— ‧*—— ————jy—Q— ———. 8 — 3 23, Sämmtliche Werke. 1 Fuͤnfundſechzigſter Theil. 2 Dombey und Sohn. Achter Theil. geipzig V Verlag von Carl B. Lorck. 4 1848. 1 3 Dombey von Boz(Dickens). 1—— Aus dem Engliſcchen von Julius Seybt. Mit Federzeichnungen von Hablot K. Browne. Achter Theil. — 500————— Feipzig * Verlag von Carl B. Lorck. 1848. 1 das Perſonal fort, das Comptoir finſter und verlaſſen war und Sechsundvierzigſtes Kapitel. Alte Bekannte. Von den verſchiedenen kleinen Veränderungen in Mr. Carkers Lebensweiſe, die um jene Zeit ſichtbar wurden, war keine ſo be⸗ merkenswerth als der außerordentliche Fleiß, mit dem er ſich den Geſchäften widmete, und die Genauigkeit, mit der er die Ange⸗ legenheiten des Hauſes in allen ihren Details unterſuchte. Von jeher in ſolchen Dingen thätig und ſcharfblickend, war jetzt ſeine Aufmerkſamkeit zwanzigfach. Und ſein Geiſt hielt nicht nur Schritt mit jedem einzelnen Punkt, der ſich jeden Tag in einer neuen Geſtalt darbot, ſondern er fand auch dabei Muße, die frühern Geſchäfte der Firma, ſo weit er daran Theil gehabt, durch eine lange Reihe von Jahren zu unterſuchen. Oft, wenn alle ähnliche Geſchäftslocale längſt geſchloſſen waren, brütete Mr. Carker noch über den Myſterien der Handlungsbücher und Papiere mit der Geduld und Ausdauer eines Mannes, der die feinſten Nerven und Fibern ſeines Vorwurfs ſecirt. Der Markt⸗ — 6— helfer Perch, der bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich dablieb und ſich mit der Lectüre des Preiscourants beim Schimmer einer einzigen Kerze unterhielt, oder vor dem Feuer im Vorſaale ein⸗ duſelte und dabei jeden Augenblick Gefahr lief, kopfüber in den Kohlenkaſten zu fallen, konnte dieſem Geſchäftseifer, obgleich er ſeine häuslichen Freuden ſehr verkürzte, den Tribut ſeiner Be⸗ wunderung nicht verſagen, und rühmte gegen Mrs. Perch(die jetzt Zwillinge ſäugte) immer und immer wieder den Fleiß und den Scharfblick des Disponenten in der City. Dieſelbe concentrirte Aufmerkſamkeit, die Mr. Carker den Geſchäſten der Firma widmete, ſchenkte er auch ſeinen perſön⸗ lichen Angelegenheiten. Obgleich nicht Aſſocié des Hauſes— eine Ehre, die bis dahin nur den Erben des großen Namens Dombey vorbehalten worden— hatte er doch einen gewiſſen Pro⸗ centantheil an dem Gewinne; und da ihm ſonſt ſeine Verbindung mit dem Hauſe Gelegenheit genug gab, ſein Geld vortheilhaft anzulegen, ſo galt er bei den Gründlingen unter den Goldfiſchen der Börſe für einen reichen Mann. Dieſe umſichtigen Beobachter ſagten untereinander, daß Jem Carker von Dombey's anfange zuſammenzurechnen was er werth ſei, daß der ſchlaue Kerl ſeine Capitalien zur geeigneten Zeit einziehe, und an der Stocksbörſe 84 wurde gewettet, daß Jem eine reiche Wittwe heirathen werde. Doch alle dieſe Sorgen ſtörten Mr. Carker nicht im min⸗ deſten in ſeiner ununterbrochenen Beſchäſtigung, ſeinen Principal zu belauern, oder in ſeiner Reinlichkeit, Schmuckheit oder ſeinen ſonſtigen katzenartigen Eigenſchaften. Eigentlich war keine Ver⸗ änderung in ſeinen Gewohnheiten eingetreten, ſondern ſein ganzer — ———— ε⏑̈, A 3 Charakter hatte ſich mehr concentrirt, alle ſeine Eigenſchaften —— waren intenſiver geworden. Er verrichtete jede einzelne Sache, als ob er nichts andres thue— ein ziemlich ſicheres Zeichen bei einem Manne von ſeiner Fähigkeit und ſeinem Charakter, daß er etwas thue, was ſeine äußerſte Kraft in Anſpruch nehme. Die einzige entſchiedene Veränderung in ſeiner Weiſe war, daß er jetzt, wenn er durch die Straßen ritt, oft in tiefes Nach⸗ ſinnen verftel, wie damals, als er an dem Morgen nach Mr. Dombey's Unfall von dieſes Herrn Haus wegritt. Zu ſolchen Zeiten wich er inſtinctmäßig den Hinderniſſen in ſeinem Wege aus, und ſchien nichts zu ſehen und zu hören, bis er ſein Ziel erreicht hatte oder ſich gewaltſam von ſeinem Brüten losriß. Als er auf dieſe Weiſe eines Tages nach dem Comptoir von Dombey und Sohn ritt, achtete er ebenſo wenig auf zwei Paar ihn beobachtende Frauenaugen, wie auf Rob den Scheeren⸗ ſchleifer, der ihn im Uebermaße des Dienſteifers eine Gaſſe ent⸗ gegen war, und jetzt vergebens zu wiederholtenmalen an„um ſeines Herrn Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehe n dem Pferde her lief, bereit den Steigbügel zu halten, wenn Mr. Carker abſtieg. Sieh ihn dort reiten! rief das eine der beiden Weiber, eine alte Hexe, welche ihren welken Arm nach dem Reiter ausſtreckte, um ihn ihrer Gefährtin zu die dicht neben ihr in einem dunkeln Thorwege ſtand. Mrs. Browns T flammte in ihrem Bli und Grimm und Rache — 8— Ich dachte nicht, ihn jemals wieder zu erblicken, ſagte ſie mit leiſer Stimme; aber es iſt vielleicht gut ſo. Ich ſehe ihn! Ich ſehe ihn! Nicht verändert! ſagte die Alte mit einem boshaften Blicke. Er und verändert! rief die Andere. Wovon? Was hat er gelitten? Ich habe mich für zwanzig Menſchen verändert. Iſt das nicht genug? 1 Sieh ihn dahinreiten! murmelte die Alte, mit ihren rothen Augen die Tochter aufmerkſam anſchielend; und ſo ruhig und ſo ſchmuck, zu Pferde, während wir im Kothe gehen! Goldkind! ſagte jetzt die Alte. Alice! Her Sie zupfte ſie ſanft am Aermel, um ihre Aufmer auf ſich zu ziehen. Willſt du ihn ſo gehen laſſen, wenn d Geld von ihm erpreſſen kannſt? Das iſt ja eine wahre Sünde, Tochter. FSabe ich dir nicht geſagt, ich kein Geld von ihm haben will? erwiderte t du mir's noch nicht? Hab' ich von ſeiner Schwe umen? Würde ich einen Penny annehmen, wenn ☛᷑n —— Hände gegangen wäre, ich müßte ihn denn vergiften und ihm zurückſchicken können? Still, Mutter, und komm. Und er iſt ſo reich, murmelte die Alte, und wir ſo arm! Arm, daß wir ihm nicht das Böſe vergelten können, das er uns zethan hat, entgegnete die Tochter. Wenn er mir ſolchen Reichthum giebt, will ich ihn nehmen aus ſeiner Hand und ihn benutzen. Komm. Es taugt nichts, ſeinem Pferde nachzuſehen. Komm, Nutter! Aber die Alte, auf welche der Anblick des mit dem Pferde zurückkehrenden Robs eine ganz beſondere Anziehungskraft aus⸗ zuüben ſchien, betrachtete dieſen jungen Mann mit der größten 5 Aufmerkſamkeit. Wie er näher kam, ſchienen alle ihre Zweifel gelöſt zu ſein, denn ſie warf ihrer Tochter einen triumphirenden Blick zu, legte den Finger an die Lippe, trat aus dem Thorweg und legte die Hand auf die Schulter des Vorübergehenden. 1 Ach, wo iſt mein muntrer Rob ſo lange geweſen? ſagte ſie, wie er ſich umdrehte. Der muntre Rob, deſſen Munterkeit durch dieſen Gruß ſehr raſch zu ſinken ſchien, ſah ſehr erſchrocken aus, und rief mit thränenfeuchten Augen: Ach, warum könnt ihr einen armen Jungen nicht in Frieden laſſen, Mrs. Brown, wenn er ſich ſein ehrliches Brod erwirbt und ſich gut aufführt? Warum wollt ihr einem armen Jungen ſeinen guten Ruf nehmen, daß ihr ihn auf der Straße anredet, wenn er ſeines Herrn Pferd nach einem ehrlichen Stalle führt— ein Pferd, das ihr zu Katzenfutter verkauftet, wenn ihr euren Willen hättet! Gott, ich dachte, ihr wäret ſchon lange todt! 4. —,— 9—— — 10— ſchloß der Scheerenſchleifer in einem Tone, als wäre dies der Kli⸗ max ſeiner Leiden. So ſpricht er zu mir, rief die Alte zu ihrer Tochter ge⸗ wendet, zu mir, die ihn Wochen und Monate gekannt u ihn manchmal bei den Taubenhändlern und Vogelfängern d. rrchge⸗ holfen hat! 8* Laßt die Vögel in Ruhe, Mrs. Brown, bitte! ſagte Rob in höchſter Angſt. Ein junger Burſche thät beſſer mit Löwen liche Nachfrage ſprach Rob aus wie mit Proteſt, und mit großem Grimm im Auge. Höre nur, wie er zu einer alten Freundin ſpricht, Goldkind! ſagte Mrs. Brown, wieder an ihre Tochter ſich wendend. Aber manche von ſeinen alten Freunden ſind nicht ſo geduldig wie ich. Wenn ich manchen Leuten ſagen wollte, wo er zu finden iſt— Wollt ihr ſtill ſein, Mrs. Brown? unterbrach ſie der un⸗ glückliche Scheerenſchleifer, und ſah ſich raſch um, als erwartete er ſeines Herrn Zähne hinter ſich glänzen zu ſehen. Macht's euch denn Spaß, einen armen Jungen zu ruiniren? Und noch dazu in euren Jahren! Woihr an ganz andre Sachen denken ſolltet! Was für ein ſchönes Pferd! ſagte die Alte, und klopfte das Thier auf den Hals. Wollt ihr das Thier in Frieden laſſen, Mrs. Brown? rief Rob und ſtieß ihre Hand weg. Ihr könntet wirklich einen reuigen Jungen verrückt machen. — —,— —,— — 11— Aber ich thue ihm ja nichts, Kind, ſagte die Alte. Nichts thun? ſagte Rob. Das Thier hat einen Herrn, der es herauskriegt, wenn man es mit einem Strohhalm berührt. Und er blies auf die Stelle, wo die Hand der Alten einen Augenblick gelegen, und ſtreichelte ſie vorſichtig mit dem Finger, als halte er in allem Ernſte für wahr, was er geſagt. Die Alte folgte dicht hinter Rob, während er, die Zügel in der Hand, die Straße entlang ging, und ſetzte das Geſpräch fort. Eine gute Stelle, Rob, nicht wahr? ſagte ſie. Ihr ſitzt im Glück, Kind.„ O, ſprecht nicht von Glück! ſagte der unglückliche Scheeren⸗ ſchleifer, und blieb ſtehen. Wenn ich euch nie geſehen hätt, oder wenn ihr gehen wolltet, ſo könnte ein Burſche leidlich glücklich ſein. Könnt ihr nicht gehen, Mrs. Brown, und mich in Ruhe laſſen? greinte Rob mit plötzlich erwachtem Trotz. Wenn das Mädchen eure Bekannte iſt, warum nimmt ſie euch nicht mit fort, anſtatt daß ihr euch ſo ſchlecht benehmt! Was! krächzte die Alte, und drängte ſich mit boshaft grin⸗ ſendem Geſicht dicht an ihn heran. Ihr verleugnet eine alte Freundin! Funfzig Mal ſeid ihr zu mir geſchlichen, und habt ruhig in der Ecke geſchlafen, als ihr kein andres Bett hattet als die Pflaſterſteine, und jetzt ſprecht ihr ſo! Erſt habe ich mit euch gehandelt und geſchachert, und euch durchgeholfen, ihr Davon⸗ läufer, und jetzt ſprecht ihr ſo! Ich könnte morgen früh eine ganze Geſellſchaft alte Bekannte um euch verſammeln, die euch ins Verderben folgen würde, wie euer Schatten, und ihr wollt mir trotzen! Ich gehe. Komm, Alice! — 12— Wartet doch, Mrs. Brown! rief der Scheerenſchleifer vol⸗ ler Angſt. Was wollt ihr denn beginnen? Werdet doch nicht hitzig! Laßt ſie nicht gehen, ich bitte euch. Ich wollte euch nicht beleidigen. Ich ſagte zuerſt: wie geht es euch? Iſt's nicht wahr? Aber ihr wolltet nicht antworten. Nun wie geht's euch? Uebrigens, ſagte Rob mit einem Jammergeſicht, ſeht doch her! Wie kann ein armer Junge auf der Straße ſtehen bleiben mit ſeines Herrn Pferd, das in den Stall ſoll, und mit einem Herrn, der jeden Schritt und Tritt von ihm erfährt! Die Alte that, als wäre ſie zum Theil zufriedengeſtellt, ſchüt⸗ telte aber immer no ch mit dem Kopfe und brummte vor ſich hin. Kommt mit nach dem Stalle und trinkt mit mir ein Gläschen, Mrs. Brown, ſagte Rob. Es iſt doch beſſer, als wenn ihr hier ſtehen bleibt und mir und euch nichts Gutes thut. Kommt, wollt ihr ſo gut ſein? Es macht mir wirklich Freude euch zu ſehen, wenn nur nicht das Pferd wäre! Mit dieſer Entſchuldigung wandte ſich Rob, ein trauriges Bild der Verzweiflung, ab, und lenkte mit dem Pferde in eine Seitengaſſe ein. Die Alte warf ihrer Tochter einen Blick der Verſtändigung zu und folgte ihm mit dieſer. Auf einem kleinen ſtillen Platz oder Hof, über dem ſich ein großer Kirchthurm erhob, und auf dem ſich eines Packers und eines Flaſchenhändlers Niederlage befand, übergab Rob das Pferd dem Stallknecht eines altmodiſchen Stallgebäudes an der Ecke, lud Mrs. Brown und deren Tochter ein, auf einer ſtei⸗ nernen Bank an der Thür des Stalles Platz zu nehmen, und 4. — 13— brachte nach kurzer Abweſenheit aus einem nahen Wirthshaus einen Zinnkrug und ein Glas. Auf Maſters Wohl— Mr. Carker, Kind! ſagte die Alte langſam als Trinkſpruch. Gott ſegne ihn! Ich hab' euch ja gar nicht geſagt, daß mein Herr ſo hieß, bemerkte Rob mit einem vor Ueberraſchung ſtarren Blick. Wir kennen ihn von Anſehen, ſagte Mrs. Brown, deren ewig wackelnder Mund und Kopf einen Augenblick lang in der Aufregung ihrer Spannung ruhig blieb. Wir ſahen ihn heute Morgen vorbeireiten, als ihr auf ihn wartetet, um ihm das Pferd abzunehmen. So, ſo! gab Rob zur Antwort, und wünſchte in ſeinem Herzen, ſein Dienſteifer hätte ihn ſonſtwohin geführt.— Was fehlt der? Will ſie nicht trinken? Dieſe Frage bezog ſich auf Alice, welche, in ihren Mantel gehüllt, ein wenig abſeits ſaß und nicht im mindeſten des darge⸗ botenen Glaſes achtete. Die Alte ſchüttelte den Kopf. Kümmert euch nicht um ſie, ſagte ſie, ſie iſt ein wunderliches Ding; wenn ihr ſie kenn⸗ tet, Rob! Aber Mr. Carker— Still! ſagte Rob und ſah ſich vorſichtig nach der Nieder⸗ lage des Packers und des Flaſchenhändlers um, als ob aus einem dieſer Speicher Mr. Carker herabſehen könne. Leiſe! Er iſt ja nicht hier! ſagte Mrs. Brown. Das weiß ich nun nicht, murmelte Rob, deſſen Blick ſelbſt nach dem Kirchthurm hinaufſchweifte, als ob ſein Herr mit über⸗ natürlich weit reichendem Ohre dort ſitzen könne. — 14— Ein guter Herr? frug Mrs. Brown. Rob nickte und fügte ganz leiſe hinzu: verdammt geſcheit. Wohnt außer der Stadt, nicht wahr, Schatz? ſagte die Alte. Wenn er zu Hauſe iſt, entgegnete Rob; aber wir wohnen jetzt nicht zu Hauſe, Wo denn? frug die Alte. Zur Miethe; nicht weit von Mr. Dombey, gab Rob zur Antwort. Die Jüngere ſah hier Rob ſo plötzlich und ſo ſcharf an, daß er ganz verblüfft wurde und ihr nochmals, aber vergeblich, das Glas anbot. Mr. Dombey— wir ſprachen manchmal von ihm, ſagte Rob zu Mrs. Brown. Ihr brachtet immer die Rede auf ihn. Die Alte nickte. Nun ſeht, Mr. Dombey iſt vom Pferde geſtürzt, ſagte Rob mit einigem Sträuben; und mein Herr muß mehr als ge⸗ wöhnlich bei ihm oder bei Mrs. Dombey ſein, und deshalb ſind wir ganz nach der Stadt gezogen. Sind ſie gut Freund, Schätzchen? frug die Alte. Wer? meinte Rob. Er und ſie? Nr. und Rrs. Dombey? ſagte Rob. Wie ſoll ich das wiſſen! Die nicht.— Maſter und Mrs. Dombey, Engelchen, frug die Alte mit ſchmeichleriſchem Tone. —— — 15 Das weiß ich nicht, ſagte Rob, und ſah ſich wieder vor⸗ ſichtig um. Ich glaube. Wie neugierig ihr ſeid, Mrs. Brown. Je weniger Worte, deſto beſſer. Mein Gott, es ſchadet ja nichts, rief die Alte und lachte, und ſchlug die Hände zuſammen. Der muntre Rob iſt zahm ge⸗ worden, ſeitdem er ſich wohl befindet. Es ſchadet ja nichts. Nein, es ſchadet nichts, das weiß ich, ſagte Rob, mit demſelben mißtrauiſchen Blick auf die Speicher und die Kirche wie vorhin; aber mit dem Ausplaudern, und wär's blos die Zahl der Knöpfe auf meines Herrn Rocke, iſt's nichts. Das geht bei ihm nicht. Da könnte man ſich lieber gleich ins Waſſer ſtür⸗ zen. Das hat er geſagt. Ich würde auch nicht einmal ſeinen Namen genannt haben, wenn ihr ihn nicht gekannt hättet. Wol⸗ len von was Anderem ſprechen. Während Rob ſich noch einmal vorſichtig im Hofe umſah, gab die Alte ihrer Tochter einen heimlichen Wink. Mit einemn raſchen Blick des Einverſtändniſſes ſah die Jüngere von dem Burſchen weg, und ſaß da wie vorhin, in ihren Mantel gehüllt und in Gedanken verſunken. Rob, mein Herzchen! ſagte die Alte, und winkte ihm nach dem andern Ende der Bank. Ihr waret von jeher mein Gold⸗ ſohn. Iſt's nicht wahr? Müßt ihr's nicht zugeſtehen? Ja, Mrs. Brown, erwiderte der Scheerenſchleifer, mit ſichtbarem Sträuben. Und ihr konntet mich verlaſſen! ſagte die Alte und ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals. Ihr konntet mich verlaſſen und —— ——ÿ— — 16— faſt vergeſſen, und eurer alten Freun din nie ſagen, wie glücklich ihr wäret, ihr ſtolzer Menſch! Oho! oho! Das iſt eine ſchöne Geſchichte für einen Jungen, der einen Herrn in der Nähe hat, der Alles herauskriegt! rief der un⸗ glückliche Scheerenſchleifer. Mit einem ſolchen Geheul empfan⸗ gen zu werden! Willſt du mich nicht beſuchen, mein Robchen? rief Mrs. Brown. Willſſt du mich gar nicht beſuchen?. Ja, natürlich! ja, ich komme! erwiderte Rob. Da ſpricht mein guter Rob! Mein liebes Goldkind! ſagte Mrs. Brown, indem ſie die Thränen von ihrem runzelvollen Geſicht trocknete und ihn noch einmal zärtlich an ſich drückte. Du weißt ja wo, Rob! Ja, ja, ſagte der Scheerenſchleifer. Bald, mein Robchen? rief Mr. Brown. Und recht oft? Ja, ja, ja, betheuerte Rob. Ich komme. Bei meiner . Chre und Seligkeit. 88 Und wenn er ſein Wort hält, ſagte Mrs. Brown, die Hände gen Himmel hebend und den wackelnden Kopf zurück⸗ werfend, wenn er Wort hält, werde ich ihm nie zu nahe kom⸗ men, obgleich ich weiß wo er iſt, und Niemand ein Wörtchen von ihm ſagen! Niemals! Dieſe Verſicherung war ein Tröpfchen Troſt für den Scheerenſchleifer, der ſich von Mrs. Brown die Hand darauf 1. geben ließ, und ſie mit Thränen bat, einen armen Jungen in Ruhe zu laſſen und nicht unglücklich zu machen. Mrs. Brown 5 8 ³ — — 1— betheuerte es von neuem mit einer zweiten Umarmung; aber wie ſie ihrer Tochter folgen wollte, kehrte ſie noch einmal mit ver⸗ ſtohlen erhobenem Finger um, und forderte mit heiſerem Flü⸗ ſtern Geld. Einen Schilling, Goldjunge! ſagte ſie mit habgierigem Geſicht, oder Sechspence, um alter Bekanntſchaft willen. Ich bin ſo arm. Und mein ſchönes Kind— ſie ſah ſich dabei nach ihr um— es iſt mein Kind, Rob— läßt mich halb verhungern. Aber als Rob ihr nach einigem Zögern etwas gegeben, kam die Tochter wieder zurück und nahm ihr das Geld wieder aus der Hand. Was, ſagte ſie, Mutter! Immer Geld! Geld von An⸗ fang bis zu Ende. Achteſt du ſo wenig auf das, was ich eben ſagte? Hier. Nehmt es zurück! Die Alte ſah das Geld mit einem leiſen Stöhnen zurück⸗ geben, widerſetzte ſich aber weiter nicht und humpelte ihrer Toch⸗ ter nach aus dem Hofe und in die Seitengaſſe. Noch nicht ganzzu ſich gekommen von ſeinem Staunen und ſeinem Schreck ſtarrte Rob ihnen nach, ſah, wie ſie ſtehen blieben und angelegentlich mit einander ſprachen; und ſah mehr als einmal die Hand der Jün⸗ gern eine drohende Bewegung machen(offenbar in Bezug auf Je⸗ manden, von dem ſie ſprachen) und die Alte ſie auf eine Weiſe nachahmen, welche ihn ernſtlich wünſchen ließ, nicht der Gegen⸗ ſtand ihres Geſprächs zu ſein. Mit dem Troſt für die Gegenwart, daß ſie fort waren, und für die Zukunft, daß Mrs. Brown nicht ewig leben könne, legte der Scheerenſchleifer, der ſeine ſchlechten Streiche nur in ſo fern Voz. Dombey u. Sohn. VIII. 2 — i— bereuete, als ſie noch unangenehme Nebenfolgen für ihn hatten, ſein Geſicht wieder in heitrere Falten bei dem Gedanken an die bewundernswerthe Weiſe, mit der er Capitain Cuttle heimge⸗ führt hatte(eine Erinnerung, die ihn ſtets in die beſte Laune verſetzte), und begab ſich nach dem Dombey'ſchen Comptoir, um ſeines Herrn Befehle in Empfang zu nehmen. Dort wartete ſeiner ſein Herr mit ſo ſchlauem und ſcharf⸗ blickendem Auge, daß Rob vor ihm zitterte, in der faſt ſichern Erwartung, wegen Mrs. Brown zur Rechenſchaft gezogen zu werden. Er erhielt aber blos wie gewöhnlich jeden Morgen ein Käſtchen mit Papieren für Mr. Dombey und ein Billet für Mrs. Dombey. Blos mit einem Kopfnicken bedeutete ihn ſein Herr ſorgſam und raſch zu ſein— eine geheimnißvolle Mah⸗ nung, die ſich in Robs Gedanken mit unheimlichen Warnungen und Drohungen verknüpfte und auf ihn mächtiger wirkte als Worte. Als Mr. Carker ſich in ſeinem Zimmer wieder allein ſah, ſetzte er ſich an die Arbeit und arbeitete den ganzen Tag. Er empfing mehrere Beſuche, ſah eine Menge Papiere durch, gin weg und kam wieder, beſuchte die Börſe und verſchiedene Ge ſchäftslocale, und überließ ſich ſeinen Gedanken nicht wieder, bis die Geſchäfte des Tages verrichtet waren. Als aber endlich alle Papiere von ſeinem Pult verſchwunden waren, verfiel er wieder in ſein tiefes Sinnen. Er ſtand in ſeiner gewöhnlichen Stellung an ſeinem ge⸗ wöhnlichen Platz, die Augen ſinnend auf den Boden geheftet, als ſein Bruder mit einigen Briefen, die im Laufe des Tages hinausgenommen worden, hereintrat. Er legte ſie ſchweigend — 19— auf den Tiſch, und wollte wieder gehen, als Mr. Carker, der Disponent, deſſen Augen ſeit ſeinem Eintritt auf ihm geruht hatten, als wären ſie die ganze Zeit über auf ihn anſtatt auf den Fußboden geheftet geweſen, ſagte: Was führt dich her, John Carker? Sein Bruder deutete auf die Briefe und wollte ſich entfernen. Es wundert mich, daß du kommen und gehen kannſt, ohne nach dem Befinden unſeres Herrn zu fragen, ſagte der Disponent. Wir erfuhren heute Morgen im Comptoir, daß Mr. Dom⸗ bey ſich wohl befinde, erwiderte ſein Bruder. Du biſt ein ſo ſanftmüthiger Kerl, ſagte der Disponent mit einem Lächeln— oder biſt es im Verlauf der Jahre gewor⸗ den— daß ich glaube, du wäreſt unglücklich, wenn ihm etwas Schlimmes widerführe. Es würde mir herzlich leid thun, James, entgegnete der Andere. Es würde ihm leid thun! ſagte der Disponent, und wies mit dem Finger auf ihn, als wäre noch ein Dritter anweſend, an den er ſich wende. Es würde ihm herzlich leid thun! Dieſem meinem Bruder! Dieſer jüngſte Diener des Hauſes, dieſes verworfene Stück Ausſchuß, bei Seite geſchoben mit dem Geſicht nach der Wand, wie ein verdorbenes Bild, und ſo ſtehend Gott weiß wie viele Jahre; er iſt nur Dankbarkeit und Achtung und Hingebung, will er mir glauben machen! Ich will dir nichts glauben machen, James, erwiderte der Andere. Sei ſo gerecht gegen mich, wie du es gegen einen andern unter dir Stehenden ſein würdeſt. Du fragſt mich, und ich antworte. 2* Und haſt du keine Klage gegen ihn, du Wurm? ſagte der Disponent mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Keinen Gedan⸗ ken des Haſſes für geringſchätzende Behandlung, verletzende Härte, widerfahrene Schmach? Was zum Teufel! Biſt du ein Mann? Es wäre ſeltſam, wenn zwei Perſonen ſo viele Jahre zu⸗ ſammenleben könnten, zumal als Herr und Diener, ohne Ur⸗ ſache zu haben, ſich über einander zu beklagen— wenigſtens hatte er Grund dazu, erwiderte John Carker. Aber abgeſehen von meiner Geſchichte hier— Seine Geſchichte hier! rief der Disponent aus. Ja, da haben wir's. Der bloße Vorfall, der ihn zu einem ungewöhn⸗ lichen Beiſpiel macht, bringt ihn aus dem ganzen Capitel! Nun? Abgeſehen von dem, was mir, wie du andeuteſt, eine Ur⸗ ſache zur Dankbarkeit giebt, die ich allein habe, iſt gewiß Niemand im ganzen Hauſe, der nicht wenigſtens daſſelbe ſagen und füh⸗ len würde. Du glaubſt doch nicht, daß irgend Jemand im Ge⸗ ſchäft gleichgültig bleiben würde bei einem Unfall, der das Ober⸗ haupt des Hauſes trifft? Und du haſt wahrhaftig guten Grund ihm verpflichtet zu ſein! ſagte der Disponent verächtlich. Weißt du wirklich nicht, daß du blos hier gehalten wirſt als billiges Exempel und herrlicher Beweis der Großmuth von Dombey und Sohn, dem berühmten Hauſe zur größten Ehre gereichend? Nein, erwiderte ſein Bruder ſanft, ich habe immer geglaubt, daß ich aus gütigeren und uneigennützigeren Gründen behal⸗ ten werde. 5 1 — 21— Aber ich ſehe, du wollteſt mir einen Spruch chriſtlicher Moral vorbeten, ſagte der Disponent mit dem Grinſen einer Tigerkatze. Nein, James, entgegnete der Andere, obgleich das Bruder⸗ band längſt zwiſchen uns zerriſſen und weggeworfen iſt— Wer zerriß es, Vortrefflichſter? unterbrach ihn der Disponent. Ich, durch meine ſchlechte Aufführung. Ich gebe dir nicht die Schuld. Der Disponent antwortete mit ſeinen fletſchenden Zähnen: O, du giebſt mir nicht die Schuld! und hieß ihn fortfahren. Ich ſagte, obgleich dieſes Band nicht mehr zwiſchen uns beſteht, bitte ich dich doch, mich nicht mit unnöthigem Hohne zu verletzen, oder das, was ich ſage oder ſagen wollte, falſch auszu⸗ legen. Ich wollte dir nur bemerken, daß es ein Mißverſtändniß wäre, wenn du meinteſt, daß blos du, der du vor allen Andern zur Auszeichnung und zum Vertrauen ausgewählt biſt, und mit Mr. Dombey ungenirter als alle übrigen verkehrſt, und gewiſſer⸗ maßen auf gleichem Fuße mit ihm ſtehſt und von ihm begün⸗ ſtigt und reich gemacht worden biſt— daß es ein Mißverſtändniß wäre, wenn du meinteſt, daß blos du dich um ſein Wohlergehen und um ſeinen Ruf kümmerteſt. Ich bin überzeugt, daß nicht Einer im ganzen Hauſe, von dir herab bis zum Unterſten, in. der nicht dieſes Gefühl theilt. Du lügſt! rief der Disponent in jachem Zorne. Du biſt ein Heuchler, ſagte Carker, und du lügſt! James! rief der Andere, jetzt ebenfalls entrüſtet. Was meinſt du mit dieſen beleidigenden Worten? Wie kannſt du un⸗ gereizt ſie ſo niedrigerweiſe gegen mich anwenden? Ich ſage dir, ſagte der Disponent, daß deine Heuchelei und Demuth— daß alle Heuchelei und Demuth in dieſem Hauſe mir nicht ſo viel werth iſt— er ſchnalzte mit dem Finger— und daß ſie mir ſo klar iſt, als wäre ſie Luft. Kein Einziger iſt hier zwiſchen mir und dem Unterſten(für den du ſo zärtlich beſorgt biſt, und zwar nicht ohne Grund, denn er iſt nicht weit von hier), der nicht in ſeinem Herzen froh wäre, ſeinen Herrn ge⸗ demüthigt zu ſehen; der ihn nicht im Geheimen haßte; der ihm nicht eher Böſes als Gutes wuͤnſchte; und der ſich nicht gegen ihn wendete, wenn er die Macht und die Kühnheit dazu hätte. Je näher ſeiner Gunſt, deſto näher ſeiner Geringſchätzung; je ver⸗ trauter mit ihm, deſto weiter von ihm entfernt. Das iſt hier der allgemeine Glaube! Ich weiß nicht, ſagte ſein Bruder, deſſen Zorn bald dem Staunen gewichen war, wer dein Ohr mit ſolchen Darſtellungen getäuſcht hat; oder warum du mich ausgewählt haſt, mich auf die Probe zu ſtellen, anſtatt eines Andern. Denn daß du mich auf die Probe geſtellt haſt, das ſehe ich jetzt ein. Du ſiehſt anders aus und ſprichſt anders, als ich je von dir bemerkt habe. Ich wiederhole blos, man täuſcht dich. Ich weiß es, ſagte der Disponent. Ich habe es dir geſagt. Ich nicht, entgegnete ſein Bruder. Dein Gewährsmann, wenn du einen haſt, oder ſonſt deine eigenen Gedanken und Vermuthungen. Ich habe keine Vermuthungen, ſondern Gewißheit, ſagte der Disponent. Ihr einfältigen, niederträchtigen, kriecheriſchen Hunde! Ihr, die ihr alle dieſelbe Maske vorhabt, dieſelben Be⸗ theuerungen winſelt, daſſelbe ſichtbare Geheimniß im Herzen hegt! Sein Bruder entfernte ſich, ohne weiter ein Wort zu ſagen, unnd machte die Thür hinter ſich zu. Der Disponent ſchob einen Stuhl vor das Feuer und zerklopfte langſam die Kohlen mit dem Schüreiſen. Die mattherzigen, kriechenden Schelme! brummte er vor ſich hin, die weißen Zähne weit fletſchend. Kein Einziger, der ſich nicht empört und verletzt ſtellen würde—! Bah! Kein Ein⸗ ziger von Allen würde anſtehen, wenn er die Macht dazu, und den Verſtand und die Kühnheit ſie zu benutzen hätte, Dombey's Stolz niederzuſchmettern, ſo unerbittlich, wie ich dieſe Kohle zertrümmere. Während er ſie zerklopfte und über dem Roſte zerſtreute, ſah er ſeinem Thun mit gedankenvollem Lächeln zu. Und auch ohne einen ſo koſtbaren Preis! ſetzte er hinzu; und auch da iſt nicht zu vergeſſender Stolz— man denke nur unſerer eigenen Be⸗ kanntſchaft! Er verfiel jetzt in noch tieferes Sinnen, und ſaß nachdenk⸗ lich über dem verglimmenden Feuer, bis er aufſtand wie ein Mann, der in ein Buch vertieft geweſen, ſich umſchauete, nach Hut und Handſchuhen griff, das Haus verließ, ſein draußen har⸗ rendes Pferd beſtieg, und durch die laternenerhellten Straßen ritt; denn es war Abend geworden. Er ritt nach Mr. Dombey's Haus, und als er ſich ihm näherte, ließ er ſein Pferd im Schritt gehen und blickte hinauf nach den Fenſtern. Das Fenſter, wo er einſt Florentinen mit dem Hunde hatte ſitzen ſehen, zog ſeine Aufmerkſamkeit zuerſt auf ſich, obgleich kein Licht dort ſchimmerte; aber er lächelte, wie er an der hohen Fronte des Hauſes hinaufblickte, und ſchien dieſen Gegenſtand geringſchätzig aus ſeinem Gedächtniſſe zu entlaſſen. Es war eine Zeit, ſprach er vor ſich hin, wo es von Nutzen war, ſogar deinen aufgehenden kleinen Stern zu beobachten und zu wiſſen, in welcher Gegend Wolken ſeien, um dich nöthigenfalls in Schatten zu ſtellen. Aber ein Planet iſt aufgegangen, und du biſt erbleicht in ſeinem Lichte. 1 Er lenkte ſein Pferd um die Ecke und ſuchte ein erhelltes Fenſter unter denen an dieſer Fronte des Hauſes aus. Er ge⸗ dachte dabei an eine ſtolze Geſtalt, eine behandſchuhte Hand, und wie der ſchöne Federſchmuck zerpflückt und auf den Fußboden verſtreut worden, und wie der weiße Flaum auf dem Kleide ge⸗ bebt hatte, wie in Vorahnung eines fernen Unwetters. Mit dieſen Erinnerungen wendete er ſich wieder ab, und ritt ſchnellen Schrittes durch die nachtumhüllten und verlaſſenen Parks. Seine Gedanken zeigten ihm ein Weib, ein ſtolzes Weib, das ihn haßte, aber langſam und ſicher von ſeiner Liſt und ihrem Stolz und ihrem Rachedurſt gewöhnt worden war, ſeine Geſell⸗ ſchaft zu ertragen, und ihn allmälig als einen Mann zu betrach⸗ ten, der das Vorrecht hatte, mit ihr von ihrer trotzigen Verachtung ihres Gatten und ihrer ſelbſt zu ſprechen. Sie zeigten ihm ein Weib, das ihn bitter haßte, und ihn kannte, uud ihm mißtrauete, weil ſie ihn kannte, und weil er ſie kannte; aber die ihre Rache⸗ gluth dadurch nährte, daß ſie ihn mit jedem Tage ſich näher treten ließ, trotzdem daß ſie ihn haßte. Trotzdem! Nein, deshalb; — 25— denn in der Tiefe dieſes Haſſes, zu tief für ihr drohendes Auge, obgleich ſie es ahnte, lauerte die verhängnißvolle Vergeltung, deren ſchwächſter Schatten, einmal mit Schauder geſehen und nie wieder, ihre Seele genügend befleckte. Umſchwebte ihn das Bild eines ſolchen Weibes während ſeines Ritts, getreu der Wirklichkeit und ihm ſichtbar? Ja. Er ſah ſie in ſeiner Seele ganz wie ſie war. Sie leiſtete ihm Geſellſchaft mit ihrem Stolz, und ihrem Grimm, und ihrem Haß, die ihm ſo klar waren wie ihre Schönheit; und nichts ſo klar wie ihr Haß gegen ihn. Er ſah ſie manchmal ſtolz und kalt neben ſich, und manchmal unter den Hufen ſeines Roſſes, gefallen und im Staube. Aber er ſah ſie immer wie ſie war, und beobachtete ſie auf dem gefährlichen Wege, den ſie verfolgte.. Und als er ſeine Wohnung erreicht, und ſich umgekleidet hatte, und in ihr ſtrahlendes Zimmer mit gebeugtem Haupte, ſanfter Stimme und ſchmeichelndem Lächeln trat, ſah er ſie immer noch ſo deutlich. Er ahnte ſelbſt das Geheimniß der behand⸗ ſchuhten Hand, und hielt ſie dieſer Ahnung wegen nur noch länger feſt. Dem gefährlichen Wege, den ſie ging, folgte er immer nach; und ſie prägte keine Spur ihres Fußes darauf, wo er nicht ſogleich den ſeinen hingeſetzt hätte, Siebenundvierzigſtes Kapitel. Der Donnerſchlag. Die Kluft zwiſchen Mr. Dombey und ſeiner Gattin konnte die Zeit nicht ausfüllen. Einem Paar, unglücklich jeder in ſich und in dem andern, durch kein andres Band verknüpft, als die Feſſel, welche ihre feindlichen Hände zuſammenſchmiedete, und ſelbſt dies in gegenſeitiger Abneigung ſo auseinander zerrend, daß es bis auf den Knochen ſchnitt, konnte die Zeit, die Tröſterin aller Leiden und der Balſam für allen Zorn, nicht helfen. Ihr Stolz, ſo verſchieden er auch an Charakter und Ziel war, war von gleicher Stärke, und zündete durch die gegenſeitige Reibung einen Funken an, welcher nach den Umſtänden blos glimmte oder aufloderte, aber Alles, was in ſeinen Bereich kam, verſengte und ihren Ehepfad zu einem Aſchenwege machte. Wir müſſen gerecht gegen ihn ſein. In der ungeheuren Täuſchung ſeines Lebens, die mit jedem Sandkorn, das aus ſeinem Glaſe rann, zunahm, ſtachelte er ſie an, er ahnte kaum wozu, und achtete nicht wie; aber dennoch blieb das Gefühl, mit dem er ſie — 27— betrachtete, ganz das alte. Sie hatte den großen Fehler, ſich ganz unerklärlich gegen die Anerkennung ſeiner unendlichen Wich⸗ tigkeit und die Gewährung ihrer vollkommenen Unterwürfigkeit zu ſträuben, und ſo weit war es nöthig, ſie zu erziehen und ihren Trotz zu brechen; aber ſonſt betrachtete er ſie in ſeiner kalten Weiſe immer noch als eine Dame, die, wenn ſie wollte, ſeinem Namen und ſeiner Wahl Ehre machen und ihm, als dem Beſitzer, Glanz verleihen könne. Aber ſie lenkte mit der ganzen Gewalt ihres leidenſchaſt⸗ lichen und ſtolzen Grimmes ihren düſtern Blick von Tag zu Tag, und von Stunde zu Stunde— von jener Nacht in ihrem Zimmer, wo ſie die Schatten an der Wand betrachtet, bis zu der ſchnell nahenden, viel ſchwärzeren Nacht— auf eine Geſtalt, die eine immer neue Schaar von Demüthigungen und Aufreizungen gegen ſie ſandte; und dieſe Geſtalt war ihr Gatte. War Mr. Dombey's Cardinalfehler, der ihn ſo unerbittlich beherrſchte, etwas Unnatürliches? Es wäre manchmal der Mühe werth zu fragen, was Natur iſt, und wie die Menſchen ſich mühen ſie zu verändern, und ob es bei den ſo hervorgebrachten Ver⸗ zerrungen nicht natürlich iſt unnatürlich zu ſein. Sperre das erſte beſte Kind unſrer mächtigen Mutter in einen engen Kreis, feſſele es als Gefangenen an einen Gedanken, nähre es mit knech⸗ tiſcher Verehrung der wenigen ſchüchternen oder berechnenden Seelen, die es umgeben, und was iſt die Natur dem freiwilligen Sklaven, der ſich nie auf den Schwingen einer freien Seele er⸗ hoben hat, um ſie in ihrer allumfaſſenden Wahrheit zu erkennen! —— — 28— Ach! giebt es ſo wenige höchſt unnatürliche, und doch in ihrer Unnatürlichkeit ſo natürliche Dinge in der Welt um uns! Hört den Richter oder die Magiſtratsherren den unnatürlichen Auswurf der Geſellſchaft ermahnen; unnatürlich in brutaler Rohheit, unnatürlich im Mangel an äußerer Sitte, unnatürlich in ſeiner Unkenntniß von einem Unterſchiede zwiſchen dem Guten und Böſen; unnatürlich in Unwiſſenheit, Laſter, Ruchloſigkeit, Trotz, in Geiſt und Körper und in Allem. Aber folgt dem guten Geiſt⸗ lichen oder Arzte, der, mit jedem Athemzuge ſein Leben einſetzend, hinabſteigt in ihre Höhlen, wohin das Rollen eurer Carroſſen und der Schall eurer täglichen Fußtritte noch dringt. Blickt um euch auf die Welt voll häßlicher Dinge— Millionen von un⸗ ſterblichen Geſchöpfen haben keine andere Welt auf Erden— bei deren leiſeſter Erwähnung die Menſchheit ſchaudert, und das zarte Herz in der nächſten Straße die Ohren zuhält, und lispelt: Ich glaube es nicht! Athmet die dicke Luft, verpeſtet mit jeder Unreinheit, die Geſundheit und Leben vergiftet; und laßt jeden Sinn, der unſerm Geſchlecht zum Genuß und Glück geſchenkt iſt, von Ekel erfüllt und zu einem Canal werden, zu dem nur Siechthum und Tod einſtrömt. Vergebens verſucht ihr eine einfache Pflanze oder Blume, oder ein geſundes Kraut zu denken, das in dieſem ſtinken⸗ den Beet ſeinen natürlichen Wuchs haben und ſeine zarten Blätter der Sonne bieten könnte, wie Gott es beſtimmt hat. Und dann ruft ein ſieches Kind mit verkrüppelter Geſtalt und tückiſchem Ge⸗ ſicht herbei, predigt über ſeine unnatürliche Sündhaftigkeit, und jammert, daß es ſo frühzeitig ſo weit vom Himmel iſt— aber „— denkt auch ein wenig daran, daß es in der Hölle empfangen, geboren und erzogen iſt. Nach den Phyſikern, welche ihre Wiſſenſchaft mit Bezug auf die Geſundheit des Menſchen ſtudiren, würden wir, wenn die ſchädlichen Beſtandtheile, welche aus verderbter Luft empor⸗ ſteigen, ſichtbar wären, ſie in einer dicken ſchwarzen Wolke über ſolchen Oertlichkeiten qualmen und langſam weiter ſchweben ſehen, um die beſſern Theile der Stadt zu vergiften. Aber wenn die nach den ewigen Geſetzen der beleidigten Natur von ihnen un⸗ zertrennliche ſittliche Peſt erkennbar wäre, wie entſetzlich wäre dann erſt der Anblick! Dann würden wir Verworfenheit, Gott⸗ loſigkeit, Trunkenheit, Diebſtahl und Mord und ein langes Gefolge namenloſer Sünden über der dem Verhängniß geweihten Stelle ſchweben und dahinrollen ſehen, um die Unſchuldigen zu verder⸗ ben und die Reinen zu beflecken. Dann würden wir ſehen, wie dieſelben vergifteten Quellen, welche in unſre Hospitäler fließen, auch unſere Kerker anfüllen, unſere Verbrecherſchiffe überlaſten und grenzenloſe Continente mit Laſter und Verbrechen erfüllen. Dann würden wir mit Schauder erfahren, daß dort, wo wir die Peſt aufkeimen laſſen, die unſere Kinder trifft und noch unge⸗ borene Geſchlechter anſteckt, auch Kindheit, die keine Unſchuld kennt, Jugend ohne Scham, Reife, die nur reif iſt im Elend und in der Schuld, verkümmertes Greiſenalter, das eine Schmach für das menſchliche Geſchlecht iſt, auferzogen wird. Unnatür⸗ liche Menſchheit! Wenn wir Trauben von Dornen und Feigen von Diſteln ernten; wenn Getreidefelder aus dem Dünger in den finſtern Winkeln unſerer laſterhaften Städte, und Roſen aus ihren leichenberſtenden Kirchhöfen entſprießen, dann können wir aus ſolchem Samen natürliche Menſchheit erwarten. O, möchte ein guter Genius, mit mächtigerer und wohl⸗ thätigerer Hand als der hinkende Teufel in der Fabel die Dächer hinwegnehmen und einem chriſtlichen Volke zeigen, was für näch⸗ tige Geſtalten aus der Mitte ſeiner Wohnungen heraustreten und das Gefolge des Vernichtungsengels anſchwellen, wie er unter ihnen dahinfährt! Nur eine einzige Nacht, um die bleichen Phan⸗ tome zu ſehen, welche aus den von uns nur zu lange vernach⸗ läſſigten Orten emporſteigen, und aus der dicken und ſchweren Luft, wo Laſter und Fieber mit einander ſchwelgen, und die entſetzliche ſoeiale Wiedervergeltung ausſtreuen, die immer dich⸗ ter und dichter auf uns herabſtrömt! O, welch ein herrlicher und geſegneter Morgen käme nach einer ſolchen Nacht! Denn die Menſchen, nicht mehr von Steinen des Anſtoßes gehemmt, die ſie ſelbſt geſchaffen, und die blos Stäubchen auf ihrem Pfade zur Ewigkeit ſind, würden ſich wie Weſen eines Urſprungs, die Alle eine Pflicht dem Vater einer einzigen Familie ſchulden und nach einem gemeinſamen Ziele gehen, anſtrengen, die Welt ſchö⸗ ner und beſſer zum Wohnplatz für alle Menſchen zu machen! Nicht weniger herrlich und geſegnet würde dieſer Tag, wenn er Manchen, der nie auf die Menſchenwelt um ſich geblickt, zur Erkenntniß ſeiner Verwandtſchaft mit ihr und der Verkehrt⸗ heit ſeiner eignen Natur und ihrer ſelbſtſüchtigen Engherzigkeit weckte; einer Verkehrtheit, ſo groß und doch ſo natürlich in ihrer einmal begonnenen Entwickelung wie die tieſſte Entwürdigung. — 31— Aber ein ſolcher Tag war nie für Mr. Dombey oder ſeine Gattin angebrochen, und Beide hatten ihren Pfad gewählt. Sechs Monate lang nach ſeinem Unfall blieb das Verhält⸗ niß zwiſchen ihnen das alte. Ein Marmorfelſen hätte nicht trotziger ſeinen Weg ſperren können als ſie; und keine eiſige Quelle, in den Tiefen einer tiefen Höhle von keinem Lichtſtrahl erquickt, hätte rauher oder kälter ſein können als er. Die Hoffnung, die in Florentinens Herzen emporgekeimt, als ſie ihre neue Mutter zuerſt geſehen, war jetzt ganz erſtorben. Faſt zwei Jahre lebte ſie jetzt ſo; und ſelbſt das ausharrende Vertrauen ihres Herzens konnte nicht lebendig bleiben bei der täglich ſich wiederholenden Enttäuſchung. Wenn noch manchmal der hoffende Wunſch in ihr aufdämmerte, daß Edith und ihr Vater vielleicht in ferner Zukunft mit einander glücklich ſein könnten, ſo hatte ſie dafür ganz den Gedanken aufgegeben, daß ihr Vater ſie dereinſt lieben werde. Die kurze Zeit, wo ſie ſich einbildete, ſein Herz erweicht zu haben, war vergeſſen in der langen Erin⸗ nerung an ſeine Kälte ſeitdem und vorher, oder erſchien ihr nur wie eine ſchmerzliche Täuſchung. Florentine liebte ihn immer noch, war aber allmälig da⸗ hin gekommen, ihn mehr wie einen theuren Verſtorbenen zu lie⸗ ben, als etwas was ſein könnte, denn als die kalte und harte Wirklichkeit vor ihren Augen. Manchmal miſchte ſich in ihr Denken etwas von der ſanſten Trauer, mit der ſie Pauls oder ihrer Mutter gedachte, und machte die Erinnerung an ihn ihrem Herzen theuer. Sie konnte ſich ſelbſt nicht Rechenſchaft geben, ob es geſchah, weil er todt ſei und verknüpft mit den verſtorbe⸗ — 32— nen Gegenſtänden ihrer Liebe und mit langgehegten, doch jetzt er⸗ ſtorbenen Hoffnungen; aber der Vater, den ſie liebte, wurde für ſie ein unbeſtimmter und traumhafter Gedanke, kaum verwandter mit ihrem wirklichen Leben als das Bild, das ſie ſich manchmal von ihrem theuern Bruder herauf beſchwor, daß er noch am Le⸗ ben ſei und zum Manne emporwachſe, der ihr Hort und zärtlicher Schutz ſei. Dieſe Veränderung, wenn es eine Veränderung genannt werden kann, war unmerklich über ſie gekommen wie der Ueber⸗ gang aus der Kindheit in das Jungfrauenalter, und mit dieſem. Florentine war faſt ſiebzehn Jahre alt, als ſie ſich in ihrem ein⸗ ſamen Sinnen dieſer Gedanken bewußt wurde. Sie war jetzt oft allein, denn das alte Verhältniß zwiſchen ihr und ihrer Stiefmutter hatte ſich ſehr verändert. Um die Zeit von ihres Vaters Unfall, und als er in ſeinem Zimmer krank lag, hatte Florentine zuerſt bemerkt, daß Edith ſie ver⸗ mied. Verletzt und verwundert, und dennoch außer Stande, dies Benehmen mit der Zärtlichkeit zu vereinigen, mit der ihr Edith ſtets entgegenkam, wenn ſie ſich ſahen, ſuchte ſie dieſelbe einmal des Nachts in ihrem Zimmer auf. Mama, ſagte Florentine, leiſen Schritts an ihre Seite tretend; habe ich Sie beleidigt? Edith antwortete: Nein. Ich muß etwas gethan haben, ſagte Florentine. Sagen Sie es mir. Sie haben ſich in Ihrem Benehmen gegen mich ge⸗ ändert, Mama. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie augen⸗ — 33— blicklich ich die leiſeſte Veränderung fühle; denn ich liebe Sie von ganzem Herzen. So wie ich dich liebe, ſagte Edith. Ach, Florentine, glaube mir, nie ſo ſehr wie jetzt! Warum gehen Sie ſo oft weg von mir, und halten ſich ſo fern? frug Florentine. Und warum blicken Sie mich manchmal ſo ſeltſam an, liebe Mama? Sie thun es jetzt, nicht wahr? Aus Ediths dunkeln Augen blickte ein Ja. Warum? frug Florentine flehend. Sagen ſie mir warum, daß ich lernen kann, Ihnen beſſer zu gefallen, und ſagen Sie, daß es nicht länger ſo ſein ſoll. Liebe Florentine, ſagte Edith und nahm die Hand, welche ihren Hals umfing, und blickte in die Augen, die ſich in die ihri⸗ gen ſo liebevoll verſenkten, als Florentine vor ihr niederkniete, warum es geſchieht, kann ich dir nicht ſagen. Ich darf es nicht ſagen, und du darfſt es nicht hören; aber daß es ſo iſt und ſein muß, das weiß ich. Würde ich es thun, wenn das nicht der Fall wäre? Sollen wir einander fremd werden, Mama? frug Flo⸗ rentine, mit angſtvollem Blick ſie anſehend. Ediths ſtumme Lippen ſagten Ja. Florentine blickte ſie mit noch größerer Angſt und Verwun⸗ derung an, bis ſie Edith durch die brennenden Thränen, die aus ihren Augen ſtrömten, nicht mehr erkennen konnte. Florentine! mein Leben! ſagte Edith voller Unruhe, höre mich an. Ich kann dieſen Schmerz nicht mit anſehen. Sei ruhiger. Du ſieheſt, daß ich gefaßt bin, und wird es mir leicht? Boz. Dombey u. Sohn. VIII. 3 —, — 34— Sie ſagte dieſe letzten Worte mit ihrem gewöhnlichen ge⸗ laſſenen Weſen, und ſetzte hinzu: Nicht ganz fremd. Nur theilweiſe; und auch das nur dem Scheine nach, denn in meinem Herzen bin ich dir immer noch die alte, und werde es ſtets ſein. Geſchieht es meinetwegen, Mama? frug Florentine. Es genügt zu wiſſen, was es iſt, ſagte Edith nach einer Pauſe; warum? thut wenig zur Sache. Liebe Florentine, es iſt beſſer, es iſt nothwendig— es muß ſein— daß wir weniger häufig mit einander verkehren. Das vertraute Verhältniß, das zwiſchen uns beſtanden hat, muß aufhören. Wann? rief Florentine. O, Mama, wann? Jetzt, ſagte Edith. Für alle Zukunft? frug Florentine. Das ſage ich nicht, antwortete Edith. Ich weiß das nicht. Auch will ich nicht davon ſprechen, daß ein Verhältniß zwi⸗ ſchen uns im beſten Falle ein unpaſſender und unheiliger Bund iſt, von dem ich hätte wiſſen können, daß er keine guten Früchte tragen werde. Mein Weg hier hat mich auf Pfade geführt, die du nie betreten wirſt, und kann mich noch führen— Gott weiß wohin— ich ſehe es nicht. Ihre Stimme erſtarb im Schweigen, und ſie ſaß da, Flo⸗ rentinen anblickend und faſt vor ihr zurückweichend mit derſelben ſeltſamen Scheu, die Florentine ſchon früher bemerkt hatte. Darauf folgte wieder der alte düſtre Stolz und Grimm, der über ihre Geſtalt und ihr Antlitz fuhr, wie ein zürnender Accord über die Saiten einer wildtönenden Harfe. Aber darauf folgte N +8= 3 keine Weichmüthigkeit, kein demüthiges Sichbeugen. Sie ſenkte jetzt nicht das Haupt und weinte, und ſagte, ſie habe keine an⸗ dere Hoffnung als Florentinen. Sie hielt es aufrecht, als wäre ſie eine ſchöne Meduſe, die ihn anſah, um ihm den Tod zu brin⸗ gen. Ja, und ſie hätte es gethan, wenn ſie die Macht beſeſſen hätte. Mama, ſagte Florentine angſtvoll, in mehr als in dem, was Sie ſagen, iſt eine Veränderung in Ihnen, die mir bange macht. Laſſen Sie mich ein Weilchen bei Ihnen bleiben. Nein, ſagte Edith, nein, Geliebteſte. Es iſt am beſten jetzt, ich bleibe Allen, und dir vor allen Andern, fern. Frage mich nicht, ſondern ſei überzeugt, wenn ich dir unbeſtändig oder lau⸗ nenhaft erſcheine, daß ich es nicht aus eigenem Willen oder mei⸗ ner ſelbſt wegen bin. Sei überzeugt, obgleich wir uns fremder ſind als früher, daß ich im Herzen immer noch wie ehedem ge⸗ gen dich geſinnt bin. Vergieb mir, daß ich jemals dieſes düſtre Haus verdüſtert— ich weiß wohl, ich bin ein dunkler Schatten darin— und laß uns nie wieder von dieſer Sache ſprechen. Mama, ſchluchzte Florentine, wir müſſen nicht ſcheiden? Wir thun dies, damit wir nicht ſcheiden, ſagte Edith. Frage nicht weiter. Geh, Florentine! Meine Liebe und meine Reue gehen mit dir! Sie umarmte und entließ ſie; und als Florentine aus dem Zimmer ging, ſah Edith der Scheidenden nach, als ob ihr guter Engel von ihr gehe und ſie den ſtolzen und zornmüthigen Leiden⸗ ſchaften überlaſſe, die ſich jetzt ihrer bemächtigten und ihr Sie⸗ gel auf ihre Stirn drückten. 3* — 36— Von dieſer Stunde an kamen Florentine und ſie nie wie⸗ der wie früher zuſammen. Tagelang ſahen ſie ſich nur bei Tiſche und in Mr. Dombey's Anweſenheit. Dann ſah Edith, gebieteriſch, unbeugſam und ſtumm daſitzend, ſie nie an. So oft Mr. Carker anweſend war, was während Mr. Dombey's Geneſung und ſpä⸗ ter oft geſchah, mied Edith ſie noch viel mehr als zu jeder andern Zeit. Und dennoch begegnete ſie Florentinen nie allein, ohne ſie ſo liebreich wie früher zu umarmen, wenn auch nicht mit dem Vergeſſen ihres düſtern Stolzes, und oft, wenn ſie ſpät nach Hauſe kam, ſtahl ſie ſich wie früher im Finſtern in Florentinens Zim⸗ mer und flüſterte ihr eine Gutenacht zu. Wenn Florentine in ihrem Schlummer dieſe Beſuche nicht bemerkte, wachte ſie manch⸗ mal auf, als hätte ſie dieſe Worte in einem Traume vernom⸗ men, und fühlte noch die Berührung der Lippen auf ihrem Antlitz. Aber immer ſeltener und ſeltener, wie die Monate hin⸗ ſchwanden. Und jetzt ſchuf die Leere in Florentinens Herzen wieder eine Einſamkeit um ſie herum. Wie das Bild des Vaters, den ſie ge⸗ liebt, unmerklich zu einer bloßen Abſtraction wurde, ſo verſchwamm und erbleichte auch Edith, dem Schickſale Aller folgend, die ihrem Herzen theuer geweſen, mit jedem Tage mehr in der Ferne. Allmä⸗ lig entſchwand ſie von Florentinen wie der fliehende Geiſt deſſen, was ſie geweſen; allmälig wurde die Kluft zwiſchen ihnen größer und tiefer; allmälig verſchwand die ganze Macht ihrer Innigkeit und Liebe in der kühnen Verſtocktheit, mit der ſie an dem Rande eines von Florentinen ungeſehenen Abgrundes ſtand und vermeſſen hinabſchaute. — 32— Nur einen Erſatz hatte ſie für den ſchweren Verluſt, den ſie an Edith erlitten, und obgleich er für ihr überbürdetes Herz nur ein ſchwacher Troſt war, ſo verſuchte ſie doch darin einige Erleichterung zu finden. Nicht länger getheilt in ihrer Liebe und ihrem Gehorſam gegen Beide, konnte Florentine jetzt Beide lieben und brauchte gegen keinen ungerecht zu ſein. Als Schat⸗ tenbilder ihrer liebenden Phantaſie, konnte ſie Beiden gleichbe⸗ rechtigt eine Stelle in ihrem Herzen anweiſen und brauchte ſie nicht mit Zweifeln zu beeinträchtigen. und ſie verſuchte dies. Manchmal, und ſelbſt ſehr oft, drängte ſich ihrer zagenden Seele ein verwundertes Grübeln über dieſe Veränderung in Edith auf; aber in ihrer ruhigen Hinge⸗ bung von ſtummem Schmerz und ſchweigender Verlaſſenheit war ihr die Forſchbegier fremd. Florentine konnte nur denken, daß ihr Hoffnungsſtern in dem allgemeinen Düſter, der das Haus umſchwebte, umwölkt war, und weinen und entſagen. So in einem Traume lebend, wo die überfluthende Liebe ihres jungen Herzens an Luftgeſtalten Genüge ſuchte, und in einer wirklichen Welt, wo ſie kaum etwas Anderes erfahren, als das Zurückrollen dieſer ſtarken Fluth auf ſich ſelbſt, wurde ſie ſiebzehn Jahr alt. Ihr einſames Leben hatte ſie ſcheu und zu⸗ rückhaltend gemacht, aber nicht ihr herrliches liebreiches Gemüth verbittert. Ein Kind in unſchuldiger Einfalt, ein Weib in beſcheidener Feſtigkeit und tiefinnigem Gefühl ſchien in ihrem ſchönen Antlitz und ihrer elfenhaft zarten Geſtalt der Charakter von Beidem ausgedrückt zu ſein und ſich anmuthig zu vereinen; — als ob der Lenz bei dem Nahen des Sommers nicht ſcheiden, 4 6 “ — 38— und die Frühjahrsſchönheit der Blumen mit ihrem Vollglanz vereinigen wolle. Aber in ihrer herzgewinnenden Stimme, in ihrem ruhigtiefen Blick, und manchmal in einem ſeltſamen ätheri⸗ ſchen Schimmer, der auf ihrem Haupte zu ruhen ſchien, und immer in einem gewiſſen melancholiſchen Schatten, der ſich auf ihre Schönheit breitete, erinnerte ſie an ihren todten Bruder, und in dem hohen Rathe in der Geſindeſtube flüſterte man dar⸗ über und ſchüttelte die Köpfe, und aß und trank um ſo mehr in gemüthlicherer Eintracht. Dieſe ſcharfſichtigen Leute wußten gar viel zu reden von Mr. und Mrs. Dombey, und von Mr. Carker, der den Ver⸗ mittler zu ſpielen ſchien, und ging und kam, als ob er ſich be⸗ ſtändig bemühe, Frieden zu ſtiften, aber nie dazu komme. Sie be⸗ klagten Alle das ſchlimme Verhältniß, und ſtimmten darin über⸗ ein, daß Mrs. Pipchin(deren Unpopularität nicht größer ſein konnte) mit Schuld daran ſei; aber im Ganzen war es recht an⸗ genehm, einen ſo unerſchöpflichen Unterhaltungsgegenſtand zu haben, und ſie benutzten ihn vortrefflich und lebten ſehr gemüthlich. Die ſtehenden Gäſte des Hauſes, und diejenigen, bei denen Mr. und Mrs. Dombey Beſuche machten, hielten es für eine ziemlich gleiche Partie, wenigſtens was den Stolz betrifft, und dachten weiter nichts darüber. Die junge Dame mit dem bloßen Nacken mied das Haus für einige Zeit nach Mrs. Skewtons Tode; ſie äußerte gegen einige vertraute Freunde, mit ihrem gewöhnlichen gewinnendem Kichern, daß ſie die Familie nicht von dem Gedan⸗ ken an Leichenſteine und ähnliche ſchreckliche Dinge trennen könne; aber als ſie wieder erſchien, ſah ſie nichts Unrechtes, außer daß — 39 ꝛ— Mr. Dombey eine Anzahl goldener Petſchafte an ſeiner Uhr trug⸗ was ſie als ein altmodiſcher Aberglaube höchlichſt empörte. Dieſe jugendliche Schöne war aus Princip gegen eine Stieftochter; ſonſt hatte ſie nichts an Florentinen auszuſetzen, außer daß es ihr erſtaunlich an„Styl“ fehle— was vielleicht bloßer Nacken hei⸗ ßen ſollte. Manche, die nur bei beſonders feſtlichen Gelegenhei⸗ ten das Haus betraten, wußten kaum, wer Florentine war, und frugen ſich auf dem Nachhauſewege: Wie? das war Miß Dom⸗ bey, in der Ecke? Recht hübſch, aber ein wenig zärtlich und me⸗ lancholiſch von Ausſehen? Gewiß nicht weniger melancholiſch durch ihr Leben in den letzten ſechs Monaten nahm Florentine an dem zweiten Jahres⸗ tag der Vermählung ihres Vaters mit Edith(beim erſten hatte Mrs. Skewton ſchon krank gelegen) mit einer faſt angſtvollen Un⸗ ruhe an der Mittagstafel Platz. Sie hatte keine andere Urſache dazu, als den Tag, den Ausdruck ven ihres Vaters Geſicht, als ſie einen haſtigen Blick darauf warf, und die Anweſen⸗ heit Mr. Carkers, die, ihr ſtets unangenehm, es heute mehr war als je. Edith war prächtig gekleidet, denn ſie und Mr. Dombey waren für den Abend zu einer großen Geſellſchaft eingeladen, und die Speiſeſtunde war heute ſpät. Sie kam erſt, als Alle Platz genommen hatten, und Mr. Carker ſtand auf und führte ſie nach ihrem Stuhl. So ſchön und glanzvoll ſie erſchien, lag doch etwas in ihrem Antlitz und ihrem Weſen, was ſie ewig und unwi⸗ derbringlich von ihr und jedem Andern zu trennen ſchien. Und doch gewahrte Florentine für einen kurzen Augenblick einen Strahl — 40— von Freundlichkeit in ihren Augen, der ſie die Entfernung, in die ſie ſich zurückgezogen, ſchmerzlicher fühlen ließ als je. Es wurde über Tiſche wenig geredet. Florentine hörte ihren Vater mit Mr. Carker über Geſchäftsangelegenheiten ſpre⸗ chen und dieſen leiſe darauf antworten, aber ſie achtete wenig darauf, und wünſchte nur, das Eſſen wäre vorbei. Als das Deſſert aufgetragen war und die Dienerſchaft ſich entfernt hatte, ſagte Mr. Dombey, der ſich mehrere Male auf ominöſe Weiſe ge⸗ räuspert: Mrs. Dombey, Sie wiſſen wahrſcheinlich, daß ich die Haus⸗ hälterin unterrichtet habe, daß wir Morgen Mittag Gaͤſte haben werden? Ich eſſe nicht zu Hauſe, gab ſie zur Antwort. Keine große Geſellſchaft, fuhr Mr. Dombey gleichgültig fort, als habe er ſie nicht gehört; blos zwölf oder vierzehn Per⸗ ſonen. Meine Schweſter, Major Bagſtock und einige Andere, die Sie nur oberflächlich kennen. Ich eſſe nicht zu Hauſe, wiederholte ſie. So wenig ich auch Grund haben mag, Mrs. Dombey, ſagte Mr. Dombey, mit majeſtätiſcher Ruhe fortfahrend, als ob ſie gar nicht geſprochen habe, gerade jetzt mich der Veranlaſſung dieſer Feier mit beſonders angenehmen Gedanken zu erinnern, ſo muß doch ein gewiſſer Schein in ſolchen Dingen vor der Welt aufrecht erhalten werden. Wenn Sie keine Achtung vor ſich ſelbſt haben, Mrs. Dombey— Ich habe keine, agte ſie. Madame, rief Mr. Dombey, mit der Hand auf den Tiſch — 11— ſchlagend, hören Sie mich an, wenn's gefällig iſt. Ich ſage, wenn Sie keine Achtung vor ſich ſelbſt haben— Und ich ſage, ich habe keine, wiederholte ſie. Er ſah ſie an; aber das Angeſicht, das ſie ihm zeigte, hätte ſich nicht verändert, wenn der Tod es angeblickt hätte. Carker, ſagte Mr. Dombey und wendete ſich gelaſſener an dieſen, da Sie bei früheren Gelegenheiten der Vermittler zwi⸗ ſchen mir und Mrs. Dombey geweſen ſind, und ich, ſo weit es mich perſönlich angeht, den äußern Anſtand zu wahren wünſche, muß ich Sie bitten, die Güte zu haben, Mrs. Dombey zu unter⸗ richten, daß, wenn ſie keine Achtung vor ſich hat, ich welche vor mir habe, und ich daher auf meinen Anordnungen für morgen beſtehen muß. Sagen Sie Ihrem Herrn, Sir, ſagte Edith, daß ich mir erlauben werde, mit ihm über dieſen Gegenſtand gelegentlich zu ſprechen, und zwar allein. Mr. Carker weiß, ſagte ihr Gatte, welche Gründe mich nö⸗ thigen, Ihnen dies Verlangen nicht zu geſtatten, und er braucht mir daher dieſe Botſchaft nicht zu überbringen.— Er ſah ihre Augen ſich bewegen, und folgte ihnen mit ſeinem Blick. Ihre Tochter iſt hier, Sir, ſagte Edith. Meine Tochter wird hier bleiben, ſagte Mr. Dombey. Florentine, die aufgeſtanden war, ſetzte ſich wieder, zitternd und das Geſicht mit den Händen verhüllend. Meine Tochter, Madame— begann Mr. Dombey von neuem. Aber Edith unterbrach ihn mit einer Stimme, die, obgleich ſie dieſelbe nicht im mindeſten erhob, doch ſo klar, eindringlich und deutlich klang, daß man ſie haͤtte durch einen Sturm hören können. Ich ſage Ihnen, ich will allein mit Ihnen ſprechen, ſagte ſie. Wenn Sie bei Sinnen ſind, ſo folgen Sie mir. Ich bin berechtigt, Madame, erwiderte ihr Gatte, zu Ih⸗ nen zu ſprechen, wo und wann es mir gefällt; und es gefällt mir hier und jetzt zu ſprechen. Sie ſtand auf, als wollte ſie das Zimmer verlaſſen, ſetzte ſich aber wieder, ſah ihn mit allen äußern Zeichen der Ruhe an und ſagte: Sie ſollen es thun! Ich muß Ihnen vorerſt ſagen, daß Ihr Benehmen etwas Drohendes hat, was ſich gar nicht für Sie ſchickt, ſagte Mr. Dombey. Sie lachte. Die Diamanten in ihrem Haar ſchwankten und zitterten. Sagen erzählen von Edelſteinen, die erbleichten, wenn ihr Beſitzer ſich in Gefahr befand. Wären dieſe Diaman⸗ ten ſolche Steine geweſen, ſo wären die eingekerkerten Lichtſtrah⸗ len in dieſem Augenblick entflohen, und ſie wären ſo farblos ge⸗ worden wie Blei.— Carker hörte mit zu Boden blickenden Augen zu. Was meine Tochter betrifft, Madame, fuhr Mr. Dombey fort, ſo iſt es keineswegs unverträglich mit ihrer Pflicht gegen mich, daß ſie erfährt, welches Benehmen ſie zu vermeiden habe. Im gegenwärtigen Augenblick ſind Sie ihr ein ſehr eindringliches Exempel dieſer Art, und ich hoffe, daß ſie es ſich zu Nutze ma⸗ chen wird. Ich würde Sie nicht unterbrechen, entgegnete ſeine Gattin, — 43n— unbewegliche Ruhe im Auge, in der Stimme und in der Haltung, ich würde nicht aufſtehen und gehen, und Ihnen ein einziges Wort erſparen, wenn dies Zimmer in Flammen ſtände. Mr. Dombey nickte mit dem Kopfe, wie in ſarkaſtiſcher An⸗ erkenntniß ihrer Aufmerkſamkeit, und begann von neuem; aber nicht ſo gefaßt und ſicher wie vorhin, denn Ediths Empfindlich⸗ keit in Bezug auf Florentinen und ihre Gleichgültigkeit gegen ihn und ſeine Qual brannte ihn wie eine offene Wunde. Mrs. Dombey, ſagte er, es iſt vielleicht nicht ganz unnütz für meine Tochter, zu wiſſen, wie ſehr ein trotziger Charakter zu beklagen iſt, und wie ſehr er der Beſſerung bedarf, vorzüglich 8 wenn er zu Tage tritt— undankbar zu Tage tritt, füge ich hin⸗ 4 — zu— nachdem Ehrgeiz und Intereſſe befriedigt ſind. Denn Bei⸗ f des, glaube ich, hat beigetragen, Sie zu bewegen, den Platz, den 4 Sie jetzt an dieſem Tiſche ausfüllen, anzunehmen. 4 - Nein! Ich würde nicht aufſtehen, und fortgehen, und Ih⸗ 4 4 nen ein einziges Wort erſparen, wiederholte ſie, wie vorhin, und . wenn dies Zimmer in Flammen ſtände. Es läßt ſich einigermaßen erklären, Mrs. Dombey, fuhr er fort, daß Sie dieſe ungngenehmen Wahrheiten in Anweſenheit j Anderer ungern hören; obgleich ich mich vergeblich beſtrebe zu 1 errathen— er konnte was er wirklich fühlte nicht verbergen, . und ſich nicht enthalten, Florentinen düſter anzublicken— warum 8 Jemand dieſelben eindringlicher und empfindlicher machen kann 1⸗ als ich, den ſie ſo nahe angehen. Es mag natürlich ſein, daß Sie ſich ſträuben, in Anderer Gegenwart zu hören, daß ein wider⸗ ſpenſtiger Geiſt in Ihnen lebt, den Sie nicht früh genug unter⸗ ⁴ — 11— drücken können; den Sie unterdrücken müſſen, Mrs. Dombey; und den ich— ich muß es leider geſtehen— und den ich mehr als einmal in Ihrem Benehmen gegen Ihre verſtorbene Mutter bemerkt habe. Sie haben jedoch das Mittel dem abzuhelfen ſelbſt in Händen. Als ich anfing zu reden, vergaß ich durchaus nicht die Anweſenheit meiner Tochter, Mrs. Dombey. Ich bitte Sie morgen nicht zu vergeſſen, daß mehrere Perſonen anweſend ſind und daß Sie mit einiger Achtung vor äußerem Anſtand die Ge⸗ ſellſchaft auf ſchickliche Weiſe zu empfangen haben. Es iſt alſo noch nichts, ſagte Edith, daß Sie wiſſen, was zwiſchen mir und Ihnen vorgefallen iſt; es iſt noch nichts, daß Sie hierher blicken— ſie deutete auf Carker, der immer noch mit zu Boden geſenkten Augen zuhörte— und ſich der Belei⸗ digungen, mit denen Sie mich überhäuft, erinnern können; es iſt noch nichts, daß Sie hierher ſehen— ſie wies auf Floren⸗ tinen mit einer Hand, die zum erſten und einzigen Male leiſe zitterte— und denken können an das, was Sie gethan, und an die tägliche, ſtündliche, beſtändige Qual, die Sie mir damit ver⸗ urſacht; es iſt noch nichts, daß mir dieſer Tag vor allen andern im Jahre merkwürdig iſt wegen eines Kampfes(reichlich verdient, aber Leuten wie Sie nicht begreiflich) in dem ich wünſchte ge⸗ ſtorben zu ſein! Dazu fügen Sie auch noch die letzte und höchſte Niederträchtigkeit, ihr zu zeigen, wie unendlich tief ich geſunken bin, während Sie doch wiſſen, daß ich auf Ihr Gebot ihrem Frieden das einzige ſchöne Gefühl und Intereſſe meines Lebens geopfert habe; während Sie wiſſen, daß ich um dieſer willen, wenn ich könnte— aber ich kann nicht, ſo ſehr ſind Sie mir -——— ‿—2 N —— in innerſter Seele zuwider— mich ganz Ihrem Willen unter⸗ werfen und Ihr demüthigſter Selave ſein würde! Das war nicht der rechte Weg, um Mr. Dombey's Größe zu huldigen. Ihre Worte fachten nur das alte Gefühl zu heftigerem und verzehrenderem Haß an. Durch dies rebelliſche Weib ſah er auch an dieſem verhängnißſchweren Punkte ſeines Lebenspfades ſein vernachläſſigtes Kind ſich entgegenſtellen, mächtig wo er machtlos, und Alles wo er Nichts war! Er wandte ſich zu Florentinen, als ob ſie geſprochen hätte, und hieß ſie das Zimmer verlaſſen. Florentine gehorchte zitternd, und ging, das thränenvolle Geſicht mit beiden Händen bedeckend, hinaus. Ich begreife den Widerſpruchsgeiſt, Madame, ſagte Mr. Dombey mit triumphirendem Zorne, der Ihre Liebe dorthin ge⸗ lenkt hat; aber man iſt ihr in den Weg getreten, Mrs. Dombey; man iſt ihr in den Weg getreten, und ſie iſt zurückgewieſen worden! Um ſo ſchlimmer für Sie! antwortete ſie auf dieſelbe Weiſe wie vorhin. Jal ſagte ſie, denn er wendete ſich bei dieſen Wor⸗ ten gereizt gegen ſie— was ſchlimm für mich iſt, iſt zwanzig Millionen mal ſchlimmer für Sie. Bedenken Sie das, wenn Sie weiter nichts bedenken. Das Juwelendiadem in ihrem dunkeln Haar blitzte und funkelte wie ein Bogen von Sternen. Aber es warnte Nieman⸗ dem, ſonſt wären die Diamanten ſo glanzlos grau geworden, wie geſchändete Ehre. Carker ſaß immer noch mit niedergeſchlagenen Augen da und hörte zu. Mrs. Dombey, ſagte Mr. Dombey, ſo viel als möglich ſeine — 346— arrogante Faſſung wieder annehmend, durch ein ſolches Beneh⸗ men werden Sie weder meine Zufriedenheit erwerben, noch mich von meinen Vorſätzen ablenken. Es iſt das einzige aufrichtige Benehmen, obgleich es nur ein ſchwacher Ausdruck iſt von dem, was ich fühle, antwortete ſie. Aber wenn ich damit glaubte, Ihre Zufriedenheit zu erwerben, ſo würde ich es unterdrücken, wenn menſchliche Kraft das thun könnte. Ich werde nichts thun, was Sie wünſchen. Ich bin nicht gewöhnt zu wünſchen, Mrs. Dombey, be⸗ merkte er. Ich fordere. Ich will in Ihrem Hauſe morgen oder bei einer andern Feier des Tages keinen Ehrenplatz einnehmen. Ich will mich nicht zeigen laſſen als eine widerſpenſtige Selavin, die Sie ſeiner Zeit gekauft. Wenn ich meinen Hochzeitstag feierte, würde ich ihn als einen Tag der Schmach feiern. Selbſtachtung! Anſtand vor der Welt! was gelten mir die? Sie haben alles Mögliche gethan, um ſie mir gleichgültig zu machen, und ſie gelten mir nichts! 3 Carker, ſagte Mr. Dombey mit gerunzelter Stirn und nach einigem Beſinnen, Mrs. Dombey vergißt bei dieſer ganzen Frage ſo ſehr ſich ſelbſt und mich, und bringt mich in eine Stellung, die meinem Charakter ſo durchaus unangemeſſen iſt, daß ich die⸗ ſem Verhältniß ein Ende machen muß. So löſen Sie das Band, das mich feſſelt, ſagte Edith, ohne Bewegung in Stimme, Antlitz und Haltung. Laſſen Sie mich gehen! Madame! rief Mr. Dombey aus —.— — ‧‧‧ꝑQꝑᷓQ˖Q;Na Laſſen Sie mich frei: löſen Sie das Band, wiederholte ſie. Madame! ſagte er nachmals. Mrs. Dombey! Sagen Sie ihm, ſagte Edith und wendete ihr ſtolzes Ge⸗ ſicht Carker zu, daß ich eine Scheidung wünſche. Daß es beſſer ſei, wenn ſie ſtattfindet. Daß ich es ihm dringend empfehle. Sagen Sie ihm, daß ich ihm die Bedingungen überlaſſe— ſein Geld iſt mir gleichgültig— aber daß es nicht früh genug geſche⸗ hen kann. Gütiger Himmel, Mrs. Dombey! ſagte ihr Gatte mit höchſtem Staunen, halten Sie es wirklich für möglich, daß ich auf einen ſolchen Vorſchlag eingehen könnte? Wiſſen Sie, wer ich bin, Madame? Wiſſen Sie, wen ich vertrete? Hörten Sie jemals von Dombey und Sohn? Der bloße Gedanke, daß die Leute ſagten: Mr. Dombey— Mr. Dombey!— läßt ſich von ſeiner Frau ſcheiden! Mr. Dombey und ſeine häuslichen Ange⸗ legenheiten im Munde gemeiner Leute! Glauben Sie in allem Ernſte, Madame, daß ich meinen Namen unter ſolchen Verhält⸗ niſſen von Mund zu Mund gehen laſſen würde? Bah, bah, Ma⸗ dame! Pfui doch! Sie faſeln. Mr. Dombey lachte wirklich. Aber nicht wie ſie. Wäre ſie lieber eine Leiche geweſen, als daß ſie ſo lachte, wie jetzt, mit dem Blick kalt und feſt auf ihn gerichtet. Wäre er lieber eine Leiche geweſen, als daß er in ſeiner Großartigkeit daſaß und ſie hörte. 1 Nein, Mrs. Dombey, fuhr er fort, nein, Madame. Eine Scheidung iſt rein unmöglich, und deshalb rathe ich Ihnen um ſo mehr, ſich der Pflicht des Gehorſams bewußt zu werden. Mr. Carker, wie ich eben ſagen wollte— —.— — 48— Mr. Carker, der dieſe ganze Zeit über ruhig zugehört hatte, erhob jetzt die Augen, in denen ſich ein heller, ungewöhnlicher Glanz bemerklich machte. — wie ich Ihnen eben ſagen wollte, fuhr Mr. Dombey fort, ich muß Sie bitten, da die Sache ſo weit gekommen iſt⸗ Mrs. Dombey zu benachrichtigen, daß ich nicht gewohnt ſei, mir widerſprechen zu laſſen, oder zu dulden, daß die, welche mir Ge⸗ horſam ſchuldig ſind, Andere als einen ſtärkern Beweggrund dazu vorſchieben. Die Art und Weiſe, in der meine Tochter in dieſe Sache hereingezogen und mir gegenübergeſtellt wird, iſt unnatür⸗ lich. Ob meine Tochter in wirklichem Einverſtändniß mit Mrs. Dombey ſteht, weiß ich nicht, und es kümmert mich auch nicht; aber nach dem, was Mrs. Dombey heute geſagt und meine Toch⸗ ter heute gehört hat, bitte ich Sie, Mrs. Dombey zu unterrichten, daß, wenn ſie fortfährt, aus dieſem Hauſe ein Haus der Zwie⸗ tracht zu machen, ich meine Tochter in gewiſſem Grade für verant⸗ wortlich halten und mit meinem ſtrengen Mißfallen ſtrafen werde. Mrs. Dombey hat gefragt,„ob es noch nicht genüge,“ daß ſie dies und jenes gethan hat. Sie wollen ihr gefälligſt ſagen: Nein, es genügt noch nicht.. Ich bitte einen Augenblick! rief Carker. So peinlich meine Stellung im vorliegenden Falle iſt, ja ungewöhnlich peinlich, indem ich anderer Meinung als Sie zu ſein ſcheine, ſagte er zu Mr. Dom⸗ bey, ſo muß ich doch fragen, ob es nicht beſſer ſei, die Frage der Scheidung noch einmal in Betracht zu ziehen. Ich weiß, wie un⸗ erträglich ein ſolcher Schritt mit Ihrer hohen öffentlichen Stel⸗ lung zu ſein ſcheint, und ich weiß, wie feſtentſchloſſen Sie ſind, 1 — 19— wenn Sie Mrs. Dombey zu verſtehen geben— ſein Blick fiel auf ſie, wie er jedes dieſer Worte ſo deutlich ausſprach, daß der Ton wie Glocken ihr Ohr traf— daß nur der Tod ſie trennen könne. Blos der Tod. Aber wenn Sie bedenken, daß Mrs. Dombey durch ihren Aufenthalt in dieſem Hauſe, das ſie zu einem Hauſe der Zwietracht macht, auch zugleich Miß Dombey jeden Tag compromittirt, wollen Sie ſie alsdann nicht lieber von einer ewigen Aufregung des Gemüths und einem faſt unerträgli⸗ chen Gefühl, gegen eine Andere ungerecht zu ſein, befreien? Er⸗ ſcheint dies nicht faſt— ich ſage nicht, daß es wirklich ſo ſei— als ob Sie Mrs. Dombey der Erhaltung Ihrer Alles überragen⸗ den und unnahbaren Stellung aufopferten? Wieder fiel ſein Blick auf Edith, die mit einem ungewöhn⸗ lichen und grauenhaften Lächeln auf dem Antlitz ihren Gatten anſah. 3 Carker, erwiderte Mr. Dombey mit einem geringſchätzigen Stirnrunzeln und in einem Tone, der jede weitere Einrede ab⸗ ſchneiden ſollte, Sie verkennen Ihre Stellung, wenn Sie mir in einer ſolchen Sache Rath ertheilen wollen, und verkennen mich auch ganz(was mich wirklich wundert) in der Art Ihres Rathes. Ich habe weiter nichts zu ſagen. Vielleicht, gab Carker mit einem ungewöhnlichen und unbe⸗ ſchreiblichen Hohne in ſeiner Miene zur Antwort, verkannten Sie meine Stellung, als Sie mich mit dem Auftrage beehrten, hict — er deutete mit der Hand auf Mrs. Dombey— als Vermitt⸗ ler aufzutreten. Boz. Dombey u. Sohn. VIII. 4 2* 6— 5 — ₰‿ Durchaus nicht, Sir, durchaus nicht, erwiderte der Andere mit ſtolzer Kälte. Sie waren beauftragt— Als untergeordnete Perſon Mrs. Dombey zu demüthigen. Ich vergaß es. O ja, es wurde ausdrücklich ausgemacht! ſagte Carker. Ich bitte um Verzeihung! Er verneigte ſich vor Mr. Dombey mit einer ehrerbietigen Miene, die ſchlecht zu ſeinen Worten paßte, obgleich ſie in ſehr beſcheidenem Tone vorgebracht wurden, und warf einen Seitenblick auf Ediih wäre ſie lieber todt zu Boden geſunken, als daß ſie da⸗ vihn hätte mit ſolch einem Lächeln auf ihrem Angeſicht, ſchrecklich ſchön wie ein gefallener Engel. Sie erhob die Hand nach dem ſtrahlenden Diadem auf ihrem Haupte, riß es gewalt⸗ ſam aus den reichen ſchwarzen Locken, daß ſie auf ihre Schultern niederfielen, und warf die Juwelen auf den Boden. Von jedem Arm löſte ſie ein diamantnes Armband, warf es auf die Erde und ſtieß den Schmuck mit dem Fuße von ſich. Ohne ein Wort, ohne einen Schatten des Zornes in ihrem glänzenden Auge, ohne eine Veränderung in ihrem grauenhaft lächelnden Geſicht heftete ſie ihr Auge auf Mr. Dombey, bis ſie die Thür reieici hatte; und ſo verließ ſie ihn. Florentine hatte vor ihrem Fortgehen genug gehört, um zu wiſſen, daß Edith ſie noch liebte; daß ſie ihretwegen gelitten, und daß ſie ihr Leiden ſchweigend getragen, um ihren Frieden nicht zu ſtören. Sie wünſchte nicht davon mit ihr zu ſprechen— ſie konnte es auch nicht, wenn ſie bedachte, wem Edith feindlich ge⸗ gegenüberſtand— aber ſie wünſchte in einer ſtummen und zärt⸗ ———ſſ — 51— — lichen Umarmung ihr zu ſagen, daß ſie Alles fühle und ihr danke. . Ihr Vater ging dieſen Abend allein aus, und Florentine 2 verließ bald darauf ihr Zimmer und ſuchte die Stiefmutter vergeb⸗ lich im ganzen Hauſe auf. Sie war in ihren Zimmern, die Floren⸗ 3 tine ſeit langem nicht zu betreten wagte, und am allerwenigſten jetzt, r um nicht neuen Unfrieden zu veranlaſſen. Immer noch in der Hoff⸗ 5 nung, ihr vor dem Zubettgehen zu begegnen, ging Florentine aus einem Zimmer in das andere und wanderte ruhelos durch das ⸗ prachterfüllte und doch ſo düſtere Haus. t, Sie ging über einen Corridor, der nach der großen Treppe d führte und nur bei feſtlichen Angelegenheiten erleuchtet war, als ⸗ ſie vor ſeinem Eingang auf der erleuchteten Treppe eine männliche n Geſtalt herabkommen ſah. In der Meinung, es ſei ihr Vater, blieb ſie erſchrocken im Dunkeln ſtehen. Aber es war Mr. Car⸗ e ker, der allein die Stufen herabeilte und über das Geländer in 4, die Vorhalle hinabſah. Keine Glocke ſchallte, um ſein Fortgehen ne zu melden, kein Bedienter zeigte ſich. Er ging geräuſchlos hinab⸗ te öffnete ſelbſt die Thür, ſchlüpfte hinaus und machte ſie vorſichtig 5 hinter ſich zu. Ihr unbeſtegbarer Widerwille gegen dieſen Mann, und viel⸗ m leicht das ſtets drückende Gefühl, Jemanden verſtohlen zu beobach⸗ n, ten, machten Florentinen am ganzen Leibe zittern. Es war ihr, fahig war— denn anfangs erfüllte ſie eine unbezwingliche Scheu nur einen Schritt zu thun— eilte ſie nach ihrem Zimmer und ſchloß ſich ein; aber ſelbſt hier, wo ſie mit ihrem Hunde allein 4* en als ob das Blut ihr in den Adern erſtarrte. Sobald ſie deſſen war, überlief ſie ein kalter Schauer der Angſt, als ob in ihrer Nähe ein geheimes Unheil drohe. 4 Der Gedanke daran ſuchte ſie in ihren Träumen heim und ſtörte ihren Schlummer. Als ſie am Morgen unerquickt und mit einer drückenden Erinnerung an den haͤuslichen Unfrieden aufſtand, ſuchte ſie Edith abermals in allen Zimmern, und wie⸗ derholte ihr Bemühen mehrere Male an dieſem Morgen. Aber ſie blieb auf ihrem Zimmer, und Florentine konnte ſie nicht zu Ge⸗ ſicht bekommen. Da ſie jedoch erfuhr, daß das beabſichtigte Di⸗ ner zu Hauſe abgeſagt war, vermuthete ſie, Edith werde Abends der Einladung folgen, die ſie erwähnt; und ſie beſchloß daher, ihr wo möglich auf der Treppe entgegenzutreten. Als der Abend anbrach, hörte ſie in dem Zimmer, wo ſie harrend ſaß, einen Schritt auf der Treppe, an dem ſie Ediths Gang zu erkennen glaubte. Hinaus und die Stufen hinauf eilend traf Florentine ſo mit ihr zuſammen. Wie erſchrak und ſtaunte Florentine, die mit thränenerfüll⸗ ten Augen und ausgebreiteten Armen ihr entgegeneilte, als Edith bei ihrem Anblick zurückfuhr und aufſchrie! Komm mir nicht zu nahe! rief ſie. Fort! Laß mich vorbei! Mamal ſagte Florentine. Gieb mir nicht dieſen Namen! Sprich nicht zu mir! Sieh mich nicht an! Florentine!— ſie bebte zurück, als Florentine auf ſie zutrat— rühr mich nicht an! Als Florentine wie verſteinert vor Ueberraſchung und vor dem bleichen Antlitz und dem entſetzten Blicke ſtand, ſah ſie, wie in einem Traume, daß Edith mit der Hand das Geſicht verhüllte, ine vor wie über und über zuſammenbebte, ſich an die Wand ſchmiegte und wie ein Weſen gemeiner Art an ihr vorbeikroch und aufſprang und entfloh. Florentine ſank beſinnungslos zu Boden und wurde ſo, wie ſie glaubte, von Mrs. Pipchin gefunden. Sie kam erſt wie⸗ der zur Beſinnung, als ſie auf ihrem Bett lag, umgeben von Mrs. Pipchin und einigen Dienſtboten. Wo iſt Mama? war ihre erſte Frage. Zum Diner gegangen, ſagte Mrs. Pipchin. Und Papa? Mr. Dombey iſt auf ſeinem Zimmer, Miß Dombey, ſagte Mrs. Pipchin, und das Beſte, was Sie thun können, iſt, ſich auszuziehen und die Minute zu Bett zu gehen. Dies war der klu⸗ gen Frau Univerſalmittel für alle Leiden, hauptſächlich für Trau⸗ rigkeit und Unfähigkeit zu ſchlafen; Verbrechen, wegen deren viele jugendliche Opfer früher in Brighton von ihr um zehn Uhr Vor⸗ mittags zu Bett geſchickt worden. Ohne Folgſamkeit zu verſprecher, aber unter dem Vorwand, der Ruhe bedürftig zu ſein, entließ Florentine ſobald als möglich Mrs. Pipchin und die andern Dienſtboten. Als ſie ſich wieder allein ſah, dachte ſie an das, was auf der Treppe vorgefallen; zuerſt an ſeiner Wirklichkeit zweifelnd; dann mit Thränen; dann mit einem unbeſchreiblichen und ſchrecklichen Bangen, wie ſie ſchon vergangene Nacht gefühlt. Sie beſchloß, nicht eher zu Bett zu gehen, als bis Edith zurückkehrte, und wenn ſie auch nicht mit ihr ſprechen könnte, ſich doch wenigſtens zu verſichern, daß ſie ungefährdet wieder im Hauſe — —.— war. Welche dunkle und unheilſchwangere Ahnung Florentinen dieſen Entſchluß eingab, wußte ſie ſelbſt nicht; und ſie wagte nicht einmal, es näher zu unterſuchen. Sie wußte blos, daß vor Ediths Rückkehr ihr banges Herz und ihr fieberndes Haupt keine NRuhe kennen konnten. Der Abend wurde zu Nacht; es ward Mitternacht; noch keine Edith. Florentine konnte keinen Augenblick leſen oder ruhig blei⸗ ben. Sie ging in ihrem Zimmer auf und ab, öffnete die Thür und trat auf den Treppencorridor, ſah zum Fenſter hinaus in die Nacht, hörte dem ſauſenden Winde und dem fallenden Regen zu, ſetzte ſich wieder, blickte in das Feuer und beobachtete die phan⸗ taſtiſchen Bilder darin, ſtand auf und ſah dem Monde zu, der wie ein ſturmgejagtes Schiff durch ein Wolkenmeer ſchwankte. Alles im Hauſe war zu Bett, außer zwei Dienſtboten, welche unten auf die Rückkehr der Herrin warteten. Ein Uhr. Die Wagen, die in der Ferne rollten, bogen ab, oder hielten, oder fuhren vorüber; das Schweigen der Nacht wurde immer tiefer, und immer ſeltener unterbrochen, außer durch das Rauſchen des Windes oder ein heftigeres Niederſtrömen des Regens. Zwei Uhr. Noch keine Edith. Immer aufgeregter ſchritt Florentine in ihrem Zimmer auf und ab, ging auf den Corridor und ſah in die Nacht hinaus, noch trüber durch die Regentropfen auf der Fenſterſcheibe und eine Thräne in ihrem Auge; und ſah hinauf zu dem ſtürmiſch beweg⸗ ten Himmel, ſo verſchieden von der Ruhe unten und doch ſo ruhig und einſam. Drei Uhr. Jede Schlacke, die durch den Roſt 3 — 55 ſchurrte, durchzuckte ſie mit neuem Schrecken. Noch keine Sdith. Immer aufgeregter ſchritt Florentine in ihrem Zimmer auf und ab, und ging auf den Corridor und ſah den Mond an, der ihr vorkam, wie ein bleicher Flüchtling, der ſein ſchuldiges Ant⸗ litz zu verſtecken eilte. Vier Uhr! Fünf! Noch keine Edith. Doch jetzt regte es ſich im Hauſe; und Florentine hörte⸗ daß Mrs. Pipchin von einem der beiden Dienſtboten, welche wach geblieben waren, geweckt worden war und jetzt an ihres Vaters Thür ging. Als ſie ein paar Stufen weiter hinabſchlich, ſah ſie ihren Vater im Schlafrocke heraustreten, und zuſammenſchrecken, als man ihm ſagte, daß ſeine Gattin nicht nach Hauſe gekommen ſei. Er ſchickte einen Boten nach dem Stalle, wo die Pferde ſtanden, um zu erfahren, ob der Kutſcher dort ſei, und kleidete ſich unterdeſſen raſch an. Der Bote kam in größter Eile zurück und brachte den Kutſcher mit, welcher ſagte, er ſei ſeit zehn Uhr zu Hauſe und im Bett geweſen. Er habe Mrs. Dombey nach ihrer früheren Wohnung in Brookſtreet gefahren, wo ſie Mr. Carker empfangen habe— Florentine ſtand auf demſelben Flecke, wo ſie ihn hatte herabkommen ſehen. Abermals überſchauerte ſie ein namenloſes Bangen bei der Erinnerung, und ſie behielt kaum genug Faſſung, um zu hören und zu verſtehen, wes weiter geſprochen wurde. — der ihm geſagt hatte, fuhr der Kutſcher fott, daß ſeine Herrin für heute den Wagen nicht mehr brauchen werde, und ihn entlaſſen hatte. Sie ſah ihren Vater erbleichen, und hörte ihn haſtig und⸗ mit zitternder Stimme nach Mrs. Dombey's Zofe fragen. Das ganze Haus war in Aufruhr; im nächſten Augenblicke erſchien⸗ ſie, ſehr blaß und unfähig, zwei zuſammenhängende Worte her⸗ vorzubringen. Sie erzählte, ſie habe ihre Herrin frühzeitig angekleidet— zwei Stunden bevor ſie ausging— und war dann, wie ſchon häufig, bedeutet worden, daß ſie dieſen Abend nicht aufzubleiben brauche. Sie komme eben aus dem Zimmer ihrer Herrin, aber— Aber was? was iſt? hörte Florentine ihren Vater wie wahnſinnig fragen. Aber das Toilettenzimmer iſt verſchloſſen und der Schlüſſel fehlt. Ihr Vater ergriff ein Licht, das auf dem Boden ſtand— es hatte es Jemand in der Verwirrung dorthin geſtellt und ver⸗ geſſen— und kam mit ſolcher Wuth die Treppe heraufgerannt, daß Florentine kaum Zeit hatte zu entfliehen. Sie hörte ihn an die Thür ſchlagen, wie ſie forteilte nach ihrem Zimmer mit flie⸗ gendem Haar und verſtörtem Geſicht wie eine Wahnſinnige. Als die Thür nachgab und er hineinſtürzte, was ſah er? Niemand erfuhr es damals. Aber übereinandergehäuft auf dem Boden lag jedes einzelne Stück Schmuck, das er ihr ſeit der Hoch⸗ zeit geſchenkt; jedes Kleidungsſtück, das ſie getragen, und Alles, was ſie beſeſſen. Das war das Zimmer, wo er in jenem Spie⸗ gel das ſtolze Antlitz geſehen, das ihn verwarf. Das war das Zimmer, wo er ſich verwundert gefragt, wie dieſe Dinge ausſe⸗ hen würden, wenn er ſie das nächſte Mal erblicken würde! — 52— Wie er die Sachen in blinder Wuth zuſammenraffte und wieder in den Kaſten warf, ſah er einige Papiere auf dem Tiſche liegen. Den Heirathscontract und einen Brief. Er las, daß ſie fort war. Er las, daß er entehrt war. Er las, daß ſie entflohen an dem Hochzeitstage mit dem Manne, den er ausgeſucht, um ſie zu demüthigen; und er ſtürzte aus dem Zimmer und aus dem Hauſe in der wahnſinnigen Hoffnung, ſie noch in ihrem Hauſe zu finden und jede Spur von Schönheit mit ſeiner bloßen Hand aus dem ſtolzen Geſichte zu ſchlagen. Halb unbewußt nahm Florentine Shawl und Hut; ihr war es, als müßte ſie die Straßen durcheilen, bis ſie Edith fand, und ſie dann mit ihrem Arm umſchlingen, um ſie zu retten und zurückzubringen. Aber als ſie die Treppe hinabeilte, und die er⸗ ſchrockenen Dienſtboten mit Lichtern auf und ab eilen, und zuſam⸗ men flüſtern und ſcheu zurücktreten ſah, als ihr Vater vorbeiging, da erwachte ſie zum Bewußtſein ihrer Ohnmacht; und ſie floh in eines der Prunkzimmer, die zu dieſem Feſte geſchmückt worden, und ihr war, als ſollte ihr das Herz brechen vor Schmerz. Mitleid mit ihrem Vater war das erſte erkennbare Gefühl, das ſich aus dem Chaos ihrer Schmerzen emporrang. Ihr treues Herz wendete ſich zu ihrem und ſeinem Leid mit ſo inniger Liebe, als wäre er in ſeinem Glück die Verkörperung der Idee geweſen, die allmälig ſo verwiſcht und umdunkelt worden. Obgleich ſie die ganze Ausdehnung ſeines Unglückes kaum ahnen konnte⸗ ſah ſie ihn doch geſchmäht und verlaſſen vor ſich ſtehen; ults wie⸗ der trieb ihre inbrünſtige Liebe ſie an ſeine Bruſt. — 58— Er blieb nicht lange weg; denn Florentine ſaß noch wei⸗ nend und mit dieſem Gedanken beſchäftigt in dem großen Salon, als ſie ihn zurückkehren hörte. Er befahl der Dienerſchaft, an ihre gewöhnliche Beſchäftigung zu gehen, und zog ſich in ſein Zimmer zurück, wo er mit ſo ſchwerem Tritt auf und ab ging, daß ſie jeden einzelnen Schritt hören konnte. Folgſam dem Antrieb ihrer Liebe, die ſonſt immer ſchüch⸗ tern, aber kühn in ihrer Treue gegen ihn in ſeiner Trübſal war, eilte Florentine, noch angekleidet wie vorhin, die Treppe hinab. Wie ſie die Vorhalle erreichte, trat er aus ſeinem Zimmer. Sie eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu, und rief: O, guter, guter Papa! als wollte ſie ihm an die Bruſt ſtürzen. Und das hätte ſie auch gethan. Aber in ſeinem Wahnwitz erhob er ſeine grauſame Hand, und traf ſie ſo ſchwer, daß ſie wankte, und wie der Schlag fiel, ſagte er ihr, was Edith ſei, und hieß ihr, ihr zu folgen, da ſie immer im Bunde miteinander ge⸗ weſen ſeien. Sie ſank nicht vor ihm nieder; ſie bedeckte ſich nicht das Antlitz mit den zitternden Händen; ſie weinte nicht; ſie ließ kein Wort des Vorwurfs hören. Aber ſie blickte ihn an, und ein Wehſchrei rang ſich aus ihrem Herzen. Denn wie ſie ihn anblickte, ſah ſie, wie er die zärtliche Hoffnung tödtete, an der ſie trotz ſei⸗ ner Härte feſtgehalten. Sie ſah, wie ſeine Grauſamkeit, ſeine Mißachtung und ſein Haß die Oberhand gewonnen und ſie nie⸗ dertraten. Sie ſah, daß ſie auf Erden keinen Vater hatte, und floh als eine Waiſe aus ſeinem Hauſe. — 59— 4 Sie floh aus ſeinem Hauſe. Einen Augenblick und ihre Hand lag auf dem Schloſſe, der Weheruf entrang ſich ihren Lip⸗ pen, ſein Antlitz ſtand vor ihr, noch bleicher in dem flackernden Lichte der auf der Flur zurückgelaſſenen Kerze und dem herein⸗ brechenden Tagesſchimmer.— Noch einen Augenblick, und das dichte Dunkel des verſchloſſenen Hauſes(man hatte vergeſſen, es zu öffnen, obgleich es längſt Tag war) entwich vor dem unerwar⸗ teten Glanz und Schimmer des Morgens; und Florentine ſtand mit niedergebeugtem Haupte, um die heißen Thränen zu verber⸗ gen, auf der Straße. Achtundvierzigſtss Kapitel. Florentinens Flucht. Ucberwältigt von Schmerz, Beſchämung und Schrecken eilte die Arme durch den Sonnenſchein eines ſchönen Morgens dahin, als wäre es eine dunkle Winternacht. Die Hände rin⸗ gend und bitterlich weinend, nichts fühlend als die tiefe Wunde in ihrem Herzen, betäubt von dem plötzlichen Entſchwinden von Allem was ſie liebte, verlaſſen wie die einzige Lebendige, die ſich von einem Schiffbruch auf einen einſamen Strand gerettet, eilte ſie durch die Straßen, ohne etwas Anderes zu denken, zu hoffen oder zu wollen, als Flucht— wohin es ſei. Die heitere Perſpective der langen Straße, beleuchtet von der Morgenſonne, der Anblick des blauen Himmels und der luf⸗ tigen Wolken, die kräftige Friſche des Tages, glühend im Bewußt⸗ ſein ſeines Sieges über die Nacht, riefen keine entſprechenden Empfindungen in ihrem tiefverletzten Herzen wach. Nur irgend⸗ wohin, um ihr Haupt zu verbergen! Irgendwohin, um ein ——— Aſyl zu finden, und nie mehr einen Blick zu werſen auf das Haus, dem ſie entflohen! Aber Leute gingen auf der Straße, Läͤden wurden geöffnet, Dienſtboten ſtanden vor den Hausthüren; der Lärm des Tages regte ſich ſchon. Florentine ſah Staunen und Neugier auf den Geſichtern, die an ihr vorüberſchwankten, ſah lange Schatten auf dem Pflaſter zurückkehren, und hörte fremde Stimmen fragen, wo⸗ hin ſie gehe, und was ihr fehle; und obgleich ſie anfangs da⸗ durch noch mehr in Schrecken geſetzt, und zu ſchnellerer Flucht angetrieben wurde, ſo hatte es doch das Gute, daß ſie dadurch einigermaßen zur Beſinnung kam und die Nothwendigkeit größe⸗ rer Faſſung einſehen lernte. Wohin? Immer noch floh ſie: aber wohin? Sie dachte an jenen Tag, wo ſie ſich in der weiten Wüſte von London ver⸗ irrt hatte, und ſchlug dieſen Weg ein. Nach dem Laden von Walters Onkel. Ihre Thränen trocknend, und bemüht, ihre Gemüthsauf⸗ regung beſſer zu verbergen, um Aufſehen zu vermeiden, ging jetzt Florentine ruhiger durch die Straßen, als ein kleiner Schatten auf dem Pflaſter vorüberſchoß, ſtill hielt, ſich umdrehte, nahe an ſie herankam, wieder forteilte und um ſie herumſprang,— es war Diogenes, athemlos vor Freude, und doch ſo laut bellend, daß die Straße wiederhallte. O, Di! O, lieber, treuer Di, wo kommſt du her? Wie konnte ich dich verlaſſen, der mich nie verlaſſen wird! Florentine beugte ſich nieder und legte ſeinen zottigen, al⸗ ten, treuen, mürriſchen Kopf an ihre Bruſt und dann ſetzten ſie — 62— zuſammen ihren Weg fort; Di mehr über als auf der Erde, bemüht ſeine Herrin im Fluge zu küſſen, ſich in der Freude ſei⸗ nes Herzens überpurzelnd und wieder aufſtehend, große Hunde anfallend in übermüthiger Herausforderung von ſeines Gleichen, junge Köchinnen, welche die Thürſtufen kehrten, durch Berührun⸗ gen mit ſeiner feuchten Naſe erſchreckend, und beſtändig inmit⸗ ten von tauſend Tollheiten wieder ſtillſtehend, um ſich nach Flo⸗ rentinen umzuſehen und zu bellen, bis alle Hunde in der Nähe antworteten und alle Hunde, die herauskonnten, herauskamen und ihn anſtarrten. Mit dieſem letzten Freunde eilte Florentine durch die hel⸗ lerwerdenden Straßen nach der City. Der Lärm wurde immer lauter, das Gedränge immer größer, die Läden geſchäftiger, bis ſie ſich in einem Menſchenſtrom befand, der achtlos an Verkehr⸗ plätzen, Gefängniſſen, Kirchen, Märkten, Reichthum, Armuth, Gu⸗ ten und Böſen vorüberzog gleich dem breiten Strome in der Nähe, der aus ſeinen Träumen von Schilf und Weiden in grü⸗ nem Moos aufgeſtört, trübe und voller Wirbel durch das Mühen und Sorgen der Menſchen nach dem tiefen Meere rollte.—* Endlich zeigte ſich das Quartier des Seecadetten in der Ferne, immer näher, und der kleine Seecadett zeigte ſich auf ſeinem Po⸗ ſten, wie immer vertieft in ſeine Beobachtungen. Immer näher, und die Thür ſtand weit offen, und lud ſie ein zum Eintritt. Florentine, die ihre Schritte wieder beſchleunigt hatte, wie ſie ſich dem Ziel ihrer Reiſe näherte, eilte über den Fahrweg(Dioge⸗ nes, den der Lärm etwas wirr gemacht, folgte ihr auf dem Fuße), — 63— trat ein und ſank auf der Schwelle des wohlbekannten Hinter⸗ ſtübchens nieder. Der Capitain, den lackirten Hut auf dem Kopf, ſtand an dem Feuer, und kochte ſeinen Frühkakao, indeß ſeine koſtbare Uhr auf dem Kaminſturz lag, um während des Kochens mit einem gelegentlichen Blick bedacht werden zu können. Bei dem Schall von Schritten und dem Rauſchen eines Kleides wendete er ſich mit banger Erinnerung an die ſchreckliche Mrs. Mac Stinger um, gerade als Florentine eine Bewegung mit der Hand nach ihm machte, wankte und zu Boden ſank. Der Capitain, ſo blaß wie Florentine, hob ſie auf wie ein kleines Kind, und legte ſie auf daſſelbe alte Sopha, auf dem ſie in alter Zeit geſchlummert. 's iſt Herzenswonne! ſagte der Capitain, und ſah ſie auf⸗ merkſam an.'s iſt das liebe Kind zu einer Jungfrau geworden! Capitain Cuttle fühlte eine ſolche Ehrfurcht vor ihr in die⸗ ſem neuen Charakter, daß er ſie während ihrer Ohnmacht nicht für tauſend Pfund in den Armen gehalten hätte. Herzenswonne!l ſagte der Capitain, und trat ein wenig zu⸗ rück, während ſich auf ſeinem Antlitz die größte Beſorgniß und Theilnahme malten. Wenn Sie Ned Cuttle mit einem Finger anrufen können, ſo thun Sie s! Aber Florentine regte ſich nicht. Herzenswonne! ſagte der zitternde Capitain. Um Wal⸗ ters willen, der in der ſalzigen Tiefe ertrunken iſt, drehen Sie bei, und hiſſen Sie was auf! Da ſein junger Schützling auch gegen dieſe mächtige Be⸗ — 44— ſchwörung unempfindlich blieb, nahm Capitain Cuttle von dem Frühſtückstiſch ein Becken mit kaltem Waſſer und beſpritzte damit Florentinens Geſicht. Dann entſchloß er ſich in dem Drange der Nothwendigkeit zu dem großen Schritt— ihr den Hut abzubin⸗ den, die Stirn und die Lippen zu benetzen, ihr die Füße mit ſei⸗ nem eignen Rock, den er zu dieſem Zwecke auszog, zu bedecken, ihre Hand zu ſtreicheln— ſie lag ſo klein in ſeiner breiten Fauſt, daß er ſie ganz verwundert anfaßte,— und als er ſah, daß ihre Li⸗ der zitterten, und ihre Lippen ſich zu bewegen begannen, ſetzte er ſeine Bemühungen mit friſcherem Muthe fort. Immer munter! ſagte der Capitain. Munter! Ruhig Blut, Goldkind, ruhig Blut! Da! So wirds beſſer. Ruhig Blut iſt die Parole. Hier, ein Tröpfchen von dem dal ſagte der Capitain. So iſt's gut. Wie geht’s jetzt, mein Goldkind, wie geht's jetzt? Mit der dunkeln Ahnung, daß ein Arzt bei der Behandlung eines Patienten eine Uhr haben müſſe, nahm der Capitain die ſeinige vom Kaminſims, hängte ſie an ſeinen Haken, nahm Flo⸗ rentinens Hand in die ſeinige, und blickte mit wichtiger Miene von der Uhr auf Florentinen, und von Florentinen wieder auf die Uhr, als erwarte er, daß Letztere etwas thun werde. Wie geht's, mein Goldkind? ſagte der Capitain. Wie geht's jetzt? Ihr habt ihr ein wenig geholfen, mein Jung', glaube ich, ſagte der Capitain kaum hörbar, mit einem billigenden Blick auf ſeine Uhr. Stellt ſie jeden Morgen eine halbe Stunde zurück, und ungefähr noch ein Viertel ſo gegen Nachmittag, und's iſt eine Uhr, die unter wenigen ihres Gleichen findet und von keiner übertroffen wird! Wie gehts, mein Frölen? — 6— Capitain Cuttle! Sind Sie ˙s? rief Florentine aus, und richtete ſich ein wenig empor. Ja, ja, mein Frölen, ſagte der Capitain, der dieſen Titel als den höflichſten und feinſten wählte, auf den er ſich beſin⸗ nen konnte. Iſt Walters Onkel hier? frug Florentine. Hier, Goldkind! erwiderte der Capitain. Er iſt ſeit man⸗ chem lieben langen Tag nicht hier geweſen. Niemand hat von ihm gehört, ſeitdem er dem armen Walter nachgelaufen iſt. Aber, citirte der Capitain, zwar weit hinweg, doch nicht vergeſſen von Freunden, Vaterland und Liebchen! Wohnen Sie hier? frug Florentine. Ja, mein Frölen, erwiderte Capitain Cuttle. Ach, Capitain Cuttle! rief Florentine, ihre Hände bittend faltend und ganz außer ſich. Retten Sie mich! Behalten Sie mich hier! Sagen Sie Niemanden, wer ich bin! Ich will Ihnen ſpäter, wenn ich ruhiger bin, erzählen, was geſchehen iſt. Ich habe Niemanden auf der Welt mehr. Schicken Sie mich nicht fort! Sie fortſchicken, mein Frölen! rief der Capitain aus. Sie, meine Herzenswonne! Wart! wart! Wir wollen hier das Fenſter zumachen und den Schlüſſel umdrehen! Mit dieſen Worten holte der Capitain ſehr geſchickt mit ſei⸗ ner einen Hand und dem Haken den Laden vor, machte ihn zu und verſchloß die Thür. Als er wieder zu Florentinen trat, ergriff ſie ſeine Hand und küßte ſte. Die Hülfsbedürftigkeit und das Vertrauen, die ſich in dieſer Geberde ausſprachen, der tiefe Schmerz, den ihr Boz, Dombey u. Sohn. VIII. 5 — 66— Geſicht ausdrückte und den ihr Gemüth zu offenbar noch litt, die Erinnerung an ihre Vergangenheit, die der Capitain kannte und ihre jetzige ſchutzloſe und verlaſſene Lage rührten den guten Capitain ſo ſehr, daß er von Mitleid ordentlich überſtrömte. Mein Frölen, ſagte der Capitain, indem er ſeine Naſe mit dem Arme abrieb, bis ſie glänzte wie polirtes Kupfer, ſagen Sie kein Wort zu Eduard Cuttle, bis Sie ruhig und ſicher vor Anker liegen; und das wird nicht heute und auch nicht morgen ſein. Und Sie fortſchicken, oder verrathen, wo Sie ſind, ja für⸗ wahr, und ſo Gott mir helfe, das werde ich nicht thun, im Kate⸗ chismus, notirt es! Dies ſagte der Capitain in einem Athem und mit großer Feierlichkeit; bei den Worten„ja fürwahr“ nahm er den Hut ab, und ſetzte ihn erſt wieder auf, als er ausgeſprochen hatte. Florentine konnte nur noch etwas thun, um ihm zu danken und ihm zu beweiſen, wie ſehr ſie ihm vertraute; und ſie that es. In dem rauhen Alten die letzte Zuflucht ihres blutenden Her⸗ zens ſehend, legte ſie ihr Haupt auf ſeine ehrliche Schulter, um⸗ ſchlang ihn mit ihren Armen, und wäre vor ihm dankbar nieder⸗ gekniet, wenn er es nicht errathen und ſie gehalten hätte. Ruhig! ſagte der Capitain. Ruhig! Sie ſehen, Sie ſind noch zu ſchwach, um zu ſtehen, Goldkind, und müſſen ſich wieder hinlegen. Sol ſo! Zu ſehen, wie ſie der Capitain auf das So⸗ pha legte und mit ſeinem Rock zudeckte, war Tonnen Goldes werth. Und jetzt müſſen Sie ein Bischen frühſtücken, mein Frö⸗ len, ſagte der Capitain, und der Hund ſoll auch was haben. — 67— Und hernach bringe ich Sie hinauf in des alten Sol Gills Stube und dort ſchlafen Sie wie ein Engel! Capitain Cuttle ſtreichelte Diogenes, als er ihn erwähnte, unnd Diogenes kam dieſem Freundſchaftsanerbieten gnädiglich halb⸗ wegs entgegen. Während der Ohnmacht Florentinens war er offenbar in Zweifel geweſen, ob er den Capitain anſallen oder ihm ſeine Freundſchaft anbieten ſolle, und hatte dieſen innern Kampf ausgedrückt durch abwechſelndes Wedeln mit dem Schwanze, Zähnefletſchen und Knurren. Aber jetzt waren alle ſeine Zweifel beſeitigt. Es war klar, daß er den Capitain für einen der liebenswürdigſten Menſchen hielt, den zu kennen für jeden Hund eine Ehre ſei. Gemäß dieſer Ueberzeugung beſchäftigte ſich Diogenes um den Capitain, während dieſer Thee und Toaſt bereitete, und zeigte das lebhafteſte Intereſſe an ſeinem Thun. Aber der gute Capi⸗ tain bemühte ſich umſonſt, wenigſtens was Florentinen betrifft; denn vergebens verſuchte ſie etwas zu genießen; ſie konnte nichts über die Lippen bringen und nur weinen und immer wieder weinen.— Na, nach dem Zubettgehen wird's Ihnen ſchon leichter um's Herz werden, ſagte der mitleidige Capitain. Jetzt ſollſt du dei⸗ nen Theil bekommen, mein Junge, ſagte er dann zu Diogenes. Und du ſollſt deine Herrin oben bewachen. Aber obgleich Diogenes den zu hoffenden Morgenimbiß mit wäſſerndem Munde und glitzerndem Auge angeſehen, ſo fiel er doch jetzt, wo er ihm gereicht wurde, nicht gierig darüber her, ſon⸗ dern ſpitzte die Ohren, fuhr nach der Thür und bellte wüthend, . 5* d — — 68— und wühlte mit dem Kopfe in der Erde, als wollte er ſich einen unterirdiſchen Ausweg bahnen. Es kommt doch Niemand? frug Florentine voller Unruhe. Nein, mein Frölen, entgegnete der Capitain. Wer würde ſo ruhig draußen warten! Nur friſchen Muth, Schönchen. Es ſind nur Vorübergehende. Aber demungeachtet bellte Diogenes und wühlte am Boden mit hartnäckigſter Wuth; und ſo oft er innehielt, um zu horchen, ſchien ſeine Ueberzeugung feſter zu werden, denn er fing wohl ein Dutzend Mal von neuem an zu bellen. Selbſt als er bewogen ward, wieder zu ſeinem Frühſtück zurückzukehren, that er es nur ungern und langſam; und fuhr ſogleich wieder mit fürchterlichem Gebell nach der Thür, ehe er einen Biſſen angerührt hatte. Es horcht doch Niemand? flüſterte Florentine. Jemand, der mich kommen ſah— oder mir vielleicht gefolgt iſt? Es iſt doch nicht das Mädchen, mein Frölen? ſagte der Capitain. Suſanne? ſagte Florentine und ſchüttelte den Kopf. Ach nein! Suſanne iſt ſeit langer Zeit fort von mir! Doch nicht deſertirt, hoffe ich? ſagte der Capitain. Die kann doch nicht deſertirt ſein, Schönchen? O, nein, nein, nein! rief Florentine. Sie iſt eine von den treueſten Seelen auf der Welt! Dieſe Antwort war ein großer Troſt für den Capitain, und er drückte ſeine Zufriedenheit dadurch aus, daß er ſeinen lackir⸗ ten Hut abnahm und ſich den Kopf mit dem wie eine Kugel zu⸗ ſammengerollten Taſchentuche über und über abtupfte, wobei er — ͤ69— mit unendlicher Selbſtzufriedenheit und ſtrahlendem Geſicht be⸗ merkte, daß er es wiſſe. Jetzt biſt du alſo ruhig, Kamerad? ſagte der Capitain zu Diogenes. Es war Niemand da, Frölen, Gott behüte! Diogenes war immer noch nicht ganz überzeugt. Die Thür übte immer noch zuweilen eine große Anziehungskraft auf ihn aus: und er ſchnoperte daran herum, und knurrte und konnte die Sache gar nicht wieder vergeſſen. Dieſer Vorfall und Florenti⸗ nens offenbare Müdigkeit und Schwäche beſtimmten den Capi⸗ tain, Sol Gills' Stübchen ſogleich für ſie zurecht zu machen. Er eilte daher ſogleich hinauf und richtete es ſo ſchmuck ein, als ſeine Phantaſie und ſeine Mittel ihm erlaubten. Es war ſehr reinlich gehalten; und der Capitain, der ein ſehr ordentlicher Mann war und ſich nach Seemannsart zu hel⸗ fen wußte, verwandelte das Bett in ein Lager, indem er einen blendend weißen Laken darüber breitete. Auf ähnliche Weiſe machte er den kleinen Spiegeltiſch zu einer Art Altar, auf welchen er zwei ſilberne Theelöffel, einen Blumentopf, ein Teleſkop, ſeine be⸗ rühmte Uhr, einen Taſchenkamm und ein Liederbuch als eine kleine Sammlung koſtbarer Raritäten ausſtellte. Nachdem er noch die Gardinen zugezogen und den Fußteppich glatt gezupft, über⸗ blickte er ſeine Arbeit mit triumphirenden Blicken, und verfügte ſich wieder in das kleine Hinterſtübchen, um Florentinen herauf⸗ zugeleiten. Nichts konnte den Capitain glauben machen, daß Floren⸗ tine die Treppe herauf ſteigen könne. Wenn er ja hätte auf den Gedanken kommen können, ſo würde er es für eine ungeheure — 70— Verletzung der Gaſtfreundſchaft gehalten haben, es ihr zu erlau⸗ ben. Florentine war zu ſchwach, um ihm zu widerſprechen, und der Capitain trug ſie ſehr ſäuberlich auf beiden Armen hinauf⸗ legte ſie nieder und deckte ſie mit einer großen Lothſenjacke zu. Mein Frölen, ſagte der Capitain, Sie ſind hier ſo ſicher. wie in der Kuppel der St. Paulskirche, wenn die Leiter wegge⸗ nommen iſt. Schlaf iſt Ihnen vor Allem nöthig, und ich hoffe, daß Sie etwas leiſten mit dieſem Balſam für die feine leiſe Stimme eines verwundeten Gemüths! Und wenn Sie was brauchen, Herzenswonne, was dieſes beſcheidene Haus oder die Stadt lie⸗ fern kann, ſo brauchen Sie nur Eduard Cuttle zu rufen, der vor der Thür ab und zu gehen wird, und dieſes Individuum wird zittern vor Freude.— Zum Abſchied küßte der Capitain mit der Galanterie eines alten Ritters Florentinen die Hand und ging dann auf den Zehen hinaus. . In dem kleinen Hinterſtübchen pflog Capitain Cuttle noch⸗ mals mit ſich Rath, und beſchloß dann, auf ein paar Minuten die Ladenthür zu öffnen und ſich zu verſichern, daß wenigſtens jetzt Niemand draußen lauere. Er ſchloß daher auf und ſtellte ſich auf die Schwelle, die ganze Straße mit ſeiner Brille muſternd. Wie geht's? ſagte eine Stimme neben ihm. Der Capitain blickte herab und ſah, daß er von Mr. Toots überfallen worden, während er den Horizont muſterte. Wie geht's, mein Jung'? erwiderte der Capitain. So ziemlich, ich danke Ihnen, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots. Sie wiſſen, daß ich mich jetzt nie ganz befinde, wie ich wünſchte. Ich erwarte es auch gar nicht anders. — 71— Mr. Toots ſpielte nie näher auf dieſes hochwichtige Thema an, wenn er mit Capitain Cuttle ſprach, in Rückſicht auf den Vertrag, den ſie miteinander geſchloſſen. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, wenn ich das Vergnü⸗ gen haben könnte, mit Ihnen ein Wort allein zu ſprechen— es iſt— es iſt etwas Beſonderes. Ja ſeht, mein Jung', gab der Capitain zur Antwort und führte ihn in das Hinterſtübchen, ich bin dieſen Morgen eigent⸗ lich nicht frei; und wenn ihr daher etwas anholen könntet, ſo wär' mir's lieb. Gewiß, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, der den Capi⸗ tain nur ſelten gehörig verſtand. Anholen möchte ich eben. Na⸗ türlich. Nun, ſo thut's, mein Jung', entgegnete der Capitain. Der Capitain war ſo befangen von dem Beſitz eines unge⸗ heuern Geheimniſſes— von dem Umſtand, daß Miß Dombey ſich gerade jetzt in ſeinem Hauſe befand, während der unſchuldige und nichts Arges ahnende Mr. Toots ihm gegenüber ſaß— daß ihm der Schweiß auf der Stirne ſtand und er, während er ſich dieſelbe trocknete, die Augen nicht von Mr. Toots' Geſicht abwen⸗ den konnte. Mr. Toots, der ſelbſt ſeinen geheimen Grund zur inneren Unruhe zu haben ſchien, kam durch des Capitains An⸗ ſtarren ſo außer Faſſung, daß er ſelbſt einige Augenblicke ſtumm und verlegen auf dem Stuhle hin und her rutſchte, und endlich ſagte: Ich bitte um Verzeihung, Capitain Gills, ſehen Sie etwas Beſonderes an mir? 3 — 2 8— . Nein, mein Jung, erwiderte der Capitain. Nein. Denn ſehen Sie, ſagte Mr. Toots und lachte vor ſich hin, ich weiß, daß ich mich abzehre. Sie können immer davon ſpre⸗ 4 chen. Ich— ich würde es gern hören. Burgeß u. Comp. haben mein Maß geändert, ſo dünn bin ich geworden. Es iſt eine wahre Freude für mich. Ich— ich möchte viel lieber die Auszehrung bekommen, wenn es möglich wäre. Sie wiſſen, ich bin nichts als ein Thier, das auf der Oberfläche der Erde graſ't, Capitain Gills. Je mehr Mr. Toots in dieſem Tone fortfuhr, deſto mehr 5 fühlte ſich der Capitain von ſeinem Geheimniß bedrückt, und deſto 4 feſter ſtarrte er ihn an. Theils in Folge dieſer Unruhe, theils in Folge des Wunſches, Mr. Toots los zu ſein, fühlte ſich der Ca⸗ pitain ſo verlegen, daß er bei der Unterhaltung mit einem Ge⸗ 3 ſpenſte keine größere Verwirrung hätte an den Tag legen können. 5 Aber was ich eben ſagen wollte, Capitain Gills, fuhr Mr. Toots fort. Wie ich heute morgen zufällig hier vorbeiging— die Wahrheit zu geſtehen, ich wollte mit Ihnen frühſtücken. Was den Schlaf betrifft, ſo wiſſen Sie, daß ich jetzt gar nicht ſchlafe. Ich könnte ein Nachtwächter ſein, nur daß ich keinen Lohn be⸗ komme und er nichts auf der Seele hat. Nur immer friſch, mein Jung', ſagte der Capitain in er⸗ mahnendem Tone. 4 Gewiß, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots. Sehr wahr! 8 Wie ich heute morgen zufällig hier vorbeiging— es war vor 4 einer oder zwei Stunden— und die Thür verſchloſſen fand— Was! habt ihr draußen gewartet, Kamerad? frug der Ca⸗ 1 pitain. —— — 23— Nein, durchaus nicht, Capitain Gills, antwortete Mr. Toots. Ich wartete keinen Augenblick. Ich dachte, Sie wären ausgegangen. Aber die Perſon ſagte— apropos, haben Sie ei⸗ nen Hund, Capitain Gills? Der Capitain ſchüttelte den Kopf. Das ſagte ich eben auch, fuhr Mr. Toots fort. Ich wußte, daß Sie keinen haben. Ein Hund, Capitain Gills, erinnert mich — entſchuldigen Sie. Das iſt ein verbotenes Thema. Der Capitain ſtarrte Mr. Toots an, bis er noch einmal ſo groß zu werden ſchien; und wieder trat der Schweiß auf die Stirn des Capitains, als er daran dachte, daß Diogenes auf den Einfall kommen könnte, herabzukommen und der Dritte im Hin⸗ terſtübchen zu werden. Die Perſon ſagte, erzählte Mr. Toots weiter, daß er im Laden habe einen Hund bellen hören. Ich wußte, daß dies nicht der Fall geweſen ſein konnte, und ich ſagte ihm das. Aber er behauptete es ſo beſtimmt, als ob er den Hund geſehen hätte. Was für eine Perſon, mein Jung'? frug der Capitain. Ja, das iſt es eben, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots mit ſichtbarer Zunahme ſeiner Verlegenheit. Es iſt nicht mein Beruf, zu ſagen, was vorgefallen ſein mag oder was nicht vorgefallen ſein mag. Ich weiß es nicht einmal. Ich komme l mögliche⸗ Vorfälle mit hinein, die ich nicht ganz verſtehe. Und ich glaube faſt, ich bin etwas ſchwach— im Kopfe, meine ich. Der Capitain nickte beiſtimmend. Aber die Perſon ſagte, als wir fortgingen, berichtete Mr. Toots weiter, daß Sie wüßten, was unter beſtehenden Umſtänden 3 ——-— —— — 24— ſich ereignen könnte,— er betonte„könnte“ ſehr nachdrück⸗ lich,— und daß, wenn Sie gebeten würden, ſich gefaßt zu ma⸗ chen, Sie jedenfalls gefaßt ſein würden. 8 Perſon, mein Jung'! wiederholte der Capitain. Ich kenne die Perſon nicht, gewiß nicht, Capitain Gills, erwiderte Mr. Toots. Aber wie ich an die Thür kam, ſtand er da und wartete; und er fragte mich, ob ich wieder herkäme, und ich ſagte ja; und er frug, ob ich Sie kennte, und ich ſagte ja, ich hätte das Vergnügen, Sie zu kennen— Sie hätten mir nach einigem Zureden das Vergnügen gemacht; und er ſagte, wenn das der Fall ſei, ſo möchte ich Ihnen ſagen, was ich geſagt habe, von beſtehenden Umſtänden und gefaßt ſein, und ſo weiter, und ſo wie ich Sie ſähe, möchte ich Ihnen ſagen, Sie möchten nur ei⸗ nen einzigen Augenblick in ſehr wichtigen Geſchäften zu Mr. Brog⸗ ley, dem Mäkler, kommen. Und nun will ich Ihnen was ſagen, Ca⸗ pitain Gills— was es immer ſein mag, ich bin überzeugt, daß es etwas ſehr Wichtiges iſt, und wenn Sie einmal hinlaufen wollen, ſo will ich hier warten, bis Sie zurückkommen. In dem Geſicht des Capitains, getheilt zwiſchen der Furcht, Florentinen durch ſein Nichtgehen auf irgend eine Weiſe zu be⸗ nachtheiligen, und der Angſt, Mr. Toots im Beſitz des Hauſes und der Möglichkeit zu laſſen, das große Geheimniß zu entdecken, malte ſich ein geiſtiger Kampf, der ſelbſt einem Toots nicht unbe⸗ merkt bleiben konnte. Aber dieſer junge Herr, der ſeinen Freund jetzt genügend auf das, was ſeiner wartete, vorbereitet zu haben glaubte, war ganz befriedigt, und dachte an ſein kluges Benehmen mit ſeinem gewöhnlichen ſtillen Lachen.— 75— Endlich entſchloß ſich der Capitain, das kleinere von zwei Uebeln zu wählen und raſch zu dem Mäkler Brogley zu laufen, vorher aber die Verbindungsthür zwiſchen dem Laden und dem obern Theile des Hauſes zu verſchließen und den Schlüſſel in die Taſche zu ſtecken. Wenn's ſo iſt, Kamerad, ſagte der Capi⸗ tain zu Mr. Toots mit nicht geringer Beſchämung, ſo müßt ihr's nicht für ungut nehmen. Capitain Gills, gab Mr. Toots zur Antwort, was Sie immer thun, iſt mir recht.. Der Capitain dankte ihm herzlich, verſprach in höchſtens fünf Minuten wieder da zu ſein, und entfernte ſich, um die Per⸗ ſon aufzuſuchen, welche Mr. Toots mit der geheimnißvollen Bot⸗ ſchaft betraut hatte. Der arme Mr. Toots, ſich ſelbſt überlaſſen, legte ſich auf das Sopha, ohne zu ahnen, wer dort vor Kurzem erſt geruht, ſah zum Deckenfenſter hinauf und verlor ſich in Träume von Miß Dombey, bis er Zeit und Ort ganz und gar vergeſſen hatte. Das war ordentlich ein Glück für ihn; denn obgleich der Capitain nicht lange weg war, blieb er doch viel länger, als er verſprochen. Als er zurückkehrte, war er ſehr blaß und ſehr auf⸗ geregt, und es ſah faſt aus, als ob er geweint hätte. Er ſchien die Sprache verloren zu haben, bis er im Wandſchranke geweſen und aus der Korbflaſche einen Schluck Rum getrunken; da holte er tief Athem und ſetzte ſich auf einen Stuhl, das Geſicht mit der Hand bedeckend. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots mit Theilnahme, ich hoffe doch, es iſt nichts Schlimmes paſſirt? Danke, mein Jung, ganz und gar nicht, ſagte der Capitain. Ganz das Gegentheil. Sie ſehen ganz verſtört aus, Capitain Gills, bemerkte Mr. Toots. Nun ja, mein Jung, ich bin ein Bischen überraſcht, erwi⸗ derte der Capitain. Ich geb's zu. Kann ich etwas für Sie thun, Capitain Gills? frug Mr. Toots. Wenn es der Fall iſt, ſo verfügen Sie über mich. Der Capitain nahm die Hand vom Geſicht, ſah ihn mit einem merkwürdigen Ausdruck liebevoller Theilnahme an, ergriff ſeine Hand und ſchüttelte ſie herzlich. Nein, ich danke, ſagte der Capitain. Nichts, gar nichts. Nur thätet ihr mir einen Gefallen, wenn ihr für jetzt gehen wollet. Ich glaube wahrhaftig, Kamerad, ſagte er und ſchüttelte ihm nochmals die Hand, nach Walter, und in einer andern Art, ſeid ihr ein ſo guter Junge, als nur je geboren wurde. Auf mein Wort und meine Ehre, Capitain Gills, gab Mr. Toots zur Antwort und ſchlug in die Hand des Capitains, es freut mich außerordentlich, daß Sie eine ſo gute Meinung von mir haben. Danke Ihnen. und faßt friſchen Muth und friſche Hoffnung, ſagte der Capitain und klopfte ihm auf den Rücken. Es giebt mehr als ein hübſches Mädchen auf der Welt! Nicht für mich, Capitain Gills, entgegnete Mr. Toots mit großem Ernſte. Nicht für mich, das kann ich Ihnen heilig ver⸗ ſichern. Die Beſchaffenheit meiner Gefühle für Miß Dombey iſt von der unausſprechlichen Art, daß mein Herz wie eine wüſte „„„„“ -„ . —„— Inſel iſt und ſie allein darin lebt. Ich zehre jeden Tag mehr ab und denke mit Stolz daran. Wenn Sie meine Beine ſehen könn⸗ ten, wenn ich die Stiefeln ausziehe, ſo würden Sie ſich einen Begriff machen können, was für ein Ding unerwiderte Liebe iſt. Der Doctor hat mir China verſchrieben, aber ich nehme ſie nicht ein, denn meiner Conſtitution ſoll gar kein Ton gegeben werden, Ich will's nicht haben. Doch das iſt ein verbotenes Thema. Ca⸗ pitain Gills, leben Sie wohl! Nachdem Capitain Cuttle ebenſo herzlich ſich von ihm ver⸗ abſchiedet, verſchloß er die Thür hinter ihm, ſchüttelte den Kopf mit derſelben Miene liebevollen Mitleids, die wir ſchon vorhin an ihm bemerkten, und ging in das obere Stock, um zu ſehen, ob Florentine ihn brauche. Der Capitain war ein ganz anderer Mann geworden, wäh⸗ rend er die Treppe hinaufſtieg. Er wiſchte ſich die Augen mit dem Schnupftuch und polirte ſeine Naſe mit dem Rockärmel, wie er ſchon heute früh gethan, aber ſein Geſicht hatte ſich ganz und gar verändert. Jetzt hätte man ihn für unendlich glücklich, dann wieder für höchſt traurig halten können; aber der Ernſt, der auf ſeinem Antlitz lag, war etwas ganz Neues an ihm, und verſchönerte es, als ob es mehr vergeiſtigt worden wäre. Er klopfte zwei oder drei Mal leiſe mit ſeinem Haken an Florentinens Thür; da er keine Antwort erhielt, wagte er erſt hineinzuſchauen, und dann einzutreten, zu dieſem kühnen Schritt vielleicht ermuthigt durch das freundliche Benehmen des Hundes, der neben dem Bett gelagert mit dem Schwanze wedelte und —— den Capitain mit zwinkernden Augen anſah, ohne ſich die Mühe zu nehmen aufzuſtehen. Sie lag noch im tiefen Schlafe und ſtöhnte leiſe; und Ca⸗ pitain Cuttle, durchdrungen von Ehrfurcht vor ihrer Jugend, ih⸗ rer Schönheit und ihrem Schmerz, legte ihren Kopf höher, deckte ſie wieder mit dem Rock ordentlich zu, zog die Gardinen noch et⸗ was dichter zuſammen, damit ſie ungeſtörter ſchlafe, ſchlich wieder hinaus, und blieb als Wache auf der Treppe ſtehen. Und dies Alles that er mit ſo leichter Hand und ſo leichtem Fuße, wie Flo⸗ rentine ſelbſt es nur hätte thun können. Lange mag es in dieſer bunten Welt eine ſchwer zu ent⸗ ſcheidende Frage ſein, welches das ſchönſte Beiſpiel von der Güte des Allmächtigen iſt— die zarten Finger, die feinfühlend ge⸗ boren und geſchaffen ſind, Schmerz und Kummer zu lindern, oder die rauhe harte Hand Capitain Cuttle's, welche das Herz in einem Augenblick ſchult und zart walten lehrt. Florentine ſchlief auf ihrem Lager in glücklicher Vergeſſen⸗ heit ihrer Verwaiſung und Vereinſamung und Capitain Cuttle hielt Wache auf der Treppe. Ein lauteres Schluchzen oder Stöh⸗ nen als gewöhnlich brachte ihn manchmal an die Thür; aber all⸗ mälig ſchlief ſie ruhiger, und des Capitains Wache wurde nicht mehr geſtört. Neunundvierzigſtes Kapitel. . Der Seecadett macht eine Entdeckung. Es dauerte lange, ehe Florentine erwachte. Der Tag hatte ſei⸗ nen Höhepunkt erreicht, und der Tag neigte ſich, und ſie lag im⸗ mer noch in unruhigem Schlummer; ſie war ſich nicht bewußt des ungewohnten Lagers, und des Getöſes auf der Straße, und des Lichts, das dämmernd ſich durch die Gardinen ſtahl. Ein vollkom⸗ menes Vergeſſen des verlornen Vaterhauſes und des dort Ge⸗ ſchehenen konnte ſelbſt der Schlummer nicht bringen. Eine vage und traumvolle Erinnerung daran trübte wie ein böſer Traum ihre Ruhe. Ein dumpfer Schmerz blieb immer in ihr wach; und ihre bleiche Wange war öfter mit Thränen benetzt, als der Ca⸗ pitain, der von Zeit zu Zeit vorſichtig zur Thür herein blickte, gewünſcht hätte. Die Sonne neigte ſich, in einen rothen Nebel gehüllt, dem weſtlichen Horizonte zu, und durchbohrte mit ihren Strahlen Lü⸗ cken und Oeffnungen in den durchbrochenen Dächern der Kirch⸗ — 80— thürme, als wären es goldene Pfeile— und in der Ferne auf dem Fluß und ſeinen flachen Ufern glänzte ſie wie ein feuriger Strom— und draußen auf dem Meere ſchimmerte ſie auf weiße Segel— und draußen im offenen Lande tauchte ſie weite Fern⸗ ſichten in eine rothe Gluth, welche Erde und Himmel zu einer Glorie zu verſchmelzen ſchien— als Florentine die ſchweren Augen aufſchlug, und erſt theilnahmlos die unbekannten Wände anſah, und achtlos auf den Straßenlärm hörte. Aber gleich dar⸗ auf ſprang ſie auf, ſah ſich mit überraſchtem und verſtörtem Blick um, und erinnerte ſich an Alles.. Mein Herzchen, ſagte der Capitain, indem er an die Thur klopfte, wie geht's? Theuerſter Freund, rief Florentine, und eilte auf ihn zu, ſind Sie's? Der Capitain fühlte ſich ſo geſchmeichelt durch dieſen Na⸗ men, und war ſo vergnügt über den Strahl von Freude, der in ihren Augen bei ſeinem Anblick glänzte, daß er als Antwort blos in ſtummem Entzücken ſeinen Haken küßte. G Wie geht’s, Herzensjuwel? ſagte der Capitain. Ich habe gewiß recht lange geſchlafen, erwiderte Florentine. Wenn bin ich zu Ihnen gekommen, geſtern? Heute, heute, mein Frölen, entgegnete der Capitain. Iſt es immer noch Tag? frug Florentine. Es iſt bald Abend, Engelskind, ſagte der Capitain, und zog die Gardine vom Fenſter zurück. Sehen Sie? Florentine, ſchüchtern und ſchmerzerfüllt, und die Hand auf des Capitains Arm legend, und der Capitain mit ſeinem rothen — 81— Geſicht und ſeiner derben Geſtalt, in ſeiner ſtillen Freude ihr Beſchützer zu ſein, ſtanden in dem roſigen Licht des herrlichen Abends, ohne ein Wort zu ſprechen. Der Capitain fühlte ſo tief wie der beredteſte aller Menſchen— ſo ſeltſam auch die Worte geweſen ſein würden, wenn er ſein Gefühl geäußert hätte — daß etwas in der heiligen Stille des Abends lag, was Flo⸗ rentinens verwundetes Herz überſtrömen machen mußte, und daß es beſſer ſei, ſolchen Thränen freien Lauf zu laſſen. Deshalb ſprach Capitain Cuttle kein Wort. Aber als er fühlte, daß ſich ihre Hand feſter auf ſeinen Arm legte, und ihr vereinſamtes Haupt auf dem groben blauen Aermel eine Stütze ſuchte, da druckte er es ſanft mit ſeiner rauhen Hand, und verſtand ſie, und wurde ver ſtanden. Jetzt iſt es beſſer, mein Herzehen, ſagte der Capitain. Friſch und munter; ich will hinab gehen und das C Eſſen zurecht machen. Wollen Sie hernach ſelber herunter kommen, Herzchen, oder ſoll Eduard Cuttle kommen und Sie holen? Als Florentine verſicherte, ſie ſei im Stande, allein die Treppe hinabzugehen, geſtattete es ihr endlich der Capitain, ob⸗ gleich nicht ohne ernſthaften Zweifel über die Pflichten der Gaſt⸗ freundſchaft, und ging hinab, um ein Huhn an dem Feuer im Hinterſtübchen zu braten. Um dies mit größerer Bequemlichkeit zu thun, zog er ſeinen Rock aus, krempte die Manſchetten in die Höhe und ſetzte ſeinen lackirten Hut auf, ohne deſſen Beiſtand er nie an ein ſchwieriges oder häkliches Unternehmen ging. Nachdem Florentine ihre heiße Stirn in dem friſchen Waſſer gekühlt, das des Capitains Sorgfalt für ſie herbeigeſchafft, trat Boz. Dombey u. Sohn. VIII. 6 — 82— ſie vor den kleinen Spiegel, um ihr in Unordnung gerathenes Haar aufzubinden. Und jetzt ſah ſie— nur einen Augenblick, denn ſie wandte ſogleich ihr Auge ſchaudernd wieder ab— daß auf ihrem Buſen eine zornige Hand eine dunkle Spur zurückge⸗ laſſen. 3 Ihre Thränen floſſen von neuem bei dieſem Anblick; Scham und Scheu vor dem dunkeln Zeichen erfüllten ſie; aber ihm konnte ſie nicht zürnen. Verwaiſt und verſtoßen vergab ſie ihm Alles; ſie dachte kaum, daß ſie ihm etwas zu verzeihen habe oder ihm wirklich verzieh; aber ſie floh vor dem Gedanken an ihn, wie ſie vor ihm ſelbſt geflohen, und er war gänzlich verſchwunden und verloren. Es gab kein ſolches Weſen mehr auf der Welt. Was ſie thun oder wie ſie leben ſollte, konnte Florentine — das arme unerfahrene Mädchen— jetzt noch nicht überlegen. Sie erging ſich in unbeſtimmten Träumen, wie ſie in ſpäterer Zeit einmal kleine Schweſtern zu unterrichten bekommen würde, die gut und freundlich gegen ſie ſein würden, und mit denen ſie le⸗ ben könnte, und die im glücklichen Vaterhaus aufwachſen, und heirathen und freundlich gegen ihre alte Gouvernante ſein, und ihr vielleicht ſpäter die Erziehung ihrer Töchter anvertrauen wür⸗ den. Und ſie dachte, wie ſeltſam und ſehmerzlich es wäre, wenn ſie ſo zu einem alten Mütterchen würde und ihr Geheimniß mit ins Grab nehme, wenn Florentine Dombey längſt vergeſſen wäre. Aber Alles dies erſchien ihr nur in unbeſtimmten und traumhaften Umriſſen. Sie wußte nur, daß ſie keinen Vater auf Erden hatte, und ſie ſagte es ſich viele Male, ihr flehendes Haupt vor Allen verbergend außer vor ihrem Vater im Himmel. ₰ )3.—-— — 83ꝛ— Ihr kleiner Geldvorrath beſtand aus wenigen Guineen. Davon mußte ſie vor allen Dingen einige Kleidungsſtücke kaufen, denn ſie beſaß keine andern, als die ſie anhatte. Sie war zu be⸗ kümmert, um daran zu denken, wie bald ihr Geld zu Ende gehen würde— zu ſehr Kind in weltlichen Dingen, um darüber ſehr beunruhigt zu ſein, ſelbſt wenn ihr Herz von andern Schmerzen weniger erfüllt geweſen wäre. Sie verſuchte Faſſung zu gewin⸗ nen und ihre Thränen zu trocknen, das brennende Fieber in ih⸗ rem Kopfe zu ſtillen und die Ueberzeugung zu gewinnen, daß das Geſchehene erſt vor wenigen Secunden vorgefallen ſei, anſtatt vor Wochen oder Monden, wie es ihr vorkam, und ging hinab zu ihrem freundlichen Beſchützer. Der Capitain hatte den Tiſch mit großer Sorgfalt gedeckt und bereitete in einem kleineren Caſſerol ein wenig Eierſauce: dann und wann aber begoß er mit großem Ernſte das Huhn, das auf einem Bindfaden vor dem Feuer ſich drehte und briet. Nach⸗ dem er Florentinen mit Kiſſen einen bequemen Sitz auf dem So⸗ pha gemacht, das ſchon in einer warmen Ecke ſtand, ſetzte der Capitain wieder ſeine Kocherei mit außerordentlicher Geſchicklich⸗ keit fort, wärmte Fleiſchbrühe in einem zweiten kleineren Caſſerol, kochte ein paar Kartoffeln in einem dritten, vergaß dabei nie die Eierſauce in dem erſten, und ging beſtändig mit dem nützlichſten aller Löffel begießend und umrührend von dem einen zum an⸗ dern. Neben dieſen Obliegenheiten mußte der Capitain noch eine kleine Pfanne im Auge behalten, in der ein paar Würſte ganz allerliebſt ziſchten und brodelten; und es konnte keinen ſtrahlen⸗ deren Koch geben, als den Capitain in ſeinem Eifer, denn es war 6* — 84— gar nicht zu beſtimmen, ob ſein Geſicht oder ſein lackirter Hut mehr glänzte. Als das Eſſen endlich fertig war, tiſchte es der Capitain mit nicht minderer Geſchicklichkeit, als er beim Kochen gezeigt, auf, und dann kleidete er ſich zur Tafel an, indem er ſeinen lackir⸗ ten Hut abſetzte und den Rock anzog. Hierauf ſchob er den Tiſch dicht vor Florentinen, ſprach das Tiſchgebet, ſchraubte ſeinen Ha⸗ ken ab und eine Gabel an deſſen Stelle, und machte die Honneurs als Wirth. Mein Frölen, ſagte der Capitain, nur munter, und verſu⸗ chen Sie einen Biſſen zu eſſen. Friſchen Muth, mein Engel! Hier iſt ein Flügel. Hier iſt Sauce. Hier iſt Wurſt. Und Kar⸗ toffeln! Alle dieſe Leckerbiſſen ordnete der Capitain ſymmetriſch auf einem Teller, goß mit dem nützlichen Löffel Brühe darüber und ſetzte es ſeinem lieben Gaſte vor. Die Fenſter ſind vorn alle zugemacht, Frölen, bemerkte der Capitain ermuthigend, und Alles iſt in beſter Ordnung. Verſuchen Sie nur einen Biſſen, mein Schönchen. Wenn Walter hier wäre— Ach! wenn ich ihn jetzt zum Bruder hätte! ſeufzte Flo⸗ rentine. Na, na! nicht geweint, Engelchen! ſagte der Capitain. Thun Sie mir den Gefallen! Er war für Sie wie ein Bluts⸗ freund, nicht wahr, Herzblatt? Florentine fand keine Worte zur Erwiderung. Sie ſagte blos: Ach, der gute, gute Paul! ach Walter! Die Diele, auf der ſie ging, ſagte der Capitain leiſe vor ſich hin und ſah ihr betrübtes Geſicht an, ſtand bei Walter in ſo hoher Achtung, als der Bach bei dem Hirſch, der ſich nimmer freut! Ich ſehe ihn noch an dem Tage, wo er auf Dombey's Muſterrolle kam, wie er von ihr ſprach mit einem Geſicht, das von Thau glänzte— oder von ſeinen beſcheidenen Gefühlen— wie eine friſch aufgeblühte Roſe. Ja, ja! Wenn unſer armer Walter hier wäre, mein Frölen— oder wenn er hier ſein könnte — aber er iſt ertrunken, nicht wahr? Florentine ſchüttelte den Kopf. Ja, ja, ertrunken, ſagte der Capitain mit beſänftigendem Tone; wie ich ſagen wollte, wenn er hier ſein könnte, würde er Sie bitten, mein Herzblatt, ein ganz klein wenig zu eſſen, Ihrer lieben Geſundheit wegen. Deshalb halten Sie Cours, mein Frölen, als ob's um Walters willen geſchähe, und legen Sie Ihr hübſches Köpfchen vor den Wind. Florentine verſuchte, dem Capitain zu Gefallen, einen Biſ⸗ ſen zu genießen. Unterdeſſen legte der Capitain, der ſein Eſſen ganz und gar zu vergeſſen ſchien, das Meſſer hin und zog ſeinen Stuhl ans Sopha. Walter war ein ſchmucker Burſche, nicht wahr, Engelchen? ſagte der Capitain, nachdem er eine Weile ſtill dageſeſſen, ſich das Kinn gerieben, und ſie angeſehen hatte— und ein wackerer Junge, und ein guter Junge? Florentine ſtimmte mit Thränen bei. Und er iſt ertrunken, Schönchen, nicht wahr? wiederholte der Capitain. Florentine konnte blos beiſtimmen. — 86— Er war älter als Sie, mein Frölen, fuhr der Capitain fort, aber ihr, ihr waret mit einander wie zwei Kinder, nicht wahr? Florentine antwortete: Ja. Und Walr iſt ertrunken, ſagte der Capitain. Nicht wahr? Die Wiederholung dieſer Frage war eine ſeltſame Art des Troſtes, ſie ſchien es aber für Capitain Cuttle zu ſein, denn er kam immer und inimer wieder darauf zurück. Florentine, die am liebſten das unberührte Eſſen zurückgeſchoben und ſich wieder auf das Sopha gelegt hätte, reichte ihm die Hand, denn ſie fühlte, daß ſie ihm wehe thue, obgleich ſie wünſchte, ihm nach ſeiner vie⸗ len Mühe eine Freude zu machen. Aber er ſchien das Eſſen und ihren Mangel an Appetit ganz vergeſſen zu haben, hielt ihre Hand in der ſeinen, die wirklich zitterte, feſt, und brummte von Zeit zu Zeit mit nachdenklich theilnehmendem Tone vor ſich hin: Der arme Walter. Ja, ja! Ertrunken. Nicht wahr? Und war⸗ tete ſtets auf ihre Antwort, in der die große Pointe dieſer eigen⸗ thümlichen Aeußerungen zu liegen ſchien. Das Huhn und die Würſte waren kalt, und die Brühe und die Eierſauce geronnen, ehe ſich der Capitain wieder erinnerte, daß ſie auf dem Tiſche ſtanden, und ſich mit Diogenes Beiſtand darüber her machte, ſo daß durch ihre vereinigten Bemühungen die Speiſen bald verſchwunden waren. Des Capitains Entzücken und Verwunderung über das ruhige Walten Florentinens, wie ſie ihm half den Tiſch abräumen, das Stübchen in Ordnung bringen und den Heerd abkehren— nur erreicht von dem Feuer, mit dem er anfangs gegen ihren Beiſtand proteſtirte— wuchſen all⸗ mälig bis zu dem Grade, daß er zuletzt wie verzaubert daſtand, — 8— und ihr zuſah, als wäre ſie eine Fee, die mit flinker Hand dieſe. Verrichtungen für ihn beſorgte; und dabei glühte der rothe Rand an ſeiner Stirn in unausſprechlicher Bewunderung. Aber als Florentine die Pfeife von dem Kaminſims nahm⸗ und ſie ihm in die Hand gab, und ihn bat zu rauchen, da war der gute Capitain ſo erfreut von ihrer Aufmerkſamkeit, daß er die Pfeife in der Hand hielt, als ob er in ſeinem Leben noch keine angefaßt. Und als Florentine in den kleinen Wandſchrank ſah und die Korbflaſche herausnahm und unaufgefordert ein köſtliches Glas Grog für ihn bereitete und vor ihn hinſetzte, da wurde ſeine rothe Naſe ganz blaß, ſo hochgeehrt fühlte er ſich. Als er in ſeinem ſtum⸗ men Glück die Pfeife geſtopft, zündete Florentine ſie ihn an— der Capitain fühlte ſich außer Stande, es ihr zu wehren— nahm wieder Platz auf dem alten Sopha und ſah ihn mit einem ſo zärt⸗ lichen und dankbaren Lächeln an, mit einem Lächeln, das ſo deut⸗ lich zeigte, daß ihr verwaiſtes Herz ſich zu ihm wende, wie ihr Antlitz, daß der Rauch der Pfeife dem Capitain in die Kehle kam und ihn zum Huſten reizte, und in die Augen und ſie thränen machte. Die Art, mit welcher der Capitain that, als ob die Urſache die⸗ ſer Anfälle in der Pfeife verborgen ſei, und die Weiſe, in der er in den Kopf guckte und, da darin nichts war, durch das Rohr blies, war wunderbar hübſch. Wie jedoch die Pfeife allmälig in beſſere Ordnung kam, bemächtigte ſich ſeiner die Ruhe, die eines echten Rauchers würdig iſt; die Augen auf Florentinen ge⸗ heftet, ſaß er in ſeliger Gemüthlichkeit da, und ſandte von Zeit zu Zeit ein kleines Wölkchen aus ſeinem Mund empor, als wäre — 88— es ein Zettel mit der Inſchrift; der arme Walter, ja, ja! Er⸗ trunken, nicht wahr? worauf er wieder mit unendlicher Schonung zu rauchen anfing. So unähnlich ſie ſich im Aeußern waren— und es konn⸗ ten kaum zwei Perſonen einen ſchrofferen Gegenſatz bilden, als Flo⸗ rentine in ihrer zarten Jugend und Schönheit, und Capitain Cuttle mit ſeinem warzigen wettergebräunten Geſicht, ſeiner der⸗ ben Geſtalt und ſeiner rauhen Stimme— ſie ſtanden faſt auf gleicher Stufe in einfältiger Unkenntniß von den Wegen, Be⸗ drängniſſen und Gefahren der Welt. Kein Kind konnte Capi⸗ tain Cuttle in Unerfahrenheit in Allem außer in Wind und Wet⸗ ter, in Einfalt, Leichtgläubigkeit und unſchuldigem Vertrauen übertreffen. Glaube, Hoffnung und Barmherzigkeit theilten ſich in ſein Gemüth. Dazu kam noch eine Art Romantik, ganz un⸗ phantaſtiſch, aber auch ganz unwirklich, und keinen Rückſichten der Weltklugheit oder der Ausführbarkeit unterworfen. Wie der Capitain daſaß, und rauchte und Florentinen anſah, ſo erblickte er Gott weiß was für unmögliche Bilder, in denen Florentine als Hauptfigur erſchien. Eben ſo unbeſtimmt und unſicher, obgleich nicht ſo ſanguiniſch, waren ihre eigenen Gedanken von dem Le⸗ ben, wie es nun werden ſollte; und wie durch ihre Thränen das Licht mit prismatiſchen Farben ſchimmerte, ſo ſah ſie auch ſchon am fernen Himmel einen Regenbogen erſcheinen. Eine verirrte Prinzeſſin und ein gutes Ungeheuer in einem Mährchen hätten am. Feuer ſitzen und wie Capitain Cuttle ſprechen und wie Floren⸗ tine denken können— und wären dieſen Beiden nicht unähn⸗ lich geweſen. — 89— Der Capitain hatte nicht die leiſeſte Ahnung von einem Hinderniß, Florentinen zu behalten, oder von einer Verantwort⸗ lichkeit, die er damit auf ſich nahm. Nachdem er den Laden vorge⸗ ſetzt und die Thür verſchloſſen, war er darüber ganz ruhig. Und wenn ſie eine Mündel des Kanzleigerichts geweſen wäre, hätte ſich der Capitain auch nicht mehr darum gekümmert. Er war der letzte Mann auf Erden, der ſich durch ſolche Rückſichten ſtören ließ. So rauchte denn der Capitain ganz gemüthlich ſeine Pfeife und Florentine und er waren wieder nach ihrer Art mit ihren Gedanken beſchäftigt. Als die Pfeiſe ausgeraucht war, tranken ſie Thee; und dann bat ihn Florentine, ſie nach einem Kaufladen in der Nähe zu führen, wo ſie die kleinen Bedürfniſſe, deren ſie be⸗ nöthigt war, kaufen konnte. Da es jetzt ganz dunkel war, er⸗ klärte ſich der Capitain bereit dazu. Vorerſt aber ſah er ſich drau⸗ ßen vorſichtig um, wie damals, wo er ſich vor Mrs. Mac Stinger verſteckte, und bewaffnete ſich alsdann mit einem derben Knittel, im Fall ein unvorhergeſehenes Ereigniß den Gebrauch von Waf⸗ fen nothwendig machen ſollte. Ausnehmend ſtolz war der Capitain, als er Florentinen den Arm gab und ſie zwei⸗ oder dreihundert Schritt weit geleitete, wobei er höchſt aufmerkſam um ſich ſchaute, und durch ſeine über⸗ mäßige Wachſamkeit die Blicke aller Vorübergehenden auf ſich zog. Im Laden angekommen, hielt ſich der Capitain in ſeinem Zartgefühl verpflichtet, ſich während des Einkaufens, da es Klei⸗ dungsſtücke waren, zu entfernen; aber vorher legte er die ble⸗ cherne Büchſe auf den Tiſch, und ſagte der jungen Dame, die den Verkauf beſorgte, daß vierzehn Pfund zwei Schilling darin wä⸗ — 90— ren, und forderte ſie auf, wenn dieſe Summe nicht für ſeiner Nichte Bedürfniſſe ausreichen ſollte— bei dem Worte„Nichte“ warf er Florentinen einen höchſt bedeutſamen Blick zu, begleitet von einer Schlauheit und Vorſicht ausdrückenden Geberde— ihn „anzurufen,“ wo er dann das Uebrige aus der Taſche bezahlen werde. Dann zog er wie zufällig ſeine große Uhr heraus, um ſich damit bei dem Kaufmann in gehörige Achtung zu ſetzen, warf ſeiner Nichte mit dem Haken eine Kußhand zu und ſtellte ſich draußen vor die Thür. Ein köſtlicher Anblick war es dann, wie ſein großes Geſicht manchmal durch die Bänder und Zeuge im Fenſter hereinſchaute, offenbar erfüllt von der Furcht, Florentine könnte durch eine Hinterthür entführt werden. Lieber Capitain Cuttle, ſagte Florentine, als ſie mit einem Päckchen herauskam, deſſen Größe den Capitain klärlich ſehr in ſeinen Erwartungen täuſchte, denn er hatte geglaubt, ſie werde ſich einen ganzen Ballen nachtragen laſſen, ich brauche dies Geld wirklich nicht. Ich habe keines davon gebraucht. Ich beſitze ſelbſt noch Geld. Mein Frölen, erwiderte der getäuſchte Capitain, und ſah gerade vor ſich hin auf die Straße, ſo heben Sie es für mich auf, wenn Sie ſo gut ſein wollen, bis ich's Ihnen wieder abfordere. Darf ichs wieder an ſeinen gewöhnlichen Ort legen, ſagte Florentine, und es dort laſſen? Dem Capitain geſiel dieſer Vorſchlag gar nicht recht, aber er antwortete: Ja, ja, thun Sie es wohin Sie wollen, Frölen, wenn Sie nur wiſſen, wo Sies wieder finden können. Mir — 9— nützt es gar nichts, ſagte der Capitain. Mich wundert's, daß ich's nicht ſchon lange zum Fenſter hinausgeworfen habe. Der Capitain war für den Augenblick ganz niedergeſchla⸗ gen, aber er lebte wieder auf, als er Florentinens Arm auf dem ſeinigen fühlte, und ſie kehrten mit denſelben Vorſichtsmaßregeln, mit denen ſie gekommen, wieder zurück; und der Capitain ſchloß die Thür des kleinen Seecadetten auf, und ſchlüpfte mit einer Schnelligkeit hinein, die er nur der Uebung verdanken konnte. Während Florentine dieſen Morgen geſchlummert, hatte er die Tochter einer ältlichen Dame, die gewöhnlich auf dem Leaden⸗ hallmarkte unter einem blauen Regenſchirme mit Geflügel ſaß, als Aufwärterin beſtellt. Das Mädchen erſchien jetzt, und Flo⸗ rentine fand bald Alles ſo ordentlich und hübſch, wenn auch nicht ſo glänzend, wie in dem gräßlichen Traume, den ſie Vaterhaus genannt hatte. Als ſie wieder allein waren, nöthigte ſie der Capitain, einen Schnitt Toaſt zu eſſen und ein Glas Negus(den er vortrefflich zu bereiten wußte) zu genießen; und nachdem er ſie mit jedem freundlichen Wort und jeder unpaſſenden Citation, die ihm ein⸗ fielen, zu tröſten verſucht hatte, führte er ſie hinauf in ihr Schlaf⸗ zimmer. Aber auch er hatte etwas auf dem Herzen und zeigte ſich nicht ganz unbefangen. Gute Nacht, liebes Herz, ſagte der Capitain in der Thür. Florentine umarmte und küßte ihn. Zu jeder andern Zeit wäre der Capitain von einem ſol⸗ chen Zeichen ihrer Liebe und Dankbarkeit überwältigt worden, aber jetzt, ſo ſehr er ſich darüber freute, ſah er ſie mit noch — 92— größerer Unruhe an, als er bis jetzt gezeigt hatte, und ſchien ſie ungern zu verlaſſen.. Der arme Wal'r! ſagte der Capitain. Der arme, arme Walter! ſeufzte Florentine. Ertrunken, nicht wahr? ſagte der Capitain. Florentine ſchüttelte den Kopf und ſeufzte. Gute Nacht, mein Frölen! ſagte der Capitain Cuttle, und reichte ihr die Hand. Gott behüte Sie, guter, lieber Freund! ſagte Florentine. Aber der Capitain zögerte immer noch. Iſt etwas vorgefallen, guter Capitain Cuttle? frug Flo⸗ rentine, in ihrem jetzigen Gemüthszuſtand leicht zu beunruhigen, haben Sie mir etwas zu ſagen? Zu ſagen, mein Frölen? erwiderte der Capitain und ſah ſie verlegen an. Nein, nein; was ſollte ich Ihnen auch zu ſagen haben, Schönchen! Sie glauben doch nicht, ich hätte Ihnen was Gutes zu ſagen? Nein, ſagte Florentine und ſchüttelte den Kopf. Der Capitain ſah ſie erwartungsvoll an, wiederholte „Nein—“ und blieb immer noch verlegen ſtehen. Der arme Walter! fagte der Capitain. Mein Walter, wie ich dich immer nannte! Sol Gills'Neffe! Allen, die dich kann⸗ ten, willkommen wie Blumen im Mai! Wo biſt du, wackerer Junge! Ertrunken, nicht wahr? Nach dieſen Worten bot der Capitain Florentinen ſarte Nacht und ging die Treppe hinab, während ſein Schützling oben * — 93ñ— ſtehen blieb und ihm leuchtete. Er war ſchon im Dunkel ver⸗ ſchwunden, und ſchien, nach dem Schall ſeiner Fußtritte zu ur⸗ theilen, eben in das Hinterſtübchen treten zu wollen, als ſein Kopf und ſeine Schultern ganz plötzlich wieder auftauchten, allem Anſchein nach zu keinem andern Zweck, als um zu rufen: Ertrun⸗ ken, nicht wahr? denn als er dies in einem Tone zärtlichen Be⸗ dauerns geſagt, verſchwand er wieder. Florentinen bekümmerte es ſehr, daß ſie unwiſſentlich Ver⸗ anlaſſung gegeben, dieſe Erinnerungen in der Seele ihres Beſchü⸗ tzers zu wecken; ſie ſetzte ſich an den kleinen Tiſch, wo der Ca⸗ pitain das Perſpectiv und das Liederbuch und die andern Rari⸗ täten hingelegt, und dachte an Walter und Alles, was mit ihm in der Vergangenheit zuſammenhing, bis ſie faſt hätte wünſchen können, ſich aufs Bett zu legen und zu vergehen. Aber in ihre einſame Sehnſucht nach dem Todten, welchen ſie geliebt, miſchte ſich kein Gedanke an das Vaterhaus— oder an eine Möglichkeit, dahin zurückzukehren. Der Gedanke war für immer in ihr erſtorben. Das letzte Bild, das ſie ſo lange und ſo theuer gehegt, war gewaltſam aus ihrem Herzen geriſſen und vernichtet. So grauenerregend war der Gedanke für ſie, daß ſie ſich die Au⸗ gen verhüllte und vor der geringſten Erinnerung an die rohe Gewaltthat oder an die Hand, die ſie verübt, zitterte. Wenn ihr liebendes Herz ſein Bild noch nach dieſem Vorfall in ſich he⸗ gen konnte, mußte es brechen; aber es konnte es nicht; und die Leere war ausgefüllt mit einer wilden Scheu, die vor jedem Bruchſtück des zertrümmerten Bildes floh— mit einer Scheu, wie ſie nur aus einer ſo tiefen Liebe entſtehen konnte. — 94— Sie wagte nicht in den Spiegel zu ſehen, denn der Anblick des dunkeln Maals auf ihrem Buſen machte ſie vor ſich ſelbſt er⸗ ſchrecken, als trage ſie ein böſes Zeichen an ſich. Sie deckte es zu mit haſtiger zitternder Hand, und im Dunkeln; und legte ihr müdes Haupt weinend auf's Kiſſen. Der Capitain blieb noch lange auf. Er ging eine ganze Stunde auf und ab in dem Laden und dem Hinterſtübchen, und ſchien dadurch zuletzt etwas beruhigt zu ſein; denn er ſetzte ſich mit ernſtem und gefaßtem Geſicht, und las aus einem Gebetbuch die Formel, die auf der See gebräuchlich iſt. Das war nicht ſo leicht gethan; denn der gute Capitain war kein ſehr fertiger Le⸗ ſer, und ſtockte oft bei einem ſchweren Worte, wo er ſich aufmun⸗ ternd zuſprach: Nur friſch, mein Jung'! hol an, Ned Cuttle, hol'an! was ihm die Sache nicht wenig zu erleichtern ſchien. Auch ſeine Brille machte ihm gar viel zu ſchaffen. Aber trotz dieſer Störungen las der Capitain, dem es vollkommen Ernſt damit war, die Gebete durch bis zum letzten Buchſtaben und mit ech⸗ tem Gefühl, und alsdann, nachdem er erſt noch einmal hinauf⸗ gegangen war und an Florentinens Thür gelauſcht hatte, legte er ſich mit ruhigem Herzen und von Wohlwollen ſtrahlendem Ge⸗ ſicht unter dem Ladentiſche zum Schlafe nieder. Der Capitain ſtand mehrmals in der Nacht auf, um ſich zu verſichern, daß ſein Schützling ruhig ſchlummere; einmal kurz nach Tagesanbruch fand er ſie wach; denn ſie frug laut, als ſie Schritte vor ihrer Thür hörte, ob er es ſei. Ja, mein Frölen, erwiderte der Capitain mit einem heiſeren Flüſtern. Alles wohl, Herzblatt? — 1n — 95— Florentine dankte ihm und ſagte:„Ja.“ Der Capitain konnte dieſe vortreffliche Gelegenheit nicht vorbeigehen laſſen, ohne den Mund an das Schlüſſelloch zu le⸗ gen, und wie ein heiſerer Wind hindurch zu rufen: der arme Wal'r! Ertrunken, nicht wahr? worauf er ſich wieder entfernte und ſich noch einmal bis ſieben Uhr ſchlafen legte. Seine unruhige und verlegene Weiſe verließ ihn auch den ganzen Tag nicht; obgleich Florentine, die im Hinterſtübchen eif⸗ rig nähte, ſich viel gefaßter zeigte, als geſtern. Faſt ſtets, wenn ſie die Augen von ihrer Arbeit erhob, bemerkte ſie, daß der Ca⸗ pitain ſie anſah und ſich gedankenvoll das Kinn ſtrich; und er ſchob ſo oft ſeinen Lehnſtuhl dicht an ſie heran, als wollte er ihr etwas ſehr Vertrauliches mittheilen, und ſchob ihn ſo oft wieder zurück, als könnte er ſich noch nicht entſchließen, damit anzufan⸗ gen, daß er im Verlauf des Tages in dieſem gebrechlichen Fahr⸗ zeuge rund um das Hinterſtübchen ſchiffte, und mehr als einmal unter höchſt bedenklichen Umſtänden an der Wand oder an der Alkoventhür ſtrandete. Erſt mit der Dämmerung kam Capitain Cuttle neben Flo⸗ rentinen vor Anker und fing an einigermaßen zuſammenhängend zu ſprechen. Aber als die trauliche Flamme von den Wänden und der Decke des kleinen Zimmers, und von dem Theebret und den Taſſen, die auf dem Tiſche ſtanden, und von dem anmuthi⸗ gen Geſicht zurückglänzte, und ſich in den Thränen ſpiegelte, die in ihren Augen glänzten, brach der Capitain ein langes Schweigen. 1 Sie waren nie auf der See, mein Herzchen? frug er. Nein, entgegnete Florentine. — 96— Ja, ſagte der Capitain andächtig, es iſt ein allmächtiges Element. Wunder ſind in der Tiefe, mein Herzchen. Denken Sie daran, wenn die Winde brüllen und die Wellen toſen. Den⸗ ken Sie daran, wenn die ſtürmiſche Nacht ſo pechfinſter iſt, ſagte der Capitain mit feierlicher Stimme und erhob ſeinen Haken in die Luft, daß man nicht die Hand vor den Augen ſehen kann, außer wenn die gelben Blitze ſie ſichtbar macht; und wo man immer fort treibt durch Finſterniß und Sturm, als ſollte es fort⸗ gehen bis an der Welt Ende in Ewigkeit Amen. Das ſind die Zeiten, mein Herzchen, wo ein Mann zu ſeinem Kameraden ſagt, wenn er erſt das Buch durchgeblättert hat:„Ein ſteifer Nordweſter das, Bill; horch, wies jetzt ſauſt! Lieber Gott, wie bedauere ich die armen Leute am Lande jetzt!“ Als beſonders anwendbar auf die Schrecken des Oceans gab der Capitain dieſes Citat mit gro⸗ ßer Wichtigkeit zum Beſten, und ſchloß mit einem volltönenden: „Nur munter!“ Waren Sie einmal in einem heftigen Sturme? frug Flo⸗ rentine. O ja, mein Frölen, ich hab' meinen guten Theil gehabt von ſchlechtem Wetter, ſagte der Capitain und wiſchte ſich mit zittern⸗ der Hand die Stirn; aber ich meinte nicht mich. Unſer lieber Jung'— er rückte näher an ſie heran— Walr, mein Herzblatt, der ertrunken iſt. 1 Des Capitains Stimme zitterte ſo ſehr, und ſein Geſicht war ſo blaß und aufgeregt, daß Florentine ganz erſchrocken ſeine Hand ergriff. ——.,——.—, — 97— Sie ſehen ganz anders aus, rief Florentine. Was giebt's? Lieber Capitain Cuttle, mich überläuft es eiskalt vor Angſt bei dieſem Anblick! Was! Frölen, erwiderte der Capitain, und ſtützte ſie mit der Hand, nur Muth! Nein, nein! Alles wohl, Alles wohl, Herz⸗ chen. Wie ich ſagen wollte— Wal'r— der— der— iſt er⸗ trunken. Nicht wahr? Florentine ſah ihn geſpannt an; die Farbe ihrer Wangen kam und ging; und ſie legte die Hand auf ihre Bruſt. Es giebt Gefahren und Unglücksfälle auf dem Meere, Tau⸗ ſendſchönchen, ſagte der Capitain; und manches wackere Schiff und manches kühne Herz deckt das ſtumme Meer zu und ſagt nichts von ihm. Aber auch Glücksfälle giebt's auf dem Meere und manchmal wird Einer von Zwanzigen,— ja, vielleicht Einer von Hunderten, Herzchen,— gerettet durch Gottes Barmherzig⸗ keit, und kehrt zurück, wenn man ihn längſt für todt gehalten. Ich— ich weiß ſo eine Geſchichte, Herzenswonne, ſtammelte der Capitain, die man mir einmal erzählt hat; und da ich einmal da⸗ bei bin, und wir beide ſo allein am Feuer ſitzen, ſo hören Sie ſie vielleicht gern. Was meinen Sie, Herzchen? Florentine fühlte ſich von einer Aufregung erfüllt, welche ſie weder beherrſchen noch deuten konnte; unwillkürlich folgte ſie ihres Beſchützers Blick, der über ihre Schulter nach dem Laden ſah, wo eine Lampe brannte. Aber kaum drehte ſie den Kopf um, ſo ſprang der Capitain vom Stuhle auf und hielt ihr die Hand vor das Geſicht. Boz. Dombey u. Sohn. VIII. 7 — 98— Dort iſt nichts, mein Kleinod, ſagte der Capitain. Sehen Sie nicht dorthin! Warum nicht? frug Florentine. Der Capitain brummte etwas wie: es ſei dort ungemüth⸗ lich, und in der Nähe des Feuers ſei es heimlicher. Er lehnte die Thür an, die bis dahin offen geſtanden hatte, und nahm dann wieder ſeinen Platz ein. Florentine folgte ihm mit ihren Blicken, und ſah ihn geſpannt an. Es iſt eine Geſchichte von einem Schiffe, mein Frölen, fing der Capitain an— das mit gutem Wind und Wetter aus dem Hafen von London ſegelte, nach— ſehen Sie nicht hinter ſich, Frölen— das Schiff fuhr— fuhr blos über's Meer. Der Ausdruck von Florentinens Geſicht beunruhigte den Ca⸗ pitain, der ſelbſt kaum weniger aufgeregt als ſein Schützling war. Soll ich weiter erzählen, Herzblättchen? ſagte der Capitain. Ja, ja, ich bitte Sie darum! rief Florentine aus. Der Capitain ſchluckte, als müßte er etwas hinunterbrin⸗ gen, was ihm in der Kehle ſtecken geblieben, und fuhr ganz auf⸗ geregt fort: Das arme Schiff hatte auf der Reiſe ſo böſes Wetter, wie es ſeit zwanzig Jahren nicht gegeben, Herzchen. Auf dem feſten Lande waren Orkane, welche Wälder niederſchmetterten und Städte über den Haufen ſtürzten, und auf dem Meere Stürme, die das ſtärkſte Schiff nicht aushalten konnte. Tag für Tag hielt ſich das arme Schiff brav und that ſeine Schuldigkeit, aber mit einer einzigen Welle waren ſeine Bollwerke eingeſchlagen, ſeine Maſten und ſeine Ruder weggeriſſen, die beſten Leute über — 99— Bord geſpült; und das Schiff war ein Spiel des Sturmes, der immer ärger und ärger wehte, während die Wellen ſich über das Fahrzeug hinwegwälzten und es zerſchmetterten wie eine gebrech⸗ liche Muſchel.— Jeder ſchwarze Punkt in jedem von dannen rol⸗ lenden Waſſerberge war ein Stück von dem Leben des Schiffes oder ein lebendiger Menſch, und ſo ging es unter, Herzblättchen, und nie wird Gras wachſen über dem Grabe derer, welche auf dem Schiffe waren. Sie gingen nicht Alle unter! rief Florentine. Ein paar wurden gerettet!— Einer ſicherlich! An Bord dieſes armen Schiffes, ſagte der Capitain, indem er von ſeinem Stuhl aufſtand und mit wunderbarer Energie des Frohlockens die Fauſt ballte— befand ſich ein Junge, ein bra⸗ ver Junge— wie man mir erzählt hat— der als Knabe ſchon gern von wackern Handlungen bei Schiffbrüchen las und erzählte — ich habe ihn gehört! ich habe ihn gehört!— und er dachte daran in der Stunde der Bedrängniß; denn als die tapferſten Herzen und älteſten Seeleute den Muth verloren, da blieb er noch feſt und munter. Nicht weil es ihm auf dem Lande an Gegen⸗ ſtänden fehlte, die er liebte, war er ſo muthig; nein, es war ſeine natürliche Art ſo. Ich hab's in ſeinem Geſicht geſehen, als er noch ein bloßes Kind war,— ja, viele Mal! und als ich glaubte, es ſei nur ſeine Hübſchheit! Und er wurde gerettet! rief Florentine. Er wurde ge⸗ rettet! Dieſer brave Junge, ſagte der Capitain— ſehen Sie mich an, Engelchen! Sehen Sie ſich nicht um— 7 — 100— Florentine hatte kaum Kraft genug, um zu fragen: Warum nicht? 1 Weil dort nichts zu ſehen iſt, Herzchen, ſagte der Capitain. Sein Sie nicht betrübt, Tauſendſchönchen! Um Walters Willen nicht, der uns Allen ſo lieb war! Dieſer wackere Junge, fuhr der Capitain fort, nachdem er mit den Beſten gearbeitet, und die Schwachen ermuthigt, und in alten Leuten einen Geiſt wach er⸗ halten, daß ſie ihn ehrten, als wäre er ein Admiral— dieſer wackere Jung blieb mit dem zweiten Steuermann und einem Ma⸗ troſen von allen lebendigen Weſen auf dem Schiffe allein übrig. — Sie hatten ſich feſt gebunden an einem Stück vom Wrack und ſchwammen ſo auf dem ſtürmiſchen Meer. Wurden ſie gerettet? rief Florentine. Viele Tage und Nächte lang trieben ſie auf dem grenzenlo⸗ ſen Meere umher, erzählte der Capitain weiter, bis ſie endlich— nein! ſehen Sie nicht dorthin, Herzchen!— einem Schiffe begeg⸗ neten und ſo durch Gottes Barmherzigkeit gerettet wurden: zwei Lebendige und eine Leiche. Welcher von ihnen war todt? rief Florentine. Nicht der Jung', von dem ich ſpreche, ſagte der Capitain. Gott ſei geprieſen! ſagte Florentine. 4 Amen! erwiderte der Capitain in höchſter Aufregung. Aber nicht weinen! Nur noch einen Augenblick, mein Frölen! Nur friſch und munter!— mit dieſem Schiff machten ſie eine weite Reiſe quer über die Charte(denn ſie legten nirgends an) und auf dieſer Reiſe ſtarb der Matroſe, der mit ihm gerettet worden. Aber er blieb am Leben, und— — 101— Ohne zu wiſſen, was er that, hatte der Capitain ein Scheib⸗ chen Brod abgeſchnitten, ſteckte es auf ſeinen Haken(ſeine gewöhn⸗ liche Röſtgabel) und hielt es ans Feuer; dabei blickte er über Florentinens Achſeln hinweg, die ihm mit großer Bewegung ins Antlitz ſah, und ließ das Brod in Brand gerathen, als ob es ein Stück Holz wäre. Er blieb am Leben, wiederholte Florentine, und— 2 Und kehrte zurück mit dem Schiffe, ſagte der Capitain, im⸗ mer noch nach dem Laden zu blickend, und— erſchrecken Sie nicht, Herzchen— und landete; und kam eines Morgens heimlich an ſeine Thür, um Beobachtungen anzuſtellen, denn er wußte, daß ſeine Freunde ihn für ertrunken hielten, ging aber wieder fort, als er ganz unerwartet Hundegebell hörte— Hundegebell? rief Florentine raſch. Ja, ſagte der Capitain immer aufgeregter. Ruhig, Herz⸗ blatt! Muth! Sehen Sie ſich noch nicht um. Sehen Sie dort! an der Wand! Der Schatten eines Mannes erſchien an der Wand dicht neben ihr. Sie ſprang auf, ſah ſich um, und ſah mit einem durch⸗ dringenden Aufſchrei Walter Gay hinter ſich ſtehen! Sie ſah in ihm nur einen Bruder, einen Bruder, wieder⸗ erſtanden aus dem Grabe; einen Bruder, gerettet aus dem Schiff⸗ bruch und neben ihr ſtehend; und ſtürzte an ſeine Bruſt. In der ganzen Welt erſchien er allein ihr als Hoffnung, Troſt, Zu⸗ flucht und natürlicher Beſchützer.„Sorge für Waltern, ich war Waltern gut!“ Die theure Rückerinnerung an die klagende Stimme, welche dieſe Worte ſprach, kam über ihre Seele wie — 102— Muſik in ſtiller Nacht!„O, willkommen, lieber Walter! Will⸗ kommen in dieſem verwundeten Herzen!“ Sie fühlte dieſe Worte, obgleich ſie dieſelben nicht ausſprechen konnte, und hielt ihn feſt in ihrer jungfräulichen Umarmung. In einem Anfall von Verzückung verſuchte Capitain Cuttle ſich mit dem verbrannten Toaſt an ſeinem Haken die Stirn abzu⸗ wiſchen; da dies jedoch nicht gehen wollte, legte er das Brod⸗ ſcheibchen in ſeinen lackirten Hut, ſetzte dieſen mit einiger Schwie⸗ rigkeit auf, verſuchte einen Vers von der ſchönen Peg zu ſingen, blieb bei dem erſten Worte ſtecken, und flüchtete ſich in den Laden, um gleich darauf wieder mit ganz geröthetem und beſchmiertem Ge⸗ ſicht und ganz ſchlapp gewordenem Hemdkragen zurückzukehren und zu ſagen: Walr, mein Jung, hier iſt ein kleines Eigenthum, das ich zu übergeben wünſchte, gemeinſchaftlich! Der Capitain legte mit unruhiger Haſt die große Uhr, die Theelöffel, die Zuckerzange und die Sparbüchſe auf den Tiſch und ſtrich ſie mit der großen Hand in Walters Hut; aber wie er dieſen merkwürdigen Schatzkaſten Waltern übergab, fühlte er ſich abermals ſo überwältigt, daß er noch einmal in den Laden flüchten mußte, und diesmal länger wegblieb. Aber Walter ſuchte ihn draußen, und brachte ihn wieder zurück; und jetzt war des Capitains Hauptbeſorgniß, daß Flo⸗ rentinen die Erſchütterung ſchaden möchte. So ſehr beſürchtete er dies, daß er ganz vernünftig wurde, und jede Anſpielung auf Walters Abenteuer und Fährlichkeiten für die nächſten Tage un⸗ bedingt verbot. Allmälig gewann der Capitain ſo viel Faſſung, — 10⁰03— daß er den Toaſt wieder aus ſeinem Hute holte und Platz am Tiſche nahm; aber wie Walter ſich auf der einen Seite über ſeine Schulter lehnte, und Florentine auf der andern ihm mit ge⸗ rührter Stimme Glückwünſche zuflüſterte, mußte er von neuem die Flucht ergreifen, und blieb gute zehn Minuten weg. Aber niemals in ſeinem Leben hatte des Capitains Geſicht ſo geleuchtet, wie zuletzt, als er ruhig am Theetiſch ſaß, und ſeine Augen von Florentinen zu Waltern, und von Waltern zu Flo⸗ rentinen wanderten. Dieſer Glanz war nicht etwa entſtanden, weil ſich der Capitain die letzte halbe Stunde in einem fort das Geſicht mit dem Rockärmel polirt hatte. Er war blos eine Folge ſeiner Gemüthsbewegung. Des Capitains Seele war von einer Heiterkeit und Wonne erfüllt, die ſich über ſein ganzes Geſicht verbreiteten und dort eine vollkommene Illumination anzündeten. Der Stolz, mit dem der Capitain die gebräunte Wange und die kühnen Augen des wiedergefundenen Lieblings betrachtete, und den ſchönen Enthuſiasmus der Jugend und alle ſeine herrli⸗ chen und hoffnungsreichen Eigenſchaften aus dem friſchen und freien Weſen und dem offenen Geſicht leuchten ſah, konnten ihren Theil an dieſem Lichte haben. Die Bewunderung und Theil⸗ nahme, mit der er Florentinen anblickte, deren Schönheit, Anmuth und Unſchuld keinen treuern Ritter als ihn haben konnten, waren auch eine Urſache davon. Aber der volle Glanz, den er um ſich verbreitete, konnte nur entſtehen aus der Betrachtung des verein⸗ ten Paares und allen daraus ſich erzeugenden Phantaſien, die in ſeinem Kopfe auftauchten und ihn umtanzten. — 104— Wie ſie von dem armen alten Onkel Sol ſprachen, und bei jedem kleinen, auf ſein Verſchwinden bezüglichen Umſtand verweil⸗ ten; wie ihre Freude durch des Alten Abweſenheit und Florenti⸗ nens Unglück getrübt wurde; wie ſie Diogenes befreiten, den der Capitain früher hinaufgelockt hatte, damit er nicht wieder belle, das begriff der Capitain recht gut, obgleich er in beſtändiger Auf⸗ regung war und dann und wann wieder in den Laden flüchtete. Aber er ahnte eben ſo wenig, daß Walter Florentinen von einer neuen und weit entfernten Stellung aus anſah; daß, während ſeine Augen oft das liebliche Geſicht ſuchten, ſie doch nur ſelten dem offenen Blick ſchweſterlicher Liebe begegneten, ſondern auswichen, wenn ſie ihn anſah, als er glaubte, daß blos Walters Geiſt ne⸗ ben ihm ſitze. Er ſah ſie nebeneinander in ihrer Jugend und Schönheit, und er kannte die Geſchichte ihrer Jugend; und er hatte unter ſeiner großen blauen Weſte keinen Zoll Platz für et⸗ was Anderes als Bewunderung eines ſolchen Paares, und Dank⸗ barkeit, daß ſie wieder vereinigt waren. So ſaßen ſie, bis es ſpät wurde. Der Capitain hätte lie⸗ ber eine Woche lang ſo geſeſſen. Aber Walter ſtand auf, um ſich zu verabſchieden. b Gehen, Walter, ſagte Florentine. Wohin? Seine Hängematte hängt vor der Hand bei Nachbar Brog ley, Frölen, ſagte Capitain Cuttle. Ganz nahebei, Herzens⸗ wonne. Ich bin Schuld, daß Sie fortgehen, Walter, ſagte Floren⸗ tine. Eine obdachloſe Schweſter nimmt Ihren Platz ein. — — 105— Liebe Miß Dombey, erwiderte Walter zögernd— wenn ich mir erlauben darf, Sie ſo zu nennen!— Walter! rief ſie verwundert aus. Wenn noch etwas mein Glück, Sie ſehen und ſprechen zu dürfen, vermehren könnte, ſo wäre es gewiß die Entdeckung, daß ich Ihnen nur einen Augenblick von Nutzen ſein könnte! Wohin würde ich nicht gehen, was würde ich nicht thun Ihretwegen! Sie lächelte und nannte ihn Bruder. Sie haben ſich ſo verändert! ſagte Walter. Ich mich verändert? unterbrach ihn Florentine. Mir gegenüber, ſagte Walter leiſe, als ob er laut denke. Ich verließ ſie als ein Kind und finde jetzt— o!— etwas ganz Anderes! Aber Ihre Schweſter, Walter! Sie haben doch nicht ver⸗ geſſen, was wir uns beim Abſchied einander verſprachen? Vergeſſen! Aber weiter ſagte er nichts. Und wenn Sie es vergeſſen hätten, fuhr ſie fort— wenn Gefahr und Noth es bei Ihnen in Vergeſſenheit gebracht hätten, — ſo würden Sie jetzt wieder daran denken, Walter, wo Sie mich wiederfinden arm und verlaſſen, und ohne Freunde außer den Beiden, die mich ſprechen hören. Ich würde mich daran erinnern! Der Himmel ſet mein Zeuge! ſagte Walter. Ach, Walter! rief Florentine mit Thränen aus. Lieber Bruder! Zeigen Sie mir einen Weg durch die Welt, einen be⸗ ſcheidenen Pfad, den ich allein gehen und auf dem ich arbeiten und manchmal an Sie als Den denken kann, der mich hütet und — 106— beſchützt, wie eine Schweſter! O, helfen Sie mir, Walter, denn ich bedarf der Hülfe ſo ſehr!. Miß Dombey! Florentine! Ich würde ſterben, um Ihnen zu helfen. Aber Ihre Verwandten ſind ſtolz und reich. Ihr Vater— Nein, nein, Walter! Sie ſchrie auf, und legte die Hände an die Stirne mit einer Miene des Entſetzens, welche ihn erſtar⸗ ren machte. Sprechen Sie dies Wort nicht aus! Von dieſer Stunde an vergaß er nie wieder den Ton und den Blick, mit dem ſie ihn unterbrochen. Er fühlte, daß er ſie nicht vergeſſen könnte, und wenn er hundert Jahre lebte. ene— nur nicht nach Hauſe! Alles fort, ver⸗ loren und vernichtet! Die ganze Geſchichte ihrer ſtillen Leiden war in dieſem Schmerzensruf und in dieſem Blick zu leſen. Sie legte ihr kindliches Antlitz auf des Capitains Achſel, und erzählte, wie und warum ſie geflohen. Wenn jede Schmer⸗ zensthräne, die ſie dabei vergoß, ein Fluch über das Haupt deſſen geweſen wäre, den ſie nie nannte oder ſchmähte, ſo wäre es beſſer für ihn geweſen— ſo dachte Walter mit Schauer— als daß ſich ſo mächtige und innige Liebe auf ewig von ihm kehrte. Mein Herzblättchen! ſagte der Capitain, als ſie auserzählt hatte; und der Capitain hatte ihr gar tiefe Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt und mit offenem Munde und verkehrt aufgeſetztem Hut zu⸗ gehört. Dann fuhr er fort: Walter, mein Jung', geh jetzt für heute, und überlaß Herzenswonne mir! Walter faßte ihre Hand mit ſeinen beiden Händen, drückte ſie an die Lippen und küßte ſie. Er wußte jetzt, daß ſie wirk⸗ — 18—.—.———-„„, — 107— lich ein obdachloſer verwaiſter Flüchtling war; aber obgleich ſie ihm ſo theuer war als in dem ganzen Glanze ihrer frühern Stel⸗ lung, ſo kam ſie ihm doch noch weiter entrückt vor, als wenn ſie nooch auf der Höhe ſtünde, die ihn in ſeinen Knabenträumen ſchwindeln gemacht. Von derartigen Gedanken nicht gequält, geleitete Capitain Cuttle Florentinen nach ihrem Zimmer und ſtand von Zeit zu Zeit Wache auf dem geweihten Boden vor der Thür— denn als ſolche galt ſie ihm— bis er ſich ſo weit über ſie beruhigt hatte, daß er unter dem Ladentiſch ſich ſchlafen legen konnte. Als er zu dieſem Zweck ſeinen Poſten verließ, konnte er ſich nicht ent⸗ halten, einmal ganz entzückt durch das Schlüſſelloch zu rufen: Ertrunken, nicht wahr, Engelchen?— und als er unten war, den Vers von der ſchönen Peg zu verſuchen. Aber er blieb ihm doch in der Kehle ſtecken, und er konnte nicht damit zurecht kommen; ſo ging er denn zu Bett, und träumte, der alte Sol Gills ſei an Mrs. Mac Stinger verheirathet, und werde von dieſer Dame bei karger Koſt in einem geheimen Zimmer gefangen gehalten. Funfzigſtes Kapitel. Mr. Toots' Klage. 8. Im Erdgeſchoß des hölzernen Seecadetten befand ſich ein leeres Zimmerchen, welches in früheren Zeiten aee echa nnne geweſen war. Walter weckte den Capitain bei Zeiten uͤnd ſchlug ihm vor, die beſten Meubeln aus dem Hinterſtübchen in dieſe Kammer zu ſchaffen, damit Florentine, wenn ſie aufſtünde, davon Beſitz nehmen könne. Da dem Capitain nichts angenehmer ſein konnte, als ſich in einer ſolchen Sache ſehr zu erhitzen und außer Athem zu arbeiten, ſo ging er— wie er ſelbſt ſagte— mit allem Eifer ans Werk; und in ein paar Stunden war dies Kämmer⸗ chen in eine Art Landkajüte verwandelt, geſchmückt mit dem aus⸗ erleſenſten Hausrath aus dem Hinterſtübchen, ſelbſt mit Einſchluß der Fregatte Tartar, welche der Capitain mit ſo außerordentlicher 4 Befriedigung über dem Kamine aufhing, daß er eine ganze halbe 1 Stunde lang weiter nichts zu thun wußte, als beſtändig vor dem Bilde in Bewunderung verloren rückwärts zu gehen. 8 8 8 88o£ x » V — 400— Keine Ueberredungskunſt Walters konnte den Capitain be⸗ wegen, die große Uhr aufzuziehen, die Sparbüchſe wieder zu neh⸗ 4 men oder die Zuckerzange und die Theelöffel wieder anzurühren. Nein, nein, mein Jung', gab der Capitain auf jede Aufforderung dieſer Art zur Antwort, ich habe dieſes kleine Eigenthum überge⸗ ben, gemeinſchaftlich.— Dieſe Worte wiederholte er mit großer Salbung und außerordentlichem Ernſte, offenbar in dem Glau⸗ ben, daß ſie die Kraft einer Parlamentsakte hätten, und kein Formfehler in dieſer Art der Uebergabe gefunden werden könne, wenn er ſich nicht durch eine neue Beſtätigung der Eignerſchaft compromittire. Ein Vortheil der neuen Einrichtung war, daß ſie erſtens Florentinen erlaubte, in großer Zurückgezogenheit zu leben, und dann, daß jetzt der Seecadett wieder ſeinen gewöhnlichen Poſten einnehmen konnte und die Laden geöffnet werden durften. Letz⸗ tere Maßregel, ſo unwichtig ſie auch dem argloſen Capitain er⸗ ſchien, war nicht ganz überflüſſig; denn am Tage vorher hatte das Geſchloſſenbleiben des Ladens in der Nachbarſchaft ſo viel Auf⸗ ſehen gemacht, daß das Haus des Opticus die Aufmerkſamkeit des Publicums in hohem Grade auf ſich gezogen hatte, und den ganzen Tag über von Gruppen Neugieriger, die ſich auf der Straße ſammelten, angeſtarrt worden war. Die Pfaaſtertreter und Tagediebe der Nachbarſchaft hatten ſich ganz beſonders um des Capitains Schickſal bekümmert; Manche ſogar ſcheuten ſich nicht vor dem Schmuze, um durch das Kellergitter unter dem Ladenfenſter hineinzugucken, und ihre Phantaſie mit der Einbil⸗ dung zu erfreuen, daß ſie ein Stück ſeines Rockes ſehen könnten, ——— d —— — 1— wie er in der Ecke hing; doch wurde dieſe Vermuthung heftig beſtritten von einer Gegenpartei, welche der Meinung war, der Capitain läge, erſchlagen mit einem Hammer, auf der Treppe. Es erregte daher einige Unzufriedenheit, als der Gegenſtand die⸗ ſer Gerüchte am frühen Morgen an der Ladenthür erſchien, ſo friſch und geſund, als ob nichts geſchehen wäre; und der Beadle jener Straße, ein Mann von Ehrgeiz, der ſich ſchon gefreut hatte, bei dem Aufbrechen der Thür anweſend zu ſein, und vor dem Coroner in Uniform als Zeuge verhört zu werden, ging ſogar ſo weit, daß er zu einem Nachbar gegenüber ſagte: Der Burſche mit dem lackirten Hute thäte gut, ſo etwas hier nicht zu verſu⸗ chen— ohne aber weiter zu erwähnen, was— und er, der Beadle, werde ihn im Auge behalten. Capitain Cuttle, ſagte Walter nachdenklich, als ſie nach ih⸗ rer Arbeit zuſammen an der Ladenthür ſtanden— es war noch ſehr früh am Tage—; die ganze Zeit über hat Onkel Sol nichts von ſich hören laſſen? Ganz und gar nichts, erwiderte der Capitain und ſchüttelte den Kopf. Der liebe gute Alte ſucht mich auf, und ſchreibt kein einzi⸗ ges Mal an mich! ſagte Walter. Aber warum nicht? Allerdings ſagt er in dem Briefe, den ihr mir übergeben habt— er nahm das Packet aus der Taſche, das in des klugen Bunsby Gegen⸗ wart eröffnet worden— daß ihr ihn für todt halten ſolltet, wenn ihr vor dem Eröffnen dieſes Briefs nichts von ihm hörtet. Der Himmel verhüte es! Aber ihr hättet von ihm gehört, ſelbſt wenn er todt wäre! Gewiß hätte Jemand auf ſeinen Wunſch 1 —— 8 ͤ—2· 8 8V — 11— geſchrieben, wenn er's nicht hätte thun können, und hätte berich⸗ tet:„an dem und dem Tage ſtarb in meinem Hauſe, oder in mei⸗ nen Armen u. ſ. w. Mr. Salomo Gills aus London, der Ihnen dieſe letzte Erinnerung und dieſe letzte Bitte hinterließ.“ Der Capitain, der ſich nie zu einer ſolchen Höhe der Wahr⸗ ſcheinlichkeit emporgeſchwungen, war ganz überraſcht von der da⸗ durch eröffneten weiten Ausſicht, und erwiderte mit einem gedan⸗ kenvollen Kopfſchütteln:„Gut geſagt, mein Jung', ſehr gut geſagt.“ Ich habe eine ganze ſchlafloſe Nacht hindurch an dieſe Sache gedacht, oder wenigſtens, ſagte Walter erröthend, an dieſe und an eine andere, und ich kann nicht anders glauben, Capitain Cuttle, als daß Onkel Sol(Gott ſegne ihn!) noch am Leben iſt und zurückkehren wird. Ich wundere mich nicht ſo ſehr über ſein Fortgehen, weil ganz abgeſehen von dem Hang zum Aben⸗ teuerlichen, den ſein Charakter immer hatte, und von ſeiner gro⸗ ßen Liebe zu mir, die ihm Alles Andere verſchwinden machte, was Niemand beſſer wiſſen kann, als ich, der in ihm den beſten aller Vaͤter fand— Walters Stimme wurde hier undeutlich und zitternd, und er ſah weg und die Straße hinab— ganz abge⸗ ſehen von dem, ſage ich, habe ich auch oft geleſen und gehört von Leuten, die einen nahen und theuern Verwandten hatten, welcher dem Gerüchte nach im Schiffbruche umgekommen, daß ſie nach dem Theil der Seeküſte gezogen ſind, wo eine Nachricht von dem ver⸗ mißten Schiff am eheſten zu erwarten war, und wäre es nur eine oder zwei Stunden früher, oder daß ſie ſelbſt nach jenes Schiffes Beſtimmungsort gereiſt ſind, als ob ihr Hingehen Nachricht her⸗ beiſchaffen würde. Ich glaube, ich könnte es ſelbſt ſo machen, ſo — 12— gutwie jeder Andere, oder vielleicht noch eher. Aber warum mein Onkel nicht an euch ſchreibt, da er es doch ſo offenbar beabſich⸗ tigte, oder wie er in der Fremde ſterben ſollte, ohne daß ihr es durch einen Dritten erfahren Lu. das kann ich mir nicht er⸗ klären. 8 Capitain Cuttle bemerkte mit einem m Kopfſchütteln, daß ſo⸗ gar Jack Bunsby es nicht hätte erklären können, ein Mann, der doch ſchon etwas herauszukriegen wiſſe.+ Wäre mein Onkel ein leichtſinniger junger Mann, der ſich durch ſidele Geſellſchaft in eine Schenke locken ließe, wo man ihn wegen des Geldes, das er bei ſich hat, bei Seite ſchaffte, ſagte Walter; oder ein luſtiger Matroſe, der mit ſeinem Vierteljahrs⸗ lohn in der Taſche ans Land geht, ſo könnte ich mir ein ſo ſpur⸗ loſes Verſchwinden erklären. Aber nach dem, was er war— und noch iſt, wie ich glaube— kann ich es nicht glauben. Walr, mein Jung, frug der Capitain und ſah den Nach⸗ finnenden erwartungsvoll an, was meint ihr dazu? Capitain Cuttle, entgegnete Walter, ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll. Ich vermuthe, er hat wirklich nicht ge⸗ ſchrieben! Sollte darüber noch ein Zweifel ſein? Geſetzt, Sol Gills hätte geſchrieben, mein Jung', erwi⸗ derte der Capitain, wo wäre denn die Depeſche? 1 Nehmen wir an, er hätte ſie mit Privatgelegenheit geſchickt, ſagte Walter, und ſie wäre vergeſſen, oder verlegt, oder verlo⸗ ren worden. Selbſt das iſt mir noch wahrſcheinlicher als das Andere. Mit einem Worte, Capitain, ich kann mir den andern Fall nicht denken, und will es auch nicht. — 113— Hofft, Wal', ſagte der Capitain weiſe, hofft. Das hält euch aufrecht. Hoffnung iſt eine Boje, das könnt ihr nachſehen im kleinen Sänger, ſentimentale Lieder, aber Gott! mein Jung, wie jede andere Boje ſchwimmt ſie blos, man kann ſie nirgendwohin ſteuern. Bei dem Bilde der Hoffnung, fuhr der Capitain fort, iſt ein Anker; aber was hilft mir ein Anker, wenn ich keinen Grund habe, wo er faſſen kann? Capitain Cuttle ſprach dies mehr in ſeiner Rolle als ge⸗ ſcheidter Bürger und Hausvater, verpflichtet einen Broſamen ſei⸗ ner Weisheit der unerfahrenen Jugend mitzutheilen, als in ſeiner eigenen Perſon. Wie er ſprach, leuchtete wirklich ſein Geſicht von neuer Hoffnung, mit der ihn Walter angeſteckt hatte; und er ſchloß ſehr angemeſſen damit, daß er ihn auf die Schulter ſchlug, und mit großem Feuer ausrief: Hurrah, mein Jung! Für meine Perſon bin ich eurer Meinung. Walter gab ihm mit ſeinem fröhlichen Lachen den Schlag zurück und ſagte: Nur noch ein einziges Wort über meinen Onkel, Capitain. Ihr haltet es nicht für möglich, daß mein Onkel auf dem gewöhn⸗ lichen Wege, mit dem Packetſchiff, meine ich, geſchrieben haben kann— Ja, ja, mein Jung', erwiderte der Capitain beiſtimmend. — und daß euch der Brief auf irgend eine Weiſe verfehlt hat? O, Wal, ſagte der Capitain und ſah ihn mit einem ſchwa⸗ chen Verſuch an, ein vorwurfsvolles Geſicht zu machen, habe ich nicht Tag und Nacht auf Nachricht von dem Manne der Viſſenſchaſt, Boz. Dombey u. Sohn. VIII. 8 5 * — 114— Sol Gills, gewartet, ſeitdem er verſchwunden iſt? Iſt nicht mein Herz um ihn und euch immer bekümmert und beſorgt geweſen? War ich nicht ſchlafend und wachend auf meinem Poſten, und hätte ich mich nicht geſchämt, ihn zu verlaſſen, ſo lange der See⸗ cadett noch zuſammenhält? Ja, Capitain Cuttle, erwiderte Walter und ergriff ſeine Hand, ich weiß, daß ihr das thun würdet, und wie wahr und aufrichtig Alles iſt, was ihr ſagt. Ich bin davon überzeugt. Glaubt mir, ich bin ſo feſt überzeugt wie davon, daß mein Fuß wieder hier auf dieſer Stelle ſteht, und daß ich wieder dieſe treue . Hand halte. Ihr glaubt es mir doch? Ja, ja, Wal', entgegnete der Capitain mit ſtrahlendem Geſicht. Ich will mich weiter nicht in Vermuthungen verlieren, ſagte Walter, und ſchüttelte herzlich die Hand des Capitains, der den Druck mit gleichem Feuer erwiderte. Ich will blos noch hinzu⸗ fügen, daß ich um keinen Preis Hand an meines Onkels Beſitz⸗ thum legen werde, Capitain Cuttle! Alles, was er hier zurückge⸗ laſſen hat, bleibe unter der Obhut des getreueſten Verwalters und beſten Menſchen— und wenn ſein Name nicht Cuttle iſt, ſo hat er keinen Namen! Jetzt, beſter Freund— von Miß Dombey. Walters Weiſe und Ton veränderte ſich merklich, als er dieſen Namen ausſprach; wie mit einem Schlag ſchien ihn alle Hoffnung und Heiterkeit verlaſſen zu haben. Ich glaubte, bevor Miß Dombey mich unterbrach, als ich geſtern Abend ihren Vater nannte, ſagte Walter— ihr erin⸗ nert's euch wohl? ] — 115— Der Capitain nickte bejahend mit dem Kopfe. Ich glaubte, fuhr Walter fort, wir würden blos eine ſchwere Pflicht zu erfüllen haben, nämlich ſie zu bewegen, mit ihren Ver⸗ wandten zu ſprechen und nach Hauſe zurückzukehren. Der Capitain brummte ein ſchwaches: Hol' an! oder friſch und munter! oder etwas ähnliches für die Gelegenheit höchſt Paſſendes; aber die gänzliche Entmuthigung, mit der er dieſe Ankündigung aufnahm, machte es zu einer bloßen Vermuthung, was es eigentlich ſei. Aber das iſt vorbei, ſagte Walter. Ich denke jetzt nicht mehr ſo. Lieber wollte ich wieder auf dem Stück Wrack ſein, auf dem ich ſeit meiner Rettung ſo oft im Traume geſchwommen bin, und bleiben, und ſterben! Hurrah, mein Jung'! rief der Capitain mit einem unbe⸗ zwingbaren Ausbruch ſeiner Befriedigung. Hurrah! hurrah! hurrah! Nur zu denken, daß ſie, ſo jung, ſo gut und ſo ſchön, ſagte Walter, im Wohlleben aufgewachſen und zu einem ganz anderen Schickſale beſtimmt, nun mit der rauhen Welt kämpfen ſoll!— Aber wir haben geſehen, welche Kluft ſie von Allem trennt, was ſie zurückgelaſſen hat, obgleich Niemand als ſie ſelbſt ermeſſen kann, wie tief ſie iſt; und es iſt keine Rückkehr möglich. Capitain Cuttle, ohne es recht zu verſtehen, billigte es höch⸗ lichſt, und bemerkte mit dem Tone des innigſten Einverſtändniſſes, daß der Wind gerade von hinten komme. Sie darf nicht allein hier bleiben; meint ihr nicht, Capi⸗ tain Cuttle? fragte Walter.* 8* — 116— Seht, mein Jung, ſagte der Capitain, nachdem er eine Weile reiflich nachgedacht, das weiß ich nicht. Da ihr hier ſeid, um ihr Geſellſchaft zu leiſten, und ihr beide gemeinſchaftlich— Lieber Capitain Cuttle! unterbrach ihn Walter. Da ich hier bin! Miß Dombey betrachtet mich in ihrem argloſen, un⸗ ſchuldigen Herzen als ihren Adoptivbruder; aber wie niederträch⸗ tig und argliſtig wäre es von mir, wenn ich mich ſtellte, als glaubte ich, daß ich ein Recht hätte, mich ihr unter dieſem Cha⸗ rakter vertraulich zu nähern— wenn ich zu vergeſſen heuchelte, daß ich als Ehrenmann verpflichtet bin, es nicht zu thun! Walr, mein Jung', meinte der Capitain, der ſeinen Muth wieder ſinken fühlte, gäbe es keinen andern Charakter als— Ol erwiderte Walter, verlangt ihr, daß ich ihre Achtung verſcherze, die Achtung eines ſolchen Weſens— daß ich einen ewigen Schleier zwiſchen mich und ihr Engelsantlitz bringe, indem ich ihre Verlaſſenheit und Schutzloſigkeit, ihr unſchuldiges Ver⸗ trauen benutze, um mich in ihr Herz einzuſchleichen! Was ſage ich? Kein Menſch in der Welt würde mehr dagegen ſein, als ihr, wenn ich es thun wollte. Walr, mein Jung', ſagte der Capitain, deſſen Hoffnungen immer mehr erloſchen, vorausgeſetzt, daß es keine gerechte Ur⸗ ſache oder Hinderniß giebt, warum zwei Perſonen nicht verbun⸗ den werden ſollten im Hauſe der Sclaverei, was ihr an ſeiner Stelle nachſehen und verzeichnen könnt, ſo meine ich, ich würde es verlobt und verſprochen im Aufgebot nennen. Alſo kein anderer Charakter, mein Jung“? Walter winkte mit der Hand ein raſches Nein. — 117— Gut, mein Jung', brummte der Capitain langſam. Ich leugne nicht, daß ich über dieſe Sache und was ich darüber ge⸗ hört habe, ein Bischen unter den Wind gekommen bin. Aber was das Frölen betrifft, Walr, ſo vergeßt nicht: was Pflicht und Achtung in Bezug auf ſie iſt, iſt auch Pflicht und Achtung in meinem Contract, ſo unangenehm mir's auch wäre; deswegen fahr ich in eurem Kielwaſſer, mein Jung', und denke, daß ich meine Schuldigkeit thue. Alſo kein anderer Charakter doch nicht! ſagte der Capitain, mit betrübtem Geſicht die Ruinen ſeines Luftſchloſſes betrachtend. Vor allen Dingen, Capitain Cuttle, ſagte Walter, und fing von etwas Neuem an, um den Capitain aufzuheitern— aber das war unmöglich, er war zu beͤtrübt;— ſollten wir uns be⸗ mühen, eine paſſende und zuverläſſige Geſellſchafterin für Miß Dombey, ſo lange ſie hier iſt, aufzufinden. Ihren Verwandten dürfen wir nicht trauen. Es iſt klar, Miß Dombey fühlt, daß ſie Alle von ihrem Vater abhängig ſind. Was iſt aus Suſannen geworden? Dem Mädchen? erwiderte der Capitain. Ich glaube, ſie iſt gegen Herzblättchens Willen fortgeſchickt worden. Ich machte ein Signal nach ihr, als das Frölen zuerſt herkam, und ſie ſprach ſehr gut von ihr, und ſagte, ſie wäre ſchon lange ſort. Dann müßt ihr Miß Dombey fragen, wohin ſie gegangen iſt, ſagte Walter, und wir müſſen ſehen, ob wir ſie finden. Miß Dombey wird jetzt bald aufſtehen. Ihr ſeid ihr beſter Freund. Geht hinauf zu ihr, ich will hier unten ſchon Alles in Ordnung halten.. 1 — — 118— Höchſt niedergeſchlagen gab der Capitain den Seufzer zu⸗ rück, mit dem Walter dieſe Worte begleitete, und gehorchte. Flo⸗ rentine freute ſich über ihr neues Zimmer, ſehnte ſich Walter zu ſehen, und war entzückt über die Ausſicht, ihre alte Freundin Suſanne wieder zu umarmen. Aber Florentine wußte von Su⸗ ſannen weiter nichts, als daß ſie nach der Graſſchaft Eſſex ge⸗ reiſt war, und glaubte auch nicht, daß außer Mr. Toots Jemand darüber würde Auskunft geben können. Mit dieſer Nachricht kehrte der betrübte Capitain zu Wal⸗ ter zurück, und gab ihm zu verſtehen, daß Mr. Toots der junge Herr ſei, den er vor der Thür getroffen, daß er ein Freund von ihm und An junger Herr von Vermögen ſei, und daß er Miß Dombey hoffnungslos anbete. Der Capitain erzählte auch, wie die Nachricht von Walters vermeintlichem Schickſal ihm zuerſt durch Mr. Toots mitgetheilt worden, und daß ein beſchworener Vertrag zwiſchen ihnen beſtände, daß Mr. Toots über den Ge⸗ genſtand ſeiner Liebe ſchweigen ſolle. Es handelte ſich jetzt darum, ob Florentine Mr. Toots trauen könne; und da Florentine lächelnd ſagte: O, er iſt treu wie Gold! ſo galt es zu erfahren, wo Mr. Toots wohne. Das wußte aber Florentine nicht, und der Capitain hatte es vergeſſen; und der Capitain ſagte eben im Hinterſtübchen, daß Mr. Toots gewiß bald erſcheinen werde, als Mr. Toots eintrat. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, ohne alle Umſtände in das Hinterſtübchen ſtürzend, ich bin in einem m Suſande, der dem Wahnſinne nahe iſt! — 11— Mr. Toots hatte dieſe Worte abgeſchoſſen, wie aus einem Mörſer, ehe er Waltern gewahrte, den er mit einem ſtillen Lachen des Jammers— wenn man es ſo nennen darf— begrüßte. Sie müſſen mich entſchuldigen, Sir, ſagte Mr. Toots und legte die Hand an die Stirn, aber ich bin in dem Zuſtand, daß mein Verſtand davon läuft, wenn er nicht ſchon fort iſt, und bei einem Individuum in dieſer Lage wäre jeder Schein von Höflich⸗ keit ein leerer Spott. Capitain Gills, ich erlaube mir, Sie um ein paar Augenblicke unter vier Augen zu bitten. Kamerad, ſagte der Capitain und ergriff ſeine Hand, ihr ſeid gerade der Mann, den wir zu ſehen wünſchten. Ach, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, was für ein Wunſch muß das ſein, deſſen Gegenſtand ich bin! Ich habe nicht gewagt, mich zu raſiren, ſo verzweifelt bin ich. Meine Kleider ſind nicht ausgekehrt. Mein Haar iſt nicht gekämmt. Ich ſagte dem Hühnchen, wenn er ſich erböte, mir die Stiefeln zu putzen, wollte ich ihn todt zu meinen Füßen niederſchmettern. . Alle dieſe Anzeichen der Gemüthsſtörung wurden beſtätigt durch Mr. Toots' äußere Erſcheinung, in der ſich Verwirrung und Verzweiflung malten. Seht her, Kamerad, ſagte der Capitain. Das iſt des al⸗ ten Sol Gills Neffe Wal'r, der auf dem Meere umgekommen ſein ſollte. Mr. Toots nahm die Hand von der Stirn und ſtarrte Waltern an. Gnädiger Himmel! ſtotterte Mr. Toots. Welch ein Zu⸗ ſammentreffen von Unglücksfällen! Wie geht’s? Ich— ich— — 4120— ich fürchte, Sie ſind ſehr naß geworden. Capitain Gills, woll⸗ ten Sie mir ein Wort im Laden erlauben? Er nahm den Capitain beim Rocke, führte ihn hinaus und flüſterte ihm zu: Das alſo, Capitain Gills, iſt die Perſon, die Sie meinten, als Sie ſagten, er und Miß Dombey wären für einander ge⸗ ſchaffen? Ja, ja, mein Jung', erwiderte der betrübte Capitain; ich war einmal dieſer Meinung. Und in dieſem Zeitpunkt! rief Mr. Toots aus, die e Hand wieder an die Stirn legend. Vor allen andern!— Ein ver⸗ haßter Nebenbuhler! Doch nein, er iſt kein verhaßter Nebenbuh⸗ ler, unterbrach ſich Mr. Toots und nahm die Hand wieder von der Stirn; warum ſollte ich ihn haſſen? Nein. Wenn meine Liebe wirklich uneigennützig iſt, ſo will ich es jetzt zeigen, Capi⸗ tain Gills! Mr. Toots ſtürzte wieder in das Hinterſtübchen und ſagte, Walters Hand ſchüttelnd: Wie geht's? Ich hoffe, Sie haben ſich nicht erkältet. Ich — ich würde mich ſehr freuen, das Vergnügen Ihrer Bekannt⸗ ſchaft zu haben. Ich wünſche, daß der glückliche Tag oft wieder⸗ kehren möge. Auf mein Wort und meine Ehre, ſagte Mr. Toots, deſſen Wärme zunahm, wie ihm Walters Geſicht und Geſtalt be⸗ kannter wurde, es freut mich ſehr. Sie zu ſehen. Ich danke Ihnen herzlich, ſagte Walter. Ich könnte mir kein ſreundlicheres Willkommen wünſchen. — 121— Wirklich? ſagte Mr. Toots, und ſchüttelte ihn immer noch bei der Hand. Sie ſind ſehr freundlich. Ich bin Ihnen ſehr verbunden. Wie geht’s? Ich hoffe, Sie haben Alles ganz wohl verlaſſen drüben— das iſt— dort— wo Sie zuletzt waren, meine ich. Alle dieſe guten Wünſche und beſſeren Abfchten erwiderte Walter auf das Herzlichſte. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, ich wünſchte mit ſtreng⸗ ſter Ehrenhaftigkeit zu handeln; aber ich glaube, ich darf jetzt einen gewiſſen Gegenſtand erwähnen— Ja, ja, mein Jung, erwiderte der Capitain. Ohne Um⸗ ſtände, ohne Umſtände. Wiſſen Sie alſo, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots— und Sie, Lieutenant Walters— wiſſen Sie, daß die ſchrecklichſten Dinge in Mr. Dombey's Hauſe vorgefallen ſind, und daß Miß Dombey ihren Vater verlaſſen hat, der, meiner Meinung nach, ſagte Mr. Toots in großer Aufregung, ein Barbar iſt, dem man ſchmeichelte, wenn man ihn— einen— einen Marmorſtein, oder einen Raubvogel nennte— und daß ſie nicht zu finden iſt, und Niemand weiß, wohin ſie geflohen iſt. Darf ich fragen, auf welche Weiſe Sie dies erfahren ha⸗ ben? frug Walter. Lieutenant Walters, ſagte Mr. Toots, der auf dieſe Be⸗ nennung vermittelſt eines ihm eigenthümlichen Proceſſes gekommen war, wahrſcheinlich dadurch, daß er ſeinen Taufnamen mit dem Seemannsſtand vermengte und eine Verwandtſchaft zwiſchen ihm und dem Capitain vorausſetzte, die ſich natürlich auch auf ihre — 122— Titel erſtrecken würde; Lieutenant Walters, ich habe keine Ur⸗ ſache, hinter dem Berge zu halten. Die Wahrheit iſt, daß ich, erfüllt von einem außerordentlichen Intereſſe an Allem, was ſich auf Miß Dombey bezieht— nicht aus ſelbſtſüchtigen Gründen, Lieutenant Walters, denn ich weiß recht gut, der größte Gefal⸗ len, den ich der Welt thun könnte, wäre, meinem Daſein ein Ende zu machen, da ich im Grunde doch überall im Wege bin— dann und wann einem Bedienten eine Kleinigkeit gegeben; es iſt ein ſehr achtbarer junger Mann, Namens Towlinſon, der ſchon einige Zeit in der Familie iſt; und Towlinſon erzählte mir geſtern Abend die ganze Geſchichte. Und ſeitdem, Capitain Gills und Lieutenant Walters, bin ich ganz wahnſinnig geweſen, und habe die ganze Nacht auf dem Sopha gelegen, die Ruine, die ich bin. Mr. Toots, ſagte Walter, es freut mich ſehr, Ihr Herz er⸗ leichtern zu können. Bitte, beruhigen Sie ſich. Miß Dombey iſt geſund und in Sicherheit. Sir! rief Mr. Toots, ſprang vom Stuhl auf, und ſchüt⸗ telte ihm von neuem die Hand, die Erleichterung iſt ſo außeror⸗ dentlich und unausſprechlich, daß ich jetzt ſogar lächeln könnte, wenn Sie mir ſagten, Miß Dombey ſei verheirathet. Ja, Ca⸗ pitain Gills, ſagte Mr. Toots zu dieſem gewendet, auf meine Ehre und Seligkeit, was ich vielleicht auch gleich hernach thun würde, ich könnte lächeln, ſo erleichtert iſt mein Herz. Es wird einem ſo edlen Herzen wie dem Ihrigen eine noch viel größere Erleichterung und Freude ſein, ſagte Walter, der ſeinen Händedruck herzlich erwiderte, wenn Sie erfahren, daß Sie — 123— Miß Dombey einen Dienſt leiſten können. Capitain Cuttle, Ihr ſeid wohl ſo gut, Mr. Toots hinauf zu führen? Der Capitain winkte Mr. Toots, der ihm mit ganz ver⸗ blüfftem Geſicht die Treppe hinauf folgte. Hier angekommen wurde er ohne weitere Vorbereitung von Seiten ſeines Führers in Florentinens Zimmer geführt. Des armen Mr. Toots Staunen und Freude bei ihrem Anblick war ſo groß, daß er ſich blos in Tollheiten Luft zu ma⸗ chen wußte. Er lief auf ſie zu, ergriff ihre Hand, küßte ſie, ließ ſie wieder los, ergriff ſie von neuem, kniete nieder, weinte, lachte, und achtete gar nicht auf die Gefahr, von Diogenes angepackt zu werden, der in dem Glauben, dieſe Freudensäußerungen ſeien ein feindlicher Angriff auf ſeine Herrin, beſtändig um ihn herum⸗ ſprang, ungewiß, wo er ihn anfallen ſollte, aber ſcheinbar ent⸗ ſchloſſen, ihn arg zuzurichten. O Di, du böſer, vergeßlicher Hund! Lieber Mr. Toots, es freut mich ſo ſehr, Sie zu ſehen! Danke, ſagte Mr. Toots, ich befinde mich ziemlich wohl, ich bin Ihnen ſehr verbunden, Miß Dombey. Ich hoffe, Ihre Fa⸗ milie befindet ſich auch wohl. Mr. Toots ſagte dies, ohne im mindeſten zu wiſſen, wovon er ſprach, ſetzte ſich auf einen Stuhl und ſtarrte Florentinen an, während ſein Geſicht den allerlebhafteſten Kampf zwiſchen Freude und Verzweiflung zeigte, den man nur auf einem Geſicht ſehen konnte. Capitain Cuttle und Lieutenant Walters äußerten gegen mich, Miß Dombey, ächzte Mr. Toots, daß ich Ihnen einen —† ———— ——— ———————;— —— — 124— Dienſt leiſten könnte. Wenn ich auf irgend eine Weiſe die Er⸗ innerung an den Tag in Brighton verwiſchen könnte, wo ich mich benahm— mehr wie ein Vatermörder, als wie eine Perſon von unabhängigem Vermögen, ſagte Mr. Toots mit ſtrenger Selbſt⸗ anklage, ſo ſänke ich in das ſtille Grab mit einem Freudenſchimmer. Ich bitte Sie, Mr. Toots, gab Florentine zur Antwort, wünſchen Sie nicht, daß ich etwas aus unſerer Bekanntſchaft ver⸗ geſſe. Ich kann es niemals, glauben Sie mir. Sie ſind immer zu gütig und freundlich gegen mich geweſen. Miß Dombey, erwiderte Mr. Toots, Ihre Rückſichtnahme auf meine Gefühle iſt ein Beweis Ihres Engelsgemüths. Ich danke Ihnen tauſendmal. Es hat durchaus nichts zu ſagen. Wir wollten Sie fragen, ſagte Florentine, ob Sie vielleicht noch wiſſen, wo Suſanne, welche Sie damals ſo gütig waren, nach dem Landkutſchenbureau zu begleiten, zu finden iſt. Ich weiß mir allerdings nicht genau den Namen zu erin⸗ nern, der auf der Kutſche ſtand, ſagte Mr. Toots nach einigem Beſinnen; und ich weiß ſelbſt, daß ſie mir ſagte, ſie werde nicht dort bleiben, ſondern noch weiter fahren. Aber, Miß Dombey, wenn Sie ſie zu finden und hier zu haben wünſchen, ſo werden ich und das Hühnchen ſie mit der größten Eile, welche Ergebenheit von meiner und große Einſicht von des Hühnchens Seite bewerk⸗ ſtelligen kann, hier zur Stelle ſchaffen. Mr. Toots war ſo ſichtbar aufgelebt und erfreit über die Ausſicht, nützlich zu ſein, und die uneigennützige Aufrichtigkeit ſeiner Ergebenheit war ſo unzweifelhaft, daß es grauſam gewe⸗ ſen wäre, ihn nicht gewähren zu laſſen. Mit augsbornen Zart⸗ —ÿÿ— 2 Am u.—9— à & d* 2* — 125— gefühl enthielt ſich auch Florentine jedes Einwandes, aber nicht ihn mit ihren Dankſagungen zu überſchütten; und Mr. Toots nahm mit großem Stolze die Sache auf ſich zur unmittelbaren Ausführung. Miß Dombey, ſagte Mr. Toots, und erfaßte ihre darge⸗ botene Hand, während der Schmerz hoffnungsloſer Liebe ihn durchzitterte und in ſeinem Antlitz ſichtbar wurde, leben Sie wohl! Geſtatten Sie mir zu ſagen, daß Ihr Unglück mich ganz elend macht, und daß Sie auf mich nächſt Capitain Gills rech⸗ nen können. Ich bin mir meiner Mängel vollkommen bewußt— ſie haben durchaus nichts zu ſagen, ich danke Ihnen, Miß Dom⸗ bey— aber Sie können ſich ganz auf mich verlaſſen, das ver⸗ ſichere ich Ihnen, Miß Dombey. Mit dieſen Worten verließ Mr. Toots das Zimmer, aber⸗ mals geleitet vom Capitain, der abſeits ſtehend, den Hut unter dem Arm und die zerſtreuten Locken mit dem Haken ordnend, kein theilnahmloſer Zeuge des Geſchehenen geweſen war. Und als die Thür ſich wieder hinter ihnen ſchloß, war das Licht in Mr. Toots’ Leben von neuem Dunkel umwölkt. Capitain Gills, ſagte der junge Mann, indem er am Fuß der Treppe ſtehen blieb und ſich umdrehte, die Wahrheit zu geſte⸗ hen, bin ich in dieſem Augenblick nicht in dem rechten Gemüthszu⸗ ſtande, um Lieutenant Walters mit den vollkommen freundſchaft⸗ lichen Gefühlen, die ich in meiner Bruſt für ihn zu hegen wünſche, entgegenzutreten. Wir können nicht immer unſere Gefühle be⸗ herrſchen, Capitain Gills, und Sie würden mir einen großen —————J —— — 126— Dienſt erweiſen, wenn Sie mich zur Seitenthür hinauslaſſen wollten. Kamerad, erwiderte der Capitain, ihr ſollt euern eigenen Curs wählen. Wie er auch ſein mag, er iſt gewiß offen und ſeemänniſch, davon bin ich überzeugt. Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, Sie ſind außerordentlich gütig. Ihre gute Meinung iſt ein wahrer Troſt für mich. Et⸗ was möchte ich Ihnen noch ſagen, fuhr Mr. Toots fort, als er im Gange hinter der halboffenen Thür ſtand, und ich wünſchte auch, daß Sie es Lieutenant Walters mittheilten. Sie wiſſen, ich habe jetzt die Verwaltung meines Vermögens angetreten, und weiß nicht, was ich damit anfangen ſoll. Wenn ich in pecuntärer Hinſicht auf irgend eine Weiſe nützlich ſein könnte, ſo ſänke ich in das ſtille Grab mit Leichtigkeit und Ruhe. Mr. Toots ſagte weiter nichts, ſondern ſchlüpfte raſch hin⸗ aus und machte die Thür hinter ſich zu, damit der Capitain nicht antworten könne. Florentine dachte mit Enpfürdungen, i in denen ſich Schmerz und Freude miſchten, noch an den guten Menſchen, als er ſie ſchon lange verlaſſen hatte. Er war ſo ehrlich und gutherzig⸗ daß es eine unſchätzbare Freude und Erquickung für ſie war, wenn ſie ihn wiederſah, und fand, daß er ihr treu geblieben in ihrem Unglück; aber aus demſelben Grunde war auch der Ge⸗ danke ſo ſchmerzlich, daß ſie ihn nur einen Augenblick unglücklich mache, oder den harmloſen Strom ſeines Lebens nur mit einem Hauch trübe, daß ihre Augen ſich mit Thränen füllten und ihre Bruſt mit Mitleid überſtrömte. Auch Capitain Cuttle dachte in — 127— ſeiner Weiſe wieder an Mr. Toots; und auch Walter; und als der Abend kam, wo ſie Alle in Florentinens kleinem Zimmer bei einander ſaßen, pries ihn Walter mit großem Feuer, und erzählte, was er bei ſeinem Fortgehen geſagt, Florentine mit jeder mögli⸗ chen Aeußerung des Lobes und der Anerkennung, die ſein eigenes treues und edles Herz finden konnte. Mr. Toots kam den nächſten, und den nächſten, und meh⸗ rere Tage nicht wieder; und unterdeſſen lebte Florentine ohne ueue Störung wie ein ruhiger Vogel in einem Käfig oben in des alten Opticus Haus. Aber mit jedem neuen Tage wurde Flo⸗ rent ine trüber und leidender; und ein Antlitz ähnlich dem des ge⸗ ſtorbenen Knaben wendete ſich oft aus dem hohen Fenſter zum Himmel, als ob es von dem kleinen Bett aus ſeinen Engel in dem lichtglänzenden Lande, von dem er geſprochen, aufſuche. Florentine war in der letzten Zeit ohnedies etwas leidend geweſen, und die Gemüthserſchütterungen der letzten Tage waren nicht ohne Einfluß auf ihre Geſundheit geblieben. Aber ſie litt jetzt nicht an körperlicher Krankheit. Ihr Gemüth litt; und die Urſache ihrer Leiden war Walter. Voller Theilnahme und eifriger Sorgfalt für ſie, ſtolz und froh ihr zu dienen, und das Alles mit der Begeiſterung und dem Feuer ſeines Charakters an den Tag legend, bemerkte Florentine doch, daß er ſie mied. Den ganzen langen Tag über kam er ſelten in ihre Nähe. Wenn ſie nach ihm frug, kam er, und war für den Augenblick wieder ſo herzlich und froh, wie zu jener Zeit, wo er ſie auf der Straße gefunden; aber bald wurde ſein Benehmen gezwungen— ihr feines Gefühl merkte dies ſogleich— — 128— und befangen, und er verließ ſie. Unaufgefordert kam er nie, ſo lange der Tag dauerte. Wenn der Abend kam, war er ſtets da, und dies war ihre glücklichſte Zeit, denn dann konnte ſie feſt glauben, der alte Walter aus ihrer Kindheit habe ſich nicht ver⸗ andert. Aber ſelbſt dann erinnerte ſie ein unbedeutendes Wort, ein Blick, ein gleichgültiges Vorkommniß, daß zwiſchen ihnen eine unüberſteigliche Schranke war. Und ſie konnte ſich nicht verhehlen, daß dieſe Anzeichen einer großen Veränderung in Walter an den Tag traten, trotz ſeiner angeſtrengten Bemühungen, ſie zu verbergen. Sie glaubte zu bemerken, daß er in ſeiner ſchonenden Rückſicht für ſie, und in ſeinem angelegentlichen Verlangen, ihr mit ſeiner freundlichen Hand keine Wunde beizubringen, zu tauſend kleinen Kunſtgriffen und Täuſchungen ſeine Zuflucht nahm. Um ſo mehr fühlte Flo⸗ rentine die Veränderung in ihm; um ſo öfter beweinte ſie dieſe Entfremdung ihres Bruders. Florentine glaubte auch zu bemerken, daß der gute Capitain, ihr unermüdlicher, zärtlicher, immer eifriger Freund, es be⸗ merke, und daß es ihn betrübe. Er war weniger heiter und hoff⸗ nungsvoll als im Anfang, und ſah bald ſie und bald Waltern manchmal Abends, wenn ſie alle drei beiſammen waren, mit ganz traurigem Geſicht von der Seite an. Endlich entſchloß ſich Florentine mit Waltern zu ſprechen. Sie glaubte jetzt die Urſache ſeiner Entfremdung zu wiſſen, und glaubte, es werde eine Erleichterung für ihr volles Herz und eine Beruhigung für ihn ſein, wenn ſie ihm offen ſagte, daß ſie es ——. — 129— entdeckt habe, und ſich darein füge, und ihm keine Vorwürfe dar⸗ über mache. Es war eines Sonntags Nachmittags, als Florentine die⸗ ſen Entſchluß faßte. Der getreue Capitain, in einem wunder⸗ bar großen Hemdkragen, ſaß, die Brille auf der Naſe, leſend ne⸗ ben ihr, und ſie frug ihn, wo Walter ſei. Ich glaube, er iſt unten, mein Frölen, erwiderte der Ca⸗ pitain. Ich möchte gern mit ihm ſprechen, ſagte Florentine, und ſtand raſch auf, um hinab zu gehen. Ich will ihn heraufholen, Schönchen, ſagte der Capitain, er ſoll gleich da ſein. Darauf ſchulterte der Capitain mit großer Schnelligkeit ſein Buch— er machte es ſich zur Pflicht, Sonntags nur ſehr große Bücher zu leſen, da es ehrwürdiger ausſah, und hatte vor Jah⸗ ren bei einem Büchertrödler einen ungeheuern Folianten gekauft, von dem ihm ſchon fünf Zeilen dermaßen zu ſchaffen machten, daß er heute noch nicht wußte, wovon das Buch handelte— und entfernte ſich.— Bald darauf erſchien Walter. Capitain Cuttle ſagte mir, Miß Dombey— begann er mit Lebhaftigkeit, als er eintrat— ſtockte aber, als er ihr Ge⸗ ſicht ſah. Sie ſind heute nicht wohl, fuhr er fort. Sie ſehen ſehr be⸗ kümmert aus. Sie haben geweint. Seine Stimme klang ſo theilnehmend und innig, daß ihre Augen ſich mit Thränen füllten. Boz. Dombey u. Sohn. VIII. 9 ſͤͤͤ — 130— Walter, ſagte Florentine ſanft, ich bin nicht ganz wohl, und ich habe geweint. Ich wünſche, mit Ihnen zu ſprechen. Er ſetzte ſich ihr gegenüber, und blickte in ihr ſchönes und unſchuldiges Antlitz; und er ſelbſt erblaßte, und ſeine Lippen zitterten. Sie ſagten an jenem Abend, wo ich erſuhr, daß Sie geret⸗ tet waren— und ach! lieber Walter, was ich an jenem Abend fühlte und hoffte!— ſagte Florentine. Er legte ſeine zitternde Hand auf den Tiſch und ſaß da und blickte ſie an. — daß ich anders geworden ſei. Ich wunderte mich da⸗ mals darüber, aber jetzt ſehe ich ein, daß es ſo iſt. Zürnen Sie mir nicht, Walter. Ich freute mich zu ſehr, um daran zu denken. Sie erſchien ſeinen Augen wieder wie ein Kind. Das her⸗ zige, zutrauliche, liebende Kind hatte er vor ſich, nicht die geliebte Jungfrau, der er die Reichthümer der Welt hätte 13 Füßen le⸗ gen mögen. Sie erinnern ſich noch an das letzte Mal, wo wir uns vor Ihrer Abreiſe ſahen, Walter? Er fuhr mit der Hand in die Bruſt und öbrachte eine kleine Börſe heraus. Ich habe ſie ſtets auf meiner Bruſt getragen! Und wenn ich im Meere verſunken wäre, ſo wäre ſie mit mir in der Tiefe begraben worden. Und Sie werden ſie tragen, Walter, alter Erinnerung wegen? Bis ich ſterbe! — 131— Sie legte ihre Hand auf die ſeinige, ſo furchtlos und kind⸗ lich einfach, als ob noch kein Tag vergangen wäre, ſeitdem ſie ihm das kleine Andenken gegeben. Das freut mich. Dieſer Gedanke wird mir ſtets erfreulich ſein, Walter. Erinnern Sie ſich, daß eine Ahnung dieſer Ver⸗ änderung an jenem Abend, als wir mit einander ſprachen, in uns aufzuſteigen ſchien? Nein! erwiderte er, mit einem Tone, in dem ſich ſeine Ver⸗ wunderung ausſprach. Ja, Walter. Ich war ſchon damals Schuld, daß Ihre Zukunft und Ihre Ausſichten beeinträchtigt wurden. Ich wagte es damals kaum zu denken, jetzt aber weiß ich es. Wenn es Ihnen damals in Ihrem Edelmuth gelang, das vor mir zu ver⸗ bergen, was auch Sie wußten, ſo geht dies jetzt nicht mehr, ob⸗ gleich Sie es eben ſo edelmüthig verſuchen. Sie verſuchen es, Walter. Ich danke Ihnen dafür, Walter, aufrichtig und herz⸗ lich; aber es kann Ihnen nicht gelingen. Sie haben durch Ihr eigenes und durch das Unglück Ihres nächſten Verwandten zu viel gelitten, als daß ſie die unſchuldige Urſache aller dieſer Un⸗ fälle und Leiden ganz vergeſſen könnten. Sie können dies nicht ganz vergeſſen, und wir können nicht länger Bruder und Schwe⸗ ſter ſein.⸗Aber, lieber Walter, glauben Sie nicht, daß ich mich deshalb über Sie beklage. Ich hätte es wiſſen können,— hätte es wiſſen ſollen— ich vergaß es aber in meiner Freude. Ich hoffe blos das Eine, daß Sie mit weniger unangenehmen Empfin⸗ dungen daran denken mögen, wenn dieſes Gefühl kein Geheimniß mehr iſt; und ich bitte Sie nur um das Eine, lieber Walter, im 9* — 132— Namen des armen Kindes, das einſt Ihre Schweſter war, daß Sie nicht um meinetwegen ſich Gewalt anthun und Schmerz zu⸗ fügen, jetzt, da ich Alles weiß! Während ſie ſo ſprach, hatte Walter ſie angeſehen mit ei⸗ nem Geſicht ſo voller Verwunderung und Staunen, daß nichts Anderes Platz darauf hatte. Jetzt ergriff er die Hand, die auf der ſeinen ſo flehend ruhte, und hielt ſie feſt. Ach, Miß Dombey, ſagte er, iſt es möglich, daß, während ich ſo viel gelitten habe in meinem Bemühn, dem Gefühl, das Ihnen zukommt, gerecht zu werden, ich Ihnen den Schmerz zu⸗ gefügt habe, den Ihre Worte zu erkennen geben! Bei Gott, nie⸗ mals habe ich in Ihnen etwas Anderes geſehen, als die einzige ſchöne, reine, geſegnete Erinnerung aus meiner Jugendzeit. Von Anfang an bis zu meinem letzten Augenblicke werde ich Ihren Antheil an meinem Leben nie anders denn als etwas Heiliges be⸗ trachten, was nie genug geachtet und bis zum Tode nie vergeſſen werden kann. Sie wieder ſo zu ſehen und zu hören, wie an jenem Abend, wo wir ſchieden, iſt für mich eine Seligkeit, für welche die Sprache keine Worte hat; und Ihre Liebe und Ihr Vertrauen als Ihr Bruder zu genießen iſt das nächſte große Geſchenk, das ich empfangen und werth halten könnte!. Walter, ſagte Florentine und ſah ihn mit innigem Ernſte, aber mit einem veränderten Ausdruck ihres Geſichts an, was kommt mir zu mit Aufopferung von Allem, was Sie nann⸗ ten? Achtung, ſagte Walter, Ehrerbietung. — 133— Eine flüchtige Röthe verbreitete ſich über ihr Antlitz, und ſie zog ſchüchtern und nachdenklich ihre Hand zurück, ſah ihn aber immer noch mit demſelben innigen Ernſte an. . Ich habe nicht das Recht eines Bruders, ſagte Walter. Ich habe nicht den Anſpruch eines Bruders. Ich verließ Sie als ein Kind. Ich finde eine Jungfrau wieder. Eine brennende Röthe überzog ihr Geſicht. Sie machte eine Geberde, als flehte ſie ihn an, nicht weiter zu reden, und ihr Antlitz ſank in ihre Hände. Sie ſchwiegen Beide für einige Zeit; ſie weinte. Ich bin es einem ſo vertrauenden, reinen und guten Herzen ſchuldig, ſagte Walter, mich von ihm loszureißen, ſelbſt wenn meines dabei brechen ſollte. Nie kann ich wagen, Sie meine Schweſter zu nennen. Sie weinte immer noch. Wenn Sie glücklich geweſen wären; umgeben, wie es Ihnen zukommt, von liebenden und bewundernden Freunden, und von Allem, was die Stellung, in der Sie geboren ſind, beneidenswerth macht, ſagte Walter, und wenn Sie mich dann in freundlicher Erinnerung der Vergangenheit Bruder genannt hätten, ſo hätte ich auf den Namen von meiner niedern Stufe aus geantwortet mit der Ueberzeugung, daß ich damit Ihr reines Vertrauen nicht mißbrauche. Aber hier— und jetzt!— O, ich danke Ihnen, danke Ihnen, Walter! Vergeben Sie mir, daß ich Ihnen ſo ſehr unrecht gethan. Ich hatte Niemanden, der mir mit Rath an die Hand ging. Ich bin ganz allein. — 134— Florentine! ſagte Walter leidenſchaftlich, ich muß jetzt aus⸗ ſprechen, was noch vor wenig Minuten keine Gewalt meinen Lip⸗ pen hätte entreißen können. Wenn ich reich wäre; wenn ich Mit⸗ tel oder Hoffnung hätte, Sie eines Tags zu einer Ihrer würdi⸗ gen Stellung erheben zu können, ſo würde ich geſagt haben, daß es einen Namen giebt, den Sie mir geben können— ein Recht, allen andern überlegen, Sie zu beſchützen und zu lieben— deſſen ich würdig war durch nichts als die Liebe und Verehrung, die ich für Sie hege, und die mein ganzes Herz erfüllt. Ich würde Ihnen ſagen, daß dies das einzige Recht iſt, Sie zu vertheidigen und zu beſchützen, das Sie geben könnten und ich annehmen und behaupten darf; und daß, wenn ich das Recht beſäße, ich es ſo hoch und werth halten würde, daß die ungetheilte Treue und Liebe meines Lebens nur eine armſelige Anerkennung ſeines Wer⸗ thes wäre. Immer noch verbarg ſie ihr Antlitz in die Hände, immer noch fielen ihre Thränen, immer noch hob ſich ihr Buſen mit ſchweren Seufzern. Theure Florentine! Theuerſte Florentine! die ich ſo in meinen Träumen nannte, ehe ich wiſſen konnte, wie anmaßend und hochfahrend meine Hoffnungen waren. Noch einmal laſſen Sie mich dieſen theuren Namen ausſprechen, und dieſe Hand an⸗ faſſen zum Zeichen, daß Sie als meine Schweſter vergeſſen, was ich geſagt habe. Sie erhob das Haupt, und ſprach zu ihm mit einem ſo lieblichen Ernſt in den Augen, mit einem ſo ruhigheitern Lächeln, das durch ihre Thränen glänzte, mit einem ſo leiſen, — 135— rührenden Zittern in ihrer Stimme, daß die innerſten Saiten ſeines Herzens berührt wurden, und ſeine Augen ſich verſchleier⸗ ten, wie ſie ſprach. Nein, Walter, ich kann es nicht vergeſſen. Ich würde es nicht vergeſſen für alle Schätze der Welt. Sind Sie— ſind Sie ſehr arm? Ich bin nur ein heimathloſer Wanderer, der weite Reiſen macht über's Meer, um zu leben, ſagte Walter. Das iſt jetzt mein Beruf. 4 Gehen Sie bald wieder fort, Walter? Sehr bald, war die Antwort. Sie ſah ihn eine Weile an; dann legte ſie ſchüchtern ihre zitternde Hand in die ſeinige und ſprach: Wenn du mich zu deinem Weibe nehmen willſt, Walter, ſo will ich dich lieben von Herzen. Wenn du mich mit dir gehen laſſen willſt, Walter, ſo will ich dir ohne Furcht folgen bis an der Welt Ende. Ich kann nichts für dich hingeben— nichts für dich aufopfern und Niemand verlaſſen; aber all meine Liebe und all mein Leben ſoll dir geweiht ſein und mit meinem letzten Athemzuge will ich Gott deinen Namen nennen, wenn ich noch die Kraft und das Bewußtſein dazu habe. Er zog ſie an ſeine Bruſt, und legte ihre Wange an die ſeinige, und jetzt, nicht mehr zurückgewieſen und verlaſſen, weinte ſie erquickende Thränen an der Bruſt ihres theuren Geliebten. Geſegnete Sonntagsglocken, die ihr ſo heilig in ihr glückli⸗ ches Ohr klingt! Geſegnete Sonntagsſtille, die mit dem Frieden ihrer Seelen harmonirt und ſie mit geweihter Luft umgiebt! Ge⸗ — 136— ſegnete Dämmerung, die ſie mit ihrem ernſten und beruhigenden Schleier verhüllt, wie ſie gleich einem ruhigen Kinde an dem Her⸗ zen, an das ſie ſich klammert, einſchlummert! O, wie leicht dieſe Bürde von Liebe und Vertrauen hier ruht! Ja, Walter, ſieh herab auf dieſe geſchloſſenen Augen mit zärtlich ſtolzem Blick; denn in der ganzen weiten Welt ſuchen ſie jetzt nur dich— nur dich! Der Capitain blieb in dem kleinen Hinterſtübchen, bis es ganz finſter war. Er nahm den Stuhl, auf dem Walter geſeſſen, und ſah hinauf nach dem Deckenfenſter, bis der Tag allmälig entſchwand und die Sterne herablugten. Er brannte eine Kerze an, ſteckte ſich eine Pfeife an, rauchte ſie aus, und grübelte und grübelte, was wohl da oben ſein möchte und warum ſie ihn nicht zum Thee riefen. Florentine kam endlich herunter, als ſeine Verwunderung den höchſten Gipfel erreicht hatte. 1 Ach, Frölen! rief der Capitain. Nun, Sie und Walter haben ein gut Weilchen mit einander geredet, Herzblättchen! Florentine umfaßte mit ihrer kleinen Hand einen der gro⸗ ßen Knöpfe ſeines Rockes, und ſagte, indem ſie auf ihn herabſah: Lieber Capitain, ich habe Ihnen etwas zu ſagen. Der Capitain erhob raſch den Kopf, um zu hören, was es ſei. Da er auf dieſe Weiſe Florentinen beſſer betrachten konnte, ſchob er den Stuhl und ſich mit ihm zurück, ſo weit es gehen wollte. Was! Herzenswonne! rief der Capitain in plötzlichem Ent⸗ zücken. Iſt es das? ——„ — 137— Jal ſagte Florentine eifrig. Walr! Bräutigam! Das brüllte der Capitain und warf ſeinen lackirten Hut hinauf an das Deckenfenſter. Jal rief Florentine zu gleicher Zeit lachend und weinend. Der Capitain drückte ſie ſogleich an ſeine breite Bruſt, dann holte er wieder den lackirten Hut, ſetzte ihn auf, gab Florentinen den Arm und führte ſie hinauf, wo jetzt der Hauptſpaß ſeines Lebens zu machen war. Was, Wal'r, mein Jung'! ſagte der Capitain und guckte zur Thür hinein, mit einem Geſicht wie eine liebenswürdige Wärmflaſche. Alſo kein anderer Charakter, he? Es war faſt, als wollte er erſticken an dieſem Spaß, den er wenigſtens vierzig Mal während des Thees wiederholte. In den Zwiſchenpauſen polirte er ſein freudeſtrahlendes Geſicht mit ſeinem Rockärmel und betupfte den Kopf über und über mit ſei⸗ nem Taſchentuch. Aber es fehlte ihm auch nicht, wenn er dazu Luſt hatte, an einer ernſthaften Quelle der Freude, denn man hörte ihn öfter halblaut ſagen, wenn er mit unausſprechlichem Entzücken Florentinen und Waltern anſah: Eduard Cuttle, mein Jung', ihr habt nie in eurem Leben einen beſſern Cours erwählt, als damals, wo ihr das kleine Ci⸗ genthum gemeinſchaftlich übergabt! Einundfunfzigſtes Kapitel. Mr. Dombey und die Welt. Was beginnt der ſtolze Mann, während die Zeit dahin ſchwin⸗ det? Denkt er wohl einmal an ſeine Tochter, oder fragt er ſich, wo ſie ſei? Meint er, ſie ſei wieder zurückgekehrt, und führe ihr altes Leben in dem düſtern Hauſe? Niemand kann für ihn Ant⸗ wort geben. Er hat ſeitdem nie wieder ihren Namen über die Lippen gebracht. Seine Dienerſchaft fürchtet ihn zu ſehr, um eine Sache zu berühren, von der er hartnäckig ſchweigt; und die einzige Perſon, die ihn zu fragen wagt, bringt er augenblicklich zum Stillſchweigen. Topueurer Paul! flüſterte ſeine Schweſter, an dem Tage, wo Florentine entflohen, ſchüchtern ins Zimmer tretend, deine Frau! dieſes hoffärtige Weib! Iſt es möglich, daß das, was ich erzählen höre, wirklich wahr iſt, und daß ſie dir ſo deine un⸗ übertreffliche Hingebung vergilt, die ſogar ſo weit ging, ihre Lau⸗ 8AAͤ— — 11 — 139— nen und ihrem Hochmuth deinen eigenen Verwandten aufzuopfern! Mein armer Bruder! Bei dieſer Rede, mit ihrer zarten Anſpielung auf die unter⸗ laſſene Einladung zum erſten Diner, macht Mrs. Chick reichlichen Gebrauch von ihrem Taſchentuche und fällt Mr. Dombey um den Hals. Aber Mr. Dombey macht ſich haſtig von ihr los und führt ſie zu einem Stuhl. Ich danke dir für dieſen Beweis deiner Liebe, Luiſe, ſagte er; aber ich wünſche von andern Gegenſtänden zu ſprechen. Wenn ich mein Schickſal beklage, oder ein Verlangen nach Troſt ausſpreche, ſo kannſt du ihn mir bieten, wenn du ſo gut ſein willſt. Mein theurer Paul, entgegnete ſeine Schweſter, das Ta⸗ ſchentuch in die Augen drückend und den Kopf ſchüttelnd, ich kenne deinen großen Geiſt, und will kein Wort wieder über ein ſo peinliches und empörendes Thema verlieren; aber erlaube mir zu fragen— obgleich ich faſt fürchte, etwas zu hören, was mich ſchmerzt und erſchüttert— dieſe unglückliche Florentine— Luiſe! ſagte ihr Bruder ſchroff, ſtill! Kein Wort weiter davon! Mrs. Chick kann nur den Kopf ſhütteln und ihr Taſchen⸗ tuch gebrauchen, und über entartete Dombey's ſeufzen, die keine Dombey's ſind. Aber ob Florentine eine Mitſchuldige bei der Flucht Ediths iſt, oder ihr gefolgt iſt, oder zu viel, oder zu we⸗ nig, oder etwas, oder gar nichts gethan hat, davon hat ſie nicht die mindeſte Ahnung.. ———y——ÿ— ſſͤſſſͤſ — 140— Er geht, ohne zu wanken, ſeinen Weg, verſchließt ſeine Gedanken und Gefühle feſt in ſeiner Bruſt, und theilt ſie Nie⸗ mand mit. Er ſtellt keine Nachforſchungen nach ſeiner Toch⸗ ter an. Er denkt vielleicht, ſie ſei bei ſeiner Schweſter, oder in ſeinem eigenen Hauſe. Er denkt vielleicht beſtändig an ſie, oder gar nicht. Man kann Alles glauben nach dem, was er äußer⸗ lich blicken läͤßt. Aber ſo viel iſt gewiß, er glaubt nicht, daß er ſie verloren hat. Er hat keine Ahnung der Wahrheit. Er hat zu lange einſam gelebt auf ſeinem unnahbaren Throne, und ſie, die ſanfte Dulderin, zu lange in dem Pfade tief unten geſehen, um ſo etwas zu fürchten. So ſehr ihn auch ſeine Schmach erſchüttert, ſo iſt er doch nicht ſo gedemüthigt, um mit andern Menſchen gleich zu ſtehen. Die Wurzel iſt ſtark und tief, und in dem Verlauf der Jahre haben ſich ihre Faſern ausgebreitet und Nahrung geſogen aus Allem ringsum. Der Baum iſt getroffen, aber nicht zu Bo⸗ den geſtürzt. Aber wie er auch die Welt in ſich vor der Welt draußen verbirgt— er wähnt, letztere habe jetzt nur eine Arbeit, nämlich ihn überall, wo er hingeht, mit neugierigem Auge zu verfolgen— ſo kann er ihr doch nicht die rebelliſchen Spuren verbergen, welche verrätheriſch in hohlen Augen und Wangen, in der faltenvollen Stirn, in der düſtern, brütenden Miene ſichtbar werden. Unzu⸗ gänglich wie früher iſt er doch ein anderer Mann, und ſtolz wie immer iſt er doch gedemüthigt, oder dieſe Zeichen wären nicht vorhanden. 3 — — 141— Die Welt— was die Welt von ihm denkt, wie ſie ihn an⸗ ſieht, was ſie in ihm entdeckt und was ſie von ihm ſagt— das iſt der Dämon, der beſtändig ſeine Seele quält. Er iſt überall, wo er iſt; und, was noch ſchlimmer iſt, er iſt überall, wo er nicht iſt. Er tritt mit ihm unter ſeine Diener, und dennoch läßt er ihn flüſternd hinter ſich zurück; er ſieht auf der Straße mit Fingern auf ſich weiſen; er wartet auf ihn auf ſeinem Comptoir; er blickt höhniſch über die Achſel reicher Handelsherren; er winkt und deutet und flüſtert unter der Menge; er kommt ihm immer und an jedem Ort zuvor; und er iſt immer am geſchäftigſten, wenn er fortgegangen iſt. Wenn er Nachts in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen iſt, ſo iſt dieſer Dämon in ſeinem Hauſe, und drau⸗ ßen vor der Thür, hörbar in den Tritten auf dem Pflaſter, ſicht⸗ bar in ſchwarzen Lettern auf ſeinem Tiſche, dahinfahrend auf Eiſenbahnen und Dampfſchiffen; überall ohne Raſt und nur mit ihm beſchäftigt. Es iſt kein Wahnbild ſeiner Phantaſie. Er iſt in Anderer Geiſt ſo beſchäftigt, wie in dem ſeinen. Das zeigt Couſin Fee⸗ nix, der, blos um ihn zu ſprechen, von Baden⸗Baden kommt. Das zeigt Major Bagſtock, der Couſin Feenix bei dieſer freund⸗ ſchaftlichen Sendung begleitet. Mr. Dombey empfängt ſie mit ſeiner gewöhnlichen Würde und ſteht in ſeiner alten Stellung aufrecht vor dem Feuer. Er fühlt, daß die Welt aus ihren Augen auf ihn blickt; daß ſie ihn aus den Bildern an den Wänden anſchaut; daß Mr. Pitt, auf dem Bücherſchranke, ſie darſtellt; daß in ihren Karten an der Wand Augen ſind. 4 8 4 „ 4 4 8 — 142— Ein ungewöhnlich kaltes Frühjahr! ſagt Mr. Dombey— um die Welt zu hintergehen. Damme, Sir, ſagt Major Bagſtock mit freundſchaftlicher Wärme. Joſeph Bagſtock verſteht ſich ſchlecht auf's Heucheln. Wenn Sie Ihre Freunde zurückweiſen wollen, Dombey, ſo iſt J. B. nicht der Manu dazu. Joe iſt offen und ſchlicht, Sir; geradezu iſt der Joe. Seine königliche Hoheit der hochſelige Herzog von York erwies mir verdienter⸗ oder unverdientermaßen — das bleibt ſich gleich— die Ehre, zu ſagen: Wenn in der Armee ein Mann iſt, von dem ich ſicher bin, daß er einer Sache kein Mäntelchen umhängt, ſo iſt es Joe,— Joe Bagſtock. Mr. Dombey giebt ſeine Beiſtimmung zu erkennen. Ich ſage und meine, Dombey, ſagte der Major, ich bin ein Mann von Welt. Unſer Freund Feenix— wenn ich ſo ſagen darf—. Fühle mich ſehr geehrt, ſagt Couſin Feenix. — iſt, fährt der Major mit einem gewichtigen Kopfnicken fort, ebenfalls ein Mann von Welt. Dombey, Sie ſind ein Mann von Welt. Wenn nun drei Männer von Welt zuſammen kommen und Freunde ſind— wie ich glaube— mit einem Blick auf Couſin Feenix— Allerdings, ſagt Couſin Feenix, unzweifelhaft. — und Freunde ſind, begann der Major von neuem, ſo meint der alte Joe(Joe kann Unrecht haben), daß die Meinung der Welt über irgend eine Sache leicht zu erfahren iſt. Unzweifelhaft, ſagt Couſin Feenix. Im Grund der Sache iſt es ein ganz ſelbſtverſtändliches Ding. Mir liegt außerordent⸗ n P ——— — 143— lich viel daran, Major, gegen meinen Freund Dombey mein ſehr großes Erſtaunen und Bedauern auszuſprechen, daß meine lie⸗ benswürdige Couſine, die alle Eigenſchaften beſaß, einen Mann glücklich zu machen, ſo weit vergeſſen hat, was ſie der— im Grund der Sache, der Welt— ſchuldig iſt. Ich bin ſeitdem immer verwünſcht niedergedrückt geweſen, und ſagte geſtern Abend noch zum langen Saxby— ein Kerl von ſechs Fuß zehn Zoll, den mein Freund Dombey wahrſcheinlich kennt— daß es mich auf eine ganz verteufelte Weiſe alterirt und melancholiſch gemacht hätte. Eine ſolche Kataſtrophe giebt Einem zu bedenken, ſagt Couſin Feenix, daß manche Ereigniſſe auf ganz providentielle Weiſe eintreten; denn wenn meine Tante jetzt noch gelebt hätte, ſo glaube ich, die Wirkung für eine ſo verwünſcht lebhafte Frau wäre Verderben geweſen, und ſie wäre ihr im Grunde der Sache zum Opfer gefallen.. Alſo, Dombey!— ſagt der Major und nimmt ſeine Rede mit großem Nachdruck wieder auf. Ich bitte um Verzeihung, unterbricht ihn Couſin Feenix. Erlauben Sie mir noch ein Wort. Mein Freund Dombey wird mir geſtatten zu ſagen, daß, wenn noch etwas das hölliſch un⸗. angenehme Gefühl, das mir dieſer Vorfall verurſacht, vermehren könnte, es das ganz natürliche Erſtaunen der Welt darüber wäre, daß meine liebenswürdige Verwandte(wie ich mir immer noch die Freiheit nehmen muß, ſie zu nennen) ſich mit einer Perſon— Mann mit weißen Zähnen, im Grunde der Sache— von viel niederer Stellung als ihr Gatte, compromittirt haben ſollte. Doch während ich mit einiger Entſchiedenheit meinen Freund ...ʒ — 144— Dombey bitten muß, meine liebenswürdige Anverwandte nicht eher für ſchuldig zu erklären, als bis ihre Schuld ganz feſtgeſtellt iſt, erlaube ich mir meinem Freund Dombey die Verſicherung zu geben, daß die Familie, deren Vertreter ich bin und die jetzt faſt erloſchen iſt(verwünſcht trauriger Gedanke für einen Mann), ihm kein Hinderniß in den Weg legen und ſich glücklich ſchätzen wird, ihre Beiſtimmung zu jedem ehrenhaften Verfahren, das er in die⸗ ſer Sache einzuſchlagen für gut findet, zu geben. Ich hoffe, mein Freund Dombey wird die Geſinnungen, von denen ich in Bezug auf dieſe höchſt traurige Angelegenheit belebt bin, anerkennen, und— ah— hm— im Grund der Sache, ich glaube nicht, daß ich meinen Freund Dombey mit weiteren Bemerkungen darüber zu behelligen brauche. Mr. Dombey verbeugt ſich, ohne die Augen zu erheben, und ſchweigt. Alſo, Dombey, ſagt der Major, nachdem unſer Freund Feenix mit einer Beredſamkeit, die der alte Joe B. nie hat über⸗ treffen hören— nein, bei Gott, Sir! niemals!— ſagt der Major, ganz blau im Geſicht, und den Stock in der Mitte an⸗ faſſend— die Sache, ſo weit ſie die Dame betrifft, dargelegt hat, bin ich als Freund ſo kühn, Dombey, ein paar Worte von einem andern Geſichtspunkte aus hinzuzufügen. Sir, ſagt der Major mit einem lauten Räuspern, die Welt hat in ſolchen Sa⸗ chen ihre Meinung, der Genüge gethan werden muß. Das weiß ich, erwidert Mr. Dombey. Natürlich wiſſen Sie es, Dombey, ſagt der Major. Damme! Sir, ich weiß, daß Sie es wiſſen. Ein Mann — 145— von Ihrem Caliber kann mit ſolchen Sachen ſein. Ich hoffe nicht, entgegnet Mr. Dombey. Dombey! ſagt der Major, Sie werden das Uebrige erra⸗ then. Ich ſage es frei heraus— vor der Zeit vielleicht— weil das Geſchlecht der Bagſtocks nie hinter dem Berge gehalten hat. Sie haben wenig damit gewonnen, Sir; aber es liegt im Blute der Bagſtocks. Der Mann muß ſich vor eine Piſtole ſtellen. Sie haben J. B. zu Befehl. Er beanſprucht, Ihnen als Freund zu dienen. Gott ſegne Sie! Major, erwidert Mr. Dombey, ich bin Ihnen ſehr verbun⸗ den. Ich werde Ihre Unterſtützung in Anſpruch nehmen, wenn die Zeit da iſt. Aber da es noch nicht Zeit iſt, habe ich mich enthalten, mit Ihnen darüber zu ſprechen. Wo iſt der Kerl, Dombey? fragt der Major, nachdem er eine ganze Minute lang Mr. Dombey angekeucht und ange⸗ ſtarrt hat. Ich weiß es nicht.. Nachricht von ihm? fragt der Major. Ja, war die Antwort. Dombey, es freut mich, das zu hören, ſagt der Major. Ich gratulire Ihnen. Sie müſſen mir erlauben— ſelbſt Sie, entgegnet Mr. Dombey, daß ich vor der Hand weiter nichts über dieſe Sache ſage. Die Nachricht iſt von eigenthümlicher Art und mir auf eigenthüm⸗ liche Weiſe zugekommen. Sie iſt vielleicht ohne Werth; aber ſie Bos. Dombey u. Sohn. VIII. 4 10 —— er we er irwnzeser eereie nicht unbekannt — 146— iſt auch vielleicht mehr. Ich kann es vor der Hand nicht ſagen. Weiter kann ich mich nicht erklären. Obgleich dies blos eine kühle Antwort auf des Majors glühenden Enthuſtasmus iſt, ſo nimmt der Major ſie doch gnä⸗ dig auf, und freut ſich bei dem Gedanken, daß der Welt hoffent⸗ lich ſo bald Genüge geſchehen ſoll. Dann erhält Couſin Feenir ſeinen Theil Anerkennung von dem Gatten ſeiner liebenswürdi⸗ gen Anverwandten, und Couſin Feenix und Major Bagſtock ent⸗ fernen ſich, und überlaſſen dieſen Gatten wieder der Welt, und ſeinen Gedanken über die Richtigkeit, mit der ſeine Freunde die Meinung der Welt über ſeine Angelegenheiten, und ihre gerech⸗ ten und vernünftigen Erwartungen darſtellen. Aber wer ſitzt in der Stube der Haushälterin, Thränen vergießend und mit oſt erhobenen Händen leiſe mit Mrs. Pipchin ſprechend? Es iſt eine Dame, deren Geſicht ein ſehr anliegender ſchwarzer Hut verbirgt, der nicht für ihren Kopf gemacht ſcheint. Es iſt Miß Tox, die ſich dieſe Verhüllung von ihrer Köchin ge⸗ liehen, und ſo im Geheimen vom Prinzeſſinplatz hierherkommt, um ihre alte Bekanntſchaft mit Mrs. Pipchin zu erneuern, und auf dieſe Weiſe ſichere Auskunft über Mr. Dombey s Gemüthszuſtand zu erlangen. 1 Wie trägt er es denn, meine Liebe? fragt Miß Tox. Na, er iſt ziemlich derſelbe wie von jeher, ſagt Mrs. Pip⸗ chin in ihrer maliciöſen Weiſe. Aeußerlich, verbeſſert Niß Tox. Aber was er innerlich fühlt! 8 8 — 147— Mrs. Pipchins hartes graues Auge ſpricht Zweifel aus, wäh⸗ rend ſie in drei deutlichen Abſätzen antwortet: Ach! Vielleicht! Ich hoffe! Ich will es Ihnen aufrichtig geſtehen, Lucretia, ſagt Mrs. Pipchin; denn ſie nennt Miß Tox immer noch Lucretia, weil ſie an dieſer Dame, als ſie ein armes ſchwächliches Mädchen von wenigen Jahren war, ihre erſten Verſuche in der Kinderzähmungs⸗ kunſt gemacht;— ich will Ihnen aufrichtig geſtehen, Lucretia, ich glaube, wir können froh ſein, daß wir ſie los ſind. Ich mag keine frechen Geſichter hier, was mich betrifft! Ja, wahrhaftig, frech! Wohl können Sie ſagen, frech, Mrs. Pipchin! erwidert Miß Tox. Ihn zu verlaſſen! Einen ſo ſchö⸗ nen Mann! Und hier wird Miß Tox von ihren Gefühlen über⸗ wältigt. Ich weiß nicht, was ſchön iſt, ſo viel weiß ich, bemerkte Mrs. Pipchin, und reibt ſich ärgerlich die Naſenſpitze. Aber das weiß ich— wenn den Leuten Prüfungen auferlegt werden, ſo müſſen ſie ſie tragen. Na, ich habe meinen guten Theil zu tra⸗ gen gehabt! Was für ein Lärm da gemacht wird! Sie iſt fort und gut iſt's, daß ſie fort iſt. Niemand wünſcht, ſie möchte wie⸗ der kommen, ſollt' ich meinen! Dieſe Anſpielung auf die peruaniſchen Goldgruben ver⸗ anlaßt Miß Tox, aufzuſtehen und ſich zum Gehen bereit zu ma⸗ chen; worauf Mrs. Pipchin Towlinſon klingelt, damit er ſie hin⸗ ausbegleite. Mr. Towlinſon, der Miß Tox ſeit einer Ewigkeit nicht geſehen, grinſt ſie freundlich an, und hofft, ſie befinde ſi ch 10* —— — 148— wohl; er habe ſie anfangs in dieſem Hute gar nicht gekannt, be⸗ merkt er dabei. Ziemlich wohl, ich danke Ihnen, Towlinſon, ſagt Miß Tox. Ich muß Sie bitten, wenn Sie mich hier ſehen, nichts davon zu ſagen. Meine Beſuche gelten blos Mrs. Pipchin. Sehr wohl, Miß, ſagt Towlinſon. Schreckliche Vorfälle ereignen ſich, Towlinſon, ſagt Miß Tox. Leider, leider, Miß, erwidert Towlinſon. Ich hoffe, Towlinſon, ſagt Miß Tox, die durch ihr Unter⸗ richtgeben bei der Familie Toodle einen Lehrerton und die Gewohn⸗ heit angenommen hat, jede Gelegenheit zu moraliſcher Belehrung zu benutzen, ich hoffe, es wird Ihnen ein warnendes Beiſpiel ſein. Ich danke Ihnen, Miß, gewiß, ſagt Towlinſon. Er ſcheint in ein Nachdenken über die Art und Weiſe zu verfallen, in welcher dieſer Vorfall für ihn ein warnendes Bei⸗ ſpiel ſein könne, bis die geſtrenge Mrs. Pipchin mit einem: Was machen Sie denn? Warum begleiten Sie denn die Dame nicht hinaus? ihn aufweckt und er Miß Tox hinaus geleitet. Wie ſie an Mr. Dombey's Zimmer vorüber kommt, zieht ſie ſich in die innerſten Tiefen des ſchwarzen Hutes zurück und geht auf den Zehen; und in der Welt, die ihm ſo viel Sorge macht, giebt es kein Atom weiter, das ſo aufrichtige Theilnahme für ihn fühlt, als ſich unter dem ſchwarzen Hute der Miß Toy verbirgt. Aber Miß Tox iſt kein Theil von Mr. Dombey's Welt. Sie kommt jeden Abend mit der Dämmerung wieder; und fügt bei naſſem Wetter Ueberſchuhe und einen Regenſchirm zu dem Hute; und läßt ſich das ſpöttiſche Lächeln Towlinſons und die 149 Launen und Malicen der Mrs. Pipchin gefallen, blos um zu fra⸗ gen, was er macht und wie er ſein Unglück trägt; aber ſie hat keinen Theil an Mr. Dombey's Welt. Anſpruchsvoll und nim⸗ merſatt geht dieſe ihren Weg; und ſie, keineswegs ein ſtrahlen⸗ der oder merkwürdiger Stern, bewegt ſich in ihrem kleinen Kreiſe in der Ecke eines andern Syſtems, und weiß es wohl, und kommt, und weint, und geht wieder, und iſt zufrieden. Wahrhaftig, Miß Tox iſt leichter zu befriedigen, als die Welt, welche Mr. Dombey ſo viel Sorge macht! Auf dem Comptoir beſprechen die Commis den großen Vor⸗ fall in allen ſeinen Licht⸗ und Schattenſeiten, hauptſächlich aber ſpeculiren ſie, wer Mr. Carkers Stelle bekommen werde. Sie ſind meiſtens der Meinung, daß das Salaire beſchnitten, und der Poſten ſelbſt mit neuen Einſchränkungen unangenehm gemacht werden würde; und die am wenigſten Hoffnungen haben, ihn zu bekommen, würden ihn gar nicht annehmen, und beneiden die Per⸗ ſon, die ihn erhält, ganz und gar nicht. Eine ſolche Aufregung hat ſeit dem Tode von Mr. Dombey's Sohn und Erben auf dem Comptoir nicht geherrſcht; aber derartige Aufregungen nehmen dort eine geſellige oder gar joviale Richtung und fördern gute Ka⸗ meradſchaft. Bei dieſer Gelegenheit findet eine Ausſöhnung zwi⸗ ſchen dem Witzbold des Comptoirs und einem ſtrebſamen Nebenbuh⸗ ler ſtatt, die ſeit Monaten in Fehde gelegen; und zur Feier dieſer Ausſöhnung wird ein freundſchaftliches Diner in einem nahen Gaſthauſe gegeben, wo der Witzbold erſter und der Nebenbuhler zweiter Präſident iſt. Die Reden nach dem Wegnehmen des Tiſchtuches werden vom Präſidenten begonnen, welcher ſagt: — 150— Gentlemen, ich kann mir nicht verhehlen, daß die Zeit für Pri⸗ vatzwiſtigkeiten ſchlecht geeignet iſt. Erſtaunliche Vorfälle, auf die ich nicht näher anzuſpielen brauche, die aber von einigen Sonntagsblättern, und ſelbſt in einer täglichen Zeitung, die ich nicht zu nennen brauche(hier nennt jedes Mitglied der Geſell⸗ ſchaft die Zeitung mit hörbarem Geflüſter), nicht unbeachtet ge⸗ blieben ſind, haben mich zum Nachdenken veranlaßt; und ich fühle wohl, wenn wir Beide, Robinſon und ich, in ſolchen Augen⸗ blicken Privatzwiſtigkeiten nicht vergeſſen ſollten, ſo würden wir dem einträchtigen Gefühl für die allgemeine Sache, welches die Herren von Dombey's Geſchäft immer ausgezeichnet, untreu wer⸗ den. Robinſon antwortet darauf wie ein Mann und Bruder; und ein Herr, der ſeit drei Jahren auf dem Comptoir iſt, und wegen beſtändiger Verſehen im Rechnen immer Aufkündigung er⸗ halten hat, erſcheint in einem ganz neuen Lichte, indem er plötz⸗ lich mit einer begeiſterten Rede herausplatzt, in welcher er ſagt: Möge unſer geehrter Chef nie wieder das Unglück kennen lernen, das ſein Haus betroffen! und noch vieles, was Alles mit: Möge er nie wieder, anfängt, und mit donnerndem Beifall aufgenommen wird. Mit keinem Worte, es iſt ein höchſt fideler Abend, nur geſtört durch einen Zank zwiſchen zwei jungen Leuten, die über die wahrſcheinliche Höhe von Mr. Carkers Salaire uneins werden, ſich auf Weinflaſchen fordern, und in großer Aufregung hinaus⸗ geſchafft werden. Sodawaſſer iſt am nächſten Morgen auf dem Comptoir ein allgemeines Bedürfniß, und die Meiſten, welche am Diner Theil genommen, halten die Rechnung für Betrügerei. 4 . . — 151— Der Markthelfer Perch iſt auf dem beſten Wege, ein rui⸗ nirter Mann zu werden. Er ſteht abermals beſtändig in Schenk⸗ häuſern, wird tractirt, und lügt, daß ſich die Balken biegen. Sei⸗ nem Erzählen nach hat er jede Perſon, die bei den letzten Vor⸗ fällen betheiligt iſt, aller Orten getroffen, und zu Allen geſagt: Sir, oder Madame, warum ſehen Sie ſo blaß aus? worauf der oder die Angeredete am ganzen Leibe gezittert, weiter nichts geſagt hat als: O, Perch! und davongelaufen iſt. Entweder die Bürde dieſer Geheimniſſe, oder die Folgen des Branntweins machen Mr. Perch zu der Zeit, wo er gewöhnlich Troſt in der Geſell⸗ ſchaft der Mrs. Perch in Balls Pond ſucht, außerordentlich nie⸗ dergeſchlagen; und Mrs. Perch grämt ſich ſehr, denn ſie fürchtet, ſein Vertrauen auf weibliche Treue ſei wankend geworden, und 3 er erwarte faſt, eines Abends bei ſeiner Nachhauſekunft zu hören, ſie ſei mit einem Viscount davongelaufen. Mr. Dombey's Dienerſchaft wird ſehr liederlich und iſt zu nichts zu gebrauchen. Sie eſſen alle Abend warm, und beſpre⸗ chen die Angelegenheiten des Tags mit rauchendem Getränk auf dem Tiſche. Mr. Towlinſon wird halb elf Uhr ſtets ſentimental, und fragt häufig, ob er nicht gleich geſagt habe, es ſei nicht gut, in einem Eckhauſe zu wohnen. Sie flüſtern untereinander von Florentinen, und fragen ſich, wo ſie ſei; ſind aber darüber einig, daß es, wenn nicht Mr. Dombey, ſo doch jedenfalls Mrs. Dom⸗ bey wiſſe. Das bringt ſie auf Letztere, von der die Köchin ſagt: Sie hatte doch etwas Großartiges, nicht wahr? Aber ſie war zu ſtolz! Sie ſtimmen alle überein, daß ſie zu ſtolz war; und Mr. Towlinſons alte Flamme, das Stubenmädchen(das ſehr tugend⸗ 1 7 — 12— * haft iſt), bittet, ſie möchten doch nicht mehr mit ihr von Leuten reden, welche die Naſe ſo hoch tragen, als ob der Erdboden für ihre Füße zu ſchlecht wäre. Alles, was außer von Mr. Dombey darüber geſagt wird und geſchieht, geht im Chor vor ſich. Mr. Dombey und die „Wellt ſind allein beiſammen. Druck von Fr. Nies in Leipzig.— +8öEIEIſ— 4 3 1 8