——— ——— T S 8 T 3 X X * X 8—⁸ 8T 8N X X N 1 X+ N J N N 8 W N D8 Wlch ———— ———õ—= — W Seub J, Ruhch, J?tt — Boz“ Sämmtliche Werke. — Siebenundſechzigſter Theil. Dombey und Sohn. Zehnter Theil. —— Ceipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1848. Dombey und Sohn von Boz(Dickens). Aus dem Engliſchen von Julius Seybt. Mit Federzeichnungen von Hablot K. Browne. Zehnter Theil. ———.—— eipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1848. Achtundfunfzigſtes Kapitel. Ein Jahr ſpäter. Das Meer hatte ein ganzes Jahr lang mit Ebbe und Fluth gewechſelt. Ein ganzes Jahr lang waren Winde und Wolken gekommen und gegangen; das unaufhörliche Wirken der Zeit war in Sturm und Sonnenſchein ſichtbar geweſen. Ein ganzes Jahr lang hatte die Fluth irdiſchen Zufalls und irdiſchen Wechſels die vorgeſchriebene Richtung verfolgt. Ein ganzes Jahr lang hatte das berühmte Haus Dombey und Sohn um ſein Beſtehen gekämpft gegen widrige Zufälle, böſe Gerüchte, erfolgloſe Spe⸗ culationen, ſchlechte Zeiten, und hauptſächlich gegen die Verblen⸗ dung ſeines Hauptes, das die Unternehmungen nicht um ein Haar breit einſchränken, auf kein Wort der Warnung hören wollte, daß das Schiff, mit dem es dem Sturm trotzte, gebrechlich und dem Untergang nahe ſei. Das Jahr war vorüber und das große Haus war gefallen. — 6— An einem Sommernachmittag, ein Jahr weniger ein paar Tage nach der Trauung in der Citykirche, ſteckten die Leute auf der Börſe die Köpfe zuſammen und ſprachen von einem großen Bankerott. Ein dort wohlbekannter, ſtolzer, kalter Herr war nicht da und hatte auch Niemanden geſchickt. Den folgenden Tag hieß es überall, Dombey und Sohn haben fallirt, und am Abend erſchien ein Verzeichniß fallirter Häuſer mit dieſem Namen an der Spitze. Die Welt war jetzt ſehr geſchäftig und hatte erſtaunlich viel zu ſagen. Es war eine wunderbar leichtgläubige und eine arg gemißbrauchte Welt, es war eine Welt, in der es gar keine andere Art Bankerott gab. Es gab keine großen Leute darin, die mit ſchlechten Wechſeln von Religion, Patriotismus, Tugend und Ehre Handel trieben. Es war gar keine nennenswerthe Maſſe von bloßem Papier im Umlauf, von dem irgend Jemand ganz leidlich lebte, indem er verſprach, große Summen von guten Werken mit keiner Deckung zu bezahlen. Es gab in der ganzen Welt kein Zurückbleiben, außer in Geld. Die Welt war wirklich recht böſe; und vorzüglich die Leute, die in einer ſchlechten Welt ſelbſt hätten in den Ruf kommen können, nur bankerotte Händler mit falſchem Schein und blendender Lüge zu ſein. Welch neue Verlockung zur Ausſchweifung für dieſen Spiel⸗ ball der Verhältniſſe, Mr. Perch, den Markthelfer! Es war offenbar das Schickſal des Mr. Perch, immer aufzuwachen und ſich berühmt zu finden. Erſt geſtern, ſo zu ſagen, war er aus der Berühmtheit durch die Entführung und die darauf -— — 2 —— folgenden Ereigniſſe ins Privatleben zurückgetreten; und jetzt wurde er durch den Bankerott ein wichtigerer Mann als je. Mr. Perch brauchte ſich blos draußen im Hofe oder, wenn er weit kam, am Buvet des„Königswappens“ zu zeigen, und es wurden ihm ſogleich eine Unzahl Fragen vorgelegt, unter denen ſich faſt ſtets die höchſt intereſſante Frage befand: was er trinken wolle? Dann fing Mr. Perch an von den Stunden voll bittrer Sorge zu reden, die er und Mrs. Perch in Balls Pond verlebt, als ſie zuerſt geahnt, daß die Sachen ſchlimm ſtänden. Dann erzählte Mr. Perch dem ſtaunenden Zuhörerkreis mit gedämpfter Stimme, als ob die Leiche des gefallenen Hauſes unbegraben im nächſten Zimmer liege, wie Mrs. Perch zuerſt dadurch eine Ahnung von dem drohenden Unglück bekommen, daß er(Perch) im Schlafe geſeufzt habe:„Zwei und funfzig dreiviertel Procent, zwei und funfzig dreiviertel Procent!“ Dieſer prophetiſche Traum, meinte er, müſſe durch den Eindruck entſtanden ſein, den Mrs. Dombey's verändertes Geſicht auf ihn gemacht habe. Dann er⸗ zählte er ſeiner Umgebung, wie er einmal geſagt habe:„Darf ich ſo frei ſein zu fragen, Sir, ob Sie etwas auf dem Herzen haben?“ und wie Mr. Dombey darauf geantwortet:„Mein treuer Perch— aber nein, es iſt nicht möglich!“ Darauf habe er ſich mit der Hand vor die Stirn geſchlagen und geſagt:„Verlaſſen Sie mich, Perch!“ Mit einem Worte, dann erzählte Mr. Perch, ein Opfer ſeiner Stellung, allerlei Lügen; wurde dabei von den rührenden bis zu Thränen erweicht, und glaubte feſt, daß die Erfindungen von geſtern bei der Wiederholung am nächſten Tag eine Art Wahrheit angenommen hätten. — 8— Mr. Perch ſchloß die Sitzung ſtets mit der beſcheidenen Bemerkung,„daß es natürlich, was er auch immer geahnt hätte (als ob er jemals etwas geahnt hätte), nicht ſeine Sache geweſen wäre, etwas zu verrathen, gewiß nicht. Dieſe Aeußerung(es waren nie Gläubiger des Hauſes anweſend) machte in den Augen aller Anweſenden ſeinem Herzen ſtets alle Ehre. So nahm er gewöhnlich ein beruhigtes Gewiſſen mit und ließ einen günſtigen Eindruck zurück, wenn er zu ſeinem Schemel zurückkehrte, um wieder dort zu ſitzen und die neuen Geſichter in dem Comptoir anzuſehen, die ſo ungenirt mit den großen Geheimniſſen, den Büchern, umgingen; oder manchmal auf den Zehen in Mr. Dombey's Zimmer zu gehen und das Feuer zu ſchüren; oder ſich vor der Thür zu ſömmern und mit dem erſten beſten Vor⸗ übergehenden, den er kannte, mit wichtigem Geſicht und in trau⸗ rigem Tone zu plaudern; oder mit tauſend kleinen Aufmerkſam⸗ keiten ſich dem Oberbuchhalter gefällig zu machen, durch deſſen Vermittelung Mr. Perch eine Stelle in einer Feuerverſicherungs⸗ anſtalt zu bekommen hoffte. Für Major Bagſtock war der Bankerott ein ſchwerer Schlag. Der Major hatte kein mitfühlendes Herz— ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit concentrirte ſich auf J. B.— und war überhaupt lebhaften Bewegungen nicht zugänglich, die phyſiſchen des Keuchens und Würgens abgerechnet. Aber er hatte mit ſeinem Freunde Dombey ſo ſehr im Club paradirt, hatte dieſen ſo ſehr durch beſtän⸗ diges Prahlen mit ſeinem Reichthum geärgert, daß der Club in ſeiner menſchlichen Schwäche gern die Gelegenheit ergriff, an dem Major ſein Wiedervergeltungsrecht zu üben und ihn mit anſcheinend großer Theilnahme zu fragen, ob Jemand etwas von dieſem ſchrecklichen Schlag geahnt hätte, und wie Mr. Dombey ſich dabei befände. Bei derartigen Fragen wurde der Major ſehr dunkelroth und gab zur Antwort, es ſei eine böſe Welt, Sir; Joey wäre zwar nicht ſo dumm, Sir, aber diesmal ſei er hintergangen worden, Sir; wenn Jemand das zu Jo. Bagſtock geſagt hätte, als er mit Dombey ins Ausland ging und den Landläufer in Frankreich ſuchte, ſo hätte Jo. Bagſtock ihn rein ausgelacht— rein ausgelacht, Sir, bei Gott! Daß Joe getäuſcht und hintergangen worden ſei, Sir, aber jetzt wieder die Augen weit offen habe; ſo weit, daß, wenn Joe sVater mor⸗ gen aus dem Grabe aufſtände, er dem alten Kerl keinen Dreier anvertrauen, ſondern ihm ſagen würde, ſein Sohn Joſh ſei ein zu alter Soldat, um ſich wieder leimen zu laſſen, Sir. Er ſei ein eigenſinniger, mürriſcher, grilliger, alter J. B. Skeptiker, Sir; und wenn es ſich mit der Würde eines Majors vom der⸗ ben alten Schlag, der die Ehre gehabt, von den hochſeligen königl. Hoheiten den Herzögen von Kent und York perſönlich gekannt und geſchätzt zu ſein, vertrüge, ſich in eine Tonne zurückzuziehen und darin zu leben, bei Gott! Sir, er ließe ſich morgen eine Tonne nach Pallmall bringen, um zu zeigen, wie ſehr er die Menſchheit verachte! Dieſe und viele andere Variationen derſelben Melodie gab der Major mit ſo vielen apoplektiſchen Symptomen, ſo bedeut⸗ ſamem Kopfwackeln und mürriſchem Brummen von ſich, daß die jüngern Mitglieder des Clubs auf den Gedanken kamen, er habe Geld in ſeines Freundes Dombey Haus angelegt und es ein⸗ — 10— gebüßt; obgleich die älteren Militairs und geriebenern Leute, die Joe beſſer kannten, davon nichts wiſſen wollten. Der unglück⸗ liche Eingeborene, der gar kein Urtheil hatte, litt entſetzlich; nicht blos in ſeinen moraliſchen Gefühlen, die der Major zu jeder Stunde des Tages bombardirte und todtſchlug, ſondern auch körperlich durch zahlloſe Stöße und Püffe. Sechs ganze Wochen lang nach dem Bankerott lebte dieſer Unglückliche in einer Regen⸗ zeit von Stiefelknechten und Bürſten. Mrs. Chick hatte drei Gedanken in Bezug auf den ſchreck⸗ lichen Schickſalswechſel. Der erſte war, daß ſie es nicht einſehen konnte. Der zweite, daß ihr Bruder ſich nicht genug ange⸗ ſtrengt hätte. Der dritte, daß es nie geſchehen wäre, wenn man ſie am Tage der erſten Geſellſchaft zum Eſſen eingeladen hätte; und daß ſie es damals gleich geſagt hätte. Niemandes Meinung hielt das Unglück auf, erleichterte es oder machte es ſchwerer. Man vernahm, daß die Geſchäfte des Hauſes ſo gut wie möglich liquidirt werden ſollten; daß Mr. Dombey Alles, was er habe, bereitwillig hingebe und nichts für ſich verlange. Daß jede Wiederaufnahme der Geſchäfte außer aller Frage ſei, da er jede freundſchaftliche Verhandlung zur Herbeiführung eines Vergleiches ausſchlage; daß er alle Ehren⸗ und Vertrauensämter aufgegeben; daß er im Sterben liege, wie Einige meinten, daß er halb wahnſinnig ſei, wie Andere äußerten; daß er ein gebrochener Mann ſei, wie Alle ſagten. Die Commis zerſtreuten ſich in alle Welt, nachdem ſie noch ein kleines Condolenzeſſen gegeben, das durch komiſchen Geſang erheitert wurde und trefflich von Statten ging. Einige nahmen — 11— Stellen im Auslande an, andere blieben in England; einige ſuchten Verwandte in der Provinz auf, für die in ihrem Herzen plötzlich eine große Zuneigung erwachte, und andere ſuchten Stellen in den Zeitungen; von dem ganzen alten Perſonal blieb nur Mr. Perch übrig und ſaß immer noch auf dem hohen Schemel, die neuen Geſichter anſtarrend, oder ſprang auf, um dem Ober⸗ buchführer gefällig zu ſein, der ihm eine Stelle in einer Feuer⸗ verſicherungsanſtalt verſchaffen ſollte! Das Comptoir wurde bald ſchmutzig und vernachläſſigt. Der Pantoffel⸗ und Hundehals⸗ bandverkäufer an der Ecke des Hofes hätte ſich jetzt beſonnen, ehe er an den Hut griff, wenn Mr. Dombey an ihm vorbeige⸗ gangen wäre; und der Ausläufer, mit den Händen unter der weißen Schürze, moraliſirte ſehr ernſthaft und gründlich über das Sprichwort: Hochmuth kommt vor dem Fall, und fühlte ſich ganz glücklich dabei. Mr. Morfin war vielleicht der Einzige in der Atmoſphäre des Hauſes— das Oberhaupt natürlich ausgenommen— der von dem Mißgeſchick, welches daſſelbe betroffen, aufrichtig und tief ergriffen war. Er hatte viele Jahre hindurch Mr. Dombey mit gehöriger Achtung und Ehrerbietung behandelt, ſeinen natürlichen Charakter nie verhehlt, hatte nie vor ihm gekrochen oder ſeiner vorherrſchenden Leidenſchaft zur Förderung ſeiner eigenen Zwecke geſchmeichelt. Daher hatte er keine Selbſterniedrigung zu rächen, keine lange niedergehaltene Federkraft mit raſchem Rückſchlag zu erlöſen. Er arbeitete früh und ſpät, verwickelte oder ſchwierige Punkte in den Angelegenheiten des Hauſes aufzuhellen; war immer da, um Aufklärung zu geben, wo ſie nöthig war; ſaß oft bis ſpät Nachts in ſeinem alten Zimmer und ſuchte ſich mit ſchwierigen Sachen, die ihm ferner lagen, bekannt zu machen, nur um Mr. Dombey die Unannehmlichkeit zu erſparen, ſelbſt darüber zu Rathe gezogen zu werden; und begab ſich dann nach Hauſe nach Islington und beruhigte ſein Gemüth damit, daß er vor Schlafengehen die allertraurigſten und kläglichſten Töne auf ſeinem Violoncell hervorbrachte. Auf dieſe Weiſe tröſtete er ſich eines Abends, und kratzte gerade Stärkung aus den tiefſten Noten ſeines Violoncells— denn die Geſchäfte des Tags hatten ihn heute beſonders nieder⸗ gedrückt— als ſeine Wirthin(die zum Glück taub war, und von allem ſeinem Muſiciren weiter nichts merkte, als ein Rumpeln in den Knochen) eine Dame anmeldete. In Trauer, ſetzte ſie hinuu. Das Violoncell ſchwieg augenblicklich; der Muſiker legte es mit großer, wahrhaft zärtlicher Sorgfalt auf das Sopha, und gab mit einem Zeichen zu verſtehen, daß die Dame eintreten könne. Er ging ſogleich nach der Thür und begegnete Harriet Carker auf der Treppe. Allein! ſagte er, und John heut Morgen auch hier! Iſt etwas paſſirt, meine Liebe? Doch nein, fügte er hinzu, Ihr Geſicht ſcheint etwas ganz Anderes zu verrathen. Dann fürchte ich, daß es etwas ſehr Selbſtſüchtiges verräth, erwiderte ſie. 4 Jedenfalls etwas ſehr Angenehmes, ſagte er; und wenn es ſelbſtſüchtig iſt, auch etwas Neues und wirklich Sehenswürdiges. 3 Aber ich glaube das Letztere nicht.. n t — 13— Er hatte ihr unterdeſſen einen Stuhl hingeſtellt und fich gegenüber geſetzt; das Violoncell lag zwiſchen ihnen auf dem Sopha. Sie werden ſich nicht mehr über mein Alleinkommen wundern oder darüber, daß Ihnen John heute früh nichts davon geſagt hat, begann Harriet, wenn ich Ihnen ſage, warum ich gekommen bin. Darf ich beginnen? Sie können nichts Beſſeres thun, entgegnete der Andere. Sie waren nicht beſchäftigt? Er deutete auf das auf dem Sopha liegende Violontel und ſagte: Ich war den ganzen Tag beſchäftigt. Hier iſt mein Zeuge. Ich habe ihm alle meine Sorgen vertraut. Ich wollte, ich hätte ihm keine andern als meine eignen mitzutheilen. Iſt es mit dem Hauſe aus? frug Harriet dringlich. Vollkommen aus. Wird es nie wieder anfangen? Nie. Der heitre Ausdruck ihres Geſichts verdüſterte ſich nicht, als ihre Lippen ſtumm das Wort wiederholten. Er ſchien dies mit einigem unwillkürlichen Erſtaunen zu bemerken, und begann von Neuem: Nie. Sie werden ſich an das erinnern, was ich Ihnen früher ſagte. Die ganze Zeit über war es unmöglich, ihn zu überzeugen; unmöglich, ihm vernünftige Vorſtellungen zu machen; ja zu⸗ weilen ſogar unmöglich, ſich ihm zu nähern. Das Schlimmſte iſt geſchehen; das Haus iſt geſtürzt, um nie wieder aufge⸗ richtet zu werden. Und iſt Mr. Dombey zu Grunde gerichtet? Zu Grunde gerichtet, war die Antwort. Wird ihm kein Privatvermögen übrig bleiben? Nichts? Ein gewiſſer Eifer in ihrer Stimme und ein faſt freudiger Strahl in ihren Augen ſchien ihn mehr und mehr in Verwun⸗ derung zu verſetzen und ſeine Gefühle unangenehm zu berühren. Er trommelte mit den Fingern der einen Hand auf dem Tiſch, ſah ſie nachdenklich an, ſchüttelte den Kopf und ſagte nach einer Pauſe: Die Größe von Mr. Dombey's Mitteln iſt mir nicht ge⸗ nau bekannt; aber obgleich ſie jedenfalls bedeutend ſind, ſo ſind doch auch ſeine Verpflichtungen ungeheuer. Er iſt ein Mann von hoher Ehrenhaftigkeit und Rechtlichkeit. Jeder Andere hätte ſich leicht dadurch retten können— und Viele würden es gethan haben— daß er Bedingungen ſtellte, welche die Verluſte ſeiner Gläubiger nur gering— kaum merkbar— vergrößerten und ihm etwas zum Lebensunterhalt übrig ließen. Aber er iſt entſchloſſen, auch den letzten Pfennig, den er ſein nennen kann, zu bezahlen. Nach ſeinen eigenen Worten ſind ſeine Mittel von der Art, daß er damit alle oder faſt alle Schulden des Hauſes tilgen und Niemand viel verlieren kann. Ach, Miß Harriet, es würde uns nichts ſchaden, wenn wir öfter daran dächten, daß Laſter oft nur bis zum Uebermaß getriebene Tugenden ſind! Sein Stolz zeigt ſich hier von ſeiner guten Seite. Sie hörte ihn an, ohne den Ausdruck ihres Geſichts viel zu verändern, und ſelbſt etwas zerſtreut, als ob ihre Gedanken —— ſich mit etwas Anderem beſchäftigten. Als er ſchwieg, frug ſie ihn angelegentlich: Haben Sie ihn vor Kurzem geſehen? Niemand ſieht ihn. So oft ihn die Abwickelung der Ge⸗ ſchäfte des Hauſes nöthigt, ſeine Wohnung zu verlaſſen, läßt er ſich für dieſes eine Mal zum Ausgehen bewegen, geht dann wieder nach Hauſe, ſchließt ſich ein und läßt Niemanden vor ſich. Er hat mir einen Brief geſchrieben, in welchem er unſeres früheren Verhältniſſes mit größerem Lobe, als es verdient, gedenkt und Ab⸗ ſchied von mir nimmt. Ich ſtehe an, mich ihm jetzt aufzudrängen, da ich in beſſeren Zeiten nicht viel Verkehr mit ihm gehabt habe; aber ich habe es verſucht. Ich habe geſchrieben, bin hingegangen, habe ihn angefleht. Alles vergebens. Er beobachtete ſie, als hoffe er, ſie werde eine größere Theil⸗ nahme, als ſie bis jetzt gezeigt, an den Tag legen; und ſprach mit Ernſt und Gefühl, als bemühe er ſich, größern Eindruck auf ſie zu machen; aber es wurde keine Veränderung in ihrem Geſicht bemerklich. Ich ſehe ſchon, Miß Harriet, ſagte er endlich mit der Miene eines in ſeinen Erwartungen Getäuſchten, das gehört nicht hierher. Sie ſind nicht hergekommen, um das zu hören. Ein anderer und angenehmerer Gegenſtand beſchäftigt Ihre Gedanken. Theilen Sie mir ihn mit, damit wir darüber ſprechen können. Nun? 1 Nein, es iſt ganz derſelbe Gegenſtand, erwiderte Harriet mit unverhehlter Ueberraſchung. Iſt dies nicht auch ganz na⸗ türlich? Iſt es nicht natürlich, daß John und ich in der letzten Zeit — 16— viel von dieſen großen Veränderungen geſprochen haben? Mr. Dombey, dem er ſo viele Jahre lang diente,— Sie wiſſen unter welchen Bedingungen— wie Sie ſelbſt ſagen verarmt; und wir ordentlich reich! Ein ſo gutes, treues Geſicht auch das ihrige war, und ſo angenehm es Mr. Morfin ſtets ſeit dem erſten Augenblick, wo er es geſehen, erſchienen war, ſo gefiel es ihm doch in dieſem Augen⸗ blicke, wo ein frohlockender Schimmer es erhellte, weniger als je. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, ſagte Harriet und blickte auf ihre Trauerkleider herab, durch welche Vorfälle unſre Umſtände ſich ſo gänzlich verändert haben. Sie wiſſen ja, daß unſer Bruder James an jenem ſchrecklichen Tage kein Teſtament und keine andern Verwandten als uns hinterlaſſen hat. Das Geſicht erſchien ihm jetzt anmuthiger, obgleich es blaß und melancholiſch war, als vor einem Augenblick. Er ſchien freier zu athmen. 4 Sie kennen unſere Geſchichte, fuhr ſie fort, die Geſchichte meiner beiden Brüder und ihr Verhältniß zu dem Unglücklichen, von dem Sie ſo wahr geſprochen haben. Sie wiſſen, wie wenig Bedürfniſſe wir haben— John und ich, meine ich— wiſſen auch, wie wenig Gelegenheit zum Geldausgeben wir nach der Lebensweiſe, an die wir gewöhnt ſind, haben; um ſo mehr, da er jetzt durch Ihre Güte ein hinreichendes Einkommen hat. Sie ahnen wahrſcheinlich ſchon, um welchen freundlichen Dienſt ich Sie bitten will? Ich weiß es kaum, war die Antwort. Vor einer Minute noch nicht. Jetzt habe ich vielleicht eine leiſe Ahnung. , ——ͤ——————, 8AD es Wu. Seee — 17— So 2 Von meinem verſtorbenen Bruder ſage ich nichts. Wenn r die Todten wiſſen, was wir thun— aber Sie verſtehen mich. d Von meinem lebenden Bruder könnte ich viel ſagen; aber was brauche ich mehr zu ſagen, als daß dieſe Handlung der Pflicht, 0 zu der ich mir Ihren unentbehrlichen Beiſtand erbitten möchte, 4 er ganz von ihm ſelbſt ausgeht, und daß er nicht eher ruhen kann, 83 als bis ſie ausgeführt iſt! e. Sie erhob wieder ihre Augen, und das freudige, ſtrahlende— nd Geſicht wurde immer ſchöner in den Augen des beobachtenden, re alten Herrn. 3 1ß Lieber Herr, fuhr ſie fort, es muß ſehr ruhig und ſehr nt geheim geſchehen. Ihre Erfahrung und Ihre Kenntniß wird uns darin den Weg zeigen. Wir können vielleicht Mr. Dombey aß glauben machen, daß es etwas wäre, was unerwarteterweiſe en aus dem allgemeinen Zuſammenſturz gerettet worden; oder daß es eine freiwillige Huldigung ſeines rechtlichen und ehrenhaften te Charakters von Seiten einer Perſon, mit der er große Geſchäfte en, gehabt, ſei; oder daß es eine alte, ſchlechte Schuld ſei, die unver⸗ nig hoffterweiſe wieder gut geworden. Gewiß läßt es ſich auf vieler⸗ en lei Weiſe bewerkſtelligen. Ich weiß, daß Sie den beſten Weg der wählen werden. Ich bin gekommen, Sie um die Gefälligkeit zu er bitten, es für uns in Ihrer gütigen, edeln und rückſichtsvollen Sie Weiſe zu thun. Nie davon etwas gegen John zu äußern, deſſen ich. Hauptgenuß gerade darin beſteht, dieſe Sache ſo geheim und un⸗ belobt zu thun; uns zu erlauben, nur einen kleinen Theil der ute Erbſchaft für uns zu behalten und die Zinſen des Reſtes auf Mr. Dombey, ſo lange er lebt, übertragen zu dürfen; es getreulich Boz. Dombey u. Sohn. X. 2 — N-AN AA — 18— geheim zu halten— doch das werden Sie ſchon ohnedies thun; und daß es von heute an ſelbſt zwiſchen Ihnen und mir ſelten erwähnt werden, ſondern nur in meinen Gedanken leben möge, als ein neuer Grund zur Dankbarkeit gegen den Himmel und zum Stolz und zur Freude an meinem Bruder. Ein ſolches Frohlocken mag auf dem Antlitz der Engel ſchweben, wenn der eine reuige Sünder unter neun und neunzig Gerechten in den Himmel kommt. Es wurde nicht getrübt von den Freudenthränen, welche ihre Augen füllten, ſondern ſie wurden dadurch nur noch glänzender. Liebe Harriet, ſagte Mr. Morfin nach einigem Schweigen, ich war darauf nicht gefaßt. Meinen Sie wirklich, daß Sie Ihren Antheil an der Erbſchaft ſo gut wie den Johns zu dieſem guten Zwecke verwenden wollen? 1 Ja, gab ſie zur Antwort. Nachdem wir ſo lange Jahre Alles miteinander getheilt, und Keiner von uns Beiden eine Sorge, eine Hoffnung oder einen Vorſatz für ſich gehabt, ſo konnte ich mich doch gewiß nicht an meinem Antheil von dieſem ausſchließen? Habe ich nicht einen Anſpruch, meines Bruders Genoſſin bis zuletzt zu ſein? Der Himmel verhüte, daß ich dieſen Anſpruch beſtreite! erwiderte er. Wir können alſo auf Ihre freundſchaftliche Beihilfe rechnen? ſagte ſie. Ich wußte das im voraus! Ich müßte ein ſchlechterer Mann ſein als— als ich zu ſein glaube, wenn ich Ihnen dieſe Verſicherung nicht mit Herz und Seele geben könnte. Sie können unbedingt auf mich rechnen. ———————X,y———,——/—— ——.—-„ — — 199— Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich werde Ihr Geheimniß bewahren. Und wenn es ſich herausſtellen ſollte, daß Mr. Dombey wirklich ſo arm wird, wie ich fürchte, ſo will ich Ihnen in der Ausführung des Planes, den Sie und John beſchloſſen haben, beiſtehen. Sie gab ihm die Hand und dankte ihm mit herzlichem, glücklichem Geſicht. Harriet, ſagte er, indem er ihre Hand feſthielt. Zu Ihnen von dem Werthe eines Opfers, das Sie jetzt bringen können— vor Allem eines Opfers von bloßem Gelde zu ſprechen, wäre eitel und aufdringlich. Sie zu bitten, Ihren Vorſatz noch einmal zu bedenken oder ihm engere Grenzen zu ſtecken, wäre eben ſo nutzlos. Ich habe kein Recht, den großen Schluß einer großen Geſchichte mit einem Aufdrängen meines ſchwachen Ichs zu ver⸗ derben. Ich habe jedes mögliche Recht, mich zu beugen vor dem, was Sie mir vertrauen, überzeugt, daß es aus einer höhern und beſſern Quelle der Begeiſterung kommt, als meine armſelige Welterfahrung iſt. Ich will blos das Eine ſagen, daß ich Ihr getreuer Verwalter bin, und ich will lieber dies und Ihr auser⸗ wählter Freund ſein, als etwas Anderes auf der Welt, ausge⸗ nommen Sie ſelbſt. Sie dankte ihm abermals herzlich und wünſchte ihm gute Nacht.. Gehen Sie nach Hauſe? frug er. Erlauben Sie, daß ich Sie begleite? Heute nicht. Ich gehe jetzt nicht nach Hauſe; ich habe einen Beſuch allein zu machen. Wollen Sie morgen kommen? 2* — 20— Gut, gut, ſagte er. Ich komme morgen. Unterdeſſen werde ich mir die Sache überlegen und nachdenken, wie wir am beſten verfahren können. Und vielleicht denken auch Sie daran, liebe Harriet, und— und— ein wenig an nich dabei. Er begleitete ſie bis an den Wagen, der draußen wartete; und wenn ſeine Wirthin nicht taub geweſen wäre, ſo hätte ſie ihn, als er nach der Abfahrt des Wagens wieder die Treppe hinauf⸗ ging, brummen hören können, daß wir Gewohnheitsmenſchen ſind, und daß es eine traurige Gewohnheit ſei, ein alter Hageſtolz zu ſein. Er nahm das Violoncell von dem Sopha, ſetzte ſich auf den einen Stuhl und ſaß lange nachdenklich in dem andern da, jenes mit Kopfſchütteln anſehend. Der Ausdruck in den Tönen, die er anfangs aus dem Inſtrument hervorlockte, obgleich außer⸗ ordentlich pathetiſch und weich, war nichts gegen den Ausdruck auf ſeinem Geſicht, während er den leeren Stuhl anſah. Mehr als einmal mußte er ſogar zu Capitain Cuttles Mittel ſeine Zu⸗ flucht nehmen und ſich das Geſicht mit dem Aermel reiben. Allmählich aber glitt das Violoncell, im Einklang mit ſeiner eigenen Stimmung, in den, muſikaliſchen Schmied“ über, den er wieder und wieder ſpielte, bis ſein rothes und heiteres Geſicht leuchtete wie wahres Metall auf dem Ambos eines echten Schmiedes. Kurz, das Violoncell und der leere Stuhl waren die Gefährten ſeines Hageſtolzenthums faſt bis Mitternacht; und als er ſein Abendeſſen zu ſich nahm, da ſchien das Cello wie erfüllt von der latenten Harmonie einer ganzen Werkſtatt von muſtkaliſchen — 21— Schmieden, mit unſäglicher Schlauheit in ſeinem braunen und glänzenden Geſicht, mit dem leeren Stuhle zu liebäugeln. Der Kutſcher des Miethwagens, in welchen Harriet ge⸗ ſtiegen, ſchlug einen Weg ein, der ihm offenbar nicht neu war, und fuhr durch ein Labyrinth von Gäßchen in dieſem Theile der Vorſtadt, bis er nach einem freien Platze kam, wo einige ſtille, alte Häuschen in Gärten ſtanden. An dem Pförtchen eines derſelben hielt er und Harriet ſtieg aus. Auf ihr vorſichtiges Schellen kam eine trübſelig ausſehende Frau mit blondem Haar, die Augenbrauen in die Höhe ge⸗ zogen und den Kopf auf eine Seite geſenkt, machte ihr einen Knix und führte ſie durch den Garten in das Haus. Was macht unſere Kranke heute? ſagte Harriet. Ich fürchte, es geht nicht gut, Miß. O, wie ſie mich manch⸗ mal an meines Onkels Betſey Jane erinnert! entgegnete die Frau mit blondem Haar, in einer Art ſchmerzlicher Verzückung. In welcher Hinſicht? frug Harriet. In jeder Hinſicht, Miß, gab die Andre zur Antwort, nur daß ſie erwachſen iſt und Betſey Jane ein kleines Kind war, als ſie am Grabesrand ſtand. Aber Sie ſagten mir ja, ſie wäre geneſen, bemerkte Harriet ſanft; ſo haben wir alſo um ſo mehr Grund zum Hoffen, Mrs. Wickam. Ach, Miß, Hoffnung iſt eine vortreffliche Sache für die Leute, die Kraft genug haben, ſie zu ertragen! ſagte Mrs. Wickam und ſchüttelte den Kopf. Meine Kraft langt dazu nicht — 22— aus, ich bin ihr aber deswegen nicht böſe. Ich beneide die, welche ſo glücklich ſind! Sie ſollten verſuchen heitrer zu ſein, bemerkte Miß Harriet. Ich danke Ihnen ſchönſtens, Miß, ſagte Mrs. Wickam mit einiger Schärfe. Wenn ich dazu geſtimmt wäre, ſo würde es mir die Einſamkeit der Lage hier— Sie müſſen es mir nicht übel nehmen— in vierundzwanzig Stunden unmöglich machen; aber ich bin nicht dazu geſtimmt. Ich möchte es nicht ſein. Das bischen frohen Muth, das ich hatte, verlor ich vor ein paar Jahren in Brighton, und ich glaube, ich befinde mich nur um ſo beſſer. In der That war das dieſelbe Mrs. Wickam, welche auf Mrs. Richards als Wärterin des kleinen Paul gefolgt war und den fraglichen Verluſt in dem Hauſe der liebenswürdigen Pipchin gewonnen zu haben ſich ſchmeichelte. Das vortreffliche und ſinnreiche alte und durch langen Brauch geheiligte Syſtem, welches 3 meiſtens die allertrübſeligſten und grämlichtten Menſchen zu Lehrern der Jugend, zu Wegweiſern auf dem Wege des Guten, zu Aufſeherinnen und Krankenpflegerinnen ausſucht, hatte Mrs. Wickam zu einer ſehr geſuchten und von zahlreichen Bekannten bewunderten und belobten Krankenwärterin gemacht. Die Augenbrauen in die Höhe gezogen und den Kopf auf die Seite geſenkt, leuchtete Mrs. Wickam die Treppe hinauf in ein ſauberes, helles Zimmer, welches in ein anderes ſchwach be⸗ leuchtetes führte, wo ein Bett ſtand. In dem erſten Zimmer ſaß eine alte Frau und ſtarrte gedankenlos zum Fenſter hinaus in die Nacht. In dem zweiten lag auf dem. Bett das Schattenbild — 23ñ— einer Geſtalt, die in einer Winternacht Wind und Regen getrotzt hatte; kaum mehr zu erkennen, außer durch das lange ſchwarze Haar, das ſo tiefſchwarz ausſah neben dem farbloſen Geſicht und dem weißen Leinenzeug ringsherum. O, die ſtarken Augen und der ſchwache Leib! Die Augen, die ſo raſch und leuchtend nach der Thür blickten, als Harriet eintrat; das ſchwache Haupt, das ſich nicht erheben konnte und ſich ſo langſam auf dem Kiſſen umdrehte! Alice! ſprach der Eintretenden ſanfte Stimme, ich komme wohl heute ſpät? Sie ſcheinen immer ſpät zu kommen, ſind aber immer früh da, war die Antwort der Kranken. Harriet nahm neben dem Bett Platz und legte ihre Hand auf die abgemagerte Hand, die auf der Bettdecke ruhte. Es geht beſſer? ſagte ſie. Mrs. Wickam, die am Fuße des Bettes wie ein betrübtes Geſpenſt ſtand, ſchüttelte ſehr entſchieden und kräftig mit dem Kopf, um dieſe Frage zu verneinen. Es hat ſehr wenig zu bedeuten, ſagte Alice mit einem ſchwachen Lächeln, ob es heute ſchlechter oder beſſer geht, es iſt nur einen Tag Unterſchied— vielleicht nicht einmal ſo viel. Als fromme Frau drückte Mrs. Wickam ihre Beiſtimmung mit einem zerknirſchten Seufzer aus; und nachdem ſie ein paar Mal gleichgültig auf den untern Theil der Bettdecke geklopft hatte, als ob ſie nach den Füßen der Kranken fühle und ſie kalt zu finden erwarte, klapperte ſie unter den Medieinflaſchen auf dem — 24— Tiſche herum, als wollte ſie ſagen,„da wir einmal da ſind, ſo wollen wir die Mixtur noch einmal wiederholen.“ Nein, ſagte Aliee leiſe zu Harriet, ſündiges Leben und Reue, Noth und Wetter, Stürme inwendig und auswendig haben meine Lebenskraft erſchöpft. Sie wird bald zu Ende ſein. Während ſie ſprach, zog ſie die Hand an ſich und ließ ihr Angeſicht daran ruhen. Ich liege hier manchmal und denke, wie gern ich leben bliebe, bis ich ein wenig Zeit häͤtte, Ihnen zu zeigen, wie unendlich dank⸗ bar ich bin! Es iſt eine Schwäche, die bald vorüber geht. Beſſer für Sie, daß es ſo iſt, wie es iſt. Und auch beſſer für mich! Wie ganz anders ſie jetzt die Hand feſt hielt, als an jenem unwirthlichen Winterabend neben dem Kamin! Starrſinn, Wuth, Trotz, Vermeſſenheit, ſeht her! Das iſt das Ende. Mrs. Wickam hatte jetzt lange genug unter den Flaſchen geklimpert und kam mit dem Tränkchen herbei. Mrs. Wickam ſah die Kranke, während ſie einnahm, ſtarr an, kniff den Mund ein, runzelte die Stirn und ſchüttelte den Kopf, um dadurch an⸗ zudeuten, daß die ärgſten Martern ſie nicht bewegen würden zu ſagen, es ſei keine Hoffnung mehr. Alsdann beſprengte Mrs. Wickam die Stube mit etwas Kühlendem mit der Miene einer Todtengräberin, welche Aſche auf Aſche und Staub auf Staub ſtreut— denn ſie war fromm— und entfernte ſich. Wie lange iſt es her, frug Alice, ſeit ich zu Ihnen kam und Ihnen erzahlte, was ich gethan, und Sie erfuhren, daß es zu ſpät ſei, ihn zu retten? Ueber ein Jahr, gab Harriet zur Antwort. „„ — 25— 9 Ueber ein Jahr, ſagte Alice und ſah ſie gedankenvoll an. Viele Monate, ſeitdem Sie mich hierher gebracht haben! 8, Harriet erwiderte: Ja. ie Seit Sie mich hierher brachten durch Freundlichkeit und Güte. Mich! ſagte Alice und drückte die Hand Harriets vor hr ihr Geſicht, und mich zum Menſchen machten, durch Frauenblicke und Frauenworte und Engelsthaten! e, Harriet beugte ſich über ſie, und beruhigte und tröſtete ſie. k⸗ Wie Alice allmählich wieder ruhiger geworden war, bat ſie, ihre er Mutter zu rufen. Harriet rief ſie mehr als einmal; aber die Alte ſtarrte ſo m vertieft in die Nacht hinaus, daß ſie es nicht hörte. Erſt als h. Harriet zu ihr ging und ihren Arm berührte, ſtand ſie auf und kam. den Mutter, ſagte Alice, indem ſie wieder die Hand ergriff am und ihre glänzenden Augen dankbar auf Harriet heftete, während nd ſie der Alten blos einen Wink mit dem Finger gab, ſag' ihr, was an⸗ du weißt. zu Heute, mein Engelchen? krächzte die Alte. rs. Ja, Mutter, erwiderte Alice mit ſchwacher und feierlicher ner Stimme, heute! aub Die Alte, deren Verſtand durch Sorge, Reue oder Schmerz gelitten zu haben ſchien, kam an das Bett gehumpelt und kniete kam 4 Harriet gegenüber nieder, ſo daß ihr welkes Geſicht in Einer Höhe es mit der Bettdecke war. Darauf ſtreckte ſie die Hand aus, ſo daß ſie ihrer Tochter Arm berührte, und begann: Meine ſchöne Tochter— — 26— Himmel, was war das für ein Aufſchrei, mit dem ſie ſich unterbrach, als ihre Augen auf die ſieche Geſtalt im Bett fielen! Längſt verändert, Mutter! längſt verwelkt, ſagte Alice ohne ſie anzuſehen. Gräme dich jetzt nicht darum. Meine Tochter, ſagte die Alte mit unſichrer Stimme, mein Mädchen, das bald beſſer werden und ſie Alle mit ſeinem ſchönen Geſicht zu Schanden machen wird. Alice ſah Harriet mit einem trüben Lächeln an und drückte ihre Hand noch dichter an ſich, ſagte aber nichts. Wer wird ſich bald beſſer befinden, wiederholte die Alte, und drohte mit ihrer welken Fauſt der leeren Luft, und wer wird ſie Alle mit ihrem ſchönen Geſicht zu Schanden machen?— ſie! Ich ſage, ſie wird es thun und ſoll es thun!— als ob ſie im leidenſchaftlichen Streit wäre mit einem unſichtbaren Gegner vor dem Bett— meine Tochter iſt verlaſſen und ausgeſtoßen worden, aber ſie könnte ſich auch der Vetterſchaft mit vornehmen Leuten rühmen, wenn ſie wollte. Ja! mit vornehmen Leuten! Es giebt eine Vetterſchaft ohne Geiſtlichkeit und Trauring— ſie können ſie machen, aber ſie können ſie nicht löſen— und meine Tochter hat vornehme Verwandte. Habt ihr Mrs. Dombey geſehen? Sie iſt mit meiner Alice Geſchwiſterkind. Harriet blickte von der Alten nach den glänzenden Augen, die ſich auf ihr Geſicht hefteten, und fand dort Beſtätigung. Was! rief die Alte, und warf ihren wackelnden Kopf mit einer Bewegung widerwärtiger Eitelkeit zurück,— obgleich ich jetzt alt und häßlich bin— viel älter durch Lebensweiſe und Gewohn⸗ heit als durch Jahre— war ich doch auch einmal jung wie — 22— Andere. Jal und auch hübſch, wie Viele! Ich war zu meiner Zeit eine friſche Dirne vom Lande, Schatz— ſie ſtreckte ihren Arm über das Bett nach Harriet aus— und ſah hübſch und friſch aus. Draußen in der Provinzwaren Mrs. Dombey's Vater und ſein Bruder die luſtigſten Herren und die beſtgelittenen von denen, die von London zum Beſuch kamen— ſie ſind nun lange ſchon todt! Gott, Gott, wie lange, lange Zeit! Der Bruder, der meiner Ally Vater war, ſtarb zuerſt. Sie erhob den Kopf ein wenig und ſtarrte in der Tochter Geſicht, als ob ſie von der Erinnerung an ihre eigne Jugend ſich zu der Erinnerung an die Jugend ihrer Tochter wendete. Dann legte ſie ſich mit dem Geſicht raſch auf das Bett und verſchränkte Hände und Arme über ihrem Kopf. Sie ſahen ſich ſo ähnlich, fuhr die Alte fort ohne aufzu⸗ blicken, wie zwei Brüder, und waren Beide von faſt gleichem Alter— höchſtens ein Jahr jünger war der Eine— und wenn ihr mein Mädchen hättet ſehen können, wie ich es geſehen habe, neben der Tochter des Andern, ſo hättet ihr geſehen, daß ſie bei allem Unterſchied der Tracht und der Lebensweiſe ſich gleich waren. Ach, iſt die Aehnlichkeit fort, und muß ſich mein Mädchen— nur mein Mädchen ſo verändern! Wir verändern uns Alle, Mutter, wenn unſre Zeit kommt, ſagte Alice. Wenn unſre Zeit kommt! rief die Alte, aber warum nicht bei ihr ſo gut wie bei meinem Mädchen! Die Mutter muß ſich verändert haben— ſie ſah ſo alt aus wie ich, und eben ſo run⸗ zelig trotz der Schminke— aber ſie war ſchön. Was habe — 28— ich gethan, was habe ich Schlimmeres gethan als ſie, daß nur mein Mädchen krank und ſiech da liegen ſoll! Mit einem andern herzzerreißenden Aufſchrei ging ſie wieder in das andre Zimmer hinaus, kehrte aber in ihrer wandelbaren Laune ſogleich wieder zurück und ſagte zu Harriet: Das hieß mir Alice euch zu ſagen. Das iſt Alles. Ich kriegte es heraus, als ich mich unten in Warwickſhire nach ihr erkundigte. Damals konnten mir ſolche Verwandte nichts nützen. Sie hätten mich nicht anerkannt und konnten mir nichts geben. Ich hätte ſie vielleicht ſpäter um ein wenig Geld gebeten, wenn meine Ally nicht geweſen wäre; aber ich glaube, ſie hätte mich faſt todt gemacht, wenn ich's gethan hätte. Sie war in ihrer Art ſo ſtolz wie die Andere, ſagte die Alte, und berührte ſcheu das Geſicht der Tochter und zog die Hand wieder zurück, ſo ruhig ſie jetzt iſt; aber ſie wird ſie noch zu Schanden machen mit ihrem ſchönen Geſicht. Ha, ha! Sie macht ſie noch zu Schanden, meine ſchöne Tochter! Ihr Lachen war ſchlimmer, als der Aufſchrei von vorhin; ſchlimmer als der Ausbruch halbkindiſchen Jammers, in den es ausging; ſchlimmer als das gedankenloſe Geſicht, mit dem ſie wieder von ihrem alten Platz in die Nacht hinaus ſtarrte. Alicens Augen ruhten die ganze Zeit über auf Harriet, deren Hand ſie immer noch feſt hielt. Endlich ſprach ſie: Ich habe hier auf meinem Sterbebett gefühlt, daß es mir eine Erleichterung wäre, wenn Sie das wüßten. Es erklärt vielleicht zum Theil ein Etwas, was zu meiner Verſtocktheit mit⸗ gewirkt hat. Ich hatte, als ich Unrecht gethan, ſo viel von mir ärt nit⸗ von — 20— meiner Pflichtvergeſſenheit gehört, daß ſich mir der Glaube ein⸗ prägte, man habe Pflichten gegen mich verſäumt, und die Ernte gedeihe jetzt, wie der Same geſäet worden. Ich erkannte auch, daß, wenn vornehme Damen ſchlechte Mütter hätten, ſie auch auf ihrem Wege fehl gingen; aber daß ihre Wege nicht ſo ſchmutzig ſind, wie der meine war, und daß ſie dafür Gott zu danken haben. Das iſt Alles vorbei. Es kommt mir jetzt vor wie ein Traum, den ich nicht mehr recht weiß oder verſtehe. Es iſt immer mehr wie ein Traum geworden, ſeit dem Tage, wo Sie zu⸗ erſt hier ſaßen und mir vorlaſen. Ich erzähle es jetzt nur, wie ich es mir noch erinnern kann. Wollen Sie mir noch ein wenig vorleſen? Harriet wollte ihre Hand zurückziehen um das Buch auf⸗ zuſchlagen, aber Alice hielt ſie noch einen Augenblick feſt: Sie werden meine Mutter nicht vergeſſen? Ich vergebe ihr, wenn ich auch Urſache habe ihr zu zürnen. Ich weiß, daß ſie mir vergiebt und in ihrem Herzen betrübt iſt. Sie werden ſie nie vergeſſen? Nein, Alice! war die Antwort. Noch einen Augenblick. Legen Sie mir den Kopf ſo, daß ich, während Sie leſen, die Worte in Ihrem lieben Geſicht leſen kann. Harriet entſprach ihrem Wunſche und las— las aus dem ewigen Buche für alle Müden und Kummerbedrückten, für alle Arme, Gefallene und Verlaſſene auf dieſer Welt— las die heilige Ge⸗ ſchichte, wo der blinde, lahme und der kranke Bettler, der Ver⸗ brecher, das ſündhafte Weib, und Alle, die von uns ekeln Staub⸗ — 30— gebornen verſtoßen ſind, gleichen Theil haben, den kein Stolz, keine Gleichgültigkeit oder keine Sophiſterei der Menſchen jetzt und in alle Ewigkeit hinwegnehmen oder nur um das tauſendſte Atom eines Grans vermindern kann— las die Botſchaft von Ihm, der in dem ganzen Kreislauf des Lebens, von der Geburt bis zum Tode, von der Kindheit bis zum Alter, liebevolles Mit⸗ leid und Theilnahme für jede ſeiner Entwickelungsſtufen, für jeden Schmerz und jeden Kummer hat. Ich werde morgen früh ſehr zeitig kommen, ſagte Harriet, als ſie das Buch zumachte. Die glänzenden Augen, die noch auf ihr Geſicht geheftet waren, ſchloſſen ſich für einen Augenblick und öffneten ſich dann wieder; und Alice küßte und ſegnete ſie. Dieſelben Augen folgten ihr nach der Thür; und in ihrem Schimmer und auf dem ſtillen Geſicht lag ein Lächeln, als ſie zugemacht wurden. Sie wandten ſich nicht wieder ab. Sie legte die Hand auf die Bruſt und ſprach leiſe den heiligen Namen, der ihr vorge⸗ leſen worden; und das Leben entwich ihrem Geſicht, wie dahin⸗ ſchwindendes Licht. Nichts lag mehr da, als die Ruine des ſterblichen Hauſes, auf das der Regen niedergegoſſen, und das ſchwarze Haar, das im kalten Nachtwind geflattert hatte. ———.——,— Neunundfunfzigſtes Kapitel. Die Vergeltung. Wieder hat ſich das Haus in der langen, ſtillen Straße ver⸗ aͤndert, wo einſt Florentine einſam ihre Kindheit verlebte. Es iſt immer noch ein großes Haus, geſchützt gegen Wind und Wetter, ohne Lücken im Dach, oder zerbrochene Fenſter, oder verfallende Mauern; aber dennoch iſt es eine Ruine und die Ratten ver⸗ laſſen es. Mr. Towlinſon und Conſorten wollen anfangs die unbe⸗ ſtimmten Gerüchte, die ſie hören, gar nicht glauben. Die Köchin ſagt: unſer Credit läßt ſich nicht ſo leicht erſchüttern, Gott ſei Dank; und Mr. Towlinſon meint, nächſtens werde man wohl ſagen, die engliſche Bank ſei bankerott, oder die Kronjuwelen im Tower würden verauctionirtB. Aber dann kommt die Gazette und Mr. Perch; und Mr. Perch bringt Mrs. Perch mit, um den Vorfall in der Küche zu beſprechen und einen gemuthlichen Abend mit den Andern zu verbringen. 1 — 32— So wie ſich die Sache nicht mehr bezweifeln läßt, iſt Mr. Towlinſons Hauptſache, daß der Bankerott auch ein recht ordent⸗ licher ſei— nicht weniger als hunderttauſend Pfund. Mr. Perch glaubt ſelbſt nicht, daß hunderttauſend Pfund reichen werden. Die Frauen, unter Anführung der Mrs. Perch und der Köchin, rufen wiederholt:„Einhunderttauſend Pfund!“— mit von Schauer durchdrungener Befriedigung; und das Haus⸗ mädchen, das ein Auge auf Mr. Towlinſon hat, möchte blos den hundertſten Theil der Summe haben, um ihn dem Mann ihrer Wahl zu ſchenken. Mr. Towlinſon, ſeines alten Grolles noch eingedenk, meint, ein Ausländer würde kaum wiſſen, was er mit dem vielen Gelde anfangen ſollte, er müßte es denn auf ſeinen Backenbart verwenden, und dieſer bittre Sarkasmus ver⸗ anlaßt das Hausmädchen, ſich weinend zu entfernen. Aber nicht um lange abweſend zu bleiben; denn die Köchin, die in dem Rufe ſteht, außerordentlich gutherzig zu ſein, ſagt, jedenfalls müſſen wir jetzt zuſammenhalten, Towlinſon, denn man kann nicht wiſſen, wie bald wir uns trennen müſſen. Sie hätten in dieſem Hauſe(meint die Köchin) ein Begräbniß, eine Hochzeit und eine Entführung mitgemacht; und es ſolle nicht von ihnen geſagt werden, daß ſie in einer Zeit, wie die jetzige iſt, nicht untereinander einig werden könnten. Mrs. Perch wird von dieſen rührenden Worten ganz weich, und bemerkt laut, daß die Köchin ein Engel ſei. Mr. Towlinſon giebt der Köchin zur Antwort, daß es ihm gar nicht einfalle, der von Allen ge⸗ wünſchten Einigkeit im mindeſten ſtörend entgegenzutreten; nach dieſer tröſtlichen Verſicherung geht er hinaus, um das Hausmädchen — 33— aufzuſuchen, kehrt gleich darauf zurück, die junge Dame am Arm führend, und meldet der Küche: Ausländer ſeien blos ein Witz von ihm, und er und Anne wären jetzt einig geworden, und wollten es mit einander verſuchen als Mann und Weib, und ſich im Orford⸗Markt als Gemüſe⸗ und Blutegelhändler etabliren, wo ſie um die gütige Unterſtützung der Verſammelten bäten. Dieſe Meldung wird mit allgemeinem Beifall aufgenommen; und Mrs. Perch, ſchon weit hinein in die Zukunft denkend, flüſtert der Köchin mit feierlichem Tone ins Ohr:„Mädchen!“ Ein Unglück in der Familie ohne einen Schmaus iſt in dieſen niederen Regionen eine Unmöglichkeit. Daher macht die Köchin ſogleich ein oder ein paar warme Gerichte zum Abendeſſen zurecht, und Mr. Towlinſon bereitet einen Hummerſalat zu dem⸗ ſelben gaſtfreundlichen Zwecke. Sogar Mrs. Pipchin, von dem großen Ereigniß in Bewegung geſetzt, klingelt und läßt herab⸗ ſagen, man möchte ihr das kleine Reſtchen Kälberbröschen, das übrig geblieben, wärmen und mit ein paar Tropfen Glühſherry heraufſchicken; denn ſie fühlt ſich nicht ganz wohl. Von Mr. Dombey wird ein wenig geſprochen, aber ſehr wenig. Hauptſächlich dreht ſich die Unterhaltung um die Frage, wie lange er vorausgewußt haben möge, was jetzt geſchehen. Die Köchin ſagt mit bedeutſamem Kopfnicken:„O, lange ſchon, lange! Darauf könnt ihr ſchwören!“ und als man ſich hierüber um Auskunft an Mr. Perch wendet, beſtätigt er ihre Anſicht von der Sache. Jemand wundert ſich, was er nun wohl thun, und ob er eine Stelle annehmen werde. Mr. Towlinſon meint: nein, und deutet an, er werde wohl eine Unterkunft in einem der Boz. Dombey u. Sohn. X. 3 — 34— beſſern Armenſtifter ſuchen. Ach ja! wo er ſeinen kleinen Garten hat, ſagt die Köchin mit theilnehmender Stimme, und im Früh⸗ jahr ſpaniſche Wicken zieht.— Ganz recht, bemerkt Mr. Tow⸗ linſon, und Bruder von einem Dings iſt.— Wir ſind Alle Brüder, bemerkt Mrs. Perch, indem ſie das Glas hinſetzt. Ausgenommen die Schweſtern, ſagt Mr. Perch. Wie ſind die Gewaltigen gefallen! äußert die Köchin. Die Hohen ſollen er⸗ niedrigt werden, und es iſt und wird immer ſo ſein! ſagt das Hausmädchen. Es iſt wirklich wunderbar, wie wohl ſie ſich bei der Art Gedanken fühlen und in welcher chriſtlichen Einmüthigkeit ſie das gemeinſame Unglück mit Faſſung ertragen. Blos eine Aus⸗ nahme von dieſer vortrefflichen Gemüthsſtimmung zeigt ſich bei einer jungen Küchenmagd— in ſchwarzen Strümpfen— die, nachdem ſie lange Zeit mit offenem Munde dageſeſſen, ganz un⸗ erwartet in die Worte ausbricht:„Was, wenn nun der Lohn nicht bezahlt würde?“ Die Geſſellſchaft ſitzt eine Weile ganz ſprachlos da; aber die Köchin, die ſich zuerſt wieder erholt, wendet ſich entrüſtet an das Mädchen, und fragt, wie ſie ſich unterſtehen könne, die Familie, deren Brot ſie eſſe, durch einen ſo nieder⸗ trächtigen Argwohn zu beleidigen, und ob ſie glaube, daß Jemand, der nur einen Funken Ehrgefühl habe, einen Dienſtboten um ſeine paar Pfennige bringen werde? Denn wenn das Ihre reli⸗ giöſen Gefühle ſind, Mary Daws, ſagt die Köchin mit Wärme, ſo weiß ich nicht, wo das mit Ihnen enden ſoll. 3 Mr. Towlinſon weiß es auch nicht, und die Andern eben ſo wenig; und die junge Küchenmagd, die es ſelbſt nicht genau — — 35— zu wiſſen ſcheint und von der allgemeinen Meinung verdammt wird, iſt ganz ſtumm und ſtarr vor Beſchämung. Nach einigen Tagen ſtellen ſich unbekannte Leute im Hauſe ein, und geben ſich Stelldicheins im Speiſezimmer, als ob ſie hier wohnten. Vorzüglich zeichnet ſich ein Herr mit einer moſaiſch⸗ arabiſchen Phyſiognomie und einer ſehr ſchweren Uhrkette aus, der im Salon pfeift und, während er auf den andern Herrn wartet, der ſtets Feder und Tinte in der Taſche hat, Mr. Towlinſon (unter der vertraulichen Benennung„altes Blech“) fragt, ob er wohl wiſſe, was die purpurnen und goldenen Vorhänge neu gekoſtet hätten? Die Beſuche und Beſtellungen im Speiſezimmer werden mit jedem Tage häufiger, und jeder Herr ſcheint Feder und Tinte in der Taſche, und Gelegenheit zu haben, ſie zu gebrauchen. Endlich heißt es, daß Auction ſein ſoll; und jetzt kommen noch mehr Leute mit Feder und Tinte in der Taſche und begleitet von einer Abtheilung Leute mit Teppichmützen, welche ſofort anfangen, die Teppiche wegzunehmen und die Möbeln herumzurücken, und Tauſende von Abdrücken ihrer Schuhe in der Halle und auf der Treppe zurücklaſſen.. Der Rath im Erdgeſchoß iſt während dieſer ganzen Zeit in voller Verſammlung, und verrichtet, da er nichts zu thun hat, wahre Wunder im Fache des Eſſens. Endlich werden ſie eines Tages alleſammt nach Mrs. Pipchin's Zimmer gefordert und von der ſchönen Peruanerin folgendermaßen angeredet: Euer Herr iſt ruinirt, ſagt Mrs. Pipchin mit Schärfe. Ihr wißt das wahrſcheinlich? 3* — —— Mr. Towlinſon als Sprecher giebt eine allgemeine Kenntniß dieſer Thatſache zu. Und ihr ſorgt natürlich Alle für euch ſelbſt, ſagt Mrs. Pipchin und ſchüttelt zornig mit dem Kopf. Eine ſchrillende Stimme aus dem Hintergrund ruft aus: Nicht mehr als Sie ſelber! Das meint Sie wohl, Sie freche Perſon? ſagt die zornige Pipchin, und muſtert mit funkelnden Augen die hinterſten Reihen. Ei freilich, Mrs. Pipchin, erwidert die Köchin und tritt vor. Und warum denn nicht? Nun, ſo kann Sie gehen ſobald Sie will, ſagt Mrs. Pipchin, je eher, deſto beſſer; und ich hoffe, ich werde Ihre Larve nie wieder ſehen. Mit dieſen Worten bringt die keifende Pipchin einen lein⸗ wandnen Beutel hervor, und zählt der Köchin ihren Lohn hin, bis auf den heutigen Tag, und einen Monat darüber, und hält das Geld feſt, bis eine gehörige Quittung darüber in aller Form bis zum letzten Haarſtrich unterzeichnet iſt, und läßt es ſelbſt dann noch grollend los. Auf dieſelbe Weiſe verfährt Mrs. Pipchin bei jedem Mitglied der Dienerſchaft, bis Alle bezahlt ſind. Wer gehen will, kann jetzt gehen, ſagt Mrs. Pipchin, und wer dableiben will, kann noch ein acht oder vierzehn Tage auf Koſtgeld dableiben und ſich nützlich machen. Ausgenommen, fügt mit erneuter Heftigkeit Mrs. Pipchin hinzu, das inporti⸗ nente Ding, die Köchin, die gleich fort muß. Das wird ſie gewiß thun! ſagt die Köchin. Ich wünſche Ihnen guten Morgen, Mrs. Pipchin, und wünſche aufrichtig, d k' —¹ 37— iß daß ich Ihnen über Ihr hübſches Geſicht ein Compliment machen könnte. s. Die Köchin ſegelt mit einer Miene großer Würde hinaus und verſetzt dadurch Mrs. Pipchin in großen Zorn. Bald dar⸗ 8: auf kommen auch die Uebrigen nach, und Alle verſammeln ſich im Erdgeſchoß. ige. Mr. Towlinſon ſagt, daß er vor allen Dingen auf ein en. kleines Frühſtück antragen möchte, und bei dieſem Frühſtück einen itt Vorſchlag machen wolle, der hoffentlich Allen angenehm ſein werde. Nachdem das Frühſtück gebracht und mit großem Appetit verzehrt iſt, ſteht Mr. Towlinſon in der That auf, und ſagt, rs. bre daß die Köchin fort wolle, und daß, wenn wir uns ſelbſt nicht treu blieben, Niemand uns treu bleiben werde. Daß ſie in dieſem in⸗ Hauſe lange beiſammengeweſen, und ſich Mühe gegeben hätten, bis gemüthlich mit einander zu leben.(Bei dieſen Worten ruft die Köchin mit großer Bewegung: Hört! Hört! und Mrs. Perch, das rm die auch wieder da iſt und ſehr viel gegeſſen hat, vergießt bſt Thränen.) Und daß er glaube, Jeder, der es gut meine, müſſe rs. jetzt ſagen: Wenn Einer geht, gehen Alle! Das Hausmädchen nd. iſt durch dieſe edle Aeußerung ſehr gerührt, und unterſtützt ſie ind mit Wärme. Die Köchin ſagt, ſie fühle, es ſei recht, und hofft auf nur, daß es nicht blos aus Theilnahme an ihr, ſondern aus en, Pflichtgefühl geſchehe. Darauf bemerkt Mr. Towlinſon, es ſei rti⸗ Pflichtgefühl; und daß er jetzt, wo man ihn dränge, ſeine Mei⸗ nung zu ſagen, offen geſtehen müſſe, daß er es nicht für über⸗ che anſtändig halte, in einem Hauſe zu bleiben, wo Auctionen und ähnliche Dinge ſtattfinden. Das Hausmädchen iſt ebenfalls tig, — 388— davon überzeugt, und erzählt zur Beſtätigung, daß ein fremder 31 Mann mit einer Teppichmütze ſie heute Morgen erſt auf der ſte Treppe habe küſſen wollen. Hierauf ſpringt Mr. Towlinſon vom T Stuhl auf, um den Verbrecher aufzuſuchen und zu vernichten; 36 aber die Damen halten ihn feſt, und bitten ihn, ſich zu beruhigen ſt und zu bedenken, daß es leichter und weiſer ſei, den Schauplatz ei ſolcher Unanſtändigkeiten lieber gleich zu verlaſſen. Mrs. Perch, p die Sache in einem neuen Licht darſtellend, zeigt ſogar, daß Zart⸗ gefühl gegen Mr. Dombey gebieteriſch ſofortiges Verlaſſen des a Hauſes verlange. Denn was muß er fühlen, ſagt die gute Frau, S wenn er einem der armen Dienſtboten begegnet, die er damit. hintergangen hat, daß er ſich für unermeßlich reich ausgab! Die l Köchin iſt ſo betroffen von dieſer moraliſchen Betrachtung, daß n Mrs. Perch ſie noch durch verſchiedene, eigene und fremde, fromme d Sprüche beſtärkt. Es iſt ganz klar, daß Alle gehen müſſen. G Koffer werden gepackt, Fiaker geholt, und als die Abenddäm⸗ d merung kommt, iſt kein Mitglied der ganzen Dienerſchaft mehr ſ tn Sauſe 1. 8 Das Haus ſteht hoch und feſt in der langen ſtillen Straße; aber es iſt eine Ruine und die Ratten haben es verlaſſen. Die Männer mit den Teppichmützen rumoren unter den 1 Möbeln herum; und die Herren mit Feder und Tinte in der 8 Taſche nehmen ein Inventar auf, ſitzen auf Möbeln, die nie zum 3 Draufſitzen beſtimmt waren, und eſſen Brot und Käſe auf andern. Möbeln, die nie beſtimmt waren als Eßtiſche zu dienen, und ſcheinen ſich eine Freude daraus zu machen, koſtbare Gegenſtände — 395— zu ſeltſamen Dienſten zu verwenden. Chaotiſche Zuſammen⸗ ſtellungen von Hausrath finden ebenfalls ſtatt. Matratzen und Betten finden ſich im Speiſeſaal; das Glaszeug und das Por⸗ zellan verläuft ſich in das Conſervatorium; das große Tafelſervice ſteht auf dem langen Divan im Hauptſalon. Ein Teppich mit einem gedruckten Zettel hängt vom Balkon herunter, und ein paar andere zu jeder Seite der Vorhausthür. Darauf hält den ganzen Tag lang eine lange Reihe von alten und ſtaubigen Gigs und Chaiſen auf der Straße; und Schaaren ſchäbiger Vampyre, Juden und Chriſten ſtrömen in das Haus, klopfen mit den Fingern an die großen Pfeilerſpiegel, locken fürchterliche Töne aus den prachtvollen Piano's, fahren mit angefeuchtetem Finger über die Gemälde, hauchen die Klingen der beſten Tiſchmeſſer an, probiren die Kiſſen und Sitze der Sopha's und Stühle mit ihren ſchmutzigen Fäuſten, ſchütteln die Federbetten, machen alle Käſten auf und zu, wägen die ſilbernen Löffel und Gabeln in der Hand, unterſuchen ſogar die Fäden der Vorhänge und des Leinenzeugs, und machen Alles ſchlecht. Es giebt keinen geheimen Fleck mehr im ganzen Hauſe. Fremde mit gelben, aufgedunſenen Geſichtern und ſchnupftabak⸗ gefüllten Naſen gucken in die Küche im Kellergeſchoß ſo neugierig wie in die Bodenkammern. Starke Männer mit abgeſchabten Hüten ſchauen aus den Fenſtern der Schlafzimmer und reißen Witze mit guten Freunden auf der Straße. Stille, berechnende Geiſter ziehen ſich in die Ankleidezimmer mit Katalogen zurück, und machen mit Bleiſtiftſtümpfchen Randbemerkungen. Das Geräuſch und das Gedränge, und das Treppenauf⸗ und abgehen — 460— währt mehrere Tage lang. Das ausgezeichnete Möblement im modernſten Styl u. ſ. w. iſt anzuſehen. Alsdann wird eine Paliſſade von Tiſchen im beſten Salon aufgerichtet; und auf dem ausgezeichneten, franzöſiſch⸗polirten, großen Auszieheſpeiſetiſch von ſpaniſchem Mahagoni mit aus Kernmahagoni gedrehten Füßen ſteht das Pult des Auctionators; und die Schaaren ſchäbiger Vampyre, chriſtlicher und heidniſcher, und der Fremden mit dem gelben, aufgedunſenen Geſicht und der ſchnupftabakerfüllten Naſe, und der ſtarken Männer mit den abgeſchabten Hüten ſammeln ſich um ihn, und ſitzen, wo ſie Platz finden— die Kaminſimſe nicht ausgenommen— und fangen an zu bieten. Schwül, geräuſchvoll und ſtaubig ſind die Zimmer den ganzen Tag; und hoch über der Schwüle, dem Geſumme und dem Staub ſind der Kopf und die Schultern, die Stimme und der Hammer des Auctionators ſtets thätig. Die Männer mit dem Teppichmützen werden ganz ärgerlich von dem Herumwälzen der Artikel, und die Artikel gehen immer und immer fort, und immer uneue kommen. Manchmal entſteht ein großes Geſpaße oder ein allgemeines brüllendes Gelächter. Das dauert den ganzen Tag und drei folgende Tage. Das ausge⸗ zeichnete Möblement im modernſten Styl iſt zu verkaufen. Dann erſchienen wieder die ſtaubigen Gigs und Chaiſen; und mit ihnen kamen Möbelwagen und Karren, und eine Armee von Eckenſtehern mit Tragbändern über den Achſeln. Den ganzen Tag lang arbeiten die Männer mit den Teppichmützen mit Schraubenſchlüſſeln, oder wanken dutzendweiſe unter ſchweren Laſten die Treppe herunter, oder heben wahre Rieſenmaſſen von —— — 41— ſpaniſchem Mahagoni, beſtem Roſenholz, oder Spiegelglas in die Gigs und Chaiſen, auf die Möbelwagen und Karren. Alle Arten von Laſtfuhrwerken ſind vorhanden, vom Planwagen bis zum Schubkarren. Des armen Pauls kleine Bettſtelle wird in einem Eſeltandem fortgefahren. Faſt eine ganze Woche lang wird das ausgezeichnete Möbelment im modernſten Styl u. ſ. w. fortgeſchafft. Endlich iſt Alles fort. Nichts iſt mehr im Hauſe außer einzelne Blätter von Katalogen, verſtreutes Stroh und Heu, und eine Batterie von zinnernen Bierkannen hinter der Vorhausthür. Die Männer mit den Teppichmützen ſtecken ihre Schraubenſchlüſſel in Säcke, nehmen dieſe auf den Rücken und gehen fort. Einer von den Herren mit Feder und Tinte geht noch einmal muſternd durch das ganze Haus, hängt in die Fenſter Zettel mit der Auf⸗ ſchrift: zu vermiethen eine ſchöne Familienwohnung, und macht die Laden zu. Endlich folgt er den Männern mit den Teppich⸗ mützen. Keiner von den Eindringlingen iſt mehr vorhanden. Das Haus iſt eine Ruine und die Ratten verlaſſen es. Mrs. Pipchins Wohnung, ſo wie die verſchloſſenen Zimmer im Erdgeſchoß, wo die Gardinen ſorgfältig zugezogen ſind, hat die allgemeine Heimſuchung verſchont. Mrs. Pipchin iſt während der ganzen Zeit unerſchüttert und kalt in ihrem Zimmer geblieben; und manchmal iſt ſie einen Augenblick in den Auctionsſaal ge⸗ treten, um zu ſehen, wie hoch die Sachen weggehen, und haupt⸗ ſächlich um auf einen Lehnſtuhl, auf den ſie ein beſonderes Auge geworfen, zu bieten. Mrs. Pipchin hat das höchſte Gebot auf — 22— dieſen Lehnſtuhl gethan, und ſitzt auf ihrem Eigenthum, als ſie von Mrs. Chick einen Beſuch erhält. Was macht mein Bruder, Mrs. Pipchin? ſagte Mrs. Chick. Ich weiß es nicht beſſer als der Teufel, ſagt Mrs. Pipchin. Er erweiſt mir nie die Ehre mit mir zu ſprechen. Er läßt ſich ſein Eſſen und Trinken in das Zimmer vor dem ſeinigen hinſetzen; und wenn er etwas genießt, ſo kommt er heraus und genießt es, wenn Niemand da iſt. Mich zu fragen nutzt gar nichts. Ich weiß nicht mehr von ihm als der Mann im Süden, der ſich den Mund mit kalter Pflaumenſuppe verbrannte. Das ſagte die gallenbittre Pipchin mit großer Heftigkeit. Aber mein gütiger Gott! ſagte Mrs. Chick mit Milde, wie lange ſoll es dauern! Wenn mein Bruder ſich nicht auf⸗ raffen will, Mrs. Pipchin, was ſoll dann aus ihm werden? Ich ſollte doch gewiß meinen, er kennt jetzt hinreichend die Folgen, wenn man ſich nicht aufrafft, um nicht von dieſem unſeligen Jrrthum zurückgekommen zu ſein. Du meine Güte! ſagte Mrs. Pipchin und rieb ſich die Naſe. Man macht einen ſchrecklichen Spectakel darum. Es iſt doch keine gar ſo wunderbare Sache. Andere Leute haben auch ihr Unglück gehabt, und haben ihre Möbeln verauctioniren laſſen müſſen. Mir iſt's gerade ſo gegangen! Mein Bruder, fuhr Mrs. Chick in wichtigem Tone fort, iſt ein ſo eigenthümlicher, ſo ſeltſamer Mann. Er iſt der merkwürdigſte Mann, der mir jemals vorgekommen iſt. Wird man es mir glauben, daß er, als er die Verheirathung und Auswanderung ſeines unnatür⸗ ſie — 413— lichen Kindes erfuhr— es iſt ein wahrer Troſt für mich zu wiſſen, daß ich immer ſagte, es ſei etwas Sonderbares an dem Kinde; aber Niemand hört auf mich— wird man es mir glauben, ſage ich, daß er mit mir anband und meinte, er habe nach meinem Be⸗ nehmen geglaubt, ſie ſei bei uns? Warum, möchte ich nur wiſſen! Und wird man es mir glauben, daß, als ich blos zu ihm ſagte: Paul, ich bin vielleicht ſehr einfältig und zweifle auch gar nicht daran, aber ich kann durchaus nicht einſehen, wie deine Angele⸗ genheiten in dieſe Verwirrung kommen konnten,— er auf mich losfuhr und mir verbot, ihn eher wieder zu beſuchen als bis er mich rufen ließe! Iſt das nicht arg? Ach! ſagte Mrs. Pipchin. Es iſt Schade, daß er nicht mehr mit Bergwerken zu thun gehabt hat. Die hätten ihn ſchon mürbe gemacht. Und worin ſoll das enden? fährt Mrs. Chick fort, ohne auf Mrs. Pipchins Bemerkungen Rückſicht zu nehmen. Das möcht' ich wiſſen. Was will mein Bruder thun? Etwas muß er thun. Es nutzt gar nichts, wenn er ſich in ſein Zimmer einſchließt. Geſchäfte werden ihm nicht nachlaufen. Nein. Er muß nach den Geſchäften gehen. Warum geht er alſo nicht? Ich ſollte doch meinen, er müßte wiſſen, wohin er gehen muß, da er ſein Leben lang Geſchäftsmann geweſen iſt. Sehr gut. Warum geht er alſo nicht dorthin? Nachdem Mrs. Chick dieſe gewaltige Kette von Schluß⸗ folgerungen geſchmiedet, ſchwieg ſie eine Minute, um ſie zu be⸗ wundern. — 144— Uebrigens, ſagte die kluge Dame in eindringlichem Tone, bin wer hat je eine ſolche Hartnäckigkeit geſehen, als ſein Hiereing. Au ſchloſſenbleiben während aller dieſer Unannehmlichkeiten? Iſt es ich nicht, als ob er keinen Ort wüßte, wohin er ſich begeben könnte? 80 Natürlich könnte er zu uns kommen. Ich ſollte doch meinen, er wer wüßte, daß er dort wie zu Hauſe iſt? Mr. Chick hat beſtändig mi davon geſprochen, und ich habe mit eigenem Munde geſagt: Aber wahrhaftig, Paul, du glaubſt doch nicht, weil deine Angelegen⸗ Cl heiten in dieſe Verwirrung gekommen ſind, wäreſt du bei ſo nahen Anverwandten wie wir ſind weniger zu Hauſe? Du wirſt M doch nicht glauben, daß wir nicht beſſer ſind als die andern J Leute? Aber nein; hier bleibt er, und hier iſt er. Mein Gott, da wenn nun das Haus vermiethet wird! Was will er denn dann et thun? Natürlich kann er nicht hier bleiben. Wenn er's verſuchte, I ſo würde es ein Proceß, und ein Extract und ſo weiter, und J dann muß er fort. Warum will er alſo nicht gleich zuerſt gehen, 3 anſtatt zuletzt? Und das bringt mich wieder auf das, was ich T zuerſt ſagte, und ich frage natürlich, wie das enden ſoll? v. Ich weiß, wie es enden ſoll, ſo weit es mich betrifft, er⸗ T widerte Mrs. Pipchin, und das genügt mir. Ich mache, daß ich e fortkomme. S Nun, ich kann Sie da wahrhaftig nicht tadeln, Mrs. Pip⸗ chin, ſagte Mrs. Chick ganz offen. Es wäre mir ziemlich gleich, wenn Sie es auch könnten, f entgegnete die ſardoniſche Pipchin. Jedenfalls gehe ich. Ich kann nicht hier bleiben. Ich wäre in acht Tagen todt. Ich mußte mir geſtern ſelber mein Schweinscotelett braten, und das one, nge⸗ tes te? „ er ĩdig lber gen⸗ ſo virſt dern oott, ann chte, und hen, ich er⸗ ich Pip⸗ tten, Ich Ich das — 45— bin ich nicht gewohnt. Meine Conſtitution hält das nicht aus. Außerdem hatte ich eine ſehr ſchöne Kundſchaft in Brighton, als ich hierher kam— die kleinen Pankey's waren allein ſo gut wie 80 Pfund und mehr jährlich— und ſo etwas kann ich nicht weg⸗ werfen. Ich habe an meine Nichte geſchrieben, und ſie erwartet mich jetzt. Haben Sie mit meinem Bruder geſprochen? frug Mrs. Chick. O ja, Sie haben gut ſagen, ſprechen Sie mit ihm, giebt Mrs. Pipchin zur Antwort. Wie leicht ſich das thun läßt! Ich rief ihm geſtern zu, daß ich hier nichts mehr nütze ſei, und daß es beſſer ſei, zu Mrs. Richards zu ſchicken. Er brummte etwas, was wie ja klang, und ich ſchickte nach ihr. Ja, er brummte! Wenn er Mr. Pipchin wäre, da hätte er ſchon Urſache zu brummen. Ja— ah! Ich habe keine Geduld mehr! Hier ſtand die muſterhafte Frau, welche ſo viel Kraft und Tugend aus den peruaniſchen Bergwerken heraufgeholt hatte, von ihrem Lehnſtuhl auf, Mrs. Chick nach der Thür zu geleiten. Bis zuletzt den eigenthümlichen Charakter ihres Bruders beklagend entfernt ſich Mrs. Chick geräuſchlos, ſehr beſchäftigt mit ihrem Scharfblick und ihrer Klarheit. In der Abenddämmerung kommt Mr. Toodle, der heute keinen Dienſt hat, mit Polly und einem Kleiderpaket, und ſetzt ſie mit einem ſchallenden Kuß in der Vorhalle des leeren Hauſes ab, deſſen ödes Ausſehen Mr. Toodle tief berührt. Ich will dir was ſagen, liebe Polly, ſagt Mr. Toodle, da ich jetzt Locomotivenführer bin und mein gutes Auskommen habe, — 46— ſo ließe ich dich gewiß nicht hier an dieſem öden Ort, wenn es nicht wegen früherer Gefälligkeiten wäre. Aber frühere Ge⸗ fälligkeiten darf man nie vergeſſen, Polly. Und denen, die im Unglück ſind, iſt dein Geſicht ein wahrer Troſt, Polly. So gieb mir noch einen Kuß, mein Schatz. Du willſt blos thun, was ſich gehört, das weiß ich; und meiner Meinung nach iſt das recht und ordentlich. Gute Nacht, Polly! Mittlerweile verdunkelt ſchon Mrs. Pipchin im ſchwarzen Bombafinkleid, ſchwarzen Hut und ſchwarzen Shawl die Haus⸗ flur, läßt ihre Sachen einpacken und ihren Stuhl(vor Kurzem noch ein Lieblingsſtuhl Mr. Dombey's und der billige Kauf bei der Auction) vor die Hausthür ſetzen; und wartet nur noch auf einen Wagen, der dieſe Nacht als Extrafuhre nach Brighton gehen ſoll, und den ſie durch Privatcontract gemiethet hat. Der Wagen kommt. Mrs. Pipchin's Garderobe wird zu⸗ erſt hinaufgereicht und untergebracht, dann Mrs. Pipchin's Lehn⸗ ſtuhl, der in einer bequemen Ecke unter einigen Heubündeln Platz findet; denn die liebenswürdige Dame gedenkt die ganze Reiſe auf gedachtem Stuhl zu machen. Zuletzt ſteigt Mrs. Pipchin ſelbſt ein und nimmt mit geſtrenger Miene ihren Platz ein. In ihrem kalten, grauen Auge funkelt es ſchlangenhaft, wie von der Hoffnung auf mit Butter beſtrichnen Toaſt, auf wiederholte warme Chops, auf Schütteln und Einſchüchtern kleiner Kinder, Ausſchelten der armen Berry und andre Freuden ihres Zauber⸗ ſchloſſes. Mrs. Pipchin lacht faſt, wie der Wagen fortfährt, nimmt ihr ſchwarzes Kleid zuſammen und ſetzt ſich auf dem Lehnſtuhl zurecht. — 42— Das Haus iſt eine ſolche Ruine, daß die Ratten geflohen ſind und keine einzige mehr da iſt. G Aber obgleich Polly in dem verlaſſenen Hauſe allein iſt, ſo bleibt ſie doch nicht lange allein. Es iſt finſter, ſie ſitzt einſam in dem Zimmer der Haushälterin, und bemüht ſich zu vergeſſen, wie einſam das Haus iſt und was es für eine Geſchichte hat; da hallt durch die öden Räume ein Klopfen an der Hausthür. Sie öffnet, und kehrt zurück, begleitet von einer weiblichen Ge⸗ ſtalt in einem enganliegenden ſchwarzen Hut. Es iſt Miß Tox, und Miß Tox Augen ſind roth. Ach, Polly, ſagt Miß Tox, als ich bei Ihnen war, um den Kindern ein wenig Unterricht zu ertheilen, erfuhr ich, was Sie für mich zurückgelaſſen; und ſobald ich mich wieder faſſen konnte, bin ich hergekommen. Iſt Niemand hier als Sie? Ach, keine Seele, ſagt Polly. Haben Sie ihn geſehen? fragt Miß Top leiſe. O, bewahre Gott, nein, erwidert Polly; er hat ſich ſeit vielen Tagen nicht blicken laſſen. Sie ſagten mir, er verlaſſe nie das Zimmer. Ob er wohl krank iſt? frug Miß Tox. Nicht daß ich wüßte, entgegnet Polly, außer im Gemüth. Da muß er recht ſehr leiden, der arme Herr! Der Miß Tox Theilnahme iſt ſo groß, daß ſie kaum ſprechen kann. Sie iſt nicht ſchwachmüthig, aber ſie iſt noch nicht hart geworden vom Alter und von der Eheloſigkeit. Ihr Herz iſt ſehr weich, ihre Theilnahme ſehr aufrichtig, ihre Verehrung ſehr echt. Unter dem Medaillon mit dem wäſſrigen Auge verbirgt Miß Tox — 48— beſſere Eigenſchaften, als manche Perſonen von einer weniger komiſchen Außenſeite, Eigenſchaften, die um viele Jahre die beſten Außenſeiten und glänzendſten Hüllen, die bei der Ernte des großen Mähers zu Boden fallen, uͤberdauern werden. Es dauert lange, ehe Miß Tox wieder fortgeht, und Polly mit einem flackernden Licht ſie bis zur Thür und auf die Straße begleitet, und nur ungern in das öde Haus zurückkehrt, die knarrenden Riegel vor die Thür ſchiebt und ſich zu Bett legt. Aber das Alles thut Polly; und des Morgens ſetzt ſie in eins der Zimmer mit den verſchloſſenen Läden die Lebensmittel, welche zu bereiten man ihr aufgetragen hat, entfernt ſich, und betritt das Zimmer erſt wieder am nächſten Morgen um dieſelbe Stunde. Es ſind noch Klingeln hier, aber ſie ſchellen nie; und obgleich ſie manchmal Jemand im Zimmer auf und ab gehen hört, ſo tritt er doch niemals heraus. Mit nächſtem Morgen erſcheint Miß Tox ſehr früh. Ihre Hauptbeſchäftigung iſt diesmal die Bereitung kleiner Leckerbiſſen— wenigſtens was ſie dafür hält— um ſie am nächſten Morgen in das dunkle Zimmer zu ſtellen. Dieſe Beſchäftigung macht ihr ſo viel Freude, daß ſie dieſelbe jeden Morgen wiederholt und täglich in ihrem kleinen Körbchen mancherlei Eingemachtes aus dem ſpärlichen Vorrath des ſeligen Eigenthümers des gepuderten Haares und Zopfes mitbringt; ſie bringt auch, in Lockenpapier eingewickelt, kaltes Fleiſch, Zunge, Hälften von Geflügel für ihr Mittageſſen, das ſie ſtets mit Polly theilt. So verlebt ſie den größten Theil in dem verfallenen Hauſe, das die Ratten ver⸗ laſſen haben; verſteckt ſich, vor jedem Geräuſch erſchreckend, “ — 49— ſchleicht die Thüre hinaus und herein, wie ein Verbrecher, und wünſcht nur dem gefallenen Gegenſtand ihrer Bewunderung treu zu ſein, ohne daß er oder ein Menſch außer einer armen einfachen Frau es weiß. Der Major weiß es; aber kein Menſch iſt deshalb klüger, obgleich der Major viel luſtiger deshalb iſt. In einem Anfall von Neugier hat der Major den Eingeborenen beauftragt, das Haus manchmal zu beobachten und zu ſehen, was aus Dombey wird. Der Eingeborene hat der Miß Toyx Treue rapportirt, und der Major iſt faſt erſtickt vor Lachen. Er iſt von dieſer Stunde an blauer als je, und keucht ſich immer vor, während ſeine Kalbsaugen ſich aus ihren Höhlen drängen: Damme, Sir, das Weib iſt eine geborene Gans! Und der zu Grunde gerichtete Mann, wie verlebt er die Stunden in ſeiner Einſamkeit? „In ſpäten Jahren möge er noch in dieſem Zimmer daran gedenken!“ Er dachte daran. Es lag ihm ſchwer auf der Seele. Schwerer als alles Uebrige. „In ſpäten Jahren möge er noch in dieſem Zimmer daran gedenken. Der Regen, der auf das Dach rauſcht, der Wind, der um das Haus ſtöhnt, haben eine Vorahnungin ihren melancholiſchen Stimmen. Noch in ſpäten Jahren möge er in dieſem Zimmer daran gedenken!“ Wohl ſchwebte es ihm vor. In der jammervollen Nacht dachte er daran; während des langſam ſchleichenden Tages, des unerwünſchten Morgens, der von Erinnerungen und geſpenſter⸗ haftem Grauen erfüllten Dämmerung. Er dachte daran. Voll Boz. Dombey u. Sohn. X. 4 — 50— Schmerz, Reue und Verzweiflung!„Papa! Papa! Sprich nur ein Wort zu mir, lieber Papa!“ Wieder hörte er die Worte und ſah das Geſicht. Er ſah es auf die zitternden Hände ſinken, und hörte das lange, leiſe Stöhnen mit jedem Schritte mehr verhallen. Er war gefallen, um nie wieder aufzuſtehen. Auf die Nacht ſeines weltlichen Sturzes konnte kein neuaufgehender Morgen folgen; für den Flecken ſeiner häuslichen Schande gab es keine Reinigung; nichts konnte ſein todtes Kind wieder ins Leben zurückrufen. Aber was er in der ganzen Vergangenheit hätte ſo ganz anders machen können, was der Vergangenheit eine ganz andere Wendung hätte geben können, obgleich er jetzt kaum daran dachte— was ſein eignes Werk war, was er ſo leicht zu einem Segen hätte machen können, und mit jahrelanger Arbeit in einen Fluch verwandelt hatte, das war der folternde Schmerz ſeiner Seele! Ach! Er dachte daran! Der Regen, der auf das Dach rauſchte, der Wind, der um das Haus ſtöhnte, hatten eine Vorahnung in ihrer melancholiſchen Stimme. Er wußte jetzt, was er gethan hatte. Er wußte jetzt, daß er auf ſein Haupt das herabgerufen, was es tiefer beugte, als der ſchwerſte Schlag des Unglücks. Er wußte jetzt, was es hieß, verſtoßen und verlaſſen zu ſein; jetzt, wo jede Liebesblüthe, die er in dem Herzen ſeiner unſchuldigen Tochter getödtet, als graue Aſche auf ihn niederregnete. Sie ſtand vor ſeinem Geiſte, wie an jenem Abend, wo er mit ſeiner neuen Gattin nach Hauſe zurückgekehrt. Sie ſtand vor ſeinem Geiſte, wie ſie in allen Ereigniſſen des verlaſſenen — 51— Hauſes erſchienen war. Er dachte jetzt, daß ſie allein von ſeiner ganzen Umgebung ſich nie verändert habe. Sein Knabe war Staub geworden, ſein ſtolzes Weib war ein ſchmachbeflecktes Geſchöpf, ſein Schmeichler und Freund der ſchlimmſte aller Schurken geworden, ſeine Schätze waren in Nichts verflogen, ſelbſt die Wände, die ihn ſchützten, ſahen ihn fremd an; aber ſie wendete ihm immer noch denſelben milden und liebevollen Blick zu. Sie war nie anders gegen ihn geworden— er nie anders gegen ſie— und ſie war ihm verloren. Wie Eines nach dem Andern vor ſeinem eignen Auge ver⸗ ſchwand— die Hoffnung auf ſeinen Sohn, ſein Weib, ſein Freund, ſein Reichthum— o, wie verſchwand da auch der Nebel vor ihr, und zeigte ihm ihr wahres Bild! O, wie viel beſſer wär's geweſen, daß er ſie geliebt hätte, wie ſeinen Knaben, und ſie verloren, wie ſeinen Knaben, und ſie Beide in ein frühes Grab gelegt hätte! In ſeinem Stolze— denn er war immer noch ſtolz— ſah er ruhig zu, wie die Welt von ihm abfiel. Wie ſie ſich zu⸗ rückzog von ihm, ſchüttelte er ſie von ſich ab. Ob er glaubte, ihr Antlitz betrachte ihn mit Mitleid oder mit Gleichgültigkeit, er mied ſie in beiden Fällen. Er dachte an keine Gefährten in ſeinem Unglück, außer an die Eine, die er von ſich geſtoßen. Niemals malte er ſich aus, was er zu ihr ſagen oder welchen Troſt er von ihr annehmen wollte. Aber er war ſich ſtets be⸗ wußt, daß ſie ihm treu geblieben wäre, wenn er es nur geſtattet hätte. Er wußte, daß ſie ihn jetzt noch mehr lieben würde, als zu jeder andern Zeit; er war ſo feſt überzeugt, daß das in ihrer 4* Natur liege, wie davon, daß ein Himmel über ihm ſei; und dachte daran in ſeiner Einſamkeit Stunde nach Stunde. Ein Tag nach dem andern ſprach zu ihm dieſe Worte; und eine Nacht nach der andern zeigte ihm dieſe Erkenntniß. Sie begann ohne allen Zweiſel(obgleich ſie im Anfang nur ſehr langſam reifte) mit dem Empfang des Briefes ihres zungen Gatten, und der Gewißheit, daß ſie fort war. Und doch, ſo ſtolz war er in ſeinem Fall, oder ſo ſehr gedachte er ihrer als Etwas, was ſein hätte ſein können, aber jetzt auf immer für ihn verloren war, daß er nicht zu ihr gegangen wäre, wenn er auch ihre Stimme im nächſten Zimmer gehört hätte; hätte er ſie auf der Straße geſehen, und ſie hätte ſich ihm nur mit ihrem ge⸗ wohnten Blicke zugewendet, ſo wäre er wohl mit dem alten, kalten, ungerührten Geſicht vorbeigegangen, und hätte ſie nicht angeredet oder freundlich angeſehen, und wenn ihm gleich darauf das Herz gebrochen wäre. So ſtürmiſch auch anfangs ſeine Gedanken, ſo ſtark ſein Zorn geweſen über ihre Heirath und ihren Gatten, das war jetzt vorüber. Er dachte hauptſächlich an das, was hätte ſein können und nicht war. Was war Alles in dem Einen zu⸗ ſammenzufaſſen! Sie war ihm verloren, und er war von Schmerz und Reue niedergebeugt. Und jetzt fühlte er, daß ihm in dieſem Hauſe zwei Kinder geboren waren, und daß zwiſchen ihm und den kahlen Wänden ein Band beſtand, das ſchmerzlich, aber ſchwer zu trennen war, ein Band, das ſich an eine doppelte Kindheit und an einen doppelten Verluſt knüpfte. Da er einmal gehen mußte, obgleich er noch nicht wußte wohin, hatte er am Abend des Tages, wo zte — 53— dieſes Gefühl zuerſt in ſeiner Bruſt Wurzel faßte, das Haus ver⸗ laſſen wollen; aber jetzt beſchloß er, noch eine Nacht zu bleiben und in dieſer Nacht noch einmal durch die Zimmer zu gehen. Er trat aus ſeiner Einſamkeit hervor in tiefer ſtiller Nacht, und ging mit einem Licht in der Hand die Treppe hinauf. Unter allen Fußſtapfen, die dieſe Treppe zu einem ſo allgemeinen Gute machten, wie die Straße draußen, war kein einziger, dachte er, der nicht ſein Gehirn zu zertreten geſchienen hatte, als er einſam lauſchend in ſeinem Zimmer geſeſſen. Er ſah ihre Menge, und ihre Eile, und ihre Verwirrung, und wie ein Fußſtapfen die andern austrat, und die Spuren treppauf und treppab ſich in einander verſchlangen— und dachte mit wahrem Schreck und Staunen, wie viel er während dieſer Prüfung gelitten habe, und welch ein andrer Mann er geworden in müſſe. Auch dachte er, ob nicht irgendwo in der Welt ein lichter Fuß ſei, der in einem Augenblick die Hälfte dieſer Spuren verwiſchen könnte!— und ſenkte ſein Haupt, und weinte, als er die Treppe hinaufſtieg. Er ſah ihn faſt vor ſich hinaufgehen. Er blieb ſtehen, und ſchaute nach dem Deckenfenſter hinauf; und eine Geſtalt, ſelbſt ein Kind, aber ein anderes Kind tragend und dazu ſingend, ſchien wieder hinauf zu wandeln. Und dann wieder dieſelbe Geſtalt, allein und mit angehaltenem Athem ſtehen bleibend, das ſchöne Haar um das thränenfeuchte Geſicht wallend und das Auge ihm zugewendet. Er wanderte durch die Zimmer, vor kurzem noch ſo prächtig und jetzt ſo öde und ſo unheimlich, dem Anſcheine nach ſelbſt in ihrer Größe und Geſtalt verändert. Das Gedränge der Fußſtapfen — 514— war hier eben ſo dicht wie unten; und daſſelbe quälende Gefühl verwirrte und erſchreckte ihn. Er fing an zu fürchten, daß er über dieſem Gefühl wahnſinnig werden könne, und daß ſeine Ge⸗ danken ſchon ihren Zuſammenhang verlören, wie dieſe Fußſtapfen, und ſich mit denſelben wirren Verſchlingungen und formloſen Umriſſen an einander flickten. Er wußte nicht einmal, in welchem dieſer Zimmer ſie ge⸗ wohnt hatte, als ſie allein war. Er fühlte ſich erleichtert, als er ſie verließ und die zweite Treppe hinaufſtieg. Hier war Ueberfluß von Erinnerungen an ſein untreues Weib, ſeinen falſchen Freund und Diener, an die falſchen Stützen ſeines Stolzes; aber er vergaß ſie jetzt alle, und dachte nur voll Schmerz und Liebe an ſeine beiden Kinder. Ueberall die 5 Sie hatten keine Achtung vor dem alten Zimmer hoch gehabt, wo das kleine Bett geſtanden; er konnte dort kaum eine freie Stelle finden, um ſich auf den Erdboden niederzuwerfen und ſeine Thränen frei fließen zu laſſen. Er hatte vor langer, langer Zeit hier ſo viele Thränen vergoſſen, daß er ſich an dieſem Orte ſeiner Schwäche weniger ſchämte als anderswo— und entſchuldigte vielleicht mit dieſem Gefühl ſein Hierſein. Hier auf der bloßen Diele lag er in ſtiller Mitternacht und weinte, allein— noch jetzt ein ſtolzer Mann, der, wenn eine freundliche Hand ſich nach ihm ausgeſtreckt oder ein freund⸗ liches Geſicht hereingeblickt hätte, aufgeſtanden und wieder in ſeine Zelle geflohen wäre. Als der Tag anbrach, war er wieder in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen. Er hatte heute gehen wollen, hielt aber feſt an — 8X—— 55— dieſem Bande des Hauſes, als an dem letzten und einzigen Dinge, was er noch hatte. Er wollte morgen gehen. Der Morgen kam. Er wollte morgen gehen. Jede Nacht, ohne daß es ein Menſch wußte, trat er aus ſeinem Zimmer und irrte durch das öde Haus wie ein Geiſt. Manchen Morgen, wie der Tag graute, brütete ſein furchenvolles Geſicht hinter dem zugezogenen Vorhang des Fenſters, durch welchen das ſchwache Licht kaum hindurchdrang, über dem Verluſt ſeiner beiden Kinder. Er ver⸗ einigte ſie wieder in ſeinen Gedanken, und ſie ließen ſich nie wieder trennen. O, daß er ſie hätte vereinigen können in ſeiner früheren Liebe und im Tode, nnd daß das eine nicht ſo viel ſchlimmer geweſen wäre als todt! 3 Starke geiſtige Aufregung nnd Unruhe waren ihm nichts Neues, ſelbſt vor ſeinen letzten Leiden. Sie ſind es auch nie bei ſtarren und trotzigen Naturen; denn ſie kämpfen ſchwer, ehe ſie dazu werden. Ein lange unterminirter Boden ſtürzt oft in einem Augenblick zuſammen; was hier auf ſo vielerlei Weiſe unterminirt war, löſte ſich und zerfiel immer mehr und mehr, wie der Zeiger auf der Uhr weiterrückte. Endlich fing er an zu denken, daß er ja gar nicht zu gehen brauche. Er konnte ja noch aufgeben, was ſeine Gläubiger ihm gelaſſen hatten(daß ſie ihm nicht mehr gelaſſen, war ſein eigner Wille), und das Band zwiſchen ſich und dem verlaſſenen Hauſe löſen, indem er das andere Band löſete— Um dieſe Zeit wurde ſein Tritt in dem Zimmer der alten Haushälterin vernommen, wie er auf und ab ſchritt; aber nicht in ſeiner wahren Bedeutung, ſonſt hätte er Schauder erregt. — 6— Die Welt war ſehr geſchäftig und unruhig um ihn. Er wurde ſich deſſen wieder bewußt. Sie flüſterte und ſchwatzte. Sie war nie ruhig. Dies, und die verwirrten Linien der Fußſtapfen marterten ihn bis auf den Tod. Die Umgebung nahm in ſeinen Augen eine ſchwüle und röthliche Farbe an. Dombey und Sohn waren nicht mehr— ſeine Kinder waren nicht mehr. Darüber mußte morgen nachgedacht werden. Er dachte morgen darüber nach; und wie er in ſeinem Stuhle darüber brütete, ſah er in dem Spiegel von Zeit zu Zeit dieſes Bild. Ein geſpenſtiges, verſtörtes, hohläugiges Abbild ſeiner ſelbſt brütete und brütete über dem leeren Kamine. Jetzt erhob es ſein Haupt, und prüfte die Furchen und Falten in ſeinem Geſicht; jetzt ſenkte es daſſelbe wieder, und brütete von neuem. Jetzt ſtand es auf und ging in der Stube herum; dann begab es ſich in das nächſte Zimmer, und kehrte zurück und hatte etwas vom Toilettentiſch in die Bruſt geſteckt. Jetzt blickte es nach dem untern Rande der Thür und dachte. — Still! Was? Es dachte, wenn Blut dort hinausrinnen und in das Vor⸗ haus fließen ſollte, ſo würde es lange Zeit brauchen. Es würde ſo langſam und leiſe fortkriechen, hier eine kleine, träge Pfütze, dort ein kleiner, raſcher Bach, und dann wieder eine kleine Pfütze, daß ein ſchwer verletzter Mann durch dieſe Spur nur todt oder doch ſterbend entdeckt werden könnte. Als es dar⸗ über lange nachgedacht hatte, ſtand es wieder auf, und ſchritt auf und nieder, die Hand in der Bruſt. Er warf manchmal α8̈———— Er Sie pfen inen vohn über nem zu elbſt ſein ch; zetzt ſich vom dem vor⸗ irde äge eine pur dar⸗ ritt mal — 57— einen Blick auf das Bild, neugierig ſeine Bewegungen be⸗ trachtend, und beachtete wohl, wie böſe und mürderiſch dieſe Hand ausſah. Jetzt brütete es wieder! Worüber brütete 6s2 Ob ſie in das Blut treten würden, wenn es ſo weit flöſſe, und es ſchleppen würden durch das Haus unter die vielen Fuß⸗ ſtapfen, oder ſogar auf die Straße hinaus. Es ſetzte ſich, die Augen auf das leere Kamin geheftet, und wie er ſich in Gedanken verlor, da glänzte in das Zimmer ein Licht⸗ ſchein, ein Sonnenſtrahl. Es achtete deſſen nicht, und blieb brütend ſitzen. Plötzlich ſprang es auf mit entſetzlichem Geſicht, und die ver⸗ brecheriſche Hand griff in den Buſen. Aber da wurde es auf⸗ gehalten von einem Schrei— einem wilden, lauten, herzer⸗ ſchütternden, liebeerfüllten Schrei— und er ſah nur ſein eigenes Bild im Spiegel, und vor ſich auf den Knieen ſeine Tochter! Ja. Seine Tochter! Seht ſie an! Seht her! Auf der Erde, ſich an ihn ſchmiegend, ihm zurufend, ihre Hände faltend, ihn anflehend. Papa! Theuerſter Papa! Verzeih mir, vergieb mir! Ich bin zurückgekehrt, um auf den Knieen Verzeihung von dir zu erflehen. Ich kann ohne ſie nie mehr glücklich ſein! Immer noch unverändert. Sie allein von der ganzen Welt unverändert. Ihn noch mit demſelben Geſicht anſehend, wie in jener unſeligen Nacht. Und ſie bittet ihn um Verzeihung! Lieber Vater, ruft ſie aus, ſieh mich nicht ſo ſeltſam an! Ich wollte dich nie verlaſſen, dachte nie daran, weder früher oder ſpäter. Ich war außer mir, als ich fortging, und unfähig zu — 58— denken. Lieber Vater, ich bin ganz anders. Ich bereue. Ich kenne meine Fehler. Ich kenne jetzt meine Pflicht beſſer. Vater, verſtoß' mich nicht, oder ich ſterbe! Er wankte nach ſeinem Stuhl. Er fühlte, wie ſie ſeinen Arm um ihren Hals legte; er fühlte wie ſie ihn umarmte; er fühlte ihre Küſſe auf ſeinem Geſicht; er fühlte ihre thränenfeuchte Wange an der ſeinen; er fühlte— o, wie tief!— Alles was er gethan hatte! Auf den Buſen, den er geſchlagen, an das Herz, das er faſt gebrochen, legte ſie ſein Geſicht, jetzt mit ſeinen Händen verhüllt, und ſagte ſchluchzend: Guter Vater, ich bin Mutter. Ich habe ein Kind, welches bald Waltern mit dem Namen nennen wird, den ich dir gebe. Als es geboren wurde, und als ich wußte, wie ſehr ich es liebte, da wußte ich, was ich an dir durch meine Flucht verbrochen hatte. Vergieb mir, lieber Vater! o ſage, Gott Fan mich und mein kleines Kind! Er hätte es geſagt, wenn er es getondk hätte. Er hätte ſeine Hände erhoben und ſie um Verzeihung gebeten, aber ſie ergriff ſie raſch und hielt ſie feſt. Mein Kind wurde auf der See geboren, ſagte ſie. Ich flehte zu Gott(und Walter that es mit mir), mir das Leben zu laſſen, damit ich nach Hauſe zurückkehren könne. In dem Augen⸗ blicke, wo ich ans Land konnte, bin ich zu dir geeilt. O, nie wieder wollen wir uns trennen, Vater. Nie wieder wollen wir uns trennen!. — 59— Sein jetzt ergrautes Haupt lag in ihrem Arm; und er ſtöhnte laut bei dem Gedanken, daß es dort früher nie, nie geruht hatte. Du kommſt mit mir nach Hauſe, Vater, und ſiehſt mein Kind. Es iſt ein Knabe, Vater. Er heißt Paul. Ich glaube— ich hoffe— er iſt ihm ähnlich— Ihre Thränen ließen ſie nicht weiter reden. Lieber Vater, um meines Kindes willen, um des Namens willen, den wir ihm gegeben, um meinetwillen vergieb Waltern. Er iſt ſo gut und liebreich gegen mich. Ich bin ſo glücklich mit ihm. Es iſt nicht ſeine Schuld, daß wir uns heiratheten. Ich war daran Schuld. Ich liebte ihn ſo ſehr. Sie umſchloß ihn feſter, und liebkoſete ihn mit größerer Innigkeit. 8 Er iſt der Liebling meines Herzens. Ich könnte für ihn ſterben. Er wird dich lieben und ehren wie ich. Wir wollen unſern kleinen Sohn lehren dich zu lieben und zu ehren; und wir wollen ihm ſagen, wenn er es verſtehen kann, daß du einmal einen Sohn dieſes Namens hatteſt, und daß er ſtarb, und daß du ſehr bekümmert warſt; daß er aber in den Himmel gegangen iſt, wo wir ihn Alle zu ſehen hoffen, wenn für uns die Zeit des Scheidens kommt. Küſſe mich, Vater, zum Verſprechen, daß du dich mit Waltern verſöhnen willſt— mit meinem geliebten Gatten,— mit dem Vater des Kindes, das mich lehrte wieder zurückzukehren, Vater. Das mich lehrte wieder zurückzukehren! Als ſie ihn mit einem neuen Thränenausbruch feſter umſchlang, küßte er ſie auf den Mund, erhob die Augen und — 60— ſagte: O mein Gott, vergieb mir, denn ich bedarf deſſen recht ſehr! Damit ließ er wieder das Haupt ſinken, und weinte über ſie und liebkoſete ſie, und in dem ganzen Hauſe war lange, lange Zeit kein Laut zu vernehmen; und ſie lagen einander in den Armen in dem herrlichen Sonnenſchein, der mit Florentinen hereingedrungen war. 3 Fügſam ihrer Bitte nachgebend kleidete er ſich an, um aus⸗ zugehen, und ging mit wankendem Schritt, und während er mit einem Schauder auf das Zimmer zurückſchaute, wo er ſo lange gebrütet, und wo er das Bild in dem Spiegel geſehen, in die Vorhalle hinaus. Florentine ſah ſich kaum um, aus Furcht ihn von neuem an ihr letztes Scheiden zu erinnern— denn ſie ſtand auf demſelben Fleck, wo er ſie in ſeinem Wahnſinn geſchlagen— und geleitete ihn, die Augen auf ſein Geſicht geheftet und den Arm um ihn geſchlungen, nach einem Wagen, der vor der Thür wartete. So fuhren ſie fort. Jetzt wagten ſich Miß Tox und Polly aus ihrem Verſteck und frohlockten mit vielen Thränen. Und dann packten ſie mit großer Sorgfalt ſeine Kleider, ſeine Bücher und andere Sachen ein, und übergaben ſie ſeiner Zeit an gewiſſe Perſonen, welche Florentine des Abends ſchickte. Und dann tranken ſie noch eine letzte Taſſe Thee in dem verlaſſenen Hauſe. Und ſo iſt Dombey und Sohn, wie ich bei einer gewiſſen, traurigen Veranlaſſung bemerkte, ſagte Miß Tox, eine lange Reihe von Erinnerungen abſchließend, am Ende doch eine Tochter. Und eine gute Tochter! rief Polly aus. — 61— Sie haben Recht, ſagte Miß Tox; und es macht Ihnen viel Ehre, Polly, daß ſie ſtets ihre Freundin waren, als ſie noch ein kleines Kind war. Sie waren ihre Freundin lange vor mir, Polly, und Sie ſind eine gutes Geſchöpf. Robin! Miß Tox ſprach zu einem rund⸗ und dickköpfigen jungen Mann, der in erbärmlichen Umſtänden und gedrückter Stimmung zu ſein ſchien und in einer entfernten Ecke ſaß. Robin, ſagte Miß Tox, ich habe eben gegen deine Mutter bemerkt, wie du jedenfalls gehört haſt, daß ſie ein gutes Ge⸗ ſchöpf ſei. Und das iſt ſie auch, ſagte der Scheerenſchleifer mit einigem Gefühl. Sehr gut, Robin, ſagte Miß Tox, es freut mich, dich ſo reden zu hören. Da ich dich jetzt alſo auf dein dringendes An⸗ ſuchen auf Probe als meinen Bedienten annehmen will, um dich wieder an anſtändige Verhältniſſe zu gewöhnen, ſo will ich bei dieſer Gelegenheit nicht unterlaſſen zu bemerken, daß ich hoffe, du wirſt nie vergeſſen, daß du eine vortreffliche Mutter haſt, und dich ſo benehmen, daß du ihr ein Troſt biſt. Bei meiner Seele, das will ich auch, Miß, erwiderte der Schleifer. Ich habe viel durchgemacht, und meine Abſichten ſind jetzt ſo ehrlich, Miß, wie die eines Chawers— Das Wort wirſt du dir abgewöhnen müſſen, Robin, unter⸗ brach ihn Miß Tox höflich, aber entſchieden. Nun, wenn Sie erlauben, Miß, wie die eines ordentlichen Kerls— — 62— Danke, Robin, aber auch das nicht, entgegnete Miß Tox. Ich würde Individuum vorziehen. Wie die eines Individudums, ſagte der Scheerenſchleifer. Viel beſſer, bemerkte Miß Tox beifällig; unendlich aus⸗ drucksvoller!. — nur ſein können, fuhr Rob fort. Wenn ich nicht zu einem Scheerenſchleifer gemacht worden wäre, Miß und Mutter, was ſehr ſchlimm war für einen jungen Cha— Individudum Sehr gut, bemerkte Miß Tox. — und wenn ich nicht von Vögeln verführt, und hernach in einen ſchlechten Dienſt gekommen wäre, ſagte der Scheeren⸗ ſchleifer, ſo hätte ich das beſſer gemacht, glaube ich. Aber es iſt nie zu ſpät für ein— Indi— half Miß Toyx ein. viduduum, ſagte der Scheerenſchleifer, ſich zu beſſern; und ich hoffe mich zu beſſern, Miß, da Sie ſo gut ſind und es mit mir verſuchen wollen. 4 Es freut mich wirklich recht ſehr, das zu hören, bemerkte Miß Tox. Willſt du etwas Brod und Butter und eine Taſſe Thee genießen, ehe wir gehen, Robin? Dank Ihnen, Miß, entgegnete der Schleifer, der darauf ſeine Zähne in eine höchſt merkwürdige Thätigkeit ſetzte, als ob er ziemlich lange Zeit auf ſchmale Koſt geſetzt geweſen wäre. Nachdem ſpäter Miß Tox Hut und Shawl genommen, und Polly daſſelbe gethan hatte, umarmte Rob ſeine Mutter und folgte ſeiner neuen Herrin; und Polly war dadurch ſo ſehr von hoffnungsreicher Bewunderung erfüllt, daß etwas in ihren Augen zu ter, um ach ten⸗ iſt und mit rkte aſſe rauf ob und und von gen — 63— funkelnde Ringe um die Gaslampen zog, als ſie ihm nachſah. Polly löſchte dann ihr Licht aus, verſchloß die Hausthür, gab den Schlüſſel in der Nachbarſchaft ab, und ging ſo ſchnell, als ſie konnte, nach Hauſe, ſchon im voraus erfreut über den lauten Jubel, den ihre unerwartete Ankunft dort verurſachen werde. Das große Haus, ſtumm über Alles, was darin gelitten worden, und über alle Veränderungen, die es geſehen, ſtand dräuend wie eine ſchwarze Nummer in der Straße, und ſchnitt jede nähere Erkun⸗ digung mit der weithin ſichtbaren Ankündigung ab, daß dieſes ſchöne Familienpalais zu vermiethen ſei. Sechzigſtes Kapitel. Abermals Hochzeit. Das große halbjährliche Feſt bei Dr. und Mrs. Blimber, bei dem ſie ſich das Vergnügen ausbaten, jeden jungen Herrn ihrer Anſtalt zu einer Abendpartie mit Quadrillen bei ſich zu ſehen, hatte um dieſe Zeit ordnungsgemäß ſtattgefunden; und die jungen Herren hatten ſich ohne ungebührliche Aeußerungen von Leichtfer⸗ tigkeit, vollgepfropft von Gelehrſamkeit, nach Hauſe begeben. Mr. Skettles war im Auslande, um den Salon ſeines Vaters Sir Barnet Skettles zu zieren, deſſen leutſeliges Weſen ihm einen diplomatiſchen Poſten verſchafft hatte, wo er und Lady Skettles ſelbſt zur Zufriedenheit ihrer eignen Landsleute— was gewiß höchſt wunderbar war— die Honneurs machten. Mr. Tozer, jetzt ein junger Mann von hohem Wuchſe, war ſo voller Alterthum, daß er faſt auf gleicher Stufe mit einem alten Römer in der Kenntniß des Engliſchen ſtand, ein Triumph, der ſeine guten Aeltern mit den rührendſten Empfindungen erfüllte, und bei rer een, gen fer⸗ een. ers hm ady vas Nr. ller mer eine und — 65— den Vater und die Mutter des Mr. Briggs(deſſen Gelehrſamkeit, wie ſchlechtarrangirtes Gepäck, ſo feſt geſtaut war, daß er zu nichts konnte, was er brauchte) zwang, ihr gedemüthigtes Haupt zu verbergen. Maſter Bitherſtone, bei dem das Treibhausſyſtem, wie dies ſo häufig der Fall iſt, gar keinen Eindruck hinterlaſſen hatte, ſobald ſeine unmittelbare Einwirkung aufhörte, war ver⸗ hältnißmäßig noch in der beſten Lage. Er befand ſich jetzt auf der Reiſe nach Bengalen, und vergaß mit ſo bewunderungs⸗ würdiger Schnelligkeit, daß es ſehr zweifelhaft war, ob ſeine Declinationen der Subſtantiva bis zum Ende der Reiſe aus⸗ halten würden. Als Dr. Blimber nach dem gewöhnlichen Brauche am Morgen der Abendgeſellſchaft zu den jungen Herren hätte ſagen ſollen: Gentlemen, wir werden unſre Studien von neuem den 25. nächſten Monats beginnen, wich er aus dem gewöhnlichen Gleiſe und ſagte: Gentlemen, als unſer Freund Cincinnatus ſich auef ſein Gut zurückzog, ſtellte er dem Senat keinen Römer vor, den er zu ſeinem Nachfolger ernannte. Aber hier iſt ein Römer, ſagte Dr. Blimber und legte ſeine Hand auf Mr. Feeders Achſel, adolescens imprimis gravis et doctus, Gentlemen, den ich, ein Cineinnatus, der ſich aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, meinem kleinen Staat als den künftigen Dictator deſſelben vorzuſchlagen wünſche. Gentlemen, wir werden unſere Studien von neuem mit dem 25. dieſes Monats unter der Obhut Mr. Feeders, Dacc. artium, beginnen. Darauf gaben die jungen Herrn ihren Beifall laut zu erkennen, und Mr. Tozer trat im Namen der Uebrigen vor, Boz. Dombey u. Sohn. X 5 — 66— und überreichte dem Doctor ein ſilbernes Tintenfaß, begleitet von einer Rede, die ſehr wenig Engliſch, aber funfzehn lateiniſche und ſieben griechiſche Citate enthielt, was die jüngeren Herren mit Unzufriedenheit und Neid erfüllte. Sie ſagten:„O ja! das ſei ganz ſchön für den alten Tozer, aber ſie gäben ihr Geld nicht hin, damit ſich Tozer breit machen könnte, gewiß nicht! Was ginge auch die Sache den alten Tozer mehr an als ſie? Es ſei ja nicht ſein Tintenfaß. Warum könnte er nicht das Eigen⸗ thum der Schüler ungeſchoren laſſen?“ und ähnliche Aeußerungen des Mißvergnügens, das mehr Befriedigung in dem Ausdruck: alter Tozer, als in jedem andern zu finden ſchien. Ueber die beabſichtigte Heirath zwiſchen Mr. Feeder, Bacc. artium, und Cornelia Blimber war gegen die jungen Herren kein Wink gefallen. Vorzüglich ſchien Dr. Blimber ſich alle Mühe zu geben, ein Geſicht zu machen, als ob ihn nichts mehr überraſchen würde; und dennoch wußten es alle jungen Herren recht gut, und als ſie zu ihren Verwandten und Freunden reiſten, men ſie von Mr. Feeder mit großer Ehrfurcht Abſchied. Mr. Feeders romantiſcheſte Träume waren in Erfüllung gegangen. Der Doctor hatte ſich entſchloſſen, das Haus abputzen und durchaus repariren zu laſſen und das Geſchäft nebſt Cor⸗ nelia ſeinem getreuen Gehilfen zu überlaſſen. Das Abputzen und Repariren begann an demſelben Tage, wo die jungen Herren abreiſten, und jetzt war auch der Hochzeitsmorgen gekommen, und Cornelia, mit einer neuen Brille ausgeſtattet, ſtand auf dem Punkte, an den Traualtar geführt zu werden. 3 Der Doctor mit ſeinen gelehrten Beinen, und Mrs. Blimber in einem Lilahute, und Mr. Feeder, Bacc. artium, mit den kurzen Aermeln und dem borſtigen Haarwuchs, und Seine Ehr⸗ würden, Alfred Feeder, der die Trauung vollziehen ſollte, waren Alle im großen Geſellſchaftszimmer verſammelt, und Cornelia mit ihrem Orangenblüthenkranz und ihren Brautjungfern war eben eingetreten, und ſah noch ganz wie früher aus, etwas ge⸗ drückt, aber liebreizend, als die Thür aufging und der junge Mann mit den blöden Augen mit lauter Stimme anmeldete: Mr. und Mrs. Toots! Darauf trat Mr. Toots herein, ziemlich ſtark geworden, und an ſeinem Arm eine Dame, die ſehr hübſch und geſchmackvoll gekleidet war und ein paar ſehr lebhafte ſchwarze Angen hatte. Mrs. Blimber, ſagte Mr. Toots, erlauben Sie mir, Ihnen meine junge Frau vorzuſtellen. Nrrs. Blimber freute ſich außerordentlich ſie kennen zu lernen. Mrs. Blimber war ein wenig herablaſſend, aber ausnehmend freundlich. Und da wir uns ſo lange kennen, wiſſen Sie, ſagte Mr. Toots, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß ſie eine der merkwürdigſten Frauen auf der Welt iſt. Ich bitte dich! wendete Mrs. Toots ein. Auf mein Wort und meine Ehre, es iſt an dem, ſagte Mr. Toots. Ich— ich verſichere Ihnen, Mrs. Blimber, ſie iſt ein ganz außerordentliches Weib. Mrs. Toots lachte, und Mrs. Blimber führte ſie Cor⸗ nelien zu. Nachdem Mr. Toots auch hier ſein Compliment 5* ☛ u —. 68— gemacht und ſeinen alten Lehrer begrüßt hatte, der auf ſeine Verheirathung anſpielend zu ihm ſagte: Nun Toots! auch Einer von uns, Toots?— zog er ſich mit Mr. Feeder in eine Fenſter⸗ vertiefung zurück. Mr. Feeder, der in der beſten Laune war, nahm eine Boxerſtellung an und ſchlug Mr. Toots ganz freundſchaftlich mit dem Handrücken auf das Bruſtbein. Nun, alter Kerl! ſagte Mr. Feeder lachend. Nun! Da ſind wir! Gefangen und angeſpießt. Nicht wahr? Feeder, entgegnete Mr. Toots. Ich gratulire euch. Wenn. ihr ſo vollkommen glücklich in der Ehe ſeid als ich, ſo bleibt euch nichts zu wünſchen übrig. Ich vergeſſe meine alten Freunde nicht, ſagte Mr. Feeder. Ihr ſeht, ich lade ſie zu meiner Hochzeit ein. Feeder, ſagte Mr. Toots mit Ernſt, die Sache iſt die, daß verſchiedene Verhältniſſe mich abhielten, euch zu ſchreiben, ehe unſer Bund die kirchliche Weihe erhielt. Erſtlich hatte ich mich in Bezug auf Miß Dombey vollſtändig gegen euch blamirt; und ich fühlte, wenn ich euch zu einer Hochzeit einlüde, ſo würdet ihr erwarten, es ſei eine Hochzeit mit Miß Dombey, was Erklä⸗ rungen erforderte, die mich auf mein Wort und auf meine Ehrein dieſem Augenblick in die ungeheuerſte Verlegenheit verſetzt hätten. Zweitens ſollte unſere Trauung ganz ohne Aufſehen vor ſich gehen; es war weiter Niemand anweſend als ein Freund von mir und Mrs. Toots, ein Capitain in— ich weiß wahrhaftig nicht genau wo— ſagte Mr. Toots, aber es hat nichts zu ſagen. Ich hoffe, Feeder, ich habe die Pflicht der Freundſchaft vollkommen — 69— erfüllt, indem ich euch Alles ſchrieb, was ſich vor Mrs. Toots und meiner Reiſe nach dem Auslande ereignet hat. Ich ſpaßte ja nur, beſter Freund, ſagte Mr. Feeder und ſchüttelte ihm die Hand. Und nun mußt ihr mir ſagen, Feeder, ſagte Toots, was ihr von meiner Wahl denkt. Sie iſt vortrefflich! entgegnete Feeder. Ihr ſagt alſo, ſie ſei vortrefflich, Feder? ſagte Mr. Toots feierlich. Wie vortrefflich muß ſie dann erſt für mich ſein. Denn ihr könnt nie wiſſen, was für ein außerordentliches Weib ſie iſt. Mr. Feeder wollte das gern zugeben. Aber Mr. Toots ſchüttelte den Kopf, und wollte nicht glauben, daß das mög⸗ lich ſei. Ihr müßt wiſſen, ſagte Mr. Toots, ich verlangte von meiner Frau Verſtand. Geld hatte ich ſelbſt, Feeder. Verſtand hatte ich— nicht beſonders. Mr. Feeder murmelte: O doch, Toots! Aber Mr. Toots ſagte Nein, Feeder, ich hatte keinen. Warum ſollte ich es verhehlen? Ich hatte keinen. Ich wußte, daß Verſtand dort, ſagte Mr. Toots und wies auf ſeine Frau, in Maſſen vorhanden war. Hinſichtlich des Standes konnte ich keinen Verwandten beleidigen, denn ich hatte keine Verwandte. Ich habe nie Jemand gehabt, mit dem ich in näheren Beziehungen ſtand, als meinen Vormund, und dieſen Vormund, Feeder, habe ich ſtets als einen Piraten und einen Corſaren betrachtet. Daher könnt ihr euch — ———— — 0— leicht denken, ſagte Mr. Toots, daß ich ihn nicht um Erlaub⸗ niß fragte. Natürlich, ſagte Mr. Feeder. Daher handelte ich lediglich nach meinem Willen, fuhr Mr. Toots fort. Und jetzt preiſe ich den Tag glücklich, wo ich das that. Feeder! Niemand als ich kann ſagen, wie umfaſſend der Geiſt dieſer Frau iſt. Wenn jemals die Rechte der Frauen und alle dieſe Sachen gehörig in Betracht gezogen werden, ſo kann es nur durch ihren gewaltigen Geiſt geſchehen. Liebe Su⸗ ſanne! ſagte Mr. Toots, und ſteckte den Kopf plötzlich zwiſchen den Fenſtergardinen hervor, bitte, ſtreng dich nicht ſo an! Lieber Mann, erwiderte Mrs. Toots, ich ſpreche ja blos. Aber liebe Frau, ſagte Mr. Toots, ich bitte dich, ſtreng' dich nicht ſo an. Du mußt dich wirklich in Acht nehmen. Ich bitte dich, Suſanne, ſtrenge dich nicht an. Sie geräth ſo leicht in Aufregung, ſagte Mr. Toots bei Seite zu Mrs. Blimber, und dann vergißt ſie den Arzt ganz und gar. Mrs. Blimber prägte noch Mrs. Toots die große Noth⸗ wendigkeit der Vorſicht ein, als Mr. Feeder, Bacc. artium, ihr den Arm bot und ſie zu einem der Wagen hinunterführte, welche die Geſellſchaft nach der Kirche bringen ſollte. Dr. Blimber geleitete Mrs. Toots hinab. Mr. Toots bemächtigte ſich der jugendlichen Braut, um deren glänzende Brille zwei in Gaze gehüllte kleine Brautführerinnen wie Motten flatterten. Mr. Feeders Bruder, Mr. Alfred Feeder, war bereits vorausge⸗ gangen, um ſein Amtskleid anzulegen. »— —» z ͤ—;—,+, ib⸗ — 1— Die Feierlichkeit ging in ausgezeichneter Weiſe von Statten. Cornelia mit ihren zierlichen Löckchen benahm ſich mit großer Faſſung; und Dr. Blimber übergab ſie dem glücklichen Bräutigam wie ein Mann, der darüber zu einem feſten Entſchluß gekommen iſt. Die gaze⸗umhüllten Brautjungfern ſchienen am meiſten zu leiden. Mrs. Blimber war gerührt, aber mäßig, und ſagte zu Se. Ehrwürden Mr. Alfred Feeder auf dem Nachhauſewege, alle ihre Wünſche wären nun erfüllt, wenn ſie Cicero in ſeinem Tuseulum hätte ſehen können. Dieſelbe kleine Geſellſchaft nahm darauf ein Frühſtück ein, wo Mr. Feeder, Bacc. artium, die luſtigſte Laune an den Tag legte und Mrs. Toots damit ſo anſteckte, daß Mr. Toots ſich mehrmals veranlaßt ſah, ihr über den Tiſch zuzuflüſtern: Liebe Suſanne, ſtreng dich nicht ſo an! Das Beſte aber war, daß Mr. Toots ſich verpflichtet fühlte eine Rede zu halten und trotz einer ganzen Reihe von telegraphiſchen Abmahnungen von Seiten der Mrs. Toots auch wirklich damit zu Stande kam. Ich kann wirklich nicht in dieſem Hauſe, ſagt Mr. Toots, wo ich— was auch manchmal zu meiner geiſtigen— meiner geiſtigen Confuſion gethan worden iſt— was nichts auf ſich hat und weshalb ich auch Niemanden anklage— wo ich ſtets wie ein Mitglied von Dr. Blimbers Familie behandelt wurde und lange Zeit ein Pult für mich hatte— ich kann wirklich nicht— meinen Freund Feeder ſeine— ſeine— Hochzeit feiern laſſen, half Mrs. Toots ein. Es iſt vielleicht bei dieſer Gelegenheit nicht ganz unange⸗ 8 meſſen oder unintereſſant zu bemerken, ſagte Mr. Toots mit ſehr 1 a weilen gedenke, und der Biene, die um ihre Hütte ſummen werde⸗ — 2— erfreutem Geſicht, daß meine Frau ein höchſt außerordentliches Weib iſt, und dies viel beſſer machen würde als ich— meinen Freund Feeder nicht ſeine Hochzeit feiern laſſen— vorzüglich mit— mit— Mit Miß Blimber, half Mrs. Toots ein. Mit Mrs. Feeder, meine Liebe! ſagte Mr. Toots im halb⸗ lauten Tone eines Beiſeite,„die Gott zuſammengefügt hat,“ wiſſen Sie,„und die der Menſch“ und ſo weiter.— Ich kann meinen Freund Feeder nicht ſeine Hochzeit feiern laſſen,— vorzüglich mit Mrs. Feeder— ohne— ohne einen Toaſt auf ſie auszubringen; möge alſo, ſagte Mr. Toots und heftete ſeine Augen auf ſeine Frau, als ſuche er bei ihr Begeiſterung für einen hohen Flug ſeines Geiſtes; möge die Fackel Hymens die Flamme der Freude werden, und die Blumen, welche wir heute auf ihren Pfad geſtreut haben, die— die Vertreiber der— der Me⸗ lancholie! Doctor Blimber, der eine Vorliebe für Metaphern hatte, gefiel dies ſehr, und er ſagte: Sehr gut, Toots! Sehr gut ge⸗ ſagt, Toots! nickte mit dem Kopf und ſchlug die Hände zu⸗ ſammen. Mr. Feeder hielt zur Entgegnung eine ſcherzhafte Rede mit etwas Sentimentalität geſpickt. Mr. Alfred Feeder war ſehr glücklich und treffend über Dr. und Mrs. Blimber; Mrs. Feeder, Bacc. artium, kaum weniger über die gaze⸗um⸗ hüllten Brautjungfern. Alsdann gab Dr. Blimber mit ſeiner Stimme einige Gedanken im idylliſchen Style zum Beſten, ſprach von dem Schilf, unter dem er mit Mrs. Blimber zu ver⸗ — 23— Kurz darauf, da die Augen des Doctors auf höchſt merkwürdige Weiſe zwinkerten und ſein Schwiegerſohn bemerkte, daß die Zeit für Sclaven ſei, und gefragt hatte, ob Mrs. Toots ſänge, hob die vorſichtige Mrs. Blimber die Sitzung auf, und ſchickte ihre Cornelia, ſehr kühl und behaglich, mit dem Mann ihrer Wahl in einer Poſtchaiſe von dannen. Mr. und Mrs. Toots begaben ſich nach dem Bedfordhotel (Mrs. Toots war daſelbſt ſchon früher unter ihrem Jungfrau⸗ namen Nipper abgeſtiegen) und fanden dort einen Brief, deſſen Lecture Mr. Toots ſo unendlich lange in Anſpruch nahm, daß Mrs. Toots darüber in Angſt gerieth. Liebe Suſanne, ſagte Mr. Toots, Angſt iſt ſchlimmer als Anſtrengung. Bitte, beruhige dich. Von wem iſt der Brief? frug Mrs. Toots. Meine Liebe, er iſt von Capitain Gills, gab Mr. Toots zur Antwort. Ich bitte dich, ſchone dich. Walters und Miß Dombey werden jeden Augenblick erwartet! Lieber Mann, ſagte Mrs. Toots und ſtand, ganz blaß geworden, raſch vom Sopha auf, verſuche mich nicht zu täuſchen, denn es nutzt nichts, ſie ſind zurückgekehrt— ich ſehe es deutlich an deinem Geſicht! Sie iſt wirklich eine außerordentliche Frau! ſagte Mr. Toots, ganz entzückt von Bewunderung. Du haſt ganz Recht, meine Liebe, ſie ſind zurückgekehrt. Miß Danbe) hat ihren Vater geſehen, und ſie ſind ausgeſöhnt. Ausgeſöhnt! rief Mrs. Toots, und ſchlug die Hände zuſammen. — 4— Ich bitte dich, meine Liebe, ſagte Mr. Toots, greife dich nicht zu ſehr an. Denke an den Arzt! Capitain Gills ſagt— das heißt, er ſagt es nicht, aber ich glaube, ſo weit ich ihn ver⸗ ſtehen kann, er meint es, Miß Dombey habe ihren armen Vater aus ſeiner alten Wohnung nach einem Hauſe gebracht, wo ſie mit Walters wohnt, er liege dort ſehr krank darnieder, möglicher⸗ weiſe im Sterben, und ſie pflege ihn Tag und Nacht. Mrs. Toots fing an bitterlich zu weinen. Beſte Suſanne, flehte Mr. Toots, ich bitte dich, wenn es dir möglich iſt, bedenke den Arzt! Wenn du es nicht kannſt, ſo hat es nichts zu ſagen,— oder ich bitte dich, verſuche es! Ganz in ihrer alten Weiſe flehte ihn jetzt ſeine Frau ſo rührend an, ſie zu ihrem lieben Herzchen, ihrer kleinen Herrin, ihrem Engelskind u. ſ. w. gehen zu laſſen, daß Mr. Toots, deſſen Empfindungsfähigkeit und Bewunderung von der ſtärkſten Art un⸗ aus vollſtem Herzen einwilligte. Sie kamen daher über⸗ „ſofort abzureiſen und als Antwort af des Capitains Brie ſelbſt zu erſcheinen. Nun hatte eine verborgene Sympathie de Dinge oder ein ſeltſames Zuſammentreffen von Umſtänden an dieſem Tage den Capitain ſelbſt(dem Mr. und Mrs. Toots alsbald entgegenreiſten) auf den blumigen Pfad der Ehe geführt, nicht als Haupt⸗, ſondern als Nebenperſon. Es geſchah dies zufällig, und zwar folgendermaßen:* Nachdem der Capitain fñr einen Augenblick zu ſeiner un⸗ begrenzten Befriedigung Florentinen und ihren Kleinen geſehen den —„7— und eine lange Unterhaltung mit Walter gehabt, trat er einen Spaziergang an, denn er fühlte das Bedürfniß, in ſtiller Ein⸗ ſamkeit über den Wechſel menſchlicher Schickſale nachzudenken und ſeinen lackirten Hut gedankenvoll über den tiefen Fall Mr. Dombey's zu ſchütteln, für den ſein edles und einfaches Gemüth die lebhafteſte Theilnahme fühlte. Der Capitain wäre wegen des unglücklichen Kaufherrn gewiß ſehr ſchwermüthig geweſen, hätte er die Erinnerung an den Kleinen nicht gehabt, welche ihm ſtets, wenn er ſeiner gedachte, eine ſo unendliche Befriedigung gewährte, daß er auf der Straße laut auflachte, und ſogar mehr als einmal im plötzlichen Entzücken den lackirten Hut in die Luft warf und wieder auffing, eine Procedur, welche das Erſtaunen der Vor⸗ übergehenden in nicht geringem Maße erregte. Die ſchnellen Abwechſelungen von Licht und Schatten, welche dieſe beiden Ge⸗ genſtände des Nachdenkens in dem Capitain hervorriefen, ſetzten ſeine Faſſung auf eine ſo harte Probe, daß er zur Wiederher⸗ ſtellung ſeiner Gemüthsruhe durchaus einen Spaziergang noth⸗ wendig hatte; und da der Einfluß harmoniſcher Ideenaſſociationen ſehr wirkſam iſt, ſo wählte er zu ſeinem Ausflug die Gegend ſeiner alten Wohnung unter den Maſt⸗, Räder⸗ und Blockmachern, Schiffszwiebackbäckern, Kohlenauflädern, Pechkeſſeln, Matroſen, Kanälen, Docks, Zugbrücken und andern beruhigenden Gegen⸗ ſtänden. Dieſe friedliche Umgebung und hauptſächlich die Gegend um Limehouſehole beruhigten den Capitain ſo ſehr, daß er mit neuerlangtem Seelenfrieden einherſchritt, und ſich ſogar heimlich mit der Ballade von der ſchönen Peg regalirte, als er, an einer * — 76— Ecke angekommen, plötzlich ſtarr und ſtumm bei dem Anblick eines ihm entgegenkommenden feſtlichen Zuges ſtehen blieb. Der ehrfurchtgebietende Zug wurde angeführt von der charakterfeſten Frau Mrs. Mac Stinger, welche mit einem Ge⸗ ſicht voll des unerſchütterlichſten Entſchluſſes, die geſtrenge Bruſt geziert mit einer wunderbar großen Uhr nebſt Behänge, die der Capitain auf den erſten Blick als Bunsby's Eigenthum erkannte, in ihrem Arm keinen Andern als dieſen weiſen Seemann von dannen führte, der mit dem zerſtreuten und melancholiſchen Ge⸗ ſicht eines in ein fernes Land geſchleppten Gefangenen ſich geduldig ihrem Willen fügte. Hinter ihnen zogen in einem Trupp froh⸗ lockend die jungen Mac Stingers. Hinter dieſen zwei Damen von ſchrecklichem und geſetztem Ausſehen, welche zwiſchen ſich einen kleinen Herrn mit einem großen Hut führten, der ebenfalls froh⸗ lockte. Zuletzt kam Bunsby's Junge mit Regenſchirmen. Das Ganze war in beſter Marſchordnung, und eine gewiſſe grauener⸗ regende Schmuckheit, welche die ganze Geſellſchaft durchdrang, hätte genügend verrathen, ſelbſt wenn es die entſchloſſenen Ge⸗ ſichter der Frauen nicht gethan hätten, daß es ein Opferzug und Mr. Bunsby das Opfer war. In der erſten Ueberraſchung wollte der Capitain davon⸗ laufen. Das ſchien auch die erſte Bewegung Bunsby's zu ſein, ſo hoffnungslos auch jeder Verſuch dieſer Art ſein mußte. Aber da ein Schrei des Wiedererkennens aus der Geſellſchaft ertönte und Alexander Mac Stinger dem Capitain mit offenen Armen entgegenſtürzte, ſo ergab ſich Letzterer. nes der He⸗ —— Ach, Capitain Cuttle! ſagte Mrs. Mac Stinger. Das nenn ich mir ein Zuſammentreffen! Ich hege keinen Groll mehr, Capitain Cuttle— Sie brauchen das nicht zu beſorgen. Ich hoffe in einer andern Stimmung vor den Altar zu treten. Hier richtete ſich Mrs. Mac Stinger hoch auf, ſchwellte ihre Buſen mit einem tiefen Athemzug an und ſagte, auf das Opfer deutend: Mein zukünftiger Gatte, Capitain Cuttle! Der arme Bunsby ſah weder rechts noch links, weder auf ſeine Braut noch auf ſeinen Freund, ſondern gerade vor ſich in das Nichts. Da der Capitain ihm ſeine Hand entgegenſtreckte, that er daſſelbe, antwortete aber auf des Capitains Begrüßung mit keinem Worte. Capitain Cuttle, ſagte Mrs. Mac Stinger, wenn Sie frühere Feindſchaft wieder gut machen und von ihrem Freunde, meinem Bräutigam, als Junggeſellen Abſchied nehmen wollen, ſo werden wir uns glücklich ſchätzen, uns von Ihnen nach der Kapelle begleitet zu ſehen. Dieſe Dame hier, fuhr Mrs. Mac Stinger fort, und wies auf die entſchloſſenere der beiden Be⸗ gleiterinnen, meine Brautjungfer, würde Ihnen dankbar ſein für Ihre Begleitung, Capitain Cuttle. Der kleine Herr mit dem großen Hut, allem Anſchein nach der Gatte der andern Dame und offenbar außerordentlich erfreut darüber, daß ein Nebenmenſch mehr in das Joch der Ehe ge⸗ ſpannt werden ſollte, trat zurück und überließ die eine Dame dem Capitain Cuttle. Die Dame bemächtigte ſich ſeiner ſofort, —*— und gab mit der Bemerkung, daß keine Zeit zu verlieren ſei, mit ſtarker Stimme Befehl, weiter zu marſchiren. Des Capitains Theilnahme für ſeinen Freund, anfangs nicht frei von einiger Beſorgniß wegen ſeiner ſelbſt— denn eine un⸗ beſtimmte Angſt, daß er mit Gewalt zum Heirathen gezwungen werden könnte, hatte ſich ſeiner bemächtigt, bis ihm ſeine Kennt⸗ niß der Trauungsformel zu Hülfe kam und er ſich der geſetzlichen Verpflichtung„Ja“ zu ſagen, erinnerte, ſo daß er ſich ſo lange perſönlich ſicher fühlte, als er bei dem Entſchluß blieb, auf jede Frage„Nein“ zu antworten— preßte ihm einen ſtarken Schweiß aus und machte ihn eine Zeit lang ganz unempfindlich für die Bewegungen der Proceſſion und die Unterhaltung ſeiner ſchönen Gefährtin. Aber wie ſich ſeine Aufregung etwas legte, erfuhr er von dieſer Dame, daß ſie die Wittwe eines Mr. Bockum, früher Beamter im Zollhauſe, ſei; daß ſie die Herzensfreundin der Mrs. Mac Stinger ſei, welche ſie für ein Muſter ihres Ge⸗ ſchlechts halte; daß ſie oft von dem Capitain habe erzählen hören, und hoffe, er bereue jetzt ſein früheres Leben; daß ſie ebenfalls hoffe, Mr. Bunsby wiſſe, welchen Schatz er erworben habe, daß ſie aber ſehr fürchte, die Männer wüßten ihr Glück nicht eher zu würdigen, als bis ſie es verloren hätten, und vieles Aehnliche. Die ganze Zeit über konnte es dem Capitain nicht entgehen, daß Mrs. Bockum den Bräutigam nicht aus den Augen ließ, und daß ſie, wenn ſie an einen Hof oder ein die Flucht be⸗ günſtigendes Seitengäßchen kamen, ſtets auf der Lauer ſtand, um dem Bräutigam ſogleich den Weg abzuſchneiden, ſollte er zu ent⸗ wiſchen verſuchen. Auch die andere Dame und der kleine Herr 52 e⸗ — 29— mit dem großen Hut waren offenbar nach einem früher verab⸗ redeten Plane auf ihrer Hut; und der Unglückliche ſah ſich von Mrs. Mac Stinger ſo feſtgehalten, daß jeder Verſuch zur Selbſt⸗ erhaltung durch Flucht vergeblich war. Die Vorübergehenden merkten dies auch ſo gut, daß ſie ihre Wahrnehmung durch Ge⸗ ſpött und Geſchrei zu erkennen gaben. Die ſchreckliche Mrs. Mae Stinger blieb dagegen unbeugſam gleichgültig, während Bunsby in einem Zuſtande der Bewußtloſigkeit zu ſein ſchien. Der Capitain machte mannigfaltige Verſuche, mit dem Philoſophen zu verkehren, wenn auch blos durch eine Silbe oder ein Zeichen; aber es gelang ihm nie, theils durch die Aufmerk⸗ ſamkeit der Wache, theils durch die zu allen Zeiten bei Bunsby vorhandene Schwierigkeit, ſeine Aufmerkſamkeit durch ein ſicht⸗ bares Zeichen zu erregen. So erreichten ſie die Kapelle, ein reinliches weiß getünchtes Gebäude, erſt neuerdings von Se. Ehrwürden Melchiſedech Howler gemiethet, der auf dringendes Bitten der Welt noch zwei Jahre Friſt gegeben, aber ſeine An⸗ hänger benachrichtigt hatte, daß es alsdann unbedingt mit ihr zu Ende ſei. Während der Ehrwürdige Melchiſedech Howler einigeextem⸗ porirte Gebete ſprach, ſand der Capitain Gelegenheit, dem Bräutigam mit heiterer Stimme ins Ohr zu flüſtern: Wie thut's, mein Jung', wie thut's? Worauf Bunsby mit einer Nichtbeachtung des Ehrwürdigen Melchiſedech, wie es nur durch ſeine verzweifelte Lage entſchuldigt werden konnte, antwortete: Verdammt ſchlecht. — 2——— — 80— Jack Bunsby, flüſterte der Capitain, thut ihr das hier aus eignem freien Willen? Mr. Bunsby gab zur Antwort: Nein. Warum thut ihr's denn, mein Jung? fagte der Capitain. Bunsby, der wie immer mit unbeweglichem Geſicht nach dem andern Ende der Welt blickte, ſagte nichts. Warum macht ihr nicht fort? ſagte der Capitain. Wie? flüſterte Bunsby mit einem vorübergehenden Auf⸗ flackern von Hoffnung. Fortmachen! meinte der Capitain. Wozu? entgegnete der arme Rathloſe. Sie würde mich doch wiederholen! Verſucht's! ſagte der Capitain. Nur Muth! Kommt! Jetzt iſt die Zeit. Macht fort, Jack Bunsby! Aber anſtatt den Rath zu befolgen, ſagte Jack Bunsby in einem kläglichen Geflüſter: Euer Koffer iſt allein Schuld daran. Warum hab ich ſie an dem Abend nach Hauſe gebracht? Mein Jung', ſtotterte der Capitain, ich dachte, ihr hättet ſie untergekriegt; nicht, daß ſie euch untergekriegt hätte. Ein Mann, der ſolche Meinungen hat wie ihr! Mr. Bunsby antwortete nur mit einem unterdrückten Seufzer. KommtV! ſagte der Capitain und gab ihm einen Stoß mit dem Ellbogen, jetzt iſt es Zeit! Macht fort! Ich deck euch den Rückzug. Die Zeit vergeht. Bunsby! Es gilt die Freiheit. Eins! u1s — 81— Bunsby blieb unbeweglich. Bunsby! flüſterte der Capitain, wollt ihr nicht? Zwei! Bunsby wollte nicht. Bunsby! drang der Capitain in ihn; es gilt die Freiheit; wollt ihr? Drei! Jetzt oder nie! Bunsby that es weder jetzt, noch jemals; denn Mrs. Mac Stinger heirathete ihn gleich darauf. Das Allerſchrecklichſte bei der ganzen Feierlichkeit für den Capitain war die alles Andere vergeſſen machende Theilnahme, welche Juliane Mae Stinger an den Tag legte, und die unheil⸗ verkündende Aufmerkſamkeit, mit der dieſes vielverſprechende. Kind, bereits das Abbild der Mutter, die ganze Ceremonie verfolgte. Der Capitain ſah darin eine endloſe Reihe von Männerfallen, eine lange Aufeinanderfolge von Jahren der Tyrannei und des Zwanges, unter denen die unſchuldigen Seefahrer leiden würden. Es war ein viel merkwürdigerer Anblick, als die unwandelbare Ruhe der Mrs. Bockum und der andern Dame, das Frohlocken des kleinen Herrn mit dem großen Hute, und die grauſame Un⸗ beugſamkeit der Mrs. Mac Stinger. Die kleinen Mae Stingers verſtanden wenig von dem, was vorging, und kümmerten ſich noch weniger darum; hauptſächlich beſchäftigten ſie ſich während der Ceremonie damit, ſich gegenſeitig auf den Halbſtiefeln her⸗ umzutreten; aber der Gegenſatz, den dieſe Kinder zu den übrigen darboten, hob das frühreife Weib in Julianen nur noch mehr hervor. Noch ein oder zwei Jahre, dachte der Capitain, und es iſt jedes Mannes Verderben, wenn er mit dieſem Kind in Einem Hauſe wohnt. Boz. Dombey u. Sohn. X. 6 — 82— Die Feierlichkeit ſchloß mit einem allgemeinen Anfall der ganzen jungen Familie auf Mr. Bunsby, den ſie mit dem theuren Namen begrüßten und von dem ſie ſich Halbpence ausbaten. Dieſe Gemüthsergüſſe waren vorüber und die Proceſſion wollte ſich wieder in Bewegung ſetzen, als ſie für einige Zeit durch einen unerwarteten Gefühlsausbruch Alexander Mae Stingers aufge⸗ halten wurde. Dieſes theure Kind ſchien von keiner Kapelle, wenn man ſie nicht blos des Gottesdienſtes wegen beſuchte, den Gedanken an Leichenſteine trennen zu können, und jetzt der feſten Meinung zu ſein, daß ſeine Mutter anſtändig begraben werden ſolle und für immer verloren ſei. In der Angſt ſeines Herzens ſchrie der Kleine mit ſtaunenswerther Kraft und wurde ganz ſchwarz im Geſicht. So rührend auch dieſe Symptome kindlicher Liebe für die Mutter waren, ſo lag es doch gar nicht in dem Charakter dieſer merkwürdigen Frau, ſich von dem An⸗ erkennen dieſer Gefühle bis zur Schwäche fortreißen zu laſſen. Nachdem ſie daher den Kleinen vergeblich durch Schütteln, Püffe, Aubrüllen und ähnliche Ueberredungsmittel zu überzeugen ver⸗ ſucht hatte, brachte ſie ihn ins Freie hinaus und verſuchte eine andere Methode, welche ſich der Hochzeitsgeſellſchaft durch eine raſche Aufeinanderfolge ſchallender Schläge, wie Bei⸗ fallsgeklatſch klingend, und ſpäter durch den Anblick des kleinen Alexanders ſelbſt verrieth, welcher lebhaft geröthet und laut klagend auf dem kühlſten Pflaſterſtein des Hofes ſaß. Da jetzt die Proceſſion ſich wieder in Bewegung ſetzen und nach dem Brigplatz begeben konnte, wo ein Hochzeitmahl ihrer harrte, z ſoß kehrte ſie in derſelben Ordnung, in der ſie gekommen war, zurück, nicht ohne unterwegs, wenigſtens was Bunsby betrifft, mancherlei humoriſtiſche Beglückwünſchungen von Seiten des Volkes mit anzuhören. Der Capitain begleitete die Geſellſchaft bis an die Hausthür; da ihm aber das gewinnende Benehmen der Mrs. Bockum, welche jetzt, nachdem ſie von ihrem Wachtdienſt über den glücklichen Bräutigam erlöſt war, mehr Muße hatte, ihre Theilnahme für ihn an den Tag zu legen, lebhafte Beſorgniß einflößte, ſo verließ er hier das junge Ehepaar und die Hochzeitgäſte unter dem Vorwand, daß er ein Geſchäft zu verrichten habe, und mit dem Verſprechen, daß er bald wieder kommen werde. Ein anderer Grund zur Unruhe für den Capitain lag in dem reuevollen Gedanken, daß er, wenn auch ohne die geringſte Abſicht und Ahnung, durch ſein unbedingtes Vertrauen auf die Weisheit des Philoſophen Bunsby den erſten Anlaß zur gegen⸗ wärtigen Seclaverei deſſelben gegeben. Zu dem alten Sol Gills im hölzernen Seecadetten zurück⸗ zukehren und nicht erſt ſich zu erkundigen, wie ſich Mr. Dombey befinde— obgleich das Haus, woer krank lag, außerhalb London und am Rande einer grünen Haide ſtand— davon konnte bei dem Capitain gar nicht die Rede ſein. So benutzte er denn einen Wagen, als er müde war, und erreichte mit der Zeit das Ziel ſeiner Reiſe. Die Fenſterläden waren herabgelaſſen, und das Haus war ſo ſtill, daß ſich der Capitain faſt fürchtete zu klopfen; aber wie er an der Thür lauſchte, hörte er drinnen ganz in der Nähe halblaute Stimmen. So klopfte er denn leiſe und⸗wurde von Nr. Toots hereingelaſſen. Mr. Toots und ſeine Frau waren 6* — 8&— nämlich eben erſt angekommen; ſie hatten im Seecadetten nach ihm gefragt und dort die Adreſſe bekommen. Aber ſo kurze Zeit ſie auch da waren, ſo hatte Mrs. Toots doch ſchon Gelegenheit gefunden, den Säugling Jemand abzu⸗ nehmen, ihn ſelbſt auf den Arm zu nehmen, zu liebkoſen und zu hätſcheln und ſich ſo auf die Treppe zu ſetzen. Florentine beugte ſich über ſie; und kein Menſch hätte ſagen können, wen Mrs. Toots mehr liebkoſe und hätſchele, die Mutter oder das Kind, oder wer zärtlicher ſei, Florentine gegen Mrs. Toots, oder dieſe gegen Florentinen, oder Beide gegen das Kind. Und iſt Ihr Papa ſehr krank, meine gute, liebe Miß Tinchen? frug Suſanne. Er iſt ſehr, ſehr krank, ſagte Florentine. Aber, liebe Suſanne, warum giebſt du mir immer noch meinen alten Namen? Und was iſt das? ſagte Florentine, und berührte voll Erſtaunen ihre Kleider. Deine alten Sachen, liebe Suſanne? Deine Mütze, deine Locken, Alles wie früher? Suſanne brach in Thränen aus und bedeckte die kleine Hand, die ſie ſo verwundert berührte, mit tauſend Küſſen. Meine liebe Miß Dombey, ſagte Mr. Toots und trat vor, erlauben Sie mir ein Wort zur Erklärung. Sie iſt eine höchſt merkwürdige Frau. Es giebt nicht viele, die ſich mit ihr meſſen können! Sie ſagte es immer— ſie ſagte es, bevor wir uns heiratheten, und hat es noch heute geſagt— daß, wenn Sie wieder zurückkehrten, ſie in keinem andern Kleide zu Ihnen kommen wollte, als in dem, das ſie als Ihre Dienerin anhatte, aus Furcht, ſie möchte Ihnen fremd vorkommen und Sie würden ſie — 85— weniger lieben. Ich bewundere ſelbſt den Anzug ungemein, ſagte Mr. Toots. Ich bete ſie darin an! Meine liebe Miß Dombey, ſie wird wieder Ihr Kammermädchen und Alles was ſie früher war ſein, und noch mehr. Sie hat ſich durchaus nicht verändert. Aber, liebe Suſanne, ſchloß Mr. Toots, der mit wahrem Gefühl und großer Bewunderung geſprochen hatte, ich bitte dich blos um das Eine, denke an den Arzt, und ſtrenge dich nicht zu ſehr an! Einundſechzigſtes Kapitel. Die Reue. Florentine hatte der Hilfe nöthig. Ihres Vaters Krankheit war ſchwer und machte den Beiſtand ihrer alten Freundin unſchätzbar. Der Tod ſtand an ſeinem Bett. Schon jetzt ein Schatten von dem, was er geweſen, der Geiſt geknickt, der Körper krank, legte er ſein müdes Haupt auf das Bett, welches die Hände ſeiner Tochter für ihn bereitet, und hatte es ſeitdem nie wieder erhoben. Sie war ſtets bei ihm. Er kannte ſie meiſtens, obgleich er in ſeinem Irrereden oft die Verhältniſſe verwechſelte, unter denen er mit ihr ſprach. So redete er ſie manchmal an, als ob ſein Sohn erſt vor Kurzem verſtorben wäre, und ſagte ihr, daß er es wohl geſehen habe, obgleich er nichts davon geſagt, wie ſie den Sterbenden gepflegt; und dann verbarg er ſein Geſicht ſchluchzend und ſtreckte ſeine abgemagerte Hand aus. Manchmal erkundigte er ſich bei ihr nach ihr ſelbſt. Wo iſt Florentine?— ₰—&₰ 8ſ—. S za &᷑— B 2O ðõ2 8— — — 87— Ich bin hier, Papa, ich bin hier.— Ich kenne ſie nicht! rief er dann wohl. Wir ſind ſo lange von einander getrennt ge⸗ weſen, daß ich ſie nicht kenne; und dann kam eine wilde Angſt über ihn, bis ſie ihn beruhigte und die Thränen hervorlocken konnte, die ſie zu andern Zeiten zu trocknen bemüht war. Manchmal erging er ſich ganze Stunden lang in alten Er⸗ innerungen, wo Florentine, wenn ſie ihm zuhörte, mehr als ein⸗ mal ſich auf fremdem Gebiete ſah. Er wiederholte jene Frage des Kindes,„was iſt Geld?“ und dachte darüber nach, und ging bei ſich mehr oder minder über eine gute Antwort zu Rathe, als ob ihm die Frage in dieſem Augenblick das erſte Mal vorgelegt worden wäre. Zwanzigtauſendmal hinter einander wiederholte er nachdenklich den Namen ſeiner alten Firma, und drehte dabei jedesmal den Kopf auf den Kiſſen um. Er zählte ſeine Kinder— eins— zwei— ſtockte, und fing wieder von vorn an. Doch fand dies nur ſtatt, wenn ſein Zuſtand am ſchlimmſten war. In allen andern Phaſen ſeiner Krankheit, und gerade in den, wo ſie am beſtändigſten war, beſchäftigte ſich ſein Geiſt immer mit Florentinen. Am öſterſten that er Folgendes. Er erinnerte ſich an jene Nacht, wo ſie in ſein Zimmer hinunterge⸗ kommen, und dachte ſich, ſein Herz ſei gerührt worden, und er ginge hinaus und die Treppe hinauf, um Florentinen aufzuſuchen. Dann vermengte er dieſe Zeit mit den letzten Tagen, wo er ſo viele Fußſtapfen ſah, und verwunderte ſich über ihre Menge, und ſing ſie an zu zählen, wie er3ihnen nachging. Da zeigte ſich plötzlich eine blutige Spur, und dann zeigten ſich von Zeit zu Zeit offen⸗ ſtehende Thüren und in den Spiegeln ſchreckliche Abbilder von — 8&— verſtört ausſehenden Männern, die etwas in ihrer Bruſt verbargen. Aber immer noch waren unter den vielen Fußſtapfen und der blutigen Spur, die ſich bald hier, bald da zeigte, die Fußſtapfen Florentinens zu erkennen. Immer noch ging ſie vor ihm her. Immer noch folgte ſein ruheloſer Geiſt zählend immer weiter und immer höher, als ob er hinaufſteige zum Gipfel eines Kirchthurms, deſſen Spitze erſt in Jahren zu erreichen wäre. Eines Tages erkundigte er ſich, ob das nicht Suſanne ge⸗ weſen, die er längere Zeit geſprochen hätte. Florentine erwiderte: Ja, lieber Papa, und frug ihn, ob er ſie zu ſehen wünſche. Er ſagte: Recht gern. Und Suſanne trat nicht ohne Zittern vor ſein Bett. Das ſchien ihn ſehr zu erleichtern.„Er bat ſie, nicht zu gehen; verſicherte ihr, es ſei Alles vergeben, was ſie geſagt, und ſie ſolle bleiben. Florentine und er ſtänden jetzt ganz anders miteinander, ſagte er, und ſie ſeien ſehr glücklich. Sie möge nur herſehen! Dabei zog er Florentinens Haupt auf das Kiſſen herab und legte es neben das ſeinige. So blieb er Tage und Wochen lang. Zuletzt lag er, das ſchwache Abbild eines lebendigen Menſchen, auf ſeinem Bett und ſprach ſo leiſe, daß ſie ihn nur verſtehen konnten, wenn ſie dicht an ſeinen Lippen lauſchten. Jetzt wurde er ſehr ruhig. Er ſchien eine ſtille Freude daran zu finden, bei offenem Fenſter auf dem Bett zu liegen und auf den Sommerhimmel und die Bäume und Abends auf den Sonnenuntergang hinauszublicken, die Schatten der Wolken und Blätter zu beobachten und eine — 89— Sympathie für die Schatten zu fühlen. Es war ja ganz na⸗ türlich. Ihm war das Leben und die Welt weiter nichts. Er fing jetzt an zu zeigen, daß er an Florentinens Er⸗ mattung denke, und gab ſich oft in ſeiner Schwäche Mühe, ihr zuzuflüſtern: Geh ſpazieren, liebes Kind, geh ins Freie hinaus. Geh zu deinem guten Gatten! Einmal, als Walter im Zimmer war, winkte er ihm, zu ihm zu kommen und ſich zu ihm herab⸗ zubeugen. Darauf drückte er ihm die Hand und flüſterte ihm zu, daß er wiſſe, er könne ihm ſein Kind nach ſeinem Tode anvertrauen. Eines Abends gegen Sonnenuntergang, als Florentine und Walter in ſeinem Zimmer beiſammen ſaßen, wie er es gern hatte, fing Florentine, welche ihr Kind auf dem Arm hatte, dem Kleinen leiſe das alte Lied vorzuſummen an, das ſie ſo oft dem ver⸗ ſtorbenen Paul geſungen hatte. Diesmal war es ihm zu viel; er hielt die zitternde Hand empor und bat ſie aufzuhören; aber den nächſten Tag bat er ſie, das Lied zu wiederholen und es öfter Abends zu ſingen, was ſie auch that. Er hörte ihr zu mit ab⸗ gewandtem Geſicht. Einmal ſaß Florentine am Fenſter, ihr Arbeitskörbchen zwiſchen ſich und ihrer alten Zofe, die immer noch ihre treue Ge⸗ fährtin war. Er war eingeſchlummert. Es war ein wunder⸗ ſchöner Abend, und blieb wohl noch zwei Stunden hell, und die Stille und der Frieden ringsumher machte Florentinen ſehr nach⸗ denklich. Sie konnte ſich von dem Bilde nicht losmachen, wie die jetzt ſo veränderte Geſtalt auf dem Bett ihr zuerſt ihre ſchöne Stiefmutter vorgeſtellt hatte, als Walter, der hinter ihren Stuhl — 90— getreten war, ſie anrührte, und ſie ſo aus ihrem Brüten aufge⸗ g ſtört wurde. ei Liebe Florentine, ſagte Walter, es iſt Jemand unten, der g dich zu ſprechen wünſcht. d Walters Geſicht ſchien ihr ſehr ernſt zu ſein, und ſie frug 3 ihn, ob etwas vorgefallen ſei. Nichts, nichts, meine Liebe! ſagte Walter. Ich habe den 1 Herrn ſelbſt geſehen und mit ihm geſprochen. Es iſt nichts vor⸗ e gefallen. Willſt du kommen?— 2 Florentine gab ihm den Arm, übertrug die Obhut über d ihren Vater der ſchwarzäugigen Mrs. Toots, die ſo eifrig und fe friſch über ihrer Arbeit ſaß, als es nur einer ſchwarzäugigen Frau möglich iſt, und begleitete ihren Mann die Treppe hinab. is In dem freundlichen kleinen Zimmer, das auf den Garten hin⸗ F ausging, ſaß ein Herr, der ihnen entgegengehen wollte, als ſie T eintraten, aber in Folge einer eigenthümlichen Laune ſeiner Beine F vom Wege abkam und von einem Tiſch aufgehalten wurde. Florentine erkannte jetzt Couſin Feenix, was der Schatten 2 der Blätter vor den Fenſtern bis jetzt verhindert hatte. Couſin 8 Feenix ergriff ihre Hand und ſtattete ihr ſeinen Glückwunſch z über ihre Verheirathung ab. ve Sh hätte gewiß gern eine frühere Gelegenheit ergriffen, Ihnea meinen Glückwunſch abzuſtatten, ſagte Couſin Feenix, und 4 nahm wieder Platz, als Florentine ſich ſetzte, aber im Grund der T Sache haben ſich ſo viele unangenehme Vorfälle ereignet, und d ſind ſo raſch auf einander gefolgt, daß ich in einem ganz verteufelt g ſchlechten Zuſtand und für jede Art Geſellſchaft ganz ungeeignet ke — 91— geweſen bin. Die einzige Geſellſchaft, die ich hatte, war meine eigene, und es iſt gewiß nichts weniger als ſchmeichelhaft für die gute Meinung, die man von ſeinen Reſſourcen hat, wenn man weiß, daß man im Grunde der Sache die Fähigkeit beſitzt, ſich in einer ganz unbegrenzten Ausdehnung zu langweilen. Aus einer gewiſſen Gezwungenheit und Unruhe in dem Be⸗ nehmen dieſes Gentleinans— das ſtets gentlemänniſch war trotz einiger harmloſen kleinen Excentricitäten— und auch aus Walters Benehmen glaubte Florentine zu errathen, daß noch etwas An⸗ deres, was unmittelbar auf einen beſtimmten Zweck Bezug hatte, folgen müſſe. Ich erwähnte bereits gegen meinen Freund Mr. Gay, wenn ich mir die Ehre anmaßen darf ihn ſo zu nennen, ſagte Couſin Feenix, daß ich mit großer Freude gehört habe, daß mein Freund Dombey ſich in entſchiedener Beſſerung befindet. Ich hoffe, mein Freund Dombey wird ſich über einen bloßen Vermögensverluſt nicht einem zu übermäßigen Kummer hingeben. Ich kann nicht ſagen, daß ich ſelbſt jemals einen ſehr großen Vermögensverluſt erlitten hätte, da ich im Grunde der Sache nie viel Vermögen zu verlieren hatte. Aber ſo viel ich verlieren konnte, habe ich verloren; und ich finde nicht, daß ich mich beſonders darüber gräme. Ich weiß, daß mein Freund Dombey ein verteufelt ehrenwerther Mann iſt; und es wird gewiß meinen Freund Dombey ſehr tröſten, wenn er erfährt, daß man ihn allgemein dafür anerkennt. Selbſt Tommy Screwzer— Mann von ſehr gallichtem Temperament, den mein Freund Gay wahrſcheinlich keint— kann nicht eine Sylbe dagegen ſagen. — 92— Florentine fühlte mehr als je, daß noch etwas Anderes im Anzuge ſei, und ſah ihm angelegentlich entgegen. So ange⸗ legentlich, daß Couſin Feenix antwortete, als ob ſie etwas ge⸗ ſagt hätte. Die Sache iſt, ſagte Couſin Feenix, daß mein Freund Gay und ich über die Schicklichkeit geſprochen haben, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten; und daß ich die Erlaubniß meines Freundes Gay— der mir auf eine außerordentlich freundliche und offene Weiſe entgegengekommen iſt, wofür ich ihm ſehr verbunden bin— habe, Sie darum zu bitten. Ich bin überzeugt, daß bei einer ſo liebenswürdigen Dame wie die ſchöne und vortreffliche Tochter meines Freundes Dombey, vieles Bitten Verſchwendung wäre; aber ich ſchätze mich glücklich in dem Bewußtſein, meines Freundes Gay Einfluß und Billigung auf meiner Seite zu haben. Wie es in meiner Parlamentszeit, wenn Jemand irgend einen An⸗ trag zu machen hatte— was damals ſehr ſelten geſchah, denn wir wurden ſehr knapp gehalten und die Führer auf beiden Seiten waren wahre Despoten, was verteufelt gut war für die gemeinen Soldaten, wie ich zum Beiſpiel, und uns abhielt, uns beſtändig zu blamiren, wonach Viele von uns einen wahren Fieberdurſt hatten— wie es in meiner Parlamentszeit, wollte ich ſagen, wenn Jemand eine kleine Privatmotion loslaſſen wollte, ſchon immer für einen großen Schritt vorwärts galt, wenn er ſagen konnte, er habe glücklicherweiſe Urſache zu glauben, daß ſeine Meinung über dieſe Sache ein Echo in Mr. Pitts Bruſt fände. Darauf rief ſtets eine verteufelt große Anzahl Mitglieder Bravo und machte ihm Muth. Freilich war die — 93— Sache die, daß dieſe Mitglieder, die Auftrag hatten ſtets Bravo zu rufen, wenn Mr. Pitt genannt wurde, ſich ſo daran gewöhnten, daß ſie bei der Nennung des Namens ſtets aus dem Schlafe er⸗ wachten. Und ſie wußten ſonſt ſo wenig was geſchah, daß Anek⸗ dotenbrown— Mann, der ſeine vier Flaſchen trank, vom Schatzkammercollegium, den der Vater meines Freundes Gay wahrſcheinlich gekannt hat, denn es war vor der Zeit meines Freundes Gay— zu ſagen pflegte, der Beifall würde ebenſo laut erklungen ſein, wenn ein Mitglied aufgeſtanden wäre und das Haus benachrichtigt hätte, daß ein ehrenwerthes Mitglied im Vorzimmer in Krämpfen liege, und daß das ehrenwerthe Mitglied Mr. Pitt ſei. Dieſes Hinausſchieben der Sache machte Florentinen noch unruhiger; und ſie blickte mit vermehrter Aufregung bald Couſin Feenix und bald Walter an. Meine Liebe, ſagte Walter, es iſt nichts. Es iſt nichts, auf meine Ehre, ſagte Couſin Feenix; und es thut mir außerordentlich leid, daß ich Ihnen nur einen Augen⸗ blick Unruhe verurſacht habe. Ich gebe mir die Ehre, Ihnen zu verſichern, daß es gar nichts iſt. Ich wollte Sie blos um die einzige Gefälligkeit bitten— aber die Sache kommt mir wirklich ſo eigenthümlich vor, daß ich meinem Freund Gay außerordentlich verpflichtet ſein würde, wenn er die Sache ſelbſt vorbringen wollte, ſagte Couſin Feenix. Da ſich Walter nicht blos durch dieſe Worte, ſondern auch durch einen Blick Florentinens aufgefordert ſah zu ſprechen, ſo ſagte er: 4 1 — à1— Liebſte Florentine, es iſt weiter nichts als dies. Du ſollſt mit dieſem Herrn, den du kennſt, nach London fahren. Und auch mit meinem Freund Gay, wenn Sie erlauben! unterbrach ihn Couſin Feenix. Und mit mir— um einen Beſuch zu machen, beſtätigte Walter. Bei wem? frug Florentine und ſah Beide abwechſelnd an. Wenn ichbitten dürfte, daß Sie nicht auf eine Beantwortung dieſer Frage dringen wollten, ſagte Couſin Feenix, ſo würde ich mir wohl dieſe Bitte erlauben. Weißt du es, Walter? ſagte Florentine. Ja, war die Antwort. Und du billigſt es? Ja, gab er zur Antwort. Blos weil ich weiß, daß du es thun würdeſt. Obgleich gute Gründe vorhanden ſein können, welche es rathſam machen, vor der Hand nicht weiter darüber zu ſprechen. Wenn Papa noch ſchläft, oder mich entbehren kann, wenn er wach iſt, will ich ſogleich mitkommen, ſagte Florentine. Mit dieſen Worten ſtand ſie auf und verließ ſie mit einem Blick, der ein wenig beunruhigt, aber vollkommen vertrauensvoll war. Als ſie zurückkehrte, bereit ſie zu begleiten, ſprachen ſie ſehr angelegentlich mit einander am Fenſter; und Florentine konnte nicht umhin ſich verwundert zu fragen, was das wohl für ein Gegenſtand der Unterhaltung ſein müſſe, der ſie in ſo kurzer Zeit mit einander ſo vertraut gemacht. Sie wunderte ſich nicht über den Blick voll Liebe und Stolz, mit welchem ihr — 95— Gatte bei ihrem Eintritt das Geſpräch abbrach; denn ſie ſah ihn nie, ohne daß dieſer Blick auf ihr ruhte. Ich laſſe eine Karte für meinen Freund Dombey zurück in dem feſten Vertrauen, daß er mit jeder ſchwindenden Stunde mehr Geſundheit und Kraft erlangen werde. Und ich hoffe, mein Freund Dombey wird mir die Ehre erweiſen, mich als einen Mann zu betrachten, der von einer verteufelt warmen Bewunderung ſeines Charakters als britiſcher Kaufmann und verteufelt ehren⸗ hafter Gentleman erfüllt iſt. Mein Landſitz iſt in einem ver⸗ wünſcht verfallenen Zuſtand, aber wenn mein Freund Dombey eine Veränderung der Luft wünſchen ſollte und dorthin ziehen wollte, ſo würde er den Ort merkwürdig geſund finden— was er auch in Wahrheit ſein muß, denn er iſt erſtaunlich langweilig. Wenn mein Freund Dombey an Schwäche leidet, und mir erlaubt, ihm etwas zu empfehlen, was mir geholfen hat, mir armem Mann, der manchmal etwas caput war und der ziemlich flott in einer Zeit lebte, wo die Menſchen noch flott lebten, ſo würde ich ſagen, er ſoll ein Eidotter nehmen, es mit Zucker und Muskatnuß in ein Glas Sherry ſchlagen und es des Morgens mit einem Schnitt trocknen Toaſt genießen. Jackſon, der die Boxſchule in Bond⸗ ſtreet hatte— Mann von ſehr ausgezeichneten Eigenſchaften, von dem mein Freund Gay jedenfalls gehört hat— meinte, während des Einboxens müſſe man anſtatt des Sherry Rum nehmen. In dem vorliegenden Falle möchte ich Sherry empfehlen, weil mein Freund Dombey noch ſchwach iſt, indem Rum ihm im Grunde der Sache in den Kopf ſteigen und in einen teufels⸗ mäßigen Zuſtand verſetzen könnte. — 96— Alles dies gab Couſin Feenix mit einer offenbar unruhigen und verlegenen Miene zum Beſten. Dann reichte er Florentinen den Arm, that ſeinen eigenſinnigen Beinen, die durchaus in den Garten hinaus wollten, ſo viel Gewalt als möglich an, führte die junge Frau zur Thür hinaus und hob ſie in einen draußen wartenden Wagen. Er und Walter folgten, und ſie fuhren fort. Ihr Weg war lang. Als ſie durch gewiſſe ſtille und ſtatt⸗ liche Straßen im Weſten von London fuhren, wurde es bereits dunkel. Florentine hatte unterdeß ihre Hand Waltern gegeben, und betrachtete ſehr ernſt und mit wachſender Aufregung jede neue Straße, in die ſie einlenkten. Als der Wagen endlich vor dem Hauſe in Broolſtreet hielt, wo ihres Vaters unglückliche Hochzeit gefeiert worden, ſagte Florentine: Walter, was iſt das? Was iſt hier? Da Walter ihr blos mit einem beruhigenden Händedruck antwortete, warf ſie einen Blick auf das Haus und ſah, daß alle Fenſter mit Läden verſchloſſen waren, als ſei es unbewohnt. Couſin Feenix war unterdeß ausgeſtiegen und bot ihr ſeine Hand. Kommſt du nicht mit, Walter? frug ſie. Nein, ich bleibe hier. Zittre nicht! es iſt nichts zu be⸗ fürchten, liebe Florentine. Ich weiß das, Walter, da du ſo nahe biſt. Ich bin davon überzeugt, aber— Die Thür ging leiſe auf, ohne daß vorher geklopft worden, und Couſin Feenix trat mit ihr aus der warmen Sommerluft in das dumpfige, dunkle Haus. Düſtrer und dunkler als je, ſchien * ——ʒ—ͤͤ 4 — 97— es ſeit dem Hochzeittag verſchloſſen geweſen zu ſein und Finſter⸗ niß und Trauer geſammelt zu haben. Florentine ging zitternd die trüberhellte Treppe hinauf und blieb mit ihrem Begleiter an der Thür des Salons ſtehen. Er öffnete ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, und erſuchte ſie mit einem Wink in das nächſte Zimmer zu treten, während er hier blieb. Nach einem kurzen Beſinnen that Florentine wie er wünſchte. Am Fenſter ſaß an einem Tiſch, wo ſie geſchrieben oder gezeichnet hatte, eine Dame, den dem ſchwindenden Licht zuge⸗ wendeten Kopf auf die Hand geſtützt. Florentine näherte ſich ihr zögernd, blieb aber plötzlich wie erſtarrt ſtehen. Die Dame ſah ſich un. Großer Gott! ſagte ſie, wer iſt das? Nein, nein! rief Florentine, ſcheu zurückweichend, als Jene aufſtand, und die Hände wie zur Abwehr vorſtreckend. Mutter! Sie ſtanden ſich einander gegenüber und ſahen ſich an. Stolz und Leidenſchaft hatten es verwüſtet, aber es war Ediths Geſicht und immer noch ſchön und gebietend. Es war Floren⸗ tinens Geſicht, und durch die bange Scheu, die ſich darin aus⸗ ſprach, blickte mitleidige Theilnahme, Kummer und zärtlich dank⸗ bare Erinnerung. Auf beiden Geſichtern malten ſich lebhaft Schreck und Verwunderung; Beide, ſo ſtumm und ruhig, ſahen einander an über die ſchwarze Kluft der unwiderruflichen Ver⸗ gangenheit. Florentine brach zuerſt das Schweigen. In Thränen ausbrechend ſagte ſie aus vollem Herzen: Mutter, Mutter! Boz. Dombey u. Sohn. X. 7 — 98— warum müſſen wir uns ſo wieder ſehen? Warum warſt du immer ſo gut gegen mich, als ich ſonſt Niemand hatte, und jetzt müſſen wir uns ſo wieder ſehen! Edith ſtand vor ihr, ſtumm und regungslos. Ihre Augen waren auf Florentinens Geſicht geheftet. Ich darf nicht daran denken, ſagte Florentine, ich komme von meines Vaters Krankenbett. Wir trennen uns jetzt nie; wir werden uns nie wieder trennen. Wenn ich ihn für dich um Verzeihung bitten ſoll, Mutter, ſo will ich es thun. Ich bin feſt überzeugt, daß er ſie geben wird, wenn ich ihn darum bitte. Möge auch der Himmel dir verzeihen und dich ſtärken! Sie ſprach kein Wort. Walter,— ich bin mit ihm verheirathet und wir haben einen Sohn,— ſagte Florentine ſchüchtern, wartet vor der Thür und hat mich hierher gebracht. Ich will ihm ſagen, daß du bereuſt; daß du anders geworden biſt, ſagte Florentine, und ſah ihre Stiefmutter mit bekümmertem Blick an, und er wird mich beim Vater unterſtützen, das weiß ich. Kann ich noch etwas Andres thun? Edith brach endlich ihr Schweigen und ſprach langſam: Der Flecken auf deinem Namen, auf deines Gatten und deines Kindes Namen, wird der jemals verziehen werden, Florentine? Wird er verziehen werden, Mutter! Er iſt verziehen, frei⸗ willig und ohne Rückhalt von Walter und mir. Wenn das dir ein Troſt iſt, du kannſt es ſicher glauben. Du ſprichſt nicht, ſagte Florentine ſtockend, vom Vater; aber ich bin überzeugt, ner ſen gen ime ie; um bin itte. ben der daß und vird was und den, frei⸗ dir icht, ugt, ————— — 099— du wünſcheſt, daß ich auch ihn um Verzeihung bitte. Gewiß, gewiß! Sie erwiderte kein Wort. Ich will es thun! ſagte Florentine. Ich will dir ſeine Verzeihung bringen, wenn du es mir erlaubſt; und dann können wir vielleicht eher ſo, wie wir es früher gewohnt geweſen, von ein⸗ ander ſcheiden. Ich bin nicht vor dir zurückgewichen, Mutter, ſagte Florentine ſehr ſanft und trat näher an ſie heran, weil ich dich fürchte, oder weil ich beſorge, von dir mit Schmach be⸗ fleckt zu werden. Ich wollte nur meine Pflicht gegen den Vater thun. Er hat mich ſehr lieb gewonnen, und er iſt mir ſehr lieb. Aber ich werde nie vergeſſen, daß du ſo gut gegen mich warſt. O, bitte Gott, rief Florentine und ſtürzte an ihre Bruſt, bitte Gott, Mutter, daß er dir alle dieſe Sünde und Schmach ver⸗ gebe, und auch mir vergebe, daß ich dies thun muß(wenn es etwas Unrechtes iſt), wenn ich gedenke, was du mir einſt warſt! Als ob ſie von ihrer Berührung zuſammenſtürze, ſank Edith auf die Kniee und ſiel Florentinen um den Hals. Florentine! rief ſie. Mein beſſerer Engel! Ehe mich wieder der Wahnſinn erfaßt, ehe mein Trotz wiederkehrt und mich ſtumm macht, ſchwöre ich dir bei meiner Seligkeit, ich bin unſchuldig! Mutter! Ich habe mir viel zu Schulden kommen laſſen, Manches. was auf ewig eine Schranke zwiſchen mir und dir aufrichtet, Manches, was mich, ſo lange ich lebe, trennen muß von Reinheit und Unſchuld, von dir vor allen Andern. Ich habe mir zu Schulden kommen laſſen blinde und leidenſchaftliche Rache, die 7* — 100— ich ſelbſt jetzt nicht bereuen kann und bereuen will; aber ich bin Erf nicht ſchuldig mit jenem Todten. Ich rufe Gott an als meinen wie Zeugen! die Auf ihren Knieen liegend hielt ſie beide Hände empor und als ſchwor es. Grꝛ Florentine! ſagte ſie, reinſtes und beſtes Weſen,— die Per ich liebe,— die mich vor vielen Jahren hätte anders machen pein können und ſelbſt in dem, was ich jetzt bin, noch eine Verände⸗ maß rung hervorbrachte, glaube mir, ich bin unſchuldig in dieſem ſam Punkte; und noch einmal und zum letzten Mal lege dein theures vern Haupt an dieſes unglückliche Herz! gewe Sie war gerührt und weinte. Wäre ſie in früherer Zeit ſuche öfter ſo geweſen, ſo hätte ſie glücklicher ſein können. nicht Sonſt nichts in der Welt, ſagte ſie, hätte mir dieſes Be⸗ Gele kenntniß abdringen können. Weder Liebe noch Haß, weder Hoff⸗ Ehre nung noch Drohung. Ich ſagte, ich wollte ſterben und kein teufe Wort entdecken. Ich hätte es thun können, und hätte es gethan, ſtellen wenn wir uns nicht geſehen hätten, Florentine. lichke Ich hoffe, ſagte Couſin Feenix, der ſich jetzt in das Zimmer werde ſchob, daß meine liebenswürdige Couſine mir verzeihen wird, daß ich durch eine kleine Liſt dieſe Begegnung bewerkſtelligt habe. Ich kann nicht ſagen, daß ich anfangs gänzlich an der Möglichkeit Ih zweifelte, daß ſich meine liebenswürdige Verwandte mit dem Ver⸗ reden ſtorbenen mit den weißen Zähnen hätte compromittiren können; denn im Grunde der Sache ſieht man in dieſer Welt— die entſch wegen verteufelt ſeltſamer Fügungen merkwürdig, und ent⸗ zu ih ſchieden das allerunverſtändlichſte Ding im Bereich der menſchlichen deſſen bin inen und die chen mde⸗ eſem ures Zeit Be⸗ boff⸗ kein than, nmer wird, habe. chkeit Ver⸗ menz — die ent⸗ lichen — 4⁰1— 4 Erfahrung iſt— ſehr wunderliche Verhältniſſe dieſer Art. Aber, wie ich ſchon gegen meinen Freund Dombey erwähnte, ich konnte die Schuld meiner liebenswürdigen Couſine nicht eher zugeben, als bis ſie vollſtändig bewieſen war. Und da ich nach dem im Grunde der Sache verteufelt gräßlichen Tode der betreffenden Perſon fühlte, daß die Lage meiner liebenswürdigen Couſine ſehr peinlich war— ferner, daß unſere Familie allerdings einiger⸗ maßen darüber zu tadeln war, daß ſie ihr nicht mehr Aufmerk⸗ ſamkeit gewidmet hatte, und daß meine Tante, obgleich eine verwünſcht lebhafte Frau, doch vielleicht nicht die beſte Mutter geweſen, ſo nahm ich mir die Freiheit, ſie in Frankreich aufzu⸗ ſuchen, und ihr den Schutz anzubieten, den ihr ein Mann, der nicht in den beſten Umſtänden war, gewähren konnte. Bei dieſer Gelegenheit erwies mir meine liebenswürdige Anverwandte die Ehre, mir zu ſagen, ſie glaube, ich ſei in meiner Art ein ver⸗ teufelt guter Kerl; und ſie wolle ſich deshalb unter meinen Schutz ſtellen, was ich im Grunde der Sache für eine große Freund⸗ lichkeit meiner liebenswürdigen Couſine halte, da ich etwas caduk werde und ihrer Pflege viel zu verdanken habe. Edith, die Florentinen nach einem Sopha geführt hatte, gab ihm durch eine Geberde zu verſtehen, er möge nicht weiter reden. Meine liebenswürdige und vortreffliche Couſine wird mich entſchuldigen, fuhr Couſin Feenix deſſenungeachtet fort, wenn ich zu ihrem und meinem und meines Freundes Dombey Beſten, deſſen liebenswürdige und vortreffliche Tochter wir Alle ſo ſehr ————-ç’———jꝛꝛꝛ — 102— bewundern, in meinen Bemerkungen fortfahre. Sie wird ſich erinnern, daß ich von Anfang an von ihrer Entführung nie ge⸗ ſprochen habe, ſo wenig wie ſie. Meine Meinung war allerdings ſtets, daß damit ein Räthſel verbunden ſei, welches ſie löſen werde, ſobald ſie es für gut finde. Aber da meine liebenswürdige und vortreffliche Anverwandte ein verteufelt entſchiedener Cha⸗ rakter iſt, ſo wußte ich, daß gar nicht mit ihr zu ſpaßen ſei, und enthielt mich daher jeder weitern Einmiſchung. Wie ich aber neuerdings bemerkte, daß ihr zugänglichſter Punkt eine ſehr ſtarke Zuneigung für meines Freundes Dombey Tochter ſei, ſo kam ich auf den Gedanken, ob es nicht von heilſamen Folgen ſein könnte, wenn ich ein Zuſammentreffen bewerkſtelligte. Ich benutzte daher unſere Anweſenheit in London vor unſrer Abreiſe nach dem ſüd⸗ lichen Italien, wo wir in Zukunft wohnen wollen, im Grunde der Sache bis wir zu unſerer himmliſchen Wohnung abgerufen werden, was im Grunde der Sache eine verteufelt unangenehme Sache iſt, um die Wohnung meines Freundes Gay— ange⸗ nehmer Mann von ungewöhnlicher Offenheit, den meine liebens⸗ würdige und vortreffliche Anverwandte wahrſcheinlich kennt,— aufzuſuchen, und hatte das Vergnügen, ſeine liebenswürdige Frau hierher zu bringen. Und jetzt, ſagte Couſin Feenix, und ein feierlicher und echter Ernſt blickte durch die frivole Manier und die Nachläſſig⸗ keit ſeiner Rede, beſchwöre ich meine Couſine, nicht auf halbem Wege ſtehen zu bleiben, ſondern ſo viel wie möglich wieder gut zu machen, was ſie Unrechtes gethan hat— nicht wegen der Ehre ihrer Familie, nicht wegen ihres eigenen Rufes, nicht wegen irgend einer der Rückſichten, welche unglückliche Verhältniſſe ſie gelehrt — 103— haben als hohles Weſen und nichtigen Schein zu betrachten,— ſondern weil es unrecht iſt und nicht recht. Nach dieſer Rede verſchwand Couſin Feenix aus dem Zimmer und ließ die Beiden allein. Edith ſchwieg mehrere Minuten lang, während Florentine dicht neben ihr auf dem Sopha ſaß. Alsdann zog Erſtere aus ihrem Buſen ein verſiegeltes Papier. Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen, ſagte ſie mit gedämpfter Stimme, ob ich dies überhaupt niederſchreiben ſollte, im Fall ich plötzlich oder durch Zufall ſtürbe. Ich habe ſeitdem immer mit mir geſtritten, ob und wie ich es vernichten ſollte. Nimm es, Florentine. Die ganze Wahrheit ſteht darinnen. Iſt es für den Vater? frug Florentine. Es iſt für Jeden, dem du es giebſt, gab ſie zur Antwort. Ich habe es dir gegeben, und es gehört dir. Er hätte es nie auf andere Weiſe bekommen können. Wieder ſaßen Beide in der dichter werdenden Dunkelheit ſchweigend nebeneinander. Mutter, ſagte Florentine, er hat ſein Vermögen verloren; er hat am Rande des Grabes geſtanden; er kann ſogar jetzt noch ſterben. Haſt du mir kein Wort von dir an ihn aufzutragen? Sagteſt du mir nicht, ſagte Edith, daß er dich ſehr lieb habe? Ja! ſagte Florentine mit freudiger Begeiſterung. So ſage ihm, daß es mir leid thut, daß wir uns jemals im Leben begegnet haben. Veeiter nichts? frug Florentine nach einer Pauſe. ——õÿ—— — 104— Sage ihm, wenn er fragt, daß ich nicht bereue, was ich gethan habe— jetzt noch nicht— denn wenn morgen wieder die Veranlaſſung dazu da wäre, würde ich es wieder thun. Aber wenn er ein anderer Mann iſt— Sie hielt inne. Es lag etwas in dem ſtummen Druck von Florentinens Hand, was ſie ſtocken machte. — aber da er ein anderer Mann geworden, ſo weiß er, daß es jetzt nie geſchehen würde. Sag' ihm, daß ich wünſchte, es ſei nie geſchehen. 3 Darf ich ſagen, ſagte Florentine, daß es dich ſchmerzte, als du von dem Unglück hörteſt, das ihn betroffen? Nicht, wenn es ihn gelehrt hat, daß ihm ſeine Tochter ſehr lieb iſt, gab ſie zur Antwort. Er ſelbſt wird dereinſt nicht mehr darüber klagen, wenn es ihm dieſe Lehre eingebracht hat, Florentine. Du wünſcheſt ihm alles Gute und möchteſt ihn glücklich ſehen. Ja, das willſt du! ſagte Florentine. O, nicht wahr, ich darf dies ſagen, wenn ich ſpäter Gelegenheit dazu finde? Edith ſah mit ihren dunkeln Augen gerade vor ſich hin, und antwortete nicht eher, als bis Florentine ihre Bitte wieder⸗ holt hatte; da legte ſie Florentinens Hand in ihren Arm und ſprach mit demſelben gedankenvollen Blick in die Nacht hinaus: Sage ihm, wenn er in ſeiner Gegenwart einen Grund findet, meine Vergangenheit zu beklagen, ſo möge er es thun. Sage hm, wenn er in ſeiner Gegenwart einen Grund finden kann, meiner weniger erbittert zu gedenken, ſo möge es es thun. Sage ihm, daß, obgleich wir für einander todt ſind und auf dieſer — — 105— Seite des Grabes uns nie wieder ſehen werden, uns Beide doch ein gemeinſames Gefühl verbindet, das früher nicht vorhan⸗ den war. Die Eisrinde ihres Herzens ſchien zu ſchmelzen, und es zeigten ſich Thränen in ihren Augen. In Folge dieſes Gefühls, fuhr ſie fort, wird er lernen beſſer von mir zu denken, wie auch ich beſſer von ihm denke. Wenn er ſeine Florentine am meiſten liebt, wird er mich am wenigſten haſſen. Wenn er am ſtolzeſten und glücklichſten durch ſie und ihre Kinder iſt, wird er ſeinen Antheil an dem unheilvollen Traume unſrer Ehe am meiſten bereuen. Dann werde auch ich bereuen— das möge er alsdann wiſſen— und denken, daß, als ich ſo ſehr an die vielerlei Urſachen dachte, die mich zu dem machten, was ich war, ich auch etwas den Urſachen hätte zu Gute rechnen ſollen, die ihn zu dem machten, was er war. Dann will ich verſuchen, ihm ſein Unrecht zu vergeben. Möge auch er verſuchen, mir das meinige zu vergeben! O, Mutter! ſagte Florentine. Wie erleichtert es mein Herz, dies zu hören! Fremde Worte auch in meinen Ohren, ſagte Edith, und wenig paſſend zu dem Klange meine Stimme! Aber wäre ich ſelbſt das Geſchöpf, für das er mich zu halten Grund hatte, ſo glaube, ich hätte ihm das Alles ſagen können, wenn ich vernahm, daß ihr Beide euch lieb hattet. Wenn er dich am meiſten liebt, ſo möge er fühlen, daß er dann mir in ſeinen Gedanken am meiſten verzeiht, und daß ich dann daſſelbe thue! Dies ſind meine letzten Worte an ihn! Jetzt lebewohl, mein Leben! — 106— Sie umarmte Florentinen und ſchien die ganze Fülle ihrer Seele an Liebe und Zärtlichkeit auf einmal auf ſie auszuſchütten. Dieſen Kuß für dein Kind! Dieſe Küſſe für einen Segen auf dein Haupt! Meine liebe, gute Florentine, lebewohl, lebewohl! Auf Wiederſehen! rief Florentine. Nie! nie! ſagte Edith. Wenn du mich in dieſem dunkeln Zimmer zurückläſſeſt, ſo mußt du glauben, daß du mich im Grabe gelaſſen. Erinnere dich blos, daß ich einmal lebte, und dich liebte! Und Florentine verließ ſie, begleitet von ihren Umarmungen und Küſſen bis zuletzt. Couſin Feenix trat ihr an der Thür entgegen und führte ſie hinab zu Walter, auf deſſen Achſel ſie weinend ihr Haupt legte. Es thut mir verteufelt leid, ſagte Couſin Feenix, indem er ſeine Manſchetten auf die allereinfachſte Weiſe und ohne es ver⸗ hehlen zu wollen an die Augen brachte, daß die anmuthige und vortreffliche Tochter meines Freundes Dombey und die liebens⸗ würdige Gattin meines Freundes Gay von dieſer Begegnung ſo ſehr erſchüttert worden iſt. Aber ich hoffe und vertraue, daß ich auf das Beſte hingewirkt habe, und daß mein ehrenwerther Freund Dombey durch die erfolgten Erklärungen ſein Gemüth er⸗ leichtert fühlen wird. Ich beklage ausnehmend, daß mein Freund Dombey im Grunde der Sache in ein verteufelt ſchlimmes Ver⸗ hältniß durch die Verbindung mit unſerer Famillie gekommen iſt; aber ich neige mich ſtark zu der Meinung, daß, wäre dieſer hölliſche Schurke Carker— Mann mit weißen Zähnen— nicht geweſen, Alles hätte ziemlich gut gehen können. Hinſichtlich meiner 1 A AANA.. * — 102,— Verwandten, die mir die Ehre erzeigt eine ungewöhnlich gute Meinung von mir zu haben, kann ich der liebenswürdigen Tochter meines Freundes Dombey verſichern, daß ſie überzeugt ſein kann, ich werde an ihr im Grunde der Sache Vaterſtelle vertreten. Und hinſichtlich der Veränderungen im menſchlichen Leben und der außerordentlichen Art und Weiſe, in der wir uns ſtets benehmen, kann ich nur mit meinem Freund Shakſpeare— ein Mann, der nicht für Eine Zeit, ſondern für alle Zeiten war, und mit dem mein Freund Walters jedenfalls bekannt iſt—. ſagen, daß es wie der Schatten eines Traumes iſt. Zweiundſechzigſtes Kapitel. Das Ende. Eine Flaſche, die lange dem Lichte des Tages verborgen geblieben und bedeckt iſt mit Staub und Spinneweben, iſt aus ihrem Verſteck gezogen worden; und der goldene Wein darinnen wirft einen glänzenden Schimmer auf den Tiſch. Es iſt die letzte Flaſche des alten Madeira. Sie haben Recht, Mr. Gills, ſagte Mrh. Dombey. Es iſt ein ganz ausgezeichneter Wein. Der Capitain, der mit am Tiſche ſitzt, ſtrahlt vor Freude. Eine wahre Glorie von Wonne ruht auf ſeiner Stirn. Wir hatten uns immer vorgenommen, Sir, bemerkte Mr. Gills, ich meine Ned und ich— Mr. Dombey nickt dem Capitain zu, der vor ſtummer Be⸗ friedigung mehr und mehr zu glänzen beginnt. — daß wir dieſen Wein einmal auf Walters glückliche Rückkehr trinken wollten; obgleich wir an eine Rückkehr in ſolchen — 109— Verhältniſſen nie dachten. Wenn Sie gegen unſere alte Grille nichts einzuwenden haben, ſo wollen wir dieſes erſte Glas auf das Wohl Walters und ſeiner Frau trinken. Auf das Wohl Walters und ſeiner Frau! ſagt Mr. Dombey. Meine Florentine! mein Kind!— und dreht ſich um und küßt ſie. Auf das Wohl Walters und ſeiner Frau! ſagt Mr. Toots. Auf das Wohl Wal s und ſeiner Frau! ruft der Capitain. Hurrah! und da der Capitain ein ſtarkes Verlangen trägt, mit Jemand anzuſtoßen, ſo hält ihm Mr. Dombey ſein Glas bereit⸗ willig entgegen. Die Andern thun desgleichen; und es entſteht ein fröhliches und helles Klingen, wie von Hochzeitglocken. Andrer begrabener Wein wird älter, wie zu ſeiner Zeit der alte Madeira; und Staub und Spinneweben überziehen die Flaſchen. Mr. Dombey iſt ein Herr mit weißem Haar, deſſen Antlitz tiefe Spuren von Kummer und Leiden trägt; aber es ſind die Spuren eines Ungewitters, das für immer vorüber iſt und einen heitern Abend hinterlaſſen hat. Ehrgeizige Pläne quälen ihn nicht mehr. Sein einziger Stolz iſt ſeine Tochter und ihr Gatte. Er hat eine ſchweigſame, gedankenvolle, ſtille Weiſe und iſt immer mit ſeiner Tochter bei⸗ ſammen. Miß Tox kommt nicht ſelten in die Familie, verehrt ſie ſehr und iſt ein großer Liebling. Die Bewunderung, die ſie für ihren einſt ſo hohen Gönner fühlt, iſt, wie ſie ſeit jener B — 4140— Kataſtrophe auf dem Prinzeſſinnenplatz geweſen, ganz platoniſch, aber durchaus nicht ſchwächer geworden. Nichts iſt ihm von ſeinem großen Vermögen geblieben, als eine gewiſſe jährliche Summe, die er empfängt, ohne zu wiſſen, wie und von wem, mit der angelegentlichen Bitte, er möge den Abſender nicht zu entdecken ſuchen, und mit der Verſicherung, daß damit nur eine alte große Schuld getilgt werde. Er iſt darüber mit ſeinem alten Buchhalter zu Rathe gegangen, und dieſer iſt überzeugt, daß er es ohne Schaden ſeiner Ehre an⸗ nehmen könne, und daß es wahrſcheinlich mit einem alten längſtver⸗ geſſenen Geſchäft des alten Hauſes zuſammenhänge. Dieſer Hageſtolz mit den braunen Augen iſt kein Hageſtolz mehr, ſondern verheirathet, und zwar mit der Schweſter des grau⸗ haarigen Carker junior. Er beſucht manchmal ſeinen alten Principal, aber ſelten. Des grauhaarigen Juniors Lebensge⸗ ſchichte und noch mehr ſein Name ſind ein Grund, warum er ſich fern hält von ſeinem alten Herrn; und da er bei ſeiner Schweſter und ihrem Gatten wohnt, ſo halten ſich dieſe in gleicher Entfernung. Walter beſucht ſie manchmal— auch Florentine— und dann ſchallen durch das gemüthliche Haus gelehrte Duette für Pianoforte und Violoncell, und die Arbeiten des muſikaliſchen Schmieds. Und was macht der veränderte Seecadett in dieſen verän⸗ derten Zeiten? Mein Gott, er iſt immer noch der Alte, er ſteht immer noch da, den rechten Fuß vorn, angeſtrengt forſchend unter den Fiakern, und mehr auf der Hut als je, denn er iſt vom dreieckigen Hut bis auf die Schnallenſchuh neu gemalt; — 111— und über ihm glänzen in goldenen Buchſtaben die Namen: Gills und Cuttle. Geſchäfte außer dem gewöhnlichen Kleinhandel macht der Seecadett durchaus nicht. Aber in einem Umkreis von einer halben Meile um den blauen Regenſchirm auf dem Leadenhall⸗ markt geht die Rede, daß einige von Mr. Gills früher ange⸗ legte Capitalien vortreffliche Zinſen tragen; und daß er, anſtatt hinter der Zeit zurückgeblieben zu ſein, wie man glaubt, in Wahrheit ihr voraus war. Man ſagt ſich in das Ohr, daß Mr. Gills' Geld Frucht trage, und zwar ziemlich ſchnell und reichlich. So viel iſt gewiß, wenn er in ſeinem kaffeebraunen Anzug mit dem Chronometer in der Taſche und der Brille auf der Stirn an ſeiner Ladenthür ſteht, ſo ſcheint er ſich gar nicht zu grämen, wenn keine Kunden kommen, ſondern zeigt ein aus⸗ nehmend freundliches und zuſriedenes Geſicht. Was ſeinen Compagnon, Capitain Cuttle, betrifft, ſo be⸗ ſteht in des Capitains Kopf eine Fietion von dem Geſchäft, die viel beſſer iſt, als die Wirklichkeit. Der Capitain iſt ſo feſt überzeugt von der Wichtigkeit des Seecadetten für den Handel und die Schifffahrt des Landes, als ob kein Schiff ohne des Seecadetten Beiſtand den Londoner Hafen verließe. Seine Freude über ſeinen Namen über der Thür iſt unerſchöpflich. Zwanzigmal des Tages geht er über die Straße, um ſich das Schild von der andern Seite anzuſehen, und ſagt dann ſtets: Ed’ard Cuttle, mein Jung', wenn deine Mutter hätt' wiſſen können, du würdeſt jemals ein Mann der Wiſſenſchaft werden, würde die gute Alte ſich wahrhaftig wundern! — 12——* Aber dort naht ſich Mr. Toots mit außerordentlicher Schnelligkeit dem Seecadetten, und Mr. Toots Geſicht iſt ſehr roth, wie er in das Hinterſtübchen ſtürzt. Capitain Gills, ſagt Mr. Toots, und Mr. Sols, ich freue mich Ihnen ſagen zu können, daß Mrs. Toots wieder Zuwachs 8 zu ihrer Familie hat.. Und das macht ihr Ehre! ruft der Capitain. Ich gratulire Ihnen, Mr. Toots! ſagte der alte Sol. Danke, lacht Mr. Toots in ſich hinein, ich bin Ihnen ſehr verbunden. Ich wußte, daß es Sie freuen würde, und deshalb bin ich ſelbſt hergekommen. Wir machen Fortſchritte, das läßt ſich nicht leugnen. Nun haben wir Florentinen, und Suſannen, und nun wieder einen kleinen Ankömmling. 9 Ein Mädchen? fragt der Capitain.— Ja, Capitain Gills, ſagt Mr. Toots, und das freut mich ungemein. Meine Meinung iſt, je öfter wir dieſe außerordent⸗ liche Frau wiederholen können, deſto beſſer! Ruhig Blut! ſagt der Capitain, und greift zu der alten Korbflaſche ohne Hals— denn es iſt ſchon Abend, und des Seecadetten beſcheidener Vorrath von Pfeifen und Gläſern ſteht auf dem Tiſch. Das iſt auf ihre Geſundheit, und möge ſie noch viele bekommen! 4 Danke, Capitain Gills, ſagt der erfreute Mr. Toots. 2 Ich ſtimme dem bei. Wenn Sie mir erlauben, da es doch Nie⸗⸗ manden unter dieſen Umſtänden unangenehm ſein kann, möchte ich eine Pfeife rauchen. —— ———— — 113— Mr. Toots fängt auch wirklich an zu rauchen, und iſt in der Freude ſeines Herzens ſehr geſprächig. Von allen merkwürdigen Beweiſen, welche dieſe vortreffliche Frau von ihrem ausgezeichneten Verſtande gegeben hat, Capitain Gills und Mr. Sols, ſagt Toots, halte ich keinen für merkwür⸗ diger, als ihr vollkommenes Verſtändniß meiner Gefühle für Miß Dombey.. Seine Zuhörer ſtimmen Beide bei. 3 Denn Sie wiſſen ja, ſagt Mr. Toots, meine Gefühle gegen Miß Dombey haben ſich nie verändert. Sie ſind noch ganz die alten. Sie iſt mir jetzt noch daſſelbe ſchöne Ideal, das ſie mir vor meinem Bekanntwerden mit Walters war. Als Mrs. Toots und ich zuerſt von dieſer Sache zu ſprechen anfingen, erklärte ich, daß ich ſo zu ſagen eine vom Froſt getödtete Blume ſei. Der Capitain ſchenkt dieſem Gleichniß großen Beifall und bemerkt halblaut, keine Blume ſo fein wie das Rothröſelein. Aber ich ſage Ihnen, fährt Mr. Toots fort, ſie kannte den Zuſtand meiner Gefühle ſo genau wie ich ſelber. Ich brauchte ihr gar nichts zu erklären. Sie war die einzige Perſon, die ſich zwiſchen mich und das ſtumme Grab ſtellen konnte, und ſie that es auf eine Weiſe, welche meine ewige Bewunderung fordertR. Sie weiß, daß es nichts auf der Welt giebt, was ich nicht für Miß Dombey thun würde. Sie weiß, daß ich ſie für das ſchönſte, liebenswürdigſte, engelhaſteſte Weſen ihres ganzen Geſchlechts halte. Wie ſprach ſie ſich darüber aus? Mit der ¹Boz. Dombey u. Sohn. X. 8 3 — 114— unendlichſten Verſtändigkeit.„Lieber Mann, du haſt ganz Recht,“ ſagte ſie.„Ich bin ganz derſelben Meinung.“ Und ich auch! ſagt der Capitain. Und ich auch, ſagt Sol Gills. Und dann, was für ein ſcharfbeobachtendes Weib meine Frau iſt, beginnt Mr. Toots von neuem, nachdem er eine Weile nachdenklich und mit dem größten Behagen auf dem Geſicht ge⸗ raucht. Wie klug ſie iſt! Was für Bemerkungen ſie macht! Erſt geſtern Abend, als wir im ſtillen Genuſſe ehelichen Glückes bei einander ſaßen— und, auf mein Wort und auf meine Ehre, das kann nur ſchwach meine Empfindungen in Geſellſchaft meiner Frau ausdrücken— äußerte ſie, wie merkwürdig es ſei wenn man die gegenwärtige Stellung unſeres Freundes Walters bedenke.„Hier ſehen wir ihn,“ bemerkte meine Frau,„befreit vom beſchwerlichen Seedienſt nach dieſer erſten langen Reiſe mit ſeiner jungen Frau—“Sie wiſſen es ja, Mr. Sols. Ganz recht, ſagt der alte Opticus und reibt ſich die Hände. „Hier ſehen wir ihn ſogleich davon befreit,“ ſagt meine Frau,„dann von demſelben Hauſe auf einen Poſten großen Ver⸗ trauens geſtellt; wir ſehen, wie er ſich deſſen wieder würdig zeigt; wie er mit der größten Schnelligkeit von Stufe zu Stufe ſteigt; wie er von Jedermann geliebt und von ſeinem Onkel unterſtützt wird zu einer Zeit, wo es gerade mit deſſen Vermögen am aller⸗ beſten ſteht“— nicht wahr, das iſt der Fall, Mr. Sols? Meine Frau hat immer Recht. Nun ja— freilich ſind ein paar unſerer verlorengegangenen Goldſchiffe noch angekommen, erwidert der alte Sol lachend. —— ———„.———„ 10——.— *ℳ „ ͤa8Gℛ — 115— Kleines Zeug, Mr. Toots, aber doch von Nutzen für meinen Jungen! Sehr richtig! ſagt Mr. Toots. Sie werden meine Frau nie auf falſcher Fährte finden.„Hier ſehen wir ihn alſo in dieſer Stellung,“ ſagte dieſe höchſt merkwürdige Frau,„und was wird die Folge ſein?“ Was wird die Folge ſein? fragt Mr. Toots. Nun bitte ich Sie, Capitain Gills, und Sie, Mr. Sols, wohl zu beachten, welch' tiefen Blick meine Frau hat.„Nun, daß vor Mr. Dombey's Augen ein Grund gelegt wird, auf dem ſich allmählich ein Haus erhebt, welches dem, deſſen Haupt er einmal war und deſſen kleinen Anfang er vergeſſen, vielleicht gleichkommen, vielleicht auch daſſelbe übertreffen wird. Und ſo,“ ſagt meine Frau,„wird doch am Ende ſeine Tochter den Grund legen zu einem neuen Hauſe Dombey und Sohn!“ Mit Hilfe ſeiner Pfeife— die er ſehr gern zu rhetoriſchen Zwecken verwendet, da ihr wahrer Gebrauch ihm ein ſehr unbe⸗ hagliches Gefühl verurſacht— trägt Mr. Toots dieſe prophe⸗ tiſche Aeußerung ſeiner Frau ſo gut vor, daß der Capitain, in größter Aufregung ſeinen lakirten Hut von ſich werfend, ausruft: Sol Gills, Mann von Wiſſenſchaft und alter Compagnon, was ſagte ich zu Walter an dem Abend, wo er zuerſt ins Geſchäft ſollte? War es nicht der Spruch:„Dreh dich um, Whittington, Lord Mayor von London, und wenn du ein alter Mann biſt, wirſt du nicht wieder davon ſcheiden.“ Waren das nicht die Worte, Sol Gillss Ganz gewiß, Ned, entgegnets der alte Opticus. Ich er⸗ innere mich noch recht gut daran. 8* So will ich euch was ſagen, ſagte der Capitain, indem er ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und zu einem tüchtigen Ge⸗ brüll Athem holte. Ich werde die ſchöne Peg ganz durch ſingen; und ihr Beide ſingt den Chor wacker mit! — 4116— 4 Begrabener Wein wird älter, wie ſeiner Zeit der alte Ma⸗ deira; und Staub und Spinneweben überziehen immer dicker die Flaſchen. Es iſt ſchönes Herbſtwetter, und am Meeresſtrande ſieht man oft eine junge Dame, und einen Herrn mit weißen Haaren.. Bei ihnen oder ganz in ihrer Nähe ſind zwei Kinder: ein Knabe und ein Mädchen. Und ein alter Hund leiſtet ihnen meiſtens Geſellſchaft. 4 Der Herr mit dem weißen Haar geht mit dem kleinen Knaben 4 ſpazieren, unterhält ſich mit ihm, ſpielt mit ihm, iſt immer bei 5 ihm und überwacht ihn, als ob er der Zweck ſeines Lebens wäre. Wenn er nachdenklich iſt, wird der alte Herr auch nachdenklich; und manchmal, wenn das Kind neben ihm ſitzt, und ihn anſieht und ihm Fragen vorlegt, nimmt er die kleine Hand in die ſeinige, hält ſie feſt und vergißt dabei die Antwort. Dann ſagt das Kind: Wie, Großpapa, bin ich wieder meinem armen kleinen Onkel ſo ſehr ähnlich? Ja, Paul. Aber er war ſchwach, und du biſt ſehr kräftig. O ja, ich bin ſehr äftig, beſtätigt der Kleine. Und er lag auf einem kleinen Bett am Meere, und du kannſt herumſpringen, ſagt der alte Herr. ſe⸗ ——yyy—— — 117— Und dann gehen ſie rüſtig weiter, denn der alte Herr ſieht am liebſten den Knaben herumlaufen und ſpringen; und wie ſie mit einander ſpazieren gehen, geht die Geſchichte ihrer Liebe von Mund zu Mund und folgt ihnen. Aber Niemand, außer Florentinen, kennt die Größe der Zuneigung des alten Herrn zu dem Mädchen. Dieſe Geſchichte geht nie von Mund zu Mund. Das Kind ſelbſt wundert ſich über ein gewiſſes geheimnißvolles Weſen, mit dem er ſeine Zu⸗ neigung umgiebt. Er hegt die Kleine hoch und theuer in ſeinem Herzen. Er kann kein trübes Wölkchen auf ihrem Geſicht ſehen. Er kann ſie nicht allein ſitzen ſehen. Er glaubt, ſie fühle ſich vernachläſſigt, auch wenn daran nicht zu denken iſt. Er ſchleicht ſich weg, um ſie im Schlummer zu betrachten. Er hat es gern, wenn ſie des Morgens in ſein Zimmer kommt und ihn weckt. Er liebkoſt ſie am meiſten und am zärtlichſten, wenn Niemand dabei iſt. Das Kind ſagt dann manchmal: Lieber Großpapa, warum weinſt du, wenn du mich küſſeſt? Er antwortet darauf weiter nichts, als: Kleine Florentine! kleine Florentine! und ſtreicht die Locken zurück, die ihre innig ernſten Augen überſchatten. Druck von Fr. Nies in Leipzig.