicht mehr in der Pflanzung arbeiten.“ Ich ſah ihn überraſcht und einigermaßen erſchrocken an. „Was hab ich denn gethan, Herr?“ fragte ich,„und wohin ſoll ich geſchickt werden?“ „Nun, nun,“ verſetzte er mit einer heitern Miene;„Ihr braucht nicht zu erſchrecken; denn es geſchieht nur zu Eurem Beſten, nicht zu Eurem Nachtheil. Ich habe den Auftrag, Euch zu einem Aufſeher zu machen. Ihr ſollt nicht länger Sklave ſein.“ „Ach,« erwiederte ich ihm;„ich ein Aufſeher? Wie wäre das möglich, da ich nicht einmal Kleider oder Weiß⸗ zeug habe und aller andern Mittel baar bin.“ „Laßt das gut ſein,“ entgegnete er.„Kommt nur mit mir.“ Und ſo führte er mich in ein großes Magazin oder vielmehr in eine Reihe von in einander gehender Magazine, rief dem Verwalter derſelben und ſagte: „Da, kleidet dieſen Mann, und reicht ihm alles, was er bedarf. Ihr könnt mir dann die Rechnung einhändigen; denn unſer Herr hat befohlen, ſie für die weſtliche Plantage zu notiren.“ Dieß war, wie es ſchien, die Pflanzung, wohin ich gehen ſollte. 234& Der Verwalter führte mich demgemäß in ein inneres Magazin und gab mir mehrere Anzüge, die aus ſehr guten Stoffen, wie man die Elle in England etwa zu eilf Schil⸗ lingen zahlt, gefertigt waren; ſodann reichte er mir drei neue Hemden, zwei Paar Schuhe, Strümpfe und Hand⸗ ſchuhe, einen Hut, ſechs Halstücher— kurz alles, was ich mir nur wünſchen konnte, und nachdem er mich ſo ausge⸗ ſtattet hatte, führte er mich in ein kleines Zimmer ſeiner eigenen Wohnung. „Da,“ ſagte er zu mir;„geht als Sklave hinein, und kommt als Gentleman heraus.“ 5 Er brachte ſodann die Kleidungsſtücke in das Zimmer, ſchloß die Thüre und hieß mich dieſelben anziehen, was ich ſehr bereitwillig that. Der Leſer kann ſich denken, daß ich nunmehr auf eine beſſere Zukunft zu hoffen begann. Eine kleine Weile nachher kam der Aufſeher, lobte meinen Anzug und ſagte, ich müſſe mit ihm gehen. Sofort wurde ich nach einer andern Pflanzung geführt, die weit größer als diejenige war, in der ich vorher gearbeitet hatte, und die von zwei Geſchäftsführern beaufſichtigt wurde: der eine hatte die Verwaltung in, der andere außer dem Hauſe. Der letztere war auf eine andere Pflanzung verſetzt und mir ſeine Stelle übertragen worden; das heißt, ich war nunmehr der Aufſeher außer dem Hauſe und hatte als ſolcher nach den weißen und ſchwarzen Sklaven zu ſehen, Acht zu haben, daß ſie ihre Geſchäfte gehörig verrichteten, für ihre Ver⸗ 235 S⸗⸗ köſtigung zu ſorgen, und mit Einem Worte, die Ordnung unter ihnen handzuhaben. Ich fühlte mich durch dieſe Beförderung auf den höch⸗ ſten Gipfel meiner Hofſnungen erhoben, und ich vermag die Freude nicht auszudrücken, die ſich bei dieſer Ausſicht meiner Seele bemächtigte. Dennoch ſtieß mir aber dabei etwas auf, was mich ſo unangenehm berührte und ſo ganz gegen meine Natur war, daß ich darüber faſt meine Stelle und wahrſcheinlich auch die Gunſt meines Gebieters, der ſo groß⸗ müthig gegen mich geweſen, verwirkt hätte. Beim Antritt meines Amtes erhielt ich nämlich ein Pferd und eine lange Pferdepeitſche nach Art der engliſchen Hetzpeitſchen. Mit dem einen ſollte ich in der Pflanzung hin und her reiten, um zu ſehen, ob die Dienſtleute und Neger ihre Arbeit thäten; denn da die Pflanzung ſehr groß war, ſo hätte die Nunde nicht ſo oft, als nöthig war, zu Fuße gemacht wer⸗ den können; mit der letzteren ſollte ich die Arbeiter züch⸗ tigen, wenn ſie ſich Verſäumniſſe, Streitigkeiten oder einen ſonſtigen Unfug zu Schulden kommen ließen. Dieſer Theil meiner Aufgabe machte mir faſt das Blut in den Adern erſtarren, und ich konnte nicht ohne tiefe innere Bewegung daran denken, daß ich, der ich erſt geſtern noch ein Sklave wie ſie geweſen und unter derſelben Peitſche geſtanden war, meine Hand zu dem grauſamen Geſchäft erheben ſollte, das mich noch Tags zuvor mit Entſetzen erfüllt hatte. Ich konnte nicht zuſchlagen, und da die Neger dieſes bemerkten, ſo 5 236 SE⸗ wurden ſie bald ſo gleichgültig gegen meine Autorität, daß alles in Unordnung gerieth. Dieſer Undank, womit mir mein Mitleid gelohnt wurde, empörte mich, und ich geſtehe, daß er einigermaßen mein Herz verhärtete. Ich machte daher den Anfang mit den Negern, von denen ich zwei züchtigen mußte, und meinte ſehr grauſam mit ihnen umgegangen zu ſein; aber nachdem ich ſie gepeitſcht hatte, bis jeder Schlag mir ſelber das Herz verwundete, und ich bereits meiner Arbeit müde war, lachten mich die Schufte aus, und einer von ihnen war unverſchämt genug, zu ſagen, wenn er mich unter der Peitſche hätte, ſo wollte er mir ſchon zeigen, wie man mit einem Neger um⸗ ſpringen müſſe. Es war mir jedoch unmöglich, in einer ſo barbariſchen Weiſe zuzuſchlagen, als es eigentlich nöthig war— eine Schwäche, welche das Geſchäft unſeres Herrn ſehr beein⸗ trächtigte; und nun begann ich in der That einzuſehen, daß die vielbeſprochene Grauſamkeit, welche in Virginien, Bar⸗ bados und andern Colonien an den Sklaven verübt wird, nicht ſo ganz auf Rechnung der Leidenſchaftlichkeit ihrer Beſitzer, der Engländer, zu ſetzen iſt, als man gewöhnlich meint. Die Engländer können im allgemeinen nicht als grauſam betrachtet werden, und wenn ſie ſo erſcheinen, ſo iſt dieß gewöhnlich dem brutalen und ſtörriſchen Charakter der Neger beizumeſſen, welche allerdings unter einem ſtrengen Scepter gehalten werden müſſen, wenn ſie ſich nicht empören 5 237&. und alle ihre Herren ermorden ſollen. Auch wäre ihnen dieſes, hinſichtlich ihrer Anzahl, ein Leichtes, wenn ſie Waffen hätten, um der Rachſucht und Grauſamkeit ihres Charakters Nachdruck zu geben. Ich begann übrigens zugleich einzuſehen, daß dieſer brutale Charakter der Neger nicht richtig behandelt wurde, daß man nicht die zweckmäßigſten Mittel anwendete, ſie für die beabſichtigten Eindrücke der Strafe und der Begnadigung empfänglich zu machen, und daß ſelbſt der ſchlimmſte dieſer rohen Charaktere wenigſtens ohne eine ſo häufige und grau⸗ ſame Anwendung der Peitſche, als man gewöhnlich für nöthig hält, zur Gefügigkeit gebracht werden kann. Unſer Gebieter war in der That die Menſchenfreund⸗ lichkeit ſelbſt und hatte ſich zuweilen von ſeinem Zartgefühl ſo weit hinreißen laſſen, daß er ſeinen Aufſehern und Ver⸗ waltern jede harte Behandlung der Neger unterſagte; end⸗ lich ſah er aber die Nothwendigkeit derſelben ein, weßhalb er die Sache ganz dem Gutdünken des Verwaltungsperſonals überließ, obſchon er demſelben nicht ſelten ans Herz legte, Barmherzigkeit zu üben und auf die körperliche Beſchaffen⸗ heit der Neger Rückſicht zu nehmen, da ſie nicht gleich geeig⸗ net wären, harte Züchtigungen auszuhalten und ſich auch nicht alle gleich widerſpenſtig benähmen. Zwölftes Kapitel. Ich komme in Anklage und Unterſuchung.— Rührende Dankbarkeit eines Negers.— Meine Rechtfertigung vor meinem edelmüthigen Herrn.— Gnade ſtatt der Peitſche, ein neuer Plantagengrundſatz. Irgend Jemand war ſo geſchäftig, mich zu milden Verfahrens mit den Negern bei meinem Herrn anzuklagen und ihm zu ſagen, daß ich ſeine Angelegenheiten vernach⸗ läßige, und daß die Sklaven ſich gar nicht mehr leiten laſſen, wodurch ſeine Pflanzung nicht gehörig beſorgt werde und alles in Verwirrung gerathe. Dieß war eine ſchwere Beſchuldigung für einen jungen Auſſeher, und ſeine Gnaden begab ſich in Perſon mit all ſeinem Gefolge, wie ein Richter, an Ort und Stelle, um Einſicht von der Sache zu nehmen und ein Verhör anzu⸗ ſtellen. Er ließ mir jedoch die Gerechtigkeit widerfahren, ehe er über mich aburtheilte, mich ganz anzuhören, und zwar nicht öffentlich, ſondern im Geheim. Dieſes letztere kam mir beſonders zu Statten; denn da er mir ſchon früher geſtattet hatte, mich offen auszuſprechen, ſo konnte ich es 239 So⸗ jetzt um ſo mehr thun, da es eine Darlegung des That⸗ beſtandes und meine Vertheidigung galt. 5 Ich wußte nichts von der gegen mich vorgebrachten Beſchuldigung, bis ich ſie aus ſeinem eigenen Munde ver⸗ nahm; auch erfuhr ich erſt ſeine Anweſenheit, als ich ihn ſelbſt in der Pflanzung ſah, als er die Pflanzung und die verſchiedenen Grundſtücke unterſuchte, die ſeinem Befehle gemäß urbar gemacht werden ſollten. Nachdem er ſeinen Umritt gehalten und ſich überzeugt hatte, daß ſich alles in gehöriger Ordnung befand, die Sklaven an der Arbeit waren und die Sachlage ſich verhielt, wie er wünſchte, kehrte er in das Haus zurück. Ich ſah ihn in einem Feldwege heraufkommen, eilte auf ihn zu, erwies ihm meinen Reſpekt und ſtattete ihm meinen demüthigen Dank ab für die Güte, die er mir erwieſen, indem er mich meiner früheren kümmerlichen Lage entnommen und mir eine Stelle in ſeinem Geſchäft anver⸗ traut hatte. Seine Miene war ziemlich freundlich, obgleich er anfänglich nicht viel ſprach, und ich begleitete ihn durch die ganze Pflanzung, erſtattete ihm auf unſerem Ritte Bericht über alles, beantwortete alle ſeine Einwürfe und Fragen in einer Weiſe, die er nicht erwartet zu haben ſchien, und durfte mich zuletzt der Anerkennung erfreuen, daß er mit dem Ganzen vollkommen zufrieden ſei. Wie bereits bemerkt, hatte die Pflanzung noch einen andern Aufſeher, der zwar nicht eigentlich mein Vorgeſetzter war, hinſichtlich ſeines Amtes aber doch eine wichtigere Stelle bekleidete als ich; denn er hatte die Verpackung des Tabacks zu beaufſichtigen, denſelben den Befehlen unſeres Gebieters gemäß an Bord zu bringen, für die engliſchen Güter des Hauptmagazins, welches ſich der Nähe des Fluſſes wegen auf der anderen Plantage befand, Zahlung zu leiſten und mit Einem Worte, die Rechnungen zu führen. Dieſer Aufſeher, ein ehrlicher und gerader Mann, brachte keine Klage über Geſchäftsvernachläßigung oder ſonſtige Män⸗ gel vor, obgleich er darüber ſtrenge ins Verhör genommen wurde. Ich hätte ſagen ſollen, daß unſer Herr, als er durch die Pflanzung ritt, auf ſeiner Runde auch zu der Stelle kam, wo die Sklaven gewöhnlich gezüchtigt werden, wenn ſie ſich ein Vergehen haben zu Schulden kommen laſſen. Hier ſtanden zwei Neger mit auf dem Rücken gebundenen Händen, wie es bei Vollſtreckung einer Strafe üblich iſt, und als er in ihre Nähe kam, ſielen ſie auf die Kniee nieder und geberdeten ſich gar kläglich um Begnadigung.„Ach,“ ſagte er zu mir gewandt,„warum führtet Ihr mich dieſen Weg? Ich liebe einen ſolchen Anblick nicht. Was kann ich jetzt thun? Ich muß ſie begnadigen. Was haben ſie verbrochen?“ Ich gab ihm Auskunft über die Vergehungen, um deren willen ſie ſich hier befanden. Der eine hatte eine Flaſche Rum geſtohlen, ſich betrunken und in ſeinem Rauſche viel 241 S⸗⸗ tolles Zeug verübt, unter anderem es auch verſucht, einem der weißen Sklaven mit einem Hebebaum das Hirn einzu⸗ ſchlagen. Der Weiße hatte jedoch den Schlag abgewendet, ihn dem Neger heimgegeben, denſelben ergriffen und als Gefangenen an den genannten Ort gebracht, wo ich ihn die ganze Nacht über hatte liegen laſſen, mit dem Bedeuten, daß er dieſen und die nächſten drei Tage zweimal täglich gepeitſcht werden ſollte. „Und könnt Ihr ſo grauſam ſein?“ ſagte ſeine Gnaden. „Warum wollt Ihr dieſen armen Elenden tödten und außer der Blutſchuld, die Ihr auf Euer Gewiſſen ladet, mich um einen kräftigen Neger bringen, der mich wenigſtens dreißig oder vierzig Pfund koſtet, abgeſehen davon, daß meine ganze Pflanzung dadurch in Verruf käme? Ja, noch mehr; ſie würden mich aus Rache ermorden, wenn ich je in ihre Hände fiele.“ „Herr,“ entgegnete ich,„wenn dieſe Schlingel nicht mit Gewalt im Zaume gehalten werden, ſo dürft Ihr überzeugt ſein, daß kein Auskommen mit ihnen iſt. Ich habe durch die Arbeiter erfahren, daß ſie mich ſogar verhöhnten, weil ich ſie nicht behandelte, wie ſie es verdienten; und ſo ſehr es auch gegen meinen Charakter ſtreitet, ſo bin ich doch entſchloſſen, daß Euer Dienſt nicht durch eine unzeitige Nach⸗ ſicht von meiner Seite nothleiden ſoll. Wenn ich daher den Burſchen zu Tode gepeitſcht hätte”— „Halt,“ ſagte er;„nein, nein; durchaus keine ſolche Oberſt Jack. II. 16 2 242 So⸗⸗ Grauſamkeit auf meinem Grund und Boden. Erinnert Euch, junger Mann, daß Ihr einſt ſelbſt ein Sklave waret. Ver⸗ fahrt mit ihnen, wie Ihr es als gerecht anerkennen müßtet, wenn Ihr in der gleichen Lage wäret, und laßt lieber ein bischen Schonung mit einfließen. Ich verlange es ſo, und wenn aus einer ſolchen Milde nachtheilige Folgen erwachſen ſollten, ſo mag es auf meine Rechnung geſchehen.“ Dieß war alles, was ich verlangen konnte, und noch mehr; denn die Sache war öffentlich verhandelt worden, und etliche weiße und ſchwarze Sklaven, insbeſondere die Perſonen, welche mich angeklagt hatten, waren ohne mein Wiſſen Zeugen des Vorfalls geweſen.„Welch ein grauſamer Hund iſt nicht dieſer Aufſeher?“ ſagte einer der weißen Sklaven hinter meinem Rücken;„er würde den armen Stier⸗ kopf(ſo hieß der Neger, welcher gezüchtigt werden ſollte) zu Tode gepeitſcht haben, wenn nicht zufällig ſeine Gnaden heute hieher gekommen wäre.“ Ich machte den Herrn auf die Größe des von dem Kerl begangenen Verbrechens und auf die Gefahr aufmerkſam, welche in Folge einer ſolchen Nachſicht aus dem wider⸗ ſpenſtigen und unverbeſſerlichen Charakter der Neger erwachſen könnte, und beſtand einigermaßen auf der Nothwendigkeit, ein Exempel zu ſtatuiren. Aber er erwiederte:„Nun, ſo thut es meinetwegen das nächſte Mal, aber nicht jetzt;* und ſo ſagte ich nichts mehr. Das Vergehen des andern Negers war nur gering in Vergleich mit dem des erſteren; unſer 9 243 Herr ritt weiter und ſprach, während ich ihm folgte, mit mir über die Sache, bis wir zu dem Hauſe kamen. Nach⸗ dem er daſelbſt eine Weile ausgeruht hatte, rief er mich wieder vor ſich, und da er meine Ankläger nicht vernehmen wollte, bis er meine Vertheidigung gehört hatte, ſo begann er folgendermaßen: Herr. Hört, junger Mann, ich habe etwas mit Euch zu reden. Es ſind Klagen gegen Euer Benehmen einge⸗ laufen, ſeit ich Euch dieſer Pflanzung vorgeſetzt habe. Ich dächte, das Gefühl der Dankbarkeit für das, was ich für Euch gethan, hätte mir Euern Fleiß und Eure Treue ſichern ſollen. Ich. Es thut mir leid, wenn ich Anlaß zu Beſchwer⸗ den gegeben habe, da mich, wie ich freimüthig bekenne, Dankbarkeit mit den ſtärkſten Banden an Euer Intereſſe feſſelt. Wenn ich mir übrigens in meinem Dienſte ein Verſehen zu Schulden kommen ließ, ſo bin ich überzeugt, daß es nicht abſichtlich geſchehen iſt. Herr. Gut; ich werde Euch nicht verdammen, ohne Euch angehört zu haben; und aus keiner andern Urſache habe ich Euch jetzt zu mir rufen laſſen. Ich. Ich danke Euer Gnaden unterthänig; aber zu⸗ gleich erlaubt mir eine Bitte, nämlich die: mir zu ſagen, worin die Anklage beſteht, und mich, wenn es Euch genehm iſt, auch über die Perſonen meiner Ankläger zu unterrichten. Herr. Das Erſtere ſoll geſchehen; denn eben deßhalb 16* 2 244 S⸗ nehme ich Euch auf meinem Zimmer vor; und wenn es ſachgemäß iſt, ſo ſollt Ihr auch erfahren, wer Eure An⸗ kläger ſind. Man hat Euch indeß Dinge zur Laſt gelegt, von denen ich heute gerade das Gegentheil geſehen zu haben glaube, und es iſt daher zwiſchen uns beiden eine neue Ver⸗ ſtändigung nöthig; denn ich meinte, die Sache klug genug anzugehen, und glaube nun, daß Ihr mich überliſtet habt. Ich. Ich hoffe, Euer Gnaden wird ſich nicht beleidigt fühlen, wenn ich ſage, daß ich Euch nicht ganz verſtehe. Herr. Ich will das wohl glauben. Wohlan denn, ſo ſagt mir, war es wirklich Eure Abſicht, den Neger vier Tage lang, zweimal täglich, zu peitſchen— das heißt, in runden, dürren Worten, ihn todt zu peitſchen; denn das müßte das Ende einer ſolchen Quälerei ſein. Ich. Wenn es mir geſtattet iſt, eine Vermuthung auszudrücken, Herr, ſo glaube ich, zu wiſſen, was für eine Anklage gegen mich vorgebracht wurde, daß man nämlich Euer Gnaden berichtete, ich gehe zu mild mit den Negern ſowohl, als mit den andern Sklaven um; wahrſcheinlich lautete es noch weiter, daß ſie in Folge davon Euer Ge⸗ ſchäft vernachläßigen, daß Eure Pflanzung nicht gut beauf⸗ fichtigt ſei u. dgl. Herr. Ihr habt gut gerathen. Weiter. Ich. In dem erſteren Theile der Anklage gebe ich mich ſchuldig, aber den letztern muß ich in Abrede ziehen, 245 S⸗ wie ſich auch ſchon Euer Gnaden durch den genommenen Augenſchein von dem Gegentheil überzeugt haben muß. Herr. Wenn dieſe letztere Anklage falſch ſein könnte, ſo würde es mich freuen, wenn die erſtere wahr wäre; denn es müßte nur zu meiner größten Zufriedenheit gereichen, wenn ich hören dürfte, daß nicht nur mein Geſchäft nicht vernachläßigt, ſondern auch unſere Sicherheit nicht gefährdet wäre, weil dieſe armen Unglücklichen mit mehr Menſchlich⸗ keit behandelt würden. Grauſamkeit iſt mir in der Seele zuwider und das einzige, was meine ſonſtigen glücklichen Verhältniſſe trübt. Ich. Ich geſtehe offen zu, Herr, daß es mir im An⸗ fang unmöglich war, mich an dieſes ſchreckliche Geſchäft zu gewöhnen. Wie hätte es auch anders ſein können, da ich ſelbſt kaum der Peitſche entzogen war, da ich mich Tags zuvor noch in der Lage eines armen, nackten, unglücklichen Sklaven befand und vielleicht morgen wieder in dieſelbe zurückverſetzt werden kann? Wie hätte ich dieſe fürchterliche Waffe(ich zeigte dabei auf meine Hetzpeitſche) auf das nackte Fleiſch meiner Mitſklaven und Nebenmenſchen anwenden können? Wenigſtens vermochte ich es nicht anders, als mit dem größten Abſcheu zu thun, wenn es mir meine Pflicht unumgänglich nöthig machte. Ich bitte daher, mir zu ver⸗ zeihen, daß meinem Charakter die nöthige Härte gebricht; denn obgleich ich mich in Euren Dienſten gut angelaſſen zu haben glaube, ſo iſt es mir doch unmöglich, das Amt eines Henkers zu üben, da ich mir ja ſelbſt auch Uebertretungen habe zu Schulden kommen laſſen. Herr. Gut; aber wie können dann meine Geſchäfte verſehen werden? Und wie ſoll man dieſe Neger, deren Hartnäckigkeit ſich dem Vernehmen nach auf keine andere Weiſe bewältigen läßt, von Vernachläßigung ihrer Arbeit oder gar von Unbotmäßigkeit und Meuterei abhalten? Ich. Dieß, Herr, führt auf den zweiten Theil meiner Vertheidigung, und hier, hoffe ich, wird Euer Gnaden ſo gefällig ſein, mir meine Ankläger zu nennen, oder andern Falls die Pflanzung dem genaueſten Augenſchein unterwerfen, um Euch zu überzeugen oder überzeugen zu laſſen, ob etwas vernachläßigt iſt, ob Euer Geſchäft in irgend einer Weiſe Noth gelitten hat, oder ob Eure Neger und anderen Sklaven ſchlechter gezogen ſind, als früher. Wenn ſich dann das Gegentheil herausſtellt, ſo mögt Ihr daraus entnehmen, daß ich das glückliche Geheimniß gefunden habe, Ordnung unter der Mannſchaft und in dem Geſchäft zu erhalten, und zwar auf eine Art, welche den Fleiß und den Eifer der Arbeiter noch erhöht, und daß ich mich eines Mittels bediene, welches die Neger in heilſamer Furcht erhält, den natürlichen Starr⸗ ſinn ihres Charakters bändigt und den Frieden und die Sicher⸗ heit Eurer Familie befeſtigt. Wenn ich übrigens durch Milde, mäßige Züchtigungen und die gebührende Scheu vor einer gerechten Mannszucht meinen Zweck eben ſo gut erreiche als durch barbariſche Behandlung und die Furcht vor unerträg⸗ 247 S⸗ lichen Qualen, ſo hoffe ich, daß Euer Gnaden dieß mir nicht als ein Vergehen zur Laſt legen wird. Herr. Nein, gewiß nicht; Ihr wäret dann der beſte Verwalter, den ich je in meinem Geſchäft angeſtellt habe. Aber wie reimt ſich dieß mit dem grauſamen Urtheil zuſam⸗ men, das Ihr über den armen Teufel in jenem verwünſch⸗ ten Loche gefällt habt? Er ſollte ja achtmal in vier Tagen gepeitſcht werden? Ich. Ganz richtig, Herr. Dieſes Urtheil flößte ihm fürs Erſte eine gehörige Furcht vor einer Strafe ein, die ſo hart iſt, wie ſie zuvor wohl nie ein Neger ausgeſtanden hat. Mit Euer Gnaden Wohlnehmen, ich beabſichtigte den Burſchen morgen wieder frei zu laſſen, ohne ihn überhaupt zu peitſchen, indem ich im Sinne hatte, ihm ſein Verbrechen vorzuſtellen und ihm den Werth einer Begnadigung begreif⸗ lich zu machen; und wenn er durch ein ſolches Verfahren zu einem beſſern Diener wird, als man es durch die grau⸗ ſamſte Auspeitſchung erzielen kann, ſo wird Euer Gnaden vermuthlich zugeben, daß ich den beſſeren Weg eingeſchlagen habe.“ Herr. Wohl; aber wenn dieſes nicht der Fall iſt,— deenn dieſe Schlingel haben kein Gefühl für Dankbarkeit. Ich. Das kömmt daher, Herr, weil ſie nie begnadigt wurden. Wenn ſie ein Vergehen begingen, ſo ließ man ſie keine Schonung erfahren; und für was hätten ſie dann dankbar ſein ſollen? 3 248 S⸗ Herr. Ihr habt da freilich Recht. Wo keine Barm⸗ herzigkeit erwieſen wird, kann auch keine Dankbarkeit ver⸗ langt werden..— Ich. Außerdem Herr, wurde ihnen, wenn man ſie je einmal durchſchlüpfen ließ, was übrigens ſehr ſelten ge⸗ ſchah, nie geſagt, warum man es that. Man gibt ſich im allgemeinen keine Mühe, ihnen Grundſätze der Dankbarkeit einzuprägen und ihnen zu ſagen, welche Güte ihnen erwie⸗ ſen wurde, wie ſie dafür verpflichtet wären, und wie ſie ihre Lage zu beſſern vermöchten. Herr. Aber glaubt Ihr, eine ſolche Behandlung dürfte ausreichen? wird ſie auch mit einem geeigneten Erfolg be⸗ gleitet ſein? Ihr beredet Euch vielleicht dazu, aber Ihr ſeht, es ſteht im Widerſpruche mit allen landesüblichen Be⸗ griffen von der Sache. Ich. Es gibt vielleicht Irrthümer und Mißgriffe, von denen ſich ein ganzes Land anſtecken läßt; und dieſer iſt einer davon. Herr. Habt Ihr Euer Verfahren ſchon erprobt? Ihr könnt nicht von Mißgriffen ſprechen, bis Ihr durch die Er⸗ fahrung dargethan habt, daß es wirklich ſolche ſind. Ich. Eure ganze Pflanzung iſt ein ſprechender Beleg dafür. Dieſer Burſche hätte ſich nie ein ſolches Verbrechen zu Schulden kommen laſſen, wenn ihm nicht der Rum zu Kopfe geſtiegen, und er dadurch der freien Beſinnung be⸗ raubt worden wäre. Ich hätte ihn daher nur für das Steh⸗ -2 249 S⸗ len und Austrinken einer Rumflaſche beſtrafen können, deren Stärke er, wie Noah, nicht kannte, und als er ſie einmal in ſeinem Kopf ſpürte, war er toll und durchaus nicht zu⸗ rechnungsfähig; er hätte daher um all des andern willen eher Mitleid als Züchtigung verdient. Herr. Du haſt Recht vollkommen Recht und biſt nicht mit Gold zu bezahlen, wenn Du ſolchen Grundſätzen Anklang ſchaffen kannſt. Ich wollte, Du könnteſt unter meinen Augen an irgend einem Neger den Verſuch machen, daß man wenigſtens ein Beiſpiel geſehen hätte. Ich würde mirs fünfhundert Pfund koſten laſſen, wenn dieſe Behand⸗ lung Früchte brächte. Ich. Ich wünſche für mich nichts, als Eure Gunſt, Herr, und das beglückende Gefühl, mich Euch dankbar er⸗ wieſen zu haben. Ein Beiſpiel ſollt Ihr übrigens an Eueren Negern ſehen, und die ganze Pflanzung wird es anerkennen müſſen.. Herr. Eure Worte erfüllen mein Herz mit Freude, Jack. Wenn Ihr dieß zu Stande bringen könnt, ſo gebe ich Euch mein Wort, daß Ihr nicht nur Eure Freiheit er⸗ halten, ſondern auch ein gemachter Mann für Euer ganzes Leben werden ſollt. Auf dieß verbeugte ich mich ſehr ehrerbietig und er⸗ zählte ihm folgende Geſchichte: „In Eurer Pflanzung, Herr, befindet ſich ein Neger, der ſchon mehrere Jahre vor meiner Ankunft in Euren 250 SE⸗ Dienſten ſtand. Er beging einen Fehler, der an ſich nicht von großem Belang war, in Wiederholungsfällen aber ſehr bedenklich hätte werden können, weßhalb ich ihn an den ge⸗ wöhnlichen Platz brachte, wo ich ihm, nachdem ich ihn gebunden, verkündigte, daß er auf eine fürchterliche Weiſe gepeitſcht werden ſolle. Die Angſt vor der Strafe übte die gehörige Wirkung auf ſein Gemüth, und als ich fand, daß er hinreichend zerknirſcht war, ging ich ins Haus, ließ ihn aus ſeinem Loche holen, wie es gewöhnlich der Fall iſt, wenn Neger gezüchtigt werden, und befahl, daß man ihn entkleiden und an dem Pfahl hinaufziehen ſolle. Er hatte bereits zwei tüchtige Hiebe erhalten, als ich den beiden Leu⸗ ten, welche eben ihr Werk an dem armen Schelm begonnen, zurief, ſie ſollten aufhören, da ich mit dem Sträfling ſpre⸗ chen wolle. „Er wurde heruntergelaſſen, und nun begann ich ihm vorzuſtellen, wie gütig Ihr, ſein großer Herr,(ſo nennen die Neger die Plantagenbeſitzer oder nannten wenigſtens dieſen ſo, weil er ein angeſehener Mann im Lande war und drei oder vier große Pflanzungen beſaß) ſtets gegen ihn geweſen wäret; Ihr hättet ihm nie ein Leides gethan, ihn immer freundlich behandelt und ihn in ſo vielen Jah⸗ ren nie beſtraft, obgleich er ſich mancher Vergehungen ſchul⸗ dig gemacht; ſein dermaliges Verbrechen wäre aber ein ganz unverzeihliches; denn er habe Rum geſtohlen und ſich ſelbſt nebſt zwei andern Negern trunkentoll gemacht,(trunken 251& ⸗ iſt bei den Negern gleich bedeutend mit toll; denn wenn ſie trunken ſind, ſind ſie ſchlimmer, als ein Tobſüchtiger und zu jedem nur erdenklichen Unfug bereit) er habe zwei Ne⸗ gerinnen mißhandelt, deren Männer gleichfalls im Dienſte unſers Gebieters ſtehen, obgleich in einer andern Plantage — und für all Dieſes nebſt mehrern andern ſchlechten Strei⸗ chen ſei ihm nunmehr dieſe Züchtigung zuerkannt worden. „Er ſchüttelte ſeinen Kopf und gab durch Zeichen zu ver⸗ ſtehen, daß ihm ſeine Verirrungen leid wären.„Und was würdeſt Du ſagen oder thun,“ ſagte ich,„wenn ich den gro⸗ ßen Herrn dazu beſtimmen könnte, Dich zu begnadigen? Ich hätte wohl Luſt, hin zu gehen und zu ſehen, ob meine Bitte etwas für Dich vermöchte.“ Er erwiederte ſodann, er wolle niederliegen und ſich tödten laſſen, wenn er nicht laufe, gehe, hole und bringe für mich, ſo lange er lebe. So wollte ich ihn haben, um zu verſuchen, ob in dem Ne⸗ ger nicht auch einige Grundzüge natürlichen Edelmuthes und ſomit auch der Sinn für Dankbarkeit lägen, da ſie doch alle übrigen Fähigkeiten mit den vernünſtigen Ge⸗ ſchöpfen gemein hätten.“ „Der Anfang dieſer Geſchichte gefällt mir,“ ſagte der Herr,„und ich hoffe, daß Ihr ſie durchgeführt habt.“ „Ja, Herr,“ entgegnete ich,„und vielleicht über Eure Erwartung oder über Eure Begriffe von Möglichkeit in einem ſolchen Falle.“ „Ich war jedoch nicht ſo anmaßend, das Verdienſt für 252 S⸗ mich in Anſpruch zu nehmen.„Nein, nein,“ ſagte ich;„Du ſollſt nicht für mich gehen oder laufen; ſondern mußt all dieß thun für unſern großen Herrn; denn nur von ihm hängt es ab, ob Du begnadigt wirſt, da Du Dich an ihm vergangen haſt. Was meinſt Du nun? Willſt Du dank⸗ bar gegen ihn ſein und laufen, gehen, holen, bringen für ihn, ſo lang Du lebſt, wie Du für mich thun wollteſt?“ „Ja, gewiß,“ ſagte er,„und viel thun, viel thun, für Euch auch“(er wollte mich nicht aus dem Spiele laſſen) „Ihr bitten ihn für mich.“ „Ich lehnte alle mir verſprochene Dankbarkeit, wie es meine Pflicht war, von mir ab und ſuchte ſie auf Euch zu übertragen, indem ich ihm ſagte, ich wiſſe von Euch, daß Ihr viel gut, viel mitleidig wäret, und ich wolle Euch überreden, wenn ich könnte. Dann bedeutete ich ihm, ich wollte zu Euch gehen, und er ſolle nicht mehr gepeitſcht werden, bis ich zurückkäme.„Aber höre, Mouchat,“(dieß war der Name des Negers) fuhr ich fort,„man hat mir, als ich hieher kam, geſagt, daß man Euch Negern keine Milde zeigen dürfe; denn wenn man Euch mit der Peitſche ver⸗ ſchonte, ſo lachtet Ihr uns aus und wäret nur noch ſchlim⸗ mer.“—„Er ſah mich ſehr ernſt an und erwiederte:„O, das nicht ſo; die Herren ſo ſagen, aber nicht ſo ſein, nicht ſo ſein, nein, nein.“ Und ſo fuhren wir fort.“ Ich. Aber warum ſollten ſie ſo ſagen? Sie müſſen doch gewiß Euch alle kennen. 253 SE⸗ Neger. Nein, nein, ſie nicht kennen, ſie ſo ſagen, aber nicht kennen. Ich. Ich hörte aber doch alle ſo ſprechen? Neger. Ich ſage Euch, wie es ſein; ſie nicht ſchonen, ſie uns grauſam ſchlagen, alle grauſam, ſie nie zeigen Schonung. Wie kann ſie ſagen, wir ſein nicht beſſer? Ich. Wie, ſie laſſen euch nie Schonung angedeihen? Neger. Herr, ich ſprechen wahr; ſie nie geben Gnade, ſie immer peitſchen, geißeln, ſchlagen, alles grauſam; Neger ſein viel beſſer Mann, thun viel beſſer Arbeit, aber ſie uns ſagen, nie Gnade. Ich. Wie— gar nie? Neger. Nein, nie, nie; nur peitſchen, nur peitſchen, — grauſam,— ärger, als ſie peitſchen die Pferd, peitſchen die Hund. Ich. Aber würde der Neger auch beſſer ſein, wenn man es nicht thäte? Neger. Ja, ja, Neger ſein viel beſſer, wenn ſie haben Gnade; wenn ſie ſein peitſchet und immer peit⸗ ſchet, Neger viel ſchreien, viel haſſen, würden tödten, wenn ſie hätten Flint; aber wenn ſie haben Gnade, dann Neger ſagen Dir groß Dank und lieben die Arbeit und thun viel Arbeit; und weil er guter Herr für ſie. Ich. Sie ſagen nicht, ihr würdet lachen über ſie und Euren Spott treiben, wenn ſie Gnade blicken laſſen? Neger. Wie ſie ſo ſagen, wenn ſie Gnade laſſen 254 blicken? Sie nie laſſen blicken Gnade, ich nie ſehen, ſie laſſen blicken Gnade, ſeit ich leben. „Nun, Herr,“ fuhr ich fort,„wenn es wirklich ſo zugeht, ſo darf ich wohl ſagen, daß es gegen Eure Abſicht geſchieht; denn ich ſehe, Ihr habt ein zu gefühlvolles Herz für den Unglücklichen. Ich erfuhr das ja an mir ſelbſt; und in der Vorausſetzung, daß ihr es lieber ſehen würdet, wenn ich die Grundſätze der Humanität denen der Furcht vorzöge und wo möglich eine grauſame Behandlung der Sklaven um⸗ ginge, verfuhr ich mit dieſem Mouchat in einer Weiſe, die ich Euch mittheilen will.“ Herr. Etwas der Art iſt mir noch nie vorgekommen, ſeit ich ein Pflanzer bin, und das iſt doch ſchon über vierzig Jahre. Doch die Geſchichte gefällt mir. Fahrt fort; ich erwarte einen erfreulichen Schluß. Ich. Der Schluß, Herr, entſprach ganz meiner Er⸗ wartung. Auch mögt Ihr daraus entnehmen, wie Ihr, wenn Ihr wollt, treu bedient werden könnt; denn dieß iſt bisher gewiß nicht der Fall geweſen. Herr. Das glaube ich wohl; ſie dienen mir gerade ſo, wie ſie dem Teufel dienen— nämlich aus Furcht, ich könnte ihnen ein Leides thun. Eine edle Seele kann aber keine Freude an einem ſolchen Dienſte haben, und ich ver⸗ abſcheue ihn; aber ich weiß nicht, wie ichs anders machen könnte. Ich. Es wird leicht ſein, Euch zu zeigen, daß ſich - 255 S⸗⸗ der Dienſt nach beſſern Grundſätzen regeln läßt. Ich hoffe den Beweis dafür zu liefern. Herr. Wohlan, ſo fahrt weiter in Eurer Geſchichte fort. „Nachdem ich alſo mit ihm geſprochen hatte, ſagte ich zu ihm:„Nun, Mouchat, ich will ſehen, wie Du Dich nachher aufführen wirſt, wenn ich dießmal von unſerem großen Herrn Gnade für Dich erwirke.“ Neger. Ja, Ihr ſehen, viel ſehen. „Ich rief nun nach meinem Pferde und that, als ob ich zu Euch ritte, indem ich vorgab, Ihr befändet Euch in der nächſten Pflanzung. Nach vier oder ſünf Stunden kehrte ich zurück, ſprach wieder mit dem Neger und ſagte ihm, ich ſei bei Euch geweſen und hätte Euch von ſeinem Verbrechen erzählt, worüber Ihr höchlich erzürnt geweſen wäret und beſchloſſen hättet, ihn zum Schrecken für alle Sklaven furcht⸗ bar abzuſtrafen. Ich hätte Euch jedoch von ſeiner Reue erzählt, und wie gut er ſich aufführen wolle, wenn er Gnade bekäme, bis ich es endlich über Euch gewonnen, daß er verſchont würde. Ihr hättet mir zwar geſagt, was alle Leute von den Negern ſagen, nämlich daß ſie glaubten, man meine es nicht ernſtlich, wenn man nicht ſtreng mit ihnen zu Werke ginge, und daß ſie nur ihr Geſpött mit der Schonung trieben; ich hätte aber ſodann Euch ſeine Worte mitgetheilt, daß man nämlich über die Neger löge, und daß dieſe Ausſagen von den weißen Männern herrührten, die ſo etwas nicht wiſſen könnten, weil man keine Gnade 256 So⸗ zeige; und ſo ſei es mir dann endlich gelungen, Euch zu dem Verſuche zu veranlaſſen, ob durch Güte wohl ebenſo viel zu erzielen wäre, als durch Grauſamkeit.„Und nun, Mouchat,“ ſagte ich,„ſoll Dir für dießmal die Strafe nach⸗ gelaſſen ſein; Du darfſt mich aber nicht durch Dein Benehmen vor unſerem großen Herrn lügen ſtrafen.“ Ich ließ ihn ſodann losbinden, gab ihm einen Schluck Rum aus meiner Feldflaſche und ſorgte dafür, daß ihm einige Lebensmittel gereicht wurden. „Als der Neger ſeiner Bande ledig war, kam er auf mich zu, knieete vor mir nieder, umfaßte meine Füße, legte den Kopf auf die Erde und weinte und ſchluchzte wie ein Kind, das gezüchtigt worden; aber er hätte ums Leben nichts hervorbringen können, und dieß dauerte eine geraume Weile. Ich verſuchte, ihn aufzuheben, aber er wollte nicht von der Stelle; und ſo kam mir das Schluchzen ſo gut als ihm; denn ich konnte es nicht mit anſehen, wie der arme Tropf vor mir, der ich unlängſt noch ein Sklave, wie er ſelbſt, geweſen, auf der Erde lag. Endlich nach einer Viertelſtunde brachte ich ihn auf die Beine, und nun begann er zu ſprechen.“ Neger. Ich viel Dank, gute, große Herr; und viel gut Ihr, Herr. Kein Neger undankbar. Ich ſterben für ſie, thun mir ſo viel freundlich. 1 „Ich entließ ihn ſodann und hieß ihn zu ſeinem Weibe gehen,(denn er war verheirathet) da er für dieſen Nach⸗ 0 257 S⸗⸗ mittag nicht zu arbeiten brauche; aber als er ſich entfernen wollte, rief ich ihm nochmals und redete folgendermaßen mit ihm: „Nun, Mouchat, Du ſiehſt, daß die weißen Männer Gnade erzeigen können; Du mußt aber jetzt auch allen Negern mittheilen, daß man ihnen nachſagt, ſie gähen auf nichts etwas, als auf die Peitſche, und würden, wenn man ſie freundlich behandelte, nur ſchlimmer, ſtatt beſſer; dieß ſei der Grund, warum die weißen Männer ihnen keine Gnade erwieſen, und ſie würden weit beſſer und freundlicher behandelt werden, wenn ſie ſich dafür ebenſo dankbar zeigten, als ſie demüthig ſind, wenn ſie gezüchtigt werden. Sieh alſo zu, wie Du auf ſie einwirken kannſt.“ „Ich gehen, ich gehen,“ verſetzte er,„ich viel ſagen zu ihnen; ſie viel froh wie ich ſein und thun groß Arbeit für Freundlichkeit von der große Herr.“ Herr. Wohl; aber welche Beweiſe wurden Euch von dieſer Dankbarkeit geliefert? Habt Ihr eine Aenderung unter ihnen wahrgenommen? Ich. Ich komme ſogleich auf dieſen Punkt, Herr. Ungefähr einen Monat nach dieſem ließ ich in der Pflan⸗ zung das Gerücht verbreiten, ich hätte ein Vergehen gegen Euch, den großen Herrn, begangen und ſollte aus der Plan⸗ tage entfernt und gehangen werden. Euer Gnaden erinnert ſich wohl, daß Ihr mich wegen irgend eines Geſchäfts nach dem Potuxentfluß ſchicktet, was mich auf zwölf Tage ent⸗ Oberſt Jack. II. 17 258 S⸗ fernt hielt. Ich benutzte dieſe Gelegenheit zu Verbreitung dieſes Gerüchts, um zu ſehen, wie es wirken würde. Herr. Was? Um zu ſehen, wie Mouchat es auf⸗ nehmen würde? Ich. Ja, Herr; und es führte in der That zu einer intereſſanten Entdeckung. Anfangs wollte es der arme Burſche nicht glauben; als er aber fand, daß ich nicht zurückkehrte, ſo ging er zu dem Verwalter, ſtellte ſich, ohne etwas zu ſagen, an ſeine Thüre und ſchnitt dabei Geſichter wie ein geiſteskranker Knabe. Nach einer Weile kam der Aufſeher heraus und wurde deſſelben anſichtig, ſprach aber anfangs nicht mit ihm, weil er dachte, er ſei vielleicht irgend eines Geſchäftes wegen hier; als er jedoch bemerkte, daß er fort⸗ während wie ein Stock ſtehen blieb, ohne während ſeines zwei⸗ oder dreimaligen Ab⸗ und Zugehens ſeine Haltung zu verändern, ſo trat er endlich auf ihn zu. „Was willſt Du?“ fragte er ihn,„daß Du ſo lange müßig hieher ſtehſt?“ „Ich ſprechen, ich ſagen etwas,“ entgegnete er. „Der Aufſeher meinte, der Neger hätte ihm eine Ent⸗ deckung zu machen, und ſchenkte ihm Gehör. „Was haſt Du mir zu ſagen,“ fragte er weiter. „Ich ſagen? bitte,“ verſetzte er,„wo ſein der ander Herr?“(er wollte nämlich damit fragen, wo ich wäre.) „Welchen andern Herrn meinſt Du?“ ſagte der Auf⸗ ſeher.„Willſt Du etwa mit dem großen Herrn ſprechen? 259 So⸗ Das geht nicht; was haſt Du für ein Anliegen? Kannſt Du es nicht mir ſagen?“ „Nein, nein, ich nicht ſprechen den groß Herr, der ander Herr,“ entgegnete Mouchat. „Wie— den Oberſt?“ erwiederte der Muſlezer. „Ja, ja, den Oberſt,“ ſagte er. „Ei, weißt Du nicht, daß er morgen gehangen werden ſoll, weil er den Zorn des großen Herrn auf ſich gezogen hat?“ verſetzte der Aufſeher. „Ja, ja,“ entgegnete Mouchat,„ich wiſſen, ich wiſſen; aber ich müſſen ſprechen, ich ſagen etwas.“ „Wohl, und was willſt Du ſagen?“ fragte der Aufſeher. „O, ich nicht laſſen ihn machen, der groß Herr zornig.“ „Und mit dieſen Worten knieete er vor dem Aufſeher nieder. „Was treibſt Du?« entgegnete der Aufſeher,„ich ſage Dir, er wird gehangen.“ „Nein, nein,“ ſagte er,„nicht hängen der Herr, ich knieen für ihn, vor groß Herr.“ „Du willſt knieen für ihn?“ ſagte der Aufſeher.„Meinſt Du wohl; der große Herr werde ſich viel um Dich beküm⸗ mern? Er hat den großen Herrn zornig gemacht, und ich ſage Dir, er muß gehangen werden. Was ſoll Deine Fürbitte bedeuten?“ 4 17 4 2 260 So⸗ Neger. Ol ich bitten den groß Herr für ihn. Aufſeher. Aber wie kommſt Du dazu, daß Du für ihn bitten willſt? Neger. O! er bitten bei groß Herr für mich, nun ich bitten für ihn. Der groß Herr viel gut, viel gut; er verzeihen mich, als der ander Herr für mich bitten; nun er verzeihen ihm, wenn ich bitten für ihn wieder. Aufſeher. Nein, nein, Dein Vorwort nützt da nichts. Willſt Du Dich allenfalls für ihn hängen laſſen? Freilich, wenn Du das thäteſt, ſo ginge es vielleicht. Neger. Ja, ja, ich ſeie gehangen vor den arm Herr, der bitten für mich. Mouchat will gehangen; der groß Herr ſoll hängen mich, peitſchen mich, nur ſchonen den arm Herr, der bitten für mich; ja, ja. Aufſeher. Iſt das Dein Ernſt, Mouchat? Neger. Ja, freilich, ich ſagen wahr; der groß Herr ſoll wiſſen, ich ſagen wahr; denn er ſoll ſehen, wie weiß man hängen mich, Mouchat; der arm Neger Mouchat, will ſein gehangen, ſein peitſchet, nur daß der arm Herr leben, der bitten für mich. „Nach dieſen Worten fing der arme Burſche kläglich an zu weinen, und es unterlag keinem Zweifel, daß es ihm Ernſt war, als ich plötzlich ins Zimmer trat. Ich war nämlich kurz zuvor von meiner Geſchäftsreiſe zurückgekommen und hatte, da der Verwalter ſogleich nach mir geſchickt, den ganzen Vorgang ungeſehen mitangehört. Da aber jener &☛—— 8— 261 So ſich gleich mir nicht länger zu halten vermochte, ſo kam er zu mir heraus und ſagte:„Geht zu ihm hinein, Ihr habt hier ein Beiſpiel von der Dankbarkeit eines Negers, das ich nie vergeſſen werde; geht hinein,“ ſagte er; denn die Zunge verſagte mir den Dienſt. So trat ich denn hinein und ließ ihn ſehen, daß ich in Freiheit war. Es hätte Euer Gnaden gewiß die größte Freude gemacht, wenn Ihr hättet mit anſehen können, wie ſich der arme Sklave benahm.“ Herr. Ich bitte, erzählt weiter; denn die Geſchichte macht mir allerdings große Freude. Ein ſolcher Auftritt aus dem Leben eines Negers iſt mir ebenſo neu, als er 3 ergreifend iſt. Ich. Eine gute Weile ſtand er da, als ob er vom Blitze getroffen wäre. Dabei ſah er mich beharrlich an, ohne ein Wort zu ſprechen, bis er endlich mit einer Art von Lachen in das Gemurmel ausbrach:„Ei, da, Mouchat ſehen, Mouchat nicht ſehen; ich wachen, ich nicht wachen; nicht hängen, nicht hängen, er leben wahrhaftig, ganz leben.“ Dann rannte er plötzlich auf mich zu, hob mich in die Höhe, als ob ich ein zehnjähriger Knabe geweſen wäre, nahm mich auf ſeinen Rücken und eilte mit mir fort, bis ich ihm endlich zurief, daß er halten ſolle. Er ſetzte mich ſodann nieder, ſah mich aufs neue an und begann endlich, um mich herzutanzen, als ob er behext wäre, unge⸗ 262 S⸗ fähr ſo, wie Ihr ſchon an den Weibern und Kindern geſe⸗ hen habt, wenn ſie vergnügt ſind. Dann fing er an mit mir zu ſprechen und ſagte mir, er hätte gehört, daß ich gehangen werden ſollte.„Und Du, Mouchat,“ ſagte ich,„Du wollteſt Dich alſo wirklich hängen laſſen, um mich zu retten?« „Ja, ja,“ verſetzte er;„ſein wirklich gehangen; zu bitten für Euch.“ „Und womit habe ich ſo viel von Dir verdient, Mouchat?“ entgegnete ich. „That Ihr nicht bitten für mich bei dem groß Herrn 2« erwiederte er.„Ihr retten mich, machen groß Herrn viel gut, viel freundlich, nicht peitſchen mich; ich nicht vergeſſen; ich ſein peitſchet, ſein gehangen, daß Ihr nicht ſein gehan⸗ gen; ich ſterben, daß Ihr nicht ſterben; ich nicht laſſen Leid thun Euch, ſo lang daß ich leben.“ „Nun, Herr, überlaſſe ich es dem Urtheil Euer Gna⸗ den, ob zweckmäßig angebrachte Güte nicht ebenſo gut ver⸗ pflichten kann, als Grauſamkeit, und ob ſich Sinn für Dank⸗ barkeit in dem Neger findet oder nicht.“ Herr. Aber was mag wohl der Grund ſein, daß wir früher nie zu dieſer Ueberzeugung kamen? Ich. In der That, Herr, ich fürchte, daß Mouchat den wahren Grund angegeben hat. Herr. Und welcher wäre das? Daß wir zu grau⸗ ſam ſind? 2 263 SE⸗⸗ Ich. Daß man ihnen nie Gnade erzeigt hat, daß man nie verſuchte, ob ſie dankbar ſind oder nicht, daß man ſie nie ſchonte, ſondern mit der äußerſten Grauſamkeit züch⸗ tigte. Eine ſolche Behandlung kann natürlich keine Liebe zur Arbeit und keine andern Gefühle als die der Furcht er⸗ zeugen, welche nothwendig zum Haſſe führen. Behandelt man ſie aber mit Schonung und Humanität, ſo ſind ſie ebenſo ſehr geneigt, als andere Dienſtleute, aus Anhäng⸗ lichkeit und Liebe zu dienen. Die Natur iſt allenthalben dieſelbe, und die Vernunft waltet verhältnißmäßig in allen Geſchöpfen. Wenn man aber den Menſchen nie fühlen läßt, was Gnade iſt, ſo kann er auch unmöglich nach den Grund⸗ ſätzen der Liebe handeln. Herr. Ich theile Eure Ueberzeugung; aber ſagt mir nunmehr, wie vertragen ſich dieſe Grundſätze mit dem Ver⸗ fahren, das Ihr gegen die in dem Loche gefangenen, armen Neger übtet? Ihr habt ein ſo grauſames Urtheil über ſie gefällt und wolltet ſie vier Tage hinter einander zweimal des Tages peitſchen laſſen,— heißt das Schonung zeigen? Ich. Meine Methode war ganz die nämliche; und wenn es Euch gefallen ſollte, den andern Aufſeher der Pflanzung darüber zu vernehmen, ſo werdet Ihr Euch über⸗ zeugen, daß dem ſo iſt. Wir ſind miteinander übereinge⸗ kommen, dieſelben Maßregeln anzuwenden, deren ich mich gegen Mouchat bediente, und wollten ſie zuerſt in den größ⸗ ten Schrecken ſetzen und ſie die grauſamſten Strafen, die 264 S⸗ je erhört wurden, befürchten laſſen, um den Werth der Begnadigung, die von Euch kommen ſollte,— freilich nicht ohne unſer kräſtiges Vorwort— zu erhöhen. Dann wollte ich durch Vernunftgründe auf ſie wirken, ihnen die erwieſene Wohlthat recht lebhaft zu Gemüthe führen und auf dieſe Weiſe einen recht kräftigen Eindruck hervorbringen. Sie lernen dadurch die Dankbarkeit erkennen und bethätigen, wie es bei Mouchat der Fall geweſen. Herr. Ihr habt mich überzeugt. Eure Methode iſt gewiß die richtige, und ich wünſche, daß Ihr ſo fortfahrt; denn der einzige Wunſch meines Erdenlebens iſt der, daß mir meine Neger aus Dankbarkeit für die von mir ihnen erwieſene Güte treulich dienen. Der Gedanke entſetzt mich, wie ein Löwe, oder wie ein Tyrann gefürchtet zu werden; denn ſolche Gefühle widerſtreiten der Natur des Menſchen, und es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als eine edle, großmüthige Geſinnung. Ich. Ich fürchte jedoch, Herr, Ihr möchtet meinen Worten hinſichtlich meines beabſichtigten Verfahrens keinen Glauben beimeſſen, und erſuche Euch daher nach Herrn —— zu ſchicken, damit er Euch, ehe ich mit ihm ſprechen kann, ſagen möge, worüber wir eins geworden ſind. Herr. Welchen Grund habt Ihr für dieſe Beſorgniß? Ich. Ich hoffe, es iſt keiner vorhanden. Demungeachtet thäte es mir aber ſehr leid, wenn Ihr mich für fähig hal⸗ ten könntet, ein Urtheil zu vollſtrecken, wie Ihr es aus 2 265 So⸗ meinem Munde vernommen habt, und es gibt keinen andern Weg, mich von einem ſolchen Verdacht wirkſam zu reinigen. Herr. Nun da Ihr ein ſo großes Gewicht darauf legt, ſo will ich ihn rufen laſſen.(Er wurde ſofort geru⸗ fen und erhielt von dem Herrn den Auftrag, die Maßregel namhaft zu machen, über die er ſich mit mir hinſichtlich der Beſtrafung oder Behandlung der beiden Neger verſtän⸗ digt hätte; und ſein Bericht lautete ganz übereinſtimmend mit dem meinigen.) Ich. Ich hoffe, Herr, Ihr ſeid bisher nicht nur von der Wahrheit meiner Angabe, hinſichtlich des von mir ge⸗ faßten Planes, ſondern auch von der Zweckmäßigkeit und dem wahrſcheinlichen guten Erfolge deſſelben überzeugt. Herr. Das bin ich allerdings vollkommen, und ich werde mich freuen, wenn er zu einem guten Ziele führt; denn nichts hat mir trotz meinen glücklichen Verhältniſſen mehr Kummer gemacht, als die Grauſamkeit, die an dieſen armen Sklaven in meinem Namen geübt wurde, wie mir auch nichts eine ſchönere Beruhigung verſchaffen kann, als wenn ich weiß, daß ſolche Gräuel nicht mehr vorkommen. Ich. Es iſt gewiß die allerſchlimmſte Behandlung,— nicht nur ſchlimm hinſichtlich ihrer Barbarei und Grauſam⸗ keit, ſondern auch hinſichtlich einer geordneten Geſchäfts⸗ führung. Herr. Auch mir iſt ſie in der Seele zuwider, und ich glaube, wenn ich Zeuge davon ſein müßte, ſo würde 266 S⸗⸗ mich der Anblick ohnmächtig machen oder mich ſo in Zorn bringen, daß ich den Kerl, der ſie übte, tödtete, obgleich er nur in meinem Intereſſe handelt. Ich. Ich glaube, Euch überzeugen zu können, daß auch dem Intereſſe der Herrſchaft ſchlecht damit gedient iſt, und daß Euer Geſchäft weit beſſer geſchieht, Eure Pflanzungen in weit beſſerem Stande ſind, und von den Negern weit mehr gearbeitet wird, wenn man milde und ſchonend mit ihnen verfährt, als wenn man ſie durch die Peitſche und durch die Feſſeln eines erbarmungsloſen Henkers zu ihrem Tagewerk treibt und ſchleppt. Herr. Ich denke, die Natur der Sache ſpricht für ſich ſelbſt. Ohne Zweifel ſollte es ſo ſein; oft dachte ich, es könnte ſo ſein, und tauſendmal wünſchte ich, es möchte ſo ſein. Aber alle meine engliſchen Leute erklärten mir, es ginge nicht, und es wäre unmöglich, die Neger zu Gefühlen des Dankes, daher auch nicht zu dem Gehorſam der Liebe zu bringen. Ich. Es mag wahr ſein, Herr, daß ſich hin und wie⸗ der ein Neger findet, deſſen Stumpfſinn, Ungelehrigkeit und Gefühlloſigkeit jeder humaneren Behandlung Trotz bietet. Aber Ihr wißt auch, daß es unter den Chriſten eben ſo gut ſolche Leute gibt. Woher käme denn ſonſt wohl das Sprichwort:„Wenn Du einen Dieb vom Galgen ret⸗ teſt, ſo wird er der erſte ſein, der Dir die Kehle abſchneidet?“ Wenn uns aber auch ein ſolcher widerſpenſtiger und unge⸗ 2 267 G lehriger Kerl in den Weg kommt, ſo muß man anfangs die ſanften, dann aber die gewaltigen Mittel anwenden, um ſeinen Starrſinn zu brechen, wie man es auch bei den Pferden macht. Will jedoch alles nichts ausrichten, ſo ſollte ſo ein ſchlechter Wicht verkauft und ſeine Stelle durch einen andern erſetzt werden; denn der Frieden einer Pflanzung ſollte nicht durch ein teufliſches Gemüth geſtört werden. Gehen wir ſo zu Werke, ſo zweifle ich nicht, daß ſich die Ordnung in Euren Pflanzungen auf das ſchönſte handhaben, und die Geſchäſte treulich verſehen laſſen; denn dann werden Euch die Sklaven nicht nur dienen, ſondern auch im Noth⸗ falle für Euch ſterben, wie der arme Mouchat für mich thun wollte. Herr. Gutz fahrt fort mit ſolchen Maßregeln, und mögen ſie Segen bringen; ich verſpreche Euch, daß Ihr es nicht zu bereuen haben ſollt. Ich ſehne mich darnach, daß ſolche Grauſamkeiten wenigſtens in meinen Pflanzungen aufhören. Als unſer Gebieter fort war, begab ich mich zu den Gefangenen, denen ich zuvor hatte ſagen laſſen, der große Herr ſei allerdings da und nicht abgeneigt geweſen, ſie zu begnadigen, bis er die Art ihres Verbrechens gehört habe; ſodann habe er aber ſeinen Sinn geändert und ſei auf die Anſicht gekommen, ein ſo großes Vergehen müſſe geſtraft werden. Mein Abgeordneter mußte ihnen auch mittheilen, daß der große Herr geſagt hätte, er wiſſe, daß ſie nur noch 268 S⸗ ſchlechter würden, wenn man ihnen Schonung zu Theil werden ließe; denn die Neger wären nie dankbar für die Milde und nur durch Strenge zum Gehorſam zu bringen. Einer der armen Burſche, der empfänglicher als der andere war, antwortete: wenn ein Neger durch freundliche Behandlung ſchlimmer würde, ſo ſollte er gepeitſcht werden, bis er ſich beſſerte; er glaube dieß übrigens nicht; denn er habe nie geſehen, daß man mit einem Neger ſchonend umgegangen wäre. Dieß war daſſelbe, was auch Mouchat geſagt hatte— eine leider nur zu traurige Wahrheit; denn die Sklaven⸗ vögte wiſſen gewöhnlich nicht, was Gnade iſt; und die allgemeine Anſicht, ein Neger ſei nur durch Grauſamkeit zu lenken, iſt der Beweggrund, warum nie eine andere Methode verſucht wurde. Freilich mag hin und wieder Nachſicht geübt worden ſein, aber nicht mit der nöthigen Klugheit, um dieſelbe als einen Gnadenakt erſcheinen zu laſſen, für den man mit Recht ein gutes Verhalten fordern könne, da ſie vielleicht nur eine Folge der Nachläßigkeit oder der Unkenntniß des Geſchäftsganges war. In ſolchen Fällen darf es natürlich niemand Wunder nehmen, daß ſich die Neger dieſelben zu Nutzen machten. Ich führte den genannten Fall mit den beiden Negern auf die nämliche Art aus, wie ich es bei Mouchat that, und habe daher nicht nöthig, die Einzelnheiten derſelben zu 269 S⸗ wiederholen. Sie erkannten die Begnadigung mit unbe⸗ grenztem Dank und derſelben übermäßigen Freude an, die in ſolchen Fällen den Negern eigen iſt; und es war ihnen ſo Ernſt damit, daß ich ſie mit Ausnahme Mouchats als die treueſten und fleißigſten Sklaven in der ganzen Pflanzung betrachten durfte.. So verwaltete ich mein Amt zu der vollen Zufriedenheit unſeres Gebieters, und ehe noch ein Jahr vergangen war, gehörte eine Züchtigung ſchon zu einer Seltenheit in der Plantage, ein paar Knaben ausgenommen, bei denen freundliche Behandlung durchaus nichts verfangen wollte, bis ſie allenfalls alt genug waren, um den Unterſchied be⸗ greifen zu können. Dreizehntes Kapitel. Ich werde freigelaſſen und bekomme eine eigene Pflanzung.— Verluſt meiner ungerechten Habe und Gedeihen des ehrlichen Erwerbs. Einige Zeit nach dieſer Unterredung ließ mich unſer Gebieter nach ſeiner Wohnung berufen und ſagte mir, er hätte Antwort von ſeinem Freund in England erhalten, dem er wegen meines Wechſels geſchrieben hatte. Ich beſorgte anfangs, er wolle meine Zuſtimmung einholen, ihn nach London zu ſchicken; aber er äußerte nichts dergleichen, ſondern ſagte mir blos, daß ſein Freund bei dem Herrn geweſen, und daß der letztere anerkannt habe, das in dem Wechſel bezeichnete Geld befinde ſich in ſeinen Händen; er habe übrigens dem jungen Mann(womit er mich meinte) ver⸗ ſprochen, die Zahlung an Niemand anders als an ihn ſelbſt zu leiſten, auch wenn ihm der Wechſel von ſonſt Jemanden vorgelegt würde, um einer möglichen Entwendung deſſelben vorzubeugen. „Wenn Ihr ihm indeß ſchreiben würdet, Oberſt Jack,“ fügte er bei,„wo Ihr ſeid, durch welche heilloſen Kunſtgriffe 271 S⸗ Ihr in die gegenwärtige Lage verſetzt wurdet, und wie es Euch unmöglich ſei, ohne das Geld Eure Freiheit wieder zu erringen, ſo— ſchreibt mir mein Freund aus London— wolle er den Wechſel ausbezahlen, falls man ihm eine durch einen Notar beglaubigte Abſchrift ſammt Eurer Quittung ſchicke, wogegen Ihr Euch verbindlich zu machen hättet, nach erhaltener Summe das Original auszuhändigen.“ Ich ſagte ihm, ich wäre zu allem bereit, was Seine Gnaden für gut achtete, und ſo wurde denn die verlangte Abſchrift ausgefertigt. „Aber was wollt Ihr dann mit dieſem Gelde anfangen, Jack?“ fragte er lächelnd.„Wollt Ihr Euch vielleicht los⸗ kaufen und ſelber ein Pflanzer werden?“ Dießmal war ich ihm jedoch zu ſchlau; denn ich erinnerte mich deſſen noch recht wohl, was er mir verſprochen hatte, und ich kannte die Ehrenhaftigkeit ſeiner Grundſätze, wie auch ſein Wohlwollen für mich zu gut, um einen Zweifel in ſein Wort zu ſetzen. Ich gab daher dem Geſpräch eine andere Richtung, da es mir nicht entging, er frage mich nur deßhalb ſo, um mich zu verſuchen, ob ich ihn wohl verlaſſen würde. „Was meine Loskaufung anbetrifft, Herr,“ ſagte ich, „ſo würde mich dieſelbe nur aus Eurem Dienſte bringen, den ich doch lieber erkaufen als mich deſſelben entledigt ſehen würde. Es macht mich in der That unglücklich, daß ich Euch nur noch zwei Jahre zu dienen habe.“ 272 SE „Laßt das, Oberſt,“ ſagte er,„keine Schmeichelworte. Ich liebe die Aufrichtigkeit; und Freiheit iſt für Jeden das höchſte Gut. Wenn Ihr im Sinne habt, Euer Geld bringen zu laſſen, ſo ſollt Ihr die Erlaubniß haben, für Euch ſelbſt anzufangen. Ich will Sorge dafür tragen, daß Ihr in dem Lande eine gute Behandlung erfahrt und einen ſchönen Grund und Boden erhaltet.“ Ich beſtand jedoch darauf, ſeinen Dienſt nicht für die beſte Pflanzung in Maryland zu vertauſchen, da er ſtets gütig gegen mich geweſen, und auch ich der Hoffnung leben zu dürfen glaube, ihm nützlich werden zu können; ich hoffe, fügte ich noch bei, daß er mich nicht für undankbarer als einen Neger halte. Er lächelte und ſagte, ſo ſolle ich ihm nicht kommen; er habe weder ſein Verſprechen noch das, was ich in ſeiner Pflanzung gethan, vergeſſen und ſei daher feſt entſchloſſen, mir vor der Hand die Freiheit zu geben. Er zog ſofort ein Papier heraus und überreichte es mir. „Da,“ ſagte er,„iſt das Certifikat Eurer Landung, und daß ich Euch für einen fünfjährigen Dienſt erkauft habe. Drei dieſer Jahre habt Ihr überſtanden, und nun ſeid Ihr Euer eigener Herr.“ Ich verbeugte mich und erklärte ihm, wenn dieß der Fall ſei, ſo wolle ich ihm dienen, ſo lange er meine Dienſte annehmen wolle. Nun wurden Complimente ausgetauſcht, und endlich ſagte er mir, er wolle mich in ſeinem Dienſte 273 So⸗ behalten, aber nur unter zwei Bedingungen: erſtlich, daß ich für die Beaufſichtigung der Plantagen, in welchen ich bisher geweſen, dreißig Pfund jährlich ſammt Verköſtigung zöge, und zweitens, daß er mir eine neue Pflanzung an⸗ legen laſſen wolle, die ich für meine eigene Rechnung be⸗ treiben könne.„Denn, Oberſt Jack,“ ſagte er lächelnd, „obgleich Ihr noch ein junger Mann ſeid, ſo iſt es doch Zeit, daß Ihr für Euch ſelber ſorget.“ Ich antwortete, daß ich fürchte, eine eigene Pflanzung nicht überwachen zu können, ohne ſein Geſchäft darüber zu vernachläßigen, was unter keinen Umſtänden der Fall ſein dürfe; ich wolle ihm indeß treu dienen, wenn er meine Dienſte für ſeine ganze Lebenszeit anzunehmen gedenke. „Nun, gut ſo,“ erwiederte er;„es ſoll Euer Schade nicht ſein.“ Und ſo ſchieden wir für dießmal. Um nicht zu lange bei dem Gegenſtand zu verweilen, muß ich hier im allgemeinen bemerken, daß die beiden Neger, denen ich ihre Strafe erlaſſen, wie oben geſagt, nicht nur die fleißigſten und arbeitſamſten Burſche der ganzen Pflanzung wurden(Mouchat ausgenommen, auf den ich ſpäter zurückkommen werde), ſondern auch auf die übrigen Schwarzen einen weſentlichen Einfluß übten, ſo daß die freundliche und milde Behandlung, die ſie erfahren hatten, die Anderen weit mehr zum Fleiße anſpornten, als alle Schläge, Fußtritte, Peitſchenhiebe und ſonſtige Qualen, welche vordem hier geübt wurden. Die Pflanzung kam Oberſt Jack. II. 18 274 S⸗ deßwegen in einen Ruf, und mehrere andere Plantagen⸗ beſitzer ahmten das Beiſpiel nach, obſchon ich nicht ſagen kann, daß ſie ſich des gleichen Erfolges erfreuten, was wohl daher rühren mag, daß man ſich nicht genug Mühe mit den Negern gab und nicht in der rechten Weiſe auf ihre Leidenſchaften einwirkte. Es ſcheint, daß die Neger eben ſo richtig urtheilen als die andern Leute; und nur dadurch, daß man auf ihren Verſtand wirkt, läßt ſich etwas bei ihnen ausrichten. Wie dem übrigens auch ſein mag, jedenfalls erlitt das Sklavenbehandlungsſyſtem eine Aenderung, und bis auf den heutigen Tag iſt man hier weniger grauſam gegen die Neger, als dieß in Barbados und Jamaika der Fall iſt. Auch iſt es eine Thatſache, daß die Neger in jener Colonie lange nicht ſo unbändig ſind und auch nicht ſo oft entlaufen oder Meutereien gegen ihre Herren anzetteln, als man von den letzteren hört. Ich verblieb noch ungefähr fünf oder ſechs Jahre in meiner Stellung, ohne in dieſer ganzen Zeit einen Neger peitſchen zu müſſen— einen oder den anderen unglücklichen Knaben ausgenommen, wobei es ſich übrigens nur um Kleinigkeiten handelte. Allerdings hatten wir auch einige bösartige und unlenkſame Neger; wenn aber ein ſolcher etwas verbrach, ſo wurde er das erſtemal auf die oben beſchriebene Art begnadigt und das zweitemal aus der Pflanzung geſchafft. Gewöhnlich ängſtigte ſie aber die Furcht, 275 S⸗ anderswo hin verkauft zu werden, weit mehr, als wenn ihnen die Peitſche drohte; denn ſie waren dann nicht nur traurig und ſchwermüthig, ſondern ſuchten auch ihr Ver⸗ gehen durch einen Fleiß wieder gut zu machen, der durch die grauſamſten Quälereien nicht bewirkt worden wäre. Der Grund lag auch nahe genug; denn in unſerer Pflanzung wurden ſie wie Menſchen gehalten, während man ſie in anderen wie Hunde behandelte. 1 Mein Herr fand ſein ganzes Leben über nie Anlaß, dieſen geſegneten Wechſel, wie er ihn nannte, zu bereuen. Die Freude, an ſeinen Negern Dank zu erleben, ließ ihn jedoch nicht vergeſſen, die gleichen Grundſätze gegen die⸗ jenigen, welche ihm dienten, zu üben und für ſie Sorge zu tragen, was er beſonders an mir bewies. Sein erſtes Geſchäft, nachdem er mir meine Freiheit gegeben, beſtand darin, daß er mir eine Bürgergabe auswirkte, nämlich eine Strecke Landes, auf der ich ſelber eine Pflanzung an⸗ legen konnte. Er theilte mir dieß nicht mit, und erſt ſpäter erfuhr ich, daß er über dreihundert Acker Landes in meinem Namen gekauft hatte, und zwar an einem ſo gelegenen Orte, wie mir anderen Falls wohl keiner überlaſſen worden wäre. Er erwirkte dieß durch ſeinen Einfluß bei dem Gouverneur; und es traf ſich dabei, daß mein Gut zwar nicht an ſeine eigenen Pflanzungen grenzte, aber doch ganz in der Nähe derſelben war. Als ich ihm dafür meinen Dank abſtattete, ſagte er 18* 2 276 S⸗⸗ mir unumwunden, daß ich ihm durchaus nicht dafür ver⸗ pflichtet ſei; denn er habe es nur aus dem einfachen Grunde gethan, daß ich ſeine Angelegenheiten nicht über den meinigen vernachläßige; er wolle mir deßhalb auch die Kaufſumme nicht in Rechnung bringen, die allerdings nach den landes⸗ üblichen Preiſen eines unbebauten Grundes nicht ſehr groß ſein und den Betrag von dreißig oder vierzig Pfunden nicht überſteigen mochte. Jedenfalls aber durfte ich die Großmuth recht hoch an⸗ ſchlagen, daß er mir meine Freiheit gab, dieſes Geld für mich vorſchoß, mir zu dem Beſitz einer Pflanzung verhalf und mir für die Beaufſichtigung einer ſeiner eigenen Plan⸗ tagen einen Jahresgehalt von dreißig Pfund auszahlte. „Aber, Oberſt,“ ſagte er zu mir,„dieſe Pflanzung iſt Euch von keinem Nutzen, wenn ich Euch zur Emporbringung derſelben keinen Beiſtand leiſte. Ich will Euch daher für alles Nöthige einen Credit eröffnen: für Werkzeuge, Mund⸗ vorrath, für die Sklaven und für Euch ſelber; für Bau⸗ material, ſonſtige Bedürfniſſe, Einkäufe von Schweinen, Kühen, Pferden u. dgl. Ihr könnt es mir dann von der Ladung bezahlen, die für das Geld Eures Wachſals von London anlangen wird.“ Dieß war ein ſehr freundliches und verbindliches Aner⸗ bieten, wie es ſich insbeſondere ſpäter erſt herausſtellte. Er überließ mir von ſeinen Sklaven zwei Zimmerleute; denn ſolche Handwerker ſind in einem Lande, wo faſt alles aus 277 S Holz gebaut wird, unentbehrlich. Dieſe bauten mir in weniger als drei Wochen ein kleines hölzernes Haus mit drei Gemächern, einer Küche, einem Nebengebäude und zwei großen Schuppen, die etwas von dem Gebäude ab⸗ lagen, nebſt Ställen an dem Ende derſelben. Und ſo war ich nunmehr im Beſitze eines Grundeigenthums, nachdem ich es allmählig von einem Taſchendieb und einem arm⸗ ſeligen, geraubten virginiſchen Sklaven— denn Maryland heißt auswärts Virginien— zu einem Sklavenvogt und endlich zu einem Plantagenbeſitzer gebracht hatte. Man hält gewöhnlich Deportirte und nach dieſen Gegen⸗ den verlockte Leute für höchſt unglücklich und elend; aber wenn ſie ſich gut halten, ſo kann ſelbſt der ärmſte und gröbſte Verbrecher, der je über den Ocean geführt wurde, nach geendigter Dienſtbarkeit es mit der Zeit zu einer ſchunen Pflanzung bringen. Angenommen, es ſei Einer für fünf oder ſieben Jahre deportirt und habe in den ungünſtigſten Verhältniſſen des Sklavenlebens dieſe Zeit durchgemacht: ſtellt ihm nun ſein Herr ein Zeugniß aus, daß er treu gedient hat, ſo iſt es landesüblich, daß man ihm fünfzig Acker Landes anweist, auf denen er ſeine Pflanzung beginnen kann. Der Eine gibt oder leiht ihm ein Pferd, der Andere eine Kuh und etliche Schweine als Grundſtock, wofür er eine Zeitlang jährliche Zinſen oder Zahlungen abträgt. Solche Anfänger erhalten dann auch Credit für Werk⸗ 2 278 E& zeuge, Kleider, Eiſengeſchirr und andere Dinge, die man für die Pflanzung braucht; und die Gläubiger laſſen ſich von dem Ertrag der nächſten Tabacksernte zahlen. So kann denn der Schuldner die Zahlung nicht umgehen, und da der Taback ſowohl eine Münze als eine Waare iſt, ſo wird alles nach einer gewiſſen Quantität dieſes Artikels, deſſen Preis einer ſicheren Beſtimmung unterliegt, berechnet. Hat nun ein ſolcher nackter Pflanzer für ſeinen Anfang Credit, ſo geht er unmittelbar ans Werk und baut Taback; auf dieſe Art haben einige der Vermöglichſten in Virginien ſich emporgeſchwungen. Mancher von ihnen, der früher keinen Hut und keinen Schuh beſaß, erfreut ſich jetzt eines Vermögens von vierzig⸗ oder fünfzigtauſend Pfunden; und einem fleißigen Manne kann es auf dieſem Weg nicht miß⸗ glücken, ſobald ſeine Geſundheit nur der Arbeit gewachſen iſt, und er das Seinige zu Rath hält; denn jedes Jahr kommt ein kleiner Zuwachs, womit er ſeinen Grund und Boden erweitert und mehr Taback pflanzt. Allmählig er⸗ ringt er ein Vermögen, kauft ſich ſodann Neger und andere Sklaven und braucht dann nicht mehr zu arbeiten. Mit Einem Worte, jeder Zögling von Newgate, jeder Auswürfling der Geſellſchaft hat hier eine ſchöne Gelegen⸗ heit, eine neue Laufbahn zu beginnen, auf der er verſichert ſein darf, ſich auf die ehrlichſte Weiſe fortzubringen und ſich eine Achtung zu gewinnen, welche durch nichts aus der Ver⸗ gangenheit beeinträchtigt wird. Unzählige Menſchen haben ————— —— E 8u— —, au—— 8nu 2 279& ſich ſo aus den niedrigſten Verhältniſſen emporgeſchwungen; namentlich gilt dieß von ſolchen, die früher die Zellen von Newgate bewohnten. Kehren wir indeß zu unſerer Geſchichte zurück. Ich war nunmehr ein Pflanzer unter dem ermuthigenden Schutze meines Wohlthäters; denn damit ich durch meine neue Pflanzung nicht ganz in Anſpruch genommen würde, ſchenkte er mir ohne weiteres meinen dankbaren Neger Mouchat. Er ſagte mir, er ſei dieß der Liebe ſchuldig, die der arme Burſche ſtets zu mir gehegt hatte, und derſelbe beharrte auch darin bis an ſein Ende; denn da er ſich einmal für mich hatte hängen laſſen wollen, ſo that er nunmehr alles, was er für mich verrichtete, mit dem größten Vergnügen. Als er hörte, daß er jetzt mir angehören ſollte, gerieth er ſo außer ſich vor Freude, daß die Leute in der Pflanzung wirklich meinten, der arme Burſche ſei völlig überſchnappt. Mein Herr ſchickte mir außerdem noch zwei weitere Sklaven, einen Mann und ein Weib, die er mir jedoch auf Rechnung ſchrieb. Mouchat und dieſe beiden begannen ſo⸗ gleich mein Geſchäft und bearbeiteten zuvörderſt zwei Acker Landes, die bereits ziemlich von Bäumen entblößt waren, da die beiden Zimmerleute, welche mir mein Haus oder vielmehr meine Hütte bauten, ſchon tüchtig aufgeräumt hatten. Die Arbeiten auf dieſen beiden Stücken Feldes gingen raſch vorwärts, und ich bepflanzte den größten Theil davon mit Taback; das übrige mußte ich zu dem Anbau von Lebens⸗ mitteln, als Kartoffeln, Möhren, Kohl, Erbſen, Bohnen u. dgl. verwenden. Die Güte meines Herrn, der mir allenthalben an die Hand ging, kam mir ſehr zu ſtatten; denn bereits in dem erſten Jahre meiner ſelbſtſtändigen Wirkſamkeit traf mich ein ſchwerer Schlag. Auf eine beglaubigte Abſchrift meines Wechſels, die ich nach London geſandt hatte, zahlte mein gütiger Freund, der Zollhausherr, das Geld aus, worauf — der Londoner Kaufmann, nach Anweiſung meines guten Herrn, engliſche Güter für mich einkaufte, deren Ertrag mich auf einmal zu einem Mann gemacht hätte. Aber zu meinem unausſprechlichen Schrecken ging das Schiff gerade 3 bei ſeiner Einfahrt in die Vorgebirge, das heißt, in die Mündung der Cheſapeackbai, zu Grunde. Einige der Waaren wurden zwar gerettet, aber dabei ſo verderbt, daß nur die Nägel, die Werkzeuge und überhaupt das Eiſen⸗ geräthe brauchbar blieb. Als ich die erſte Nachricht davon erhielt, war ich vor Betrübniß ganz außer mir; denn ich wußte, daß ich mit zu großen Summen in dem Schuldbuche meines Herrn und Gönners ſtand, um vor dem Abfluß mehrerer Jahre an die Tilgung meiner Verbindlichkeiten denken zu können. Er brachte mir ſelbſt die ſchlimme Botſchaft, und als er meine Verwirrung und Beſtürzung bemerkte, ſprach er mir freund⸗ lich zu. 281 So⸗⸗ „Pah,“ ſagte er zu mir;„Ihr müßt nicht gleich muthlos werden. Der Schaden läßt ſich wohl wieder gut machen.“ „Unmöglich, Herr,“ erwiederte ich;„denn es iſt mein Alles, und ich werde nie aus Eurer Schuld kommen.“ „Was iſts dann?“ erwiederte er.„Ihr habt keinen Gläubiger außer mir, und es ſteht wohl noch in meinem Gedächtniß, daß ich Euch einmal geſagt habe, ich wolle einen Mann aus Euch machen. Eure Hoffnungen ſollen wegen dieſes Unfalls nicht getäuſcht werden.“ Ich dankte ihm, und zwar noch wärmer als ſonſt, weil ich mich jetzt ärmer fühlte, als je. Aber mein Herr hielt Wort; denn er verhalf mir zu allem, was ich bedurfte; und da mir mehr Eiſengeräthe aus dem Schiffe gerettet worden, als ich nöthig hatte, ſo trat ich ihm einen Theil deſſelben ab, den er gegen Leinwand, Kleider und andere Bedürfniſſe austauſchte. Mein Anweſen war ſichtlich im Zunehmen begriffen; denn ich hatte nunmehr einen ziemlichen Strich Landes ab⸗ geholzt und eine ſehr ſchöne Tabacksernte zu hoffen; auch hatte ich mir weitere drei Dienſtleute und einen Neger angeſchafft, ſo daß ich nunmehr fünf weiße und zwei ſchwarze Sklaven beſaß, unter deren Thätigkeit meine Angelegenheiten ganz gut von ſtatten gingen. Im erſten Jahre ließ ich mir meinen aus dreißig Pfund beſtehenden Gehalt noch ausbezahlen, da ich deſſen ſehr be⸗ nöthigt war; im zweiten und dritten Jahr war ich jedoch 282 So⸗ feſt entſchloſſen, ihn unter keinen Umſtänden anzunehmen, ſondern in den Händen meines Wohlthäters zu laſſen, um meine Schuld abzutragen. Um dieſe Zeit regten ſich gewiſſe Gedanken und Ge⸗ fühle, die ich dem Leſer nicht verbergen darf, immer mäch⸗ tiger in meiner Seele. Ich hatte nun reinere Begriffe von Rechtſchaffenheit und Ehrlichkeit, und ein Rückblick auf mein früheres Leben erfüllte mich mit einem geheimen Entſetzen. Jene urſprüngliche dunkle Ahnung, die mich früher trotz meiner heilloſen Erziehung von manchen Niederträchtigkeiten abgehalten und mir ſchon als Knabe den Wunſch, mich wie ein Gentleman zu benehmen, eingeflößt hatte, wirkte nun auf eine Art fort, die ich nicht zu beſchreiben im Stande bin. Ich erinnerte mich beſtändig der Worte des alten Glashüttenbeſitzers, als er dem Herrn das Fluchen verwies, daß nämlich Gentleman mit Ehrenmann gleichbedeutend ſey, und daß Mangel an Ehrlichkeit den Gentleman aller Rechte ſeiner Geburt beraube und ihn ſogar unter den Bettler ſtelle, wenn dieſer ſein Gewiſſen rein halte. Solche Grundſätze gewannen nun unter den gegenwärtigen Verhältniſſen in meinem Gemüthe immermehr die Oberhand, und die Be⸗ folgung derſelben erfüllte mich mit einer Seelenruhe, die ich nicht auszuſprechen vermag. Es gewährte mir eine un⸗ beſchreibliche Freude, daß ich jetzt nicht nur ein Mann, ſon⸗ dern auch ein ehrlicher Mann war, und der Gedanke, aus dem Vagabunden⸗ und Diebsleben meiner Jugend geriſſen 2 283& worden zu ſein, ſei es auch nur, um in die Verhältniſſe eines armſeligen, nach Virginien verkauften Sklaven einzu⸗ treten, wurde mir zur Quelle eines inneren Glückes. Ich wußte die traurige Lage eines Sklaven wohl zu würdigen, weil ich ſelber dieſe Schule durchgemacht hatte, und kannte ſie daher als einen Zuſtand der Mühen und Drangſalen. Aber was war dieß gegen meinen früheren, deſſen bloße Rückerinnerung mich oft mit Höllenqualen gegeißelt und das Blut in meinen Adern erſtarren gemacht hatte? Solche Rückblicke erfüllten meine Seele mit Entſetzen, ſo daß ich früher auch körperlich darunter gelitten hatte und Anfällen von Nervenſtörungen ausgeſetzt geweſen war, die mich ſehr beunruhigt hatten. Wie glücklich aber fühlte ich mich, wenn ich nunmehr meine veränderte Lage betrachtete und ſah, daß ich jetzt von meiner Hände Arbeit leben konnte und nicht mehr in die Nothwendigkeit verſetzt war, ein Spitzbube zu ſein und mir meinen Unterhalt mit Lebensgefahr und unter der Wahr⸗ ſcheinlichkeit, ehrliche Familien zu Grunde zu richten, zu erwerben! Dieſer Gedanke bereitete mir unausſprechliche Wonne, um ſo mehr, da ich ein derartiges glückliches Ge⸗ fühl zuvor nie gekannt hatte. Ich kann nicht ſagen, daß ich dabei von ernſteren reli⸗ giöſen Betrachtungen geleitet wurde, da jene Gedanken und Gefühle faſt in bloßen Vernunftſchlüſſen und in dem Um⸗ ſtande ihren Grund hatten, daß ich jetzt mehr als früher im Stande war, die Zuſtände richtig zu beurtheilen. Dem⸗ ungeachtet aber hatte ich einen ſolchen Abſcheu vor dem ver⸗ ruchten Leben, welches ich früher geführt, daß ich eine innere Beruhigung und ſogar Freude über das Unglück empfand, welches jenes Schiff betroffen hatte; denn wenn es auch ein Verluſt war, ſo war es doch nur der Verluſt ſchlecht er⸗ worbenen Gutes, welches ich nicht als mein Eigenthum betrachten konnte. Wenn ich es dem beigemiſcht hätte, was ich mir redlich erworben, und was mir der Himmel geſchickt hatte, um mein Glück zu gründen,— konnte es da nicht zur Flamme, zum Roſte werden, um das gerecht errungene Gut zu freſſen? Zu gleicher Zeit ſagte mir auch mein Inneres, daß zwar der Grund zu einem neuen Leben gelegt, das Gebäude ſelbſt aber noch nicht aufgeführt ſei, und daß ich wohl noch für größere Dinge beſtimmt ſein dürfte. Doch beſchloß ich, in jedem Falle Rechtſchaffenheit und Ehrlichkeit zur Richt⸗ ſchnur meines künftigen Lebens zu machen und ruhig zu warten, was für Roſen oder Dornen die Zeit mir bringen würde. Vierzehntes Kapitel. Ich lege mich auf gelehrte Studien.— Tod meines Wohlthäters.— Bewegungen in meinem inneren Leben.— Sehnſucht nach Europa. Solche Gedanken fanden in dem Umſtand, daß ich in Schottland leſen und ſchreiben gelernt hatte, kräftige Unter⸗ ſtützung. Ich fing an, die Bücher zu lieben, und fand auch Gelegenheit, manche ſehr gute und lehrreiche zum Leſen zu bekommen, z. B. Livius Römergeſchichte, die Geſchichte des türkiſchen Reichs, Speeds Geſchichte von England, die Ge⸗ ſchichte der niederländiſchen Kriege, das Leben des Schwe⸗ denkönigs Guſtav Adolph und die Geſchichte der Eroberung Mexiko's durch die Spanier nebſt mehreren anderen, die ich zum Theil aus der Verlaſſenſchaft eines erſt kürzlich ver⸗ ſtorbenen Pflanzers, deſſen Güter verkauft wurden, an mich brachte, zum Theil aber auch borgte. 2 Ich betrachtete meine gegenwärtige Lebensſtufe als die des Jünglingsalters; denn obſchon ich jetzt über dreißig Jahre alt war, ſo hatte ich doch in meiner Jugend nichts gelernt, und wenn es meine täglichen Geſchäfte erlaubt 286 So⸗ hätten, die jetzt allerdings ſehr umfangreich waren, ſo würde ich mich gern dazu verſtanden haben, mit den Kindern die Schule zu beſuchen. Mein Geſchick hatte mir jedoch in dieſer Hinſicht einen andern Weg vorbehalten, indem es mir einen gut geſchulten Burſchen, der wegen eines in Briſtol began⸗ genen Diebſtahls deportirt worden, als Sklaven in die Hände ſpielte. Er hatte, wie er zugab, ein lockeres Leben geführt und in den daraus erwachſenen Verlegenheiten ſeine Zuflucht zu der Heerſtraße genommen— ein Ausweg, der ihn im Betretungsfalle an den Galgen geliefert haben würde. Aus Mangel an Gelegenheit zu größeren Verbrechen begnügte er ſich jedoch hin und wieder auch mit geringeren Spitzbübereien, deren eine ihn in die Hände des Gerichts lieferte, welches ihn dafür zur Deportation verurtheilte. Der Burſche meinte, froh ſein zu dürfen, daß er ſo gut davon gekommen wäre. Er war in alten Sprachen gut bewandert, und da ich dieß bemerkte, ſo fragte ich ihn eines Tags, ob er mir nicht eine Methode wiſſe, wie ich die lateiniſche Sprache erlernen könnte? Er antwortete lächelnd, er könnte ſie mir in drei Monaten beibringen, wenn ich ihm Bücher verſchaffen wollte oder ſogar auch ohne Bücher, wenn er die nöthige Zeit dazu hätte. Ich ſagte ihm, ein Buch würde ſeiner Hand beſſer anſtehen, als eine Haue, und wenn er mir verſprechen könne, mich im Lateiniſchen nur ſo weit zu bringen, um es leſen und mittelſt deſſelben auch andere Sprachen verſtehen lernen zu können, ſo würde ich ihn der Arbeit überheben, die ich ihm 5 287 So jetzt zumuthen müſſe, beſonders wenn ich verſichert ſein dürfe, daß er ſich der Gunſt eines gütigen Herrn würdig machen wolle. Er verſprach alles Gute, und ſo ging ich denn unter ſeiner Anleitung munter ans Werk. Da ich nun fünf Diener beſaß, ſo hatte meine Pflanzung einen zwar langſamen, aber ſicheren Fortgang und wuchs, wenn auch nicht mit raſchen Schritten, doch allmählig an; denn im dritten Jahre kaufte ich, von meinem alten Wohl⸗ thäter unterſtützt, zwei weitere Neger, ſo daß ich nun ſieben Arbeiter hatte; und da ich Land genug angebaut, um ſie gehörig ernähren zu können, ſo ſiel es mir nicht ſchwer, ſie zu unterhalten. Ich begann jetzt, meine Pflanzung zu er⸗ weitern, und weil ich keine Ausgaben für meine eigene Perſon hatte, ſondern von meinem alten Herrn unter⸗ halten wurde, wobei ich außerdem noch dreißig Pfund jährlichen Gehalts bezog, ſo vermehrten ſich meine Einkünſte allmählig. In dieſer Weiſe verlebte ich gegen zwölf Jahre und war ſehr glücklich mit meiner Pflanzung. Ich hatte durch Verwendung meines Herrn, den ich jetzt meinen Freund nannte, einen Correſpondenten in London gewonnen, mit welchem ich Handel trieb; dieſem ſchickte ich meinen Taback und tauſchte dagegen europäiſche Waaren ein, ſo viel ich für meine Pflanzung bedurfte, und wohl auch mehr, die ich an andere verkaufte. Um dieſe Zeit ſtarb mein guter Freund und Wohlthäter, 9 288 So⸗ und ich war untröſtlich über dieſen Verluſt, der mir in der That ein unerſetzlicher war. Er hatte Vaterſtelle an mir vertreten, und ohne ihn war ich ein verlaſſener Fremdling; denn obgleich ich das Land und den Handel jetzt gut genug kannte und eine Zeit lang das ganze Geſchäft für ihn geführt hatte, ſo war es mir doch, als ſtände ich ganz allein. Mein Rathgeber und meine Hauptſtütze war dahin, und ich hatte Niemanden mehr, dem ich alles anvertrauen konnte. Ich war übrigens jetzt in Verhältniſſen, wo mir meine Vereinzelung weniger ſchwer fiel, als früher; denn ich hatte eine ſehr große Pflanzung und nahe an ſiebzig Neger und andere Diener. Kurz, ich war in Ver⸗ gleichung mit dem, was ich früher mein Eigenthum nen⸗ nen konnte, reich geworden und konnte im eigentlichſten Sinne von mir ſagen, ich hätte mit nichts angefangen— das heißt, ohne Geldmittel; obgleich ich die Freundſchaft und Unterſtützung eines ſolchen Mannes für meinen Beginn nicht hoch genug anſchlagen und im Beſitze derſelben eige⸗ nes Vermögen recht gut entbehren konnte. Was hätten auch fünfhundert Pfund beſagen wollen, wenn ich mich der Unterſtützung und des Raths meines Gönners nicht zu erfreuen gehabt hätte? Meine Lage wäre dadurch nicht beſſer geworden; denn er gab mir das Verſprechen, welches er auch treulich hielt, einen Mann aus mir zu machen; und ich darf wohl auch ſagen, daß ich es verdiente; denn ich brachte eine ſolche Ordnung in ſeine Pflanzung und in 289 S die Behandlung ſeiner Sklaven, daß er das, was ich für ihn that, mit fünfhundert Pfund nicht für zu theuer gehalten haben würde. Sein Geſchäft war durchaus in Ordnung; der Fortgang deſſelben entſprach allen ſeinen Wünſchen; alles war im beſten Gang; ſeine Diener lobten ihn, die Neger ſowohl, als ſeine übrigen Untergebenen; und doch wußte man nichts von ſtrengen Strafen und grauſamer Behandlung. Auf meiner eigenen Pflanzung fand das Gleiche ſtatt. Ich hatte mir die Herzen meiner Neger ſo ſehr gewonnen, daß ſie mir mit Luſt und dem zu Folge auch mit Treue und Fleiß dienten, während auf der benachbarten Pflanzung kaum eine Woche ohne das furchtbare Schmerz⸗ und Angſt⸗ geſchrei der Sklaven verging, die ſich unter der Geißel eines unmenſchlichen Sklavenvogts krümmten oder ſich vor der⸗ ſelben fürchteten, ſo daß die dortigen Neger im Geſpräche mit den unſrigen oft den Wunſch äußerten, zu ſterben und heim zu gehen; denn ſie glaubten, daß ſie nach dem Tode in ihr Vaterland zurückkehren würden. Wenn ich einen unlenkſamen, verſtockten Menſchen bekam, wie dieß zuweilen unvermeidlich war, ſo behielt ich ihn nicht, ſondern verkaufte ihn; denn ich wollte keinen in meiner Pflanzung haben, der einer gütigen Behandlung nicht zugänglich war. Ich bekam jedoch ſelten ganz wider⸗ ſpenſtige Menſchen; denn da ich liebreich und vernünftig mit ihnen ſprach, ſo neigte ſich der rauheſte Charakter zur Oberſt Jack. II. 19 290& Sanftmuth und Milde. Die Rückſicht auf ihr eigenes In⸗ tereſſe mußte dieſe Sinnesänderung früher oder ſpäter in ihnen bewirken; und wo dieß nicht der Fall war, fand ein ſolcher Charakter bei den übrigen Sklaven eine Oppoſition, welche ihn eben ſo wirkſam zur Vernunft brachte, als irgend ein anderes Mittel. Wenn man ſich die Mühe nimmt, einen Mann, der bei den Uebrigen im Anſehen ſteht, durch eine geeignete Behandlung zu einem lenkſamen, willfährigen und dankbaren Menſchen umzuwandeln, ſo wird man bald finden, daß die anderen weit leichter, als man wohl denken mag, ſich nach ſeinem Beiſpiele bilden. Ich war jetzt ein Pflanzer und zugleich ein Schüler. Mein Lehrer, von dem ich oben geſprochen, war ſehr ſorg⸗ fältig und erwies ſich in der That als einen ausgezeichneten Mann. Er legte in ſeinem Unterricht nicht nur Fleiß, ſon⸗ dern auch eine bewunderungswürdige Urtheilskraft an den Tag; denn ich habe es ſeit der Zeit an vielen Beiſpielen geſehen, daß nicht jeder Gelehrte auch zum Lehrer taugt, und daß die Kunſt zu lehren etwas ganz anderes iſt, als die Kenntniß der Sache, welche gelehrt wird. Aber dieſer Mann beſaß beides und war mir, wie der Erfolg lehrte, von großem Nutzen. Ich hatte daher alle Urſache, ihn ſo liebreich zu behandeln, wie es ſeine Ver⸗ hältniſſe nur immer geſtatteten. Einmal erlaubte ich mir übrigens, ihn zu fragen, wie es doch gekommen ſey, daß er trotz der guten Erziehung, die er genoſſen, und die ihm 5 291 S⸗ ſo manche Vortheile für ſein Fortkommen geboten, in die traurigen Umſtände habe verſetzt werden können, in denen er ſich bei ſeiner Ankunſt befunden? Ich leitete dieſe Frage, deren Beantwortung ihm nicht ſonderlich angenehm ſeyn konnte, nur behutſam ein, indem ich ihm bedeutete, daß ich es durchaus nicht übel nehmen würde, wenn er auf eine ſolche Auskunftsertheilung nicht einzugehen geneigt ſein ſollte; denn gegen einen Mann in ſo traurigen Verhältniſſen muß man Schonung beobachten und ihn nicht über Dinge aus⸗ fragen, die ihn ſchmerzlich berühren könnten, und die er lie⸗ ber geheim halten möchte. Er ſagte mir aber, es ſei allerdings wahr, daß ein Rückblick auf ſein vergangenes Leben wirklich nur ein„reno- vare dolorem“ ſey; allein ſolche ſchmerzliche Gefühle ſeien ihm jetzt heilſam, um ihn in ſeiner Bekehrung zu beſtärken, welche, wie er hoffe, aufrichtig bei ihm begonnen habe; und ob er gleich auf die vergeudete Zeit und die ſchlecht angewendeten Gaben, mit denen ihn ein gütiger Schöpfer geſegnet, und die er ihm zu ſeiner Beſſerung erhalten habe, mit Entſetzen zurückblicke, ſo fühle er doch, er müſſe, da er ſich ſo ſchwer mit Schuld belaſtet, auch die Schande willig auf ſich nehmen, die Gott ihm zugewieſen habe. Er glaube jetzt voll Zuverſicht auf Gottes Gnade, daß dieſe Heimſuchung geſchehen ſei, um ihn vor der Welt zu Schanden zu machen; denn wäre nach Gerechtigkeit mit ihm verfahren worden, ſo wäre er als ein Verzweifelnder in die Ewigkeit und nicht 19* 292 S⸗⸗ nach Virginien geſchickt worden„ um das ruchloſeſte Leben zu bereuen, welches je ein Menſch geführt habe.— Er hätte noch mehr geſagt, aber ſeine Sprache wurde durch einen furchtbaren inneren Kampf zwiſchen ſeinem Schmerz und ſeinen Thränen erſtickt. Ich ſprach nicht weiter von der Sache und ſagte ihm nur noch, es thue mir leid, ihn über dieſen Gegenſtand befragt zu haben; er möchte es übrigens meiner Neugierde zu gut halten; denn wenn ich bemerke, daß Unwiſſende und Ungebildete in Elend und Schmach verſetzt würden ſo früge ich nicht nach ihren Verhältniſſen; aber wenn ich Männer von Talent und Bildung auf ſolche Wege gerathen ſähe, ſo ſchlöße ich daraus, ihr Unglück müſſe ſeinen Grund in irgend einer ungeheuren Schuld haben. „Eben ſo ſprach der Richter,“ ſagte er,„als ich ihn in lateiniſcher Sprache um Gnade bat; er ſagte zu mir: „Wenn ein Mann, der mit ſolchen Kenntniſſen ausgeſtattet iſt, in derartige Verbrechen verfällt, ſo iſt er weniger zu entſchuldigen als andere; denn da ihn ſeine Kenntniſſe empfahlen, ſo konnte es ihm nicht an Mitteln zum Fort⸗ kommen mangeln, und er hatte weniger Verſuchung zum Verbrechen.“ „Aber ich glaube, Herr,« fuhr er fort,„ich glaube, mein Fall war derſelbe, in welchem, wie ich finde, die mei⸗ ſten Verbrecher in der Welt find; es bewahrheitete ſich — 293 ⸗ nämlich der Spruch an mir:„Die Noth iſt die Mutter des Laſters.“ Ich fühlte die Wahrheit deſſen, was er ſagte, im Be⸗ wußtſein meiner eigenen Verhältniſſe ſo tief, daß ich nicht weiter über den Gegenſtand reden mochte; aber er ſprach unaufgefordert weiter. „Die Lage,“ ſagte er,„in der ich mich gegenwärtig be⸗ finde, kommt mir ungemein glücklich vor in Vergleich mit dem Leben, welches ich früher geführt habe, obgleich ich damals mein eigener Herr war und jetzt ein Sklave bin; denn ich bin von der fürchterlichen Nothwendigkeit erlöst, Schlechtigkeiten, welche damals mein größtes Unglück wa⸗ ren, ſogar um der täglichen Nothdurft willen zu verüben, und ſehe mich nicht mehr gezwungen, mein Brod andern mit Gewalt und Sünde vor dem Munde wegzurauben. Um wie vieles iſt doch das Leben ſelbſt des elendeſten Sklaven in Virginien dem des glücklichſten Diebes in der ganzen Welt vorzuziehen!“ Dieſe und ähnliche Aeußerungen des Mannes trafen meine innerſte Seele; denn ich war ebenſowohl ein Sünder geweſen, wie er, wiewohl nicht ganz in demſelben Grade, und die Erinnerung an mein früheres Leben erregte ſtets ein tiefes Grauen in mir, obgleich ich die wahre Buße da⸗ mals noch nicht kannte. „Ihr äußert Reue über Euer früheres Leben,“ ſagte 2 294 S ich,„und ich hoffe, ſie iſt aufrichtig; aber wie würde es aus⸗ ſehen, wenn Ihr aus dem Zuſtande eines um Geld erkauf⸗ ten Sklaven, in welchem Ihr Euch jetzt befindet, erlöst würdet? Glaubt Ihr, Ihr würdet nicht wieder der gleiche Menſch werden, der Ihr waret?“ „Ich verſichere Euch, Herr,“ antwortete er,„wenn ich dieß glauben könnte, ſo würde ich von Herzen beten, ich möchte nie daraus erlöst werden und lieber mein Leben lang ein Sklave ſein, als ein muthwilliger Sünder.“ „Gut,“ ſagte ich;„aber denkt Euch den Fall, Ihr be⸗ fändet Euch in der gleichen Noth und wäret wieder dem Hungertode preisgegeben— würdet Ihr nicht wieder den gleichen Weg einſchlagen?“ Er erwiederte mit großem Nachdruck:„Wir erſehen hieraus nur, wie ſehr es uns Noth thut, zu beten, wie es im Gebet des Herrn heißt:„Führe uns nicht in Verſuchung;“ und wie Salomo oder Hagar betete:„Gib mir nicht Ar⸗ muth, auf daß ich nicht ſtehle.“ Ich würde unabläßig zu Gott beten, er möchte mich in keine zu ſchweren Verſuchun⸗ gen fallen laſſen. Ich hege zwar die Hoffnung, daß ich lieber Hungers ſterben würde als ſtehlen; doch bete ich auch, der Herr möchte mich vor der Gefahr bewahren, weil ich das Maaß meiner Kraft nicht kenne.“ Dieß war in der That gut geſprochen, und in allen ſeinen Reden lagen ſo ſichtbare Zeichen von Aufrichtigkeit, N ¶ꝗ— wW ——— 295& daß ich keinen Argwohn gegen ihn hegen konnte. Bei einem unſerer Geſpräche über dieſen Gegenſtand zog er ein kleines ſchmutziges Taſchenbuch hervor, in das er ein Gebet in Verſen geſchrieben hatte, in welches wohl wenige Chriſten in der Welt einſtimmen dürften; und ich kann nicht umhin, es hier vorzulegen, weil ich noch nie ein ähnliches in mei⸗ nem Leben geleſen habe. Es lautete, wie folgt: „Herr! welche Martern meine Bruſt durchſchneiden, Gib keine Ruh' mir, bis die Sünden ſcheiden; So ſchwer mein Stand, ſo bitter meine Schmerzen, Die Sünde nimm, die Laſt mir nicht vom Herzen. Um Chriſti willen laß mir meine Qualen, Bis meine Sünden ihren Sold bezahlen, Und deine Gnade ihren Thron beſteigt; Und ſchlage meinen Geiſt in deine Ketten, Bis deine Gnadenboten ihn erretten Und er voll Reue ſich im Staube beugt.“ Es ſtanden noch mehr Verſe ähnlichen Inhalts in dem Taſchenbuche; aber dieß war der Anfang, und ſie machten einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß ich ſie ſeitdem nie mehr vergeſſen und wohl tauſendmal wiederholt habe. Nach einem ſo außerordentlichen und rührenden Ge⸗ ſtändniß, wie dieſes war, drang ich, wie man mir aufs Wort glauben wird, nicht weiter in ihn. Es war leicht zu ſehen, daß der Mann wirklich von Herzen bußfertig war und nicht über die Strafe murrte, unter der er litt; denn in ſeinen äußeren Verhältniſſen lag der Grund ſeines Kum⸗ mers nicht, er war vielmehr dankbar dafür. Ihn ſchmerzte 296 E⸗ das ruchloſe Leben, das er geführt, und ſeine Verblendung über ſeinen damaligen Wandel und inneren Zuſtand, worin er verharrt hatte, bis er an ſeinen gegenwärtigen Aufent⸗ haltsort gekommen war. Ich fragte ihn, ob er nach oder vor ſeinem Urtheil keine Betrachtungen der Art angeſtellt habe? Er erwiederte, das Gefängniß ſei ein Ort, welcher den Verbrecher ſelten zur Buße führe, ſondern oft nur noch ſchlechter mache, bis er Gott und dem Teufel zu trotzen gelernt habe. Er ſei zwar auch damals nicht ganz unempfänglich für die Stimme des Gewiſſens geweſen; aber doch nicht in dem Grade, daß er dadurch zu einem ernſten Aufblicke zum Himmel geführt worden wäre. Er habe ſchon, ehe er gefangen geſetzt wor⸗ den ſei, in Augenblicken, wo ihm ein Stillſtand in der Verfolgung ſeiner ruchloſen Pläne Zeit zum Nachdenken gelaſſen, oft einen Blick in ſein Inneres geworfen und über die vergeudete Vergangenheit nachgedacht, wobei er ſich manchmal die Frage vorgelegt habe:„Wohin wandle ich? wohin werden mich all dieſe Dinge am Ende noch führen? Sünde und Schande folgen einander, und ich werde gewiß noch am Galgen enden; dann,“ ſagte er,„ſchlug ich an meine Bruſt und ſprach:„O du Ruchloſer! wann willſt du dich beſſern?« und antwortete mir oft:„Nie wird es geſchehen, nie! außer im Kerker oder unter dem Galgen.“ „Dann konnte ich weinen, ſeufzen und einen Augen⸗ blick reuevoll auf mein ſchlechtes Leben zurückſehen, ob deſſen 22 297 S⸗ Geſchichte ſich die Welt entſetzen würde. Aber ach! ſolche Gedanken erfüllten mich mit ſolchem Schrecken, daß ich ſie nicht ertragen konnte. Dann floh ich zum Wein und zur Geſellſchaft, um mich zu zerſtreuen. Der Wein erhitzte mich, die Geſellſchaft, die ſo ſchlecht war, als ich ſelbſt, verführte mich, und dann war es um meine Betrachtungen geſchehen; ich war wieder derſelbe Verblendete, wie zuvor.“ Er ſagte dieß mit ſo tiefer Bewegung, daß, während er ſprach, ſeine Augen voll Thränen ſtanden. Seine Er⸗ zählung ergriff mich auf eine ſeltſame Weiſe. Ich hörte ihm gern zu, und doch lag dabei eine drückende Laſt auf meinem Herzen, von der ich mir weder erklären konnte, woher ſie kam, noch wohin ſie zielte. Er fuhr fort:„Hierauf fiel ich wegen eines leichteren Vergehens in die Hände der Gerechtigkeit, und ich, der ich hundert Räubereien ſowohl auf der Landſtraße als anderswo, deren Erzählung ein ganzes Buch füllen würde, begangen und überall, wo man mich ſonſt ergriffen hätte, durch zwanzig Zeugniſſe überwieſen und in Ketten aufgehangen worden wäre, ward in der Stille unter einem falſchen Na⸗ men in ein Kreisgefängniß gebracht und vor ein Gericht geſtellt, welches mich unter Berückſichtigung meines Stan⸗ des mit Deportation entließ. Und was meint Ihr wohl,“ fügte er bei,„daß mich am tiefſten ergriffen und die ſegens⸗ reiche Veränderung in mir hervorgebracht hat, welche, wie ich ſagen zu können hoffe, in meiner Seele vorgegangen iſt? 298 So⸗ Weder die Größe meiner Verbrechen, noch das Entſetzen vor der Strafe, ſondern die Gnade Gottes, welche aus dem Urtheilsſpruche, der über mich gefällt wurde, mir ſo ſichtbar entgegenleuchtete. Denn in der That ein wahres Wunder der Gnade war die Deportation für einen Mann, welcher auf ſo mannigfache Weiſe den Galgen verdient hatte und unfehlbar hingerichtet worden wäre, wenn man ſeinen wah⸗ ren Namen erfahren hätte, dieß war der erſte Beweggrund meiner Bekehrung; denn die Errettung von dem Galgen macht gewiß mehr Bußfertige als der Galgen ſelbſt. Frei⸗ lich wird die Seele bei der Ausſicht des Todes von Schauern durchdrungen, und das nennen dann die Leute alsbald Reue, während es in den meiſten Fällen doch nur Herzens⸗ angſt iſt. Das Gefühl der Gnade iſt etwas ganz anderes; dieſes ergreift unſer ganzes Sein und Denken und bewirkt einen aufrichtigen Ahſcheu vor dem Böſen als ſolchem, als einer Beleidigung und ſchnödem Undanke gegen unſeren höch⸗ ſten Wohlthäter, der uns das Leben mit all ſeinen Freuden und Segnungen gegeben hat and uns unaufhörlich durch Wohlthaten zu gewinnen ſucht, während wir unaufhörlich ſeinen Zorn herausfordern. Dieß, Herr, war die Quelle der Sinnesänderung, die mich jetzt ſo ſehr erquickt. Denn ich gebe Euch die Verſicherung, daß ich ſeit meiner Kindheit keinen glücklichen Tag mehr gehabt habe, bis ich in dieſer Gegend landete und auf Eurer Pflanzung arbeitete, nackt und hungrig, müde und ſchwach, in der einen Jahreszeit —2 299 E von der Kälte erſtarrt und in der andern von der Hitze zu Boden gedrückt. Damals begann ich den Unterſchied zwi⸗ ſchen den Beſchwerden des Körpers und den Qualen der Seele kennen zu lernen. Vorher ſchwelgte ich in Hülle und Fülle, und hier marterte ich mich um mein hartes Brod ab; früher wälzte ich mich in Trägheit und Wolluſt, hier arbeitete ich, bis oft die Natur unter der Laſt erlag. Aber es war ein Unterſchied zwiſchen meinem früheren und meinem jetzigen Geſchick: dort hatte ich eine Hölle im Buſen und erwartete jeden Augenblick ein erbärmliches Ende; hier genoß ich einen lieblichen Seelenfrieden, den Wiederſchein und Vorſchmack des Himmels, und betete dankbar und demü⸗ thig die Gnade an, die mich aus dem Rachen des Verder⸗ bens errettet hatte. Dieſe Gedanken verſüßten mir die bit⸗ terſten Stunden, erleichterten mir die Arbeit und erquickten mein Herz. Nie beſtieg ich mein hartes Lager, ohne Gott mit der größten Inbrunſt nicht nur dafür zu danken, daß er mich vom Tode errettet, ſondern auch, daß er den Ver⸗ ſuchungen meines früheren Lebens mich entnommen und mir hier auf dieſer einſamen Pflanzung Gelegenheit zum Nach⸗ denken und zu einer gründlichen Beſſerung gegeben hatte.“ Er ſchloß mit der Bemerkung, daß, wenn es möglich wäre, das Innere des Himmels und der Hölle vor unſern Augen aufzuſchließen, ſo daß wir die Freuden und Herrlich⸗ keiten des erſteren, ſo wie die Schrecken der letzteren deutlich und einzeln ſehen könnten, jener einen weit ſtärkeren Eindruck 300 S⸗ auf uns machen und weit mehr zur Verbeſſerung der Welt beitragen würde als dieſe. Obgleich ich meine früheren Schickſale gegen den jungen Mann nicht berührte, da ich es nicht für nöthig achtete, mich bei ihm bloßzuſtellen, ſo konnte ich doch kaum die Verwir⸗ rung verbergen, in welche mich die eben erwähnten und ähnliche Aeußerungen deſſelben verſetzten, und immer größer wurde die Wirkung, die ſie auf mich hervorbrachten.„Was bin ich für ein Geſchöpf,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„ich, der ich noch nie in meinem ganzen Leben geſagt habe:„Gott, ich danke dir für alles, woraus du mich erlöst, oder für alles, wozu du mich in dieſer Welt gemacht haſt!« Und doch wurde ich ſo wunderbar aus nicht geringeren Gefahren und Unfällen errettet, als er; und wenn dieß alles eine unſichtbare Hand aus Gnaden ſo lenkte, womit habe ich es verdient? Welch ein Leben habe ich geführt? O, daß ich doch das gedankenloſeſte und undankbarſte von allen Ge⸗ ſchöpfen Gottes ſein mußte!“ Dieſe Gedanken wurden immer mächtiger in mir und machten mich ganz ſchwermüthig; denn ich verſtand ſo wenig von der Religion, daß ich, wenn ich auch den Entſchluß faßte, ein neuer Menſch zu werden, nicht wußte, wo ich an⸗ fangen, oder wie ich es angreifen ſollte. Eines Tages hatte mein Lehrer, denn ſo nannte ich ihn immer, die Bibel in der Hand und ſah hinein, wie er dieß gewöhnlich des Tags mehrere Male that, obſchon ich 301 Sc nicht wußte, zu welchem Zweck. Als ich die Bibel ſah, nahm ich ſie ihm aus der Hand und warf einen Blick hinein. Dann ſprach er von der Bibel als einem unver⸗ gleichlichen Buch, und wie er ſie nach Virginien gebracht habe, worauf er ſie nahm und entzückt küßte. „Dieſes ſegensreiche Buch,“ ſagte er,„machte meinen ganzen Schatz aus, den ich von England mitbrachte. Es war mir ein troſtreicher Schatz,“ ſetzte er hinzu,„und ich würde ihn in meinen Leiden um keinen anderen in der Welt vertauſcht haben.“ In dieſer Weiſe ſprach er noch lange fort. Ich, der ich nicht verſtand, was er meinte, nahm ihm das Buch abermals aus der Hand, warf einen Blick hinein und ſchlug gerade Apoſtelgeſchichte 26, 28. auf, wo Agrippa zu Paulus ſagt:„Es fehlt nicht viel, Du über⸗ redeſt mich, daß ich ein Chriſt würde.“ Dieß hätte ich damals auch von mir ſagen können; aber leider hatte es dabei ſein Bewenden. Denn bald darauf verließen mich wieder die ernſten Gedanken, die eine Zeit lang meine be⸗ ſtändigen Begleiter geweſen waren, und ganz andere Gegen⸗ ſtände begannen mich zu beſchäftigen. Durch den Vortrag der Geſchichte erregte nämlich mein Lehrer in mir eine unüberwindliche Luſt, zu ſehen, was in der Welt vorging; und dieß um ſo mehr, weil zu jener Zeit die ganze Welt einen nähern oder entfernteren Antheil an dem großen Kriege nahm, in welchen der franzöſiſche ꝛ% 302 S⸗ König, wie es hieß, mit allen Mächten Europa's verwickelt war. Nun betrachtete ich mich als einen in einem entfern⸗ ten Theile der Welt lebendig Begrabenen, wo ich gar nichts ſah, und von dem, was geſehen wurde, nur wenig erfuhr,— und dieſes Wenige im günſtigſten Falle erſt ein halbes oder ein ganzes Jahr, nachdem es geſchehen war. Kurz, mein bisheriges Leben gefiel mir nicht mehr, und ich dachte immer ernſtlicher an einen Wechſel. Ich hatte jetzt eine zweite Pflanzung, und zwar eine ſehr bedeutende, die gleichfalls einen vortrefflichen Fortgang nahm. Ich hatte bereits beinahe hundert Diener verſchie⸗ dener Art und einen Aufſeher, auf den ich mich in allem verlaſſen konnte, und ohne eine dritte erſt neu angelegte Pflanzung, die noch im Werden war, konnte ich ungehindert hingehen, wohin es mir beliebte. Um durch die letztere in meinen Planen nicht gehindert zu werden, betrieb ich jetzt den Anbau derſelben aufs eifrigſte, um ſie in einen ordent⸗ lichen Stand zu ſetzen und entweder einem Pächter zu über⸗ geben oder einem Aufſeher anzuvertrauen, wie ſich die Ge⸗ legenheit geben würde. Hätte ich beſchloſſen, ſie einem Aufſeher oder Verwalter zu hinterlaſſen, ſo wäre dazu kein Menſch in der Welt geeig⸗ neter geweſen, als mein Lehrer; aber ich konnte mich nicht entſchließen, von demjenigen zu ſcheiden, welcher dieſe Reiſeluſt in mir geweckt, und den ich zu meinem Begleiter erſehen hatte. Es ſtand noch drei Jahre an, bis alles in einen ſolchen 303 R& Stand geſetzt war, daß ich meine Pflanzungen verlaſſen konnte. Zu dieſer Zeit ſprach ich meinen Lehrer von der Sklaverei los; aber zu meinem großen Verdruſſe fand ich, daß ich ihn nicht bewegen konnte, mit mir nach England zu reiſen, bevor die Zeit ſeiner Deportation abgelaufen wäre. Ich machte ihn daher zu einem meiner Aufſeher und ſtellte ihm dadurch daſſelbe Ziel in Ausſicht, zu welchem mich mein guter Wohlthäter hingeführt hatte, nur mit dem Unterſchied, daß ich ihm keine Unterſtützung angedeihen ließ, eine eigene Pflanzung anzulegen, weil ich nicht in der Lage war, dieß thun zu können. Indeſſen war er in ſeinem Dienſte ſo treu und fleißig, daß er ſich dadurch in der ganzen Gegend empfahl; und bei meiner Zurückkunft fand ich ihn, abgeſehen von ſeiner Stelle als Geſchäftsführer, die er, wie man ſeines Orts hören wird, beinahe zwanzig Jahre lang bekleidete, in ganz anderen Umſtänden, als diejenigen waren, in welchen ich ihn ver⸗ laſſen hatte. Fünfzehntes Kapitel. Abreiſe nach England.— Abenteuer auf der See.— Gefangenſchaft und Auswechslung.— Ich mache einen Krieg als Zuſchauer mit. Ich traf die Vorbereitungen zu meiner Reiſe nach England. Nachdem ich meine Pflanzungen Händen übergeben hatte, auf die ich mein volles Vertrauen ſetzte, ſo ging meine erſte Sorge dahin, mich mit ſo viel Waaren und Geld zu verſehen, als es mir zu meinen Zwecken im Auslande nöthig war und mich namentlich in den Stand ſetzte, große Vorräthe für meine Pflanzungen nach Maryland zurück zu ſchicken. Aber als ich mich mit den Angelegenheiten meiner Reiſe näher befaßte, fiel mir bei, daß es nicht ſehr klug ſein würde, meine ganze Ladung an Bord deſſelben Schiffes zu bringen, das mich überführen ſollte; ich ſchiffte alſo auf verſchiedenen Schiffen, die nach England gingen, fünfhundert Orhoft Taback ein, berichtete meinem Correſpondenten in London, daß ich ungefähr um die und die Zeit abreiſen werde, und gab ihm den Auftrag, meine Ladungen für eine beträcht⸗ liche, dem Werthe derſelben entſprechende Summe zu verſichern. 305 S⸗⸗ Ungefähr zwei Monate ſpäter ging ich auf einem großen Schiffe, welches vierundzwanzig Kanonen führte und unge⸗ fähr ſechshundert Orhoft Taback geladen hatte, nach England unter Segel. Wir verließen die Landſpitze von Virginien am erſten Auguſt. Während der erſten vierzehn Tage hatten wir eine ſehr beſchwerliche und unangenehme Fahrt, ob wir gleich in einer Jahreszeit waren, welche allgemein im Rufe des guten Wetters ſteht. Nach einer eilftägigen Fahrt auf der offenen See, während welcher Zeit wir meiſtens einen ſehr ſtarken Weſt⸗ oder Weſtnordweſtwind hatten, der uns viel weiter gegen Oſten warf, als man gewöhnlich auf der Reiſe nach England fährt, hatten wir einen furchtbaren Sturm, welcher fünf Tage lang, größten Theils mit außer⸗ ordentlicher Wuth, anhielt und uns nöthigte, vor dem Winde zu ſegeln, mochten wir hinkommen, wo wir wollten. Durch dieſen Sturm wurde unſer Schiff ſehr ſtark mitge⸗ nommen und bekam einige Lecke, die jedoch nicht ſo groß waren, daß ſie nicht durch den Fleiß der Matroſen verſtopft werden konnten. Indeſſen beſchloß der Capitän doch, nach⸗ dem er ſo gut als möglich gegen den Sturm angekämpft hatte, da die See ſehr hoch ging, auf die Bermudasinſeln zuzuſteuern. Ich war nicht Seemann genug, um zu verſtehen, was der Grund eines Wortwechſels war, der ſich bald darauf erhob, aber ſie überſchoſſen, wie es mir ſchien, während ſie auf die Inſeln abhielten, die Breite und konnten die Oberſt Jack. II. 20 306 SE Eilande von Bermuda nicht mehr erreichen. Der Capitän und der Oberſteuermann bekamen darüber einen ſehr heftigen Streit, weil ihre Berechnungen weiter als gewöhnlich von einander entfernt waren, da ſie der Sturm etwas unſicher gemacht hatte. Der Capitän, ein Mann, der keinen Widerſpruch duldete, ließ den Oberſteuermann hart an und bedrohte ihn mit einer Anklage, wenn er nach England käme. Der Oberſteuer⸗ mann war ein ausgezeichneter Seemann und ein erfahrener Matroſe, aber bei all dem ein beſcheidener Mann; und ob er gleich auf ſeiner Behauptung beharrte, ſo that er dieß doch in ehrerbietigen Ausdrücken, wobei er nicht die Grenzen ſeiner Stellung überſchritt. Als der Sturm nach einem Streit von einigen Tagen nachließ und ſich der Himmel aufklärte, ſo daß ſie ihre Beobachtungen über die Gegend, in der wir uns befanden, anſtellen konnten, zeigte es ſich, daß die Rechnung des Steuermanns die richtige war, und der Capitän ſich geirrt hatte; denn ſie waren in der Breite des neunundzwanzigſten Grades— folglich weit außerhalb des Striches der Bermudas. Der Oberſteuermann machte keinen unziemlichen Ge⸗ 9 brauch von dieſer Entdeckung, und da der Capitän, welcher ſomit ſeines Irrthums überwieſen war, ihm höflich Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ, ſo war der Streit zwiſchen ihnen beigelegt. Aber jetzt war die erſte Frage, was man nun zunächſt anzufangen habe? Einige ſchlugen dieß, andere 307 S⸗ jenes vor; aber darin ſtimmten alle überein, daß ſie nicht im Stande wären, geraden Weges nach England zu ſegeln, wenn ſie nicht Südwind oder Südweſtwind bekämen, den wir ſeit unſerer Abfahrt noch nicht gehabt hatten. Man beſchloß nun auf die Canarien zuzuſteuern, welche das nächſte Land waren, das man erreichen konnte— die Inſeln des grünen Vorgebirgs ausgenommen, die uns zu weit ſüdlich lagen, und die wir deßhalb gern vermieden hätten. Auf dieſes fuhren ſie denn nordoſtwärts, und da der Wind immer aus Weſten oder Nordweſten blies, ſo kamen wir ſchnell voran und erreichten nach einer Fahrt von ungefähr fünfzehn Tagen den Pie von Teneriffa, einen ungeheuren Berg auf einer der canariſchen Inſeln. Hier nahmen wir friſches Waſſer und friſchen Mundvorrath nebſt einer Menge vortrefflichen Weins ein; aber einen Hafen fanden wir nicht, um unſere Schiffe auszubeſſern, welche durch das anhaltende ſchlechte Wetter ſchadhaft und leck ge⸗ worden waren; wir ſahen uns alſo genöthigt, nach einem nur viertägigen Aufenthalt auf den canariſchen Inſeln uns wieder der offenen See anzuvertrauen. Von den Canarien an hatten wir erträgliches Wetter und eine ſtille See, bis wir in die Soundings kamen,(ſo nennen die Seeleute die Mündung des britiſchen Canals) und der ſtarke Nord⸗ und Nordweſtwind nöthigte uns bei unſerer Einfahrt in den Canal, länger die offene See zu halten, als auf einmal im Grau der Morgen⸗ 20* dämmerung ein franzöſiſcher Kreuzer oder Caper von ſechs⸗ undzwanzig Kanonen erſchien und mit vollen Segeln auf uns Jagd machte. Unſer Capitän wechſelte eine oder zwei volle Lagen mit demſelben, was mir etwas Fürchterliches war; denn ich hatte ſo etwas noch nie geſehen; die fran⸗ zöſiſchen Kanonen nahmen uns von der Seite aufs Korn und tödteten und verwundeten ſechs von unſeren beſten Leuten. Nach einem Gefecht, das lange genug war, um uns zu zeigen, daß wir uns, wenn wir nicht geentert ſein woll⸗ ten, entſchließen mußten, an ihrer Seite zu verſinken; denn an ein Entrinnen war nicht zu denken— nach einem Ge⸗ fechte alſo, das lange genug war, um des Capitäns Ehre zu retten, wurde das Schiff genommen und nach St. Malo abgeführt. Wegen des Verluſtes, den ich auf dem Schiffe erlitten hatte, war ich nicht ſehr bekümmert, weil ich wußte, daß ich da und dort in der Welt noch genug beſaß; aber da ich wirklich alles deſſen beraubt ward, was ich bei mir gehabt hatte und mir ſogar beinahe die Kleider vom Leibe geriſſen wurden, ſo war ich doch in einer nicht ſehr ange⸗ nehmen Lage. Als jedoch der Capitän des Capers erfuhr, daß ich ein Paſſagier und ein Kaufmann war, ließ er mich vor ſich kommen und fragte mich nach meinen Verhältniſſen; und da er nun von mir ſelbſt hörte, wie ich behandelt wor⸗ den, ſo befahl er ſeinen Leuten, mir Rock und Hut und ein Paar Schuhe, die ſie mir genommen hatten, zurückuſtellen. 309 SE⸗ Er gab mir auch aus ſeinem eigenen Kleidervorrathe einen Schlafrock, den ich tragen könnte, ſo lange ich auf dem Schiffe ſein würde; ich muß ihm die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß er mich überhaupt mit vieler Güte be⸗ handelte. Doch abgeſehen von meiner Gefangenſchaft hatte ich noch die Kränkung, an Bord des franzöſiſchen Capers zurück⸗ gehalten und mit demſelben nach St. Malo geführt zu wer⸗ den, was mir nachher um ſo ſchmerzlicher fiel, als ich dort erfuhr, daß unſer Schiff auf ſeinem Wege nach St. Malo von einem engliſchen Linienſchiff wieder genommen und nach Portsmouth geführt worden war. Nach der Entſendung unſeres Schiffes kreuzte der Corſar wieder einige Zeit lang in der Mündung des Canals, ohne jedoch auf eine Priſe zu ſtoßen. Endlich ſahen ſie ein Segel, welches, wie ſich herausſtellte, ihrer Nation gehörte und den gleichen Zweck mit ihnen verfolgte. Von ihm erfuhren ſie, daß auf die Nachricht, es liegen einige franzöſiſche Caper in den Soundings, drei engliſche Linienſchiffe von Plymouth ausgelaufen ſeien, um im Canale zu kreuzen, mit denen ſie gewiß zuſammentreffen würden. Auf dieſes ſteuerte der franzöſiſche Capitän, ein muthiger, tapferer Burſche, ſtatt ſich von ſeinem Plane abſchrecken zu laſſen, geraden Weges nordoſtwärts auf den St. Georgscanal zu und traf unglück⸗ licher Weiſe in der Breite von 48 ½ ein großes, reiches engliſches Schiff, welches auf dem Wege von Jamaika nach % 310& England begriffen war. Es war in der Morgendämmerung, und die Luft ganz klar, als ein Mann im Maſtkorbe rief: „Ein Segel.“ Ich war wirklich in der Hoffnung, es ſei das engliſche Linienſchiff, und aus der Eile und dem Lärmen, womit man ſich auf ein Gefecht vorbereitete, ſchloß ich, daß meine Vermuthung richtig wäre. Ich ſtieg daher von meiner Hängematte herunter(denn ich hatte kein eigenes Gemach), um zu ſehen, was vorging; aber bald fand ich, daß ich vergeblich gehofft hatte, da von keinem Kriegsſchiff, ſondern nur von einem Kauffahrer die Rede war. Der Engländer lag links von uns, und ich bemerkte, daß er gegen Norden, der Küſte von Irland zu, abhielt. Es war jedoch nicht zu verkennen, daß er den Franzoſen ſah und ſeine Abſicht er⸗ kannte; denn das engliſche Schiff nahm mit vollen Segeln Reißaus, um einen iriſchen Hafen zu gewinnen. Unſer Caper überſegelte es offenbar bei weitem, indem er immer zwei Fuß machte, wenn dieſes einen, und ſo er⸗ reichte er es gegen Abend. Hätte das engliſche Schiff den Wettlauf nur ſechs Stunden länger aushalten können, ſo würde es die Mündung des Limmerick oder irgend einen andern Punkt an der Küſte erreicht haben, ſo daß wir es nicht eingeholt hätten; ſo aber trafen wir mit ihm zuſam⸗ men, und als der engliſche Capitän ſah, daß er nicht aus⸗ weichen könne, ſo bereitete er ſich zum Kampfe. Es war ein Schiff von dreißig Kanonen, ging aber tief im Waſſer, weil es zwiſchen den Verdecken mit Waaren beladen war, -2 311 S⸗⸗ und konnte die untern Kanonen nicht gebrauchen, weil die See zugleich ziemlich hoch ging, wiewohl es ihnen zuletzt glückte, die Thüren ihrer Geſchützpforten zu öffnen und auf einer Seite drei Kanonen ſpielen zu laſſen. Ihr größtes Unglück war aber, daß ſie ſchwer ſegelten, weil ſie ſchwer geladen hatten, und der Caper, der an ihnen vorbeiflog, begrüßte ſie mit einer vollen Lage, zu deren Wiederholung er bald wieder gerüſtet war. Da das Schiff indeſſen wohl bemannt war, und die engliſchen Matroſen einander gegen⸗ ſeitig anfeuerten, ſo gaben ſie uns die Lagen ſehr ſchnell und ſehr voll zurück, und die Franzoſen verloren beim erſten Angriff eine große Menge Leute. Aber der zweite war noch ſchlimmer; denn das engliſche Schiff ſegelte zwar nicht ſo gut, als das franzöſiſche, war aber größer und ſtärker gebaut, und als wir wieder auf ſie zurannten, fuhr der Engländer kühn an uns her, legte ſich quer an unſer Hinter⸗ theil und klammerte ſich feſt an uns an. Jetzt entwickelte der engliſche Capitän ſeine untere Geſchützreihe und ermüdete den Franzmann ſo ſehr, daß dieſer ſehr ſchlecht dabei weg⸗ gekommen wäre, wenn er ſich nicht losgemacht hätte; aber er benahm ſich mit einer bewunderungswürdigen Gewandtheit und einem eben ſo großen Muth. Der Capitän erſchien überall mit dem Säbel in der Hand, feuerte die Seinigen an, machte ſein Schiff von dem engliſchen los und gab dieſem mit dem kleinen Geſchütz ſo dichte Lagen, daß die Mannſchaft nicht aufs Verdeck kommen konnte. Alſo ſich befreiend feuerten 312 So⸗ ſie eine Lage um die andere ab, bis endlich das engliſche Schiff durch das lang anhaltende Feuer erſchöpft, der Beſan⸗ maſt und das Bugſpriet entzwei geſchoſſen, und was das Schlimmſte von Allem war, der Capitän gefallen war, ſo daß ſie nach einem Kampf, der die ganze Nacht durch ange⸗ halten hatte,— denn ſie kämpften in der Finſterniß und noch weit in den folgenden Tag hinein— die Segel ſtreichen mußten. Der franzöſiſche Capitän erſuchte mich höflich, in den Kielraum hinab zu gehen, ſo lange der Kampf dauern würde, und abgeſehen von ſeiner Höflichkeit merkte ich, daß es ihm nicht recht war, wenn ich auf dem Verdeck blieb, weil er vielleicht fürchtete, ich möchte eine Gelegenheit finden, ihm zu ſchaden, wiewohl ich nicht einſah, wie dieß hätte zugehen ſollen. Indeſſen ließ ich es mir gern gefallen, hinunter zu gehen; denn ich war nicht geſonnen, mich todt⸗ ſchießen zu laſſen, zumal von meinen eigenen Landsleuten, weßhalb ich hinabſtieg und mich neben den Wundarzt ſetzte. Hier fand ich, daß auf die erſte Lage der Engländer ſieben Verwundete herunter gebracht wurden, wozu nachher, das heißt, als die Engländer quer vor unſerem Hintertheile lagen, noch dreiunddreißig, und ſpäter, als ſie ſich von uns losmachten, noch eilf weitere kamen, ſo daß ſie einundfünfzig Verwundete und gegen zweiundzwanzig Todte zählten, wäh⸗ rend die Engländer achtzehn Todte und Verwundete hatten, unter denen der Capitän war. ½ K 1²1& 2 313 So⸗ Der franzöſiſche Capitän triumphirte über dieſe Priſe; denn das Schiff war ſehr reich und führte eine Menge Silber an Bord; und nachdem es genommen und die große Cajüte all ihres wirklich bedeutenden Reichthums beraubt war, verſprach der Oberſteuermann dem Capitän, ihm unter der Bedingung, daß er ihm die Freiheit ſchenke, im Geheim einen Schatz von ſechstauſend Kronen zu entdecken, von welchem Niemand von der Mannſchaft etwas wiſſe. Der Capitän ging darauf ein und verſprach, ihm, ſobald ſie ans Land ſtiegen, die Freiheit zu ſchenken. In der Nacht, nach⸗ dem alles eingethan war, wie ſie es nennen, oder die Wache bezogen hatte, ging der Capitän mit dem Oberſteuermann des genommenen Schiffs an Bord, und als er das Geld richtig gefunden hatte, welches an einer Stelle lag, die eigens dazu eingerichtet war, um es zu verſtecken, beſchloß der Capitän, es liegen zu laſſen, bis ſie landen würden, und nahm es dann auf eigene Rechnung mit ſich ans Land, ſo daß weder der Eigenthümer, noch die Mannſchaſt je einen Antheil davon bekam. Aber der Oberſteuermann kaufte ſich durch dieſe Entdeckung los, und der Capitän gab ihm auch gewiſſenhaft ſeine Freiheit, wie er es ihm verſprochen hatte, und noch außerdem zweihundert Kronen zur Reiſe nach Eng⸗ land und zur Entſchädigung ſeines Verluſtes. Nachdem der Capitän dieſe Priſe gemacht hatte, war es ſeine angelegentlichſte Sorge, ſicher mit ihr nach Frank⸗ reich zu kommen; denn das Schiff war wohl im Stande, 314 S⸗ die ſämmtliche Mannſchaſt und ſeine Eigenthümer zu berei⸗ chern. Die Ladung beſtand nach den Büchern des Capitäns, von denen ich hier einen Auszug Kebe, n im allgemeinen aus Folgendem: 260 Oxrhoft Zucker. 187 kleinere Fäſſer Zucker. 176 Tonnen Indigo. 28 Fäſſer Nelkenpfeffer. 42 Säcke Baumwolle. 80 Centner Elfenbein. 60 Fäßchen Rum. 18,000 Kronen, außer den 6000 unterſchlagenen. Verſchiedene Specerei⸗Waaren, Schildkrotſchalen, Zuckerwerk, Limonenſaft und andere Gegen⸗ ſtände von bedeutendem Werth. Dieß war ein furchtbarer Verluſt für die engliſchen Kaufleute und eine ungeheure Priſe für die Franzoſen; aber da es im offenen Krieg und im ehrlichen Kampf geſchehen war, ſo konnte man ihnen nichts vorwerfen, und um ihnen Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen, ſie kämpften tapfer darum. Der Capitän war nicht ſo verwegen, zuvor die engliſchen Kriegsſchiffe aufzuſuchen, ſondern äußerſt vor⸗ ſichtig; denn da er eine Priſe von ſolchem Werth in Hän⸗ den hatte, ſo war er entſchloſſen, ſich dieſelbe nicht ent⸗ reißen zu laſſen, wenn er es verhindern konnte. Er ſegelte deßhalb ſüdwärts und zwar ſo weit, daß ich glaubte, er 2 315 SE wolle die Straße von Gibraltar durchfahren und bei Mar⸗ ſeille ans Land ſteigen. Als er aber die Breite von 450 45 erreicht hatte, ſteuerte er nach Oſten in den Meerbuſen von Biscaya und lief mit uns in den Hafen von Bordeaux ein, wo auf die Nachricht von ſeiner Ankunft mit einer ſol⸗ chen Beute ſeine Vorgeſetzten herbeiſtrömten, um ihn zu ſehen und ſich mit ihm über die Verwendung derſelben zu beſprechen. Das Geld und ein Theil der Ladung wurde von ihnen in Verwahrung genommen, und die Fahrzeuge ſegelten ſodann unter dem Schutze einiger franzöſiſcher Kriegsſchiffe, welche an der Küſte kreuzten, längs der Küſte gegen St. Malo hinauf bis Ushant. Hier belohnte und entließ der Capitän, wie ich ſchon geſagt habe, den engliſchen Oberſteuermann, welcher von da bis Dieppe zur See und nachher mit Hilfe eines Paſſes durch Flandern bis Oſtende nach England reiste: der Capi⸗ tän hatte ihn, wie es ſcheint, um ſo bereitwilliger aus⸗ geſchifft, als er zu verhüten wünſchte, daß er Andern ent⸗ decken möchte, was er ihm entdeckt hatte. Ich war nun zu Bordeaux in Frankreich, und der Capitän fragte mich eines Morgens, was ich zu thun ge⸗ ſonnen ſei? Ich verſtand ihn anfangs nicht, aber bald gab er mir zu verſtehen, daß ich jetzt entweder dem Staate als engliſcher Kriegsgefangener übergeben und als ein ſolcher nach Dinant in der Bretagne gebracht werden würde, oder Mittel zur Auswechslung herbeiſchaffen müßte, wenn ich es 2 316 So nicht vorzöge, ein Löſegeld zu bezahlen, das er, wie er mir gleich anfangs erklärte, auf dreihundert Kronen berechnete. Ich wußte nicht, was ich thun ſollte, bat ihn aber, er möchte mir Zeit gönnen, an meine Freunde nach England zu ſchreiben; denn ich hatte von Virginien aus eine Ladung Waaren an ſie geſchickt, aber ich wußte nicht, ob ſie wirk⸗ lich in ihre Hände gekommen waren. Er gewährte mir meine Bitte bereitwillig. Ich ſchrieb durch die Poſt und hatte das Glück, die Antwort zu erhalten, daß das Schiff, welches mich aufgenommen hatte, wieder genommen und nach Portsmouth gebracht worden war. Ich fürchtete, mein neuer Gebieter möchte auf dieſe Nachricht ſtrenger gegen mich werden, aber er ſagte nichts davon zu mir, und ich nichts zu ihm, wiewohl er es, wie ich ſpäter erfuhr, ſchon vorher gewußt hatte. Dieß war jedoch meine Rettung und verſchaffte mir mehr, als mein Löſegeld. Als mein Correſpondent in Lon⸗ don hörte, daß ich noch am Leben wäre und mich zu Bor⸗ deaux befände, ſandte er mir einen unumſchränkten Credit⸗ brief an einen engliſchen Kaufmann zu Bordeaux. Sobald ich dieſen erhalten hatte, ging ich zu dem Kaufmann, wel⸗ cher ihn annahm und mir ſagte, ich könne ſo viel Geld bei ihm erheben, als ich wolle. War ich früher ganz fremd in dieſer Stadt geweſen und wußte ich nicht, wie ich mich benehmen ſollte, ſo hatte ich jetzt gewiſſermaßen einen Freund, dem ich meine Angelegenheiten mittheilen, und mit dem ich —————.—,,————„ % 317 So⸗ mich beſprechen konnte. Sobald ich ihm meine Lage geſchil⸗ dert hatte, ſagte er zu mir, wenn ich in dieſer Lage wäre, ſo fände er vielleicht Mittel, mich ohne Löſegeld zu befreien. Wie es ſchien, war ein franzöſiſches Schiff auf der Rückreiſe von Martinique nach Frankreich beim Cap Finisterre von einem engliſchen Kriegsſchiffe weggenommen, und ein Kaufmann von Rochelle, der als Paſſagier auf demſelben war, an Bord des Engländers nach Plymouth gebracht worden. Seine Freunde hatten allem aufgeboten, ihn aus⸗ zuwechſeln, weil er arm ſey und kein Löſegeld bezahlen könne. Mein Freund erzählte von dieſem Fall, ohne ſich jedoch weiter darüber auszulaſſen, und bat mich nur, mich mit der Bezahlung eines Löſegeldes nicht zu übereilen, ſon⸗ dern dem Capitän zu ſagen, ich könne keine Antwort von England erhalten. Dieß that ich ſo lange, bis der Capitän ungeduldig wurde. Nach einiger Zeit ſagte mir der Capitän, ich hätte ihn zum Beſten gehabt; ich hätte ihm immer Hoffnungen auf ein Löſegeld gemacht, er hätte mich höflich behandelt und zu meinem Unterhalte Manches aufgewendet, und jetzt halte ich ihn immer hin; wenn ich ihm aber das Geld nicht ver⸗ ſchaffe, ſo ſchicke er mich in zehn Tagen nach Dinant, um dort ſo lange als Staatsgefangener zu bleiben, bis ich aus⸗ gewechſelt würde. Mein Kaufmann gab mir ſeine Winke, und ich antwortete auf ſeinen Rath, ich ſei ihm für ſeine Höflichkeit ſehr verbunden, und es würde mich ſchmerzen, wenn er die Koſten verlieren ſollte, die er um meinetwillen gehabt hätte; aber ich ſehe, meine Freunde haben mich ver⸗ geſſen und wiſſen nicht, was anzufangen ſei; übrigens wolle ich mich lieber nach Dinant oder an einen irgend andern ihm beliebigen Ort bringen laſſen, als ihn betrü⸗ gen; ſobald ich in Freiheit geſetzt und nach England ge⸗ kommen wäre, ſo würde ich nicht ermangeln, ihm die Aus⸗ gaben zu erſtatten, die ihm mein Aufenthalt gemacht hätte. Aber meine Reden machten mir ein ſehr böſes Spiel bei ihm. Er ſchüttelte den Kopf und ſchwieg, aber am folgen⸗ den Tage trug er mich in die Liſte der engliſchen Kriegs⸗ gefangenen ein, die zur Verfügung des Königs ſtanden, und übergab mich dadurch dem Intendanten des Platzes, um nach der Bretagne gebracht zu werden. Ich war alſo außer der Gewalt des Capitäns. So⸗ gleich ging der Kaufmann mit zwei andern Freunden des Gefangenen in Plymouth zum Intendanten und ließ ſich den Befehl zur Auswechslung geben, und nachdem mein Freund für mein Wiedererſcheinen, im Falle der Andere nicht freigelaſſen werden ſollte, gut geſprochen hatte, erhielt ich im Augenblick meine Freiheit und ging mit ihm nach Hauſe. Auf dieſe Art brachten wir den Capitän um ſein Löſe⸗ geld; aber mein Freund ging zu ihm, that ihm zu wiſſen, daß ich auf Befehl des Gouverneurs ausgewechſelt ſei, und bezahlte ihm die Auslage, die er für mich gehabt hatte, Der 2 319& Capitän konnte nichts dagegen einwenden und eben ſo wenig Anſprüche auf ein Löſegeld machen. Von Bordeaux aus fuhr ich an Bord eines franzöſiſchen Schiffes nach Dünkirchen, und da ich einen Freibrief vom Intendanten zu Bordeaux hatte, ſo erhielt ich einen Paß in die ſpaniſchen Niederlande, wohin ich eben wollte. Im April kam ich zu Gent an, als die Armeen eben ins Feld rückten. Ich war dem Kriegsweſen gerade nicht abgeneigt, aber ich dachte, ich ſei jetzt etwas darüber hinaus; denn meiner Anſicht nach rückte Niemand ins Feld, als wer nicht zu Hauſe bleiben konnte; doch beſchloß ich, die Sache ein wenig mit anzuſehen. Ich hatte die Bekanntſchaft eines engliſchen Offiziers gemacht, der zu Gent einquartirt war; dieſem theilte ich meine Abſicht mit, und er lud mich ein, ihn zu begleiten, indem er ſich erbot, mich als Freiwilligen in ſeinen Schutz zu nehinen; ich könnte ſein Zelt mit ihm theilen und leben, wie es mir beliebte, entweder Waffen tragen oder nicht, wie es die Gelegenheit geben würde. Der Feldzug war keiner von den härteſten oder ver⸗ ſprach wenigſtens, keiner von den härteſten zu werden, und ſo konnte ich ohne große Gefahr den Zuſchauer machen. Ich ſah auch wirklich kein Gefecht von Bedeutung, und es fielen überhaupt in dieſem Feldzuge nicht viele Treffen vor. Was die Gerechtigkeit der Sache auf beiden Seiten betraf, ſo wußte ich nichts davon und legte mir nie eine Frage darüber vor. Der Prinz von Oranien war zum König von 320 So⸗ England gemacht worden, und die engliſchen Truppen waren ſämmtlich auf ſeiner Seite; ich hörte die Soldaten manchen Fluch gegen den König Wilhelm ausſtoßen; aber was den Feldzug anbetrifft, ſo wurden ſie mehrere Mal von den Franzoſen geſchlagen. Namentlich wurde das Regiment, zu welchem mein Freund gehörte, ich weiß nicht mehr bei welcher Gelegenheit, in einem Dorfe, in welchem ſie poſtirt waren, umringt und ſämmtlich gefangen genommen. Aber zu gutem Glück hatte ich an dieſem Tage, weil ich nicht im Dienſt war und folglich auch unter keinem Kommando ſtand, einen Ausflug in die Umgegend gemacht; denn es war meine Luſt, die feſten Städte zu ſehen und die Schönheit ihrer Feſtungswerke zu bewundern; und während ich mich auf dieſe Art unterhielt, war ich ſo glücklich, für dieſes Mal der franzöſiſchen Gefangenſchaft zu entgehen. 1 Als ich zurückkam, fand ich den Feind im Beſitze des Orts, aber weil ich nicht Soldat war, ließen ſie mich in Ruhe, und da ich meinen franzöſiſchen Paß in der Taſche hatte, ſo ließen ſie mich nach Newport zu gehen, wo ich mich auf dem Packetboot nach England einſchiffte. Dort landete ich zu Deal, anſtatt zu Dover, weil uns das Wetter auf die Sandbänke trieb. —.,—yjj xi*⏑——————9———— ⏑●ᷣ—- 5— ⏑ Sechzehntes Kapitel. Meine Ankunft in London.— Nachrichten über die beiden anderen Jacks.— Eheſtandspräliminarien. Als ich nach London kam, wurde ich von meinem Freund, welchem ich mein Gepäck zugeſendet hatte, ſehr wohl aufgenommen, und ich ſah mich in eine ſehr gute Lage verſetzt; denn meine ſämmtlichen Waaren, die ich ihm, wie ſchon geſagt, auf verſchiedenen Schiffen zugeſchickt hatte, waren ſicher in ſeine Hand gekommen; und die Aufſeher, die ich zurückgelaſſen, hatten in meiner Abweſenheit zu ver⸗ ſchiedenen Malen meinem Correſpondenten vierhundert Orhoft Taback geſchickt,(dieß war nämlich der Ertrag oder wenig⸗ ſtens ein Theil des Ertrags, den meine Pflanzungen, ſeitdem ich auf Reiſen war, abgeworfen hatten,) ſo daß ich jetzt über tauſend Pfund in meines Factors Händen hatte, zwei⸗ hundert Orhoft Taback, welche bei ihm lagen und noch nicht verkauft waren, nicht miteingerechnet. Ich hatte jetzt nichts zu thun, als mich vor allen denjenigen zu verbergen, welche mich früher einigermaßen Oberſt Jack. II. 21 -2 322 So⸗ gekannt hatten, was mir nichts weniger als ſchwer wurde, da ſich ſowohl mein Ausſehen, als das meiner ehmaligen Bekannten in der langen Zwiſchenzeit ſehr verändert hatte. Capitän Jack, mein ehmaliger Gefährte, war nach ſeiner Flucht aus Maryland wieder nach London gekommen, hatte ſein Gewerbe, von dem er nicht laſſen konnte, wieder ange⸗ fangen, war ein berüchtigter Wegelagerer geworden und hatte ſein Leben an dem Galgen geendigt, nachdem er vier⸗ zehn Jahre lang die abgefeimteſten Streiche verübt hatte, deren Beſchreibung die ganze Welt in Erſtaunen ſetzen würde. Major Jack führte denſelben ruchloſen Wandel, beſaß aber mehr Tapferkeit und Edelmuth; und nachdem er unzählige Räubereien ausgeführt, hatte er immer noch Schlauheit genug, ſich durchzuſchlagen, bis er endlich in Newgate in Verwahrung gebracht und in Feſſeln gelegt wurde. Er würde ohne Zweifel das Schickſal des Capitäns getheilt haben, aber er war ein ſo gewandter Burſche, daß ihn weder Kerker noch Feſſeln halten konnten; er fand mit zwei Andern Mittel die Ketten abzuwerfen, brach ſich Bahn durch die Mauer des Gefängniſſes, ließ ſich in der Nacht außen hinab und entkam nach Frankreich, wo er ſein Gewerbe mit einem ſolchen Erfolg fortſetzte, daß er unter dem Namen Anthony berüchtigt wurde und die Ehre hatte, mit drei von ſeinen Cameraden, die er die engliſche Weiſe, gentle⸗ manmäßig zu rauben, wie ſie es nannten, ohne den Be⸗ raubten zu ermorden oder zu verwunden oder zu miß⸗ handeln, gelehrt hatte,— daß er die Ehre hatte, ſage ich, auf dem Greveplatz zu Paris aufs Rad geflochten zu werden. Ich fand Mittel, mich von all dieſem genau unter⸗ richten zu laſſen und von einigen ihrer Cameraden, welche das Glück hatten, zu entkommen, einen langen Bericht von ihren Heldenthaten zu hören; ich entlockte denſelben alles, ohne ſie auch nur ahnen zu laſſen, wer ich war, und warum ich fragte. Ich war jetzt auf dem Gipfel meines Glücks; denn ich befand mich in der That in ſehr guten Umſtänden, und da ich mich von Anfang an zur Mäßigkeit hinneigte, ſo behielt ich alles bei einander, ohne mir deßwegen den Genuß des Lebens zu verſagen. Beſonders ſtand ich im Rufe eines ſehr bedeutenden Kaufmanns, der mit einem ungeheuren Vermögen von Virginien gekommen ſeiz; und da ich häufig Einkäufe für meine verſchiedenen Familien und Pflanzungen machte, um die man mir geſchrieben hatte, ſo galt ich, wie geſagt, für einen großen Kaufmann. Ich wohnte zwar allein und in der Miethe, wurde aber bald ſehr bekannt, und ob ich mich gleich in den Briefen an meine Correſpondenten nur Jack unterzeichnete, ſo hatten mich doch die Franzoſen, unter welchen ich beinahe ein ganzes Jahr zugebracht hatte, in meinem Auswechs⸗ lungsbriefe als Colonel Jacques bezeichnet. In Folge deſſen wurde ich auch von meinem Freund in England, den ich 21* 324 S⸗⸗ dem Leſer unter dem Titel meines Correſpondenten vorge⸗ führt habe, Colonel Jacques genannt, und ſomit galt ich allenthalben für einen Fremden und einen Franzoſen, was mir unendlich lieb war, und eine Täuſchung, die ich um ſo eher unterhalten konnte, da ich mich bei meinem langen Aufenthalt in Frankreich mit der franzöſiſchen Sprache ſehr vertraut gemacht hatte und ſie ſehr gut ſprach. Ich beſuchte in London beſtändig die franzöſiſche Kirche und ſprach bei allen Gelegenheiten ſo viel als möglich franzöſiſch. Um meine Rolle zu vollenden, hielt ich einen franzöſiſchen Diener für mein Geſchäft, nämlich für meinen Handel, welcher einzig und allein darin beſtand, daß ich die Tabacksernte meiner Pflanzungen, welche jährlich fünf bis ſechs hundert Oxhoft erzeugten, in Empfang nahm, dieſelbe zu Markte brachte und meine Leute mit den erforderlichen Bedürfniſſen verſah. In dieſer Zurückgezogenheit lebte ich ungefähr noch zwei Jahre, als mir der Böſe eine Falle legte, die mir beinahe den Untergang gebracht hätte. In dem Hauſe, das meiner Wohnung gegenüber ſtand, wohnte nämlich eine Dame, die wirklich eine außerordent⸗ liche Erſcheinung war. Sie trug ſich ſehr hübſch, war ungewöhnlich ſchön und hatte viele Bildung nebſt einer bewunderungswürdigen Stimme, die ich bisweilen ſehr gut hören konnte, da ſich unſere Häuſer in einem ſchmalen Hofe, welcher viele Aehnlichkeit mit dem Dreikönigshofe in der Lombardſtraße hatte, ſchräg gegenüber ſtanden. ĩᷣ⏑ᷣ—* α—— 8ð&——9—2 ⏑&⏑⏑— RK —., ⸗ t - 325& Dieſe Dame trat mir oft in den Weg, ſo daß ich ihr Anſtandshalber meine Aufmerkſamkeit nicht verſagen konnte und meinen Hut vor ihr abnehmen mußte, wenn ich ſie am Fenſter oder an der Hausthüre ſah, oder ihr im Hofe be⸗ gegnete. Bisweilen machte ſie auch in dem Hauſe, wo ich wohnte, einen Beſuch, und es war gewöhnlich ſo eingerichtet, daß ich auch eingeladen wurde, wenn ſie kam. So wurden wir allmälig näher mit einander bekannt und unterhielten uns oft mit einander, aber immer vor Zeugen, wenigſtens lange Zeit. Ich war ein bloßes Kind in Sachen der Liebe und wußte nicht das Geringſte von dem, was in Europa zu einer Frau für einen Mann von meinem Alter gehörte. Der Gedanke an ein Weib oder an eine Geliebte war mir noch nicht von ferne in den Sinn gekommen, und ich war bis jetzt mit dem weiblichen Geſchlecht ſo wenig bekannt und ſo gleichgültig gegen daſſelbe, wie ich es in meinem zehnten Jahre geweſen, als ich noch in der Glashütte auf der Aſche ſchlief. Ich weiß nicht was für ein Zauber in der Unterhaltung dieſes Weibes lag, die mich bei verſchiedenen Gelegenheiten auszeichnete— kurz, ich wurde, ich wußte nicht wie, in ihre Netze verſtrickt; und meine Gedanken beſchäſtigten ſich ſo angelegentlich mit ihr, daß ich wie in ihre Nähe ge⸗ bannt war. Sie machte mit der Feinheit ihres Benehmens und mit 326 So Künſten, welche ihren Eindruck nicht verfehlen konnten, un⸗ aufhörlich Angriffe auf mich; ſie war gleichſam immer vor meinen Augen, oft in meiner Geſellſchaft und dabei doch ſo zurückhaltend, ſo von Bollwerken umſchanzt, daß ſie jeder Unterredung unter vier Augen auswich, nachdem ſie ſchon ſeit Monaten bemerken konnte, wie ſehr ich mich darnach ſehnte; überhaupt war ſie immer ſo ſehr auf ihrer Hut, daß ich mich ihr niemals nähern konnte. Dieſe Zurückhaltung war mir unerklärlich, ich bedachte, daß ſie es nie ablehnte, mich zu ſehen oder in Geſellſchaft mit mir zu ſprechen. Sie ging indeß nie von ihrer Strenge ab; ſie nahm ſich in Acht, daß ich nie neben ſie zu ſitzen kam, um ihr kein Papierchen in die Hand ſtecken noch leiſe mit ihr ſprechen zu können; ſie richtete es ſo ein, daß immer Jemand zwiſchen uns ſtand, ſo daß ich ihr nie näher kommen konnte, und ſo hielt ſie mich mehrere Monate lang hin, als wäre ſie wirklich entſchloſſen, nichts von mir wiſſen zu wollen. Bei all dem war nichts gewiſſer, als daß ſie auf mich Jagd machte, und es war eine wirkliche Art von Jagd; denn ſie nahm ihre ganze Kunſt zu Hilfe und zog mich mit der entſchloſſenſten Beharrlichkeit an, ſo daß es beinahe unmöglich war, nicht von ihr gefeſſelt zu werden. Auf der andern Seite ſchien ſie durchaus kein verächtliches Weib zu ſein, war auch nicht arm oder in einer Lage, die ſo viele Kunſtgriffe erfordert hätte, um einen Mann anzuziehen. . 3 327 S⸗ Man hatte ihr aber unglücklicher Weiſe geſagt, ich ſei unermeßlich reich und ein großer Kaufmann, und ſie würde an meiner Seite das Leben einer Königin bekommen. Ich wußte jedoch nicht, daß ſie aus dieſem Beweggrund handelte. Sie war zu liſtig, um es mich merken zu laſſen, wie leicht ſie zu haben war, da ſie im Gegentheil die ausge⸗ dachteſten Mittel anwandte, um mich in einer gewiſſen Entfernung von ſich zu halten, und ich habe mich ſeitdem oft gewundert, wie es möglich war, daß ſie mir nicht einen völligen Widerwillen gegen ſie einflößte; denn da ich gegen das ganze Geſchlecht äußerſt gleichgültig war und meine Gedanken bis jetzt noch nie damit beſchäftigt hatte, ſo galten ſie mir nicht mehr als ein Gemälde, welches an einer Wand hängt. Da wir in Geſellſchaft frei mit einander ſprachen, ſo ergriff ſie eine Menge Gelegenheiten, ſich über die Männer und ihre Schwächen luſtig zu machen, indem ſie ſich von den Weibern ſo ſehr hinter das Licht führen ließen. Wenn die Männer keine Narren geweſen wären, ſagte ſie, ſo wäre die Che nur ein Friedensvertrag zwiſchen zwei Nach⸗ barn oder ein Schutz⸗ und Trutzbündniß, welches noth⸗ wendiger Weiſe bisweilen durch Beſprechung und perſönliche Unterhandlung, aber noch öfter durch Geſandte und Agenten zu Stande gebracht werden müßte; aber die Weiber hätten uns zu ſehr überliſtet, daß wir uns vor ihnen in den Staub 328 S⸗⸗ würfen, nach ihnen ſeufzten und die Gleichheit unmöglich wieder herſtellen könnten. Ich erwiederte ihr, es geſchehe meiner Anſicht nach aus Artigkeit gegen die Damen, daß man ihnen den Vor⸗ theil gönne, ihre Anſprüche etwas höher zu ſpannen, und ich würde ein Weib darum nicht weniger achten, wenn mich die Bewerbung um ſie auch einige Selbſtverläugnung koſtete. „Ich erwarte auch von Euch, mein Fräulein, kein anderes Benehmen, indem ich Euch morgen ſpreche,“ fügte ich bei, indem ich dadurch andeuten wollte, daß ich dieß beabſich⸗ tigte.—„Ihr ſollt nicht getäuſcht werden,“ erwiederte ſie; „denn ich erkläre Euch, daß ich morgen für Euch nicht zu ſprechen ſein werde.“ Auf dieſe ſpitzige Antwort erwiederte ich etwas gekränkt: „Seid verſichert, mein Fräulein, daß ich mich ſehr hüten werde, Euch beſchwerlich zu fallen.“ „Das iſt der größte Beweis Eurer Achtung,“ verſetzte ſie,„den Ihr mir geben könnt, und einen ausgenommen, den ich in kurzem von Euch zu erhalten hoffe, zugleich der angenehmſte.“ „Was in meiner Gewalt ſteht, Euch zu gewähren, Fräulein,“ erwiederte ich,„dürft Ihr zu jeder Zeit von mir fordern, namentlich wenn es eine Sache betrifft, die mit dem Gegenſtand unſeres Geſprächs verwandt iſt.“ „Ich wünſche nur, daß Ihr mir verſprecht, mich ebenſo h — N 329 So⸗ glühend zu haſſen, wie ich Euch dieſes Gefühl zu erwiedern ſuchen will.“ „Ich erfüllte dieſe Bitte ſchon ſieben Jahre, ehe ſie ausgeſprochen wurde,“ antwortete ich;„denn ich haßte das ganze Geſchlecht von Herzen und begreife gar nicht, wie ich dazu kam, daß dieſes Gefühl in Eurer Geſellſchaft etwas von ſeiner Stärke verlor; aber ich verſichere Euch, dieſer Verluſt iſt ſo unbedeutend, daß er Eurem Vorſchlage gar keinen Eintrag thut.“ „Hierin liegt wirklich etwas Geheimnißvolles,“ erwie⸗ derte ſie;„denn ich wünſchte Eurer Abneigung gegen das weibliche Geſchlecht kräftig zu Hülfe zu kommen und hoffte, ſie ſollte unter meiner Leitung nichts an Stärke verlieren.“ Bei dieſer und ähnlichen Unterhaltungen zog ich immer den kürzeren; denn ſie hatte eine Bitterkeit auf der Zunge, wie kein anderes Weib, das ich je kennen lernte; aber ihren Worten widerſprach ihr ganzes Benehmen, durch das ſie mir augenſcheinlich zu gefallen ſuchte. Sie erreichte jedoch ihren Zweck keineswegs; denn ſie kühlte alle meine Gefühle gegen ſie ab; ich kehrte faſt zu meiner alten Gleichgültigkeit gegen ihr Geſchlecht zurück und ließ ſie das bei jeder Gele⸗ genheit merken. Sie fand bald, daß ſie zu weit gegangen war, daß ſie ſich in ihrer Politik außerordentlich verrechnet und es mit einem Manne zu thun hatte, der nicht zu jenen ſchmachtenden Anbetern gehörte, deren Liebe durch Kälte entflammt wird, und deren Leidenſchaft in demſelben Maaße 5 330 S⸗⸗ ſteigt, in welchem die Dame ſich zurückzieht. Sie fand im Gegentheil, daß ſich das Verhältniß ganz geändert hatte. Ich war noch ſo höflich gegen ſie, wie vorher, aber nicht mehr ſo zuvorkommend. Wenn ich ſie an ihrem Fenſter ſah, ſo öffnete ich das meinige nicht mehr, wie früher, um mit ihr zu ſprechen; wenn ſie im Wohnzimmer ſang, wo ich ſie leicht hören konnte, ſo lauſchte ich nicht mehr; wenn ſie in dem Haus, wo ich wohnte, einen Beſuch machte, ſo ging ich nicht jedesmal hinunter, oder wenn ich es that, ſo hatte ich ein Geſchäft, welches mich nöthigte, einen Ausgang zu machen; ſah ich ſie dagegen in Geſellſchaft, ſo war ich ſo artig gegen ſie, als je. Ich konnte leicht ſehen, daß dieſe Veränderung meines Benehmens ihr tief zu Herzen ging, und daß ſie außerordent⸗ lich beſtürzt darüber war; denn ſie fand, daß ſie ihr ganzes Spiel wieder von vorne anfangen mußte. Allein anſtatt ſich mir zu nähern, wie man etwa erwarten möchte, und ihre wahren Geſinnungen gegen mich durchſchimmern zu laſſen, nahm dieſes Chamäleon von einem Weibe vielmehr eine ganz andere Farbe an, ſpielte die ernſteſte, kälteſte, majeſtätiſchſte Dame, ſo daß es ſchien, als wäre ſie in einer Woche von zweiundzwanzig Jahren auf fünfzig geſtiegen, und dieſe Rolle führte ſie mit einer ſolchen Selbſtbeherrſchung durch, daß ſie nicht den geringſten Anſchein von Kunſt hatte. Sie ſang ſehr oft in ihrem Wohnzimmer, ſowohl allein, als mit zwei jungen Damen, welche ſie öfters beſuchten; aber - 331 SE⸗ ſie öffnete das Fenſter nie, wie ſie ſonſt zu thun pflegte; und wenn ich ans Fenſter kam, ſo blieb das ihrige immer verſchloſſen, oder wenn es offen war, ſo ſaß ſie an der Arbeit und wandte oft eine halbe Stunde lang kein Auge davon. Wenn ſie mich während dieſer Zeit zufälliger Weiſe ſah, lächelte ſie und ſprach ſo heiter, als je, aber nur ein Wort oder zwei; und ſo machte ſie es, wenn ſie kam, und ſo machte ſie es, wenn ſie ging, ſo daß wir mit Einem Wort in unſerer Unterhaltung auf demſelben Fuße ſtanden, auf dem wir in der erſten Woche geſtanden hatten. Sie hielt mich bei dieſem Benehmen völlig aus; denn ob ich gleich die Zurückhaltung zuerſt angenommen hatte, ſo war es doch meine Abſicht nicht, ſie ſo weit zu treiben; aber ſie führte ſie durch, und zwar ganz in der angenom⸗ menen Nolle. Sie kam wie gewöhnlich in das Haus, wo ich wohnte, und wir waren oft bei einander, ſpeisten mit einander, ſpielten Karten mit einander und tanzten mit einander; denn in Frankreich bildete ich mich in allem aus, was ich für erforderlich hielt, um mich aus einem linki⸗ ſchen Burſchen zu dem zu machen, was ich zu ſein glaubte, nämlich zu einem Gentleman; wir unterhielten uns alſo mit einander wie früher; aber ſie war jetzt in jedem Theile unſerer Unterhaltung ein ganz anderes Weſen, ſo daß ſich mir der Gedanke aufdrang, ihr früheres Benehmen ſei faſt nur Verſtellung und Laune und entweder die Wirkung 332 G⸗— irgend eines außergewöhnlichen Muthwillens, welchem ſie nachgegeben, oder eine mimiſche Darſtellung des Beneh⸗ mens der coquetten Schönheiten der Stadt geweſen, welcher ſie eine beſondere Wirkung auf mich zutraute, da ſie mich für einen Franzoſen hielt. Den ietzt von ihr angenommenen Ernſt hielt ich nunmehr für den Ausdruck ihres wirklichen, natürlichen Charakters; er ſtand ihr um vieles beſſer an, oder, wie ich vielmehr ſagen ſollte, ſie ſpielte ihn gut genug, um mich wirklich ſo weit zurückzubringen, daß ich nicht nur ſo viel, ſondern noch mehr an ſie dachte, als je. Indeſſen dauerte es lange, bis ich mich entdeckte, und ich gab mir alle Mühe, es wo möglich auszumitteln, ob dieſe Veränderung eine wirkliche oder nur eine verſtellte war; denn ich konnte es mir kaum erklären, wie das muntere Weſen, das man immer an ihr bemerkt hatte, nur Ver⸗ ſtellung ſein konnte. Es ſtand daher beinahe fünf Viertel⸗ jahre an, bis ich mit meinen Gedanken über ſie ins Reine kam, und dieß wurde durch einen bloßen Zufall bewirkt, der uns zu einer kleinen Unterhaltung verhalf. Sie kam wie gewöhnlich in unſer Haus auf Beſuch, und zufälligerweiſe waren ſämmtliche Damen ausgegangen. Aber es traf ſich, daß ich im Hausgange war und eben die Treppe hinauf wollte, als ſie an die Thüre pochte. Ich kehrte zurück, um zu öffnen, worauf ſie ohne weitere Cere⸗ monie eintrat und auf das Wohnzimmer zuging, in der Meinung, die Damen darin anzutreffen. Ich konnte nicht 333 S⸗⸗ umhin, ihr zu folgen; denn ſie wußte ja nicht, daß die Familie ausgegangen war. Nachdem ich eingetreten war, fragte ſie nach den Damen. Ich ſagte ihr, ich hoffe, ihr Beſuch gälte jetzt mir; denn die Damen ſeien ſämmtlich ausgegangen.„In der That?“ fragte ſie im Tone der Ueberraſchung, wiewohl es ihr, wie ich ſpäter erfuhr, nichts neues war, und ſie auch wußte, daß ſie mich zu Hauſe treffen würde. Als ſie wieder gehen wollte, ſagte ich:„Bitte, mein Fräulein, bleibt doch; wenn Damen zu mir auf Beſuch kommen, ſo gebe ich mir alle Mühe, ſie meiner Geſellſchaft nicht ſo bald müde werden zu laſſen.“ „Aber ich bin nun eben einmal nicht zu Euch auf Beſuch gekommen!“ erwiederte ſie.„Ich weiß, wen ich beſuchen wollte, und es freut mich, daß Ihr es auch wißt.“ „Ja, Fräulein,“ ſagte ich;„aber wenn ich das einzige Glied der Familie bin, das zu Hauſe iſt, ſo muß der Be⸗ ſuch doch mir gelten.“ „Ich beſuche niemanden, der mich haßt,“ entgegnete ſie. „Der Zufall führt uns ſo zuſammen,“ verſetzte ich, „und ich benütze ihn, um Euch mitzutheilen, warum ich Euch haſſe. Ich haſſe Euch deßwegen, weil Ihr mir nie Gelegenheit gabt, Euch zu ſagen, daß ich Euch liebe. In der That, Ihr müßt mich für ein furchtbares Weſen gehal⸗ ten haben, daß Ihr mir nie geſtattetet, Euch nahe genug 2 334 G⸗⸗ zu kommen, um Euch in die Ohren flüſtern zu können, daß ich Euch liebe.“ „Ich trage durchaus kein Verlangen, etwas ſo Unan⸗ genehmes zu hören,“ erwiederte ſie,„und mag es noch ſo leiſe geſprochen werden.“ In dieſem Tone ſprachen wir eine Stunde lang fort. Sie entwickelte dabei eine Fülle von Witz, und ich eine Fülle von Mangel an Witz; denn ob ſie mich gleich drei bis vier Mal ſo weit gebracht hatte, daß ich im Begriff war, ihr zu ſagen, ich hätte ihre Geſellſchaft ſatt, und wenn es ihr gefällig wäre, wollte ich ſie an die Thüre begleiten, ſo hatte ſie doch eine ſolche Zauberkraft auf ihrer Zunge, daß ſie ſich immer wieder herauswickelte, bis wir endlich, um es kurz zu machen, beiderſeits im Ernſt vom Heirathen zu ſprechen begannen. Ich machte ihr einen förmlichen Antrag, worauf ſie ſich über mehrere Punkte ſehr offen ausſprach. So ſagte ſie mir zum Beiſpiel, ich würde ſie vielleicht mit nach Frankreich oder Virginien nehmen wollen, und ſie könne ſich nicht entſchließen, ihr Vaterland zu verlaſſen. Ich ver⸗ ſetzte, hoffentlich halte ſie mich nicht für einen Seelenver⸗ käufer. Im Vorbeigehen geſagt, davon erwähnte ich nichts, daß ich ſelbſt verkauft worden war. Sie erwiederte weiter nichts, als meine Geſchäfte, welche, wie es ſcheine, größten⸗ theils ins Ausland gehen, machen es nothwendig, daß ich reiſe, und ſie könne ſich nicht entſchließen, einen Mann zu 335 SE⸗⸗ heirathen, den ſie nicht überall hin begleiten dürfe, wenn er ſelbſt reiſen müſſe. Dieß hieß deutlich genug geſprochen. Ich beruhigte ſie über dieſen Punkt, worauf wir die große Verhandlung fortſetzten. Sie legte dabei die bewunderungs⸗ würdigſte Feinheit an den Tag und zwang mich, ihr aufs angelegentlichſte den Hof zu machen, obſchon ſie zu gleicher Zeit im Intereſſe ihres Planes mir den Hof machte. So oft wir uns trafen, und nach jedem zufälligen Be⸗ ſuche, bei dem ich mich der hohen Gunſt erfreute, ſie allein ſprechen zu dürfen, kamen wir einander näher und näher. Ich beſuchte ſie täglich in ihrer Wohnung, und wir began⸗ nen unſer Vorhaben ins Werk zu ſetzen. Nach ungefähr einem Monate verſchwanden wir aus der Geſellſchaft und ließen uns ins Geheim trauen, um die Umſtändlichkeit der Form und die Unbequemlichkeiten einer öffentlichen Hochzeit zu vermeiden. Siebzehntes Kapitel. Mein Ehſtand wird ein Wehſtand.— Trennung von meiner liebens⸗ würdigen Gattin.— Erbaulicher Auftritt mit einem Abgeſandten der⸗ ſelben.— Der gefährliche Krüppel.— Meine Frau legt eine neue Probe ihrer Sittſamkeit ab. Bald fanden wir ein geeignetes Wohnhaus und fingen unſere Haushaltung an. Aber wir waren noch nicht lange beiſammen, als ich die Entdeckung machte, daß das aus⸗ gelaſſene Temperament meiner Frau zurückkehrte, und ſie die Maske ihres erſten würdevollen Benehmens, das ich ſo lange ihrem natürlichen Charakter zugeſchrieben hatte, ab⸗ legte, indem ſie ſich jetzt, da ſie keinen Anlaß zur Ver⸗ ſtellung mehr hatte, entſchloß, nichts Anderes zu ſcheinen, als was ſie wirklich war,— nämlich ein wildes, unbändi⸗ ges, völlig zügelloſes Ding, das ſich gar keine Mühe gab, irgend eine, nicht einmal die ſchlimmſte Seite ihres Weſens zu verbergen. Sie trieb dieſen Leichtſinn ſo weit, daß er mein höch⸗ liches Mißfallen erregen mußte; denn ſie pflog mit Leuten 2 337 S⸗ Umgang, die mir zuwider waren, lebte auf einem Fuße, der über meine Kräſte ging, und verlor oſt im Spiele mehr, als ich zu bezahlen»vermochte: worüber ich eines Tages Anlaß nahm, die Sache, wiewohl nur oberflächlich, zu berühren. Ich ſagte ihr mit Ironie, wir leben ſo luſtig fort, ſo lange es geht. Sie wandte ſich ſchnell mit der Frage an mich:„Was meint Ihr damit; Ihr werdet doch nicht unzufrieden ſein— oder?« „Nein, nein, Madame, keineswegs. Ihr wißt, es iſt nicht meine Sache,“ erwiederte ich,„darnach zu fra⸗ gen, was meine Frau aufwendet, oder ob ſie mehr oder weniger aufwendet, als ich beſtreiten kann; ich erbitte mir nur die Gunſt, mir ſo genau als möglich zu berechnen, wie viel Zeit ihr darauf zu verwenden gedenkt, mich dem Tod in die Arme zu führen; denn ich möchte nicht gern zu lang in den letzten Zügen liegen.“ „Ich weiß nicht, wovon Ihr ſprecht,“ entgegnete ſie. „Ihr mögt ſo langſam oder ſo ſchnell ſterben, als Euch be⸗ liebt, wenn Eure Stunde kömmt. Ich ermorde Euch nicht, das wißt Ihr.“ „Aber Ihr gebt mich dem Hungertode preis, Madame,“ verſetzte ich;„und Verhungern iſt ein langſamerer Tod als Rädern.“ „Ich Euch dem Hungertode preis geben? wie, ſeid Ihr nicht ein großer Kaufmann aus Virginien, und brachte ich Euch nicht fünfzehn hundert Pfund zu? Was wollt Ihr Oberſt Jack. II. 22 338&⸗ denn? Ihr werdet doch hoffentlich auch ohne das eine Frau ernähren können,— oder nicht?“ „Ja, Madame,“ antwortete ich,„ich kann eine Frau ernähren, aber nicht eine Spielerin, ſelbſt wenn ſie mir jährlich fünfzehn hundert Pfund zugebracht hätte. Kein Beſitzthum iſt groß genug, um einen Wirfelbecher zu füllen.“ Auf dieſes fing ſie Feuer und wurde außerordentlich leidenſchaftlich. Nach einer Menge bitterer Bemerkungen erklärte ſie rund weg, ſie ſehe durchaus keinen Grund ein, ihr Benehmen zu ändern; und was das betreffe, daß ich ſie nicht ernähren könne, ſo werde ſie in dieſem Falle ſchon Mittel und Wege finden, ſich ſelbſt zu ernähren. Einige Zeit nach dem erſten Auftritte der Art geruhte ſie mir die Mittheilung zu machen, ſie ſehe Mutterfreuden entgegen; ich war anfangs ſehr erfreut darüber; denn ich hoffte, dieß würde ſie von ihrem Wahnſinn heilen; aber ihr Zuſtand vermehrte noch ihren Hang zur Verſchwendung; denn ſie machte ſolche Vorbereitungen zu ihrem Wochenbett, daß ich bald für ihren Verſtand fürchtete. Ich nahm mir daher eines Tags die Freiheit, ihr zu bemerken, daß ſie auf dieſe Art in kurzer Zeit ſich und mich an den Bettelſtab bringen würde, und gab ihr zu bedenken, daß ſolche Dinge weit über unſerer Sphäre liegen, und kurz, daß ich einen ſolchen Aufwand weder geſtatten könne noch wolle, daß mich auf dieſe Art zwei oder drei Kinder völlig zu Grunde - 339 So richten würden, und daß ich ſie bitte, zu überlegen, was ſie thue. Sie erwiederte mir mit verächtlicher Miene, es ſei nicht ihre Sache, über ſo etwas nachzudenken; wenn ich es ihr nicht geſtatten könne, ſo wolle ſie ſich es ſelbſt geſtatten, ich möge dann thun, was mir beliebe. Ich bat ſie, ſich zu beſinnen und mich nicht aufs äußerſte zu treiben; ich hätte ſie geheirathet, um ſie zu lieben und zu behandeln, wie ein gutes Weib behandelt werden ſolle, aber nicht um mich durch ſie zu Grunde rich⸗ ten zu laſſen. Doch nichts konnte ſie erweichen; keine Vor⸗ ſtellung konnte ſie zur Mäßigung bewegen; nein, ſie ver⸗ argte mir meine Bitte, ſich einzuſchränken, ſo ſehr, daß ſie mir erklärte, ſie werde zwar ihre Bürde bei mir ablegen, aber länger wolle ſie dann nicht mehr mit mir leben; denn ſie ſei nicht geſonnen, ſich einſchränken zu laſſen; und in dieſem Tone fuhr ſie noch lange fort. Ich ſagte ihr, was ihr Kind betreffe, welches ſie ihre Bürde nenne, ſo werde es für mich keine Bürde ſein; im übrigen könne ſie thun, was ihr beliebe; ſie möchte mir jedoch die Gunſt erweiſen, mich mit Wochenbetten zu ver⸗ ſchonen, bei welchen ſie, wie ich ſehe, einen Aufwand von hundert und ſechsunddreißig Pfund machen wolle. Sie erwiederte, das könne ſie mir nicht verſprechen; wenn ich kein Wochenbett mehr veranſtalte, ſo hoffe ſie, werde es Jemand anders thun. 22* 1 2 340 S⸗⸗ „Wenn es ſo gemeint iſt, Madame,“ verſetzte ich,„dann mögen es diejenigen, welche es veranſtalten, auch beſtrei⸗ ten.“— Das verſtehe ſich von ſelbſt, meinte ſie, und wandte ſich mit ſpöttiſcher Miene weg, als ob ſie meiner lachte. Dieſes letzte Geſpräch erbitterte mich um ſo mehr, als es ſich oft wiederholte; und endlich begannen wir, uns in freundſchaftliche Unterhandlungen über eine Trennung einzu⸗ laſſen. 7 Sie verlangte, ich ſollte ihr jährlich dreihundert Pfund ausſetzen, aber dieß ſchien mir zu viel; ſie wollte das Kind gegen weitere jährliche hundert Pfund behalten; aber ich wollte gegen die Möglichkeit ſicher geſtellt ſein, ein Weſen zu unterhalten, das nach ihrer ſpöttiſchen Aeußerung ſein Daſein vielleicht Jemand anderem verdankte. Während die Unterhandlungen gepflogen wurden, legte ſie ihre Bürde, wie ſie es nannte, ab und beſchenkte mich mit einem Sohn, einem ſehr ſchönen Kinde. Sie willigte ein, den großen Aufwand, den ſie beim Wochenbette beab⸗ ſichtigt hatte, etwas zu mäßigen, und ließ ſich nach einigem Kampfe bewegen, ſich mit einem Kindszeug zu begnügen, das auf fünfzehn Pfund kam, anſtatt auf ſechzig, wie ſie es anfangs verlangt hatte. Dieß rechnete ſie mir als einen beſonderen Beweis ihrer Herablaſſung und Nachgiebigkeit gegen meinen Geiz an, wie ſie ſich ausdrückte. Aber nachdem ſie wieder aufgeſtanden, war es wieder das Gleiche, und ſie trieb es ſo weit, daß ſie in kurzer 341 S⸗ Zeit auch auf andere Ausſchweifungen zu verfallen begann. Sie verſammelte einen Kreis von Männern um ſich, die mir gar nicht gefielen, und blieb einmal ſogar die ganze Nacht weg. Als ſie am andern Morgen nach Hauſe kam, fing ſie zuerſt zu weinen an, ſagte mir, wo ſie geweſen ſei, und daß eine Kindtaufe ſtattgefunden, welche von der Geſellſchaft feierlich begangen worden ſei, und daß man ſich dabei verſpätet habe; wenn ich unwillig darüber wäre, ſo möchte ich mich an Ort und Stelle erkundigen, wie es zu⸗ gegangen und dergleichen. Ich erwiederte ihr kalt:„Madame, Ihr thut wohl daran wenn Ihr vorausſetzet, daß ich unwillig bin; denn es iſt allerdings der Fall, und Ihr könnt es nicht anders erwar⸗ ten. Was Eure Anmuthung betrifft, mich zu erkundigen, ſo iſt das nicht meine Sache; da es im Gegentheil die Eurige iſt, mir Zeugniſſe von Eurem Benehmen zu bringen, und zu beweiſen, wo und in welcher Geſellſchaft Ihr waret. Es iſt genug für mich, daß Ihr ohne Eures Gatten Wiſſen und Willen die Nacht außer dem Hauſe zugebracht habt, und ehe wir wieder miteinander verkehren können, muß ich über das Vorgefallene Rechenſchaft haben.“ Sie antwortete mir mit ihrer ganzen Entſchloſſenheit und mit gleichem Kaltſinn, da ich es ſo übel nähme, daß ſie bei einer außerordentlichen Gelegenheit die Nacht in einem befreundeten Hauſe zugebracht habe, ſo wolle ſie mir nur bedeuten, daß ich mich auf ähnliche Vorfälle gefaßt halten 342 G dürfe; denn ſie werde ſich die Freiheit nehmen, dergleichen zu wiederholen, wann es ihr beliebe. „Gut, Madame,“ erwiederte ich,„wenn ich mich auf etwas gefaßt machen muß, was ich nicht erlauben kann, ſo müßt Ihr Euch darauf gefaßt machen, daß ich denjenigen, welche bei Nacht ausbleiben, bei Tag meine Thüre ver⸗ ſchließe.« Sie würde mich bald auf die Probe ſetzen, entgegnete ſie; und wenn ich Ihr die Thüre verſchlöße, ſo würde ſie ſchon Mittel finden, mich dahin zu bringen, daß ich ſie wie⸗ der öffnete. „Wohlan, Madame,“ ſagte ich,„Ihr bedroht mich hart, aber ich gebe Euch den Rath, ehe Ihr ſolche Maßregeln ergreift, die Sache zu überlegen; denn ich werde mein Wort halten.“ 4 Wir konnten indeß unmöglich lange auf dieſem Fuße leben; denn ich fand ſehr bald, was ſie für eine Geſell⸗ ſchaft hatte, und daß ſie einen Lebenswandel führte, den ich nicht dulden durfte. Nachdem ich daher faſt allen Verkehr mit ihr abgebrochen hatte, ging ſie eines Nachmittags davon und hinterließ mir ein paar Zeilen, worin ſie ſagte, unſer Mißverhältniß habe einen ſolchen Grad erreicht, daß ſie es nicht darauf ankommen laſſen wolle, ſich hinausgeſchloſſen zu ſehen, und daß ſie ſich an den und den Ort— hier nannte ſie eine Verwandte, die ebenſo berüchtigt war, als ſie ſelbſt— zurückgezogen habe, daß ſie jedoch hoffe, ich 343 S⸗ werde ſie der Mühe überheben, den ordentlichen Weg des Geſetzes einzuſchlagen, um zu erhalten, was ihr gebühre; ſie erwarte vielmehr, daß ich ihr erlaube, Wechſel auf mich zu ziehen, wie es die Gelegenheit erfordern würde. Ich war mit dieſer Veränderung außerordentlich zufrie⸗ den und ſorgte dafür, ſie es wiſſen zu laſſen, wiewohl ich ihren Brief nicht beantwortete. Sobald ſie fort war, hob ich meine Haushaltung auf, ließ mein Hausgeräthe und namentlich die in die Frauengemächer gehörigen Möbel ver⸗ ſteigern, was ich durch einen Anſchlag an meiner Thüre veröffentlichte, indem ich ihr dadurch zu verſtehen gab, ſie habe den Rubicon überſchritten, und da ſie dieſen Schritt auf ihre eigene Fauſt gethan habe, ſo ſei ihr dadurch jede Rückkehr abgeſchnitten. 4 Mancher iſt vielleicht der Meinung, ich hätte das nicht thun ſollen, wenn ich noch irgend eine Hoffnung auf eine Sinnesänderung von ihrer Seite gehabt hätte; aber ſie hatte mir beſonders durch ihren unerträglichen Leichtſinn, den ſie nicht ablegen konnte, ſolche Beweiſe der Entfremdung von ihrem Gatten gegeben, daß es wirklich eine reine Unmög⸗ lichkeit für uns war, je wieder in ein näheres Verhältniß miteinander zu treten. Wie dem übrigens ſein mag, ich ließ ſie durch ein paar treue Agenten ſo genau beobachten, daß mir nicht die geringſte ihrer Handlungen entging, wiewohl ich ihr von mir nie etwas ſagen ließ, als ich ſei nach Frankreich 344 SE gegangen. Was die Wechſel betraf, die ſie auf mich ziehen wollte, ſo hielt ſie ihr Wort, indem ſie einen Wechſel von dreißig Pfund auf mich ausſtellte, den ich nicht acceptirte, indem ich ſie zugleich bat, mich mit ferneren zu verſchonen. Ich muß geſtehen, dieſe feindſelige Spaltung war mir äußerſt ſchmerzlich, und hätte ſie nicht ihr empörendes Be⸗ tragen aufs äußerſte getrieben, ſo hätte ich mich nie mit einer ſolchen Entſchloſſenheit von ihr getrennt; denn ich liebte ſie wirklich und hätte alles mit ihr ſein mögen, nur kein Bettler und kein Hahnrei; dieſe beiden Zumuthungen waren mir unerträglich, beſonders da ſie mir mit ſo viel Hohn und Rohheit gemacht wurden. Aber meine Frau trieb es endlich ſo weit, daß mir alles leicht und gleichgültig wurde; denn nachdem ſie ein Jahr lang von mir getrennt war und mit Leuten Umgang pflog, die ihr genehm waren, genaß ſie wieder eines Kindes, wobei ſie redlich genug war, nicht zu behaupten, daß ſie mit mir etwas zu thun gehabt hätte. Was ſie nach dieſem für ein ſchlechtes Leben führte, und wie ſie in das äußerſte Elend verſetzt wurde, davon will ich nachher ſprechen. Bald nach unſerer Trennung hatte ich gefunden, daß aller Grund vorhanden war, Vorkehrungen zu treffen, um mich gleich anfangs gegen Betrug von ihrer Seite zu ſichern; denn ich entdeckte ſehr bald, daß ſie ſich an mehreren Orten in ſehr beträchtliche Schulden geſtürzt hatte, und zwar in der Vorausſetzung, ich ſei für dieſe Schulden verantwortlich. —ᷣ—ͦ—ꝛ—ꝛ—ꝛ——-——— — n 345 So⸗ Aber ich hatte noch zu rechter Zeit England vorgeblich ver⸗ laſſen, und ſo ſah ſie ſich denn genöthigt, die meiſten dieſer Schulden ſelbſt zu bezahlen und meinetwegen die Einkünfte ihres zügelloſen Wandels darauf zu verwenden, wenn anders dieſer ihr etwas abwarf. Sobald ſie von der neuen Frucht ihrer Liebe entbunden war, reichte ich meine Klage bei dem Ehegericht ein und trug auf Scheidung an. Sie ſah ein, daß ſie dieſelbe nicht vermeiden konnte, weßhalb ſie eine Vertheidigung ablehnte; und ſo wurde mir in der bei ſolchen Prozeſſen üblichen Zeit die ſogenannte geſetzliche Scheidungsacte ausgefolgt. Ich fühlte mich nun wieder frei und freute mich deſſen; denn der Eheſtand war mir von Herzen entleidet. Ich lebte ſehr zurückgezogen, weil ich wußte, daß ſie Schulden gemacht hatte, deren Zahlung mir zugemuthet worden wäre, und war überhaupt feſt entſchloſſen, ihr ſo ſchnell als möglich aus dem Wege zu gehen. Ich mußte jedoch die Ankunft der letzten Virginia⸗Flotte abwarten, weil ich von dorther dreihundert Fäſſer Taback erwartete, womit ich alle meine Schulden zahlen wollte; denn die Verſchwen⸗ dung der letzten drei Jahre mit dieſem Weibe hatte mich ſehr zurückgebracht und weit mehr als das von ihr einge⸗ brachte Vermögen aufgezehrt. Das Unheil, das ſich an dieſe Verbindung knüpfte, war jedoch noch nicht ganz vorüber; denn obſchon ich bereits an drei Monate gerichtlich von ihr getrennt war und den oben 2 346 SE⸗⸗ erwähnten Wechſel von dreißig Pfunden nicht acceptirt hatte, ſo kam doch, trotz dem, daß ich meine urſprüngliche Woh⸗ nung verlaſſen und mich ſicher genug verborgen glaubte, eines Tages ein wohlgekleideter Herr in mein Quartier, welcher ohne Meldung vor mich gelaſſen wurde, da ich ihm ſonſt kaum den Zutritt geſtattet haben würde. Man führte den Fremden in ein Zimmer, und ich begab mich im Hauskleide und in Pantoffeln zu ihm hinunter. Als ich eintrat, that er ſo vertraut mit mir, als ob er mich ſchon ſeit zwanzig Jahren kennte, zog ein Taſchenbuch heraus und legte mir einen von meinem Weibe ausgeſtellten Wechſel im Betrage von dreißig Pfunden vor— denſelben, welchen ich ſchon früher zurückgewieſen hatte. „Mein Herr,“ ſagte ich;„dieſer Wechſel iſt mir ſchon früher präſentirt worden, und ich habe bereits damals meine Antwort abgegeben.“ „Antwort, Herr?“ entgegnete er in einem Tone, der faſt wie Hohn und Herausforderung klang.„Ich weiß nicht, was Ihr mit Eurer Antwort ſagen wollt. Es unterliegt doch keinem Zweifel, daß ein Wechſel bezahlt werden muß.“ „Es iſt allerdings ein Wechſel,“ erwiederte ich;„aber ich habe bereits früher meine Entgegnung darauf abgegeben.“ „Herr!“ erklärte er trotzig;„was kümmert mich Eure Entgegnung? Ein Wechſel will keine Entgegnung, ſondern Bezahlung; die einzige Entgegnung beſteht in baarem Gelde. 2 347 So⸗⸗ Dem Vernehmen nach ſeid Ihr ein Kaufmann; Kaufleute müſſen immer ihre Wechſel honoriren.“ Ich wurde nun auch etwas warm, jedoch nicht in der Weiſe meines Gegners, der händelſüchtig zu werden anfing. Ich erwiederte ihm:„Ich ſehe wohl, daß Ihr Euch wenig auf Wechſelgeſchäfte verſteht. Ein Wechſel muß immer vorerſt präſentirt werden, und die Präſentation iſt weiter uichts als eine Frage, ob man das Papier annehmen, das heißt, es bezahlen wolle. Mag ich dann ein Ja oder ein Nein darauf erwiedern— jedenfalls iſt es eine Antwort, und erſt wenn ich acceptirt habe, beſchränkt ſich die weitere Erwiederung auf die Bezahlung des ſchuldigen Geldes. Ihr mögt, wenn es Euch beliebt, Erkundigung darüber einziehen, ob dieß nicht die Art und Weiſe iſt, in welcher Kaufleute oder ſonſtige Geſchäftsmänner bei auf ſie gezogenen Wechſeln verfahren.“ „Was ſoll ich aber mit all dieſem, Herr?“ verſetzte er. „Was hat das mit der Bezahlung meiner dreißig Pfund zu ſchaffen?“ „Ei, mein Herr,“ entgegnete ich,„weiter gar nichts, als daß ich der Perſon, welche mir das Papier vorlegte, erklärt habe, daß ich es nicht bezahlen werde.“ „Nicht bezahlen?“ erwiederte er.„Ihr müßt es aber bezahlen— ja, ja, Ihr ſollt es bezahlen.“ „Die Ausſtellerin hat in keinem Fall das Recht, Wechſel auf mich zu ziehen,“ ſagte ich;„und es genüge Euch meine 2 348 Se Verſicherung, daß ich keine von dieſer Seite auf mich lau⸗ tende bezahle.“ Er erwiederte mir hierauf:„Die Ausſtellerin dieſes Wechſels iſt eine zu ehrenhafte Perſon, um ohne Berech⸗ tigung Anweiſungen auszuſtellen, und Cure Behauptung des Gegentheils iſt eine Kränkung, wofür Ihr derſelben Genugthuung zu geben habt. Aber vorerſt der Wechſel, Herr, der Wechſel— Ihr müßt den Wechſel bezahlen.“ „Es handelt ſich hier,“ verſetzte ich,„von keiner Kränkung; denn ich kenne hoffentlich die betheiligte Perſon ſo gut als Ihr, und was ich geſagt habe, ſoll ihr durchaus nicht zum Nachtheil gereichen. Sie hat aber gar kein Recht, Wechſel auf mich auszuſtellen, da ich ihr nichts ſchuldig bin.“ Ich übergehe es, der Flüche zu erwähnen, womit er ſeine Gegenrede ausſtattete, weil ich mein Papier nicht damit beſudeln mag, ſondern begnüge mich, zu berichten, daß er mir ſagte, ich ſolle erfahren, daß ſie wohl noch Freunde habe, um ihr beizuſtehen; ich habe ſie beſchimpft und ſolle dafür büßen; denn ihr müſſe Gerechtigkeit wider⸗ fahren; vor Allem habe ich aber ſeinen Wechſel zu bezahlen. Ich antwortete kurz, daß es mir nicht einfalle, weder dieſen, noch einen ſonſtigen von ihr auf mich ausgeſtellten Wechſel zu honoriren. Sofort ging er nach der Thüre, ſchloß dieſelbe ab und betheuerte bei Gott, er wolle mich zur Bezahlung zwingen, 9 349 S⸗ noch ehe wir auseinander gingen; dann legte er die Hand an ſeinen Degen, ohne ihn jedoch zu ziehen. Ich geſtehe, daß ich höchlich darüber erſchrack; denn ich hatte keine Waffe, und wenn dieß auch der Fall geweſen wäre, ſo hatte ich doch, obgleich ich mir in Frankreich Vieles angeeignet, was einem Gentleman ziemt, gerade die Haupt⸗ ſache, nämlich die Führung des Degens, der dort ſo allge⸗ mein im Gebrauche iſt, zu lernen vergeſſen. Auch wußte ich mich in derartigen Händeln durchaus nicht zu benehmen und war daher nicht wenig überraſcht, als ich ihn die Thüre abſchließen ſah, ſo daß ich mir durchaus nicht zu rathen oder zu helfen wußte. Zufälliger Weiſe hatten jedoch die übrigen Hausbewohner den lauten Wortwechſel gehört und machten daher Lärm vor meiner Thüre, um mich wiſſen zu laſſen, daß ſie zur Hand wären. Einer der Diener wollte aufmachen, und als er fand, daß der Riegel vorgeſchoben war, ſo rief er mir zu:„Oeff⸗ net um Gottes Willen die Thüre! was gibts? Sollen wir einen Conſtabel holen?“ Ich gab hierauf keine Antwort, fühlte mich aber dem⸗ ungeachtet ermuthigt, weßhalb ich mich ganz gefaßt auf einen Stuhl ſetzte und zu dem zudringlichen Schuldfor⸗ derer ſagte:„Herr, das iſt nicht der Weg, mich zur Be⸗ zahlung des Wechſels zu veranlaſſen. Es wäre beſſer, Ihr verhieltet Euch ruhig und nähmet Eure Genngthuung auf eine andere Weiſe.“ 2 350 So⸗ Er meinte, ich ſpiele damit auf ein Duell an, was mir in der That nicht entfernt zu Sinne kam; denn es war nur meine Abſicht, ihn auf die gerichtliche Beihülfe zu verweiſen. „Mit allem Vergnügen,“ verſetzte er.„Ihr ſeid dem Vernehmen nach ein Gentleman und laßt Euch Oberſt nennen. Wenn Ihr nun wirklich ein Mann von Ehre ſeid, ſo nehme ich Eure Herausforderung an und will es bei einer unter Gentlemen üblichen Entſcheidung bewenden laſſen. Ein Gang mit Euch mag als volle Bezahlung des Wechſels gelten.“ „Meine Herausforderung, Herr?“ entgegnete ich.„Ich habe keine Herausforderung erlaſſen. Ich ſagte blos, dieß ſei nicht der Weg, mich zur Bezahlung eines Wechſels, den ich nicht acceptirt habe, zu veranlaſſen; Ihr thätet daher beſſer, Euch durch das Gericht Genugthuung zu verſchaffen.“ „Gericht?“ erwiederte er,„Gericht! Das Geſetz der Ehre iſt mein Gericht! Mit Einem Worte, Herr, Ihr bezahlet mich oder ſchlaget Euch mit mir.“ Dann wandte er ſich raſch gegen mich um, als reuten ihn ſeine Worte, und fuhr fort:„Nein, Ihr ſollt Beides thun— mit mir fechten und mich bezahlen; denn ich will für ihre Ehre einſtehen.“ Dieſen Worten fügte er noch ein halb Dutzend Flüche und Verwünſchungen bei, als ob dieſe gleichfalls zur Sache gehörten. 351 S⸗⸗ Dieſe Friſt erwies ſich mir von gutem Nutzen; denn als er eben davon ſprach, er wolle mit mir fechten, um für ihre Ehre einzuſtehen, brachte das Dienſtmädchen einen Conſtabel herbei, der drei oder vier Nachbarn zu ſeinem Beiſtand mitgenommen hatte. Als er dieſen Beſuch kommen hörte, gerieth er aufs neue in Wuth und fragte mich, ob ich im Sinne hätte, ihn zu überrumpeln, ſtatt zu bezahlen. Sodann legte er die Hand an ſeinen Degen und erklärte mir, ſobald Jemand es wage, die Thüre zu erbrechen, ſo renne er mir ſeine Waffe durch den Leib, um ſpäter deſto weniger mit mir zu thun zu haben. Ich ſagte ihm, daß er ſelbſt wohl wiſſe, wie ich nicht um Hülfe gerufen hätte, da ich überzeugt ſei, es könne ihm unmöglich Ernſt mit ſeinen Worten ſein; wenn übrigens Jemand eine Einmiſchung beabſichtige, ſo geſchehe dieß nur, um einem gedrohten Uebel vorzubeugen, das zu bekämpfen, wie er ſelbſt ſehe, es mir an einer Waffe gebreche. Hierauf befahl uns der Conſtabel im Namen des Königs, die Thüre zu öffnen. Ich wollte von meinem Stuhle aufſtehen; aber er machte eine Bewegung, als wolle er vom Leder ziehen, worauf ich mich wieder niederſetzte. Als daher die Thüre verſchloſſen blieb, ſo trat der Conſtabel dieſelbe mit dem Fuße ein. „Nun, was ſolls?« fragte mein Gegner.„Was habt Ihr hier zu ſchaffen?“ 352 So⸗⸗ „Das läßt ſich leicht errathen, Herr,“ verſetzte der Con⸗ ſtabel.„Ich bin ein Friedensbeamter und habe über Ruhe und Sicherheit zu wachen. Da nun die Leute im Hauſe ein Unglück befürchteten, ſo haben ſie mich geholt, um dem⸗ ſelben vorzubeugen.“ „Und was für ein Unglück hat man wohl befürchtet?“ entgegnete mein liebenswürdiger Geſellſchafter. „Vermuthlich beſorgte man ein Duell,“ erwiederte der Conſtabel. „Wenn ſich die Leute ſo etwas träumen ließen,“ ſagte mein Gegner,„ſo kennen ſie dieſen Burſchen da ſchlecht. Er— und ein Duell! Er läßt ſich Oberſt ſchelten, aber er wagt es nicht, einem Mann ins Auge zu ſehen. Hätte er fechten wollen, ſo hätte er einen Spaziergang mit mir gemacht; aber es iſt ihm nicht darum zu thun, ſich als einen Mann von Muth zu erweiſen. Hätten die Leute den Tropf gekannt, ſo würden ſie Euch nicht von einem Duell vorgeſchwatzt haben. Ich ſage Euch, Conſtabel, er iſt eine Memme, und eine Memme iſt ein Schuft.“ Mit dieſen Worten kam er auf mich zu, gab mir einen tüchtigen Naſenſtüber und machte ſich luſtig über meine Feigherzigkeit. Er mochte auch in gewiſſer Hinſicht Recht haben; aber im gegenwärtigen Augenblicke war ich wüthend. Ich fuhr wie raſend auf ihn los, verſetzte ihm mit meinem Kopf einen Stoß ins Geſicht, umfaßte ihn und warf ihn mit aller ——— 353 So⸗ Macht rücklings zu Boden, wo ich ihn ſicherlich mit den Füßen todt getreten haben würde, wenn ſich nicht der Con⸗ ſtabel ins Mittel gelegt hätte; denn das Blut ſchoß mir wie ein Glutſtrom durch die Adern, und die Leute des Hau⸗ ſes waren nun in Sorge, ich möchte ihn tödten, obgleich ich keine Waffe in der Hand hatte. Der Conſtabel wollte mir jetzt einen Verweis geben, worauf ich aber erwiederte:„Conſtabel, glaubt Ihr nicht, daß ich hinreichend gereizt wurde? Kann irgend ein Menſch ſich eine ſolche Behandlung gefallen laſſen? Ich will wiſſen, wer dieſer Kerl iſt, und wer ihn hieher geſchickt hat.“ „Ich bin ein Gentleman,“ entgegnete jener,„und komme mit einem Wechſel, den dieſer hier zu bezahlen verweigert.“ „Gut,“ ſagte der verſtändige Conſtabel;„das geht mich nichts an. Ich bin kein Friedensrichter, um darüber abzuurtheilen. Macht das unter euch ſelbſt ab, und kommt euch nicht in die Haare— weiter geht meine Befugniß nicht. Wenn ich Euch aber gut zu Rathe bin, Herr,“ fuhr der Conſtabel gegen den Fremden fort,„ſo wendet Euch, wenn die Bezahlung des Wechſels verweigert wird, an die geeignete Behörde, und geht vorderhand ruhig nach Hauſe.“ Der Fremde lärmte noch geraume Zeit in der unver⸗ ſchämteſten Weiſe fort, indem er geltend machte, der Wechſel ſei von meinem eigenen Weibe ausgeſtellt, worauf ich un⸗ willig erwiederte, wenn dieß der Fall ſei, ſo rühre er von einer nichtswürdigen Buhlerin her. Hierauf brauste er aufs Oberſt Jack. II. 25 2 354 S⸗ neue auf und fragte, wie ich mich unterſtehen könne, ihm etwas ſolches ins Geſicht zu ſagen, weßhalb ich antwortete, ich werde es demnächſt aller Welt mittheilen, damit alle Welt ſich darnach richten könne. In dieſer Weiſe ging es faſt noch eine halbe Stunde fort; denn die Gegenwart des Conſtabels ermuthigte mich, da ich wohl wußte, ſie werde wenigſtens ein Duell verhindern, und dieß war alles, was ich wollte. Endlich wurde ich des Ueberläſtigen los. Dieſer Auftritt verſtimmte mich ſehr, um ſo mehr, weil er mir den Beweis lieferte, daß meine Wohnung, welche ich ſo gut verheimlicht zu haben glaubte, bekannt war. Ich entſchloß mich daher, des nächſten Tages auszuziehen, und verließ gegen Abend das Haus, um nicht wieder in daſſelbe zurückzukehren. Als ich in die Gnadenkirchſtraße einbog, bemerkte ich, daß mir ein Mann folgte, deſſen eines Bein in einer Schlinge hing, während er auf dem andern mittelſt zweier Krücken forthumpelte. Er bettelte um ein Allmoſen; aber obgleich ich nicht geneigt war, ihm etwas zu geben, ſo verfolgte er mich doch bis nach einem Hofe, wo ich ihm unwillig zurief, daß ich nichts für ihn habe, und er mir alſo nicht mehr läſtig fallen ſolle. Ich hatte kaum ausgeſprochen, als er mich mit einer ſeiner Krücken zu Boden ſchlug. Da mich der Schlag betäubt hatte, ſo wußte ich nicht, was ſpäter mit mir vorging. Als ich wieder zu mir kam, fand ich, daß ich an mehreren Stellen ſchwere Ver⸗ 2 355 S⸗ letzungen hatte: unter anderem war meine Naſe zerſchlitzt, eines meiner Ohren faſt abgeſchnitten, meine Schläfe durch einen Säbelhieb verwundet, und an meinem Leibe befand ſich ein obgleich nicht gefährlicher Dolchſtich. Ob dem vermeintlichen Krüppel ſonſt noch Jemand ge⸗ holfen, weiß ich bis auf den heutigen Tag nicht; aber ich ſah jämmerlich zerfetzt aus und lag geraume Zeit blutend auf dem Boden, bis ſich meine Kräfte ſo weit erholt hatten, daß ich um Hülfe rufen konnte. Es ſammelten ſich Leute um mich, von denen mich einige nach meiner Wohnung brachten, wo ich mehr als zwei Monate liegen bleiben mußte, ohne das Zimmer verlaſſen zu können; und als ich wieder ausging, hatte ich allen Grund zu glauben, daß mir einige Strolche abpaßten, um mir wieder wie früher mitzuſpielen. Dieß machte mich ſehr unruhig. Ich faßte daher den Entſchluß, mich wo möglich aus dem Bereich der Gefahr zu bringen und nach Frankreich oder nach Hauſe(denn ſo nannte ich Virginien) zu gehen, wo ich wenigſtens keinen Meuchelmord zu befürchten hatte; denn ſo oft ich meine Wohnung verließ, mußte ich Todesangſt ausſtehen, weßhalb ich mich jetzt, ſtatt wie früher nur des Nachts auszugehen, um unentdeckt zu bleiben, nur am hellen, lichten Tage auf den Straßen blicken ließ, und zwar nie ohne eine Leibgarde von einem oder zwei Dienern, die mich im Nothfalle be⸗ ſchützen konnten. Ich muß bei dieſer Gelegenheit meinem Weibe Gerech⸗ 23* 356 S⸗⸗ tigkeit wiederfahren laſſen; denn ſobald ſie hörte, was mir zugeſtoßen, ſchrieb ſie mir einen Brief, in welchem ſie mich weit rückſichtsvoller behandelte, als ſonſt, indem ſie erklärte, es thue ihr ſehr leid, daß ich ſo mißhandelt worden, um ſo mehr, da man vermuthen könnte, es ſei wegen ihres nicht acceptirten Wechſels geſchehen; ſie hoffe jedoch, nicht ſo tief in meiner Achtung geſunken zu ſein, daß ich glauben könnte, es ſei mit ihrem Vorwiſſen— geſchweige denn auf ihr Anſtiften geſchehen; ſolche Dinge ſeien ihr ein Abſcheu, und ſie betheure mir, ſobald ſie etwas von dem Thäter er⸗ fahre oder auf Vermuthungen komme, die zu einer Ent⸗ deckung der Böſewichter führen könnten, die geeigneten Mit⸗ theilungen an mich ergehen zu laſſen. Sie zeigte mir noch ferner den Namen und die Wohnung der Perſon an, wel⸗ cher ſie den Wechſel gegeben hatte, indem ſie es mir an⸗ heimſtellte, auf dieſem Wege die Entdeckung des Ueber⸗ bringers zu erzielen, der mich ſo übel behandelt hatte; auch drückte ſie den Wunſch aus, ich möchte ihn auffinden und ihn vor den Richter ſtellen, daß er nach der ganzen Strenge der Geſetze beſtraft würde. Ich rechnete meinem Weibe dieſe Theilnahme ſo hoch an, daß ich glaube, ich würde ſie gewiß wieder zu mir genommen haben, wenn ſie mich nachher ſelbſt beſucht und ſich nach meinem Befinden erkundigt hätte. Sie begnügte ſich jedoch, mir einen zweiten höflichen Brief zu ſchreiben, in welchem ſie ihren Wunſch ausdrückte, ich möchte ihr öfter 357 S⸗⸗ mittheilen, wie ich mich befände, indem ſie beifügte, es gereiche ihr zur unbeſchreiblichen Beruhigung, zu hören, daß ich von meinen Beſchädigungen wieder geneſen, und daß der Schurke, welcher mich ſo zugerichtet, gehangen ſei. Sie ließ einige Ausdrücke miteinfließen, welche, wie es mir ſchien, ihren Schmerz über unſere Trennung und ihre fortdauernde Achtung gegen mich kund geben ſollten, obgleich ſie nicht dergleichen that, als wolle ſie wieder zu mir zurück⸗ kehren; dann ſuchte ſie mich auch zu Bezahlung ihrer Wechſel zu vermögen, da ſie mir doch ein großes Vermögen zuge⸗ bracht hätte und nun durchaus nichts zu ihrem Unterhalte beſäße, was doch ſehr hart wäre. Dieſen letztern Brief beantwortete ich ihr und theilte ihr mit, wie ich behandelt worden; ihr Brief habe mich jedoch überzeugt, daß ſie keine Hand dabei im Spiele gehabt, wie ich auch ihrem Charakter nie etwas ſolches zugetraut, da ich ſie nie beleidigt, nie Gewalt gegen ſie gebraucht und eben ſo wenig unſere Trennung herbeigeführt hätte; was ihren Wechſel anbelange, ſo könne es ihr nicht unbekannt ſein, wie ihre verſchwenderiſche Lebensweiſe mich ſelbſt ins Gedränge gebracht und in der Folge nothwendig ganz und gar hätte zu Grunde richten müſſen; ſie habe in weniger als drei Jahren ihr ganzes Beibringen vergeudet und nicht von ihrem verſchwenderiſchen Weſen abgelaſſen trotz meiner inſtändigen Bitten und meiner Betheurungen, daß ich einen ſo großen Aufwand nicht beſtreiten könne, ſondern es vor⸗ 358 S⸗⸗ gezogen, das Eheband zu zerreißen und von mir zu gehen, als ſich in vernünftigen Grenzen zu halten, obgleich ich nicht mein Hausrecht gegen ſie gebraucht, ſondern ſie nur durch Bitten und ernſte Vorſtellungen habe zur Beſinnung bringen wollen, indem ich ihr meinen Vermögensſtand darlegte und die nothwendige Ausſicht auf baldige gänzliche Verarmung vor Augen ſtellte. Ich ſchrieb ihr ferner, wenn ſie ihren Wechſel an ſich ziehen wolle, ſo ſei ich nicht abgeneigt, ihr die darin genannte Summe von dreißig Pfunden zu ſchicken, wie ich überhaupt nicht im Sinne habe, ſie nothleiden zu laſſen, ſondern ſie nach Kräften zu unterſtützen, wenn ſie ſich in den Schranken der Pflicht hielte; es ſei mir indeß zu Ohren gekommen, daß ſie einen ſehr ſchlimmen Wandel führe und mit einem berüchtigten Kerl(den ich ihr namhaft machte) lebe; es erwecke ein Grauen in mir, ſolche Dinge von ihr glauben zu müſſen; um übrigens einem ſolchen Gerüchte ein Ende zu machen und ihren Ruf wieder herzu⸗ ſtellen, ertheile ich ihr hiemit die Nachricht, daß ich allem Gehörten ungeachtet ſie wieder aufnehmen und alles Ver⸗ gangene vergeſſen wollte, wenn ſie ſich freiwillig entſchlöße, ſich in den Grenzen meiner Mittel zu bewegen und mich mit derſelben Liebe und Zärtlichkeit zu behandeln, welche ich ſtets gegen ſie an den Tag gelegt hätte und auch ferner an den Tag legen würde; weiſe ſie übrigens mein Anerbieten zurück, ſo geſchehe es für immer; denn ich ſei feſt entſchloſſen, nicht länger an einem Orte zu bleiben, wo mir ſo viele 359 S⸗ Widerwärtigkeiten zugeſtoßen, ſondern nach meiner Heimath zurückzukehren, wo ich meine Tage in Ruhe und Abgeſchie⸗ denheit von der Welt zubringen könne. Ich erhielt hierauf keine Antwort, wie ich ſie erwartete. Sie dankte mir zwar für die dreißig Pfund, behauptete aber doch, in allen andern Punkten Recht zu haben; und obgleich ſie eine Wiedervereinigung nicht geradezu zurückwies, ſo ſchien ihr doch nicht ſonderlich viel an derſelben gelegen zu ſein, indem ſie wenig oder nichts darüber ſagte und höch⸗ ſtens etwas von Anſprüchen hinſichtlich einer Wiederherſtel⸗ lung ihres gekränkten Rufes u. dgl. ſprach. Dieß verblüffte mich anfangs nicht wenig; denn ich war in der That der Meinung, eine Frauensperſon in ihrer Lage würde ſich glücklich ſchätzen, ihrem Elende ein Ende zu machen und durch eine Verſöhnung allen weitern übeln Nachreden vorzubeugen, da ſie ſich damals in der That in höchſt ärmlichen Verhältniſſen befand. Es waltete indeß ein beſonderer Grund ob, der ihre Rückkehr verhinderte, und den ſie in ihrem Briefe nicht namhaft machen konnte, da er allerdings triftig genug war, ein Anerbieten auszuſchla⸗ gen, bei welchem ſie ſonſt mit beiden Händen zugegriffen hätte; ſie war nämlich, mit Einem Worte, abermals guter Hoffnung. Sie wies übrigens, wie bereits bemerkt, mein Aner⸗ bieten nicht ganz zurück; denn ich erfuhr ſpäter, daß ſie die Abſicht hatte, die Unterhandlungen hinaus zu ziehen, bis ſie 360 SE⸗ ſich ihrer Bürde wieder entledigt hätte, indem ſie nach einer heimlichen Entbindung meinen Vorſchlag anzunehmen ge⸗ dachte. Dieß war jedenfalls auch das klügſte, was ſie thun konnte; oder, wie ich eher ſagen möchte, das ein⸗ zige, was ihr übrig blieb, obgleich ſie mich hierin nicht hin⸗ tergehen konnte, denn ich war zu gut über ihre Verhältniſſe unterrichtet, als daß mir etwas der Art hätte können ver⸗ borgen bleiben, wenn ſie ſich nicht, ehe die Spuren äußer⸗ lich ſichtbar waren, entfernte— und zwar weiter, als ſie es that. Ich erhielt daher die genaueſte Nachricht über Zeit und Ort ihrer Niederkunft; und unter ſolchen Umſtänden hatte es nakürlich mit meinen Anerbietungen ein Ende, ob⸗ gleich ſie mir einige reuige Briefe ſchrieb, in welchen ſie ihr Vergehen bekannte und mich um Verzeihung bat. Jetzt war ich aber ſo entrüſtet, daß mich ſchon der Gedanke an ſie empörte, und ich von dem Wunſche einer Wiedervereini⸗ gung mit ihr für immer geheilt war. Achtzehntes Kapitel. Ich reiſe nach Frankreich.— Meine Heldenthaten in Italien.— Ver⸗ wundung und Gefangenſchaft. Nach ſolcher Geſtaltung der Dinge faßte ich um ſo unbedenklicher den Entſchluß, nach Frankreich abzureiſen, da meine Waaren von Virginien angelangt waren, weßhalb ich mich im Jahre 1700 nach Dünkirchen begab, wo ich einige irländiſche Offiziere vom Regiment Dillon kennen lernte. Ich gewann hiedurch allmählig Zutritt bei der Armee, in der ich durch Verwendung des Generallieutenants Connor, eines Irländers, und einige Geldopfer das Commando einer Compagnie erlangte. Ich gefiel mir ungemein wohl in meinen neuen Ver⸗ hältniſſen und meinte, ich wäre nunmehr in einer Stellung, die mir durch meine Geburt gebührte; denn bisher hatte ich eigentlich doch nie das Leben eines Gentlemans geführt. Einige Zeit nach meinem Eintritt in das Regiment wurde daſſelbe nach Italien commandirt, bei welcher Gele⸗ genheit ich unter andern Affairen auch an dem berühmten 2 362 So⸗ Angriff auf Cremona im Mailändiſchen Theil nahm, wo die Deutſchen, durch Verrath unterſtützt, nächtlicher Weile mit⸗ telſt eines Abzugsgrabens in die Stadt eindrangen, den größten Theil derſelben beſetzten, den Feldmarſchall Villeroy überrumpelten, ihn, als er eben ſein Quartier verließ, ge⸗ fangen nahmen und die wenigen franzöſiſchen Truppen, welche in der Citadelle lagen, ſchlugen. Inmitten dieſes Sieges wurden ſie jedoch kühn von zwei irländiſchen Regi⸗ mentern angegriffen, die in der nach dem Po führenden Straße cantonirten und das Waſſerthor beſetzt hielten, durch welches die Deutſchen Verſtärkung erwarteten, ſo daß nach einem verzweifelten Kampfe den Deutſchen der Sieg wieder entwunden wurde, da ſie nicht im Stand waren, unſere Reihen zu durchbrechen und ſich mit ihren Freunden zu vereinigen, ſondern zuletzt die Stadt wieder verlaſſen mußten. Die irländiſchen Regimenter erwarben ſich bei dieſer Ge⸗ legenheit unſterblichen Ruhm, und wir durſten uns der ehrenvollſten Anerkennung von Seiten des Königs von Frank⸗ reich erfreuen.. Ich hatte nun die Ehre zu erfahren,(und zwar zum erſtenmal) daß ich nicht der feigherzige, niedrig geſinnte Elende war, als welchen mich der Kerl mit dem Dreißig⸗ pfundwechſel in meiner Wohnung behandelt hatte. Hätte er mich jetzt unter ähnlichen Verhältniſſen angegriffen, ſo würde ich ihn, ohne daß ich Waffen beſeſſen, ins Geſicht geſchlagen und unter meine Füße getreten haben, aber der 2 363 G⸗- Mann kennt ſich nicht ſelber, bis er ſich erprobt hat, und die Entfaltung des Muthes bedarf ebenſo gut der Zeit, als die Erfahrung. Philipp de Comines erzählt, daß nach der Schlacht von Monteleri der Graf von Charolois, der zuvor den größ⸗ ten Widerwillen gegen den Krieg und alles, was damit zuſammenhing, hegte, durch den bei dieſer Gelegenheit er⸗ rungenen Sieg und die damit verbundenen Schmeicheleien ſo umgewandelt wurde, daß er nachher die Armee zu ſei⸗ ner Geliebten erkor und in den Mühen des Krieges ſeine größte Luſt fand. Das Beiſpiel iſt zu großartig, um es auf meinen eigenen Fall anzuwenden; demungeachtet bleibt aber ſo viel gewiß, daß man mir wegen meiner bei dieſem Anlaß bewieſenen Tapferkeit Lobeserhebungen in Fülle ſpendete, und da ich mir ſehr viel darauf zu gut that, ſo ſteigerte mich mein Stolz bei jeder Gelegenheit zu männli⸗ chen und kühnen Thaten. Dazu kam noch, daß man mich dem Hofe als ein Hauptwerkzeug bei der Rettung der Stadt namhaft gemacht hatte, da die ganze cremoneſiſche Partie meiner muthigen Vertheidigung des Pothores, wel⸗ ches ich unter dem Commando meines Oberſtlieutenants be⸗ ſetzt hielt, gefallen war. Der König ſandte mir daher ein huldvolles Anerkennungsſchreiben meiner geleiſteten Dienſte und ernannte mich zum Oberſtlieutenant im Regiment—. Ich hatte ſchon vorher einige Scharmützel und kleine Gefechte mitgemacht und mir dabei den Ruf eines guten 4 364 S⸗⸗ Offiziers erworben; hin und wieder traf es ſich aber auch, daß ich auf Poſten kommandirt wurde, wo ich auch hübſche Geldſummen erlangen konnte. Unſer Regiment war von Frankreich aus zur See nach Italien gekommen; wir hatten uns nämlich in Toulon ein⸗ geſchifft und waren bei Savona im Genueſiſchen ans Land geſtiegen, von wo aus wir nach dem Herzogthum Mailand marſchirten. Die erſte Stadt, welche wir beſetzen ſollten, war Aleſſandria; aber die Einwohner ſtanden wüthend gegen uns auf und trieben die ganze Garniſon, welche aus acht⸗ hundert Mann Franzoſen und andern Soldaten im fran⸗ zöſiſchen Dienſt beſtand, aus der Stadt. Ich war mit acht meiner Leute und einem Bedienten in dem Hauſe eines Bürgers einquartiert, welches in der unmittelbaren Nähe eines der Thore lag; und bei dieſer Gelegenheit hielt ich mit meinen Leuten Kriegsrath, in Folge deſſen wir den Entſchluß faßten, um jeden Preis das Haus zu behaupten, bis wir von dem commandirenden Offi⸗ ziere den Befehl erhalten würden, es zu verlaſſen. Als ich bemerkte, daß unſere Leute, denen die Bürger ſtark zu⸗ ſetzten, auf der Straße nicht Stand halten konnten, ſo jagte ich den Eigenthümer mit ſeiner ganzen Familie aus ſeinem Beſitzthume und ſchaltete mit dem Hauſe wie mit einer Citadelle, in welcher ich der Gouverneur war. Die Nähe des Hauſes am Thore deckte meinen Rückzug, und ſo ent⸗ ſchloß ich mich, nicht von der Stelle zu weichen, ſo lange 2—,——-—⁰, 365 S⸗⸗ ſich noch ein Mann von den Unſrigen in der Stadt befand. Nachdem ich in der vorgenannten Weiſe das Haus von ſeinen Bewohnern geſäubert hatte, machten wir uns auch kein Bedenken daraus, mit allem, was wir finden konnten, unſere Taſchen zu füllen. Wir ließen nichts zurück, was fortgeſchafft werden konnte, und ſo fiel denn mir der Inhalt von des Hausbeſitzers Cabinet zu, wo ich ungefähr zwei⸗ hundert Piſtolen an Geld, Silbergeſchirr und anderen werth⸗ vollen Dingen vorfand. Es wurde zwar bei dem Fürſten Vaudeomont, der damals Gouverneur von Mailand war, wegen dieſer Gewaltthat Klage erhoben; da aber der Wider⸗ ſtand der Bürger ſeinen Befehlen und den Abſichten des Fürſten, der damals König Philipps Sache begünſtigte, entgegenlief, ſo richteten die Bürger nichts aus und würden ebenſo wenig erzielt haben, wenn wir auch die ganze Stadt geplündert hätten. Der Gouverneur hatte nämlich Befehl ertheilt, unſer Regiment aufzunehmen, und ſo war denn ihr Widerſtand ein Akt der offenen Rebellion. Wir hatten die Ordre, nicht auf die Bürger zu ſchießen, wenn wir nicht durch die dringendſte Noth dazu gezwungen würden, und ſo zogen wir es vor, den Ort zu verlaſſen, als uns mit einer Maſſe verzweifelter Kerle herumzubalgen, vor denen wir nichts zum Voraus hatten, als zwei Bollwerke und ein Fort zum Rückzug; denn fürs erſte waren ſie drei⸗ mal ſo ſtark als wir, da ſie ſich mit den ſieben Compagnieen 366 S⸗⸗ der regulären ſtädtiſchen Truppen auf mehr als ſechzehn⸗ hundert Mann beliefen, den noch weit zahlreicheren Jan⸗ hagel nicht mitgerechnet, während wir im Ganzen nur acht⸗ hundert Mann zählten; und dann waren ſie auch im Beſitz der Citadelle und mehrerer Kanonen, ſo daß wir durch einen Angriff nichts ausgerichtet hätten. Drei oder vier Tage nach⸗ her unterwarfen ſie ſich jedoch anderen Streitkräften, da die Soldaten der Stadt übergingen und die Citadelle auslieferten. Nach dieſem Vorfalle lagen wir noch acht Monate im Quartier; denn da der Fürſt das ganze Herzogthum Mai⸗ land für den König Philipp geſichert hatte, und geraume Zeit ſich kein Feind blicken ließ, ſo hatte der erſtere weiter nichts zu thun, als die Hilfstruppen aus Frankreich nach allen Richtungen zu vertheilen, um die Kaiſerlichen, die mit einer großen Armee in Italien einzufallen drohten, ſo viel als möglich ferne zu halten, was denn auch durch die Be⸗ ſetzung von Mantua und der meiſten Städte auf dieſer Seite bis an den La Gardaſee und die Etſch geſchah. Wir lagen geraume Zeit in Mantua, mußten aber ſpäter auf Befehl des Grafen de Teſſe(nachmaligen Mar⸗ ſchalls von Frankreich) aufbrechen und uns der franzöſiſchen Armee anſchließen, welche der erwartete Herzog von Vendome als General en chef befehligen ſollte. Dieß geſchah im Jahr 1701, und wir hatten bei dieſer Gelegenheit ſchlimme Zeiten, da uns Prinz Eugen von Savoyen mit einer Armee von vierzigtauſend Deutſchen, lauter alten Soldaten, auf ——-—4 2—y— ⁸ 1 5 367 S⸗⸗ dem Nacken ſaß. Das franzöſiſche Heer war zwar dem feindlichen um fünfundzwanzigtauſend Mann überlegen; da ſich aber das erſtere nur defenſiv verhielt und ſo viele Po⸗ ſten zu decken hatte, weil man nicht wiſſen konnte, wo der kaiſerliche Befehlshaber ſeinen Angriff beabſichtigte, ſo wur⸗ den die franzöſiſchen Truppen ſo zerſplittert, daß die Deut⸗ ſchen ihren Plan mit beſtem Erfolge auszuführen vermochten. Die Schlacht bei Carpi im Juli 17041 fiel ſehr un⸗ glücklich für uns aus; denn wir ſahen uns genöthigt, unſer Lager im Stich zu laſſen und dem Prinzen von Savoyen die ganze Etſch preiszugeben. Unſer Regiment erlitt einigen Verluſt; aber die Feinde gewannen uns nur wenig ab, und Monſieur Catinat, welcher damals commandirte, zog des andern Tages Angeſichts der deutſchen Armee in Schlacht⸗ ordnung auf, um die Gegner herauszufordern. Sie rührten ſich jedoch nicht, obgleich wir ihnen zwei Tage hinter ein⸗ ander eine Schlacht anboten; denn da wir Rivoli, welches uns damals nutzlos war, verlaſſen hatten, ſo war ihnen der Uebergang über die Etſch freigegeben und ihre dermalige Abſicht erreicht. Als unſere Generale ſahen, daß der Feind einen Haupt⸗ ſchlag vermeiden wollte, ſo bedrängten ſie ihn in ſeinem Lager und ließen ihn um jeden Zoll Erde kämpfen, bis wir ihn endlich im September in den Verſchanzungen von Chiari angriffen. Hier brachen wir in das Herz ſeines Lagers ein und richteten ein ſchreckliches Blutbad an. Ich weiß 368 S⸗⸗ jedoch nicht, in Folge welchen Mißgriffs von Seite unſerer Generale— vielleicht geſchah es aber auch, weil ihre Befehle nicht vollzogen wurden— die normänniſche und unſere iriſche Brigade, welche wacker in die Verſchanzungen der Deutſchen eingedrungen waren, nicht ſo, wie es hätte ſein ſollen, unterſtützt wurde; genug, wir mußten den Anprall der ganzen deutſchen Armee aushalten und zuletzt den an⸗ fangs errungenen Vortheil aufgeben, was nicht ohne Ver⸗ luſt geſchah. Jetzt erſt erhielten wir Verſtärkung durch eine Reitereiabtheilung, und der Feind wurde bis in ſein Lager zurückgeſchlagen. Die Deutſchen rühmten ſich, bei dieſer Gelegenheit einen großen Sieg errungen zu haben; und allerdings waren ſie gegen uns im Vortheil, als ſie uns aus dem bereits genommenen Lager zurückjagten; wäre uns aber Monſieur de Teſſe mit ſeinen zwölfhundert Mann Fuß⸗ volk in Zeiten zu Hülfe gekommen, wie es ihn der alte Catinat geheißen hatte, ſo würde dieſer Tag dem Krieg ein Ziel geſteckt haben, und Prinz Eugen hütte ſich Glück wün⸗ ſchen dürfen, Deutſchland ſchneller zu erreichen, als er her⸗ gekommen war, wenn wir ihm nicht vielleicht den Weg verkürzt hätten. Aber das Geſchick des Krieges wollte es anders, und die Deutſchen drangen in dieſem Feldzuge Schritt vor Schritt vorwärts, indem ſie einen Poſten nach dem andern nahmen, bis ſie uns ganz aus dem Mailändiſchen verdrängt hatten. Der letzte Theil dieſes Feldzugs war nur noch ein Scharmützelkrieg. 5 369 S⸗⸗ Die Franzoſen zogen, ihrem flüchtigen Temperamente getreu, jeden Tag aus, um zu fouragiren oder feindliche Fouragirer aufzuheben, zu plündern oder den Gegnern einen Raub abzujagen. Sie kamen jedoch ſehr oft mit betrübten Geſich⸗ tern nach Haus, da die Deutſchen gewöhnlich die Oberhand behaupteten. In dieſen kleinen Gefechten verloren auch in der That ſo viele ihr Leben, daß ich glaube, wir büßten mit Einſchluß derjenigen, welche in Folge der Strapazen eines harten Dienſtes und des Bivouakirens bis in die Mitte des Dezembers zwiſchen den Flüſſen, Sümpfen und Kanälen dieſes ſo waſſerreichen Theiles von Italien zu Grunde gin⸗ gen, weit mehr Menſchen ein, als wenn wir in einer Haupt⸗ ſchlacht beſiegt worden wären, obſchon bei dem Feinde die gleichen ungünſtigen Verhältniſſe zutrafen. Der Herzog von Savoyen, um demſelben Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, drang allen Ernſtes darauf, den Prinzen Eugen anzugreifen und eine Schlacht zu ſchlagen; aber der Herzog de Villeroy, Monſieur Catinat und der Graf de Teſſe waren dagegen, vornämlich deßhalb, weil ſie die Schwäche der Truppen kannten, welche bei ſo man⸗ chen Stürmen zu viel gelitten hatten, um eine Schlacht gegen die Deutſchen wagen zu können. So zogen wir nach einem ungefähr drei Monate andauernden kleinen Krieg in die Winterquartiere. Ehe wir abzogen, machte unſer Regiment mit einer Abtheilung von ſechshundert Mann Dragoner und ungefähr Oberſt Jack. II. 24 370 S zweihundertundfünfzig Pferden eine Streifpartie, um den Prinzen Commercy, einen berühmten unter dem Prinzen Eugen ſtehenden General, abzufangen. Die Abtheilung ſollte nur aus Reiterei und Dragonern beſtehen; da aber das gute Glück der Kaiſerlichen bekannt war,(denn ſie ſchlugen unſere Corps weit öfter, als wir die ihrigen) und da man annahm, der Prinz, welcher ein berühmter Offizier war, werde nicht mit kleinem Gefolge ausziehen, ſo wurde dem Streifcorps ein iriſches Infanterieregiment beigegeben, um wo möglich zu vermeiden, daß man nicht den kürzeren zöge. Ich war ungefähr zwei Stunden vorher commandirt worden, mit zweihundert Mann zu Fuß und fünfzig Dra⸗ gonern an einem kleinen Gehölze vorbei zu defiliren; denn unſer General hatte die Nachricht erhalten, der Prinz habe daſelbſt einige Poſten aufgeſtellt, um ſeine Paſſage zu ſichern, was denn auch von meiner Seite geſchah. Der Graf de Teſſe, der unſere Abtheilung nicht für ſtark genug hielt, war ſelbſt mit tauſend Pferden und dreihundert Grenadieren aus⸗ gerückt, um uns zu decken, woran er ſehr wohl that; denn ſobald der Prinz Commercy von unſerer Abſicht Kunde er⸗ hielt, beſchleunigte er ſeinen Zug, griff unſeren Trupp an und würde denſelben gänzlich vernichtet haben, hätte nicht der Graf, durch das Schießen aufmerkſam gemacht, ſeine Pferde ſo ſchnell herbeigeführt, daß ſie gerade in der höchſten Hitze des Kampfes anlangten, was denn auch eine Niederlage und Flucht der Deutſchen zur Folge hatte. Der Prinz machte 2 371&- übrigens einen ſehr ſchönen Rückzug und kam nach dem Gefechte in das Gehölze, wo ich aufgeſtellt war; aber die Ueberraſchung ſeiner Niederlage hatte ihn gehindert, eine Abtheilung zur Sicherung des Paſſes an dem Walde aus⸗ zuſenden, wie er eigentlich beabſichtigt hatte. Der Graf de Teſſe wußte, daß wir in dem Walde als Hinterhalt lagen, und folgte daher dem Feinde dicht auf den Ferſen, um zu verhindern, daß wir nicht abgeſchnitten wür⸗ den, und uns wo möglich Gelegenheit zu geben, vom Walde aus einen Angriff auf denſelben zu machen. Es war ſchon ziemlich dunkel, als der kaiſerliche Trupp an dem Walde anlangte, und ſo konnte er unſere Zahl nicht unterſcheiden. Fünfzig Dragoner bildeten den Vortrab, um den Paß zu unterſuchen und zu ſehen, ob alles geheuer ſei. Dieſen ließen wir ziemlich weit in dem Verhau oder dem Hohlwege, welcher durch den Wald führte, vorrücken, worauf wir uns zwiſchen ſie und den Eingang legten und ihren Rückzug auf eine ſo wirkſame Weiſe abſchnitten, daß ſie, als ſie uns end⸗ lich entdeckten und Feuer gaben, im Augenblick umringt und in Stücke gehauen waren. Nur die commandirenden Offi⸗ ziere und acht Dragoner wurden zu Gefangenen gemacht. Dieß veranlaßte den Prinzen Halt zu machen; denn er wußte, weder was vorging, noch wie ſtark wir waren. Er ſchickte daher hundert Reiter aus, welche den Saum des Waldes recognosciren und uns aus unſerem Hinterhalt auf⸗ jagen ſollten; aber inzwiſchen erſchien der Graf de Teſſe in 24* u372 So⸗ ſeinem Rücken. Wir erſahen aus dem Feldgeſchrei unſerer eigenen Truppen, in welcher Klemme ſich der Prinz befand, und entſchloſſen uns daher, die zweihundert Mann Cavallerie auf der Stelle anzugreifen. Wir ſtellten unſern kleinen Reiter⸗ trupp am Eingange des Hohlweges auf und boten ein Ge⸗ fecht an, während das Fußvolk ſich in das Gebüſch des Waldes legte, um zur Hand zu ſein, ſobald die Gelegen⸗ heit günſtig wäre. Sobald der Feind auf unſere Reiterei ſtieß, zog ſich dieſelbe in die Hohlgaſſe zurück; aber die Deutſchen waren zu klug, um ſich in einen Hinterhalt locken zu laſſen; denn ſie begnügten ſich, uns nach dem Eingange zu drängen, und mochten ſich nicht in einen Engpaß wagen, ohne zu wiſſen, ob es in dem Gebüſche geheuer ſei oder nicht. Als der Prinz fand, daß ihm die Franzoſen im Rücken waren, ohne daß er ſtark genug geweſen wäre, ihnen die Spitze zu bieten, ſo faßte er den Entſchluß, ſich durchzu⸗ ſchlagen, indem er ſeinen Dragonern befahl, in den Wald einzudringen und das Gebüſch auf jeder Seite der Hohlgaſſe zu ſäubern, damit ſeiner Cavallerie ein ſicherer Durchzug bereitet würde. Dieß geſchah auch mit ſolchem Nachdruck und einer ſolchen Ueberlegenheit von Streitkräften, daß unſere Mannſchaft, obwohl wir uns lange ritterlich hielten, faſt zur Hälfte zuſammengehauen wurde. Doch erhielt die franzöſiſche Cavallerie Zeit, heran zu kommen und die Truppen des Prinzen anzugreifen, von denen ſie, als dieſelben in dieſer Weiſe abgeſchnitten waren, viele Gefangene machten; dann 2 373 So⸗ zog ſie ſich nach unſerer Seite hin zurück und gab unſerer Reiterei zum Einbrechen Raum. Bei dieſer Gelegenheit fielen dreihundert Dragoner, und zweihundert derſelben wur⸗ den gefangen genommen. In der erſten Hitze des Gefechts hatte ein ſtark gedeckter Offizier drei Mann in meiner Nähe zuſammengehauen. Er bot mir Pardon an, den ich annehmen und ihm meinen Degen aushändigen mußte; denn unſere Leute waren im Begriff, ihren Poſten zu verlaſſen und ſich zu retten, wie ſie konnten. Die Wagſchale ſchlug jedoch bald um; denn als, wie oben bemerkt, unſere Cavallerie einbrach, begannen die Dragoner zu weichen, und der Offizier, der mich gefangen genommen hatte, wandte ſich mit den Worten an mich: »Wir ſind alle verloren!« Ich fragte ihn, ob ich ihm nicht dienen könne.„Haltet noch eine Weile Stand,“ rief er ſeinen Leuten zu, die in der That ganz verzweifelt kämpften. Als ihm aber zweihundert franzöſiſche Reiter in den Rücken fielen, ſo ſagte er auf franzöſiſch zu mir, er wolle mein Gefangener ſein, worauf er mir meinen Degen aushändigte und zugleich ſeinen eigenen überreichte. Ein in ſeiner Nähe ſtehender Dragoner wollte eben ein Gleiches thun, als der⸗ ſelbe, von einer Kugel getroffen, todt niederſtürzte. Die anſprengende Reiterei machte bald reines Feld; aber der Fürſt Commercy hatte ſich mit dem Reſte ſeiner Mannſchaft durchgeſchlagen und wurde nicht weiter verfolgt. Sechzehn oder ſiebzehn unſerer Leute wurden auf die —2 374 S⸗ gleiche Weiſe, wie ich, aus der Gefangenſchaft erlöst; aber ſie hatten nicht das Glück, den, der ſie gefangen gemacht, zum Gefangenen zu bekommen. Der Offizier war ſo groß⸗ müthig geweſen, nicht nach meinem Gelde zu fragen, obgleich er in dieſer Hinſicht wenig von mir erobert hätte; aber ſeine Höflichkeit gereichte mir zum Nachtheile; denn jetzt konnte auch ich nicht nach ſeinem Gelde fragen, obgleich er, wie ich erfuhr, an hundert Piſtolen bei ſich führte. Er kam jedoch des Nachts nach unſern Zelten und machte mir zwanzig Piſtolen zum Geſchenke, worauf ich die Erlaubniß für ihn auswirkte, auf ſein Ehrenwort, nicht wieder gegen uns zu kämpfen, bis ſeine Auswechslung ſtattgefunden hätte, in Prinz Eugens Lager zurück zu kehren, was er auch that. Im darauf folgenden Sommer zogen unſere zwei iriſchen Regimenter wieder ins Feld und beſtanden manchen ernſten Strauß mit den Deutſchen; denn Prinz Eugen, ein raſtloſer Feldherr, ließ uns nur wenig Ruhe und errang viele Vor⸗ theile durch ſeine unabläſſigen Kreuz⸗ und Querzüge, mit denen er nicht nur uns, ſondern auch ſeine eigenen Leute ermüdete. Wer übrigens das Benehmen der Franzoſen kennt und ihnen Gerechtigkeit widerfahren laſſen will, der muß zugeben, daß ſie den Deutſchen nie auswichen und bei allen Gelegenheiten muthig und wacker kämpften; und obgleich eine ungemeine Anzahl von Offizieren ſowohl als Soldaten fielen, ſo machte doch der Herzog von Vendome, welcher— trotz König Philipps perſönlicher Anweſenheit in der Armee— n R ———— 8⏑ᷣ-Bü ℛᷣ ð&ε ‿⁸ ————-—+— K—— 2 375& den Oberbefehl führte, dem Prinzen von Savoyen viel zu ſchaffen, indem er ihn von Poſten zu Poſten trieb, bis er auf dem Punkte war, Italien ganz und gar zu verlaſſen. Die ganze tapfere Armee, welche Prinz Eugen nach Italien gebracht hatte, und welche ohne Zweifel die beſte war, welche je daſelbſt erſchienen, ging in dieſem Feldzug zu Grunde und noch viele Tauſende nachher, bis die Angelegenheiten Frankreichs eine andere Wendung nahmen, und das Geſchick der Schlachten ſeine Streitkräfte nach anderen Plätzen rief. Meine Betheiligung bei dieſem Feldzuge war zwar karz, aber ehrenvoll. Wir rückten Anfangs Juli 1702 wieder ins Feld, und der Herzog von Vendome zog die ganze Armee zuſammen, um Mantua, welches von den Kaiſerlichen be⸗ lagert wurde, zu entſetzen. Dem Prinzen Eungen ſchien jetzt das Glück ein wenig untreu werden zu wollen, denn unſere Armee war nicht nur zahlreicher als die ſeinige, ſondern der Herzog rückte auch früher, als er, ins Feld; und da der Prinz den ganzen Winter über Mantua im Blokadeſtand erhalten hatte, ſo war der Herzog entſchloſſen, die Stadt zu entſetzen, koſte es was es wolle. Letzterer war, wie geſagt, der erſte im Feld, und der Prinz durchaus nicht in der Lage, ſeinen Beſtrebungen, die Stadt zu entſetzen, einen nachdrücklichen Widerſtand zu leiſten. Er zog daher mit ſeinen Truppen ab, indem er mehrere ſtarke Abtheilungen zurück ließ, um das von dem 376 So Herzog von Vendome bedrohte Bercello und Borgofort, wo das Hauptmagazin lag, zu beſchützen, worauf er alle ſeine übrigen Streitkräfte zuſammenzog, um einen Haupt⸗ ſchlag gegen uns zu führen. Der Herzog von Vendome ſtand mit ungefähr fünfunddreißigtauſend Mann in der Nähe von Luzara, welches er angreifen wollte, um den Prinzen Eugen zu einer Schlacht zu veranlaſſen. Der Fürſt von Vaudemont lag mit weiteren Zwanzigtauſenden verſchanzt bei Rivalto hinter Mantua, um die mailändiſche Grenze zu decken, und in Mantua ſelbſt befand ſich eine Beſatzung von faſt zwölftauſend Mann. Monſieur Pracontal lag mit zehntauſend Mann gerade unter den Kanonen eines der Forts, welche die nach Mantua führende Heerſtraße beſchützten, und eine Vereinigung all dieſer Streitkräfte, die in einigen Tagen hätte bewerkſtelligt werden können, würde dem Prinzen genug zu ſchaffen gemacht haben, um ſich über⸗ haupt in Italien zu halten; denn er beſaß im ganzen Lande nicht einen einzigen Platz, der auch nur auf fünfzehn Tage eine förmliche Belagerung ausgehalten hätte. Er wußte all dieß recht gut, und wir waren daher nicht wenig überraſcht, als wir am 15. Juni 1702 die ganze kaiſerliche Armee in Schlachtordnung und in der unverkennbaren Abſicht, uns anzugreifen, anrücken ſahen, während der Herzog eben Vor⸗ kehrungen zu einem Sturm auf Luzara machte, weil er auf dieſem Wege am eheſten den Feind zum Schlagen zu brin⸗ gen hoffte. 377 So⸗ Unſere Armee rückte eben, wie es zwei Tage früher der Fall geweſen, in Schlachtreihen auf den Feind los: ich hätte nämlich ſagen ſollen, daß der Herzog drei Tage zuvor Nach⸗ richt erhalten hatte, der General Visconti ſtehe mit drei kaiſerlichen Cavallerieregimentern und einem Infanterieregi⸗ ment bei San Victoria an der Teſſona, weßhalb er ſich entſchloß, dieſelben anzugreifen. Dieſer Plan wurde ſo geheim ausgeführt, daß Visconti, obgleich unſere Armee drei Stun⸗ den entlegen war, ſich plötzlich auf ſeinem Zug in das Modeneſiſche von ſechstauſend Reitern und Dragonern der franzöſiſchen Armee angegriffen ſah. Er leiſtete eine Stunde lang den tapferſten Widerſtand und ließ ſodann, als ſeine Truppen in Verwirrung gerathen wollten, zum Rückzug blaſen. Aber die Schwadronen hatten ſich noch nicht lange umgewendet, als ſie ſich von einer Menge Infanterie um⸗ ringt ſahen, welche ihnen den Rückzug, mit Ausnahme des einzigen über die Teſſonabrücke, abſchnitt. Dort drängte ſich aber die Bagage ſo ſehr, daß ſie weder vorwärts noch rückwärts konnten, und ſo ſtürzten ſie ſo übereinander, daß von einer Ordnung gar keine Rede ſein konnte. Eine Unzahl fiel ins Waſſer und ertrank, viele wurden erſchlagen und noch mehrere gefangen genommen, ſo daß die vier Regi⸗ menter gärzlich vernichtet waren. Dieß war ein ſchwerer Schlag für den Prinzen; denn ſie gehörten zu den Kerntruppen ſeiner Armee. Wir hatten ungefähr vierhundert Gefangene gemacht, und außer der 378& Bagage, welche eine ſehr beträchtliche Beute abwarf, waren ungefähr achthundert Pferde in unſere Hände gefallen. Ohne Zweifel wurden dieſe Truppen in der am fünfzehnten erfolg⸗ ten Schlacht ſehr vermißt. Ich habe bereits bemerkt, daß wir in vollem Marſch auf Luzara begriffen waren, als eine kaiſerliche Abtheilung, aus ungefähr ſechshundert Pferden beſtehend, erſchien; und in weniger als einer Stunde rückte die ganze feindliche Armee in Schlachtordnung an. Unſer Heer formirte ſich ſogleich, und der Herzog ſtellte ſeine Regimenter ſo vortheilhaft auf, daß Prinz Eugen ſeinen Plan ändern mußte, wobei er ſich noch obendrein in dem Nachtheile befand, eine der ſeinigen überlegene Armee in den vortheilhafteſten Stellungen anzugreifen. Hätte er allen⸗ falls noch einen Tag zugewartet, ſo wären wir ihm halb⸗ wegs entgegen gekommen; aber dieß vertrug ſich nicht mit dem Stolz der deutſchen Generale, die eine überaus hohe Meinung von der Vortrefklichkeit ihrer Truppen hatten. Der linke Flügel unſerer Armee ſtand an dem Po, gerade der Stelle gegenüber, von wo aus die Truppen des Fürſten von Vaudemont die Verſchanzungen der Kaiſerlichen bei Borgo fort beſchoſſen; und als dieſer General hörte, es werde wahrſcheinlich eine Hauptſchlacht geben, ſo ſchickte er der königlichen Armee zwölf Bataillone und ungefähr tauſend Pferde zur Verſtärkung, welche zu unſerer großen Beruhi⸗ gung Zeit genug fanden, ſich mit dem Heere zu vereinigen, 379 S⸗ während der Prinz über einem neuen Angriffsplane brütete. Jedenfalls war es die Ankunft dieſer Truppen, welche Prinz Eugen veranlaßte, die Schlacht zu beginnen, indem er hoffte, dieſelbe von der Geſammtarmee abſchneiden zu können. Er kam zwar hiezu zu ſpät; aber der Kampf konnte nun nicht mehr vermieden werden. Es währte bis Abends fünf Uhr, ehe die ganze Linie ſchlagfertig daſtand, und dann eröffnete nach einer ziemlich fruchtloſen Kanonade von einer halben Stunde der rechte Flügel unter dem Commando des Fürſten de Commercy einen wüthenden Angriff auf unſern linken Flügel. Unſere Leute begegneten ihm wacker und unterſtützten ſich gegen⸗ ſeitig ſo kräftig, daß er unter einem ſchrecklichen Gemetzel zurückgeſc=hlagen wurde. Zum Unglück für die Kaiſerlichen fiel der Fürſt von Commercy gleich bei dem erſten Anrennen, wodurch die Regimenter, aus Mangel an dem gehörigen Commando und beſtürzt durch den Tod eines ſo bedeutenden Mannes, in Unordnung geriethen, ſo daß die ganze Brigade bald durchbrochen war. Als die zweite Reihe unter dem General Herbeville vorrückte, wurden die Nachtheile des erſten Angriffs wieder ausgeglichen; die Bataillone ſammelten ſich wieder, um kühn zum zweitenmal vorzurücken, und da ſie vom Haupt⸗ corps Verſtärkung erhalten hatten, ſo wurden die Unſrigen bis nach einem Arme des Po, der in ihrer linken Flanke lag, zurückgedrängt. Hinter dieſem ſammelten ſie ſich wieder, 5 380 So⸗ und da ſie durch neue Truppen, ſowohl Reiterei als Fußvolk, unterſtützt wurden, ſo dauerte das Gefecht auf beiden Seiten mit äußerſter Hartnäckigkeit und mit ſo viel Muth und Gewandtheit fort, daß es unmöglich geweſen wäre, zu ſagen, wohin ſich der Sieg gewendet haben würde, wenn das Gefecht hätte ganz ausgekämpft werden können. Auf dem rechten Flügel der königlichen Armee ſtand der Kern der franzöſiſchen Cavallerie, nämlich die Gensdar⸗ mes, die königlichen Carabiniere und die berittenen Garden der Königin mit vierhundert weiteren Roſſen und einer entſprechenden Anzahl von Fußtruppen, unter denen ſich unſere Brigade befand. Die Reiterei ſprengte zuerſt, die gezückten Säbel in der Fauſt, zum Angriff, ohne das Feuer der zwei kaiſerlichen Cüraſſierregimenter mit einem Schuß zu erwiedern, indem ſie auf dieſelben eindrangen, durch die Wucht ihrer Pferde alles niederwarfen und eine ſolche Ver⸗ wirrung anrichteten, daß das Feld für die Nachziehenden bald frei wurde, und unſere erſte Infanterielinie ſich auf dem Grunde aufpflanzen konnte, der eben erſt im Beſitze des Feindes geweſen war. Nachdem wir in der vorgenannten Weiſe die feindliche Cavallerie geworfen hatten, wurde dieſelbe durch die Ge⸗ wandtheit ihrer Generale wieder geſammelt, und von drei kaiſerlichen Infanterieregimentern unterſtützt begann ſie einen ſo wüthenden Angriff, daß ihr nichts widerſtehen konnte. Bei dieſer Gelegenheit wurden zwei Bataillone unſerer iriſchen ——— 381 So Regimenter in Unordnung gebracht und eine große Anzahl der Mannſchaft getödtet; auch hatte ich das Unglück, einen „Musketenſchuß in den linken Arm zu bekommen, der mir den Knochen zerſchmetterte. Dieß war jedoch nicht alles; denn ich wurde von einem rieſigen deutſchen Soldaten nieder⸗ geſchlagen, welcher mir, da er mich für todt hielt, den Fuß auf die Bruſt ſetzte; er ward jedoch von einem meiner Leute niedergeſchoſſen und fiel auf mich, was mir bei meinem zer⸗ brochenen Arme ſehr zum Nachtheile gereichte; denn die Wucht des Kerls, der faſt ſo groß als ein Pferd war, laſtete ſo ſchwer auf mir, daß ich mich nicht rühren konnte. Unſere Leute wurden von dem Platze, auf welchem ſie ſtanden, zurückgeſchlagen, und ſo blieb ich in den Händen des Feindes, obgleich ich nicht ſagen konnte, daß ich ein Gefangener war; denn man fand mich erſt des nächſten Morgens, als man die Chirurgen ausſchickte, um nach den Verwundeten zu ſehen. Ich war unter den todten Deutſchen und andern, die umher lagen, beinahe erſtickt, und ich muß dem Feinde durch das Anerkenntniß Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ich ſehr menſchenfreundlich behandelt, und daß mein Arm von den Wundärzten ſehr geſchickt und gut ein⸗ gerichtet wurde. Nach vier oder fünf Tagen erhielt ich die Erlaubniß, auf mein Ehrenwort nach Parma zu gehen. Beide Armeen fuhren fort, ſich zu ſchlagen, zumal unſer linker Flügel, bis es ſo dunkel war, daß man den Feind 382 S⸗ von dem Freund nicht mehr zu unterſcheiden wußte, und die Generale nicht mehr ſahen, was ſie thaten. Beide Theile machten Anſpruch auf den Sieg, und beide verhehlten ſo gut als möglich ihre Verluſte. So viel iſt jedenfalls gewiß, daß nie eine Schlacht mit größerer Tapferkeit und Hartnäckigkeit geſchlagen wurde, und hätte ſie bei Tag ausgekämpft werden können, ſo wären ohne Zweifel viele tauſend Menſchen mehr auf beiden Seiten gefallen. Neunzehntes Kapitel. Neue Bande.— Expedition unter dem Chevalier de Saint George.— Unangenehme Entdeckung bei meiner Rückkehr.— Ein Duell.— Flucht nach England. Mein Feldzug war jetzt zu Ende. Ich pflegte in Parma vierzig Tage lang meiner Armwunde. Sodann mußte ich mich vor dem Commandeur zu Ferrara ſtellen, wo ſich bald nachher auch Prinz Eugen einfand und Befehl ertheilte, daß ich mit mehreren andern Kriegsgefangenen ins Mailändiſche geſchickt und zum Zwecke einer Auswechs⸗ lung aufbewahrt werden ſolle. Ich lebte ungefähr acht Monate in Trent, wo der Mann, in deſſen Hauſe ich einquartiert war, mich ungemein höflich behandelte und ſehr gut für mich ſorgte, ſo daß ich eine ganz behagliche Exiſtenz hatte. Hier knüpfte ich— in der That ganz unabſichtlich— ein Verhältniß mit der Tochter meines Hausherrn an, und ich weiß nicht, welcher Unſtern über mir waltete, daß ich mich bewegen ließ, ſie nachher zu heirathen: es war eine Ehrlichkeit von meiner 384 So. Seiite, welche ich mir, wie ich geſtehen muß, nicht gern zu Schulden kommen ließ; aber das Mädchen war mir zu ſchlau, denn ſie fand Mittel, mir etwas mehr Wein beizu⸗ bringen, als ich gewöhnlich zu trinken pflegte; und obgleich ich davon nicht berauſcht wurde, ſondern noch recht wohl wußte, was ich that, ſo brachten mich doch die Folgen dieſer eiſt in eine ungewöhnlich gute Laune, welche mich veran⸗ laßte, in eine eheliche Verbindung zu willigen. Dieſer unkluge Streich meiner Ehrlichkeit hatte für mich viel Un⸗ bequemlichkeit; denn ich wußte nicht, was ich mit dieſem neuen Hemmgewicht anfangen ſolle, das ich mir ſelbſt ange⸗ hängt hatte, und da ich eben ſo wenig an Ort und Stelle bleiben, als ſie mit mir nehmen konnte, ſo befand ich mich in einer ungemeinen Verlegenheit. Bald nachher wurde ich in Folge gegenſeitiger Ueberein⸗ kunft in Freiheit geſetzt und mußte nunmehr zu meinem Regiment zurückkehren, welches damals auf dem mailän⸗ diſchen Gebiete im Quartier lag, und von dort aus erhielt ich Erlaubniß, nach Paris zu reiſen unter der Bedingung, daß ich vermittelſt meiner Correſpondenten in England Rekruten für die iriſchen Regimenter werbe. Ich ließ mir daher von den feindlichen Behörden einen Paß ausſtellen, um nach Trent zu gehen, wohin ich mich auf einem langen Umwege begab, und wo ich meine Effekten ſammt Weib und allem ehrlich zuſammenpackte, um ſie durch Tyrol, Baiern, Schwaben und den Schwarzwald ins Elſaß zu — 385 α. bringen: von dort aus durchzog ich Lothringen und langte endlich in Paris an. Ich war nun im Geheimen entſchloſſen, den Kriegs⸗ dienſt zu verlaſſen; denn ich hatte bereits genug am Fech⸗ ten. Es galt jedoch als eine entehrende Handlung, ein Solches zu thun, ſo lang die Armee im Felde ſtand, ſo daß ich mich nicht geradezu losſchälen konnte, obſchon mir dieſer Schritt bald durch das Dazwiſchenkommen eines anderen Umſtandes erleichtert wurde. Der Krieg zwiſchen Frankreich, England und Holland erneuerte ſich wieder in der früheren Weiſe, und der franzöſiſche König, der emſig darauf bedacht war, den Engländern anderswo zu ſchaffen zu machen, rüſtete in Dünkirchen ein ſtarkes Geſchwader von Kriegsſchiffen aus, die er mit ungefähr ſechstauſend fünfhun⸗ dert Soldaten, die Freiwilligen nicht mitgezählt, bemannte. Der Zug galt Schottland; und auch der neue König, wie wir ihn nannten, obgeich er allgemeiner unter dem Namen des Chevalier de St. George bekannt war, befand ſich an Bord. Ich that, als ob ich mich ſehr eifrig für dieſen Dienſt intereſſirte, und machte mich anheiſchig, im Falle es mir geſtattet würde, meine Compagnie in dem iriſchen Regi⸗ mente zu verkaufen, mich als Freiwilliger dieſer Expedi⸗ tion anzuſchließen und ohne Sold zu dienen, vorausgeſetzt, daß ich in England Truppen für ihn werben könnte, für welche mir das Patent eines Obriſten ausgeſtellt werden Oberſt Jack. II. 2 25 - 386& müßte. Das Anerbieten meines Dienſtes ohne Belohnung verſchaffte mir bei dem Chevalier einen großen Vortheil; denn ich galt nun als ein Mann von Einfluß, der ohne Zweifel anſehnliche Verbindungen in ſeinem Lande unter⸗ hielt; und ſo wurde es mir erlaubt, meine Compagnie zu verkaufen, was mir eine ſchöne runde Summe abwarf, welche ich über Holland nach London ſchickte, nachdem ich mich zuvor gut equipirt hatte; und nun verfügte ich mich nach Dünkirchen, um mich einzuſchiffen. Ich wurde von dem Chevalier ſehr gut aufgenommen. Er wußte, daß ich als Offizier in der iriſchen Brigade geſtanden und in Italien Kriegsdienſt geleiſtet hatte, weß⸗ halb ich als alter Soldat mit vieler Auszeichnung behan⸗ delt wurde, obgleich ich zur Zeit keine beſondere Anhäͤng⸗ lichkeit an ſeine Perſon oder ſeine Sache hatte. In der That kümmerte ich mich wenig für das Intereſſe ſowohl der einen als der andern Seite; denn wenn dieß der Fall geweſen wäre, ſo hätte ich wohl nicht nur mein Le⸗ ben, ſondern auch meine Habe gefährdet, welch letztere, von dieſem Augenblicke an an die engliſche Regierung verwirkt und zu augenſcheinlich in der Macht derſelben war, um nicht ſtündlich konfiszirt werden zu können. Wie dem übrigens auch ſeyn mochte— da ich von London dreihundert Pfund Sterling erhalten und meine Compagnie im iriſchen Regiment ſo ziemlich um das gleiche Geld verkauft hatte/ ſo ließ ich mich, ohne recht zu wiſſen, n 387 ⸗ wie? in dieſe tolle Sache verflechten, ſo daß ich auf jede Gefahr hin als Freiwilliger daran Theil nahm. Es ge⸗ hört nicht ſonderlich zu meiner Geſchichte, einen Bericht über dieſe fruchtloſe Expedition zu erſtatten, weßhalb ich mich mit der Andeutung begnüge, daß die den franzöſiſchen Streit⸗ kräften weit überlegene engliſche Flotte nachdrücklich und wirk⸗ ſam Jagd auf uns machte, und ich kann wohl ſagen, daß mein damaliges Entrinnen ein Entrinnen vom Galgen war. Es war ein Glück für die Franzoſen, daß ſie den Hafen, auf den ſie es abgeſehen hatten, überſchoſſen, und ſtatt in der Bucht des Forts bei Edinburg zu landen, weiter im Norden nach Montroſe gelangten. Da die Truppen hier nichts zu thun hatten, ſo ſahen ſie ſich ge⸗ nöthigt, nach der genannten Bai hinunter zu fahren, wo ſie denn auch vor dem Eintritt der Fluth Anker warfen. Durch dieſe Zögerung erhielten die Engländer Zeit, unter Sir George Bing gleichfalls herbeizukommen; ſie ankerten gleichzeitig mit uns und warteten nur die Fluth ab, um in die Bai einzufahren. Hätten wir nicht den Hafen überſchoſſen, ſo wäre unſer ganzes Geſchwader in zwei Tagen vernichtet ge⸗ weſen; denn wir hätten dann nichts Anderes zu thun ge⸗ wußt, als mit den kleinen Fregatten bei Leith einzulaufen und die Truppen nebſt dem Kriegsbedarf zu landen. Die Kriegsſchiffe wären daher nothwendig in die Hände der 92⁵* 388 S⸗⸗ Engläͤnder gefallen, da wir denſelben nur vierundzwanzig Stunden voraus waren, wenn wir nicht allenfalls vorge⸗ zogen hätten, unſere Flotte in Brand zu ſtecken. Dieſer unverhoffte Ueberfall veranlaßte den franzöſi⸗ ſchen Admiral, den Punkt, wo wir lagen, zu verlaſſen und nordwärts zu ſteuern. Wir gewannen der engliſchen Flotte einen Vorſprung ab und entkamen, ohne mehr als ein einziges Schiff zu verlieren, das hinter den übrigen zurückgeblieben war und ſich nicht zu retten wußte. Als wir die Ueberzeugung gewannen, daß die Engländer von ihrer Jagd abgelaſſen hatten, was nicht vor der dritten Nacht der Fall war, ſo änderten wir unſern Curs und ſteuerten nach der Küſte von Norwegen, indem wir fort⸗ während das Land neben Bord behielten, bis wir in die Mündung des baltiſchen Meeres einfuhren. Hier warfen wir wieder Anker und ſchickten zwei Kundſchafter aus, um Nachricht einzuziehen, ob es auf der See geheuer wäre, und als wir erfuhren, daß uns der Feind nicht länger nachſetzte, ſegelten wir luſtig nach Dünkirchen zu⸗ rück, wo ich froh war, meinen Fuß wieder auf feſtes Land zu ſetzen; denn da es bei dieſer Flucht unſer Aller Leben galt, ſo war ich fortwährend in großer Todesangſt, in⸗ dem mir kein anderer Gedanke als an Strick und den Galgen durch den Kopf ging, welchen ich nicht hätte entgehen können, wenn ich aufgegriffen worden wäre. Jetzt aber war alle Sorge vorüber. Ich verabſchiedete 0 389& mich von dem Chevalier und der Armee und eilte nach Paris. Meine unerwartete Ankunft daſelbſt führte mich zu einer Entdeckung hinſichtlich meines Weibes, die mir gar nicht behagen wollte; denn ich fand, daß die Dame ſich in einer Geſellſchaft bewegte, wie ſie ſich für eine an⸗ ſtändige Frau durchaus nicht ſchickte. Ich muß geſtehen, daß mich dieß ſehr ſchmerzlich berührte; denn ſie war mir um ihres einnehmenden Weſens willen, welches ſie beſon⸗ ders nach ihrer Ankunft in Frankreich an den Tag legte, ſehr werth geworden; da ſie aber einen Hang zum Leicht⸗ ſinn hatte, ſo war es unmöglich, ſie in einer Stadt wie Paris, wo die Galanterie zur Tagesordnung gehört, vor ſolchen Verirrungen zu bewahren. Es ärgerte mich nicht wenig, denken zu müſſen, daß ich beſtimmt ſey, in der Fremde wie im Vaterland Hörner zu tragen, und ich wurde hin und wieder ſo wüthend darüber, daß ich mich durchaus nicht zu beherrſchen wußte. Ich brachte ganze Tage und bisweilen ganze Nächte zu, um darüber nachzuſinnen, was ich mit ihr und insbeſondere mit dem Schufte anfangen ſollte, der meine Abweſenheit mißbraucht hatte. Ich beging in Gedanken mehr als ein⸗ mal— ja, mehr als hundertmal einen Mord und beſann mich eigentlich nur noch darüber, wie ich die That aus⸗ führen und nach Vollbringung derſelben meine Flucht be⸗ werkſtelligen ſollte. Die ganze Zeit über konnte ich jedoch keinen zurei⸗ 390 E chenden Beweis für ihre Schuld auffinden, wie ich denn auch ihr weder einen Vorwurf machte, noch ſie meinen Argwohn wiſſen ließ, obſchon ſie es aus meinem veränder⸗ ten Benehmen gegen ſie merken konnte; denn es konnte ihr nicht verborgen bleiben, daß mich etwas beunruhigte. Sie achtete aber nicht darauf, ſondern empſing mich liebe⸗ voll und that, als ob ſie ſehr erfreut über meine Rückkehr wäre. Ich fand auch nicht, daß ſie in meiner Abweſenheit verſchwenderiſch geweſen war; aber Eiferſucht macht, wie das Sprichwort ſagt, den Mann zum Narren, und ſo drängte ſich meiner verwirrten Einbildungskraft der Ge⸗ danke auf, ihre Wirthlichkeit mit dem ihr gelaſſenen Gelde rühre von dem Umſtande her, daß ſie ſich von anderen Leuten habe unterhalten laſſen, und daher keine Gelegen⸗ heit zu beſonderen Ausgaben gehabt habe. Ich muß geſtehen, daß ſie hier, ſelbſt bei der größten Ehrlichkeit, einen ſchweren Stand hatte; denn da ſich ein- mal der Gedanke von ihrer Schuld in meinem Kopf feſt⸗ geſetzt hatte, ſo würde ich bei einem verſchwenderiſchen Leben geſagt haben, ſie vergeude ihr Geld an ihre Anbe⸗ ter, wie ich jetzt ihre Sparſamkeit davon ableitete, daß ſie ſich von denſelben habe unterhalten laſſen. Aber, wie geſagt, mein Gehirn war verwirrt; ich glaubte, ſie hätte Schmach über mich gebracht, und ich konnte mich weder bei Tag noch bei Nacht dieſer Gedanken entſchlagen. Dieſe ganze Zeit über kam es zu keinem förmlichen 391& Bruche zwiſchen uns; aber ich hatte mich in eine ſolche Ueberzeugung hineingelebt⸗ daß ich glaubte, keines weite⸗ ren Beweiſes zu bedürfen, und ich betrachtete Jeden, der ihr nahe kam, oder mit dem ſie ſprach, mit ſcheelen Augen. In demſelben Hauſe mit uns wohnte ein Gardeofſizier, der aus einer vornehmen Familie war. Ich ſaß eines Tages in einem kleinen Gemache, das an das Beſuch⸗ zimmer meiner Frau ſtieß, als dieſer Herr hereintrat, was er, da er zum Hauſe gehörte, mit Fug hätte thun können; aber da er nicht wußte, daß ich in der Nähe war, ſo ſetzte er ſich nieder und plauderte mit meiner Frau. Ich hörte jedes Wort, das geſprochen wurde, denn die Thüre zwi⸗ ſchen uns war nur angelehnt; ich kann aber nicht ſagen, daß etwas Verfängliches geſprochen worden wäre. Sie redeten von Tagesneuigkeiten, von einer neunzehnjährigen Dame, der Tochter eines Bürgers, welche in der vorigen Woche einen Advokaten bei dem Pariſer Parlament gehei⸗ rathet hatte, der ſehr reich und ungefähr ſechsunddreißig Jahre alt war, dann von einer anderen, einer reichen Wittwe in Paris, welche einen Kammerdiener ihres ſeligen Mannes geheirathet, und ähnliche Tageshiſtörchen⸗ ſo daß ich durchaus nichts Arges darin finden konnte. Dem ungeachtet aber erfüllte es meinen Kopf mit eiferſüchtigen Gedanken und entflammte meinen Zorn. Das eine Mal bildete ich mir ein, er nehme ſich zu viele Freiheit gegen ſie heraus, und dann meinte ich, ſie ginge 2 392 SE⸗ zu frei mit ihm um; und ein oder zwei Mal war ich auf dem Punkte, hineinzuſtürmen und Beide zu beſchimpfen; aber ich hielt an mich. Endlich ſprachen ſie ſpöttiſch von dem Liebesverhältniſſe einer jungen Dame mit einem älte⸗ ren Manne, und da ich ſelbſt nicht mehr zu den jungen gehörte, ſo machte mich ihr Spott ſo wüthend, daß ich aufſprang, in ihr Zimmer trat und zu meiner Frau ge⸗ wendet, die Worte ſagte:„Ihr meint alſo, Madame, er wäre zu alt für ſie?“ Darauf warf ich dem Offtzier einen herausfordernden Blick zu und ging auf die Straße. Der Marquis, denn dieſen Titel führte er, war ein Mann von Ehre und Muth und nahm meinen Blick, wie er gemeint war, indem er mir augenblicklich folgte und ſich auf der Straße hinter mir räuſperte. Ich blieb ſtehen, worauf er auf mich zukam. „Herr,“ begann er,„die Verhältniſſe ſind in Frank⸗ reich ſehr ungünſtig für uns, und wir können uns nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ohne daß wir uns den ſchlimmſten Folgen ausſetzen. Doch werde daraus, was da wolle: Ihr müßt mir über den Grund Eures Beneh⸗ mens eine Erklärung geben.“ Die wenigen Augenblicke, die ſeit meinem Aufbrauſen verfloſſen waren, hatten zugereicht, mich ein wenig abzu⸗ kühlen, und ich fühlte, daß ich ihm vielleicht Unrecht ge⸗ than hatte; ich ſagte daher offen zu ihm: „Mein Herr! ich kenne Euch als einen Mann von ———A„ 5₰ 393 E Ehre und habe alle Achtung vor Euch; aber ich bin ärger⸗ lich über das Betragen meiner Frau, und würdet Ihr wohl in meiner Lage anders gehandelt haben 24 „Es thut mir leid, wenn zwiſchen Euch und Eurer Frau Mißhelligkeiten obgewaltet haben, aber was geht Das mich an? Könnt Ihr mir eine andere Unziemlichkeit zur Laſt legen, als daß ich ſo und ſo geſprochen(er wiederholte dabei ſeine Worte)? Ich wußte, daß Ihr in dem nächſten Zimmer wäret, daß Ihr jedes Wort hören könntet, und daß wir uns bei offenen Thüren unterhielten, aber ich hätte nicht gedacht, daß irgend Jemand einen ſo unſchuldigen Ausdruck zu mißdeuten vermöchte.“ „Ich mußte ihn ſo nehmen, wie ich es that,“ erwie⸗ derte ich;„denn es kam mir vor, als deute er auf eine weitere Vertraulichkeit, und Ihr könnt nicht erwarten, daß ein Mann von Ehre ſo etwas ertrage. Ich habe indeß nur zu meiner Frau geſprochen,“ fuhr ich fort;„denn ich ließ gegen Euch keine Sylbe fallen, ſondern rückte ſogar meinen Hut, als ich an Euch vorbeiging.“ „Ja,“ verſetzte er,„aber Ihr thatet es mit einem Blicke, der für mich ſprechend genug war.“ „Ich weiß hierauf Nichts zu erwiedern,“ ſagte ich; „denn ich kann mein eigenes Geſicht nicht ſehen; aber mein Aerger galt meiner Frau und nicht Euch.“ 71 „Ich muß Euch daran erinnern, mein Herr,“ ent⸗ gegnete er, indem jetzt die Reihe des Warmwerdens an 4 2 394 S⸗⸗ ihn kam,„daß der Zorn über Eure Frau eine Folge ihres Geſprächs mit mir war. Ich bin alſo gleichfalls dabei betheiligt und habe das Recht, mich dadurch gekränkt zu fühlen.“ Ich ſuchte ihn zu beſchwichtigen, aber es wollte nicht gehen; denn er verlangte durchaus von mir Genugthuung, wie er es nannte, weßhalb er mir den Vorſchlag machte, daß wir uns nach Ryſſel in Flandern begeben ſollten. Ich war nun Soldat genug, um mich nicht zu ſcheuen, einem Manne entgegenzutreten, und der Zorn über meine Frau flößte mir noch mehr Muth ein, da er ein Wort fallen ließ, das alle Schranken meiner Geduld zerbrach. Er ſprach nämlich von meinem Mißtrauen gegen meine Frau, und meinte, wenn ich nicht gute Gründe dafür habe, ſo dürfe ich ſie nicht beargwöhnen. Ich entgegnete ihm, wenn ich Gewißheit hätte, ſo bedürfte es keines Argwohns, worauf er mir erwiederte, wenn er ſo glücklich wäre, ſich ihrer Gunſt zu erfreuen, ſo würde er Sorge dafür tragen, mich alles Argwohns zu überheben. Ich gab ihm nun eine ſo derbe Antwort, als er ſie nur je wünſchen konnte, und er entgegnete:„Wir werden in Ryſſel weiter dar⸗ über ſprechen.“ d Ich ſagte ihm, ich ſehe nicht ein, wozu es gut wäre, aß er oder ich bis nach Ryſſel ginge, um dieſen Streit auszumachen; denn da ich ſehe, er ſey der Mann, den ich ſuche, ſo könnten wir die Sache auf der Stelle, aux % 395 So⸗ champs, ausfechten, und wer dann das Glück habe, den Andern zu tödten, könne ja nachher ſeine Flucht nach Ryſſel verſuchen. So gingen wir Beide mit grollenden Herzen, ohne jedoch dem Anſtande etwas zu vergeben, auf dem Wege nach Charenton weiter, bis wir die Vorſtädte von Paris im Rücken hatten. Wir kamen endlich auf ein unbeſuchtes Feld; und nun erklärte ich ihm, hier wäre der geeignete Platz für uns, indem ich zugleich auf eine Baumreihe deutete, die an Monſieur——'s Gartenmauer gränzte. Wir begaben uns ſofort dahin und gingen unmittelbar ans Werk. Nach einem kurzen Kampfe verſetzte er mir einen langen ſchrägen Stich in den Arm, während ihm zu gleicher Zeit mein Degen in den Leib fuhr. Ehe er fiel, ſprach er noch einige Worte und ſagte mir, ich hätte ihn getödtet, worauf er noch beifügte, er wiſſe, daß er mir Unrecht gethan, und daß er deßhalb nicht mit mir hätte fechten ſollen. Dann forderte er mich auf, ſogleich die Flucht zu ergreifen, was ich auch that; aber ich ging nicht weiter, als bis in die Stadt, da uns, wie ich glaubte, Niemand beiſammen geſehen hatte. Des Nachmittags, ungefähr ſechs Stunden nach dem Duell, vernahm ich von verſchiedenen Seiten, daß der Marquis tödtlich verwundet und zu Charenton in ein Haus gebracht worden ſey. Die Kunde, daß er nicht todt ſey, überraſchte mich ein wenig; denn ich zweifelte nicht, er werde, da er mich auf der 8 396 S= Flucht glaubte, die wahre Sachlage angeben. Ich ließ mir jedoch meine Beſorgniſſe nicht anmerken, ſondern be⸗ gab mich in mein Zimmer und ſieckte all mein Geld zu mir, welches mir in der That für meine Ausgaben hin⸗ reichend ſchien; da ich aber außerdem im Beſitz eines Wechſels von zweitauſend Livres war, ſo verfügte ich mich ganz ruhig zu einem Kaufmann, der mich kannte, und ließ mir fünfzig Piſtolen drauf geben, indem ich ihm kund that, Geſchäfte riefen mich nach England, und ich wolle mir das Uebrige auszahlen laſſen, wenn er es eingenom⸗ men hätte. Nachdem ich mich ſo vorgeſehen, verſchaffte ich mir ein Pferd für meinen Diener, auf deſſen Treue ich mich verlaſſen konnte, und wagte mich nach meiner Wohnung zurück, wo ich abermals hörte, daß der Marquis nicht todt wäre. Meine Frau hatte zwar ihre Bekümmerniß um den Marquis ſo gut bemäntelt, daß ſie mir keine Gelegenheit gab, Bemerkungen gegen ſie fallen zu laſſen. Sie entdeckte jedoch bald die Spuren von Wuth und tiefer Kränkung in meinem Benehmen, und als ſie ſah, daß ich Vorbereitungen zur Abreiſe traf, fragte ſie mich, ob ich die Stadt verlaſſen wolle. Ich bejahte dieß mit der Aeußerung, daß ich ihr Gelegenheit geben wolle, für ihren Freund, den Marquis, zu trauern. Sie fuhr nun in dem höchſt möglichen Entſetzen auf, bekreuzte ſich zu tau⸗ ſend Malen, rief die gebenedeite Jungfrau und alle ³⏑ ☛ᷣ —=—— 7 2 397& Heiligen ihres Landes an und brach endlich in die Worte aus: „Iſt's möglich! Ihr ſeyd alſo der Mann, der den Marquis getödtet hat? Dann ſeyd Ihr verloren und ich mit!“ „Ihr mögt allerdings durch den Tod des Marquis im Verluſt ſeyn, Madame, aber ich will Sorge dafür tragen, daß wenigſtens ich ſo wenig als möglich verliere. Es iſt genug; der Marquis hat ehrlich Eure Schuld ein⸗ geſtanden, und ich bin mit Euch fertig.“ Sie wollte ſich in meine Arme werfen, betheuerte ihre Unſchuld und ſagte, ſie wolle mit mir fliehen und Beweiſe von ihrer Treue ablegen, mit denen ich gewiß zufrieden ſeyn würde; aber ich ſtieß ſie gewaltſam von mir. „Fort mit Dir, Du ehrloſes Geſchöpf,“ rief ich,„und enthebe mich der Nothwendigkeit, der ich bei einem län⸗ geren Bleiben nicht widerſtehen könnte, Dich dahin zu ſchicken, wo Du dem Marquis Geſellſchaft leiſten kannſt.“ Ich ſchleuderte ſie mit einer ſolchen Kraft von mir, daß ſie Zeter zu ſchreien anfing, wozu ſie auch alle Ur⸗ ſache hatte; denn ſie war durch den Sturz ſehr beſchädigt worden. Es that mir allerdings leid, ſie ſo roh behandekt zu haben; aber man muß dabei meine Lage ins Auge faſſen, da ich damals ganz beſinnungslos und wüthend war. Ich hob ſie von dem Boden auf, legte ſie auf das Bett, rief 2 398 S⸗⸗ ihr Mädchen und befahl derſelben, für ihre Gebieterin Sorge zu tragen. Dann verließ ich das Zimmer, ſetzte mich zu Pferde und ſprengte, ſo raſch ich konnte, von hinnen: aber nicht nach Calais oder Dünkirchen, auch nicht nach Flandern, in welcher Richtung man mich ver⸗ muthete und auch deſſelbigen Abends noch verfolgte, ſon⸗ dern unmittelbar nach Lothringen. Ich ritt die ganze Nacht hindurch, ſo ſchnell mich mein Roß tragen wollte, ſetzte des andern Tages bei Chalons über die Maine und kam am dritten Tage wohlbehalten in das Gebiet des Herzogs von Lothringen, wo ich indeß nur einen Tag Halt machte, um zu erwägen, welchen Weg ich nun einſchlagen ſollte; denn wohin ich auch gehen mochte, traf ich entweder auf Beſitzungen des Königs von Frankreich, oder hatte zu befürchten, von deſſen Verbündeten als franzöſiſcher Unter⸗ than aufgegriffen zu werden. Ich ging daher in Bar le Duc einen Prieſter um Rath an, der, obgleich ich ihm das Einzelne meiner Verhältniſſe nicht mittheilte, doch das Wahre errieth; denn es wäre, wie er ſagte, ein für Her⸗ ren in meiner Lage gewöhnlicher Fall, dieſen Weg einzu⸗ ſchlagen. Auf dieſe Annahme hin verſchaffte mir der wohlwollende Pater einen Paß von der Kirche—, d. h. er gab mich für einen Verwalter in der Abtei von— aus, und als ſolchem wurde mir ein Paß für Zweibrücken ausgeſtellt, welches dem König von Schweden gehörte. Mit einem ſolchen Vorweiſe und auf die Empfehlung des % 399 S⸗ Prieſters an einen dortigen Geiſtlichen erhielt ich ſchwe⸗ diſche Päſſe nach Cöln, wo man mir durchaus nichts mehr anhaben konnte; und von dort aus gelangte ich, ohne auf Schwierigketten zu ſtoßen, durch die Niederlande nach dem Haag, wo ich meinen Namen wechſelte und mich ganz insgeheim nach England einſchiffte. In dieſer Weiſe wurde ich meines italieniſchen Weibes los. In London angelangt, ſchrieb ich meinem Geſchäfts⸗ freund nach Paris, datirte aber meinen Brief von dem Haag aus, auf welche Adreſſe ich ihn auch mit ſeiner Ant⸗ wort verwies. Ich erkundigte mich in meinem Briefe, ob mein Wechſel ihm ausbezahlt worden ſey, und fragte, ob man mich noch immer verfolge, was über mich und meine Frau geſprochen werde, und beſonders wie es mit dem Marquis ſtehe. 4 Ich erhielt in wenigen Tagen Antwort. Mein Ge⸗ ſchäftsfreund meldete mir, er hätte das Geld für meinen Wechſel erhalten und wäre bereit, nach meiner Anweiſung darüber zu verfügen. Der Marquis ſey nicht todt, er ſage aber, ich hätte ihn auf eine andere Weiſe getödtet, da er jetzt in enger Haft in der Baſtille ſäße und ſeine Stelle als Offizier bei der Garde du Corps verloren hätte, die ihm zwanzigtauſend Livres eintrug; man habe bloß auf Vermuthung hin auf mich gefahndet und mich nach Amiens, auf dem Wege nach Dünkirchen, und in der flandriſchen Richtung bis Chaſtean de Cambreſis 5 400&ᷣ verfolgt, es aber wieder aufgegeben, da man mich nicht getroffen; der Marquis habe ſeine Lage zu gut gekannt, um ſeinen Zweikampf mit mir einzugeſtehen, und darum angegeben, er ſey auf der Straße angefallen worden; wenn ich daher nicht aufgegriffen werden könne, ſo müſſe man ihn aus Mangel an Beweis wieder frei geben; meine Flucht wäre allerdings ein Umſtand, der ſtark gegen ihn ſpräche, weil es bekannt geworden, daß wir an jenem Tage einen Wortwechſel gehabt und mit einander fortge⸗ gangen ſeyen; da jedoch von keiner Seite etwas bewieſen werden könne, ſo werde er mit Verluſt ſeiner Stelle da⸗ von kommen, was er übrigens bei ſeinem eigenen großen Vermögen wohl zu verſchmerzen vermöge. Hinſichtlich meiner Frau ſchrieb er mir, daß ſie un⸗ tröſtlich wäre und ſich faſt zu todt weinte, ob aber um meinetwillen oder wegen des Marquis,— fügte er bos⸗ hafter Weiſe bei— wiſſe er nicht anzugeben. Er meldete mir ferner, ſie wäre in einer ſehr ſchlimmen und gedrück⸗ ten Lage, und ſähe wohl, wenn ich nicht ins Mittel träte, dem größten Elend entgegen. Der letztere Theil dieſes Schreibens machte in der That einen tiefen Eindruck auf mich; denn ich dachte, wie die Sachen auch ſeyn mögen, ſo dürfe ich ſie doch nicht dem Hungertod preisgeben; außerdem war die Armuth eine Verſuchung, welcher ein Weib nicht leicht widerſtehen kann, und ich wollte nicht das Werkzeug ſeyn, ſie in die —— 8 —2 401& ſchreckliche Noth, Verbrechen zu begehen, zu verſetzen, wenn ich es verhindern konnte. Ich ſchrieb ihm daher wieder, er möchte zu ihr gehen und ſich ſo viel wie möglich über ihre Verhältniſſe erkun⸗ digen; wenn er dann fände, daß ſie wirklich Noth leide und einen anſtändigen Wandel führe, ſo ſolle er ihr zwan⸗ zig Piſtolen geben und ihr ſagen, wenn ſie ſich anheiſchig machen wolle, zurückgezogen und ehrbar zu leben, ſo würde ſie jedes Jahr die gleiche Summe, welche für ihren Unterhalt hinreichte, erhalten. Sie nahm die erſten zwanzig Piſtolen an, trug ihm aber auf, mir zu ſchreiben, daß ſie mit Unrecht von mir beſchimpft worden ſey und daher verlangen könne, daß ich ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſe; ich habe ſie durch Ver⸗ nichtung ihres Rufs, ohne daß ſie mir zu einer Beſchwerde oder zum Verdacht Anlaß gegeben, zu Grunde gerichtet; und was die zwanzig Piſtolen anbelange, ſo wären dieſe ein elen⸗ der Jahresgehalt für eine Frau, die um meinetwillen ihre Hei⸗ math verlaſſen hätte, u. dgl. Sie verlangte daher jährlich vierzig Piſtolen, die ich auch bewilligte; aber ſie bemühte mich nicht länger als ein Jahr mit dieſer Zahlung; denn nach dieſer Zeit knüpfte der Marquis ſein früheres Liebesver⸗ hältniß wieder mit ihr an und nahm ſie zu ſich. Mein Freund ſchrieb mir, er hätte ihr vierhundert Kronen jährlich aus⸗ geworfen, und ich hörte ſpäter nie wieder etwas von ihr. Oberſt Jack. II. 26 — 402& Ich befand mich nun in London, war aber genöthigt, ſehr zurückgezogen zu leben und meinen Namen zu ver⸗ ändern, ſo daß Niemand wußte, wer ich war, meinen Kaufmann ausgenomwen, durch den ich mit meinen Leu⸗ ten in Virginien und namentlich mit meinem Lehrer kor⸗ reſpondirte. Der Letztere führte nun meine Geſchäſte und befand ſich durch meine Beihülfe in ſehr guten Verhält⸗ niſſen; aber er verdiente Alles, was ich für ihn that oder für ihn thun konnte; denn er war ein ſehr treuer Freund und ein ſo redlicher Diener, als ſich je einer finden ließ. Mein zurückgezogenes Leben war nicht das behaglichſte, und ich erfuhr an mir die Wahrheit des Wortes:„Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey“; denn ich wurde ganz ſchwermüthig, zumal da ich mich auch nicht außer Landes wagen durfte. Endlich aber entſchloß ich mich, Eu⸗ ropa ganz zu verlaſſen und nach Virginien zurückzukehren. Als ich jedoch dieſes Vorhaben reiflich erwog, ſo konnte ich es nicht über mich gewinnen, mich einem zurückgezoge⸗ nen Leben hinzugeben. Ich hatte Geſchmack am Reiſen gewonnen; mein Durſt nach Erfahrungen mehrte ſich, und ich fand einen Hochgenuß darin, mir Das, was in der Welt vorging, zu betrachten, obgleich ich von Kriegen und Kriegsheeren nichts mehr wiſſen oder mich dabei betheiligen wollte. Ich konnte nicht in der Welt leben, ohne zu fra⸗ gen, was in ihr vorgehe, und wenn ich in Virginien war, ſo hoͤrte ich höͤchſtens zweimal des Jahrs Neuigkeiten — 2 403 ᷣ und las die Berichte über öffentliche Angelegenheiten erſt, wenn ſie lange vorüber waren. Ich dachte daher ſo:— Ich war nunmehr in meinem Geburtslande, wo ſich meine Verhältniſſe günſtig geſtaltet hatten„und wenn ich auch in der Fremde unglücklich ge⸗ weſen udenn ich hatte nur wenig Geld mit zurückgebracht), ſo konnte es mir doch bei einiger Sparſamkeit nie an baaren Mitteln fehlen. Ich hatte Niemand als mich ſelbſt zu erhalten; meine Pflanzungen in Virginien warfen mir vier⸗ bis ſechshundert Pfund jährlich ab(einmal ſogar über ſiebenhundert Pfund), und wenn ich dahin zurück⸗ kehren ſollte, ſo war mir dieß gerade, als ob ich lebendig ins Grab ſtiege. Ich gab daher dieſen Gedanken ganz und gar auf und faßte den Entſchluß, mich irgendwo in England niederzulaſſen, wo ich Bekanntſchaften anknüpfen konnte, ohne daß man mich kannte. Ich war nicht lange unſchlüſſig, wo ich meinen Aufenthalt wählen ſollte; denn da ich, weil ich mich viele Jahre in Frankreich aufgehalten, geläufig franzöſiſch ſprach, ſo konnte ich mich leicht für einen Franzoſen ausgeben. Ich ging daher nach Canter⸗ bury, wo ich mich unter Franzoſen einen Engländer und unter Engländern einen Franzoſen nannte. Um die Täuſchung vollkommen zu machen, gab ich mir bei den erſteren den Namen Maſter Charnock, während ich bei den letzteren Monſieur Charnot hieß. 26* -2 404 G Hier lebte ich in der That in vollkommenem Incognito. Ich knüpfte keine vertrauten Verbindungen an, und doch kannte ich Jedermann, während auch ich allenthalben be⸗ kannt war. Ich unterhielt mich franzöſiſch mit den Wal⸗ lonen und engliſch mit den Engländern, lebte eingezogen und nüchtern, war allenthalben gut aufgenommen und führte ein behagliches Leben, da ich mich in Niemands An⸗ gelegenheiten miſchte und deßhalb auch ſelbſt ungeſtört blieb. Demungeachtet aber fühlte ich mich nicht ganz zu⸗ frieden; denn ich liebte ein Familienleben. Meine beiden erſten Verſuche, mir ein ſolches zu gründen, waren zwar übel ausgefallen; aber doch entmuthigte mich mein frühe⸗ rer Unſtern nicht ganz, und ich entſchloß mich, abermals zu heirathen. Ich ſah mich nach einem Mädchen um, das für mich paſſen möchte, fand aber ſtets ein und das andere, was mir nicht zuſagte— mit Ausnahme der hüb⸗ ſchen Tochter eines Mannes von Stande. Aber hier traf ich auf ſo viele Hinderniſſe, daß ich meine Bewerbung wieder aufgeben mußte. Mit der jungen Dame zwar hatte ich mich ſo gut verſtändigt, daß keine Schwierigkeit übrig blieb, die ſich nicht bald hätte beſeitigen laſſen. Aber ihr Vater war äußerſt wunderlich, machte tauſend Einwürfe, wollte heute ſo, morgen anders und konnte nie zwei Tage hinter einander in derſelben Geſinnung erhalten werden, ſo daß ich mich endlich zurückzog. Zwanzigſtes Kapitel. Das Abenteuer in der Poſtkutſche.— Die Branntweintrinkerin und der Capitän.— Hymens Fackel leuchtet mir zum vierten Mal. Ich muß geſtehen, daß mich dieſe fehlgeſchlagene Hoffnung ein wenig verdroß, weßhalb ich Canterbury ver⸗ ließ und wieder nach London zurückkehrte. Unterwegs be⸗ gegnete mir ein Abenteuer von ſehr romantiſcher Art. In der Poſtkutſche befand ſich nämlich ein junges Frauenzimmer mit ihrem Mädchen. Sie hatte ihren Platz bereits vor mir eingenommen, ſaß in einer ſehr melancho⸗ liſchen Haltung da, ſeufzte den ganzen Weg über auf eine herzbrechende Weiſe und brach in Thränen aus, ſo oft ihr Mädchen ſie anredete. Wir waren noch nicht lange mit einander in dem engen Raume eingeſchloſſen, als ich, da ich ihre kläglichen Geberden bemerkte, ſie ein wenig zu tröſten verſuchte und nach der Urſache ihrer Betrübniß fragte. Sie gab keine Antwort; aber jetzt brach ihr Mädchen gleichfalls in ein Weinen aus und ſagte, ihr Herr wäre geſtorben, worauf die Dame aufs neue zu 20 406 S&⸗ ſchluchzen anfing, und ſo machten ſie den ganzen Morgen fort— eine gar klägliche Reiſegeſellſchaft. Als man zum Mittageſſen anhielt, bot ich der Dame, in der Voraus⸗ ſetzung, daß ſie nicht an der table d'hôte ſpeiſen wolle, ein Couvert an meinem Tiſche an; denn da ich Niemand von der Reiſegeſellſchaft kannte, ſo gedachte ich auf einem beſonderen Zimmer Mittag zu machen. Das Mädchen dankte im Namen ihrer Gebieterin, da ſie nicht zu eſſen vermöge und allein zu ſeyn wünſche. Hier erfuhr ich jedoch durch das Mädchen, daß die Dame die Wittwe eines Schiffscapitäns wäre, deſſen Fahr⸗ zeug irgendwohin im mittelländiſchen Meere, ich glaube nach Zante und Venedig, ſegeln ſollte; er war aber nicht weiter als nach den Dünen gekommen, wo er erkrankte und nach zehn Tagen zu Deal ſtarb. Seine Gattin, die von ſeiner Krankheit hörte, wollte ihn zu Deal beſuchen, kam aber gerade zeitig genug an, um ihn ſterben zu ſehen. Sie war über die Zeit der Beerdigung dort geblieben und kehrte nun in einem wahrhaft troſtloſen Zuſtande nach London zurück. Ich bemitleidete die junge Frau herzlich und gab ihr dieß auch in dem Wagen zu verſtehen, worauf ſie jedoch nur hin und wieder mit einer höflichen Verbeugung ant⸗ wortete, ohne mir im mindeſten Gelegenheit zu geben, ihr Geſicht zu ſehen— ja nicht einmal ſo weit, daß ich daraus entnehmen konnte, ob ſie ein Geſicht hatte oder —= 407 S⸗⸗ nicht, geſchweige denn, daß ich mir eine Vermuthung über das Ausſehen deſſelben hätte bilden können. Es war Winter, und die Kutſche machte in Nocheſter Halt. Ehe wir daſelbſt anlangten, ſagte ich der Dame, dem Ver⸗ nehmen nach hätte ſie heute noch nichts gegeſſen; dadurch mache ſie ſich aber nur ſelbſt krank, ohne daß es ihrem hingeſchiedenen Gatten etwas nützen könne; ich erſuche ſie daher, gegen mich als Fremden, der ihr nur eine Höf⸗ lichkeit erweiſe, um ihren Kummer einigermaßen zu mil⸗ dern, alle Förmlichkeiten bei Seite zu laſſen und ein Nachteſſen mit mir einzunehmen; denn was die übrigen Reiſenden anbelange, ſo ſchienen ſie nicht zu wiſſen, was Brauch wäre, oder es wenigſtens nicht wiſſen zu wollen. Sie verbeugte ſich, ohne eine Antwort zu geben, und erſt als ich ihr in einer Weiſe zuſprach, deren wohlwol⸗ lende Abſicht ſie nicht verkennen konnte, antwortete ſie, ſie ſey mir für mein Anerbieten dankbar, könne aber nicht eſſen. „Wohlan, Madame,“ entgegnete ich;„ſo ſetzt Euch doch nur zu Tiſche; denn wenn Ihr auch jetzt nicht eſſen zu können glaubt, ſo ſagt Euch doch vielleicht ein Biſſen zu. In der That, Ihr müßt eſſen, ſonſt untergrabt Ihr Euer Leben auf dieſer Reiſe.“ Ich ſetzte ihr noch weiter zu, und das Mädchen unterſtützte mich, indem ſie ihre Gebieterin bat, es zu verſuchen; da es ſie doch ein wenig 25 408 ᷣ.— zerſtreuen würde. Ich drängte abermals, aber auch jetzt erwiederte ſie meine Bitte mit einer achtungsvollen Ver⸗ beugung und mit der Antwort, daß ſie unmöglich eſſen könne. Das Mädchen fuhr fort, ihr anzuliegen, und ſagte: „Liebe Madame, laßt Euch überreden; der Herr iſt ein höflicher Gentleman, und ich bitte Euch daher, einzu⸗ willigen.“ Dann wandte ſie ſich an mich und ſagte:„Ich hoffe, meine Gebieterin wird es thun, Herr.“ Und ſo war es auch. Ich fuhr jedoch, ohne auf die Worte ihres Maͤdchens, welche mich einen höflichen Gentleman nannte, zu achten, in meinem Zuſpruche fort und ſagte zu ihr:„Ich bin Euch zwar fremd, Madame, aber wenn ich glauben müßte, Ihr wieſet mein Anerbieten aus einem andern Grunde als dem der Höflichkeit zurück, ſo will ich das Abendeſſen auf Euer Zimmer ſchicken und ſelbſt unten bleiben.“ Sie verbeugte ſich hierauf zweimal gegen mich und ſah jetzt — zum erſtenmal— auf, indem ſie ſagte, ſie fände nichts Verfängliches darin; mein Anerbieten wäre ſo höflich, daß ſie ebenſo ſchüchtern wäre, es zurückzuweiſen, als ſie ſich ſcheuen würde, es anzunehmen, wenn ſie an einem Orte wäre, wo man ſie kennte; ſie meine auch, ich wäre ihr nicht ganz fremd; denn ſie habe mich ſchon früher geſehen; ſie wolle meine Einladung, ſo weit ſie ſich auf das Sitzen an dem Tiſch beſchränke, annehmen, weil ich es wünſche, aber ſie koͤnne mir nicht verſprechen, zu eſſen, weßhalb ſie 409& hoffe, daß ich ihre Einwilligung als einen Zwang betrachte, den ſie ſich anthue, um ſich für ſo viel Theilnahme dank⸗ bar zu erweiſen. Ich war nicht wenig erſtaunt, als ich ſie ſagen hörte, ſie hätte mich ſchon geſehen; denn ich wußte nicht das Mindeſte von ihr und konnte mich auch nicht erinnern von ihrem Namen, den ich von ihrem Mädchen erfragt hatte, gehört zu haben. Dieſer Umſtand ließ mich faſt meine Artigkeit bereuen; denn es war mir in vielen Stücken von ſehr großem Intereſſe nicht gekannt zu ſeyn. Jeden⸗ falls konnte ich aber jetzt nicht mehr zurück, und zudem war es mir von Wichtigkeit, zu erfahren, als was und unter welchen Umſtänden ſie mich kennen gelernt hatte. Ich beſtätigte daher mein Anerbieten. Wir langten mit Einbruch der Dunkelheit vor dem Wirthshauſe an; und ich reichte meiner Wittwe die Hand, um ihr aus der Kutſche zu helfen, was von ihr nicht ab⸗ gelehnt wurde. Ihre Kaputze war damals nicht mehr ganz über ihr Geſicht geſchlagen; doch konnte ich der Dunkelheit wegen nur wenig von ihr ſehen. Ich wartete unten an der Treppe auf ſie und führte ſie nach einem Speiſezimmer hinauf, welches der Wirth uns und der ganzen Geſellſchaft angewieſen hatte; ſie wollte jedoch hier nicht eintreten, ſondern wünſchte ein anderes Zimmer, weßhalb ſie ihr Mädchen beauftragte, den Wirth um ein ſolches anzugehen. Ich begleitete ſie bis nach ihrer Thüre, 410& verabſchiedete mich und ſagte ihr, daß ich ſie beim Abend⸗ eſſen erwarte. Ich hatte im Sinne, ſie anſtändig, jedoch nicht über⸗ trieben zu bewirthen, da ich das Ganze nur als eine Höflichkeit betrachtete, zu welcher mich meine Theilnahme für das Unglück und den ungemein troſtloſen Zuſtand des Frauenzimmers veranlaßte. Zu dieſem Ende ließ ich ein paar Rebhühner und ein ſehr gutes Gericht von geſchmor⸗ ten Auſtern auftragen; auch brachte man uns eine Rinds⸗ zunge und einen ſchon ziemlich fleißig bearbeiteten Schinken, wovon wir jedoch nichts aßen, da wir uns bereits an den erſten Schüſſeln hinreichend geſättigt hatten, wie denn auch von den Auſtern noch genug übrig blieb, um den Appetit des Mädchens zu ſtillen. Ich erwähne dieß, um dem Leſer zu zeigen, daß ich ſie nicht als eine Perſon traktirte, welcher man den Hof zu machen gedenkt; denn etwas der Art kam mir nicht entfernt zu Sinne, und ich handelte nur aus Mitleid. Als ich dem Mädchen Nachricht gab, daß das Nacht⸗ eſſen bereit ſey, holte ſie ihre Gebieterin, welcher ſie mit dem Lichte in der Hand voranleuchtete. Sie war im Neg⸗ ligee, ohne Kaputze, und ich war in der That ſehr er⸗ ſtaunt, eines der ſchönſten Geſichter auf Erden anſichtig zu werden. Ich grüßte ſie und bot ihr meinen Arm, um ſie nach dem Heerde zu führen; denn das Wetter war kalt und der gedeckte Tiſch ſtand zu weit vom Feuer ab. -5 411&- Sie war jetzt etwas mittheilſamer, aber ſehr ernſt und ſeufzte oft; doch ſuchte ſie ihren Schmerz zu bewäl⸗ tigen, obgleich ſich derſelbe nie ganz aus ihrem Benehmen verdrängen ließ. Ich muß übrigens ſagen, daß daſſelbe ſehr dadurch gewann, und daß es in jeder Hinſicht äußerſt würdevoll und anſtändig genannt werden konnte. Ich unterhielt mich mit ihr über verſchiedene Gegenſtände und erfuhr bei dieſer Gelegenheit nach und nach auch ihren Namen, den mir früher ſchon das Mädchen genannt hatte, aus ihrem eigenen Munde. Sie ſagte mir, ſie wohne in der Nähe von Ratcliff oder vielmehr Stepney, worauf ich ſie um die Erlaubniß bat, ſie beſuchen zu dürfen, wenn ſie es überhaupt für paſſend halte, Geſellſchaft zuzulaſſen, was ſie jedoch ſobald wenigſtens nicht zu geſtatten ge⸗ neigt ſchien. Es iſt etwas Läſtiges, Jemand mit einer Schilderung der Schönheit einer Perſon zu unterhalten, von deren Treue man ſich nicht durch den Augenſchein überzeugen kann; es mag daher genügen, wenn ich anführe, daß ſie die ſchönſte ihres Geſchlechtes war, die ich je vorher oder nachher geſehen, und es darf daher den Leſer nicht Wun⸗ der nehmen, wenn ich von dem erſten Augenblicke an, als ich ihr Geſicht erblickte, ganz bezaubert wurde. Eben ſo war auch ihr Benehmen die Anmuth ſelbſt und überhaupt ſo liebenswürdig, daß ich es nicht zu beſchreiben vermag. Des andern Tages war ſie viel mittheilſamer als 0 412&: ⸗ am erſten Abend, und wir unterhielten uns über Viel⸗ und Mancherlei. Sie gab mir jetzt auch die Erlaubniß, ſie in ihrem Hauſe beſuchen zu dürfen, von der ich indeß während der erſten vierzehn Tage oder darüber keinen Gebrauch machte, weil ich nicht wiſſen konnte, in wie weit ſie für die nächſte Zeit durch die üblichen Trauerceremonien in Anſpruch genommen wurbe. Dann aber beſuchte ich ſie unter dem Vorwande eines Geſchäftes, das in Verbindung mit dem von ihrem ſeligen Gatten befehligten Schiffe ſtand, und, um es kurz zu machen— gleich bei dem erſten Beſuche erklärte ich ihr meine Liebe. Sie verwarf meinen Antrag, obgleich ich nicht ſagen kann, daß ſie mich nicht mit aller Achtung be⸗ handelte; ſie erklärte jedoch, ſie ſchrecke vor einem ſolchen Vorſchlag zurück und wolle durchaus nichts davon hören. Ich wußte damals kaum, wie ich zu dieſer Kühnheit kam, obſchon ich einen ſolchen Schritt gleich von Anfang an beabſichtigte. In der Zwiſchenzeit erkundigte ich mich über ihre Verhältniſſe und ihren Charakter, erhielt jedoch über bei⸗ des nur die günſtigſte Auskunft und erfuhr dann außer⸗ dem, daß ſie ſonſt eine ſehr heitere Dame geweſen, und daß ſie zu den gebildetſten jenes Stadttheiles gehöre. Ich glaubte jetzt gefunden zu haben, was ich mir ſo oft zur Vollendung meines Glückes gewünſcht, und obgleich es mir zweimal mit meinem Cheſtande fehlgeſchlagen hatte, — 413 ᷣ& ſo war ich doch feſt entſchloſſen, dieſe Gelegenheit nicht hinauszulaſſen, wenn es mir anders möglich wäre, die Dame für mich zu gewinnen. Es kamen mir dabei freilich allerlei Gedanken, näm⸗ lich, daß ich ein verheiratheter Mann ſey, daß meine zweite Frau noch lebe, und daß ich ſie, obgleich ſie falſch und untreu gegen mich geweſen, doch immerhin als meine Gattin betrachten müſſe, da keine gerichtliche Scheidung ſtattgefunden hatte. Ich ſetzte mich jedoch bald über dieſe Punkte weg; denn ſie war, wie mir der Marquis ſelbſt bekannt hatte, eine Ehebrecherin, und ich hatte daher ein Recht, mich von ihr ſcheiden zu laſſen und ſie zu ver⸗ ſtoßen; hätte daher mich der unglückliche Zweikampf nicht genöthigt, das Land zu verlaſſen, ſo wäre es mir ein Leich⸗ tes geweſen, den Prozeß geſetzlich einzuleiten, weßhalb ich mich ebenſo gut für geſchieden betrachten konnte, als ob der gerichtliche Akt wirklich vor ſich gegangen wäre. Durch ſolche Betrachtungen beſchwichtigte ich meine Be⸗ denklichkeiten. Es entſchwanden zwei Monate, ohne daß ich wei⸗ ter in meine Wittwe drang; dabei gab ich aber genau Acht, ob ſich ihr nicht Andere mit einer ähnlichen Abſicht näherten. Nach Ablauf dieſer Zeit beſuchte ich ſie wieder; ſie empfing mich noch ungezwungener und ſeufzte und ſchluchzte nicht mehr. Sie wollte zwar von der Verfol⸗ gung meiner früheren Vorſchläge nichts wiſſen; aber ich 414&. fand bald, daß ich die Erlaubniß hatte, wieder vorzu⸗ ſprechen, daß meinen Bewerbungen nichts, als das An⸗ ſtandsgefühl der Dame im Wege ſtand, daß ſie mich nicht unangenehm fand, und daß mein zuvorkommendes Be⸗ nehmen während unſerer gemeinſchaftlichen Reiſe ein gewichtiger Stein in dem Brette ihrer Gunſt war. Ich verfolgte meine Abſichten allmälig und ließ ihr abermals zwei Monate Zeit, meine Vorſchläge zu erwägen; dann aber ſagte ich ihr, die Rückſichten für den Anſtand, als bloße Sache der Form, dürften der Liebe gegenüber nicht in Betracht kommen; kurz eine längere Zögerung ſey mir unerträglich; wenn ſie es jedoch für paſſend halte, ſo könne man ja die Verehelichung im Geheim vollziehen. Mit Einem Worte, ich verfolgte meine Werbung nach Kräften, gewann mir nach ungefähr fünf Monaten ihr Herz und ließ mich in der Stille mit ihr trauen. Die Sache wurde überhaupt ſo geheimnißvoll betrieben, daß ſogar ihr Maͤdchen, welche doch dabei Dienſte leiſten mußte, erſt einen Monat nachher die wahre Sachlage erfuhr. Ich war jetzt nicht nur in meiner Einbildung, ſondern auch in der Wirklichkeit der glücklichſte Menſch auf Erden; denn meine Frau war das heiterſte Geſchöpf von der Welt, eine vollendete Schönheit, fein gebildet und ohne die Spur einer ſchlimmen Eigenſchaft. Dieſes Glück währte ohne die mindeſte Unterbrechung ſechs Jahre fort. „——— -25 415 Demungeachtet fand ich aber auch jetzt, daß mir in der Ehe kein dauerndes Glück blühen ſollte. Sie gebar mir drei ſchöne Kinder und in ihrem letzten Wochenbette erkältete ſie ſich, ſo daß ſie lange nicht wieder aufſtehen konnte und ſehr krank wurde. Im Verlaufe ihres anhaltenden Krankſeyns kam ſie auf den unglücklichen Gedanken, ſich durch Herzſtärkungen und gebrannte Waſſer aufhelfen zu wollen. Mit dem Trinken geht es wie mit dem Teufel— Hat er dich einmal an einem Haar. Kriegt er in Bälde dich ganz und gar; und ſo war es auch bei meinem Weibe der Fall. Wegen ihres ſchwachen Magens verſuchte ſie es bald mit dieſer⸗ bald mit jener Herzſtärkung, bis ſie endlich nicht mehr ohne dieſelben leben konnte. Vom Tropfen ging es zum Schlürfen, vom Schlürfen zum Schlucke, vom Schlucke zum Glas und ſo weiter, bis ſie endlich eine förmliche Trinkerin war. Da ich bereits das Trinken hinſichtlich ſeines allmä⸗ ligen Einſchleichens mit dem Teufel verglichen habe, ſo kann ich die Vergleichung auch noch darauf ausdehnen, daß es noch mehr Aehnlichkeit mit dem Teufel hat hin⸗ ſichtlich ſeiner Verheerungen in den geiſtigen Kräften des Menſchen. Meine ſchöne, heitere, beſcheidene, gebildete Frau wurde zum Thiere, zu einer Sclavin des Brannt⸗ weins und trank nicht nur über Tiſch, ſondern ſogar in ihrem Schlafgemache, bis endlich ihre zierliche, wohlgebil⸗ 416 Sc. dete Geſtalt den Umfang einer fetten Gaſtwirthin ange⸗ nommen hatte; ihr gedunſenes und ſinniges Geſicht hatte keine weiteren Reſte von der früheren Lieblichkeit als das ſchöne Auge, welches auch in der That bis zu ihrem Ende aushielt. Sie verlor ihre Schönheit, ihre Geſtalt, ihre gefäͤlligen Sitten und endlich auch ihre Tugend(denn ſie hatte ſich mit einem Schiffscapitän in ein beſchimpfendes Verhältniß eingelaſſen), bis ſie endlich anderthalb Jahre, nachdem ſie dieſen verderblichen Wandel angefangen, das Opfer ihrer Leidenſchaft wurde. Ach, wie ſchrecklich iſt die Macht der Unmäͤßigkeit, und wie entſetzlich verheert ſie ſogar die beſten Charaktere! Allmaͤlig und unmerklich ſchleicht ſie heran, vernichtet un⸗ ſere Sittlichkeit und wandelt das tugendhafteſte, vernünf⸗ tigſte Weſen in ein Geſchöpf, das ſchlimmer iſt als ein Vieh. Ich habe einmal eine Geſchichte gehört, die, mag ſie nun wahr ſeyn oder nicht, jedenfalls eine ernſte 1 Lehre enthält. Der Teufel wollte nämlich einmal einen jungen Menſchen verſuchen, ſeinen Vater zu ermorden. „Nein“, ſagte dieſer,„das wäre unnatürlich“.—„Wohl⸗ an“, entgegnete der Teufel,„ſo gehe hin und ſchlafe bei Deiner Mutter.“—„Nicht doch“, erwiederte der junge Menſch;„das wäre abſcheulich.“—„Nun“, ſagte der Teufel,„wenn Du mir nichts von dieſen zu Gefallen thun willſt, ſo gehe hin und trinke.“—„Ja, jan, verſetzte der Menſch,„das will ich thun.“ Und ſo ging er hin, - 417 So betrank ſich wie ein Schwein, erſchlug im Rauſche ſeinen Vater und ſchlief bei ſeiner Mutter. Nie war eine Frau tugendhafter, beſcheidener, züch⸗ tiger und nüchterner geweſen, als die meinige; ſie pflegte nichts Anderes als Waſſer zu trinken, und ich mußte ihr ſchon ſehr zuſprechen, wenn ſie ein Gläschen Wein an⸗ nehmen ſollte. Aber nie, ſelbſt in der heiterſten Geſell⸗ ſchaft, ließ ſie ſich vermögen, mehr als zwei zu trinken. Kein unbeſcheidenes Wort kam über ihre Lippen, und auch von Andern konnte ſie etwas der Art nicht ohne Unwillen und Abſcheu hören. Nach ihrem letzten Wochenbett jedoch drängte ſie die Wärterin, ſo oft ſie ſchwach oder ohn⸗ mächtig wurde, eine Herzſtärkung zu ſich zu nehmen, welche nach und nach für Aufrechterhaltung ihrer Lebens⸗ geiſter nothwendig und ihr endlich ſo zur Gewohnheit wurde, daß ſie die gebrannten Waſſer nicht mehr als Arz⸗ nei, ſondern als förmliche Nahrung brauchte. Ihr Appetit verlor ſich allmälig ganz und gar; ſie aß wenig oder nichts und trieb ihre Trunkliebe auf eine ſo furchtbare Höhe, daß ſie bereits Morgens um eilf Uhr in ihrem Ankleidezimmer zu trinken anfing und endlich gar nicht mehr nüchtern wurde. Man denke ſich meine Lage. Ich, der ich mich ſechs Jahre lang für den glücklichſten Sterblichen gehalten hatte, war nunmehr der elendeſte, gedrückteſte Menſch unter der Sonne. Uebrigens liebte ich die Unglückliche zu ſehr, als Oderſt Jack. 11. 27 4 -2 418& daß ich ſie wie ihre Vorgängerin hätte behandeln koͤnnen, Ich entfernte jedoch alle ihre früheren Dienſtboten, und in⸗ dem ich ſie mit neuen verſah, welche Niemand ohne mein Vorwiſſen in ihre Nähe kommen ließen, ſchloß ich ſie ge⸗ wiſſermaßen von der Welt ab. Nun fragte ſich's aber auch, was ich mit dem Schufte anfangen ſollte, der Schmach über mich und ſie gebracht hatte. Ihn zum Zweikampf zu fordern, wollte mir nicht ſonderlich einleuchten;z denn ein Mann, der alſo an mir gehandelt, verdient kein offenes und ehrliches Benehmen, aus dem er mit dem Leben hätte davon kommen können. Ich entſchloß mich daher, ihm in den Stepneyfeldern, über die er oft ſpät nach Hauſe zurückkehrte, abzupaſſen und ihn in der Dunkelheit zu erſchießen, wo möglich aber ihn vorher noch wiſſen zu laſſen, warum er einen ſolchen Tod erleide. Bei einer näheren Ueberlegung widerſtrebte jedoch ein ſolcher Gedanke ſowohl meiner Neigung als meinen Grund⸗ ſätzen, und zu was ich auch ſonſt in meinem Zorn fähig ſeyn mochte, ein Mörder wenigſtens konnte ich nicht werden. Jedenfalls hatte ich aber den feſten Entſchluß ge⸗ faßt, ihm eine ſchwere Züchtigung angedeihen zu laſſen; und es währte nicht lange, bis ſich eine Gelegenheit dazu darbot; denn ich hörte eines Morgens, daß er von Step⸗ ney nach Shadwell über die Felder käme, ein Weg, den er oft machte, und ſo wartete ich ſeine Heimkunft ab, um ihm kühn entgegen zu treten. b 5 419&⸗ Ich machte nicht viele Worte mit ihm, ſondern ſagte ihm, ich hätte ihm ſchon lange abgepaßt; er wiſſe, welcher Schuftigkeit er ſich in meinem Hauſe ſchuldig ge⸗ macht habe; und er müßte mich, da es ihm recht wohl be⸗ kannt wäre, daß ich Alles wiſſe, für einen eben ſo großen Feigling als Hahnrey halten, wenn er glauben könnte, ich werde dieſe Unbill nicht rächen, und jetzt ſey der ge⸗ eignete Zeitpunkt da, um ihn zur Verantwortung zu ziehen. Ich erklärte ihm ſofort, wenn er es überhaupt noch wage, einem ehrlichen Mann unter die Augen zu treten und den Namen des Capitäns eines Kriegsſchiffes, der er dem Ver⸗ nehmen nach wäre, zu tragen, ſo ſolle er vom Leder ziehen. Er ſchien überraſcht und wollte Unterhandlungen ein⸗ leiten, indem er ſeine Schuld in milderem Lichte darzu⸗ ſtellen und mehr auf die Seite meiner Frau zu ſchieben ſuchte, ich ſagte ihm aber, es wäre jetzt keine Zeit, um viele Worte zu machen, da er die Thatſache nicht in Ab⸗ rede ziehen könne. Da er demungeachtet noch immer nicht ziehen wollte, ſo griff ich nach meinem Stock und ſchlug ihn mit einem Streich zu Boden, worauf ich, weil ich den Beſinnungs⸗ loſen nicht weiter mißhandeln wollte, wartete, bis er ſich wieder etwas erholt hätte; denn ich ſah wohl, daß er nicht todt war. Nach einigen Minuten kam er wieder zu ſich, und dann packte ich ihn feſt beim Handgelenk und 22* 2 420 f⸗ prügelte aus Leibeskräften auf ihn los, bis mir der Athem ausging, wobei ich übrigens ſeinen Kopf ſchonte; denn ich wollte, daß er es auch fuhlen ſollte. In dieſem Zu⸗ ſtand bat er endlich um Gnade. Aber ich war geraume Zeit taub gegen alles Mitleid, bis er endlich wie ein tüch⸗ tig durchgepeitſchter Knabe zu heulen anfing. Dann ent⸗ riß ich ihm ſeinen Degen, zerbrach denſelben vor ſeinen Augen und ließ den Elenden auf dem Boden liegen, nachdem ich ihm noch zuvor etliche Fußtritte verſetzt und ihn aufgefordert hatte, mich gerichtlich zu belangen, wenn er es für paſſend ſinde. Ich hatte nun in der That ſo viel Genugthuung, als ich von einem Feigling nehmen fonnte, und brauchte ihm daher nichts weiter zu ſagen; da ich aber wußte, er werde wegen der Geſchichte in der Stadt einen großen Larm machen, ſo verließ ich dieſelbe mit meiner Familie und ging, um ganz verborgen zu ſeyn, nach dem Norden von England, wo ich in einer kleinen Stadt nicht weit von Lancaſter eingezogen lebte und ungefähr zwei Jahre nichts mehr von mir hören ließ. Mein Weib war jetzt wohl beſchränkter als ſonſt und einigermaßen von ihrem liederlichen Wandel abgehalten, den ſie, wie ich glaube, in nüchternen Augenblicken ernſtlich bereute und verab⸗ icheute; aber das Trinken war ihr, wie bereits geſagt, ſo zur Nothwendigkeit geworden, daß ſie nicht mehr davon ablaſſen konnte. Die Folge davon war, daß ihre Ge⸗ 2 421&- fundheit mehr und mehr Noth litt, und ſie nach einem un⸗ gefähr anderthalbjährigen Aufenthalt im Norden ſtarb. Ich war alſo wieder einmal ein freier Mann und hatte jetzt begreiflicher Weiſe genügend eingeſehen, daß der Eheſtand für mich wenigſtens keine Lebenslage ſey, in der man ſein Glück finden könne. Ich habe zu erwähnen vergeſſen, daß der Schuft von Capitän, den ich meinen Arm hatte fühlen laſſen, wegen meines Angriffs auf ihn einen großen Lärm machte, in⸗ dem er vorgab, ich hätte ihn mit drei Kerlen auf der Landſtraße überfallen, um ihn zu ermorden. Da eine ſolche Darſtellung der Sache in der Nachbarſchaft Glau⸗ ben zu finden begann, ſo that ich ihm zu wiſſen, was ich gehört hatte, indem ich ihm zugleich ſchrieb, ich hoffe, daß dieß nicht aus ſeinem Munde komme und erwarte daher von ihm, daß er das Gerücht öffentlich für falſch erkläre; andern Falls zwinge er mich, ihn abermals ſo zu behan⸗ deln und nicht von ihm abzulaſſen, bis ich ihm beſſere Manieren eingebläut hätte; wenn er übrigens fortfahre, zu behaupten, ich hätte ihn mit Hülfe Anderer durchge⸗ prügelt, ſo dürfe er ſich darauf gefaßt halten, daß ich die ganze Geſchichte dem Druck übergebe und ihn außerdem, wo und wann ich ihn treffe, mit dem Stock zu traktiren im Sinne habe, bis er es paſſend finden werde, ſich wie ein Gentleman mit dem Degen zu vertheidigen. Da er mir keine Antwort auf dieſen Brief gab, ſo — 422 verſchaffte ich mir dadurch Genugthuung, daß ich zwanzig oder dreißig Abſchriften davon unter den Nachbarn vertheilen ließ, wodurch die Sache unter meinen und ſeinen Ver⸗ wandten ſo publik wurde, als wenn ich ſie hätte drucken laſſen. Er ſank dadurch ſo ſehr in der Achtung, daß man ihn allenthalben ausziſchte, und er ſich genöthigt ſah, nach einem andern Stadttheile zu ziehen, was mir übrigens ziemlich gleichgültig war. Meine Frau war todt; aber ich wußte nun nicht, was ich in der Welt anfangen ſollte, und wurde ſo düſter und muthlos, daß ich nicht weit zum Ueberſchnappen hatte und bisweilen auch in der That glaubte, daß es nicht ganz richtig in meinem Kopf ſey. Mein leidender Zuſtand hatte jedoch nur in einer gereizten Stimmung— der Folge vielen Aergerns wegen meiner Verhältniſſe— ſeinen Grund, und nach Jahresfriſt oder darüber war alles vergeſſen. Ich war jetzt ungefähr ein Jahr unſtät und mißver⸗ gnügt im Lande hin und hergezogen; aber nun gedachte ich meiner drei unſchuldigen Kinder, die auf dieſe Weiſe ganz verwahrlost wurden, und ich erwog, daß ich ent⸗ weder ganz fortgehen und ſie in der weiten Welt zurück⸗ laſſen oder mich irgendwo heimiſch machen und Jemand zu ihrer Pflege beſorgen müſſe. Da ich glaubte, eine Stiefmutter ſey beſſer als gar keine, und mir auch das Wanderleben nicht mehr zuſagte, ſo beſchloß ich, wieder zu heirathen und dabei auf den Stand durchaus keine —2d 423& Rückſicht zu nehmen. Meine nächſte Frau ſollte nämlich nichts Weiteres als eine Obermagd ſeyn, d. h. ſie ſollte meine Kinder warten und meine Haushaltung führen; mochte ſie dann eine ehrbare oder eine leichtfertige Perſon ſeyn, darum wollte ich mich nicht kümmern; denn ich verzweifelte an dem Werthe der Weiber und machte mir wenig daraus, wie ſie es in dieſer Beziehung halten wollte. In dieſer ſorgloſen, übereilten und thörichten Stim⸗ mung machte ich mir folgende Gedanken:„Heirathe ich ein ehrbares Frauenzimmer, ſo ſind meine Kinder verſorgt; bekomme ich aber eine Metze, die mich mißbraucht, wie dieß alle Welt an mir thut, ſo laſſe ich ſie durch einen Seelenverkäufer nach meiner Pflanzung in Virginien bringen, wo ſie mir hart genug arbeiten ſoll— und ich ſtehe dafür, die ſchmale Koſt wird ſie zurecht bringen. Ich ſah allerdings gleich ein, daß dieß nur hirnver⸗ brannte Ideen wären, und meinte es ſo wenig ernſtlich damit, als ich an das wirkliche Vorhandenſeyn eines Mannes im Monde glaubte; aber ich weiß nicht, wie es ging— ich raͤſonirte und ſchwatzte mich in dieſes wilde Weſen hinein, daß ich wirklich ganz deſperat wurde, d. h. mich zu einer neuen Heirath entſchloß, trotz dem, daß ich mir alles mögliche Unglück dabei vormalte. Dieſer raſche Entſchluß kam jedoch nicht ſo bald zur Ausführung; denn ich trug mich wohl ein halbes Jahr damit herum; aber wer Unglück ſucht, ſindet es endlich 23 424- gewiß, und ſo ging es bei mir. In der nächſten nur eine Viertelſtunde entlegenen Stadt lebte ein junges oder viel⸗ mehr in dem mittleren Alter befindliches Frauenzimmer, die faſt jeden Tag in meine Wohnung und zu meinen Kindern kam, wenn anders das Wetter erträglich war, und obgleich ſie uns nur als Nachbarin beſuchte, ſo ließ ſie ſich doch ſowohl zu Lebzeiten meiner Frau als nach ihrem Tode ſehr thätig und hülfreich bei meinem Haus⸗ weſen an. Ich verwandte ihren Vater oft zu Geſchäftsgängen nach Liverpool und hin und wieder auch nach Whitehaven; denn da ich, ſo zu ſagen, in den nördlichen Theilen von England heimiſch geworden war, ſo ließ ich einen Theil meiner Kaufmannsgüter bei jeder Schiffsgelegenheit in einer dieſer zwei Städte landen, um ſo mehr, da ein Fahrzeug weit ſicherer in dieſer Richtung ſteuern konnte, als durch den Kanal nach London; denn der Krieg wurde ” lebhaft fortgeſetzt, und daher auch das Caperſyſtem eifrig betrieben. Der Gedanke wollte mir zuletzt nicht mehr aus dem Kopfe, daß dieſes Mädchen meinen Zwecken entſprechen dürfte, zumal da ich ſah, wie thätig ſie ſich meiner Kin⸗ der annahm. Meine Kinder liebten ſie, und ſo faßte ich den Entſchluß, ſie gleichfalls zu lieben, indem ich mir mit der Hoffnung ſchmeichelte, ich dürfte das, was ich ſuchte, am eheſten bei einem unſchuldigen Landmädchen finden⸗ —=d 425 S- nachdem ich zuvor durch zwei Frauen von Stande und einer Städterin betrogen worden war. Ich zog mir die Sache geraume Zeit in ernſte Er⸗ wägung, wie denn überhaupt kaum eine meiner früheren Verbindungen ohne ſehr reifliche Ueberlegung eingegangen worden war. Bei meiner zweiten fand dieß freilich nicht ſtatt, aber in dem gegenwärtigen Falle trug ich mich wobhl vier Monate mit dem Gedanken, ehe ich zu einem Ent⸗ ſchluß kommen konnte, obgleich ich gerade durch dieſe Klug⸗ heit am meiſten bei der Sache verlor. Wie dem übrigens auch ſeyn mag, ich wurde endlich mit mir eins, rief Jung⸗ fer Margareth, als ſie eines Tages an meinem Zimmer vorbeiging, herein und ſagte ihr, daß ich etwas mit ihr zu ſprechen hätte. Sie entſprach augenblicklich meinem Geſuch, erröthete aber ungemein, als ich ſie Platz nehmen hieß und ihr zu dieſem Ende einen Stuhl gerade neben dem meinigen anbot. Ich machte nicht viel Umſtände, ſondern ſagte ihr, ich hätte ihre Freundlichkeit und Zärt⸗ lichkeit gegen meine Kinder bemerkt, deren Liebe ſie auch in hohem Grade genöße; wenn wir daher einig werden könnten, ſo hätte ich im Sinne, ſie zu ihrer Mutter zu machen, falls ſie noch kein anderes Verhältniß eingegangen habe. Das Maͤdchen ſprach kein Wort, bis ich in dem Schluſſe meines Satzes ein allenfallſiges, anderweitiges. Verhältniß berührte, wobei ſie zuſammenzufahren ſchien Ich nahm jedoch keine weitere Notiz davon, als daß ich 2 426& zu ihr ſagte:„Seht Ihr, Moggy“,— denn ſo lautet der Name Margaretha auf dem Lande—„wenn Ihr Euch bereits verſprochen habt, ſo müßt Ihr es mir ſagen.“ Wir wußten nämlich alle wohl, daß ein junger Burſche, der liederliche Sohn eines wackern Geiſtlichen ihr zwei oder drei Jahre nachgeſtrichen war und ihr mit ſeiner Liebe zugeſetzt hatte, obſchon er es, wie es ſchien, nicht dahin bringen konnte, daß das Mädchen ſeine Liebe erwie⸗ derte. Es war ihr bekannt, daß ich von dieſem Umſtande wußte, weßhalb ſie mir, nachdem die erſte Ueberraſchung vorüber war, ſagte, Herr—— habe ihr, wie mir bekannt ſey, oft Anträge gemacht; ſie habe ihm jedoch nie etwas verſprochen und vor ein paar Jahren ſeine Anträge förm⸗ lich zurückgewieſen; denn ihr Vater ſage immer, er ſey ein liederlicher Burſche, der ſie zu Grunde richten würde, wenn er ſie einmal hätte. „Wohlan, Moggy!“ ſagte ich,„was haltet Ihr von mir? Möchtet Ihr wohl meine Frau werden?“ Sie erröthete, ſah zu Boden und wollte eine geraume Weile nicht ſprechen; aber als ich um Antwort in ſie drang, blickte ſie auf und meinte, ich ſcherze wohl mit ihr. Ich überging das und ſagte ihr, es ſey mein vollkommener Ernſt; denn ich halte ſie für ein nüchternes, ehrbares, be⸗ ſcheidenes Mädchen, welches meine Kinder ſehr gern hät⸗ ten; und wenn ſie ihre Einwilligung gäbe, ſo habe ſie mein Wort, daß ich mich morgen früh mit ihr trauen 2% 427 ρ laſſen wolle. Sie ſah jetzt abermals auf, lächelte ein wenig und meinte, das wäre zu bald, um Ja ſagen zu können; ſie hoffe jedoch, ich werde ihr Bedenkzeit geben, damit ſie auch mit ihrem Vater darüber ſprechen könne. Ich ſagte ihr, es brauche da nicht viel Bedenkens; ich wolle ihr aber jedenfalls bis morgen früh Zeit laſſen, was indeß eine lange Zeit wäre. Im Verlauf des Ge⸗ ſprächs hatte ich Moggy zwei oder dreimal geküßt, und ſie begann freier mit mir zu ſprechen. Als ich übrigens weiter in ſie drang, daß ſie ſich am nächſten Morgen mit mir trauen laſſen ſolle, ſo lachte ſie und ſagte mir, es brächte kein Glück in den Eheſtand, wenn ſie in ihren alten Kleidern zur Kirche ginge. Dieſe Einwendung beſchwichtigte ich ſogleich durch die Erklärung, daß ſie nicht in ihren alten Kleidern getraut zu werden brauche; denn ich wolle ihr ein neues geben. „Das kann auch ſpäter geſchehen,“ ſagte Moggy und lachte abermals.—„O nein, jetzt gleich,“ verſetzte ich. „Kommt nur mit mir, Moggy.“ Ich führte ſie ſofort die Treppe hinauf in das vormalige Gemach meiner Frau und zeigte ihr ein neues Morgenkleid, das ſie nicht über zwei oder drei Mal getragen hatte, und noch andere ſchöne Sachen. „Sieh da, Moggy,“ ſagte ich;„hier iſt ein Hochzeit⸗ kleid für Dich. Gib mir jetzt Deine Hand, daß Du mor⸗ gen mir angehören willſt. Was Deinen Vater anbelangt, — 428&- ſo weißt Du, daß er ſich in meinen Angelegenheiten zu Liverpool befindet; aber ich ſtehe dafür, er wird nicht zürnen, wenn er heimkommt und ſeinen Herrn als Schwie⸗ gerſohn begrüßen darf, der noch obendrein von ihm nicht einmal eine Mitgift verlangt. Gib mir alſo Deine Hand darauf,“ ſagte ich ſehr heiter zu ihr und küßte ſie aber⸗ mals. Das Mädchen reichte mir, gleichfalls ſehr vergnügt, die Hand, und ich geſtehe, daß ich über den Ausgang meiner Werbung ſehr erfreut war. Ungefähr drei Häuſer von uns wohnte ein alter Herr, der ſich für einen Arzt ausgab, in der That aber ein ordinirter katholiſcher Prieſter war, wie es deren viele in jener Gegend gibt; und des Abends ſchickte ich zu ihm, um mir einen Beſuch von ihm zu erbitten. Er wußte, daß ich ſeine Confeſſion kannte, und daß ich viel in katho⸗ liſchen Ländern gelebt hatte, weßhalb er mich gleichfalls für einen Katholiken hielt. Als er zu mir kam, ſagte ich ihm, weßhalb ich nach ihm geſchickt, und drückte ihm mei⸗ nen Wunſch aus, daß die Ceremonie morgen früh vorge⸗ nommen werden möchte. Er erklärte ſich bereit, wenn ich am Abend mit Moggy zu ihm kommen wolle, uns auf ſeinem Studirzimmer zu trauen; denn die Sache bliebe geheimer, meinte er, wenn ſie des Abends, als wenn ſie des Morgens vollzogen würde. Ich rief daher Moggy wieder zu mir, theilte ihr mit, was der Geiſtliche geſagt hatte, und meinte, da wir einmal eins geworden ſeyen, O— 1 —2 429& die Feierlichkeit morgen zu begehen, ſo könne ſie ebenſo gut noch dieſen Abend vorgenommen werden. Moggy er⸗ röthete abermals und ſagte, ſie müſſe zuvor nach Hauſe gehen und könne unmöglich vor morgen fertig werden. „Wohlan, Moggy,“ verſetzte ich,„Du biſt jetzt mein Weib und ſollſt mich als Mädchen nicht wieder verlaſſen. Ich weiß, was Du meinſt; Du willſt nach Hauſe gehen, um Dich umzukleiden. Doch komm nur mit mir wieder die Treppe hinauf.“ Ich führte ſie nun vor eine Weiß⸗ zeugkiſte, in welcher ſich mehrere neue Hemden meiner verſtorbenen Frau befanden, die zum Theil noch gar nicht getragen waren. „Hier iſt reines Weißzeug für Dich, Moggy,“ ſagte ich;„und morgen ſollſt Du alles Uebrige haben. Kleide Dich alſo jetzt an, Moggy.“ Nach dieſen Worten ſchloß ich ſie ein und ging die Treppe hinunter, nachdem ich ihr vorher bedeutet hatte, ſie ſolle klopfen, wenn ſie fertig ſey. Es ſtand eine Weile an, ohne daß Moggy klopfte; aber endlich kam ſie vollkommen angekleidet auf mein Zimmer(ich hatte ihr nämlich noch mehrere Dinge ange⸗ wieſen und die Kleider paßten ihr vortrefflich), ſo daß es ſchien, als ob ſie durch das Schlüſſelloch geſchlüpft wäre. »Nun, Moggy,“ ſagte ich,„Du ſiehſt jetzt, daß Du nicht in Deinen alten Kleidern getraut zu werden brauchſt.⸗ Ich nahm ſie in meine Arme, küßte ſie und war ſo ver⸗ gnügt, wie nur je in meinem Leben. Sobald es dunkel 2 1 —d 430& wurde, ging Moggy, wie ich und der Doktor überein⸗ gekommen waren, voraus zu der Haushälterin des alten Herrn, und ich folgte ihr ungefähr nach einer halben Stunde, worauf wir in des Doktors Studirzimmer, d. h. in ſeiner Hauskapelle, eingeſegnet wurden und nachher noch eine Weile blieben, um mit dem Prieſter zu Nacht zu ſpeiſen. Nach einem kurzen weiteren Aufenthalt ging ich nach Hauſe, weil ich zuerſt die Kinder zu Bette bringen und die andern Dienſtboten aus dem Wege ſchaffen wollte, und Moggy kam eine Weile nachher. Des andern Mor⸗ gens theilte ich allen in der Familie mit, daß Moggy meine Frau ſey, worüber meine drei Kinder ungemein erfreut waren. Jetzt war ich zum vierten Mal ein Ehe⸗ mann und— daß ich es kurz ſage, in der That weit glücklicher mit dieſem einfachen Landmädchen als mit allen meinen früheren Weibern. Sie war zwar bereits etwa dreiunddreißig Jahre alt, gebar mir aber ſchon im erſten Jahre einen Sohn. Eine Schönheit war ſie gerade nicht, aber recht hübſch, wohl gebaut, heiteren Charakters, eine ſehr gute Haushälterin, liebte meine früheren Kinder und behandelte ſie gerade ſo wie ihr eigenes. Mit Einem Worte — ſie war ein vortreffliches Weib; aber ich beſaß ſie nur vier Jahre; denn ſie ſtarb an den Folgen eines Falles, als ſie eben mit einem dritten Kinde geſegnet war. Mein ſeltſames Geſchick war ſich übrigens auch bei ihr - 431 f gewiſſermaßen treu geblieben; denn trotz Moggy's anfäng⸗ lichem Scheuthun und Erröthen hatte ſie doch in ihren jüngeren Jahren einen Fehltritt begangen, da ſie von einem reichen Herrn in der Gegend, der ihr die Ehe ver⸗ ſprochen und ſie ſodann verlaſſen hatte, eines Kindleins geneſen war. Dieß ſiel jedoch in eine viel frühere Zeit, ehe ich noch in dieſer Gegend lebte, und da das Kind längſt todt und vergeſſen war, ſo benahmen ſich die Leute ſo wohlwollend gegen ſie und ſo freundlich gegen mich, daß, als unſere Heirath bekannt wurde, Niemand davon ſprach, und auch ich weder etwas davon hörte noch arg⸗ wöhnte, bis ſie bereits im Grabe lag. Ich machte mir jedoch wenig daraus; denn ſie war mir ein treues, tugend⸗ haftes, liebevolles Weib geweſen. Aber auch zu ihren Lebzeiten traf mich eine ſchwere Heimſuchung; denn in der Gegend brach eine furchtbare Pockenepidemie aus, die ſich auch in meiner Familie ihre Opfer ſuchte und drei meiner Kinder nebſt einem Dienſtmädchen dahinraffte, ſo daß mir von meinem dritten Weibe nur ein Sohn und von meiner Moggy eine Tochter verblieb. In jener Zeit fand auch der Einfall der Schotten und die Schlacht bei Preſton Statt. Ich habe hiebei Ur⸗ ſache, das Amenken meiner Moggy zu ſegnen; denn ich nahm begeiſtert Partei für die Sache des Prätendenten und war ſchon im Begriffe, mich mit Roß und Waffen dem Lord Derwentwater anzuſchließen; aber Moggy flehte Ein und zwanzigſtes Kapitel. Rückkehr nach Virginien.— Unerwartetes Wiederſehen.— Der Korb, den mein armer Lehrer bekam.— Neues Cheſtandsglück.— Eine dro⸗ hende Gewitterwolke. Ich ſchiffte mich im Jahr—— zu Liverpool nach Virginien ein und hatte eine erträgliche Reiſe, ausgenom⸗ men, daß wir in der Breite des achtundvierzigſten Grades mit einem Piratenſchiff zuſammentrafen, welches uns alles, was es brauchen konnte, abnahm, nämlich Mundvorrath, Schießbedarf, Waffen und Geld. So heillos aber die Schufte auch ſeyn mochten, ſo muß ich ihnen doch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie uns nicht mißhandelten. Außer⸗ dem war mein Verluſt kein ſehr beträchtlicher; denn die Ladung, welche ich an Bord hatte, beſtand in Gütern, die für ſie keinen beſondern Werth hatten, und denen ſie auch nicht gut beikommen konnten, ohne das ganze⸗Schiff durchzuſtöbern— ein Geſchäft, das ſie nicht als 5 Zeitauf⸗ wands werth betrachten mochten. In Virginien traf ich alle meine Angelegenheiten in 4 ————.„ b. 2 435& ſehr guter Ordnung. Meine Pflanzungen waren ſehr er⸗ weitert, und mein Verwalter, der mir zuerſt Reiſeluſt eingeflößt und Kenntniſſe beigebracht hatte, die einiger⸗ maßen der Rede werth waren, empfing mich nach meiner vierundzwanzigjährigen Wanderung mit Entzücken. Zur Ermuthigung aller treuer Diener muß ich hier erwähnen, daß er mir eine Rechnung ablegte, die, wie ich glaube, nichts zu wünſchen übrig ließ, indem er eine Geſammtrechnung über alle Pflanzungen, dann eine ge⸗ ſonderte für jede einzelne mit jährlichem Abſchluß führte, und das, was ſie jährlich abwarfen, nach Abzug der Un⸗ koſten, mir nach London zur Verfügung ſtellte. Ich hatte allen Grund, mich über ſeine gute Haus⸗ haltung ſehr zu freuen, wie ich denn auch vergleichungs⸗ weiſe ebenſo zufrieden mit der Führung ſeiner eigenen An⸗ gelegenheiten war. Er hatte nämlich zu gleicher Zeit eine ihm ſelbſt angehörige ſehr große Pflanzung in einen blü⸗ henden Zuſtand gebracht, da er durch meinen Vorgang er⸗ muthigt, die Bürgergabe des Landes immer mehr erweiterte. Man wird es begreiflich finden, daß ich nach ſolchen erfreulichen Nachrichten die Pflanzungen zu beaugenſchei⸗ nigen und die Sclaven zu ſehen wünſchte, deren Anzahl ſich zuſammen über dreihundert belief; und da mein Leh⸗ rer in der Regel etliche kaufte, ſo oft eine Ladung von England ankam, ſo war mir der Schmerz vorbehalten, 28* 436 So zwei oder drei Männer von Stande, die in Preſton mit⸗ gefochten hatten, darunter zu erkennen. Man hatte näm⸗ lich diejenigen Kriegsgefangenen, welche man mit der öffentlichen Hinrichtung verſchonte, einem ſolchen Sclaven⸗ loos überantwortet, das für einen gebildeten Mann weit ſchlimmer war als der Tod. Ich übergehe es, hier von den Empfindungen zu ſprechen, welche mich bei einem ſolchen Anblick überwäl⸗ tigten, indem ich mir vorbehalte, die Schritte, welche da⸗ durch hervorgerufen wurden, bei einer ſpäteren Gelegen⸗ heit, die mich näher berührte, ausführlich zu berichten. Doch trug ſich bei meiner Sclavenmuſterung auch ein Umſtand zu, welcher mich im höchſten Grad überraſchte und erſchreckte. Ich kam nämlich eines Tages an eine Stelle meiner Pflanzung, wo etliche Weiber einiges für ihren eigenen Unterhalt bauen durften, und machte mir bei dem Anblick dieſer armen Unglücklichen meine Betrach⸗ tungen über das Elend des menſchlichen Lebens; ich dachte darüber nach, daß vielleicht manche davon früher herrlich und in Freuden ihre Tage verbrachte, bis ſie durch eine Kette von Ungemach hieher gelangte; und daß man, wenn man ſich die Geſchichte ihres Lebens erzählen ließe, vielleicht eben ſo viel Rührung und Erbauung daraus holen könnte als aus irgend einer Predigt.. Wäͤhrend ich ſo nachſann und die Weiber betrachtete, borte ich plötzlich ein Getümmel bei den weiblichen Sclaven 2 437 E hinter mir, welche laut um Hülfe riefen, da eine derſelben ohnmächtig geworden war, und die, welche ihr beiſprangen⸗ meinten, ſie würde ſterben, wenn nicht etwas zu ihrer Erleichterung geſchehe. Ich hatte nichts als eine kleine Flaſche mit Rum bei mir, ohne die ich nie ausging, um allen⸗ falls einem Diener, der ſich einer ſolchen Gunſt würdig gemacht hatte, mit einem Trunk zu erfreuen, und lenkte daher mein Pferd nach der Stelle. Da jedoch das arme Geſchöpf auf dem Boden lag, und die übrigen Selavinnen um ſie herſtanden, ſo konnte ich ſie nicht ſehen, weßhalb ich einer derſelben die Flaſche übergab. Sie rieben der Ohnmächtigen die Schläfe, brachten ſie mit vieler Mühe wieder ins Leben und boten ihr ſodann etwas zu trinken an, was ſie jedoch zurückwies; und da ſie noch immer ſehr unwohl war, ſo wurde ſie in den Spital gebracht:— ſo nennt man nämlich in Italien jene Ordenshäuſer, wo kranke Nonnen und Brüder verpflegt werden; in Virgi⸗ nien aber ſollte man derartige Anſtalten eher ver⸗ wünſchte Löcher nennen, da ſie eigentlich nur Orte ſind, wo man einen ſterben läßt, nicht wo man geheilt werden kann. Da die kranke Frau den Trunk ausgeſchlagen hatte, ſo brachte mir eine der Selavinnen die Flaſche wieder zu⸗ rück, worauf ich dann ſagte, ſie ſollten ſie mit einander austrinken— eine Vergünſtigung, welche die Weiber bald gegenſeitig in die Haare brachte; denn die Flaſche — 432 ᷣ£. zu mir, hing ſich an mich und bedrängte mich ſo ſehr mit ihren Thränen, daß ich mich ruhig verhielt, wofür ich denn auch alle Urſache hatte, Gott dankbar zu ſeyn. Ich war in der That ein ſorgenvoller Vater, und der Verluſt meiner Kinder bedrückte mich ſchwer, noch ſchwerer aber der Tod meines Weibes, und mein Kummer wurde nicht gemindert, oder meine Liebe zu ihr auch nur im Ge⸗ ringſten geſchwächt, als ich von ihrem früheren Fehltritte höͤrte; denn er hatte ja ſo lange vor unſerer Bekanntſchaft ſtattgefunden und war zu ihren Lebzeiten weder von mir entdeckt noch mir mitgetheilt worden. All dieß zuſammengenommen bereitete mir ſehr bit⸗ tere Stunden, und ich glaubte, darin einen Wink des Himmels zu finden, nach Virginien zurückzukehren; denn dieß war, wie ich wohl ſagen darf, der einzige Ort, der mir Segen brachte, und wo mir Alles glücklich von Statten ging, da meine Angelegenheiten in den beſten Händen waren, und die Einkünfte meiner Pflanzungen ſich in einem ſolchen Grade vermehrten, daß meine dortigen Jahresrenten in der letzten Zeit bis auf achthundert, in einem Jahre ſogar bis auf tauſend Pfund geſtiegen waren. Ich ent⸗ ſchloß mich daher, mein Geburtsland abermals zu verlaſ⸗ fen, meinen Sohn mit mir zu nehmen und Moggy’s Tochter den Händen ihres Großvaters anzuvertrauen. Letzteren machte ich zu meinem Hauptagenten, übergab ihm eine beträchtliche Summe zur Erziehung des Kindes und ließ —2 433&⸗ mein Teſtament in ſeinen Händen, mittelſt deſſen ich mei⸗ ner Tochter für den Fall, daß ich ſtürbe, ehe ich ander⸗ weitig für ſie ſorgen konnte, zweitauſend Pfund vermachte, welche mein Sohn von den virginiſchen Beſitzungen bezah⸗ len ſollte, indem ich ihr zugleich meine ganze Habe ver⸗ ſchrieb, wenn Letzterer unverehlicht mit Tod abgehen würde. * Oberſt Ird. Ik. 28 — 438 enthielt nicht ſo viel Branntwein, daß jede einen Schluck bekommen konnte. Ich verfügte mich ſogleich nach Hauſe, machte mir unterwegs Gedanken über die armſeligen Vorkehrungen, die gewöhnlich bei armen kranken Sclaven üblich waren, und fragte meinen Verwalter, ob in dieſer Beziehung keine Verbeſſerungen eingetreten wären. Seine Antwort lautete, er glaube, daß für derartige Fälle bei mir beſſer vorge⸗ ſorgt ſey als irgendwo im Lande, es ſehe jedoch immer⸗ hin noch ſchlimm genug damit aus; er wolle aber gleich hingehen und Augenſchein nehmen, wie es ſtehe. Er kam nach ungefähr einer Stunde wieder zurück und ſagte mir, das Weib ſey ſehr krank und durch ihren Zuſtand in Furcht geſetzt; ſie ſcheine ernſtliche Reue zu tragen über manches aus ihrem vergangenen Leben, welches ihr um ſo ſchwerer auf dem Herzen liege, da ſie glaube, ſter⸗ ben zu müſſen; ſie habe gefragt, ob keine Geiſtlichen zum Troſt für arme ſterbende Sclaven vorhanden wären, wor⸗ auf er ihr geantwortet, ſie wiſſe wohl, daß in der Nähe eines ſolchen Ortes kein Prieſter wäre, wenn ſie aber bis morgen früh noch lebe, ſolle einer herbeigeſchafft werden. Er berichtete mir ferner, daß er ſie in ein Zimmer, wo ſonſt einer der Aufſeher wohne, habe bringen laſſen, wo er ſie mit ein paar Leintüchern und allem, was er für nöthig erachtete, verſah, indem er zugleich eine andere Sclavin anwies, ihrer zu warten und bei ihr zu wachen. 2 439 ρ „Recht ſo,“ ſagte ich;„denn ich will nicht haben, daß die armen Geſchöpfe in Tagen der Krankheit und Hülfs⸗ bedürftigkeit durch Entbehrung der geeigneten Mittel zu Grunde gehen, um ſo weniger, da manche dieſer unglück⸗ lichen Deportirten unter den günſtigſten Verhältniſſen er⸗ zogen worden ſeyn mögen.“ „In der That, Herr,“ entgegnete er, nich ſagte im⸗ mer, dieſes arme Geſchöpf habe etwas an ſich, was auf eine Frau von Stand deute; ich konnte das ſchon an ihrem Benehmen ſehen und hörte auch die anderen Weiber fagen, ſie hätte einmal auf einem großen Fuß gelebt und ihre fünfzehnhundert Pfund jährlich zu verzehren gehabt. Sie mag ihrer Zeit eine ſchöne Frau geweſen ſeyn und hat jetzt noch eine Hand ſo zart wie die einer Lady, ob⸗ gleich ſie vom Wetter gebräunt iſt. Ich darf ſagen, daß ſie früher nie zu einer Arbeit angehalten wurde, die ſie hier verrichten muß, und ſie ſagte den übrigen, die An⸗ ſtrengung werde ſie ins Grab bringen.“ „Das mag allerdings der Fall ſeyn,“ erwiederte ich, „und wahrſcheinlich iſt dieß auch der Grund, warum ſie ohnmäͤchtig wurde. Gibt es denn keine Beſchäftigung für ſie im Hauſe, welche ſie weniger hart ankäme, und bei der ſie doch nicht ſo ſehr der Hitze und Kälte ausge⸗ ſetzt wäre?“ Er bejahete dieſe Frage und ſagte, man könne ihr die Haushaltungsgeſchäfte übergeben; denn die Frau, welche 440. bisher dieſem Amte vorgeſtanden, habe ihre Zeit ausge⸗ dient und ſich an einen Pflanzer verheirathet. „Wohlan denn,“ verſetzte ich,„ſo ſoll ſie, wenn ſie wieder aufkommt, dieſe Stelle haben. Geht alſo hin und ſagt ihr dieß; vielleicht trägt eine ſolche tröſtliche Aus⸗ ſicht etwas zu ihrer Wiederherſtellung bei.“ Er that, wie ihm geheißen war, und trug auch weitere Sorge für die Frau, ſo daß ſie unter der zweckmäßigen Behandlung genas und bald wieder auf den Beinen war; denn nur die ſchlechte Wohnung und Koſt, die eine Frauensperſon von ihrer Erziehung nicht gewöhnt war, hatte ihr ſo zugeſetzt, daß ſie unter der Arbeit ohn⸗ mächtig wurde. In ihrer neuen Stellung war ſie eine ganz andere Perſon: ſie führte das Hausweſen in der ſchönſten Ord⸗ nung und wußte überhaupt alles ſo gut zu Rathe zu halten, daß mein Lehrer über ihr Benehmen ganz erſtaunt war und mich hin und wieder von ihren vortrefflichen wirthſchaftlichen Eigenſchaften unterhielt. „Ich laß mirs nicht nehmen,“ ſagte er,„ſie iſt zu einer Frau von Stand erzogen worden und mag wohl zu ihrer Zeit auch recht hübſch geweſen ſeyn.“ Mit Einem Wort, er erzählte mir ſo viel Gutes von ihr, daß ich im Sinne hatte, ſie zu ſehen. Ich begab mich zu dieſem Ende eines Tages in das ſogenannte Herrenzimmer des Pflan⸗ zungshauſes, wo ſie Gelegenheit hatte, mich zu ſehen, ehe WW 8-;⸗——ÿ4— — 441&& ich noch ihrer anſichtig wurde, und ſobald ſie mich erblickt hatte, erkannte ſie mich, obgleich ich ſie nicht gekannt ha⸗ ben würde, wenn ſie mir auch hundert Mal begegnet wäre. Als ſie meiner anſichtig wurde, ſchien ſie in die größte Verwirrung und Ueberraſchung zu gerathen, und als der Verwalter meinen Auftrag, ſie hereinzubringen, vollziehen wollte, fand er ſie in Thränen; ſie bat ihn, er möchte ihre Angſt entſchuldigen; aber es wäre ihr Tod, wenn ſie mir nahe kommen müßte. Ich dachte nicht anders, als daß das arme Geſchöpf ſich vor mir fürchte(denn die virginiſchen Pflanzer gelten für ſchreckliche Gebieter), und ließ ihr daher ſagen, ſie brauche ſich um deßwillen, daß ich ſie vor mich rufen laſſe, keine Sorge zu machen; denn es geſchehe nicht wegen eines Vergehens, oder weil ſie mir Urſache zur Unzufrie⸗ denheit gegeben, ſondern bloß aus dem einfachen Grunde, daß ich ihr einige Aufträge zu geben hätte. Er glaubte, ſie hiemit beruhigt zu haben, und brachte ſie herein. Bei ihrem Erſcheinen hielt ſie ein Taſchentuch in der Hand und wiſchte ſich die Augen, als ob ſie geweint hätte. „Nun,“ begann ich in ermuthigendem Tone,„macht Euch keine Sorge wegen des Umſtandes, daß ich nach Euch geſchickt habe; denn Ihr ſeyd mir wegen Eurer guten Wirthſchaft ſehr empfohlen, und ich wollte Euch nur ſprechen, um Euch zu ſagen, daß ich ſehr zufrieden da⸗ rüber bin. Sollte es in meiner Macht ſtehen, und Eure 442 Umſtände es geſtatten, ſo bin ich bereit, Euch aus Eurer unglücklichen Lage zu helfen. Sie machte einige tiefe Knickſe, ohne etwas zu ant⸗ worten; aber endlich ermuthigte ſie ſich ſo weit, daß fie die Hand von ihrem Geſicht nahm, und ich daſſelbe ſehen konnte— vermuthlich weil ſie wünſchte, ich möchte ſie er⸗ kennen; aber ſie war mir ſo fremd als nur irgend Je⸗ mand, den ich in meinem Leben nie zuvor geſehen hatte. Ich fuhr übrigens fort, ihr Muth zuzuſprechen, wie ich bei allen that, von denen ich ſah, daß ſie es verdienten. Mein Lehrer, der im Zimmer geweſen, verließ das Gemach wegen irgend eines Geſchäftes, und ſobald er die Thüre hinter ſich zugemacht hatte, kam es bei ihr zu einem leidenſchaftlichen Ausbruch, indem ſie vor mir auf die Kniee niederſiel und rief: „Ach, Herr! ich ſehe, daß Ihr mich nicht kennt! Uebt Barmherzigkeit an mir— ich bin Euer verſtoßenes Weib!“ Ich war beſtürzt, entſetzt und zitterte wie ein Fieber⸗ kranker, ohne Worte finden zu können; kurz, ich war im Begriffe umzuſinken, während ſie auf ihr Angeſicht nieder⸗ fiel und da lag, als ob ſie todt wäre. Ich war ſprachlos, ſage ich, wie ein Stein; doch hatte ich noch Geiſtesgegen⸗ wart genug, um zur Thüre zu gehen und den Riegel vorzuſchieben, damit mein Lehrer nicht hereinkommen könnte. Dann trat ich an ihre Seite, hob ſie auf, ſprach ihr Troſt — 443 zu und ſagte ihr, ich hätte ſie ſo wenig gekannt, als ob ich ſie nie geſehen haͤtte. „Ach, Herr!“ verſetzte ſie,„der Kummer iſt etwas Schreckliches, und die Leiden, die ich erfahren, ſind wohl im Stande geweſen, mein Geſicht zu verändern. Aber verzeiht mir, um Gottes Barmherzigkeit willen,“ fuhr ſie fort,„die Kränkungen, die ich Euch zugefügt habe. Ach, ich mußte ſchwer für meinen gottvergeſſenen Wandel büßen, und es iſt der Finger der ewigen Gerechtigkeit, der mich zu Euren Füßen niederwirft, um Euch um Verzeihung zu bitten für all mein ruchloſes Treiben. Vergebt mir, Herr,“ ſagte ſie,„ich bitte Euch inſtändig, und gewährt mir nur das Einzige, daß ich Eure Sclavin und Die⸗ nerin ſeyn darf, ſo lange ich lebe.“ Mit dieſen Worten ſiel ſie abermals auf die Kniee und weinte ſo heftig, daß ſie kein Wort mehr ſprechen und auch in ihren Thränen nicht inne halten konnte. Ich hob ſie abermals auf, brachte ſie auf einen Stuhl und bat ſie, ſich zu faſſen und zu hören, was ich ihr ſagen wolle, obgleich ich durch den Vorfall ſo bewegt war, daß ich faſt ebenſowenig ſprechen konnte, als ſie. Ich ſagte ihr, ich wäre ſo überraſcht, daß ich kaum Worte finden könne; und in der That rannen mir die Thränen faſt ebenſo raſch über die Wangen, als es bei ihr der Fall war. Dann bedeutete ich ihr weiter, daß Niemand etwas von dem, was zwiſchen uns vorgegangen, 2 444& wiſſe, und es ſey durchaus nothwendig, daß keine Silbe davon bekannt werde; es ſolle ihr nicht zum Nachtheil gereichen, daß ſie wieder in meine Hände gefallen, aber ich konne nichts für ſie thun, wenn ihre Stellung zu mir ruchbar werde, weßhalb ihr künftiges ſchlimmes oder gutes Geſchick ganz von ihrer Verſchwiegenheit abhänge; mein Verwalter komme im Augenblick zurück, weßhalb ſie wie⸗ der wie zuvor an ihre Geſchäfte gehen ſolle; ich wolle dann in einigen Tagen zu ihr kommen und ein Weiteres mit ihr ſprechen. Sie entfernte ſich nun mit der heiligen Verſicherung, daß keine Silbe von dem Vorgange über ihre Lippen kommen ſolle; und ſie ging auch ſehr gern, ehe mein Verwalter zurückkam, damit er die Aufregung, in der ſie ſich befand, nicht ſehen möchte. Ich war ſo verwirrt ob dieſem überraſchenden Zu⸗ ſammentreffen, daß ich den ganzen Abend über kaum wußte, was ich that oder ſprach, und auch am folgenden Morgen war ich noch zu keinem Entſchluß über die nunmehr ein⸗ zuſchlagenden Schritte gekommen. Ich ließ jedoch meinen Verwalter rufen und ſagte ihm, daß mir das arme, un⸗ glückliche Weſen, die Haushälterin, ungemein am Herzen liege; ich hätte einen Theil ihrer höchſt traurigen Geſchichte gehört und daraus entnommen, daß ſie früher in ſehr guten Verhältniſſen gelebt und eine ſehr gute Erziehung genoſſen hätte, weßhalb es mich freue, daß ſie den Feld⸗ geſchaͤften entnommen und in das Haus verſetzt worden — 5-n 8 8 8 8 4 3 2 445 S ſey; ſie ſey jedoch noch immer faſt nackt, weßhalb er in das Magazin gehen und ihr etwas Weißzeug, Kopfbedeckun⸗ gen, Handſchuhe, Strümpfe, Schuhe, Unterröcke u. dgl. zur Auswahl vorlegen und dabei ein Morgenkleid und einen Mantel von der beſſeren Kattunſorte nicht vergeſſen, d. h. ſie ganz neu kleiden ſolle. Er that nach meinem Geheiß, brachte mir jedoch die Nachricht, daß ſie in Thränen ſchwimme und ſogar die ganze lange Nacht durch geweint habe, ſo daß er glaube, ſie werde ſich zu todt weinen; ſie habe es zwar, als er ihr befohlenermaßen die Kleidungsſtücke gegeben, hin und wie⸗ der ihre Thränen zu unterdrücken verſucht; ſo oft er aber ein Wort mit ihr geſprochen, habe ſie wieder aufs neue geweint; und zwar auf eine Weiſe, daß es Niemand ohne großes Herzeleid habe mit anſehen können. Die Sache ging mir in der That ſehr zu Herzen, und ich hatte Mühe, es mich nicht merken zu laſſen, weß⸗ halb ich das Geſpräch auf etwas Anderes lenkte. Ich unterließ es jedoch, die nächſten paar Tage nach ihr zu ſehen, obgleich ich Tag und Nacht darüber nachſann, welche Schritte ich einſchlagen, und was ich in dieſem merkwür⸗ digen Falle thun ſollte. Am dritten Tage begab ich mich wieder nach dem Pflanzungshauſe: ſie erſchien vor mir in den ihr zuge⸗ wieſenen Kleidern und ſagte mir, ſie danke Gott, daß ſie nun wieder meine Dienerin ſey und meine Livree trage; — 446 ᷣά dabei dankte ſie mir für die Kleider und ſagte, es wäre diel mehr, als ſie um mich verdient hätte. Es war, außer uns beiden, Niemand zugegen, und ich begann die Unterhaltung damit, daß ich zu ihr ſagte, ſie ſolle der unangenehmen Vergangenheit nicht mehr er⸗ wähnen; denn ſie habe ſich in dieſer Beziehung mehr als hinreichend gedemüthigt, und ich werde ihr über das Frühere nie wieder Vorwürfe machen. Ich fand, daß ſie bei wei⸗ tem der leidendſte Theil geweſen, erklärte ihr jedoch, daß es mir in meinen gegenwärtigen Umſtänden unmöglich ſey, ſie an dem Orte, den ſie als deportirte Verbrecherin betreten, als mein Weib anzuerkennen, wie ſie denn auch ſelbſt einſehen müſſe, daß ſie ſo etwas gar nicht ver⸗ langen dürfe; ich wolle indeß gern allem aufbieten, ihrer gegenwärtigen armſeligen Lage ein Ende zu machen, vorausgeſetzt, daß ſie ſich klug benehme und verſchwiegen ſey, denn von dem Augenblicke an, daß ſie das Geheim⸗ niß breche, ſey ihr Verderben unvermeidlich. Sie ſah die Nothwendigkeit hievon ſo gut ein als ich und ſagte mir, ſie möchte mit meiner Einwilligung den Reſt ihres Lebens der Reue und Buße weihen und wäre bereit, die niedrigſten Dienſte für mich zu verrichten; es freue ſie zwar, zu hören, daß ich ihr früheres Sünden⸗ leben vergeben habe, ſie wolle aber demungeachtet nach keinem höheren Ziele ſtreben, als ihr Leben lang meine Selavin zu ſeyn; jedenfalls dürfe ich mich verſichert halten⸗ —— ̈ 4 ————+ 4 ĩ2& 4a 8½ —d 447 έ daß ſie nie Jemanden etwas von unſerer früheren Bekannt⸗ ſchaft mittheilen werde. Ich fragte ſie, ob ſie mir nicht einen Theil ihrer Le⸗ bensgeſchichte ſeit unſerer Trennung wiſſen laſſen wolle; ich wünſche es jedoch nur dann von ihr, wenn ſie es für paſſend halte. Sie antwortete, ihr erſter Bruch mit mir habe mit Thorheit begangen und in Sünde geendet; und ſo ſey ihr ganzes ſpaͤteres Leben eine Reihe von Unglück⸗ Sünde und Kummer, Laſter und Schande und endlich das äußerſte Elend geweſen; ſie habe ſich durch luſtige Geſellſchaft zu einem verſchwenderiſchen Leben verlocken laſſen und ſey durch dieſelbe veranlaßt worden, die Mit⸗ tel dazu ſich auf verbotenen Wegen zu verſchaffen; dann ſey ſie nach tauſend Mißgeſchicken und Drangſalen ſo herunter gekommen, daß es ihr an dem täglichen Brod gebrach, und ſie ſich in der äußerſten Armuth befand. Sie hatte oft und vielmal im Sinne, ſich in der demüthigſten und unterwürfigſten Weiſe mir wieder zu nähern, da ſie, wie ſie ſagte, ihr erſtes Verbrechen auf⸗ richtig bereut hatte; aber ſie konnte nie etwas von mir oder dem Wege, den ich gegangen, hören. So von aller Welt verlaſſen, arm und elend, gerieth ſie in ſchlimme Geſellſchaft anderer Art, nämlich unter eine Diebsbande, mit der ſie eine Weile ihr Weſen trieb und anfangs ziem⸗ lich viel Geld gewann, aber ſtets unter Angſt und Zittern⸗ da ſie immer fürchtete, ertappt und ergriffen zu werden. Ein ſolches Loos traf ſie auch endlich, aber nur wegen einer kleinen Dieberei, in welcher ſie nur zufällig bethei⸗ ligt war, und um derenwillen ſie nach Virginien deportirt wurde. Sie ſagte mir, ihr Leben ſey eine ſolche Kette verſchiedener Geſchicke, das einemal Fülle, das anderemal äußerſte Noth, das einemal Freiheit, das anderemal Ge⸗ fangenſchaft geweſen, daß ſie viele Tage davon erzählen könnte; das Ende von allem ſehe ich jetzt, wie ich den beſten Theil des Anfangs geſehen hätte; ich wiſſe, daß ſie zärtlich erzogen und gehalten worden ſey, aber endlich habe ſie es ſo weit gebracht wie der verlorene Sohn, der ſich ſogar nach den Trebern der Schweine ſehnte, ohne daß ſie ihm Jemand gab. Ihre Thränen floßen bei dieſer Erzählung ſo heftig, daß ſie ſich oft unterbrechen mußte und am Ende gar nicht mehr fortfahren konnte. Ich ſagte ihr daher, ſie ſolle für jetzt aufhören, da es nur ihren Schmerz erneuere; es ſey alles vergeben und vergeſſen, und ich wolle nichts weiter davon hören. So wurde denn die Geſchichte ihres Lebens abgebrochen. Ich erklärte ihr noch ferner, da die Vorſehung ſie wieder in meine Hände gebracht habe, ſo wolle ich Sorge für ſie tragen, daß ſie keinen Mangel leide, und daß ihr Schickſal ein erträgliches ſey, obgleich ich nicht weiter gehen könne. Wir trennten uns ſodann, und ſie führte das Amt einer Haushälterin fort, nur mit dem Unterſchiede, daß ich ihr zu ihrer Erleichterung eine Gehülfin beigab. Dieſer letztere 449& Titel war jedoch nichts anderes als eine Bemäntlung, denn ich wollte ihr in der Gehülfin eine Sclavin geben, die ihr diente und ihre Arbeit verſah, was ich ihr auch ſagte. Nachdem ſie dieſe Stellung eine Zeit lang ausgefüllt, erholte ſie ſich allmälig nnd wurde wieder heiterer. Ihre eingeſunkenen Formen rundeten ſich, und ſie begann wieder etwas von den bezaubernden Zügen zu gewinnen, die mir ehedem ſo theuer geweſen waren. Ich konnte mich hin und wieder nicht entbrechen, wärmere Wünſche für ſie zu fühlen und den Gedanken zu hegen, ſie wieder in ihre frühere Stellung einzuſetzen; es waren jedoch viele Hinder⸗ niſſe vorhanden, die ſich ſobald nicht überwinden ließen. Unterdeſſen trug ſich ein anderer ſeltſamer Vorfall zu, der mich in eine große Verlegenheit— eine größere, als ich je für möglich gehalten hätte, brachte. Mein Lehrer, ein Mann von Verſtand und Bildung und voll der edelſten Grundſätze, der gleich anfangs das Elend der Frau zu Herzen genommen und ſchon damals etwas Ungewöhnliches hinter ihr geſucht hatte, war, als die Schwungkraft ihres Geiſtes wiederkehrte, von ihrer Unterhaltung ſo ſehr be⸗ zaubert, daß er ſich in ſie verliebte. Ich habe bereits früher berichtet, daß ſie ungemein beredt und witzig war, unvergleichlich ſchön ſang und eine gute Erziehung genoſſen hatte. Von all dieſem hatte ſie nichts verloren und war daher eine recht angenehme Per⸗ Oberſt Jack. II. 29 2% 450 So⸗ ſon, weßhalb er eines Tages zu mir kam und mich um die Erlaubniß bat, die Haushälterin heirathen zu dürfen. Ich war ob dieſem Anſinnen nicht wenig verblüfft, obgleich ich ihm keine Gelegenheit gab, es zu bemerken. Ich beſchloß die Sache von mir ab⸗ und ihr zuzuweiſen, weil ich dann doch Gelegenheit nehmen konnte, vorher mit ihr zu ſprechen. Ich bemerkte ihm daher, ich ſtelle es ganz ihm anheim, die Angelegenheit nach ſeinem Gutdünken zu betreiben, da ich weder ja noch nein dazu ſagen könne. Was ihre Dienſtzeit anbelange, ſo wäre dieß eine Kleinig⸗ keit und nicht der Rede werth; ich hoffe aber, daß er die Umſtände wohl überlegen werde, ehe er ſich in ein ſolches Verhältniß einlaſſe. Er erwiederte, daß er bereits reiflich darüber nach⸗ gedacht und den Entſchluß gefaßt habe, wenn ich nicht dagegen wäre, ſie unter allen Umſtänden zu heirathen; denn er glaube, mit ihr der glücklichſte Mann auf Erden werden zu können. Er ging dann von ſeinem Charakter auf den ihrigen über und lobte mir ihre Geſchicklichkeit im Hausweſen, ihre Unterhaltungsgabe, ihren Witz, ihr Gedächtniß, ihre umfaſſenden Kenntniſſe u. dgl., was ich Alles recht wohl wußte und noch beſſer als er; denn ſie war noch ganz, was ſie früher geweſen, und war überdieß in der Schule der Leiden gebeſſert und in derſelben mäßig, klug und einſichtsvoll geworden, Eigen⸗ ſchaften, die ihr früher fehlten. 451 Man kann ſich denken, daß ich es kaum erwarten konnte, bis ich meine Haushälterin wieder traf, um ihr die Sache mitzutheilen und ſehen zu können, welchen Weg ſie bei dieſer kitzlichen Frage einzuſchlagen gedenke. Ich wurde jedoch plötzlich von einem Catarrhfieber befallen, welches mir zwei Tage ſo zuſetzte, daß ich das Zimmer nicht verlaſſen konnte; und in dieſer Zeit war die Sache abgethan und vorüber; denn mein Lehrer hatte noch deſ⸗ ſelben Abends ſein Heil verſucht, war aber gleich anfangs kalt aufgenommen worden, was ihn um ſo mehr über⸗ raſchte, da er gar nicht zweifelte, ſie werde bei dem erſten Antrage Ja ſagen. Des nächſten Tages kam er wieder und am dritten gleichfalls; als ſie daher ſah, daß es ihm Ernſt war, und ſie doch nicht daran denken konnte, auf ſeine Vorſchläge einzugehen, ſo erklärte ſie ihm in wenigen Worten, ſie fühle ſich für dieſen Beweis ſeiner Achtung gegen ſie ſehr verpflichtet und würde demſelben ſo bereit⸗ willig als nur irgend Jemand in ihrer Lage entgegen⸗ kommen, wenn es anginge, ohne daß ſie ſeine Güte miß⸗ brauchte; ſie fühle ſich daher gezwungen, ihm zu ſagen, daß ſie bereits in einem bindenden Verhältniß ſtehe und daß ſie— mit Einem Wort— eine verheirathete Frau ſey, deren Gatte noch lebe. Dieß war eine ebenſo aufrichtige als wirkſame Erwie⸗ derung, ſo daß er kein Wort mehr darauf zu ſagen wußte 29* — 452 SE⸗- und ſich daher mit der Erklärung begnügen mußte, daß es ihm ſehr leid thue, und daß dieß die ſchmerzlichſte Täuſchung ſey, die ihm je in ſeinem Leben widerfahren. Des andern Tages, nachdem er dieſen Korb erhalten, kam ich in das Pflanzungshaus zurück, ſchickte nach der Haushälterin und ſagte ihr, ich hätte gehört, daß ihr ein ſehr vortheilhafter Antrag gemacht werden ſollte, und ich wünſchte, daß ſie denſelben wohl in Erwägung zöge, worauf ich ihr mittheilte, was mir der Verwalter anvertraut hatte. Sie begann ſogleich zu weinen, worüber ich mich ſehr verwundert ſtellte.„O, Herr,“ ſagte ſie,„wie könnt Ihr nur ſo etwas gegen mich zur Sprache bringen?“ Ich er⸗ wiederte, ich könne dieß um ſo eher thun, weil ich ſelbſt ſeit unſerer Trennung wieder geheirathet habe.„Ja, Herr,“ verſetzte ſie;„bei mir iſt der Fall ein anderer. Die Schuld lag auf meiner Seite, und ich durfte nicht wieder heirathen. Das iſt aber nicht der ganze Grund,“ fuhr ſie fort,„denn ich kann es einmal nicht thun.“ Ich ſtellte mich an, als verſuchte ich es, ſie zu überreden, obgleich ich geſtehen muß, daß es mir durchaus nicht ernſt war; denn mein Herz war ihr ſchon ſeit einiger Zeit wieder zugewandt, und ich hatte ihr im Geiſte ihr ganzes früheres Benehmen vergeben. Demungeachtet aber redete ich ihr zu, worauf ſie aufs neue in Thränen ausbrach.„Nein, nein,“ ſagte ſie,„ich will lieber Eure Sclavin ſeyn, als das Weib des beſten Mannes in der Welt.“ Ich ſtellte ihr ihre Lage ihm ung ten, der ein ich auf tte. ſehr Ihr er⸗ lbÜt r,“ uld en. enn als hen ein dt, ien auf gte eib nge ——2 453 S⸗⸗ vor, und wie eine ſolche Heirath ſie in angenehme und wohlhabende Verhältniſſe bringen könnte, um ſo mehr, da niemand wiſſe oder argwöhne, wer und was ſie geweſen. Sie konnte jedoch meine Worte nicht ohne Thränen an⸗ hören und begann endlich ſo laut zu ſchluchzen, daß ich fürchtete, ſie möchte gehört werden.„Ich bitte flehentlich, ſagte ſie, ſprecht mir nicht mehr davon; ich war einmal die Eurige und will nie einem andern Manne in der Welt angehören. Laßt mich ſeyn, was ich bin, oder alles andere, wozu Ihr mich machen wollt, nur nicht das Weib eines andern, ſo lang Ihr noch am Leben ſeyd.“ Die Bewegung, womit ſie dieß ſprach, machte einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß ich geraume Zeit nicht wußte, was ich ſagte oder that. Endlich begann ich: „Es iſt in der That ſchade, daß Ihr früher nicht auch ſo aufrichtig gegen mich waret, als jetzt, es wäre uns beiden viel Schmerzliches erſpart worden. Da aber ein⸗ mal ſo die Sachen ſtehen, ſo will ich Euch nicht zu etwas drängen, was gegen Euren Willen iſt. Auch ſollt Ihr wegen Eurer Weigerung keine ſchlimmere Behandlung erfahren;— aber wie wollt Ihr Euch ſeiner entledigen? Ohne Zweifel hofft er, daß Ihr ſeinen Vorſchlag mit Freuden aufnehmt und ſo weit ihm Eure Verhältniſſe bekannt ſind, bietet er Euch in der That ein ſehr vortheilhaftes Loos.“ „Ach Herr“, entgegnete ſie,„ich habe bereits alles abgemacht. Er hat ſeine Antwort und iſt völlig zufrieden 2 454 G⸗- geſtellt, ſo daß er mich nie wieder mit einem ſolchen Vor⸗ ſchlage behelligen wird.“ Sie theilte mir ſodann die Ant⸗ wort mit, welche ſie ihm gegeben hatte. Von dieſem Augenblick an war ich entſchloſſen, ſie wieder zu meinem Weibe anzunehmen. Ich dachte, ſie hätte ihr früheres übles Benehmen völlig wieder gut ge⸗ macht und verdiente Verzeihung— und gewiß, wenn dieß je bei einem Weibe der Fall war, ſo war es bei ihr, be⸗ ſonders wenn man berückſichtigt, welche ſchreckliche Buße ſie durchgemacht, und wie lange ſie im Elend und Unglück gelebt hatte. Ich betrachtete den Umſtand, daß ſie mir wieder zugeführt worden, als einen Wink der Vorſehung, und glaubte auch das Wirken Gottes darin zu ſehen, daß ſie ſo viel Liebe für mich und einen ſo entſchloſſenen Geiſt beſaß, um ein ſo ſchönes Anerbieten der Befreiung zurückweiſen zu können, bloß weil es ſie von mir getrennt haben würde. Sobald einmal mein Entſchluß feſt war, hielt ich es für grauſam, ihn länger vor ihr zu verbergen, oder viel⸗ mehr, ich ſelbſt konnte mich nicht mehr halten, ſondern ſchloß ſie in meine Arme. „Wohlan,“ ſagte ich,„da Du mir einen ſolchen Be⸗ weis Deiner Liebe gegeben haſt, ſo kann ich nicht länger widerſtehen. Ich vergebe Dir alles, was je zwiſchen uns vor⸗ gefallen, und da du niemand anders als mir angehören willſt, ſo ſollſt Du mein ſeyn, wie Du es im Anfang warſt.“ Dieſe Erklärung war jedoch zu viel für ſie, und 2 455 S⸗- meine Verſöhnlichkeit überwältigte ſie ſo mächtig, daß ſie wohl in meinen Armen geſtorben wäre, wenn ſie nicht dem Sturm ihrer Gefühle durch Ströme von Thränen häͤtte Luft machen können. Ich ſah mich daher genöthigt, ſie loszulaſſen, und ſetzte ſie auf einen Stuhl, wo ſie eine Viertelſtunde an Einem fort weinte, bis ſie ein Wort ſprechen konnte. Als ſie endlich ſo weit wieder zu ſich kam, daß Worte etwas bei ihr wirken konnten, ſagte ich ihr, wir müßten auf Mittel und Wege denken, wie ſich die Sache thun laſſe. Ich machte ihr dabei bemerklich, daß eine Veröffentlichung unſers frühern Verhältniſſes nicht ſtatt finden könne, da dieß uns beide proſtituiren würde; ich wolle übrigens die Trauungsceremonie öffentlich wieder⸗ holen laſſen,— ein Vorſchlag, auf den ſie bereitwillig einging. Wir ließen uns ungefähr zwei Monate nachher wieder einſegnen, und kein Mann in der Welt erfreute ſich je eines beſſern Weibes oder lebte glücklicher, als es bei uns mehrere Jahre nachher der Fall war. Jetzt glaubte ich, meine zeitlichen Glücksgüter in die ſchönſte Ordnung gebracht zu haben, und hoffte, ein ſo wechſelvolles Leben, wie das meinige geweſen, in behag⸗ licher Zurückgezogenheit beſchließen zu können, da wir beide durch Leiden und Miühſeligkeiten weiſer geworden und nun im Stande waren, zu beurtheilen, welche Lebensweiſe für unſere gegenwärtigen Umſtände am beſten paßte, und welche Stellung wir zu wählen häͤtten, um glücklich zu ſeyn. 2 456 G⸗ Aber der Menſch iſt im beſten Falle ein kurzſichtiges Weſen, was ſich beſonders dann herausſtellt, wenn es gilt, ſich ſein eigenes Glück zu ſchaffen oder, wie ich lieber ſagen möchte, es ſich zu wählen. Man ſollte meinen, und auch mein Weib ſagte mir es oft, daß meine gegen⸗ wärtige Lage recht eigentlich darauf berechnet war, einen Mann ſo vollkommen glücklich zu machen, als eine beſchei⸗ dene, zurückgezogene Stellung nur immer thun kann. Wir hatten einen mehr als zureichenden Grundbeſitz, der ſich mit jedem Tage vergrößerte, und auf dem wir alles nach unſern Wünſchen einrichten konnten; nichts trübte das Angenehme und Heitere unſerer Stellung, und unbe⸗ kümmert und ſorgenfrei, wie wir waren, konnten wir uns auch nicht entfernt träumen, welch ein Ungemach uns in dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zu bedrohen vermöchte. Aber eine unſichtbare Miene ſprengte all dieſe ſchein⸗ bare Ruhe mit einem Male in die Luft, und obgleich ſie mich nicht meiner Beſitzthümer beraubte, ſo riß ſie mich doch fort davon und ſandte mich abermals irrend in die Welt hinaus, wo der Menſch im Suchen ſeines Glückes, nur geleitet von ſeinen eigenen kurzſichtigen Entwürfen, mit Gefahren aller Art zu ringen hat. Ich muß nun zu einem früheren Ereigniſſe in der Geſchichte meines Lebens zurückkehren— auf mein Benehmen nämlich, während meines letzten Aufenthalts in England. Ich habe bereits angedeutet, wie mich Moggy durch 2ͤAX& — 32 2A —— 2 —2 457 S⸗ ihre Thränen und Bitten verhinderte, einen Tollhäusler⸗ ſtreich zu ſpielen und mich offen der Rebellion des Lord Derwentwater und ſeiner Partei bei Gelegenheit ihres Einfalls in Lancaſhire anzuſchließen— eine Nachgiebigkeit, welche mir, wie ich wohl ſagen darf, das Leben rettete. Meine Neugierde vermochte jedoch endlich ſo viel über mich, daß ich, als die Schotten nach Preſton kamen, mei⸗ nem Weibe entwiſchte, denn ich wollte wenigſte 3 ingehen und zuſehen, was die Angelegenheiten für einen Fortgang nahmen. Als die Schotten vorrückten und immer näher gegen Preſton kamen, regte ſich eine große Theilnahme des Vol⸗ kes zu ihren Gunſten. Der oben berührte alte Doktor, welcher als katholiſcher Geiſtlicher unſere Ehe eingeſegnet hatte, ſtachelte aufs neue meinen Eifer und ließ mir keine Ruhe, bis ich mich anheiſchig machte, nur mit einem ein⸗ zigen guten Pferde und Waffen den Tag vor der Affaire bei Preſton zu ihnen zu ſtoßen, bei welcher Expedition er mich, in gleicher Weiſe ausgerüſtet, begleiten wollte. Ich nahm nicht ſo öffentlich an der Sache Theil, um erkannt zu werden— wenigſtens nicht von Denen, die in meiner Gegend lebten, und dieß war in der That mein Glück, wie man bald hören wird. Ich blieb aber doch nicht ſo ganz unerkannt; denn unter den Schotten befanden ſich einige, die mit mir auswärts in Kriegsdienſten geſtanden hatten. Mit dieſen kam ich vorzugsweiſe in Berührung und galt bei ihnen für einen franzöſiſchen Offizier. Ich — 458 S⸗ ſprach mit ihnen von einer ſtarken Beſetzung des Paſſes von Preſton, dem Fluß und der Brücke und behauptete gegen ſie, daß von der Erhaltung deſſelben das Heil des ganzen Unternehmens abhänge. Ich verfocht meinen Vorſchlag mit Wärme, und da ich unter ihnen, wie geſagt, für einen franzöſiſchen Offi⸗ zier und einen Mann von Erfahrung galt, ſo gab ich da⸗ durch Anlaß zu verſchiedenen Debatten. Mein Rath wurde jedoch, wie der Geſchichte bekannt iſt, nicht befolgt; und von dieſem Augenblick an gab ich alles verloren, in⸗ dem ich jetzt auf nichts mehr ſann, als wie ich mich von ihnen losmachen konnte, was ich denn auch in der Nacht, ehe ſie von der königli chen Reiterei umzingelt wurden, be⸗ werkſtelligte. Meine Flucht war übrigens mit großen Schwierigkeiten verbunden; denn ich mußte über den Fluß Ribole ſchwimmen, und zwar an einer Stelle, wo ich zwar endlich glücklich hinüberkam, aber doch lange brauchte, bis mein Pferd am Ufer feſten Grund faſſen konnte. Sobald ich am Lande war, ritt ich aus Leibeskräften und wurde des andern Abends meiner Wohnung anſichtig. Ich blieb nun bis in die tiefe Nacht im Wald liegen, ſtieß mein Pferd in eine Kies⸗ oder Mergelgrube, welche ich mit Erde zudeckte, und begab mich gegen Morgen um zwei Uhr ganz allein in mein Haus, wo mich meine Frau, freudig überraſcht, aber doch ſehr erſchrocken einließ. Ich traf ſofort Maßregeln, mich gegen jeden Unfall ſicher zu — 82 A N N no hätten verrathen können. —28** 459& ſtellen, von denen ich jedoch, wie die Sachen ſtanden, keinen Gebrach zu machen nöthig hatte; denn die Rebel⸗ len waren völlig geſchlagen, zum Theil getödtet, zum Theil gefangen genommen, und in der Gegend wußte oder argwöhnte niemand, daß ich an der Sache Theil genommen hatte. So entkam ich denn mit knapper Noth dem gefährlichſten und thörichtſten Unterfangen, bei dem ich je betheiligt geweſen. Ich durfte mir Glück wünſchen, daß ich mein Pferd getödtet und begraben hatte; denn wäre es ein Tage ſpäter aufgefangen worden, ſo würden es Zweifel Diejenigen, welche mich in Preſton mit demſe geſehen hatten, erkannt haben. So aber wuß daß ich auswärts geweſen; denn da nein a kurz gedauert und teiner ſien hatte, weil man mich, wenn mich einer beſuchen wollte, zu Hauſe antraf, ſo waren alle Umſtände beſeitigt, die Demungeachtet war mir aber ganz und gar nicht wohl zu Muthe, und ich wünſchte mich im Innern meines Herzens nach meinen Beſitzungen in Virginien, wie ich denn auch Vorbereitungen traf, mich mit meiner ganzen Familie dahin zu verfügen, was aber durch andere Umſtände vereitelt wurde. In der Zwiſchenzeit wurde, wie geſagt, die Schlacht bei Preſton geſchlagen, und die unglücklichen Leute muß⸗ ten ſich den Truppen des Königs ergeben. Des Beiſpiels 2 460 Se⸗ wegen wurden, wie es in ſolchen Fällen üblich iſt, einige Hinrichtungen anbefohlen, worauf jedoch die Regierung den übrigen Gnade angedeihen ließ, indem ſie dieſelben in Che⸗ ſtercaſtle und an andern Orten eine geraume Zeit einſperrte. Viele Hunderte von ihnen wurden ſpäter auf ihre Bitte nach den Pflanzungen deportirt, d. h. nach Virgi⸗ nien und andern brittiſchen Colonien geſchickt, um nach Art der verurtheilten Verbrecher verkauft zu werden. Einniger derſelben habe ich ſchon oben erwähnt; als ich ſch jedoch eine Weile auf meinen Beſitzungen aufgehal⸗ ſah ich zu meiner nicht geringen Beunruhigung zwei ſolcher Unglücklichen in den Fluß einlaufen, an eem alle n hn n lagen. Sobald ih dieß hörte, Hal is Vorſorge, daß keiner derſelben für meine Plantagen angekauft wurde, indem ich dabei den Vorwand brauchte, ich wolle nicht jeden Tag aus unglücklichen Gentlemen, welche der Eifer für ihre Ueber⸗ zeugung in dieſe Lage gebracht habe, Sclaven machen u. dge. Dieß war nicht mehr als billige Vorſicht; aber ich fand bald, daß ſie für meine Verhältniſſe nicht zureichte; denn obgleich ich ſelbſt keine von dieſen armen Leuten an⸗ kaufte, ſo thaten es doch meine Nachbarn, und es gab keine Pflanzung in der Umgegend, unter deren Dienſt⸗ leuten ſich nicht mehr oder weniger ſchottiſche Empörer befanden, ſo daß ich nicht über den Weg gehen konnte, ohne Gefahr zu laufen, geſehen und erkannt zu werden. N 8 0 461 S⸗⸗ Man wird es begreiflich finden, daß dieß ein ſehr unbehagliches Leben für mich war, das ich für die Länge nicht ertragen konnte; denn ich ſah mich jetzt auf einmal aus einem großen Mann, einer Magiſtratsperſon und dem Herrn von drei Pflanzungen, auf welchen mir drei bis vierhundert Sclaven zu Gebot ſtanden, zu einem armen ſich ſelbſt verurtheilenden Rebellen umgewandelt, der ſich nicht ſehen laſſen durfte, und eben ſo gut oder noch beſſer hätte in Lancaſhire oder London weilen und ſich daſelbſt verbergen können, bis der Sturm vorüber war. Jetzt aber war die Gefahr bis in meine Heimath, ſogar in meine Thüre gefolgt, und ich mußte jeden Tag fürch⸗ 3 ten, angegeben, aufgegriffen und in Feſſeln nach England geſchickt zu werden, wobei als natürliche Folgen meine Pflanzungen und Beſitzthümer der Krone anheim fielen. Ich hatte nur eine Hoffnung, die mir einigermaßen zum Troſte gereichte, nämlich daß ich nur ſo kurz unter ihnen geweſen und nichts für ſie gethan hatte. Dazu hatte ich als Fremder gegolten; denn niemand kannte meinen Namen, und die meiſten, wo nicht alle, nannten mich nur den franzöſiſchen Obriſt. Mein erſter Schritt beſtand darin, daß ich nach Hauſe ging und meine Frau ins Vertrauen zog. Ich unterließ es jedoch nicht, ihr zwar bemerklich zu machen, daß ich jetzt im Begriffe ſey, mein Leben in ihre Hände zu geben und es ihrer Macht anheim zu ſtellen, mir all 5 462& das, was ihr in meinem früheren Benehmen gegen ſie hart geſchienen haben mochte, wieder heimzugeben. Mit Einem Wort, ich ſagte ihr, es würde in ihrer Macht ſtehen, mich in die Hände meiner Feinde zu liefern; ich vertraue aber ihrem edlen Herzen und ihrer wiedererwachten Liebe zu mir und baue ganz auf ihre Treue. Sodann eröffnete ich ihr ohne weitere Vorſicht die ganze Sachlage. Ein treuer Berather gibt dem Todten Leben, dem herzagenden Herzen Muth und ſetzt den Geiſt in den Stand, die geeigneten Mittel anzuwenden; und als ein ſolcher erwies ſie ſich mir, wie denn auch jeder Schritt, den ich that, um mich aus meinem Labyrinth zu winden, von ihr angegeben wurde. „Je nun, mein Lieber,“ ſagte ſie,„wenn dieß alles iſt, ſo brauchſt Du die verzweifelten Schritte nicht einzu⸗ ſchlagen, welche Dir Deine Furcht eingegeben hat;“ denn ich wollte auf der Stelle alle meine Vorräthe und Pflan⸗ zungen verkaufen, mich ohne Weiteres einſchiffen und nach Madeira oder nach irgend einem andern Ort außerhalb des Bereichs der königlichen Beſitzungen begeben. Mein Weib war jedoch ganz anderer Anſicht und ſchlug mir zweierlei Wege vor: ſie meinte nämlich, ich ſolle entweder eine Schaluppe mit Waaren nach Weſtin⸗ dien befrachten und von dort aus mit London in Verkehr tre⸗ ten oder unmittelbar nach England ſegeln, wo manalle Mittel aufbieten könne, um die Gnade des Königs zu erwirken. „—=— % 463 Ich neigte mich zu dem letztern Vorſchlage hin; denn obgleich ich unglücklicher Weiſe mich in eine Sache einge⸗ laſſen hatte, die dem königlichen Intereſſe lzuwider war, ſo hatte ich doch immer im Geheim einen richtigen Be⸗ griff von dem milden und gnädigen Charakter ſeiner Maje⸗ ſtät; und wäre ich in England geweſen, ſo hätte ich mich ohne Zweifel bereden laſſen, mich zu ſeinen Füßen niederzuwerfen. In meiner dermaligen Lage war jedoch eine Reiſe nach England eine öffentliche Handlung, und ich hätte alle die gewöhnlichen Vorbereitungen zu derſelben machen, öffentlich auftreten, die Ernte abwarten und alles in dem gewohnten Laufe betreiben müſſen, da man anderen Falls meine Entfernung als etwas Außerordentliches angeſehen haben würde, ob dem ſich die Leute mit unzähligen Muth⸗ maßungen von weiß Gott was die Köpfe zerbrochen hätten. Meine Frau machte mir jedoch durch ihren erfin⸗ deriſchen Geiſt all dieß leicht, denn ohne mich zuvor in ihren Plan einzuweihen, kam ſie eines Morgens ganz heiter zu mir an das Bette. „Mein Lieber,“ ſagte ſie,„es thut mir ſehr leid, boͤren zu müſſen, daß Du nicht ganz wohl biſt. Ich habe daher Pennico(dieß war der Name des jungen Neger⸗ mädchens, welches ich ihr gegeben hatte) beauftragt, Feuer in Deinem Gemach anzuzünden, weßhalb Du hübſch ruhig liegen bleiben wirſt, bis es geſchehen iſt.“ In demſelben Augenblick kam die kleine Negerin mit Holz, Blaſebalg 464 G ⸗ u. dgl., um Feuer anzuzünden, und mein Weib ließ mir keine Zeit zu antworten, indem ſie mir bloß ins Ohr flüſterte, ruhig zu bleiben und zu warten, bis ſie wieder herauf käme. Man kann ſich denken, daß ich nicht wenig erſchrack; denn ich dachte an nichts Anderes, als an Entdeckung, Verrath, Transport nach England, Galgen, Viertheilen und was dergleichen Schreckbilder noch mehr waren, und der Muth ſank mir ganz und gar. Sie bemerkte meine Aufregung und wandte ſich mit der Verſicherung zu mir um, daß keine Gefahr vorhanden ſey; ich ſolle mich nur ruhig verhalten, ſie wolle dann ſogleich wieder zurückkommen und mir in jeder Hinſicht genügende Auskunft ertheilen. Ich faßte mich daher, ſo gut ich konnte, aber es ließ mir keine Ruhe, weßhalb ich Pennico hinunterſchickte, um ihre Gebie⸗ terin aufzuſuchen und ihr zu ſagen, daß ich ſehr unwohl ſey und ſie augenblicklich ſprechen müſſe. Das Mädchen hatte kaum das Gemach verlaſſen, als ich aus dem Bette ſprang und mich anzukleiden begann, um für alle Fälle bereit zu ſeyn. Mein Weib hielt Wort, und kam eben die Treppe herauf, als das Mädchen hinunter ging.„Ich ſehe,“ ſagte ſie,„es fehlt Dir an Geduld; aber ich bitte Dich, laſſ' Dirs nicht auch an Geiſtesgegenwart fehlen, ſondern nimm dieſen Schirm vor Dein Geſicht und geh ans Fen⸗ ſter, um nachzuſehen, ob Du nicht einen dieſer Schotten, die im Hofe ſind, kennſt. Es find ihrer ſieben oder acht, die ein Geſchäft mit Deinem Aufſeher abzumachen haben.“ 2 465 So⸗ Ich trat unter dem Schutze des Schirms an das Fenſter und unterſchied die Geſichter der Anweſenden deut⸗ lich, wußte aber nichts aus ihnen zu machen, als daß es eben Schotten wären, was ſich leicht erkennen ließ. Es war mir indeß noch keine Beruhigung, ihre Geſichter nicht zu kennen; denn ſie konnten dem ungeachtet das meinige kennen— dem alten engliſchen Sprichwort zu Folge: „Der weiß mehr von Hans Narr, als Hans Narr von ihm weiß.“ Ich blieb alſo ruhig in meinem Gemache, bis ich vernahm, daß alle wieder fort waren. Meine Frau verbreitete nunmehr im Haus die Kunde, daß ich krank ſey, und nach drei oder vier Tagen hüllte ich mein Bein in ein großes Stück Flanell, legte es auf einen Schemel und galt für gichtkrank. So trieb ich es ungefähr ſechs Wochen, worauf mir mein Weib ſagte, ſie hätte die Leuten glauben gemacht, mein Gliederweh ſey mehr rheumatiſcher als arthritiſcher Natur; ich ſey da⸗ her entſchloſſen, eine meiner Schaluppen zu nehmen und nach Nevis oder Antigua zu gehen und dort die heißen Bäder zu brauchen. All dieß war ganz gut, und ich war mit dem Plane meiner Frau, mich anfangs acht oder zehn Wochen im Zimmer zu halten und dann ohne Aufſehen weiter zu gehen, vollkommen einverſtanden. Ich wußte aber immer noch nicht, auf was es abzielte; denn mein Weib verlangte, daß ich alles ihr überlaſſe, was ich denn auch that; und Oberſt Jack. 11. 30 2 466& ſy führte ſie alles auf eine äußerſt ſinnreiche Weiſe durch. Nachdem ſie meine Beine faſt drei Monate in Flanell ge⸗ wickelt hatte, kam ſie und ſagte mir, die Schaluppe wäre bereit und alle Güter an Bord gebracht.„Und nun, mein Lieber,“ fuhr ſie fort,„muß ich Dich in den Reſt meines Planes einweihen; denn hoffentlich glaubſt Du nicht, daß ich zum Seelenverkäufer an Dir werde und Dich von Virginien wegtransportiren laſſe, wie man andere Leute hertransportirt,— oder daß ich Dich forthaben will, um im Beſitz Deiner Ländereien zu verbleiben. Du ſollſt daſ⸗ ſelbe treue Geſchöpf an mir finden, das ich geweſen ſeyn würde, wenn ich noch Deine Sclavin wäre und auch nicht die mindeſte Hoffnung gehabt haben würde, von Dir zu Gnaden angenommen zu werden. Alle Vorkehrungen, die ich getroffen, ſind auf Deine Sicherheit berechnet, und Du ſollſt mir keinen Schritt thun, ohne daß ich dabei wäre; ich werde Dich begleiten, Dir beiſtehen, Dir bei allen Gelegenheiten dienen und Dein Geſchick mit Dir theilen, welches es auch immer ſeyn mag.“ Dieß war eine ſo edelmüthige als ſchöne Verſicherung ihrer Treue, weßhalb ich mich auch von dieſer Zeit an freudig und ohne die mindeſte Zögerung ihrer Leitung überließ. Nach ungefähr zehn Tagen waren die Vorbereitungen ſo weit gediehen, daß wir uns in einer meiner größeren Scha⸗ luppen, die etwa ſechzig Tonnen führte, einſchiffen konnten. Ich hätte auch erwähnen ſollen, daß ich immer noch 467 S meinen treuen Lehrer, wie ich ihn nannte, zum Oberauf⸗ ſeher über mein ganzes Anweſen hatte; und da er wußte, wie die Correſpondenz nach England geführt werden mußte, ſo blieb ihm, wie früher, dieſes Geſchäft anheim gegeben — um ſo mehr, da ich ſeine Fähigkeit und Rechtſchaffenheit erprobt hatte. Freilich hatte ihn der Verlauf mit meinem Weibe etwas gekränkt. Er ſetzte ſich jedoch nachgerade darüber weg und be⸗ ruhigte ſich, zumal, als er bei unſerer Abreiſe fand, daß ich, wie früher, alles wieder ſeinen Händen anvertraute. Mein Weib hatte mir ſomit alles, was mit unſerer Reiſe in Verbindung ſtand, mitgetheilt, und wir waren ſchon im Begriffe, aufzubrechen, als ſie eines Morgens mit ihrer gewöhnlichen Heiterkeit zu mir kam und mir erklärte, ſie komme jetzt, um mich von dem Reſt ihrer Maßregeln für meine Befreiung in Kenntniß zu ſetzen; ſie wolle näm⸗ lich, während wir dieſen Abſtecher zu den heißen Quellen zu Nevis machen, wie ſie es nannte, an einen zuver⸗ läßigen Freund nach London ſchreiben und unter deſſen Beihülfe verſuchen, für eine bei dem letzten Aufruhr be⸗ theiligte Perſon unter Anführung aller Umſtände, daß ſie nämlich nicht mitgehandelt habe, ſondern nur drei Tage an Ort und Stelle geweſen ſey, Begnadigung zu erwirken. Sie wolle dabei auch Sorge tragen, daß uns während unſerer Abweſenheit die Antwort ja nicht verfehle, und zu dieſem Ende dem Correſpondenten mehrere Wege andeuten, 30* —2 468 So⸗ die er alle benützen ſollte, um uns zuverläßig und bald möglichſt ſeinen Bericht zugehen zu laſſen; die Unkoſten würden, meinte ſie, vor der Hand ſehr unbedeutend ſeyn, da es ſich zur Zeit nur um die Frage handle, ob Pardon erlangt werden könne oder nicht. Dabei gab ſie mir den etwaigen Betrag dieſer Auslagen an, um es meinem Ur⸗ theil anheimzuſtellen, ob ich die erforderliche Summe aufwenden wolle oder nicht, ehe noch in der Sache etwas von meinem Gelde ausgegeben war. Mit dieſen Vorkehrungen konnte ich durchaus einver⸗ ſtanden ſeyn; nur fügte ich noch bei, ſie ſolle ihren Freund nicht allzu ſehr beſchränken, ſondern ihm Voll⸗ macht geben, wenn er einen Ausweg in der Sache ſehe und überzeugt ſey, daß ſie ſich durchführen laſſe, zwei⸗ drei bis vierhundert Pfund aufzuwenden, zu welchem Ende man ihm gute Wechſel überliefern könne. Um der Sache noch mehr Nachdruck zu geben, ſchloß ich ihrem Packet einen Brief an einen meiner Corre⸗ ſpondenten bei, der unter ſolchen und ſolchen Bedingungen das Geld auszahlen ſollte. Der Correſpondent meiner Frau war jedoch ſo ehrlich und rechtſchaffen, daß mir alle Unkoſten erſpart wurden, und ich doch ſo gut zu meinem Zwecke gelangte, als ob alles bezahlt worden wäre, wie man gleich hören wird. Wir ließen alſo unſere Habe in gutem Stand zurück, ſchifften uns mit einander ein und ſtachen in die See, 12Souͤ 469 SE⸗⸗ wobei wir Gelegenheit hatten, den Schutz eines engliſchen Kriegsſchiffs zu benützen, das an der Küſte nach den See⸗ räubern kreuzte. Es ſteuerte eben nach dem Golf von Florida, und der Capitän ſagte uns, er könne uns ſicher nach New⸗Providence oder den Bahamainſeln geleiten. Wir hatten ſchön Wetter, eine angenehme Fahrt, und meine Flanelllappen waren von meinen Beinen abgenommen. Ich muß nun auch ein wenig andeuten, welche Ladung ich bei mir hatte; denn da ich in ſehr guten Verhältniſſen ſtand, ſo trat ich eine ſolche Reiſe nicht an, ohne mich für alle möglichen Fälle mit zureichenden Hülfsmitteln zu verſehen. Unſere Schaluppe führte, wie bereits geſagt, unge⸗ fähr ſechzig bis ſiebzig Tonnen, und da der Tabak, das allgemeine Landesprodukt, kein Artikel war, der ſich in Nevis in großen Quantitäten abſetzen ließ, ſo führten wir deſſen nur wenig, ſondern hatten die Schaluppe mit Korn, Erbſen, Mehl und etlichen Fäſſern eingepöckelten Schwei⸗ nefleiſches— das meiſte davon auf meinen eigenen Pflan⸗ zungen producirt— beladen; auch hatten wir eine be⸗ trächtliche Geldſumme in ſpaniſchem Gold bei uns, das jedoch nicht für den Verkehr, ſondern für Nothfälle be⸗ rechnet war. Ich hatte außerdem befohlen, daß noch eine andere Schaluppe gemiethet, mit denſelben Gütern bela⸗ den und mir nachgeſendet werden ſollte, ſobald ich Nach⸗ richt ertheilte, daß ich ſicher angekommen wäre, Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Seeräuber.— Ein Sturm und ſeine Folgen.— Meine Schickſale unter den Spaniern. Wir kamen in die Breite der Inſel Antigua, welche der Inſel Nevis ganz nahe liegt, und näherten uns der letzteren am achtzehnten Tage, nachdem wir die virgini⸗ ſchen Vorgebirge verlaſſen hatten. Wir bekamen jedoch die Inſel nicht zu Geſicht; denn nur der Schiffsmeiſter ver⸗ ſicherte uns, wenn wir in dem gleichen Curs fortſteuerten und die Kühlte anhielte, ſo würden wir dieſelbe in weniger als fünf Stunden erreichen, er ſegelte deßhalb rüſtig darauf los. Seine Berechnung war aber trüglich; denn wir fuhren den ganzen Abend und auch die ganze Nacht durch fort, ohne auf Land zu treffen, und im Grauen des Mor⸗ gens entdeckten wir von dem Maſtkorbe aus eine Brigantine und eine Schaluppe, die ungefähr in der Entfernung von ſechs Seemeilen bei ſteifem Südoſtwinde hinter uns her fuhren. Der Schiffsmeiſter erkannte bald ihren Charakter und kam zu mir in die Kajüte, um mich gleichfalls davon in Kenntniß zu ſetzen. Man kann ſich vorſtellen, daß ich über die drohende Gefahr nicht wenig beſtürzt war; meine Frau benahm mir jedoch alle Sorge für mich ſelbſt, um ſie ſale lche der ini⸗ die der⸗ und als los. wir urch kor⸗ tine echs ren. und nin ich eine n ſie 2 471& für ſich in Anſpruch zu nehmen; denn ſie war ſo erſchrocken, daß wir befürchteten, ſie bleibe uns unter den Händen. Während wir ſo in der erſten Beſtürzung waren, weckte auf einmal vom Decke aus der Ruf„Land! Land!“ unſere Aufmerkſamkeit. Der Schiffsmeiſter und ich eilten nach dem Deck, und wir konnten daſelbſt unſeré Lage deutlich erkennen. Die zwei Schurken hatten alle Segel, die ſie führen konnten, ausgeſetzt und fuhren mit aller Macht hinter uns her; doch waren ſie, wie geſagt, unge⸗ fähr ſechs Seemeilen von uns entfernt, während auf der andern Seite das Land etwa neun Meilen rechts vor uns lag. Wenn daher die Piraten drei Fuß ſegeln konnten, während wir zwei machten, ſo war es augenſcheinlich, daß ſie uns einholen mußten, ehe wir das Land erreichen konnten. War dieß jedoch nicht der Fall, ſo konnten wir uns durch die Flucht retten; aber ſelbſt dann hatten wir keine große Hoffnung, mehr zu erzielen, als das Schiff ans Ufer zu bringen und unſer Leben zu retten; denn auf dem Strande mußte ſowohl Schaluppe als Ladung zu Grunde gehen. Während wir dieſe Berechnung anſtellten, kam der Schiffsmeiſter freudig zu mir und ſagte, er habe noch mehr Segel ausſetzen laſſen und finde, daß ſich die Scha⸗ luppe ſehr gut halte; ſo viel er zu unterſcheiden vermöge, gewännen uns die Spitzbuben nicht viel ab, was nament⸗ lich von der feindlichen Schaluppe gelte, und er glaube, daß man der Brigantine recht gut entgehen könne. Wir 472& eröffneten ſofort eine ſogenannte Sternjagd, und die Pi⸗ raten ſetzten uns bis gegen Nachmittag nach, worauf ſie plötzlich ihre Richtung veränderten und uns— wie man ſich denken kann, ſehr zu unſerer Freude— in Ruhe ließen. Wir entdeckten, wie es ſcheint, die Urſache unſerer Befreiung nicht ſo bald, als es bei den Piraten der Fall war; denn während wir mit zwei ſo kräftigen Sporen in unſeren Rippen, d. h. mit den zwei Schurken an un⸗ ſerem Sterne, im Winde gegen eine der Infeln lenſeten, trafen wir in der Fahrſtraße von Nevis ein engliſches Kriegsſchiff, welches von dieſer Inſel aus die Piraten er⸗ ſpäht hatte, und das wir, weil Land dazwiſchen lag, nicht gleich ſehen konnten. Sobald das Kriegsſchiff die Korſaren entdeckt hatte, lichtete es die Anker, ging unter Segel und machte auf die Schelme Jagd. Letztere bemerkten dieß auf der Stelle und benützten, da ſie windwärts lagen, die Gelegenheit zur Flucht. Dieß war der Grund unſerer Befreiung, den wir auch nach ungefähr einer halben Stunde kennen lernten; denn wir ſahen dann das Kriegsſchiff an der Inſel vor⸗ beifahren und den Piraten nachſteuern, welche nun ebenſo geſchwind davon ſegelten, als ſie früher uns nachgeſetzt hatten; und ſo gelangten wir wohlbehalten nach Antigua, nachdem wir zuvor wegen der Caper Todesangſt ausge⸗ ſtanden hatten. Einige Tage nachher hatten wir die Freude, zu hören, daß den Piraten das Kriegsſchiff— trotz dem, de di 9 K J ——— 8 —— ᷣ—— — 473 SE⸗ daß ſie in der Nacht ihren Curs verändert hatten— ſo dicht nachſetzte, daß ſie ſich trennen und einzeln für ihr Heil ſorgen mußten. Außerdem gelang es noch dem Kriegsſchiff, die Brigantine zu nehmen, welche ſofort nach Jamaica geführt wurde, während die Schaluppe entkam. An Ort und Stelle angelangt, ſchlugen wir unſere Ladung zu leidlich gutem Preiſe los, und nun war die Frage, was wir zunächſt anfangen ſollten. Ich brauchte hier nicht zu fürchten, als Rebell entdeckt zu werden, und nach einem Aufenthalt von fünf Monaten ſandte ich meine Schaluppe mit einer Ladung von Rum und Syrup, die man, wie ich wußte, auf meinen Pflanzungen brauchte, nach Virginien, von wo aus dieſelbe nach einiger Zeit, wie das erſtemal mit Mundvorräthen beladen, zurückkehrte. Mit dieſer Ladung erhielt meine Frau auch ein Packet aus London von derſelben Perſon, welche ſie beauftragt hatte, ſich wegen der Begnadigung zu verwenden. Der Freund ſchrieb ganz ehrlich, es würde unbillig von ihm ſeyn, wenn er für einfache Erkundigung Unkoſten berechnen wollte, er könne indeß die Verſicherung geben, daß ſeine Majeſtät entſchloſſen ſey, einen Generalpardon mit nur wenigen Ausnahmen zu bewilligen, und er hoffe, daß ich nicht zu dieſen gehören werde. Dieſe Nachricht war für uns beide faſt eine Aufer⸗ ſtehung vom Tode, und wir faßten den Entſchluß, daß mein Weib ſogleich mit der Schaluppe nach Virginien zu⸗ 2 474 S⸗ rückkehren und daſelbſt die guten Neuigkeiten aus Eng⸗ land abwarten ſollte, um mir ſodann dieſelben ſogleich zu⸗ gehen laſſen zu können. Sie trat alſo die Heimreiſe an und erreichte wohl⸗ behalten ſammt Schaluppe und Ladung unſere Pflanzung. Nach viermonatlichem Warten kam die Schaluppe wieder zu mir zurück, aber leer und ihrer ganzen Ladung beraubt, ungefähr hundert Säcke ungemahlenen Malzes ausgenom⸗ men, welche die Piraten zurückließen, da ſie, des Brauens unkundig, nicht wußten, was ſie damit anfangen ſollten. Zu meiner unbegrenzten Freude brachte ſie jedoch ein Packet Briefe von meiner Frau nebſt einem andern aus England, welches Mittheilungen von ihrem Freunde und ihrem eigenen Correſpondenten enthielt— des Inhalts, daß der König einen Generalpardon erlaſſen habe, deſſen Bedingungen auch auf mich anwendbar waren. Eine Ab⸗ ſchrift des Manifeſtes war beigelegt. Ich hatte jetzt König Georgs Gnade mein Leben zu⸗ verdanken, was die Wirkung auf mich übte, daß meine politiſchen Anſichten ſich ganz und gar umwandelten; denn ich wurde nun ein aufrichtiger Anhänger von König Georg, und zwar aus Grundſätzen der Dankbarkeit und der Verpflichtung für dieſen großmüthigen Gnadenact. Dieſe Geſinnungen erhielt ich mir immer und werde ſie auch beibehalten, ſo lange noch ein Gefühl von Ehre und Erkenntlichkeit in meinem Innern lebt, 475 S⸗ Ich ſchiffte mich jetzt mit all meinen Effekten an Bord der Schaluppe ein, um unmittelbar nach dem Vor⸗ gebirge von Virginien zurückzuſegeln. Mein Capitän wollte den Weg durch den Bahamakanal einſchlagen, und wir waren noch keine zwei Tage unterwegs, als wir von einem heftigen Sturm überfallen und nach der Küſte von Florida verſchlagen wurden, wo wir zweimal auf den Strand trieben und wohl unvermeidlich verloren geweſen wären, wenn uns dieſer Unfall zum Drittenmal begegnet wäre. Einen oder zwei Tage nachher ließ der Sturm etwas nach, und wir konnten See halten, fanden aber, daß der Wind ſo ſtark dem Golf entgegenblies, und die See ſo hoch ging, daß wir nicht länger dagegen anzu⸗ kämpfen vermochten. Wir ſahen uns daher genöthigt, mit dem Winde zu ſegeln und uns zu behelfen, wie es eben ging, in welchem Ungemach wir ſünf Tage nachher ans Land liefen, das wir als das Cap—— auf dem nord⸗ weſtlichen Theile der Inſel Cuba erkannten. Wir konnten uns hier der Nothwendigkeit nicht erwehren, unter dem Lee des Landes Schutz zu ſuchen, obgleich wir nicht ein⸗ mal Anker warfen und ſo das Gebiet der Königs von Spanien in keiner Weiſe berührten. Demungeachtet wurden wir am Morgen von fünf ſtark bemannten Booten, welche man Barcolongos nennt, umringt, die uns auf der Stelle enterten, nahmen und nach Havanna, dem beträchtlichſten ſpaniſchen Hafen in jenem Theile der Welt, führten. 476 f⸗ Unſere Schaluppe wurde hier ſogleich für gute Priſe erklärt und geplündert, wie ſich leicht voraußſehen ließ, ſobald man die Spanier, zumal in jener Gegend, kannte. Unſere Leute wurden zu Gefangenen gemacht und in das oͤffentliche Gefängniß geſchickt, waͤhrend man mich und den Capitain als Verbrecher vor den Alkademajor oder den Intendanten des Platzes ſchleppte. Ich hatte unter dem König von Spanien in Italien gedient und ſprach daher gut ſpaniſch, was mir bei dieſer Gelegenheit ſehr zu Statten kam; denn ich ſetzte dem Al⸗ kade die Ungerechtigkeit der uns widerfahrenen Behand⸗ lung ſo eindringlich auseinander, daß er unumwunden zugeſtand, man hätte mich nicht anhalten ſollen, da ich mich auf offener See befand, meine Reiſe verfolgte, Nie⸗ mand beleidigt hatte und weder an irgend einem Theile der Beſitzungen ſeiner katholiſchen Majeſtät landete, noch zu landen verſuchte, bis man mich als Gefangenen auf ſpaniſchen Boden brachte. Ich konnte von Glück ſagen, daß ich es wenigſtens ſo weit gebracht hatte; ich fand es jedoch leichter, die Anerkennung des Unrechts zu erwirken, als eine Genug⸗ thuung dafür zu erhalten, und auf eine Hoffnung oder Ausſicht auf Wiedererſtattung war gar keine Rede. Man bedeutete mir, ich müſſe zuwarten, bis man an den Bicekönig von Mexiko Bericht erſtattet und ſeine Befehle erhalten habe, wie in der Sache weiter zu verfahren ſey. 1,ͤ& 22 .„„———-,—.—, H —— W/—— A K 8o 3 477 SE- Ich konnte leicht vorausſehen, wohin all dieß abzielte, nämlich auf eine Confiscation des Schiffs und der Güter durch das an Ort und Stelle übliche Verfahren; denn das Abwarten einer Entſcheidung des Vicekönigs von Mexiko war nur ein Vorwand, um die Schritte des Cor⸗ regidore oder des Hafenrichters zu bemänteln. Es blieb mir jedoch kein anderes Mittel als das allbekannte,— die Geduld, und dieſe wurde um ſo leich⸗ ter, weil ich meinen Verluſt nicht ſo hoch anſchlug, als ich die Spanier glauben machte. Meine größte Beſorg⸗ niß beſtand darin, daß ſie mich als Gefangenen für Le⸗ benszeit behalten und vielleicht nach ihren Minen in Peru ſchicken möchten; denn ſo hatten ſie es ſchon vielen ge⸗ macht und bedrohten auch alle, welche ihr Gebiet betra⸗ ten, mit dieſem Looſe, wie groß auch das Mißgeſchick ge⸗ weſen ſeyn mochte, welches Unglückliche an ihre Küſte führte. Dieß war auch der Grund, warum andere, welche hieher verſchlagen wurden, jede Gewaltthat gegen die Spanier übten, feſt entſchloſſen, ihr Leben theuer zu verkaufen, ehe ſie in ihre Hände fielen. Zum größten Glück hatte ich die Obriſtlieutenants⸗ beſtallung für die iriſche Brigade mit der Unterſchrift des Königs von Frankreich in der Taſche, worin erwähnt war, daß die genannte Brigade damals zur franzöſiſchen Armee in Italien gehörte und unter den Befehlen ſeiner katholiſchen Majeſtät in Italien ſtand. 2 478 S Ich ermangelte nicht, bei allen Gelegenheiten von der Ritterlichkeit und perſönlichen Tapferkeit ſeiner katho⸗ liſchen Majeſtät in vielen Schlachten, welche dieſelbe nicht einmal mitgemacht, und in einigen, wo ich ſelbſt auch nicht dabei geweſen, zu ſprechen; denn ich fand bald, daß ich mit Leuten zu thun hatte, welche nichts von der Sache wußten; und ich kam gut mit ihnen aus, wenn ich nur den König von Spanien lobte und die ſpaniſche Cavallerie herausſtrich, von der ſich auch nicht ein einziges Regi⸗ ment in der Armee befunden hatte— wenigſtens nicht, ſo lange ich bei derſelben geweſen war. Ich verdankte dieſem Benehmen wenigſtens die Frei⸗ heit, in der Stadt umhergehen zu dürfen, wogegen ich mein Ehrenwort geben mußte, keine Flucht zu verſuchen. Auch erwirkte es mir eine beſondere hochanzuſchlagende Gunſt, nämlich zweihundert Dollars aus dem Erlös meiner Ladung, um damit meinen Unterhalt zu beſtreiten, bis meine Angelegenheiten in Mexiko bereinigt wären. Meine Mannſchaft, die gefangen gehalten wurde, mußte von dem Fiskus ernährt werden. Nachdem ich mehrere Monate mit Drängen und Be⸗ werben verbracht hatte, wurde mir endlich die beruhigende Gewißheit, daß mein Schiff und meine Ladung eingezogen, und meine armen Matroſen auf dem beſten Wege ſeyen, nach den Minen geſendet zu werden. Das Letztere ver⸗ hinderte ich jedoch durch das Anerbieten, dreihundert -2 479& Dollars Loſegeld für ſie bezahlen zu wollen, wenn man ſie in Antigua ans Land ſetze; ich ſelbſt wolle als Geißel für die Bezahlung der dreihundert Dollars, der bereits von mir bezogenen zweihundert und weiterer fünfhundert für meine eigene Auslöſung an Ort und Stelle bleiben, falls von Mexiko aus das Confiscationsurtheil die vice⸗ königliche Beſtätigung erhalten ſollte. Dieß waren allerdings harte Bedingungen, aber ich mußte mich darein fügen. Da außerdem meine Vermö⸗ gensverhältniſſe mich ſolche Opfer nicht ſchwer ankommen ließen, ſo nahm ich ſie mir nicht allzu ſehr zu Herzen, obwohl nun die größte Schwierigkeit darin beſtand, daß ich nicht wußte, wie ich mich mit meinen Freunden in Verbindung ſetzen oder das nothwendige Geld für die bedungene Auslöſung herbeiſchaffen ſollte; denn die Spa⸗ nier thaten ſo wichtig mit ihrem Hafen, daß Niemand, der einer anderen Nation angehörte, ans Land oder nur in die Nähe deſſelben kommen durfte, ohne Leib und Gut zu verwirken, wie es bereits bei mir der Fall war. Ich machte daher dem Corregidore meine Vorſtellungen und ſagte ihm, er verlange von uns Unmöglichkeiten und Dinge, die gegen aller Welt Brauch wärenz ſelbſt einem Gefangenen in Algier erlaube man, wegen der Auslöſung an ſeine Freunde zu ſchreiben, und laſſe die Perſon, welche ſie bringe, frei kommen und gehen; wenn dieß nicht der Fall wäre, ſo könnte von keiner Loskaufung aus der 22 480 S&⸗- Sclaverei und ebenſowenig von einer Einhaltung ſtipulir⸗ ter Bedingungen die Rede ſeyn. Ich wünſchte dann zu wiſſen, wie ich Kunde davon erhalten könne, wenn innerhalb der anberaumten Zeit die für meine und meiner Leute Auslöſung geforderte Geldſumme bereit läge; oder wie ſie hergebracht werden könne, da dieſelben Perſonen, welche die Nachricht braͤchten, oder nachher es wagten, das Geld zu bringen, Gefahr liefen, gefangen zu werden. Das Geld könnte dann gar wohl als zweite Priſe betrachtet werden. Der Spanier zuckte die Achſeln und ſagte, er hätte nicht hinreichende Ermächtigung, in einem ſolchen Falle zu handeln; die königlichen Geſetze wären ſehr ſtreng gegen jeden Fremden, der ſeinen Fuß anf die amerika⸗ niſchen Beſitzungen ſeiner katholiſchen Majeſtät ſetze, und er koͤnne nicht im geringfügigſten Punkte davon abweichen, ohne ein ausdrückliches assiento, von dem Conſulado oder der Handelskammer in Sevilla, oder ohne einen eigen⸗ händig unterzeichneten und mit dem Siegel beglaubigten Befehl des Vicekönigs von Mexiko. „Wie, Signior Corregidore,“ entgegnete ich mit einiger Wärme und nicht ohne Erſtaunen,„habt Ihr nicht Macht genug, einen Paß für einen Agenten oder einen Geſandten zu unterzeichnen, der unter weißer Flagge von einem der köͤniglich britiſchen Gouverneure in dieſen Gegenden mit dem Gouverneur dieſes Platzes oder — 481 Sf⸗— mit irgend einer andern Perſon, welche eine königliche Beſtallung trägt, über eine Angelegenheit, welche erſtge⸗ nannter Gouverneur mitzutheilen haben mag, ſprechen will? Ei,“ ſagte ich,„wenn Ihr das nicht könnt, ſo findet bei Euch ja gar kein völkerrechtliches Verhältniß ſtatt.“ Er ſchüttelte den Kopf und entgegnete, er dürfe ſich nicht einmal ſo viel herausnehmen. Jetzt fiel ihm aber einer der militäriſchen Gouverneure ins Wort und wider⸗ ſprach ihm, wobei es zwiſchen beiden zu einem lebhaften Wortwechſel kam. Der Eine meinte, die Befehle wären in dieſer Beziehung mangelhaft, der Andere aber erklärte, da ſie nun einmal beſtänden, ſo läge es nicht in ihrer Macht, anders zu handeln, und ſie wären für alle übeln Folgen verantwortlich. „Aber was ſoll das?“ ſagte der Gouverneur zu dem Corregidore.„Ihr habt dieſen Engländer als Geißel für die Auslöſung der Leute, die bereits entlaſſen ſind, hier behalten. Angenommen, er ſage Euch, das Geld liege da und da bereit— wie ſoll er es hieher dringen? Ihr wollt alle diejenigen zu Gefangenen machen, die es über ſich nehmen, daſſelbe herbeizuſchaffen. Was kann er thun? Wenn Ihr ſagt, Ihr wollet hinſchicken und es ho⸗ len laſſen, welche Sicherheit hat er dafür, daß Ihr ihn in Freiheit ſetzt, ſobald es bezahlt iſt? während er doch viel⸗ leicht Gefangener bleiben muß?“ Dieſe Einwendung war ſo vernünſtig, daß der Corre⸗ gidore nicht wußte, was er ſagen ſollte. Er berief ſich daher nur auf das Geſetz, dem er buchſtäblich Folge leiſten müſſe, Oberſt Jack. 11. 31 2 482 S⸗ und ſo kamen endlich beide zu dem Entſchluß, daß hier kein anderer Ausweg möglich ſey, als abermals einen Expreſſen an den Vicekönig von Mexiko zu ſenden. Der Gouverneur war darauf ſo gefällig, mir zu ſagen, daß er für diejenigen, welche das Geld brächten, und ihr Fahrzeug ſelbſt einen Paß auswirken und ihre Sicherheit wie auch meine Befreiung garantiren wolle, wenn ich dafür gut ſtehe, daß durchaus keine Waaren an Bord wären und niemand ohne ſeine Erlaubniß ſeinen Fuß ans Land ſetze, vorausgeſetzt, daß er in der Zwiſchenzeit nicht Gegenbefehl von ſeinen Oberen erhalte. Aber auch in dieſem letzteren Fall ſollten ſie die Freiheit haben, unter dem Schutze einer weißen Flagge wieder zurückzugehen. Ich verbeugte mich ſehr achtungsvoll gegen den Gouverneur und legte ihm ſo⸗ dann das unterthänige Geſuch vor, daß er meinen Leuten erlauben möchte, ihre eigene Schaluppe zu nehmen, die man mir zu einem beſtimmten Werthe berechnen könne; ich wolle ſodann Sorge tragen, daß ſie Geld genug brächten, um die Schaluppe zu bezahlen. Er fragte mich nun, wohin ich nach ſo viel Geld ſchicken wolle, und ob ich auch gewiß ſey, daß es ausbezahlt werde. Als er jedoch hörte, daß es nur nach Virginien gehe, ſchien er ſich ſehr erleichtert zu fühlen und ſagte ſodann, um den Corregidore zufrieden zu ſtellen, der fortwährend mit ächt ſpaniſcher Steifheit an dem Buchſtaben des Geſetzes hing: „Signior, ich will Euch die ganze Sache leicht machen, wenn Ihr auf meinen Vorſchlag eingeht. Eure Leute ſollen die Schaluppe haben unter der Bedingung, daß Ihr als ———ç',———„ G— —— 483 E⸗ Geißel für ihre Zurückerſtattung hier bleibt; ſie dürfen jedoch dieſelbe nicht als Eure Schaluppe mitnehmen, obgleich ſie es nach Bezahlung des Geldes wieder werden mag, ſondern ich werde ſelbſt zwei meiner Leute auf Euer Ehrenwort, daß ſie ſicher wieder zurückkehren, an Bord geben. Bei ihrer Ankunft ſoll ſie die Farbe ſeiner katholiſchen Majeſtät führen und als ein zu Havannah gehöriges Schiff eingetragen werden; dann hat noch außerdem einer der Spanier das Commando zu übernehmen, und zwar unter einem Titel, wie ich ihm den⸗ ſelben beilegen werde.“ Dieß leuchtete dem Corregidore auf der Stelle ein; denn er erklärte jetzt, eine derartige Behandlung ſtimme buchſtaͤblich mit den königlichen Befehlen überein, vorausge⸗ ſetzt nämlich, daß keine europäiſchen Güter an Bord geladen würden. Ich wünſchte, daß dieſe Beſtimmung dahin abgeän⸗ dert würde, daß die Schaluppe keine europäiſchen Güter ans Land bringen ſolle. Die beiden debattirten zwei Tage darüber, ob dieſe Faſſung zuläſſig wäre; ich fand jedoch Mittel, ihnen zu bedeuten, daß ich hier keinen Handel zu treiben beabſichtige, aber doch nicht gehindert ſeyn möchte, gewiſſen Perſonen, als Anerkennung für ihre Gewogenheit, ein kleines Geſchenk zu machen. Nachdem ich Gelegenheit gefunden hatte, einen ſolchen Wink gehörigen Orts anzu⸗ bringen, fand ich, daß mir alles leicht gemacht und im Au⸗ genblick zugeſtanden wurde, wie es nach Bezablung des Lö⸗ ſegeldes und der Ankaufsſumme für das Schiff nicht mehr als vernünftig ſey, daß ich die Freiheit habe, nach jeder an⸗ dern Richtung hin, nur nicht auf den Beſitzungen des Königs 31* 2 484 SE von Spanien, Handel zu treiben, um auf dieſe Weiſe meine Verluſte wieder gut zu machen. Sie ſahen ein, daß es hart wäre, meine Leute zu verpflichten, mit einem Schiffohne Fracht umherzufahren und mich ſo durch die Reiſeunkoſten in neuen Schaden zu bringen, und meinten, daß ſie ſich nicht in meine Angelegenheiten zu mengen brauchten, ſo lange keine Waa⸗ ren in die Beſitzungen ſeiner katholiſchen Majeſtät eingeführt würden. Jetzt ſah ich endlich einen Ausweg aus dieſer unglücklichen Lage und fand, daß mir das Geld nicht nur durchhelfen, ſon⸗ dern auch noch anderweitig vortheilhaft werden könne. Ich ſandte daher die Schaluppe unter ſpaniſchen Farben ab, nannte ſie Nueſtra Signiora de la Val de Grace, commandirt von Signior Giraldo de Nesma, einem der beiden Spanier. Ich gab der Schaluppe Briefe an meine Frau mit und trug zugleich meinem Verwalter auf, das Fahrzeug auf dem Rückweg mit Gütern zu beladen. Ich befahl ihm nämlich, zweihundert Fäſſer Mehl und fünfzig Tonnen Erbſen an Bord zu bringen, und verlangte auch in meinem anderweiti⸗ gen Intereſſe, daß hundert Ballen ſonſtiger europäiſcher Güter geladen werden ſollten. Dieſe letztere Fracht ſollte aus den reichſten und koſtbar⸗ ſten engliſchen Linnen⸗, Wollen⸗ und Seidenſtoffen, die ſich nur auffinden ließen, beſtehen. In weniger als ſieben Wo⸗ chen kehrte die Schaluppe zurück, und da ich nicht ermangelte, jeden Tag an dem Strande nach ihr zu ſehen, ſo war ich der erſte, der ihrer ſchon in der Entfernung anſichtig wurde und ſie an ihren Segeln und ſpäter an ihren Signalen erkannte. — /—.——. — 2 2‚2⏑—M—⁸△ AQl — Eh—;ʒ , 8 2 485 Se⸗ Ich verfügte mich alsbald zu dem Gouverneur, berichtete ihm ihre Ankunft und ſuchte ſeine Excellenz zu bewegen, in Perſon an Bord zu gehen, um von der richtigen Befolgung ſeiner Befehle Augenſchein zu nehmen; er lehnte es aber ab, indem er ſagte, er könne es nicht auf ſich nehmen, die Inſel zu verlaſſen und ſich ſomit aus dem Bereich ſeines Feſtungs⸗ commandos zu begeben. Dann fragte ich, ob er mir erlaube, ſelbſt an Bord zu gehen, was er mir geſtattete; und ich brachte die volle Aus⸗ löſungsſumme ſowohl für meine Leute als für mich, wie auch den Kaufsſchilling für die Schaluppe in Gold ans Ufer. Da mir jedoch geſtattet worden war, an einem andern Orte wieder ans Land zu kommen, ſo ſandte mir der Gouverneur ſeinen Sohn mit ſechs Soldaten, um mich mit dem Gelde nach dem Caſtell, wo er commandirte, und nach ſeiner eige⸗ nen Wohnung zu geleiten. Ich hatte das Geld in große Päcke vertheilt, als ob es aus Silber beſtände, und gab es zweien meiner Leute, welche zur Schaluppe gehörten, indem ich ihnen zugleich bedeutete, ſie ſollten ſich beim Tragen deſſel⸗ ben ſo anſtellen, daß man meine, es ſey viel ſchwerer als es wirklich war. Ich traf dieſe Vorkehrung, um drei Packete Waaren zu verbergen, welche ich mit dem Gelde zuſammen⸗ gepackt hatte, um dem Gouverneur ein Geſchenk damit zu machen. Sobald meine Packete hereingebracht waren und auf dem Tiſch lagen, befahl der Gouverneur meinen Leuten, ſich zu entfernen, und ich gab jedem der Soldaten einen Dollar Trinkgeld, was ſie dankbar annahmen— ein Ver⸗ 5 486 So fahren, das auch dem Gouverneur nicht übel zu gefallen ſchien. Dann fragte ich ihn, ob es ihm genehm ſey, das Geld in Empfang zu nehmen, worauf er mit nein antwortete, da er dieß nur in Gegenwart des Corregidore und andern dabei Betheiligten thun wolle. Ich bat nun ſeine Excellenz, mir zu erlauben, die Packete in ſeinem Beiſeyn zu öffnen; denn ich möchte gern die Ehre haben, ſeinem Wohlwollen gegen mich, ſo gut es in meinen Kräften läge, Anerken⸗ nung zu Theil werden zu laſſen. Er verweigerte dieß mit dem Bemerken, er dürfe nichts als das ans Land gebrachte Geld ſehen; hätte ich jedoch etwas zu meiner eigenen Nutznießung mit hergenommen, ſo wolle er dieß nicht ſo genau unterſuchen und überlaſſe es mir, damit zu thun, was ich wolle. Ich verfügte mich ſofort in ein Gemach, ſchloß mich ein und öffnete die Packete. Nachdem ich den Inhalt derſelben ausgekramt hatte, fand ich endlich nicht ohne ſcheinbare Schwierigkeiten und ohne vieles Geberdenſpiel Mittel, ihm bemerklich zu machen, daß ich ihm damit ein Geſchenk zu machen beabſichtige. Nachdem ich mich ihm ſo weit ver⸗ ſtändlich gemacht hatte, ſchien er meine Gabe anzunehmen. Er ging vielleicht hundert Mal und darüber im Zimmer auf und ab, warf ſeinen Hut, den er unter dem Arm hatte, auf die Stoffe und machte einen ſteifen Bückling gegen mich. Dieß nahm ich für ein Zeichen, daß ich mich vor der Hand entfernen ſolle, und wartete in einem äußeren Zimmer. Als ich wieder hereingerufen wurde, gewahrte ich, daß er ſich alles einzeln betrachtet und bei Seite geſchafft hatte. „ 3 n 2A 2 8☛ 8☛& 487 S Ich fand jetzt einen ganz andern Mann in ihm. Er⸗ dankte mir für meine Gabe und ſagte, es wäre ein Ge⸗ ſchenk, das eigentlich eher für einen Vicekönig von Mexiko als für einen bloßen Gouverneur eines Forts paſſe; er habe mir nicht ſo viele Dienſte geleiſtet, um eine ſolche Anerken⸗ nung zu verdienen; er wolle jedoch ſehen, ob er mir nicht, noch ehe ich den Platz verlaſſe, anderweitig nützlich werden könne. Nachdem dieſe Complimente vorüber waren, ſchickte er auf mein Anſuchen nach dem Corregidore, welcher ſofort auch erſchien, und in ſeinem Beiſeyn wurde die ſtipulirte Aus⸗ löſungsſumme des Schiffes und der Mannſchaft bezahlt. Der Corregidore erwies ſich indeß jetzt eben ſo gerecht gegen mich als gegen ſeine Regierung; denn er wollte das Geld nicht als ein Löſegeld für die Gefangenen betrachten, ſondern nur als ein Depoſitum für den Fall, daß die ge⸗ ſchehenen Schritte die vicekönigliche Beſtätigung erhielten. Der Corregidore und der Gouverneur fertigten nun eine Darlegung des ganzen Falles für den Vicekönig von Mexico aus, oder ſagten mir wenigſtens, daß ſie es gethan hätten, und bedeuteten mir im Vertrauen, daß ich gut thun würde, die Rückkehr des Aviſo abzuwarten, da es nicht über zwei Monate auszubleiben pflege. b Ich hatte gegen mein Verbleiben an Ort und Stelle nichts einzuwenden, da ich heimliche Winke erhielt, es dürften ſich wohl Mittel finden laſſen, daß ich mit meiner Schaluppe nach Veracruz gehen und daſelbſt unter der Hand meine Ladung gut an den Mann bringen könne. Es ging jedoch auf einem kürzeren Wege; denn ungefähr zwei Tage, nachdem 2 488 S⸗ ich mein Geld deponirt hatte, ſagte mir der Sohn des Gou⸗ verneurs, er möchte wohl an Bord meiner Schaluppe gehen, worauf ich ihm erklärte, es würde mich ſehr freuen, ihn dort zu ſehen. Als er ſich daſelbſt einſtellte, brachte er auch drei bedeutende ſpaniſche Kaufleute mit, von denen nur einer ein Einwohner Havannah's war. Sie wurden an Bord der Schaluppe ſehr heiter und ver⸗ gnügt, und ich bewirthete ſie ſo ſehr zu ihrer Zufriedenheit, daß ſie in derſelben Nacht nicht mehr im Stande waren, an das Land zu gehen, ſondern ſich für ihren Schlaf mit etlichen Teppichen behalfen, welche ich für ſie ausbreiten ließ. Um ſo⸗ dann auch dem Sohne des Gouverneurs eine Ehre anzuthun, wählte ich einen ſchönen ſeidenen Schlafrock mit einer Schlaf⸗ mütze von Scharlachſammt aus und bat ihn, dieß als An⸗ denken von mir anzunehmen, wozu er denn auch ſehr will⸗ fährig war. Während dieſes luſtigen Abends nahm einer der Kauf⸗ leute, der dem Glaſe nicht ſo kräftig zugeſprochen hatte, als der junge Herr, und noch recht gut wußte, weßhalb er her⸗ ausgekommen, der Gelegenheit wahr, die große Kajüte zu verlaſſen und mit dem Schiffsmeiſter über einen Verkauf der engifchen Güter, die wir an Bord hatten, Unterhandlungen einzuleiten. Der Sciiffsmeiſter faßte den Wink auf und gab mir Nachricht von dem, was vorgefallen, worauf ich ihnt Anweiſungen über das, was er zu ſagen und zu thun hatte, ertheilte. Der Handel wurde mit wenigen Worten abgemacht, Güter für ungefähr fünftauſend Dollars verkauft und von den Käufern auf eigene Gefahr fortgeſchafft. ——2 —— S S 22AͤSd „=— ͤ—+₰ ———— Dieß kam mir ungemein gelegen; denn ich begann nun einzuſehen, daß ich den Schaden, welchen mir die ſchuftigen Spanier zugefügt hatten, durch den Verkauf dieſer Ladung an ihnen ſelbſt wieder hereinbringen konnte. Zu dieſem Ende gab ich meinem Schiffsmeiſter oder Schaluppencapitän An⸗ weiſungen hinſichtlich des Verkaufs aller übrigen Waaren und überließ ihm die weitere Behandlung, was er auch ſo gut ausführte, daß er des andern Tages die ganze Ladung an drei Spanier verkaufte und dagegen die Weiſung erhielt, die Güter nach irgend einem beſtimmten Theil des Feſtlandes zwiſchen den Honduras und der Küſte von Veracruz zu führen. Es wurde mir ſchwierig, dieſen Theil des Handelsvertrags wieder gut zu machen; da ich aber fand, daß der Preis recht wohl die Reiſekoſten zu decken im Stande war, ſo willigte ich ein. Aber wie konnte ich jetzt die Schaluppe fortſchicken und doch unter den Spaniern bleiben, obgleich ich ein freier Mann war? Dieß kam mich ebenſo ſchwer an, als ſelber fortgehen und nicht auf eine allenfallſige günſtige Antwort des Vice⸗ königs von Mexiko auf die Vorſtellung des Corregidores und des Gouverneurs zu warten. Ich entſchloß mich jedoch end⸗ lich, mochte die Sache ausfallen, wie ſie wollte, in meine Schaluppe zu gehen, weßhalb ich mich zu dem Gouverneur begab und ihm vorſtellte, da wohl eine günſtige Antwort von Mexiko zu erwarten ſtehe, ſo wäre es ein großer Schaden für mich, die Schaluppe hier immer vor Anker liegen zu laſſen, und ich bitte ihn daher um die Erlaubniß, mit meinem Schiffe nach Antigua gehen zu dürfen, um daſelbſt die Ladung zu verkaufen, da ſie durch ein allzu langes Liegen in dem Fahr⸗ —— 490 ᷣ zeuge der Gefahr des Verderbens ausgeſetzt ſey, und er ja recht wohl wiſſe, daß es nicht erlaubt werden könne, ſie in Havannah ans Land zu bringen. Dieſes wurde mir bereitwillig zugeſtanden; auch erhielt ich die Erlaubniß für meine Perſon, wieder ans Land zu kommen, um Nachrichten einzuziehen, welche Verfügung der Vicekönig in meiner Sache getroffen habe. Mit dieſer Erlaubniß, welche ich als einen Paß für die Scha⸗ luppe und für mich betrachten konnte, ſtach ich, mit den drei ſpaniſchen Kaufleuten an Bord, in die See. Sie ſagten mir, ſie wären nicht in Havannah ſeßhaft(obgleich dieſes bei Ei⸗ nem doch der Fall zu ſeyn ſchien), aber einige reiche Kauf⸗ leute von Havannah und von einigen anderen Theilen der Inſel Cuba wären bei dem Geſchäfte mitbetheiligt. Sie brachten auch die Nacht, bevor wir abſegelten, eine große Summe in Dollaren an Bord, und ich hörte nachher, daß dieſelben Kaufleute, welche mir meine Ladung zu ſehr ſchö⸗ nen Preiſen abgekauft hatten, die Waaren wieder an Kauf⸗ leute veräußerten, welche ſie mit ungemeinem Gewinn nach der Küſte von Veracruz förderten, ſo daß ſie über hundert Procent gewannen, nachdem doch auch ich vorher ſchon einen ſchönen Nutzen davon gezogen hatte. Wir ſegelten von Havannah unmittelbar nach Veraeruz. Als wir der ſpaniſchen Küſte anſichtig wurden, fand ich bald, daß es ſich hier um Schmuggelei handelte, und obgleich die⸗ ſelbe ſehr heimlich geführt werden mußte, ſo wußten meine Begleiter doch ſo gut Beſcheid, als ſey ihnen der Weg durch kein Hinderniß verlegt. Wir kamen nämlich zur Nachtzeit 2* 2 491&⸗ ganz unter das Lee der Küſte, ungefähr ſechs Seemeilen nörd⸗ lich von dem Hafen, wo ſich zwei der Kaufleute in dem Boote ans Land begaben. Sie kamen nach drei Stunden oder etwas mehr mit fünf Kähnen, welche ſieben oder acht weitere Kauf⸗ leute an Bord hatten, und ſobald wir ſie aufgenommen, ſteuerten wir wieder ſeewärts, ſo daß wir bei Tagesan⸗ bruch ganz außer Sicht des Landes waren. Ich hätte früher erwähnen ſollen, daß wir, ſobald wir von Havannah ausgeſegelt waren, während unſerer Fahrt im mexikaniſchen Meerbuſen, welche acht Tage dauerte, die ganze Ladung muſterten und, ſo weit es von den ſpaniſchen Kaufleuten verlangt wurde, jeden Ballen öffneten. Wir verkauften ihnen bei dieſer Gelegenheit die ganze Ladung, mit Ausnahme der Mehl⸗ und Erbſentonnen. Die Ladung war an ſich ſchon ſehr beträchtlich; denn laut der Berichte meiner Frau und der Spezialberechnungen mei⸗ nes Verwalters belief ſie ſich auf 2684 Pfund und 10 Schil⸗ linge. Ich verkaufte das Ganze, einſchließlich deſſen, was ſie mir am erſten Abend, als ſie bei mir an Bord waren, abge⸗ treten hatten, für 38,593 Dollars, denen ſie noch 1200 Dol⸗ lars für die Weiterſchaffung in der Schaluppe beilegten; auch machten ſie noch außerdem meinem Schiffsmeiſter und den Matroſen ſchöne Geſchenke, was ſie indeß recht wohl thun konnten, wie man bald hören wird. Sobald wir die Küſte aus den Augen verloren hatten, begannen die Spanier ihren Handel, und unſere drei Kauf⸗ leute eröffneten ihren Markt. Sie machten ihre Käufe und Verkänfe in wenigen Stunden ab, und des Nachts ſteuerten 1 2 492 ᷣ- wir wieder nach der Küſte, wo fünf Kähne einen großen Theil der Güter ans Land und dafür klingende Münze nicht nur für die erſte Ladung, ſondern auch für den ganzen Reſt zurückbrachten. Das zweite Mal ſäuberten ſie mir mein Schiff ganz und gar und ließen nichts an Bord, als meine Mehl⸗ und Erbſentonnen, welche ſie mir auch abkaufen wollten, aber nicht ſo theuer, als ich erwartet hatte. Ich fand bei dieſer Gelegenheit, daß meine ſpaniſchen Kaufleute über 70,000 Dollars für meine Ladung erlösten, weßhalb ich gute Luſt hatte, mich mit den Kaufleuten auf dem Feſtlande— den letzten Kunden nämlich— zu befreun⸗ den; denn es ſiel mir ſogleich ein, daß ich recht gut von Vir⸗ ginien aus mit einer Schaluppe engliſche Güter im Betrag von 5 oder 6000 Pfunden verführen und 300 Procente damit verdienen könnte. In dieſer Abſicht begann ich mit den Spa⸗ niern, welche in den Kähnen kamen, ein freundliches Ver⸗ hältniß anzuknüpfen, und wir wurden bald ſo vertraut, daß ich zuletzt, unter Zuſtimmung der drei Spanier von Havan⸗ nah, eine Einladung in ihr Haus am Ufer annahm, welches aus einer kleinen Villa oder vielmehr einer Pflanzung be⸗ ſtand, wo ſie ein Zuckerwerk hatten, und wo wir wie Für⸗ ſten bewirthet wurden. Bei Gelegenheit dieſer Einladung ſagte ich, daß ich, wenn ich den Weg wieder aufzufinden wüßte, wohl ein paar Mal im Jahr in meinem und ihrem Intereſſe die Gegend beſuchen möchte. Einer der Spanier faßte dieſen Wink auf, nahm mich in ein beſonderes Zimmer und ſagte zu mir. „Signior, wenn es Euch Ernſt iſt, dieſen Platz wieder zu 2 493 S⸗ beſuchen, ſo will ich Euch ſolche Anweiſungen geben, daß Ihr unmöglich irre gehen könnt. Wenn Ihr dann zur Nachtzeit an dieſer Stelle landet oder uns Eure Nähe durch Signale, über die wir einig werden können, andeutet, ſo werden wir nicht ermangeln, zu Euch zu kommen und Euch Geld genug für Eure Ladung zu bringen.“ Ich zeichnete ihre Anweiſungen auf, ließ mir für meine Sicherheit ihr Ehrenwort geben und, ohne von meinen erſten Kunden weitere Notiz zu nehmen, kam ich in meinem Innern zu dem Entſchluſſe, meinen Beſuch eheſtens zu wiederholen. Der dortige Verkehr dauerte ungefähr fünf Tage, worauf wir wieder in die See ſtachen, an der Inſel Cuba, wo ich meine drei Spanier zu ihrer großen Zufriedenheit mit all ihren Schätzen ans Land ſetzte, Anker warfen und ſodann nach Antigua eilten. Ich ſchaffte mir daſelbſt in möglichſter Bälde meine 200 Tonnen Mehl, die durch die Länge der Reiſe etwas Noth gelitten hatten, vom Halſe, und nachdem ich die Schaluppe mit Rum, Zucker und Syrup beladen hatte, kehrte ich wieder nach Havannah zurück. Ich hatte jetzt allerdings gewaltig Angſt vor den See⸗ raͤubern; denn mein Schiff war reich und hatte außer ſei⸗ nen Waaren faſt 40,000 Dollars in Silber an Bord. Sobald ich nach Havannah zurück kam, begab ich mich ans Land, um dem Gouverneur und dem Corregidore meine Aufwartung zu machen und zu hören, welche Nachrichten von dem Vicckönig eingelaufen wären. Ich hatte das Glück zu erfahren, daß der Vicekönig denjenigen Theil des Urtheils, welcher uns zur Gefangenſchaft und Zahlung von Löſegeld 494& verdammte, als einen Akt, der nur in Kriegszeiten anginge, annullirt hatte; was indeß die Confiscation des Schiffes anbe⸗ langte, ſo verwies er an die Handelskammer oder, wenn man lieber wolle, an den König. Dieß war in gewiſſer Hinſicht eine ſchöne Probe von der Gerechtigkeit des Vicekönigs; denn da wir nicht ans Land gegangen waren, ſo konnten wir geſetzlich nicht zu Gefange⸗ nen gemacht werden; und was das andere betrifft, ſo glaube ich recht wohl, daß ich auch für Schiff und Ladung Erſatz erhalten haben würde, wenn ich mir die Mühe hätte nehmen wollen, nach Altſpanien zu gehen und dort meine Anſprüche zu verfolgen. Doch wie dem auch ſeyn mochte, ich war nun mit meinen Leuten ohne Löſegeld frei, und die Summe, welche ich deponirt hatte, wurde mir zurückbezahlt. Ich ſagte daher Havannah Lebewohl und eilte nach Virginien zurück, wo ich nach anderthalbjähriger Abweſenheit wieder anlangte und trotz all meiner Verluſte um etwa 40,000 Dollars reicher, als ich ausgezogen war, die Heimath erreichte. Drei und zwanzigſtes Kapitel. Eine glänzende Handelserpedition.— Abenteuer bei einer zweiten.— Der großmüthige Spanier.— Ende gut, Alles gut. Ich trug mich jetzt mit nichts anderem als mit mei⸗ nem Weſtindienprojekte und begann auch bereits demgemäß meine Vorkehrungen zu treffen. Ich wußte nun, welche euro⸗ päiſchen Güter in Neuſpanien damals die geſuchteſten waren, te te —2 495& und was meine Eile beſonders antrieb, war der Umſtand, daß gerade um jene Zeit an ſolchen Gütern großer Mangel war; denn die Gallionen Altſpaniens waren die ungewöhn⸗ lich lange Zeit von zwei Jahren ausgeblieben. Ich hatte da⸗ her nicht, wie ich gedacht, Zeit, eine geeignete Ladung von England kommen zu laſſen, weßhalb ich meine Schaluppe mit Tabak und dem von Antigua mitgebrachten Rum zu befrach⸗ ten und nach Boſton in Neuengland und nach Newyork zu gehen beſchloß, um zu ſehen, ob ich nicht ein Carga nach meinem Sinne auftreiben könne. Demgemäß nahm ich 20,000 Dollars zu mir, ging mit meiner Frau an Bord meiner in genannter Weiſe belaſteten Schaluppe und fuhr aus. Es erregte in Neuengland kein kleines Aufſehen, daß eine ſolche Menge von Waaren durch eine vir⸗ giniſche Schaluppe aufgekauft und noch obendrein baar bezahlt wurde. Die Kaufleute reckten die Köpfe, und nun ging es an ein Fragen, was und wer ich wäre, worauf ſie je⸗ doch nur die runde Antwort erhielten, ich ſey ein bedeutender Pflanzer in Virginien; denn weiter wußte keiner der an Bord meiner Schaluppe befindlichen Leute zu ſagen. Ich machte außer dem Betrag meiner Rum⸗ und Tabak⸗ ladung noch für 12,000 Dollars Einkäufe und begab mich ſodann nach Newyork, wo ich mein übriges Geld verwendete. Hier kaufte ich vorzugsweiſe alle Arten engliſcher Tücher und ſonſtiger Wollenzeuge, deßgleichen eine große Menge Leinwand und für faſt 1000 Pfund feine Seidenſtoffe von verſchiedenen Sorten. So befrachtet kam ich wohlbehalten nach Virginien zurück, -2 496&- und nachdem ich meinem Carga noch einiges beigelegt hatte, begann ich, mich zu meiner Weſtindienfahrt anzuſchicken. Ich hatte meine Schaluppe etwas höher bauen laſſen, ſo daß ſie zwölf Kanonen führen und daher auch zur Vertheidi⸗ gung gebraucht werden konnte; denn ich hatte nicht im Sinne, mich wieder durch etliche aniſche Barcolongos angreifen und nehmen zu laſſen. Wir gingen anfangs Auguſt unter Segel, und da ich ſchon zweimal bei Fahrten durch den Golf von Florida und an den Bahamainſeln vorbei von Seeräubern beläſtigt wor⸗ den war, ſo entſchloß ich mich, trotz des Umwegs durch das offene Meer zu ſteuern. Wir paſſirten den Wendekreis unſerer Berechnung nach ziemlich an der Stelle, wo der bekannte Sir William Phipps das Silber aus den Wracken der ſpaniſchen Silberflotte her⸗ auffiſchte, ſteuerten zwiſchen den Inſeln einwärts, hielten unſern Curs ſüdweſtlich unter der Inſel Cuba und kamen ſo in den großen mexikaniſchen Meerbuſen, indem wir die In⸗ ſel Jamaica ſüd⸗ und ſüdöſtlich liegen ließen und auf dieſe Weiſe die Spanier von Cuba oder Jamaica zu vermeiden gedachten. Als wir die Weſtſpitze von Cuba umſegelten, kamen drei ſpaniſche Boote auf uns zu, um zu entern, wie ſie es uns be⸗ reits ſchon auf einer andern Seite der Inſel gemacht hatten; aber dießmal fanden ſie ſich getäuſcht; denn wir waren ihnen zu ſtark. Wir entblößten unſere Kanonen, welche ſie zuvor nicht bemerkt hatten, und lösten 3 oder 4 Schüſſe auf ſie, worauf ſie ſich zurückzogen. Des andern Morgens kamen ſie wieder(ſie hatten dießmal fünf große Boote und eine Barke) DOsberſt Jack. 11. 32 497 S⸗ und machten auf uns Jagd; aber jetzt breiteten wir unſere ſpaniſche Flagge aus und brachten ſie auch zu einem Gefecht, worauf ſie abermals zurückwichen; und ſo entkamen wir die⸗ ſer Gefahr mittelſt des Geſchützes, womit wir unſer Fahr⸗ zeug verſtärkt hatten. Wir konnten jetzt ungehindert auf unſeren Hafen losgehen, und da ich mir die Anweiſungen gut gemerkt hatte, ſo ſteuerte ich nunmehr nördlich gegen San Juan d'Ulloa, wo wir ans Land liefen und die bezeichnete Stelle richtig auffanden. Sobald wir an der Küſte angelegt hatten, ſandte ich den Schaluppenmeiſter nach dem Zuckerwerke, wo er den ſpaniſchen Kaufmann zu Hauſe antraf, der daſelbſt wie ein kleiner Souverain lebte. Er hatte kaum nach der erſten Bewillkommnung gehört, daß ich angewieſenermaßen in einem beſondern Boote in der Bucht harre, als er ſich ſogleich zu einem andern Spanier in einer nicht ſehr entlegenen Villa begab, und in ungefähr vier Stunden waren ſie bei mir. Sie wollten mich bereden, daß ich bis zum andern Abend in dem Zuckerwerke bleiben, und die Schaluppe wie gewöhn⸗ lich in See ſtechen ſolle; ich wollte jedoch mein Schiff nicht ohne mich ausfahren laſſen, und ſo begaben wir uns ſogleich an Bord. Gegen Morgen fuhren wir wieder aus und befanden uns beim Anbruch des Tages bereits außer Sicht des Landes. Jetzt eröffneten wir den Markt, und ich fand, daß die Spanier außerordentlich überraſcht waren, eine ſo große Ladung zu ſehen, obgleich es ihnen nichts ausgemacht haben würde, wenn ſie auch viermal ſo ſtark geweſen wäre. Sie überblickten flüchtig den Inhalt aller Ballen, welche wir 2 498 S⸗ dieſe Nacht geöffnet hatten, und nach einigem Mäckeln über den Preis ſtand ibnen alles an, was ich ihnen zeigte. Sie ſagten jedoch, ſie hätten nicht genug Geld für einen größeren Einkauf, weßhalb ſie wieder ans Land gehen und am an⸗ dern Abend mehr herbeiſchaffen wollten. Wir verbrachten den Reſt der Nacht mit einer Muſte⸗ rung und Aufnahme der übrigen Waaren, um ſie ihnen vorzeigen und den Preis beſtimmen zu können, damit ſie wußten, wie viel Geld ſie noch zu bringen hätten. Abends kamen wir wieder ans Ufer, wo ſie unter dem Beiſtande des Schaluppenbootes einen Theil der Ladung landeten. Als die Waaren untergebracht waren, kamen ſie wieder mit drei der andern Kaufleute an Bord, die ich bereits kennen gelernt hatte; auch waren ſie ſo reichlich mit Geld verſehen, daß ſie nicht nur alle unſere Güter, ſon⸗ dern auch die Schaluppe ſammt Zugehör gekauft haben wür⸗ den, wenn wir geneigt geweſen wären, ſie abzutreten. Ich muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, dag ſte wie Männer von Ehre mit mir verkehrten; auch wußten ſie es wohl zu ſchätzen, daß ſie alles weit wohlfeiler bekamen, als früher von den drei Havannahkaufleuten, obgleich ich den Preis jetzt viel höher ſtellte, als bei den letzteren, und zwar mit Recht, weil nun die Gefahr einer viel längeren Hin⸗ und Herreiſe ganz auf mir lag. Kurz ich verkaufte ihnen die ganze Ladung, für welche ich faſt 200,000 Dollars erhielt; außerdem brachten ſie auch, als ſie zum zweitenmal an Bord kamen, in allen ihren Booten friſchen Mundbedarf, Schweine, Schafe, Geflügel, Eingemachtes u. ſ. w. mit. All dies, was hinreichend war, mich für meine ganze Reiſe zu verproviantiren, machten ſie mir zum Geſchenk, und ſo beendigten wir unſer Geſchäft zu wechſelſeitiger Zufriedenheit, worauf wir uns unter dem Ver⸗ ſprechen baldigen weiteren Verkehrs und von ihrer Seite mit ser Zuſicherung allen Beiſtands und aller Freundſchaftsdienſte, wenn mich je bei einem dieſer Abenteuer ein Unglück betreffen ſollte, verabſchiedeten. 499 ⸗ Ich hielt jetzt Rath mit meiner kleinen Mannſchaft, wel⸗ chen Weg wir wieder zurückgehen ſollten, und der Ober⸗ ſteuermann meinte, man ſolle windwärts laviren, um nach Jamaica zu gelangen. Da wir aber zu reich waren, um uns auf Gefahren einzulaſſen, und daher lieber ſobald als möglich wohlbehalten nach Hauſe zu kommen trachteten, ſo hielten ich und der Schiffsmeiſter es für das Beſte, an der Küſte der Bai weiter zu ſegeln, im Bahamakanal dem Oſt⸗ ufer Florida's zu folgen, den Golf zu benützen und an der Küſte von Carolina in dem erſten beſten Hafen einzulaufen, wo wir auf irgend ein engliſches Kriegsſchiff warten wollten, das uns ſicher bis nach den Capen geleiten könnte. Dieß war der beſte Weg, den wir einſchlagen konnten, und erwies ſich für uns auch vollkommen ſicher, mit Aus⸗ nahme etlicher Viſiten von Seite der ſpaniſchen Barcolongos und kleiner Barken, welche uns an der Küſte des mexika⸗ niſchen Meerbuſens bis zur Höhe von Saint Auguſtine hinauf zu verſchiedenen Malen zu nehmen gedachten. Da wir jedoch ſpaniſche Farben führten, ſo täuſchten wir die meiſten von ihnen, und eine gute Geſchützreihe hielt die übrigen in Entfernung, ſo daß wir endlich wohlbehalten in dem Charlesrevir in Carolina einliefen, obgleich wir einige⸗ mal Gefahr gelaufen waren, von Sturmwinden auf die Küſte geworfen zu werden. Von hier aus fand ich Mittel, einen Brief nach Hauſe zu ſchicken, in welchem ich meiner Frau den guten Erfolg meiner Reiſe mittheilte. Da man mich übrigens verſicherte, daß die Küſte rein von Piraten ſey, ſo wagte ich mich vor⸗ wärts, obgleich keine Kriegsſchiffe in der Nähe waren, und gelangte wohlbehalten in die Cheſapeackbai, d. h. zwiſchen die Vorgebirge von Virginien, worauf ich in zwei weiteren Ta⸗ gen nach einer Abweſenheit von etwas über drei Monaten zu Hauſe anlangte. Nie hat ein Fahrzeug auf dieſer Seite der Welt in ſo kurzer Zeit eine beſſere Reiſe gemacht als meine Schaluppe; 32* „ 85 500 SE⸗ denn nach der mäßigſten Berechnung zog ich im Verlaufe dieſer drei Monate 25,000 Pfund Sterling reinen Gewinn, all die Unkoſten meiner Reiſe nach Neuengland mit in Rechnung gebracht. Nun wäre es an der Zeit geweſen, mit dem, was ich erworben hatte, mich zufrieden zu geben, wenn es über⸗ haupt in der Macht des Menſchen läge, zu wiſſen, wann ſein Glück den Gipfel erreicht hat. Auch mein kluges Weib ſprach mir ernſtlich zu, ich ſolle mich nicht weiter einlaſſen; ich hatte aber, wie ich meinte, eine offene Thür zu uner⸗ meßlichen Schätzen— eine Thüre, durch welche die Gold⸗ ſtröme von Mexiko in meine virginiſchen Pflanzungen fließen konnten; und ſo gewann natürlich alles ein anderes Aus⸗ ſehen, wie ich denn auch nichts als von Millionen und Hun⸗ derttauſenden träumte. Ich betrieb daher mit aller Leiden⸗ ſchaft eine andere Reiſe und kaufte alle Arten von Gütern, die mir für meine Abſicht paſſend dünkten, zuſammen. Ich war nicht Willens, wieder nach Neuengland zu gehen; denn ich hatte unterdeſſen in Folge eines Auftrags, der vor etlichen Monaten abgegangen war, eine ſehr gute Ladung von England erhalten. Ueberhaupt belief ſich mein Carga dem Verzeichniß zufolge über 10,000 Pfund Ster⸗ ling Ankaufskoſten; dagegen war es aber auch ſo gewählt, daß ich verhältnißmäßig einen weit größeren Nutzen davon hoffte, als von meiner früheren Ladung. Mit ſolchen Erwartungen traten wir im April, alſo ungefähr fünf Monate nach unſerer Heimkehr von dem erſten Ausfluge, unſere zweite Reiſe an. Dießmal ging es aber nicht ſo ſchnell, nicht einmal im Anfange, als das erſtemal. Denn obgleich wir ungefähr ſechzig Meilen von der Küſte abſteuerten, um die Linie der Piraten zu ver⸗ meiden, ſo waren wir doch noch nicht fünf Tage zur See geweſen, als wir von zwei Corſarenbarken, die nordwärts nach den Ufern von Neufoundland ſegelten, heimgeſucht und aller unſerer Mundvorräthe, unſerer Munition und unſerer kleinen Waffen beraubt wurden, ſo daß wir in —— —— 2 501 SE⸗ unſerem nunmehrigen üblen Zuſtande es für beſſer hielten, die Nähe der Heimath zu benützen, wieder nach den Vor⸗ gebirgen zu ſteuern und uns mit allen für die Reiſe nöthigen Mitteln zu verſehen. Dieß koſtete uns ungefähr zehn Tage Zeit, worauf wir wieder in die See ſtachen; denn mit unſerem Carga hatten ſich die Piraten nicht ein⸗ gelaſſen, da es aus lauter Waarenballen beſtand, die ſie nicht brauchen konnten. Wir trafen auf kein anderes der Rede werthes Aben⸗ teuer, bis wir auf demſelben Curſe, den wir früher ge⸗ ſteuert hatten, in den Golf von Mexiko kamen; und das erſte Unglück, welches uns hier begegnete, beſtand darin, daß wir hinter Cuba, als wir nach dem Punkte des Feſt⸗ landes an der Küſte von Jucatan ſteuerten, der Flotte von Neuſpanien, d. h. der Schiffe, welche von Cartha⸗ gena oder Portobello nach Havannah ſegelten, um ſodann ihren Weg nach Europa fortzuſetzen, anſichtig wurden. Sie hatten ein ſpaniſches Kriegsſchiff und drei Fregat⸗ ten bei ſich. Zwei der letztern machten auf uns Jagd, aber da es bereits Dämmerung war, ſo verloren wir ſie bald wieder aus dem Geſicht, indem wir quer durch den mexikaniſchen Meerbuſen nach Norden ſteuerten, als ob wir die Abſicht hätten, die Mündung des Miſſiſippi zu beſuchen. Sie verloren uns ganz, und nach einigen Tagen langten wir in der Bucht an, die wir heimzuſuchen gedachten, Wir näherten uns wie gewöhnlich des Nachts der Küſte und gaben unſern Freunden Nachricht. Aber ſtatt ihrer früheren Bereitwilligkeit, an Bord zu kommen, be⸗ deuteten ſie uns, wir ſeyen in der Bai geſehen worden, die Meldung davon ſey nach Veracruz und nach anderen Plätzen ergangen, weßhalb mehrere Fregatten nach uns ſpäheten, wie denn auch des andern Morgens drei wei⸗ tere nach uns kreuzen würden. Wir konnten nicht begreifen, wie dieß möglich war; wir vernahmen jedoch nachher, daß dieſe drei Fregatten, als ſie uns in der Nacht aus dem Geſicht verloren hatten, % 502 S⸗⸗ an die Küſte zurückſteuerten und daſelbſt Lärm machten, es ſey ein Caper um den Weg. Mochte dem übrigens ſeyn, wie ihm wollte, wir konn⸗ ten nichts weiter thun, als überlegen, welche raſchen Schritte jetzt eingeſchlagen werden könnten. Der Rath der ſpani⸗ ſchen Kaufleute wäre gut geweſen, wenn wir ihn ange⸗ nommen hätten; denn ſie meinten, wir ſollten ſo viele unſerer Ballots, als zur Nachzeit möglich wäre, in un⸗ ſerem Boot und ihren Kähnen ans Land ſchaffen und gegen Morgen nach dem Norden des Golfs ſteuern, um daſelbſt die Flucht zu verſuchen. Meinem Schiffsmeiſter leuchtete dieſer Rath übel ein; doch als wir denſelben in Vollzug zu ſetzen begannen, waren wir ſo verwirrt, ſo haſtig, ſo unſchlüſſig über die einzuſchlagenden Schritte, daß wir nicht mehr als ſechs⸗ zehn Ballots von unſern verſchiedenen Gütern ausladen konnten, weil es dann ſchon zu hell wurde, als daß wir hätten bleiben können. Endlich ſchlug der Schiffsmeiſter einen Ausweg vor: ich ſollte nämlich in dem nächſten Boote, in welchem weitere fünf Ballots Güter waren, ans Land gehen und daſelbſt bleiben, wenn die ſpaniſchen Kaufleute es unternehmen wollten, mich zu verbergen, ſo lange ſie ihr Heil auf der See verſuchten. Die ſpaniſchen Kaufleute trugen kein Bedenken, mir ihren Schutz zu Theil werden zu laſſen, um ſo weniger, da es nicht ſchwer war, mich für einen geborenen Spa⸗ nier auszugeben. Sie nahmen mich daher mit 21 Ballots meiner Güter ans Land, und die Schaluppe fuhr wieder aus. Wenn ſie auf keine Feinde traf, ſo ſollte ſie in der nächſten Nacht wieder an unſerer Küſte anlegen, und wir ermangelten nicht, nach ihr auszuſehen— jedoch erfolglos; denn ſie wurde des andern Tages entdeckt und von zwei ſpaniſchen Fregatten gejagt. Die Schaluppe nahm Reiß⸗ aus, und da ſie vortrefflich ſegelte, ſo hätte ſie gewiß einen hinreichenden Vorſprung gewonnen, um ihren Geg⸗ nern mit Einbruch der Nacht zu entgehen; aber eine .. . 3 ¹ 0 503 S⸗ kleine Caperſchaluppe wollte ſich trotz aller Mansver nicht abſchütteln laſſen und bot meinem Fahrzeug etliche⸗ mal einen Kampf an, um den andern Zeit zu laſſen, her⸗ beizukommen. Die Schaluppe verfolgte jedoch gleichförmig ihren Weg und ließ ihre Feinde drei Tage und drei Nächte lang hinter ſich herjagen. Es blies eine ſteife Kühlte aus Südweſten, unter deren Einfluß mein Fahrzeug den Riogrand, oder, wie ihn die Franzoſen nennen, den Miſ⸗ ſiſipi erreichte, und da man ſich nicht anders zu helfen wußte, ſo ließ man es nicht weit von dem Fort, welches die Spanier Penſacola nennen und in dem dazumal fran⸗ zöſiſche Garniſon lag, auf den Strand laufen. Unſere Leute wären gern in den Fluß eingefahren, um ſich deſ⸗ ſelben als eines Hafens zu bedienen; da ſie aber keinen Piloten hatten und die Strömung des Fluſſes ſie über⸗ wältigte, ſo ſtrandete die Schaluppe, und die Mannſchaft rettete ſich, ſo gut es ging, in die Boote. Ich befand mich nun in einer höchſt wunderlichen Lage, obgleich meine Verhaͤltniſſe in einem Sinne ſehr günſtig waren: ich erfreute mich nämlich des Schutzes meiner Freunde; denn als ſolche erwieſen ſie ſich in der That, da ſie für ihre eigene Sicherheit nicht ſorgfältiger, als auf die meinige, hätten Bedacht nehmen können; auch trug der Crlös aus meinen Waaren nicht wenig dazu bei, meine neue Lage behaglich zu machen, indem ſie mir bin⸗ reichend viel abgeworfen hatten, um für die muthmaßliche Dauer meines Aufenthalts unter ihnen die Koſten beſtrei⸗ ten zu können. Außerdem verſicherte mich der erſte Kauf⸗ mann, in deſſen Hauſe ich wohnte, er wolle mir für 20,000 Dollars Credit geben, wenn ich Gebrauch davon zu machen wiſſe. Am meiſten bekümmerte mich der Umſtand, daß ich nicht wußte, wie ich meiner Frau von meinem dermaligen Verhältniß eine Mittheilung machen und ſie in ſo weit beruhigen könnte, daß ich trotz der vielen Mißgeſchicke meiner Reiſe wohlbehalten und in guten Händen ſey. — —— 504 S Da war aber eben wieder kein anderes Gegenmittel, als die Univerſalmedecin für jeden unheilbaren Schmerz — die Geduld, und in der That, ich hatte allen Grund, nicht nur mich zu gedulden, ſondern auch Gott zu danken, daß ich nicht in die Hände der Spanier gefallen war. Wäre ich aber auch den Spaniern entronnen, wie meine Leute, ſo wären mir dieſelben Gefahren und Mühſeligkeiten bevorgeſtanden, welche dieſe durchzumachen hatten; denn ſie mußten durch wilde Horden und die noch wildern Fran⸗ zoſen ziehen, welche, ſtatt Handreichung bei dem langen Marſch über Wildniß und Berge zu leiſten, ſie plün⸗ derten und auszogen, bis ſie endlich die ſüdweſtlichen Theile von Südcarolina erreichten. Mein Gönner, der Kaufmann, bewirthete mich wie einen Fürſten und ließ ſich meine Sicherheit auf das Sorgfältigſte angelegen ſeyn. So lange wir in ängſt⸗ licher Erwartung ſtanden, ob die Schaluppe nicht genom⸗ men und nach Veracruz gebracht worden ſey, hielt er mich in einer kleinen Wohnung in einem Wald verborgen, wo er ein ſchönes Vogelhaus mit allen Arten amerikaniſcher Vö⸗ gel unterhielt, von denen er jährlich einige als Geſchenk an ſeine Freunde in Altſpanien ſchickte. Dieſe Abgeſchiedenheit war nothwendig, damit die Mannſchaft der Schaluppe, wenn ſie gefangen und nach Veracruz gebracht würde, nicht in Verſuchung gerathen möchte, anzugeben, daß ich ihr Supercargo oder Kauf⸗ mann wäre, und wo ſie mich und die 21 Waarenballots ans Land geſetzt hätten. Was die Güter anbelangt, ſo hatte mein Freund ſchnell damit aufgeräumt; denn er hatte die Ballots ſogleich geöffnet, die Waaren vertheilt, ſie mit andern europäiſchen Gütern, die mit den Gallionen angekommen waren, vermiſcht, neuverpackt und einzelne Partieen davon bald dieſem bald jenem Kaufmann in Mexiko geſchickt, ſo daß es unmöglich geweſen wäre, etwas aufzufinden, ſelbſt wenn eine Angeberei ſtattgefunden haben würde. 5 405 So⸗ Ich verblieb ungefähr fünf Wochen auf der Villa oder in dem Thalhauſe, wie ſie es nannten, in ſteter Angſt wegen des Schickſals meiner Schaluppe. Ich hatte zwei Neger zur Bedienung, von denen der eine mein Proviant⸗ meiſter oder Koch, der andere mein Kammerdiener war. Mein Beſchützer kam jeden Abend heraus, um mich zu beſuchen und mit mir zu Nacht zu ſpeiſen; worauf wir zuſammen nach dem Vogelhauſe gingen, das in ſeiner Art das Schönſte iſt, was ich je in der Welt geſehen habe. Nachdem ich fünf Wochen in dieſer Einſamkeit zuge⸗ bracht, langten endlich günſtige Nachrichten über das Schickſal der Schaluppe an: nämlich, daß die zwei Fre⸗ gatten und eine Schaluppe ihr nachgejagt hätten, bis ſie in der Nähe des Forts von Penſacola auf den Strand lief; dort ſey ſie durch die Gewalt der Wellen zertrüm⸗ mert worden, während die Mannſchaſt ſich durch ihre Boote rettete. Dieſe Kunde wurde, wie es ſcheint, durch die genannten Fregatten nach Veracruz gebracht, und nun begab ſich mein Freund, um volle Gewißheit einzuziehen, nach der Stadt, wo er von einem der Fregattenkapitäne, Nachricht über alle Einzelnheiten einzog. Es war mir lieber, zu hören, Schaluppe und Ladung ſeyen verloren und die Mannſchaft ans Land entronnen, als wenn ich hätte entnehmen müſſen, das ganze Carga wäre gerettet, aber die Mannſchaft in die Hände der Spa⸗ nier gefallen; denn jetzt war ich geborgen, während ich, wenn man ſie zu einer Entdeckung hinſichtlich meiner ge⸗ drängt haben würde, hätte fliehen müſſen und wahrſchein⸗ lich nicht ſo leicht entkommen wäre, ſelbſt wenn meine Freunde allem aufboten, was in ihren Kräften ſtand. Jetzt konnte ich aber vollkommen ruhig ſeyn, und mein Beſchützer, der es nicht länger für nöthig erachtete, mich auf das Thalhaus zu beſchränken, brachte mich öffentlich nach ſeiner Wohnung, indem er mich für einen Kaufmann ausgab, der mit den letzten Gallionen von Altſpanien 2 506&⸗ „. nach Mexiko gekommen ſey und nun eine Zeit lang bei ihm verweilen wolle. Ich trug mich wie ein Spanier der beſſeren Klaſſe, hatte drei Neger zur Bedienung und ließ mich Ferdinand de Villa Moreſa aus Caſtilia Feja, d. h. aus Alt⸗Kaſtilien nennen. Ich hatte hier nichts Weiteres zu thun, als ſpazieren zu gehen, in die Wälder zu reiten und wieder heimzu⸗ kommen, um mich des lieblichſten und angenehmſten Win⸗ kelchens in der ganzen Welt zu erfreuen; denn gewiß lebt Niemand in einem ſolchen Glanze und in dem Be⸗ ſitze ſo ungeheurer Schätze, als die Kaufleute dieſes Platzes. Sie wohnen auf ihren Villen oder auf ihren Pflan⸗ zungen, wie man ſie in Virginien nennen würde, wäh⸗ rend ſie in ihren ſogenannten Ingenios Indigo und Zucker fabriziren. Sie haben übrigens auch Häuſer und Maga⸗ zine in Veracruz, wo ſie zweimal des Jahrs erſcheinen, das einemal, wenn die altſpaniſchen Gallionen ankommen, und dann, wenn ſie ihre Rückfracht laden. Der Betrag meiner 21 Ballen davon belief ſich, ob⸗ gleich ich bei jedem Stück um einen Dollars wohlfeiler als das letztemal losſchlug, auf 8570 Dollars, eine Summe, die mir mein Freund, denn ſo muß ich ihn jetzt nennen, baar auszahlte, indem er ſie durch ſeine Neger in einer Ecke meines Zimmers aufſchichten ließ. Wenn ich alſo alles genau betrachtete, ſo konnte ich mich für ſehr reich halten. Unter meinen Gütern befand ſich auch ein Ballot, das ich in Virginien ausdrücklich eingepackt und aus England verſchrieben hatte: es beſtand hauptſächlich aus feinen eng⸗ liſchen Tüchern, verſchiedenen Arten von Seidenſtoffen und feiner holländiſcher Leinwand— lauter Dinge, die ich für gelegentliche Geſchenke beſtimmt hatte; und ſo eilig es auch mit dem Landen der 21 Güterballen herging, ſo vergaß ich doch nicht, auch dieſes Ballot darunter ge⸗ hören zu laſſen. Als daher an die Bezahlung ging, ſo erklärte ich, dieß ſey ein Packet mit Kleidungsſtücken und ——:— ———— 507 G&⸗ ſonſtigem Bedarf für meinen eigenen Gebrauch, weßhalb ich bäte, es uneröffnet zu laſſen. Dieß geſchah denn auch, und der Pack wurde auf mein Zimmer geſchafft. Er enthielt etliche kleinere Pakete, die ich nach Gut⸗ dünken fortirt hatte, um ſie bei Gelegenheit zu Geſchenken verwenden zu können. Der Werth des Ganzen war nicht unbeträchtlich; denn es koſtete mich an 200 Pfund Ster⸗ ling in England; und obgleich meine gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſe meiner Freigebigkeit einige Grenzen ſteckten, ſo fühlte ich mich doch zu ſehr— namentlich gegen dieſen einen freundlichen und großmüthigen Spanier verpflichtet, um es nicht für das Beſte zu halten, aus zwei der klei⸗ neren Päckchen eines zu machen, damit es wenigſtens eine Gabe werde, welche der mir erwieſenen Achtung und den Wohlthaten entſpräche. Das zu dieſem Ende beſtimmte Packet enthielt zwei Stücke des feinſten engliſchen Tuchs, welches ſich nur in London auftreiben ließ, ganz demje⸗ nigen ähnlich, welches ich dem Gouverneur von Havannah gegeben hatte— das eine nämlich ächt Carmoiſinroth, das andere ſchön ſchwarz. Vier Stücke feiner holländiſcher Leinwand, wovon in London die Elle zu ſieben bis acht Schillingen gekauft wurde. Zwölf Stücke feinen Seiden Droggets und Kalmanks zu Mannsanzügen. Sechs Stücke breiter Seidenſtoffe: nämlich zwei Seidendamaſt, zwei Brocat und zwei Mantua. Eine Schachtel mit Bändern und eine Schachtel mit Spitzen, wovon die letzteren in England ungefähr vierzig Pfund Sterling koſteten. Dieſes ſchöne Packet legte ich offen in mein Gemach und brachte meinen Freund eines Morgens unter dem Vorwande, er ſolle mit mir Chocolade trinken, die Treppe herauf. Wir wurden während des Chocoladetrinkens ſehr heiter, und ich ſagte nun zu ihm, obgleich ich ibm faſt meine ganze Ladung verkauft und ſein Geld genommen habe, ſo hätte doch von keinem Kaufe zwiſchen uns die Rede ſeyn ſollen; vielmehr wäre es meine Pflicht geweſen, alles zu ſeinen Füßen zu legen; denn nur ſeiner Anweiſung 5 508&. habe ich es zu danken, daß mir etwas davon gerettet worden ſey. Ein freundliches Lächeln überflog ſeine Züge, als er mir ſagte, wenn er mich nicht dafür bezahlt haͤtte, ſo wäre es ebenſoviel geweſen, als wenn er einen Schiffbrüchigen geplündert hätte— eine noch ſchlimmere That, als wenn man ein Hoſpital beſtehle. Ich ſagte ihm endlich, ich hätte zwei Bitten, an ihn, die er mir aber nicht abſchlagen dürfe; ich möchte ihm nämlich gern ein kleines Geſchenk machen, und ich wolle ihm einen Grund angeben, warum er es nicht zurück⸗ weiſen dürfe; die zweite Bitte werde ich ihm vorlegen, ſo⸗ bald er mir die erſte gewährt habe. Er antwortete, er würde ſich wohl ein Geſchenk von mir gefallen laſſen, wenn ich nicht ſo ſchwer vom Unglück heimgeſucht worden wäre, ſo aber würde es grauſam und unedel ſeyn, etwas von mir anzunehmen. Ich ſagte ihm ſodann, dieſes Päck⸗ chen wäre von meiner Frau und mir in Virginien für ihn zuſammengemacht worden, wie er an der Anſeſchrift ſehen könne(ich zeigte ihm dabei die Aufſchrift, mit der es al⸗ lerdings ſeine Richtigkeit hatte, nur daß die Hülle des Packets früher nur die Hälfte des gegenwärtigen Inhalts geborgen hatte); die Sache wäre alſo ſein urſprünglich für ihn beſtimmtes Eigenthum. Ich drang ſo lange in ihn, es anzunehmen, daß er endlich eine Verbeugung machte, worauf ich nichts mehr ſprach, ſondern nur meinem Neger befahl, alles mit Ausnahme der zwei Schachteln auf ſeine Zimmer zu bringen; denn ich wollte ihn das einzelne nicht ſehen laſſen, bis er alles auf ſeinem Zimmer hatte. Eine Viertelſtunde, nachdem er ſich entfernt hatte, kam er ganz außer ſich und in großer Leidenſchaft zurück; ich konnte jedoch ſehen, daß er ſehr erfreut war. Er ſagte mir, hätte er den Inhalt gekannt, ſo würde er nicht zu⸗ gegeben haben, daß man ihn auf ſein Zimmer bringe, und am Ende machte er mir daſſelbe Compliment, wie der Gouverneur von Havannah. = 509 So Sodann ſagte er, er erinnere ſich, daß ich noch ein zweites Anliegen auf dem Herzen trage, welches ich nicht habe ausſprechen wollen, bis mir das erſte gewährt ſeyn würde; er hoffe, ich wünſche jetzt etwas von ihm, was der ihm von mir aufgelegten Verpflichtung angemeſſen ſey. Ich antwortete ihm, ich wiſſe wohl, wie es in Spanien nicht Sitte ſey, daß ein Fremder den Damen Geſchenke mache; auch zweifle ich nicht im Mindeſten, daß er den Damen ſeiner Familie alles, was er für ſie als paſſend betrachte, anſchaffe; ich hätte mir jedoch noch zwei kleine Schachteln vorbehalten, die meine Gattin eigenhändig für die Frauenzimmer überſchrieben hätte, und bäte ihn daher, denſelben im Namen meiner Frau das kleine Geſchenk zu übergeben; denn da ich nur als der Ueberbringer zu be⸗ trachten ſey, ſo würde ich mich nicht ehrlich erweiſen, wenn ich mich des mir übertragenen Auftrags nicht ge⸗ wiſſenhaft entledigte. Ich meinte damit die beiden Band⸗ und Spitzenſchach⸗ teln, welche ich durch meine Frau hatte einpacken und über⸗ ſchreiben laſſen. Er entgegnete lächelnd, es wäre zwar wahr, daß die Spanier gewöhnlich ihren Frauen nicht ſo viel Freiheit geſtatteten, als dieß bei andern Nationen der Fall ſey, er hoffe jedoch, ich werde deßhalb nicht glauben, daß die Spa⸗ nier durchgängig ihre Damen für leichtfertig halten, oder daß alle Spanier auf ihre Weiber eiferſüchtig wären; da er übrigens einmal eingewilligt habe, mein Geſchenk anzu⸗ nehmen, ſo ſtehe es mir frei, über die einzelnen Beſtand⸗ theile deſſelben im Intereſſe ſeiner Frau und ſeiner Töchter nach Gutdünken zu verfügen: der letzteren hatte er näm⸗ lich drei. Ich ſtrengte mich wieder mit Complimenten an und ſagte ihm, ſo wäre es nicht gemeint; denn ich bäte ihn nur, ei⸗ genhändig ſeiner Donna das ihr von meiner Frau beſtimmte Geſchenk zu überreichen, was er im Namen einer in Vir⸗ ginien lebenden Unbekannten thun ſolle. Er lachte über — 510& die von mir angewandte Feinheit, und ich ſah, wie er ihr die Schachteln einhändigte; auch konnte ich wahrnehmen, daß ſie, als ſie dieſelben öffnete, ungemein vergnügt über ihren Inhalt war, was ich auch ganz begreiflich fand, da derartige Waaren in dieſer Gegend einen beträchtlichen Geldwerth hatten. Obgleich ich ſchon vorber mit ungemeiner Freundſchaft behandelt wurde und eigentlich nichts weiter wünſchen konnte, ſo brachte mir doch der dankbare Sinn, den ich in einem ſo werthvollen Geſchenke an den Tag legte, gute Früchte, und die ganze Familie wußte meine Höflichkeit zu ſchätzen. Gewiß verfehlen Geſchenke, wenn ſie in dieſer Weiſe ange⸗ bracht werden können, nie ihres Einfluſſes. Ich hatte hier einen ſehr glücklichen und behaglichen Zufluchtsort, obgleich er eine Art von Exil war, und es gebrach mir durchaus an nichts als an der Freiheit der Heimkehr. In dieſer Zeit der Muße blickte ich oft auf mein lan⸗ ges, übel angewendetes Leben zurück, in dem mir ſo viel Gutes wiederfahren war, und ſtellte Betrachtungen über das wahre Erdenglück an. Damals ſchrieb ich auch dieſe Blätter nieder, und ich muß beifügen, daß mich zu gleicher Zeit ein heftiger Gicht⸗ anfall heimſuchte— ein Umſtand, der wohl geeignet iſt, bei den Meiſten den Kopf zu klären, das Gedaͤchtniß wie⸗ derherzuſtellen und ſie zu geeigneten Betrachtungen ihrer früheren Handlungen zu veranlaſſen. Als ich meine Erlebniſſe niederſchrieb, konnte ich nicht vorausſehen, daß ſie in England ſo viel Beifall finden und ſo gern von Andern geleſen würden, als dieß nun wirk⸗ lich der Fall iſt. Wenn aber einer meine Geſchichte liest, ſo möge er einige ähnliche Betrachtungen anſtellen, und er wird vielleicht aus meinen Mißgeſchicken mehr Vortheil ziehen als ich ſelbſt. Ich könnte noch manches Abenteuer aus meinem Leben aufführen, obgleich ich nur wenig übergangen habe, was —2 511 So⸗ einen ausführlichen Bericht verdient und Anlaß zu Be⸗ trachtungen gibt; insbeſondere mag es jedoch am Orte ſeyn, beizufügen, wie ich bei der Erzählung meiner Wech⸗ ſelſchickſale klarer, als je zuvor, erfuhr, daß eine unwider⸗ ſtehliche, ordnende Macht, eine Hand von Oben, alle un⸗ ſere Handlungen leitet, unſere Entwürfe beſchränkt und allem, was auf uns Bezug hat, ſeinen Gang anweist. Solche Erwägungen führen nothwendig zu der Erkennt⸗ niß, welchen demüthigen Dank wir dem höchſten Weſen dafür ſchuldig ſind, daß es alles leitet und eine Kette von Urſachen und Wirkungen ſchafft, denen alles Geſchaffene ſtrenge Folge leiſtet. Iſt doch es der Urquell alles Beſte⸗ henden, welchem ausſchließlich die Ehre gebührt. Ich darf wohl ſagen, daß ich bisher ohne Gott in der Welt gelebt hatte; aber jetzt lernte ich weiter ſehen, als ich es je vorher im Stande geweſen, und dieß brachte mich endlich zu wahrhafter Scham und Reue über die Kette von Uevertretungen, welche meinem ganzen Leben zur Seite gegangen war. In dieſer Stimmung habe ich meine Geſchichte nieder⸗ geſchrieben. Mögen meine Leſer bedenken, wie viel leichter es ihnen wird, zu Hauſe und im Umgange mit guten Menſchen tugendhaft zu leben, als wenn ſie in der Fremde umhergeworfen würden unter der Zuchtruthe des deportir⸗ ten Verbrechers, wie es bei meinem Weibe und meinem Lehrer der Fall geweſen, oder unter den Gefahren und Mübſeligkeiten eines ſchiffbrüchigen Wanderns(denn auf dieſem Wege kam, wie ich hörte, ver Capitän meiner Schaluppe zu einem bußfertigen Ende, nachdem er unter unfäglichen Mühen, durch Wüſten und Gebirge, mit dem Ueberreſte ſeiner Mannſchaft über Carolina den Heimweg nach Virginien fand), oder in der Verbannung, fern von dem heimiſchen Heerd und ohne die Ausſicht, ihn je wieder zu ſehen, wogegen auch die angenehmſten Verhältniſſe nur einen kümmerlichen Erſatz zu bieten vermögen⸗ In meinem Cxile hatte ich alſo Muße zum Nachdenken und zur Reue. Ich habe meiner Geſchichte nur noch bei⸗ zufügen, daß meine freundlichen Spanier, da ſich kein an⸗ derer Weg auffinden ließ, um mich nach Virginien zu brin⸗ gen, einen Erlaubnißſchein für mich auswirkten, mit den nächſten Gallionen, angeblich als ſpaniſcher Kaufmann, nach Cadiz gehen zu dürfen, wo ich mit allen meinen Schätzen wohlbehalten anlangte; denn mein Beſchützer wollte durchaus nichts für meinen Aufenthalt in ſeinem Hauſe annehmen. Von Cadiz aus fand ich bald Gelegen⸗ heit, an Bord eines engliſchen Kauffahrers nach London zu kommen, wo ich einen ſchriftlichen Bericht über meine Er⸗ lebniſſe an meine Frau abgehen ließ. Ungefähr fünf Mo⸗ nate nachher kam ſie gleichfalls zu mir nach England, nachdem ſie die Verwaltung meiner Habe den treuen Hän⸗ den meines ehemaligen Lehrers übergeben hatte. Die Freude des Wiederſehens war groß. Nach einem kurzen Aufenthalte in London kehrten wir mit meinen Kindern nach Virginien zurück, wo wir jetzt in Ruhe und Frieden auf unſerer Pflanzung leben. ———