— . 84 4 1 wüthende Löwen ſie trügen. Zwelunddreißigſtes Kapitel. Der hölzerne Seecadett geht in Stücken. Wie dem ehrlichen Capitain Cuttle in ſeiner befeſtigten Cita⸗ delle die Wochen hinſchwanden, gab er trotz des Nichterſcheinens des Feindes ſeine klugen Vorkehrungen gegen einen Ueberfall nicht auf. Der Capitain meinte, ſeine gegenwärtige Sicherheit ſei zu groß und wunderbar, um viel länger zu dauern; er wußte, wenn der Wind aus einer günſtigen Gegend wehte, ſo blieb der Wetter⸗ hahn ſelten allzulange auf dieſer Stelle; und er kannte den entſchloſ⸗ ſenen und furchtloſen Charakter der Mrs. Mae Stinger zu gut, um zu bezweifeln, daß dieſe herriſche Frau das Werk ſeiner Entdeckung und Gefangennehmung ſelbſt übernommen habe. Unter dem Ge⸗ wicht dieſer Gründe erzitternd, führte Capitain Cuttle ein ſehr zurückgezogenes und häusliches Leben, ging ſelten vor Dunkel⸗ werden aus, wagte ſich ſelbſt dann nur in die abgelegenſten Stra⸗ ßen, verließ ſeine Stube Sonntags gar nicht und mied inner⸗ und außerhalb der Mauern ſeiner Citadelle alle Frauenhüte, als ob — 6— Für den Fall eines Ueberfalls von Seiten der Mrs. Mac Stinger träumte ſich der Capitain nie die Möglichkeit, daß er widerſtehen könnte. Er fühlte, daß dies nicht geſchehen könnte. Er ſah ſich ſchon im Geiſte widerſtandlos in einen Fiaker geſteckt und in ſeine alte Wohnung entführt. Er wußte, daß, wenn er erſt dort gefangen ſei, er verloren war: ſein Hut fort; Mrs. Mac Stinger Tag und Nacht ihn bewachend; er ſelbſt von der kleinen Familie mit Vorwürfen überhäuft und der ſchuldige Gegenſtand von Verdacht und Mißtrauen, ein Oger in den Augen der Kinder und in denen der Mutter ein ertappter Verräther. Sobald dieſes düſtere Bild dem Capitain vor die Phantaſie trat, litt er an einem heftigen Schweiß und an einer großen Nie⸗ dergeſchlagenheit. Gewöhnlich geſchah dies, wenn er ſich eines Spazierganges wegen Abends aus dem Hauſe ſtahl. Im Be⸗ wußtſein der Gefahr, der er ſich ausſetzte, nahm der Capitain von Rob Abſchied mit einer Feierlichkeit, wie ſie einem Mann geziemte, der vielleicht nie wiederkehrte, und ermahnte ihn, im Falle er (der Capitain) verſchwinden ſollte, auf dem Pfade der Tugend zu bleiben und die Meſſinginſtrumente gut polirt zu erhalten. Aber um ſich im ſchlimmſten Falle ein Mittel zu ſichern, mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben, kam Capitain Cuttle bald auf den glücklichen Einfall, Rob dem Scheerenſchleifer ein geheimes Signal zu lehren, durch welches derſelbe in der Stunde der Trübſal ſeinem Herrn ſeine Anweſenheit und Treue kundge⸗ ben konnte. Nach vielem Nachdenken entſchloß ſich der Capitain, ihn das Matroſenlied„Hurrah, hurrah, hurrah!“ pfeifen zu leh⸗ ren, und da Rob der Scheerenſchleifer darin ſo viel leiſtete, als * unr eine Landratte leiſten konnte, ſo prägte ihm der Capitain fol⸗ gende geheimnißvolle Inſtructionen ein. Jetzt, mein Junge, merk! Wenn man mich feſtnimmt— Feſtnimmt, Capitain! unterbrach ihn Rob und ſperrte die runden Augen weit auf. Ach! ſagte Capitain Cuttle geheimnißvoll, wenn ich einmal weggehe und zum Abendeſſen wiederzukommen verſpreche und nicht wieder geſprochen werde, ſo gehſt du vierundzwanzig Stunden, nachdem ich vermißt worden, nach dem Brigplatz und pfeifſt dieſe Melodie in der Nähe von meinem alten Ankergrund — nicht etwa, als ob du damit etwas beabſichtigteſt, verſtehſt du, ſondern als ob du zufällig dorthin kämeſt. Wenn ich wie⸗ der in derſelben Melodie antworte, ſo ſegelſt du weiter, mein Junge, und kommſt vierundzwanzig Stunden darauf wieder; wenn ich mit einer andern Melodie antworte, ſo lavirſt du und warteſt bis ich weitere Signale gebe. Verſtehſt du jetzt? Was ſoll ich laviren, Capitain? frug Rob. Die Straße? Das iſt mir ein ſauberer Burſch! rief der Capitain und ſah ihn zürnend an, kennt ſein eignes Alphabet nicht! Du gehſt ein Stückchen weg und kommſt dann wieder— verſtehſt du das? Ja, Capitain, ſagte Rob. Sehr gut, mein Junge, ſagte der erweichte Capitain. Thu’ es! Damit er es um ſo beſſer ausführe, ließ ſich der Capitain Euttle zuweilen herab, Abends nach dem Schluß des Ladens eine große Probe dieſer Scene anzuſtellen. Zu dieſem Zwecke zog er ſich in das Hinterſtübchen, als die Wohnung einer vermeintlichen ³ — 8— Mac Stinger zuruck und beobachtete ſorgfältig durch das Guck⸗ loch, welches er in die Wand gemacht, ſeinen Verbündeten. Rob der Scheerenſchleifer entledigte ſich bei dieſer Probe ſeiner Pflicht ſo vortrefflich, daß der Capitain ihm zu verſchiedenen Zeiten zum Zeichen ſeiner Zufriedenheit ſieben Sechspences ſchenkte und in ſeinem Gemüth allmählich die Entſagung eines Mannes fühlte, der ſich auf das Schlimmſte gefaßt gemacht und jede mögliche Vor⸗ kehrung gegen ſein unerbittliches Schickſal getroffen hat. Demungeachtet forderte der Capitain das Schickſal nicht dadurch heraus, daß er mehr wagte als früher. Obgleich er es der Forderung des Anſtandes gemäß hielt, als Freund der Fa⸗ milie Mr. Dombey's Trauung beizuwohnen und dieſem Herrn ein freundliches und billigendes Geſicht von der Emporkirche zu zeigen, ſo war er doch in einem ganz zugemachten Cabriolet nach der Kirche gefahren und hätte in ſeiner Scheu vor Mrs. Mac Stinger vielleicht ſelbſt von dieſem Wagniß abgeſtanden, wenn nicht dieſer Dame regelmäßiger Beſuch bei dem ehrwürdigen Mel⸗ chiſedek es ſehr unwahrſcheinlich gemacht hätte, daß ſie mit der anerkannten Kirche in Verbindung ſtand. Der Capitain gelangte ſicher wieder nach Hauſe und führte ſein neues Leben in gewohntem Geleiſe fort, ohne vom Feinde weiter als durch die täglichen Hüte auf der Straße beunruhigt zu werden. Aber andere Dinge fingen an Capitain Cuttle ſehr zu bedrücken. Von Walters Schiff hatte man immer noch nichts gehört. Vom alten Sol Gills kam keine Nachricht. Florentine wußte nicht einmal etwas von des alten Mannes Verſchwinden und Capitain Cuttle hatte nicht den Muth, es ihr mitzutheilen. „ .—— Wie des Capitains Hoffnungen in Bezug auf den wackern, hüb⸗ ſchen Jüngling, den er auf ſeine rauhe Weiſe von Kind auf ge⸗ liebt hatte, zu ſchwinden anfingen und von Tag zu Tag mehr ſchwanden, ſcheute er ſchon den bloßen Gedanken mit Florentinen zu ſprechen. Wenn er gute Nachrichten gehabt hätte, ſo hätte ſich der ehrliche Capitain in das neu decorirte Haus mit ſeiner glän⸗ zenden Ausſtattung gewagt— obgleich dieſe und die ſtolze Dame in der Kirche einen gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht hatten — und wäre ihr vor Augen getreten. Aber bei der Verdüſterung, die ſtündlich mehr ihre Hoffnungen auf die Zukunft erfuhren, kam es dem Capitain faſt vor, als wäre er ein Unglück und ein Schmerz mehr für ſie, und fürchtete einen Beſuch von Florentinen kaum minder, als Mrs. Mac Stinger ſelbſt. Es war ein kalter dunkler Herbſtabend und Capitain Cuttle hatte ein Feuer im kleinen Hinterſtübchen anzünden laſſen, das einer Schiffscajüte ähnlicher als je ſah. Der Regen ſtrömte nie⸗ der und der Wind wehte heftig; und wie der Capitain oben aus dem Dachſtübchen ſeines alten Freundes ſich das Wetter anſah, da ſank ihm das Herz. Nicht daß er das Wetter des heutigen Tages mit Walters Schickſal in Verbindung gebracht oder gezweifelt hätte, daß, wenn die Vorſehung ihn zu Schiffbruch und Tod beſtimmt, es längſt vorüber ſei; ſondern unter einem Eindrucke von außen, der mit dieſem Gegenſtande ſeines Denkens gar nichts zu thun hatte, ſank dem Capitain der Muth und ſeine Hoffnungen ſchwanden, wie es bei weiſeren Menſchen ſchon oft geſchehen iſt und noch oft geſchehen wird. 43* — 10— 3 Capitain Cuttle, das Geſicht dem vom Sturm und Wind gejagten Regen zugewendet, ſah hinaus auf das triefende und vom Regen halb verhüllte Labyrinth der Dächer und ſah ſich dort ver⸗ gebens nach etwas Erheiterndem um. Die Ausſicht in ſeiner Nähe war nicht beſſer. In verſchiedenen Theekiſten und Breter⸗ kaſten zu ſeinen Füßen girrten Robs Tauben wie ebenſoviel ent⸗ ſtehende Winde. Ein roſtiger Wetterhahn— ein Seecadett mit einem Fernrohr am Auge, der einſt von der Straße ſichtbar ge⸗ weſen, aber längſt von neuen Bauten eingeſperrt worden, knarrte und klagte auf ſeinen roſtigen Angeln, wie der ungeſtüme Wind ihn unermüdlich drehte und grauſam mit ihm umſprang. Auf des Capitains Cuttle blauer Tuchjacke ſtanden die kalten Re⸗ gentropfen wie Stahlknöpfe; und er konnte ſich kaum aufrecht er⸗ halten gegen den Nordweſt, der gegen ihn anſtürmte, als wollte er ihn auf die Straße herunterwerfen. Wenn eine Hoffnung an dieſem Abend lebendig war, dachte der Capitain, wie er ſich den Hut mit der Hand feſthielt, ſo iſt ſie gewiß zu Hauſe geblie⸗ ben; ſo ging denn der Capitain mit ermuthigendem Kopfſchütteln hinab, um ſie zu Hauſe zu ſuchen. Langſam ſtieg Capitain Cuttle nach dem kleinen Hinterſtüb⸗ chen hinab, ſetzte ſich in den gewohnten Stuhl und ſuchte die Hoffnung im Feuer; aber dort war ſie nicht, obgleich das Feuer munter brannte. Er zog Tabakskaſten und Pfeife hervor, machte ſich zum Rauchen bereit und ſuchte ſie in der rothen Gluth des Kopfes und in dem kreiſelnden Rauch, der ſeinen Lippen entſtieg; aber auch kein Atom von dem Roſt des Hoffnungsankers war da⸗ rin. Er verſuchte es mit einem Glas Grog; aber trübſinnige 1 * — 11— Wahrheit befand ſich auf dem Grund dieſes Brunnens und er konnte nicht damit fertig werden. Er ging ein paar Mal im Laden auf und ab und ſuchte die Hoffnung unter den Inſtrumenten; aber unermüdlich und hartnäckig ſtellten ſie Beobachtungen und Berechnungen über das vermißte Schiff an, die alle trotz ſeines Sträubens in der Tiefe des einſamen Meeres endigten. Immer noch ſauſte der Wind und immer noch ſchlug der Regen an die geſchloſſenen Laden, als der Capitain vor dem höl⸗ zernen Seecadetten ſtehen blieb und dachte, wie er des kleinen Of⸗ fiziers Uniform mit dem Aermel abtrocknete, wie viele Jahre der Seecadett hier geweſen war und wie wenig Veränderungen in ſei⸗ ner Schiffsgeſ ellſchaft ſtattgefunden hattenz wie die Veränderungen faſt alle an einem Tage gekommen und wie gewaltig ſie geweſen. Die kleine Geſellſchaft im Hinterſtübchen war aufgelöſt und weit zerſtreut. Es war kein Publicum mehr da für die ſchöne Peg, ſelbſt wenn es Jemand hätte ſingen können, was nicht der Fall war; denn der Capitain war eben ſo feſt überzeugt, daß er allein dieſe Ballade ausführen könne, wie er es von dem Umſtand war, daß er unter den jetzigen Verhältniſſen nicht die Stimmung dazu hatte. Das fröhliche Geſicht Walters war nicht mehr im Hauſe; — hier brachte der Capitain den Aermel für einen Augenblick von der Uniform des Seecadetten an die eigene Wange;— die allbekannte Perrücke und die Knöpfe Sol Gills' waren ein Traum der Vergangenheit; Richard Whittington war vernichtet; und je⸗ der mit dem Seecadett in Verbindung ſtehende Plan trieb ohne Maſt und Steuer auf der großen Waſſerwüſte umher. 12 Wie der Capitain mit betrübtem Geſichte in dieſen Ge⸗ danken verſunken daſteht und theils aus alter Bekanntſchaft, theils in ſeiner Zerſtreuung den Seecadetten polirt, macht ein Klopfen an der Ladenthür den auf dem Ladentiſche ſitzenden Rob den Scheerenſchleifer vor Schrecken auffahren; ſeine großen Augen hatten mit ſinnender Aufmerkſamkeit auf des Capitains Geſicht geruht und er hatte bei ſich zum hundertſten Male überlegt, ob der Capitain einen Mord begangen habe, daß er ein ſo böſes Gewiſſen habe und immer davonlaufe. Was iſt das? ſagte Capitain Cuttle leiſe. Es pocht Jemand, Capitain, antwortete Rob. Mitbeſchämtem und ſchuldbewußtem Geſicht ſchlich ſich der Ca⸗ pitain ſogleich auf den Zehen in das kleine Hinterſtübchen und ſchloß ſich ein. Rob öffnete und wäre mit dem Ankommenden nun gewiß erſt auf der Schwelle in Unterhandlung getreten, wenn er in Frauenkleidern gekommen wäre, da er aber männlichen Geſchlechts war und Robs Verhaltungsbefehle ſich nur auf Frauen bezogen, ſo gab er dem Fremden Einlaß, was dieſer ſehr ſchnell annahm, froh, dem niederſtrömenden Regen zu entwiſchen. Jedenfalls etwas für Burgeß and Co., ſagte der Beſuch, indem er mit mitleidigem Blick ſich über die Achſeln ſeine Füße anſah, die ſehr naß und beſprützt waren. Wie geht, Mr. Gills? Dieſer Gruß galt dem Capitain, der jetzt mit einer ſehr durchſichtigen und ganz vergeblichen Affectation, zufällig her⸗ auszukommen, aus dem Hinterſtübchen trat. Danke, fuhr der Fremde in demſelben Athem fort; ich be⸗ 1 — 11“ — — 13— finde mich recht wohl, wirklich, ich bin Ihnen ſehr verbunden. Ich heiße Toots— Mr. Toots. Der Capitain erinnerte ſich, dieſen jungen Herrn bei der Trauung geſehen zu haben, und verbeugte ſich. Mr. Toots antwortete mit einem innerlichen Lachen; und da er wie immer verlegen war, athmete er laut und gepreßt, ſchüttelte dem Capi⸗ tain lange Zeit die Hand, bemächtigte ſich dann in Ermangelung eines andern Ableiters Robs und ſchüttelte auch ihm auf die allerherzlichſte Weiſe die Hand. Ich meine, ich möchte gern ein Wort mit Ihnen ſprechen, Mr. Gills, wenn's Ihnen gefällig iſt, ſagte Mr. Toots endlich mit erſtaunlicher Geiſtesgegenwart. Ich meine! Mr. Tom, wiſſen Sie! Mit gleicher Würde und entſprechendem geheimniß⸗ vollem Weſen winkte der Capitain ſogleich mit ſeinem Haken nach dem Hinterſtübchen, wohin ihm Mr. Toots folgte. Ol ich bitte um Vergebung, ſagte Mr. Toots und ſah den Capitain an, indem er auf dem dargebotenen Stuhle am Feuer Platz nahm; ich glaube, Sie kennen das Hühnchen nicht; nicht wahr, Mr. Gills? Das Hühnchen? ſagte der Capitain. Das Mordhühnchen! ſagte Mr. Toots. Da der Capitain den Kopf ſchüttelte, erklärte ihm Mr. Toots, daß der Erwähnte der berühmte Mann ſei, der ſich und England in ſeinem Kampfe mit Nobby Shropſhire One mit Ruhm bedeckt habe; aber auch dieſe Erklärung ſchien den Capi⸗ tain nicht viel klüger zu machen. — 1— Weil er draußen ſteht: das iſt Alles, ſagte Mr. Toots. Aber es hat nichts auf ſich; er wird vielleicht nicht ſehr naß werden. Ich kann ihn gleich herein kommen laſſen, ſagte der Capitain. Nun, wenn Sie die Güte haben wollten und laſſen ihn im Laden mit dem Jungen ſitzen, ſagte Mr. Toots, ſo ſoll's mich freuen; denn wiſſen Sie, er iſt empfindlich und die Näſſe thut ſeiner Conſtitution nicht gut. Ich will ihn hereinrufen, Mr. Gills. Mit dieſen Worten begab ſich Mr. Toots nach der Laden⸗ thür, pfiff auf eine eigenthümliche Weiſe und brachte dadurch einen gleichgültigen Herrn in einem zottigen weißen Tüffelrocke und einem flachkrempigen Hute herbei mit ſehr kurzem Haar, einer zerbrochenen Naſe und einer ziemlichen Strecke kahlen und unfruchtbaren Landes hinter jedem Ohre. Setzt euch, Hühnchen, ſagte Mr. Toots. Das nachgiebige Hühnchen ſpuckte ein Paar kleine Stroh⸗ halme, von denen es genaſcht hatte, aus, und nahm friſche Pro⸗ viſion aus einem Vorrath, den er in der Hand hielt, ein. Giebt's hier bei der Hand nichts zu trinken? ſagte das Hühnchen. So ein Regen iſt ein hartes Ding für einen Mann, der von ſeiner Conſtitution lebt. Capitain Cuttle bot ihm ein Glas Rum an, welches das Hühnchen mit zurückgelegtem Kopfe in ſich hineingoß wie in ein Faß, nachdem er als Toaſt„zur Geſundheit⸗ vorgeſchlagen hatte. Mr. Toots und der Capitain begaben ſich dann wieder ins — 45— 4 Hinterſtübchen, wo, nachdem ſie vor dem Feuer Platz genom⸗ men, Mr. Toots begann: Mr. Gills!— Halt da! ſagte der Capitain. Ich heiße Cuttle. Mr. Toots machte ein ſehr verlegenes Geſicht, während der Capitain mit Würde fortfuhr: Capitain Cuttle iſt mein Name und England iſt meine Nation, dies hier iſt meine Wohnung und geſegnet ſei die Schöpfung— Buch Hiob, fügte der Capitain als Texteita⸗ tion hinzu. O! könnte ich nicht mit Mr. Gills ſprechen? ſagte Mr. Toots; denn— Wenn Sie Sol Gills ſehen könnten, junger Herr, ſagte der Capitain mit Nachdruck und legte ſeine ſchwere Hand auf Mr. Toots' Knie;— ich meine, mit Ihren eigenen Augen, während Sie hier ſitzen, ſollten Sie mir willkommener ſein, als ein Rückenwind einem Schiffe in der Windſtille. Aber Sie können Sol Gills nicht ſehen. Und warum können Sie Sol Gills nicht ſehen? ſagte der Capitain, denn Mr. Toots' Geſicht verrieth, daß er einen ſehr tiefen Eindruck auf dieſen Herrn machte. Weil er unſichtbar iſt! Mr. Toots wollte in ſeiner Aufregung erwidern, daß es nichts auf ſich habe. Aber er beſann ſich eines Beſſern und ſagte: Mein Gott! Dieſer Mann, ſagte der Capitain, hat mir den Laden durch einen Brief übergeben, aber obgleich wir faſt ſo gut waren wie geſchworene Brüder, weiß ich doch eben ſo wenig, wohin oder — 416— 4 warum er gegangen iſt, als Sie ſelbſt. Eines Morgens war er verſchwunden, ſagte der Capitain, ohne Lärm und ohne Spur. Ich habe dieſen Mann hoch oben und tief unten geſucht, und ſeit jener Stunde weder mit Augen noch mit Ohren wieder etwas von ihm gemerkt. Aber mein Gott, Miß Dombey weiß nicht— begann ehe ſie es durchaus erfahren muß? Das liebe Mädchen behandelt den alten Sol mit einer Freundlichkeit, mit einer Herablaſſung, mit einer— doch was ſoll ich es ſagen, Sie kennen ſie ja. Ich ſollte es meinen, lächelte Mr. Toots mit einem bewußt⸗ vollen Erröthen, das ſein ganzes Geſicht überzog. Und Sie kommen von ihr? ſagte der Capitain. Ich ſollte meinen, lächelte Mr. Toots. Dann brauche ich blos zu ſagen, ſagte der Capitain, daß Sie einen Engel kennen und von einem Engel hergeſchickt worden ſind. Mr. Toots ergriff ſogleich des Capitains Hand und bat ſich die Ehre ſeiner Freundſchaft aus. Auf mein Wort und meine Ehre, ſagte Mr. Toots mit Wärme, ich wollte, Sie machten meine nähere Bekanntſchaft. Ich möchte Sie recht ſehr gern kennen lernen, Capitain. Mir fehlt wirklich ein Freund. Der kleine Dombey war mein Freund bei Blimbers und wäre es jetzt noch, wenn er noch lebte. Das Hühnchen, ſagte Mr. Toots ganz leiſe, iſt ganz gut, bewunderns⸗ Mr. Toots. Mein Gott, ich frage Sie als fühlendes Herz, ſagte der Capitain mit leiſerer Stimme, warum ſollten wir es ihr ſagen, —,—2——„ „05 8 85 —— werth in ſeiner Art— vielleicht der pfiffigſte Mann auf der Welt; er kann Alles, ſagen alle Leute— aber ich weiß nicht— er iſt nicht Alles. Sie iſt alſo ein Engel, Capitain. Wenn es einen Engel giebt, ſo iſt es Miß Dombey. Das habe ich immer geſagt. Wahrhaftig, ſagte Mr. Toots, es würde mir ſehr lieb ſein, wenn wir näher mit einander bekannt würden. Capitain Cuttle nahm dieſen Vorſchlag höflich auf, aber ohne ſich durch Annahme deſſelben zu binden, indem er blos be⸗ merkte: Ja ja, mein Jung'; wir werden ſehen, wir werden ſehen; und Mr. Toots durch die Frage, welchem Umſtand er die Ehre dieſes Beſuches verdanke, an den unmittelbaren Zweck ſeiner Miſ⸗ ſion erinnerte. Nun, die Sache iſt, erwiderte Mr. Toots, daß ich von dem Mädchen komme. Nicht von Miß Dombey— von Suſannen, wiſſen Sie. Der Capitain neigte mit ernſtem Geſicht gewichtig den Kopf, zum Zeichen, daß er das Mädchen mit großer Achtung anſehe. Und ich will Ihnen ſagen wie es kam, ſagte Mr. Toots. Sie wiſſen, ich ſtatte manchmal Miß Dombey einen Beſuch ab. Ich gehe nicht abſichtlich hin, wiſſen Sie, aber ich komme ſehr oft zufällig in die Gegend, und wenn ich dort bin, nun— ſo beſuche ich ſie. Natürlich, bemerkte der Capitain. Ja, ſagte Mr. Toots. Ich beſuchte ſie dieſen Nachmittag. Auf meine Ehre, ich glaube, es iſt nicht möglich, ſich nur eine Idee von dem Engel zu machen, der Miß Dombey heute war. Boz. Dombey u. Sohn. VI. 2 — 18ñ— Der Capitain antwortete mit einer Bewegung des Kopfes, um damit anzudeuten, daß es vielen Leuten nicht gleich ſein werde, ihm aber gewiß. Als ich wieder fortging, ſagte Mr. Toots, zog mich das Mädchen auf die allerunerwartetſte Weiſe in die Speiſekammer. Der Capitain ſchien für einen Augenblick dies zu mißbilli⸗ gen und ſah, in ſeinen Stuhl zurückgelehnt, Mr. Toots mit mißtrauiſchem, wenn nicht drohendem Geſicht an. Wo ſie dieſe Zeitung hervorzog, ſagte Mr. Toots. Sie ſagte mir, daß ſie dieſelbe den ganzen Tag vor Miß Dombey verſteckt habe, weil etwas von Jemandem darin ſtehe, der ſie und Miß Dombey etwas anginge; und dann las ſie mir die Stelle vor; ſehr wohl. Dann ſagte ſie— warten Sie einen Augenblick; was ſagte ſie doch! In dem Beſtreben, alle ſeine geiſtigen Kräfte auf dieſe Frage zu concentriren, fixirte Mr. Toots zufällig des Capitains Augen und kam durch ſeinen ſtrafenden Ausdruck ſo außer Faſſung, daß es ihm noch viel ſchwerer wurde, den Faden ſeiner Erzählung wieder aufzunehmen.— O! ſagte Mr. Toots nach langem Ueberlegen. O! A! Ja! Sie ſagte, es ſei doch noch ein Schatten von Möglichkeit vorhanden, daß es nicht wahr ſei; und daß, da ſie nicht gut ſelbſt kommen könnte, ich doch zu Mr. Salomo Gills, dem Op⸗ ticus, des Betreffenden Onkel, gehen und ihn fragen möchte, ob er glaube, daß es wahr ſei, oder ob er in der City etwas Wei⸗ teres gehört hätte. Sie ſagte, wenn ich nicht mit ihm ſprechen — 19— könnte, ſo könnte es gewiß Capitain Cuttle. Apropos! ſagte Mr. Toots, als ob ihm hier ein Licht aufginge, Sie, wiſſen Sie! Der Capitain ſah das Zeitungsblatt in Mr. Toots' Hand an und ſein Athem wurde unruhig und gepreßt. Ich komme etwas ſpät, fuhr Mr. Toots fort, weil ich erſt nach Finchley ging, um für Miß Dombey'’ Canarienvogel einen Strauß ſehr ſchönen Hühnerdarm zu holen, der dort wächſt. Aber ich ging gleich darauf hierher. Sie haben die Zeitung ge⸗ ſehen, glaub' ich. Der Capitain, der mit ſeiner Lectüre ſehr vorſichtig ge⸗ worden war, aus Furcht, ſich von Mrs. Mac Stinger in der Zeitung angezeigt zu finden, ſchüttelte den Kopf. Soll ich Ihnen die Stelle vorleſen? frug Mr. Toots. Auf ein bejahendes Zeichen des Capitains las Mr. Toots Folgendes aus den Schiffsnachrichten: „Southampton. Die Barke Defiance, Capitain Henry James, mit einer Ladung von Zucker, Kaffee und Rum heute hier angelangt, berichtet, daß ſie während einer Windſtille am ſechſten Tage ihrer Heimreiſe von Jamaica unter— ſo und ſo viel Grad Breite, wiſſen Sie, ſagte Mr. Toots, nachdem er einen ſchwachen Angriff auf die Zahlen gemacht hatte und dar⸗ über geſtolpert war. Jal rief der Capitain, und ſchlug mit der geballten Fauſt auf den Tiſch. Vorwärts, mein Jung'. — Breite, wiederholte Mr. Toots mit einem erſchroche⸗ nen Blicke auf den Capitain, und ſo und ſo viel Grad Länge— eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang einige Trüm⸗ 2* 20— mer von einem Wrack auf dem Meere habe treiben ſehen. Da das Wetter klar war und die Barke nicht vorwärts kam, ſo wurde ein Boot ausgeſetzt, um die Fragmente zu unterſuchen. Sie beſtanden aus verſchiedenen großen Spieren und einem Theil des Takelwerks vom großen Maſte einer engliſchen Brigg von etwa 500 Tonnen, nebſt einem Sternbret, auf dem die Worte Sohn und E.— noch deutlich zu leſen waren. Keine Spur einer Leiche war auf dem Wrack zu bemerken. Nach dem Logbuch der Defiance ſprang in der Nacht eine Briſe auf und das Wrack wurde aus dem Geſicht verloren. Es läßt ſich nicht bezweifeln, daß alle Vermuthungen über das Schickſal des ver⸗ mißten Schiffes, der Sohn und Erbe, von London nach Barbados beſtimmt, jetzt für immer berichtigt ſind; daß es in dem letzten Orkan unterging, und daß dabei die ganze Daunſehaſt das Leben verloren hat.“ Wie alle Menſchen ahnte Capitain Cuttle nich, wie viel Hoffnung in ſeiner Entmuthigung lebendig geblieben war, bis er ſie ganz aufgeben mußte. Während ihm dies vorgeleſen wurde und noch eine oder zwei Minuten ſpäter blieb er mit ſtarren Augen wie ein Verzauberter ſitzen, dann ſprang er plötzlich auf, ſetzte den lackirten Hut, den er dem Beſuche zu Ehren auf den Tiſch geſtellt hatte, auf, drehte ſich um und ließ den Kopf auf den kleinen Kaminſims ſinken. Bei meiner Ehre, rief Mr. Toots, deſſen weiches Herz durch des Capitains Schmerz berührt wurde, dieſe Welt iſt doch eine wahre Jammergeſchichte! Jemand ſtirbt immer oder erleidet ſonſt etwas Unangenehmes. Gewiß hätte ich mich nie ———-—— — 21— ſo ſehr gefreut mündig zu werden, wenn ich das gewußt hätte. Ich hab' nie ſo eine Welt geſehen. Sie iſt viel ſchlimmer als Blimbers. Ohne ſeine Stellung zu verändern, gab Capitain Cuttle ſeinem Gaſte ein Zeichen, ſich nicht um ihn zu kümmern; dann drehte er ſich wieder um, den lackirten Hut zurück auf die Ohren geſchoben und mit der Hand das braune Geſicht glättend. Wal', mein lieber Jung, ſagte der Capitain, leb' wohl! Walr, mein Kind, mein Sohn und Mann, ich liebte Dich! Er war nicht von meinem Fleiſch und Blute, ſagte der Capitain, in das Feuer blickend— ich hatte keinen— aber etwas von dem, was ein Vater fühlt bei dem Tode ſeines Sohnes, fühle ich bei Walrs Verluſt. Denn warum? ſagte der Capitain. Weil es nicht Ein Verluſt iſt, ſondern ein ganzes Dutzend. Wo iſt der Schuljunge mit den rothen Backen und dem lockigen Haar, der hier in dieſem Hinterſtübchen ſo luſtig war, jede Woche wiederkehrend wie ein Muſikſtück? Untergegangen mit Walr. Wo iſt der friſche Junge, den nichts müde oder verdrießlich machen konnte und der ſo aufflammte und erröthete, wenn wir mit ihm über Herzenswonne ſcherzten, daß er gar ſchön anzuſehen war? Untergegangen mit Wal'r. Wo iſt dieſer männliche Geiſt, ganz Feuer, wie er den Alten auch nicht eine Minute unter⸗ liegen ſehen wollte und ſich um nichts kümmerte? Untergegangen mit Wal'’r. Es iſt nicht Ein Walter. Ein Dutzend Walters habe ich gekannt und geliebt, die alle an ſeinem Halſe hingen, als er unterſank, und jetzt hängen ſie an meinem! — 22— Mr. Toots ſaß ſtumm da und faltete die Zeitung ſo klein als möglich auf ſeinem Knie zuſammen. Und Sol Gills, ſagte der Capitain in das Feuer blickend, armer, neffenloſer, alter Knabe, wo biſt Du hin? Du warſt in meine Obhut gegeben; ſeine letzten Worte waren: Nehmt Euch meines Onkels an; was fiel Dir ein, Knabe, als Du ohne Ab⸗ ſchied von Ned Cuttle weggingſt; und was ſoll ich Deinetwegen in das Buch ſchreiben, auf das er von oben herab niederblickt? Sol Gills! Sol Gills! ſagte der Capitain mit langſamem Kopfſchütteln, wenn Du das Papier zu Geſicht bekommſt und Niemand bei Dir iſt, der Wal'r gekannt hat, um ein Wort des Troſtes zu Dir zu ſagen, ſo wirft Dich das Wetter um und Du ſinkſt kopfüber unter! Mit einem ſchweren Seufzer wendete ſich der Capitain zu Mr. Toots und erwachte zu einem deutlichen Bewußtſein von dieſes Mannes Gegenwart. Mein Junge, ſagte der Capitain, Sie müſſen dem Mäd⸗ chen offen und ehrlich ſagen, daß dieſe böſe Nachricht nur zu wahr iſt. In ſolchen Sachen erfinden ſie nichts. Es ſteht im Logbuch und das iſt das wahrſte Buch, das ein Menſch ſchreiben kann. Morgen früh, ſagte der Capitain, will ich ausgehen und Erkundigungen einziehen; aber ſie werden zu nichts Gutem führen. Das iſt unmöglich. Wenn Sie Vormittags einmal hier ſein wollen, will ich Ihnen ſagen, was ich gehört habe; aber ſagen Sie dem Mädchen von dem Capitain Cuttle, daß Alles vorbei iſt. Vorbei! Und der Capitain nahm den lackirten Hut vom Kopfe, zog das Taſchentuch aus der Krone deſſelben, rieb ſich ——y—— — 3— verzweifelnd den grauen Kopf und ſchob mit der Gleichgültigkeit tiefen Kummers das Taſchentuch wieder hinein. Ol ich verſichere es Ihnen, ſagte Mr. Toots, es thut mir wirklich recht ſehr leid. Auf mein Wort, es iſt wahr, obgleich ich den jungen Mann nicht gekannt habe. Meinen Sie, daß Miß Dombey ſehr betrübt ſein wird über den Verluſt— Mr. Cuttle, meine ich? 1 Mein Gott, erwiderte der Capitain, mit einigem Miteid über Mr. Toots' Unſchuld, als ſie nicht größer war als ſo, hatten ſie ſich einander lieb wie zwei junge Tauben. Wirklich! ſagte Mr. Toots mit bedeutend verlängertem Geſicht. Sie waren für einander geſchaffen, ſagte der Capitain be⸗ trübt; aber was hat das jetzt zu ſagen! Auf meine Ehre! rief Mr. Toots und ſtotterte ſeine Worte, begleitet von einem ſeltſamen Gemiſch von Rührung und Lachen, heraus, dann thut es mir wirklich noch mehr leid als vorhin. Sie wiſſen, Capitain Gills, ich— ich— bete Miß Dombey geradezu an;— ich— ich— bin ganz unglücklich durch die Liebe— die Leidenſchaft, mit welcher dieſes Bekenntniß aus dem unglücklichen Mr. Toots hervorbrach, zeigte die Heftigkeit ſeiner Empfindungen—; aber was nützte es, wenn ich ſie auf dieſe Weiſe anſähe und mich nicht aufrichtig betrübte, wenn ſie Kummer hat, was auch die Urſache davon ſei! Es iſt keine ſelbſtſüchtige Leidenſchaft, wiſſen Sie, ſagte Mr. Toots, zum Vertrauen auf⸗ gemuntert durch den Umſtand, daß er den Capitain in gerührter Stimmung geſehen. Es iſt ſo weit mit mir, Capitain Gills, — daß, wenn ich mich überfahren oder zu Boden ſtampfen oder von einer großen Höhe herabſtürzen laſſen könnte um Miß Dom⸗ bey's willen, ſo wäre mir das das Angenehmſte auf der Welt. Alles dies ſagte Mr. Toots mit gedämpfter Stimme, damit es nicht zu den eiferſüchtigen Ohren des Hühnchens gelange, der von den ſanfteren Empfindungen des Herzens nichts wiſſen wollte; und dieſe Anſtrengung und die Gewalt ſeiner Empfindungen machte ihn bis über die Ohren erröthen und ſtellte ihn den Augen des Capitains Cuttle als ein ſo rührendes Schauſpiel un⸗ eigennütziger Liebe hin, daß der gute Capitain ihn tröſtend auf den Rücken klopfte und ihn bat, er möge ſich beruhigen. Ich danke Ihnen, Capitain Gills, ſagte Mr. Toots, es iſt ſehr freundlich von Ihnen, in Ihrer eigenen Betrübniß ſo zu ſprechen. Ich bin Ihnen recht ſehr verbunden. Wie ich ſchon vorhin ſagte, ich brauche wirklich einen Freund, und es ſollte mich freuen, mit Ihnen näher bekannt zu werden. Obgleich ich mich recht wohl befinde, ſagte Mr. Toots mit Energie, ſo können Sie ſich doch gar nicht denken, was für ein unglücklicher Menſch ich bin. Der gemeine Haufe, wiſſen Sie, meint, wenn ſie mich mit dem Hühnchen oder ähnlichen ausgezeichneten Männern ſehen, ich ſei glücklich; aber ich bin unglücklich. Ich leide für Miß Dombey, Capitain Gills. Mit meinem Eſſen kann ich nicht fertig werden; an meinem Schneider habe ich keine Freude; wenn ich alleinbin, weine ich oft. Ich verſichere Ihnen, es wird mir Freude machen, morgen ein Mal oder fünfzig Mal wieder hierher zu kommen. Mit dieſen Worten ſchüttelte Mr. Toots dem Capitain die Hand; und die Spuren ſeiner Aufregung ſo viel als möglich vor ——, ͤ— — 25— dem durchdringenden Blick des Hühnchens verbergend, verfügte er ſich wieder zu dieſem hohen Herrn in den Laden. Das Hühn⸗ chen, welches leicht eine Beeinträchtigung ſeiner Herrſchaft über Mr. Toots argwöhnte, ſah Capitain Cuttle, als dieſer von Mr. Toots Abſchied nahm, nicht beſonders günſtig an, folgte aber ſeinem Patron, ohne ſeine Unzufriedenheit weiter an den Tag zu legen. Der Capitain blieb kummerbedrückt zurück, und Rob der Schee⸗ renſchleifer war voller Freude, daß er die Ehre gehabt hatte, faſt eine Stunde lang den Beſieger des großen Nobby Shropſhire One anzugucken. Noch lange, nachdem Rob ſchon auf ſeinem Bett unter dem Ladentiſche feſt ſchlummerte, ſaß der Capitain vor dem Feuer und ſah hinein; und lange nachdem kein Feuer mehr zu ſehen war, ſaß der Capitain noch da und blickte den ſchwarzen Roſt an, be⸗ ſtürmt von nutzloſen Gedanken an Walter und den alten Knaben. Auch in der Kammer unter dem Dache fand er keine Ruhe; mit Schmerz erfüllt und unerquickt ſtand der Capitain am nächſten Morgen wieder auf. Sobald in der City die Läden geöffir waren, begab ſich der Capitain nach dem Comptoir von Dombey and Sohn. Aber die Fenſter des Seecadetten wurden für dieſen Tag nicht geöffnet. Auf des Capitains Befehl blieben die Läden geſchloſſen und das Haus war ein Haus der Trauer. G Zufälligerweiſe erſchien Mr. Carker gerade im Comptoir, als Capitain Cuttle die Thür erreichte. Des Disponenten Gruß ernſt und ſtumm erwidernd nahm ſich Capitain Cuttle die Freiheit, ihn in ſein Cabinet zu begleiten. — 26— Nun, Capitain, ſagte Mr. Carker, indem er ſeine gewöhn⸗ liche Stellung vor dem Kamine einnahm und den Hut aufbehielt, das iſt eine ſchlimme Geſchichte. Sie haben die Nachricht erhalten, die geſtern in der Zeitung ſtand, Sir? ſagte der Capitain. 8 Ja, wir haben die Nachricht erhalten, ſagte Mr. Carker. Es iſt ganz an dem. Die Aſſecurateurs erleiden einen empfind⸗ lichen Verluſt. Es thut uns ſehr leid, Keine Hülſet So iſt das Leben! Mr. Carker beſchnitt ſich die Nägel vorſichtig mit einem Federmeſſer und lächelte den Capitain an, der an der Thür ſtand und ihn anſah. Ich bedaure recht ſehr den armen Gay, ſagte Carker, und die Mannſchaft. Ich höre, es befanden ſich darunter einige unſrer b eſten Leute. So iſt es immer. Auch mehrere Leute mit Fa⸗ milie. Es liegt ein Troſt in dem Gedanken, daß der arme Gay keine Familie hatte, Capitain Cuttle! Der Capitain rieb ſich das Kinn und ſah den Disponenten an. Der Disponent warf einen Blick auf die uneröffneten Briefe, die auf dem Pulte lagen, und nahm eine Zeitung zur Hand. Kann ich etwas für Sie thun, Capitain? ſagte er auf⸗ 4 ſcchauend mit einem lächelnden und ausdrucksvollen Blicke nach 8. der Thür. Ich wollte, Sie könnten mein Gemüth über etwas beruhi⸗ gen, Sir, erwiderte der Capitain. So! rief der Disponent, und worüber wäre das? Ich — 27— muß Sie bitten, Capitain Cuttle, etwas raſch zu machen. Ich bin ſehr beſchäftigt. Hören Sie mich, Sir, ſagte der Capitain und trat einen Schritt weiter vor. Ehe mein Freund Walr dieſe unglückliche Reiſe antrat— Ich bitte Sie, Capitain Cuttle, unterbrach ihn der lachende Disponent, ſprechen Sie nicht auf dieſe Weiſe von unglücklichen Reiſen. Wir haben hier mit unglücklichen Reiſen nichts zu thun, guter Mann. Sie müſſen mit Ihrer täglichen Quantität ſehr früh angefangen haben, lieber Capitain, wenn Sie vergeſſen, daß es auf allen Reiſen, ſowohl zu Waſſer wie zu Lande, Ge⸗ fahren giebt. Sie beunruhigt doch nicht der Verdacht, daß der junge— wie heißt er doch?— unterging in einem Sturme, der auf dieſem Comptoir extra für ihn gebraut wurde? Pfui, Capitain! Ein Paar Stunden Schlaf und Soda⸗Waſſer ſind die beſten Heilmittel für ſolche Unruhe. Mein Jung', erwiderte der Capitain langſam,— Sie ſind faſt ein Junge gegen mich und deshalb bitte ich Sie nicht um Ver⸗ zeihung wegen dieſes Ausdrucks— wenn Ihnen ein ſolches Be⸗ nehmen Spaß macht, ſo ſind Sie nicht der Gentleman, für den ich Sie hielt. Und wenn Sie nicht der Gentleman ſind, für den ich Sie hielt, ſo habe ich vielleicht Urſache beſorgt zu ſein. Nun will ich Ihnen ſagen, was die Sache iſt, Mr. Carker.— Ehe dieſer arme Junge fortging, ſagte er mir, er wiſſe recht wohl, daß es nicht zu ſeinem Nutzen oder ſeiner Beförderung ge⸗ ſchehe. Ich glaubte, er habe Unrecht, und ſagte ihm das und kam hierher, da Ihr oberſter Principal nicht da war, um zu meiner eigenen Befriedigung eine oder ein Paar höfliche Fragen an Sie zu richten. Dieſe Fragen beantworteten Sie mir offen und freiwillig. Nun wird es mir die Seele erleichtern, jetzt, wo Alles vorbei iſt und wo das, was nicht mehr geändert werden kann, ertragen werden muß— was Sie als gelehrter Mann in dem Buche, wo es ſteht, nachſehen und ein Zeichen dabei machen können— noch einmal zu erfahren, daß ich mich nicht irrte; daß ich meine Pflicht nicht verſäumte, als ich dem Alten nicht ſagte, was mir Walter erzählte; und daß ihm der Wind wirklich günſtig war, als er nach Barbados unter Segel ging. Mr. Carker, ſagte der Capitain in ſeiner Gutmüthigkeit, als ich zu⸗ letzt hier war, unterhielten wir uns beide recht gemüthlich. Wenn ich wegen dieſes armen Jungen heute nicht ganz ſo gut gelaunt bin, und mich gereizt gezeigt habe gegen eine Bemerkung, die ich hätte überſehen können, ſo iſt mein Name Edward Cuttle und ich bitte Sie um Verzeihung. Capitain Cuttle, erwiderte der Disponent mit außerordent⸗ licher Höflichkeit, ich muß Sie um eine große Gefälligkeit bitten. Und was wäre das, Sir? frug der Capitain. So gütig zu ſein und zu gehen, erwiderte der Disponent nach der Thür weiſend, und mit Ihrem Kauderwelſch einen andern Ort zu beglücken. Jede Warze in des Capitains Geſicht wurde weiß vor Staunen und Entrüſtung; ſelbſt der rothe Rand an der Stirne erblich wie ein Regenbogen zwiſchen aufſteigenden Wolken. Ich will Ihnen etwas ſagen, Capitain Cuttle, ſagte der Disponent und drohte ihm mit dem Finger, obgleich er immer — 29— noch lächelte; ich war viel zu nachſichtig gegen Sie, als Sie zu⸗ erſt hierher kamen. Sie gehören zu einer hinterliſtigen und frechen Claſſe von Menſchen. Weil ich doch den Jungen, wie hieß er doch, hier wenigſtens nicht fortgejagt ſehen wollte, duldete ich Sie, mein guter Capitain; aber ein Mal und nur ein Mal⸗ Jetzt gehen Sie, Freund! Der Capitain ſtand da wie in den Boden gewurzelt und konnte kein Wort herausbringen. Gehen Sie, ſagte der Disponent immer noch lächelnd, indem er ſeine Rockſchöße zuſammennahm und ſich mit ausgeſpreizten Beinen vor das Kamin ſtellte; als vernünftiger Menſch werden Sie es nicht zum Hinauswerfen oder ähnlichen Gewaltthätig keiten kommen laſſen wollen. Wenn Mr. Dombey hier wäre, Capitain, ſo könnte es Ihnen noch ſchlimmer ergehen. Ich ſage blos, gehen Sie! 3 Der Capitain legte ſeine ſchwere Hand auf die Bruſt, wie um ein ſchweres Aufathmen zu erleichtern, maß Mr. Carker vom Kopf bis zur Zehe und ſah ſich in dem kleinen Zimmer um, als ob er nicht recht wiſſe, wo und bei wem er ſei. Sie ſind ſchlau, Capitain, fuhr Mr. Carker fort mit der leichten und lebhaften Offenheit eines welterfahrenen Mannes, der die Menſchen zu gut kennt, um bei der Entdeckung eines Un⸗ rechts, das ihn nicht unmittelbar berührt, entrüſtet zu ſein, aber Sie ſind nicht ganz undurchdringlich— und auch nicht Ihr ab⸗ weſender Freund, Capitain. Was haben Sie mit Ihrem abwe⸗ ſenden Freunde gethan— nun? Wieder logte der Capitain die Hand auf die Bruſt. Nach⸗ — 30— dem er noch ein Mal tief Athem geholt, beſchwor er ſich,„feſt und ruhig“ zu bleiben. Aber ganz leiſe. Sie hecken hübſche kleine Pläne aus und halten hübſche kleine Berathungen und machen hübſche kleine Beſtellungen und empfangen hübſchen Beſuch, nicht wahr, Capitain? ſagte Carker und ſah ihn mit gerunzelter Stirn an, obgleich er immer noch lächelnd die Zähne zeigte; aber es iſt ziemlich keck, hernach hier⸗ her zu kommen. Das iſt Ihrer Discretion nicht würdig! Ihr Verſchwörer und Heuchler und Ausreißer ſolltet das beſſer wiſſen! Wollen Sie gefälligſt gehen? Mein Jung, brachte endlich der Capitain mit erſtickter und zitternder Stimme heraus, während in ſeiner gewichtigen Fauſt ein ſeltſames Zucken bemerklich war; ich möchte Ihnen noch gar viele Worte ſagen, aber ich weiß in dieſem Augenblicke nicht recht, wo ich ſie hingethan habe. Mein junger Freund Walter iſt in meinen Augen erſt geſtern Nacht ertrunken, und das bringt mich ein bischen außer Faſſung. Aber wenn wir leben bleiben, werden wir ſchon noch ein Mal zuſammenkommen, mein Junge, ſagte der Capitain, ſeinen Haken in die Höhe haltend. Wenn das geſchieht, iſt es nicht beſonders ſchlau von Ihnen, mein guter Capitain, erwiderte der Disponent mit der⸗ ſelben Offenheit; denn Sie können ſich darauf verlaſſen und ich warne Sie ohne Rückhalt, daß ich Sie ertappen und entlarven werde. Ich behaupte nicht moraliſcher zu ſein als meine Nach⸗ barn, mein guter Capitain; aber das Vertrauen dieſes Hauſes oder eines Mitgliedes dieſes Hauſes ſoll nicht gemißbraucht oder untergraben werden, ſo lange ich Augen oder Ohren habe. Guten Morgen! ſagte Mr. Carker mit einem Kopfnicken. Capitain Cuttle ſah ihn feſt an(Mr. Carkers Augen ver⸗ ließen den Capitain ebenſo wenig), entfernte ſich aus dem Comp⸗ toir und ließ ihn vor dem Feuer ſtehen, ſo ruhig und heiter, als als ob auf ſeiner Seele nicht mehr Flecken wären als auf ſeinem reinen weißen Leinen und ſeiner glatten reinen Haut. Als er durch das Comptoir ging, warf der Capitain einen Blick auf das Pult, wo früher der arme Walter geſeſſen und wo jetzt ein anderer Jüngling ſeinen Platz hatte, mit einem Ge⸗ ſicht faſt ſo friſch und hoffnungsreich wie das ſeine an dem Tage, wo ſie die vorletzte Flaſche des alten Madeira's in dem kleinen Hinterſtübchen ausſtachen. Dieſe Erinnerungen wirkten auf den Capitain ſehr wohlthuend; ſie milderten die erſte Heftigkeit ſeines Zornes und brachten Thränen in ſeine Augen. Als der Capitain wieder im hölzernen Seecadetten ange⸗ kommen war und in einer Ecke des dunkeln Ladens ſaß, konnte ſich ſeine Entrüſtung, ſo ſtark ſie war, gegen ſeinen Schmerz nicht behaupten. Leidenſchaft ſchien nicht allein dem Anden⸗ ken des Todten Unrecht und Gewalt zu thun, ſondern auch vom Tod ſelbſt angeſteckt zu werden und von ſeiner Berührung nur zu ſiegen. Alle lebendigen Schurken und Lügner auf der Welt waren nichts gegen die Ehrlichkeit und Wahrheit eines todten Freundes! Das Einzige, was der ehrliche Capitain in dieſem Ge⸗ müthszuſtande klar erkannte, war, daß mit Wals faſt die ganze Welt Capitain Cuttle's untergegangen war. Wenn er ſich N — 32— manchmal bittere Vorwürfe machte, daß er bei Walters unſchul⸗ diger Täuſchung mit geholfen, dachte er mindeſtens ebenſo oft an den Mr. Carker, den kein Meer zurückgeben konnte; und an Mr. Dombey, der ebenſo weit außer dem menſchlichen Bereiche war; und an die„ Herzenswonne“, mit der er nie wieder zu⸗ ſammenkommen dürfte; und an die ſchöne Peg, dieſe teakge⸗ baute und ſchmucke Ballade, die auf einer Klippe geſtrandet und in bloße Breter und Balken von Träumen zerfallen war. Der Capitain ſaß in dem dunkeln Laden und dachte an dieſe Dinge, bis er das ihm widerfahrene Unrecht ganz vergaß; er ſah mit trübem Auge auf den Boden, als ſähe er ihre wirklichen Trüm⸗ mer vor ſich vorüberſchwimmen. Aber der Capitain vergaß bei alle dem nicht, die äußeren Zeichen der Trauer um den Arm und ſo weit es in ſeiner Macht ſtand anzulegen. Sich aufraffend und nachdem er Rob den Scheerenſchleifer geweckt(er war in der unnatürlichen Dämme⸗ rung des Ladens feſt eingeſchlafen), machte ſich der Capitain mit ſeinem Diener hinter ſich und den Thürſchlüſſel in der Taſche nach einem von den Kleiderläden, die am öſtlichen Ende von London ſo zahlreich ſind, auf den Weg, und kaufte dort auf der Stelle zwei Traueranzüge— den einen für Rob den Scheerenſchleifer, der viel zu klein, und den andern für ſich, der viel zu groß war. Für Rob kauſte er auch eine Art Hut, ſehr zu bewundern wegen ſeiner Symmetrie und Nutzbarkeit, ſo wie wegen ſeiner glücklichen Vereinigung des Seemanns⸗ mit dem Kohlenträgercharakter; dieſe Art Hüte heißen gewöhnlich Südweſter und waren etwas ganz Neues im optiſchen Geſchäfte. Die neuen Kleider, welche ———— ,. — 33— der Verkäufer für ſo wunderbar paſſend erklärte, daß nur ein ſeltſames Zuſammentreffen der glücklichſten Umſtände es bewirkt haben konnte, und deren Schnitt im Gedächtniſſe des älteſten Einwohners nicht ſeines Gleichen fand, legten der Capitain und der Scheerenſchleifer ſogleich an und boten der Welt ein Schau⸗ ſpiel dar, welches Alle, die es ſahen, mit Bewunderung erfüllte. In dieſer veränderten Geſtalt empfing der Capitain Mr. Toots. Mirr iſt jetzt das Herz ſchwer, mein Junge, ſagte der Capitain, und ich kann nur die ſchlimme Nachricht beſtä⸗ tigen. Sage dem Mädchen, ſie ſolle es vorſichtig dem Fräulein mittheilen und keine von ihnen ſolle mehr an mich denken, ob⸗ gleich ich an ſie denken werde, wenn die Nacht kommt mit dem Orkane und das Meer bergehoch wogt, was du in deinem Doctor Watts ſuchen kannſt, Bruder, und wenn duss haſt, notiren kannſt. Der Capitain ſparte bis zu einer gelegenen Zeit die Er⸗ wägung von Mr. Toots' Freundſchaftsanerbieten auf und ent⸗ ließ ihn. Capitain Cuttle war in der That ſo niedergeſchlagen, daß er heute entſchloſſen war, ſich gegen einen Ueberfall von Mrs. Mac Stinger nicht weiter vorzuſehen, ſondern ſich ganz dem Zu⸗ fall zu überlaſſen und unbekümmert zu erwarten, was geſchehen werde. Wie der Abend herannahete, trat er jedoch bald in eine beſſere Stimmung und unterhielt ſich viel von Walter mit Rob dem Scheerenſchleifer, deſſen Aufmerkſamkeit und Treue er eben⸗ falls beiläufig rühmte. Rob erröthete nicht bei des Capitains Lobe, ſondern ſtarrte ihn an, heuchelte ein Paar theilnehmende Boz. Dombey u. Sohn. VI. 3 — 34— Thränen und that ſehr tugendhaft und merkte ſich jedes Wort (der kleine Spion!) mit vielverſprechender Heuchelei. Als Rob ſich zu Bett gelegt hatte und feſt ſchlief, putzte der Capitain das Licht, ſetzte die Brille auf— er hatte für paſſend gefunden eine Brille zu tragen, ſeitdem er im optiſchen Geſchäfte war, obgleich ſeine Augen ſcharf wie die eines Falken waren— und ſchlug im Gebetbuche das Begräbnißceremoniell auf. Und indem er es in dem kleinen Hinterſtübchen leiſe vor ſich hin las und dann und wann inne hielt, um ſich die Augen zu wiſchen, beſtattete der Capitain in wahrer und einfacher Weiſe Walters Leiche in dem tiefen Meere. rt Dreiunddreißigſtes Kapitel. Gegenſätze. Wenden wir unſern Blick auf zwei Wohnungen. Sie ſtehen nicht neben einander, ſondern weit von einander entfernt, ob⸗ gleich beide von der großen Stadt London aus leicht zu errei⸗ chen ſind. Die erſte liegt in der grünen und waldigen Gegend bei Norwood. Es iſt kein Schloß; es macht keinen Anſpruch auf Größe, aber es iſt ſchön eingerichtet und geſchmackvoll gehalten. Der weiche, kurze Raſen, der Blumengarten, die Baumgruppen, wo die anmuthigen Geſtalten der Eſche und Weide nicht fehlen, das Conſervatorium, die ſchmuckloſe Veranda mit wohlriechenden Schlingpflanzen um die Pfeiler, das einfache Aeußere des Hau⸗ ſes, die gut geordneten Wirthſchaftsgebäude, obgleich alle in dem verkleinerten Maßſtabe einer bloßen Cottage, laſſen im In⸗ nern einen eleganten Comfort ahnen, der für einen Palaſt hin⸗ reichen könnte. Auch bleibt die Ahnung nicht ungerechtfertigt, denn drinnen iſt es ein Haus der Verfeinerung und des Luxus. . 3⸗ — 36— Ueberall trifft das Auge auf ſchöne vortrefflich zuſammengeſtellte Farben: in den Möbeln, deren Verhältniſſe vortrefflich zu der Geſtalt und Größe der kleinen Zimmer paſſen, an den Wänden, auf dem Fußboden, und ſie färben und dämpfen das Licht, das durch die hier und da angebrachten Glasthüren und durch die Fen⸗ ſter kommt. Auch einige auserleſene Kupferſtiche und Gemälde ſind vorhanden, in Winkeln und Niſchen fehlt es nicht an Bü⸗ chern und auf Tiſchen ſtehen verſchiedene Spiele, wo Geſchick oder Zufall Meiſter ſind— phantaſtiſche Schachfiguren, Wür⸗ fel, Damenbret, Karten und Billardbälle. Und dennoch athmet aus all dieſem reichen Comfort etwas was nicht wohl thut. Sind vielleicht die Teppiche und Kiſſen zu weich und geräuſchlos, ſo daß die, welche ſich darauf bewegen oder ruhen, es verſtohlen zu thun ſcheinen? Liegt es darin, daß die Kupferſtiche und Gemälde nicht große Gedanken oder Thaten feiern, oder die Natur in der Poeſie von Wald, Schloß oder Hütte wiedergeben, ſondern bloße Zuſammenſtellungen von Ge⸗ ſtalt und Farbe ſind und nicht mehr? Oder daß die Bücher all ihr Gold auf der Außenſeite tragen und die Titel der meiſten ſie als geeignete Gefährten der Kupferſtiche und Gemälde verrathen? Oder liegt es darin, daß die Harmonie und Schönheit der Um⸗ gebung hie und da Lügen geſtraft wird durch ein Zurſchautragen von Demuth in irgend einer unbedeutenden Sache, welche ſo falſch iſt wie das Geſicht, wie das nur zu wahr getroffene Por⸗ trait, das dort hängt, oder das Original, das im Lehnſtuhle darunter beim Frühſtück ſitzt? Oder liegt es darin, daß der täg⸗ liche Athem dieſes Originals und Herrn von Allem, was Du hier ſiehſt, ein Theilchen von ihm ſelbſt verbreitet, das Allem ringsum einen vagen Ausdruck von ſich mittheilt? Mr. Carker, der Disponent, ſitzt dort in dem Lehnſtuhle. Ein bunter Papagei in einem glänzend polirten Käfig auf dem Tiſche rüttelt an den Drähten mit ſeinem Schnabel und klimmt im Käfig auf und ab und ſchreit, aber Mr. Carker achtet nicht auf den Vogel und betrachtet mit ſinnendem Lächeln ein Bild an der Wand gegenüber.. Eine außerordentliche Aehnlichkeit durch Zufall, ſagt er. Vielleicht iſt es eine Juno; vielleicht Potiphars Frau; vielleicht eine ſpröde Nymphe— je nachdem die Gemäldehänd⸗ ler den Markt geſtimmt fanden, als ſie es tauften. Es iſt ein Weib, wunderbar ſchön, das weggehend mit ſtolzem, flammen⸗ dem Blick ſich gegen den Beſchauenden zurückwendet. Es gleicht Edith. Mit einer Handgeberde gegen das Gemälde— wie! eine Drohung? Nein! aber etwas Aehnliches. Ein triumphirendes Frohlocken? Nein; aber das noch eher. Ein frecher Kuß, ge⸗ ſendet von ſeinen Lippen? Nein; aber auch dem ähnlich— be⸗ ſchäftigt er ſich wieder mit ſeinem Frühſtück und ruft dem erzürn⸗ ten und eingeſperrten Vogel zu, der ſich jetzt zu ſeiner Unterhal⸗ tung in einem großen vergoldeten Ringe in dem Käſig ſchaukelt. Die zweite Wohnung liegt auf der andern Seite von Lon⸗ don, dort wo die belebte große Nordſtraße früherer Zeit jetzt ſtill und faſt verlaſſen iſt, außer von den Wenigen, die zu Fuß rei⸗ ſen. Es iſt ein kleines ärmliches Haus, kärglich ausgeſtattet, aber ſehr reinlich, und in den beſcheidenen Blumen an der Laube — 38— über der Thür und in dem kleinen Gärtchen zeigt ſich ſelbſt ein Bemühen, es zu verzieren. Die Umgebung hat ſo wenig Em⸗ pfehlendes vom Lande wie von der Stadt. Sie iſt weder länd⸗ lich noch ſtädtiſch. Die Stadt hat, wie ein Rieſe mit ſeinen Siebenmeilenſtiefeln, einen Schritt darüber hinaus gemacht und hat ihren Ziegel⸗ und Kalkfuß eine große Strecke weiter nieder⸗ geſetzt; aber der Raum bis zu dem Fuße des Rieſen iſt bis jetzt nur verkümmerte Wieſe und nicht Stadt, und hier unter ein paar hohen Eſſen, die Tag und Nacht Rauch ſpeien, und zwi⸗ ſchen Ziegelöfen und Heckengängen, wo Raſen ausgeſtochen wird, und wo die Einfriedigung vermorſcht, und wo ſtaubige Neſſeln wachſen und hie und da noch ein Reſt Hecke zu ſehen iſt, und wo der Vogelſteller noch manchmal erſcheint, obgleich er jedesmal ſchwört, nie wieder hinzukommen, ſteht das andere Haus. Die es bewohnt, iſt Dieſelbe, welche das erſte aus hinge⸗ bender Liebe zu einem verſtoßenen Bruder verließ. Mit ihr verſchwand aus jenem Hauſe ſein verſöhnender Geiſt und aus der Bruſt ſeines Herrn deſſen einſamer Engel; denn obgleich ſeine Liebe zu ihr nach dem undankbaren Streich, wie er es nennt, erloſchen iſt, und obgleich er ſie zur Vergeltung auch ver⸗ läßt, hat ſogar er ihr altes Bild noch nicht ganz vergeſſen. Das bezeugt ihr Blumengarten, in den er nie ſeinen Fuß ſetzt, der aber doch mit aller ſeiner koſtſpieligen Veränderung erhalten wird, als ob ſie ihn geſtern erſt verlaſſen hätte. Harriet Carker hat ſich ſeitdem verändert und über ihre Schönheit iſt ein dunklerer Schatten gefallen, als ſelbſt die Zeit, ſo allmächtig ſie iſt, ohne Beiſtand verbreiten kann— der Schat⸗ .—. 4 — 39— ten des Kummers und der Sorge und des täglichen Ringens um ein ärmliches Leben. Aber noch iſt es Schönheit, eine ſanſte, ſtille und beſcheidene Schönheit, die aufgeſucht werden muß, denn ſie kann ſich nicht zur Schau tragen; wenn ſie es könnte, wäre ſie was ſie iſt und nicht mehr. Ja; dieſe kleine geduldige Geſtalt, nett gekleidet in grobe Stoffe und nichts verrathend als die gemeinen häuslichen Tu⸗ genden, die ſo wenig mit dem einmal angenommenen Begriff von Heroismus und Größe zu thun haben, außer wenn ein Strahl von ihnen zufällig durch das Leben eines der Großen der Erde ſchimmert, wo er dann ſogleich einen Stern bildet und in den Himmel verſetzt wird— ja, dieſe kleine geduldige Geſtalt, die ſich auf den noch jungen, aber ſchon ergrauten Mann ſtützt, iſt ſeine Schweſter, die Einzige in der Welt, die bei ihm aushielt in ſeiner Schande und ihm die Hand reichte und mit lieblicher Faſſung und Entſchloſſenheit ihn hoffend ſeinen öden Weg führte. Es iſt noch zeitig, John, ſagte ſie. Warum gehſt du ſo zeitig? Nicht viel früher als gewöhnlich, Harriet. Wenn ich Zeit übrig habe, möchte ich— es iſt ſo eine Grille— noch einmal an dem Hauſe vorbeigehen, wo ich von ihm Abſchied nahm. Ich wollte, ich hätte ihn geſehen oder gekannt, John. Es iſt beſſer, wie es iſt, Liebe, wenn man an ſein Schick⸗ ſal denkt. Aber ich könnte ihn nicht mehr beklagen, wenn ich ihn ge⸗ kannt hätte, ſagte ſie. Iſt nicht dein Schmerz auch meiner? und — 40— hätte ich ihn gekannt, ſo machte es dir vielleicht noch mehr Freude als jetzt, mit mir von ihm zu reden. Beſte Schweſter! giebt es eine Freude oder einen Schmerz, wo ich deiner Theilnahme nicht ſicher wäre? Ich hoffe, du glaubſt es nicht, John, denn ſicherlich giebt es keine! Wie könnteſt du mir auch in dieſer oder jeder andern Sache noch näher ſtehen! ſagte der Bruder. Ich fühle, daß du ihn kannteſt, Harriet, und daß du meine Gefühle gegen ihn theilteſt. Sie umfaßte ihn mit dem Arm, welcher auf ſeiner Schulter geruht hatte, und antwortete mit einigem Zögern: Nein, nicht ganz. Richtig, richtig! ſagte er. Du meinſt, es hätte nichts ge⸗ ſchadet, wenn ich geſtattet hätte, daß er mich beſſer kennen lernte? Ich meinte! ich weiß es. Ach, antwortete der Andere mit traurigem Kopfſchütteln, ſein Ruf war zu koſtbar, um durch ſolch eine Geſellſchaft gefähr⸗ det werden zu dürfen. Ob du nun gleicher Meinung biſt oder nicht, Liebe— Ich bin es nicht, ſagte ſie ruhig. So iſt es dennoch wahr, Harriet, und ich fühle mich er⸗ leichtert, wenn ich wegen deſſen, was mich damals ſo ſehr be⸗ kümmerte, an ihn denke. Er brach jetzt das traurige Geſpräch ab und ſagte zu ihr mit einem Lächeln: Leb' wohl! Leb' wohl, lieber John! Abends zur gewöhnlichen Stunde ——y—,, — 1— und am gewöhnlichen Ort treffe ich dich auf dem Nachhauſewege. Leb' wohl! Das herzige Geſicht, das ſie ihm zum Kuß bot, war ſeine Heimath, ſein Leben, ſein Alles, und dennoch war es auch ein Theil ſeiner Strafe und ſeines Schmerzes; denn in der Wolke, die er darauf erblickte— obgleich ſo rein und ruhig wie die hellſte Wolke bei Sonnenuntergang— und in ihrer Standhaf⸗ tigkeit und Hingebung und in dem Opfer, welches ſie ihm ge⸗ bracht, ſah er die bittere Frucht ſeines alten Verbrechens beſtän⸗ dig reif und friſch. Sie blieb an der Thür ſtehen und ſah ihm nach, wie er fortging über den halbüberraſeten und unebenen Fleck vor ihrem Hauſe, wo einſt(und es war nicht ſehr lange her) eine ſchöne Wieſe geweſen war, und wo jetzt ein wüſter Fleck war mit einem unordentlichen Haufen von halbfertigen ſchlechten Häuſern, die aus dem Schutt und Abraume emporſtiegen, als wären ſie mit ungeſchickter Hand dort geſäet. Wenn er ſich umſah,— was er ein⸗ oder zweimal that,— ſchien ihr herziges Geſicht wie ein Licht auf ſein Herz; aber wenn er ſeinen Weg fortſetzte und ſie nicht ſah, da traten ihr die Thränen in die Augen, wenn ſie ihm nachblickte. Sie blieb nicht lange unthätig an der Thür ſtehen. Sie hatte ihre täglichen Pflichten zu erfüllen und ihre tägliche Arbeit zu verrichten— denn dieſe proſaiſchen Seelen, die nicht heroiſch ſind, arbeiten oft angeſtrengt mit ihrer Hand— und Harriet war bald ganz verſunken in ihre häusliche Arbeit. Nachdem dieſe verrichtet war und das ärmliche Haus ganz nett und ordentlich 42 daſtand, zählte ſie mit beſorgtem Geſicht ihre kleine Baarſchaft und ging gedankenvoll aus, um einige Lebensnothwendigkeiten zu kaufen, unterwegs immer nachſinnend, wie ſie ſparen könne. So jämmerlich iſt das Leben dieſer niedrigen Naturen, die nicht nur keine Helden vor ihren Kammerdienern oder Kammerfrauen ſind, ſondern auch keine Kammerdiener oder Kammerfrauen ha⸗ ben, vor denen ſie Helden ſein könnten! Während ſie fort und Niemand im Hauſe war, näherte ſich demſelben von der andern Seite ein Herr, vielleicht ein ganz klein wenig über die Blüthe des Mannesalters hinaus, aber von geſundem, friſchem Geſicht, geradem Weſen und freundlichem und gutmüthigem Ausſehen. Die Augenbrauen waren noch ſchwarz und auch das Haar ſo ziemlich; das Gemiſch von Grau, das man in letzterem bemerkte, kam den erſteren ſehr zu gute und hob ſeine breite offene Stirn und ſeine ehrlichen Augen ſehr vortheilhaft hervor. Nachdem er einmal an die Thür geklopft hatte, ohne Ant⸗ wort zu erhalten, ſetzte er ſich auf eine Bank unter der Laube, um zu warten. Die gewandten Bewegungen ſeiner Finger, wie er eine Melodie ſummte und den Takt dazu ſchlug, ſchienen den Muſiker zu verrathen, und die außerordentliche Selbſtzufrieden⸗ heit, mit der er etwas ſehr Langſames und Langes ſummte, was keine bekannte Melodie war, ſchien den Componiſten anzukündigen. So war er noch beſchäftigt, als Harriet wieder zurückkam. Er ſtand auf, als ſie ſich näherte, und zog den Hut. Sie ſind wieder da, Sir! ſagte ſie ſtockend. — 13ñ— Ich nehme mir die Freiheit, antwortete er. Wollen Sie mir fünf Minuten Ihrer koſtbaren Zeit erlauben? Nach einigem Zögern öffnete ſie die Thür und ließ ihn in das kleine Wohnzimmer treten. Dort ſetzte ſich der Herr, zog ſeinen Stuhl an den Tiſch ihr gegenüber und ſagte mit einer Stimme, die ſeinem Aeußern vollkommen entſprach, und mit einer ſehr einnehmenden Einfachheit: Miß Harriet, Sie können nicht ſtolz ſein. Sie ſagten es mir neulich, als ich hier war. Verzeihen Sie mir, wenn ich ſage, daß ich Ihnen ins Geſicht ſah, während Sie redeten, und daß es Ihnen widerſprach. Ich ſehe jetzt wieder Ihr Geſicht, fügte er hin⸗ zu und legte ſeine Hand einen Augenblick auf ihren Arm, und es widerſpricht Ihnen mehr und mehr. Sie war etwas verwirrt und aufgeregt und konnte nicht gleich eine Antwort finden. Es iſt der Spiegel der Wahrheit und Güte, ſagte der Fremde; verzeihen Sie, wenn ich ihm vertraue und wiederkomme. Die Art und Weiſe, in der er dieſe Worte ſprach, nahm ih⸗ nen ganz den Charakter eines Compliments. Sie war ſo einfach, ernſt, unaffeetirt und aufrichtig, daß ſie ſich verneigte, als wollte ſie ihm zugleich danken und ſeine Aufrichtigkeit anerkennen. Der Unterſchied unſeres Alters, ſagte der Herr, und die Offenheit meines Auftretens erlauben mir, hoffe ich, aufrichtig zu ſein. Es iſt meine aufrichtige Meinung und ſo ſehen Sie mich zum zweiten Male. — 2— Es giebt eine Art Stolz, Sir, erwiderte ſie nach einigem Schweigen, oder was man für Stolz halten kann und was bloße Pflicht iſt. Ich hoffe, ich hege keinen anderen. Ihretwegen, ſagte er. Meinetwegen. Aber— verzeihen Sie— ſagte der Herr, Ihres Vrudens John wegen? Ich bin ſtolz auf ſeine Liebe, ſagte Harriet und ſah den Fremden voll an und nahm ſogleich ein anderes Benehmen an — nicht etwa, daß ſie ſich weniger gefaßt oder ruhiger gezeigt hätte, aber in ihrem ganzen Weſen war jetzt ein tiefer und inniger Ernſt, der ſelbſt das Zittern iorer Stimme zu einem Theil ihrer Feſtigkeit machte— und ich bin ſtolz auf ihn. Sie kennen merk⸗ würdigerweiſe die Geſchichte ſeines Lebens und wiederholten ſie mir, als Sie zuletzt hier waren— Blos damit Sie mir Vertrauen ſchenken ſollten, unterbrach ſie der Herr. Um des Himmels willen, glauben Sie ja nicht— Ich bin überzeugt, ſagte ſie, Sie wiederholten ſie nur in meiner Gegenwart, in wohlwollender und guter Abſicht. Ich bin feſt davon überzeugt. Ich danke Ihnen, erwiderte der Fremde und drückte ihr haſtig die Hand. Ich bin Ihnen ſehr verbunden. Sie laſſen mir Gerechtigkeit widerfahren, ich verſichere es Ihnen. Sie wollten eben ſagen, daß ich, der ich John Carker's Lebensgeſchichte kenne— Daß Sie es für Stolz halten können, wenn ich ſage, daß ich ſtolz auf ihn bin, fuhr ſie fort. Ich bin es. Sie wiſſen, es war — 45— eine Zeit, wo ich es nicht war, wo ich es nicht ſein konnte, aber das iſt vorüber. Die Demuth vieler Jahre, die ſtumme Buße, die wahre Reue, der Schmerz, den er ſelbſt über meine Liebe fühlt, welche, ſo meint er, mir viel gekoſtet hat, obgleich der Himmel weiß, daß ich glücklich wäre ohne ſeinen Kummer!— O, Sir! nach dem, was ich geſehen, beſchwöre ich Sie, wenn Sie einſt Gebieter ſind, legen Sie für kein Unrecht eine Strafe auf, die nicht wieder gutgemacht werden kann, ſo lange es noch einen Gott giebt, der die Herzen derer, welche er geſchaffen hat, verändert. Ihr Bruder iſt ein anderer Mann, erwiderte der Herr theil⸗ nehmend, ich verſichere Ihnen, ich zweifle nicht daran. Er war ein anderer Menſch, als er Unrecht that, ſagte Harriet. Er iſt wieder ein anderer Menſch und t jetzt ſein rech⸗ tes Selbſt, glauben Sie mir. Aber wir gehen unſeren alten ausgetretenen Pfad Tag für Tag und können dieſen Veränderungen nicht folgen, ſagte der Fremde, ſich zerſtreut die Stirn reibend und dann gedankenvoll anf den Tiſch trommelnd. Sie ſind— ſo etwas Metaphyſiſches. Wir— wir haben nicht die Muße dazu. Sie werden nicht auf Schulen und Univerſitäten gelehrt und wir wiſſen nicht, wie wir damit umgehen ſollen. Mit einem Wort, wir ſind ſo verwünſcht proſaiſch und philiſterhaft, ſagte der Herr und ging ans Fenſter und wieder zurück und ſetzte ſich wieder in großer Unzufriedenheit und Verlegenheit. Ich bin überzeugt, ſagte der Herr, indem er ſich wieder die Stirn rieb und wie vorhin auf den Tiſch trommelte, ich habe gu⸗ ten Grund zu glauben, daß ein ſich Tag für Tag gleichbleibendes — 46— Leben uns mit Allem verſöhnen könnte. Man ſieht nichts, man hört nichts, man weiß nichts; ſo viel iſt ſicher. Wir nehmen Alles als ausgemacht an, und ſo leben wir fort, bis wir Alles, was wir thun, Gutes, Schlechtes oder Gleichgültiges, aus bloßer Gewohn⸗ heit thun. Blos die Gewohnheit werde ich vorſchützen können, wenn mich auf dem Todtenbette das Gewiſſen zur Rechenſchaft zieht.„Gewohnheit,“ ſage ich;„ich war in tauſend Dingen taub, ſtumm und blind aus Gewohnheit.“„Ganz gut für einen Ge⸗ ſchäftsmann, Herr So und So,“ ſagt das Gewiſſen,„aber hier kommen wir damit nicht aus!“ 4 Der Herr ſtand auf und ging wieder ans Fenſter und zu⸗ rück: offenbar ſehr unruhig, obgleich er ſeine Unruhe auf dieſe eigenthümliche Weiſe ausdrückte. Miß Harriet, ſagte er und nahm wieder Platz, ich wollte, Sie erlaubten mir Ihnen in etwas zu dienen. Sehen Sie mich an! Ich muß ehrlich ausſehen, denn ich weiß, ich bin es. Sehe ich ehrlich aus? Ja, antwortete ſie mit einem Lächeln. Ich glaube jedes Wort was Sie geſagt haben, fuhr er fort. Ich mache mir beſtändig Vorwürfe, daß ich alles dieſes ſeit zwölf Jahren hätte wiſſen und ſehen und Sie kennen können. Ich weiß kaum, wie ich überhaupt hieher gekommen bin— ich, ein Ge⸗ ſchöpf nicht blos meiner, ſondern auch anderer Gewohnheit! Aber da es einmal geſchehen iſt, ſo laſſen Sie mich etwas thun. Ich bitte Sie mit aller Verehrung und Hochachtung. Sie flößen mir Beides im höchſten Grade ein. Laſſen Sie mich etwas thun. Wir ſind zufrieden, Sir. n 3 r & — 1417— Nein, nein, nicht ganz, erwiderte der Fremde. Ich glaube, nicht ganz. Es giebt noch manche kleine Bequemlichkeiten, die Ihnen und ihm das Leben angenehmer machen könnten. Und auch Ihnen! wiederholte er, in der Meinung einen Eindruck auf ſie gemacht zu haben. Ich war gewöhnt zu denken, daß nichts weiter für ihn zu thun ſei; daß Alles abgemacht und vorüber ſei; kurz, überhaupt nicht an ihn zu denken. Das iſt jetzt anders. Laſſen Sie mich etwas für ihn thun. Auch Sie, ſagte der Fremde mit vorſichtigem Zartgefühl, müſſen ſeinetwegen Ihre Geſundheit in Acht nehmen, und ich fürchte, ſie wankt. Wer Sie immer ſein mögen, Sir, antwortete Harriet und ſah ihn an, ich bin Ihnen auf das Innigſte dankbar. Ich bin überzeugt, daß Sie mit Allem, was Sie ſagen, uns nur Gutes thun wollen. Aber ſchon ſeit Jahren führen wir dieſes Leben; und meinem Bruder einen Theil deſſen, was ihn mir werth ge⸗ macht und ſeinen beſſern Entſchluß ſo bewieſen hat, entziehen, ein Theilchen des Verdienſtes ſeiner ununterſtützten, verborgenen und vergeſſenen Buße und Sühne, das hieße den Troſt verklei⸗ nern, der die Erinnerung daran für uns ſein wird, wenn die Zeit, von der Sie eben ſprachen, dereinſt kommen wird. Ich danke Ih⸗ nen mit dieſen Thränen beſſer, als mit Worten. Ich bitte Sie, glauben Sie es mir. Der Herr war gerührt und drückte die dargebotene Hand an die Lippen, faſt wie ein zärtlicher Vater die Hand eines ge⸗ horſamen Kindes küſſen würde. Aber mit mehr Ehrfurcht. Wenn der Tag einſt kommen ſollte, ſagte Harriet, wenn er der Stellung, die er verloren hat, wiedergegeben iſt— — 48— Wiedergegeben! rief der Herr haſtig. Wie wäre das zu hoffen, in weſſen Hand liegt die Macht dazu? Ich irre mich gewiß nicht, wenn ich meine, daß das ſtille Glück ſeines jetzigen Lebens eine Urſache der Feindſchaft iſt, mit der ſein Bruder ihn betrachtet. Sie berühren einen Gegenſtand, den wir nie gegen einander erwähnen; ſelbſt wir nicht, ſagte Harriet. Ich bitte um Verzeihung, ſagte der Fremde. Ich hätte es wiſſen ſollen. Ich bitte Sie zu vergeſſen, daß ich es unabſicht⸗ lich berührte. Und jetzt, da ich Sie nicht länger drängen darf— da ich nicht recht weiß, ob ich ein Recht dazu habe,— und ſelbſt dieſer Zweifel iſt vielleicht Gewohnheit, ſagte der Fremde und rieb ſich rathlos die Stirn, geſtatten Sie mir, obgleich ich ein Fremder und doch wieder kein Fremder bin, um zweierlei zu bitten. Und dies wäre? feug ſie. Das Erſte, daß, wenn Sie Veranlaſſung finden ſollten, Ihren Entſchluß zu ändern, Sie mir geſtatten, Ihre rechte Hand zu ſein. Dann ſoll Ihnen mein Name zu Dienſten ſtehen; jetzt iſt er unnütz und immer unwichtig. Unſere Auswahl an Freunden, antwortete ſie mit einem trüben Lächeln, iſt nicht ſo groß, daß ich lange zu überlegen brauchte. Das kann ich verſprechen. Das Zweite, daß Sie mir manchmal erlauben, wir wollen ſagen jeden Montag Morgen um neun Uhr— wieder Gewohn⸗ heit, ich muß Alles Aienaeeraie— ſagte der Herr mit einer komiſchen Neigung, ſich ſelbſt darüber auszuſchelten,— Sie beim Vorbeigehen an der Thür 12 am Fenſter zu ſehen. Ich — 49— verlange nicht eintreten zu dürfen, da um dieſe Zeit Ihr Bruder ſchon fort iſt. Ich verlange nicht Sie zu ſprechen. Ich wünſche blos zu meiner eigenen Beruhigung mich zu überzeugen, daß Sie geſund ſind, und Sie ohne Zudringlichkeit durch meinen Anblick zu erinnern, daß Sie einen Freund haben— einen ältlichen Freund, der ſchon ergraut iſt und alle Tage mehr ergraut— über den Sie immer verfügen können. Das herzige Geſicht ſah ihn an, vertraute ihm und ver⸗ ſprach. Sie beabſichtigen wahrſcheinlich, ſagte der Herr und ſtand auf, meinen Beſuch nicht gegen John Carker zu erwähnen, damit ihm meine Bekanntſchaft mit ſeiner Lebensgeſchichte nicht wehe thue. Mich freut das, denn es liegt nicht im gewöhnlichen Lauf der Dinge und— wieder Gewohnheit! ſagte der Herr und unter⸗ brach ſich ungeduldig, als wenn es nichts Beſſeres gäbe, als den gewöhnlichen Weg! Mit dieſen Worten wendete er ſich nach der Thür, ging baarhäuptig bis unter die kleine Laube und verabſchiedete ſich von hier mit einer ſo glücklichen Miſchung von rückhaltloſer Verehrung und ungeheuchelter Theilnahme, wie keine Erziehung lehren und nur ein reines und einfaches Herz ausdrücken kann. Manche halb vergeſſene Empfindungen weckte dieſer Beſuch in der Seele der Schweſter. Seit ſo langer Zeit hatte kein Gaſt ihre Schwelle überſchritten; ſeit ſo langer Zeit hatte keine Stimme der Theilnahme melancholiſch in ihr Ohr getönt, daß Stunden nachher noch, wie ſie nähend im Fenſter ſaß, des Fremden Geſtalt Boz. Dombey u. Sohn. VI. 4 — 60— vor ihr ſtand und ſeine Worte ihr in die Ohren klangen. Er hatte die Feder berührt, die ihr ganzes Leben in Bewegung ſetzte; und wenn ſie ihn auf kurze Zeit aus den Augen verlor, ſo ver⸗ ſchwand er blos unter den vielen Geſtalten der einen großen Er⸗ innerung, aus welcher dies Leben beſtand. Abwechſelnd nachdenkend und arbeitend, jetzt ſich zwingend lange Zeit fleißig zu nähen, und jetzt die Arbeit achtlos in den Schooß fallen laſſend und ihren geſchäftigen Gedanken folgend, ſah Harriet Carker die Stunden und den Tag dahinſchwinden. Der Morgen, welcher hell und klar geweſen war, wurde allmälig trübe; ein ſcharfer Wind erhob ſich; ein heftiger Regen ſtellte ſich einz ein dunkler Nebel hing über der fernen Stadt und verhüllte ſie den Augen. In ſolchem Wetter ſah ſie mit Theilnahme die einſamen Wanderer, welche auf der Heerſtraße ſich London näherten und die müde und wund und ſcheu die Rieſenſtadt vor ſich betrachteten, als ahnten ſie, daß ihr Elend nur wie ein Waſſertropfen im Meere oder ein Sandkorn am Ufer ſein werde, das Haupt zitternd vor dem zornigen Sturme beugten und ausſahen, als ob ſelbſt die Elemente ſie verſtießen. Jeden Tag ſchlichen ſolche Reiſende vorüber, aber immer, ſo ſchien es ihr, in Einer Richtung— immer nach der Stadt. Verſchlungen von dem einen oder dem andern Theile ihrer Unendlichkeit, nach der ſie eine unwiderſtehliche Zau⸗ bermacht zu treiben ſchien, kehrten ſie nie zurück. Futter für die Hospitäler, die Kirchhöfe, die Gefängniſſe, den Fluß, das Fieber, den Wahnſinn, das Laſter und den Tod, gingen ſie dem Unge⸗ heuer, das in der Ferne grollte, entgegen und waren verloren. „ 29 Der rauhe Wind heulte und der Regen ſtrömte nieder und der Tag ging in düſtere Dämmerung über, als Harriet, wie ſie zufällig einmal von der lange fortgeſetzten Arbeit aufblickte, einen dieſer Wanderer kommen ſah. Ein Weib. Ein einzelnes Weib von etwa dreißig Jahren; ſchlank, wohlgeſtaltet, hübſch; mit den Spuren von mancher Land⸗ ſtraße in wechſelndem Wetter— Staub, Lehm, Thon, Sand— auf dem grauen Rock, der jetzt von Regen ſtrömte; ohne Hut oder Mütze, nichts zum Schutze des vollen ſchwarzen Haares als ein zerriſſenes Taſchentuch, deſſen flatternde Enden ſo wie das Haar der Wind ihr vor das Auge wehte, ſo daß ſie oft ſtillſtehen mußte, um ſie zurück zu ſtreichen und auf ihren Weg zu ſehen. Sie that dies eben als Harriet ſie erblickte. Wie ihre Hände, an der ſonnenverbrannten Stirn beginnend, über das Geſicht ſtrichen und das verhüllende Haar zurückwarfen, ſah man ein Antlitz von trotziger und unbewußter Schönheit; ein furchtloſes und verderbtes Gleichgültigſein gegen mehr als das Wetter; ein Unbekümmert⸗ ſein um das, was Himmel oder Erde auf ihr bloßes Haupt wer⸗ fen könnte, was neben ihrem Elend und ihrer Einſamkeit das Herz der Schweſter rührte. Sie dachte an Alles, was in ihrem Innern ſo gut wie an ihrem Aeußern verderbt und erniedrigt war, an die züchtige Anmuth der Seele, die wie die Schönheit ih⸗ res Leibes verhärtet und erſtarrt war; an die vielen Gaben des Schöpfers, die dem Winde preisgegeben waren wie das wildflie⸗ gende Haar; an dieſe ſchöne Ruine, um welche der Sturm wehte und der die Nacht nahte. 4* * ———ͤſ — 52— Während ſie ſo dachte, wendete ſie ſich nicht ab mit zartfüh⸗ lender Entrüſtung— wie zu viele ihres mitleidigen und weich⸗ herzigen Geſchlechts nur zu oft thun— ſondern bemitleidete ſie. Ihre gefallene Schweſter kam näher. Sie ſchaute weit hinaus vor ſich hin, ſuchte mit begierigen Augen den Nebel zu durchdringen, der die Stadt verhüllte, und ſchaute ſich dann und wann mit dem verwirrten und ungewiſſen Blick einer Frem⸗ den um. Obgleich ihr Schritt feſt und muthig war, mußte ſie doch müde ſein, denn nach einem Augenblick der Unentſchloſſenheit ſetzte ſie ſich auf einen Steinhaufen, ohne Schutz vor dem ſtrö⸗ menden Regen zu ſuchen. Sie ſaß dem Hauſe gegenüber; und wie ſie iör Haupt er⸗ hob, nachdem ſie es einen Augenblick in beiden Händen hatte ru⸗ hen laſſen, begegnete ihr Auge dem Harriets. Einen Augenblick ſpäter ſtand Harriet an der Thür; und die Andere, auf ihren Wink aufſtehend, kam langſam, aber mit keinem freundlichen Blick auf ſie zu. Warum ruht ihr im Regen aus? fragte Harriet ſanft. Weil ich keinen andern Ruheplatz habe, war die Antwort. Aber es iſt noch mancher Platz in der Nähe, der Schutz bie⸗ tet. Dieſer hier, ſetzte ſie hinzu, auf die Bank in der Laube deu⸗ tend, iſt beſſer als der, wo ihr ſaßet. Die Wandernde ſah ſie an, halb zweifelnd und halb ſtau⸗ nend, aber mit keinem Zug von Dankbarkeit auf dem Geſicht. Darauf ſetzte ſie ſich und zog einen der zerriſſenen Schuhe aus, um den Sand und die Steine herauszuſchütten. Dadurch zeigte ſich, daß ihr Fuß verletzt war und blutete. — 53— Harriet ließ einen Ausruf des Mitleids hören, aber die Rei⸗ ſende blickte mit verächtlichem und ungläubigem Lächeln auf. Nun, was iſt für Leute wie ich ein verletzter Fuß! ſagte ſie. Und was kümmert Leute wie Sie ein verletzter Fuß bei Leuten wie ich! Kommt herein und waſchet ihn, antwortete Harriet mit Sanftmuth, und ich will euch etwas geben um ihn zu verbinden Die Frau ergriff ihren Arm, drückte ihn an ihre Augen und weinte. Nicht wie ein Weib, ſondern wie ein ernſter Mann, den eine ſolche Schwäche überfällt; mit krampfhafter Bewegung der Bruſt und heftigem Ringen nach Faſſung, welche zeigten, wie un⸗ gewöhnlich ihr eine ſolche Bewegung war. Sie ließ ſich in das Haus führen und wuſch und verband die wunde Stelle, offenbar mehr aus Dankbarkeit, als aus Sorge für ſich. Dann ſetzte ihr Harriet die Reſte ihres eigenen beſchei⸗ denen Mittagsmahls vor, und als ſie, wenn auch ſpärlich, davon gegeſſen, bat ſie die Fremde, ehe ſie weiter ginge, die Kleider am Feuer zu trocknen. Auch diesmal mehr aus Dankbarkeit als mit Darlegung von Sorge für ſich ſelbſt ſetzte ſie ſich vor das Feuer, band das Taſchentuch vom Kopf, ließ ihr volles naſſes Haar bis über den Gürtel herabfallen und trocknete es mit der Hand, wäh⸗ rend ſie in die Flamme ſah. Ihr denkt gewiß, daß ich einmal ſchön geweſen ſei, ſagte ſie plötzlich aufblickend. Ich glaube ich war es— ich weiß es⸗ Seht her! Sie hob ihr Haar ungeſtüm mit beiden Händen in die Höhe und packte es an, als hätte ſie es ausreißen mögen; dann ließ ſie es fallen mit gewaltſamer Geberde, als wären es Schlangen. — 5— Seid ihr fremd hier? frug Harriet. Fremd! erwiderte ſie, zwiſchen jeder kurzen Antwort inne⸗ haltend und in das Feuer ſchauend— ja. Seit zehn oder zwölf Jahren fremd. Ich hatte keinen Kalender, wo ich war. Zehn oder zwölf Jahr. Ich kenne dieſe Gegend nicht. Sie hat ſich ſehr verändert ſeit ich weg bin. Wart ihr weit weg? Sehr weit. Monat auf Monat über dem Meer und ſelbſt dann noch weit weg. Ich war wo man Verbrecher hinſchickt, fügte ſie hinzu und ſah Harriet feſt an. Ich ſelbſt war eine Ver⸗ brecherin. Gott helfe und verzeihe euch! war die ſanfte Antwort. Ach! Gott helfe und verzeihe mir! wiederholte ſie. Wenn der Menſch uns ein wenig mehr helfen wollte, würde Gott uns vielleicht um ſo eher verzeihen. Aber der innige Ernſt und das herzige Geſicht, ſo voller Milde und ſo frei von Tadel, beſänftigte ſie, und ſie fuhr mit weniger Rauheit fort: Wir beide ſind ziemlich von gleichem Alter. Wenn ich älter bin, ſo iſt der Unterſchied nicht mehr als ein oder zwei Jahr. O, bedenkt dies! Sie breitete die Arme aus, als ob die Zurſchauſtellung ih⸗ rer äußern Geſtalt zeigen könnte, wie tief ſie ſittlich gefallen ſei; dann ließ ſie dieſelben niederſinken und neigte den Kopf auf die Bruſt. 4 Wir dürfen hoffen, Alles wieder gut zu machen; es iſt nie zu ſpät zur Beſſerung, ſagte Harriet. Ihr ſeid bußfertig— — 55— Nein, antwortete ſie. Das bin ich nicht! ich kann es nicht ſein. Warum ſoll ich bereuen während alle Welt frei ausgeht? Sie ſprechen mir immer von Reue. Wer bereut das Unrecht, das mir widerfahren iſt? Sie ſtand auf, band das Taſchentuch wieder um den Kopf und wandte ſich zum Gehen. Wohin geht ihr? ſagte Harriet. Dorthin, antwortete ſie, die Hand ausſtreckend. Nach London. Habt ihr eine Familie, die ihr aufſuchen wollt? Ich glaube, ich habe eine Mutter. Sie iſt eine ſo gute Mutter, wie ihre Wohnung ein Vaterhaus, gab ſie mit bitterm Lachen zur Antwort. Nehmt dies hier, erwiderte Harriet und drückte ihr etwas Geld in die Hand. Verſucht in Ehren zu leben. Es iſt ſehr we⸗ nig, aber einen Tag lang kann es euch vor Schande bewahren. Seid ihr verheirathet? ſagte die Andere mit ſchwacher Stimme. Nein, ich wohne hier mit meinem Bruder zuſammen. Wir haben nicht viel übrig, ſonſt würde ich euch mehr geben. Wollt ihr mir erlauben euch zu küſſen? Da ſie keinen Hohn oder Widerwillen auf ihrem Geſichte ſah, beugte ſich der Gegenſtand ihres Mitleids über ſie bei dieſer Frage und drückte ihr die Lippen auf ihre Wange. Noch einmal ergriff ſie Harriets Arm und drückte ihn an ihre Augen; dann war ſie verſchwunden. Verſchwunden in der dunkeln Nacht, dem heulenden Wind und dem gießenden Regen; vorwärts ſchreitend nach der nebelum⸗ hüllten Stadt, wo mit ungewiſſem Schimmer die Lichter glänzten; dahinſchreitend während ihr ſchwarzes Haar und das Kopftuch wild um das trotzige Geſicht flatterten. Vierunddreißigſtes Kapitel. Auch eine Mutter und eine Tochter. In einem häßlichen und ſchwarzen Gemach lauſchte eine Alte, ebenfalls häßlich und ſchwarz, dem Wind und dem Regen, und kauerte über einem kümmerlichen Feuer. Beſtändiger in der letzt⸗ genannten Beſchäftigung als in der erſten, veränderte ſie nie ihre Stellung, außer wenn ſich ein Regentropfen verirrte und ziſchend auf die verglimmenden Kohlen fiel, wo ſie dann den Kopf hob und mit neu erwachter Aufmerkſamkeit auf das Heulen und Plät⸗ ſchern draußen hörte und ihn wieder tiefer und tiefer ſinken ließ, wie ſie in ein dumpfes Brüten verſank, indem ihr die nächtlichen Töne ſo wenig merklich waren, wie das eintönige Brauſen des Meeres dem, der ſinnend an ſeinem Ufer ſitzt. Das Zimmer war von keinem andern Lichte erleuchtet, als von dem Feuer. Von Zeit zu Zeit düſter aufflammend wie das Auge eines halbſchlafenden wilden Thieres, enthüllte es keinen Gegenſtand, dem ein beſſeres Licht wünſchenswerth geweſen ſein könnte. Ein Haufen Lumpen, ein Haufen Knochen, ein elendes Bett, zwei oder drei zerbrechliche Stühle, die ſchwarzen Wände und die noch ſchwärzere Decke, weiter erhellte ſein flackernder Schein nichts. Wie die Alte, mit einem rieſigen und verzerrten Schatten hinter ſich halb an der Wand und halb an der Decke, über die paar loſen Ziegelſteine, zwiſchen denen das Feuer glimmte, gebückt daſaß, ſah ſie aus wie eine Hexe, die auf ein günſtiges Wahrzeichen wartet, und wenn die Bewegung des wackelnden Kinnes nicht zu ſchnell geweſen wäre für das träge Flackern des Feuers, ſo hätte ſie als ein Erzeugniß der Beleuchtung gelten können, welche auf einem Geſicht ſo regungslos wie die dazu gehörige Geſtalt kam und ging. Wenn Florentine hätte hier ſein und die Alte ſehen können, wie ſie über dem Feuer kauerte, ſo hätte ein einziger Blick ge⸗ nügt, ihr die Geſtalt der guten Mrs. Brown wieder ins Gedächt⸗ niß zu rufen, obgleich ihre kindiſchen Erinnerungen an dieſe ſchreckliche Alte vielleicht ein ebenſo groteskes und übertriebenes Bild der Wirklichkeit waren, als der Schatten an der Wand. Aber 3 Florentine war nicht da, und die gute Mrs. Brown blieb uner⸗ kannt und ſaß unbeobachtet am Feuer. ——-— Aufmerkſam geworden durch ein lauteres Ziſchen, wie der 2 Regen in einem kleinen Strahl die Eſſe herabkam, erhob die Alte unwillig das Haupt, um von Neuem zu lauſchen. Und diesmal ſenkte ſie es nicht wieder; denn eine Hand lag auf der Thürklinke und ein menſchlicher Schritt tönte durchs Zimmer. Wer iſt da? ſagte ſie und ſah ſich um. 6 V — 59— Jemand, der euch Nachricht bringt, antwortete eine Frauenſtimme. Nachricht? woher? Aus der Fremde. Von jenſeits des Meeres? rief die Alte auffahrend. Ja, von jenſeits des Meeres. 3 Die Alte ſcharrte haſtig die Kohlen zuſammen, trat dicht an die Unbekannte heran, die jetzt in der Mitte des Zimmers ſtand, legte ihre Hand auf den durchnäßten Mantel und drehte die keinen Widerſtand leiſtende Geſtalt um, daß der Schein des Feuers auf ſie fiel. Sie ſah nicht, was ſie erwartet hatte, was das immer ſein mochte; denn ſie ließ den Mantel wieder los und ließ einen ärgerlichen Laut der Täuſchung und des Schmerzes vernehmen. Was giebt's? frug die Fremde. 1 Oho! oho! rief die Alte mit einem ſchrecklichen Geheule emporblickend. Was giebt's? frug die Fremde wieder. Es iſt nicht mein Kind! rief die Alte, die Hände empor⸗ hebend und ſie über dem Kopf zuſammenfaltend. Wo iſt meine Alice? wo iſt meine ſchöne Tochter? ſie haben ſie todt gemacht! Sie haben ſie noch nicht todt gemacht, wenn ihr Mar⸗ wood heißt, ſagte die Fremde. Habt ihr mein Mädchen geſchen? rief die Alte,— hat ſie mir geſchrieben? Sie ſagte, ihr könntet nicht leſen, erwiderte die Andere. 60 Ich kann es auch nicht! rief die Alte aus, die Hände ringend. Habt ihr kein Licht? rief die Andere und ſah ſich im Zimmer um. Mit wackelnden Kinnbacken und kopfſchüttelnd und immer vor ſich hin murmelnd von ihrer ſchönen Tochter, holte die Alte eine Kerze aus einem Eckſchrank, hielt ſie mit zitternder Hand ans Feuer, zündete ſie mit einiger Schwierigkeit an und ſetzte ſie auf den Tiſch. Der ſchmutzige Docht brannte erſt trübe, halb erſtickt vom eigenen Talge, und als die triefigen Augen und das ſchwache Geſicht der Alten etwas unterſcheiden konnten bei dem Schein der Kerze, ſah ſie die Fremde mit übereinanderge⸗ ſchlagenen Armen und zu Boden gewendeten Augen daſitzen, während das Tuch, welches ſie um den Kopf getragen hatte, neben ihr auf dem Tiſch lag. Ihr bringt mir alſo mündliche Nachricht von meiner Aliee? ſagte die Alte, nachdem ſie einige Augenblicke gewartet hatte. Was läßt ſie mir ſagen? Seht her, erwiderte die Fremde. Die Alte wiederholte dieſe Worte in ſcheuer Verwirrung, hielt die Hand über ihre Augen, ſah die Sprechende an, ſah ſich dann im Zimmer um und blickte wieder die Sprechende an. Alice ſagte, ſeht noch einmal her, Mutter, und die Spre⸗ chende ſah ſie feſt an. Wieder ließ die Alte den Blick von dem Gaſt nach den Wän⸗ den und von den Wänden nach dem Gaſte ſchweifen. Dann ſtand ſie auf, ergriff haſtig das Licht, leuchtete dem Gaſte ins Geſicht, ——— —,„»„ —„S— — 6— ſtieß einen lauten Schrei aus, ſetzte das Licht hin und ſiel ihr um den Hals. Es iſt mein Mädchen! es iſt meine Alice! es iſt meine ſchöne Tochter und ſie lebt und iſt wieder da! kreiſchte die Alte und wiegte ſich auf der Bruſt, die mit kalter Gleichgültigkeit ihre Umarmung duldete. Es iſt mein Mädchen! es iſt meine Alice! es iſt meine ſchöne Tochter! und ſie lebt und iſt wieder da! kreiſchte ſie von Neuem, indem ſie auf den Erdboden vor ihr niederſank, ihre Kniee umfaßte, ihr Haupt darauf ruhen ließ und ſich hin und her wiegte mit jeder wahnſinnigen Freudenbezeigung, deren ihre Lebenskraft fähig war. Ja, Mutter, erwiderte Alice, indem ſie ſich einen Augen⸗ blick über ſie beugte und ſie küßte, aber dabei zugleich bemüht war, ſich von ihr loszumachen, ich bin endlich da. Laß mich los, Mutter, laß mich los. Steh' auf und ſetz dich auf dei⸗ nen Stuhl. Was ſoll das nützen! Sie iſt härter zurückgekehrt als ſie ging! rief die Mutter und blickte zu ihr auf, während ſie noch immer ihre Kniee um⸗ ſchlungen hielt. Sie kümmert ſich nicht um mich nach ſo vielen Jahren und dem elenden Leben, das ich geführt habe! O, Mutter, ſagte Alice und ſchüttelte den zerlumpten Rock um ſich von der Alten loszumachen; die Sache hat zwei Seiten. Ich habe Jahre leben müſſen ſo gut wie du, und mein Elend war wohl ſo groß wie deins. Steh' auf, ſteh' auf! Die Mutter ſtand auf und weinte und rang die Hände und ſah ſie aus einiger Entfernung an. Dann nahm ſie wieder das Licht, ging rund um ſie herum, betrachtete ſie von oben bis — 62— unten und ließ während dieſer ganzen Zeit einen leiſen klagenden Ton hören. Dann ſetzte ſie das Licht wieder hin, nahm wieder auf dem Stuhle Platz, ſchlug die Hände nach einer Art einför⸗ miger Melodie zuſammen und wiegte ſich in ihrem Stuhle, wäh⸗ rend ſie leiſe vor ſich hin klagte und ſtöhnte. Alice ſtand auf, zog ihren naſſen Mantel aus und legte ihn bei Seite. Darauf ſetzte ſie ſich wieder hin und hörte mit verſchränkten Armen und ins Feuer blickenden Augen und mit verachtungsvoller Miene, ſchweigend den Klagen der alten Mutter zu. Glaubteſt du, ich würde ſo jung wieder zurückkommen, wie ich ging, Mutter? ſagte ſie endlich, die Alte anblickend. Meinſt du, ein Leben in der Fremde, ein Leben wie meines ſei einem hübſchen Geſichte günſtig? Wenn man dich hört, möchte man es faſt glauben! Das iſt's nicht! rief die Mutter. Sie weiß es. Was iſt es denn? entgegnete die Tochter. Es iſt gut, wenn es etwas iſt, was nicht lange dauert, Mutter, ſunſ komme ich leichter aus dem Hauſe als ich herein gekommen bin. Hört ſie! rief die Mutter. Nach ſo vielen Jahren droht ſie mich zu verlaſſen in dem Augenblick, wo ſie wiedergekommen iſt! Ich ſage dir zum zweiten Mal, Mutter, ich habe ſo gut als du Jahre erleben müſſen, ſagte Alice. Ich bin gefühlloſer zurückgekommen. Natürlich. Was konnteſt du anders erwarten? Gefühllos gegen mich! gegen ihre eigene liebe Mutter! rief die Alte. Ich weiß nicht, wer mich zuerſt gefühllos gemacht hat, — 63— wenn es nicht meine eigene liebe Mutter war, erwiderte ſie, mit verſchränkten Armen, gerunzelter Stirn und eingekniffenen Lip⸗ pen daſitzend, als wollte ſie ihren Buſen mit Gewalt jedem ſanf⸗ tern Gefühl verſchließen. Ich will dir ein paar Worte ſagen, Mutter. Wenn wir uns jetzt verſtändigen, werden wir uns vielleicht nicht weiter zanken. Ich ging als Mädchen weg und kehre als Weib wieder. Wie ich weg ging, war ich kein gutes Kind, und du kannſt drauf ſchwören, daß ich nicht beſſer gewor⸗ den bin. Aber haſt du deine Pflichten gegen mich erfüllt? Ich! rief die Alte, gegen mein eigenes Mädchen! Eine Mutter ſoll Pflichten erfüllen gegen ihr eigenes Kind! Es klingt unnatürlich, nicht wahr? erwiderte die Tochter und blickte mit dem ernſten, unbewegten, ſchönen Geſicht kalt auf ſie herab; aber ich habe im Verlauf meiner einſamen Jahre manchmal daran gedacht, bis der Gedanke mir wieder zur Ge⸗ wohnheit geworden iſt. Ich habe Manche beſtändig von Pflicht ſprechen hören, aber ſtets nur von meiner Pflicht gegen andere Leute. Ich habe mich manchmal verwundert gefragt— um mir die Zeit zu vertreiben— ob Niemand eine Pflicht gegen mich habe. Ihre Mutter ſaß mit wackelndem Munde und kopfſchüttelnd da, aber ob aus Zorn oder aus Reue, oder aus Zweifel, oder nur aus phyſiſcher Schwäche, ließ ſich nicht erkennen. Es war einmal ein Kind, Namens Alice Marwood, ſagte die Tochter mit einem Lachen und blickte mit ſchrecklicher Ber⸗ höhnung ihrer ſelbſt auf ſich herab, geboren und auferzogen in Armuth und Verlaſſenheit. Niemand unterrichtete ſie, Niemand kam ihr zu Hülfe, Niemand kümmerte ſich um ſie. Niemand! wie derholte die Mutter, auf ſich deutend und ſich auf die Bruſt ſchlagend. Die einzige Erziehung, welche ſie kannte, fuhr die Tochter fort, waren Schläge und Hunger und Scheltworte. Sie wohnte in Häuſern wie dieſes und auf den Straßen mit einer Schaar kleiner Rangen wie ſie ſelbſt, und doch brachte ſie aus dieſer Kindheit noch ein hübſches Geſicht mit. Um ſo ſchlimmer für ſie. Beſſer wäre es für ſie geweſen, ſie wäre wegen ihrer. Häß⸗ lichkeit zu Tode gehetzt worden. Nur weiter! nur weiter! rief die Mutter. Ich erzähle weiter, entgegnete die Tochter. Es war ein⸗ mal ein Mädchen, Namens Alice Marwood. Sie war ſchön. Sie erhielt zu ſpät Unterricht und dann in allem Böſen. Sie wurde zu gut gepflegt, ſie wurde zu ſehr gehätſchelt, zu gut gezogen, zu gut unterſtützt, zu ſehr geſucht. Du hatteſt ſie ſehr gern— du befandeſt dich damals in beſſern Umſtänden. Was dieſem Mädchen geſchah, geſchieht Tauſenden jedes Jahr. Es war nur ſchmachvoller Ruin und ſie war dazu geboren. Nach ſo vielen Jahren! winſelte die Alten. Damit an⸗ zufangen! Ich werde bald fertig ſein, ſagte die Tochter. Es war einmal eine Verbrecherin, Namens Alice Marwood— immer noch ein junges Mädchen, aber verlaſſen und verſtoßen. Und ſie wurde vor Gericht geſtellt und verurtheilt. Und Gott! wie viel Redens die Herren im Gerichtshof davon machten! und wie ernſt der Richter ſprach von ihrer Pflicht und daß ſie die Gaben der Natur verkehrt angewendet habe— als wenn er nicht beſſer 4 — gewußt hätte als jeder Andere, daß ſie ihr ein Fluch geweſen!— Und wie er predigte von dem ſtarken Arme des Geſetzes— ſo außerordentlich ſtark, ſie zu retten, als ſie noch ein unſchuldiges und hülfloſes kleines Kind war!— Und wie feierlich und reli⸗ giös das Alles war! Gewiß habe ich manchmal daran gedacht! Sie verſchränkte die Arme krampfhaft auf der Bruſt und lachte in einem Ton, der das Geheul der Alten zu Muſik machte. Und Alice Marwood wurde deportirt, Mutter, fuhr ſie fort, und um ihre Pflicht zu lernen an einen Ort geſchickt, wo es zwanzigmal weniger Pflicht und mehr Schlechtigkeit, Unrecht und Ehrloſigkeit gab als hier. Und Alice Marwood iſt jetzt zurück⸗ gekommen als ein erwachſenes Weib; ein Weib wie es nach ſolchen Erlebniſſen wohl werden muß. Seiner Zeit wird man abermals feierliche Worte und ſchöne Reden und vom ſtarken Arm des Geſetzes hören, und dann wird es mit ihr zu Ende ſein; aber die Herren brauchen nicht zu fürchten unbeſchäftigt zu bleiben. Es giebt Schaaren von kleinen unglücklichen Knaben und Mäd⸗ chen in jeder Straße, wo ſie wohnen, die ihnen zu thun geben werden, bis ſie ein Vermögen erworben haben. Die Alte ſtützte die Ellbogen auf den Tiſch und legte ihr Geſicht in die beiden Hände, als ob ſie ſehr betrübt ſei— oder ſie war es vielleicht wirklich. Ich bin jetzt fertig, Mutter, ſagte die Tochter. Ich habe genug geſagt. Nur wollen wir Beide nicht von Pflichten ſprechen, was wir immer thun mögen. Deine Kindheit wird wohl gewe⸗ ſen ſein wie meine. Um ſo ſchlimmer für uns Beide. Ich will dich nicht ſchelten und mich nicht vertheidigen; wozu auch? Boz. Dombey u. Sohu. VI. 5 — 66— Damit iſt's ſeit langer Zeit vorbei. Aber jetzt bin ich ein Weib, kein junges Mädchen mehr, und du und ich, wir brauchen unſere Geſchichte nicht zur Schau zu tragen, wie die Herren im Gerichts⸗ hofe. Wir wiſſen ja Alles und nur zu gut. So tief geſunken ſie auch war, ſo zeigte ſie doch in Geſicht und Geſtalt eine Schönheit, die ſelbſt in ihrem ſchlimmſten Aus⸗ druck nicht von Dem überſehen werden konnte, der ihr die min⸗ deſte Aufmerkſamkeit ſchenkte. Wie ſie jetzt in Schweigen ver⸗ ſank und der ſtürmiſch erregte Ausdruck ihres Geſichts ſich milderte, während ihre dunkeln Augen anſtatt des wilden Feuers, das in ihnen geflammt hatte, faſt einen Ausdruck wie Schmerz annah⸗ men, leuchtete durch ihren Schmutz und ihr Elend ein Strahl von dem entſchwundenen Glanze des gefallenen Engels. Nachdem die Mutter ſie eine Weile lang ſtumm betrachtet hatte, wagte ſie ihre welke Hand ihr ein wenig näher zu bringen, und als ſie ſah, daß ſie das geſtattete, ihr Geſicht zu berühren und ihr Haar zu ſtreicheln. Wie es ſchien mit dem Gefühl, daß die Alte in dieſem Beweiſe der Theilnahme wenigſtens aufrichtig ſei, wehrte ihr Alice nicht; und die Mutter näherte ſich ihr nach und nach noch mehr, band der Tochter Haar von Neuem auf, zog ihr die naſſen Schuhe aus, wenn ſie dieſen Namen verdien⸗ ten, warf ihr etwas Trockenes über die Schultern und bediente ſie demüthig, leiſe vor ſich hin murmelnd, wie ſie die alten Züge immer mehr erkannte. Du biſt ſehr arm, Mutter, wie ich ſehe, ſagte Alice und ſah ſich im Zimmer um, nachdem ſie eine Weile ſo geſeſſen hatte. Sehr arm, mein Engelchen, erwiderte die Alte. ——— — 67— Sie bewunderte ihre Tochter und fürchtete ſie. Vielleicht war ihre Bewunderung ſehr alten Urſprungs, als ſie etwas Schönes in dem ſchmutzigen Kampfe um ihre Exiſtenz erſcheinen ſah. Vielleicht war ihre Furcht einigermaßen dem eben gehör⸗ ten Rückblick zuzuſchreiben. Sei dem wie ihm wolle, ſie ſtand unterwürfig und ehrerbietig vor ihrem Kinde und hing den Kopf, als flehe ſie, ſie mit weitern Vorwürfen zu verſchonen. Wie haſt du dich durchgeſchleppt? frug die Tochter. Mit Betteln, mein Engelchen. Und Stehlen, Mutter?. Manchmal, Ally— nur ein ganz klein wenig. Ich bin alt und furchtfam. Ich habe manchmal Kindern Kleinigkeiten abgenommen, aber nicht oft, mein Engelchen. Ich habe mich in der Provinz herumgetrieben, Goldkind, und ich weiß was ich weiß. Ich habe ſpionirt. Spionirt? erwiderte die Tochter und ſah ſie an. Ich bin einer Familie gefolgt, mein Engelchen, ſagte die Mutter, noch demüthiger und unterwürfiger als vorhin. Welcher Familie? Still, Goldkind. Sei mir nicht böſe. Ich that es um deinetwillen. Zum Gedächtniß meines armen Mädchens jenſeits des Meeres. Sie ſtreckte flehend die Hand aus, zog ſie wieder zurück und legte ſie auf ihren Mund. Vor vielen Jahren, mein Engelchen, kam ich zufällig mit ſeinem Töchterchen zuſammen, fuhr ſie fort und blickte ſchüchtern in das aufmerkſame und ſtrenge Geſicht ihr gegenüber. Mit weſſen Töchterchen? 5* 2 — 6és— Nicht mit ſeinem, Ally; ſieh mich nicht ſo ſchlimm an; nicht mit ſeinem. Wie konnte es ſeins ſein! Du weißt ja, er hat keins. Weſſen Kind alſo? ſagte die Tochter. Du ſagteſt, ſeins. Still, Ally; du erſchreckſt mich ordentlich, Goldkind. Mr. Dombey's Tochter— blos Mr. Dombey's Tochter. Seit der Zeit, Herzchen, habe ich ſie oft geſehen. Ich habe auch ihn geſehen. Wie ſie dieſe letzten Worte geſprochen, wich die Alte ſcheu zurück, als fürchte ſie, von ihrer Tochter geſchlagen zu werden. Aber obgleich die Tochter ſie ſtarr anſah und in ihrem Geſichte ſich die wildeſte Leidenſchaft ausſprach, blieb ſie doch ruhig ſitzen. Blos ihre Arme verſchlang ſie feſter in einander über ihrer Bruſt, als wolle ſie ihnen dadurch wehren, ſich ſelbſt oder einem Andern in der blinden Wuth des eben erwachten Zornes ein Leid an⸗ zuthun. Er ahnte nicht wer ich war, ſagte die Alte, die geballte Fauſt ſchüttelnd. Und kümmerte ſich wenig darum! ſagte ihre Tochter leiſe durch die Zähne hindurch. Aber wir ſtanden uns gegenüber, Auge in Auge, ſagte die Alte. Ich ſprach mit ihm und er ſprach mit mir. Ich ſah ihm nach wie er eine lange Allee hinabging; und bei jedem ſei⸗ ner Schritte verfluchte ich ihn. Er wird trotzdem gedeihen, erwiderte die Tochter verächtlich. Ja, er gedeiht, ſagte die Mutter. Sie war ſtill; aber ihr Geſicht und ihre Geſtalt waren durchtobt von Wuth. Es war als ob die Gefühle, welche in die⸗ — ſem Buſen tobten, ihn zerſprengen wollten. Die Anſtrengung, welche ſie niederhielt, war nicht weniger mächtig als die Wuth ſelbſt und verrieth nicht weniger den heftigen und gefährlichen Charakter dieſes Weibes. Aber ſie bezwang ſich und frug nach einer Pauſe: Iſt er verheirathet? Nein, Herzchen, ſagte die Mutter. Will er jetzt heirathen? Nicht daß ich wüßte, Herzchen. Aber ſein Herr und Freund hat ſich verheirathet. O, wir können ihm Glück wünſchen! Wir können ihm alles Glück wünſchen! rief die Alte und umſchlang ſich frohlockend mit den dürren Armen. Nichts als Glück und Freude werden wir von dieſer Heirath haben. Denke an mich. Die Tochter ſah ſie, eine Erläuterung fordernd, an. Aber du biſt durchnäßt und müde, hungrig und durſtig, ſagte die Alte und humpelte nach dem Schranke; und hier iſt we⸗ nig, und hier— ſie griff in die Taſche und brachte ein paar halbe Pence hervor— ſehr wenig. Haſt du Geld, Herzchen? Das habgierige, erwartungsvolle Geſicht, mit dem ſie die Frage ſtellte und zuſah, wie die Tochter die kaum empfangen kleine Gabe aus dem Buſen zog, verrieth faſt ſo viel von der Ge⸗ ſchichte dieſer Mutter und dieſer Tochter, wie das Kind ſelbſt in Worten erzählt hatte. Iſt das Alles? ſagte die Mutter. Ich habe nicht mehr. Und ſelbſt das habe ich nur aus Mit⸗ leid erhalten. Aus Mitleid, Herzchen? ſagte die Alte und beugte ſich be⸗ gierig über den Tiſch, um das Geld anzuſehen. Hm! Sechs und ſechs iſt zwölf und ſechs iſt achtzehn— ſo— wir müſſen es eintheilen. Wir wollen etwas zu eſſen und zu trinken holen. Mit größerer Behendigkeit, als man ihr dem Aeußern nach hätte zutrauen ſollen— denn Alter und Elend hatten ſie eben ſo gebrechlich als häßlich gemacht— fing ſie an mit zitternden Händen einen Hut auf den Kopf zu ſetzen und ſich einen zerriſſe⸗ nen Shawl umzubinden: aber dabei behielt ſie immer das Geld mit demſelben habgierigen Blicke im Auge. Welche Freude werden wir von dieſer Heirath haben, Mutter? frug die Tochter. Du haſt es mir noch nicht geſagt. Ddiie Freude, erwiderte ſie, indem ſie ſich anzog, keine Liebe zu ſehen und viel Stolz und Haß, Herzchen. Die Freude, Ver⸗ wirrung und Zank unter ihnen zu ſehen, ſo ſtolz ſie ſind, und Gefahr— Gefahr, Alice! Wie ſo Gefahr? Ich habe geſehen was ich geſehen habe. Ich weiß was ich weiß! lachte die Mutter vor ſich hin. Sie mögen ſich in Acht nehmen. Mein Mädchen kann noch vornehme Kameraden be⸗ kommen! Wie ſie ſah, daß die Tochter in ihrer Verwunderung die Hand unwillkürlich über dem Gelde ſchloß, beeilte ſich die Alte um ſo mehr ſich deſſelben zu bemächtigen und fügte haſtig hinzu: Aber ich will etwas zu eſſen kaufen; ich will etwas zu eſſen kaufen. 8* — 71— Während ſie ihre Hand der Tochter entgegenſtreckte, ſah dieſe das Geld an und drückte es an ihre Lippen. Was, Ally! Du küſſeſt es! lachte die Alte. Das ſieht mir ähnlich— ich thue es oft. O, es thut uns ſo gut! ſagte ſie und drückte ihre abgegriffenen halben Pence an die verſchrumpfte Bruſt, es thut uns ſo gut, nur daß es nicht reichlich genug kommt. Ich küſſe es, Mutter, ſagte die Tochter, oder ich küßte es damals— ich weiß nicht, ob ich es jemals that— um des Ge⸗ bers willen. Um des Gebers willen, Herzchen? erwiderte die Alte, deren trübe Augen glänzten wie ſie es nahm. Ja! auch ich will es um des Gebers willen küſſen, wenn der Geber bewirken kann, daß es weiter reicht. Aber ich will es jetzt verwenden, Herzchen. Ich werde gleich wieder da ſein. Du ſcheinſt zu ſagen, du wüßteſt ſehr viel, Mutter, ſagte die Tochter, indem ſie ihr mit dem Auge nach der Thür folgte. Du biſt ſehr klug geworden, ſeitdem ich fort bin. O, ich weiß mehr als du glaubſt, krächzte die Alte und kam wieder zurück. Ich weiß mehr als er denkt, Herzchen, wie ich dir mit der Zeit erzählen werde. Ich kenne ihn durch und durch. Die Tochter lächelte ungläubig. Ich kenne ſeinen Bruder, Alice, ſagte die Alte mit einem boshaften Grinſen, das Entſetzen erregte; der ſein könnte, wo du geweſen biſt— denn er hat geſtohlen— und der mit ſeiner Schweſter zuſammen wohnt dort an der nördlichen Heerſtraße. Wo? An der nördlichen Heerſtraße, Herzchen. Ich will dir das Haus zeigen, wenn du Luſt haſt. Es iſt nicht viel daran zu rüh⸗ men, ſo ſchön das ſeinige iſt. Nein, nein, nein! ſagte die Alte und ſchüttelte lächelnd den Kopf, denn die Tochter war aufge⸗ ſprungen, jetzt nicht; es iſt zu weit; es iſt bei dem Meilenſtein, wo die Steinhaufen liegen;— morgen, Herzchen, wenn ſchön Wetter iſt und du Luſt haſt. Aber ich will jetzt gehen. Bleib! ſagte die Tochter, auf ſie losſtürzend mit wilder Lei⸗ denſchaft. Die Schweſter hat ein hübſches Teufelsgeſicht und braunes Haar? Erſtaunt und erſchrocken nickte die Alte mit dem Kopfe. Ich ſehe ſeinen Schatten in ihrem Geſicht! Es iſt ein ro⸗ thes, allein ſtehendes Haus. Vor der Thür iſt eine kleine grüne Laube, rief die Tochter. Wieder nickte die Alte. In der ich heute ſaß! Gieb das Geld wieder her! Alice! Goldtocher! Gieb das Geld wieder her, oder es iſt dein Schade. Sie riß der Alten das Geld aus der Hand, warf die ab⸗ gelegten Kleidungsſtücke wieder über, ohne auf ihre Klagen und Bitten zu achten, und ſtürzte ungeſtüm hinaus. Die Mutter folgte ihr ſo gut es gehen wollte und machte ihr Vorſtellungen, die auf ſie nicht mehr Eindruck machten, als auf den Wind, den Regen und die Finſterniß, die ſie umgab. Hartnäckig ihren Zweck verfolgend und gegen alles Andere gleich⸗ gültig, achtete die Tochter nicht das Unwetter und die Entfernung, als wiſſe ſie nichts von Reiſe oder Ermattung, und eilte nach dem — 23— Hauſe, wo ſie Almoſen empfangen hatte. Nachdem ſie etwa eine Viertelſtunde gegangen waren, wagte die Alte athemlos und er⸗ ſchöpft ſich an ihrem Kleide anzuhalten; aber mehr wagte ſie nicht und ſie eilten ſchweigend weiter durch den Regen und die Nacht. Wenn die Mutter dann und wann ein Wort der Klage hören ließ, ſo erſtickte ſie es, damit ihre Tochter ſich nicht von ihr los⸗ mache und ſie verlaſſe; und die Tochter ſchwieg. Etwa eine Stunde vor Mitternacht verließen ſie die regel⸗ mäßigen Straßen und traten in das tiefere Dunkel des neutralen Bodens, wo das Haus ſtand. Die Stadt lag in halbem Däm⸗ merſchein weit hinter ihnen; der kalte Wind heulte über das freie Feld; Alles ringsum war dunkel, wüſt und öde. Das iſt ein paſſender Ort für mich! ſagte die Tochter und blieb ſtehen, um ſich umzuſehen. Mir fiel das heute ein, als ich vorüberging. Alice, Goldkind! rief die Mutter und zupfte ſie ſanft am Kleide. Alice! Was iſt's, Mutter? Gieb das Geld nicht zurück, Herzchen; bitte, thu's nicht. Das können wir nicht thun. Wir müſſen zu Abend eſſen, Herz⸗ chen. Geld iſt Geld, wer es auch giebt. Sage was du willſt, aber behalte das Geld. Sieh! war die Antwort der Tochter. Das iſt das Haus was ich meine. Iſt es das? 1 Die Alte nickte bejahend; und mit einigen Schritten ſtan⸗ den ſie auf der Schwelle. In dem Zimmer, wo Alice ſich die — 2— Kleider getrocknet, ſah man Licht und Feuer ſchimmern; auf ihr Klopfen kam John Carker aus dieſem Zimmer. Er wunderte ſich über ſo ſpäte Gäſte und frug Alicen, was ſie wolle. Ich will zu eurer Schweſter, ſagte ſie. Zu der Frau, die mir heute das Geld gab. Wie ſie das laut geſprochen, kam Harriet heraus. Ah! ſagte Alice, da ſeid ihr! kennt ihr mich noch? Ja, antwortete ſie verwundert. Das Geſicht, das ſich vor ihr gedemüthigt hatte, ſah ſie jetzt mit ſo unbeſiegbarem Haß und Trotz an; und die Hand, die ſanft ihren Arm berührt hatte, war ſo zornig geballt, als wollte ſie ſie erdroſſeln, daß ſie ſich Schutz ſuchend an ihren Bruder drängte. Daß ich mit euch ſprechen konnte und euch nicht kannte! daß ich vor euch treten konnte, ohne zu fühlen, welches Blut in euern Adern floß! ſagte Alice mit drohender Geberde. Was wollt ihr? was hab' ich euch gethan? Gethan! entgegnete die Andere. Ihr habt mich gewärmt an eurem Feuer; ihr habt mir Speiſe gegeben und Geld; ihr habt mir Theilnahme geſchenkt und Mitleid! Ihr, deren Namen ich anſpeie! Die Alte drohte mit ihrer dürren Fauſt dem Bruder und der Schweſter mit einer Feindſeligkeit, die ihre Häßlichkeit ordent⸗ lich grauenhaft machte, zupfte ihre Tochter aber dennoch am Kleide und bat ſie, das Geld zu behalten. Wenn ich eine Thräne auf eure Hand fallen ließ, ſo möge ſie „— A—„H» sͤ ſie verdorren machen! Wenn ich ein ſanftes Wort ſprach, ſo möge es euch taub machen! Wenn ich euch mit meinen Lippen berührte, ſo möge die Berührung Gift ſein! Mein Fluch über dieſes Dach, das mir Schutz gab! Kummer und Schmach über euer Haupt! Verderben über Alle, die euch angehören! Während ſie dieſe Worte ſprach, warf ſie das Geld auf die Erde und ſtieß es mit dem Fuße von ſich. Ich trete es in den Staub; ich nehme es nicht, und wenn es mir den Weg in den Himmel bahnte! Ich wollte, der blutende Fuß, der mich heute hieher brachte, wäre abgefault, ehe ich euer Haus betrat! Bleich und zitternd hielt Harriet ihren Bruder zurück und unterbrach ſie nicht. Ha! Ihr, oder Jemand eures Namens mußte mich in der erſten Stunde der Rückkehr bemitleiden! Ihr mußtet die gute mitleidige Dame gegen mich ſpielen! Ich will's euch danken, wenn ich ſterbe; ich will für euch und euer Geſchlecht beten, das könnt ihr glauben! Mit einer wilden Bewegung der Hand, als ob ſie Haß auf den Boden ſtreue und die vor ihr Stehende dem Verderben weihe, ſah ſie hinauf in den ſchwarzen Himmel und ſchritt in die wilde Nacht hinaus.— Die Mutter, die ſie mehrere Male vergeblich am Kleide ge⸗ zupft und die das auf der Schwelle liegende Geld mit einer Alles verzehrenden Habgier betrachtet hatte, wäre gern in der Nähe ge⸗ blieben, bis die Bewohner des Hauſes zu Bett waren, um es dann im Finſtern zu ſuchen. Aber die Tochter ſchleppte ſie mit — 76— ſich fort, und ſie kehrten wieder nach ihrer Wohnung zurück; die Alte weinte und krächzte unterwegs über ihren Verluſt und klagte ärgerlich ſo laut wie ſie durfte den Ungehorſam der Tochter an, welcher ſie am erſten Tage der Wiedervereinigung um das Abend⸗ eſſen gebracht. Ohne etwas außer einigen ſchlechten Reſten zu Abend zu eſſen, ging ſie zu Bett; und an dieſen Reſten kaute ſie noch bei einem kärglichen Feuer, lange nachdem die ungehorſame Tochter ſchlafen gegangen war. Waren dieſe elende Mutter und dieſe elende Tochter nur der Ausdruck gewiſſer ſocialer Laſter, die manchmal höher oben herrſchen, reducirt auf den niedrigſten Grad? Machen wir in die⸗ ſer runden Welt, wo ein Cirkel in dem andern iſt, nicht eine lange Reiſe vom höchſten bis zum niedrigſten Grad, um zuletzt zu fin⸗ den, daß ſie dicht bei einander liegen, daß die beiden Extreme ſich berühren und daß der Endpunkt unſrer Reiſe auch unſer Aus⸗ gangspunkt iſt? Wiederholte ſich, mit Abrechnung des großen Unterſchieds von Stoff und Gevels dieſes Muſter nicht auch bei vornehmem Blut? Sprich, Editha Dombey! und Cleopatra, beſte der Mütter, gieb uns dein Zeugniß! “ ———.————9—— +——+ 1a— Fuͤnfunddreißigſtes Kapitel. Das glückliche Paar. Der dunkele Fleck auf der Straße iſt verſchwunden; wenn Mr. Dombey’s Haus noch eine Lücke zwiſchen den übrigen Häuſern bil⸗ det, ſo geſchieht es nur, weil kein anderes gegen ſeinen Glanz auf⸗ kommen kann und es die andern ſtolz verläugnet. Das Sprich⸗ wort ſagt: Zu Hauſe iſt zu Hauſe, ſei das Haus noch ſo be⸗ ſcheiden. Wenn es im entgegengeſetzten Sinne eben ſo wahr iſt und zu Hauſe zu Hauſe iſt, wenn es auch noch ſo ſtolz iſt, was für ein Altar iſt dann hier den hänslihen Göttern auf⸗ gerichtet? Lichter glänzen dieſen Abend in den Fenſtern und die röth⸗ liche Gluth des Feuers ſchimmert auf den Tapeten und weichen Teppichen, und das Eſſen wartet und der Tiſch iſt ſchön gedeckt, obgleich nur für vier Perſonen, und der Seitentiſch iſt überbürdet mit Silberzeug. Das erſte Mal ſeit den letzten Veränderungen wird das Haus wieder von der Herrſchaft bewohnt und das glückliche Paar wird jede Minute erwartet. Blos dem Hochzeits⸗ G — 8— morgen ſteht in Intereſſe und der Erwartung, welche den gan⸗ zen Haushalt in Spannung erhält, dieſer Abend der Wiederkehr nach. Mrs. Perch ſitzt in der Küche und trinkt Thee, und hat die Runde durch das Haus gemacht, und die Seidenzeuge und Damaſte nach der Elle abgeſchätzt und jeden Ausdruck der Bewun⸗ derung und des Staunens im Wörterbuch erſchöpft. Des Tapezie⸗ rers erſter Geſelle, der ſeinen Hut mit einem ſtark nach Firniß riechen⸗ den Taſchentuch unter einem Stuhl in der Vorhalle zurückgelaſſen, ſchleicht im Hauſe herum und blickt hinauf nach den Simſen und hinab auf die Teppiche, und zieht dann und wann in ſtummem ſelbſtvergeſſenem Entzücken einen Zollſtock aus der Taſche und mißt mit unausſprechlichen Gefühlen koſtbare Gegenſtände. Die Köchin iſt froh bewegt und wünſcht ſich eine Stelle, wo es viel Geſellſchaft giebt, denn ſie iſt lebhaften Sinnes und war es von Kindheit auf und ſagt es frei heraus; und dieſe Aeußerung ent⸗ lockt der Bruſt der Mrs. Perch ein Murmeln des Beifalls. Das Stubenmädchen hofft weiter nichts als eine glückliche Ehe — aber die Heirath iſt eine Lotterie, und je mehr ſie darüber nachdenkt, deſto mehr fühlt ſie die Unabhängigkeit und die Sicher⸗ heit des eheloſen Lebens. Mr. Towlinſon iſt finſter und mür⸗ riſch und ſagt, daß dies auch ſeine Meinung ſei, und außerdem wolle er Krieg haben und Tod allen Franzoſen, denn dieſer Jüngling hegt die Meinung, daß jeder Fremde ein Franzoſe ſei und den Geſetzen der Natur nach ſein müſſe. Bei jedem Wagenrollen ſpähen ſie Alle und lauſchen, und mehr als ein Mal ſpringen ſie Alle auf und rufen: da ſind ſie! Aber ſie ſind noch nicht da; und die Köchin fängt an über das —„—— hj9 n1 2 „ —— ᷣ—— 79— Eſſen zu trauern, welches ſchon zwei Mal zurückgeſetzt worden iſt, und der erſte Geſelle des Tapezierers ſchleicht immer noch durch die Zimmer, ungeſtört in ſeinem glücklichen Traume! Florentine iſt bereit, ihren Vater und ihre neue Mutter zu empfangen. Kaum weiß ſie, ob die Empfindungen, welche ihre Bruſt bewegen, Freude oder Schmerz ſind. Aber das klopfende Herz giebt ihren Wangen neue Farbe und ihrem Auge Glanz; und in der Küche ſtecken ſie die Köpfe zuſammen, denn ſie ſpre⸗ chen ſtets leiſe, wenn ſie von iihr reden.— Wie ſchön Miß Florentine heute ausſähe und was für ein hübſches Mädchen ſie geworden ſei. Eine Pauſe folgte darauf, und dann ſagt die Köchin, welche als Vorſitzende fühlt, daß man auf den Ausdruck ihrer Empfindungen wartet, ſie möchte wiſſen, ob— und dann ſchweigt ſie. Das Stubenmädchen möchte auch wiſſen und auch Mres. Perch, welche die glückliche Eigenſchaft hat, ſich immer zu verwundern, wenn ſich andere Leute verwundern, ohne beſonders eigen zu ſein, worüber ſie ſich wundert. Mr. Towlinſon, der jetzt eine Gelegenheit ſieht, die fröhliche Stimmung der Damen auf ſeinen eigenen Ernſt herabzuſtimmen, ſagt: wartet es nur ab! und ſagt, er wollte, es wären manche Leute über die Ge⸗ ſchichte hinaus. Die Köchin beginnt mit einem Seufzer und murmelt: ach es iſt eine böſe Welt wahrhaftig! und nachdem es die ganze Geſellſchaft wiederholt hat, fügt ſie milder hinzu: aber Miß Florentine kann es doch nicht ſchlimmer bekommen, Tom? Mr. Towlinſons Antwort lautete: o und ob! Und mit dem Ge⸗ fühle, daß ein Menſch nicht prophetiſcher ſein kann, ſchweigt er. Mrs. Skewton, bereit, ihre geliebte Tochter und ihren — 30— Schwiegerſohn mit offenen Armen zu empfangen, hat ſich zu dieſem Zwecke mit einem ſehr jugendlichen Kleide mit kurzen Aermeln angethan. Vor der Hand aber blühen ihre Reize im Schatten ihres eigenen Zimmers, welches ſie noch nicht verlaſſen hat, ſeitdem ſie daſſelbe vor einigen Stunden in Beſitz genommen, und wo ſie wegen des verzögerten Eſſens allmälig ärgerlich wird. Die Zofe, welche ein Skelett ſein ſollte, aber in Wahrheit eine friſche Dirne iſt, befindet ſich in höchſt liebenswürdiger Stimmung, denn ſie weiß, daß ihr Vierteljahrslohn ſicherer iſt als früher, und ahnt eine große Verbeſſerung in Wohnung und Koſt. Wo aber iſt das glückliche Paar? Laſſen Dampf, Fluth, Wind und Pferde in ihrer Schnelligkeit nach, um ſolches Glück zu verzögern, oder liegen ſo viel Blumen auf ihrem Pfade, daß ſie kaum fortkommen können, ohne an den dornenloſen Roſen hängen zu bleiben? Da ſind ſie endlich! Man vernimmt das Rollen der Räder, es wird lauter und ein Wagen fährt vor der Thür vor. Ein donnerähnliches Klopfen des verhaßten Fremden kommt Mr. Tow⸗ linſon und der übrigen Geſellſchaft, die der Thür zu ſtürzt, zu⸗ vor; und Mr. Dombey und ſeine junge Gattin ſteigen aus und treten Arm in Arm herein. Theuerſte Editha! ruft eine ſich erhebende Stimme auf der Treppe. Theuerſter Dombey! Die kurzen Aermel ſchlingen ſich um das glückliche Paar und umarmen Beide nacheinander. Auch Florentine iſt in der Vorhalle, aber ſie kommt ihnen nicht entgegen; ſie ſpart ihr ſchüchternes Willkommen auf, bis die Liebe der Näherſtehenden ſich abgekühlt hat. Aber die Augen ———— I — —— ——.,.—,— — 381— Cdiths ſuchen ſie ſchon auf der Schwelle; ſie entläßt ihre gefühl⸗ volle Mutter mit einem flüchtigen Kuß auf die Wange, eilt auf Florentinen los und umarmt ſie. Wie geht es, Florentine? ſagte Mr. Dombey und ſtreckte ihr die Hand entgegen. Wie Florentine ſie zitternd an ihre Lippen führt, begegnet ſie ſeinem Blick. Er war kalt und fremd, aber doch bewegt ſich ihr Herz bei dem Gedanken, daß ſie in ihm mehr Theilnahme bemerke, als ſie früher geſehen. Er drückte ſogar eine Art ſchwachen und nicht unangenehmen Erſtaunens über ihren Anblick aus. Sie wagte ihre Augen nicht noch ein Mal zu ihm zu erheben; aber ſie fühlte, daß er ſie noch ein Mal anſah und nicht weniger freundlich. O, welche namenloſe Freude durchzitterte ſie über dieſe grundloſe Beſtätigung ihrer Hoffnung, daß ſie lernen werde, ihn durch ihre neue und ſchöne Mutter für ſich zu gewinnen! Sie werden ſich wohl nicht lange ankleiden, Mrs. Dombey? ſagte Mr. Dombey. Ich werde ſogleich fertig ſein. So mögen ſie in einer Viertelſtunde ſerviren. Mit dieſen Worten ſchritt Mr. Dombey nach ſeinem An⸗ kleidezimmer und Mrs. Dombey ging hinauf in das ihrige. Mrs. Skewton und Florentine begaben ſich nach dem Drawingroom, wo dieſe vorzügliche Mutter es für nothwendig hielt, einige Thränen zu vergießen, die ihr angeblich durch das Glück ihrer Tochter abgezwungen wurden. Sie war immer noch beſchäftigt, dieſelben ſehr ſäuberlich mit dem Rande ihres Taſchentuchs zu trocknen, als ihr Schwiegerſohn eintrat. Boz. Dombey u. Sohn. VI. 6 — 82— Und wie hat mein theuerſter Dombey Paris, dieſe ſchönſte aller Städte, gefunden? fuhr ſie, ihre Bewegung mit Gewalt unterdrückend, fort. Es war kalt, erwiderte Mr. Dombey. Lebendig wie immer? ſagte Mrs. Skewton. Nicht beſonders, mir kam es langweilig vor, ſagte Mr. Dombey. Pfui, beſter Dombey! entgegnete ſie muthwillig; langweilig! Es hat dieſen Eindruck auf mich gemacht, Madame, ſagte Mr. Dombey mit ernſter Höflichkeit. Ich glaube, Mrs. Dom⸗ bey fand es ebenfalls langweilig. Sie äußerte es ein paar Mal gegen mich. O du böſes Mädchen, rief Mrs. Skewton neckend ihrem geliebten Kinde zu, das jetzt eintrat. Was für entſetzliche Ketzereien haſt du über Paris geäußert! Edith zog ihre Augenbrauen mit einer Miene der Ermattung in die Höhe, und an der Flügelthür vorüberſchreitend, welche die Zimmerreihe in ihrer neuen und glänzenden Decoration ſehen ließ, ſetzte ſie ſich neben Florentinen nieder. 5 Beſter Dombey, ſagte Mrs. Skewton, wie vortrefflich dieſe Leute jeden unſerer Gedanken ausgeführt haben! Sie haben wahrhaftig einen vollkommenen Palaſt aus dieſem Hauſe gemacht. Es iſt ſchön, ſagte Mr. Dombey und ſah ſich um; ich befahl, kein Geld zu ſparen. Und was Geld thun kann, iſt gethan worden, glaube ich. Und was könnte es nicht thun? bemerkte Cleopatra. Es iſt ſehr mächtig, Madame, ſagte Mr. Dombey. —&◻ £●— — 83— Er blickte mit feierlichem Geſicht ſeine Gattin an, aber ſie ſprach kein Wort. Ich hoffe, Mrs. Dombey, ſagte er zu ihr nach kurzem Schweigen, daß dieſe Veränderungen Ihren Beifall finden. Sie ſind ſchön, ſo ſchön wie ſie ſein können, antwortete ſie mit ſtolzer Gleichgültigkeit. Sie ſollen es natürlich ſein oder ſie müſſen es natürlich ſein, und ich glaube, ſie ſind es. Ein ruck des Hohns lag beſtändig auf dieſem ſtolzen Geſicht und ſchien unzertrennlich von ihm zu ſein; aber die Ver⸗ achtung, mit der es jeden Anſpruch auf Bewunderung oder Achtung wegen ſeiner Reichthümer aufnahm, war ein neuer Aus⸗ druck, dem an Entſchiedenheit kein anderer, den es annehmen konnte, gleich kam. Ob Mr. Dombey in dem Harniſch ſeiner Größe dies bemerkte oder nicht, das ließ ſich jetzt noch nicht ſehen; und in dieſem Augenblick hätte er Aufklärung erhalten können durch den einen Blick des dunkeln Auges, das ihn anſah, nachdem es ſchnell und ſpöttiſch die Urſache ſeines Stolzes überflogen hatte. Er hätte in dieſem einen Blick leſen können, daß nichts, was ſeine Schätze, und wären ſie zehntauſend Mal größer, thun könnten, dieſem ſtolzen Weibe einen ſanften Blick abgewinnen könnte. Er hätte in dieſem einen Blick leſen können, daß ſie dieſe Schätze eben wegen ihres ertödtenden Einfluſſes verachte, während ſie ihre größte Macht als ihr Recht und den Gegenſtand ihres Handels beanſpruche— als den ſchlechten und erbärmlichen Preis dafür, daß ſie ſeine Gattin geworden. Er hätte in dieſem Blick leſen können, daß auch die unſchuldigſte Anſpielung auf die Macht ſeines Reichthums ſie von Neuem erniedrige, — 81— ſie noch tiefer in ihrer Achtung ſtelle und die Oede in ihrem Herzen noch vollkommener mache. Aber es war ſervirt und Mr. Dombey führte Mrs. Skew⸗ ton hinab; Edith und ſeine Tochter folgten. An dem Gold⸗ und Silberzeug auf dem Seitentiſch vorüberſchreitend, als wãre es aufgehäufter Staub, und ohne die Koſtbarkeiten rings umher eines Blickes zu würdigen, nahm ſie zum erſten Mae ihren Platz am Tiſche ein und ſaß wie eine Bildſäule an der Tafel. 1 Es gefiel Mr. Dombey, der ſelbſt viel von einer Bil dſäule hatte, daß ſeine ſchöne Gattin unbeweglich und ſtolz und kalt war. Da ihr Benehmen immer elegant und anmuthig war, ſo entſprach es ganz ſeinen Gefühlen. Er präſidirte daher mit ſeiner gewöhnlichen Würde und ſtach von ſeiner Gattin durchaus nicht durch Heiterkeit ab und verrichtete ſeinen Antheil der Cere⸗ monie mit kühler Selbſtgenügſamkeit; und das erſte Diner, obgleich die Dienerſchaft es nicht als ein ſehr vielverſprechendes Beginnen betrachtete, ging in einer genügend gentilen und froſtigen Weiſe vor ſich. Kurz nach dem Thee begab ſich Mrs. Skewton, die ſich von ihrem Entzücken über das Glück ihres geliebten Kindes ganz erſchöpft ſtellte, die es aber etwas zu langweilen ſchien, denn ſie gähnte während der ganzen letzten Stunde hinter ihrem Fächer, auf ihr Zimmer zu Bett. Auch Cdith entfernte ſich und kam nicht wieder. So kam es, daß Florentine, die oben geweſen war, um ſich mit Diogenes zu unterhalten, nur noch ihren Vater fand, der im Zimmer auf und ab ſchritt. — 85— Ich bitte um Verzeihung. Soll ich wieder gehen, Papa? ſagte Florentine ſchüchtern und blieb in der Thür ſtehen. Nein, erwiderte Mr. Dombey; du kannſt hier kommen und gehen, wie es dir gefällt. Das iſt nicht mein Privatzimmer. Flborentine trat ein und ſetzte ſich in eine Ecke an den klei⸗ nen Tiſch. Zum erſten Mal in ihrem Leben— das erſte Mal, daß ſie es ſich ſeit ihrer Kindheit erinnern konnte— war ſie allein mit ihrem Vater. Sie, ſeine natürliche Gefährtin, ſein einziges Kind, die in ihrem einſamen Leben und einſamen Schmerz das Leid eines brechenden Herzens gekannt hatte; ſie, die in ihrer zurückgewieſenen Liebe Abends ſeinen Namen gegen Gott nur mit einem Worte des Segens, das ſchwerer auf ihm laſtete, als ein Fluch, genannt hatte; ſie, die gefleht hatte, jung ſterben zu dürfen, wenn ſie nur in ſeinen Armen ſterben könnte; ſie, welche die Qualen der Kälte und Gleichgültigkeit und der Ab⸗ neigung mit geduldiger und ſtiller Liebe vergolten hatte und ihn entſchuldigte, für ihn bat, wie ſein beſſerer Engel!— Sie zitterte und ihre Augen trübten ſich. Wie er im Zim⸗ mer auf und ab ſchritt, ſchien ſeine Geſtalt größer und ſtärker zu werden; jetzt wurde ſie ganz undeutlich, jetzt wieder deutlich, und dann kam es ihr vor, als ſei ganz daſſelbe ſchon vor vielen Jahren geſchehen. Sie ſehnte ſich, ihm an die Bruſt zu fliegen, und ſcheute ſich doch auch, ſich ihm zu nähern. Unnatürliche Bewegung in einem harmloſen Kinde! Und unnatürlich war die Hand, welche den ſcharfen Pflug gelenkt, der ihr ſanftes Herz zum Keime ſolcher Saat vorbereitet hatte! Um ihn nicht durch ihren Schmerz zu betrüben oder zu — 86— beleidigen, bewältigte ſich Florentine und ſaß ſtill über ihrer Arbeit. Er hörte auf im Zimmer auf und ab zu ſchreiten, ſetzte ſich in eine dunkle Ecke, wo ein Lehnſtuhl ſtand, deckte über ſeinen Kopf ein Taſchentuch und machte ſich bereit zu ſchlafen. Es genügte Florentinen, da zu ſitzen und über ihn zu wachen, manchmal ihre Augen nach dem Stuhle zu lenken, ihn in Gedanken zu beobachten, während ſich ihre Augen auf ihre Arbeit hefteten, um froh bekümmert zu denken, daß er in ihrer Anweſenheit ſchlafen könne und durch ihre ſeltene und lange ver⸗ botene Gegenwart nicht geſtört werde. Was hätte ſie gedacht, wenn ſie gewußt hätte, daß er ſie be⸗ ſtändig anſah, daß der Schleier auf ſeinem Geſicht zufällig oder abſichtlich ſein Auge frei ließ, und daß er es auch keinen Augenblick von ihr abwendete; daß, als ſie ihn anblickte, ihr ſprechendes Auge ernſter und eindringlicher und rührender in ſeiner ſtummen Sprache, als alle Redner von der Welt, ſein Auge traf und es nicht wußte; daß, wenn ſie ſich wieder über ihre Arbeit beugte, ſein Athem ruhiger ging, daß er aber immer noch ſie mit derſelben Aufmerk⸗ ſamkeit anſah, ſie und ihre weiße Stirn und ihre wallenden Locken und rührigen Hände, und keine Kraft zu haben ſchien, den Blick wieder abzuwenden? Und was dachte er unterdeſſen, mit welchen Empfindungen heftete ſich ſein Blick auf ſeine unbekannte Tochter? war ihm das ſtille Geſicht und das milde Auge ein Vorwurf? hatte er ange⸗ fangen, ihre mißachteten Anſprüche zu fühlen? und erweckten ſie in ihm endlich ein Gefühl ſeiner grauſamen Ungerechtigkeit? Auch die härteſten und gefühlloſeſten Menſchen haben ihre 5 — 8— weichen Augenblicke, obgleich ſie ihr Geheimniß gut bewahren. Der Anblick ihrer Schönheit konnte ſelbſt dieſen ſtolzen Mann in einem ſtillen Augenblick gerührt haben. Vielleicht keimte in ihm ein flüchtiger Gedanke empor, daß er häusliches Glück in ſeinem Bereich gehabt und in ſeiner ſtolzen Selbſtſucht es verkannt und verloren habe. Vielleicht las er in ihren Augen die ſtummen Worte: bei dem Sterbebett, wo ich geſtanden, bei der Kindheit, die ich durchlitten, bei unſerem Zuſammentreffen in dieſem öden Hauſe um Mitternacht, bei dem Schrei, den mir der Schmerz meines Herzens entrungen, flehe ich dich an, Vater, wende dich zu mir und ſuche eine Zuflucht bei meiner Liebe, ehe es zu ſpät iſt. Vielleicht auch lagen niedrigere Gedanken, wie etwa, daß ſein todter Sohn jetzt durch neue Bande erſetzt ſei und er es ihr ver⸗ geben könne, daß ſie ihm ſeine Liebe geraubt, ſeinen Empfindungen zu Grunde. Vielleicht auch befriedigte ihn der bloße Gedanke, daß ſie unter all dem Glanze ringsum ein natürlicher Schmuck des Hauſes ſei. Aber während er ſie anſah, wurde er immer milder geſtimmt gegen ſie. Wie er ſie anſah, floß ſie mit dem Kinde, das er geliebt hatte, in eins zuſammen und er konnte ſie kaum von einander trennen. Wie er ſie anblickte, ſah er ſie für einen Augenblick in einem klareren und ſchöneren Lichte, nicht als ſeine Nebenbuhlerin über jenes Kindes Sterbebett ſich beugend, ſondern als den Schutzgeiſt ſeines Hauſes. Er fühlte einen Drang, ſie anzureden und ſie zu ſich zu rufen. Die Worte: Florentine, komm zu mir, ſchwebten auf ſeiner Lippe— wollten ſich aber nicht von ihr ablöſen, denn ſie waren ſo ungewohnt — als ein Schritt auf der Treppe ſie erſtickte. — 88— Es war ſeine Gattin. Sie hatte ein weites Kleid angezogen und ihr Haar gelöſt, das auf ihren Nacken herabfiel. Aber dieſe Veränderung war es nicht, was ihm auffiel. Liebe Florentine, ſagte ſie, ich habe dich überall geſucht. Wie ſie ſich neben Florentinen niederſetzte, beugte ſie ſich nieder und küßte ihre Hand. Er erkannte ſeine Gattin kaum⸗ Sie war ſo ganz anders. Nicht blos ihr Lächeln war ihm neu, obgleich er auch das nie geſehen hatte, aber ihr Weſen, der Ton ihrer Stimme, der Glanz ihrer Augen, die Theilnahme, das Vertrauen und der gewinnende Wunſch, zu gefallen, der ſich in Allem zeigte— das war nicht Edith. Still, liebe Mama, Papa ſchläft. Jetzt war es Edith. Sie blickte nach der Ecke, wo er ſaß, und dieſes Geſicht kannte er recht gut. Ich glaubte kaum, dich hier zu finden, Florentine. Wieder wie ganz anders und wie gemildert in einem Augenblick. Ich ging hier zeitig weg, fuhr Edith fort, um mit dir oben zu plaudern. Aber als ich in dein Zimmer kam, warſt du fort und ich habe ſeitdem dort geſeſſen und dich erwartet.. Wie zärtlich und ſanft drückte ſie Florentinen an ihre Bruſt! Komm, Liebe! Papa wird wohl nicht erwarten, mich hier zu finden, wenn er aufwacht, ſagte Florentine zögernd. Glaubſt du das, Florentine? ſagte Edith und blickte ſie an. Florentine ſenkte das Haupt, ſtand auf und packte ihre Arbeit zuſammen. Edith nahm ihren Arm und ſie gingen wie — — — 89— Schweſtern aus dem Zimmer. Selbſt ihr Gang kam Mr. Dombey, wie er ihnen nachſah, anders und neu vor. Er blieb in ſeiner dunkeln Ecke ſo lange ſitzen, daß die nahe Thurmuhr dreimal ſchlug, ehe er ſich in ſein Zimmer zurück⸗ zog. Die ganze Zeit über heftete ſich ſein Auge auf den Platz, wo Florentine geſeſſen hatte. Das Zimmer wurde dunkler, wie die Lichter verblichen und ausgingen, aber auf ſeinem Antlitz lag ein Schatten, der dunkler war, als die Schatten der Nacht, und dort blieb. In dem Zimmer, wo der kleine Paul geſtorben, vor dem Feuer ſitzend, plauderten Florentine und Edith lange mit einan⸗ der. Diogenes, der mit dabei war, hatte Anfangs gegen die Zulaſſung Ediths Einwendung gemacht und hatte ſie, ſelbſt jetzt, nur mit brummendem Proteſt geſtattet. Aber er verließ nach und nach wieder das Vorzimmer, wohin er ſich grollend zurück⸗ gezogen hatte, und ſchien bald zu begreifen, daß er in der lobens⸗ wertheſten Abſicht eines jener Mißverſtändniſſe gemacht hatte, welche zuweilen bei den beſterzogenen Hunden paſſiren; und um es wieder gut zu machen, ſtellte er ſich zwiſchen Beiden in die Höhe, guckte in das Feuer und hörte dem Geſpräch zu. Es drehte ſich anfangs um Florentinens Bücher und Lieb⸗ lingsbeſchäftigungen, und um die Art und Weiſe, in der ſie die Tage ſeit der Hochzeit verlebt hatte. Dadurch kam ſie auf Etwas, was ihrem Herzen ſehr nahe lag, und mit thränenvollen Augen ſagte ſie: O Mama! Ich habe ſeit jenem Tage großes Leid gehabt. Du ein großes Leid, Florentine? — 90— Ja. Der arme Walter iſt ertrunken! Florentine bedeckte mit den Händen ihr Geſicht und weinte ihren Schmerz aus. So viel heimliche Thränen ſie ſchon um Walters Schickſal geweint hatte, ſo floſſen ſie doch immer nog. ſo oft ſie an ihn dachte oder von ihm ſprach. Aber ſage mir, Liebe, ſagte Edith, ſie tröſtend. Wer war Walter? was war er dir? Er war mein Bruder, Mama; als der gute Paul geſtor⸗ ben war, ſagte er, wir wollen Bruder und Schweſter ſein. Ich kannte ihn ſeit langer Zeit von Kindheit auf. Er kannte Paul, der ihn ſehr gern hatte. Faſt in ſeinem letzten Augenblicke ſagte Paul: ſorge für Walter, lieber Papa! Ich bin ihm gut! Walter war geholt worden, um ihn zu ſehen, und war damals hier in dieſem Zimmer. Und hat er für Walter geſorgt? frug Edith ſtreng. Papa? Er ſchickte ihn übers Meer. Er ertrank bei dem Schiffbruch auf der Reiſe, ſagte Florentine ſchluchzend. Weiß er, daß er todt iſt? frug Edith wieder. Ich kann es nicht ſagen, Mama. So etwas kann ich nicht erfahren. Gute Mama! rief Florentine, und ſich wie Schutz ſuchend an ſie herandrängend verbarg ſie ihr Antlitz an ihrem Buſen. Ich weiß, daß du geſehen haſt— Still, Florentine! Edith wurde ſo bleich und ſprach ſo eindringlich, daß Florentine ihres beſchwichtigenden Winkes nicht bedurfte. Erzähle mir erſt Alles von Walter! — — 9— Florentine erzählte Alles, was damit in Berührung ſtand, ſelbſt Nr. Toots Freundſchaft, von dem ſie in ihrem Kummer kaum ohne ein Lächeln reden konnte, ſo dankbar ſie ihm war. Als ſie fertig war, ſagte Edith nach einer Pauſe: Was ſoll ich geſehen haben, Florentine? Daß ich kein Liebling des Vaters bin, Mama, ſagte Flo⸗ rentine mit derſelben ſtummen Geberde wie vorhin. Ich bin es nie geweſen. Ich habe nie gewußt, wie ich es werden könnte. Ich habe den Weg verfehlt und Niemand hat ihn mir gezeigt. O lehre mir, wie ich Papa für mich gewinnen kann. Lehre es mir! Du, die es ſo gut kann! Und ſie noch feſter umſchließend weinte Florentine, befreit von ihrem traurigen Geheimniß, lange Zeit, aber nicht ſo ſchmerzhaft wie früher, in den Armen ihrer neuen Mutter. Todtenbleich im ganzen Geſicht, das nach Faſſung rang, bis ſeine ſtolze Schönheit ſtarr war wie im Tode, blickte Edith herab auf das weinende Mädchen und küßte es ein Mal. Dann machte ſſie ſich allmälig los, ſchob Florentinen weg und ſagte ruhig wie ein Marmorbild und mit einer Stimme, die immer tiefer klang, aber ſonſt ihre Bewegung nicht verrieth: Florentine, du kennſt mich nicht. Der Himmel verhüte, daß du es von mir lernen ſollteſt! Nicht von dir lernen! wiederholte Florentine erſtaunt. Der Himmel verhüte, daß ich dir lehren ſollte zu lieben oder geliebt zu werden. Wenn du es mir lehren könnteſt, wäre es —— * 4 1 — 92— beſſer; aber es iſt zu ſpät. Du biſt mir theuer, Florentine. Ich glaubte nicht, daß ich Etwas ſo lieb haben könnte, wie du mir in dieſer kurzen Zeit geworden biſt. Sie ſah, daß Florentine ſprechen wollte, winkte ihr aber zu ſchweigen und fuhr fort. Ich will dir ſtets eine treue Freundin ſein. Ich will dich lieben, wie dich nur Jemand auf der Welt lieben kann. Du kannſt auf mich vertrauen, ich weiß es und ich ſage es, liebes Kind, mit dem ganzen Vertrauen eines reinen Herzens. Tauſende von Frauen, die beſſer, die in jeder Hinſicht beſſer und wahrer ſind, als ich, hätte er heirathen können, aber keine hätte dich treuer und wahrer geliebt als ich. Ich weiß es, liebe Mama! rief Florentine aus. Von jenem erſten glücklichſten Tage an weiß ich es. Glücklichſter Tag! Edith ſchien die Worte unwillkürlich zu wiederholen und fuhr fort: Obgleich das Verdienſt nicht mein iſt, denn ich dachte nicht an dich, ehe ich dich ſah, ſo ſchenke mir doch in deinem Ver⸗ trauen und deiner Liebe die unverdiente Belohnung. Ohne zu wiſſen warum, weinte Florentine faſt bei ihrer, 3 Rede, aber ihre Augen verließen nicht das ſchöne Antlitz, das ſe anblickte. Suche nie bei mir, was nicht hier iſt, ſagte Edith und legte ihre Hand auf die Bruſt. Werde mir nicht untreu, Florentine, weil es nicht hier iſt. Allmälig wirſt du mich beſſer kennen ler⸗ nen und die Zeit wird kommen, wo du mich kennen wirſt, ſo gut wie ich mich ſelbſt kenne. Dann ſei ſo mild und nachſichtig gegen ——„ — 93ñ— mich, als du kannſt, und mache nicht die einzige ſüße Erinnerung, die ich habe, zu bitterer Galle. Die Thränen, welche ſich in ihren Augen zeigten, ſagten Florentinen, daß das gefaßte Geſicht nur eine ſchöne Maske war; aber ſie behielt ſie und ſagte: Ich habe geſehen, was du beobachtet, und weiß, wie wahr es iſt. Aber glaube mir, es iſt Niemand auf Erden weniger geeignet als ich, dir zu helfen, Florentine. Frage mich nicht warum und ſprich auch nicht weiter davon oder von meinem Mann. Darüber muß zwiſchen uns Beiden ein Schweigen herrſchen, ſtill wie das Grab. Sie ſaß eine Zeit lang ohne ein Wort zu reden da; Flo⸗ rentine wagte unterdeſſen kaum zu athmen, während unbeſtimmte Schatten der Wahrheit ſich durch ihre erſchreckte, doch ungläubige Phantaſie jagten. Faſt unmittelbar nachdem ſie aufgehört hatte zu ſprechen, wurde die gezwungene Faſſung in Ediths Geſicht von dem weicheren Ausdruck erſetzt, den es gewöhnlich trug, wenn ſie mit Florentinen allein war; ſie bedeckte es mit ihren Händen, und als ſie aufſtand und Florentinen mit zärtlicher Umarmung gute Nacht wünſchte, ging ſie ſchnell und ohne ſich umzuſehen hinaus. Aber als Florentine im Bett lag und das Zimmer nur von dem brennenden Feuer erhellt wurde, kehrte Edith zurück; ſie ſagte, ſie könne nicht ſchlafen und ihr Zimmer ſei ſo öde, und ſetzte einen Stuhl vor das Kamin und beobachtete die erlöſchenden Kohlen. Auch Florentine beobachtete ſie von dem Bett aus, bis — 94— ſie und die edle Geſtalt vor Florentinen ſich verwiſchten und un⸗ deutlich wurden und zuletzt ganz im Schlummer verſchwanden. Aber ſelbſt im Schlafe konnte ſich Florentine von einer un⸗ deutlichen Erinnerung des Vorgefallenen nicht losmachen. Es war der Gegenſtand ihrer Träume und er verfolgte ſie, jetzt in einer, dann in der anderen Geſtalt, aber immer bedrückend und angſterregend. 3 Sie träumte, ſie ſuche ihren Vater in einer Einöde, folge ſeiner Spur ſteile Höhen hinauf oder in tiefe Schluchten und Ab⸗ 6 gründe; ſie habe etwas zu thun, was ihn von ſchweren Leiden erlöſen ſolle— ſie wußte nicht was, oder warum, aber ſie war nicht im Stande das Ziel zu erreichen und ihn zu befreien. Dann ſah ſie ihn als Leiche auf dieſem ſelben Bett und in dieſem ſelben Zimmer und wußte, daß er ſie nie geliebt hatte, bis zuletzt, und ſank auf ſeine kalte Bruſt mit leidenſchaftlichem Weinen. Dann öffnete ſich vor ihr eine Gegend und ein Fluß ſtrömte dahin und eine klagende Stimme ſagte: Er fließt weiter, Tinchen! Er ſteht nie ſtill! Du bewegſt dich mit ihm! und ſie ſah, wie er aus dr Ferne ihr ſeinen Arm entgegenſtreckte, während eine Geſtalt wie die Walters in erhabener Ruhe neben ihm ſtand. In jedem Traum⸗ bild erſchien Edith, manchmal zu ihrer Freude, manchmal zu ih⸗ rem Schmerz, bis ſie allein am Rande eines dunklen Grabes ſtan⸗ den und Edith hinabwies,— da blickte ſie in die Tiefe und ſah eine zweite Edith unten liegen. Erſchrocken über ihren Traum ſchrie ſie auf und erwachte. Eine ſanfte Stimme ſchien ihr zuzuflüſtern: Florentine, liebe Flo⸗ rentine, es iſt nur ein Traum, und ſie ſtreckte ihren Arm aus und V V V — 95— erwiderte die Liebkoſungen ihrer neuen Mama, die jetzt mit grauendem Morgen das Zimmer verließ. Im nächſten Augen⸗ blicke fragte ſich Florentine verwundert, ob dies wirklich geſchehen ſei oder nicht; aber ſie wußte blos, daß wirklich der Morgen grauete und daß ſie allein ſei. So verging der Abend, an dem das glückliche Paar zurück⸗ kehrte. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Der Geſellſchaftstag. Viele Tage vergingen in gleicher Weiſe, nur daß zahlreiche Be⸗ ſuche abgeſtattet und empfangen wurden, und daß Mrs. Skew⸗ ton in ihrem Zimmer kleine Levers hielt, wo Major Bagſtock ein häufiger Gaſt war, und daß Florentine keinem zweiten Blick ihres Vaters begegnete, obgleich ſie ihn jeden Tag ſah. Auch ſprach ſie nicht viel mit ihrer neuen Mutter, die herriſch und ſtolz gegen Jedermann im Hauſe war, außer gegen ſie, und die, obgleich ſie ſtets nach ihr ſchickte, wenn ſie vom Beſuch nach Hauſe kam, und ſtets vor dem Schlafengehen in ihr Zimmer kam und nie eine Ge⸗ legenheit verlor, mit ihr beiſammen zu ſein und neben ihr zu ſitzen. oft ſtundenlang ihr ſchweigend und gedankenvoll Geſellſchaft leiſtete. Manchmal konnte Florentine, die von dieſer Heirath ſo viel gehofft hatte, nicht umhin, das glänzende Haus mit der öden Wohnung zu vergleichen, die es früher war, und ſich verwundrrt zu fragen, wenn es einmal traulich darin werden würde? Manche Stunde trüben Nachdenkens und manche Thräne getäuſchter Hoff⸗ nung weihte Florentine der Betheurung ihrer neuen Mutter, daß l 6 — 97— Niemand auf Erden weniger Macht habe als ſie, ihr ihres Vaters Liebe zu gewinnen. Und bald fing Florentine an zu denken oder beſchloß vielmehr zu denken, daß, da Niemand ſo gut wiſſe wie ſie, wie wenig auf eine Veränderung in ihres Vaters Stimmung zu hoffen ſei, ſie aus Mitleid ihr dies geſagt habe. Hier wie in jeder ihrer Handlungen und in jeglichem Gedanken ohne Selbſt⸗ ſucht wollte Florentine lieber den Schmerz dieſer neuen Wunde ertragen, als ſich eine ſchwache Ahnung der Wahrheit in Bezug auf ihren Vater erlauben; ſie ſchonte ſeiner ſelbſt in Gedanken. Zur Feier der Hochzeit wurde vorzüglich von Mr. Dombey und MNrs. Skewton eine Reihe von Geſellſchaften angeordnet und es wurde beſtimmt, daß Mrs. Skewton an einem beſtimmten Abend Gäſte empfangen und Mr. und Mrs. Dombey an demſelben Tage eine große Anzahl Perſonen zu einem feſtlichen Diner einladen ſollten. Mr. Dombey entwarf ein Verzeichniß gewiſſer öſtlicher Magnaten, die ſeinetwegen geladen werden ſollten, und zu dieſen fügte Mrs. Skewton im Namen ihres geliebten Kindes, das mit ſtolzer Gleichgültigkeit dieſen Vorbereitungen zuſah, eine weſtliche Liſte, auf welcher ſich Couſin Feenix, der ſehr zum Schaden ſei⸗ nes Vermögens noch nicht aus Baden⸗Baden zurückgekehrt war, und eine Anzahl Schmetterlinge verſchiedenen Standes und Al⸗ ters, die zu verſchiedenen Zeiten ihre ſchöne Tochter umflattert hatten, befanden. Florentine wurde auf Ediths Befehl mit auf die Liſte geſetzt. Das Feſt begann damit, daß Mr. Dombey in einer Hals⸗ binde von außerordentlicher Höhe und Steifheit bis zu der zum Boz, Dombey u. Sohn. VI. 7 — 98— Diner beſtimmten Stunde im Drawingroom auf und ab ſchritt. Mit dem Punkte traf ein Director der oſtindiſchen Compagnie ein, ein Mann von ungeheurem Reichthum, mit einer Weſte, die allem Anſchein nach von einem ungeſchickten Zimmermann aus Bretern gefertigt, aber in Wirklichkeit ein Kunſtwerk aus Schnei⸗ ders Hand war und aus Nankin beſtand. Der zweite Act des Feſtes war, daß Mr. Dombey an Mrs. dauagfdliteheede ſchickte und ihr die Zeit bemerklich machte, und der nä ſte, daß ſich der Director der oſtindiſchen Compagnie im Geſpräch Mr. Dombey zu Füßen legte, und da dieſer nicht der Mann war ihn wieder aufzuheben, in das Feuer ſtarrte, bis in Geſtalt der Mrs. Skewton Entſatz eintraf. Als einen vortrefflichen Beginn des Abends hielt der Director dieſe irrthümlich für Mrs. Dombey und begrüßte ſie mit Begeiſterung. Der zweite Ankömmling war ein Bankdirector, der in de Rufe ſtand, Alles kaufen zu können, nur nicht die menſchliche Na⸗ tur, wenn er ſich in den Kopf ſetzen ſollte, auf den Markt in die⸗ ſer Richtung zu wirken— der aber prahleriſch beſcheiden ſprach und von ſeinem Häuschen in Kingſton upon Thames erzählte, wo er gerade im Stande ſei, Dombey ein Bett und eine Suppe zu geben, wenn er ihn einmal beſuchen wolle. Für einen Mann von ſeiner ruhigen Lebensweiſe könne er nicht wagen, Damen ein⸗ zuladen, aber wenn Mrs. Skewton und ihre Tochter Mrs. Dom⸗ bey einmal in jene Gegend kommen ſollten und ihm die Ehre anthun wollten, ſein Gärtchen anzuſehen und ſeinen beſcheidenen Verſuch eines Ananastreibhauſes, ſo werde ihm das ſehr ſchmei⸗ chelhaft ſein. Getreu ſeinem Charakter war dieſer Herr ſehr ein⸗ — 99— fach gekleidet, mit einem Streifchen Cambrik als Halstuch, großen Schuhen, einem Rock, der zu weit für ihn war, und ein Paar Beinkleidern, die zu kurz waren; und als Mr. Skewton zufällig der Oper erwähnte, ſagte er, er ginge ſehr ſelten hin, da er dazu kein Geld habe. Solche Aeußerungen ſchienen ihm ſehr viel Spaß zu machen, und er lächelte dabei auf ſelbſtzufriedene Weiſe ſeine Zuhörer an, die Hand in die Taſche geſteckt. Jetzt trat Mrs. Dombey ein, ſchön und ſtolz und ſo gering⸗ ſchätzig und herausfordernd um ſich blickend, als ob der Braut⸗ kranz auf ihrem Haupte ein Kranz von eiſernen Spitzen geweſen, der ſie zum Nachgeben zwingen ſollte, wo ſie lieber geſtorben wäre. Mit ihr kam Florentine. Als ſie zuſammen eintraten, flog jener Schatten des Abends der Heimkehr wieder über Mr. Dombey's Geſicht, aber unbeachtet, denn Florentine wagte nicht die Augen zu ihm aufzuſchlagen, und Ediths Gleichgültigkeit war zu groß, um ihn im geringſten zu beachten. Die Gäſte mehrten ſich ſchnell. Noch mehr Directoren von öffentlichen Körperſchaften, ältliche Damen mit Laſten auf dem Kopfe als Haarputz, Couſin Feenix, Major Bagſtock, Freun⸗ dinnen der Mrs. Skewton mit demſelben blühenden Teint und ſehr koſtbaren Halsbändern über ſehr verwelkten Buſen. Unter ihnen war eine junge Dame von fünfundſechzig Jahren, merk⸗ wuürdig luftig gekleidet um Bruſt und Schultern, die mit einem anmuthigen Lispeln ſprach und die ohne große Mühe die Augen nicht recht offen behalten konnte, und deren Benehmen den uner⸗ klärlichen Reiz zeigte, wie er ſo häufig mit dem Muthwillen der ieus vereint iſt. Da der größte Theil von Mr. Dombey's 7. — 100— Liſte ſich zur Schweigſamkeit neigte und der größte Theil von Mrs. Dombey's Liſte geſprächig war und keine Sympathie zwi⸗ ſchen ihnen beſtand, ſo ſchloß Mrs. Dombey's Liſte, durch magnetiſche Kraft vereint, einen Bund gegen Mr. Dombey's Liſte, die, rathlos durch die Zimmer irrend oder in Ecken eine Zuflucht ſuchend, mit der hereinſtrömenden Geſellſchaft in Colli⸗ ſion gerieth, hinter Sopha's verbarricadirt wurde, gegen plötz⸗ lich aufgehende Thüren ſtieß, und Leid und Schmach in jeder Geſtalt zu ertragen hatte. Als das Diner angemeldet wurde, führte Mr. Dombey eine alte Dame hinab, welche einem mit Banknoten ausgeſtopften rothſammetnen Nadelkiſſen ähnlich war; ſie war ſo reich und ſah ſo ungefällig aus, daß man ſie für die leibhaftige alte Dame aus Threadneedle⸗Street hätte halten können; Couſin Feenix führte Mrs. Dombey, Major Bagſtock Mrs. Skewton; die junge Dame mit den bloßen Schultern wurde dem Director der oſtin⸗ diſchen Compagnie zu Theil und die übrig bleibenden Damen blieben zur Anſicht für die übrig bleibenden Herren im Drawing⸗ room ſitzen, bis ein kühner Ritter ſich erbot, ſie hinauszuführen, worauf dieſe Wackeren mit ihren Gefangenen die Thür des Speiſeſaales verſperrten und ſieben ſanftmüthige Herren herein ließen. Als alle Uebrigen darin waren und Platz men hatten, erſchien einer dieſer ſanftmüthigen Herren in Verwirrung ganz allein, und machte, geführt von dem T zwei Mal die Runde um die Tafel, ehe er ſeinen Stuhl 6 konnte, der auf Mrs. Dombey's linker Seite ſtand; nach diſn Vorfall erhob der ſanftmüthige Herr nie wieder das Haupt. 2 4— — — wird ſich auf Jack Adams beſinnen. Jack Adams, nicht Joe, das war ſein Bruder— Jack, der kleine Jack, ein Mann mit ſchie⸗ — 101— Couſin Feenix war in beſter Stimmung und ſah außer⸗ ordentlich jugendlich aus. Aber er war in ſeiner fröhlichen Laune zuweilen gedankenlos— ſein Gedächtniß ging manchmal irre wie ſeine Beine— und bei einer ſolchen Gelegenheit machte er die Geſellſchaft ſchaudern. Da geſchah Folgendes. Die 4 junge Dame mit den bloßen Schultern, welche Couſin Feenix mit zärtlichen Gefühlen betrachtete, hatte den Director der oſt⸗ indiſchen Compagnie veranlaßt, ſie nach einem Stuhle neben ihm zu führen. Zum Dank für dieſen freundlichen Dienſt verließ ſie ſogleich den Director, der auf ſeiner andern Seite einen gro⸗ ßen ſchwarzen Sammthut mit einer knochendürren und ſtummen Dame hatte und in Folge dieſer Nachbarſchaft in Niedergeſchlagen⸗ heit verfiel. Couſin Feenix und die junge Dame waren ſehr, heiter und luſtig und die junge Dame lachte ſo ſehr über Etwas was ihr Couſin Feenix erzählte, daß Major Bagſtock um Erlaub⸗ niß bat, für Mrs. Skewton, die etwas weiter unten gegenüber ſaß, zu fragen, ob die Aneldote nicht als Eigenthum der Geſell⸗ ſchaft zu betrachten ſei. O mein Gott, es iſt nicht viel daran, ſagte Couſin Feenix, ſie iſt des Erzählens nicht werth— nichts als eine Anekdote von Jack Adams. Ich glaube, mein Freund Dombey,— denn die 4 allgemeine Aufmerkſamkeit hatte ſich auf Couſin Feenix gewendet, lenden Augen und etwas ſtotternd— er ſaß für Jemandes Wahl. flecken. Vielleicht hat mein Freund Dombey den Mann gekarmt. Mr. Dombey antwortete verneinend. Aber einer der — 102— ſieben ſanftmüthigen Herren erhob ſich unerwartet zur Berühmt⸗ heit, indem er ſagte, er habe ihn gekannt, und hinzufügte: er trug immer hohe Stiefeln. Ganz recht, ſagte Couſin Feenix und beugte ſich vor, um den ſanftmüthigen Herrn zu ſehen und ihm immer muthiger zu⸗ zulächeln. Das war Jack, Joe trug— Stolpenſtiefeln! rief der ſanftmüthige Herr, jeden Ande⸗ blick in der Achtung des Publicums ſteigend. Sie kannten ſie natürlich, ſagte Couſin Feenix. Ich kannte ſie alle Beide, ſagte der ſanftmüthige Herr, mit welchem Mr. Dombey ſofort Wein trank. Verteufelt guter Kerl, Jack, ſagte Couſin Feenix und beugte ſich wieder lächelnd vor. Ein vortrefflicher Menſch, erwiderte der ſanftmüthige Herr, den ſein Glück kühn machte. Er war der beſte Kerl, den ich je gekannt habe. Sie kennen jedenfalls die Geſchichte, ſagte Couſin Feenix. Ich werde ſehen, erwiderte der kühne ſanftmüthige Herr, wenn ich eure Herrlichkeit habe erzählen hören. Damit lehnte er ſich in ſeinen Stuhl zurück und lächelte die Decke an, als könne er ſie auswendig und fühle ſich bereits entzückt. Es iſt eigentlich nicht viel an der Geſchichte, ſagte Couſin Feenix, indem er die Tafel mit einem Lächeln und mit einem Kopfſchütteln anſah, und ſie iſt nicht viel Redens werth. Aber ſſie giebt einen Begriff von Jack' trefflichem Witz. Die Sache iſt, daß Jack zu einer Hochzeit eingeladen war, die, glaube ich, in Berkſhire ſtatt fand. ————y 8 7. — 103— Shropſhire, ſagte der kecke ſanftmüthige Herr, als Couſin Feenix ihn fragend anblickte. So, gut! Alſo mein Freund war zu einer Hochzeit i Shropſhire geladen, und geht. Gerade wie Einige von uns, die mit einer Einladung zur Hochzeit meiner liebenswürdigen Couſine und meines Freunds Dombey beehrt waren, ſich nicht zwei Mal bitten ließen und ſehr froh waren, bei einer ſo intereſ⸗ ſanten Feier anweſend ſein zu können.— Er reiſte— Jack reiſte hin. Nun war dieſe Heirath eigentlich die Heirath eines ungemein ſchönen Mädchens mit einem Manne, um den ſie ſich keinen Pfifferling kümmerte, den ſie aber wegen ſeines Reichthums nahm, welcher unermeßlich war. Als Jack nach der Hochzeit wie⸗ der in die Stadt kam, traf ihn ein Bekannter im Corridor des Unterhauſes und ſagte: nun Jack, was macht das ungleiche Paar? Ungleich, ſagte Jack, ganz und gar nicht. Es iſt ein ganz ehr⸗ liches und ordnungsmäßiges Geſchäft. Sie iſt regelrecht gekauft und er iſt eben ſo regelrecht verkauft. In ſeiner Freude über den Witz ſeiner Geſchichte wurde Couſin Feenix von dem Schauf der um die ganze Tafel wie ein elektriſcher Funke gelaufen war, geſtört und er hielt inne. Auf keinem einzigen Geſicht zeigte ſich ein Lächeln; ein tiefes Schweigen folgte, und der unglückliche ſanftmüthige Herr, der an der Geſchichte ſo unſchuldig war wie ein neugeborenes Kind, mußte ſich zu ſeinem Schmerz von jedem Auge als Urheber der Störung betrachtet ſehen. Mr. Dombey's Geſicht veränderte ſich nicht leicht, und da 3 er heute ſein Feſttagsantlitz hatte, ſo verzog er keine Miene und ſagte nur feierlich, während Alles ſchwieg: ſehr gut. Sdith warf einen ſchnellen Blick auf Florentinen, aber ſonſt blieb ſie äußerlich unbewegt. Durch die verſchiedenen Stationen von koſtbaren Speiſen und Weinen, Gold⸗ und Silbergeſchirr, Leckereien der Erde, der Luft, des Feuers und des Waſſers, aufgehäuften Früchten und dem bei Mr. Dombey's Gelag wahrhaftig höchſt unnöthigen Artikel des Eiſes ging das Diner langſam vor ſich. Die letzten Stationen waren begleitet von der ſonoren Muſik und dem unauf⸗ hörlichen doppelten Klopfen, wodurch ſich neue Gäſte ankündigten, die blos den Geruch von dem Diner hatten. Als Mrs. Dombey aufſtand, war es ein merkwürdiger Anblick, ihren Gatten zu ſehen, wie er mit ſteifem Hals und aufrechtem Kopf die Thür für die Damen offen hielt, und zu ſehen, wie ſie mit ſeiner Sochter am Arm vor ihm vorüber ſchritt. Mr. Dombey war ein ernſtes Schauſpiel hinter den Wein⸗ caraffen, und der Director der oſtindiſchen Compagnie war in ſeiner Einſamkeit an dem leeren Ende der Tafel ein betrübtes Schauſpiel, und der Maiot int ei militäriſches Schauſpiel und erzählte Geſchichten von dem Herzog von York ſechſen von den ſieben ſanftmüthigen Herren(der ſtrebſame war ganz nieder⸗ gedrückt); und der Bankdirector war ein demüthiges Schauſpiel, wie er mit Deſſertmeſſern einer Gruppe von Bewunderern den Plan ſeines beſcheidenen Verſuchs eines Ananastreibhauſes vor⸗ zeichnete. Und Couſin Feenix war ein bedenkliches Schauſpiel, wie er ſeine langen Manſchetten glatt ſtrich und ſich heimlich die * — 105.— Perrücke zurecht ſetzte. Aber alle dieſe Schauſpiele waren von kurzer Dauer, da ſie bald von dem Kaffee und dem allgemeinen Aufbruch in das Geſellſchaftszimmer unterbrochen wurden. In den glänzenden Räumen oben war dichtes Gedränge, das jede Minute zunahm, aber immer noch ſchien Mr. Dombey's Liſte von Gäſten an einer angeborenen Unmöglichkeit zu leiden, ſich mit Mrs. Dombey's Liſte zu verſchmelzen, und Keiner hätte die eine mit der andern verwechſeln können. Die einzige Aus⸗ nahme von dieſer Regel war vielleicht Mr. Carker, der jetzt eben⸗ falls lächelnd in der Geſellſchaft erſchien, und der, wie er in dem um Mrs. Dombey verſammelten Kreiſe ſtand und ſie, ſeinen Prin⸗ cipal, Cleopatra und den Major, Florentinen und Alle beobach⸗ tete, mit beiden Abtheilungen der Gäſte ſich zu vertragen und keiner von beiden ausſchließlich anzugehören ſchien. Florentine betrachtete ihn mit einer Scheu, die ſeine An⸗ weſenheit ihr peinlich machte; ſie konnte ihn nicht aus ihren Gedanken vertreiben, denn durch einen unwiderſtehlichen Reiz der Abneigung und des Mißtrauens wurden ihre Augen beſtändig wieder auf ihn hingezogen. Dennoch beſchaͤftigten ſich ihre Gedanken auch mit anderen Dingen, denn wie ſie allein da ſaß, — weder unbewundert, noch unbeachtet,— fühlte ſie, wie wenig Theil ihr Vater an Allem, was vorging, hatte, und ſah mit Schmerz, wie ungemüthlich er ſich zu befinden ſchien und wie wenig er beachtet wurde, als er in der Nähe der Thür ſtand und die Gäſte, welche er beſonders auszuzeichnen wünſchte, ſeiner Frau vorſtellte, die ſie mit ſtolzer Kälte empfing, aber kein Intereſſe und keinen Wunſch zu gefallen zeigte, und nach der — 106— leeren Ceremonie der Vorſtellung weder zu Berückſichtigung ſeiner Wünſche, noch zu Bewillkommnung ſeiner Freunde die Lippen öffnete. Es war für Florentinen nicht weniger unerklärlich und peinlich, daß ſie, welche ſo handelte, ſie beſtändig ſo gut und ſo liebevoll behandelte, daß es ihr faſt als Undankbarkeit erſchien, von dem zu wiſſen, was vor ihren Augen vorging. Glücklich wäre Florentine geweſen, wenn ſie nur durch einen Blick ihrem Vater hätte Geſellſchaft leiſten können, und glücklich war Florentine, daß ſie die Haupturſache ſeiner Miß⸗ ſtimmung nicht ahnte. Aber bewegt von der Furcht, zu zeigen, daß ſie fühle, wie er zu ſeinem Nachtheil erſcheine, und getheilt zwiſchen ihrem Triebe zu ihm und ihrer Dankbarkeit gegen Edith wagte ſie kaum, eine dieſer beiden Perſonen anzuſehen. Beküm⸗ mert und unglücklich für Beide bemächtigte ſich ihrer der Gedanke, daß es vielleicht für Alle beſſer geweſen, wenn dieſes Geräuſch von Zungen und Füßen nie hierher gekommen wäre, wenn Neu⸗ heit und Glanz nie die alte Dunkelheit und Stille erſetzt hätten, wenn das verlaſſene Kind keine Freundin in Edith gefunden, ſondern ein einſames Leben unbedauert und vergeſſen fortge⸗ führt hätte. Mrs. Chick hatte ähnliche Gedanken, aber ſie blieben nicht ſo ſtill in ihrem Gemüth verſchloſſen. Dieſe vortreffliche Frau war zu allererſt dadurch beleidigt worden, daß ſie keine Einladung zum Diner erhielt. Nachdem ſie ſich von dieſem Schlage wieder erholt, hatte ſie es ſich ungeheuer viel koſten laſſen, um vor Mrs. Dombey mit einem Glanz aufzutreten, der dieſe Dame — 107— blenden und Aerger und Verlegenheit auf das Haupt der Mrs. Skewton bringen ſollte. Man beachtet mich nicht mehr als Florentinen, ſagte Mrs. Chick zu Mr. Chick. Wer nimmt den geringſten Theil an mir? Niemand! Niemand, meine Liebe, ſtimmte Mr. Chick ein, der neben Mrs. Chick an der Wand ſaß und ſich ſelbſt hier durch leiſes Pfeifen tröſten konnte. Thut man etwa hier, als ob man mich brauche? rief Mrs. Chick mit funkelnden Augen aus. Nein, meine Liebe, es ſcheint mir gar nicht ſo, ſagte Mr. Chick. Paul iſt verrückt! ſagte Mrs. Chick. Mr. Chick pfiff. Wenn du nicht ein Barbar biſt, wofür ich dich manchmal halte, ſagte Mrs. Chick mit vieler Aufrichtigkeit, ſo ſitze nicht da und pfeife. Wie nur Einer, der nur einen Schatten von Men⸗ ſchengefühl hat, dieſe Schwiegermutter Pauls in ihrem Aufzug ſich ſo gegen Major Bagſtock benehmen ſehen kann, dem wir ne⸗ ben anderen koſtbaren Sachen deine Lucretia Tox verdanken— Meine Lucretia Tox! ſagte Mr. Chick ganz erſtaunt. Ja, erwiderte Mrs. Chick mit großer Strenge, deine Lu⸗ cretia Tox.— Ich ſage, wie nur Jemand dieſe Schwieger⸗ mutter Pauls und die hochnaſige Frau Pauls, und die unan⸗ ſtändigen alten Schachteln, mit ihren Buſen und Schultern, und mit einem Worte dieſes ganze Haus, dieſe ganze Geſellſchaft ſe⸗ hen und pfeifen kann— auf dieſe Worte legte Mrs. Chick einen — 108— ſtarken Accent, der Mr. Chick aufzucken machte— iſt für mich, dem Himmel ſei Dank, ein Geheimniß! Mr. Chick gab ſeinem Munde eine Form, die mit Summen oder Pfeifen unverträglich war, und nahm eine nachdenkliche Miene an. Aber ich weiß, was mir gebührt, fuhr Mrs. Chick fort, vor Entrüſtung faſt berſtend, obgleich Paul vergeſſen hat, was mir gebührt. Ich will nicht hier ſitzen bleiben, ich, ein Mitglied der Familie, ohne daß man ein Wort mit mir ſpricht. Ich bin kein Staub unter Mrs. Dombey’s Füßen, jetzt noch nicht, ſagte ſie, als ob ſie es übermorgen zu werden hoffe. Und ich werde gehen. Ich will nicht ſagen(was ich auch denken mag), daß dieſe Geſellſchaft nur geladen worden iſt, um mich zu beſchämen und zu beleidigen. Ich werde blos gehen. Man wird mich nicht ver⸗ miſſen. MNrs. Chick ſtand mit dieſen Worten auf und nahm den Arm Mr. Chicks, der ſie nach einem halbſtündigen Aufenthalte aus dem Zimmer führte. Auch müſſen wir zum Ruhme ihres Scharfſinnes bemerken, daß ganz ſicherlich kein Menſch ſie vermißte. Aber ſie war nicht der einzige entrüſtete Gaſt, denn Mr. Dombey's Liſte war, als Ganzes, entrüſtet über Mrs. Dombey's Liſte, welche ſie durch Augengläſer anſtarrte und ſich hörbar ver⸗ wunderte, wer dieſe Leute wohl ſein möchten; während Mrs. Dombey's Liſte über Ennui klagte, und die junge Dame mit den bloßen Schultern, der angenehmen Unterhaltung des Couſin — 109— Feenix beraubt, vertraulich gegen dreißig oder vierzig ihrer Freundinnen äußerte, ſie langweile ſich zu Tode. Alle die alten Damen mit den Laſten auf dem Kopfe hatten mehr oder minder Urſache über Mrs. Dombey zu klagen, und die Directoren und Präſidenten kamen darin überein, daß, wenn Dombey denn einmal heirathen mußte, er beſſer gethan hätte, eine Frau zu neh⸗ men, die ſeinem Alter näͤher ſtand, nicht ganz ſo ſchön war und etwas mehr Geld hatte. Das allgemeine Urtheil dieſer Art Herren war, daß es eine Schwäche von Dombey geweſen ſei und daß er es noch bereuen werde. Kaum ein Einziger, mit Ausnahme der ſanftmüthigen Herrn, blieb oder ging fort, ohne ſich von Mr. Dombey oder Mrs. Dombey vernachläſſigt oder verletzt zu halten. Und die Stumme mit dem ſchwarzen Sammethut hatte ihre Sprache verloren, weil die Dame in dem rothen Sammet vor ihr hinabgeführt worden war. Selbſt die ſanftmüthigen Herren wurden von der allgemeinen Mißſtimmung angeſteckt und äu⸗ ßerten gegen einander ſarkaſtiſche Scherze und flüſterten ihre Un⸗ zufriedenheit auf der Treppe und in fernen Ecken aus. Das all⸗ gemeine Mißbehagen verbreitete ſich ſo weit, daß ſelbſt die in der Vorhalle verſammelten Bedienten es ſo gut wie die Geſellſchaft drinnen fühlten. Ja ſogar die Fackelträger draußen erfuhren es und verglichen die Geſellſchaft mit einem Leichenbegängniß ohne Trauertracht, wo keiner der Anweſenden im Teſtament be⸗ dacht ſei. Endlich waren die Gäſte alle fort und die Fackelträger eben⸗ falls. Und die ſo lange von Wagen dicht gedrängt volle Straße war leer; und die erſterbenden Lichter zeigten Niemand in den — 110— Zimmern als Mr. Dombey und Mr. Carker, die abſeits mit einander ſprachen, und Mrs. Dombey und ihre Mutter; Erſtere ſaß auf einer Ottomane und Letztere wartete, in ihrer Cleopatra⸗ ſtellung hingegoſſen, auf die Ankunft ihrer Zofe. Nachdem Mr. Dombey fertig war, trat Carker vor um Abſchied zu nehmen. Ich hoffe, ſagte er, daß die Anſtrengungen dieſes angeneh⸗ men Abends Mrs. Dombey nicht beläſtigen werden. Mrs. Dombey, ſagte Mr. Dombey, hat alle Anſtrengung genügend von ſich fern gehalten, um jede Beſorgniß dieſer Art unnütz zu machen. Ich bedaure ſagen zu müſſen, Mrs. Dombey, daß ich gewünſcht hätte, Sie hätten ſich bei dieſer Gelegenheit ein wenig mehr angeſtrengt.— Sie ſah ihn mit geringſchätzigem Blick an und wendete ihre Augen ab, ohne ein Wort zu ſagen. Es thut mir leid, Madame, ſagte Mr. Dombey, daß Sie es nicht für Ihre Pflicht hielten— 3— Sie ſah ihn abermals an. Daß Sie es nicht für Ihre Pflicht hielten, Madame, fuhr Mr. Dombey fort, meine Freunde mit etwas mehr Freundlichkeit zu empfangen. Einige von den Perſonen, die Sie heute Abend auf ſehr markirte Weiſe verletzt haben, Mrs. Dombey, laſſen Ih⸗ nen durch jeden Beſuch eine Auszeichnung angedeihen. Wiſſen Sie, daß Jemand hier iſt? antwortete ſie und ſah ihn feſt an. Nein, Carker! ich muß Sie bitten, ich beſtehe darauf, daß Sie bleiben, rief Mr. Dombey und hielt dieſen Herrn auf. Sie wiſſen, Madame, Mr. Carker beſitzt mein ganzes Ver⸗ trauen, er kennt die Sache, von der ich ſpreche, ſo gut wie ich — 111— ſelbſt. Sie werden mir erlauben, Ihnen ſagen zu dürfen, Mrs.:. Dombey, daß ich in dem Beſuch dieſer reichen und wichtigen Per⸗ ſonen eine Auszeichnung für mich ſehe; und Mr. Dombey richtete ſich auf, als habe er ſich nun jetzt die höchſtmögliche Wichtigkeit gegeben. Ich frage, wiederholte ſie und ſah ihn abermals mit ihrem geringſchätzigen ruhigen Blick an, wiſſen Sie, daß Jemand hier iſt, Sir? Ich muß bitten, ſagte Mr. Carker vortretend, ich muß dar⸗ auf beſtehen, ich muß fordern, gehen zu dürfen, ſo klein und un⸗ wichtig auch dieſer Zwiſt iſt— Mrs. Skewton, die ihrer Tochter Geſicht geſpannt beob⸗ achtet hatte, unterbrach ihn hier. Meine geliebteſte Edith und mein theuerſter Dombey, unſer vortrefflicher Freund Carker, denn ſo muß ich ihn wohl nennen—. Mr. Carker ſagte leiſe: zu viel Ehre!— Hat ganz dieſelben Worte gebraucht, die ich im Sinne hatte und die ich ſeit einer Ewigkeit anzuwenden mich fehnte. Klein und unwichtig! Meine geliebteſte Edith und mein theuerſter Dom⸗ bey, wiſſen wir nicht, daß jeder Zwiſt zwiſchen Ihnen— nein, Flowers, jetzt nicht— Flowers war die Zofe, die, als ſie Herren im Zimmer ſah, ſich raſch zurückzog— daß jeder Zwiſt zwiſchen Ihnen, fuhr Mrs. Skewton fort, bei dem Gemüth, was Sie Beide haben, und der außerordentlich reizenden Uebereinſtimmung Ihrer Herzen, klein und unbedeutend ſein muß? Was für Worte könnten das beſſer ausdrücken? Keine. Deshalb bin ich erfreut, dieſe un⸗ — 112— bedeutende Veranlaſſung, die ſo reich an Natur und individuellem Charakter und ſo geeignet iſt, Thränen in das Auge einer Mutter zu bringen, zu ergreifen und zu ſagen, daß ich ihm nicht die min⸗ deſte Wichtigkeit beilege, außer als Erweckungsmittel dieſer un⸗ tergeordneten Elemente des Gemüthes; und daß ich nicht, wie andere Schwiegermütter(welch häßliches Wort, beſter Dombey), wie ſie in dieſer nur zu verkünſtelten Welt vorhanden ſein ſollen, nie verſuchen werde, mich einzumiſchen und das Aufflackern der Fackel des Dings— nicht Cupido, ſondern des andern herr⸗ lichen Genius— nie ſehr beklagen werde. Es lag ein Etwas in dem Blick der vortrefflichen Mutter während dieſer Rede, das vielleicht einen wohlüberlegten Vorſatz unter dieſer Hülle ſinnloſer Worte verrieth. Dieſer Vorſatz war, ſich vorſichtig ſchon im Anfang von allem zukünftigen Geklirr der Eheketten frei zu machen und ſich unter den Schutz der Vi⸗ ſionen ihres unſchuldigen Glaubens und ihrer gegenſeitigen Liebe zu ſtellen.. Ich habe Mrs. Dombey bemerklich gemacht, ſagte Mr. Dom⸗ bey in ſeiner feierlichſten Weiſe, was ich in ihrem Benehmen ta⸗ deln muß und was ich geändert zu ſehen wünſchte. Carker, ſagte er mit einem verabſchiedenden Nicken, gute Nacht! Mr. Carker verbeugte ſich vor der ſtolzen Geſtalt der jungen Frau, deren funkelnde Augen ſich feſt auf ihren Gatten hefteten; und vor Cleopatra ſtehen bleibend, hob er die Hand, welche ſie ihm anmuthig hinreichte, mit demüthiger Bewunderung an die Lippen.— Wenn ſein ſchönes Weib ihm Vorwürfe gemacht, oder nur ihr Geſicht oder ihre Miene verändert, oder das Stillſchwei⸗ — 113— gen durch ein einziges Wort unterbrochen hätte, als ſie allein waren(denn Cleopatra entfernte ſich ſchnell), ſo wäre Mr. Dombey im Stande geweſen, ſeine Sache einigermaßen gegen ſie zu behaupten. Aber die tiefe und unausſprechliche Verachtung, mit der ſie, nachdem ſie ihm einen Blick geſchenkt, ihre Augen wieder ſenkte, als wäre er zu unwürdig und ihr viel zu gleichgültig, um nur mit einer Silbe bedacht zu werden,— die unausſprechliche Geringſchätzung, mit der ſie vor ihm ſaß, der kalte unbeugſame Entſchluß in jedem ihrer Züge— gegen alles dieſes hatte er keine Waffen und er verließ ſie, eingeſchüchtert von dem überwältigenden Stolze ihrer Schönheit. Er war feig genug, ſie eine Stunde ſpäter auf der alten dunklen Treppe, wo er ein Mal Florentinen im Mondſchein hatte Paul hinauftragen ſehen, zu belauern, oder ſtand er aus Zufall im Dunkeln, als ſie oben mit einem Lichte aus dem Zim⸗ mer trat, wo Florentine lag, und wieder das ſo ſehr veränderte Geſicht ſah, über das er keine Gewalt hatte? Aber nie konnte es ſich ſo verändern, wie das ſeinige. In ſeinem größten Stolz und ſeiner heißeſten Leidenſchaft kannte es nie den Schatten, der in der dunklen Ecke am Abend der Heim⸗ kehr ſich auf ſein Antlitz gelagert hatte und der jetzt dunkler wurde, wie er hinauf ſah. Boz. Dombey u. Sohn. VI. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Vorherverkündigungen.*. Föorentine, Edith und Mrs. Skewton ſaßen nächſten Tages beiſammen und der Wagen wartete vor der Thür. Demn Cleo⸗ patra hatte wieder ihre Galeere und Withers, nicht länger der Magere, ſtand hinter ihrem radloſen Stuhl und brauchte nicht mehr zu ſchieben und trug Glacéhandſchuͤhe und roch nach Eau de Cologne.. Sie ſaßen beiſammen in Cleopatra's Zimmer. Die Schlange des alten Nils ruhte auf ihrem Sopha und nippte um drei Uhr Nachmittags ihre Morgenchocolade, und die Zofe ſteckte die Man⸗ ſchetten und Franſen zurecht und krönte ſie mit einem pfirſichfar⸗ benen Hut; die künſtlichen Roſen darauf nickten von dem Zittern des Hauptes wie im Winde. Ich glaube, ich bin heute Morgen ein wenig nervös, Flow⸗ ers, ſagte Mrs. Skewton. Meine Hand zittert. 1 Sie waren geſtern Abend das Leben der Geſellſchaft, Ma⸗ dame, erwiderte die Zofe, und Sie haben heute dafür zu leiden. hinaus ſah, trat plötzlich zurück, faſt wie erſchrocken. Mein geliebteſtes Kind, ſagte Cleopatra ſchmeichelnd, du biſt doch nicht nervös? Sage mir nicht, liebe Edith, daß du, die ſo beneidenswerth ruhig iſt, auch eine Märtyrerin werden ſollſt, wie deine arme Mutter! Withers, es iſt Jemand draußen. Eine Karte, Madame, ſagte Withers und trug ſie zu Mrs. Dombey. Ich gehe aus, ſagte ſie, ohne ſie anzublicken. Liebſtes Kind, ſagt s. Skewton, wie ſeltſam eine Ant⸗ wort zu geben, ohne den Namen zu ſehen. Bringe ſie zu mir, Withers. Mein Gott! und noch dazu Mr. Carker. Ich gehe aus, wiederholte Edith mit ſo gebieteriſchem Tone, daß Withers dem Diener draußen ſagte: Mrs. Dombey geht aus, und die Thür vor ihm zumachte. Aber der Diener kam nach kurzer Zeit wieder zurück und flüſterte Withers wieder Etwas zu, und dieſer erſchien nochmals. vor Mrs. Dombey. Madame, Mr. Carker läßt ſich gehorſamſt empfehlen und bittet, ihm eine einzige Minute zu ſchenken— in Geſchäftsſachen, Madame.— 46 4 Wahrhaftig, meine Liebe, ſagte Mrs. Skewton in ihrer ſanfteſten Weiſe, denn das Antlitz ihrer Tochter ſah bedrohlich aus, wenn du mir ein Wort erlauben willſt, ſo würde ich em⸗ pfehlen— Führ' ihn herein, ſagte Edith. Als Withers verſchwand, um den Befehl auszuführen, ſagte Edith mit einem zürnenden Edith, welche Florentinen ans Fenſter gewinkt a te und — 116— Blick auf ihre Mutter: Da er auf Ihren Befehl kommt, ſo mag er hier hereintreten. Darf ich— ſoll ich gehen? fragte Florentine haſtig. Edith nickte: ja, aber als Florentine hinausging, traf ſie den Beſuch in der Thür. Mit derſelben unangenehmen Miſchung von Familiarität und Schonung, mit der er ſie zuerſt angeredet hatte, ſprach er jetzt wieder zu ihr— hoffte, ſie befinde ſich wohl — brauchte bei einem ſolchen Ausſehen nicht darnach zu fragen — hatte geſtern Abend kaum die Ehre gehabt, ſie zu kennen, ſo verändert habe ſie ſich, und hielt die Thür offen, um ſie hinaus zu laſſen, mit einem heimlichen Gefühl ſeiner Macht, von ihr gefürch⸗ tet zu ſein, welches alle Unterthänigkeit und Söflichkeit ſeines Be⸗ nehmens nicht verbergen konnte. Err beugte ſich dann einen Augenblick über Mrs. Skewton's herablaſſende Hand und zuletzt vor Edith. Dieſe erwiderte kalt ſeinen Gruß ohne ihn anzuſehen, ſetzte ſich nicht und lud ihn nicht ein zum Sitzen, ſondern wartete bis er ſpräche. Verſchanzt hinter ihrem Stolz und ihrer Macht und die ganze Feſtigkeit ihres Geiſtes aufbietend, ſpricht doch jetzt ihre laute Ueberzeugung, daß ſie und ihre Mutter von dieſem Manne vom erſten Augenblick an in ihren ſchlimmſten Farben gekannt ſei; daß jede Erniedrigung, die ſie habe dulden müſſen, ihm ſo offenbar ſei, wie ihr ſelbſt; daß er ihr Leben leſe, als wäre es ein ſchlechtes Buch, und es durchblättere mit Blicken und Worten, die nur ſie vernehmen könne. Wie ſie vor ihm ſtand, ſtolz und mit gebieteriſchem Geſicht ſeine Ehrerbietung fordernd, mit ver⸗ achtungsvoller Lippe ihn zurückweiſend und ihn keines Blickes ———- — I11⸗— aus den grollenden Augen würdigend, wußte ſie doch, daß der Triumph und die Uebermacht auf ſeiner Seite waren und daß er es recht wohl fühle. Ich habe mir erlaubt, ſagte Mr. Carker, um eine Zuſam⸗ menkunft zu bitten, und habe gewagt, als Grund Geſchäftsſachen anzugeben, weil— Weil Mr. Dombey Ihnen aufgetragen hat, mich auszu⸗ ſchelten, ſagte Edith. Sie beſitzen Mr. Dombey's Vertrauen in ſo hohem Grade, daß ich mich kaum wundern würde, wenn dies Ihr Auftrag wäre. Ich habe eine Botſchaft an die Dame, welche ſeinem Na⸗ men Glanz verleiht, ſagte Mr. Carker; aber ich möchte dieſe Dame bitten, gerecht gegen einen beſcheidenen Diener zu ſein, ge⸗ gen einen Mann, der von Mr. Dombey abhängig iſt, und zu bedenken, wie vollkommen unmöglich es mir geſtern Abend war, den Antheil, der mir bei dieſer ſehr unangenehmen Gelegenheit aufgedrungen wurde, zurückzuweiſen. Theuerſte Edith, flüſterte Cleopatra, wirklich war Mr. Car⸗ ker ſehr liebenswürdig und ſo voller Herz. Denn ich erlaube mir, ſagte Mr. Carker und ſah Mrs. Skew⸗ ton mit einem Blick demüthiger Dankbarkeit an, denn ich erlaube mir, es eine unangenehme Gelegenheit zu nennen, obgleich ſie nur mir ſo war, der ich das Unglück hatte, anweſend zu ſein. Ein ſo klei⸗ ner Zwiſt zwiſchen Perſonen, die ſich mit ſo uneigennütziger Hin⸗ gebung lieben und ſich in einem ſolchen Falle jedes Opfer bringen würden, will nichts ſagen.— — 118— Edith konnte ihn nicht anſehen, ſagte aber uach einigen Augenblicken: Und Ihr Auftrag, Sir? Theuerſte Edith, ſagte Mrs. Skewton, dieſe ganze Zeit über ſteht Mr. Carker! Mr. Earker, nehmen Sie einen Stuhl, ich bitte Sie. Er gab der Mutter keine Antwort, ſondern heftete ſein Auge auf die ſtolze Tochter, als wollte er ſich nur von ihr auffordern laſſen. Faſt wider ihren Willen ſetzte ſich Edith und winkte ihm mit der Hand, ebenfalls Platz zu nehmen. Keine Geberde konnte kälter, ſtolzer und verletzender in ihrem Anſchein von Ueberlegen⸗ heit und Mißachtung ſein; aber ſelbſt dieſe Conceſſion war ihr wider ihren Willen abgedrungen. Das war genug. Mr. Carker ſetzte ſich. Darf ich mir erlauben, Madame, ſagte Mr. Carker und wendete Mrs. Skewton ſeine weißen Zähne zu wie ein Licht — Damen von Ihrem vorzüglichen Einſehen und feinen Gefühle werden es mir glauben, daß es aus gutem Grund ge⸗ ſchieht— was ich zu ſagen habe, gegen Mrs. Dombey auszu⸗ ſprechen und es ihr zu überlaſſen, es Ihnen, die Sie ihr nach Mr. Dombey am nächſten ſtehen, mitzutheilen? Mrs. Skewton wollte ſich entfernen, aber Edith hielt ſie auf. Edith hätte ihm auch geboten zu ſchweigen, oder ihm entrü⸗ ſtet befohlen, offen heraus zu ſprechen, aber er fuhr leiſe fort. Miß Florentine, die junge Dame, die eben das Zimmer ver⸗ laſſen hat— 3 Edith ließ ihn weiter reden. Sie ſah ihn jetzt an; wie er — 119— ſich, Zartgefühl und Achtung zur Schau tragend, zu ihr hinneigte und mit einem halb demüthigen Lächeln ſie anblickte, war es ihr, als hätte ſie ihn niederſchmettern mögen. Miß Florentinens Stellung, fing er an, iſt von jeher eine unglückliche geweſen. Es wird mir ſchwer, es gegen Sie zu er⸗ wähnen, da Sie bei Ihrer Liebe zu Ihrem Vater natürlich em⸗ pfindlich gegen jedes auf ihn bezügliche Wort ſind. Immer leiſe, aber deutlich ſprechend, kann die Sprache die Sanſtheit und Deut⸗ lichkeit ſeiner Rede nicht ausdrücken, als er dieſe und ähnliche Worte äußerte. Aber Einer, der Mr. Dombey auf eine andere ihm angemeſſene Weiſe betrachtet und deſſen Leben in Bewunderung für Mr. Dom⸗ bey verſtreicht, darf ſich vielleicht erlauben, Ihnen unbeſchadet Ihrer Liebe als Gattin zu ſagen, daß Miß Florentine unglück⸗ licherweiſe von ihrem Vater vernachläſſigt worden iſt. Darf ich ſagen von ihrem Vater? Edith erwiderte, ich weiß es. Sie wiſſen es? ſagte Mr. Carker, als ob ihm eine ſchwere Laſt von der Bruſt genommen würde. Das erleichtert mich. Darf ich vielleicht hoffen, daß Sie wiſſen, wie dieſe Vernachläſſigung ihren Anfang nahm und aus welcher liebenswürdigen Seite von Mr. Dombey'’s Stolz oder vielmehr Charakter ſie entſprang? Sie können darüber weggehen, Sir, und näher zu dem Schluſſe von dem kommen, was Sie mir zu ſagen haben. Ich fühle vollkommen, Madame, ja ich fühle auf das Tiefſte, daß Mr. Dombey Ihnen gegenüber keine Rechtfertigung bedarf. Aber, wenn Sie mein Herz nachſichtig nach dem Ihrigen beur⸗ — 120— theilen wollen, ſo werden Sie mir gewiß meine Theilnahme ver⸗ zeihen, wenn ſie in ihrem Uebermaß irre geht. Welch ein Stich für ihr ſtolzes Herz, dieſem Manne gegen⸗ über zu ſitzen und ſich immer wieder an ihre falſchen Schwüre vor dem Altar zu erinnern und die Erinnerung ſich aufdrängen zu laſſen, wie die Hefen eines Wermuthbechers, gegen den ſie ihren Widerwillen nicht zeigen durfte! Wie Scham, Reue, Leidenſchaft in ihr wütheten, als ſie, majeſtätiſch in ihrer Schönheit vor ihm ſitzend, doch im Geiſte ihm zu Füßen lag! Dienſtboten und andern unter ihr ſtehenden Leuten über⸗ laſſen, ſagte Carker, bedurfte Miß Florentine natürlich in ihrer Jugend einen Führer und iſt deshalb in Ermangelung deſſelben etwas indiscret geweſen und hat ihre Stellung aus den Augen gelaſſen. Es war da eine Geſchichte mit einem gewiſſen Walter, einem gewöhnlichen Lehrling, der jetzt glücklicherweiſe todt iſt, und eine höchſt unangenehme Bekanntſchaft mit einem Matroſen von nichts weniger als gutem Ruf und einem alten Bankerotteur. Ich habe davon gehört, Sir, ſagte Edith und ſah ihn ver⸗ achtungsvoll an, und ich weiß, daß Sie die Verhältniſſe falſch darſtellen. Sie wiſſen es vielleicht nicht. Das will ich hoffen. Verzeihen Sie, ſagte Mr. Carker, ich glaube, es kennt ſie vielleicht Niemand ſo gut, als ich. Ihr edles und gefühlvolles Herz, Madame, daſſelbe Herz, welches Sie antreibt, Ihren gelieb⸗ ten und geehrten Gatten ſtets zu rechtfertigen, das ihn ſo glücklich macht, wie er es verdient, muß ich achten und mich vor ihm beu⸗ gen. Aber was dieſe Verhältniſſe betrifft, welche das Geſchäft ſind, auf welches ich Ihre Aufmerkſamkeit lenken möchte, ſo kann — 121— ich nicht bezweifeln, daß ich dieſelben genau kenne und als Mr. Dombey's vertrauter Freund, wenn ich ſo ſagen darf, genau kennen lernen mußte. Als ſolcher, und in der beſtändigen Sorge, ihm in aller Weiſe zu dienen, verſtärkt noch durch den Wunſch, ihm meinen Eifer zu beweiſen und ihm noch mehr zu gefallen, habe ich dieſe Verhältniſſe allein mit eigenen Augen und durch vertraute Gehülfen beobachtet und bin in Beſitz zahlloſer und vollkommen tüchtiger Beweiſe gekommen. Sie erhob ihr Auge nicht höher, als bis zu ſeinem Munde, aber ſie ſah, daß aus jedem ſeiner Zähne die Fähigkeit und der Wille, Unheil anzurichten, blickte. Verzeihen Sie, Madame, fuhr er fort, wenn ich in meiner Verlaſſenheit wage, mir bei Ihnen Raths zu erholen. Ich glaube bemerkt zu haben, daß Sie an Miß Florentine großes Intereſſe nehmen. Was hätte er an ihr nicht beobachtet und nicht geſehen! Gedemüthigt und dennoch erzürnt über dieſen Gedanken, ſo oft er ihr wieder aufgedrängt wurde, preßte ſie ihre Zähne auf ihre zuckenden Lippen, um Faſſung zu erringen, und nickte als Antwort nur kalt mit dem Haupte. Dieſe Theilnahme, ein ſo ehrendes Zeugniß von Ihrem Intereſſe an Allem, was Mr. Dombey angehört, bewegt mich, Anſtand zu nehmen, ehe ich ihn mit dieſen Verhältniſſen bekannt mache, die er bis jetzt nicht kennt. Sie machen mich in meinem Entſchluß in ſo weit wankend, daß ich mich entſchließen würde, ſobald Sie nur den leiſeſten Wunſch andeuten, es ihm gar nicht zu entdecken. — 122— Edith erhob raſch das Haupt und ſah ihn mit ihren dunkeln Augen an. Er begegnete ihrem Blicke mit dem freundlichſten und ehrerbietigſten Lächeln und fuhr fort: Sie ſagen, daß ich ſie falſch darſtelle. Ich fürchte nicht — ich fürchte nicht, aber nehmen wir an, es ſei an dem. Meine Beſorgniſſe über dieſe Sache ſind hauptſächlich, daß der bloße Umſtand eines ſolchen Verhältniſſes von Seiten Florentinens Mr. Dombey bewegen werde, da er ohnedies ſchon gegen ſie eingenommen iſt, ſie ganz zu verſtoßen; und daß er zuweilen ſchon daran gedacht hat, weiß ich. Ich bitte meinen beſtändigen Ver⸗ kehr mit Mr. Dombey und meine Bekanntſchaft mit ihm und meine tiefe Ehrfurcht vor ihm nicht zu vergeſſen, wenn ich ſage, daß, wenn er einen Fehler hat, dieſer ſeine Hartnäckigkeit ſei, welche in dem ihm eigenthümlichen edlen Stolze und dem Gefühle ſeiner Macht wurzelt, vor der wir uns Alle beugen müſſen, und die ſich nicht vor der Hartnäckigkeit anderer Charaktere beugt und von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr zunimmt. Sie ſah ihn immer noch an, aber wie ſie ihn anblickte, athmete ſie tief auf und ihre Lippen zuckten verächtlich, als er von ſeinem Principal das beſchrieb, vor dem ſie ſich Alle beugen müßten. Er ſah es, und obgleich der Ausdruck ſeines Geſichtes ſich nicht veränderte, ſo wußte er doch, daß ſie es ſah. Selbſt ein ſo unbedeutender Vorfall wie der geſtrige, ſagte er, wenn ich noch ein Mal darauf anſpielen darf, könnte was ich ſagen will deutlich machen, und gewiß beſſer als ein wichtigerer. Dombey und Sohn achten weder Zeit, noch Ort, noch Gelegen⸗ — 123— heit, ſondern beherrſchen ſie alle. Aber mich freut dieſer Vorfall, denn er hat mir einen Weg gezeigt, Mrs. Dombey heute mit dieſer Sache bekannt zu machen, wenn er auch zuerſt Ihre Unzu⸗ friedenheit mir zuzog. Madame, während mir dieſe Sache große Sorgen machte, rief mich Mr. Dombey nach Leamington. Dort ſah ich Sie. Dort konnte mir nicht verborgen bleiben, in welches Verhältniß Sie binnen Kurzem zu ihm, zu ſeinem und Ihrem ewigen Glück treten würden. Dort beſchloß ich, die Zeit bis nach Ihrer Hochzeit abzuwarten und Ihnen dann zu ſagen, was ich Ihnen heute ſage. Ich fühle in meinem Herzen keine Furcht, meine Pflicht gegen Mr. Dombey zu vernachläſſigen, wenn ich das, was ich weiß, Ihnen und Ihnen allein anvertraue; wenn zwiſchen zwei Perſonen blos Ein Herz und Eine Seele iſt, wie bei dieſer Ehe, ſo vertritt die eine faſt die andere. Ich kann daher mein Gewiſſen, ſowohl, wenn ich mich ihm, als wenn ich mich Ihnen anvertraue, von dieſer Sache entlaſten. Aus dem bereits erwähnten Grunde würde ich Sie vorziehen. Darf ich mir ſchmeicheln, zu glauben, daß Sie mein Vertrauen annehmen und daß ich von meiner Verantwortlichkeit befreit bin? Er erinnerte ſich lange an den Blick, den ſie ihm zuwarf — wer konnte ihn auch ſehen und vergeſſen!— und den Kampf, den es ihr koſtete; endlich ſagte ſie: Ich nehme es an, Sir. Ich bitte Sie, dieſe Sache als beendigt zu betrachten. Er verbeugte ſich tief und ſtand auf. Sie erhob ſich eben⸗ falls und er nahm mit aller Ehrerbietung von ihr Abſchied. Aber Withers, als er ihm auf der Treppe begegnete, blieb ſtehen 4¾ — 124— und war ſtarr vor Verwunderung über ſeine weißen Zähne und ſein heiteres Lächeln, und wie er auf ſeinem Pferde durch die Straßen ritt, hielten ihn die Leute für einen Zahnkünſtler, ſo auffallend trug er ſein Gebiß zur Schau. Als ſie gleich darauf ausfuhr, hielten die Leute ſie für eine vornehme Dame, die ſo glücklich als reich war. Aber ſie hatten ſie nicht den Augenblick zuvor in ihrem Zimmer allein geſehen und hatten nicht die Worte gehört: O Florentine! o Florentine! Auf ihrem Sopha ruhend und ihre Chocolade nippend, hatte Mrs. Skewton nichts gehört als das Wort Geſchäft, das ſie tödtlich haßte und längſt aus ihrem Wörterbuche verbannt hatte. Sie blieb auch ſitzen, ohne zu fragen oder die geringſte Neugier zu zeigen. Im Wagen gab ihr ſchon der pfirſichfarbene Hut genügende Beſchäftigung, denn da es etwas windig war, ſo wollte er durchaus Mrs. Skewton verlaſſen und ließ ſich durch keine Schmeichelei bewegen, ſtill zu halten. Als der Wagen zugemacht war, wankten die künſtlichen Roſen noch vom Zittern des Kopfes wie im Winde, und Mrs. Skewton hatte genug zu thun und kam gar nicht gut durch. Es kam ein böſer Abend; denn als Mrs. Dombey ſich angekleidet und eine halbe Stunde auf ſie gewartet hatte und Mr. Dombey ſich im Drawingroom in feierliche Verdrießlichkeit geärgert hatte(ſie wollten alle Drei zu Tiſch gehen), erſchien die Zofe mit blaſſem Geſicht und ſagte zu Mrs. Dombey: . Ich bitte um Verzeihung, Madame, aber ich kann nichts mit Mrs. Skewton anfangen. Was meinen Sie? frug Edith. 65 ——ͤ 8 4 — 125— Ich weiß nicht, was es iſt, erwiderte die erſchrockene Zofe. Sie ſchneidet Geſichter! Edith eilte mit ihr nach ihrer Mutter Zimmer. Cleopatra war im vollen Staat mit Diamanten, kurzen Aermeln, Schminke, Locken, Zähnen und allen jugendlichen Reizen; aber die Paralyſis ließ ſich nicht täuſchen und hatte in ihr ihre Beute und ſie vor ihrem Spiegel getroffen, wo ſie wie eine ſcheußliche Puppe, die umgeworfen worden, lag. Sie kleideten ſie aus und legten das Wenige von ihr, was wirklich war, in das Bett. Man ſchickte nach Aerzten und ſie erſchienen. Man wandte kräftige Mittel an und ſagte, ſie werde ſicch von dieſem Schlage noch erholen, aber einen zweiten nicht überleben. Sie ſelbſt lag Tage lang da, ſprachlos und die Decke anſtarrend, manchmal unarticulirte Töne auf Fragen, ob ſie die Anweſenden kenne und Aehnliches, von ſich gebend und manch⸗ mal wieder weder durch Geberden, noch Zeichen, noch durch eine Veränderung ihres Blickes etwas erwidernd. Endlich fing ſie an, wieder zum Bewußtſein zu kommen und wieder die Kraft, ſich zu ae obgleich nicht zu ſprechen, zu erhalten. Eines Tages konnte ſie die rechte Hand wieder gebrauchen; und mit ſehr angelegentlicher Geberde forderte ſie von ihrer Zofe einen Bleiſtift und etwas Papier. Das holte die Zofe ſogleich in der Meinung, ſie wolle ein Teſtament auf⸗ ſetzen oder eine letzte Bitte zu erkennen geben, und da Mrs. Dombey nicht zu Hauſe war, erwartete die Zofe das Reſultat mit feierlichen Empfindungen. Nach langem mühſamen Kritzeln und Weglöſchen falſcher 3— 2 — 126— Buchſtaben, die aus eigener Machtvollkommenheit aus dem Blei⸗ ſtift herauszufallen ſchienen, brachte die alte Dame auf den Zettel: Roſavorhänge! Da das Mädchen ganz verblüfft war, fügte Cleopatra noch ein paar Worte hinzu und es hieß jetzt: Roſavorhänge für die Aerzte! Die Zofe ahnte jetzt, daß ſie dieſe Vorhänge wünſche, um vor den Aerzten mit beſſerem Teint zu erſcheinen; und da die⸗ jenigen im Hauſe, welche ſie am beſten kannten, an der Richtigkeit dieſer Meinung nicht zweifelten, ſo machte man die Roſavorhänge an ihr Bett und ſie beſſerte ſich von dieſer Stunde an mit zu⸗ nehmender Schnelligkeit. Bald konnte ſie ſich im Bett in die Höhe ſetzen in Locken und einer Spitzenmütze und ſich ein wenig Schminke auf die hohlen Wangen legen. Es war ein gräßlicher Anblick, dieſe alte Frau in ihrem Putz zu ſehen, wie ſie mit dem Tode cokettirte und die jugendliche Schöne gegen ihn ſpielte, als wäre er der Major; aber eine Veränderung in ihrem Gemüth, die nach dem Schlage ebenfalls erfolgte, gab eben ſo viel Veranlaſſung zum Nachdenken und war eben ſo graͤßlich. Ob die zunehmende Schwäche ihres Verſtandes ſie nur noch ſchlauer und falſcher als zuvor machte, oder ob ſich in ihr das, was ſie angenommen, und das, was ſie wirklich war, ver⸗ miſchte, oder ob in ihr ein Funken Reue erwacht war, der weder ganz an den Tag treten, noch in Finſterniß zurückſinken konnte, oder ob in der allgemeinen Verſtörung ihres Geiſtes alle dieſe Wirkungen ſich vereinigten, wiſſen wir nicht; aber ſo viel iſt — 127— ſicher, daß ſie auf ein Mal außerordentlich viel Gewicht auf Ediths Liebe und Dankbarkeit und Pflege legte, daß ſie ſich außerordentlich lobte als eine vortreffliche Mutter, und ſehr eifer⸗ ſüchtig auf jede Nebenbuhlerin in Ediths Achtung war. Anſtatt ſich an die Uebereinkunft zu erinnern, dieſen Gegenſtand zu ver⸗ meiden, führte ſie ſtets ihrer Tochter Heirath als einen Beweis ihrer großen Mutterliebe an. Und alles dieſes bildete neben der Schwäche und der Verdrießlichkeit eines ſolchen Zuſtandes einen ſarkaſtiſchen Commentar zu ihrer Frivolität und falſchen Jugendlichkeit. Wo iſt Mrs. Dombey? ſagte ſie zu ihrer Zofe. Ausgegangen, Madame. Ausgegangen! Geht ſie aus, um nicht zu ihrer Mama zu kommen, Flowers? Gott behüte, Madame. Mrs. Dombey iſt nur mit Miß Florentinen ausgefahren. Miß Florentine und immer Miß Florentine; ſprich mir nicht von Miß Florentine! Was iſt ihr Miß Florentine gegen mich 2 Das geſchickte Zurſchauſtellen der Diamanten oder des 5 pfirſichfarbenen Sammthutes(ſie ſaß im Hut da, um Beſuch zu empfangen, Wochen vorher, ehe ſie im Stande war, das Zimmer zu verlaſſen) hemmte gewöhnlich die Thränen, die hier zu fließen anfingen; und ſie blieb ruhig, bis Edith zu ihr kam. Da gerieth ſie wieder bei einem Blick auf das ſtolze Geſicht in ihre trübſelige Stimmung. Wahrhaftig, Edith, ſagte ſie weinend und mit Kopfſchütteln. Was giebt es, Mutter? — 128— Was es giebt? Ich weiß wirklich nicht, was es giebt. Die Welt wird ſo verkünſtelt und undankbar, daß ich wahrhaftig glaube, es iſt kein Gemüth mehr in ihr. Withers handelt gegen mich kindlicher als du. Er pflegt mich viel mehr als meine eigene Tochter. Ich wünſchte faſt, ich ſähe nicht ſo jung aus, und dann würde man mich vielleicht mehr beachten. Was ſoll ich thun, Mutter? O, ſehr viel, Edith, erwiderte ſie ungeduldig. 4 Fehlt Ihnen irgend etwas, was Sie wünſchen, es Ihr eigener Fehler. Mein eigener Fehler! ſagte ſie ſchluchzend. So mütterlich wie ich gegen dich ſtets gehandelt und dich von deiner Wiege an zu meiner Gefährtin gemacht habe, Edith! Und wenn du mich vernachläſſigſt und nicht mehr Liebe zu mir zeigſt, als zu einem Fremden; nicht den zwanzigſten Theil der Zuneigung, die du für Florentinen haſt— aber ich bin nur deine Mutter und würde ſie in Einem Tage verderben!— ſo wirfſt du mir vor, es ſei mein eigener Fehler! Mutter, Mutter, ich werfe Ihnen nichts vor. Warum wollen Sie immer darauf zurückkommen? Iſt es nicht ganz natürlich, daß ich immer darauf zurück⸗ komme, wenn ich ganz Gemüth und Liebe bin und ſtets auf die grauſamſte Weiſe ſo verletzt werde, ſo oft du mich anſiehſt? Ich habe nicht die Abſicht, Sie zu verletzen. Wiſſen Sie nicht mehr, was wir unter einander ausgemacht haben? Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen!. Ja ruhen! Und laß Dankbarkeit gegen mich ruhen, und — 129— laß mich ſelbſt ruhen in meinem Hinterſtübchen ohne Geſellſchaft und ohne Pflege, während du neue Verwandte findeſt, die du liebſt, und die doch nicht die geringſten Anſprüche darauf haben! Gütiger Gott! Edith, weißt du, daß du an der Spitze eines vornehmen Hauſes ſtehſt? Ja! Still. Und weißt du, daß du an dieſen vortrefflichen Mann ey verheirathet biſt, und daß du eine geſellſchaftliche Stel⸗ feine Morgengabe, einen Wagen und ich weiß nicht was noch Alles haſt? Ich weiß das recht gut, Mutter. Wie du bekommen hätteſt mit dieſer lieben guten Seele— wie hieß er doch? Granger,— wenn er nicht geſtorben wäre; und wem haſt du das Alles zu verdanken? Ihnen, Mutter, Ihnen. Da ſchling deine Arme um meinen Hals und küſſe mich, und zeige mir, Edith, daß du weißt, daß du nie eine beſſere Mutter gehabt haſt, als ich dir war. Und mache mich nicht zum Geſpenſt mit dem ewigen Aerger und Kummer über deine Undankbarkeit, oder es wird mich Niemand kennen und nicht einmal der garſtige Major, wenn ich nnioder in die Geſellſchaft komme. Aber manchmal, wenn Edith ſich ihr mehr näherte, ihr ſtolzes Haupt nieder beugte und ihre kalte Wange an die ihrige legte, wich die Mutter zurück, als fürchte ſie ſich vor ihr, und fing an zu zittern und zu weinen, daß ihr Verſtand irre werde. Und manchmal bat ſie die Tochter mit Demuth, ſich auf einen Stuhl Boz. Dombey u. Sohn. VI. — 130— neben das Bett zu ſetzen, und ſah ſie dann an mit einem Geſt ſicht, dem ſelbſt die Roſavorhänge ſeinen wilden und verſtörten Aus⸗ druck nicht nehmen konnten. Die Roſavorhänge ſahen im Verlauf der Zeit Gleopatrats Geneſung und ihren Putz— jugendlicher als je, um die Ver⸗ heerungen der Krankheit wieder gut zu machen, und die Schminke und die Zähne und die Locken und die Diamanten und die kurzen Aermel und den ganzen Putz der Puppe, die vor dem Spiegel niedergeſunken war. Sie waren auch zuweilen Zeuge von einem Stocken in ihrer Rede, das ſie mit einem mädchenhaften Kichern zu verbergen ſuchte, und von einer Schwäche ihres Gedächtniſſes, das keiner Regel mehr folgte, ſondern nach Laune kam und ging. Aber ſie ſahen nie eine Veränderung in ihrem neuen Benehmen gegen ihre Tochter. Und obgleich dieſe Tochter ſich öfter ihnen näherte, ſahen ſie doch ihr ſchönes Geſicht nie von einem Lächeln oder von einem Strahl kindlicher Liebe erleuchtet. Achtunddreißigſtes Kapitel. Miß Toyx erneuert eine alte Bekanntſchaft. Die unglückliche Miß Tox, verlaſſen von ihrer Freundin Louiſe Chick und des Lichtes von Mr. Dombey's Angeſicht beraubt— denn kein zierliches Paar Hochzeitskarten, verbunden durch einen Silberdraht, ſchmückte den Kaminſpiegel auf dem Prinzeſſinnen⸗ platz oder die Harfe oder einen von jenen Orten, welche Lucretia für das Zurſchauſtellen ſolcher Koſtbarkeiten wählte— wurde niedergeſchlagen und litt ſehr an Trübſinn. Eine Zeit lang vernahm man den Walzer nicht mehr auf dem Prinzeſſinnenplatz, die Blumen wurden vernachläſſigt und Staub ſammelte ſich auf dem Bilde von Miß Tox' Vorfahren mit dem gepuderten Kopf und dem Zopf. i Miß Tox war jedoch weder in einem Alter, noch von einer Stimmung, noch von einem Charakter, um ſich lange unnützem Kummer zu überlaſſen. Nur zwei Saiten der Harfe waren ver⸗ ſtimmt, als der Walzer abermals durch das Zimmer tönte, nur ein einziger Zweig Geranium war als ein Opfer der Vernach⸗ 9* — 132— läſſigung geſtorben, als ſie jeden Morgen wieder ihre Blumen zu pflegen anfing. Nicht länger als ſechs Wochen hatte der ge⸗ puderte Vorfahre unter einer Wolke geſtanden, als Miß Tox wieder auf ſein freundliches Geſicht athmete und ihn mit einem Stückchen Wiſchleder putzte. Aber dennoch fühlte ſich Miß Tox einſam. Ihre Empfin⸗ dungen waren, trotz ihrer lächerlichen Außenſeite, wahr und ſtark, und ſie war, wie ſie ſich ausdrückte, oft verletzt über die unverdiente Verachtung, die ihr von Louiſe geworden. Aber Aerger war der Miß Tox Charakter völlig fremd. War ſie auch bis jetzt durch das Leben gegangen, ohne eigene Meinungen oder Widerſpruch zu zeigen, ſo war ſie doch wenigſtens ſo weit ohne heftige Leidenſchaften gekommen. Der bloße Anblick Louiſe Chick's aus beträchtlicher Entfernung überwältigte eines Tages ſo ſehr ihre weiche Natur, daß ſie ſofort Zuflucht ſuchen mußte bei einem Garkoch und dort in einem kleinen dumpfigen Hinter⸗ zimmer, das meiſtens zur Verzehrung von Oxtailſuppe beſtimmt war, ihren Gefühlen durch reichliche Thränen Luft machte. Gegen Mr. Dombey fühlte ſich Miß Tox kaum berechtigt zu klagen. Sie fühlte dieſes Mannes hohe Stellung ſo leben⸗ dig, daß es ihr, ſobald ſie einmal von ihm getrennt war, vorkam, als wäre ihre Entfernung von ihm immer unermeßlich geweſen und als hätte er ſich außerordentlich herabgelaſſen, indem er ſie nur überhaupt duldete. Und nach ihrer aufrichtigen Meinung konnte kein Weib ſchön und ſtolz genug für ihn ſein. Es war ganz natürlich, daß er ſich eine vornehme Frau ausſuchte. Miß Tor ſprach dieſe Behauptung zwanzig Mal des Tages aus. Sie nach der Wohnung der Toodles richtete, zu einer — 133— erinnerte ſich nie an die hochmüthige und ſtolze Weiſe, mit der ſie Mr. Dombey zur Dienerin ſeiner Launen gemacht und gnä⸗ digſt geſtattet hatte, ſeinen kleinen Sohn zu warten. Sie dachte, um ihre eigenen Worte zu gebrauchen, daß ſie viel glückliche Stunden in dieſem Hauſe verlebt habe, an die ſie ſich ſtets mit Freuden erinnern müſſe, und daß ſie nie aufhören könne, Mr. Dombey als einen der würdigſten und größten Männer zu betrachten. 4 Da ſie aber jetzt von der unverſöhnlichen Louiſe getrennt war und den Major zu ſehr fürchtete, um ſich ihm wieder zu nähern, wurde es Miß Tox langweilig, nichts von dem, was in Mr. Dombey’s Hauſe vorging, zu erfahren. Und da ſie nach und nach wirklich die Meinung gefaßt hatte, Dombey und Sohn ſeien der Angelpunkt, um den ſich die Welt drehe, ſo beſchloß ſie, um dieſen Mangel an Kenntniſſen zu erſetzen, ihre alte Be⸗ kanntſchaft mit Mrs. Richards zu erneuern, von der ſie wußte, daß ſie zuweilen mit der Dienerſchaft ſprach. Vielleicht auch bewog Miß Tox zu dieſem Schritt ein geheimes Bedürfniß, Jemand zu haben, mit dem ſie von Mr. Dombey ſprechen könnte, mochte ſeine Stellung auch noch ſo beſcheiden ſein. So viel iſt gewiß, daß eines Abends Miß Tox ihre Schritte eit, wo Mr. Toodle, mit Aſche und Ruß bedeckt, ſich im Schuͤoße milie mit Thee erquickte. Mr. Toodle kannte nur drei Arten zu leben. Entweder erquickte er ſich im Schooße ſeiner Fa⸗ milie, oder er jagte durch das Land mit einer Schnelligkeit von fünf oder zehn Meilen die Stunde, oder er ſchlief ſeine An⸗ — 134— ſtrengungen aus. Er befand ſich ſtets in einem Wirbelwinde oder in einer Windſtille, und in jedem dieſer beiden Fälle war Mr. Toodle ein friedlicher und zufriedener Mann, der all ſein eigenes Erbtheil in Brummen und Brauſen ſeinen Maſchinen überlaſſen hatte, welche auf das Aergſte ſtöhnten und brummten und ſchrieen, während Mr. Toodle ein ſanftes und gleichmüthiges Leben führte. Polly, mein Schatz, ſagte Mr. Toodle, mit einem jungen Toodle auf jedem Knie und zwei anderen, die den Thee für ihn machten, und eine große Schaar rings um ihn herum— denn Mr. Toodle fehlte es nie an Kindern und er hatte immer friſchen Vorrath— haſt du den Rob geſehen? Nein, erwiderte Polly, aber er wird heute Abend kommen; es iſt heute ſein Tag und er kommt ſehr ordentlich. Ich hoffe, ſagte Mr. Toodle und verzehrte ſeinen Thee mit großem Appetit, daß unſer Rob nun endlich ſo ordentlich iſt, wie ein Junge ſein kann; nicht, Polly? Ol er führt ſich vortrefflich auf, erwiderte Polly. Er thut doch nicht geheimnißvoll? frug Mr. Toodle. Nein, ſagte Mrs. Toodle keck. Es freut mich, daß er nicht geheimnißvoll thut, Polly, bemerkte Mr. Toodle in ſeiner langſamen und abgemeſſenen Weiſe, während er mit einem Taſchenmeſſer Brod und Butter in ſeinen Mund ſchob, wie wenn er ſeine Maſchinen mit Kohlen nährte, weil das nicht gut ausſieht; nicht wahr, Polly? Natürlich ſieht es nicht gut aus, Vater. Wie kannſt du fragen? Ihr ſeht, Jungens und Mädchens, ſagte Mr. Toodle und — — 135— ſchaute ſeine Familie an, wenn ihr etwas Ehrliches thut, ſo könnt ihr es meiner Meinung nach nicht beſſer als offen thun. Wenn ihr in einem Einſchnitt oder Tunnel ſeid, ſo thut nicht geheimnißvoll. Schont die Pfeife nicht und laßt die Leute wiſſen, wo ihr ſeid. Die jungen Toodles brachen in ein ſchrilles Gemurmel aus und gaben dadurch ihren Entſchluß zu erkennen, den väterlichen Rath zu befolgen. Aber wie kommſt du darauf bei Rob, Vater? frug die Frau beſorgt. Polly, erwiderte Mr. Toodle, ich meinte es nicht gerade von Rob. Ich machte mich blos mit Rob auf den Weg; ich komme an eine Zweigbahn, da nehme ich mit, was ich finde; und ein ganzer Zug von Gedanken kettet ſich an, ehe ich weiß, wo ich bin oder woher ſie kommen. Wahrhaftig, die menſchlichen Gedanken ſind wie eine Eiſenbahn, ſagte Mr. Toodle. Dieſen tiefen Gedanken ſpülte Mr. Toodle mit einem großen, großen Schluck Thee hinab und fügte dazu eine große Laſt Brod und Butter. Unterdeſſen trug er ſeinen Töchtern auf, einen Vor⸗ rath von heißem Waſſer in der Maſchine zu laſſen, da er ſich ſehr trocken fühle und eine ungezählte Menge Taſſen trinken müſſe, ehe ſein Durſt gelöſcht ſei. Während Mr. Toodle ſich ſelbſt ſättigte, ließ er jedoch die jüngeren Zweige ringsum nicht unbeachtet, die, obgleich ſie ihr Abendmahl ſchon zu ſich genommen hatten, auf außerordentliche Biſſen, die ihnen einen beſondern Genuß bereiteten, Acht hatten. Solche Biſſen vertheilte er dann und wann unter den wartenden — 136— Kreis, indem er große Schnitte Butterbrod nach der Reihenfolge zum Abbeißen herumreichte oder kleine Doſen Thee mit einem Löffel herumgab. Einen ſolchen Reiz hatten dieſe Genüſſe für die jungen Toodles, daß ſie aus Freude darüber ſtumm tanzten oder ſich auf ein Bein ſtellten und hüpften. Sobald ihr Ent⸗ zücken ſich ſoweit Luft gemacht, drängten ſie ſich allemal wieder um Mr. Toodle und ſahen ihn hart an, während er ſich durch noch mehr Brod und Butter und Thee hindurch arbeitete. Sie ſtellten ſich aber, als ob ſie nicht die mindeſte Erwartung in Bezug auf dieſe Lebensmittel hegten, ſondern über ganz andere Gegenſtände mit einander ſprächen. Als Mittelpunkt dieſes Familienbildes und ſeinen Kindern ein ſchreckliches Beiſpiel hinſichtlich des Appetites gebend, ſuhr Mr. Toodle, die zwei jungen Toodles gerade auf den Knieen, nach Birmingham per Extrazug und ſah auf die übrigen über eine Schranke von Butter und Brod herab, als Rob, der Schee⸗ renſchleifer, in ſeinem Südweſterhut und Trauerkleidern erſchien und von Brüdern und Schweſtern mit einer allgemeinen Um⸗ armung begrüßt wurde. Na Mutter! ſagte Rob und küßte ſie pflichtgemäß, wie geht dir's? Da iſt mein Junge! rief Polly, und umarmte ihn und klopfte ihn auf den Rücken. Der und Geheimniſſe! Vater! Der gewiß nicht. Das war eigen tlic blos für Mr. Toodle's Ohr beſtimmt, aber Rob, der Scheerenſchleifer, vernahm die Worte ebenfalls. Was? der Vater hat ſchon wieder Etwas gegen mich ge⸗ ſagt? rief die verletzte Unſchuld. Ach, wie ſchlimm iſt es für . — 8- S— — — 137— einen Jungen, der ein Mal ein Bischen unordentlich geweſen iſt, daß ſein eigener Vater ihm beſtändig hinter dem Rücken nach⸗ redet! Das iſt ſchon genug, rief Rob und nahm in der Angſt ſeines Herzens zu ſeinem Aermelaufſchlag Zuflucht, einen Jungen anzutreiben, fortzulaufen und ſich aus bloßem Aerger was an⸗ zuthun. Armer Junge! rief Polly, der Vater hat nichts gemeint. Wenn Vater nichts meint, flennte der verletzte Scheeren⸗ ſchleifer, warum hat er da was geſagt, Mutter? Kein Menſch denkt ſo ſchlecht von mir wie mein eigener Vater. Wie unnatür⸗ lich! Ich wollte, Jemand käme und hackte mir den Kopf ab. Vater thäte es gleich, glaube ich, und es wäre mir lieber, er thäte es, als jemand Anderes. Bei dieſen verzweifelten Worten ſchrieen die jungen Toodles alle laut auf und der Scheerenſchleifer fügte noch ironiſch hinzu, daß ſie nicht um ihn weinen ſollten, denn ſie müßten ihn haſſen, wenn ſie gute Jungen und Mädchen wären; und das rührte den vorletzten Toodle ſo ſehr, daß ihm vor Weinen und Schreien der Athem ausging und Mr. Toodle ihn in ſeiner Beſtürzung zum Röhrtrog trug und ihn unter das Waſſer gehalten hätte, wenn er ſich nicht ſchon bei dem Anblick deſſelben wieder erholt hätte. Als die Sachen auf dieſen Punkt gekommen waren, ent⸗ ſchuldigte ſich Mr. Toodle, und da jetzt das tugendhafte Herz ſeines Sohnes beruhigt war, reichten ſie sch die Hände und der Friede war wieder hergeſtellt. 8 Willlſt du mittrinken, mein Sohn? frug der Vater, indem er ſich mit verſtärkter Kraft wieder zum Thee ſetzte. ———— — — 4138— Nein, ich danke, Vater. Der Herr und ich haben ſchon Thee getrunken. Und was macht der Herr, Rob? ſagte Polly. Ich weiß nicht, Mutter. Es iſt nicht viel davon zu ſagen. Geſchäfte machen wir nicht. Er verſteht nichts davon, der Capi⸗ tain. Neulich kam ein Mann in den Laden und ſagte, ich brauche das und das, und nannte einen ſchweren Namen. Was! ſagte der Capitain. Ein das und das, ſagte der Mann. Kamerad, ſagte der Capitain, wollt ihr euch einmal im Laden umſehen? Das habe ich gethan, ſagte der Andre. Seht ihr, was ihr braucht? ſagte der Capitain. Nein, ich ſehe es nicht, ſagte der Mann. Kennt ihr es, wenn ihr es ſeht? ſagte der Capitain. Nein, ſagte der Mann. Wahrhaftig, Kamerad, ſagte der Capitain, da thätet ihr beſſer, wieder heimzugehen und zu fragen, welchem Dinge es ähnlich ſteht, denn ich kenne es auch nicht. Da wird er nicht viel verdienen, ſagte Polly. Verdienen, Mutter! Der wird eben Etwas verdienen. Er hat eine Art, wie ich es nie geſehen habe. Er iſt aber ein guter Herr, das muß ich ihm nachſagen. Doch das iſt mir ziemlich einerlei, denn ich werde wohl nicht lange bei ihm bleiben. Nicht bei ihm bleiben, Rob. rief ſeine Mutter, während Toodle die Augen weit öffnete. Bei ihm viellei nicht, erwiderte der Scheerenſchleifer und kniff bedeutungsvoll s Auge zu. Ich ſollte mich nicht wundern — Freunde bei Hofe— aber kümmere dich nicht darum, Mutter, es iſt Alles gut und in Ordnung. ———— — ——, 3* ee — 139— Der unzweifelhafte Beweis, den dieſe Worte gaben, daß der Scheerenſchleifer der Schwäche, die Mr. Toodle an ihm gerügt hatte, nicht unterworfen ſei, hätte zu einer Erneuerung des vo⸗ rigen Auftritts führen können, wenn nicht, zu Polly's großem Erſtaunen, ein Beſuch, Herablaſſung und Freundſchaft lächelnd, in der Thür erſchienen wäre. Wie geht’s Ihnen, Mrs. Richards? ſagte Miß Tox. Ich wollte Sie nur einmal beſuchen. Darf ich eintreten? Auf dem freundlichen Geſicht der Mrs. Richards leuchtete eine gaſtliche Erwiderung, und Miß Tox, den dargebotenen Stuhl annehmend und ſich vor Mr. Toodle anmuthig verneigend, löſte ihr Hutband und ſagte, daß ſie vor allen Dingen die lieben Kin⸗ der bitten müſſe, ſie zu küſſen. Der vorletzte Toodle, der wegen ſeiner unaufhörlichen häuslichen Unfälle unter einem unglücklichen Stern geboren zu ſein ſchien, konnte an dieſer allgemeinen Be⸗ grüßung nicht Theil nehmen. Er hatte nämlich den Südweſter, mit dem er vorher geſpielt hatte, verkehrt über den Kopf gezogen und konnte ſich nicht wieder davon befreien. Vor ſeiner erſchreck⸗ ten Phantaſie erſchien die Furcht, den Reſt ſeiner Tage in Dun⸗ kelheit und in hoffnungsloſer Trennung von ſeinen Freunden und ſeiner Familie verleben zu müſſen, ein Gedanke, der ihn antrieb heftig zu ſtrampeln und ein halberſticktes Geſchrei ertönen zu laſſen. Als man ihm den Hut wieder abgezogen hatte, war ſein Geſicht ſehr heiß und roth und Miß Tox nahm ihn ganz erſchöpft anf ihren Schooß. Ich glaube, Sie haben mich ganz vergeſſen, Sir? ſagte Miß Tox zu Mr. Toodle. — 140— Nein, Madame, ſagte Toodle, aber wir find Alle ein wenig älter geworden. Und wie beſinden Sie ſich, Sir? frug Miß Tox freundlich. Recht wohl, Madame, und wie befinden Sie ſich, Madame? Bleibt der Rheumatismus noch weg, Madame? wir müſſen in unſerem Alter Alle erwarten, damit geplagt zu werden. Ich danke Ihnen, ſagte Miß Tox, darüber hätte ich noch nicht zu klagen. Da haben Sie ſich glücklich zu ſe chätzen, erwiderte Mr. Toodle. Manche Leute in Ihrem Alter werden damit arg geplagt. Meine Mutter zum Beiſpiel— Aber da Mr. Toodle hier ſeiner Frau Augen begegnete, begrub er den Reſt dieſer Worte glücklicherweiſe in einer neuen Taſſe Thee. . Das iſt doch nicht Ihr Aelteſter, Mrs. Richards? ſagte Niß Tox und blickte Rob an. Ja freilich iſt das mein Aelteſter, ſagte Mr. Toodle. Das iſt der kleine Junge, der die unſchuldige Urſache von ſo Vielem war. Das da, Madame, ſagte Toodle, iſt der mit den kurzen Beinen, aus dem Mr. Dombey einen Scheerenſchleifer machte. Die Erinnerung überwältigte Miß Tox faſt und der Ge⸗ genſtand derſelben erregte ſogleich Ihre Theilnahme. Sie for⸗ derte ihn auf, ihr die Hand zu geben, und wünſchte ſeiner Mutter Glück über ſein offenes Geſicht. Rob, der dieſe Worte hörte, nahm nun, dieſen Lobſpruch zu rechtfertigen, ſogleich eine ent⸗ ſprechende Miene an, aber ſie war nicht ganz die rechte. 1— Und zetzt, Mrs. Nichards, ſagte Miß Tox, und auch Sie, Sir, muß ich Ihnen offen und einfach ſagen, weshalb ich herge — —— 4 — 141— 1 nig kommen bin. Sie wiſſen vielleicht, Mrs. Richards, und Sie vielleicht auch, Sir, daß eine kleine Entfremdung zwiſchen mir und ich. einigen meiner Freunde ſtattgefunden hat, und daß ich da, wo ich e? früher hinging, nicht mehr hinkomme. in Polly, die mit weiblichem Zartgefühl dies ſogleich verſtand, ſprach es mit einem Blick aus. Mr. Toodle, der nicht die leiſeſte och Ahnung hatte von dem, was Miß Toyx meinte, drückte dies eben⸗ falls mit einem Blick aus. le. Natürlich iſt die Urſache dieſer Entfremdung von keiner ne Wichtigkeit und braucht hier nicht beſprochen zu werden, ſagte au Miß Tox. Es genügt zu ſagen, daß ich die größtmögliche Ach⸗ ſe tung und Theilnahme für Mr. Dombey— hierbei zitterte Miß Tox' Stimme— und Alles, was ihn angeht, habe. te Der jetzt aufhorchende Mr. Toodle ſagte, er habe es ge⸗ hört und glaube es auch ſeinerſeits, daß Mr. Dombey ein harter 18 Fall ſei. m Ich bitte Sie, nicht ſo zu ſprechen, Sir, erwiderte Miß Tox. n Ich bitte Sie recht ſehr, weder jetzt noch ſpäter, ſo Etwas zu ſagen. Solche Bemerkungen können mir nur peinlich ſein, und u für einen Mann, deſſen Gemüth beſchaffen iſt wie das Ihrige, 2 können ſie gewiß ebenfalls nicht fortdauerud Befriedigung ge⸗ r währen. 3 Mr. Toodle, der gar nicht geglaubt hatte Etwas zu ſagen, 3 was nicht vollkommen Beifall fände, war ganz verblüfft. 5 1 Blos das Eine wünſche ich zu ſagen, Mrs. Richards, fuhr Miß Tox fort— und ich ſage dies auch zugleich zu Ihnen, Sir, 4. daß jede Nachricht von dem Leben, dem Wohlbefinden und der — 142— Geſundheit der Familie, die Ihnen zukommt, mir höchſt angenehm ſein wird. Daß ich mich ſtets glücklich ſchätzen werde, mit Mrs. Richards über die Familie und über alte Zeiten zu plaudern, und da ich und Mrs. Richards nie den mindeſten Zwiſt hatten(obgleich ich jetzt wünſche, wir wären beſſer bekannt geweſen, wiewohl ich darin nur zu tadeln bin), ſo hoffe ich, Sie werden nichts dawider haben, daß wir jetzt gute Freunde werden und daß ich manchmal hieher komme, als ob ich zur Familie gehörte. Ich hoffe wirklich, Mrs. Richards, daß Sie dies aufnehmen, wie ich es meine, und wie eine gutmüthige Frau, wie Sie es immer waren. Polly war erfreut und zeigte es. Mr. Toodle wußte nicht, ob er ſich freute oder nicht, und bewahrte eine kalte Ruhe. Sie ſehen, Mrs. Richards, ſagte Miß Tox, und ich hoffe, Sie ſehen es auch, Sir, es giebt ſo viele Kleinigkeiten, Sir, in de⸗ nen ich Ihnen einigermaßen von Nutzen ſein kann, wenn Sie mich nicht als Fremde betrachten, und in denen ich Ihnen gern nützlich ſein will. Z. B. kann ich Ihre Kinder leſen lehren. Ich kann einige Bücher mitbringen, wenn Sie mir erlauben wollen, und meine Arbeit; und Abends lernen ſie, mein Gott ſie lernen viel, glaube ich, und werden ihrer Lehrerin Ehre machen. Mr. Toodle, der einen großen Reſpeet vor der Gelehrſam⸗ keit hatte, nickte ſeiner Frau Beiſtimmung zu und befeuchtete ſeine Hände mit emporkeimender Befriedigung. Als Bekannte werde ich dann Niemandem im Wege ſein, ſagte Mrs. Tox, und Alles wird gehen, als wenn ich nicht da wäre. Mrs. Richards wird ihr Ausbeſſern oder ihr Plätten oder ihr Kinderwarten fortſetzen, ohne ſich um mich zu kümmern; — 143— und Sie rauchen Ihre Pfeife, wenn Sie Luſt dazu haben; nicht wahr, Sir? Danke ſchön, ſagte Mr. Toodle. Ja; ich rauche meine Pfeife. Es iſt ſehr freundlich von Ihnen, das zu ſagen, Sir, erwi⸗ derte Miß Tox, und ich verſichere Ihnen jetzt wirklich, daß es mir ein großer Troſt ſein wird, und daß Sie mir das Wenige, was ich vielleicht für Ihre Kinder thun kann, reichlich vergelten wer⸗ den, wenn Sie dieſen kleinen Vertrag ohne Umſtände und aus vollem Herzen, ohne weiter ein Wort darüber zu verlieren, ab⸗ ſchließen. Der Vertrag war ſogleich geſchloſſen und Miß Tox fühlte ſich bereits ſo heimiſch, daß ſie ohne Verzug eine vorläufige Prüfung der Kinder vornahm— worüber ſie Mr. Toodle ſehr bewunderte— und ihr Alter, ihre Namen und ihre Fähigkeiten auf einen Zettel aufſchrieb. Dieſes Examen und das damit verbundene Geplau⸗ der vertrieben den Abend bis über die gewöhnliche Stunde des Schlafengehens hinaus und hielten Miß Tox bei den Toodles zu⸗ rück, bis es zu ſpät für ſie wurde allein nach Hauſe zu gehen. Da aber der Scheerenſchleifer noch anweſend war, erbot er ſich höflich, ſie bis an ihre Thür zu begleiten; und da es ſchon Et⸗ was für Miß Tox war, von einem Knaben nach Hauſe begleitet zu werden, den Mr. Dombey zuerſt mit der männlichen Tracht angethan, die nur ſelten bei dem Namen genannt wird, ſo nahm ſie dieſen Vorſchlag bereitwillig an. Nachdem ſie daher Mr. Toodle und Polly die Hand gereicht und alle Kinder geküßt hatte, verließ Miß Tox das Haus mit —— — 144— unbegrenzter Popularität und mit ſo leichtem Herzen, daß Mrs. Chick ſich darüber geärgert hätte, wenn dieſe gute Dame es hätte riechen können. In ſeiner Beſcheidenheit wollte Rob, der Scheerenſchleifer, hinterher gehen, aber Miß Tox forderte ihn auf, der Unterhaltung wegen, neben ihr herzugehen, und forſchte, wie ſie ſpäter gegen ſeine Mutter äußerte, ihn unterwegs aus. Miß Tox war entzückt über ihn. Je mehr Miß Tox ihn ausforſchte, deſto beſſer wurde er. Es gab nie einen beſſeren oder hoffnungsreicheren Jüngling, einen zärtlicheren, geſetzteren, klü⸗ geren, nüchterneren, ehrlichern, beſcheidneren, offeneren jungen Mann, als Rob heute Abend war. Es hat mich wirklich gefreut, Sie kennen zu lernen, ſagte Miß Tox, als ſie ihre Thür erreicht hatte, ich hoffe Sie werden mich als Ihre Freundin betrachten und ſo oft Sie wollen zu mir kommen und mich beſuchen. Haben Sie eine Sparbüchſe? Ja, Madame, erwiderte Rob; ich ſpare bis ich genug habe, um es in die Spareaſſe zu thun. Sehr lobenswerth, ſagte Miß Tox, es freut mich, das zu hören. Stecken Sie dieſe halbe Krone hinein. O ich danke Ihnen, Madame, aber ich kann Sie wirklich nicht berauben. Ich liebe dieſen Stolz, ſagte Miß Tox, aber Sie berauben mich nicht. Ich würde mich verletzt fühlen, wenn Sie es nicht an⸗ nähmen. Gute Nacht, Robin. Gute Nacht, Madame, ſagte Rob, und ich danke Ihnen. Mit dieſen Worten lief er vor ſich hin lachend um zu wech⸗ — —õyy——— — 145— ſeln und es bei einem Paſtetenbäcker zu vernaſchen. Aber Ehre war nicht unter den Unterrichtsgegenſtänden in der Scheerenſchlei⸗ ferſchule, wo das herrſchende Syſtem am beſten geeignet war, Heuchelei zu befördern. So arg war das, daß viele der Freunde und Herren früherer Scheerenſchleifer ſagten, wenn das die Frucht der Erziehung des gemeinen Volkes ſei, ſo wäre gar keine beſſer. Einige Vernünftige ſagten, man müſſe ſie beſſer einrichten. Aber die Vorſteher der Scheerenſchleifergilde hatten für Letztere immer eine Antwort, indem ſie auf einige Knaben hinwieſen, die trotz des Syſtems ſich gut betragen hatten, und behaupteten keck, daß nur in Folge ihres Syſtemes etwas aus ihnen geworden wäre. Das machte die Tadler verſtummen und befeſtigte den Ruf der Scheerenſchleiferſchule. Boz. Dombey u. Sohn. VI.. 10 —y Schnellpreſſendruck von Fr. Nies in Leipzig. —— — Em.˖——