1 1 1 1 — 2o 355 ——— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und afranzöf ſiſcher Literatur Eduard Oltmann in GOießen, Schloßgaſſe Lit Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir — 145 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und rägt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————;——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 4 5. Auswärtige Abonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ö 4 Daniel De Foe's (Verfaſſers des„Robinſon Cruſoe“) geſammelte Romane. Erſter Band. Leben und Abenteuer des Capitäns Singleton. —— Stuttgart. Verlag der Chr. Belſer ſchen Buchhandlung. 1842. Leben und Abentener des Capitäns Singleton. Vom Verfaſſer des„Robinſon Cruſoe.“ Aus dem Engliſchen von Dr. Carl Kolb. —— Stuttgart. Verlag der Chr. Belſer'ſchen Buchhandlung. . 1842. Vorwort. Milllionen, welche in ihrer Jugend und in reiferem Alter an dem unnachahmlichen Robinſon Cruſoe ſich ergoͤtzt haben, ahnen nicht, daß der Ver⸗ faſſer dieſes weltberühmten Buches noch andere Er⸗ zaͤhlungen, und zwar für Erwachſene*), hinterlaſſen hat, welche durch dieſelbe Originalität, Friſche und Treue der Zeichnung und durch dieſelbe hinreißende Unterhaltungsgabe den Leſer bezaubern. Dieſe Romane *) Wie auch Robinſon Eruſpoe erſt durch Campe's Bear⸗ beitung zu einer Jugendſchrift geſtempelt worden iſt. VI Daniel De Foe's lagen in der Maſſe ſeiner politiſchen und anderer Schriften gleichſam begraben, bis Walter Scott*) ſie aus dieſen auswählte und eine abgeſon⸗ derte Geſammtausgabe derſelben veranſtaltete. Seit⸗ dem folgt in England eine Ausgabe dieſer ausgezeich⸗ neten Romane ſchnell der andern, und wie glänzend ſich die Kritik üͤber ſie ausgeſprochen hat, mögen folgende Auszüge beweiſen. „Als Romanſchreiber,“ ſagt Wilſon,„iſt De Foe ſowohl hinſichtlich der Originalität ſeines Genius als der Einfachheit ſeines Planes, ſowie der Nützlichkeit ſeiner Moral jetzt allgemein als einer der Allererſten in dieſem Fache anerkannt. Seine Erfindungsgabe iſt glänzend, und alle ſeine Schilderungen athmen eine Natürlichkeit und Wahrheit, wie man es nur bei wenigen bevorzugten Dichtern findet.“—„De Foe's *)„Selbſt die geringſten Producte De Foe's,“ ſagt dieſer competente Richter,„geben ſich als die Schöpfungen eines außerordentlichen Mannes zu erkennen.“ VII Romane ſind öfter für wahre Erzählungen gehalten worden, als dieß bei irgend einer anderen Dichtung je der Fall war.“ Quarterly Review, XXIV, 361.— „Der Verfaſſer Robinſon Cruſoe's war ein Engländer, und einer von denen, die uns ſtolz auf dieſen Namen machen.“ Edinburgh Review, XXIV, 321.—„De Foe iſt ein Phänomen und ſein Genius von ſo eigenthüm⸗ licher Art, daß er nicht claſſificirt werden kann. Ohne Vorgänger und ohne Nachfolger auf ſeinem originellen Pfade ſpinnt er den Faden ſeiner Erzählungen aus Stoffen, an die ſonſt Niemand denken würde, und iſt er mit ſeiner Schöpfung fertig, ſo ſchneidet er ſeinen Faden gleichſam ab, ſo daß ihn Niemand nachahmend weiter ſpinnen kann.“ Retrospective Review.—„Wir tragen kein Bedenken, zu ſagen, daß in keinen anderen Romanen, wo, wie in denen De Foe's, Seeräuber und ähnliche Charaktere auftreten, die Sünde weniger ver⸗ führeriſch geſchildert iſt, oder die Strafe ihr näher auf dem Fuße folgt, oder die Buße ernſtlicher und bitterer, VIII oder die Eindrücke religiöſer Ideen auf rohe, verwahr⸗ loste Seelen mächtiger und erſchütternder dargeſtellt ſind,— ſo daß dieſen Gemälden, die uüͤbrigens ganz aus dem Leben gegriffen ſind, eine tiefe ſittlich religiöſe Tendenz zu Grunde liegt.“ Charles Lamb. Vgl. Weſt⸗ minſter Review, XIII, 69. u. ſ. w. u. ſ. w. So glauben wir denn, durch die Herausgabe von Erzählungen, deren Verfaſſer faſt einem Jeden ſchon in ſeiner Kindheit bekannt und lieb geworden iſt, der deutſchen Leſewelt eine angenehme Ueberraſchung zu bereiten, und ſind zum voraus überzeugt, daß dieſe Blätter nicht blos zahlreiche Leſer ſinden, ſondern die⸗ ſelben auch angenehm und lehrreich unterhalten werden. Erſtes Kapitel. Meine Abkunft.— Ich werde als Kind geſtohlen und an eine Zigeunerin verkauft.— In meinem zwölften Jahre nimmt mich ein Schiffseigen⸗ thümer mit nach Neufundland.— Wir werden von einem Corſaren abgefangen, der ſpäter durch portugieſiſche Kriegsſchiffe wieder genom⸗ men wird.— Ein alter Pelot ſorgt für mich und ich mache eine Reiſe mit ihm.— Ich bin bei einer Meuterei betheiligt und werde mit fünf anderen von der Schiffsmannſchaft an einer Küſte ausgeſetzt.— Was ſich daſelbſt weiter zugetragen. Große Männer, deren Leben merkwürdig geweſen, und deren Thaten auf die Nachwelt zu kommen verdienen, pflegen in ihren Selbſtbiographien einen hohen Werth auf ihre Her⸗ kunft zu legen und behelligen den Leſer nicht nur ein Langes und Breites mit der Geſchichte ihrer Familie, ſondern auch mit der ihrer Vorfahren, ſo lange ſich von ihnen noch etwas erzählen läßt. Wenn ich daher methodiſch zu Werke gehen wollte, ſo müßte ich ein Gleiches thun, obgleich ich in meinem Stammbaum nicht weit zurückblicken kann, wie man bald erſehen wird. Singleton. I. 1 D 2 So⸗ Wenn ich dem Weibe glauben darf, welche ich Mutter zu nennen gelehrt wurde, ſo nahm mich, als ich ein kleiner zweijähriger Knabe war, an einem ſchönen Sommerabende ein Kindsmädchen, die mir abzuwarten hatte, unter dem Vorwande, mich in friſche Luft zu bringen, in die Felder von Islington*). Ich war gut gekleidet und hatte außer⸗ dem ein zwölf⸗ oder vierzehnjähriges Mädchen, das Töchter⸗ chen eines Nachbars, zur Geſellſchaft. Meine Wärterin— ſei es durch Zufall oder Beſtellung— traf mit einem Bur⸗ ſchen(wahrſcheinlich ihrem Geliebten) zuſammen, der ſie mit in ein Wirthshaus nahm, um ſie mit Bier und Kuchen zu regaliren. Während ſich das Pärchen in dieſer Weiſe im Hauſe luſtig machte, ſpielte außen das Nachbarstöchterlein mit mir und führte mich, ohne an etwas Böſes zu denken, durch den Garten und hinten hinaus in's Feld, wo uns meine Hüterin bald ſehen, bald nicht ſehen konnte. Wie dieß nun ſo gehen mag— wir begegneten, wie es ſcheint, Jemanden von dem Schlage Leute, die ſich ein Geſchäft daraus machen, kleine Kinder wegzuſtibitzen. Frei⸗ lich ein teufliſches Gewerbe, das übrigens in jenen Tagen, zumal an gut gekleideten kleinen Kindern, bisweilen aber auch an größeren, die man in die Plantagen verkaufen konnte, nicht ſelten geübt wurde. *) Einem der äußeren Stadttheile Londons, utter einer hende dem elder ißer⸗ hter⸗ 1— Bur⸗ mit n zu im lein kken, uns wie ein Frei⸗ gen, aber inte, - 3 S⸗⸗ Die Frau ſchien eine große Freude an mir zu haben, nahm mich auf die Arme, küßte mich, ſpielte mit mir, lockte meine Begleiterin immer weiter vom Hauſe weg, machte derſelben endlich etwas weiß und trug ihr auf, in das Haus zurückzukehren und meiner Wärterin zu ſagen, wo ſie mit dem Kleinen wäre, eine Dame von Stande habe Neigung zu dem Kinde gefaßt und laſſe es auf ihrem Schooße ſpielen; die Wärterin brauche indeß nicht beſorgt zu ſein, da die Frau mit dem Knaben unten warte. Das Nachbarsmädchen ließ ſich beſchwatzen, kam dem Auftrage nach, und die Dame von Stande machte ſich mit mir aus dem Staube. Von dieſer Zeit wurde ich, wie es ſcheint, zur Ver⸗ fügung einer Bettlerin geſtellt, die zur Betreibung ihres Gewerbes eines ganz kleinen Kindes bedurfte; und ſpäter kam ich an eine Zigeunerin, bei der ich bis zu meinem ſechsten Jahre blieb. Obgleich dieſes Weib mich in allen Theilen des Landes mit herum ſchleppte, ſo ließ ſie mich doch nie an etwas Mangel leiden, und ich nannte ſie Mutter. Später ſagte ſie mir, daß ſie nicht meine Mutter wäre, ſondern daß ſie mich für zwölf Schillinge von einem anderen Weibe kaufte, welche ihr mitgetheilt hätte, wie ſie zu mir gekommen, und daß ich Bob Singleton hieße— nicht Robert, ſondern einfach Bob; denn man ſchien meine wahren Taufnamen nicht zu kennen. Es iſt umſonſt, hier Vermuthungen aufzuſtellen, in 1* D 4 So⸗⸗ welchen Schrecken wohl die nachläßige Dirne, die mich ver⸗ loren, gerathen war, welche Behandlung ihr von dem ge⸗ rechten Zorne meiner Eltern zu Theil wurde, und welches Entſetzen die Gemüther der letzteren bei dem Gedanken erfüllte, ihr Kind in dieſer Weiſe entführt zu wiſſen; denn ich habe, wie bereits erwähnt, nie erfahren, wer meine Eltern waren, und es wäre daher eine nutzloſe Abſchweifung, wenn ich hier davon reden wollte. Es begab ſich indeß, daß meine gute Zigeunermutter— ohne Zweifel um einiger ihrer wackeren Handlungen willen— im Laufe der Zeit gehängt wurde, und da ſich dieſer Vorfall in einer Periode ereignete, wo ich noch nicht ganz in das Landſtreichergewerbe eingeweiht war, ſo übernahm natürlich das Kirchſpiel, in welchem ſich dieſe Kataſtrophe zutrug, deſſen Namens ich mich jedoch um's Leben nicht entſinnen könnte, meine Verpflegung. Meine früheſten Rückerinnerun⸗ gen beſchränken ſich darauf, daß ich in eine Kirchſpielſchule ging, und daß der Geiſtliche des Ortes mir zu ſagen pflegte, ich ſolle nur ein gutes Kind werden; denn wenn ich auch ein armer Knabe ſei, ſo könne ich doch einmal mein Glück machen, wenn ich meinen Katechismus fleißig lerne und Gott fürchte. 1 Ich glaube, ich wurde etlichemale von einer Stadt zur andern transportirt— vielleicht weil die Kirchſpiele den letzten Aufenthalt meiner muthmaßlichen Mutter beſtritten; ver⸗ ge⸗ lches nken denn teine ung, — 1— rfall das rlich rug, nen un⸗ pule gte, ein lück und — 5 So- ich kann mich jedoch nicht mehr erinnern, ob ich dabei zu Fuße gehen mußte oder fahren durfte. Die Stadt indeß, welcher ich endlich verblieb, muß nicht weit vom Meere gelegen haben; denn ein Schiffseigenthümer, der Neigung zu mir faßte, brachte mich zuerſt nach einem Orte unfern Southampton, welcher, wie ich ſpäter erfuhr, Bußleton war. Hier machte ich bei den Zimmerleuten und andern Hand⸗ werkern, welche ein Schiff für ihn bauten, den Handlanger, und als das Schiff fertig war, nahm er mich, ungeachtet ich noch nicht zwölf Jahre zählte, auf eine Seereiſe nach Neufundland mit. Ich lebte da behaglich genug und wurde meinem Herrn ſo lieb, daß er mich wie ſeinen eigenen Sohn hielt; auch würde ich ihn gern Vater genannt haben, wenn er es mir geſtattet hätte, was er aber nicht haben wollte, weil er eigene Kinder hatte. Ich machte drei oder vier Reiſen mit ihm und war bereits zu einem kräftigen Jungen herangewachſen, als wir auf dem Heimwege von Neufund⸗ land von einem Algierer Corſaren abgefangen wurden. Wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht, ſo fällt dieſes Ereigniß in das Jahr 1695; denn ich hielt damals natürlich noch kein Tagebuch. Dieſer Unfall focht mich nicht beſonders an, obgleich ich ſah, daß mein Herr, der während des Kampfes eine Kopfwunde erhalten hatte, von den Sarazenen ſehr miß⸗ handelt wurde— ich ſage, er focht mich nicht beſonders an, 6 So⸗ bis mir unglücklicherweiſe etwas entfuhr, was, ſo viel ich mich erinnere, Bezug auf die barbariſche Behandlung meines Herrn hatte, worauf man mir mit einem Stocke die Fuß⸗ ſohlen ſo unbarmherzig zerarbeitete, daß ich mehrere Tage weder gehen noch ſtehen konnte. Doch auch bei dieſer Ge⸗ legenheit war mir das Glück günſtig; denn als der Corſar— unſer Schiff als Priſe im Schlepptau— Angeſichts der Bai von Cadix auf die Meerenge von Gibraltar losſteuerte, wurde er durch zwei große portugieſiſche Kriegsſchiffe angegriffen, genommen und nach Liſſabon geführt. Da mich meine Gefangenſchaft wenig kümmerte, und ich überhaupt nicht wußte, welche Folgen für mich daraus erwachſen könnten, ſo ließ ich mir meine Befreiung nicht angelegen ſein; denn was hätte ſie mich auch nützen können? Mein Herr, der einzige Freund, den ich auf Erden beſaß, war in Liſſabon an ſeinen Wunden geſtorben, und es blieb mir daher in einem fremden Lande, wo ich Niemand— 0 nicht einmal die Sprache— kannte, nichts übrig, als Hunger zu ſterben. Jedenfalls war mein Loos ſo ein beſſeres, als ich hoffen durfte; denn als die übrigen von unſerer Mann⸗ ſchaft ihre Freiheit und das Recht erhalten hatten, hinzugehen, wo es ihnen beliebte, blieb ich, da ich nirgends hin wußte, mehrere Tage auf dem Schiffe, bis mich endlich ein Lieute⸗ nant ſah und Erkundigung einzog was der junge engliſche Hund hier wolle, und warum man ihn nicht an's Land bringe. l ich ines Fuß⸗ Lage Ge⸗ r— Bai urde fen, und aus 7 S⸗ Ich hörte dieß, verſtand, wenn auch nicht gerade ſeine Worte, ſo doch den Sinn derſelben, und fürchtete mich ſehr; denn ich wußte nicht, wo ich einen Biſſen Brod herbringen ſollte. Unmittelbar darauf kam auch der Pilot des Schiffs, ein alter Matroſe, der meine verdutzte Miene ſah, auf mich zu und erklärte mir in gebrochenem Engliſch, daß ich fort müſſe.„Aber wohin ſoll ich?« fragte ich.—„Wohin Du willſt,“ lautete die Antwort;„nach Hauſe, nach England, wenn Du Luſt haſt.“—„Aber wie ſoll ich dahin kommen?« verſetzte ich.—„Haſt Du denn keinen Freund?« entgegnete er.—„Ach nein,“ erwiederte ich,„auf der ganzen Welt keinen, als jenen Hund dort“— ich zeigte auf den Schiffs⸗ hund, der kurz zuvor ein Stück Fleiſch geſtohlen und damit in meine Nähe gekommen war, worauf ich es ihm abjagte und es ſelber verzehrte—„er iſt mir ein Freund geweſen und hat mir mein Mittageſſen gebracht.“—„Nun, nun,“ ſagte er;„am Eſſen ſoll es Dir nicht fehlen. Willſt Du mit mir gehen?«—„Von Herzen gern,“ antwortete ich. Mit einem Worte, der alte Pilot nahm mich mit nach Hauſe und behandelte mich ziemlich gut, obgleich es mit dem Eſſen ſpärlich genug herging. Ich wohnte ungefähr zwei Jahre bei ihm, während welcher Zeit er ſich um eine Anſtellung bewarb. Er wurde auch endlich Schiffsmeiſter oder Pilot auf einer unter dem Commando des Capitäns Don Garcia de Pimenteſia de Carravallas ſtehenden Gallione —— 8 So⸗ oder Carracke, die nach Goa in Oſtindien ſegeln ſollte, und brachte mich, ſobald er die Beſtallung hatte, an Bord, um ſeinen Schiffsverſchlag zu beaufſichtigen, in welchem er Vor⸗ räthe von Branntwein, Citronat, Zucker, Gewürze und der⸗ gleichen für den eigenen Gebrauch aufhäufte, und ſpäter auch eine beträchtliche Menge europäiſcher Güter, als da waren: feine Spitzen, Leinwand, Wollenſtoffe und ähnliche Waaren— angeblich als ſeinen Kleidervorrath— einlegte. Ich war zu jung, um ein Tagebuch über dieſe Reiſe zu führen, obgleich mein Herr, der für einen Portugieſen ein ganz tüchtiger Mann war, mich dazu aufforderte; meine Unkenntniß der Sprache war indeß ein Hinderniß oder galt wenigſtens als Entſchuldigung. Demungeachtet blickte ich aber nach einiger Zeit in ſeine Bücher und Karten; und da ich eine leidliche Hand ſchrieb, einiges Latein verſtand und das Portugieſiſche zu radbrechen anfing, ſo lernte ich Einiges von der Seefahrerkunſt, obgleich nicht ſo viel, als wohl für ein ſo begebnißreiches Leben, wie das meinige, hinreichend war. Wir beſuchten auf unſerer Reiſe nach Oſtindien die Küſte von Braſilien: nicht, daß dieß der gewöhnliche Weg geweſen wäre, aber unſer Capitän machte zuerſt— ſei es auf eigene Rechnung oder im Auftrage der bei der Expe⸗ dition betheiligten Kaufleute— einen Abſtecher in dieſer Richtung, wo wir in der Allerheiligenbai, oder wie ſie in und um Vor⸗ der⸗ däter da liche ꝛegte. deiſe eſen eine galt ich und and ich als ige, die 5 9 S⸗ Portugal heißt, in dem Rio de Todos los Santos faſt an hundert Tonnen Gut ablieferten und eine beträchtliche Quan⸗ tität Gold nebſt einigen Kiſten Zucker und etliche und achtzig Rollen Tabak, jede mindeſtens zu einem Centner, einnahmen. Im Auftrage meines Herrn mußte ich an der Küſte die Geſchäfte des Capitäns beſorgen, bei welcher Gelegenheit ich gar eifrig für den Vortheil meines Auftraggebers thätig war, und um ihn für ſein Vertrauen zu belohnen, fand ich Mittel, mir ungefähr zwanzig Moidore*), die von den Kaufleuten für die Rechnung unſeres Schiffes ausbezahlt Von hier aus hatten wir eine erträglich gute Fahrt nach dem Cap der guten Hoffnung. Mein Herr hielt mich für einen ungemein thätigen und treuen Diener, wovon das erſtere auch richtig, das letztere aber ein ziemlich unver⸗ dientes Lob war. In Folge dieſes argen Irrthums gewann mich auch der Capitän ſo lieb, daß er mich häufig in ſei⸗ nen eigenen Geſchäften verwendete. Für meinen Dienſteifer belohnte er mich auch durch manche Auszeichnungen und gab mich für ſeine eigenen Tafelbedürfniſſe als eine Art von *) Portugieſiſche Goldmünze. **) Eine Kunſt, die ich leider nur zu bald von den Portugieſen lernte, was ich hier offen geſtehe, da ich entſchloſſen bin, dem Leſer nicht blos meine Abenteuer, ſondern auch meine Verirrungen zu berichten. Es war zwar außerdem noch ein anderer Verwalter da, der das Privateigenthum des Capitäns unter ſich hatte, aber mir waren diejenigen Schiffsvorräthe übertragen, welche dem Capitän unter dem Titel der Nutznießung anheimfielen. Dduurch ſolche Mittel hatte ich herrliche Gelegenheit, für den Diener meines Herrn— das heißt für mich— Sorge zu tragen und mich in meiner Weiſe vorzuſehen, daß ich beſſer lebte, als irgend Jemand im Schiffe; denn der Ca⸗ pitän verfügte ſelten über die Schiffsvorräthe, ohne daß ein Theil davon für mich abfiel. Nach einer ungefähr ſieben⸗ monatlichen Fahrt von Liſſabon aus langten wir in Goa an, wo wir weitere acht Monate verweilten. Mein Herr war die ganze Zeit über faſt immer am Lande, und ich hatte in der That weiter nichts zu thun, als den Portugie⸗ ſen, die das treuloſeſte, ſchwelgeriſchſte, anmaßendſte und grauſamſte Volk in der ganzen Chriſtenheit ſind, ihre Schuf⸗ tigkeiten abzulernen. Diebſtahl, Lüge, Meineid und die ſchändlichſte Liederlichkeit gehörten unter der Schiffsmann⸗ ſchaft zur Tagesordnung; und ſo ſehr die Matroſen mit ihrem Muthe prahlten, waren ſie doch im Durchſchnitt die haſenherzigſten Memmen, die mir je vorkamen, wie ſich denn auch ihre Feigheit bei vielen Gelegenheiten offen ans Licht ſtellte. Demungeachtet fanden ſich jedoch auch hin und wieder minder Schlimme unter ihnen, und da ich hauptſächlich Unterproviantmeiſter dem Proviantmeiſter des Schiffes bei. — 11 So mit dieſen verkehrte, ſo kannte ich gegen die Uebrigen kein anderes Gefühl, als das der tiefſten Verachtung, welche ſie auch in jeder Hinſicht verdienten. Ich paßte übrigens ganz gut für eine ſolche Geſell⸗ ſchaft; denn in meinem Herzen wohnte auch nicht das min⸗ deſte Gefühl für Tugend und Religion. Ich hatte von bei⸗ den nie mehr gehört, als mir ein guter alter Pfarrer in meinem achten oder neunten Lebensjahre geſagt, und ich wurde bald ſo verderbt, als man nur ſein kann. Aber ſelbſt in dieſem Zuſtande blieb mir ein ſo entſchiedener Ab⸗ ſcheu gegen die heilloſe Niederträchtigkeit der Portugieſen, daß ich nicht umhin konnte, ſie von Anfang an von ganzem Herzen zu haſſen, ein Gefühl, das mich in meinem ganzen ſpätern Leben nie verlaſſen hat. Ihre viehiſchen Ausſchwei⸗ fungen, ihre niederträchtige Treuloſigkeit gegen Fremde ſo⸗ wohl, als unter ſich, ihre hündiſche Kriecherei, wo man ihnen— und die barbariſche, tyranniſche Unverſchämtheit, wo ſie zu befehlen hatten— ob all Dieſem wandte ſich mir das Herz im Leibe um. Fügen wir noch den natürlichen Haß des Engländers gegen den Feigling bei, ſo trifft Alles zuſammen, was mir den Teufel und einen Portugieſen in dem gleichen liebenswürdigen Lichte erſcheinen ließ. Dem engliſchen Sprichworte zufolge muß man indeß, wenn man bei dem Teufel an Bord geht, mit dem Teufel ſegeln. Ich war einmal unter ihnen, und ſo mußte ich mich 12 So⸗ eben unter ihnen behelfen, ſo gut es ging. Wie oben er⸗ wähnt, hatte mein Herr erlaubt, daß ich dem Capitän in ſeinen Angelegenheiten behülflich war. Ich erfuhr ſpäter, daß der Capitän meinem Herrn für meine Dienſte monat⸗ lich einen halben Moidor bewilligte, und daß er meinen Namen in die Schiiffsliſte eingetragen hatte. Ich erwartete daher, daß bei der nächſten Soldauszahlung, die, wie es ſchien, alle vier Monate Statt hatte, von meinem Herrn auch mir etwas abgetreten würde. Ich irrte mich jedoch in meinem Manne; denn etwas der Art fiel ihm nicht entfernt ein. Er hatte mich im Unglück aufgenommen, weßhalb es ihm gut dünkte, mich demgemäß zu halten und mich beſt⸗ möglich auszubeuten. Anfangs glaubte ich freilich, er hätte mir blos aus Menſchenliebe und Mitleid mit meiner kläg⸗ lichen Lage Unterſtützung angedeihen laſſen, und als ich an Bord gebracht wurde, zweifelte ich nicht, daß mir für meine Dienſtleiſtungen auch einiger Lohn würde. Er dachte jedoch, wie es ſcheint, ganz anders; denn als fich einmal nach einem Löhnungstage einen Bekannten an ihn ſchickte, um mit ihm über die Sache zu ſprechen, gerieth er in furchtbaren Zorn, nannte mich einen engliſchen Hund, einen jungen Ketzer und drohte, mich der Inquiſition zu übergeben. In der That von allen Ehrentiteln, die ſich mit den fünfundzwanzi, Buchſtaben des Alphabets ſchreiben laſſen, verdiente ich den eines Ketzers am allerwenigſten; 13 So⸗⸗ denn da ich gar nichts von Religion wußte, weder von der proteſtantiſchen, noch der katholiſchen, noch der muhamedani⸗ ſchen, ſo konnte ich unmöglich ein Ketzer ſein. Es fiel übri⸗ gens etwas Unbedeutendes vor, was mich beinahe in die Hände der Inquiſition gebracht hätte, und hätte man mich da nach meinem Glauben gefragt, ſo würde ich mich ſicher zu dem erſten beſten, den mir die Frage nannte, bekannt haben. Hätte alſo die erſte dahin gelautet, ob ich Prote⸗ ſtant wäre, ſo würde mich meine Antwort ſicher zu einem Märtyrer für eine Sache gemacht haben, die mir ganz und gar ein böhmiſches Dorf war. Aber der Prieſter, den wir bei uns hatten, oder der Schiffscaplan, wie man ihn nannte, rettete mich; denn da er ſah, daß ich in Glaubeusfragen ganz unwiſſend war, und Alles that oder ſagte, was man von mir verlangte, ſo legte er mir einige Fragen vor, welche ich ſo einfältig beantwortete, daß er verſicherte, er bürge dafür, daß ich ein guter Katholik ſei, und er hoffe, das Mittel zu werden, meine Seele zu retten. Er ſuchte auch ein Verdienſt darin, ſeinen Worten Ehre zu machen, und ſo ſtutzte er mich in etwa einer Woche zu einem ſo guten Papiſten zu, als nur einer auf dem Schiffe war. Ich erzählte ihm ſodann den Vorfall mit meinem Herrn und theilte ihm mit, es wäre wahr, daß er mich, als ich mich in den kläglichſten Umſtänden auf dem Liſſaboner 14 S⸗⸗ Caper befunden, aufnahm, daß ich ihm nicht genug für die Wohlthat, mich an Bord eines Schiffes gebracht zu haben, danken könne, da ich, wenn ich in Liſſabon geblieben wäre, hätte Hunger ſterben müſſen und dergleichen; in Betracht dieſer Wohlthaten, erklärte ich, wollte ich ihm gern dienen, aber ich hoffte, daß er meinem Eifer eine kleine Anerken⸗ nung zu Theil werden, oder daß er mich wenigſtens wiſſen ließe, wie lange er meine Dienſte noch unentgeltlich ver⸗ langte. Aber das war Alles umſonſt. Weder der Geiſtliche, noch ſonſt Jemand konnte ihn überzeugen, daß ich nur ſein Diener, nicht aber ſein Sklave ſei. Er behauptete das letz⸗ tere auf den Grund hin, daß er mich von einem Algieri⸗ ſchen Schiffe genommen hätte, und ich alſo ein Muhameda⸗ ner wäre, der ſich für einen Engländer ausgäbe, um die Freiheit zu gewinnen; er wolle mich daher als einen un⸗ gläubigen Hund den Händen der Inquiſition überliefern. Dieß ſchüchterte mich über die Maßen ein; denn ich hatte Niemand, der mir bezeugen konnte, wer ich wäre, und woher ich käme; aber der gute Pater Antonio— denn dieß war ſein Name— beruhigte mich in dieſer Hinſicht auf eine Weiſe, die ich nicht verſtand. Er kam nämlich eines Morgens mit ein paar Matroſen zu mir und erklärte, er wolle mich unterſuchen, um ſich zu überzeugen, ob ich ein Muhamedaner ſei oder nicht. Ich war eben ſo ſehr ver⸗ r die aben, väre, racht enen, rken⸗ riſſen ver⸗ liche, ſein letz⸗ ieri⸗ eda⸗ die un⸗ ich und dieß auf ines „ er ein ver⸗ wundert als erſchrocken; denn ich verſtand von alle dem nichts und konnte mir nicht denken, was man mit mir vor⸗ hatte. Ich wurde ſofort entkleidet; man ſchien zufrieden zu ſein, und Pater Antonio beruhigte mich mit der Erklärung, ſie könnten jetzt alle bezeugen, daß ich kein Muhamedaner wäre. So entging ich wenigſtens in dieſer Hinſicht der Grauſamkeit meines Herrn. Von Stunde an war ich nun feſt entſchloſſen, von ihm fort zu laufen, wenn es thunlich wäre. Aber dieſes wollte ſich nicht ſchicken; denn es befanden ſich keine anderen Schiffe als drei Perſer von Ormuz in dem Hafen, und wenn ich an's Land entwich, ſo hätte er mich leicht wieder aufgreifen und mit Gewalt an Bord zurückbringen laſſen können. Ich ſah mich alſo auf die Geduld verwieſen, die mir jedoch bald zu Ende ging; denn von dieſer Zeit an begann er mich zu mißhandeln und ſchmälerte mir nicht nur meinen Mundvorrath, ſondern peitſchte mich auch wegen jeder Klei⸗ nigkeit auf's Unmenſchlichſte, ſo daß— mit einem Worte— mein Leben ein höchſt elendes war. Dieſe grauſame Behandlung und die Unmöglichkeit, ſeinen Händen zu entfliehen, ließen mein Gehirn alle Arten von Unheil brüten, und ich kam endlich, nachdem ich alle anderen Mittel überlegt und als unausführbar erfunden hatte, zu dem Entſchluſſe, ihn zu ermorden. Mit dieſem hölliſchen Vorhaben im Herzen ſann ich ganze Tage und 16 So Nächte über die Möglichkeit, es zu bewerkſtelligen, nach, und der Teufel ſchürte kräftig in meinem Innern. Aber wie es angreifen? Ich hatte weder ein Schießgewehr, noch einen Degen oder eine ſonſtige Waffe, womit ich ihm hätte an's Leben kommen können. Ich dachte vornehmlich an Gift, wußte aber nicht, wo ich welches herbekommen konnte, oder wenn dieß auch der Fall geweſen wäre, ſo kannte ich nicht einmal die Landesſprache ſo weit, um es fordern zu können. So machte ich mich der That zu hundert⸗ und hundertmalen in Gedanken ſchuldig, aber die Vorſehung vereitelte ſtets meine Plane, ſo daß ich ſie nicht auszuführen vermochte. Ich mußte daher in ſeinen Banden bleiben, bis das Schiff, nachdem es ſeine Ladung eingenommen, den Heimweg nach Portugal antrat. Ich kann nichts von dieſer Fahrt erzählen, da ich, wie geſagt, kein Journal führte, und erinnere mich nur noch, daß wir auf der Höhe des Caps der guten Hoffnung durch einen gewaltigen Sturm aus Weſt⸗Süd⸗Weſt zurückgeſchla⸗ gen wurden, der uns ſechs Tage und ſechs Nächte lang oſt⸗ wärts trieb, und als wir noch wenige Tage vor demſelben Winde herliefen, warfen wir endlich an der Küſte von Ma⸗ dagascar Anker. Der Sturm war ſo heftig geweſen, daß das Schiff be⸗ deutend Schaden genommen hatte und daher der Ausbeſſe⸗ rung bedurfte, was einige Zeit erforderte. Mein Herr, der und es nen in's öift, der nicht nen. alen tets hte. hiff, nach wie och, urch hla⸗ oſt⸗ ben Ma⸗ be⸗ eſſe⸗ der 17 S⸗ Pilot, hatte zu dieſem Ende das Schiff in eine gute Rhede gebracht, wo wir in ſechsundzwanzig Faden tiefem Waſſer ungefähr eine halbe(engliſche) Meile vom Lande ab vor Anker ritten. Während das Schiff hier lag, brach unter der Mann⸗ ſchaft wegen Nichtbezahlung des Soldrückſtandes eine Meu⸗ terei aus, welche eine ſolche Höhe erreichte, daß man im Begriffe ſtand, den Capitän an's Ufer zu ſetzen und mit dem Schiffe nach Goa zurückzukehren. Ich wünſchte von ganzem Herzen, daß dieß geſchehen möchte; denn mein Ge⸗ hirn brütete Racheplane, und ich war entſchloſſen, das Aeußerſte zu wagen. Man nahm indeß von mir wenig Notiz; denn ich galt nur als ein Knabe, ſonſt hätte mir mein aufrühreriſches Treiben, das ich ziemlich offen zur Schau ſtellte, ſchon in dieſer frühen Lebensperiode einen Strick um den Hals eintragen können. Einige von den Meuterern gingen ſogar damit um, den Capitän zu ermor⸗ den; dieſer erhielt jedoch Wind und brachte ein paar von der Bande zum Theil durch Geld und Verſprechungen, zum Theil durch Drohungen und gewaltſame Maßregeln zu ei⸗ nem Bekenntniß der Einzelnheiten des Complotts. Die Betheiligten wurden augenblicklich feſtgenommen, und da einer auf den andern ausſagte, ſo befanden ſich bald ſechs⸗ zehn Perſonen— unter ihnen auch ich— in Ketten und Banden. Singleton. I. 2 u18 S⸗ Der Capitän war über den Vorgang, der ihn mit ſo ernſtlicher Gefahr bedroht hatte, ganz wüthend, und da er im Sinn hatte, das Schiff von ſeinen Feinden zu ſäubern, ſo wurde Gericht über uns gehalten, das uns insgeſammt zum Tode verurtheilte. Ich war zu jung, um auf den Gang des Proceſſes zu achten, und erinnere mich nur noch, daß der Zahlmeiſter und einer der Kanoniere auf der Stelle ge⸗ hangen wurden, während ich mit den Uebrigen dem gleichen Schickſale entgegenſah. Ich kann nicht gerade ſagen, daß dieſe Ausſicht einen beſonders tiefen Eindruck auf mich machte; denn ich kannte wenig von dieſer und nichts von einer andern Welt, obgleich ich mich noch entſinne, daß ich viel weinte. Der Capitän begnügte ſich jedoch mit der Hinrichtung dieſer Beiden. Einige von den Uebrigen krochen zum Kreuze, verſprachen Wohlverhalten und wurden begnadigt, aber über fünf, zu denen auch ich gehörte, lautete die Verfügung da⸗ hin, daß ſie maronirt, das heißt, an irgend einem Eiland ausgeſetzt werden ſollten. Es lag in dem Intereſſe meines Herrn, mir Pardon zu erwirken, was jedoch von dem Capitän rundweg abgeſchlagen wurde, indem er erklärte, daß ich, ſo⸗ bald ich an Bord bliebe, gehangen werden müßte; denn es wäre ihm hinterbracht worden, ich ſei unter denen geweſen, welche vorzugsweiſe auf ſeine Ermordung angetragen hät⸗ ten; es ſtehe daher meinem Herrn frei, für mich zu wählen, 19& was ihm am beſten dünke. Der Capitän ſchien mir meine Betheiligung bei dem Complott beſonders übel zu nehmen, weil er mir viele Güte erwieſen und mich vorzugsweiſe für ſeinen perſönlichen Dienſt bezeichnet hatte; und dieß mochte ihn wohl veranlaſſen, meinem Herrn die Wahl zwiſchen der Hinrichtung oder der Maronirung ſeines Dieners frei zu ſtellen— eine Wahl, die Jenem wohl nicht ſchwer gefallen wäre, wenn er meine wohlwollenden Geſinnungen gegen ihn gekannt hätte, da dieſelben in nichts Geringerem beſtan⸗ den, als ihn bei eheſter Gelegenheit zu ermorden. Ich muß daher mein damaliges Unglück für eine Fügung der Vor⸗ ſehung betrachten, welche mich verhinderte, meine Hand in Blut zu tauchen, wie mich auch dieſer Umſtand veran⸗ laßte, für die Folge weniger blutgierig za ſein, als es viel⸗ leicht ſonſt der Fall geweſen wäre. Was übrigens meine Betheiligung bei dem Mordplane gegen den Capitän anbe⸗ langt, ſo war mir hiebei Unrecht geſchehen; denn dieſer Vor⸗ wurf galt nicht mir, ſondern einem der Begnadigten, der das Glück gehabt hatte, der Entdeckung dieſes Umſtandes zu entgehen. Ich ſollte nun einem unabhängigen Leben anheim ge⸗ geben werden— allerdings ein Zuſtand, für den ich übel genug vorbereitet war; denn da ich ſchon unter der ſtrengen Zucht des Schiffes allen meinen Leidenſchaften die Zügel ſchießen ließ und Nichts meine Tollkühnheit zu bändigen 2* 20 So⸗ vermochte, ſo war ich ganz und gar unfähig, von der Frei⸗ heit einen vernünftigen Gebrauch zu machen. Wirklich war ich auch zu jedem böſen Streiche ſo bereit, als es nur irgend ein junger Burſche ſein kann, der nie einen ernſten Gedan⸗ ken in ſeiner Seele Platz greifen ließ. An Erziehung fehlte es mir ja gänzlich, und alle die kleinen Scenen meines Lebens waren nur eine Reihe von Gefahren und verzweifel⸗ ten Umſtänden geweſen. Meine Jugend oder mein Stumpf⸗ ſinn ließen jedoch keinen Kummer in mir aufkommen, da ich die Folgen nicht zu würdigen verſtand. Freilich hatte dieſe gedankenloſe Unbekümmertheit auch etwas Gutes; denn wenn ſie mich wagehalſig und zu jedem Unheil bereit machte, ſo hielt ſie auch die Sorge und die Troſtloſigkeit ferne, welche ſonſt gern die Stunden des Un⸗ glücks begleiten und den Geiſt ſo bedrücken, daß ihm nicht die nöthige Freiheit bleibt, auf Mittel zu ſinnen, welche im Stande ſind, die Lage des Augenblicks zu verbeſſern. Die⸗ ſes war auch wirklich bei meinen Gefährten der Fall, die ſich im Augenblicke der Noth ſo verzagt benahmen, daß die Furcht, verhungern zu müſſen, von wilden Thieren gefreſſen, umgebracht, vielleicht von Cannibalen verzehrt zu werden und dergleichen, keinem andern Gedanken mehr Raum gab. Ich mochte kaum ſiebenzehn oder achtzehn Jahre zählen, als mir mein Schickſal angekündigt wurde. Ich vernahm es, ohne eine Spur von Entmuthigung blicken zu laſſen. 3 21 G& Ich fragte allerdings, was mein Herr dazu ſage, und er⸗ fuhr dann, daß er Allem aufgeboten hätte, mich zu retten. Als man mir aber mittheilte, wie der Capitän ihm die Wahl gelaſſen, mich hängen oder maroniren zu ſehen, ſo gab ich alle Hoffnung, wieder zu Gnaden angenommen zu werden, auf. Meinem Herrn wußte ich für ſeine Fürbitte bei dem Capitän wenig Dank; denn es war mir wohl be⸗ kannt, daß der Grund nicht in ſeiner Liebe zu mir, ſondern in ſeiner Liebe zu ſich ſelber lag; er hätte nämlich gar zu gern den Sold, mit dem ich in der Schiffsliſte ſtand und der ſich nebſt dem, was mir für den perſönlichen Dienſt bei dem Capitän berechnet wurde, monatlich auf 6 Dollars belief, für mich eingeſtrichen. Auf die Nachricht von der wohlwollenden Fürſprache meines Herrn bat ich um eine Unterredung mit demſelben; es wurde mir jedoch bedeutet, daß dieſes nur ſtattfinden könne, wenn er ſich bequeme, zu mir herunter zu kommen, da es keineswegs anginge, mich zu ihm hinauf zu laſſen. Als man ihm meinen Wunſch hinterbrachte, beſuchte er mich. Ich fiel vor ihm auf die Kniee nieder und bat ihn, mir alles Leid, das ich ihm angethan, zu verzeihen; denn ſchon damals erfüllte der frühere Mordanſchlag meine Seele mit Entſetzen, und es fehlte wenig, daß ich ihm den ver⸗ brecheriſchen Gedanken bekannt und mir ſeine Vergebung dafür erfleht hätte. Er erklärte mir, daß er Allem aufge⸗ 22 E⸗ boten hätte, um Pardon für mich zu erwirken, aber vergeb⸗ lich, und ſo wüßte er mir keinen beſſern Rath, als mich geduldig in mein Schickſal zu fügen; er wolle ſich's übri⸗ gens angelegen ſein laſſen, falls ihnen ein portugieſiſches Schiff am Cap begegne, es zu bewegen, nach uns zu ſpähen und uns wieder an Bord zu nehmen, wenn wir aufgefun⸗ den werden könnten. Auf meine Bitte, mir meine Kleider ausfolgen zu laſ⸗ ſen, meinte er, ich würde wohl wenig Kleider brauchen; denn es ſei geringe Hoffnung für mich vorhanden, lange am Leben zu bleiben; er hätte gehört, die Inſel, auf der wir ausgeſetzt werden ſollten, bärge Menſchenfreſſer(er hatte übrigens durchaus keinen Grund für dieſe Annahme), und ſo würden wir dieſen bald als leckere Braten gelegen kom⸗ men. Ich erklärte darauf, dieß mache mir nicht ſo viel Sorge, als die Gefahr des Verhungerns; denn wenn die Einwohner in der That Menſchenfreſſer wären, ſo dürften ſie wohl eher uns, als wir ihnen zur Speiſe dienen, falls man ihnen nur beikommen könnte. Die Gefahr beſtände für uns nur darin, daß wir keine Waffen hätten, um uns zu vertheidigen, weßhalb ich ihn um weiter nichts bäte, als daß er mir ein Gewehr, einen Säbel, Pulver und Kugeln geben möchte. Er lächelte und ſagte, dieß könnte uns Alles nichts nützen; denn wir dürften durchaus nicht hoffen, unter den vielen und blutgierigen Einwohnern der Inſel unſer Lebe zu l daß verz wiſſ wer eine wol Gel and wol am er Sch wir obſ es näl kein gle ger und der mit geb⸗ nich bri⸗ ches hen fun⸗ laſ⸗ en; am wir atte und om⸗ viel die ften alls inde uns als geln llles nter nſer 2 23& Leben zu erhalten. Ich ließ jedoch nicht ab, um ein Gewehr zu bitten, da es uns wenigſtens einen Dienſt leiſten könnte, daß wir nämlich nicht auf der Stelle abgeſchlachtet und verzehrt würden, bis er endlich die Erklärung abgab, er wiſſe nicht, ob ihm der Capitän die Erlaubniß ertheilen werde, meinem Geſuche zu willfahren, ohne die er natürlich eine derartige Vergünſtigung nicht verantworten könne, er wolle indeß thun, was er könne, um meiner Bitte geneigtes Gehör zu verſchaffen. Er hielt Wort und ſchickte mir des andern Tages eine Flinte mit der Nachricht, der Capitän wolle uns die Munition erſt zugehen laſſen, wenn wir alle am Strande und ſeine Anker gelichtet wären. Auch ſandte er mir das Wenige an Kleidern, was ich noch auf dem Schiffe hatte. Als wir an unſerer Inſel gelandet wurden, erſchracken wir nicht wenig vor dem wilden Ausſehen ihrer Bewohner, obſchon ihr Aeußeres nicht ganz ſo entſetzenerregend war, wie es uns die Matroſen geſchildert hatten. Als wir jedoch in nähere Berührung mit ihnen kamen, fanden wir, daß ſie keine Kannibalen waren; denn es fiel ihnen nicht ein, ſo⸗ gleich über uns herzufallen und uns aufzuzehren. Im Ge⸗ gentheil kamen ſie auf uns zu, ſetzten ſich zu uns nieder und betrachteten mit neugieriger Verwunderung unſere Klei⸗ der und Waffen. Auch verſahen ſie uns mit Nahrungs⸗ mitteln, wie ſie gerade zur Hand waren, und die vornehmlich 24 Sd⸗ aus Wurzeln beſtanden, und brachten uns ſpäter Fleiſch und Geflügel in Menge. Dieß hob den Muth meiner Gefährten wieder bedeu⸗ tend. Waren ſie anfangs ganz niedergeſchlagen geweſen, ſo wurden ſie jetzt zutraulich gegen die Eingebornen und gaben ihnen durch Zeichen zu verſtehen, daß wir bei ihnen bleiben würden, wenn wir uns einer freundlichen Behand⸗ lung verſehen dürften. Dieſe Erklärung ſchien ihnen Freude zu machen, obgleich ſie weder die Nothwendigkeit kannten, welche ſie uns abzwang, noch die Furcht ahneten, die wir vor ihnen hatten. Bei weiterer Ueberlegung jedoch beſchloſſen wir, nur ſo lange zu bleiben, bis das Schiff die Anker lichten würde; dann wollten wir, um die Eingebornen auf den Gedanken zu bringen, wir wären mit dieſem abgeſegelt, wo möglich eine Gegend aufſuchen, die keine Spuren von Bewohnern zeigen würde, und dort ausharren, ſo gut es ginge, bis vielleicht irgend ein Schiff an unſere Küſte triebe. Das Schiff blieb noch vierzehn Tage in der Bucht, um ſeine im letzten Sturme erlittenen Beſchädigungen auszu⸗ beſſern und Holz und Waſſer einzunehmen. Während die⸗ ſer Zeit kam das Boot öfters an's Land und brachte uns verſchiedene Erfriſchungen. Die Eingebornen glaubten, wir gehörten zum Schiffe und waren ziemlich höflich. Wir wohnten in einer Art von Zelt oder vielmehr Hütte, die ) und bedeu⸗ veſen, und ihnen hand⸗ reude inten, wir nur ürde; unken glich nern bis ucht, iszu⸗ die⸗ uns wir Wir die 3 25 S⸗ wir aus Zweigen gemacht hatten, und zogen uns Nachts zuweilen in einen Wald zurück, der etwas abſeits lag, um ihnen die Meinung beizubringen, wir wären an Bord ge⸗ gangen. Indeſſen verriethen ſie doch einen rohen, heim⸗ tückiſchen und bösartigen Charakter. Furcht war die Quelle ihrer Höflichkeit, und ſie ſchienen entſchloſſen, ſobald das Schiff abgeſegelt ſein würde, über uns herzufallen. Dieſe Beobachtung flößte meinen Leidensgefährten die bängſten Beſorgniſſe ein. Einer derſelben, ein Zimmer⸗ mann, ging in ſeiner Angſt ſo weit, daß er bei Nacht auf das Schiff zuſchwamm, obgleich es eine Seemeile entfernt lag, wo er ſo kläglich um Aufnahme flehte, daß ſich der Capitän endlich bewegen ließ, ſeinem Geſuch zu willfahren, nachdem er ihn zuvor volle drei Stunden im Waſſer hatte ſchwimmen laſſen. Freilich ließ ſich auch der demüthigen Unterwerfung und der Zudringlichkeit des armen Teufels nicht leicht wider⸗ ſtehen, er wollte gern Alles mit ſich anfangen, ja ſogar ſich hängen laſſen, wenn man ihn nur wieder aufnähme. Das lange Schwimmen um das Schiff herum hatte ihn ſo abgemattet, daß er das Ufer unmöglich wieder erreichen konnte. Der Capitän ſah daher, daß man den Menſchen an Bord holen oder ertrinken laſſen müßte, und da die ganze Mann⸗ ſchaft für ſein künftiges Wohlverhalten gut ſprach, ſo gab 26& er endlich die Erlaubniß, daß der Halbtodte heraufgezogen werden durfte. Als er an Bord war, hörte er nicht auf, bei dem Ca⸗ pitän und den übrigen Offizieren für uns zu flehen; aber erſterer blieb bis zum letzten Tage unerbittlich. Als man ſich zum Abſegeln anſchickte, und der Befehl ertheilt wurde, die Boote in's Schiff zu holen, kam die ganze Mannſchaft vor die Schranken des Halbdecks, auf dem der Capitän mit einigen von ſeinen Offizieren auf⸗ und abging. Der Boots⸗ mann wurde aufgefordert, für ſie zu ſprechen. Er fiel vor dem Capitän auf die Kniee nieder und bat ihn in den de⸗ müthigſten Ausdrücken, die vier Mann wieder an Bord zu nehmen und ihnen auf ſeine Bürgſchaft für ihre Treue zu verzeihen, oder ſie lieber in Ketten zu halten, bis ſie nach Liſſabon kämen, und dort der Gerechtigkeit auszuliefern, als hier der Barbarei der Wilden oder dem Blutdurſte der reißenden Thiere preiszugeben. Lange gab ihm der Capitän gar kein Gehör. Endlich ließ er ihn verhaften und drohte ihm für ſeine Verwendung mit der Katze. Zweites Kapitel. Die Mannſchaft bittet den Capitän, uns wieder an Bord zu nehmen.— Auf die abſchlägige Antwort deſſelben verlaſſen dreiundzwanzig Mann, wohl bewaffnet, das Schiff und vereinigen ſich mit uns an der Küſte.— Unterhandlungen mit den Eingebornen.— Wir bauen einen Kahn, um zu entkommen.— Nach verſchiedenen Abenteuern ſtechen wir in die See. Auf dieſe harte Antwort bat ein Matroſe, der mehr Kühnheit beſaß, als die Uebrigen, Seiner Gnaden— ſo redete er den Capitän an— mit aller ſchuldigen Achtung, er möchte wenigſtens noch Einigen von der Mannſchaft er⸗ lauben, an's Land zu gehen, um mit ihren Gefährten zu ſterben oder ſich mit ihnen wo möglich gegen die Einge⸗ bornen zu halten. Mehr erzürnt als eingeſchüchtert durch dieſes Geſuch, kam der Capitän an die Schranken des Halb⸗ decks und antwortete jedoch mit kluger Mäßigung(denn hätte er aus einem rauhen Tone geſprochen, ſo würden zwei Drittheile von der Mannſchaft, wo nicht Alle, das Schiff verlaſſen haben), ihre ſowohl als ſeine eigene Sicherheit 28 E⸗⸗ habe ihn zu dieſer Strenge genöthigt; Aufruhr auf einem Schiffe ſei daſſelbe, was Hochverrath im königlichen Palaſte, verantworten, das vertrauen, welche die ſchwärzeſten Plän wünſchte zwar von Herzen, daß er ſie ir an’'s Land ſetzen laſſen können, wo ſie preisgegeben wären, da er nicht ihren Un indem er ſie ſonſt eben ſo gut an Bord gendwo anders hätte den Wilden weniger tergang beabſichtigte, hätte hinrichten laſſen wäre ihm lieb, das hin, wenn ihr Leben auf dem Spiele und die Sicherheit des Schiffes, und ihnen(wiewohl er ſich nicht bewußt ſe dient zu haben) deßwegen, weil er ſi Verräther an Bord zu nehmen, we ſtehe, als das ſeinige wenn etwa Einer von i, dieß an ihnen ver⸗ ch weigere, eine Rotte lche ſich, wie ſie alle ſchworen hätten, wenn —₰ ———— α— —————— — 29& Dieſe an ſich ſehr vernünftige Rede wurde ſo gut und mit ſo viel Mäßigung vorgetragen und ſchloß ſo beſtimmt mit einer verneinenden Entſcheidung, daß der größte Theil der Mannſchaft für den Augenblick zufrieden geſtellt war; aber die geheimen Berathungen, zu denen ſie Veranlaſſung gab, dauerten noch einige Stunden fort, und da auch der Wind gegen Abend nachließ, ſo befahl der Capitän, die Anker nicht vor dem folgenden Morgen zu lichten. In der Nacht noch wandten ſich dreiundzwanzig Mann, worunter der Gehülfe des Stückmeiſters, der Aſſiſtent des Wundarztes und zwei Zimmerleute, mit der Bitte an den erſten Lieutenant, dem Capitän, da ſie Erlaubniß hätten, zu ihren Kameraden an's Land zu gehen, die Meldung zu machen, er möchte es ihnen nicht verargen, wenn ſie hin⸗ gingen, mit ihren Gefährten zu ſterben; ſie könnten in die⸗ ſem äußerſten Falle nicht anders handeln; denn wenn es ein Mittel gebe, das Leben ihrer Gefährten zu retten, ſo ſei es eine Verſtärkung, die ſie in den Stand ſetzte, ſich ſo lange gegen die Wilden zu halten, bis ſie früher oder ſpäter Gelegenheit fänden, zu entkommen und in ihr Vaterland zurückzukehren. Der Lieutenant antwortete ihnen, er wage es nicht, über dieſen Punkt mit dem Capitän zu ſprechen, und ſei ſehr ungehalten darüber, daß ſie ſo wenig Achtung vor ihm hätten, um ihm nur ſo etwas zuzumuthen; wenn ſie jedoch entſchloſſen wären, ihr Vorhaben auszuführen, ſo riethe er ihnen, am Morgen bei Zeiten das lange Boot zu nehmen, die Erlaubniß des Capitäns zu benützen und einen höflichen Brief an ihn zu hinterlaſſen, worin ſie ihn unter anderem bäten, das Boot, welches ſie mitgenommen, wieder abholen zu laſſen, da ſie es redlich wieder zurückgeben wollten. Schließlich verſprach er noch, ihren Anſchlag vor der Hand geheim zu halten. Eine Stunde vor Tagesanbruch ſchifften ſich dreiund⸗ zwanzig Mann in aller Stille ein. Jeder hatte ſich mit einer Flinte und einem Säbel bewaffnet; außerdem nahmen ſie noch eine Anzahl Piſtolen, drei Hellebarden und einen ziemlichen Vorrath von Pulver und Kugeln, alle ihre Kiſten und Kleidungsſtücke, Inſtrumente, Bücher u. dgl. und unge⸗ fähr ein halbes Hundert Brode mit. Der Capitän erfuhr ihre Abfahrt erſt, nachdem ſie ſchon die Hälfte des Weges nach der Küſte zurückgelegt hatten. Alsbald rief er, da der erſte Conſtabler gerade krank in. ſeiner Koje lag, den Stückmeiſtersgehülfen, um auf die Flüchtlinge Feuer zu geben; aber zu ſeinem großen Aerger war der Gerufene ſelbſt unter der Zahl der Vermißten; und eben dieſem Umſtande verdankten ſie den großen Vorrath an Waffen und ſonſtigem Kriegsbedarf. Als der Capitän ſah, wie die Sachen ſtanden, und daß nichts mehr zu machen war, machte er gute Miene zum böſen Spiel, rief die Mann⸗ 31 SE⸗ ſchaft zuſammen, ſprach freundlich mit ihnen und verſicherte ſie ſeiner Zufriedenheit mit ihrer Treue und Brauchbarkeit. Er wolle zu ihrer Aufmunterung, fuhr er in ſeiner Rede fort, den Sold, den die Entwichenen noch zu fordern gehabt hätten, unter die Zurückgebliebenen vertheilen, und er könne ſich nun Glück wünſchen, daß das Schiff von dem auf⸗ rühreriſchen Geſindel befreit ſei, das nicht den geringſten Grund zur Unzufriedenheit gehabt habe. Dieſe Worte fanden eine ſehr gute Aufnahme und be⸗ ſonders günſtig war der Eindruck, den das gegebene Ver⸗ ſprechen der Soldvertheilung auf die Mannſchaft machte. Hierauf erhielt der Capitän den oben erwähnten Brief aus den Händen ſeines Cajütenjungen, welchem die Entwichenen denſelben, wie es ſchien, hinterlaſſen hatten. Er war ſo ziemlich deſſelben Inhalts, wie ihre Bitte an den Lieute⸗ nant, der ihnen ſeine Verwendung verweigert hatte. Nur ſetzten ſie am Schluſſe noch hinzu, da ſie keine unehrliche Abſicht hätten, ſo hätten ſie nichts mitgenommen, was ſie nicht ihr Eigenthum nennen könnten, außer einigen Waffen und der erforderlichen Munition, ſo viel deren zu ihrer Ver⸗ theidigung gegen die Wilden und zu der für ihren Unterhalt erforderlichen Jagd unumgänglich nothwendig wäre, und da ſie noch beträchtliche Rückſtände zu fordern hätten, ſo hofften ſie, er würde ihnen den mitgenommenen Kriegsbedarf da⸗ gegen überlaſſen. Was das lange Boot beträfe, auf welchem ſie an's Land gefahren, ſo wüßten ſie, daß er es nicht ent⸗ behren könnte, und wären bereit, es zurückzugeben; wenn er daher Leute darnach ausſenden wollte, ſo ſollte dieſen eine höfliche Behandlung zu Theil werden und keinem ein Leid widerfahren; auch wollten ſie nicht den geringſten Ver⸗ ſuch machen, ſie zu überreden, bei ihnen zu bleiben. End⸗ lich baten ſie den Capitän noch demüthig, er möchte ihnen zur Vertheidigung und Erhaltung ihres Lebens noch ein Fäßchen Pulver und ſonſtigen Kriegsbedarf ſchicken und ihnen Maſt und Segel des Bootes überlaſſen, damit ſie, wenn es ihnen möglich würde, ſelbſt ein Boot irgend einer Art zu Stande zu bringen, zur See gehen könnten, um ſich in diejenige Gegend der Welt zu flüchten, in welche ſie ihr Schickſal führen würde. Hierauf kam der Capitän, der die Zurückgebliebenen durch ſeine Worte gewonnen hatte und mit der allgemeinen Ruhe völlig zufrieden war,— denn wirklich waren es die unzufriedenſten Köpfe, welche ſich entfernt hatten— wieder auf das Halbdeck und rief die Mannſchaft zuſammen, um ihnen den Inhalt des Briefes mitzutheilen. Wiewohl ſie es nicht verdient hätten, ſagte er, nachdem er denſelben vor⸗ geleſen, ſo wolle er ſie doch nicht weiter blosſtellen, als ſie es ſelbſt freiwillig gethan hätten, weßhalb er geneigt ſei, ihnen einigen Kriegsbedarf zu ſchicken; ſie hätten zwar nur um ein Fäßchen Pulver gebeten, er wolle ihnen aber zwei 3 33 S ſchicken und zudem noch Kugeln oder Blei nebſt Kugel⸗ formen in verhältnißmäßiger Anzahl. Ja, um ihnen zu zeigen, daß er gütiger ſei, als ſie es verdient hätten, gab er ſogar Befehl, ihnen noch ein Fäßchen Arrack und einen großen Sack voll Brod zu ihrem Unterhalt zu ſenden, bis ſie im Stande ſein würden, ſich ſelbſt die nöthigen Nahrungs⸗ mittel zu verſchaffen. Die Mannſchaft gab der Freigebigkeit des Capitäns ihren Beifall zu erkennen und jeder Einzelne legte noch das Eine oder Andere für uns bei. Gegen drei Uhr Nachmittags landete die Pinaſſe an unſerer Küſte, brachte zur großen Freude Aller das Genannte mit und nahm das große Boot wieder zurück. Die Mannſchaft der Pinaſſe, wozu der Capitän nur ſolche gewählt hatte, von denen er überzeugt war, daß ſie nicht zu uns übergehen würden, hatte den gemeſſenen Befehl, bei Todesſtrafe Keinen von uns an Bord zu nehmen; und beide Theile waren ſo gewiſſenhaft, daß wir ſie nicht zum Bleiben und ſie uns nicht zum Mit⸗ gehen einluden, So war denn unſere Anzahl ziemlich groß. Wir waren im Ganzen unſerer ſiebenundzwanzig, ſehr gut bewaffnet und mit Ausnahme des Mundvorraths mit Allem hinläng⸗ lich verſehen. Wir hatten zwei Zimmerleute, einen Geſchütz⸗ meiſter und, was ſo viel werth war als alles Uebrige, einen Wundarzt bei uns. Letzterer war nämlich zu Goa bei einem Singleton. I. 3 34 S⸗⸗ Wundarzt als Gehülfe geweſen und bei uns als überzählig aufgenommen worden. Die Zimmerleute führten ihren ganzen Handwerkszeug, der Doctor ſeine ſämmtlichen Inſtrumente und Arzneimittel bei ſich, und wir hatten überhaupt im Ganzen eine Menge Gepäck. Im Einzelnen war es nicht ſo; denn Mancher hatte wenig mehr, als was er auf dem Leibe trug, und zu dieſer letzteren Claſſe gehörte auch ich; aber ich hatte etwas, was Keiner von Allen beſaß, die zweiundzwanzig goldenen Moidore, die ich mir in Braſilien zugeeignet, und zwei Dollars. Die beiden letztern und einen Moidor zeigte ich, mehr nicht, und Keiner von meinen Gefährten ſchöpfte jemals Verdacht, ich könnte noch irgend mehr auf der Welt mein Eigenthum nennen; denn Alle wußten, daß ich als armer Knabe aus Mitleid aufgenommen und von meinem grauſamen Herrn, dem Piloten, gleich einem Sklaven, ja noch ſchlimmer, als es Sklaven gewöhnlich zu haben pflegen, behandelt worden war. 8 Daß wir vier über die Ankunft der Uebrigen erfreut, ja vor Freude ganz entzückt waren, läßt ſich denken. Zwar fürchteten wir anfangs, ſie kämen, um uns zum Strang abzuholen, aber alsbald wurden wir durch ihre Verſicherung beruhigt, daß ſie das gleiche Loos mit uns theilten, nur mit dem Unterſchiede, daß wir uns demſelben gezwungen, ſie aber freiwillig unterzogen hatten. Die erſte Neuigkeit die ſie uns nach der kurzen 35 G⸗ Erzählung ihrer Flucht mittheilten, war die Aufnahme unſeres Gefährten an Bord. Wie er auf's Schiff gekommen war, konnten wir uns nicht vorſtellen; denn er hatte ſich heimlich von uns entfernt, und wir ließen uns nicht träumen, daß er ſo gut ſchwimmen könne, um ſich ſo weit in die See zu wagen; ja wir wußten nicht einmal, daß er überhaupt ſchwimmen konnte, und hatten keine Ahnung von dem wahren Stande der Sache, ſondern vermutheten vielmehr, er müſſe in die Wälder gegangen ſein, wo er entweder von wilden Thieren zerriſſen oder von den Eingeborenen ermordet wor⸗ den ſei— eine Vermuthung, die uns mit Beſorgniſſen aller Art erfüllte und mit der Ausſicht auf das gleiche Schickſal quälte. Als wir aber vernahmen, er ſei endlich mit großer Schwierigkeit an Bord genommen worden und habe Ver⸗ zeihung erhalten, wurden wir wieder ruhiger. Da wir nun durch die angekommene Verſtärkung in den Stand geſetzt waren, uns zu vertheidigen, ſo war unſer Erſtes, uns gegenſeitig die Hand darauf zu geben, daß wir uns nie und unter keinen Umſtänden von einander trennen, ſondern mit einander leben und ſterben wollten, daß jedes erlegte Thier Gemeingut ſein ſollte, und daß bei jeglichem Beginnen Stimmenmehrheit gelten müßte und in keinem Stücke auf den eigenen Plänen beharrt werden dürfte, wenn ſich die Mehrzahl dagegen ausſpräche. Auch ſollte auf be⸗ liebige Zeit ein Capitän gewählt werden, um uns zu regieren 3*F 36 S⸗ und zu leiten, der dann, ſo lang er im Amt ſtände, bei Todesſtrafe unbedingten Gehorſam fordern dürfte. Zu dieſer Würde ſollte jeder der Reihe nach berechtigt ſein, der Capitän jedoch in keinem Stücke ohne Wiſſen der Uebrigen und ohne die Zuſtimmung der Majorität handeln dürfen. Nachdem wir dieſe Geſetze aufgeſtellt hatten, beſchloſſen wir, die geeigneten Maßregeln zu ergreifen, um unſern Unterhalt zu gewinnen und deßhalb mit den Eingeborenen Unterhandlungen anzuknüpfen. Was die Lebensmittel anbe⸗ langt, ſo gingen ſie uns anfangs freiwillig an die Hand, aber bald geriethen wir in Händel mit ihnen; denn es war ein unwiſſendes, räuberiſches und rohes Volk, noch ſchlimmer als wir je eines kennen gelernt hatten; und bald fanden wir, daß unſere Hauptnahrungsquelle in unſern Flinten lag, da die Inſel Ueberfluß an Wild und Vögeln aller Art hatte. Die Eingeborenen bekümmerten ſich wenig um uns. Sie fragten nicht und wußten vielleicht nicht, ob wir bei ihnen bleiben würden oder nicht, und ebenſo wenig war ihnen bekannt, daß unſer Schiff auf immer abgegangen „war und uns hier ſo blosgeſtellt hatte; denn am andern Morgen, nachdem wir das lange Boot zurückgegeben, war das Schiff ſüdoſtwärts unter Segel gegangen, und nach vier Stunden hatten wir es aus den Augen verloren. Am folgenden Tage gingen vier von uns, je zwei in verſchiedener Richtung, landeinwärts, um die Gegend näher 37 S⸗⸗ zu unterſuchen. Wir fanden bald, daß ſie— eben ſo lieblich als fruchtbar— einen ſehr angenehmen Aufenthalt verſprach. Das Land hatte Ueberfluß an Vieh und Früchten, aber wir wußten nicht, ob wir nehmen durften, wo wir fanden, und ob wir gleich nothgedrungen waren, auf Nahrung auszugehen, ſo ſcheuten wir uns doch, uns eine ganze Nation Dämonen auf einmal auf den Hals zu laden. Deßwegen machten Einige den Vorſchlag, eine Verſtändigung mit den Einge⸗ borenen zu verſuchen, um zu ſehen, wie wir uns gegen ſie zu verhalten hätten. Eilf Mann wurden mit dieſer Sen⸗ dung beauftragt. Sie verſahen ſich gut mit Waffen und waren zu jeder Vertheidigung gerüſtet. Bei ihrer Rückkehr berichteten ſie, daß ſie einige Eingeborene geſehen hätten, und daß dieſe ſehr höflich geweſen, aber beim Anblicke ihrer Flinten gewaltig erſchrocken wären; denn ſie hätten es offen⸗ bar gewußt, was es damit für eine Bewandtniß hätte. Sie gaben den Wilden durch Zeichen zu erkennen, daß ſie Nah⸗ rungsmittel zu erhalten wünſchten. Hierauf entfernten ſich dieſe und brachten Wurzeln, Kräuter und etwas Milch; aber es lag am Tage, daß ſie es nicht wegzuſchenken, ſondern zu verkaufen geſonnen waren, indem ſie durch Zeichen frag⸗ ten, was man ihnen dafür geben wollte. Die Unſerigen kamen in Verlegenheit; denn ſie hatten nichts bei ſich, was ſie austauſchen konnten. Indeſſen zog 5 38 SE⸗ Einer von ihnen ein Meſſer hervor und zeigte es den Wil⸗ den. Sie betrachteten es mit einer Gier, als wollten ſie den kleinen Finger darum geben, und feilſchten lange genug um den Gegenſtand ihrer Bewunderung. Einige boten Wurzeln, Andere Milch, endlich Einer eine Ziege, für welche denn auch die Waare losgeſchlagen wurde. Auf dieſes wies ein Anderer von unſern Leuten ein zweites Meſſer vor, aber die Eingeborenen hatten nichts mehr dagegen auszutauſchen, was koſtbar genug geweſen wäre. Nun gab einer durch Zeichen zu verſtehen, daß er etwas holen wolle. Drei Stunden lang warteten unſere Leute auf ſeine Rückkehr. Endlich brachte er eine kleine und kurze, aber ſehr fette Kuh und gab ſie gegen das Meſſer weg. Das war ein guter Handel, aber zum Unglück hatten wir keine weiteren Tauſchwaaren; denn unſere Meſſer wa⸗ ren uns eben ſo nothwendig, als ihnen angenehm, und hätten wir nicht um jeden Preis Nahrungsmittel haben müſſen, ſo hätten ſich unſere Leute auch jener beiden nicht entäußert. Bald fanden wir jedoch, daß die Wälder mit Thieren angefüllt waren, die wir, ohne uns in Verlegenheit zu ſetzen, tödten konnten. Täglich gingen wir auf die Jagd und kehrten niemals leer zurück. Das war um ſo nöthiger, als wir nichts mehr wegzugeben hatten; denn was das Geld anbelangte, ſo würde unſer ganzer Vorrath nicht weit 5 39& gereicht haben. Deſſen ungeachtet hielten wir eine Verſamm⸗ lung, um unſere Schätze zu zählen, die dann, um deſto beſſer damit haushalten zu können, in eine gemeinſchaftliche Kaſſe geworfen wurden. Als die Reihe an mich kam, zog ich einen Moidor und die beiden Dollars aus der Taſche, von denen ich oben geſprochen habe.— Ich gab den Moidor deßwegen her, damit mich meine Gefährten wegen der Geringfügigkeit meines Beitrages zur Kaſſe nicht hintanſetzen oder gar durchſuchen möchten, wie ſie ſich denn auch im Wahne, ich ſei gewiſſenhaft genug geweſen, ihnen nichts vorzuenthalten, ſehr höflich gegen mich benahmen. 3 Doch unſer Geld nützze uns nicht viel; denn die Ein⸗ geborenen kannten weder den Werth noch den Gebrauch deſ⸗ ſelben; auch wußten ſie keinen Unterſchied zwiſchen Gold und Silber zu machen, ſo daß unſer Vorrath davon uns wenig geholfen hätte, wenn wir dafür hätten Lebensmittel kaufen wollen. Zunächſt überlegten wir, wie wir von dieſem ver⸗ wünſchten Orte wegkommen und an einen andern gelangen könnten. Als die Anfrage an mich kam, ſagte ich, ich wolle das ihnen überlaſſen, es ſei mir lieber, ſie laſſen mich in die Wälder gehen und Nahrungsmittel ſuchen, als mit ihnen rathſchlagen; denn ich ſei mit Allem einverſtanden, was ſie immer beginnen würden. Dieß war jedoch nicht ihre 9 40 SE⸗ Anſicht, da ſie es für zu gewagt hielten, Einen allein in die Wälder zu laſſen; denn hatten wir auch bis jetzt weder Löwen noch Tiger geſehen, ſo glaubten wir doch, überzeugt ſeyn zu dürfen, daß die Inſel an beiden Ueberfluß habe, ohne die andern Thiere zu rechnen, die eben ſo gefährlich und vielleicht noch gefährlicher waren, wie wir nachher durch Erfahrung belehrt wurden. Wir hatten in den Wäldern manche Abenteuer zu be⸗ ſtehen, um unſern Unterhalt zu gewinnen, und ſtießen oft auf furchtbare Thiere, von denen wir nicht einmal die Na⸗ men kannten. Da ſie aber, wie wir ſelbſt, auf Beute aus⸗ gingen und an ſich keinen Werth für uns hatten, ſo ſtörten wir ſie ſo wenig als möglich. Die vorhin erwähnten Berathungen liefen am Ende darauf hinaus, daß wir die Kunſt unſerer beiden Zimmer⸗ meiſter, die beinahe mit allen Arten von Werkzeugen ver⸗ ſehen waren, zu benutzen und ein Boot zu bauen beſchloſſen, um damit in die See zu gehen und vielleicht nach Goa zurückzukehren oder an irgend einer Stelle zu landen, von der wir leichter fortkommen konnten. Die Vorſchläge, welche in dieſer Verſammlung gemacht wurden, waren an ſich von keiner Bedeutung, aber da ſie die Vorbereitung für eine Menge merkwürdigerer Begebenheiten ſind, welche viele Jahre nachher unter meiner Leitung geſchahen, ſo dürfte 2 2 u41 So⸗ dieſes Miniaturbild meiner ſpäteren Unternehmungen nicht ganz unintereſſant ſein. Gegen den Bau eines Bootes war nichts einzuwenden, und man ging ſogleich ans Werk, ſtieß aber bald auf große Schwierigkeiten, wie den Mangel an Sägen, um Bretter zu ſchneiden, an Nägeln und Klammern, um die Balken zu befeſtigen, an Hanf, Pech und Theer, um die Spalten zu verſtopfen u. ſ. w. Endlich machte Einer den Vorſchlag, anſtatt einer Barke oder Schaluppe, oder wie ſie das Boot nun nennen wollten, lieber einen großen Nachen oder Kahn zu bauen, was mit Leichtigkeit auszu⸗ führen wäre. Dagegen wurde ſogleich eingewendet, einen Kahn könne man nicht groß und ſtark genug machen, um damit in die offene See zu gehen, die wir doch befahren mußten, um die Küſte von Malabar zu erreichen; ein Kahn ſei nicht nur für die See, ſondern auch für die Ladung zu ſchwach; wir ſeien nicht nur ſiebenundzwanzig Mann, ſon⸗ dern hätten auch eine Menge Gepäck und müßten zu unſerer Nahrung noch weit größere Vorräthe mitnehmen. Ich hatte mir vorgenommen, bei der allgemeinen Be⸗ rathung nichts darein zu ſprechen, aber da ich ſah, daß meine Kameraden mit ihrem Witze zu Ende waren, ſo ſagte ich, allerdings dürften ſie niemals darauf rechnen, in einem Kahne, der, wenn er auch alle aufnehmen und die hohe See aushalten könnte, doch unſere Mundvorräthe 2d 42 So⸗. und namentlich das erforderliche Waſſer nicht faſſen würde, nach Goa oder an die Küſte von Malabar zu gelangen, und ſie rennten mit Gewalt in ihr Verderben, wenn ſie auf der Ausführung dieſes Wageſtückes beſtänden; deſſen ungeachtet aber ſtimme ich für den Bau eines Kahnes. Sie erwiederten mir hierauf, ſie ſähen recht wohl die Wahrheit deſſen, was ich geſagt hätte, ein, könnten übri⸗ gens nicht begreifen, wie ich von der Gefahr und Unmög⸗ lichkeit, auf einem Kahne fortzukommen, ſprechen und doch den Bau eines ſolches anrathen möge. Ich gab hierauf meine Meinung dahin ab, es handle ſich gar nicht darum, unſer Entkommen auf einem Kahne zu verſuchen, da noch mehr Schiffe außer dem unſrigen auf der See führen, indem es wenige Nationen an der Meeresküſte gäbe, welche auf einer ſo niedern Stufe der Cultur ſtänden, um nicht auf irgend einer Art von Fahr⸗ zeug zur See zu gehen; es wäre daher unſere Aufgabe, an der Küſte der Inſel(die ſehr lang war) zu kreuzen und das nächſte Boot, das wir finden könnten, wegzunehmen, falls es beſſer ſei, als das unſerige, und ſofort von einem zum andern, bis wir vielleicht endlich ein Schiff bekämen, mit welchem wir ſteuern könnten, wohin wir wollten. „Vortrefflicher Rath!“ ſagte Einer von ihnen.„Be⸗ wunderungswürdiger Rath!« rief ein Anderer.„Ja, ja,“ ſagte der Dritte(der Geſchützmeiſter),„der engliſche Hund 2 43& hat's nicht übel im Sinne, nur ſchade, daß er uns geraden Wegs an den Galgen führt, der Schurke hat uns da in der That einen wahren Teufelsrath gegeben! Auf Raub auszugehen, bis wir von einem kleinen zu einem großen Schiffe kämen! Auf dieſe Art wären wir nichts anderes als Seeräuber, und das Ende von all dem wäre der Strick.“ „Ihr mögt uns Seeräuber nennen,“ ſagte ein Anderer, „wenn es Euch beliebt, und wenn wir in die unrechten Hände gerathen, ſo mögen wir auch als Seeräuber behan⸗ delt werden; aber darnach frage ich nicht. Ich will lieber ein Seeräuber oder ſonſt etwas Beliebiges ſein, ja ich will lieber als Seeräuber gefangen werden, als hier verhungern, und darum denke ich, der Vorſchlag iſt gut.“ Und nun riefen Alle:„Laßt uns einen Kahn bauen!“ Der Geſchütz⸗ meiſter wurde überſtimmt und gab ſich zufrieden. Aber als die Verſammlung aufgehoben war, trat er auf mich zu, nahm mich bei der Hand und ſagte, indem er die innere Fläche derſelben und mein Geſicht mit einem prüfenden Blicke betrachtete, in ſehr ernſtem Tone:„Burſche, Du wardſt dazu geboren, eine Welt voll Unheil anzurichten. Du beginnſt ſehr jung als Seeräuber, aber hüte Dich vor dem Galgen, junger Menſch! Hüte Dich, ſage ich!“ Ich erwiederte lachend, ich wüßte zwar nicht, was noch aus mir werden würde, aber wie die Sachen jetzt ſtänden, ſo machte ich mir kein Gewiſſen daraus, das nächſte beſte 3 44 ER- Schiff wegzunehmen, um unſere Freiheit zu erlangen; ich wollte nur, es wäre gleich eines da, um Jagd darauf machen zu können. Während wir noch ſo ſprachen, ſagte auf einmal einer unſerer Leute, der an der Thüre unſerer Hütte ſtand, der Zimmermann rufe von einer nahegelege⸗ nen Anhöhe herab:„Ein Segel! ein Segel!« Wir ſahen uns alle ſogleich um, allein ſo hell das Wetter war, konnten wir doch nichts entdecken. Aber da der Zimmermann unaufhörlich„ein Segel, ein Segel!« rief, ſo eilten wir nach der Anhöhe und ſahen nun deutlich ein Schiff auf der hohen See, das übrigens zu weit ent⸗ fernt war, als daß man ſich ihm durch Zeichen hätte ver⸗ ſtändlich machen können. Deſſen ungeachtet zündeten wir alles Holz, das wir zuſammenbringen konnten, auf dem Hügel an und machten einen möglichſt ſtarken Rauch. Der Wind ging nieder und die Luft war beinahe ganz ruhig; aber die Segel waren voll, wie wir durch ein Fernrohr bemerkten, das der Geſchützmeiſter bei ſich hatte, und es ſteuerte, ohne auf unſer Signal zu achten, mit dem Winde nordoſtwärts dem Cap der guten Hoffnung zu, während es uns die Hoffnung benahm. Da wir nun keine andere Ausſicht hatten, machten wir uns alsbald an den Bau des Kahnes. Wir wählten uns einen ſehr großen Baum dazu aus und fingen an, ihn mit unſern guten Aexten zu bearbeiten, deren wir im Ganzen —— 2 45 S⸗ drei hatten; aber ſo fleißig wir auch waren, ſo dauerte es doch vier Tage, bis wir mit unſerer Arbeit zu Stande ka⸗ men. Ich erinnere mich nicht mehr, was für eine Holzart es war, oder wie viel Fuß, Zoll und Linien der Kahn maß, wohl aber ſagt mir mein Gedächtniß, daß er ſehr groß war, und daß wir, als er bei der Probefahrt die Wellen ſo ruhig durchſchnitt, eine Freude hatten, als ſtände uns ein gutes Linienſchiff zu Gebote. Der Nachen war groß genug, um nicht nur die ſämmt⸗ liche Mannſchaft, ſondern auch noch zwei bis drei Tonnen Ladung aufzunehmen, und wir rathſchlagten deßhalb, ob wir nicht geraden Weges nach Goa fahren ſollten; aber bei näherer Betrachtung kamen wir bald wieder von dieſem Gedanken ab. Hatten wir doch Mangel an Lebensmitteln, keine Fäſſer zum Trinkwaſſer, keinen Compaß zur Beſtim⸗ mung der Richtung, kein Schutzdach gegen überſchlagende Wogen und die Glut der Sonne u. ſ. w. Wir kehrten da⸗ her zu meinem Vorſchlage zurück, an unſerer Küſte zu kreuzen und zu ſehen, was ſich uns darbieten würde. Um unſer Gelüſte zu büßen, ſtachen wir eines Tags alle mit einander in die See und waren bald nahe daran, ſie für immer ſatt zu bekommen. Wir hatten uns ungefähr eine halbe Meile vom Ufer entfernt, die See ging ziemlich hoch, obgleich es beinahe völlig windſtill war, und unſer Fahrzeug wälzte ſich auf den Wellen, als wolle es ſich —2 46 So zuletzt gar überwälzen. Wir ſtrengten uns alle an, um der Küſte näher zu kommen, und ſteuerten raſch durch die Wogen, bis der Kahn wieder ruhiger dahin glitt, und wir ſo glücklich waren, nach harter Mühe das Land zu gewinnen. Bald darauf kamen wir in eine große Verlegenheit. Die Eingeborenen waren ziemlich höflich und beſuchten uns öfters. Eines Tags hatten ſie einen Menſchen bei ſich, den ſie als König zu verehren ſchienen, und pflanzten zwiſchen ſich und uns eine lange Stange auf, die— nicht oben, ſondern etwas über der Mitte— mit einer großen Quaſte von Haaren, mit aller⸗ lei Kettchen, Muſcheln und kleinen Stücken Metall u. dgl. verziert war. Wir erfuhren ſpäter, daß dies ein Zeichen von Freundſchaft und Wohlwollen ſeyn ſollte. Sie boten uns bei dieſer Gelegenheit eine Menge Lebensmittel, Vieh, Vögel, Kräuter und Wurzeln an, brachten uns aber da⸗ durch nur in die größte Verlegenheit; denn wir hatten nichts zu verkaufen oder auszutauſchen, und ihre Sachen wegzu⸗ ſchenken, kam ihnen nicht in den Sinn. Unſer Geld hatte nicht den mindeſten Werth für ſie, und ſo waren wir auf dem ſchönſten Wege zum Hungertod. Hätten wir einige Kinderſpielſachen, metallene Kettchen, Puppen, Glasknöpf⸗ chen, mit einem Wort Sachen, welche die Fracht nicht werth geweſen wären, bei uns gehabt, ſo würde uns dies Vieh und Lebensmittel— genug um eine Armee oder eine ganze AN 28ͤ—, 5E K. G. 47 S⸗ Kriegsflotte damit verſorgen zu können— verſchafft haben; aber um Gold und Silber konnten wir nichts bekommen. Wir wußten uns nicht zu helfen. Ich war damals nur ein junger Burſche und meinte daher, wir ſollten mit unſern Flinten über ſie herfallen und ihnen ihr Vieh mit Gewalt wegnehmen. Aber ich überlegte nicht, daß wir uns dadurch am folgenden Tage zehntauſend von ihnen auf den Hals laden würden, und daß, wenn wir auch noch ſo viele nie⸗ dergeſchoſſen und die andern dadurch zurückgeſchreckt hätten, doch unſere verzweifelte Lage und unſere geringe Anzahl ihnen den Muth geben mußte, uns früher oder ſpäter alle zu verderben. Während wir nun rathſchlagten, was wir beginnen ſollten, ſprang Einer von uns, der ein Schmid geweſen war, plötzlich auf und fragte den Zimmermann, ob er unter ſeinem Handwerkszeuge nicht auch eine Feile hätte. „Ja,“ ſagte der Zimmermann,„aber nur eine kleine.“ „Je kleiner, deſto beſſer,“ erwiederte der Andere und ging ſogleich an die Arbeit. Er machte ein Stück von einem alten zerbrochenen Meißel im Feuer heiß, nahm drei oder vier Dollars und bearbeitete ſie mit einem Hammer auf einem Steine, bis ſie ganz breit und dünn geſchlagen waren, ſchnitt ſie dann zu Vögeln und allerlei Thieren aus, oder machte Arm⸗ und Halskettchen daraus und verarbeitete ſie — 48 S⸗ überhaupt in die mannigfaltigſten Formen, wie ſie ihm ge⸗ rade einfielen. Als er in dieſer Art von Arbeit ungefähr vierzehn Tage lang Kopf und Hände geübt hatte, verſuchten wir die Wir⸗ kung ſeines Erfindungsgeiſtes und konnten bei einer andern Zuſammenkunft mit den Eingeborenen nicht genug ob der Thorheit des armen Volkes erſtaunen. Für ein kleines Stück Silber, das in die Geſtalt eines Vogels ausgeſchnit⸗ ten war, bekamen wir zwei Kühe, und wäre es ein Stück Meſſing geweſen, ſo hätte es einen noch größeren Werth gehabt. Für ein Armkettchen erhielten wir ſoviel Lebens⸗ mittel aller Art, daß ſie uns in England ſechzehn bis ſieben⸗ zehn Pfund Sterling gekoſtet hätten. Münzen, die nicht ſechs Pence werth waren, galten, wenn ſie in Spielwaa⸗ ren umgewandelt wurden, hundertmal ſo viel und ver⸗ ſchafften uns Alles, was wir nur wünſchten. Auf dieſe Art brachten wir über ein Jahr zu, aber wir waren dieſes Lebens alle herzlich müde und beſchloſſen, die Infel ſo bald als möglich zu verlaſſen, mochte nun daraus werden, was da wollte. Wir beſaßen jetzt nicht weniger als drei gute Kähne, und was die Paſſatwinde betraf, welche auf dem größten Theile dieſer Inſel ſechs Monate lang von Südweſt nach Nordoſt und die übrigen ſechs Mo⸗ nate von Nordoſt nach Südweſt ſtrichen, ſo getrauten wir uns ſchon, die offene See zu halten. Aber wenn wir % 49 S⸗ die Sache näher überlegten, ſo ſchreckte uns der Mangel an friſchem Waſſer immer wieder vor einem ſolchen Wage⸗ ſtücke zurück; denn die Entfernung war ungeheuer, und kein Eingeborener war im Stande, die lange Reiſe auszuhalten, ohne Waſſer zu trinken. Da uns unſere Vernunft dieſe Fahrt abrieth, ſo ſtan⸗ den uns nur zwei Wege offen. Wir mußten nänlich ent⸗ weder eine andere Richtung nehmen und weſtwärts auf das Cap der guten Hoffnung zuſteuern, wo wir früher oder ſpäter irgend ein Schiff aus unſerem Vaterlande anzutreffen hoffen durften, oder wir konnten nach dem feſten Lande von Afrika rudern und entweder zu Lande weiter reiſen oder längs der Küſte gegen das rothe Meer hinaufſegeln, wo wir über kurz oder lang irgend einem Schiffe von dieſem oder jenem Volke begegnen mußten, das uns an Bord nähme, oder— was mir, beiläufig geſagt, nicht aus dem Sinn wollte— das wir nähmen. Dieſer Vorſchlag kam von unſerem erfinderiſchen Schmid, den wir nachher nur den Silberarbeiter nannten; aber der . Geſchützmeiſter ſagte uns, er ſei einmal in einer Schaluppe von Malabar auf dem rothen Meere geweſen und wiſſe, daß wir, wenn wir dieſe See beführen, entweder von den wilden Arabern getödtet oder von den Türken gefangen ge⸗ nommen und zu Sklaven gemacht werden würden; er ſtimme deßwegen gegen den gemachten Vorſchlag. Singleton I. 4 50 S⸗ Darauf ergriff ich wieder das Wort und ſagte:„Wie mögen wir nur davon ſprechen, daß uns die Araber tödten oder die Türken zu Sklaven machen könnten? Sind wir nicht beinahe jedem Schiffe gewachſen, das uns in dieſen Gewäſſern begegnen könnte? Sind wir nicht im Stande, anſtatt genommen zu werden, es ſelbſt zu nehmen?“ „Wohl geſprochen, Seeräuber!“ ſagte der Büchſen⸗ meiſter,„Deine Gedanken haben doch immer dieſelbe Rich⸗ tung; aber mir ſagt mein Gewiſſen, wir haben nur einen einzigen Weg vor uns.“ „Sprecht mir jetzt nicht von Seeräubern,“ entgegnete ich;„denn wir müſſen Seeräuber oder ſonſt irgend etwas werden, um auf gute Manier von dieſem verwünſchten Orte wegzukommen.“. Mit einem Worte, mein Vorſchlag wurde angenommen. Wir beſchloſſen, zu kreuzen und auf Alles zu lauern, was wir treffen könnten.„Zuerſt handelt es ſich jetzt darum,“ ſagte ich,„ausfindig zu machen, wie weit die Bewohner die⸗ ſer Inſel in der Schifffahrt ſind, und welcher Art von Boo⸗ ten ſie ſich bedienen, und wenn ſie irgend ein beſſeres oder ſtärkeres Fahrzeug haben, als wir, ſo laßt es uns wegneh⸗ men.“ Unſer Dichten und Trachten ging nun vor Allem dahin, wo möglich ein Boot mit einem Verdeck und einem Segel zu bekommen; denn ohne konnten wir unſere Mund⸗ vorräthe nicht aufbewahren. Zum großen Glück hatten wir einen Matroſen bei uns, der beim Koche Gehülfe geweſen war. Er gab uns ein Mittel an, unſer Rindfleiſch ohne Faß und Salz gut zu erhalten. Er rieb es nämlich in der Sonne mit Salpeter ein, an welchem das Eiland Ueberfluß hatte. Auf dieſe Art hatten wir, noch ehe wir unſere Abfahrt ins Werk ſetzten, bald das getrocknete Fleiſch von ſechs bis ſieben Kühen und Rin⸗ dern und zehn bis zwölf Ziegen bei einander, und es war ſo ſchmackhaft, daß wir uns gar nicht mehr die Mühe ga⸗ ben, es nur zu ſieden, ſondern es entweder brieten oder trocken aßen; aber immer noch blieb die große Schwierig⸗ keit mit dem Waſſer übrig; denn wir hatten keinen Behälter dazu, noch weniger Fäſſer für die Seereiſe. Doch da unſer erſtes Unternehmen nur eine Küſten⸗ fahrt ſein ſollte, ſo beſchloſſen wir, es auf jede Gefahr hin zu wagen, und um ſo viel als möglich Trinkwaſſer einneh⸗ men zu können, machte unſer Zimmermann einen abgeſon⸗ derten Trog quer über die Mitte unſeres Kahnes und ver⸗ ſchloß ihn oben mit einem Deckel, auf dem wir hin und her gehen konnten. Ich kann von dieſem Kaſten, der nahezu ein Orhoft Waſſer hielt, keine beſſere Beſchreibung geben, als wenn ich ihn mit jenen Fiſchbehältern vergleiche, die man auf den kleinen Fiſcherbooten in England ſieht, nur mit dem Unterſchiede, daß jene Löcher haben, um das Salzwaſſer durchzulaſſen, und dieſer ganz verſchloſſen war, 4* 52 S⸗ um es abzuhalten. Es war dies wohl die erſte Erfindung der Art zu einem ſolchen Gebrauche, doch die Noth macht erfinderiſch. Nun bedurfte es nur noch einer kurzen Berathſchlagung über unſern Reiſeplan. Vorerſt wollten wir alſo die Inſel umfahren, um irgend ein Fahrzeug zu erhalten, auf dem wir uns einſchiffen könnten, und dann eine Gelegenheit er⸗ paſſen, in die offene See zu ſteuern. Darum beſchloſſen wir, uns nach der Weſtküſte der Inſel zu wenden, wo ſich das Land wenigſtens an einer Stelle weit nach Nordweſten erſtreckt und dadurch den Weg nach der afrikaniſchen Küſte beträchtlich verkürzt. Nie wurde wohl eine ſolche Reiſe mit einer ſo verzwei⸗ felten Mannſchaft gemacht; denn um uns nach einem Fahr⸗ zeuge, namentlich nach einem Fahrzeuge fremder Nationen umzuſehen, befuhren wir gerade diejenige Seite des Eilan⸗ des, die am wenigſten beſucht und alſo für dieſen Zweck die ſchlimmſte war. Wir nahmen indeß unſern ſämmtlichen Mundvorrath und Kriegsbedarf, Sack und Pack an Bord und ſtachen in die See. Unſere zwei großen Kähne waren mit Maſt und Segel verſehen, mit dem dritten ruderten wir, ſo gut es ging; aber wenn ſich ein friſcher Wind erhob, nahmen wir ihn in's Tau. Drittes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe.— Verkehr mit den Eingeborenen.— Ihre Höf⸗ lichkeit.— Wir landen und laſſen uns auf dem Vorgebirge der Ver⸗ zweiflung nieder.— Weitere Abenteuer auf der Inſel.— Wir finden die Trümmer eines holländiſchen Schiffes auf der See.— Nach einer Arbeit von vier Monaten bringen wir ein Schiff zu Stande, dem wir uns ohne Gefahr anvertrauen können.— Segeln nach dem feſten Lande von Afrika und erreichen es wohlbehalten. Mehrere Tage lang ging es munter und ohne Stö⸗ rung vorwärts. Wir ſahen bisweilen Eingeborene in kleinen Nachen mit dem Fiſchfange beſchäftigt. Sie erſchracken über unſern Anblick und ruderten eilends der Küſte zu, ſobald wir uns ihnen näherten. Endlich erinnerte ſich Einer von uns des Zeichens der Freundſchaft, deſſen ſich die Einge⸗ borenen auf dem ſüdlichen Theile der Inſel bedient hatten, nämlich der von ihnen aufgepflanzten langen Stange, welche die Bedeutung unſerer Friedensflaggen haben mochte. Wir beſchloſſen, den Verſuch zu machen, und als wir wieder eines von ihren Fiſcherbooten erblickten, ſteckten wir in dem⸗ jenigen Nachen, der keine Segel hatte, eine Stange auf und ruderten auf daſſelbe zu. Sobald ſie dieſes Signal — 54&. ſahen, machten ſie Halt, und als wir näher kamen, ruder⸗ ten ſie uns entgegen. Sie zeigten ſich ſehr gefällig und gaben uns einige große Fiſche, die wir nicht zu benennen wußten, aber ſehr gut und ſchmackhaft fanden. Unſer Künſt⸗ ler, der Schmid, ſchenkte ihnen zum Danke zwei dünne Silberplättchen, die er aus einem Dollare geſchlagen hatte. Sie hatten die Geſtalt eines Diamantenvierecks, das in der einen Richtung länger als in der andern und an einer ſeiner längſten Ecken durchbohrt war; die Inſulaner hatten eine ſolche Freude daran, daß ſie uns warten ließen, bis ſie ihre Netze wieder ausgeworfen hatten, und uns dann ſo viele Fiſche gaben, als wir nur immer wünſchten. Mittlerweile ruhten unſere Blicke unverwandt auf ihren Booten, um zu ſehen, ob wir nicht eines von ihnen brau⸗ chen könnten; aber es waren armſelige Dinger: ihre Segel beſtanden aus großen Matten, mit Ausnahme eines ein⸗ zigen von Baumwollenzeug, das aber ſchlecht genug war, und ihre Taue waren gedrehte Faſern ohne Stärke, weß⸗ wegen wir es für beſſer hielten, uns mit dem unſrigen zu begnügen und ſie in Ruhe zu laſſen. Zwölf Tage lang ſteuerten wir nordwärts hart an der Küſte hinauf, und da wir Oſt⸗ und Oſtſüdoſtwind hatten, ſo ging es raſch vor⸗ wärts. Städte ſahen wir keine an der Küſte, wohl aber Hütten auf den Felſen und überall eine Menge Neugieriger in ihrer Nähe, welche zuſammenliefen, um uns nachzugaffen. 1 * 55 S&⸗ Es war eine ſeltſame Fahrt, wie nur je eine von Menſchen ausgeführt wurde. Wir hatten eine Flotte von drei Schiffen und eine Armee von ſiebenundzwanzig der verwegenſten Geſellen, und hätten die Eingeborenen gewußt, wer wir wären, ſie würden alles Mögliche gegeben haben, um nur unſrer los zu werden. Auf der andern Seite waren wir ſo bedaurungswürdig, als man nur ſein kann— durch den Ocean von den Ländern der Civiliſation getrennt und ohne die geeigneten Mittel, ihn zu durchſchneiden. Wi ſteuerten immer nordwärts, und je weiter wir— deſto größer wurde die Hitze. Wir waren auf den ohne Schutz gegen Sonne und Regen, und die Flu immer unerträglicher; denn wir waren ungefähr im Oktober in ſüdlicher Breite, und wie wir mit jedem Tage näher gegen die Sonne kamen, ſo kam die Sonne auch mit jedem Tage näher gegen uns. Endlich befanden wir uns in einer Breite von 200, und da wir ungefähr 5—6 Tage vorher den Wendekreis paſſirt hatten, ſo mußten wir in wenigen Tagen die Sonne im Zenith, das heißt, gerade über unſern Köpfen haben. Dieß veranlaßte uns, wieder an's Land zu gehen und unſere Zelte an einem günſtigen Orte aufzuſchlagen, bis die größte Hitze vorüber wäre. Wir hatten indeſſen die Hälfte der Inſel ihrer Länge nach gemeſſen und waren an diejenige Stelle gekommen, wo ſich die Küſte nordweſtwärts zog und 56 So unſern Weg nach dem afrikaniſchen Feſtlande noch weit mehr abzukürzen verſprach, als wir erwartet hatten. Doch war noch immer Grund genug vorhanden, ihn ungefähr zu hun⸗ dertundzwanzig Seemeilen anzuſchlagen. Aber die Hitze war es nicht allein, was uns an's Land trieb. Auch unſere Mundvorräthe gingen auf die Neige und wir hatten nur noch für wenige Tage zu leben. Als wir nun eines Morgens früh auf die Küſte losſteuerten, um friſches Waſſer einzunehmen, was wir gewöhnlich alle drei oder vier Tage thaten, hielten wir Rath, wo wir unſer Lager aufſchlagen ſollten; aber nach verſchiedenen Betrach⸗ tungen, die ich hier nicht wiederholen will, beſchloſſen wir, noch einige Tage weiter zu fahren, weil uns die Gegend gar nicht gefiel. Nachdem wir mit einem friſchen Südoſtwind ungefahr ſechs Tage lang in der Richtung nach Nordweſtnord ge⸗ fahren waren, bemerkten wir in bedeutender Entfernung ein großes Vorgebirge, welches weit in die See vorſprang, und da wir außerordentlich begierig waren, wie es wohl jenſeits dieſer Landſpitze ausſehen möchte, ſo beſchloſſen wir, ſie zu umfahren, ehe wir uns auf der Küſte niederließen. Wir ſetzten alſo unſere Reiſe fort, und ob wir gleich immer noch denſelben Wind hatten, brauchten wir doch noch vier Tage, bis wir das Cap erreichten. Aber der Kleinmuth und die Niedergeſchlagenheit, die ſich jetzt unſer bemächtigte, 57& iſt nicht zu beſchreiben; denn als wir an die Spitze des Vorgebirgs kamen, machten wir die ſchreckliche Entdeckung, daß die Küſte auf der andern Seite eben ſo weit, ja noch viel weiter zurücktrat, als ſie auf der entgegengeſetzten vor⸗ ſprang, und daß wir, wenn wir nach Afrika wollten, von hier aus abfahren mußten; denn je weiter wir vordrangen, deſto breiter wurde die See, und wie weit dieſe Breite⸗ zunahme noch gehen würde, konnten wir nicht errathen. Während wir über dieſe Entdeckung nachdachten, wurden wir von Gewittern überraſcht, die etwas ungewöhnlich Furchtbares für uns hatten und von heftigen Regengüſſen begleitet waren. Wir eilten auf die Küſte zu, gelangten unter dem Lee des Caps in eine kleine Bucht, deren Ufer mit Bäumen überwachſen waren, und eilten, von der Hitze, dem Donnerwetter und Regen gleich ſehr erſchöpft, ſo ſchnell als möglich an's Land, wo wir ganz durchnäßt ankamen. Unſer Zuſtand war wirklich höchſt bedaurungswürdig, und unſer Tauſendkünſtler pflanzte auf einer Anhöhe, eine Meile von der äußerſten Spitze des Caps, ein großes hölzernes Kreuz auf, in das er in portugieſiſcher Sprache die Worte eingrub:„Cap der Verzweiflung. Chriſtus er⸗ barme dich!“ Alsbald fingen wir an, uns Hütten zu bauen, um unſere Kleider trocknen zu können; und nie werde ich die kleine Stadt vergeſſen, die wir errichteten(denn eine ſolche konnte man ſie wohl nennen). Sie ſteht noch jetzt ſo 58& deutlich vor meinen Augen, daß ich unmöglich umhin kann, eine kleine Beſchreibung davon zu geben. Unſer Lager ſtand ſüdlich von einem kleinen Fluß an der See unter dem Schutze einer ſteilen Anhöhe, welche, obgleich jenſeits des Fluſſes, doch nicht über fünf Minuten gegen Nordweſtnord von uns entfernt lag und uns den ganzen Nachmittag über gegen die Gluth der Sonne ſchützte. Ein kleiner Bach ſtrömte an unſerem Lager vorbei und ergoß ſich neben dem⸗ ſelben in die Bucht. Auf den Ebenen und Niederungen gegen Oſten und Weſten ſahen wir eine Menge Rindvieh weiden. Wir errichteten zwölf Hüttchen nach Art von Lagerzelten aus Aeſten, die wir in den Boden ſchlugen und oben mit Weiden und anderen Dingen, die wir vor⸗ finden konnten, aneinander banden. Gegen Norden waren wir durch die Bucht, gegen Weſten durch den kleinen Bach gedeckt, und die ſüdliche und öſtliche Seite befeſtigten wir mit einem Wall, der unſere ſämmtlichen Hütten beherrſchte und durch ſeine von Nordweſt quer nach Südoſt verlauſende Richtung unſerer Stadt die Geſtalt eines Dreiecks gab. Hinter dem Walle oder der Linie, wo unſere Hütten ſtan⸗ den, hatten wir in ziemlicher Entfernung noch drei weitere Hütten. Eine derſelben, welche etwas ſeitwärts ſtand und kleiner war, als die übrigen, war lediglich zur Aufbewahrung des Pulvers beſtimmt; in der zweiten, welche etwas geräu⸗ miger war, hatten wir unſere Lebensmittel und ſonſtige 2 59& Bedürfniſſe, und in der dritten, der größten von allen, hielten wir unſere Mahlzeiten, die wir Verſammlungen nannten. Die Gegenſtände, welche dabei abgehandelt wurden, waren jedoch damals zu unwichtig, um weiter darüber zu ſprechen. Es war unumgänglich nothwendig, mit den Einge⸗ borenen zu verkehren, und da unſer Künſtler, der Schmid, eine Menge kleiner ſilberner Diamantenvierecke gemacht hatte, gebrauchten wir dieſe im Handel mit den Schwarzen, welche eine ausnehmende Freude daran hatten und uns eine Menge Lebensmittel dafür gaben. Vor Allem kauften wir ungefähr fünfzig Stück ſchwarzes Hornvieh und Ziegen, deren Fleiſch unſer Koch dörrte und einſalzte, was mit um ſo weniger Schwierigkeiten verknüpft war, da wir Ueberfluß an vorzüglichem Salz und Salpeter hatten und die Sonne außerordentlich heiß brannte. Ungefähr vier Monate lang blieben wir in unſerem Lagerplatz. Die Sonne hatte den ſüdlichen Wendekreis paſſirt und ging wieder rückwärts dem Tagundnachtgleiche⸗ punkt zu. Wir überlegten, was nun weiter zu thun ſei, und beſchloſſen, die See von Zangueban, wie ſie die Por⸗ 4 tugieſen nennen, zu befahren und wo möglich auf dem afrikaniſchen Feſtlande zu landen. So weit wir uns den Eingeborenen verſtändlich machen konnten, ſprachen wir mit ihnen über dieſen Plan; aber Alles, was wir von ihnen erfahren konnten, war das, daß jenſeits des Meeres ein 60 So⸗ großes Land voll Löwen liege, aber daß es ein weiter Weg bis dorthin ſei. So viel wußten wir auch, daß es weit ſei, aber wie weit, darüber wichen unſere Anſichten ſehr von einander ab: Einige ſagten, hundertundzwanzig, Andere, nicht über hundert Seemeilen. Einer von uns, der eine geographiſche Karte bei ſich hatte, zeigte uns an der Skale derſelben, daß die Entfernung nicht über achtzig Seemeilen betrüge. Einige meinten, wir würden allenthalben auf Inſeln ſtoßen, Andere, wir würden gar keine zu Geſicht bekommen. Ich für meinen Theil wußte weder das Eine noch das Andere und hörte gleichgültig zu; denn ich bekümmerte mich nicht darum, ob die Entfernung groß oder klein ſei. In⸗ deſſen erfuhren wir von einem blinden Greis, der einen Knaben zum Führer hatte, daß wir bis Ende Auguſts, wenn wir ſo lange warten wollten, den ganzen Weg über guten Wind und hohe See haben würden. So angenehm uns dieſe Nachricht war, ſo erhoben ſich doch ſogleich wieder neue Bedenklichkeiten; denn um jene Zeit kehrte die Sonne ſchon wieder nach dem Aequator zurück, ein Umſtand, der uns höchſt unwillkommen ſein mußte. Endlich hielten wir eine allgemeine Verſammlung; aber die Debatten waren zu langweilig, um ihrer beſonders zu gedenken, und ich bemerke nur ſo viel: als die Umfrage an den Capitän Bob kam(denn ſo nannten ſie mich, ſeit⸗ dem ich mit dem oben erwähnten Rathe unter ihnen aufge⸗ . 4—, „ 82 — -2 61 So⸗⸗ treten war), ſprach ich mich für gar keine Anſicht aus und ſagte, es könne mir gänzlich gleichgültig ſein, ob wir gingen oder blieben; denn ich habe keine Heimath und die ganze Welt ſei mir gleich, weßhalb ich die Sache gänzlich ihrem eigenen Ermeſſen anheim gebe. So viel ſahen Alle ein, daß ohne ein Schiff von hier aus nichts zu machen war, und daß wir, wenn wir blos das Eſſen und Trinken zum Zweck hatten, keinen beſſeren, aber wenn wir in unſer Vaterland zurückkehren wo. keinen ſchlimmeren Ort in der Welt finden konnten. Mir gefiel die Gegend außerordentlich, und ich ſpürte damals einen ſeltſamen Drang in mir, ſpäter zurückzukehren, um hier zu wohnen. Ich ſagte daher oft zu meinen Ge⸗ fährten:„Hätte lich nur ein Schiff von zwanzig Kanonen und eine Schaluppe, beide wohl bemannt, ſo wollte ich mir keinen beſſern Ort auf der Welt wünſchen, um ſo reich zu werden wie ein König.“ Doch um auf unſere Berathungen zurückzukommen, ſo liefen ſie darauf hinaus, daß wir gehen ſollten. Man beſchloß, auf das feſte Land zuzuſteuern; das Wageſtück war aber toll genug; denn es war die ſchlimmſte Zeit des Jahres, um in dieſer Gegend eine ſolche Fahrt zu unternehmen. Wie die Winde vom September bis zum März von Oſten kom⸗ men, ſo wehen ſie das ganze übrige Jahr hindurch von Weſten und blieſen uns alſo gerade in's Geſicht, ſo daß wir, 3 62 S⸗⸗ ſobald uns eine Art Landwind eiwa fünfzehn bis zwanzig Seemeilen weit— ich darf wohl ſagen, weit genug, um uns auf der offenen See zu verlieren— geführt haben würde, einen ſteten friſchen Seewind aus Weſtſüdweſt oder Südweſtweſt(nie weiter von der weſtlichen Richtung ab⸗ weichend) bekommen mußten, mit dem wir, kurz geſagt, nicht das Mindeſte anfangen konnten. 8 Auf der andern Seite konnte ſich ein Fahrzeug, wie vir es hatten, nicht nahe genug unter den Wind legen; wäre dieß der Fall geweſen, ſo hätten wir nordnordweſt⸗ wärts ſteuern können und wären, wie wir ſpäter fanden, unterwegs auf eine große Menge Inſeln geſtoßen 3z aber ſo war es uns unmöglich, etwas auszurichten, ob wir es gleich verſuchten und durch unſere Verſuche beinahe alle Früchte unſerer Bemühungen wieder verloren; denn indem wir ſo nahe als möglich unter dem Winde nach Norden ſegelten, hatten wir die Geſtalt und Lage der Inſel Madagaskar vergeſſen und dachten nicht mehr daran, daß wir von der Spitze eines Vorgebirges herkamen, welches ungefähr in der Mitte des Eilandes liegt und weit weſtlich in die See vor⸗ ſpringt, und daß jetzt, nachdem wir etliche und vierzig See⸗ meilen in nördlicher Richtung zurückgelegt hatten, die Küſte wieder gegen zweihundert Meilen nach Oſten zurücktrat, ſo daß wir uns nun zwiſchen der Inſel und dem Feſtlande, von 63 S⸗ beiden über hundert Stunden entfernt, auf der offenen See befanden. Sie war unter dem regelmäßigen Weſtwinde ruhig und ſtill, und wir fuhren ziemlich leicht vor dem Winde hin. Den kleinſten Kahn nahmen wir in's Tau und ſteuer⸗ ten mit vollen Segeln der Küſte zu. Es war eine gefähr⸗ liche Fahrt und hätte ſich der leichteſte Gegenwind erhoben, ſo wären wir alle verloren geweſen; denn unſere Kähne waren tief und nicht in dem Zuſtande, um eine hohe See auszuhalten. Im Ganzen dauerte die Fahrt eilf Tage lang. Wir hatten ſchon den größten Theil unſeres Mundvorraths und bereits den letzten Tropfen Waſſer aufgezehrt, als wir zu unſerer unbeſchreiblichen Freude, wiewohl in einer Entfer⸗ nung von zehn oder eilf Seemeilen*) Land entdeckten; aber da uns ein Landwind entgegenkam, ſo dauerte es noch zwei Tage, bis wir die Küſte erreichten. Wir hatten während dieſer ganzen Zeit eine übermäßige Hitze auszuſtehen und keinen Tropfen Waſſer mehr. Magenwaſſer, das Einer von unſerer Geſellſchaft noch in einem Flaſchenkeller hatte, war das einzige Getränke, das noch zu Gebote ſtand. *) Wo Meilen allein ſteht, ſind engliſche Meilen verſtanden, deren fünf eine deutſche Meile betragen. Zwanzig Seemeilen gehen auf fünfzehn deutſche Meilen. 64 So⸗ Das war der Vorſchmack deſſen, was wir erfahren hätten, wenn wir die Fahrt bei einem allzuſchwachen Wind und unſicherm Wetter unternommen hätten, und ſchreckte uns von unſerm Plane, die offene See zu befahren, wenigſtens ſo lange ab, bis wir beſſere Fahrzeuge haben würden. Wir ſtiegen alſo wieder an's Land, ſchlugen wie zuvor ein befeſtigtes Lager auf und richteten uns wieder ſo gut als möglich ein. Wir hatten indeß kaum einen Ueber⸗ fall zu befürchten; denn die Eingebornen waren ausnehmend höflich und weit artiger, als die Bewohner des ſüdlichen Theiles der Inſel; und obgleich wir weder ihre Sprache, noch ſie die unſerige verſtanden, ſo fanden wir doch Mittel, ihnen begreiflich zu machen, daß wir Seefahrer und Fremd⸗ linge wären und großen Mangel an Lebensmitteln hätten. Der erſte Beweis ihrer freundſchaftlichen Geſinnung war der, daß einer von ihren Häuptlingen oder Königen, denn wir wußten nicht, wie wir ſie nennen ſollten, ſobald ſie uns ans Land ſteigen und unſere Wohnungen aufſchla⸗ gen ſahen, mit fünf oder ſechs Männern und einigen Wei⸗ bern zu uns kam und uns fünf Ziegen und zwei junge fette Stiere brachte, welche er uns unentgeltlich überließ. Wir boten ihnen etwas dafür an; aber der Häuptling verbot ihnen, dieſes oder irgend etwas Anderes von uns anzunehmen. Ungefähr zwei Stunden ſpäter kam ein an⸗ derer Häuptling mit vierzig bis fünfzig Mann in ſeinem —2 6 5 So. Gefolge. Wir erſchracken und legten die Hand an unſere Waffen. Als er dieſes bemerkte, ſchickte er zwei Männer vor ſich her, welche zwei lange Stangen in den Händen trugen und ſie ſo hoch als möglich emporhielten. Wir be⸗ griffen im Augenblick, daß das ein Friedenszeichen war. Die beiden Stangen wurden dann aufgepflanzt und in den Boden geſteckt, und als der Häuptling und ſeine Begleiter ankamen, ſteckten ſie alle ihre Lanzen neben den Stangen in den Boden, warfen ihre Bogen und Pfeile ab und ſchritten unbewaffnet auf uns zu. 8 Das überzeugte uns, daß ſie als Freunde gekommen wären, worüber wir uns nicht wenig freuten; denn wir hatten nicht im Sinn, uns in Feindſeligkeiten einzulaſſen, wenn wir es verhindern konnten. Als der Häuptling ſah, daß etliche von unſern Leuten Hütten aufſchlugen und un⸗ beholfen dabei zu Werke gingen, befahl er einigen von ſei⸗ nen Leuten, uns an die Hand zu gehen. Alsbald miſchten ſich fünfzehn oder ſechszehn von ihnen unter uns, um für uns zu arbeiten, und es waren wirklich beſſere Arbeiter als wir; denn in einem Augenblicke hatten ſie drei oder vier Hütten für uns errichtet, die weit ſchöner als die unſrigen waren. Hierauf gaben ſie uns Milch, Piſang, Kürbiſſe und eine Menge Wurzeln und Gartengewächſe, welche ſehr gut ſchmeckten. Endlich nahmen ſie Abſchied und weigerten ſich, Singleton. I. H 5 ———— 2 66 Se⸗ irgend etwas von uns anzunehmen. Einer von uns bot dem Häuptlinge dieſer Leule einen Trunk, welchen er mit Freude annahm und ſodann ſeine Hand nach einem zweiten ausſtreckte, den er gleichfalls erhielt. Von nun an verfehlte er beinahe niemals, zwei bis drei Mal in der Woche zu kommen und jedesmal brachte er dieſes oder jenes mit. Eines Tags ſchickte er uns ſieben Stück ſchwarzes Rindvieh, von denen wir einige ſchlachteten und das Fleiſch, wie früher, einſalzten und dörrten. Hier kann ich nicht umhin, eines Umſtandes zu geden⸗ ken, welcher uns nachher ſehr zu Statten kam, nämlich, daß das Fleiſch ihrer Ziegen, ſo wie ihres Rindviehs, be⸗ ſonders aber das erſtere, wenn es getrocknet und eingeſal⸗ zen war, roth ausſah und ſo hart und feſt wurde, wie das getrocknete Rindfleiſch in Holland. Es war für ſie ein ſolcher Leckerbiſſen, daß ſie es uns einige Zeit nachher abhandeln wollten, ohne zu wiſſen oder zu ahnen, was es wäre: ſo daß ſie uns für zehn bis zwölf Pfund geräuchertes und getrocknetes Rindfleiſch ein ganzes Rind, oder eine Kuh, oder was wir nur immer wünſchten, geben wollten. Hier beobachteten wir zwei Dinge, welche von weſent⸗ lichem Nutzen für uns waren. Erſtens fanden wir, daß ſie eine Menge irdenes Geſchirr beſaßen, welches ſie zu mancherlei Zwecken gebrauchten: beſonders hatten ſie lange, tiefe irdene Töpfe, welche ſie in die Erde zu graben pfleg⸗ 67 E⸗ ten, um Trinkwaſſer friſch und kalt zu erhalten; das zweite war, daß ſie ſich größerer Kähne bedienten, als ihre Nach⸗ barn. Das brachte uns auf den Gedanken, nachzuſehen, ob ſie nicht noch größere Fahrzeuge hätten, als wir hier ſahen, oder ob nicht bei den übrigen Inſelbewohnern ſolche vorzu⸗ finden wären. Sie deuteten uns durch Zeichen an, daß ſie keine größeren Boote, als die uns bereits gezeigten, hätten, daß dagegen Fahrzeuge mit Deck und großen Segeln auf der andern Seite der Inſel zu finden wären. Dieß ver⸗ anlaßte uns zu dem Entſchluſſe, eine Küſtenfahrt um die ganze Inſel zu machen, weßhalb wir ſogleich Vorkehrungen dazu trafen, unſern Kahn mit Lebensmitteln befrachteten und uns zum dritten Male wieder der See anvertrauten. Wir brauchten vier bis ſechs Wochen zu dieſer Fahrrt, während welcher Zeit wir mehrere Male landeten, um Waſſer und Mundvorrath einzunehmen, wobei wir die In⸗ ſelbewohner immer freigebig und höflich fanden. Eines Morgens früh, als wir eben an der nördlichſten Spitze der Inſel Halt gemacht hatten, wurden wir nicht wenig durch den Ruf einer unſerer Leute überraſcht, der ein Segel an⸗ kündigte, und unmittelbar darauf entdeckten auch wir ein großes, ziemlich weit entferntes Schiff in offener See. Als wir jedoch mit unſeren Fernröhren darnach ſahen und aus⸗ findig zu machen ſuchten, welcher Nation es angehören 5*† möchte, uann wir nicht, was wir davon denken ſollten; denn es ha⸗ e eine ganz ungewöhnliche Bauart, wie wir nie eines zuvor geſehe hatten. Nur das wurde uns klar, daß es ſich von tfernie und ſeewärts ſteuerte. Wir verloren es bald a em Geſichte, da wir nicht in der Lage waren, Jagd au etwas zu machen, und ſahen es nie wieder. Unſere ſpätern Erfahrungen belehrten uns, daß es wohl ein arabiſches Schiff geweſen ſein mochte, das Güter nach der Küſte von Mozambique oder Zanguebar führte. Ich kann mich nicht erinnern, daß unter den Einwoh⸗ nern der Inſel, an welcher wir uns befanden, ein beſonde⸗ rer Unterſchied bemerklich geweſen wäre— ſowohl hinſicht⸗ lich ihres Aeußern, als ihrer Sitten und Waffengattungen. Auch ſchienen ſie keinen gegenſeitigen Verkehr zu unterhal⸗ ten, obgleich ich mich recht gut entſinne,, daß wir auf dieſer Seite nicht minder gut, als auf der andern, aufgenommen wurden. 8 Wir ſetzten unſere Fahrt noch einige Wochen nach Süden unter gelegentlichen durch Waſſer⸗ und Proviſions⸗ mang il beranlabſen Unterbrechungen fort. Eines Tages wur⸗ den wir, als wir eine ungefähr eine Stunde weit in die See hereinragende Landſpitze umſchifften, durch einen Anblick überraſcht, der ohne Zweifel den dabei Betheiligten eben ſo unangenehm war, als wir dadurch entzückt wurden; wir trafen nämlich auf das Wrack eines europäiſchen Schiffes, 25 69 S⸗ das an den Felſen, welche hier weit in's Meer hineinliefen, geſtrandet war. Wir konnten zur Zeit der Ebbe einen großen Theil des Wracks trocken liegen ſehen, und ſelbſt der höchſte Waſ⸗ ſerſtand vermochte es nicht ganz zu bedecken; auch lag es höchſtens eine Stunde vom Geſtade ab. Man kann ſich denken, daß uns unſere Neugierde veranlaßte, das günſtige Wetter zu benützen und darauf loszuſteuern, was denn auch durchaus keine Schwierigkeit hatte und uns überzeugte, daß das Schiff holländiſcher Bauart war und ſich noch nicht ſehr lange in dieſem Zuſtande befinden konnte; denn der obere Theil des Spiegels*) war noch feſt und der Beſan⸗ maſt aufrecht. Der Spiegel ſchien ſich zwiſchen dem Riff eingeklemmt und ſo Schutz gefunden zu haben, während alle 4 anderen Theile zertrümmert waren. Wir konnten an dem Wrack nichts gewahren, das mit⸗ zunehmen der Zeit und Mühe gelohnt hätte; und ſo ent⸗ ſchloſſen wir uns, zu landen und eine Weile in der Gegend zu bleiben, um zu ſehen, ob wir nichts über die Geſchichte des Fahrzeugs erführen, indem wir hofften, nicht nur Nach⸗ richt über die Mannſchaft einziehen, ſondern auch die Ueber⸗ bleibſel derſelben, die vielleicht mit uns in gleicher Lage *) Hintertheil eines Schiffs. 2 70&⸗ waren, und daher ein erwünſchter Zuwachs für uns wer⸗ den konnten, an der Küſte auffinden zu können. Es war ein erfreulicher Anblick, am Geſtade die Spuren eines Zimmerplatzes, zum Beiſpiel einen Nagel⸗ block, Gerüſte, Ablaufplanken und andere Ueberbleibſel eines Schiffbaus anzutreffen— lauter Dinge, die uns zu einem gleichen Werke einluden. Wir entnahmen daraus, daß die Mannſchaft des geſtrandeten Schiffs, vielleicht in dem Boote, ſich an's Ufer gerettet, dort eine Barke oder Schaluppe ge⸗ baut und ſich wieder zur See begeben hatte. Auf unſere Nachfrage bei den Eingebornen, welchen Weg ſie eingeſchla⸗ gen hätten, deutete man die Richtung Süd und Südweſt an, woraus wir folgerten, ſie wären dem Cap der guten Hoffnung zugeſteuert. u/n ſich leicht denken, daß wir nicht ſo einfältig dieſen Wink nicht zu Nutzen zu machen und für unſere Erlöſung dieſelbe Methode in Anwendung zu bringen. Wir entſchloſſen uns insgeſammt, zuvörderſt den Verſuch zu machen, auf die eine oder die andere Weiſe ein Boot zu bauen und uns dann dem Meere anzuvertrauen, möge uns das Schickſal hinführen, wo es immer wolle. Unſer erſtes Geſchäft war nun, die Zimmerleute mit Unterſuchung des von den Holländern zurückgelaſſenen Ma⸗ terials zu beauftragen, damit ſie das noch Brauchbare aus⸗ läſen. Unter dieſem fanden ſie beſonders etwas, was uns 71 Gf gar gut zu Statten kam— nämlich einen Pechkeſſel mit etwas Pech. Als wir jedoch an's Werk gingen, ſtellten ſich uns viele Schwierigkeiten in den Weg; denn wir hatten nur wenige Werkzeuge, keine eiſernen Nägel und Klampen, keine Taue und keine Segel, ſo daß wir bei unſerem ganzen Bauweſen ſelber in der Funktion von Schneidern, Seilern, Segel⸗ machern und ſo fort thätig ſein mußten— lauter Gewerbe, von denen wir wenig oder gar nichts verſtanden. Die Noth iſt jedoch eine gute Lehrmeiſterin, und wir brachten Vieles zu Stande, was wir früher in unſerer Lage für unausführbar hielten. 3 Nachdem unſere Zimmerleute die Dimenſionen für das zu bauende Fahrzeug ausgeſteckt hatten, forderten ſie uns alle auf, von dem Wracke Alles, was wir könnten, insbe⸗ ſondere aber den Beſanmaſt, der noch ganz feſt ſtand, her⸗ bei zu ſchaffen. Letzteres veranlaßte viele Mühe, doch ge⸗ lang es endlich, nachdem ſich vierzehn von unſeren Leuten über zwanzig Tage damit beſchäftigt hatten. Zu gleicher Zeit retteten wir auch eine ziemliche Menge Eiſenwerk, als Bolzen, Zapfen, Nägel und dergleichen, wel⸗ ches unſer öſters erwähnter Künſtler, der ſich nachgerade zu einem ſehr tüchtigen Schmid heranbildete, zu Nägeln, Ruderhingen und Zapfen, wie wir ſie brauchten, verarbeitete. Aber wir bedurften auch eines Ankers, und ſelbſt wenn wir 2 72 f dieſen gehabt hätten, ſo fehlte es an dem Ankertau. Wir drehten indeß unter Beihülfe der Eingebornen aus dem Material, woraus dieſe ihre Matten bereiteten, Stricke, aus denen wir eine Art Kabel oder Leine machten, die ſtark ge⸗ nug war, unſer Fahrzeug am Ufer zu befeſtigen, womit wir uns vor der Hand begnügen mußten. Wir brachten vier Monate in emſiger Arbeit an dieſem Platze zu, und nach dem Ablauf dieſer Zeit ließen wir un⸗ ſer neues Fahrzeug vom Stapel. Es hatte freilich viele Mängel, aber doch war es, in Betracht der Umſtände, ſo gut, als ſich nur erwarten ließ. Das neugebaute Fahrzeug war eine Art Schaluppe, die achtzehn bis zwanzig Tonnen Laſt führen mochte; und hätten wir Maſten, Segel, eine gute Takelage und ſonſtige Erforderniſſe gehabt, die zu einem ſolchen Fahrzeuge gehören, ſo hätten wir damit hinfahren können, wohin wir wollten. Doch dieß fehlte uns Alles, und das Schlimmſte dabei war, daß es uns an Theer gebrach, und daß auch nur wenig Pech vorhanden war, um damit die Fugen zu verſtrei⸗ chen. Wir verſuchten zwar, dieſem Uebelſtande durch eine Miſchung von Oel und Talg abzuhelfen, was jedoch nicht ſo ganz dem Zwecke entſprach; denn als wir das Schiff vom Stapel ließen, war es ſo leck und faßte ſo ſchnell Waſſer, daß wir ſchon glaubten, all unſere Mühe ſei umſonſt geweſen. Wir konnten es nur unter großer 4 73 SE⸗ Anſtrengung ſchwimmend erhalten, da wir keine Pumpen hatten und es uns auch an Mitteln gebrach, ſolche Maſchinen anzufertigen. Endlich zeigte uns einer der eingebornen Neger einen Baum, deſſen Holz, übers Feuer gehalten, eine klebrige Flüſſigkeit ausſchwitzte, die faſt ſo zäh wie Theer war, und die wir durch Kochen in ein Material verwandelten, wel⸗ ches uns ſtatt des Peches diente. Es entſprach unſerem Zwecke vollkommen; denn es ſetzte uns in den Stand, das Fahrzeug ſo waſſerdicht zu machen, daß wir des Theers recht gut entbehren konnten. Dieſes Geheimniß kam mir ſpäter in manchen derartigen Lagen vortrefflich zu Statten. Als unſer Schiff ſo weit beendigt war, verſahen wir es mit einem ſehr guten Maſte, wozu wir den Beſanmaſt des Wracks verwendeten, und brachten die Segel ſo gut als möglich an; dann fertigten wir das Steuer und alles Andere, was unſere dermalige Lage auszuführen geſtattete, nahmen Mundvorrath und Waſſer ein(von letzterem ſo viel, als wir in Ermangelung von Fäſſern unterbringen konnten) und ſchifften uns mit dem erſten günſtigen Winde ein. Wir hatten unter ſolchen Streifzügen und Arbeiten faſt ein Jahr zugebracht; denn wir befanden uns jetzt im Be⸗ ginne des Februars. Die Sonne beläſtigte uns nicht, was uns um ſo angenehmer war, da ſonſt unter dieſem 74 SE Himmelsſtriche die Hitze eine arge Plage iſt. Der Wind war, wie geſagt, günſtig und blies nach Oſten, was, wie ich ſpäter erfuhr, in jenen Gegenden bei nördlichem Son⸗ nenſtande gewöhnlich der Fall iſt. Es galt jetzt, über den Weg, den wir einſchlagen ſollten, einig zu werden; aber nie zeigte unſere Mannſchaft eine größere Unſchlüſſigkeit; denn Einige waren der Anſicht, man ſolle nach Oſten und der Küſte von Malabar zu⸗ ſteuern, während Andere, welche über die Länge dieſer Fahrt ernſtlicher nachdachten, über dieſen Vorſchlag bedenklich den Kopf ſchüttelten, da ſie wohl wußten, daß weder unſer Mund⸗ vorrath, noch unſer Waſſer auf einer Fahrt, während welcher man in einer Strecke von zweitauſend Meilen kein Land berührte, ausreichen könnte. Dieſe Männer waren die ganze Zeit unſerer Reiſe über für eine Fahrt nach dem Feſtlande von Afrika gewe⸗ ſen, wo es uns wenigſtens an Nahrung nicht gebräche, und wir darauf rechnen dürften, uns zu bereichern, mochten wir nun die Reiſe zu Waſſer oder zu Land machen. Wie die Sachen aber einmal ſtanden, ſo hatten wir keine ſonderliche Wahl; denn für eine Fahrt nach Oſten war die Jahreszeit die allerungünſtigſte, und wir hätten unſer Vorhaben bis in den April oder Mai hinausſchieben müſſen. Wir entſchieden uns daher endlich, da wir Südoſt⸗ und Südſüdoſtwind hatten, und das Wetter günſtig zu blei⸗ 75 GE⸗ ben verſprach, nach der Küſte von Afrika zu ſteuern, ohne uns lange über die Küſtenfahrt an der Inſel zu ſtreiten, obgleich der Theil derſelben, an welchem wir uns befanden, gerade der ungelegenſte für unſere Abſicht war. Wir hielten daher nördlichen Curs, umſchifften das Cap, holten gegen Süden um und ſuchten unter dem Lee der Inſel die Weſt⸗ ſpitze zu erreichen, die ſich, wie bereits bemerkt, ſo weit gegen die afrikaniſche Küſte hin erſtreckte, daß unſere Fahrt dadurch faſt um hundert Seemeilen abgekürzt werden mußte. Als wir jedoch ungefähr eine Strecke von vierundzwanzig Stunden zurückgelegt hatten, ſtießen wir in der Landnähe auf ſehr veränderlichen, ja, ſogar auf eigentlichen Gegenwind, und ſo kamen wir überein, geradezu auf unſer Hauptziel loszu⸗ ſteuern, für das der Wind paßte, um ſo mehr, da unſer Fahrzeug nicht geeignet war, anders als vor dem Winde zu ſegeln.. Wir nahmen daher auf's Neue Waſſer und andere Pro⸗ viſion ein und begannen in der zweiten Hälfte des Märzes mit mehr Muth als Klugheit die Fahrt nach der Küſte von Afrika. Was mich anbelangt, ſo hegte ich keine Beſorgniſſe; denn wenn wir nur Land erreichten, ſo war es mir ziem⸗ lich gleichgültig, was für eines oder wo es war, da ich durchaus keine Ausſichten hatte und wenig daran dachte, wie ſich meine Zukunft geſtalten würde. Ich gab daher 23 76 Se mit ſo wenig Ueberlegung, als ſich von meinem Alter er⸗ warten läßt, zu allem meine Zuſtimmung, wie gefährlich auch das Wagniß, und wie unwahrſcheinlich der Erfolg ſein mußte. Die Fahrt war in der Verzweiflung unternommen wor⸗ den und wurde nicht mit ſonderlicher Umſicht betrieben; denn wir wußten von unſerem Curſe weiter nichts, als daß wir weſtlich ſteuern müßten, mit etwa zwei oder drei Punkten gegen Norden oder Süden, und da wir nur einen kleinen meſſingenen Compaß hatten, der ſich zufällig bei einem unſerer Leute vorfand, ſo konnte unſere Richtung unmöglich eine genaue ſein. Deer Himmel ſandte uns indeß fortwährend günſtigen Wind, der aus Nordweſtweſt blies, und da eine Fahrt nach Südoſtoſt in unſeren Plan paßte, ſo folgten wir getroſt die⸗ ſem Curſe. Die Reiſe dauerte viel länger, als wir erwartet hat⸗ ten; denn unſer Fahrzeug hatte keine Segel, die in einem Verhältniß zu ſeiner Größe geſtanden wären, weßhalb es ſehr ſchwerfällig ſegelte und nur geringe Tagesſtrecken zurück⸗ legte. Es begegnete uns indeß nichts Beſonderes auf un⸗ ſerer Fahrt, da wir uns ſo ziemlich außer dem Bereich von allem befanden, was einen Wechſel hätte bieten können. Die See, in der wir fuhren, enthielt keine Handelswege, da die Bewohner Madagascar's von Afrika nicht weiter, 77 S- als wir ſelber wußten(nämlich daß es dort viele Löwen gäbe), und ſo ſtieß uns auch auf dem ganzen Wege gar kein Fahrzeug auf, das wir hätten anrufen können. Wir waren acht oder neun Tage unter gutem Winde geſegelt, als zu unſerer großen Freude einer von unſeren Leuten Land ankündigte. Wir hatten auch alle Urſache, uns über dieſe Entdeckung zu freuen; denn unſer Waſſer konnte, ſelbſt in den ſpärlichſten Rationen, nicht über drei Tage mehr ausreichen. Da jedoch der Wind nachließ und ſich zu einer Windſtille milderte, ſo erreichten wir mit unſerem langſamen Segler die Küſte erſt gegen Abend, obgleich wir derſelben ſchon am Morgen anſichtig geworden waren. Aber welche traurige Täuſchung, als wir landeten! Wir hatten auf den Continent von Afrika gerechnet und fanden weiter nichts, als eine kleine, unbewohnte Inſel (wenigſtens konnten wir keine Bewohner zu Geſicht bekom⸗ men), auf der wir keine anderen Thiere, als etliche Ziegen entdeckten, von denen wir drei ſchoßen. Doch erhielten wir dadurch wieder friſches Fleiſch und fanden auch ſehr gutes Waſſer. Es ſtand noch fünſzehn Tage an, bis wir das Feſtland erreichten. Wir langten gerade zu rechter Zeit an; da inzwiſchen unſer Mundvorrath rein aufgezehrt worden war, obgleich wir ſo ſparſam damit zu Werke gegangen, daß in den letzten paar Tagen der Mann nur ein Nöſel Waſſer täglich erhielt. Zu unſerer großen Freude entdeckten wir, wiewohl 2 78 So in weiter Entfernung, das Land ſchon den Abend vorher, und da die Nacht durch eine angenehme Kühle blies, ſo befanden wir uns am Morgen nur noch zwei Seemeilen von der Küſte. Wir trugen nun kein Bedenken, ſogleich an's Land zu gehen, obgleich wir mit ein wenig Geduld eine kleine Strecke weiter oben einen ſehr ſchönen Fluß gefunden hätten. Wir erhielten indeß die Schaluppe flott, indem wir ein paar Pfähle in unſern Ankergrund ſchlugen und das Fahrzeug mittelſt der Stricke, die wir, wie oben erwähnt, aus Mat⸗ ten gedreht hatten, ſicher genug befeſtigten. Sobald wir uns ein wenig in der Gegend umgeſehen, friſches Waſſer eingenommen und uns mit einigen Lebens⸗ mitteln, die ſich jedoch hier ſehr ſelten vorfanden, verſehen hatten, gingen wir mit unſern Vorräthen wieder an Bord. Sie beſtanden aus einigen Vögeln, die wir geſchoſſen, und einer Art wildem Büffel, der zwar ein gutes Fleiſch hatte, aber ſehr klein war. So vorgeſehen ſegelten wir an der Küſte weiter, bis wir eine Bucht oder einen Strom fänden, der landeinwärts zu irgend einer Stadt oder einem Volke führte; denn wir hatten hinreichenden Grund, die Gegend für bewohnt zu halten, da wir mehreremale und in allen Richtungen des Nachts Feuer und des Tages Rauch be⸗ merkten. Viertes Kapitel. Unſere Aufnahme unter den Eingeborenen.— Entſchluß, unſern Weg durch das Land fortzuſetzen.— Zwiſtigkeiten und Kampf mit den Ne⸗ gern.— Wir machen ſechzig derſelben zu Gefangenen und laſſen ſie uns dienen. Endlich kamen wir zu einer ſehr großen Bai, in die ſich mehrere Flüſſe mündeten. Wir nahmen keinen Anſtand, in den erſten beſten einzufahren, und da wir einige Hütten und Eingeborene am Ufer ſahen, ſo brachten wir unſer Fahrzeug in eine kleine Bucht an dem Nordufer, und hoben eine lange Stange mit einem weißen Stück Tuch als Frie⸗ denszeichen in die Höhe. Wir fanden, daß wir ſogleich verſtanden wurden; denn alsbald kamen Männer, Weiber und Kinder— meiſt ganz nackt— ſchaarenweiſe auf uns zu. Das erſte, was wir ſodann thaten, beſtand darin, daß wir die Hände an den Mund hielten, als ob wir tränken, um ihnen zu bedeuten, daß wir Waſſer zu haben wünſchten. Auch dieß begriffen ſie; denn drei von ihren Weibern und zwei Knaben eilten landeinwärts und kamen ungefähr nach 80 S⸗⸗ einer halben Viertelſtunde mit mehreren ganz artig geform⸗ ten thönernen Töpfen zurück, die ſie, wie es ſchien, in der Sonne getrocknet hatten. Sie waren mit Waſſer angefüllt und wurden am Ufer niedergeſetzt, worauf diejenigen, welche ſie gebracht hatten, etwas zurücktraten, damit wir ſie holen möchten, was auch geſchah. Eine Weile nachher brachten ſie uns Wurzeln, Kräuter und Früchte, deren ich mich nicht mehr recht erinnere; da wir ihnen aber nichts zu geben hatten, ſo fanden wir bald, daß ſie ſich nicht ſo freundlich gegen uns benahmen, als die Bewohner von Madagascar. Unſer Schmid ſetzte ſich nunmehr wieder in Thätigkeit, und da wir einiges Eiſen von dem Wrack des Schiffes gerettet hatten, ſo machte er eine Menge Spielzeug, Vögel, Hunde, Stecknadeln, Haken und. Ringe, während wir ihm beim Feilen an die Hand gingen und die verarbeiteten Gegenſtände polirten. Als wir ihnen einiges von dieſen Waaren anboten, brachten ſie Vorräthe aller Art, wie ſie ihnen zu Gebote ſtanden, Zie⸗ gen, Schweine, Kühe und dergleichen, ſo daß wir nun an Lebensmitteln keinen Mangel mehr hatten. Wir befanden uns jetzt auf dem Feſtlande von Afrika, aber in dem verödetſten, einſamſten und unwirthbarſten Theile der Welt— ſelbſt Grönland und Nova Zembla nicht ausgenommen— nur mit dem Unterſchiede, daß ſelbſt die⸗ ſer armſelige Landſtrich bewohnt war, obgleich es— dem 2 81 S⸗⸗ Charakter einiger der Bewohner nach zu ſchließen— für uns beſſer geweſen wäre, wenn letzterer Umſtand nicht Statt gefunden hätte. Und hier faßten wir, trotz der Unheimlichkeit der Ge⸗ gend, den verwegenſten und verzweifeltſten Entſchluß, der je in dem Gehirne eines Menſchen ausgeheckt wurde— nämlich den, unſern Weg von der Küſte von Mozambique an(alſo dem öſtlichen Ocean) bis zu der Küſte von Angola oder Guinea am weſtlichen oder atlantiſchen Meere mitten durch das Herz von Afrika— eine Strecke von wenigſtens 1800 Meilen, zu Lande fortzuſetzen— ein Weg, auf dem wir unter ſengender Hitze nie bereiste Wüſten zu durchwan⸗ dern hatten, aller Wägen und alles Viehs, das unſer Ge⸗ päcke hätte weiter ſchaffen können, entbehrten und auf Kämpfe mit Löwen, Leoparden, Tigern, Schlangen und Elephanten gefaßt ſein mußten. Die Glutſonne der heißen Zone, ganz in der unmittelbaren Nähe des Aequators, im höchſten Grade verwilderte Völkerſtämme, die uns begegnen mußten, Durſt und Hunger— kurz, alle Schrecken dräng⸗ ten ſich zuſammen, die ſogar das kühnſte Herz, das je von Fleiſch und Blut umſchloſſen war, zum Verzagen hätten bringen können. Demungeachtet entſchloſſen wir uns furchtlos, das Wageſtück zu beſtehen, und trafen demgemäß unſere Vor⸗ Singleton, I. 6 82 So⸗ bereitungen, wie ſie die Umſtände geſtatteten und unſere geringe Kenntniß von dem Lande zu fordern ſchien. Wir hatten uns ſchon ſeit einiger Zeit daran gewöhnt, auf Felſen, Kies, Gras und dem Küſtenſande baarfuß zu gehen; da wir indeß fanden, daß dies auf dem glühenden Sande des Feſtlandes unmöglich wäre, ſo verſahen wir uns mit einer Art von Schuhen aus den Häuten wilder Thiere, deren Haare wir einwärts kehrten und ſie ſodann in der Sonne trockneten. Die dicke harte Außenſeite ließ wohl eine lange Dauer dieſer Bekleidung, welche wir Fußhandſchuhe nannten, hoffen; auch ließ ſich recht bequem und gemäch⸗ lich darin gehen. Wir verkehrten mit einigen Eingeborenen, die ſich ziem⸗ lich freundlich gegen uns benahmen, doch kann ich nicht ſagen, welcher Sprache ſie ſich bedienten. Wir theilten ihnen, ſo weit wir uns ihnen verſtändlich machen konnten, nicht nur unſere Bedürfniſſe, ſondern auch unſer Vorhaben mit und fragten ſie nach der Beſchaffenheit des im Weſten liegenden Landes. Wir erfuhren jedoch wenig für unſern Zweck Brauchbares und glaubten nur daraus entnehmen zu können, daß es dort viele große Ströme und viele Löwen, Tiger, Elephanten, wilde Katzen— womit ſie, wie wir ſpäter fanden, die Zibethkatzen meinten— und ſonſtige Thiere gäbe. Als wir ſie fragten, ob Leute von ihnen dieſen Weg 2 83 S⸗ ſchon gemacht hätten, bejahten ſie es und bedeuteten uns, daß einige ſchon hingegangen wären, wo die Sonne ſchliefe (in den Weſten), ſie wüßten aber nicht, wo man ſie finden könnte. Auf unſere Aufforderung, uns Führer mitzugeben, zuckten ſie die Achſeln, wie die Franzoſen, wenn ſie ſich ſcheuen, irgend etwas zu unternehmen; und auf unſere Frage hinſichtlich der Löwen und anderer wilder Thiere lachten ſie und meinten, ſie würden uns nichts zu Leide thun, wenn wir nur fleißig Feuer anmachten und ſo die Beſtien verſcheuchten, was wir auch in der That ſpäter als richtig erfanden. Auf dieſe Ermuthigungen hin entſchloſſen wir uns zu der Reiſe. Es leiteten uns dabei auch noch manche andere Rückſichten, die uns, ſelbſt im Falle, daß das Unternehmen ganz und gar unausführbar geweſen wäre— entſchuldigt haben müßten. Um indeß die Aufzählung derſelben nicht allzu ermüdend zu machen, begnüge ich mich, nur einige derſelben zu nennen. Einmal waren wir aller Mittel beraubt, unſere Er⸗ löſung auf einem andern Wege zu bewerkſtelligen; denn wir befanden uns an einer außer allem europäiſchen Verkehr ſtehenden Küſte, weßhalb wir nicht daran denken durften, in dieſem fernen Erdtheile je von unſern Landsleuten Bei⸗ ſtand zu erhalten. Hätten wir ſodann das Wagniß unter⸗ nommen, längs der Küſte von Mozambique und weiter 6* 2 84 SE oben im Norden an dem verödeten Geſtade Afrika's hinzu⸗ ſegeln, bis wir das rothe Meer erreichten, ſo beſtand unſere ganze Ausſicht darin, von den Arabern gefangen und an die Türken als Sklaven verkauft zu werden, ein Loos, das uns wenig wünſchenswerther als der Tod erſchien. Ein Schiff, das uns über das große arabiſche Meer nach Indien ge⸗ führt hätte, konnten wir nicht bauen, und eben ſo wenig vermochten wir, das Cap der guten Hoffnung zu erreichen, da der Wind in dieſer Richtung zu veränderlich, und das Meer in dieſer Breite zu ſtürmiſch iſt, um uns einen glück⸗ lichen Erfolg hoffen zu laſſen. Zudem wußten wir alle, daß wir, wenn wir den Landweg einſchlugen, einen der großen Flüſſe, die in's atlantiſche Meer ſtrömen, treffen konnten, an deſſen Ufern ſich wohl Kähne zimmern laſſen mochten, um uns vielleicht auf tauſend Meilen den Weg zu erleichtern. Auch konnte es uns nicht wohl an Lebens⸗ mitteln gebrechen, ſo lange wir Flinten hatten, um Wild damit zu ſchießen, und endlich mochte es, abgeſehen von der Hoffnung unſerer Erlöſung, gar leicht der Fall ſein, daß eder von uns eine Partie Gold davon trüge, die uns, wenn wir glücklich nach Hauſe kämen, für unſere Mühe reichlich entſchädigte. Ich kann nicht ſagen, daß ich mich bei allen früheren Berathungen je ſonderlich um den Werth und die Bedeutung eines Unternehmens gekümmert hätte, bis die gegenwärtige 85 So⸗ zur Sprache kam. Ein Marſch von zwei⸗ oder dreitauſend Meilen zu Fuß durch von Löwen und Tigern bevölkerte Wüſten machte jedoch, wie ich gern bekenne, mein Blut erſtarren, und ich bot Allem auf, meine Kameraden für meine Anſicht zu gewinnen, die, wie ich meinte, ſehr gut war und darauf hinauslief, nach dem arabiſchen Golf oder der Ausmündung des rothen Meeres zu fahren, daſelbſt auf ein Schiff zu warten, deren es dort die Menge geben mußte, und das nächſte beſte mit Gewalt wegzunehmen, wobei wir uns nicht nur die Ladung zueignen, ſondern auch die Mittel ſichern konnten, jeden Ort der Welt, wohin wir nur wollten, zu erreichen. Alle waren jedoch zu entſchieden, als daß meine Be⸗ redtſamkeit etwas verfangen hätte, und ſo fügte ich mich denn mit der Erklärung, daß ich mich unſerem erſten Geſetze, das die Stimmen der Mehrzahl als maßgebend anerkannte, unterwerfen wolle. Es blieb demnach bei der Landreiſe. Zuerſt ſtellten wir nun Beobachtung an, um auszumitteln, auf welchem Punkte der Erde wir wären, und vergewiſſer⸗ ten uns, daß wir uns dermalen unter 120 35 ſüdlicher Breite befänden. Dann ſahen wir auf unſere Karten, um den Punkt aufzuſuchen, welcher das Ziel unſeres Marſches ſein ſollte, und fanden dieſen, wenn wir auf die Küſte von Angola abhoben, zwiſchen dem achten und eilften ſüdlichen, wollten wir aber dem Niger zu und nach der Küſte von 86 S⸗ Guinea, zwiſchen dem zwölften und neunzehnten nördlichen Breitegrade. Wir entſchieden uns für die Küſte von Angola, die unſerer Karte nach mit uns ſo ziemlich in gleicher Breite lag und mittelſt eines genau weſtlichen Curſes zu erreichen war. Da man uns außerdem verſichert hatte, daß auf unſerem Wege Flüſſe lägen, ſo zweifelten wir nicht, daß uns die Reiſe dadurch ſehr erleichtert werden würde, beſonders wenn wir Mittel fänden, über den großen See oder das Binnenmeer zu kommen, das die Eingeborenen Coalmucoa nennen, und aus welchem der Sage nach der Nil entſpringt. Aber wir machten die Rechnung ohne den Wirth, wie man im Verlaufe dieſer Erzählung ſehen wird. Nun fragte ſich's aber auch, wie unſer Gepäck weiter zu ſchaffen wäre, ohne das wir unter keinen Umſtänden die Reiſe antreten konnten, da von demſelbeu nicht nur die Sicherung gegen Hunger, ſondern auch der Schutz gegen wilde Menſchen und Thiere abhing. Dieſer Punkt war um ſo weſentlicher, da ſogar unſer Pulvervorrath eine zu ſchwere Laſt für uns war in einer Gegend, wo die Sonne ſo heiß brannte, daß wir ſchon an uns ſelbſt genug zu tragen hatten. Wir hielten Nachfrage und fanden zu unſerem großen Leidweſen, daß die Eingeborenen von Laſtthieren, das heißt, von Pferden, Maulthieren, Eſeln oder Kameelen, gar nichts wußten; das einzige derartige Geſchöpf, deſſen ſie ſich zu 87 Se⸗ dieſem Zwecke bedienten, war eine Art von Büffel oder zahmem Stier, wie wir auf der oben berührten Inſel einen erlegt hatten. Sie hatten einige dieſer Thiere ſo an die Hand gewöhnt, daß ſie auf den Ruf kamen und gingen, ihre Laſten trugen und mit denſelben ſogar über Flüſſe und Seen ſchwammen, da ſie ſehr gute Schwimmer ſind. Aber wir wußten ein ſolches Vieh weder zu behandeln noch zu leiten, ja nicht einmal, wie wir ihnen eine Laſt auflegen ſollten, was natürlich unſere Berathungen nicht wenig verwirrte. Endlich brachte ich eine Methode in Vor⸗ ſchlag, welche nach einiger Ueberlegung für ſehr praktiſch erfunden wurde. Sie beſtand darin, mit einigen Einge⸗ borenen Streit anzufangen, zehn oder zwölf zu Gefangenen zu machen, ſie als Sklaven zu binden, zur Mitreiſe zu zwingen und ihnen unſer Gepäck aufzuladen, wodurch wir außerdem noch den doppelten Vortheil erhielten, Wegweiſer und Dollmetſcher für unſern Verkehr mit den übrigen Be⸗ wohnern des Landes bei uns zu haben. Der Vorſchlag fand anfangs keinen Beifall, aber die Eingeborenen gaben uns bald ſelbſt Grund und Gelegenheit, ihn zur Anwendung zu bringen; denn obgleich unſer kleiner Handel mit ihnen anfangs nur auf der Grundlage ihrer Gefälligkeit gegen uns beruhte, ſo fanden wir doch zuletzt, daß auch Spitzbüberei mit unterlief. Bei Gelegenheit unſeres 88 So⸗ Vieheinkaufs wurde einmal einer unſerer Leute, da er mit ſeinem Kunden nicht recht überein kommen konnte, ſehr trotzig von ihnen behandelt; auch behielten ſie das Spiel⸗ zeug aus der Werkſtätte unſeres Künſtlers, welches ſie als Kaufſchilling bereits hingenommen hatten, ließen durch ihre Kameraden das Vieh vor ſeinen Augen wieder forttreiben und lachten ihn aus. Der getäuſchte Käufer ſchrie über Gewaltthätigkeit und rief einige von uns, die in der Nähe waren, um Hülfe an, weil ihm der Neger mit der Lanze zuſetzte und auch wirklich einen ſo gut gezielten Stoß nach ihm führte, daß er wohl auf dem Platze geblieben wäre, hätte er nicht raſch einen Seitenſprung gemacht und die Waffe mit der Hand abgewehrt. Er wurde dabei am Arm verwundet und gerieth darüber ſo in Zorn, daß er nach ſeinem Gewehre griff und den Neger auf der Stelle niederſchoß. Die in der Nähe ſtehenden Schwarzen geriethen einmal ob dem Blitze, dann ob dem Knalle und endlich wegen des Umſtandes, daß ſie einen der Ihrigen todt niederſtürzen ſahen, in ein ſolches Entſetzen, daß ſie im Anfange wie verſteinert daſtanden. Sobald ſie aber wieder ein wenig zu ſich kamen, hob ein ziemlich ferne Stehender ein mörder⸗ liches Geſchrei an, das ein Kriegsruf zu ſein ſchien; denn alle übrigen ſtimmten darin ein und rannten nach dem Platze, wo er ſtand, während wir, die wir die Bedeutung 89 S⸗ dieſer Bewegung nicht kannten, ruhig blieben und uns, wie ein Häufchen Blödſinniger, gegenſeitig anſahen. Wir wurden jedoch bald unſerer Ungewißheit entriſſen; denn ehe drei Minuten verſtrichen, hörten wir daſſelbe Ge⸗ ſchrei raſch von einem Orte zum andern durch alle die kleinen Dörfer ſich verbreiten; ja, es erſchallte ſogar von der andern Seite des Fluſſes herüber, und ehe wir's uns verſahen, ge⸗ wahrten wir eine Menge nackter Wilder, die von allen Seiten der Stelle zuſtrömten, von welcher aus der erſte Schreier das Signal gegeben hatte. In weniger als einer Stunde war nahezu eine Maſſe von fünfhundert Mann beiſammen, deren einige Bogen und Pfeile, die meiſten aber Lanzen trugen, welche ſie ſo geſchickt zu werfen wußten, daß ſie damit auf ziemliche Entfernung einen Vogel im Fluge trafen. Wir hatten wenig Zeit zur Berathung; denn der Haufen mehrte ſich mit jedem Augenblicke, und ich glaube, er würde ſich wohl in kurzer Zeit zu Zehntauſenden geſteigert haben, wenn wir noch länger geſäumt hätten. Wir wußten indeß nichts Beſſeres zu thun, als nach unſerem Schiffe zu fliehen, von wo aus wir einen guten Vertheidigungskrieg führen oder auch vorrücken und den Verſuch machen konn⸗ ten, was ein paar volle Salven unſeres Schrots auszu⸗ richten vermöchten. Wir entſchloſſen uns zu dem Letzteren in der zuverſicht⸗ lichen Hoffnung, daß das Feuer und das Knallen unſeres 2 90 S⸗ Geſchützes ſie bald zur Flucht veranlaſſen würde, bildeten eine Linie und rückten beherzt auf den Feind los, während die Eingeborenen, wahrſcheinlich in der Meinung, uns mit ihren Lanzen leicht vernichten zu können, ſich anſchickten, uns entgegen zu gehen. Wir machten Halt, rückten weiter aus⸗ einander, um unſere Schlachtreihe zu verlängern, und be⸗ grüßten ſie mit kräftigen Schrotladungen, ſo daß ſechzehn unſerer Gegner auf der Stelle niederſtürzten, und weitere drei ſich nur zwanzig bis dreißig Schritte weit fortzuſchleppen vermochten und dann gleichfalls fielen. Wie viele leichter verwundet wurden, konnten wir natürlich nicht wiſſen. Sobald unſer erſtes Peloton gefeuert hatte, erhob ſich ein furchtbares Geſchrei oder vielmehr Geheul zum Theil von Seiten derer, die verwundet, zum Theil auch von Seiten anderer, welche ihre auf eine ſo imnrzöne Weiſe getödteten Kameraden beklagten. Nachdem wir Feuer gegeben hatten, verhielten wir uns ganz ruhig, bis unſere Gewehre wieder geladen waren, und als wir bemerkten, daß ſich die Feinde nicht von der Stelle rührten, ſuchten wir ſie abermals mit einer Salve heim. Es ſtürzten neun Mann; denn da ſie nicht mehr in ſo dichten Haufen ſtanden, ſo gaben nicht alle unſere Leute Feuer, ſondern ſieben hatten die Weiſung erhalten, ihre Ladung nicht zu verbrauchen, ſondern, ſobald die anderen ———— 91 G⸗⸗ ihre Gewehre abgeſchoſſen hätten, vorzurücken, damit dieſe Zeit gewännen, auf's Neue zu laden. Nach unſerem zweiten Pelotonfeuer ſchrieen wir, ſo laut wir konnten, und ſobald die vorerwähnten ſieben Mann dem Feinde um etwa zwanzig Schritte näher gerückt waren, ſchoßen ſie gleichfalls ihre Gewehre ab. Die hinteren, die inzwiſchen ſich ſchußfertig gemacht hatten, folgten in aller Behendigkeit, und ſobald die Eingeborenen ſahen, daß wir furchtlos auf ſie zukämen, ergriffen ſie, als wären ſie behext, mit wildem Schreien die Flucht. 8 Als wir auf dem Wahlplatze anlangten, ſahen wir eine große Anzahl Körper auf dem Boden liegen, mehr als wir möglicherweiſe getödtet oder verwundet haben konnten, ja ſogar mehr, als wir Schrote in unſern Flinten hatten, und wir wußten nicht, was wir daraus machen ſollten. Endlich fanden wir jedoch, daß der Schreck ſie aller Beſinnung be⸗ raubt und— wie ich glaube— einige ſogar, ohne eine Wunde auf der ganzen Haut, getödtet hatte. Als etliche von dieſen armen Wichten wieder zu ſich kamen, krochen ſie auf uns zu und beteten uns auf den Knieen oder mit dem ganzen Leibe auf die Erde geſtreckt unter tauſenderlei ſeltſamen Geberden, die alle ihre Unter⸗ würfigkeit ausdrücken ſollten, an; denn ſie ſchienen uns für Götter oder für Teufel zu halten. Es war uns indeß gleichgültig, welcher von dieſen Vorſtellungen wir 92 S⸗ dieſes Benehmen zu danken hatten, und ich kam ſogleich auf den Gedanken, Vortheil daraus zu ziehen, indem wir vermöge der Rechte des Kriegs nach Belieben Gefangene machen und ſie zwingen konnten, mit uns zu gehen und unſer Gepäcke zu tragen. Alles billigte dieſen Vorſchlag einhellig, und wir griffen ſechzig rüſtige junge Burſche auf, denen wir kund thaten, daß ſie uns folgen müßten, worein ſie ſich bereitwillig zu fügen ſchienen. Nun war aber die zweite Frage, wie wir uns gegen unſere Sklaven ſicher ſtellen ſollten, da ſie durchaus keine Aehnlichkeit mit den Bewohnern von Madagascar hatten, ſondern heftig, rach⸗ ſüchtig und hinterliſtig waren. Wir durften daher keine anderen Dienſte als die bloßer Sklaven von ihnen erwarten, das heißt, keine Arbeit ohne Zwang und nicht länger Unter⸗ würfigkeit, als ſie durch die Furcht im Zaume gehalten wurden. Fünftes Kapitel. Ich werde mit dem Geſchützmeiſter zum Anführer gewählt und Capitän benannt.— Der ſchwarze Prinz.— Und welchen Nutzen wir von ihm ziehen.— Unſere Neger verſorgen uns mit Vieh. Ehe ich weiter erzähle, muß ich dem Leſer bemerken, daß ich von dieſer Zeit an den Stand unſerer Verhältniſſe von einem ernſteren Geſichtspunkte aus zu betrachten und mich mehr um unſere Angelegenheiten zu bekümmern begann; denn obgleich ich der jüngſte in der Geſellſchaft war, ſo hatte ich mich doch nachgerade überzeugt, daß es meinen Kamera⸗ den ziemlich an Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart ge⸗ brach, wenn es ſich um die Ausführung einer Sache han⸗ delte. Den erſten Anlaß zu dieſer Ueberzeugung gab der letzte Kampf mit den Eingeborenen; denn obgleich ſie ſich raſch für den Angriff und den Gebrauch der Schießgewehre entſchieden hatten, ſo begann doch ihr Muth zu ſinken, als ge die Neger nicht gleich nach den erſten Schüſſen fliehen ſahen, und ich bin überzeugt, ſie würden alle augenblicklich 94 S⸗ die Flucht ergriffen haben, wenn ſie die Schaluppe zur Hand gehabt hätten. 3 Bei dieſer Gelegenheit nahm ich es auf mich, ſie zu er⸗ muthigen und zu einer zweiten Salve aufzufordern, indem ich ihnen die Verſicherung gab, ich würde die Neger bald genug zum Fortlaufen bringen, wenn ſie meinen Weiſungen Folge leiſteten. Sie wurden nun beherzter, und ſo geſchah es denn auf mein Geheiß, daß ſie bei dem zweiten Feuer einige der Ladungen in der Reſerve behielten, wie oben erwähnt wurde. Nach der zweiten Salve ſah ich mich in der That ge⸗ nöthigt, durch ein eigentliches Commando die weiteren Schritte zu leiten.„Nun, meine Herren,“ ſagte ich,„laßt uns einen Schlachtruf erheben,“ und brüllte dann ſo kräftig hinaus, wie es unſere engliſchen Matroſen bei ähnlichen Gelegenheiten zu thun pflegen.„Und nun folgt mir zu den ſieben, die noch nicht gefeuert haben,“ fuhr ich fort;„ich ſtehe euch dafür, wir werden kurze Arbeit finden.“ So erwies es ſich auch in der That; denn ſobald uns die Neger anrücken ſahen, nahmen ſie Reißaus. Von dieſem Tage an wollten ſie mich nur noch Seig⸗ nior Capitanio nennen, aber ich verbat mir den Seignior. „Wohlan denn,“ ſagte der Geſchützmeiſter, der gut engliſch ſprach,„ſo ſollſt du Capitän Bob heißen;“ und mit dieſem Titel wurde ich ſpäter immer angeredet. —-— 2ꝗo u95 Go⸗⸗ Nichts iſt für die Portugieſen, mag man ſie als Nation oder als Individuen betrachten, bezeichnender als dieſer Vor⸗ fall. Wenn ſie Jemand ermuthigt und ihnen mit gutem Beiſpiel vorangeht, ſo benehmen ſie ſich gut genug; wenn ſie aber für ſich ſelbſt handeln ſollen, ſo verzagen ſie gar bald. Dieſe Männer wären ſicherlich vor einer Bande nackter Wilder geflohen(obgleich ſelbſt die Flucht ihr Leben nicht hätte retten können), wenn ich nicht mit Halloh angefangen und dadurch eine Veränderung der Sachlage herbeigeführt hätte, die weit mehr geeignet war, ihren Muth zu beſeelen, als das Getümmel des Kampfes. Ein derartiges Eingreifen that ſpäter noch mehreremale Noth, und ich geſtehe, daß ich mich oft wunderte, woher ein Haufen Leute, die in Augenblicken der Gefahr ſo ver⸗ zagt waren, den Muth nahmen, dem verzweifeltſten und mühſeligſten Wagniß, das je unternommen wurde, entgegen zu gehen. Wir hatten indeß auch zwei oder drei unermüdlich thätige Leute in unſerer Geſellſchaft, die durch ihren Muth und ihre Unverdroſſenheit alle übrigen aufrecht hielten und wirklich auch von Anfang an das Uebergewicht behauptet hatten. Dieſe waren der Geſchützmeiſter und der Schmid, welchen wir den Künſtler nannten;z der dritte, einer der Zimmerleute, ging auch noch an, obgleich er den beiden vorgenannten weit nachſtand. Dieſe waren in der That die 96 E⸗⸗ Seele und das Leben aller übrigen, und nur ihnen hatte man es zu danken, wenn die andern bei was immer für einer Gelegenheit Entſchloſſenheit zeigten. Als jene daher ſahen, daß auch ich mich brauchbar zu machen anfing, wie dieß bei dem oben berührten Anlaſſe der Fall war, ſo um⸗ armten ſie mich und behandelten mich nachher ſtets mit be⸗ ſonderer Liebe. Der Geſchützmeiſter hatte eine gute Schule genoſſen und war nicht minder ein trefflicher Mathematiker als ein guter Seemann. Dem vertraulicheren Verkehr mit ihm verdankte ich die Grundlage zu dem Wiſſen, das ich mir ſpäter in allen für das Seeweſen nützlichen Kenntnißzweigen, beſonders aber in der Geographie, erwarb. Meine Lernbegierde und leichte Faſſungsgabe ſprach ihn an, und ſo brachte er mir die erſten richtigen Begriffe von der Geſtalt der Erde und des Meeres, der Lage der Landes⸗ theile, dem Lauf der Ströme und der Bewegung der Him⸗ melskörper bei und gab mir dabei einen gewiſſermaßen ſyſtematiſchen Unterricht in der Aſtronomie, den ich ſpäter als ſehr praktiſch kennen lernte. Beſonders aber erfüllte er meinen Geiſt mit hochſtreben⸗ den Gedanken und dem eifrigen Verlangen, alles Wiſſens⸗ würdige zu erlernen, indem er mir bewies, daß nichts eine beſſere Vorbereitung für großartige Unternehmungen wäre, als eine über die gewöhnlichen Kenntniſſe des Seemanns N 6G 97 So erhabene Bildungsſtufe, und daß Unwiſſenheit dem Menſchen immer nur eine niedrige Stellung anweiſe, während Wiſſen⸗ ſchaftlichkeit die erſte Sproße zur Leiter des Ruhmes bilde. Er ſchmeichelte mir ſtets mit meinen Anlagen, und obgleich dieß meiner Eigenliebe wohl that, ſo verfehlte es doch nicht, da ich Ehrgeiz beſaß, der eben in dieſer Zeit in meiner Seele aufzukeimen begann, einen unerſättlichen Durſt nach Wiſſen in mir zu wecken, ſo daß ich feſt entſchloſſen war, wenn ich je nach Europa zurückkäme und mir die Mittel dazu nicht benommen wären, alles das aus dem Grunde zu lernen, was mich zu einem vollkommenen Seemann machen konnte. Doch was ſind die Entwürfe des Menſchen! Auch der meinige wurde nicht ausgeführt, obgleich ſich mir ſpäter Gelegenheit dazu bot. Doch kehren wir wieder zu dem Gang unſerer Erzäh⸗ lung zurück. Als der Geſchützmeiſter geſehen, welchen we⸗ ſentlichen Dienſt ich in dem Treffen geleiſtet hatte, und von meinem Vorſchlage, eine Anzahl Gefangener zu machen und ſie zum Marſche zu verwenden, hörte, pflichtete er mir vor allen Andern bei.„Capitän Bob,“ ſagte er,„ich denke, Du mußt unſer Anführer ſein; denn den ganzen Erfolg dieſes Unternehmens haben wir dir zu danken.“—„Nein, nein,“ entgegnete ich,„Ihr macht mir da ein Compliment. Seid meinetwegen Ihr Seignior Capitanio oder gar General; ich bin zu jung dazu.“ Mit einem Worte— wir alle Singleton, I, 7 2 98 So⸗ kamen überein, ihn zu unſerem Anführer zu wählen. Er wollte jedoch dieſe Ehre nur unter der Bedingung anneh⸗ men, daß ich ſie mit ihm theilte, und da die Uebrigen ſeinen Wunſch unterſtützten, ſo mußte ich mich fügen. Das erſte Geſchäft welches mir in dieſem meinem neuen Commando anheimfiel, war ſo ſchwierig, als ſich nur eines denken läßt— nämlich die Behandlung der Gefangenen. Ich übernahm es jedoch gern, wie man bald hören wird. Wichtiger war übrigens die nun folgende Berathung, einmal über den einzuſchlagenden Weg, und dann, wie wir uns für die Reiſe mit Proviant vorſehen wollten. Unter den Gefangenen befand ſich ein hoher, ſchöner Jüngling, dem die übrigen große Verehrung zollten, und der, wie wir ſpäter erfuhren, der Sohn eines ihrer Könige war. Sein Vater war, wie es ſchien, bei unſerer erſten Salve gefallen, und er ſelbſt hatte einen Schuß in den Arm und einen andern in die Hüfte erhalten. Die Hüftwunde ging tief in's Fleiſch, ſo daß er ſtark blutete und in Folge des Blutverluſtes halbtodt dalag. Der Armſchuß hatte ihm das Ellenbogengelenk geſplittert, und er war durch dieſe beiden Wunden in einen ſo bedenklichen Zuſtand verſetzt, daß wir ſchon im Begriffe ſtanden, ihn fortzuſchaffen und dem Tode anheimzugeben, den er ſicherlich auch in wenigen Tagen erlitten haben würde. Als ich jedoch bemerkte, daß ihm die übrigen Ehrfurcht erwieſen, ſo kam mir auf einmal 99 SE⸗⸗ der Gedanke, er könnte uns dadurch nützlich werden, daß wir ihn gewiſſermaßen zu einem Befehlshaber über die übrigen machten. Ich übergab ihn daher den Händen unſeres Wundarztes und bedeutete dem armen Teufel, ſo gutes an⸗ ging, durch Zeichen, daß wir ihn wieder geſund machen wollten. Dieß erweckte eine neue Scheu in den Gemüthern un⸗ ſerer Gefangenen; denn ſie glaubten, wir könnten ſie nicht nur auf weite Entfernungen durch etwas Unſichtbares(als ſolches erſchien ihnen unſer Schrot) tödten, ſondern auch die Getödteten wieder lebendig machen. Der junge Prinz rief nun ſechs oder ſieben Wilde zu ſich und ſagte ihnen einige Worte, die wir nicht verſtanden; aber unmittelbar darauf kamen alle ſieben auf mich zu, knieten vor mir nieder, hiel⸗ ten ihre Hände mit bittender Geberde in die Höhe und zeigten nach dem Platze, wo einer von denen lag, die wir getödtet hatten. Es währte einige Zeit, ehe ich oder einer von uns ſie verſtehen konnte. Endlich aber erhob ſich einer der Neger, eilte auf den Todten zu, richtete ihn auf und deutete auf deſſen Auge, wo der Schuß eingedrungen war. Dann wies ein anderer auf den Wundarzt, und ſo fanden wir endlich, daß ſie uns ſagen wollten, wir möchten des Prinzen Vater gleichfalls heilen, was jedoch nicht anging, da die Kopf⸗ wunde ihn bereits getödtet hatte. Wir griffen indeß dieſen Wink auf und geſtanden die 7* 100 So⸗⸗ Unzulänglichkeit unſerer Kunſt keineswegs zu, ſondern ließen ſie wiſſen, daß die Getödteten diejenigen wären, welche uns zuerſt angefallen und gereizt hätten, und daß wir daher unter keinen Umſtänden geneigt wären, ſie wieder lebendig zu machen, indem wir im Gegentheil ſie gleichfalls tödten und nie wieder in's Leben rufen würden, wenn ſie ſich feindſelig und unbotmäßig benähmen; wenn übrigens der Prinz gutwillig mit uns ginge und unſeren Befehlen Folge leiſtete, ſo wollten wir ihn nicht ſterben laſſen und ſeinen Arm wieder heilen. Auf dieſe Erklärung befahl er ſeinen Leuten, zu gehen, einen langen Stab zu holen und auf die Erde zu legen. Als ſie denſelben brachten, ge⸗ wahrten wir, daß es ein Pfeil war. Er nahm ihn mit der linken Hand(denn die rechte war durch die Wunde ge⸗ lähmt), deutete damit gegen die Sonne, brach ihn entzwei, ſetzte die Spitze gegen ſeine Bruſt und überreichte ſodann mir das Bruchſtück. Dieß war, wie wir ſpäter erfuhren, eine Betheuerung, daß die Sonne, welche ſie anbeteten, ihn mit einem Pfeil in die Bruſt ſchießen ſolle, wenn er je auf⸗ höre, mein Freund zu ſein; und die Einhändigung des Pfeiles an mich wollte beſagen, daß ich der Mann wäre, dem er dieß zugeſchworen hätte. Und nie hat ein Chriſt ſeinen Eid gewiſſenhafter gehalten, als dieſer gehalten wurde; denn der Wilde erwies ſich uns manchen mühſamen Monat nachher als treuen und ergebenen Diener. —2 8*B— N 2 101 So⸗ Als ich ihn dem Wundarzt übergeben hatte, fand die⸗ ſer, daß die Hüftwunde blos von einem etwas tiefgehenden Streifſchuſſe herrührte, ſo daß ſie bald geheilt werden konnte. An dem Arme war jedoch ein Knochen in der Nähe des Ellenbogengelenkes zerbrochen. Er richtete denſelben ein, verſah das Glied mit Schienen und einer Schlinge, die er dem Neger um den Hals hing und bedeutete ihm durch Zeichen, daß er den Arm nicht bewegen dürfe, was er denn auch ſo treulich befolgte, daß er ſich niederſetzte und ſich nicht rührte, ohne daß ihm der Wundarzt die Erlaubniß dazu gab. Ich hatte viele Mühe, dem Neger begreiflich zu ma⸗ chen, was wir vorhätten und wie wir ſeine Leute zu be⸗ nützen beabſichtigten. Beſonders ſchwer hielt es, ihn die Bedeutung einiger unſerer Worte, zum Beiſpiel des Ja's und Nein's, kennen zu lehren und ihn überhaupt mit unſe⸗ rer Sprache etwas bekannt zu machen. Er war indeß ſehr willig und gab ſich alle Mühe, meinem Unterricht Ehre zu machen. Leichter begriff er unſere Abſicht, Mundvorrath mit uns zu nehmen; er bedeutete uns übrigens durch Zeichen, dieß wäre unnöthig, da wir vierzig Tagreiſen weit überall auf unſerem Wege hinreichend Lebensmittel finden würden. Er wußte nicht, wie er die Zahl vierzig ausdrücken ſollte, da ſie keine Ziffer dafür hatten und ſich gegenſeitig nur durch 102 So⸗⸗ Worte darüber zu erklären vermochten. Endlich nahm jedoch einer der Neger auf ſeinen Befehl vierzig kleine Steine auf und legte ſie der Reihe nach auf den Boden, um uns an⸗ zuzeigen, auf wie viele Tagemärſche es uns an Proviſion nicht mangeln würde. Dann zeigten wir ihm unſer Gepäck, welches ſehr ſchwer war, beſonders unſer Pulver, Blei, Eiſen, das Zim⸗ mergeräthe, die Seemannsinſtrumente, die Flaſchenkeller und anderes Gerümpel. Er nahm einiges von dieſen Ge⸗ genſtänden in die Hand, um das Gewicht zu prüfen, ſchüt⸗ telte aber den Kapf darüber. Ich ſagte daher unſern Leu⸗ ten, ſie müßten ſich entſchließen, das Ihrige in kleinere Päcke zu vertheilen, um es tragbarer zu machen, was denn auch geſchah und uns nöthigte, unſere Koffer, eilf an der Zahl, zurückzulaſſen. Dann gab er uns durch Zeichen zu erſteßen, daß er uns einige Büffel oder junge Stiere zum Tragen unſerer Habe verſchaffen wolle, indem er uns zugleich andeutete, daß ſie auch uns tragen könnten, wenn wir müde wären. Doch dieß ſchlugen wir nicht hoch an, obgleich uns ſein Vorſchlag wenigſtens deßhalb ſehr einleuchtete, weil wir die Thiere gelegentlich verſpeiſen konnten, wenn ſie nicht mehr im Stande wären, uns als Laſtvieh zu dienen. Ich führte ihn dann zu unſerer Schaluppe und zeigte ihm, was wir dort hatten. Er war ſehr erſtaunt, als er des 8 ☛—* 103 E Fahrzeugs anſichtig wurde, da er nie etwas derart früher geſehen hatte; denn die Kähne der Eingebornen waren er⸗ bärmlicher, als mir je welche vorgekommen ſind; ſie hatten weder Bug noch Spiegel, beſtanden aus mit Schaf⸗ oder Ziegendärmen zuſammengenähten Ziegenfellen, mit einer zähen, vielleicht aus Oel und Harz bereiteten Subſtanz von abſcheulichem Geruch überkleiſtert, und waren mit einem Worte ſo armſelig, daß ein Rindenkahn ein wahres Pracht⸗ gebäude dagegen genannt werden konnte. Doch kehren wir zu unſerem Fahrzeuge zurück. Wir führten unſern Prinzen mit derjenigen Unterſtützung, welche ſein gelähmter Zuſtand forderte, in daſſelbe ein und gaben ihm durch Zeichen zu verſtehen, daß ſeine Leute unſere Gü⸗ ter, welche wir ihm zeigten, tragen müßten. Er antwortete: „Ce, Seignior,“ oder„Ja, Herr“(denn wir hatten ihn dieſe Worte nebſt ihrer Bedeutung gelehrt), nahm ſodann eines der Bündel auf und deutete uns an, daß er, wenn ſein Arm wieder geſund ſei, gleichfalls für uns tragen wolle. Wir bezeichneten ihm nun, daß er nichts zu tragen haben ſolle, wenn er ſeine Leute zum Tragen geneigt mache. Wir hatten die Gefangenen in einem engen Raume, der mit Pfählen wie mit Paliſaden umſchloſſen worden war, verwahrt und ſie mit den aus Matten gedrehten Stricken gebunden; und als wir den Prinzen wieder an's Ufer brachten, forderten wir ihn auf, ſie zu fragen, ob ſie gut⸗ 104 G⸗ willig mit uns in das Land der Löwen gehen wollten. Er hielt nun eine lange Rede an ſie, aus der wir jedoch nicht weiter entnehmen konnten, als daß er ihnen erklärte, ſie müßten, wenn ſie uns willig begleiteten,„Ce, seignior“ ſagen, indem er ihnen zugleich die Bedeutung des Wortes verdol⸗ metſchte. Sie antworteten ſogleich„Ce, Seignior,“ ſchlugen die Hände zuſammen und blickten nach der Sonne auf— ein Eid der Treue, wie es uns der Prinz erklärte. Dann hielt einer von ihnen eine lange Rede an den Prinzen, die er mit wunderlichen Geberden begleitete und damit anzu⸗ deuten ſchien, daß ſie etwas von uns wünſchten, um deſſen⸗ willen ſie ſehr bekümmert waren. Ich fragte daher, ſo gut ich es vermochte, was die Leute begehrten, worauf mir der Prinz durch Zeichen kund gab, daß die Gefangenen verlang⸗ ten, wir ſollten gleichfalls die Hände gegen die Sonne zu⸗ ſammenſchlagen, das heißt, ſchwören, daß wir ſie nicht töd⸗ ten, daß wir ihnen, damit ſie nicht Hunger ſtürben, Chia⸗ ruck(nämlich Brod) zu eſſen geben, und daß wir ſie nicht von den Löwen freſſen laſſen wollten. Ich gab ihm ein ſolches Verſprechen, was ihm jedoch nicht zu genügen ſchien; denn er wies nach der Sonne, ſchlug die Hände zuſammen und bedeutete mir, daß ich es eben ſo machen ſolle. Als ich ſeinem Wunſche willfahrte, warfen ſich die Gefangenen insgeſammt zur Erde, ſtanden wieder auf und ließen ein 105 So⸗ ſo wildes und abſcheuliches Freudengeſchrei erſchallen, wie ich es nie vorher gehört hatte. Ich glaube, dieß war das erſtemal in meinem Leben, daß mir ein religiöſer Gedanke aufſtieg; ich konnte mich einiger ernſter Betrachtungen und ſogar der Thränen nicht erwehren, als ich daran dachte, wie glücklich ich wäre, nicht unter ſolchen Geſchöpfen geboren zu ſein und ihre Un⸗ wiſſenheit und Rohheit theilen zu müſſen. Dieſe Stimmung verflog jedoch bald, und es ſtand lange an, bis ich wieder eine ähnliche Anwandlung empfand. Als dieſe Ceremonie vorüber war, beſchäftigte uns die Sorge um Lebensmittel ſowohl für die Gefangenen, als für uns ſelbſt. Wir theilten daher dem Prinzen unſere Gedan⸗ ken durch Zeichen mit, worauf er uns andeutete, daß wir Mundvorrath und Laſtvieh erhalten ſollten, wenn wir einen der Gefangenen nach ſeinem Dorfe gehen ließen, um den erforderlichen Bedarf herbeizuſchaffen. Auf mein Bedenken verſicherte er mich, ich dürfe dem Boten wohl trauen, da er gewiß nicht fortlaufen würde, und knüpfte zu größerer Be⸗ glaubigung einen Strick um ſeinen Hals, deſſen anderes Ende er mir einhändigte, um mir dadurch anzuzeigen, daß ich ihn hängen dürfte, wenn der Mann nicht wieder käme. Ich willigte alſo ein; er verſah den Boten mit einer Menge von Weiſungen und entſandte ihn, indem er noch vorher nach der Sonne und nach dem Himmel deutete, wahrſcheinlich -2 106 S⸗ um ihm zu ſagen, in welcher Zeit er wieder zurück ſein müßte. Der Neger rannte wie toll davon und hielt nicht inne, bis wir ihn aus dem Geſichte verloren, woraus ich ſchloß, daß er einen weiten Weg zu machen hätte. Des andern Morgens, noch zwei Stunden vor der feſtgeſetzten Zeit, winkte mir der ſchwarze Prinz, denn ſo nannte ich ihn im⸗ mer, mit der Hand und rief mir in ſeiner lärmenden Weiſe zu, daß ich zu ihm kommen möchte. Ich willfahrte ſeiner Aufforderung, und nun zeigte er mir von einem kleinen Abhang, etwa zwei Meilen vor uns, einen kleinen Trieb Vieh mit mehreren Negern, indem er mir zugleich andeu⸗ tete, dieß wäre der Bote mit einigen andern, welche die Thiere uns zuführten. Zu der bezeichneten Zeit kam der Schwarze zu unſeren Hütten und brachte uns eine Menge Kühe und junge Rinder, ſechszehn Ziegen und vier junge zum Laſttragen gewöhnte Stiere. Sechstes Kapitel. Wir treten unſern Marſch an.— Nitzlichkeit unſerer Stiere.— Wir laſſen unſer Schiff zweihundert Meilen landeinwärts ziehen.— Machen Halt bei einem merkwürdigen Waſſerfall.— Der Geſchütz⸗ meiſter erlegt, zum großen Staunen und Entſetzen unſerer Neger, einen ſchönen Leoparden.— Wie wir ohne unſere Schaluppe weiter kom⸗ men.— Gefaͤhrliches Zuſammentreffen mit Wilden. So waren wir denn gehörig mit Mundvorrath ver⸗ ſehen; aber freilich mußten wir uns ſtatt des Brodes mit Wurzeln behelfen, wie wir früher ſchon gethan hatten. Wir begannen nun zu überlegen, wie wir große Säcke, unge⸗ fähr nach Art der Torniſter beim Militär, verfertigen könn⸗ ten, damit unſere Gefangenen das Gepäcke leichter fortzu⸗ ſchaffen im Stande wären. Zu dieſem Ende ließ ich die Felle der geſchlachteten Ziegen in der Sonne ausſpannen, wodurch ſie in zwei Tagen ſo trocken wurden, als wir nur wünſchen konnten, und wir ein Material erhielten, das ſich leicht in die für unſere bewegliche Habe erforderlichen Tor⸗ niſter umarbeiten ließ. Als der ſchwarze Prinz ſah, wozu ſie dienen ſollten, und wie bequem ſie zu tragen wären, 108 S⸗ lächelte er und ſandte den oben erwähnten Neger wieder fort, um Häute zu holen. Dieſer kam wieder mit zwei Einge⸗ bornen zurück— alle drei ſchwer mit Fellen beladen, die weit beſſer als die unſrigen erhalten und auch von andern Thierarten, denen wir keine Namen zu geben wußten, ge⸗ nommen waren. Die beiden Begleiter des Boten brachten dem ſchwar⸗ zen Prinzen auch zwei Lanzen, wie ſie die Eingebornen im Kampfe zu brauchen pflegten, aber ſchöner als gewöhnlich, von einem glänzend ſchwarzen Holze, ähnlich unſerm Eben⸗ holz, und an der Spitze mit dem daumensdicken Zahne eines uns unbekannten Thieres verſehen, der ſo feſt aufge⸗ ſetzt, ſo ſtark und am Ende ſo ſcharf war, daß wir in kei⸗ nem Theile der Welt wieder etwas ähnliches zu Geſichte bekamen. Der Prinz wollte die Lanzen nicht annehmen, bis ich ihm die Erlaubniß dazu gäbe, und winkte ihnen, ſie mir zu überreichen; ich geſtattete ihm jedoch ſie ſelbſt zu nehmen; denn ich ſah wohl, daß man ſich auf ihn verlaſſen durfte. Als wir nun für unſern Marſch vorbereitet waren, kam der Prinz zu mir, deutete nach den verſchiedenen Himmels⸗ gegenden und befragte mich in ſeiner Zeichenſprache, wel⸗ chen Weg wir einzuſchlagen gedächten. Als ich hierauf nach Weſten zeigte, that er mir kund, es gebe nicht weit im Norden einen großen Fluß der unſere Schaluppe viele Stunden 109 S⸗⸗ weit genau in weſtlicher Richtung ins Innere des Landes tragen könnte. Ich faßte den Wink ſogleich auf und fragte nach der Mündung dieſes Fluſſes, den er mir als eine Tagereiſe entfernt angab, was, wie wir ſpäter fanden, unſerer Schätzung nach, ungefähr ſieben Stunden betrug. Ich vermuthe, daß es derſelbe Fluß war, den man auf der Karte an dem nördlichſten Theile der Küſte von Mo⸗ zambique unter dem Namen Onilloa verzeichnet findet. Wir beriethen uns über dieſe Andeutung und kamen zu dem Entſchluſſe, den Prinzen und ſo viele der Gefangenen, als ſich unterbringen ließen, in unſere Schaluppe zu neh⸗ men, und nach dem genannten Fluſſe hinzuſegeln, während acht von uns, wohl bewaffnet, den Landweg einſchlagen und an dem Fluſſe wieder mit uns zuſammentreffen ſollten; denn der Prinz hatte uns den Strom von einer Anhöhe aus, wie er ſich durch das Land hinzog, ganz deutlich ge⸗ zeigt, da er in der nächſten Richtung nicht über ſechs Mei⸗ len entfernt lag. Die Aufgabe, den Landweg zu nehmen und die ganze Carawane anzuführen, wurde mir zu Theil. Ich hatte acht Mann der Unſrigen und ſiebenunddreißig Gefangene— alle ohne Gepäcke— bei mir; denn unſere geſammte Habe be⸗ fand ſich noch an Bord der Schaluppe. Wir trieben auch die Stiere vor uns her, die wir ungemein zahm und willig fanden; denn von den Negern ſetzten ſich gleich vier zumal 2 112 Se und Fluth, die ſich bis auf ſechzig Meilen landeinwärts er⸗ ſtreckte, und da das Bette ſehr tief war, ſo gebrach es uns lange nicht an Waſſer. Kurz es ging luſtig mit der Fluth und einem friſchen Oſt⸗ und Oſtnordweſtwinde aufwärts, und wir machten auch während der Ebbe wacker fort, da der Strom fortwährend breit und tief blieb. Als wir indeß aus dem Bereiche der Gezeit*) kamen und es blos mit der Eigenſtrömung des Fluſſes zu thun hatten, fanden wir dieſe zu ſtark uns entgegen wirkend, und wir dachten ſchon daran, unſere Schaluppe zu verlaſſen. Aber der Prinz war nicht dieſer Anſicht, denn da er fand, daß wir eine ziemliche Anzahl von Tauen an Bord hatten, ſo forderte er alle am Ufer befindlichen Gefangenen auf heranzukommen und das Fahr⸗ zeug vom Lande aus ins Schlepptau zu nehmen. Da wir außerdem unſer Segel aufhießten, um ihnen das Geſchäft zu erleichtern, ſo brachten ſie uns ſehr ſchnell vorwärts. In dieſer Weiſe kamen wir— nach unſerer Berechnung — faſt zweihundert Meilen ſtromaufwärts; aber nun verengte ſich der Fluß ſchnell und ſchmolz ungefähr zu der gewöhnlichen Breite der Themſe zuſammen. Den darauf folgenden Tag gelangten wir zu einem Waſſerfalle, der anſehnlich genug war, um uns Schrecken einzuflößen; denn die ganze Waſſer⸗ *) Ebbe und Fluth, 3 113 So⸗⸗ maſſe fiel, glaube ich, mit einem Male ganz ſenkrecht über einen Abſturz von ungefähr ſechzig Fuß Höhe herab und veranlaßte ein ſo wildes und betäubendes Getöſe, daß wir es ſchon zehn Meilen weiter oben hören konnten. Hier machten wir Halt und ſchickten unſere Gefangenen zuerſt an's Ufer. Sie hatten, indem ſie ſich gegenſeitig ab⸗ lösten, ſehr fleißig und willig gearbeitet, und die Müden wurden jedesmal in die Schaluppe genommen und durch neue erſetzt. Hätten wir Kähne oder tragbare Boote gehabt, ſo hätten wir wohl noch weitere hundert Meilen zu Waſſer machen können, aber mit unſerem großen Fahrzeuge war nichts mehr anzufangen. Wir hatten auf unſerem ganzen Wege eine üppige, lachende Gegend mit vielem Vieh getroffen; auch ließen ſich, wiewohl ſelten, hin und wieder Menſchen blicken. Wir machten indeß jetzt die Erfahrung, daß unſere Gefangenen die Sprache der Einwohner eben ſo wenig als wir ſelbſt verſtanden, da dieſe, wie es ſchien, einem ganz verſchiede⸗ nen Volksſtamme angehörten. Wilde Thiere waren uns noch nicht aufgeſtoßen oder wenigſtens nicht ſehr nahe ge⸗ kommen, drei wunderſchöne Leoparden ausgenommen, welche wir zwei Tage, ehe wir den Waſſerfall erreichten, an dem nördlichen Ufer des Fluſſes(die Gefangenen befanden ſich auf der anderen Seite) geſehen hatten. Unſer Geſchützmei⸗ ſter erblickte ſie zuerſt und eilte nach ſeinem Gewehre, in Singleton. I. 8 2 110 S⸗ auf ihren Rücken, ohne daß es ihnen beſchwerlich wurde; auch fraßen ſie aus unſerer Hand, leckten uns die Füſſe und benahmen ſich ſo lenkſam wie Hunde. Wir hatten auch ſechs bis ſieben Kühe als Schlacht⸗ vieh bei uns. Unſere Neger wußten übrigens nichts von dem Einſalzen und Trocknen des Fleiſches, bis wir es ihnen zeigten, und dann gefiel ihnen dieſe Methode ſo wohl, daß ſie ſich derſelben bedienten, ſo lange wir Salz hatten, und es gern auf weiten Wegen herbeiholten, als es uns ausging. Der Landweg nach dem Fluſſe hin wurde uns nicht ſauer, und wir brauchten keinen Tag dazu, da jener, wie bereits geſagt, nicht mehr als ſechs engliſche Meilen ent⸗ legen war, während die Schaluppe erſt am fünften Tage anlangte, da ſie in der Bai widrigen Wind und der vie⸗ len Krümmungen des Stromes halber einen Weg von mehr als fünfzig Meilen auf demſelben zurückzulegen hatte. Unſere Gefangenen verbrachten dieſe Zeit mit der Aus⸗ führung eines Geſchäftes, das ihnen die beiden Frem⸗ den, welche dem Prinzen die Lanzen brachten, angegeben hatten; ſie machten nämlich aus den Ziegenfellen Schläuche, um friſches Waſſer nachführen zu können— ein Bedürfniß, das uns, wie ihnen bekannt zu ſein ſchien, auf unſerer Reiſe fühlbar werden mußte. Die Neger vollzogen auch dieſe Aufgabe ſo gut, daß ſich jeder, noch ehe unſer Fahrzeug +εi 8 8 NK 1— N 2 111 S⸗⸗ anlangte, aus den Fellen, welche die oben genannten Männer gebracht, einen großen Schlauch verfertigt hatten, den er mittelſt eines drei Zoll breiten, gleichfalls aus Häuten geſchnittenen Riemens wie ein Gewehr über die Schultern hieng. Unſer Prinz hatte uns die Weiſung gegeben, unſere Gefangenen, um uns ihrer Treue zu verſichern, zu zwei und zwei an den Handgelenken zuſammen zu binden, wie man es in England mit den Handſchellen zu machen pflegt; und um ihnen das Nothwendige dieſes Verfahrens wohl zu Gemüthe zu führen, war von ihm ſelbſt vieren ſeiner Leute der Auftrag ertheilt worden, den übrigen die Bande anzu⸗ legen. Aber wir fanden ſie ſo ehrlich und beſonders gegen ihren Häuptling ſo gehorſam, daß wir ſie, ſobald wir uns eine ziemliche Strecke von ihrer Heimath entfernt hat⸗ ten, frei gehen ließen, was wir ſchon früher gethan haben würden, wenn es der Prinz nicht gewehrt hätte. Alles Land an den Ufern des Fluſſes war Hochland und enthielt keine Sümpfe. Wohin wir kamen oder blick⸗ ten, lachte uns das herrlichſte Grün voll weidenden Viehes entgegen. Wälder zeigten ſich wenige oder doch nicht ſehr nahe; weiter oben aber ſahen wir Eichen, Cedern und Fich⸗ ten, deren einige ungemein hoch waren. Der Fluß hatte ein ſchönes Fahrwaſſer, ungefähr von der Breite der Themſe unter Graveſend, eine ſtarke Ebbe welches er außer den gewöhnlichen Poſten noch eine Kugel lud; dann kam er zu mir und ſagte mir, ich ſolle den Ne⸗ gerprinzen herrufen. Als dieß geſchehen war, bedeutete er demſelben, er möchte ſeine Leute belehren, daß ſie ſich nicht fürchten ſollten; denn ſie würden das Ding in ſeiner Hand bald unter Blitzen mit einer von dieſen Beſtien ſprechen hören. Die armen Neger ſchnitten, trotz den Vorſtellungen ihres Prinzen, Geſichter, als ob es ihnen allen an's Leben ginge, und harrten in banger Erwartung des Ausganges, als der Geſchützmeiſter plötzlich Feuer gab, und da er ein ſehr guter Schütze war, eines der Thiere mit zwei Poſten gerade in den Kopf traf. Sobald ſich der Leopard getroffen fühlte, richtete er ſich bolzgerade auf ſeinen Hinterfüßen auf, ſtreckte die Vordertatzen in die Luft, machte heulend noch einige Bewegungen und ſank todt zuſammen, während die beiden anderen, durch den Knall erſchreckt, die Flucht er⸗ griffen und im Nu uns aus den Augen waren. Die Leoparden konnten jedoch nicht halb ſo entſetzt ſein als es unſere Gefangenen waren; denn vier oder fünf von ihnen ſtürzten zuſammen, als wären ſie getroffen worden, während mehrere andere— ſei es um uns anzubeten, oder um zu flehen, daß man ihres Lebens ſchonen möchte— auf die Kniee niederfielen und die Hände nach uns ausſtreckten. Wir gaben ihrem Prinzen durch Zeichen zu verſtehen, er 2———— ſolle ihnen Muth zuſprechen, was derſelbe auch that, obgleich er viele Mühe hatte, ſeine Leute wieder zur Vernunft zu bringen, um ſo mehr, da er ſelbſt, trotz dem, daß er auf den Vorgang vorbereitet worden war, bei dem Fallen des Schuſſes ſo entſetzt in die Höhe fuhr, als hätte er in den Fluß ſpringen wollen. Als wir ſahen, daß das Thier todt war, hatte ich ein Gelüſte nach der Haut deſſelben, weßhalb ich dem Prinzen durch Zeichen zu verſtehen gab, er ſolle einige ſeiner Leute hinüberſchicken und das Fell abſtreifen laſſen. Es bedurfte nur eines Wortes, um vier von ihnen zu veranlaſſen, ſich freiwillig zu Vollziehung dieſes Auftrages zu erbieten. Man entledigte ſie ihrer Bande, und alsbald ſprangen ſie in den Fluß, ſchwammen hinüber und machten ſich an die Arbeit. Wir hatten dem Prinzen ein Meſſer geſchenkt, mit welchem er ſo geſchickt vier hölzerne Meſſer ſchnitzte, wie ich in mei⸗ nem Leben nie etwas Aehnliches ſah; und in weniger als einer Stunde brachten ſie mir die herrlich gefleckte Haut des Leoparden, der ſo groß geweſen, daß ſie von den Ohren bis zum Schwanz ſieben und über den Rücken fünf Fuß maß. Ich brachte dieſes Fell viele Jahre nachher mit nach London. Wir mußten nun alle unſere Reiſe auf die gleiche Art fortſetzen, das heißt zu Lande, denn die Schaluppe ließ ſich auf dem Fluſſe nicht weiter bringen und war zu ſchwer, als daß man ſie hätte um den Waſſerfall tragen können. Wir 8* 5 116 So⸗ nahmen zwar Rückſprache mit den Zimmerleuten, ob ſich aus unſerem Fahrzeuge nicht drei oder vier Boote verferti⸗ gen ließen, um in denſelben unſere Fahrt auf dem Fluſſe fortzuſetzen; ſie erklärten jedoch, daß dieß jedenfalls viel Zeit erfordern würde, abgeſehen davon, daß es an Pech und Theer, um ſie waſſerdicht zu machen, wie auch an Nägeln zur Befeſtigung der Planken fehlte. Einer von ihnen meinte, er könnte uns, wenn wir in der Nähe des Fluſſes einen großen Baum fänden, in viermal kürzerer Zeit einen oder zwei Kähne zimmern, die für unſern Zweck recht gut die Dienſte eines Bootes verſehen und außerdem an Waſ⸗ ſerfällen eine oder zwei Meilen auf den Schultern fortge⸗ ſchafft werden könnten. Wir gaben daher den Gedanken, unſer Fahrzeug wei⸗ ter zu benützen, auf, zogen es in eine kleine Bucht, oder vielmehr in die Einmündung eines Baches, wo wir es zu Nutz und Frommen ſolcher, die etwa nach uns an dieſe Stelle kämen, befeſtigten, und marſchirten weiter. Die Verfügungen über das Gepäck, das wir unſeren zahmen Büffeln und den Negern aufluden, nahmen jedoch noch zwei Tage in Anſpruch, da wir beſonders den Schießbedarf auf's Sorgfältigſte zu verwahren bedacht waren. Damit das Pul⸗ ver nicht feucht würde, brachten wir es in Säckchen von getrockneten Fellen, deren Haare nach Innen gekehrt waren, und thaten ſie ſodann in größere Säcke von dicken und 117 S⸗⸗ harten Büffelhäuten(hier die Haare nach Außen), wodurch wir unſern Zweck ſo gut erreichten, daß ſogar der heſtigſte Regen(und wir hatten deren mehrere, welche ſehr lange andauerten) unſer Pulver nicht zu verderben vermochte. Dieſe Säcke bildeten unſer Hauptmagazin. Außer dieſem führte noch jeder ein Viertelpfund Pulver und ein Halbpfund Blei bei ſich, was für den augenblicklichen Bedarf zureichend war; denn wir wollten uns der Hitze wegen nicht mehr, als unumgänglich nöthig war, belaſten. Wir fuhren fort, dem Strom entlang zu ziehen, und kamen daher wenig mit den Bewohnern des Landes in Be⸗ rührung. Auch war, ſo lange wir die Schaluppe mit Mund⸗ vorrath gefüllt hatten, keine Nothwendigkeit vorhanden geweſen, uns in der Nachbarſchaft umzuſehen, aber jetzt, da wir zu Fuße gingen, kamen wir oft in die Lage, Lebens⸗ mittel herbeiſchaffen zu müſſen. Wir machten zum erſten Male bei einem Negerdorfe, welches wir an dem Fluſſe trafen, und das ungefähr fünfzig Hütten enthielt, Halt, und alsbald wurde unſer Lagerungsplatz von etlichen hundert Männern umringt, welche die Neugierde heraustrieb. Sie wurden indeß kaum unſerer Neger anſichtig, als ſie nach ihren Waffen eilten, weil ſie einen feindlichen Ueberfall be⸗ fürchteten. Unſere Neger belehrten ſie übrigens, da ſie ihre Sprache nicht verſtanden, durch Zeichen, daß von ihnen nichts zu fürchten wäre; denn ſie hätten keine Waffen und 118 S⸗ wären Gefangene, was ſich ſchon aus dem Umſtande, daß ſie zu zwei und zwei aneinander gebunden wären, erkennen ließe; freilich folgten ihnen Leute, die vom Aufgang der Sonne herkämen, welche ſie alle tödten und nach Belieben wieder lebendig machen könnten; ſie hätten jedoch eine fried⸗ liche Abſicht und würden ihnen nichts zu Leide thun. Sobald ſie dieß vernahmen, lesten ſie ihre Lanzen, Bogen und Pfeile ab, brachten zwölf lange Stangen, welche ſie als Friedensſignale aufpflanzten, und verbeugten ſich vor uns zum Zeichen der Unterwerfung. Sie hatten jedoch kaum unſere Bärte wahrgenommen, als ſie unter ängſtlichem Geſchrei wieder davon liefen. Wir benahmen uns zurückhaltend, um nicht zu vertrau⸗ lich mit ihnen zu werden, und wenn ſie ſich uns näher⸗ ten, ſo waren es nie mehr als zwei oder drei auf einmal. Unſere Gefangenen gaben ihnen zu verſtehen, daß wir Mund⸗ vorrath von ihnen zu haben wünſchten, und ſie brachten uns einige Stücke ſchwarzes Vieh; denn die Gegend wim⸗ melte von Kühen und Büffeln, wie auch Hirſche nicht ſelten waren. Unſer Schmid, der nun einen großen Vorrath der von ihm verfertigten Artikel beſaß, gab ihnen einiges Spiel⸗ zeug, z. B. filberne und eiſerne Plättchen, die in Dia⸗ manten⸗, Herz⸗ und Ringform geſchnitten waren, wo⸗ durch er große Freude erregte. Wir erhielten nun auch Früchte und Wurzeln, die wir nicht kannten, und da ſich -2 119 S⸗⸗ unſere Neger dieſe Speiſe trefflich ſchmecken ließen, ſo griffen wir auch zu. Nachdem wir uns ſoweit mit Fleiſch und Wurzeln, als wir füglicher Weiſe fortſchaffen konnten, vorgeſehen hatten, vertheilten wir dieſe Vorräthe unter die Neger und wieſen jedem vierzig Pfund Laſt zu, was uns für eine ſo heiße Gegend hinreicheud ſchien. Die Neger beſchwerten ſich auch nicht im Geringſten darüber; vielmehr halfen ſie einan⸗ der, wenn der ſeltene Fall eintrat, daß einer müde wurde. Außerdem wurde auch, weil es vorzugsweiſe aus Mundvorrath beſtand, ihr Gepäcke, wie Aeſop's Brod⸗ korb, mit jedem Tage leichter, bis wir wieder Gelegenheit fanden, das Verbrauchte zu erſetzen. Ich bemerke hiebei, daß wir ihnen, wenn ſie tragen mußten, die Hände los⸗ banden, indem wir ſie dann nur zwei und zwei an einem Fuße zuſammenkoppelten. Am dritten Tage nach dem Aufbruche von unſerem letzten Raſtorte verlangte unſer erſter Zimmermann, daß wir Halt machen und Hütten aufſchlagen ſollten; denn er hatte einige Bäume aufgefunden, die ſich nach ſeiner An⸗ ſicht zur Fertigung von Kähnen eigneten. Er war der Mei⸗ nung, wir wären jetzt weit genug zu Fuße gegangen, und es käme ihm nicht zu Sinne, den Weg länger zu Lande fortzuſetzen, als gerade unumgänglich nöthig wäre. Wir entſchloſſen uns daher, ein Lager zu ſchlagen und 120 So⸗ enthoben unſere Schwarzen ihrer Bürde, welche ſich alsbald anſchickten, unſere Hütten zu bauen— ein Geſchäft, das ſie, trotz ihrer Bande, mit einer überraſchenden Schnellig⸗ keit zu Stande brachten. Auf die Bürgſchaft, welche der Prinz für ihre Treue gab, nahmen wir jetzt einigen die Feſſeln ab und benützten ſie zum Theil als Handlanger der Zimmerleute, wobei ſie ſich recht anſtellig benahmen, wäh⸗ rend wir andere ausſandten, um in der Nähe Lebensmittel aufzuſuchen; ſtatt deren kamen ſie jevoch mit fünf Lanzen und zwei Bogen nebſt Pfeilen zurück. Wir konnten nur mit Mühe aus ihren Erklärungen klug werden, die darauf hinausliefen, daß ſie ein paar Negerweiber in Abweſenheit ihrer Männer in ihren Höhlen überraſcht und daſelbſt die Lanzen gefunden hätten, welche ſie mitnahmen, weil Weiber und Kinder bei ihrem Anblicke— wahrſcheiulich da ſie für Räuber gehalten wurden— entflohen wären. Wir machten ihnen zornige Geſichter und ließen ihnen durch ihren Prinzen ſagen, ſie hätten wahrſcheinlich die Weiber und Kinder umgebracht; wenn übrigens Jemand um's Leben gekommen wäre, ſo würden wir ſie gleichfalls tödten. Sie betheuerten indeß, nichts dergleichen gethan zu haben, und wir ſchenkten ihnen Glauben. Sie händigten uns ſofort Lanzen, Bogen und Pfeile ein; die beiden letztern behielten ſie jedoch auf die Gutſprache ihres Prinzen mit der Weiſung zurück, auszuziehen und zu ſehen, ob ſie nicht irgend ein 121 SG⸗ Wild zu erlegen vermöchten, indem wir ihnen zugleich das Recht der Waffen, das heißt, die Erlaubniß ertheilten, ſich ihrer Wehre gegen jeden, der ſie angriffe oder Gewalt gegen ſie brauchte, zu bedienen, wogegen ſie ſich aber ſtreng zu enthalten hätten, gegen friedliche Perſonen, gegen ſolche, die die Waffen niedergelegt, oder gegen Weiber und Kin⸗ der Gebrauch davon zu machen. Dies war überhaupt bei uns Kriegsregel. Die beiden Neger mochten etwa drei bis vier Stun⸗ den fortgeweſen ſein, als einer derſelben in größter Haſt ohne ſeinen Bogen zurückkam, indem er zugleich oft den Ruf„Okoano! Okoano!“ erſchallen ließ, was wohl gleich⸗ bedeutend mit„Hülfe!« ſein mochte. Die übrigen Neger ſprangen auf und eilten ſo ſchnell, als es ihnen ihre Kop⸗ pelbande geſtatteten, ihrem Gefährten entgegen, um von ihm zu erfahren, was ſich zugetragen hätte. Wir wußten nicht, was wir daraus machen ſollten, und da die Miene des Prinzen auf irgend ein Unheil hinzudeuten ſchien, ſo griffen wir nach den Waffen, um für alle Fälle bereit zu ſein. Die Neger kamen jedoch der Sache bald auf den Grund; denn wir ſahen kurz nachher vier derſelben mit einer tüchtigen Ladung Wildpret auf uns zukommen. Die beiden, hatten nämlich einen Rudel Hirſche in der Ebene aufgefun⸗ den und ſich ihrer Geſchoße mit einer ſolchen Gewandtheit bedient, daß drei Stücke Wild auf dem Patze blieben; es 122 Se war daher einer der Jäger zurückgekommen, um zu Fort⸗ ſchaffung der Braten Beihülfe zu holen. Dies war das erſte Wildpret, das uns auf unſerer ganzen Reiſe in den Wurf gekommen war, weßhalb wir uns nicht wenig dabei gütlich thaten; und auch der Prinz ließ ſich vermögen, an dem in unſerer Weiſe bereiteten Mahle Theil zu nehmen— ein Beiſpiel, welches bei den übrigen Schwarzen, die ihr Fleiſch ſtets ganz roh verzehrt hatten, Nachahmung fand. Jetzt wäre es uns wohl lieb geweſen, wenn wir noch mehr Bogen und Pfeile bei uns gehabt hätten; denn wir ſetzten nachgerade ſo viel Vertrauen in unſere Neger, daß wir ſie, oder wenigſtens einen großen Theil derſelben, oft ohne Bande ausziehen ließen, feſt überzeugt, daß ſie, wäre es auch nur aus dem einfachen Grunde, weil ſie ohne uns keinen Weg einzuſchlagen wußten, wieder zurückkommen würden. Nur unſere Gewehre mochten wir ihnen nicht an⸗ vertrauen, und es war uns lieb, daß ſie des Glaubens lebten, es ſtecke irgend eine übernatürliche Kraft in denſel⸗ ben, welche das Feuer, den Rauch und den Donner her⸗ vorbrächte, und, ſobald man ſie's hieße, auf weite Entfer⸗ nungen tödtete. Nach acht Tagen waren drei Kähne fertig, in denen wir die weiße Mannſchaft, das Gepäcke, unſern Prinzen und einige der Gefangenen einſchifften. Es mußten indeß immer auch einige von uns am Ufer ſein, nicht nur um 2 123 G⸗ die Neger zu beaufſichtigen, ſondern auch um ſie gegen Feinde und wilde Thiere zu vertheidigen. Wir trafen auf dieſem Zuge manches, was ich jedoch unmöglich auf dem beſchränkten Raume dieſer Blätter aufzählen kann, weßhalb ich mich begnüge, zu bemerken, daß wir einiger Elephanten und Löwen, die uns früher nie aufgeſtoßen waren, anſichtig wurden. Wir fanden, daß unſere Neger weit größere Furcht vor dieſen Thieren hatten, als es bei uns der Fall war— wohl hauptſächlich deßhalb, weil ihnen die Waffen, in denen ſie geübt waren, nämlich Lanzen, Bogen und Pfeile gebrachen. Wir heilten ſie jedoch bald von ihrer Furcht, da wir ſtets mit unſern Feuergewehren zur Hand waren. Freilich konnte uns der Tod dieſer Thiere wenig nützen; denn die Häute waren nicht gut fortzuſchaffen und ihr Fleiſch unge⸗ nießbar; und da wir obendrein unſer Pulver ſparen wollten, ſo entſchloſſen wir uns, ſtets einige Gewehre ungeladen und nur mit Zündkraut verſehen bereit zu halten; denn das Aufblitzen von der Pfanne reichte allein ſchon hin, die Thiere, ſelbſt die Löwen, zu augenblicklicher Flucht zu ver⸗ mögen. Das Land war an den oberen Theilen des Fluſſes ſehr bevölkert, und wir trafen faſt alle zehn Meilen einen neuen Volksſtamm, der in einer andern Zunge oder doch in einem andern Dialekte ſprach, ſo daß ſie ſich gegenſeitig nicht ver⸗ 2 124& ſtehen konnten. Auch gab es Vieh in Menge, beſonders in der Nähe des Waſſers. Am achten Tage dieſer zweiten Stromfahrt kamen wir zu einem Negerdorfe, in deſſen Nähe eine reisartige Pflanze wuchs, deren Frucht ſehr an⸗ genehm zu eſſen war. Wir handelten uns deren von den Eingeborenen ein, machten Kuchen und bucken ſie auf der Erde, die wir zuerſt erhitzt und dann das Feuer weggekehrt hatten. So weit hatte es uns alſo nie an Nahrungsmit⸗ teln, wie wir ſie nur wünſchen mochten, gefehlt. Da die Neger unſere Kähne an Stricken weiter zogen, ſo kamen wir ziemlich ſchnell vorwärts. Unſere tägliche Fahrt konnte nach unſerer Berechnung nicht weniger als zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen betragen. Der tiefe Strom behielt auf dem ganzen Wege ſo ziemlich die gleiche Breite, bis wir am zehnten Tage an einen zweiten Waſſer⸗ fall gelangten. Eine hohe Bergkette kreuzte das Flußbette, und das Waſſer ſtürzte auf eine ſo ſeltſame Weiſe von einem Felſen zum andern, daß man das Ganze eher für eine fortgeſetzte Reihe von Fällen, als für einen einzigen Waſſer⸗ ſturz anſehen konnte; dabei waren die einzelnen Cascaden bisweilen eine halbe Viertelſtunde von einander und erzeug⸗ ten ein furchtbares Getöſe. Wir dachten, es wäre jetzt mit der Waſſerfahrt ganz zu Ende; aber drei von uns beſtiegen mit einigen Negern das Gebirge, um den Lauf des Fluſſes auszukundſchaften, 2 125 S⸗⸗ und da entdeckten wir nur ungefähr eine Viertelſtunde weiter unten ſchönes Fahrwaſſer, das dem Anſcheine nach ſo bald nicht wieder unterbrochen werden konnte. Wir legten jetzt alle Hand an's Werk, luden die Kähne aus, holten ſie an's Ufer und trafen Vorkehrungen, ſie weiter zu ſchaffen. Eine nähere Unterſuchung belehrte uns übrigens, daß es hiemit große Schwierigkeiten hätte. Unſere Zimmerleute verbrachten einen Tag damit, die Kähne von außen in einer Weiſe zu behauen, daß ſie viel leichter wurden und doch eben ſo gut, wie früher, zu ſchwimmen vermochten. Als dies geſchehen war, nahmen zehn Mann einen der Kähne auf Stangen und konnten ihn ſo ohne große Mühe weiter ſchaffen. Ein gleiches geſchah mit den andern Kähnen, und jedem wurde eine Ablöſungsmannſchaft von zehn Perſo⸗ nen beigegeben. So brachten wir alle unſere Fahrzeuge weiter unten wieder in's Waſſer. Dann wurde das Gepäcke nachgeholt und eingeladen, was alles in einem Nachmittage zu Stande kam, und des andern Morgens früh konnten wir unſere Reiſe wieder fortſetzen. Nach einer Fahrt von weiteren vier Tagen begann der Geſchützmeiſter, der zugleich auch unſer Pilot war, zu bemerken, daß wir etwas von der Richtung, die wir uns vorgenommen, ab⸗ kämen, da der Strom ein wenig gegen Norden umböge, ein Umſtand, auf den er uns aufmerkſam machen zu müſſen glaubte. Wir wollten indeß den Vortheil einer Waſſerfahrt nicht aufgeben— wenigſtens ſo lange nicht, bis wir dazu genöthigt wären, und ſo fuhren wir in Gottesnamen noch an zweihundert Meilen weiter. Aber jetzt wurde das Bette ſehr ſchmal und ſeicht; wir kamen an den Mündungen mehrerer Flüßchen und Bäche vorbei, und hatten zuletzt nichts mehr als einen großen Bach vor uns. Wir ließen uns ſoweit ziehen, als unſere Kähne nur immer ſchwimmen wollten. Dieß ging noch ein paar Tage an, weil wir das Gepäcke ausluden und auf die Rücken unſerer Neger legten, und ſo hatten wir es allerdings noch eine kleine Weile bequem. Aber am zwölſten Tage unſerer Reiſe in dieſem obern Theile des Fluſſes ſchmolz das Waſſer ſo zuſammen, daß nicht einmal eine Londoner Jolle darin hätte ſchwimmen können. Wir mußten nun die Reiſe zu Lande fortſetzen, ohne auf eine weitere Waſſerfahrt rechnen zu dürfen. Ja, wir dachten nicht einmal mehr daran und wären froh geweſen, wenn wir nur gewußt hätten, ob wir auch immer genug Waſſer zum Trinken haben würden. Wir erkletterten daher jede Bergſpitze, der wir nahe kamen, um uns die Gegend zu betrachten und daraus entnehmen zu können, welchen Weg wir einſchlagen müßten, um immer Waſſer in der Nähe zu haben. Wir marſchirten indeß dreißig Tage lang durch eine blühende, reichlich mit Bäumen, Flüſſen und Bächen ver⸗ -2 127 G⸗ ſehene, ziemlich bevölkerte Landſchaft, und es erging uns dabei recht gut. Wir ließen uns Zeit, machten Halt, wo es uns beliebte, und richteten überhaupt unſern Zug ganz nach unſerer Bequemlichkeit, oder wie es unſere eigene und die Geſundheit unſerer Dienſtmänner forderte, ein. Als wir ungefähr die Hälfte dieſes Wegs zurückgelegt hatten, kamen wir in ein tiefgelegenes Blachland, in wel⸗ chem wir eine ſtärkere Bevölkerung, als je zuvor, antrafen; aber leider waren die Bewohner ein wildes, bösartiges und hinterliſtiges Volk, das uns anfangs für Räuber hielt und ſich zuſammenſchaarte, um uns anzugreifen. Der erſte Eindruck auf unſere Schwarzen war der des Schreckens, und eine ungewöhnliche Furcht nahm unter ihnen überhand. Selbſt unſer Negerprinz war ſehr beſtürzt; ich lächelte ihm jedoch zu, zeigte ihm eine unſerer Flinten und fragte ihn, ob er glaube, daß das Werkzeug, welches die gefleckte Katze erlegt hätte— denn ſo nannten ſie den Leo⸗ parden in ihrer Sprache— nicht auch im Stande wäre, in einem Nu ein Tauſend dieſer nackten Geſchöpfe zu tödten. Er lachte hierauf und verſicherte, daß er das wohl glaube. „Wohlan denn,“ entgegnete ich ihm,„ſo ſage Deinen Leu⸗ ten, ſie ſollen ſich vor dieſem Volke nicht fürchten; denn es wird bald unſern mächtigen Arm zu fühlen bekommen, wenn es die Kühnheit hat, mit uns anzubinden.“— Wie dem aber auch ſein mag, wir befanden uns einmal in der 128 S⸗ Mitte eines unabſehbaren Landes, und wußten nicht, wie viele und wie große Volksſtämme unſere Nachbarn waren; auch war es uns unbekannt, ob wir nicht der Freundſchaft unſerer nächſten Umgebung recht benöthigt werden konnten, und ſo trugen wir unſern Negern auf, alles zu verſuchen, ſie günſtig für uns zu ſtimmen. Wir ſandten daher die beiden mit Bogen und Pfeilen bewaffneten Neger, nebſt ein paar anderen, denen wir zwei ſchöne Lanzen des Prinzen in die Hand gaben, und fünf weitere, welche lange Stangen tragen mußten, voraus, ließen ihnen zehn von unſeren eigenen Leuten folgen, und ſo ging es auf das nächſte Negerdorf zu, während wir alle uns in Bereitſchaft ſetzten, unſerer Geſandtſchaft im Noth⸗ falle kräftigen Beiſtand zu leiſten. Als der Zug in die Nähe der Hütten kam, erhoben unſere Neger in ihrer gewohnten Weiſe ein lautes Geſchrei, worauf einige Männer zum Vorſchein kamen, welche den Ruf erwiederten, und bald war die ganze Einwohnerſchaſt, Männer, Weiber und Kinder, auf den Beinen. Unſere Schwarzen rückten näher und ſteckten die Stangen, als das bei ihnen übliche Friedensſignal, in die Erde, was übrigens von den Fremden nicht verſtanden wurde. Dann legten die beiden Vordermänner ihre Bogen und Pfeile nieder, traten unbewaffnet weiter vor und gaben durch Zeichen ihre fried⸗ fertige Abſicht zu erkennen. Dieß ſchienen endlich die 129 S⸗⸗ Anderen zu verſtehen; denn zwei von ihnen legten gleichfalls Bogen und Pfeile ab und kamen näher. Die Unſrigen ſuchten auf alle nur erdenkliche Weiſe ihre freundſchaftliche Geſinnung kund zu thun, und legten endlich auch die Hände auf den Mund, um dadurch anzudeuten, daß ſie Lebens⸗ mittel zu haben wünſchten, worauf die Anderen ſich gar freundlich und dienſtfertig anſtellten, zu ihren Kameraden zurückkehrten, eine Weile mit ihnen ſprachen und dann die Kunde brachten, daß ſie noch vor Sonnenuntergang Mund⸗ vorrath herbeiſchaffen wollten. Unſer Geſandtſchaftsperſonal kehrte daher ſehr vergnügt über die Erreichung ſeines Zweckes zurück. 4 Eine Stunde vor Sonnenuntergang zogen die Unſrigen wieder in der früheren Ordnung aus. Verſprochenermaßen lieferten die Eingeborenen Wildpret, Wurzeln und die oben beſchriebene reisartige Frucht und erhielten dafür einige Spielereien aus der Werkſtätte des Schmides, über die ſie eine große Freude äußerten und auch für den kommenden Tag weitere Lebensmittel zu bringen verſprachen. Des andern Tages kamen ſie wieder, wiewohl in weit größerer Anzahl als früher. Dies focht uns übrigens nicht beſonders an, da zehn Mann mit geladenen Gewehren bereit ſtanden, und wir alle ſammt und ſonders kampffertig waren. Man hätte indeß wohl unſere neun unter dem Singleton. I. 9 2 130 SE Banner des Friedens vorrückenden Schwarzen abfangen können, aber der Feind beobachtete in ſeiner Hinterliſt nicht die gewöhnliche Schlauheit, ſondern die Schufte nahmen, ſobald unſere Leute bis zu der Stelle, wo geſtern der Ver⸗ kehr ſtattgefunden, vorgerückt waren, ihre Bogen und Pfeile auf und jagten wie das wüthende Heer auf die Unſrigen zu. Die zehn Schützen forderten die Letzteren zum Rückzug auf, den ſie auch in aller Eile bewerkſtelligten, indem ſie hinter dem Rücken der Bewaffneten Schutz ſuchten. Die Feinde folgten ihnen auf dem Fuße, und ihre Pfeile verwun⸗ deten einige unſerer Schwarzen, ſo daß einer für todt lie⸗ gen blieb. Als ſie bei den fünf in die Erde geſteckten Stangen anlangten, machten ſie eine Weile Halt, umring⸗ ten dieſelben, betrachteten ſie und betaſteten ſie voll neu⸗ gieriger Verwunderung. Jetzt entſandten wir einen aus unſerer Mitte an die zehn Schützen mit dem Befehle, die gewöhnliche Ladung mit einer Partie Schrot zu verſtärken und auf den dichteſten Haufen Feuer zu geben, da man in dieſer Weiſe bald mit dem Rudel fertig ſein würde. Sie machten ſich demgemäß bereit; aber als ſie feuern wollten, hatte die ſchwarze Armee ihre Stellung bei den Stangen verlaſſen und ſetzte ſich gegen uns in Bewegung, obgleich ſie der Umſtand, daß ſie hinter den Negern noch weitere Mannſchaft aufgeſtellt ſahen, zu verblüffen ſchien; denn ſie wußten nicht, was ſie aus uns machen ſollien. 8 131 SE⸗ Sobald die Schützen gewahr wurden, daß der Zug gegen uns anrückte, gaben ſie auf die Stelle, wo die Rotte am dichteſten ſtand, Feuer— was ungefähr aus einer Ent⸗ fernung von hundertundzwanzig Ellen geſchah. Es iſt unmöglich, den Schrecken und das fürchterliche Geſchrei zu beſchreiben, die auf dieſe volle Salve folgten. Sechs der Wichte fielen todt nieder, und eilf oder zwölf wurden, ſo viel wir erfuhren, verwundet— ich ſage, ſo viel wir erfuhren; denn der Haufe war gedrängt, und unſer ſogenannter Schrot, der aus kleinen Stückchen Eiſen, Blei, Nägelköpfen und dem Abfalle von unſeres kunſtfertigen Schmids Arbeiten beſtand, mochte wohl tüchtig unter ihnen gewettert und manchen getroffen haben, der übrigens nach⸗ her wieder aufſtehen konnte. Die Unverletzten waren über ihre Todten und Ver⸗ wundeten nicht wenig erſtaunt und konnten ſich nicht denken, wodurch ſie beſchädigt worden wären, da ſie weiter nichts als die Löcher in ihren Körpern zu ſehen vermochten. Die Blitze und das Knallen hatte noch außerdem ihre Weiber und Kinder ſo gar aller Beſinnung beraubt, daß ſie heulend und ſtets mit Blicken des Entſetzens ſich umſehend wie eine Bande Tollhäusler davon rannten. Doch all dieß bewog ſie noch nicht zur Flucht, was doch unſer einziger Zweck war. Sie ſchienen überhaupt keine Todesfurcht zu kennen, und ſo entſchloſſen wir uns zu 9*8 2 132 einer zweiten Salve, nach der wir ihnen, wie bereits nach der erſten, wieder etwas näher auf den Leib gehen wollten. Wir hatten inzwiſchen auch die Reſervemannſchaft vorrücken laſſen und gedachten jetzt unter einem Einzelnfeuer wie ein im Anſchlag ſtehendes Peloton auf den Feind loszugehen. Alle ſtanden in Einer Zeile, und ſo feuerten wir— zuerſt drei rechts, dann drei links und ſofort, wobei wir jedesmal einige unſerer Gegner tödteten oder verwundeten. Dem⸗ ungeachtet aber hielten ſie Stand, ja, ſie ließen ſich nicht einmal ſo weit einſchüchtern, um dem Gebrauch von Bogen, Pfeilen und Lanzen zu entſagen. Ihre Zahl ſchien ſich ſogar unter unſern Händen zu vermehren, was übrigens haupt⸗ ſächlich in ihrem Geſchrei ſeinen Grund hatte. Ich forderte daher die Unſrigen auf, Halt zu machen und abermals eine volle Salve zu geben, dann in wildem Kriegsgeſchrei, wie wir in unſerm erſten Treffen thaten, auf ſie loszuſtürzen und ſie mit den Musketenkolben niederzuſchmettern. Sie waren jedoch zu klug, um dieß abzuwarten; denn ſobald unſere Schützen insgeſammt Feuer gegeben hatten, und wir unſer Geſchrei erhoben, rannten alle, Männer, Weiber und Kinder, in einer ſolchen Eile davon, daß wir in wenigen Augenblicken von dem ganzen Haufen nichts mehr ſehen konnten, als die Verwundeten, die ſich da und dort ſchreiend aufzuhelfen ſuchten oder ſich auf der Erde wälzten. Siebentes Kapitel. Fortſetzung der Reiſe.— Wir kommen in eine große Sandwüſte.— Abenteuer in derſelben.— Wir lagern uns an den Ufern eines unge⸗ heuern See's.— Beſchreibung der Raubthiere u. ſ. w. Wir beſichtigten nun den Wahlplatz, wo wir fanden, daß wir ſiebenunddreißig der Landesbewohner— unter dieſen auch drei Weiber getödtet und ungefähr zweiundſechzig Män⸗ ner nebſt zwei Weibern ſo verwundet hatten, daß ſie nicht mehr von dem Platze konnten. Unſere Neger erſchlugen nach⸗ her dieſe mit feigherziger Kaltblütigkeit, worüber wir uns ſo ſehr erzürnten, daß wir ihnen drohten, wir würden ſie den Getödteten nachſchicken, wenn ſie ſich je wieder einer ſolchen That unterfängen. Beute war nicht viel zu erholen; denn alle— Männer und Weiber— waren ſo nackt, als ſie auf die Welt ge⸗ kommen. Einige hatten Federn in den Haaren ſtecken, andere eine Art von Spangen um den Hals— aber das war alles. Nur unſere Neger erbeuteten hier etwas, worüber wir ſelbſt erfreut waren— nämlich die Bogen und Pfeile der Todten 2 134 S⸗ und Verwundeten, von denen ſie ſo viel zuſammenbrachten, daß ſie nicht wußten, was ſie damit anfangen ſollten. Wir befahlen jedoch, alles aufzubewahren, weil es uns ſpäter nützlich werden konnte. Nach dem Kampfe ſchickten wir unſere nunmehr bewaffneten Neger truppweiſe aus, um zu ſehen, ob ſie nicht Mundvorrath herbeizuſchaffen vermöchten; ſie brachten jedoch etwas Beſſeres mit, nämlich vier junge zum Laſttragen und Ziehen herangezogene Stiere, welche ſie an den Schwielen ihrer Rücken erkannt zu haben ſchie⸗ nen, da die Bewohner dieſer Gegenden ſich keiner Sättel für ihr Laſtvieh bedienen. Dieſe Thiere ſchafften nicht nur unſern Gefangenen große Erleichterung, ſondern gaben uns auch Gelegenheit, mehr Proviſion mitzuführen. Unſere Neger legten ihnen tüchtige Ladungen von Fleiſch und Wurzeln auf, da wir uns an den Genuß der letztern ziemlich gewöhnt hatten und ſpäter häufigen Gebrauch von dieſen Nahrungsmitteln machten. In dem Dorfe der Neger trafen wir einen jungen, kaum zwei Spannen hohen Leoparden, der außerordentlich zahm war und wie eine Katze ſchnurrte, wenn man ihm den Rücken ſtreichelte. Der ſchwarze Prinz fand dieſes Thier bei einem Beſuch der verlaſſenen Hütten zuerſt, hatte eine große Freude an demſelben, gab ihm einige Stückchen Fleiſch zu freſſen, und nun folgte es ihm wie ein Hund. 135 G- Unter den im Treffen gebliebenen Negern war auch einer, der an einem gedrehten Darm eine dünne Goldplatte von der Größe eines halben Guldenſtücks an der Stirne trug, woraus wir ſchloſſen, daß er ein Mann von Bedeu⸗ tung geweſen ſein mußte. Dieſer Fund veranlaßte uns zu den ſorgfältigſten Nachforſchungen, die jedoch zu keinem weiteren Reſultate führten. Von hier aus ging es wieder fünfzehn Tage lang weiter, bis wir zu einer hohen und fürchterlich anzuſehenden Bergkette(die erſte derartige auf unſerem Marſche) gelang⸗ ten, welche wir überſteigen mußten; und da wir keinen andern Wegweiſer als unſern kleinen Taſchencompaß hatten, ſo gebrach es uns ganz und gar an Andeutungen über den geeigneten Weg, weßhalb wir in die Nothwendigkeit verſetzt waren, uns eben durchzuſchlagen, ſo gut es ging. Ehe wir zu dieſen Bergen kamen, ſtießen wir auf mehrere wilde und nackte Volksſtämme, die wir jedoch viel umgänglicher und gefälliger fanden, als diejenigen, welche wir zu bekämpfen genöthigt geweſen; und obgleich wir wenig von ihnen er⸗ fahren konnten, ſo war doch aus ihren Geberden zu ent⸗ nehmen, daß ſich jenſeits des Gebirgs eine Wüſte befände, wo es viele Löwen und gefleckte Katzen(Leoparden) gäbe; auch bedeuteten ſie uns, daß wir Waſſer mit uns nehmen müßten. Bei dem letzten dieſer Volksſtämme verſahen wir uns mit ſo viel Proviſion, als wir mit uns führen konnten— 136 Se⸗ natürlich ohne zu ahnen, was wir durchzumachen oder wir weit wir zu gehen hätten. Um uns jedoch ſo viel möglich über den beſten Weg Gewißheit zu verſchaffen, ſchlug ich vor, bei den letzten Eingeborenen, denen wir begegneten, einige Gefangene zu machen, die uns als Wegweiſer durch die Wüſte, zum Tragen unſeres Mundvorraths und vielleicht auch als Beihilfe zu Herbeiſchaffung neuer Lebensmittel die⸗ nen ſollten. Der Rath war für uns von zu weſentlichem Nutzen, als daß er verſchmäht werden konnte, und als wir von den Bewohnern der Gegend durch Zeichen herausgebracht hatten, daß ſich auch jenſeits des Gebirgs, noch ehe wir in die Wüſte eintraten, Bevölkerung vorfinde, ſo beſchloſſen wir, uns um jeden Preis Wegweiſer zu verſchaffen. Nach unſerer Berechnung mochten wir nun von der Küſte an ſiebenhundert Meilen zurückgelegt haben. Unſerm ſchwarzen Prinzen wurde jetzt die Armſchlinge abgenommen, da er nunmehr völlig hergeſtellt war, was ihn veranlaßte, das geneſene Glied ſeinen Landsleuten zu zeigen, die ſich nicht genug darüber verwundern konnten. Auch die beiden andern Neger begannen wieder zu geneſen; ihre Wunden heilten ſchnell, da unſer Chirurg in Behandlung ſolcher Zu⸗ ſtände ungemein geſchickt war. Nachdem wir mit unſäglicher Mühe die Berge erſtiegen hatten, gewannen wir einen Blick in die jenſeitige Land⸗ ſchaft, der allerdings hinreichend war, das kühnſte Herz 2 137 S⸗ zaghaft zu machen. In unabſehbarer Ferne kein Baum, kein Fluß, kein Strauch— ſo weit das Auge reichte, nichts als glühender Sand, der, wenn der Wind blies, in ſo mächtigen Wolken umhertrieb, daß ſie wohl im Stande waren, Menſchen und Vieh zu überwältigen— nirgends ein Ende weder vor uns, noch rechts oder links, ſo daß unſern Leuten der Muth entſank, und bereits vom Umkehren die Rede war; denn man durfte in der That kaum daran denken, ſich über einen ſo ſchrecklichen Ort zu wagen, in dem uns nichts als der Tod vor Augen lag. Der Anblick wirkte auf mich eben ſo niederſchlagend als auf die Uebrigen; demungeachtet war mir aber der Gedanke an ein Umkehren unerträglich. Ich ſagte daher den Unſrigen, wir hätten bereits ſiebenhundert Meilen zurück⸗ gelegt, und eine Rückkehr wäre ſchlimmer als der Tod; wenn ſie daher glaubten, die Wüſte wäre nicht zu paſſiren, ſo wollten wir lieber unſere Richtung ändern und den Weg nach Süden einſchlagen, um das Cap der guten Hoffnung zu erreichen, oder nordwärts gehen, bis wir in das Nil⸗ gebiet kämen, wo wir vielleicht auf die eine oder die andere Weiſe Gelegenheit fänden, zu dem weſtlichen Meere zu ge⸗ langen, da ſicherlich nicht ganz Afrika eine Wüſte wäre. Unſer Geſchützmeiſter, der, was die Ortlage betrifft, unſere Autorität war, meinte, er wiſſe nicht, was er zu der Capreiſe ſagen ſolle; denn es ſei entſetzlich weit bis zu dieſem 138& Vorgebirge; der Weg könne von hier an nicht weniger als fünfzehnhundert Meilen betragen, und ſeiner Berechnung nach hätten wir jetzt den dritten Theil des Marſches nach der Küſte von Angola zurückgelegt, wo wir den weſtlichen Ocean und ſomit auch Wege genug, wieder nach Hauſe zu 8 kommen, finden würden. Auf der anderen Seite belehrte er uns durch ſeine Karten, daß bei Einſchlagung der nördlichen Richtung die Weſtküſte von Afrika über tauſend Meilen weit weſtlich gegen das Meer vorſpränge, ſo daß wir nachher eben ſo viel oder noch mehr Land zu durchwandern hätten, das vielleicht ſeiner Beſchaffenheit und ſeinen Wüſten nach dem gegenwärtigen nichts nachgäbe. Sein Vorſchlag ging alſo dahin, es mit dieſer Wüſte zu verſuchen, die vielleicht nicht ſo lange wäre, als wir fürchteten; wir ſollten uns daher gehörig mit Proviſion und insbeſondere mit Waſſer vorſehen; wir könnten dann den Verſuch ſo lange fortſetzen, bis die Hälfte unſeres Waſſers verbraucht wäre, da wir dann immer, wenn wir kein Ende abſähen, wieder umkehren könnten. Dieſer Rath war ſo vernünftig, daß ihm alle beiſtimm⸗ ten. Wir berechneten daher, daß wir für zweiundvierzig Tage Speiſe, aber für nicht weiter als zwanzig Tage Waſſer mit uns führen könnten, obgleich wir auch vorausſetzen muß⸗ ten, daß es noch vor Ablauf dieſer Zeit ungenießbar würde. Und ſo entſchloſſen wir uns, daß wir, wenn wir im Verlaufe 5 139 So⸗ von zehn Tagen zu keinem Waſſer kämen, wieder umkehren wollten; andernfalls aber gedachten wir, noch eilf Tage länger auszudauern und erſt nach Ablauf dieſer Zeit an die Rückkehr zu denken, wenn ſich inzwiſchen kein Ende der Wüſte abſehen ließe. Nach dieſer Uebereinkunft traten wir unſern Weg thal⸗ wärts an, erreichten jedoch erſt am zweiten Tage das Blach⸗ land, wo wir einen ſchönen Bach mit ſehr gutem Waſſer, Ueberfluß an Hochwild und ein haſenartiges Thier— nur nicht ſo behende— deſſen Fleiſch ſehr gut ſchmeckte, antrafen. Hinſichtlich der erwarteten Bevölkerung ſahen wir uns jedoch getäuſcht, weßhalb unſer Plan, noch einige Gefangene zu machen, vereitelt wurde. Die ungeheure Menge von Hirſchen und anderen Thieren, welche wir hier gewahrten, hatte, wie wir fanden, ihren Grund in der Nachbarſchaft der Wüſte, von der aus ſie ſich des Futters und Waſſers wegen hieher zurückzogen. Wir verſahen uns nun mit Fleiſch und verſchiedenartigen Wurzeln, die uns von den Negern namhaft gemacht wurden und ſiatt des Brodes dienten, nahmen ſo viel Waſſer ein, daß wir auf zwanzig Tage täglich jedem Neger eine Viertelsgallone, jedem der Unſrigen drei Nöſel und jedem Stiere drei Vier⸗ telsgallonen reichen konnten, und traten ſo beladen— alle in guter Geſundheit und friſchen Muthes— den mühſeligen Weg an. Freilich waren nicht alle der Anſtrengung gleich 22 140 SE⸗ gewachſen, und den Mangel an Wegweiſern empfanden wir am ſchmerzlichſten. Aber gleich beim Eintreten in die Wüſte ſank unſer Muth bedeutend; denn der Sand war ſo tief und ſengte unſere Füße ſo ſehr, daß wir nach einem Marſche oder viel⸗ mehr einem Waten von ungefähr ſechs oder acht Meilen ganz erſchöpft waren; ſelbſt unſere Neger legten ſich nieder und keuchten wie Thiere, die über Kräften angeſtrengt wurden. Wir lernten bald die Nachtheile eines Aufenthalts in der Wüſte kennen; denn wir waren gewöhnt geweſen, alle Nacht Hütten aufzuſchlagen, unter denen wir ſchliefen, um uns gegen die ungeſunde Nachtluft dieſes heißen Himmels⸗ ſtrichs zu ſchützen; aber hier fanden wir keinen Schutz, kein Unterkommen nach dem beſchwerlichen Marſche, da weder Baum noch Strauch weit und breit zu ſehen war— eine peinliche Lage, die noch durch das Geheul der Hyänen, das Brüllen der Löwen, das Schreien einer Unzahl wilder Eſel und andere uns unbekannte garſtige Töne, die unſere Ruhe ſtörten, erhöht wurde.. Wir ſtellten jetzt Betrachtungen über unſere Unklugheit an, daß wir nicht wenigſtens Pfähle mit uns genommen hatten, mit denen wir uns des Nachts hätten einigermaßen verpalliſadiren und ſo unſern Schlaf vor allenfallſigen Störungen ſchützen können. Endlich kamen wir jedoch auf ein Mittel, das uns mindeſtens einige Erleichterung ver⸗ 141 G⸗ ſchaffte. Wir ſteckten nämlich unſere Lanzen und Bogen ſo in die Erde, daß ſich die oberen Enden zuſammenneigten, und hingen ſodann unſere Röcke darüber, wodurch wir eine kümmerliche Art von Zelt erhielten. Das Leopardenfell und andere Häute breiteten wir auf den Sand und ſchufen uns ſo ein Lager, auf dem wir die erſte Nacht ganz herrlich ſchliefen, während zwei von unſern Leuten, die anfangs alle Stunden und dann alle zwei Stunden abgelöst wurden, mit den Gewehren in der Hand Wache hielten. Dieſe Maß⸗ regel war ſehr zweckmäßig; denn die Wüſte war voll von wilden Thieren aller Art, von denen einige bis an die Um⸗ zäunung unſeres Zeltes heran kamen. Unſere Schildwachen hatten jedoch Befehl, uns nicht mit Schießen zu beunruhigen, ſondern blos Zündpulver abzubrennen, was gleichfalls guten Erfolg hatte; denn die Thiere flohen immer, ſobald ſie Feuer ſahen, und ſetzten anderem Wilde nach. Wenn uns die Wanderung des Tages ſchon ermüdete, ſo war es noch viel mehr der Fall mit unſerm Nachtherber⸗ gen. Der ſchwarze Prinz ſagte uns daher des nächſten Morgens, wir würden alle auf dieſem Zuge durch die Wüſte umkommen, wenn wir uns nicht für die Nacht zu ſchützen vermöchten. Er rieth uns zu dieſem Ende, nach dem Bache zurückzukehren, wo wir das letztemal Nacht⸗ quartier gemacht hatten, und dort ſo lange zu verweilen, bis wir uns Häuſer(wie er es nannte) verfertigt hätten, die 142&⸗ wir mit uns führen und in denen wir die Nacht zubringen könnten. Da er unſere Sprache ein wenig zu verſtehen anfing, und wir recht wohl ſeine Zeichen begriffen, ſo ent⸗ zifferten wir uns leicht, daß er damit Matten meinte, um ſo mehr, da wir an beſagtem Orte viel Schilf und Röhricht geſehen hatten, aus denen die Eingeborenen ſolche Gewebe bereiten. Mit derartigen großen Matten ſollten wir unſere Hütten oder Zelte, die wir des Nachts als Schlafſtellen auf⸗ ſchlugen, bedecken. Da dieſer Rath nicht zu verachten war, ſo ſtimmten wir alle bei und entſchloſſen uns, auf der Stelle wieder umzukehren und einen Theil unſeres Proviſiongepäcks mit Matten, die uns als Schutz für die Nacht dienen konnten, zu vertauſchen. Einige der behendeſten unter uns legten dieſe Tagreiſe mit weit größerer Leichtigkeit zurück, als ſie Tags zuvor bei der Herreiſe hatten blicken laſſen; und da wir nicht gerade zu eilen hatten, ſo blieben die Uebrigen noch einmal in der Wüſte über Nacht und langten erſt des andern Tages an unſerm früheren Raſtpoſten an. Auf dieſem Rückwege ſtieß den Säumigeren aus unſerer Geſellſchaft etwas ungemein Ueberraſchendes zu, was ihnen Anlaß gab, in Zukunft nicht ſo leicht wieder an eine Tren⸗ nung zu denken. Am Morgen des zweiten Tages nämlich, als ſie noch keine Meile gegangen waren, gewahrten ſie beim Zurückſehen eine ungeheure Sand⸗ oder Staubwolke, 143& welche ſich in die Luft erhob, wie wir es zuweilen an heißen, ſtaubigen Sommertagen auf der Landſtraße ſehen können, wenn bedeutende Viehheerden einherziehen— nur viel größer, und ſie konnten deutlich bemerken, daß die Wolke, und zwar mit einer Geſchwindigkeit, welche die ihrige bei weitem über⸗ bot, hinter ihnen herkam. Sie war ſo groß, daß unſere Leute nicht ſehen konnten, wodurch ſie verurſacht wurde, und vermutheten daher anfangs, es wäre eine Armee von Feinden, welche ihnen nachſetzte. Bei reiferem Nachdenken leuchtete ihnen jedoch die Unmöglichkeit ein, daß irgend ein Volksſtamm von ihnen und ihrem Marſche Kunde erhalten haben konnte, da ſie ja aus einer unbewohnten Wüſte her⸗ kamen, und wenn es alſo eine Armee war, ſo mußte es eine ſolche ſein, welche zufälligerweiſe des gleichen Weges zog. Da es ihnen außerdem bekannt war, daß es keine Pferde in dieſer Gegend gäbe, und die Wolke ihnen doch mit einer ungemeinen Geſchwindigkeit nachrückte, ſo kamen ſie auf den Gedanken, es müßte ein tüchtiger Rudel wilder Thiere ſein, der an den Bergen Nahrung und Waſſer ſuchte und bei dieſer Gelegenheit ſie ſelbſt als gutes Futter mitnehmen oder ſie alle zertreten würde. Dieſe Befürchtung veranlaßte ſie, die Richtung, welcher die Wolke zu folgen ſchien, zu beobachten, worauf ſie der⸗ ſelben nach Norden zu auswichen, in der Hoffnung, ſie möchte an ihnen vorbeiziehen; und ſobald ſie ſich fünf oder 144 Se ſechs Minuten weit abſeits gemacht hatten, hielten ſie an, um zu ſehen, was daraus werden würde. Einer der Neger, welcher flinker als die Uebrigen war, ging ein wenig darauf zu, kam aber ſo ſchnell, als es der tiefe Sand zuließ, wie⸗ der zurück und gab durch Zeichen zu verſtehen, daß es eine Heerde ungeheurer Elephanten wäre. Unſere Leute, die ſo etwas noch nie geſehen hatten, waren neugierig auf dieſen Anblick, obgleich ihnen die Sache der Gefahr wegen nicht ganz geheuer vorkam; denn wenn auch der Elephant ein ungelenkiges und ſchwerfälliges Thier iſt, ſo liefen dieſe Thiere doch in dem Sande, der ihnen bei ihrem Gewichte nichts anhaben konnte, ſehr geſchwind und würden unſere Leute bald ermüdet haben, wenn erſtere es für gut gefunden hätten, ihnen eine größere Strecke nachzuſetzen. Der Geſchützmeiſter war bei den Nachzüglern und hätte gar zu gern mit der Flinte am Ohr ſich dem Hinterſten genähert und ihm eine Kugel nachgeſendet, die ja nichts verderben konnte, weil er gehört hatte, daß die Haut dieſer Thiere kugelfeſt wäre; man rieth ihm jedoch ab, damit ſie durch den Knall nicht zur Umkehr und zur Verfolgung ge⸗ reizt werden möchten, und ſo ließ er ſich bereden, den Trupp ungeſtört vorbeiziehen zu laſſen, was in der Lage unſerer Leute gewiß auch das Klügſte war. Es waren ungeheure Thiere, zwanzig bis dreißig * 6 ꝗ u— 145 S an der Zahl, und obgleich ſie unſern Leuten oft zeigten, daß ſie nicht unbemerkt geblieben ſeien, ſo bogen ſie doch nicht von ihrer Richtung ab oder nahmen überhaupt eine andere Notiz von ihnen, als daß ſie ein wenig nach ihnen hinſahen. Wir, die wir bereits Tags zuvor den Bach erreicht hatten, ſahen die Staubwolke gleichfalls, achteten jedoch wenig darauf, weil wir glaubten, ſie rühre von unſeren Gefährten her; aber da ſich die Richtung derſelben um einen oder zwei Striche des Compaſſes nach Südoſten hinzog, während wir genau nach Oſten gegangen waren, ſo kam ſie in ziemlicher Entfernung an uns vorbei, ohne daß wir etwas den von Beſtien ſahen, wie wir denn auch erſt gegen Abend von unſeren Nachzüglern erfuhren, was es damit für eine Bewandtniß hatte. Jedenfalls diente uns dieſer Vorfall zu einer Lehre für unſer Benehmen bei unſerem Wüſtenzuge, wie wir ſeiner Zeit hören werden. Wir gingen nun an unſere Arbeit, über die der ſchwarze Prinz, welcher ſelbſt ein vortrefflicher Mattenmacher war, die Leitung führte. Da alle ſeine Leute ſich gleichfalls auf dieſe Kunſt verſtanden, ſo hatten wir bald an hundert Matten beiſammen. Jeder Neger nahm eine ſolche noch zu ſeinem Gepäck, weßhalb wir nicht nöthig hatten, die Mundvorrath⸗ Bagage auch nur um eine Unze zu ſchmälern. Deſto ſchwerer hielt es mit der Fortſchaffung von ſechs langen Stangen und Singleton, I. 10 ꝙ 146 E&- einigen kürzeren Pfählen; aber die Neger wußten auch hie⸗ für Rath, indem ſie ihr Gepäcke um das Gewicht der Stan⸗ gen verminderten, erſteres an den letztern feſtbanden und paarweiſe je zwei Stangen auf den Schultern trugen. So⸗ bald wir dieß ſahen, zogen wir gleichfalls einen kleinen Vortheil davon; denn da wir drei Schläuche mehr hatten, als die Leute tragen konnten, legten wir jedem Paar Stangen⸗ männer einen derſelben, mit Waſſer gefüllt, bei und ge⸗ wannen dadurch für eine weitere Tagreiſe Waſſer. Als wir ſo unſere Arbeit zu Stande gebracht— näm⸗ lich die Matten angefertigt, unſere Vorräthe wieder ergänzt und eine Maſſe kleiner Stricke aus Schilf für den gelegent⸗ lichen Gebrauch angefertigt hatten, ſetzten wir uns, nach einer achttägigen Unterbrechung unſerer Reiſe, wieder in Bewegung. Zu unſerem großen Troſt fiel die Nacht vor unſerem Aufbruche ein tüchtiger Regen, deſſen wohlthätige Wirkungen wir gar bald in dem Sande verſpürten. Zwar reichte ein einziger Tag hin, ihn wieder zu trocknen; der Grund blieb aber doch härter und feſter; auch wurden un⸗ ſere Füße weniger geſengt, ſo daß wir an demſelben Tage ſtatt der früheren ſieben Meilen mit weit größerer Leichtig⸗ keit vierzehn zurücklegten. Wir hatten ſchon am Bache eine Probe mit unſerem Zelte gemacht und daher alles zur Hand, ſo daß es beim erſtmaligen Gebrauch in der Wüſte in weniger als einer 147& Stunde fertig daſtand— ein innerer und äußerer Raum nebſt zwei Eingängen. In dem innern lagen wir, in dem äußern unſere Neger, ganz vergnüglich mit leichten Matten bedeckt und dem gleichen Materiale als Unterlage. Auch hatten wir uns außen mit einer kleinen Umzäunung für unſere Stiere vorgeſehen, die unſere Sorgfalt recht wohl verdienten, da ſie uns nicht nur ſehr nützlich waren, ſon⸗ dern uns auch inſoferne gar nicht läſtig wurden, weil ſie ihr Futter und Waſſer ſelber tragen mußten. Das erſtere beſtand aus einer ſehr ſaftigen und nahrhaften Wurzel, un⸗ gefähr wie der Paſtinack, welche wir überall, nur nicht in dieſer ſchrecklichen Wüſte, in Menge antrafen und die uns zu dieſem Zwecke von dem ſchwarzen Prinzen bezeichnet worden war. 1 Des andern Morgens ſchlugen unſere Neger das Zelt wieder ab, nahmen die Pfähle heraus, und in weit kürzerer Zeit, als man zu Errichtung unſerer Nachtherberge verwendet hatte, war bereits Alles wieder in Bewegung. So marſchir⸗ ten wir acht Tage und noch immer konnten wir kein Ende der Wüſte abſehen, keine Veränderung unſerer Umgebung wahrnehmen— alles war wild und öde wie im Anfang. Die einzige Veränderung, die uns auffiel, beſtand darin, daß der Sand nicht mehr ſo locker und tief war, wie in den drei erſten Tagen. Der Grund lag, unſerer Meinung nach, in dem Umſtande, daß die Winde ſechs Monate im 40* 148 Se Jahr nach Weſten ſtreichen, während ſie in der andern Jahreshälfte beharrlich in öſtlicher Richtung wehen, und ſo mochte wohl der Sand nach der Gegend, wo wir herkamen, getrieben worden ſein, wo des hohen Gebirges wegen die öſtlichen Paſſatwinde nicht Kraft genug hatten, ihn wieder zurückzuführen. Dieſe Anſicht fanden wir auch dadurch be⸗ ſtätigt, daß wir an dem weſtlichen Ende der Wüſte wieder auf den gleichen tiefen Sand ſtießen. Am neunten Tage unſeres Wüſtenzuges erreichten wir einen großen See. Man kann ſich denken, mit welcher Freude uns dieß erfüllte, da wir, außer dem für unſere Rückkehr, falls dieſelbe nothwendig werden ſollte, beſtimmten Waſſer, ſelbſt bei der ſpärlichſten Vertheilung, nur noch einen Vorrath für zwei oder drei Tage hatten. Wir waren damit allerdings weiter gekommen, als ſich vorausſehen ließ; denn unſere Stiere hatten einige Tage lang in der Wüſte eine flache diſtelartige Pflanze, jedoch ohne Dornen, gefunden, die ihnen den Hunger und den Durſt ſtillte, wodurch uns ſo viel Waſſer erſpart wurde, daß es wohl auf zwei Tage weiter reichte. Tags darauf gelangten wir an den untern Rand des See's— ein Glück für uns, daß wir ihn ſo weit ſüdlich berührten, da ſich deſſen nördliches Ende gar nicht abſehen ließ— und wir marſchirten drei Tage lang an ſeinem Geſtade hin, was uns ſehr zu Statten kam, weil es unſere 149 Laſt erleichterte, und wir kein Waſſer mit uns zu führen nöthig hatten, ſo lange es uns zur Seite lag. Aber un⸗ geachtet dieſer ungeheuern Waſſerfläche fanden wir doch die Wüſte nur wenig verändert— keinen Baum, kein Gras, nichts als die bereits genannte Diſtel und zwei bis drei weitere uns unbekannte Pflanzen, die ſich jetzt in ziemlicher Menge einſtellten. Aber ſo ſehr uns einerſeits die Nachbarſchaft dieſes See's erfriſchte, ſo waren wir andererſeits jetzt in den Bereich einer ſo ungeheuern Anzahl der wildeſten Bewohner gekommen, wie ſie gewiß nie ein menſchliches Auge erblickt hat; denn da ich glaube, daß ſeit der Sündfluth nie ein Menſch oder ein Menſchenhaufen dieſe Wüſte durchzog, ſo lebe ich der Ueberzeugung, daß nie ein Sterblicher eine ſolche Maſſe wilder und fürchterlicher Geſchöpfe beiſammen geſehen hat. Eine Tagereiſe, ehe wir zu dem See gelangten, die ganze Zeit über, die wir ſeinem Ufer folgten, und auch noch ſechs oder ſieben Tagemärſche nachher war der Grund mit einer unglaublichen Anzahl von Elephantenzähnen beſäet, und obgleich manche davon ſchon einige hundert Jahre da⸗ liegen mochten, ſo zeigten ſie doch ſo wenige Spuren einer Verwitterung, daß ſie vielleicht bis an das Ende der Zeiten dort liegen mögen. Einige davon waren von eben ſo un⸗ glaublichem Umfang, als die Zahl derſelben; auch kann ich den Leſer verſichern, daß mehrere derſelben ſchwer genug waren, um der Kraft des Stärkſten unter uns, der ſie lüpfen wollte, Trotz zu bieten. Da wir die Wüſte über achtzig Meilen weit mit ſolchen Knochen beſäet ſahen, und die⸗ ſes vielleicht eben ſo weit oder nicht viel weiter zur Rechten und zur Linken der Fall ſein mochte, ſo wären wohl tauſend der größten Schiffe in der Welt nicht im Stande geweſen, ſie fortzuführen. An einer Stelle trafen wir den Schädel eines Elephanten, in dem noch die Zähne ſtaken— den größten, der mir je zu Geſichte kam. Das Fleiſch und die übrigen Knochen mochten ſchon ſeit Jahrhunderten verwest ſein, aber demungeachtet waren drei unſerer ſtärkſten Leute nicht im Stande, ihn von der Stelle zu rücken. Der größte Zahn mochte zum Mindeſten drei Zentner wiegen, und was noch das Merkwürdigſte dabei war— ich fand, daß der Schädel, der im Ganzen vielleicht ſechs Zentner wog, ſo gut aus Elfenbein beſtand, als die Zähne. Aus dieſem Beiſpiele ſchloß ich, daß wohl die übrigen Knochen des Ele⸗ phanten eben ſo gut das genannte Material liefern mochten — ein Schluß, der durch die Analogie dieſes Kopfes wohl gerechtfertigt wird. Ich ſchlug unſerm Geſchützmeiſter vor, mit unſern Leuten ein wenig Halt zu machen und es zu verſuchen, eines dieſer Thiere zum Verſpeiſen zu erlegen, da wir jetzt bereits vier⸗ zehn Tage ohne Unterlaß marſchirt waren, friſches Waſſer zur Hand hatten, und auch nicht zu beſorgen ſtand, daß uns ꝙ 151& die Lebensmittel zu früh ausgehen würden. Dieſem, der ſchon lange ein Augenmerk auf eine ſolche Jagd hatte, kam mein Anſinnen ganz gelegen; auch meinte er, es ginge vielleicht an, einige Fiſche aus dem See zu fangen. Wir verſuchten daher zuvörderſt, ob wir nicht einige Angelhaken anfertigen könnten, zu welchem Ende unſer Künſtler wieder in Anſpruch genommen wurde. Das Anſinnen brachte ihn allerdings in Verlegenheit, aber mit einiger Mühe kam er doch damit zu Stande und wir erhielten nun verſchiedene Fiſcharten friſch aus dem Waſſer. Wie ſie dahin gekommen ſein mochten, weiß nur Derjenige, der den See und die ganze Welt geſchaffen hat; denn gewiß hatte nie zuvor eine menſchliche Hand ein derartiges Thier hineingeſetzt oder herausgefangen. Wir verſahen uns auf dieſe Weiſe nicht nur mit friſchem Fleiſch, ſondern trockneten auch mehrere große Fiſchſorten auf eine Art, die ich nicht näher beſchreiben kann, in der Sonne, wodurch unſer Mundvorrath einen beträchtlichen Zuwachs erhielt; denn die Sonnenglut diente unſerer Abſicht ſo gut, daß die Thiere, auch ohne Salz, in einem Tage brauchbar, trocken und hart waren. Wir verweilten hier fünf Tage, während welcher Zeit wir ſo viele vergnügliche Abenteuer mit den wilden Thieren der Wüſte erlebten, daß ſie ſich hier nicht alle erzählen laſſen. Beſonders merkwürdig war uns die Jagd einer Löwin nach 152 E⸗ einer großen Antilope, und obgleich dieſe, der Natur ihres Geſchlechts gemäß, ſehr ſchnell auf den Beinen war und wie der Wind an uns vorbeiflog, ſo gab ihr doch, trotz ihres Vorſprungs von etwa dreihundert Schritten, die Muskel⸗ kraft und Lungenausdauer ihrer Feindin in nichts nach. Sie kamen in einer Entfernung von ungefähr fünf Minuten an uns vorbei, und wir ſahen ihnen lange nach, bis wir ſie aus dem Geſicht verloren. Wie wurden wir aber überraſcht, als ſie nach einer Stunde kaum dreißig oder vierzig Schritte von einander aus einer andern Richtung wieder auf uns zukamen. Beide ſtrengten ihre Kräſte aufs Aeußerſte an, als die Antilope plötzlich ſich in den See ſtürzte und jetzt um ihr Leben ſchwamm, wie ſie zuvor dafür gelaufen war. Die Löwin jagte ihr nach, ſchwamm gleichfalls eine Weile und kehrte dann wieder um; aber als ſie ans Land kam, erhob ſie in der Wuth, ihre Beute verloren zu haben, ein ſo ſchreckliches Gebrüll, wie ich in meinem Leben nie etwas Aehnliches gehört habe. Morgens und Abends machten wir unſere Ausflüge; die Mitte des Tages über blieben wir in unſern Zelten liegen. Eines Morgens waren wir Zeugen einer anderen Jagd, die uns näher berührte als die vorerwähnte; denn unſer ſchwarzer Prinz ſtieß bei Gelegenheit eines Spazier⸗ ganges an dem See auf ein ungeheures Crocodil, das aus dem Waſſer heraus auf ihn zukam. Er war ſchnell auf den 153 S⸗ Beinen und flüchtete ſich, ſo hurtig er konnte, in unſere Mitte; aber jetzt wußten wir nicht, was anfangen; denn wir hatten gehört, daß keine Kugel den feſten Panzer einer ſol⸗ chen Beſtie zu durchdringen vermöge, was wir auch inſo⸗ ferne beſtätigt fanden, daß ſich das Thier um drei oder vier Schüſſe unſerer Leute nicht im Mindeſten kümmerte. Unſer Geſchützmeiſter jedoch, ein kühner, wagehalſiger Mann, be⸗ wahrte ſeine Geiſtesgegenwart, ging ſo nahe auf den Feind los, daß er ihm die Mündung ſeines Gewehrs in den Rachen ſtecken konnte, feuerte ab und machte ſich, indem er die Flinte fallen ließ, aus dem Staube. Das Unthier wüthete noch lange, ließ ſeinen Grimm an der Waffe aus, deren Lauf es mit ſeinen Zähnen zerdrückte, und wurde dann all⸗ mählig ſchwächer, bis es endlich verendete. Unſere Neger ſtreiften an den Ufern des Sees nach Wildpret, und es gelang ihnen auch, drei Antilopen, eine große und zwei kleine, zu erlegen. Waſſervögel zeigten ſich gleichfalls auf dem See, aber wir kamen nie nahe genug, um einen derſelben ſchießen zu können. Ueberhaupt waren dieß die einzigen Vögel, denen wir auf unſerem Wüſten⸗ zuge begegneten. Wir erlegten auch zwei oder drei Zibethkatzen; ihr Fleiſch war jedoch ungenießbar. Elephanten ſahen wir häufig in der Ferne, und wir fanden, daß ſie immer in guter Geſell⸗ ſchaft marſchirten— das heißt in großen Haufen, die ſtets ——= 154 in einer ſchönen Reihe, wie zur Schlacht, einherzogen, was, wie wir hörten, die Art und Weiſe iſt, wie ſie ſich gegen ihre Feinde vertheidigen, indem ſie ſich, wenn ſie von Löwen, Tigern und andern reißenden Thieren mit einem Angriff bedroht werden, oft in fünf bis ſechs Meilen langen Linien aufpflanzen und Alles, was ihnen in den Weg kommt, unter ihre Füße treten oder mit ihren Rüſſeln in die Luft ſchleu⸗ dern. Wenn daher hundert Löwen oder Tiger einherkämen und auf eine Reihe von Elephanten ſtießen, ſo müßten ſie zurückweichen und ſehen, wie ſie rechts oder links um ihre Flanke kämen, da ſie ſonſt unmöglich entrinnen könnten; denn obgleich der Elephant ein ſchwerfälliges Geſchöpf iſt, ſo iſt er doch mit ſeinem Rüſſel ſo ſchnell und gewandt, daß er nicht leicht verfehlt, den ſchwerſten Löwen damit aufzu⸗ heben, denſelben in die Luft oder über ſeinen Rücken zu werfen und ihn dann mit ſeinen Füßen todt zu treten. Wir gewahrten mehrere ſolcher Schlachtlinien, von denen eine ſo lang war, daß wir ihr Ende gar nicht abſehen konnten, und ich zweifle nicht, daß ſie aus ungefähr zweitauſend in Reih' und Glied ſtehenden Elephanten zuſammengeſetzt war. Der Elephant iſt kein Raubthier; denn er nährt ſich nur von Pflanzen wie der Ochſe, und trotz ſeiner Größe ſoll er ſich doch für ſeinen Unterhalt mit einer geringeren Futter⸗ menge, als ein Pferd bedarf, begnügen. Wie ungeheuer die Anzahl dieſer Thiere ſein mußte, 155 A-f läßt ſich ſchon aus der Menge von Zähnen entnehmen, die wir in der Wüſte ſahen; und überhaupt trafen wir hun⸗ derte dieſer Thierart, bis uns ein einziges Individuum einer andern Claſſe vorkam. Eines Abends wurden wir ſehr überraſcht. Die meiſten von uns waren bereits in ihre Matten gekrochen, als unſere Schildwache hereineilte, erſchreckt von dem plötzlichen Brüllen mehrerer Löwen ganz in ihrer Nähe, welche ſie der Dunkelheit wegen nicht eher geſehen hatte, bis ſie ſich hart an ihr be⸗ fanden. Es war, wie ſich herausſtellte, ein alter Löwe von ungeheurer Größe mit ſeiner ganzen Familie, der Löwin und drei ziemlich herangewachſenen Jungen. Eines der letzteren ſtürzte unverſehens auf einen Wache ſtehenden Neger los, worüber dieſer ungemein erſchrack, laut aufſchrie und in das Zelt eilte. Die andere Schildwache, die ein Gewehr beſaß, hatte nicht Geiſtesgegenwart genug, Feuer zu geben, ſondern ſchlug mit dem Gewehrkolben auf das Thier los, worauf es ein wenig winſelte und ſodann fürchterlich zu heulen begann. Der Mann flüchtete ſich hierauf ins Zelt und brachte hier Alles in Bewegung. Drei von den Unſrigen nahmen ihre Gewehre auf und eilten nach der Thüre, wo ſie den alten Löwen an den Feuerrädern ſeiner Augen erkann⸗ ten. Sie ſchoſſen, verfehlten jedoch das Thier oder trafen es mindeſtens nicht ſo, daß es getödtet wurde; denn die Beſtien liefen alle davon und erhoben dabei ein gräßliches * 2 156 S⸗ Brüllen, als riefen ſie um Hülfe, ſo daß ſich eine große Anzahl von Löwen und andern wilden Thieren, die wir nicht zu unterſcheiden vermochten, um ſie ſammelte. Von allen Seiten vernahmen wir aber eine ſo entſetzliche Muſik, als ob alle Ungethüme der Wüſte unſern Lagerplatz umgäben, um uns zu verſchlingen. Wir fragten unſern ſchwarzen Prinzen, wie wir mit denſelben zurecht kommen könnten:„Mich machen laſſen,“ ſagte er,„und ich alle davon ſchrecken.« Er nahm zwei oder drei von unſeren ſchlechteſten Matten, hing ſie an einen Pfahl und zündete ſie, nachdem er ſich von einem unſerer Leute hatte Feuer geben laſſen, an, daß ſie luſtig aufloder⸗ ten und eine Weile fortbrannten— ein Anblick, bei dem das Raubgeſindel die Flucht ergriff, wie wir aus dem immer mehr ſich entfernenden Brüllen, Heulen und Bellen entnahmen.„Nun, wenn's das thut,“ ſagte unſer Geſchütz⸗ meiſter,„ſo haben wir nicht nöthig, die Matten, die uns als Betten und Zeltdecken dienen, zu verbrennen. Ich will da eine gehörig wirkſame Vorkehrung treffen.“ Er kam in unſer Zelt zurück und begann einiges künſtliche Feuerwerk anzufertigen, womit er unſere Schildwachen verſah, um gelegentlich davon Gebrauch machen zu können. Dann heftete er auch noch ein Feuerrad an den Pfahl, an dem die Matten verbrannt worden waren, und zündete es an, 0 157 S⸗ worauf es ſo lange fortſprühte, bis von den Thieren der Wildniß nichts mehr zu ſehen und zu hören war. Eine ſolche Nachbarſchaft kam uns indeß etwas unheim⸗ lich vor, und um ihrer bald möglichſt los zu werden, brachen wir um zwei Tage früher auf, als wir beabſichtigt hatten. Wir fanden nunmehr, obgleich die Wüſte kein Ende nehmen wollte, daß ſich die Erde mit vielen grünen Gewächſen bedeckte, und unſer Vieh daher keinen Mangel litt; auch ſtießen wir auf mehrere kleine Flüſſe, die ſich in den See ergoſſen, ſo daß es uns in der Niederung nicht an Waſſer gebrach. Dieß kam unſerer Reiſe ungemein zu ſtatten, und wir wanderten weitere ſechzehn Tage, ohne auf einen günſtigeren Grund zu gelangen. Jetzt begann die Ebene etwas anzuſteigen, und da wir nun gewahrten, daß das Waſſer aufhören würde, ſo füllten wir, das Schlimmſte befürchtend, unſere Schläuche wieder. Die leichte Anſteigung des Bodens dauerte drei Tage ohne Unterlaß fort, bis wir plötzlich inne wurden, daß wir uns auf dem Kamme einer hohen Bergkette— freilich nicht ſo hoch, als die an dem andern Ende der Wüſte— befanden, die wir ganz allmählig, und ohne daß wir es wahrgenommen hatten, hinangeſtiegen waren. Achtes Kapitel. Wir erreichen das Ende der Wüſte.— Eine ſchöne Gegend eröffnet ſich.— Ankunft an dem Goldfluſſe.— Wir ſuchen alle nach Gold und theilen den Fund in gleiche Theile.— Die Regenzeit beginnt; wir lagern uns an den Ufern des Fluſſes.— Beſchreibung unſeres Lagers. — Gefahr durch die Menge wilder Thiere.— Wir brechen auf und ziehen durch eine unwirthliche Gegend. Als wir auf die andere Seite des Gebirgs hinab ſahen, bemerkten wir zu unſerer Aller großen Freude, daß die Wüſte ein Ende hatte. Die Gegend war mit anmuthi⸗ gem Grün bekleidet; Bäume prangten in ſchönſter Fülle, ein breiter Fluß wand ſich zwiſchen ihnen hin, und wir zweifelten keinen Augenblick, daß wir auch auf Einwohner und Vieh treffen würden. Unſer Geſchützmeiſter berechnete, daß wir in den vier und dreißig Tagen, welche wir uns in dieſen Wohnſitzen des Schreckens aufgehalten, etwa vier⸗ hundert Meilen zurückgelegt hatten, ſo daß alſo der ganze Landmarſch ungefähr eilfhundert Meilen betragen mochte. Wir wären gern noch denſelben Abend in's Thal hin⸗ abgeſtiegen, aber es war zu ſpät. Zudem konnten wir —————— -—2 1 5 9 So⸗ ja mit dem Auftauchen des Tages alles deutlicher ſehen, und ſo legten wir uns in den Schatten einiger Bäume, unter deren kühlem Dache wir nun wieder neues Leben ſammelten, nachdem wir uns über einen Monat hatten verſengen laſſen müſſen, ohne auch nur entfernt eines Baumes anſichtig zu werden. Wir fanden, beſonders in Vergleich mit dem Striche, den wir eben verlaſſen, die Gegend ſehr angenehm:; auch erlegten wir einiges Wild, das unter dem Schutze des Waldes in großer Anzahl gedieh. Unter unſerer Jagd⸗ beute befand ſich ein ziegenartiges Thier— keine eigentliche Ziege— deſſen Fleiſch ſehr angenehm ſchmeckte. Außerdem trafen wir auch auf eine große Anzahl Vögel, ähnlich unſern Rebhühnern, nur nicht ſo groß und nicht ſo ſcheu, und wir lebten da ganz herrlich. Einwohner fanden wir keine, wenig⸗ ſtens wurden wir in mehreren Tagmärſchen keiner anſichtig, und um unſere Freude ein wenig zu mildern, beunruhigte uns faſt jede Nacht das Brüllen und Heulen von Löwen und Tigern. Der Bereich der Elephanten ſchien hier auf⸗. gehört zu haben. Nach einem dreitägigen Marſche kamen wir zu einem Fluſſe, den wir bereits von dem Gebirge aus geſehen hat⸗ ten, und dem wir den Namen des Goldfluſſes gaben. Sein Lauf war gegen Norden gerichtet, was wir bisher noch bei keinem andern Strome bemerkt hatten. Die Strömung war äußerſt raſch, und unſer Geſchützmeiſter verſicherte mich, 2 160 S⸗ indem er ſeine Landkarte herausnahm, daß es entweder der Nil oder ein Fluß ſei, der ſeinen Weg in den großen See nehme, aus dem der Sage nach der Nil entſpringt; er erläuterte dieß mittelſt ſeiner Karten, die ich jetzt, da ich ſeinen Unterricht fleißig benützt hatte, beſſer zu verſtehen anfing, und bewies mir die Richtigkeit ſeiner Anſicht mit ſo einleuchtenden Gründen, daß ich ganz ſeiner Meinung wurde. Freilich waren es mehr die materiellen als die theore⸗ tiſchen Gründe, die bei mir Anklang fanden; denn im Ver⸗ laufe ſeiner Beweisführung folgerte er:„Und wenn dieß wirklich der Nil iſt, was hindert uns, einige Baumkähne zu zimmern und darin ſtromabwärts zu fahren, was doch jedenfalls beſſer iſt, als wenn wir uns aufs Neue den Wü⸗ ſten und ihrem ſengenden Sande ausſetzen, um eine Küſte zu erreichen, von wo aus die Wahrſcheinlichkeit einer glück⸗ lichen Nachhauſekunft eben ſo zweifelhaft iſt, als von Mada⸗ gascar aus?“ Dieſe Argumentation wäre wohl gut geweſen, hätten ſich ihr nicht Einwürfe entgegengeſtellt, denen keiner von uns zu begegnen wußte. Man hielt nämlich den ganzen Vorſchlag aus mehreren Gründen für unausführbar, und einen Hauptgegner fand derſelbe in unſerem Wundarzte, der, obgleich er nichts von dem Seeweſen verſtand, eine gute Schule genoſſen hatte und ſehr beleſen war. Er ſagte 8 8 8 2 161 So⸗⸗ unter anderem, ſo viel ich mich noch erinnere, einmal, daß die Länge des Wegs in Folge der Krümmungen des Fluſſes mindeſtens tauſend Meilen betragen mußte, was der Ge⸗ ſchützmeiſter zugab; dann, daß wir kaum hoffen dürften, der Menge von Krokodilen, welche der Nil bärge, zu ent⸗ rinnen; ferner machte er auf die ſchrecklichen Wüſten, die wir paſſiren mußten, aufmerkſam, und endlich deutete er auf die herannahende Regenzeit als weiteren Grund der Bedenklichkeit hin, in welcher die Waſſer des Nils ſo gewal⸗ tig anſchwöllen und die umliegende Gegend ſo weit hin überſchwemmten, daß wir in keinem Falle mehr unterſchei⸗ den könnten, ob wir auf dem eigentlichen Bette des Fluſſes führen oder nicht; unſere Fahrzeuge müßten daher noth⸗ wendig ſich verirren, umgeworfen werden oder ſo oft auf den Grund laufen, daß es ſchlechterdings unmöglich wäre, auf einem ſo überaus gefahrvollen Fluß vorwärts zu kommen. Den letzten Grund wußte er uns ſo einleuchtend zu machen, daß alle ſeine Triftigkeit zu würdigen begannen. Wir gaben daher dieſen Gedanken auf und beſchloſſen, un⸗ ſern Kurs, wie früher, nach Weſten fortzuſetzen. Dem⸗ ungeachtet zögerten wir aber, als ſchieden wir nur ungern von der Stelle, noch zwei Tage an dem Fluſſe, um uns von unſeren Strapatzen zu erholen. Während dieſer Zeit erging ſich unſer Prinz gern in Streifzügen durch die Umgegend und brachte uns eines Abends einige kleine Singleton. I. 41 162 G Stückchen von einem Mineral, das er nicht kannte, mit; er hatte indeß gefunden, daß es ſchwer ins Gewicht fiel und blank ausſah, weßhalb er es mir als eine Rarität zeigen wollte. Ich that, als ob ich ſeinem Funde keine beſondere Aufmerkſamkeit ſchenkte, begab mich aber gleich⸗ wohl bei Seite, rief den Geſchützmeiſter zu mir, zeigte ihm denſelben und theilte ihm meine Anſicht darüber mit; ich glaubte nämlich zuverläßig, daß das Mineral Gold wäre. Er ſtimmte mir bei, und ſo kamen wir überein, des andern Tages den Prinzen mitzunehmen und uns die Stelle, wo er es gefunden, zeigen zu laſſen; denn wir hatten im Sinne, den übrigen nur in dem Falle eine Mittheilung davon zu 3 machen, wenn ſich daſſelbe in Menge vorfände; wäre jedoch nur wenig vorhanden, ſo gedachten wir das Geheimniß für uns zu behalten und es in unſerem eigenen Intereſſe aus⸗ zubeuten. Wir vergaßen jedoch, den Prinzen mit ins Intereſſe zu ziehen, der in ſeiner Einfalt ſoviel gegen unſere Gefähr⸗ ten ausplauderte, daß ſie wohl errathen konnten, wovon es ſich handelte, und zu uns kamen, um unſern Fund in Augenſchein zu nehmen. Als wir nun ſahen, daß die Sache verrathen war, mußten wir ernſtlich Bedacht darauf nehmen, ihren Argwohn, als hätten wir eine Unterſchlagung beab⸗ ſichtigt, zu beſeitigen, und erklärten ihnen daher offen unſere Anſicht, indem wir zugleich unſern Künſtler zu Rathe zogen, 163& der das Mineral ebenfalls auf der Stelle für Gold erklärte. Ich machte jetzt den Vorſchlag, daß wir gemeinſchaftlich den Prinzen nach dem Fundorte begleiten wollten, indem wir dann, wenn ſich noch mehr Gold auffinden ließe, eine Weile an dem Fluß liegen bleiben und ſehen könnten, wie viel wohl auszubeuten wäre. Dieſer Verabredung zufolge traten wir alle mit ein⸗ ander den Weg an; denn Niemand wollte bei einer der⸗ artigen Entdeckung zurückbleiben. Der Prinz führte uns an eine Stelle auf der Weſtſeite des Fluſſes, wo ein anderer Fluß, der von Weſten herkam, in den Hauptſtrom einmündete. Wir wühlten in dem Sande umher, und ſelten nahmen wir eine Handvoll auf, ohne einige Körner von der Größe eines Stecknadelkopfs, hin und wieder auch ſo groß wie Traubenkerne nach der Wäſche in den Händen zu behalten. Nach einer Arbeit von zwei bis drei Stunden hatte jeder ein mäßiges Häuflein zuſammengebracht, und wir beſchloſſen nun, das Geſchäft aufzugeben und zu unſerm Mittagstiſch zurückzukehren. Während des Eſſens kam mir der Gedanke, ob nicht vielleicht gerade das Gold, um deſſen willen wir uns jetzt ſo ſehr abmühten, früher oder ſpäter Anlaß geben möchte, daß unſere Geſetze vernachläßigt, das gute Einvernehmen geſtört, und vielleicht eine Trennung der Geſellſchaft, wo nicht gar etwas noch Schlimmeres herbeigeführt würde, da 11* 5 164 So bekanntermaßen gerade dieſes Metall der größte Störenfried in der Welt iſt. Ich ſagte deßhalb meinen Gefährten, daß ich zwar der jüngſte in der Geſellſchaft wäre; ſie hätten mir indeß bei allen Angelegenheiten immer eine Stimme zugeſtanden und bisweilen auch für gut gefunden, meinem Rathe zu folgen, ſo daß ich mir wohl die Freiheit nehmen dürfte, ihnen einen Vorſchlag zu machen, den ich als för⸗ derlich für das Geſammtwohl erachtete, und der ſicher auch den Beifall der Geſellſchaft finden würde. Nach dieſer Ein⸗ leitung ſagte ich ihnen, wir wären nun in einem Lande, wo es Gold in Menge gäbe, und wohin bekanntermaßen die ganze Welt Schiffe ſchickte, um es zu holen; freilich wüßten wir aber den Fundort nicht und könnten daher auch nicht voraus beſtimmen, ob wir viel oder wenig bekommen wür⸗ den; ſie möchten daher in Erwägung ziehen, ob es nicht beſſer und für die Erhaltung der Eintracht, die bisher unter uns geherrſcht, und von der allein unſere Sicherheit abhänge, geeigneter wäre, das Aufgefundene zuſammen zu legen und am Ende gleich zu vertheilen, als uns den Gefahren von Zwiſtigkeiten auszuſetzen, die leicht daraus erwachſen könn⸗ ten, wenn der eine auf eine reichere Ausbeute als der an⸗ dere ſtieße. Weiter ſtellte ich ihnen vor, daß wir alle bei gleicher Vertheilung des Beſitzes uns auch mit gleichem Eifer der Arbeit widmen würden, wie wir dann auch außer⸗ dem noch unſere Neger für uns in Bewegung ſetzen und 165 S& eben ſo gut, die Früchte ihrer als unſerer eigenen Bemü⸗ hungen genießen könnten; auf dieſe Weiſe ließe ſich jeder Anlaß zu Neid und Hader unter uns abſchneiden. Dieſer Vorſchlag fand allgemeine Billigung; alle gaben einander die Hände und thaten den gemeinſchaftlichen Schwur, auch nicht das kleinſte Goldkorn vor den übrigen geheim zu halten; im Falle einer nur der geringſten Hehlung über⸗ wieſen würde, ſollte ihm, allgemeiner Uebereinkunft zufolge, alles, was auf ſeinen Theil käme, entzogen und auf die übrigen umgelegt werden. Von unſerem Geſchützmeiſter wurde noch der in jeder Hinſicht zweckmäßige und billige Punkt hinzugefügt, daß Jeder, der während unſerer Reiſe, bis wir nach Portugal gelangten, durch Spiel, Wetten und dergleichen von einem anderen Geld, Gold oder Geldes⸗ werth gewänne, zum Wiedererſatze deſſelben verpflichtet ſei, unter Androhung der Entwaffnung, des Ausſchluſſes aus der Geſellſchaft und der Verſagung jeglichen Beiſtands von unſerer Seite, falls er deſſen benöthigt ſein würde. Dieß ſollte den Wetten und Hazardſpielen vorbeugen, mit denen ſich unſere Leute gar gern unterhielten, obgleich ſie weder Würfel noch Karten hatten. Nachdem wir dieſen heilſamen Vertrag geſchloſſen hat⸗ ten, gingen wir mit Heiterkeit ans Werk und wieſen unſern Negern ihre neue Beſchäftigung an. Wir ſelber ſuchten in dem einmündenden Fluſſe aufwärts an beiden Ufern wie —2 166& auch auf dem ſeichten Grunde deſſelben und brachten auf dieſe Weiſe drei Wochen mit Waſſerwaten zu. Wir waren in dieſer Zeit nicht weiter als ſechs Meilen weſtlich ge⸗ kommen, und ſe weiter es ging, deſto mehr Gold trafen wir, bis wir endlich, als wir an der Seite eines Hügels vorbei kamen, wahrnahmen, daß dieſes Metall plötzlich aufhörte und jenſeits dieſer Stelle auch nicht ein Korn mehr zu finden war. Augenblicklich kam mir hier der Gedanke, daß das Gold von der Seite dieſes kleinen Hügels den Fluß abwärts getrieben worden ſei. Wir kehrten daher nach demſelben zurück und begannen unſere Nachforſchungen. Die Erde war locker und von gelblicher Lehmfarbe; auch trafen wir hin und wieder auf 5 1 ein weißes hartes Geſtein, welches von den Gelehrten, denen 8 ich es ſpäter beſchrieb, als der Spat erkannt wurde, der den Mantel der Goldminen bildet. Wäre aber auch all dieſes Gold geweſen, ſo fehlte es uns doch an Werkzeugen, es herauszuarbeiten, weßhalb wir uns nicht viel damit ab⸗ gaben, ſondern das Wühlen in der lockeren Erde vorzogen. Wir kamen bei dieſer Gelegenheit zu einer Stelle, wo ſich die Erde bei der leichteſten Berührung in einer Maſſe von zwei Scheffeln oder darüber abbröckeln ließ, und zu unſerer aller Verwunderung fanden wir in derſelben einen ſehr ergiebigen Goldgehalt. Wir wuſchen ſie daher ſorgfältig aus, wobei uns der Goldſand in den Händen blieb, und machten endlich, 2 167& als wir mit dem Erdhaufen zu Ende waren und an den Felſen oder das harte Geſtein kamen, die merkwürdige Ent⸗ deckung, daß auch nicht eine Spur von Gold weiter aufzu⸗ finden war. Des Abends ſetzten wir uns zuſammen, um zu ſehen, wie viel wir erbeutet hätten, und es ſtellte ſich heraus, daß dieſer einzige Erdhaufen an fünfzig Pfund Goldſand gelie⸗ fert hatte. Weitere dreiundvierzig Pfund hatten wir unſeren übrigen Arbeiten in dem Fluſſe zu danken. Es war eine glückliche Art von Mißgeſchick für uns, daß hier unſerem Goldſuchen Halt geboten wurde; denn ich weiß nicht, ob wir es aufgegeben haben würden, ſo lange ſich nur noch eine Spur vorgefunden hätte. Da wir nun aber dieſen Platz durchwühlt hatten und nichts mehr fanden, die aufgelockerte Erde ausgenommen, ſo gingen wir in dem kleinen Fluß wieder ganz hinunter, ſuchten und ſuchten, ſo lange es ſich auch nur im mindeſten verlohnte, und erzielten durch dieſe Nachlefe weitere ſechs oder ſieben Pfund. Dann bogen wir in den Hauptſtrom ein und unterſuchten ihn auf beiden Ufern nach oben und unten. Stromaufwärts war auch nicht ein Korn zu finden und ſtromabwärts ſo wenig, daß eine Arbeit von zwei Meilen kaum ein Loth Ausbeute lieferte. Wir kehrten daher wieder in den Nebenfluß, dem wir mit Recht den Namen Goldfluß gegeben hatten, zurück und durchwühlten ihn noch zweimal auſwärts und abwärts, 2 168& wobei wir jedesmal einiges Gold fanden und vielleicht ge⸗ funden hätten, wenn wir bis auf den heutigen Tag dort geblieben wären; aber der Ertrag wurde zuletzt ſo unbedeu⸗ tend, und die Arbeit ſo ſchwierig, daß wir beſchloſſen, uns nicht weiter damit abzugeben, um uns und unſere Neger nicht ſo zu erſchöpfen, daß die Fortſetzung der Reiſe unmög⸗ lich würde. Als wir nun alles gefundene Gold beiſammen hatten, ergab ſich auf der Wage und den Gewichten, welche unſer induſtriöſer Künſtler auf s Ungefähr angefertigt, daß jedem Mann drei und ein halb Pſund zufiel— eine An⸗ gabe, welche der beſagte Künſtler, der nur aus dem Gedächt⸗ niß gearbeitet, eher für zu niedrig, als zu hoch hielt, was ſich denn auch ſpäter bei einer Vergleichung mit juſtirten Ge⸗ wichten als richtig herausſtellte, da jedes Pfund faſt vier Lothe weiter wog. Außerdem waren noch ſieben oder acht Pfund Ueberſchuß vorhanden, die wir dem Künſtler mit der Weiſung überließen, Spielereien aus demſelben anzufertigen, von denen wir dachten, ſie möchten uns Mundvorrath und Freundſchaft von den Volksſtämmen erkaufen, mit denen wir in Berührung kämen. Auch dem ſchwarzen Prinzen ſchenk⸗ ten wir ein Pfund, der ſich nun von unſerem Schmid einige Werkzeuge borgte und ſeinen Schatz mit eigener Hand uner⸗ müdlich zu etwas unregelmäßigen Kügelchen hämmerte und Löcher darein bohrte, worauf er ſie an eine Schnur reihte und um ſeinen ſchwarzen Hals hing. Er ſah in der That 5 169& recht ſtattlich darin aus; die Arbeit hatte ihn aber auch viel Zeit und Mühe gekoſtet. So endete unſere erſte Goldexpedition. Wir hes eenen aber nun zu entdecken, daß wir uns nicht allzuviele Gedan⸗ ken über unſere Zukunft gemacht hatten, und daß wir nun, mochte das Land ſein, wie es wollte, eine geraume Zeit unſere Reiſe unterbrechen müßten. Wir waren bereits ſchon fünf Monate und darüber auf der Wanderung, und die Jahreszeit begann zu wechſeln. Die Natur ſagte uns, daß wir uns unter einem Himmelsſtriche befänden, der eben ſo gut ſeinen Winter als ſeinen Sommer hätte, obgleich er ſich hier etwas anders als in unſerer Heimath ausſpricht, und daß wir einer naſſen Jahreszeit entgegenſähen, in der ſich nicht gut reiſen ließe, einmal wegen des Regens ſelbſt und dann wegen ſeiner Folgen, der Ueberſchwemmungen, denen wir allenthalben begegnen mußten. Wir hatten zwar die Regenzeit ſchon einmal auf Madagascar durchgemacht, aber auf unſerer ganzen Reiſe nicht weiter daran gedacht, da ſie uns im Gegentheil, weil wir zur Zeit des Solſtitiums oder der größien Norddiſtanz der Sonne unſern Zug angetreten hatten, ſehr zu ſtatten gekommen war. Aber jetzt änderte ſich im Fluge die Scene, und es begann zu regnen. Wir hielten daher eine allgemeine Berathung, in welcher wir über unſere gegenwärtige Lage und vornehmlich über die Frage debattirten, ob wir unſeren Marſch fortſetzen oder ein — 170& paſſendes Plätzchen an den Ufern des Goldfluſſes, der uns ſchon ſo viel Glück gebracht hatte, zum Winterquartier aus⸗ ſuchen ſollten. Das Ergebniß lief darauf hinaus, daß wir bleiben wollten, wo wir waren, und es war ein Glück für uns, daß wir uns hiezu entſchloſſen, wie es ſich ſeiner Zeit zei⸗ gen wird. Zuvörderſt wurden nun unſere Neger in Thätigkeit geſetzt, welche uns Hütten bauen mußten, was ſie auch mit großer Geſchicklichkeit ausführten, aber nicht an dem Platze, den wir zuerſt dazu auserſehen hatten, weil zu beſorgen ſtand, der Fluß möchte, wenn er nach einem plötzlichen Regen austräte, unſern Lagerungsplatz verwüſten. Die Quar⸗ tiere hatten das Ausſehen einer kleinen Stadt, in der unſere Hütten den Mittenraum einnahmen. Dieſer hatte im Centrum ein großes Zelt, nach welchem zu unſere Hütten ihren Aus⸗ gang hatten, ſo daß keiner von uns anders als durch dieſes Zelt, dem gemeinſchaftlichen Sammelplatz für Mahlzeiten, Berathungen und geſellige Unterhaltung, in ſeine Wohnung gelangen konnte. Außerdem verfertigten uns unſere Zim⸗ merleute noch Tiſche, Stühle und Bänke, ſo viel wir nur brauchten. Die Kamine konnten wir recht gut entbehren, da es auch ohne Feuer heiß genug war; demungeachtet ſahen wir uns aber endlich genöthigt, jede Nacht Feuer brennen zu 252 171 ᷣ laſſen; denn obgleich wir uns in jeder andern Hinſicht in einer recht behaglichen Lage befanden, ſo wurden wir doch hier wie in der Wüſte durch die unwillkommenen Beſuche von reißenden Thieren beunruhigt. Das harmloſere Wild ſuchte auf einem geſegneteren Boden Schutz und Nahrung, weßhalb derſelbe auch fleißig von Löwen, Tigern und Leo⸗ parden der Beute wegen beſucht wurde. Dieſe Entdeckung beunruhigte uns ſo ſehr, daß wir ſchon daran dachten, einen ferneren Lagerplatz zu ſuchen. Nach vielem Debattiren entſchloſſen wir uns jedoch, zu bleiben und uns auf eine Weiſe zu befeſtigen, daß wir keine Gefahr zu befürchten hätten. Unſere Zimmerleute gingen ſodann an's Werk, da es keineswegs an Holz fehlte, unſer Lager ringsumher mit langen Pfählen zu verpalliſadiren. Dieß geſchah indeß in etwas unregelmäßiger Weiſe; denn die Pfähle, deren einige höher, andere niedriger, alle aber ſcharf zugeſpitzt waren und höchſtens einen Fuß von einander ab⸗ ſtanden, bildeten einen zwei Ellen breiten Gürtel, ſo daß ein Thier, wenn es nicht ganz darüber weghüpfte, was nicht wohl anging, ſich nothwendig auf den Holzzacken ſpießen mußte. Der Eingang in unſere Feſtung hatte dickere Pfähle, die ſo vor einander geſetzt waren, daß ſie drei oder vier Windungen bildeten, welche kurz genug waren, um kein vierfüßiges Thier, größer als ein Hund, durchzulaſſen. 5 172&ᷣ. Damit wir außerdem nicht durch einen Haufen zumal ange⸗ griffen und ſo in unſerem Schlafe geſtört würden, wie es ſchon einmal der Fall geweſen, ſo zündeten wir, zu Er⸗ ſparung unſeres Pulvervorraths, jede Nacht vor dem Ein⸗ gange unſerer Umzäunung ein großes Feuer an und erbauten für unſere Schildwachen nahe dabei, jedoch noch innerhalb des Palliſadenwerks, eine Hütte, in der ſie gegen den Regen geſchützt waren. Zu Unterhaltung dieſes Feuers fällten wir eine große Anzahl Bäume und ſchichteten ſie in Haufen auf, damit ſie austrocknen könnten; die grünen Zweige benützten wir jedoch zu einer zweiten Decke über unſere Hütten, daß ſie den Regen von der erſten ahhalten und uns ſo vollkommene Trockenheit gewähren möchte. Wir waren kaum mit dieſen Arbeiten zu Stande ge⸗ kommen, als es mit ſolcher Macht zu regnen anfing und gleich heftig fortſchüttete, daß wir nicht viel auf die Jagd gehen und unſere Mundvorräthe ergänzen konnten. Unſere Neger ſchienen ſich indeß, da ſie nackt waren, nicht viel aus dem Regen zu machen, obgleich in dieſen heißen Himmels⸗ ſtrichen für den Europäer nichts verderblicher iſt. Wir blieben vier Monate, nämlich von der Mitte des Junius bis in die Mitte des Oktobers, in dieſem Quartier; denn obgleich die Regenzeit oder doch das größte Ungeſtüm derſelben gegen die Tagundnachtgleiche hin vorüber war, ſo 173& ſtand doch die Sonne jetzt gerade über unſern Häuptern, und wir entſchloſſen uns zu bleiben, bis ſie ſich mehr nach Süden gewendet hätte. Während unſeres Aufenthalts an dieſem Orte erlebten wir verſchiedene Abenteuer mit den Raubthieren der Gegend, und wenn wir nicht immer unſer Feuer brennend erhalten hätten, ſo zweifle ich ſehr, ob uns unſere Umzäunung ſicher geſtellt hätte, obgleich wir dieſelbe ſpäter durch weitere drei⸗ zehn oder vierzehn Pfahlreihen verſtärkten. Immer beunruhig⸗ ten ſie uns nächtlicher Weile, und bisweilen kamen ſie in ſolchen Maſſen heran, daß wir glaubten, alle Löwen, Tiger, Leoparden und Hyänen wären gegen uns auf den Beinen. Eine unſerer Schildwachen wollte einmal in einer ſchönen Mondnacht an zehntauſend wilder Beſtien der verſchiedenſten Art an unſerem kleinen Lager vorbeiziehen geſehen haben; ſie hätten ſich indeß, ſobald ſie des Feuers anſichtig wurden, davon gemacht. Jedenfalls durften wir darauf rechnen, nach ſolchen Beſuchen das Brüllen, Heulen u. ſ. f. in den Wäl⸗ dern losbrechen zu hören. Die Muſik ſolcher Stimmen war uns allerdings nichts weniger als angenehm, und bisweilen wurde ſie ſo ſtörend, daß wir die ganze Nacht kein Auge ſchließen konnten. Oft weckten uns auch die Schildwachen und forderten uns auf, zu kommen und die Schaaren mitanzuſehen. Einmal in einer ſtürmiſchen Nacht, die auf einen ſehr regneriſchen Tag 2 174&⸗ gefolgt war, leiſteten wir ſammt und ſonders einem ſolchen Rufe Folge; denn es war eine ſolche Unzahl dieſer abſcheulichen Beſtien um den Weg, daß unſere Wache in der That glaubte, ſie führten einen Ueberfall im Schilde. Sie zeigten ſich nicht auf der Seite, wo das Feuer war, und ob wir uns gleich nach allen Richtungen hin für geſchützt hielten, ſo machten wir uns doch alle auf die Beine und griffen nach den Waffen. Es war beinahe Vollmond, aber der Himmel hing voll jagender Wolken, und ein fürchterlicher Sturm erhöhte die Schrecken der Nacht. Als ich nach unſerem Lager zurück⸗ ſah, kam es mir vor, als ſähe ich eines der Unthiere in dem Innenraume unſerer Befeſtigung. Und ſo war es auch, aber nur nicht ganz; denn wahrſcheinlich hatte es mit einem tüchtigen Sprunge über unſere Palliſaden weggeſetzt, war aber von dem letzten Pfahle, der höher als die übrigen war, gefaßt worden; ſeine Schwere trieb ſodann die Pfahl⸗ ſpitze durch ſeinen Hinterſchenkel, und da hing es, heulend und vor Wuth das Holz zerbeißend. Ich nahm einem in meiner Nähe ſtehenden Neger ſeine Lanze ab und ſtieß ſie dem Ungethüm drei⸗ oder viermal in den Leib, worauf es verendete. Ich war nämlich nicht willens, es zu erſchießen, da ich im Sinne hatte, die übrigen, welche ſo dicht ſtanden, wie die Ochſen auf einem Viehmarkt, mit einer vollen Salve zu begrüßen. Ich zeigte nun unſeren Leuten die Stelle, wo die Beſtien am dichteſten ſtanden, und alle feuerten ihre 175& Flinten dahin ab, die meiſt mit zwei oder drei Kugeln ge⸗ laden waren. Dieſes wirkte; denn ſie nahmen durchgängig Reißaus; nur thaten es einige, die durch das Knallen und das Feuer weniger erſchreckt wurden, ſo viel wir bemerken konnten, mit mehr Würde und Majeſtät; etliche blieben im Todeskampf auf dem Platz liegen, aber wir durften es nicht wagen, hinauszugehen und das Schlachtfeld in Augenſchein zu nehmen. Sie waren in der That auch in ſo dichten Haufen und uns ſo nahe geſtanden, daß wir nothwendig einige davon tödten oder verwunden mußten. Wahrſcheinlich hatten ſie die Witterung von uns und dem von uns erlegten Wilde bekommen; denn Tags zuvor beſtand unſere Jagdausbeute aus einer Antilope und drei oder vier der ziegenartigen Thiere, deren Eingeweide wir über das Lager hinaus⸗ geworfen hatten. Dieſer Umſtand mochte ſie, wie wir glaubten, herbeigelockt haben, weßhalb wir für die Zukunft ein ähnliches Verfahren vermieden. Die Ungethüme hatten ſich zwar flüchtig gemacht, aber doch hörten wir von dem Platze aus, wo ſie geſtanden, die ganze Nacht durch ein fürchterliches Geheul, was, wie wir vermutheten, von einigen verwundeten Thieren herrühren mochte. Sobald der Tag graute, verließen wir unſer Lager, um den Wahlplatz zu beſichtigen, und fanden auch in der 176 E⸗ That drei getödtete Tiger und zwei Hyänen, das Thier, welches ich in der Umzäunung erlegt, und das ein Mittelding zwiſchen Tiger und Leoparden zu ſein ſchien, nicht mitge⸗ rechnet. Außer dieſen trafen wir auch einen noch lebenden edeln alten Löwen, dem die Vordertatzen durchſchoſſen waren, ſo daß er ſich nicht von der Stelle rühren konnte. Er hatte ſich die ganze Nacht durch faſt bis auf den Tod abgemüht, und wir überzeugten uns nun, daß dieß der verwundete Held geweſen, der uns die ganze Nacht durch mit ſeinem Geheule beunruhigt hatte. Unſer Wundarzt ſah ihn lächelnd an und ſagte:„Wenn ich überzeugt wäre, daß dieſer Löwe gegen mich ſo dankbar ſein würde, als einer von ſeiner Majeſtät Vor⸗ fahren gegen den römiſchen Sklaven Androelus war, ſo wollte ich ihm wohl ſeine Beine einrichten und ihn curiren.“ Ich hatte noch nichts von der Geſchichte des Androclus gehört, weßhalb ſie mir der Wundarzt der Länge nach erzählte; aber als wir ihm ſagten, man könne ſo eiwas unmöglich voraus⸗ wiſſen, weßhalb er zuvörderſt mit der Kur anfangen und auf das Ehrgefühl ſeiner Majeſtät bauen ſolle, hatte er doch keinen rechten Glauben daran. Er ſchoß daher das Thier, um ſeine Qual zu verkürzen, durch den Kopf, daß es als⸗ bald todt umſank, und dieſem Umſtande verdankte der Wund⸗ arzt für die Folgezeit den Namen„Königsmörder.“ unſere Neger fanden ſpäter noch fünf verwundete Thiere, die in der Nähe von unſerem Lager liegen geblieben waren— 2 177& eine Hyäne, einen ſchön gefleckten jungen Leoparden und drei andere, welche wir nicht kannten. Wir hatten in der Folgezeit noch mehreremale mit dieſer Nobleſſe der afrikaniſchen Wildniß zu thun, aber nie zeigten ſie ſich wieder in ſolcher Anzahl. Freilich hatten dieſe Be⸗ ſuche den nachtheiligen Einfluß auf uns, daß ſie das harm⸗ loſere Wild aus unſerer Nachbarſchaft verſcheuchten, deſſen Geſellſchaft uns doch weit wünſchenswerther und für unſern Unterhalt nöthiger war. Demungeachtet gingen unſere Neger jeden Tag mit ihren Bogen und Pfeilen auf die Jagd und kehrten ſelten ganz ohne Beute zurück. Wir fanden im Ver⸗ laufe der Regenzeit in dieſer Gegend namentlich viel Feder⸗ wild, wie wir es in England haben, als Enten, Kriechenten, Rothhälſe und dergleichen, auch einige Gänſe und mehrere Geflügelarten, die wir früher nie geſehen hatten— ein Zu⸗ wachs, der unſerer Vorrathskammer wohl zu ſtatten kam. Der Fluß bot uns friſche Fiſche, und ſo litten wir gerade keinen Mangel. Das einzige, was wir ſehr vermißten, war das Salz, um das friſche Fleiſch damit zu verſpeiſen; denn unſer Vorrath war ſo ſehr zuſammengeſchmolzen, daß wir äußerſt ſparſam damit umgehen mußten. Die Neger be⸗ kamen natürlich keines, und ſie machten ſich auch nicht viel daraus, daß ſie dieſe ihnen ſo neue Würze entbehren mußten. Das Wetter begann ſich nach und nach aufzuklären, der Regen ließ nach, das Waſſer zog ſich in die Flußbetten zurück, Singleton, I. 12 5 178 SE⸗ und da die Sonne nunmehr ihren Zenith erreicht hatte und ſich gegen Süden wandte, ſo traten wir unſern Marſch wie⸗ der an. Am zwölften Oktober ſetzten wir uns in Bewegung. Der Weg wurde uns nicht ſchwer; auch gebrach es uns nicht an Mundvorrath, und obwohl die Gegend nicht im Geringſten durch Bewohner cultivirt war, ſo legten wir doch, unſerer Berechnung zu Folge, manchmal zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen des Tags zurück. Die erſten eilf Tagmärſche hielten wir nur einen einzigen Tag inne, um uns ein Fahrzeug anzufertigen, das uns über einen klei⸗ nen, noch immer von dem Regen ſehr angeſchwellten Fluß ſetzen ſollte. Als wir dieſen Fluß, der gleichfalls nach Norden ſtrömte, im Rücken hatten, trafen wir auf unſerem Wege eine große Bergkette, vor der ſich ein ſchönes Blachland nach Norden und Süden ausdehnte; wir waren jedoch nicht geneigt, unſere weſtliche Richtung um einiger Berge willen— vielleicht auf lange— zu unterbrechen, und ſo gingen wir rüſtig weiter. Aber man denke ſich unſere Ueberraſchung, als, ehe wir noch die Höhen erreicht hatten, einer unſerer Leute, der nebſt zwei Negern uns vorausgeeilt war, plötzlich mit dem Ausrufe: „das Meer! das Meer!“ zu hüpfen und zu tanzen anfing, um die Freude ſeines Herzens dadurch an den Tag zu legen. Der Geſchützmeiſter und ich waren am meiſten über⸗ 179&⸗ raſcht; denn wir hatten erſt dieſen Morgen ausgerechnet, daß wir noch über tauſend Meilen von der Küſte entfernt wären und daher immerhin noch eine Regenzeit auf dem afrika⸗ niſchen Continent zubringen müßten, weßhalb denn auch der Geſchützmeiſter unwillig wurde und den ſchreienden Burſchen für toll erklärte. Aber wie groß war erſt unſer Erſtaunen, als wir den Gipfel des Berges erreichten und, obgleich derſelbe ſehr hoch war, doch nichts als Waſſer erblickten— vor uns, nach rechts und nach links ein weites Meer, ohne eine andere Grenze, als den Horizont! Wir ſtiegen nicht wenig verwirrt thalwärts und konnten gar nicht begreiſen, wo wir wären und was es für eine See ſein konnte, da wir unſern Karten zu Folge noch weit von dem atlantiſchen Meere entfernt waren. Ein Weg von drei Meilen führte uns von dem Fuße des Gebirges nach dem Geſtade dieſer See, aber wie wur⸗ den wir hier auf's Neue überraſcht, als wir fanden, daß das Waſſer friſch und angenehm zu trinken war! Wir wußten jetzt in der That nicht, welche Richtung wir einſchlagen ſoll⸗ ten, da uns dieſes Meer, denn für ein ſolches hielten wir es, unſerem weſtlichen Kurſe Halt gebot. Die erſte Frage lautete nun, ob wir uns rechts oder links wenden ſollten, was indeß bald abgemacht war; denn da wir die Aus⸗ dehnung dieſes Gewäſſers nicht kannten, ſo mußte, falls es 12* 180 ⸗ wirklich das Meer war, der Weg nach Norden eingeſchlagen werden, indem wir durch eine ſüdliche Richtung immer weiter von dem vorgeſteckten Ziele— der Heimath— abkamen. Nachdem wir daher einen großen Theil des Tages mit Verwunderung über dieſe Erſcheinung und mit Rathſchlagen verbracht hatten, ſetzten wir uns nach Norden in Bewegung. Wir zogen volle dreiundzwanzig Tage an den Ufern dieſer See hin, ehe wir darüber klug werden konnten, was wir daraus machen ſollten, bis endlich eines Morgens einer unſerer Leute Land anrief. Es war kein falſcher Lärm; denn wir ſahen in weiter Entfernung deutlich einige nach Weſten hinliegende Bergſpitzen jenſeits des Waſſers. Aber obgleich wir jetzt wußten, daß wir nicht den Ocean, ſondern nur einen ungeheuern See oder ein Binnenmeer vor uns hatten, ſo konnten wir doch gegen Norden das Ende deſſelben nicht erblicken, ſondern mußten noch weitere acht Tage, oder über eine Strecke von nahezu hundert Meilen wandern, ehe wir deſſen oberen Rand erreichten, wo wir denn gewahr wur⸗ den, daß er in einen ſehr großen Strom auslief, der, wie der bereits früher erwähnte, ſeine Richtung nach Norden oder nach Nordoſt nahm. Mein Freund, der Geſchützmeiſter, glaubte jetzt nach einer näheren Unterſuchung der Sache, daß er ſich früher geirrt hätte, und daß wohl jetzt der Nil vor uns läge, ob⸗ gleich er nicht mehr daran dachte, eine Fahrt nach Egypten 181& vorzuſchlagen. Wir entſchloſſen uns nun, über den Fluß zu ſetzen, was übrigens nicht ſo leicht ging, wie früher; denn das Waſſer war ſehr reißend und das Bett breit. Wir brachten wohl eine Woche damit zu, bis wir in den Stand geſetzt waren, den Fluß ſammt Vieh und Habe zu kreuzen; denn obgleich Bäume in Fülle vorhanden waren, ſo fehlte es doch an Stämmen von gehöriger Dicke, aus denen ſich hätte ein Kahn zimmern laſſen. Der Weg an dieſem Küſtenſaume hin war ungemein ermüdend, ſo daß wir nur kurze Tagesſtrecken machen konn⸗ ten, da wir auf eine Unzahl kleiner, in Folge der Regen⸗ zeit ſehr angeſchwellter Flüſſe trafen, die ſich von den öſt⸗ lichen Bergen aus in das Becken des Binnenmeeres ergoßen. In den letzten drei Tagen unſeres Marſches wurden wir einiger Eingeborner gewahr, die jedoch nicht an der Waſſerſeite, ſondern in dem Gebirge hausten. Auch kamen wir wegen der Lebensmittel ein wenig ins Gedränge, da wir in vier oder fünf Tagen nichts geſchoſſen und höchſtens einige Fiſche aus dem See gefangen hatten— letztere aber lange nicht in der Anzahl wie früher. Zu einigem Troſte gereichte es uns übrigens, daß wir während unſeres ganzen Zuges an dieſem Geſtande hin durchaus von keinem Raubthiere beunruhigt wurden, wo⸗ gegen uns jedoch in den feuchten Gründen, welche in der Nähe des Sees lagen, eine häßliche giſtige Schlange „ 182 E⸗ beläſtigte, da ſie uns mehrere Male nachſetzte, als wollte ſie uns angreifen. Wenn wir dann darnach ſchlugen oder ihr mit Steinen zuſetzten, ſo richtete ſie ſich auf und ziſchte ſo laut, daß man es weit hin hören konnte. Das Ausſehen und der Ton des Gewürms war abſcheulich, und unſere Leute hätten ſich's nicht nehmen laſſen, daß es der leibhaftige Teufel ſelber wäre, wenn ſie ſich nur halbweg hätten er⸗ klären können, was Meiſter Satan wohl an einem Orte vorhaben möchte, wo es keine Menſchen gäbe. Es war in der That ſehr merkwürdig, daß wir auf einem Wege von tauſend Meilen keine Menſchen getroffen und eine Wanderung mitten durch das Herz von Afrika gemacht hatten, wo, ſeit die Söhne Noahs ſich über die ganze Erde verbreiteten, gewiß kein Menſch ſeinen Fuß hingeſetzt. Der Geſchützmeiſter ſtellte nun mit ſeinem Jakobsſtab Beobach⸗ tungen an, um unſere Breite zu beſtimmen, und er fand, daß wir uns nach einem nördlichen Zuge von dreiundzwan⸗ zig Tagen unter 6⁰ 22 ſüdlicher Breite befanden. Nachdem wir nicht ohne große Mühe den obgenannten Fluß gekreuzt hatten, kamen wir in eine ſeltſam wilde Gegend, welche uns ein wenig Furcht einzuflößen begann; denn ob⸗ gleich ſie aus keiner dürren Sandwüſte beſtand, wie wir bereits eine zurückgelegt hatten, ſo mußten wir doch jetzt mit einer Mühſeligkeit anderer Art, mit einem gebirgigen, unfruchtbaren Terrain kämpfen, das ſo von reißenden Thie⸗ -5 183& ren wimmelte, wie wir es vorher nie erfahren hatten. Der Boden trug nichts als verkümmertes herbes Gras und hin und wieder einen Baum oder vielmehr einen Strauch. Auch trafen wir auf keine Bewohner, und wir fingen an, des Mundvorraths wegen beſorgt zu werden; denn wir hatten ſeit langer Zeit kein Wild mehr erlegt, und auch die Fiſche und Waſſervögel, die uns an dem Seeufer genährt hatten, gingen zu Ende. Wir waren daher in um ſo größerer Verlegen⸗ heit, da an ein Füllen unſeres beweglichen Magazins nicht zu denken war, und da wir nicht wußten, wie weit es ſo gehen würde, ſo blieb uns kein anderer Ausweg, als die Lebensmittel recht zu Rathe zu halten und das Weitere dem Geſchick anheim zu geben. Unſere getrockneten Vögel und Fiſche konnten bei ſpar⸗ ſamer Bewirthung noch fünf Tage ausreichen. Wir ent⸗ ſchloſſen uns, ſo lange noch auszudauern, und wanderten rüſtig weiter, in der Hoffnung, nach Ablauf dieſer Zeit in eine wirthlichere Gegend zu kommen. Aber dieſe ganze Zeit über trafen wir weder Fiſch noch Vogel noch ein ſonſtiges Thier, das genießbar geweſen wäre, und die Furcht, ver⸗ hungern zu müſſen, griff um ſich. Den ſechsten Tag brachten wir mit Faſten zu, oder vielmehr, wir genoßen nicht weiter, als die noch vorhandenen paar Brocken, und legten uns des Abends ohne Nachteſſen und mit ſchwerem Herzen auf unſere Matten. Am achten Tage mußten wir einen unſerer — 184& treuen Diener, einen der Stiere, die unſer Gepäcke trugen, ſchlachten. Das Fleiſch dieſes Thieres war ſehr gut; wir gingen aber ſo ſparſam damit um, daß es auf drei und einen halben Tag für uns alle zureichte, und nach Abfluß dieſer Zeit waren wir ſchon im Begriffe, einen zweiten zu tödten, als wir einer Landſchaft anſichtig wurden, die beſſer zu werden verſprach, da ſich nunmehr hohe Bäume und ein großer Fluß, der ſich zwiſchen ihnen hinzog, blicken ließ. Dieß ermuthigte uns, und wir beſchleunigten unſern Marſch trotz unſeren leeren Mägen und unſerer Abmattung, um in möglichſter Binde das Flußufer zu erreichen. Noch ehe wir daſelbſt anlangten, kamen uns einige junge Anti⸗ lopen in den Wurf— ein Braten, nach dem wir uns ſchon lange geſehnt hatten. Wir erlegten drei davon und mach⸗ ten auf der Stelle Halt, um unſere Mägen zu füllen, ohne auch nur das Fleich kalt werden zu laſſen; ja, es war viel, daß wir nur warten konnten, bis die Thiere verendet hatten, und ſie nicht lebendig aufzehrten; denn wir waren, mit einem Worte, ganz ausgehungert. Während unſerer Wanderung durch dieſen unwirthlichen Landſtrich ſahen wir unabläſſig Löwen, Tiger, Leoparden, Zibethkatzen und noch manche andere wilde Thiere, welche wir nicht kannten. Elephanten ſtießen uns keine auf; höch⸗ ſtens bemerkten wir hin und wieder Elephantenzähne, 2 185& von denen manche halb in der Erde begraben waren und daher ſchon lange, lange Zeit daliegen mochten. Als wir an dem Ufer des Fluſſes anlangten, fanden wir, daß er gleichfalls nach Norden lief, wie die früheren, nur mit dem Unterſchiede, daß die Richtung der letzteren mehr nach Nordoſt oder Nordnordoſt, in dem gegenwärtigen Falle aber nach Nordnordweſt ging. Neuntes Kapitel. Wir treffen auf bewohntes Land.— Die Einwohner ſind harmlos und freundlich.— Wir kommen in eine zweite Wüſte.— Salzquellen.— Unſer Wundarzt erfindet eine Methode, das Salzwaſſer in ſüßes um⸗ zuwandeln.— Unſere Caravane wird von Krankheiten heimgeſucht, und einer der Neger ſtirbt.— Weitere Abenteuer.— Wir finden unter den Schwarzen einen völlig nackten Weißen, in dem wir einen Eng⸗ länder entdecken. An dem ufer dieſes Fluſſes gewahrten wir Spuren von Bevölkerung, ohne jedoch am erſten Tage auf Menſchen zu ſtoßen; am zweiten aber kamen wir in eine von Negern bewohnte Gegend, welche alle— Männer und Weiber— vollkommen nackt gingen. Wir machten ihnen Zeichen der Freundſchaft und fan⸗ den in ihnen einen unbefangenen, zutraulichen und gutmüthi⸗ gen Volksſtamm. Sie kamen ohne Scheu auf unſere Neger zu und gaben uns keinen Anlaß, eine Hinterliſt zu beſorgen, wie es bei Andern der Fall geweſen. Wir deuteten ihnen durch Zeichen an, daß wir hungrig wären, und ſogleich liefen einige Weiber fort und brachten eine Menge Wurzeln nebſt —2 187& einigen kürbißartigen Gewächſen herbei, die wir ohne An⸗ ſtand verzehrten. Unſer Künſtler zeigte ihnen einige ſeiner aus Silber und Eiſen gefertigten Spielereien, wobei ſie ſo klug waren, die ſilbernen den eiſernen vorzuziehen; als wir ihnen aber einige goldene vorlegten, ſo fanden wir, daß ſie den Werth derſelben bei weitem nicht ſo hoch als den der beiden andern anſchlugen. Für Einiges von dieſem Tante brachten ſie uns weitere Lebensmittel und drei Thiere in der Größe von Kälbern, die wir früher nie geſehen hatten, und deren Fleiſch ſehr gut ſchmeckte. Später ſchafften ſie noch zwölf weitere und einige haſenartige Thiere herbei, was uns alles ſehr willkommen war, da wir uns wegen Mundvorraths in keiner kleinen Verlegenheit befanden. Wir wurden ſehr vertraut mit dieſem Volksſtamme; und in der That, die Eingeborenen dieſer Gegend waren die freundlichſten und umgänglichſten, mit denen wir bisher verkehrt hatten, und thaten uns alles Erdenkliche zu Ge⸗ fallen; auch verſtanden ſie uns weit leichter, als dies bei den übrigen afrikaniſchen Stämmen der Fall geweſen war. Als wir endlich um Auskunſt über das Land im Weſten fragten, gaben ſie uns zu verſtehen, daß wir dieſen Weg nicht gehen könnten, ſondern eine nordweſtliche Richtung einſchlagen müßten, woraus wir entnahmen, daß abermals ein See unterwegs läge, welche Vermuthung ſich auch ſpäter 1 2 188& als richtig herausſtellte; denn nach einem Marſch von zwei Tagen wurden wir ſeiner anſichtig: er zog ſich links an uns hinauf, bis wir die Mittagslinie paſſirt hatten, obgleich wir ihm nie ſehr nahe kamen. Unſerem Geſchützmeiſter ſchien dieſe Wanderung nach Norden nicht ſehr zu behagen; denn er verſicherte uns und machte mir durch ſeine Karte begreiflich, wie das Feſtland, wenn wir in eine nördliche Breite von ſechs Graden und darüber kämen, ſoweit nach Weſten ausliefe, daß wir über fünfzehnhundert Meilen weiter zu gehen hätten, als wenn wir weiter unten das Meer zu erreichen ſuchten. Ich fragte ihn ſodann, ob es keine ſchiffbaren Flüſſe gäbe, mittelſt deren wir in den weſtlichen Ocean gelangen könnten, in welchem Falle wir fünfzehnhundert Meilen und zweimal ſo viel nicht anzuſchlagen brauchten, wenn ſich an ihren Ufern nur Mundvorrath herbeiſchaffen ließe. Er zeigte mir darauf die Karte aufs Neue und belehrte mich, daß kein Strom von ſolcher Länge vorhanden wäre, um uns einen derartigen guten Dienſt leiſten zu können, da alle nur etwa zwei⸗ oder dreihundert Meilen von der Küſte aus befahrbar wären, den ſogenannten Rio Grand ausgenommen, der jedoch wenigſtens noch ſiebenhundert Meilen nördlich von uns läge, wobei man noch außerdem nicht wüßte, durch was für Landſtriche er führte. Er ſagte ferner, eer ſei der Meinung, daß die Hitze nördlich von der Linie — S——— 8—— 2 189 S⸗ eben ſo ſengend und das Land noch viel wilder, öder und unfruchtbarer als im Süden unter gleichem Breitegrade wäre, und wenn wir unter die Küſtenneger in den nörd⸗ lichen Theilen von Afrika, beſonders unter die kämen, welche bereits mit den Holländern, Engländern, Portugieſen, Spa⸗ niern u. dgl. verkehrt hätten und von denſelben oft übel genug behandelt worden wären, ſo würden dieſe ohne Zweifel volle Rache für das ihnen zugefügte Leid an uns nehmen wollen. Aus dieſen Gründen rieth er uns, ſobald wir über den See hinausgekommen vären, eine weſtſüdliche Richtung einzuſchlagen, das heißt, uns etwas gegen Süden zu wen⸗ den, da wir auf dieſe Weiſe auf den großen Fluß Congo ſtoßen würden; von dem die Küſte den Namen hätte, und die nur etwas weniges nördlich von Angola, dem urſprüng⸗ lichen Ziel unſerer Reiſe, läge. Ich fragte ihn, ob er je an der Küſte von Congo ge⸗ weſen wäre. Er bejahte es, bemerkte jedoch, daß er nicht ans Land gekommen. Dann fragte ich ihn, wir wir von da aus nach einem Landungsplatz europäiſcher Schiffe ge⸗ langen ſollten; denn wenn das Feſtland um fünfzehn hundert Meilen nach Weſten vorſpränge, ſo müßten wir ja dieſe ganze lange Küſte entlang ziehen, um den weſtlichen Punkt derſelben zu erreichen. Er erwiederte mir, es wäre zehn gegen eins zu wetten, 1 2 190& daß wir von europäiſchen Schiffen hören würden, die uns aufnehmen könnten, da die Küſten von Congo und Angola wegen des Negerhandels oft beſucht würden; und wäre dieß auch nicht der⸗Fall, ſo ſtände doch kein Mangel an Nahrungs⸗ mitteln zu befürchten, wir könnten dann an der Küſte eben ſo gut als auf dem Fluſſe weiter fahren, bis wir die Goldküſte erreichten, die zwiſchen dem ſechsten und ſiebenten Grade nörd⸗ licher Breite und nicht über vier⸗ oder fünfhundert Meilen nördlich von Congo läge; auch fänden ſich daſelbſt Faktorien von Engländern, Franzoſen und Holländern vor. Ich geſtehe, daß ich die ganze Zeit ſeiner Argumen⸗ tationen über für den Nordweg und eine Einſchiffung auf dem Rio Grand oder dem Niger, wie er von den Kauf⸗ leuten genannt wird, war; denn ich wußte, daß er uns endlich nach dem grünen Vorgebirge bringen mußte, wo wir einer Erlöſung verſichert ſein durften, während wir bis zu der vorgeſchlagenen Küſte noch einen entſetzlich weiten Weg, ſowohl zu Waſſer als zu Land, vor uns und mit Sicherheit keine andere Ausſicht hatten, als uns unſeren Mundvorrath mit Gewalt verſchaffen zu müſſen. Ich ſchwieg aber vor der Hand, weil ich der Anſicht meines Lehrers nicht entgegentreten wollte. Als wir jedoch ſeinem Vorſchlage gemäß, ſobald wir den obern Rand des zweiten großen Sees erreicht hatten, nach Süden umbogen, begannen alle unſere Leute ſchwierig — —3———½—& -2 191& zu werden, und ſagten, jetzt wären wir doch ganz gewiß auf dem unrechten Wege; denn wir entfernten uns immer mehr von der Heimath, von der wir doch ohnehin ſchon weit genug weg wären. Wir hatten übrigens noch keine zwölf Tagmärſche zu⸗ rückgelegt, von denen wir acht zur Umgehung des Sees und vier weitere zur Südweſtreiſe, welche uns nach dem Congofluſſe führen ſollte, brauchten, als wir wieder Halt machten; denn es lag ein ſo verödeter, wilder und furcht⸗ barer Landſtrich vor uns, daß wir nicht wußten, was wir davon denken, oder was wir thun ſollten. Es war eine unabſehbare Wüſte ohne Wald, Baum, Bach oder Be⸗ wohner, und auch der Ort, wo wir uns gegenwärtig be⸗ fanden, war von Menſchen entblöst. Außerdem fehlte es noch an Mitteln, uns Mundvorrath zu verſchaffen, wie dieß bei unſerem erſten Wüſtenzuge der Fall geweſen war, wenn wir nicht wieder an den See zurückkehrten, den wir vor vier Tagen verlaſſen hatten. Demungeachtet aber unternahmen wir das Wageſtück; dere für Menſchen, die ſo wilde Gegenden durchſtreift hat⸗ ten, wie wir, konnte kein Unterfangen mehr als zu verzwei⸗ felt erſcheinen. Wir unternahmen das Wageſtück, ſage ich, und zwar um ſo lieber, weil wir jenſeits in weiter Entfer⸗ nung einige Bergſpitzen erblickten; denn wir dachten, wo Berge wären, müßte es auch Quellen und Flüſſe geben; 1 192 S⸗ Flüſſe hatten Gras und Bäume zur Folge; das Gras konnte kaum von etwas anderem, als von Vieh gefreſſen werden, und wo Vieh war, ließ ſich auch auf Einwohner ſchließen. Dieſer bündigen Schlußfolge gemäß ſetzten wir unſern Weg durch die Wüſte fort, ohne weitere Vorräthe, als Zinen Haufen von Wurzeln und Pflanzen, die uns nach indianiſcher Sitte ſtatt des Brodes dienten, eine kleine Quantität Fleiſch und Salz und eben ſo wenig Waſſer. Wir wanderten zwei Tage lang auf die genannten Berge zu, ohne daß ſie uns auch nur im Geringſten näher zu rücken ſchienen, und wir brauchten fünf Tage, bis wir ſie erreichten. Freilich reisten wir ein wenig gemach; denn es war außerordentlich heiß, und wir befanden uns ſo ſehr in der Nähe des Aequators, daß wir nicht wußten, ob wir ihn nördlich oder ſüdlich von uns zu ſuchen hatten. Wo Berge ſind, müſſen auch Quellen ſein, hatten wir gefolgert; und ſo war es auch. Aber es überraſchte uns nicht nur, ſondern erſchreckte uns ſogar, als wir bei der erſten Quelle, welche uns aufſtieß, und die wunderbar klar und ſchön anzuſehen war, die Entdeckung machten, daß ſie Salz⸗ waſſer führte. Eine ſchreckliche Täuſchung unſerer Hoffnung, die uns anfangs mit den düſterſten Beſorgniſſen erfüllte. Der Ge⸗ ſchützmeiſter jedoch, der den Muth nie ſinken ließ, ſagte uns, wir ſollten uns dadurch nicht beunruhigen laſſen, ſondern vielmehr dankbar dafür ſein, da wir des Salzes eben ſo +‿— 2 193 So⸗ ſehr als einer andern Sache benöthigt wären; auch würden wir ohne Zweifel eben ſo gut ſüßes Waſſer als ſalziges auffinden.⸗Der Wundarzt unterſtützte ſeine Ermuthigungen und erklärte, wenn wir uns da nicht zu rathen wüßten, ſo wolle er uns eine Methode zeigen, wie man Salzwaſſer in ſüßes umwandle, worüber wir alle ſehr erfreut waren, obgleich wir nicht verſtanden, wie er dieß meinte. Inzwiſchen hatten ſich mehrere unſerer Leute, ohne ſich dazu auffordern zu laſſen, auf den Weg gemacht, um andere OQuellen zu ſuchen, deren ſie auch mehrere fanden, aber nicht eine einzige, die ſüßes Waſſer führte. Wir ſchloſſen daraus, daß der Kern dieſes Gebirgs aus Steinſalzlagern beſtände, und wir uns daher nur auf Salzquellen Rechnung machen dürften. Um ſo mehr waren wir jetzt auf die Zauberei begierig, mittelſt welcher der Wundarzt Salzwaſſer in ſüßes verwan⸗ deln wollte. Ich verlangte das Kunſtſtück mit anzuſehen, das allerdings wunderlich genug war; aber er ging dabei mit einer Sicherheit zu Werke, als ob er es ſchon früher an derſelben Stelle ausgeführt hätte. Er nahm zwei unſerer großen Matten und nähte ſie ſo zuſammen, daß ſie eine Art Sack bildeten, der vier Fuß in der Länge, drei und einen halben in der Breite und, wenn er gefüllt war, ungefähr anderthalb Fuß in der Dicke maß. Er hieß uns dieſen Sack mit trockenem Sand füllen und denſelben ſo feſt, als es ohne Zerſprengung der Matten Singleton, I.. 13 2 194& möglich war, zuſammentreten. Als der Sack in dieſer Weiſe bis auf einen Fuß gefüllt war, ſuchte er eine andere Erde, die er ebenfalls über dem Sande eintreten ließ, worauf er eine Höhlung von der Weite einer Hutkrone oder ein wenig weiter, aber nicht ſo tief, in die oberſte Schichte bohrte. Er befahl nun einem Neger, das Loch mit Waſſer zu füllen und ſtets ſoviel nachzugießen, als eingeſchluckt würde. Den Sack ſelbſt hatte er einen Fuß über der Erde auf ein paar Stücke Holz gelegt und einige von unſeren Häuten, welche waſſerdicht waren, darunter breiten laſſen. In ungefähr einer Stunde begann das Waſſer tropfenweiſe aus dem Boden des Sackes hervorzudringen, und wir fanden zu un⸗ ſerer großen Freude, daß es vollkommen friſch und ſüß war. Dieſes Verfahren wurde einige Stunden fortgefetzt, nach welcher Zeit das Waſſer wieder etwas ſalzig zu ſchmecken begann. Als wir dieſen Umſtand dem Wundarzt mittheilten, ließ er den Sand herauswerſen und den Sack auſs Neue damit füllen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, ob dieſes Verfahren ein von ihm ſelbſt erfundenes Experiment war, oder ob er es ſchon früher hatte anwenden ſehen. Des andern Tages erſtiegen wir die Höhen der Berge, wo die Ausſicht in der That niederſchlagend genug war; denn ſo weit das Auge nach Süden, Weſten und Norden ſchauen konnte, lag nichts als eine ungeheure heulende Wüſte ohne Baum, Fluß oder auch nur eine grüne Fläche. N— i 2—— 2 195 S⸗⸗ Der Boden in der Gegend, die wir Tags zuvor berührt hatten, war mit einer Art Moos von bräunlicher todter Farbe überzogen, ohne daß ſich etwas darauf blicken ließ, was für Menſchen oder Vieh zur Nahrung hätte dienen können. Wären wir, wie für den frühern Wüſtenzug, mit Mund⸗ vorrath auf zehn bis zwanzig Tage und mit friſchem Waſſer verſehen geweſen, ſo hätten wir ſelbſt auf die Gefahr hin, wieder umkehren zu müſſen, guten Muths das Wagniß unternommen, da wir ja nicht wiſſen konnten, wie weit wir dem Norden zugehen mußten, um wieder auf derartige För⸗ derungsmittel unſerer Reiſe zu ſtoßen; ſo gebrach es uns aber ganz und gar an Lebensmitteln, und wir befanden uns an einem Orte, wo es unmöglich war, welche herbeizuſchaffen. Wir erlegten zwar am Fuße des Gebirgs einige wilde Thiere, aber mit Ausnahme zweier, die wir nicht kannten, war keines genießbar. Dieſe waren ein Mittelding zwiſchen Büffel und Hirſch, ohne jedoch dem einen oder dem andern ganz zu gleichen; denn ſie hatten keine Hörner, die Veine einer Kuh und den ſchönen Kopf nebſt dem Halſe eines Hirſches. Wir ſchoßen auch noch einen Tiger, zwei junge Löwen und eine Hyäne; aber Gott ſey Dank, wir waren noch nicht ſo aufs Aeußerſte gebracht, daß wir dieſes Aas hätten eſſen müſſen. Bei dieſer ſchrecklichen Ausſicht nahm ich meinen Vor⸗ 43* 2 196 Se⸗ ſchlag, nach Norden zu ziehen, und lieber den Rio Grand oder Niger aufzuſuchen, als im Weſten auf die engliſchen Niederlaſſungen der Goldküſte abzuhalten, wieder auf, und alle ſtimmten bereitwillig mit ein, den Geſchützmeiſter aus⸗ genommen, der in der That unſer beſter Führer war, obgleich er in dem gegenwärtigen Falle geirrt hatte. Er beantragte nun, falls wir darauf beſtänden, das Meer in nördlicher Richtung aufzuſuchen, einen Querzug nach Nordweſten, damit wir auf einen oder den andern Strom träfen, der ſich im Norden in den Rio Grand ergöße oder ſüdlich nach der Goldküſte liefe und uns ſo für einen oder den andern unſerer Wege die Mühe verkürzte; außerdem wären auch bewohntes und fruchtbares Land und ſomit die zuverläßigſten Mittel, Mundvorrath herbeizuſchaffen, am eheſten in der Nähe der Flüſſe zu hoffen. Dieſer Rath war gut und zu begründet, als daß er hätte verworfen werden können; aber zuerſt handelte es ſich darum, wie wir von dem ſchrecklichen Orte wegkommen ſollten, der uns vor der Hand gefangen hielt. Hinter uns lag eine Wüſte, die uns bereits fünf Tagemärſche gekoſtet hatte, und wir beſaßen nicht Lebensmittel genug, um den Rückweg antreten zu können. Vor uns befand ſich eine noch grauen⸗ haftere Oede, und ſo kamen wir denn zu dem Entſchluſſe, an dem öſtlichen Fuße der Berge, die uns ziemlich weit nach Norden zu führen verſprachen und wenigſtens den An⸗ n⸗ 3 197 S⸗ ſchein einiger Fruchtbarkeit hatten, ſo weit fort zu wandern, als es ginge, und mittlerweile uns fleißig nach Nahrung umzuſehen. Demgemäß ſetzten wir uns des nächſten Morgens in Bewegung; denn wir hatten keine Zeit zu verlieren, und zu unſerem großen Troſte trafen wir ſchon gegen Mittag auf ſehr ergiebige Süßwaſſerquellen, aus denen wir für den Fall eines ſpäter eintretenden Mangels unſere Schläuche füllten. Ich hätte auch oben bemerken ſollen, daß unſer Wundarzt, der das Salzwaſſer ſüß gemacht hatte, von der Gelegenheit, welche jene Quellen boten, Vortheil zog, indem er uns drei oder vier Metzen ſehr guten Salzes fabricirte. Am dritten Tage trafen wir ganz unerwartet Lebens⸗ mittel genug; denn das Gebirg wimmelte von Haſen, die etwas verſchieden von den europäiſchen, um ein anſehnliches größer, nicht ganz ſo ſchnellfüßig und ſehr gut zu eſſen waren. Wir ſchoßen mehrere derſelben, und der kleine zahme Leoparde, den wir aus der eroberten Negerſtadt mitgenom⸗ men hatten, that uns bei dieſer Jagd gute Dienſte, indem er ſie wie ein Hund hetzte und faſt jeden Tag einige fing; er war dabei ſo gut gewöhnt, daß er nichts fraß, ohne daß man es ihm gab, was uns in unſerer Lage allerdings ſehr zu ſtatten kam. Wir ſalzten ſie ein wenig ein und trockneten ſie an der Sonne, wodurch wir einen ordentlichen Reiſevor⸗ rath gewannen; denn die Anzahl unſerer Jagdbeute belief 5 198& ſich faſt auf dreihundert Stück, und wir konnten nicht wiſſen, wann wir wieder auf einen ähnlichen oder auch nur über⸗ haupt auf Mundvorrath träfen. So wanderten wir ganz gemächlich acht oder neun Tage am Fuße dieſer Bergkette weiter, bis wir endlich zu unſerer großen Freude fanden, daß wir uns einem Landſtriche näherten, der etwas freund⸗ licher ausſah. Wir hatten die ganze Zeit über die Weſtſeite des Gebirgs nicht unterſucht, aber eines Tages beſtiegen etliche aus der Geſellſchaft, während die übrigen von dem Marſche ausruhten, die Höhen, um ihre Neugierde zu be⸗ friedigen, fanden übrigens, daß die rechte Seite denſelben Anblick wie die linke darbot, nämlich den einer traurigen Wüſte, von der ſich kein Ende abſehen ließ, da auch der Norden keine beſſere Ausſicht gewährte. Am zehnten Tag fan⸗ den wir, daß die Bergkette eine Wendung machte und ſo zu ſagen gerade in die Wüſte hineinlief, weßhalb wir ſie ver⸗ ließen und unſern Weg nach Norden fortſetzten, wo die Landſchaft ziemlich viel Baumwuchs zeigte und nur ſtrichweiſe verödete Stellen vorkamen, die uns nicht allzuläſtig fielen, bis wir am neunzehnten Tage(wie uns der Geſchützmeiſter ver⸗ ſicherte) unter 80 5 nördlicher Breite anlangten. Auf dieſem ganzen Wege hatten wir keine Eingebornen zu Geſicht bekommen, wohl aber eine Unzahl wilder Raub⸗ thiere, mit deren Erſcheinung wir nachgerade ſo vertraut geworden waren, daß wir uns wenig mehr darum beküm⸗ 199 E⸗ merten. Wir ſahen Löwen, Tiger und Leoparden jede Nacht und jeden Morgen in Fülle; doch ſtörten wir ſie nicht, da ſie uns ſelten nahe kamen, und wenn dieß je das eine oder das andere Mal der Fall war, ſo ließen wir auf einer Flinte etwas Zündpulver aufbrennen, worauf ſie dann jedes⸗ mal, ſobald ſie des Blitzes anſichtig wurden, auf und davon gingen. Was die Lebensmittel anbelangt, ſo konnten wir uns auf dem ganzen Wege nicht beklagen; denn das eine Mal ſchoßen wir Haſen, das andere Mal Vögel; ich könnte jedoch ums Leben nicht ſagen, was für Arten es waren, eine Reb⸗ hühnerart und eine andere, die Aehnlichkeit mit unſern Tur⸗ teltauben hatte, ausgenommen. Auch Elephanten trafen wir wieder in großer Anzahl, da dieſe Thiere vorzugsweiſe die holzreicheren Theile Afrika's lieben. Dieſer lange fortgeſetzte Marſch ermüdete uns ſehr, und zwei der Unſrigen erkrankten ſo ſchwer, daß wir glaubten, ſie würden nicht mehr mit dem Leben davon kommen, wie dann auch einer der Neger plötzlich ſtarb. Unſer Wundarzt erklärte den Fall für einen Blutſchlag, obgleich er, wie er ſagte, nicht wenig darüber verwundert war, da ſich der Verſchiedene doch nicht über übermäßige Verköſtigung zu beklagen hatte. Ein anderer Neger erkrankte gleichfalls ſchwer; unſer Wundarzt überredete ihn endlich, oder viel⸗ 200 SE⸗ mehr, er zwang ihn faſt dazu, ſich zur Ader zu laſſen, und ſo genas er wieder. Wir machten jetzt um unſerer Kranken willen auf zwölf Tage Halt. Der Wundarzt veranlaßte mich und einige andere, während der Zeit der Ruhe uns gleichfalls zur Ader zu laſſen, was nebſt etlichen andern Mitteln, die er uns gab, ſehr viel dazu beitrug, daß wir auf einem ſo beſchwerlichen Marſch durch die heiße Zone fortwährend geſund blieben. Wir ſchlugen jede Nacht unſere Mattenzelte auf, die uns ſehr gut zu ſtatten kamen, obgleich wir an den meiſten Orten auf Wald und Bäume trafen, die uns ſchützen konnten. Es ſchien uns ſonderbar, daß wir auf dieſem ganzen Striche keine Einwohner fanden; aber der Grund ſtellte ſich ſpäter heraus; denn da wir anfangs eine weſtliche und dann eine nördliche Richtung verfolgt hatten, ſo waren wir zu lange im Herzen des Landes und im Bereich der Wüſten geweſen, um auf Bewohner zu ſtoßen, die im Südweſten wie im Norden ſich vorzugsweiſe an den Flüſſen, Seen und Niederungen aufhalten. Die kleinen Bäche, welche wir hier fanden, waren ſo arm, daß mit Ausnahme einiger kleinen Teiche, die uns aufſtießen, kaum von Waſſer die Rede ſein konnte; ſie waren in der That nichts weiter als die Ueberreſte von Bachſtrömungen aus der Regenzeit, in denen jetzt kaum 201& eine Spur von Waſſer floß. Wir konnten hieraus leicht entnehmen, daß wir noch eine weite Strecke zu gehen hätten, was uns jedoch nicht im mindeſten entmuthigte, ſo lange es uns nicht an Lebensmitteln und an einigem Schutz gegen die heftige Hitze gebrach, die uns jetzt in der That weit drückender vorkam, als zur Zeit, wo wir die Sonne gerade über unſern Häuptern gehabt hatten. Sobald unſere Kranken wieder geneſen waren, ſetzten wir uns, hinreichend mit Mundvorrath und Waſſer verſehen, wieder in Bewegung, wobei wir eine etwas nordweſtliche Richtung nahmen, in der Hoffnung, auf irgend einen Strom zu treffen, der einen Baumkahn zu tragen vermochte, was uns jedoch erſt nach einem Zuge von weiteren zwanzig Tagen zu glücken ſchien. Von dieſen zwanzig wurden allerdings acht Tage dem Ausruhen gewidmet; denn da unſere Leute ſehr geſchwächt waren, mußten wir oft Halt machen, was beſonders dann geſchah, wenn wir an Plätze kamen, wo wir Vieh, Wild und Geflügel, oder ſonſt etwas trafen, um unſeren Proviantabgang zu erſetzen. Innerhalb dieſer Zeit kamen wir um vier Grade weiter nach Norden und um einen Meridian nach Weſten, bei welcher Gelegenheit wir auf eine Menge Clephantenzähne ſtießen, welche ſtellenweiſe, beſonders in den holzreicheren Strichen, die Erde bedeckten und deren manche ſehr groß waren. Sie konnten uns indeß nichts nützen, da wir nur auf Lebensmittel und ein glück⸗ 3 202 S⸗ liches Durchſchlagen nach dem Meere Bedacht nehmen konnten, wie uns denn auch eine ſchöne fette Antilope weit lieber geweſen wäre, als hundert Tonnen Elephantenzähne. Und doch hätten wir, wie der Leſer bald hören wird, als wir einmal unſere Reiſe zu Waſſer fortſetzten, gern einen großen Kahn gebaut, um ihn mit Elfenbein zu beladen; das war aber, als wir noch nichts von dem Charakter dieſer Flüſſe wußten und keine Ahnung davon hatten, welche Schwierig⸗ keiten und Gefahren uns auf einer ſolchen Fahrt aufſtoßen könnten, abgeſehen von der Mühſeligkeit, welche der Trans⸗ port dieſes Materials nach dem Einſchiffungsplatze gekoſtet haben würde. Am Ende dieſes zwanzigtägigen Marſches entdeckten wir in einiger Entfernung von uns ein Thal, welches von einem fließenden Waſſer, das man wohl einen Fluß nennen konnte, in der Richtung nach Nordnordweſt durchſtrömt wurde— eine Richtung alſo, die uns gerade gelegen kam. Da wir uns ſchon lange nach einer Waſſerfahrt ſehnten, ſo ent⸗ ſchieden wir uns alsbald, dieſen Ort für unſern Verſuch auszuwählen, weßhalb wir unverzüglich unſern Weg nach dem Thale einſchlugen. Wir mußten zu dieſem Ende durch ein kleines Gehölz, das wir, ohne an ein Arges zu denken, durchzogen, als plötzlich einer unſerer Neger durch einen Pfeil im Rücken, gerade zwiſchen den Schulterblättern, ſehr gefährlich verwundet wurde. Dieß veranlaßte uns, Halt zu —6—— — 203 S&⸗ machen, und drei unſerer Leute nebſt zwei Negern durch⸗ ſtreiften das kleine Buſchwerk, bei welcher Gelegenheit ſie einen Neger mit einem Bogen, aber ohne Pfeil, entdeckten, der in voller Flucht begriffen war. Einer der unſrigen ſchoß ihn zur Erwiederung ſeiner Bosheit nieder, und ſo entging uns die Gelegenheit, ihn gefangen zu nehmen, was, wenn wir ihn gut behandelt und wieder zu den Seinigen entlaſſen hätten, uns vielleicht in ein freundliches Vernehmen mit den übrigen Eingebornen geſetzt haben würde. Als wir weiter gingen, ſtießen wir auf fünf Neger⸗ hütten, die ganz anders gebaut waren, als diejenigen, welche wir früher geſehen; und vor der Thüre der einen lagen ſieben Elephantenzähne, gegen die Hüttenwand gelehnt, als hätten ſie die Beſtimmung, irgendwo zu Markt gebracht zu werden. Männer waren keine da, wohl aber ſieben oder acht Weiber und an zwanzig Kinder. Wir behandelten ſie freundlich und gaben jedem der Weiber ein dünnes Stückchen Silberblech in der Form eines Diamantkreuzes oder eines Vogels, worüber ſie ungemein erfreut waren und uns Ge⸗ genleiſtungen in Lebensmitteln brachten, wie wir ſie früher nicht geſehen hatten; ſie beſtanden nämlich aus Kuchen, die aus einem Wurzelmehl bereitet und in der Sonne gebacken waren. Der Geſchmack davon war gar nicht übel. Wir gingen noch eine Strecke weiter und ſchlugen nun unſer Nachtquartier auf, in der Hoffnung, unſere Artigkeit gegen - 204 S⸗ die Weiber möchte eine gute Wirkung thun, wenn ihre Männer nach Hauſe kämen. Ddiieß war auch der Fall; denn am andern Morgen kamen die Weiber mit eilf Männern, fünf Knaben und zwei Mädchen vor unſer Lager. Ehe ſie ſich demſelben ganz näherten, erhoben die Weiber ein kreiſchendes Geſchrei, um uns heraus⸗ zurufen, und als wir nun aus unſeren Zelten traten, zeigten uns ein paar Weiber die Geſchenke, welche ſie von uns erhalten, deuteten auf ihre Begleiter und machten Zeichen gegen uns, die ſich leicht als Ausdrücke ihrer freundlichen Geſinnungen deuten ließen. Ehe die Männer, welche Waffen trugen, auf uns zukamen, legten ſie ihre Bogen und Pfeile auf die Erde, kratzten aus, ſtreuten Sand auf ihre Köpfe und drehten ſich dreimal mit an die Stirne gelegten Händen im Kreiſe. Dieß war, wie es ſchien, ein feierliches Freund⸗ ſchaftsgelübde. Wir winkten ihnen nun mit den Händen, näher zu kommen, worauf ſie zuerſt ihre Knaben und Mäd⸗ chen an uns abſchickten, welche uns noch mehr Kuchen und einige grüne Gewächſe bringen mußten. Wir nahmen dieſe Gaben an, hoben die Knaben auf, küßten ſie, thaten mit den Mädchen das Gleiche, und nun erſt kamen die Männer heran, ſetzten ſich auf die Erde und gaben uns durch Zeichen zu verſtehen, daß wir zu ihnen niederſitzen ſollten, worin wir ihnen auch willfahrten. Sie ſprachen viel untereinander, was wir aber natürlich nicht verſtanden; und eben ſo wenig 5 205 S konnten wir uns ihnen verſtändlich machen und ſie über den Weg, den wir nehmen müßten, oder wie wir uns den nöthigen Bedarf verſchaffen könnten, ausholen. Nur das begriffen ſie leicht, daß wir Lebensmittel brauchten. Einer davon blickte auf dieſe Mittheilung nach einem ungefähr eine Viertelſtunde entfernten Abhange, ſprang wie ein Er⸗ ſchrockener auf, eilte nach dem Platze, wo ſie ihre Waffen abgelegt hatten, nahm einen Bogen und zwei Pfeile auf und jagte wie ein Rennpferd jenem Orte zu. Als er daſelbſt anlangte, ſchoß er ſeine beiden Pfeile ab und kam in der⸗ ſelben Eile wieder auf uns zu. Da wir ſahen, daß er mit dem Bogen, aber ohne Pfeile, wieder zurückkehrte, ſo waren wir ungemein neugierig; er ſagte jedoch nichts, ſondern winkte nur einem unſerer Neger, ihm zu folgen, was der⸗ ſelbe auch auf unſer Geheiß that, und nun führte er ihn nach dem Abhange, wo eine Antilope, von zwei Pfeilen durchbohrt, aber noch nicht ganz verendet, auf der Erde lag. Sie hoben das Thier auf und brachten es zu uns herunter. Dieß war in der That ein ſehr willkommenes Geſchenk; denn unſer Proviantmagazin war tüchtig zuſammengeſchmol⸗ zen. Alle dieſe Eingebornen gingen völlig unbekleidet. Des andern Tags kamen über hundert Männer und Weiber zu uns, welche uns durch viele wunderliche Zeichen ihrer Freundſchaft verſicherten. Sie tanzten vor uns, thaten ſehr vergnügt und gaben uns Alles, was ſie hatten. Wir 2 206 S⸗ konnten gar nicht begreifen, wie der Kerl im Walde auf den blutdürſtigen Einfall gekommen war, ohne allen Anlaß auf einen unſerer Leute zu ſchießen; denn die Eingeborenen benahmen ſich in unſerem ganzen wechſelſeitigen Verkehr ein⸗ fach, offen und harmlos. Von hier aus zogen wir an das Ufer des obenerwähn⸗ ten kleinen Fluſſes, wo es mir klar wurde, daß wir von nun an wohl ganze Negerſtämme zu ſehen bekommen wür⸗ den, nur war es eine Frage, ob von ihrer Seite freundliche oder feindſelige Geſinnungen zu erwarten ſtänden. Der Fluß entſprach unſerer Hoffnung, ihn zu einer Kahnfahrt benützen zu können, nicht, und wir mußten noch weitere fünf Tage an ſeinem Ufer hinwandern, bis er ſich ſo weit verſtärkte, daß es unſere Zimmerleute paſſend fanden, die Zelte aufzuſchlagen und ans Werk zu gehen. Es wurde nun rüſtig gearbeitet, und man hatte bereits fünf Tage auf die Behauung einiger Baumſtämme verwendet, als einige unſerer Leute, welche den Fluß abwärts unterſucht hatten, mit der Nachricht zurückkamen, daß die Tiefe des Bettes eher ab⸗ als zunehme, da ſich das Waſſer wahrſcheinlich in den Sand verliere oder in der Hitze verdunſte. In ſoweit alſo zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Fluß nicht im Stande wäre, auch nur den leichteſten Baumkahn weiter zu bringen, ſahen wir uns nunmehr genöthigt, unſer Vorhaben aufzugeben und unſere Wanderung zu Fuß fortzuſetzen. —2 207 In Verfolgung unſeres Weges reisten wir drei Tage gerade nach Weſten, da die Gegend im Norden außeror⸗ dentlich bergig, und der Boden ſo ausgedorrt und zerriſſen war, wie wir es noch nie geſehen hatten. Dagegen fanden wir in weſtlicher Richtung einen lieblichen Thalgrund, der eine lange Strecke zwiſchen zwei hohen Gebirgsreihen hinlief. Die Berge hatten allerdings ein unheimliches Ausſehen; denn ſie waren ganz von Gras und Bäumen entblöst und erſchienen wegen ihres dürren Sandbodens faſt weiß; aber in dem Thale fanden ſich Bäume, Gras, zur Nahrung taug⸗ liche Thiere und auch einige Bewohner. Wir kamen hin und wieder an den Hütten der letzteren vorbei und ſahen auch Leute in ihrer Nähe, aber ſie flüch⸗ teten ſich in die Berge, ſobald ſie unſerer anſichtig wurden. An dem Ende dieſes Thales trafen wir auf einen mehr be⸗ völkerten Landſtrich, und wir waren anfangs zweifelhaft, ob wir unſern Zug mitten durch denſelben richten oder oh wir uns mehr nördlich an die Berge halten ſollten; da jedoch unſer Hauptziel der Weg nach dem Niger war, ſo entſchie⸗ den wir uns für das Letztere, wodurch uns der Nordweſt⸗ ſtrich des Compaſſes vorgezeichnet wurde. Wir marſchirten ſo ſieben Tage ohne Unterbrechung weiter, als uns eine überraſchende Erſcheinung aufſtieß— nämlich ein Zuſtand, der noch weit verlaſſener und troſtloſer als unſer eigener war. 208 S⸗ Es war uns nicht ſehr darum zu thun, mit den Ein⸗ geborenen in Verkehr zu treten, wenn wir nicht gerade durch Mangel an Lebensmitteln oder durch den Wunſch, Auskunſt über den Weg zu erhalten, dazu veranlaßt wurden, weß⸗ halb wir uns auch, als die Gegend, namentlich links von uns, oder im Süden, bevölkerter zu werden anfing, immer mehr gegen Norden mit einer ſtarken Neigung gegen Weſten hielten. Auf dieſem Zuge fanden wir immer ein und das an⸗ dere genießbare Wild, das für unſere Nothdurft zureichte, aber freilich lange nicht ſo viel, als uns bei dem Beginne unſerer Reiſe begegnet war. Während wir ſo, die bevöl⸗ kerten Striche vermeidend, vorwärts wanderten, kamen wir endlich an ein liebliches, laufendes Waſſer, zwar nicht groß genug, um ein Fluß genannt werden zu können, aber in der Richtung von Nordnordweſt ſtrömend, ein Kurs, dem wir gleichfalls zu folgen gedachten. An dem jenſeitigen Ufer dieſes Baches bemerkten wir ein paar Negerhütten und in einer kleinen Niederung etwas Mais oder indianiſches Korn angepflanzt, was uns ſogleich auf den Gedanken brachte, daß dort einige weniger barba⸗ riſche Bewohner hauſen müßten, als die waren, die wir auf unſerer bisherigen Wanderung getroffen hatten. Als unſere Caravane in Maſſe vorrückte, riefen unſere Neger, welche den Vortrab bildeten, daß ſie einen weißen 209 So⸗ Mann ſähen. Wir waren anfangs nicht ſonderlich darüber erſtaunt; denn wir dachten, der Lärm beruhe auf einer Täuſchung, weßhalb wir ſie auch befragten, was ſie damit ſagen wollten. Nun trat aber einer derſelben auf mich zu und deutete nach der andern Seite des Berges, wo ich zu meinem nicht geringen Erſtaunen in der That einen ganz nackten weißen Menſchen ſah, der ſich in der Nähe der Thüre ſeiner Hütte ganz emſig beſchäftigte und mit einem Werk⸗ zeug in der Hand den Boden zu bearbeiten ſchien. Da er vorwärts gebückt ſtand und uns den Rücken zukehrte, ſo konnte er unſerer nicht anſichtig werden. Ich bedeutete den Negern, keinen Lärm zu machen, und wartete, bis mehr von den Unſrigen herankamen, um ſie durch den Augenſchein zu überzeugen, daß hier von keiner Täuſchung die Rede ſein könne, was auch alle alsbald um ſo mehr einſahen, da jetzt der Mann, der uns gehört haben mochte, ſich umwandte und, wohl ebenſo überraſcht als wir, nach uns herſah— ob in Furcht oder in Hoffnung konnten wir freilich jetzt noch nicht wiſſen. Sobald er uns bemerkt hatte, ſahen die übrigen Be⸗ wohner der Hütten gleichfalls her und drängten ſich, die neugierigen Blicke nicht von uns abwendend, auf einen Haufen zuſammen. Eine kleine Strecke, in deren Mitte der Bach rann, lag zwiſchen uns, und der weiße Mann wußte, wie er uns ſpäter erzählte, nicht, ob er und die um Singleton. I.. 14 3 210 SE⸗ ihn waren, bleiben oder ob ſie davon laufen ſollten. Es fiel mir jedoch augenblicklich ein, daß es uns, einem Weißen gegenüber, viel leichter würde, eine Verſtändigung einzu⸗ leiten, als dieß bei den Negern der Fall war, und ſo ſand⸗ ten wir denn zwei unſerer Schwarzen mit einem weißen Lappen an einem Stabe als Friedensſignal an den Bach, indem wir ihnen die Weiſung gaben, die Flagge ſo hoch als möglich zu tragen. Das Zeichen wurde alsbald ver⸗ ſtanden, und der Weiße kam nun mit zwei Negern an die andere Seite des Baches. Da er aber nicht Portugieſiſch verſtand, ſo war zwi⸗ ſchen ihm und unſeren Boten keine andere Verſtändigung möglich als durch Zeichen, mittelſt deren Leztere dem Erſte⸗ ren kund thaten, daß ſie gleichfalls weiße Menſchen bei ſich hätten— eine Mittheilung, welche, wie ſie ſagten, der weiße Mann mit Lachen aufnahm. Mit einem Worte, unſere Neger kamen zurück und berichteten, es wären lauter gute Freunde, und in ungefähr einer Stunde begaben ſich vier der Unſrigen nebſt zwei Negern und dem ſchwarzen Prinzen an das Ufer, wo ſie mit dem weißen Manne zu⸗ ſammentrafen. Sie waren noch keine Viertelſtunde dort, als eilends einer der Neger wieder zurück und auf mich zukam, um mir zu ſagen, daß der weiße Mann ein Ingleſe(wie er ihn nannte) wäre. Ich begleitete ihn daher, wie ſich leicht den⸗ — 82 8 2 211 S⸗⸗ ken läßt, mit aller Haſt nach dem Bache und fand wirklich in dem Nackten einen Engländer, worauf wir uns herzlich umarmten, und ihm die Thränen über das Geſicht rannen. Die erſte Ueberraſchung über unſern Anblick war bereits vorüber, ehe wir mit ihm zuſammen kamen, aber jeder mag ſich dieſelbe vorſtellen, wenn er den kurzen Bericht hört, den er uns ſpäter über ſeine höchſt elende Lage gab, und damit die unerwartete Hoffnung einer endlichen Erlöſung zuſam⸗ menhält, die unter Umſtänden eintrat, wie ſich ihrer viel⸗ leicht nie ein anderer Menſch zu erfreuen hatte; denn es war eine Million gegen einen Heller zu wetten, daß der Arme auf jede Rettung verzichten müſſe. Nur ein Abenteuer, wie ſchwerlich vorher eines erhört oder geleſen wurde, konnte dieſen glücklichen Fall für ihn herbeiführen, wenn nicht etwa der Himmel durch ein unerwartetes Wunder ſich in's Mittel legte. Es ſtellte ſich heraus, daß er ein Mann von Stande und über die Bildung des gewöhnlichen Matroſen oder Arbeiters weit erhaben war, was ſchon im erſten Augen⸗ blicke unſerer Begegnung, trotz der Nachtheile ſeiner erbärm⸗ lichen Lage, aus ſeinem Benehmen erhellte. Er mochte nicht über ſieben⸗ oder achtunddreißig Jahre zählen, obgleich ſein Bart außerordentlich lang war, und die Haare ſeines Kopfes ihm bis auf die Mitte des Rückens und der Bruſt herunter fielen. Seine Haut war ſehr zart, 14* „n9 212 G obgleich mißfarbig und an einigen Stellen von einem harten bräunlichen Blaſenſchorfe bedeckt, was eine Wirkung der ſengenden Sonne war. Er trug durchaus keine Kleider und mußte ſich, wie er uns ſagte, ſchon ſeit zwei Jahren ohne dieſes für einen Europäer ſo wichtige Material behelfen. Er war über unſer Erſcheinen ſo entzückt, daß er an dieſem Tage ſich in kein eigentliches Geſpräch einzulaſſen vermochte, und wenn er ein wenig von uns abkommen konnte, ſo ſahen wir ihn auf einem einſamen Spaziergange die ausſchweifendſten Merkmale einer nicht zu bewältigenden Freude kund geben. Selbſt einige Tage nachher noch blieb ſein Auge nie thränenleer, ſo oft von uns auch nur die mindeſte Andeutung auf ſeine Lage oder von ihm auf ſeine Befreiung gemacht wurde. Wir fanden ſein Benehmen ſehr edel und gewinnend, und in Allem, was er that oder ſagte, ſprach ſich die feine Bildung und die gute Erziehung des Mannes aus, weßhalb auch unſere Leute ungemein für ihn eingenommen waren. Er hatte Univerſitäten beſucht, war ein guter Mathematiker, und obgleich er nicht Portugieſiſch verſtand, ſo ſprach er doch Lateiniſch mit unſerem Wundarzt und Franzöſiſch und Italieniſch mit Einem und dem Anderen aus unſerer Ge⸗ ſellſchaſt.. Die Fülle ſeiner Gedanken ließ ihm keine Zeit, uns zu fragen, woher wir kämen, wohin wir gingen, und wer wir 2 213 SE⸗ wären, da er mit der Antwort hierauf ſchon im Reinen war; denn für ihn konnten wir natürlich nirgends anders her⸗ kommen, als vom Himmel, und mußten ausdrücklich mit dem Auftrage abgeſandt ſein, ihn aus ſeiner jammervollen Lage zu erretten. Zehntes Kapitel. Die Geſchichte des Engländers.— Nach dreizehntägigem Ausruhen brechen wir wieder auf und nehmen unſern neuen Cameraden mit.— Wir kommen an einen andern goldführenden Fluß.— Großer Ertrag unſerer Goldwäſchen.— Ende unſerer Reiſe.— Meine Ankunft in England. Als unſere Leute auf der anderen Seite des Baches die Zelte aufſchlugen, fragte der Engländer, was für Vor⸗ räthe wir hätten, und in welcher Weiſe wir dieſelben zu ergänzen gedächten. Auf unſere Mittheilung, daß ſie nur ſehr gering wären, ſagte er, er wolle Rückſprache mit den Eingebornen nehmen und ſie veranlaſſen, uns Proviant in zureichender Menge herbeizuſchaffen; denn ſie wären die ge⸗ fälligſten und gutmüthigſten Leute unter allen Bewohnern dieſer Landſtriche, was ſich ſchon aus dem Umſtande ent⸗ nehmen ließe, daß er ſo lange ungefährdet unter ihnen gelebt hätte.. Wir verdankten dieſem Manne weſentliche Vortheile; denn erſtlich unterrichtete er uns genau über die Ortslage, in der wir uns befänden, und über die Richtung, welche wir 2 215 ᷣ einzuſchlagen hätten; dann ſetzte er uns in den Stand, uns genügend mit Lebensmitteln zu verſehen, und endlich über⸗ nahm er die Dienſte eines Dolmetſchers und Vermittlers zwiſchen uns und den Eingebornen, die jetzt ſehr zahlreich und weit kriegeriſcher und disciplinirter zu werden begannen, auch waren dieſelben nicht ſo leicht durch unſere Feuerwaffen einzuſchüchtern und nicht ſo unwiſſend, um ihre Mundvorräthe für den Tand, welchen unſer Künſtler verfertigte, wegzu⸗ geben; denn ihr Verkehr mit den Europäern an der Küſte oder mit Negern, die mit dieſen in Berührung geſtanden, hatte ſie über Manches aufgeklärt und ihnen die allzugroße Furcht benommen, ſo daß von ihnen auf dem Wege des Tauſches nur für ſolche Dinge etwas zu bekommen war, die ihnen beſonders gefielen. Ich ſpreche hier von jenen Eingebornen, mit welchen wir demnächſt in Berührung kommen ſollten; denn diejeni⸗ gen, unter denen wir vor der Hand lebten, waren, da ſie über dreihundert Meilen von der Küſte entfernt wohnten, nicht viel mit ſolchen Dingen bekannt, da ihr ganzer Verkehr mit den Europäern darin beſtand, von dem Gebirge im Norden Elephantenzähne ſechzig bis ſiebzig Meilen abwärts zu ſchaffen, wo ſie dieſelben an andere induſtriöſe Neger gegen Muſchelgold, Korallenſchnüre, Spiegel, Glöckchen und ſonſtige Spielereien, welche die Engländer, Holländer und andere Europäer bei — 216 ᷣ ihrem Verkehr mit den Schwarzen als Tauſchmittel benützten, verkauften. Wir wurden nachgerade mit unſerem neuen Bekannten vertrauter, und obgleich wir in unſerem Anzug ſelber nur eine klägliche Figur ſpielten, da wir weder Schuhe noch Strümpfe, geſchweige denn Handſchuhe oder Hüte, und auch nur ſehr wenige Hemden beſaßen, ſo kleideten wir ihn doch ſo gut als es gehen wollte. Unſer Wundarzt, der mit Raſiermeſſern und Scheere verſehen war, nahm ihm den Bart ab, ſchnitt ihm die Haare, und ſtatt des Hutes verfertigten wir ihm aus einem Stücke Leopardenhaut eine ganz artige Mütze. Was die Schuhe und Strümpfe anbelangt, ſo hatte er der⸗ ſelben lange genug entbehren müſſen, ſo daß er ſich nicht einmal etwas aus unſeren Halbſtiefeln oder Fußhandſchuhen, wie wir ſie oben nannten, machte. So neugierig er allmählig wurde, die Geſchichte unſerer Abenteuer zu vernehmen, deren Bericht er mit großem Ver⸗ gnügen anhörte, ſo begierig waren wir zu erfahren, wie er an dieſen fremden Ort und in die Lage gekommen war, in der wir ihn angetroffen hatten. Seine Geſchichte wäre lang und unterhaltend genug, um damit ſo viele Blätter zu füllen, als mit meiner eigenen, da in ihr viele höchſt merkwürdige und außerordentliche Erlebniſſe vorkommen; ich kann jedoch hier nicht allzuweit abſchweifen und gebe deßhalb das Weſentliche derſelben in einem kurzen Umriſſe. 217& Er war ein Geſchäftsführer der engliſchen Guineakom⸗ pagnie auf Sierra Leone oder einer ſonſtigen engliſchen Niederlaſſung geweſen, die in die Hände der Franzoſen fiel — ein Unfall, das ihn ſowohl ſeiner eigenen Habe als der ihm von der Kompagnie anvertrauten Summen beraubte. War es nun, daß die Kompagnie ihn ungerecht behandelte und ihm den Erſatz ſeiner Verluſte verweigerte, oder daß ſie ihn nicht weiter zu beſchäftigen wußte— kurz, er verließ ihren Dienſt, übernahm Aufträge im Intereſſe der ſoge⸗ nannten Separat⸗Traders,*) und als er dieſe ausgeführt, trieb er ein ähnliches Geſchäft für eigene Rechnung. Als er ſich einmal unvorſichtigerweiſe in eine der Kompagnie⸗ niederlaſſungen wagte, ſiel er, entweder in Folge von Ver⸗ rath oder in Folge eines gelegentlichen Ueberfalls, in die Gewalt eines Negerhaufens. Da ſie ihn nicht tödteten, ſo fand er mit der Zeit Mittel, ihnen zu entkommen und ſich zu einem anderen Negerſtamme zu flüchten, der, da er mit dem erſteren in Feindſchaft lebte, ihn freundlich behandelte und ihn unter ſich wohnen ließ. Die Gegend ſowohl als die Geſellſchaft ſagte ihm indeß wenig zu, und ſo flüchtete er ſich auf's Neue, wobei er zu verſchiedenen Malen ſeine *) Kaufleute, die nicht in geſellſchaftlichem Verbande, ſondern für eigene Rechnung und Spekulation Kauffahrteiſchiffe auslaufen ließen. 218 S⸗ Wirthe wechſelte, bald durch Gewalt, bald durch Furcht zu ſolchen Schritten veranlaßt, bis er endlich ſo weit in's In⸗ nere des Landes gekommen war, daß er an eine Rückkehr nicht mehr denken durfte. Er hatte ſich an dem Orte, wo wir ihn fanden, niedergelaſſen, da ihn der König des dor⸗ tigen Stammes freundlich aufnahm, wogegen er die Ein⸗ gebornen über den Werth der Landesprodukte belehrte und ihnen Anweiſungen für den erfolgreichſten Betrieb ihres Elfenbeinhandels gab.. Wie es ihm an Kleidern fehlte, ſo arm war er auch an Schutzwaffen; denn er hatte weder Flinte, noch Säbel— kurz gar kein Werkzeug, nicht einmal einen Stock, womit er auch nur den Angriff eines wilden Thieres, deren es in dieſer Gegend die Menge gab, hätte abwehren können. Wir fragten ihn, wie es käme, daß er ſo gar wenig Rück⸗ ſicht auf ſeine Sicherheit nähme, worauf er uns erwiederte, daß er bei ſeiner Sehnſucht nach dem Tode das Leben keiner Vertheidigung werth geachtet hätte; auch würde das Ver⸗ trauen der Neger, deren Gnade er anheim gegeben war, durch den Beſitz einer Waffe, womit er ſie hätte beſchädigen können, geſchmälert worden ſein. Von wilden Thieren wäre indeß für ihn wenig zu beſorgen geweſen, da er ſich nur äußerſt ſelten und dann jedesmal in Geſellſchaft des Königs und ſeiner Begleiter von ſeiner Hütte entfernte, die, ſteis mit Bogen, Pfeilen und Lanzen bewaffnet, jedem 219& Thiere, ſelbſt den Löwen nicht ausgenommen, Trotz bieten könnten. Außerdem ließen ſich die Raubthiere ſelten bei Tage blicken, und wenn die Neger bei ihren Wanderungen die Nacht über im Freien zubrächten, ſo ſchlügen ſie immer eine Hütte zu ihrem Schutze auf, an deren Thüre ſie ein Feuer brennen ließen, welches hinreichende Sicherheit ge⸗ währte. 4 Wir fragten ihn, was wir zunächſt thun ſollten, um die Küſte zu erreichen, worauf er uns erklärte, wir wären ungefähr hundert und zwanzig Stunden von demjenigen Theile derſelben entfernt, wo ſich die meiſten europäiſchen Niederlaſſungen und Faktorien befänden, und der den Na⸗ men der Goldküſte trüge; es lägen aber ſo viele verſchiedene Negerſtämme auf dem Wege, daß wir entweder faſt ohne Unterlaß kämpfen oder aus Mangel an Proviſion Hunger ſterben müßten; es gäbe indeß noch zwei andere Routen, die er oft verſucht haben würde, wenn ihm durch Geſellſchaft die Flucht erleichtert worden wäre, die eine ginge gerade nach Weſten, wäre zwar länger, führte aber durch weniger bewohnte Gegenden, und jedenfalls wäre die Bevölkerung umgänglicher oder leichter zu bezwingen, die andere beſtände im Aufſuchen des Rio Grand, auf dem man, wenn man ihn erreichte, in Baum⸗ kähnen ſtromabwärts fahren könnte. Wir ſagten ihm, wir hätten das Letztere, ſchon ehe wir ihn trafen, beabſichtigt, worauf er uns mittheilte, daß wir bis dahin eine große Wüſte und eine nicht geringere Waldwildniß zu durchſchnei⸗ den hätten, was zum mindeſten zwanzig ſtarke Tagmärſche erfordern dürfte. Wir fragten ihn ſodann, ob es in der Gegend keine Pferde, Eſel oder nur auch Stiere gäbe, die ſich bei der Reiſe benützen ließen, und zeigten ihm dabei unſer eigenes noch übriges Laſtvieh; aber da war nichts der Art in dem Landſtriche, wo wir waren, zu finden. Er ſagte uns, in dem erwähnten großen Walde wimmle es von Elephanten und in der Wüſte von Löwen, Tigern, Panthern, Leoparden und dergleichen; auch holten aus dieſen beiden Bereichen die Neger ihre Elephantenzähne und dürften darauf zählen, nie ohne eine ſchöne Ausbeute zurückzu⸗ kommen. Wir erkundigten uns noch weiter, insbeſondere über den Weg nach der Goldküſte und namentlich, ob ſich keine Flüſſe vorfänden, die uns die Reiſe erleichtern könnten, in⸗ dem wir ihm zugleich ſagten, daß uns die Kämpfe mit den Negern nicht beſonders anföchten, und wir auch keine Angſt vor dem Verhungern hätten; denn ſobald nur die Einge⸗ borenen etwas zu eſſen hätten, wären wir wohl überzeugt, auch einen Theil davon zu bekommen; wenn er ſich alſo getraute, uns den Weg zu zeigen, ſo trügen wir kein Be⸗ denken, die Reiſe zu unternehmen, wie wir dann auch für ihn ſorgen und mit ihm leben und ſterben wollten. Er verſicherte uns ſeiner Willfährigkeit; denn wenn wir entſchloſſen wären, das Wageſtück zu beſtehen, ſo dürf⸗ ten wir auf ihn bauen, daß er unſer Schickſal theilen und ſich Mühe geben würde, uns einen Weg zu führen, auf dem wir einigen gutmüthigen Negerſtämmen begegneten, von denen wir uns nicht nur einer freundlichen Behandlung, ſondern vielleicht auch ihres Beiſtands gegen andere weniger umgängliche zu verſehen hätten. Und ſo entſchieden wir uns nun ſämmtlich für den ſüdlichen Zug nach der Goldküſte. Des nächſten Morgens kam er wieder zu uns, und da wir alle gerade zur Berathung verſammelt waren, ſo begann er eine ſehr ernſte Rede. Nachdem wir nach einer langen Wanderung endlich zu der Ausſicht einer baldigen Beendigung unſerer Mühſeligkeiten gekommen wären und ihm das freundliche Anerbieten gemacht hätten, ihn mitzu⸗ nehmen, ſagte er, ſo hätte er die ganze Nacht darüber nachgedacht, wie wir es angreifen könnten, um uns für die erſtandenen Beſchwerden und Gefahren einigermaßen zu entſchädigen. So wild und verödet die Gegend, in der wir uns dermalen befänden, ausſähe, ſo wäre ſie doch eine der reichſten in allen Theilen der Erde; denn es gäbe hier keinen Bach, der nicht Gold führte, und keine Wüſte, die nicht ohne Pflug eine reiche Ernte von Elfenbein böte. Man könne nicht wiſſen, welche Minen und welche uner⸗ meßlichen Goldvorräthe die Gebirge, von welchen dieſe Flüſſe 2 222& kämen, oder die Ufer, welche dieſelben ſäumten, enthielten, aber man dürfe auf ihren ungeheueren Reichthum aus der Thatſache einen Schluß ziehen, daß die Waſſer hinreichende Mengen abwüſchen, um ſo viele europäiſche Handelsſchiffe an die Küſte zu führen. Wir fragten ihn, wie weit ſich dieſer ergiebige Bereich erſtrecke, da der Verkehr der Schiffe doch nur auf die Küſtenſtriche beſchränkt ſei; worauf er uns mitiheilte, daß die Neger die Flüſſe bis auf hundert und fünfzig oder zweihundert Meilen landeinwärts durchſuchten und oft mehrere Monate ausblieben, aber ſtets mit reicher Ausbeute zurückkämen. Unſer derzeitiger Aufenthaltsort ſei jedoch noch immer unbeſucht geblieben, obgleich ſich Gold in Menge vorfinde. Er ſagte uns ferner, daß er ſeit ſeiner Ankunft in dieſer Gegend wohl hundert Pfund Gold hätte zuſammen bringen können, wenn er darauf ausgegangen wäre; ſo hätte er aber nichts damit anzufangen gewußt und es daher gänzlich verabſäumt, weil er bereits jede Hoffnung auf Errettung aus ſeiner traurigen Lage aufge⸗ geben.„Von welchem Vortheil wäre es mir geweſen,“ fügte er bei,„voder was würde es zu meinem Glücke bei⸗ getragen haben, wenn ich auf einer ganzen Tonne Gold⸗ ſand hätte liegen und mich darauf wälzen können? Alle dieſe Schätze konnten mich nicht froher machen oder meinen traurigen Zuſtand verbeſſern. Ja, ſie hätten mir nicht ein⸗ mal Kleider zur Hülle meines Leibes oder einen Trunk für 223 S⸗ die verſchmachtende Zunge kaufen können. Hier hat Gold keinen Werth, und es gibt keinen unter allen Bewohnern dieſer Hütten, der es nicht händevollweiſe für ein paar Glasperlen, eine Strahlmuſchelſchaale oder für eine handvoll Muſchelgeld hergeben würde.“(LCetzteres ſind kleine Mu⸗ ſchelſchaalen, die unter unſern Kindern unter dem Namen Otterköpfchen oder Negerzähne bekannt ſind.) Nach dieſen Worten ſtellte er einen thönernen Topf, der in der Sonne getrocknet war, vor uns hin und ſagte: „Hier iſt Einiges von dem Schmutz dieſer Gegend, und ich hätte mir, wenn ich gewollt, ganze Haufen davon verſchaf⸗ fen können.“ Das Gefäß mochte ungefähr zwei oder drei Pfund Goldſand von derſelben Form und Farbe, wie der früher gefundene, enthalten; und nachdem wir denſelben eine Weile betrachtet hatten, fuhr er lächelnd fort, daß Alles, was er beſitze, ja ſogar ſein Leben, ſeinen Befreiern zu Gebote ſtehe; dieſes Gold werde uns von einigem Nutzen ſein, wenn wir in unſerer Heimath angelangt ſein würden, weßhalb er wünſche, daß wir es unter uns theilen; in dieſem Augenblick bedaure er es indeß zum erſtenmale, nicht mehr geſammelt zu haben. Ich dolmetſchte meinen Kameraden ſeine Worte und dankte ihm in ihrem Namen, rieth jedoch den erſteren in portugieſiſcher Sprache, die Annahme des Geſchenks auf den morgigen Tag zu verſchieben; und da ihnen dieß genehm war, ſo ſagte ich ihm, wir wollten hierüber das Weitere morgen beſprechen, worauf wir uns trennten. Als er fort war, fand ich meine Begleiter höchlich erbaut von den Worten meines Landsmannes, der Groß⸗ muth deſſelben und dem hohen Werthe ſeines Geſchenkes, das unter anderen Verhältniſſen allerdings ein außerordent⸗ liches geweſen wäre. Um indeß nicht zu weitläufig zu werden, theile ich dem Leſer mit, daß wir in Betracht des Umſtan⸗ des, daß er jetzt zu den Unſrigen gehörte, und er, obgleich wir ihm zu einem Entkommen aus ſeiner grauenhaften Lage behilflich waren, uns als Wegweiſer durch den übrigen Theil des Feſtlandes, als Dolmetſcher, als Berather, wie wir die Eingeborenen zu behandeln hätten, und als Führer nach den Plätzen, wo die Reichthümer der Gegend aufgeſtapelt lagen, nützlich werden konnte— in Betracht dieſer Umſtände kamen wir überein, ſein Gold in unſern gemeinſchaftlichen Schatz zu legen und ihn an demſelben gleichen Antheil nehmen zu laſſen, wogegen er, da nun ſein Schickſal eins mit dem unſrigen war, wie jeder der Geſellſchaft die feierliche Ver⸗ bindlichkeit eingehen ſollte, kein Körnchen von dem noch auf⸗ zufindenden Golde vor den Uebrigen geheim zu halten. Bei der nächſten Zuſammenkunft theilten wir ihm unſere Abenteuer an dem Goldfluſſe mit, und welche Verfügungen wir über die dort gemachte Ausbeute getroffen, worauf wir ihm die Erklärung gaben, daß wir ihm nicht nur nichts +ꝙ—— 225 S⸗ abnehmen, ſondern ihm auch noch einiges von dem unſrigen abtreten wollten. Er ſchien ſehr erfreut über das gute Glück zu ſein, das wir damals hatten, wollte aber durchaus kein Körnchen von uns annehmen, bis er es ſich endlich nach vielem Drängen, jedoch nur unter der Bedingung gefallen ließ, daß er zuerſt ſo viel herbeiſchaffe, um ſeinen Theil dem der Uebrigen gleich zu machen, worauf wir erſt gemeinſchaftlich an's Werk gehen wollten— eine Bedingung, mit der wir uns zufrieden gaben. Dann ſagte er uns auch, er hielte es für kein unfrucht⸗ bares Unternehmen, wenn wir, ehe wir nach Herbeiſchaffung des nöthigen Mundbedarfs unſere Reiſe anträten, einen Nordzug nach der bereits berührten Wüſte unternähmen, wo wir jeden unſerer Neger mit einem großen Elephantenzahn belaſten könnten, wie er denn auch Sorge tragen wolle, noch mehrere der Eingeborenen zu unſerem Beiſtand aufzu⸗ bieten. Man könne eine derartige Ladung weiter unten in Kähne bringen und in dieſer Weiſe nach der Küſte ſchaffen, wo ſich ein ſchöner Nutzen daraus erzielen ließe. In Betreff unſerer Hauptabſicht, Gold zu ſuchen, ent⸗ gegnete ich ihm auf dieſen Vorſchlag, daß unſere Neger, auf deren Treue wir uns verlaſſen könnten, uns bei Durch⸗ ſuchung der Flüſſe einen weſentlicheren Dienſt leiſten könnten, als wenn wir ſie Zähne von anderthalb Centnern Gewicht hundert oder mehr Meilen weit ſchleppen ließen, da das Singleton. I. 1⁵ letztere nach einer ſo langen und ſchweren Reiſe eine Arbeit wäre, der ſie nothwendig unterliegen müßten— ein Ein⸗ wurf, deſſen Billigkeit er anerkannte. Demungeachtet hätte er uns aber gern veranlaßt, den waldigen Theil des Ge⸗ birgs und den Saum der Wüſte zu beſuchen, nur damit wir ſähen, in welcher Menge die Elephantenzähne dort um⸗ herlägen. Als wir ihm aber erzählten, was uns in dieſer Hinſicht bereits zu Geſicht gekommen war, ſo wußte er nichts mehr zu ſagen. Wir blieben noch zwölf Tage an demſelben Orte, wäh⸗ rend welcher Zeit die Eingeborenen uns ſehr freundſchaftlich an die Hand gingen und Früchte, Kürbiſſe und möhren⸗ artige Wurzeln herbeiſchafften, die recht angenehm ſchmeckten; auch verſahen ſie uns mit verſchiedenem Geflügel, das wir aber nicht kannten, kurz, ſie theilten uns alles mit, was ſie hatten, ſo daß wir recht behaglich leben konnten, wo⸗ gegen wir ihnen mit den Siebenſachen unſeres Künſtlers, deren er einen ganzen Sack voll angefertigt hatte, Ge⸗ ſchenke machten. Am dreizehnten Tage ſetzten wir uns mit unſerem neuen Gefährten in Bewegung. Ehe wir aufbrachen, ſchickte der Negerkönig an den letzteren zwei Schwarze mit einem Ge⸗ ſchenke von etwas getrocknetem Fleiſch oder was es ſein mochte, wofür ſich derſelbe mit drei ſilbernen Vögeln aus 227 SE⸗ der Werkſtätte unſeres Schmides— gewiß eine für einen König ſehr angemeſſene Gabe— bedankte. Wir begannen nun unſern Zug nach Süden mit einer Neigung gegen Weſten und fanden jetzt, nach einem Marſche von über zweitauſend Meilen, den erſten Fluß, der nach Süden lief, da die übrigen alle entweder nach Norden oder nach Weſten ihren Ablauf hatten. Wir folgten demſelben, der nicht größer als ein gewöhnlicher Mühlbach war, bis ſich ſein Waſſer zu vermehren begann. Unſer Engländer ſtieg hin und wieder hinunter, um den Sand zu unterſuchen, aber wir mußten einen vollen Tag an dem Ufer hinziehen, bis er endlich einmal mit einer Handvoll Sand heraufkam und uns den Fund anzuſehen aufforderte. Wir thaten, wie uns geheißen, und fanden, daß demſelben eine bedeutende Menge Goldkörner beigemengt war.„Jetzt,“ ſagte er,„kön⸗ nen wir, denke ich, an's Werk gehen;“ und nun theilte er die Neger paarweiſe ab, zeigte ihnen die Stellen, wo ſie ſuchen ſollten, und lehrte ſie den Sand an minder tiefen Stellen ſchlämmen und auswaſchen. In den erſten anderthalb Tagen brachten unſere Leute ungefähr ſechsunddreißig Loth Gold zuſammen, und da wir fanden, daß der Goldgehalt des Flußſandes ſich vermehrte, je weiter wir kamen, ſo folgten wir der Waſſerrichtung, bis wir an ein anderes kleines Flüßchen kamen, welches in das erſtere einmündete, und in dem wir, als wir es ſtrom⸗ 15* aufwärts unterſuchten, gleichfalls Gold fanden. An dem durch dieſe beiden Flüſſe gebildeten Winkel ſchlugen wir nun zum Zwecke der Goldwäſche und um unſere Proviantmaga⸗ zine wieder zu füllen, unſer Lager auf. Wir blieben hier weitere dreizehn Tage, in welcher Zeit uns manche luſtige Abenteuer mit den Wilden auf⸗ ſtießen, die ich aber hier übergehe, weil ſie zu weit von dem Gange unſerer Geſchichte abführen und den Leſer nicht durch den Reiz der Neuheit beſtechen würden. In der Zwiſchenzeit betrieben wir unter Beihülfe unſerer Neger emſig unſere Goldwäſchen, und unſer kunſtreicher Schmid, der durch die Uebung ſo gewandt geworden, daß er das Metall in alle Formen zu zwängen wußte, hämmerte und feilte wacker darauf los. Er bildete Elephanten, Tiger, Zibethkatzen, Strauße, Adler, Kraniche, ſonſtige Vögel, Fiſche— kurz alles, was ihm einfiel, in dünnen Gold⸗ blechen; denn das Silber und Eiſen war faſt gänzlich ver⸗ braucht. In einer der Städte dieſer wilden Volksſtämme wurden wir ſehr freundlich von dem König aufgenommen, und da er eine große Freude an dem von unſerem Schmid verfertig⸗ ten Tande hatte, ſo verkaufte ihm derſelbe einen aus dünnem Goldblech geſchnittenen Elephanten zu einem ungeheuern Preiſe, indem die Negermajeſtät in ihrem Entzücken nicht ruhig war, bis er faſt eine Handvoll Goldſtaub, wie ſie es - 229 G&⸗ nannten, dafür gegeben hatte. Dieſe mochte ungefähr vierund⸗ zwanzig Loth wiegen, während der goldene Elephant kaum für einen Louisd'or, eher weniger als mehr, Gold enthielt. Unſer Künſtler war ſo ehrenhaft, all dieß Gold in den gemeinſchaftlichen Schatz zu legen, obgleich ſeine Kunſt und ſeine Mühe ihn für ſolche Erwerbungen billigerweiſe bevor⸗ rechtet hätte; aber wir hatten in der That auch nicht den mindeſten Grund, bei ſolchen Anläſſen knickerig zu ſein; denn unſer Führer ſagte uns, wir wären ſtark genug, um uns zu vertheidigen, und da wir hier bleiben könnten, ſo lang es uns gut dünkte, ſo könnten wir mit der Zeit für den Mann wohl hundert Pfund Gold zuſammen bringen, wenn wir nur wollten. Er fügte noch bei, daß er ſich allerdings ſo gut nach der Heimath ſehne, als irgend einer von uns, wenn wir aber unſeren Marſch etwas nach Südoſten richteten und einen geeigneten Platz für unſer Hauptquartier aus⸗ ſuchten, ſo würden wir Mundvorrath die Menge finden, ſo daß wir uns von dort aus an den Flüſſen der Gegend ver⸗ theilen könnten; ein Aufenthalt von zwei oder drei Jahren müßte uns einen unberechenbaren Gewinn abwerfen. So verführeriſch auch dieſer Vorſchlag war, ſo ſagte er doch keinem von uns allen zu; denn es war uns mehr darum zu thun, nach Hauſe zu kommen, als reich zu werden, da uns die über ein Jahr dauernde Reiſe durch Wüſten und Heere von wilden Beſtien aufs Aeußerſte erſchöpft hatte. 2 230.— Die Zunge unſeres neuen Bekannten barg jedoch eine Art von Zauber, dem ſich nicht widerſtehen ließ; denn ſeine Gründe waren ſchlagend, und ſeine Beredtſamkeit hinreißend. Er ſagte uns, es wäre unklug, die Frucht unſerer Mühen nicht einzuheimſen, nun die Aerndte vorhanden wäre; wir ſollten nur bedenken, welchen Gefahren und Koſten die Eu⸗ ropäer ſich mit Schiffen und Mannſchaft unterzögen, um ein Bischen Gold zu holen, und es wäre unverantwortlich, wenn wir, die wir uns im Mittelpunkte des Reichthums der Erde befänden, mit leeren Händen davon gehen wollten. Wir wären ſtark genug, um uns durch ganze Volksſtämme durchzukämpſen, und könnten nachher nach jedem Theil der Küſte kommen, der uns anſtände. Wir würden es uns aber nie vergeben, wenn wir nur mit fünfhundert Piſtolen in Gold unſere Heimath erreichten, während wir eben ſo leicht, wenn wir nur gewollt, ſünftauſend oder gar zehntauſend oder ſo viel uns beliebte, hätten mitbringen können. Er ſei zwar nicht begehrlicher, als wir; da es aber einmal in unſerer Macht ſtehe, Erſatz für all unſer Ungemach zu neh⸗ men und uns für unſer ganzes Leben eine behagliche Exiſtenz zu ſichern, ſo erweiſe er ſich nicht treu und dankbar für die Wohlthat, die wir ihm erzeigt, wenn er uns nicht auf die Vortheile aufmerkſam mache, die wir zur Hand hätten. Er hoffe, es auch unſerem Verſtande einleuchtend zu machen, daß wir in einer Friſt von zwei Jahren bei gehörigem 231&⸗ Fleiße und unter Mitwirkung unſerer Neger für jeden der Unſrigen hundert Pfund Gold und im Ganzen vielleicht zwei Hundert Tonnen Elfenbein gewinnen könnten, während wir — einmal an der Küſte angelangt und getrennt— eben ſo wenig in die Lage kommen würden, je wieder dieſen Ort zu ſehen, als der Gottloſe den Himmel zu ſchauen bekäme, ſo ſehr er ſich auch darnach ſehnte. Unſer Wundarzt war der erſte, der auf ſolche Argu⸗ mentationen einging, und der Geſchützmeiſter folgte ſeinem Beiſpiel. So großen Einfluß aber auch dieſe Beiden ſonſt auf die Uebrigen übten, ſo hatte doch keiner Luſt zu blei⸗ ben, nicht einmal ich; denn ich konnte mir keine Vorſtellung von dem Werthe einer ſo großen Summe machen und wußte nicht, was ich damit anfangen ſollte, wenn ich ſie einmal hätte. Ich meinte, ich beſitze bereits jetzt genug, und meine einzige Sorge war, wie ich, wenn ich wieder nach Europa käme, Kleider kaufen und mit dem Reſt ſo ſchnell als möglich fertig werden könnte, um ſodann wieder zur See zu gehen und neue Abenteuer aufzuſuchen. Demungeachtet gelang es meinem Landsmann endlich, uns durch lockende Worte zu einem halbjährigen Aufenthalt in der Gegend zu bereden, indem er uns ſodann gern ge⸗ währen laſſen wolle, wenn wir auf unſerem Entſchluſſe beharrten. Er führte uns dann etwa fünfzig Meilen nach Südoſten, wo wir mehrere Bäche fanden, welche von einer 2 232& im Nordweſten gelegenen großen Bergkette zu kommen ſchie⸗ nen— unſerer Vermuthung nach der Anfang der großen Wüſte, die wir im Norden hatten umgehen müſſen. Die Gegend war rauh und unfruchtbar; doch fehlte es uns nicht an Lebensmitteln, was wir der Vermittlung un⸗ ſeres neuen Bekannten verdankten; denn die Wilden in der Nachbarſchaft gaben uns für die mehrerwähnten Spielſachen, was ſie nur hatten. Auch fanden wir hier etwas Mais, den die Negerweiber in Gärten pflanzten. Unſer Berather in dieſer Gegend befahl nun unſern Negern, gleichfalls den Boden aufzuwühlen und Maiskörner einzulegen, welche unter fleißigem Begießen im Verlaufe von drei Monaten zu einer ſchönen Aerndte heranreiften. 3 Sobald wir unſer Lager aufgeſchlagen hatten, nahmen wir das alte Geſchäft des Goldfiſchens in den genannten Bächen wieder auf, und der Engländer wußte unſer Nach⸗ forſchen ſo gut zu leiten, daß wir ſelten vergeblich arbeiteten. Eines Tages, als wir bereits unſer Werk begonnen, fragte er, ob wir ihm erlauben wollten, ſich mit vier oder fünf unſerer Neger auf eine Woche zu entfernen, damit er ſelber auch ſein Glück verſuchen und nachſehen könne, was ſich in der Gegend erholen ließe, wobei er uns verſicherte, daß die Ausbeute ohne die mindeſte Schmälerung dem all⸗ gemeinen Schatze anheimfallen ſolle. Wir gaben unſere Einwilligung und borgten ihm eine Flinte; auch wünſchten 233&. zwei der Unſrigen ihn zu begleiten, worauf ſie ſechs Neger auslaſen und auch zwei der Büffel, welche die ganze Reiſe ausgedauert hatten, nebſt Brod für acht Tage und etwas getrocknetes Fleiſch, das etwa für zwei Tage reichen mochte, mit ſich nahmen. Sie begaben ſich nun nach der Höhe des genannten Gebirgs, wo ſie(wie unſere Leute nachher verſicherten) die⸗ ſelbe Wüſte ſahen, die uns an ihrem anderen Ende ſo erſchreckt hatte, und die, unſerer Berechnung nach, nicht weniger als dreihundert Meilen breit und über ſechshundert lang ſein mußte, ohne daß man wiſſen konnte, wo ſie endete. Der Tagesbericht ihrer Wanderung iſt zu weitläuftig, um hier eine Stelle zu finden. Sie blieben zweiundfünßzig Tage aus und brachten ſiebenzehn Pfund Gielleicht auch mehr; denn wir hatten kein genaues Gewicht) Goldſand mit ſich, der einige Stücke enthielt, welche viel größer waren, als wir ſie je gefunden hatten. Dazu kamen noch fünfzehn Tonnen Elephantenzähne, welche ſie zum Theil mit Güte. zum Theil mit Gewalt durch Eingeborene nach dem Gebirg und von dort aus durch andere in unſer Lager ſchaffen ließen. Wir waren in der That ſehr neugierig, was die Annäherung dieſes Zuges zu bedeuten hätte; denn wir ſahen unſern Engländer im Geleite von mehr als zweihundert Negern; er ließ uns jedoch nicht lange im Ungewiſſen, da 2 234&£ er ſeinem Gefolge befahl, die Laſt, welche es trug, an dem Eingange unſeres Lagers auf einen Haufen zu werfen. Außer dieſem brachten ſie noch zwei Löwenhäute und die Felle von fünf Leoparden— alle ſehr groß und ſchön— mit ſich. Er bat um Entſchuldigung, daß er ſo lange fort⸗ geblieben und keine reichere Ausbeute erzielt hätte, und ſprach dann von einem zweiten Ausfluge, den er beabſichtigte, und von dem er ſich einen beſſeren Ertrag verſpräche. Nachdem er nun ein wenig ausgeruht hatte, belohnte er die Wilden, welche die Zähne gebracht, mit einigen ſilbernen und eiſernen Plättchen, von denen zwei die Geſtalt von kleinen Hunden hatten, und entließ ſie, ungemein vergnügt über ihre Erwerbung, in ihre Heimath. Bei dem zweiten Zug begleiteten ihn zehn der Unſrigen und zehn unſerer dienſtbaren Neger nebſt den beiden Stieren, welche ihren Mund⸗ und Schießbedarf tragen mußten. Sie hielten ſich in derſelben Richtung, nur nicht genau auf dem⸗ ſelben Wege, und blieben dießmal nur zweiundvierzig Tage aus, in welcher Zeit ſie nicht weniger als fünfzehn Leopar⸗ den, drei Löwen und noch einige andere Thiere erlegten. Ihre Goldausbeute belief ſich auf vierundzwanzig Pfund und einige Lothe; Elephantenzähne brachten ſie indeß nur ſechs, aber von ungewöhnlicher Größe. Unſer Freund, der Engländer, zeigte uns nun, daß wir unſere Zeit recht gut benützt hätten; denn in den fünf 5 235 ρ Monaten unſeres dortigen Aufenthalts hatten wir, außer dem, was wir ſchon früher beſaßen, ſo viel Goldſand geſammelt, daß bei der Theilung jeden Einzelnen fünf Pfund und acht Loth trafen, und für die Werkſtätte unſeres Künſt⸗ lers noch ſechs oder ſieben Pfund übrig blieben. Wir ge⸗ dachten nun die Reiſe nach der Küſte anzutreten, um einmal unſerem Wanderleben ein Ende zu machen, aber unſer Führer lachte uns aus und meinte, wir würden das wohl bleiben laſſen; denn mit dem nächſten Monat begänne die Regenzeit, und da könne von einem Aufbruche durchaus nicht die Rede ſein. Dieß war in der That ein ſehr gründlicher Einwurf, und ſo entſchloſſen wir uns dann, uns hinreichend mit Pro⸗ viant zu verſehen, um nicht im Regen weit darnach gehen zu müſſen. Wir zerſtreuten uns daher in der Gegend, ſo weit wir uns wagen zu dürfen glaubten, um uns Lebens⸗ mittel zu verſchaffen, während unſere Neger auf die Anti⸗ lopenjagd gingen und manches Stück mit nach Hauſe brachten, welches wir an der Sonne trockneten, da unſer Salz wieder zu Ende war. Nun brach die Regenzeit ein, die uns über zwei Mo⸗ nate faſt ausſchließlich auf unſere Hütten beſchränkte. Aber das war noch nicht Alles; denn die Waſſer ſchwollen in einem Grade an, daß ſich die kleinen Bäche und Flüſſe kaum mehr von großen, ſchiffbaren Strömen unterſcheiden ließen. Dieß wäre eine gute Gelegenheit geweſen, unſere Elephantenzähne, deren wir einen großen Haufen hatten, in Fahrzeugen weiter zu ſchaffen; denn da wir den Wilden immer eine Belohnung für ihre Mühe gaben, ſo ließen es ſich ſogar die Weiber angelegen ſein, uns Zähne zu bringen, wie es denn hin und wieder vorkam, daß ihrer zwei an einem einzigen großen Zahne ſchleppten. Wir hatten deßhalb eine Maſſe von ungefähr zweiundzwanzig Tonnen Elfenbein beiſammen. Sobald ſich das Wetter wieder aufklärte, ſagte uns der Engländer, er wolle uns nicht drängen, länger zu bleiben, da wir uns ja doch nicht darum kümmerten, ob wir noch mehr Gold bekämen oder nicht; wir wären freilich die erſten Europäer, von denen er je gehört, daß ſie geſagt hätten, ſie beſäßen genug von dieſem Metall, und von denen ſich mit Wahrheit behaupten ließe, ſie möchten ſich nicht einmal die Mühe nehmen, ſich darnach zu bücken, obgleich es zu ihren Füßen läge. Er habe uns indeß einmal das Verſprechen gegeben, nicht weiter in uns zu dringen, und wolle es daher halten; demungeachtet aber müſſe er uns bemerken, daß nach der Zeit der Ueberſchwemmungen das meiſte Gold gefunden würde, und daß wir nach einem Monat Tauſende von Wilden das Gebiet durchziehen ſehen könnten, um für die europäiſchen Schiffe, welche die Küſten beſuchten, Gold aus dem Sande zu waſchen. Sie wählen dieſe Zeit beſonders deßhalb, weil die Wuth der Fluthen ſtets eine große Menge Goldes aus 237 SE⸗⸗ den Bergen ſpühle, und wenn wir ihnen den Vorrang ab⸗ liefen, ſo könnten wir nicht wiſſen, welche außerordentliche Dinge wir finden würden. Dieß klang ſo eindringlich und überzeugend, daß ſich die Nachgiebigkeit in allen Geſichtern ausſprach. Wir ſagten ihm daher, daß wir bleiben wollten; denn ſo gern wir auch alle gegangen wären, ſo ließe ſich doch der augenſcheinlichen Ausſicht auf ſo großen Gewinn nicht auf die Dauer wider⸗ ſtehen; er ſei jedenfalls ſehr im Irrthum, wenn er glaube, wir wünſchten nicht unſere Goldvorräthe zu vergrößern, und er möge dieß daraus entnehmen, daß wir nunmehr feſt entſchloſſen wären, die Vortheile, die ſich uns böten, nicht von der Hand zu weiſen, ſondern ſie aufs Beſte zu benützen und ſo lange dazubleiben, als Gold zu finden wäre, ſollten wir auch noch ein zweites Jahr auf dem afrikaniſchen Con⸗ tinent zubringen müſſen. Er war ob dieſem Entſchluß über die Maßen erfreut, und mit dem Eintritte der günſtigeren Witterung begannen wir nach ſeiner Anweiſung die Bäche und Flüſſe aufs Neue nach Gold zu durchſuchen. Anfangs lohnte ſich dieſes Geſchäft wenig, und wir begannen bereits zu ſchwanken. Die Urſache lag indeß nahe; denn das Waſſer war noch nicht ganz gefallen und in ſeine gewohnten Bette zurückgekehrt, und erſt in einigen Tagen wurde unſer Bemühen mit einem ſchönen Erfolge gekrönt, da wir das Gold in größeren Mengen und in 238 So⸗ gröberen Körnern, als je zuvor, auffanden. Einer unſerer Leute wuſch ein Stückchen von der Größe einer kleinen Nuß aus dem Sande, welches unſerer Schätzung zu Folge wohl drei Loth ſchwer ſein mochte. Dieſer Erfolg ſteigerte unſeren Fleiß, und im Verlaufe eines Monats brachten wir an ſechzig Pfund Gold zuſam⸗ men. Nach dieſer Zeit bedeckte ſich jedoch, wie uns der Engländer vorausgeſagt hatte, die Gegend mit Wilden, Männern, Weibern und Kindern, welche den Flüſſen und Bächen nachgingen und ſelbſt in dem trockenen Land des Gebirgs nach Gold ſpähten, ſo daß unſere nunmehrige Aus⸗ beute durchaus keinen Vergleich mehr mit der früheren aushielt. 1 Dagegen fand unſer Künſtler ein Mittel, andere Leute für uns arbeiten zu laſſen, ohne daß wir einen Finger zu rühren brauchten; denn noch ehe dieſe Leute erſchienen, hatte er eine beträchtliche Menge ſeiner Spielſachen zu ihrem Empfange vorbereitet. Der Engländer machte den Dolmetſcher und zeigte ihnen die Raritäten vor, was un⸗ ſerem Schmid zu einem ſehr einträglichen Handel verhalf; denn er verkaufte ſeine Waaren zu wirklich ungeheuern Preiſen. So erhielt er zum Beiſpiel für ein Stückchen Silber, kaum von dem Werthe eines Groſchens, zwei, zuweilen auch vier Loth Gold; und ſeine Eiſenwaren wurden ihm eben ſo theuer bezahlt, wogegen ſie die goldenen Kunſtprodukte eher — 2 239 S⸗ niedriger als höher anſchlugen. Es war in der That un⸗ glaublich, welche Maſſen von Gold er durch dieſen Handel gewann. Mit einem Worte, jedem unſerer Leute erblühte aus dem weiteren dreimonatlichen Aufenthalte in dieſer Gegend ein neuer Zuwachs von ungefähr fünf Pfund Gold; und nun ſetzten wir uns nach der Goldküſte in Bewegung, um zu ſehen, wie wir wieder nach Europa kommen könnten. Es begegnete uns noch manches Merkwürdige auf dieſem Zuge. Die Eingebornen, deren Gebiete wir durchreisten, nahmen uns bald freundlich, bald unfreundlich auf. Auch befreiten wir einen Negerkönig, der unſerem engliſchen Führer Wohlthaten erwieſen, aus der Gefangenſchaft, und Letzterer ſetzte ihn zum Dank mit unſerer Beihülfe wieder in ſein Königreich, das ungefähr dreihundert Unterthanen zählen mochte, ein. Um dieſen Dienſt zu belohnen, bewirthete er uns reichlich und befahl ſeinen Leuten, mit den Engländern zu gehen, alle unſere Elephantenzähne, die wir hatten zu⸗ rücklaſſen müſſen, herbeizuſchaffen und ſie an einen Fluß zu bringen, deſſen Name mir entfallen iſt, wo wir Fahrzeuge bauten, um unſere Güter einzuſchiffen. Nach einer Strom⸗ fahrt von eilf Tagen erreichten wir eine der holländiſchen Niederlaſſungen an der Goldküſte, wo wir in guter Geſund⸗ heit und ſeelenvergnügt unſere Kähne verließen. Unſer Elfen⸗ bein verkauften wir an die holländiſche Faktorie, die uns 2 240& auch mit Kleidern und mit ſonſtigem Bedarf für uns und diejenigen der Neger verſah, welche wir mitzunehmen ge⸗ dachten. Ich bemerke beiläufig, daß uns nach Beendigung unſerer Reiſe noch vier Pfund Schießpulver übrig war. Den Negerprinzen ſetzten wir in Freiheit, kleideten ihn aus unſerer gemeinſchaftlichen Kaſſe, gaben ihm anderthalb Pfund Gold, das er recht geſchickt zu bearbeiten gelernt hatte, und nun trennten wir uns in der freundlichſten Weiſe. Unſer Engländer blieb noch eine Weile in der holländiſchen Faktorie, und ſpäter hörte ich, daß er daſelbſt vor Kummer geſtorben ſei; denn er ſandte tauſend Pfund Sterling über Holland nach England, um ſich ein leidliches Auskommen unter ſeinen Verwandten in der Heimath zu ſichern; aber das Schiff wurde von den Franzoſen genommen, und ſo ging all ſein ſaurer Erwerb verloren. Der Reſt meiner Kameraden ſchiffte ſich in einer kleinen Barke nach den zwei portugieſiſchen Faktorien in der Nähe von Gambia(unter dem vierzehnten Breitegrade) ein, und ich begab mich mit zwei Negern, die ich bei mir behielt, nach dem Cap Coaſt Caſtle, wo ich an Bord eines engli⸗ ſchen Schiffes ging, mit dem ich im September in England anlangte. Und ſo endeten meine Flegeljahre; die ſpäteren ſollten mir nicht ſo viel materiellen Gewinn bringen. ‿—— ε—— Eilftes Kapitel. Ich gerathe in England unter ſchlechte Geſellſchaft und vergeude meine Habe.— Ich ſchiffe mich zu einer Reiſe nach Cadix ein.— Meine Schiffskameradſchaft.— Ich werde Seeräuber.— Abenteuer.— Von William Walters und unſern Piratenzügen. Obgleich England mein Geburtsland war, ſo hatte ich daſelbſt doch weder Freunde noch Verwandte oder Bekannte. Ich wußte daher nicht, wem ich mein Eigenthum anver⸗ trauen oder wen ich zu deſſen Erhaltung um Rath angehen ſollte. Ich übergab daher einen großen Theil meines Gol⸗ des einem Wirthe in Rotherhithe, brachte das übrige raſch mit leichtſinnigen Kameraden durch, und es währte nicht viel länger als zwei Jahre, ſo war auch die ganze große Summe, die ich unter ſo vielen Mühen und Gefahren mir errungen, in allen vier Himmelsgegenden. Jetzt noch bringt mich der Gedanke an die Art, wie ich ſie durchjagte, faſt zum Raſen, weßhalb ich derſelben hier nicht weiter gedenken will; denn die Rückerinnerung treibt mir die Röthe der Scham über die Verirrungen, die Thorheit und die Ver⸗ derbtheit jener Tage auf die Wangen. Singleton, I. 46 242 So⸗ Im Jahre 1686 konnte ich auf den Boden meiner Vorrathskammer ſehen, und es war Zeit, auf weitere Aben⸗ teuer zu denken; denn meine Verderber, wie ich ſie nennen muß, begannen mich wiſſen zu laſſen, daß mit der Abnahme meines Geldes auch ihre Achtung zur Neige ging, und daß ich nichts von ihnen zu erwarten hätte, als was ſich durch die Macht meines Goldes erzielen ließ— auch nicht einen Schritt für all das, was ſie bei mir genoſſen hatten. Das war freilich eine herbe Erfahrung, die mich mit gerechtem Abſcheu gegen ihren Undank erfüllte; doch auch ſolche Gefühle mildern ſich; denn ich begegnete nirgends einer Seele, die mir wegen des Verſchwendens einer ſo großen Summe, wie ich ſie nach England gebracht, auch nur das mindeſte Bedauern oder eine Spur von Theilnahme gezollt hätte. Ich nahm nun— gewiß zur ſchlimmen Stunde— Dienſte an Bord eines nach Cadix beſtimmten Schiffes, das„der Kreuzer“ hieß. Widrige Winde, die uns an der ſpaniſchen Küſte trafen, nöthigten uns jedoch, vor Corunna Anker zu werfen. Auf dem Schiffe machte ich die Bekanntſchaft einiger Hauptunheilſtifter, von denen mich einer, der tollſte von ihnen, mit einer ſo innigen Freundſchaft beehrte, daß wir uns Brüder nannten und uns gegenſeitig alle unſere Schick⸗ ſale und Entwürfe mittheilten. Dieſer Burſche, der Harris 243 S⸗ hieß, kam eines Morgens zu mir und fragte mich, ob ich nicht ans Land gehen wolle, was ich bejahte; und ſo holten wir die Erlaubniß des Capitäns ein, das Boot benützen zu dürfen, worauf wir mit einander ans Ufer ruderten. Als wir allein waren, fragte er mich, ob ich wohl Luſt zu einem Abenteuer hätte, das uns für all unſer vergangenes Unglück entſchädigen könnte, was ich natürlich gern mit„Ja“ beant⸗ wortete; denn ich hatte nichts zu verlieren, ließ nichts hinter mir, und ſo war es mir gleichgiltig, wohin es immer gehen mochte. Er fragte mich ſodann, ob ich ſchwören wolle, ver⸗ ſchwiegen zu ſein und ihn nie zu verrathen, ſelbſt wenn ich nicht Luſt hätte, auf ſeinen Vorſchlag einzugehen, wozu ich mich gleichfalls bereit erklärte; und nun ließ ich mich unter den ſchrecklichſten Schwüren, wie ſie nur der Teufel und wir beide erſinnen konnten, in die Mitwiſſenſchaft einweihen. Er erzählte mir, es gebe einen wackeren Burſchen in dem anderen Schiffe(er zeigte dabei auf ein engliſches Schiff, das im Hafen lag), welcher am nächſten Morgen im Vereine mit einigen der Mannſchaft eine Meuterei be⸗ ginnen und mit dem Schiffe davon gehen wolle; könnten wir nun in unſerem Fahrzeuge Leute genug für uns ge⸗ winnen, ſo ſollten wir ein Gleiches thun. Der Vorſchlag gefiel mir nicht übel, und ſo zog er noch weitere acht Mann ins Geheimniß, denen er erklärte, ſie ſollten ſich, ſobald 16* 244 S⸗ ſein Freund das große Werk begonnen und ſich zum Herrn des Schiffes gemacht hätte, bereit halten, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Ich ließ mich ohne Bedenken, trotz der Verrucht⸗ heit des Verbrechens und der Schwierigkeit ſeiner Ausführung, in die Verſchwörung ein. An dem bezeichneten Tage brach die Meuterei auf dem anderen Schiffe aus, und der Rädelsführer, welcher Wilmot hieß, gab uns, nachdem er den Capitänsmaten nebſt anderen Offizieren feſtgenommen und ſich des Schiffs bemächtigt hatte, das Zeichen zu gleichfallſigem Aufruhr. Es waren jedoch nur eilf der Eingeweihten auf unſerem Schiffe; denn einer größeren Anzahl durften wir nicht trauen, und ſo verließen wir denn in dem Boote das Schiff und vereinigten uns mit den Empörern. Auf dem Meutererſchiffe ging es luſtig und in Freuden zu, und da ich ſelbſt kühn und verwegen genug zu jedem tollen Streiche war, ohne auch nur die mindeſte Gewiſſens⸗ regung zu ſpüren oder mir über die Folgen Gedanken zu machen, ſo führte mich die Genoſſenſchaft mit Capitän Wil⸗ mots Bande bald in eine Verbindung mit den berüchtigſten Seeräubern jener Zeit, von denen einige die Reiſe ihres Lebens mit einer Fahrt nach dem lichten Galgen beſchloſſen. Ich glaube daher, daß die Erzählung eines und des andern der hier verlebten Abenteuer eine nicht unintereſſante Beigabe 245 So⸗ zu meinen Schickſalen auf dem afrikaniſchen Continent bilden dürfte, wobei ich jedoch dem Leſer zum voraus bemerken muß, daß ich mich bei weitem nicht mehr all der Wechſel⸗ fälle jener Periode meines Lebens zu erinnern vermag. Da ich ſchon früher einen Hang zur Seeräuberei in mir verſpürt hatte, ſo fühlte ich mich jetzt ganz in meinem Ele⸗ mente. Nachdem ſich Capitän Wilmot(denn ſo nannten wir ihn jetzt) in der genannten Weiſe zu dem Beſitz eines Schiffes verholfen, ſo hatte er, wie ſich leicht denken läßt, nichts mehr in dem Hafen zu ſchaffen, und er wartete daher nicht ab, bis vom Lande aus Schritte gegen ihn geſchehen, oder vielleicht Mißhelligkeiten unter der Bemannung des ge⸗ nommenen Fahrzeugs ausbrechen würden. Er lichtete daher noch mit derſelben Fluth die Anker, ſtach in die See und hielt auf die canariſchen Inſeln ab. Unſer Schiff hatte zweiund⸗ zwanzig Kanonen, konnte jedoch füglich dreißig führen, wie es denn überhaupt, als ein bloßer Kauffahrer, weder mit Munition, noch mit Waffen ſo verſehen war, wie es uns für den Fall eines Kampfes noth that. Wir hielten daher vor Cadix, das heißt, wir warfen in der Bai Anker. Der Capitän nebſt unſerem Geſchützmeiſter, den wir den jungen Capitän Kid nannten, und einige andere der Mannſchaft, denen man am beſten trauen konnte,(darunter mein Freund Harris, dem die Ehre des Capitänsmaten, und ich ſelbſt, dem die Würde eines Lieutenants übertragen worden war) 5 246 E⸗ ſollten nun einige Ballen engliſcher Güter zum Verkauf ans Land bringen; aber Harris, der ein durchtriebener Burſche war, ſchlug einen beſſeren Weg vor, indem er ſagte, er ſei ſchon früher in der Stadt geweſen und wolle für uns Pulver, Kugeln, Waffen und ſonſtigen Bedarf aufkaufen, die wir erſt dann in engliſchen Waaren zu bezahlen brauch⸗ ten, wenn ſie an Bord kämen. So ging es allerdings weit beſſer, und er begab ſich nun mit dem Capitän ans Land, wo ſie ihren Handel, ſo gut es ſich machen wollte, abſchloſſen und nach zwei Stunden, jedoch nur mit einem Faß Wein und fünf Fäſſern Branntwein zurückkamen, worauf wir alle wieder an Bord gingen. Des andern Morgens kamen zwei ſchwerbeladene lange Barken, mit fünf Spaniern an Bord, an unſer Schiff. Unſer Capitän verkaufte an ſie ſeine Waaren und erhielt an Zahlungsſtatt ſechzehn Fäſſer grobes und zwölf Fäßchen feines Schießpulver, ſechzig Musketen, zwölf Karabiner für die Offiziere, ſiebenzehn Tonnen Kanonenkugeln, fünfzehn Fäſſer Musketenkugeln, einige Säbel und zwanzig Paar gute Piſtolen. Dazu kamen noch dreizehn Fäſſer Wein,(denn da wir jetzt Herren geworden waren, ſo verſchmähten wir es, das Schiffsbier zu trinken) ſechzehn Fäſſer Branntwein, zwölf Fäſſer Roſinen und zwanzig Kiſten Citronen, was alles mit engliſchen Gütern bezahlt wurde; außerdem erhielt der Capitän noch ſechshundert Dollars an baarem Geld. 247 S⸗⸗ Die Spanier verſprachen wieder zu kommen, aber uns war es nicht ums Bleiben zu thun. Von hier aus ſegelten wir nach den Canarien und dann nach Weſtindien, auf welcher Fahrt wir den Spaniern Mund⸗ vorrath abnahmen und einige Priſen machten, die aber von keinem großen Werthe waren, wenigſtens ſo lange ich bei der Geſellſchaft blieb, was damals nicht lange der Fall war; denn nachdem wir an der Küſte von Carthagena eine ſpaniſche Schaluppe genommen hatten, machte mir Harris den Vor⸗ ſchlag, den Capitän Wilmot darum anzugehen, daß er uns mit einem entſprechenden Munition⸗ und Waffenvorrath in das genommene Fahrzeug ſetze und uns geſtatte, zu ſehen, was ſich damit ausrichten laſſe; denn es war für unſer Ge⸗ werbe weit geeigneter und auch ein ſchnellerer Segler, als das große Schiff. Wilmot willigte ein, indem er zugleich Tabago als den Ort der nächſten Zuſammenkunft bezeichnete und die Beſtimmung traf, daß alles, was eines der Schiffe erbeutete, unter die Mannſchaft beider Schiffe vertheilt wer⸗ den ſollte. Dieſe Verfügung wurde auch, als ſich unſere Schiffe nach ungefähr fünfzehn Monaten bei Tabago wieder trafen, pünktlich gehandhabt. Wir kreuzten an zwei Jahre in dieſen Meeren, wobei wir es vornehmlich auf die Spanier abgeſehen hatten, nicht, weil wir uns ein Bedenken daraus machten, engliſche, holländiſche oder franzöſiſche Schiffe zu nehmen; denn dieß 2 248 G⸗ geſchah gleichfalls, wenn ſie uns in den Weg kamen. Namentlich caperte Capitän Wilmot ein neuengliſches Schiff, das von Madeira nach Jamaika ſegeln ſollte, und ein anderes mit Mundbedarf beladenes, das von New⸗York nach Barbadoes ausgelaufen war, von denen uns insbeſon⸗ dere das letztere ſehr zu ſtatten kam. Der Grund indeß, warum wir uns weniger gern mit engliſchen Schiffen be⸗ faßten, lag darin, daß dieſelben kräftiger gerüſtet waren und daher ſtärkeren Widerſtand zu leiſten vermochten; auch bolen ſie weniger Beute, als die ſpaniſchen, die gewöhnlich Geld am Bord führten— eine Priſe, mit der wir am allerbeſten umzugehen wußten. Capitän Wilmot war gegen die Be⸗ mannung genommener engliſcher Schiffe beſonders grauſam, damit man nicht allzubald in England von ihm Kunde er⸗ hielte; aber gerade deßhalb hatten die königlichen Kreutzer beſonders ſtrengen Befehl, auf ihn zu lauern. Doch laſſen wir vor der Hand dieſen Theil unſerer Geſchichte. Unſere Habe gewann in dieſen zwei Jahren beträcht⸗ lichen Zuwachs; denn wir hatten ſechzigtauſend Dollars auf dem einen und hunderttauſend auf dem andern unſerer Schiffe, und da wir nun reich waren, ſo entſchloſſen wir uns, unſere Macht zu verſtärken. Wir hatten nämlich eine in Virginien gebaute Brigantine— ein ausgezeichnetes Fahr⸗ zeug, das ein ſehr guter Segler war und zwölf Kanonen führen konnte— und eine ſpaniſche Fregatte, die gleichfalls ——— 2 249 G&⸗ unvergleichlich ſegelte, und die wir nachher durch geſchickte Zimmerleute für zweiundzwanzig Kanonen einrichten ließen, genommen. Nun bedurften wir aber weiterer Hände; wir ſteuerten daher nach der Campeachybai, wo wir unſere Schiffe nach Belieben bemannen zu können hofften, was denn auch wirklich der Fall war. Hier verkauften wir die Schaluppe, auf der ich bisher mein Weſen getrieben, und da Capitän Wilmot ſein eigenes Schiff beibehielt, ſo wurde mir das Commando der ſpaniſchen Fregatte mit dem Titel eines Capitäns übertragen, während mein Freund Harris, der verwegenſte und unternehmendſte Burſche, den die Welt aufzuweiſen vermochte, die Stelle des älteſten Lieutenants begleitete. Die Brigantine wurde mit weiterem Geſchütz verſehen, und ſo waren wir nun im Beſitze von drei gut bewaffneten, ſtarkbemannten und auf zwölf Monate mit Proviant verſehenen Schiffen; denn wir hatten einige Schaluppen von Neuengland und New⸗York, die mit einer Ladung Mehl, Erbſen und Pöckelfleiſch nach Jamaika und Barbadoes gehen ſollten, genommen und uns mit weiterem Rindfleiſch an der Küſte von Cuba verſehen, wo wir nach Belieben Schwarzoieh ſchoſſen, obgleich es uns zu Erhaltung des Fleiſches ſehr an Salz gebrach. Bei den Priſen, die wir nun machten, hoben wir vor⸗ zugsweiſe auf Pulver, Kugeln, Flinten und Stutzſäbel ab, und von der beſiegten Mannſchaft laſen wir uns ſtets den 2 250 S⸗ Wundarzt und den Zimmermann aus, als Leute, die uns bei vielen Anläſſen nützlich werden konnten. Oft war den⸗ ſelben dieſe Einverleibnng nicht einmal unlieb, da ſie ja, im Falle uns ein Ungemach betraf, ſich mit der Gewalt, die man ihnen angethan, entſchuldigen konnten, wovon ich dem Leſer ſogleich ein ergötzliches Beiſpiel mittheilen will. Wir kamen bei Gelegenheit des Abfangens einer nach Barbadoes beſtimmten pennſylvaniſchen Schaluppe zu einem gar luſtigen Burſchen, einem Quäcker, der William Walters hieß und ein Wundarzt war, weßhalb wir ihn den Doctor nannten. Er war nicht der Schaluppe als ärztlicher Bei⸗ ſtand zugegeben, ſondern hatte die Abſicht, ſich in Barbadoes ein Unterkommen zu ſuchen. Da er aber ſeinen chirurgiſchen Apparat am Bord hatte, ſo war er uns ein willkommener Fund. Er war ein drolliger Kamerad, ein Mann von ge⸗ diegenem Verſtand und ausgezeichnet in ſeiner Kunſt— was uns aber über Alles ging, auch ein ſtets heiterer, ange⸗ nehmer Geſellſchafter und ein ſo wagehalſiger, kräftiger Burſche, als nur einer unter uns. Es ſchien mir, als ſei William nicht ſehr abgeneigt, an unſeren Fahrten Theil zu nehmen, obſchon er dergleichen that, um den Anſchein zu gewinnen, daß er mit Gewalt dazu gezwungen worden ſei. Er kam daher zu mir und ſagte:„Freund, Du erklärſt, ich müſſe mit Dir gehen, und es ſteht nicht in meiner Macht, Dir Widerſtand zu leiſten, 251 G⸗ wenn ich auch wollte. Ich bitte Dich aber, mir gegen den Herrn der Schaluppe, an deren Bord ich mich befand, zu bezeugen, daß ich mit Gewalt und gegen meinen Willen weggenommen worden bin.“« Er ſagte dieß mit einem ſo heitern Zuge in ſeinem Geſichte, daß mir der Grund dieſer Aufforderung nicht entgehen konnte.„Ja, ja,“ erwiederte ich,„mag es nun ohne Deinen Willen geſchehen, oder nicht, ſo will ich Dir doch vor ihm und allen, die mit ihm ſind, dieſes Zeugniß geben, und wenn ſie es nicht glauben wollen, ſo ſollen ſie ſo lang auf den Meeren mit mir herumſtreichen, bis ſie es thun.“ Ich ſtellte ſofort ein ſchriftliches Zeugniß aus, daß William mit Gewalt von einem Piratenſchiff zum Gefangenen gemacht worden ſei, deſſen Mannſchaft zuerſt die chirurgiſchen Inſtrumente fortgenommen und dann den Wund⸗ arzt mit gebundenen Händen in ihr Boot geſchleppt habe. Dieſes Certificat ließ ich ſodann von dem Herrn der Scha⸗ luppe und der ganzen Mannſchaft unterzeichnen. Ich fiel nun zankend über ihn her, forderte meine Leute auf, ihm die Hände auf dem Rücken zuſammen zu binden und ließ ihn ſofort in unſer Boot ſchaffen. Als ich ihn an Bord hatte, rief ich ihn zu mir und ſagte ihm:„Nun, mein Freund, ich habe Dich jetzt allerdings mit Gewalt wegge⸗ nommen, aber ich bin der Meinung, daß es doch nicht ſo ganz gegen Deinen Willen geſchehen iſt, als ſich jene wohl einbilden mögen. Doch ſei dem, wie ihm wolle, Du wirſt 2 252 G uns nützlich ſein können und ſollſt Dich einer guten Behand⸗ lung unter uns zu erfreuen haben.“ Ich löste ihm nun ſeine Bande und befahl, ihm all ſein Eigenthum zurück zu erſtatten, worauf ihn Capitän Wilmot mit Branntwein bewirthete. „Du biſt freundlich gegen mich geweſen,“ ſagte der Quäcker,„und ſo will ich denn ehrlich gegen Dich verfahren, mag ich nun gern oder ungern zu Dir gekommen ſein. Ich will mich Dir nämlich ſo nützlich erweiſen, als ich kann, aber Du weißt, daß ich mich nicht in Deine Händel miſchen darf, wenn es zum Kampfe geht.“—„Nein, nein,“ ſagte der Capitän,„damit wollen wir Dich nicht behelligen; höch⸗ ſtens mit einem Bischen von den Priſengeldern, wenn es zum Theilen kömmt. Etwas Derartiges paßt recht gut dazu, Deinen Inſtrumentenkaſten in gehörigem Stand zu erhalten,“ fügte Wilmot lächelnd bei;„aber Du darſſt ruhig ſein; es ſoll nicht übermäßig ausfallen.“ William war, wie geſagt, ein ungemein angenehmer Geſellſchafter. Freilich ſtand ihm aber auch dieſe Rolle weit beſſer an, als uns; denn wenn wir genommen wurden, ſo durften wir darauf rechnen, gehangen zu werden, während er des Entkommens ſicher war, was er wohl wußte. Sein reger Geiſt hätte ihn übrigens weit mehr, als irgend einen von uns, für die Stelle des Capitäns geeignet gemacht. Ich ———— 253 S werde im Verlauf dieſer Geſchichte noch öfter Anlaß nehmen, auf ihn zurück zu kommen. Unſer Kreutzen in dieſen Meeren begann allmählig ſo ruchbar zu werden, daß man nicht nur in England, ſondern auch in Frankreich und Spanien unſere Abenteuer in öffent⸗ lichen Blättern las und ſich viele Geſchichten erzählte, wie wir die Mannſchaft der genommenen Schiffe mit kaltem Blute umbrächten, indem wir ſie Rücken an Rücken bänden und in die See wärfen, wovon freilich mehr als die Hälfte Lüge war, obgleich wir genug böſe Thaten verübten— mehr, als ich in den gegenwärtigen Blättern zu erzählen für paſſend erachte. Die Folge davon war, daß mehrere engliſche Kreutzer mit dem Auftrage nach Weſtindien geſchickt wurden, vor⸗ zugsweiſe die Bai von Mexico, den Golf von Florida und die Bahama⸗Inſeln ins Auge zu faſſen und uns wo mög⸗ lich zu nehmen. Wir waren nicht ſo unklug, um nicht, nach einem ſo langen Aufenthalt in dieſen Meeren, auf ſolche Schritte gefaßt zu ſein; aber die erſte zuverläßige Kunde davon erhielten wir erſt bei Honduras, wo uns ein Schiff, das von Jamaika kam, mittheilte, daß zwei engliſche Kreutzer unmittelbar von Jamaika aus hieher kämen, um uns aufzuſuchen. Wir waren in der That, ſo zu ſagen, ganz eingebuchtet und hätten ihnen, wenn ſie gerade auf uns zukamen, unmöglich entgehen können; aber zu unſerem 254 S Glücke hatte ihnen irgend Jemand die Nachricht gegeben, wir befänden uns in der Campeachybai, wohin ſie nun ihre Schnäbel richteten— eine Wendung, wodurch wir nicht nur ihrer los wurden, ſondern auch ſo weit windwärts von ihnen kamen, daß ſie uns nichts anhaben konnten, ſelbſt wenn ſie nun unſern wahren Standpunkt entdeckt hätten. Wir zogen davon Vortheil, indem wir auf Carthagena abhielten und uns, nicht ohne große Schwierigkeit, unter der Küſte von Santa Martha durchſchlugen, bis wir die holländiſche Inſel Curaſoe erreichten, von wo aus wir nach Tabago— wie bereits geſagt, unſerem gewöhnlichen Sam⸗ melplatz— ſegelten. Wir bedienten uns dieſer Inſel als eines Rückzugspoſtens, weil ſie öde und unbewohnt war. Nach unſerer Ankunft daſelbſt ſtarb der Capitän der Bri⸗ gantine, worauf das Commando derſelben an meinen Lieute⸗ nant Harris überging. Wir entſchloſſen uns nun, der braſilianiſchen Küſte einen Beſuch abzuſtatten und von da aus nach dem Cap der guten Hoffnung und nach Oſtindien zu ſegeln. Capitän Harris wendete indeß für ſeine Perſon ein, die Brigantine wäre zu klein für eine ſo lange Reiſe; er wolle aber, wenn Capitän Wilmot ſeine Zuſtimmung gebe, die Gefahr eines neuen Kaperzugs über ſich nehmen und uns in dem erſten tauglichen Schiffe, das er zu Priſe machen könne, nach⸗ folgen. Wir beſtimmten daher auf mein Anrathen Mada⸗ ο 255 S⸗⸗ gascar als den Ort des Zuſammentreffens, weil dort Mund⸗ vorrath in Fülle zu finden war. Harris trennte ſich von uns zu einer ſchlimmen Stunde; denn ſtatt ein Schiff zu nehmen und uns zu folgen, wurde er, wie wir ſpäter hörten, von einem engliſchen Kreutzer genommen und in Ketten gelegt. Er ſtarb aus Gram und Verdruß, noch ehe er in England anlangte, und ſein Lieute⸗ nant wurde, dem Vernehmen nach, daſelbſt als Seeräuber hingerichtet. Dieß war das Ende des Mannes, der mich zuerſt zu dieſem unſeligen Gewerbe verlockt hatte. Wir verließen Tabago drei Tage ſpäter und ſteuerten der Küſte von Braſilien zu; aber wir waren kaum vierund⸗ zwanzig Stunden zur See, als wir durch einen ſchrecklichen Sturm, der drei Tage faſt ohne Unterlaß fortwüthete, getrennt wurden. Während dieſes Unwetters befand ſich Capitän Wilmot unglücklicherweiſe und beſonders zu ſeinem Leidweſen an Bord meines Schiffes; denn wir verloren das ſeinige aus den Augen und ſahen es erſt vor Madagascar wieder, wo es geſtrandet war. Wir verloren bei dieſer Gelegenheit unſeren Fockmaſt und waren daher genöthigt, nach Tabago zurückzukehren, um dort die Beſchädigungen unſeres Schiffes wieder auszubeſſern— ein Schritt, der uns jedoch beinahe ins Verderben gebracht hätte. Wir waren noch nicht lange dort und ſahen uns alle emſig nach einem tauglichen Baume um, der unſern Fock⸗ 8 256 Se maſt erſetzen könnte, als wir eines engliſchen Kreutzers mit ſechs und dreißig Kanonen anſichtig wurden, der auf das Ufer abhielt. Das war in der That in unſerer Lage eine unangenehme Ueberraſchung für uns. Zum Glücke bargen uns aber hohe Felſen, ſo daß uns der Kreutzer nicht ſehen konnte, weßhalb er auch wieder weiter ſegelte. Wir merkten uns indeß, welchen Weg er einſchlug, und begaben uns, ohne unſer Werk zu beendigen, des Nachts gerade in ent⸗ gegengeſetzter Richtung wieder auf die See, was auch wirk⸗ lich den gewünſchten Erfolg hatte; denn wir wurden des Feindes nicht mehr anſichtig. Wir hatten einen alten Be⸗ ſanmaſt am Bord, der vor der Hand die Dienſte des Fock⸗ maſts verſehen mußte; und nun ſteuerten wir auf die Inſel Trinidad zu, wo wir, obgleich Spanier am Ufer waren, einige unſerer Leute mittelſt des Boots ans Land ſetzten, welche daſelbſt eine ſchöne Föhre fällten, durch die ſich recht gut unſer Fockmaſt erſetzen ließ. Wir verſchafften uns auch zur Ergänzung unſerer Vorräthe einiges Vieh, hielten dann einen Kriegsrath und entſchloſſen uns, dieſe Meere zunächſt zu verlaſſen und nach der braſilianiſchen Küſte zu ſegeln. Anfangs wollten wir hier nur friſches Waſſer einneh⸗ men, aber wir erfuhren, daß eine portugieſiſche Flotte, welche nach Liſſabon ſteuern ſollte, in der Allerheiligenbai lag und nur auf günſtigen Wind wartete, um ihre Fahrt anzutreten. 257&⸗ Dieß veranlaßte uns, beizulegen; denn wir wollten ſie in die See ſtechen ſehen, um ſie, je nach ihrer Bewaffnung, angreifen oder vermeiden zu können. Gegen Abend ſprang aus Südweſtweſt eine ſteife Kühlte auf, welche, da ſie für die Portugieſen günſtig und auch das Wetter ſonſt ſehr ſchön und angenehm war, gar bald das Signal zum Ankerlichten zur Folge hatte. Wir bargen uns unter der Inſel Si—, holten unſer Schönfahrſegel und Fockſegel in die Geitaue auf, ließen das Marsſegel auf das Eſelshaupt herunter, ſchnürten ſie zuſammen, daß wir ſo wenig als möglich bemerkt werden konnten, und harrten ihrer Ausfahrt. Den nächſten Morgen ſahen wir die ganze Flotte in die See ſtechen, aber nicht zu unſerer beſonderen Zufriedenheit; denn ſie beſtand aus ſechsund⸗ zwanzig ſtark belaſteten und wohl gerüſteten Kauffahrtei⸗ und Kriegsſchiffen, weßhalb wir, da hier nichts zu erholen war, ruhig liegen blieben, bis wir ſie aus dem Geſicht verloren hatten, und dann auf und davon ſegelten, in der Hoffnung, auf andere Priſen zu ſtoßen. Es währte lange, ehe wir eines Segels anſichtig wur⸗ den, und als dieß endlich geſchah, machten wir alsbald Jagd darauf. Die gehoffte Priſe ſegelte jedoch ſehr ſchnell, und da ſie ſeewärts ſtand, ſo ſahen wir deutlich, daß ſie ſich auf ihre Ferſen, das heißt, auf ihre Segell verließ. Demungeachtet gewannen wir ihr, obgleich nur langſam, Singleton. I. 17 258 ☚ den Vorſprung ab und würden ſie, wenn wir den Tag vor uns gehabt hätten, auch ſicher genommen haben; aber da jetzt die Nacht einbrach, ſo wußten wir wohl, daß wir ſie aus dem Geſicht verlieren müßten. Als unſer luſtiger Quäcker bemerkte, daß wir dem Schiffe in der Dunkelheit nachzukommen ſuchten, obgleich wir nicht wußten, welchen Weg es nahm, ſo kam er auf mich zu und ſagte ganz trocken:„Freund Singleton, weißt Du auch, was Du thuſt?«—„Ja wohl,“ entgegnete ich; „wir jagen jenem Schiffe nach— oder etwa nicht?— „Und wie kannſt Du das wiſſen?« fragte er ſehr ernſthaft. „Du haſt nicht Unrecht,“ antwortete ich;„gewiß weiß ich es freilich nicht.“—„Ich fürchte,“ fuhr er fort,„Du biſt ein Quäcker geworden und ſcheueſt Dich Gewalt zu brauchen; oder Du biſt ein Haſenherz und flieheſt vor Deinem Feind.“ „Was willſt Du damit ſagen?« erwiederte ich gereizt. „Was ſollen dieſe Hohnworte? Du kannſt es doch nie laſſen, Deinen Witz an uns zu üben.“ „Iſt es nicht klar genug,“ ſagte er,„daß das Schiff nur nach Oſten abhält, um uns aus dem Geſicht zu kom⸗ men? Denn ſicher hat es dort nichts zu ſchaffen. Was ſollte es wohl an der afrikaniſchen Küſte unter dieſer Breite wollen, da bekanntermaßen dort Congo oder Angola liegt? Gewiß hat es, ſobald es dunkel wurde, und wir es nicht mehr ſehen konnten, umgewendet und ſteuert jetzt der braſi⸗ 259 E⸗ lianiſchen Küſte und der Bai zu, auf die es zuvor abge⸗ hoben hatte; und laufen wir nicht jetzt gerade davon weg? Ich lebe ſehr der Hoffnung, Freund, daß Du ein Quäcker werden willſt,“ fügte der Spötter bei;„denn ich ſehe, Du biſt kein Freund vom Fechten.“ „Je nun; dann würde ich erſt einen trefflichen Korſa⸗ ren abgeben,“ entgegnete ich.„Da aber William Recht hatte, ſo ſtimmte ich ihm augenblicklich bei, und Capitän Wilmot, der krank in der Kajüte lag und uns zuhörte, gab dem Quäcker gleichfalls recht. Das Beſte, was wir daher vornehmen konnten, war die Aenderung unſeres Laufes, in einer Richtung, die uns mit größter Wanhrſcheinlichkeit hoffen ließ, das Schiff am nächſten Morgen einzuholen. Demgemäß wandten wir unſere Fregatte um, ſetzten die Bramſegel bei und liefen auf die Allerheiligenbai los, in der wir, gerade außerhalb der Schußweite der Forts, Anker warfen. Wir beſchlugen unſere Segel mit Kabelgarn, um die Schooten einholen zu können, ohne erſtere losmachen zu müſſen, ließen die großen und die Fockraen herunter und gaben uns ganz das Anſehen, als ob wir ſchon eine gute Weile da lägen. 8 Zwei Stunden nachher ſahen wir unſer Wild mit vollen Segeln auf die Bai zuſteuern, wobei es ganz unbefangen recht in die Schußlinie unſerer Kanonen lief; denn wir blieben ruhig liegen, bis es ſich uns faſt auf Schußweite 17* 260 S⸗⸗ genähert hatte. Sobald unſerm Fockmaſt Kardeelen nach vorn und hinten angeſpannt waren, zogen wir zuerſt unſere Raen auf und holten die Marsſegelſchooten ein: die Kabelgarne, womit die Segel beſchlagen waren, gaben von ſelbſt nach, und letztere waren in wenigen Augenblicken beigeſetzt. Zu gleicher Zeit lichteten wir den Anker und kamen dem Fahr⸗ zeuge zuvor, ehe es noch auf den zweiten Gang abheben konnte. Sie waren ſo überraſcht, daß ſie wenig oder gar keinen Widerſtand leiſteten, ſondern ſich ſchon nach der erſten vollen Lage ergaben. Wir überlegten eben, was wir mit dem Fahrzeug an⸗ fangen ſollten, als William zu mir kam.„Höre Freund,“ ſagte er,„Du machſt da ein ſauberes Stück Arbeit, indem Du das Schiff Deines Nachbars gerade vor des Nachbars Thüre borgeſt, ohne ihn um Erlaubniß zu fragen. Meinſt Du, es ſeien nicht einige Kreuzer im Hafen? Du haſt hinreichend Rumor gemacht, und verlaß Dich darauf, Du wirſt ſie noch vor Abend auf dem Nacken haben, um Dich zu fragen, wie ſie dieß zu nehmen hätten.“ „Ganz richtig, William,“ entgegnete ich; denn es konnte mir nicht entgehen, daß er Recht haben mochte; „aber was ſollen wir zunächſt thun?“ Er erwiederte:„Es gibt da nur zwei Wege— entweder Du gehſt hin und nimmſt ſie, oder Du machſt Dich davon, ehe ſie heraus⸗ kommen und Dich nehmen; denn ich ſehe, ſie hieſſen in 2 261 SE⸗ jenem großen Schiffe ſchon eine Stange auf, um alsbald in die See zu ſtechen, und es wird nicht lange anſtehen, bis ſie mit Dir zu discuriren anfangen. Was wirſt Du ihnen ſagen, wenn ſie Dich fragen, warum Du ihr Schiff ohne ihre Erlaubniß entlehnſt?“ Es verhielt ſich ſo, wie William ſagte. Wir konnten durch unſere Fernröhre bemerken, daß alles ſich beeilte, um ein paar Schaluppen und einen großen Kreuzer, die im Hafen lagen, zu bemannen, und es war augenfällig, daß ſie uns bald auf der Haube ſein würden. Wir waren indeß über das, was wir zu thun hatten, nicht in Verlegenheit. Das genommene Schiff hatte nicht viel geladen, was für unſern Zweck brauchbar war, da ſein Cargo außer etwas Cacao, etwas Zucker und zwanzig Fäſſern Mehl nur aus Häuten beſtand. Wir nahmen deßhalb, was uns gut dünkte, unter anderem auch das Pulver, die Kanonenkugeln und die Gewehre und ließen das Fahrzeug laufen, nachdem wir uns auch noch ein Ankertau, ſeine drei Anker und einige ſeiner Segel zugeeignet hatten, da ihm deren immer noch genug blieben, um den Hafen zu erreichen. ⸗ Zwölftes Kapitel. Williams tapferes Verhalten im Kampfe mit einem portugieſiſchen Krfegsſchiff.— Wir nehmen das Schiff.— Greifen ein Fahrzeug von Negern an, welche die Offiziere und die Mannſchaft ermordet haben. — Der Neger Erzählung von dieſem Vorfall. Sofort ſteuerten wir ſüdlich auf die braſilianiſche Küſte los, bis wir an die Mündung des Fluſſes Janeiro kamen; hatten, ſo wurden wir genöthigt, unter einer kleinen Inſel die Anker auszuwerfen und auf beſſern Wind zu warten. Mittlerweile hatten die Portugieſen, wie es ſcheint, zu Lande den dortigen Gouverneur benachrichtigt, daß ein Pirat an der Küſte ſei; als wir daher in die Seeweite des Hafens gelangten, ſahen wir zwei Kriegsſchiffe gerade außerhalb der Barriere vor Anker liegen und das eine davon, welches raſch den Anker lichtete, in aller Eile auf uns zuſteuern, das andere ſchickte ſich, obgleich nicht ſo behende, ebenfalls an, uns zu folgen; in weniger als einer Stunde ſteuerten ſie mit ihrer vollſten Segelkraft hinter uns her. Wäre nicht die 2 263 S⸗⸗ Nacht angebrochen, ſo würden Williams Worte in Erfüllung ge⸗ gangen ſein; ſie hätten uns gewiß gefragt, was wir hier mach⸗ ten; denn wir fanden, daß das vordere Schiff uns überſegelte, beſonders bei einem Gang. Wir wichen ihnen zwar immer windwärts aus; da ſie uns aber in der Dunkelheit aus dem Geſichte kamen, ſo beſchloſſen wir unſere Richtung zu ändern und geradezu in die offene See zu ſtechen; denn wir zweifelten nicht, daß wir ſie in der Nacht verlieren würden. Ob der portugieſiſche Commandant unſere Abſicht errieth oder nicht, kann ich nicht ſagen; aber Morgens, als das Tageslicht hereinbrach, hatten wir ihn keineswegs verloren, ſondern ſahen ihn etwa eine Seemeile hinter uns herjagen. Zu unſerer großen Freude erblickten wir indeß nur eines der beiden Schiffe; übrigens war dieß ein großes Schiff mit 46 Kanonen und ein ausgezeichneter Segler, wie ſchon daraus hervorging, daß es uns nachgekommen war; denn unſer Schiff ſegelte, wie bereits bemerkt, gleichfalls vor⸗ trefflich. Ich ſah nun leicht ein, daß hier nicht zu entkommen, ſondern ein Kampf unvermeidlich war, und da wir wußten, daß wir von dieſen Schuften von Portugieſen— einer Nation, vor der ich ohnehin eine natürliche Abneigung hatte — keine Gnade erwarten durften, ſo ließ ich den Capitän Wilmot wiſſen, wie die Sache ſtand. Der Capitän, krank wie er war, hinkte in die Cajüte herein und verlangte 2 264& auf das Verdeck geführt zu werden, um ſich mit eigenen Augen von der Sachlage zu überzeugen.„Gut,“ ſagte er, „wir wollen den Kampf beſtehen.“ Unſere ute waren ſchon zum Voraus ſo beherzt, als man ſichs nur wünſchen konnte; als ſie aber den Capitän, der ſeit zehn oder eilf Tagen an einem hitzigen klimatiſchen Fieber darnieder gelegen, wieder einigermaßen munter ſahen, ſo verdoppelte dieß ihren Muth, und ſie legten raſch Hand an, um ſich ſchlagfertig zu machen. William, der Quäcker, kam mit einer Art Lächeln zu mir und ſagte:„Freund, warum verfolgt uns wohl das Schiff dort?«—„Warum?“ entgegnete ich;„ohne Zweifel, weil es mit uns ſechten will.“ —„Gut,“ verſetzte er;„und was meinſt Du? wird es uns wohl angreifen?«—„Ja,“ ſagte ich;„Du ſiehſt, daß dieß ſeine Abſicht iſt.“—„Warum denn, Freund,“ entgeg⸗ nete der trockene Burſche,„warum nimmſt Du denn noch immer Reißaus, da Du doch ſiehſt, daß es Dich einholen wird? Wird es wohl beſſer für uns ſein, weiter weg, als hier angegriffen zu werden?“—„Zum Henker,“ er⸗ wiederte ich,„was ſollten wir denn anders thun?“— „Was thun?“ rief er;„jedenfalls dem armen Kerl nicht mehr Mühe machen, als nothwendig iſt; wir wollen einmal auf ihn warten und hören, was er uns zu ſagen hat.“—„Er wird in Pulver und Blei mit uns ſprechen,“ meinte ich.— „Ganz gut,“ ſagte er;„wenn dieß ſeine Landesſprache iſt, 2 265 E⸗ ſo müſſen wir wohl dieſelbe mit ihm reden, nicht wahr? Oder wie ſollte er uns ſonſt verſtehen?«—„Sehr wohl William,“ ſagte ich;„ich verſtehe dich!“ Und der Capitän, ſo krank er war, rief:„William hat abermals Recht; eben ſo gut hier, als eine Meile weiter weg.“ Sofort gab er das Commandowort:„Das Schönfahrſegel aufgeholt. Wir wollen vor ihm die Segel kürzen.“ Demgemäß zogen wir die Segel zuſammen, und da wir den Portugieſen auf unſerer Leeſeite erwarteten, ſo brachten wir achtzehn von unſern Kanonen auf das Backbord, in der Abſicht, ihm mit einer vollen Lage warm zu machen. Er brauchte etwa noch eine halbe Stunde, um uns zu erreichen, und inzwiſchen luovten wir an, um ihm den Wind abzuge⸗ winnen, wodurch er genöthigt wurde, unter unſere Leeſeite zu laufen. Als wir ihn vor unſerer Windvierung hatten, gingen wir auf ihn los, während er fünf bis ſechs Kanonen auf uns abfeuerte. Man kann ſich denken, daß in der Zwiſchenzeit alle unſere Hände ſehr geſchäftig waren. Wir richteten das Steuer luvwärts, ließen die Leebraſſen des größten Maſtſegels gehen, legten es an den Maſt, und ſo fiel unſer Schiff quer in die Klüſe des portugieſiſchen. Sodann gaben wir ihm plötzlich eine volle Lage, ſetzten ihm von vorn und hinten zu und tödteten ihm eine große Menge Leute. Die Portugieſen waren, wie wir ſehen konnten, in der 2 266 SE⸗ größten Verwirrung, und da ſie unſere Abſicht nicht hatten bemerken können, ſo rannte ihr Bugſpriet gegen den vordern Theil unſerer großen Wand, ſo daß ſie ſich nicht leicht wieder losmachen konnten, und wir ſie auf dieſe Art feſthielten; der Feind konnte nicht mehr als zwei oder drei Kanonen und ſein Kleingewehrfeuer gegen uns brauchen, während wir unſere ganze Batterie gegen ihn ſpielen ließen. Mitten in der Hitze dieſes Gefechts, als ich eben auf dem Halbdeck ſehr beſchäftigt war, rief mir der Capitän, der uns nicht von der Seite kam, zu:„Was Teufels macht denn unſer Freund William dort? hat er auf dem Verdeck etwas zu thun?« Ich trat vorwärts und erblickte Freund William, wie ex mit zwei oder drei handfeſten Burſchen das Bugſpriet des Schiffes an unſern großen Maſt feſtband, damit ſie uns nicht entrinnen könnten; dabei zog er von Zeit zu Zeit eine Flaſche aus der Taſche und ließ ſeine Leute einen Schluck Branntwein nehmen, um ihnen neuen Muth zu machen. Die Kugeln ſausten ihm um die Ohren herum, wie man ſichs bei einem ſolchen Kampfe nur denken kann; denn die Portugieſen thaten ihr Möglichſtes und fochten ſehr wacker, da ſie ſich im Anfang ihrer Leute ganz ſicher glaubten und feſt auf ihre überlegene Macht vertrauten. William aber war ſo kaltblütig und ruhig in der Geſahr, als ſäße er bei einer Bowle Punſch, und ſorgte immer nur 2 267 G⸗ dafür, daß ein Schiff mit ſechsundvierzig Kanonen einem andern mit achtundzwanzig nicht entrinnen möchte. Das Gefecht war zu hitzig, um lange dauern zu können. Unſere Leute hielten ſich wacker; unſer Stückmeiſter, ein ſehr füchtiger Mann, jubelte laut auf, indem er einen ſolchen Kugelregen in das feindliche Schiff ergoß, daß die Portu⸗ gieſen anfingen, ihr Feuer einzuſtellen. Wir hatten mehrere ihrer Kanonen dadurch unbrauchbar gemacht, daß wir in ihr Vorderkaſtell ſchoſſen und ihnen, wie ſchon geſagt, von vorn und hinten zuſetzten. Da kam William zu mir und ſagte ſehr ruhig:„Was denkſt Du, Freund? Warum machſt Du Dei⸗ nem Nachbar keinen Beſuch, da Dir die Thüre offen ſteht?“ Ich verſtand ihn ſogleich; denn unſere Kanonen hatten ihren Rumpf dermaßen durchlöchert, daß wir zwei Stückpforten hineingeſchlagen hatten, und die Scheidewand des Sterns zertrümmert war, ſo daß ſie ſich nicht dahin zurückziehen konnten. Ich gab nun ſogleich Befehl zum Entern. Unſer zweiter Lieutenant drang mit etwa dreißig Mann in einem Nu in das Vorderkaſtell ein, der Hochbootsmann mit einigen weiteren folgte ihm. Sie hieben etwa fünſundzwanzig Mann, die ſich auf dem Verdeck befanden, zuſammen, warfen einige Granaten in den hintern Raum des Schiffes und drangen auch da ein, worauf der Portugieſe auf einmal um Quartier bat, und wir uns des Schiffes gänzlich bemeiſterten— wahr⸗ haftig gegen unſere Erwartung; denn wir hätten uns gern 268 S mit ihnen verglichen, wenn ſie uns in Ruhe gelaſſen hätten. Aber da wir gleich anfangs quer in ihre Klüſe geriethen und ſogleich ein ſchreckliches Feuer begannen, ohne ihnen Zeit zu laſſen, ihr Schiff in Bereitſchaft zu ſetzen, ſo waren ſie trotz ihrer ſechsundvierzig Kanonen nicht im Stande, dieſelben gehörig zu benützen; denn, wie ſchon geſagt, wir warfen ſie ſogleich von ihren Kanonen weg in das Vorder⸗ kaſtell und tödteten ihnen eine Menge Leute zwiſchen den Verdecken, ſo daß ſie, als wir eindrangen, kaum noch Leute genug hatten, um Fauſt gegen Fauſt auf ihrem Verdeck mit uns zu kämpfen. Die Freude und Ueberraſchung, die Portugieſen um Gnade rufen zu hören, und ihre Flagge niederlaſſen zu ſehen, wirkte ſo mächtig auf unſern Capitän, der durch ſein hitziges Fieber ſehr geſchwächt war, daß ſie ihm neues Leben gab. Die Natur ſiegte über die Krankheit, und das Fieber ließ noch in derſelben Nacht nach, ſo daß er in zwei oder drei Tagen ſich ſichtbar beſſer befand, allmählig wieder zu Kräften kam und im Stande war, bei allen wichtigen Angelegenheiten ſeine Befehle zu ertheilen. In etwa zehn Tagen war er vollkommen wieder hergeſtellt und konnte ſeinen Poſten wieder ausfüllen. Mittlerweile nahm ich Beſitz von dem portugieſiſchen Kriegsſchiffe, und Capitän Wilmot oder vielmehr ich ſelbſt machte mich vorläufig zum Capitän deſſelben. Ungefähr -5 269 S⸗ dreißig von ihren Matroſen, worunter einige Franzoſen und einige Genueſen waren, nahmen Dienſte bei uns, die übrigen ſetzten wir am andern Tag auf einer kleinen Inſel an der braſilianiſchen Küſte ans Land, bis auf einige Verwundete, die nicht fortgeſchafft werden konnten, und die wir daher an Bord behalten mußten; nachher jedoch hatten wir Gelegen⸗ heit, auf dem Cap ihrer los zu werden, wo wir ſie auf ihre eigene Bitte ans Land ſetzten. Capitän Wilmot wollte, ſobald das Schiff gewonnen, und die Gefangenen wohl verwahrt waren, wieder in den Fluß Janeiro fahren, da er nicht zweifelte, daß wir dort dem andern Kriegsſchiff begegnen würden, welches, da es uns nicht gefunden und ſeinen Kameraden verloren hatte, ſeiner Meinung nach umgekehrt ſein und durch das Schiff, das wir gewonnen hatten, zumal wenn wir portugieſiſche Farben trugen, leicht in unſere Hände gerathen müßte; unſere Mannſchaft war ebenfalls ganz dafür. Unſer Freund William aber gab uns beſſern Rath; er kam zu mir:„Freund,“ ſagte er,„ich höre, der Capitän will wieder in den Rio Janeiro ſegeln, in der Hoffnung, mit dem andern Schiff zuſammen zu treffen, welches geſtern Jagd auf Dich machte. Iſt es wahr, haſt Du dieß im Sinn?“ —„Allerdings, William,“ verſetzte ich;„warum denn nicht?«—„Je nun,“ ſagte er,„Du kannſt es thun, wenn Du willſt.“—„Das weiß ich ſelbſt, William,“ entgegnete = 270 e= ich;„aber der Capitän iſt ein Mann, der auf vernünftige Gründe eingehen wird; was haſt Du dagegen einzuwenden?“ —„Ei,“ ſagte William bedeutungsvoll;„ich möchte nur wiſſen, was eigentlich Dein Geſchäft und das Geſchäft all der Leute iſt, die Du bei Dir haſt? Nicht wahr, Geld zu gewinnen?“—„Ja, William, es iſt ſo, und zwar in unſerer ehrlichen Weiſe.“—„Und wollteſt Du,“ ſagte er,„lieber Geld ohne ein Gefecht haben oder ein Gefecht ohne Geld? Ich meine, was Du wählen würdeſt, wenn es Dir frei ſtände?“—„Natürlich das Erſtere,“ erwiederte ich.—„Was für einen großen Gewinn haſt Du an der Beute, die Du jetzt bekommen haſt, obgleich ſie Dich dreizehn von Deinen Leuten koſtete und noch obendrein allerhand beſchädigt wurde? Es iſt wahr, Du haſt das Schiff und einige Gefangene bekommen; aber Du würdeſt auf einem Kauffahrteiſchiff die doppelte Beute gemacht haben, ohne eine Spur von Gefecht; und wie kannſt Du wiſſen, wie zahlreich oder wohlgerüſtet die Mannſchaft auf dem andern Schiffe ſein mag, welchen Verluſt Du dabei erleiden wirſt und was Du gewinnſt, wenn Du Dich ſeiner bemeiſterſt? Ich dächte wahrhaftig, es wäre weit beſſer, wenn Du es in Ruhe ließeſt.“— „Das iſt wahr, William,“ verſetzte ich;„ich will dem Capitän Deine Meinung mittheilen, und Dir dann wieder ſeine Meinung ſagen.“ Sofort ging ich zum Capitän und trug ihm Williams 271&ᷣ Gründe vor. Der Capitän war ebenfalls der Meinung, daß das Fechten nur dann unſere Sache wäre, wenn wir es nimmer anders machen könnten, und daß wir mit ſo wenig Aufopferun⸗ gen als möglich Geld zu bekommen ſuchen müßten. Der Kampfplan wurde ſomit bei Seite gelegt, und wir fuhren wie⸗ der ſüdlich gegen den Laplatafluß, in der Hoffnung, in dieſer Gegend einige Beute zu gewinnen. Hauptſächlich hatten wir unſer Augenmerk auf einige ſpaniſche Schiffe von Buenos Ayres gerichtet, welche in der Regel ſehr reich an Silber ſind; mit einem einzigen ſolchen Raube wären wir recht wohl zufrieden geweſen. Wir ſegelten alſo beinahe einen Monat lang in der Breite von etwa 220 ſüdlich dorthin, ohne daß uns etwas aufſtieß, und nun begannen wir uns zu berathen, was wir zunächſt thun ſollten; denn wir waren noch zu keinem Ent⸗ ſchluß gelangt. Meine Meinung war immer, wir ſollten uns nach dem Cap der guten Hoffnung und von da nach Oſtindien wenden. Ich hatte einige hübſche Geſchichten vom Capitän Avery und den tauſend Wunderdingen, die er in Indien ausgeführt haben wollte, gehört; und weil er in der Bucht von Bengalen, wo er auch eine Frau nahm, welche des Großmoguls Tochter ſein ſollte und eine große Menge Iuwelen beſaß, eine bedeutende Beute gemacht hatte, ſo ging das Gerücht unter uns, er habe ein mit Diamanten beladenes Mogulsſchiff erbeutet, wie die dummen Matroſen ſich ausdrückten. 272 ˙ Ich hätte gern Freund Williams Rath darüber ver⸗ nommen, wohin wir uns jetzt wenden ſollten, aber er fertigte mich immer mit irgend einer quäckeriſchen Witzelei ab und ließ es ſich durchaus nicht angelegen ſein, uns eine Richtung anzugeben; ob es Gewiſſensſache bei ihm war, oder ob er die ſpäteren Folgen nicht auf ſich nehmen wollte, weiß ich nicht; wir mußten uns zuletzt ohne ihn entſchließen. Gleichwohl beriethen wir uns ziemlich lange und rich⸗ teten unſere Gedanken geraume Zeit auf den Laplatafluß. Zuletzt ſpähten wir windwärts ein Schiff aus und zwar eines, wie gewiß in dieſem Theile der Welt lange keines geſehen worden war. Es fürchtete ſich nicht vor uns; denn es ſegelte mit voller Rudermacht gerade auf uns zu, was indeß hauptſächlich dem Winde zuzuſchreiben war; denn wenn dieſer irgend gewechſelt hätte, ſo hätte es ſich nach demſelben richten müſſen. Ich überlaſſe es Jedem, der etwas von der Schiffkunſt verſteht, zu beurtheilen, was für eine Figur dieſes Schiff machte, als wir es zuerſt ſahen, und was wir von ihm denken konnten. Die Hauptmars⸗ ſtange war an Bord etwa ſechs Fuß über dem Eſelshaupt und fiel vorwärts, die Spitze des Bramſegelmaſtes hing in den vordern Wandtauen am Stag; an der Kreuzraa war zufällig etwas gewichen, die Kreuzbramſegelbraſſen, deren ſtehende Theile an die Wand des großen Marsſegels befeſtigt waren, drückten das Beſanmarsſegel, die Raa und Alles 2 273 S⸗⸗ herab, ſo daß über einen Theil der Schanze gleichſam eine Zeltdecke ausgebreitet war; das vordere Marsſegel war etwa an zwei Drittheilen von der Maſthöhe aufgehießt; aber die Schooten waren weg; die vordere Raa war auf das Vorderkaſtell herabgelaſſen, das Segel war locker, und ein Theil davon hing über Bord. Auf dieſe Art kam das Schiff mit dem Backsſtagswind auf uns zu. Mit Einem Wort, die Figur, welche es im Ganzen machte, war höchſt auffallend, ſogar für Leute, die ſich auf alle mögliche Erſcheinungen in der See verſtanden. Es hatte kein Boot, auch hingen keine Farben aus. Als wir ihm näher kamen, feuerten wir eine Kanone ab, um es aufmerkſam zu machen. Es nahm keine Notiz von derſelben oder von uns, ſondern ſteuerte, wie bisher, vorwärts. Wir feuerten abermals, aber wieder ohne Erfolg. Endlich kamen wir auf Piſtolenſchußweite an einander, aber Niemand antwortete oder zeigte ſich; wir dachten nun, es ſei vielleicht ein geſtrandetes Schiff, das von der Mannſchaft verlaſſen und von der hohen Fluth weiter in die See getrieben wäre. Als wir näher kamen, fuhren wir ſo dicht an ſeiner Seite hin, daß wir darin ein Geräuſch hören, und die Be⸗ wegung mehrerer Leute im Innern beobachten konnten. Auf dieſes hin bemannten wir zwei Boote mit wohl⸗ 3 bewaffneten Leuten und befahlen denſelben, ſich alsbald an das Schiff zu machen und von zwei verſchiedenen Seiten Singleton, I. 18 25 274 S her zu entern. Sobald ſie an die Seite des Schiffs kamen, zeigte ſich eine erſtaunliche Menge ſchwarzer Matroſen auf dem Verdeck, die unſern Leuten eine ſolche Angſt einjagten, daß das Boot, welches gerade entern wollte, plötzlich von ſeinem Vorhaben abſtand und keinen Angriff wagte; die Mannſchaft des andern Bootes aber, welche bereits geentert hatte, ſprang, da ſie die Leute vom erſten Boot zurück⸗ geſchlagen glaubte und das Schiff ſo voll ſah, ſämmtlich wieder ins Boot zurück und ſegelte davon, ohne zu wiſſen, was an der Sache war. Jetzt trafen wir Anſtalten, eine Salve auf das Schiff zu geben; aber unſer Freund William ſetzte uns abermals den Kopf zurecht; denn, wie es ſcheint, hatte er früher als wir errathen, was von der Sache zu denken war. Er näherte ſich mir:(denn mein Schiff war es, welches in ſo nahe Berührung mit dem fremden kam) „ Freund, ich bin der Meinung, Du habeſt hier Unrecht, und Deine Leute haben die Sache auch nicht recht angegriffen. Ich will Dir ſagen, wie Du dieſes Schiff nehmen kannſt, ohne von den Dingern da, welche man Kanonen nennt, Gebrauch zu machen.“—„Wie kann das ſein, William?“ ſagte ich.—„Ei,“ entgegnete er,„Du kannſt es mit Deinen Rudern bekommen. Du ſiehſt, daß ſie kein Steuer haben, und bemerkſt auch die Lage, in welcher ſie ſind; greife ſie mit Deinem Schiff auf der Leeſeite an und entere ſo von Deinem Schiff aus. Ich bin überzeugt, Du wirſt es ohne 275& Gefecht bekommen; denn dieſem Schiff muß irgend ein Un⸗ glück, das wir nicht kennen, zugeſtoßen ſein.“ Da die See ruhig war, und nur ein ſanfter Wind blies, ſo nahm ich ſeinen Rath an und machte mich an die Seite des Fahrzeugs. Unſere Leute drangen ſogleich auf demſelben ein, und wir fanden ein großes Schiff mit mehr als ſechs⸗ hundert Negern, Männern, Weibern, Knaben und Mädchen, aber nicht einen einzigen Chriſten oder weißen Menſchen an Bord. Bei dieſem Anblick ſchauderte ich zuſammen; denn ich dachte mir ſogleich, wie es auch theilweiſe der Fall war, daß dieſe Schwarzen ſich befreit, alle Weißen ermordert und ſie in die See geworfen hätten. Kaum hatte ich dieſe Anſicht gegen meine Mannſchaft ausgeſprochen, als der Gedanke daran ſie ſo wüthend machte, daß ich ſie kaum abhalten konnte, alle zuſammen in Stücke zu hauen. William beſchwichtigte ſie endlich mit vieler Ueberredungskunſt, indem er ihnen ſagte, dieß ſei weiter nichts anders, als was ſie ſelbſt in der Lage der Neger ebenfalls thun würden, wenn ſie könnten: man habe den Negern die größte Ungerechtigkeit zugefügt, indem man ſie ohne ihre Einwilligung als Sclaven verkaufte; das Geſetz der Natur habe ihnen dieß eingegeben; man ſolle ſie deßwegen nicht tödten; denn eine ſolche That wäre ein muthwilliger Mord.. Dieſe Zureden fanden Eingang bei ihnen und kühlten . 418* 276 G⸗ ihre erſte Hitze ab; ſie ſchlugen daher bloß zwanzig oder dreißig von ihnen nieder, und die übrigen alle rannten zwi⸗ ſchen die Verdecke an ihre erſten Plätze zurück, indem ſie wahrſcheinlich glaubten, wir ſeien ihre früheren Herren und wiedergekommen, um Rache an ihnen zu üben. Wir waren jetzt in der ſeltſamſten Verlegenheit; denn wir konnten ihnen kein Wort verſtändlich machen und eben ſo wenig ein Wort von ihnen verſtehen. Wir bemühten uns durch Zeichen zu fragen, woher ſie kämen; aber ſie konnten keines erwiedern. Wir deuteten auf die große Cajüte, auf die Hütte, auf die Küche, dann auf unſere Geſichter, um zu fragen, ob ſie keine weiße Menſchen an Bord hätten, und wohin dieſe gekom⸗ men wären; allein ſie konnten nicht verſtehen, was wir meinten. Ihrerſeits deuteten ſie auf unſer Boot und auf ihr Schiff, fragten ebenfalls, ſo gut ſie konnten, ſagten tauſend Dinge, und drückten ſich mit großer Ernſthaftigkeit aus; aber wir konnten kein Wort von allem verſtehen, noch begreifen, was ſie mit ihren Zeichen meinten. Das aber ſahen wir wohl, daß ſie als Sclaven an Bord genommen worden ſein mußten und zwar von irgend einer europäiſchen Mannſchaft. Wir konnten leicht ſehen, daß das Schiff urſprünglich in Holland gebaut worden war, aber viele Aenderungen erlitten hatte, und zwar wie wir glaubten, in Frankreich; denn wir fanden zwei oder drei franzöſiſche Bücher an Bord und nachher auch Kleider, 2 277 ˙ Leinwand, Schnüre, einige alte Schuhe und mehrere andere Sachen. Unter dem Mundvorrath fanden wir einige Tonnen iriſches Ochſenfleiſch, einige Neufundländerfiſche und mehrere andere Beweiſe, daß Europäer an Bord geweſen ſein muß⸗ ten; aber von ihnen ſelbſt konnten wir nirgends einen ent⸗ decken. Auch fanden wir kein einziges Schwert, kein Gewehr, keine Piſtole oder ſonſt eine Waffe außer einigen Stutz⸗ ſäbeln; die Neger hatten ſie unter ihrem Lager verborgen. Wir fragten ſie, was aus all den kleinen Waffen geworden ſei, indem wir auf unſere eigenen deuteten und auf die Plätze, wo die dem Schiff angehörenden gehangen haben mußten. Einer der Neger verſtand mich ſogleich und winkte mir auf das Verdeck zu kommen, wo er nach meiner Flinte griff, die ich, nachdem wir uns des Schiffes bemeiſtert, nicht aus der Hand gelaſſen hatte, und eine Bewegung machte, als wollte er ſie in die See ſchleudern, woraus ich ſchloß, daß ſie ſämmtliche Waffen, Pulver, Geſchütze, Schwerdter u. ſ. w. über Bord geworfen hatten, ohne Zweifel in der Meinung, dieſe Dinge würden ſie tödten, wenn die Leute auch nicht mehr da wären. Nun zweifelten wir nicht mehr daran, daß die Mann⸗ ſchaft des Schiffes, von dieſen verzweifelten Schuften über⸗ fallen, denſelben Weg gegangen und ebenfalls über Bord geworfen worden war. Wir durchſuchten das ganze Schifſ⸗ ob wir Blut finden könnten, und glaubten auch wirklich an 2 278 G⸗ mehreren Stellen welches zu bemerken, aber die Sommerhitze, welche das Pech und den Theer auf den Verdecken ſchmelzte, machte es uns unmöglich, daſſelbe genau zu erkennen, ausge⸗ nommen in der Hütte, wo wir deutlich ſahen, daß viel Blut gefloſſen war. Wir fanden die große Lucke offen und ſchloſſen daraus, daß ſich der Capitän und ſeine Leute in die große Cajüte zurückgezogen, oder die in der Cajüte ſich in die Hütte geflüchtet hätten. Was uns aber am meiſten über das Vorgefallene Ge⸗ wißheit verſchaffte, war, daß wir bei weiteren Nachforſchungen ſieben oder acht von den Negern ſchwer verwundet fanden und zwar zwei oder drei von ihnen durch Schießwaffen; einem davon war das Bein zerſchmettert, und er lag in einem elenden Zuſtande, da ſein Fleiſch bereits brandig war. Unſer Freund William ſagte, ohne Hülfe würde er in zwei Tagen geſtorben ſein. William war ein äußerſt geſchickter Wundarzt und bewies es bei dieſer Kur; denn obgleich ſämmtliche Wundärzte auf unſern beiden Schiffen, (und wir hatten ihrer nicht weniger als fünf, welche ſich ſtudirte Chirurgen nannten, und überdieß zwei oder drei ſogenannte Gehülfen), obgleich alle dieſe ihre Meinung dahin abgaben, dem Neger müſſe ſein Bein abgenommen werden, ſonſt ſei er unrettbar verloren, der Brand habe bereits das Mark im Beine angegriffen, die Sehnen ſeien brandig, und er könne ſein Bein jedenfalls nie mehr gebrauchen, 5 279 S⸗ wenn es auch eurirt würde, ſo ſagte William, er habe eine andere Anſicht von der Sache, man ſolle die Wunde einmal genau unterſuchen, und dann werde er ſich weiter darüber ausſprechen. Sofort machte er ſich ſogleich an das Bein und da er den Wunſch ausdrückte, einige von den Chirurgen möchten ihm dabei behülflich ſein, ſo bezeich⸗ neten wir ihm zwei von den Geſchickteſten, um ihm zu helfen, während wir die übrigen anwieſen, zuzuſehen. William ging nach ſeiner eigenen Methode zu Werk, und einige ſeiner Collegen wollten dieſelbe anfangs fehler⸗ haft finden. Er ließ ſich indeß nicht ſtören und unter ſuchte genau alle Theile des Beines, wo ſeiner Vermuthung nach der Brand angefangen haben konnte; er ſchnitt viel von dem brandigen Fleiſche ab, wobei der arme Burſche keine Schmerzen empfand. William fuhr in ſeinem Geſchäfte fort, bis Blut floß, und der Schwarze einen lauten Schrei that; ſodann nahm er die Splitter aus dem Beine heraus, richtete es mit Hülfe eines andern Wundarztes ein, verband es und legte den Kranken, der ſich um ein Gutes erleichtert fühlte, zur Ruhe. Bei der Abnahme des erſten Verbandes begannen die Chirurgen zu triumphiren; der Brand ſchien um ſich zu greifen, und ein langer rothunterlaufener Streifen zeigte ſich von der Wunde aufwärts bis an den mittleren Theil des Schenkels, ſo daß die Chirurgen zu mir ſagten, der Mann 2 280—, werde in wenigen Stunden ſterben. Ich ging hin, es zu ſehen, und fand William ſelbſt ein wenig überraſcht. Als ich ihn aber fragte, wie lang der arme Kerl ſeiner Anſicht nach noch zu leben hätte, blickte er mich ernſthaft an und ſagte:„So lange als Du ſelbſt; ich fürchte durchaus nichts für ſein Leben, aber ich möchte ihn gern curiren, ohne einen Krippel aus ihm zu machen.“ Er war im Augenblick nicht mit der Behandlung des Beines beſchäftigt, ſondern bereitete etwas zum Einnehmen für den armen Menſchen, ohne Zweifel um weiterem Umſichgreifen vorzubeugen, und fieberiſche Zufälle, welche ſich im Blute einſtellen könnten, zu ſchwächen oder zu verhindern; ſodann ging er wieder ans Werk, öffnete den Schenkel an zwei Stellen über der Wunde, ſchnitt eine Menge brandiges Fleiſch aus, das, wie es ſcheint, durch den allzufeſten Verband ſo geworden war. Da das ausgetrocknete Blut eben jetzt mehr als gewöhnlich Anlage zum Brandig⸗ werden hatte, ſo ſuchte er es zu zertheilen. Kurz, unſer Freund William überwand alle dieſe Uebel⸗ ſtände und beſeitigte den um ſich greifenden Brand, ſo daß der rothe Streif wieder verſchwand, und das Fleiſch geſunden Eiter zu bilden begann. In wenigen Tagen ſammelten ſich die Lebensgeiſter des Mannes wieder, ſein Puls ſchlug regelmäßig, er hatte kein Fieber mehr, wurde mit jedem Tage kräftiger, und in etwa zehn Wochen war er wieder — 281& vollkommen geſund, wir behielten ihn bei uns und machten ihn zu einem tüchtigen Matroſen. Um abex auf das Schiff zurückzukommen, ſo konnten wir keine ſichere Kunde darüber erhalten, bis einige von den Negern, die wir an Bord hatten, und die wir Engliſch ſprechen lehrten, uns ſpäter im Allgemeinen Auskunft über die Sache gaben, während uns der Verwundete ſeiner Zeit die Umſtände im Einzelnen berichtete. Wir fragten mit allen uns erdenklichen Zeichen und Be⸗ wegungen, was aus der Mannſchaft geworden ſei, konnten aber ſchlechterdings nichts von ihnen herausbringen. Unſer zweiter Lieutenant war der Anſicht, man ſollte ihnen durch die Folter ein Geſtändniß abzwingen, aber William ſetzte ſich mit vieler Heftigkeit dagegen, und als er hörte, daß dieß der Gegenſtand der Berathung ſei, kam er zu mir. „Freund,“ ſagte er,„ich erſuche Dich, daß Du keinen von dieſen armen Wichten auf die Folter ſpannen läſſeſt.“— „Warum nicht, William?“ fragte ich.„Du ſiehſt, daß ſie keine Auskunft darüber geben wollen, was aus den Weißen geworden iſt.“—„Nicht doch,“ entgegnete William;„ſprich nicht ſo. Ich denke, ſie haben Dir genaue Auskunft über alle Einzelnheiten gegeben.“—„Wie ſo?“ ſagte ich.„Sind wir denn durch all' ihr Geſchnatter um ein Haar klüger ge⸗ worden?“—„Nein,“ ſagte William;„aber das iſt, wenn ich die Sache recht bedenke, Dein Fehler. Du wirſt doch die 5 282 Se armen Leute nicht dafür ſtrafen wollen, daß ſie nicht Engliſch ſprechen können; vielleicht haben ſie in ihrem ganzen Leben noch kein engliſches Wort gehört. Ich bin alſo des feſten Glaubens, daß ſie Dir einen ausführlichen Bericht über alles gegeben haben; denn Du weißt, mit welcher Ernſthaftigkeit und wie lange einige von ihnen zu Dir geſprochen haben; wenn Du ihre Sprache nicht verſtehſt, und ſie die Deinige nicht, wie können ſie es anders machen? Du vermutheſt bloß, daß ſie Dir nicht die ganze Wahrheit mittheilten; ich aber glaube, ſie haben es gethan, und wie willſt Du die Frage entſcheiden, ob Du Recht haſt oder ob ich Recht habe? Ueberdieß, was können ſie Dir ſagen, wenn Du ihnen auf der Folter eine Frage vorlegſt, und ſie dieſelbe nicht verſtehen. Ja, kannſt Du überhaupt nur wiſſen, ob ſie Ja oder Nein ſagen.“ Ich will meine Mäßigung nicht rühmen, wenn ich be⸗ merke, daß ich mich durch dieſe Gründe überführen ließ. Gleichwohl hatten wir viel zu thun, um unſern Lieutenant zurückzuhalten, der dennoch einige von ihnen ermorden wollte, um die andern zum Sprechen zu bringen. Was ſie auch ſagten, er verſtand kein Wort davon, aber er wollte ſich den Glauben nicht nehmen laſſen, daß die Neger ihn noth⸗ wendig verſtehen müßten, wenn er ſie fragte, ob das Schiff, wie das unſrige, ein Boot gehabt hätte, oder nicht, und was aus demſelben geworden wäre. 283 So⸗ Es blieb nun einmal kein anderes Mittel, als in Ge⸗ duld zu warten, bis wir dieſe Leute im Engliſchen unter⸗ richtet hatten. Die Sache verhielt ſich ſo. Wo ſie an Bord des Schiffes genommen wurden, konnten wir nicht erfahren, weil ſie die engliſchen Namen, welche wir dieſen Küſten gegeben hatten, nicht wußten, und eben ſo wenig konnten wir herausbringen, welcher Nation das Schiff gehört hatte, weil ſie keine europäiſche Sprache von der andern zu unter⸗ ſcheiden vermochten; ſo viel aber der Neger, den ich ins Verhör nahm, derſelbe, deſſen Bein William curirt hatte, uns ſagte, ſo redeten ſie nicht dieſelbe Sprache, wie wir, und auch nicht diejenige, welche unſere Portugieſen ſprachen, es waren alſo aller Wahrſcheinlichkeit nach Franzoſen oder Holländer geweſen. Der Inhalt ſeiner weiteren Erzählung war der Haupt⸗ ſache nach folgender. Die weißen Männer gingen barbariſch mit den Negern um und ſchlugen ſie unbarmherzig. Einer von den Negern hatte ein Weib, zwei Neger Kinder und einer eine Tochter von etwa ſechszehn Jahren; ein Weißer mißbrauchte des Negers Weib und nachher das Mädchen, was alle Neger raſend machte. Beſonders war der Mann des Weibes in großer Wuth; darüber wurde der Weiße ſo ergrimmt, daß er drohte, ihn umzubringen; aber in der Nacht machte ſich der Neger los, nahm ein Brecheiſen zur Hand, und als der nämliche Franzoſe— wenn es nämlich 284 E⸗ ein Franzoſe war— ſein Weib wiederum mißhandeln wollte, ſchlug ihm der Schwarze mit dem Brecheiſen das Hirn aus dem Kopfe; darauf nahm er ihm den Schlüſſel ab, mit welchem er gewöhnlich die Handſchellen aufgeſchloſſen hatte, womit die Neger gefeſſelt waren, und ſetzte etwa hundert von ihnen in Freiheit. Dieſe gingen hierauf durch dieſelbe Lucke, durch welche der Weiße zu ihnen hereingekommen war, auf das Ver⸗ deck, nahmen den Hirſchfänger des getödteten Mannes, ſo wie andere Waffen, die in der Nähe waren, und fielen über die Männer anf dem Verdeck her, tödteten ſie alle, und nachher auch diejenigen, welche ſie auf dem Vorderkaſtell fanden. Der Capitän und ſeine anderen Leute, welche ſich in der Cajüte und der Hütte befanden, vertheidigten ſich mit großem Muthe, und ſchoſſen aus den Oeffnungen auf ſie, wodurch der Erzähler und mehrere andere Neger verwundet wurden; endlich aber drangen ſie nach langem Streit in die Hütte ein und ſtreckten zwei von den Weißen nieder, die am Eingang ſtanden, aber eilf von den Negern tödteten, ehe dieſe einbrechen konnten; ſodann zogen ſich die Uebrigen durch die Lucke in die große Cajüte zurück, wobei noch drei weitere Neger verwundet wurden. Nach dieſem rettete ſich der Geſchützmeiſter in die Pulver⸗ kammer, einer von ſeinen Leuten holte das große Boot am Hintertheil des Schiffes herbei und legte alle Waffen nebſt dem Geſchütz, welches ſie bekommen konnten, hinein, dann 2 285 Se ſtiegen alle in das Boot und holten hierauf den Capitän und diejenigen, die bei ihm waren, aus der großen Cajüte in daſſelbe hinein. Als ſie ſo alle eingeſchifft waren, beſchloſſen ſie, das Schiff aufs Neue anzugreifen, um es wieder in ihre Hände zu bringen. Sie kamen mit verzweifeltem Muthe heran und tödteten zuerſt alles, was im Wege ſtand, aber inzwiſchen waren die Neger alle los geworden, hatten ſich einiger Waffen bemächtigt, und obgleich ſie nichts von Pulver oder Kugeln oder Kanonen verſtanden, ſo konnten doch die Weißen ſie nicht mehr bemeiſtern. Gleichwohl legten ſie ſich unter den Bogen des Schiffes und holten alle Männer heraus, welche in der Küche geblieben waren, ſich dort trotz der größten Anſtrengungen der Neger behauptet und mit ihren kleinen Waffen zwiſchen dreißig und vierzig Neger getödtet hatten, am Ende aber ſich doch gezwungen ſahen, ſie zu verlaſſen. Sie konnten uns keine Auskunft geben, in welcher Ge⸗ gend dieß vorgefallen war, ob in der Nähe der Küſte Afrika's oder fern davon, oder wie lange vorher es geſchah, ehe das Schiff in unſere Hände fiel; ſie wußten nur im All⸗ gemeinen, es ſei eine große Zeit her, wie ſie ſich ausdrückten, und nach allem, was wir in Erfahrung bringen konnten, waren es zwei oder drei Tage, nachdem ſie von der Küſte abgeſegelt waren. Sie ſagten uns, ſie haben etwa zwanzig von den weißen Männern getödtet, indem ſie dieſelben mit 286 S⸗ Knitteln, Brecheiſen und andern ſolchen Dingen, welche ſie bekommen konnten, auf den Kopf geſchlagen; ein ſtarker Neger habe drei von ihnen mit einer eiſernen Stange umgebracht, nachdem er zweimal durch den Leib geſchoſſen worden ſei; nachher aber ſei er von dem Capitän ſelbſt an der Thüre der Hütte, die er mit dem Brecheiſen aufgeſprengt, durch den Kopf geſchoſſen worden, woher vermuthlich das viele Blut gekommen war, das wir daſelbſt geſehen hatten. Derſelbe Neger erzählte uns, daß ſie alles Pulver und alle Geſchütze, welche ſie auffinden konnten, in die See ge⸗ worfen und gern auch mit den großen Kanonen ein Gleiches gethan hätten, wenn ſie dieſelben hätten wegheben können. Auf die Frage, wie es gekommen ſei, daß ſich ihre Segel in einem ſolchen Zuſtande befunden, war ſeine Antwort, ſie hätten es nicht verſtanden; ſie wüßten nicht, was die Segel thun; d. h. ſie wußten nicht einmal, daß die Segel es waren, welche das Schiff gehen machten. Als wir ihn fragten, wohin ſie gewollt, ſagte er, ſie hätten es nicht gewußt, ſondern wären eben der Meinung geweſen, ſie würden wieder in ihr eigenes Land zurückkommen. Ich fragte ihn namentlich auch, für wen er uns gehalten habe, als wir zum Erſtenmal in ihre Nähe gekommen: er ſagte, ſie ſeien fürchterlich erſchrocken; denn ſie haben geglaubt, wir ſeien dieſelben weißen Männer, die auf ihren Booten davon 9 287 So⸗⸗ gegangen, und ſeien wieder in einem großen Schiff gekom⸗ men ſammt den zwei Booten; deßhalb haben ſie erwartet, wir würden ſie alle zuſammen umbringen. Dieß war der Bericht, den wir von ihnen bekamen, nachdem wir ſie gelehrt hatten, engliſch zu ſprechen und die Namen und den Gebrauch der zum Schiff gehörenden Dinge, von denen oft geredet wurde, zu verſtehen. Daß die Neger uns die Wahrheit ſagten, konnten wir daraus ſchließen, daß ſie alle in den Einzelnheiten übereinſtimmten und immer bei derſelben Geſchichte blieben. Dreizehntes Kapitel. William macht eine Handelsreiſe mit den Negern und verkauft ſie alle vortheilhaft.— Auf der Höhe vom Cap der guten Hoffnung ſtößt eine wohlbemannte engliſche Schaluppe zu uns.— Auskunft über dieſelbe.— Es werden verſchiedene Priſen gemacht. Nachdem wir dieſes Schiff erbeutet hatten, war unſere erſte Verlegenheit, was wir mit den Negern beginnen ſollten. Die Portugieſen in Braſilien würden ſie uns alle abge⸗ kauft haben und mit dem Handel wohl zufrieden geweſen ſein, wenn wir uns dort nicht als Feinde gezeigt hätten und nicht als Seeräuber bekannt geweſen wären; aber wie die Sachen ſtanden, durften wir es nicht wagen, in dieſer Gegend irgendwo ans Land zu gehen oder mit einem der Pflanzer zu unterhandeln, weil wir das ganze Land gegen uns aufgeregt hatten. Wären Kriegsſchiffe in einem dorti⸗ gen Hafen geweſen, ſo hätten wir darauf rechnen dürfen, von ihnen und von der ganzen ſchlagfertigen Land⸗ oder Seemacht angegriffen zu werden. Eben ſo wenig konnten wir einen beſſern Erfolg hoffen, wenn wir uns nördlich nach unſern Pflanzungen wandten. — 2——»„ te 289 S⸗ Einen Augenblick beſchloſſen wir, ſie Alle nach Buenos Ayres zu führen und dort an die Spanier zu verkaufen; aber es waren wirklich zu viele, als daß wir dort alle hätten unter⸗ bringen können, und ſie auf der Südſee herumzuführen, was das einzige Mittel war, das uns übrig blieb, koſtete ſo viel Zeit, daß wir nicht im Stande geweſen wären, ſie auf einer ſo langen Reiſe zu unterhalten. Endlich half uns unſer alter, nie verlegener Freund William abermals, wie er uns ſchon oft aus ſchweren Nöthen geholfen hatte. Sein Vorſchlag war, er ſelbſt wolle mit etwa zwanzig der zuverläſſigſten Leute als Schiffsherr fortgehen und die Schwarzen auf der braſilianiſchen Küſte unter der Hand an die Pflanzer zu verkaufen ſuchen, jedoch nicht in den Haupthäfen, weil es dort nicht geſtattet worden wäre. Wir ſtimmten Alle bei und beſchloſſen, uns gegen den Laplatafluß zu wenden, wohin wir ſchon vorher hatten ſegeln wollen, ihn jedoch nicht dort, ſondern in Port St. Pedro zu erwarten(wie die Spanier dieſen Hafen nennen), welcher an der Mündung des Fluſſes liegt, dem ſie den Namen Rio Grande geben, und wo die Spanier eine kleine Feſtung mit wenig Leuten hatten, während wir glaubten, er wäre gar nicht beſetzt. 1 3 Hier nahmen wir unſern Poſten und kreuzten hin und her, um zu ſehen, ob wir vielleicht Schiffen begegnen könn⸗ ten, welche nach Buenos Ayres oder dem Laplatafluß gingen Sin8gleton, I. 19 290 SE⸗ oder davon herkämen; allein es ſtieß uns nichts Bemerkens⸗ werthes auf. Gleichwohl beſchäftigten wir uns mit Dingen, die für eine größere Seereiſe nothwendig ſind; denn wir füllten alle unſere Waſſertonnen und verſchafften uns Fiſche für unſern gegenwärtigen Gebrauch, um die Schiffsvor⸗ räthe ſo viel als möglich zu ſchonen. Mittlerweile begab ſich William nach dem Norden und landete am Vorgebirge St. Thomas. Zwiſchen dieſem und den Tuberoniſchen Inſeln fand er Gelegenheit, alle ſeine Neger, ſowohl Männer als Weiber, zu ſehr guten Preiſen zu verkaufen; denn William, der ziemlich gut Portugieſiſch ſprach, erzählte ihnen eine recht hübſche Geſchichte, wie das Schiff ſchlecht mit Lebensmitteln verſehen und ſie bedeutend von ihrer Bahn und der ihnen bekannten Straße verſchla⸗ gen worden wären, und daß ſie ſich jetzt nördlich nach Jamaika wenden oder hier auf der Küſte ihre Sklaven verkaufen müßten. Dieß war eine recht wahrſcheinliche Erzählung, die auch leicht Glauben fand, und wenn man die Art, wie die Neger ſegelten, und das, was ihnen auf ihrer Fahrt begegnete, in Betracht zieht, ſo war auch jedes Wort daran wahr. Auf dieſe Art, und weil Niemand ihm widerſprach, galt William für das, was er eigentlich war, nämlich für einen ganz ehrlichen Burſchen, und mit Hülfe eines Pflan⸗ zers, der zu ſeinen Nachbarn ſchickte und den Verkauf unter ihnen beſorgte, machte er ſchnell einen guten Markt; denn 2 291& in weniger als fünf Wochen verkaufte William alle ſeine Neger und zuletzt das Schiff ſelbſt und ſchiffte ſich mit ſeinen 20 Mann und 2 Negerknaben, die er noch übrig hatte, in einer der Schaluppen ein, auf welchen die Pflanzer nach den Negern an Bord zu ſchicken gepflegt hatten. Mit dieſer Schaluppe ſegelte Capitän William, wie wir ihn damals nannten, ab und traf uns in Port St. Pedro in der Breite von 32⁰° 30 ſüdlich. 4 Nichts war uns überraſchender, als eine Schaluppe mit den portugieſiſchen Farben längs der Küſte daher fahren und gerade auf uns zuſteuern zu ſehen, nachdem wir ver⸗ ſichert waren, daß ſie unſere beiden Schiffe entdeckt hatte. Wir feuerten, als ſie näher kam, eine Kanone ab, um ſie zum Ankern zu veranlaſſen, allein ſie begrüßte uns ſogleich mit fünf Kanonenſchüſſen und ließ ihre engliſche große Flagge wehen. Nun begannen wir zu errathen, daß es Freund William war, wunderten uns aber, wie er zu einer Schaluppe gekommen ſein ſollte, da wir ihn in einem Schiffe von etwa 500 Tonnen abgeſandt hatten. Allein er erzählte uns bald ſein ganzes Geſchäft, womit wir alle Urſache hatten, ſehr wohl zufrieden zu ſein. Sobald er mit der Schaluppe geankert hatte, kam er an Bord meines Schiffes und ſtattete uns Bericht ab, wie er mit Hülfe eines por⸗ tugieſiſchen Pflanzers, der in der Nähe der See wohne, ſeinen Handel begonnen habe; wie er ſofort ans Land 49* —d 292 S& gegangen ſei bis zum erſten Haus, das er ſehen konnte, und den Bewohner deſſelben erſucht habe, einige Schweine an ihn zu verkaufen, wobei er anfangs vorgegeben, er habe ſich bloß deßwegen an der Küſte aufgehalten, um friſches Waſſer einzunehmen und einige Lebensmittel zu kaufen. Hierauf habe der Mann nicht bloß ſieben fette Schweine an ihn verkauft, ſondern ihn auch zu ſich geladen und ihm ſammt den fünf Mann, die er bei ſich gehabt, ein recht gutes Mahl vorgeſetzt; er habe dagegen den Pflanzer an Bord ſeines Schiffs eingeladen und ihm zum Dank für ſeine Freundſchaftlichkeit ein Negermädchen für ſeine Frau geſchenkt.— Der Pflanzer war darüber ſo erfreut, daß er ihm am andern Morgen in einem großen Packetboot eine Kuh und zwei Schafe nebſt einer Küſte Confekt, einigen Zucker und einem großen Sack Taback an Bord ſchickte und Capitän William einlud, abermals ans Land zu kommen. Darauf folgte eine gegenſeitige Gefälligkeit auf die andere; ſie fingen an, vom Handel um einige Neger zu ſprechen, und William ließ ſich unter dem Vorgeben, daß er ihm gern einen Dienſt erweiſen wolle, geneigt finden, dreißig Neger zu ſeinem Privatgebrauch auf ſeiner Pflanzung an ihn zu verkaufen, wofür er ihm fünfunddreißig Moidores für den Kopf baar ausbezahlte. Der Pflanzer mußte übrigens bei der Landung derſelben ſehr vorſichtig zu Werke gehen, zu welchem Zweck 293 Se⸗ er William veranlaßte, wieder in die See zu ſtechen und dann etwa fünfzig Meilen weiter nördlich abermals zu lan⸗ den, wo er in einer kleinen Bucht und auf einer andern Pflanzung, die einem, wie es ſcheint, zuverläſſigen Freunde von ihm gehörte, die Neger in Empfang nahm. Dieſes Geſchäft brachte William in ein noch freund⸗ ſchaftlicheres Verhältniß, nicht bloß zu dem erſten Pflanzer, ſondern auch zu ſeinen Freunden, die ebenfalls einige Neger zu bekommen wünſchten. Sie kauften, Einer nach dem Andern, ſo viele, daß ein ſehr reicher Pflanzer allein hun⸗ dert Neger nahm— den ganzen Reſt, den William noch hatte, und den der Käufer mit einem andern Pflanzer theilte. Ein Dritter kaufte William das Schiff ſammt allem Zugehör ab und gab ihm dagegen eine ſehr hübſche, große, gutge⸗ baute Schaluppe von etwa ſechzig Tonnen, ſehr gut aus⸗ gerüſtet und mit ſechs Kanonen; ſpäter brachten wir zwölf Kanonen auf derſelben an. Außer der Schaluppe erhielt William für ſein Schiff dreihundert Moidores in Gold, und für dieſe Summe verſah er die Schaluppe mit ſo viel Mund⸗ vorrath, als ſie faſſen konnte, beſonders mit Brod, Schweine⸗ fleiſch und etwa ſechzig lebendigen Schweinen. Unter An⸗ derem kaufte William achtzig Tonnen gutes Schießpulver, was uns ſehr erwünſcht war, und die Vorräthe, die ſich noch in dem franzöſiſchen Schiff befanden, nahm er eben⸗ falls mit. 3o 294 S⸗ Dieß war eine ſehr angenehme Kunde für uns, na⸗ mentlich als wir ſahen, daß William an geprägtem oder gewogenem Gold und einigem ſpaniſchem Silber ſechzig tauſend ſpaniſche Piaſter bekommen hatte und außerdem eine neue Schaluppe nebſt einer bedeutenden Menge Mund⸗ vorrath. Wir waren mit der Schaluppe überaus wohl zufrieden und begannen, uns zu berathen, was wir thun ſollten, und ob es nicht das Beſte wäre, unſer großes portugieſiſches Schiff wegzuſchicken und uns auf unſer erſtes Schiff und die Schaluppe zu beſchränken, zumal da wir kaum Mann⸗ ſchaft genug für alle drei hatten, und das größte Schiff für unſer Geſchäft zu groß erachtet wurde; indeß beſchleunigte ein anderer Streit, der jetzt entſchieden war, die Entſchei⸗ dung des erſtern. Es handelte ſich nämlich um die Frage, wohin wir gehen ſollten. Mein Kamerad, wie ich ihn jetzt nannte, nämlich mein Capitän vor der Erbeutung des por⸗ tugieſiſchen Kriegsſchiffes, meinte, wir ſollten uns in die Südſee wenden und auf der weſtlichen Seite von Amerika, wo wir unfehlbar den Spaniern mehrere gute Beuten abjagen könnten, an der Küſte hinfahren; möglicherweiſe könnten wir dann durch die Südſee nach Oſtindien zurückfahren und ſo die Welt umſchiffen, wie Andere vor uns gethan. Aber in meinem Kopf war ein anderer Plan gewachſen. Ich war in Oſtindien geweſen und hatte ſeither immer die 2 295 ⸗ Meinung, wenn wir dorthin ſegelten, müßten wir unfehlbar gute Geſchäfte machen, auch hätten wir eine ſichere Zufluchts⸗ ſtätte und könnten unſer Schiff bei meinen alten Freunden, den Einwohnern von Zanguebar auf der Küſte von Mozam⸗ bique oder der Inſel St. Lorenzo mit gutem Ochſenfleiſch verſehen. Ich ſage, meine Gedanken hatten dieſe Richtung genommen, und ich ſchwatzte ihnen ſo viel von den Vor⸗ theilen vor, die ſich bei ihrer Stärke gewiß von den Fängen erringen ließen, die ſie im Golf von Mocha, im rothen Meer und auf den Küſten von Malabar oder in der Bucht von Bengalen machen müßten, daß ich ſie in große Ver⸗ wunderung ſetzte. Mit dieſen Gründen ſetzte ich meine Meinung durch. Wir beſchloſſen einſtimmig, ſüdöſtlich nach dem Cap der guten Hoffnung zu ſteuern, und in Folge dieſes Beſchluſſes wurde auch ausgemacht, die Schaluppe zu behalten und mit allen drei Fahrzeugen fortzuſegeln; denn auf meine Ver⸗ ſicherung hin zweifelte Niemand daran, daß wir dort Leute finden würden, um unſere Zahl zu ergänzen; wo nicht, ſo könnten wir ja eines der Fahrzeuge abgeben, ſobald wir wollten.— Wir konnten nicht weniger thun, als unſern Freund William zum Capitän der Schaluppe machen, die er uns durch ſeine guten Handelsgeſchäfte zugeführt hatte. Er ſagte uns jedoch, wiewohl mit ſehr vieler Artigkeit, er werde das 2 296 So⸗ Commando nicht übernehmen, aber wenn wir ihm das Fahrzeug für ſeinen Antheil an dem Guineaſchiff geben wollten, zu welchem wir ſo ehrlich gekommen, ſo würde er uns auf unſern Befehl als Proviantmeiſter Geſellſchaft leiſten, ſo lange er unter derſelben Macht ſtände, die ihn wegge⸗ nommen habe. Wir willigten ein und gaben ihm die Schaluppe, aber unter der Bedingung, daß er nicht von uns gehen und durch⸗ aus unter Commando ſtehen ſollte. Inzwiſchen war William nicht mehr ſo munter wie zuvor, und als wir nachher die Schaluppe und einen recht durchtriebenen Piraten für ſie brauchten, um Einkäufe zu beſorgen, ſo ſehnte ich mich ſo ſehr nach William, daß ich nicht länger ohne ihn bleiben wollte; denn er war bei allen Gelegenheiten mein Privatrathgeber und Begleiter geweſen. Ich ſchickte daher einen Schotten, einen kühnen, unternehmenden Burſchen, Namens Gordon, auf die Schaluppe und gab ihm zwölf Kanonen nebſt vier weiteren Matroſen, obgleich es uns an Mannſchaft fehlte; denn keines von unſeren Schiffen war im Verhältniß zu ſeiner Größe gehörig bemannt. Wir ſegelten im Anfang des Oktobers 1706 nach dem Cap der guten Hoffnung und kamen am 12. November, nachdem wir viel ſchlechte Witterung gehabt, in die Sehweite deſſelben. Wir erblickten auf dieſem Weg mehrere Kauf⸗ fahrteiſchiffe, ſowohl engliſche als holländiſche, konnten aber o 297 S⸗⸗ nicht ſagen, ob ſie für das Ausland oder die Heimath be⸗ ſtimmt waren. Dem ſei wie ihm wolle, wir hielten es nicht für gerathen zu ankern, da wir nicht wußten, wer ſie waren, oder was ſie vielleicht gegen uns unternehmen wür⸗ den, wenn ſie uns erkannten; da wir indeß friſches Waſſer brauchten, ſo ſchickten wir die zwei zum portugieſiſchen Kriegs⸗ ſchiffe gehörigen Boote nebſt allen portugieſiſchen Matroſen oder Negern auf denſelben an den Waſſerplatz, um Waſſer zu holen. Inzwiſchen zogen wir aber auf der See eine portugieſiſche Flagge auf und verhielten uns die Nacht über ruhig. Sie wußten nicht, wer wir waren; denn ſie hielten uns augenſcheinlich für Andere. Als unſere Boote gegen fünf Uhr Morgens zum dritten⸗ mal beladen zurückgekommen waren, glaubten wir, hinrei⸗ chend mit Waſſer verſehen zu ſein, und ſegelten weiter gegen Oſten. Ehe jedoch unſere Leute das letztemal zurückkehrten, hatte ſich ein ſanfter Weſtwind erhoben, und wir bemerkten in der Morgendämmerung ein Boot, das in aller Eile auf uns zuſegelte, als fürchtete es, wir möchten weiter fahren. Wir fanden bald, daß es eine engliſche wohlbemannte Schaluppe war, und konnten uns nicht denken, welcher Zweck ſie zu uns führe; da es übrigens nur eine Schaluppe war, ſo hielten wir es nicht für gefährlich, die Leute an Bord kommen zu laſſen. Wenn es ſich dann herausſtellte, daß ſie bloß kämen, um Erkundigung über uns einzuziehen, ſo -5 293 So⸗ gedachten wir, ihnen einen genauen Bericht über all unſer Thun und Laſſen abzuſtatten und ſie mit uns zu nehmen, zumal da es uns ſehr an Mannſchaft gebrach; allein ſie erſparten uns die Mühe, uns wegen ihrer Behandlung die Köpfe zu zerbrechen; denn, wie es ſcheint, waren unſere portugieſiſchen Matroſen, welche Waſſer holten, an dem Waſſerplatz nicht ſo verſchwiegen geweſen, als wir von ihnen erwartet hatten. Der Fall war kurz der: Capitän— (ich verſchweige vor der Hand ſeinen Namen aus einem beſondern Grund) der Capitän des nachmals für China beſtimmten oſtindiſchen Kauffahrteiſchiffes hatte Urſache ge⸗ funden, gegen ſeine Leute ſehr ſtreng zu ſein, und einige von ihnen auf St. Helena äußerſt hart behandelt; ſie be⸗ ſchloſſen daher unter ſich, bei der nächſten beſten Gelegen⸗ heit das Schiff zu verlaſſen, und ſehnten ſich lange verge⸗ bens darnach. Einige von dieſen Leuten waren, wie es ſcheint, mit unſerer Bootsmannſchaft auf dem Waſſerplatz zuſammengetroffen und hatten ſich erkundigt, wer wir wären, und welches Geſchäft wir trieben. Ob nun die portugieſi⸗ ſchen Matroſen dadurch, daß ſie nicht gewandt genug Rechen⸗ ſchaft gaben, den Verdacht erweckten, daß wir auf einem Kaperzug begriffen wären, oder ob ſie es auf gut Engliſch ſagten(denn ſie ſprachen alle genug Engliſch, um ſich ver⸗ ſtändlich machen zu können), kurz, kaum hatten ſie die Nach⸗ richt an Bord gebracht, daß die öſtlich liegenden Schiffe — 299&⸗ engliſche ſeien und in dem Geſchäfte begriffen, welches, beiläufig geſagt, der Matroſen⸗Ausdruck für einen Seeräuber war; ich ſage, kaum hatten ſie dieß gehört, ſo gingen ſie ans Werk, packten bei Nacht alles, was ſie in die Hände bekamen, ihre Koffer, Kleider, und was ſie ſonſt noch erwiſch⸗ ten, zuſammen, ſegelten vor Tag ab und erreichten uns um 7 Uhr. 4 Als ſie an die Seite des Schiffes kamen, welches ich befehligte, begrüßten wir ſie auf die gewöhnliche Art, um zu erfahren, wer ſie wären, und was für eine Abſicht ſie hätten. Sie erwiederten, ſie wären Engländer und wünſch⸗ ten an Bord zu kommen. Wir ſagten ihnen, ſie ſollten ihr Fahrzeug anlegen, erklärten aber, daß nur ein einziger Mann das Schiff betreten dürfte, bis der Capitän ihr An⸗ liegen wüßte, und daß er ohne irgend eine Waffe zu erſcheinen hätte, wozu ſie ſich mit Freuden verſtanden. Wir erfuhren nun ſogleich ihr Anliegen, und daß ſie ſich an uns anzuſchließen wünſchten. In Beziehung auf ihre Waffen baten ſie, wir möchten Leute an Bord ihres Bootes ſchicken, denen ſie alles, was ſie hätten, ausliefern würden. Der Burſche, der zu mir kam, ſagte mir, wie ſie von ihrem Capitän behandelt worden ſeien, er habe die Mannſchaft faſt Hunger ſterben laſſen und ſei mit ihnen umgegangen, wie mit Hunden; wenn die übrigen Matroſen erführen, daß man ſie aufnähme, ſo würden wenigſtens zwei Drittel von 2 300 E& ihnen das Schiff verlaſſen. Wir fanden, daß die Burſche feſt in ihrem Entſchluß und dabei tüchtige, muntere Seeleute waren, ich ſagte ihnen jedoch, ich werde nichts ohne unſern Admiral thun, nämlich den Capitän des andern Schiffes, und ſchickte meine Pinaſſe an Bord des Capitäns Wilmot, um ihn zu mir zu bitten; allein er war unwohl, und da er überdieß unter dem Winde lag, ließ er ſich entſchuldigen und übertrug die ganze Sache mir. Ehe jedoch mein Boot zurückgekehrt war, rief mir Capitän Wilmot mit ſeinem Sprachrohr, welches die ganze Mannſchaft ſo gut hören konnte, als ich, zu:„So viel ich höre, ſind es wackere Burſche, heiße ſie willkommen und ſetze ihnen eine Bowle Punſch vor.“ Da die Matroſen dieß ſo gut gehört hatten, als ich, ſo brauchte ich ihnen nicht zu melden, was der Capitän ſagte, und ſobald das Sprachrohr ausgetönt, ſtimmten ſie ein Hurrah an, welches deutlich zeigte, wie gern ſie zu uns gingen. Wir ketteten ſie indeſſen nachher noch durch ein ſtärkeres Band an uns. Denn als wir nach Mada⸗ gascar kamen, befahl der Capitän Wilmot mit Einwilligung der Schiffsmannſchaft, daß dieſen Leuten aus der Geſammt⸗ kaſſe die ganze Summe ausbezahlt würde, die man ihnen auf dem Schiff, welches ſie verlaſſen hatten, noch ſchuldig war. Ueberdieß gaben wir jedem zwanzig ſpaniſche Piaſter Handgeld und nahmen ſie unter denſelben Bedingungen, —2 —2 2 301&⸗ wie die andern alle, auf: es waren wackere ſtarke Burſche, achtzehn an der Zahl, worunter zwei Seekadeten und ein Zimmermann. Es war am 28. November, als wir nach einigem ſchlechten Wetter auf der Rhede der St. Auguſtinsbucht ankerten, am ſüdweſtlichen Ende meiner alten Bekannten, der Inſel Madagascar. Hier lagen wir eine Weile und erhandelten von den Eingebornen einige gute Ochſen ein. Es war zwar ſo heiß, daß wir nicht hoffen konnten, ſie zur Aufbewahrung einzupöckeln; aber ich zeigte ihnen unſere frühere Manier, das Fleiſch zuerſt mit Salpeter einzureiben und dann in der Sonne trocknen zu laſſen, wodurch es ſehr angenehm zu eſſen wurde, aber nicht ſo geſund für unſere Leute war, die mit unſerer Art zu kochen, dem Sieden des Fleiſches mit Pudding, Suppen u. ſ. w. nicht zufrieden waren. Beſonders aber war ihnen dieß zu geſalzen, und das Fett ranzig oder zu trocken, ſo daß es nicht wohl genießbar war. Indeß konnten wir es nicht ändern und aßen, ſo lange wir da waren, um die Wette von den friſchen Ochſen, die ausgezeichnet gut und fett waren und ganz ſo zart und ſchmackhaft, wie in England, und uns um ſo beſſer ſchienen, da wir ſchon ſo geraume Zeit kein Ochſenfleiſch mehr in England gekoſtet hatten. Als wir uns nun einige Zeit hier verweilt hatten, be⸗ gannen wir zu bedenken, daß dieß kein Ort für unſere Geſchäfte 302&. war, und ich, der ich noch einige beſondere Privatabſichten hatte, ſagte ihnen, dieß ſei kein Platz für Leute, welche Handelsangelegenheiten beabſichtigen; dagegen ſeien zwei Theile der Inſel für unſere Zwecke beſonders geeignet: zuerſt die Bucht an der öſtlichen Seite der Inſel und von da bis zur Inſel Mauritius, der gewöhnliche Weg, welchen die von der malabariſchen Küſte oder von der Küſte von Coro⸗ mandel, dem Fort St. Georg u. ſ. w. kommenden Schiffe zu machen pflegten, und wo wir uns außzuſtellen hätten, wenn wir ſie erwarten wollten. Da wir aber auf der andern Seite nicht im Sinne hatten, die europäiſchen Handelsſchiffe anzugreifen, die ge⸗ wöhnlich ſtark und wohl bemannt waren, ſo daß wir von ihnen nicht viel Gutes erwarten durften, ſo entwarf ich einen andern Plan, der, wie ich hoffte, gleichen oder viel⸗ leicht noch größern Vortheil abwerfen ſollte, ohne die Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten des erſtern mit ſich zu führen. Dieß war eine Fahrt nach dem Golfe von Mocha oder dem rothen Meere. Ich ſagte ihnen, der Handel ſei da groß, die Schiffe reich, und die Straße von Babelmandeb enge; wir könnten daher ohne Zweifel ſo kreuzen, daß nichts unſern Händen entwiſchte, da wir die See vom rothen Meer an längs der arabiſchen Küſte bis an den perſiſchen Golf und die mala⸗ bariſche Seite von Indien offen hätten. 2 303& Ich ſagte ihnen, was ich bei meiner Umſeglung der Inſel auf einer früheren Fahrt bemerkt hatte, wie auf dem nördlichſten Punkt derſelben ſich mehrere ſehr gute Häfen und Rheden für unſere Schiffe befänden; die Eingeborenen wären wo möglich noch höflicher und umgänglicher, als da, wo wir uns jetzt aufhielten, weil ſie noch nicht ſo viele Mißhandlungen von europäiſchen Schiffern erlitten hätten, wie die auf der Süd⸗ und Oſtſeite; wir könnten daher jedenfalls eines guten Rückzugsortes verſichert ſein, wenn wir durch irgend eine Noth, ſei es nun durch Feinde oder durch die Witterung, genöthigt würden, zu landen. Sie ließen ſich von der Zweckmäßigkeit meines Planes leicht überzeugen, und auch Capitän Wilmot, den ich jetzt unſern Admiral nannte, trat ihm bei, obgleich er anfangs der Anſicht geweſen war, wir ſollten an der Inſel Mauri⸗ tius anlegen und auf einige europäiſche Kauffahrteiſchiffe von der Rhede von Coromandel oder der Bucht von Ben⸗ galen her warten. Es iſt wahr, wir fühlten uns ſtark genug, um ein engliſch⸗oſtindiſches Schiff erſter Größe an⸗ zugreifen, obgleich man ſagte, daß einige von ihnen fünfzig Kanonen führten; allein ich ſtellte ihm vor, daß es hier unter allen Umſtänden Schläge und Blut genug abſetzen würde, und wenn wir es auch in unſere Gewalt bekämen, ſo wäre ſeine Ladung für uns nicht von ſo großem Werth, weil wir keinen Raum hätten, um die Waaren unterzu⸗ 304 S⸗ bringen; bei unſern dermaligen Verhältniſſen würden wir beſſer thun, ein einziges nach dem Auslande beſtimmtes oſtindiſches Schiff mit ſeiner baaren Kaſſe an Bord im Betrag von vielleicht vierzig⸗ oder fünfzigtauſend Pfund weg⸗ zunehmen, als drei für England beſtimmte, wenn auch ihre Ladung in London dreimal ſo viel werth wäre; denn wir wüßten ja nicht, was wir mit den Waaren anfangen ſoll⸗ ten, während die Londoner Schiffe außer ihrem Geld eine Menge Sachen bei ſich führten, die wir recht gut brauchen könnten, als ihre Vorräthe an Lebensmitteln, Liqueuren und dergleichen Dingen, welche den Gouverneuren und Fak⸗ torien der engliſchen Niederlaſſungen zugeſandt würden; wenn wir daher entſchloſſen wären, unſer Augenmerk auf Schiffe unſeres eigenen Landes zu richten, ſo ſollten wir ſolche auserſehen, die von London herkämen, nicht aber ſolche, die auf der Rückfahrt dahin begriffen wären. Alle dieſe Gründe zuſammen ſtimmten den Admiral vollkommen für meine Anſicht. Nachdem wir daher an unſerem dermaligen Aufenthaltsort, d. h. nahe am Cap Santa Maria auf der ſüdweſtlichen Ecke der Inſel, Waſſer und einige friſche Mundvorräthe eingenommen hatten, lich⸗ teten wir die Anker und ſteuerten ſüdwärts, ſodann ſüdſüd⸗ öſtlich um die Inſel herum, und nach einer etwa ſechstägigen Fahrt kamen wir aus dem Kielwaſſer der Inſel und ſteuer⸗ ten weiter gegen Norden, bis wir auf die Höhe von Port 5 305 E⸗ Dauphin gelangten, dann nordöſtlich bis zu einer Breite von 13⁰ 40 gerade auf den entlegenſten Theil der Inſel zu. Sofort ſegelte der Admiral weiter weſtlich in die offene See hinaus und von der ganzen Inſel hinweg; wir aber entſandten eine Schaluppe mit dem Auftrag, um den ent⸗ legenſten nördlichen Punkt herum zu ſegeln und ſodann dem Ufer entlang zu fahren und ſich nach einem Hafen umzu⸗ ſehen. Dieß thaten ſie auch und brachten uns bald die Nachricht, es ſei hier eine tiefe Bucht mit einer ſehr guten Rhede und mehrere kleine Inſeln, bei denen ſie gutes Fahr⸗ waſſer mit einer Tiefe von zehn bis ſiebenzehn Klaftern gefunden, und ſo legten wir denn dort an. Indeß ſahen wir uns nachher veranlaßt, unſern Aufent⸗ halt zu verändern, wie ich ſogleich erzählen werde. Wir hatten jetzt nichts zu thun, als ans Land zu gehen, uns ein wenig mit den Eingeborenen bekannt zu machen, friſche Vorräthe einzunehmen und dann wieder in die See zu ſtechen. Wir fanden die Leute ſehr geneigt, mit uns Ge⸗ ſchäfte zu machen und uns einiges Vieh abzutreten; da es jedoch am äußerſten Ende der Inſel war, ſo hatten ſie keinen hinlänglichen Vorrath an Vieh. Gleichwohl beſchloſſen wir für den Augenblick, dieſen Ort zu unſerem Sammelplatz zu machen und uns von da aus weiter umzuſehen. Es war dieß gegen Ende Aprils. Wir ſtachen alſo in die See und kreuzten nördlich nach Singleton. I. 20 306 S⸗⸗ der arabiſchen Küſte hin. Es war dieß eine lange Fahrt; da aber von Süden und Südſüdoſt her vom Mai bis Sep⸗ tember in der Regel die Paſſatwinde wehen, ſo hatten wir gutes Wetter, und in etwa zwanzig Tagen erreichten wir die Inſel Saccatia, welche ſüdlich von der arabiſchen Küſte und oſtſüdöſtlich von der Mündung des Golfs von Mocha oder dem rothen Meer liegt. Hier nahmen wir Waſſer ein und ſegelten ſofort nach der arabiſchen Küſte. Wir hatten hier oder in der Umgegend noch nicht über drei Tage gekreuzt, als wir ein Schiff er⸗ ſpähten und Jagd auf daſſelbe machten; wie wir aber in ſeine Nähe kamen, ſo fanden wir in ihm den elendeſten Fang, den je ein auf Beute ausgehender Pirat gemacht hat; denn es enthielt nichts, als arme, halbnackte Türken, die. nach Mekka zum Grab ihres Propheten Mohamet wallfahr⸗ teten. Die Jonke führte nichts, was die Mühe des Nehmens verlohnt hätte, als ein bischen Reis und einigen Kaffee, worin der ganze Mundvorrath dieſer aͤrmen Schelme beſtand; wir ließen ſie ziehen; denn wir wußten wirklich nicht, was wir mit ihnen thun ſollten. Noch an demſelben Abend trieben wir eine andere zwei⸗ maſtige Jonke auf, die etwas beſſer ausſah, als die erſte. Als wir an Bord kamen, fanden wir, daß die Leute die⸗ ſelbe Abſicht hatten, doch etwas vornehmer waren, als die andern; hier plünderten wir dann ein wenig, nahmen einigen 5 307 S⸗ türkiſchen Mundvorrath, etliche Diamanten aus den Ohrringen von fünf oder ſechs Perſonen, einige feine perſiſche Teppiche, worauf ſie gewöhnlich lagen, und etwas Geld; dann ließen wir ſie gleichfalls weiter ziehen. Wir verweilten hier noch eilf Tage, ohne etwas anderes ausfindig zu machen, als dann und wann ein Fiſcherboot. Am zwölſten Tag unſerer Kreuzfahrt aber ſpähten wir ein Schiff aus: im Anfang glaubte ich, es ſei ein eng⸗ liſches, es zeigte ſich aber, daß es ſonſt ein europäiſches, zu einer Fahrt von Goa an der malabariſchen Küſte nach dem rothen Meer befrachtet und ſehr reich war. Wir holten es ein und nahmen es ohne Kampf, obgleich es auch einige Kanonen an Bord hatte. Es war mit portugieſiſchen Matro⸗ ſen bemannt, ſtand aber unter der Leitung von fünf türkiſchen Kaufleuten, die es auf der malabariſchen Küſte von einigen portugieſiſchen Handelsleuten gemiethet und mit Pfeffer, Salpeter und Specereiwaaren befrachtet hatten; der Reſt der Ladung beſtand hauptſächlich aus Kattunen und gewirk⸗ ten Seideſtoffen, worunter ſich einige ſehr koſtbare befanden. Wir nahmen es und führten es nach Saccatia, wußten aber aus denſelben Gründen, wie früher, in der That nicht, was wir damit anfangen ſollten; denn alle ihre Güter hatten wenig oder gar keinen Werth für uns. Nach einigen Tagen nahmen wir Gelegenheit, einem der türkiſchen Kaufleute zu verſtehen zu geben, wenn er das Schiff auslöſen wollte, ſo 20* 2 308 G⸗. würden wir uns mit einer Geldſumme abfinden und ſie ziehen laſſen. Er ſagte mir, wenn ich einem von ihnen erlauben wollte, ans Land zu gehen, um das Geld zu holen, ſo würden ſie es thun, worauf wir die Ladung zu 30,000 Ducaten anſchlugen. Nach dieſer Uebereinkunft ließen wir ihn auf der Schaluppe nach Dofar in Arabien führen, wo ein reicher Kaufmann das Geld für ſie auslegte und ſelbſt mit unſerer Schaluppe kam. Nach der Zahlung der Summe ließen wir ſie dann ehrlich und friedlich weiter ziehen. Einige Tage darauf nahmen wir eine arabiſche Jonke, welche von dem perſiſchen Golf nach Mocha fahren wollte und einen großen Vorrath Perlen an Bord hatte. Wir erleichterten ſie um die Perlen, die, wie es ſchien, einigen Kaufleuten in Mocha gehörten, und ließen ſie ziehen; denn es war hier ſonſt nichts aufzutreiben, was unſere Mühe belohnt hätte. So kreuzten wir noch längere Zeit hin und her, bis wir merkten, daß unſere Vorräthe auf die Neige gingen, worauf Capitän Wilmot, unſer Admiral, zu uns ſagte, es ſei Zeit, auf die Rückkehr nach dem Sammelplatz zu denken; die übrige Mannſchaft ſagte das Nämliche, da ſie es ein wenig überdrüſſig war, ſich länger als drei Monate herum⸗ werfen zu laſſen und wenig oder nichts aufzutreiben, was unſern großen Erwartungen entſprochen hätte. Ich aber verließ höchſt ungern das rothe Meer mit ſo geringer Aus⸗ 309 So⸗ beute und drang deßhalb darauf, noch ein wenig länger hier zu verweilen, was auf meinen Wunſch auch geſchah. Drei Tage nachher erfuhren wir zu unſerem großen Leidweſen, daß wir durch die Ausſetzung der türkiſchen Kaufleute in Dofar die ganze Küſte bis zum Golf von Perſien in Schrecken verſetzt hatten, ſo daß kein Fahrzeug mehr dieſen Weg nehmen wollte, und ſomit von dieſer Seite her nichts mehr zu er⸗ warten war. Dieſe Nachricht ärgerte mich ſehr, und ich konnte nun nicht länger den ungeſtümen Wünſchen meiner Mannſchaft, nach Madagascar zurückzukehren, widerſtehen. Da indeß die Winde fortwährend von Südſüdoſt her blieſen, ſo waren wir genöthigt, nach der Küſte Afrika's und dem Cap Guar⸗ defoy zu ſteuern, weil die Winde in der Nähe des Landes mehr wechſeln, als auf der offenen See. Hier überfielen wir eine Beute, an die wir nicht gedacht hatten, und die uns für alles Warten entſchädigte; denn in derſelben Stunde, wo wir Land entdeckten, erſpähten wir ein großes Schiff, welches in ſüdlicher Richtung am Ufer hinſegelte. Es war aus Bengalen und gehörte dem Lande des Großmoguls an, hatte aber einen holländiſchen Steuermann an Bord, deſſen Name, wenn ich mich recht erinnere, Van⸗ dergeſt war, und einige europäiſche Matroſen, worunter drei Engländer. Es war durchaus zu ſchwach, uns Widerſtand zu leiſten. Die übrigen Matroſen waren indiſche Unterthanen des Moguls, einige Malabaren und noch einige Andere. Es waren fünf indiſche und einige armeniſche Kaufleute an Bord. Wie es ſchien, waren ſie mit Specereien, Seide⸗ ſtoffen, Diamanten, Perlen, Kattunen u. ſ. w., ſo gut als ihr Land ſie hervorbringt, nach Mocha gefahren und hatten jetzt faſt nichts an Bord als Geld in ſpaniſchen Piaſtern, woran es uns, beiläufig geſagt, jetzt eben mangelte. Die drei engliſchen Matroſen zogen mit uns, und der holländiſche Steuermann würde es auch gethan haben, allein die zwei armeniſchen Kaufleute baten uns, ihn nicht zu nehmen; denn er ſei ihr Steuermann und der Einzige von ihrer Mann⸗ ſchaft, der ſich auf die Lenkung eines Schiffes verſtehe. Auf ihre Bitten ſchlugen wir alſo ſeine Dienſte aus, nahmen ihnen aber das Verſprechen ab, ihn ſeine Geneigtheit, mit uns zu gehen, nicht entgelten zu laſſen. Wir bekamen auf dieſem Schiff gegen 200,000 ſpaniſche Piaſter, und wenn ſie die Wahrheit ſagten, ſo hatte ein Jude von Goa, welcher allein 200,000 Piaſter mit ſich führte, beabſichtigt, ſich zu gleicher Zeit mit ihnen einzu⸗ ſchiffen, allein ſein gutes Glück verhinderte es; er wurde in Mocha krank und konnte die Reiſe nicht antreten, was ihm ſein Geld rettete. Vierzehntes Kapitel. Williams Traum und ſeltſames Abenteuer in Folge deſſelben.— Wir treffen den Capitän Wilmot in Mangahelly.— Capitän Avery ſtößt zu uns.— Es erheben ſich Zwiſtigkeiten unter uns.— Wir trennen uns, und ich behalte das große Schiff unter meinem Commando.— Was uns auf unſerer Reiſe zuſtößt. Bei dieſem Fange war Niemand bei mir, als die Schaluppe; denn da Capitän Wilmots Schiff leck war, ſo war er vor uns nach dem Sammelplatz abgeſegelt und langte in der Mitte Dezembers daſelbſt an. Da ihm indeß der Hafen nicht behagte, ſo ließ er ein großes Kreuz auf dem Ufer zurück mit einer bleiernen Platte, worauf er geſchrieben hatte, wir ſollen ihm in die große Bucht nach Mangahelly nachfolgen, wo er einen ſehr großen Hafen fand; indeß erfuhren wir hier etwas, das uns lange Zeit von ihm ferne hielt, wodurch ſich der Admiral beleidigt fühlte. Wir ſtopften ihm übrigens den Mund mit ſeinem Antheil an 200,000 ſpaniſchen Piaſtern für ſich und ſeine Mannſchaft. Die Veranlaſſung, aus welcher wir ihm nicht ſo ſchnell 312 Se nachſegelten, war nämlich folgende. Zwiſchen Mangahelly und einem andern Punkt, dem ſogenannten Cap St. Sebaſtian, kam bei Nacht ein europäiſches Schiff ans Land, und ich weiß nicht, war es die ungeſtüme Witterung, oder der Man⸗ gel an einem tüchtigen Steuermann, kurz das Schiff ſtran⸗ dete und konnte nicht weiter kommen. Wir lagen in der Bucht oder dem Hafen, den wir, wie oben geſagt, zu unſerem Sammelplatz beſtimmt hatten, und waren noch nicht auf dem Lande geweſen, hatten ſomit auch die Anweiſungen noch nicht geſehen, die uns unſer Admiral hinterlaſſen hatte. Unſer Freund William, von dem ich ſchon geraume Zeit nichts mehr geſagt habe, verſpürte eines Tags große Luſt, ans Ufer zu gehen, und beſtürmte mich, ich möchte ihm zur Sicherheit einen kleinen Trupp mitgeben, um das Land zu beſehen. Ich war aus vielen Gründen ſehr da⸗ gegen; beſonders aber ſagte ich ihm, er wiſſe, daß die Ein⸗ geborenen Wilde und zwar ſehr heimtückiſcher Art ſeien; deßwegen wünſche ich, daß er bleibe, und hätte er weiter in mich gedrungen, ſo hätte ich es ihm, glaube ich, geradezu abgeſchlagen.— Um mich indeß zu überreden, ihn gehen zu laſſen, ſagte er, er wolle mir den Grund erzählen, warum er ſo in mich dringe. In der letzten Nacht habe er einen Traum gehabt, welcher einen ſo lebhaften Eindruck auf ſein Gemüth geübt, + 313& daß er nicht ruhig habe ſein können, bis er mir den Vor⸗ ſchlag gemacht, ihn gehen zu laſſen; wenn ich es ihm nun abſchlage, ſo glaube er, daß ſein Traum bedeutungsvoll geweſen ſei, wo nicht, ſo komme er doch über denſelben ins Klare. Es träumte ihm nämlich, er ginge mit dreißig Mann, worunter der Befehlshaber der Schaluppe, auf die Inſel, und dort fänden ſie eine Goldmine, welche ſie alle zu reichen Männern machte. Dieß ſei übrigens, ſagte er, noch nicht die Hauptſache, ſondern an demſelben Morgen, wo er dieſen Traum gehabt, ſei der Schaluppenführer gerade zu ihm gekommen und habe ihm geſagt, es habe ihm geträumt, er ginge auf der Inſel Madagascar ans Land, und da kämen einige Leute zu ihm und ſagten, ſie wollten ihm einen Platz zeigen, wo er einen Schatz finden würde, der ſie alle reich machte. Dieſe zwei Träume zuſammen machten mich ein wenig ſtutzig, und obgleich ich niemals geneigt war, Träumen Aufmerkſamkeit zu ſchenken, ſo ließ ich mich doch endlich durch Williams ungeſtümes Bitten bewegen; denn ich legte immer ein großes Gewicht auf ſein Urtheil. Ich gab ihm alſo die Erlaubniß, zu gehen, befahl ihnen übrigens, ſich nicht weit von der Küſte zu entfernen, damit wir, wenn ſie vielleicht gegen das Ufer zurückgedrängt würden, ſie ſehen und mit unſern Booten abholen könnten. 314& Sie gingen früh Morgens weg, einunddreißig an der Zahl, ſehr gut bewaffnet und lauter tapfere Burſche, ſie reisten den ganzen Tag und gaben uns bei Nacht durch ein Signal, nämlich durch ein großes Feuer, das ſie verabre⸗ determaßen auf der Spitze eines Hügels aufmachten, zu erkennen, daß alles gut ſtände.. Tags darauf zogen ſie, wie ſie verſprochen hatten, den Hügel hinab auf der andern Seite, welche ſich gegen die See hinneigt, und ſahen vor ſich ein ſehr hübſches Thal mit einem Fluß in der Mitte, der etwas weiter unter ihnen groß genug ſchien, um kleine Schiffe zu tragen. Sie gin⸗ gen ſchnell auf den Fluß zu und wurden durch einen Flin⸗ tenſchuß überraſcht, der dem Schall nach aus der Nähe kommen mußte; ſie lauſchten lang, konnten aber nichts mehr hören und gingen daher nach dem Fluß hin, der eine ſehr ſchöne, friſche Strömung hatte, aber ſchnell breiter wurde. Sie hielten ſich an ſeinen Ufern auf, bis er ſich beinahe auf Einmal zu einer großen Bucht oder einem Ha⸗ fen, etwa fünf Meilen von der See, erweiterte, und was ihnen, als ſie weiter gingen, noch überraſchender war, ſie ſahen in der Mündung des Hafens oder der Bucht ganz deutlich das Wrack eines Schiffes. Da eben die Fluth eingetreten war, ſo ragte es nicht ſehr über das Waſſer hervor; als ſie aber weiter hinab kamen, entdeckten ſie, wie es immer größer und größer 2 315 S⸗ wurde, und bald darauf, als die Ebbe eintrat, fanden ſie es auf dem Sand liegen; es ſchien ihnen das Wrack eines bedeutenden Schiffes zu ſein, wie man in dieſem Lande keines erwarten durfte. Nach einiger Zeit hörte William, der ſein Glas her⸗ ausgezogen hatte, um es näher zu beſehen, zu ſeiner großen Verwunderung einen Flintenſchuß an ihm vorbei ziſchen, und unmittelbar darauf vernahm er den Knall einer Kanone und ſah den Rauch von der andern Seite, worauf unſere Leute ſogleich drei Flinten abfeuerten, um wo möglich zu erfahren, wer die Unbekannten wären. Auf den Knall dieſer Schüſſe rannten eine Menge Leute unter den Bäumen her⸗ vor, ans uUfer hinab, und die unſerigen konnten leicht mer⸗ ken, daß es Europäer waren, obſchon ſie nicht wußten, von welcher Nation. Gleichwohl hallohten unſere Leute, ſo laut ſie konnten, ihnen zu, nahmen dann eine lange Stange, ſteckten ſie auf und hingen ein weißes Hemd daran, als Flagge des Friedens. Die auf der andern Seite bemerkten es mit Hülfe ihrer Gläſer ebenfalls und bald darauf ſahen unſere Leute ein Boot vom Stapel laufen und zwar, wie ſie meinten, vom Ufer her, aber wie es ſcheint, kam es aus einer andern Bucht, und die Leute ruderten ſogleich auf die unſerigen zu, indem ſie ebenfalls eine weiße Flagge als Friedenszeichen aufgeſteckt hatten. Es iſt ſchwer, die Ueberraſchung und Freude zu beſchrei⸗ % 316 H& ben, welche beide Theile empfanden, an einem ſo fernen Paatze nicht blos Weiße, ſondern auch Engländer zu ſehen; Zaber wie mußte es ihnen erſt ſein, als ſie einander erkann⸗ ten und fanden, daß ſie nicht nur Landsleute, ſondern auch Kameraden waren, daß dieß das Schiff war, welches Capitän Wilmot, unſer Admiral, befehligte, und deſſen Ge⸗ ſellſchaft wir im Sturm bei Tabago verloren, nachdem wir Madagascar als Sammelplatz beſtimmt hatten. Sie hatten, wie es ſcheint, Nachricht von uns erhalten, als ſie in den ſüdlichen Theil der Inſel kamen, und waren bis an den Golf von Bengalen geſtreift, wo ſie den Capitän Avery trafen, mit welchem ſie ſich vereinigten, mehrere koſt⸗ bare Priſen machten und unter Anderem ſich eines Schiffs mit der Tochter des Großmoguls und einem unermeßlichen Schatz an Gold und Juwelen bemeiſterten. Von da kamen ſie an die Küſte von Coromandel, nachher an die von Ma⸗ labar, in den Golf von Perſien, wo ſie ebenfalls einige Beute machten, und nun wollten ſie ihre Richtung nach dem füdlichen Theil von Madagascar nehmen; da die Winde aber ſcharf von Südoſt und Siüdoſtoſt blieſen, ſo kamen ſie an den Norden der Inſel und wurden nachher durch einen wüthenden Sturm von Nordweſt her getrennt und in die Mündung dieſer Bucht getrieben, wo ſie ihr Schiff ver⸗ loren. Sie ſagten uns auch, ſie hätten gehört, daß Capitän Avery ebenfalls nicht weit davon ſein Schiff verloren hätte. — — 317 S⸗ Als ſie auf dieſe Art einander ihre Schickſale mitge⸗ theilt hatten, gingen die armen Leute hocherfreut zurück, um ihren Kameraden die fröhliche Nachricht zu überbringen; ſie ließen einige von ihren Leuten bei uns, während der größte Theil umkehrte, und William war ſo begierig, ſie zu ſehen, daß er und zwei andere mit ihnen zurückgingen, worauf er in das kleine Lager gelangte, wo ſie ſich aufhielten. Sie waren im Ganzen etwa 160 Mann und hatten ihre Kano⸗ nen, ſo wie ihren Schießbedarf ans Land gezogen, jedoch einen großen Theil ihres Pulvers verloren. Demungeachtet hatten ſie eine hübſche Plattform errichtet und zwölf Kano⸗ nen daſelbſt aufgepflanzt, die ihnen auf dieſer Seite der See einen hinlänglichen Schutz gewähren mußten. Unmit⸗ telbar am Ende der Plattform hatten ſie einen Stapel nebſt einer kleinen Docke gemacht und waren alle ſehr beſchäftigt, ein anderes kleines Fahrzeug zu bauen, um damit wieder in die See zu ſtechen; auf die Nachricht von unſerer An⸗ kunft aber hatten ſie dieſe Arbeit wieder eingeſtellt. Als unſere Leute in ihre Hütten kamen, wurden ſie wahrhaft überraſcht durch die große Wohlhabenheit, die ſie dort antrafen, durch das viele Gold, Silber und die Menge Juwelen, was jedoch, wie ſie ſagten, nur eine Kleinigkeit gegen das war, was Capitän Avery hatte, als er ſie verließ. Fünf Tage lang hatten wir auf unſere Leute gewartet 9 318 S⸗⸗ und keine Nachrichk von ihnen erhalten; ich gab ſie bereits verloren und war daher ſehr überraſcht, nach der genann⸗ ten Zeit ein Schiffsboot auf uns zuſteuern zu ſehen. Ich wußte nicht, was ich davon denken ſollte, war aber ſchon beſſer zufrieden, als unſere Leute mir ſagten, ſie hörten ſie hallohen und ſähen, wie ſie ihre Hüte gegen uns ſchwenkten. In kurzer Zeit waren ſie vollends bei uns, und ich ſah Freund William im Boote ſtehen und Zeichen gegen uns machen. So kamen ſie an Bord; als ich aber nur fünfzehn von unſern einunddreißig Mann darin erblickte, fragte ich, was aus ihren Kameraden geworden ſei.„O,“ ſagte Wil⸗ liam,„ſie ſind ganz wohl; mein Traum iſt vollkommen in Erfüllung gegangen und der des Schaluppenführers auch.“ Dieß machte mich ſehr ungeduldig, zu erfahren, wie die Sachen ſtanden. Er erzählte uns alſo die ganze Geſchichte, die in der That uns alle überraſchte. Am folgenden Tag lichteten wir die Anker und ſteuerten ſüdwärts, um mit Capitän Wilmot und ſeinem Schiff in Mangahelly zuſammen⸗ treffen, wo wir ihn fanden, aber, wie ſchon geſagt, etwas verdrießlich über unſer Ausbleiben. Wir beſchwichtigten ihn jedoch nachher, als wir ihm die Geſchichte von Williams Traum und die Folgen davon erzählten. Inzwiſchen war das Lager unſerer Kameraden ſo nahe bei Mangahelly, daß unſer Admiral und ich, Freund Wil⸗ liam und Einige von der Mannſchaft uns entſchloſſen, die 319 S⸗⸗ Schaluppe zu nehmen, nach ihnen zu ſehen und ſie alle ſammt ihren Gütern und Gepäcken an Bord unſers Schiffes zu holen, was wir dann auch ſogleich ausführten. Wir fanden ihr Lager, ihre Befeſtigungen, die Batterie, die ſie errichtet hatten, ihren Schatz und ſämmtliche Leute, ganz wie William erzählt hatte; nach kurzem Aufenthalt nahmen wir ſie alle in die Schaluppe und führten ſie mit uns hinweg. Es ſtand noch einige Zeit an, bis wir erfuhren, was aus Capitän Avery geworden war; aber nach etwa einem Monat ſandten wir auf den Rath der Leute, die ihr Schiff verloren hatten, die Schaluppe aus, um dem Ufer entlang zu kreuzen und wo möglich ausfindig zu machen, wo er wäre. Nach einer Kreuzfahrt von etwa einer Woche fan⸗ den unſere Ausluger ihn wirklich und erfuhren, daß er eben⸗ falls, wie unſere Leute, ſein Schiff verloren hatte und in jeder Beziehung eben ſo übel daran war, wie ſie. Es verfloſſen etwa zehn Tage, bis die Schaluppe zurückkehrte, und mit ihr Capitän Avery. Folgendes war die ganze Macht, die, ſo viel ich mich erinnere, Capitän Avery jemals gehabt hat. Denn wir verſammelten jetzt alle unſere Kameraden, und die Sache ſtand ſo. Wir waren im Beſitz von zwei Schiffen und einer Schaluppe, worin wir 320 Mann hatten, die indeß zu einer gehörigen Be⸗ mannung durchaus nicht hinreichend waren; das große por⸗ —r—— 320 S⸗⸗ tugieſiſche Schiff erforderte allein beinahe 400 Mann, um vollſtändig gerüſtet zu ſein. Was unſern verlornen, aber wieder gefundenen Kameraden betraf, ſo beſtand ſeine voll⸗ ſtändige Mannſchaft etwa aus 180 Mann, und Capitän Avery hatte gegen 300 Mann bei ſich, worunter zehn Zim⸗ merleute, die größtentheils am Bord des erbeuteten Schiffes gefunden worden waren, ſo daß mit einem Wort die ganze Streitmacht, welche Avery im J. 1699 oder um dieſe Zeit in Madagascar hatte, ſich auf unſere drei Schiffe belief; denn ſein eigenes war, wie ſchon erzählt, verloren gegan⸗ gen, wie er denn überhaupt im Ganzen nie mehr als etwa 1200 Mann hatte. Etwa einen Monat nachher verſammelte ſich unſere ganze Mannſchaft von den verſchiedenen Schiffen, und da Avery ohne Schiff war, ſo kamen wir alle dahin überein, unſere eigenen Leute auf das portugieſiſche Kriegsſchiff und die Schaluppe zu bringen und dem Capitän Avery die ſpa⸗ niſche Fregatte ſammt allem Tackelwerk und den Geräth⸗ ſchaften, den Kanonen und dem Schießbedarf für ſeine Mannſchaft zu überlaſſen, wofür er uns, da er Geld im Vollauf hatte, 40,000 ſpaniſche Piaſter bezahlte. Jetzt war die erſte Frage, welche Richtung wir ein⸗ ſchlagen ſollten. Capitän Avery, um ihm Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen, machte den Vorſchlag, wir ſollten uns 321 E⸗ hier niederlaſſen und eine kleine Stadt mit guten Feſtungs⸗ werken zu unſerer Vertheidigung bauen; da wir ja Reich⸗ thümer genug beſäßen und dieſe nach Belieben noch ver⸗ mehren könnten, ſo ſollten wir uns begnügen, hier ein zurückgezogenes Leben zu führen und der Welt Trotz zu bieten. Ich überzeugte ihn aber bald, daß dieſer Platz uns keine Sicherheit bieten würde, im Fall wir unſer Geſchäft hier fortſetzen wollten; denn alle Nationen von Europa und gewiß auch von dieſem Welttheil würden ſich dann zu unſerer Vernichtung vereinigen. Wenn wir uns indeß entſchließen wollten, hier ein zurückgezogenes Leben zu führen, als Privat⸗ leute das Land zu bauen und unſer Seeräuberhandwerk aufzugeben, ſo könnten wir allerdings Pflanzungen gründen und uns niederlaſſen, wo wir wollten; dann aber, ſagte ich ihm, würde es das Beſte ſein, mit den Eingebornen zu unterhandeln und ihnen einen Strich Landes weiter innen auf der Inſel an einem ſchiffbaren Strom abzukaufen, wo zwar nach Belieben Boote auf⸗ und abgehen könnten, aber keine Schiffe, die uns Gefahr bringen dürften: wenn wir dann den Boden anpflanzten und Viehzucht trieben, zumal da das Land von Kühen und Ziegen wimmle, ſo könnten wir hier wahrhaftig ſo gut leben, als irgend Jemand von der Welt. Ich gab dabei zu, daß ich dieß für einen guten Rückzugsort für diejenigen hielte, welche Luſt hätten, das Geſchäft aufzugeben, und es nicht wagten, nach Hauſe zu Singleton, I. 21 322 SE gehen und ſich hängen zu laſſen, oder ſich wenigſtens dieſer Gefahr auszuſetzen. Capitän Avery rückte indeſſen nicht offen mit ſeinen Abſichten heraus: er ſchien meinem Plan, eine Pflanzung im Lande zu gründen, abzulehnen und war doch offenbar der Meinung des Capitäns Wilmot, daß man ſich nämlich hier zu Lande niederlaſſen und dabei das bisherige Hand⸗ werk fortſetzen ſollte, wozu ſie ſich auch entſchloſſen. Wie ich indeß ſpäter erfuhr, gingen etwa fünfzig von ihren Leuten ans Land und ließen ſich im Innern deſſelben als eine Kolonie nieder. Ob ſie noch dort ſind, oder nicht, oder wie viele von ihnen noch leben, vermag ich nicht zu ſagen; ich glaube indeß, daß das erſtere der Fall iſt, und daß ſie ſich bedeutend vermehrt haben; denn dem Vernehmen nach nah⸗ men ſie einige Weiber mit ſich; auch ſollen ſie nachher noch fünf holländiſche Frauen und drei oder vier kleine Mädchen auf einem holländiſchen Schiffe bekommen haben, welches nach Mocha fahren wollte, aber in ihre Hände gerieth; drei von dieſen Weibern heiratheten einige von den Män⸗ nern und gingen mit ihnen in ihre neue Pflanzung. Doch erzähle ich dieß nur vom Hörenſagen. Als wir einige Zeit hier lagen, fand ich bei unſern Leuten eine gewaltige Meinungsverſchiedenheit; die Einen wollten dieſen, die Andern jenen Weg einſchlagen, bis ich es zuletzt vorauszuſehen begann, daß ſie die Geſellſchaft auf⸗ 49 323 S⸗⸗ löſen würden, und wir vielleicht nicht Leute genug beiſammen⸗ halten könnten, um das große Schiff zu bemannen. Ich nahm daher den Capitän Wilmot bei Seite und fing an, mit ihm darüber zu ſprechen, merkte aber bald, daß er für ſeine Perſon Luſt hatte, in Madagascar zu bleiben, und daß er, da ihm als Antheil an der Beute bedeutende Reich⸗ thümer zugefallen waren, geheime Abſichten hegte, auf die eine oder andere Art wieder in ſeine Heimath zu gelangen. Ich überzeugte ihn von der Unausführbarkeit dieſes Wunſches und von der Gefahr, in die er ſich ſtürzen würde, entweder auf dem rothen Meere in die Hände von Räubern oder Mördern zu fallen, welche in keinem Fall Schätze wie die ſeinigen unangetaſtet laſſen würden, oder in die Gewalt der Engländer, Holländer oder Franzoſen zu gerathen, die ihn ganz gewiß als Seeräuber hängen würden. Ich erzählte ihm von der Reiſe, welche ich ſelbſt von dieſer Gegend aus nach dem Feſtland von Afrika gemacht hatte, und von den Gefahren und Mühſeligkeiten einer Fußwanderung. Aber nichts vermochte ihn zu überzeugen, ſondern er wollte durchaus mit der Schaluppe in das rothe Meer ſtechen, dort, wo einſt die Kinder Iſrael trockenen Fußes hinübergingen, landen und ſodann zu Land nach Groß⸗ kairo reiſen, welches nicht mehr als achtzig Meilen iſt; von da, ſagte er, könne er ſich über Alexandrien nach irgend einem Theile der Welt einſchiffen. 4₰ 241* 324&⸗ Ich ſtellte ihm die Gefahr und die wirkliche Unmöglich⸗ keit vor, unangegriffen an Mocha und Judda vorbei zu kommen, wenn er es mit Gewalt, oder unausgeplündert, wenn er es auf gütlichem Wege verſuchen wollte; ich ſetzte meine Gründe hiefür ſo gründlich und mit ſolchem Erfolg auseinander, daß keiner von ſeinen Leuten mit ihm gehen wollte; aber auf ihn ſelbſt vermochte nichts einen Eindruck zu machen. Sie ſagten ihm, ſie wollen ihn ſonſt überall hin begleiten und ihm dienen, dieſes aber hieße ihn ſelbſt und ſie in gewiſſes Verderben ſtürzen, ohne irgend eine Mög⸗ lichkeit, es zu vermeiden, oder eine Wahrſcheinlichkeit, ſeinen Zweck zu erreichen. Der Capitän nahm das, was ich ihm ſagte, ſehr übel auf, erklärte, er werde es mir gedenken, und ließ trotzige Piratenäußerungen gegen mich fallen; ich erwiederte ihm aber nur ſo viel, daß ich ihm zu ſeinem Beſten gerathen habe, und wenn er es nicht ſo nehme, ſo ſei es ſein eigener Fehler, nicht der meinige; ich habe ihm ja nicht verboten, zu gehen, und auch Niemand von ſeinen Leuten abwendig machen wollen, mit ihm zu gehen, obgleich dieſer Weg ſie in das offenbare Verderben führen würde. Indeß, warme Köpfe ſind nicht ſo leicht abgekühlt. Der Capitän war ſo erbost, daß er unſere Geſellſchaft verließ, mit dem größten Theil ſeiner Mannſchaft zu Capitän Avery überging und mit ſeinen Leuten abrechnete, wobei er alle Schätze mit ſich nahm, was, beiläufig geſagt, nicht 325 ᷣ⸗ ganz ſchön von ihm war, da wir mit einander verabredet hatten, allen unſeren Erwerb zu theilen, ob nun der Eine mehr oder weniger hätte, ob er zugegen wäre, oder nicht. Unſere Leute murrten ein wenig darüber, aber ich beſchwich⸗ tigte ſie, ſo gut ich konnte, und ſagte ihnen, es würde uns ein Leichtes ſein, ebenſoviel zu bekommen, wenn wir nur die rechten Gelegenheiten wahrnähmen: Capitän Wilmot habe uns hier ein recht gutes Beiſpiel gegeben; denn nach derſelben Regel ſei die Verbindlichkeit, jeden weitern Gewinn mit ihnen zu theilen, zu Ende. Ich ergriff dieſe Gelegen⸗ heit, ihnen von meinen weitern Planen etwas mitzutheilen, welche dahin gingen, den öſtlichen Theil des Meeres zu durchſtreifen und zu ſehen, ob wir uns nicht eben ſo reich machen könnten, wie Herr Avery, der allerdings eine unge⸗ heure Summe zuſammengebracht hatte, jedoch nicht die Hälfte von dem, was man in Europa ſagte. Unſere Leute waren mit meiner kühnen unternehmenden Gemüthsart ſo wohl zufrieden, daß ſie mich verſicherten, ſie würden bis auf den letzten Mann mit mir durch die ganze Welt gehen, wohin ich ſie führen würde, und was Capitän Wilmot betreffe, ſo wollen ſie nichts mehr mit ihm zu thun haben. Dieß kam ihm zu Ohren und verſetzte ihn in große Wuth, ſo daß er drohte, wenn ich ans Land käme, wollte er mir die Kehle abſchneiden. Ich erfuhr dieß unter der Hand, nahm aber durchaus 326&⸗ keine Notiz davon; nur war ich darauf bedacht, nicht unge⸗ rüſtet ihm in den Wurf zu kommen, und ging ſelten ohne hinreichende Begleitung aus. Dennoch trafen Capitän Wil⸗ mot und ich zuletzt zuſammen und ſprachen ſehr ernſthaft über die Sache; ich bot ihm die Schaluppe an, damit er gehen könnte, wohin er wollte, oder wenn er damit nicht zufrieden wäre, ſo machte ich mich anheiſchig, ſelbſt die Scha⸗ luppe zu übernehmen und ihm das große Schiff zu über⸗ laſſen. Allein er lehnte beides ab und wünſchte blos, ich möchte ihm ſechs Zimmerleute abtreten, deren ich auf unſe⸗ rem Schiff mehr hatte, als ich bedurfte, um ſeinen Leuten die Schaluppe vollenden zu helfen, welche die Mannſchaft, die ihr Schiff verloren, begonnen hatte, ehe wir hieher kamen. Ich willigte gern darein und lieh ihm noch mehrere andere Hände, die ihm von Nutzen waren, ſo daß ſie in kurzer Zeit eine ſtarke Brigantine erbaut hatten, welche im Stande war, vierzehn Kanonen und zweihundert Mann zu faſſen. Welche Maßregeln ſie hierauf ergriffen, und wie ſich Capitän Avery nachmals benahm— dieß hier zu erzählen, würde zu weit führen; auch würde es nicht in meinen Plan paſſen, da ich blos meine eigene Geſchichte zu geben gedenke. Wir lagen unter dieſen verſchiedenen einfältigen Miß⸗ helligkeiten beinahe fünf Monate hier, worauf ich gegen das Ende des März mit dem großen Schiff unter Segel 2 327& ging, welches vierundvierzig Kanonen und vierhundert Mann faßte, ſo wie mit der Schaluppe, die achtzig Mann zählte. Wir ſteuerten nicht, wie wir anfangs beabſichtigt, nach der malabariſchen Küſte, und von da nach dem perſiſchen Meer⸗ buſen, da die öſtlichen Paſſatwinde noch zu ſtark blieſen, fondern hielten uns mehr an der afrikaniſchen Küſte, wo wir abwechſelnden Wind hatten, bis wir die Linie paſſirten und nach dem Cap Baſſa in der Breite von 4⁰ 10 gelangten. Von da ſegelten wir, da die Paſſatwinde in Nordoſt und Nordnordoſt umzuſchlagen begannen, mit halbem Winde weiter nach den Malediven, einer berühmten, allen See⸗ fahrern, welche in dieſe Weltgegend gekommen, wohl bekann⸗ ten Inſelgruppe. Dieſe Inſeln ließen wir etwas ſüdlich liegen, kamen an das Cap Comorin, den ſüdlichſten Theil der malabariſchen Küſte, und umſchifften die Inſel Ceylon. Hier lagen wir eine Weile, um auf eine Beute zu lauern; auch erblickten wir dort drei große engliſch⸗oſtindiſche Schiffe, welche von Bengalen oder vom Fort St. Georg aus ſich auf dem Heimweg nach England befanden, oder vielmehr mit der Fahrt nach Bombay und Surate begriffen waren, wo ſie zuvor noch Geſchäfte abzumachen hatten. Wir näherten uns, hißten eine große engliſche Flagge ſammt dem Wimpel auf und legten vor ihnen bei, als beab⸗ ſichtigten wir, ſie anzugreifen. Sie wußten geraume Zeit nicht, was ſie von uns denken ſollten, obgleich ſie unſere 5 328 Se Farben ſahen, und ich glaube, daß ſie uns im Anfang für Franzoſen hielten, als ſie aber näher kamen, gaben wir ihnen bald zu erkennen, wer wir waren; denn wir ließen an der Spitze unſerer Hauptmarsſtange eine ſchwarze Fahne mit zwei gekreuzten Dolchen wehen, woraus ſie ſehen konn⸗ ten, was ſie von uns zu erwarten hätten. Wir enideckten bald die Wirkungen hievon; denn im Anfang breiteten ſie ihre Flaggen aus und ſegelten in ge⸗ rader Linie auf uns zu, als ob ſie uns bekämpfen wollten, wobei ſie den Wind vom Lande her hatten, der ſie uns ſtark entgegentrieb. Als ſie aber ſahen, wie ſtark wir waren, und als ſie an uns Kreuzfahrer ganz anderer Art fanden, ſo machten ſie ſich mit ihrer ganzen Segelkraft wieder aus dem Wege. Wären ſie herangerückt, ſo würden wir ihnen einen unerwarteten Willkomm gegeben haben, aber ſo, wie die Sachen jetzt ſtanden, hatten wir keine Luſt, ſie zu ver⸗ folgen und ließen ſie daher aus denſelben Gründen, die ich ſchon früher erwähnt habe, weiter ziehen. Aber wenn wir dieſe auch paſſiren ließen, ſo lag es doch nicht in unſerem Plan, Andere eben ſo leichten Kaufs davon kommen zu laſſen. Gleich am nächſten Morgen ſahen wir ein Schiff, welches um das Cap Comorin herumfuhr, und wie wir dachten, in derſelben Richtung mit uns ſteuerte. Wir wußten anfänglich nicht, was wir aus ihm machen ſollten, weil es das Ufer auf ſeiner linken Seite hatte, und 2 329 wenn wir förmlich Jagd darauf machen wollten, leicht in irgend einen Hafen oder eine Bucht einlaufen und uns ent⸗ wiſchen konnte; um nun dieß zu verhindern, entſandten wir die Schaluppe, um ſich zwiſchen dem Schiff und dem Lande aufzuſtellen. Sobald das Schiff dieſes ſah, machte es ſich immer näher an das Land, und als die Schaluppe ihm entgegenfuhr, ſegelte es mit der größtmöglichen Eile geradezu nach dem Ufer. Die Schaluppe rückte ihm indeß immer näher, griff es an und fand, daß es ein Fahrzeug von zehn Kanonen war, von Portugieſen erbaut, aber in den Händen holländiſcher Handelsleute und mit Holländern be⸗ mannt, die von dem perſiſchen Meerbuſen nach Batavien entſendet worden waren, um Specereien und andere Güter von dort zu holen. Die Mannſchaft der Schaluppe nahm es und hatte es durchgeſucht, noch ehe wir dazu kamen. Es führte einige europäiſche Waaren mit ſich, dabei eine gute runde Summe Geldes und etliche Perlen, ſo daß, obgleich wir nicht der Perlen wegen in den Golf gingen, die Perlen aus dem Golf zu uns kamen, und wir einen hübſchen Schatz hoben. Es war dieß ein reiches Schiff, und die Waaren hatten, abgeſehen von dem Geld und den Perlen, einen ſehr bedeutenden Werth. Wir hielten eine lange Berathung, was wir mit der Mannſchaft anfangen ſollten; denn wenn wir ihr das Schiff zurückgegeben und erlaubt hätten, ihre Fahrt nach Java —2 330& fortzuſetzen, ſo würde ſie die dortige holländiſche Faktorie, welche bei weitem die ſtärkſte in Indien iſt, aufgeſchreckt und uns unmöglich gemacht haben, dieſen Weg zu nehmen. Wir beabſichtigten nämlich, dieſen Theil der Welt auf unſerer Fahrt zu beſuchen, waren aber nicht willens, an der großen Bucht von Bengalen blos vorbeizuziehen, wo wir vielmehr einen ſchönen Fang zu machen hofften, und deßhalb wäre es uns höchſt ungelegen geweſen, wenn man uns den Weg dahin verſperrt hätte; denn ſie wußten, daß wir durch die Meerenge von Malacca oder von Sunda paſſiren mußten, und dieſe beiden Wege konnten uns ſehr leicht abgeſchnitten werden. Während wir uns in der großen Cafüte hierüber be⸗ rathſchlagten, beſprach unſere Mannſchaft dieſelbe Sache vor dem Maſt, und die Mehrzahl war, wie es ſchien, dafür, die armen Holländer unter die Häringe einzupöckeln, d. h., ſie alle mit einander in die See zu werfen. Der arme Quäcker William gerieth darüber in große Noth und kam auf mich zu, um es mir zu ſagen.„Hör' einmal,“ ſagte William,„was willſt Du mit dieſen Holländern anfangen, die Du an Bord haſt? Du wirſt ſie doch vermuthlich nicht ziehen laſſen wollen?«—„Warum nicht?“ verſetzte ich,„würdeſt Du mir nicht rathen, ſie ziehen zu laſſen?«— „Nein,“ ſprach William;„ich kann nicht ſagen, daß es für Dich gut wäre, wenigſtens nicht ihre Reiſe nach Batavia 5 331 S⸗ ſie fortſetzen zu laſſen, weil es nicht in Deinem Intereſſe liegt, daß die Holländer in Batavia Deinen Aufenthalt in dieſen Gewäſſern erfahren.“—„Nun gut,“ ſagte ich zu ihm, „ſo weiß ich kein anderes Mittel, als ſie über Bord zu werfen. Du weißt, William,“ ſetzte ich hinzu,„ein Hollän⸗ der ſchwimmt wie ein Fiſch, und alle unſere Leute hier ſind ebenfalls dieſer Meinung.“ Ich war zwar entſchloſſen, dieß nicht geſchehen zu laſſen, wünſchte aber doch zu hören, was William dazu ſagen würde. Er antwortete ernſt:„Wenn auch alle Leute im Schiff dieſer Meinung wären, ſo würde ich doch nie glauben, daß Du ſie mit ihnen theileſt; denn ich habe Dich in allen andern Fällen gegen Grauſamkeiten eifern hören.“—„Gut, William,“ erwiederte ich,„das iſt wahr; aber was ſollen wir denn mit ihnen anfangen?“— „Gibt es denn keinen andern Ausweg/“ entgegnete William, „als ſie zu ermorden? Ich bin überzeugt, es kann nicht Dein Ernſt ſein.“—„Nein, in der That, William,“ ſagte ich,„es iſt nicht mein Ernſt; aber ſo viel bleibt ausgemacht, ſie ſollen nicht nach Java kommen und eben ſo wenig nach Ceylon.“—„Aber,“ erwiederte William,„die Leute haben Dir durchaus kein Leid gethan. Was haſt Du für ein Recht, ſie zu mißhandeln?“—„Ei, William,“ ſagte ich,„ſprich nicht ſo; ich habe Gründe genug, wenn es darauf ankommt. Der Hauptgrund iſt, ſie zu verhindern, daß ſie mir Uebles zufügen, und das iſt ein ſo wichtiger Punkt im Geſetze der 2 332 SE⸗ Selbſterhaltung, als irgend einer, den Du mir anführen kannſt. Nun iſt aber die große Frage, was ich mit ihnen anfangen ſoll, damit ſie mir nicht ſchwatzen.“ Während William und ich ſo ſprachen, wurden die armen Holländer von der ganzen Schiffsmannſchaft geradezu zum Tode verurtheilt, und die Leute wurden darüber ſo warm, daß ſie einen gewaltigen Lärm erhoben; ja, als ſie hörten, daß William dagegen wäre, ſchworen Einige von ihnen, die Holländer müßten dennoch ſterben, und wenn William es nicht zugeben wollte, ſo wärfe man ihn ſammt ihnen in die See. Da ich indeß entſchloſſen war, ihrem grauſamen Vor⸗ haben entgegenzutreten, ſo fand ich, daß es Zeit war, mein Anſehen zu zeigen, bevor ihre Blutgier ſich thätlich äußerte. Ich rief daher die Holländer zu mir und ſprach ein wenig mit ihnen. Zuerſt fragte ich ſie, ob ſie geneigt wären, mit uns zu ziehen. Zwei von ihnen ſagten ſogleich Ja, die übrigen aber, vierzehn an der Zahl, lehnten es ab.„Nun gut,“ ſagte ich,„wohin wollt ihr ſonſt?“ Sie wünſchten nach Ceylon zu gehen. Ich ſagte ihnen, ich könnte nicht zugeben, daß ſie in eine holländiſche Faktorie gelangten, und ſetzte ihnen ganz offen meine Gründe auseinander, deren Triftig⸗ keit ſie auch nicht beſtreiten konnten. Ich ließ ſie auch die grauſamen, blutigen Plane unſerer Mannſchaſt wiſſen, be⸗ merkte aber, daß ich entſchloſſen wäre, ſie wo möglich zu 333 G⸗ retten, und ſagte ihnen daher, ich wollte ſie in irgend einer engliſchen Faktorie in Bengalen ans Land ſetzen oder einem engliſchen Schiffe mitgeben, dem ich begegnen würde, aber erſt, nachdem ich die Meerenge von Sunda oder Malacca paſſirt hätte; denn ich würde ſonſt bei meiner Wiederkehr hieher ihre holländiſche Macht von Batavia aus mir auf den Hals ziehen; ich könnte alſo durchaus nicht wünſchen, daß die Nachricht von dem Geſchehenen vor mir dorthin gelangte, weil ſonſt alle ihre Handelsſchiffe aufbrechen und uns aus dem Wege gehen würden. Es kam nun zunächſt in Betracht, was wir mit dem Schiff anfangen ſollten. Hierüber bedurfte es jedoch keiner langen Berathung; denn es war nur zweierlei möglich: entweder man verbrannte es, oder man ließ es auf den Strand laufen, und wir wählten das letztere. Wir banden alſo das Fockſegel mit ſeiner Lien an den Katzenkopf, be⸗ feſtigten das Ruder ein wenig an den Steuerbord, damit es dem Hauptſegel entſprach, und ließen es, ohne daß ein Hund oder eine Katze darin geweſen wäre, laufen. Es ſtand nicht länger als zwei Stunden an, ſo ſahen wir es gerade an der Küſte, ein wenig unter dem Cap Comorin, auf den Strand laufen, worauf wir Ceylon umſchifften und auf die Küſte von Coromandel losſegelten. Wir ſchifften dahin, nicht blos im Angeſicht des Ufers, ſondern ſo nahe daran, daß wir die Schiffe auf der Rhede beim Fort 334 Sc⸗ St. David, dem Fort St. Georg und den andern Fakto⸗ rien längs dieſes Ufers ſowohl, als auch die Küſte von Golconda entlang ſehen konnten, indem wir unſere engliſche Flagge aufſteckten, wenn wir in die Nähe der holländiſchen Faktorien kamen, und die holländiſchen Farben, wenn wir an den engliſchen Faktorien vorbeifuhren. Wir machten auf dieſer Küſte wenig Beute, nur zwei kleine Schiffe von Gol⸗ conda, welche mit Ballen Kattun und Muslin, ſowie mit gewirkten Seideſtoffen und fünfzehn Ballen Romal quer über die Bucht kamen, und, wir wußten nicht, in welcher Abſicht, nach Achin und nach andern Häfen auf der Küſte von Malacca fahren wollten. Wir fragten nicht, welchen Platz ſie insbe⸗ ſondere im Auge hätten, ſondern wir ließen die Schiffe ziehen, da ſie blos Indier an Bord hatten. In der Bucht ſelbſt ſtießen wir auf eine große Jonke, welche zum Hof des Moguls gehörte, mit ſehr vielen Leuten darauf, die wir für Reiſende hielten: wie es ſchien, wollten ſie in den Fluß Hugely oder Ganges fahren und kamen von Sumatra. Dieß war ein Fang, um welchen man ſich wohl einige Mühe geben durfte; denn wir bekamen hier außer andern Waaren, womit wir uns nicht einmal befaſſen moch⸗ ten, und worunter namentlich Pfeffer war, ſo viel Gold, daß daſſelbe beinahe unſerer Kreuzfahrt ein Ende gemacht hätte; denn faſt alle meine Leute ſagten, wir ſeien jetzt reich genug, und wollten wieder nach Madagascar zurückkehren; 335 ⸗ allein ich führte immer noch andere Dinge im Schilde, und als ich mit ihnen darüber ſprach und Freund William eben⸗ falls, ſo ſetzten wir ihnen ſolche goldene Hoffnungen in den Kopf, daß ſie ſich bald dazu verſtanden, weiter mit uns zu ziehen. Mein Plan war zunächſt, alle die gefährlichen Meerengen von Malacca, Sincapore und Sunda zu verlaſſen, wo wir keine große Beute erwarten durften, außer den europäiſchen Schiffen, die uns etwa aufſtießen, und die wir bekämpfen mußten; denn obſchon wir ſehr wohl im Stande waren, zu fechten, und es uns nicht an verzweifeltem Muthe gebrach, ſo waren wir doch auch reich, dabei entſchloſſen, immer noch reicher zu werden, und hatten uns zum Grundſatze gemacht, ſo lange wir die Güter, die wir ſuchten, ohne Kampf be⸗ kommen könnten, uns nicht der Nothwendigkeit auszuſetzen, für das zu fechten, was auf leichterem Wege zu erlangen war. Fünfzehntes Kapitel. Gefährliches Abenteuer.— Wirkungen eines Blitzſtrahls.— William verläßt das Schiff in einer Handelsangelegenheit.— Wir kommen an die Inſel Formoſa.— William kehrt zurück, nachdem er eine höfliche Behandlung bei den Chineſen gefunden, mit denen wir kaufmänniſche Geſchäfte einleiten.— Seltſame Geſchichte von dreizehn Engländern, welche in Japan wohnen. Wir verließen alſo die Bucht von Bengalen, und als wir an die Küſte von Sumatra kamen, legten wir in einem kleinen Hafen an, in deſſen Nähe eine blos von Malaien bewohnte Stadt lag. Hier nahmen wir friſches Waſſer ein und verſchafften uns eine große Menge gutes eingepöckeltes und wohlgeſalzenes Schweinefleiſch, trotz der Hitze des Klima's, indem wir uns gerade in der Mitte der heißen Zone, näm⸗ lich in 3⁰ 15 nördlicher Breite befanden. Wir nahmen an Bord unſerer beiden Fahrzeuge auch vierzehn lebendige Schweine, um immer friſche Vorräthe zu haben, da es uns an Futter für ſie, wie es das Land hervorbrachte, durchaus nicht mangelte, nämlich an Guam, Kartoffeln und einer Art 337 SE⸗ groben Reiſes, welcher blos zum Futter für die Schweine zu gebrauchen iſt. Wir tödteten jeden Tag eines dieſer Thiere und fanden ihr Fleiſch vortrefflich. Auch nahmen wir eine große Anzahl Enten und Hühner mit(dieſelbe Art, wie wir ſie in England haben), um uns einige Abwechslung in unſern Speiſen zu bereiten. Wenn ich mich recht erinnere, ſo hatten wir nicht weniger, als 2000 Stück, ſo daß wir im Anfang ſehr mit ihnen geplagt waren; allein der große Haufen ſchmolz bald zuſammen, indem wir ſie ſotten, brieten, einſalzten u. ſ. w.; denn wir ließen uns nichts abgehen, ſo lange wir ſie hatten. Mein längſt gehegter Plan lag jetzt klar entwickelt vor mir, nämlich in die holländiſchen Gewürzinſeln einzufallen und zu ſehen, was ich dort erreichen könnte. Demgemäß ſtachen wir am 12. Auguſt in die See, paſſirten am 17. die Linie und ſegelten genau nach Süden, indem wir die Meerengen von Sunda und Java öſtlich liegen ließen, bis wir in die Breite von 11⁰ 20 kamen. Von da aus ſteuer⸗ ten wir oſtwärts und oſtnordoſtwärts, indem wir günſtige Winde von Südweſt hatten, bis wir zu den Molukken oder Gewürzinſeln kamen. Wir durchzogen dieſe Gewäſſer mit weniger Schwierig⸗ keit, als an andern Orten, da die Winde im Süden von Java mehr wechſelten, und das Wetter im Allgemeinen gut war, wiewohl wir hie und da auch Böen und kurze Stürme Singleton. I. 22 „ 338 A& hatten; als wir aber an die Gewürzinſeln ſelbſt kamen, hatten wir eine Art Paſſatwinde, die wir uns gehörig zu Nutzen machten. Die zahlloſe Menge von Inſeln, welche in dieſen Ge⸗ wäſſern liegen, bereitete uns manche Verlegenheiten, und nur mit großer Schwierigkeit vermochten wir, uns einen Weg durch dieſelben zu bahnen. Sodann ſteuerten wir nach der nördlichen Seite der Philippinen, wo wir doppelte Aus⸗ ſichten auf gute Geſchäfte hatten; denn wir konnten entweder mit den ſpaniſchen Schiffen von Acapulco, auf der Küſte von Neuſpanien her zuſammentreffen, oder aber durften wir gewiß ſein, einige chineſiſche Schiffe oder Jonken zu treffen, die, wenn ſie von China kamen, eine große Menge werth⸗ voller Waaren ſowohl, als auch Geld an Bord hatten; oder wenn wir ſie auf ihrer Heimfahrt erreichten, ſo konnten wir mit Zuverſicht hoffen, ſie mit Muscatnüſſen und Gewürz⸗ nelken von Banda und Ternate oder irgend einer der andern Inſeln beladen zu finden. Unſere Muthmaßungen in dieſer Beziehung waren durch⸗ aus richtig, und wir ſteuerten geradezu durch eine breite Straße, die man dort eine Meerenge nennt, obgleich ſie fünfzehn Meilen breit iſt, nach einer Inſel, Daurma genannt, und von da nordnordöſtlich nach Banda. Zwiſchen dieſen Inſeln ſtießen wir auf eine holländiſche Jonke, welche nach Amboyna beſtimmt war, Wir nahmen ſie ohne große Mühe, und ich 339 ⸗ hatte viel zu thun, um meine Leute abzuhalten, daß ſie nicht die ganze Mannſchaft ermordeten, ſobald ſie erfuhren, daß ſie nach Amboyna gehörten, wo die Holländer bekanntlich große Grauſamkeiten an den Engländern verübt hatten*). Wir nahmen dieſer Jonke etwa ſechzehn Tonnen Mus⸗ katnüſſe, einigen Mundvorrath und ihre kleinen Gewehre ab,(denn ſie hatten keine großen Kanonen) und ließen ſie dann weiter ziehen. Von da ſegelten wir geradezu nach der Inſel Banda oder den Inſeln, wo wir mit Sicherheit hoffen durften, noch mehr Muskatnüſſe zu bekommen, wenn wir es für zweckmäßig erachtet hätten. Ich für meinen Theil würde gern noch mehr zu bekommen geſucht haben, wenn ich ſie auch hätte bezahlen müſſen, aber unſere Leute hatten einen wahren Abſcheu davor, irgend etwas zu bezahlen. So erbeuteten wir denn zu verſchiedenen-Malen noch etwa zwölf Tonnen, meiſtens vom Ufer hinweg und nur einige wenige von einem kleinen den Eingeborenen angehörigen Boote, welches nach Gilolo beſtimmt war. Wir würden offen Han⸗ del damit getrieben haben; allein die Holländer, die ſich aller dieſer Inſeln bemächtigt hatten, verboten den Einwoh⸗ nern allen Verkehr mit uns oder ſonſtigen Fremden und erhielten ſie in ſolcher Angſt, daß ſie es nicht wagten, dieſes Verbot zu überſchreiten. Auf dieſe Art konnten wir alſo *) Dryden hat darüber ein Stück geſchrieben. 22* .—2 340. nichts damit anfangen, wenn wir uns länger hier aufhielten, und beſchloſſen daher, nach Ternate zu gehen und zu ſehen, ob wir dort unſere Ladung Gewürznelken losſchlagen könnten. Demgemäß ſteuerten wir nördlich, fanden uns aber zwiſchen den zahlloſen Inſeln, wo wir keinen Lotſen hatten, der die Meerenge und die Klippen kannte, ſo vielen Ver⸗ legenheiten ausgeſetzt, daß wir uns genöthigt ſahen, den Plan aufzugeben, und beſchloſſen, nach Banda zurückzugehen, um zu ſehen, was wir unter den andern Inſeln in dieſer Gegend erlangen könnten. Das erſte Abenteuer, das wir hier beſtanden, hätte leicht uns allen verderblich werden können. Die Schaluppe nämlich, welche vorausſegelte, gab durch Signale zu ver⸗ ſtehen, daß ſie ein Schiff ſehe und nachher ein zweites und ein drittes. Wir wandten daher mehr Segelkraft an, um ſie einzuholen, geriethen aber auf einmal unter Klippen, gegen die wir mit ſolcher Heftigkeit anfuhren, daß wir alle im Innerſten darüber erſchracken; denn da wir, wie es ſchien, kaum einen Zoll mehr Waſſer hatten, als unum⸗ gänglich nothwendig war, ſo ſtieß unſer Ruder auf die Spitze eines Felſen, der uns einen ſchrecklichen Stoß gab, ein großes Stück des Ruders zertrümmerte und es wirklich ſo ruinirte, daß wir damit unſer Schiff nicht weiter ſteuern konnten, wenigſtens nicht ſo, daß wir uns darauf hätten verlaſſen dürfen. Wir ſahen uns alſo genöthigt, alle unſere 2 341 S⸗⸗ Segel, bis auf das Fockſegel und das Hauptmarsſegel an⸗ zuſchnüren, und fuhren auf dieſe Art weiter nach Oſten, um zu ſehen, ob wir vielleicht eine Bucht oder einen Hafen fänden, wo wir das Schiff anlegen und unſer Ruder aus⸗ beſſern könnten. Zudem fanden wir, daß das Schiff ſelbſt Schaden gelitten hatte; denn es hatte einen kleinen Leck in der Nähe des Hinterſtevens bekommen, und zwar ziemlich tief im Waſſer. Durch dieſen Uebelſtand verloren wir die Vortheile, die aus einem Anbinden mit den drei Schiffen erwachſen konnten. Es waren, wie wir nachher erfuhren, kleine hol⸗ ländiſche Fahrzeuge aus Batavia, welche nach Banda und Amboyna ſegelten, um Specereien einzukaufen, und ohne Zweifel bedeutende Geldſummen an Bord hatten. Nach dem Unglück, wovon ich ſo eben geſprochen, kann man ſich leicht denken, daß wir bald möglichſt ankerten und zwar an einer kleinen Inſel, unfern von Banda, wohin die Engländer, obgleich ſie dort keine Factorie unterhalten, doch um dieſe Jahreszeit zu kommen pflegen, um Muskatnüſſe und Muskatblüthen einzukaufen. Wir verweilten hier drei⸗ zehn Tage; da ſich aber kein Platz fand, wo wir das Schiff ans Land bringen konnten, ſo ſandten wir die Scha⸗ luppe aus, um unter den Inſeln herumzukreuzen und ſich nach einem geeigneten Platze für uns umzuſehen. Inzwiſchen bekamen wir hier ſehr gutes Waſſer, einige Lebensmittel, 1 3 342 SE Wurzeln und Früchte und eine ziemliche Menge Muskatnüſſe und Muskatblüthen, welche wir an die Eingebornen zu ver⸗ handeln Gelegenheit hatten, ohne daß ihre Gebieter, die Holländer, es erfuhren. Endlich kam unſere Schaluppe zurück; ſie hatte eine andere Inſel ausfindig gemacht, wo ein ſehr guter Hafen war. Wir fuhren hinein und warfen die Anker aus. Sofort ſpannten wir alsbald alle unſere Segel ab, ſchickten ſie ans ufer und ſchlugen ſieben oder acht Zelte mit ihnen auf; dann tackelten wir unſere Stangen ab, nahmen ſie herunter, machten alle unſere Kanonen los und ſchafften ſie nebſt unſern Vorräthen und der ſämmtlichen Beute unter die Zelte. Mit den Kanonen errichteten wir zwei kleine Batterien, um gegen Ueberrumpelung geſichert zu ſein, und auf dem Hügel ſtellten wir eine Schildwache aus. Nachdem dieß alles in Ordnung war, legten wir das Schiff auf dem feſten Sande am obern Ende des Hafens um und unterſtützten es auf jeder Seite. Bei niedrigem Waſſerſtand lag es beinahe trocken, und ſo beſſerten wir ſeinen Boden aus und ver⸗ ſtopften das Leck, welches dadurch entſtanden war, daß einige von den Rudereiſen bei dem Anprallen des Schiffes gegen den Felſen geſtampft hatten. Nachdem dieß geſchehen war, nahmen wir auch Ge⸗ legenheit den Boden zu reinigen, der durch den langen Aufenthalt auf der See ſehr ſchmutzig geworden war. Die — 343 ‿. Schaluppe wurde gleichfalls gewaſchen und getalgt, war aber vor dem größeren Schiffe wieder in brauchbaren Stand geſetzt und kreuzte acht oder zehn Tage unter den Inſeln herum, jedoch ohne einen Fang zu thun, ſo daß wir des Ortes überdrüſſig zu werden begannen, zumal da wir hier außer den fürchterlichſten Donnerwettern, von denen man je in der Welt gehört und geleſen, wenig Neues zu ſehen bekamen. Wir hofften hier den Chineſen Einiges abzunehmen, die, wie man uns geſagt hatte, nach Ternate kamen, um Ge⸗ würznelken, und nach den Banda⸗Inſeln, um Muskatnüſſe einzukaufen. Es wäre eine große Freude für uns geweſen, wenn wir unſere Gallione oder das große Schiff mit dieſen zwei Arten von Specereien hätten beladen können, und wir würden dann unſere Fahrt wirklich für glorreich gehalten haben; aber es ließ ſich hier nichts mehr ſehen, außer den Holländern, die, wir konnten nicht errathen, auf welche Art, Kunde von uns bekommen oder Verdacht gegen uns geſchöpft hatten und ſich nun dicht bei ihren Häfen aufhielten. Einmal hatte ich im Sinn, auf der Inſel Dumas, durch die beſten Muskatnüſſe berühmt, zu landen; aber Freund William, welcher immer der Meinung war, wir ſollten unſer Geſchäft ohne Kampf abmachen, rieth mir ab und führte ſolche Gründe an, daß wir nicht widerſtehen konnten, darunter namentlich die große Hitze der Jahreszeit und des Ortes; denn wir waren jetzt in der Breite von 344 e- gerade ½0 ſüdlich. Während wir aber noch über dieſen Punkt ſtritten, wurden wir bald durch folgendes Ereigniß zu einem Entſchluſſe beſtimmt. Wir hatten einen ſtarken Süd⸗ weſtweſtwind, und das Schiff ſegelte munter dahin, als eine gewaltige hohe See aus Nordoſt auf uns zukam, nämlich, wie wir nachher fanden, der große Ocean öſtlich von Neu⸗Guinea, der ſich hier in dieſes Meer ergießt. Gleichwohl ſegelten wir, wie ſchon geſagt, tüchtig darauf los, als auf einmal von einer dunkeln Wolke, die über unſern Häuptern hing, eine Flamme oder vielmehr ein Blitzſtrahl herabfuhr, der ſo fürchterlich war und ſo lange unter uns zuckte, daß nicht nur ich, ſondern die ganze Mannſchaft glaubte, das Schiff ſtehe in Flammen. Wir ſpürten die Hitze des Blitzes oder Feuers ſo empfindlich in unſern Geſichtern, daß mehrere von unſern Leuten davon Blaſen auf der Haut bekamen, vielleicht nicht unmittelbar von der Hitze, ſondern von den giftigen oder ſchädlichen Theilchen, welche ſich mit dem entflammten Stoffe vermiſchten. Dieß war indeß noch nicht alles: die Er⸗ ſchütterung der Luft, welche der Bruch in den Wolken machte, war ſo gewaltig, daß unſer Schiff davon zuſammenbebte, wie wenn eine ganze Batterie auf daſſelbe abgefeuert worden wäre, und dadurch, daß ſeine Bewegung auf einmal durch einen mächtigeren Stoß, als der war, welcher es bisher getrieben hatte, gehemmt wurde, flogen die Segel in einem Augenblick alle zurück, und das Schiff war im eigentlichen Sinne vom 345 So⸗ Donner gerührt. Da der Blitzſtrahl aus der Wolke ſo nahe bei uns war, ſo erfolgte wenige Augenblicke nach dem Blitz das fürchterlichſte Donnergerolle, das vielleicht jemals Sterb⸗ liche gehört haben. Ich glaube faſt, daß der Knall von hunderttauſend Tonnen Pulver nicht hätte ſchrecklicher ſein können; mehrere von unſern Leuten verloren wirklich das Gehör dadurch. Den Schrecken dieſer Minute kann ich eben ſo wenig beſchreiben, als irgend Jemand ihn zu faſſen vermag. Unſere Leute waren in ſolcher Beſtürzung, daß kein Mann an Bord des Schiffes Geiſtesgegenwart genug hatte, an die Pflichten eines Seemanns zu denken, ausgenommen Freund William; und wäre er nicht aufs ſchnellſte und dabei mit einer Ruhe, die ich wahrhaftig mir ſelbſt nicht zutrauen darf, herbei⸗ geſprungen, um die vordere Schoote los zu laſſen, die Luv⸗ braſſe der Fockraa anzulegen und die Marsſegel herabzuziehen, ſo wäre wahrſcheinlich unſer Schiff umgeſtürzt worden. Was mich ſelbſt betrifft, ſo muß ich geſtehen, daß meine Augen zwar die ganze Gefahr durchſchauten, aber durchaus kein Mittel zu entdecken vermochten, uns heraus⸗ zuhelfen. Ich war ganz Beſtürzung, und ich kann wohl ſagen, es war dieß das erſtemal, daß ich die Wirkungen jenes Entſetzens zu fühlen begann, das ich ſeitdem bei einer wichtigen Betrachtung meines früheren Lebens mehr kennen gelernt habe. Ich glaubte mich vom Himmel verurtheilt, 2 346 Se in dieſem Augenblick in ewige Vernichtung zu verſinken und zwar unter den beſonders ſchreckhaften Umſtänden, daß die Sache nicht auf dem gewöhnlichen Weg der menſchlichen Gerechtigkeit vollzogen würde, ſondern daß Gott ſelbſt un⸗ mittelbar über mich verfügte und entſchloſſen wäre, in eigener Perſon der Vollſtrecker ſeiner Rache zu ſein. Diejenigen allein vermögen meinen Zuſtand zu faſſen, welche wiſſen, in welchem Fall der Sohn Shadwell's oder Francis Spira war. Ich bin nicht im Stande, ihn zu ſchildern. Meine Seele war ganz Schrecken und Beſtürzung; ich glaubte, jetzt ſogleich in die Ewigkeit zu verſinken, mußte die göttliche Gerechtigkeit meiner Beſtrafung anerkennen, empfand aber durchaus nichts von den Rührungen eines auf⸗ richtig bußfertigen Sünders; ich war niedergeſchlagen durch die Strafe, nicht aber durch das Verbrechen; beſtürzt durch die Rache, nicht aber entſetzt über die Schuld; ich empfand noch dieſelbe Luſt zu dem Verbrechen, ob ich gleich aufs äußerſte erſchreckt war durch den Gedanken an die Strafe, die ich, wie ich glaubte, jetzt ſogleich erleiden ſollte. Aber vielleicht werden Manche, die dieſes leſen, in dem Donner und Blitze nichts außerordentliches finden und ſich wegen des Uebrigen weiter keine Gedanken machen oder das Ganze ſogar ins Scherzhafte ziehen; ich ſage daher jetzt nichts weiter darüber, ſondern fahre in der Erzählung 2 347 S⸗ von meiner Reiſe fort. Als die Beſtürzung vorüber war, und die Mannſchaft wieder zu ſich zu kommen anfing, rief Einer dem Andern, Jeder ſeinem Freund, oder ſolchen, vor denen er am meiſten Achtung hatte, und es war ein ausnehmendes Vergnügen, zu finden, daß Niemand verletzt war. Das nächſte Geſchäft war jetzt, zu unterſuchen, ob das Schiff keine Beſchädigung erlitten habe, was der Hoch⸗ bootsmann beſorgte; er brachte die Nachricht, daß ein Theil des Schnabels abgeſchlagen ſei, jedoch nicht ſo, daß das Bugſpriet gefährdet wäre. Wir hißten alſo unſere Marsſegel wieder auf, holten die Vorderſchooten nach hinten, braßten die Raaen und ſegelten weiter. Ich kann indeß nicht leugnen, daß wir alle beinahe ebenſo waren, wie das Schiff: nachdem unſere erſte Beſtürzung ein wenig verflogen war und wir ſahen, daß das Schiff wieder ſchwamm, ſo waren wir bald wieder dieſelben gottloſen und verhär⸗ teten Burſche, wie zuvor, und ich ſelbſt machte keine Aus⸗ nahme. Wir ſteuerten nach Nordnordoſt und paſſirten auf dieſe Art mit einem günſtigen Wind die Meerenge oder den Kanal zwiſchen der Inſel Gilolo und Neu⸗Guinea, worauf wir bald in die offene See, ſüdweſtlich von den Philippinen kamen, nämlich in das große ſtille Meer oder die Südſee, wo man ſagen kann, daß ſie ſich mit dem indiſchen Ocean vereinige. Als wir unter vollem nördlichen Courſe in dieſe Meere 1 348 SE⸗⸗ kamen, erreichten wir bald die Nordſeite der Linie und ſegelten dann auf Mindanao und Manilla, die größten der Philip⸗ piniſchen Inſeln, zu, ohne auf irgend eine Beute zu ſtoßen, bis wir in den Norden von Manilla kamen, wo unſer Ge⸗ ſchäft ſeinen Anfang nahm; denn in einiger Entfernung von Manilla nahmen wir drei japaneſiſche Schiffe weg. Zwei von ihnen hatten ihren Markt gemacht und ſegelten mit Muskatnüſſen, Gewürznelken, Zimmt u. ſ. w. und allen möglichen europäiſchen Waaren, welche die ſpaniſchen Schiffe von Acapulco gebracht hatten, heimwärts. Sie hatten zu⸗ ſammen achtunddreißig Tonnen Gewürznelken, fünf oder ſechs Tonnen Muskatnüſſe und eben ſo viel Zimmt. Wir nahmen die Spezereien weg, befaßten uns aber ſehr wenig mit den europäiſchen Gütern, da wir dieſelben unſerer Be⸗ achtung nicht werth hielten; aber bald darauf bereuten wir es ſehr und wurden für künftige Fälle klüger. Das dritte japaniſche Schiff war unſere beſte Priſe; denn es führte Geld und eine große Menge ungeprägten Golds an Bord, um von obenerwähnten Waaren einzukaufen. Wir machten es um ſein Gold leichter, thaten ihm aber ſonſt kein Leid an, und da wir nicht im Sinne hatten, uns lange hier aufzuhalten, ſo ſegelten wir in der Richtung von China weiter. Wir brauchten mehr als zwei Monate zu dieſer Fahrt, da wir viel mit dem Winde zu kämpfen hatten, welcher 349 S⸗ beſtändig von Nordoſt her blies, höchſtens mit einer wechſelnden Abweichung von zwei Strichen nach Norden oder Weſten— ein Umſtand, dem wir es in der That auch zu danken hatten, daß uns eine größere Anzahl von Priſen aufſtieß. Wir hatten eben die Philippinen verlaſſen und nahmen uns vor, nach der Inſel Formoſa zu ſegeln; aber der Wind blies ſo friſch von Nordnordoſt, daß dieß durchaus nicht aus⸗ führbar war, und wir uns genöthigt ſahen, nach Laconia, der nördlichſten dieſer Inſeln, zurückzufahren. Wir lagen hier ganz ſicher und änderten unſere Stellung nicht, weil keine Gefahr drohte denn hier gab es keine, ſondern um uns beſſer mit Lebensmitteln zu verſehen, welche die Leute uns ſehr bereitwillig lieferten. Während unſers Aufenthalts daſelbſt lagen auch drei ſehr große Gallionen oder ſpaniſche Schiffe aus der Südſee da. Wir konnten im Anfang nicht daraus klug werden, ob ſie erſt neuerdings gekommen oder im Begriff waren, abzu⸗ ſegeln; als wir aber ſpäter fanden, daß die chineſiſchen Kauf⸗ leute zu laden und nach Norden abzufahren begannen, ſo ſchloſſen wir daraus, daß die ſpaniſchen Schiffe jetzt ihre Waaren ausgeladen und an dieſe verkauft hätten. Wir zweifelten alſo nicht daran, auf unſerer weiteren Fahrt eine Beute zu machen, und dieß konnte uns in der That nicht wohl mißlingen. Wir blieben hier bis zu Anfang Mai's, um welche Zeit, dem Vernehmen nach, die chineſiſchen Kaufleute * 4 1 350 S⸗⸗ abfahren wollten; denn die nördlichen Paſſatwinde hören zu Ende des März oder mit Anfang Aprils auf, ſo daß ſie bei ihrer Rückreiſe mit Sicherheit auf günſtigen Wind rechnen konnten. Wir mietheten daher von den Eingeborenen einige Boote, welche ſehr gute Segler waren, um ſie auf Kund⸗ ſchaft auszuſchicken, wie die Sachen in Manilla ſtänden, und wann die chineſiſchen Jonken abzuſegeln gedächten. Als wir hierüber Gewißheit hatten, trafen wir unſere Vorkeh⸗ rungen in einer Weiſe, daß wir nach einer dreitägigen Fahrt mit nicht weniger als eilf von ihnen zuſammentrafen, von denen wir jedoch, da ſie uns unglücklicherweiſe zu früh entdeckt hatten, nur drei in unſere Hände bekamen; allein wir begnüg⸗ ten uns damit und ſetzten unſere Fahrt nach Formoſa fort. Auf den drei Schiffen, die wir bekommen hatten, waren ſolche Vorräthe von Gewürznelken, Muskatnüſſen, Zimmt, Muskatblüthen und überdieß ſo viel Silber, daß unſere Mannſchaft anfing, meine Meinung zu theilen, nämlich daß wir jetzt reich genug wären und blos noch zu überlegen hätten, wie wir unſere unermeßlichen Schätze am beſten in Sicherheit bringen könnten. Ich freute mich heimlich, als ich hörte, daß dieſe Stim⸗ mung bei ihnen vorherrſchte; denn ich hatte ſchon lange beſchloſſen, ſie wo möglich zur Rückkehr zu überreden, da ich meinen urſprünglichen Plan, die Gewürzinſeln ein wenig zu durchſuchen, vollkommen ausgeführt und dieſe Priſen „æ——— 20 351 E⸗ alle, die in Manilla ungeheuren Werth hatten, weit über meine Erwartung ausgefallen waren. Da ich nun gehört hatte, was die Leute ſagten, und wie allen nichts weiter zu wünſchen übrig blieb, ſo ließ ich ſie durch Freund William wiſſen, ich beabſichtige blos nach der Inſel Formoſa zu fahren, wo ich Gelegenheit finden würde, unſere Specereien und europäiſchen Waaren in baares Geld zu verwandeln, und dann wollte ich ſüdlich umlegen, indem die nördlichen Paſſatwinde ſich um dieſe Zeit ebenfalls wieder einfinden würden. Sie billigten alle meinen Plan und fuhren bereitwillig weiter; denn abgeſehen von den Winden, welche uns vor dem October nicht geſtatteten, nach dem Süden zu gehen, hatten wir jetzt ein ſehr ſchweres Schiff, welches gegen zweihundert Tonnen Waaren(worunter einige ſehr werthvolle) an Bord führte. Die Schaluppe war ebenfalls verhältnißmäßig geladen. Mit dieſem Entſchluß nun zogen wir vergnügt weiter und entdeckten nach einer Fahrt von etwa zwölf Tagen die Inſel Formoſa in großer Entfernung, waren aber, da wir uns zu ſehr leewärts hielten, bereits über den ſüdlichſten Theil der Inſel hinausgefahren und beinahe an der Küſte von China. Hier befanden wir uns ein wenig in Verlegenheit; denn die eng⸗ liſchen Faktorieen waren nicht ferne, und wenn wir mit ihnen in Berührung kamen, konnten wir leicht genöthigt werden, einige ihrer Schiffe zu bekämpfen, was wir, ob wir uns .-2 352 G⸗ gleich ſtark genug dazu fühlten, aus mehreren Gründen nicht wünſchten, beſonders aber, weil es durchaus nicht für unſern Zweck paßte, bekannt werden zu laſſen, wer wir wären, oder daß man überhaupt Leute unſeres Schlags an der Küſte geſehen hätte. Gleichwohl waren wir genöthigt, uns gegen Norden zu halten und ſo gut die offene See zu behaupten, als es bei der Nähe der Küſte von China mög⸗ lich war. Wir waren noch nicht lange gefahren, als wir eine kleine chineſiſche Jonke auftrieben. Dieſe nahmen wir weg und fanden, daß ſie nach der Inſel Formoſa beſtimmt war, aber außer einigem Reis und einer kleinen Quantität Thee keine Waaren an Bord hatte. Dagegen befanden ſich drei chineſiſche Kaufleute darauf, und dieſe ſagten uns, ſie führen einem großen Schiffe ihres Landes entgegen, welches, von Tonkin zurückgekommen, in einem Fluß auf der Inſel Formoſa läge, deſſen Namen mir nicht mehr beifällt. Sie wären im Begriffe, mit Seideſtoffen, Muſſelin, Kattunen und ſonſtigen chineſiſchen Produkten und einigem Gold nach den Philippinen zu ſegeln, und hätten den Auftrag, die Ladung daſelbſt zu verkaufen und dagegen Specereien und europäiſche Güter einzuhandeln. Dieß paßte ſehr gut in unſern Plan, zumal da wir entſchloſſen waren, das Seeräuberhandwerk aufzugeben und Kaufleute zu werden. Wir theilten ihnen daher mit, was für Waaren wir an Bord hätten, und daß wir, wenn ſie 5 353& die Ladung, welche ſie umzuſetzen wünſchten, oder ihre Kauf⸗ leute auf unſer Schiff brächten, Geſchäfte mit ihnen machen wollten. Sie erklärten ſich nicht abgeneigt, mit uns zu handeln, obgleich ſie äußerſt eingeſchüchtert und mißtrauiſch waren, was ihnen auch nicht übel zu nehmen war; denn wir hatten ſie ja bereits ausgeplündert. Auf der andern Seite waren wir eben ſo mißtrauiſch, wie ſie, und höchſt unſchlüſſig, was wir thun ſollten, aber William, der Quäcker, brachte eine Art Tauſchhandel zu Stande. Er kam zu mir und ſagte, er glaube, daß die Kaufleute wie ehrliche Men⸗ ſchen ausſähen, welche es redlich meinten.„Und zudem,“ fügte er bei,„iſt es ihr eigener Vortheil, jetzt ehrlich zu ſein; denn da ſie wiſſen, in welcher Weiſe wir zu den Waaren gekommen ſind, die wir an ſie vertauſchen wollen, ſo wiſſen ſie auch, daß ſie auf ſchöne Procente rechnen dürfen; überdieß erſpart es ihnen die ganze Reiſe; denn da die ſüdlichen Paſſatwinde noch immer andauern, ſo können ſie, wenn ſie mit uns gehandelt haben, mit ihrer Fracht ſogleich nach China zurückkehren.“ Wir erfuhren zwar nachher, daß ſie nach Japan gehen wollten, aber dieß war gleichviel; denn auf dieſe Art erſparten ſie ſich wenigſtens eine Reiſe von acht Monaten.„Aus dieſen Gründen nun,« meinte William,„dürften wir ihnen wohl trauen; denn,“ te er, „ich will mich eben ſo gern einem Manne anvertrauen, den ſein Vortheil zur Ehrlichkeit gegen mich verbindet, als Singleton. I. 25 „ 2 354&- einem Manne, den ſeine Grundſätze dazu verpflichten.“ Uebri⸗ gens ſchlug William vor, wir ſollten zwei von den Kauf⸗ leuten als Geißeln an Bord unſeres Schiffes behalten, einen Theil unſerer Waaren auf ihr Fahrzeug laden und den dritten mit denſelben in den Hafen gehen laſſen, wo ihr Schiff lag; wenn er dann die Specereien abgeſetzt habe, ſo ſolle er ſolche Dinge, über deren Austauſch man ſich ver⸗ einigt, dagegen zurückbringen. Dieß wurde zum Beſchluß erhoben, und William wagte es, mit den Chineſen zu gehen, — ein Unterſangen, zu dem ich ſelbſt nicht den Muth ge⸗ habt hätte; auch wollte ich es ihm ausreden, allein er blieb feſt bei ſeinem Satze, es ſei ihr eigenes Intereſſe, ihn redlich zu behandeln. Mittlerweile ankerten wir an einer kleinen Inſel in der Breite von 25⁰° 28“, gerade unter dem nördlichen Wende⸗ kreis und ctwa zwanzig Seemeilen von der Inſel. Hier lagen wir dreizehn Tage und begannen, für unſern Freund William ſehr beſorgt zu werden; denn ſie hatten verſprochen, in vier Tagen zurückzukommen, was ſie auch ſehr leicht hätten thun können. Endlich ſahen wir nach Ablauf dieſer Zeit drei Schiffe gerade auf uns zukommen, was uns im Anfang ein wenig überraſchte, da wir nicht wußten, was ſie im Schilde führten, und wir fingen bereits an, uns in Vertheidigungsſtand zu ſetzen; als ſie aber näher kamen, waren wir bald beruhigt; denn auf dem erſten Schiffe, ————=hS———2— 355 Se⸗ worin William fuhr, wehte eine Friedensflagge. In weni⸗ gen Stunden ankerten ſie alle, und William kam auf einem kleinen Boot zu uns, in Begleitung des chineſiſchen Kauf⸗ manns und zwei anderer Kaufleute, welche eine Art Unter⸗ händler für die Uebrigen zu ſein ſchienen. Er erzählte uns nun, wie höflich man ihm begegnet wäre, wie ſie ihn mit aller erdenklichen Freundſchaftlichkeit und Offenheit behandelt und ihm nicht nur den Werth ſeiner Specereien und übrigen Waaren mit gut gewogenem Geld ausbezahlt, ſondern auch das Schiff wieder mit ſolchen Waaren beladen hätten, die wir, wie er wiſſe, einzutauſchen wünſchten. Nachher hätten ſie ſich entſchloſſen, mit dem großen Schiff den Hafen zu verlaſſen und bei uns anzulegen, ſo daß wir mit ihnen Geſchäfte machen könnten, welche wir wollten; er habe ihnen übrigens, fügte William bei, in unſerem Namen verſprochen, daß wir keine Gewalt gegen ſie gebrauchen und keines ihrer Schiffe zurückbehalten wollten, wenn wir unſere Geſchäfte mit ihnen abgemacht hätten. Ich erwiederte ihm hierauf, wir wollten uns bemühen, ſie an Höflichkeit zu überbieten und die von ihm eingegangenen Verbindlichkeiten aufs ſtrengſte zu erfüllen. Zum Beweis davon ließ ich nun ſogleich ebenfalls eine weiße Flagge auf dem Hintertheile unſeres großen Schiffes aufpflanzen, welches das verabredete Signal war. Das dritte Fahrzeug, das mit ihnen kam, war eine Art Barke, wie ſie in dieſen 25 356 S⸗ Gegenden gebräuchlich ſind; ſie war auf die Nachricht von unſern Handelsabſichten gekommen, um mit uns Geſchäfte zu machen; es hatte eine Menge Gold und einige Vorräthe an Lebensmitteln, die uns ſehr erwünſcht kamen. Kurz, wir handelten mit dieſen Leuten auf der offenen See und machten wirklich einen ſehr guten Markt, obgleich wir ihnen auch die Diebsprocente geſtatteten. Wir verkauf⸗ ten hier mehr als ſechzig Tonnen Specereien, hauptſächlich Gewürznelken und Muskatnüſſe und über 200 Ballen euro⸗ päiſcher Waaren, wie z. B. Leinwand und Wollenarbeiten. Da indeß eine Zeit kommen mochte, wo wir ſelbſt ſolcher Artikel benöthigt ſein würden, ſo behielten wir eine gute OQuantität engliſcher Zeuge, Tücher, Wollſtoffe u. ſ. w. für uns zurück. Doch um mich kurz zu faſſen, genüge es zu bemerken, daß wir außer einem Quantum Thee und zwölf Ballen feiner chineſiſcher Seidewirkereien für unſere Waaren nichts als Gold eintauſchten, ſo daß ſich die Summe, die wir in dieſem glänzenden Geſchäfte erhielten, auf mehr als 50,000 Unzen guten Gewichts belief. Als wir unſern Tauſchhandel beendigt hatten, gaben wir die Geißeln zurück und ſchenkten den drei Kaufleuten zur Entſchädigung für das, was wir ihnen genommen, etwa zwölf Centner Muskatnüſſe und eben ſo viel Gewürznelken, nebſt einem hübſchen Präſent von europäiſcher Leinwand —ꝗꝗ—-—QQ— —„— ⁴——„—-————.,———— 357& und Zeugen, ſo daß ſie äußerſt vergnügt von uns Abſchied nahmen. Jetzt erzählte mir William, er habe an Bord des japa⸗ neſiſchen Schiffes einen japaneſiſchen Prieſter getroffen, der einige engliſche Worte mit ihm geſprochen und auf ſeine dringenden Fragen, wie er dieſe Worte gelernt, ihm die Antwort gegeben habe, es ſeien in ſeinem Lande dreizehn Engländer; es könne über ihre Abkunft kein Irrthum ſtatt⸗ finden, da ſie ſich gegen ihn ſelbſt für Angehörige dieſes Landes ausgegeben. Dem Berichte des Prieſters zufolge waren ſie die einzigen Ueberreſte von zweiunddreißig Mann, welche ſich, nachdem ihr Schiff in einer Sturmnacht auf einem großen Felſen geſtrandet war, auf der nördlichen Seite von Japan ans Land gerettet hatten; die Uebrigen waren ſammt und ſonders ertrunken. Er erzählte weiter, er habe den König ſeines Landes überredet, Boote nach dem Felſen oder der Inſel auszuſchicken, wo das Schiff verloren gegangen, um den Reſt der Mannſchaft zu retten und ans Land zu bringen; dieß ſei geſchehen, man habe ſie ſehr freundlich aufgenom⸗ men, Häuſer für ſie gebaut, ihnen Land gegeben, um es zu bepflanzen, und jetzt leben ſie unter ihnen. Er ſagte, er gehe häufig zu ihnen, um ſie zu überreden, den Gott der Japaneſen anzubeten(vermuthlich einen Götzen, den ſie ſelbſt gemacht), was ſie aber, ſeiner Aeußerung nach, undankbar verweigerten, weßhalb der König ſchon ein⸗ oder 3 5 358 S zweimal befohlen habe, ſie alle hinzurichten; er habe indeß den König vermocht, ihrer zu ſchonen und ſie nach ihrer eige⸗ nen Art leben zu laſſen, ſo lange ſie ſich ruhig und fried⸗ lich verhielten und nicht damit umgingen, Andere von dem landesüblichen Gottesdienſt abzuziehen. Ich fragte William, warum er ſich nicht erkundigt hätte, woher ſie gekommen wären.„Ich that es,“ entgegnete Wil⸗ liam;„denn wie konnte ich es anders, als höchſt auffallend finden, ihn von Engländern auf der nördlichen Seite von Japan ſprechen zu hören?“—„Gut,“ ſagte ich;„und welche Auskunft gab er Dir hierüber?«—„Eine Auskunſt,“ ver⸗ ſetzte William,„welche Dich und alle Welt nach Dir, die es zu hören bekommt, in Erſtaunen ſetzen wird und mich zu dem Wunſch veranlaßt, Du möchteſt nach Japan ſegeln und ſie aufſuchen.“—„Was willſt Du damit ſagen?“ erwiederte ich;„wo mögen ſie wohl hergekommen ſein?«—„Hier,“ ſagte William, indem er ein kleines Buch hervorzog, worin auf einem Stückchen Papier von engliſcher Hand deutliche engliſche Worte geſchrieben ſtanden;„hier, ich habe es ſelbſt geleſe:— Wir kamen von Grönland und vom Nordpol.“ Dieß ſetzte wirklich uns alle in das höchſte Erſtaunen und beſonders diejenigen von unſern Matroſen, welche von den endloſen Verſuchen wußten, die von Eu⸗ ropa aus, ſowohl von den Engländern als von den Hol⸗ ländern, gemacht worden ſind, um eine Straße von dort — 359 2= aus in dieſe Weltgegend zu entdecken. Da nun William ernſtlich darauf drang, die Nordküſte zu beſuchen, um dieſe armen Leute zu befreien, ſo gelang es ihm auch, die Schiffs⸗ mannſchaft für ſeinen Plan zu gewinnen, und wir faßten einſtimmig den Beſchluß, in Formoſa ans Land zu gehen, um dieſen Prieſter aufzuſuchen und über die weiteren Um⸗ ſtände Nachrichten einzuziehen. Demgemäß ſegelte die Schaluppe ſogleich fort; aber bis ſie dahin kam, waren die Schiffe leider ſchon abgefahren. Dieß machte unſern Nachforſchungen ein Ende und brachte die Menſchheit viel⸗ leicht um eine der großartigſten Entdeckungen, welche jemals in der Welt zum Beſten des ganzen Menſchengeſchlechtes gemacht worden ſind oder noch gemacht werden können. Doch genug hievon. Sechzehntes Kapitel. Wir haben ſo große Reichthümer, daß unſere Leute keine weiteren wünſchen.— Wir ſchicken uns an, nach der Heimath zurückzukehren.— Bericht über unſere Reiſe.— Scharmützel mit den Indiern am Ufer, wobei wir einige Lente verlieren.— Belagerung eines alten Baumes. — Wir landen an dem ſüdlichen Ufer von Java und verſehen uns dort mit Waſſer und Lebensmitteln. * Willliam war ſo verdrießlich über die Vereitelung dieſes Planes, daß er ernſtlich in uns drang, nach Japan zu ſegeln, um dieſe Leute ausfindig zu machen. Er ſagte uns, wenn es ſich auch um weiter nichts handelte, als dreizehn ehrliche arme Teufel aus einer Art Gefangenſchaft zu be⸗ freien, von der ſie ſonſt keine Erlöſung zu erwarten hätten, und wo ſie vielleicht früher oder ſpäter von den barbariſchen Einwohnern im Intereſſe ihres Götzendienſtes ermordet wür⸗ den, ſo wäre ſchon dieß eine lohnende Mühe, und wir könnten dadurch einigermaßen das Unheil wieder gut machen, das wir in der Welt angerichtet hätten. Allein wir, denen unſere Miſſethaten durchaus nicht ſchwer auf dem Herzen laſteten, ließen uns noch weniger einfallen, zur Sühnung derſelben etwas Gutes thun zu wollen, und er fand, daß Redensarten 2 361&£ dieſer Art bei uns ſehr wenig fruchteten. Sodann drang er aufs ernſtlichſte in uns, wir möchten ihm die Schaluppe überlaſſen, damit er ſelbſt hinführe, worauf ich ihm erklärte, daß ich ihm nicht im Wege ſein wolle; als er aber auf die Schaluppe kam, wollte Niemand von der Mannſchaft mit ihm gehen. Dieß war auch ganz natürlich: ſie hatten ihren Antheil an den Gütern auf dem großen Schiff ſowohl, als an denen in der Schaluppe, und der Werth derſelben war ſo groß, daß ſie unter keinen Umſtänden das Schiff verlaſſen wollten; und ſo ſah ſich denn der arme William zu ſeinem großen Schmerze genöthigt, den Plan aufzugeben. Wir waren jetzt am Ende unſerer Kreuzfahrt und hatten wirklich ſo bedeutende Schätze erbeutet, daß ſelbſt das hab⸗ gierigſte, unerſättlichſte Gemüth von der Welt ſich damit zufrieden geben konnte, wie denn auch unſere Leute erklärten, daß ſie jetzt nichts weiter wünſchten. Wir hatten daher für nichts mehr zu ſorgen, als den Rückweg anzutreten und zwar eine ſolche Richtung zu nehmen, daß von den Hollän⸗ dern in der Meerenge von Sunda kein Angriff zu beſorgen ſtand. Wir hatten uns hier ſehr gut mit Lebensmitteln ver⸗ ſehen, und da nun die Paſſatwinde ſich bald wieder ein⸗ ſtellen mußten, ſo beſchloſſen wir, ſüdlich zu ſteuern und uns nicht allein außerhalb der philippiniſchen Inſeln, d. h. öſtlich von ihnen, ſondern auch ſüdlich zu halten und zu .—= 362- ſehen, ob wir nicht nur die Molukken⸗ oder Gewürzinſeln, ſondern auch Neuguinea und Neuholland umfahren könn⸗ ten; ſodann gedachten wir, wenn wir im Süden vom Wende⸗ kreiſe des Steinbockes abwechſelnde Winde bekämen, nach Weſten und in den großen indiſchen Ocean zu ſteuern. Dieß war auf den erſten Anblick in der That ein Rieſen⸗ weg, auf dem wir ſogar vom Mangel an Lebensmitteln bedroht wurden. William ſetzte uns ſehr ausführlich aus⸗ einander, daß es unmöglich ſei, für eine ſolche Reiſe Lebens⸗ mittel genug und beſonders friſches Waſſer einzunehmen; denn da wir kein Land zu berühren hätten, wo wir uns mit irgend etwas verſehen könnten, ſo wäre es ein wahrer Wahnſinn, dieſen Weg einzuſchlagen. Allein ich unternahm es, dieſem Uebelſtand abzuhelfen, und erſuchte die Leute, ſich deßwegen keine Sorgen zu machen; denn ich wußte, daß wir in Mindanao, der ſüdlichſten von den philippiniſchen Inſeln, Vorräthe einnehmen konnten. Wir ſegelten alſo, nachdem wir hier an Lebensmitteln, was zu bekommen war, zu uns genommen hatten, am 28. Sep⸗ tember ab, wobei ſich der Wind anfangs ein wenig von Nordnordweſt nach Nordoſtoſt drehte, nachher aber in Nordoſt und Oſtnordoſt umſchlug. Wir brauchten neun Wochen zu dieſer Fahrt, da wir mehreremal ſchlimmes Wetter hatten, und legten unter der Leeſeite einer kleinen Inſel in der Breite von 16⁰ 12 an, deren Namen wir nicht kannten, N— 5 363 ᷣ. weil ſie auf keiner von unſern Karten verzeichnet war; ich ſage, wir legten dort an wegen eines gewaltigen Orkans oder Wirbelwindes, der uns in bedeutende Gefahr verſetzte. Hier blieben wir gegen ſechzehn Tage, da die Winde ſehr ſtürmiſch waren, und man ſich auf das Wetter nicht verlaſſen konnte. Doch bekamen wir am Ufer einige Lebensmittel, als Pflanzen, Wurzeln und einige Schweine. Wir glaubten, die Inſel würde Bewohner haben, allein wir ſahen keinen einzigen. Von da fuhren wir, als ſich das Wetter wieder beſſerte, weiter und kamen an den ſüdlichſten Theil von Mindanao, wo wir friſches Waſſer einnahmen und einige Kühe an Bord brachten; allein das Klima war ſo heiß, daß wir keinen Verſuch machten, ſie auf längere Zeit als etwa vier⸗ zehn Tage oder drei Wochen einzupöckeln. Sofort ſteuerten wir ſüdwärts, paſſirten die Linie, ließen Gilolo rechts liegen und fuhren an der Küſte des Landes hin, welches man Neuguinea nennt, wo wir in der Breite von 80 ſüdlich wieder Halt machten, um friſche Lebensmittel und Waſſer einzunehmen. Hier fanden wir auch Einwohner, allein ſie flohen vor uns und waren durchaus unzugänglich. Nun ſegelten wir immer ſüdwärts, ließen alles hinter uns, was auf unſern Karten verzeichnet war, und fuhren immer weiter, bis wir in die Breite von 17 kamen, indeß der Wind immer von Nordoſt herwehte. 364 S 7 Sier entdeckten wir weſtliches Land, und als wir es drei Tage lang vor Augen gehabt, indem wir in der Ent⸗ fernung von etwa vier Meilen an der Küſte hin ſegelten, begannen wir zu fürchten, wir möchten weſtlich keinen Aus⸗ gang finden und ſo genöthigt werden, wieder umzukehren und zuletzt wieder an den Molukken anzuhalten. Endlich aber fanden wir, daß ſich das Land in ſchiefer Richtung gegen das Weſtmeer hinzog, indem es gegen Süden und Südweſt ganz offen zu ſein ſchien, und daß ein großes Gewäſſer vom Süden her rollte, woraus wir entnahmen, daß weit und breit kein Land ſei. Mit Einem Wort, wir nahmen unſere Richtung gegen Süden, jedoch dabei etwas weſtlich, bis wir den ſüdlichen Wendekreis paſſirten, wo wir die Winde wechſelnd fanden; und nun ſegelten wir geradezu gegen Weſten und fuhren ſo gegen zwanzig Tage fort, bis wir gerade vor uns und auf unſerer Backbordſeite Land entdeckten. Wir ſteuerten geradezu auf das Ufer los, da wir im Sinne hatten, jetzt alle Gele⸗ genheiten zu ergreifen, um uns mit friſchen Mundvorräthen und Waſſer zu verſehen; denn wir wußten, daß wir jetzt in den unermeßlichen, unbekannten indiſchen Ocean geriethen, vielleicht das größte Meer der Welt— ein Gewäſſer, das ſich mit ſehr kleiner Unterbrechung von Inſeln um die ganze Weltkugel herumzieht. Wir fanden hier eine gute Rhede und einige Leute 365 S⸗⸗ am Ufer; als wir aber landeten, flohen ſie ins Innere und wollten durchaus in keinen Verkehr mit uns treten oder uns näher kommen, ſondern ſchoſſen blos mehreremal nach uns mit Pfeilen, ſo lang wie Lanzen. Wir pflanzten als Friedenszeichen weiße Flaggen auf; aber entweder verſtanden ſie uns nicht, oder wollten ſie uns nicht verſtehen; denn ſie ſchoſſen im Gegentheil mehreremal mit ihren Pfeilen auf unſere Friedensflagge, ſo daß wir ihnen durchaus nicht näher kamen. Wir fanden hier gutes Waſſer, obgleich es etwas ſchwer zu bekommen war, aber lebendige Geſchöpfe konnten wir keine erblicken; denn wenn die Einwohner Vieh hatten, ſo trieben ſie es alles hinweg und zeigten uns nichts als ſich ſelbſt und zwar manchmal in ſo drohender Haltung und ſo großer Anzahl, daß wir dachten, die Inſel müſſe doch größer ſein, als wir anfangs angenommen hatten. Es iſt wahr, ſie kamen uns nicht nahe genug, daß wir ſie hätten angreifen können, wenigſtens nicht offen; doch näherten ſie ſich ſo weit, daß wir ſie ſehen und mit Hilfe unſerer Gläſer auch bemer⸗ ken konnten, daß ſie bekleidet und bewaffnet waren, daß aber ihre Kleider nur die unteren und mittleren Theile des Körpers bedeckten; ferner, daß ſie lange Lanzen wie Halbpicken in ihren Händen hatten und überdieß Bogen und Pfeile; endlich, daß ſie auf ihren Köpfen ſehr hohe Aufſätze trugen, die unſerer Anſicht nach aus Federn beſtanden und beinahe ausſahen wie die Colpacke unſerer Grenadiere in England. 5 366& Als wir ſahen, daß ſie ſo ſcheu waren und ſich durchaus nicht nähern wollten, begannen unſere Leute auf der Inſel herumzuſchweifen— wenn es nänlich eine ſolche war; denn wir umſegelten ſie nicht,— um nach Rindvieh, nach irgend einer indiſchen Niederlaſſung, nach Früchten oder Pflanzen zu ſuchen; ſie lernten aber bald einſehen, daß ſie vorſichtiger zu Werke gehen müßten, und daß es nothwendig wäre, jeden Buſch und jeden Baum genau zu unterſuchen, ehe ſie ſich weiter in das Land wagten; denn etwa vierzehn von unſern Leuten, die weiter als die übrigen in einen Theil des Lan⸗ des gingen, welchen ſie angepflanzt glaubten, der aber nur ſo ausſah und nach meiner Anſicht nur mit ſolchem Nohr überwachſen war, aus welchem wir unſere Rohrſtühle machen— vierzehn Mann, welche ſich zu weit vorwagten, wurden auf einmal von faſt allen Seiten her mit einem Hagel von Pfeilen angegriffen und zwar, wie ſie glaubten, von den Gipfeln der Bäume herab. Sie konnten nichts thun, als fliehen, wozu ſie ſich indeß erſt dann entſchloſſen, als fünf von ihnen verwundet waren; auch wären ſie auf dieſe Art nicht entronnen, wenn nicht einer von ihnen auf den klugen Einſall gerathen wäre, daß, wenn ſie auch den Feind nicht ſähen, um mit Sicherheit auf ihn zu ſchießen, doch vielleicht der Knall ihrer Gewehre ihn erſchrecken könnte, und ſie daher auf Gerathewohl zuſchießen — 367 f ſollten. Demgemäß machten zehn von ihnen Front und ſeuerten aufs Ungeſähr irgendwohin unter die Rohre. Der Knall und das Feuer erſchreckte den Feind nicht wenig, und die Unſrigen glaubten auch, ihre Schüſſe müßten glücklicher Weiſe einige der Gegner getroffen haben; denn ſie fanden nicht nur, daß der bisher ſo dichte Pfeilregen auf einmal aufhörte, ſondern ſie hörten auch die Indianer laut auſſchreien und einen ſonderbaren, höchſt wunderlichen und ſeltſamen Lärm machen, wie ſie noch nie einen gehört hatten; denn er glich mehr dem Geheul und Gebell von wilden Thieren des Waldes, als der Stimme von Menſchen, nur daß ſie zuweilen Worte zu ſprechen ſchienen. Sie bemerkten auch, daß dieſes Geſchrei ſich immer weiter und weiter hinwegzeg, und daß die Indianer nach allen Richtungen flohen, eine ausgenommen, wo ſie ein ſchmerzliches Geſtöhne und Gewinſel hörten, das eine gute Weile fortdauerte und, wie ſie glaubten, dadurch veran⸗ laßt wurde, daß Einige Wunden bekommen hatten und aus Schmerz darüber heulten; vielleicht waren aber auch einige getödtet, über deren Leichen andere weheklagten; doch unſere Leute hatten jetzt genug und nahmen ſich nicht mehr die Mühe, ſich weiter umzuſehen, ſondern beſchloſſen, dieſe Gelegenheit zu ihrem Rückzug zu benützen. Das Schlimmſte des Abenteuers aber ſollte noch folgen; denn auf ihrem Rückweg kamen ſie an dem ungeheuern Stamme . eines alten Baumes vorbei; was für ein Baum es geweſen, konnten ſie nicht angeben; aber er ſtand da, wie eine alte verwitterte Eiche in einem Park, hinter der die Jäger in England gern auf die Hirſche lauern; außerdem befand er ſich gerade unter der ſteilen Seite eines großen Felſen oder Hügels, ſo daß unſere Leute nicht wiſſen konnten, was noch mehr in der Nähe war. Als ſie an dieſem Baume vorbeikamen, wurden ihnen auf einmal vom Gipfel deſſelben herab ſieben Pfeile und drei Lanzen nachgeſchoſſen, die zu unſerem großen Leidweſen zwei von unſern Leuten tödteten und drei andere verwun⸗ deten. Sie wurden hiedurch um ſo mehr überraſcht, weil ſie ganz ſchutzlos und ſo nahe an den Bäumen waren, daß ſie jeden Augenblick noch mehr Lanzen und Pfeile erwarten mußten; die Flucht hätte ihnen hier alſo nichts geholfen, da die Indianer ſehr gute Schützen zu ſein ſchienen. In dieſer äußerſten Noth hatten ſie glücklicherweiſe die Geiſtesgegen⸗ wart, ſich unmittelbar unter den Baum zu begeben und ſich dicht unter demſelben aufzuſtellen, ſo daß die Leute oben ſie nicht erreichen oder deutlich genug ſehen konnten, um ihre Lanzen nach ihnen zu werfen. Dieß wirkte und gab ihnen Zeit, zu überlegen, was ſie zu thun hätten. Sie wußten, daß ihre Feinde und Mörder oben waren: ſie hörten fie ſprechen, und denen auf dem Gipfel war ihre Anweſenheit gleichfalls nicht verborgen, weßhalb die unten Befindlichen, ——6G—õö—* -— 369 SE⸗ um nicht von den Lanzen getroffen zu werden, ſich dicht an dem Stamme halten mußten. Endlich glaubte einer von unſern Leuten, der ſich etwas genauer umſah, als die übrigen, den Kopf eines der Indianer auf einem abge⸗ ſtorbenen Aſt des Baumes, auf welchem er zu ſitzen ſchien, zu entdecken. Sogleich feuerte einer hinauf und zielte ſo richtig, daß der Schuß dem Burſchen durch den Kopf ging, und er urplötzlich vom Baume herabſtürzte und zwar wegen der ungeheuern Höhe mit ſolcher Gewalt, daß er gewiß, in Folge der Zerſchmetterung ſeines Körpers am Boden, ge⸗ ſtorben wäre, wenn ihn nicht ſchon der Schuß getödtet hätte. Dieß erſchreckte ſie dermaßen, daß unſere Leute außer dem garſtigen, heulenden Getöſe auf dem Baume noch ein ſonderbares Geräuſch im Innern deſſelben vernahmen, woraus ſie ſchloſſen, daß der Baum hohl war, und die Indianer ſich in demſelden verſteckt hatten. In dieſem Falle konnten ſie ſicher vor unſern Leuten ſein; denn unmöglich hätte einer von außen am Baume hinaufſteigen können, da keine Aeſte da waren, um ihn zu erklimmen. Eine Beſchießung des Baumes führte gleichfalls zu nichts; denn einige Verſuche belehrten ſie, daß der Holzkörper noch zu dick war, um eine Kugel durchdringen zu laſſen. Indeß zweifelten ſie nicht daran, daß ſie ihre Feinde in einer Falle hätten, und daß ſie durch eine kleine Belagerung dieſelben entweder herabbringen oder aushungern könnten. Sie beſchloſſen daher, ihren Poſten Singleton. I. 24 2 370 G⸗ zu behaupten und uns um Hilfe anzugehen. In dieſer Ab⸗ ſicht kamen zwei von ihnen zu uns und drückten beſonders den Wunſch aus, daß einige von unſern Zimmerleuten mit ihren Werkzeugen kommen möchten, um ihnen den Baum umhauen zu helfen oder wenigſtens ſo viel Holz zu fällen, daß ſie ihn anzünden könnten; denn dieß müßte ſie unfehlbar herausbringen. Unſere Leute machten ſich daher wie eine kleine Armee auf den Weg und trafen gewaltige Vorbereitungen zu einer förmlichen Belagerung des Baumes. Als ſie indeß ankamen, fanden ſie die Aufgabe ſchwierig genug; denn der alte Stamm war wirklich ſehr dick, wenigſtens 22“ hoch, und in der Krone ſtanden nach allen Seiten ſieben alte Aeſte heraus, die jedoch abgeſtorben waren und nur noch ſehr wenig Laub hatten. William, der Quäcker, den ſeine Neugierde veranlaßte, das Belagerungsheer zu begleiten, ſchlug vor, ſie ſollten eine Leiter machen, mittelſt derſelben die Krone beſteigen, griechiſches Feuer in den Baum werfen und die Wilden durch Rauch erſticken. Andere meinten, man ſollte zurück⸗ gehen und eine große Kanone aus dem Schiffe holen, welche mit ihren eiſernen Kugeln den Baum in Stücke zertrümmern würde; wieder andere waren der Anſicht, man ſollte eine Partie Holz hauen, daſſelbe um den Baum herum auſſchich⸗ ten, ſodann anzünden und den Baum ſammt den darin befindlichen Indianern verbrennen. —, u 8&— 88Q 8K 2 371& Dieſe Berathungen hielten unſere Leute nicht weniger als zwei oder drei Tage auf, in welcher ganzen Zeit ſie von der vermeintlichen Garniſon in dieſer hölzernen Feſtung nicht das mindeſte Geräuſch oder Lebenszeichen hörten. Williams Vorſchlag wurde zuerſt verſucht und eine große, ſtarke Leiter gemacht, um den hölzernen Thurm zu erklim⸗ men. Zwei oder drei Stunden wären für das ganze Werk hinreichend geweſen; aber auf einmal ließ ſich das Getöſe der Indianer im Innern des Baumes wieder vernehmen, und bald darauf erſchienen mehrere derſelben in der Krone und warfen einige Lanzen auf unſere Leute herab; die eine davon traf einen unſerer Matroſen gerade oben auf die Schulter und verſetzte ihm eine ſo gefährliche Wunde, daß unſere Chirurgen nicht nur große Mühe hatten, ihn wieder herzuſtellen, ſondern der arme Mann auch ſo ſchreckliche Schmerzen ausſtehen mußte, daß wir alle wünſchten, ſie hätten ihn lieber auf einmal getödtet. Gleichwohl wurde er zuletzt wieder hergeſtellt, erhielt aber nie mehr den voll⸗ kommenen Gebrauch ſeines Armes, da die Lanze ihm einige obere Sehnen nahe an der Schulter abgeſchnitten hatte, von welchen wahrſcheinlich die Bewegung dieſes Gliedes abhing, ſo daß der unglückliche Mann auf Lebenszeit ein Krüppel war. Um jedoch zu den verzweifelten Schuften im Baume zurückzukehren, ſo ſchoſſen unſere Leute auf ſie, konnten aber nicht bemerken, daß ſie irgend einen von ihnen getroffen 24* — 372 So 4 hätten; denn ſobald ſie hinaufgeſchoſſen hatten, hörten ſie, wie ſie wieder in den Stamm des Baumes hinabhuſchten, und hier waren ſie gewiß ſicher. Dieſe Erfahrungen ſprachen gegen Williams Plan mit der Leiter; denn wenn er auch zur Ausführung kommen ſollte, wer hätte ſich wohl unter einen ſolchen Haufen Burſche gewagt, die, wie man ſich denken konnte, durch ihre Lage zur Verzweiflung gebracht waren? Da vollends nur ein Mann nach dem andern hinauf gehen konnte, ſo zweifelte man immer mehr an der Ausführbarkeit dieſes Planes, und ich ſelbſt(denn ich war um dieſe Zeit ebenfalls herbeigekommen) war der Meinung, das Hinaufſteigen an der Leiter würde zu nichts helfen, außer wenn ein Mann ſich gerade auf den Gipfel hinauf begäbe, einiges Feuerwerk in den Baum wärfe und dann wieder herab käme; dieß thaten wir auch zwei⸗ oder dreimal, verſpürten aber keine Wirkung. Endlich machte einer unſerer Kanoniere einen Stinktopf, wie wir es nannten, nämlich eine Compoſition, die blos raucht, ohne zu flammen oder zu brennen, deren Rauch aber ſo dick, und deren Geruch ſo unerträglich ekel⸗ haft iſt, daß man es unmöglich dabei aushalten kann. Er warf ſie ſelbſt in den Baum, und wir warteten auf den Erfolg, hörten oder ſahen aber dieſe ganze Nacht, ſowie am folgenden Tage nichts; wir glaubten daher ſchon, die Leute müßten alle erſtickt ſein, als wir ſie auf einmal in 373 der nächſten Nacht wieder auf dem Gipfel des Baumes wie Wahnſinnige ſchreien hörten. Wir hielten dieß, wie wohl Jedermann gedacht hätte, für einen Nothruf und beſchloſſen, die Belagerung fortzu⸗ ſetzenz denn wir waren wüthend, uns von einigen Wilden, die wir ganz ſicher in unſern Klauen zu haben glaubten, dermaßen geneckt zu ſehen; und wirklich kamen niemals bei irgend einem Abenteuer, das wir beſtanden, ſo viele Um⸗ ſtände zuſammen, um uns zu täuſchen. Gleichwohl be⸗ ſchloſſen wir, es in der nächſten Nacht mit einem zweiten Stinktopf zu verſuchen, und unſer Ingenieur hatte ihn bereits fertig gemacht, als wir auf der Spitze des Baumes und im Innern deſſelben ein neues Getöſe des Feindes hörten, weß⸗ wegen ich nicht Willens war, den Kanonier die Leiter hinauf⸗ ſteigen zu laſſen, indem ich meinte, er würde ganz gewiß ermordet werden. Indeß fand er ein Mittel hiefür, nämlich er wollte nur wenige Sproſſen hinaufgehen und mit einem langen Haken in der Hand den Stinktopf auf den Gipfel des Baumes werfen. Als aber der Kanonier mit ſeiner Maſchine an dem Ende ſeines Hakens, von drei Mann begleitet, die ihm helfen ſollten, zu dem Baume kam, ſiehe, da war die Leiter, die ſonſt immer an dem Stamme lehnte, verſchwunden. Dieß brachte uns gänzlich aus der Faſſung, und wir vermutheten jetzt, die Indianer hätten dieſe Fahrläßigkeit . 2 374 benützt, indem ſie insgeſammt an der Leiter herabgeklettert und mit derſelben auf und davon gegangen wären. Ich verlachte recht herzlich meinen Freund William, der, wie geſagt, die Leitung der Belagerung übernommen und eine Leiter angelegt hatte, damit die Garniſon, wie wir den Kern des Baumes nannten, daran herabſteigen und ent⸗ laufen konnte. Als indeß der Tag anbrach, wurden wir beſſer berichtet; denn wir ſahen jetzt unſere Leiter auf dem Gipfel des Baumes, ſo daß ungefähr die Hälfte davon in der Höhlung deſſelben ſtack, die andere Hälſte aber aufrecht in die Luft hinaus ragte. Jetzt fingen wir an, über die Thorheit der Indianer zu lachen, die eben ſo leicht die Leiter hätten hinabklettern und auf dieſe Art entfliehen können, als daß ſie dieſelbe mit ſo großer Kraftanſiengung in den Baum hinaufzogen. Wir entſchloſſen uns nunmehr zum Feuer, und um der Sache mit einem Male ein Ende zu machen, wollten wir den Baum ſammt ſeinen Bewohnern verbrennen. Zu dieſem Ende machten wir uns an das Geſchäft, Holz zu hauen, und glaubten in wenigen Stunden, genug zu haben. Wir ſchichteten es um die Wurzel des Baumes herum auf, zün⸗ deten es an und warteten in einiger Entfernung, um zu ſehen, ob die Herren, denen ihr Quartier bald zu heiß werden mußte, auf den Gipfel herauf kommen würden, um zu fliehen. Aber wir verwunderten uns höchlich, als wir 375 G⸗⸗ auf einmal das ganze Feuer durch eine große Menge Waſſer, welches herabgeſchüttet wurde, ausgelöſcht ſahen. Jetzt dachten wir, der Teufel ſelbſt müſſe in dieſen Burſchen ſtecken. William ſagte:„Das iſt gewiß das ſchlaueſte Stückchen von indianiſcher Ingenieurkunſt, wovon man jemals gehört hat, und wenn man keine Hexerei oder Gemeinſchaft mit dem Teufel annehmen will, wovon ich jedoch kein Wort glaube, ſo iſt es ein künſtlicher Baum oder ein natürlicher Baum, den man auf künſtliche Weiſe bis in den Boden hinab durch Wurzeln und alles hindurch hohl gemacht hat; dieſe Leute müſſen eine künſtliche Höhlung unter demſelben haben, ganz bis in den Hügel hinein, oder einen Weg, auf welchem ſie den Hügel hindurch und unter demſelben hin nach irgend einem andern Platze gehen können; wo aber dieſer andere Platz iſt, wiſſen wir freilich nicht, übrigens wird es nur unſere eigene Schuld ſein, wenn ich nicht, bevor ich um zwei Tage älter bin, denſelben ausfindig mache und ihnen bis ins Innere folge.“ Sodann rief er den Zimmer⸗ leuten und fragte ſie, ob ſie einige große Sägen hätten, um den Baum durchzuſägen, worauf ſie erwiederten, daß ſie mit keiner verſehen wären, welche die erforderliche Länge hätte; auch würde man an dem ungeheuern alten Rumpf die Arbeit nicht lange fortſetzen können; ſie wollten es aber mit ihren Aexten verſuchen, ob ſie ihn in zwei Tagen nie⸗ derhauen und dann in zwei andern Tagen die Wurzel aus⸗ . 376 reuten könnten. William war indeß ſür einen andern Ver⸗ ſuch, der ſich weit beſſer bewährte, als alles dieß; denn er verlangte eine geräuſchloſe Arbeit, um wo möglich einiger von dieſen Burſchen im Baume ſelbſt habhaft zu werden. Er beauſtragte daher zwölf Mann, mit langen Bohrern große Löcher in die Seite des Baumes zu bohren, ſo daß ſie beinahe, aber nicht ganz durchgehen ſollten. Dieſe Löcher wurden ohne Geräuſch gebohrt, und als ſie fertig waren, füllte er ſie mit Pulver, ſtopfte ſtarke Stöpſel und Quer⸗ ſtangen hinein, bohrte ſodann ein ſchiefes Loch von kleinerem Umfang in das größere, füllte alle mit Pulver aus und zündete die Zündröhren gleichzeitig an. Dieß veranlaßte einen ſolchen Knall und zerriß und zerſplitterte den Baum an ſo vielen Stellen, daß wir deutlich einſahen, ein zweiter Blitzſchlag dieſer Art würde ihn gänzlich zertrümmern. Wir machten uns daher ſogleich aufs neue ans Werk. Das zweitemal konnten wir an zwei oder drei Stellen die Hände hineinlegen und entdeckten den ganzen Betrug: durch den Boden des hohlen Baumes war nämlich ſein Loch in die Erde gegraben, das die Verbindung mit einer natürlichen Erdhöhle vermittelte, in welcher wir mehrere von dieſen Wilden ſprechen und ſich zurufen hörten. Als wir ſo weit waren, hatten wir große Luſt, ſie. anzugreifen; und William wünſchte, man möchte ihm drei Mann mit Handgranaten geben, indem er ſich anheiſchig ——— 8——8— 8 2—2„ S 377 G⸗ machte, zuerſt hinabzuſteigen, was er auch kühnen Muthes ausführte; denn man muß ihm die Gerechtigkeit wider⸗ ſahren laſſen, daß er das Herz eines Löwen beſaß. Sie hatten Piſtolen in ihren Händen und Schwerter an der Seite; wie ſie aber zuvor den Indianern mit ihren Stinktöpfen ſelbſt eine Lehre gegeben hatten, ſo gaben jetzt die Indianer ihnen dieſelbe nach ihrer eigenen Weiſe wieder heim; denn ſie ließen aus dem Eingang in die Höhle einen ſolchen Rauch hervorqualmen, daß William und ſeine drei Mann froh waren, wieder aus dem Baume herauszukommen, da ſie kaum mehr zu athmen vermochten und bei dieſer unfreundlichen Begrüßung beinahe erſtickt wären. Nie wurde eine Feſtung beſſer vertheidigt, oder die Belagerer auf vielfachere Arten zurückgeſchlagen, weßhalb wir Willens waren, den Plan aufzugeben. Ich rief William bei Seite und ſagte ihm, man könne ſich nichts Lächerlicheres denken, als daß wir unſere Zeit hier für nichts und wieder nichts vergeudeten; denn ich ſähe durchaus nicht ein, was wir hier zu ſchaffen hätten; ſo viel läge auf der Hand, daß die Schurken in der Höhle im höchſten Grade verſchlagen wären, und es wäre ein höchſt widerwärtiger Gedanke, ſich von ein paar nackten, unwiſſenden Burſchen auf dieſe Art geneckt zu ſehen; jedenfalls wäre es nicht der Mühe werth, die Sache weiter zu treiben; ich wüßte wenigſtens nicht, 378 S⸗⸗ 7 was uns die Eroberung, wenn wir ſie auch wirklich machten, helfen ſollte; es wäre daher gewiß hohe Zeit, die Belage⸗ rung aufzugeben. William gab mir hierin Recht und ſagte, daß aller⸗ dings bei dieſem Verſuch nur unſere Neugierde eine Befrie⸗ digung zu erwarten hätte, und daß er, ſo gern er der Sache näher auf den Grund gegangen wäre, doch nicht darauf beſtehen wollte; wir beſchloſſen daher, aufzubrechen, und thaten es auch. Ehe wir jedoch gingen, ſagte William, er wünſchte wenigſtens die Befriedigung zu haben, den Baum gänzlich zu verbrennen und den Eingang in die Höhle zu verſtopfen. Während er damit beſchäftigt war, erklärte ihm der Kanonier, er möchte ſich auch gern an den Schuften rächen; er wolle daher eine Mine aus der Höhle machen, um zu ſehen, auf welcher Seite ſie ſich Luft machen würden. Er holte zu dieſem Ende zwei Tonnen Pulver aus den Schiffen, ſtellte ſie innen in die Höhle hinein, ſo weit er ſich vorzuwagen für gut fand, füllte ſodann die Mündung des Loches, wo der Baum geſtanden war, aus, ſtampfte die Ladung gehörig feſt, ſetzte eine Zündröhre ein, legte Feuer an und ſtellte ſich in einige Entfernung, um zu beobachten, nach welcher Seite es wirken würde. Da ſah er auf einmal die Gewalt des Pulvers ſich unter einigen Büſchen auf der andern Seite des ſchon erwähnten kleinen Hügels Luft machen, indem es daſelbſt wie aus der Mündung einer Kanone her⸗ —ͤ.————.——, 5 379 G⸗ vorkrachte. Wir eilten ſogleich dahin unb beſichtigten die Wirkungen des Pulvers. Fürs erſte ſahen wir, daß hier die andere Mündung der Höhle war, welche das Pulver ſo zerriſſen und geöffnet hatte, daß die lockere Erde wieder hineingefallen war, und ihre Geſtalt nicht deutlich erkannt werden konnte; wir ge⸗ wahrten aber auch, was aus der indiſchen Garniſon gewor⸗ den war, die uns all dieſe Mühe gemacht hatte: die einen hatten keine Arme, die andern keine Beine, wieder andere keine Köpfe mehr; andere lagen halb begraben in dem Schutt der Mine, d. h. in der lockeren Erde, welche hin⸗ eingefallen war. Kurz, wir hatten eine jammervolle Ver⸗ heerung unter ihnen angerichtet und konnten mit gutem Grund annehmen, daß kein Einziger von denen, welche ſich drinnen befanden, entronnen ſei, ſondern daß ſie alle aus der Mündung der Höhle wie eine Kugel aus einer Kanone herausgeſchoſſen worden waren. Wir hatten jetzt volle Rache an den Indianern, im Ganzen aber doch nichts gewonnen; denn wir zählten zwei Todte, ein Mann war ganz zum Krüppel geworden, und fünf andere verwundet; wir hatten zwei Tonnen Pulver und eilf Tage Zeit aufgewendet, und dieß alles, blos um zu erfahren, wie man eine indiſche Mine macht, oder wie man in einem hohlen Baum garniſonirt, und mit dieſer ſo theuer . 0 380 S⸗ erkauften Aufklärung verfügten wir uns wieder auf unſere Schiffe, nachdem wir einiges friſches Waſſer eingenommen, aber keine friſchen Lebensmittel bekommen hatten. Wir überlegten nun, was wir zu thun hätten, um nach Madagascar zurückzukommen. Wir waren etwa in der Breite des Caps der guten Hoffnung, hatten aber einen langen Weg und konnten ſo wenig mit Beſtimmtheit auf gute Winde oder auf einen Landungsplatz rechnen, daß wir nicht wußten, was wir anfangen ſollten. William war auch in dieſem Falle wieder unſer einziger Nathgeber und ſetzte uns ſeine Meinung deutlich auseinander.„Freund,“ ſagte er mir, „warum willſt Du Dich der Gefahr des Verhungerns aus⸗ ſetzen?— etwa deßhalb, um dann ſagen zu können, Du ſeieſt in Gegenden geweſen, wohin vor Dir noch Niemand gekommen? Es gibt eine Menge Plätze weit näher an der Heimath, von denen Du mit weniger Koſten daſſelbe ſagen könnteſt. Ich ſehe nicht ein, wozu Du Dich noch länger ſüdlich halten willſt, als bis Du Dich verſichert haſt, daß Du am weſtlichen Ende von Java und Sumatra biſt; dann kannſt Du Dich nördlich gegen Ceylon an die Küſte von Coromandel und Madras wenden, wo Du ſowohl friſches Waſſer, als auch friſche Lebensmittel bekommen wirſt; bis dahin werden wir wahrſcheinlich mit unſern jetzigen Mitteln wohl ausreichen.“ — 381&⸗ Dieß war ein vernünfliger Rath, den man nicht von der Hand weiſen durfte; wir ſegelten alſo weſtwärts zwi⸗ ſchen der Breite von 340 55“ und hatten etwa zehn Tage lang ſowohl gutes Wetter als günſtigen Wind. In dieſer⸗ Zeit waren wir nach unſerer Berechnung an den Inſeln vorbeigekommen, ſo daß wir uns nunmehr nördlich wenden konnten, und wenn wir nicht nach Ceylon kamen, ſo mußten wir wenigſtens in die große Bucht von Bengalen gelangen. Wir hatten uns indeß gewaltig geirrt; denn als wir etwa 15 oder 16 Grade nördlich geſteuert waren, ſtießen wir rechts in einer Entfernung von ungefähr drei Meilen wieder auf Land, warfen etwa eine halbe Meile davon die Anker aus und ſchickten unſere Boote ab, um zu ſehen, wo wir wären. Wir fanden den Ort ſehr gut. Friſches Waſſer war leicht zu bekommen, allein wir konnten weder Vieh noch menſchliche Bewohner entdecken und hüteten uns ſehr, in der Aufſuchung derſelben weiter zu gehen, um nicht aufs neue ein Abenteuer, wie unſer letztes, beſtehen zu müſſen. Wir unterließen alſo das Herumſchweifen und zogen es vor, zu nehmen, was wir finden konnten. Indeß beſtand die ganze Ausbeute aus einigen wenigen wilden Mango⸗ Früchten und einigen Pflanzen verſchiedener Art, deren Namen wir nicht kannten. Wir verweilten hier nicht lange, ſondern ſtachen wieder in nordweſt⸗nördlicher Richtung in die See, hatten aber vierzehn Tage lang wenig Wind und landeten dann wieder. Als wir ans Ufer ſtiegen, waren wir ſehr überraſcht, uns auf der ſüdlichen Küſte von Java zu finden, und während wir eben einen Anker auswarfen, ſahen wir ein Boot mit den holländiſchen Farben an der Küſte hinſegeln. Wir hatten durchaus keine Luſt, mit dieſen Leuten oder ſonſt mit andern von ihrer Nation zu discuriren, und ſtellten es unſerer Mann⸗ ſchaft anheim, ob ſie auf dem Lande mit den Holländern in Verkehr treten wollte, oder nicht; unſer Hauptgeſchäft beſtand darin, Lebensmittel herbeizuſchaffen, die inzwiſchen in der That ſehr auf die Neige gegangen waren. Wir beſchloſſen, an dem paſſendſten Platze, den wir finden könnten, mit den Booten ans Land zu gehen und nach einem geeigneten Hafen für das Schiff zu ſehen, indem wir es auf unſer gutes Glück ankommen ließen, ob wir dort Freunde oder Feinde treffen würden. Inzwiſchen hatten wir im Sinn, nicht lange hier zu verweilen, wenigſtens nicht ſo lange, daß man Expreſſen über die Inſel nach Batavia ſchicken und von da Schiffe herbeiholen konnte, um uns anzugreifen. Wir fanden einen ſehr guten Hafen, wo wir ſieben Faden tief Waſſer hatten und für jeden Fall gegen die ——· 383 E⸗ Nachtheile der Witterung wohl geſchützt waren. Auch be⸗ kamen wir friſche Mundvorräthe, als: gute Schweine und eine Anzahl Kühe, und um einen kleinen Vorrath zurückzulegen, ſchlachteten wir ſechzehn Kühe, pöckelten das Fleiſch ein, ſo gut es unter 8 Graden von der Linie möglich war, und verwahrten es in Tonnen. Siebzehntes Kapitel. Wir erſpähen ein großes Schiff und ſetzen es wegen Proviant in Con⸗ tribution.— Wir legen auf der ſüdlichen Küſte von Ceylon an.— Scharmützeln mit den Einwohnern.— Ein heftiger Sturm, in wel⸗ chem unſer Schiff ſtrandet.— Verhandlungen mit den Eingebornen und ihrem Geſandten, einem alten Holländer. Dieß alles vollbrachten wir in etwa fünf Tagen, in welcher Zeit wir auch unſere Waſſertonnen füllten. Sobald das letzte Boot mit Kräutern und Wurzeln angekommen war, lichteten wir die Anker und hatten ſchon unſer Vor⸗ marsſegel gelöst, als wir gegen Norden ein großes Schiff erſpähten, welches geradezu auf uns losſteuerte. Wir wußten nicht, weſſen wir uns von ihm zu verſehen hätten, beſorgten aber das Schlimmſte und ſtachen daher in aller Eile in die See, um in der kürzeſten Zeit zu erfahren, was es uns zu ſagen hätte; denn ein einziges Schiff machte uns wenig Kummer, da uns nur vor der Möglichkeit, von dreien oder vieren zumal angegriffen zu werden, bangte. Mittlerweile hatten wir, wie ſchon geſagt, die Anker gelichtet. Das Schiff war blos noch eine Meile von uns = 385 ˙ entfernt und machte, wie wir glaubten, Anſtalten, mit uns anzubinden; wir ließen daher unſere große, d. h. die ſchwarze Flagge auf dem Hintertheil und zugleich die blutige Flagge auf der Spitze der Marsſtenge des Schiffes aufpflanzen, und nachdem wir unſer Schiff in Bereitſchaft geſetzt, ſegelten wir mit voller Kraft gegen Weſten und gewannen ihm den Wind ab. Die andern hatten ſich, wie es ſcheint, gänzlich in uns getäuſcht und erwarteten in dieſen Gewäſſern nichts weniger, als einen Feind oder einen Seeräuber; im Gegentheil hatten ſie geglaubt, unſer Schiff gehöre auch zu dem ihrigen, und waren daher in nicht geringer Verlegenheit, als ſie ihren Irrthum einſahen. Sie luvten alſo unmittelbar beim andern Gange und ſegelten dicht beim Winde gegen die Küſte an dem öſtlichſten Theile der Inſel zu. Darauf lavirten wir, ſegelten ihnen mit der möglichſten Schnelligkeit nach und kamen binnen zwei Stunden in die Schußweite. Obgleich ſie ſich alle Mühe gaben, uns zu entkommen, ſo wollte es ihnen doch nicht gelingen, und ſie ſahen bald die Ungleichheit der beiderſeitigen Kräfte ein. Wir feuerten eine Kanone gegen ſie ab, um ſie zum Beidrehen zu veranlaſſen, worauf fie ihr Boot bemannten und es mit einer Friedensflagge zu uns ſchickten. Wir ſchickten daſſelbe mit der Antwort an den Capitän zurück, er habe weiter nichts zu thun, als ſeine Flagge zu ſtreichen, ſein Schiff unter unſern Stern zu brin⸗ gen und ſich ſelbſt an Bord einzufinden, um unſere weitern Singleton I. 25 1 386 S⸗ Forderungen zu vernehmen. Da er uns indeſſen, fügten wir hinzu, nicht die Mühe gemacht habe, die Waffen gegen ihn zu brauchen, ſo ſolle weder dem Capitän noch ſeinen Leuten ein Leid geſchehen; wie denn, wenn er uns mit den Dingen verſorgen wolle, die wir verlangten, auch das Schiff nicht ausgeplündert werden ſolle. Mit dieſer Botſchaft ſegelten ſie zurück und verweilten geraume Zeit an Bord des Schiffes, ſo daß wir bereits glaubten, unſere Bedingungen würden nicht angenommen. Wir feuerten daher einen zweiten Schuß ab, und nach wenigen Minuten bemerkten wir, daß ihr Boot auf uns zuſteuerte. Zu gleicher Zeit näherte ſich auch das Schiff in der von uns vorgeſchriebenen Richtung. Als der Capitän an Bord kam, fragten wir nach ſeiner Ladung, welche hauptſächlich in Waaren beſtand, die von Bengalen nach Bantam geführt werden ſollten. Wir ſagten ihnen, wie ſehr es uns an Mundvorrath gebräche, deſſen ſie am Ende ihrer Fahrt nicht mehr bedürſten; wenn ſie daher ihr Boot mit dem unſrigen ans Ufer ſchicken und uns ſechs⸗ undzwanzig Stück Hornvieh, ſechszig Schweine, ein gewiſſes Quantum Branntwein und Arac, ſowie dreihundert Scheffel Reis ſchicken wollten, ſo wären wir bereit, ſie in Frieden ziehen zu laſſen. Was den Reis betraf, ſo gaben ſie uns ſechshundert Scheffel, die ſie gerade an Bord hatten, nebſt einem Quan⸗ tum, welches ſich als Ladung auf dem Schiffe befand. Ebenſo 387 So⸗ ſchickten ſie uns dreißig mittlere Tonnen ſehr guten Arac, aber Hornvieh und Schweine beſaßen ſie nicht. Sie gingen indeß mit unſern Leuten ans Land und kauften eilf junge Ochſen, ſowie fünfzig Schweine, die für uns eingepöckelt wurden, und nach Ablieferung dieſer Vorräthe entließen wir ſie ſammt dem Schiffe. Indeß lagen wir ſieben Tage hier, bis wir die ver⸗ langten Vorräthe erhielten, und einige von der Mannſchaft dachten bereits, die Holländer ſännen auf unſer Verderben; allein es waren ganz ehrliche Burſche, die ſich alle Mühe gaben, das Hornvieh zu liefern, aber ſchlechterdings die verlangte Zahl nicht zuſammenbringen konnten. Sie kamen daher und ſagten uns aufrichtig, wenn wir uns nicht noch ein wenig länger aufhalten können, ſo ſeien ſie außer Stands, mehr Ochſen oder Kühe zu liefern, als dieſe eilf Stück, womit wir uns denn auch begnügen mußten, indem wir uns den Preis der noch fehlenden Anzahl lieber in andern Dingen ausbezahlen ließen, als daß wir länger hier ver⸗ weilten. Indeß hielten wir unſerer Seits die verabredeten Bedingungen gewiſſenhaft ein; auch ließen wir weder Jemand von unſern Leuten an ihren Bord gehen, noch duldeten wir, daß die ihrigen zu uns kamen; denn wären einige von den Unſern an Bord ihres Schiffes gegangen, ſo hätte Niemand dafür ſtehen können, daß ſie nicht dort gehaust hätten, wie in Feindesland. 25 4*½ . 8 388 S⸗ Wir waren nun alſo für unſere Fahrt verproviantirt, und da uns nichts am Handel gelegen war, ſo fuhren wir guter Dinge auf die Küſte von Ceylon zu, wo wir anzuhalten gedachten, um wieder friſches Waſſer und noch einigen an⸗ dern Mundvorrath einzunehmen. Auf dieſer Fahrt ſtieß uns nichts Beſonderes zu, als daß wir ungünſtige Winde beka⸗ men und mehr als einen Monat dazu brauchten. Wir legten an der ſüdlichen Küſte der Inſel an, da wir mit den Holländern ſo wenig als möglich in Berührung zu kommen wünſchten; denn da dieſe Nation den ganzen Handel der Gegend beherrſcht, ſo beherrſcht ſie auch die Küſte, wo ſie mehrere Kaſtelle hat, und namentlich der ge⸗ ſammte Zimmt, der Haupthandelsartikel dieſer Inſel, zu ihrer Verfügung ſteht. Wir nahmen hier friſches Waſſer und andere Mund⸗ vorräthe ein, gaben aber uns wegen weiteren Proviants nicht viele Mühe, da unſere Ochſen und Schweine, die wir in Java bekommen hatten, bei Weitem noch nicht aufgezehrt waren. Auf der Küſte hatten wir auch ein kleines Schar⸗ mützel mit den Inſulanern, da etliche von unſern Leuten einige derſelben mißhandelt hatten. Ich konnte nicht genau von ihnen herausbringen, was ſie eigentlich gethan; denn ſie ließen einander bei ihren ſchlechten Streichen niemals im Stiche; nur ſoviel merkte ich, daß ſie irgend etwas Barbariſches ausgeführt haben mußten, was ——— 2 ☛— 389 So ſie aber auch beinahe theuer gebüßt hätten; denn die Inſu⸗ laner waren aufs äußerſte erbost und ſammelten ſich in ſolcher Anzahl um ſie, daß es, wären nicht ſechszehn der Unſrigen in einem andern Boot gerade im rechten Augen⸗ blick noch abgefahren, um jene, die nur eilf an der Zahl waren, mit gewaffneter Hand zu befreien, offenbar um ſie geſchehen geweſen wäre. Es hatten ſich nämlich nicht weniger als 200— 300 Eingeborene gegen ſie zuſammengeſchaart, ſämmtlich mit Pfeilen und Lanzen, den gewöhnlichen Landes⸗ waffen, in deren Führung ſie eine beinahe unglaubliche Fertigkeit beſaßen, ausgerüſtet; und wären unſere Leute ſtehen geblieben, um ſie zu bekämpfen, wie einige von ihnen vorzuſchlagen die Kühnheit hatten, ſo würden ſie alle überwältigt und getödtet worden ſein. Aber auch bei der günſtigeren Wen⸗ dung der Dinge wurden ſiebzehn von ihnen gefährlich ver⸗ wundet. Gleichwohl war ihre Verletzung nicht ſo bedenklich, als ſie fürchteten, weil ſie die Lanzen der Wilden vergiftet glaubten. Auch hier war William unſer Troſt; denn als zwei von unſern Chirurgen, welche dieſe Meinung theilten, thöricht genug zu den Leuten ſagten, ſie müſſen alle ſterben, ſo machte ſich William munter ans Werk und kurirte ſie alle, bis auf einen Einzigen, welcher indeß nicht ſowohl an ſeiner Wunde ſtarb, als vielmehr an einer übermäßigen Portion Aracpunſch, die ihm ein Fieber zugezogen hatte. Wir hatten nunmehr an Ceylon genug, obgleich ſechszig 4 390 S⸗⸗ bis ſiebzig von unſern Leuten durchaus noch einmal ans Land gehen wollten, um ſich zu rächen; doch redete es ihnen William endlich aus, der ſowohl bei der Mannſchaft, als bei uns Befehlshabern ein ſo großes Anſehen genoß, daß er mehr als irgend einer von uns über die erſtern ver⸗ mochte. Sie ſchrieen wüthend nach Rache, wollten durchaus ans Land gehen und fünfhundert von den Einwohnern tödten. „Nun gut,“ ſagte William,„und wenn ihr es auch thut, was gewinnt ihr damit?«—„Ei, was,“ erwiederte der Wortführer des unzufriedenen Haufens;„wir wollen einmal Genugthuung haben.“—„Ganz recht,“ ſagte William wie⸗ der;„aber was wird es euch nützen?“ Auf dieſe Einwen⸗ dung wußten ſie nichts mehr zu antworten.„Ueberdieß,“ fuhr William fort,„beſteht, wenn ich mich nicht irre, euer Hauptgeſchäft darin, Geld zu erwerben, wenn ihr daher auch zwei oder drei Tauſend von dieſen armen Geſchöpfen über⸗ windet und tödtet, was könnt ihr von ihnen bekommen, da ſie durchaus kein Geld beſitzen. Bei dieſen armen nackten Schelmen iſt ein für allemal nichts zu erobern. Dagegen iſt. es mehr als wahrſcheinlich, daß ihr bei einem ſolchen Unter⸗ nehmen wenigſtens ein Dutzend von eurer Geſellſchaft ver⸗ lieren würdet. Saget mir einmal, wo da der Gewinn ſein ſoll, und welchen Erſatz ihr der Geſellſchaft für die Gefallenen bieten könntet?« Kurz, William ſetzte ſeine Gründe mit 2 391& ſolcher Ueberzeugungskraft auseinander, daß die Leute ein⸗ ſahen, es wäre eine bloße Schlächterei, wenn ſie auf ihrem Vorhaben beſtehen wollten. Sie gaben jetzt ſelbſt zu, daß die Eingebornen ein Recht auf ihr Eigenthum hätten, ſie aber keines, es ihnen wegzunehmen und unſchuldige Leute zu tödten, welche blos nach den Geboten des Naturgeſetzes gehandelt hätten; ſie geſtanden, daß dieß ebenſogut ein Mord wäre, als wenn Einer einem Fremden auf der Straße auf⸗ lauern und ihn mit kaltem Blute für Nichts und wieder Nichts tödten wollte, ohne Rückſicht darauf, ob dieſer Fremde ihn beleidigt hätte, oder nicht. Dieſe Gründe drangen endlich durch, und unſere Leute begnügten ſich damit, wieder abzufahren und die Inſulaner in Ruhe zu laſſen. Im erſten Gefecht hatten ſie ihnen zwi⸗ ſchen ſechszig und ſiebzig Leute getödtet und noch weit mehr verwundet, aber, wie ſchon geſagt, damit nichts erreicht, als den Verluſt eines von den Ihrigen und die Verwundung von weitern ſechszehn Mann. Indeß verſetzte uns ein anderer Zufall in die Noth⸗ wendigkeit, uns abermals mit dieſen Leuten einzulaſſen, bei welcher Gelegenheit dem abenteuerreichen Leben unſerer gan⸗ zen Geſellſchaft beinahe ein raſches Ziel geſetzt worden wäre; denn etwa drei Tage, nachdem wir von dem Kampfplatz abgezogen waren und wieder in die See geſtochen hatten, wurden wir von einem heftigen Sturm von Süden her . 2 392 G⸗⸗ oder vielmehr von einem Orkan von allen Punkten des Südens her überfallen; denn er wüthete und raste auf die fchrecklicſſte Weiſe von Südoſt gegen Südweſt, die eine Minute nach dieſem, die nächſte nach einem andern Compaß⸗ ſtriche, aber immer mit der gleichen Heftigkeit. Wir waren nicht im Stande, das Schiff länger zu regieren, drei Mars⸗ ſegel wurden zerſchlitzt, und zuletzt die Hauptmarsſtenge auf den Bord herabgeworfen; kurz, wir wurden ein oder zwei Mal rechts gegen das Ufer getrieben, und einmal wären wir an einer gewaltigen Klippenreihe, etwa eine halbe Meile vom Ufer entfernt, zu tauſend Stücken zertrümmert worden, hätte nicht der Wind gerade im entſcheidenden Augenblicke noch gewechſelt; da er indeß, wie ſchon geſagt, ſehr oft umſchlug und gerade jetzt gegen Oſtſüdoſt blies, ſo ſetzten wir alle Segel bei und gelangten in einer halben Stunde wieder mehr als eine Meile weit in die offene See. Hierauf blies der Wind mit ziemlicher Wuth ſüdweſtſüdlich, ſodann ſüdweſtweſtlich und trieb uns wieder ein gutes Stück öſtlich nach der Klippenreihe zurück, wo wir eine große Oeffnung zwiſchen den Felſen und dem Lande fanden und uns be⸗ mühten, hier zu ankern; allein wir fanden bald, daß ſich der Platz nicht dazu eignete; denn der Grund beſtand aus lauter felſigem Geſtein. Wir ſegelten alſo durch die Oeffnung hindurch, welche etwa vier Meilen lang war. Der Sturm dauerte fort, und nun fanden wir eine ſchreckliche, höchſt 5 393 G⸗ gefährliche Küſte, ſo daß wir nicht wußten, was wir begin⸗ nen ſollten. Wir ſtrengten unſere ganze Sehkraft an, um irgend einen Fluß, eine Landzunge oder eine Bucht zu ent⸗ decken, wo wir einlaufen und ankern könnten, fanden aber geraume Zeit nicht, was wir ſuchten. Endlich erblickten wir eine große Landſpitze, welche ſüdlich weit in die See hineinragte und ſo lang war, daß wir bald deutlich einſahen, wenn der Wind ſo anhielte, ſo könnten wir ſie nicht umſegeln; wir ſchifften daher ſo viel als möglich unter der Leeſeite dieſes Punktes weiter und ankerten endlich an einem Platz von etwa zwölf Faden Tiefe. Aber in der Nacht wechſelte der Wind aufs neue und blies ſo fürchterlich, daß unſere Anker ſchleppten, und das Schiff fortgetrieben wurde, bis das Ruder unmittelbar auf den Boden ſtieß; wäre unſer Schiff nur noch einige Sekun⸗ den weiter gelaufen, ſo wäre es verloren geweſen und wir alle mit ihm. Aber unſer Nothanker hielt feſt, und wir wanden das Kabeltau auf, um von dem Boden, auf wel⸗ chen wir geſtoßen waren, wegzukommen. Auf dieſes einzige Kabeltau ſtützten wir uns die ganze Nacht hindurch, und gegen Morgen glaubten wir, der Wind habe ſich ein wenig gelegt. Zu unſerem Glück war es wirklich ſo; denn trotz der Hülfe, die uns unſer Nothanker bot, fanden wir, als es tagte, zu unſerer unendlichen Beſtürzung, daß das Schiff geſtrandet war. 3—/ 394 SE⸗ Da die Fluth vorüber war, das Waſſer aber immer noch ein wenig ablief, ſo lag das Schiff beinahe trocken auf einer harten Sandbank. Die Eingebornen ſtürzten in großen Schaaren herbei, um uns zu ſehen, und da ſie ſich nicht denken konnten, wer wir wären, gafften ſie uns als eine Art Meerwunder an und zerbrachen ſich die Köpfe, was ſie thun ſollten. Ich habe Grund zu glauben, daß ſie ſogleich eine Bot⸗ ſchaft abſandten mit der Nachricht, es ſei ein Schiff da, und zwar in dem bereits angegebenen Zuſtande; denn am fol⸗ genden Tage erſchien ein großer Mann, den wir anfangs für ihren König hielten; denn er hatte eine Menge Leute bei ſich, worunter viele mit Wurfſpießen in der Hand, die ſo lang waren, wie kurze Gewehre. Sie kamen alle an den Rand des Waſſers herab und ſtellten ſich unmittelbar vor unſern Augen in guter Ordnung auf. Etwa eine Stunde lang ſtanden ſie ſo da, ohne eine Bewegung zu machen, dann aber näherten ſich etwa zwanzig Mann, von denen einer eine weiße Flagge vorantrug. Sie wateten bis an die Mitte des Leibs in das Waſſer; denn die See ging nicht mehr ſo hoch wie früher, da der Wind nachgelaſſen hatte und nun vom Ufer aus ſeewärts blies. Der Mann hielt eine lange Rede an uns, wie wir aus ſeinem Geberdeſpiel abnehmen konnten, und wir hör⸗ ten zuweilen ſeine Stimme, konnten aber kein Wörtchen 395 SE verſtehen. William, der uns bei jeder Gelegenheit ſo nützliche Dienſte geleiſtet, hatte nach meiner Anſicht auch hier wie⸗ derum das Verdienſt, uns allen das Leben zu retten. Die Sache verhielt ſich nämlich ſo: der rieſenhafte Redekünſtler ſtieß, als er mit ſeiner Rede zu Ende war, drei laute Schreie aus(ich weiß dieſen Tönen keine andere Benen⸗ nung zu geben), ſodann ſenkte er dreimal ſeine weiße Flagge und machte endlich drei Bewegungen gegen uns, daß wir zu ihm kommen ſollten. Ich geſtehe, daß ich der Anſicht war, man ſollte das Boot bemannen und zu ihnen hinſegeln, aber William wollte es mir durchaus nicht geſtatten. Er ſagke, wir dürf⸗ ten Niemanden trauen; wenn es Barbaren wären, die unter ihrer eigenen Regierung ſtänden, ſo würden wir ohne Wei⸗ teres ſammt und ſonders von ihnen niedergemacht; wären es aber Chriſten, ſo würden wir nicht viel beſſer fahren, ſobald ſie unſern wahren Charakter erriethen; die Malabaren, zu welcher Race auch dieſe Leute da gehörten, wären von jeher heimtückiſch gegen Jedermann geweſen, der in ihre Hände gefallen; wenn wir daher unſere Sicherheit werth hielten, ſo ſollten wir unter keinen Umſtänden zu ihnen gehen. Ich widerſprach ihm lange und bemerkte ihm, mei⸗ ner Anſicht nach habe er zwar noch immer Recht gehabt, aber dießmal treffe er gewiß das Wahre nicht; ich für meine Perſon wolle mich eben ſo wenig in unnöthige Gefahren 396 S⸗ ſtürzen, als er oder irgend ein anderer, aber alle Nationen in der Welt, ſelbſt die wildeſten, halten das Verſprechen, das ſie durch eine Friedensfahne gegeben, für etwas Hei⸗ liges. Ich belegte ihm dieß mit mehreren Beiſpielen, be⸗ ſonders aus der Geſchichte meiner afrikaniſchen Reiſe, und ſetzte hinzu, ich könne dieſe Leute unmöglich für bösartiger halten, als einige von jenen Völkerſchaften, mit denen ich da⸗ mals zuſammentraf. Ueberdieß, ſagte ich, ſcheine unſere Lage von der Art zu ſein, daß wir jedenfalls in fremde Hände gerathen müßten, und wir würden daher weit beſſer thun, durch einen freundſchaftlichen Vertrag, als durch eine er⸗ zwungene Unterwerfung in ihre Gewalt zu fallen, wenn ſie auch wirklich eine verrätheriſche Abſicht hegen ſollten. Aus allen dieſen Gründen ſei ich dafür, mit ihnen zu unter⸗ handeln. „Ganz gut, mein Freund,“ entgegnete William ſehr ernſt,„wenn Du gehen willſt, ſo kann ich es nicht hindern; nur will ich Dir dann beim Abſchied das letzte Lebewohl ſagen; denn verlaß Dich darauf, daß Du uns nie wieder ſehen wirſt. Ob wir in dem Schiff am Ende beſſer davon kommen werden, kann ich zwar nicht behaupten, aber dafür bürge ich Dir, daß wir unſer Leben nicht ohne Noth und mit kaltem Blute hingeben werden, wie Du zu thun im Begriffe biſt; wir werden uns wenigſtens ſo lange als mög⸗ lich halten und am Ende wie Männer ſterben, nicht aber 2 u397& wie Narren, die ſich von einer Handvoll heimtückiſcher Bar⸗ baren in die Falle locken laſſen.“ William ſprach dieß mit ſolcher Wärme und dabei mit einer ſo richtigen Würdigung unſerer Lage, daß mir die Gefährlichkeit meines Planes doch endlich einzuleuchten be⸗ gann. Ich hatte eben ſo wenig Luſt, als er, mich nieder⸗ machen zu laſſen, und doch konnte ich für mein Leben nicht ſo ängſtlich ſein, wie er. Ich fragte ihn alſo, ob er dieſe Gegend kenne oder ſchon früher einmal da geweſen ſei. Er antwortete:„Nein.“ Sodann fragte ich weiter, ob er von den Bewohnern dieſer Inſel und von ihrem Benehmen gegen Chriſten, welche in ihre Hände gefallen ſeien, irgend etwas gehört oder geleſen habe, worauf er zur Antwort gab, er habe allerdings eine ſolche Geſchichte gehört und wolle ſie mir erzählen. Der Commandant eines oſtindiſchen Schiffes, Namens Knor, wäre gerade wie wir an die Küſte dieſer Inſel Ceylon verſchlagen worden, doch könne er nicht ſagen, ob an dieſelbe Stelle oder Gegend hin; die Barba⸗ ren hätten ihn durch dieſelbe Einladung, die ſie jetzt mit uns verſucht, überliſtet und ans Ufer gelockt; ſodann hätten ſie ihn mit ſeinen achtzehn oder zwanzig Mann umzingelt und keinen Einzigen mehr zurückkehren laſſen; ob ſie übri⸗ gens dieſelben blos als Gefangene behalten oder ermordet hätten, könne er nicht ſagen. Jedenfalls wären ſie ins Land hinein abgeführt, ſodann von einander getrennt worden, . 2 398 SE und man habe ſpäter von Niemanden mehr gehört, als von des Capitäns Sohn, welchem nach zwanzigjähriger Sklaverei durch ein wahres Wunder die Flucht gelungen ſei. Ich hatte jetzt keine Zeit, ihn um die ganze Erzählung dieſer Geſchichte zu bitten, noch weit weniger, ſie anzuhören, weßhalb ich, wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, wenn Eines anfängt, ſich von der Triftigkeit der Gründe des Andern zu überzeugen, nur noch wenige Einreden machte. „Aber, Freund William,“ ſagte ich,„was ſollen wir denn thun? Du ſiehſt, in welcher Lage wir ſind, und was uns bevorſteht; etwas muß gethan werden, und zwar ſogleich.“ —„Nun gut,“ erwiederte William;„ich will Dir ſagen, was Du thun ſollſt: fürs Erſte laß auch eine weiße Flagge aufpflanzen, ſodann bemanne die Schaluppe und die Pinaſſe mit ſoviel Leuten, als hineingehen, ohne im Gebrauch ihrer Waffen gehindert zu werden, und laß mich mit ihnen ziehen; Du ſollſt dann ſehen, was wir thun werden. Ergeht es mir übel, ſo kannſt wenigſtens Du Dich retten und Dich dabei beruhigen, daß mein Unglück meine eigene Schuld war; jedenfalls mag Dir dann meine Thorheit zu einer Lehre dienen.“ Ich wußte anfangs nicht, was ich erwiedern ſollte; aber nach einer Pauſe ſagte ich:„William, William, es würde mir eben ſo leid thun, wenn Du umkämeſt, als wenn mir ſelbſt ein Unfall begegnete; und falls das Unternehmen mit Gefahr 399 S⸗⸗ verbunden iſt, ſo verlange ich, daß Du Dich ebenſo wenig derſelben ausſetzeſt, als ich. Deßhalb wollen wir lieber alle zuſammen in dem Schiff bleiben und gemeinſchaftlich dem gleichen Schickſal entgegenſehen.“ „Nein, nein,“ entgegnete William;„mit meinem Plane iſt keine Gefahr verbunden, und Du kannſt mit mir gehen, wenn Du Luſt haſt. Wenn Du Dich nur in meine Anord⸗ nungen fügen willſt, ſo verlaß Dich darauf, daß wir, ob⸗ gleich wir uns von den Schiffen entfernen, mit dieſen Wilden nur auf die nöthige Nähe zuſammentreffen werden, um mit ihnen zu ſprechen. Du ſiehſt, ſie haben keine Boote, um zu uns zu kommen, aber es wäre mir lieber, wenn Du meinen Rath annähmeſt und auf dem Schiffe die Sig⸗ nale befolgteſt, die ich vom Boot aus geben werde. Im Uebrigen können wir ja die Sache noch näher beſprechen, ehe wir abfahren.“ Da ich hieraus erſah, daß William bereits einen fer⸗ tigen Plan in ſeinem Kopfe hatte und wegen der zu treffen⸗ den Maßregeln nicht in Verlegenheit war, ſo erklärte ich ihm, er ſolle für dieſe Fahrt der Capitän ſein; wir wollen uns alle unter ſeine Befehle ſtellen, und ich ſelbſt werde für die pünktlichſte Befolgung derſelben Sorge tragen. Nach dieſer Verabredung beorderte er vierundzwanzig Mann in die Schaluppe, zwölf Mann in die Pinaſſe, und da die See gerade ziemlich ruhig war, ſo ſegelten ſie, 400 ⸗ ſämmtlich ſehr gut bewaffnet, ab. Er befahl auch, alle Kanonen des großen Schiffes auf der dem Ufer zunächſt gelegenen Seite mit Musketenkugeln, alten Nägeln und allen möglichen Stücken alten Eiſens und Bleis zu laden und uns ſchußfertig zu halten, ſobald wir ſähen, daß ſie die weiße Flagge ſenkten und in der Pinaſſe eine rothe aufpflanzten. Nachdem dieſe Beſtimmungen feſtgeſetzt waren, ſegelten ſie gegen das Ufer zu: William in der Pinaſſe mit zwölf Mann und hinter ihm die Schaluppe mit vierundzwanzig Mann, ſämmtlich handfeſte, entſchloſſene Burſche und ſehr gut bewaffnet. Sie ruderten ſo nahe ans Ufer hin, daß ſie mit den Eingebornen ſprechen konnten; dabei hatten ſie, wie dieſe, eine weiße Flagge aufgepflanzt und erboten ſich zu einer Unierredung. Die Tölpel von Eingebornen, denn ich kann ſie nicht anders nennen, zeigten ſich ſehr höflich; als ſie aber fanden, daß wir ſie nicht verſtehen konnten, ſo brachten ſie einen alten Holländer herbei, der ſchon ſeit vielen Jahren ihr Gefangener war, und beauftragten ihn, mit uns zu ſprechen. Der weſentliche Inhalt ſeines Vortrags war, der König des Landes habe ſeinen General hieher geſandt, um zu erfahren, wer wir wären, und was wir hier trieben. William, der auf dem Stern der Pinaſſe ſtand, antwortete ihm, er, der ſeiner Sprache nach ein Europäer ſei, werde wohl leicht einſehen, wer wir ſeien, und 2 401 S⸗ in welcher Lage wir uns befinden; das Schiff ſei auf dem Sande geſtrandet, und ſomit könne er ſich wohl denken, daß wir hier nichts anderes treiben, als was man mit einem Schiff in ſolcher Noth thun könne. Er, William, wünſche nun zu erfahren, warum ſie in ſolcher Anzahl und zwar bewaffnet gekommen ſeien, wie wenn ſie uns bekriegen wollten. Der Holländer antwortete, ſie haben guten Grund gehabt, ans Ufer herab zu kommen, indem die Erſcheinung von fremden Schiffen an der Küſte das Land jedesmal in Unruhe ſetze, und da unſere Fahrzeuge wohlbemannt, auch mit Kanonen und ſonſtigen Waffen wohl verſehen ſeien, ſo habe der König einen Theil ſeines Militärs abgeſandt, um im Fall einer feindlichen Landung ſich gehörig zur Wehr zu ſetzen. Aber, fuhr er fort, da ihr euch in ſolcher Noth befindet, ſo hat der König ſeinem General den Befehl gegeben, euch alle mögliche Hülfe zu leiſten, euch zu ſich ans Ufer einzu⸗ laden und mit der größten Höflichkeit zu empfangen. William erwiederte darauf ſchnell:„Ehe ich Dir antworte, erſuche ich Dich, mir zu ſagen, wer Du biſt; denn Deiner Sprache nach mußt Du ein Europäer ſein.“ Der Fremde erwiederte, er ſei ein Holländer.„Das erſehe ich recht wohl aus Dei⸗ ner Sprache,“ ſagte William;„aber biſt Du auch wirklich ein geborner Holländer, oder biſt Du hier zu Lande geboren, Singleton. I. 26 402 E⸗ und haſt Du vielleicht durch den Umgang mit den Hol⸗ ländern, die ſich, wie wir wiſſen, auf dieſer Inſel nieder⸗ gelaſſen haben, Holländiſch gelernt?“ „Nein,“ ſagte der alte Mann;„ich bin gebürtig aus Delft in Holland.“ „Gut,“ verſetzte William ſogleich,„aber biſt Du ein Chriſt oder ein Heide, oder was wir einen Renegaten nennen?“ „Ich bin ein Chriſt,“ ſagte dieſer. Und nun hielten ſie folgendes Zwiegeſpräch: Will. Du biſt ein Holländer und ein Chriſt, ſagſt Du; aber biſt Du ein freier Mann oder in Dienſten? Der Holl. Ich ſtehe in den Dienſten des Königs dahier und zwar bei ſeinem Militär. Will. Aber biſt Du ein Freiwilliger oder ein Ge⸗ fangener? Der Holl. Ich war allerdings im Anfang ein Gefan⸗ gener, bin aber jetzt in Freiheit, und in ſo fern ein Frei⸗ williger. Will. Das heißt, nachdem Du anfangs Gefangener geweſen, haſt Du jetzt die Freiheit, ihnen zu dienen; aber biſt Du ſo frei, daß Du, wenn Du wollteſt, zu Deinen Landsleuten gehen dürfteſt? Der Holl. Nein, das ſage ich nicht: meine Lands⸗ leute leben weit von hier in den nördlichen und öſtlichen S 403 G⸗ Theilen der Inſel, und ohne ausdrückliche Erlaubniß des Königs darf Niemand zu ihnen gehen. Will. Gut, und warum haſt Du Dir dieſe Erlaubniß nicht ausgewirkt? Der Holl. Ich habe nie darum nachgeſucht. Will. Vermuthlich, weil Du wußteſt, daß Du ſie nicht bekommen hätteſt? Der Holl. Ich kann mich hierüber nicht auslaſſen; aber warum fragt ihr mich dieß alles? Will. Ei, ich habe meinen guten Grund. Wenn Du ein Chriſt und kein Gefangener biſt, wie kannſt Du Dich dieſen Barbaren zum Werkzeug hergeben, um uns, Deine Mitchriſten, an ſie zu verrathen? Beweist dieß nicht eine ruchloſe Geſinnung? Der Holl. Wie könnt ihr ſagen, daß ich euch ver⸗ rathen wolle? Bringe ich euch nicht die Nachricht, daß der König euch einladen läßt, ans Land zukommen, und daß er Befehl gegeben hat, euch höflich zu behandeln und zu unterſtützen? Will. Wenn Du ein Chriſt biſt, woran ich übrigens ſehr zweifle, ſo frage ich Dich: Glaubſt Du, daß der König oder der General, wie Du ihn nennſt, es mit dieſen Ver⸗ ſprechungen halbwegs aufrichtig meint? Der Holl. Er verſpricht es euch durch den Mund ſeines Obergenerals. 26* „„ 404&- Will. Ich frage Dich nicht, was er verſpricht oder durch wen; ſondern ich frage Dich nur: Kannſt Du ſagen, Du ſeieſt überzeugt, daß er ſein Verſprechen halten wolle? Der Holl. Wie kann ich dafür bürgen? Wie kann ich ſagen, was er im Sinn hat? Will. Du kannſt doch ſagen, was Du glaubſt. Der Holl. Ich kann blos ſagen, Saßat es thun wird; ich glaube, er wird es thun. Will. Du biſt, wie ich ſehe, ein doppelzüngiger Chriſt. Wohlan, ich will Dir die Frage anders ſtellen: Wirſt Du ſagen, Du glaubeſt es, und Du ratheſt uns, es zu glauben und auf dieſe Verſprechungen hin unſer Leben in ihre Hände zu geben? 3 Der Holl. Ich bin nicht befugt, euern Rathgeber zu machen. Will. Du ſcheueſt Dich vielleicht, Deine wahre Mei⸗ nung auszuſprechen, weil Du in ihrer Gewalt biſt. Aber verſteht denn einer von dieſen da, was wir beide ſprechen? Können ſie Holländiſch ſprechen? Der Holl. Nein, kein Einziger; um deßwillen habe ich nicht die mindeſte Beſorgniß. Will. Nun gut, ſo antworte mir offen, wenn Du ein Chriſt biſt: Können wir es auf ihre Worte hin mit -2 405 E Sicherheit wagen, uns in ihre Hände zu geben und ans Ufer zu kommen? Der Holl. Ihr geht mir ſehr ſcharf zu Leibe. Aber, laßt mich jetzt auch eine Frage ſtellen: Habt ihr Ausſicht, mit eurem Schiff wieder flott zu werden, wenn ihr euch deſſen weigert? Will. Ja, allerdings; jetzt, da der Sturm vorüber iſt, ſind wir deßhalb ohne Sorgen. Der Holl. Dann kann ich nicht ſagen, daß es das Beſte für euch wäre, ihnen zu trauen. Will. Gut, das heißt, ehrlich geſprochen. Der Holl. Aber, was ſoll ich ihnen dann ſagen? Will. Finde ſie mit ſchönen Worten ab, wie ſie es auch mit uns gehalten haben. Der Holl. Mit was für ſchönen Worten? Will. Ei, ſie ſollen dem König melden, wir ſeien Fremde und durch einen gewaltigen Sturm an die Küſte verſchlagen; wir danken ihm aufs herzlichſte für ſein höf⸗ liches Anerbieten und werden daſſelbe, wenn wir deſſen venöthigt ſein ſollten, mit der größten Erkenntlichkeit anneh⸗ men; vor der Hand aber haben wir keinen Grund, ans Ufer zu kommen, und überdieß können wir das Schiff in ſeinem gegenwärtigen Zuſtand nicht wohl verlaſſen, ſondern müſſen daran arbeiten, es wieder flott zu machen, indem wir alle Ausſicht haben, in wenigen Tagen es wieder ganz 7 2 406 SE⸗ in Stand geſetzt zu ſehen und die Anker auswerfen zu können. Der Holl. Aber er wird erwarten, daß ihr ans Ufer kommet, ihn beſuchet und ihm für ſeine Höflichkeit ein Ge⸗ ſchenk machet. Will. Sobald wir unſer Schiff wieder in Stand ge⸗ ſetzt und die Ritzen verſtopft haben, ſo werden wir ihm unſere Ehrfurcht beweiſen. Der Holl. Ja, ihr könntet aber eben ſo gut ſchon jetzt zu ihm kommen. Will. Halt, Freund; ich ſagte nicht, wir wollen dann zu ihm kommen: Du ſpracheſt von einem Geſchenke und das meinte ich mit meinem Ausdruck: unſere Ehrfurcht beweiſen. Der Holl. Gut, aber ich will ihm ſagen, ihr werdet ans Ufer kommen, wenn euer Schiff wieder flott ſei. Will. Ich habe darauf nichts zu erwiedern, Du kannſt ihm ſagen, was Du für gut hältſt. Der Holl. Aber er wird in große Wuth gerathen, wenn ich ihm dieß nicht verſpreche. Will. Ueber wen wird er in große Wuth gerathen? Der Holl. Ueber euch. Will. Was haben wir darnach zu fragen? Der Holl. Ei, er wird ſein ganzes Heer gegen euch ſenden. 2 407 SE⸗⸗ Will. Und wenn auch das ganze Heer ſchon da wäre? Was meinſt Du wohl, daß es gegen uns ausrichten könnte? Der Holl. Er wird erwarten, daß es eure Schiffe ver⸗ brenne und euch alle zu ihm führe. Will. Sage ihm, er ſolle es einmal verſuchen, dann werde er gewiß in ſeine eigene Grube fallen. Der Holl. Er hat eine ungeheure Anzahl Soldaten. Will. Hat er auch Schiffe? Der Holl. Nein, Schiffe hat er nicht. Will. Auch keine Boote? Der Holl. Nein, auch keine Boote. Will. Nun, wie kannſt Du denn glauben, daß wir uns vor ſeinen Soldaten fürchten? Was könnteſt Du gegen uns ausrichten, wenn Du auch 100,000 Mann bei Dir hätteſt? Der Holl. Ei, ſie könnten euch verbrennen. Will. Verbrennen?— meinſt Du? Ja, das könnten ſie allerdings; aber ſie werden es nicht verſuchen. Sie ſollen es nur einmal auf ihre Gefahr probiren, ich verſichere Dich, wir werden eure 100,000 Mann zuſammenſchmettern, ſobald ſie in den Bereich unſerer Kanonen kommen. Der Holl. Aber wenn der König euch Geißeln für eure Sicherheit gibt? Will. Wen kann er geben, außer lauter Sklaven und Diener, wie Du biſt, lauter Leute, deren Leben er ſo wenig achtet, als wir einen engliſchen Hund? 6 2 408 S⸗ Der Holl. Wen verlangt ihr als Geißel? Will. Ihn ſelbſt und Euere Gnaden. Der Holl. Was würdet ihr mit ihm thun? Will. Was er mit uns auch thun würde— ihm den Kopf abſchneiden. Der Holl. Und was würdet ihr mit mir thun? Will. Mit Dir? Wir würden Dich in Dein Vater⸗ land zurückbringen. Zwar verdienſt Du weiter nichts, als den Galgen; wir würden aber doch wieder einen Menſchen und einen Chriſten aus Dir machen und nicht an Dir han⸗ deln, wie Du an uns gern gehandelt hätteſt— Dich nicht an grauſame wilde Heiden verrathen, welche keinen Gott kennen und kein Gefühl für Mitmenſchen haben. Der Holl. Ich bringt mich da auf einen Gedanken, wovon ich morgen weiter mit euch ſprechen will. Achtzehntes Kapitel. Wir werden wieder flott.— Der König des Landes ſendet ein zahlloſes Heer an das Ufer.— Unterredung zwiſchen William und dem Hollän⸗ der.— Treffen mit den Eingeborenen.— Wir bekommen den Holländer durch Liſt in unſere Hände.— Bericht über das Abenteuer des Capitäns Knox auf dieſer Inſel. — Damit trennten ſie ſich, William aber kam wieder an Bord und erzählte uns weitläufig ſeine Unterredung mit dem alten Holländer, welche für mich ſehr belehrend war; denn ich ſah aufs neue, daß William ſich weit beſſer auf ſolche Verhandlungen verſtehe, als ich. Es war ein großes Glück, daß wir noch in derſelben Nacht unſer Schiff losmachten, und zu unſerer ungemeinen Beruhigung fanden wir, etwa anderthalb Meilen von unſerem jetzigen Platze entfernt, ein tiefes Waſſer, wo wir die Anker auswerfen konnten, ſo daß wir die inſulaniſche Majeſtät mit ihren 100,000 Mann durchaus nicht zu fürchten brauchten. Wir machten uns in der That am andern Tag einigen Spaß mit ihnen, als ſie in zahlloſer Menge, jedoch unſeres 7 2 410 S⸗⸗ Erachtens bei weitem nicht 100,000 Mann ſtark, mit einigen Elephanten herabkamen. Sie hätten uns übrigens auch mit einem ganzen Heer von Elephanten nichts anhaben können; denn wir ſaßen ziemlich ſicher auf unſerem Ankerplatz und waren außerhalb ihres Bereichs, wiewohl nicht ſo ganz, als wir glaubten; denn obgleich wir auf einem glatten Waſſer lagen, ſo wären wir um ein kleines wiederum geſtrandet, da der vom Ufer her kommende Wind die Ebbe ungewöhn⸗ lich weit hinausblies, ſo daß wir die Sandbank, auf die wir zuvor geſtoßen waren, in Geſtalt eines Halbmondes daliegen ſahen, der uns mit ſeinen zwei Hörnern umgab; wir befanden uns nämlich im Mittelpunkte deſſelben wie in einer runden Bucht, übrigens ſowohl von der rechten als der linken Seite in einem tiefen, für den Augenblick aber todten Waſſer, und die zwei Hörner oder Spitzen des San⸗ des ragten beinahe zwei Meilen über die Stelle hinaus, wo unſer Schiff lag. Auf dem öſtlich von uns gelegenen Theile des Sandes breitete ſich die ſchlecht angeführte Menge der Inſulaner aus, und da die meiſten von ihnen nicht über die Kniee oder Knöchel hinauf im Waſſer ſtanden, ſo ſchloſſen ſie uns auf dieſer Seite, ſowie auf der des Landes und auch ein wenig auf der andern Seite des Sandes ein, indem ſie auf einem Raum von etwa ſechs Meilen einen Halbkreis oder viel⸗ mehr drei Fünftel eines Kreiſes bildeten; das andere auf 411 S⸗ unſerer Weſtſeite gelegene Horn des Sandes war nicht ganz ſo ſeicht, weßhalb ſie ſich in dieſer Richtung nicht ſo weit ausdehnen konnten. Sie bedachten nicht, welchen Dienſt ſie uns thaten, und wie ſie durch ihre plumpe Unwiſſenheit unfreiwillig unſere Wegweiſer geworden waren, während wir, da wir den Platz nicht gehörig ſondirt hatten, unverſehens hätten zu Grunde gehen können. Außer dieſen Maſſen von menſchlichen Teufeln hatten wir auch ein ſehr leckes Schiff, und alle unſere Pumpen konnten das Ueberhandnehmen des Waſſers kaum verhindern; unſere Zimmerleute aber waren über Bord, um die Beſchä⸗ digungen des Schiffes aufzufinden, zuzuſtopfen und es zuerſt auf der einen, dann auf der andern Seite zu flicken. Da nun unſere Leute das Schiff auf der Seite hielten, welche den auf dem öſtlichen Horn des Sandes ſtehenden wilden Schaaren am nächſten lag, ſo war es ſehr erbaulich zu ſehen, wie dieſe vor Furcht und Freude ſich nicht zu faſſen wußten, dann auf einmal einander zuriefen und ein Geſchrei aufſchlugen, das ich unmöglich beſchreiben kann. Während wir nun, wie man ſich wohl denken kann, alle Hände voll zu thun hatten, um unſere Lecke zu ver⸗ ſtopfen, unſer Tau⸗ und Segelwerk, welches bedeutenden Schaden gelitten hatte, wieder in Stand zu ſetzen, einen neuen großen Maſt aufzutackeln u. ſ. w.; während wir dieſes alles thaten, bemerkten wir einen Haufen von etwa 1000 „ 412 S⸗⸗ Leuten, welcher ſich von dem in der Tiefe der Sandbucht liegenden Theile des Barbarenheeres wegmachte und längs des Waſſerſaumes um den Sand herumkam, dann aber ungefähr eine halbe Meile von unſerer öſtlichen Batterieſeite Halt machte. Wir ſahen nun auch den Holländer ganz allein mit ſeiner weißen Flagge und allen ſeinen Bewegungen, wie vorher, näher auf uns zukommen. Unſere Leute hatten gerade das Schiff wieder in Stand geſetzt und glücklicher Weiſe unſere ſchlimmſte und gefähr⸗ lichſte Ritze ausfindig gemacht und verſtopft, als die Feinde an unſere Batterieſeite kamen, und ſo ließ ich denn wie Tags zuvor die Boote bemannen und ſchickte William als Bevoll⸗ mächtigten ab. Ich wäre ſelbſt gegangen, wenn ich Hollän⸗ diſch verſtanden hätte; da dieß aber nicht der Fall war, ſo konnte ich das Ergebniß des Geſprächs ja doch nur aus zweiter Hand erfahren, wozu es nachher immer noch Zeit war. Alle Inſtructionen, die ich William gab, beſchränkten ſich darauf, wo möglich den alten Holländer zu veranlaſſen, daß er an Bord kommen möchte. William ging alſo wie den Tag zuvor, und als er auf etwa 180 oder 200 Fuß ans Ufer kam, ließ er ſeine weiße Flagge aufpflanzen und die Batterieſeite des Boots gegen das Ufer richten, und während ſeine Leute auf ihren Rudern lagen, begann er folgendes Zwiegeſpräch. -2 413 G&⸗ Will. Nun, mein Freund, was haſt Du uns jetzt zu ſagen?. Der Holl. Ich komme mit demſelben friedlichen Auf⸗ trag, wie geſtern. Will. Wie kannſt Du von einem friedlichen Auftrag ſprechen, mit dieſen Leuten allen in Deinem Rücken und all dieſen närriſchen Waffen, die ſie bei ſich haben? So rede denn, was willſt Du? Der Holl. Der König befiehlt uns, den Capitän und alle ſeine Leute einzuladen, ans Ufer zu kommen; zugleich hat er allen ſeinen Unterthanen eingeſchärft, ihnen mit der größtmöglichen Höflichkeit zu begegnen. Will. Gut; und ſind dieſe Leute gekommen, uns ans ufer einzuladen? Der Holl. Sie werden euch kein Leid thun, wenn ihr friedlich ans Land kommen wollt. Will. Gut; und was denkſt Du, daß ſie uns thun können, wenn wir nicht wollen? Der Holl. Ich wünſche, daß ſie euch auch dann keinen Schaden zufügen. Will. Aber ich bitte Dich, Freund, ſei nicht ein Narr und ein Schelm zugleich. Weißt Du nicht, daß wir Dein ganzes Heer nicht zu fürchten haben und vor allem ſicher ſind, was ſie uns zufügen könnten? Was veranlaßt Dich, ſo einfältig und dabei ſo ſpitzbübiſch zu Werke zu gehen? .- 414 So⸗ Der Holl. Ihr glaubt euch vielleicht ſicherer, als ihr wirklich ſeid, und wißt nicht, was ſie euch thun können. Ich kann euch verſichern, daß ſie im Stande ſind, euch bedeutenden Schaden zuzufügen und vielleicht gar euer Schiff zu verbrennen. Will. Angenommen, dieß ſei wahr, wie ich überzeugt 4 bin, daß es erlogen iſt, ſo ſiehſt Du, daß wir noch mehr Schiffe haben(dabei deutete er auf die Schaluppe)*). Der Holl. Das bekümmert uns wenig. Wenn ihr auch zehn Schiffe hättet, ſo könntet ihr es doch nicht wagen, mit eurer Mannſchaft feindlich ans Ufer zu kommen; wir ſind zu zahlreich für euch. Will. Du ſprichſt ſchon wieder nicht, wie Du denkſt, und wir können Dir einmal ein Pröbchen geben, wenn unſere Freunde zu uns geſtoßen ſind; denn Du hörſt, ſie Der Holl. Ja, ich höre ſie feuern, aber ich hoffe, euer Schiff wird es nicht erwiedern; denn wenn dieß geſchieht, ſo wird es unſer General als Friedensbruch anſehen und *) Gerade um dieſe Zeit entdeckten wir zu unſerem außerordent⸗ lichen Vergnügen die ſchon dreizehn Tage lang vermißte Scha⸗ luppe, vie von Oſten her in einer Entfernung von etwa zwei Meilen die Küſte entlang auf uns zuſteuerte. **½) Die Schaluppe feuerte eben jetzt fünf Kanonen ab, um Nach⸗ richt von uns zu erhalten; denn ſie ſah uns nicht. 415 Go⸗⸗ ſeiner Armee Befehl geben, euch da im Boote mit einem Hagel von Pfeilen zu überſchütten. Will. Du kannſt verſichert ſein, daß das Schiff feuern wird, it die andern es hören, jedoch nicht mit Kugeln. Wenn Dein General nichts Beſſeres weiß, ſo mag er thun, was er will; Du aber darſſt darauf rechnen, daß wir es ihm mit Zinſen beingn werden. Der Holl. Was ſoll ich denn thun? Will. Geh' einmal zu ihm, und melde ihm dieß vor der Hand; gib ihm zu verſtehen, daß das Schiff nicht auf ihn, noch auf ſeine Leute feuert; dann komm wieder, und ſage uns, was er im Sinne hat. Deer Holl. Nein, ich will zu ihm ſchicken; wir erreichen dadurch den gleichen Zweck. Will. Wie Du willſt, doch glaube ich, Du würdeſt beſſer daran thun, ſelbſt zu gehen; denn wenn unſere Leute vorher feuern, ſo wird er vermuthlich in großen Zorn ge⸗ rathen und zwar über Dich; denn wir bekümmern uns nichts um ſeinen Zorn. Der Holl. Ihr ſchätzet eure Feinde viel zu gering und wißt gar nicht, wozu ſie fähig ſind. Will. Du thuſt, als ob dieſe armen wilden Wichte Wunder was ausführen könnten; ſo laß uns doch einmal ſehen, was ſie alles vermögen; meinetwegen magſt Du die .*2 416 G. .ᷣ Friedensflagge ſenken, wenn Du Luſt haſt, und damit den Anfang machen. Der Holl. Ich möchte viel lieber den Frieden zu Stande bringen, ſo daß wir als gute Freunde von einand ſcheiden könnten. Will. Du biſt ein heimtückiſcher Schurke; denn offen⸗ bar weißt Du, daß dieſe Leute uns nur deßwegen ans Ufer locken wollen, um ſich unſerer Perſonen zu bemächtigen, und 8 Du, der Du Dich einen Chriſten nennſt, möchteſt uns gern bereden, in die Falle zu gehen und unſer Leben in die Hände von Menſchen zu geben, welche nichts von Mitleid, anſtändigen Gebräuchen oder guten Sitten wiſſen. Wie kannſt Du doch ein ſolch niederträchtiger Bube ſein? Der Holl. Wie könnt ihr mich ſo nennen? Was habe ich euch gethan, und was verlangt ihr von mir? Will. Daß Du nicht den Verräther machſt, ſondern Dich benimmſt wie Einer, der früher Chriſt war und es auch geblieben ſein würde, wenn er kein Holländer wäre. Der Holl. Ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Ich wünſchte wohl von dieſen Leuten loszukommen; ſie ſind abſcheulich blutdürſtig. Will. So beſinne Dich doch nicht lange. Kannſt Du ſchwimmen? Der Holl. Ja, das kann ich, aber wenn ich einen Verſuch machen wollte, zu euch hinüber zu ſchwimmen ſo 2 417 S⸗⸗ würde ich tauſend Pfeile und Wurfſpieße in meinem Leibe ſtecken haben, bevor ich euer Boot erreichen könnte. e Will. Ich will näher zu Dir hinfahren und Dich, dem ganzen Haufen zum Trotz, an Bord nehmen. Wir wollen ihnen nur eine einzige Salve geben; dann ſtehe ich dafür, daß ſie alle eiligſt auf und davon lauſen. r Der Holl. Ich verſichere euch, daß ihr euch hierin d täuſchet; ſie würden im Gegentheil alle ſogleich ans Ufer n 8 rennen, feurige Pfeile auf euch abſchießen und euer Boot, euer Schiff und alles, was ihr habt, in Feuer ſetzen. , Will. Wir wollen uns dieſer Gefahr unterziehen, wenn re e Du zu uns kommen willſſt. 4 Der Holl. Werdet ihr mich aber auch anſtändig be⸗ 8 handeln? Will. Ich gebe Dir mein Wort darauf, ſobald Du n Dich aufführſt wie ein Ehrenmann. 8 Der Holl. Werdet ihr mich nicht zum Gefangenen 3 machen? h 4 Will. Ich bürge Dir mit meinem eigenen Kopf dafür, d daß Du frei ſein und die Erlaubniß erhalten ſollſt, zu gehen, wohin Du willſt, obgleich ich Dir ehrlich geſtehen muß, daß u B Du es nicht verdienſt. Eben gerade um dieſe Zeit feuerte unſer Schiff drei n Kanonen ab, um der Schaluppe zu antworten und ihr kund ſo zu thun, daß man ſie geſehen hatte; auch verſtand die — Singleton. I. 27 * 1— 418&⸗ Schaluppe das Zeichen ſogleich und ſteuerte unmittelbar auf uns zu. Unmöglich aber iſt es, den Schrecken, das abſcheu⸗ liche Geſchrei, die Verwirrung und die allgemeine Unord⸗ nung zu beſchreiben, welche unſere drei Schüſſe unter dieſer unüberſehbaren Menſchenmenge veranlaßten. Sie eilten alle zu ihren Waffen und ſtellten ſich in eine Art Schlachtord⸗ nung, wobei übrigens von einer eigentlichen Ordnung durch⸗ aus keine Rede war. Auf das Commandowort rückten ſie ſofort alle in Einer Maſſe an das Ufer und begrüßten uns ſogleich mit einem dichten Hagel von Pfeilen, welche mit einem kleinen in Schwefel oder einen ähnlichen Stoff getauchten Stück Tuch umwunden waren, das durch ſeinen Flug in der Luft ge⸗ wöhnlich Feuer fing, ſo daß nur ſelten eines dieſer Geſchoſſe verſagte. Ich kann nicht läugnen, daß dieſe Angriffsweiſe, von der wir keine Ahnung gehabt hatten, uns anfänglich ein wenig überraſchte; denn die Zahl der Pfeile war ſo groß, daß wir wirklich beſorgten, ſie möchten unſer Schiff in Brand ſtecken. Auch entſchloß ſich William ſogleich zurückzurudern, um uns zu überreden, daß wir die Anker lichten und in die See ſtechen ſollten; aber es war nicht mehr Zeit dazu, denn die ungeheure am Ufer ſtehende Menſchenmaſſe überſchüttete das Boot und das Schiff alsbald von allen Seiten mit ihren Geſchoſſen. * ——,—4,, 8— A .—·/——X—ꝛÿ 5 419 S&⸗ Sie feuerten, wenn ich es ſo nennen darf, nicht alle auf Einmal, ſo daß dann eine Pauſe eingetreten wäre, ſondern ſchoſſen, da die Auflegung ihrer Pfeile wenig Zeit erforderte, unaufhörlich fort, ſo daß die Luft voll Feuer war. Ich kann nicht ſagen, ob ſie ihren wollenen oder tuche⸗ nen Lappen erſt anzündeten, bevor ſie ihre Pfeile abſchoſſen; denn ich bemerkte nicht, daß ſie Feuer bei ſich hatten, was indeß dennoch der Fall geweſen zu ſein ſchien. Außer dem Feuer, das der Pfeil mitbrachte, hatte er eine Spitze oder Zwecke, wie wir es nennen, aus Bein oder auch aus ſcharfen Kieſelſteinen. Einige nahmen auch ein Metall dazu, das zwar als Metall an und für ſich etwas weich, aber doch hart genug war, um eine Planke zu durch⸗ bohren und ſtecken zu bleiben, wo es einfiel. William und ſeine Leute waren klug genug, ſich dicht hinter ihre Nothbretter zu legen, welche ſie zu dieſem Zweck ſo hoch geſtellt hatten, daß ſie ſich leicht hinter denſelben verbergen und gegen alles, was gerade auskam, ſchützen konnten; gegen das aber, was ſenkrecht aus der Luft herab⸗ fiel, hatten ſie keine Abwehr. Anfangs thaten ſie, als wollten ſie fortrudern, gaben aber doch zuvor eine Kleingewehrſalve auf die Leute bei dem Holländer, wobei William den Sei⸗ nigen einſchärſte, ja gewiß auf die andern zu zielen, um den Unterhändler nicht zu treffen. Jetzt war es kein Rufen mehr, ſondern ein ſo abſcheu⸗ 27* 420 S⸗ liches Geſchrei, daß keiner den andern verſtehen konnte; aber unſere Leute ruderten, nachdem ſie im Anfang ein wenig rückwärts gefahren waren, kühn wieder näher auf ſie zu und gaben dann eine zweite Salve, welche große Ver⸗ wirrung unter den Feinden erregte; denn wir konnten vom Schiffe aus ſehen, daß mehrere von ihnen getödtet oder verwundet wurden. Wir hielten dieß für einen höchſt ungleichen Kampf und gaben daher unſern Leuten ein Zeichen, zurückzurudern, um auch Antheil an dem Kampfe nehmen zu können; aber da ſie ſo nahe am Ufer waren, flogen die Pfeile ſo dicht über ſie her, daß ſie die Ruder nicht handhaben konnten. Sie ſpannten daher ein Segel auf, in der Hoffnung, hinter ihren Nothbrettern liegend, längs des Ufers hinſegeln zu können; allein das Segel war keine ſechs Minuten ausge⸗ breitet, als es von wenigſtens 500 Feuerpfeilen durchlöchert und zuletzt geradezu in Brand geſteckt wurde. Da nun auf dieſe Art Feuergefahr für das ganze Boot vorhanden war, ſo plätſcherten und ſchoben unſere Leute, in den Booten liegend, ihre Fahrzeuge ſo gut als möglich weiter. 4 Mittlerweile hatten ſie uns Platz gemacht, ſo daß wir dem ganzen wilden Heere beikommen konnten, und als wir mit dem Schiff ſo nahe als möglich herangefahren waren, feuerten wir auf die dichteſte Maſſe deſſelben ſechs⸗ oder —„dO 2- 2 2Z 2 2 421 S ſiebenmal fünf Kanonen zu gleicher Zeit ab, welche mit altem Eiſen und Kugeln aller Art geladen waren. Wir konnten leicht ſehen, daß wir eine gewaltige Ver⸗ wüſtung unter ihnen angerichtet, eine Maſſe Menſchen ge⸗ tödtet oder verwundet hatten, und daß ſie deßhalb in großer Beſtürzung waren; gleichwohl rührten ſie ſich nicht von der Stelle, und dieſe ganze Zeit über flogen ihre feurigen Ge⸗ ſchoſſe ſo dicht, wie zuvor. Endlich hörte auf einmal dieſer Pfeilregen auf, und der alte Holländer kam ganz allein ans Ufer herabgerannt, ſeine weiße Flagge wie vorher ſo hoch als möglich ſchwingend und unſerem Boote Zeichen gebend, daß es wieder zu ihm kommen möchte. William hatte anfangs keine Luſt, ſich zu nähern; da aber der Mann unaufhörlich winkte, ſo entſchloß er ſich endlich dazu, worauf der Holländer ihm ſagte, er ſei bei dem General geweſen, den das Blutbad unter ſeinen Leuten ſo mürbe gemacht habe, daß er jetzt alles von ihm erlangen könne. „Alles?« ſagte William;„was haben wir mit ihm zu ſchaffen? Er gehe ſeines Wegs und führe ſeine Leute außer Schußweite; kann er dieß nicht?“ „Freilich,“ erwiederte der Holländer;„aber er wagt es nicht, ſich von der Stelle zu rühren und vor des Königs Angeſicht zu treten, da er, wenn nicht einige von euren Leuten ans Ufer kommen, ſicherlich zum Tode verurtheilt wird.“ 3 ᷣ 422 Go „Ganz gut,“ verſetzte William;„ſo mag er denn ſterben; denn er ſoll nie einen von uns in ſeine Gewalt bekommen, und wenn er dadurch auch ſich ſelbſt und den ganzen Haufen bei ihm das Leben retten könnte. Aber,“ ſetzte William hinzu,„ich will Dir ſagen, wie Du ihn hintergehen und dabei Deine eigene Freiheit gewinnen kannſt, wenn Dir nämlich daran liegt, Dein Heimathland wieder zu ſehen, und Du noch nicht verwildert genug biſt, um Deine Tage unter dieſen Heiden und Halbmenſchen beſchließen zu wollen.“ „Ich wollte von Herzen gern fliehen,“ antwortete dieſer; „aber wenn ich jetzt einen Verſuch machte, zu euch zu ſchwim⸗ men, ſo würden ſie, ſo ferne ſie mir auch im Augenblicke noch ſind, doch ſo ſichere Pfeile nachſenden, daß ſie mich getödtet hätten, ehe ich halbwegs wäre.“ „Aber,“ entgegnete William,„ich will Dir ſagen, wie Du mit ſeiner Einwilligung kommen kannſt. Geh' zu ihm, und melde ihm, ich habe mich erboten, Dich an Bord zu bringen, wo Du einen Verſuch machen wolleſt, den Capitän aufs Ufer herüber zu locken, und ich wolle ihn nicht hindern, wenn er Luſt dazu habe.“ Der Holländer ſchien über dieſen Vorſchlag entzückt. „Ja, das will ich thun,“ rief er;„ich bin überzeugt, daß er es mir erlauben wird.“ Damit rannte er fort, als hätte er eine fröhliche Botſchaft zu überbringen, und ſagte dem General, William habe verſprochen, wenn er mit ihm an —᷑—᷑—᷑—ÿ—ꝛ—:—:yjj. —— - 423 Go⸗ Bord des Schiffes gehe, ſo wolle er den Capitän überreden, mit ihm ans Land zu kommen. Der General war einfältig genug, ihm dazu Befehl zu geben, und ſchärfte ihm ein, nicht ohne den Capitän zurück zu kommen, was dieſer mit Vergnügen verſprach und auch ſehr ehrlich hielt. William nahm ihn alſo in ſein Boot und brachte ihn an Bord, wo er ſein Verſprechen erfüllte und nie mehr zurückkehrte. Da nun inzwiſchen die Schaluppe an die Mündung des Paſſes gekommen war, wo wir lagen, ſo lichteten wir die Anker und ſegelten weiter, wobei wir, als wir ziemlich nahe ans Ufer kamen, drei Kanonen gegen ſie abſchoſſen, jedoch nur blind; denn wir hatten kein Intereſſe mehr, ihnen wirklichen Schaden zuzufügen. Sofort erhoben wir auf gute Seemannsart zum Abſchied ein Freudengeſchrei und führten ihren Geſandten von dannen. Wie es dem General erging, davon haben wir keine weitere Nachrichten. Dieſe Geſchichte, die ich nach meiner Rückkehr nach England einem Freunde erzählte, ſtimmte ſo vollkommen mit deſſen Bericht über die Erlebniſſe eines engliſchen Capi⸗ täns, Namens Knox, der ſich einige Zeit vorher von dieſen Leuten ans Ufer hatte locken laſſen, überein, daß ich erſt jetzt die ganze Größe des Unglücks beurtheilen konnte, dem wir entgangen waren, und daß ich es für angemeſſen halte, auch dieſe andere ohnehin ganz kurze Geſchichte hier beizu⸗ ſetzen, damit der Leſer ſieht, welches Unheil mir gedroht hatte. - 424 Es 7 Da die Inſel Ceylon größtentheils von Barbaren, welche ſchlechterdings keinen Handels⸗ oder anderen Verkehr mit einer europäiſchen Nation zugeben wollen, bewohnt und für Reiſende unzugänglich iſt, ſo wird es am Orte ſein, den Leſer damit bekannt zu machen, aus welcher Veranlaſſung der Erzähler der folgenden Geſchichte auf dieſe Inſel kam, und welche Ge⸗ legenheiten er gehabt, ſich vollkommen mit dieſem Volke, ſeinen Geſetzen und Gebräuchen bekannt zu machen, ſo daß wir ſeiner Erzählung vollkommenen Glauben ſchenken dürfen. „Folgendes ſind ſeine eigenen Worte. Am 21. Januar 1657 ſegelte die Fregatte Anna aus London, commandirt von Capitän Robert Knox und in den Dienſten der ehrenwerthen engliſch⸗oſtindiſchen Geſellſchaft ſtehend, von den Dünen ab. Sie war nach dem Fort St. Georg auf der Küſte von Coromandel beſtimmt, um ein Jahr lang in Indien von Hafen zu Hafen Handels⸗ geſchäfte zu machen. Nachdem Knoy dieß gethan und ſeine Waaren zur Rückkehr nach England geladen hatte, wurde er am 19. November 1659 auf der Straße von Matlipatam von einem gewaltigen Sturm überfallen, der mehrere ſeiner Schiffe verſchlug und ihn ſelbſt nöthigte, ſeinen Hauptmaſt abzuhauen, wodurch das Schiff ſo ruinirt war, daß er die Reiſe nicht fortſetzen konnte. Da nun Cotiar auf der Inſel Ceylon eine ſo bequeme Bucht iſt, wie man ſich für den gegenwärtigen Nothfall nur wünſchen konnte, ſo befahl 880 22 ⁸₰ ——————— Q 2 K———— ———* 8—— ² ⏑ —2 425& Thomas Chambers, nachmals Sir Thomas Chambers, der Agent in Fort St. Georg, das Schiff ſolle einige nach Porta Nova beſtimmte indiſche Waaren und Kaufleute auf⸗ nehmen, welche letztere hier Handel treiben ſollten, ſo lang es durch die Ausbeſſerung ſeines Maſtes und die Erſetzung der andern im Sturme erlittenen Schäden hingehalten wäre. Als nach ſeiner erſten Ankunft die indiſchen Kaufleute ans ufer geſetzt wurden, hegten der Capitän und ſeine Leute ſtarkes Mißtrauen gegen die Eingeborenen, weil die Eng⸗ länder noch in keiner Geſchäftsverbindung mit ihnen ſtanden; nachdem ſie aber zwanzig Tage da geweſen, und ohne die mindeſte Beläſtigung zu erfahren, nach Belieben ans Ufer hin und wieder aufs Schiff zurück gegangen waren, ſo begannen ſie allen Verdacht gegen die Bewohner dieſer Gegenden ſchwinden zu laſſen, die ſie für ihr Geld freund⸗ ſchaftlich bewirthet hatten, Mittlerweile hatte der König des Landes Kunde von ihrer Ankunft erhalten, und da er ihre Abſichten nicht kannte, ſo ſchickte er einen Diſſuava oder General mit einem Heer zu ihnen. Dieſer aber ſandte ſogleich einen Boten zu dem Capitän an Bord und ließ ihn erſuchen, zu ihm aufs Land zu kommen, indem er ihm einen Brief vom König zuzu⸗ ſtellen habe. Der Capitän begrüßte die Botſchaft mit Kanonenſchüſſen und befahl ſeinem Sohn Robert Knox, ſowie dem Schiffskaufmann John Loveland, ans Land zu . 426 S⸗ gehen und dem General die Aufwartung zu machen. Als ſie vor ihn traten, fragte er, wer ſie wären, und wie lange ſie ſich hier aufzuhalten gedächten. Sie ſagten ihm, ſie ſeien Engländer und beabſichtigten, nicht länger als zwanzig oder dreißig Tage da zu bleiben; zugleich baten ſie um Er⸗ laubniß, im Hafen Sr. Majeſtät Handelsgeſchäfte zu machen. Der General antwortete, ſein König habe mit Vergnügen vernommen, daß die Engländer in ſein Land gekommen ſeien, und ihm befohlen, ihnen allen erdenklichen Vorſchub zu leiſten; zugleich habe er ihm ein Schreiben geſchickt, das aber nur dem Capitän ſelbſt übergeben werden dürfe. Sie waren damals zwölf Meilen von der See entfernt und erwiederten daher, der Capitän könne ſein Schiff auf eine ſo weite Strecke nicht verlaſſen; wenn es ihm übrigens gefällig wäre, an die Küſte zu kommen, ſo würde der Capitän ihm ſeine Aufwartung machen, um den Brief in Empfang zu nehmen. Hierauf erſuchte der Diſſuava die Geſandten, dieſen Tag bei ihm zu bleiben, worauf er morgen mit ihnen gehen wolle, und ſie ließen ſich dieſes gefallen, um ihm in einer ſo geringfügigen Sache nicht zuwider zu ſein. Am Abend ſandte der Diſſuava dem Capitän ein Geſchenk, beſtehend in Vieh, Früchten u. ſ. w., welches⸗ die Boten, da ſie die ganze Nacht hindurch gereist waren, Mor⸗ gens überlieferten. Zugleich ſagten ſie ihm, ſeine Leute ſeien mit dem Diſſuava auf dem Wege nach der Küſte und erſuchen — 427 E⸗ ihn, ihnen dahin entgegen zu gehen, da der General einen Brief vom König habe, den er nur in die Hände des Ca⸗ pitäns abgeben dürfe. Dieſer, der nichts Böſes ahnte, kam mit ſeinem Boot ans Ufer und wartete, unter einer Tama⸗ rinde ſitzend, auf den Diſſuava. Mittlerweile umzingelten die Landesſoldaten heimlich ihn und ſeine ſieben Mann, ergriffen ſie und führten ſie dem Diſſuava entgegen; den Capitän trugen ſie in einer Hängematte auf ihren Schultern. Am folgenden Tag kam die Mannſchaft der Schaluppe, welche von dem ganzen Vorfall nichts wußte, ans Ufer, um einen Baum zu ihrem Hauptmaſt abzuhauen, und wurde auf dieſelbe Art gefangen genommen, jedoch mit mehr Gewalt, weil ſie ſich tapfer wehrte. Auch ſie wurde zum Capitän und zu ſeiner Geſellſchaft gebracht und in derſelben Stadt, jedoch in einem andern Hauſe einquartirt. Nachdem der Diſſuava auf dieſe Art zwei Boote und achtzehn Mann in ſeine Gewalt bekommen hatte, ſo waren ſeine Wünſche zunächſt auf das Schiff gerichtet. Er ſagte daher dem Capitän, er ſelbſt und ſeine Leute werden nur deßwegen zurückgehalten, weil der König die Abſicht habe, durch ihn Briefe und ein Geſchenk an die engliſche Nation zu ſchicken, und darum ſolle er einige Leute an Bord ſeines Schiffes abſenden mit dem Befehl, den Fluß heraufzufahren, weil es durch längeren Aufenhalt in der Bucht in Gefahr komme, von den Holländern zuſammengeſchoſſen zu werden. 3- 428& Dem Capitän wollte dieß nicht gefallen; doch wagte er es nicht, ſeine Ungeneigtheit auszuſprechen, und ſandte daher ſeinen Sohn mit dem verlangten Befehl ab, indem er ihn auf das feierlichſte beſchwor, ja wieder zurückzukommen. Dieſer hielt Wort und brachte von der Schiffsmannſchaft die ſchriftliche Erklärung, daß ſie in dieſer Sache weder dem Capitän noch irgend einem andern gehorchen werde, ſondern entſchloſſen ſei, ſich zu vertheidigen. Der Diſſuava war mit dieſem Briefe zufrieden und erlaubte dem Capitän, ſich alles, was er nur von dem Schiffe wünſchte, holen zu laſſen, indem der königliche Befehl zu ſeiner und ſeiner Gefährten Loslaſſung zwar noch nicht eingetroffen ſei, aber jeden Augen⸗ blick anlangen könne. Da der Capitän ſah, daß man ihn hinauszog, und die geeignete Jahreszeit zur Weiterfahrt für das Schiff ver⸗ ſtrich, ſo ſandte er dem erſten Steuermann, John Burford die Ordre zu, den Befehl über das Schiff zu übernehmen, nach Porta Nova, woher ſie kamen, zurückzuſegeln und dort den Verfügungen des Agenten Folge zu leiſten. Und nun begann die lange traurige Gefangenſchaft, welche alle fürchteten. Nach Abfahrt des Schiffes wurde der Diſſuava vor den König gerufen, und die Engländer einſtweilen bewacht, bis ein ſpecieller, Befehl vom König kam, ſie zu trennen und behufs beſſerer Beköſtigung, welche dem Lande zur Laſt fallen ſollte, in verſchiedene Städte zu Gᷣ ⏑&x⏑ % 429 ⸗ vertheilen. Am 16. Sept. 1660 wurde der Capitän und ſein Sohn in eine Stadt, Namens Bonder Cooswat, im Lande Hotcurly gebracht, dreißig Meilen nördlich von der Stadt Candi und eine volle Tagreiſe von den übrigen Eng⸗ ländern entfernt. Hier brachte man ihnen unentgeldlich täglich zwei Mal Speiſen, ſo viel als ſie eſſen konnten, und ſo gut, als das Land ſie hervorbrachte. Die Gegend war ſehr hübſch und fruchtbar, wurde indeß in dieſem Jahre von allerlei klimatiſchen Fiebern heimgeſucht, an denen viele ſtarben. Nach einiger Zeit bekamen auch der Capitän und ſein Sohn dieſe Krankheit, und Erſterer, dem der Kummer über ſeine beklagenswerthe Lage das Herz brach, ſtarb nach mehr als drei monatlichem Siechthum, den 9. Febr. 1664. Robert Knox, ſein Sohn, war jetzt der Verzweiflung nahe. Krank, gefangen, ohne einen andern Troſt, als Gott, den Vater der Vaterloſen, welcher das Aechzen der Gefan⸗ genen hört, ſollte er jetzt allein eine lange Reihe von Elend und Jammer durchmachen, niedergedrückt von körperlichen Leiden und von Seelenkummer über den Verluſt ſeines Va⸗ ters und das unabwendbare Elend, dem er entgegenſehen mußte. Den erſten Kelch davon hatte er aus Anlaß der Beerdigung ſeines Vaters zu leeren; denn als er wegen Unkenntniß der Landesſprache ſeinen ſchwarzen Sklaven zu den Bewohnern der Stadt ſchickte, um ſie um ihren Beiſtand anzugehen, ſo ſandten ihm dieſe blos einen Strick, um den —, 430 Verſtorbenen am Hals in die Wälder zu ſchleppen, und ließen ihm ſagen, ſie werden ihm nie mit etwas Anderem aushelfen, wofern er es nicht bezahle. Dieſe barbariſche Antwort vermehrte ſeinen Kummer über den Tod des Va⸗ ters, der jetzt vielleicht unbegraben daliegen und eine Beute der wilden Thiere des Waldes werden ſollte; denn da der Boden ſehr hart war, und er keine Geräthſchaften zum Graben hatte, ſo war es ihm unmöglich, ihn zu beerdigen. Indeß beſaß er doch noch ein kleines Geldſtück, nämlich eine Pagode, ſowie einen goldenen Ring, wofür er einen Mann miethete, den Verſtorbenen ſo anſtändig, als ſeine Lage es immerhin geſtattete, beerdigen ließ. Neunzehntes Kapitel. Schluß der angefangenen Geſchichte.— Fortſetzung der unſrigen.— Abenteuer in Goa und Sarate, nebſt Bericht über unſern Handel mit den Kaufleuten dieſer Gegenden. Nachdem Capitän Knox, Vater, endlich der Erde wie⸗ dergegeben war, wurde ſein Sohn, da ſein Fieber immer anhielt, theils durch Gram, theils durch Krankheit in kurzer Zeit äußerſt ſchwach. Sein einziger Troſt war, mit einem ſeiner zwei Bücher, entweder den„Andachtsübungen“ oder „Rogers ſieben Abhandlungen,“ in Wald und Flur zu gehen, daſelbſt zu leſen und ſich ſtillen Betrachtungen, zu⸗ weilen auch Gebeten ſich hinzugeben. In ſeinem tiefen Herzeleid that er hier gar oft den entgegengeſetzten Wunſch vom Propheten Elias; denn er ſehnte ſich zu ſterben, weil das Leben ihm eine Bürde war. Allein Gott gefiel es, ſein Leben zu verlängern; jedoch erleichterte er ſeine Leiden, indem er die Krankheit wieder von ihm nahm und ihm einen Wunſch erfüllte, der ihm vor allem theuer war. Er . 2 432 e-⸗ hatte ſeine zwei Bücher ſchon ſo oft geleſen, daß er ſie bei⸗ nahe auswendig wußte, und obgleich beide fromme und gute Schriften waren, ſo ſehnte er ſich doch nach der Wahr⸗ heit aus der Urquelle und hielt es für ſein größtes Unglück, keine Bibel zu haben, zumal da er denken mußte, daß er nie mehr eine zu Geſicht bekommen würde. Allein Gott führte ihm ganz gegen ſeine Erwartung auf folgende Weiſe eine zu. Als er eines Tags von Hunger getrieben mit ſeinem ſchwarzen Sklaven fiſchte, ging ein alter Mann an ihnen vorbei und fragte den Burſchen, ob ſein Herr leſen könne? Auf die bejahende Antwort deſſelben ſetzte er hinzu, er habe von den Portugieſen bei ihrer Abfahrt von Colombo ein Buch erhalten, und wenn ſein Herr es wünſche, ſo wolle er es an ihn verkaufen. Der Sklave fagte es ſeinem Herrn, und dieſer befahl ihm, hinzugehen und zu ſehen, was für ein Buch es ſei. Da der Schwarze einige Zeit bei den Eng⸗ ländern gedient hatte, ſo erkannte er das Buch, und ſobald er es in die Hand bekommen, eilte er zu ſeinem Herrn zurück und rief ihm ſchon von Weitem zu:„Es iſt die Bibel.“ Bei dieſen Worten bebte der gute Knox zuſammen, warf ſeine Angel weg, eilte dem Sklaven entgegen und war im innerſten Herzen erfreut, als er ſeine Ausſage wahr fand. Nun gerieth er in große Angſt bei dem Gedanken, es nicht kaufen zu können, obgleich er entſchloſſen war, ſein ganzes Beſitzthum, beſtehend in einer Pagode, daran zu 433 So⸗ wenden; doch ſein Neger ſprach ihm zu, er ſolle die Sache ihm überlaſſen, worauf er das Buch auch wirklich gegen eine geſtrickte Mütze erhielt. Er konnte es nur als ein großes Wunder betrachten, daß Gott ihn ſo außerordentlich geſegnet und ihm in einem ſo entlegenen Theile der Welt, wo man ſeinen Namen nicht kannte, und wo noch niemals zuvor ein Engländer geweſen, eine Bibel in ſeiner Mutterſprache zugeführt hatte. Der Genuß dieſes Gnadengeſchenks war ein großer Troſt für ihn in der Gefangenſchaft; auch gebrach es ihm nicht an Mitteln zur Befriedigung ſeiner leiblichen Bedürfniſſe, wie ſie das Land hervorbrachte; denn der König hatte unmittelbar nach ſeines Vaters Tod einen ausdrücklichen Befehl an die Einwohnerſchaft der Stadt erlaſſen, daß ſie ſich freundſchaft⸗ lich gegen ihn benehmen und ihm gute Nahrungsmittel liefern ſollten. Nachdem er ſich daher einige Zeit im Lande aufgehalten und die Sprache erlernt hatte, bekam er allerlei Annehmlichkeiten, als: ein Haus und Gärten; und da er ſich auf die Landwirthſchaft legte, ſo ſegnete ihn Gott der⸗ maßen, daß er nicht nur für ſich allein die Hülle und Fülle hatte, ſondern auch andern leihen konnte, wodurch er ſich, da er nach dem Brauche des Landes 50% jährlich nahm, ſehr bereicherte, ſo daß er ganze Heerden von Ziegen, Schweinen und Hühnern beſaß. Aber trotz all dem, und obgleich er lebte, wie einer der Vornehmſten dieſer Inſel, ſo konnte er Singleton. I. 28 ☛☛ꝙ 434&⸗ doch ſeine Heimath nicht vergeſſen, noch weniger aber den Aufenthalt in einem fremden Lande angenehm finden, wo es ihn hungerte nach Gottes Wort und den Sakramenten, gegen welche alle andern Dinge nur geringen Werth in ſeinen Augen hatten. Er betete jeden Tag flehentlich zu Gott um Erfüllung dieſer ſeiner ſehnlichſten Wünſche, und endlich be⸗ ſchloß er gemeinſchaftlich mit einem gewiſſen Stephen Rut⸗ land, der ſeit zwei Jahren bei ihm lebte, zu entfliehen, weßhalb er auch im Jahre 1673 auf alle möglichen geheimen Wege dachte, um ſein Vorhaben auszuführen. Sie hatten ſchon vorher eine Art Hauſirhandel im Lande angefangen mit Taback, Pfeffer, Knoblauch, Kämmen und allerlei Eiſen⸗ waaren, welche ſie in ſolchen Gegenden trugen, wo ein Mangel daran war; während ſie nun mit ihren Waaren von Ort zu Ort zogen, unterhielten ſie ſich mit den Ein⸗ wohnern, deren Sprache ſie jetzt wohl verſtanden, über die Wege und Verhältniſſe in den am meiſten, ſowie in den am wenigſten bewohnten Theilen der Inſel, wo und wie ſtark die Wachpoſten von einer Provinz zur andern ſeien, und welche Waaren ſie nach den verſchiedenen Gegenden zu bringen hätten; denn ſie erklärten, jeden Ort mit dem ver⸗ jehen zu wollen, woran es ihm fehle. Niemand zweifelte daran, daß es ihnen blos um Handelsgeſchäfte zu thun ſei, weil Knox ein ſo wohlhabender Mann war, von dem ſich nicht vorausſetzen ließ, daß er ſolche Reichthümer im Stich 2 435 S laſſen würde, um nach Norden zu reiſen, welcher Theil des Landes am wenigſten bewohnt war. Nachdem ſie ſich nun gehörig mit den paſſenden Waaren für dieſe Gegenden ver⸗ ſehen hatten, machten ſie ſich auf und lenkten ihre Schritte nach dem nördlichen Theil der Inſel, ohne die Wege genau zu kennen, welche im Allgemeinen ſehr ſchwierig und ver⸗ wickelt waren; denn Heerſtraßen gibt es dort zu Lande nicht, ſondern nur eine Menge kleiner Pfade von einer Stadt zur andern, und auch dieſe ſind oft ſehr unzuverläſſig; nach den Wegen zu fragen aber wäre für ſie als Weiße höchſt gefährlich geweſen, weil die Leute dann ſogleich ihre Abſicht errathen hätten. Sie reisten nun von Canda Uda bis in das Land Neurecalava, die Grenze der Beſitzungen des Königs und etwa drei Tagreiſen von ihrer Wohnung entfernt. Mit brünſtigen Gebeten dankten ſie der Vorſehung, welche ſie bis hieher alle Schwierigkeiten hatte überwinden laſſen, allein ſie wagten es nicht, weiter zu gehen, weil ſie keine Waaren mehr beſaßen; auch fürchteten ſie, weil dieß das erſtemal war, daß ſie ſich ſo lange von Haus entfernt hatten, die Leute von der Stadt möchten ihnen nacheilen und ſie auf⸗ ſuchen, weßhalb ſie nach Hauſe zurückkehrten, ſpäter aber noch acht oder zehnmal mit ihren Waaren in dieſe Gegenden reisten, bis ſie ſowohl mit den Einwohnern, als mit den Wegen vollkommen bekannt waren. 28* 2 436& .. In dieſen Landestheilen traf Knox ſeinen ſchwarzen Sklaven wieder, den er vor mehreren Jahren entlaſſen hatte. Derſelbe hatte jetzt Weib und Kinder und war ſehr arm; da er aber die Gegend aufs genaueſte kannte, ſo ließ ſich Knox nicht nur von ihm Rathſchläge geben, ſondern kam auch mit ihm dahin überein, daß er gegen eine gute Belohnung ihn und ſeinen Gefährten zu den Holländern führen ſollte. Der Sklave verſtand ſich mit Vergnügen dazu und bereits war die Zeit feſtgeſetzt, aber unglücklicher Weiſe, befiel Knox ein ſchweres Leiden in der rechten Seite, das ihn fünf Tage lang hinhielt, und wodurch dieſer Plan ver⸗ eitelt wurde; denn er machte ſich zwar, ſobald er wieder hergeſtellt war, auf den Weg, allein ſein Führer war in⸗ zwiſchen Geſchäfte halber in eine andere Gegend gereist, und ſie konnten es damals nicht wagen, ohne ihn zu ent⸗ fliehen. Acht oder neun Jahre lang ſetzten ſie ſolche Ver⸗ ſuche fort, die aber immer an allerhand Zufällen ſcheiterten, größtentheils an der Trockenheit des Wetters, weil ſie in den Wäldern vor Durſt zu verſchmachten fürchteten, indem ſchon das ganze Land vier oder fünf Jahre lang nach Regen lechzte. Den 22. Sept. 1679 machten ſie ſich abermals auf den Weg, wohl verſehen mit Meſſern und kleinen Aexten, Schutzwaffen, welche ſie heimlich bei ſich führen konnten. Sie hatten auch wie vorher allerlei Waaren nebſt dem 437 So nöthigen Mundvorrath zuſammengepackt und machten ſich zur Zeit des Vollmonds auf den Weg, um zu verſuchen, ob Gott der Allmächtige ihre Sehnſucht nach Befreiung begünſtigen würde. Ihre erſte Station war Anarodgburro, wohin ſie durch eine von Elephanten, Tigern und Bären bewohnte Wildniß, genannt Parraoth Mocolane, wandern mußten, und wo beſtändig ein Wachpoſten aufgeſtellt iſt, weil es an der äußerſten Grenze der Beſitzungen des Kö⸗ nigs liegt. 1 Als ſie mitten auf ihrem Wege waren, hörten ſie, daß Beamte des Gouverneurs dieſer Gegenden ebenfalls im Lande umherzögen, um den Tribut für den König zu erheben und nach der Hauptſtadt zu ſchicken; da ſie nun von dieſen Herrn zurückgeſchickt zu werden fürchteten, wandten ſie ſich nach den weſtlichen Theilen von Ecpoulpot und blieben dort ruhig liegen, bis ſie hörten, daß dieſelben wieder abgereist wären. Dann machten ſie ſich ſogleich wieder auf ihren Weg, indem ſie einen großen Vorrath Wollegarn zu Mützen bei ſich führten und ihre Waaren unter dem Vorwand, ge⸗ trocknetes Fleiſch dafür eintauſchen zu müſſen, welches nur in den Niederungen zu kaufen war, nicht veräußerten. Ihr Weg führte ſie nothwendig durch den Hofraum des Gou⸗ verneurs von Collinilla, welcher abſichtlich ſo wohnt, um alles Aus⸗ und Eingehende genau unterſuchen zu können. Dieß brachte ſie in große Verlegenheit, weil er leicht auf 1 2 438 S⸗⸗ den Verdacht gerathen konnte, ſie haben als Gefangene den ihnen vorgeſchriebenen Bezirk überſchritten; gleichwohl gingen ſie entſchloſſen auf ſein Haus zu, und als ſie ihn trafen, machten ſie ihm ein kleines Geſchenk mit Taback und Betel, zeigten ihm ihre Waaren und ſagten, ſie kämen um getrock⸗ netes Fleiſch zu holen und dann wieder heimzureiſen. Der Gouverneur ſchöpfte keinen Verdacht, ſondern ſagte ihnen, er bedaure, daß ſie in einer ſo trockenen Jahreszeit gekom⸗ men, wo man keinen Hirſch ſchießen könne: ſobald übrigens einiger Regen falle, ſo werde er ſie damit verſehen. Dieſe Antwort gefiel ihnen, und ſie ſtellten ſich, als ob ſie mit Vergnügen dablieben. Nachdem ſie ſich nun zwei oder drei Tage bei dem Gouverneur aufgehalten hatten, ohne daß es regnete, ſo ſchenkten ſie ihm fünf oder ſechs Patronen Pulver, was hier zu Land eine Seltenheit iſt, ließen auch einen Pack in ſeinem Hauſe zurück und erſuchten ihn, einiges Wild für ſie zu ſchießen, indeß ſie weiter nach Anaragdburro reisten. Sie wurden hier auch in große Angſt verſetzt durch die Ankunft einiger Soldaten, durch welche der König dem Gouverneur befehlen ließ, er ſolle ſeinen Poſten ja recht genau bewachen, damit keine verdächtigen Perſonen hindurch kämen. Obgleich durch dieſe verſchärften Maßregeln nur die Verwandten einiger Vornehmen, welche der König in der Geſchwindigkeit hatte einſperren laſſen, an der Flucht verhindert werden ſollten, ſo fürchteten die beiden Flüchtlinge —————————— ð —— 2 439 S&⸗ dennoch, man könnte ſich wundern, Weiße hier zu ſehen, und ſie deßwegen zurückſchicken. Doch Gott fügte es ſo, daß dieſe Soldaten ſehr freundlich gegen ſie waren und ſie ihrem Geſchäfte nachziehen ließen, ſo daß ſie ſicher nach Anarodg⸗ burro gelangten. Sie gaben vor, getrocknetes Fleich kaufen zu wollen, obgleich ſie wußten, daß hier keines zu haben war; aber ihre wahre Abſicht ging dahin, den Weg zu den Holländern zu ſuchen, und deßhalb verweilten ſie hier drei Tage. Da ſie aber fanden, daß auf dem Wege nach Jafna⸗ patan, einem der holländiſchen Häfen, ein Wachpoſten auf⸗ geſtellt war, an welchem ſie unmöglich vorbeikommen konnten, und da ſich ihnen auch noch andere unüberwindliche Hinder⸗ niſſe in den Weg drängten, ſo beſchloſſen ſie, umzukehren und an den Fluß Malwatogah zu reiſen, von dem ſie ſchon vorher gedacht hatten, daß er ſie wahrſcheinlich bis ans Meer führen würde. Um nun aber nicht verfolgt zu wer⸗ den, verließen ſie Anarodgburro in der Nacht des zwölften Oktobers, da die Eingebornen aus Furcht vor den wilden Thieren nie im Dunkeln reiſen, wohl verſehen mit allen möglichen Bedürfniſſen, nämlich mit Lebensmitteln auf zehn Tage, einem Topf, um darin Speiſen zu kochen, zwei Fla⸗ ſchenkürbiſſen, um das Waſſer aufzubewahren, und zwei großen Tallipatblättern zu Zelten, ferner einer Menge Mos⸗ covadezucker, Taback, Betel, Feuerzeug und einer Hirſchhaut zu Schuhen, um ihre Füße, auf welchen ihre einzige Hoffnung . 440 S⸗ beruhte, vor Dornen zu bewahren. Als ſie an den Fluß kamen, ſchlugen ſie ſich in die Wälder, ohne ſich weit von dem Ufer zu entfernen; damit jedoch ihre Fußtritte nicht entdeckt würden, gingen ſie im Sande nur, wenn ſie nicht anders konnten, und dann jedesmal rückwärts. Nachdem ſie eine gute Strecke im Walde zurückgelegt hatten, begann es zu regnen. Sie ſchlugen daher ihre Zelte auf, machten ein Feuer an und ruhten aus, bis der Mond an den Himmel kam. Ihre Waaren warfen ſie weg und machten ſich ſodann, mit ihren Hirſchhäuten um die Füße, weiter auf den Weg. Als ſie drei oder vier Stunden unter vielen Schwierigkeiten gereist waren, weil der Mond durch die dichten Bäume nur wenig Licht verbreitete, fanden ſie einen Elephanten auf ihrem Wege, und weil ſie ihn nicht weg⸗ ſcheuchen konnten, ſo ſahen ſie ſich genöthigt, bis zum Mor⸗ gen hier zu bleiben, wobei ſie ſich die Zwiſchenzeit, nachdem ſie ein Feuer angezündet hatten, mit Tabackrauchen vertrie⸗ ben. Sie konnten bei dem Licht nicht entdecken, daß irgend Jemand hier geweſen wäre, und ſahen überhaupt nichts, als Wald, weßhalb ſie ſich bereits der frohen Hoffnung über⸗ ließen, alle Gefahren überſtanden zu haben, da hier das Land nicht mehr bewohnt ſei. Aber ſie täuſchten ſich; denn auf einmal machte der Fluß eine nördliche Wendung und brachte ſie mitten in ein Gebiet von Dörfern, das Tiſſea Wava hieß, und wo ſie beſtändig entdeckt zu werden fürchten n a ———„—,y——=——O& 441 S⸗ mußten; denn dieſe Leute hätten ſie unter allen Umſtänden aufgefangen und zu dem Könige geſchickt. Um nun dieſes zu vermeiden, krochen ſie in einen hohlen Baum und ſaßen hier in Schlamm und Feuchtigkeit, bis es dunkel zu werden begann, dann aber vertrauten ſie ſich aufs neue ihren Beinen an und wanderten fort, bis das Dunkel der Nacht ſie daran verhinderte. Sie hörten Stimmen hinter ſich und fürchteten ſchon, verfolgt zu werden; endlich aber ſahen ſie ein, daß das Geſchrei nur die Abſicht hatte, die wilden Thiere von den Kornfeldern wegzuſcheuchen, und nun ſchlugen ſie ihre Zelte an dem Fluſſe auf, kochten ſich Reis, brühten Fleiſch zu ihrem Abendbrod, und nachdem ſie ihren Hunger befrie⸗ digt, empfahlen ſie ſich dem Schutze Gottes und legten ſich ſchlafen. Am andern Morgen machten ſie ſich, um das Schlimmſte zu verhüten, früh auf den Weg und beflügelten ihre Schritte. Vor den cultivirteren Chiangulayen waren ſie nun geſichert, um ſo mehr aber mußten ſie jetzt die Wilden fürchten, von denen dieſe Wälder voll waren, und deren Zelte ſie erblick⸗ ten; die Bewohner hatten ſich jedoch, ſeit der Regen ange⸗ fangen, vom Fluß hinweg, in die Wälder gezogen, und ſo bewahrte ſie Gott vor dieſer Gefahr; denn, hätten die Wil⸗ den ſie geſehen, ſo wären ſie von ihnen erſchoſſen worden. So reisten ſie mehrere Tage lang vom Morgen bis Abend durch Gebüſch und Dorngeſträuch, ſo daß ihnen das . ₰ Blut über ihre nackten Arme und Schultern rann. Sie ſtießen oft auf Schweine, Antilopen und wilde Büffel, die aber bei ihrem Anblick jedesmal entflohen. Der Fluß wim⸗ melte von Alligatoren. Abends pflegten ſie ihre Zelte auf⸗ zuſchlagen und ſowohl vor als hinter ſich große Feuer anzuzünden, um die wilden Thiere zu erſchrecken; und ob⸗ gleich ſie Stimmen aller Art hörten, ſo kam doch nichts in ihre Nähe. Am Donnerſtag Mittag ſetzten ſie über den Fluß Co⸗ ronda Oya, welcher das Land der Malabaren von dem des Königes trennt, und am Freitag, Morgens um neun oder zehn Uhr, kamen ſie zu den Einwohnern, vor denen ſie ſich ebenſo fürchteten, wie vorher vor den Chiangulayen; denn obgleich der Wanniounay oder der Fürſt dieſes Volkes den Holländern aus Furcht Tribut zahlte, ſo war er doch dem König von Candi weit mehr zugethan, und wenn er ſie erwiſcht hätte, würde er ſie ihrem alten Herrn zurückge⸗ ſandt haben. Da ſie nun ſchlechterdings kein anderes Mit⸗ tel wußten, ſo ſetzten ſie ihren Weg bei Tag am Ufer hin fort, weil die Wälder bei Nacht vor Dornen und wilden Thieren, welche dann an den Fluß herabkommen, um zu trinken, nicht zu paſſiren waren. In dem ganzen Malabaren⸗ lande trafen ſie nur auf zwei Bramanen, welche ſie höflich behandelten, und einer von ihnen zeigte ihnen für ihr Geld den Weg, bis ſie zu ihrer unendlichen Freude auf das Gebiet d r g h ſ 6 ——,, — 443&˙ der Holländer kamen, wo ſie von dem König von Candi nichts mehr zu fürchten hatten. Indeß waren ſie in nicht geringer Verlegenheit, wie ſie den Weg aus den Wäldern hinaus finden ſollten, bis ein Malabare, durch das Ver⸗ ſprechen eines Meſſers angelockt, ſie in eine holländiſche Stadt führte, von wo an ſie von Ort zu Ort immer wie⸗ der Wegweiſer bekamen, und ſo gelangten ſie endlich Samſtag den 18. Oktbr. 1679 in das Fort Arepa, wo ſie dankbar Gottes wunderbare Vorſehung prieſen, welche ſie auf dieſe Art aus einer faſt zwanzigjährigen Gefangenſchaft erlöst hatte. Ich komme jetzt auf meine eigene Geſchichte zurück, die ſich ihrem Ende naht. Wir waren alſo wieder in der offe⸗ nen See und ſegelten eine Zeit lang nördlich, um zu ver⸗ ſuchen, ob wir nirgends unſere Specereiwaaren anbringen könnten; denn wir beſaßen großen Reichthum an Muskat⸗ nüſſen, wußten aber nicht, was wir mit ihnen anfangen ſollten. Auf die indiſche Küſte, oder beſſer geſagt, unter die indiſchen Faktorieen, konnten wir uns nicht wohl wagen, nicht, als ob wir ein Gefecht mit ihren paar Schiffen geſcheut hätten, auch wußten wir, daß ſie keine Kaperbriefe von der Regierung hatten und es ſich deßwegen nicht bei⸗ gehen laſſen würden, uns anzugreifen. Wenn wir einen Verſuch auf ſie gemacht hätten, dann würden ſie ohne allen Zweifel ſich zu gemeinſchaftlichem Widerſtand und gegenſei⸗ 444 S⸗ tigem Schutze vereinigt haben, aber ein Seeräuber⸗Schiff von beinahe fünfzig Kanonen, wie das unſerige, anzugrei⸗ fen, das war offenbar nicht ihre Sache, und wir konnten deßhalb ohne Sorge ſein. Dagegen mußten wir zu ver⸗ meiden ſuchen, bei ihnen geſehen zu werden, weil ſich dieſe Nachricht von einer Factorie nach der andern verbreitet, und man ſich dann gegen allenfalſige künftige Unternehmungen von unſerer Seite gehörig verwahrt hätte. Noch weniger konnte es uns lieb ſein, unter den holländiſchen Factorieen auf der malabariſchen Küſte geſehen zu werden; denn da wir gerade ſolche Specereien in Menge aufgeladen hatten, auf welche ſie allein ein Handelsrecht zu beſitzen meinten, ſo würden ſie daraus bald erſehen haben, wer wir waren, und dann hätten ſie uns ohne Zweifel auf alle erdenkliche Art aufzulauern geſucht. Der einzige Ausweg war demnach, nach Goa zu ſegeln und dort wo möglich unſere Specereien an die portugieſiſche Factorie zu verkaufen. Wir ſteuerten alſo dorthin; denn wir hatten zwei Tage vorher am Lande ein wenig ausge⸗ ruht, und auf der Höhe von Goa angelangt, nahmen wir unſere Richtung nach Marmagoon an der Spitze von Sal⸗ ſette; hier rief ich den Leuten am Steuerruder zu, das Schiff beizudrehen, und befahl dem Steuermann, nordnord⸗ weſtlich zu lenken, bis wir außer dem Geſichtskreis des Ufers wären. Sofort hielten William und ich, wie gewöhn⸗ 445 S⸗ lich bei allen wichtigen Veranlaſſungen, Rath, wie wir es anfangen ſollten, um hier unentdeckt Geſchäfte zu machen, und vereinigten uns zu dem Entſchluſſe, daß William mit einigen zuverläßigen Burſchen in der Schaluppe nach Su⸗ rate, was noch weiter nördlich lag, fahren und dort als Kaufmann mit ſolchen Leuten von der engliſchen Factorie, von denen er Günſtiges erwarten konnte, einen Handels⸗ verkehr einleiten ſolle. Um dieß mit größtmöglicher Vorſicht zu betreiben und allem Argwohn vorzubeugen, beſchloſſen wir, ſämmtliche Kanonen herauszunehmen und nur ſolche Leute mitzuſchicken, welche verſprachen, nicht an die Küſte gehen oder ſich in keinerlei Geſpräch mit Leuten, die an Bord kämen, einlaſſen zu wollen; und um die Täuſchung zu vollenden, ſuchte ſich William zwei von unſern Leuten, einen Chirurgen und einen geſcheidten Kerl von einem alten Matroſen, der auf der Küſte von Neuengland Pilot geweſen und ein vortrefflicher Mimiker war, heraus, ſtutzte beide als Quäcker auf und lehrte ſie verſchiedene Redensarten dieſer Sekte. Der alte Pilot ſollte den Capitän der Schaluppe vorſtellen, der Chi⸗ rurg den Doctor und er ſelbſt den Ladungsverrechner: in dieſer Vermummung nun ſegelte er mit der möglichſt ſchlicht zugeſtutzten, alles ihres Schnitzwerks(das indeß nie bedeutend geweſen war) und ihrer Kanonen entkleideten Schaluppe nach Surate. .— 446 G&⸗ Ich hätte freilich vorher bemerken ſollen, daß wir uns einige Tage vor dem Abſchiede an ein kleines ſandiges Ei⸗ land dicht unter die Küſte verfügt hatten, wo eine gute Bucht mit tiefem Waſſer war, eine recht brauchbare Rhede und außerhalb des Geſichtskreiſes all' der Faktorieen, von denen es auf der Küſte wimmelte. Hier luden wir die Schaluppe aufs neue und befrachteten ſie blos mit ſolchen Dingen, die wir gern los geworden wären, insbeſondere mit Muskat⸗ nüſſen und Gewürznelken, wobei der erſtere Artikel den Haupttheil der Ladung ausmachte. Von hier ſegelte Wil⸗ liam mit ſeinen zwei Quäckern und etwa achtzehn Mann in der Schaluppe nach Surate und ankerte in einiger Ent⸗ fernung von der Factorie. Er gebrauchte die Vorſicht, mit dem Doctor, wie er ihn nannte, auf einem Boot, das zu ihnen kam, um Fiſche zu verkaufen, und blos von eingeborenen Indiern gerudert wurde, allein ans Land zu gehen; er miethete ſpäter dieſes Boot, um ſich darauf wieder an Bord bringen zu laſſen. Sie waren noch nicht lange am Ufer, als ſie Gelegenheit fanden, die Bekanntſchaft einiger Engländer zu machen, welche hier wohnten und vielleicht urſprünglich in den Dien⸗ ſten der Compagnie geſtanden waren, jetzt aber an der Küſte als ſelbſtſtändige Kaufleute mit allen Artikeln, die ihnen in den Wurf kamen, Geſchäfte machten. Der Doctor mußte die Bekanntſchaft einleiten; er ſtellte ihnen ſeinen eit en, nen = 447 SE⸗ Freund, den Ladungsverrechner, vor, und nach und nach fügte es ſich, daß die Kaufleute eine eben ſo große Freude an der Waare bezeugten, wie unſere Leute an den dazu Luſttragenden, nur daß die Ladung ihnen ein wenig zu groß war. Indeß war dieſe Schwierigkeit leicht zu beſeitigen; denn Tags darauf brachten ſie noch zwei weitere Kaufleute, eben⸗ falls Engländer mit, die, wie William aus ihren Reden abnehmen konnte, Luſt hatten, die Waaren anzukaufen und auf eigene Rechnung nach dem perſiſchen Meerbuſen zu führen. William merkte ſich dieß und dachte, wie er mir nachher ſagte, ſogleich, wir könnten ſie ebenſo gut ſelbſt dahin bringen, als dieſe Leute; doch war ſein Augenmerk zunächſt nicht darauf gerichtet, da er nicht weniger als fuͤnf⸗ unddreißig Tonnen Muskatnüſſe und achtzehn Tonnen Ge⸗ würznelken bei ſich führte. Unter den Muskatnüſſen befand ſich eine bedeutende Maſſe Muskatblüthe; da unſere Leute aber gute Procente gaben, ſo wurden ſie bald Handels eins. Die Kaufleute, welche gern die Schaluppe ſammt allem gekauft hätten, gaben nun William die nöthigen Weiſungen und ließen ihn durch zwei Lootſen nach einer Bucht, etwa ſechs Seemeilen von der Factorie, bringen, wohin ſie ihre Boote ruderten und die ganze Ladung einnahmen, nachdem ſie William ſehr anſtändig bezahlt hatten. Der Geſammterlös belief ſich auf etwa 55,000 ſpaniſche Piaſter, außer einigen . 2 448 S& werthvollen Waaren, die William gern nahm, und zwei großen Diamanten im Werth von dreihundert Pf. Sterling. Als die Zahlung geleiſtet war, lud William die Käufer an Bord der Schaluppe ein, wo der luſtige alte Quäcker ſeine Gäſte ſo vortrefflich unterhielt und ihnen dermaßen mit Getränken zuſetzte, daß ſie ganz guter Dinge wurden und in ſelbiger Nacht nicht mehr ans Ufer gehen konnten. Sie hätten ums Leben gern gewußt, wer unſere Leute wären, und woher ſie kämen, aber kein einziger Mann in der Schaluppe wollte irgend eine Frage von ihnen anders beantworten, als in einer Weiſe, die ihnen zeigen mußte, man treibe Spaß mit ihnen. Inzwiſchen ließ William im Laufe des Geſprächs die Bemerkung fallen, dieſe Herrn wären offenbar im Stande, auch noch eine weit größere Ladung zu kaufen, und hätten uns vielleicht zweimal ſo viel Spece⸗ reiwaaren abgenommen, wenn wir ſie gehabt hätten. So⸗ dann bat er den luſtigen Capitän, ihnen auseinander zu ſetzen, wie ſie noch eine andere Schaluppe beſäßen, die in Marmagoon liege und ebenfalls ein bedeutendes Ouantum Specereiwaaren an Bord habe; wenn dieſelben bis zu ſeiner Rückkehr noch nicht verkauft ſei, ſo wolle er ſie auch hieher bringen. Ihre neuen Kunden zeigten ſo vielen guten Willen, daß ſie mit dem alten Capitän ſchon zum voraus einen Handel abſchließen wollten. Dieſer ſagte jedoch:„Nein, n D r b n 9 ———— —— 2 -2 449& nein, Freunde, ich handle nicht mit euch, ohne daß ihr die Waaren in Augenſchein genommen habt; überdieß weiß ich nicht, ob der Beſitzer der Schaluppe ſeine Ladung nicht bereits an einige Kaufleute von Salſette veräußert hat; wenn dieſes aber bis zu meiner Rückkehr zu ihm noch nicht geſchehen iſt, ſo gedenke ich, ihn zu euch zu bringen.“ Der Doctor hatte dieſe ganze Zeit über genug zu thun, ſo gut als William und der alte Capitän; denn er ging mehrere Male des Tages auf dem indiſchen Boote ans Ufer und brachte friſche Vorräthe für die Schaluppe, deren die Mannſchaft ſehr bedürftig war; namentlich kaufte er auch ſiebenzehn recht anſehnliche Tonnen Arac, mehrere klei⸗ nere Quantitäten ungerechnet, ferner ein Quantum Reis und eine Menge Früchte, Mangopflaumen, Kürbiſſe und noch vieles andere Derartige, auch Geflügel und Fiſche in Hülle und Fülle. Er kam niemals ohne eine bedeutende Ladung an Bord, da er nicht blos für die Schaluppe, ſon⸗ dern auch für das andere Schiff Einkäufe machte, und nachdem er nun eine halbe Schiffsladung Reis und Arac nebſt einigen Schweinen und ſechs oder ſieben lebendigen Kühen aufgekauft, ſomit aufs beſte für unſere Vorraths⸗ kammer geſorgt und unſern Leuten baldige Rückkehr ver⸗ ſprochen hatte, ſegelten ſie zu uns zurück. William war jederzeit ein willkommener Bote geweſen, nie aber mehr, als eben jetzt; denn wir konnten in der Sijngleton. I. 29 — 450 Se⸗ Gegend, wohin wir unſer Schiff gebracht hatten, nichts bekommen, als einige wenige Mangofrüchte und Wurzeln, da wir uns nicht weiter in das Land hinein begeben oder bekannt werden wollten, ehe wir Nachrichten von unſerer Schaluppe erhalten hätten; und wirklich war die Geduld unſerer Mannſchaft beinahe zu Ende; denn William hatte zu ſeiner Unternehmung ſiebzehn Tage gebraucht, dieſel⸗ ben aber wohl angewendet. Nach ſeiner Rückkehr hatten wir eine neue Berathung über Handelsangelegenheiten, nämlich ob wir den Reſt un⸗ ſerer Specereien und andere auf dem Schiff befindliche Waaren nach Surate ſchicken oder uns ſelbſt in den per⸗ ſiſchen Meerbuſen verfügen ſollten, wo wir ſie wahrſcheinlich ebenſogut verkaufen könnten, als die engliſchen Kaufleute von Surate. William war der Meinung, wir ſollten ſelbſt hinſegeln, was ſeiner kaufmänniſchen Einſicht alle Ehre machte, aber dennoch überſtimmte ich ihn dießmal. Ich ſagte nämlich, bei genauer Erwägung unſerer Verhältniſſe ſei es weit beſſer, alle unſere Waaren hier, wenn auch blos um den halben Preis, zu verkaufen, als mit ihnen in den perſiſchen Meerbuſen zu reiſen, wo wir uns größeren Ge⸗ fahren ausſetzen würden, da die Leute dort viel neugieriger, mißtrauiſcher und bei weitem nicht ſo leicht zu behandeln wären, weil ſie ihre Geſchäfte frei und offen, nicht verſtohlen, wie es hier der Fall zu ſein ſchiene, trieben; wenn ſie dort 6 d 1 1 K— 9⏑ ⏑&— ²ð⏑—— 2 451 S⸗ einmal Verdacht ſchöpften, ſo würde uns ein friedlicher Rückzug bei weitem ſchwieriger werden, als hier, wo wir uns auf der hohen See befänden und ohne viele Umſtände wieder weiter ziehen könnten; auch hätten wir hier nicht die mindeſte Verfolgung zu befürchten, indem Niemand wiſſen könne, wo er uns auſſuchen ſollte. Auf dieſe Vorſtellungen gab ſich William zufrieden, obgleich ſie für ihn vielleicht kein ſo großes Gewicht hatten, und wir beſchloſſen daher, mit einer neuen Schiffsladung bei denſelben Kaufleuten einen Verſuch zu machen. Die Hauptſache war, die Sache ſo einzurichten, daß die engli⸗ ſchen Kaufleute meinen mußten, dieß ſei unſere andere Schaluppe. Dafür ließen wir den alten Quäcker und Steuer⸗ mann in Einer Perſon ſorgen, der, wie geſagt, ein vor⸗ trefflicher Mimiker und daher auch am beſten im Stande war, die Schaluppe in ein neues Gewand zu kleiden. Vor allem brachte er ſämmtliches Schnitzwerk, das er zuvor weggenommen hatte, wieder an; ihr Stern, der zuvor mit einem düſtern Weiß bemalt war, wurde jetzt blau lakirt und eine Menge luſtiger Figuren darauf gezeichnet; auf dem Halbdecke errichteten die Zimmerleute zu beiden Seiten eine hübſche kleine Gallerie; man pflanzte zwölf Kanonen darin auf, ſowie einige andere Geſchütze auf dem Schau⸗ deck, was alles zuvor nicht geweſen war, und um das neue Gewand zu vollenden oder die Verwandlung zu vervoll⸗ 29* . 2 452 S⸗⸗ ſtändigen, wurden ſogar die Segel verändert. Die Scha⸗ luppe bekam jetzt, während ſie früher wie eine Jacht mit einem halben Spriet geſegelt war, eine Brefock und einen Beſanmaſt wie eine Kits. Mit einem Wort, die Täuſchung war ſo vollſtändig, daß ein Fremder, der die Schaluppe blos ein einzigesmal geſehen hatte, ſie nicht wohl wieder erkennen konnte. In dieſer wunderlichen Geſtalt fuhr alſo die Schaluppe zurück. Sie hatte einen andern Capitän in der Perſon eines Mannes, deſſen Zuverläßigkeit wir kannten; der alte Steuer⸗ mann fuhr blos als Reiſender mit; der Doctor und Wil⸗ liam gaben ſich kraft förmlicher Commiſſion von einem gewiſ⸗ ſen Capitän Singleton für die Ladungsverrechner aus; und ſo war mit Einem Worte alles vorher aufs genaueſte beſtimmt. Wir hatten eine vollſtändige Ladung für die Schaluppe; denn außer einem ſehr bedeutenden Quantum von Muskat⸗ nüſſen, Muskatblüthen, Gewürznelken und einigem Zimmt führte ſie verſchiedene Waaren an Bord, die wir in der Gegend der philippiniſchen Inſeln, als wir auf günſtige Gelegenheiten zu Geſchäften warteten, eingenommen hatten. Es wurde William nicht ſchwer, auch dieſe Ladung zu verkaufen, und in eiwa zwanzig Tagen kehrte er mit allen zu einer weitern Reiſe nothwendigen Lebensmitteln verſehen zurück. Außer einer Menge anderer Waaren brachte er uns gegen 55,000 ſpaniſche Piaſter nebſt einigen Diamanten, 453 S⸗ von denen er ſagte, daß er ſich zwar nicht beſonders darauf verſtehe, doch glaube er, nicht damit betrogen worden zu ſein, indem die Kaufleute, mit denen er Geſchäfte gemacht, ſämmtlich ganz ehrliche Menſchen zu ſein ſchienen. Sie hatten durchaus keine Schwierigkeiten mit dieſen Kaufleuten gehabt; denn die Ausſicht auf ſichern Gewinn hatte ihnen alle unnöthige Neugierde benommen, ſo daß ſie auch an der Schaluppe ſchlechterdings nichts Verdächtiges bemerkten. Ueberdieß ſchien der Handel mit Specereien hier durchaus nichts ſo Neues zu ſein, als wir glaubten; denn es langten häufig portugieſiſche Fahrzeuge von Macao in China mit von chineſiſchen Handelsleuten erkauften Spece⸗ reien an, welche ſie oft wiederum auf den holländiſchen Gewürzinſeln abſetzten und gegen ihre von China ausge⸗ führten Waaren Specereien eintauſchten. Man kann dieß wirklich die einzige Handelsreiſe nen⸗ nen, die wir machten. Wir waren jetzt im eigentlichſten Sinn des Wortes ſehr reich, und es kam uns natürlich der Gedanke, was wir jetzt beginnen ſollten. Unſer eigentlicher Erlöſungshafen, wie wir es nennen könnten, war zu Madagascar in der Bucht von Mangahelly. Hier nahm mich William eines Tages in der Cajüte der Schaluppe bei Seite und ſagte mir, er habe ein ernſthaftes Wort mit mir zu ſprechen; wir ſchloſſen uns daher ein, und William begann ſeinen Vortrag. Zwanzigſtes Kapitel. Williams Unterredung mit mir.— Seine Kunſtgriffe, um mit mir von den Uebrigen loszukommen und dabei unſer Eigenthum in Sicher⸗ heit zu bringen.— Glücklicher Erfolg derſelben.— Wir halten uns zwei Monate in Baſſora auf.— Meine Seelenangſt. „Willſt Du mir erlauben,“ hob William an,„offen über Deine gegenwärtigen Umſtände und künftigen Ausſich⸗ ten mit Dir zu ſprechen, und gelobſt Du mir, mir nichts übel zu nehmen?“ „Von Herzen gern, William,“ entgegnete ich.„Ich habe Deinen Rath jederzeit gut erfunden; Deine Pläne waren nicht nur klug angelegt, ſondern ſind auch zu unſerem größten Glücke ausgeſchlagen: deßhalb ſage, was Du willſt; ich gebe Dir das Verſprechen, nichts übel zu nehmen.“ „Aber,“ fuhr William fort,„das iſt noch nicht alles, was ich verlange. Wenn der Vorſchlag, den ich Dir jetzt machen will, Deinen Beifall nicht findet, ſo mußt Du mir verſprechen, ihn der Mannſchaft nicht mitzutheilen.“ „Das verſpreche ich bei meinem Wort,“ erwiederte ich, und ſchwor es ihm auch von ganzem Herzen zu. & u— 2 455 G⸗ „Nun gut,“ ſagte William;„ich habe jetzt blos noch Eines mit Dir abzumachen, nämlich daß Du, wenn Du meinem Plan nicht für Deine eigene Perſon beitrittſt, mich dann nicht hindern willſt, ihn in ſo weit auszuführen, als er mich ſelbſt und meinen neuen ärztlichen Collegen betrifft, und Dir nicht der mindeſte Schaden daraus erwächst. 44 „Ich will Dir in allem zu Willen ſein,“ verſetzte ich; „nur darfſt Du mich nicht verlaſſen; denn ich kann mich unter keinen Umſtänden von Dir trennen.“ „Gut,“ erwiederte William; vich beabſichtige durchaus nicht, mich von Dir zu trennen, wenn Du es nicht ſelbſt verlangſt. Aber ſage mir alle dieſe Punkte zu, ſo will ich Dir meine Herzensmeinung frei eröffnen.“ Ich verſprach ihm alles, was er wünſchte, ſo feierlich als möglich, dabei mit ſo ernſtlicher Aufrichtigkeit, daß William keinen Anſtand nahm, ſein Herz gegen mich aus⸗ zulegen. „Vor allem,“ begann er,„will ich Dich fragen, ob Du nicht ſammt allen Deinen Leuten Reichthümer und Schätze genug erworben zu haben glaubſt,(auf welche Art der Er⸗ werb geſchah, gehört nicht hiehe), ſo daß jeder für ſich etwas damit anfangen könnte?“ „Allerdings, William,“ ſagte ich;„Du haſt vollkom⸗ men recht. Ich dächte, wir hätten ganz hübſche Geſchäfte gemacht.“ . 456 E⸗ „Nun gut,“ fuhr William fort;„ſo möchte ich Dich fragen, ob Du, wenn Du genug erworben haſt, dieſes Gewerbe nicht vielleicht aufzugeben gedenkſt? Die meiſten Leute ziehen ſich ja von ihrem Geſchäfte zurück, ſobald ſie mit ihrem Erwerb zufrieden und reich genug ſind. Es wird wohl Niemand um des Handels ſelbſt willen Handel treiben und noch viel weniger Seeräuberei aus bloſer Luſt zu rauben.“ „Ganz gut, William,“ ſagte ich;„ich merke jetzt, wo Du hinauswillſt, und wette, es verlangt Dich nach Hauſe.“ „Allerdings,“ erwiederte William,„und ich glaube, es wird Dir auch ſo ergehen. Die meiſten Menſchen, welche ſich lange in der Fremde herumgetrieben, hegen den natür⸗ lichen Wunſch, am Ende wieder nach Hauſe zu kommen, beſonders wenn ſie reich und(wie Du ja von Dir ſelbſt zugibſt) reich genug, ja ſo reich geworden ſind, daß ſie nicht wüßten, was ſie mit noch größeren Reichthümern beginnen ſollten. „Nun gut, William; aber jetzt haſt Du, glaube ich, Deinen Vorderſatz deutlich genug geſtellt und auf eine Art bewieſen, daß ich nichts dagegen einzuwenden weiß, nämlich den Satz, daß ich, wenn ich Geld genug habe, offenbar auch an die Rückkehr ins Heimathland denken ſollte; das aber haſt Du mir noch nicht erklärt, was Du unter Hei⸗ math verſtehſt, und hierin werden wir wohl nicht ganz 1 i 457&⸗ übereinſtimmen. Hier, mein Freund, bin ich zu Hauſe, und hier iſt meine Wohnung; ich habe nie in meinem Leben eine andere gehabt: ich war eine Art Findelkind und kann alſo, mag ich nun reich oder arm ſein, nicht wünſchen, irgendwo anders hin zu gehen; denn ich weiß wahrhaftig nicht, wohin ich mich wenden ſollte.“ „Ei wie?“ ſagte William ein wenig verduzt;„biſt Du denn kein Engländer?“ „O ja,“ erwiederte ich,„ich glaube wenigſtens ſo. Du ſiehſt, ich ſpreche Engliſch; aber ich verließ ſchon als Kind England und war ſeit meinen Mannesjahren nur ein ein⸗ zigesmal dort. Auch wurde ich damals ſo ſchändlich betro⸗ gen und mißhandelt, daß mir durchaus nichts daran liegt, es je wieder zu ſehen.“ „Aber,“ entgegnete er,„haſt Du denn keine Verwandte oder Freunde dort? Keine Bekannte? Niemand, gegen den Du einige Anhänglichkeit oder einige Reſte von Vereh⸗ rung hegteſt?“ „Nein, William,“ erwiederte ich;„keinen einzigen Menſchen, ſo wenig als am Hofe des Großmoguls.“ „Hegſt Du auch kein Verlangen nach dem Lande, wo Du geboren wurdeſt?“ „Nein, ſo wenig als nach der Inſel Madagascar, ja noch weit weniger; denn dieſe Inſel hat mir, wie Du weißt, mehr als einmal Glück gebracht.“ 4 . 458 Se William war ganz erſtaunt über meine Worte und ſchwieg ſtill.„Wohlan,“ ſagte ich nach einer Pauſe zu ihm, „was haſt Du mir noch weiter zu ſagen? Ich merke ſchon, Du haſt einen Plan in Deinem Kopf; rücke einmal heraus da mit.« „Ach,“ erwiederte William,„Du haſt mich zum Schwei⸗ gen gebracht und alles, was ich zu ſagen hatte, über den Haufen geworfen. Alle meine Pläne ſind jetzt dahin und vernichtet.“ „Nun gut, William,“ fuhr ich fort;„ſo laß doch wenig⸗ ſtens hören, worin ſie beſtanden; denn obgleich ich mir nicht das nämliche Ziel vor Augen geſteckt habe, wie Du, und obgleich ich in England weder Verwandte, noch Freunde, noch Bekannte beſitze, ſo kann ich doch nicht behaupten, dieſes herumſchwärmende Räuberleben gefalle mir ſo gut, daß ich es nicht aufzugeben vermöchte. Laß mich alſo hören, ob Du mir außer dieſem Bereiche etwas Annehmliches vor⸗ zuſchlagen haſt.“ „Ja, gewiß Freund,“ ſagte William ſehr ernſthaft;„ich habe Dir außer dieſem Bereiche etwas vorzuſchlagen.“ Dabei hob er ſeine Hände auf und ſchien gerührt, ja ich glaubte, ſogar Thränen in ſeinen Augen zu bemerken: doch war ich ein zu verhärteter Sünder, um von ſolchen Dingen ergriffen zu werden, und verſpottete ihn.„Ach,“ ſagte ich,„Du meinſt wahrſcheinlich den Tod; der iſt freilich außer dem Bereich ———— 2 459 G&⸗ meines Gewerbes. Doch meinetwegen; wenn er kommt, ſo kommt er; dann iſt für uns alle geſorgt.“ „Ach,“ erwiederte William,„das iſt freilich wahr, aber es wäre beſſer, wenn man an gewiſſe Dinge auch dächte, bevor ſie kommen.“ „Denken?“ entgegnete ich.„Wozu auch denken? An den Tod denken heißt ſterben, und immer daran denken heißt ſein ganzes Leben lang auf dem Todbette liegen. Es iſt Zeit genug, daran zu denken, wenn er einmal kommt.“ Man wird mir gern glauben, daß ich ganz zu einem Seeräuber geeignet war, da ich ſo ſprechen konnte. Auch erwähne ich dieß nur zum Nutzen und Frommen anderer eben ſo hartgeſottener Böſewichte, wie ich war. Mein Ge⸗ wiſſen verurſachte mir übrigens eine vorher nie empfundene Pein, als ich die Worte ausſprach:„Wozu auch daran denken?“ Es ſagte mir, daß ich eines Tags mit betrübtem Herzen an dieſe Worte denken würde; allein die Zeit der Beſinnung war noch nicht gekommen, und ich immer noch der Alte. William fuhr nun ſehr ernſt fort:„Ich muß Dir geſtehen, Freund, daß es mir äußerſt leid thut, Dich ſo ſpre⸗ chen zu hören. Diejenigen, welche den Tod ſcheuen, ſterben oft, ohne daran gedacht zu haben.“ Ich ſuchte die Sache noch länger ins Scherzhafte zu ziehen und erwiederte:„Ich bitte Dich, ſprich nicht vom — 2 460 SE⸗⸗ Sterben; wie können wir wiſſen, ob wir überhaupt ſterben müſſen?“ Dabei begann ich zu lachen. „Ich brauche Dir darauf nicht zu antworten,“ verſette William.„Es geziemt mir nicht, Dir, meinem Comman⸗ danten, Vorwürfe zu machen, aber ich wünſchte viel lieber, daß Du anders vom Tode ſprächeſt; es iſt eine bitter ernſte Sache.“ „Sag' zu mir, was Du willſt, William,“ erwiederte ich;„ich will es freundlich anhören.“ Seine Rede begann jetzt einen tiefen Eindruck auf mich zu machen. William fuhr, indem ihm die Thränen über das Geſicht rollten, fort:„Eben weil die Menſchen leben, als ob ſie nie ſterben müßten, ſterben viele, bevor ſie wiſſen, wie man zu leben hat. Aber ich meinte vorhin nicht den Tod, als ich ſagte, es laſſe ſich etwas Höheres denken, als dieſe Lebensart.“ „Nun gut, William,“ ſagte ich;„und was denn?“ „Die Reue,“ antwortete er. „Zum Henker,“ rief ich;„haſt Du jemals gehört, daß ein Seeräuber Reue empfunden?“ Bei dieſen Worten bebte er ein wenig und erwiederte dann:„Von einem weiß ich wenigſtens, daß er am Galgen bereute, und Du wirſt hoffentlich der zweite ſein.“ Er ſprach dieß in ſehr eindringlichem Tone und mit ſichtlicher Bekümmerniß um mich. 3 —— -2 461& „Gut, William,“ ſagte ich;„ich danke Dir und bin in ſolchen Dingen vielleicht nicht ſo gefühllos, als ich mich ſtelle. Aber nun laß mich Deine Vorſchläge hören.“ „Mein Vorſchlag,“ erwiederte William,„zielt ſowohl auf Dein Beſtes als auf das meinige. Wir wollen dieſer Le⸗ bensweiſe ein Ende machen und Buße thun. Eben jetzt bietet ſich für uns vielleicht die ſchönſte Gelegenheit dar, die ſich jemals gefunden hat oder je wieder finden kann.“ „Wohlan, William,“ ſagte ich,„ſo theile mir einmal Deinen Plan, wie wir unſerer jetzigen Lebensweiſe ein Ende machen können, mit; von dem Uebrigen wollen wir nachher ſprechen. Ich bin nicht ſo gefühllos, als Du vielleicht glaubſt, aber laß uns nur erſt aus dieſer hölliſchen Lage hinauskommen.“ „Ach, Du haſt hierin freilich recht,“ erwiederte William. „Wir dürfen nicht von Reue und Buße ſprechen, ſo lange wir Seeräuber bleiben.“ „Gut, William,“ ſagte ich;„eben das iſt meine Mei⸗ nung; denn wenn wir blos das Verübte bereuen und nicht auch zugleich uns beſſern müſſen, ſo weiß ich nicht, was das Wort Buße bedeuten ſoll. Ich verſtehe mich zwar ſehr wenig auf ſolche Gegenſtände; aber ſchon die Natur der Sache ſcheint mir zu ſagen, daß unſer erſter Schritt die Verlaſſung unſerer bisherigen Bahn ſein muß, und damit . 462 E will ich von Herzen gern in Deiner Geſellſchaft den Anfang machen.“ 1 Ich konnte aus Williams Miene ſehen, daß er über meine Bereitwilligkeit ſehr erfreut war; und wenn er ſchon vorher Thränen in ſeinen Augen gehabt hatte, ſo war dieß jetzt in verdoppeltem Maße der Fall; denn er war ſo außer ſich vor Freude, daß er nicht ſprechen konnte. „Nun, William,“ ſagte ich;„ich ſehe deutlich genug, daß Du es ehrlich meinſt. Glaubſt Du wirklich, es ſei thunlich für uns, dieſer unſeligen Lebensweiſe hier ein Ende zu machen und uns auf immer davon zu entfernen?“ „Ja,“ erwiederte er,„für mich wenigſtens iſt es im höchſten Grade thunlich, ob aber auch für Dich, muß Dei⸗ nem eigenen Urtheil anheimgeſtellt werden.“ „Nun gut,“ ſagte ich;„ich gebe Dir mein Wort, daß ich mich, wie ich von dem Augenblick an, da ich Dich an Bord nahm, bis jetzt commandirt habe, von dieſer Stunde an unter Deinen Befehl ſtellen und alles thun will, was Du mich heißen wirſt.“ „Willſt Du die ganze Sache mir überlaſſen? Sagſt Du dieß wirklich im Ernſt?“ „Ja, William; im vollſten Ernſt, und ich will es ge⸗ treulich halten.“ „Wohlanl“« begann William hierauf.„Mein Plan iſt folgender: Wir ſind jetzt an der Mündung des perſiſchen α Meerbuſens; in Surate haben wir ſo viel von unſerer Ladung verkauft, daß wir Geld genug beſitzen. Schicke mich mit der Schaluppe und den chineſiſchen Waaren, die wir an Bord haben und die eine neue gute Ladung ausmachen, nach Baſſora, ſo bürge ich Dir dafür, daß ich unter den engliſchen und holländiſchen Kaufleuten daſelbſt Gelegenheit finden werde, ebenfalls als Kaufmann eine Menge Waaren und Geld unterzubringen, ſo daß wir nachher dazu unſere Zuflucht nehmen können. Wenn ich dann zurückkomme, wollen wir das Weitere bedenken. Inzwiſchen bereite aber die Mannſchaft zu einer Fahrt nach Madagascar vor, die an⸗ getreten werden ſoll, ſobald ich wieder da bin.“ Ich hielt ihm entgegen, meiner Anſicht nach brauche er nicht bis Baſſora zu reiſen, ſondern nur in den Gombaroon oder Ormus einzulaufen, um daſſelbe Geſchäft zu machen. „Nein,“ erwiederte er,„ich kann mich dort nicht ſo frei bewegen, weil die Compagnie da ihre Faktorie hat, und man mich leicht als Schmuggler anhalten könnte.“ „Nun gut,“ ſagte ich;„jedenfalls aber könnteſt Du den Ormus wählen; denn die Trennung von Dir thut mir in der Seele weh, trotz dem, daß ſie nur ſo lange dauert als eine Hin⸗ und Herfahrt zu dem Ende des perſiſchen Meer⸗ buſens.“ Er erwiederte hierauf, ich ſolle die Sache ganz ſeinem Gutdenken anheimſtellen. Wir hatten in Surate eine große Summe Gelds * . 464 So⸗ erhoben, ſo daß wir über etwa hunderttauſend Pfund gebieten konnten; aber an Bord des großen Schiffes befand ſich noch weit mehr. Ich befahl ihm nun öffentlich, das Geld, das er habe, an Bord zu behalten, dafür ein Quantum Schießbedarf zu kaufen, wenn er welches bekommen könnte, und uns ſo zu neuen Unternehmungen in den Stand zu ſetzen. Mittler⸗ weile beſchloß ich, eine Summe Geld nebſt einigen Juwelen, die ich an Bord des großen Schiffes hatte, zu nehmen und an einen Ort zu legen, wovon ich ſie unmittelbar nach ſeiner Rückkehr unbemerkt wieder wegbringen könnte. Sodann ließ ich William ſeinen Wünſchen gemäß abſegeln und verfügte mich an Bord des großen Schiffes, wo wir wirklich einen unermeßlichen Schatz beſaßen. Wir mußten nicht weniger als zwei Monate auf Wil⸗ liams Rückkehr warten, und ich begann bereits ſehr verdrieß⸗ lich darüber zu werden, weil ich zuweilen dachte, er habe mich verlaſſen, indem er den nämlichen Kunſtgriff angewen⸗ det, um ſeine Mannſchaft für ſeinen Willen zu ſtimmen, und ſo ſeien ſie alle zuſammen mir davon gegangen. Ja, drei Tage vor ſeiner Rückkehr dachte ich ernſtlich darauf, nach Madagascar zu ſegeln und ihn aufzugeben, aber der alte Chirurg, welcher in Surate den Quäcker geſpielt und für den Herrn der Schaluppe gegolten hatte, redete es mir aus, wogegen ich ihn zum Dank für ſeinen guten Rath —2 465& . und ſeine offenbare Treue in meinen Plan einweihte, was ich auch niemals zu bereuen hatte. Endlich kam zu unſerer unausſprechlichen Freude Wil⸗ liam zurück, brachte uns eine Menge nothwendiger Dinge, namentlich ſechszig Tonnen Pulver, einiges eiſerne Geſchütz und etwa dreißig Tonnen Blei. Zugleich führte er ein be⸗ deutendes Quantum Mundvorrath bei ſich und ſtattete mir öffentlich Bericht von ſeiner Fahrt ab, ſo daß Jedermann auf dem Verdeck ihn hören konnte, und aller Argwohn zum voraus abgeſchnitten wurde. Hierauf ſagte William, er wolle abermals gehen, und ich ſollte ihn begleiten; denn er habe verſchiedene Dinge, die er an Bord geführt, nicht verkaufen können; namentlich aber habe er allerhand zurücklaſſen müſſen, weil die Karavanen nicht gekommen ſeien, und er habe ſich verpflichtet, mit Waaren zurückzukehren. Dieß war es, was ich wünſchte. Die Mannſchaft war ſehr dafür, daß er gehen ſollte, beſonders weil er ſagte, man könnte die Schaluppe für ihre Rückfahrt mit Reis und Lebensmitteln befrachten; ich aber ſtellte mich, als ob ich dem Plan entgegen wäre, bis der alte Chirurg aufſtand und mir eine Menge Gründe, immer einer dringender als der andere, entgegenhielt, um mich dazu zu beſtimmen. Wenn ich nicht mitginge, ſagte er namentlich, ſo würde keine Ord⸗ nung im Ganzen ſein, mehrere von der Mannſchaft könnten Singleton. I. 30 466& ſich leicht hinwegſchleichen und alle Uebrigen verrathen; ohne mich wäre bei dieſer Fahrt keine Sicherheit für die Schaluppe. Zuletzt erbot er ſich, um die Sache recht eindringlich zu machen, ſelbſt mit mir zu gehen. Ich ſtellte mich, als ob dieſe Rückſichten endlich einen Widerſtand überwunden hätten, und die ganze Mannſchaft war vergnügt darüber, daß ich einwilligte. Wir luden alſo alles Pulver, Blei und Eiſen, ſowie andere für das Schiff brauchbare Dinge von der Schaluppe aus und legten dafür einige Ballen Specereiwaaren und etliche Körbe Gewürz⸗ nelken, im ganzen etwa ſieben Tonnen, nebſt einigen andern Waaren, hinein, unter deren Ballen ich meinen ganzen Privatſchatz— ein nicht unbeträchtliches Beſitzthum— ver⸗ ſteckt hatte. Sofort fuhr ich ab. Zuvor berief ich noch eine Verſammlung ſämmtlicher Offiziere, um ihnen einen Platz zu beſtimmen, wo ſie auf mich zu warten hätten, und die Zeit, wie lang ſie dieß thun ſollten. Es wurde hier ausgemacht, das Schiff ſollte achtundzwanzig Tage an einer kleinen Inſel auf der arabi⸗ ſchen Seite des Golfes bleiben, und wenn die Schaluppe in dieſer Zeit nicht käme, ſo ſollte es nach einer andern Inſel, weſtlich davon ſegeln und dort abermals fünfzehn Tage warten; erſchiene die Schaluppe auch dann nicht, ſo ſollten die Leute auf dem Schiffe annehmen, es ſei ihr irgend ein 467 S⸗ Unglück zugeſtoßen, und dann wollten wir in Madagascar einander wieder ſehen. Nach dieſen Beſtimmungen verließen wir das Schiff⸗ welches William und ich, ſowie der Chirurg nie wieder zu ſehen beabſichtigten. Wir ſteuerten geradezu auf den Golf los und durch denſelben nach Baſſora oder Balſara. Die Stadt Balſara liegt in einiger Entfernung von dem Orte, wo ſich unſere Schaluppe befand; da aber das Gewäſſer nicht ganz ſicher, und wir, die wir nur einen gewöhnlichen Piloten hatten, nicht zum beſten damit bekannt waren, ſo landeten wir bei einem Dorfe, wo einige Kaufleute wohn⸗ ten, und das ſehr bevölkert war, weil kleinere Fahrzeuge häufig daſelbſt vor Anker gingen. Hier hielten wir uns, um Geſchäfte zu machen, drei oder vier Tage auf und brachten alle unſere Ballen und Specereiwaaren, ſo wie die ganze Ladung, die von nicht unbedeutendem Werthe war, ans Land; wir zogen dieß einer unmittelbaren Fahrt nach Balſara vor, bis wir unſern angelegten Plan ausgeführt hätten. Nachdem wir verſchiedene Waaren eingekauft und eben Anſtalten getroffen hatten, noch andere zu erſtehen, ſandten wir, während das Boot mit zwölf Mann, meiner Wenig⸗ keit, William, dem Chirurgen und einem vierten Auser⸗ korenen, am Ufer war, bei Anbruch der Abenddämmerung einen Türken mit einem Brief an den Hochbootsmann und 30* 2 468& gaben dem Burſchen auf, ſo ſehr als möglich zu eilen, indeß wir uns in einer kleinen Entfernung aufſtellten, um den Erfolg zu beobachten. Der Inhalt des Schreibens war von dem alten Doctor folgendermaßen abgefaßt: „Hochbootsmann Thomas! Wir ſind alle verrathen. Um Gottes willen macht, daß ihr mit dem Boote davon kommt, und gehet an Bord, ſonſt ſeid ihr alle verloren. Der Capitän, William, der Quäcker und der reformirte Georg ſind ergriffen und bereits abgeführt. Ich ſelbſt bin entwiſcht und verborgen, darf aber nicht von der Stelle, ſonſt bin ich ein Kind des Todes. Sobald ihr an Bord ſeid, hauet den Anker ab, und ſegelt aus Leibeskräften davon, wenn euch euer Leben lieb iſt. Lebt wohl. . R. S. Wir ſtanden, wie ſchon geſagt, da es Abenddämmerung war, unbemerkt in einiger Entfernung, ſahen, wie der Türke den Brief ablieferte, und bemerkten auch, wie binnen drei Minuten ſämmtliche Matroſen in das Boot ſprangen und aufpackten. Sie ließen ſich, wie wir vorausgeſetzt hatten, unſere Warnung geſagt ſein; denn am nächſten Morgen erblickte man weit und breit nichts mehr von ihnen; auch iſt uns ſeither keine Kunde mehr über ſie zugekommen. Wir waren jetzt an einem guten Platz und in ſehr guten Umſtänden; denn wir galten für perſiſche Kaufleute. t d d g n -2 469& Ich finde es nicht für nöthig, hier auseinander zu ſetzen, welch' eine Maſſe ſchlecht erworbener Reichthümer wir zuſammengehäuft hatten: es wird zweckmäßiger ſein, wenn ich jetzt geſtehe, daß ich die verbrecheriſche Art, wie ich dazu gekommen war, mit Schmerzen einzuſehen begann, und daß dieſer Beſitz mir ſehr wenig Vergnügen machte. Auch war ich manchmal ſo kleinmüthig, daß ich es für unwahrſcheinlich hielt, im Beſitze dieſer Schätze zu bleiben, und mir in ſolchen Augenblicken der Verzagtheit der Verluſt derſelben auch ziemlich gleichgültig geweſen wäre; doch faßte ich bald wieder beſſeren Muth, als ich auf den Spazier⸗ gängen, die ich mit meinem Freunde William in der Um⸗ gegend von Baſſora machte, bei ihm mich Raths erholte. Nachdem wir die uns verbrüderten Galgenſtricke weg⸗ geſcheucht hatten, waren wir in Baſſora vollkommen ſicher und hatten blos noch darauf zu denken, durch zweckdienliche Verwandlung unſerer Schätze ein kaufmänniſches Anſehen zu gewinnen; denn wir beabſichtigten, fortan als Handels⸗ leute aufzutreten. Sehr angenehm war es uns, hier einen Holländer zu treffen, welcher von Bengalen nach Agra, der Hauptſtadt des Großmoguls, gereist, von da zu Land an die Küſte von Malabar und dann wieder zu Schiff den Golf herauf⸗ gekommen war. Er beabſichtigte, den großen Fluß hinauf nach Bagdad oder Babylon und ſodann mit Karavanen⸗ 1 470 SE⸗ gelegenheit nach Aleppo und Scanderoon zu reiſen. Da William Holländiſch ſprach und ein ſehr einnehmendes Weſen hatte, ſo wurde er bald mit dieſem Manne bekannt. Sie erzählten einander gegenſeitig ihre Umſtände, und es ſtellte ſich heraus, daß er bedeutende Schätze bei ſich führte, die er durch Handelsgeſchäfte in dieſen Gegenden erworben hatte. Jetzt war er im Begriffe, in Geſellſchaft zweier Diener in die Heimath zurückzukehren: der eine davon war ein nicht unvermögender Armenier, den er Holländiſch ſprechen gelehrt hatte, und der durchaus Europa zu ſehen wünſchte; der andere ein holländiſcher Matroſe, auf welchen er großes Vertrauen ſetzte, wie dieſer grundehrliche Burſche es auch verdiente. Der holländiſche Kaufmann war ſehr erfreut über unſere Bekanntſchaft, als er ſah, daß unſere Gedanken ebenfalls nach Europa ſtanden. Da er nun meinte, wir haben blos Waaren bei uns(denn von unſerem Gelde ließen wir ihn nichts merken), ſo bot er uns mit großer Bereitwilligkeit ſeinen Beiſtand an, um ſo viel, als ſich an dieſem Orte thun ließ, davon loszuſchlagen. Während dieß geſchah, hatten William und ich viel⸗ fache Berathungen mit einander, was wir mit uns ſelbſt und mit unſeren Beſitzthümern anfangen ſollten; vor Allem aber beſchloſſen wir, über unſere Abſichten nur auf dem offenen Felde ernſthaft zu ſprechen, wo wir vor Belauſchung ſicher ſein könnten, und ſo gingen wir jeden Abend, wenn 471 G⸗ die Sonne ſich zu ſenken, und die Hitze nachzulaſſen begann, bald dieſen, bald einen andern Weg ſpazieren, um über unſere Angelegenheiten Rath zu pflegen. Ich hätte bemerken ſollen, daß wir uns hier nach perſiſcher Art neu gekleidet hatten, alſo lange ſeidene Jacken, ſehr feine und hübſche Mäntel von carmeſinrothem eng⸗ liſchem Zeug trugen und unſere Bärte ſo wachſen ließen, daß man uns, jedoch nur dem Anſehen nach, für perſiſche Kaufleute halten konnte; denn wir verſtanden oder ſprachen kein einziges perſiſches Wort, wie überhaupt keine andere, als die engliſche und holländiſche Sprache, wovon außerdem die letztere auch nicht zu meinen ſtarken Seiten gehörte, obgleich ich dagegen vor William die Kenntniß des Portu⸗ gieſiſchen voraus hatte.. Doch der Holländer wußte für alles zu ſorgen, und da wir entſchloſſen waren, uns möglichſt zurückgezogen zu halten, ſo ſuchten wir nicht den mindeſten Verkehr mit den engliſchen Kaufleuten, welche ſich hier aufhielten. Dadurch verhinderten wir, daß ſie uns ausfragten oder Nachrichten über uns geben konnten, wenn je die Kunde von unſerer Landung hier eintreffen ſollte, was, wie wir wohl einſahen, durchaus nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte; denn wie leicht konnten einige von unſeren Kameraden in ſchlimme Hände fallen oder ſonſt etwas Unvorhergeſehenes ſich ereig⸗ nen, was zu unſerer Entdeckung führte. 2 472 Während unſeres etwa zweimonatlichen Aufenthalts an dieſem Orte wurde ich ſehr nachdenklich über meinen Zuſtand, nicht als ob ich die Gefahr geſcheut hätte; denn wir lebten ganz verborgen und unverdächtig; nein, ſondern ich begann wirklich andere Anſichten von mir ſelbſt und von der Welt zu bekommen, als ich bisher gehabt hatte. William hatte mein gedankenloſes Weſen gewaltſam aufgerüttelt, indem er mich darauf aufmerkſam machte, daß es ein Jenſeits gebe, daß der Stunde des Genuſſes auch der Augenblick der Rechenſchaft folge, daß das Werk, welches zu thun noch übrig bleibe, weit wichtiger ſei, als alles bis⸗ her Vollbrachte, nämlich die Buße, und daß es hohe Zeit ſei, daran zu denken.— Dieſer und ähnliche Gedanken, ſage ich, verbitterten meine Stunden, und ich wurde ſehr traurig. Mein ungeheurer Reichthum war mir jetzt wie der Koth zu meinen Füßen. Ich hatte keinen Sinn dafür; ſein Beſitz gewährte mir keine Beruhigung, es hätte mir ſehr wenig Kummer gemacht, davon ſcheiden zu müſſen. William hatte ſchon ſeit einiger Zeit bemerkt, daß meine Gedanken unruhig wurden, und mein Gemüth ſchwer bedrückt war. Eines Abends nun begann ich auf einem unſerer Spaziergänge von der Nothwendigkeit zu ſprechen, alle unſere Beſitzthümer einſtens zurück zu laſſen. William war ein ſehr verſtändiger Mann, und ſchon lange Zeit hatte ich, wenn ich etwas Kluges that, es nur ſeinem Rathe zu verdanken, —„———— 473 E⸗⸗ auch die ganze Sorge für unſere Schätze und ſogar für uns ſelbſt lediglich ihm überlaſſen. Er ſagte mir von einigen Maßregeln, die er getroffen, um unſere Rückkehr in die Heimath vorzubereiten und unſer Eigenthum in Sicherheit zu bringen; allein ich fiel ihm ſchnell in die Rede.„Glaubſt Du denn wirklich, William,“ ſagte ich,„daß wir jemals im Stande ſein werden, mit all dieſem Plunder da Europa zu erreichen?“ „Allerdings,“ erwiederte William;„ſo gut als andere Kaufleute mit ihren Waaren, ſo lang es nicht öffentlich bekannt iſt, welchen Werth unſere Ladung hat.“ „Aber, William,“ erwiederte ich lächelnd,„glaubſt Du denn, daß, wenn ein Gott da oben iſt, dem wir Rechen⸗ ſchaft zu geben haben, wie Du mich ſchon ſo oft verſichert;— glaubſt Du denn, ſage ich, daß er, wenn er ein gerechter Richter iſt, uns mit dieſem Raub von ſo vielen unſchuldigen Leuten, ja ich möchte ſagen, Nationen, davon kommen laſſen und uns nicht zur Rechenſchaft ziehen werde, bevor wir Europa erreichen, wo wir ihn zu genießen gedenken?“ William ſchien über dieſe Frage verwundert, ja ſogar betroffen und gab längere Zeit keine Antwort; ich wieder⸗ holte ſie daher mit dem Beifügen, daß wir dieß ſchlechter⸗ dings nicht hoffen dürften.* Nach einer kleinen Pauſe begann William:„Du haſt eine ſehr gewichtige Frage aufgeregt, und ich vermag Dir 474&● keine beſtimmte Antwort darüber zu ertheilen, aber ſo viel kann ich Dir ſagen. Wenn wir die Gerechtigkeit Gottes erwägen, ſo haben wir allerdings keinen Grund, auf ſeinen Schutz zu rechnen; da aber die Wege der Vorſehung anders ſind, als die gemeine Straße des menſchlichen Verfahrens, ſo können wir bei aufrichtiger Reue immerhin auf Gnade hoffen und nicht wiſſen, wie gütig er noch gegen uns ſein mag. Wir müſſen daher ſo handeln, als ob wir mehr auf das Letztere, d. h., auf die Gnade hofften, als ſeine Ge⸗ rechtigkeit fürchteten, die allerdings nur Mahe und Gericht über uns verhängen könnte.“ „Aber, William,“ ſagte ich,„die wahre Buße begreift, wie Du mir einmal angedeutet haſt, Beſſerung in ſich, und wir können uns nie beſſern; wie können wir alſo Buße thun?“ „Warum können wir uns nie beſſern?« ſagte William. „Weil wir,“ erwiederte ich,„das, was wir durch Raub und Plünderung an uns geriſſen haben, nie wieder zurück⸗ geben können.“ „Ganz richtig,“ verſetzte William;„das können wir nicht thun; denn wir können unmöglich die rechtmäßigen Beſitzer ausfindig machen.“ „Aber,“ fuhr ich fort,„was ſollen wir denn nun mit unſerem geplünderten Reichthum anfangen? Wenn wir ihn behalten, ſo bleiben wir nach wie vor Räuber und Diebe, und wenn wir ihn fahren laſſen, ſo erſüllen wir 475 So⸗ keine Pflicht der Gerechtigkeit; denn wir können ihn den rechtmäßigen Eigenthümern doch nicht wieder zuſtellen.“ „Darauf,“ ſagte William,„kann ich Dir kurz ant⸗ worten. Unſere Schätze fahren laſſen und zwar hier, hieße ſie an Leute wegwerfen, die keinen Anſpruch daran haben, und uns ſelbſt derſelben berauben, ohne dadurch etwas Gutes zu thun. Deßwegen müſſen wir ſie ſorgfältig bei⸗ ſammen halten, mit dem feſten Entſchluß, ſo viel als mög⸗ lich Gutes damit zu ſtiſten; und wer weiß, ob uns die Vorſehung nicht vielleicht Gelegenheit an die Hand gibt, wenigſtens einigen von denen, welchen wir Unrecht gethan haben, Genugthuung zu geben? Wir müſſen es wenigſtens ihr überlaſſen und uns in ihren Willen fügen. Deßhalb muß offenbar unſere nächſte Sorge die ſein, uns an einen ſichern Ort zu begeben, wo wir ihren Willen abwarten können.“ Dieſe Erklärung Williams beruhigte mich wieder, da wirklich zu jeder Zeit alles, was er ſagte, vernünftig war; auch war es höchſte Zeit, daß William mich beſchwichtigte; denn die vielen Gründe, die ich hatte, die Rache des Him⸗ mels wegen meiner ſchlecht erworbenen Reichthümer zu fürchten, hatten mich dermaßen beunruhigt, daß ich im Begriff war, dieſelben als Teufelsgüter wegzuwerfen, mit denen ich nichts zu ſchaffen haben wollte, die mir nicht angehörten, und die zu behalten ich nicht berechtigt wäre,— 476 SE⸗ was ohne Zweifel mein unausbleibliches Verderben zur Folge gehabt hätte. William brachte mich alſo auf klügere Gedanken, und ich ſah ein, daß ich an einen ſichern Ort gehen und den Erfolg der Gnade des allmächtigen Gottes anheimſtellen müſſe. So viel aber muß ich dennoch verſichern, daß ich von dieſer Zeit an keine Freude mehr an meinen Schätzen hatte: ich betrachtete ſie alle als geſtohlene Güter, wie ſie es auch größtentheils waren, als einen Mammon, den ich unſchuldigen Menſchen geraubt, und wofür ich in dieſer Welt den Strick und in der andern die ewige Verdammniß verdient hätte. Ja ich begann mich jetzt von ganzem Herzen ſelbſt zu haſſen, als einen Elenden, der gemordet und ge⸗ plündert, als einen unglückſeligen Menſchen, deſſen Jammer keine Grenzen kannte; denn ich hatte geraubt, und obgleich ich die Schätze noch beſaß, ſo war es mir doch unmöglich, ſie wieder zurück zu geben. Aus dieſen Gründen nun be⸗ mächtigte ſich meiner der Gedanke, daß ich niemals Buße thun könne, da es ohne Zurückerſtattung des unrechtmäßig erworbenen Gutes keine Buße gebe, und daß ich deßwegen nothwendig verdammt werden müſſe und nirgendshin ent⸗ fliehen könne. Dieſe niederdrückenden Betrachtungen machten mich beinahe wahnſinnig; ich rannte in der ſchrecklichſten Verzweiflung umher und hatte keinen andern Gedanken mehr, als mich von dieſem Daſein zu befreien. „“ to Einundzwanzigſtes Kapitel. Weitere Geſpräche mit William, der mein Gewiſſen einigermaßen beruhigt.— Reiſe von Baſſora nach Scandervon und von da nach Venedig.— William ſchreibt nach England an ſeine Schweſter.— Ihre liebevolle Antwort.— Wir kehren endlich ſehr reich nach Eng⸗ land zurück, wo ich Williams Schweſter heirathe.— Schluß. Ich führte dieſe ganze Zeit über eine Art Vagabunden⸗ leben unter Ungläubigen, Türken, Heiden und ſolchen Leuten; und da ich keinen Prieſter und überhaupt keinen Chriſten hatte, mit dem ich ſprechen konnte, als den armen William, ſo war er mein geiſtlicher Vater, vor dem ich mein Herz ausſchüttete, wie denn auch ſeine Liebe der einzige Troſt in meiner traurigen Lage war. Was meine Kenntniſſe in der Religion betrifft, ſo hat der Leſer ja meine Geſchichte gehört und vermag darnach ein Urtheil zu fällen. Ich erinnere mich nicht einmal, je in meinem Leben ein Kapitel in der Bibel geleſen zu haben, obgleich der kleine Bob zu Buſſel⸗ ton in die Schule ging, um ſein Teſtament zu lernen. Gleichwohl gefiel es Gott, mir in William, dem Quäcker, 478 GE⸗ alles in allem z geben. Ich nahm ihn daher eines Abends wie gewöhnlich auf den Spaziergang und rannte mit ihm in weit größerer Haſt als ſonſt auf den Feldern umher; hier erzählte ich ihm denn in Kurzem die Angſt meiner Seele und welch' furchtbaren Verſuchungen ich ausgeſetzt geweſen ſei; ich ſagte ihm, daß ich mich erſchießen müſſe; denn ich könne die Laſt und den Schrecken, der auf mir liege, nicht länger ertragen. „Dich erſchießen?“ rief William.„Und was würde Dir dieß nützen?“ „Es würde doch wenigſtens dieſem unſeligen Leben ein Ende machen,“ antwortete ich. „Nun gut,“ ſagte William;„aber weißt Du auch gewiß, daß das nächſte beſſer ſein wird?“ „Nein, nein,“ erwiederte ich;„ohne Zweifel noch viel ſchlimmer.“ „Alſo,“ ſagte er,„iſt das Todtſchießen gewiß eine Ein⸗ gebung des Teufels; denn es iſt ein Teufelsgedanke, daß Du Dich, weil Du in einer ſchlimmen Lage biſt, in eine noch ſchlimmere verſetzen müſſeſt.“ Dieß machte mich in der That ſtutzen.„Aber,“ ent⸗ gegnete ich,„ich kann die unſelige Lage, worin ich mich befinde, einmal nicht länger ertragen.“ „Ganz gut,“ ſagte William;„dann wirſt Du ohne Zweifel eine ſchlimmere Lage beſſer ertragen und willſt Dich ☛——ꝛ- * alſo todtſchießen, um Dich vollends aller Rettungsmittel verluſtig zu machen?« „Das bin ich bereits,“ erwiederte ich. „Woher kannſt Du das wiſſen?« fragte er. „Ich fühle es,“ ſagte ich. »Nun gut,“ verſetzte William;„aber Du biſt deſſen noch nicht ſicher und willſt Dich alſo todtſchießen, um es gewiß zu machen; denn obgleich Du auf dieſer Welt noch nicht mit Beſtimmtheit wiſſen kannſt, daß Du überhaupt verurtheilt wirſt, ſo erhältſt Du dieſe Beſtimmtheit doch in dem Augenblick, wo Du in die andere Welt trittſt, und ſobald es geſchehen iſt, kann man nicht mehr ſagen, Du werdeſt verurtheilt werden, ſondern Du ſeieſt verurtheilt. Sage mir aber jetzt,“ fügte William wie zwiſchen Scherz und Ernſt hinzu,„was träumteſt Du denn in der letzten Nacht?“’ 8 „Ach,“ ſagte ich;„ich hatte die ganze Nacht durch ſchreckliche Träume; namentlich war es mir, der Teufel trete vor mich und frage mich nach meinem Namen, den ich ihm auch ſagte. Sodann fragte er mich, welches Ge⸗ ſchäft ich treibe?„Geſchäft?“ ſagte ich;„ich bin meiner Profeſſion nach ein Dieb, ein Schurke: ich bin ein See⸗ räuber, ein Mörder, und ſollte gehenkt werden.“—„Ja, ja,“ ſagte der Teufel,„das ſollteſt Du: Du biſt der Mann, nach welchem ich ſah, und deßwegen komm nur mit mir.“ 2 480&⸗ 4 Darüber gerieth ich denn in die entſetzlichſte Angſt und ſchrie laut auf, ſo daß ich daran erwachte, und ſeither verfolgen mich die peinigendſten Gedanken.“ „Ganz gut,“ ſagte William;„komm, gib mir das Piſtol, von dem Du ſo eben ſpracheſt.“ „Warum?“ erwiederte ich;„was willſt Du damit thun?“ „Was ich damit thun will?“ ſagte William.„Ei, Du brauchſt Dich nicht ſelbſt zu erſchießen; ich ſehe mich ge⸗ nöthigt, Dir dieſen Gefallen zu erweiſen; denn Du ſtürzeſt uns ſonſt alle ins Unglück.“ „Was meinſt Du damit, William?“ ſagte ich. „Was ich meine?“ erwiederte er.„Ei, was meinteſt denn Du, als Du in Deinem Schlafe laut ſchrieeſt:„Ich bin ein Dieb, ein Seeräuber, ein Mörder und verdiente gehenkt zu werden?“ Sieh, Du wirſt uns alle ins Elend ſtürzen. Es war ein Glück, daß der Holländer nicht Eng⸗ liſch verſtand. Kurz, ich muß Dich erſchießen, um mein eigenes Leben zu retten. Komm, komm, gib mir Dein Piſtol.“ Ich geſtehe, daß mich dieß aufs neue ſehr erſchreckte, und ich begann einzuſehen, daß ich verloren geweſen wäre, wenn Jemand in der Nähe Engliſch verſtanden hätte. Der Gedanke ans Todtſchießen verließ mich von dieſer Zeit an. Ich wandte mich zu William und ſagte zu ihm:„Du erſchreckſt mich ſehr; demnach bin ich nimmer ſicher, und es 481& kann Niemand mit Sicherheit in meiner Geſellſchaft bleiben. Wie wird es noch gehen? Ich werde am Ende noch euch alle verrathen.“ „Komm, komm, Freund Bob,“ ſagte er;„ich will dem allem ein Ende machen, wenn Du nur meinen Rath annimmſt.“ „Was für einen Rath?« fragte ich. „Einfach den,“ antwortete er,„daß Du bei Deiner nächſten Unterredung mit dem Teufel ein bischen leiſer ſprichſt, ſonſt ſind wir alle unglücklich, und Du mit uns.“ Ich muß geſtehen, dieß machte mich beben, dämpfte aber doch meine Unruhe bedeutend. Nachdem indeß William auf dieſe Art Scherz getrieben hatte, ließ er ſich in ein ſehr langes und ernſtes Geſpräch über meinen Zuſtand und über die Bedeutung des Wortes Buße mit mir ein und ſetzte mir auseinander, dieſelbe müſſe mit einem tiefen Abſcheu vor dem Verbrechen verbunden ſein, deſſen ich mich anzu⸗ klagen habe: aber Verzweiflung an Gottes Gnade ſei kein Theil der Buße, ſondern gebe mich nur in die Gewalt des Teufels; ich müſſe aufrichtig und demüthig mein Verbrechen bekennen, Gott, den ich beleidigt, um Verzeihung anflehen, mich ſeiner Gnade überlaſſen und dabei den feſten Entſchluß haben, das gethane Unrecht ſelbſt mit dem Letzten, was ich beſitze, wieder gut zu machen, werm es Gott gefalle, mir Singleton. I. 51 „, 2 482 G⸗ Gelegenheit dazu zu geben. Dieſen Vorſatz habe er auch für ſich ſelbſt gefaßt und finde darin einen großen Troſt. Williams Zuſpruch gefiel mir ſehr wohl und gewährte mir große Beruhigung; doch zeigte er ſich immer ſehr beſorgt wegen meines Sprechens im Schlaf, legte ſich daher be⸗ ſtändig in das gleiche Zimmer mit mir und verhütete es, daß ich in irgend ein Haus zu wohnen kam, wo man ein engliſches Wort verſtand. Uebrigens war dieß ſpäter nicht mehr ſo nothwendig; denn ich hatte mich weit mehr gefaßt und war entſchloſſen, für die Zukunſt ein ganz anderes Leben zu führen, als bisher. Meine Reichthümer achtete ich für nichts und hatte im Sinne, ſie wegzugeben, ſobald mir Gott eine Gelegen⸗ heit ſchenken würde, irgend ein gethanes Unrecht damit wie⸗ der gut zu machen; auch kam ich ſpäter wirklich, wie durch ein Wunder, in den Fall, mit einem Theil derſelben einer zu Grund gerichteten Familie, die ich ausgeplündert hatte, wieder aufzuhelfen, eine Geſchichte, die in der That leſens⸗ werth wäre, wenn ich in dieſen Blättern Raum dazu fände. Bei dieſen Vorſätzen fing ich an, bis auf einen gewiſſen Grad meine Gemüthsruhe wieder zu finden. Nach beinahe dreimonatlichem Aufenthalt in Baſſora hatten wir einen Theil unſerer Waaren veräußert; da uns aber immer noch ein anſehnliches Quantum übrig blieb, ſo mietheten wir einige Boote, die unter den Befehlen des Holländers ſtanden, — +— 483 G⸗- und reisten den Fluß Tigris oder vielmehr Euphrat hinauf nach Bagdad oder Babylon. Wir machten dort mit unſerem Waarenvorrathe einiges Aufſehen und wurden mit vieler Hochachtung empfangen. Unter anderem hatten wir zwei⸗ undvierzig Ballen indiſche Stoffe aller Art, Seidenzeuge, Muſſeline und ſehr feine Zitze; ferner fünfzehn Ballen außer⸗ ordentlich ſchöne chineſiſche Seidenzeuge und ſiebzig Päcke Specereiwaaren, hauptſächlich Gewürznelken und Muskat⸗ nüſſe; unſere Gewürznelken hätten wir hier losſchlagen können, allein der Holländer rieth uns, ſie zu behalten, indem wir in Aleppo oder in der Levante beſſere Preiſe dafür bekom⸗ men würden. Somit rüſteten wir uns zur Abreiſe mit einer Karavane. Wir verhehlten es ſo ſehr als möglich, daß wir Gold oder Perlen beſaßen, und verkauften daher drei bis vier Ballen chineſiſche Seidenzeuge und indiſche Zitze, um uns mit dem Erlös daraus Kameele anzuſchaffen, die Zoll⸗ gebühren an den verſchiedenen Plätzen zu bezahlen und uns mit Lebensmitteln für die Wüſte zu verſehen. Auf dieſer Reiſe bekümmerte ich mich ſchlechterdings nicht um meine Waaren oder andere Reichthümer, wie ich denn überhaupt auch der feſten Ueberzeugung lebte, Gott werde es, da ich ſie alle durch Raub und Gewalt an mich gebracht, ſo lenken, daß ſie mir auf dieſelbe Art wieder entriſſen würden; ja ich glaube beinahe ſagen zu können, 2 484& daß dieß mein ſehnlichſter Wunſch war. Aber wie ich einen barmherzigen Beſchützer über mir hatte, ſo hatte ich an meiner Seite einen höchſt getreuen Verwalter, Rathgeber, Freund, oder wie ich ihn nennen mag, welcher mein Führer, mein Steuermann, mein alles war, und ſowohl für mich, als für unſere Beſitzthümer ſorgte. Obgleich wir noch nie in dieſen Gegenden der Welt geweſen waren, ſo wußte er doch alles Nöthige aufs beſte herbeizuſchaffen, und in etwa neunundfünfzig Tagen kamen wir von Baſſora an der Mün⸗ dung des Fluſſes Tigris oder Euphrat durch die Wüſte und über Aleppo nach Alexandrien oder Scandervon, wie man es auch ſonſt nennt. Hier hielten William und ich mit unſern zwei getreuen Kameraden eine Berathung, was wir nunmehr thun ſollten, und wir zwei, nämlich William und ich, beſchloſſen, uns von unſern Begleitern zu trennen, welche mit dem Holländer auf einem zufällig in der Rhede liegenden holländiſchen Schiffe in ſeine Heimath zu gehen beabſichtigten. Wir ſag⸗ ten ihnen, wir gedächten uns in Morea niederzulaſſen, das damals den Venetianern gehörte. Es war gewiß klug von uns gehandelt, daß wir, nach⸗ dem die Trennung einmal beſchloſſen war, ſie nicht wiſſen lie⸗ ßen, wohin wir eigentlich reiſen wollten, doch ließen wir uns von unſerem alten Doctor ſeine Adreſſe geben, um ihm nach Holland und England ſchreiben und gelegentlich Nachrichten 485 S⸗ von ihm erhalten zu können; zugleich verſprachen wir, ihm die Kunde zukommen zu laſſen, wie er ſeine Briefe an uns gelangen laſſen könne, was wir auch nachher thaten, und wovon wir ſeiner Zeit Bericht erſtatten werden. Wir hielten uns nach ihrer Abreiſe noch einige Zeit hier auf, bis zuletzt, als wir noch nicht ganz entſchloſſen waren, wohin wir reiſen ſollten, ein venetianiſches Schiff nach Cypern und von da nach Scanderoon kam, um ſich nach einer Fracht für die Heimath umzuſehen. Wir nahmen dieſe Gelegenheit wahr, bezahlten die Ueberfahrt für uns und unſere Waaren und ſchifften uns nach Venedig ein, wo wir nach zweiundzwanzig Tagen friſch und geſund mit allen unſern Schätzen, Geldern, Juwelen und Waaren ankamen, deren Geſammtwerth ſich ſo hoch belief, daß ganz gewiß ſeit dem Beſtehen des Staates Venedig noch niemals zwei Privatmänner ſo große Reichthümer in dieſe Stadt gebracht haben. Wir hielten uns hier lange Zeit incognito auf und galten, wie früher, für zwei armeniſche Kaufleute, auch hatten wir uns in dieſer Zeit ſo viel von dem perſiſchen und arme⸗ niſchen Kauderwelſch, welches in Baſſora, Bagdad und allen von uns durchreisten Gegenden geſprochen wurde, angeeig⸗ net, um unter einander ſo ſprechen zu können, daß wir von Niemanden verſtanden werden konnten, zuweilen auch wohl gar einander ſelbſt nicht verſtanden. =2 486 e- Hier verwandelten wir nun alle unſere Waaren in Geld und ließen uns auf längere Zeit nieder. William und ich waren einander mit unverbrüchlicher Freundſchaft und Treue zugethan und lebten wie Brüder. Wir hatten oder ſuchten niemals getrennte Intereſſen, ſprachen ohne Unterlaß mit einander von unſerer Buße, und da wir unſere armeni⸗ ſchen Kleider nicht ablegten, ſo nannte man uns in Venedig allgemein nur die zwei Griechen. Ich bin zwei oder drei Mal im Begriff geweſen, einen genauen Bericht über unſere Reichthümer zu geben, aber er würde in der That unglaublich erſcheinen; denn wir hatten die größten Schwierigkeiten, um ſie zu verbergen, und fürch⸗ teten mit Recht immer nur, in dieſem Lande wegen unſerer Schätze ermordet zu werden. Endlich ſagte William zu mir, er fange an, ſich mit dem Gedanken vertraut zu machen, England nie wieder zu ſehen, da wir indeß im Beſitz ſo großer Reichthümer ſeien, und er daſelbſt einige arme Ver⸗ wandte habe, ſo wolle er, wenn es mir nicht zuwider ſei, durch Briefe zu erfahren ſuchen, ob und in welchen Ver⸗ hältniſſen ſie noch leben; wenn dann einige, an welche er beſonders denke, noch am Leben ſeien, ſo wünſche er ihnen mit meiner Bewilligung etwas zu ſchicken, um ihre Lage aufzubeſſern. Ich ſchenkte dieſem Vorhaben meinen herzlichſten Beifall, und nun ſchrieb William an eine Schweſter, ſowie an einen 487 So⸗ Oheim, worauf er nach etwa fünf Wochen von beiden eine Antwort erhielt, und zwar unter der armeniſchen Adreſſe, die er ſelbſt bezeichnet hatte, nämlich Signor Conſtantin Alexion von Ispahan in Venedig. Der Brief ſeiner Schweſter war ſehr rührend. Nach den leidenſchaftlichſten Ergüſſen der Freude über die Nach⸗ richt, daß er noch am Leben ſei, während man ihr ſchon längſt gemeldet hatte, er ſei von Seeräubern in Weſtindien ermordet worden, bat ſie ihn, ihr Näheres über ſeine Um⸗ ſtände mitzutheilen, und bemerkte dabei, obgleich ſie nicht im Stande ſei, viel für ihn zu thun, ſo werde ſie ihn doch von ganzem Herzen willkommen heißen; ſie ſei eine Wittwe mit vier Kindern, habe aber einen kleinen Specereihandel, womit ſie ihre Familie ernähre; zugleich überſende ſie ihm hiemit fünf Pfund, für den Fall, daß ihm im ſremden Lande das Geld ausgegangen ſei, um damit nach Hauſe reiſen zu können. Ich konnte ſehen, daß ihm beim Leſen des Briefes Thränen in die Augen traten, und als er mir denſelben nebſt der kleinen Anweiſung von fünf Pfund auf einen eng⸗ liſchen Kaufmann in Venedig zeigte, kam auch mir das Weinen. Nachdem wir unſern durch die liebevolle Zärtlichkeit dieſes Briefes erregten Gefühlen Luft gemacht hatten, wandte er ſich zu mir, mit den Worten:„Was ſoll ich für dieſes 2 488 Se arme Weib thun?4 Ich beſann mich eine Weile und erwie⸗ derte dann:„Sie hat Dir fünf Pfund geſchickt trotz dem, daß ſie außer ſich ſelbſt vier Kinder— alſo zuſammen fünf Perſonen zu ernähren hat. Eine ſolche Summe iſt für eine arme Frau in ihren Umſtänden ebenſoviel, als fünftauſend Pfund für uns, deßhalb ſende ihr einen Wechſel von dieſer Summe, und bitte ſie, ihre Ueberraſchung zu verbergen, bis ſie weitere Nachrichten von Dir bekomme; aber ihren Laden ſolle ſie aufgeben, dagegen irgendwo auf dem Lande, nicht weit von London, ein Haus miethen und dort, ohne großes Aufſehen zu machen, leben, bis ſie Weiteres von Dir höre.“ „Wie ich merke,“ ſagte William,„denkſt Du doch auch einigermaßen daran, Dich nach England zu wagen?“ „Wahrhaftig, William,“ antwortete ich;„Du biſt im Irrthum; aber es fiel mir ſo eben ein, daß Du einen Ver⸗ ſuch machen ſollteſt; was haſt Du denn gethan, weßwegen Du Dich dort nicht ſehen laſſen dürfteſt. Es wäre Unrecht von mir, wenn ich Dich von Deinen Verwandten entfernt halten wollte, blos um mir Geſellſchaft zu leiſten.“ William ſah mich mit einem Blick voll Liebe an. „Nein,“ ſagte er;„wir ſind ſo lange mit einander herum⸗ geſchifft und ſo weit mit einander gereist, daß ich entſchloſſen bin, mich nie von Dir zu trennen, ſo lange ich lebe, magſt Du auch Deinen Aufenthalt wählen, wo Du immer willſt. Was meine Schweſter betrifft, ſo kann ich ihr keine ſolche 489& Summe ſchicken; denn gehört nicht das Geld, welches wir haben, größtentheils Dir?2“ „Rein, William,“ erwiederte ich;„es iſt kein Pfennig davon mein, der nicht auch Dir gehörte, und ich wünſche blos, ganz gleich mit Dir zu theilen; deßwegen ſchicke ihr das Geld; wo nicht, ſo ſchicke ich es ihr.« „Ach,“ ſagte William,„das arme Weib würde vor Ueberraſchung und Freude den Verſtand verlieren.“ „Nun gut,“ entgegnete ich,„ſo geh vorſichtig dabei zu Werke, und ſchicke ihr vorerſt eine Anweiſung von hundert Pfund, mit dem Bemerken, ſie ſolle mit der nächſten Poſt mehr erwarten. Sage ihr auch, Du wolleſt ihr ſo viel ſenden, daß ſie auch ohne einen Laden leben könne; dann kannſt Du immerhin das Uebrige nachfolgen laſſen.“ Dieſer Verabredung gemäß ſchickte William ſeiner Schweſter einen ſehr freundlichen Brief mit einem Wechſel von 160 Pfund auf einen Londoner Kaufmann und bemerkte darin, ſie ſolle ſich der Hoffnung getröſten, daß er in kurzer Zeit im Stande ſein werde, ihr noch mehr zukommen zu laſſen. Etwa zehn Tage ſpäter ſchickte er ihr einen neuen Wechſel von 540 Pfund und bald darauf wieder einen von 500 Pfund, ſo daß die ganze Summe 41000 betrug. Zugleich ſchrieb er ihr, er könne ihr mit ſo vielem aushelfen, daß ſie im Stande wäre, ihren Laden aufzugeben, und bat 490 G& 2 ſie, ein Haus zu miethen, wie die Freunde vorher unter ſich abgemacht hatten. Sodann wartete er, bis er eine Antwort auf alle drei Briefe erhielt, worin ſeine Schweſter ihm den Empfang des Geldes meldete und hinzuſetzte, ſie habe, was ich wirklich nicht erwartet hatte, keiner Seele etwas davon erzählt und überhaupt gegen Jedermann verſchwiegen, daß er noch am Leben ſei, was ſie bis auf weitere Nachrichten auch fernerhin thun werde. Als William mir dieſen Brief zeigte, ſagte ich zu ihm: „Siehſt Du, dieſem Weib kann man wahrhaftig trauen; ſchicke ihr jetzt nur die übrigen 4000 Pfund, und wenn Du nichts dagegen haſt, will ich mich mit Dir nach England ins Haus dieſer Frau wagen.“ Kurz, wir ſchickten ihr fünftauſend Pfund in guten Wechſeln, die ſie auch pünktlich empfing, und bald darauf meldete ſie ihrem Bruder, ſie habe gegen ihren Oheim vor⸗ gegeben, ſie könne wegen Kränklichkeit das Geſchäft nicht länger forttreiben, weßhalb ſie etwa vier Meilen von Lon⸗ don ein großes Haus an ſich gebracht habe, um von dem Miethertrage deſſelben zu leben. Aus ihrem ganzen Briefe ging hervor, daß ſie ſeine Abſicht, incognito hinüber zu kommen, wohl errieth; denn ſie verſicherte ihn, daß er bei ihr ſo zurückgezogen leben könne, als er nur wolle. 491 S⸗ Dieß hieß uns die Thüre wieder öffnen, die wir für dieſes Leben uns bereits verſchloſſen geglaubt hatten. Wir beſchloſſen, das Wagniß zu unternehmen, aber ſowohl unſere Namen, als die übrigen Verhältniſſe, aufs ſorgfältigſte zu verſchweigen; und William ſchrieb demgemäß ſeiner Schwe⸗ ſter, er ſei ſehr erfreut über ihr kluges Benehmen; ſie habe das Wahre errathen, da er ein zurückgezogenes Leben zu führen wünſche, und er bitte ſie daher, kein großes Aufſehen zu machen, bis er vielleicht zu ihr käme. Er war im Begriff, den Brief abzuſenden.„Laß ſehen, William,“ ſagte ich;„Du ſollſt keinen leeren Brief fort⸗ ſchicken. Schreibe ihr, es werde ein Freund mitkommen, der eben ſo zurückgezogen zu leben wünſche, wie Du ſelbſt, und zum Gruße will ich ihr gleichfalls fünſtauſend Pfund ſenden.“ So machten wir in kurzer Zeit die Familie dieſer armen Frau reich; aber als es nun wirklich zur Abreiſe kommen ſollte, ſo fehlte mir doch der Muth dazu. Da nun William mich nicht verlaſſen wollte, ſo blieben wir noch ungefähr zwei Jahre hier immer mit dem Gedanken beſchäf⸗ tigt, was wir wohl thun ſollten. Der Leſer denkt vielleicht, ich ſei ſehr verſchwenderiſch mit meinem ſchlecht erworbenen Gelde umgegangen, indem ich auf dieſe Art eine Fremde mit meiner Güte überhäufte und eine Perſon, die nichts für mich gethan und mich nicht einmal kannte, fürſtlich beſchenkte; aber meine Lage war 6 492 G⸗ eine ganz eigenthümliche; denn ob ich gleich Geld in Menge beſaß, ſo fehlte es mir doch außer William gänzlich an einem Freunde in der Welt, der mich hätte aufrichten und erheitern können; auch wußte ich nicht, wem ich dieſe Gel⸗ der zu meinen Lebzeiten anvertrauen, oder wem ich ſie nach 22 meinem Tode hinterlaſſen ſollte. Wenn ich über die Art, wie ich ſie erworben, nach⸗ dachte, ſo kam mir manchmal der Einfall, ich ſollte ſie alle zu wohlthätigen Zwecken verwenden, um dadurch meine Schuld gegen die Menſchheit abzutragen, obgleich ich nicht der Meinung war, ich könnte meiner Seele dadurch Ruhe er⸗ kaufen; allein ich dachte, da ich es durch Raub im allgemeinen erworben, wofür ich den einzelnen dadurch Benachtheiligten keine Genugthuung geben könne, ſo ſei ich verpflichtet, es wieder zum allgemeinen Beſten zu verwenden. Nur war ich immer in Verlegenheit, wie, wo und durch wen ich dieſe Stiftung gründen ſollte, da ich es nicht wagte, in mein Vaterland zurückzukehren, aus Furcht, einige meiner Kame⸗ raden, die ſich ebenfalls wieder in die Heimath verirrt hät⸗ ten, möchten mich ſehen, entdecken und aus Lüſternheit nach 4 meinem Gelde, oder um ſich Verzeihung auszuwirken, mich verrathen, ſo daß es ein ſchmähliches Ende mit mir nehmen könnte. Daher wählte ich Williams Schweſter zum Ziel meiner Wohlthätigkeit. Ihr zärtliches Benehmen gegen ihren Bruder, als ſie ihn in der Noth glaubte, war mir — 493& ein genügender Beweis für ihre edle, menſchenfreundliche Geſinnung. Indem ich mich nun entſchloß, vorzugsweiſe ſie zum Gegenſtand meiner Freigebigkeit zu machen, zweifelte ich nicht daran, dadurch auch für mich ſelbſt eine Zufluchts⸗ ſtätte und eine Art Mittelpunkt erkaufen zu können, auf welchen meine künftigen Handlungen hinzielen ſollten; denn wahrhaftig ein Mann, der ſein gutes Auskommen hat, aber keinen feſten Wohnſitz, keinen Ort, welcher einen magneti⸗ ſchen Einfluß auf ſeine Neigungen ausübt, iſt in einer der ungereimteſten, unbehaglichſten Lagen in der Welt, aus der er ſich mit all ſeinem Mammon nicht loskaufen kann. 1 Wir waren alſo, wie ſchon geſagt, mehr als zwei Jahre in Venedig und der Umgegend, gepeinigt von der b qualvollſten Unentſchloſſenheit in Beziehung auf unſer künf⸗ tiges Thun und Laſſen. Williams Schweſter beſtürmte uns unabläßig, nach England zu kommen, und wunderte ſich, warum wir auf ſie, die wir in ſo hohem Grade zur Treue verpflichtet hatten, kein Vertrauen zu ſetzen wagten; ja ſie 1 klagte auf eine rührende Art, daß wir Verdacht gegen ſie 4 hegen könnten. Endlich begann ich nachzugeben und ſagte zu William: V„Komm, Bruder William(ſeit unſerem Geſpräch in Balſora nannte ich ihn nämlich immer Bruder), wenn Du mir zwei oder drei Dinge bewilligen magſt, ſo will ich von Herzen gern mit Dir nach England gehen.“ 494& „Laß mich wiſſen, was es iſt,“ erwiederte William. „Fürs erſte,“ ſagte ich,„darfſt Du Die keinem Ein⸗ zigen von Deinen Verwandten in England entdecken, außer Deiner Schweſter. Zweitens dürfen wir weder unſere Bärte abnehmen(wir trugen nämlich ganz lange Bärte nach griechiſcher Art) noch unſere langen Kleider ablegen, da⸗ mit man uns für Griechen und Fremde halte. Drittens, dürfen wir nie vor irgend Jemand, ausgenommen vor Deiner Schweſter, Engliſch ſprechen. Viertens, wünſche ich, daß wir immer als Brüder zuſammen leben.“ William erwiederte, er verpflichte ſich zu allem dieſem von Herzen gern; freilich werde es ihn ſchwer ankommen, nicht Engliſch zu ſprechen, doch wolle er ſich in dieſem Punkte ſchon überwinden. Und nun beſchloſſen wir, von Venedig nach Neapel zu reiſen, wo wir eine große Geldſumme in Seidewaaren verwandelten, eine andere bedeutende Summe bei einem Kaufmann in Venedig und eine dritte gleichfalls von anſehnlichem Betrag in Neapel niederlegten und uns dafür großentheils Wechſel geben ließen. So langten wir denn wohl⸗ halten in London mit einer Ladung an, wie ſie ſeit einigen Jahren nur wenige armeniſche Kaufleute mit ſich gebracht hatten; denn wir führten auf zwei Schiffen dreiundſiebenzig Ballen roher Seide, und außerdem dreizehn Ballen gewirk⸗ ter Seideſtoffe aus Mailand, die wir in Genua an Bord genommen hatten. Einige Zeit nachher heirathete ich meine 8 495 S⸗ getreue Beſchützerin, Williams Schweſter, mit der ich weit glücklicher lebe, als ich verdiene. Und nun, nachdem ich ſo offen geſagt, daß ich jetzt wieder in England bin, und ſo verwegen geſtanden habe, welches Leben ich in der Fremde geführt, iſt es Zeit, abzu⸗ brechen und für den Augenblick nichts mehr zu ſagen, damit nicht jemand Luſt verſpüre, ſich gar zu genau zu erkundigen nach des Leſers nunmehrigem guten Bekannten Capitän Bob. ——m——— ——————— Gedruckt auf einer Schnellpreſſe bei K. F. Hering& Comp. — —