Leihbibliothek deutſcher, engliſcher dind franzöſiſcher Literatur f Gduard Oltmann in Gießen, V 3 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet l wird. 8. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ eträgt:. 4 3 für iichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 3 3 „ 3„ 2„„ 3„N=.„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 3 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2. e ⁸ 2 MY,. Sch — Me ee, 8 — 88 2 8 H. .—— 8— ——— — B°“ 2. 1 Sämmtliche Werke.— Sechsundſechzigſter Theil. Dombey und Sohn. Neunter Theil. Feipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1848. ——— ———— 3 Dombey und Sohn von Boz(Dickens). Aus dem Engliſchen von Julius Seybt. Mit Federzeichnungen von Hablot K. Browne. —. Neunter Theil. —— Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1848. 8 85 — Zweiundfunfzigſtes Kapitel. Geheime Nachrichten. Die gute Mrs. Brown und ihre Tochter Alice ſaßen ſchweigend in ihrer Wohnung. Es war noch früh am Abend im Anfang des Frühlings. Vor einigen Tagen erſt hatte Mr. Dombey dem Major Bagſtock von der auf eigenthümliche Weiſe erlangten Nachricht geſagt, die vielleicht werthlos ſei, vielleicht auch mehr ſein könne; und der Welt war noch nicht Genüge geſchehen. Mutter und Tochter ſaßen lange Zeit da, ohne ein Wort zu ſprechen, faſt ohne Bewegung. Auf dem Geſicht der Alten malten ſich geſpannte Erwartung und ſichere Hoffnung; auch das Antlitz ihrer Tochter zeigte Ungeduld, aber es verdüſterte ſich zu⸗ weilen mit Täuſchung und zweifelnder Ungewißheit. Ohne auf dieſe Veränderungen ſeines Ausdruckes zu achten, obgleich ſie oft einen Blick auf ihre Tochter warf, ſaß die Alte da, und bewegte ſtumm den zahnloſen Mund, und horchte auf mit zuverſichtlicher Miene. 4 Die Stube, obgleich ärmlich genug, war nicht ſo ganz aͤrmlich als damals, wo die gute Mrs. Brown ſie allein be⸗ wohnte. Einiges Streben nach Ordnung und Reinlichkeit war bemerklich, was der Jüngeren zuzuſchreiben ſein mochte. Die Schatten der Nacht wurden immer düſterer, wie die Beiden ſchwei⸗ gend nebeneinander ſaßen, bis die geſchwärzten Wände faſt un⸗ ſichtbar wurden. Da brach Alice das lange Schweigen und ſagte: Du kannſt ihn aufgeben, Mutter. Er kommt nicht. Der Tod ſoll ihn eher aufgeben, erwiderte die Alte un⸗ geduldig. Er kommt gewiß. Wir werden ſehen, ſagte Alice. Wir werden ihn ſehen, entgegnete die Mutter. Am jüngſten Tage, ſagte die Tochter. Du denkſt, ich bin kindiſch geworden, krächzte die Alte. Das denkt meine eigne Tochter von mir, aber ich bin klüger als du glaubſt. Er kommt. Neulich, als ich ſeinen Rock auf Straße anfaßte, ſah er mich an, als ob ich eine Kröte wa e. Aber das Geſicht, das er machte, als ich ihren Namen nannte, und ihn frug, ob er erfahren möchte, wo ſie wäre! War er zornig? frug die Tpihter, deren Theilnahme auf einmal erwachte. Zornig? Blutgierig! das iſt das rechte Wort. Zornig! Ha, hal das blos zornig zu nennen! ſagte die Alte, humpelte nach dem Schranke, und zündete ein Licht an, deſſen Schimmer die ſtummen Bewegungen ihres Mundes nach grotesker erſcheinen — 1— — —— ließ. Ich könnte eben ſo gut dein Geſicht zornig nennen, wenn du von ihm ſprichſt. Allerdings trug es einen ganz andern Ausdruck, wie ſie ſtumm und mit funkelnden Augen, wie eine lauernde Tigerin, daſaß. Horch, rief die Alte frohlockend. Ich höre Jemand kommen. Dies iſt gewiß nicht der Tritt⸗von Einem, der hier wohnt oder oft herkommt. Wir gehen nicht ſo. Wir ſollten ſtolz werden auf ſolche Nachbarn! Hörſt du ihn? Ich glaube, du haſt recht, Mutter, erwiderte die Tochter. Still! Mach' die Thür auf. Während ſie ſich in ihren Shawl hüllte, gehorchte die Alte. Sie lugte hinaus, winkte und ließ Mr. Dombey ein, der auf der Schwelle ſtehen blieb und ſich mißtrauiſch umſah. Ein armſeliger Ort für einen ſo großen Herrn wie Euer Gnaden ſind, ſagte die Alte mit einem Knix. Ich ſagte es ſchon, aber es iſt hier nichts zu fürchten. Verr iſt das? frug Mr. Dombey mit einem forſchenden Blick auf Alice. . Das iſt meine ſchöne Tochter, ſagte die Alte. Euer Gna⸗ den brauchen ſich nicht vor ihr zu geniren. Sie weiß Alles. Ein Schatten verdunkelte ſein Geſicht, das deutlich ſagte: Wer wüßte nicht Alles! Aber er ſah ſie feſt an, und ſie erwi⸗ derte ſeinen Blick, ohne ihn zu grüßen. Der Schatten auf ſei⸗ nem Antlitz war düſterer geworden, als er den Blick wieder von ihr abwendete, aber ſelbſt dann ſah er ſie manchmal wieder ver⸗ ſtohlen an, als ließen ihm die trotzigen Augen und eine damit verbundene Erinnerung keine Ruhe. Weib! ſagte Mr. Dombey zu der alten Hexe, die grinſend und murmelnd neben ihm ſtand und, wie er ſie anredete, verſtoh⸗ len auf ihre Tochter deutete, und die Hände rieb, und wieder hinwies— Weib! ich weiß, daß es ſchwach von mir iſt und daß ich meine Stellung vergeſſe, indem ich hierher komme, aber ihr wißt, warum ich komme, und wozu ihr euch neulich, als ihr mich auf der Straße anhieltet, erbotet. Was habt ihr mir über die Sachen, die ich zu wiſſen wünſche, zu ſagen; und wie kommt es, daß ich freiwillige Auskunft in einer ſolchen Höhle finde— er ſah ſich mit einem verächtlichen Blick um— nachdem ich alle meine Macht und Mittel vergeblich angewandt habe? Ich glaube nicht, ſagte er nach einer Pauſe, während er ſie ſtreng angeſehen— daß ihr ſo keck ſein könntet, mit mir zu ſcherzen oder mich zu hintergehen. Aber wenn ihr ſo etwas beabſichtigt, ſo rathe ich euch in allem Ernſte, es bei dem bloßen Gedanken daran bewen⸗ den zu laſſen. Ich pflege nicht zu ſcherzen, und meine Vergel⸗ tung würde ſet chwer ſein! 4 O, ein ſtolzer, harter Herr! achte die Alte, mit dem Kopf wackelnd, und die welken Hände reibend, o, hart, ſehr hart! Aber Euer Gnaden ſollen mit eigenen Augen ſehen und mit eigenen Ohren hören, nicht mit unſern— und wenn wir Euer Gnaden auf die Spur gebracht haben, ſo geben Sie uns auch eine Kleinigkeit dafür, guteſter Herr? Geld kann viel thun, das weiß ich, ſagte Mr. Dombey, offenbar erleichtert und beruhigt durch dieſe Frage. Es kann — —»— ſelbſt ſo unerwartete und wenig verſprechende Mittel wie dieſe nutzbar machen. Ja, für jede zuverläſſige Auskunft. die ihr mir gebt, will ich bezahlen. Aber ich muß erſt die Auskunft haben und ihren Werth ſelbſt beurtheilen können. Kennen Sie nichts, was größere Macht hat, als Geld? frug die Jüngere, ohne aufzuſtehen oder ihre Stellung zu ver⸗ ändern. Hier nicht, ſollte ich meinen, ſagte Mr. Dombey. Sie ſollten etwas kennen, was anderswo mächtiger iſt, ſollte ich meinen, entgegnete ſie. Wiſſen Sie nichts von dem Haß eines Weibes? Ihr habt eine ſpitze Zunge, Mädchen, ſagte Mr. Dombey. Nicht für gewöhnlich, antwortete ſie ruhig; ich rede jetzt, damit Sie uns beſſer verſtehen und uns mehr vertrauen. Der Haß einer Frau iſt ziemlich derſelbe hier wie in Ihrem ſchönen Hauſe. Ich haſſe. Ich haſſe ſeit vielen Jahren. Ich habe ſo viel Grund zum Haß wie Sie, und ſein Gegenſtand iſt derſelbe Mann. Er fuhr unwillkürlich auf und ſah ſie voll Erſtaunen an. Ja, ſagte ſie faſt mit einem Lachen. So außerordentlich entfernt wir von einander zu ſtehen ſcheinen, es iſt doch ſo. Wie es zugegangen iſt, thut nichts zur Sache; das iſt mein Ge⸗ heimniß und ich werde es für mich behalten. Ich möchte ihn und Sie zuſammenbringen, weil ich ihn haſſe. Meine Mutter dort iſt geizig und arm; und ſie würde Alles, was ſie erfahren könnte, an Jedermann von Jedem für Geld verkaufen. Es iſt vielleicht blos billig, daß Sie ihr Geld geben, wenn ſie Ihnen ſagt, was Sie wiſſen wollen. Aber das iſt nicht mein Beweggrund. Ich habe Ihnen den meinigen geſagt, und er bleibt eben ſo ſtark und — ausreichend für mich, wenn Sie mit ihr um einen Sixpence feilſchten. Ich bin fertig. Meine ſpitze Zunge ſagt weiter nichts, und wenn Sie bis zum grauenden Morgen dableiben. Die Alte, welche während dieſer ihren erwarteten Gewinn möglicherweiſe beeinträchtigenden Rede große Unruhe gezeigt hatte, zupfte Mr. Dombey am Arme und flüſterte ihm zu, nicht auf ſie zu achten. Er ſah Beide abwechſelnd an mit einem von Auf⸗ regung erblaßten Geſicht, und ſagte in tieferem Tone als ewohnlich: Weiter!— Was wißt ihr? O, nicht ſo raſch, Euer Gnaden! wir müſſen auf Jemand warten, gab die Alte zur Antwort. Es muß aus Jemanden herausgelockt werden! Was meint ihr? frug Mr. Dombey. Geduld, krächzte ſie, und legte ihre Hand wie eine Klaue auf ſeinen Arm. Geduld! Ich werde es erfahren! Das weiß ich! Wenn er es mir verheimlichen wollte, ſagte die gute Mrs. Brown und krümmte ihre zehn Finger, ſo würde ich es ihm aus der Seele reißen! Mr. Dombey folgte ihr mit den Augen, wie ſie nach der Thür humpelte und wieder hinausſah; und dann ſuchte ſein Blick die Tochter, aber ſie blieb ſtill und regungslos ſitzen, und achtete nicht auf ihn. Ihr wollt alſo ſagen, daß noch Jemand hier erwartet wird? ſagte er, als die Alte wieder zurückkehrte. — — — 11— Ja, ſagte die Alte, ſah ihn an und nickte. Von dem ihr die Auskunft, die ich wünſche, herauslocken wollt? fuhr er fort. Ja, ſagte die Alte und nickte wieder. Ein Fremder? forſchte er weiter. Still! ſagte die Alte mit einem ſchrillen Lachen. Was thut das? Nein. Er iſt Euer Gnaden nicht fremd. Aber er darf Sie nicht ſehen. Er würde ſich vor Ihnen fürchten und nicht ſprechen wollen. Sie müſſen ſich dorthin hinter die Thür ſtellen und ſollen ihn ſelbſt hören; wir verlangen keinen blinden Glauben. Was! Euer Gnaden traut nicht dem Zimmer hinter der Thüre! O wie argwöhniſch die reichen Leute ſind! Sie ſol⸗ len es ſelbſt unterſuchen. Ihr ſcharfes Auge hatte bei ihm einen unwillkürlichen Ausdruck des Argwohns entdeckt, ein Gefühl, das unter dieſen Umſtänden leicht zu entſchuldigen war. Zu ſeiner Beruhigung nahm ſie das Licht und leuchtete hinter die Thür. Mr. Dombey blickte hinein, überzeugte ſich, daß es eine leere Kammer war, und gab ihr durch ein Zeichen zu verſtehen, das Licht wieder an ſeinen alten Platz zu ſetzen. Wie lange wird es dauern, bis dieſe Perſon kommt? frug er. Nich lange, gab ſie zur Antwort. Wollen Euer Gnaden ſich ein paar Minuten ſetzen? Er gab keine Antwort, ſondern fing an mit unentſchloſſe⸗ ner Miene im Zimmer auf und ab zu gehen, als wiſſe er nicht recht, ob er dableiben oder gehen ſolle, oder als mache er ſich — 12— Vorwürfe, daß er hergekommen ſei. Aber bald wurde ſein Schritt langſamer und ſchwerer und ſein Geſicht düſterer in ſeinem Nachdenken, wie der Zweck, zu dem er hergekommen, wieder vor ſeine Seele trat und ſich feſter darin einprägte. Während er mit zu Boden geſenktem Auge ſo auf und ab ſchritt, hatte Mrs. Brown wieder auf ihrem Stuhle Platz genom⸗ men und horchte von Neuem. Der einförmige Takt ſeiner Schritte oder das Alter machten ihr Gehör ſo ſtumpf, daß die Tochter ſchon ein paar Augenblicke Schritte gehört, und ihre Mutter haſtig angeblickt hatte, um ſie davon zu benachrichtigen, ehe die Alte darauf aufmerkſam wurde. Aber jetzt ſprang ſie vom Stuhle auf, flüſterte: er iſt da! ſchob den vornehmen Gaſt hin⸗ ter die Thüre und ſetzte eine Flaſche und ein Glas auf den Tiſch und that dies Alles mit einer Schnelligkeit, daß ſie Rob, dem Scheerenſchleifer, als er an der Thüre erſchien, um den Hals fallen konnte. O, das iſt mein lieber guter Junge, ſagte Mrs. Brown, endlich!— O, o, o, ol mein lieber, lieber Robby! O! Mrs. Brownl ſagte der Scheerenſchleifer abwehrend. Bitte! könnt ihr einen Jungen nicht lieb haben ohne ihn zu würgen und zu erdroſſeln? Nehmt den Vogelbauer in meiner Hand in Acht, bitte. Vor mir an einen Vogelbauer zu denken! rief die Alte und richtete den Blick nach der Decke. Vor mir, die ihn mehr als eine Mutter liebt! Gewiß und wahrhaftig bin ich euch ſehr dankbar, Mrs. Brown, ſagte der arme Jüngling ſehr gerührt, aber ihr ſeid ſo entſetzlich — 13— eiferſüchtig auf einen Jungen. Ich bin euch ſelber recht gut u. ſ. w.; aber ich drücke euch nicht todt, Mrs. Brown, nicht wahr? Sein Geſicht ſagte jedoch, daß er bei günſtiger Gelegen⸗ heit nicht ganz abgeneigt ſei, den Verſuch zu machen. Und ſpricht von Vogelbauern! flennte der Scheerenſchleifer, als ob das ein Verbrechen wäre, da ſeht einmal her! Wißt ihr, wem der gehört? Deinem Herrn, Goldſohn, ſagte die Alte mit einem Grinſen. Ah! entgegnete der Scheerenſchleifer, indem er einen großen in ein Tuch geſchlagenen Käfig auf den Tiſch ſetzte und die Hülle mit Händen und Zähnen aufband.'siſt unſer Papagei. Mr. Carkers Papagei, Rob? frug die Alte. Wollt ihr ſtill ſein, Mrs. Brown? erwiderte der ge⸗ reizte Scheerenſchleifer. Wozu nennt ihr den Namen? Ob die nicht einen armen Jungen verrückt machen kann, ſagte Rob, und fuhr ſich in ſeinem Aerger mit beiden Händen in die Haare. Was! Du willſt grob gegen mich ſein, undankbarer Bube? rief die Alte mit ſchnell auflodernder Heftigkeit. Du lieber Gott, Mrs. Brown, nein! entgegnete der Scheerenſchleifer, Thränen in den Augen. Iſt mir je ſo etwas vorgekommen! Bin ich euch nicht erſchrecklich gut, Mrs. Brown? Iſt das wahr, guter Rob? Wirklich wahr, mein liebes Söhnchen? Mit dieſen Worten umhalſte ihn Mrs. Brown von Neuem mit großer Zärtlichkeit und ließ ihn erſt wieder los, nachdem er mehrere Mal heftig und umſonſt geſtrampelt hatte und das Haar ihm zu Berge ſtand. Ol ſagte der Scheerenſchleifer,'s iſt doch ſchlimm, wenn man ſo mit Liebe überſchüttet wird, wie hier. Ich wollte, ſie wäre— wie iſt's gegangen, Mrs. Brown? O, ſeit acht Tagen nicht hier geweſen, ſagte die Alte und ſah ihn vorwurfsvoll an. Du lieber Gott, Mrs. Brown, entgegnete der Scheeren⸗ ſchleifer. Ich ſagte heut vor acht Tagen, daß ich heute kommen würde, nicht? und hier bin ich. Wie ihr euer auch beginnt! Ich wollte, ihr wäret ein bischen vernünftiger, Mrs. Brown. Ich bin ganz heiſer, ſo viel muß ich zu meiner Vertheidigung Er rieb es tüchtig mit dem Aermel, als wollte er den zärtlichen Glanz, von dem er geſprochen, wegſchaffen. Trink' ein Tröpfchen zur Stärkung, Robin, ſagte die Alte und ſchenkte aus der Flaſche ein Glas ein. Danke, Mrs. Brown, erwiderte der Scheerenſchleifer. Auf eure Geſundheit. Und mögt ihr lange u. ſ. w. Wel⸗ ches u. ſ. w. nach dem Ausdruck ſeines Geſichts zu urtheilen, die Wohl, ſagte der Scheerenſchleifer mit einem Blick auf Alice, welche immer noch auf dem alten Fleck ſaß, die Augen, wie er glaubte, auf die Wand, in Wirklichkeit aber auf Mr. Dombey hinter der Thür gerichtet; und möge ſie noch lange und viel u. ſ. w. Er trank darauf das Glas aus und ſetzte es wieder auf den Tiſch. ſagen, und mein Geſicht glänzt ordentlich von den vielen Küſſen. allerbeſten Wünſche zu enthalten ſchien. Und nun auf ihr — 15— Ja, was ich ſagen wollte, Mrs. Brown! fuhr er fort. Wir wollen jetzt ein bischen vernünftig ſprechen. Ihr ſeid ja eine Kennerin von Vögeln, wie ich zu meinem Schaden weiß. Schaden! wiederholte Mrs. Brown. Nutzen, meinte ich, erwiederte der Scheerenſchleifer. Wie ihr einen auch gleich unterbrechen könnt, Mrs. Brown! Ihr habt mich ganz aus dem Text gebracht. Eine Kennerin von Vögeln, ſagteſt du, Robby, erinnerte ihn die Alte. Ja richtig, ſagte der Scheerenſchleifer. Nun alſo, mir iſt dieſer Papagei übergeben worden— denn es wird bei einem gewiſſen Jemand Alles verkauft— und da ich ihn jetzt nicht ſehen laſſen möchte, ſo wollte ich euch bitten, ihn acht oder vierzehn Tage zu euch zu nehmen und zu füttern. Wenn ich einmal hierher kommen muß, ſagte der Scheerenſchleifer mit be⸗ trübtem Geſichte vor ſich hin, ſo iſt es wenigſtens gut, daß ich hier Jemand zu beſuchen habe. Jemand zu beſuchen? ſchrie die Alte. Außer euch, Mrs. Brown, erwiderte der zaghafte Rob. Gewiß ſeid ihr mir ſchon genug, um hierher zu kommen, Mrs. Brown. Um Gottes Willen fangt nicht noch einmal an. Er kümmert ſich nicht um mich! Er kümmert ſich nicht um mich, wie ich mich um ihn kümmere! rief Mrs. Brown und hob ihre dürren Hände in die Höhe. Aber ich will ſeinen Vogel in Pflege nehmen.— Und nehmt ihn ja in Acht, Mrs. Brown, ſagte Rob, und wiegte bedeutungsvoll den Kopf. Ich glaube — 16ñ— wahrhaftig, wenn ihr blos die Federn verkehrt ſtreicheltet, kriegt er es heraus. Iſt er ſo ſehr klug, Rob? ſagte Mrs. Brown raſch. Klug, Mrs. Brown! wiederholte Rob. Aber davon wol⸗ len wir nicht ſprechen. Damit brach er ab, ſah ſich ängſtlich im Zimmer um, ſchenkte das Glas voll, trank es langſam aus und ſchüttelte den Kopf. Darauf fing er an mit dem Finger immer und immer wieder über die Dräthe des Käfigs zu fahren, wie um den ge⸗ fährlichen Gegenſtand, der berührt worden war, vergeſſen zu machen. Die Alte ſah ihn liſtig an, rückte ihren Stuhl ganz dicht an ihn heran, beſah ſich den Papagei, der auf ihren Ruf von der Höhe ſeines Bauers herabkam, und ſagte: Ohne Stelle jetzt, Robby? Still davon, Mrs. Brown, erwiderte der Scheerenſchleifer kurz. Vielleicht auf Koſtgeld? ſagte Mrs. Brown. Schönes Papchen, ſagte der Scheerenſchleifer. Die Alte bedachte ihn mit einem Blick, der ihm hätte ſagen können, daß ſeine Ohren in Gefahr ſeien, wenn er ſich nicht gerade jetzt ſehr angelegentlich mit dem Papagei beſchäftigt hätte. Mich wundert’s nur, daß dich der Herr nicht mitgenommen hat, Rob, ſagte die Alte mit ſchmeichelnder Stimme, aber mit noch tückiſcherem Geſicht als vorhin. Rob war ſo verſunken in die Betrachtung des Papa⸗ geis und ſo eifrig beſchäftigt, an den goldnen Drähten mit — †%— dem Finger auf und ab zu fahren, daß er gar nicht ant⸗ wortete. Die Hand der Alten ſchwebte zum Anpacken bereit über ſeinem Kopf, als er ſich über den Tiſch bückte; aber ſie beherrſchte ſich noch und ſagte mit einer Stimme, welche durch die An⸗ ſtrengung, einen einſchmeichelnden Ton anzunehmen, faſt unhörbar wurde: Robby, mein Söhnchen. Was giebt'’s, Mrs. Brown? erwiderte der Scheerenſchleifer. Ich meinte eben, es wundert mich, daß der Herr dich nicht mitgenommen hat. Sprecht nicht davon, Mrs. Brown, entgegnete der Schee⸗ renſchleifer. Augenblicklich fuhr die rechte Hand der Mrs. Brown in ſein Haar und die linke an ſeine Kehle und packte den Gegenſtand ihrer zärtlichen Liebe ſo feſt an, daß ſein Geſicht in einem Augen⸗ blicke ſchwarz wurde. Mrs. Brown! ſchrie der Scheerenſchleifer, laßt mich los, ich ſage es euch! Was fällt euch ein? Hülfe, Hülfe! Ihr dort hinten! Mrs. Brown! Ungerührt von ſeinem Flehen blieb doch Alice ganz neu⸗ tral, bis Rob, nachdem er ſich mit ſeiner Gegnerin in eine Ecke gedrängt, ſich losmachte, keuchend und die Ellbogen ſchützend er⸗ hoben da ſtand, während die Alte ebenfalls, athemlos und vor Wuth und Rachgier mit den Füßen ſtampfend, Kraft zu einem neuen Anfall zu ſammeln ſchien. Da miſchte ſich auch Alice Boz. Dombey u. Sohn. IX. 2 — 18r— ein, aber nicht zu des Scheerenſchleifers Gunſten, und ſagte: Bravo, Mutter! Reiß' ihn in Stücke. Was, junge Frau, flennte Rob, ſeid ihr auch wider mich? Was hab ich euch gethan, weshalb ſoll ich denn eigentlich in Stücke zerriſſen werden? Warum würgt ihr einen armen Jungen, der euch nie etwas zu Leide gethan hat? Und ihr wollt noch dazu Frauenzimmer ſein! ſagte der ganz erſchrockene und tief betrübte Scheerenſchleifer und fuhr mit dem Aermelauf⸗ ſchlage nach den Augen. Ich muß mich über euch wundern! Wo iſt eure weibliche Zärtlichkeit geblieben? Du undankbarer Bube! rief Mrs. Brown, du unver⸗ ſchämter, böſer Bube! Was habe ich euch denn auf einmal zu Leide gethan, Mrs. Brown? frug Rob mit Thränen. Ihr wart mir ja noch vor einer Minute ſo gut? 3 Will mich mit kurzen Antworten und mürriſchen Reden abſpeiſen! ſagte die Alte. Mich! Weil ich gern ein Bischen plaudern möchte von ſeinem Herrn und der Madame, wagt er es mich zum Beſten zu haben. Aber ich werde gar nicht mehr mit dir reden, Burſche. Jetzt geh!. Ich habe ja gar nicht geſagt, daß ich gehen wollte, Mrs. Brown, erwiderte Rob ganz demüthig und zerknirſcht. Sprecht doch nicht ſo, gute Mrs. Brown. Ich will gar nichts ſprechen, ſagte Mrs. Brown, mit einer Bewegung ihrer gekrümmten Finger, die ihn veranlaßte, ſich noch tiefer in die Ecke zu drücken. Kein Wort mehr ſoll über meine Lippen kommen. Er iſt ein undankbarer Bube. Ich ſage mich — — △ 70— 2 2 — — — — 19— los von ihm. Jetzt mag er gehen! Und ich will Leute auf ihn hetzen, die zu viel reden, die nicht von ihm laſſen, die an ihm hängen wie Blutegel und ihm nachſchleichen wie Füchſe. Was! Er kennt ſie. Er kennt ſeine alten Streiche und Schliche. Wenn er ſie vergeſſen hat, werden ſie ihn daran erinnern. Jetzt mag er gehen und ſehen, wie er ſeines Herrn Geſchäfte verrichtet und ſeines Herrn Geheimniſſe bewahrt, wenn ihn ſolche Leute auf Schritt und Tritt verfolgen. Ha, ha, ha! Er wird an ihnen andere Leute finden, als an mir und an dir, Ally, ſo ver⸗ ſchwiegen er gegen uns thut. Jetzt mag er gehen! Die Alte humpelte um den geängſtigten Scheerenſchleifer in einem Kreis von etwa vier Fuß im Durchmeſſer herum, wieder⸗ holte beſtändig dieſe Worte, drohte ihm mit der Fauſt und be⸗ wegte in ſtummer Wuth in einem fort den zahnloſen Mund. Mrs. Brown, ſprach Rob und trat ein wenig aus der Ecke. Ihr werdet doch gewiß einem Jungen bei ordentlicher Ueberlegung und kaltem Blute nichts thun? Sprich nicht mit mir, ſagte Mrs. Brown, ihn immer noch grimmig umkreiſend. Jetzt mag er gehen, jetzt mag er gehen! Mrs. Brown, flehte der beängſtigte Scheerenſchleifer, ich wollte ja gar nicht— ach,'siſt doch ſchlimm für einen Jungen, wenn er in ſolche Geſchichten kommt.— Ich ſpreche nur nicht gern von den Sachen, Mrs. Brown, weil ich behutſam ſein muß, denn er erfährt Alles; aber ich hätte wiſſen können, daß es hier nicht weiter geſagt wird. Ich habe ja gar nichts gegen ein klein wenig Plaudern, Mrs. Brown, ſagte er mit einem Jammerge⸗ ſicht. Beginnt euer doch nicht ſo, gute Mrs. Brown. Ach 2* wollt ihr nicht ſo gut ſein und ein gutes Wort für einen armen Jungen einlegen? ſagte der Scheerenſchleifer und wendete ſich in ſeiner Verzweiflung an die Tochter. Komm, Mutter, du hörſt, was er ſagt, ſagte dieſe jetzt mit einer ungeduldigen Bewegung ihres Kopfes; verſuche es noch einmal mit ihm, und wenn es dann nicht geht, ſo kannſt du ihn zu Grunde richten und dann biſt du auf immer mit ihm fertig. Gerührt, wie es ſchien, von dieſer ſehr liebevollen Mah⸗ nung, fing Mrs. Brown ſogleich an zu heulen; und allmählig weichmüthiger werdend drückte ſie den armen Scheerenſchleifer an ihre Bruſt, der mit einem unausſprechlich jämmerlichen Geſichte ihre Umarmung erwiderte und als ein wahres Opferlamm ſeinen erſten Platz dicht neben ſeiner ehrwürdigen Freundin wieder ein⸗ nahm. Mit einem gezwungen freundlichen Geſicht, auf dem nur manchmal ſchüchterne Anzeigen ſeiner gewaltſam niedergehaltenen Empfindungen ganz entgegengeſetzter Art durchblickten, ließ er es ſich gefallen, daß ſie ſeinen Arm durch den ihrigen zog und ihn ſo feſt hielt. Und was macht dein Herr, lieber Goldſohn? ſagte Mrs. Brown, als ſie in freundſchaftlicher Umarmung neben einander ſitzend ſich zugetrunken hatten. Still! Seid doch ſo gut und ſprecht ein bischen leiſer, Mrs. Brown, flehte Rob. Nun ich glaube, er befindet ſich ziemlich wohl, ich danke ſchön. Du biſt nicht in Dienſt, Robby, ſagte Mrs. Brown in ſchmeichelndem Tone. — 21— n Nun ich bin nicht gerade außer Dienſt und nicht gerade n in Dienſt, ſtotterte Rob. Ich— ich ſtehe immer noch in Lohn, Mrs. Brown. Und nichts zu thun, Rob? st Nichts Beſonderes vor der Hand, Mrs. Brown, blos— h blos die Augen offen zu behalten, ſagte der Scheerenſchleifer 3 und rollte ſie verzweiflungsvoll. g. Der Herr iſt verreiſt, Rob? h⸗ Ach, um Gottes Willen, Mrs. Brown, könnt ihr nicht lig mit einem armen Jungen von etwas Anderm ſprechen? rief der an Scheerenſchleifer in einem Ausbruch der Verzweiflung. hte Die jähzornige Mrs. Brown ſtand raſch auf, aber der ien arme Rob hielt ſie feſt und ſtotterte ängſtlich: Ja, ja, Mrs. in⸗ Brown, ich glaube, er iſt verreiſt. Was ſtarrt ſie denn an? fügte nur er hinzu, auf die Tochter deutend, deren Augen ſich auf das Ge⸗ nen ſicht hefteten, welches jetzt wieder hinter ihm hervorſah. es Küͤmmere dich nicht um ſie, Kind, ſagte Mrs. Brown und ihn hielt ihn feſter, damit er ſich nicht umſähe. s iſt ihre Art ſo— ihre Art. Sage mir, Rob, haſt du niemals die Madame geſehen? ers. Ach, Mrs. Brown, was für eine Madame? rief der nder Scheerenſchleifer in jämmerlich flehendem Tone. Was für eine Madame? entgegnete ſie. Die Madame, ſſer, Mrs. Dombey. nlich Ja, ich glaube, ich habe ſie einmal geſehen, gab Rob zur Antwort. 1 in Die Nacht, wo ſie entfloh, Robby, nicht wahr? ſagte ihm die Alte ins Ohr und beobachtete jede Veränderung in ſeinem — 22— Geſicht. Ha, ha! Ich weiß, daß du ſie dieſe Nacht geſehen haſt. Nun, wenn ihr wißt, daß ich ſie dieſe Nacht geſehen habe, erwiderte Rob, ſo braucht ihr einen armen Jungen nicht erſt zu peinigen, daß er es ſagt. Wo ſind ſie an dieſem Abend hingegangen, Rob? Gleich fort? Wie reiſten ſie, wo haſt du ſie geſehen? Lachte ſie, weinte ſie? Erzähle mir Alles, rief die alte Hexe, indem ſie ihn noch feſter an ſich drückte, ſich die Hände rieb und jeden Zug ſeines Geſichts mit ihren rothen, triefigen Augen belauerte. Sprich! fang an! Ich will Alles wiſſen. Was, Rob, mein Sohn! Wir beide können ſchon ein Geheimniß für uns behalten, nicht wahr Wir haben es ſchon früher verſucht. Wo gingen ſie zuerſt hin, Rob? Der unglückliche Scheerenſchleifer verſuchte zu ſprechen, aber das Wort blieb ihm im Munde ſtecken. Biſt du ſtumm? ſagte die Alte heftig. Gott, Mrs. Brown, nein! Bei euch ſoll man ſo ſchnell wie ein Blitz ſein. Ich wollte, ich wäre das elektriſche Fluidum, murmelte der geängſtigte Scheerenſchleifer, ich wollte einen ge⸗ wiſſen Jemand treffen, daß es aus mit ihm wäre. Was ſagſt du? frug die Alte mit einem Grinſen.) Ich trinke eure Geſundheit, Mrs. Brown, erwiderte der heuchleriſche Rob und ſuchte Troſt im Glaſe. Wohin ſie zuerſt b gingen, wollt ihr wiſſen? Er und Madame, meint ihr?**½ Ja, ja! ſagte die Alte ungeduldig. Gott, ſie gingen nirgend hin— zuſammen, meine ich, entgegnete Rob. 8 tell im, ge⸗ der erſt ich, — 23— Die Alte ſah ihn an, als hätte ſie große Luſt, ihm noch einmal in die Haare und an die Kehle zu fahren. Sie wurde aber davon abgehalten durch eine gewiſſe ſtörriſche, geheimniß⸗ volle Miene ſeines Geſichts. Das iſt eben die Kunſt, ſagte endlich zögernd Rob; nie⸗ mand hat ſie gehen ſehen und niemand weiß, wohin ſie gegangen ſind. Sie gingen zweierlei Wege, müßt ihr wiſſen, Mrs. Brown. Ja, ja, ja! Um ſich an einem beſtimmten Ort zu treffen, lachte die Alte, nachdem ſie ihn eine Weile forſchend angeſehen hatte. Gott, wenn ſie ſich nicht hätten wo treffen wollen, ſo hätten ſie doch wohl eben ſo gut zu Hauſe bleiben können. Meint ihr nicht auch, Mrs. Brown? erwiderte Rob immer noch mit Sträuben. Richtig, Rob! Nur weiter! ſagte die Alte und zog ihn noch feſter an ſich, als fürchtete ſie, er möchte ihr entſchlüpfen. Was, haben wir noch nicht genug geplaudert, Mrs. Brown? erwiderte Rob, der durch das Gefühl des erlittenen Unrechts, durch den Branntwein und die Seelenqual ſo weinerlich ge⸗ worden war, daß er faſt bei jeder Antwort mit dem Rockärmel ſich in das Auge fuhr und ein erfolgloſes, flehendes Winſeln hören ließ. Ob ſie lachte, wie ſie fortging? Wolltet ihr wiſſen, ob ſie lachte, Mrs. Brown? Oder weinte, ſetzte die Alte mit einem beiſtimmenden Nicken hinzu. — 24— Keins von Beiden, ſagte der Scheerenſchleifer. Sie war eu ſo ruhig, als Sie und ich— o ich ſehe, ihr wollt es durchaus da von mir wiſſen, Mrs. Brown! Aber erſt müßt ihr ſchwören, de daß ihr es keinem Menſchen ſagen wollt. ihr Dies that denn auch Mrs. Brown mit großer Bereitwilliga vo keit, natürlich mit jeſuitiſchem Vorbehalt; denn ſie bezweckte ja 6— bl os, daß der verborgene Gaſt das Geheimniß höre. m Sie war ſo ſtill wie ein Bild, als ſie und ich nach South⸗ ampton fuhren, ſagte der Scheerenſchleifer. Am Morgen war zu ſie noch ganz eben ſo, Mrs. Brown. Und wie ſie allein vor las Tagesanbruch mit dem Paketſchiff abſegelte— ich als ihr Be⸗ dienter begleitete ſie an Bord— war ſie immer noch ſo. Seid ga ihr nun zufrieden, Mrs. Brown? w Nein, Rob. Noch nicht, erwiderte Mrs. Brown mit ge Entſchiedenheit. Al Gott, was das für eine Frau iſt! rief der unglückliche ſen Rob ganz kläglich. Was wollt ihr denn nun noch wiſſen, Mrs. er Brown? er Was iſt aus deinem Herrn geworden? Wohin iſt er ge⸗ gangen? frug ſie ihn, während ſie ihn immer noch feſthielt leg und ihn mit ihren forſchenden Augen ſcharf anſah. 4 ge Bei meiner Seelen Seligkeit, ich weiß es nicht, Mrs. Brown, au erwiderte Rob. Bei meiner Seelen Seligkeit, ich weiß nicht, was er macht, oder wohin er ging, ich weiß gar nichts von ihm. Ich weiß nur, was er mir zum Abſchiede ſagte, als er mir befahl reinen ſch Mund zu halten; und ich ſage es euch als Freund, Mrs. Brown, ihr thut beſſer, euch eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen oder ſie 1 — 25— r euch hier in dem Hauſe einzuſchließen und es anzubrennen, als 8 daß ihr ein Wort von dem, was ich euch jetzt ſage, verrathet, 1 denn er würde nichts unterlaſſen, um ſich zu rächen. Ihr kennt ihn nicht halb ſo gut als ich, Mrs. Brown. Ihr ſeid nie ſicher - vor ihm, das könnt ihr glauben. a Sab' ich nicht geſchworen, und werde ich meinen Schwur nicht halten? entgegnete die Alte. ⸗ Na, das will ich hoffen, Mrs. Brown, gab Rob in etwas ar zweifelhaftem Tone und nicht ohne ein Drohen durchblicken zu r laſſen zur Antwort. Euret⸗ ſo gut wie meinetwegen. ce. Er blickte ſie bei dieſer freundſchaftlichen Warnung an und id gab ihr mit einem Kopfnicken noch mehr Nachdruck; aber es wurde ihm ganz unbehaglich bei dem Anblick des gelben Hexen⸗ it geſichts mit ſeinen grotesken Verzerrungen, und der rothen Augen mit dem lauernden Blick, ſo daß er unruhig die Augen he ſenkte, und verlegen auf dem Stuhl hin und her rückte, als ob 8. er verſuchte, Kraft zu einer mürriſchen Erklärung zu finden, daß er nun keine Fragen mehr beantworten wolle. e⸗ Die Alte, die ihn immer noch feſthielt, benutzte die Ge⸗ elt legenheit, um dem verſteckten Beobachter mit dem erhobenen Zei⸗ gefinger ein verſtohlenes Signal zu geben, daß er ganz beſonders n, auf das, was jetzt kommen werde, merken ſolle. as Rob, ſagte ſie endlich in ihrem liebkoſenden Tone. ch Ach du meine Güte, Mrs. Brown, was giebt es denn en ſchon wieder? erwiderte verzweiflungsvoll der Scherenſchleifer. mw. Rob! wo wollten ſich der Herr und Madame treffen? frug ſie wieder. — 26— Rob rutſchte verlegen auf dem Stuhle hin und her, ſenkte den Blick und hob ihn wieder, biß ſich in den Daumen und trocknete ihn an der Weſte ab, und ſagte endlich, indem er er ſeine Peinigerin von der Seite anſah: Wie ſoll ich das p biſſen. Mrs. Brown? 8 Die Alte erhob wieder den Finger, wie vorhin, widerte: Komm, Kind. Es nützt nichts, mir ſo viel zu ſagen und das Uebrige zu zu verſchweigen. Ich will wiſſen— u nd * erwartete ſie eine Antwortrt. Nach einer verlegenen Pauſe platzte Rob plötzlich hrnus⸗ Wie kann ich die Namen von ausländiſchen Orten ausſprechen, Mrs. Brown? Was ihr für eine unvernünftige Frau ſeid! Aber du haſt den Namen nennen hören, Robby, ant⸗ wortete ſie beſtimmt, und weißt, wie er klang. Nun! Ich habe ihn nie nennen hören, Mrs. Brown, erwiderte der Scheerenſchleifer. Dann haſt du ihn geſchrieben geſehen, und du kannſt ihn mir vorbuchſtabiren, gab die Alte raſch zurück. Mit einem ärgerlichen Ausruf zwiſchen Lachen und Wei⸗ nen— denn er mußte wider ſeinen Willen Mrs. Browns Schlauheit Bewunderung zollen— brachte Rob nach kurzem widerwilligen Suchen in der Weſtentaſche ein Stück Kreide her⸗ vor. Der Alten Augen funkelten, als ſie es zwiſchen ſeinem Daumen und ſeinem Zeigefinger ſah, und nachdem ſie haſtig, was auf dem breternen Tiſche lag und ſtand, zurückgeſchoben, damit er das Wort dorthin ſchreiben könne, machte ſie noch einmal mit der zitternden Hand ihr Signal. — 22— Nun will ich euch aber gleich vornweg ſagen, Mrs. Brown, daß euch weiteres Fragen gar nichts nützt. Ich ant⸗ worte nicht mehr; ich kann nicht. Wann ſie ſich treffen wollten, oder warum ſie allein reiſte, das weiß ich ſo wenig wie ihr ſelbſt. Ich weiß kein Wort darüber. Wenn ich euch erzählen wollte, wie ich das Wort erfahren habe, ſo würdet ihr mir es glauben. Soll ich's euch ſagen, Mrs. Brown? Ja, Rob, ſagte ſie. Gut alſo, Mrs. Brown. Es ging ſo zu— nun dürſt ihr aber nicht weiter fragen, wißt ihr, ſagte Rob, und ſah ſie mit Augen an, die immer ſchläfriger und gläſerner wurden. Kein Wort weiter, betheuerte Mrs. Brown. Es ging alſo ſo zu. Als eine gewiſſe Perſon— ich war dabei— von der Madame Abſchied nahm, drückte er ihr einen beſchriebenen Zettel in die Hand, im Fall ſie es vergeſſen ſollte, ſagte er. Sie mußte nicht fürchten es zu vergeſſen, denn ſie zerriß den Zettel, ſo wie er den Rücken gewendet hatte, und als ich den Wagentritt aufſchlug, fiel ein Stück von dem Papier heraus— das Uebrige muß ſie auf die Straße geworfen haben,— denn ich fand weiter nichts, obgleich ich darnach ſuchte. Es ſtand nur ein einziges Wort darauf, und das war folgendes, wenn ihr es durchaus wiſſen wollt. Aber vergeßt nicht! Ihr habt geſchworen, Mrs. Brown. Das wußte Mrs. Brown wohl, ſagte ſie, und Rob fing an, ſeine Buchſtaben langſam und mühſam auf den Tiſch zu malen. — 28— D, las die Alte laut, als er mit dem erſten Buchſtaben fertig war. Wollt ihr ruhig ſein, Mrs. Brown? rief er aus, indem er raſch den Buchſtaben mit der Hand verdeckte und ſie ärgerlich anſah, es ſoll nicht laut geleſen werden. Still alſo! Dann ſchreib' aber groß, Rob, ſagte ſie, und wiederholte ihr verſtohlenes Signal; denn du weißt, meine Augen ſind alt und ſchlecht. Ein paar unverſtändliche Worte vor ſich hin murmelnd, ging Rob mit merkbarem Widerwillen wieder an ſein Werk. Wie er den Kopf niederbeugte, trat die Perſon, für die er ohne es zu wiſſen ſich mühte, aus ihrem Verſteck hervor und dicht hinter ihn, und folgte geſpannt den langſamen Zügen ſeiner Hand auf dem Tiſche. Zu gleicher Zeit betrachtete ihn Alice von ihrem Sitze aus, während er die Buchſtaben bildete, und wiederholte jeden einzelnen mit den Lippen, ohne ihn laut auszuſprechen. So wie einer fertig war, begegnete ihr Blick dem Mr. Dombey's, als wollten ſie gegenſeitig bei einander Beſtätigung ſuchen; und ſo buchſtabirten ſie Beide: D. J. J. O. N. Das iſt es! ſagte Rob, und befeuchtete raſch die eine Hand⸗ fläche, um das Geſchriebene wegzuwiſchen; und damit noch nicht zufrieden rieb er die Stelle mit dem Rockärmel, bis jede Spur von Kreide von dem Tiſch verſchwunden war. Jetzt, denk ich, ſeid ihr zufrieden, Mrs. Brown! ſagte er. Zum Zeichen, daß dies der Fall ſei, ließ die Alte jetzt ſeinen Arm los und klopfte ihn auf den Rücken; und der arme Scheeren⸗ ſchleifer, müde von dem Aerger, dem Verhör und dem Branntwein, ——&—&— — 29— legte beide Arme auf den Tiſch, ließ ſeinen Kopf darauf fallen und ſchlief ein. Nicht eher, als bis er eine Zeit lang feſt geſchlafen hatte und tüchtig ſchnarchte, winkte die Alte Mr. Dombey, aus ſeinem Verſteck hervorzutreten und zu gehen. Selbſt da noch blieb ſie bei Rob ſtehen, bereit ihm die Augen zuzuhalten, oder ſeinen Kopf wieder auf den Tiſch zu drücken, wenn er ihn erheben ſollte, während der Beſuch verſtohlen nach der Thür eilte. Aber obgleich ihr Auge den Schlafenden ſcharf bewachte, vergaß ſie auch des Fremden nicht; und als er ihre Hand berührte und trotz aller ſeiner Vorſicht ein goldiges Klimpern verurſachte, wurde ihr Blick ſo hell und gierig wie der Blick eines Raben. Das düſtre Auge der Tochter folgte ihm nach der Thür, und merkte wohl, wie bleich er war, und wie ſein haſtiger Schritt anzeigte, daß der geringſte Verzug ihm unerträglich ſei, und daß er von Verlangen brenne etwas zu thun. Wie er die Thür hinter ſich zumachte, ſah ſie ihre Mutter an. Die Alte humpelte zu ihr hin; öffnete ihre Hand, um zu zeigen, was drin ſei; ſchloß ſie wieder feſt und raſch, und flüſterte heiſer: Was wird er anrichten, Ally? Unheil, ſagte die Tochter. Mord? frug die Alte. Er iſt wahnſinnig in ſeinem verletzten Stolz, und weder wir noch er kann wiſſen, ob es nicht ſo weit kommt, ſagte die Tochter. Ihr Auge funkelte heller und wilder als das Auge ihrer Mutter; aber auf ihrem Antlitz lag Todenbläſſe. — 30— Sie ſprachen weiter nichts und blieben ſtumm ſitzen, die Mutter mit ihrem Gelde, die Tochter mit ihren Gedanken be⸗ ſchäftigt, die Augen beider durch die Dämmerung des kärglich erleuchteten Zimmers glänzend. Rob ſchlief und ſchnarchte. Nur der Papagei regte ſich. Er arbeitete und zerrte mit ſeinem krummen Schnabel an den Drähten ſeines Käfigs, und kletterte in die Kuppel hinauf und wieder abwärts mit dem Kopfe zuerſt, und biß und ſchüttelte an jedem glänzenden Stab, als ahne er ſeines Herrn Gefahr und wollte hinaus, um ihn zu warnen. —— Dreiundfunfzigſtes Kapitel. Neue Nachrichten. Auf Zweien von des Verräthers Geſchlecht— auf ſeinem ver⸗ ſtoßenen Bruder und der Schweſter— laſtete die Bürde ſeiner Schuld faſt noch ſchwerer, als auf dem Manne, den er ſo tödtlich beleidigt hatte. Die Welt mit ihrer zudringlichen Neugier leiſtete Mr. Dombey wenigſtens den Dienſt, ihn zur Verfolgung und Rache anzuſpornen. Sie ſtachelte ſeine Wuth auf, weckte ſeinen Stolz, zwängte den einen Gedanken ſeines Lebens in eine Geſtalt, und gab ſeinem Grimm an dem Gegenſtande, auf den ſich ſeine ganze geiſtige Thätigkeit jetzt lenkte, eine neue Nahrung. Die ganze Hartnäckigkeit und Unverſöhnlichkeit ſeines Charakters, ſeine ganze mürriſche Schroffheit und Unnahbarkeit, die maßloſe Ueber ſchätzung ſeiner ſelbſt, und die argwöhniſche Neigung, die ge ringſte Verletzung oder Nichtanerkennung ſeiner Würde bei An⸗ dern zu rächen, nahmen dieſen Weg wie viele in einem einzigen Strom vereinigte Bäche, und trugen ihn von dannen auf ihrer — 32— Fluth. Der leidenſchaftlichſte und jähzornigſte aller Menſchen wäre ein milderer Feind geweſen, als der kalte Dombey, jetzt da er einmal ſo weit gereizt war. Ein wildes Thier hätte ſich leichter verſöhnen laſſen, als der ernſte Herr mit dem faltenloſen geſtärkten Halstuch. Aber die Intenſität ſeines Willens wurde ſchon faſt ein Erſatz für die That. So lange er des Verräthers Zufluchtsort noch nicht kannte, wurde ſein Geiſt dadurch von ſeinem Unglück abgelenkt und erquickte ſich an dem Ausmalen der Rache. Der Bruder und die Schweſter ſeines heuchleriſchen Günſtlings hatten keinen ſolchen Troſt; jede Zeile ihrer vergangenen und gegenwärtigen Geſchichte prägte ſeine Schuld ihrem Herzen nur noch ſchmerzlicher ein. Die Schweſter dachte vielleicht manchmal bekümmert, daß, wenn ſie in früherer geſchwiſterlicher Vertrautheit um ihn verweilt hätte, er vielleicht freigeblieben wäre von dem Verbrechen, das er ſich hatte zu Schulden kommen laſſen. Wenn ſie jemals ſo dachte, ſo geſchah es gewiß ohne das leiſeſte Bedauern deſſen, was ſie gethan, ohne den geringſten Zweifel an ihrer Pflicht, ohne das mindeſte Ueberſchätzen ihrer Hingebung. Aber wenn dieſe Möglichkeit ihrem büßenden Bruder in den Sinn kam, ſo traf ſie ſein Herz mit unerträglicher Schärfe. Ueber ſeinen grau⸗ ſamen Bruder zu klagen kam ihm nicht in den Sinn. Neue Selbſtbeſchuldigungen, Klagen über ſeinen eignen Unwerth und die Abgeſchiedenheit von der Welt, in der nicht ganz allein zu ſein für ihn zugleich ein Troſt und ein Vorwurf war, das waren die einzigen Empfindungen und Gedanken, die ihn erfüllten. — — — 33— An demſelben Tage, deſſen Abend wir im vorigen Kapitel beſchrieben, und als Mr. Dombey's Welt ſich am eifrigſten mit der Flucht ſeiner Frau beſchäftigte, wurde das Fenſter des Zimmers, an welchem Bruder und Schweſter beim zeitigen Frühſtück ſaßen, von dem Schatten eines unerwarteten Beſuchs verdunkelt: es war Perch, der Markthelfer. Ich bin nach meinen Inſtructionen von geſtern zeitig von Ballspond herübergegangen, ſagte Mr. Perch, indem er ver⸗ traulich zur Thür hereinguckte und ſich ſorgfältig die ganz reinen Schuhe auf dem Strohteppich abſtrich. Sie lauten, Ihnen, Mr. Carker, ehe Sie ausgingen, dieſen Brief zu überbringen. Ich wäre ſchon ſeit anderthalb Stunden hier, ſagte Mr. Perch mit weicher Stimme, wenn nicht Mrs. P. in ſo ſchlimmen Unſtänden wärez fünfmal letzte Nacht glaubte ich ſie zu verlieren. Iſt Ihre Frau ſo krank? frug Harriet. Ja, ſehen Sie, ſagte Mr. Perch, nachdem er ſich erſt umgedreht hatte, um die Thür ſorgfältig zuzumachen; ſie nimmt ſich Alles ſo ſehr zu Herzen, was in unſerm Hauſe vorfällt, Miß. Sehen Sie, ſie hat ſo erſtaunlich zarte Nerven, die leicht zu erſchüttern find. Ich will gar nicht etwa ſagen, daß hier die ſtärkſten Nerven hätten ungerührt bleiben können. Sie fühlen es gewiß ſelber recht ſehr! Harriet unterdrückte einen Seufzer und ſah ihren Bruder an. Ich fühle es auch, wie es einem ſo geringen Manne zukommt, fuhr Mr. Perch mit einem Kopfſchütteln fort, und auf eine Weiſe, die ich mir gar nicht zugetraut hätte. Es wirkt auf mich faſt wie Schnaps. Es iſt mir wirklich jeden Morgen, als ob ich in der Nacht mehr, als mir gut jſt, zu mir genommen hätte. Boz. Dombey u. Sohn. IX. 3 — 34— 1 Des Mr. Perch äußere Erſcheinung beſtätigte dieſe Worte. Auf ſeinen Zügen malte ſich eine Art fieberiſcher Abſpannung, die auf Schnäpſe hinzudeuten ſchien, und die in der That dem Umſtand zuzuſchreiben war, daß er ſich ſo häufig, tractirt und ausgefragt, in den Wirthshäuſern fand. Daher kann ich wohl von den Gefuͤhlen derjenigen urtheilen, die in dieſer ſchmerzlichen Enthüllung eigenthümlich placirt ſind, ſagte Mr. Perch wieder mit weicher Stimme und bedeu⸗ tungsvollem Kopfſchütteln. Hier wartete Mr. Perch auf eine vertraute Mittheilung; und da dieſe nicht kam, huſtete er in die Hand. Da dies zu nichts führte, huſtete er in den Hut; und da dies auch noch zu nichts führte, ſetzte er den Hut auf den Boden und ſuchte in der Bruſttaſche nach dem Briefe. Wenn ich mich recht beſinne, iſt keine Antwort drauf, ſagte Mr. Perch mit einem leutſeligen Lächeln; aber vielleicht ſind Sie ſo gut und werfen einen Blick darauf, Sir. John Carker brach das Siegel— es war Mr. Dombey’s Siegel— las den ſehr kurzen Brief, und erwiderte: Nein. Es iſt keine Antwort. Dann wünſche ich Ihnen einen guten Morgen, Miß, ſagte Perch und machte einen Schritt nach der Thür, und hoffe, daß Sie ſich wegen der neulichen ſchmerzlichen E hüllung nicht mehr Kummer machen als nöthig iſt. Die Zeitungen, fuhr Mr. Perch fort, indem er wieder zwei Schritte zurücktrat und Bruder und Schweſter mit geheimnißvollem Flüſtern anredete, die Zeitungen ſind begieriger nach Auskunft, als Sie ſich's denken * können. Eine von den Sonntagszeitungen, in einem blauen Mantel und weißen Hut, die mich früher einmal hatte beſtechen wollen— ich brauche ja wohl gar nicht zu ſagen, mit welchem Erfolg?— trieb ſich geſtern Abend bis zwanzig Minuten nach acht Uhr auf unſerm Hof herum. Ich ſah ſelber, wie er das Auge an das Comptoirſchlüſſelloch legte. Das iſt aber patentirt und mit dem Durchgucken iſt's nichts. Ein Anderer mit einem Schnurenrock, fuhr Mr. Perch fort, iſt den ganzen langen Tag im„Königswappen.“ Vorige Woche ließ ich dort eine kleine Bemerkung fallen, und nächſten Morgen, Sonntags, ſah ich's auf das Allererſtaunlichſte ausgearbeitet und gedruckt. Mr. Perch griff in ſeine Brieftaſche, als wollte er den Artikel herausholen, da er ſich aber nicht weiter dazu aufgemun⸗ tert ſah, zog er ſeine Handſchuhe heraus, ergriff den Hut und nahm Abſchied; und ehe es Mittag war, hatte Mr. Perch ver⸗ ſchiedenen auserleſenen Geſellſchaften in dem„Königswappen“ und anderwärts erzählt, wie Miß Carker, in Thränen ausbrechend,⸗ ihn bei beiden Händen ergriffen und geſagt hatte: O, guter lieber Perch, Ihr Anblick iſt der einzige Troſt, den ich habe! und wie Mr. John Carker mit feierlicher Stimme geſagt: Perch, ich ſage mich los von ihm. Ich mag ihn nie wieder Bruder nennen hören! Lieber John, ſagte Harriet, als ſie wieder allein waren und einige Minuten lang geſchwiegen hatten. Der Brief bringt ſchlimme Nachrichten.. Ja, aber keine unerwarteten, entgegnete er. Ich ſah den Schreiber geſtern. 3* — ubaas ereer aeue — 36— Den Schreiber? frug ſie. Mr. Dombey. Er ging zweimal durch das Comptoir, als ich dort war. Ich hatte ihm bis dahin aus dem Wege gehen können, aber lange ging dies natürlich nicht. Ich kann es nur natürlich finden, daß mein Anblick verletzt. Hat er es geſagt? frug die Schweſter. Nein, er ſagte nichts; aber ich ſah, daß ſein Blick eine Secunde auf mir ruhte, und war vorbereitet auf das, was ge⸗ ſchehen würde— was geſchehen iſt. Ich bin entlaſſen! Sie machte ein ſo wenig betroffnes und ſo hoffnungsvolles Geſicht, als ihr nur möglich war, aber es war aus mehr als einem Grunde eine traurige Nachricht. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, ſo lautete der Brief, den John Carker jetzt vorlas, warum Ihr Name auch in der entfernteſten Verbindung mit dem meinigen mir unnatürlich klingen muß, und warum ich den taͤglichen Anblick eines Mannes, der dieſen Namen führt, nicht ertragen kann. Ich benachrichtige Sie daher, daß von heute an alle Verbindung zwiſchen uns aufhört, und daß ich Verſuche Ihrerſeits, ſich mit meinem Hauſe wieder in Verbindung zu ſetzen, unterlaſſen zu ſehen wünſche.— Beigeſchloſſen iſt eine Geldſumme, die i niß zu dem edelmüthig langen Brief ſteht, und das Entlaſſung. Gott weiß, Harriet, ſie iſt nachſichtig und ſchonend genug, wenn man Alles bedenkt! Wenn es überhaupt nachſichtig und ſchonend n, dich für die Verbrechen eines Andern zu ſtrafen, John, erwiderte ſie ſanft. — 3— Wir ſind ein verhängnißvolles Geſchlecht für ihn, ſagte John Carker. Er hat Grund genug, den Klang unſres Namens zu haſſen, und zu glauben, wir müßten etwas Böſes und Ver⸗ fluchtes im Blute haben. Ich möchte es faſt ſelbſt denken, Harriet, wenn du nicht wärſt. Bruder, ſprich nicht ſo. Wenn du einen beſondern Grund haſt mich zu lieben— wie du ſagſt und glaubſt— ich ſage aber nein!— ſo verſchone mich mit ſolchen Worten! Er bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen; die Schweſter aber trat neben ihn, und er ließ es ruhig zu, daß ſie eine ſeiner Hände ergriff. Nach ſo vielen Jahren iſt ein ſolcher Abſchied traurig, ſagte Harriet, und die Veranlaſſung iſt für uns Beide ſchrecklich. Und wir müſſen leben und nach den Mitteln dazu uns umſehen. Nun, wir können es ohne Furcht thun. Es iſt unſer Stolz, und nicht unſer Schmerz, John, zu dulden und zu kämpfen, und zwar mit einander! Ein Lächeln ſpielte um ihre Lippen, als ſie ihn auf die Wangen küßte und ihn bat, nur guten Muths zu ſein. O, geliebteſte Schweſter! Nach eigner freier Wahl an einen ruinirten Menſchen gefeſſelt, deſſen Ruf vernichtet iſt; der ſelbſt keinen Freund hat, und jeden deiner Freunde wegge⸗ trieben hat! „† John! ſagte ſie und legte ihre Hand auf ſeine Lippen, ich bitte dich um meinetwillen! um unſers langen Zuſammenlebens willen!— Er ſchwieg.— Jetzt will ich dir etwas ſagen, lieber Bruder, fuhr ſie fort, indem ſie neben ihm Platz nahm. Ich 8 22——ͦ4 — me — 38— habe dies ſo gut wie du erwartet; und wenn ich daran gedacht und mich darauf gefaßt gemacht habe, ſo war ich entſchloſſen, dir in dieſem Falle zu ſagen, daß ich dir ein Geheimniß verhehlt habe, und daß wir einen Freund beſitzen! Wie heißt unſer Freund, Harriet? antwortete er mit trübem Lächeln. Ich weiß es wirklich nicht; aber er betheuerte mir einmal mit großem Ernſte ſeine Freundſchaft und ſeinen Wunſch uns zu dienen; und heute noch glaube ich ihm. Harriet! rief ihr Bruder verwundert aus, wo wohnt dieſer Freund? Das weiß ich auch nicht, entgegnete Harriet. Aber er kennt uns Beide,— und auch unſere früheren Schickſale, John. Aus dieſem Grunde gerade habe ich dir bis jetzt verhehlt, daß er hierher kommt, damit dich ſeine Bekanntſchaft mit dieſen Sachen nicht betrübe. Hier! Iſt er hier geweſen, Harriet? Hier, in dieſem Zimmer. Einmal.„ Was iſt's für ein Mann? Mit grauem Haar, das bald weiß wird, wie er ſelbſt ſagte. Aber edel und offen und gut, davon bin ich überzeugt. Und du haſt ihn nur einmal geſehen, Harriet? In dieſem Zimmer nur einmal, ſagte ſeine Schweſter, während ein leichtes Roth über ihre Wange flog; aber als er hier war, bat er mich, mich ihm einmal wöchentlich bei ſeinem Vorübergehen zu zeigen, zum Zeichen unſres Wohlbefindens. Denn als er ſeine Dienſte anbot— das war der Zweck ſeines — — — 39— Beſuchs,— ſagte ich ihm, daß wir uns wohlbefänden und nichts brauchten. Nur einmal die Woche? Einmal die Woche und ſtets an demſelben Tage und zu derſelben Stunde iſt er vorbeigegangen; ſtets zu Fuß; ſtets in derſelben Richtung— nach der Stadt und nie länger verweilend, als um ſich vor mir zu verbeugen und mir freundlich mit der Hand zu winken, wie ein gütiger Beſchützer. Er verſprach dies, als er dieſe ſeltſamen Zuſammenkünfte vorſchlug, und hat das Verſprechen ſo treulich und auf ſo harmloſe Weiſe gehalten, daß, wenn ich ja im Anfange einige kleine Beſorgniß gefühlt hätte, dieſe bald verſchwand, und ich mich ſtets auf den Tag freute. Vorigen Montag— der erſte ſeit jenem ſchrecklichen Ereigniß— ging er nicht vorbei; und mir iſt faſt, als müßte ſeine Abweſen⸗ heit in irgend einer Weiſe mit dem Geſchehenen in Verbindung ſtehen. Wie ſo? frug der Bruder. Ich weiß ſelbſt nicht wie. Ich habe mir blos darüber Ge⸗ danken gemacht; es zu erklären habe ich nicht verſucht. Ich bin überzeugt, er wird wiederkommen. Wenn es geſchieht, lieber John, ſo mußt du mir erlauben, ihm zu ſagen, daß ich die Sache gegen dich erwähnt habe, und du mußt ihn dann ſehen. Er wird uns gewiß einen neuen Erwerbszweig zeigen. Er bat mich, etwas thun zu dürfen, was meinen und deinen Lebensweg ebnen könnte; und ich verſprach ihm, daß ich mich ſeiner erinnern wollte, wenn wir einen Freund brauchten. Dann ſollte auch ſein Name kein Geheimniß mehr ſein. ——* — 5 — 40— Harriet, ſagte ihr Bruder, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit zugehört hatte, beſchreibe mir dieſen Herrn. Ich ſollte doch jedenfalls einen Mann kennen, der mich ſo genau kennt. Die Schweſter ſchilderte ſo lebhaft, als ſie konnte, Geſtalt, Züge und Kleidung des Fremden; aber entweder weil John Carker das Urbild nicht kannte, oder weil die Beſchreibung nicht ganz richtig, oder weil er in ſeinem Grübeln auf eine falſche Fährte gekommen war, erkannte er das Bild, welches ſie ihm ſchilderte, nicht. Die Beiden kamen jedoch überein, daß er das Original, wenn es das nächſte Mal erſcheine, ſehen ſolle. Nach dieſer Ueber⸗ einkunft beſchäftigte ſich die Schweſter mit leichterem Herzen mit der Wirthſchaft, und der Graukopf, geſtern noch Junior in Dombey's Hauſe, widmete den erſten Tag der ungewohnten Freiheit dem Gärtchen. Es war ſchon ziemlich ſpät Abends, und der Bruder las vor, während die Schweſter nähte, als ſie durch ein Klopfen an der Thür geſtört wurden. In der Atmoſphäre unbeſtimmter Beſorgniß und Furcht, die mit der dunfſh Bruders das Haus umſchwebte, erſchreckte ſie faſt dieſer hier ungewohnte Klang. Jobhn ging nach der Thür, und die Schweſter lauſchte beſorgt. Es redete ihn Jemand an, und er antwortete und ſchien über⸗ raſcht zu ſein; nach einigen Worten, die ſie mit einander wechſelten, kamen ſie näher. Harriet, ſagte ihr Bruder, der jetzt den Gaſt hereinleuchtete, Mr. Morfin, der Herr, der ſo lange mit James bei Mr. Dom⸗ bey war. — 41— Seine Schweſter fuhr auf, als ſähe ſie ein Geſpenſt. In der Thür ſtand der unbekannte Freund, mit dem dunkeln, grau⸗ ſprießlichen Haar, dem rothen Geſicht, der breiten freien Stirn und den braunen Augen, deſſen Geheimniß ſie ſo lange be⸗ wahrt hatte! John, ſagte ſie halb athemlos. Das iſt der Herr, von dem ich dir heut ſagte! Der Herr, Miß Harriet, ſagte der Fremde und trat ein, denn er war einen Augenblick in der Thür ſtehen geblieben, fühlt ſich ſehr erleichtert durch das, was er eben erfährt; er hat auf dem ganzen Weg auf Mittel geſonnen, ſich zu erklären, und war mit keinem zufrieden. Mr. John, ich bin nicht ganz fremd hier. Sie verſtummten vor Erſtaunen, als Sie mich an Ihrer Thür ſahen. Ich ſehe, Sie ſind jetzt noch mehr erſtaunt. Nun, das iſt unter ſolchen Umſtänden natürlich genug. Wenn wir nicht ſolche Gewohnheitsgeſchöpfe wären, würden wir nicht halb ſo oft Veranlaſſung zum Verwundern haben. Während dieſtt eede hatte er Harriet mit der angenehmen Miſchung von Herzlichkeit und Achtung, die ſie noch ſo gut kannte, begrüßt, hatte ſich neben ſie hingeſetzt und die Handſchuhe ausgezogen, die er in den auf dem Tiſch ſtehenden Hut warf. Es iſt nichts Wunderbares in meinem Wunſche, Ihre Schwe⸗ ſter zu ſehen, Mr. John, ſagte er, und auch nicht darin, daß ich meinem Wunſch genügt habe. Auch in der Regelmäßigkeit meiner Beſuche ſeit jener Zeit(ſie hat Ihnen vielleicht davon geſagt) war nichts Außerordentliches. Sie wurden bald zur Gewohnheit, — 422— und wir ſind Geſchöpfe der Gepvbhußai— Geſchöpfe der Ge⸗ wohnheit. Indem er die Hände in die Taſchen ſteckte und ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte, ſah er die Schweſter und den Bruder an, als thue es ihm wohl, ſie beiſammen zu erblicken, und fuhr mit einer Art reizbarer Nachdenklichkeit fort: Das iſt dieſelbe Gewohnheit, die Manche von uns, die beſſerer Dinge fähig ſind, in einem wahren Luciferſtolz und Trotz be⸗ ſtärkt— die Andere in Schurkerei beſtärkt und kräftigt,— und noch viel mehr in Gleichgültigkeit— die uns Tag für Tag härter werden, und doch empfänglich läßt für neue Eindrücke und Ueberzeugungen. Sie ſollen ſelbſt über ihre Macht über mich urtheilen, John. Mehr Jahre, als ich zu ſagen brauche, hatte ich meinen kleinen und genau beſtimmten Theil an der Leitung von Dombey's Geſchäft, und ſah Ihren Bruder(der ſich als ein Schurke erwieſen hat! Ihre Schweſter wird mir verzeihen, daß ich es erwähnen muß) ſeinen Einfluß immer weiter ausdehnen, bis das Geſchäft und ſein Eigenthümer ſain Spielball waren; und ſah Sie alltäglich arbeiten an Ihre lte in der dunkeln Ecke, und war ganz zufrieden, in dem kleinen Kreiſe meiner Pflicht ſo wenig geſtört zu werden, und ließ gern Alles ruhig und ohne zu fragen gehen wie eine große Maſchine, und nahm Alles hin als ausgemacht und richtig. Meine Mittwochabende kamen regelmäßig wieder, meine Quartette gingen in aller Ord⸗ nung vor ſich, mein Violoncell war gut geſtimmt, und nichts fehlte mir in meiner Welt— oder wenigſtens nicht viel— oder ich wußte es nicht. 1 88 dv — 43— Ich kann Ihnen verbürgen, daß Sie in dieſer Zeit von allen Andern im Hauſe geliebt und geachtet wurden, Sir, ſagte John Carker. Bah! Gutmüthig und nachſichtig war ich freilich, ſagte der Andere; es war meine Gewohnheit. Sie paßte dem Dispo⸗ nenten; ſie paßte dem, den er leitete; ſie paßte mir am Beſten. Ich that, was man von mir verlangte, machte keinem von Beiden den Hof und war froh, eine Stelle einzunehmen, wo dies nicht verlangt wurde. So hätte ich es wohl bis jetzt fortgetrieben, wenn mein Zimmer nicht eine dünne Wand gehabt hätte. Sie können Ihrer Schweſter ſagen, daß es von dem des Disponenten nur durch einen dünnen Verſchlag getrennt war. Sie lagen nebeneinander, waren früher wahrſcheinlich Ein Zimmer geweſen, und waren jetzt durch eine Scheidewand von einander getrennt, erläuterte ihr Bruder, und forderte den Gaſt durch einen Blick auf fortzufahren. Ich habe gepfiffen, gedudelt, die ganze Beethovenſche Sonate in B dur durchgegangen, um ihn wiſſen zu laſſen, daß ich im Bereich des Hörens ſei, ſagte Mr. Morfin; aber er achtete nie darauf. Allerdings hörte ich nur ſelten etwas, was eigentlich nicht für mein Ohr war. Wenn es aber geſchah, und ich konnte auf keine andere Weiſe vermeiden es zu hören, ſo ging ich aus. Einmal ging ich fort, John, gerade als zwiſchen den beiden Brüdern ein Geſpräch anfing, in dem von einem jungen Walter Gay die Rede war. Aber ich hörte etwas davon, ehe ich aus dem Zimmer ging. Sie wiſſen wohl noch ſo viel davon, um Ihrer Schweſter zu ſagen, um was es ſich handelte? — — 1212— Wir ſprachen von der Vergangenheit, Harriet, ſagte der Bruder mit gedämpfter Stimme, und von unſerer beiderſeitigen Stellung im Hauſe. Der Gegenſtand des Geſprächs war mir nicht neu, aber er zeigte ſich mir in einem neuen Lichte. Es rüttelte mich auf aus meiner Gewohnheit— der Gewohnheit von neun Zehntheilen der Menſchheit— zu glauben, es ſei Alles um mich in Ordnung, weil ich mich daran gewöhnt hätte, ſagte der Gaſt; und veran⸗ laßte mich, mir die Geſchichte der beiden Brüder ins Gedächtniß zurückzurufen und darüber nachzudenken. Ich glaube, es war faſt das erſte Mal in meinem Leben, daß ich auf der Art Ge⸗ danken kam— wie werden manche Dinge, die uns jetzt ganz gewöhnlich und alltäglich ſind, ausſehen, wenn wir ſie von dem neuen und höhern Geſichtspunkt aus betrachten, auf dem Alle dereinſt ſtehen müſſen! Ich war nach dieſem Vormittag etwas weniger gutmüthig, nicht ſo⸗unbefangen und gefällig wie früher. Er ſchwieg wohl eine Minute und trommelte mit der Hand auf den Tiſch; dann aber fing er raſch wieder an, als liege ihm viel daran, mit ſeiner Beichte möglichſt ſchnell zu Ende zu kommen.. Ehe ich wußte, was ich thun ſollte oder ob ich etwas thun könnte, hörte ich einem zweiten Geſpräch zwiſchen den beiden Brüdern zu, wo ihre Schweſter erwähnt wurde. Ich machte mir kein Gewiſſen daraus, die Bruchſtücke dieſes Geſprächs, die in mein Ohr gelangten, mit anzuhören. Ich glaubte ein Recht dazu zu haben. Darauf kam ich hierher, um die Schweſter mit eigenen Augen zu ſehen. Das erſte Mal, als ich an der Gartenthür — 45— ſtehen blieb, brauchte ich den Vorwand, mich nach einem armen Nachbar zu erkundigen; aber ich blieb nicht dabei ſtehen, und ich glaube, Miß Harriet ſchöpfte Argwohn gegen mich. Das zweite Mal bat ich um Erlaubniß eintreten zu dürfen, trat ein und ſagte, was ich zu ſagen wünſchte. Ihre Schweſter führte Gründe an, die ich nicht zu beſtreiten wagte, warum ſie vor der Hand keinen Beiſtand von mir annehmen könne; ich richtete jedoch einen Weg ein, mit ihr beſtändig in Verbindung zu bleiben, und dieſer iſt auch ſtets benutzt worden, bis vor wenigen Tagen, wo wichtige Geſchäfte mich abhielten unſere Verbindung fortzuſetzen. Wie wenig ahnte ich das, ſagte John Carker, während ich Sie doch täglich ſah, Sir! Wenn Harriet Ihren Namen hätte errathen können— Offen geſtanden, John, unterbrach ihn Mr. Morfin, ver⸗ ſchwieg ich ihn aus zwei Gründen. Ich weiß nicht, ob der erſte ſchon ausreichend iſt; aber man hat kein Recht, ſich auf den guten Willen etwas zu Gute zu thun, und ich war entſchloſſen, mich in keinem Falle eher zu erkennen zu geben, als bis ich Gelegen⸗ heit gefunden, Ihnen einen Dienſt von Bedeutung zu leiſten. Mein zweiter Grund war, daß ich ſtets noch auf die Möglichkeit einer Verſöhnung zwiſchen Ihnen und Ihrem Bruder hoffte; und ich fühlte, daß ein Mann von ſeinem argwöhniſchen Charakter von der Entdeckung, daß ich Sie heimlich unterſtützte, nur neuen Anlaß zur Anfeindung hernehmen würde. Auf die Gefahr hin, ihn mir zum Feind zu machen— was mir gleichgültig geweſen wäre— beſchloß ich eine Gelegenheit abzuwarten, wo ich Ihnen bei dem Principal nützlich ſein könnte aber die ſchnellfolgenden — 46— Zwiſchenfälle von Tod, Brautſtand, Hochzeit und häuslichem Zwiſt machten, daß wir dieſe lange Zeit über keinen andern Principal als Ihren Bruder hatten. Und es wäre beſſer für uns geweſen, ſetzte Mr. Morfin leiſer hinzu, wenn wir gar keinen gehabt hätten. Er ſchien zu fühlen, daß dieſe Worte ihm wider ſeinen Willen entſchlüpft waren, und fuhr fort, indem er die eine Hand der Schweſter, die andere dem Bruder hinreichte: Ich habe geſagt, was ich zu ſagen wünſchte, und noch mehr. Was ich meine, läßt ſich mit Worten nicht ſagen, das werden Sie einſehen und glauben. Die Zeit iſt jetzt gekommen— obgleich unter höchſt unglücklichen Verhältniſſen— wo ich Ihnen helfen kann, John, ohne hemmend in die Buße einzugreifen, die jetzt ſo lange Jahre gedauert hat, da Sie heute ohne Ihr Zuthun davon erlöſt worden ſind. Es iſt ſpät; ich brauche heute weiter nichts zu ſagen. Sie werden den Schatz, den Sie hier haben, benutzen, ohne Rath oder Erinnerung von meiner Seite zu bedürfen. Mit dieſen Worten ſtand er auf um zu gehen. Sie müſſen aber mit einem Licht vorausgehen, John, ſagte er lächelnd, ohne zu ſagen was Sie auf dem Herzen haben, was es immer ſein mag— John Carkers Herz war voll, und er hätte es gar zu gern erleichtert;— und laſſen Sie mich ein paar Worte mit Ihrer Schweſter ſprechen. Wir haben ſchon— früher unter vier Augen geſprochen, und noch dazu in dieſem Zimmer; obgleich es natürlicher ausſieht, wenn Sie hier ſind. —³ 47— Nachdem er ihm mit den Augen bis zur Thür gefolgt war, wendete er ſich freundlich an Harriet und ſprach mit gedämpfter, aber veränderter und ernſter Stimme: Sie möchten etwas von dem Manne wiſſen, deſſen Schweſter Sie zu ſein das Unglück haben. Ich fürchte mich zu fragen, ſagte Harriet. Sie haben mich mehr als einmal ſo bedeutſam angeblickt, erwiderte Mr. Morfin, daß ich glaube Ihre Frage errathen zu können. Hat er Geld genommen? Iſt es das? Ja. Nein, er hat es nicht gethan. Dem Himmel ſei Dank! rief Harriet. Um Johns Willen. Daß er das ihm geſchenkte Vertrauen auf mancherlei Weiſe gemißbraucht hat, ſagte Mr. Morfin; daß er oft mehr zu ſeinem als zu des Hauſes Vortheil ſpeculirt hat; daß er das Haus zu gewagten Unternehmungen, die oft ungeheure Verluſte zur Folge hatten, verlockt, daß er ſtets der Eitelkeit und dem Ehrgeiz des Principals geſchmeichelt, anſtatt ſie im Zügel zu halten und ihm zu zeigen, wohin ſie führen mußten und führten, wie es ſeine Pflicht war, das wird Sie jetzt vielleicht nicht überraſchen. Um das Haus als ein Geſchäft von unermeßlichen Reſſourcen erſcheinen zu laſſen, und es in glänzendem Contraſt anderen Geſchäften gegenüber darzuſtellen, hat man ſich in Unternehmungen einge⸗ laſſen, deren möglicherweiſe— und bei unglücklichen Wendungen ſogar wahrſcheinlicherweiſe— verderbliche Folgen ſelbſt ein klarer Verſtand kaum überſehen kann. Bei den vielen Ge⸗ ſchäften des Hauſes in faſt allen Theilen der Welt— ein großes — 418— Labyrinth, zu dem er allein den leitenden Faden in der Hand hatte— hatte er Gelegenheit gehabt und wie es ſcheint auch be⸗ nutzt, die Reſultate derſelben ungewiß zu laſſen und Schätzungen und Allgemeinheiten an die Stelle von Thatſachen unterzuſchieben. Neuerlich aber— Sie folgen mir doch, Miß Harriet? Vollkommen, vollkommen, erwiderte ſie und ſah ihn ge⸗ ſpannt und fürchtend an. Ich bitte Sie, ſagen Sie mir das Schlimmſte zuerſt.— Neuerlich ſcheint er ſich die größte Mühe gegeben zu haben, dieſe Reſultate ſo klar und deutlich zu machen, daß eine Durch⸗ ſicht der Geheimbücher ſie, ſo zahlreich und mannigfaltig ſie auch ſind, mit wunderbarer Leichtigkeit überblicken läßt. Als ob er ſeinem Principal mit einem einzigen Blick hätte zeigen wollen, wohin er ihn durch beſtändiges Schmeiche iner herrſchenden Leidenſchaft gebracht! Daß er dieſe Leidenf n ſelbſtſüchtiger Abſicht ſtets genährt und ihr geſchmeichelt hat, iſt unzweifelhaft. Darin hauptſächlich beſteht ſeine Schuld, ſo weit ſie die Geſchäfte des Hauſes angeht.. Noch ein Wort, ehe Sie gehen, beſter Herr, ſagte Harriet. Es iſt keine Gefahr dabei? Wie ſo Gefahr? frug er, ein wenig zögernd. Für den Credit des Hauſes? Ich kann nicht umhin Ihnen aufrichtig zu antworten und ganz zu vertrauen, ſagte Mr. Morfin, nachdem er ſie eine Weile angeblickt hatte.. Sie können es ohne Scheu, betheuerte Harriet.. *. ———ę—᷑—ꝛ—⁊&R‧——— — 499— Ich bin davon überzeugt. Gefahr für den Credit des Hauſes? Nein. Einige Bedrängniß kann eintreten, aber keine Gefahr, außer— außer wenn das Haupt des Geſchäfts, unfähig ſich zur Einſchränkung ſeiner Unternehmungen zu entſchließen, und entſchieden abgeneigt zu glauben, daß es in einer andern Lage ſei oder ſein könne, als er ſich ſtets vorgeſtellt hat, es über ſeine Kräfte anſtrengen ſollte. Dann würde es wanken. Aber das iſt nicht zu fürchten? ſagte Harriet. Ich will Ihnen nicht blos halb vertrauen, erwiderte er und ſchüttelte ihr die Hand. Mr. Dombey iſt für Jeden un⸗ nahbar, und jetzt iſt er mehr als je hochfahrend, unbeſonnen und unlenkſam. Doch iſt er jetzt über das gewöhnliche Maß aufge⸗ regt, und es kann vorübergehen. Sie wiſſen jetzt Alles, das Beſte wie das Schlimmſte. Genug für heute, und gute Nacht! Damit küßte er ihr die Hand und ging zu der Thür hin⸗ aus, vor der ihr Bruder wartete, welchen er mit gutmüthiger Haſt bei Seite ſchob, als er ſprechen wollte; er ſagte ihm, da ſie ſich jetzt bald und oft ſehen würden, könne er es ihm ein anderes Mal ſagen, jetzt aber ſei nicht die Zeit dazu. Darauf entfernte er ſich raſchen Schritts, damit ihm kein Wort des Dankes folge. Im Geſpräch vertieft ſaßen Bruder und Schweſter am Kamine, bis es faſt Tag war, des Schlafs beraubt durch die Ausſicht auf die neue Welt, die ſich ihnen zeigte. Sie kamen ſich vor wie zwei Menſchen, ſeit langem ſchiffbrüchig auf ödem Strand, zu denen endlich ein Schiff kam, als ſie in Entſagung grau geworden waren und alle Gedanken an eine andere Heimath aufgegeben hatten. Aber noch eine andere Unruhe erhielt ſie wach. Bos. Dombey u. Sohn. IX. 4 50 Die Dunkelheit, durch welche dieſes Licht gebrochen, umſchloß ſie dichter und dichter; und der Schatten ihres ſchuldbeladenen Bruders war in dem Hauſe, das ſein Fuß nie betreten hatte. Auch ließ er ſich nicht wegtreiben und ſchwand nicht vor der Sonne. Er war noch da am Morgen, zu Mittag, des Abends. Am unheimlichſten und deutlichſten des Nachts, wie wir jetzt erzählen wollen. Veranlaßt durch einen Brief ihres Freundes war John Carker ausgegangen, und Harriet war allein. So hatte ſie einige Stunden geſeſſen. Ein ſtiller, trüber Abend und die herannahende Dämmerung waren nicht geeignet, die Schwermuth, welche ihren Geiſt bedrückte, zu lindern. Der Gedanke an ihren Bruder, den ſie ſo lange nicht geſehen, umſchwebte ſie in grauen⸗ erregenden Geſtalten. Er war todt, lag im Sterben, rief ſie, ſtarrte ſie mit gläſernen Augen an, blickte ſie an mit dräuender Stirn. So aufdringlich und deutlich waren dieſe Phantaſie⸗ bilder, daß ſie, als es dunkler geworden, ſich ſcheute den Kopf zu erheben und in die dunkeln Ecken des Zimmers zu blicken, aus Furcht dort ſeinen Geiſt, das Erzeugniß ihrer aufgeregten Ein⸗ bildungskraft, zu ſehen. Einmal bemächtigte ſich ihrer das Gefühl, daß er im nächſten Zimmer verſteckt ſei— obgleich ſie recht gut wußte, daß es nur eine krankhafte Einbildung ſei, und nicht daran glaubte— ſo ſehr, daß ſie ſich zwang hinüberzugehen, um ſich zu überzeugen. Aber vergebens. Das Zimmer flößte ihr wieder daſſelbe unbeſtimmte Grauen ein, ſo wie ſie es verließ⸗ und ſie konnte dieſes Gefühl nicht wieder bewältigen. — 51— Es war faſt finſter, und ſie ſaß am Fenſter, den Kopf auf die Hand geſtützt und zu Boden blickend, als ſie, aufmerkſam geworden durch die plötzliche zunehmende Dunkelheit, aufſah und einen unwillkürlichen Schrei ausſtieß. Dicht an das Fenſterglas gedrängt, ſchaute ein blaſſes verſtörtes Geſicht herein; mit leerem Blick, als ob es etwas ſuche; dann blieben die Augen auf ihr haften, und flammten auf. Laßt mich herein! Laßt mich herein! Ich muß mit euch ſprechen! und die Hand klopfte zitternd ans Fenſter. Sie erkannte augenblicklich das Weib mit dem langen dunklen Haar, dem ſie in jener Regennacht Obdach und Speiſe gegeben. In Erinnerung ihres heftigen Benehmens hatte Harriet natürlich einige Scheu vor einem ſolchen Gaſte. Sie trat auch etwas vom Fenſter zurück, und ſtand unentſchloſſen und voller Unruhe da. Laßt mich herein! Ich muß mit euch ſprechen. Ich bin dankbar— ruhig— beſcheiden— Alles was ihr wollt. Aber ich muß mit euch ſprechen. Der leidenſchaftliche Ton dieſer Bitte, der Ausdruck ihres Geſichts, das Zittern der beiden Hände, die ſie flehend erhob, die Aufregung ihrer Stimme, die eine ähnliche Gemüthsſtimmung verrieth wie die Harriets, beſiegte die Bedenklichkeit von Carkers Schweſter. Sie eilte nach der Thür und öffnete ſie. Darf ich hereinkommen, oder ſoll ich hier bleiben? ſagte das Weib und ergriff ihre Hand. Was wollt ihr? Was habt ihr mir zu ſagen? frug Harriet. 4* — 52— Niicht viel, aber laßt es mich ganz ſagen, ſonſt ſage ich es niemals. Selbſt jetzt drängt mich's fort von hier. Es iſt als ob mich Hände von der Thür zerrten. Laßt mich hinein, wenn ihr mir dies eine Mal trauen wollt! Ihre Energie ſiegte, und ſie traten in die kleine Küche vor das Feuer, wo ſie früher geſeſſen und gegeſſen und ihre Kleider getrocknet hatte.. Setzt euch dort hin, ſagte Aliee und kniete neben ihr nieder, und ſeht mich an. Kennt ihr mich noch? Ja, ſagte Harriet. Erinnert ihr euch noch, wie ich euch erzählte, wer ich geweſen, und woher ich kam, zerlumpt und lahm, dem böſen Wind und Wetter mein Haupt bietend? Ja. Ihr wißt, wie ich in jener Nacht zurückkehrte, und euch euer Geld vor die Füße warf, und euch und euer Geſchlecht ver⸗ fluchte. Jetzt ſeht ihr mich hier auf meinen Knieen. Iſt es mir weniger Ernſt als damals? Wenn ihr Verzeihung von mir verlangt, ſagte Harriet ſanft— Die will ich nicht! erwiderte die Andere mit einem ſtolzen, wilden Blick. Ich will blos, daß ihr mir Glauben ſchenkt. Jetzt ſollt ihr urtheilen, ob ich des Glaubens werth ſei, ſo wie ich einſt war, und wie ich jetzt bin. Sie lag immer noch auf den Knieen, heftete ihre Augen aufs Feuer, und die Flammen ſchienen auf ihre verwelkte Schön⸗ heit und ihr gelöſtes ſchwarzes Haar, von dem ſie eine lange Locke n⸗ — 33— um ihre Hand wickelte, und gedankenvoll damit ſpielte, während ſie fortfuhr. Als ich jung war und ſchön, und dies hier— ſie zerrte dabei verächtlich die Locke, die ſie in der Hand hielt— nur lieb⸗ koſend berührt wurde und nicht genug geprieſen werden konnte, entdeckte meine Mutter, die ſich um mich als Kind nicht ſehr ge⸗ kümmert hatte, meine Vorzüge, und liebte mich, und war ſtolz auf mich. Sie war habgierig und arm, und gedachte eine Art Eigenthum aus mir zu machen. Gewiß betrachtete niemals eine vornehme Dame ihre Tochter ſo, oder handelte darnach— es geſchieht nie, das wiſſen wir Alle— und das zeigt, daß die einzigen Beiſpiele von Müttern, die ihre Kinder ſchlecht erziehen und ins Verderben bringen, blos unter ſo armen Leuten wie wir ſind vorkommen. Als ob ſie vergeſſe, daß ihr Jemand zuhöre, fuhr ſie wie mit ſich ſelbſt ſprechend fort, und wand die lange Haarlocke feſt um ihre Hand. Was daraus wurde, brauche ich nicht erſt zu ſagen. Un⸗ glückliche Ehen werden nicht daraus in unſerm Stande; nur Un⸗ glück und Verderben. Unglück und Verderben kam über mich— über mich. Sie wendete ihren brütenden Blick raſch vom Feuer empor und Helenen zu, und ſagte: Ich verſchwende die Zeit, und habe keine übrig; aber wenn ich nicht an Alles das gedacht hätte, ſo wäre ich nicht hier. Unglück und Verderben kamen über mich, ſagte ich. Ich wurde zu einem Spielzeug der Laune, und gleichgültiger noch weggeworfen als ein ſolcher Tand. Von wem, glaubt ihr? Was fragt ihr mich? ſagte Harriet. Warum zittert ihr? erwiderte Alice, mit einem bedeut⸗ ſamen Blick. Seine Behandlung machte mich zum Teufel. Ich ſank immer tiefer und tiefer ins Verderben. Ich nahm an einem Raube Theil,— an Allem, außer an dem Gewinn— und wurde entdeckt, und vor Gericht geſtellt ohne einen Freund, ohne einen Pfennig. Obgleich ich faſt noch ein halbes Kind war, wäre ich lieber dem Tode entgegengegangen, als daß ich ihn um ein Wort angeſprochen hätte, wenn mich ein Wort hätte retten können. Gewiß! Jedem Tode, den der Menſch hätte erfinden können. Aber meine Mutter, habgierig wie immer, ſchickte zu ihm in meinem Namen, ließ ihm Alles ſagen, und bat und flehte ihn um eine letzte kleine Gabe— nicht ſo viele Pfunde als ich Finger an dieſer Hand habe. Wer, glaubt ihr wohl, lachte und ſpottete meiner Noth, und gab mir nicht einmal dies armſelige Andenken, wohl zufrieden, daß ich weit weg geſchickt werden ſollte, wo ich ihn nicht länger beläſtigen konnte, und ſterben und verfaulen würde? Rathet, wer war das wohl? Warum fragt ihr mich? wiederholte Harriet. Warum zittert ihr? ſagte Alice, und legte die Hand auf ihren Arm, und ſchaute ihr forſchend ins Geſicht. Weil die Antwort euch auf der Lippe ſchwebt! Es war euer Bruder James. Harriet zitterte immer mehr, konnte aber die Augen von dem aufgeregten Blick, der auf ihr ruhte, nicht abwenden. —— .4. — 55— Als ich erfuhr, daß ihr ſeine Schweſter wart— und das war in jener Nacht— kam ich, müde und lahm wie ich war, zurück, um euch euer Geſchenk vor die Füße zu werfen. Ich fühlte in jener Nacht, daß ich, müde und lahm wie ich war, durch die ganze Welt hätte wandern können, um ihn zu erdolchen, hätte ich ihn allein an einem einſamen Orte gefunden. Glaubt ihr, daß Alles dies mein Ernſt war? Ja, ja! Aber, mein Gott, was wollt ihr wieder hier? Seit jenem Tage, ſagte Alice, und ihre Hand ſchloß ſich krampfhaft um Harriets Arm, habe ich ihn geſehen! Am hellen lichten Tage ſind ihm meine Augen gefolgt. Wenn ein Funke meines Haſſes in meinem Herzen ſchlummerte, ſo loderte er als Flamme empor, als meine Augen auf ihm ruhten. Ihr wißt, er hat einen ſtolzen Mann beleidigt und ihn zu ſeinem Todfeind gemacht. Wie, wenn ich dieſem Manne Nachricht von ihm ge⸗ geben hätte? Nachricht! wiederholte Harriet. Wenn ich Jemand gefunden hätte, der eures Bruders Geheimniß und die Art und Weiſe ſeiner Flucht kannte, welcher wußte, wohin er und ſeine Begleiterin ſich gewendet hätten? Wenn ich ihm Alles, was er wußte, Wort für Wort abgelockt hätte, während dieſer Todfeind in einem Verſteck Alles hörte? Und wenn ich dabei geſeſſen und dieſes Feindes Geſicht be⸗ obachtet hätte, wie es ſich in eine kaum mehr menſchliche Fratze veränderte? Wenn ich ihn, wahnſinnig vor Wuth, hätte fortſtürzen ſehen? Wenn ich wüßte, daß er, mehr Teufel als — 36— Menſch, jetzt auf dem Wege iſt, und ihn in ſo und ſo viel Stunden einholen muß? Nehmt eure Hand wegl ſagte Harriet, zurückſchaudernd. Fort! Mir ſchaudert, von euch angerührt zu werden! Das habe ich gethan! fuhr die Andere fort, ohne ſich um die Unterbrechung zu kümmern. Rede ich und ſehe ich aus, als ob ich es wirklich gethan hätte? Glaubt ihr, was ich ſage? Ich fürchte, ich muß es glauben. Laßt meinen Arm los! ſagte Harriet.. Noch nicht. Nur einen Augenblick. Ihr könnt euch denken, wie heiß mein Rachedurſt war, daß er ſo lange aushielt, und mich zu ſolchen Schritten trieb? Entſetzlich! ſagte Harriet. Wenn ihr mich alſo jetzt wieder hier ſeht, ſagte Alice mit heiſerer Stimme, wie ich ruhig vor euch kniee, und euren Arm berühre, und mein Auge auf euer Geſicht hefte, ſo könnt ihr glauben, daß kein gewöhnlicher Ernſt iſt in dem, was ich ſage, und daß ich keinen gewöhnlichen Kampf in meiner Bruſt gekämpft habe. Ich ſchäme mich, das Wort auszuſprechen, aber ich ver⸗ geſſe meinen Haß. Ich verabſcheue mich; ich habe mit mir ge⸗ kämpft den ganzen Tag und die ganze vorige Nacht; aber ich vergeſſe meinen Haß gegen ihn ohne Grund, und wünſche wo möglich wieder gut zu machen, was ich gethan habe. Sie ſollen ſich nicht treffen, während ſein Verfolger ſo blind und ungeſtüm iſt. Wenn ihr ihn geſehen hättet, wie er geſtern von uns fortging, ſo würdet ihr die Gefahr beſſer würdigen. ſ — 5— Wie ſoll ſie verhütet werden? Was kann ich thun? rief Harriet. Die ganze Nacht, fuhr die Andere aufgeregt fort, ſah ich ihn im Traume— und doch ſchlief ich nicht— in ſeinem Blut liegen. Den ganzen Tag ſah ich ihn neben mir. Was kann ich thun? ſagte Harriet, bei dieſen Worten zu⸗ ſammenſchaudernd. 5 Wenn ihr Jemand habt, der ihm ſchreiben, oder zu ihm ſchicken, oder ſelbſt reiſen kann, ſo verliert keinen Augenblick. Er iſt in Dijon. Kennt ihr den Namen, und wißt ihr wo es iſt? Ja! ſagte Harriet. Sagt ihm, daß der Mann, den er zu ſeinem Todfeind ge⸗ macht, in wahnſinniger Wuth iſt, und daß er ihn nicht kennt, wenn er ihn fürchtet. Sagt ihm, daß er ſchon auf der Reiſe iſt— ich weiß es— und mit Sturmeseile naht. Drängt ihn zu fliehen, ſo lange es noch Zeit iſt— wenn es noch Zeit iſt— damit er ihm nicht jetzt begegne. Ein oder zwei Monate machen hier einen Unterſchied von Jahren. Macht, daß ſie ſich nicht treffen durch mich. Ueberall, nur dort nicht! Zu jeder Zeit, nur jetzt nicht! Mag ſein Feind ihn verfolgen und ihn finden, nur nicht durch mich! Es laſtet ſchon genug auf meinem Haupte! Das Feuer glänzte nicht mehr auf ihrem rabenſchwarzen Haar, auf ihrem emporgerichteten Geſicht und in ihren aufgeregten Augen; ihre Hand lag nicht mehr auf Harriets Arm und der Platz, wo ſie geſtanden, war leer. Vierundfunfzigſtes Kapitel. Die Flüchtlinge. Die Zeit eine Stunde kurz vor Mitternacht; der Ort ein fran⸗ zöſiſches Appartement, beſtehend aus einem halben Dutzend Zim⸗ mern;— eine düſtere kalte Vorhalle oder Corridor, ein Speiſe⸗ zimmer, ein Salon, ein Schlafzimmer und ein kleinerer Salon oder ein Boudoir, kleiner und ſtiller als die übrigen. Alle dieſe Zimmer waren unter dem Verſchluß einer großen Flügelthüre an der Haupttreppe, aber in jedem Gemach waren wieder zwei oder drei Thüren, welche in Nebenſtuben führten oder mit ſchmalen Gängen in der Mauer in Verbindung ſtanden, die, wie es in ſolchen Häuſern nicht ungewöhnlich iſt, vermittelſt einer verborge⸗ nen Treppe nach einem geheimen Ausgang führten. Das Ganze befand ſich im erſten Stock eines ſo großen Hotels, daß es noch nicht eine Fenſterreihe auf einer Seite des großen viereckigen Hofes, welcher in der Mitte des Gebäudes lag, in Anſpruch nahm. — 59— Ein Anſtrich von Prunk, verblichen genug, um zur Me⸗ lancholie zu ſtimmen, und blendend genug, um die Einzelnheiten des Lebens mit einem pomphaften Weſen zu beläſtigen, herrſchte in dieſen Räumen. Die Wände und die Decken waren vergoldet und gemalt, der Fußboden gebohnt, rothe Vorhänge ſchmückten die Fenſter, die Thüren und die Spiegel, und an dem Wandge⸗ täfel waren Candelaber, gewunden und in einander verwoben wie Baumzweige oder wie Geweihe, angebracht. Aber bei Tage, wenn die jetzt dicht verſchloſſenen Jalouſieen geöffnet waren und das Licht hereinſtrömte, entdeckte man unter dieſem prunkhaften Glanz Spuren von Abnutzung und Staub, von Sonne und Feuchtigkeit und Rauch, von langem Unbewohntſein und Nichtge⸗ brauch, ſo daß folcher Tand und Prunk des Lebens Empfindung zu haben ſcheint wie Lebendiges und dahinſiecht wie Menſchen im Kerker. Selbſt die Nacht und der Glanz der brennenden Kerzen konnte das nicht lange verwiſchen, obgleich der allgemeine Schimmer es in Schatten drängte. Der Glanz heller Kerzen und ihr Wiederſchein in den Spiegeln beſchränkte ſich dieſen Abend auf ein Zimmer, auf den kleinern Salon hinter den übrigen. Von der Vorhalle aus, wo eine Lampe dämmernd brannte, durch die dunkle Perſpective ge⸗ öffneter Thüren geſehen, zeigte es ſich ſo glänzend und koſtbar wie ein Edelſtein. Im Herzpunkt dieſes Glanzes ſaß ein ſchönes Weib— Edith. Sie war allein. Noch daſſelbe hochfahrende, die Welt ver⸗ achtende Weib. Die Wangen waren etwas hagerer, das Auge etwas größer und glänzender, aber die ſtolze Haltung ganz ————————————— — 60— dieſelbe. Keine Scham färbte ihre Stirn, keine ſpäte Reue beugte ihren Nacken. Immer noch gebieteriſch und in ſtolzer Würde und immer noch jede Rückſicht auf ſich und 1 Andere verſchmähend ſaß ſie da, die dunklen Augen zu Boden geſenkt und auf Jemand wartend. Kein Buch, keine weibliche Arbeit, keine Beſchäftigung außer mit ihren eignen Gedanken verkürzten ihr die langſam ſchleichende Zeit. Ein Vorſatz, ſtark genug, um jede Pauſe aus⸗ zufüllen, hatte ſich ihrer bemächtigt. Mit zuſammengepreßten Lippen, welche zitterten, wenn ſie ſie einen Augenblick öffnete, die Hände in einander geſchlungen und ihr tobendes Herz erfüllt von ihrem Vorſatz, ſaß ſie da und wartete. Bei dem Klange von dem Umdrehen eines Schlüſſels an der äußern Thür und von Schritten in der Vorhalle ſprang ſie auf und rief: wer iſt da? Die Antwort war franzöſiſch und bald traten zwei Männer ein mit klirrenden Präſentirbretern, um zum Abendeſſen zu decken. Wer hat es Ihnen geheißen? frug ſie. Monſieur hat es befohlen, als er uns die Ehre anthat in dieſem Hauſe abzuſteigen. Monſieur ſagte, als er hier eine Stunde lang verweilte und den Brief für Madame zurückließ— Madame hat ihn doch empfangen? Ja, war die Antwort. O tauſendmal Vergebung! Die plötzliche Beſorgniß, daß er vergeſſen worden ſein könne, hätte ihn in Verzweiflung ge⸗ bracht, ſagte der Aufwärter von einem benachbarten Reſtaurant, ein kahlköpfiger Mann mit einem großen Barte. Monſieur — 61— hatte geſagt, daß das Abendeſſen um dieſe Stunde fertig ſein ſolle, ſowie daß er Madame in ſeinem Briefe die gegebenen Be⸗ fehle mitgetheilt habe. Monſieur hätte dem„goldenen Kopf“ die Ehre erwieſen zu beſtellen, daß das Souper ausgeſucht und fein ſein ſolle. Monſieur werde ſein Vertrauen in den„goldnen Kopf“ gerechtfertigt finden. Edith ſagte weiter nichts, ſondern ſah gedankenvoll zu, während ſie den Tiſch für zwei Perſonen deckten und den Wein auf die Tafel ſetzten. Sie ſtand auf, ehe ſie fertig waren, nahm eine Lampe und ging in das Schlafzimmer und den Salon, wo ſie mit großer Eile, aber genau alle Thüren unterſuchte, haupt⸗ ſächlich eine in dem erſten Zimmer, welche auf einen Gang in der Mauer führte. Sie nahm den Schlüſſel heraus und ſteckte ihn auf die auswendige Seite; dann kehrte ſie zurück. Die beiden Aufwärter— der zweite war ein ſchwarzer bleicher Mann mit einer Jacke, glatt raſirtem Geſicht und ſehr kurz geſchornen ſchwarzen Haaren— waren mit dem Serviren fertig und überblickten noch einmal ihre Arbeit. Der zuerſt ge⸗ ſprochen hatte, frug, ob man glaube, daß Monſieur bald an⸗ kommen werde. Sie wiſſe es nicht. Es ſei gleichgültig, ſagte ſie. Pardon! Das Souper ſteht bereit. Es ſollte gleich ver⸗ zehrt werden. Monſieur(der franzöſiſch wie ein Engel ſpreche 3 oder wie ein Franzoſe— es ſei Alles eins) habe mit großem Nachdruck von ſeiner Pünktlichkeit geſprochen. Aber die engliſche Nation hätte ein ſolches Genie zur Pünktlichkeit. O welcher Lärm! O Himmel, da ſei Monſteur. Sehen Sie? . 1 — 62— Wirklich kam Monſieur mit ſeinen glänzenden Zähnen durch die dunklen Zimmer wie ein Mund, und wie er in dieſem Mittel⸗ punkt des Lichtes und des Glanzes ankam, ein ganzer Mann, umarmte er Madame und begrüßte ſie auf franzöſiſch als ſeine reizende Gemahlin. 1 Mein Gott! Madame wird ohnmächtig. Madame iſt überwältigt von der Freude! ſagte der Kahlköpfige mit dem Barte. Madame war nur zurückgebebt. Ehe die Worte ganz ausgeſprochen waren, ſtand ſie da, die Hand auf die ſammtne Lehne eines großen Stuhls ſtützend, ſtolz aufgerichtet und mit unbeweglichem Geſichte. Francois iſt hinübergeflogen, um das Eſſen zu holen. Er fliegt bei ſolchen Gelegenheiten wie ein Engel oder ein Vogel. Das Gepäck von Monſieur iſt auf ſeinem Zimmer. Alles iſt in Ordnung, das Eſſen wird den Augenblick da ſein. Alles dies machte der Kahlkopf mit vielen Verbeugungen und lächelndem Geſicht bemerklich und gleich darauf kam das Eſſen. Die warmen Speiſen ſtanden über einer Wärmpfanne; die kalten ſtanden be⸗ reits nebſt dem Geſchirr zum Wechſel auf einem Seitentiſch. Monſieur war mit dieſer Anordnung zufrieden. Daß der Speiſetiſch klein war, geſiel ihm ſehr. Er befahl die Wärm⸗ pfanne auf den Fußboden zu ſetzen und zu gehen. Er wollte die Gerichte ſelbſt ſerviren. Pardon! ſagte der Kahlkopf höflich, das iſt unmöglich! Monſieur war andrer Meinung. Er bedurfte für dieſen Abend weiter keiner Bedienung. — 63— Aber Madame— meinte der Kahlkopf. Madame, entgegnete Monſieur, hat ihr Kammermädchen. Das genügt. Mille Pardons! Nein! Madame hat kein Kammermädchen. Ich bin allein hier, ſagte Edith. Ich habe es ſo gewollt. Ich bin das Reiſen gewohnt; ich brauche keine Begleitung. Man braucht mir Niemand zu ſchicken. So folgte denn Monſieur, auf ſeinem zuerſt aenha Willen beſtehend, den beiden Aufwärtern bis zur äußern Thür und verſchloß ſie hinter ihnen. Der Kahlkopf drehte ſich um, als er hinaus ging um ſich zu verbeugen, und ſah, daß Madame immer noch neben dem großen Lehnſtuhl ſtand, die Hand auf die ſammtne Lehne gelegt, und daß ſie ſeiner nicht achtete, obgleich ſie gerade vor ſich hin ſah. Wie das Geräuſch des Riegels, als Carker die äußere Thür ſchloß, durch die dazwiſchenliegenden Zimmer tönte und ſchon leiſer und halb erſtorben in dieſes letzte Gemach drang, da tönte auch der Schlag der Thurmglocke zwölfmal in Ediths Ohr. Sie hörte, wie er ſtehen blieb, als ob auch er es höre und lauſche; und wie er dann durch die lange Zimmerreihe zu ihr zurückkehrte und alle Thüren hinter ſich zuſchloß. Ihre Hand verließ für einen Augenblick die Stuhllehne, um ein Meſſer auf dem Tiſche in ihren Bereich zu bringen; dann ſtand ſie wieder da, wie ſie vorhin geſtanden hatte. Wie ſeltſam, daß Sie allein gekommen ſind, Theuerſte, ſagte er beim Eintreten. — 64— Was! erwiderte ſie. Ihre Stimme klang ſo rauh; die ſchnelle Wendung ihres Hauptes war ſo wild, ihre Haltung ſo zurückweiſend und ihre Stirn ſo dräuend, daß er, die Lampe in der Hand, da ſtand und ſie anſah als wäre er Stein geworden. Ich meine, wiederholte er endlich, indem er die Lampe hin⸗ ſetzte und ſein geſchmeidigſtes Lächeln zeigte, wie ſeltſam, daß Sie allein hergekommen ſind! Sicherlich iſt das eine nutzoſe Vorſichtsmaßregel und hätte ſogar nachtheilig werden können. Sie konnten in Havre oder Rouen eine Begleitung annehmen und hatten Zeit genug dazu, ſelbſt wenn Sie die launenhafteſte und am ſchwerſten zu befriedigende aller Frauen wären, wie Sie gewiß die ſchönſte ſind, meine Theuerſte. Ihre Augen hefteten ſich mit einem ſeltſamen Blicke auf ihn, aber ſie ſtand immer noch da, die Hand auf den Stuhl geſtützt, und ſprach kein Wort. Ich habe Sie niemals ſo ſchön geſehen, wie heute Nacht, fuhr Carker fort. Selbſt das Bild, das ich während der ganzen grauſamen Prüfungszeit in meinem Herzen trug und Tag und Nacht betrachtet habe, wird von der Wirklichkeit übertroffen. Kein Wort. Kein Blick. Ihre Augen ganz verborgen von den langen Wimpern, aber das Haupt ſtolz gehoben. Harte, unerbittliche Bedingungen waren es, ſagte Carker mit einem Lächeln, aber ſie ſind alle erfüllt und machen die Gegen⸗ wart nur köſtlicher und ſicherer. Sieilien ſoll unſre neue Heimath ſein. In dieſem ſchönen Lande, Geliebte, wollen wir Entſchi⸗ digung für frühere Knechtſchaft ſuchen. —— *— — 865— Er eilte freudig auf ſie zu, als ſie plötzlich das Meſſer auf dem Tiſche ergriff und einen Schritt zurücktrat. Bleiben Sie, rief ſie, oder ich ſteche Sie nieder! Die plötzliche Umwandlung, der wilde Zorn und der un⸗ endliche Abſcheu, der aus ihren Augen glänzte und auf ihrer Stirn ſich ausſprach, hemmte plötzlich ſeine Schritte, als ob eine Feuerſäule vor ihm aus dem Boden geſtiegen wäre. Bleiben Sie! ſagte ſie. Kommen Sie mir nicht näher, es koſtet Ihnen Ihr Leben! Sie ſtanden beide da und ſahen ſich an. Wuth und Staunen malten ſich auf ſeinem Geſicht, aber er bezähmte ſich und ſagte leichthin: Mein Gott, wir ſind ja allein und Niemand ſieht und hört uns. Glauben Sie mich durch dieſes Tugendſpiel ab: zuſchrecken? Und glauben Sie, erwiderte ſie heftig, mich von einem Vorſatz, den ich gefaßt habe, oder von einem Weg, zu dem ich mich entſchloſſen, abzuſchrecken, indem Sie mich an die Einſamkeit dieſer Wohnung erinnern? Mich, die ich mit Abſicht allein hierher gekommen bin? Wenn ich Sie fürchtete, hätte ich Sie da nicht meiden können? Wenn ich Sie fürchtete, würde ich dann in todtenſtiller Mitternacht hier ſein und Ihnen ins Geſicht ſagen, was ich Ihnen ſagen will? Und was wäre das, ſagte er, Sie ſchöne Zürnende, ſchöner in dieſer Weiſe als jedes andere Weib in ihrer beſten Laune? Boz. Dombey u. Sohn. IX. 5 = 8— — 65— Ich werde Ihnen nichts ſagen, erwiderte ſie, bis Sie zu jenem Stuhl zurückkehren— blos noch dies Eine will ich wieder⸗ holen,— kommen Sie mir nicht zu nahe! Keinen Schritt weiter. Wenn Sie es thun, ſo ſchwöre ich Ihnen bei dem Himmel, der über uns iſt, daß ich Sie niederſtechen werde! Halten Sie mich für Ihren Mann? erwiderte er mit einem höhniſchen Lachen. Ohne zu antworten, erhob ſie den Arm und wies nach dem Stuhle. Er biß ſich in die Lippen, runzelte die Stirn, lachte und ſetzte ſich nieder mit einer unentſchloſſenen, mißvergnügten, ungeduldigen Miene, die er nicht verbergen konnte, kaute unruhig an den Nägeln und ſah ſie mit böſen Blicken von der Seite an, während er ſich ſtellte, als wenn er über ihre Launen lächelte. Sdiee legte das Meſſer wieder auf den Tiſch, deutete mit der Hand auf den Buſen und ſprach: Ich habe hier etwas liegen, was kein Liebestand iſt; und lieher, als daß ich mich von Ihnen noch einmal berühren ließe, würde ich es gegen Sie wenden, und mich weniger dabei beſinnen, als bei dem gemeinſten kriechenden Gewürm. Er zwang ſich zu einem ſpöttiſchen Lachen und forderte ſi auf, die Komödie raſch auszuſpielen, da das Eſſen kalt werde. Aber der verſtohlne Blick, mit dem er ſie anſah, war in⸗ grimmig und tückiſch und einmal ſtampfte er mit einem halblauten Fluche mit dem Fuße. 1 Wie oft, ſagte Edith und ſah ihn mit flammendem Auge an, hat Ihre kecke Schurkerei mich mit beleidigenden Worten und Thaten verletzt? Wie viele Male hat mich Ihre glatte Höflich⸗ — 6— keit und Ihre höhniſchen Worte und Blicke wegen meiner Heirath verſpottet? Wie viele Male haben Sie jene Wunde meines Herzens, die Liebe zu jenem herrlichen gekränkten Mädchen, blos⸗ gelegt und mit frecher Hand aufgeriſſen? Wie oft haben Sie das Feuer geſchürt, das mich zwei Jahre lang gepeinigt hat, und mich angetrieben, eine verzweifelte Rache zu nehmen, wenn es mich am meiſten quälte? Ich bezweifle gar nicht, Madame, erwiderte er, daß Sie Alles gemerkt und Nichts vergeſſen haben. Aber kommen Sie, Edith. Gegen Ihren Gatten, den armen Tropf, mochte dies wohl angehen— Und wenn, ſagte ſie und ſah ihn mit ſo ſtolzer Verachtung und Ekel an, daß er die Augen niederſchlagen mußte, ſo frech er auch ſonſt war,— und wenn alle meine Gründe, ihn zu verab⸗ ſcheuen, ſo leicht hätten weggeblaſen werden können, wie eine Feder, ſo wäre faſt der Umſtand, daß Sie ſein Rath und Günſtling waren, allein hinreichend geweſen, ihre Stelle zu erſetzen. Iſt das einer der Gründe, warum Sie mit mir entflohen ſind? frug er mit herausforderndem Spott. Ja, und warum wir uns zum letzten Mal gegenüberſtehen, erwiderte ſie. Elender! Wir treffen uns hier heute Nacht und ſcheiden heute Nacht. Nicht einen Augenblick, nachdem ich aus⸗ geſprochen habe, werde ich hier bleiben! Er ſah ſie mit grimmigem Blicke an und packte den Tiſch mit krampfhafter Fauſt; ſtand aber nicht auf und antwortete oder drohte ihr nicht. 5* — es— Ich bin ein Weib, ſagte ſie und ſah ihn feſt an, das ſchon von früheſter Kindheit an der Scham entwöhnt worden iſt. Man hat mich ausgeboten und verworfen, zu Markte ge⸗ bracht und abgeſchätzt, bis ich mir ſelbſt in innerſter Seele zu⸗ wider war. Jede Gabe und jeder Vorzug, die mir hätten ein Troſt ſein können, ſind herumgetragen und ausgeſchrieen worden, um meinen Werth zu erhöhen, als ob der öffentliche Ausrufer ſie in den Straßen verkündet hätte. Meine armen und ſtolzen Verwandten haben zugeſehen und ihre Beiſtimmung gegeben; und jedes Band zwiſchen uns iſt in meinem Herzen todt. Um keinen Einzigen von ihnen kümmere ich mich ſo viel, wie um meinen Schooßhund. Ich ſtehe allein in der Welt und weiß recht wohl, welche Lügenwelt ſie für mich geweſen iſt und welche Lügenrolle ich in ihr geſpielt habe. Sie wiſſen das und wiſſen auch, daß mir mein Ruf eine gleichgültige Sache iſt. Ja, das dachte ich mir, erwiderte er. Und bauten darauf Ihre Pläne, ſagte ſie, und verfolgten mich. Zu jedem andern Widerſpruch als Gleichgültigkeit zu gleich⸗ gültig geworden, that ich nichts gegen die täglichen Bemühungen der Hände, die mich dazu machten; und da ich wußte, daß meine Heirath wenigſtens dem ewigen Ausbieten meiner Perſon ein Ende machen würde, ließ ich mich eben ſo ſchmählich und nieder⸗ trächtig verkaufen, wie das Weib, das mit einem Strick um den Hals auf dem Markte verhandelt wird. Sie wiſſen das. Ja, ſagte er und zeigte die Zähne. Ich weiß das. Und Sie bauten darauf Ihre Pläne und verfolgten mich. Von meinem Hochzeitstage an fand ich mich einer neuen Schmach — 6— ausgeſetzt, einer unermüdlichen Zudringlichkeit(ſo deutlich aus⸗ gedrückt, als wäre es in den frechſten Worten geſchrieben und auf jedem Schritt mir in die Hand gedrückt worden) von Seiten eines Niederträchtigen ausgeſetzt, daß es mir war, als ob ich Erniedrigung erſt jetzt kennen lerne. Dieſe Schmach drängte mir mein Gatte auf, drängte mich mit eigner Hand und mit freiem Willen hundert und aberhundert Mal hinein. Und ſo durch dieſe Beiden von jedem Ruhe⸗ punkt getrieben, von dieſen Beiden gezwungen, das letzte Heilig⸗ thum von Liebe und Zärtlichkeit aus meinem Herzen zu reißen oder über ihren unſchuldigen Gegenſtand neues Unglück zu bringen, von dem Einen zum Andern getrieben und von dem Einen be⸗ lagert, wenn ich dem Andern entfloh, wurde mein Haß gegen Beide faſt zum Wahnſinn. Ich weiß nicht, wen ich mehr haßte, den Herrn oder den Diener! Er beobachtete ſie genau, wie ſie im höchſten Triumphe zürnender Schönheit vor ihm ſtand. Er ſah wohl, ſie war ent⸗ ſchloſſen, unerſchrocken und fürchtete ihn nicht mehr als einen Wurm. Was ſoll ich mit Ihnen von Ehre oder von Keuſchheit ſprechen! fuhr ſie fort. Welche Bedeutung würde das für Sie haben; welche Bedeutung hätte das von mir! Aber wenn ich Ihnen ſage, daß die leiſeſte Berührung Ihrer Hand mein Blut fröſteln macht vor Ekel, daß Sie von der erſten Stunde an, wo ich Sie ſah und haßte, bis jetzt, wo mein inſtinctmäßiger Widerwille durch jedes minutenlange Beiſammenſein mit Ihnen gewachſen iſt, mir ein verabſcheutes Geſchöpf geweſen ſind, wie es auf Erden kein an⸗ deres giebt; wie dann? Er erwiderte mit einem gezwungenen Lachen: ja! Wie dann? Was geſchah in jener Nacht, wo Sie, kühn geworden durch den Auftritt, den Sie mit angeſehen, wagten, auf mein Ziumer zu kommen und mich anzureden? ſagte ſie. Ich frage Sie, was geſchah da? Er zuckte die Achſeln und lachte wieder. Was geſchah? frug ſie. Ihr Gedächtniß iſt ſo gut, daß Sie es jedenfalls noch wiſſen, erwiderte er. Ich weiß es, ſagte ſie. Ich will es Ihnen ſagen! Als Sie dieſe Flucht— nicht dieſe Flucht, ſondern die Flucht, welche Sie ſich darunter dachten— vorſchlugen, ſagten Sie mir, daß ich verloren ſei, weil ich Ihnen Erlaubniß zu dieſem Beſuch gegeben und weil Sie ſich entdecken laſſen könnten, wenn Sie wollten; weil ich ſo viele Male mit Ihnen allein geblieben und weil ich Ihnen offen geſtanden, daß ich gegen meinen Ge⸗ mahl nur Widerwillen fühle und auf mich keine Rückſicht nehme; daß ich Ihnen damit die Macht, mich zu verläumden, gegeben und daß mein Ruf ganz von Ihrem Belieben abhinge. Das ſind blos Kriegsliſten in der Liebe, ſagte er lächelnd. Der alte Spruch— An jenem Abend, ſagte Edith, und in jenem Augenblick war der Kampf zu Ende, den ich lange mit Etwas geführt, was nicht Rückſicht auf meinen unbefleckten Namen war— Etwas, was ich ſelbſt nicht weiß— vielleicht ein Anklammern an dieſe letzte Rettung. An jenem Abend und in jenem Augenblick nahm —I AðAõõmõmmö 71 ich von Allem Abſchied, außer von der Leidenſchaft und der Rache. Ich führte einen Schlag, der Ihren ſtolzen Herrn in den — Staub legte und Sie dort vor mich hinſetzte, um mich anzuſehen und zu wiſſen, was ich meine. Er ſprang mit einem ſchweren Fluche vom Stuhle empor. Sie griff mit der Hand in den Buſen und kein Finger zitterte, kein Haar auf ihrem Haupte hob ſich. Er blieb ſtehen, ſie auch— zwiſchen ihnen Tiſch und Stuhl. Wenn ich vergeſſe, daß dieſer Mann damals meine Lippen mit ſeinem Mund berührte, und mich in ſeine Arme ſchloß wie heute, ſagte Edith und deutete mit dem Finger auf ihn; wenn ich jemals das Brandmal ſeines Kuſſes auf meiner Wange vergeſſe— auf der Wange, an die Florentine ihr unſchuldiges Geſicht zu legen pflegte— wenn ich jemals vergeſſe, wie ich ihr begegnete, als dieſer 1 Schmachfleck noch friſch war, und mit welcher gewaltigen Woge die Erkenntniß über mich ſtürzte, als ich ſie ſah, daß ich, indem ich ſie von der Verfolgung befreite, die ihr meine Liebe zuzog, durch meine That eine Schmach und Erniedrigung auf ihren Namen brachte, und für alle Zeiten ihr als die einſame Geſtalt erſcheinen werde, in der ihr zuerſt die Schuld entgegengetreten iſt— dann, Gatte, von dem ich von jetzt an auf ewig getrennt bin, will ich dieſe letzten beiden Jahre vergeſſen und ungeſchehen 8 machen, was ich gethan habe, und dich enttäuſchen! Ihre flammenden Augen, die ſich eine kurze Weile gen Himmel erhoben hatten, fielen jetzt wieder auf Carker, und ſie hielt ihm in der linken Hand ein paar Briefe entgegen. —õõ— — e Sehen Sie her, ſagte ſie verachtungsvoll. Sie haben ſie unter Ihrem falſchen Namen an mich geſchrieben; ich habe den einen da, den andern dort unterwegs empfangen. Die Siegel ſind noch unverletzt. Nehmen Sie die Briefe zurück! Sie zerknitterte ſie in ihrer Hand und warf ſie ihm vor die Füße. Und als er ſie jetzt wieder anſah, da lächelte ihr Geſicht. Wir trafen uns heute und ſcheiden noch heute. Sie haben zu frühe von ſicilianiſchen Tagen und ſchwelgeriſcher Ruhe geträumt. Sie hätten noch ein wenig länger kriechen und ſchmeicheln und den Verräther ſpielen und reicher werden können. Sie bezahlen Ihr luxuriöſes Aſyl theuer genug! Edith, entgegnete er und drohte mit der Hand. Setzen Sie ſich. Machen Sie ein Ende damit. Welcher Teufel hat ſich Ihrer bemächtigt? Ihr Name iſt Legion, erwiderte ſie und richtete ſich ſtolz auf, als ob ſie ihn vernichten könnte; Sie und Ihr Herr haben ſie in einem furchtbaren Hauſe auferzogen und ſie werden euch beide zerreißen. Falſch gegen ihn, falſch gegen ſein unſchuldiges Kind, falſch überall und aller Orten können Sie jetzt hingehen und mit mir prahlen und mit den Zähnen knirſchen, weil Sie dies eine Mal wiſſen, daß Sie lügen. Vor ſich hin ſprechend und drohend ſtand er vor ihr und ſah ſich tückiſch um, als ſuche er etwas, womit er ſie überwinden könne; aber ſie ſtand vor ihm, ohne zu wanken, mit unbezäͤhm⸗ barem Geiſte. — 8* 1. 2 ·⅛ Jede Ihrer Prahlereien, fuhr ſie fort, iſt ein Triumph für mich. Ich ſuche Sie aus, als den niederträchtigſten Men⸗ ſchen, den ich kenne, als den Schmarotzer und das Werkzeug des ſtolzen Tyrannen, damit ſeine Wunde nur um ſo tiefer und brennender ſei. Prahlen Sie und rächen Sie mich an ihm! Sie wiſſen, wie Sie heute Abend hier ankamen; Sie wiſſen, wie furchtſam und gedemüthigt Sie vor mir ſtehen; Sie ſehen ſich in eben ſo verächtlichen, wenn auch nicht in ganz ſo verhaßten Farben, wie ich Sie ſehe. Prahlen Sie alſo und rächen Sie mich an ihm. Der Schaum ſtand vor ſeinem Munde; der Schweiß glänzte auf ſeiner Stirn. Wenn ſie nur ein einziges Mal, nur einen halben Augenblick gewankt hätte, ſo hätte er ſie gepackt; aber ſie war unerſchütterlich wie ein Fels und ihre forſchenden Augen verließen ihn keinen Moment. Wir ſcheiden nicht ſo, ſagte er. Meinen Sie, ich ſei ein Narr, daß ich Sie in ſo wahnſinniger Laune gehen laſſe? Meinen Sie, erwiderte ſie, daß ich mich halten laſſe? Ich werde es verſuchen, verſetzte er mit einer drohenden Geberde. Gnade Ihnen Gott, wenn Sie mir zu nahe kommen, gab ſie zur Antwort. Und wie, ſagte er, wenn dieſes Prahlen bei mir nicht vor⸗ handen wäre? Wenn ich auch anders würde. Laſſen wir jetzt den Streit!— Und ſeine Zähne glänzten wieder ſchwach. Wir müſſen einen Vergleich treffen oder ich greife zu einer un⸗ erwarteten Maßregel. Setzen Sie ſich, ſetzen Sie ſich! — 11I— Zu ſpät! rief ſie und ihre Augen ſchienen Feuer zu ſprühen. Ich habe meinen Ruf und guten Namen in den Wind geſchlagen! Ich bin entſchloſſen, die Schande zu tragen, die an mir haftet— entſchloſſen zu wiſſen, daß ſie mir fälſchlich an⸗ klebt— daß Sie es auch wiſſen— und daß er es nicht weiß, nie wiſſen kann und nie wiſſen wird. Ich werde ſterben und kein Wort verrathen. Deshalb bin ich hier allein mit Ihnen in ſtiller Mitternacht. Deshalb habe ich Sie hier unter einem falſchen Namen als Ihre Gattin getroffen. Deshalb bin ich hier von jenen Leuten geſehen und allein gelaſſen. Nichts kann Sie mehr retten. Er hätte ſeine Seele hingegeben, um ſie in ihrer Schön⸗ heit an den Fußboden zu feſſeln und ſie machtlos in ſeiner Hand zu haben. Aber er konnte ſie nicht anſehen, ohne ſie zu fürch⸗ ten. Er ſah eine Kraft in ihr, die unwiderſtehlich war. Er ſah, ſie war auf das Aeußerſte getrieben und ihr unauslöſchlicher Haß gegen ihn werde vor Nichts zurückſchrecken. Seine Augen folgten der Hand, die mit ſo unbarmherzigem Entſchluß ſich auf dem weißen Buſen barg, und er dachte, wenn ſie nach ihm ziele und fehle, ſo werde ſie ohne Zögern dort zu treffen wiſſen. Er wagte daher nicht, ſich ihr zu nähern; aber die Thür, durch die er eingetreten war, befand ſich hinter ihm und er ver⸗ ſchloß ſie Jetzt hören Sie noch meine Warnung! Tragen Sie Sorge für ſich ſelbſt, ſagte ſie und lächelte wieder. Sie ſind verrathen worden, wie alle Verräther. Man weiß, daß Sie in dieſer Stadt ſind, oder hierher kommen ſollen, oder hier geweſen — —,— — 75— ſind. So wahr ich lebe, ich ſah heute Abend meinen Gatten durch die Straße fahren. Metze, das iſt eine Lüge, rief Carker. In dieſem Augenblicke ſchallte die Hausglocke heftig. Er erblaßte, wie ſie ihre Hand emporhielt wie eine Zauberin, auf deren Ruf die Glocke erklungen. Hören Sie es? ſagte ſie. Er lehnte ſich gegen die Thür, denn er bemerkte eine Ver⸗ anderung an ihr und glaubte, ſie werde an ihm vorbeigehen wollen. Aber im nächſten Augenblick war ſie durch die gegen⸗ überliegende Thür in das Schlafzimmer getreten und die Flügel ſchloſſen ſich hinter ihr. Wie er ihren unbeugſamen Blick einmal los war, fühlte er, daß er es mit ihr aufnehmen könne. Er glaubte, ein plötz⸗ licher Schrecken, eine Folge des Lärms, hätte ſie erſchüttert; und das ſchien ihm wegen ihrer überſpannten Aufregung nur noch wahrſcheinlicher. Im nächſten Augenblick riß er die Flügelthür auf und folgte ihr. Aber das Zimmer war finſter; und da ſie auf ſeinen Ruf nicht antwortete, mußte er, um die Lampe zu holen, wieder um⸗ kehren. Er hielt ſie in die Höhe und ſah ſich überall um, in der Hoffnung, ſie in einer Ecke verſteckt zu finden; aber das Zimmer war leer. Er ging weiter in den Salon und das Speiſezimmer mit dem unſichern Schritt eines Mannes an einem fremden Orte. Er ſah ſich ſcheu um und blickte hinter ſpaniſche Wände und Sopha’s; aber ſie war nicht da. Auch nicht in dem Vorſaal, der ſo kurz war, daß er ihn mit einem —QOę——äÿÿ—C——QOB—— — 76— Blick überſehen konnte. Die ganze Zeit über läutete die Glocke und die draußen klopften heftig an die Thür. Er ſtellte die Lampe im Hintergrunde auf den Boden und lauſchte. Meh⸗ rere Stimmen ſprachen unter einander; zuletzt hörte er zwei eng⸗ liſch reden; und obgleich die Thür ſehr ſtark und draußen großer Lärm war, ſo kannte er doch die eine derſelben zu gut um zu bezweifeln, welche Stimme es war. Er nahm die Lampe wieder und ſchritt eilfertig durch die Zimmer, blieb ſtehen, bevor er jedes verließ, und ſah ſich nach ihr um, das Licht hoch emporgehoben. So ſtand er in dem Schlafzimmer, als ſein Blick auf die Thür zu dem ſchmalen Corridor in der Wand fiel. Er ging hin und fand, daß ſie von außen verſchloſſen war; aber ſie hatte beim Hinausgehen einen 6 Schleier verloren und ihn in der Thür eingeklemmt. Die ganze Zeit über ſchellten die Leute auf der Treppe die Glocke und klopften mit Händen und Füßen. Er war kein Feigling; aber dieſer Lärm und was vorher ge⸗ ſchehen; das fremde Ausſehn des Ortes, das ihn ſogar bei ſeie⸗ ner Rückkehr aus dem Vorſaal verwirrt hatte; die Vereitlung ſeiner Pläne(denn ſo ſeltſam es klingt, er wäre viel kühner ge⸗ weſen, wenn ſie gelungen wären); die unheimliche Zeit; die Er⸗ innerung, daß er hier Niemanden hatte, von dem er einen Freun⸗ desdienſt verlangen konnte; vor Allem aber das plötzliche Be⸗ wußtſein, welches ſein Herz wie Blei ſchlagen machte, daß der Mann, deſſen Vertrauen er gemißbraucht und den er ſo verrä⸗ theriſch getäuſcht, jetzt komme, um ihm die heuchleriſche Larve vom Antlitz zu reißen, flößte ihm einen paniſchen Schrecken ein. — 4*—— 3 — 22— Er rüttelte an der Thür, in welcher der Schleier eingeklemmt war, aber ſie ging nicht auf. Er öffnete eins der Fenſter und ſah durch die Jalouſieen hinab in den Hof; aber es war ſehr tief und die Steine hatten kein Mitleid. Das Läuten und Klopfen dauerte immer fort— ſeine Angſt wurde immer größer— er eilte zurück zu der Thür ins Schlafzimmer, und endlich nach wiederholten Anſtrengungen ſprengte er ſie auf. Als er die kleine Treppe erblickte und die friſche Nachtluft herauf wehen fühlte, ſchlich er zurück, um Hut und Mantel zu holen, machte die Thür hinter ſich ſo feſt als möglich zu, eilte hinab, die Lampe in der Hand, löſchte ſie aus, als er die Straße erblickte, ſtellte ſie in eine Ecke und floh hin⸗ aus in die ſternenhelle Nacht. — Fuͤnfundfunfzigſtes Kapitel. Wie Rob, der Scheerenſchleifer, ſeine Stelle verliert. Der Portier an dem eiſernen Gitterthor nach der Straße hatte das kleine Nebenpförtchen unverſchloſſen gelaſſen und war fort⸗ gegangen, jedenfalls um nach dem fernen Lärm an der Thür der großen Treppe zu ſehen. Vorſichtig die Klinke aufdrückend ſchlich Carker hinaus, machte mit ſo wenig Geräuſch als möglich das knarrende Thor hinter ſich zu und eilte fort. In dem Fieber des Aergers und nutzloſer Wuth überwäl⸗. tigte ihn die Angſt, die ihn ergriffen, ganz und gar. Sie wuchs zu einer ſolchen Höhe empor, daß er lieber blind jeder andern Gefahr entgegengegangen wäre, als dem Manne zu begegnen, den er noch vor zwei Stunden ganz vergeſſen hatte. Sein zornerfülltes Kommen, das er nie erwartet hatte; der Ton ſei⸗ 6 ner Stimme; die nahe Möglichkeit, ihm Auge in Auge gegenüber 9 zu ſtehen, Alles hätte er nach der erſten unwillkürlichen Bewe⸗ gung des Schreckens muthig ertragen und ſein ſchuldbeladnes ——22 — 79— Haupt mit ſo kecker Stirn gezeigt, wie jeder andere Schurke. Aber daß ſein kunſtreiches Spiel ſich ſo gänzlich und unerwartet gegen ihn ſelbſt gewendet hatte, das ſchien all ſeine Kühnheit und ſein Selbſtvertrauen vernichtet zu haben. Verachtet wie ein ſchlechter Wurm; in ſeiner eignen Schlinge gefangen und ver⸗ höhnt; mit Füßen getreten von dem ſtolzen Weibe, deren Seele er langſam vergiftet zu haben glaubte, bis ſie ein bloßes Ge⸗ ſchöpf ſeiner Laune war; enttäuſcht über ſeine Schlauheit und jämmerlich beraubt ſeines Fuchspelzes ſchlich er fort, beſchämt, gedemüthigt und voller Furcht. Noch ein anderer Schrecken, der mit der Angſt vor Ver⸗ folgung gar nichts zu thun hatte, kam über ihn plötzlich wie ein elektriſcher Schlag, wie er durch die Straße eilte. Ein geſpen⸗ ſtiger Schrecken, unverſtändlich und unerklärlich, verbunden mit einem Erzittern des Erdbodens— mit einem Daherſauſen durch die Luft gleich dem Tode auf ſchwarzem Fittig. Er wich ſcheu zurück, als wollte er es vorbeilaſſen. Es war nicht fort, es war nicht dageweſen, aber welch erſchütterndes Entſetzen hatte es in ihm zurückgelaſſen! Er hob ſein Sündergeſicht ſo voller Unruhe empor zum Nachthimmel, wo die Sterne ſo friedlich auf ihn herab ſchienen, und blieb ſtehen, um nachzudenken, was nun zunächſt zu thun ſei. Die Furcht, an einem fremden und entlegenen Orte, wo das Geſetz ihn vielleicht nicht ſchützte, gefunden zu werden,— die Neuheit des Gefühls, daß es ein fremder und entlegener Ort war, die Folgen ſeines plötzlichen Alleinſtehens unter den Trümmern ſeiner Plaͤne— eine noch größere Scheu, jetzt in — 80— Italien oder Sicilien Schutz zu ſuchen, wo man, wie er ſich ein⸗ bildete, Leute anſtellen konnte, um ihn an der erſten beſten dun⸗ keln Straßenecke zu ermorden— die Unentſchloſſenheit der Schuld und der Furcht— vielleicht eine ſympathetiſche Nach⸗ wirkung der Umkehr aller ſeiner Pläne— trieben ihn an eben⸗ falls umzukehren und nach England zu gehen. Ich bin dort jedenfalls ſichrer, dachte er. Wenn ich mich nicht entſchließen ſollte, dem Narren Satisfaction zu geben, ſo findet man mich dort nicht ſo leicht, wie jetzt im Auslande. Und wenn ich mich dazu entſchließen ſollte(ſobald dieſer verwünſchte Anfall vorüber iſt), ſo wäre ich wenigſtens nicht allein, ohne einen Freund und Berather. Er murmelte Ediths Namen und ballte die Fauſt. Wie er im Schatten der hohen Gebäude durch die Straßen ſchlich, knirſchte er mit den Zähnen und rief ſchreckliche Flüche auf ihr Haupt herab und ſah ſich um, als ſuche er ſie. So erreichte er die Thür eines Gaſthofs. Die Leute waren zu Bett; aber ſein Läuten brachte bald einen Mann mit einer Laterne an die Thür, mit welchem er nach einem Wagenſchuppen ging, wo er eine Kutſche nach Paris miethete. Das Geſchäft war bald abgemacht und die Pferde wurden alsbald herbeigeholt. Mit dem Befehl, daß der Wagen ihm folgen ſolle, ſobald die Pferde kämen, ſchlich er wieder fort zur Stadt hinaus, an den alten Wällen vorbei, hinaus auf die Land⸗ ſtraße, die über das dunkle Blachfeld zu gleiten ſchien wie ein Strom. — 1— Wohin floß er? Wo war ſein Ende? Als er mit ähnlichen Gedanken beſchäftigt ſtill ſtand und über die düſtere Fläche hin⸗ blickte, wo ſchlanke Bäume den Weg bezeichneten, da kam wieder der Tod herangeſauſt und fuhr ungeſtüm und unwiderſtehlich an ihm vorbei, und wieder war nichts als Entſetzen in ſeiner Seele, nächtlich wie die Umgebung und unklar wie ihr fernſter Rand. Es wehte kein Wind; kein fliegender Schatten unterbrach das trübe Grau der Nacht; kein Geräuſch war zu vernehmen. Die Stadt lag hinter ihm, hier und da mit einem Lichtſchimmer, und Sternenwelten wurden verſteckt von Thürmen und Dächer⸗ maſſen, die geſtaltlos in den Himmel hinein dämmerten. Dunkle und einſame Ferne umgab ihn ringsum und von den fernen Thürmen hallte es zwei Uhr. Er ſchritt vorwärts, wie es ihm ſchien, lange Zeit und einen langen Weg, und blieb oft ſtehen um zu lauſchen. Endlich tönte das Geklingel von Schellen in ſein erwartungsvolles Ohr. Jetzt leiſer und dann wieder lauter; dann in langſamen Pauſen auf ſchlechtem Wege, dann wieder friſch und munter kam es immer näher, bis mit lautem Ruf und Peitſchenknall ein ſchattenhafter Poſtillon, bis an die Augen, verhüllt vier widerſpenſtige Roſſe neben ihm zum Stehen brachte. Wer da! Monſieur? rief es. Ja! war die Antwort. Monſieur iſt in der dunklen Nacht einen weiten Weg ge⸗ gangen, ſagte der Poſtillon. Thut nichts. Jeder nach ſeiner Art. Waren noch andere Pferde auf der Poſt beſtellt? Boz. Dombey u. Sohn. IX. 6 8² Tauſend Teufel!— Ach, Pardon! Andere Pferde? Zu dieſer Stunde? Nein! 3 Hört Freund, ſagte Carker. Ich habe große Eile. Wir wollen ſehen, wie ſchnell wir fahren können. Je ſchneller, deſto mehr Trinkgeld. Fort alſo! raſch! Halloh! Hui! Halloh! Hui! Fort im Gallop durch die ſchwarze Landſchaft, daß Staub und Schmutz wie Wellenſchaum herumfliegt. . Der Lärm und die raſche Bewegung paßt zu dem ſtürmiſchen Flug und der Verwirrung der Gedanken des Flüchtlings. Nichts klar draußen und nichts klar in ihm. Die Gegenſtände fliegen an ihm vorüber, fließen in einander, werden undeutlich gewahrt, undeutlich aus dem Auge verloren, ſind verſchwunden! Jenſeits der vorüber fliegenden Heckenſtücke und einzelnen Hütten un⸗ mittelbar an der Straße eine wüſte Einöde. Hinter den wechſeln⸗ den Bildern, die in ſeiner Seele aufſteigen und gleich wieder ver⸗ ſchwinden, eine wüſte Fläche von Angſt und Wuth und getäuſchter Schurkerei. Dann und wann hauchte ein Gebirgslüftchen her⸗ über vom ſernen Jura und erſtarb in der Ferne. Und manch⸗ mal rauſcht wieder jener grauenhafte Schrecken heran, ſauſt V vorüber und läßt ein Fröſteln in ſeinem Blute zurück. Die Laterne, in deren Schein die Pferdeköpfe tanzen, un⸗ termengt mit dem ſchattenhaften Kutſcher und ſeinem flatternden Mantel, erſchaffen tauſend phantaſtiſche Geſtalten, die ſeinen Ge⸗ danken entſprechen. Schatten von bekannten Leuten, wie ſie in gewohnter Stellung vor ihrem Pulte und über den Büchern ſitzen; ſeltſame Erſcheinungen des Mannes, vor dem er ſlieht, — 83— oder Ediths; Wiederholungen von früher geſprochenen Worten ein den läutenden Schellen und den raſſelnden Rädern; Ver⸗ wirrung von Zeit und Ort, ſo daß die vorige Nacht einen Monat zurückverſetzt wird und die Zeit vor vier Wochen wie geſtern Abend erſcheint— die Heimath jetzt unerreichbar fern, dann wieder in unmittelbarer Nähe; Aufregung, Zwieſpalt, Eile, Finſterniß und Verwirrung in ſeiner Seele und rings um ihn.— Halloh! Hui! Fort im Gallop durch die ſchwarze Landſchaft; Staub und Koth fliegen um ihn wie Wellenſchaum, die dampfen⸗ den Roſſe ſchnauben und bäumen ſich, als würde jedes von einem Dämon geritten, und brauſen im wahnſinnigen Triumph die dunkle Straße entlang— wohin? Und wieder rauſcht das namenloſe Entſetzen heran, und wie es vorüberfährt, klingen die Schellen in ſein Ohr, wohin? Die Räder raſſeln in ſein Ohr, wohin? jeder Schall und jeder Ton wird zu dieſem Rufe. Lichter und Schatten tanzen auf den Köpfen der Pferde wie Kobolde. Kein Aufenthalt,— keine Raſt! Immer fort und fort! Fort mit ihm in wilder Jagd die dunkle Straße entlang! Er konnte zu keinem beſtimmten Zwecke denken. Er konnte nicht einen Gegenſtand des Nachdenkens ſo weit von dem andern trennen, daß er nur eine Minute bei ihm allein hätte verweilen können. Die Vernichtung ſeines Planes, den wollüſtigen Preis für langen Zwang zu gewinnen, die Nutzloſigkeit ſeines Verraths an einem Manne, der es aufrichtig und gut mit ihm gemeint, von dem er aber jedes ſtolze Wort und jeden ſtolzen Blick Jahre lang auf Zinſen zurückgelegt— denn falſche und 6* — 84— argliſtige Menſchen verabſcheuen ſtets innerlich den, dem ſie ſchmeicheln, und rächen ſich immer für die Darbringung und An⸗ nahme von Ehrerbietung, deren Unwerth ſie recht wohl einſehen dieſe Sachen beſchäftigten ſeine Gedanken am meiſten. Ene üciiſche Wuth gegen das Weib, das ihn ſo ſchlau in etgüer Schlinge gefangen und ſich gerächt hatte, war immer vorhanden. Furchtbare und mißgeſtalte Rachepläne ſchwebten ihm beſtändig vor; aber nichts war deutlich. Ruheloſigkeit und Widerſpruch beherrſchten alle ſeine Gedanken. Selbſt als er ſich mit dieſem fieberhaften nutzloſen Denken beſchäftigte, blieb er immer an der einen Idee haften, daß er die Ueberlegung auf unbeſtimmte Zeit aufſchieben wolle. Dann ſtiegen die alten Tage vor der zweiten Heirath wieder vor ſeiner Erinnerung empor. Er dachte, wie eiferſüchtig er auf den Knaben, wie eiferſüchtig er auf das Mädchen geweſen, wie kunſtreich er Zudringliche fern gehalten und einen Kreis um den betrogenen Gönner gezogen, den nur er überſchreiten durfte; und dann dachte er, daß er Alles das gethan, um jetzt wie ein ſcheuer Dieb vor dieſem armen Betrognen zu fliehen. Aus Zorn über ſeine Feigheit hätte er Hand an ſich ſelbſt legen können, aber ſie war ja der Schatten ſeiner Niederlage und ließ ſich nicht von ihr trennen. Sein Vertrauen auf ſeine eigne Schlechtigkeit mit einem Schlag vernichtet zu ſehen— ſich ſelbſt als ein elendes Werkzeug anerkennen zu müſſen— das raubte ihm alle Kraft. Mit ohnmächtigem Ingrimm wüthete er gegen Edith und haßte Mr. Dombey und haßte ſich ſelbſt, aber dennoch ſich er und konnte weiter nichts thun. — 8— Immer und immer wieder lauſchte er, ob er hinter ſich Wagengeroll vernähme. Immer und immer wieder glaubte er es zu hören lauter und lauter. Endlich war er ſo feſt davon überzeugt, daß er Halt rief, denn er zog ſogar den Zeitverluſt der Ungewißheit vor. Auf ſeinen Befehl blieben alsbald Wagen, Pferde und Kutſcher in einen Haufen zuſammengedrängt quer auf der Straße ſtehen. Teufel! rief der Kutſcher und ſah ſich um. Was giebt's? Horcht! Was iſt das? Was? Dieſes Geräuſch. O Himmel, ſei ruh erde zu, das ſeine Schellen ſchüttelte. erdammter Spitzbube! rief der Was einem andern Pferde, das ſeinen Nachbar biß, worüber die beiden andern unruhig wurden, daß ſie ſich bäumten und zurückdrängten. Es kommt nichts. Nichts? Nein, nichts, als der Tag dort. Ich glaube, ihr habt Recht. Ich höre jetzt auch nichts. Fort! In den Dampf von den Pferden halb eingehüllt fuhr der Wagen erſt langſam weiter, denn der Kutſcher, verdrießlich über — 86— den unnöthigen Aufenthalt, nimmt ein Meſſer aus der Taſche und macht eine neue Schmitze an die Peitſche. Dann geht mit Hallohg und Hui! die wilde Jagd weiter.. Und jetzt ſchwanden die Sterne und der Tag graute, und wie er ſich jetzt in dem Wagen aufrecht ſtellte und ſich umſah, konnte er den zurückgelegten Weg überblicken und ſehen, daß auf der ganzen öden Fläche kein Reiſender war. Und bald wurde es heller Tag und die Sonne fing an auf Getreidefelder und Weinberge zu ſcheinen; und einzelne Arbeiter, aus kleinen Stroh⸗ hütten neben Steinhaufen auf der Straße kommend, beſſerten hier und da den Weg oder verzehrten ihr Frühſtück. Allmälig ließen ſich auch Bauern ſehen, die aufs N eld gingen, oder auf den Markt, oder an der Thür armſeliger Hü tten ſtanden und dem Vorüber⸗ eilenden nachſahen. Dann kamen ſie mner Poſtſtation, von einer tiefen Kothlache und rauchenden Miſthaufen und großen halbverfallnen Ställen umgeben; auf dieſen ſchönen Proſpect ſah ein großes, altes, ſchattenloſes, troſtlos helles Schloß herab, die Hälfte der Fenſter mit Jalouſieen verſchloſſen und mit grünem Moder überlaufen von der Terraſſe bis zu der ſchlanken Spitze der kegelförmigen Thurmdächer. Mürriſch in eine Ecke des Wagens gedrückt und blos mit dem Gedanken beſchäftigt, raſch vorwärts zu kommen,— außer wenn er wohl eine Viertelſtunde lang im Wagen aufſtand und zurückſchaute, was er ſtets that, wenn ſie auf die freie Ebene kamen— fuhr er immer weiter, das Nachdenken auf unbeſtimmte Zeit hinausſchiebend und immer von Gedanken ohne Ziel gequält. ☛—jj — 87— Scham, getäuſchte Erwartung und das demüthigende Be⸗ wußtſein des Unterliegens nagten an ſeinem Herzen; eine be⸗ ſtändige Furcht, eingeholt zu werden oder dem Todfeind zu be⸗ gegnen— denn er fürchtete ſich ohne allen Grund ſogar vor den Reiſenden, die ihm entgegen kamen— bedrückte ihn ſchwer. Daſſelbe unerträgliche Entſetzen, das ihn ſchon in der Nacht überwältigt, kehrte ungeſchwächt am Tage zurück. Das eintönige Klingen der Schellen und der Hufſchlag der Pferde; die Eintönigkeit ſeiner Aufregung und nutzloſen Wuth; das eintönige Rad von Furcht, Reue und Leidenſchaft, welches er immer im Kreiſe drehte, machten die Reiſe zu einer Viſion, in der nichts ganz wirklich war, als ſeine Qual. Es war eine Viſion von langen Straßen, die bis an den immer zurückweichenden und nie erreichten Horizont hinauf gingen⸗ von ſchlechtgepflaſterten Städten, wo Geſichter an dunkeln Thüren und zerbrochnen Fenſtern erſchienen, und wo lange Reihen von kothbeſpritzten Kühen und Ochſen in den langen engen Straßen zum Kauf ſtanden, ſtoßend und brüllend und mit Schlägen von Prügeln bedacht, welche ihnen den Kopf hätten einſchlagen können; von Bänken, Kreuzen, Kirchen, Moſhiße von neuen Pferden, die gegen ihren Willen eingeſpannt wurden, und Pferden der letzten Station, die rauchend und keuchend die müden Köpfe vor der Stallthür traurig zuſammenſteckten; von kleinen Kirchhöfen mit ſchwarzen, halb in das Grab verſunkenen Kreuzen und welken, vom Winde zerriſſenen Kränzen; und dann wieder von langen, langen Straßen, die ſich über Berg und Thal bis hinauf zum trügeriſchen Horizont erſtreckten. — 8&8— Eine Viſion von Morgen, Mittag und Abend; von Nacht und dem Aufgang des Mondes; von langen Landſtraßen, die vor der Hand verlaſſe en wurden, und ſchlechtem Pflaſter, von einer ſtoßenden und raſſelnden Fahrt darüber hinweg und von einem hohen Kirchthurm, der über die Giebel emporragte; von Aus⸗ ſteigen und haſtigem Eſſen und Hinabſtürzen von Wein, der nicht erquicken wollte; von Heraustreten unter eine Schaar von Bett⸗ lern— blinde Männer mit zuckenden Augenlidern, geführt von alten Weibern, die ihnen Lichter ins Geſicht hielten; blödſinnige Mädchen; Lahme, Fallſüchtige und Gichtbrüchige— von einem Durchdrängen durch den Lärm und einem Herabſehen aus der Kutſche auf die emporgehobenen Geſichter und ausgeſtreckten Hände, mit einer unruhigen Beſorgniß, einen Verfolger aus der Menge treten zu ſehen; von Weiterfahren im raſchen Laufe auf dem langen, langen Wege, ſtumpf und betäubt in die Ecke ge⸗ drückt oder aufſtehend um zu ſehen, wo der Mond mit ſchwachem Schimmer auf einen Fleck deſſelben endloſen Weges in weiter, weiter Ferne ſchien, oder zurück zu ſchauen, ob Jemand folge. Eine Viſion, niemals zu ſchlafen, aber manchmal mit offnen Augen zu träumen und erſchrocken aufzuſpringen und einer ein⸗ gkbildeten Stimme laut zu antworten. Eine Viſion, ſich ſelbſt zu verfluchen wegen ſeines Dortſeins, wegen ſeiner Flucht, daß er ſie habe gehen laſſen, daß er ihm nicht die Stirn geboten habe. Eine Viſion von einem unausſöhnbaren Streit mit der ganzen Welt, aber hauptſächlich mit ſich ſelbſt. Eine Viſion, Alles mit ſeiner ſchwarzen Laune zu verderben, wie er in wilder Jagd von dannen fuhr. — 89— Es war eine ſieberheiße Viſion von vergangenen und gegen⸗ wärtigen Dingen, in bunter Verwirrung durch einander gehäuft; von ſeinem Leben und ſeiner Reiſe in Eins verwoben. Von einem wahnſinnigen Drange, irgend wohin zu fliehen, wo er hin müſſe. Von allen Scenen, die mitten aus den neuen Umgebungen ſeiner Reiſe emporſtiegen. Von einem Brüten über Vergangnes und Entlegenes und einer Gleichgültigkeit gegen die wirklichen Gegenſtände, die ihn umgaben, aber mit einem peinlichen und er⸗ ſchöpfenden Bewußtſein, daß ſie ſeinen Geiſt verwirrten und daß ſich ihre Bilder alle in ſein fieberheißes Hirn drängten, wie ſie ſelbſt verſchwunden waren. Eine Viſion von Veränderung auf Veränderung und immer daſſelbe eintönige Weſen von Schellen und Rädern und Pferdegetrampel und keiner Ruhe. Von Stadt und Land, Poſtſtationen, Pferden, Kutſchern, Berg und Thal, Licht und Finſterniß, Landſtraße und Pflaſter, naſſem und trock⸗ nem Wetter und immer daſſelbe eintönige Weſen von Schellen und Rädern und Pferdegetrampel und keiner Raſt. Endlich eine Viſion von der Nähe der Hauptſtadt, von belebteren Straßen, alten Domen und kleinen Städten und Dörfern, dichter ge⸗ ſäet als früher, und einem Reiſenden, in die Wagenecke gedrückt und das Geſicht mit dem Mantel verhüllend, wie die Leute vor⸗ beigehen und ihn anſehen. Ein Traum, immer weiter und weiter zu fahren, das Den⸗ ken immer hinaus zu ſchieben und immer von Gedanken gequält zu werden; außer Stande zu ſein, die Stunden nachzuzählen, die man unterwegs geweſen, oder die Abſchnitte von Zeit und Ort auf der Reiſe zu begreifen. Fieberheiß und ſchwindlig und 4 — 90g— halb wahnſinnig zu ſein; aber trotz alledem immer weiter zu fahren, als könnte man nicht raſten, und dann nach Paris zu kommen, wo der trübe Strom ungeſtört ſeinem ſchnellen Laufe folgt zwiſchen zwei lärmenden Strömen von Leben und Regſamkeit. Dann ein verwirrter Traum von Brücken, Quais, endlo⸗ ſen Straßen; von Weinſchenken, Waſſerträgern, großen Volks⸗ maſſen, Soldaten, Kutſchern, Militärmuſik, Arkaden. Ein Traum, daß das eintönige Weſen von Schellen und Rädern und Pferde⸗ getrampel endlich in dem allgemeinen Lärm und Aufruhr ſich verliert. Daß dieſer Lärm allmälig wieder aufhört, wie er in einem andern Wagen durch die entgegengeſetzte Barriére hinaus fährt. Und daß, wie er nach dem Meere reiſt, das eintönige Weſen der Schellen und Räder und des Pferdegetrampels und keiner Raſt wiederkehrte. Und wieder die alte Viſion vom Sonnenuntergang und Einbruch der Nacht, von endloſen Landſtraßen und ſtiller Mit⸗ ternacht und ſchwachem Lichtſchimmer in den Fenſtern am Wege; und immer noch das alte eintönige Weſen von Schellen und Rädern und Pferdegetrampel und keiner Raſt. Eine Viſion vom Morgengrauen und Tagesanbruch und Sonnenaufgang. Von langſamer Fahrt den Hügel hinauf und dem Hauch der friſchen Seeluft auf der Spitze; und vom Schimmer des Morgenlichts auf dem Saume der fernen Wellen. Von der Ankunft im Ha⸗ fen, wo gerade Fluth iſt und Fiſcherboote herein fahren und frohe Weiber und Kinder ihrer warten. Von Netzen und Schif⸗ ferkleidern, die zum Trocknen am Ufer liegen; ven geſchäftigen — 91— Matroſen, deren Rufe hoch von den Maſten des Schiffes herab⸗ ſchallen; von dem heitern Waſſer und dem allgemeinen Glanze. Eine Viſion von der verſchwindenden Küſte und von dem Ne⸗ belflor über dem Waſſer, durch den hier und da ein ſonnenglän⸗ zendes Stück Land blickt. Von dem Aufwogen und Funkeln und Murmeln des ruhenden Meeres, von einem andern grauen Streifen über dem Meere gerade vor dem Schiff, der immer deut⸗ licher und höher wird. Von ſteilen Uferfelſen und Häuſern und einer Windmühle und einer Kirche, die immer näher und näher kommt. Von der Ankunft in ruhigem Waſſer und dem Anlegen an einem Quai, wo Menſchengruppen herabſehen und Freunde am Bord grüßen. Vom Ausſteigen und raſchen Verlieren in dem dichten Haufen und von der endlich erreichten Heimath. Er hatte ſich in ſeinem Traum ausgedacht, nach einer abgele⸗ genen Landſtadt, die er kannte, zu gehen und ſich dort ruhig zu verhalten, während er im Geheimen ſich unterrichtete, was ruch⸗ bar geworden war, und ſich entſchloß, was zu thun ſei. Immer noch von derſelben dumpfen Betäubung befangen, gedachte er einer gewiſſen Station an der Eiſenbahn, wo der Weg nach ſei⸗ nem Beſtimmungsorte abging und wo ein ſtilles Gaſthaus war. Hier wollte er raſten. Mit dieſem Vorſatz nahm er ſo ſchnell als möglich Platz in einem Eiſenbahnwagen, und drückte ſich dort, tief in den Mantel gehüllt, in eine Ecke, als ſchliefe er. Raſch entführte ihn der Zug vom Meeresufer und tief in das grüne Binnen⸗ land. An ſeinem Beſtimmungsort angelangt blickte er hinaus und muſterte ihn ſorgfältig. Er irrte ſich nicht in dem Bilde, das er ſich von dem Orte gemacht. Es war ein abgelegener Fleck am Rand eines Wäldchens. Nur ein Haus, neu errichtet oder zu ſeiner jetzigen Beſtimmung umgebaut, umgeben von einem hübſchen Garten, ſtand da; die nächſte kleine Stadt war ein paar Stunden entfernt. Hier ſtieg er aus, ging gerade⸗ wegs nach dem Gaſthaus, von keinem bemerkt, und beſtellte zwei Zimmer im obern Stock, nebeneinander gelegen und ſo ſtill, wie er wünſchte. Er wollte hier raſten und die Herrſchaft über ſich ſelbſt und Beſonnenheit wieder finden. Ohnmächtige Wuth über ſeine Niederlage und In⸗ grimm— ſo daß er mit den Zähnen knirſchte, wie er im Zim⸗ mer auf und ab ging— beherrſchten ihn ganz. Seine Gedan⸗ ken, die ſich nicht aufhalten noch leiten ließen, ſchweiften immer noch, wohin ſie wollten, und zogen ihn nach ſich. Er war wie beſinnungslos und todmüde. Aber als ob ein Fluch auf ihm läge, daß er nie wieder Ruhe finden ſollte, wollten feine ſchläfrigen Sinne nicht ihr Be⸗ wußtſein verlieren. Er hatte in dieſer Hinſicht nicht mehr Herrſchaft über ſie, als ob ſie einem andern Menſchen gehörten. Nicht daß ſie ihn zwangen, gegenwärtige Klänge und Gegen⸗ ſtände zu beachten, aber ſie wollten ſich nicht von der ganzen fie⸗ berhaften Viſion ſeiner Reiſe ablenken laſſen. Der Traum ſtand beſtändig in ſeiner ganzen Ausdehnung vor ihm. Sie ſtand da, ihre dunkeln vernichtungsvollen Augen auf ihn geheftet; und er fuhr deſſenungeachtet durch Stadt und Land, durch Licht und Finſterniß, durch naſſes und trockenes Wetter, über Landſtraße — 93— und Pflaſter, Berg und Thal, erſchöpft und geängſtigt von der Eintönigkeit der Schellen, der Räder und des Pferdegetrampels und keiner Raſt. Was iſt heut für ein Tag? frug er den Kellner, der den Tiſch deckte. Was für ein Tag, Sir? Iſt heut Mittwoch? frug er weiter. Mittwoch, Sir! Nein, Sir. Donnerſtag, Sir! Ach ſo. Welche Zeit iſt es? Meine Uhr iſt nicht auf⸗ gezogen. Es fehlen noch ein paar Minuten an fünf Uhr, erwiderte der Kellner. Haben wohl eine lange Reiſe gehabt, Sir? Ja. Mit der Eiſenbahn, Sir? Ja. Macht Einen ſehr verwirrt im Kopf, Sir. Reiſe ſelber nicht oft mit der Eiſenbahn, Sir, die Herren ſagen es aber oft. Kommt viel Beſuch hierher? fragte Carker. Ziemlich viel, meiſtens, Sir. Jetzt iſt niemand da.'s iſt ein Bischen ſtill jetzt, Sir.'s iſt überall ſtill, Sir. Er antwortete nicht, ſondern hatte ſich auf dem Sopha, wo er gelegen hatte, aufrecht geſetzt, und beugte ſich vor, einen Arm auf jedes Knie geſtützt und den Fußboden anſtarrend. Er konnte ſeiner Aufmerkſamkeit nicht eine Minute lang gebieten. Sie ſchweiſte, wohin ſie wollte, aber ſie verlor ſich nie einen Augenblick lang in Schlaf. 94 Er trank nach dem Eſſen viel Wein, aber umſonſt. Ein ſo künſtliches Mittel wollte ihm keinen Schlaf verſchaffen. Immer unzuſammenhängender ſchleppten ihn ſeine Gedanken fort— einem Verbrecher gleich, den wilde Roſſe mit ſich von dannen ſchleifen. Kein Vergeſſen und keine Ruhe. Wie lange er ſo daſaß, trinkend und brütend, konnte nie⸗ mand weniger ſagen als er. Aber er war ſich bewußt, daß er ſchon lange bei Licht ſaß, als er aufſprang und im plötzlichen Schreck lauſchte. Denn jetzt war es wirklich kein Traumbild. Die Erde zitterte, das Haus klapperte, das wilde, ungeſtüme Sauſen fuhr durch die Luft! Er fühlte, wie es kam und vorüber eilte; und ſelbſt als er ans Fenſter geeilt war und ſah, was es war, trat er ſcheu davor zurück, als ſei es gefährlich hinzuſehen. Fluch dem wilden Dämon, der ſo glatt dahindonnert, und in dem fernen Thal eine Spur von Feuer und fahlem Rauch zu⸗ rückläßt, und verſchwindet! Es war ihm, als wäre er aus ſei⸗ nem Pfade geriſſen und von dem Tode durch ſeine Räder ge⸗ rettet worden. Noch jetzt fühlte er ſich beklommen und geäng⸗ ſtigt, wo ſein leiſeſtes Geräuſch erſtorben, und wo die eiſernen Schienen, die er im Mondſchein in weiter Ferne in einem Punkte zuſammenlaufen ſah, ſo leer und ſtill waren wie eine Wüſte. Außer Stande zu ruhen und unwiderſtehlich zu der Eiſen⸗ ſtraße hingezogen, trat er hinaus und trieb ſich an dem Rande derſelben herum, den Weg, den der Zug gegangen, an den noch rauchenden Schlacken, die auf ſeiner Spur lagen, verfolgend. Nachdem er ſo etwa eine halbe Stunde bahnaufwärts gegangen — 95— war, kehrte er wieder um und ging immer am Rande der Bahn hin, an dem Gaſthofsgarten vorbei und ein gutes Stück hinab; und beſah ſich dabei neugierig die Brücken, die Signale und die Laternen, und wartete, bis ein anderer Dämon vorüber kommen würde. Ein Erzittern der Erde und ein Brauſen in ſeinem Ohr; ein ferner gellender Schrei; ein immer näher kommendes trübes Licht, das ſich raſch in zwei rothe Augen verwandelte, und ein grellrothes Feuer, aus welchem glühende Kohlen auf den Weg fie⸗ len; ein unwiderſtehliches Vorüberſauſen einer großen brüllenden und immer größer werdenden Maſſe; ein Windſtoß und ein Ge⸗ raſſel— ein anderer Dämon kam und entſchwand und er hielt ſich feſt an einer Barriere, wie um ſich zu retten! Er wartete auf einen Dritten und auf einen Vierten. Er ging zurück auf ſeinen frühern Platz und wieder zurück auf den andern und harrte beſtändig durch den ganzen quälenden Traum ſeiner Reiſe auf die nahenden Ungeheuer. Er trieb ſich vor dem Bahnhof herum, bis eines derſelben anhielt, um ihn mitzu⸗ nehmen, und wenn eins ſtehen blieb und unter die Pumpe fuhr, um Waſſer einzunehmen, da ſtand er dicht dabei und betrachtete die ſchweren Räder und die eherne Stirn, und dachte, welche entſetzliche Gewalt und Macht es beſitze. Hu! Die großen Räder ſich langſam drehen zu ſehen und zu denken, wie er von ihnen niedergerannt und zermalmt würde! Wirr vom Wein und Bedürfniß nach Ruhe— dieſem Be⸗ dürfniß, das nichts befriedigen wollte, obgleich er ſo müde war — 36(— — nahmen dieſe Vorſtellungen und Gegenſtände eine krankhafte Bedeutung in ſeinen Gedanken an. Als er wieder auf ſein Zimmer ging— es war faſt Mitternacht— quälten ſie ihn immer noch und er blieb ſitzen und lauſchte auf die Ankunſt eines andern. So blieb es auch im Bett, als er ſich ohne Hoffnung zu ſchlummern niederlegte. Er lag da und horchte; und als er das Erzittern des Erdbodens und der Luft fühlte, ſtand er auf und trat ans Fenſter, um das trübe Licht zu ſehen, das ſich in zwei rothe Augen verwandelte, und das grelle Feuer, das glü⸗ hende Kohlen fallen ließ, und das Vorbeiſauſen des Rieſen und die Spur von Feuerſchein und Rauch durch das Thal. Dann warf er einen Blick nach der Gegend, wohin er mit Sonnen⸗ aufgang reiſen wollte, als ob es auch dort für ihn keine Ruhe gebe; dann legte er ſich wieder hin, um gequält zu werden von der Viſion ſeiner Reiſe und der alten Eintönigkeit, von Schellen und Rädern und Pferdegetrampel, bis ein anderer Dämon kam. Das dauerte die ganze Nacht. Anſtatt die Herrſchaft über ſeinen Geiſt wieder zu gewinnen, ſchien er ſie womöglich nur noch mehr zu verlieren, wie die Nacht dahinſchwand. Als der Tag graute, quälte er ſich immer noch zu denken und ſchob immer noch das Nachdenken auf, bis ihm beſſer ſei; Vergangenheit, Gegen⸗ wart und Zukunft verwirrten ſich vor ſeinem Geiſte und er hatte alle Kraft verloren, eine derſelben feſt ins Auge zu faſſen. Um welche Zeit muß ich hier abreiſen? frug er den Kell⸗ ner, der jetzt mit einem Lichte hereintrat. 4 4 — 92— Gegen ein Viertel auf Fünf, Sir, gab Jener zur Ant⸗ wort. Der Poſtzug kommt um Vier vorbei, Sir.— Er hält ſich nicht auf. Er fuhr mit der Hand über die fieberheiße Stirn und ſah nach der Uhr. Bald halb Vier. Es reiſt wohl Niemand mit Ihnen, Sir? bemerkte der Kellner. Es ſind zwei Herren hier, Sir, aber ſie warten auf den Zug nach London. Sagten Sie nicht, es ſei Niemand hier? ſagte Carker, und ſah ihn an mit einem Geſpenſt ſeines alten Lächelns, wenn ihn Zorn oder Argwohn erfüllte. Sie kamen mit dem Nachtzug, der hier anhielt, Sir, ſagte der Andere. Warmes Waſſer, Sir? Nein; und nehmen Sie das Licht mit. Es iſt hell genug. Er hatte ſich halb angekleidet aufs Bett geworfen, ſtand aber ſchon wieder am Fenſter, als der Kellner das Zimmer ver⸗ ließ. Das kalte Licht des Morgens war auf die Nacht gefolgt und am Himmel war ſchon der rothe Schimmer der aufgehenden Sonne zu gewahren. Er badete Hände und Geſicht im Waſſer— es kühlte ihn nicht— zog ſich haſtig an, bezahlte und ging hinaus. Die Luft wehte ihn kalt und unheimlich an. Es war ein ſtarker Thau gefallen; und ſo warm es war, fröſtelte ihn doch. Nach einem Blick nach der Stelle, wo er geſtern auf und ab ge⸗ gangen war, und nach den Signallampen, die ſchwach im Morgen⸗ licht brannten, wendete er ſich nach der Gegend, wo die Sonne Boz. Dombey u. Sohn. IX. 7 — 98ñ— aufging, und ſah ſie in ihrem Glanze über die Landſchaft ſich erheben. So ehrfurchtgebietend, ſo überherrlich in ihrer Schön⸗ heit, ſo göttlich erhaben. Als er mit ſeinen müden Augen hin⸗ blickte, wo ſie in ruhiger Heiterkeit ſich erhob, unbewegt von allem Leid und allem Böſen, das ihre Strahlen ſeit Anfang der Welt beſchienen, wer kann wiſſen, ob ihn da nicht ein dunkles Gefühl von Tugend auf Erden und ihrer Belohnung im Himmel über⸗ kam? Wenn er jemals der Schweſter oder des Bruders mit einer Empfindung von Liebe und Treue gedachte, wer kann wiſſen, ob es nicht in dieſem Augenblick war? Wohl hatte er einer ſolchen Empfindung nöthig. Der Tod ſchwebte über ihm. Er war gezeichnet als ſein Opfer, und ſtand mit einem Fuß ſchon im Grabe. Er bezahlte für ſeine Reiſe nach der Landſtadt, die er ſich auserſehen hatte; und ſchritt dann allein auf und ab, ſah die Schienen entlang in das Thal auf der einen Seite und nach einer dunkeln Brücke nahebei auf der andern. Als er aber umkehrte am Ende der hölzernen Eſtrade, auf der er auf und ab ging, ſah er den Mann, vor dem er geflohen, aus der Thür des Gaſthauſes treten. Und ihre Augen trafen ſich. 4 In ſeiner Ueberraſchung wankte er und glitt aus auf die Eiſenbahn unter ihm. Aber gleich wieder feſten Fuß gewinnend, trat er noch einen oder zwei Schritte über die Bahn und ſah ſeinen Verfolger mit kurzen und raſchen Athemzügen an. Er hörte einen Ruf— einen zweiten— ſah das Geſicht, ſah in dem Geſicht rachſüchtige Leidenſchaft ſich in bleiches Ent⸗ — 99— ſetzen verwandeln— fühlte die Erde unter ſich zittern— wußte jetzt, daß das Ungeheuer nahe war— ſtieß einen Schrei aus— ſah ſich um— erblickte die rothen Augen, trübe und falb im Morgenlicht dicht vor ſich, wurde niedergeworfen, in die Höhe geriſſen und von dannen getragen auf einem zackigen Rad, das ihn um und um drehte und ihm Glied auf Glied zerriß und ſein Lebensblut aufleckte mit feuriger Gluth und ſeinen ver⸗ ſtümmelten Leib in die Luft warf. Als der Reiſende, den er erkannt, aus ſeiner Ohnmacht wieder zu ſich kam, ſah er, wie in der Ferne vier Männer etwas Zugedecktes, das ſchwer und regungslos lag, auf einem Brete trugen, und ſay Andere ein paar Hunde wegjagen, die auf dem Wege ſchnüffelten, und die lange Blutſpur mit Aſche beſtreuen. Sechsundfunfzigſtes Kapitel. Wie verſchiedene Leute ſich freuten und das Mordhühnchen empört war. 8 Der Seecadett war lauter Leben. Mr. Toots und Suſanne waren endlich angekommen. Suſanne war wie ein Mädchen, das ihrer Sinne beraubt iſt, die Treppe hinauf geſtürzt, und Mr. Toots und das Hühnchen waren in das Hinterſtübchen getreten. Ach mein liebes, gutes, beſtes Miß Tinchen! rief die Nipper, wie ſie in Florentinens Zimmer ſtürzte. O zu denken, daß es ſo weit kommen mußte, und daß ich Sie hier finden muß, mein gutes, liebes Täubchen, und Sie Niemand haben, der Sie bedient, und Nichts, wo Sie Ihr Haupt hinlegen können! Aber niemals, niemals will ich wieder fortgehen, Miß Tinchen, denn obgleich ich kein Moos habe, bin ich doch kein rollender Stein, und auch mein Herz iſt kein Stein, ſonſt würde es nicht zer⸗ ſpringen, wie es jetzt zerſpringt, o Gott, o Gott, o Gott! Mit dieſen Worten, welche ſie ohne Komma oder gar Punkt ſprach, drückte Miß Nipper, vor ihrer Herrin knieend, dieſe ans Herz. — — 101— O liebe Seele! rief Suſanne, ich weiß Alles, was ge⸗ ſchehen iſt, ich weiß Alles, mein lieber Engel, und ich erſticke. Nur Luft! Suſanne, liebe, gute Suſanne! ſagte Florentine. O, Gott ſegne Sie! Ich, Ihr kleines Mädchen, als Sie noch ein kleines Kind waren! Und wird ſie wirklich und wahrhaftig heirathen? rief Suſanne mit einem Ausbruch von Schmerz und Freude, Stolz und Kummer und Gott weiß wie vielen andern widerſtreitenden Gefühlen. Wer hat dir das geſagt? frug Florentine. Ach du grundgütiger Himmel! Das einfältigſte Geſchöpf⸗ der Toots, erwiderte Suſanne mit hyſteriſchem Lachen. Ich merkte, daß er Recht haben mußte, weil es ihm ſo zu Herzen ging. Er iſt das beſte und einfältigſte Kind! Und will mein Herzensengel, fuhr Suſanne fort und umarmte nochmals ihre Herrin unter vielen Thränen, wirklich und wahrhaftig ſich ver⸗ heirathen? Das Gemiſch von Mitleid, Freude, Zärtlichkeit, Gön⸗ nerſchaft und Kummer, mit dem die Nipper ſtets auf dieſen Gegenſtand zurückkam und immer, wenn ſie davon anfing, den Kopf erhob, um in das jugendliche Antlitz zu blicken und es zu küſſen, und dann den Kopf an die Schulter ihrer Herrin legte und ſie liebkoſte und ſchluchzte, war ſo ganz nach Frauenart und ein ſo erquicklicher Anblick in ſeiner Art, als man nur in der Welt haben konnte. Ich bitte dich! tröſtete ſie Florentine. Nun mußt du auch ruhig ſein, liebe Suſanne! — 102— Miß Nipper ſetzte ſich auf die Erde, ihrer Herrin zu Füßen, lachte und ſchluchzte, drückte mit der einen Hand ihr Taſchentuch an die Augen, ſtreichelte mit der andern Diogenes, während er ſie im Geſicht leckte, und geſtand, ſie ſei jetzt gefaßter, und lachte und weinte noch ein Weilchen zum Beweis davon. Ich— ich— ich hab' nie einen Menſchen geſehen, wie dieſen Toots, ſagte Suſanne, all mein Lebtage nicht, nie! So gut, meinte Florentine. Und ſo komiſch! ſchluchzte Suſanne. Die Art, wie er im Wagen mit mir ſeiner begann, während das garſtige Hühnchen auf dem Bocke ſaß! Wovon ſprach er, Suſanne? frug Florentine ſchüchtern. D, von Lieutnant Walters und Capitain Gills und von Ihnen, mein liebes Miß Tinchen, und vom ſtillen Grab, ſagte Suſanne. Vom ſtillen Grab! wiederholte Florentine. Er ſagt, hier brach Suſanne in ein heftiges hyſteriſches Lachen aus, daß er ſich jetzt gleich und ganz ruhig hineinlegen will, aber Gott behüte, Miß Tinchen, das thut er nicht. Er iſt dazu viel zu glücklich darüber, daß er andere Leute glücklich ſieht, er iſt vielleicht kein Salomo, fuhr die Nipper mit ihrer gewöhnlichen Zungenfertigkeit fort; und ich behaupte es auch nicht. Aber das ſage ich, einen weniger ſelbſtſüchtigen Menſchen hat die Welt noch nicht geſehen! 4 Da Miß Nipper ihrer Aufregung immer noch nicht ganz Herr war, ſo lachte ſie ganz unmäßig nach dieſer energiſchen Er⸗ klärung und unterrichtete dann Florentinen, daß er unten auf — 103— Erlaubniß warte, ſie beſuchen zu dürfen, welche Erlaubniß eine überreiche Belohnung für die Beſchwerden und Ungelegenheiten ſeiner letzten Reiſe ſein werde. Florentine bat Suſannen, Mr. Toots zu erſuchen herauf zu kommen, damit ſie das Vergnügen haben könne, ihm für ſeine Güte zu danken; und Suſanne führte in wenig Augenblicken den jungen Herrn ein, der noch ſehr unordentlich ausſah und gar ſehr ſtotterte. G Miß Dombey, ſagte Mr. Toots. Wieder das Glück zu haben, Sie— Sie— anzublicken— wenigſtens, nicht anzu⸗ blicken, aber— ich weiß nicht recht, was ich ſagen ſoll, aber es hat nichts auf ſich. 4 Ich muß Ihnen ſo oft danken, erwiderte Florentine und reichte ihm beide Hände hin, während ihr Antlitz von glücklicher Dankbarkeit glänzte, daß ich keine Worte mehr übrig habe und nicht weiß, wie ich's thun ſoll. Miß Dombey, ſagte Mr. Toots mit ſehr feierlicher Stimme, wenn es möglich wäre, daß ſie bei ihrem engelhaften Weſen mir fluchen könnten, ſo würden Sie mich viel weniger vernichten, als durch dieſe unverdienten Freundſchaftsäußerungen. Ihre Wirkung auf mich— iſt— aber, brach Mr. Toots plötzlich ab, das iſt eine Abſchweifung und es hat nichts auf ſich. Da darauf keine andere Antwort möglich ſchien, als ihm wiederholt zu danken, ſo dankte ihm Florentine nochmals. Ich möchte mir erlauben, ſagte Mr. Toots, dieſe Gelegen⸗ heit zu ergreifen, Miß Dombey, um einige Worte der Erläute⸗ rung zu ſprechen. Ich hätte gern das Vergnügen gehabt, mit ————— 9— — 104— Suſannen früher zurückzukehren, aber erſtens kannten wir nicht den Namen des Verwandten, zu dem ſie gegangen war, und zweitens hatte ſie dieſen Verwandten verlaſſen und war zu einem andern weiter weg gezogen, ſo daß ich kaum glaube, daß etwas Anderes als die Klugheit des Hühnchens ſie zu rechter Zeit hätte finden können.. Florentine war davon überzeugt. Das wollte ich jedoch nicht ſagen, ſagte Mr. Toots. Ich kann Ihnen verſichern, Miß Dom⸗ bey, die Geſellſchaft Suſannens war für mich in meinem Ge⸗ müthszuſtand ein Troſt und eine Befriedigung, wie ſich leichter denken, als beſchreiben läßt. Die Reiſe hat ſich ſelbſt belohnt. Das wollte ich jedoch auch nicht ſagen. Miß Dombey, ich be⸗ merkte ſchon früher, wie ich recht gut weiß, daß ich nicht das bin, was man gewöhnlich eine ſehr geſcheidte Perſon nennt. Ich bin mir deſſen vollkommen bewußt. Ich glaube nicht, daß Jemand beſſer ſeine— wenn das nicht ein zu ſtarker Ausdruck iſt— ſeine Dickköpfigkeit kennen kann, als ich. Aber, Miß Dombey, ich ſehe deſſenungeachtet die Lage der Verhältniſſe mit Lieutnant Walters ein. So großen Schmerz mir auch dieſe Lage der Verhältniſſe verurſacht haben mag(was durchaus nichts zu ſagen hat), ſo muß ich doch ſagen, daß Lieutnant Walters ein Mann iſt, der ganz das Gluͤck verdient, das ihn— ihn gekrönt hat. Möge er es lange ſein nennen und ſo würdigen, wie ein ganz andres und nicht unwürdiges Individuum, deſſen Name hier nichts auf ſich hat, es gethan haben würde! Das wollte ich jedoch auch noch nicht ſagen. Miß Dombey, Capitain Gills iſt mein Freund, und während der Zeit, die jetzt kommen wird, würde — 105— es Capitain Gills wohl Freude machen, mich manchmal hier zu ſehen. Es würde mir Freude machen zu kommen. Aber ich kann nicht vergeſſen, daß ich mich einmal an der Ecke des Platzes in Brighton ſchrecklich verging; und wenn meine Anweſenheit in irgend einer Art unangenehm ſein ſollte, ſo bitte ich blos, mir es zu ſagen, und verſichert zu ſein, daß ich Sie vollkommen verſtehen werde. Ich werde es durchaus nicht als eine Unfreundlichkeit betrachten, und mich nur zu glücklich ſchätzen, wenn Sie mich mit ihrem Vertrauen beehren. Mr. Toots, entgegnete Florentine, wenn Sie, ein ſo alter und treuer Freund von mir, dieſes Haus meiden wollten, ſo würden ſie mich ſehr unglücklich machen. Es kann mir ſtets, ſtets nur angenehm ſein, Sie zu ſehen. Miß Dombey, ſagte Mr. Toots und zog ſein Taſchentuch heraus, wenn ich eine Thräne vergieße, ſo iſt es eine Freuden⸗ thräne. Es hat gar nichts zu ſagen, und ich bin Ihnen außer⸗ ordentlich verbunden. Ich erlaube mir noch zu bemerken, daß ich nach dem, was Sie eben ſo freundlich waren zu äußern, nicht länger die Abſicht habe, meine Perſon zu vernachläſſigen. Florentine nahm dieſe Nachricht mit der allerliebenswür⸗ digſten Verwirrung auf. Ich meine, ſagte Mr. Toots, daß ich es für meine Pflicht als Mitmenſch im Allgemeinen halte, mich, bis mich das ſtille Grab zu ſich fordert, aufs Beſte heraus zu machen, und— und— meine Stiefeln ſo ſorgfältig putzen zu laſſen, als es die Umſtände erlauben. Dies iſt das letzte Mal, Miß Dombey, daß ich Sie mit einer Bemerkung über ſo perſönliche Angelegenheiten — 106— beläſtige. Ich danke Ihnen wirklich recht angelegentlich. Wenn ich auch im Allgemeinen nicht ſo geſcheidt bin, wie meine Freunde wünſchten, ſo fühle ich doch auf mein Wort und auf meine Ehre recht gut, was rückſichtsvoll und freundlich iſt. Mir iſt, ſagte Mr. Toots mit Leidenſchaft, als wenn ich jetzt meine Gefühle auf die allermerkwürdigſte Weiſe ausſprechen könnte, wenn— wenn— wenn ich nur einen Anfang finden könnte. Da aber Mr. Toots dieſen Anfang nicht finden konnte, nachdem er ihn eine oder zwei Minuten lang geſucht hatte, ſo nahm er haſtig Abſchied und ging hinunter, um den Capitain zuſuchen, den er im Laden fand. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, was ich Ihnen jetzt ſagen werde, vertraue ich Ihnen unter dem heiligſten Siegel der Verſchwiegenheit an. Es iſt die Folge von dem, Capitain Gills, was eben zwiſchen mir und Miß Dombey ſtattgefunden hat. Auf dem Mars, mein Jung'? brummte der Capitain. Ganz richtig, Capitain Gills, deſſen Eifer beizuſtimmen außerordentlich dadurch zunahm, daß er gar nicht wußte, was der Capitain ſagen wollte. Miß Dombey wird in Kurzem mit Lieutenant Walters verbunden werden, glaube ich. Ja wohl, mein Junge. Wir ſind alle Schiffskameraden hier— Walter und Schatz werden zuſammen verbunden werden in dem Hauſe der Sclaverei, ſowie das Gefrage vorbei iſt, flü⸗ ſterte ihm Capitain Cuttle ins Ohr. Das Gefrage, Capitain Gills! wiederholte Mr. Toots. Dort in der Kirche, ſagte der Capitain, und wies mit dem Daumen über die Schulter. — 107— O ja! erwiderte Mr. Toots. Und was kommt hernach, ſagte der Capitain mit einem heiſern Flüſtern und klopfte Mr. Toots mit dem Rücken ſeiner Hand auf die Bruſt und trat mit einem Blick unſäglicher Be⸗ wunderung zurück. Was kommt hernach? Das hübſche Kind, ſo zaͤrtlich auferzogen, wie ein fremder Vogel, geht mit Walter auf die brüllende See, auf eine Reiſe nach China! O Himmel, Capitain Gills! ſagte Mr. Toots. Jal nickte der Capitain. Das Schiff, das ihn aufnahm, als er ſchiffbrüchig war, war ein Chinafahrer, und Walter machte die Reiſe mit, und erwarb ſich Freunde auf dem Schiff und zu Lande— denn er iſt ein ſo tüchtiger und wackrer Burſch als je⸗ mals geboren wurde— und als der Supercargo in Canton ſtarb, trat er einſtweilen an deſſen Stelle und iſt jetzt Supereargo am Bord eines andern Schiffes, das denſelben Rhedern gehört. Und nun ſeht ihr, wiederholte der Capitain gedankenvoll, geht das hübſche Kind hinaus auf das brüllende Meer mit Walter nach China.. Mr. Toots und Capitain Cuttle ließen unisono einen Seufzer hören. Was iſt dabei? ſagte der Capitain. Sie liebt ihn treu. Er liebt ſie treu. Die ſie hätten lieben und ſchützen ſollen, behandeln ſie, wie die wilden Thiere. Als ſie aus dem Va⸗ terhaus verſtoßen hierher zu mir kam und auf dieſe Diele hin⸗ ſank, da war ihr blutendes Herz gebrochen. Ich weiß es. Ich, Eduard Cuttle, ſah es. Blos Treue, zärtliche, ſtand⸗ hafte Liebe konnte es wieder ganz machen. Wenn ich das nicht — 108s— weiß und nicht weiß, daß Wal'r ihr treuer Schatz war, Bruder, und ſie ſeiner, ſo will ich mir dieſe blauen Arme und Beine ab⸗ hacken laſſen. Aber ich weiß es und was weiter? Ich ſage alſo, der Himmel geleite ſie Beide, und er wird es thun. Amen! Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, erlauben Sie mir, Ih⸗ nen die Hand zu ſchütteln. Sie haben eine Art die Sachen zu ſagen, die mir's den Rücken ganz warm hinauf laufen macht. Ich ſage auch Amen. Sie wiſſen, Capitain Gills, daß auch ich Miß Dombey angebetet habe. 3 Nur munter! ſagte der Capitain und legte ſeine Hand auf Mr. Toots' Schulter. Nur feſt, mein Jung'. Es iſt auch meine Abſicht, Capitain Gills, munter zu ſein,. erwiderte der brave Mr. Toots. Und auch feſt zu ſein, ſoweit als möglich. Wenn das ſtille Grab ſich aufthut, Capitain Gills, ſo werde ich bereit ſein, hinabzuſteigen; aber nicht eher. Aber da ich in dieſem Augenblicke meiner Selbſtbeherrſchung nicht ganz ſicher bin, ſo wollte ich Ihnen blos Folgendes ſagen und würde es von Ihnen als eine beſondere Freundſchaft anneh⸗ men, wenn Sie es Lieutnant Waltern mittheilen wollten. Nur ruhig Blut, mein Jung'! ſagte der Capitain. Da Miß Dombey ſo unausſprechlich gütig war zu ſagen, fuhr Mr. Toots mit thränenfeuchten Augen fort, daß ihr meine Gegenwart nichts weniger als unangenehm ſei, und da Sie und Jedermann hier eben ſo gütig und nachſichtig gegen Einen ſind, der allerdings, ſagte Mr. Toots mit augenblicklicher Niederge⸗ 4* ſchlagenheit, durch ein Mißverſtändniß auf die Welt gekommen zu ſein ſcheint, ſo werde ich wäͤhrend der kurzen Zeit, die wir — 109— noch beiſammen ſein können, Abends hierher kommen. Aber ich wollte eigentlich etwas Anderes ſagen. Wenn es einmal paſſi⸗ ren ſollte, daß ich den Anblick von Lieutnant Walters Glück nicht länger ertragen könnte und hinausſtürzen ſollte, ſo hoffe ich, daß Sie, Capitain Gills, und er es als mein Unglück und nicht als meinen Fehler oder als einen Mangel an inwendigem Widerſtande betrachten werden; daß Sie ſich überzeugt fühlen, daß ich keinem lebendigen Geſchöpf etwas nachtrage,— am allerwenigſten Lieutnant Walters— und daß Sie gelegentlich äußern werden, ich wäre ſpazieren gegangen oder wollte nach der großen Uhr an der Börſe ſehen. Capitain Gills, wenn Sie damit einverſtanden wären und Lieutnant Walters dazu bringen könnten, ſo wäre das eine Erleichterung für mein Herz, die ich mit der Aufopferung eines beträchtlichen Theils meines Vermögens für wohlfeil erkauft hielte. Mein Jung', erwiderte der Capitain, kein Wort weiter. Ihr könnt kein Signal aufhiſſen, das Walter und ich nicht er⸗ kennen und beantworten würden. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, Sie erleichtern mein Herz ſehr. Ich wünſche die gute Meinung von Allen hier zu bewahren. Ich— ich— meine es gut, auf Ehre, wenn ich es auch nur unvollkommen ausdrücken kann. Sie wiſſen, ſagte Mr. Toots, es iſt gerade, als ob Burgeß und Compagnie einen Kunden mit einem Paar ganz wunderbaren Hoſen bedienen möch⸗ ten und die Fagon, die ſie im Kopf hätten, mit der Scheere nicht zu Wege bringen könnten. — 110— Mit dieſem höchſt angemeſſenen Gleichniß, auf das er ein wenig ſtolz zu ſein ſchien, gab Mr. Toots dem Capitain ſeinen Segen und empfahl ſich. Der ehrliche Capitain mit ſeiner Herzenswonne im Hauſe und Suſannen zu ihrer Bedienung war freudeſtrahlend und glücklich. Wie die Tage dahin ſchwanden, wurde er mit jedem Tage noch freudeſtrahlender und glücklicher. Nach einigen Conferenzen mit Suſannen(vor deren Weisheit der Capitain eine außerordentliche Achtung hatte und deren tapfern Angriff auf Mrs. Mae Stinger er nie vergeſſen konnte) ſchlug er Floren⸗ tinen vor, daß die Tochter der ältlichen Dame, die gewöhnlich unter dem blauen Regenſchirm auf dem Leadenhallmarkt ſaß, aus Ruͤckſichten der Klugheit und der Vorſicht durch eine Per⸗ ſon erſetzt werden ſolle, die ihm nicht unbekannt ſei und auf die ſie ſicher vertrauen könnten. Suſanne, die gerade anweſend war, erwähnte im Verfolge einer Aeußerung, die ſie bereits ge⸗ gen den Capitain gethan, Mrs. Richards. Florentinens Geſicht erhellte ſich bei dieſem Namen. Sufanne begab ſich noch denſel⸗ ben Nachmittag nach der Wohnung der Tootles, um Mrs. Richards zu ſondiren, und kehrte noch denſelben Abend im Triumph zurück, begleitet von der alten rothbäckigen und run⸗ den Polly, die Florentinen kaum weniger zärtlich begrüßte, als Suſanne Nipper es gethan hatte. Nachdem dieſe Maßregel getroffen war, auf die ſich der Capitain außerordentlich viel einbildete, wie überhaupt auf Alles, was geſchah, mußte Florentine zunächſt Suſannen auf ihre nahe Trennung vorbereiten. Dies war gar keine leichte Sache, denn — — 111— Miß Nipper war ein ſehr entſchiedener Charakter, und war mit ſich ſelbſt längſt einig darüber, daß ſie zurückgekehrt ſei, um ſich nie wieder von ihrer alten Herrin zu trennn. er Was den Lohn betrifft, liebe Miß Wwer, ſagte ſie, ſo werden Sie mir doch gewiß nicht die Kränkung anthun, davon zu ſprechen, denn ich habe Geld zurückgelegt, und werde nicht meine Liebe und Pflicht in einer Zeit, wie die jetzige iſt, verkaufen, ſelbſt wenn die Sparcaſſe und ich einander ganz fremd wären und die Bank in Stücke zerbräche. Aber ich bin immer bei Ihnen ge⸗ weſen, mein gutes Kind, von der Zeit an, wo Ihre liebe ſelige Mama hinweggenommen wurde, und wenn auch nicht mit mir zu prahlen iſt, ſo ſind Sie doch an mich gewöhnt, und ach, meine liebe, gute Herrin, durch ſo viele, viele Jahre! Denken Sie ja nicht daran, ohne mich wohin zu gehen, denn es darf nicht und kann nicht ſein! Liebe Suſanne, ich trete eine weite, ſehr weite Reiſe an. Nun ja, Miß Tinchen, was iſt denn dabei? Deſto mehr werden Sie mich brauchen. Gegen lange Reiſen habe ich gar nichts einzuwenden, Gott ſei Dank! ſagte die ungeſtüme Nipper. Aber, Suſanne, ich reiſe mit Walter und ich würde Walter überallhin begleiten. Walter iſt arm, und ich bin ſehr arm, und ich muß jetzt lernen, mir ſelbſt und auch ihm zu helfen. Liebe Miß Tinchen! rief Suſanne mit einem friſchen Aus⸗ bruch und ſchüttelte heftig den Kopf, es iſt Ihnen nichts Neues, ſich ſelbſt und auch Andern zu helfen und das geduldigſte und treueſte gute Herz zu ſein; aber laſſen ſie mich mit Mr. Walter Gay — 112— ſprechen und es mit ihm abmachen, denn Sie allein über die weite Welt gehen laſſen, das kann ich nicht und will ich nicht. Allein, Suſanne? erwiderte Florentine. Allein, während mich doch Waltäe heglitet? Ach, welch helles, welch heitres, ver⸗ wundertes, freudiges Lächeln lag auf ihrem Antlitz!— Er hätte es ſehen ſollen. Ich weiß, du wirſt nicht mit Waltern reden, wenn ich dich nicht dazu auffordere, fügte ſie bittend hinzu; und ich bitte dich, thue es nicht. Suſanne ſchluchzte, warum nicht, Miß Tinchen? Weil ich jetzt ein Weib werde, ſagte Florentine, und ihm mein ganzes Herz gebe und mit ihm leben und mit ihm ſterben muß. Wenn du zu ihm ſagteſt, was du eben zu mir geſaagt haſt, ſo könnte er denken, ich fürchtete mich vor der Zukunft, oder du hätteſt Urſache, um mich beſorgt zu ſein. Aber, gute Su⸗ ſanne, ich liebe ihn. Miß Nipper war ſo gerührt von der ſtillen Innigkeit dieſer Worte und dem einfachen, tiefgefühlten Ernſt, der ſich in ihnen ausſprach und das Antlitz der Sprechenden noch ſchöner und reiner machte, daß ſie nur Florentinen umarmen konnte und ſchluchzend ausrief: will meine kleine Herrin wirklich heirathen? und ſie bemitleidete, liebkoſete und bemutterte, wie ſie früher gethan hatte. Aber obgleich die Nipper weiblichen Schwächen zugänglich war, konnte ſie ſich doch auch Gewalt anthun. Von dieſer Zeit an fing ſie nie wieder von der Sache an, ſondern war immer heiter, geſchäftig und hoffnungsvoll. Allerdings machte ſie Mr. Toots die vertraute Mittheilung, daß ſie jetzt nur aufſpare, und daß, wenn Alles vorbei und Miß Dombey fort ſei, ſie gar trüb⸗ — 113— ſelig anzuſehen ſein werde; und Mr. Toots meinte, dies ſei auch ſein Fall, und ſie wollten ihre Thränen unter einander miſchen; aber in Anweſenheit Florentinens oder im Bereiche des Seeca⸗ detten gab ſie ihre geheimen Empfindungen ſonſt nicht zu erkennen. So wenig zahlreich und ſo einfach Florentinens Garderobe war,— welch ein Gegenſatz zu derjenigen, welche für die letzte Hochzeit, an der ſie Theil nahm, zurecht gemacht wurde!— ſo war doch viel daran einzurichten und Suſanne Nipper arbeitete den ganzen Tag lang an ihrer Seite, mit dem concentrirten Eifer von funfzig Nätherinnen. Die wunderbaren Spenden aufzuzählen, welche Capitain Cuttle, wenn es ihm erlaubt worden wäre, darge⸗ bracht hätte— wie ſcharlachrothe Sonnenſchirme, bunte Seiden⸗ ſtrümpfe, himmelblaue Schuhe und andere höchſt geſchmackvolle und nothwendige Gegenſtände— würde nicht wenig Platz verlangen. Durch verſchiedene trügeriſche Vorſtellungen ließ er ſich jedoch bewegen, ſeine Beiträge auf ein Arbeitskäſtchen und eine Toilette zu beſchränken, von denen er aber die größten wählte, welche mit Geld aufzutreiben waren. Die nächſten zehn oder vierzehn Tage lang ſaß er meiſtens da, verſunken in das Anſchauen dieſer beiden Ankäufe und getheilt zwiſchen einer außerordentlichen Bewunderung derſelben und der Furcht, daß ſie nicht ſchön genug wären, oft aber auf die Straße hinauslaufend, um irgend einen wunderbaren Gegenſtand zu kaufen, den er zu ihrer Vervollſtän⸗ digung nothwendig hielt. Sein Meiſterſtück war aber, daß er ſie eines Morgens beide plötzlich fortſchleppte und den Namen Florentine Gay auf ein meſſingenes Herz auf dem Deckel gra⸗ viren ließ. Darauf rauchte er in dem kleinen Hinterſtübchen Boz. Dombey u. Sohn. IX. 8 — 114— ganz allein vier Pfeifen hinter einander, und wurde noch nach Verlauf mehrerer Stunden in ſtillvergnügtem Lachen entdeckt, Walter war den ganzen Tag über in Geſchäften abweſend, kam aber jeden Morgen früh, um Florentinen zu ſehn, und ver⸗ lebte ſtets den Abend in ihrer Geſellſchaft. Florentine verließ ihr Dachſtübchen blos, um ſich die Treppe hinab zu ſtehlen und auf ihn zu warten, wenn ſeine Zeit kam, oder von ſeinem ſtolzen, ſte umfaſſenden Arm geſchützt ihn bis an die Thür zu begleiten und manchmal einen verſtohlnen Blick auf die Straße zu werfen. In der Dämmerung waren ſie immer beiſammen. O ſelige Zeit! O wanderndes Herz, das jetzt zur Ruhe gekommen! O tiefer, unerſchöpflicher, mächtiger Brunnen der Liebe, in dem ſo viel verſunken war! Das böſe Maal war noch auf ihrer Bruſt, es erhob ſich anklagend gegen ihren Vater bei jedem ihrer Athemzüge, es lag zwiſchen ihr und ihrem Geliebten, wenn er ſie ans Herz drückte. Aber ſie vergaß es. In dem Schlage dieſes Herzens für ſie und in dem Schlage ihres Herzens für ihn erſtarben alle rauheren Töne, und alle harten, liebeleeren Herzen wurden vergeſſen. Die Macht ihrer Liebe ſchuf ſich ſelbſt eine Welt, in der ſie Ruhe und Befriedigung fand. Wie oft traten das große Haus und die alten Tage vor ſie im Zwielicht, wenn ſie der Arm ſo ſtolz und liebreich umfaßte und ſie ſich, von jener Erinnerung erfüllt, dichter an ihn drängte! Wie oft, wenn ſie der Nacht gedachte, wo ſie hinabging in jenes Zimmer und dem nie zu vergeſſenden Blick begegnete, blickte ſie hinauf in die Augen, die ſte mit ſo liebender Innigkeit bewachten, — 115— und weinte vor Seligkeit, eine ſolche Zuflucht zu haben. Je mehr ſie ſich an ihn ſchloß, deſto öfter erſchien der geliebte todte Bruder in ihrer Erinnerung; aber als ob das letzte Mal, wo ſie ihren Vater geſehen, damals geweſen, wo er ſchlummerte und ſie ſein Antlitz küßte, ſah ſie ihn immer nur ſo und konnte in ihrer Phantaſie nicht über dieſe Stunde hinauskommen. Lieber Walter, ſagte Florentine eines Abends, als es faſt dunkel war. Weißt du, woran ich heute gedacht habe? An die Zeit, die ſo ſchnell vergeht, und wie bald wir auf dem Meere ſein werden, liebe Florentine? Das meine ich nicht, Walter, obgleich ich auch daran denke. Ich habe gedacht, welche Bürde ich für dich bin. Eine koſtbare, heilige Bürde, liebes Herz! Das denke ich auch manchmal. Du lachſt, Walter. Ich weiß, daß du viel mehr daran denkſt, als ich. Aber ich meine eine Laſt. Eine Laſt, wie ſo? ſagte Walter. Wegen der Ausgaben, Lieber. Alle dieſe Vorbereitungen mit denen Suſanne und ich ſo viel zu thun haben— ich habe⸗ ſelbſt nur ſehr wenig kaufen können. Du warſt früher ſchon arm. Aber um wie viel ärmer mache ich dich, Walter! Und um wie viel reicher, Florentine! ſagte Walter. Florentine lachte und ſchüttelte den Kopf. Außerdem, ſagte Walter, vor langer, langer Zeit, ehe ich zur See ging, bekam ich eine kleine Börſe geſchenkt, in der Geld war. Ach, erwiderte Florentine mit einem trüben Lächeln, es war ſehr wenig! Sehr wenig, Walter! 88 2 &&ᷣ———— 8* — 116— Aber du darfſt nicht denken, und hier legte ſie ihre kleine Hand auf ſeine Schulter und ſah zu ihm hinauf, daß ich es be⸗ klage, dir eine ſolche Bürde zu ſein. Nein, liebes Herz, ich freue mich darüber. Ich bin glücklich in dem Bewußtſein. Um Alles in der Welt möchte ich es nicht anders haben. Und ich gewiß auch nicht, liebe Florentine. Jal Aber du kannſt es nicht ſo fühlen, wie ich, Walter. Ich bin ſo ſtolz auf dich! Es erfüllt mein Herz mit ſol⸗ cher Freude, zu wiſſen, daß die, welche von dir ſprechen, ſagen müſſen, daß du ein armes, verſtoßenes Mädchen geheirathet haſt, das hier eine Zuflucht ſuchte, das kein andres Obdach, keine andern Freunde hatte, das nichts hatte— nichts! Ach, Walter, wenn ich dir hätte Millionen mitbringen können, ſo hätte ich nie ſo glücklich deinetwegen ſein können, wie jetzt. Und biſt du gar nichts, liebe Florentine? erwiderte er. Nein, nichts, Walter. Nichts als dein Weib. Die kleine Hand ſchlang ſich um ſeinen Hals und die Stimme kam immer näher und näher. Ich bin jetzt nichts mehr, was nicht dein iſt. Ich habe keine irdiſche Hoffnung mehr, die nicht dein iſt. Ich habe nichts mehr, was mir lieb iſt, was nicht dein iſt. Ach! Wohl hatte Mr. Toots Urſache, heute Abend die kleine Geſellſchaft zu verlaſſen und zweimal hinaus zu gehen, um ſeine Uhr nach der Börſe zu ſtellen, einmal, um einen ganz vergeſſenen Geſchäftsgang zu ſeinem Bankier zu beſorgen, und einmal, um bis an Aldgatebrunnen zu ſpazieren und wieder zurückzukommen! — 117— Aber ehe er dieſe Gänge antrat, ja ſogar ehe er da war und bevor Licht angebrannt war, ſagte Walter: Liebe Florentine, die Ladung unſres Schiffs iſt faſt voll endet und wahrſcheinlich wird es an unſerm Hochzeitstage den Fluß hinabſegeln. Wollen wir dieſen Morgen abreiſen und in Kent bleiben, bis wir acht Tage ſpäter in Graveſend an Bord gehen? Wie du willſt, Walter. Ich befinde mich überall wohl Aber— Nun, mein Leben? forſchte Walter. Du weißt, ſagte Florentine, daß wir keine Hochzeitsgäſte haben und daß wir uns nicht durch unſere Kleidung von andern Leuten unterſcheiden werden. Da wir denſelben Tag noch ab⸗ reiſen, ſo möchte ich— mit dir noch ganz früh wohin gehen, Walter— ehe wir uns nach der Kirche begeben. Walter ſchien ſie zu verſtehen, wie es ſich für einen wahren Liebhaber gehört, und beſtätigte ſein bereitwilliges Verſprechen mit einem Kuß— vielleicht mit mehr als einem, oder mit zweien oder dreien oder fünfen oder ſechſen, und in der heiligen Abend⸗ ſtille war Florentine ſehr glücklich. Endlich trat Suſanne Nipper mit Licht herein; kurz darauf kam der Thee, der Capitain und Mr. Toots, der, wie ſchon eben erwähnt, heute häufig auf den Beinen war und einen ſehr ruhe⸗ loſen Abend verlebte. Das war jedoch nicht ſeine Gewohnheit; denn meiſtens half er ſich recht gut damit, daß er mit dem Capi⸗ tain unter Leitung der Miß Nipper Cribbage ſpielte und ſich mit den von dieſem Spiel unzertrennlichen Berechnungen zer⸗ — 118— ſtreute, was für ihn ein erfolgreiches Mittel war, ſich den Kopf ganz zu verwirren. Des Capitains Geſicht war bei dieſen Gelegenheiten eins der ſchönſten Beiſpiele vielartigen und wechſelnden Ausdrucks. Sein angebornes Zartgefühl ſagte ihm, daß jetzt zu lärmender Freude nicht die rechte Zeit ſei. Andrerſeits wollten ſich beſtän⸗ dig Erinnerungen an die ſchöne Peg Luft machen und drängten den Capitain, ſich durch einen nicht wieder gut zu machenden Schritt zu blamiren. Da bemächtigte ſich die Bewunderung, die er für Florentinen und Walter fühlte, ſeiner ſo ſehr, daß er die Karten hinlegte, ſie mit ſtrahlenden Blicken anſah, und ſich den Kopf mit dem Taſchentuche betupfte, bis ihm vielleicht das plötzliche Fortſtürzen Mr. Toots zu erkennen gab, daß er, ohne es zu wiſſen, dieſen jungen Mann ſehr unglücklich gemacht hatte. Dieſer Gedanke verſetzte den Capitain ſtets in eine tiefe Me⸗ lancholie, bis Mr. Toots zurückkehrte; und dann beſchäftigte er ſich wieder mit ſeinen Karten, mit manchem ſchlauen Wink und Kopfnicken und höflichen Bewegungen ſeines Hakens gegen Miß Nipper, um auszudrücken, daß er es nicht wieder thun wolle. Der Zuſtand, der auf dieſen folgte, war vielleicht ſein beſter; denn in dem Bemühen, jeden Ausdruck aus ſeinem Geſicht zu verbannen, ſaß er da, und ſah ſich mit ſtieren Blicken im ganzen Zimmer um, während ſein Geſicht alle dieſe Empfindungen auf einmal ausdrückte und jede mit der andern kämpfte. Frohe Be⸗ wunderung Florentinens und Walters gewann ſtets die Ober⸗ hand, und blieb ſiegreich und unverhüllt, bis Mr. Toots aber⸗ mals fortſtürzte, und jetzt ſaß der Capitain da, wie ein reuiger — 119— Sünder, bis jener wieder zurückkehrte, und flüſterte ſich manchmal mit leiſer vorwurfsvoller Stimme zu:„Ruhig Blut!“ oder machte„Eduard Cuttle, mein Jung'“ über ſeinen Mangel an Vorſicht Vorwürfe. Eine der härteſten Prüfungen hatte ſich jedoch Mr. Toots ſelbſt zu verdanken. Kurz vor dem Sonntag, wo das letzte Mal das Gefrage in der Kirche, von dem der Capitain geſpro⸗ chen hatte, ſtattfinden ſollte, entwickelte Mr. Toots den Zuſtand ſeiner Gefühle gegen Suſanne Nipper folgendermaßen. Suſanne, ſagte Mr. Toots, mich zieht's hin nach den heiligen Hallen. Die Worte, welche mich auf ewig von Miß Dombey trennen, werden mein Ohr wie der Schall der Todtenglocke tref⸗ fen. Aber auf mein Wort und meine Ehre, ich fühle, daß ich ſie hören muß. Wollen Sie mich alſo morgen nach dem heili⸗ gen Hauſe begleiten? frug Mr. Toots. Miß Nipper gab ihre Bereitwilligkeit zu erkenten, wenn es ein Troſt für Mr. Toots ſei, bat ihn aber, den Gedanken aufzugeben. Suſanne, erwiderte Mr. Toots mit großer Feierlichkeit, ehe mein Backenbart von Jemand anders als von mir ſelbſt gemerkt wurde, betete ich Miß Dombey an. Als ich noch ein Opfer der Knechtſchaft bei Blimbers war, betete ich Miß Dom⸗ bey an. Als ich in geſetzlicher Hinſicht nicht länger abgehalten werden konnte, mein Vermögen anzutreten, betete ich Miß Dom⸗ bey an. Die Worte, welche ſie Lieutnant Walters übergeben und mich— mich der ſchwarzen Melancholie, ſagte Mr. Toots nachdem er vergeblich nach einem ſtärkern Ausdruck geſucht hatte, — 120— können ſchrecklich ſein, werden ſchrecklich ſein; aber ich fühle, daß ich ſie hören muß. Ich fühle, daß ich wiſſen muß, daß mir alle Hoffnung abgeſchnitten iſt, oder daß— daß ich kein Bein mehr habe, auf das ich mich ſtützen kann. Suſanne Nipper konnte nur Mr. Toots unglückliche Lage bedauern und unter dieſen Umſtänden einwilligen, ihn zu beglei⸗ ten, was ſie auch am nächſten Morgen that. Die Kirche, welche Walter gewählt hatte, war eine dumpfe alte Kirche in einem Hofe, umdrängt von einem Labyrinth von kleinen Gäßchen, umgeben von einem kleinen Kirchhof und ſelbſt begraben in einer Art Gewölbe, das von den benachbarten Häuſern gebildet und mit wiederhallenden Steinen gepflaſtert war. Es war ein großer, dunkler, verfallender Bau mit hohen alten eichnen Kirchſtühlen, in denen ſich Sonntags etwa zwei Dutzend Leute verloren; während die Stimme des Geiſtlichen ſchläfrig durch die leeren Räume klang und die Orgel brummte und kollerte, als ob die Kirche aus Mangel an einer Gemeinde, welche die Feuchtigkeit und die Winde fern hielt, die Kolik bekommen hätte. Aber dieſe City⸗Kirche war ſo weit entfernt davon, aus Mangel an Geſellſchaft anderer Kirchen zu verkommen, daß Thürme ſich rings um ſie drängten, wie auf dem Fluſſe ſich Maſt an Maſt drängt. Es wäre ſchwer geweſen, ſie von dem Thurme aus zu zählen, ſo viele waren es. Faſt in jedem Hofe und jeder Sack⸗ gaſſe der Nachbarſchaft ſtand eine Kirche. Das Durcheinander der Glocken, als Suſanne und Mr. Toots ſich Sonntags früh — 121— auf den Weg machten, war betäubend. Zwanzig Kirchen ſtanden dicht neben einander, die alle laut nach Beſuchern riefen. Die beiden verirrten Schafe wurden von einem Kirchen⸗ diener in einen geräumigen Stuhl geſteckt und ſaßen, da es noch früh war, einige Zeit da, beſchäftigt die Gemeinde zu zählen, der unzufriedenen Glocke hoch oben im Thurme zuzuhören oder einem ſchäbigen, kleinen Alten in der Vorhalle hinter dem Schirme zu⸗ zuſehen, welcher ſie läutete. Nachdem Mr. Toots ſich die großen Bücher auf dem Leſepult genau betrachtet hatte, flüſterte er Miß Nipper zu, er möchte wiſſen, wo das Aufgebot läge; aber die junge Dame ſchüttelte blos den Kopf und runzelte die Stirn und wies ſo für jetzt alle Annäherungen weltlicher Art zurück. Mr. Toots ſchien jedoch nicht im Stande zu ſein, ſeine Gedanken von dem Aufgebot zu trennen, und erwartete klärlich, daſſelbe während des ganzen Gottesdienſtes erſcheinen zu ſehen. Als endlich der Zeitpunkt kam, legte der arme Jüngling große Angſt und Aufregung an den Tag, welche durch die unerwartete Erſcheinung des Capitains in der erſten Reihe der Emporkirche nicht vermindert wurde. Als der Küſter dem Geiſtlichen ein Verzeichniß hinreichte, hielt ſich Mr. Toots mit beiden Händen an ſeinem Stuhle feſt; aber als die Namen Walter Gay und Florentine Dombey als zum dritten und letzten Male aufgeboten verleſen wurden, über⸗ wältigten ihn ſeine Empfindungen ſo ſehr, daß er ohne Hut aus der Kirche ſtürzte, und hinter ihm der Kirchendiener und Stuhlſchließer und zwei Aerzte, die zufällig anweſend waren; der erſte kehrte gleich darauf zurück und holte den Hut, wobei er — 122— Miß Nipper flüſternd unterrichtete, daß ſie ſich keine Sorge um den Herrn zu machen brauche, da er geſagt habe, ſein Unwohlſein habe nichts auf ſich. In dem Bewußtſein, daß die Augen des Theiles von Eu⸗ ropa, der ſich allwöchentlich unter dieſe hohen Kirchſtühle verlor, auf ihr ruhten, wäre Miß Nipper ſchon durch dieſen Vorfall, ſelbſt wenn er damit geendet hätte, hinreichend in Verlegenheit gerathen; um ſo mehr, da der Capitain in der vorderſten Reihe der Emporkirche ſich in einem Zuſtand unverhehlten Bewußtſeins befand, welcher der ganzen Gemeinde verrathen mußte, daß er in einer geheimnißvollen Beziehung zu dem Vorfall ſtehe. Aber die ausnehmende Ruheloſigkeit Mr. Toots' vermehrte und ver⸗ längerte das Unangenehme ihrer Lage. Dieſer junge Herr, un⸗ fähig in ſeinem gegenwärtigen Gemüthszuſtande allein und eine Beute einſamer Gedanken auf dem Kirchhofe zu bleiben und jedenfalls auch wünſchend, ſeine Achtung für den Gottesdienſt, den er gewiſſermaßen unterbrochen, an den Tag zu legen, kehrte plötzlich zurück, aber nicht wieder in den Kirchenſtuhl, ſondern nahm Platz auf einer freien Bank im Schiff zwiſchen zwei äͤltlichen Frauen, welche in der Kirchenthür ihr wöchentliches Almoſen zu empfangen pflegten. Hier blieb Mr. Toots zur großen Störung der Gemeinde, welche nicht vermeiden konnte, ihn immer wieder anzuſtarren, bis ihn ſeine Gefühle wieder überwältigten und er in ſtummem Schmerz hinauseilte. Da Mr. Toots ſich nicht wieder in die Kirche wagte und dennoch an dem, was darin vor⸗ ging, Theil zu nehmen wünſchte, ſo ſah man ihn nachher von Zeit zu Zeit mit einem unglücklichen Geſicht zum Fenſter herein⸗ — 123— 1 gucken; und da ihm von draußen mehrere Fenſter zugänglich 1 waren und ſeine Unruhe ſehr groß war, ſo wurde es nicht blos ſehr ſchwer zu begreifen, in welchem Fenſter er zunächſt erſcheinen werde, ſondern die ganze Gemeinde war auch gewiſſermaßen ge⸗ nöthigt, während der verhältnißmäßigen Muße der Predigt die — 7 Chancen der verſchiedenen Fenſter zu berechnen. Mr. Toots Be⸗ wegungen auf dem Kirchhof waren ſo excentriſch, daß ſie meiſtens 3 aller Berechnungen ſpotteten und immer wie die Kugel des Taſchen⸗ 3 ſpielers da hervorkamen, wo man ſie amwenigſten erwartete. Die r Wirkung dieſer geheimnißvollen Erſcheinung wurde dadurch noch 3 vermehrt, daß es ihm ſchwer wurde, in die Kirche herein zu ſehen, 7 und allen Andern leicht hinaus zu ſehen, ſo daß er ſtets länger, 1 als man hätte erwarten ſollen, ſtehen blieb, das Geſicht dicht ans 8 Fenſter gedrückt, bis er auf einmal gewahr wurde, daß ſich Aller d Augen auf ihn hefteten, und verſchwand. 1 Dieſes Verfahren des Mr. Toots und die ſtatke Theilnahme, 3 welche der Capitain daran an den Tag legte, machten die Stellung n der Miß Nipper zu einer ſo verantwortlichen, daß ſie durch das n Ende des Gottesdienſtes ſich über alle Maßen erleichtert fühlte und kaum ſo herablaſſend als gewöhnlich gegen Toots war, als g er ſie und den Capitain auf dem Rückwege benachrichtigte, daß T er ſich jetzt, wo er von ſeiner gänzlichen Hoffnungsloſigkeit über⸗ 3 zeugt ſei, viel ruhiger— doch eigentlich nicht ruhiger, ſondern f ungeſtörter von neuerwachenden Strebungen fühle. Raſch verging jetzt die Zeit bis zu dem Vorabend des zur n Trauung beſtimmten Tages. Sie waren Alle beiſammen in dem 2 obern Zimmer des Seecadetten und beſorgten keine Unterbrechung; — 124— denn es waren jetzt keine Miethsleute im Hauſe und der Seecadett war unumſchränkter Gebieter. Sie waren ernſt und ſtill in Erwartung des morgenden Tages, aber auch mäßig heiter. Florentine ſaß neben Waltern und beendigte eine kleine Arbeit, die zu einem Abſchiedsgeſchenk für den Capitain beſtimmt war. Der Capitain ſpielte Cribbage mit Mr. Toots. Mr. Toots zog über ſein Spiel Suſanne Nipper zu Rathe. Miß Nipper ertheilte ihre Rathſchläge mit der gebührenden Vorſicht und Umſicht. Diogenes hörte zu und ließ zuweilen ein unzufriedenes halberſticktes Bruchſtück von einem Bellen vernehmen, über das er ſich ſpäter halb zu ſchämen ſchien, als ob er keine rechte Veranlaſſung dazu habe. Ruhig Blut! Ruhig Blut! ſagte der Capitain zu Dio⸗ genes. Was haſt du? Du ſcheinſt heute etwas auf dem Ge⸗. wiſſen zu haben, mein Jung! Diogenes wedelte mit dem Schwanze, ſpitzte aber gleich darauf die Ohren und ließ wieder ein kurzes Bellen vernehmen, wofür er den Capitain durch Wedeln ſeines Schwanzes um Ver⸗ zeihung bat. Ich bin der Meinung, Di, ſagte der Capitain, indem er nachdenklich ſeine Karten anſah und ſich das Kinn mit ſeinem Haken ſtrich, du trauſt Mrs. Richards nicht; aber wenn du der Hund biſt, für den ich dich halte, ſo wirſt du das beſſer lernen, denn ihr Geſicht iſt ihr Empfehlungsbrief. Nun, Kame⸗ rad— zu Mr. Toots— wenn ihr fertig ſeid, ſo kann's los gehen. — 125— Der Capitain ſprach mit aller Faſſung und voller Auf⸗ merkſamkeit auf ſein Spiel. Aber plötzlich entſanken die Karten ſeiner Hand, Mund und Augen öffneten ſich weit, er ſpreizte die Beine weit von ſich und ſtarrte in maßloſem Staunen die Thüre an. Als er ſich wieder nach den Anweſenden umſah und bemerkte, daß Niemand ihn oder die Urſache ſeines Staunens gewahr wurde, erholte er ſich mit einem tiefen Athemzuge, don⸗ nerte mit der Fauſt auf den Tiſch, rief mit einer Stentorſtimme: Sol Gills, ahoi! und ſtürzte in die Arme einer wetterge⸗ bleichten Lootſenjacke, die mit Polly in die Stube getreten war. Im nächſten Augenblick lag Walter in den Armen der wettergebleichten Lootſenjacke. Im nächſten Augenblicke lag Flo⸗ rentine in den Armen der wettergebleichten Lootſenjacke. Im nächſten Augenblick hatte Capitain Cuttle Mrs. Richards und Miß Nipper umarmt und ſchüttelte Mr. Toots heftig die Hand, während er, den Haken über den Kopf ſchwingend, ſchrie: Hurrah, mein Jung’, Hurrah! worauf Mr. Toots, ganz außer Stande, ſich dieſes Benehmen zu erklären, mit großer Höflichkeit ant⸗ wortete: Gewiß, Capitain Gills, wie Sie darüber denken! Die wettergebleichte Lootſenjacke und eine nicht weniger wettergebleichte Mütze und ein Shawl, welche dazu gehörten, wen⸗ deten ſich von dem Capitain und Florentinen zurück zu Walter, und es klang unter der wettergebleichten Lootſenjacke und Mütze, als ob ein alter Mann darunter ſchluchze, während die zottigen Aermel Waltern feſt umſchloſſen hielten. Während dieſer Pauſe herrſchte ein allgemein es Schweigen und der Capitain polirte ſeine Naſe mit großem Fleiße. Aber als die Lootſenjacke, die Mütze — 126— und der Shawl ſich wieder aufrichteten, näherte ſich ihnen Flo⸗ rentine, und ſie und Walter bemächtigten ſich ihrer und ſchälten den alten Opticus heraus, ein wenig hagerer und ſorgenbläſſer als früher, aber immer noch in der alten ſchwarzen Perrücke und dem alten kaffeebraunen Rock mit den großen Knöpfen, und dem alten unfehlbaren Chronometer, der in der Taſche pickte. Ueber und über voll von Wiſſenſchaſt, ſagte der ſtrahlende Capitain, wie immer! Sol Gills, Sol Gills, wo habt ihr euch herumgetrieben ſo viele Tage, mein alter Jung? Ich bin halb blind, Ned, ſagte der Alte, und faſt taub und ſtumm vor Freude. 3 Sogar ſeine Stimme, ſagte der Capitain und ſah ſich mit einem Frohlocken um, das ſein Geſicht kaum ganz ausdrücken konnte, ſogar ſeine Stimme iſt ſo voll Wiſſenſchaft, wie immer. Sol Gills, legt bei, mein Jung', unter euren Weinreben und Feigenbäumen und erzählt euer Abenteuer mit eurer alten, lieben Stimme. Das iſt die Stimme, ſagte der Capitain mit Nachdruck, und meldete mit ſeinem Haken ein Citat an, das iſt die Stimme des Trägen, der ſeufzte gar ſchwer: Ihr wecktet zu früh mich, muß ſchlafen noch mehr. Zerſtreuet die Feinde, vernichtet ſie alle! Der Capitain ſetzte ſich mit der Miene eines Mannes, der die Empfindungen aller Anweſenden auf das Glücklichſte ausgedrückt Nr. Toots vorzuſtellen, — 127— Obgleich, ſtammelte Mr. Toots, ich nicht die Ehre Ihrer Bekanntſchaft hatte, Sir, ehe Sie— ehe Sie— Gezogen waren ins ferne Land, ergänzte der Capitain leiſe. Sehr wahr, Capitain Gills! ſtimmte Mr. Toots bei. Obgleich ich nicht die Ehre Ihrer Bekanntſchaft hatte, Mr.— Mr. Sols, ſagte Toots, dem eine glückliche Inſpiration dieſen Namen eingab, ehe dies ſtattfand, ſo macht es mir doch das größte Vergnügen, das verſichere ich Ihnen, Sir— wiſſen Sie— Sie kennen zu lernen. Ich hoffe, ſagte Mr. Toots, daß Sie ſich ſo wohl befinden, als man nur erwarten kann. Mit dieſen höflichen Worten ſetzte ſich Mr. Toots erröthend und verlegen lächelnd wieder nieder. Der alte Opticus, der bereits in einer Ecke zwiſchen Walter und Florentinen ſaß und Polly zunickte, die mit freudeglän⸗ zendem Geſicht zuſah, antwortete dem Capitain: Ned Cuttle, mein Junge, obgleich ich ſchon etwas von den Ereigniſſen hier von meiner freundlichen Freundin dort gehört habe,— was für ein freundliches Geſicht, um einen müden Wanderer bei ſeiner Rückkehr zu begrüßen! ſagte der Alte, indem er ſich unterbrach und ſich die Hände in ſeiner alten, zerſtreuten Weiſe rieb. Hört ihr! rief der Capitain voll Ernſt. Das Weibsvolk verführt die ganze Menſchheit. Das(bei Seite zu Mr. Toots) müßt ihr in eurem Adam und Eva nachſehen, Kamerad. Ich werde es mir zur Pflicht machen, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots. — 128— Obgleich ich ſchon etwas von den Veränderungen hier ge⸗ hört habe, begann der Opticus von Neuem, indem er ſeine alte Brille aus der Taſche holte und ſie in der alten Weiſe aufſetzte und auf die Stirn hinaufſchob, ſo ſind ſie doch ſo groß und un⸗ erwartet und ich bin ſo überwältigt von dem Anblick meines lie⸗ ben Sohnes und von— er warf dabei einen Blick auf Floren⸗ tinens zu Boden geſenkte Augen, vollendete aber den Satz nicht, — daß ich— daß ich heute nicht viel ſagen kann. Aber mein lieber Ned Cuttle, warum habt ihr nicht geſchrieben? Das auf des Capitains Antlitz ſichtbare Erſtaunen ent⸗ ſetzte geradezu Mr. Toots, deſſen Augen davon dermaßen feſtge⸗ halten wurden, daß er ſie nicht wieder abwenden konnte. Geſchrieben! hallte der Capitain zurück. Geſchrieben, Sol Gills! Ja! ſagte der Alte, entweder nach Barbadoes oder Jamaica oder Demerara. So hatte ich es beſtimmt. Beſtimmt, Sol Gills! wiederholte der Capitain. Ja, ſagte der Alte. Wißt ihr's nicht, Ned? Gewiß habt ihr's nicht vergeſſen. In jedem meiner Briefe ſchrieb ich's. Der Capitain nahm ſeinen lackirten Hut ab und hing ihn auf ſeinen Haken, ſtrich ſich das Haar mit der Hand glatt und ſah die ganze Geſellſchaft mit großen Augen an— ein voll⸗ kommenes Bild ſtaunender Reſignation. Ihr ſcheint mich nicht zu verſtehen, Ned! bemerkte der alte Sol. Sol Gills, erwiderte der Capitain, nachdem er ihn und die Uebrigen lange Zeit, ohne ein Wort zu ſagen, angeſehen —᷑QOꝑ᷑ ñ——— — 129— hatte, ich habe den Anker verloren. Sprecht nur ein Wort über euer Abenteuer, bitt euch! Kann ich keinen Grund finden, nirgends? nirgends? ſagte der Capitain nachdenklich und ſah ſich im Kreiſe um. Ihr wißt, Ned, warum ich von hier fort ging, ſagte Sol Gills. Habt ihr mein Packet aufgemacht, Ned? Nun ja, ja, ſagte der Capitain. Natürlich habe ich das Packet aufgemacht. Und es geleſen? ſagte der Alte. Und es geleſen, erwiderte der Capitain, indem er ihn auf⸗ merkſam anſah und den Brief aus dem Gedächtniß herzuſagen anfing. Mein lieber Ned Cuttle, als ich nach Weſtindien abreiſte, um Nachricht zu ſuchen über meinen lieben— da ſitzt er. Da iſt Walter! ſagte der Capitain, als wäre es für ihn eine große Erleichterung, daß er hier wenigſtens etwas Wirkliches und Un⸗ beſtreitbares hätte. Gut, Ned, jetzt wartet einmal! ſagte der Alte. Als ich das erſte Mal ſchrieb— das war von Barbados— ſagte ich, daß obgleich ihr den Brief lange vor Ablauf des Jahres erhal⸗ ten würdet, ich es doch gern ſehen würde, wenn ihr das Packet aufmachtet, da es die Urſache meiner Abreiſe erklärte. Sehr gut, Ned. Als ich das zweite, dritte und vielleicht das vierte Mal ſchrieb— von Jamaica war das— ſagte ich, ich ſei noch ganz auf demſelben Flecke, könnte nicht ruhen und nicht zurück⸗ kehren aus jener Gegend, ohne zu wiſſen, ob mein Sohn todt Boz. Dombey u. Sohn. IX. 9 — 130— oder am Leben ſei. Als ich das nächſte Mal ſchrieb, ich glaube das war von Demerara, nicht wahr? Er glaubt, es war von Demerara, nicht wahr! ſagte der Capitain und ſah ſich im Kreiſe um, wie Einer, der nicht weiß, ob er wacht oder träumt. — ſagte ich, daß ich immer noch keine beſtimmte Nach⸗ richt hätte, fuhr der alte Sol fort. Daß ich viele Capitaine und Andere in jener Gegend gefunden, die ich ſeit Jahren ge⸗ kannt und die mir dann und wann freie Paſſage gaben und für die ich manchmal dafür in meinem Fach etwas machen konnte. Daß Jedermann mich bedauerte und einiges Intereſſe an meinen Streifereien zu nehmen ſchien; und daß ich anfing zu glauben, ich werde nach Nachrichten von meinem Sohn herumſtreifen müſſen bis zu meinem Tode. Fing an zu glauben, er wäre ein gelehrter fliegender Hol⸗ länder, ſagte der Capitain wie vorhin und mit großem Ernſte. Und als ich eines Tags die Nachricht erhielt, Ned— das war in Barbados, nach meiner Rückkehr dorthin— daß ein heimkehrender Chinafahrer geſprochen worden, der meinen Sohn am Bord hatte, da benutzte ich das erſte Schiff und kehrte zurück und kam heute Abend hier an und fand ihn, Gott ſei Dank! ſagte der Alte mit frommer Andacht. Nachdem der Capitain ſich mit großer Ehrerbietung ver⸗ neigt hatte, ſah er ſich mit großen Augen im Kreiſe um, wobei er bei Mr. Toots anfing und mit dem Dptis auihüte; damm ſagte er mit großem Ernſte: — 131— Sol Gills! Die Bemerkung, die ich jetzt mache, muß jeden Fetzen Segel, den ihr führt, rein aus dem Leik reißen und euch mit einem Stoße auf die Seite werfen. Kein ein⸗ ziger von euren Briefen kam an Eduard Cuttle. Kein ein⸗ ziger von dieſen Briefen, wiederholte der Capitain, um ſeine Er⸗ klärung feierlicher und eindringlicher zu machen, kam an Eduard Cuttle, Seemann in England, der ruhig lebt an ſeinem Heerd und jeder ſchönen Stund' ſich freut. Und ich habe ſie ſelbſt auf die Poſt getragen! Und habe ſie eigenhändig adreſſirt Brigplatz, Nr. 9! rief Sol Gills aus. Alle Farbe verſchwand aus des Capitains Geſicht und kam wieder mit einem glühenden Roth. Sol Gills, mein Freund, was meint ihr mit Nr. 9 Brigplatz? frug der Capitain. Was ich meine! Eure Wohnung, Ned, erwiderte der Alte. Mrs... wie heißt ſie doch? Ich werde nächſtens meinen eignen Namen vergeſſen, aber ich bin hinter der Zeit zurückgeblieben — es ging mir immer ſo, das wißt ihr ja— und bin etwas zerſtreut. Mrs.— Sol Gills! ſagte der Capitain, als ob er den allerun⸗ wahrſcheinlichſten Fall von der Welt ſetzte, es kann doch nicht der Name Mae Stinger ſein, auf den ihr euch nicht beſinnen könnt? Ei ja freilich! erwiderte der Optieus. Natürlich, Ned. Mrs. Mac Stinger! „Capitain Cuttle, deſſen Augen jetzt ſo groß waren, als ſie nur ſein konnten, während die Warzen auf ſeinem Geſicht ordent⸗ 9* —— — 132— lich leuchteten, ließ ein langes ſchrilles Pfeifen von höchſt me⸗ lancholiſchem Tone vernehmen und ſtarrte die ganze Geſellſchaft ſprachlos an.— Sagt das noch einmal, Sol Gills, wollt ihr ſo gut ſein? ſagte er endlich. Alle diefe Briefe, wiederholte Onkel Sol und ſchlug mit dem Zeigefinger ſeiner rechten Hand auf der Fläche ſeiner Linken den Takt mit einer Gleichförmigkeit, welche ſogar dem unfehlba⸗ ren Chronometer in ſeiner Taſche Ehre gemacht hätte— alle dieſe Briefe trug ich eigenhändig auf die Poſt und adreſſirte ſie eigenhändig an Capitain Cuttle, abzugeben bei Mrs. Mae Stin⸗ ger Nr. 9 Brigplatz. Der Capitain nahm den lackirten Hut von dem Haken, guckte hinein, ſetzte ihn auf und nahm wieder Platz. Guten Freunde, ſagte der Capitain und ſtarrte ſie Alle in dem letzten Stadium der Beſchämung an,— da bin ich ja durch⸗ gebrannt! Und Niemand wußte, wo ihr hingegangen waret? rief Walter raſch. Du lieber Himmel, Walter, ſagte der Capitain mit einem Kopfſchütteln,— ſie hätte es nie zugelaſſen, daß ich hierher zog und die Aufſicht über den Laden übernahm. Da war nichts zu thun als durchzubrennen. Grundgütiger Gott, Walter! ſagte der Capitain. Ihr habt ſie blos in der Windſtille geſehen, aber wenn ſie ſich erhebt in Zorn und Grimm— das merkt euch an!— 5 ˙˙——— — 133— Ich wollte ihr's ſchon weiſen! bemerkte die Nipper halblaut. Sie würden ihr's weiſen, meine Liebe, entgegnete der Ca⸗ pitain mit ſchwacher Bewunderung. Nun das macht Ihnen Ehre, meine Liebe. Aber ich würde es eher mit einem wilden Thiere aufnehmen. Meine Sachen kriegte ich nur durch einen Freund, mit dem es Niemand aufnehmen kann. Es war nicht gut, dort⸗ hin Briefe zu ſchicken, ſie hätte jeden Brief eingeſteckt unter ſol⸗ chen Umſtänden, ſagte der Capitain. So viel iſt ganz klar, Capitain Cuttle, daß wir Alle und vorzüglich Onkel Sol Mrs. Mae Stinger keine geringe Unruhe zu verdanken haben, ſagte Walter. Dieſe allgemeine Verpflichtung gegen die charakterfeſte Wittwe des ſeligen Mr. Mac Stinger war ſo klar, daß der Ca⸗ pitain dieſen Punkt nicht beſtritt; aber da er ſich einigermaßen ſchämte, obgleich Niemand bei der Sache verweilte, und haupt⸗ ſächlich Walter in Erinnerung ſeiner letzten Unterhaltung mit dem Capitain über dieſen Gegenſtand es vermied, wieder davon anzu⸗ fangen, ſo blieb er faſt fünf Minuten lang— eine außerordent⸗ lich lange Zeit für ihn,— in eine Wolke gehüllt, bis die Sonne ſein Geſicht wieder durchbrach und auf alle Anweſende mit außer⸗ gewöhnlichem Glanze herabſchien, während er ſelbſt Allen der Reihe nach die Hände ſchüttelte und gar nicht wieder auf⸗ hören konnte. Zu einer frühen Stunde, aber nicht bevor Onkel Sol und Walter ſich ziemlich lange über ihre beiderſeitigen Reiſen und Fährlichkeiten ausgefragt hatten, verließen Alle, außer Walter, Florentinens Zimmer und gingen hinab in das kleine Hinter⸗ — 134— ſtübchen. Bald darauf kam auch Walter nach, der ihnen ſagte, daß Florentine etwas betrübt und bekümmert ſei und ſich zu Bett gelegt hätte. Obgleich ſie ſie mit ihren Stimmen hier unten nicht ſtören konnten, ſo redeten doch jetzt Alle mit einem Geflüſter, und Jedermann fühlte ſich in ſeiner Art von theilnehmenden und freundlichen Empfindungen für Walters ſchöne, junge Braut erfüllt. Zum Beſten Onkel Sols wurde eine lange Erzählung über Alles, was ſie anging, gegeben, und Mr. Toots war ſehr dankbar für die Zartheit, mit der Walter ſeinen Namen und ſeine Dienſte hervorhob und ſeine Anweſenheit in dem kleinen Rathe nothwendig machte. Mr. Toots, ſagte Walter, als er an der Hausthür von ihm ſchied, wir ſehen Sie doch morgen früh? Lieutnant Walters, erwiderte Mr. Toots und drückte ihm mit Feuer die Hand, ich werde gewiß kommen. Es iſt heute der letzte Abend für lange Zeit, wo wir uns ſehen— vielleicht der letzte Abend für immer, ſagte Walter. Ein ſo edles Herz, wie das Ihrige, fühlt gewiß, wenn ein andres Herz ihm verpflichtet iſt. Ich hoffe, Sie wiſſen, daß ich Ihnen ſehr, ſehr dankbar bin. Walters, erwiderte Mr. Toots ganz gerührt, ich würde mich ſehr freuen, wenn ich wüßte, daß Sie Grund dazu haben. Ich habe Florentinen an dieſem letzten Abend, wo ſie ihren eignen Namen trägt, ſagte Walter, verſprechen müſſen— erſt vorhin, als wir eben allein blieben, daß ich Ihnen mit ihrem herzlichſten Gruß ſagen wollte— — 135— Mr. Toots legte die Hand an die Thürpfoſte und ſeine Augen auf die Hand. Mit ihrem herzlichſten Gruße, fuhr Walter fort, daß ſie nie einen Freund haben kann, den ſie höher halten wird, als Sie. Daß ſie Ihr treues und freundliches Benehmen niemals vergeſſen wird. Daß ſie Ihrer in ihrem Gebete heute Nacht gedenken will und hofft, daß Sie auch ihrer gedenken werden, wenn ſie in weiter Ferne iſt. Wünſchen Sie ihr dagegen etwas zu ſagen? Sagen Sie ihr, Walters, erwiderte Mr. Toots mit undeut⸗ licher Stimme, daß ich jeden Tag an ſie denken werde, aber nie ohne das freudige Bewußtſein, daß ſie an einen Mann verhei⸗ rathet iſt, der ſie liebt und den ſie liebt. Sagen Sie ihr auch, wenn Sie wollen, daß ich überzeugt bin, daß ihr Gatte ihrer werth iſt und daß ich erfreut bin über ihre Wahl. Mr. Toots' Stimme wurde deutlicher, als er dieſe letzten Worte ſprach, und er ſagte ſie mit feſter Stimme und ſah ihn dabei an. Dann ſchüttelte er Walter die Hand mit einer Wärme, die Walter gern erwiderte, und begab ſich auf den Heimweg. Mr. Toots war von dem Mordhühnchen begleitet, welches er in der letzten Zeit jeden Abend mitgenommen und in dem Laden draußen gelaſſen hatte, mit einer dunkeln Idee, daß ſich draußen unvorhergeſehene Vorfälle ereignen könnten, wo die Tapferkeit dieſes ausgezeichneten Jünglings dem Seecadetten nutz⸗ — 3 bar ſein könne. Das Hühnchen ſchien heute nicht in beſonders guter Laune zu ſein. Entweder täuſchte das Licht der Gasla⸗ ternen oder er ſchielte auf eine gräßliche Weiſe und rümpfte die Naſe, als Mr. Toots wieder auf die andre Seite der Straße — 136— ging und ſich umſah nach dem Zimmer, wo Florentine ſchlief. Auf dem Heimwege zeigte er mehr Luſt zu Angriffsbewegungen gegen die übrigen Fußgänger, als ſich für einen Profeſſor der friedlichen Kunſt der Selbſtvertheidigung ſchickt. Anſtatt nach ihrer Nachhauſekunft Mr. Toots ſogleich zu verlaſſen, blieb er vor ihm ſtehen, während er ſeinen weißen Hut mit beiden Händen wog und Kopf und Naſe, die beide mehr als einmal ſtark verletzt und nur unvollkommen reparirt worden, mit einer Miene entſchiedner Verachtung bewegte. Da ſein Gönner ſehr mit ſeinen eignen Gedanken beſchäftigt war, bemerkte er es längere Zeit gar nicht, und wurde es erſt gewahr, als das Hühnchen, entſchloſſen, ſich nicht abweiſen zu laſſen, verſchiedene Töne mit Zunge und Zähnen von ſich ge⸗ geben, um die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Nun, Maſter, ſagte das Hühnchen mürriſch, als es endlich Mr. Toots' Auge auf ſich gezogen hatte, ich will wiſſen, ob dieſes dumme Zeug es ausmachen ſoll, oder ob ihr verſuchen wollt, den Gewinnſt zu ziehen. Hühnchen, erwiderte Mr. Toots, drückt euch deutlicher aus. Nun, ſo will ich's deutlicher ſagen, Maſter, ſagte das Hühnchen. Ich bin nicht der Kerl, der Worte wegwirft. Ich will's kurz machen. Iſt einer von ihnen zuſammen zu ſchmeißen? Als das Hühnchen dieſe Fragen ſtellte, ließ es den Hut fallen, machte eine Finte mit der linken Fauſt, verſetzte einem vermeintlichen Feind einen tüchtigen Schlag mit der Rechten, ſchüttelte billigend den Kopf und duckte ſich nieder. “ —— “ — 137— Nun, Maſter, ſagte das Hühnchen, ſoll's dummes Zeug ſein oder Ernſt? Welches von beiden? Hühnchen, erwiderte Mr. Toots, eure Ausdrücke ſind roh und unverſtändlich. Nun, ſo will ich's euch ſagen, Maſter, ſagte das Hühnchen. Die Sache iſt die.'s iſt lumpig. Was iſt lumpig, Hühnchen? frug Mr. Toots. Es iſt lumpig, ſagte das Hühnchen und runzelte ſchrecklich die gebrochne Naſe. Das iſt's, Maſter! Was, Maſter? Jetzt, wo ihr hingehen und dieſe Heirath dem alten Perrückenſtock verrathen konntet— mit dieſem verächtlichen Namen bezeichnete das Mordhühnchen wahrſcheinlich Mr. Dombey— und den Gewinner und die ganze Blaſe ruiniren konntet, wollt ihr zu Kreuze kriechen?— zu Kreuze kriechen? ſagte das Hühnchen mit verachtungsvollem Nachdruck. Ha! Das iſt lumpig! Hühnchen, ſagte Mr. Toots mit Strenge, ihr ſeid ein wahrer Geier! Eure Empfindungen ſind blutdürſtig.— Meine Empfindungen ſind tüchtig drauf und nobel, Maſter, erwiderte das Hühnchen. Das ſind meine Empfindungen. Ich kann keine Lumpigkeit ertragen. Ich bin ein öffentlicher Cha⸗ rakter, man ſpricht von mir im kleinen Elephanten und mein Principal darf nichts Lumpiges thun. Ja,' iſt lumpig, ſagte das Hühnchen mit verſtärktem Nachdruck. Das iſts. Lum⸗ pig iſt s. Hühnchen, ſagte Mr. Toots, ich habe euch ſatt. Maſter, entgegnete das Hühnchen und ſetzte den Hut auf, ſo ſind wir geſchiedene Leute. Ich will euch was ſagen. Ihr — 138— habt mir mehr als ein oder zwei Mal von einem Wirthshaus ge⸗ ſprochen. Genirt euch nicht! Gebt mir morgen eine Funfzig⸗ Pfundnote und laßt mich gehen. Hühnchen, gab Mr. Toots zur Antwort, nach den ſchlechten Gefühlen, die ihr eben an den Tag gelegt habt, bin ich froh, euch unter dieſen Bedingungen los zu werden. Abgemacht alſo! ſagte das Hühnchen. Euer Benehmen paßt nun einmal nicht zu meinem Geſchmack, Maſter. Ich ſage euch,' iſt lumpig, ſagte das Hühnchen, der ſich gar nicht von dieſem Gedanken losmachen konnte. Das ſage ich, lumpig iſt's! So kamen Mr. Toots und das Hühnchen überein, ſich wegen Unverträglichkeit ihrer ſittlichen Anſchauungen von einan⸗ der zu trennen, und Mr. Toots legte ſich ſchlafen und träumte von Florentinen, welche an ihn als an ihren Freund am letzten Abend ihres Jungfraulebens gedacht und ihm ihren herzlichſten Gruß geſendet hatte. ** 8 — 5— Siebenundfunfzigſtes Kapitel. Auch eine Trauung. In der ſchönen Kirche, wo Mr. Dombey getraut worden, ſtehen Mr. Sownds, der Kirchendiener, und Mrs. Miff, die Stuhlſchließerin, zeitig auf ihrem Poſten. Ein gelber, alter Herr aus Oſtindien will ſich dieſen Morgen ein junges Weib antrauen laſſen, und ſechs Wagen voll Leute werden erwartet, und Mrs. Miff hat gehört, daß der gelbe, alte Herr den Weg nach der Kirche mit Ddiamanten pflaſtern könnte, ohne ſie gerade zu vermiſſen. Die Einſegnung iſt von Prima⸗Qualität, denn ein ſehr Ehrwürdiger, ein Dechant wird ſie ſprechen und die Dame wird als außeror⸗ dentliches Geſchenk von Jemand weggegeben, der extra dazu aus dem Commandanturgebäude kommt. Mrs. Miff iſt heute Morgen 2 ſtrenger gegen gemeine Leute, als gewöhnlich; ſie hat immer über dieſen Gegenſtand ſehr verſchiedne Meinungen, denn er ſteht in Beziehung zu den freien Sitzplätzen. Mrs. Miff verſteht nichts von Nationalökonomie(ſie meint, die Wiſſenſchaft ſtehe mit 8—--—— ————— 2—— — 140— Diſſentern in Verbindung, mit Wiedertäufern oder Wesleyanern oder andern ſolchen Leuten, ſagt ſie), aber ſie kann nie begreifen, welches Recht zu heirathen gemeine Leute haben. Sapperment, ſagt Mrs. Miff, es wird ganz derſelbe Segen über ſie geſprochen, und anſtatt Sovereigns kriegt man Sixpences. Mr. Sownds, der Kirchendiener, iſt liberaler, als Mrs. Miff— aber dafür iſt er auch nicht Stuhlſchließer. Es muß geſchehen, Ma'am, ſagt er. Wir müſſen ſie trauen, wir müſſen unſre Nationalſchüler haben und unſer ſtehendes Heer. Wir müſſen ſie trauen, Ma'am, ſagt Mr. Sownds, damit das Land im Gange bleibt. Mr. Sownds ſitzt auf den Stufen und Mrs. Miff ſtäubt die Stühle ab, als ein junges, einfach gekleidetes Paar in die Kirche tritt. Aergerlich wendet ſich Mrs. Miffs Wuth ihnen zu, denn ſie glaubt in dieſem frühen Beſuche Anzeichen einer Entführungs⸗ trauung zu ſehen. Aber ſie wollen ſich nicht trauen laſſen,— ſie wollen ſich nur die Kirche anſehen, ſagt der Herr. Und da er der Mrs. Miff ein anſtändiges Compliment in die Hand drückt, ſo mildert ſich ihr eſſi ſigſaures Geſicht, und ihre trockne, magre Geſtalt macht einen ſpröden Knix. Mrs. Miff fängt wieder mit ihrem Abſtäuben an und. ſchüttelt die Kiſſen auf— denn man hat ihr geſagt, daß der gelbe Herr empfindliche Kniee hat— wendet aber ihr Auge 3 nicht von dem jungen Paare ab, das in der Kirche herumgeht. Athem! räuſpert ſich Mrs. Miff, deren Huſten ſo trocken iſt, wie das Heu in den Kiſſen, ihr werdet ſchon an einem der nächſten — 4— 3 — 141— Tage zu uns kommen, meine Guten, ich müßte mich denn ſehr irren! Sie beſahen ſich eine Tafel in der Mauer, dort eingeſenkt zum Gedächtniß eines Verſtorbenen. Sie ſind ein gutes Stück von Mrs. Miff entfernt, aber Mrs. Miff kann mit halbem Auge ſehen, wie ſie ſich auf ſeinen Arm ſtützt und wie ſein Haupt ſich über ſie herabneigt. Schon gut, ſchon gut, ſagte Mrs. Miff, ihr könntet etwas Schlimmeres thun. Denn ihr ſeid ein ſchmuckes Paar! Mrs. Miffs Bemerkungen haben durchaus keine perſönlichen Beziehungen. Sie ſpricht blos von Geſchäftsgegenſtänden, ſie kümmert ſich um Ehepaare nicht viel mehr als um Särge. Sie iſt eine ſo harte, magere, trockne, alte Dame— ein ächter Kirchenſtuhl von einer Frau,— daß ihr eben ſo gut theilnehmende Empfindungen in einem Stück Holz als bei ihr ſuchen könntet. Mr. Sownds dagegen, der beleibt iſt und roth in ſeiner Livree, iſt von etwas anderem Temperament. Er ſagt, wie ſie auf den Stufen ſtehen und das junge Paar fortgehen ſehen, daß ſie hübſch gewachſen ſei und, ſo viel ſich ſehen laſſe, denn ſie ſenkt den Kopf, wie ſie hinaus geht, ungewöhnlich hübſch ſein müſſe. Mit einem Wort, Mrs. Miff, ſagt Mr. Sownds und ſchnalzt mit der Zunge, ſie iſt, was man eine Roſenknospe nennen könnte. 3 Mrs. Miff ſtimmte ihm mit einem knappen Nicken bei, iſtaber⸗ ſo wenig damit zufrieden, daß ſie innerlich beſchließt, ſie möchte Mr. Sownds Frau nicht ſein, trotz ſeines Geldes und ſeiner Kirchendienerſtelle. * — 142— Und was ſpricht das junge Paar, wie es die Kirche ver⸗ läßt und auf die Straße tritt? Lieber Walter, ich danke dir! Ich kann jetzt glücklich und zufrieden abreiſen, ſagt ſie, und wenn wir zurückkommen, Flo⸗ rentine, ſo beſuchen wir das Grab wieder, ſagt Walter. Florentine hebt ihre von Thränen glänzenden Augen zu ſei⸗ nem Geſicht empor und legt ihre freie Hand auf die andere kleine beſcheidene Hand, welche in ſeinem Arme ruht. Es iſt noch ſehr früh, Walter, und die Straßen ſind leer. Wir wollen zu Fuße gehen. Aber du wirſt müde werden, liebes Herz. O nein! Ich war ſehr müde das allererſte Mal, wo wir zuſammengingen, aber jetzt werde ich gewiß nicht müde. Und ſo— nicht viel verändert, ſie ſo unſchuldig und innig fühlend, er ſo friſch und frei, ſo hoffnungsreich und ſtolz auf ſie— gehen Florentine und Walter an ihrem Hoch⸗ zeitmorgen durch die Straßen. Selbſt nicht damals, in der jetzt entlegenen Jugendzeit, waren ſie der Welt, die ſie umgab, ſo weit entrückt, wie heute. Die Kinderfüße in alter Zeit gingen nicht auf ſolchem Zauberboden, wie heute. Das Vertrauen und die Liebe von Kindern kann viele Male geſchenkt werden und gedeiht an vielen Orten; aber Florentinens Frauenherz mit ſeinem ungetheilten Schatz kann nur einmal weggegeben werden und kann nur dahinſiechen und ſter⸗ ben, wenn es verſchmäht oder verlaſſen wird. Sie ſuchen die ſtillſten Straßen aus und meiden diejenige, wo ihre alte väterliche Wohnung ſteht. Es iſt ein ſchöner, —— — 143— warmer Sommermorgen, und die Sonne ſcheint auf ſie herab, wie ſie dem immer dichter werdenden Nebel entgegengehen, der ſich über die Stadt ausbreitet. Reiche Schätze werden in dem Laden ausgeſtellt; Juwelen, Gold und Silber blitzen in den hellen Fenſtern der Goldſchmiede, und hohe Häuſer werfen einen ernſten Schatten auf ſie, wie ſie vorbeigehen. Aber durch das Licht und durch den Schatten gehen ſie einträchtig weiter, alles ver⸗ geſſend, was ſie umgiebt, und an keine andern Schätze und keine ſtolzere Heimath denkend, als die in ihren vereinten Herzen. Allmählig gelangen ſie in die dunklern, engeren Straßen, wo die Sonne manchmal gelb und dann roth nur an den Straßen⸗ ecken durch den Nebel geſehen wird, oder auf kleinen Plätzen, wo ein Baum ſteht, oder eine von den unzähligen Kirchen, oder ein mit Steinplatten belegter Weg und eine Treppe ſich befindet, oder ein kleines Gärtchen oder ein Gottesacker, wo die ewigen Gräber und Leichenſteine faſt ſchwarz ſind. Durch alle die engen Höfe und Gäßchen und ſchattigen Straßen geht Florentine liebend und vertrauend an ſeinem Arme, um ſeine Gattin zu werden. Ihr Herz klopft jetzt raſcher, denn Walter ſagt ihr, daß die Kirche ganz nahe ſei. Sie gehen an ein paar großen Spei⸗ chern vorbei wo Wagen vor der Thür ſtehen und geſchäftige Kär⸗ ner die Straßen verſperren— aber Florentine hört und ſieht ſie nicht— und dann iſt die Luft ruhig und das Tageslicht ver⸗ düſtert und ſie ſteht zitternd in einer Kirche, wo ein dumpfiger Geruch herrſcht, wie in einem Keller. — 144— Der ſchäbige kleine Alte, der die gellende Glocke läutete, ſteht in der Vorhalle und hat ſeinen Hut in den Taufſtein ge⸗ ſetzt, denn er iſt hier als Kirchner ganz zu Hauſe. Er führt ſie in eine alte, von braunem Getäfel verdunkelte ſtaubige Sacriſtei, ähnlich einem Eckſchrank, aus dem die Fächer genommen ſind, wo die mottenzerfreſſenen Kirchenbücher einen Geruch verbreiten, wie verrochner Schnupftabak, der die thränenreiche Nipper nieſen gemacht hat. Jugendlich und ſchön ſieht die junge Braut in dieſem alten ſtaubigen Orte aus, wo kein verwandter Gegenſtand ihr nahe iſt, als ihr Bräutigam. Ein ſtaubiger alter Küſter iſt noch da, der eine Art Handel mit alten Zeitungen unter einem Thorweg, gegenüber hinter einer vollkommenen Palliſadirung von Pfählen, betreibt. Ferner eine ſtaubige alte Stuhlſchließerin, die nur mit ſich zu thun hat und dabei vollauf beſchäftigt iſt. Ferner ein ſtaubiger alter Kirchendiener(Mr. Toots Kirchendiener und Stuhlſchließerin vom vorigen Sonntag), der etwas mit einer ehrenwerthen Gilde zu thun hat, welche im nächſten Hofe ein Haus mit einem gemalten Glasfenſter beſitzt, das noch kein menſchliches Auge geſehen hat. Staubige hölzerne Simſe und Carnieße gehen im Zickzack über dem Altar und über dem Schirm hin und um die Galerie, und über der Inſchrift von dem, was die Meiſter und Obermeiſter der ehrbaren Gilde im Jahre 1694 gethan haben. Alte ſtaubige Schallbreter ſind über der Kanzel und dem Leſepult, ähnlich Deckeln zum Herabfallen, wenn der dienſtthuende Geiſtliche ein Aergerniß geben ſollte. Ueberall iſt es dem Staube bequem gemacht, nur nicht auf dem Kirchhofe, — 145— wo für ſein Unterkommen nur in ſehr beſchränktem Maße ge⸗ ſorgt iſt. Der Capitain, Onkel Sol und Mr. Toots ſind ſchon da, der Geiſtliche legt in der Sacriſtei den Prieſterrock an, wäh⸗ rend der Küſter um ihn herumgeht und den Staub abbläſt; Braut und Bräutigam ſtehen vor dem Altare; eine Braut⸗ jungfer iſt nicht da, Suſanne Nipper müßte es denn ſein, und kein beſſerer Brautvater als Capitain Cuttle. Ein Mann mit einem hölzernen Beine, der einen Apfel ißt und einen blauen Beutel in der Hand trägt, guckt herein, um zu ſehen, was los iſt; aber da er die Sache nicht unterhaltend genug findet, hum⸗ pelt er weiter. Kein freundlicher Lichtſtrahl fällt auf Florentinen, als ſie, das Haupt ſchüchtern geſenkt, vor dem Altare knieet. Das Ta⸗ gesgeſtirn iſt hier ausgeſperrt und ſcheint nicht. Draußen ſteht ein verkümmerter Baum, wo die Sperlinge ein wenig zwitſchern; und bei dem Färber gegenüber im Dachfenſter iſt eine Amſel, welche laut pfeift während der feierlichen Ceremonie; und das hölzerne Bein des Mannes hallt noch ſtampfend aus der Ferne. Das Amen ſcheint dem ſtaubigen Küſter gleich Macbeth ein wenig in der Kehle ſtecken zu bleiben; aber Capitain Cuttle hilft ihm heraus und thut es mit ſolcher Bereitwilligkeit, daß er drei ganz neue Reſponſen erfindet, die in der Liturgie noch nicht ſtehen. Sie ſind getraut und haben ihre Namen in eins der alten zum Nieſen reizenden Bücher geſchrieben und der Prieſterrock iſt dem Staube zurückgegeben und der Geiſtliche nach Hauſe ge⸗ Boz. Dombey u. Sohn, IX. 10 — 146— gangen. In einer dunkeln Ecke der dunkeln Kirche weint Flo⸗ rentine in Suſannens Armen. Mr. Toots' Augen ſind roth. Des Capitains Naſe glänzt. Onkel Sol hat die Brille von der Stirn herabgeſchoben und iſt zur Thür hinausgegangen. Gott ſegne dich Suſanne, liebſte Suſanne! Wenn du je⸗ mals Zeugniß geben kannſt von meiner Liebe zu Walter und dem Grunde dieſer Liebe, ſo thue es um ſeinetwillen. Leb' wohl! Leb' wohl! ſchluchzt Florentine. Sie haben ſich entſchieden, nicht nach dem Seecadetten zurückzukehren, ſondern gleich hier von einander zu ſcheiden; ein Wagen wartet ganz in der Nähe auf ſie. Miß Nipper kann nicht ſprechen; ſie ſchluchzt und ſtöhnt nur und drückt ihre Herrin ans Herz. Mr. Toots tritt vor, ermahnt ſie, ſich zu beruhigen, und nimmt ſie unter ſeine Obhut. Florentine giebt ihm die Hand, bietet ihm in der Fülle ihres Her⸗ zens die Lippen dar, küßt Onkel Sol und Capitain Cuttle und wird von ihrem jungen Gatten von dannen getragen. Aber Suſanne will nicht, daß Florentine ſie verläßt mit einem traurigen Bilde von ihr. Sie hat es ſo ſehr anders machen wollen, daß ſie ſich die bitterſten Vorwürfe macht. In der Abſicht, noch eine letzte Anſtrengung zu machen und ihren Charakter zu rechtfertigen, reißt ſie ſich von Mr. Toots los und läuft fort, um die Kutſche aufzuſuchen und ein Abſchiedslächeln zu zeigen. Der Capitain, der ihre Abſicht erräth, läuft ihr nach; denn auch er hält es für ſeine Pflicht, ihr womöglich noch ein Hurrah mitzugeben. Onkel Sol und Mr. Toots bleiben an der Kirche allein zurück und warten auf ihre Rückkehr. — 147— Der Wagen iſt fort, aber die Straße iſt ſteil und ſchmal und voller Menſchen, und Suſanne ſieht ihn in der Ferne halten. Capitain Cuttle folgt ihm, wie er den Abhang hinab eilt, und ſchwenkt ſeinen Hut als allgemeines Signal, welches die rechte Kutſche zum Halten bewegen kann, oder auch jede andere. Suſanne überholt den Capitain und ereilt den Wagen zuerſt. Sie guckt zum Fenſter hinein, ſieht Walter mit dem lieblichen Geſicht neben ihm, ſchlägt die Hände zuſammen und ruft: Miß Tinchen, mein Engelsherz! Sehen Sie her! Wir ſind jetzt Alle ſo glücklich und froh! Noch einmal lebe wohl, mein Herz, noch einmal! Wie es Suſanne anfängt, weiß ſie ſelbſt nicht, aber ſie iſt im nächſten Augenblick am Fenſter, küßt ſie und hält ſie noch einmal umarmt. Wir ſind jetzt Alle ſo— ſo glücklich jetzt, liebes Miß Tinchen! ſagt Suſanne mit einem verdächtigen Stocken in der Rede. Aber Sie ſind mir doch nicht böſe jetzt? Nicht wahr nicht? Ich böſe, Suſanne? Nein, nein, Sie können's nicht ſein. Nein, gewiß nicht, meine gute liebe Miß! ruft Suſanne aus; und hier iſt auch der Capitain— Ihr Freund, der Capitain— um Ihnen noch ein⸗ mal Lebewohl zu ſagen! Hurrah, Herzenswonne! ruft der Capitain, mit einem höchſt aufgeregten Geſicht. Hurrah, Wal'r, mein Jung’! Hurrah! Hurrah! 10* — 148— Der junge Ehemann ſieht zu dem einen Fenſter heraus, die junge Frau zu dem andern; der Capitain hängt an dieſem Kutſchenſchlag, Suſanne hält ſich an dem andern feſt; der Wagen muß weiter fahren, er mag wollen oder nicht, und alle die andern Karren und Wagen werden ungeduldig, weil er nicht vorwärts will— ſo kam es, daß noch nie vier Räder ſo viel Verwirrung fortgetragen haben. Aber Suſanne Nipper hält tapfer auf ihrem Poſten aus. Sie zeigt ihrer Herrin ein frohes Geſicht, und lächelt durch Thränen bis zum letzten Augenblick. Als ſie endlich loslaſſen muß, erſcheint und verſchwindet auch der Capitain ab⸗ wechſelnd an der Thür und ruft: Hurrah, mein Jung'! Hurrah, Herzenswonne! bis er nicht länger mit dem Wagen Schritt halten kann. Wie endlich die Kutſche fort iſt, verfällt Suſanne, zu welcher unterdeſſen wieder der Capitain gekommen iſt, in einen Zuſtand der Bewußtloſigkeit, und wird in einen Bäckerladen getragen. Onkel Sol und Mr. Toots erwarten geduldig auf dem Kirchhof die Rückkehr Capitain Cuttle's und Suſannens. Da Keiner zu ſprechen oder angeredet zu werden wünſcht, leiſten ſie ſich ganz vortrefflich Geſellſchaft und ſind ganz zufrieden. Als ſie Alle zuſammen nach dem Seecadetten zurückkehren und ſich an den Frühſtückstiſch ſetzen, kann Keiner einen Biſſen anrühren. Capitain Cuttle thut, als ob er außerordentlichen Appetit nach Toaſt hätte, giebt es aber bald als einen Schwindel auf. Mr. Toots ſagt nach dem Frühſtück, er wolle den Abend wiederkommen; und ſtreift den ganzen Tag in der Stadt herum, beläſtigt von einem Gefühl, als ob er 14 Tage lang nicht zu Bett geweſen wäre. — 149— Ein ſeltſamer Zauber ruht auf dem Hauſe und dem Zimmer, wo ſie ſo lange beiſammen gelebt haben und woraus jetzt ſo viel verſchwunden iſt. Es erhöht und mildert doch auch wieder den Schmerz der Trennung. Zu Suſannen ſagt Mr. Toots, als er Abends wiederkommt, daß er den ganzen Tag ſich nicht ſo unglücklich gefühlt habe, und doch gefalle es ihm ſo. Er ſchenkt Suſannen ſein Vertrauen, als ſie allein ſind, und ſagt ihr, was er empfunden, als ſie ihm ſo offen ihre Meinung über die Wahrſcheinlichkeit, daß Miß Dombey ihn einmal lieben könne, mitgetheilt. In der vertraulichen Stimmung, die durch dieſe gemeinſchaftlichen Erinnerungen und Thränen ſich erzeugt, ſchlägt Mr. Toots vor, zuſammen auszugehen und etwas zum Abend⸗ eſſen einzukaufen. Miß Nipper giebt ihre Beiſtimmung, und ſie kaufen mancherlei Kleinigkeiten, und ſetzen mit Hülfe der Mrs. Richards, bevor noch der Capitain und Onkel Sol nach Hauſe kommen, ein ganz ſtattliches Abendeſſen auf den Tiſch. Der Capitain und Onkel Sol find auf dem Schiffe ge⸗ weſen und haben Di und die Koffer an Bord gebracht. Sie haben viel zu erzählen von Walters Beliebtheit, und wie er in aller Stille früh und ſpät gearbeitet haben muß, um ſeine Cajüte für ſeine kleine Frau hübſch einzurichten. Eine Admiralcajüte, müßt ihr wiſſen, ſagt der Capitain, iſt nicht ſchmucker. Aber ein Haupttriumph des Capitains iſt, daß er weiß, die große Uhr und die Zuckerzange und die Theelöffel ſind ſicher an Bord; und immer wieder ſagt er halblaut zu ſich ſelbſt: Ed'ard Cuttle, mein Jung', haſt nie in deinem Leben einen beſſern Curs geſteuert, als jetzt, wo du dieſes kleine Eigenthum — 150— gemeinſchaftlich übergeben haſt. Du haſt geſehen, Edard, wo das Land lag, ſagte der Capitain, und es macht dir alle Ehre, mein Jung'. Der Opticus iſt zerſtreuter und träumeriſcher als gewöhn⸗ lich, und nimmt die Heirath und den Abſchied ſehr zu Herzen. Aber ihn tröſtet das Bewußtſein, ſeinen alten Verbündeten, Capi⸗ tain Cuttle, neben ſich zu haben, und er ſetzt ſich mit dankbarem und zufriedenem Geſicht an den Tiſch. Mein Knabe iſt mir erhalten und iſt glücklich, ſagt der alte Sol Gills und reibt ſich die Hände. Warum ſollte ich nicht dankbar und zufrieden ſein? Der Capitain, der noch nicht Platz genommen hat, ſondern ſich unruhig hin und her bewegt hat und jetzt zaudernd daſteht, ſieht Mr. Gills zweifelnd an und ſagt: Sol! Es iſt die letzte Flaſche alter Madeira noch unten. Wollen wir ſie heute Abend heraufholen, und ſie auf Walters und ſeiner jungen Frau Geſundheit trinken? Der Opticus blickt den Capitain an, ſteckt die Hand in die Bruſttaſche ſeines kaffeebraunen Rockes, zieht ein Taſchenbuch hervor und nimmt einen Brief heraus. An Mr. Dombey, ſagte der Alte. Von Waltern. Ab⸗ zugeben in drei Wochen. Ich will ihn leſen. „Sir! Ich bin an Ihre Tochter verheirathet. Sie hat mit mir eine weite Reiſe angetreten. Ihr anzugehören heißt keinen Anſpruch an ſie oder an Sie zu haben, aber Gott weiß es, daß ich ihr ganz gehöre. — 151— „Warum ich ſie, die ich über Alles auf der Welt liebe, ohne Skrupel den Ungewißheiten und Gefahren meines Lebens ausſetze, das will ich Ihnen nicht erſt ſagen. Sie wiſſen warum, und Sie ſind ihr Vater. „Machen Sie ihr keine Vorwürfe. Sie hat Ihnen nie welche gemacht. „Ich glaube oder hoffe nicht, daß Sie mir je verzeihen wer⸗ den. Ich erwarte nichts weniger. Aber wenn einſt eine Stunde kommen ſollte, wo es ein Troſt für Sie iſt zu wiſſen, daß Flo⸗ rentine Jemanden hat, der es zur Aufgabe ſeiner Lebens gemacht hat, die Erinnerung an frühere Schmerzen aus ihrem Herzen zu verwiſchen, ſo betheure ich Ihnen auf das Feierlichſte, daß Sie ſich dann mit dieſem Glauben tröſten können.“ Salomo legt den Brief ſorgfältig wieder in das Taſchen⸗ buch und ſteckt das Taſchenbuch wieder in den Rock. Wir wollen die letzte Flaſche alten Madeira noch nicht trinken, Ned, ſagte der Alte nachdenklich. Jetzt noch nicht. Noch nicht, ſtimmte der Capitain bei. Nein. Jetzt noch nicht. Suſanne und Mr. Toots find derſelben Meinung. Nach einer Pauſe ſetzen ſie ſich Alle zum Eſſen nieder, und trinken das Wohl des jungen Paares etwas laut in etwas anderem; und die letzte Flaſche des alten Madeira bleibt immer noch in ihrem Staub und ihren Spinnweben unangetaſtet liegen. Ein paar Tage ſind vergangen, und ein ſtattliches Schiff ſchwimmt draußen auf dem Meere, ſeine weißen Fittige dem günſtigen Winde entgegenbreitend. — 152— Auf dem Verdeck weilt Florentine— für den Roheſten an Bord ein Symbol von etwas Schönem, Anmuthigem und Schuldloſem— von etwas, deſſen Anweſenheit gut und an⸗ genehm iſt und die Reiſe glücklich machen muß. Es iſt Nacht, und ſie und Walter ſitzen allein, und betrachten den lichten Pfad auf dem Meere, der von ihnen bis zum Monde reicht. Endlich kann ſie ihn nicht mehr deutlich ſehen, denn Thrä⸗ nen füllen ihre Augen; und dann legt ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt, und ſchlingt ihren Arm um ihn, und ruft aus: O Wal⸗ ter, beſter Mann, wie glücklich ich bin! Ihr Gatte drückt ſie an ſein Herz, und ſie ſind ganz ſtill, und das Schiff ſchwebt ruhig über das Meer. Wenn ich das Meer höre und ſeinen Tönen lauſche, ſagte Florentine, bringt mir es ſo viele Tage in das Gedächtniß zurück. Ich denke dann ſo viel an— An Paul, Geliebte, ſagte Walter. Ich weiß es wohl. An Paul und Walter. Und die Stimmen aus den Wel⸗ len erzählen immer in ihrem ewigen Rauſchen Florentinen von einer Liebe, die ewig und unendlich iſt, nicht beſchränkt von den Grenzen dieſer Welt oder von dem Ende der Zeit, ſondern fort⸗ dauernd über das Meer, über den Himmel, bis in das unſicht⸗ bare Land in weiter, weiter Ferne! Druck von Fr. Nies in Leipzig.