4 — deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Okltmann in Gießen,— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.. 1 Leih- und Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens .7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen. 4 2 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme l eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 1 wird. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. V beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 8 „ 35„. 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Mit unermüdlichem Fuß und unwandelbarem Willen war die Zeit ſo fortgeſchritten, daß das Jahr, welches der alte Opticus als Friſt bis zum Eröffnen des von ihm zurückgelaſſenen verſiegelten Packets feſtgeſetzt, jetzt faſt verſtrichen war, und Capitain Cuttle eines Abends anfing, es mit einem Gefühle der Scheu und Un⸗ ruhe zu betrachten. Bei ſeinen Begriffen von Ehrenhaftigkeit konnte der Capi⸗ tain eben ſo wenig auf den Gedanken kommen, das Packet nur eine Stunde vor der feſtgeſetzten Zeit zu öffnen, als es ihm ein⸗ gefallen wäre, ſich den Leib aufzuſchneiden, um an ſich ſelbſt Ana⸗ tomie zu ſtudiren. Er holte es nur in einem gewiſſen Stadium ſeiner erſten Abendpfeife hervor, legte es auf den Tiſch und ſah es durch den Rauch mit ſchweigender Würde zwei oder drei Stun⸗ den lang an. Manchmal, wenn er es ziemlich lange betrachtet hatte, rückte der Capitain nach und nach ſeinen Stuhl weiter ab, als wolle er ſich aus dem Bereich ſeiner Zauberkraft retten; aber wenn dies ſeine Abſicht war, ſo erreichte er ſie nie; denn ſelbſt wenn ihm zuletzt die Wand Stillſtand gebot, zog ihn das Packet immer noch an; oder wenn ſeine Augen gedankenvoll ſich nach der Decke oder in das Feuer verirrten, ſo folgte ihnen das Bild des Packets ſofort und ſuchte ſich einen auffälligen Platz unter den Kohlen oder an der weißen Decke auf. Hinſichtlich der Herzenswonne hatte die väterliche Zunei⸗ gung und Bewunderung des Capitains keine Veränderung erlit⸗ ten. Aber ſeit ſeiner letzten Zuſammenkunft mit Mr. Carker hatte Capitain Cuttle angefangen, einige Zweifel zu hegen, ob ſeine frühere Vermittelung zum Beſten dieſer jungen Dame und ſeines lieben Jungen Wals ganz ſo günſtig ausgeſchlagen ſei, als er wünſchte und damals geglaubt hatte. Den Capitain quälte mit Einem Worte eine bange Ahnung, daß er mehr geſchadet als genützt habe; und in ſeiner Zerknirſchung und Beſcheidenheit ſuchte er das Geſchehene dadurch wieder gut zu machen, daß er Allen aus dem Wege ging und ſich ſo zu ſagen als gefährliche Perſon über Bord warf. Begraben unter ſeinen Inſtrumenten wagte ſich daher der Capitain nie in die Nähe von Mr. Dombey's Haus, meldete ſich unter keiner Form bei Florentinen oder Miß Nipper. Er riß ſich ſogar bei ſeinem nächſten Beſuch von Mr. Perch los, indem er dieſem Herrn mit dürren Worten ſagte: er danke ihm für ſeine Geſellſchaft, habe ſich aber von ſolchen Bekanntſchaften losgemacht, da er nicht wiſſe, welches Magazin er unbewußter Weiſe in die Luft ſprengen könne. In dieſer freiwilligen Zurückgezogenheit verlebte der Capitain ganze Tage und Wochen, ohne mit einem * —— anderen Menſchen, als Rob dem Scheerenſchleifer, den er als ein Muſter uneigennütziger Anhänglichkeit und Treue bewunderte, nur ein Wort zu ſprechen. In dieſer Zurückgezogenheit ſaß der Ca⸗ pitain Abends in dem Laden, ſah das Packet an, rauchte und dachte an Florentinen und den armen Walter, bis ihm Beide in ſeiner Phantaſie erſchienen als Todte, aber in ewiger Jugend als die ſchönen und unſchuldigen Kinder ſeiner erſten Erinnerung. In ſeiner träumeriſchen Einſamkeit“ vergaß aber der Ca⸗ pitain weder für ſeine eigene, noch für Rob's geiſtige Ausbildung zu ſorgen. Dieſer Jüngling mußte faſt jeden Abend dem Capi⸗ tain eine Stunde lang aus einem Buche vorleſen; und da der Capitain in dem feſten Glauben lebte, alle Bücher ſeien wahr, ſo ſammelte er auf dieſe Weiſe viele höchſt merkwürdige Thatſachen in ſeinem Geiſte. Sonntags Abends vor dem Schlafengehen las der Capitain ſtets ſelbſt die Bergpredigt; und obgleich er ihre Worte ohne Buch nach ſeiner eigenen Weiſe anzuführen pflegte, ſo las er ſie doch mit einem ſo demüthigen Verſtändniß ihres göttlichen Geiſtes, als ob er ſie griechiſch auswendig wüßte und über jedes Wort derſelben jede beliebige Anzahl heftiger theolo⸗ giſcher Streitſchriften abfaſſen könnte. Rob, deſſen Ehrfurcht vor der heiligen Schrift unter dem bewundernswürdigen Syſtem der Scheerenſchleiferſchule durch ein beſtändiges Stolpern ſeiner geiſtigen Fortſchrittsbeine über alle Namen aller Stämme von Juda und durch die eintönige Wie⸗ derholung ſchwerer Verſe als Strafaufgabe entwickelt worden, ſo wie auch durch dreimalige Anweſenheit in der Kirche an jedem Sonntag— in Lederhoſen, dicht neben der großen Orgel, die in ———ſ ſein müdes Haupt wie eine emſige Biene ſummte— ſtellte ſich ganz ausnehmend erbaut, wenn der Capitain zu leſen aufhörte, und gähnte und nickte gewöhnlich, ſo lange das Leſen dauerte. Von letzteren Functionen hatte der gute Capitain nicht einmal eine Ahnung. Als Geſchäftsmann legte ſich Capitain Cuttle auch auf das Buchführen. In ſeine Bücher trug er Beobachtungen über das Wetter und über die Strömungen der Frachtwagen und andrer Fuhrwerke ein, die in dieſer Gegend während des Tages weſt⸗ wärts und Abends oſtwärts liefen. Da ſich einmal in einer Woche zwei oder drei Leute in den Laden verliefen, die nach Bril⸗ len fragten und, ohne gerade etwas zu kaufen, wiederzukommen verſprachen, ſo urtheilte der Capitain, daß das Geſchäft ſich hebe, und trug dies in das Journal ein: der Wind(das zeichnete er zuerſt auf) wehte ziemlich friſch, Weſt bei Nord, und hatte ſich während der Nacht verändert. Ein Haupträthſel für den Capitain war Mr. Toots, der ſich häufig einſtellte und ohne viele Worte zu verlieren der Mei⸗ nung zu ſein ſchien, daß das kleine Hinterſtübchen ein paſſender Ort ſei, um ſtill vor ſich hin zu lachen; denn ſo beſchäftigt ſaß er oft halbe Stunden lang dort, ohne mit dem Capitain in ein ver⸗ trauteres Verhältniß zu kommen. Letzterer, durch ſeine neuerliche Erfahrung vorſichtiger geworden, konnte nicht recht herauskriegen, ob Mr. Toots wirklich ſo ſanft ſei wie er ausſah, oder ob er ein erzſchlauer und argliſtiger Heuchler ſei. Sein häufiges Erwähnen der Miß Dombey war höchſt verdächtig; aber der Capitain hatte wegen Mr. Toots' anſcheinenden Vertrauens zu ihm eine geheime Zuneigung für ihn gefaßt, und wollte vor der Hand noch nicht über ihn abſprechen; er beobachtete ihn blos mit gar nicht zu be⸗ ſchreibender Schlauheit, ſo oft er den ſeinem Herzen am nächſten liegenden Gegenſtand berührte. Capitain Gills, platzte Mr. Toots eines Tages auf einmal heraus, ganz in ſeiner gewöhnlichen Weiſe— meinen Sie wohl, Sie könnten meinen früheren Vorſchlag günſtig aufnehmen und mir das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft gewähren? Nun, ich will's euch ſagen, mein Junge, erwiderte der Capi⸗ tain, der endlich einen Entſchluß gefaßt hatte; ich habe mir das Ding überlegt. Capitain Gills, das iſt ſehr freundlich von Ihnen, entgeg⸗ nete Mr. Toots. Ich bin Ihnen ſehr verbunden. Bei meinem Wort und meiner Ehre, Capitain Gills, es wäre eine wahre Barmherzigkeit, mir das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft zu ge⸗ ſtatten. Wahrhaftig! Ihr ſeht, Bruder, wendete der Capitain langſam ein, ich kenne euch nicht. Aber Sie können mich ja nie kennen lernen, Capitain Gills, erwiderte Mr. Toots, ſtandhaft ſeinen Plan verfolgend, wenn Sie mir nicht das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaft gewähren. Der Capitain ſchien ſich von der Originalität und Ange⸗ meſſenheit dieſer Bemerkung getroffen zu fühlen, und ſah Mr. Toots mit einem Blick an, der ſagen ſollte: du biſt viel geſchei⸗ ter, als ich gedacht hätte. Gut geſprochen, mein Jung, bemerkte der Capitain, gedan⸗ kenvoll mit dem Kopf nickend; und wahr. Nun ſeht mal: ihr — — 10— habt Bemerkungen gegen mich gemacht, die mir zu verſtehen geben, daß ihr ein gewiſſes Engelsmädchen bewundert. Heh? Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, heftig mit der Hand, in der er ſeinen Hut hielt, geſticulirend, Bewunderung iſt nicht das rechte Wort. Auf Ehre, Sie haben keinen Begriff von dem, was ich fühle. Wenn ich mich ſchwarz färben und zu Miß Dombey's Sklaven machen laſſen könnte, würde ich es für eine Wohlthat halten. Wenn ich mit Aufopferung meines ganzen Vermögens mich in Miß Dombey's Hund verwandeln könnte— dann— dann glaube ich wahrhaftig, ich würde nie aufhören mit dem Schwanze zu wedeln. Ich würde unendlich glücklich ſein, Capi⸗ tain Gills! Mr. Toots ſagte dies mit thränenfeuchten Augen, und drückte mit tiefer Bewegung den Hut an die Bruſt. Mein Jung, ſagte der Capitain ganz gerührt, wenn es euer Ernſt iſt— Capitain Gills, rief Mr. Toots, ich bin in einem ſolchen Gemüthszuſtand, und es iſt ſo entſetzlich mein Ernſt, daß, wenn ich es auf einem glühenden Eiſen, oder einer glühenden Kohle, oder geſchmolzenem Blei, oder brennendem Siegellack, oder etwas der Art beſchwören könnte, ich mich gern verletzen würde um mein Herz zu erleichtern. 4 Bei dieſen Worten ſah ſich Mr. Toots forſchend in der Stube um, als ſuche er ein genügend ſchmerzliches Mittel zur Ausführung ſeines ſchrecklichen Vorſatzes. 1 Der Capitain ſchob den lackirten Hut von der Stirne, ſtrich ſich mit ſeiner ſchweren Hand über das Geſicht— wodurch ſeine * — 11— Naſe noch fleckiger wurde— ſtellte ſich vor Mr. Toots hin, hakte ihn bei der Rockklappe an und hielt folgende Rede an ihn, wäh⸗ rend ihn Mr. Toots mit großer Aufmerkſamkeit und einiger Ver⸗ wunderung anſah. Wenus euer Ernſt iſt, mein Jung, ſagte der Capitain, ſo ſeid ihr ein Gegenſtand des Mitleids, und Mitleid iſt der ſchönſte Juwel in der Krone eines Britten, was ihr in der Conſtitution aufſuchen könnt, die im Rule Britannia ſteht. Doch halt! Euer Vorſchlag hat mich ein Bischen überraſcht. Und warum? Weil ich hier in dieſem Meere allein ſegle, ſebt ihr, und keinen Beglei⸗ ter habe, und vielleicht auch keinen haben will. Halt! ihr rieft mich zuerſt an wegen einer gewiſſen Dame, von der ihr engagirt waret. Wenn wir nun mit einander ſegeln ſollen, ſo darf dieſer jungen Dame Name nicht genannt werden. Ich weiß nicht, wel⸗ chen Schaden ich angerichtet haben mag, weil ich ſie ſchon zu oft genannt hab', und deshalb dreh ich bei. Ihr verſteht mich doch, Bruder? Sie müſſen wirklich entſchuldigen, Capitain Gills, erwiderte Mr. Toots, wenn ich Ihnen nicht immer ganz folgen kann. Aber auf mein Wort, ich—'s iſt hart, Capitain Gills, Miß Dombey nicht erwähnen zu dürfen. Ich habe wahrhaftig eine ſo ſchwere Laſt hier!— Mr. Toots legte dabei pathetiſch beide Hände auf das Vorhemdehen— daß es mir Tag und Nacht vorkommt, als ſitze Jemand auf mir. Das ſind meine Bedingungen, ſagte der Capitain. Wenn ſie euch zu hart ſind, Bruder, ſo müßt ihr abſtoßen und weiter fahren mit einem Hurrah! — 12— Capitain Gills, entgegnete Mr. Toots, ich weiß kaum, wie es zugeht, aber nach dem, was Sie mir bei meiner erſten Anwe⸗ ſenheit hier ſagten, glaube ich— glaube ich, ich würde faſt lieber in Ihrer Geſellſchaft an Miß Dombey denken, als mit ſonſt Je⸗ manden von ihr ſprechen. Wenn Sie mir daher die Freude Ih⸗ rer Bekanntſchaft machen wollen, Capitain Gills, ſo ſchätze ich mich glücklich, ſie auf Ihre eigenen Bedingungen anzunehmen. Ich will als Ehrenmann handeln, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, für einen Augenblick die dargebotene Hand zurückziehend, und muß daher ſagen, daß ich's nicht verhüten kann, wenn ich manch⸗ mal an Miß Dombey denke. Mein Jung', ſagte Capitain Cuttle, deſſen Meinung von Mr. Toots durch dieſes offene Geſtändniß ſehr erhöht wurde, des Menſchen Gedanken ſind wie der Wind, und Niemand kann für ſie ſtehen. Gilt's für das Sprechen? Für das Sprechen, ſagte Mr. Toots; ich glaube, dazu kann ich mich verpflichten. Mr. Toots gab dem Capitain Cuttle ſeine Hand darauf; und der Capitain ſchenkte ihm mit einer gnädigen Miene die Ehre ſeiner Bekanntſchaft in beſter Form. Mr. Toots ſchien von dieſer neuen Erwerbung ſehr getröſtet und erfreut zu ſein, und lachte während der ganzen übrigen Dauer ſeines Beſuchs ganz entzückt in ſich hinein. Seinerſeits gefiel ſich auch der Capitain in ſeiner neuen Stellung als Gönner, und war ſehr mit ſeiner eignen Klug⸗ heit und Vorſicht zufrieden. Aber ſo reich auch Capitain Cuttle an dieſer Eigenſchaft war, ſo ſtand ihm doch noch dieſen Abend eine Ueberraſchung bevor —————— — 13— von keinem Andern als dem offenherzigen und einfachen Jüngling, Rob dem Scheerenſchleifer. Dieſes unverdorbene Menſchenkind, an demſelben Tiſche Thee trinkend und beſcheiden über ſeine Taſſe gebeugt, brach endlich das Schweigen, nachdem er ſeinen Herrn, der mit vieler Würde, aber großer Mühe, mit Hülfe der Brille die Zeitung las, eine Zeit lang verſtohlen beobachtet hatte. Ol ich bitte um Verzeihung, Capitain, ſagte er, aber Sie brauchen wohl keine Tauben, Sir? Nein, mein Jung,, erwiderte der Capitain. Weil ich meine verkaufen möchte, Capitain, fuhr Rob fort. So, ſo? ſagte der Capitain, die buſchigen Augenbrauen ein wenig in die Höhe ziehend. Ja, ich gehe, Capitain, wenn Sie erlauben, ſagte Rob. Du gehſt? Wohin gehſt du? frug der Capitain und ſah ihn über die Brille an. Was? Wiſſen Sie nicht, daß ich abgehen will, Capitain? frug Rob mit einem ſchlauen Lächeln. Der Capitain legte die Zeitung hin, nahm die Brille ab und richtete ſeine Augen auf den Treuloſen. Nun ja, Capitain, ich wollt's Ihnen nur ſagen. Ich dachte, Sie hätten's vielleicht ſchon voraus gewußt, ſagte Rob, rieb ſich die Hände und ſtand auf. Wenn Sie ſo gut ſein und ſich anders verſorgen wollten, Capitain, ſo thäten Sie mir einen großen Ge⸗ fallen. Könnten Sie ſich wohl ſchon morgen früh verſorgen, Ca⸗ pitain? Wohl nicht? Und du willſt alſo von deiner Fahne deſertiren, mein Jung? ſagte der Capitain, nachdem er ihn lange forſchend betrachtet hatte. 's iſt wirklich hart für einen Burſchen, Capitain, rief der zartfühlende Rob, ſogleich auf's Tiefſte verletzt, daß er nicht ein⸗ mal aufkündigen kann, ohne ein böſes Geſicht zu kriegen und De⸗ ſerteur geſchimpft zu werden. Sie haben gar kein Recht, einen armen Burſchen zu ſchimpfen, Capitain. Weil ich der Diener bin und Sie der Herr ſind, dürfen Sie mir noch nichts anhängen. Was hab' ich denn gethan? Was iſt denn mein Verbrechen, Ca⸗ pitain? ſagen Sie's doch! Der tiefbetrübte Scheerenſchleifer greinte und fuhr mit dem Aermelaufſchlag nach den Augen. Sagen Sie doch, was ich gethan habe, Capitain! rief der höchlichſt verletzte Jüngling. Habe ich was aus dem Laden ge⸗ ſtohlen? Habe ich das Haus in Brand geſteckt? Wenn's das iſt, warum laſſen Sie mich denn nicht arretiren? Aber einem armen Burſchen, der ſich gut aufgeführt hat und der ſich Ihretwegen nicht im Lichte ſtehen kann, Böſes nachzureden, das iſt gewiß nicht gut und ein ſchlechter Dank für treue Dienſte! So werden arme Jungen verdorben und zum Unrecht getrieben. Das hätt⸗ ich von Ihnen nicht gedacht, Capitain, wahrhaftig nicht. Alles dies ſagte Rob mit einem weinerlichen Gewinſel, und trat dabei vorſichtig den Rückzug nach der Thür an. Du haſt alſo ein anderes Engagement bekommen, mein Jung'? ſagte der Capitain und ſah ihn forſchend an. Ja, Capitain, da Sie mich ſo fragen, ich hab' ein ander Engagement, erwiderte Rob, der Thür immer näher tretend; ein beſſer Engagement als hier, und wo ich Ihre Empfehlung nicht brauche, Capitain, was ein Glück für mich iſt, da Sie mir ſo viel — 45— Schlechtes nachſagen, weil ich arm bin und mir Ihretwegen nicht im Lichte ſtehen kann. Warum werfen Sie mir's vor, daß ich arm bin, Capitain, und mir Ihretwegen nicht im Lichte ſtehen kann, Capitain? Wie können Sie ſo was thun? Hör' einmal, mein Jung;, ſagte der friedliebende Capitain, laß mir ſolche Worte ſein. Nun, dann laſſen Sie erſt Ihre Worte ſein, Capitain, rief die gereizte Unſchuld, die jetzt den Laden erreicht hatte. Ich wollte lieber, Sie nähmen mir's Leben, als meinen guten Namen. Sonſt, fuhr der Capitain ruhig fort— du haſt vielleicht von einem Dinge gehört, das man ein Tauende nennt. O, meinen Sie, Capitain? ſagte Rob höhnend. O nein, gewiß nicht. Ich hab' mein Lebtag von ſo einem Ding noch nichts gehört. Nun, dann glaube ich, daß du bald mehr davon hören wirſt, wenn du nicht ſcharf umſchauſt, ſagte der Capitain. Ich ver⸗ ſtehe deine Signale, mein Jung'. Du kannſt gehen. O! Kann ich gleich gehen, Capitain? rief Rob, ſeines Er⸗ folges ſich freuend. Aber vergeſſen Sie's nicht! Ich hab' nicht verlangt, gleich abzugehen, Capitain. Und Sie ſollen mir nicht mein Zeugniß verſchänden, Capitain, weil Sie mich ſelber fort⸗ ſchicken. Und Sie ſollen mir nichts vom Lohne innebehalten, Capitain! Sein Herr beruhigte ihn über den letzten Punkt dadurch, daß er die Blechbüchſe vorholte und dem Scheerenſchleifer ſein Geld voll auf den Tiſch zählte. Greinend und ſchluchzend und auf's Tiefſte in ſeinen heiligſten Gefühlen verletzt, nahm Rob das — 16— Geld Stück für Stück an ſich und band jedes in einen Knoten ſeines Taſchentuchs. Dann ſtieg er auf den Boden hinauf und füllte Hut und Taſchen mit Tauben an; dann kam er wieder herunter, holte ſein Bett unter dem Ladentiſche hervor, ſchnürte ſein Bündel, immer lauter ſchluchzend, als ob alte Erinnerungen ihm das Herz zerriſſen, heulte dann: Gute Nacht, Capitain. Ich gehe ohne Groll!— draußen aber vor der Thür zog er den klei⸗ nen Seecadetten an der Naſe und eilte mit frohlockendem Grinſen die Straße hinab. Sich ſelbſt überlaſſen nahm der Capitain wieder die Zeitung her, als ob gar nichts Ungewöhnliches oder Unerwartetes ſtatt ge⸗ funden hätte, und las mit dem größten Eifer weiter. Aber Ca⸗ pitain Cuttle verſtand auch nicht ein einziges Wort, obgleich er ſehr viel las, denn Rob der Scheerenſchleifer kletterte in jeder Spalte der Zeitung auf und ab. Ich weiß nicht, ob der würdige Capitain ſich eher als jetzt ganz verlaſſen fühlte; aber jetzt waren der alte Sol Gills, Wal⸗ ter und Herzenswonne wirklich für ihn verloren, und jetzt täuſchte und höhnte ihn Mr. Carker auf das Grauſamſte. Sie alle waren. ihm durch den treuloſen Rob vertreten, dem er manchmal von den Erinnerungen, die in ihm lebten, erzählt hatte; er hatte an den falſchen Rob geglaubt, und der Glaube hatte ihm gut gethan; er hatte ihn zu ſeinem Gefährten gewählt, als den Letzten der alten Schiffskameradſchaft; er hatte den Befehl über den kleinen See⸗ 4 cadetten mit ihm als ſeiner rechten Hand übernommen; er hatte gemeint, ſeine Pflicht durch ihn zu thun, und war dem Knaben faſt ſo zugeneigt geweſen, als ob ſie auf einer wüſten Inſel —— —— Schiffbruch zuſammen gelitten hätten. Und jetzt, wo der falſche Rob Argwohn, Verrath und Niedertracht in das Stübchen ge⸗ bracht, das ihm eine Art Heiligthum war, da war es dem Capi⸗ tain Cuttle, als müſſe nun das Hinterſtübchen ſelbſt untergehen. Deshalb las der Capitain die Zeitung mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit und ohne etwas zu begreifen, und deshalb ſagte Capitain Cuttle nichts über Rob und geſtand ſich auch nicht ein, daß er an ihn denke, oder daß er im mindeſten Schuld trage, wenn er ſich jetzt ſo einſam wie Robinſon Cruſoe ſühlte. In derſelben ruhigen, geſchäftsmäßigen Weiſe begab ſich der Capitain nach Dunkelwerden nach dem Leadenhallmarkt und nahm dort einen Wäͤchter an, der Abends und Morgens den hölzernen Seecadetten ſchließen und öffnen ſollte. Dann ging er nach dem Speiſehaus, um die tägliche Ration des Seecadetten um die Hälfte zu/ vermindern, und nach der Schenke, um des Verräthers Bier abzubeſtellen. Mein Burſche hat ſich verbeſſert, ſagte der Capitain erläuternd zu der jungen Dame hinter dem Schenktiſche. Endlich beſchloß der Capitain das Bett unter dem Ladentiſche in Beſitz zu nehmen und dort, anſtatt auf der Bodenkammer, all⸗ abendlich als einziger Wächter des Inventariums zu ſchlafen. Von dieſem Lager erhob ſich von jetzt an Capitain Cuttle jeden Morgen und ſetzte um ſechs Uhr den lackirten Hut auf mit der verlaſſenen Miene Robinſons, der ſeine Morgentoilette mit der Ziegenfellmütze vollendet; und obgleich ſeine Furcht vor einem Einfall der wilden Horde der Mae Stingers einigermaßen abge⸗ nommen hatte, wie ähnliche Beſorgniſſe jenes einſamen Seeman⸗ nes, als ſich die Cannibalen längere Zeit nicht zeigten, ſo unterließ Boz. Dombey u. Sohn. VII. 2 er doch keine ſeiner täglichen Vertheidigungsmaßregeln, und wagte ſich nie in die Nähe eines Damenhutes, ohne ihn vorher aus ſei⸗ ner Citadelle recognoscirt zu haben. Mittlerweile— auch Mr. Toots zeigte ſich nicht, denn er war, wie er ſchrieb, nicht in der Stadt— fing ſelbſt ſeine Stimme an ihm ſeltſam in die Ohren zu klingen, und das unaufhörliche Poliren und Ordnen der In⸗ ſtrumente, das viele Leſen hinter dem Ladentiſche und das Hin⸗ ausſehen zum Fenſter gewöhnten ihn ſo ſehr an tiefes Nachdenken, daß der rothe Rand an der Stirn, den der harte lackirte Hut ver⸗ urſachte, von der anſtrengenden geiſtigen Beſchäftigung oft zu brennen anfing. Das Jahr war jetzt vorüber und Capitain Cuttle glaubte das Packet öffnen zu müſſen; da er dies aber ſtets in Robs Anwe⸗ ſenheit hatte thun wollen und die Anweſenheit eines Zweiten für nothwendig hielt, ſo machte ihm der Mangel eines Zeugen große Sorge. In dieſer Verlegenheit erſah er eines Tages mit unge⸗ wöhnlicher Freude aus den Schiffsnachrichten die Zurückkunft der vorſichtigen Clara, Capitain John Bunsby, und entſendete an dieſen Philoſophen ſofort pr. Poſt einen Brief, unverbrüchlichſtes Schweigen über ſeinen Aufenthaltsort anempfehlend und um ei⸗ nen baldigen Abendbeſuch bittend. Bunsby, einer jener Weiſen, die nach Ueberzeugung han⸗ deln, brauchte einige Tage, um zu der feſten Ueberzeugung zu ge⸗ langen, daß er einen Brief dieſes Inhaltes empfangen habe. Aber als er ſich die Sache näher angeſehen und ihrer endlich Herr ge⸗ worden war, ſchickte er ſofort ſeinen Burſchen mit der Botſchaft ab: Er werde ſich dieſen Abend einſtellen. Beauftragt dieſe — 410— 3 Worte zu ſagen und zu verſchwinden, vollzog dieſer Burſche ſeine Sendung wie ein betheerter Geiſt, betraut mit einer geheimniß⸗ 4 vollen Warnung. Sehr erfreut über die Botſchaft hielt der Capitain Tabaks⸗ pfeifen und Rum und Waſſer bereit, und erwartete ſeinen Gaſt im Hinterſtübchen. Um acht Uhr verkündete ein dumpfes Brüllen an der Ladenthür und ein Klopfen dem lauſchenden Ohr Capitain Cuttle's Bunsby’s Ankunft; und nach dem Oeffnen der Thür erſchien er, zottig und ſchlottrig und mit dem gedankenloſen Ma⸗ hagonigeſicht, das nichts von den Gegenſtänden vor ſich zu wiſſen, ſondern aufmerkſam ein Etwas zu beobachten ſchien, das in einem ganz anderen Theile der Welt ſich befand. Bunsby, ſagte der Capitain und ſchüttelte ihm die Hand, wie geht's, mein Jung', wie geht's? Kamerad, erwiderte die Stimme in Bunsby, unbegleitet von einer Geberde dieſes wackern Seemanns, munter, munter. Bunsby, ſagte der Capitain mit nicht zu unterdrückender Verehrung ſeines Genies, da ſeid ihr! ein Mann, der ein Urtheil abgeben kann, klarer als Diamant— und gebt mir den Jungen mit theerigter Jack der glänzet wie der Demant hell. Das könnt ihr nachſehen in Stanfells Schatzkäſtlein, und wenn ihr's gefunden habt, notirt's. Da ſeid ihr, der Mann, der hier ſchon einmal ein Urtheil abgab, das Wort für Wort eingetroffen iſt,— was der Capitain aufrichtig glaubte. So, ſo? brummte Bunsby. Wort für Wort, ſagte der Capitain. Und warum? brummte Bunsby, ſeinen Freund jetzt zum —ꝛ—ÿx;ꝛj ——õ—yõööömnnn — 20— erſtenmal anſehend. Wo hinaus? Wenn's ſo iſt, warum nicht? Deshalb. Mit dieſen orakelhaſten Worten— ſie ſchienen dem Capitain faſt Schwindel zu verurſachen; ſie ſtießen ihn auf ein ſo grenzenloſes Meer der Ungewißheit und der Vermuthung hinaus — ließ ſich der Weiſe ſeine Lootſenjacke ausziehen und begleitete ſeinen Freund ins Hinterſtübchen, wo ſeine Hand ſich ſogleich der Rumflaſche bemächtigte, mit deren Hülfe er ſich ein ſteifes Glas Grog braute und gleich darauf eine Pfeife, die er ſtopfte, an⸗ brannte und dann zu rauchen anfing. Capitain Cuttle, der in dieſem allen ſeinen Gaſt nachahmte, obgleich die verzückte und unſtörliche Weiſe des großen Seemanns weit über ſeine Kräfte war, ſetzte ſich in die andere Ecke des Ka⸗ mins und ſah ihn voller Verehrung an, als ob er auf eine Auf⸗ forderung oder eine Aeußerung der Wißbegier von Seiten Buns⸗ by's wartete, um das Geſchäft des Abends zu beginnen. Da aber der mahagonibraune Philoſoph nicht das geringſte Gefühl für et⸗ was Anderes als Wärme und Tabak zeigte, außer einmal, wo er, indem er die Pfeife aus dem Munde nahm, um dem Grogglas Platz zu machen, ſehr mürriſch bemerkte, er heiße Jack Bunsby — eine Erklärung, welche für die Unterhaltung kaum einen An⸗ knüpfungspunkt darbot— ſo mußte der Capitain ſich entſchließen, nachdem er ſeine Aufmerkſamkeit durch eine kurze beeomplimenti⸗ rende Einleitung geweckt, ihm die ganze Geſchichte von Onkel Sols Abreiſe, und die Veränderung, die ſie in ſeinem Leben und ſeinen Schickſalen hervorgebracht, zu erzählen und zuletzt das Packet auf den Tiſch zu legen. — — 21— Nach einer langen Pauſe nickte Mr. Bunsby mit dem Kopfe. Oeffnen? frug der Capitain. Bunsby nickte wieder. Der Capitain brach alſo das Siegel und nahm zwei zu⸗ ſammengefaltete Papiere heraus, deren Ueberſchriften: Letzter Wille und Teſtament von Salomo Gills, und: An Ned Cuttle, er laut las. Bunsby, das Auge nach der grönländiſchen Küſte gerichtet, ſchien zuzuhören. Der Capitain räusperte ſich daher und las den Brief vor. „Mein lieber Ned Cuttle, als ich nach Weſtindien abreiſ'te— Hier hielt der Capitain inne und ſah Bunsby an, der nach der Küſte von Grönland ſchaute. —„um vielleicht Nachricht von meinem gelibten Sohn zu erlangen, wußte ich, daß ihr mich an der Ausführung meines Planes hindern würdet, wenn ihr ihn erfahren hättet, oder mich begleitet hättet; und deshalb hielt ich ihn geheim. Wenn ihr dereinſt dieſen Brief leſet, Ned, bin ich wahrſcheinlich todt. Ihr werdet alsdann einem alten Freunde ſeine Thorheit leicht verge⸗ ben und theilnehmend bedenken, welche Unruhe und Ungewißheit ihn zu dieſer abenteuerlichen Reiſe getrieben. Schweigen wir alſo davon. Ich glaube kaum, daß mein armer Sohn jemals dieſe Worte leſen oder eure Augen mit dem Anblick ſeines freund⸗ lichen Geſichts erquicken wird.“ Nein, nein; nie mehr, ſagte Ca⸗ pitain Cuttle, bekümmert den Kopf ſchüttelnd. Ins feuchte Grab ſank er hinab— — 22— Mr. Bunsby, der ein Ohr für Muſik hatte, brüllte plötz⸗ lich: In Biscaya's ſtürmiſcher Bucht, hallo ho! was den guten Capitain als eine paſſende Anerkennung des wackern Geſtorbenen ſo rührte, daß er ſeinem Gaſt dankend die Hand ſchüttelte und ſich die Augen wiſchte. Ja, ja! ſagte der Capitain mit einem Seufzer, als Buns⸗ by's Klage nicht mehr am Deckenfenſter nachzitterte. Viel Her⸗ zeleid ward ihm bereit', und wollen im Buch nachſehen und es finden. Doctors kamen umſonſt, bemerkte Bunsby. Ja wohl, ja wohl, ſagte der Capitain, und was nützen ſie auch bei zwei bis dreihundert Faden Waſſer! Dann nahm er wie⸗ der den Brief und las weiter:„Aber wenn er da ſein ſollte, wenn er geöffnet wird,“— der Capitain ſah ſich unwillkürlich um und ſchüttelte mit dem Kopfe—„oder davon zu einer ſpätern Zeit erfahren“— hier ſchüttelte der Capitain wieder mit dem Kopfe— „ſo gebe ich ihm hiermit von Herzen meinen Segen! Im Fall das vorliegende Papier nicht in rechtsgültiger Form abgefaßt ſein ſollte, ſo wird das wenig ausmachen, da es blos euch Beide an⸗ geht und mein Wunſch einfach dahin geht, daß, im Fall er noch am Leben iſt, das kleine Vermögen ihm, im entgegengeſetzten Falle aber euch, Ned, zufallen ſoll. Ich weiß, ihr werdet meinen Wunſch in Ehren halten. Gott ſegne euch dafür und für alle eure Freundſchaft für Salomo Gills.“ Bunsby! ſagte der Capitain, was meint ihr dazu? Da ſitzt ihr, ein Mann, der ſich von ſeiner Kindheit an den Kopf — 23— zerbrochen und mit jedem neuen Loch eine neue Idee bekommen hat. Was ſagt ihr dazu? Wenn's ſo iſt, ſagte Bunsby mit ungewöhnlicher Schnellig⸗ keit, und er iſt todt, ſo meine ich, daß er nicht wieder zurückkom⸗ men wird. Und wenn's ſo iſt, und er iſt lebendig, ſo meine ich, er wird zurückkommen. Sage ich, er wird? Nein. Warum nicht? Weil die Bedeutung dieſer Bemerkung in der Anwendung der⸗ ſelben liegt. Bunsby, ſagte der Capitain Cuttle, der den Werth der Meinungen ſeines ausgezeichneten Freundes nach der Schwierig⸗ keit ſie zu verſtehen zu meſſen ſchien; Bunsby, ſagte der Capitain, ganz außer ſich vor Bewunderung, ihr tragt ganz bequem eine Laſt Geſcheitheit, die einen von meinem Tonnengehalt verſenken würde. Aber was dieſes Teſtament hier betrifft, ſo gedenke ich nichts mit dem Inventarium zu machen— Gott behüte mich!— außer es ſeinem rechtmäßigen Eigenthümer aufzuheben; und ich hoffe immer noch, daß der rechtmäßige Eigenthümer Sol Gills noch am Leben iſt und zurückkehren wird, obgleich es ſeltſam iſt, daß er keine Depeſchen ſchickt. Was meint ihr nun, Bunsby, ob man dieſe Papiere wieder einpackt und darauf bemerkt, daß ſie am heutigen Tage in Anweſenheit John Bunsby's und Edward Cuttle's geöffnet worden ſind? Da Bunsby an der grönländiſchen Küſte und andern ent⸗ legenen Orten keinen Einwand gegen dieſen Vorſchlag entdecken konnte, ſo wurde er in Ausführung gebracht; und der große Mann, ſein Auge für einen Augenblick der nächſten Nähe zuwendend, ſetzte ſeine Unterſchrift auf das Couvert, wobei er mit charakte⸗ — 24— riſtiſcher Beſcheidenheit von der Anwendung der großen Buch⸗ ſtaben gänzlich abſah. Nachdem Capitain Cuttle auch ſeinen Na⸗ men mit der linken Hand unterzeichnet und das Packet in die eiſerne Geldeaſſe eingeſchloſſen, lud er ſeinen Gaſt ein, ſich noch ein Glas Grog zu brauen und eine zweite Pfeife zu rauchen; er that dies ſelbſt und ſaß dann da, ſinnend ins Feuer ſchauend und über die möglichen Schickſale des armen alten Opticus nach⸗ 5 denkend. 1— Und jetzt ereignete ſich ein Vorfall ſo überraſchender und entſetzlicher Natur für Capitain Cuttle, daß dieſer ohne Buns⸗ by's Anweſenheit davon überwältigt worden und von dieſer un⸗ ſeligen Stunde an ein verlorener Mann geweſen wäre. Wie der Capitain ſelbſt in der Freude über einen ſolchen Beſuch die Thür hatte nur zumachen und nicht verſchließen kön⸗ nen, welche Nachläſſigkeit er ſich offenbar hatte zu Schulden kom⸗ men laſſen, das iſt eine von jenen Fragen, die für ewig in ge⸗ heimnißvolles Dunkel gehüllt bleiben werden. Aber durch dieſe unverſchloſſene Thür, in dieſem ſtillen Augenblicke brach in das Hinterſtübchen die grauſe Mac Stinger, ihren Alexander Mae Stinger auf mütterlichem Arme und Verwirrung und Rache(noch zu geſchweigen Juliane Mae Stinger, und des lieben Kindes Bruder, Charles Mac Stinger, auf dem Schauplatz ſeiner jugend⸗ lichen Heldenthaten unter dem Namen Chowley bekannt) in ihrem Gefolge. Sie nahte ſo ſchnell und ſtill, daß Capitain Cuttle entdeckte, er ſehe ſie an, bevor das ruhige Geſicht, mit dem er nachgedacht hatte, den Ausdruck des Entſetzens und des Zagens annahm. ——-———-.f.off..ͤ +————„., -— d — 2— Aber in dem Augenblick, wo Capitain Cuttle die ganze Größe ſeines Unglücks erkannte, trieb ihn der Inſtinct der Selbſt⸗ erhaltung zu einem Fluchtverſuch. Der Capitain ſtürzte nach der kleinen Thür, welche aus dem Hinterſtübchen nach der ſteilen Kel⸗ lertreppe führte, mit einer Gleichgültigkeit gegen Beulen und Kopfnüſſe, wie ſie nur ein Mann fühlen kann, der ſich in den in⸗ nerſten Tiefen der Erde verbergen will. Vielleicht wäre ihm dies auch gelungen, ohne die liebreichen Bemühungen Julianens und Chowley's, die ihn bei den Beinen feſthielten— jedes dieſer lie⸗ ben Kinder bemächtigte ſich eines Beines— und mit kläglichem Geſchrei ihren Freund nicht fliehen laſſen wollten. Mittlerweile vollzog Mrs. Mae Stinger, die keine wichtige Handlung vornahm, ohne erſt Alexander Mac Stinger umzudrehen und ihm eine Tracht Schläge auf einen beſonders empfindlichen Theil des Körpers zu appliciren und ihn dann zum Abkühlen auf den Boden zu ſetzen, dieſe feierliche Ceremonie, als wäre ſie diesmal ein den Furien dargebrachtes Opfer; und nachdem ſie den Kleinen auf die Erde geſetzt hatte, naͤherte ſie ſich dem Capitain mit einer Energie, welche den dazwiſchentretenden Bunsby mit einem zerkratzten Geſicht zu bedrohen ſchien. Das Geſchrei der beiden ältern Mae Stingers und das Jammern des kleinen Alexanders, von dem man ſagen kann, daß er eine ſcheckige Kindheit verlebt habe, indem er die Hälfte dieſer ſchönen Zeit ſchwarz im Geſicht war, machten die Heimſuchung noch ſchrecklicher. Aber als wieder Stillſchweigen herrſchte und der Capitain in heftigem Schweiße Mrs. Mac. Stinger demüthig anſah, hatten ihre Schrecken den höchſten Punkt erreicht. — 26— O, Capitain Cuttle, Capitain Cuttley! ſagte Mrs. Mac Stinger, während ihr geſtrenges Kinn ſich im Tact mit dem be⸗ wegte, was man, müßte man nicht die Zartheit ihres Geſchlechts berückſichtigen, ihre Fauſt nennen könnte. O, Capitain Cuttle, Capitain Cuttle, wagen Sie mir ins Angeſicht zu ſehen und nicht in den Erdboden zu verſinken! Der Capitain, der nichts weniger als verwegen ausſah, murmelte leiſe: Feſt und ruhig! Ach, ich war eine ſchwache und vertrauende Thörin, als ich Sie in mein Haus aufnahm, Capitain Cuttle! rief Mrs. Mac Stinger. Wenn ich an die Wohlthaten denke, mit denen ich dieſen Mann überſchüttet habe, und daß ich meine Kinder lehrte, ihn zu lieben und zu ehren, als wäre er ihr Vater, während doch je⸗ der Wirth und jeder Miethsmann in der ganzen Straße weiß, daß ich Geld zuſetzte an dieſem Mann und an ſeinem Schlampen und Pampen, und Alle riefen: Pfui über ihn, daß er eine flei⸗ ßige Frau hintergeht, die früh und ſpät auf dem Damme iſt zum Beſten ihrer jungen Familie und um ihr armes Haus ſo rein zu halten, daß man ſein Mittagsmahl und auch ſeinen Thee, wenn man dazu Luſt hätte, auf dem harten Fußboden oder auf der Treppe genießen könnte, trotz ſeines Schlampens und Pampens, ſo viel Mühe und Sorge habe ich um ihn gehabt! Hier hielt Mrs. Ma Stinger inne um Athem zu holen; und ihr Geſicht glühte vor Triumph, daß ſie noch einmal das Schlampen und Pampen ſo glücklich hatte anbringen können. Und er läuft fo—o—o- rt! rief Mrs. Mae Stinger, mit einer Emphaſe auf dem letzten Worte verweilend, welche dem un⸗ —.——. ²s—,,— —+ ⏑ 1282—— — 2,/— glücklichen Capitain das Bewußtſein ſeiner Niederträchtigkeit auf das Tiefſte einprägte; und bleibt weg ein ganzes Jahr lang! Von einer Frau! Das iſt ſein Gewiſſen! Er hat nicht den Muth ihr offen entgegen zu treten, ſondern ſtiehlt ſich fort wie ein Dieb. Was, wenn das Kind dort, ſagte Mrs. Mae Stinger mit plötz⸗ licher Schnelle, ſich fortſtehlen wollte, würde ich meine Mutter⸗ pflicht an ihm thun, bis es mit Beulen bedeckt wäre! Der kleine Alexander, der dies für eine wirkliche, eheſtens auszuführende Drohung nahm, fiel vor Schrecken und Angſt um, ſtrampelte mit den Beinen und ſchrie ſo betäubend, daß Mrs. Mac Stinger ihn auf den Arm nehmen mußte, wo ſie ihn, ſo oft er wieder zu brüllen anfing, mit einem Schütteln zur Ruhe brachte, von dem ihm die Zähne im Munde zu wackeln ſchienen. Ein ſchöner Kerl dieſer Capitain Cuttle, ſagte Mrs. Mac Stinger mit einem ſcharfen Accent auf der erſten Sylbe des Na⸗ mens, daß man ſich um ihn grämt, und den Schlaf einbüßt, und in Ohnmacht fällt, und ihn für todt hält, und durch die ganze Stadt rennt wie eine Verrückte, und nach ihm fragt! Ja, ein ſchöner Kerl! Ha, ha, ha, ha! Er iſt all das Grämen und Härmen werth, und noch viel mehr! Das iſt gar nichts, Gott bewahre! Ha, ha, ha, ha! Capitain Cuttle, ſagte Mrs. Mac Stinger mit plötzlichem geſtrengem Ernſte, ich möchte wiſſen, ob Sie nach Hauſe kommen wollen. Der Capitain guckte angſtvoll in ſeinen Hut, als ſähe er kein andres Mittel, als ihn aufzuſetzen und ſich zu ergeben. Capitain Cuttle, wiederholte Mrs. Mae Stinger in dem⸗ — 28— ſelben geſtrengen Tone, ich möchte wiſſen, ob Sie nach Hauſe kom⸗ men wollen, Sir. Der Capitain ſchien vollkommen bereit zu ſein zu gehen, ſagte aber leiſe etwas wie: ſie ſolle nicht ſo viel Aufhebens davon machen. Ja, ja, ſagte Bunsby in beſänftigendem Tone. Ruhig Blut, Frau! Und wer ſind Sie denn eigentlich, wenn's beliebt? entgeg⸗ nete Mrs. Mae Stinger mit edler Frauenwürde. Wohnten Sie einmal in Nummer Neun, Brigplatz, Sir? Bei mir nicht, mein Gedächtniß müßte denn ſchlecht ſein. Vor mir wohnte freilich eine Mrs. Jollſon in Nummer Neun, und vielleicht halten Sie mich für die. Blos ſo kann ich mir Ihre Vertraulichkeit erklä⸗ ren, Sir. Ruhig Blut, Frau, ruhig Blut! ſagte Bunsby. Capitain Cuttle konnte es kaum glauben, ſelbſt von dieſem großen Manne nicht, obgleich es ſeine eigenen Augen ſahen; aber Bunsby umſchlang keck mit ſeinem zottigen blauen Arm Mrs. Mae Stinger, und beſänftigte ſie durch die magiſche Art, mit der er dies that, und die wenigen Worte ſo, daß ſie, nachdem ſie ihn ein Weilchen angeſehen, in Thränen zerfloß und bemerkte, ein Kind könne ſie jetzt binden, ſo wenig Muth habe ſie. Sprachlos und ganz erſtaunt ſah der Capitain, wie er dieſe unerbittliche Frau allmälig überredete, in den Laden hinaus zu gehen, wie er dann Rum und Waſſer und ein Licht für ſie holte, und ſie beſaͤnſtigte ohne ein Wort zu ſprechen. Kurz darauf guckte er, mit der Lootſenjacke angethan, wieder herein und ſagte: — 10——.—.,ñ——„„— 1W—— —, 48— ⏑ ⏑‿——2ꝙ—,„—. — — 29— Cuttle, ich werde ſie nach Hauſe begleiten; und Capitain Cuttle, mehr verwundert, als wenn er zum ſicheren Transport nach dem Brigplatz in Ketten gelegt worden wäre, ſah die Familie, Mrs. Mac Stinger an der Spitze, friedlich den Laden verlaſſen. Er hatte kaum noch Zeit die Blechbüchſe herunterzunehmen und Ju⸗ liane Mae Stinger, ſeinem früheren Liebling, und Chowley, dem er wegen ſeiner Matroſenbeine geneigt war, ein Geldſtück in die Hand zu drücken, bevor Alle den Seecadetten geräumt hatten und Bunsby, der ihm zuflüſterte, daß er wiederkommen würde, als der letzte Mann des Zuges die Thür geſchloſſen hatte. Ein dunkles Bangen, daß er halbwach träume, oder daß ihn Geſpenſter und nicht eine Familie von Fleiſch und Bein heimge⸗ ſucht hätten, erfüllte den Capitain anfangs, als er wieder in das kleine Hinterſtübchen trat und ſich allein fand. Unbegrenztes Ver⸗ trauen in den Patron der vorſichtigen Clara und ungemeſſene Bewunderung deſſelben war das nächſte Gefühl und verſetzte den Capitain in eine ſtaunende Verzückung. Aber wie die Zeit verging und Bunsby nicht wieder er⸗ ſchien, überkamen den Capitain unbehagliche Zweifel andrer Art. Ob Bunsby argliſtig nach dem Brigplatz gelockt worden und dort als Geißel für ſeinen Freund in ſicherem Gewahrſam gehalten werde, in welchem Falle der Capitain als Mann von Ehre ihn mit Aufopferung ſeiner eigenen Freiheit hätte auslöſen müſſen; ob er von Mrs. Mac Stinger angegriffen und beſiegt worden ſei und ſich ſchäme, nach ſeiner Niederlage dem Freund vor die Augen zu treten; ob Mrs. Mac Stinger ſich eines Beſſeren be⸗ ſonnen habe und umgekehrt ſei, um den Seecadetten nochmals — 830— zu erſtuͤrmen, und Bunsby, unter dem Vorwand den Weg ab⸗ zukürzen, die Familie in den Einöden der City irre zu führen verſuchte; hauptſächlich aber, was er, Capitain Cuttle, zu thun habe, wenn er von Mrs. Mac Stinger und Bunsby nichts mehr höre, was bei dieſer wunderbaren und unvorhergeſehenen Entwickllung der Ereigniſſe recht gut hätte geſchehen können— Alles das ging dem Capitain im Kopf herum. Er ſann darüber nach bis er deſſen müde war; und immer noch war kein Bunsby da. Er machte ſein Bett unter dem Ladentiſch zurecht, bereit ſich ſchlafen zu legen, und immer noch kein Bunsby. Endlich als der Capitain ihn aufgegeben hatte, wenigſtens für dieſe Nacht, und ſchon halb ausgekleidet war, vernahm man das Rollen eines Wagens, der vor der Thür hielt, und dann Bunsby's Anruf. Der Capitain zitterte bei dem Gedanken, daß Mrs. Mac Stinger unvermeidlich ſei und in dem Wagen wieder zurück⸗ kehre. Aber nein! Bunsby war blos begleitet von einer großen Kiſte, welche er eigenhändig in den Laden ſchleppte und ſich alsdann darauf ſetzte. Capitain Cuttle erkannte in ihr die Kiſte, welche er bei Mrs. Mac Stinger zurückgelaſſen, und bemerkte auch, als er Bunsby näher in das Auge faßte, daß er etwas betrunken ſei. Ganz ſicher war er jedoch darüber nicht; denn Bunsby hatte auch im nüchternen Zuſtand keine Spur von Aus⸗ druck im Geſicht.. Cuttle, ſagte der Freund, von der Kiſte aufſtehend und ſie öffnend, ſind dies euere Sachen? 9 Capitain Cuttle guckte hinein und erkannte ſein Eigen⸗ thum an. Kurz und ſchnell abgemacht, Kamerad? ſagte Bunsby⸗ Dankbar und außer ſich vor Staunen drückte ihm der Ca⸗ pitain die Hand und wollte ſeiner Verwunderung durch Worte Luft machen, als Bunsby ſeine Hand wieder befreite und einen Ver⸗ ſuch zu machen ſchien, mit dem Auge zu winken, was ihn faſt aus dem Gleichgewicht gebracht hätte. Dann riß er die Thür auf und ſchoß in der Dunkelheit hinaus, um die vorſichtige Clara wieder aufzuſuchen— ſeine ſtete Gewohnheit, wenn er ſeiner Meinung nach etwas Großes ausgerichtet hatte. Da er ſich nicht gern oft aufſuchen ließ, ſo beſchloß Capi⸗ tain Cuttle, den nächſten Tag nicht zu ihm zu gehen, wenn er ſein gnädiges Verlangen nach einem Beſuch nicht ausſprechen ſollte, ſondern dies erſt nach Verlauf einiger Zeit zu thun. Deshalb begann am nächſten Morgen der Capitain ſein einſames Leben von neuem, und dachte viele Morgen, Mittage und Nächte tief nach über den alten Gills, Bunsby's Meinungen in Bezug auf ihn und die Möglichkeit ſeiner Rückkehr. Langes Nachdenken dieſer Art ſtärkte des Capitains Hoffnungen; und ihm und ſich zu Ge⸗ fallen, erwartete er den Opticus an der Thür— was er jetzt in ſeiner ſeltſamen Freiheit zu thun wagte— ſetzte den Stuhl an den gewohnten Ort und richtete das Hinterſtübchen ganz in der alten Art ein, für den Fall daß er plötzlich erſcheinen ſollte. Auch nahm er ein kleines Miniaturbild Walters, das ihn als Schulknabe darſtellte, von der Wand, damit der Alte nicht zu ſehr von ſeinem Anblick er⸗ ſchüttert werde. Der Capitain hatte auch ſeine Ahnungen, daß er an einem beſtimmten Tage kommen werde; und an einem ge⸗ wiſſen Sonntag waren ſeine Hoffnungen ſo ſanguiniſch, daß er ſogar doppeltes Mittagseſſen beſtellte. Aber der alte Salomo kam nicht; und immer noch ſahen die Nachbarn den Seemann mit dem lackirten Hut Abends an der Ladenthür ſtehen und er⸗ wartungsvoll die Straße hinauf und hinab ſehen. Vierzigſtes Kapitel. Häusliche Zuſtände. Es lag nicht in der Natur der Dinge, daß ein Mann von Mr. Dombey's Charakter im Kampfe gegen einen ſolchen Geiſt, wie er gegen ſich heraufbeſchworen hatte, in der gebieteriſchen Schroff⸗ heit ſeines Temperaments milder, oder daß der kalte harte Pan⸗ zer des Hochmuths, der ihn einhüllte, durch den beſtändigen Zu⸗ ſammenſtoß mit ſtolzer Geringſchätzung und Trotz biegſamer werden konnte. Es iſt der Fluch einer ſolchen Natur und der Haupttheil der ſchweren Vergeltung, die in ihr ſelbſt ruht, daß, während Rückſichtsnahme und Nachgiebigkeit ihre böſen Eigen⸗ ſchaften nähren und großziehen, Widerſtand und Auflehnen gegen ihre anſpruchsvollen Forderungen ganz daſſelbe bewirken. Das in ihr enthaltene Böſe findet auch Nahrung im Gegenſatz. Es ſchöpft Kraft und Leben aus Süßem und Bitterem; angebetet oder unbeachtet macht es ſtets das Herz, in welchem es thront, zum Selaven, und iſt ein ſo harter Herr wie der Teufel im Mährchen. Boz. Dombey u. Sohn. VII. 3 Gegen ſeine erſte Gattin hatte ſich Mr. Dombey in ſeinem hochmüthigen Dünkel betragen, wie das erhabene Weſen, für das er ſich faſt hielt. Es war ihr„Mr. Dombey“ geweſen, als ſie ihn zuerſt ſah, und er war„Mr. Dombey', als ſie ſtarb. Er hatte ſeine Ueberlegenheit während ihrer ganzen Ehe behauptet und ſie hatte ſie demüthig anerkannt. Er hatte ſeinen Prunkſitz auf der Höhe des Thrones behalten, und ſie ihre beſcheidene Stellung auf der unterſten Stufe; und gar gut hatte es ihm ge⸗ than, in der einſamen Knechtſchaft dieſer Einen Idee zu leben. Er hatte geglaubt, der ſtolze Charakter ſeiner zweiten Gattin würde den ſeinen noch verſtärken— würde in ſeinem Stolze auf⸗ gehen und ſeine Größe noch heben. Er ſah ſich ſtolzer als je, wenn Ediths Stolz ihm dienſtbar war. Nie hatte er an die Möglichkeit gedacht, daß er ſich gegen ihn auflehnen konnte. Und jetzt, wie er auf jedem Schritt und Tritt des täglichen Lebens ihm in den Weg trat und ihn mit kaltem, verächtlichem, trotzi⸗ gem Antlitz anſah, da bekam ſein Stolz, anſtatt zu verwelken oder ſich zu beugen, neue Nahrung und wurde coneentrirter, dü⸗ ſterer, ſchroffer und unnachgiebiger als je zuvor. und wer einen ſolchen Panzer trägt, muß auch noch eine an⸗ dere ſchwere Buße fühlen. Er iſt abgehärtet gegen Verſöhnung, Liebe und Vertrauen; gegen alle zärtliche Theilnahme von außen, gegen Hingebung, Liebe und jedes ſanfte Gefühl; aber tiefen Verletzungen der Selbſtliebe iſt er eben ſo ausgeſetzt, wie die bloße Bruſt dem Stahl; und ſo folternder Schmerz hauſt dort, wie nach keiner anderen Wunde, und wenn ſie die ſtählerne Hand des Stol⸗ zes ſelbſt dem entwaffneten und beſiegten Stolzeigebracht hätte. -—— Solche Wunden brannten in ſeinem Herzen. Er fühlte ſie tief in der Einſamkeit ſeiner alten Zimmer, wohin er ſich jetzt wieder oft zurückzog und in denen er lange einſame Stunden zubrachte. Es ſchien ſein Schickſal zu ſein, immer ſtolz und mächtig zu ſein, und überall gedemüthigt und ohnmächtig, wo er am ſtärkſten ſein wollte. Wer ſchien beſtimmt, dieſes Verhäng⸗ niß zu erfüllen? Wer? Wer war es, der ſeine Gattin gewinnen konnte, wie ſie ſeinen Sohn gewonnen? Wer hatte ihm dieſen neuen Sieg gezeigt, als er in der dunkeln Ecke ſaß? Wer konnte mit dem leiſeſten Worte thun, was ſeine äußerſte Kraft nicht ver⸗ mochte? Wer gedieh und wurde ſchön, nicht unterſtützt von ſeiner Liebe, ſeiner Zuneigung oder Beachtung, während die, welche er ſo unterſtützte, dahinwelkten? Wer konnte es anders ſein, als die Tochter, die er oft in ihrer verwaiſten Kindheit betrachtet hatte, unruhvoll und mit einer Art Scheu, damit er ſie nicht einſt haſſen möge; und in Bezug auf welche ſeine Ahnung erfüllt war: denn er haßte ſie von ganzem Herzen! Ja, und er wollte, es ſolle Haß ſein, und er zwang ſich zum Haß, obgleich ein ſchwacher Schimmer des Lichtes, in welchem ſie an jenem denkwürdigen Abend der Rückkehr mit ſeiner Gat⸗ tin vor ihm erſchienen, dann und wann noch um ſie ſchwebte. Er wußte jetzt, daß ſie ſchön war; er beſtritt nicht, daß ſie an⸗ muthig und einnehmend war, und daß ſie ihn mit dem Morgen⸗ glanze ihrer jugendlichen Reife überraſcht hatte. Aber ſelbſt dies rechnete er ihr zum Nachtheil an. In ſeinem düſtern und un⸗ heimlichen Brüten entwarf der unglückliche Mann mit einer 3* — 36— dunkeln Ahnung ſeiner Entfremdung von allen Herzen und einem unbeſtimmten Sehnen nach dem, was er ſein Leben lang von ſich geſtoßen, ein verzerrtes Bild von ſeinem Recht und der erlittenen Unbill, und rechtfertigte ſich damit gegen ſie. Je würdiger ſie ſeiner zu werden verſprach, deſto mehr war er geneigt, ihre Pflicht und ihren Gehorſam im Voraus zu bean⸗ ſpruchen. Wann hatte ſie ihm jemals Gehorſam und Ergeben⸗ heit gezeigt? Verſchönerte ſie ſein Leben— oder Ediths Leben? Hatten ſich ihre Reize zuerſt ihm gezeigt— oder Edith? Ach, er und ſie hatten von Geburt an ſich nie wie Vater und Kind ver⸗ halten! Sie waren ſtets einander entfremdet geweſen. Ueberall und immer war ſie ihm in den Weg getreten. Jetzt hatte ſie ſich gegen ihn verſchworen. Ihre bloße Schönheit beſänftigte Na⸗ turen, die gegen ihn hart waren, und verhöhnte ihn mit einem unnatürlichen Triumph. Wohl wöglich, daß ſich darunter ein Geflüſter eines wachgewor⸗ denen Gefühls miſchte, ſo ſelbſtſüchtig auch ſein Urſprung in dem Mißbehagen über ſeine nachtheilige Stellung im Vergleich mit dem, was ſie ihm hätte ſein können, war. Aber er beſchwichtigte den fernen Donner mit der gebieteriſchen Stimme ſeines Stolzes. Er wollte nichts hören, als ſeinen Stolz. Und in ſeinem Stolz, einem Gemiſch von Inconſequenz, Elend und ſelbſtauferlegter Qual, haßte er ſie. Dem mürriſchen, hoffärtigen Dämon, der in ihm wohnte, ſetzte ſeine Gattin ihren ganz andern Stolz mit voller Kraft entgegen. Sie hätten nie glücklich mit einander leben können; aber nichts konnte ſie ſo unglücklich machen, als der hartnäckige und abſichtliche Streit ſolcher Elemente. Sein Stolz befahl ihm, ſeine vornehme Ueberlegenheit aufrecht zu halten und ſie zur Anerkennung derſelben zu zwingen. Sie hätte ſich zu Tode foltern laſſen und ihn bis zum letzten Augenblick nur mit dem ſtolzen Blick kalter unbeugſamer Geringſchätzung angeſehen. Aner⸗ kennung von Edith! Er ahnte nicht, welche Stürme und welchen Kampf es ihr gekoſtet, ehe ſie die hohe Ehre ſeiner Hand annahm. Er ahnte nicht, wie tief ſie ſich herabgelaſſen zu haben glaubte, als ſie ihm geſtattete, ſie ſein Weib zu nennen. Mr. Dombey war entſchloſſen ihr zu zeigen, daß er der Erſte ſein müßte. Blos ſein Wille durſte gelten. Stolz ſollte ſie ſein, aber für ihn, nicht gegen ihn. Wie er über ſeinen Ent⸗ ſchluß brütend allein ſaß, hörte er ſie oft gehen und kommen, an den Zerſtreuungen des Londoner Lebens theilnehmend mit ſo wenig Beachtung ſeines Gefallens und Mißfallens, ſeiner Zufrie⸗ denheit oder ſeines Tadels, als wäre er ihr Groom. Ihre kalte ſtolze Gleichgültigkeit— eine Uſurpation ſeiner unbeſtrittenen Ei⸗ genſchaft— verletzte ihn mehr als jede andere Behandlung im Stande geweſen wäre; und er beſchloß, ſie ſeinem hochmüthigen Willen gehorſam zu machen. Er hatte lange darüber nachgedacht, als er eines Abends ſie in ihrem Zimmer aufſuchte, nachdem er ſie hatte ſpät nach Hauſe kommen hören. Sie war allein in ihren prächtigen Kleidern und hatte erſt vor einem Augenblick ihrer Mutter Zimmer ver⸗ laſſen. Ihr Antlitz war trübe und gedankenvoll wie er herein⸗ trat; aber ſie bemerkte ihn an der Thür, denn in dem Spiegel, vor dem ſie ſtand, erblickte er gleich darauf die gerunzelte Stirn und das düſterſtolze Antlitz, das er ſo gut kannte. — 38— Mrs. Dombey, ſagte er, Siewerden mir ein paar Worte erlauben. Morgen, erwiderte ſie.— Jetzt iſt die beſte Zeit, Madame, gab er zur Antwort. Sie verkennen Ihre Stellung. Ich bin gewohnt, ſelbſt meine Zeit zu beſtimmen; nicht, ſie für mich beſtimmen zu laſſen. Ich glaube kaum daß Sie verſtehen, wer und was ich bin, Mrs. Dombey. Ich glaube, ich verſtehe Sie recht gut, war die Antwort. Sie ſah ihn bei dieſen Worten an, ſchlug ihre weißen Arme, die von Gold und Edelſteinen funkelten, vor ihrem ſchwel⸗ lenden Buſen übereinander und wendete ihre Augen ab. Wäre ſie weniger ſchön oder weniger ſtolz in ihrer kalten Ruhe geweſen, ſo hätte ſie vielleicht nicht die Macht gehabt, ihm das Gefühl der Unterordnung, das ihn bis in das Innerſte ſeines Stolzes durchbebte, aufzudrängen. Aber ſie hatte die Macht, und er fühlte ſie auf das Empfindlichſte. Er ſah ſich im Zimmer um, und er ſah: wie die glänzenden Dinge, zum Schmuck ihrer Schönheit beſtimmt, unbeachtet und unordentlich aller Orten hinge⸗ worfen waren, nicht aus bloßer Laune und Sorgloſigkeit(ſo dachte er wenigſtens), ſondern mit unerbittlicher, ſtolzer Mißachtung koſt⸗ barer Gegenſtände; und ſeine Wunde brannte mehr und mehr. Blumenkränze, Schmuckfedern, Juwelen, Spitzen ſtaczeide und Atlas, wohin er blicken mochte, überall ſah er Schatod Koſt⸗ barkeiten, verachtet und gleichgültig bei Seite geworfend n lbſt die Diamanten,— ein Hochzeitgeſchenk— welche ungeduldig auf ihrem Buſen ſich hoben und ſenkten, ſchienen ungeſtüm zu ver⸗ langen, die Kette zu brechen, die ſie um ihren Hals ſchlangen, und auf den Boden hinabzurollen, damit ſie ſie mit Füßen treten könne. K — 39ñ— Er fühlte ſeine Unterordnung und er zeigte ſie. Feierlich und ſchwerfällig mitten unter dieſem Reichthum von Farben⸗ pracht und üppigem Glanz, unbehaglich und gezwungen der ſtol⸗ zen Herrin gegenüber, deren zurückweiſende Schönheit die Umge⸗ bung wiederholte und ihm ſtets entgegenſtellte wie in tauſend Spiegeln, war er ſich ſeiner Verlegenheit bewußt. Alles, was ihre geringſchätzige Faſſung unterſtützte, mußte ihn verleßen. Verletzt und ärgerlich über ſich ſelbſt ſetzte er ſich und fuhr; in nicht verbeſſerter Stimmung fort. Mrs. Dombey, wir müſſen durchaus zu einer gegenſeitigen Verſtändigung kommen. Ihr Benehmen gefällt mir nicht, Madame. Sie ſah ihn wieder blos an, und wendete abermals ihre Augen weg; aber ſie hätte eine Stunde lang reden können und hätte nicht mehr geſagt. Ich wiederhole es, Mrs. Dombey, es gefällt mir nicht. Ich habe bereits Veranlaſſung genommen, eine Aenderung des⸗ ſelben zu verlangen. Ich beſtehe jetzt darauf. Sie wählten eine paſſende Gelegenheit für Ihre erſte Vor⸗ ſtellung, Sir und Sie bedienen ſich einer paſſenden Weiſe und eines anden Wortes zu Ihrer zweiten. Sie beſtehen darauf! mich! e, ſagte Mr. Dombey mit ſeinem hochmüthigſten Geſicht, ich habe Sie zu meiner Gattin gemacht. Sie führen meinen Namen. Sie ſind mit meiner Stellung und meinem Rufe Eins geworden. Ich will nicht ſagen, daß die Welt im Allge⸗ meinen Sie durch dieſe Verbindung für geehrt halten mag; aber — 40— ich ſage, daß ich gewohnt bin, gegen meine Familie und meine Dienerſchaft auf meinem Willen zu„beſtehen.“ Wozu belieben Sie mich zu rechnen? frug ſie. Möglicherweiſe bin ich der Meinung, daß meine Gattin unter beide Claſſen gehört oder gehören ſollte und nur gehören kann, Mrs. Dombey, ſagte er. Sie ſah ihn feſt an und kniff ihre bebenden Lippen zuſam⸗ men. Er ſah ihren Buſen fliegen und ihr Antlitz glühend roth und dann blaß werden. Das ſah und wußte er Alles; aber er wußte nicht, daß ein Wort im tiefſten Innern ihres Herzens flüſternd tönte und ihr Ruhe gebot, und daß dies Wort Floren⸗ tine war. Blinder Thor, der einem Abgrund entgegeneilt! Er glaubte, ſie fürchte ſich vor ihm! Sie verbrauchen zu viel, Madame, ſagte Mr. Dombey. Sie ſind verſchwenderiſch. Sie vergeuden ſehr viel Geld— oder was ſehr viel Geld in den Taſchen der meiſten Leute ſein würde— indem Sie Geſellſchaftskreiſe cultiviren, die mir nutz⸗ los ſind und eigentlich im Ganzen mir mißfallen. Ich muß in allen dieſen Sachen auf einer gänzlichen Aenderung beſtehen. Ich weiß, daß Damen, wenn ſie ſich plötzlich im Beſitz eines Zehntheils des Vermögens ſehen, welches das Glück in Ihre Hand gelegt hat, zu Extravaganzen geneigt ſind. Davon haben wir nun mehr als genug gehabt. Ich wünſche, daß jetzt Mrs. Granger's gänz⸗ 3 lich verſchiedene Erfahrungen Mrs. Dombey zu Hülfe kommen mögen. 4 — 41— Immer noch der ſtarre Blick, die bebenden Lippen, der wogende Buſen, das bald geröthete, bald erbleichende Antlitz, und immer noch flüſterte es leiſe in ihrem Herzen: Florentine, Flo⸗ rentine. Sein dünkelhafter Stolz nahm zu, wie er dieſe Aenderung in ihr gewahrte. Noch ſtärker geworden durch ihre frühere Nicht⸗ achtung und das Gefühl ſeiner Unterordnung, ſo wie durch ihre jetzige Unterwürfigkeit(denn dafür nahm er es), wurde er zu groß für ſein Herz und zerriß alle Bande. Wer hätte auch ſeinem Willen länger widerſtehen können! Er hatte beſchloſſen, ſie zum Gehorſam zu bringen, und es war geſchehen! Ich muß Ihnen ferner bemerklich machen, Madame, ſagte Mr. Dombey in hochfahrendem Tone, daß ich Gehorſam und Un⸗ terwürfigkeit beanſpruche, daß ich eine unzweideutige Darlegung Ihres Gehorſams vor der Welt verlange. Ich bin daran ge⸗ wöhnt. Ich fordere es als mein Recht. Ich betrachte es als keinen ungehörigen Dank für die Stellung, die ich Ihnen in der Welt verliehen habe; und ich glaube nicht, daß ſich Jemand wun⸗ dern kann, daß es von Ihnen verlangt wird oder daß Sie es mir gewähren.— Mir!— Mir! fügte er mit Nachdruck hinzu. Sie ſprach kein Wort. Sie veränderte keine Miene. Ihre Augen ruhten auf ihm. Ich erfuhr von Ihrer Mutter, Mrs. Dombey, ſprach Mr. Dombey weiter mit ſchulmeiſterlicher Würde, was Sie jedenfalls ſchon wiſſen, daß ihr der Geſundheit wegen Brighton empfohlen iſt. Mr. Carker iſt ſo gut geweſen— — 422— Sie veränderte ſich plötzlich. Ihr Angeſicht und ihr Buſen glühte, als ob der rothe Schimmer eines ſturmverkündenden Son⸗ nenuntergangs auf ſie fiele. Dieſe Veränderung wohl bemerkend aber nach ſeiner Weiſe auslegend, fuhr Mr. Dombey fort: Mr. Carker iſt ſo gut geweſen, hinzureiſen und für ei⸗ nige Zeit ein Haus zu miethen. Bei Ihrer Rückkehr nach London werde ich die nöthigen Maßregeln zur beſſeren Leitung des Haus⸗ weſens treffen. Zu dieſem Zwecke ſoll wenn möglich eine ſehr achtbare Perſon, Mrs. Pipchin, die früher einen Vertrauenspoſten in meiner Familie bekleidete, in Brighton als Haushälterin an⸗ genommen werden. Ein Hausweſen wie das unſere, das nur ein nominelles Haupt hat, verlangt eine gewiegte Leitung, Mrs. Dombey. Ehe er ſo weit gekommen war, hatte ſie ihre Stellung ver⸗ ändert und ſich niedergeſetzt. Immer noch ſah ſie ihn feſt an und drehte ihr Armband um und um; aber nicht mit leichten, weiblichen Fingern, ſondern mit einer ſo gewaltſamen Heſüägkeit, daß ſich auf dem weißen Arme ein brennendrother Streifen malte. Ich bemerkte, ſagte Mr. Dombey— und dies iſt das Letzte, was ich jetzt zu ſagen habe, Mrs. Dombey— ich bemerkte vorhin, daß Sie meine Erwähnung Mr. Carkers auf eine beſondere Weiſe aufnahmen. Als ich vor dieſem vertrauten Diener Veranlaſſung fand, Ihre Manier meine Gäſte zu empfan⸗ gen zu tadeln, hielten Sie für gut gegen ſeine Anweſenheit Ein⸗ wendungen zu machen. Sie werden dies verlernen müſſen, Ma⸗ dame, und ſich wahrſcheinlich bei manchen Khndihen Gelcgeheten daran gewöhnen müſſen; Sie müßten denn da ittel anwenden, 7 n — 43— das in Ihrer Hand liegt, nämlich mir keinen Grund zur Klage geben. Da Mr. Carker, ſagte Mr. Dombey, der nach der Be⸗ wegung, deren Zeuge er geweſen, großen Werth auf dies Mittel legte, den Stolz ſeiner Gattin zu beugen— da Mr. Carker mein Vertrauen beſitzt, ſo kann er wohl auch auf das Ihrige in gleichem Maße Anſpruch machen. Ich hoffe, Mrs. Dombey, fuhr er nach einer Pauſe fort, ich hoffe, nie Veranlaſſung zu finden, Mr. Carker mit einer Botſchaft des Tadels oder der Ermahnung an Sie ſenden zu müſſen; da es ſich aber für meine Stellung und meinen Ruf nicht ſchicken würde, mich häufig in kleinliche Streitigkeiten mit einer Dame einzulaſſen, der ich die größte mir mögliche Auszeichnung habe widerfahren laſſen, ſo werde ich nicht anſtehen, nöthigenfalls von ſeinen Dienſten Gebrauch zu machen. Und jetzt, dachte er, im ſtolzen Gefühl ſeiner Würde auf⸗ ſtehend, eiſiger und unzugänglicher als je, jetzt kennt ſie mich und meinen Entſchluß. Die Hand, welche das Armband ſo hart gedrückt, lag jetzt ſchwer auf ihrem Buſen; aber ſie ſah ihn immer noch an mit un⸗ verändertem Geſicht und ſprach mit halblauter Stimme: Warten Sie! um des Himmels Willen! Ich muß mit Ih⸗ nen ſprechen.. Warum ſprach ſie nicht? und welcher Kampf ging in ihr vor, der ſie deſſen unfähig machte, während ihr Geſicht in dem gewaltigen Zwang, den ſie ihm auferlegte, unbeweglich war wie ein Marmorbild— während ſie ihn anſah, weder mit Nachgie⸗ bigkeit noch mit Trotz, weder mit Zuneigung noch mit Haß, we⸗ der mit Stolz noch mit Demuth, nur mit einem forſchenden Blick? — 44— Reizte ich Sie je an um meine Hand zu werben? Habe ich je etwas gethan, Sie zu gewinnen? Bin ich nachgiebiger geweſen, als Sie nach meinem Beſitz ſtrebten, als ich es ſeit unſrer Heirath bin? War ich jemals anders gegen Sie als jetzt? Es iſt ganz unnöthig, jetzt von ſolchen Dingen zu ſprechen, Madame, ſagte Mr. Dombey. Glaubten Sie, ich liebte Sie? Wußten Sie, daß das nicht der Fall war? Wann trugen Sie je Verlangen nach meinem Herzen, oder hatten Sie im Sinn, das werthloſe zu gewinnen? Iſt nur ein einziges Mal bei unſerm Handel daran gedacht wor⸗ den? Von Ihrer oder von meiner Seite? Solche Fragen berühren die Sache durchaus nicht, Madame, ſagte Mr. Dombey. Sie ſtellte ſich zwiſchen die Thür und ihn, damit er nicht weggehe, und ſah ihn, ihre ſtolze Geſtalt hoch aufrichtend, mit feſtem Blick an. Sie beantworten jede derſelben. Ich ſehe es, Sie antwor⸗ ten mir, bevor ich ſpreche. Wie können Sie anders; Sie, der die jammervolle Wahrheit ſo gut kennt wie ich! Jetzt ſprechen Sie. Wenn ich Sie mit größter Innigkeit liebte, könnte ich dann mehr thun, als Ihnen meinen ganzen Willen und mein ganzes Sein hingeben, wie Sie es jetzt verlangen? Könnten Sie mehr fordern, wenn mein Herz noch rein und friſch wäre und Sie ſein Abgott? Könnten Sie mehr beſitzen? Vielleicht nicht, Madame, erwiderte er kühl. Sie wiſſen, wie ganz anders ich bin. Sie ſehen, wie ich Sie anblicke, und können auf meinem Antlitz leſen, mit welcher — 45— Wärme ich für Sie fühle.— Kein Zucken der ſtolzen Lippe, kein Blitz des dunklen Auges, nichts als derſelbe forſchende und feſte Blick begleitete dieſe Worte.— Sie kennen meine Lebensgeſchichte. Sie haben von meiner Mutter geſprochen. Glauben Sie, Sie könnten mich zur Unterwürfigkeit und zum Gehorſam bringen? Mr. Dombey lächelte, wie er etwa über die Frage gelächelt hätte, ob er zehntauſend Pfund auftreiben könne. Wenn hier etwas Ungewöhnliches zu leſen iſt, ſagte ſie, mit einer kaum merklichen Geberde auf ihr Geſicht deutend, welches keinen Moment ſeine leidenſchaftloſe Regungsloſigkeit verlor, von den ungewohnten Gefühlen hier— ſie erhob die Hand, die auf ihrem Buſen ruhte, und ließ ſie ſchwer wieder niederſinken— ſo bedenken Sie wohl, daß die Bitte, die ich an Sie richten will, nicht von gewöhnlicher Bedeutung iſt. Ja, ſagte ſie in ſchneller Erwiderung auf einen Zug, den ſie in ſeinem Geſicht bemerkte, ich will eine Bitte an Sie richten. Mit einer kaum merklichen Neigung des Kinnes, daß ſein ſteifes Halstuch raſchelte, nahm Mr. Dombey auf einem neben ihm ſtehenden Sopha Platz, um die Bitte anzuhören. Wenn Sie mir glauben können— er glaubte Thränen in ihren Augen glänzen zu ſehen, und er dachte wohlgefällig, daß er ſie ihr abgezwungen, obgleich keine ihre Wangen herablief und ſie ihn immer noch ſo feſt wie vorhin anſah— daß der Schritt, den ich jetzt thue, mir ſelbſt gegen einen Gatten und vornehmlich gegen Sie ganz unglaublich erſcheint, ſo legen Sie vielleicht ein größeres Gewicht darauf. In dem dunkeln Geſchick, auf das wir — 46— hinſtreben und das uns erreichen wird, ſind wir nicht allein be⸗ theiligt(das würde noch nicht viel bedeuten), ſondern auch Andre. Andre! Er wußte, auf wen ſie hindeutete, und ſeine Stirne verfinſterte ſich. 1 Ich ſpreche zu Ihnen um Andrer Willen. Auch um Ih⸗ ret⸗ und meinetwillen. Seit unſerer Heirath ſind Sie arrogant gegen mich geweſen und ich habe Ihnen mit gleicher Münze vergolten. Alltäglich und allſtündlich haben Sie mir und unſerer ganzen Umgebung gezeigt, daß Sie mich durch dieſe Verbindung für geehrt und ausgezeichnet halten. Ich bin anderer Meinung und habe das auch gezeigt. Sie ſcheinen es nicht zu verſtehen, oder(ſo weit Ihr Vermögen reicht) zu beabſichtigen, daß Jedes von uns ſeinen beſondern Weg gehe; und Sie erwarten von mir eine Unterthänigkeit, die Sie nie finden werden. Obgleich ihr Antlitz immer noch das alte war, lag doch ſchon in ihrem bloßem Athem eine emphatiſche Betheurung dieſes Nie. Ich fühle keine Liebe für Sie, das wiſſen Sie. Es würde Ihnen gleichgültig ſein, wenn das Entgegengeſetzte der Fall wäre und ſein könnte. Eben ſo gut weiß ich, daß Sie mich nicht lie⸗ ben. Aber wir ſind aneinander gefeſſelt und das Band, das uns feſſelt, umſchlingt zugleich Andere. Wir müſſen Beide ſterben; Beide ſind wir mit dem Tode ſchon verknüpft durch ein Kind. So laſſen Sie uns in Frieden leben! Mr. Dombey holte tief Athem, als wollte er ſagen: Ach, das iſt das Ganze! Millionen hätten dieſe Worte und die Bedeutung, die in ih⸗ nen liegt, mir nicht abkaufen können, ſagte ſie, und ihr Geſicht wurde — 12— noch bläſſer wie ſie ihn beobachtete, während die Augen noch leben⸗ diger glänzten in ihrem Ernſte. Und ſind ſie einmal vergeblich geſprochen, ſo können Millionen und keine menſchliche Macht ſie wieder zurückrufen. Es iſt mir Ernſt damit; ich habe ſie reiflich erwogen und ich werde bei meinem Vorſatz treu beharren. Wenn Sie verſprechen, den Kampf Ihrerſeits ruhen zu laſſen, ſo will ich das Gleiche thun. Wir ſind ein höchſt unglückliches Paar, in welchem aus verſchiedenen Gründen jedes Gefühl, welches die Ehe glücklich machen kann, erſtorben iſt; aber im Verlauf der Zeit kann vielleicht ein Verhältniß der Freundſchaft, ein gegenſeitiges Sich⸗ fügen zwiſchen uns ſtattfinden. Ich will dies zu hoffen verſuchen, wenn auch Sie danach ſtreben wollen; und ich will hoffen, mein Alter beſſer und glücklicher zu benutzen, als meine Jugend und meine Vollkraft. Das Ganze hatte ſie mit leiſer und ruhiger Stimme ge⸗ ſprochen; als ſie ausgeredet, ließ ſie die Hand ſinken, mit der ſie ſich gezwungen ſo leidenſchaftlos zu ſein, aber nicht die Augen, die feſt auf ihn geheftet waren. Madame, ſagte Mr. Dombey mit vornehmſter Würde, ich kann auf einen ſo ſeltſamen Vorſchlag nicht eingehen. S ie ſah ihn immer noch an, ohne die mindeſte Veränderung ihres Geſichts. 1 Ich kann mich durchaus nicht herablaſſen, Mrs. Dombey, ſagte Mr. Dombey aufſtehend, zu temporiſiren und Verhandlungen zu führen über eine Sache, über die Sie meine Meinung bereits kennen. Ich habe mein Ultimatum geſetzt, Madame, und habe blos Ihre ernſteſte Beachtung deſſelben zu fordern. — 48— Wie das Antlitz wieder ſeinen alten Ausdruck annahm, aber tiefer und unauslöſchlicher ausgeprägt! Wie die Augen ſich weg⸗ wendeten, wie von einem ſchlechten und widerwärtigen Gegen⸗ ſtand! Wie auf der ſtolzen Stirn die Leidenſchaft aufflammte! Wie Verachtung, Grimm, Entrüſtung und Abſcheu plötzlich ſichtbar wurden und der blaſſe, leidenſchaftloſe Ernſt verſchwand, gleich Nebelſchleier! Er mußte hinſehen, obgleich ihn der Anblick mit einem dunkeln Bangen erfüllte. Gehen Sie, Sir! ſagte ſie, gebieteriſch mit der Hand nach der Thür weiſend. Dies war das erſte und letzte Wort des Ver⸗ trauens zwiſchen uns. Nichts kann uns einander fremder machen, als wir fortan ſein werden. Ich werde meinen Weg gehen, Madame, unbehindert von ſchönen Redensarten, ſagte Mr. Dombey. Sie drehte ihm den Rücken und ſetzte ſich ohne zu antwor⸗ ten vor ihren Spiegel. Ich ſetze meine Hoffnung auf das Erwachen Ihres Pflicht⸗ gefühls, auf Ihre Einſicht und reiflicheres Nachdenken. Madame, ſagte Mr. Dombey. Sdiie erwiderte kein Wort. Im Spiegel konnte er ehen, aß ſie ſeine Anweſenheit ſo wenig beachtete, als wäre er i 5 geſehene Spinne an der Wand, oder ein Käfer auf dem Fu. d den, oder als wäre er vielmehr, wenn er eins von beiden gewe⸗ ſen wäre, von ihrem Fuß zertreten und unter anderem todten Un⸗ geziefer auf dem Boden vergeſſen worden. Wie er durch die Thür ſchritt, blickte er hellerleuchtete und luxuriöſe Zimmer, auf die ſch — 49— zenden Dinge, die überall zu ſehen waren, auf Edith im reichen Kleide vor dem Spiegel und auf Ediths Antlitz, das der Spiegel ihm zeigte; und begab ſich nach ſeinem einſamen Gemach, erfüllt von einem lebendigen Bilde all dieſer Dinge, und in ihm regte ſich die unerklärliche, grübelnde Frage, wie alles dieſes ausſehen würde, wenn er wieder hieher käme. Sonſt war Mr. Dombey ſehr ſchweigſam und ſehr würde⸗ voll und der Erreichung ſeines Zweckes ſehr ſicher, und blieb ſo. Er beabſichtigte nicht die Familie nach Brighton zu beglei⸗ ten; aber er benachrichtigte beim Frühſtück am Morgen der Ab⸗ reiſe, die ein paar Tage ſpäter kam, daß er ſie bald beſuchen werde. Es ſchien durchaus keine Zeit zu verlieren zu ſein, wenn man Cleopatra noch an einen ihrer Geſundheit förderlichen Ort bringen wollte; denn ſie ſchien mit dem ſich endigenden Jahre dem Ende ihres Lebens entgegenzugehen. Ohne von einem zweiten Anfall ihrer Krankheit gelitten zu haben, ſchien die Matrone von vornherein kaum merklich in ihrer Geneſung rückwärts geſchritten zu ſein. Sie war magerer und vertrockneter, launenhafter in ihrem Stumpfſinn und verwirrter in Geiſt und Gedächtniß. Eins der Symptome ihrer zunehmen⸗ den Geiſtesſchwäche war ein beſtändiges Verwechſeln ihrer beiden Schwiegerſöhne, des lebenden und des geſtorbenen; und meiſtens nannte ſie Mr. Dombey„Grangeby“ oder„Domber.“ Aber ſie war jugendfriſch, noch ſehr jugendfriſch, und er⸗ ſchien in ihrer Jugendfriſche vor der Abreiſe beim Frühſtück, an⸗ gethan mit einem neuen Hute und mit einer Reiſerobe, die geſtickt und geſchnürt war, wie das Kleid eines Wiegenkindes. Der Hut Boz. Dombey u. Sohn. VII. 4 — 50— wollte gar nicht auf dem wackelnden Kopfe ſitzen bleiben, ſondern hing immer auf der einen Seite, und Flowers, die Zofe, die wäh⸗ rend des Frühſtücks zu dieſem Zweck hinter dem Stuhle ſtand, mußte ihn immer wieder zurechtrücken. Beſter Grangeby, ſagte Mrs. Skewton, Sie müſſen un⸗ bedingt verſpr— ſie beſchnitt einige ihrer Worte und ließ andere ganz weg— bald hinkommen. Ich ſagte eben, Madame, gab Mr. Dombey laut und mit ſtudirter Deutlichkeit zur Antwort, daß ich morgen oder übermor⸗ gen nachzukommen gedenke. Danke Ihnen, Domber! ſagte die Matrone. Hier ſagte der Major, der erſchienen war, um von den bei⸗ den Damen Abſchied zu nehmen, und mit ſeinen glotzenden Augen Mrs. Skewton anſtarrte: Was, Madame, Sie fordern nicht den alten Joe auf zu kommen? Abſcheulicher Menſch, wer iſt das? lispelte Cleopatra. Aber ein leichter Schlag von der Zofe ſchien ihr Gedächtniß aufzu- friſchen und ſie ſetzte hinzu: O! Sie meinen ſich ſelbſt, Sie böſer Menſch! 4 Verteufelt curios, Sir, flüſterte der Major Mr. Dombey zu. Schlimmer Fall. Hat ſich vor der Zugluft nie genug in Acht genommen— der Major war nämlich bis ans Kinn zugeknöpft. Mein Gott, wen ſollte J. B. anders meinen, als Joe, den alten Joe Bagſtock— Joſeph— Ihren Sklaven— Joe, Ma'am? Hier! Hier iſt der Mann! Hier iſt der Bagſtock ſche Blaſebalg, — 31— Maam! rief der Maior und ſchlug ſich lautſchallend auf die Bruſt. Beſte Edith— Grangeby— iſt doch ſonderbar, ſagte Cleopatra launiſch, dieſer Major— Bagſtock! J. Bl rief der Major, da er bemerkte, daß ſie ſtockte. Nun, es thut nichts, ſagte Cleopatra. Liebe Edith, du weißt, daß ich nie Namen merken konnte,— was war's doch— o! ſonderbar, daß ſo viele Leute mich in Brighton durchaus be⸗ ſuchen wollen. Ich bleibe nicht lange weg. Ich komme bald wieder. Sie können doch wahrhaftig warten, bis ich wieder⸗ komme. Cleopatra ſah bei dieſen Worten die Anweſenden nach der Reihe an und ſchien ſehr unruhig zu ſein. Ich mag keinen Beſuch— brauche keinen Beſuch, ſagte ſie; ein wenig Ruhe— und Alles das— verlange ich blos. Keine häßlichen Schöpfe dürfen mir nahe kommen, bis ich dieſe Mattheit los bin,— und mit grauenerregender Coketterie wollte ſie den Major mit dem Fächer ſchlagen, ſtieß aber dafür Mr. Dombey's Taſſe um, die in einer ganz andern Richtung ſtand. Dann rief ſie Withers und befahl ihm mit beſonderer Um⸗ ſtändlichkeit, einige kleine Veränderungen in ihren Zimmern vor⸗ nehmen zu laſſen, die vor ihrer Rückkehr fertig ſein und gleich angefangen werden müßten, da ſie wahrſcheinlich ſehr bald zurück⸗ kehren werde; denn ſie habe vieles zu verrichten und eine Unmaſſe Leute zu beſuchen. Withers hörte dieſen Befehl mit gebührender 4 X —— — 52— Ehrerbietung an und verbürgte ſich für deren Ausführung; aber als er einen oder zwei Schritt hinter ſie zurücktrat, konnte er nicht umhin den Major ſeltſam anzuſehen, der dieſen Blick an Mr. Dombey weitergab, welcher wieder nicht umhin konnte, Cleopatra ſeltſam anzuſehen, die nicht umhin konnte mit dem ſchiefen Hute zu nicken und mit Meſſer und Gabel auf den Teller zu klopfen, als wären es Caſtagnetten. Nur Edith erhob ihre Augen zu Niemanden am Tiſch, und ſchien über nichts, was ihre Mutter ſagte oder that, verwundert zu ſein. Sie hörte ihre wirren Reden an, oder wendete ſich wenigſtens zu ihr hin, wenn ſie ſprach; antwortete, wenn es nöthig war, mit ein paar leiſen Worten; und unterbrach ſie zuweilen, wenn ſie zu verwirrt redete, oder brachte ihre Gedanken mit einer Silbe wieder ins rechte Geleiſe. So launenhaft die Mutter in Allem war, war ſie doch in dem Einen beſtändig— ſie ſtets zu beob⸗ achten. Sie ſah in das ſchöne Geſicht mit ſeiner marmornen Ruhe und Strenge bald mit ſcheuer Bewunderung; dann mit einem linkiſch tändelnden Bemühen, ihm ein Lächeln zu entlocken; dann wieder mit launenhaften Thränen und ärgerlichem Kopf⸗ ſchütteln, als glaube ſie von ihr vernachläſſigt zu werden, aber immer zu ihr hingezogen von einem Drange, der ſie nie verließ wie andere Gedanken, ſondern ſtets lebendig in ihr war. Von Edith blickte ſie zuweilen verſtört auf Florentinen, und dann wie⸗ der auf Edith, und manchmal verſuchte ſie anderswohin zu ſehen, als wolle ſie ihrer Tochter Antlitz vermeiden; aber immer kehrte ihr Auge zu dieſer zurück, obgleich es das ihrige nie ſuchte oder mit einem einzigen Blick beſchwerte. 3 ͤ—.,———&æ 53— Nach beendigtem Frühſtück ließ ſich Mrs. Skewton, vorgeb⸗ lich leicht auf des Majors Arm ſich lehnend, aber in Wirklichkeit auf der einen Seite von der Zofe, und hinten von Withers dem Pagen geſtützt, nach dem Wagen geleiten, der ſie, Florentinen und Edith nach Brighton bringen ſollte. Und iſt Joſeph wirklich verbannt? ſagte der Major, das rothe Geſicht zum Kutſchenſchlag hineinſteckend. Damme, Ma⸗ dame, iſt Cleopatra ſo hartherzig, daß ſie ihrem getreuen Anthony Bagſtock ihr Angeſicht verbietet? Gehen ſie, ſagte Cleopatra, ich kann Sie nicht ausſtehen. Sobald ich wieder da bin, ſollen Sie mich ſehen, wenn Sie recht gut ſind. Sagen ſie Joſeph, er ſolle in Hoffnung leben, Madame, ſagte der Major; ſonſt muß er in Verzweiflung ſterben. Cleopatra ſchauerte zuſammen und lehnte ſich in den Wa⸗ gen zurück. Liebe Edith, ſagte ſie, ſag ihm— Was? Solch' ſchreckliche Worte! ſagte Cleopatra. Er gebraucht ſo ſchreckliche Worte. Edith winkte ihm zu gehen, befahl dem Kutſcher fortzu⸗ fahren und überließ den verhaßten Major Mr. Dombey, zu wel⸗ chem er jetzt pfeifend trat. Ich will Ihnen was ſagen, Sir, ſagte der Major, die Hände hinter dem Rücken und die Beine ſehr weit auseinander ſperrend; eine unſerer ſchönen Freundinnen ſteht im Begriff nach Nummer Null zu ziehen. Was meinen Sie, Major? frug Mr. Dombey. — 51— Ich meine, Mr. Dombey, erwiderte der Major, daß Sie nächſtens eine Schwiegerwaiſe ſein werden. Mr. Dombey ſchien an dieſem witzigen Titel ſo wenig Ge⸗ ſchmack zu finden, daß der Major ſeine Rede mit einem lauten Räuspern ſchloß. Damme, Sir, ſagte der Major, beſchönigen läßt ſich da nichts mehr. Joe iſt geradezu, Sir. Das iſt ſein Charakter. Sie müſſen den alten Joſh nehmen wie er iſt oder gar nicht; und ein verteufelt offener, ehrlicher, grober J. B. iſt er. Dombey, ſagte der Major, Ihre Schwiegermutter iſt unterwegs. Igch fürchte, erwiderte Mr. Dombey mit ziemlich philo⸗ ſophiſcher Ruhe, Mrs. Skewton iſt ſehr geſchwächt. Geſchwächt, Dombey! ſagte der Major. Hin! Luftveränderung und Pflege können jedoch noch viel thun, fuhr Mr. Dombey fort. Glauben Sie das nicht, Sir, gab der Major zur Ant⸗ wort. Damme, Sir, ſie hat ſich nie genug vor der Zugluft in Acht genommen. Wenn der Menſch ſich nicht vor der Zugluft in Acht nimmt, ſagte der Major und knüpfte noch einen Knopf ſeiner gelben Weſte zu, ſo hat er nichts zuzuſetzen. Aber manche Leute wollen ſterben. Sie wollen es durchaus. Damme, ſie wollen. Sie ſind hartnäckig. Ich will Ihnen was ſagen, Dombey; ich bin nicht fein; ich bin offen und geradezu; aber ein klein wenig von der echten altengliſchen Bagſtocklebenskraft würde den Leuten ganz gut thun. Nachdem er dieſe Prophezeiung ausgeſprochen, ging der Major mit ſeinen Nußknackeraugen und ſeinem blauen Geſicht nach ſeinem — — — 55— Club, und war dort den ganzen Tag lang beſtändig dem Er⸗ ſticken nahe. Cleopatra, manchmal ärgerlich, manchmal ſelbſtzufrieden, manchmal wach und manchmal ſchlafend, und immer jugendlich, erreichte Brighton noch an demſelben Abend, wurde wie ge⸗ wöhnlich auseinander genommen und zu Bett gebracht. Der hohe Rath der Aerzte beſchloß, daß ſie jeden Tag aus⸗ fahren ſolle, und daß es von Wichtigkeit ſei, wenn ſie alltäglich ein wenig ſpazieren gehen könne. Edith erbot ſich ſie zu be⸗ gleiten— und ſie fahren allein aus; denn jetzt, wo die Mutter kränker war, war Edith die Anweſenheit Florentinens nicht ſehr angenehm, und ſie ſagte zu Letzterer mit einem Kuß, daß es beſſer ſei, wenn ſie Beide allein blieben. Eines Tages war Mrs. Skewton in der unbeſtändigen, an⸗ ſpruchsvollen, empfindlichen Stimmung, die ſie zuerſt nach der Geneſung von ihrem erſten Schlaganfalle an den Tag gelegt hatte. Nachdem ſie eine Weile ſtumm im Wagen geſeſſen und Edith beobachtet hatte, ergriff ſie ihre Hand und küßte ſie leiden⸗ ſchaftlich. Die Hand kam ihr nicht entgegen und wurde nicht zurückgezogen, ſondern ließ ſich blos aufheben und ſank wieder herab, als ſie losgelaſſen wurde, faſt als ob ſie ohne Gefühl wäre. Darauf fing ſie an zu ſtöhnen und zu weinen, und ſagte, was für eine Mutter ſie geweſen ſei, und wie ſie jetzt vergeſſen und mißachtet werde! Mit kurzen Unterbrechungen wiederholte ſie ſortwährend dieſe Klagen, ſelbſt als ſie ausgeſtiegen war und geſtützt auf Withers und einen Stock ſich hinſchleppte, wäh⸗ — 56— rend Edith neben ihr ging und der Wagen in einer kleinen Ent⸗ fernung langſam folgte. Es war ein häßlicher, trüber, windiger Tag, und ſie ſtanden draußen auf den Dünen, nichts als einen kahlen Streifen Land zwiſchen ſich und dem Himmel. Launenhaft und wie ſich ſelbſt zum Troſt wiederholt die Mutter von Zeit zu Zeit ihre leiſe Klage, und die ſtolze Geſtalt ihrer Tochter bewegt ſich neben ihr her, als über die dunkle Höhe vor ihnen zwei andere Geſtalten nahen, die aus der Ferne einer carikirten Nachahmung des vor⸗ nehmen Paares ſo ähnlich ſehen, daß Edith ſtehen bleibt. Faſt in demſelben Augenblick blieben auch die beiden Ge⸗ ſtalten ſtehen; und die Eine, die Edith wie ein verzerrter Schat⸗ ten ihrer Mutter vorkam, ſprach zu der Andern voll Eifer und mit nach ihnen ausgeſtreckter Hand. Dieſe Eine ſchien geneigt zu ſein umzukehren, aber die Andere, in welcher Edith ſo viel ſich Aehnliches entdeckte, daß ſich ein ungewöhnliches, der Furcht nicht ganz fernes Gefühl in ihr regte, ſchritt weiter; und ſo näherten ſie ſich Beiden. Alles dieſes dachte ſie meiſtens, während ſie auf jene Beiden zuging; denn ihr Stillſtehen hatte nur einen Augenblick gedauert. Nähere Beobachtung zeigte ihr, daß ſie armſelig gekleidet waren, wie Leute die im Lande herumziehen; daß die Jüngere geſtrickte oder ähnliche Sachen zu verkaufen hatte, und daß die Andere mit leeren Händen daher kam. Und ſo ganz anders in Tracht, Schönheit und Würde die Jüngere auch war, konnte Edith doch nicht umhin ſie mit ſich ſelbſt zu vergleichen. Vielleicht ſah ſie auf ihrem Geſicht einige — 57— Spuren von Dingen, die auch ihre Seele barg, wenn ſie auch noch nicht auf ihrem Antlitz geſchrieben ſtanden; aber wie das Weib näher kam, ihren Blick erwiderte, die glänzenden Augen auf ſie heftete, offenbar ihr ähnlich in Weſen und Geſtalt, und wie es ſchien auch ihre Gedanken erwidernd, da überlief ſie ein Schauer, als ob der Tag ſich trübe und der Wind kälter wehe. Jetzt waren ſie herangekommen. Die Alte, zudringlich die Hand ausſtreckend, blieb ſtehen um Mr. Skewton anzubetteln. Auch die Jüngere blieb ſtehen, und ſie und Edith maßen ſich mit dem Blick. Was habt ihr zu verkaufen? ſagte Edith. Nur dieſes, erwiderte das Weib, ihre Waare darbietend, ohne ſie anzuſehen. Mich ſelbſt habe ich ſchon längſt verkauft. Mylady, glauben Sie es ihr nicht, krächzte die Alte der Mrs. Skewton zu; glauben Sie nicht, was ſie ſagt. Sie ſpricht gern ſo. Sie iſt meine ſchöne und ungehorſame Tochter. Sie vergilt mir Alles, was ich für ſie gethan habe, blos mit Vor⸗ würfen. Sehen Sie nur hin, Mylady was für Blicke ſie ihrer armen alten Mutter zuwirft. Während Mrs. Skewton mit zitternder Hand die Börſe zog und eilfertig nach kleiner Münze ſuchte, welche die Alte mit hab⸗ gierigen Augen erwartete— in ihrem Eifer und ihrer Hinfällig⸗ keit berührten ſich faſt die greiſen Köpfe— ſagte Edith zu der Alten: Ich habe euch ſchon früher geſehen. Ja, Mylady— mit einem Knix.— Unten in Warwick⸗ ſhire. Früh unter den Bäumen. Sie wollten mir nichts geben. 58— Aber der Herr, der gab mir etwas! O, der gute Herr, der gute Herr! ſagte ſie, ihre dürre Hand vorſtreckend und gräßlich ihre Tochter angrinſend. Du wirſt mir es nicht verwehren, Edith! ſagte Mrs. Skew⸗ ton, ärgerlich einem Einwand von ihrer Seite zuvorkommend. Du verſtehſt nichts davon. Ich laſſe mir's nicht ausreden. Ich bin überzeugt, das iſt eine vortreffliche Frau und eine gute Mutter. Ja, Mylady, ja, ſchnatterte die Alte, habgierig die Hand hinhaltend. Dank Ihnen, Mylady. Gott ſegne Sie, Mylady. Noch ſechs Pence, meine ſchöne Dame, da Sie ſelber eine gute Mutter ſind. Und manchmal werde ich unkindlich genug behandelt, meine gute Alte! ſagte Mrs. Skewton weinerlich. Da! Reicht mir die Hand. Ihr ſeid eine gute alte Frau— voller wie heißt es doch und ſo weiter. Ihr ſeid ganz Zärtlichkeit u. ſ. w., nicht wahr. O ja, Mylady! war die Antwort. Ja, ich bin davon überzeugt; und auch der vortreffliche Gentleman Grangeby. Ihr müßt mir wirklich noch einmal die Hand reichen. Und jetzt könnt ihr gehen. Und ich hoffe, ſagte ſie zu der Tochter, daß ihr jetzt mehr Dankbarkeit zeigen werdet, und natürliche Dings, und ſo weiter— aber ich hab' immer ein ſchlechtes Gedächtniß für Namen gehabt— denn es hat nie eine beſſere Mutter gegeben als die gute Alte. Komm, Edith! Wie die Ruine Cleopatra's, weinerlich vor ſich hin klagend und die Augen mit zärtlicher Rückſicht für die Schminke in der Nähe wiſchend, fortſchwankte, da humpelte auch die Alte nach der entgegengeſetzten Richtung weiter, vor ſich hin murmelnd und — 59— ihr Geld zählend. Kein Wort und keine Geberde weiter hatten Edith und die Jüngere mit einander getauſcht, aber keine hatte— auf einen Moment die Augen von der andern verwendet. Sie waren vor einander ſtehen geblieben bis jetzt, wo Edith, wie aus einem Traum erwachend, langſam weiter ging. 6 Ihr ſeid ein ſchönes Weib, murmelte ihr Schatten und folgte ihr mit den Augen. Aber Schönheit rettet uns nicht. Und 4 ihr ſeid ein ſtolzes Weib; aber Stolz rettet uns nicht. Wir müſſen uns kennen, wenn wir uns wiederſehen! — —**—— 8———ö—— Einundvierzigſtes Kapitel. Neue Stimmen aus den Wellen. Aues geht im alten Gleiſe fort. Die Wellen ſind heiſer von der Wiederholung ihres Geheimniſſes; der Staub liegt aufge⸗ häuft auf dem Strande; die Seevögel ſchweben im kreiſenden Fluge; Winde und Wolken ziehen ihre bahnloſen Wege; die weißen Arme winken im Mondſcheine nach dem unſichtbaren Lande in der Ferne. Mit trübſeligem Wonnegefühl begrüßt Florentine die ver⸗ traute Gegend, wo ſie ſo traurig und doch ſo glücklich verweilt, und denkt an ihn an dem ſtillen Ort, wo er und ſie ſo viele viele Mal mit einander geplaudert haben, während die Wellen um ſein Lager ſpielten. Und jetzt, wie ſie wieder gedankenvoll dort ſitzt, hört ſie aus dem murmelnden Rauſchen des Meeres ſeine Geſchichte mit ſeinen eigenen Worten; und findet, daß all ihr Leben, und alle ihre Hoffnungen und Schmerzen ſeit jener Zeit— in dem einſamen Hauſe, und in dem prunkvollen Ort, zu dem — 6— es ſeitdem geworden— einen Theil an dem Refrain des wun⸗ derbaren Liedes haben. Und auch der gute Mr. Toots, der im Hintergrunde her⸗ umläuft, ſehnſüchtig nach der geliebten Geſtalt blickend, und ihr gefolgt iſt, ſich aber in ſeinem Zartgefühl nicht überwinden kann, ſie zu einer ſolchen Zeit zu ſtören, hört das Requiem des kleinen Dombey aus den Wellen, wie es aus den Pauſen ihres ewigen Madrigals zu Florentinens Preis klingt. Ja, und der arme Mr. Toots ahnt auch dunkel, daß ſie erzählen von einer Zeit, wo er geſcheiter und nicht hohlköpfig war; und wie die Thränen ſich ihm in die Augen drängen bei dem dämmernden Gedanken, er ſei jetzt dumm und einfältig und blos zum Auslachen gut, min⸗ dert ſich ſeine Freude über ſeine derzeitige Befreiung von dem Hühnchen, das ſich in der Provinz(auf Toots' Koſten) zu einem Kampfe mit dem Larkey Boy einexercirt. Aber Mr. Toots faßt wieder Muth, wenn ſie ihm ein freundliches Wort zuflüſtern, und nähert ſich allmälig und oft un⸗ entſchloſſen ſtehenbleibend Florentinen. Stotternd und erröthend ſtellt ſich Mr. Toots ganz erſtaunt, als er zu ihr tritt und ſagt ler iſt den ganzen Weg von London dicht hinter ihrem Wagen her gefahren, bereit ſich aus Liebe von dem Staube der Räder erſticken zu laſſen), daß er in ſeinem ganzen Leben nie ſo über⸗ raſcht geweſen ſei. Und Sie haben auch Diogenes mitgebracht, Miß Dombey! ſagt Mr. Toots, und ein köſtlicher Schauer rieſelt durch ſeinen ganzen Körper, wie ſie ihm ſo freundlich und zutraulich die kleine Hand giebt. — 62— Gewiß iſt Diogenes da, und gewiß hat Mr. Toots Urſache ihn zu bemerken, denn er ſtürzt geradenwegs auf Mr. Toots' Beine los, und purzelt in der Wuth, mit der er wie ein zweiter Hund des Aubry ihn angreift, über und über. Aber ſeine anmuthige Herrin ruft ihn zurück. Couche, Di, couche. Weißt du nicht mehr, wer uns zuerſt zu Freunden machte, Di? Pfui! Ach! Di kann leicht ſeinen Kopf in ihre Hand legen, und fort⸗ und wieder zurücklaufen und rund um ſie herum rennen und bellen, und auf alle Leute, die vorbeigehen, losſtürzen aus lauter Liebe. Auch Mr. Toots möchte auf den Erſten Beſten blindlings losſtürzen. Ein Offizier geht vorbei, und Mr. Toots möchte 1 nichts lieber thun, als eine Lanze mit ihm brechen. Diogenes fühlt ſich ganz zu Hauſe, nicht wahr, Miß Dom⸗ bey? ſagt Mr. Toots. Feoorentine ſtimmt mit einem dankbaren Lächeln bei. Miß Dombey, ſagt Mr. Toots, ich bitte um Verzeihung, aber wenn Sie vielleicht Blimbers beſuchen wollen, ich— ich gehe hin. Ohne ein Wort zu verlieren, giebt Florentine Mr. Toots. den Arm, und ſie gehen Beide von dannen, während Diogenes vor ihnen her läuft. Mr. Toots Beine zittern; und obgleich er auf das Glänzendſte angethan iſt, fühlt er doch überall Pfuſcherei und ſieht nichts als Falten an den Meiſterſtücken von Burgeß und 4 Comp., und wünſcht, er hätte das glänzendſte Paar ethſ an⸗ 1 gezogen. 1 6 —— 2——— “— 888—“.—. — 63— Doctor Blimbers Haus ſieht von außen ſo ſcholaſtiſch und gelehrt wie immer aus; und dort oben iſt das Fenſter, wo ſie nach dem bleichen Geſicht blickte und wo das bleiche Geſicht ſich aufhellte, wenn ſie erſchien, und die welke Hand ihr Küſſe zuwarf wie ſie vorüber ging. Die Thür wird von demſelben Jüngling mit den blöden Augen geöffnet, deſſen einfältiges Grinſen bei Mr. Toots Anblick die perſonificirte Charakterſchwäche iſt. Man führt ſie in des Doctors Studirzimmer, wo der blinde Homer und Minerva wie vor Alters bei dem Picken der großen Uhr in der Halle Audienz geben; und wo die Globen noch auf dem gewohnten Platz ſtehen, als ob die Welt auch ſtill ſtehe und nichts in ihr vorginge, gehorſam dem allgemeinen Geſetz, das, während es ihr fortzurollen gebietet, Alles in die Erde hinabruft. Und Doctor Blimber iſt damit den gelehrten Beinen; und Mrs. Blimber, mit dem himmelbauen Hut; und Cornelia, mit der Reihe ſandgelber Löckchen und der glänzenden Brille, immer noch wie ein Todtengräber in den Grüften der Sprachen ſchaf⸗ fend. Dort ſteht der Tiſch, wo verlaſſen und verwundert der „meue Schüler“ ſaß; und von ferne tönt das Gemurmel der alten Schüler, im alten Zimmer das alte Leben nach dem alten Prin⸗ cip führend! Toots, ſagte Doctor Blimber, es freut mich Sie zu ſehen. Mr. Toots antwortet blos mit einem innerlichen Lachen. Und Sie in ſo guter Geſellſchaft zu ſehen, Toots, ſagt Doctor Blimber. Mit feuerrothem Geſicht erläutert Mr. Toots, daß er Miß Dombey zufällig getroffen habe, und daß ſie miteinander — 64— gegangen ſeien, da Miß Dombey wie er wünſche, das alte Haus wiederzuſehen. Sie werden gewiß gern unſere jungen Freunde beſuchen, Miß Dombey, ſagte Doctor Blimber. Lauter frühere Mitſchüler von Ihnen, Toots. Ich glaube, wir haben keine neuen Zöglinge in unſerm kleinen Porticus, ſeitdem Mr. Toots uns verlaſſen hat, ſagte Doctor Blimber zu Cornelia. Außer Bitherſtone, entgegnete Cornelia. Ja, ganz recht, ſagte der Doctor. Bitherſtone iſt Mr. Toots noch unbekannt. Auch faſt Florentinen; denn im Schulzimmer zeigt ſich Bi⸗ therſtone— nicht mehr Maſter Bitherſtone, wie bei Mrs. Pipchin — in Kragen und Halstuch und hat eine Uhr. Aber Bither⸗ ſtone, unter einem bengaliſchen Unglücksſtern geboren, iſt arg mit Tinte befleckt und ſein Lexicon iſt vom beſtändigen Gebrauch ſo waſſerſüchtig geworden, daß es nicht mehr zugehen will und gähnt, als wolle es ſich nicht mehr ſchuriegeln laſſen. Daſſelbe thut auch Bitherſtone, ſein Herr, unter Doctor Blimbers höchſtem Druck gezogen; aber in dem Gähnen Bitherſtone's iſt Bosheit und Tücke und man hat ihn ſagen hören, er möchte den„alten Blimber“ nur einmal in Oſtindien erwiſchen. Er würde ſich ver⸗ flucht bald von ein paar ſeiner(Bitherſtone's) Kulis gepackt und den Thugs ausgeliefert ſehen; das könnte er ihm ſagen. Briggs mahlt immer noch in der Mühle der Viſſen⸗ ſchaft, und auch Tozer, und auch Johnſon, und alle übri⸗ gen; die älteren Schüler ſind hauptſächlich beſchäftigt, mit unge⸗ heurer Anſtrengung Alles zu vergeſſen, was ſie in jüngeren Jah⸗ — 65— ren wußten. Alle ſind ſo vornehm und blaß wie immer und mitten unter ihnen müht ſich immer noch Mr. Feeder, Bacc. artium, ab, mit ſeiner knochigen Hand und kurzgeſchorenem Haupte; er hat gerade das Herodotregiſter gezogen und die ande⸗ ren Leierkäſten ſtehen hinter ihm auf dem Bücherbrete. Der Beſuch des emancipirten Toots bringt ſelbſt unter die⸗ ſen ſehr geſetzten jungen Herren eine gewaltige Aufregung hervor. Sie betrachten ihn mit einer Art ſcheuer Ehrfurcht wie Einen, der den Rubicon überſchritten und gelobt hat, nicht wieder um⸗ zukehren; und über den Schnitt ſeiner Kleider und die Fagon ſeiner Juwelen wird heimlich gar viel geflüſtert. Der gallſüchtige Bitherſtone, der nicht aus Mr. Toots' Zeit iſt, thut gegen die jüngern Knaben, als verachte er ihn, und ſagt, er wiſſe es beſſer, und er möchte ihn nur ſo in Bengalen auftreten ſehen, wo ſeine Mutter für ihn einen Smaragd aus dem Fußſchemel eines Ra⸗ jah habe. Wollte doch ſehen! Ein Gewirr von Empfindungen erregt auch Florentinens An⸗ blick, in die ſich jeder der jungen Herren augenblicklich von neuem ver⸗ liebt; nur nicht der gallichte Bitherſtone, der aus bloßem Wider⸗ ſpruchsgeiſt ſich deſſen weigert. Wilde Eiferſucht auf Mr. Toots ent⸗ keimt und Briggs meint, er ſei am Ende doch nicht ſo alt. Aber dieſer ehrabſchneidende Zweifel wird ſogleich von Mr. Toots dadurch zu nichte gemacht, daß er laut zu Mr. Feeder, Bacc. artium, ſagt: Wie geht'’s, Feeder? und ihn in das Bedfordhotel zu Tiſche einladet. Es zeigt ſich ein großer Luxus an Händedrücken und Ver⸗ beugungen und ein großes Verlangen von Seiten iedes jungen Boz. Dombey u. Sohn. VII. 5 — 66— Herrn, Toots in Miß Dombey's guter Meinung zu beeinträchti⸗ gen; und nachdem Mr. Toots ſein altes Pult mit einem inner⸗ lichen Lachen betrachtet hat, entfernt er ſich wieder mit Florenti⸗ nen und Mrs. Blimber und Cornelien, und in der Thür hören ſie Doctor Blimber noch ſprechen: Gentlemen, wir wollen jetzt unſere Studien von neuem beginnen. Denn dies und nicht viel anderes hört der Doctor von dem Meere und hat nichts anderes ſein gan⸗ zes Leben lang von ihm gehört. Florentine ſtiehlt ſich dann hinweg und geht mit Mrs. Blimber und Cornelien hinauf nach dem alten Schlafzimmer; Mr. Toots, fühlend, daß weder er noch Jemand ſonſt dort nöthig ſei, ſpricht unterdeſſen mit dem Doctor oder hört dieſen vielmehr ſprechen und wundert ſich, wie er das Studirzimmer jemals für ein großes Heiligthum und den Doctor für einen ſchrecklichen Mann habe halten können. Bald darauf kehrt Florentine wieder zurück und nimmt Abſchied; Mr. Toots nimmt Abſchied; und Di⸗ ogenes, der unterdeſſen den Jüngling mit den blöden Augen un⸗ barmherzig gepeinigt hat, ſchießt zur Thür hinaus und bellt froh und trotzig die Treppe hinab, während Malchen und ein anderes Dienſtmädchen aus einem oberen Fenſter herabſehen und über „dieſen Toots“ lachen und von Miß Dombey ſagen: Aber wahr⸗ haftig— iſt ſie nicht wie ihr Bruder, nur noch hübſcher? Mr. Toots, der Thränen auf Florentinens Antlitz bemerkte, als ſie herunter kam, iſt in erſchrecklicher Verlegenheit und fürchtet anfangs ein großes Unrecht gethan zu haben, daß er den Beſuch vorgeſchlagen. Aber er wird bald von ihr ſelbſt von ſeiner Angſt befreit, indem ſie ihm ſagt, wie ſehr es ſie freue, wieder dort ge⸗ — 6— weſen zu ſein, und ganz heiter von Allem ſpricht, während ſie an dem Meere hingehen. Durch die Stimmen dort und ihre ſüße Stimme iſt Mr. Toots, als ſie Mr. Dombey's Haus erreichen und er ſie verlaſſen muß, ſo zum Sklaven geworden, daß er kei⸗ nen Funken freien Willen mehr hat; als ſie ihm die Hand zum Abſchied reicht, kann er ſie nicht loslaſſen. Miß Dombey, ich bitte um Verzeihung, ſtammelt Mr. Toots in entſetzlicher Verwirrung, aber wenn Sie mir erlauben wollten Der freundliche und zutrauliche Blick Florentinens macht ihn plötzlich ſtocken. Wenn Sie mir erlauben wollten zu— wenn Sie es nicht für eine zu große Freiheit halten wollten, Miß Dombey, wenn ich— ohne alle Ermuthigung, wenn ich hoffen dürfte, wiſſen Sie— ſagt Mr. Toots. Florentine ſah ihn fragend an. Miß Dombey, ſagt Mr. Toots, fühlend, daß er nicht mehr zurück kann, ich verehre Sie wirklich ſo außerordentlich, daß ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen ſoll. Ich bin der allerbe⸗ jammernswertheſte Menſch. Wenn wir jetzt nicht an der Ecke des Platzes ſtünden, würde ich auf meine Kniee niederfallen und Sie bitten und flehen, ohne alle Ermuthigung, mich blos hoffen zu laſſen, daß— daß— daß es möglich wäre, daß Sie— O, ich bitte Sie! rief Florentine, ganz verlegen und beſtürzt. O, ich bitte Sie, Mr. Toots. Reden Sie nicht weiter, ich bitte Sie. Thun Sie es mir zur Liebe. 5* — 668— Mr. Toots iſt entſetzlich beſchämt und ſteht mit offenem Munde da. Sie ſind immer ſo gütig gegen mich geweſen, ſagt Floren⸗ tine, ich bin Ihnen ſo dankbar, ich habe ſo vielen Grund, Sie als gefälligen Freund zu ſchätzen, und ich ſchätze Sie wirklich ſo ſehr,— und hierbei lächelte ihn das zutrauliche Geſicht mit an⸗ muthigſter Aufrichtigkeit an— daß ich überzeugt bin, Sie woll⸗ ten mir blos Lebewohl ſagen! Gewiß, Miß Dombey, ſagt Mr. Toots, ich— ich— das meinte ich eben. Es hat nichts zu ſagen. Leben Sie wohl!] ruft Florentine. Leben Sie wohl, Miß Dombey! ſtottert Mr. Toots. Ich hoffe, Sie denken weiter nicht daran. Es iſt— es hat nichts zu ſagen, dank Ihnen. Es hat durchaus nichts zu ſagen. Voller Verzweiflung kehrt der arme Mr. Toots in ſein Ho⸗ tel zurück, ſchließt ſich in ſein Zimmer ein, wirft ſich auf das Bett und liegt dort lange Zeit, als wenn es doch ſehr viel zu bedeuten hätte. Aber Mr. Feeder, Bacc. artium, kommt zum Eſſen, was ſehr gut für Mr. Toots iſt, denn ſonſt weiß der Himmel wenn er wieder aufgeſtanden wäre. Mr. Toots muß ſich aus ſeinem Schmerz herausreißen, um ihn zu empfangen und den gaſtlichen Wirth zu machen. Und der wohlthuende Einfluß dieſer ſchönen Tugend, Gaſt⸗ lichkeit(Wein und gutes Eſſen nicht zu nennen), öffnet Mr. Toots das Herz und thaut ihm den Mund auf. Er erzählt Mr. Feeder, Bacc. artium, nicht was an der Ecke des Platzes vorgefallen iſt; aber als Mr. Feeder ihn fragt: Wenn geht's los? erwidert — 65— Mr. Toots, daß es gewiſſe Gegenſtände gebe— was Mr. Fee⸗ ders Vertraulichkeit alſogleich um ein paar Grade ſinken macht.— Mr. Toots fügt hinzu, daß er nicht wiſſe, welches Recht Blimber habe, ſich über ihn und Miß Dombey aufzuhalten, und wenn das Unverſchämtheit ſein ſollte, ſo werde er ihn fordern, möge er Doc⸗ tar ſein oder nicht; aber er glaubt, er wiſſe es nicht beſſer. Mr. Feeder ſagt, daran zweifle er nicht. Als vertrautem Freund iſt es jedoch Mr. Feeder nicht ver⸗ wehrt, den Gegenſtand zu berühren. Mr. Toots verlangt nur, daß es geheimnißvoll und mit Gefühl geſchehe. Nach ein paar Gläſern Wein bringt er Miß Dombey's Geſundheit aus: Feeder, ſagt er, ihr habt keine Ahnung von den Gefühlen, mit denen ich dieſen Toaſt ausbringe. Mr. Feeder antwortet darauf: O doch, lieber Toots, und ſie gereichen euch ſehr zur Ehre, alter Junge. Mr. Feeder fühlt darauf plötzlich ſein Herz von Freundſchaft über⸗ wallen, und reicht Mr. Toots die Hand und ſagt, wenn Toots einen Bruder brauche, ſo wiſſe er, wo er zu finden ſei, per Poſt oder Botenfuhre. Mr. Feeder ſagt auch, wenn er ſich einen Rath erlauben dürfe, ſo möchte er Toots empfehlen, die Guitarre oder wenigſtens die Flöte zu lernen, denn die Weiber lieben die Muſik, wenn man ihnen den Hof macht, und er habe ſelbſt den Nutzen davon erfahren. Das bringt Mr. Feeder, Bacc. artium, zu dem Bekennt⸗ niß, daß er ein Auge auf Cornelia Blimber geworfen. Er er⸗ klärt Mr. Toots, daß er gegen die Brille nichts habe und daß⸗ wenn der Doctor ſplendid ſein und das Geſchäft aufgeben wolle, für ſie geſorgt wäre. Seiner Meinung nach ſei ein Mann, wenn —— — — 70— er ſich durch ſein Geſchäft ein hübſches Sümmchen verdient habe, verpflichtet, es aufzugeben, und Cornelia würde eine Gehülfin ſein, auf die jeder Mann ſtolz ſein könnte. Mr. Toots antwortet mit einem feurigen Loblied auf Miß Dombey's Reize und deutet dun⸗ kel an, daß er manchmal ans Erſchießen denke. Mr. Feeder ſpricht eifrig gegen ein ſo unbeſonnenes Vorhaben und ſucht ihn mit dem Leben dadurch auszuſöhnen, daß er ihm Cornelia's Por⸗ trait mit Brille, Löckchen u. ſ. w. zeigt. So verbringen dieſe Beiden ihren Abend; und als es Nacht geworden, begleitet Mr. Toots Mr. Feeder nach Hauſe und ſcheidet von ihm an Doctor Blimbers Thür. Aber Mr. Feeder geht nur die Stufen hinauf und kommt wieder herunter, als Mr. Toots fort iſt, um allein am Strande ſpazieren zu gehen und von ſeiner Zukunft zu träumen. Mr. Feeder hört die Wellen ganz deutlich flüſtern, daß Doctor Blimber das Geſchäft aufgeben werde, und fühlt eine ſüße romantiſche Wonne bei dem Betrachten der Außenſeite des Hauſes und dem Gedanken, daß der Doctor es erſt abputzen und durchaus renoviren werde. Auch Mr. Toots irrt um das Käſtchen, welches ſeinen Ju⸗ wel enthält, und blickt in bejammernswerther Stimmung und nicht unbeargwohnt von der Polizei hinauf zu einem Fenſter, wo er Licht ſieht, welches er für Florentinens Licht hält. Das iſt es aber nicht, denn es iſt Mrs. Skewtons Zimmer; und während Florentine in ihrem Kämmerchen ſüß träumt von den alten Zeiten und der alten Umgebung, liegt dort die Geſtalt, welche in ſchau⸗ erlicher Wirklichkeit die Rolle des ſtillen Knaben auf derſelben Bühne ſpielt, um hier noch einmal— aber wie ganz anders!— Verfall und Tod zu zeigen, ſchlaflos und klagend auf ihrem Pfühl. Häßlich und hohläugig liegt ſie auf ruheloſem Bett und neben ihr in ſchrecklicher leidenſchaftloſer Schönheit— denn ſie iſt den trüben Augen der Kranken ſchrecklich— ſitzt Edith. Was ſagen die Wellen zu ihnen in der ſtillen Nacht? Edith, ſieh den ſteinernen Arm, der mich ſchlagen will. Siehſt du ihn nicht? ächzt die Alte. Es iſt nichts da, Mutter. Es iſt blos Einbildung. Einbildung! Alles ſoll Einbildung ſein. Sieh nur hin! Wie iſt es nur möglich, daß du es nicht ſiehſt? Wirklich, Mutter, es iſt nichts, beruhigt die Tochter. Würde ich ſonſt ſo ruhig daſitzen? Ruhig? ſagt ſie und blickt verſtört um ſich— es iſt jett fort— und warum biſt du ſo ruhig? Das iſt keine Einbildung, Edith. Es ſchaudert mich, dich ſo neben mir ſitzen zu ſehen. Das betrübt mich, Mutter. Es betrübt dich! Du biſt immer betrübt, aber nicht meinet⸗ wegen, erwidert die Mutter. Damit fängt ſie an zu weinen und wirft ſich ruhelos auf dem Lager hin und her, und ſpricht von Vernachläſſigung, und wie gut ſie als Mutter geweſen, und was für eine Mutter die gute Alte war, der ſie begegnet, und von dem ſchlechten Dank, mit welchem Töchter ſolchen Müttern vergelten. Mitten in dem unzu⸗ ſammenhängenden Gerede ſtockt ſie plötzlich, blickt ihre Tochter an, ruft aus, daß ſie den Verſtand verliere, und birgt das Geſicht in den Kiſſen. 4 — 22— Mitleidig beugt ſich Edith über ſie und ſpricht zu ihr. Die kranke Alte umfaßt ſie krampfhaft und ſagt mit einem Blick des Entſetzens: Edith, wir reiſen bald nach Hauſe; bald. Meineſt du, daß ich wieder nach Hauſe komme? Ja, Mutter, ja. Und was er ſagte— wie heißt er doch? ich konnte nie Namen merken— Major— das entſetzliche Wort, als wir weg⸗ fuhren— es iſt nicht wahr? Edith! ruft ſie mit einem Aufſchrei und ſtarren Blick— nicht wahr, das hab' ich nicht zu befürchten? Eine Nacht nach der andern brennt das Licht im Fenſter, und die Geſtalt liegt auf dem Bett und Edith ſitzt neben ihr, und die ruheloſen Wellen rufen Beiden die ganze Nacht. Eine Nacht nach der andern rufen ſich die Wellen heiſer mit der Wie⸗ derholung ihres Geheimniſſes; der Staub liegt aufgehäuft am Ufer, die Seevögel ziehen im kreiſenden Fluge; Winde und Wol⸗ ken verfolgen ihre bahnloſen Wege; die weißen Arme winken im Mondſchein nach dem unſichtbaren Lande in der Ferne. Und immer noch ſtarrt die kranke Alte nach der Ecke, wo der ſteinerne Arm— ein Theil eines Grabbildes, ſagt ſie— erhoben iſt um ſie zu ſchlagen. Zuletzt fällt er; und jetzt liegt eine ſteinerne Greiſin auf dem Bett, und ſie iſt krumm und zu⸗ ſammengeſchrumpft, und eine Hälfte von ihr iſt todt. Das iſt die Geſtalt, angeputzt und geſchminkt, daß die Sonne ſie verhöhnt, die Tag für Tag langſam durch das Men⸗ ſchengewühl gefahren wird, und dabei ſich umſteht nach der guten Alten, die eine ſo vortreffliche Mutter war, und Grimaſſen ſchnei⸗ — — 23— det, wie ſie vergeblich unter die Menge ſtiert. Das iſt die Geſtalt, die oft an den Rand des Meeres gefahren wird und dort verweilt; aber kein Wind kann ihr Lebenskraft zuwehen und das Meer hat kein tröſtendes Wort für ſie. Sie liegt da und hört ihm ſtundenlang zu; aber ſeine Worte ſind ihr voll düſterer Bedeutung und Angſt ſchwebt auf ihrem Geſicht, und wenn ihre Augen über die weite Fläche ſchweifen, ſehen ſie nur endloſe Oede zwiſchen Erde und Himmel. Florentine ſieht ſie nur ſelten und macht ihr dann ein böſes Geſicht. Immer iſt Edith neben ihr und hält Florentinen fern; und Nachts in ihrem Bett zittert Florentine, wenn ſie an den Tod in ſolcher Geſtalt denkt, und erwacht oft und lauſcht, ob er gekommen ſei. Niemand wartet ihrer als Edith. Es iſt beſſer, wenn nur wenige Augen ſie ſehen; und ihre Tochter wacht allein neben ihrem Bett. Und ein Schatten mehr tritt auf das umnachtete Geſicht; und die ſpitzen Züge werden noch ſpitzer, und der Schleier vor den Augen wird zu einem Leichentuch, das die Welt ihrem dunkelnden Blick verdeckt. Die zuckenden Hände auf der Bett⸗ decke vereinigen ſich matt und bewegen ſich nach ihrer Tochter; und eine Stimme— nicht wie die ihrige, und auch nicht wie eine Stimme, die eine irdiſche Sprache redet— ſagt: denn ich habe dich geſäugt! Thränenlos kniet Edith nieder, um ihren Mund näher an das ſinkende Haupt zu bringen, und antwortet: Mutter, hörſt du mich? Mit ſtarrem Blick verſucht ſie bejahend zu nicken. — — 74— Gedenkeſt du der Nacht vor meiner Hochzeit? Das Haupt bewegt ſich nicht, giebt aber zu erkennen, daß ſie deſſen gedenke. Ich ſagte dir damals, daß ich dir deinen Theil daran ver⸗ zeihe, und bat Gott, daß er mir meinen verzeihen möge. Ich ſagte dir, daß die Vergangenheit zwiſchen uns abgeſchloſſen ſei. Ich ſage es jetzt noch einmal. Küſſe mich, Mutter. Edith berührt ihre bleichen Lippen und einen Augenblick lang iſt Alles ſtill. Einen Augenblick ſpäter erhebt ſich die Mutter mit ihrem mädchenhaften Lachen und dem Schattenbild der Cleo⸗ patramanier im Bett. Schließt die roſafarbenen Vorhänge. Es entflieht noch etwas Anderes als Wind und Wolken. Schließt die roſafarbe⸗ nen Vorhänge! 9, ℳ 3 24 2¼. 5 Nachricht von dem Vorfall wird nach der Stadt an Mr. Dombey geſchickt, der den Couſin Feenix(er hat ſich noch nicht feſt entſchließen können nach Baden⸗Baden zu gehen) aufſucht, wel⸗ cher ebenfalls ſchon von dem Ereigniß weiß. Ein gutherziger Mann wie Couſin Feenix iſt ganz der Rechte für eine Hochzeit oder ein Begräbniß, und ſeine Stellung in der Familie verlangt, daß man ihn zu Rath ziehe. 9 33 Dombey, ſagt Couſin Feenix, auf Seele, ich bin höchſt be⸗ trübt, Sie bei einer ſo traurigen Veranlaſſung zu ſehen. Meine arme Tante! Sie war eine verwünſcht friſche Frau! Mr. Dombey erwidert: Sehr friſch. — 25— und ſah noch recht jung aus, wenn man es bedenkt, ſagt Couſin Feenix. An Ihrem Hochzeitstage glaubte ich wirklich, ſie werde noch zwanzig Jahre aushalten. Wahrhaftig, ich ſagte zu Einem von Brooks Club— zum kleinen Billy Jozer,— Sie kennen ihn gewiß— Mann mit einem Glas im Auge? Mr. Dombey verbeugt ſich verneinend. Haben ſie hin⸗ ſichtlich des Begräbniſſes einen Vorſchlag zu machen? ſagt er. Hm, ſagt Couſin Feenix und ſtreicht ſich das Kinn, wozu noch gerade genug Hand unter den Manſchetten hervorguckt z ich weiß wirklich nicht. In meinem Park iſt ein Mauſoleum, aber ich fürchte, es iſt etwas verfallen und eigentlich in verwünſcht ſchlechtem Zuſtande. Wenn ich nicht etwas in der Klemme wäre, ließe ich es einrichten; aber ich glaube, die Nachbarſchaft hält Picknicks in dem Gitter. Mr. Dombey iſt überzeugt, daß dies nicht angeht. Wir haben eine ganz hübſche Kirche im Dorfe, ſagt Couſin Feenix nachdenklich; reiner anglo⸗normänniſcher Styl der erſten Epoche, und exquiſit ſkizzirt von Lady Fanny Finchbury— ſtark⸗ geſchnürte Frau— aber ich höre, ſie haben ſie mit Tünche ver⸗ dorben, und es iſt ſehr weit. Vielleicht Brighton? meint Mr. Dombey. Auf Ehre, Mr. Dombey, ich glaube, das iſt das Beſte, ſagt Couſin Feenix. Es iſt an Ort und Stelle, ſehen Sie, und ein ganz hübſcher Fleck. Und wenn würde es Ihnen paſſen? fragt Mr. Dombey. Ich verpflichte mich gern zu jedem Tage, den Sie wünſchen, ſagt Couſin Feenix. Ich werde mir's zum großen Vergnügen — 56— (ein melancholiſches Vergnügen natürlich) machen, meiner guten Tante zu den Geſtaden der— nun, zu Grabe zu folgen, ſagte Couſin Feenix, dem die Redefigur doch nicht paſſen wollte. Würde Ihnen Montag recht ſein? ſagt Mr. Dombey. Montag würde mir vortrefflich paſſen, erwidert Coufin Feenix. Deshalb kommt Mr. Dombey mit Couſin Feenix über⸗ ein, ihn dieſen Tag abzuholen, und empfiehlt ſich, bis zur Treppe von Couſin Feenix geleitet, welcher beim Abſchied ſagt: Es thut mir außerordentlich leid, Dombey, daß Sie ſo viel Mühe damit haben; worauf Mr. Dombey antwortet: O, ich bitte. Zur verabredeten Zeit fahren Couſin Feenix und Mr. Dombey nach Brighton und begleiten als die einzigen Leidtragen⸗ den um den Verluſt der Verſtorbenen die Leiche nach ihrer letz⸗ ten Ruheſtatt. Unterwegs erkennt Couſin Feenix zahlloſe Be⸗ kannte, beachtet ſie aber aus Anſtand blos ſo weit, daß er ſie beim Vorbeigehen zu Mr. Dombey’s Erbauung laut nennt, wie: Tom Johnſon. Mann mit einem Korkbein, von White's Club. Was, du hier, Tommy? Foley auf einer Vollblutſtute. Die Smalders und ſo weiter. Bei der Ceromonie iſt Couſin Feenix niedergeſchlagen und bemerkt, daß es Gelegenheiten gebe, die Einen erinnerten, daß man wacklig werde; und ſeine Augen ſind wirk⸗ lich naß, als es vorüber iſt. Aber er erholt ſich bald wieder; und das thun auch die andern Bekannten und Freunde der Mrs. Skewton, von welcher der Major beſtändig in ſeinem Club erzählt, daß ſie ſich nicht vor der Zugluft in Acht genommen habe; wäh⸗ rend die junge Dame mit dem bloßen Nacken meint, ſie müſſe — 7,— entſetzlich alt geweſen ſein, und ſei an allerlei gräulichen Dingen geſtorben, und man müſſe nicht davon ſprechen. So ruht Ediths Mutter vergeſſen von ihren theuern Freun⸗ den, die taub ſind gegen die Wellen, welche ſich heiſer flüſtern mit der Wiederholung ihres Geheimniſſes, und blind gegen den Staub, der ſich am Ufer aufhäuft, und gegen die weißen Arme, die im Mondſchein nach dem unſichtbaren Lande in der Ferne winken. Aber am Ufer des unbekannten Meeres geht Alles ſeinen Weg wie immer; und Edith ſteht dort allein und lauſcht den Wellen. 1— Zweiundvierzigſtes Kapitel. Vertraulich und zufällig. Nicht mehr angethan mit Capitain Cuttle's ſchwarzer Schiffer⸗ hoſe und dem Südweſter, ſondern gekleidet in eine ſchmucke braune Livrei, die, während ſie ſich ſehr beſcheiden und anſpruchslos ſtellte, in Wirklichkeit ſo ſelbſtzufrieden und zuverſichtlich war, als ein Schneider nur wünſchen konnte, diente jetzt Rob, der Scheerenſchleifer, ſeinem Gönner, Mr. Carker. In Mr. Carker's Hauſe wohnend und in ſeinem perſönlichen Dienſte beſchaftigt, heftete Rob ſeine runden Augen mit Furcht und Zittern auf die weißen Zähne und fühlte, daß er ſie noch weiter offen halten müſſe, als gewöhnlich. Er hätte vor den Zähnen nicht mehr zittern können, wenn er im Dienſte eines mächtigen Zauberers geſtanden und in ihnen deſſen ſtärkſter Zauber gelegen hätte. Dem Knaben erſchien ſein Beſchützer bekleidet mit einer Macht und Autorität, die ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nah⸗ men und gebieteriſch den unbedingteſten Gehorſam von ihm for⸗ V derten. Er getraute ſich kaum in ſeiner Abweſenheit an ihn zu denken, aus Furcht, er möchte ihn ſogleich wieder bei der Kehle packen, wie an dem Morgen, wo er zuerſt in ſeine Hände fiel, und jeder einzelne Zahn ihn ertappen und ihm jeden Gedanken ſeiner Seele vorwerfen. Wenn Rob ſeinem Herrn gegenüberſtand, ſo bezweifelte er gar nicht, daß Mr. Carker ſeine geheimſten Gedan⸗ ken leſe oder mit der geringſten Mühe leſen könne, wenn er dazu Luſt habe. So vollſtändig fühlte er ſich beherrſcht, daß er kaum an etwas Anderes, als an ſeines Gönners unwiderſtehliche und immer wachſende Macht über ſich zu denken wagte und hinter ihm ſtand, ſeiner Befehle harrend und ſeinen Wünſchen möglichſt zu⸗ vorkommend, unbekuͤmmert um alles Andere auf der Welt. Rob hatte vielleicht noch nicht unterſucht— es wäre auch in ſeinem damaligen Gemüthszuſtand keine geringe Verwegenheit geweſen— ob er dieſen zauberhaften Einflüſſen nur deshalb ſo unbedingt ſich füge, weil ihm ein dunkles Gefühl ſagte, daß ſein Herr ein Meiſter in mancherlei tückiſchen Künſten war, in denen er ſelbſt in der Schule ſchon geſtümpert hatte. Aber jedenfalls bewunderte und fürchtete ihn Rob. Mr. Carker kannte vielleicht beſſer die Quellen ſeiner Macht, die durch ihre Ausübung von ſeiner Hand nichts verlor. An demſelben Abend, wo Rob den Capitain verließ, war er, nachdem er die Tauben verkauft und ſogar in der Eile einen ſchlechten Handel gemacht hatte, geradenwegs zu Mr. Carker ge⸗ laufen und hatte ſich mit einem glühenden Geſicht, welches Lob zu beanſpruchen ſchien, ſeinem neuen Herrn vorgeſtellt. — 80— Nun, Taugenichts! ſagte Mr. Carker, ſein Bündel an⸗ blickend. Du haſt deine Stelle verlaſſen und biſt zu mir ge⸗ kommen? Ach, verzeihen Sie, Sir, ſtammelte Rob, wie ich zuletzt hier war, ſagten Sie— Ich ſagte?— erwiderte Mr. Carker. Was ſagte ich? Verzeihen Sie, Sir, Sie ſagten gar nichts, Sir, entgeg⸗ nete Rob, von dem Ton dieſer Frage gewarnt und ſehr außer Faſſung gebracht. Sein Gönner ſah ihn mit fletſchenden Zähnen an, drohte mit dem Finger und ſagte: Du wirſt noch ein Ende mit Schrecken nehmen, du Vaga⸗ bund. Für dich iſt nichts Gutes aufgehoben. Ach ich bitte Sie, Sir! greinte Rob und ſeine Kniee zit⸗ terten. Ich will ja blos für Sie arbeiten, Sir, und Sie bedie⸗ nen, Sir, und getreulich thun, was mir befohlen wird, Sir. Wenn du klug biſt, ſo thuſt du getreulich, was ich dir be⸗ fehle, wenn du überhaupt mit mir zu thun haben willſt, ſagte ſein Herr. Ja, das weiß ich, Sir, antwortete Rob demüthig; das weiß ich recht gut. Wenn Sie nur ſo gut ſein wollen und wollen es mit mir verſuchen, Sir! Und ſo wie Sie mich ertappen, daß ich Ih⸗ ren Befehlen zuwiderhandle, können Sie mich todt machen! Du Schlingel! ſagte Mr. Carker und lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und betrachtete ihn mit eiſigem Lächeln. Das iſt gar nichts gegen das, was ich dir thun würde, wenn du verſuch⸗ teſt, mich zu hintergehen. — 81— Ja, Sir, erwiderte Rob ganz zerknirſcht, ich weiß es, Sie würden erſchrecklich ſein. Ich würd' es nicht verſuchen, und wenn ich goldene Guineen dafür bekommen ſollte. Vollkommen vernichtet in ſeinen Hoffnungen auf Lob, ſtand Rob demüthig da und ſah ſeinen Gönner von der Seite an mit einer Unruhe, wie etwa ein Hund vergeblich das Auge ſeines ge⸗ ſtrengen Herrn zu meiden ſucht. Du haſt alſo deinen alten Dienſt verlaſſen und ich ſoll dich in meinen nehmen? frug Mr. Carker. Ja, wenn es Ihnen beliebt, Sir, erwiderte Rob, der ledig⸗ lich auf ſeines Gönners Befehl ſo gehandelt hatte, ſich aber nicht durch die leiſeſte Anſpielung auf das zwiſchen ihnen Verabredete zu rechtfertigen ſuchte. Gut! ſagte Mr. Carker. Du kennſt mich, Burſche? Verzeihen Sie, Sir, ja, entgegnete Rob, und zerdrückte ver⸗ legen ſeinen Hut in der Hand, während er vergebens verſuchte ſich von Mr. Carkers Zauberblick los zu machen. Mr. Carker nickte. So nimm dich in Acht! Rob gab mit einer Anzahl linkiſcher Bücklinge zu erkennen, daß er ſich dieſe Warnung auf das Lebhafteſte einpräge, und ſchlich ſich immer noch verbeugend bis zur Thür, ſehr froh bald draußen zu ſein, als ihn ſein Herr mit rauher Stimme zurückrief. Heda! ſagte er. Du biſt— mach' die Thür zu. Rob gehorchte, als hinge ſein ganzes Leben an ſeiner Schnelligkeit. Du biſt ans Horchen gewöhnt und ans Spioniren, he? ſagte Mr. Carker rauh. Boz. Dombey u. Sohn. VII- 6 —— ——— — 82— Das werd' ich hier nicht thun, betheuerte Rob, und wenn ich ſterben ſollte, Sir. Und wenn man mir die ganze Welt dafür geben wollte, Sir, außer wenn Sie es befehlen. Du thuſt gut, wenn du es hier läſſeſt. Du biſt auch das Ausplaudern und Ausſchwatzen gewohnt, ſagte ſein Gönner mit vollkommenſter Ruhe. Laß das hier bleiben oder du biſt ein verlorener Menſch, und er lächelte ihn wieder an und drohte ihm mit dem Finger. Rob ſtockte der Athem vor Beſtürzung. Er verſuchte die Reinheit ſeiner Abſicht zu betheuern, konnte aber nur mit ver⸗ blüffter Unterwürfigkeit den lächelnden Herrn anſtarren, womit der lächelnde Herr ziemlich zufrieden zu ſein ſchien; denn nachdem er ihn noch eine Weile ſchweigend betrachtet hatte, befahl er ihm hinab zu gehen und gab ihm zu verſtehen, daß er in ſeinem Dienſte bleiben ſolle. So wurde Rob in Carkers Dienſte genommen und ſeine ehrfurchtsvolle Hingebung für dieſen Herrn nahm mit jeder Mi⸗ nute wo möglich noch zu. Er war einige Monate bei Mr. Carker geweſen, als an ei⸗ nem Morgen zu früher Stunde Rob die Gartenthür Mr. Dom⸗ bey öffnete, der mit ſeinem Herrn frühſtücken wollte. In dem⸗ ſelben Augenblick eilte auch der Herr ſelbſt heraus, um den vor⸗ nehmen Gaſt zu empfangen und ihn mit allen ſeinen Zähnen zu bewillkommnen. Ein ſehr geſchmackvolles Haus, Carker, ſagte Mr. Dombey und war herablaſſend genug, vor dem Hauſe ſtehen zu bleiben und es ſich anzuſehen. ⁸ — 83— Sie können das ſagen, erwiderte Carker. Sie ſind ſehr gütig. Wahrhaftig, Jeder könnte das ſagen, gab Mr. Dombey mit ſtolzer Gönnermiene zur Antwort. Es iſt im Ganzen eine recht bequeme und gut eingerichtete Wohnung— wirklich elegant. Im Ganzen, in der That, entgegnete Carker mit demüthig zurückweiſender Miene. Dies Eine fehlt ihm. Nun, das iſt genug davon, und obgleich Sie es loben können, bin ich Ihnen doch dafür verbunden. Wollen Sie eintreten? Drinnen angelangt lobte Mr. Dombey, und mit allem Grund, die Einrichtung der Zimmer, den Reichthum an Comfort und geſchmackvollem Effect. Mr. Carker nahm dieſes Lob mit ehrerbietigem Lächeln auf, ſagte, er verſtehe ſeine zarte Bedeutung und wiſſe ſie zu ſchätzen; aber gewiß ſei die Cottage gut genug für einen Mann von ſeiner Stellung, beſſer vielleicht, als es ſich für einen ſolchen Mann ſchickt, ſo beſcheiden ſie auch ſei. Aber einem Mann wie Sie, der um ſo viel höher ſteht, er⸗ ſcheint ſie vielleicht beſſer, als ſie iſt, ſagte er, den falſchen Mund weit öffnend. Etwa wie Fürſten ſich das Leben der Bettler an⸗ genehm vorſtellen. Während er ſprach, ſah er Mr. Dombey mit ſcharfem Blick und ſchlauem Lächeln an, und mit noch ſchärferem Blick und ſchlauerem Lächeln, als Mr. Dombey ſich in der Stellung, die ſein Disponent ſo oft nachahmte, an das Kamin ſtellte und ſich die Gemälde an den Wänden anſah. So flüchtig ſein theilnahm⸗ loſes Auge darüber hinſtreifte, begleitete Carkers ſcharfer Blick doch den ſeinen überall hin. Als er auf einem Bilde verweilte, 6* — 84— ſchien Carker kaum zu athmen, und ſein Auge lauerte katzenartig, aber der Blick ſeines Herrn blieb auch hier nicht haften, und ſchien eben ſo wenig angezogen zu ſein, wie von den übrigen. Carker ſah es an— es war das Bild, welches Edith ähn⸗ lich war— als ob es lebendig wäre, und mit einem boshaften, ſtillen Lächeln auf ſeinem Geſicht, das zum Theil dem Gemälde zu gelten ſchien, obgleich es den großen Mann verſpottete, der nichtsahnend neben ihm ſtand. Das Frühſtück wurde bald darauf aufgetragen, und indem er Mr. Dombey einen Stuhl anbot, der mit dem Rücken nach dem Bilde ſtand, nahm er wie gewöhnlich ſeinen Sitz gegenüber. Mr. Dombey war noch ernſter als gewöhnlich, und ganz ſtumm. Der Papagei, auf dem goldenen Ringe in dem glänzen⸗ den Käfig ſich ſchaukelnd, verſuchte vergeblich die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, denn Carker war zu ſehr mit ſeinem Beſuch beſchäftigt, um ihn zu beachten; und der Beſuch, in Gedanken vertieft, blickte ſtarr, wenn nicht gar mürriſch, über ſein ſteifes Halstuch, ohne die Augen vom Tiſchtuch zu erheben. Was den aufwartenden Rob betrifft, ſo waren alle ſeine Fähigkeiten und ſeine ganze geiſtige Kraft ſo ſehr von der Beobachtung ſeines Herrn in Anſpruch genommen, daß er kaum den Gedanken zu he⸗ gen wagte, der Beſuch ſei der große Herr, dem er in ſeiner Kind⸗ heit als lebendiges Zeugniß der Geſundheit der Familie vorgezeigt worden, und dem er ſeine kurzen Lederhoſen zu verdanken habe. Sie erlauben mir nach Mrs. Dombeys Befinden zu fra⸗ gen? ſagte plötzlich Carker. Bei dieſer Frage beugte er ſich mit threrbietiger Miene vor — 85— und ſtützte das Kinn auf die Hand; zugleich wendeten ſich ſeine Augen nach dem Bilde, als wollte er zu dieſem ſagen: Jetzt ſieh, wie ich mit ihm ſpiele! MNr. Dombey wurde roth, als er zur Antwort gab: Mrs. Dombey befindet ſich ganz wohl. Sie erinnern mich dabei an Etwas, was ich Ihnen zu ſagen wünſchte, Carker. Robin, du kannſt hinaus gehen, ſagte ſein Herr, über deſſen milden Ton Rob erſchrak und dann verſchwand, die Augen bis zuletzt auf ſeinen Herrn geheftet. Sie erinnern ſich wohl nicht des Burſchen? fügte er hinzu, als Rob fort war. Nein, ſagte Mr. Dombey mit großartiger Gleichgültigkeit. Das iſt von einem Manne wie Sie ſind nicht zu verwun⸗ dern. Kaum möglich, murmelte Carker. Aber er iſt ein Glied der Familie, aus der Sie eine Amme nahmen. Vielleicht erin⸗ nern Sie ſich, daß Sie großmüthig für ſeine Erziehung ſorgten? Iſt das der Knabe? ſagte Mr. Dombey mit gerunzelter Stirn. Ich glaube, er macht ſeiner Erziehung wenig Ehre. Ich fürchte, er iſt ein kleiner Thunichtgut, erwiderte Carker mit einem Achſelzucken. Er ſteht in dem Ruf. Aber die Wahr⸗ heit iſt, ich nahm ihn in Dienſt, weil er, außer Stande ſich eine andere Stelle zu verſchaffen, auf den Gedanken kam(er hatte ihn wahrſcheinlich von zu Hauſe), er habe eine Art Anſpruch auf Sie, und Siß beſtändig mit ſeinen Bitten beläſtigen wollte. Und obgleich mein anerkanntes Verhältniß zu Ihren Angelegen⸗ heiten eine reine Geſchäftsſache iſt, ſo habe ich dennoch ein ſo ſtar⸗ kes, unwillkürliches Intereſſe an Allem was Sie angeht, daß— — 86— Er hielt inne, als ob er erforſchen wolle, ob er es mit Mr.. Dombey weit genug getrieben habe. Und wieder, das Kinn auf die Hand ſtützend, ſchielte er nach dem Bilde. Carker, ſagte Mr. Dombey, ich weiß recht gut, daß Sie Ihre— Dienſte, ergänzte ſein lächelnder Wirth. Nein, ich will lieber ſagen Sorgfalt, bemerkte Mr. Dombey, wohl fühlend, daß er ihm damit ein ſehr ſchmeichelhaftes Com⸗ pliment ſage; daß Sie Ihre Sorgfalt nicht blos auf meine Ge⸗ ſchäftsſachen ausdehnen. Ihre Rückſichtnahme auf meine Gefühle, Hoffnungen und Täuſchungen in der kleinen eben erwähnten An⸗ gelegenheit iſt ein paſſendes Beiſpiel. Ich bin Ihnen ſehr ver⸗ bunden, Carker.. Mr. Carker verbeugte ſich langſam und rieb ſich leiſe die Hände, als befürchte er, durch eine zu ſtarke Bewegung den Fluß 2 von Mr. Dombey's Vertrauen zu ſtören. * Ihre Erwähnung dieſer Sache kommt gerade zur rechten Zeit, ſagte Mr. Dombey nach einigem Zögern; denn es leitet das ein, was ich Ihnen mittheilen wollte, und erinnert mich, daß es zu keinen ganz neuen Beziehungen zwiſchen uns Anlaß giebt, ob⸗ gleich es von meiner Seite mehr perſönliches Vertrauen verlangt, als— Als ich bis jetzt die hohe Ehre hatte zu genießen, ergänzte Carker, ſich wieder verneigend; ich will nicht erſt ausſprechen, wie ſehr ich mich geehrt fühle; denn ein Mann wie Sie weiß recht gut, wie viel Ehre er nach ſeinem Belieben Jemanden erweiſen* kann. 3. * — 8— Mrs. Dombey und ich, ſagte Mr. Dombey, mit erhabener Selbſtverleugnung über dieſes Compliment hinweggehend, ſind über einige Punkte nicht ganz einig. Wir ſcheinen uns noch nicht zu verſtehen. Mrs. Dombey hat etwas zu lernen. Mrs. Dombey iſt durch viele ſeltene Vorzüge ausgezeichnet, und iſt jedenfalls an Schmeichelei gewöhnt, ſagte der glatte Be⸗ laurer ſeines unbedeutendſten Blickes und Wortes. Aber wo Liebe, Pflicht und Hochachtung vorhanden iſt, ſind kleine Mißver⸗ ſtändniſſe, wie ſie aus derartigen Urſachen entſtehen, leicht ge⸗ hoben. Unwillkürlich dachte Mr. Dombey an das Geſicht, das ihn in ſeiner Gattin Ankleidezimmer angeblickt hatte, als die gebiete⸗ riſche Hand nach der Thür wies; und wie er ſich an die Liebe, Pflicht und Hochachtung erinnerte, die ſich darin ausſprach, ſchoß ihm das Blut ins Geſicht. Mrs. Dombey und ich, fuhr er fort, hatten vor Mrs. Skewtons Tode eine kleine Zwiſtigkeit über die Urſachen meiner Unzufriedenheit, deren allgemeinen Charakter Sie wohl kennen gelernt haben, als Sie Zeuge von dem Vorfall waren, der zwi⸗ ſchen Mrs. Dombey und mir an dem Abend, wo Sie in unſerem — in meinem Hauſe waren, ſtattfand. Wo ich ſo aufrichtig beklagte anweſend zu ſein, ſagte der lächelnde Carker. So ſtolz auch ein Mann in meiner Stellung ſein muß, wenn Sie herablaſſend Notiz von ihm nehmen— ob⸗ gleich ich es Ihnen kaum hoch anrechnen kann; Sie können thun, was Sie wollen, ohne ſich zu erniedrigen— und ſo geehrt ich mich fühle, ſo frühzeitig Mrs. Dombey vorgeſtellt worden zu ſein, — 88— bevor ſie noch die Auszeichnung genoß Ihren Namen zu tragen, beklagte ich doch faſt an dieſem Abend, ſo beſonders glücklich ge⸗ weſen zu ſein. Daß Jemand bei irgend einer Gelegenheit beklagen könne, von ſeiner Gunſt und Herablaſſung ausgezeichnet zu werden, war ein moraliſches Phänomen, das Mr. Dombey nicht begreifen konnte. Er entgegnete daher mit einem ziemlichen Zuwachs von Würde: So! Und warum, Carker? Ich fürchte, erwiderte dieſer, daß Mrs. Dombey, nie be⸗ ſonders geneigt, mich mit günſtigem Auge zu betrachten— eine Perſon in meiner Stellung kann dies von einer Dame, die von Natur ſtolz iſt und deren Stolz ihr ſo gut ſteht, nicht erwarten — mir meinen unſchuldigen Antheil an jenem Geſpräch nicht vergeben wird. Ihr Mißfallen iſt nichts kleines, das dürfen Sie nicht vergeſſen; und es in Anweſenheit eines Dritten aus⸗ ſprechen zu hören— Carker, fagte Mr. Dombey hochmüthig, ich ſetze voraus, daß 19 zuerſt berückſichtigt werde? O, läßt ſich daran zweifeln? entgegnete der Andere mit der Ungeduld eines Mannes, der eine allbekannte und uibekkeit bare Thatſache zugiebt. Ich glaube, Mrs. Dombey ſteht in zweiter Linie, wenn wir Beide in Frage kommen, ſagte Mr. Dombey. Iſt es an dem? DOb es an dem iſt? antwortete Carker. Wiſſen Sie nicht, daß Sie gar nicht erſt zu fragen haben? 1 m „ 7 — 89— Dann hoffe ich, Carker, ſagte Mr. Dombey, daß Ihr Schmerz, ſich Mrs. Dombey's Mißfallen zugezogen zu haben, durch das befriedigende Gefühl aufgewogen wird, mein Vertrauen und meine Zufriedenheit zu beſitzen. Ich ſehe wohl, ſagte Carker, ich habe das Unglück, mir dieſes Mißfallen zugezogen zu haben. Mrs. Dombey hat ſich ſo gegen Sie geäußert? ſagte Mr. Dombey. Mrs. Dombey hat verſchiedene Meinungen geäußert, ſagte Mr. Dombey mit großartiger Kälte und Gleichgültigkeit, die ich nicht theile und die ich nicht geneigt bin zu beſprechen oder in Erinnerung zu behalten. Wie ich Ihnen bereits ſagte, machte ich vor einiger Zeit Mrs. Dombey mit meiner Meinung über einige Punkte bekannt, in welchen ich in meinem Hauſe Gehor⸗ ſam und Nachgiebigkeit zu fordern mich gedrungen ſah. Es ge⸗ lang mir nicht, Mrs. Dombey von der Nothwendigkeit zu über⸗ zeugen, zum Beſten ihres eigenen Friedens und Glücks und meiner Würde, ihr Benehmen in dieſer Hinſicht ſofort zu andern; und ich be⸗ nachrichtigte Mrs. Dombey, daß, im Fall ich wieder Veranlaſſung finden ſollte, ihr Vorſtellungen zu machen, dies durch Sie, meinen vertrauten Diener, geſchehen werde. In dem Blick, den Carker auf ihn heftete, miſchte ſich ein anderer nach dem Bilde über ſeinem Haupte, der es wie ein Blitzſtrahl traf. Nun will ich gar nicht verhehlen, Carker, ſagte Mr. Dom⸗ bey, daß ich meinen Willen durchſetzen will. Ich laſſe nicht mit mir ſpielen. Mrs. Dombey muß lernen, daß mein Wille Geſetz iſt, und daß ich auch nicht eine einzige Ausnahme von — 90— der Regel meines ganzen Lebens geſtatten kann. Sie werden die Güte haben, dieſen Auftrag zu übernehmen, der, als von mir kommend, Ihnen nicht unangenehm ſein wird, wenn Sie auch höflich Ihr Leidweſen ausſprachen— wofür ich Ihnen für Mrs. Dombey danke; und ich bin überzeugt, Sie werden die Güte haben, ihn ſo genau wie jeden andern Auftrag auszurichten. Sie wiſſen, daß Sie nur über mich zu gebieten haben, Mr. Dombey, ſagte Carker. Ich weiß, daß ich nur über Sie zu gebieten habe, ſagte Mr. Dombey und neigte ſelbſtbewußt das Haupt. Ich muß jetzt weiter in dieſer Sache fortfahren. Mrs. Dombey iſt unleugbar in vieler Hinſicht eine Dame, ausgezeichnet genug— Um ſelbſt Ihrer Wahl Ehre zu machen, ergänzieC Carker mit ſchmeichleriſchem Grinſen. Ja, wenn Sie dieſen Ausdruck anzuwenden belieben, ſagte Mr. Dombey mit ſtolzer Würde; und meiner Meinung nach macht Mrs. Dombey ihr jetzt nicht die Ehre, die ihr gebührt. Mrs. Dombey hat einen wepse Widerſpruch, der ausgerottet, der überwunden werden mu Mrs. Dombey ſcheint nicht zu begreifen, ſagte Mr. Dombey mit Nachdruck, daß der Gedanke, mir zu widerſprechen, unerhört und abſurd iſt. Wir in der City wiſſen das beſſer, ſagte Carker mit einem Lächeln, das von Ohr zu Ohr ging. Sie kennen mich beſſer, hoffe ich, fuhr Mr. Dunüeg fort. Ich muß übrigens Mrs. Dombey die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß, ſo unverträglich dies auch mit ihrem ſpätern Beneh⸗ men zu ſein ſcheint(das ſich ganz gleich geblieben iſt), als ich — 92— mein Mißfallen und meinen Willen mit einiger Strenge gegen ſie ausſprach, mein Tadel einen ſehr großen Eindruck hervorzu⸗ bringen ſchien.— Mr. Dombey ſprach dieſe Worte mit der ſelbſt⸗ bewußteſten Würde aus.— Ich wünſche alſo, Carker, daß Sie die Güte haben Mrs. Dombey zu ſagen, daß ich ihr unſere frühere unterredung ins Gedächtniß zurückrufen müſſe und einigermaßen verwundert ſei, daß ſie noch keinen Erfolg gehabt habe. Daß ich eine Einrichtung ihres Benehmens nach den von mir aufge⸗ ſtellten Bedingungen verlange. Daß ich mit ihrem Betragen nicht zufrieden ſei. Daß ich höchſt ungehalten darüber ſei. Und daß ich mich in die höchſt unangenehme Nothwendigkeit verſetzt ſehen würde, Sie zum Ueberbringer nach unwillfommener und ausführlicherer Mittheilungen zu machen, wenn ſie nicht Ein⸗ ſicht und Tact genug habe, ſich meinen Wünſchen zu fügen, wie es die erſte Mrs. Dombey that und wie es auch, glaube ich, jede andere Dame an ihrer Stelle thun würde. Die erſte Mrs. Dombey lebte ſehr glücklich, ſagte Carker. Die erſte Mrs. Dombey hatte viel Einſicht und einen ſehr richtigen Tact, ſagte Mr. Dombey. Gleicht Miß Dombey wohl ihrer Mutter? ſagte Carker. Mr. Dombey' Geſicht verdüſterte ſich raſch. Sein Ver⸗ trauter beobachtete ihn ſcharf. Ich habe eine wunde Stelle berührt, ſagte er mit einem Ton der Theilnahme, der ſich ſchlecht mit dem lauernden Blick ſeines Auges vertrug. Bitte, verzeihen Sie mir. Ich vergaß die Beziehung in meinem Intereſſe für dieſe Angelegenheit. Bitte, verzeihen Sie mir. Bei dieſer Entſchuldigung war ſein Auge prüfend auf Mr. Dombeys dem Boden zugewendetes Geſicht geheftet; und dann warf er einen ſeltſamen triumphirenden Blick auf das Bild, als ob er es zum Zeugen auffordere, wie er mit ihm ſpiele. Carker, ſagte endlich Mr. Dombey mit unſicherem Blick, veränderter Stimme und bleicher Lippe, Sie haben keine Urſache um Verzeihung zu bitten. Sie irren ſich. Die Sache ſteht in Beziehung mit der Angelegenheit, die wir verhandeln, nicht mit einer Erinnerung, wie Sie glauben. Ich kann Mrs. Dombey's Benehmen gegen meine Tochter nicht billigen. Verzeihen Sie, ſagt Mr. Carker, ich verſtehe Sie nicht. Dann muß ich Ihnen ſagen, gab Mr. Dombey zur Ant⸗ wort, daß Sie in Bezug auf dieſe Sache Mrs. Dombey mein entſchiedenes Mißfallenanszuſprechen haben. Sie wollen ihr ſa⸗ gen, daß dieſe zur Schau getragene Liebe zu meiner Tochter mir unangenehm iſt. Sie wird wahrſcheinlich auffallen. Sie wird wahrſcheinlich manche Leute verleiten, Mrs. Dombey's Verhältniß zu meiner Tochter und Mrs. Dombey's Verhältniß zu mir mit einander zu vergleichen. Sie werden ſo gut ſein, Mrs. Dombey offen zu erklären, daß mir dies unangenehm iſt; und daß ich von ihr erwarte, ſie werde ohne Zeitverluſt meinem Willen in dieſer Sache nachkommen. Es mag Mrs. Dombey Ernſt damit ſein, oder bloße Laune, oder bloßer Widerſpruchsgeiſt, jedenfalls will ich es nicht haben. Wenn es Mrs. Dombey Ernſt damit iſt, ſo wird es ihr um ſo weniger koſten, davon abzuſehen, da ſie meiner Tochter durch ihre Handlungsweiſe durchaus nichts nützen wird. Wenn meine Frau noch Liebe und Pflicht außer dem mir ſchul⸗ — 93— digen Gehorſam übrig hat, ſo kann ſie vielleicht daruͤber verfügen wie ſie will; aber zuerſt verlange ich Gehorſam!— Carker, ſagte Mr. Dombey etwas ruhiger, denn er hatte mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Aufregung geſprochen und nahm jetzt wie⸗ der ſeinen gewöhnlichen kalten und hochfahrenden Ton an, Sie werden die Güte haben, dieſen Punkt weder wegzulaſſen noch zu mildern, ſondern ihn als einen höchſt wichtigen Theil Ihres Auftrages zu betrachten. 4 MNr. Carker verbeugte ſich, ſtand vom Tiſch auf und ſtellte ſich nachdenklich vor das Kamin, die Hand an das glatte Kinn gelegt und auf Mr. Dombey mit der tückiſchen Schlauheit eines gothiſchen Holzbildes, halb Menſch und halb Thier, oder wie die larvenartige Fratze einer alten Dachrinne herabſehend. Allmälig ſeine Faſſung wieder gewinnend oder ſeine Erregung mit dem Bewußtſein abkühlend, daß er ſeine Würde behauptet, ſaß Mr. Dombey mit ſteifer Grandezza da und ſah dem Papagei zu, der ſich in dem großen goldenen Ringe ſchaukelte. Ich bitte um Verzeihung, ſagte Carker nach einer Pauſe, indem er ſich plötzlich niederſetzte und ſeinen Stuhl Mr. Dombey gegenüber ſchob,— weiß Mrs. Dombey, daß Sie mich zum Verkünder Ihres Mißfallens erleſen werden? Ja, ſagte Mr. Dombey. Ich ſagte es. Ja, erwiderte Carker raſch. Aber warum? Warum? gab Mr. Dombey nicht ohne einige Zögerung zur 76 Antwort. Weil ich es ihr geſagt habe. Ja, entgegnete Carker. Aber warum ſagten Sie es ihr? b 1 Ich meine, fuhr er mit einem Lächeln fort und legte ſanft ſeine ſammetweiche Hand auf Mr. Dombey's Arm, wie eine Katze ihre eingezogenen Krallen, wenn ich Ihre Gedanken recht verſtehe, ſo dürfte ich um ſo nützlicher und wirkſamer ſein. Ich glaube, ich verſtehe Sie. Ich habe nicht die Ehre, Mrs. Dombey's gute Meinung zu beſitzen. In meiner Stellung kann ich keinen An⸗ ſpruch darauf machen;z aber angenommen, ich beſite ſie nicht? Wahrſcheinlich nicht, ſagte Mr. Dombey. Demnach, fuhr Carker fort, muß der Umſtand, daß Ihrs Mittheilungen durch mich an Mrs. Dombey gelangen⸗ dieſer Dame beſonders unangenehm ſein? Ich ſollte meinen, ſagte Mr. Dombey mit fpolzer Zurück⸗ haltung und doch mit einiger Verlegenheit, Mrs. Dombey's An⸗ ſichten von dieſer Sache gingen uns Beide nichls ax. Carker. Doch mag dem ſo ſein. 1 Und— Sie müſſen mir verzeihen— käuſche ich mich, ſagte Carker, wenn ich glaube, daß Sie darin ein geeignetes Mittel ſehen, Mrs. Dombey's Stolz zu demüthigen— ich brauche dieſes Wort für eine Eigenſchaft, die, in den ie tigen Grenzen gehalten, eine durch Schönheit und Geiſt ſo ausgezeichnete Dame beſonders ſchmückt— und ſie,— ich will nicht ſagen, zu be⸗ ſtrafen, ſondern ſie zu dem Gehorſam zu zwingen Sie mit ſo großem Recht zu fordern haben? Sie wiſſen, Carker, ſagte Mr. Dombey, ich bin! icht ge⸗ e⸗ meint, ſo tief eingehende Gründe für mein Benehmen a aber ich will Ihnen nicht wi rſprechen. Wenn Sie ab einen Einwand zu gründen haben ſollten, ſo iſt das allerdi etwas Anderes, und die bloße Erwähnung eines ſoich hinreichen. Aber ich geſtehe, ich glaubte nicht, daß ein Ver⸗ trauensauftrag von meiner Seite Sie irgendwie herabwürdigen könnte— O! Ich herabgewürdigt! rief Carker aus. In Ihrem Dienſt! — Oder Sie in eine e falſche Stellung bringen könnte, fuhr Mr. Dombey fort. Ich in einer falſchen Stellung! wiederholte Carker. Ich bin ganz ſtolz und erfreut Ihren Auftrag auszuführen. Ich geſtehe allerdings, ich hätte gewünſcht der Dame, der ich meine demüthige Pflicht und Ergebenheit zu Füßen legen möchte— denn iſt ſie nicht Ihre Gattin!— keine neue Urſache zur Unzu⸗ friedenheit zu geben; aber Ihr Wunſch muß natürlich jede andere Rückſicht überwiegen. Uebrigens hoffe ich, wenn Mrs. Dombey von dieſen kleinen Irrthümern, natürlichen Folgen der Neuheit ihrer Lage, ſollte ich meinen, zurückgekommen iſt, wird ſie in meinem unbedeutenden Antheil an dieſen Verhandl nur einen Gran — meine untergeordnete Stellung räumt mit wenig mehr ein— von der Achtung die ich Ihnen zolle, und der Bereitwilligkeit, Ihnen alle Rückſtchten zu opfern, erblicken, die ſie in reichem Maße Ihnen zu zollen das Vorrecht und das Glück haben wird. Mr. Dombey ſchien in dieſem Augenblick ſie wieder zu ſehen, wie ſie mit der Hand gebieteriſch nach der Thür wies, und 4 durch die honigſüße Rede ſeines vertrauten Dieners die Worte klingen zu hören: Nichts kann uns einander ſo fremd machen, als wir fortan ſein werden! Aber er riß ſich von dieſem Gedanken los und wurde nicht wanken ſeinem Entſchluß, und ſagte: Gewiß, daran iſt nicht zu zweifeln. Weiter iſt nichts? frug Carker, und ſchob ſeinen Stuhl wieder an die alte Stelle— denn ſie hatten bis jetzt noch wenig Frühſtück genoſſen— und wartete auf eine Antwort, ehe er wie⸗ der Platz nahm. Weiter nichts, als dieſes, ſagte Mr. Dombey. Sie wollen gütigſt bemerken, Carker, daß Alles, was Sie in meinem Auftrag Mrs. Dombey ſagen oder ſagen werden, durchaus keine Antwort zuläßt. Sie werden ſo gut ſein, mir keine Antwort zu bringen. Mrs. Dombey weiß bereits, daß es mir nicht beliebt, in Bezug auf etwas, worüber wir nicht übereinſtimmen, zu temporiſiren und zu unterhandeln, und daß mein erſtes Wort ſtets zugleich mein letztes iſt. Mr. Carker verneigte ſich in Anerkennung dieſer Vo Vollmacht, und ſie begannen ihr Frühſtück mit möglichſtem Appetite. Auch Rob erſchien ſeinen Zeit wieder, wendete ſein Auge keinen Augen⸗ blick von ſeinem— ab und verbrachte die Zeit in einem halb⸗ wachen Traum andächtigen Entſetzens. Nach beendigtem rüh⸗ ſtück ließß Mr. Dombey ſein Pferd vorführen. Mr. Carker b efi 2 das ſeinige, und Beide ritten nach der City. Mr. Carker war in vortrefflichſter Laune und ſona ſehr viel. Mr. Dombey hörte ihm zu wie ein Mann, der ein Recht hat unterhalten zu werden, und geruhte zuweilen, ein paar Worte zur Unterhaltung des Geſprächs fallen zu laſſen. So ritten ſie, zwei charakteriſtiſche Geſtalten, ihres Weges. Aber Mr. Dombey in ſeiner Würde ritt mit ſehr langem Bügel und lockerem Zügel — 97— und ließ ſich ſelten herab zu ſehen, wohin ſein Roß trete. So geſchah es denn, daß Mr. Dombey's Pferd, als es im ſcharfen Trabe ging, über ein paar looſe Steine ſtolperte, ihn abwarf, ſich überſchlug und in ſeinen Bemühungen wieder aufzuſtehen ihn mit dem eiſenbeſchlagenen Hufe traf. Mr. Carker, raſchen Blicks, feſter Hand und ein guter Rei⸗ ter, war, ehe man es ſagen kann, abgeſtiegen und hatte das Pferd in die Höhe gebracht und beim Zügel gefaßt. Sonſt wäre die vertrauliche Mittheilung dieſes Morgens Mr. Dombey's letzte ge⸗ weſen. Aber ſelbſt als die Haſt und Aufregung dieſer Handlung noch friſch auf ſeinem Geſichte glühte, beugte er ſich grinſend über ſeinen ohnmächtigen Herrn und murmelte: Jetzt habe ich Mrs. Dombey gerechte Urſache zur Unzufriedenheit gegeben, wenn ſie es wüßte! Bewußtlos und blutig wurde Mr. Dombey von einigen Chauſſeearbeitern unter Mr. Carkers Anleitung nach einem nicht weit entfernten Wirthshauſe getragen, wo ihn bald verſchiedene Chirurgen umſtanden, die von einem geheimnißvollen Inſtinct her⸗ beigeführt worden zu ſein ſchienen, wie Geier ſich um ein ſterben⸗ des Kameel in der Wüſte ſammeln ſollen. Ein ganz in der Nähe wohnender Chirurg wollte durchaus einen doppelten Beinbruch ſehen, welcher Meinung der Wirth ebenfalls war; aber zwei Chi⸗ rurgen, die weiter entfernt wohnten und blos aus Zufall in der Nähe waren, bekämpften dieſe Meinung ſo uneigennützig, daß man zuletzt übereinkam, der Patient, obgleich äußerlich nicht wenig verletzt, habe blos eine oder zwei Rippen gebrochen, und könn noch am Abend mit Behutſamkeit nach Hauſe geſchafft werdne. Boz. Dombey u. Sohn. VII. 7 — 98— Nachdem ſeine Wunde verbunden worden, was ziemliche Zeit in Anſpruch nahm, und er ſich zur Ruhe gelegt hatte, beſtieg Mr⸗ Carker wieder ſein Pferd und ritt nach der Stadt, um die Nach⸗ richt von dem Unfall zu überbringen. So ſchlau und tückiſch auch ſein Geſicht ſtets war— ob⸗ gleich regelmäßig und gut gebildet— ſo übertraf es ſich doch ſelbſt, wie er jetzt von dannen ritt, belebt von der Argliſt und Tücke ſeiner Gedanken, mehr Ahnungen weitentlegener Möglich⸗ keiten als feſte Pläne, die ihn dahinjagen machten, als ob er Menſchen niederhetze. Wie er jedoch die belebten Straßen erreichte, ritt er wieder langſamer und verſteckte ſich in ſeinem glatten, ſtil⸗ len, kriechenden Weſen und ſeinem grinſenden Lächeln, ſo gut es ging. 3 Er ritt geradenwegs nach Mr. Dombey's Haus, ſtieg an der Thür ab und verlangte Mrs. Dombey in einer wichtigen An⸗ gelegenheit zu ſprechen. Der Bediente, der ihn in Mr. Dom⸗ bey's Zimmer führte, kehrte gleich darauf zurück und ſagte, daß Mrs. Dombey zu dieſer Zeit nicht empfange, und daß er um Verzeihung bitte, es nicht früher geſagt zu haben. Mr. Carker, der auf einen kalten Empfang gefaßt war, ſchrieb auf eine Karte, daß er ſich die Freiheit nehmen müſſe, auf ſeinem Verlangen zu beſtehen, und daß er es gewiß nicht zum zweiten Male(ies unterſtrichen) wagen würde, wenn er nicht wüßte, daß ihn die Umſtände vollkommen rechtfertigten. Nach kurzem Verzug erſchien Mrs. Dombey's Zofe und führte ihn hinauf in ein Zimmer, wo Edith und Florentine zuſammen waren. an Nie vorher hatte er Sdith ſo ſchön gehalten. So ſehr er ihre Reize bewunderte und ſo lebendig ſie noch in ſeiner lüſternen Erinnerung waren, hatte er ſie doch nie für halb ſo ſchön gehalten. 5 Ihr ſtolzer Blick traf ihn, wie er in die Thür trat; aber er ſah Florentinen an mit einem nicht zu unterdrückenden Bewußtſein der neuen Macht, die er über ſie beſaß, in ſeinen Augen; und er frohlockte zu ſehen, daß ihr Blick ſchüchtern ſich ſenkte, und daß Edith halb aufſtand, um ihn zu empfangen. Es thue ihm außerordentlich leid; er ſei auf das Schmerz⸗ lichſte ergriffen; er könne keine Worte finden, um zu ſagen, wie ungern er es übernommen habe, ſie auf die Nachricht von einem ſehr unbedeutenden Unfall vorzubereiten. Er bat Mrs. Dombey ſich zu faſſen. Auf ſein heiliges Ehrenwort, es ſei kein Grund zur Befürchtung vorhanden. Aber Mr. Dombey— Florentine that einen plötzlichen Schrei. Er ſah nicht ſie an, ſondern Edith. Edith tröſtete und beruhigte ſie. Sie ſtieß keinen Angſtruf aus. Nein, nein. Mr. Dombey habe einen Unfall beim Reiten gehabt. Sein Pferd war geſtrauchelt und er abgeworfen worden. Florentine rief voller Verzweiflung aus, er ſei gefährlich verletzt; er ſei todt! MNein. Auf ſeine Ehre betheuerte Mr. Carker, Mr. Dom⸗ bey, obgleich aufangs betaubt, habe ſich bald wieder erholt, und ſei zwar verletzt, aber außer aller Gefahr. Wenn dies nicht die ganze Wahrheit wäre, ſo hätte er nie den Muth gehabt, vor Mrs. 7 Dombey zu erſcheinen. ver ichere es ihr auf das Feierlichſte, dies ſei die ganze Wahrheit. Er ſagte dies Alles, als ob er Edith und nicht Florentinen antworte. Dann berichtete er weiter, wo Mr. Dombey liege, und bat⸗ ihm einen Wagen zur Verfügung zu ſtellen, um Mr. Dombey nach Hauſe ſchaffen zu laſſen. Mama, ſchluchzte Florentine, ob ich wagen dürfte, zu ihm zu gehen? Mr. Carker, deſſen Augen auf Edith gerichtet waren, als er dieſe Worte hörte, gab ihr durch einen heimlichen Blick und ein Kopfſchütteln zu verſtehen, daß dies nicht anginge. Er ſah, wie ſie mit ſich kämpfte, ehe ſie ihm mit ihren ſchönen Augen ant⸗ wortete, aber er zwang ihr die Antwort ab— er zeigte ihr, daß er ſie haben wolle, oder ſprechen und Florentinen tödtlich ver⸗ letzen werde— und ſie antwortete ihm. Wie er heute Morgen das Bild angeſehen, ſo betrachtete er ſie auch nachher, als ſie ihre Augen abgewendet hatte. Ich ſoll ſie auch bitten, fuhr er fort, die neue Haushälterin — Mrrs. Pipchin, glaube ich, heißt ſie— Nichts entging ihm. Er ſah ſogleich, daß dies eine neue Beleidigung war, die Mr. Dombey ſeiner Gattin zufügte. — zu benachrichtigen, daß Mr. Dombey ſein Lager in ſei⸗ nem eigenen Zimmer unten zu haben wünſcht, da er dieſes allen anderen vorzieht. Ich ſoll ſogleich wieder zu Mr. Dombey zu⸗ rückkehren. Daß ihm jede mögliche Aufmerkſamkeit geſchenkt wird und daß er der beſten Pflege genießt, brauche ich Ihnen — 101— nicht zu verſichern, Madame. Ich wiederhole es, es iſt nicht die mindeſte Urſache zur Beſorgniß vorhanden. Selbſt Sie können ganz ruhig ſein. 3 Mit größter Ehrerbietung und Freundlichkeit empfahl er 1 ſich; und nachdem er ſich wieder in Mr. Dombey's Zimmer bege⸗ ben und dort den Wagen beſtellt hatte, ritt er langſam nach der City. Er war unterwegs ſehr nachdenklich, und ſehr nachdenklich auf dem Comptoir, und ſehr nachdenklich in dem Wagen, als er nach dem Wirthshaus fuhr, wo Mr. Dombey lag. Erſt als er neben dieſes Herrn Lager ſaß, war er wieder er ſelbſt und zum Bewußtſein ſeiner Zähne gekommen. In der Abenddämmerung wurde Mr. Dombey, arg von Schmerzen geplagt, in den Wagen gehoben und mit Mänteln und Kiſſen auf der einen Seite geſtützt, während ihm ſein ver⸗ trauter Diener auf der andern Geſellſ aft leiſtete. Da jede Er⸗ ſchütterung zu vermeiden war, fuhren ie in langfane Schritt, und es war ganz finſter geworden, als ſie das 4 Haus erreichten. Bitter und grimmig, und eingedenk der peruaniſchen Bergwerke, empfing Mrs. Pipchin ihn an der Thür, und beſprengte die Diener⸗ ſchaft mit verſchiedenen eſſigſauren Worten, als ſie den Kranken in ſein Zimmer ſchafften. Mr. Carker blieb bei ihm, bis er ins Bett gebracht war, und da er keine weibliche Pflege, als die der geſtrengen Mrs. Pipchin verlangte, ſo machte der Disponent noch⸗ mals Mrs. Dombey ſeine Aufwartung, um ihr Bericht über ihres Gatten Befinden abzuſtatten. Er fand Edith abermals mit Florentinen allein und wen⸗ dete ſich abermals mit ſeinen Troſtſprüchen an Edith, als wenn 5 — 102— ſie eine Beute der lebhafteſten und quälendſten Beſorgniß ſei. Er that ſo ernſt in ſeiner ehrerbietigen Theilnahme, daß er beim Ab⸗ ſchiednehmen— mit einem raſchen Seitenblick auf Edith— ihre Hand zu ergreifen und an ſeine Lippen zu führen wagte. Sdith entzog ihm die Hand nicht, ſchlug nicht damit ſein glattes Geſicht, trotz der Zornesgluth auf ihrer Wange und dem flammenden Blick in ihrem Auge. Aber wie ſie wieder in ihrem Zimmer allein war, ſchlug ſie empört auf die Marmorplatte des Kamins, daß die Hand blutete, und ſtreckte ſie aus vor der glän⸗ zenden Flamme, als ob ſie dieſelbe hineinhalten und verbrennen könne.— Noch tief in der Nacht ſaß ſie allein vor dem verglimmen⸗ den Feuer in düſterer und dräuender Schönheit, die trüben Schat⸗ ten an der Wand betrachtend, als ob ihre Gedanken greifbar wä⸗ ren und ſich dort abbildeten. Und was ſich ihr dort von Belei⸗ digung und Schmach, in ſchwarzer Ahnung von Dingen, die da kommen würden, zeigte, ſtets trat eine gehaßte Geſtalt ihr mit⸗ A handelnd entgegen. Und dieſe Geſtalt war ihr Gatte. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Nachtwachen. Längſt aus ihrem Traume erwacht, ſah Florentine bekümmert die täglich wachſende Entfremdung zwiſchen ihrem Vater und Edith. und jeder Tag verdüſterte mehr den Schatten auf ihrer Liebe und ihrer Hoffnung, weckte von neuem den alten Schmerz, der einige Zeit lang geſchlummert, und machte ihn noch drückender, als er vorher geweſen. Es war hart, daß dies natürliche Gefühl eines treuen und innigen Gemüthes zu einer Urſache der Qual wurde und Gering⸗ ſchätzung oder zurückſtoßende Kälte an die Stelle liebevollen Schutzes und zärtlicher Fürſorge trat. Hart war's zu fühlen, was ſie in ihrem tiefſten Herzen fühlte, und nie die Seligkeit der leiſeſten Erwiderung genoſſen zu haben. Aber noch viel härter war's, entweder an ihrem Vater oder an Edith zweifeln zu müſſen, und an ihre Liebe zu Beiden abwechſelnd mit Furcht, Mißtrauen und Verwunderung zu denken. 8* Und doch that dies jetzt Florentine; und die Reinheit ihrer Seele forderte es von ihr als eine Pflicht, der ſie ſich nicht ent⸗ ziehen konnte. Sie ſah ihren Vater kalt und ſtreng gegen Edith wie gegen ſich; hart, unbeugſam, unnachgiebig. War vielleicht gar, ſo frug ſie ſich mit hervorquellenden Thränen, ihre eigene geliebte Mutter durch ſolche Behandlung unglücklich gemacht worden, und war hingeſiecht und geſtorben? Dann kam ihr der Gedanke, wie ſtolz und vornehm Edith gegen Alle außer gegen ſie war, mit welcher Geringſchätzung ſie ihn behandelte, wie ſie ſich fern hielt von ihm, und was ſie am Abend ihrer Heimkunft ge⸗ ſagt; und dann kam es plötzlich über ſie wie ein Verbrechen, daß ſie Eine liebte, die ihrem Vater feindlich entgegenſtand, und daß ihr Vater ſie als das unnatürliche Kind betrachten müſſe, das zu der alten ſo viel beweinten Schuld, ſeine Vaterliebe nicht erworben zu haben, noch dieſe neue fügte. Das nächſte freundliche Wort, der nächſte freundliche Blick von Edith erſchütterte dann wieder dieſen Gedanken und ließ ihn als ſchwärzeſte Undankbarkeit er⸗ ſcheinen; denn hatte ſie nicht das verzweifelnde Herz Florentinens beruhigt und war ſeine beſte Tröſterin geweſen? Mit der hei⸗ ßen Sehnſucht nach Beiden in ihrem ſanften Herzen, das Elend Beider mitfühlend und unſicheren Zweifeln über ihre Pflicht gegen Beide hingegeben, hatte Florentine in ihrer erweiterten Liebe und neben Edith mehr zu dulden, als wenn ſie ihr ungetheiltes Ge⸗ heimniß in dem ſtillen Hauſe verborgen und ihre ſchöne neue Mutter nie dort erſchienen wäre. Mit einer Seelenqual, die weit über dies Alles ging, blieb Florentine verſchont. Sie ahnte nicht im mindeſten, daß Edith — — 16065— durch ihre Liebe zu ihr die Kluft zwiſchen ſich und ihrem Gat⸗ ten erweitere oder ihm neuen Grund zur Unzufriedenheit gebe. Welchen Schmerz hätte Florentine gefühlt, welches Opfer hätte ſie zu bringen geſucht, und wie bald wäre ſie vielleicht hinüber ge⸗ gangen zu dem Vater, der keines ſeiner Kinder zurückweiſt, wenn ſie dieſe Möglichkeit geahnt hätte! Aber es war anders, und das war gut. Nie wurde zwiſchen Edith und Florentinen ein Wort über dieſe Sache geſprochen. Edith hatte zu ihr geſagt, daß über dieſen Punkt ein unverbrüchliches Schweigen beobachtet werden müſſe, und Florentine fühlte, daß ſie Recht habe. So ſtanden die Sachen, als ihr Vater blutend und verletzt nach Hauſe gebracht wurde und ſich nach ſeinem Zimmer bringen ließ, wo Diener ſeiner warteten und Niemand ihm zu nahe kam als Mr. Carker, der bis gegen Mitternacht blieb. Und eine ſchöne Geſellſchaft iſt der, Miß Tinchen! ſagte Suſanne Nipper. O, der iſt ein koſtbarer Kerl! Wenn er ein Zeugniß braucht, ſo ſoll er nur ja nicht zu mir kommen, das ſage ich! 3 Liebe Suſanne, bitte, ſagte Florentine. Sie haben gut ſagen„bitte“, Miß Tinchen, erwiderte Su⸗ ſanne ſehr gereizt; aber Sie müſſen mir's wirklich verzeihen, das wird ja ſo arg, daß alles Blut im Leibe Einem zu Steck⸗ nadeln und Nähnadeln wird. Verſtehen Sie mich nicht falſch, Miß Tinchen, ich ſage gar nichts gegen Ihre Stiefmutter, die mich immer behandelt hat wie ſich's gebührt; obgleich ſie ein Bis⸗ chen ſtolz iſt, ſo habe ich doch nicht das Recht, mich darüber zu beſchweren, aber wenn wir bis zu Mrs. Pipchins herunter kommen und ſie über uns geſetzt und Wache halten ſehen an Papa's Thür wie Krokodile(Gott ſei Dank, daß ſie wenigſtens keine Eier legen!), dann wird es zu arg. Papa hält etwas auf Mrs. Pipchin, Suſanne, gab Flo⸗ rentine zur Antwort, und hat außerdem das Recht, zur Haushäl⸗ terin zu nehmen wen er will. Ich bitte dich alſo, ſei ſtill. Ach ja— Miß Tinchen, wenn Sie ſagen, ſei ſtill, ſo rede ich gewiß nicht, aber Mrs. Pipchin wirkt auf mich wie unreife Sta⸗ chelbeeren im Frühjahr, Miß, ſagte Suſanne. Suſanne war heute— es war der Abend, wo Mr. Dombey nach ſeinem Unfall nach Hauſe gebracht worden— beſonders ge⸗ reizt und ſchonte die Kommass weniger als je, denn ſie war von Florentinen hinuntergeſchickt worden um ſich nach des Vaters Be⸗ finden zu erkundigen, und hatte ſich an ihre Todfeindin Mrs. Pipchin wenden müſſen, die, ohne erſt bei Mr. Dombey anzufragen, Su⸗ ſannen auf eigene Verantwortung eine brummige Antwortzu geben ſich herbeiließ. Dies betrachtete Suſanne Nipper als Anmaßung von Seiten der muſterhaften Matrone, und als eine nicht zu ver⸗ zeihende Beleidigung ihrer jungen Herrin; und dies war die beſon⸗ dere Urſache ihrer Gereiztheit. Aber ſie war auch im Allgemeinen ſeit der Hochzeit viel mißtrauiſcher und argwöhniſcher geworden; denn wie die meiſten Perſonen ihres Charakters, die eine ſtarke und aufrichtige Neigung zu einem ſo viel höher ſtehenden Gegen⸗ ſtand wie Florentine faſſen, war Suſanne ſehr eiferſüchtig, und ihre Eiferſucht wendete ſich natürlich zuerſt gegen Edith, welche in ihr altes Reich eingriff und zwiſchen ſie und ihre junge Herrin 8 — 107— getreten war. So froh und ſtolz auch Suſanne darauf war, daß ihre junge Herrin jetzt den ihrer Würde angemeſſenen Platz einnahm und der Schützling und die Gefährtin der ſchönen Gat⸗ tin ihres Vaters war, ſo konnte ſie doch das kleinſte Theilchen ihrer Herrſchaft nicht aufgeben, ohne eine Regung des Aergers und der Abneigung zu fühlen, wofür ſie eine Rechtfertigung in ihrer lebhaften Wahrnehmung des Stolzes und der Leidenſchaft jener Dame fand. Aus dem Hintergrund, in den ſie nothwen⸗ digerweiſe getreten war, betrachtete daher Miß Nipper die häus⸗ lichen Angelegenheiten im Allgemeinen mit der feſten Ueberzeugung, daß Mrs. Dombey nichts Gutes bringen könne, trug dabei je⸗ doch ſtets Sorge, ſo oft als möglich zu erklären, daß ſie gar nichts gegen dieſe Dame habe. Suſanne, ſagte Florentine, die gedankenvoll an dem Tiſch ſaß, es iſt ſehr ſpät. Ich brauche für heute Abend nichts mehr. Ach, Miß Tinchen! erwiderte die Nipper, ich wünſche mir oft genug wieder die alte Zeit herbei, wo ich viel länger bei Ihnen blieb und vor Müdigkeit einſchlief, wann Sie noch hell wach waren wie Brillengläſer, aber Sie haben jetzt Stiefmütter, die bei Ih⸗ nen bleiben, Miß Tinchen, und ich freue mich gewiß darüber. Ich habe gar nichts dagegen, gewiß nicht. Ich werde aber nie vergeſſen, wer bei mir aushielt, als ich keine Stiefinutter hatte, Suſanne, erwiderte Florentine ſanft, nie! Und in die Höhe blickend umſchlang ſie die niedere Freun⸗ din, zog ſie an ſich und küßte ſie, was Miß Nipper ſo rührte, daß ſie zu ſchluchzen anfing. 8 * Und jetzt, meine gute Miß Tinchen, laſſen Sie mich hinunter gehen und nachſehen, wie ſich Papa befindet, denn ich weiß, Sie grämen ſich um ihn; laſſen Sie mich hinuntergehen und ſelber anklopfen. Nein, ſagte Florentine, gehe zu Bette. Wir werden mor⸗ gen früh mehr erfahren; ich werde ſelbſt morgen früh nachfragen. Mama iſt gewiß unten geweſen— Florentine erröthete, denn ſie wußte wohl, wie unwahrſcheinlich das ſei— oder iſt vielleicht jetzt bei ihm. Gute Nacht! Suſanne war zu weich geſtimmt, um ihre Privatmeinung über Mrs. Dombey's wahrſcheinliche Anweſenheit im Kranken⸗ zimmer auszuſprechen, und entfernte ſich ſchweigend. Wie Floren⸗ tine allein war, verbarg ſie das Geſicht in den Händen, wie ſo oft in früherer Zeit, und hemmte nicht die Thränen, die über ihre Wangen niederſtrömten. Der Jammer dieſer häuslichen Zwietracht; die hinwelkende Hoffnung, wenn man es noch Hoffnung nennen durfte, ihres Vaters Liebe zu erwerben; ihr Schwanken und ihre Zwei⸗ fel zwiſchen Beiden; die Sehnſucht ihres unſchuldigen Herzens nach Beiden; dies ſchmerzliche Gefühl, ſo gräßlich in ihren ſchö⸗ nen Hoffnungen getäuſcht zu werden— Alles das drängte ſich in ihre Seele und machte ihre Thränen überreichlich rinnen. Ihre Mutter und ihr Bruder todt, ihr Vater hartherzig gegen ſie, Edith feindlich dieſem gegenüberſtehend, aber ſie liebend und von ihr geliebt— war es nicht, als ob ihre Liebe, mochte ſie ſich wenden auf wen ſie wollte, nie Gedeihen und Glück bringe? Dieſer ſchwache Gedanke war bald beſeitigt, aber die Gefühle, aus denen er entſprungen, waren zu wahr und zuſtark, als daß ſie — 109— ſich mit ihm hätten vergeſſen laſſen; und ſie machten die Nacht zu einer trauervollen Unendlichkeit. Vor ihr erſchien die Geſtalt des Vaters, blutend und ſchmerz⸗ geplagt, allein in ſeinem Zimmer, verlaſſen und ungepflegt von denen, die ihm am nächſten ſein ſollten, und die langſamen Stunden in einſamem Schmerz vertrauernd. Ein banger Gedanke, der ſie erſchreckt auffahren und die Hände falten machte— obgleich er ihr nicht zum erſten Mal einfiel⸗— daß er ſterben könnte, ohne 1 ſie zu ſehen oder ihren Namen zu nennen, durchbebte ſie vom 1 Kopf bis zur Zehe. In ihrer Aufregung kam ſie auf den Ge⸗ danken, ſich hinabzuſchleichen und ſich an ſeine Thür zu wagen. Sie lauſchte zuerſt an ihrer Thür. Alles war ſtill im Hauſe und die Lichter waren überall ausgelöſcht. Ach wie lange war das her, wo ſie ihre nächtlichen Wanderungen nach ſeiner Thür angetreten! Wie lange war es her, wo ſie um Mitternacht in, ſein Zimmer getreten, und er ſie zurückgeführt hatte nach der Treppe! Mit demſelben kindlichen Herzen wie früher, und mit dem ſchüchternen Blick und dem wallenden Haar eines Kindes, ſchlich Florentine die Treppe hinunter und nach des Vaters Zimmer. 6 Niemand im Hauſe regte ſich. Die Thür ſtand halb offen, um friſche Luft einzulaſſen; und Alles war ſo ſtill drinnen, daß ſie das Feuer brennen hören und die Pendelſchläge der Uhr auf dem Kamin zählen konnte. Sie ſah hinein. In eine Bettdecke gehüllt, ſaß die Haus⸗ hälterin ſchlafend auf einem Lehnſtuhl vor dem Feuer. Die Thüre zwiſchen dieſem und dem nächſten Zimmer war halb ge⸗ — 440— ſchloſſen und eine ſpaniſche Wand ſtand davor; aber dort war ein Licht und erhellte den Sims ſeines Bettes. So ruhig war es überall, daß ſie an ſeinem Athmen hören konnte, daß er ſchlafe. Dies gab ihr den Muth, um die ſpaniſche Wand her⸗ umzugehen und in ſein Zimmer zu blicken. Wie ihr Auge auf ſein Antlitz fiel, fuhr ſie zuſammen, als hätte ſie nicht erwartet es zu ſehen. Florentine blieb wie ange⸗ feſſelt ſtehen und hätte nicht weichen können, wenn er jetzt er⸗ wacht wäre. Auf der Stirn war eine Wunde und ſie hatten ſein Haar naß gemacht, das in zuſammengeklebten Locken auf dem Kiſſen lag. Der eine Arm lag auf der Bettdecke und war verbunden, er ſelbſt ſah ſehr bleich aus. Aber das war es nicht, was Flo⸗ rentinen überraſchte, als zuerſt ihr Blick auf den Schlummernden fiel. Es war etwas ganz Anderes und mehr als das, was ſie ſo ſehr erſchütterte. 1 Sie hatte ſein Geſicht nie geſehen, ohne daß ein ſtörendes Bewußtſein ihrer Gegenwart darauf zu liegen ſchien. Sie hatte nie ſein Geſicht geſehen, ohne daß ihre Hoffnung verwelkt und ihr ſchüchterner Blick vor ſeiner abſtoßenden, kalten Härte geſun⸗ ken war. Wie ſie es jetzt anſah, erblickte ſie es zuerſt ohne die Wolke, die es von ihrer Kindheit an verdüſtert hatte. Stille, ruhige Nacht herrſchte an ihrer Statt. Er hätte mit dieſem Ge⸗ ſicht ſie ſegnend einſchlafen können. Erwache, liebloſer Vater! erwache, ſinſterer Mann! Die Zeit verſtreicht; die Stunde naht dräuend. Erwache! — 1n1— Keine Veränderung kam über ſein Geſicht; und als ſie es betrachtete, erinnerte ſeine bewegungsloſe Ruhe ſie an die Ge⸗ ſichter, welche geſchieden waren. So ſahen ſie aus, und ſo würde dieſes ausſehen; ſo auch ſie, ſein weinendes Kind, Gott weiß wenn, und ſo die ganze Welt von Liebe, Haß und Gleichgültig⸗ keit, die ſie umgab! Und wenn dieſe Zeit kam, ſo konnte ſie durch das, was ſie thun wollte, nicht ſchwerer auf ihn fallen; und auf ſie vielleicht etwas leichter. Sdite ſchlich dicht an ſein Bett, hielt den Athem an, neigte ſich über ihn, küßte ihn leiſe auf die Stirn und legte ihr Antlitz einen Moment dicht an das ſeine, und umfaßte mit dem Arm, mit welchem ſie ihn nicht zu berühren wagte, das Kiſſen. Erwache, Menſch, den das Verhängniß erleſen, während ſie bei dir iſt! Die Zeit verſtreicht; die Stunde naht dräuend; ſie hat ſchon die Schwelle deines Hauſes überſchritten. Erwache! Innerlich betete ſie zu Gott, ihren Vater zu ſegnen und ſein Herz zu erweichen gegen ſie, wenn das ſein Wille ſei; ſonſt aber ihm zu verzeihen, wenn er Unrecht habe, und ihr das Gebet zu vergeben, das faſt gottlos erſchien. Und wie ſie das that, blickte ſie zurück mit thränenumſchleierten Augen, enteilte ſchüch⸗ tern und war verſchwunden. Er kann jetzt weiter ſchlummern. Er mag jetzt ſchlummern ſo lange er kann. Aber wenn er erwacht, möge er die zarte Ge⸗ ſtalt ſuchen, und ſie neben ſich ſehen, wenn die Stunde gekom⸗ men iſt! Betrübt und ſchwer war Florentinens Herz, als ſie die Treppe hinaufſchlich. Das ſtille Haus war noch unheimlicher — 112— geworden als vorhin. Der Schlummer, den ſie in der ſchweigen⸗ den Nacht geſehen, war ihr ſo feierlich wie Tod und Leben in einer Geſtalt erſchienen. Das Geheimnißvolle ihres eigenen Thuns machte die Nacht noch geheimnißvoller, ſtiller und drücken⸗ der. Sie mochte nicht wieder auf ihr Zimmer; und ſie trat in die Salons, wo der umwölkte Mond durch die Fenſter ſchien, und ſah hinaus auf die öden Straßen. Der Wind ſtöhnte draußen. Die Laternen ſchimmerten mit trübem Licht und ſchüttelten ſich, als ob ſie frören. Ein ferner Schimmer, der eher nicht ganz Nacht als Licht war, graute am Himmel; und die ahnungsvolle Nacht lag fröſtelnd und ruhe⸗ los über der Erde, wie ein mit böſem Gewiſſen Sterbender. Florentine erinnerte ſich, wie ſie, an einem Siechbett wachend, oft dieſe ungemüthliche Stunde geſehen und ihre Einwirkung gefühlt hatte; und jetzt war ſie ſehr, ſehr düſter und unheimlich. Ihre Mama war heute Abend nicht auf ihr Zimmer gekom⸗ men, wodurch ſie mit veranlaßt worden, ſo lange aufzubleiben. In ihrer vagen Unruhe und in ihrer heißen Sehnſucht, gegen Je⸗ mand ihr Herz auszuſchütten und dieſen Bann des Grauens und des Schmerzens zu löſen, lenkte Florentine ihre Schritte nach dem Zimmer, wo ihre Mutter ſchlief. Die Thür war von innen nicht verſchloſſen und gab ihrer zögernden Hand nach. Zu ihrer Ueberraſchung brannte ein Licht darin; und ihre Mutter, nur halb angekleidet, ſaß vor dem glim⸗ me den Feuer. Ihre Augen ſtarrten in die leere Luft hinaus; und in ihrem Blick, und in ihrem Geſicht, und in ihrer Geſtalt, und in der Art, mit der ſie die Lehne des Stuhles gepackt hatte, als — u3— wolle ſie aufſpringen, ſah Florentine ſo eine gewaltige Leiden⸗ ſchaft ausgeprägt, daß ſie ſich davor entſetzte. Mamal rief ſie aus, was giebt's? Edith fuhr auf, und ſah ſie mit ſo ſeltſamer Scheu in ihrem Geſicht an, daß Florentine noch mehr darüber erſchrak. Mamal ſagte Florentine und eilte auf ſie zu. Liebe Mut⸗ ter, was giebt's? Es war mir nicht wohl, ſagte Edith, zuſammenſchauernd und ſie immer noch ſo ſeltſam anblickend. Ich hatte böſe Träume, liebes Kind. Und Sie ſind noch nicht zu Bett geweſen, Mama? Nein, ſagte ſie. Ich hatte halbwache Träume. Ihre Züge wurden allmälig weicher; ſie umarmte Floren⸗ tinen und ſagte zärtlich: Aber was ſucht meine Tochter hier? Was ſucht meine Tochter hier? Ich ward unruhig, Mama, weil Sie heut Abend nicht zu mir kamen und weil ich nicht wußte, was Papa machte; und ich— Florentine ſtockte hier und ſprach nicht weiter. Iſt es ſpät? frug Edith, und ſtrich ihr liebevoll die Locken zurück, die ſich mit ihrem eigenen rabenſchwarzen Haar ver⸗ miſchten. Sehr ſpät. Es iſt faſt Tag, gab Florentine zur Antwort. Faſt Tag! wiederholte ſie überraſcht. Liebe Mama, was haben Sie mit Ihrer Hand gemacht? ſagte Florentine. Edith zog ſie plötzlich zurück und ſah Florentinen mit der⸗ ſelben ſeltſamen Scheu an wie vorhin; aber gleich darauf ſagte Boz, Dombey u. Sohn. VII. 8 — 114— ſie: Nichts, nichts. Ich hatte mich geſtoßen. Und dann ſagte ſie: Meine Florentine! Und dann hob ſich ihr Buſen krampf⸗ haft, und ſie weinte bitterlich. Mamal ſagte Florentine. O, Mama, was kann ich thun, um uns glücklicher zu machen? Kann ich nichts thun? Nichts, erwiderte Edith. Sind Sie deſſen gewiß? ſagte Florentine. Könnt ich nie et⸗ was thun? Wenn ich jetzt ſage, was mein Herz erfüllt, obgleich es gegen unſere Abrede iſt, werden Sie mich nicht ſchelten? Es iſt unnütz, gab Edith zur Antwort, unnütz. Ich ſagte dir ſchon, liebes Kind, ich hatte böſe Träume. Nichts kann ſie anders machen oder ihr Wiederkommen verhüten. Ich verſtehe Sie nicht, ſagte Florentine und ſah in ihr lei⸗ denſchaftlich erregtes Geſicht, das ſich immer mehr zu verdüſtern ſchien. Ich habe geträumt, ſagte Edith halblaut, von einem Stolze, der machtlos iſt zum Guten undallmächtig zum Böſen; von einem Stolze, der durch lange Jahre der Schmach gereizt und gepeinigt worden iſt, und ſich nur gegen ſich ſelbſt gewendet hat; von einem Stolze, der das Herz, in welchem er wohnte, demüthigte mit dem Be⸗ wußtſein des eigenen Unwerths, und es doch nie anſpornte, kühn ſeine Erniedrigung zu rächen oder zu ſagen: Bis hieher und nicht weiter! von einem Stolze, der, richtig geleitet, vielleicht zu beſ⸗ ſern Dingen hätte führen können, aber ſo, verkehrt und mißleitet, wie Alles in dieſem Herzen, nur Selbſtverachtung, Vermeſſenheit und Verderben zur Folge hatte. —— — 115— Sie richtete dabei weder Blick noch Worte Floientinen zu, ſondern fuhr fort, als ob ſie allein ſei. Ich habe geträumt, fuhr ſie fort, von Geeicgiltigket und Herzenshärtigkeit, die aus dieſer Selbſtverachtung, aus dieſem jämmerlichen, ohnmächtigen Stolz erwuchſen; daß ſie willenlos ſelbſt zum Altar gegangen iſt, gehorſam dem längſtbekannten Winke— o, Mutter, Mutter!— während ſie ihn verachtete, und entſchloſſen ſich lieber ſelbſt haſſen zu müſſen, als täglich neu verletzt zu werden. Armſeliges, bejammernswerthes Weſen! Und mit wachſender und ſtürmiſcher Erregung ſah ſie wieder aus wie vorhin, wo Florentine eingetreten. Und ich habe geträumt, ſagte ſie, daß es in einem erſten und letzten Verſuch, etwas zu erreichen, zertreten worden iſt von einem verächtlichen Fuß, aber ſich gegen ihn wehrt. Ich träumte, es ſei verwundet und niedergehetzt, aber es ſtellt ſich zornig zum Kampfe und will ſich nicht ergeben! Nein, es kann es nicht, ſelbſt wenn es wollte, ſondern muß ihn haſſen und ihm trotzen! Ihre Hand faßte krampfhaft den zitternden Arm Floren⸗ tinens, und wie Edith niederblickte auf das bange und ſtaunende Geſicht der Andern, wurden ihre Züge milder. Ach, Florentine! ſagte ſie, ich bin wie wahnſinnig heute! Und ſie neigte ihr ſtolzes Haupt auf ihre Schulter und weinte wieder. Verlaß mich nicht! Bleibe bei mir! Ich habe keine Hoff⸗ nung als dich! Dieſe Worte wiederholte ſie hundertmal. Allmälig wurde ſie ruhiger, und bedauerte herzlich Floren⸗ tinens Thränen, und daß ſie noch wach ſei zu ſo ſpäter Stunde. Und da der Tag jetzt graute, umſchlang Edith ſie mit ihren 8 8 ——y— — 116— Armen und legte ſie auf das Bett. Sie ſelbſt aber legte ſich nicht hin, ſondern ſetzte ſich neben ſie und bat ſie zu verſuchen einzuſchlafen. Denn du biſt müde und unglücklich, liebes Kind, und mußt ruhen. Wohl bin ich unglücklich heute Nacht, liebe Mama, ſagte Florentine. Aber auch Sie ſind müde und unglücklich. Nicht, wenn du neben mir ruheſt, ſüßes Kind. und ſie küßten ſich und Florentine verſank allmälig in einen ſanften Schlummer; aber wie ihre Augen das Geſicht neben ſich nicht mehr ſahen, war es ſo ſchmerzlich an das Geſicht unten im Krankenzimmer zu denken, daß ſich ihre Hand troſt⸗ ſuchend näher an Edith drängte; aber ſelbſt dabei zitterte ſie, als ob es ihm böslich untreu werde. So war ſie im Schlummer bemüht, die Beiden zu verſöhnen und ihnen zu zeigen, daß ſie Beide liebte, und konnte es nicht, und ihr wachender Schmerz war ein Theil ihrer Träume. Neben ihr ſitzend, blickte Edith auf die dunkeln Wimpern, die thränenfeucht auf der gerötheten Wange lagen, und ſah ſie an mit weichem Mitleid, denn ſie kannte die Wahrheit. Aber über ihre Augen kam kein Schlaf. Wie der Tag erſchien, ſaß ſie noch immer wachend am Bett, die Hand der Schlummernden in der ihrigen, und flüſterte manchmal, wenn ſie die leiſe Ath⸗ mende anblickte: Bleibe bei mir, Florentine! Ich habe keine Hoffnung als dich! * Vierundvierzigſtes Kapitel. Ein Abſchied. Mit dem Tage, obgleich nicht ſo zeitig als die Sonne, ſtand Suſanne Nipper auf. Ihre ſonſt ſo lebhaften ſchwarzen An⸗ gen waren heute etwas trübe und dick und geſchwollen, als ob ſie in der Nacht viel geweint habe. Aber anſtatt niedergeſchlagen zu ſein, war die Nipper beſonders lebhaft und raſch, und ſchien alle ihre Kräfte zu einer großen That aufzubieten. Selbſt in ihrem Anzug war dies zu bemerken, der knapper und ſchmucker, war, als gewöhnlich; ſo wie dann und wann in einem Empor⸗ werfen des Kopfes, wie ſie im Hauſe herumging, ein ſicheres Zei⸗ chen trotziger Entſchloſſenheit. Mit einem Worte, ſie hatte einen Entſchluß gefaßt, und einen ſehr kühnen: ſie beabſichtigte nämlich nichts Geringeres, als bei Mr. Dombey einzudringen und mit dieſem Herrn allein zu ſprechen. Ich hab' oft geſagt, ich wollt' es thun— ſagte ſie früh drohend zu ſich ſelbſt und mit manchem Ruck des Kopfes— und jetzt will ich's thun! ————— —— —— — — A —— Auf die Ausführung dieſes verzweifelten Planes bedacht, ſtrich Suſanne Nipper den ganzen Vormittag in der Halle und auf der Treppe herum, ohne eine paſſende Gelegenheit zu finden. Nicht im geringſten durch das vergebliche Warten entmuthigt, ſondern nur noch mehr beſtärkt in ihrem Vorhaben, ließ ſie nicht nach in ihrer Wachſamkeit; und ſo entdeckte ſie denn endlich ge⸗ gen Abend, daß ihre geſchworene Feindin, Mrs. Pipchin, unter dem Vorwande, die ganze Nacht gewacht zu haben, in ihrem Zim⸗ mer ſchlief, und daß Mr. Dombey ganz allein war und auf dem Sopha lag. Mit einem Ruck ihres ganzen Körpers— diesmal nicht blos des Kopfes— ging die Nipper auf den Zehen bis an Mr. Dombey's Thür und klopfte. Herein! ſagte Mr. Dombey. Suſanne flößte ſich mit einem neuen Ruck Muth ein, und trat ein. Mr. Dombey, der in das Feuer ſah, blickte die Eintretende erſtaunt an und erhob ſich auf einem Arm. Die Nipper machte einen Knix. Was wollen Sie? ſagte Mr. Dombey. Wenn Sie erlauben, ich wünſchte mit Ihnen zu ſprechen, erwiderte Suſanne. Mr. Dombey bewegte die Lippen, als ob er dieſe Worte wiederhole, ſchien aber über die Anmaßung des Mädchens ſo er⸗ ſtaunt zu ſein, daß er ſie nicht ausſprechen konnte. Ich bin nun zwölf Jahre in Ihrem Dienſte geweſen, Sir, ſagte die Nipper mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit, und habe Miß Tinchen, meine liebe junge Herrin, bedient, die noch nicht — 119— ordentlich ſprechen konnte, als ich her kam, und ich war alt in die⸗ ſem Hauſe, als Mrs. Richards neu war, ich bin vielleicht kein Methuſalem, aber ich bin auch kein Wickelkind. Mr. Dombey erhob ſich auf ſeinem Arm und ſah ſie an; er erwiderte aber kein Wort auf dieſe Einleitung. Es giebt kein beſſeres und lieberes Mädchen, als mein junges Fräulein, Sir, ſagte Suſanne, und ich muß es beſſer wiſſen, als gewiſſe Leute, denn ich habe ſie geſehen in ihrem Schmenz und in ihrer Freude(ſie hat wenig genug davon gehabt!) und ich habe ſie geſehen mit ihrem Bruder und in ihrer Verlaſſen⸗ heit, und gewiſſe Leute haben ſie nie geſehen, und ich ſage es zu gewiſſen Leuten und zu Allen— ja, ich ſage es!— und hier ſchütteltt die Schwarzäugige den Kopf und ſtampfte ein klein wenig mit dem Fuße— daß Miß Tinchen der herzigſte und beſte Engel iſt, der jemals geathmet hat, und je mehr ich in Stücke zerriſſen würde, deſto mehr würde ich's ſagen, wenn ich auch kein Fox's Märtyrer bin. Mr. Dombey wurde vor Entrüſtung und Erſtaunen noch bläſſer, als ihn ſein Unfall gemacht hatte, und heftete ſeine Au⸗ gen auf die Sprechende, als traue er weder ihr, noch ſeinen Ohren. Es iſt kein Kunſtſtück, Miß Tinchen treu und aufrichtig zu dienen, Sir, fuhr Suſanne fort, und ich mache mir kein Verdienſt daraus, daß ich's zwölf Jahr gethan habe, denn ich bin ihr gut — ja, ich ſage es gewiſſen Leuten und Allen: ich bin ihr gut! — und debei ſchüttelte ſie wieder den Kopf und ſtampfte mit dem Fuße und erſtickte ein Schluchzen— aber treues und ehrliches — 120— Dienen giebt mir ein Recht zu ſprechen, hoffe ich, und ſprechen muß ich und will ich, mag Böſes oder Gutes daraus kommen. Was wollt ihr, Frau? ſagte Mr. Dombey, ſie zornig an⸗ blickend. Wie könnt ihr wagen? Ich will blos in aller Ehrerbietung und ohne zu belädigen ſprechen, aber frei heraus, und wie ich's wage, weiß ick ſelber nicht, aber ich thu's! ſagte Suſanne. O! Sie kennen mein junges Fräulein nicht, Sir, wahrhaftig nicht, und wenn Sie ſie kennten, würden Sie nicht ſo wenig von ihr wiſſen. Voll Wuth ſtreckte Mr. Dombey ſeine Hand nach dem Klingelzuge aus; aber auf dieſer Seite des Kamins war keiner, und ohne Beiſtand konnte er nicht aufſtehen und nach der andern Seite gehen. Mit ſchnellem Blick entdeckte die Nipyer ſeine Hülfloſigkeit ſogleich, und jetzt, wie ſie ſpäter ſagte, ſah ſie, daß ſie ihn feſt hatte. Miß Tinchen, ſagte Suſanne, iſt die liebevollſte, geduldigſte, gehorſamſte und ſchönſte aller Töchter, und es giebt keinen Gent⸗ leman in ganz England, Sir, und wäre er ſo groß und reich, wie die größten und reichſten alle zuſammengenommen, der nicht ſtolz auf ſie ſein könnte und würde und ſollte. Und wenn er ihren Werth ordentlich kennte, würde er lieber ſeine Größe und ſein Geld Stück für Stück verlieren und in Lumpen von Thür zu Thür bet⸗ teln, ja, ich ſage es gewiſſen Leuten und Allen, er thät es! rief Suſanne, in Thränen ausbrechend, als daß er ihrem lieben Herzen den Schmerz zufügte, den ſie hier in dieſem Hauſe gelitten hat. Fort! hinaus! ſchrie Mr. Dombey. — —— — 121— Ich bitte um Verzeihung, und ſelbſt wenn ich meine Stelle verlieren ſollte, Sir, entgegnete ſtandhaft Suſanne, in der ich ſo viele Jahre geweſen bin und wo ich ſo viel erlebt habe— ob⸗ gleich ich nicht glauben kann, daß Sie's über das Herz bringen, mich wegen einer ſolchen Sache von Miß Tinchen fortzuſchicken— aber ich will ſprechen, bis ich Alles geſagt habe, ich bin vielleicht keine indiſche Wittwe, o ich möchte es auch nicht ſein, aber wenn ich mir einmal in den Kopf geſetzt habe, mich lebendig zu ver⸗ brennen, ſo würd' ich's thun! Und ich habe mir's in den Kopf geſetzt, fortzufahren. 4 Und dieſer Vorſatz ſprach ſich nicht weniger klar in der Nipper Geſicht, als in ihren Worten aus. Keine Perſon in Ihrem Dienſte, Sir, fuhr ſie ſort, hat Sie mehr gefürchtet, als ich, und Sie können ſehen, wie wahr das iſt, wenn ich mir die Freiheit nehme, Ihnen zu ſagen, daß ich viele hundert Mal mit Ihnen habe ſprechen wollen und nicht das Herz dazu hatte, bis letzte Nacht, aber letzte Nacht beſtimmte mich dazu. In ohnmächtiger Wuth haſchte Mr. Dombey von neuem nach der nicht vorhandenen Klingelſchnur, und zerrte ſich, da er keine fand, in den Haaren. Ich habe, fuhr Suſanne fort, Miß Tinchen, wie ſie noch ein kleines Kind war, ſich ſo lieb und geduldig mühen ſehen, daß die beſte Frau ihr hätte nachahmen können, ich habe ſie halbe Nächte lang ſitzen ſehen, um ihrem Bruder mit ſeinen Aufgaben fortzuhelfen, ich habe geſehen, wie ſie ihn pflegte und bei ihm wachte zu anderen Zeiten— gewiſſe Leute wiſſen wann— und ich habe ſie ohne Unterſtützung und Hülfe aufwachſen ſehen zu — 7 — 122— einer feinen Dame, Gott ſei Dankl die der Stolz und die Zierde jeder Geſellſchaft iſt, und ich habe geſehen, wie ſie grauſam ver⸗ nachläſſigt wurde und bittere blutige Thränen darüber weinte — ich ſage es zu gewiſſen Leuten und Allen, ich habe es geſe⸗ hen!— und habe nie ein Wort geſagt, aber wenn man ſich auch ehrerbietig und demüthig gegen ſeine Vorgeſetzten benimmt, braucht man doch noch kein Anbeter ſteinerner Bilder zu ſein, und ich will und muß ſprechen! Iſt Niemand da? ſchrie Mr. Dombey. Wo ſind die Be⸗ dienten? Wo ſind die Frauen? Iſt Niemand da? Ich verließ mein gutes Fräulein ſpät geſtern Nacht, und ſie ging noch nicht zu Bett, ſagte Suſanne, und ich wußte wa⸗ rum, denn Sie waren krank, Sir, und ſie wußte nicht, wie Sie ſich befänden, und das war genug, um ihr ſchweres Herzeleid zu machen.— Ich bin kein Pfau, aber ich habe Augen und ich ſah es— und ich blieb noch ein Bischen auf in meinem Zimmer, falls ſie ſich vielleicht einſam fühlte und mich brauchte, und ich ſah ſie die Treppe hinabſchleichen bis zu der Thür hier, als wenn es etwas Schlechtes wäre, ihren eignen Papa anzuſehen, und dann zurückſchleichen und in die einſamen Zimmer gehen, ſo bit⸗ terlich weinend, daß ich es kaum mit anhören konnte. Ich kann es nicht mit anhören, ſagte Suſanne Nipper und wiſchte ſich die ſchwarzen Augen, die muthig Mr. Dombey's wüthendes Geſicht anſahen. Nicht das erſte Mal habe ich das gehört, ſondern viele, viele Male. Sie kennen Ihre eigene Tochter nicht, Sir, und Sie wiſſen nicht, was Sie thun, Sir, ich ſage es zu gewiſſen . — — 123— Leuten und Allen, rief Suſanne zum Schluß, es iſt eine Sünde und eine Schande! Holla heda! rief Mrs. Pipchins Stimme, als das ſchwarze Bombaſſingewand der geſtrengen Duenna ins Zimmer rauſchte. Was giebt's da?. Suſanne beglückte Mrs. Pipchin mit einem Blick, den ſie ſchon ſeit ihrer erſten Bekanntſchaft beſonders für ſie erfunden hatte, und überließ die Antwort Mr. Dombey. Was es giebt! wiederholte Mr. Dombey, vor Wuth faſt ſchäumend. Was es giebt, Madame? Sie, die Sie an der Spitze des Haushaltes ſtehen und ihn in Ordnung halten ſollen, haben allerdings Grund danach zu fragen. Kennen Sie dieſes Weib? Ich weiß wenig Gutes von ihr, Sir, krächzte Mrs. Pipchin. Wie können Sie wagen, hierher zu kommen, Sie freche Perſon? Marſch fort! Aber die unbeugſame Nipper blieb und beglückte blos Mrs. Pipchin mit einem zweiten Blick. Nennen Sie das das Haus verwalten, Madame, ſagte Mr. Dombey, wenn eine Perſon wagen kann, ſich zu mir zu drängen und mit mir zu ſprechen? Ein Mann wie ich, in ſeinem eignen Hauſe, in ſeinem eignen Zimmer von impertinenten Dienſtmädchen überfallen! Ich beklage es unendlich, ſagte Mrs. Pipchin, Rache in dem grauen Auge; nichts kann unſchicklicher ſein, nichts kann mehr alle Grenzen des Anſtandes und der Vernunft überſchreiten; aber ich muß leider ſagen, daß dieſe Perſon meiner Controle ganz entzogen iſt. Sie iſt von Miß Dombey verzogen worden und Niemanden verantwortlich. Das wiſſen Sie recht gut, ſagte Mrs. Pipchin mit Schärfe und drohte der Nipper mit dem Kopfe. Schämen Sie ſich, Sie freche Perſon! Marſch fort! Wenn Sie Leute in meinen Dienſten finden, die Ihnen nicht gehorchen wollen, Mrs. Pipchin, ſagte Mr. Dombey und wendete ſich wieder gegen das Feuer, ſo wiſſen Sie, was Sie zu thun ha⸗ ben. Sie wiſſen, wozu Sie hier ſind. Bringen Sie ſie hinaus! Sir, ich weiß, was ich zu thun habe, entgegnete Mrs. Pip⸗ chin, und werde es auch thun. Suſanne Nipper, in einem Monat von heute an gerechnet ziehen Sie ab. Wirklich! erwiderte Suſanna ſtolz. Ja, gab Mrs. Pipchin zur Antwort, und lachen Sie mich nicht an, Sie Ausbund, oder ich will wiſſen warum! Marſch, die Minute fort! Ich will gleich die Minute gehen, verlaſſen Sie ſich darauf, ſagte die zungenfertige Nipper. Ich habe in dieſem Hauſe mei⸗ nem jungen Fräulein zwölf Jahre lang aufgewartet, und will keine Stunde darin bleiben nach Aufkündigung von einer Perſon, die auf den Namen Pipchin hört, verlaſſen Sie ſich darauf, Mrs. Pipchin. Eine glückliche Erlöſung von ſolchem Unkraut! ſagte die zornerfüllte Duenna. Marſch fort, oder ich laſſe Sie hinaus⸗ ſchaffen! Mein Troſt iſt, ſagte Suſanne mit einem Blick auf Mr. Dombey, daß ich heute eine Wahrheit geſagt habe, die lange ſchon hätte geſagt werden ſollen, und die nicht zu oft und zu deutlich — — 125— geſagt werden kann, und daß noch ſo viel Pipchins— ich hoffe nur, es ſind ihrer nicht gar zu viel—(hier brach Mrs. Pipchin wieder in ein ſcharfes: Marſch fort! aus, und die Nipper wie⸗ derholte den Blick) nicht ungeſagt machen können, was ich geſagt habe, obgleich ſie ein ganzes Jahr lang aufkündigten und damit um zehn Uhr früh anfingen und erſt um zwölf Uhr Nachts auf⸗ hörten und dann vor Erſchöpfung ſtürben, und das wäre ein ho⸗ her Feiertag! Mit dieſen Worten verließ die Nipper das Zimmer, ging ſtolzen Schritts und zum größten Aerger der Mrs. Pipchin nach ihrem Kämmerchen, ſetzte ſich auf ihren Koffer und fing an zu weinen. Aus dieſer weichen Stimmung riß ſie ſehr bald mit ſehr heilſamer und ſtärkender Wirkung die an ihrer Thür ertönende Stimme der Mrs. Pipchin. Nimmt die freche Dirne ihre Aufkündigung an oder nicht? rief die Pipchin. Suſanne antwortete von drinnen, daß die genannte Per⸗ ſon nicht hier wohne, ſondern Pipchin heiße und in der Haus⸗ hälterin Zimmer zu ſuchen ſei. Sie impertinentes Ding! erwiderte Mrs. Pipchin, an der Thürklinke rüttelnd. Marſch fort, die Minute! Packen Sie gleich Ihre Sachen zuſammen! Können Sie ſo zu einer anſtän⸗ digen Frau ſprechen, die beſſere Tage geſehen hat? Darauf entgegnete Suſanne aus ihrer Burg, ſie be⸗ dauere die beſſeren Tage ſehr, die Mrs. Pipchin geſehen hätten; und ihres Theils halte ſie die ſchlimmſten Tage des Jahres für — 126— die beſten für Mrs. Pipchin, nur daß ſie noch viel zu gut für ſie wären. Aber ſie brauchen keinen Lärm an meiner Thür zu machen, ſagte Suſanne, und brauchen das Schlüſſelloch nicht mit Ihren Augen zu beſchmutzen, ich packe ein und gehe, darauf können Sie ſchwören. Die Wittib ſprach ihre lebhafte Zufriedenheit über dieſe Nachricht aus, fügte einige allgemeine Bemerkungen über imper⸗ tinente Dinger als Gattung, und hauptſächlich über ihre Mängel, wenn ſie von Miß Dombey verzogen würden, hinzu, und ent⸗ fernte ſich um Suſannens Lohn zurecht zu legen. Die Nipper be⸗ ſchäftigte ſich unterdeß mit ihrem Koffer, damit ſie ſogleich und in aller Würde abziehen könnte, und ſchluchzte dabei bitterlich, wenn ſie an Florentinen dachte. Dieſe kam auch bald zu ihr, denn die Nachricht hatte ſich durch das ganze Haus verbreitet, Suſanne habe ſich mit Mrs. Pipchin gezankt, und ſie hätten ſich Beide an Mr. Dombey ge⸗ wendet, und in Mr. Dombey's Zimmer ſei es zu einer unerhör⸗ ten Geſchichte gekommen, und Suſanne ziehe ab. Den letzten Theil dieſer Nachricht fand Florentine ſo richtig, daß Suſanne ihren letzten Koffer verſchloſſen hatte und mit dem Hut auf dem Kopfe darauf ſaß, als ſie eintrat. Suſanne! rief Florentine. Du willſt mich verlaſſen? du? Ach, um des grundgütigen Himmels willen, Miß Tinchen, ſchluchzte Suſanne, ſprechen Sie nur kein Wort mit mir, oder ich mache mich gemein vor dieſen Pi— i— ipchins, und ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß ſie mich weinen ſähen! ,— — — — 127— Suſannel ſagte Florentine. Mein gutes Mädchen, meine alte Freundin! Was ſoll ich ohne dich machen? Kannſt du mich ſo verlaſſen? Nei— ei— ein, mein gutes liebes Fräulein, ſagte Suſanne. Aber es geht nicht anders, und ich habe meine Pflicht gethan, Miß, wahrhaftig. Es iſt nicht meine Schuld. Ich habe mich drein ergeben. Ich könnte meinen Monat nicht dableiben, oder hernach gar nicht von Ihnen ziehen, und ich muß zuletzt doch ge⸗ hen, ſo gut wie jetzt. Reden Sie mir nicht zu, Miß Tinchen, denn wenn ich auch ziemlich feſt bin, ſo bin ich doch nicht von Marmel⸗ ſtein, mein liebes gutes Herz. Was iſt denn? Warum gehſt du? ſagte Florentine. Willſt du es mir nicht ſagen? Denn Suſanne ſchüttelte den Kopf. Nei— ein, mein Herzchen, erwiderte Suſanne. Fragen Sie mich nicht, denn ich darf's nicht ſagen, und verwenden Sie ſich nicht etwa für mich, denn es geht doch nicht und Sie würden ſich nur ſchaden, und ſo ſegne Sie Gott, mein liebes gutes Fräu⸗ lein, und verzeihen Sie mir, wenn ich in den vielen Jahren Sie einmal gekränkt oder geärgert habe! Mit dieſen Worten ſchloß Suſanne ihre junge Herrin in die Arme und drückte ſie an die Bruſt. Mein liebes Herz, ſagte ſie, es werden Viele kommen und Ihnen dienen, und froh ſein, Ihnen zu dienen, und Ihnen gut und ehrlich dienen, aber Keine kann Ihnen mit ſolcher Liebe dienen und Ihnen ſo herzlich zugethan ſein, das iſt mein Troſt. Le— eben Sie wohl, liebe Miß Tinchen! — — 128— Wo willſt du hingehen, Suſanne? frug ihre weinende Herrin. Ich habe einen Bruder in der Provinz, Miß— einen Pächter in Eſſex, ſagte Suſanne, zu dem fahre ich mit der Land⸗ kutſche und bleibe bei ihm, und tragen Sie keine Sorge um mich, denn ich habe Geld in der Sparkaſſe und brauche jetzt nicht in einen andern Dienſt zu treten, denn das könnte ich doch nicht, mein gutes, gutes Herzensfräulein! Suſanne ſchloß mit einem Schmerzensausbruch, der aber raſch unterdrückt wurde von Mrs. Pipchins Stimme, die auf der Treppe ertönte; als ſie dieſelbe hörte, trocknete ſie die rothen und geſchwollenen Augen und machte einen trübſeligen Verſuch, mit unbefangener und heiſerer Stimme Mr. Towlinſon zuzurufen, ihr einen Fiaker zu holen und ihre Sachen hinunterzuſchaffen. Blaß und bekümmert, aber ſelbſt hier von nutzloſer Ein⸗ miſchung abgehalten durch die Furcht, neue Zwietracht zwiſchen ihrem Vater und ſeiner Gattin zu ſtiften, und durch die Ahnung, ohne es zu wiſſen, ſchon mit der Entlaſſung ihrer alten Dienerin und Freundin in Verbindung zu ſtehen, folgte Florentine Su⸗ ſannen nach Ediths Ankleidezimmer, wo die Entlaſſene ſich ver⸗ abſchieden wollte. Hier iſt der Fiaker und hier ſind die Sachen, und nun marſch fort! ſagte Mrs. Pipchin, die in demſelben Augenblick er⸗ ſchien. Ich bitte um Verzeihung, Madame, aber Mr. Dombey's Befehle ſind ganz beſtimmt. Edith, die ſich eben friſiren ließ— ſie wollte zum Diner — — 129— ausfahren— behielt ihr ſtolzes Geſicht bei und nahm nicht die mindeſte Notiz von der Haushälterin. Hier iſt Ihr Geld, ſagte Mrs. Pipchin zu Suſannen, und je eher Sie aus dem Hauſe kommen, deſto beſſer. Suſanne hatte nicht einmal mehr Kraft genug zu dem Blick, der Mrs. Pipchin von Rechtswegen zukam; ſo machte ſie Mrs Dombey(die ſchweigend das Haupt neigte und Aller Augen au⸗ ßer die Florentinens vermied) ihren Knix und umarmte ihre junge Herrin noch einmal zum Abſchied. In der Heſtigkeit ihres Schmer⸗ zes und der heldenmüthigen Unterdrückung ihrer Seufzer, damit nicht einer hörbar und ein Triumph für Mrs. Pipchin werde, war der armen Suſanne Geſicht eins der erſtaunlichſten phyſio⸗ gnomiſchen Phänomene, die man jemals geſehen hat. Ich bitte um Verzeihung, Miß, ſagte Towlinſon draußen vor der Thür zu Florentinen, Mr. Toots iſt im Speiſezimmer und läßt ſich Ihnen empfehlen und wünſcht zu wiſſen, was Dio⸗ genes und der Herr macht. Mit Gedankenſchnelligkeit eilte Florentine die Treppe hin⸗ unter in den Saal, wo Mr. Toots im glänzendſten Staate vor Aufregung und Zweifel über die Urſache ihres Kommens ſehr ſchwer athmete. Ach, Miß Dombey, wie geht's? ſagte Mr. Toots. Aber mein Gott! Dieſer letzte Ausruf wurde veranlaßt von Mr. Toots Be⸗ ſtürzung über Miß Dombey's ſchmerzerfülltes Geſicht; ſein leiſes Lachen ſtockte plötzlich und er wurde ein Bild der Verzweiflung. Lieber Mr. Toots, ſagte Florentine, Sie ſind ſo freund⸗ Boz. Dombey u. Sohn. VII. 9 — zo— ſchaftlich gegen mich und ſo ehrlich, daß ich Sie gewiß um einen Gefallen bitten darf. Miß Dombey, erwiderte Mr. Toots, Sie brauchen ihn nur zu nennen und geben mir damit meinen Appetit wieder— den ich ſeit langer Zeit gar nicht mehr kenne, ſetzte Mr. Toots mit Gefühl hinzu. Suſanne, meine alte Freundin, meine älteſte, geht plötz⸗ lich hier fort und iſt ganz allein, ſagte Florentine. Sie geht nach Hauſe in die Provinz. Darf ich Sie bitten, ſie unter Ihre Obhut zu nehmen, bis ſie mit der Landkutſche abreiſt? Miß Dombey, entgegnete Mr. Toots, Sie erweiſen mir wirklich eine Ehre und eine Freundlichkeit. Dieſer Beweis Ihres Vertrauens, nachdem ich mich in Brighton ſo flegelhaft gegen Sie benommen— Ja— ſagte Florentine haſtig— nein— denken Sie nicht daran. Würden Sie alſo die Gefälligkeit haben zu— zu gehen, und auf ſie zu warten, bis Sie herauskommt? Ich danke Ihnen tauſendmal! Sie erleichtern mir das Herz ſehr! Sie iſt alsdann nicht ſo verlaſſen. Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie ſehr ich Ihnen verpflichtet und von Ihrer Freundſchaft überzeugt bin!— In ihrer Aufregung dankte ihm Florentine wiederholt, und Mr. Toots eilte in ſeiner Aufregung hinaus— aber rückwärts, da⸗ mit er keinen Blick von ihr verliere. Florentine fühlte nicht den Muth hinauszugehen, als ſie die arme Suſanne in der Vorhalle ſah und Mrs. Pipchin hinter ihr, und Diogenes um ſie herumſpringend und Mrs. Pipchin beſtändig ängſtigend, indem er nach ihrem Bombaſinkleide ſchnappte — 131— und bei dem Klang ihrer Stimme laut heulte— denn die alte Duenna war der größte Abſcheu ſeines Herzens. Aber ſie ſah, wie Suſanne der ganzen Dienerſchaft in der Vorhalle die Hand zum Abſchied reichte und wie ſie noch einmal das alte Haus anblickte; und ſie ſah, wie Diogenes ihr nachſprang und durchaus folgen wollte; und die Thür fiel zu, und ihre Thränen floſſen um den Verluſt einer alten Freundin, die Niemand erſetzen konnte. Nie⸗ mand. Niemand. Mr. Toots, die getreue und zuverläſſige Seele, hielt den Fiaker ſogleich an und theilte Miß Nipper ſeinen Auftrag mit, worüber ihre Thränen noch reichlicher floſſen. Bei meiner Seele! ſagte Mr. Toots, als er ſich neben ſie ſetzte, ich fühle mit Ihnen. Auf mein heiliges Ehrenwort, ich glaube kaum, Sie können Ihre Gefühle beſſer kennen als ich. Ich kann mir nichts Schrecklicheres denken, als Miß Dombey ver⸗ laſſen zu müſſen. Suſanne ließ jetzt ihrem Schmerz freien Lauf, und es war wirklich rührend ſie zu ſehen. Ich ſage, ſprach Mrs. Toots, thun Sie's nicht! oder vielmehr, thun Sie! Was ſoll ich thun, Mr. Toots? ſchluchzte Suſanne. Mein Gott, kommen Sie mit zu mir und eſſen Sie bei mir, ehe Sie abreiſen, ſagte Mr. Toots. Meine Köchin iſt eine ganz achtbare Perſon und Sie wird ſich freuen, es Ihnen recht an⸗ genehm bei mir machen zu können. Ihr Sohn, ſagte Mr. Toots zu ihrer ferneren Empfehlung, wurde bei den Blauröcken erzogen und mit einer Pulvermühle in die Luft geſprengt. 9* ——— ——õ— — 132— Suſanne nahm das freundliche Anerbieten an, und Mr. Toots brachte ſie nach ſeiner Wohnung, wo ſie von der erwähn⸗ ten Matrone ganz freundlich empfangen wurde. Auch das Hühnchen war da und vermuthete zuerſt bei dem Anblick einer Dame im Wagen, Mr. Dombey ſei ſeinem frühern Rathe ge⸗ mäß zu Boden geſchlagen und Miß Dombey entführt worden. Dieſer Herr erregte bei Miß Nipper nicht geringes Erſtaunen; denn da er von dem Larkey Boy beſiegt worden, war ſein Geſicht in einem ſo jämmerlichen Zuſtande, daß er kaum in einer Geſell⸗ ſchaft präſentabel war. Rach einem guten Mahle und vieler Gaſtfreundſchaft fuhr Suſanne, neben ſich Mr. Toots und auf dem Bock das Hühnchen, nach dem Landkutſchenbüreau. Beſagtes Hühnchen war zwar, abgeſehen von dem männlichen Gewicht und dem Heroismus ſeines Charakters, in phyſiſcher Hinſicht wegen ſeiner zahlloſen Pflaſter keine Zierde der Geſellſchaft. Aber er hatte ein geheimes Ge⸗ lübde gethan, Mr. Toots(welcher ſich im Stillen ſehnte ihu los zu ſein) nie zu verlaſſen, bevor ihm dieſer nicht ein Wirths⸗ haus verſchaffe; und da er großen Hang zu dieſem Erwerbszweig in ſich verſpürte und Verlangen trug, ſich ſobald als möglich zu Tode zu trinken, ſo hielt er es für angemeſſen, ſich unange⸗ nehm zu machen. Die Landkutſche, mit welcher Suſanne abreiſen ſollte, wollte eben abfahren. Nachdem Mr. Toots ſeinen Schützling hatte Platz nehmen ſehen, blieb er unentſchloſſen am Fenſter ſtehen, bis der Kutſcher auf den Bock ſteigen wollte; da ſtellte er ſich auf — 133— den Tritt, ſteckte das Geſicht, das beim Licht der Laterne ganz verwirrt und beklommen ausſah, zum Fenſter hinein und ſagte: Hören Sie, Suſanne! Miß Dombey, wiſſen Sie— Ja, Sir.. Meinen Sie wohl, ſie könnte— Sie wiſſen ſchon— he? Ich bitte um Verzeihung, Mr. Toots, aber ich verſtehe Sie nicht, ſagte Suſanne, Meinen Sie, ſie könnte ſich bewegen laſſen— Sie wiſſen ſchon— nicht auf einmal— aber mit der Zeit— nach langer Zeit— mich— nich zu lieben, wiſſen Sie? Da iſt's heraus! ſagte der arme Toots. Ach Gott, nein! erwiderte Suſanne und ſchüttelte den Kopf. Ich glaube nie. Nie— niemals! Danke ſchön! ſagte Mr. Toots. Es hat nichts zu ſagen. Gute Nacht. Es hat nichts zu ſagen, danke ſchön! “ — 1 ———— Fuͤnfundvierzigſtes Kapitel. Der Vertraute. Edith ging heute allein aus und kam zeitig nach Hauſe. Wenige Minuten nach zehn Uhr rollte ihr Wagen in die Straße, wo ſie wohnte. Ihr Geſicht zeigte noch dieſelbe gezwungene Faſſung, wie heute beim Anziehen, und der Kranz auf ihrem Haupte umgab noch dieſelbe kalte und ruhige Stirn. Aber es wäre beſſer ge⸗ weſen, wenn ſeine Blätter und Blumen von ihrer leidenſchaftli⸗ chen Hand zerriſſen oder zerdrückt worden wären auf qualvollem, ſchlummerloſem Lager, als daß er eine ſolche Ruhe zierte. So hart, unnahbar und unerbittlich, daß man denken mußte, Nichts könne ein ſolches Frauenherz erweichen. An ihrer Thür angekommen ſtieg ſie eben aus, als Jemand geräuſchlos aus der Halle trat und ihr den Arm bot. Da der Bediente bei Seite geſchoben war, blieb ihr keine Wahl ühri; und ſie wußte jetzt, weſſen Arm es war. Was macht Ihr Patient, Sir? ſagte ſie kalt. — 135— Er befindet ſich beſſer, ſagte Mr. Carker. Er befindet ſich ſehr gut. Ich habe ihn für heute verlaſſen. Sie neigte den Kopf und wollte die Treppe hinauf gehen, als er ihr folgte und ſagte: Madame! darf ich mir die Freiheit nehmen, Sie auf eine Minute um Gehör zu bitten? Sie blieb ſtehen und ſah ihn an. Es iſt eine unpaſſende Zeit, Sir, ſagte ſie, und ich bin müde. Iſt die Sache dringend? Sie iſt ſehr dringend, entgegnete Carker. Da ich ſo glück⸗ lich geweſen bin Ihnen zu begegnen, ſo bitte ich Sie angelegent⸗ lichſt um Gehör. Sie ſah ihn eine Weile an und er ſah hinauf zu ihr, wie ſie in prunkendem Kleide über ihm ſtand, und dachte wieder, wie ſchön ſie ſei. Wo iſt Miß Dombey? frug ſie den Bedienten laut. Im Morgenzimmer, Malam, war die Antwort. 5 So führen Sie uns dorthin! ſagte ſie. Darauf fielen ihre Augen wieder auf den unten Wartenden, dem ſie mit einer leich⸗ ten Kopfbewegung bedeutete, er könne folgen, und ſie ging die Treppe hinauf. Ich bitte um Verzeihung, Madame! Mrs. Domdey! rief Carker, der in einem Augenblick neben ihr ſtad. Darf ich Sie wohl bitten, Miß Dombey nicht anweſend ſein zu laſſen? Sie ſah ihn mit einem raſchen Blick an, aber mit derſelben Ruhe und Faſſung. Ich wünſche Miß Dombey die Kenntniß deſſen, was ich zu ſagen habe, zu erſparen, ſagte Carker leiſe. Wenigſtens möchte — — — 136— ich Sie erſt entſcheiden laſſen, ob ſie es erfahren ſoll oder nicht. Ich bin dies Ihnen ſchuldig. Es iſt meine Pflicht gegen Sie. Nach unſerem früheren Geſpräch könnte ich mir es nicht verzeihen, wenn ich anders handelte. Sie wendete langſam die Augen von ſeinem Geſicht ab und ſagte zu dem Bedienten: Ein anderes Zimmer. Er führte ſie nach einem Salon, brannte ſchnell Licht an und verließ ſie. So lange er da war, wurde kein Wort geſprochen. Edith nahm auf einem Sopha neben dem Feuer Platz; und Mr. Carker, den Hut in der Hand und die Augen auf den Teppich 1 ſtand in geringer Entfernung vor ihr. Ehe ich Sie anhöre, Sir, ſagte Edith, als die Thür ge⸗ ſchloſſen war, ſollen Sie mich hören. Von Mrs. Dombey angeredet zu werden, entgegnete er, ſelbſt wenn es mit Worten unverdienten Vorwurfes geſchieht, iſt eine Ehre, die ich ſo hochſchätze, daß ich, ſelbſt wenn ich nicht in allen Fällen ihr Diener wäre, bereitwilligſt ihrem Wunſche mich fügen würde. Wenn Sie von dem Manne, den Sie eben verlaſſen haben, mit einer Botſchaft an mich beauftragt ſind,— Mr. Carker erhob hier die Augen, als wolle er ſich erſtaunt ſtellen, aber ſie begeg⸗ nete ihnen und hielt ſie feſt— ſo verſuchen Sie nicht, dieſelbe aus⸗ zurichten, denn ich werde ſie nicht annehmen. Ich brauche kaum zu fragen, ob Sie einen ſolchen Auftrag haben. Ich erwartete Sie ſchon ſeit einiger Zeit. Leider bin ich ganz gegen meinen Willen zu dieſem Zwecke — 137— hier, erwiderte er. Erlauben Sie mir zu ſagen, daß mein Hie⸗ herkommen zwei Zwecke hat. Das iſt der eine. Dieſer eine, Sir, ſagte ſie, iſt abgemacht. Wenn Sie aber noch einmal darauf zurückkommen— Kann Mrs. Dombey glauben, ſagte er und trat näher, daß ich ihrem ausdrücklichen Verbot entgegen darauf zurückkommen würde? Kann Mrs. Dombey wirklich ohne Berückſichtigung meiner unglücklichen Lage mich durchausals ſo unzertrennlich von meinem Auftraggeber betrachten, daß ſie mir die größte ungerechtigkeit widerfahren läßt? Sir, entgegnete Edith und ſah ihn mit ihren dunkeln Augen feſt an, und ſprach mit einer ſteigenden Leidenſchaft, die ihren Buſen ſchwellte und den zarten weißen Flaum auf ihrem Kleide, nachläſſig über die Schulter geworſen, die ſeine ſchneeweiße Nähe dulden konnte, in zitternde Bewegung ſetzte. Warum treten Sie vor mich hin und ſprechen mir von Liebe und Pflicht gegen mei⸗ nen Gatten und ſtellen ſich, als glaubten Sie, ich ſei glücklich ver⸗ heirathet und ich ehre ihn? Wie können Sie wagen, mich ſo zu beleidigen, während Sie doch wiſſen— ich weiß es nicht beſſer, Sir; ich habe es in jedem Ihrer Blicke geſehen und in jedem Ihrer Worte gehört— daß anſtatt der Liebe zwiſchen uns Ab⸗ neigung und Verachtung herrſcht, und daß ich ihn kaum weniger verabſcheue, als mich ſelbſt, weil ich ſein bin? Ungerecht! Wenn ich gerecht geweſen wäre gegen die Qual, die Sie mir auferlegt, und gegen die Beleidigung, die Sie mir zugefügt haben, hätte ich Sie getödtet! 3 — 138— Sie frug ihn, warum er das thue. Wäre ſie nicht ver⸗ blendet geweſen von Stolz und Zorn und Beſchämung, ſo hätte ſie die Antwort auf ſeinem Geſicht geleſen. Er wollte ihr dieſe Erklärung abnöthigen. 3 Sie ſah es nicht und kümmerte ſich auch nicht darum, ob es ſo ſei oder nicht. Sie ſah nur die Schmach und die Qual, die ſie gelitten und noch zu leiden hatte. Wie ſie ihn anſah, zer⸗ zupfte ſie die Federn eines Flügels von einem ſeltnen und ſchönen Vogel, der als Fächer an ihrem Gürtel hing, und ſtreute ſie auf den Boden. Er zitterte nicht vor ihrem Blick, ſondern ſtand da wie ein Mann, der eine genügende Antwort in Rückhalt hat und ſie ſo⸗ gleich ſagen wird, ſo wie die äußern Zeichen ihres Zornes, die ihr entſchlüpft waren, ſich gelegt. Und dann ſprach er, feſt in ihre flammenden Augen ſehend. Madame, ſagte er, ich weiß und wußte ſchon vor heute, daß ich keine Gnade vor Ihren Augen gefunden habe, und ich wußte warum. Ja, ich wußte warum. Sie haben ſich offen gegen mich ausgeſprochen; ich fühle mich ſo glücklich in dem Beſitz Ihres Vertrauens— Vertrauen! wiederholte ſie verächtlich. Er beachtete es nicht. — daß ich nichts verhehlen will. Ich ſah in der That von Anfang an, daß Sie keine Zuneigung für Mr. Dombey hatten — wie hätte dies auch zwiſchen zwei ſo verſchiedenen Naturen der Fall ſein können! Und ich habe auch ſeitdem geſehen, daß ſtärkere Empfindungen als bloße Gleichgültigkeit in Ihrer Bruſt entſtanden ſind— wie konnte es auch anders in Ihrer Lage kom⸗ men! Aber kam es mir zu, Ihnen zu ſagen, daß ich dies wußte? Kam es Ihnen zu, Sir, entgegnete ſie, den andern Glauben zu heucheln und ihn mir Tag für Tag mit kecker Stirn aufzu⸗ drängen? Ja, es kam mir zu, gab er mit angelegentlicher Stimme zur Antwort. Wenn ich weniger, wenn ich etwas Anderes ge⸗ than hätte, ſo konnte ich nicht ſo zu Ihnen ſprechen; und ich ſah voraus— und wer konnte das beſſer als ich, der Mr. Dombey ſo genau kennt?— daß, wenn Ihr Charakter ſich nicht ſo füg⸗ ſam und gehorſam zeigte, wie der ſeiner erſten Frau, was ich nicht glaubte— Ein ſtolzes Lächeln ſagte ihm, daß er dies wiederholen könne.. Ich ſagte, was ich nicht glaubte, die Zeit wahrſcheinlich kommen würde, wo eine Verſtändigung zwiſchen uns, wie ſie jetzt bevorſteht, von Nutzen ſein könnte. Wem von Nutzen, Sir? frug ſie verachtungsvoll. Ihnen. Ich will nicht hinzuſetzen mir,indem ein Etwas mir ſagt, ſogar von der bedingten Billigung von Mr. Dombey s Handlungs⸗ weiſe, die ich mir ehrlicherweiſe erlauben darf, abzuſtehen, damit ich nicht das Unglück habe, Etwas zu ſagen, was Jemanden, deſſen Abneigung und Verachtung— er ſagte dies mit Nachdruck— ſo leicht zu reizen iſt, unangenehm ſein könnte. Iſt es ehrlich von Ihnen, Sir, ſagte Edith, Ihre„bedingte Billigung„einzugeſtehen und mit ſo geringſchätzigem Tone von ihm zu ſprechen, deſſen vornehmſter Berather und Schmeichler Sie ſind? — 140— Berather— ja, ſagte Carker. Schmeichler— nie. Eine kleine Reſervation, glaube ich, muß ich zugeben. Aber Intereſſe und Convenienz nöthigen Viele von uns zur Darlegung von Empfindungen, die wir nicht hegen können. Contracte aus In⸗ tereſſe und Convenienz, Freundſchaften aus Intereſſe und Conve⸗ nienz, Verhandlungen aus Intereſſe und Convenienz, Heirathen aus Intereſſe und Convenienz ſehen wir alle Tage. Sie biß ſich auf die Lippe, aber ohne in ihrer ſtrengen, düſterblickenden Beobachtung ſeines Geſichtes nachzulaſſen. Madame, ſagte Carker uud ſetzte ſich auf einen Stuhl in ihrer Nähe mit einer Miene der tiefſten und rückſichtsvollſten Ach⸗ tung, warun ſollte ich jetzt, da ich Ihrem Dienſte ganz gewid⸗ met bin, anſtehen offen zu ſein! Es war natürlich, daß eine Dame von Ihren Gaben es für möglich hielt, ihres Gatten Cha⸗ rakter einigermaßen zu verändern und ihm eine beſſere Richtung zu geben. Es war für mich nicht natürlich, Sir, entgegnete ſie. Ich erwartete und beabſichtigte nie etwas der Art. Das ſtolze ungerührte Geſicht ſagte ihm, daß es entſchloſ⸗ ſen ſei, keine der Masken, die er darbot, zu tragen, ſondern ſich ganz offen zu geben, gleichgültig gegen die Wirkung, die es auf einen Mann, wie er war, hervorbringen werde. Wenigſtens war es natürlich, fuhr er fort, daß Sie es für möglich hielten, mit Mr. Dombey als Gatten zu leben, ohne ſich ihm zu unterwerfen und ohne in ſo heftige Colliſion mit ihm (wie Sie ſeitdem erfahren haben), als Sie dies glaubten. Sie ** zu kommen. Aber, Madame, Sie kannten Mr. Dombey nicht —xò — 141— wußten nicht, wie ſtolz und anſpruchsvoll er iſt, wie er gewiſſer⸗ maßen der Sklave ſeiner eigenen Größe iſt, und an ſeinen eige⸗ nen Triumphwagen gejocht iſt wie ein Laſtthier, ohne einen an⸗ dern Gedanken, als daß er hinter ihm iſt und über Alles und durch Alles geſchleppt werden muß. Seine Zähne glänzten frohlockend über das boshafte Gleich⸗ niß, als er fortfuhr: Mr. Dombey iſt in Wirklichkeit einer Rückſicht auf Sie eben ſo wenig fähig, als auf mich. Der Vergleich iſt weit hergeholt; ich wähle ihn aber mit Abſicht; er iſt ganz richtig. Im Voll⸗ gefühl ſeiner Macht forderte mich Mr. Dombey auf— geſtern früh erſt— den Vermittler zwiſchen Ihnen und ihm zu machen, weil er weiß, daß ich Ihnen nicht angenehm bin, und weil ich eine Art Strafe für Ihre Widerſpenſtigkeit ſein ſoll; und außerdem noch, weil er wirklich meint, mich, ſeinen bezahlten Diener, als Ge⸗ ſandten zu empfangen ſei unter der Würde— nicht etwa der Dame, zu der ich die Ehre habe zu ſprechen; ſie iſt für ſeinen Geiſt nicht vorhanden— ſondern ſeiner Gattin, als eines Theils von ihm ſelbſt. Sie können ſich denken, wie wenig er auf mich Rückſicht nimmt, wie er gar nicht an die Möglichkeit denkt, ich könnte eigne Gefühle oder Urtheile haben, wenn er mir das offen heraus ſagt. Sie wiſſen, wie vollkommen gleichgültig er gegen Ihre Gefühle iſt, wenn er Ihnen mit einem ſolchen Boten droht. Natürlich iſt Ihnen noch erinnerlich, daß er das gethan hat. Sie beobachtete ihn immer noch aufmerkſam. Aber er be⸗ obachtete ſie auch; und er ſah, daß dieſe Andeutung, er wiſſe, — — — 142— was zwiſchen ihr und ihrem Gatten vorgegangen, in ihrer ſtolzen Bruſt ſich eingrub wie ein vergifteter Pfeil. Ich erinnere nicht an dieſe Sachen, um die Kluft zwiſchen Ihnen und Mr. Dombey zu erweitern, Madame— der Himmel verhüte das! was ſollte es mir auch nützen?— ſondern als Be⸗ weis, wie vergeblich die Hoffnung iſt, Mr. Dombey begreiflich zu machen, daß Jemand zu berückſichtigen ſei, wenn er in Frage kommt. Wir, die wir um ihn ſind, haben Alle in unſern ver⸗ ſchiedenen Stellungen das Unſrige gethan, ihn in dieſem Glau⸗ ben zu beſtärken; aber wenn wir es nicht gethan hätten, ſo tha⸗ ten es Andere— oder ſie wären nicht um ihn geweſen; und es war immer und von Anfang an das Grundelement ſeines Lebens. Mit einem Wort, Mr. Dombey hat blos mit unterwürfigen und abhängigen Perſonen zu thun gehabt, die vor ihm das Knie und den Rücken gebeugt haben. Er hat nie gewußt, was es heißt, zürnenden Stolz und ſtarken Groll gegen ſich zu haben. Aber er wird es jetzt erfahren! ſchien ſie zu ſagen; ob⸗ gleich ihre Lippen ſich nicht öffneten und ihr Auge nicht unſicher wurde. Er ſah den weichen Flaum wieder zittern, er ſah, wie ſie den Fittig des ſchönen Vogels einen Augenblick lang an ihre Bruſt drückte; und er fuhr fort in ſeiner argliſtigen Rede. Mr. Dombey, obgleich ein höchſt ehrenwerther Mann, iſt ſo geneigt, ſelbſt Thatſachen nur mit ſeinen Augen anzuſehen, wenn er ja einmal Widerſtand findet, daß er— mir fällt kein beſſeres Beiſpiel ein!— ganz aufrichtig glaubt(Sie müſſen die Abſurdität entſchuldigen, ich bin nicht Schuld daran), ſein ſtrenges Ausſprechen ſeiner Meinung bei einer gewiſſen Ver⸗ — 143— anlaſſung vor dem Hinſcheiden der Mrs. Skewton habe auf ſeine jetzige Gemahlin einen niederſchmetternden Eindruck gemacht und ſie für den Augenblick vollkommen überwältigt! Edith lachte. Wie rauh und unmelodiſch, braucht nicht erſt geſagt zu werden. Es iſt genug, wenn wir ſagen, er war froh es zu hören. Madame, fuhr er fort, ich bin jetzt fertig. Ihre Meinung über dieſe Sache iſt ſo entſchieden, und ich fürchte, ſo unabänder⸗ lich— er wiederholte dieſe Worte langſam und mit großem Nach⸗ druck— daß ich faſt fürchte, mir Ihre Unzufriedenheit von Neuem zuzuziehen, wenn ich ſage, daß ich trotz dieſer Mängel und meiner vollſtändigen Kenntniß derſelben mich an Mr. Dombey gewöhnt habe und ihn achte. Aber wenn ich dies ſage, ſo geſchieht es nicht— Sie können mir es glauben— um mit einem Gefühle zu prahlen, das von dem Ihrigen ſo gänzlich verſchieden iſt und mit dem Sie keine Sympathie haben können!— o wie deutlich und klar und emphatiſch dies klang— ſondern um Ihnen einen Beweis des Eifers zu geben, mit dem ich in dieſer unangenehmen Sache der Ihrige bin, und der Entrüſtung, mit der ich den mir aufgedrungenen Theil übernommen habe. Sie ſaß da, als ob ſie ſich fürchtete, die Augen von ihm ab⸗ zuwenden. Und jetzt den letzten Streich! Es wird ſpät, ſagte Carker nach einer Pauſe, und Sie ſind müde, wie Sie ſchon vorhin ſagten. Aber den zweiten Gegenſtand meiner Sendung darf ich nicht vergeſſen. Ich muß Ihnen ans Herz legen, ich muß Sie auf das Angelegentlichſte bitten, und — 144— zwar aus gewiſſen Gründen, in Ihrem Benehmen gegen Miß Dombey vorſichtig zu ſein. Vorſichtig! Was meinen Sie? Sich zu hüten, daß Sie gegen dieſe junge Dame nicht zu viel Liebe an den Tag legen, ſagte er. Zu viel Liebe, Sir! ſagte Edith, indem ſie die Stirn run⸗ zelte und aufſtand. Wer urtheilt über meine Liebe oder mißt ſie, Sir? Ich nicht. Er war verwirrt oder ſchien es zu ſein. Wer denn? Können Sie es nicht errathen? forſchte er. Ich mag es nicht errathen, gab ſie zur Antwort. Madame, ſagte er nach einigem Zögern, ich befinde mich hier in einer großen Verlegenheit. Sie ſagten mir, Sie wollten keine Botſchaft anhören, und verboten mir, dieſe Sache wieder zu be⸗ rühren; aber beide Sachen ſind ſo eng mit einander verknüpft, daß, wenn Sie nicht dieſe vage Warnung von Einem, der jetzt die Ehre hat, Ihr Vertrauen zu beſitzen, annehmen wollen, ich Ihrem Verbote zuwiderhandeln muß. Sie wiſſen, daß Ihnen dies freiſteht, Sir, ſagte Edith. Thun Sie es. So bleich, ſo zitternd, ſo leidenſchaftlich! Er hatte ſich alſo⸗ in der Wirkung nicht verrechnet. Sein Auftrag war, ſagte er mit gedämpfter Stimme, Ih⸗ nen zu ſagen, daß ihm Ihr Benehmen gegen Miß Dombey nicht angenehm iſt. Daß es zu Vergleichungen auffordert, die für ihn nicht günſtig ausfallen. Daß er eine gänzliche Veränderung deſ⸗ — 145— ſelben wünſcht, und daß er ſicher darauf rechnet, wenn es Ihnen Ernſt damit iſt; denn Ihr beſtändiges Zurſchautragen von Liebe wird dem Gegenſtand derſelben nichts nützen. Das iſt eine Drohung, ſagte ſie. Das iſt eine Drohung, antwortete er auf ſeine ſtumme Weiſe, und fügte dann laut hinzu: aber nicht gegen Sie. Stolz, aufrecht und würdevoll hatte ſie vor ihm geſtanden und ihm mit dem funkelnden Auge bis in das innerſte Herz ge⸗ blickt, und bitter und verächtlich hatte ihr Antlitz gelächelt bis jetzt; aber plötzlich ſank ſie zuſammen und wäre auf den Boden gefallen, wenn er ſie nicht in ſeinen Armen aufgefangen hätte. Faſt in dem Augenblick, wo er ſie berührte, machte ſie ſich wieder von ihm los, und ſtand wieder unbeweglich und mit vebietauiſc ausgeſtreckter Hand vor ihm. Verlaſſen Sie mich, ich bitte Sie, ſagte ſie. Sagen Sie für heute nichts mehr. Ich fühle die Dringlichkeit der Sache, ſagte Mr. Carker, weil man nicht wiſſen kann, was für unvorhergeſehene Umſtände in Folge Ihrer Unbekanntſchaft mit ſeiner Willensmeinung ein⸗ treten könnten. Ich höre, Miß Dombey iſt betrübt über die Ent⸗ laſſung ihrer alten Dienerin, die wohl auch mit in Folge dieſer Stimmung verabſchiedet worden iſt. Sie tadeln mich nicht mehr wegen der Bitte, Miß Dombey nicht anweſend ſein zu laſſen? Darf ich dies hoffen? Nein. Bitte, verlaſſen Sie mich, Sir, ſagte ſie blos. Ich wußte, daß bei Ihrem Intereſſe an der jungen Dame Ihnen der Gedanke höchſt peinlich ſein müßte, durch Ihre Bevor⸗ Boz. Dombey u. Sohn,. VII. 10 zugung derſelben ihr weſentlich geſchadet zu haben, ſagte Carker eindringlich. Nichts mehr davon. Verlaſſen Sie mich, ich bitte Sie, ſagte ſie. Ich werde beſtändig hier ſein, theils um ihn zu pflegen, theils in Geſchäftsangelegenheiten. Sie werden mir erlauben, Ihnen wieder meine Aufwartung zu machen, um das Geſchehende zu beſprechen und Ihre Wünſche kennen zu lernen? Sie winkte ihm zu gehen. Ich kann mich nicht einmal entſchließen, ob ich ihm ſagen ſoll oder nicht, daß ich mit Ihnen bereits geſprochen habe, oder ob ich ihn glauben laſſen ſoll, ich habe es aus Mangel an Gele⸗ genheit oder aus einem andern Grunde noch nicht gethan. Es wäre wünſchenswerth, daß ich recht bald wieder mit Ihnen ſpreche könnte.— Zu jeder andern Zeit als jetzt, gab ſie zur Antwort. Sie werden begreifen, daß Miß Dombey nicht anweſend ſein darf, wenn ich Sie zu ſprechen wünſche, und daß ich zu Ih⸗ nen komme, als eine Perſon, die das Glück hat, ihr Vertrauen zu beſitzen, und bereit iſt, Ihnen jeden möglichen Beiſtand zu lei⸗ ſten, und vielleicht auch oft Uebles von ihr abzuwenden? Immer noch ihn anblickend mit der alten Furcht, ihn von der Macht ihres feſten Blickes zu erlöſen, antwortete ſie: Ja! und winkte ihm nochmals zu gehen. Er verbeugte ſich gehorſam; aber an der Thür kehrte er noch einmal um und ſagte: — 147— Mir iſt verziehen, ich habe meine Fehler erklärt. Darf ich — um Miß Dombey und Ihretwillen— Ihre Hand zum Ab⸗ ſchied nehmen? Sie gab ihm die behandſchuhte Hand, die ſie geſtern verletzt hatte. Er nahm ſie, drückte ſie an die Lippen und entfernte ſich, und als er die Thür zugemacht hatte, ſchwenkte er triumphirend die Hand, welche die ihrige erfaßt, und ſteckte ſie in die Bruſt. Schnellpreſſendruck von Fr. Nies in Leipzig. ——— —— —