—--—= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Leih- und Ceſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſſe pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 5 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e den angenommen.— ſ 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe. binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſt beträgt: 3 1 h für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Empfang der Gabe. Jedermann ſagte das. Weit entfernt ſei es von mir, zu behaupten, das, was Jeder⸗ mann ſagt, müſſe wahr ſein. Jedermann hat meiſtens eben ſo oft Unrecht als Recht. Allgemeiner Erfahrung nach hat Jeder⸗ mann ſo oft Unrecht gehabt, und es dauerte meiſtens ſo entſetz⸗ lich lange, bevor man herausfand, wie ſehr, daß ſeine Autorität zweifelhaft geworden iſt. Jedermann mag manchmal Recht haben, aber das iſt nicht die Regel, wie Giles Scroggins Geiſt in der Ballade ſagt. Das ſchauerregende Wort Geiſt bringt mich wieder ins Gleis. Jedermann ſagte, er ſehe aus wie ein Verwünſchter. Für diesmal beanſpruche ich für Jedermann nur, daß er ſo weit Recht hatte. Er ſah ſo aus. Wer ſeine hohlen Wangen ſah, ſeine tiefliegenden, leuchtenden Augen, ſeine ſchwarzgekleidete ernſte Geſtalt, wohlgebaut und von guten Verhältuiſſen, ſein ergrauendes Haar, das wie untereinander⸗ — 6— ¹ gewirrtes Seegras ihm ums Geſicht hing— als wäre er ſein gan⸗ zes Leben lang wie ein öder Fels umſpült worden von den to⸗ ſenden Wellen der Menſchheit— der mußte gewiß ſagen: Er ſieht aus wie ein verwünſchter Mann. Wer ſeine Art beobachtete, ſchweigſam, nachdenklich, düſter, immer zurückhaltend und nie fröhlich, mit der zerſtreuten Miene eines Mannes, der an Zeiten und Orte von ehedem denkt oder auf Klänge aus alten Zeiten in ſeinem Innern lauſcht, hätte der nicht ſagen müſſen: ſeine Art iſt die eines Verwünſchten? Wer ſeine Stimme vernahm, langſam, tief und ernſt, mit einer natürlichen Fülle und Melodie, die er beſtändig zu unter⸗ drücken bemüht zu ſein ſchien, mußte der nicht ſagen: das iſt die Stimme eines Verwünſchten? Wer ihn ſah in ſeinem Studirzimmer, halb Bibliothek und halb Laboratorium— denn er war ein Chemiker von Weltruf und als Lehrer ein Mann, an deſſen Lippen täglich Hunderte von Wißbegierigen hingen— wer ihn dort ſah in einer ſtillen Winter⸗ nacht und umgeben von ſeinen Flaſchen und Inſtrumenten und Büchern; der Schatten ſeiner überſchirmten Lampe ein rieſengroßer Käfer an der Wand, bewegungslos unter einer Menge geſpen⸗ ſtiger Geſtalten, welche das Flackern des Feuers auf den ſeltſamge⸗ formten und fremdartig ausſehenden Inſtrumenten um ihn bildete; einige dieſer Phantome(Schatten von Gläſern mit Flüſſigkei⸗ ten) im Herzen zitternd, wie Dinge, welche ſeine Macht kannten, ſie zu zerſetzen und ihre Beſtandtheile dem Feuer und dem Rauch wiederzugeben;— wer ihn dort ſah nach gethaner Arbeit, wie er nachdenklich daſaß vor dem rothflackernden Feuer, die ſchmalen — — —e — — —— —— Lippen bewegend, als ob er ſpräche, aber ſtumm wie die Todten, mußte der nicht ſagen, daß der Mann ausſehe, wie ein Verwünſch⸗ ter, und das Zimmer dazu? 1 Wer konnte nicht durch eine geringe Anſtrengung der Phan⸗ taſie zu dem Glauben kommen, daß Alles um ihn dieſen geſpen⸗ ſterhaften Ton annahm und daß er den Fuß auf Geſpenſterbo⸗ den ſetze? Seine Wohnung war ſo einſam und gruftartig— ein alter abgelegener Theil einer ehemaligen Stiftung für Studirende, einſt ein ſchönes Gebäude auf einem freien Platze, jetzt aber die veraltete Grille vergeſſener Architekten, von Alter, Rauch und Wetter gebräunt, auf jeder Seite eingeklemmt von dem Anſchwel⸗ len der großen Stadt und wie ein alter Brunnen zugeſtopft mit Steinen und Ziegeln; ſeine kleinen Höſe, in wahren Abgründen liegend zwiſchen den Straßen und Gebäuden, die im Verlauf der Zeit die unförmlichen Schornſteine des alten Gebäudes überthürmt haben; ſeine alten Bäume⸗ umqualmt von dem Rauch der be⸗ nachbarten Eſſen, der ſo gnädig iſt ſich ſo tief herabzulaſſen, wenn er ſehr ſchwach und das Wetter ſehr nebelig iſt; ſeine Grasflecke, die mit der zunfruchtbaren Erde um ihre Exiſtenz kämpfen; ſeine ſtillen Gänge, ungewohnt des menſchlichen Trittes und ſelbſt der Betrachtung durch menſchliche Augen, außer wenn einmal ein verirrtes Geſicht aus der obern Welt herabblickte und ſich verwundernd fragte, was für ein Winkel dies ſei; ſeine Son⸗ nenuhr, in einer kleinen halbvermauerten Ecke, wo ſeit hundert Jahren ſich kein Sonnenſtrahl hinverlaufen, aber wo zum Erſatz für das Ausbleiben der Sonne der Schnee noch wochenlang lag, 4 —— wenn er ſchon überall ſonſt verſchwunden war, und der ſcharfe Oſtwind ſich wie ein ungeheurer Brummkreiſel drehte, wenn er an allen andern Plätzen ſchwieg. Seine Stube in des Gebäudes innerſtem Herzen war ſo düſter und alt, ſo verfallen und doch noch ſo feſt mit ihren wurm⸗ zerfreſſenen Holzbalken in der Decke, und der ſoliden Flur, die ſich von der Thür abwärts ſenkte bis zu dem großen Kaminſtück aus Eichenholz; ſo mitten in der Stadt und eingehemmt von ihren andrängenden Gebäuden, doch ſo veraltet in ihrem gan⸗ zen Ausſehn; ſo ſtill und doch ſo reich an ſchallenden Echo's, wenn eine ferne Stimme erklang oder eine Thür zufiel— Echo's, die ſich nicht auf die vielen niedrigen Gaͤnge und leeren Zimmer beſchränkten, ſondern fortkollerten und murrten bis ſie in der ſchweren Luft der vergeſſenen Krypte erſtickten, deren normänni⸗ ſche Bogen halb in der Erde begraben waren. Ihr hättet ihn ſehen ſollen in ſeiner Stube in der Dämmer⸗ ſtunde im tiefen Winter.. Wann der Wind mit dem Sinken der durch den Nebel trübe ſchimmernden Sonne ſchrill und ſcharf zu blaſen anfing. Wann es gerade ſo dunkel war, daß die Formen der Gegenſtände un⸗ deutlich und ungeſtalt waren, aber nicht ganz unſichtbar. Wann die Leute vor dem Feuer in den Kohlen ungeheuerliche Geſtalten und Geſichter, Berge und Abgründe, Hinterhalte und Armeen zu ſehen anfingen. Wann Leute auf der Straße den Kopf nieder⸗ hielten und vor dem Winde her liefen. Wann die, welche ihm entgegengehen mußten, ſich plötzlich aufgehalten ſahen an zugigen Ecken, getroffen von verirrten Schneeflocken, die auf ihre Augen⸗ —————————õ— ——— 6 wimpern ſich ſenkten und zu ſparſam ſielen und zu raſch wieder weggeweht wurden, um eine Spur auf dem gefrorenen Erdboden zu hinterlaſſen. Wann die Fenſter der Häuſer ſorgſam und uuftdicht verſchloſſen blieben. Wann das helle Gas ſeine leuchten⸗ den Spitzen in den geſchäftigen und den ſtillen Straßen, in denen es ſonſt überall dunkelte, emporſandte. Wann einzelne Fußgänger, fröſtelnd durch die ſtillen Gaſſen eilend, hinabſchauten auf die flackernde Flamme in den Küchen, und ihren Appetit noch ſchärf⸗ ten, indem ſie den Duft von ganzen Meilen von Mittagsmahlen einſchlürften. G Wann Reiſende auf dem Lande vor Kälte zitterten nnd ver⸗ droſſen auf die dunkle Landſchaft, die im Sturme rauſchte und zitterte, hinausſahen. Wann Seeleute auf eisüberzogenen Raagen hoch über dem toſenden Meere hin⸗ und hergeworfen wurden; wmann die Leuchtthürme auf Klippen und Caps einſame Wacht hielten, und von der Nacht überfallene Seevögel ihren Rieſenla⸗ ternen zuflatterten und ſich daran zerſchmetterten. Wann die kleinen Märchenleſer beim Feuerſcheine zitternd an Caſſim Baba dachten, wie er geviertheilt in der Räuberhöhle hing, oder ſich von der Furcht beſchlichen fühlten, die garſtige Alte mit der Krücke, welche aus dem Kaſten in Kaufmann Abudahs Schlafzimmer ſprang, möchte ihnen auf der Treppe begegnen auf der langen, kalten, dunkeln Reiſe zu Bett. Wann auf dem Lande der letzte Schimmer des Tageslichts an dem Ende der Alleen erblich und die oben ſich zuſammen⸗ M wölbenden Bäume finſter und ſchwarz wurden. Wann in Park und Forſt das hohe naſſe Farrnkraut und das feuchte Moos, und — 10 ͤ— Haufen welken Laubes und Baumſtämme ſich in undurchdring⸗ lichen Schattenmaſſen verloren. Wann Nebel aus Lache, Sumpf und Fluß emporſtieg. Wann der Lichterſchein aus alten Hallen⸗ und Hüttenfenſtern ein erquicklicher Anblick wurde. Wann die Mühle feierte, der Radmacher und der Schmied ihre Werkſtatt ſchloſſen, der Schlagbaum niederging, Pflug und Egge verlaſſen im Felde ſtanden, der Ackersmann mit ſeinem Geſpann ſich heimwärts wandte und die Kirchenglocke mit tieferem Tone ſchlug, als Mittags, und das Kirchhofspförtchen ſich füͤr dieſen Tag ſchloß. Wann die Dämmerung überall die den ganzen Tag lang eingekerkerten Schatten erlöſte, die jetzt dichter und dichter wur⸗ den, wie ſich ſammelnde Schaaren von Geiſtern. Wann ſie drauend in Zimmerecken ſtanden und finſter hinter halboffenen Thüren hervorlugten; wann ſie im vollen Beſitz unbewohnter Zimmer waren; wann ſie auf den Fußböden, an den Wänden und Decken leerer Gemächer tanzten, während das Feuer faſt erſterben wollte, und ſich wie die ebbenden Wellen zurückzogen, wenn es hell auflohte. Wann ſie die Formen vertrauter Ge⸗ genſtände phantaſtiſch verzerrten, die Amme zu einer Kinder⸗ freſſerin machten, das Schaukelpferd zu einem Ungeheuer und das halb von Angſt und halb von Ergötzen erfüllte Kind ſich ſelbſt zu einem fremden, und ſogar die Feuerzange auf dem Herde zu einem rekelhaften Rieſen mit in die Seite geſtemmten Armen, der erſichtlich Menſchenfleiſch riecht und aus anderer Leute Gebeinen Mehl zu ſeinem Brode mahlen will. Wann dieſe Schatten älteren Leuten andere Gedanken in den Sinn brachten und ihnen andere Bilder zeigten. Wann ſie ———— ——— ———— — 1— aus ihren heimlichen Winkeln hervorkamen als Geſtalten und 4 Geſichter aus der Vergangenheit, aus dem Grabe, aus dem 4 tiefen, tiefen Abgrunde, wo die Dinge, welche da hätten ſein können, aber nie waren, immer hinwandern. 4 Wann er ſo daſaß, in das Feuer ſtarrend. Wann mit 4 ſeinem wechſelnden Flackern die Schatten kamen und gingen. Wann er ihrer nicht achtete mit ſeinen körperlichen Augen, ſon⸗ dern, ſie mochten kommen oder gehen, ſtarr ins Feuer ſah. Wann die Klänge, welche mit den Schatten verweht waren und herauskamen aus ihrem Verſteck auf des Zwielichts Ruf, Alles ringsum nur noch ſtiller zu machen ſchienen. Wann der Wind im Schornſtein polterte und im Hauſe manchmal ſtöhnte und manchmal heulte. Wann die alten Bäume draußen ſo ge⸗ ſchüttelt wurden, daß eine grämliche, alte Krähe, in ihrem Schlafe geſtört, dann und wann mit einem ſchwachen, ſchläfri⸗ gen, hoch aus den Wipfeln herabtönenden Krah! dagegen pro⸗ * teſtirte. Wann zu Zeiten die Fenſter erzitterten, die verroſtete Wetterfahne auf dem Thurmdache ächzte, die Uhr darunter mel⸗ dete, daß wieder eine Viertelſtunde vorüber ſei, oder das Feuer röchelnd erſtarb. 3 Da klopfte Jemand an ſeine Thür, und er wachte auf. Wer iſt da? ſagte er. Herein! Sicherlich hatte keine Geſtalt hinter ſeinem Stuhle geſtan⸗ den, kein Geſicht auf ihn herabgeſchaut. Gewiß berührte kein gleitender Tritt den Fußboden, als er aufſchreckend das Haupt erhob und ſprach. Und doch war kein Spiegel im Zimmer, auf 3 den ſeine eigene Geſtalt nur einen Augenblick lang ſeinen Schat⸗ — ꝗ u-mw— — 1— — 2ꝛ— ten hätte werfen können, und ein Etwas war vorübergedunkelt und verſchwunden! Ich bitte ergebenſt um Verzeihung, Sir, ſagte ein roth⸗ bäckiges, pußliches Männchen, das die Thüre mit dem Fuß offen erhielt, um ſich und ein Servirbret hereinzulaſſen, und ſie ſehr allmälig und vorſichtig wieder losließ, damit ſie geräuſchlos zu⸗ falle,„wenn es heute ein wenig ſpät geworden iſt. Aber Mrs. William hat ſo viel mit dem Winde zu ſchaffen gehabt— Mit dem Winde? Ja, ich habe ihn brauſen hören. Mit dem Winde, Sir— daß es ein wahres Glück iſt, daß ſie überhaupt nach Hauſe gekommen iſt. Ja wohl, ja wohl. Mit dem Winde, Mr. Redlaw. Mit dem Winde. Er hatte unterdeſſen das Servirbret hingeſetzt und ſtand im Begriff, die Lampe anzubrennen und den Tiſch zu decken. Davon ließ er aber ſogleich wieder ab und lief nach dem Feuer, um es zu ſchüren und nachzulegen, und fing dann ſeine vorige Beſchäftigung wieder an; die angezündete Lampe und das auf⸗ flackernde Feuer gaben dem Zimmer ſo raſch ein anderes An⸗ ſehen, daß es ausſah, als ob das bloße Erſcheinen ſeines friſchen rothen Geſichts und ſ eines rührigen Weſens die wohlthuende Ver⸗ anderung hervorgebracht hätte.. Mrs. William iſt natürlich zu jeder Zeit der Möglichkeit ausgeſetzt, Sir, von den Elementen aus dem Gleichgewicht ge⸗ bracht zu werden. Darüber kann ſie nicht hinaus! Nein, entgegnete Mr. Redlaw freundlich, aber kurz. Nein, Sir, Mrs. William kann aus dem Gleichgewichte gebracht werden von der Erde; wie z. B. am Sonntage vor acht — 13— Tagen, wo es naß und ſchlüpfrig war und ſie mit ihrer neueſten Schwägerin zum Thee ging und ſich was einbildete und voll⸗ kommen fleckenrein, obgleich fußgängeriſch erſcheinen wollte. Mrs. MWilliiam kann von der Luſt aus dem Gleichgewichte gebracht werden, wie damals auf dem Peckhamer Jahrmarkt, wo ſie ſich bereden ließ, ſich zu ſchaukeln, was auf ihre Conſtitution wirkte, wie ein Dampfboot. Mrs. William kann aus dem Gleichge⸗ wichte kommen durch das Feuer, wie damals bei einem falſchen Spritzenlärm bei ihrer Mutter, wo ſie eine halbe Stunde Wegs in der Nachtmütze lief. Mrs. William kann aus dem Gleich⸗ gewichte kommen durch Waſſer, wie neulich in Batterſea, wo ihr eigner Pathe, Charley Swidger jr., zwölf Jahre alt, der keine Idee vom Fahren hat, das Boot zwiſchen den Brückenpfeilern feſtfuhr. Aber das ſind Elemente. Mrs. William muß aus den Elementen herauskommen, wenn ſich die Stärke ihres Cha⸗ rakters zeigen ſoll. Als er, eine Antwort erwartend, innehielt, ertönte ein Ja genau ſo, wie vorhin. Ja, Sir. Ach Gott, ja! ſagte Mr. Swidger, immer noch beſchäftigt, den Tiſch zu decken, und dabei jedes einzelne Stück, das er auf den Tiſch legte, herzählend. So iſt die Sache, Sir. So viele, viele Swidgers.— Pfeffer. Da iſt erſtlich mein Vater, Sir, penſionirter Caſtellan und Cuſtos des Stifts, ſiebenundachtzig Jahre alt. Das iſt ein Swidger!— Löffel. Ja wohl, William, war die ruhige und zerſtreute Ant⸗ wort, als der Diener wieder innehielt. — 1— Ja, Sir, ſagte Mr. Swidger. Das habe ich immer geſagt, Sir. Sie können ihn den Stamm des Baumes nen⸗ nen!— Brod. Dann kommt der Nächſte, mein unwürdiges Ich— Salz— und Mrs. William, Beide Swidgers.— Meſ⸗ ſer und Gabel. Dann kommen alle meine Brüder und ihre Fa⸗ milien, Swidgers, Mann und Frau, Knaben und Mädchen. Wahrhaftig, mit allen den Vettern, Onkeln, Tanten und Ver⸗ wandten in dieſem, jenem und andern Graden, und Heirathen und Niederkünften, könnten die Swidgers— Weinglas— ſich bei den Händen faſſen und einen Kreis um ganz England ziehen! Da Mr. William von dem Sinnenden, zu dem er ſprach, keine Antwort empfing, ſo trat er ihm näher und ſtellte ſich, als ob er zufällig mit einer Karaffe auf den Tiſch ſtoße, um ihn aus ſeinem Brüten zu erwecken. Als ihm dies gelungen war, fuhr er fort zu reden, wie mit eilfertiger Beiſtimmung. Ja, Sir! Das ſage ich auch. Mrs. William und ich haben das oft geſagt.„Swidgers ſind genug da,“ ſagen wir, ohne unſere freiwilligen Beiträge— Butter. Wahrhaftig, Sir, mein Volk iſt ſchon für ſich eine Familie— Plat de Me⸗ nage— für die zu ſorgen iſt; und es iſt im Ganzen recht gut, daß wir ſelber keine Kinder haben, obgleich Mrs. William ein Bischen ſtill dadurch geworden iſt. Ganz fertig für das Huhn und die Kartoffeln, Sir? Mrs. William ſagte, ſie wollte zehn Minuten nach mir kommen. Ich bin bereit, ſagte der Andere, wie von einem Traume erwachend, und langſam auf und ab gehend. Mrs. Williams hat wieder etwas gemacht, Sir! ſagte der Aufwärter, wie er einen Teller am Feuer wärmte und lächelnd ſein Geſicht davon beſchatten ließ. Mr. Redlaw blieb ſtehen und ſein Geſicht nahm einen Ausdruck von Theilnahme an. Ich ſage es immer, Sir. Sie muß es thun! Mrs. William hat ein Muttergefühl in ihrer Bruſt, das ſich Luft machen will und muß. Was hat ſie gethan? Ja, Sir, nicht zufrieden, alle die jungen Herren zu be⸗ muttern, welche aus allen Gegenden hierher kommen, um ihre Vorleſungen bei dieſer alten Stiftung zu hören—'s iſt merkwür⸗ dig, wie in dieſem kalten Wetter Porzellan die Hitze annimmt, wahrhaftig! Er wendete hier die Teller um und blies auf ſeine Finger. Nun? ſagte Mr. Redlaw. Das ſage ich auch immer, Sir, entgegnete Mr. William und ſprach über die Achſel in eilfertiger und freudiger Beiſtim⸗ mung. Das iſt's eben, Sir! Alle unſere Studenten, ohne Ausnahme, ſcheinen Mrs. William in dieſem Lichte zu betrach⸗ ten. Jeden Tag, den ganzen Curſus hindurch, ſteckt Einer nach dem Andern den Kopf zur Thür herein, und Alle haben ihr etwas zu ſagen oder ſie etwas zu fragen.„Swidge“ nennen ſie im Allgemeinen Mrs. William unter ſich, höre ich; aber das ſage ich eben, Sir. Viel beſſer, ſich ſeinen Namen verdrehen zu laſſen, wenn es mit wirklicher Liebe geſchieht, als wenn man ſonſt wer weiß wie viel daraus macht, und Niemand ſich um Einen bekümmert! Wozu iſt ein Name da? Damit man Jeman⸗ — 16— den daran erkennt. Wenn Mrs. William an etwas Beſſerem als an ihrem Namen erkannt wird— ich ſpreche von Mrs. Wil⸗ liam's Eigenſchaften und Gemüthsart— ſo kommt's nicht auf ihren Namen an, wenn er auch von Rechtswegen Swidger iſt. Mögen ſie ſie Swidge, Widge, Bridge, oder weiß Gött ſonſt wie nennen! Mit dem Schluſſe dieſer glänzenden Rede erreichte er und der Teller den Tiſch, auf welchen er ihn mit einem lebhaften Gefühle, daß er durch und durch warm ſei, Ualb legte und halb fallen ließ, gerade als der Gegenſtand ſeines Lobes, beſchwert mit einem zweiten Präſentirbret und einer Laterne, und begleitet von einem ehrwürdigen Greiſe mit langem grauem Haar, ins Zimmer trat. Mrs. William war, wie Mr. William, eine eiüfache, un⸗ ſchuldig ausſehende Perſon, auf deren glatten Wangen ſich das heitere Roth der Bedientenweſte ihres Gatten angenehm wieder⸗ holte. Aber während Mr. William's blondes Hagr ihm auf dem ganzen Kopfe zu Berge ſtand und ſeine Augen mit einemn Uebermaße von rühriger Bereitwilligkeit für alles Mögliche em⸗ porzuziehen ſchienen, war das dunkelbraune Haar der Mrs. Wil⸗ liam ſorgſam glatt geſtrichen und floß unter einer ſchmucken, knappen Haube in der ordentlichſten und ruhigſten Weiſe, die nur zu denken war, herab. Während ſelbſt Mr. William's Ho⸗ ſen ſich an den Knöcheln emporkrempelten, als liege es nicht in ihrer ſtahlgrauen Art, ſich ruhig zu verhalten, ohne ſich umzu⸗ ſchauen, war Mrs. Willian's niedlich geblümtes Kleid— roth und weiß, wie ihr eigenes, hübſches Geſichtchen— ſo nett und —.—————y——— — 1— einzige ſeiner Falten aus der Faſſung bringen könnte. Während ſein Rock um Bruſt und Schulter hing, als ob er halb geſonnen ſei, ſich auf und davon zu machen, war ihr Leibchen ſo ſchmuck und ruhig, daß es von dem Rauheſten Schutz erzwang, wenn ſie deſſen bedurfte. Wer konnte das Herz haben, einen ſo ruhigen Buſen vor Gram anſchwellen, vor Furcht erzittern oder mit Scham erbeben zu machen! Bei wem hätte nicht ſeine Ruhe und ſein Frieden ſich verwahrt gegen jede Störung wie der unſchul⸗ dige Schlummer eines Kindes! Pünktlich natürlich, Milly, ſagte ihr Mann und nahm ihr das Bret ab, oder Du konnteſt es nicht ſein. Hier iſt Mrs. Wil⸗ liam, Sir!— Er ſieht heute verlaſſener aus als je, flüſterte er ſeiner Frau zu, und ganz geiſterhaft! Ohne Eilfertigkeit oder Lärm, ſelbſt ohne ſich bemerklich zu machen, ſo ruhig und ſtill war ſie, ſetzte Milly die mitgebrachten Gerichte auf den Tiſch. Mr. William war nach vielem Herum⸗ klappern und Herumlaufen blos in Beſitz einer Sauciére mit ordentlich, als ob ſelbſt der Wind, der draußen wehte, nicht eine Bouillon gekommen, die er dienſtbereit in der Hand hielt. Was trägt der Alte im Arme? frug Mr. Redlaw, als er ſich 1 zu ſeinem einſamen Mahle hinſetzte. Stechpalme, Sir, erwiderte Mrs. William's ruhige Stimme. Das habe ich immer geſagt, fiel Mr. William ein und reichte ddie Sauciere hin. Beeren paſſen ſo gut für dieſe Jahreszeit!— Braune Sauce! 1 Wieder ein Weihnachten da, wieder ein Jahr vorüber! mur⸗ melte der Chemiker mit einem trüben Seufzer. Immer mehr Boz. Der Verwünſchte. 2 — 18— Ziffern in der immer länger werdenden Summe von Erinnerungen, die wir beſtändig zu unſerer Qual nachrechnen, bis der Tod Alles unter einander wirft und wegwiſcht. Philipp! ſagte er, ſich un⸗ terbrechend und mit erhobener Stimme den Alten anredend, der im Hintergrunde ſtand, auf dem Arme das dunkelgrüne glänzende Laub, von dem die ruhige Mrs. William kleine Zweige nahm, die ſie geräuſchlos mit der Scheere beſchnitt und damit das Zim⸗ mer ausſchmückte, während ihr alter Schwiegervater voll Theil⸗ nahme ihr zuſah. Ihr Gehorſamſter, Sir, ſagte der Alte. Hätte früher ge⸗ ſprochen, Sir, aber kenne Ihre Art, Mr. Redlaw— bin ſtolz darauf— und warte, bis man mich anredet! Fröhliche Weih⸗ nachten, Sir, und glückliches Neujahr, und noch viele davon. Habe ſelbſt eine hübſche Anzahl davon erlebt— ha, ha!— und darf mir die Freiheit nehmen, ſie Andern zu wünſchen. Bin ſiebenundachtzig! Habt Ihr viele erlebt, die fröhlich und glücklich waren? frug der Andere. Ja, Sir, ſehr viele, entgegnete der Alte. Hat ſein Gedächtniß vom Alter gelitten? Es läßt ſich er⸗ warten, ſagte Mr. Redlaw leiſer, zum Sohn gewendet. Nicht ein Bischen, Sir, erwiderte Mr. William. Das ſage ich immer, Sir. Habe noch kein ſolch Gedächtniß geſehen, wie mein Vater hat. Er iſt der wunderbarſte Mann von der Welt. Er weiß nicht, was Vergeſſen heißt. Das ſage ich auch immer zu Mrs. William, Sir, Sie können mir's glauben. — 19ñ— In ſeinem höflichen Verlangen, um jeden Preis zum Bei⸗ ſtimmen bereit zu erſcheinen, ſprach Mr. Swidger dies, als ob kein Buchſtabe Widerſpruch darin wäre, und als ob er Alles in unbegrenzter und unbedingter Beiſtimmung ſage. Der Chemiker ſchob den Teller von ſich, ſtand vom Tiſch. auf und ging nach der Thür, wo der Alte ſtand und ein kleines Zweigelchen Stechpalme, das er in der Hand hielt, betrachtete. Es erinnert an die Zeit, wo viele dieſer Jahre alt und neu waren! ſagte er, indem er ihn aufmerkſam betrachtete und ſeine Schulter berührte. Nicht wahr? O viele, viele! ſagte Philipp, halb erwachend von ſeinem Sinnen. Ich bin ſiebenundachtzig! Fröhlich und glücklich, nicht wahr? frug der Chemiker mit gedämpfter Stimme weiter. Fröhlich und glücklich, Alter? Vielleicht ſo groß, nicht größer, ſagte der Alte und bezeich⸗ nete mit der Hand die Höhe ſeines Knies, während er den Fra⸗ genden mit rückwärts gewandtem Geſicht anſchaute, war ich an dem erſten, deſſen ich mich erinnere! Ein kalter heller Tag war es draußen im Freien, als mir Jemand— ſo gewiß Sie dort ſtehen, war's meine Mutter, obgleich ich mich nicht erinnern kann, wie ihr liebes Geſicht ausſah, denn ſie legte ſich noch dieſelben Weihnachten hin und ſtarb— ſagte, dieſe Beeren wären Futter für die Vögel. Der kleine hübſche Kerl— das bin ich, müſſen Sie wiſſen,— glaubte, daß der Vögel Augen ſo glänzten, weil die Beeren, von denen ſie im Winter lebten, ſo glänzend waren. Ich erinnere mich deſſen noch. Und ich bin ſiebenundachtzig! 2*† Fröhlich und glücklich! ſagte der Andere vor ſich hin und ſah mit ſeinen dunkeln Augen mitleidig lächelnd die alte gebeugte Geſtalt an. Fröhlich und glücklich— und an Alles erinnern? Ja, ja, ja! ſagte der Alte, die letzten Worte vernehmend. Ich kann mich noch recht gut auf die Feiertage beſinnen aus meiner Schulzeit und das luſtige Leben dann. Ich war damals ein ſtarker Burſche, Mr. Redlaw, und Sie können mir's glauben, ich hatte nicht meines Gleichen im Ballſchlagen zehn Meilen in der Runde. Wo iſt mein Sohn William? Hatte nicht meines Glei⸗ chen im Ballſpiel, William, zehn Meilen in der Runde! Das habe ich immer geſagt, Vater! erwiderte der Sohn raſch und mit großer Ehrerbietung. Ihr ſeid ein Swidger, wie es je einen in der Familie gab! Gott! ſagte der Alte und ſchüttelte den Kopf, während er die Stechpalme anblickte. Seine Mutter— mein Sohn Wil⸗ liam iſt mein Jüngſter— und ich, wir haben mitten unter ihnen geſeſſen, Knaben und Mädchen, Groß und Klein, manches Jahr, wenn die Beeren wie dieſe hier nicht halb ſo glänzten, wie ihre ſchmucken Geſichter. Viele von ihnen ſind hinüber; ſie iſt hin⸗ über, und mein Sohn Georg(unſer Aelteſter, auf den ſie ſtolzer war, als auf alle Uebrigen) iſt tief, tief geſunken! Aber wenn ich dies anblicke, kann ich ſie Alle ſehen lebend und geſund, wie ſie in jenen Tagen waren; und Gott ſei Dank, auch ihn kann ich ſehen in ſeiner Unſchuld. Es iſt ein großer Gottesſegen für mich bei ſiebenundachtzig Jahren! Der ſcharfe Blick, der ihn ſo ernſt angeſchaut, hatte allmä⸗ lig den Boden geſucht. — „ e 2 r n e n r ⸗ — 21— Und als ſich meine Umſtände verſchlechterten, weil man nicht ehrlich mit mir umging, und ich zuerſt hierher kam als Caſtellan — ſagte der Alte— das iſt mehr als funfzig Jahre her— wo iſt mein Sohn William? Mehr als ein halbes Jahrhundert, William! Das ſage ich auch, Vater, entgegnete William ſo raſch und ehrerbietig wie vorhin. Das iſt ganz richtig ſo. Zweimal Null iſt Null und zweimal fünf iſt zehn, macht hundert. Es war ordentlich eine Freude, zu wiſſen, daß einer unſerer Gründer oder, richtiger geſagt— verbeſſerte ſich der Alte mit einer wahren Freude an dem Gegenſtand ſeiner Rede und ſeiner Kenntniß davon— einer der gelehrten Herren, die uns in Kö⸗ nigin Eliſabeths Zeit beſchenkten, denn wir waren viel früher ſchon gegründet— in ſeinem Teſtamente unter anderen Schen⸗ kungen eine Summe ausſetzte, um jede Weihnachten Stechpalmen zum Ausſchmücken der Wände und Fenſter zu kaufen. Das Legat hatte etwas Freundliches und Gemüthliches. Als wir da⸗ mals noch ganz fremd zur Weihnachtszeit hierher kamen, faßten wir ordentlich eine Liebe zu ſeinem Bilde, das in dem Saale hing, welcher früher, ehe die zehn armen Studenten anſtatt des Tiſches ein Geldſtipendium bekamen, unſer großer Speiſeſaal war.— Ein geſetzter Herr mit einem ſpitzen Barte und einem weißen Kragen, und unter dem Bilde ſteht mit gothiſchen Buch⸗ ſtaben: Herr! Erhalte mein Gedächtniß friſch! Sie wiſſen es ja, Mr. Redlaw. 4 Ich weiß, daß das Bild dort hängt, Philipp. —. Ja, es iſt das zweite rechts über dem Eichengetäfel. Ich wollte eben ſagen: er hat mir das Gedächtniß friſch erhal⸗ ten; denn wenn ich alljährlich ſo wie heute durch die alten Gemächer gehe und ſie auffriſche mit dieſen Zweigen und Beeren, ſo friſcht das auch mein Gedächtniß auf. Ein Jahr bringt das andere zurück, und das andere wieder andere, und dieſe anderen eine ganze Menge! Zuletzt wird es mir, als ob der Geburtstag unſeres Herrn zugleich der Geburtstag von Allem wäre, was ich geliebt, gekannt oder was mich erfreut hätte— und das iſt gar Vieles, denn ich bin ſiebenundachtzig! Fröhlich und glücklich, ſagte Redlaw vor ſich hin. Ein ſeltſames Dunkel fing an ſich im Zimmer zu verbreiten. Sie ſehen alſo, Sir, fuhr der alte Philipp fort, deſſen ge⸗ ſunde Greiſenwangen ſich mehr geröthet und deſſen blaue Augen lebhafter zu leuchten anfingen, als er ſprach, ich habe viel zu feiern, wenn ich dieſes Feſt feiere. Nun, wo iſt mein ſtilles Mäuschen? Schwatzen iſt die Erbſünde meiner Jahre, und die Hälfte der Zimmer iſt noch zu ſchmücken, wenn die Kälte uns nicht erſt erſtarren macht, der Wind uns nicht wegbläſt oder die Dunkelheit uns nicht verſchlingt. Das ſtille Mäuschen ſtand neben ihm und nahm ſchweigend ſeinen Arm, ehe er ausgeſprochen hatte. Komm, Liebe, ſagte der Alte. Mr. Redlaw kommt ſonſt nicht eher zum Eſſen, als bis es ſo kalt iſt wie der Winter. Sie werden mein Geplauder verzeihen, Sir, und ich wünſche Ihnen gute Nacht und noch einmal ein fröhliches— — 23— Bleibt! ſagte Mr. Redlaw und nahm wieder am Tiſche Platz, wie es ſchien, mehr um den alten Caſtellan zu beruhigen, als in der Abſicht, ſeinem Appetit Genüge zu leiſten. Noch einen Augenblick, Philipp! William, Ihr wolltet mir eben Etwas ſagen, was Eurer vortrefflichen Frau zur Ehre gereichte. Es wird ihr nicht unangenehm ſein, wenn ſie aus Eurem Munde ihr Lob hört. Was war es? Ja, ſehen Sie, Sir, das iſt s eben, entgegnete Mr. William Swidger und blickte in ziemlicher Befangenheit ſeine Frau an. Mrs. William ſieht mich ſo an. Aber Ihr fürchtet Euch doch nicht vor Mrs. William's Auge? Ach nein, Sir, das ſage ich eben, erwiderte Mr. Swidger. Es iſt nicht geſchaffen, damit man ſich davor fürchte. Es wäre gar nicht ſo ſanft, wenn das die Abſicht wäre. Aber ich möchte nicht gern— Milly!— Den, Du weißt ſchon— unten im Stift. Hinter dem Tiſch ſtehend und mit großer Befangenheit unter den darauf ſtehenden Gegenſtänden herumſchäfternd, ſendete Mr. William ſeiner Frau überredende Blicke zu und deutete verſtohlen mit Kopf und Daumen auf Mr. Redlaw, als wolle er ſie auf⸗ fordern, ſich ihm zu nähern. Nun, der drunten, Liebe, ſagte Mr. William. Unten im Stift. Erzähle es doch, Frau. Du biſt im Vergleich mit mir wie Shakeſpeare's Werke. Der drunten im Stift— Du weißt ja, Frau.— Student. Student? wiederholte Mr. Redlaw und erhob den Kopf. Das wollte ich ſagen, Sir! rief Mr. William mit größter Lebhaftigkeit beiſtimmend. Wenn's nicht der arme Student — 24— unten im Stift wäre, warum ſollten Sie es denn von Mrs. William's Munde zu hören wünſchen? Mrs. William, meine Liebe— Stift. Ich wußte nicht, ſagte Milly mit einer ruhigen Offenheit, die ganz frei war von Haſt oder Verwirrung, daß William et⸗ was davon geſagt hat, ſonſt wäre ich nicht gekommen. Ich bat ihn, es nicht zu thun. Es iſt ein kranker junger Herr, Sir— und ſehr arm, fürchte ich— der zu krank iſt, um zum Feſte nach Hauſe zu reiſen, und ganz verlaſſen und in einem Zimmer, das für einen ſolchen Herrn ſchlecht genug iſt, unten im Jeruſalem⸗ ſtift wohnt. Weiter iſt's nichts, Sir. Warum habe ich nie etwas von ihm gehört? frug der Che⸗ miker und erhob ſich raſch. Warum hat er mich nicht von ſeiner Lage unterrichtet? Krank!— Gebt mir Hut und Mantel her. Arm!— in welchem Hauſe?— welche Nummer? Ach, Sie dürfen nicht hingehen, Sir, ſagte Milly und trat ihm mit ihrem ruhigen Antlitz und gefalteten Händen entgegen. Nicht hingehen? Ach Gott, nein! ſagte Milly und ſchüttelte den Kopf wie über eine ganz offenbare und ſich von ſelbſt verſtehende Unmög⸗ lichkeit. Daran iſt gar nicht zu denken! Was ſoll das heißen? Warum nicht? Ja, ſehen Sie, Sir, ſagte Mr. William Swidger, beſchwich⸗ tigend und zutraulich, das ſage ich eben. Verlaſſen Sie ſich darauf, der junge Herr hätte nie ſeine Lage einer Mannsperſon anvertraut. Mrs. William hat ſich ſein Vertrauen erworben, aber das iſt ganz etwas Anderes. Sie haben Alle Vertrauen —,ñ—— —+—„—. — 25— zu Mrs. William; ihr trauen ſie Alle. Ein Mann, Sir, hätte kein Sterbenswörtchen aus ihm herausgekriegt; aber eine Frau, Sir, und noch dazu Mrs. William—! Es liegt viel Wahres und Zartgefühltes in dem, was Ihr ſagt, William, gab Mr. Redlaw zur Antwort, indem er auf das ſanfte und ſtille Geſicht neben ſich blickte. Und den Finger auf den Mund legend, drückte er ihr heimlich ſeine Börſe in die Hand. Ach Gott, nein, Sir! ſagte Milly und gab ſie wieder zurück. Schlimmer und ſchlimmer! Kein Gedanke daran! Eine ſo beſonnene und proſaiſche Hausfrau war ſie und ſo wenig wurde ſie geſtört von der augenblicklich vorübergehenden Haſt dieſes Zurückweiſens, daß ſie gleich darauf wieder ein paar Blätter vom Boden auflas, die zwiſchen der Scheere und der Schürze durchgeſchlüpft waren. Als ſie wieder aufſtehend ſah, daß Mr. Redlaw ſie immer noch zweifelnd und erſtaunt betrachtete, wiederholte ſie ruhig, während ſie ſich umſah, ob vielleicht noch ein paar Blättchen ihrer Aufmerkſamkeit entgangen wären: Ach Gott, nein, Sir, er ſagte, von Allen in der Welt wolle er Ihnen nicht bekannt ſein oder eine Unterſtützung von Ihnen empfangen— obgleich er ein Student in Ihrer Klaſſe iſt. Ich habe Ihnen nichts verheimlicht, aber ich verlaſſe mich ganz auf Ihre Ehre. Warum ſagte er das? Das kann ich wahrhaftig nicht ſagen, Sir, ſagte Milly, nachdem ſie ein Weilchen nachgeſonnen; dazu bin ich nicht gelehrt — 26— genug, wiſſen Sie; und ich wollte mich ihm blos nützlich machen und Alles um ihn rein und hübſch halten, und habe das bis jetzt gethan. Aber ich weiß, daß er arm und verlaſſen iſt, und daß ſich Niemand um ihn kümmert.— Wie finſter es iſt! Das Zimmer wurde dunkler und dunkler. Ein ſchwerer trüber Schatten ſammelte ſich hinter dem Stuhle des Chemikers. Was wiſſen Sie weiter von ihm? frug er. Er iſt verlobt und ſoll heirathen, wenn er die Mittel dazu hat, ſagte Milly, und ſtudirt, glaube ich, um ſich ſpäter ſeinen Lebensunterhalt erwerben zu können. Ich habe lange, lange Zeit geſehen, daß er angeſtrengt ſtudirt und ſich viel verſagt hat.— Wie dunkel es iſt! Es wird auch kälter, ſagte der Alte und rieb ſich die Hände. Es iſt ſo ſchaurig und unheimlich im Zimmer. Wo iſt mein Sohn William? William, mein Sohn, drehe die Lampe in die Höhe und ſchüre das Feuer! Milly's Stimme ertönte von Neuem wie ſanfte, leiſe Muſik. Er ſprach geſtern im unruhigen Schlummer, nachdem er mich genannt(das ſagte ſie zu ſich ſelbſt), von Jemandem, der ge⸗ ſtorben iſt, und einem großen, nie zu verzeihenden Unrecht, das gethan worden; aber ob es ihm oder einem Andern widerfahren, das weiß ich nicht. Er hat es nicht gethan, das weiß ich. Kurz, Mrs. William, ſehen Sie— was ſie nicht ſelbſt ſagen würde, Mr. Redlaw, und wenn ſie das ganze nächſte Jahr hier bleiben ſollte, ſagte Mrs. William dem Andern ins Ohr flüſternd— hat ihm unzählige gute Dienſte geleiſtet. Wahr⸗ haftig unzählige gute Dienſte! Zu Hauſe immer noch die Alte t r — 2⸗— — meinem Vater es noch immer ſo bequem gemacht wie früher— kein Strohhälmchen im Hauſe zu ſinden und wenn Sie funfzig Pfund dafür geben wollten. Mrs. William immer da, wenn ſie gebraucht wurde— und Mrs. William immer hinten und vorn, hinten und vorn, auf und ab, auf und ab, eine wahre Mutter für ihn. Das Zimmer wurde dunkler und ſchauriger und der trübe Schatten hinter dem Stuhle dichter und ſchwerer. Noch nicht zufrieden damit, geht Mrs. William heute Abend aus und findet, als ſie nach Hauſe kommt(es iſt noch nicht ein paar Stunden her), ein Geſchöpf, das mehr wie ein junges Thier als wie ein junges Kind iſt, frierend vor der Thür ſtehen. Was ſollte Mrs. William anders thun, als es mit nach Hauſe nehmen, damit es ſich auswärme, ſatt eſſe und da bleibe, bis am Weihnachtsmorgen das gewöhnliche Geſchenk an Eſſen und Fla⸗ nell ausgetheilt wird? Wenn es nie Feuer gefühlt hat, ſo geſchieht es heute; denn es ſitzt an dem alten Kamin und ſtarrt das Feuer an, als ob es die gierigen Augen nie wieder zu⸗ machen wollte. Es ſitzt wenigſtens dort, ſagte Mr. William halb laut nach einigem Nachdenken ſich ſelbſt verbeſſernd, wenn es nicht fortgelaufen iſt! Möge der Himmel ihr immer Glück ſchenken, ſagte der Che⸗ miker laut, und auch Euch, Philipp, und Euch, William! Ich muß überlegen, was in der Sache zu thun iſt. Ich werde viel⸗ leicht dieſen Studenten zu beſuchen wünſchen, aber ich will Euch jetzt nicht länger aufhalten. Gute Nacht! — 28— Danke Ihnen, Sir, ſagte der Alte, in Mäuschens Namen und in meines Sohnes William und in meinem Namen. Wo iſt mein Sohn William? William, nimm die Laterne und geh voraus durch die langen dunklen Gänge, wie Du es voriges Jahr thateſt und das Jahr vorher. Ha ha! Ich erinnere mich deſſen — bin ich auch ſiebenundachtzig!„Gott erhalte mein Gedächt⸗ niß friſch!“ Ein hübſcher Spruch des gelehrten Herrn mit ſpitzem Barte und einer Halskrauſe unten im Refectorium.„Gott er⸗ halte mein Gedächtniß friſch!“ Ein ſchöner und frommer Spruch, Herr. Amen! Amen! Als ſie hinaus gingen und die ſchwere Thüre zumachten, die, ſo ſorglich ſie ſie auch ſchloſſen, eine lange Reihe donnernder Echo's noch nachhallen ließ, wurde das Zimmer dunkler. Als er auf ſeinem Stuhle in tiefes Brüten verſank, da ſchrumpfte die friſche Stechpalme an der Wand zuſammen und fiel herab als welkes Gezweig. Wie die Finſterniß und der Schatten hinter ihm ſich immer mehr verdichtete, wurde daraus langſam wie durch eine geiſter⸗ hafte Verwandelung, welche Menſchen nicht bemerkten, ein ſchauer⸗ liches Ebenbild ſeiner ſelbſt. Leichenhaft und kalt, farblos in dem fahlen Geſichte, aber mit ſeinen Zügen und ſeinen Augen und ſeinem ergrauenden Haar und angethan mit ſeinem dunklen Schattenkleid trat es in ſchreckliches Leben, bewegungslos und ohne einen Laut. Wie er ſeiuen Arm auf die Stuhllehne legte und ſinnend vor dem Feuer ſaß, ſo lehnte ſich das Phantom auf die Rück⸗ lehne dicht über ihn und ſah mit dem ſchauererregenden Abbild —9—6*8*—2—;— 0 — 29— ſeines Geſichts dahin, wohin er ſchaute, und trug auf ſeinem Antlitz denſelben Ausdruck wie er. Das war alſo das Etwas, das da geweſen und gegangen war. Das war der grauſige Gefährte des Verwünſchten! Einige Augenblicke lang ſchien es ihn nicht mehr zu beachten, als er das Phantom. Die Weihnachtsmuſikanten ſpielten in der Ferne, und er ſchien in ſeinem Sinnen der Muſik zu lauſchen. Auch das Phan⸗ tom ſchien zu lauſchen. Endlich ſprach er, ohne ſich zu bewegen oder aufzublicken: Wieder da! ſagte er. Wieder da! erwiderte das Phantom. Ich ſehe Dich in der Flamme, ſagte der Verwünſchte; ich höre Dich in der Muſik, im Winde, in der Todten⸗Stille der Nacht. Das Phantom bewegte beiſtimmend das Haupt. Warum kommſt Du? Warum verfolgſt Du mich? Ich komme, wenn ich gerufen werde, entgegnete der Geiſt. Nein, ungerufen! rief der Chemiker. Es ſei— ungerufen! ſagte das Geſpenſt. Es genügt. Ich bin hier. Bis jetzt hatte der Schein der Flamme die beiden Geſichter, die ihm zugewendet waren, beleuchtet, und keines hatte das andere angeblickt. Aber jetzt drehte ſich der Verwünſchte plötzlich um und ſtarrte das Geſpenſt an. Eben ſo raſch erſchien das Ge⸗ ſpenſt vor dem Stuhle und ſtarrte ihn an. —— — 30— Der Lebendige und das belebte Bild ſeiner Leiche hätten ſo einander anſehen können. Ein grauſenerregendes Schauſpiel in einem einſamen und entlegenen Theil eines alten, kaum be⸗ wohnten Gebäudes an einem Winterabend, wo der laute Wind hinausfährt auf ſeine geheimnißvolle Reiſe— wohin oder woher, weiß kein Menſch ſeit Anfang der Welt— und wenn die Sterne in undenkbaren Millionen herab glänzen aus dem ewigen Raume, wo der Erde Umfang iſt wie ein Sandkorn und ihr Greiſenthum wie ein Kindesalter. Sieh mich an! ſagte das Geſpenſt. Ich bin Der, welcher vernachläſſigt in der Jugend und unendlich arm ſtrebte und dul⸗ dete und immer fort ſtrebte und duldete, bis ich die Wiſſenſchaft aus der Tiefe holte, die ſie begrub, und rauhe Stufen daraus machte, damit meine wunden Füße darauf ruhen und emporſteigen könnten. Ich bin Der, erwiderte der Chemiker. Keiner Mutter ſelbſtverleugnende Liebe, fuhr das Phantom fort, keines Vaters Rathſchläge halfen mir. Ein Fremder trat an meines Vaters Stelle, als ich noch Kind war, und ich wurde leicht meiner Mutter Herzen entfremdet. Meine Eltern gehörten im beſten Falle zu Denen, deren Sorge bald aufhört und deren Pflicht bald gethan iſt; die ihre Sprößlinge bald hinaus ſtoßen wie die Vögel, und die, wenn ihre Kinder gut thun, das Ver⸗ dienſt davon, und wenn ſie mißrathen, das Mitleid dafür bean⸗ ſpruchen. Er ſchwieg und ſchien ihn reizen zu wollen mit ſeinem Blick und mit dem Tone ſeiner Rede und mit ſeinem Lächeln. —2— — 31— Ich bin Der, fuhr das Phantom fort, der während des heißen Mühens, empor zu kommen, einen Freund fand. Ich fand ihn, gewann ihn, feſſelte ihn an mich; wir arbeiteten an Einem Tiſch. Alle Liebe und alles Vertrauen, die in meiner früheren Jugendzeit keinen Gegenſtand und keinen Ausdruck hatten finden können, übertrug ich auf ihn. Nicht alles, ſagte Redlaw mit heiſerer Stimme. Nein, nicht alles, entgegnete das Phantom. Ich hatte eine Schweſter. Der Verwünſchte, das Geſicht auf die Hand geſtützt, ant⸗ wortete: Ja! Mit tückiſchem Lächeln trat das Phantom näher an den Stuhl, ſtützte das Kinn auf die gefalteten Hände und die Hände auf die Rücklehne und blickte mit forſchenden Augen, die von Feuer zu leben ſchienen, auf ihn hinab. Was ich jemals von Familienleben gefühlt, fuhr es fort, das dankte ich ihr. Wie jugendlich ſie war, wie ſchön, wie lieb⸗ reich! Ich nahm ſie mit an den erſten armen Heerd, deſſen Herr ich wurde, und ſie machte ihn reich. Sie trat in das Dunkel meines Lebens und machte es hell.— Sie ſteht jetzt vor mir! Ich ſah ſie eben jetzt erſt in der Flamme. Ich höre ſie in der Muſik, im Winde, in der Todtenſtille der Nacht, erwiderte der Verwünſchte. Hat er ſie geliebt? ſagte das Phantom in demſelben nach⸗ denklichen Tone. Ich glaube, er that es einſt. Ich bin überzeugt, er that es. Beſſer wäre es geweſen, ſie hätte ihn we⸗ —— — 32— niger geliebt, weniger heimlich, weniger heiß, aus der ſeichten Tiefe eines getheilten Herzens! Laß es mich vergeſſen! ſagte der Chemiker mit einer ab⸗ wehrenden Bewegung der Hand. Laß es mich auswiſchen aus meinem Gedächtniß! Ohne ſich zu regen und die grauſamen Augen ſtarr auf ſein Geſicht geheftet, fuhr das Geſpenſt fort: Ein Traum, gleich dem Ihrigen, überkam auch mich! Ja, ſagte Redlaw. Eine Liebe, der Ihrigen ſo gleich, als es meiner gröberen Natur nur möglich war, ſprach das Phantom weiter, entkeimte meinem Herzen. Ich war zu arm damals, um durch Verſprechen oder Bitten ihren Gegenſtand an mein Schickſal zu feſſeln. Ich liebte ſie viel zu ſehr, als daß ich das hätte verſuchen ſollen. Aber mehr als jemals in meinem Leben mühte ich mich ab, um empor zu kommen. Nur ein einziger gewonnener Zoll brachte mich ſchon dem Gipfel näher. Ich mühte mich weiter. In meinen ſpäten Mußeſtunden damals— meine Schweſter, die liebliche Gefährtin, theilte ſtets mit mir die verlöſchende Aſche in dem verkühlenden Heerd— wenn der Tag graute, welche Bilder der Zukunft ſah ich dann! Ich ſah ſie erſt jetzt in der Flamme, ſagte er halblaut vor ſich hin. Sie kommen zu mir in der Muſik, im Winde, in der Todtenſtille der Nacht, in dem Wechſel der Jahre. Bilder meines eignen Familienlebens in ſpäterer Zeit mit ihr, die mich zu meiner Arbeit begeiſterten. Bilder von meiner Schweſter als Gattin meines theuren Freundes. Bilder unſeres — 33— ſpäteren ruhigeren Alters und ſtillen Glückes und der goldenen Bande, die uns und unſere Kinder zu einem ſtrahlenden Glanze vereinigen ſollte, ſagte das Phantom. Bilder, ſagte der Verwünſchte, die Täuſchungen waren. Warum muß ich mich ihrer zu deutlich erinnern! Täuſchungen, wiederholte das Phantom mit ſeiner wandel⸗ loſen Stimme und ſtarrte ihn an mit den wandelloſen Augen. Denn mein Freund, vor dem ich kein Geheimniß hatte, trat zwi⸗ ſchen mich und den Mittelpunkt meiner Hoffnungen und Mühen, gewann ſie für ſich und zertrümmerte meine ſchwache Welt, Meine Schweſter, doppelt geliebt, doppelt hingebend und doppelt liebevoll unter meinem Dache, erlebte es noch, daß ich berühmt und mein alter Ehrgeiz belohnt wurde, als eine Bewegkraft nicht mehr vor⸗ handen war, und dann— Dann ſtarb ſie, unterbrach er. Sie ſtarb ſo ſanft wie immer; glücklich und mit keinem Schmerze, außer für ihren Bruder. Still! Das Phantom beobachtete ihn ſtillſchweigend. In Erinnerung behalten, ſagte der Verwünſchte nach einer Pauſe. Ja, ſo gut in Erinnerung behalten, daß ſelbſt jetzt, wo Jahre verlaufen ſind und mir nichts nichtiger und thörichter vor⸗ kommt als dieſe Liebe meiner Knabenjahre, ich noch an ſie denke mit Theilnahme, als ob es die eines jüngeren Bruders oder Soh⸗ nes wäre. Manchmal frage ich mich ſogar verwundert, wann ihr Herz ſich ihm zuerſt zugeneigt, und wie es ſich dann mir zuge⸗ wendet und wie es gegen mich geſinnt geweſen. Nicht theilnahm⸗ los, glaube ich.— Aber das iſt Nichts.— Eine unglückliche Ju⸗ gend, eine Wunde von eines geliebten Freundes Hand und ein Ver⸗ Boz. Der Verwünſchte. 3 — 34— luſt, den nichts erſetzen kann, dauern länger als ſolche Erinne⸗ rungen.— So trage ich in mir einen Kummer und ein Unrecht, ſagte das Phantom, ſo zehre ich an mir ſelbſt. So iſt die Erinne⸗ rung mein Fluch, und wenn ich meinen Kummer und das mir zugefügte Unrecht vergeſſen könnte, ſo würde ich es thun! Spötter! ſagte der Chemiker, ſprang auf und wollte mit zorni⸗ ger Geberde ſein anderes Selbſt an der Kehle packen. Warum tönt mir immer dieſer Spott in die Ohren! Zurück! rief das Geſpenſt mit ernſter Stimme. Wage Hand an mich zu legen und Du ſtirbſt! Er blieb wie vom Blitz gerührt ſtehen und ſtarrte es an. Es war weiter in den Hintergrund geglitten; es hatte den Arm wie warnend erhoben und ein Lächeln flog über ſein geiſterhaftes Ge⸗ ſicht, als es ſeine dunkele Geſtalt ſtolz aufrichtete. Könnte ich meinen Kummer und das erlittene Unrecht ver⸗ geſſen, ich thäte es, wiederholte der Geiſt. Könnte ich meinen Kummer und das erlittene Unrecht vergeſſen, ich thäte es! Böſer Geiſt meines Ich's, erwiederte der Verwünſchte mit leiſer zitternder Stimme, mein Leben wird verdüſtert durch dieſe unaufhörliche Mahnung. Sie iſt ein Wiederhall, ſagte das Phantom. Wenn es ein Wiederhall meiner Gedanken iſt, wie es jetzt der Fall iſt, entgegnete der Verwünſchte, warum werde ich denn ſo gepeinigt? Es iſt kein ſelbſtſüchtiger Gedanke. Ich will die Wohlthat auch Andern zukommen laſſen. Jedes menſchliche In⸗ dividuum hat ſeinen Kummer, viele haben an erlittenes Unrecht —:—— — 35— — zu denken; Undankbarkeit und kleinlicher Neid und Eigennutz ſind in allen Lebensſtufen heimiſch. Wer wollte nicht ſeinen Kummer und ſeine Beſchwerden vergeſſen wollen! Wer wird es nicht thun wollen und glücklicher dadurch ſein! ſagte das Phantom. Woran erinnern dieſe Jahreswechſel, welche wir feiern? fuhr Redlaw fort. Giebt es Gemüther, die ſich nicht an einen Kum⸗ mer oder an eine Sorge erinnern? Was iſt die Erinnerung des Alten, der vorhin hier war? Ein Gewebe von Kummer und Sorgen. Aber gemeine Naturen, ſagte das Phantom mit ſeinem frü⸗ heren tückiſchen Lächeln, ununterrichtete Geiſter und gewöhnliche Menſchen fühlen oder denken nicht über dieſe Sachen, wie Män⸗ ner von höherer Bildung und tieferem Denken. Verſucher, entgegnete Redlaw, deſſen Auge und hohle Stimme ich mehr fürchte, als Worte ſagen können, und bei deſſen Anblicke mich eine dunkele Ahnung größerer Furcht beſchleicht; ich höre abermals ein Echo aus meinem Geiſte. Nimm es hin als einen Beweis meiner Macht, gab der Geiſt zur Antwort. Vernimm, was ich Dir biete! Vergiß den Kummer, die Leiden und die Sorgen, die Du gekannt haſt! Sie vergeſſen? wiederholte er. Ich beſitze die Macht, die Erinnerung an ſie zu verwiſchen, wenigſtens eine ſehr ſchwache dunkle Spur zurückzulaſſen, die bald ganz verſchwindet, ſagte das Geſpenſt. Soll ich es thun? Salt! rief der Verwünſchte und wehrte mit erſchrockenen Geberden der erhobenen Hand. 3* ———— — 36— Ich zittere vor argwöhniſchem Zweifel an Dir; und die ah⸗ nende Furcht, die bei Deinem Anblicke mich beſchleicht, wird zu ei⸗ nem namenloſen Schrecken, den ich kaum ertragen kann. Ich möchte mich nicht einer einzigen freundlichen Erinnerung, keiner Sympathie, die mir oder andern Gutes bringt, berauben. Was verliere ich, wenn ich beiſtimme? Was würde ſonſt meiner Er⸗ innerung entſchwinden? Keine Wiſſenſchaft, keine Errungenſchaft einer Forſchung, nichts als die eng in einander verwobene Kette von Gefühlen und Gedanken, die alle von den vergeſſenen Erinnerungen ge⸗ nährt werden. Dieſe werden verſchwinden. Sind deren ſo viele? ſagte der Verwünſchte nachdenkend. Sie zeigten ſich in der Flamme, in der Muſik, im Winde, in der Todtenſtille der Nacht, in den wechſelnden Jahren, erwiederte das Phantom höhniſch.— In weiter Nichts? Das Phantom ſchwieg. Aber nachdem es eine Weile ſchwei⸗ gend vor ihm geſtanden hatte, ſchwebte es nach dem Feuer hin und blieb wieder ſtehen. Entſchließe Dich, oder die Gelegenheit ſchwindet. Einen Augenblick! ich rufe den Himmel zum Zeugen an, ſagte der Andere aufgeregt, daß ich nie meines Gleichen gehaßt habe, daß ich nie gegen Jemand in meiner Umgebung mürriſch, gleichgültig oder hart geweſen. Wenn ich hier in meiner Einſam⸗ keit zuviel auf das gegeben habe, was war und was hätte ſein können, und zu wenig auf das, was iſt, ſo habe ich blos mir — 37— geſchadet, glaube ich, und nicht Anderen. Aber wenn Gift in meinem Körper wäre, ſoll ich dann nicht, wenn ich Gegengift und die Kenntniß es zu gebrauchen beſitze, ſie anwenden? Wenn Gift in meiner Seele iſt und ich kann es durch dieſen ſchreckli⸗ chen Schatten heraustreiben, ſoll ich es alsdann nicht aus⸗ treiben? Soll es geſchehen? ſagte das Geſpenſt. Noch einen Augenblick, erwiederte er: Ich möchte ver⸗ geſſen, wenn ich könnte! Habe ich das allein gedacht oder haben es ſchon tauſend und abertauſend Generationen und noch Generationen gethan? Die Erinnerung jedes Menſchen iſt belaſtet mit Kummer und Sorgen. Mein Gedächtniß iſt wie das Gedächtniß anderer Menſchen; aber Anderen iſt dieſe Wahl nicht gelaſſen. Ja, ich bin bereit! Ja, ich will meinen Kummer und meine Sorgen vergeſſen. Iſt es geſchehen? ſagte das Geſpenſt. Jal Es iſt geſchehen. Und jetzt, Mann, von dem ich mich hiermit losſage, nimm das mit Dir. Die Gabe, die ich Dir geſpendet, ſollſt Du weiter verbreiten, wohin Du geheſt. Ohne die Fähigkeit wiederzugewinnen, die Du aufgegeben haſt, ſollſt Du ſie hinfort bei Allen vernichten, denen Du naheſt. Deine Weisheit hat entdeckt, daß die Erinnerung an Kummer und Sorgen das Loos aller Menſchen iſt, und daß die Menſch⸗ heit glücklicher ſein würde ohne dieſe Erinnerungen. Geh, ſei der Wohlthäter der Menſchheit! Befreit von dieſer Erinnerung, ſollſt Du von dieſer Stunde an den Segen dieſer Befreiung unwillkürlich auf Andere übertragen. Seine Verbreitung iſt un⸗ zertrennlich von Dir. Geh! Sei glücklich in dem Guten, das Du gewonnen haſt, und in dem Guten, das Du thuſt! Das Phantom, das ſeine blutloſe Hand über ſeinem Haupte ge⸗ halten wie zu einem unheiligen Zauber, und das ſich ſeinen Augen ſo ſehr genähert hatte, daß er ſehen konnte, wie ſie nicht Theil nah⸗ men an dem gräßlichen Lächeln auf ſeinem Geſicht, ſondern ein ſtarres, unwandelbares Entſetzen waren, zerging vor ihm in Luft und war verſchwunden. Als er noch von Zagen und Staunen gefeſſelt daſtand und in klagenden Echo’s, die immer ſchwächer und ſchwächer verhallten, die Worte zu vernehmen glaubte:„vernichte es in Allen, denen Du naheſt,“ da traf ein gellender Schrei ſein Ohr. Er kam nicht aus den Gängen, auf die ſich die Thür öffnete, ſondern aus einem andern Theile des Gebändes wie der Ruf einer Perſon, die im Dunklen den Weg verloren hat. Er ſah ſich verwirrt an, als ob er ſich erſt verſichern wollte, daß er es ſei, und antwortete dann mit lautemverſtörten Rufe; denn ihn hielt ein dumpfes Bangen umſtrickt, als ob auch er ſich verirrt habe. Da jetzt der Ruf aus größerer Nähe ertönte, ergriff er die Lampe und ſchob einen ſchweren Vorhang an der Wand zurück. Die Thür führte in ſeinen Hörſaal, der neben ſeinem Zimmer war. Mit der Vorſtellung von Jugend und Leben und einem hohen Amphitheater von Geſichtern verknüpft, die ſein Erſchei⸗ nen in einem Augenblicke in lernbegierige Spannung brachte, war ——— 3- —2 —,— ——— — 39— es ein unheimlicher Ort, wenn alles Leben aus ihm verſchwun⸗ den war, und er ſtarrte ihn an wie ein Sinnbild des Todes. Hollah! rief er, hollah! Hierher! Hier nach dem Lichte[ Da, wie er den Vorhang mit der einen Hand wegſchob und mit der anderen die Lampe in die Höhe hielt und das den Saal erfül⸗ lende Dunkel zu durchdringen trachtete, ſchoß etwas an ihm vorüber, gleich einer wilden Katze, und krümmte ſich in eine Ecke zuſammen. Was iſt das? ſagte er haſtig. Er hätte auch fragen können, was iſt es, wenn er es hätte beſſer ſehen können. Ein Bündel Lumpen, zuſammengehalten von einer Hand, der Geſtalt und der Form nach wie die eines Kindes, aber in ihrem gie⸗ rigen krampfhaften Zugreifen die eines ſchlimmen alten Mannes. Ein Geſicht von einem halben Dutzend Jahren, gerundet und ge⸗ glättet, aber zuſammen gekniffen und gezerrt durch die Erfahrun⸗ gen eines Lebens. Die Augen glänzend, aber nicht jugendlich. Nackte Füße, ſchön in ihrer kindlichen Zartheit— häßlich durch das Blut und den Schmutz, die ſie befleckten. Ein kleiner Wil⸗ der, ein junges Ungeheuer, ein Kind, das nie ein Kind geweſen, ein Geſchöpf, das ſpäter die äußere Geſtalt eines Menſchen an⸗ nehmen konnte, das aber innerlich als ein bloßes Thier leben und ſterben mußte. Schon gewöhnt, wie ein Thier geneckt und gehetzt zu werden, duckte ſich der Knabe, als ihn der Chemiker anſah, gab den Blick zurück und hielt den Arm vor, wie um den erwarteten Schlag abzuwehren. —-——— — 40— Ich beiße, wenn Du mich ſchlägſt, fagte es. Es war eine Zeit geweſen und vor wenigen Minuten noch, wo bei einem Anblick, wie dieſer war, dem Chemiker das Herz geblutet hätte. Jetzt ſah er kalt und theilnahmlos hin und frug mit einem angeſtrengten Bemühen, ſich an etwas zu erinnern— er wußte nicht recht was— den Knaben, was er hier wolle und woher er komme. Wo iſt die Frau? antwortete er. Ich will zu der Frau. Zu welcher Frau? Zu der Frau, die mich hergebracht und an das große Feuer geſetzt hat. Sie war ſo lange fort, daß ich ſie aufſuchen wollte und mich verirrt habe. Ich will nicht zu Dir, ich will zur Frau. Der Knabe ſprang ſo raſch auf, daß der gedämpfte Schall ſeiner nackten Füße ſchon neben dem Vorhang ertönte, als Red⸗ law ihn noch bei den Lumpen erhaſchte. Willſt Du mich gehen laſſen? murrte der Knabe ſich ſträu⸗ bend und die Zähne feſt zuſammenbeißend. Ich habe Dir nichts gethan. Laß mich gehen! Ich will zur Frau! Das iſt nicht der rechte Weg. Hier iſt's näher, ſagte Redlaw und hielt ihn zurück, mit dem vergeblichen Verſuche, ſich auf eine Erinnerung, die mit dieſem Geſchöpfe in Verbindung ſtand, zu beſinnen. Wie heißt Du? Gar nicht. Wo wohnſt Du? Wohnen! was iſt das? Der Knabe ſchüttelte ſich das Haar aus den Augen, um auf ihn einen Blick zu werfen, und dann umklammerte er ſeine Beine — 41— und wollte ſich losmachen, und wiederholte: laß mich doch gehen! Ich will zur Frau. Der Chemiker führte ihn nach der Thür. Hier hinaus, ſagte er und ſah ihn zerſtreut, aber mit Widerwil⸗ len an. Ich will Dich zu ihr führen. Die Falkenaugen des Kindes fielen plötzlich auf den Tiſch, wo die Ueberreſte des Mahles lagen. Gieb mir was davon, ſagte er lüſtern. Hat ſie Dir noch nicht zu eſſen gegeben? Morgen bin ich doch wieder hungerig, hungere ich nicht je⸗ den Tag? Die Hand des Chemikers ließ ihn los und das Kind ſprang nach dem Tiſche, wie ein kleines Raubthier, drückte Brod und Fleiſch und ſeine eigenen Lumpen in einem Bündel an die Bruſt und rief danne Hal jetzt bring mich zur Frau. Als der Chemiker, mit einer neu entſtandenen Abneigung, den Knaben zu berühren, ihm mit ſtrengem Antlitz zu folgen winkte und über die Schwelle ſchritt, erzitterte er und blieb ſtehen. Die Gabe, die ich Dir verliehen habe, ſollſt Du weiter ge⸗ ben, überall, wo Du hinkommſt! Die Worte des Geſpenſtes rauſchten im Winde, und der Wind wehte ihn fröſtelnd an. Ich will heute Abend nicht hingehen, ſagte er leiſe vor ſich hin; ich will heute Abend nicht hingehen. Junge! dieſen langen gewölbten Gang hinab und an der großen dunklen Thür vorbei in den Hof— dann ſiehſt Du das Feuer im Fenſter ſchimmern. Das Feuer der Frau? frug der Knabe. Er nickte und die bloßen Füße ſprangen fort. Er trat wie⸗ der mit der Lampe ins Zimmer, verſchloß die Thür haſtig hinter ſich, ſetzte ſich in den Stuhl und verhüllte das Geſicht mit den Händen, wie Einer, der ſich vor ſich ſelbſt fürchtet. Denn jetzt war er wirklich allein! Allein! Allein! Zweites Kapitel. Die Verbreitung. Ein kleiner Mann ſaß in einem kleinen Zimmerchen, abgetheilt von einem kleinen Laden durch einen kleinen Schirm, der über und über beklebt war mit kleinen Abſchnitten von Zeitungen. In dem Zimmer befand ſich außer dem kleinen Manne noch eine faſt ſo große Anzahl kleiner Kinder, als dem Leſer zu nennen beliebt— ſo ſchien es wenigſtens; ſie machten in dem ſehr be⸗ ſchränkten Wirkungskreiſe, hinſichtlich der Zahl, einen ſo impo⸗ nirenden Eindruck. Von der kleinen Schaar waren zwei durch irgend eine ſtarke Maſchinen⸗Kraft in ein Bett in einer Ecke gebracht worden, wo ſie ruhig den Schlummer der Unſchuld hätten ſchlafen können, wenn ſie nicht eine angeborene Neigung, wach zu bleiben und ſich aus dem Bette und wieder hinein zu kollern, davon abgehal⸗ ten hätte. Die unmittelbare Veranlaſſung dieſer Einfälle in die noch wachende Welt war eine Auſternſchalen⸗Mauer, welche zwei andere Jünglinge von zartem Alter in einer Ecke in die — 24— Höhe bauten. Auf dieſe Befeſtigungen machten die Beiden im Bette beſtändig Angriffe(gleich den verwünſchten Pieten und Scoten, welche durch die geſchichtlichen Anfangsſtudien der mei⸗ ſten jungen Britten ſpuken) und zogen ſich dann zurück auf ihr eigenes Gebiet. Neben der Aufregung, welche dieſe Anfälle und die vergeltenden Angriffe der Andern verurſe achten, die hitzig verfolgten und ſich auf die Betttücher ſtürzten, unter welche ſich die Eindringlinge flüchteten, trug noch ein anderer kleiner Knabe, in einem zweiten kleinen Bette, ebenfalls ein Scherflein Verwirrung zu dem Familienvor⸗ rath bei, indem er ſeine Schuhe und andere zu harmloſen Wurf⸗ geſchoſſen taugliche Gegenſtände nach den Störern ſeiner Ruhe warf, die nicht faul waren, dieſe Complimente zu erwidern. Außer dieſen wankte noch ein anderer kleiner Knabe— der größte unter allen, aber immer noch klein— hin und her, auf eine Seite gebeugt und die Kniee nicht wenig eingeknickt von der Laſt eines großen Wickelkindes, das er nach einem Vor⸗ urtheile, welches in ſanguiniſchen Familien vorkommt, in den Schlaf wiegen ſollte. Aber ach! in welche unerſchöpfliche Re⸗ gionen der Wachſamkeit machten ſich die Augen des Wickelkindes jetzt erſt bereit zu ſtarren, wie es über ſeinen nichts Arges ahnen⸗ den Schultern ſich lehnte! Es war ein wahrer Moloch von einem Wickelkinde, auf deſ⸗ ſen unerſättlichem Altar das ganze Daſein dieſes jungen Bru⸗ ders täglich zum Opfer gebracht wurde. Sein Hauptcharakter war, nie an einem Orte fünf Minuten hintereinander ruhig zu bleiben und einzuſchlafen, wenn es gewünſcht wurde. Tetterby's Wickelkind war bei der Nachbarſchaft ſo bekannt, wie der Briefträ⸗ ger und der Bierjunge. Von Montag früh bis Sonnabend Abends ſtreifte es auf dem Arme des kleinen Johnny Tetterby von Thüre zu Thüre, ſchloß als ſchwerfälliger Nachzügler den Zug der Stra⸗ ßenjugend, die dem Taſchenſpieler oder dem Affen folgte, und kam immer auf eine Seite gelehnt, immer ein klein wenig zu ſpät, um noch etwas zu ſehen. Wo ſich die Jugend zum Spiele ſam⸗ melte, da war der kleine Moloch und machte Johnny das Leben ſauer. Wo Johnny bleiben wollte, da wurde der kleine Moloch widerſpenſtig und wollte fort. Wenn Johnny auf die Straße wollte, da ſchlief Moloch und mußte gewartet werden; wenn Johnny Luſt hatte zu Hauſe zu bleiben, da war Moloch wach und wollte ſpazieren getragen ſein. Und doch war Johnny feſt über⸗ zeugt, daß es ein ganz fehlerloſes Kind war, das ſeines Gleichen in ganz England nicht hatte, und begnügte ſich halb verſteckt, von dem Kleide des Kleinen oder deſſen großem Hut einen nur man⸗ gelhaften Blick auf die Welt zu werfen und mit ihm herumzu⸗ wanken, wie ein ſehr kleiner Austräger mit einem ſehr großen Packet, das keinedreſſe hatte und niemals abgegeben werden konnte. Der kleine Mann in dem kleinen Zimmer, der vergebliche Verſuche machte, inmitten dieſes Tumults ruhig ſeine Zeitung zu leſen, war der Familienvater und der Chef der Firma über den kleinen Laden draußen, wo mit großen Buchſtaben ge⸗ ſchrieben ſtand: A. Tetterby und Comp., Zeitungsagenten. Ge⸗ nau genommen war er allein unter dieſer Firma zu verſtehen, denn Comp. war ein bloßes poetiſches Ideal, das keine Wirklich⸗ lichkeit oder Perſönlichkeit hinter ſich hatte. Tetterby's Laden war an der Ecke des Jeruſalemsſtiftes. Im Fenſter war ein reicher Vorrath von Literatur ausgebreitet, meiſtens alte illuſtrirte Zeitungen und Lebensbeſchreibungen von Straßenräubern in einzelnen Heften. Spazierſtöcke und Schuſ⸗ ſer waren ebenfalls zu erhalten. Früher hatte ſich das Ge⸗ ſchäft auch auf die feine Zuckerbäckerei ausgedehnt; aber wie es ſcheint, fanden der Art Sachen keinen Abgang in der Nachbarſchaft des Jeruſalemsſtiftes, denn nichts Derartiges war im Fenſter zu ſehen als eine kleine Glaslaterne voll Bonbons, die ſo lange im Sommer geſchmolzen und im Winter wieder zu⸗ ſammen gefroren waren, bis alle Hoffnung verſchwunden war, ſie heraus zu bekommen oder zu eſſen, ohne die Laterne mit zu ver⸗ zehren. Tetterby hatte es mit vielerlei Dingen verſucht. Er hatte einmal einen ſchwachen Verſuch gemacht im Spielwaaren⸗ Geſchäft; denn in einer Laterne befand ſich noch ein Haufen kleiner Wachspüppchen, die in der allergräulichſten Verwirrung an einan⸗ der klebten, und auf dem Boden der Laterne war ein Präcipi⸗ tat zerbrochener Arme und Beine. Er hatte einen Verſuch in dem Putzmachergeſchäft gemacht, wovon ein paar alte verſchoſ⸗ ſene Sommerhüte in einer Ecke des Fenſters Zeugniß ablegten. Er hatte geglaubt, es laſſe ſich etwas mit dem Tabackshandel ver⸗ dienen, und hatte ſich ein Schild angeſe chafft, auf welchem ein Bewoh⸗ ner von jedem der drei Welttheile das duftende Kraut genoß; darun⸗ ter beſagte eine poetiſche Inſchrift: daß ſie in einer Sache vereint hier lachend ſaßen, der Eine kaute Taback, der Andere rauchte, der Dritte ſtopfte die Naſen; aber er ſchien ſich gar nichts damit erworben zu haben als Fliegen. Zu einer Zeit hatte er ſeine letzte Hoffnung auf lyoniſches Gold geſetzt, denn hinter einer Fenſterſcheibe ſah man eine Karte mit wohlfeilen Petſchaften und eine andere mit Bleiſtifthülſen und ein geheimnißvolles ſchwar⸗ zes Amulet, von unerklärlicher Beſtimmung. Aber bis zu die⸗ ſer Stunde hatte Jeruſalemsſtift nichts davon gekauft. Kurz Tetterby hatte ſich ſo hart angeſtrengt, ſich auf die oder jene Weiſe durch das Jeruſalemsſtift einen Erwerb zu verſchaffen, und es war ihm ſo wenig gelungen, daß ſich von der ganzen Firma Comp. am beſten ſtand; denn Comp. war ein unkör⸗ perliches Geſchöpf, wurde nicht beläſtigt von den gemeinen Unbe⸗ quemlichkeiten Hunger und Durſt, brauchte weder Armenſteuer noch andere Steuern zu bezahlen, und hatte für keine Familie zu ſorgen. Dem kleinen Tetterby aber in ſeinem kleinen Zimmer wurde das Vorhandenſein einer kleinen Familie auf eine Weiſe bemerk⸗ lich gemacht, die zu laut war, um nicht beachtet zu werden oder um ſich, mit der ruhigen Lectüre einer Zeitung zu vertragen; er legte deshalb das Blatt hin, ging in ſeiner Zerſtreuung ein paar Mal um das Zimmer herum wie eine Brieftaube, die noch nicht weiß, welchen Weg ſie zu fliegen hat, machte einen vergeb⸗ lichen Angriff auf ein oder zwei kleine Geſtalten in Nachtjäck⸗ chen, die an ihm vorüber ſchoſſen, und ſtürzte ſich zuletzt auf das einzige Mitglied der Familie, was nicht geſündiget hatte, indem er dem Wärter des kleinen Molochs eins hinter die Ohren gab. Du ſchlechter Menſch! ſagte Mr. Tetterby, haſt Du gar kein Gefühl für Deinen armen Vater, nach den Mühen und Sor⸗ gen eines kalten Wintertages, ſeit fünf Uhr Morgens, daß Du — 48— mit Deinen dummen Streichen mir meine Ruhe ſtörſt und meine neueſten Nachrichten verdirbſt? Iſt es noch nicht genug, daß Dein Bruder Dolphchen ſich herumplagt in dem Nebel und der Kälte — und Du im Ueberfluſſe ſchwimmſt— mit einem Wickelkinde und Allem, was Du wünſchen kannſt, ſagte Mr. Tetterby, in⸗ dem er dies als einen Gipfelpunkt aller Segnungen anführte, ſondern Du mußt auch aus dem Vaterhauſe eine Wildniß und aus Deinen Eltern Wahnſinnige machen 2 Mußt Du das, Johnny? Na? Bei jeder Frage that Mrs. Tetterby, als wollte er ihm wie⸗ der eins hinter die Ohren geben, aber er beſann ſich anders und hielt ſeine Hand zurück. 3 Ach Vater, ſagte Johnny mit weinerlicher Stimme, und ich habe doch gar Nichts gethan, gewiß Nichts, ſondern habe blos Sally gewartet und ſie in den Schlaf gewiegt. Ach Vater! Ich wollte, mein kleines Frauchen käme nach Hauſe! ſagte Mr. Tetterby mit erweichter Stimme und gerührtem Tone, ich wollte, mein kleines Frauchen käme nach Hauſe! Ich kann mit den Kindern nicht fertig werden. Sie machen mir den Kopf Hrummen und laſſen mich nicht aufkommen. OJohnny! iſt Dir's noch nicht genug, daß Deine gute Mut⸗ ter Dir das liebe Schweſterchen geſchenkt hat, fuhr er fort, und deutete auf Moloch; iſt Dir' noch nicht genug, daß ihr vorher ſieben Jungen waret, ohne einen Schimmer von Mädchen, und daß Deine gute Mutter ausſtand, was ſie ausgeſtanden hat, blos damit Ihr Alle eine kleine Schweſter bekämet, ſondern Du mußt Dich auch noch aufeine Art benehmen, daß mir der Kopf brummt! Und er wurde immer gerührter, je mehr ſich ſein und ſeines beleidigten Sohnes —— ——&— — 49— beleidigte Gefühle Luft machten, umarmte ihn zuletzt und machte ſich ſodann auf den Weg, um einen der Delinq⸗ uenten einzufangen. Nach einer kurzen, aber heißen Jagd und nachdem er hier und da ſchlechtes Terrain über und unter den Bettſtellen und durch das Labyrinth der Stühle hindurch hatte zurücklegen müſſen, gelang es ihm, das Kind einzuholen, welches er darauf beſtrafte und zu Bett trug. Dieſes Exempel machte einen ſo mächtigen und allem Anſchein nach meſmeriſchen Eindruck auf Den mit den Schuhen, daß er augenblicklich in tiefen Schlaf verſank, obgleich er noch eine Secunde vorher ganz wach und über alle Maßen lebhaft geweſen war. Auch ging es nicht unbeachtet vorüber bei den beiden jungen Baumeiſtern, die ſehr eilfertig und ſtill in ihr Bett in einer Nebenkammer ſchlüpften. Da der Kamerad des Beſtraften eben ſo unbemerkt ins Bett verſchwand, ſo fand ſich Mr. Tetterby, als er, um Athem zu ſchöpfen, ſtehen blieb, ganz unerwartet in einer vollkommen ru⸗ higen Umgebung. Selbſt mein kleines Frauchen hätte es nicht beſſer machen können, ſagte Mr. Tetterby und fuhr mit der Hand über das geröthete Geſicht. Ich wollte nur, mein kleines Frauchen hätte es zu machen gehabt, wahrhaftig! Mr. Tetterby ſuchte auf der ſpaniſchen Wand eine paſſende Sentenz aus, um ſie ſeinen Kindern bei dieſer Gelegenheit einzu⸗ prägen, und las die folgende:„Es iſt eine unbezweifelte That⸗ ſache, daß alle ausgezeichneten Männer ausgezeichnete Mütter gehabt und ſie in ihrem ſpäteren Leben als ihre beſten Freun⸗ dinnen geachtet haben.“ Denkt an Eure ausgezeichnete Mutter, Boz. Der Verwünſchte. 4 4 Jungens, ſagte Mr. Tetterby, und erkennt ihren Werth, ſo lange ſie noch unter Euch iſt! Er ſetzte ſich wieder auf ſeinen Stuhl neben dem Feuer, legte die Beine über einander und nahm die Zeitung hervor. Es ſoll es mir nur Einer wagen, wieder aus dem Bett zu kommen, machte Mr. Tetterby als allgemeine Proclamation in ſehr weichherzigem Tone bekannt, und Erſtaunen ſoll das Loos dieſes geachteten Zeitgenoſſen ſein!— Eine Sentenz, welche Mr. Tetterby abermals der ſpaniſchen Wand verdankte. Johnny, mein Sohn, nimm Deine einzige Schweſter Sally in Acht; denn ſie iſt der ſchönſte Juwel, der jemals auf Deiner jugendlichen Siirn geglänzt hat. Johnny ſetzte ſich auf ein Kinderſtuͤhlchen und ließ ſich in demüthiger Hingebung von Molochs Laſt faſt erdrücken. Ach, welche Wohlthat das Kind iſt, ſagte der Vater, und wie dankbar Du dafür ſein ſollteſt! Es iſt nicht allgemein be⸗ kannt, Johnny,— er las wieder von der ſpaniſchen Wand ab— aber es iſt eine durch genaue Berechnung feſtgeſtellte Thatſache, daß die folgende große Procentzahl der Kinder nie das zweite Jahr erreicht, nämlich— Ach bitte, Vater, höre auf! rief Johnny; ich kann’s nicht ertragen, wenn ich an Sally denke. Mr. Tetterby ſchwieg, und Johnny wiſchte ſich, die ihm ob⸗ liegende Pflicht noch tiefer fühlend, die Augen und lullte ſein Schweſterchen ein, Dein Bruder Dolphehen, ſagte der Vater und ſchürte das Feuer, bleibt heute lange, Johnny, und wird nach Hauſe — 58— kommen wie ein Eisklumpen. Wo bleibt Deine ausgezeichnete Mutter? Da kommt Mutter und Dolphchen auch, Vater, glaube ich, rief Johnny. Du haſt Recht, entgegnete der Vater und lauſchte. Ja, ja, das iſt der Tritt meines kleinen Frauchens. Die Schlußfolgerung, vermöge welcher Mr. Tetterby auf den Gedanken gekommen war, daß ſeine Frau ein kleines Frau⸗ chen ſei, war ſein Geheimniß. Es hätten ſich aus ihr leicht zwei Ausgaben ihres Mannes machen laſſen. Als Individuum be⸗ trachtet war ſie ziemlich kräftig und ſtark gebaut; aber verglichen mit ihrem Manne war ſie imponirend. Daſſelbe war der Fall mit ihren ſieben Söhnen, die ziemlich klein waren. Bei Sally aber war Mrs. Tetterby endlich zur Geltung gekommen, wie Niemand beſſer wußte, als der arme Johnny, der den ſchweren Engel jede Stunde im Tage wog und maß. Mrs. Tetterby, die einkaufen geweſen war und einen großen Korb am Arme trug, legte Hut und Shawl ab, ſetzte ſich ermüdet hin und befahl Johnny, ſeine ſüße Laſt ſogleich zu ihr zu bringen, um dieſelbe zu küſſen. Nachdem Johnny gehorcht hatte und wieder zu dem Stuhle zurückgekehrt war, erbat ſich Mr. Adolph Tetterby, der unterdeſſen ſeinen Torſo aus einem allem Anſchein nach endloſen regenbogenfarbenen Shawl herausgewickelt hatte, dieſelbe Gunſt. Johnny gehorchte abermals und war wie⸗ der zu ſeinem Stuhle zurückgekehrt, als Mr. Tetterby, von einem plötzlichen Gedanken begeiſtert, als Vater denſelben Anſpruch er⸗ hob. Die Befriedigung dieſes dritten Verlangens erſchöpfte ganz 4* und gar das Opfer, das kaum Athem genug fand, um wieder zu ſeinem Stuhl zurückzukehren und ſeine Verwandten anzukeuchen. Was Du immer thun magſt, Johnny, ſagte Mrs. Tetterby mit Kopfſchütteln, nimm ſie in Acht oder komm Deiner Mutter nie wieder vor's Angeſicht. Und auch Deinem Bruder nicht, ſagte Adolph. Und auch Deinem Vater nicht, Johnny, fügte Mr. Tet⸗ terby hinzu. Johnny, ſehr betrübt über dieſe bedingungsweiſe ausge⸗ ſprochene Losſagung, guckte Moloch in die Augen, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſei, klopfte das Kind auf den Rücken und ſchaukelte es mit dem Fuße. Biſt Du naß, Dolphchen? frug der Vater. Komm her auf meinen Stuhl und trockne Dich.⸗ Nein, Vater, ich danke, ſagte Adolph und fuhr ſich mit der Hand über's Geſicht. Ich bin nicht ſehr naß, glaube ich. Glänzt mein Geſicht ſehr, Vater? Nun, es glänzt ein bischen, mein Sohn, erwiederte Mr. Tetterby. 's iſt das Wetter, Vater, ſagte Adolph und rieb ſich die Backen mit dem abgetragenen Aufſchlag ſeiner Jacke. Durch den Regen und den Wind und den Schnee und den Nebel wird mein Geſicht manchmal ganz roth und glänzt dann— ah! Maſter Adolph war auch von der Zeitungs⸗Branche, indem er für ein blühenderes Geſchäft, als das ſeines Vaters war, die Zeitung auf einem Eiſe enbahnhof zu verkaufen hatte, wo ſeine dick⸗ bäckige kleine Perſon einem ſchäbig maskirten Amor glich, und — 553— ſeine gellende Kinderſtimme(er war nicht viel älter als zehn Jahr) ſo bekannt war wie das heiſere Puſten der ein⸗ und auslaufenden Locomotiven. Seine jugendliche Munterkeit hätte vielleicht bei dieſem frühzeitigen Eintritt in das Geſchäftsleben der Gelegen⸗ heit ermangelt, ſich Luft zu machen, wenn ihn nicht ein glücklicher Zufall auf ein Mittel gebracht hätte, ſich zu unterhalten und dem langen Tag eine intereſſante Eintheilung zu geben, ohne das Ge⸗ ſchäft zu vernachläſſigen. Dieſe ſcharfſinnige Erfindung, wie viele große Entdeckungen bemerkenswerth durch ihre Einfachheit, beſtand darin, den Vocal in dem Worte„Blatt“ zu verändern und an ſeine Stelle zu verſchiedenen Zeiten des Tages alle anderen Vocalè in alphabetiſcher Aufeinanderfolge zu ſetzen. So lief er vor Tagesanbruch des Winters auf und ab in ſeiner kleinen Wachstuchmütze und dem kleinen Krägelchen von gleichem Stoffe und dem dicken Shawl und erfüllte die ſchwere Luft mit dem gel⸗ lenden Ruf:„Morgenblatt!“ Etwa eine Stunde vor Mittag verwandelte er es in„Morgenblett!“, gegen zwei Uhr zu„Mor⸗ genblitt!“, gegen vier Uhr zu, Morgenblott!“ und mit der Sonne ſank es zu„Morgenblutt!“ herab, ein Reichthum an Variationen der die gute Laune des Knaben immer aufrecht erhielt. Mrs. Tetterby, ſeine Mutter, die bis jetzt auf dem Stuhl geſeſſen und nachdenklich den Trauring um den Finger gedreht hatte, ſtand auf, legte ihre Ueberkleider vollends ab und fing an den Tiſch zu decken. Ach Gott! Ach Gott! Ach Gott! ſagte Mrs. Tetterby. Wie es in der Welt zugeht! Wie geht es in der Welt zu, liebe Frau? fragte Mr. Tet⸗ terby und blickte über die Achſel. Ach nichts! ſagte Mrs. Tetterby. Mr. Tetterby zog die Brauen in die Höhe, brach ſeine Zei⸗ tung von Neuem zuſammen, ließ ſeinen Blick die Spalten auf und ab gehen, war aber zerſtreut und konnte nicht leſen. Mrs. Tetterby breitete unterdeß das Tiſchtuch aus, aber mehr wie um den Tiſch zu beſtrafen, als um das Familieneſſen fertig zu machen, denn ſie zerklopfte ihn ganz unnöthiger Weiſe mit Meſſer und Gabel, ſchlug ihn mit den Tellern, ſtieß ihn mit dem Salzfaß und traf ihn ſchwer mit dem Brode. Ach Gott! Ach Gott! Ach Gott! ſagte Mrs. Tetterby. Wie es doch in der Welt zugeht! Mein Schatz, entgegnete ihr Mann und ſah ſich wieder um, Du ſagteſt das ſchon vorhin. Wie geht es in der Welt zu? Ach nichts! ſagte Mrs. Tetterby. Sophie, bemerkte ihr Mann, auch das ſagteſt Du ſchon vorhin! Nun, ich will es noch einmal ſagen, wenn es Dir gefällt, entgegnete Mrs. Tetterby. Ach nichts!— Und noch einmal, wenn Dir's gefällt: Ach nichts!— Und noch einwal, wenn Dir's gefällt: Ach nichts!— So! Nr. Tetterby ſah ſein Ehegeſpons an und ſagte mit mildem Erſtaunen: Mein kleines Frauchen, was fehlt Dir? Ich weiß es nicht, erwiederte ſie. Frag mich nicht! Wer hat geſagt, daß mir Etwas fehle? Ich gewiß nicht! 8 —— — 55— Mr. Tetterby gab die Lectüre ſeiner Zeitung auf wie ein ſchlechtes Geſchäft, ging langſam einmal die Stube auf und ab, die Hände auf dem Rücken und die Schultern emporgezogen,— ſein Gang entſprach vollkommen ſeiner reſignirten Weiſe— und ſprach zu ſeinen beiden älteſten Söhnen: Dein Abendeſſen wird die Minute fertig ſein, Dolphchen. Deine Mutter iſt in dem ſchlechten Wetter nach der Garküche gelaufen, um es zu holen. Das war ſehr hübſch von Deiner Mutter. Auch Du wirſt bald Dein Abendbrod bekommen, Johnny, ſehr bald! Deine Mutter iſt zufrieden mit Dir, weil Du auf Dein liebes Schweſterchen ſo Acht haſt! Ohne etwas zu ſagen, aber mit einem ſichtlichen Nachlaſſen in ihrer Erbitterung gegen den Tiſch vollendete Mrs. Tetterby ihre Vorbereitungen und holte aus ihrem großen Korbe ein derbes Stück warmen Erbſen⸗Pudding hervor, in Papier eingeſchlagen, und eine mit einem Teller zugedeckte Schüſſel, aus der nach der Entfernung des Deckels ein ſo angenehmer Duft hervorſtieg, daß die drei Paar Augen in den beiden Betten ſich weit auf⸗ thaten und auf das feſtliche Mahl ſtarrten. Ohne dieſe ſtumme Einladung zu beachten, blieb Mr. Tetterby ſtehen und wiederholte langſam: Ja, ja, Euer Eſſen wird die Minute fertig ſein. Dolphchen, Deine Mutter ging in dem ſchlechten Wetter nach der Garküche, um es zu holen. Das war ſehr gütig von Deiner Mutter— bis Mrs. Tetterby, die hinter ſeinem Rücken verſchiedene Zeichen der Zerknirſchung gemacht hatte, ihm plötzlich um den Hals fiel und weinte. — — 56— Ach, Dolph, ſagte Mrs. Tetterby, wie habe ich nur ſo ſein können! Dieſe Ausſöhnung rührte Adolph den Jüngeren und Johnny dermaßen, daß Beide wie auf ein Zeichen ein lautes Klaggeſchrei anſtimmten, was ſofort zur Folge hatte, daß die runden Augen in den Betten ſich ſchloſſen und die beiden anderen kleinen Tet⸗ terby's, die ſich eben aus der anſtoßenden Kammer hereinſchlichen, um zu ſehen, was hinſichtlich des Eſſens los ſei, eiligſt den Rück⸗ zug antraten. Wahrhaftig, Dolphchen, ſchluchzte Mrs. Tetterby, als ich nach Hauſe kam, dachte ich nicht mehr daran, als ein ungeborenes Kind— Mr. Tetterby ſchien an dieſer Redefigur keinen Gefallen zu finden und bemerkte: Sage lieber, als das Wickelkind, liebe Frau! — dachte nicht mehr daran, als das Wickelkind, ſagte Mrs. Tetterby.— Johnny, ſieh mich nicht an, ſondern das Kind; ſonſt fällt es Dir aus dem Schooße und fällt ſich todt, und dann ſtirbſt Du in aller Qual eines gebrochenen Herzens, und da geſchieht Dir recht.— Ich dachte eben ſo wenig daran, als das Würmchen, übler Laune zu ſein, als ich nach Hauſe kam; aber ich weiß nicht, Dolph— Mrs. Tetterby ſtockte und drehte und drehte wieder den Trauring um ihren Finger. Ich verſtehe, ich verſtehe, ſagte Mr. Tetterby)y. Meinem Frauchen war etwas in die Quere gekommen. Schlimme Zeiten und ſchlimmes Wetter und ſchlimme Arbeit machen das Leben manch⸗ mal ſchwer genug. Ich verſtehe! 1 — 57— Dolphchen, fuhr Mr. Tetterby fort und forſchte mit der Gabel in der Schüſſel, da hat Deine Mutter in der Garküche außer dem Erbſen⸗Pudding ein ganzes Schinkenbein gekauft mit ſchöner brauner Kruſte darauf und Sauce und Senf dazu in unerſchöpflicher Menge.— Gieb den Teller her, Junge, und iß, ſo lange es noch warm iſt. Ohne ſich zum zweiten Male auffordern zu laſſen, nahm Adolph ſeinen Theil in Empfang mit Augen, die vor Appetit ganz feucht wurden, und zog ſich dann auf ſeinen Stuhl zurück, wo er ſich mit großem Eifer über ſein Eſſen hermachte. Johnny wurde nicht vergeſſen, ſondern erhielt ſeinen Theil auf Brod, da⸗ mit er nichts auf das Wickelkind tropfe. Aus gleichem Grunde ſollte er ſeinen Pudding in der Taſche behalten, ſo oft er nicht im Dienſte war. Es hätte mehr Fleiſch an dem Schinkenbein ſein können, denn der Vorſchneider beim Garkoch hatte ſchon viel daran her⸗ um geſchnitten für frühere Kunden, aber an Würze fehlte es nicht, und das iſt eine Zugabe, die leiſe an Schweinefleiſch er⸗ innert und den Geſchmacksſinn auf angenehme Weiſe täuſcht. Auch der Erbſen⸗Pudding und die Sauce und der Senf hatten wie des Oſtens Roſe neben der Nachtigall, wenn ſie nicht gerade Schweinefleiſch waren, doch in ſeiner Nähe gelebt, ſo daß im Ganzen Duft und Geſchmack von einem Schweine mittlerer Größe vorhanden war. Dem konnten die Tetterby's im Bett nicht wi⸗ derſtehen, und obgleich ſie ſich ſtellten, als ob ſie ruhig ſchliefen, ſchlüpften ſie doch aus den Federn, ſo wie die Eltern den Rücken wandten, und baten ſtumm die Brüder um einen gaſtronomiſchen — 58.— Beweis brüderlicher Liebe. Dieſe, durchaus nicht hartherzig, gaben ihnen einige Biſſen, und die Folge davon war, daß die Kleinen in Nachtjäckchen während des ganzen Eſſens lebhafte Bewegungen aus dem Bett nach den Stühlen und zurück aus⸗ führten, was Mr. Tetterby außerordentlich beläſtigte und ihm ein⸗oder zweimal die Nothwendigkeit auferlegte, einen Angriff zu machen, vor welchem ſich dieſe Guerrillastruppen nach allen Richtungen und in großer Verwirrung zurückzogen. Der Mrs. Tetterby ſchmeckte das Eſſen nicht; es ſchien ihr etwas auf dem Herzen zu liegen. Erſt lachte ſie ohne Grund und dann weinte ſie ohne Grund, und dann lachte und weinte ſie zugleich auf eine ſo wunderliche Weiſe, daß ihr Mann nicht daraus klug werden konnte. Frauchen, ſagte Mr. Tetterby, wenn es in der Welt ſo zu⸗ geht, ſo geht es nicht mit rechten Dingen zu. Gieb mir einen Tropfen Waſſer, ſagte Mrs. Tetterby, be⸗ müht, ihre Bewegung zu bemeiſtern, und ſprich jetzt nicht mit mir und beachte mich weiter nicht! Bitte, thue es nicht! Nachdem Mr. Tetterby ihr das Waſſer gereicht, wandte er ſich plötzlich gegen den unglücklichen Johnny, der von Theilnahme überfloß, und frug ihn, warum er auf ſeinem Stuhle in Faulheit ſchwelge, anſtatt mit dem Wickelkind vorzutreten, damit ſein An⸗ blick das Herz ſeiner Mutter erfreue? Johnny gehorchte ſofort, faſt niedergedrückt von der Laſt; aber da Mrs. Tetterby ihre Hand abwehrend ausſtreckte zum Zeichen, daß ſie nicht im Stande ſei, ihr Gefühl auf dieſe harte Probe ſtellen zu laſſen, ſo verbot ihm der Vater, nur einen Zoll weiter zu gehen, bei Strafe ewigen — 59— Haſſes von allen ſeinen theuren Angehörigen; und er zog ſich demnach mit ſeiner Laſt nach ſeinem Stuhle zurück. Nach einer Pauſe ſagte Mrs. Tetterby, es ſei ihr beſſer, und fing an zu lachen. Mein Frauchen, ſagte ihr Mann mit Kopfſchütteln, weißt Du auch ganz gewiß, daß Dir beſſer iſt? Oder ſoll's vielleicht in einer andern Richtung wieder losgehen, Sophie? Nein, Adolph, nein, erwiederte ſeine Frau. Es iſt mir jetzt wieder ganz recht. Sie ſtrich ſich das Haar glatt, drückte die Hände vor die Augen und fing abermals an zu lachen. Was ich für eine böſe Närrin war, nur einen Augenblick lang auf ſolche Gedanken zu kommen! ſagte Mrs. Tetterby. Rücke näher, Adolph, ich muß Dir mein Herz ausſchütten und erzählen, was ich gedacht habe. Ich will Dir Alles ſagen. Mr. Tetterby rückte ſeinen Stuhl näher heran, Mrs. Tet⸗ terby lachte wieder, gab ihm einen Kuß und wiſchte ſich die Augen. Du weißt, Männchen, ſagte Mrs. Tetterby, als ich noch le⸗ dig war, hätte ich verſchiedene Leute heirathen können. Zu einer Zeit hatte ich vier Bewerber auf einmal; darunter waren die zwei Sergeanten— weißt Du? Ja, ja, ſagte Mr. Tetterby. Nun ſieh, Adolph, ich denke jetzt gewiß nicht an ſolche Dinge, um hier mein Loos zu beklagen; und ich weiß, daß ich einen ſo guten Ehemann bekommen habe und ſo viel thun würde, um zu beweiſen, daß ich ihn lieb habe, wie— — 60— Wie jedes kleine Frauchen auf der Welt, ſagte Mr. Tetterby. Sehr gut, ſehr gut. 3 Wenn Mr. Tetterby zehn Fuß hoch geweſen wäre, ſo hätte er keine zartere Rückſichtsnahme auf Mrs. Tetterby's feenhafte Geſtalt an den Tag legen können; und wäre Mrs. Tetterby kaum zwei Fuß hoch geweſen, ſo hätte ſie ihren Dank dafür nicht mehr zeigen können. Aber ſiehſt Du, ſagte Mrs. Tetterby, heute zum Weihnachts⸗ abend, wo Alle, die es thun können, ſich einen Feiertag machen und Alle, die Geld haben, etwas ausgeben, wurde ich, ich weiß nicht wie, ein bischen ärgerlich. Auf der Straße draußen war ſo viel zu verkaufen, ſo ſchöne Sachen zum Eſſen, ſo köſt⸗ liche Dinge zu ſchauen und ſo herrliche Sachen zu haben— und da hatte ich ſo viel zu rechnen und zu rechnen, ehe ich nur einen Sixpence für die allergewöhnlichſte Sache ausgeben durfte; und der Korb war ſo groß, und es war ſo viel Platz darin, und mein Geldvorrath war ſo klein und wollte ſo ſehr geſchont ſein.— Du ſagſt, das iſt abſcheulich, Adolph. Noch nicht, ſagte Mr. Tetterby. Nun, ich will Dir Alles ſagen, fuhr ſeine Frau bußfertig fort, und dann giebſt Du es vielleicht zu. So ſehr fühlte ich dies, als ich draußen in der Kälte herumlief und eine Menge anderer berechnender Geſichter mit großen Körben herumlaufen ſah, daß ich anfing zu denken, ob ich nicht beſſer gethan hätte und glücklicher geweſen wäre, wenn— wenn— der Trauring wurde wieder um den Finger gedreht und Mrs. Tetterby ſchüt⸗ telte dabei das geſenkte Haupt. Ich verſtehe, ſagte ihr Mann ruhig; wenn Du gar nicht oder einen Andern geheirathet hätteſt! Ja, ſchluchzte Mrs. Tetterby. Das habe ich wirklich gedacht Iſt das nicht abſcheulich, Adolph? Hm— nein, ich finde das noch nicht, ſagte Mr. Tetterby. Mrs. Tetterby gab ihm einen dankbaren Kuß und ſprach weiter: Ich hoffe jetzt faſt, Du wirſt es auch hernach nicht ſagen Adolph, obgleich ich fürchte, ich habe das Schlimmſte noch nicht erzählt. Ich weiß gar nicht, was mir zuſtieß. Ich weiß nicht, ob ich krank war oder verrückt oder was ſonſt; aber ich konnte mich an nichts erinnern, was uns an einander knüpfte oder was mich mit meinem Schickſale ausſöhnen konnte. Alle Freuden und Genüſſe, die wir je gehabt, erſchienen mir ſo armſelig und un bedeutend, daß ich ſie ordentlich haßte. Ich hätte ſie mit Füßen treten können. Und ich konnte an weiter nichts denken, als an unſere Armuth und an die vielen Mäuler, die zu Hauſe auf mich warteten. Das iſt freilich wahr, ſagte Mr. Tetterby und drückte ihr ermuthigend die Hand. Wir ſind arm und haben viele Mäuler im Hauſe. 3 Ach aber, Dolph, Dolph, rief die Frau und umſchlang ihn. Mein lieber, guter, geduldiger Mann, als ich nur ein paar Mi⸗ nuten zu Hauſe war— wie anders! Ach, lieber Dolph, wie anders war es da! Es war mir, als ob ein ganzer Strom von Erinnerungen über mich käme, der mein hartes Herz erweichte und es anfüllte zum Ueberſtrömen. Alle unſere Anſtrengungen, — 68— uns den Lebensunterhalt zu erwerben, alle unſere Sorgen und Entbehrungen, ſeitdem wir verheirathet ſind, alle Tage der Krank⸗ heit, alle die Stunden, die wir bei einander oder bei den Kindern durchwacht„ſchienen zu mir zu reden und zu ſagen, daß ſie uns in Eins verſchmolzen, und daß ich nie hätte etwas Anderes ſein können und wollen, als das Weib und die Mutter, die ich jetzt bin. Und dann wurden die wohlfeilen Freuden, die ich vorhin ſo ſehr verachtet hatte, mir ſo koſtbar, ach, ſo unbezahlbar und werth, daß es mich ſchmerzt, daran zu denken, wie ich ſie ver⸗ ſchmäht hatte; und ich ſagte und ſage es noch hundertmal: wie konnte ich nur jemals ſo ſein, Adolph, und wie konnte ich das Herz dazu haben?. Die gute Frau, ganz außer ſich vor aufrichtiger Zärtlichkeit und Reue, ließ ihren Thränen freien Lauf, als ſie plötzlich mit einem Schrei aufſprang und hinter ihrem Gatten Schutz ſuchte. So angſtvoll war der Schrei, daß die Kinder aus ihrem Schlum⸗ wer erwachten und aus dem Bette krochen und ſich an ſie an⸗ klammerten. Auch entſprach ihr Antlitz ihrer Stimme, als ſie auf einen blaſſen Mann in einem ſchwarzen Mantel deutete, der in das Zimmer getreten war. Sieh dieſen Mann! Sieh hin! Was will er? Liebe Frau, erwiederte ihr Gatte, ich will ihn fragen, wenn Du mich losläßt. Was giebt's? Wie Du zitterſt! Ich begegnete ihm auf der Straße, als ich das Fleiſch holte. Er ſah mich an und ſtand neben mir. Ich fürchte mich vor ihm. Du fürchteſt Dich vor ihm? Warum? — 62— Ich weiß nicht warum— ich— bleib', Mann! Denn er wollte auf den Fremden zugehen. Sie hatte die eine Hand an die Stirne gedrückt und die an⸗ dere auf die Bruſt; eine eigenthümliche Aufregung hatte ſich ihrer bemächtigt, und ihre Augen ſchweiften unruhig und forſchend um⸗ her, als hätte ſie etwas verloren. Iſt Dir unwohl, liebe Frau? Was geht jetzt wieder vor mit mir? ſagte ſie leiſe vor ſich hin. Dann antwortete ſie kurz: Unwohl? Nein, mir iſt ganz wohl! Und ſie ſtarrte mit leerem Blick auf den Fußboden. Ihr Mann, der Anfangs von ihrem Schrecken nicht ganz unangeſteckt geblieben war und den die Seltſamkeit ihres Beneh⸗ mens nicht ſehr beruhigen konnte, redete den bleichen Gaſt im ſchwarzen Mantel, der mit zu Boden geſenkten Augen an der Thüre ſtehen geblieben war, an. Was beliebt Ihnen, Sir? frug er. Ich befürchte, mein unbemerktes Hereintreten hat Sie er⸗ ſchreckt, erwiederte Jener; aber Sie ſprachen mit einander und hörten mich nicht. Mein kleines Frauchen ſagte— Sie haben es vielleicht ge⸗ hört, ſagte Mr. Tetterby, daß dies heute Abend nicht das erſte Mal iſt, wo ſie von Ihnen erſchreckt wird. Das thut mir leid. Ich entfinne mich, daß ich ſie auf der Straße ſah. Ich hatte nicht die Abſicht, ſie zu erſchrecken. Als er beim Sprechen aufblickte, erhob auch ſie ihre Augen. Merkwürdig war die Scheu, die ſie vor ihm hatte, und das — 64— Bangen, mit dem ſie ihn beobachtete und doch ſo geſpannt und forſchend beobachtete. Ich heiße Redlaw, ſagte er. Ich wohne in dem alten Col⸗ legium dicht nebenan. Ein junger Herr, der dort ſtudirt, wohnt bei Ihnen, nicht wahr? Mr. Denham? ſagte Tetterby. Ja! Es war eine ganz natürliche Geberde und ſo wenig auf⸗ fällig, daß ſie kaum bemerkt wurde; aber ehe er wieder antwor⸗ tete, ſtrich ſich der kleine Mann mit der Hand über die Stirn und ließ raſch ſeinen Blick durch das Zimmer ſchweifen, als ob ſich ihm eine Veränderung in ſeiner Atmoſphäre bemerklich mache. Der Chemiker ſah ihn mit demſelben ſcheuen Blick an wie vorher ſeine Frau, trat zurück und ſein Geſicht wurde bläſſer. Der Herr wohnt eine Treppe höher, ſagte Tetterby. Seine Wohnung hat noch einen beſonderen Eingang; aber da Sie ein⸗ mal hier in der Stube ſind, ſo brauchen Sie nicht erſt wieder in die Kälte hinauszugehen, wenn Sie hier die paar Stufen hinauf ſteigen wollen, und er zeigte ihm eine Treppe, die unmittelbar in das obere Zimmer hinauf führte. 2 Ja, ich will hinauf zu ihm, ſagte der Chemiker. Können Sie ein Licht entbehren? Die unruhige Spannung, die ſich in ſeinen düſteren Augen ausdrückte, und das unerklärliche Mißtrauen, welches darin wohnte, ſchien Mr. Tetterby zu beunruhigen. Er ſchwieg, ſah ihn ſtarr an und blieb wie erſtaunt ein oder zwei Minuten lang auf einem Flecke ſtehen. 1 +⏑8——O:——— — 65— Endlich ſagte er, ich will Ihnen leuchten, Sir! wenn Sie mir folgen wollen. Nein, entgegnete der Chemiker, ich wünſche nicht, daß man mich begleitet oder bei ihm anmeldet. Er erwartet mich nicht. Ich will lieber allein gehen. Bitte, geben Sie mir ein Licht, wenn Sie es entbehren können, und ich will mich ſchon hinauf finden. Indem er dem Zeitungsverkäufer das Licht aus der Hand nahm, berührte er des Mannes Bruſt. Raſch zog er die Hand zurück, als ob er ihn durch Zufall verletzt hätte(denn er wußte nicht, welcher Theil ſeines Körpers die neue Kraft beſaß oder wie ſie ſich mittheilte), wendete ſich ab und ſtieg die Treppe hinauf. Aber wie er die oberſte Stufe erreichte, blieb er ſtehen und ſah hinab. Die Frau ſtand noch auf derſelben Stelle und drehte ſinnend den Trauring um ihren Finger. Der Mann hatte das Haupt auf die Bruſt ſinken laſſen und brütete mürriſch vor ſich hin. Die Kinder, immer noch um ihre Mutter ſich drängend, blickten ſchüchtern zu dem Fremden hinauf und ſchloſſen ſich dich⸗ ter an einander, wie ſie ihn herabblicken ſahen. Fort! ſagte der Vater barſch. Ich habe es jetzt ſatt. Macht, daß Ihr zu Bette kommt! Die Stube iſt eng genug ohne Euch, ſetzte die Mutter hinzu. Macht, daß Ihr zu Bette kommt! Verſchüchtert und betrübt kroch die ganze Schaar hinaus; der kleine Johnny und das Wickelkind machten die Nachzügler. Die Mutter warf einen verächtlichen Blick auf die ärmliche Stube, ſchob die Ueberreſte des Mahles verdroſſen von ſich und ſetzte ſich hin, in mürriſches Nachſinnen verloren. Der Vater nahm in der Boz. Der Verwünſchte. 5 Kaminecke Platz, ſchürte ungeduldig das kaͤrgliche Feuer und beugte ſich darüber, als ob er alles allein für ſich nehmen wollte. Sie wechſelten kein Wort mit einander. Bleicher als vorhin noch ſchlich der Chemiker die Treppe hin⸗ auf wie ein Dieb, ſah hinab auf die plötzlich veränderte Scene und ſchien ſich eben ſo ſehr vor dem Weitergehen wie vor dem Umkehren zu ſcheuen. Was habe ich gethan, rief er, was will ich jetzt thun! Der Wohlthäter der Menſchheit ſein, ſo ſchien ihm eine Stimme zu ſagen. Er ſah ſich um, aber es war Nichts da; und da eine Wendung der Treppe die kleine Stube unten ſeinem Blicke entzog, ſetzte er ſeinen Weg fort ohne weiter umzuſchauen. Erſt ſeit geſtern Abend, ſprach er trübe vor ſich hin, bin ich nicht ausgegangen und doch kommt mirAlles ſo fremd vor. Ich komme mir ſelbſt fremd vor. Mir iſt, als ob ich in einem Traume hieher gekommen wäre. Welches Intereſſe fühle ich für dieſen Ort oder für jeden anderen, den ich mir ins Gedächtniß zurückrufen kann? Mein Geiſt iſt blind geworden! Er ſtand vor einer Thür, klopfte und trat auf ein drinnen ertönendes Herein ins Zimmer. 3 Iſt es meine freundliche Wärterin? ſagte die Stimme. Aber ich brauche nicht erſt zu fragen, es kommt Niemand ſonſt her. Die Stimme klang heiter, obgleich ſchwach, und lenkte ſeine Aufmerkſamkeit auf einen jungen Mann, der auf einem Sopha lag, das, mit der Rücklehne gegen die Thür gekehrt, vor einem Kamine ſtand. In einem ſo kleinen Kamine, daß es kaum das 4 4* —— Zimmer erwärmen konnte, brannte das Feuer, dem er das Geſicht zuwendete. Da es dem Ausgange der Eſſe ſo nahe war, ſo brannte es flackernd und laut, und die ausgeglimmte Aſche fiel raſch durch den Roſt. Die praſſeln, wenn ſie hinunterfallen, ſagte der Student lä⸗ chelnd, das bedeutet alſo, wie die Leute ſagen, nicht Särge, ſon⸗ dern Geldbeutel. Wenn Gott will, werde ich eines Tages noch geſund und reich werden, und vielleicht lange genug leben, um eine Tochter Milly zu lieben, aus dankbarer Erinnerung an das herrlichſte Gemüth und das ſanfteſte Herz in der Welt. Er ſtreckte die Hand aus, als ob er erwarte, daß ſie dieſelbe nähme, aber da er noch ſchwach war, blieb er liegen, das Geſicht auf die andere Hand geſtützt, und drehte ſich nicht um. Der Chemiker ſah ſich im Zimmer um, betrachtete die Bü⸗ cher des Studenten auf einem Tiſche in der Ecke, wo ſie und die ausgelöſchte Studirlampe, die jetzt verpönt und bei Seite ge⸗ ſtellt war, Zeugniß ablegten von den fleißigen Stunden, die ſei⸗ ner Krankheit vorher gegangen waren und ſie vielleicht veranlaßt hatten; betrachtete die Anzeichen früherer Geſundheit und Frei⸗ heit, wie die für die Straße beſtimmte Kleidung, die müßig an der Wand hing; die Erinnerungen an eine andere und weniger einſame Umgebung, die kleinen Miniaturen über dem Kamin und die Abbildung des Vaterhauſes; das Zeichen ſeines ehrgeizigen Zieles und vielleicht auch ſeiner perſönlichen Zuneigung, ſein(des Beſchauers) eingerahmtes Bild. Es war eine Zeit geweſen— geſtern noch— wo nicht ein einziger dieſer Gegenſtände in ih⸗ ren entfernteſten Beziehungen zu der lebenden Geſtalt vor ihm 5* — 6s— ohne Eindruck auf Redlaw geblieben wäre. Jetzt waren ſie ihm blos Sachen, oder wenn noch eine ſchwache Erinnerung in ihm auflebte, ſo verwirrte ſie ihn, wie er da ſtand und mit träger Verwunderung ſich umſah. Der Student, der ſeine Hand nicht berührt fühlte, hob jetzt das Haupt und ſah ſich um. Mr. Redlaw! rief er aus und fuhr empor. Redlaw ſtreckte den Arm aus und ſagte: Kommen Sie nicht näher. Ich will hier ſitzen bleiben. Blei⸗ ben Sie, wo Sie ſind! Er ſetzte ſich auf einen Stuhl an der Thür, und nachdem er einen Blick auf den Jüngling geworfen, der die Hand auf die Sophalehne ſtützend daſtand, ſprach er weiter mit zu Boden ge⸗ ſenkten Augen. Ich hörte durch Zufall, durch welchen iſt gleichgültig, daß ein Student aus meiner Klaſſe krank und hülflos ſei. Ich hörte weiter Nichts von ihm, als daß er in dieſer Straße wohne. Ich fing in dem erſten Hauſe der Straße an mich zu erkundigen und habe Sie jetzt gefunden. Ich bin krank geweſen, Sir, erwiederte der Student, nicht blos mit beſcheidener Zurückhaltung, ſondern mit einer Art Scheu vor ihm, habe mich aber ſchon ſehr erholt. Ein Fieberanfall — Nervenfieber glaube ich— hatte mich ſehr geſchwächt, aber ich bin ſchon weit in der Geneſung vorgeſchritten. Ich kann nicht ſagen, ich wäre hülflos geweſen in meiner Krankheit, ſonſt vergäße ich die freundliche Hand, die mich niemals verlaſſen hat. Sie ſprechen von der Frau des Caſtellans, ſagte Redlaw. — 69— Ja! Der Student neigte den Kopf, als ob er ihr eine ſtille Huldigung darbrächte. Der Chemiker, der ſich von einer kalten eintönigen Apathie beherrſcht fühlte, die ihn mehr dem Marmorbilde auf dem Grabe des Mannes, der geſtern bei der erſten Erwähnung von des Studen⸗ ten Krankheit aufgeſprungen war, als dieſem Manne ſelbſt ähn⸗ lich machte, ſah wieder den Studenten, den Fußboden und die Luft an, als ob er Erleuchtung ſuche für ſeinen erblindeten Geiſt. Ich erinnerte mich Ihres Namens, ſagte er, als ich ihn vor⸗ hin in der Stube hörte; und ich beſinne mich auf Ihr Geſicht. Wir ſind nur wenig in perſönliche Berührung mit einander ge⸗ kommen? Sehr wenig. Ich glaube, Sie haben ſich mehr als die Anderen von mire, 4 fern gehalten? Der Student verbeugte ſich beiſtimmend. Und warum? ſagte der Chemiker, ohne im Mindeſten Theil⸗ nahme zu zeigen, ſondern blos mit einer mürriſchen, wie zufällig entſtandenen Neugierde. Warum? Wie kommt es, daß Sie mir abſichtlich verhehlt haben, daß Sie in dieſer Zeit des Jahres, wo alle Uebrigen verreiſet ſind, hier geblieben und krank gewor⸗ den ſind? Ich frage, warum das? Der Jüngling, der ihn mit wachſender Aufregung angehört hatte, erhob jetzt die zu Boden geſenkten Augen, ſchlug die Hände zuſammen und rief mit bebenden Lippen: Mr. Redlaw! Sie ha⸗ ben mich durchſchaut. Sie kennen mein Geheimniß! Ihr Geheimniß? ſagte der Chemiker barſch. — 10— Ja! Ihre von dem Intereſſe und der Theilnahme, die Sie ſo vielen Herzen theuer machen, ſo verſchiedene Weiſe, Ihre ver⸗ anderte Stimme, das Gezwungene in Ihren Worten und in Ih⸗ ren Blicken ſagen mir, daß Sie mich kennen, entgegnete der Student. Daß Sie mir es jetzt noch verhehlen wollen, iſt mir nur ein neuer Beweis(Gott weiß es, daß ich keinen brauche!) von Ihrer angeborenen Herzensgüte und der Kluft, die zwiſchen uns iſt. Ein verächtliches Lachen war ſeine einzige Antwort. Aber, Mr. Redlaw, ſagte der Student, als ein gerechter und ein guter Mann bedenken Sie, wie wenig Theil ich habe, außer im Namen und der Abkunft, an dem Unrechte, das Ihnen geſche⸗ hen, oder an dem Schmerze, den Sie getragen. Schmerz! ſagte Redlaw lachend. Unrecht! Was ſind mir dieſe? Um des Himmels Willen, bat der Student ſchüchtern, laſ⸗ ſen Sie ſich von ein paar Worten, die Sie mit mir wechſeln, nicht noch mehr verändern, Sir! Laſſen Sie mich wieder ver⸗ ſchwinden aus Ihrem Gedächtniſſe. Laſſen Sie mich meinen al⸗. ten entfernten Platz unter denen, welche Sie unterrichten, wieder einnehmen. Kennen Sie mich wieder blos unter dem Namen, den ich annahm, und nicht als Langford— Langford! rief der Andere aus. Er fuhr mit beiden Händen nach der Stirn und wendete dem Jünglinge einen Augenblick lang ſein altes, geiſtvolles und nach⸗ denkliches Geſicht zu. Aber das Licht ſchwand wieder wie ein flüchtiger Sonnenſtrahl, und es umwölkte ſich wieder wie früher. — 71— Der Name, den meine Mutter führt, Sir! ſagte der Jüng⸗ ling verlegen; der Name, den ſie wählte, als ſie vielleicht einen geehrteren hätte bekommen können. Mr. Redlaw, fuhr er zögernd fort, ich glaube, ich kenne dieſe Vorfälle. Wo mein Wiſſen nicht ausreicht, ergänzen meine Vermuthungen die Lücke, bis das Ganze der Wahrheit ziemlich nahe kommt. Ich bin das Kind einer Che, die ſich als nicht glücklich auswies. Von Kindheit auf hörte ich von Ihnen ſprechen mit hoher Achtung— faſt mit Ehrfurcht. Von ſolcher Hingebung, von ſolcher Standhaſtigkeit und Herzensweichheit, von ſolchem Ankämpfen gegen Hinderniſſe, welche den Menſchen niederzuſchmettern drohen, habe ich vernom⸗ men, daß meine Phantaſie, ſeitdem ich meine kleine Lection von meiner Mutter lernte, Ihren Namen mit Glanz umwob. Und endlich, konnte ich, ſelbſt ein armer Student, von einem Anderen beſſer lernen als von Ihnen? Unbewegt und unverändert und ihn blos mit einem inhalts⸗ leeren Blicke anſtarrend, antwortete Redlaw weder mit Worten noch durch Geberden. Ich kann nicht ausdrücken, fuhr der Andere fort, und ich würde mich vergeblich darum bemühen, wie ſehr es mich gerührt hat, als ich die ſchönen Spuren der Vergangenheit in der Macht, ſich Dankbarkeit und Vertrauen zu erwerben, fand, welche ſich bei uns Studenten an Mr. Redlaw's Namen knüpft. Wir ſind an Alter und Stellung ſo verſchieden von einander, Sir, und ich bin ſo gewohnt, Sie nur aus der Ferne zu betrachten, daß ich mich über meine eigene Keckheit wundere, wenn ich, obgleich nur leiſe, dieſen Gegenſtand berühre. Aber einem Mann, der, ich darf — 2— es wohl ſagen, einſt für meine Mutter eine nicht gewöhnliche Theilnahme fühlte, iſt es vielleicht nicht ganz gleichgültig, jetzt, wo Alles vorüber iſt, zu vernehmen, mit wie unbeſchreiblicher Liebe ich ihn aus meinem Dunkel betrachtet habe, mit welchem Schmerze ich mich von ihm fern hielt, wenn ein Wort von ihm mich reich gemacht hätte, und wie ſehr ich doch fühlte, daß ich recht that, auf dieſer Bahn zu bleiben, zufrieden ihn zu kennen und ſelbſt ungekannt zu bleiben. Mr. Redlaw, ſagte der Stu⸗ dent ſchüchtern, was ich geſagt habe, habe ich nicht glücklich ausgedrückt, denn ich kenne meine Kraft noch nicht; aber wenn etwas Unwürdiges iſt in der Täuſchung, die ich mir habe zu Schulden kommen laſſen, ſo verzeihen Sie mir, und in allem Uebrigen vergeſſen Sie mich! Der inhaltsleere und doch grollende Ausdruck ſchwand nicht aus Redlaw's Geſicht, und veränderte ſich erſt, als ſich der Stu⸗ dent mit dieſen Worten näherte und ſeine Hand ergreifen wollte. Da trat er zurück und rief ihm zu: Kommen Sie mir nicht zu nahe! Der Jüngling blieb ſtehen, abgeſchreckt von der Heftigkeit dieſer Zurückweiſung, und fuhr mit der Hand nachdenklich über die Stirn. Vergangen iſt vergangen, ſagte der Chemiker. Das Sonſt ſtirbt wie das unvernünftige Thier. Wer redet mir von ſeinen Spuren in meinem Leben? Er faſelt oder lügt! Was gehen mich Ihre kranken Träume an? Wenn Sie Geld brauchen, hier iſt welches. Ich kam her, um es Ihnen zu bringen, das war der einzige Zweckmeines Kommens. Weiter kann ich hier nichts gewollt — 3— haben, murmelte er vor ſich hin und legte die Hände wieder an die Stirn. Weiter kann ich nichts gewollt haben und doch— Er hatte ſeine Börſe auf den Tiſch geworfen. Wie er jetzt in Nachſinnen verſank, nahm ſie der Student und hielt ſie ihm ent⸗ gegen. Nehmen Sie dieſelbe wieder, Sir, ſagte er ſtolz, obgleich nicht erzürnt. Ich wünſchte, Sie könnten mit ihr zugleich die Erinnerungen an Ihre Worte und Ihr Anerbieten mit zurück⸗ nehmen. Wünſchen Sie das? erwiederte Jener mit einem ſeltſamen Flackern in ſeinen Augen. Wünſchen Sie es? Ich wünſche es! Der Chemiker trat jetzt zum erſten Male dicht an ihn heran, nahm die Börſe, ergriff ſeinen Arm und ſah ihm ins Geſicht. Die Krankheit bringt Schmerz und Sorge, nicht wahr? ſagte er mit einem Lachen. Der Student erwiederte verwundert: ja. Ihre Ruheloſigkeit, ihre Angſt, ihre Ungewißheit und ihr ganzes Gefolge von Leiden des Körpers und des Geiſtes, ſagte der Chemiker mit einem ſeltſamen Frohlocken, iſt es nicht am Be⸗ ſten, man vergißt es? Der Student antwortete nicht, ſondern fuhr wieder mit der Hand wie zerſtreut über die Stirne. Redlaw hielt ihn immer noch am Arme gefaßt, als man draußen Milly's Stimme vernahm. Ich kann jetzt ſchon ſehen, ſagte ſie, ich danke, Dolph. Weine nicht Kind, Vater und Mutter werden morgen ſchon wieder gut ſein, und dann iſt es auch wieder hübſch zu Hauſe. Ein Herr iſt bei ihm, ſo! ſ— Redlaw ließ den Studenten los und horchte. Ich habe mich von dem erſten Augenblicke an geſcheut, ihr zu begegnen, ſagte er vor ſich hin. Es wohnt in ihr eine ausdau⸗ ernde Güte, die ich zu verderben fürchte. Ich kann das tödten, was das Schönſte und Beſte in ihrem Herzen iſt. Sie klopfte draußen. Soll ich es als eine nichtige Ahnung mißachten oder ſie den⸗ noch meiden? murmelte er vor ſich hin und ſah ſich unruhig um. Sie klopfte wieder. B Von Allen, die hieher kommen können, ſagte er mit erregter Stimme, möchte ich dieſe Eine am wenigſten hier ſehen. Ver⸗ bergen Sie mich! Der Student öffnete eine Breterthür in der Wand, die in ein kleines Dachſtübchen führte. Redlaw trat raſch hinein und ſchloß die Thür hinter ſich. Der Student nahm jetzt ſeinen Platz auf dem Sopha wie⸗ der ein und rief: herein! Lieber Mr. Edmund, ſagte Milly und ſah ſich um, ſie ſag⸗ ten mir, es wäre ein Herr hier. Es iſt Niemand hier als ich. Es iſt aber Jemand hier geweſen? Ja, es war Jemand hier. Sie ſetzte ihr Körbchen auf den Tiſch und näherte ſich dem Sopha, wie um die ausgeſtreckte Hand zu ergreifen— aber ſie war nicht da. Ein wenig überraſcht, beugte ſie ſich über ihn und berührte leiſe ſeine Stirn. dd. ne — 75— Sind Sie ganz wohl heute Abend? Ihre Stirn iſt heißer als heute Nachmittag. Nein, ſagte der Student launiſch, es fehlt mir nichts. Etwas mehr Erſtaunen, aber kein Vorwurf ſprach ſich in ihrem Geſichte aus, als ſie wieder nach der andern Seite des Ti⸗ ſches ging und aus ihrem Korbe ein kleines Päckchen Nadelar⸗ beit herausholte. Aber ſie legte ſie wieder hin und bewegte ſich geräuſchlos im Zimmer herum, ſetzte jeden Gegenſtand an ſeine gehörige Stelle und in die beſte Ordnung, ſelbſt die Kiſſen des Sopha's, die ſie mit ſo leichter Hand berührte, daß er es kaum zu merken ſchien, wahrend er dalag und in das Feuer blickte. Als ſie damit fertig war und den Heerd rein gekehrt hatte, ſetzte ſie ſich wieder hin in ihrem beſcheidenen Mützchen und arbeitete in geräuſchloſer Geſchäftigkeit. Es iſt der neue Muſſelin⸗Vorhang vor das Fenſter, Mr. Ed⸗ mund, ſagte Milly, ohne ihr Nähen zu unterbrechen. Er wird ganz hübſch ausſehen, obgleich er ſehr wenig koſtet, und wird auch Ihre Augen vor dem Lichte ſchützen. Mein William ſagt, das Zimmer dürfte jetzt, wo Sie ſich ſo ſehr erholen, nicht ſo hell ſein, ſonſt könnte das blendende Licht Sie ſchwindlig machen. Er ſagte Nichts; aber es war etwas ſo Verdrießliches und Ungeduldiges in der Art, wie er ſeine Lage veränderte, daß ihre raſchen Finger inne hielten und ſie ihn beſorgt anſah. Die Kiſſen liegen nicht bequem, ſagte ſie und ſtand auf. Ich will ſie gleich zurecht legen. 3 Sie ſind ganz gut, gab er zur Antwort. Bitte, laſſen Sie ſte. Sie machen ſo viel Aufhebens von jeder Kleinigkeit. — 76— Als er dies ſagte, erhob er den Kopf und ſah ſie mit ſo dankes⸗ leerem Blicke an, daß ſie, als er ſich wieder hingelegt hatte, immer noch daſtand, ungewiß was ſie thun ſollte. Aber ſie nahm end⸗ lich wieder Platz und nähte geſchäftig weiter, ohne nur einen vor⸗ wurfsvollen Blick auf ihn zu werfen.. Ich dachte eben, Mr. Edmund, daß Sie manchmal, wenn ich hier ſaß, gedacht haben müſſen, daß das unglück ein guter Lehrmeiſter iſt. Sie werden nach dieſer Krankheit die Geſundheit mehr ſchä⸗ tzen als früher, und in vielen, vielen Jahren, wenn dieſe Zeit des Jahres wiederkehrt, und Sie ſich der Tage erinnern, wo Sie hier krank zurückblieben, allein, damit die Nachricht von Ihrer Krankheit die Ihrigen nicht betrüben möge, da wird Ihnen der heimiſche Heerd doppelt theuer ſein. Iſt das nicht ein hübſcher Gedanke? Sie war zu ſehr mit ihrer Arbeit beſchäftigt und meinte das, was ſie ſagte, zu aufrichtig, und war überhaupt zu gefaßt und ruhig, um einen Blick zu beachten, mit dem er ihr etwa ant⸗ worten möchte; ſo prallte der Pfeil ſeines dankesleeren Blickes von ihr ab und verletzte ſie nicht. Ach! ſagte Milly, das hübſche Köpfchen nachdenklich auf eine Seite neigend während ſie mit den Augen ihren geſchäftigen Fingern folgte. Selbſt auf mich— und ich bin ganz anders als Sie, Mr. Ed⸗ mund, denn ich bin nicht gelehrt und verſtehe nicht gehörig zu denken — hat der Anblick ſolcher Dinge einen großen Eindruck gemacht, ſeit Sie hier krank lagen. Als ich Sie von der Freundlichkeit und Auf⸗ merkſamkeit der armen Leute unten ſo gerührt ſah, da merkte ich, wie auch Sie fühlten, daß ſelbſt dieſe Erfahrung einiges Entgelt ſei für den Verluſt der Geſundheit, und ich las in Ihrem Geſichte ſo — νꝛ——ſ— deutlich wie in einem Buche, daß ohne ein wenig Sorgen und Schmerz wir niemals die Hälfte des Guten, das uns umgiebt, kennen lernen werden. Sein Aufſtehen unterbrach ſie, ſonſt hätte ſie noch weiter geſprochen. Wir brauchen nicht ſo viel Aufhebens davon zu machen, Mrs. William, erwiederte er leichthin. Die Leute da unten wer⸗ den ſeiner Zeit bezahlt werden für die kleinen Egtradienſte, die ſie mir geleiſtet haben, und erwarten es wohl auch nicht anders. Auch Ihnen bin ich ſehr verbunden. Sie hörte auf zu nähen und ſah ihn an. Ich fühle meine Schuld gegen Sie nicht mehr, wenn Sie die Sache übertreiben, fuhr er fort. Ich fühle, daß Sie ſich ſehr um mich gekümmert haben, und ich ſage Ihnen, daß ich Ihnen ſehr dafür verpflichtet bin. Was können Sie mehr verlangen? Sie ließ ihre Arbeit in den Schooß ſinken und ſah ihn ſchwei⸗ gend an, wie er mit verdrießlicher Miene in dem Zimmer auf⸗ und abging und dann und wann ſtehen blieb. Ich ſage nochmals, ich bin Ihnen ſehr verpflichtet. Warum wollen Sie dadurch, daß Sie ungeheure Anſprüche machen, mein Gefühl von dem, was ich Ihnen wirklich ſchulde, ſchwächen? Sorge, Betrübniß, Widerwärtigkeit! Man ſollte faſt meinen, ich wäre zwanzigmal hier geſtorben! Meinen Sie, Mr. Edmund, frug ſie, indem ſie aufſtand und näher an ihn herantrat, daß ich der armen Leute hier im Hauſe erwähnte mit irgend welchem Bezuge auf mich? Auf mich? Sie — 78— legte dabei, mit einem einfachen und unſchuldigen Lächeln des Erſtaunens, die Hand auf ihre Bruſt. Oh! Ich denke nicht daran, gute Frau, ſagte er. Mich hat eine Unpäßlichkeit befallen, von der Ihre Theilnahme— merken Sie wohl lich ſage Ihre Theilnahme— viel mehr Aufhebens macht, als es der Mühe verlohnt, und es iſt vorbei nnd wir können ſie nicht verewigen. Er nahm damit gleichgültig ein Buch und ſetzte ſich an den Tiſch. Sie beobachtete ihn ein Weilchen, bis ihr Lächeln ganz ver⸗ ſchwunden war, und ſagte dann, wieder an ihren Platz zurückkeh⸗ rend: Mr. Edmund! wünſchen Sie lieber allein zu ſein? Ich ſehe keinen Grund, warum ich Sie hier feſthalten ſollte, entgegnete er. Außer— ſagte Milly zögernd, und wies ihm ihre Arbeit. Ach, der Vorhang! gab er mit geringſchätzigem Lächeln zur Antwort. Der iſt des Bleibens nicht werth. Sie packte ihre Arbeit wieder zuſammen und legte ſie in das Körbchen, dann blieb ſie vor ihm ſteben mit einer ſo geduldig flehenden Miene, daß er nicht umhin konnte ſie anzuſehen, und ſprach: Wenn Sie mich brauchen ſollten, werde ich gern wieder⸗ kommen. Als Sie mich brauchten, hat es mir Freude gemacht hier zu ſein; es war kein Verdienſt dabei. Ich glaube, Sie fürchten jetzt, wo Sie ſich erholen, ich könnte Ihnen beſchwerlich fallen, aber das wäre nicht geſchehen. Ich wäre Hlos ſo lange gekom⸗ men, als Sie das Zimmer hüten mußten. Sie ſchulden mir Nichts; aber ich kann verlangen, daß Sie mich ſo gerecht behan⸗ .— 9— deln, als wenn ich eine Dame wäre— die Dame, welche Sie lieben; und wenn Sie glauben, ich überſchätzte in eigennütziger Selbſtüberhebung meine geringen Bemühungen, Ihnen Ihre Krankheit leichter zu machen, ſo fügen Sie ſich mehr Unrecht zu, als Sie jemals mir zufügen können. Das iſt es, was mich ſchmerzt. Das iſt es, was mich ſehr ſchmerzt. Wäre ſie leidenſchaftlich geweſen anſtatt ruhig, entrüſtet an⸗ ſtatt gleichmüthig, zürnend in ihrem Blick, anſtatt ſanft, von lau⸗ ter Stimme, anſtatt leiſe und klar, ſo hätte er ihr Verſchwinden viel weniger gefühlt als jetzt, wo er ſich ſo plötzlich allein fand. Er ſtarrte noch trüben Blickes auf die Stelle, wo ſie eben geſtanden, als Redlaw aus ſeinem Verſtecke hervortrat. Wenn Krankheit Sie wieder befällt, ſagte er, und ſah ihn mit wildem Blicke an— möge es bald geſchehen!— ſo mögen Sie hier ſterben und verfaulen! Was haben Sie gethan? rief der Andere und faßte ihn am Mantel. Welche Veränderung haben Sie in mir hervorgebracht? Welchen Fluch haben Sie über mich verhängt? Geben Sie mich mir ſelbſt zurück! Geben Sie mich mir ſelbſt zurück! rief Redlaw wie ein Wahnſinniger. Ich bin angeſteckt! Ich bin anſteckend! Ich bin mit Gift gefüllt für mein eigenes Gemüth und für die Gemüther aller Menſchen. Wo ich Theilnahme und Mitleid fühlte, da werde ich zu Stein. Selbſtſucht und Undankbarkeit keimen auf, wo ich meinen Fuß hinſetze. Nur das Eine erhebt mich noch über die Elenden, die ich ſo umwandle, daß ich ſie in dem Au⸗ genblicke ihrer Veränderung haſſen kann! — 80— Wie er ſo ſprach— der Jüngling hielt immer noch an ſei⸗ nem Mantel feſt— riß er ſich los und ſchlug ihn. Dann ſtürzte er in die Nachtluft hinaus, wo der Wind heulte, der Schnee fiel, die Wolken eilig dahin zogen, der Mond trübe ſchimmerte, und wo in dem Heulen des Windes, in dem fallenden Schnee, in den ziehen⸗ den Wolken, in dem trüben Schimmer des Mondes, in dem dun⸗ keln Schatten die Worte des Geiſtes erklangen:„Die Gabe, die ich Dir geſpendet, ſollſt Du weiter vertheilen, wohin Du gehen magſt!“ Wohin, war ihm gleichgültig, nur nicht unter Menſchen. Die Veränderung, die er in ſich fühlte, machte die lauten Straßen zu einer Einöde, ſein eigenes Innere zu einer Wildniß und die ungezählten Menſchen um ihn mit ihren vielfachen Sorgen und Erlebniſſen zu einer ungeheuern Sandwüſte, welche die Winde verheerten und zu unentwirrbaren Haufen unter einander wühl⸗ ten. Die Spuren in ſeinem Gemüth, von denen der Geiſt ihm ge⸗ ſagt hatte, daß ſie bald ſterben würden, waren noch nicht ſo weit verblichen, daß er nicht hinreichend hätte fühlen ſollen, was er war und was er aus Andern machte, um zu wünſchen allein zu ſein. Dies brachte ihm plötzlich den Knaben in den Sinn, der in ſein Zimmer gedrungen war. Und dann kam ihm der Gedanke, daß von Allen, mit denen er ſeit des Geiſtes Verſchwinden ver⸗ kehrt hatte, dieſer Knabe allein unverändert geblieben war. So widerwärtig ihm deshalb das thieriſche Geſchöpf war, ſo beſchloß er doch es aufzuſuchen und zu ſehen, ob es wirklich an dem ſei; er hatte auch noch eine andere Abſicht dabei, die ihm zu derſelben Zeit einfiel. 6 — 891— Nachdem er nicht ohne Schwierigkeit ſich orientirt hatte, lenkte er ſeine Schritte wieder zurück nach dem alten Stifte und zwar nach dem großen Eingange. Des Caſtellans Häuschen ſtand unmittelbar hinter dem ei⸗ ſernen Gitterthore und bildete einen Theil des Hauptviereckes. Vor der Pforte ſtand noch ein andres altes Kloſtergebäude, und aus ſei⸗ nem Schatten konnte er zu den Fenſtern ihres Wohnzimmers herein⸗ blicken und ſehen, wer darin war. Das Gitterthor war zu, aber ſeine Hand kannte das Schloß; er öffnete es, indem er mit der Hand durch das Gitter durchgriff, trat vorſichtig hinein, machte die Thür wieder zu und ſchlich an das Fenſter, während die Schnee⸗ kruſte unter ſeinen Füßen kniſterte. Das Kaminfeuer leuchtete hell durch das Fenſter und warf einen glänzenden Schein auf den Schnee. Inſtinetmäßig die helle Stelle vermeidend, ging er um ſie herum und ſah zum Fen⸗ ſter hinein. Anfangs glaubte er, die Stube ſei leer und die Flamme röthe nur mit ihrem Schimmer die alten Balken an der Decke und die dunkelbraunen Wände; aber wie er genauer hin⸗ blickte, ſah er den Knaben auf dem Fußboden zuſammengekauert. Er ging raſch an die Thür, öffnete ſie und trat ein. Das Kind lag der Gluth ſo nahe, daß, als der Chemiker es wecken wollte, ihm die Lohe wie ſengend ins Geſicht ſchlug. Kaum be⸗ rührt, aber noch nicht ganz wach, nahm der Knabe, bewegt vom In⸗ ſtinct des Fliehens, ſeine Lumpen zuſammen, und kollerte und lief halb in eine entlegene Ecke des Zimmers, wo er auf dem Fußbo⸗ den kauernd mit dem Fuße um ſich ſtieß, um ſich zu vertheidigen. Steh auf! ſagte der Chemiker. Kennſt Du mich noch? Boz. Der Verwünſchte. 6 * — 8à2— Laß mich gehen! entgegnete der Knabe. Hier wohnt die Frau— nicht Du. Des Chemikers feſter Blick ſchüchterte ihn etwas ein, ſo daß er ſich auf die Füße ſtellen und anſehen ließ. Wer hat ſie gewaſchen und verbunden? frug der Chemiker, auf die Füße deutend, die in einem ganz anderen Zuſtande wa⸗ ren als vorhin. Die Frau. Und hat ſie Dir auch das Geſicht gewaſchen? Ja, die Frau. Redlaw ſtellte dieſe Fragen, um ſeine Augen auf ſich zu len⸗ ken, und faßte ihn jetzt in derſelben Abſicht am Kinn und ſtrich ſein verwirrtes Haar zurück, obgleich es ihn ekelte ihn anzurühren. Der Knabe beobachtete ſeine Augen ſcharf, als halte er dies, des nächſten Augenblickes nicht ſicher, zu ſeiner Vertheidigung für noth⸗ wendig, und Redlaw konnte recht wohl erkennen, daß er keine Veränderung fühlte. Vo ſind ſie? frug er. Die Frau iſt fort. Ich weiß es. Wo iſt der Alte mit dem weißen Haare und ſein Sohn? Der Mann der Frau, meinſt Du? frug der Knabe. Ja! Vo ſind die Beiden? Fort! Es iſt wohl etwas vorgefallen. Sie wurden eilig geholt und ſagten mir, ich ſolle hier bleiben. Komm mit, ſagte der Chemiker, ich will Dir Geld geben. Wohin? Und wie viel willſt Du mir geben? — 83— Ich will Dir mehr Schillinge geben, als Du jemals ge⸗ ſehen haſt, und Dich bald hieher zurückbringen. Kannſt Du mich an den Ort führen, wo Du hergekommen biſt? Laß mich gehen, erwiederte der Knabe und entwand ſich raſch ſeiner Hand. Dorthin führe ich Dich nicht. Laß mich ge⸗ hen oder ich werſe Dich mit Feuer. Er bückte ſich raſch zu dem Gitter herunter, bereit die glühenden Kohlen vom Roſte zu reißen. Was der Chemiker gefühlt hatte, als er den ihn begleitenden Zauber Die umſtricken ſah, mit denen er in Berührung kam, kam lange nicht dem dumpfen Grauen gleich, mit welchemer ſah, wie die⸗ ſes kleine Ungeheuer dem Einfluſſe Trotz bot. Ihn ſchauerte bei dem Anblicke dieſes der Rührung und Empfindung unzu⸗ gänglichen Weſens, dieſes Scheinbildes eines Kindes, das ihn mit„ böſem Ge ſichte und wilden Augen anſah. Höre, Kind! ſagte er. Du ſollſt mich hinführen, wohin Du willſt, nur mußt Du mich zu Leuten bringen, die ſehr arm oder ſehr verderbt ſind. Ich will Ihnen helfen und nichts Böſes zufügen. Ich will Dir Geld dafür geben und ich bringe Dich wieder hierher. Stehe auf, mache raſch! Er machte einen haſti⸗ gen Schritt der Thür zu, weil er jeden Augenblick befürchtete, Milly möchte kommen. Willſt Du mich allein gehen laſſen, mich nicht feſthalten und mich gar nicht berühren? ſagte der Knabe, indem er langſam die Hand vom Feuer zurückzog und aufzuſtehen anfing. Ja! Und mich vor Dir oder hinter Dir oder wo ich will, gehen laſſen? Ja! 6 X —— So gieb mir erſt Geld, dann komme ich mit. Der Chemiker legte dem Knaben ein paar Schillinge, einen nach dem andern, in die ausgeſtreckte Hand. Sie zu zählen lag außer dem Bereiche der Fähigkeiten des Knaben, aber er ſagte bei jedem Geldſtücke eins, und blickte dabei erſt die Münze und dann den Geber habgierig an. Er konnte die Geldſtücke außer in ſeiner Hand blos im Munde aufbewahren, und dorthin ſteckte er ſie. Redlaw ſchrieb dann mit Bleiſtift auf ein aus ſeiner Brief⸗ taſche geriſſenes Blatt, daß das Kind bei ihm ſei, legte dann den Zettel auf den Tiſch und winkte dem Knaben, ihm zu fol⸗ gen. Seine Lumpen zuſammenraffend, wie gewöhnlich, gehorchte der Junge, und ging im bloßen Kopfe und mit nackten Füßen hinaus in die Winternacht.. Der Chemiker zog es vor, nicht durch das Gitterthor hinaus⸗ zugehen, wo er leicht denen begegnen konnte, die er am angele⸗ gentlichſten zu vermeiden trachtete, und führte daher den Knaben durch die dunklen Corridors in dem Theile des Gebäudes, wo er ſelbſt wohnte, nach einem kleinen Pförtchen, zu welchem er den Schlüſſel hatte. Als ſie wieder auf die Straße traten, blieb er ſtehen, um ſeinen Führer— der ſogleich vor ihm zurückwich— zu fragen, ob er wiſſe, wo ſie wären. Der kleine Wilde ſah ſich um, nickte endlich mit dem Kopfe und deutete dann nach der Richtung, in welcher er gehen wollte. Da Redlaw ohne Beſinnen dieſen Weg einſchlug, folgte er etwas weniger argwöhniſch; dabei nahm er das Geld abwechſelnd in die Hand und ſteckte es dann wieder in den Mund und polirte es verſtohlen an ſeinen Lumpen, wie er hinter dem Che⸗ miker her trabte. Dreimal auf ihrem Wege gingen ſie neben einander. Drei⸗ mal blieben ſie ſtehen, während ſie neben einander waren. Dreimal blickte der Chemiker hinab auf das Geſicht und ſchauderte bei dem Gedanken, der ſich ihm dabei aufdrang. Das erſte Mal war, als ſie über einen alten Kirchhof gin⸗ gen und Redlaw unter den Gräbern ſtehen blieb, gänzlich außer Stande, ſie mit einem einzigen erweichenden oder tröſtenden Gedanken zu verbinden. Das zweite Mal, als ihn das Hervor⸗ treten des Mondes aus den Wolken bewog, zum Himmel empor zu blicken, wo er das Geſtirn der Nacht ſah in ſeinem Glanze, umgeben von Millionen von Sternen, von denen er noch die Namen und Geſchichten wußte, welche die menſchliche Wiſſenſchaft ihnen beigelegt hat, aber wo er nichts ſah von dem, was er früher geſehen, nichts fühlte von dem, was er früher gefühlt, wenn er hin⸗ auf ſchaute zu dem funkelnden Nachthimmel. Das dritte Mal, als er ſtehen blieb, um einer klagenden Melodie zu lauſchen, aber nur eine Reihe von Tönen vernehmen konnte, die ihn blos an den trockenen Mechanismus der Inſtrumente erinnerten, ohne eine der geheimnißvollen Saiten ſeines Herzens anzuregen, ohne ihn an die Vergangenheit oder an die Zukunft zu mahnen, und die ſo wenig Eindruck in ihm zurückließen, als das Rauſchen der Gewäſſer oder das Vorüberſauſen des Windes des vergangenen Jahres. Und alle drei Mal ſah er mit Entſetzen, daß trotz der unermeßlichen Verſchiedenheit ihrer geiſtigen Ausbildung, und obgleich ſie nicht die mindeſte Aehnlichkeit in allen phyſiſchen Ei⸗ — 86— genſchaften mit einander hatten, der Ausdruck auf des Knaben Geſicht den Ausdruck auf ſeinem eigenen wiederſpiegelte. Eine gute Weile ſchritten ſie rüſtig weiter— jetzt durch menſchengefüllte Gegenden, daß er ſich oft in der Meinung, ſeinen Führer verloren zu haben, umſah, aber ihn meiſtens auf der andern Seite in ſeinem Schatten traben fand, jetzt wieder durch ſo ſtille Straßen, daß er den gedämpften Schall, den die nackten Füße ſeines Begleiters aus dem Pflaſter lockten, bequem hören konnte— bis ſie eine halb verfallene Häuſergruppe erreichten, wo der Knabe ihn am Aermel faßte. Da hinein! ſagte er, auf ein Haus deutend, wo einzelne Fen⸗ ſter erleuchtet waren und eine trübe Laterne, mit der Aufſchrift „Logis für Reiſende“, über dem Thorwege ſchimmerte. Redlaw blickte um ſich auf die halb verfallenen Häuſer, auf die wüſte Umgebung von Schutthaufen und übelriechenden Grä⸗ ben und auf das Kind, das fröſtelnd neben ihm ſtand auf einem Fuße, während es den andern um das eine Bein geſchlagen hatte, um ihn zu erwärmen. Dort hinein! ſagte der Knabe, und deutete wieder auf das Haus. Ich will hier warten.. Werden ſie mich hereinlaſſen? frug Redlaw. Sage nur, Du värſt ein Arzt, antwortete das Kind mit ei⸗ nem Kopfnicken.'s iſt Krankheit genug da. Als Redlaw vorwärts ſchreitend nach der Hausthür zurück⸗ blickte, ſah er, wie der Knabe unter einen kleinen Schwibbogen in der Nähe kroch, als wäre er eine Ratte. Er bemitleidete das Geſchöpf nicht, aber er fürchtete ſich davor; und als es ihn aus — 8— ſeiner Höhle anſtierte, da eilte er ins Haus, als wolle er ſich flüchten. Kummer, erduldetes Unrecht und Sorge, ſagte der Chemiker mit einer mühſeligen Anſtrengung, ſich ſeine Erinnerungen deut⸗ licher zu machen, machen wenigſtens dieſen Ort zur Hölle. Wer das Vergeſſen ſolcher Dinge hierher bringt, kann nicht Unrecht thun! Mit dieſen Worten ſtieß er die Thür auf und trat ein. Auf der Treppe ſaß ein Weib und ſchlief, wie es ſchien, das Haupt auf Hände und Kniee geſtützt. Da man nicht gut an ihr vorbei konnte, ohne auf ſie zu treten, blieb er ſtehen und be⸗ rührte ihre Schulter. Sie blickte auf und er ſah ein noch ganz jugendliches Antlitz, deſſen hoffnungsreiche Blüthe aber gänzlich ver⸗ ſchwunden war, als ob der grauſame Winter in unnatürlicher Reihenfolge den Lenz getödtet hätte. Ohne ſich beſonders um ihn zu kümmern, rückte ſie näher an die Wand, um ihn vorbeizulaſſen. Wer ſeid Ihr? ſagte Redlaw und blieb ſtehen, die Hand auf das zerbrochene Treppengeländer geſtützt. Was meint Ihr, daß ich bin? erwiederte ſie und zeigte ihm wieder das Antlitz. Er ſah den verfallenen Gottestempel an, vor Kurzem erſt erſchaffen, ſo bald entſtellt; und ein Etwas, das nicht Erbarmen war,— denn die Quelle, aus welcher wahres Erbarmen über ſolches Elend entſpringt, war in ſeiner Bruſt vertrocknet,— aber dem Erbarmen näher war, als jedes andere Gefühl, das ſich in letzter Zeit aus der düſterer werdenden, aber noch nicht ganz ver⸗ — 88— finſterten Nacht ſeines Gemüthes losgerungen hatte, gab ſeinen nächſten Worten eine ungewohnte Sanſtheit. Ich komme her, um zu helfen, ſagte er. Denkt Ihr an er⸗ littenes Unrecht? Sie blickte ihn mit zuſammengezogenen Brauen an und lachte dann, und dann tönte ihr Lachen in einem herzbrechenden Seufzer aus, wie ſie den Kopf wieder ſinken ließ und das Ge⸗ ſicht mit den Händen verhüllte. Denkt Ihr an erlittenes Unrecht? frug er noch einmal. Ich denke an mein Leben, ſagte ſie. Er fühlte, daß ſie eine von Vielen ſei, und daß er in ihr das Ebenbild von Tauſenden von Unglücklichen ſehe. Wer ſind Eure Eltern? frug er. Ich hatte es ſonſt gut zu Hauſe. Mein Vater war ein Gärtner, weit draußen in der Provinz. Iſt er todt? Für mich iſt er todt. Alle ſolche Dinge ſind todt für mich. Sie ſind ein feiner Herr und wiſſen das nicht einmal! Sie blickte wieder auf und lachte ihn an. Mädchen! ſagte Redlaw ſtreng, ehe dieſes Erſterben aller dieſer Dinge ſtattfand, habt Ihr da kein Unrecht erlitten? Lebt in Euch, trotz allem, was Ihr thun könnt, keine Erinnerung an erlittenes Unrecht? Giebt es nicht Zeiten, wo dieſe Erinnerung Euch elend macht? So wenig Weibliches war in ihrem Aeußern übrig, daß er jetzt ſtaunen mußte, als ſie in Thränen ausbrach. Aber noch mehr weckte es ſein Erſtaunen und unruhige Gedanken, als er — 89— ſah, daß in der kaum erwachten Erinnerung dieſes Unrechtes die erſte Spur ihrer alten Menſchlichkeit und erſtarrten Herzens⸗ weichheit ſich zeigte. Er trat etwas zurück und bemerkte dabei wunde Flecke und Verletzungen an ihren Armen, in ihrem Geſicht und an ihrem Buſen.— Welch rohe Hand hat Euch verletzt? frug er. Meine eigene. Ich that es ſelbſt! antwortete ſie raſch. Das iſt nicht möglich! Ich ſchwöre es! Er hat mich nicht angerührt. Ich habe es mir ſelbſt angethan in der Leidenſchaft und warf mich hierher. Er kam mir nicht zu nahe. Er hat keine Hand an mich gelegt! In dem entſchloſſenen Ausdrucke des bleichen Geſichtes, das ihn mit dieſer Lüge anſah, erkannte er, daß noch genug von der letz⸗ ten Verkehrung des Guten in dieſer unglücklichen Bruſt fortlebe, um ihm Anlaß zur Reue zu geben, daß er ihr jemals zu nahe ge⸗ treten war. Kummer, erlittenes Unrecht und Leid! ſagte er halblaut vor ſich hin und wendete ſcheu den Blick ab. Alles, was ſie noch verknüpft mit der Stellung, von der ſie herabgeſunken, hat dieſe Wurzeln! Im Namen Gottes, laßt mich vorüber! Voller Scheu, ſie noch einmal anzuſehen, voller Scheu, ſie zu berühren, voller Scheu vor dem Gedanken, daß er auch den letzten Faden zerriſſen, der ſie noch mit der Barmherzigkeit des Ewigen verband, faßte er ſeinen Mantel zuſammen und ſchritt raſch die Treppe hinauf. — 90— Gegenüber dem Ausgange der Treppe war eine Thür, die halb offen ſtand, und aus der in dieſem Augenblicke ein Mann mit einem Lichte in der Hand trat. Aber als er den Chemiker erblickte, trat er überraſcht zurück und nannte ihn, wie unwillkür⸗ lich, beim Namen. Verwundert, ſich hier gekannt zu finden, blieb er ſeben und bemühte ſich vergebens, ſich auf das abgezehrte und überraſchte Ge⸗ ſicht zu beſinnen. Aber er hatte nicht lange Zeit dazu, denn zu ſei⸗ ner noch größeren Ueberraſchung trat der alte Philipp aus dem Zimmer und ergriff ſeine Hand. Mr. Redlaw, ſagte der Alte, das ſieht Ihnen ganz ähnlich, das ſieht Ihnen ganz ähnlich, Sir! Sie haben davon gehört und ſind uns nachgeeilt, um zu helfen, ſoviel noch zu helfen iſt. Ach, zu ſpät, zu ſpät! Redlaw ließ ſich in ſtummer Verwunderung ins Zimmer füh⸗ ren. Dort lag auf einem ärmlichen Bette ein Mann und neben ihm ſtand William Swidger. Zu ſpät! murmelte der Alte, und ſah den Chemiker betrübt an, und die Thränen rannen an ſeinen Wangen hinab. Das ſag' ich auch, Vater, ſagte ſein Sohn leiſe. Das ſag' ich eben auch. Wir können weiter nichts thun, als ſo ruhig als möglich bleiben, ſo lange er ſchlummert. Ihr habt Recht, Vater! Redlaw blieb neben dem Bette ſtehen und blickte auf den Schlafenden. Es war ein Mann, den Jahren nach noch in der Kraft des Lebens, auf den aber ſchwerlich jemals wieder die Sonne ſchien. Die Laſter einer Laufbahn von vierzig oder funf⸗ zig Jahren hatten ihn ſo gezeichnet, daß im Vergleich mit ihm * — 99— die ſchwere Hand der Zeit auf das Antlitz des Greiſes, der ne⸗ ben ihm ſtand, ſchonend und verſchönernd gewirkt hatte. Wer iſt das? frug der Chemiker und ſah ſich um. Mein Sohn Georg, Mr. Redlaw, ſagte der Alte und rang die Hände. Mein älteſter Sohn Georg, auf den ſeine Mut⸗ ter ſtolzer war als auf alle übrigen! Redlaw's Augen ſchweiften weg von den grauen Haarendes Greiſes, der ſich über das Bett beugte, nach dem Manne hin, der ihn beim Eintreten erkannt hatte und der ſich jetzt in der entle⸗ genſten Ecke des Zimmers etwas zu thun machte. Er ſchien von ſeinem Alter zu ſein, und obgleich er keinen ſo hoffnungslos herun⸗ tergekommenen Mann kannte als dieſer zu ſein ſchien, war doch etwas in ſeiner Haltung, wie er jetzt zur Thüre hinausging, das ihn veranlaßte, unruhig mit der Hand über die Stirn zu fahren. William, ſagte er leiſe, wer iſt das? Ja, ſehen Sie, Sir! erwiederte Mr. William, das ſage ich eben auch. Warum muß ein Menſch auch immer ſpielen und ähnliches thun, und ſich zollweiſe immer tiefer ſinken laſſen, bis er nicht tiefer ſinken kann! Hat er das gethan? frug er Redlaw, und ſah ihn mit dem⸗ ſelbigen unruhigen Blicke wie vorhin nach. Ja wohl, ja wohl, Sir! erwiederte William Swidger. Er verſteht etwas von Medicin, Sir, wie es ſcheint. Er iſt mit meinem armen Bruder, der hier liegt, nach London gewan⸗ dert, ſagte Mrs. William und fuhr ſich mit dem Aermel über die Augen, und Beide hatten ihr Nachtquartier hier genommen— Sie ſehen, es kommen hier manchmal ſeltſame Gefährten zuſam⸗ — 92— men— und er kam, um zu ſehen, wie es dem Kranken ginge. Welch trauriges Schauſpiel, Sir! Aber ſo geht es in der Welt. Es kann meinem Vater den Tod bringen! Redlaw blickte bei dieſen Worten in die Höhe, und indem er ſich erinnerte, wo und bei wem er ſei und welcher Zauber ihn begleite— das hatte er in der Ueberraſchung vergeſſen— trat er eilig bei Seite und ging mit ſich zu Rathe, ob er bleiben ſolle oder gehen. 4 Einem gewiſſen grollenden Trotze nachgebend, mit welchem zu kämpfen er verdammt zu ſein ſchien, entſchied er ſich für das Bleiben. Erſt geſtern, ſagte er, bemerkte ich, daß das Gedächtniß die⸗ ſes Alten nur ein Gewebe von Trübſal und Widerwärtigkeit ſei, und heute ſoll ich mich ſcheuen, es zu verändern? Sind die Er⸗ innerungen, die ich verwiſchen kann, dieſem Sterbenden ſokoſtbar, daß ich für ihn zu fürchten brauchte? Nein! Ich will bleiben. Aber trotz dieſer Worte blieb er mit Furcht und Zittern, und hielt ſich fern vom Bette mit abgewendetem Geſichte und in den dunkeln Mantel gehüllt, als ob er ſich wie ein Dämon in dieſer Stube vorkomme. Vater! murmelte der Kranke, ein wenig aus halber Betäu⸗ bung erwachend. Mein Sohn! Mein Georg! ſagte der Alte. Ihr ſagtet eben, ich wäre in alter Zeit der Mutter Liebling ge⸗ weſen. Es iſt ſchrecklich, an längſtvergangene Tage zurück zu denken. Nein, nein, nein! entgegnete der Alte. Denke daran, ſage nicht, es iſt ſchrecklich. Mir iſt's nicht ſchrecklich, mein Sohn. — 98— Es ſchneidet Euch ins Herz, Vater, ſagte er, denn die 3 Thränen des Alten fielen auf ihn herab. Ja, ja! ſagte Philipp, das iſt wahr; aber es thut mir wohl. Es iſt ſchweres Leid, an jene Zeit zu denken, aber es thut mir wohl, Georg. Ach, denke auch Du daran, denke auch Du daran und Dein Herz wird weicher und weicher werden! Wo iſt mein Sohn William? William, mein Sohn, ſeine Mutter liebte ihn bis an ihr Ende, und ſagte mit ihrem letzten Athemzuge:„Sage ihm, daß ich ihm verziehen, ihn geſegnet und für ihn gebetet habe.“ Das waren ihre Worte. Ich habe ſie nie vergeſſen und ich bin ſiebenundachtzig! Vater, ſagte der Mann im Bette, ich ſterbe, das fühle chi! Ich bin ſo ſchwach, daß ich kaum ſprechen kann, ſelbſt nicht von dem, was mir am Schwerſten auf dem Herzen liegt. Iſt noch Hoffnung für mich Sünder? Hoffnung iſt für alle Reuigen, erwiederte der Alte. O! rief er aus, und faltete die Hände und blickte gen Himmel, geſtern dankte ich Gott, daß ich mir dieſen unglücklichen Sohn vorſtellen konnte als ein unſchuldiges Kind. Aber welcher Troſt zu denken, daß ſelbſt Gott ſich ſeiner in dieſer Weiſe er⸗ innert! Redlaw verhüllte ſich das Geſicht mit den Händen und zuckte ſcheu zuſammen. Ach! ſtöhnte der Mann im Bette. Wie viel verloren ſeit dem! Wie viel verloren! Aber er war einmal ein Kind, ſagte der Alte. Er ſpielte mit Kindern. Ehe er ſich des Abends zu Bette legte und in unſchul⸗ — 94— digem Schlummer ſank, ſprach er ſein Gebet auf dem Schooße der Mutter. Wie viele, viele Mal habe ich es geſehen, und dann drückte ſie ſeinen Kopf an ihre Bruſt und küßte ihn. So ſchmerz⸗ lich es ihr und mir war daran zu denken, als er ſich verirrte, und als alle unſere auf ihn gebauten Pläne und Hoffnungen zu Grabe gingen, knüpfte dieſe Erinnerung ihn noch an uns wie nichts Anderes! O! Vater droben, der Du ſo viel beſſer biſt als die Väter auf Erden. O! Vater droben, der Du ſo viel mehr betrübt biſt über die Irrthümer Deiner Kinder, nimm die⸗ ſen Verirrten zu Dir! Nicht wie er jetzt iſt, ſondern wie damals, ruft er zu Dir, wie er ſo oft zu uns zu rufen ſchien! Wie der Alte die zitternden Hände gen Himmel erhob, lehnte der Kranke ſein mattes Haupt an ſeine Bruſt, als ob er noch das Kind wäre, von dem er ſprach. Zitterte je ein Menſch, ſo wie Redlaw in dem jetzt folgenden Schweigen! Er wußte, daß es über ſie kommen mußte, er wußte, daß es in Bälde über ſie kam. Meine Zeit iſt kurz, mein Athem iſt noch kürzer, ſagte der Kranke, der ſich auf den einen Arm ſtützte und mit der andern Hand in der Luft tappte, und ich erinnere mich, daß mir etwas auf dem Herzen liegt wegen des Mannes, der eben hier war. Vater und William— wartet!— Iſft dort wirklich etwas Schwarzes? Ja, ja! ſagte der greiſe Vater. Iſt es ein Mann? Das ſage ich ja, Georg! ſagte der Bruder und beugte ſich über ihn. Es iſt Mr. Redlaw. — 929— Mir war's, als ob ich von ihm träumte. Bitte ihn, hierher zu kommen. Bleicher als der Sterbende trat der Chemiker näher. Der Geberde des Kranken gehorſam ſetzte er ſich auf das Bett. Mein Herz iſt heute Nacht ſo gerührt worden, Sir! ſagte der Sterbende, die Hand auf das Herz legend und mit einem Blicke, in dem ſich die ſtumme flehende Qual concentrirte, ſo ge⸗ rührt von dem Anblicke meines armen alten Vaters und den Gedanken an alle den Kummer, an dem ich Schuld bin, daß— War es das Nahen des Todes oder die Ahnung einer neuen Veränderung, was ihn inne halten ließ? — daß ich verſuchen will, wieder gut zu machen, was ich kann. Es war noch ein Mann hier. Sahen Sie ihn? Redlaw konnte nicht antworten; denn wie er das verhäng⸗ nißvolle Symptom, das er jetzt ſo gut kannte, die un⸗ ruhig über die Stirn fahrende Hand ſah, erſtarb ihm das Wort auf den Lippen. Aber er machte eine Geberde des Beiſtimmens. Er hat keinen Pfennig, iſt hungrig und es fehlt ihm an Al⸗ lem. Er iſt ganz zu Boden gedrückt und hat keine Hülfsquellen. Laßt ihn nicht aus den Augen! Verliert keine Zeit! Ich weiß, er denkt daran, ſich das Leben zu nehmen. Die Veränderung war im Beginnen, ſie zeigte ſich auf ſei⸗ nem Geſichte. Die Züge wurden allmälig wilder und härter und verloren allen Kummer. 1 Könnt Ihr Euch nicht beſinnen? Könnt Ihr nicht? fuhr er fort. .———õ Er bedeckte das Geſicht einen Augenblick mit der Hand und ſah dann auf einmal Redlaw mit grollendem und frechem Blicke an. Seid verdammt! ſagte er, was habt Ihr hier mit mir ge⸗ macht? Ich habe fröhlich gelebt, und will fröhlich ſterben. Zum Teufel mit Euch! Und er legte ſich wieder hin auf's Bett und ſchlug die Arme über Kopf und Ohren zuſammen, als ob er von dieſem Augen⸗ blicke an entſchloſſen ſei, Alles von ſich fern zu halten und in vollſtändigſter Gleichgültigkeit vom Leben zu ſcheiden. Wenn den Chemiker der Blitz getroffen hätte, ſo hätte er nicht in größerer Erſchütterung vom Bette zurückweichen können als jetzt. Aber auch der Alte, der, während ſein Sohn mit Red⸗ law ſprach, ſeitwärts getreten war, mied jetzt mit Aüſchan das Bett, als er zurückkehrte. Wo iſt mein Sohn William? ſagte derAlte haſtig. William, wir wollen fort. Wir wollen nach Hauſe gehen. Nach Hauſe, Vater! entgegnete William. Wollt Ihr Eu⸗ ren eigenen Sohn verlaſſen? Wo iſt mein eigener Sohn? erwiederte der Alte. Wo? Nun dort! Das iſt nicht mein Sohn, ſagte Philipp, vor Erbitterung zitternd. Ein Kerl, wie dieſer, hat nichts mit mir zu thun. Meine Kinder ſehen ſich hübſch an und bedienen mich, und bereiten mir Speiſe und Trank, und ſind mir nützlich. Ich habe ein Recht darauf! Ich bin ſiebenundachtzig! d — 9,— Ihr ſeid alt genug, um nicht noch älter zu werden, brummte William und ſah ihn, die Hände in den Taſchen, verdrießlich an. Ich weiß wahrhaftig nicht, wozu Ihr da ſeid. Ohne Euch wä⸗ ren wir noch einmal ſo fidel. Mein Sohn, Mr. Redlaw! ſagte der Alte. Auch mein Sohn! Der Junge ſpricht mir von meinem Sohne! Ich möchte doch wahrhaftig wiſſen, was er jemals gethan hätte, das mir Freude machte. Ich weiß wahrhaftig nicht, was Ihr jemals gethan habt, um mir Freude zu machen, ſagte William mürriſch. Will mich beſinnen, ſagte der Alte. Wie viele Weihnachts⸗ tage hintereinander habe ich in meiner warmen Ecke geſeſſen, ohne in die kalte Nachtluft gehen zu müſſen; und habe mich wohl be⸗ funden, ohne geſtört zu werden von einem ſo garſtigen Anblicke, als dieſer da iſt? Waren's zwanzig, William? Eher vierzig, dächte ich, brummte er. Wahrhaftig, wenn ich meinen Vater anſehe, Sir, und mir es einmal ordentlich überlege, ſagte er zu Redlaw mit einer Gereiztheit, die an ihm ganz neu war, ſo will ich mich hängen laſſen, wenn ich etwas Anderes in ihm ſehe, als einen Kalender von einer ganzen Reihe Jahren voll Eſſen und Trinken und Sich'sbequemmachen. Ich bin ſiebenundachtzig, ſagte der Alte kindiſch faſelnd, und ich weiß nicht, daß mich jemals etwas geſtört hätte. Jetzt will ich nicht erſt damit anfangen wegen des Menſchen dort, den er mei⸗ nen Sohn nennt. Er iſt nicht mein Sohn. Ich habe viel ſchöne Zeiten erlebt. Ich kann mich noch erinnern— nein, doch nicht — nein, ich hab's vergeſſen. Es war etwas von einem Ball⸗ Boz. Der Verwünſchte. 7 — 98— ſpiel und einem Freunde, aber ich weiß es nicht mehr. Ich möchte wiſſen, wer es war— ich glaube, ich konnte ihn gut lei⸗ den. Und ich möͤchte wiſſen, was aus ihm geworden iſt— ob er wohl todt iſt? Aber ich weiß es nicht. Und mich kümmert es auch nicht; mich kümmert's auch nicht ein Bischen. Mit ſchläfrigem Lachen und Kopfſchütteln ſteckte er die Hände in die Weſtentaſchen. In einer derſelben fand er ein kleines Zwei⸗ gelchen Stechpalme, wahrſcheinlich vom vorigen Abend, das er jetzt herausnahm und beſah. Beeren, he? ſagte der Alte. Ah!' iſt ſchade, daß ſie nicht zum Eſſen ſind. Ich erinnere mich noch, als ich ein kleiner Kerl war, nicht größer als ſo groß, und ſpazieren ging mit— mit wem ging ich doch ſpazieren?— Nein! ich kann mich nicht mehr darauf beſinnen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, mit wem ich ging, ich weiß nicht mehr, ob ſich je Einer um mich beküm⸗ mert hat oder ob ich mich um Jemand bekümmert habe. Beeren, he? ˙s iſt hübſch, wo's Beeren giebt. Na, ich muß auch mei⸗ 8 nen Theil davon bekommen, und man muß mich bedienen und mir Alles warm und gemüthlich machen; denn ich bin ſiebenund⸗ achtzig und ein armer alter Mann. Ich bin ſiebenundachtzig, ſiebenundachtzig! Die faſelnde klägliche Weiſe, mit der er, während er ſo ſprach, an den Blättern kaute und das Zerkaute ausſpuckte; das kalte, gleichgültige Auge, mit dem ſein jüngſter Sohn ihn jetzt betrach⸗ tete; die trotzige Apathie, in der ſein älteſter Sohn verhärtet in ſeiner Sünde dalag, wurden nicht mehr von Redlaw beobachtet, denn er riß ſich von der Stelle los, auf der er wie ſeſt gewurzelt geſtanden, und ſtürzte zum Hauſe hinaus. Sein kleiner Führer kam aus ſeinem Verſtecke hervorgekro⸗ chen und ſtand vor ihm. Wieder zur Frau? frug er. Zurück, raſch! antwortete Redlaw. Bleib' nirgends unter⸗ wegs ſtehen! Eine kleine Strecke weit lief der Knabe vor ihm her; aber ſo raſch ging der Chemiker, daß der Knabe mit ſeinen bloßen Füßen kaum gleichen Schritt halten konnte. Scheu alle Vor⸗ übergehenden meidend, dicht in den Mantel gehüllt, als ob die leiſeſte Berührung deſſelben Anderen die Peſt bringe, blieb Red⸗ law erſt an der Thür ſtehen, durch die ſie zuerſt auf die Straße getreten waren. Er ſchloß ſie auf, trat ein, begleitet von dem Knaben, und eilte durch die dunklen Gänge in ſein Zimmer. Der Knabe beobachtete ihn ſcharf, wie er die Thür zumachte, und zog ſich hinter den Tiſch zurück, als ſich jener umſah. Warte, faſſe mich nicht an! ſagte er. Du willſt mir doch nicht mein Geld nehmen? Redlaw warf noch einige Geldſtücke auf den Fußboden⸗ Der Knabe warf ſich ſogleich darauf, als wollte er es ſeinen Augen entziehen, damit der Anblick deſſelben ihn nicht veranlaſſe, es zurückzufordern; und erſt als er ihn bei der Lampe ſitzen ſah, das Geſicht mit den Händen bedeckend, fing er an es verſtohlen aufzuleſen. Als er dies gethan, kroch er ans Feuer, ſetzte ſich in einen großen, vor demſelben ſtehenden Stuhl, holte aus dem Buſen ein paar Speiſereſte, und kaute und ſtarrte ins Feuer 7 — 100— und betrachtete dann und wann ſeine Schillinge, die er feſt in der einen Hand hielt. Und das iſt alſo der einzige Gefährte, den ich auf der Welt habe! ſagte Redlaw, und ſah das Kind mit zunehmender Ab⸗ neigung und Scheu an. Wie lange er ſo zubrachte, ob eine halbe Stunde oder die halbe Nacht, wußte er nicht. Aber die Stille im Zimmer wurde plötzlich unterbrochen von dem Knaben, der, nachdem er eine lange Weile aufmerkſam gehorcht hatte, jetzt aufſprang und nach der Thür lief. Die Frau kommt! rief er. Der Chemiker befahl ihm zu bleiben in dem Augenblicke, wo ſie klopfte. Laß mich zu ihr, ſagte der Knabe. Jetzt nicht, erwiederte der Chemiker. Bleib! Niemand darf jetzt zum Zimmer hinein oder hinaus. Wer iſt da? Ich bin's, Sir, rief Milly. Bitte, Sir, machen Sie auf! Um Alles in der Welt nicht! ſagte er. Mr. Redlaw, Mr. Redlaw, bitte, machen Sie auf! Was giebt's? ſagte er und hielt den Knaben zurück⸗ Der Kranke, bei dem Sie waren, iſt ſchlimmer geworden, und nichts kann ihn aus ſeiner ſchrecklichen Verblendung erretten. William's Vater iſt in einem Nu kindiſch geworden. Auch Wil⸗ liam hat ſich verändert. Die Erſchütterung iſt zu plötzlich für ihn gekommen; ich verſtehe ihn nicht mehr; er iſt nicht mehr ſich ſelbſt! ähnlich. Ach! Mr. Redlaw, bitte, rathen Sie mir, helfen Sie mir Nein, nein, nein! gab er zur Antwort.. — 101— Mr. Redlaw, lieber Herr! Georg ſprach in ſeinem Halb⸗ traume von dem Manne, den Sie dort ſahen und der ſich, wie er fürchtet, das Leben nehmen will. Beſſer iſts, er thut's, als daß er mir zu nahe kommt! Er ſagte in ſeinem Phantaſiren, Sie kennten ihn; er ſei vor langer, langer Zeit Ihr Freund geweſen; er ſei der unglückliche Vater eines Studenten hier— ich ahne es faſt, des jungen Herrn, der ſo krank geweſen iſt. Was ſoll ich thun? Wie ſoll man ihn beobachten? Wie iſt er zu retten? Ach! Mr. Redlaw, bitte, ra⸗ then Sie mir, helfen Sie mir! Während dieſer ganzen Zeit hielt er den Knaben feſt, der ſich von ihm losreißen und die Frau hereinlaſſen wollte. Phantome! Ihr, die Ihr gottesläſterliche Gedanken beſtraft, rief Redlaw voller Verzweiflung, ſeht auf mich herab! Möge aus der Nacht meines Gemüthes der Funken Reue, der dort iſt, hinaufſcheinen und Euch mein Elend zeigen! In der Körperwelt kann Nichts entbehrt werden, wie ich immer gelehrt habe, keine Stufe, kein Atom des wunderbaren Baues kann verloren gehen, ohne daß eine Lücke im großen Weltall entſteht. Ich weiß jetzt, daß es eben ſo iſt mit dem Guten und dem Böſen, mit der Freude und dem Leide in dem Gedächtniſſe der Menſehen. Hab' Er⸗ barmen! Erlöſe mich! Keine Antwort ertönte, nur ihr:„helfen Sie mir, helfen Sie mir, machen Sie auf!“ Und immer noch trachtete der Knabe ſich von ihm loszureißen. Schatten meines Ichs! Geiſt meiner trüben Stunden! rief Redlaw wie außer ſich, kehre zurück und umſchwebe mich bei Tage — 102— und bei Nacht, aber nimm deine Gabe wieder! Oder wenn ich ſie behalten muß, ſo entziehe mir wenigſtens die ſchreckliche Macht, ſie Anderen mitzutheilen. Mache ungeſchehen, was ich gethan habe. Laß mir die Nacht, aber gieb Denen den Tag zurück, die mein Fluch angeſteckt hat. So wahr ich dieſe Frau von Anfang an verſchont habe, und ſo wahr ich dieſes Zimmer nie wieder ver⸗ laſſen, ſondern hier ſterben will, ohne eine pflegende Hand außer dieſem Geſchöpfe, das meinem Einfluſſe unzugänglich iſt— höre mich! Die einzige Antwort war, daß der Knabe ſich von ihm los⸗ zureißen verſuchte, um zu ihr zu gelangen; und daß ſie draußen jetzt lauter rief: Helfen Sie! Machen Sie auf! Er war dereinſt Ihr Freund, wie iſt er zu beaufſichtigen, wie zu retten? Sie haben ſich Alle ſo verändert, Niemand kann mir helfen als Sie, bitte, bitte, machen Sie auf! Drittes Kapitel. Die Zurücknahme der Gabe. Nacht umhüllte noch den Himmel. Auf weiten Ebenen, von der Spitze von Hügeln und von dem Verdecke einſamer Schiffe auf dem Meere ſah man ganz tief unten am Horizonte einen ſchwach dämmernden Streifen, der mit der Zeit Licht zu werden verſprach; aber die Erfüllung des Verſprechens war noch fern und ungewiß, und den Mond umdrängten noch geſchäftig die Wol⸗ ken der Nacht. Ja, die Schatten in Redlaw's Gemüth folgten ſich dicht und ſchnell und verſchleierten ſein Licht wie die Nachtwolken, die zwi⸗ ſchen Mond und Erde ſchwebten und letztere in Finſterniß hüllten. Launenhaſt und ſchwankend, wie die Schatten der Nachtwolken, verſteckten ſie ihm jetzt dieſes und enthüllten ihm jenes im unvoll⸗ kommenen Lichte, und wie die Nachtwolken, ſo ſtürmten auch ſie, wenn das helle Licht einen Augenblick hervorbrach, darüber hin und machten die Finſterniß noch dichter als zuvor. — 104— Draußen herrſchte tiefe und feierliche Stille um das alte Gebäude, und ſeine Tragbalken und Ecken zeichneten ſchwarze ſeltſame Gebilde auf die Erde, die bald ſich in dem glatten weißen Schnee zu verſtecken, bald wieder daraus hervorzutreten ſchie⸗ nen, je nachdem der Mond mehr oder weniger umhüllt war. Des Chemikers Zimmer war noch ſchwach erhellt von dem Schim⸗ mer der verlöſchenden Lampe, ein geiſterhaftes Schweigen war auf das Klopfen und die Stimme draußen gefolgt; nichts war vernehmbar als dann und wann ein ſchwaches Geräuſch in der ausgebrannten Aſche des Feuers, als ob es ſeinen letzten Athem⸗ zug thue. Vor dem Kamin auf der Erde lag der Knabe im fe⸗ ſten Schlummer. Auf ſeinem Stuhle ſaß der Chemiker, wie er dort geſeſſen, ſeit das Rufen an der Thür verklungen war— gleich einem zu Stein gewordenen Manne. Da ertönte von Neuem die Weihnachtsmuſik, die er ſchon einmal vernommen hatte. Er horchte erſt, wie er auf dem Kirch⸗ hofe gehorcht; aber bald— ſie klang noch fort und wurde zu ihm getragen auf der Nachtluft in leiſer, ſanfter, melancholi⸗ ſcher Melodie— ſtand er auf und ſtreckte ſeine Hände aus, als ob ein Freund ihm nahe, dem ſeine unſelige Berührung keinen Schaden thun konnte. Als er dies that, wurden ſeine Züge weniger ſtarr; ein ſchwaches Zittern befiel ihn, und endlich füll⸗ ten ſich ſeine Angen mit Thränen, und er verhüllte ſein Antlitz mit den Händen und ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken. Seine Erinnerung an Kummer, erlittenes Unrecht und Sorge war ihm nicht wieder geſchenkt; er wußte es und ſchmei⸗ chelte ſich nicht mit dem Glauben der Hoffnung, daß er ſie wie⸗ — 105— der habe. Aber eine leiſe Regung in ſeinem Innern machte ihn wieder fähig, von dem, was in der frommen Muſik ſich verbarg, gerührt zu werden. Und wenn ſie ihm auch blos traurig von dem Werthe deſſen, was er verloren, erzählte, ſo pries er doch den Himmel dafür mit heißer Dankbarkeit. Als der letzte Ton in ſeinen Ohrene rſtarb, hob er den Kopf, um auf das langſame Verklingen der Muſik zu lauſchen. Hinter dem Knaben, ſo daß die ſchlafende Geſtalt ihm zu Füßen lag, ſtand das Phantom unbeweglich und ſtumm und die Augen auf ihn geheftet. Es ſah noch ſo grauenerregend aus wie immer, aber nicht grauſam und erbarmungslos mehr,— ſo dachte oder hoffte er wenigſtens, wie er es zitternd anſah. Es war nicht allein, ſon⸗ dern hielt in ſeiner weſenloſen Hand eine andere Hand. Und weſſen Hand war das? War die Geſtalt neben dem Phantom wirklich Milly? oder blos ihr Schatten und ihr Schein⸗ bild? Das Köpfſchen mit dem ſtillen Antlitz war ein wenig auf die Seite geneigt, wie es ihre Art war, und ihre Augen ſahen wie voll Mitleid auf das ſchlummernde Kind herab. Ein ſtrah⸗ lender Schimmer fiel auf ihr Geſicht, berührte aber das Phan⸗ tom nicht; denn obgleich es dicht neben ihr ſtand, blieb es doch ſo glanz⸗ und farblos wie zuvor. Geſpenſt! ſagte der Chemiker, von dieſem Anblick neu beun⸗ ruhigt, ich bin nicht hartnäckig oder vorwitzig in Bezug auf ſie geweſen. O bringe ſie nicht hieher! Erſpare mir dies Eine! Dies iſt blos ein Schattenbild, ſagte das Phantom; wenn der Tag anbricht, ſuche die Wirklichkeit dieſes Bildes auf. 3 ——ÿ— — 106— Iſt es mein unvermeidliches Loos, dies zu thun? rief der Chemiker. Ja, entgegnete das Phantom. Um ihren Frieden und ihre Herzensgüte zu vernichten; um ſie zu dem zu machen, was ich bin, und was ich aus Andern ge⸗ macht habe? Ich habe geſagt:„ſuche ſie auf!“ gab das Phantom zurück. Ich habe aber weiter nichts geſagt. V O ſag' mir, rief Redlaw aus, ergriffen von der Hoffnung, die in dieſen Worten verborgen zu liegen ſchien, kann ich unge⸗ ſchehen machen, was ich gethan habe? Nein, entgegnete das Phantom. Ich verlange es nicht für mich, ſagte Redlaw. Was ich hin⸗ gegeben habe, gab ich mit freiem Willen hin, und ich habe mich über ſeinen Verluſt nicht zu beklagen. Aber für Die, die ich mit der unſeligen Gabe angeſteckt habe, die nie danach verlangten; die, ohne es zu wiſſen, von einem Fluch getroffen worden, den ſie nicht ahnten und den zu vermeiden ſie nicht die Macht hatten, kann ich für Dieſe uichts thun? Nichts! ſagte das Phantom. Auch Niemand anders? Unbeweglich wie ein Steinbild hatte das Phantom eine Zeit lang ſeine Augen feſt auf ihn geheftet; dann wandte es plötzlich das Haupt und ſah den Schatten neben ſich an. O! kann ſie es thun? rief Redlaw, immer noch den Schat⸗ ten anblickend. —— — 8* — 107— Das Phantom ließ die Hand los, die es bis jetzt feſtgehal⸗ ten, und winkte der Erſcheinung, zu verſchwinden. Alsbald be⸗ gann der Schatten, immer noch in der alten Stellung verharrend, ſich zu entfernen oder in Luft zu zergehen. Halt! rief Redlaw mit einen Ernſte, dem er kaum genug Ausdruck geben konnte, nur einen Augenblick! Um des Himmels Barmherzigkeit willen! Ich fühlte eine Veränderung in mir beginnen, als der Wind vorhin zene Klänge herüber trug. Sage, habe ich die Macht verloren, ihr Böſes zuzufügen? Kann ich mich ihr nahen ohne Scheu? O, möge ſie mir nur ein Zeichen der Hoffnung geben! Das Phantom blickte das Schattenbild an wie er— nicht ihn— und gab keine Antwort. Wenigſtens ſage mir das Eine: befindet ſie ſich im ſelbſtbe⸗ wußten Beſitz einer Macht, das wieder gut zu machen, was ich verdorben habe? Nein, erwiederte das Phantom. Hat ſie die Macht, ohne es zu wiſſen? Das Phantom antwortete: ſuche ſie auf!— und ihr Schat⸗ ten verſchwand langſam. Sie ſtanden ſich wieder gegenüber und ſahen einander an, ſo erwartungsvoll und ſcheu, wie damals, wo er die Gabe er⸗ hielt, und abermals lag der Knabe zwiſchen ihnen zu Füßen des Phantoms. 8 Schrecklicher Lehrer! ſagte der Chemiker und ſank vor dem Geiſte flehend auf die Kniee, der ſich von mir losgeſagt hat, aber mich immer noch heimſucht(und ich ſehe darin und in dieſem 8 — 108— b — mildern Antlitz nur zu ⸗gern einen Schimmer von Hoffnung), ich will, ohne zu fragn, gehorchen, und flehe nur, daß der Ruf, den ich in der⸗Angſt meines Herzens ausgeſtoßen, zum Beſten Derer, denen ich Unwiederbringliches genommen habe, erhört werden möge. Aber Eines liegt mir noch auf dem Herzen. Du ſprichſt von dem Weſen, das hier liegt, unterbrach ihn das Phantom und wies auf den Knaben zu ſeinen Füßen. Ja, erwiederte der Chemiker, Du weißt, was ich ſagen wollte. Warum blieb dies Kind allein meinem Einfluß unzugänglich, und warum habe ich in ſeinen Gedanken eine ſchreckliche Harmonie mit meinen eigenen entdeckt? Das, ſagte das Phantom und wies auf den Knaben, iſt das letzte und vollſtändigſte Beiſpiel eines menſchlichen Weſens, ganz entblößt von ſolchen Erinnerungen, wie Du ſie aufgegeben haſt. Kein beſänftigendes Gedächtniß von Kummer, erlittenem Unrecht oder Sorge wohnt hier, weil dieſes unglückliche Menſchenkind, von Anfang an verlaſſen, aufgewachſen iſt als ein Thier, und weil in ſeinem Gemüthe kein Gegenſatz, kein vermenſchlichender 5 Eindruck lebt, der einen Keim einer ſolchen Erinnerung in ſeiner verhärteten Bruſt zum Erſprießen bringen könnte. In dieſem verlaſſenen Geſchöpfe iſt Alles öde Wüſtenei. In dem Manne, dem alles das geraubt iſt, was Du aufgegeben haſt, iſt dieſelbe öde Wüſtenei. Wehe ſolch einem Manne! Wehe, zehnfaches Wehe dem Volke, das Geſchöpfe, wie dieſes unglückliche Kind hier, nach Hunderten und Tauſenden zählt! Entſetzt ſchauerte Redlaw zuſammen. Alle dieſe Geſchöpfe, ſagte das Phantom, ſtreuen Saaten — 109— aus, welche die Menſchheit ernten muß. Aus jedem Keim des Böſen in dieſem Knaben wächſt eine Ausſaat des Verderbens em⸗ por, das dereinſt geerntet und aufgeſpeichert und wieder aus⸗ geſät wird, an vielen Stellen der Welt, bis in ganzen Ländern Säünde genug vorhanden iſt, um eine zweite Fluth zu veranlaſſen. Offenkundiger und unbeſtrafter Mord, täglich geduldet in den Straßen einer Stadt, wäre weniger verderblich, als ein ſol⸗ ches Schauſpiel wie dieſes. Der Geiſt ſchien auf den ſcrunmernden Knaben herab zu blicken. Redlaw ſah ihn jetzt ebenfalls mit einem ganz andern Gefühl an, als früher. Jeder Vater, ſagte das Phantom, an dem dieſe Geſchöpfe bei ihrem Herumſchweifen bei Tag oder bei Nacht vorbeigehen; jede Mutter unter den vielen liebenden Müttern dieſes Landes; Jeder, der hinaus iſt über die Jahre der Kindheit, iſt in ſeiner Weiſe verantwortlich für dieſe Greuel. Es giebt kein Land auf der Erde, das eine ſolche Schuld nicht mit einem Fluche belaſten würde. Keine Religion, die ſie nicht verleugnen, kein Volk, das ſie nicht mit Schmach bedecken würde. Der Chemiker ſchlug die Hände zuſammen und blickte vor Bangen und Mitleid zitternd von dem ſchlummernden Knaben hinauf zum Phantom, das mit abwärts deutendem Finger vor ihm ſtand. Sieh hin, fuhr das Geſpenſt fort, auf das vollſtändige Ebenbild deſſen, was Du ſein wollteſt. Deine Macht kann hier nichts bewirken, weil Du aus dieſes Kindes Bruſt nichts ver⸗ bannen kannſt. Seine Gedanken haben eine ſchreckliche Harmo⸗ — — —— A— 110— nie mit den Deinen, weil Du herabgeſunken warſt zu ſeiner un⸗ natürlichen Tiefe. Er iſt das Erzeugniß der Gleichgiltigkeit des Menſchen, Du legſt Zeugniß ab von deſſen Fürwitz. In beiden Fällen iſt die wohlwollende Abſicht des Himmels vereitelt, und von den beiden Polen der geiſtigen Welt aus kommt Ihr auf einem Punkt zuſammen. Der Chemiker beugte ſich über den Knaben, und deckte mit neu erwachtem Mitleid dem Schlummernden zu, und fühlte ſich nicht mehr von Abſcheu oder Gleichgiltigkeit gegen ihn erfüllt. Jetzt auch wurde der Streif tief unten am Horizont heller, die Finſterniß ſchwand, die Sonne ſtieg purpurglänzend empor, und die Feuereſſen und Giebel des alten Gebäudes glänzten in der klaren Morgenluft, welche den Qualm und Dunſt der Stadt in eine goldene Wolke verwandelte. Selbſt die Sonnenuhr in ihrer ſchattigen Ecke, wo der Wind ſich mit ſo unwindiger Beſtändig⸗ keit herumzudrehen pflegte, ſchüttelte die einzelnen Schneekryſtalle ab, die ſich während der Nacht auf ihrem ſchläfrigen alten Antlitz geſammelt hatten, und blickte hinab auf die kleinen weißen Wirbel, die ſich unter ihr bewegten. Sicherlich verirrte ſich auch ein Schim⸗ mer des Morgens hinunter in die vergeſſenene dumpfe Krypte, vo die normänniſchen Bogen halb in der Erde verſunken waren, und regten dort den trägen Saft in den Flechten und Schwäm⸗ men an der Wand auf, und durchglühten das langſame Lebens⸗ princip in der kleinen Welt wunderbarer und zarter Schöpfungen, die dort vorhanden war, mit dem dunkeln Gefühle, daß die Sonne aufgegangen ſei. 8 7 C. ſEVISWEdES 3 mit Kopfſtück und blauen Beinſchienen bildeten. — — 111— Die Tetterby's waren wach und munter. Mr. Tetterby nahm die Vorſetzer von ſeinem Laden weg und enthüllte all⸗ mälig die Koſtbarkeiten ſeiner Fenſter den gegen ihre Verſu⸗ D chungen ſo abgehärteten Blicken des Jeruſalemſtifts. Adolph war ſchon ſo lange fort, daß er ſchon halbwegs bis„Morgenblaett“ war. Fünf kleine Tetterby's, deren zehn runde Augen von der Seife und dem Reiben ſehr entzündet waren, hatten unter Mrs. Tetterby's Vorſitz die Tortur einer kalten Waſchung in der Küche auszuhalten. Johnny, der ſich ſtets mit großer Haſt anziehen 4 mußte, wenn Moloch in anſpruchsvoller Laune war(was eigent⸗ lich immer ſtattfand), wankte unter größerer Schwierigkeit als 1 gewöhnlich mit ſeiner Laſt vor der Ladenthür hin und her; denn Moloch war heute noch viel ſchwerer durch eine Unzahl von Schutzmitteln gegen die Kälte, die hauptſächlich aus geſticktem wollenen Zeug beſtanden und einen ordentlichen Kettenpanzer Das Merkwürdigſte an dieſem Kinde war, daß bei ihm die Zähne immerfort zum Durchbruch kamen. Ob ſie niemals ganz kamen, oder ob ſie wieder nach dem Durchbruch verſchwanden, das iſt nicht ganz klar; aber ſicherlich waren genug für das vollſtändigſte Gebiß zum Durchbruch gekommen. Zum Reizen ſeines Zahnfleiſches wurden hunderterlei Gegenſtände in An⸗ ſpruch genommen, obgleich es auf der Bruſt einen Knochenring trug, groß genug, um den Roſenkranz einer jungen Nonne abzu⸗ geben. Meſſer⸗ und Regenſchirm⸗Griffe, Stockknöpfe, die Fin⸗ ger der Familie im Allgemeinen und die Johnny's insbeſondere, — 112— Brodrinden, Thürgriffe und die kühlen Knöpfe an dem Handgriff des Schüreiſens waren die gewöhnlichſten Inſtrumente, die zur Erleichterung der Leiden des Kindes angewendet wurden. Wie viel Elektricität dadurch in einer Woche erzeugt wurde, iſt gar nicht zu berechnen. Aber Mrs. Tetterby ſagte immer, ſie brechen ſchon durch, und das Kind kommt dann wieder zu ſich; aber ſie brachen nicht durch und das Kind kam nicht zu ſich. Die Laune der kleinen Tetterby's hatte ſich in ein paar Stunden erſtaunlich geändert. Mr. und Mrs. Tetterby hatten ſich nicht weniger verwandelt, als ihre Sprößlinge. In der Regel waren ſie uneigennützige, gutmüthige, nachgiebige Leutchen, welche ſchmale Biſſen, wenn ſie dieſe hatten(und das war ziem⸗ lich oft), zufrieden und ſelbſt großmüthig theilten und großen Genuß von einer kleinen Schüſſel hatten. Aber jetzt ſtritten ſie ſich nicht nur um Seife und Waſſer, ſondern auch um das Frühſtück, das in Ausſicht ſtand. Die Hand jedes kleinen Tet⸗ terby's war gegen die andern Tetterby's; und ſelbſt Johnny's Hand— des geduldigen und aufopfernden Johnny's Hand— erhob ſich gegen den Säugling! Ja, als Mrs. Tetterby zu⸗ fällig an die Thüre trat, ſahen ihre Augen, wie er ſich eine ſchwache Stelle in dem Panzerkleid ſuchte und dem Kinde einen Puff gab. Mrs. Tetterby hatte ihn in einem Nu beim Kragen ins Zimmer geholt und ihm den Angriff mit Wucher zurückbezahlt. Du böſer und niederträchtiger Bube, ſagte Mrs. Tetterby, wie haſt Du das thun können? — 113— Warum kommen auch ihre Zähne nicht, rief Johnny mit lauter, aufrühreriſcher Stimme, anſtatt daß ſie mich quält. 6 6 Wie würde es Dir gefallen? 1 Gefallen! ſagte Mrs. Tetterby und nahm ihm die verſchmähte 8 Laſt ab. Ja, gefallen, ſagte Johnny. Wie würde Dir's gefallen! Gewiß gar nicht. Wenn Du an meiner Stelle wärſt, ſo gingſt Du unter die Soldaten. Ich thue es. Es giebt keine Wickel⸗ kinder unter den Soldaten. Mr. Tetterby, der jetzt auf dem Schlachtfelde angekommen war, rieb ſich gedankenvoll das Kinn, anſtatt den Rebellen zu züchtigen, und ſchien von dieſer Anſicht des Soldatenlebens etwas betroffen zu ſein. ——— Ich wollte ſelber, ich wäre unter den Soldaten, wenn das Kind Recht hat, ſagte Mrs. Tetterby und blickte ihren Mann an, denn ich habe keine ruhige Stunde hier. Ich bin wie ein Selave— wie ein virginiſcher Sclave.— Wahrſcheinlich ver⸗ anlaßte eine dunkle Erinnerung an ihre frühere Verbindung mit dem Tabakhandel Mrs. Tetterby zu der Wahl dieſes Ausdrucks. 3 Von einem neuen Jahre zum andern habe ich keinen Feiertag 1 b und keine Freude! Ach, Gott behüte das Kind! ſagte Mrs. Tetterby und ſchüttelte die Kleine mit einer Gereiztheit, die nicht gut zu einem ſo frommen Wunſche paßte. Was fehlt dem Kinde ſchon wieder? Da ſie nichts entdecken konnte und auch dem Kinde durch Schütteln nichts entlockte, ſo legte Mrs. Tetterby die Kleine in Boz. Der Verwünſchte. 8 — 114— die Wiege, ſetzte ſich mit übereinander geſchlagenen Armen da⸗ neben und ſchaukelte ſie mit dem Fuße ärgerlich fort. 1 Wie Du daſtehſt, Dolph! ſagte Mrs. Tetterby zu ihrem Manne. Warum machſt Du denn nichts? Weil es mir einerlei iſt, ob ich etwas mache oder nicht, ent⸗ gegnete Mr. Tetterby. Mir iſt es auch gleich, ſagte Mrs. Tetterby. Ich ſchwöre drauf, mir iſt es gleich, ſagte Mr. Tetterby. Johnny und ſeine fünf jüngeren Brüder veranlaßten jetzt eine Diverſion, indem ſie, in Vorbereitung auf das Frühſtück, um den vorläufigen Beſitz des Brodes zu ſcharmutziren anfingen und mit großer Energie auf einander losſchlugen, wobei der Kleinſte von ihnen mit frühreifer Vorſicht die Außenſeite der kämpfenden Colonne umſchweifte und raſche Angriffe auf ihre Füße machte. Mr. und Mrs. Tetterby ſtürzten ſich mit großem Eifer in das Gewühl, als ob dieſer Boden der einzige wäre, wo ſie jetzt noch übereinſtimmen könnten, und zogen ſich, nachdem ſte ohne ein ſichtbares Zeichen ihrer frühern Weichherzigkeit, ohne alle Nachſicht Schläge ausgetheilt hatten, wieder in ihre frühere Stellung zurück. Du thäteſt beſſer, Du läſeſt Deine Zeitung, ſagte Mrs. Tetterby. Was ſoll man in der Zeitung leſen? entgegnete Mr. Tet⸗ terby mürriſch. 8 Was? ſagte Mrs. Tetterby. Den Polizeibericht. Kümmert mich nicht, ſagte Mr. Tetterby. Was geht es mich an, was andere Leute thun oder was ihnen widerfährt! — 115— Selbſtmorde, ſagte Mrs. Tetterby. Gehen mich nichts an, gab ihr Gatte zur Antwort. Geburten, Sterbefälle und Heirathen, gehen die Dich auch nichts an? fragte Mrs. Tetterby. Wenn es mit den Geburten von heute an vorbei wäre und die Sterbefälle mit heute anfingen, ſo ſehe ich nicht ein, war⸗ um es mich kümmern ſollte, ehe daran zu denken iſt, daß die Reihe an mich kommt, brummte Tetterby. Was das Heirathen betrifft, ſo habe ich es ſelbſt verſucht. Davon weiß ich genug zu erzählen. Nach dem unzufriedenen Ausdrucke ihres Geſichts zu ur⸗ theilen, ſchien Mrs. Tetterby ganz dieſelben Meinungen zu he⸗ gen, wie ihr Mann; aber ſie widerſprach ihm doch um der Freude willen, ſich mit ihm zu zanken.* Du biſt mir ein conſequenter Mann, ſagte Mrs. Tetterby. Du, mit Deiner ſpaniſchen Wand aus nichts als Zeitungsfetzen, welche Du den Kindern halbe Stunden lang vorleſen kannſt! Sage lieber: geleſen haſt, entgegnete ihr Gatte. Du ſollſt mich nicht mehr dabei erwiſchen. Ich bin jetzt klüger geworden. Pah! Klüger, ha ha! ſagte Mrs. Tetterby. Biſt Du auch beſſer geworden? Die Frage klang wie ein Miston in Mr. Tetterbp's Herz. Er brütete unzufrieden und verdrießlich und fuhr mit der Hand über die Stirn. Beſſer! brummte Mr. Tetterby. Ich weiß nicht, ob Je⸗ mand von uns beſſer iſt oder glücklicher. Beſſer, hm! Er —— — 116— wandte ſich nach der ſpaniſchen Wand und ſuchte mit ſeinem Finger, bis er einen Paragraphen fand, den er ſuchte. Das war ein Lieblingsſtück der Familie, ſagte Mr. Tetterby grübelnd vor ſich hin, und entlockte den Kindern Thränen und machte ſie gut, wenn ein bischen Zank oder Unzufriedenheit un⸗ ter ihnen war. Es kam gleich nach der Geſchichte von dem Rothkehlchen im Walde.„Trauriges Beiſpiel menſchlicher Noth. Geſtern erſchien ein kleiner Mann mit einem kleinen Kinde auf dem Arme und umgeben von einem halben Dutzend zerlumpter Kinder in dem Alter von zwei bis zehn Jahren, alle vom Hun⸗ ger abgezehrt, vor dem Polizeirichter und erzählte Folgendes.“ — Hal Ich begreife es wahrhaftig nicht, ſagte Mr. Tetterby, ich ſehe nicht ein, was uns die Sache angeht. Wie alt und ſchäbig er ausſieht, ſagte Mrs. Tetterby, die ihn beobachtete. Ich habe noch bei keinem Menſchen eine ſo raſche Veränderung geſehen. Ach Gott! Ach Gott! Es war ein Opfer. Was war ein Opfer? frug ihr Gatte mürriſch. Mrs. Tetterby ſchüttelte mit dem Kopfe und verſetzte das Kind in einen ordentlichen Seeſturm, ſo heftig ſhnußeit ſie die Wiege. Wenn Du meineſt, Deine Heirath wäre ein Opfer Lereſe Frau— ſagte ihr Gatte. Das meine ich, erwiederte die Frau. Nun dann will ich Dir ſagen, fuhr Mr. Tetterby, ſo un⸗ wirſch wie ſie, fort, daß die Sache zwei Seiten hat, und daß — 117— ich das Opfer war, und daß ich wünſchte, das Opfer wäre gar nicht angenommen worden. Ich wollte, ich hätte es nicht gethan, Tetterby, von gan⸗ zem Herzen und von ganzer Seele ſage ich Dir, ſagte die Frau. Du kannſt es nicht mehr wünſchen, als ich, Tetterby. Ich weiß gar nicht, was ich an ihr geſehen habe, brummte der Zeitungsmann, wahrhaftig;— ſo viel ſteht feſt, wenn ich etwas ſah, ſo iſt es nicht mehr vorhanden. Ich dachte geſtern Abend daran, nach dem Eſſen. Sie wird beleibt und alt und hält keinen Vergleich mit den meiſten andern Frauen aus. Er ſieht nach gar nichts aus, er iſt klein, er bekommt einen krummen Rücken und eine Platte, brummte Mrs. Tetterby. Ich muß halb bethört geweſen ſein, als ich ſie nahm, ſagte Mr. Tetterby. Ich muß nicht bei geſunden Sinnen geweſen ſein, anders kann ich es mir nicht erklären, ſagte Mrs. Tetterby. In dieſer Stimmung ſetzten ſie ſich zum Frühſtücke hin. Die kleinen Tetterby's waren nicht gewohnt, dieſes Mahl in dem Lichte einer ſitzenden Beſchäftigung zu betrachten, ſondern verzehr⸗ ten es tanzend und im Laufe, ſo daß es durch die gellenden Ausrufe, das Herumſchwenken der Butterbrode, die verwickelten Märſche zur Thüre hinaus und wieder herein und das Herum⸗ hüpfen auf der Haustreppe, die unzertrennlich waren von dem Schauſpiele, zu einer wilden Ceremonie wurde. Diesmal waren die Kämpfe der Tetterby'ſchen Kinder um den gemeinſamen Milch⸗ und Waſſerkrug, der auf dem Tiſche ſtand, ein ſo kläg⸗ liches Beiſpiel von ſtürmiſch aufgeregten Leidenſchaften, daß — — — 82 ——— 1— ——— 5 — 118— das Andenken des Doctor Watts dadurch beleidgt wurde. Erſt als Mr. Tetterby die Schaar zur vordern Thür hinausgejagt hatte, war einen Augenblick Ruhe, und auch dieſe wurde durch die Entdeckung geſtört, daß Johnny ſich heimlich wieder herein⸗ geſchlichen hatte und vor unanſtändiger und habgieriger Haſt im Milchkruge halb zu erſticken im Begriffe war. Die Kinder werden noch mein Tod ſein! ſagte Mrs. Tet⸗ terby, nachdem ſie den Sünder wieder hinausgejagt hatte. Und je eher das geſchieht, deſto beſſer. Arme Leute ſollten gar keine Kinder haben, ſie machen ihnen kein Vergnügen, meinte Mr. Tetterby. Er ergriff eben die Taſſe, welche Mrs. Tetterby ihm gleich⸗ gültig hingeſchoben, und ſie wollte ihre Taſſe eben an den Mund ſetzen, als Beide wie verzaubert unbeweglich ſitzen blieben. Mutter! Vater! rief Johnny und ſtürzte ins Zimmer. Mrs. William kommt die Straße herauf! Und wenn jemals ſeit Erſchaffuug der Welt ein Knabe ein kleines Kind mit der Sorgfalt einer erfahrenen Amme aus der Wiege nahm und es zärtlich beruhigte und fröhlich mit ihm hin⸗ 4 aus wankte, ſo war Johnny dieſer Knabe und Moloch war dieſes Kind, das er jetzt hinaustrug. Mr. Tetterby ſetzte die Taſſe hin; Mrs. Tetterby ſetzte ebenfalls ihre Taſſe hin. Mr. Tetterby rieb ſich die Stirn; Mrs. Tetterby that desgleichen. Mr. Tetterby's Geſicht wurde glät⸗ ter und heiterer; Mrs. Tetterby's Antlitz verlor ebenfalls ſeinen mürriſchen Ausdruck. V — 119— Gott verzeihe mir's, ſprach Mr. Tetterby zu ſich ſelbſt, wie man nur eine ſo ſchlechte Laune zeigen kann! Was iſt nur hier vorgegangen? Wie konnte ich nach Allem, was ich geſtern Abend ſagte und fühlte, nur ſo ſchlecht gegen ihn ſein! ſchluchzte Mrs. Tetterby und fuhr mit der Schürze nach den Augen. Ich bin doch ein Menſch, an dem kein gutes Haar iſt, ſagte Mr. Tetterby. Sophie! mein kleines Frauchen! Lieber Adolph! gab ſeine Frau zurück. Ich— ich bin in einer Laune geweſen, ſagte Mr. Tetterby, daß ich gar nicht daran denken kann, Sophie. Ach das iſt gar nichts gegen Das, was ich geweſen bin, Dolph! rief ſeine Frau mit hellen Thränen aus. Sophie, ſagte Mr. Tetterby, nimm es Dir nicht ſo zu Her⸗ zen. Ich kann mir's nimmermehr verzeihen. Es muß Dir faſt das Herz gebrochen haben, ich weiß es. Nein, Dolph, nein. Ich war’! Ich! rief Mrs. Tetterby. Mein kleines Frauchen, ſagte ihr Mann, bitte, beruhige Dich. Es iſt für mich der ſchrecklichſte Vorwurf, wenn Du Dich ſo edel benimmſt. Liebe Sophie, Du weißt gar nicht, was ich gedacht habe. Ich habe es gewiß ſchlimm genug an den Tag gelegt; aber was ich dachte, mein kleines Frauchen!— Ach, lieber Adolph, bitte! Erzähle es nicht! rief ſeine Frau. Sophie, ſagte Mr. Tetterby, ich muß es ſagen. Mein Ge⸗ wiſſen könnte ſich nicht beruhigen, wenn ich es nicht erzählte. Mein kleines Frauchen—. Mrs. William iſt gleich da! rief Johnny zur Thüre hinein. —õ—,— — 8 b — 120— Mein kleines Frauchen, ſagte Mr. Tetterby mit gepreßter Stimme und indem er ſich auf den Stuhl ſtützte, ich wunderte mich, wie Du mir hätteſt jemals gefallen können. Ich vergaß die lieben Kinder, die Du mir geſchenkt haſt, und meinte, Du wäreſt nicht ſo ſchlank, als ich wünſchen könnte. Mit keinem Sterbenswörtchen, ſagte Mr. Tetterby in ſtrenger Selbſtanklage, dachte ich an alle die Sorgen, die Du um mich und die Meinigen gehabt haſt, während Du mit einem andern Manne, der mehr Glück hatte als ich und beſſer vorwärts kam, ohne alle Sorgen hätteſt leben können; und ich ärgerte mich über Dich, daß Du ein wenig gealtert warſt in den ſchweren Jahren, die Du mir erleichtert haſt. Kannſt Du das glauben, kleines Frauchen? Ich kann es ſelber kaum glauben. Halb lachend und halb weinend faßte er Mrs. Tetterby mit beiden Händen und hielt ſie ſo feſt. Ach, Dolph! rief ſie aus. Ich fühle mich ſo glücklich, daß Du ſo dachteſt; ich bin ſo dankbar, daß Du ſo dachteſt; denn ich dachte, Du ſäheſt nach gar nichts aus, Dolph, und das iſt auch wahr, lieber Mann, und magſt Du der gewöhnlichſte Menſch in meinen Augen ſein, bis Du ſie mit Deinen eigenen lieben Hän⸗ den zudrückſt. Ich dachte, Du wäreſt klein, und das iſt auch wahr, und ich will Dich werth halten, weil Du es biſt, und noch mehr, weil ich meinen Gatten liebe. Ich dachte, daß Du einen krummen Rücken kriegteſt, und das iſt auch wahr, aber Du ſollſt Dich auf mich lehnen und ich will Dich ſtützen, ſo weit es in meinen Kräften ſteht. Ich dachte, Du hätteſt nichts Anzie⸗ hendes; aber das Anziehende iſt die Erinnerung an den heimi⸗ — 121— ſchen Heerd, und das iſt die reinſte und ſchönſte Erinnerung. Gott ſegne noch einmal den heimiſchen Heerd und Alles, was dazu gehört, Dolph! Hurrah! Da iſt Mrs. William! rief Johnny. Sie war da und alle Kinder mit ihr, und wie ſie hereintrat, da küßten ſie ſie, und küßten ſich unter einander, und küßten das Kleinſte, und küßten Vater und Mutter, und umtanzten dann wieder die Angekommene und geleiteten ſie im Triumphe. Mr. und Mrs. Tetterby blieben in der Wärme ihres Em⸗ pfanges nicht zurück. Sie fühlten ſich eben ſo ſehr zu ihr hin⸗ gezogen, wie die Kinder; ſie eilten ihr entgegen, küßten ihr die Hände und konnten ſie nicht enthuſiaſtiſch genug aufnehmen. Sie trat unter ſie wie der Engel der Güte, Liebe, zarten Schonung und Häuslichkeit. Wie, freut auch Ihr Euch Alle, mich an dieſem ſchönen Chriſtmorgen zu ſehen? ſagte Milly und ſchlug die Hände in lieblicher Verwunderung zuſammen. Ach Gott, wie wohl das thut! Mehr Jauchzen von Seiten der Kinder, mehr Küſſe, mehr Glück, mehr Liebe, mehr Freude, mehr Ehre von allen Seiten, als ſie ertragen konnte. Ach Gott! ſagte Milly, was für köſtliche Thränen lockt Ihr mir ab. Wie kann ich das jemals verdient haben! Was hab' ich gethan, um ſo geliebt zu werden? Wer kann dafür! rief Mr. Tetterby. Wer kann dafür! rief Mrs. Tetterby. Wer kann dafür! hallten die Kinder zurück in freudigem Chor, und ſie umtanzten ſie wieder und legten ihre roſigen Ge⸗ —— 82 — 8 F — 122— ſichter an ihr Kleid, küßten und ſtreichelten es und konnten nicht ſatt werden ſie zu liebkoſen. Ich war noch niemals ſo gerührt, als dieſen Morgen, ſagte Milly und wiſchte ſich die Augen. Ich muß es Ihnen erzählen, ſobald ich zu Worte kommen kann. Mr. Redlaw kam mit Son⸗ nenaufgang zu mir und bat mich ſo weich und zärtlich, als ob ich ſeine Lieblingstochter wäre, mit ihm nach dem Hauſe zu gehen, wo Williams Bruder, Georg, krank liegt. Ich begleitete ihn und unterwegs war er ſo gütig und ſo ſanft, und ſchien ſo viel Vertrauen und Hoffnung auf mich zu ſetzen, daß ich vor Freude weinen mußte. Als wir in dem Hauſe angekommen waren, begegnete uns in der Thür ein Weib(ich fürchte, Jemand hatte es geſchlagen und verletzt), das im Vorbeigehen meine Hand ergriff und mir Gottes Segen wünſchte. Sie hatte Recht! ſagte Mr. Tetterby. Mrs. Tetterby ſagte: ſie hatte Recht. Alle Kinder riefen: ſie hatte Recht. Ach, es iſt aber noch mehr zu erzählen, ſagte Milly. Als wir in das Zimmer des Kranken traten, der ſeit Stunden wie in Ohnmacht dagelegen hatte, da richtete er ſich in ſeinem Bette auf, brach in Thränen aus, ſtreckte mir die Hand entgegen und ſagte: er habe ein ſchlechtes Leben geführt, aber er bereue es jetzt aufrichtig und die Vergangenheit liege vor ihm wie eine große Landſchaft, vor welcher eine dichte ſchwarze Wolke wegge⸗ nommen ſei, und er bat mich, ſeinen armen alten Vater um Ver⸗ zeihung und um ſeinen Segen zu bitten, und neben ſeinem Bett ein Gebet herzuſagen. Und als ich dies that, ſtimmte Mr. Red⸗ — 123— law ſo inbrünſtig ein und dankte mir und dem Himmel ſo innig, daß mein Herz ganz überſtrömte und ich blos ſchluchzen und wei⸗ nen gekonnt hätte, wenn mich der Kranke nicht gebeten, ich möchte mich neben ihn ſetzen, was mich natürlich ruhiger machte. Als ich neben ihm ſaß, hielt er meine Hand feſt, bis er in Schlum⸗ mer verſank, und ſelbſt da, als ich ihm meine Hand entzog, um hieher zu gehen(worauf Mr. Redlaw ſehr angelegentlich drang), ſuchte er ſie, ſo daß Jemand anders ſich an meine Stelle ſetzen und ihm die Hand geben mußte, damit er glaube, ich ſei noch da. Ach Gott, ach Gott! ſagte Milly ſchluchzend, wie dank⸗ bar und beglückt ich mich durch das Alue e Während ſie noch redete, war Redlaw eingetreten und, nach⸗ dem er einen Augenblick die Gruppe, deren Mittelpunkt ſie bildete, betrachtet hatte, ſtillſchweigend die Treppe hinaufgegangen. Jetzt erſchien er wieder auf der Treppe; aber er blieb oben, während der junge Student an ihm vorüber und herunter eilte. Gütige Pflegerin, ſanfteſtes, beſtes aller Weſen! rief er aus, indem er vor ihr auf die Kniee ſank und ihre Hand ergriff, verzeihen Sie mir meine hartherzige Undankbarkeit! O Gott, o Gott! rief Milly mit naivem Erſtaunen, hier iſt wieder Einer! O Gott, hier iſt wieder Jemand, der mich gern hat! Was ſoll ich nur anfangen? Die unſchuldige, einfache Weiſe, mit der ſie dies ſprach, die Hände vor die Augen hielt und vor lauter Seligkeit weinte, war eben ſo rührend als wohlthuend. Ich war nicht mehr ich ſelbſt, ſagte er. Ich weiß nicht, was es war— es war vielleicht eine Folge meiner Krankheit— — 124— ich war wahnſinnig; aber ich bin es jetzt nicht mehr. Faſt wäh⸗ rend ich ſpreche, geneſe ich. Ich hörte von den Kindern Ihren Namen rufen, und der trübe Schatten ſchwand ſcheu bei dem bloßen Klange von mir. O weinen Sie nicht! Theuerſte Milly, wenn Sie in meinem Herzen leſen könnten und wüßten, wie ſehr es von Liebe und dankbarer Verehrung glüht, ſo würden Sie mich nicht Ihre Thränen ſehen laſſen. Es iſt ein zu grauſamer Vorwurf für mich. Nein, nein! ſagte Milly, das iſt es nicht. Das iſt es wahr⸗ haftig nicht. Es iſt lauter Freude. Es iſt Verwunderung, daß Sie es für nothwend halten ſollten, wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit mich um Verzeihung zu bitten, und dennoch Freude, daß Sie es thun. Und wollen Sie mich wieder beſuchen und wollen Sie den kleinen Vorhang fertig machen? Nein! ſagte Milly, indem ſie ſich die Augen trocknete und den Kopf ſchüttelte. Jetzt wird Ihnen meine Nähterei gleich⸗ gültig ſein Heißt dies verzeihen? ſagte er. Sie winkte ihn abſeits und flüſterte ihm ins Ohr: Es iſt Nachricht von Hauſe da, Mr. Edmund. Nachricht? Wie ſo? Entweder das Ausbleiben Ihrer Briefe, als Sie krank waren, oder die Veränderung Ihrer Handſchrift, als Sie zu geneſen anfingen, hat die Leute dort die Wahrheit ahnen laſſen. Sei dem wie ihm wolle— jedenfalls können Ihnen Nachrichten nur lieb ſein, wenn es nur keine ſchlechten Nachrichten ſind. — 125— Sicherlich.— Auch iſt Jemand angekommen! fuhr Milly fort. 8½ Meine Mutter? frug der Student und ſah ſich unwillkür⸗ lich nach Mr. Redlaw um, der die Treppe herabgeſtiegen war. Still! Nein, ſagte Milly.„ Es kann Niemand anders ſein. Wirklich, ſagte Milly, ſind Sie deſſen ſicher? Es iſt doch nicht— Ehe er ausſprechen konnte, legte ſie ihre Hand auf ſeinen Mund.. 3 und doch! ſagte Milly. Die junge Dame(ſie iſt dem Mi⸗ niaturbild ſehr ähnlich, Mr. Edmund, aber hübſcher) fühlte ſich zu ſehr beunruhigt durch die Ungewißheit, und traf geſtern Abend in Begleitung einer Dienerin ein. Da Sie Ihre Briefe ſtets von dem Collegium datirten, ſo begab ſie ſich dorthin, und ich ſah ſie, bevor ich heute früh zu Mr. Redlaw ging.— Sie hat mich auch gern, ſagte Milly. O Gott, das iſt wie⸗ der Eine!— Dieſen Morgen? Jetzt, ſagte Milly und flüſterte ihm ins Ohr, iſt ſie in einem kleinen Stübchen in der Pförtnerwohnung und erwartet Sie dort. Er drückte ihr die Hand und wollte forteilen, aber ſie hielt hn zurück. Mr. Redlaw iſt ganz anders geworden und ſagte mir heute Morgen, daß ſein Gedachtniß ſchwach geworden ſei. Sein Sie recht rückſichtsvoll gegen ihn, Mr. Edmund; wir müſſen Alle gegen ihn ſo ſein. — 126— 9— Jüngling gab ihr durch einen Blick zu verſtehen, daß Warnungen bei ihm Beachtung finden würden, und als er beim Fortgehen an Mr. Redlaw vorbeikam, verbeugte er ſich mit Achtung und offenbarer Theilnahme vor ihm. Mr. Redlaw erwiederte den Gruß höflich und ſah dem Jüng⸗ ling nach; dann ließ er den Kopf auf die Hand ſinken, als ob er ſich auf etwas, was ihm entſchwunden war, beſinne, aber es kam nicht wieder. Die dauernde Veränderung, die ſeit den erweichenden Klän⸗ gen der nächtlichen Muſik und dem Wiedererſcheinen des Geiſtes in ihm vorgegangen war, beſtand darin, daß er jetzt wahrhaft fühlte, wie viel er verloren hatte, daß er jetzt ſeine eigene Lage bemitleiden und ſie mit dem natürlichen Zuſtande der Perſonen ſeiner Umgebung vergleichen konnte. Daraus entſtand eine neue Theilnahme an den ihm bekannten Menſchen und ein beſchei⸗ denes, ergebungsvolles Gefühl ſeines Unglücks, dem ähnlich, das manchmal dem Alter eigen iſt, wenn ſeine geiſtigen Kräfte geſchwächt ſind, ohne daß zu der langen Reihe ſeiner Schwächen Gefühlloſigkeit oder mürriſches Weſen kommt. 5 Er fühlte auch, daß, je mehr er durch Milly von dem Scha⸗ 2 den, den er angerichtet, wieder gut machte und je mehr er mit ihr zuſammen war, deſto vollſtändiger auch dieſe Veränderung wurde. Deshalb und in Folge der Zuneigung, welche ſie ihm einflößte, die aber von keiner andern Hoffnung begleitet war, fühlte er, daß er ganz abhängig von ihr und daß ſie ihm die einzige Stütze in ſeinem Leiden ſei. Als ſie ihn daher jetzt frug, ob ſie nun nach Hauſe gehen wollten, und er bereitwillig Ja ſagte— denn dies lag ihm ſehr auf dem Herzen,— gab er ihr ſeinen Arm und ging neben ihr her; nicht als ob er der weiſe und gelehrte Mann ſei, dem die Wunder der Natur wie ein offenes Buch waren, und ſie der un⸗ geſchulte Geiſt, ſondern als ob dies Verhältniß umgekehrt ſei und ſie Alles wüßte, und er gar nichts. Er ſah, wie die Kinder ſich um ſie drängten und ſie lieb⸗ koſeten, als ſie jetzt das Haus verließen, er hörte ihr munteres Lachen und ihre fröhlichen Stimmen; er ſah ihre freundlichen Ge⸗ ſichter, die ihn wie Blumen umgaben; er war Zeuge der Zu⸗ friedenheit und der Eintracht, die ſich wieder bei den Eltern ein⸗ geſtellt hatten; er athmete die beſcheidene Luft der ärmlichen Hütte, die jetzt wieder im Beſitz ihres ſtillen Glücks war; er dachte an die verhängnißvolle Anſteckung, welche er hier verbrei⸗ tet und die er ohne ſie jetzt noch verbreiten würde, und vielleicht war es kein Wunder, daß er demüthig neben ihr herging und ihren ſanften Buſen näher an ſich zog. Als ſie in der Pförtnerwohnung ankamen, ſaß der Alte, die Augen ſtarr auf den Boden geheftet, auf ſeinem Stuhl in der Kaminecke und ſein Sohn ſtand, an die andere Seite des Ka⸗ mins gelehnt, ihm gegenüber und ſah ihn an. Wie ſie zur Thür hereintrat, fuhren Beide empor und ſahen ſich nach ihr um, und Heiterkeit verbreitete ſich über ihre vorher verdroſſenen Geſichter. O Gott, o Gott! Auch ſie ſehen mich gern, wie die Andern! rief Milly, ſchlug ihre Hände vor Freude zuſammen und blieb ſtehen. Da ſind wieder Zwei! — 128—— 4 Gern ſehen! Dieſer Ausdruck drückte ihre Freude nicht aus. Sie eilte in ihres Gatten Arme, die ſich ihr entgegenſtreckten, und er würde ſie dort gern den ganzen Tag haben ruhen laſſen. Aber der Alte konnte ſie nicht entbehren. Auch er breitete ihr ſeine Arme entgegen und ſchloß ſie ans Herz.— Wo iſt nur mein kleines Mäuschen die ganze Zeit über ge⸗ weſen? ſagte der Alte. Sie iſt lange, lange weggeblieben. Ich ſehe jetzt wohl, ich kann ohne Mäuschen nicht auskommen. Ich— wo iſt mein Sohn William?— Ich glaube, ich habe geträumt, William. Das ſage ich auch, Vater, erwiederte der Sohn. Ich habe einen böſen Traum gehabt, wahrhaftig.— Wie geht's Euch, Vater? Befindet Ihr Euch wohl? Friſch und munter, mein Sohn! gab der Alte zurück. Es war eine ordentliche Freude, zu ſehen, wie Mr. William ſeinem Vater die Hand ſchüttelte, ihn auf den Rücken klopfte und ihm die Hand auf die Schultern legte, als ob er nicht genug Theilnahme für ihn an den Tag legen könnte. nnn Was für ein wunderbarer Mann Ihr ſeid, Vater!— Wie geht's Euch, Vater? wirklich friſch und munter? ſagte William und ſchüttelte ihm wieder die Hand und klopfte ihn wieder auf den Rücken. Ich habe mich nie in meinem Leben beſſer befunden, mein Sohn. Was für ein wunderbarer Mann Ihr ſeid, Vater! aber ſo gehört es ſich auch, ſagte Mr. William mit Begeiſterung. Wenn ich bedenke, was mein Vater Alles durchgemacht hat, 4 V — 129— und die vielen Sorgen und Mühſeligkeiten, welche ihm in ſeinem langen Leben widerfahren ſind und ſein Haar grau gemacht haben, ſo iſt mir's, als wenn wir nicht genug thun könnten, um den alten Herrn zu ehren und ihm ſein hohes Alter zu erleich⸗ tern.— Wie geht's Euch, Vater? Wirklich munter und friſch? Mr. William hätte vielleicht nie wieder aufgehört, dieſe Frage zu wiederholen, wenn der Alte nicht jetzt den Chemiker erblickt hätte. Ich bitte um Verzeihung, Mr. Redlaw, ſagte Philipp, aber ich wußte nicht, daß Sie hier waren, Sir, ſonſt hätte ich mir nicht ſo viel herausgenommen. Ihr Beſuch an dem heuti⸗ gen Chriſtmorgen, Mr. Redlaw, erinnert mich an die Zeit, wo Sie ſelbſt Student waren und ſo angeſtrengt arbeiteten, daß Sie ſelbſt in der Weihnachtszeit nicht aus unſerer Bibliothek her⸗ auskamen. Ha ha! Ich bin alt genug, um mich daran zu erinnern, und ich erinnere mich deſſen recht deutlich, obgleich ich ſiebenund⸗ achtzig bin. Erſt als Sie hier weggezogen waren, ſtarb meine ſelige Frau. Erinnern Sie ſich noch an meine ſelige Frau, Mr. Redlaw? Der Chemiker antwortete: Ja. Ja, ſagte der Alte, ſie war ein gutes Weib.— Ich erin⸗ nere mich noch, wie Sie an einem Chriſtmorgen mit einer jun⸗ gen Dame herkamen— ich bitte um Verzeihung, Mr. Redlaw, aber ich glaube, es war eine Schweſter, die Sie ſehr lieb hatten? Der Chemiker ſah ihn an und ſchüttelte mit dem Kopfe. Ich hatte eine Schweſter, ſagte er gleichgültig, weiter wußte er nichts. An einem Chriſtmorgen, fuhr der Alte fort, kamen Sie mit ihr hier vorbei und es fing an zu ſchneien und meine Frau lud die junge Dame ein, einzutreten und ſich an das Feuer zu ſetzen, Boz. Der Verwünſchte. — 130— was am Chriſttag immer in dem ehemaligen großen Refectorium brennt. Ich war dort und ich beſinne mich noch, als ich das Feuer ſchürte, damit die junge Dame ihre hübſchen Füßchen daran wärmen könnte, las ſie die Schrift unter dem Bilde: „Herr, erhalte mein Gedächtniß friſch!“ Sie und meine Selige fingen darüber an zu ſprechen und es iſt ſeltſam, wenn man jetzt daran denkt, daß Beide ſagten(und ſie waren ihren Jahren nach ſo weit vom Tode), daß es ein ſchönes Gebet ſei und daß ſie es auch in Bezug auf Die, welche ſie am liebſten hatten, zu Gott ſchicken woll⸗ ten, wenn ſie früh ſterben ſollten.„Mein Bruder,“ ſagte die junge Dame—„mein Mann,“ ſagte meine Selige—„Herr, erhalte mein Gedächtniß in ihm friſch und laß mich nicht vergeſſen werden!“ Schmerzlichere und heißere Thränen, als er jemals in ſeinem Le⸗ ben geweint hatte, rannen über Redlaw's Wangen herab. Philipp, mit ſeiner Geſchichte zu ſehr beſchäftigt, hatte es nicht eher als jetzt bemerkt, und eben ſo wenig Milly's vom Weiterreden abmahnende Geberden. Philipp! ſagte Mr. Redlaw und legte die Hand auf ſeinen Arm, ich bin ein Unglücklicher, den die Hand der Vorſehung ſchwer, wenn auch verdient, getroffen hat. Du ſprichſt von etwas, Freund, was ich nicht mehr begreifen kann, die Erinnerung iſt mir entſchwunden. Gütiger Himmell ſagte der Alte. Ich habe die Erinnerung an Kummer und Sorge verloren, ſagte der Chemiker, und damit Alles, was dem Menſchen des Er⸗ innerns werth iſt. Wer des alten Philipp's Mitleid ſah, wie er ſeinen eige⸗ nen großen Lehnſtuhl ihm hinſchob, damit er darin ruhe, und — 131— wie er auf ihn hinabſah mit einer tiefſchmerzlichen Empfindung von dem, was ihm genommen war, der konnte einigermaßen merken, wie theuer dem Greiſe ſolche Erinnerungen ſind. Der Knabe kam hereingelaufen und eilte auf Milly zu. Hier iſt der Mann, ſagte er, in dem andern Zimmer. Ich mag ihn nicht. Wen meint er? frug Mr. William. Still! ſagte Milly. Einem Winke von ihr gehorſam, entfernten er und ſein alter Vater ſich leiſe. Wie ſie unbemerkt hinausgingen, rief Nedlaw den Knaben zu ſich. 3 Ich will lieber bei der Frau ſein, antwortete er und klam⸗ merte ſich an ihr Kleid an. Du haſt Recht, ſagte Redlaw mit einem trüben Lächeln. Aber Du brauchſt Dich nicht vor mir zu fürchten. Ich bin ſanf⸗ ter als vorhin. Vor Allem gegen Dich, armes Kind. Der Knabe hielt ſich Anfangs ſchüchtern fern; aber allmä⸗ lig gab er Milly's Vorſtellungen nach, ſo daß er ſich endlich näher wagte und ſich ſogar zu ſeinen Füßen niederſetzte. Als Mr. Redlaw die Hand auf die Schulter des Knaben legte und ihn mit Theil⸗ nahme und einem Brudergefühl anſah, ſtreckte er die andere Hand Milly entgegen. Sie beugte ſich zu ihm herab, ſo daß ſie ihm ins Geſicht ſehen konnte, und ſagte nach einer Pauſe: Mr. Redlaw, darf ich ſprechen? In, erwiederte er und blickte ſie an. Ihre Stimme und deren Muſik ſind für mich noch die alten. Darf ich Sie um etwas bitten? 9* — 132— Um was Sie wollen. Erinnern Sie ſich noch an Das, was ich geſtern, als ich an die Thür klopfte, ſagte? Von Einem, der früher Ihr Freund war und jetzt am Rande des Abgrundes ſteht? Ja! Ich entſinne mich, ſagte er mit einigem Zögern. Verſtehen Sie es jetzt? Er ſtrich des Knaben Haar glatt— ſah ſie eine Weile ſtarr an— und ſchüttelte den Kopf. Dieſen Mann, ſagte Milly mit ihrer klaren, weichen Stimme, die der Blick ihrer ſanften Augen noch klarer und ſanfter machte, ſah ich bald darauf. Ich kehrte zurück nach dem Hauſe und fand ihn mit Gottes Hülfe. Es war nicht zu früh. Ein wenig Ver⸗ zug, und es wäre ſchon zu ſpät geweſen. Er entfernte ſeine Hand von dem Knaben und legte ſie auf die ihrige, deren ſchüchterne und doch innige Berührung ihm nicht weniger zu Herzen drang, als ihre Stimme und ihre Au⸗ gen, und ſah ſie aufmerkſam an. Er iſt der Vater Mr. Edmund's, des jungen Herrn, den wir vorhin ſahen. Sein wirklicher Name iſt Langford.— Sie erinnern ſich des Namens? Ich erinnere mich des Namens. Und des Mannes? Nein, nicht des Mannes. Hat er mir jemals Unrecht gethan? Ja! Ah! Dann iſt keine Hoffnung,— keine Hoffnung. Er ſchüttelte den Kopf und klopfte leiſe auf ihre Hand, als ob er mit ſtiller Geberde um ihr Bedauern bitte. — 133— Ich ging geſtern Abend nicht zu Mr. Edmund, ſagte Milly. Wollen Sie mich aber ſo anhören, als ob Sie ſich auf Alles beſönnen? Jede Sylbe, die Sie ſagen. 1 Theils weil ich damals noch nicht wußte, daß Jener wirklich ſein Vater war, und theils weil ich die Wirkung fürchtete, welche dieſe Nachricht bei ihrer Beſtätigung auf ihn machen mußte. Seit ich es ſicher weiß, bin ich ebenfalls nicht hingegangen; aber aus einem andern Grunde. Er iſt lange von ſeiner Frau und ſeinem Sohne getrennt geweſen— faſt ſeit dieſes Sohnes Kin⸗ derjahren, wie ich von ihm höre— und hat Das verlaſſen, was ihm das Theuerſte hätte ſein ſollen. Während dieſer ganzen Zeit iſt er immer tiefer geſunken, bis— ſie ſtand haſtig auf, ging einen Augenblick hinaus und kehrte zurück, begleitet von dem Unbe⸗ kannten, den Redlaw die vorige Nacht in der Spelunke geſehen hatte. Kennen Sie mich? frug der Chemiker. Ich würde mich freuen, entgegnete der Andere, und das iſt ein ungewohntes Wort in meinem Munde, wenn ich Nein ſa⸗ gen könnte.. Der Chemiker ſah den Andern au, der im demüthigenden Ge⸗ fühle ſeiner Geſunkenheit vor ihm ſtand, und würde ihn, vergeblich nach einer Erinnerung ſuchend, noch länger betrachtet haben, wenn nicht Milly wieder ihre frühere Stellung neben ihm eingenommen und ſeinen aufmerkſamen Blick auf ihr Geſicht gelenkt hätte. Sehen Sie hier, wie tief er geſunken iſt! flüſterte ſie und ſtreckte den Arm nach dem Unbekannten aus, ohne den Blick von dem Geſichte des Chemikers abzuwenden. Wenn Sie ſich auf — 134— Alles beſinnen könnten, was ſich an ihn knüpft, glauben Sie nicht, daß der Gedanke ihr Bedauern erregen würde, daß es mit Einem, den Sie liebten(es ſoll uns nicht kümmern, wie lange es her iſt oder wie er die Liebe verſcherzt hat)⸗ dahin kommen ſollte? Ich hoffe, ich würde es thun, antwortete er. Ich glaube, ich würde es thun. Seine Augen ſchweiften hin nach der Geſtalt an der Thür, aber ſie kamen ſchnell zu ihr zurück und ſahen ſie geſpannt an, als ob er bemüht ſei, aus jedem Ton ihrer Stimme und jedem Strahl ihrer Augen eine Lehre zu ziehen. Ich habe kein Wiſſen und Sie deſſen ſo viel, ſagte Milly; ich bin nicht gewohnt zu denken, und Sie denken immer. Darf ich Ihnen ſagen, warum es mir gut zu ſein ſcheint, wenn man ſich an das Unrecht erinnert, das uns widerfahren iſt? Ja! Damit wir es verzeihen können. Vergieb mir, großer Gott, ſagte Redlaw und blickte gen Himmel, daß ich Dein eigenes hohes Vorrecht verſchmäht habe! Und wenn, fuhr Milly fort, wenn Ihnen Ihr Gedächtniß eines Tages wiedergegeben wird— und das hoffen und flehen wir Alle— wird es dann für Sie keine Segnung ſein, wenn Sie ſich zu⸗ gleich an das erlittene Unrecht und ſeine Verzeihung erinnern? Er ſah nach der Geſtalt an der Thür und heftete dann wie⸗ der ſeine aufmerkſamen Augen auf ſie; ihm war's, als ob ein Strahl helleren Lichtes von ihren milden Antlitz in ſeine Seele dringe. — 135— Er kann nicht zurückkehren an den heimiſchen Herd, den er ſelbſt geflohen hat. Er verlangt auch nicht dorthin zurück. Er weiß, daß er nur Beſchämung und Verlegenheit für Die mitbrin⸗ gen würde, die er ſo grauſam vernachläſſigt hat, und daß er ſein Unrecht jetzt am Beſten ſühnen kann, wenn er ſie meidet. Mit wenig Geld könnte er nach einer fernen Stadt ziehen, wo er ruhig leben und im rechtlichen Wandel das begangene Unrecht ſo weit wieder gut machen könnte, als es noch möglich iſt. Für die unglückliche Dame, die ſeine Gattin iſt, und für ſeinen Sohn wäre dies das beſte und gütigſte Geſchenk, das ihnen ihr beſter Freund machen könnte— ein Geſchenk, von dem ſie noch dazu nie etwas zu erfahren brauchten, und für ihn, deſſen Ruhe vernichtet, deſſen Geiſt und Körper krank iſt, wäre es eine wahre Rettung. Er nahm ihr Haupt zwiſchen beide Hände und küßte ſie auf die Stirn und ſagte: Es ſoll geſchehen. Ich überlaſſe es Ihnen, es für mich jetzt gleich und im Geheimen zu thun, und ſagen Sie ihm, daß ich ihm verzeihen würde, wenn ich ſo glücklich wäre zu wiſſen, was ich zu verzeihen hätte. Als ſie aufſtand und mit ſtrahlendem Geſichte ſich gegen den Unglücklichen wendete und ihm damit zu erkennen gab, daß ihre Verwendung gelungen ſei, da trat er einen Schritt vor und re⸗ dete, ohne den Blick zu erheben, Redlaw an. Sie ſind ſo großmüthig, ſagte er,— Sie waren es immer— daß Sie verſuchen werden, die aufkeimende Empfindung der er⸗ langten Vergeltung in dem Anblicke zu vergeſſen, den Sie vor ſich haben. Ich verſuche es nicht zu vergeſſen, Redlaw. Wenn Sie können, ſo glauben Sie es mir. — — 136— Der Chemiker bat Milly durch eine Geberde, näher an ihn heranzutreten; und wie er zuhörte, ſah er ihr ins Geſicht, als hoffe er, dort einen Schlüſſel zu dem zu finden, was er vernahm. Ich bin zu tief geſunken, um großen Dank zu betheuern. Ich erinnere mich meiner eigenen Laufbahn zu gut, um damit vor Sie zu treten. Aber von dem Tage an, wo ich Sie hinterging, bin ich tiefer und tiefer geſunken mit ſicherer, regelmäßig zuneh⸗ mender, verhängnißvoller Schnelligkeit. Das wollte ich ſagen. Redlaw wendete ſein Geſicht, in dem ſich jetzt Kummer und ein Strahl ſchmerzlicher Erinnerung ausſprach, dem Sprecher zu. Ich hätte ein anderer Menſch ſein und ein anderes Leben führen können, wenn ich dieſen erſten verhängnißvollen Schritt vermieden hätte. Ob es ſo gekommen wäre, weiß ich nicht. Ich rechne mir die Möglichkeit nicht zu Gute. Ihre Schweſter iſt im Grabe, und ſie iſt dort beſſer aufgehoben als bei mir, ſelbſt wenn ich ſo geblieben wäre, wie Sie mich kannten und wie ich mich ſelbſt ſah. Redlaw machte eine ungeduldige Vewegung mit der Hand, als ob er die Erinnerung von ſich weiſen wollte. Ich ſpreche wie ein Mann aus dem Grabe, fuhr der Andere fort. Ich hätte mir geſtern Nacht mein eigenes Grab gegraben, wäre nicht dieſe geſegnete Hand geweſen. O Gott, auch er hat mich gern! ſchluchzte Milly heiſes Das iſt wieder Einer! Ich hätte mich geſtern Abend Ihnen nicht genähert, und wenn ich hätte verhungern müſſen. Aber heute iſt die Erinnerung an unſere alten Verhältniſſe ſo lebhaft und friſch in mir, daß ich — — 132— auf ihren Rath gewagt habe, zu Ihnen zu kommen und Ihr Ge⸗ ſchenk anzunehmen und Ihnen dafür zu danken und Sie zu bit⸗ ten, Redlaw, daß Sie in Ihrer letzten Stunde ſo barmherzig gegen mich ſind in Ihren Gedanken, wie jetzt in Ihren Thaten. Er wendete ſich der Thür zu, blieb aber noch einmal ſtehen. Ich hoffe, Sie werden meinem Sohn Ihre Theilnahme ſchen⸗ ken um ſeiner Mutter willen. Ich hoffe, er wird ſie verdienen, und wenn mein Leben ſehr lange währt und ich fühle, daß ich Ihre Unterſtützung nicht gemißbraucht habe, werde ich ihn nie wieder ſehen. In der Thür ſah er zum erſten Male Redlaw an. Der Chemiker, deſſen ſtarrer Blick auf ihn geheftet war, ſtreckte ihm halb bewußtlos die Hand entgegen. Er kehrte um und berührte ſie mit ſeinen beiden Händen und ſchritt geſenkten Hauptes lang⸗ ſam über die Schwelle. In den wenigen Augenblicken, welche vergingen, während ihn Milly ſchweigend zur Gitterpforte führte, ſank der Chemiker in den Lehnſtuhl und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen. Wie ſie dies bemerkte, als ſie in Begleitung ihres Mannes und des Alten (die ihn Beide innig bedauerten) zurückkehrte, trug ſie Sorge, daß ihn Niemand ſtöre, und kniete nieder, um den Knaben in warme Kleider zu hüllen. So gehört ſich's. Das ſage ih immer, Vater! rief ihr Gatte bewundernd ans. Es wohnt ein Muttergefühl in Mrs. William's Buſen, das ſich Luft machen will und muß. Ja, ja! ſagte der Alte, Du haſt Recht. Mein Sohn Wil⸗ liam hat Recht! — 138— Es wendet ſich noch zum Beſten, liebe Milly, ſagte Mr. William, daß wir ſelbſt keine Kinder haben, und doch wünſchte ich manchmal, daß es anders wäre. Der todte Kleine, auf den Du ſolche Hoffnungen ſetzteſt und der niemals geathmet hat— das hat Dich recht ſtill gemacht, Milly. Ich bin glücklich in der Erinnerung daran, lieber William, gab ſie zur Antwort. Ich denke jeden Tag daran. Ich fürchte, Du denkſt ſehr viel daran. Sprich nicht von Fürchten; es iſt eine Erquickung für mich, es ſpricht zu mir auf ſo vielerlei Weiſe. Das unſchuldige Weſen, das niemals auf Erden lebte, iſt für mich wie ein Engel, William. Du biſt dem Vater und mir ein Engel, ſagte Mr. William ſanft. Das weiß ich. Wenn ich an alle die Hoffnungen denke, die ich darauf baute, fuhr ſie fort, und wie vielmal ich daſaß und mir an meinem Buſen ein lächelndes Geſichtchen, das nie dort ruhte, und die lieblichen, mir zugewandten Augen, die ſich nie dem Lichte öff⸗ neten, vorſtellte, ſo flößen mir dieſe getäuſchten Hoffnungen eine größere Weichheit und Theilnahme an Andern ein. Wenn ich ein ſchönes Kind in den Armen einer glücklichen Mutter ſehe, ſo liebe ich es um ſo mehr, wenn ich denke, daß mein Kind dieſem hätte ähnlich ſein und mich eben ſo ſtolz und glücklich machen können. Redlaw hob den Kopf in die Höhe und blickte ſie an. Für das ganze Leben ſcheint es mir eine Lehre zu geben, ſprach ſie weiter. Für arme verlaſſene Kinder fleht mein Kind, als ob es noch am Leben wäre und mit einer mir bekannten Stimme zu mir ſprechen könnte. Wenn ich von einem Jüngling im Lei⸗ — 139— den des ſelbſtverſchuldeten Mißgeſchicks höre, ſo denke ich, daß es meinem Kinde auch hätte ſo gehen können, und daß es Gott in ſeiner Barmherzigkeit zu ſich genommen hat. Selbſt im grau⸗ haarigen Alter iſt er mir gegenwärtig und ſagt mir, daß er ein hohes Alter erreichen und lange, nachdem ich und Du geſtorben, die Verehrung und Liebe jüngerer Leute hätte brauchen können. Ihre gedämpfte Stimme wurde gedämpfter als je, als ſie den Arm ihres Gatten ergriff, ihren Kopf daran lehnte und fortfuhr: Kinder lieben mich ſo ſehr, daß ich mir manchmal einbilde— es iſt eine thörichte Einbildung, William— ſie fühlten auf eine mir unbekannte Weiſe mit meinem kleinen Kinde und mir, und verſtänden, warum mir ihre Liebe ſo koſtbar iſt. Wenn ich ſeit jener Zeit ſtiller bin, ſo war ich auch glücklicher in mancher Art, William. Nicht am wenigſten glücklich darin, daß ſelbſt damals, als mein Kind erſt wenige Tage geboren und geſtorben, und ich noch ſchwach und betrübt war und mich des Kummers nicht ent⸗ ſchlagen konnte, mir der Gedanke kam: wenn ich verſuchte, ein tugendhaftes Leben zu führen, würde mir im Himmel im Strahlen⸗ gewand ein Weſen entgegentreten, das mich Mutter nennen würde! Redlaw ſank mit einem lauten Ausrufe inniger Rührung auf die Kniee. O Du, ſagte er, der Du mir durch die Lehre reiner Liebe das Gedächtniß wiedergegeben, das Gedächtniß des Erlöſers am Kreuze und aller Guten, die für ihn geſtorben ſſnd, empfange meinen Dank und ſegne ſie! Dann drückte er ſie an ſein Herz, und Milly rief mit lautem Schluchzen freudiger Rührung: Er iſt wieder zu ſich gekommen! —ÿyy—— ————— — 140— Er hat mich auch recht ſehr gern! O Gott, o Gott, das iſt wie⸗ der Einer! 7 Und jetzt trat der Student herein, an der Hand ein liebliches Mädchen führend, das ſich fürchtete hereinzukommen. Und Red⸗ law— ſo anders war er jetzt gegen ihn—, der in ihm und ſeiner jungen Erwählten eine Erinnerung an jene glücklichſte Zeit ſeines Lebens ſah, bei der, wie bei einem ſchattigen Baume, die ſo lange in ſeiner einſamen Arche eingekerkerte Taube Ruhe und Geſellſchaft ſuchen konnte, fiel ihm um den Hals und bat ſie, ſich als ſeine Kinder zu betrachten. Und da Weihnachten eine Zeit iſt, wo vor allen andern Zei⸗ ten im Jahre die Erinnerung an alle zu hebenden Sorgen und Mühſale nicht weniger lebendig ſein ſollte, als das Gedächtniß an das uns widerfahrene Gute, legte er ſeine Hand auf das Haupt des Knaben und gelobte, indem er ſtumm Den zum Zeu⸗ gen aufrief, der voreinſt die Kindlein ſegnete und in der Erha⸗ benheit ſeines prophetiſchen Wiſſens Die ausſchalt, welche ſie von ſich wieſen, ihn zu beſchützen, zu unterrichten und zum Men⸗ ſchen zu machen. Und dann reichte er ſeine Hand mit heiterem Geſichte Philipp hin und ſagte, daß ſie heute ein Weihnachtsmahl einnehmen wollten in dem Zimmer, das ehemals, bevor die zehn armen Schüler mit Geld abgefunden wurden, das große Refectorium war, und daß ſie dazu ſo Viele von der Familie Swidgers— die, nach der Ausſage ſeines Sohnes, ſo zahlreich war, daß ſie ſich die Hände geben und einen Kreis um ganz England ziehen konnten— ein⸗ laden wollten, als in der kurzen Friſt aufzutreiben waren. — ——— Und alſo geſchah es dieſen Tag. So viele Swidgers, junge und alte, waren da, daß ein Verſuch, ſie in runder Zahl anzu⸗ geben, in dem Mißtrauiſchen Zweifel an der Wahrhaftigkeit dieſer Geſchichte erregen könnte. Deshalb ſoll der Verſuch unterbleiben. Aber ſie waren da in Dutzenden und halben Schocken— und gute Hoffnung wartete ihrer hinſichtlich des Bruders Georg, den Va⸗ ter und Bruder und Milly wieder beſucht und in ruhigem Ge⸗ neſungsſchlummer verlaſſen hatten. Auch waren bei dem Mahle die Tetterby's ſammt Adolph junior, der in dem regenbogenfar⸗ benen Wollenſhawle gerade zum Rindfleiſch eintraf. Johnny und das Wickelkind kamen natürlich zu ſpät, und langten an wankenden Schhrittes und ganz auf eine Seite geneigt, der Eine ganz er⸗ ſchöpft, der Andere in einer Kriſis angeblichen Zahnens; aber das war etwas Gewöhnliches und nicht beunruhigend. Ein betrübender Anblick war das Kind, das weder Vater noch Mutter kannte, wie es den ſpielenden Kindern zuſah und nicht wußte, wie es mit ihnen reden und ſpielen ſollte, und mit Kinder⸗ weiſe unbekannter war, als ein ungeſchulter Hund. Ein betrü⸗ bender Anblick war es auch, obgleich in anderer Weiſe, zu ſehen, wie inſtinctartig ſelbſt die kleinſten Kinder fühlten, daß es anders war als alle Uebrigen, und wie ſie ſich ihm ſchüchtern näherten mit ſanften Worten und kleinen Geſchenken, damit es ſich nicht unglücklich fühle. Aber es blieb bei Milly und fing an ſie zu lie⸗ ben— ſchon wieder Einer! ſagte ſie— und da ſie Alle die milde Frau liebten, ſo freute ſie ſich darüber, und als ſie das Kind hinter ihrem Stuhle hervorgucken ſahen, da war es ihnen lieb, daß es ſo dicht bei ihr war. — 142— Dies Alles ſahen der Chemiker, der neben den Studenten und ſeine Braut trat, und Philipp und die Uebrigen. Einige haben ſeitdem erzählt, er habe nur gedacht, was hier berichtet worden, Andere, er habe es an einem Winterabend um die Dämmerſtunde im Feuer geleſen; Andere, der Geiſt ſei nur das Bild ſeiner trüben Gedanken und Milly die Verkörperung ſeines beſſern Wiſſens. Ich ſage nichts. — Nur das Eine. Als ſie Alle in der alten Halle verſam⸗ melt waren, nur erleuchtet von einem großen Kaminfeuer(ſie hatten zeitig gegeſſen), da ſchlichen ſich die Schatten wieder aus ihren Verſtecken hervor und tanzten im Zimmer herum, und zeig⸗ ten den Kindern wunderbare Geſtalten und Geſichter an den Wänden, und gaben allmälig allem Wirklichen und Bekannten zauberiſche und ungeheuerliche Formen. Aber ein Gegenſtand war in der Halle, dem ſich die Augen Redlaw's, und Milly's und ihres Gatten, und des Alten, und des Studenten und ſeiner Braut oft zuwendeten, und den die Schatten weder verdunkelten noch veränderten. In tiefere Würde gekleidet von dem Scheine der Flamme und aus dem dunkeln Getäfel der Wand wie lebendig hervortretend, ſah das ernſte Geſicht mit dem Bart und der Hals⸗ krauſe, und geſchmückt mit dem immergrünen Hülſenkranze, auf ſie herab, wie ſie zu ihm hinſchauten, und darunter waren klar und deutlich, als ob eine Stimme ſie riefe, die Worte: — An 6 ſſ) 4 — —— Schnellpreſſendruck von Fr. Nies in Leipzig.