Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Eduard Otftmann in Gießen, Scoloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. 5 3 1 3. Caution. Unbekannte Pedſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nr. Ff. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.= Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. ³ 6. Schadenersatz. 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A. en t„„ .. 3**7 2 b Fünfter Theil. f .. „ S — Feipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1847. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Schatten der Vergangenheit und der Zukunft. Ihr Gehorſamſter, Sir, ſagte der Major. Damme, Sir, ein Freund Dombeys iſt mein Freund, und es freut mich Sie zu ſehen! Ich bin Major Bagſtock für ſeine Geſellſchaft und ſeine Unterhaltung ſehr verbunden, Carker, erläuterte Mr. Dombey. Major Bagſtock hat mir große Dienſte geleiſtet, Carker. Der Disponent Carker, den Hut in der Hand, eben in Leamington angekommen und dem Major eben vorgeſtellt, zeigte dieſem ſeine ganze Doppelreihe Zähne und hoffte ſich die Freiheit nehmen zu dürfen, ihm von ganzem Herzen für die Veränderung zum Beſſern, die in Mr. Dombey's Geſicht und Stimmung zu be⸗ merken ſei, zu danken. Bei Gott, Sir, gab der Major zur Antwort, Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig, denn die Verpflichtung iſt gegenſeitig. Ein großer Charakter wie unſer Freund Dombey, Sir, ſagte der Major leiſer, aber nicht ſo leiſe, daß Mr. Dombey es nicht hörte, kann nicht umhin, auf ſeine Freunde beſſernd und erhebend — 6— einzuwirken. Ich ſage Ihnen, Sir, Dombey ſtärkt und kräftigt Einen in ſeiner moraliſchen Natur. Mr. Carker bemächtigte ſich ſogleich dieſes Worts. In ſeiner moraliſchen Natur. Ganz recht. Daſſelbe Wort hatte er auch gebrauchen wollen. . Aber wenn mein Freund Dombey, Sir, fügte der Major hinzu, zu Ihnen von Major Bagſtock ſpricht, ſo muß ich um Erlaubniß bitten, ihn und Sie beſſer zu unterrichten. Er meint den einfachen Joe, Sir,— Joey B.— Joſh Bagſtock— Joſeph— den ehrlichen, derben alten J., Sir. Mr. Carkers außerordentlich freundſchaftliche Geſinnungen gegen den Major und Mr. Carkers Bewunderung ſeiner Ehr⸗ lichkeit und Derbheit glänzten aus jedem Zahn in Mr. Carkers Mund. Und jetzt haben Sie und mit einander abzumachen, ſagte der Majer. Durchaus nicht, Major, bemerkte Mr. Dombey. Dombey, ſagte der Major, das weiß ich beſſer; ein Mann von Ihrer Bedeutung— der Coloß der Börſe— darf nicht geſtört werden. Ihre Zeit iſt koſtbar. Wir ſehen uns bei Tiſche wieder. Unterdeß wird der alte Joſeph verſchwinden. Wir ſpeiſen Punkt ſieben, Mr. Carker. Damit ging der Major, mit ſehr geſchwollenem Geſicht, hinaus; gleich darauf aber ſteckte er den Kopf wieder zur Thüre herein und ſagte: Bitte um Vergebung. Dombey, haben Sie etwas an ſte zu beſtellen? Dombey eine Teufelslaſt Geſchäfte — 2— Etwas verlegen und nicht ohne einen Seitenblick auf den Disponenten zu werfen, bat Dombey den Major, ſeine Gruupl mente zu überbringen. Bei Gott, Sir, rief der Major, Sie müſſen ſich wärmer isnſira⸗ oder der alte Joe iſt nichts weniger als willkommen. Dann ſagen Sie meinetwegen meine Hochachtung, Major⸗ bemerkte Mr. Dombey. Damme, Sir, ſagte der Major, und ſeine Schultern und ſeine dicken Backen bewegten ſich von innerlichem Lachen, Sie n ſich noch wärmer ausdrücken. Sagen Sie was Sie wollen, Major, meinte Mr. Dombey. Unſer Freund iſt ſchlau, Sir, ſchlau, Sir, ver—teufelt ſchlau, ſagte der Major mit einem Blick auf Carker. Und das iſt auch Bagſtock. Aber ein beifälliges Lachen in der Mitte ab⸗ ſchneidend und ſich hoch aufrichtend rief der Major, indem er ſich auf die Bruſt ſchlug, feierlich aus: Dombey! Ich beneide Sie Ihrer Gefühle wegen. Gott ſegne Sie! und entfernte ſich. Dieſer Herr muß Ihnen eine große Erquickung geweſen ſein, ſagte Carker, ihm zähnefletſchend nachſehend. Allerdings, ſagte Mr. Dombey. Er hat jedenfalls Bekannte hier, fuhr Carker fort. Nach ſeinen Bemerkungen vermuthe ich, daß Sie ſich hier wieder in die Geſellſchaft miſchen. Wiſſen Sie, ſagte er mit einem gräu⸗ lichen Lächeln, ich bin darüber ſehr erfreut! Mr. Dombey erwiderte dieſe Darlegung der Theilnahme ſetnes Disponenten damit, daß er mit ſeiner Uhrkette ſpielte und den Kopf ein wenig bewegte. müf — 8— Sie ſind für die Geſellſchaft geſchaffen, ſagte Carker. Von allen Menſchen, die ich kenne, ſind Sie durch Begabung und Stel⸗ lung am meiſten dazu geeignet. Ich muß Ihnen ſagen, ich habe mich oft gewundert, daß Sie die Geſellſchaft ſo lange gemieden aben! IcVh hatte meine Gründe, Carker, war die Antwort. Ich war allein und hatte kein Intereſſe an der Geſellſchaft. Aber Sie haben ſelbſt große ſociale Gaben, und mußten ſich um ſo mehr wundern. O! Ichl erwiderte der Andere mit ſchnellfertiger Demuth. Bei einem Manne wie ich iſt es etwas ganz Anderes. Ich kann mich mit Ihnen nicht vergleichen. Mr. Dombey faßte mit der Hand an das Halstuch, drehte das Kinn in demſelben, huſtete und ſah ſeinen Freund und treuen Diener eine Weile ſchweigend an. Ich werde das Vergnügen haben, Carker, ſagte Dombey 3 endlich mit einem Geſicht, als ob er einen zu großen Biſſen hin⸗ unterſchlucke, Sie meinen Freunden— den Freunden des Majors vorzuſtellen. Höchſt angenehme Leute. Es ſind Damen darunter, vermuthe ich? meinte der glatte Disponent.. Es ſind blos Damen, das heißt, es ſind zwei Damen, er⸗ 8 widerte Mr. Dombey. 8 Nur zwei? lächelte Carker. Es ſind blos zwei. Ich habe meine Beſuche auf ihr Haus beſchränkt, und keine andern Bekanntſchaften hier gemacht. Wohl Schweſtern? meinte Carker. —»— Mutter und Tochter, entgegnete Mr. Dombey. 3 3½ Mr. Dombey ſenkte die Augen und ſchob das Halstuch zu-⸗ recht, das lächelnde Geſicht des Disponenten aber verwandelte ſich plötzlich ohne allen Uebergang in ein höchſt grimmiges, das ihn ſcharf beobachtete und tückiſch grinſte. Wie Mr. Dombey wieder aufblickte, nahm es eben ſo ſchnell wieder den alten Aus⸗ druck an, und zeigte jeden ſeiner Zähne. Sie ſind ſehr gütig, ſagte Carker. Ich freue mich ſie kennen zu lernen. Da wir einmal von Töchtern reden, ich habe Miß Dombey geſprochen. Eine feurige Röthe überflog plötzlich Mr. Dombey's Geſicht. Ich nahm mir die Freiheit ſie aufzuſuchen, ſagte Carker, um mich zu erkundigen, ob ſie mir einen Auftrag zu geben habe. Ich bin nicht ſo glücklich, etwas anderes von ihr zu bringen, als— als ihren herzlichſten Gruß. Mit welchem zähnefletſchenden Wolfsgeſicht er dabei Mr. 1 Dombey anſah! Was für Geſchäftsnachrichten bringen Sie? frug letzterer 2 nach einer Pauſe, während welcher Carker einige Papiere her⸗ vorbrachte. 3 Sehr wenig, entgegnete Carker. Im Ganzen haben wir in der letztern Zeit nicht unſer gewöhnliches Glück gehabt, doch kann Ihnen dies ziemlich gleich ſein. Bei Lloyds gilt der Sohn 8 und Erbe für verloren. Er iſt verſichert vom Kiel bis zur Maſtſpitze. Carker, ſagte Mr. Dombey und nahm einen Stuhl, ich kann nicht ſagen, da — 10— ß dieſer junge Mann, Gay, mir beſonders gefallen hat— Mir auch nicht, bemerkte der Disponent. Aber ich wünſchte, fuhr Mr. Dombey fort, ohne ſich durch ieſe Unterbrechung ſtören zu laſſen, er wäre nicht mit dieſem Schiffe gegangen. Ich wollte, wir hätten ihn nicht hingeſchickt. . Es iſt Schade, daß Sie das nicht früher geäußert haben, gab Carker gleichmüthig zur Antwort. Doch ich glaube, es iſt ganz gut ſo. Ich bin feſt überzeugt, es iſt ganz gut ſo. Aeußerte ich gegen Sie, daß ich eine gewiſſermaßen vertrauliche Unterredung mit Miß Dombey hatte? Nein, ſagte Mr. Dombey ſtreng. Ich zweifle gar nicht, ſagte Mr. Carker nach einer vielbe⸗ deutenden Pauſe, daß Gay, mag er ſein wo er will, überall beſſer Wäre ich oder könnte ich ſein wie Sie, Ich bin vollkommen beruhigt. Miß Dombey iſt gutherzig und jung— vielleicht nicht ſtolz ge⸗ nug für die Tochter eines Mannes wie Sie— wenn ſie einen Fehler hat. Nicht daß ich damit getadelt haben wollte, gewiß nicht. Wollen Sie dieſe Bilanzen mit mir durchrechnen? Mr. Dombey lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, anſtatt die ihm vorgelegten Papiere durchzuleſen, und ſah dem Disponenten aufmerkſam ins Geſicht. Carker that, als ſähe er ſeine Rech⸗ nungen durch, und wartete, bis es ſeinem Prineipal gelegen ſei zu ſprechen. Er gab zu erkennen, daß er es thue aus großem Zartge⸗ fühl und mit dem Wunſche Mr. Dombey zu ſchonen; und Letzterer, 55 aufgehoben iſt als hier. ſo würde mich das beruhigen. während er ihn anſah, errieth ſeine Abſicht und fühlte, daß ohne 4 dieſelbe Carker vielerlei ſagen würde, was er, Dombey, zu er⸗ fragen zu ſtolz war. Er machte es oft ſo in Geſchäftsſachen. Allmählich ſah Dombey ihn weniger forſchend an und ſeine Aufmerkſamkeit wendete ſich auf die Papiere; aber während er ſich mit ihnen beſchäftigte, unterbrach er ſich oft und ſah wieder Mr. Carker an. So oft er dies that, legte Mr. Carker ſeine Delicateſſe an den Tag und prägte ſie ſeinem großen Principal mehr und mehr ein. Während ſie ſo beſchäftigt waren und unter der geſchicken Pflege des Disponenten Zornesgedanken gegen die arme Floren⸗ tine in Mr. Dombey's Bruſt anſtatt der kalten Abneigung, die gewöhnlich dort herrſchte, entkeimten, ſtieg Major Bagſtock, ſehr bewundert von den alten Damen Leamingtons und hinter ſich den Eingebornen mit der gewöhnlichen Ladung leichten G Gepäckes, auf der ſchattigen Seite durch die Straßen, um einen M ibeſuch bei Mrs. Skewton zu machen. Da es Mittag war, als er den Palaſt Cleopatra's erreichte, ſo war er ſo g ljclih die Prinzeſſin auf ihrem gewöhnlichen Sopha bei einer Taſſe Kaffee zu finden, in einem ſo verdunkelten Zimmer, daß Withers, der ihr aufwar⸗ tete, durch das Zimmer dämmerte wie ein Pagengeſpenſt. Welch unleidlicher Menſch kommt da! ſagte Mrs. Skewton. Ich kann es nicht aushalten. Gehen Sie, wer Sie immer ſein mögen! Sie können nicht ſo grauſam ſein J. B. zu verbannen, Ma'am! ſagte der Major, mit dem Stock auf der Schulter i in der Thüre ſtehen bleibend. — 122— O, Sie ſind's? Nein, Sie ſollen eintreten dürfen, be⸗ merkte Cleopatra. Der Major trat demnach ein, näherte ſich dem Sopha und drückte die reizende Hand an ſeine Lippen. Nehmen Sie Platz, ſagte Cleopatra, matt den Fächer be⸗ wegend, aber weit weg. Kommen Sie mir nicht zu nahe, denn ich bin ſchrecklich ſchwach und empfindlich dieſen Morgen und Sie riechen nach Sonne. Sie ſind wirklich tropiſch. Bei St. Georg! Ma am, ſagte der Major, es war eine Zeit, wo Joſeph Bagſtock von der Sonne geröſtet und gebraten wurde; es war eine Zeit, Maxam, wo ihn die Treibhausglut in Weſtin⸗ dien in ſo volle Blüthe brachte, daß er die Blume hieß. Damals hörte kein Menſch von Bagſtock, Maam; nur von der Blume— voon unſerer Blume. Die Blume mag mehr oder weniger ver⸗ welkt ſein, Ma'am, bemerkte der Major, und ſank in einen viel nähern Stuhl als ſeine grauſame Göttin ihm angewieſen, aber er iſt noch eine zähe Pflanze, und beſtändig wie Immergrün. Hierauf machte der Major ein Auge zu, wiegte ſeinen Kopf wie ein Harlekin und kam in der Wonne ſeiner Selbſtzu⸗ friedenheit der Grenze des Schlagfluſſes vielleicht näher als ie. Wo iſt Mrs. Granger? frug Cleopatra ihren Pagen. Withers meinte, ſie ſei wohl auf ihrem Zimmer. Gut, ſagte Mrs. Skewton. Geh, und mache die Thür zu. Ich bin nicht zu ſprechen. wunden war, wendete Mrs. Skewton Als Withers verſch matt den Kopf dem Major zu, ohne ſich ſonſt zu bewegen, und frug ihn, wie ſich ſein Freund befinde. — 13— Dombey, Maam, ſagte der Major in ſich hineinlachend, befindet ſich ſo gut als ein Mann in ſeinem Zuſtand ſich befinden kann. Sein Zuſtand iſt verzweifelt, Ma'am. Dombey iſt an⸗ geſchoſſen! Angeſchoſſen! Bajonettirt durch und durch! rief der Major. Cleopatra warf auf den Major einen raſchen Blick, der ſeltſam mit dem affertirtmatten Tone ihrer Rede contraſtirte. Major Bagſtock, ſagte ſie, obgleich ich die Welt nur wenig kenne— und ich kann es wirklich nicht bedauern, denn ich fürchte, ſie iſt falſch und trügeriſch, voll todter Förmlichkeiten, wo die Natur wenig beachtet, und wo die Muſik des Herzens und die Strömung der Empfindung und Alles das, was ſo poetiſch iſt, nicht vernommen wird— ſo kann ich doch nicht mißverſtehen, was Sie ſagen wollen. In Ihren Worten liegt eine Hindeutung auf Edith, auf meine geliebteſte Tochter, fuhr Mrs. Skewton fort und verfolgte mit dem Zeigefinger die ſchöngeſchwungenen Bogen ihrer künſtlichen Augenbrauen, welche die zarteſten Saiten meines Herzens erklingen macht. Geradheit, Malam, erwiderte der Maior, iſt immer ein Charakterzug der Bagſtocks geweſen. Sie haben Recht. Joe giebt es zu. 6 Und dieſe Hindeutung, fuhr Cleopatra fort, dürfte eine der rührendſten, und erhebendſten, und heiligſten Empfindungen hervor⸗ rufen, deren unſere tiefgeſunkene Natur fähig iſt. 4₰ Der Major brachte die Hand an ſeine Lippen und ſendete Cleopatra einen Kuß hin, wie um die erwähnte Empfindung zu verdeutlichen. — u— Ich fühle, daß ich ſchwach bin. Ich fühle, daß mir die Energie fehlt, welche eine Mutter unter ſolchen Umſtänden aufrecht erhalten muß, ſagte Mrs. Skewton, und drückte ſich die Lippen mit dem ſpitzenbeſetzten Taſchentuch; aber ich kann eine für meine geliebteſte Edith ſo hochwichtige Sache nicht berühren ohne ein gewiſſes Bangen. Dennoch, böſer Mann, da Sie dieſelbe ein⸗ mal keck erwähnt haben, und ſie mir große Pein gemacht hat— Mrs. Skewton berührte die linke Seite ihrer Bruſt mit dem Fächer— will ich vor meiner Pflicht nicht zurückbeben. Beſchützt von der Dämmerung des Zimmers ſchwoll der Major mehr und mehr an, und wiegte das purpurrothe Geſicht, und kniff das Nußknackerauge zu, bis er einen Anfall von Keuchen bekam, der ihn nöthigte aufzuſtehen und ein paar Mal im Zimmer auf und ab zu gehen, ehe ſeine ſchöne Freundin fortfahren konnte. Mr. Dombey, ſprach endlich Mrs. Skewton weiter, war gütig genug, uns— vor vielen Wochen— die Ehre eines Be⸗ ſuches zu erweiſen; in Ihrer Begleitung, lieber Major. Ich er⸗ kenne an— laſſen Sie mich offen ſein— daß ich die Schwäche habe, mich von Impulſen leiten zu laſſen und mein Herz ſo zu ſagen auswendig zu tragen. Ich kenne meine Schwäche recht gut. Meine Feinde können ſie nicht beſſer kennen. Aber ich beklage ſie nicht; ich will lieber durch die herzloſe Welt nicht zu Eis werden, und gebe die Wahrheit dieſer Beſchuldigung gern zu. 4 Mrs. Skewton zupfte ihr Buſentuch zurecht, kniff ſich in den welken Hals, um ihm ein friſcheres Anſehen zu geben, und fuhr mit großer Selbſtzufriedenheit fort. Es machte mir(und meiner geliebteſten Edith gewiß auch) 1 auf meiner geliebteſten Edith; und ſie Tag für Tag hinſchmachten —— unendliches Vergnügen, Mr. Dombey bei uns zu empfangen. Da er Ihr Freund iſt, lieber Major, waren wir natürlich für ihn im Voraus eingenommen; und ich glaubte in Mr. Dombey einen Reichthum von Herz zu entdecken, der höchſt erquicklich war. Er hat jetzt verteufelt wenig Herz, der Dombey, Ma'am, ſagte der Major. Unglücklicher! rief Mrs. Skewton, und ſah ihn ſchmachtend an, bitte, ſchweigen Sie.. J. B. iſt ſtumm, Ma'am, ſagte der Major. 4 Mr. Dombey, fuhr Cleopatra fort und glättete ſich die roſige Wange, wiederholte ſeinen Beſuch; und da ihn vielleicht die Einfachheit und Urſprünglichkeit unſres Lebens anzog— denn die Natürlichkeit hat immer Reiz— ſie iſt ſo lieblich— ſo kam er jeden Abend in unſern kleinen Kreis. Ich ahnte nicht, welch ſchreckliche Verantwortlichkeit ich auf mich nahm, als ich Mr. Dombey aufmunterte.— Hier auf den Buſch zu ſchlagen, Ma'am, ergänzte Major Bagſtock. Roher Menſch! ſagte Mrs. Skewton, Sie kommen mir in dem, was ich ſagen wollte, zuvor, aber in abſcheulicher Sprache. Hier legte Mrs. Skewton ihren Arm auf den kleinen Tiſch neben ſich, ließ die Hand mit graziöſer Nonchalance niederhängen, und bewunderte ſie mit halbgeſchloſſenen Augen, während ſie ſprach. Mein Schmerz, als ich die Wahrheit allmählich zu ahnen begann, lispelte ſie geziert, war zu unermeßlich, als daß ich es mit Worten ausdrücken könnte. Mein ganzes Daſein beruht — 16— zu ſehen— ſie, mein koſtbares Kleinod, die ihre Liebe geſpart hat ſeit dem Tode des vortrefflichſten aller Menſchen, Granger — iſt die rührendſte Sache von der Welt. Mrs. Skewtons Welt war keine Welt ſchwerer Prüfungen, wenn man ſie nach dem Eindruck ihrer rührendſten Sache beur⸗ theilte; doch dies beiläufig. Edith, lispelte Mrs. Skewton verſchämt, die wahre Perle meines Lebens, ſoll mir gleichen. Ich glaube, wir ſind uns ähnlich. Ein Mann auf der Welt wird nie zugeben, daß Jemand Ihnen gleiche, Malam, ſagte der Major; und dieſer Mann heißt Joe Bagſtock. Cleopatra that, als wollte ſie den Schmeichler mit ihrem Fächer todtſchlagen, hatte aber Erbarmen, lächelte ihn an und fuhr fort: Wenn meine liebenswürdige Tochter Vorzüge von mir hat, Sie böſer Menſch, ſo hat ſie auch das weiche Gemüth von mir. Sie beſitzt große Charakterſtärke— auch ich ſoll darin groß ge⸗ weſen ſein, obgleich ich es nicht glaube— aber wenn ſie einmal einen Eindruck empfangen hat, ſo iſt ſie im höchſten Grade empfindſam und weich. Was ich fühle, wenn ich ſie hinwelken ſehe! Es iſt mein Tod.. Der Major ſtreckte ſein Doppelkinn vor, machte ein ernſtes Geſicht und legte die tiefſte Theilnahme an den Tag. Rührend iſt es, an das Vertrauen das zwiſchen uns herrſcht zu denken, ſagte Mrs. Skewton, an den freien Seelenerguß, an den offenherzigen Austauſch unſerer Gefühle. Wir haben uns t mehr wie Schweſtern, als wie Mutter und Tochter zu einander verhalten. Joe Bagſtock's eigene Meinung, bemerkte der Major, und funfzigtauſendmal ſelbſt geäußert! . Unterbrechen Sie mich nicht, Gefühlloſer! ſagte Cleo⸗ patra. Was muß ich alſo empfinden, wenn ich ſehe, daß ſie Etwas gegen mich zu berühren vermeidet! Daß ſich eine— wie heißt es doch eine Kluft zwiſchen uns geöffnet hat. Daß meine geliebteſte argloſe Edith anders gegen mich geworden iſt! Wie tief, tief muß mich das ſchmerzen! t Der Major verließ ſeinen Stuhl und nahm näher an dem Tiſch Platz. Jeden Tag ſehe ich dies, lieber Major, fuhr Mrs. Skew⸗ d ton fort. Jeden Tag fühle ich dies. Jede Stunde muß ich mir Vorwürfe machen über dies Uebermaß von Vertrauen, das „ ſo nachtheilige Folgen gehabt hat; und faſt jede Minute hoffe ich, Mr. Dombey werde ſich erklären, und mich von meinen Qua⸗ len erlöſen, die unermeßlich nachtheilig auf mich wirken. Aber es geſchieht nichts, lieber Major; ich bin eine Sklavin der Reue — nehmen Sie die Kaffeetaſſe in Acht: Sie ſind ſo ungeſchickt — meine geliebte Edith iſt nicht mehr daſſelbe Weſen wie früher; und in der That ſehe ich nicht ein, was zu thun iſt, oder welchen 3 gutherzigen Menſchen ich zu Rathe ziehen könnte. —— ᷣ Major Bagſtock, vielleicht ermuthigt durch den ſanfteren und vertraulichern Ton, in den Mrs. Skewton, nachdem ſie ihn mehrmals für Augenblicke angenommen, jetzt ganz gefallen war, Boz. Dombey u. Sohn. V. 2 4 — 18— reichte ſeine Hand über den kleinen Tiſch hin, und ſagte ver⸗ traulich grinſend: Ziehen Sie Joe zu Rathe, Ma'am. Warum ſprechen Sie denn nicht, Sie tückiſcher Unhold? ſagte Cleopatra und reichte dem Major die Hand, während ſie ihn mit dem Fächer ſpielend auf die Knöchel klopfte. Sie wiſſen ja, was ich meine. Warum ſagen Sie nichts? Der Major lachte, und küßte die Hand, die er in den Fin⸗ gern hielt, und lachte wieder unermeßlich. Hat Mr. Dombey ſo viel Herz, als ich ihm zugeſchrieben habe? ſchmachtete Cleopatra zärtlich. Meinen Sie, daß es ihm Ernſt iſt, lieber Major? Würden Sie rathen, ihn anzutreiben oder ihn gehen zu laſſen? Sagen Sie mir Ihre Meinung wie ein guter Menſch und Freund. Sollen wir ihn mit Edith Granger verheirathen, Ma'am? ſagte der Major mit heiſerem, triumphirendem Lachen. Geheimnißvoller Menſch! erwiderte Cleopatra, und legte ihren Fächer an des Majors Naſenſpitze. Wie können wir ihn verheirathen? Sollen wir ihn mit Edith Granger verheirathen, Malam, ſage ich? lachte wieder der Major. Mrs. Skewton gab keine Antwort, lächelte aber den Ma⸗ jor ſo ſchalkhaft und muthwillig an, daß der tapfere Offtzier einen Kuß auf ihre ausnehmend rothen Lippen wagen wollte; ſie hielt aber den Fächer mit anmuthiger und jugendlicher Leben⸗ digkeit vor. Es konnte Verſchämtheit ſein; es konnte aber auch *RE= — 19— eine Folge der Furcht ſein, die blühende Farbe der Lippen zu gefährden. Dombey, Maam, ſagte der Major, iſt ein guter Fang. O, Sie golddürſtiger Wüthrich! rief Cleopatra mit einem leiſen Aufſchrei, Sie empören mich! Und Dombey meint es ernſt, fuhr der Major fort, indem er den Kopf vorſtreckte, die Augen weit aufſperrte, Joſeph ſagt es; Bagſtock weiß es; Joe Bagſtock läßt ihn nicht los. Ueberlaſſen Sie Dombey ſich ſelbſt, Maam. Dombey iſt ſicher, Ma'am. Fahren Sie fort wie bisher; thun Sie weiter nichts; und wegen des Endes vertrauen Sie auf Joe Bagſtock. Meinen Sie wirklich, lieber Major? entgegnete Cleopatra, die ihn trotz ihres ſchmachtenden und matten Weſens ſehr ge⸗ ſpannt angeſehen hatte. Bin ganz ſicher, Malam, erwiderte der Major. Die un⸗ vergleichliche Cleopatra und ihr Antonius Bagſtock werden oft davon ſprechen, wenn ſie an dem Glanz und dem Reichthum von Edith Dombey's Haus Theil nehmen. Dombey's rechte Hand⸗ Ma'am, ſagte der Major, plötzlich ernſt werdend, iſt angekommen. Dieſen Morgen? frug Cleopatra. Dieſen Morgen, Mam, erwiderte der Major. Und Dombey erſehnte ſo ſehr ſeine Ankunft, weil— nehmen Sie Joe Bagſtocks Wort darauf; denn Joe Bagſtock iſt ver— teufelt ſchlau— der Major legte hierbei einen Finger an die Naſenſpitze, und kniff das eine Auge zu, was ſeiner Schönheit eben nicht zu Stat⸗ ten kam— weil er wünſchte, daß das, was im Werke iſt, ihm 2* bekannt werde, ohne daß Dombey es ihm ſage. Denn Dombey iſt ſo ſtolz, Malam, ſagte der Major, wie Lucifer. Eine reizende Eigenſchaft, lispelte Mrs. Skewton; erinnert mich an meine geliebteſte Edith. Nun müſſen Sie wiſſen, Ma'am, fuhr der Major fort, ich habe ſchon Winke gegeben, und die rechte Hand verſteht mich; und ich werde noch mehr geben, ehe der Tag vorüber iſt. Dombey faßte dieſen Morgen ven Plan, morgen eine Fahrt nach Warwick und Kenilworth zu machen und vorher bei uns ein Frühſtück zu geben. Ich übernahm es, Ihnen die Einladung dazu zu über⸗ bringen. Wollen Sie uns beehren, Ma'am? ſagte der Major, ſich aufblähend, während er ein Billetchen überreichte, welches die Einladung des„ewiggetreuen“ Paul Dombey enthielt. St! ſagte Cleopatra plötzlich, Edith! Man kann kaum ſagen, die zärtliche Mutter habe ihr fades und affectirtes Weſen nach dieſem Ausruſe wieder angenommen; denn ſie hatte es nie abgelegt, und es war auch gar nicht wahrſchein⸗ lich, daß ſie das wollte oder konnte, außer im Grabe. Aber je⸗ den Schatten von Ernſt, oder jedes Bewußtſein eines lobens⸗ werthen oder verwerflichen Vorſatzes, das ihr Geſicht, ihre Stimme und ihr Weſen für einen Augenblick verrathen, raſch verbergend, lag ſie wieder hingegoſſen auf ihrem Lager, fad und ſchmachtend, wie immer, als Edith ins Zimmer trt. 3 Edith, ſo ſchön und ſtolz, aber ſo kalt und zurückſtoßend. Sie erwiderte kaum merklich den Gruß des Majors, warf einen ſcharfen Blick auf die Mutter, öffnete eine Gardine an einem Fenſter, nahm dort Platz und ſah hinaus. —, — 21— Liebſte Edith, ſagte Mrs. Skewton, wo biſt du nur gewe⸗ ſen? Ich habe ſehnſüchtigſt nach dir verlangt. Sie ſagten, Sie ſeien beſchäftigt, und ich blieb weg, ant⸗ wortete ſie, ohne den Kopf zu wenden. Es war grauſam gegen den alten Joe, Maam, ſagte der Major galant. Es war ſehr grauſam, ſagte ſie immer noch hinausſehend — und mit ſo kalter Verachtung, daß der Major ſich geſchlagen fühlte und nicht zu antworten wußte. Major Bagſtock, meine geliebteſte Edith, ſagte die Mutter mit mattgedehnter Stimme, der gewöhnlich das nichtsnützigſte und unangenehmſte Geſchöpf auf der Welt iſt— wie du weißt— Es iſt doch ſicherlich nicht der Mühe werth, Mama, ſagte Edith und ſah ſich um, dieſe Redeformen zu brauchen. Wir ſind ganz allein. Wir kennen einander. Die ſtille Verachtung, die ſich auf dem ſchönen Geſicht aus⸗ drückte— eine Verachtung, die offenbar ſie ſelbſt ſo gut wie die Andern traf— ſprach ſich mit ſolcher Energie aus, daß ihrer Mutter geziertes Lächeln, ſo abgehärtet es war, für einen Augen⸗ blick vor dieſem Blick verſchwand. Mein geliebtes Kind, begann ſie von Neuem. Noch nicht mündig? ſagte Edith mit einem Lächeln. Wie wunderlich du heute biſt, Liebe! Laß dir nur ſagen, daß Major Bagſtock dies allerfreundlichſte Brieſchen von Mr. Dombey gebracht hat, mit der Einladung, morgen bei ihm zu frühſtücken und dann eine Spazierfahrt nach Warwick und Ke⸗ nilworth zu machen. Willſt du, Edith? Ob ich will! erwiderte ſie, hoch erröthend und unruhig aufathmend, als ſie ſich nach der Mutter umſah. Ich wußte, daß du es annehmen würdeſt, mein theures Kind, bemerkte Mrs. Skewton gleichgültig. Die Frage war eine bloße Form. Hier iſt Mr. Dombey's Brief, Edith. Ich danke. Ich trage kein Verlangen ihn zu leſen, war ihre Antwort. Dann wird es vielleicht beſſer ſein, wenn ich ihn ſelbſt be⸗ antworte, ſagte Mrs. Skewton, obgleich ich gewünſcht hätte, du möchteſt ſchreiben, liebes Kind. Da Cdith darauf gar nichts er⸗ widerte, bat Mrs. Skewton den Major, das Tiſchchen näher heran zu ſchieben, das Schreibpult aufzuklappen, und Feder und Papier für ſie herauszulegen, welche kleine Liebesdienſte der Ma⸗ jor mit großer Unterwürfigkeit und vielem Eifer verrichtete. Freundlichen Gruß von dir, Edith? ſagte Mrs. Skewton mit der Feder in der Hand, bei dem Poſtſeript pauſirend. Wie Sie denken, Mama, antwortete Jene, ohne ſich um⸗ zuſehen, und mit großartiger Gleichgültigkeit. Mrs. Skewton ſchrieb, was ſie für gut fand, ohne weiter zu fragen, und übergab den Brief dem Major, der ihn als ein koſtbares Kleinod entgegennahm und that, als wollte er ihn an ſein Herz placiren, ſich aber doch begnügen mußte, das Billet we⸗ gen Unſicherheit der Weſte in die Taſche des Beinkleides zu ſtecken. Der Major nahm dann ſehr wohlerzogen und ritterlich Abſchied von beiden Damen, was die ältere auf ihre gewöhnliche Weiſe erwiderte, während die jüngere das Geſicht nach dem Fenſter wendete und den Kopf ſo unmerklich neigte, daß es ſchmei⸗ 5 — 23— chelhafter für den Major geweſen wäre, wenn ſie gar nicht ge⸗ grüßt hätte. Mit der Veränderung, Sir, ſagte ſich der Major auf dem Heimwege— da es ſehr ſonnig und heiß war, ließ er den Einge⸗ bornen und das leichte Gepäck vorausgehen und folgte im Schat⸗ ten des verbannten Prinzen nach— mit der Veränderung und dem Hinwelken, Sir, läßt ſich Joſeph Bagſtock nichts weiß machen. Damit iſt's nichts, Sir. Damit bleiben Sie mir vom Leibe. Aber mit der Uneinigkeit zwiſchen den Beiden— mit der Kluft, wie's die Mutter nennt,— hat es ſeine Richtigkeit, Sir. Und ſeltſam genug iſtes! Wohlan Sir! keuchte der Major, Edith Granger und Dombey ſind ein gutes Paar; ſie mögen es mit⸗ einander ausfechten! Bagſtock wettet auf den Gewinner! Da der Major im Feuer ſeiner Gedanken dieſe letzten Worte laut ſagte, blieb der unglückliche Eingeborne, im Glauben, er ſei ge⸗ meint, ſtehen und drehte ſich um. Dieſe Inſubordination aber entrü⸗ ſtete den Major dermaßen, daß er dem Eingebornen ſogleich den Stock in die Rippen ſtieß und fortfuhr, ihn in kurzen Zwiſchen⸗ räumen auf dieſe Weiſe anzutreiben, bis ſie das Hotel erreichten. Nicht weniger ärgerlich war der Major, als er ſich zum Diner anzog, während welcher Operation der arbige Bediente die Zielſcheibe zahlloſer Wurfgeſchoſſe von der Größe der Haar⸗ bürſte bis zu der des Stiefelknechts war. Denn der Major bildete ſich etwas darauf ein, den Eingebornen vollkommen einexercirt zu haben, und ſtrafte die leiſeſte Abweichung vom Reglement mit unnachſichtiger Strenge. Dazu kam noch, daß er ſich den Ein⸗ gebornen als ein Gegenreizmittel gegen die Gicht und alle andern körperlichen und geiſtigen Unpäßlichkeiten hielt, und Jedermann wird zugeben, daß der Eingeborene ſeinen Lohn— der nicht ſehr groß war— verdiente. Nachdem endlich der Major alle nicht niet⸗ und nagelfeſten Gegenſtände, die im Bereich ſeiner Hand lagen, verſchoſſen und dem Eingebornen ſo viel neue Schimpfnamen gegeben hatte, daß dieſer alle Urſache hatte ſich über den Reichthum der engliſchen Sprache zu verwundern, ließ er ſich die Halsbinde umlegen; jetzt angezogen, und aufgeregt und in beſter Laune durch die geiſtige und körperliche Bewegung, deren Opfer der Bediente geweſen, be⸗ gab er ſich hinab, um Dombey und ſeinerechte Hand“ au zuheitern. Dombey war noch nicht im Zimmer, aber Carker war da, und ſeine Zähne zeigten ſich wie gewöhnlich im vollen Glanze. Nun, Sir! ſagte der Major. Wie iſt Ihnen die Zeit vergangen, ſeitdem ich das Glück hatte Sie zu ſehen? Sind Sie ſpazieren gegangen?. Kaum eine halbe Stunde, erwiderte Carker. Wir hatten viel zu thun. Geſchäfte? meinte der Major. Eine Menge Kleinigkeiten, die wir durchzurechnen hatten, gab Carker zur Antwort. Aber wiſſen Sie— es iſt bei mir, der ich in einer mißtrauiſchen Schule erzogen und gewöhnlich nicht ſehr mittheilſam bin, ſehr ſelten— ſagte er abbrechend und mit einnehmend offenem Tone— daß ich mich außerordentlich zum Vertrauen gegen Sie geſtimmt fühle, Major Bagſtock? Sicher viel Ehre für mich, Sir, ſagte der Major. Sie önnen mir vertrauen. — 25 Wiſſen Sie alſo, fuhr Carker fort, daß mir mein Freund— — unſer Freund ſollte ich wohl eher ſagen— Dombey meinen Sie, Sir? rief der Major. Sie ſehen 1 mich hier ſtehen, Mr. Carker! Joe Bagſtock! Er war dick und blau genug um geſehen zu werden; und 3 Mr. Carker gab zu erkennen, daß er das Vergnügen habe. 1 So ſehen Sie einen Mann, Sir, der für Dombey durchs t Feuer gehen würde, ſagte Major Bagſtock. e Mr. Carker lächelte und äußerte, er ſei davon überzeugt. ⸗ Wiſſen Sie, Major, fuhr er fort, um wieder auf unſer voriges 1. Geſpräch zu kommen, daß mir unſer Freund nicht ſo aufmerkſam 2 , in Geſchäftsſachen wie ſonſt erſchienen iſt? e. So? bemerkte der Major entzückt. it Er ſchien mir etwas zerſtreut zu ſein, ſagte Carker. ie Beim Zeus, Sir, rief der Major, es iſt eine Dame im Spiel. en Ich fange wirklich an, daſſelbe zu glauben, entgegnete Carker. Ich glaubte erſt, Sie ſcherzten, als Sie darauf anzu⸗ ſpielen ſchienen; denn ich weiß, Sie Militärs— n, Der Major ließ ſein gewöhnliches heiſeres Lachen verneh⸗ ir, men, neigte den Kopf und zuckte die Achſeln, als wollte er ſagett: ht Ja, wir ſind gefährliche Leute, das läßt ſich nicht leugnen. nit Dann faßte er Mr. Carker bei einem Knopfe und flüſterte ihm im mit faſt aus den Höhlen tretenden Augen ins Ohr, ſie ſei eine Frau von außerordentlicher Schönheit. Sie ſei eine junge ie Wittwe und von ſehr guter Familie. Dombey ſei bis über die Ohren in ſie verliebt, und es ſei eine ſehr gute Partie für Beide; — 26— denn ſie ſei ſchön, vornehm und hochgebildet, und Dombey ſei reich; und was könnte ein Ehepaar mehr verlangen? Da der Major jetzt Dombey draußen kommen hörte, ſchloß er ſeine Rede raſch mit den Worten, daß Mr. Carker ſie morgen früh ſehen werde und dann ſelbſt urtheilen könne. In Folge dieſer geiſtigen Auf⸗ regung und der Anſtrengung, dies Alles mit kurzathmigem Geflüſter zu ſagen, ſaß der Major puſtend und die Augen verdrehend da, bis ſervirt wurde. Wie einige andere edle Thiere erſchien der Major beim Eſſen zu ſeinem größten Vortheil. Bei dieſer Gelegenheit thronte er ſtrahlend an dem einen Ende der Tafel, unterſtützt von der einen Seite von dem mildern Glanze Mr. Dombey’s, während Carker auf der andern Seite ſein Licht jedem der beiden Sterne lieh, oder es in Beider Glanze aufgehen ließ, wie es die Umſtände erforderten. Während der erſten Gänge war der Major gewöhnlich ernſt; denn der Eingeborne ſtellte in Folge allgemeiner, aber geheimer Ordre jedes Saucenbüchschen vor ihm hin, und gab ihm viel zu thun mit dem Entſtöpſeln derſelben und dem Miſchen ihres In⸗ halts auf ſeinem Teller. Außerdem hatte der Eingeborene auf einem Seitentiſch noch Privatwürzen und Privatſaucen ſtehen, denen ſich der Major täglich den Magen beizte; zu ge⸗ „ſchweigen der ſeltſamen Maſchinen, aus denen er unbekannte Flüſſigkeiten in des Majors Wein ſpritzte. Aber heute fand Major Bagſtock trotz dieſer vielartigen Beſchäftigungen noch Zeit geſellig zu ſein; und ſeine Geſelligkeit beſtand in außerordentlicher Schlauheit zum Beſten Mr. Carker's, in verrätheriſcher Anſpie⸗ lung auf Mr. Dombeys Gemüthsſtimmung. 6. — 27— Dombey, ſagte der Major, Sie eſſen ja nicht; was fehlt Ihnen? Ich danke Ihnen, ich befinde mich ganz wohl, gab dieſer zur Antwort. Aber ich habe keinen beſondern Appetit heute. Ach, wo haben Sie ihn hingethan, Dombey? frug der Major. Wo ſteckt er? Sie haben ihn doch gewiß nicht bei unſern Freundinnen gelaſſen, denn ich kann dafür ſtehen, daß ſie heute zum Luncheon keinen gehabt haben. Für Eine wenigſtens kann ich ſtehen; ich will nicht ſagen für welche. Dann winkte der Major mit dem Auge Carkern zu, und wurde ſo entſetzlich ſchlau, daß ſein dunkelfarbiger Bedienter ihm auf eigene Verantwortung auf den Rücken klopfen mußte, ſonſt wäre er wahrſcheinlich unter dem Tiſch verſchwunden. Später, nämlich als der Eingeborene hinter dem Major ſtand, bereit, die erſte Flaſche Champagner einzuſchenken, wurde der Major noch ſchlauer. Kerl, fülle das Glas bis an den Rand, ſagte der Major und hielt ihm das Glas hin. Auch Mr. Carker's Glas, und Mr. Dombey's. Bei Gott, Gentlemen, ſagte der Major, ſeinem neuen Freunde mit dem Auge zuwinkend, während Mr. Dombey auf den Teller blickte, wir wollen dies Glas Wein einer Gltin⸗ weihen, welche Joe ſtolz iſt kennen und aus beſcheidener Ferne demüthig verehren zu dürfen. Edith, ſagte der Major, iſt ihr Name; himmliſche Edith! Der himmliſchen Edith! rief Carker lächelnd. Ja, Edith, ſagte Mr. Dombey. Das Eintreten der Dienerſchaft mit neuen Gerichten machie — 28— den Major noch ſchlauer, aber in ernſterer Weiſe. Denn obgleich, unter uns, Joe Bagſtock mit Scherz und Ernſt über dieſen Gegen⸗ ſtand zu ſprechen ſich erlaubt, Sir, ſagte der Major, indem er den Finger auf ſeine Lippen legte und halb bei Seite zu Carker ſprach, ſo iſt ihm doch dieſer Name zu heilig, um ihn vor ſolchen Leuten zu nennen. Kein Wort, Sir, ſo lange ſie da ſind! Dies war rückſichtsvoll und zartfühlend von Seiten des Majors, und Mr. Dombey nahm es offenbar auch ſo auf. Ob⸗ gleich auf ſeine Weiſe von den Anſpielungen des Majors in Ver⸗ legenheit geſetzt, hatte Mr. Dombey doch klärlich nichts gegen ſolche Neckereien, ſondern ſchien faſt dazu aufzufordern. Viel⸗ leicht war der Major mit ſeiner Vermuthung, der große Mann ſei zu ſtolz, um ſeinen Premierminiſter in dieſer Sache zu Rathe zu ziehen, wünſche aber doch, er möge ſie erfahren, der Wahrheit ziemlich nahe gekommen. Sei dem wie ihm wolle, er blickte oft Mr. Carker an während der Major ſein leichtes Geſchütz ſpielen ließ, und ſchien zu beobachten, welche Wirkung es auf ihn mache. Aber da der Major einmal eines aufmerkſamen Zuhörers— „ein verteufelt geſcheiter und angenehmer Kerl,“ wie er ſpäter erklärte— habhaft geworden, war er nicht gemeint, vor ihm en ſeiner Schlauheit gegen Mr. Dombey zu glänzen. Da⸗ her gab ſich nach dem Wegnehmen des Tiſchtuchs der Major als ein fideler Kerl im weitern Sinn des Wortes zu erkennen, indem er Regimentsgeſchichten erzählte und Regimentswitze riß, und zwar in ſolchem Ueberfluß, daß Carker ganz erſchöpft ward(oder ſo that) vor Lachen und Bewunderung, während Mr. Dombey über ſeine ſteifgeſtärkte Halsbinde zuſah, wie des Majors Beſitzer — 29 oder ein vornehmer Bärenführer, der ſich freut, daß ſein Bär gut tanzt. Als der Major vom Eſſen und Trinken und von der Schau⸗ ſtellung ſeiner Unterhaltungsgaben zu heiſer geworden, um ſich noch länger verſtändlich zu machen, beſchloſſen ſie Kaffee zu trinken. Und hierauf frug der Major den Disponenten Car⸗ ker, wie es ſchien mit wenig Hoffnung, eine bejahende Antwort zu erhalten, ob er Piquet ſpiele. Ja, ich ſpiele ein wenig Piquet, ſagte Mr. Carker. Vielleicht Tricktrack? bemerkte der Major zögernd. Ja, ich ſpiele auch ein wenig Tricktrack, gab Carker zur Antwort. Carker ſpielt alle Spiele, glaube ich, ſagte Mr. Dombey und legte ſich aufs Sopha wie ein Mann von Holz ohne Ge⸗ lenke, und er ſpielt ſie gut.* In der That ſpielte er die zwei fraglichen Spiele ſo ausge⸗ zeichnet, daß der Major ganz Bewunderung war und ihn aufs Gerathewohl frug, ob er Schach ſpiele. Ja, ich ſpiele ein wenig Schach, antwortete Carker. Ich habe dann und wann ein Spiel gewonnen— man braucht blos zu wiſſen wie man es lernt— ohne aufs Bret zu ſehen. Bei Gad, Sir! ſagte der Major, ihn anſtarrend, Sie ſind ein Gegenſatz zu Dombey, der gar nicht ſpielt. O, Mr. Dombey! erwiderte der Disponent. Mr. Dombey hatte nie Gelegenheit ſolche kleine Künſte zu üben. Männern gleich mir ſind ſie zuweilen nützlich, wie jetzt zum Beiſpiel, Major Bagſtock, wo ſie mir geſtatten mit Ihnen eine Partie zu machen. — 30— Vielleicht war es nur der falſche Mund— aber unter der Demuth und Unterwürfigkeit dieſer Rede lauerte es wie tückiſcher Groll; und einmal hätte man glauben können, die weißen Zähne würden die Hand, welche ſie küßten, beißen. Aber der Major hatte dafür keine Gedanken; und Mr. Dombey lag während des Spieles, das bis zum Schlafengehen dauerte, ſinnend und mit halbgeſchloſſenen Augen auf dem Sopha.. Als die Partie beendigt war, war Mr. Carker, obgleich der gewinnende Theil, ſo hoch in des Majors Gunſt geſtiegen, daß Letzterer, als der Disponent vor des Majors Thüre Abſchied für die Nacht nahm, ihm von dem Eingeborenen— der immer auf einer Matratze vor ſeines Herrn Thüre ſchlief— die Galerie ent⸗ lang bis zu ſeinem Schlafzimmer leuchten ließ. Ein leichter Hauch lag auf dem Spiegel in Mr. Carker's Schlafgemach, und er gab das Bild vielleicht nicht ganz richtig zurück. Aber heute Nacht zeigte es die Geſtalt eines Mannes, der in ſeiner Phantaſie eine große Anzahl Menſchen zu ſeinen Füßen ſchlummern ſah, wie der arme Eingeborene vor ſeines Herrn Thüre, während er mit boshaftem Hohn auf ſie nieder blickte, wie er ſeine Wege zwiſchen ihnen durch ſuchte, aber auf kein aufwärtsgewendetes Geſicht trat— bis jetzt. —— 8 8&☛⏑— Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Tiefere Schatten. Mr. Carker der Disponent ſtand auf mit der Lerche und machte einen Morgenſpaziergang. Seine Gedanken— und er brütete mit zuſammengezogenen Brauen, während er durch die Felder ging— ſchienen ſich kaum ſo hoch aufzuſchwingen, wie die Lerche, oder dieſer Richtung zu folgen; ſie hielten ſich vielmehr dicht an der Erde und ſpürten herum unter dem Staube und den Würmern. Aber kein unſichtbarer Vogel in der Luft war dem menſchlichen Auge weiter entrückt als Mr. Carker's Gedanken. Er hatte ſein Geſicht ſo in ſeiner Gewalt, daß wenige Leute ſeinen Ausdruck beſtimmter bezeichnen konnten, als daß es lächele oder daß es nachfinne. Jetzt ſann er eifrig nach. Wie die Lerche höher ſtieg, verſenkte er ſich tiefer in ſeine Gedanken. Wie die Lerche ihr Lied freudiger und lauter erſchallen ließ, verſank er in ernſteres und tieferes Schweigen. Endlich wie die Lerche lautjubelnd nie⸗ derſchoß und in dem grünen Weizenfeld nebenan, das im Morgen⸗ wind wie ein Fluß wallte, verſchwand, wachte er auf aus ſeinem — 32— Traum und ſah ſich mit einem plötzlichen Lächeln um, ſo höflich und ſo ſüß, als hätte er zahlreiche Zuſchauer für ſich einzunehmen; auch wurde er darin nicht müde, ſobald er einmal wach war, ſondern glättete ſein Geſicht wie Einer, der ſich erinnerte, daß es ſonſt ſich furchen und den Verräther ſpielen könne, und ging lächelnd ſeines Wegs, wie zur Uebung. Vielleicht mit Rückſicht auf den erſten Eindruck war Mr. Carker dieſen Morgen ſehr ſorgfältig und ſchmuck gekleidet. Ob⸗ gleich in ſeinem Anzug nach ſeines großen Herrn Beiſpiel ctwas geſchniegelt, hütete er ſich doch ſehr, ſo ſteif wie Mr. Dombey zu ſein: vielleicht ſowohl weil er das Lächerliche davon einſah, als auch weil er darin ein neues Mittel fand, das Bewußtſein des Unterſchieds und des großen Abſtandes zwiſchen ſich und dem Principal auszudrücken. Einige Leute nannten ihn auch in der That in dieſer Hinſicht einen deutlichen und nicht ſehr ſchmeichel⸗ haften Commentar zu ſeinem froſtigen Gönner— aber die Welt i*ſt zur Verleumdung geneigt, und Mr. Carker kann nicht verant⸗ wortlich ſein für ihre ſchlechte Neigung. Nett und blühend, mit der weißen Geſichtsfarbe, die im Sonnenſchein faſt erbleichte, mit dem zierlichen leiſen Tritt wan⸗ derte der Disponent über Wieſen, durch grüne Heckengänge und Alleen, bis es Zeit war zum Frühſtück wieder nach Hauſe zu gehen. Jetzt wählte Carker einen nähern Rückweg und ſagte laut vor ſich hin: Nun alſo die zweite Mrs. Dombey! Er war ins Freie gegangen, und war in die Stadt auf einem anmuthigen Wege zurückgekehrt durch einen ſchattigen Hain, wo hie und da einzelne Ruhebänke ſtanden. Da dieſer Ort nie — ¾ 1—2ß.— Æ———— — 33— ſehr beſucht war und zumal zu dieſer frühen Morgenſtunde ganz verödet zu ſein ſchien, ſo war Mr. Carker ganz allein da, oder glaubte es wenigſtens zu ſein. So wanderte er nach Art eines Müſſigen, der noch zwanzig Minuten zur Erreichung eines Zieles hat, zu dem er bequem in zehn gelangen kann, unter den großen Bäumen herum, und ließ eine Kette von Tritten auf dem thauigen Raſen zurück. Bald jedoch fand er, daß ſeine Vermuthung ſich in dem Wäldchen allein zu befinden nicht richtig war, denn wie er um den Stamm eines großen Baumes herumbog, deſſen harte Rinde knotig und faltig war wie das Fell eines Rhinoceros oder eines ähnlichen vorſündfluthlichen Ungeheuers, ſah er plötzlich auf einer nahen Bank eine Geſtalt ſitzen, um die er im nächſten Augen⸗ blick ſeine Kette gezogen haben würde. Es war eine Dame, elegant gekleidet und ſehr ſchön, deren dunkle ſtolze Augen auf den Boden geheftet waren, und die eine Leidenſchaft oder ein innrer Kampf erfüllte. Denn wie ſie mit geſenktem Haupte daſaß, nagte ſie an der einen Ecke ihrer Unter⸗ lippe, ihr Buſen hob ſich, ihr Kopf zitterte, Thränen der Ent⸗ rüſtung ſtanden auf ihrer Wange, und ihr Fuß ſtemmte ſich feſt auf das Moos, als wolle er daſſelbe zu einem Nichts zerquetſchen. Aber derſelbe Blick, der ihm dies zeigte, ließ ihn auch dieſe Dame mit ſtolzer Läſſigkeit aufſtehen und ſich mit einem Geſicht abwenden ſehen, in dem nichts zu erkennen war als achtloſe Schönheit und niederſchmetternde Verachtung. Ein runzliges und ſehr häßliches altes Weib, weniger wie eine Zigeunerin als wie eine jener Landſtreicherinnen gekleidet, Boz. Dombey u. Sohn. V. 3 die bettelnd, ſtehlend, topfſtrickend und binſenflechtend die Provinz durchwandern, hatte ebenfalls die Dame beobachtet; denn als letztere aufſtand, kroch auch die Alte, ein ſeltſames Gegen⸗ bild, von der Erde auf— aus der Erde, hätte man faſt meinen können— und ſtellte ſich ihr in den Weg. Schöne Dame, laßt mich euch euer Schickſal prophezeien, ſagte die Alte, und bewegte dabei die Kinnlade, als ob der Todten⸗ kopf unter der gelben Haut ſich herausdrängen wollte. Ich kann es mir ſelbſt prophezeien, war die Antwort. Ja, ja, ſchöne Dame; aber nicht richtig. Ihr prophezeitet es euch nicht richtig als ihr dort ſaßt. Ich ſehe euch! Gebt mir ein Silberſtück, blanke Dame, und ich will euch wahrſagen. Blanke Dame, ich ſehe viel Geld in eurem Geſicht. Das weiß ich, erwiderte die Dame, und ging mit finſterem Lächeln und ſtolzem Schritt an ihr vorbei. Das wußte ich im Voraus.. Was? Ihr wollt mir nichts geben? rief die Alte. Ihr wollt mir nichts geben, wenn ich euch euer Schickſal ſage? Wie⸗ viel wollt ihr mir geben, wenn ich es euch nicht ſage? Gebt mir etwas, oder ich ſchreie es euch nach! krächzte die Alte heftig. Mr. Carker, an dem die Dame dicht vorbei zu gehen im Begriff ſtand, ſchlich ſich hinter dem Baume weg, als ſie nach dem Weg ging, trat ihr ſo entgegen, zog den Hut, wie ſie vorbei ſchritt, und gebot der Alten Ruhe. Die Dame dankte ihm für ſeine Einmiſchung mit einer Kopfneigung und ging ihres Weges. So gebt ihr mir etwas, oder ich ſchrei' es euch nach! ſchrie die Alte, die Arme emporſtreckend und verſuchend, ſeine vorge⸗ ———— ſtreckte Hand wegzudrängen. Oder kommt, ſagte ſie, plötzlich leiſer ſprechend, indem ſie ihn forſchend anſah und den Gegen⸗ ſtand ihres Zorns auf einmal vergeſſen zu haben ſchien, gebt mir etwas, oder ich ſchrei' es eu ch nach! Mir, Alte! ſagte der Disponent, und griff in die Taſche. Ja, ſagte die Alte, ihn immer noch feſt anblickend und die welke Hand hinhaltend. Ich weiß! Was wißt ihr? frug Carker und warf ihr einen Schilling hin. Wißt ihr, wer die ſchöne Dame iſt? Gleich der Matroſenfrau im Märchen, die Kaſtanien in der Schürze hatte, kauernd, und böſen Blicks, wie die Hexe, die vergebens um welche bat, hob die Alte den Schilling auf und ging rückwärts wie eine Krabbe, oder wie ein Haufen Krabben, denn ihre abwechſelnd ſich ſchließenden und öffnenden Hände ſahen aus wie zwei dieſer Thiere und ihr kriechendes Geſicht wie ein halb Dutzend mehr. Dann kauerte ſie ſich auf die knorrige Wurzel eines alten Baumes nieder, holte eine kurze ſchwarze Pfeife aus ihrem Hut, brannte ſie mit einem Zündhölzchen an und rauchte ſie ſchweigend, immer noch den Disponenten an⸗ ſtarrend. Mr. Carker lachte und drehte ſich um. Gut! ſagte die Alte. Ein Kind todt und ein Kind lebt: ein Weib todt und ein Weib kommt. Geht hin und ſeht ſie! Wider ſeinen Willen ſah ſich der Disponent nochmals um und blieb ſtehen. Die Alte, welche die Pfeife nicht aus dem Munde genommen und die, während ſie rauchte, die Kinnladen be⸗ wegte und brummte, als ob ſte mit einem unſichtbaren dienſtbaren 3* — 36— Geiſte ſpräche, zeigte auf den Weg, den er gehen wollte, und lachte. 3 Was ſagtet ihr, alte Hexe? frug er. Die Alte bewegte den Mund, und rauchte, und wies immer noch vor ſich hin, blieb aber ſtumm. Ein keinesweges ſchmeichel⸗ haftes Lebewohl brummend, ging Mr. Carker ſeines Wegs; wie er aber das Wäldehen verließ und nach der Wurzel des alten Baumes zurückſah, ſah er die Alte immer noch ſitzen mit deuten⸗ dem Finger, und glaubte ſie rufen zu hören: Geht hin und ſeht ſie! Bei ſeiner Ankunſt im Hotel waren alle Vorbereitungen zu einem auserleſenen Mahl getroffen; und Mr. Dombey und der Major und das Frühſtück warteten auf die Damen. Bei ſolchen Sachen kommt es mehr auf die individuelle Conſtitution an; aber diesmal trug der Appetit über die zarte Leidenſchaft den Sieg 4 davon; denn Mr. Dombey war ſehr ruhig und geſammelt, der Major dagegen in heftiger Aufregung. Endlich wurde die Thüre von dem Eingeborenen geöffnet, und nach einer Pauſe, während 1 welcher ſie die Galerie entlang ſchmachtete, erſchien eine ſehr blü⸗ 4 hende, aber nicht ſehr jugendliche Dame. Mrs. Skewton, ſagte Mr. Dombey, erlauben Sie mir, daß 2 ich Ihnen meinen Freund Carker vorſtelle.— Mr. Dombey legte e einen Nachdruck auf das Wort Freund, als wollte er ſagen: h i T Mein Gott, ich geſtatte ihm, ſich dieſer Auszeichnung zu freuen. Ich habe bereits Mr. Carker gegen Sie erwähnt. Ich bin hoch erfreut, erwiderte Mrs. Skewton gnädigſt.— Mr. Carker war natürlich ebenfalls hoch erfreut. Wäre er mehr erfreut geweſen, wenn Mrs. Skewton(wie er erſt ge⸗ glaubt hatte) die Edith geweſen wäre, auf deren Wohl ſie geſtern Abend getrunken hatten? Aber, mein Gott, wo iſt Edith? rief Mrs. Skewton aus, und ſah ſich um. Immer noch an der Thüre, um Withers über das Einfaſſen der Zeichnungen zu inſtruiren! Mein beſter Mr. Dombey, wollen Sie wohl die Güte haben— Mr. Dombey war bereits unterwegs um ſie aufzuſuchen. Im nächſten Augenblick kehrte er zurück, und führte dieſelbe ele⸗ gant gekleidete und ſchöne Dame herein, die der Disponent im Wäldchen getroffen.. Carker— fing Mr. Dombey an. Aber ihr gegenſeitiges Wiedererkennen trat ſo auffällig an den Tag, daß Mr. Dombey iitpaſce inne hielt. Ich bin dieſem Herrn noch Dank ſchuldig, ſagte Edith mit einer ſtolzen Verneigung, daß er mich ſo eben von einer lichen Bettlerin befreit hat. Ich muß mich glücklich ſchätzen, ſagte Mr. Carker mit einer tiefen Verbeugung, daß ich Gelegenheit hatte, einer Dame, deren Diener ich zu ſein ſtolz bin, dieſen kleinen Dienſt zu leiſten. Wie ihr Auge eine Secunde auf ihm ruhte und dann den Boden ſuchte, fühlte er in ihrem hellen und forſchenden Blick einen Argwohn heraus, daß er nicht erſt, als er ſich eingemiſcht, herangekommen ſei, ſondern ſie erſt eine Weile beobachtet habe. Wie er das ſah, ſah ſie in ſeinem Auge, daß ihr Verdacht nicht grundlos ſei. Wahrhaftig, rief Mrs. Skewton, welche dieſe Gelegenheit zudring⸗ — 38— benutzt hatte, um Mr. Carker durch die Lorgnette zu beſichtigen, und fand, daß er ganz Herz ſei(wie ſie dem Major hörbar zu⸗ flüſterte); wahrhaftig, dies iſt eine der reizendſten Zufälligkeiten, von denen ich je gehört habe. Nein, zu denken! Meine liebſte Edith, da ſieht man deutlich das Schickſal, daß man wohl die Hände über dem Buſentuch kreuzen und wie die böſen Türken ſagen möchte, es giebt keinen wie heißt es doch das Dings, und So und ſo iſt ſein Prophet! Edith ließ ſich zu keiner Bemerkung über dieſes wunderbare Citat aus dem Koran herbei, Mr. Dombey aber fühlte ſich zu einigen höflichen Aeußerungen gedrungen. Es iſt mir außerordentlich angenehm, ſagte Mr. Dombey⸗ mit ſchwerfälliger Galanterie, daß ein mir ſo nahe verbundener ger einen kleinen Dienſt zu erweiſen. Mr. Dombey ver ſich gegen ſie. Aber es macht mir zugleich Schmerz, und mich faſt neidiſch machen auf Carker;— er legte ohne es zu wiſſen einen Accent auf dieſe Worte, als fühle er, daß ſie eine ſehr überraſchende Aeußerung in ſich ſchlöſſen; es macht mich neidiſch auf Carker, daß mir nicht dieſe Ehre und dies Glück wurde. Mr. Dombey verbeugte ſich wieder. Edith blieb, außer einem faſt ſpöttiſchen Zucken der Lippe, regungslos. Beim ewigen Gott, Sir, rief der Major, der beim Anblick des Kellners, welcher meldete, daß das Frühſtück ſervirt ſei, ſeine Herr wie Carker die Ehre und das Glück gehabt hat, ae könnte Sprache wieder bekam, es ſcheint mir wunderbar, daß man nicht die Ehre und das Glück haben kann, jeden ſolchen Bettler durch den Kopf zu ſchießen, ohne daß man zur Verantwortung gezogen — — 39— wird. Aber hier iſt ein Arm für Mrs. Granger, wenn ſie Joe Bagſtock die Ehre geben will ihn anzunehmen; und der größte Dienſt, den Ihnen in dieſem Augenblick Joe erweiſen kann, Ma'am, iſt, Sie zur Tafel zu führen! Mit dieſen Worten gab der Major Edith den Arm; Mr. Dombey führte Mrs. Skewton; und Mr. Carker ſchloß lächelnd dem Zug. Ich bin wirklich erfreut, Mr. Carker, ſagte Mrs. Skewton während des Frühſtücks, nachdem ſie ihn nochmals beifällig durch die Lorgnette gemuſtert hatte, daß Sie die Zeit Ihres Beſuches ſo glücklich eingerichtet haben, um mit uns gehen zu können. Es iſt eine reizende Partie! Jede Partie muß in ſolcher Geſellſchaft reizend ſein, er⸗ widerte Carker; aber ich glaube, ſie iſt auch an und für ſich von O! rief Mrs. Skewton, mit einem matten Ausruf des Entzückens, das Schloß iſt entzückend!— Erinnerungen an das Mittelalter— und ſo weiter— was alles ſo romantiſch iſt. Lieben Sie das Mittelalter, Mr. Carker? Ausnehmend, gab Mr. Carker zur Antwort. So herrliche Zeiten! rief Cleopatra. So reich an Glau⸗ ben! So kräftig und energiſch! So romantiſch! So frei von aller Poeſie! O Gott! Wenn man uns nur ein wenig mehr Poeſie des Lebens in dieſer ſchrecklichen Zeit laſſen wollte! Während ſie dies ſagte, bevbachtete Mrs. Skewton Mr. Dombey ſcharf, welcher Sdith anblickte; dieſe hörte zu, hob aber kein einziges Mal die Augen empor. —— Wir ſind entſetzlich real, Mr. Carker, ſagte Mrs. Skewton; nicht wahr? Wenige Leute hatten minder Grund, ſich über ihre Realität zu beklagen, als Cleopatra, die ſo viel Falſches an und um ſich hatte, als nur bei einem Weſen von realer individueller Exiſtenz möglich war. Aber Mr. Carker beklagte unſere Realität demun⸗ geachtet, und gab zu, daß wir in dieſer Hinſicht ſehr unglück⸗ lich ſeien.— Göttliche Gemälde im Schloß! ſagte Cleopatra. Ich hoffe, Sie lieben Gemälde? Ich verſichere Sie, Mrs. Skewton, ſagte Mr. Dombey, ſeinen Disponenten mit Herablaſſung anfeuernd, daß Carker viel Geſchmack für Gemälde hat und ein natürliches Geſchick ſie zu wür⸗ digen. Es iſt ſelbſt kein ganz unbedeutender Künſtler. Granger's Geſchmack und Kunſtfertigkeit wird ihm gewiß Fi machen. 4 Damme, Sir! rief Major Bagſtock, meiner Meinung nach ſind Sie der bewundernswerthe Carker und können Alles. Ol lächelte Carker beſcheiden, Sie hoffen viel zu viel von mir, Major Bagſtock. Ich kann ſehr wenig. Aber Mr. Dom⸗ bey iſt ſo nachſichtig bei der Beurtheilung jeder kleinen Geſchick⸗ lichkeit, die ein Mann wie ich faſt erlernen muß und über die er — in ſeiner ganz andern Stellung weit hinaus iſt, daß— Mr. Carker zuckte die Achſeln, ſernere Lobſprüche beſcheiden zurück⸗ weiſend, und ſagte weiter nichts. 4 8 Während dieſer ganzen Zeit ſchlug Edith kein einziges Mll die Augen auf, außer um ihre Mutter flüchtig anzublicken, wenn — 41— der Enthuſiasmus dieſer Dame ſich in Worten Luft machte. Aber als Carker aufhörte zu ſprechen, ſah ſie einen Augenblick Mr. Dombey an. Nur einen Augenblick; aber während dieſer Zeit flog ein Ausdruck ſpöttiſcher Verwunderung über ihr Geſicht, der einem Beobachter, welcher mit lächelndem Geſicht die Geſellſchaft anſah, nicht verloren ging. Mr. Dombey erhaſchte dieſen Blick, wie er ſich wieder ſenkte, und ergriff die Gelegenheit ihn feſtzuhalten. Sie ſind leider ſchon oft in Warwick geweſen? ſagte Mr. Dombey.. Verſchiedene Male. Dann fürchte ich, die heutige Partie wird Ihnen langwei⸗ lig ſein? O nein; durchaus nicht. O! du biſt wie dein Couſin Feenix, theuerſte Edith, ſagte Mrs. Skewton. Er iſt mehr als funfzig Mal in Warwick ge⸗ weſen; aber wenn er morgen nach Leamington käme— ich wünſchte, er käme, der liebe Engel!— ſo würde er es den nächſten Tag zum zwei und funfzigſten Mal beſuchen. Wir ſind Alle Enthuſiaſten, Mama, nicht wahr? ſagte Edith mit einem kalten Lächeln. Vielleicht zu ſehr für unſere Seelenruhe, Liebe, entgeg⸗ nete ihre Mutter; aber wir wollen nicht klagen. Wir werden durch unſere eigenen Gefühle belohnt. Wenn, wie dein Couſin Feenix ſagt, das Schwert die— wie heißt’s doch— abnützt, die—— Vielleicht die Scheide, meinte Edith. — 42— Ganz recht— ſo liegt die Schuld an ſeinem Glanz und ſeinem Leuchten, das weißt du ja, theuerſte Liebe. Mrs. Skewton ließ einen leiſen Seufzer hören, der einen trüben Schatten auf den hölzernen Dolch werfen ſollte, deſſen Scheide ihr zartfühlender Buſen war, und blickte, in Cleopatra⸗ weiſe den Kopf auf eine Seite neigend, ihr geliebtes Kind mit nachdenklicher Zärtlichkeit an. Als Mr. Dombey zuerſt Edith anredete, hatte ſie ihm ihr Geſicht zugewendet und war in dieſer Stellung geblieben, wäh⸗ rend ſie mit ihrer Mutter ſprach und dieſer Rede zuhörte, als ob ſie ihre Aufmerkſamkeit bereit halte, wenn er noch etwas zu ſagen habe. Es lag etwas faſt Herausforderndes in dieſer bloßen Höflichkeitsäußerung, als ob ſie eine Frucht des Zwanges ſei oder der Gegenſtand eines Handels, in den ſie mit Sträuben willigte, was der Beobachter, der die ganze Geſellſchaft um den Tiſch anlächelte„wohl bemerkte. Es erinnerte ihn an ſie, wie er ſie zuerſt geſehen, als ſie ſich unter den ſchattigen Bäumen un⸗ bemerkt geglaubt. Da Mr. Dombey weiter nichts zu ſagen hatte, das Früh⸗ ſtück vorüber und der Major vollgepfropft war wie eine Boa Conſtrietor, ſchlug er vor, aufzubrechen. Eine Barouche ſtand vor der Thüre und die beiden Damen, der Major und er ſelbſt nahmen darin Platz; der Eingeborne und der bleiche Page ſetzten ſich auf den Bock, denn Mr. Towlinſon blieb zu Hauſe; und Mr. Carker zu Pferde ſchloß den Zug. Mr. Carker galoppirte etwa hundert Schritt hinter dem Wagen her, und belauerte ihn unter der Zeit, als ob er eine allerbarbariſcheſten Heiden in Betreff der Poeſie, von Nutzen — 43— Katze ſei und die vier Darinſitzenden Mäuſe. Ob er ſeine Augen ſchweifen ließ auf die eine Seite oder die andere— in die ferne Landſchaft mit ihren ſanft wellenförmigen Höhen, Windmühlen, Korn, Gras, Bohnenfeldern, wilden Blumen, Bauerhöfen, Heuſchobern und dem Kirchthurme im Gebüſche— oder hinauf in die ſonnige Luft, wo Schmetterlinge ſein Haupt umflatterten oder die Vögel ihr Lied ſchmetterten— oder niederwärts, wo die Schatten der Zweige unter einander ſich verſtrickten und einen zitternden Teppich über den Weg legten— oder vor ſich hin, wo der Wald ſich zu Bogengängen wölbte, in deuen durch das Laub brechende Sonnenſtrahlen eine liebliche Dämmerung verbreiteten — ein Winkel ſeines Auges wendete ſich ſtets auf Mr. Dombey's ſtolzes Haupt und die Hutfeder, die ſo nachläſſig und zurück⸗ weiſend zwiſchen ihnen hing, faſt gerade ſo, wie er die ſtolzen Augenlider hatte ſich ſenken ſehen. Nur ein einziges Mal ent⸗ ließ er die Augen ihrer Pflicht, und dies war, als ihn ein raſcher Ritt querfeldein in den Stand ſetzte, dem die Straße folgenden Wagen zuvor zu kommen und am Ziele der Reiſe die Damen aus dem Wagen zu heben. Nur dies eine Mal traf ihn ihr Blick in ihrer erſten Ueberraſchung; aber als er ſie beim Ausſteigen mit ſeiner weichen weißen Hand berührte, ſah ſie über ihn weg wie früher. 3. Mrs. Skewton hatte ſich vorgenommen, Mr. Carker unter ihre Obhut zu nehmen und ihm die Merkwürdigkeiten des Schloſſes zu zeigen. Sie wollte durchaus ſeinen Arm haben und auch den des Majors. Es würde dieſem unverbeſſerlichen Menſchen, dem ſein, in ſo guter Geſellſchaft ſich hnde Dieſe zufällige Eintheilung der Partie überließ Mr. Ddmbey die Rolle, Edith zu geleiten. Es that es auch und ſchritt mit vornehmer Feierlichkeit vor ihnen her durch die Zimmer. Dieſe herrliche Vergangenheit, Mr. Carker, ſagte Cleo⸗ patra, mit ihren ſchönen Burgen, ihren lieben alten Verließen und ihren Folterkammern, und die romantiſche Rache, mit ihren maleriſchen Stürmen und Belagerungen und Allem, was das Leben wahrhaft reizend macht! wie entſetzlich entartet wir ſind! Ja, wir ſind tief geſunken! erwiderte Mr. Carker. Das Eigenthümliche dieſes Geſprächs war, daß Mrs. Skewton trotz ihres Entzückens und Mr. Carker trotz ſeiner Höflichkeit nur bemüht waren, Mr. Dombey und Edith zu beobachten. Bei aller ihrer converſationellen Begabung zeigten ſie ſich zerſtreut und redeten oft ins Blaue. Wir haben keinen Glauben mehr, ſagte Mr. Skewton und bog ſich mit dem welken Ohre vor. Wir glauben nicht mehr an die herrlichen alten Ritter, welche ſo liebenswürdig waren, oder an die wackern alten Prieſter, die ſich ſo kriegeriſch zeigten— ja nicht einmal mehr an die Tage der unübertrefflichen Königin Beß dort an der Wand, die ſo ausnehmend golden waren. Die Gute! ſie war ganz Herz! und ihr herrlicher Vater! ich hoffe, Sie haben Heinrich VIII. lieb! Ich bewundere ihn ſehr, ſagte Mr. Carker. So derb! rief Mrs. Skewton, nicht? So kurz. So echt — 45— engliſch. Und ſehen Sie nur, welches Bild mit ſeinen lieben kleinen Augen und ſeinem wohlwollenden Kinn! Ach, Madam! ſagte Mr. Carker, plötzlich ſtill ſtehend, wenn Sie von Bildern ſprechen, ſo ſehen Sie dies Gemälde dort! kann eine Galerie auf der Welt zeigen, was dem gleicht? Wäh⸗ rend der lächelnde Herr ſo ſprach, deutete er auf eine Pforte dorthin, wo Mr. Dombey und Edith allein in der Mitte eines andern Zimmers ſtanden. Sie tauſchten weder Wort noch Blick. Arm in Arm neben⸗ einander ſtehend, ſchienen ſie doch weiter von einander geſchieden zu ſein, als wenn Meere ſie trennten. Selbſt in dem Stolze der Beiden zeigte ſich ein Unterſchied, der ſie noch weiter auseinander hielt, als wenn eins das ſtolzeſte und das andere das demüthigſte menſchliche Geſchöpf auf Erden geweſen wäre. Er ſelbſtgefällig, unnachgiebig, förmlich, nüchtern. Sie ſchön und anmuthig in ungewöhnlichem Grade, aber ſich ſelbſt und ihn und Alles andere ſo gänzlich mißachtend, und ihre eige⸗ nen Reize mit ſtolzer Stirne und Lippe verſchmähend, als wären ſie ihr eine verhaßte Livxvée. So wenig paßten ſie zu einander, ſo gewaltſam zuſammengefeſſelt waren ſie durch eine Kette, welche widerwärtiger Zufall und Verhängniß geſchmiedet hatten, daß eine lebendige Phantaſie ſich die Bilder an den Wänden ringsum hätte vorſtellen können, erfüllt von Staunen über den unnatürlichen Bund und Zeugniß davon ablegend durch den Ausdruck ihrer Geſichter. Ernſte Ritter und Krieger blickten ſie zürnend an. Ein Prieſter ſtrafte mit hocherhobener Hand die Verhöhnung des Heiligen, daß ſolch ein Paar vor Gottes — 46— Altar trat. Stille Waſſerſpiegel in Landſchaften, auf denen das Sonnenlicht ruhte, frugen ſich, ob nicht das Ertränken bleibe, wo kein anderes Rettungsmittel übrig ſei? Ruinen riefen, ſeht her und ſeht, was wir ſind, die wir gefeſſelt ſind an die zerſtörende Zeit! Thiere, die ſich von Natur feindſelig ſind, balgten ſich ihnen zur Lehre. Amoretten und Cupidos flohen entſetzt, und das Mär⸗ tyrerthum kannte keine ſolche Qual in der bildlichen Geſchichte ſeiner Leiden. 9 Demungeachtet war Mrs. Skewton ſo entzückt über den Anblick, auf den Mr. Carker ſie aufmerkſam machte, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, halblaut zu äußern, wie lieblich und ſeelen⸗ voll dies ſei! Edith, welche dies hörte, ſchaute ſich um, und eine Röthe der Entrüſtung flog über ihr Antlitz. Meine liebſte Edith weiß, daß ich ſie bewunderte! ſagte Cleopatra und berührte faſt ſchüchtern mit dem Sonnenſchirme die Schulter ihrer Tochter. Süßer Engel! Wieder war Mr. Carker Zeuge des Kampfes, den er ein⸗ mal ſo unverhofft unter den Bäumen mit angeſehen. Wieder ſah er die ſtolze Ermattung und Gleichgültigkeit obſiegen und ihn wie eine Wolke verbergen.— Sie erhob die Augen nicht zu ihm, ſondern ſchien mit einer faſt unmerklichen befehlenden Bewegung derſelben ihre Mutter aufzufordern zu ihr zu kommen. Mrs. Skewton fand für gut, dieſen Wink zu verſtehen, trat mit ihren beiden Begleitern näher heran, und verließ von jetzt an ihre Tochter nicht mehr. Da jetzt nichts mehr Mr. Carker's Aufmerkſamkeit abzog, ſo fing er an über die Bilder zu ſprechen, die beſten auszuſuchen — 47— und dieſelben Mr. Dombey bemerklich zu machen. Dabei ſprach er mit der gewöhnlichen ſich von ſelbſt verſtehenden Anerkennung von Mr. Dombey's Größe, richtete ihm dienſtbefliſſen das Augenglas ein, ſuchte ihm die rechte Stelle im Katalog, hielt ihm den Stock oder ähnliches. Eigentlich wurden dieſe Dienſte weniger von Mr. Carker, als von Mr. Dombey veranlaßt, der gern ſeine Oberherrſchaft dadurch bethätigte, daß er mit gemäßigter Autorität und mit einem für ihn freundlichen Tone ſagte: Bitte, Carker, helfen Sie mir ein wenig! was der lächelnde Herr immer mit Vergnügen that. Sie ſahn ſich die Bilder, die Mauern, das Krähenneſt u. ſ. w. an; und da ſie immer noch eine kleine Geſellſchaft waren und der Major etwas zurücktrat, denn er war während des Ver⸗ dauungsproceſſes ſchläfrig, ſo wurde Mr. Carker geſprächig und angenehm. Zuerſt wendete er ſich meiſtens an Mrs. Skewton; da aber dieſe gefühlvolle Dame nach der erſten Viertelſtunde in ſolche Ekſtaſe über die Kunſtwerke gerathen war, daß ſie nur noch gähnen konnte(ſie ſeien ſo vollkommene Inſpirationen, be⸗ merkte ſie, als Grund für dieſe Aeußerung des Entzückens), ſo wendete er ſeine Aufmerkſamkeit Mr. Dombey zu. Mr. Dombey ließ wenig mehr als ein gelegentlichesſehr wahr, Carker⸗ oder, „ja, ja, Carker“ vernehmen, aber er munterte Carker ſtillſchwei⸗ gend auf, fortzufahren, und billigte bei ſich ſein Benehmen ſehr; denn es war ihm recht, daß Jemand ſprach, und er glaubte, daß ſeine Bemerkungen, die ſo zu ſagen eine Commandite vom Haupt⸗ geſchäfte waren, Mrs. Granger unterhalten könnten. Mr. Carker, der außerordentlich diseret war, nahm ſich nie die Freiheit, ſich an dieſe Dame unmittelbar zu wenden; aber ſie ſchien ihm zuzu⸗ hören, obgleich ſie ihn nie anſah; und ein⸗ oder zweimal, wenn er in ſeiner eigenthümlichen Demuth beſonders groß war, ſchwebte ein dämmerndes Lächeln über ihr Antlitz, nicht wie ein Licht, ſon⸗ dern wie ein tiefer dunkler Schatten. Da Warwick⸗Caſtle endlich ziemlich und der Major gänzlich⸗ erſchöpft war, ganz zu geſchweigen der Mrs. Skewton, deren eigenthümliche Aeußerungen des Entzückens ſehr häufig gewor⸗ den, ſo beorderte man wieder den Wagen und die Geſellſchaft fuhr nach verſchiedenen viel bewunderten Punkten in der Nähe. Mr. Dombey bemerkte ceremoniös bei einer dieſer Gelegenheiten, daß eine flüchtige Skizze von der ſchönen Hand der Mrs. Gran⸗ ger für ihn eine Erinnerung an dieſen angenehmen Tag ſein werde, obgleich er ſicherlich keiner künſtlichen Erinnerung bedürfte (hier verbeugte ſich Mr. Dombey wieder feierlich), die er ſtets hoch ſchätzen werde. Da der bleiche Withers Ediths Skizzenbuch un⸗ ter dem Arme hatte, ſo erhielt er von Mrs. Skewton ſogleich Befehl, es vorzulegen, und der Wagen hielt an, damit Edith die Zeichnung entwerfen könne, welche Mr. Dombey unter ſeinen Schätzen aufbewahren wollte. Aber ich fürchte, ich mache Ihnen zu viel Mühe, ſagte Mr. Dombey. Durchaus nicht. Von welchem Punkte aus ſoll ich ſie zeichnen? gab ſie zur Antwort und wendete ſich mit derſelben gezwungenen Aufmerk⸗ ſamkeit wie vorhin zu ihm. Mit einer neuen Verbeugung, welche das ſteifgeſtärkte Hals⸗ — 49— tuch in Falten legte, meinte Mr. Dombey, er wollte dies lieber der Künſtlerin überlaſſen. Ich wünſchte lieber, Sie wählten für ſich ſelbſt, ſagte Edith. Was würden Sie dann zu dieſem Punkte ſagen? meinte Mr. Dombey. Er ſcheint mir eine geeignete Stelle zu ſein, oder — Carker, was meinen Sie dazu? Zufällig befand ſich in einiger Entfernung, aber im Vorder⸗ grund, eine Baumgruppe, nicht unähnlich derjenigen, in der Mr. Carker heute früh ſpazieren gegangen, und im Schatten eines Baumes eine Bank, welche Stelle in ihrem allgemeinen Charakter ſehr dem Punkte glich, wo er ſeine Schritte gehemmt hatte. Dürfte ich mir wohl erlauben, Mrs. Granger bemerklich zu machen, ſagte Carker, daß dies ein ſehr intereſſanter, ja merkwür⸗ diger Punkt iſt? Ihre Augen folgten der Richtung ſeiner Reitpeitſche und blickten ihm dann raſch ins Geſicht. Dies war der zweite Blick, den ſie ſeit ihrem Bekanntwerden mit einander ausgetauſcht hat⸗ ten, und er glich dem erſten vollkommen, nur daß er deutlicher war. Würde Ihnen dies recht ſein? ſagte Edith zu Mr. Dombey. Ich bin ganz entzückt davon, ſagte Mr. Dombey zu Edith. So fuhr der Wagen nach der Stelle, von wo aus Mr. Dombey entzückt werden ſollte; und Edith, ohne ſich von ihrem Platze zu rühren und mit der gewöhnlichen ſtolzen Gleichgültigkeit ihr Skizzenbuch aufklappend, fing an zu ſkizziren. Kein einziger von meinen Stiften hat eine Spitze, ſagte ſie, indem ſie in ihrem Werke innehielt. Bitte, erlauben Sie, ſagte Mr. Dombey. Oder Mr. Car⸗ Boz. Dombey n. Sohn. V. 4 ſpitzen. — 50— ker würde es beſſer machen, denn er verſteht dergleichen Sachen. Carker, haben Sie die Güte, dieſe Stifte für Mrs. Granger zu Mr. Carker ritt dicht an den Kutſchenſchlag auf Mrs. Granger's Seite heran, ließ den Zügel auf den Hals des Pferdes fallen, nahm die Stifte von ihrer Hand mit einem Lächeln und einer Verbeugung an und ſpitzte ſie, ruhig im Sattel ſitzend. Nachdem er dies gethan, bat er um Erlaubniß, ſie halten und ihr reichen zu dürfen, wenn ſie gebraucht würden; und ſo blieb Mr. Carker— mit vielen Anpreiſungen von Mrs. Granger's Geſchick⸗ lichkeit, vorzüglich im Baumſchlag— in ihrer unmittelbaren Nähe und beſah ſich die Zeichnung, während ſie dieſelbe fertig machte. Mittlerweile ſtand Mr. Dombey im Wagen, ſteif aufrecht wie ein höchſt reſpectabler Geiſt, ebenfalls zuſchauend, während Cleopatra und der Major mit einander tändelten, wie ein Paar gealterte Tauben. Sind Sie damit zufrieden oder ſoll ich es ein wenig mehr ausführen? ſagte Edith, indem ſie die Skizze Mr. Dombey wies. Mr. Dombey bat, keinen Strich weiter daran zu ändern; ſie ſei vollkommen. Wundervoll, ſagte Carker, und zeigte lächelnd alle ſeine Zähne. Ich hatte mich auf ſo etwas Schönes, ſo etwas ganz Ungewöhnliches nicht gefaßt gemacht. Dies konnte eben ſo gut auf die Skizzirende als auf die Skizze Anwendung finden; aber Mr. Carker war die Offenheit ſelber, nicht blos mit ſeinem Munde, ſondern auch mit ſeiner gan⸗ zen Seele. Er behielt ſeine Miene bei, während die Zeichnung 51— für Mr. Dombey bei Seite gelegt wurde, indeß Edith die Zeichenmappe zurückgab; dann reichte er ihr die Stifte(ſie empfing dieſelben mit einem kalten und ſtummen Dank für ſeine Beihilfe, aber ohne ihm einen Blick zu ſchenken), zog den Zügel an, lenkte ſein Pferd zurück und folgte dem Wagen. Vielleicht beſchäftigte ihn während ſeines Rittes der Ge⸗ danke, daß ſelbſt dieſe unbedeutende Skizze verfertigt und ihrem Eigenthümer übergeben worden, als hätte er ſie erhandelt und erkauft; oder daß, obgleich ſie ſich ſeinem Verlangen mit vollkom⸗ mener Bereitwilligkeit gefügt, ihr Geſicht, wie ſie ſich über die Zeichnung beugte oder auf die fernen Gegenſtände der Landſchaft blickte, das Antlitz eines ſtolzen Weibes geweſen, die eine niedre und verächtliche Beſchäftigung verrichtete. Vielleicht beſchäftigten ihn ſolche Gedanken, aber jedenfalls lächelte er, und während er ſich unbekümmert umzuſehen ſchien, verließ ſein Auge keinen Au⸗ genblick den Wagen. Ein Spaziergang durch die berühmten Ruinen von Kenil⸗ worth und einige Ausflüge nach ſchönen Ausſichten, welche, was Mrs. Skewton Mr. Dombey in Erinnerung kachte, Edith ſchon faſt alle gezeichnet, wie er in ihrem Sközenbuch ſelbſt geſehn, führten die Partie zu ihrem Schluß. Alsdann brachte der Wa⸗ gen Mrs. Skewton und Edith nach Heuſe; Mr. Carker erhielt von Cleopatra eine gnädige Einladung, ſie mit Mr. Dombey und dem Major für den Abend zu beſuchen, um Edith ſpielen zu hören, worauf die drei Herren ſich, um zu diniren, nach ihrem Hotel begaben. Das Diner war ganz das Gegenſtück von dem geſtrigen, 4* nur daß der Major um vier und zwanzig Stunden in ſeinem Frohlocken gewachſen war und weniger geheimnißvoll that. Wie⸗ der wurde auf Ediths Wohl getrunken. Mr. Dombey fühlte abermals eine angenehme Verwirrung. Mr. Carker zeigte viele Theilnahme und war nicht ſparſam in Lobeserhebungen. Bei Mrs. Skewton fanden ſie keine anderen Gäſte. Ediths Skizzen lagen vielleicht etwas reichlicher als gewöhnlich auf den Tiſchen und der bleiche Page Withers reichte etwas ſtärkern Thee als ſonſt herum. Die Harfe und das Piano ſtanden bereit und Edith ſang und ſpielte. Aber ſelbſt die Muſik bezahlte Edith an Mr. Dombey's Ordre auf die gewohnte geſ chäftsmäßige Weiſe. Folgendermaßen etwa: Meine theuerſte Edith, ſagte Mrs. Skewton eine halbe Stunde nach dem Thee, Mr. Dombey ſtirbt vor Verlangen dich u hören. Gewiß hat Mr. Dombey noch Leben genug übrig, es ſelbſt zu ſagen, Mama. Ich würte Ihnen unendlich verbunden ſein, ſagte Mr. Dombey. Was wünſchen Sie? frug Mrs. Granger. Piano? bemerkte Nr. Dombey zögernd. Was Sie wünſchen. Sie haben nur zu befehlen. So fing ſie mit dem Piano an. Ebenſo machte ſie es mit der Harfe, mit dem Singen, mit der Wahl der Stücke, die ſie ſang und ſpielte. Ein ſo kaltes und gezwungnes, aber ſchnelles und markirtes Sich⸗fügen in die Wünſche, welche er gegen ſie und nur gegen ſie ausſprach, war auffällig genug, um ſelbſt durch — 53— alle Geheimniſſe des Piquets bemerklich zu werden und Mr. Carker's ſcharfer Beobachtung ſich tief einzuprägen. Auch verlor er den Umſtand nicht aus den Augen, daß Mr. Dombey offenbar ſtolz auf ſeine Gewalt war und ſie gern zur Schau trug. Dennoch ſpielte Mr. Carker ſo gut— einige Partieen mit dem Major und einige mit Cleopatra, die wachſam wie ein Luchs Mr. Dombey und Edith belauerte— daß er ſich ſogar in der alten Dame Gunſt noch hob; und als er beim Abſchiednehmen bedauerte, den andern Morgen nach London zurückkehren zu müſ⸗ ſen, ſprach Cleopatra die Hoffnung aus, daß, da Gemeinſchaft der Gefühle nicht alle Tage anzutreffen ſei, ſie ſich gewiß noch nicht zum letzten Male geſehen hätten. Ich hoffe es, ſagte Mr. Carker mit einem bedeutungsvollen Blicke auf das Paar im Hintergrunde, als er ſich mit dem Major der Thüre näherte. Ich hoffe es. Mr. Dombey, der ſehr förmlich von Edith Abſchied genom⸗ men, bog ſich, ſo weit es ihm möglich war, zu Cleopatra nieder und ſagte leiſe: Ich habe Mrs. Granger um Erlaubniß gebeten, ſie morgen früh beſuchen zu duͤrfen— auf beſondere Veranlaſſung— und ſie hat zwölf Uhr feſtgeſetzt. Darf ich auf das Vergnügen hoffen, Sie, gnädige Frau, etwas ſpäter ebenfalls zu Hauſe zu finden? Cleopatra wurde ſo aufgeregt durch dieſe ihr natürlich ganz unverſtändlichen Worte, daß ſie nur die Augen ſchließen, den Kopf ſchütteln und Mr. Dombey ihre Hand reichen konnte, die Mr. Dombey, da er nicht recht wußte, was er damit anfangen ſollte, wieder los ließ. Dombey, kommen Siel rief der Major, zur Thür herein⸗ blickend. Damme, Sir, der alte Ioe hat große Luſt, eine Na⸗ mensveränderung des Royal Hotel vorzuſchlagen und es, uns und Carker zu Ehren, in Zukunft„die drei luſtigen Junggeſellen“ zu nennen. Mit dieſen Worten ſchlug der Major Mr. Dombey auf den Rücken, winkte mit dem Auge über die Achſel den Damen zu, wobei ihm das Blut fürchterlich in den Kopf ſtrömte, und ent⸗ führte ihn. 4 Mrs. Skewton blieb auf dem Sopha liegen und Edith ſaß ſchweigend abſeits bei ihrer Harfe. Die Mutter ſpielte mit dem Fächer und ſah dann und wann verſtohlen nach ihrer Tochter hin, dieſe letztere aber, die mit geſenkten Augen düſter nachzuſinnen ſchien, ließ ſich nicht ſtören. So blieben ſie eine ganze Stunde ſitzen, ohne ein Wort zu ſprechen, bis zur gewohnten Zeit Mrs. Skewton's Zofe er⸗ ſchien, um ſie allmählich für die Nacht umzukleiden. Abends hätte dieſe Zofe kein Weib, ſondern ein Gerippe mit Senſe und Sanduhr ſein ſollen, denn ihre Berührung wirkte wie der Finger des Todes. Das geſchminkte Weſen welkte unter ihre Hand; die Geſtalt knickte nieder, das Haar fiel ab, die bleichen Lippen ſchrumpften zuſammen, die Haut wurde leichenhaft und ſchlaff; von Cleopatra blieb nur noch ein altes, gebrechliches, vergilbtes Weib übrig, mit wackelndem Kopf und rothen Augen, liederlich⸗ eingewickelt in einen ſchmierigen Flanellrock. Selbſt die Stimme klang anders, als ſie jetzt, nachdem ſie wieder allein waren, Edith anredete. ſtark in Leidenſchaft und in Stolz; und du hätteſt es hier ſehen — 55— Warum ſagteſt du mir nicht, daß er für morgen bei dir einen Beſuch angemeldet hat? ſagte ſie mit Schärfe. Weil Sie es wiſſen, Mutter, erwiderte Edith. Den höhniſchen Ausdruck, den ſie auf dieſes Wort legte! Sie wiſſen, daß er mich gekauft hat, fuhr ſie fort, oder daß er es morgen thun wird. Er hat ſich den Handel überlegt, er hat die Waare ſeinem Freund gezeigt, er i*ſt ſogar ſtolz darauf. rer glaubt, ſie entſpreche ſeinen Wünſchen, und ſie iſt billig genug zu haben, und er wird morgen abſchließen. Gott, daß ich dies erleben und es fühlen muß! Vereinige in einem ſchönen Geſicht das Bewußtſein der Er⸗ niedrigung, und die zürnende Entrüſtung von hundert Frauen, können, wie es ſich unter zwei weißen Armen verbarg. Was willſt du? erwiderte heftig die Mutter. Haſt du nicht ſchon als Kind— Als Kind! ſagte Edith und ſah ſie an, wann war ich ein Kind? Haben Sie mir je eine Kindheit gelaſſen? Ich war ein Weib voll Eigennutz und Schlauheit, die den Männern Schlingen legte, ehe ich mich oder ſie kannte oder den niederträchtigen Zweck jeder neuen Fertigkeit, die ich lernte, einſah. Sie haben ein Weib geboren. Sehen Sie es an, es ſteht heute da in ſeinem größten Glanze. Und wie ſie ſo ſprach, ſchlug ſie ſich auf ihren ſchönen Bu⸗ ſen, als hätte ſie gewünſcht, ſich zu Boden zu ſchlagen. Sehen Sie mich an, ſagte ſie, mich, die ich nie gekannt habe, was es heißt, ein treues ehrliches Herz zu haben und zu — 56— lieben. Sehen Sie mich an, die Unterricht erhielt, ſchlaue Pläne zu machen, als andere Kinder ſpielten; die verheirathet wurde, jung an Jahren, aber ſchon gealtert in der Intrigue, an einen Mann, für den ich kein anderes Gefühl als Gleichgültigkeit hatte. Sehen Sie mich an, die er als Wittwe zurückließ, als er ſtarb, bevor ſein Erbe auf ihn kam— eine wohlverdiente Strafe für Sie!— und ſagen Sie mir, wie mein Leben in den letzten zehn Jahrenwar? Wir haben uns auf jede Weiſe bemüht, für dich eine gute Partie zu machen, erwiderte die Mutter. Das war dein Lebens⸗ zweck. Und jetzt haſt du ihn erreicht. Kein Sclave auf dem Markte, kein Pferd auf der Meſſe iſt ſo ausgeboten und beſehen worden, wie ich in den letzten zehn entſetzlichen Jahren, Mutter, rief Edith mit glühendem Geſicht und demſelben bittern Nachdruck auf dem einen Wort. Iſt es nicht an dem, bin ich nicht der Spott von jeder Art von Männern ge⸗ worden, haben nicht Einfaltspinſel und Wüſtlinge, und Jungen und geiſtesſchwache Greiſe um mich geworben, und ſind alle weg⸗ geblieben, weil Sie mit aller Ihrer Schlauheit zu plump waren — za, und zu wahr, trotz aller Heuchelkünſte, bis wir faſt be⸗ rüchtigt geworden ſind? Habe ich mich nicht beſehen und betaſten laſſen, ſagte ſie mit flammenden Augen, an faſt allen Orten Eng⸗ lands, wo die Geſellſchaft zuſammenkommt? Bin ich nicht aus⸗ geboten und hauſiren geſchleppt worden, bis der letzte Funke von Selbſtachtung in mir erſtorben iſt und ich mich vor mir ſelbſt ekele? Iſt dies etwa meine Kindheit geweſen? Vorher hatte ich keine. Sagen Sie mir nicht, daß es heute der Fall war! — 5— Du hätteſt wenigſtens zwanzigmal gut verheirathet ſein können, wenn du etwas entgegen gekommen wäreſt, ſagte die Mutter. Nein! Wer mich nimmt, mich, den Auswurf, und wohl verdiene ich das zu ſein, antwortete ſie aufblickend und vor Scham und zürnendem Stolze zitternd, ſoll mich nehmen, wie dieſer Mann, ohne daß ich ihn durch einen Kunſtgriff dazu ver⸗ locke. Er ſieht mich in der Auction, und meint, er könnte mich ſchon kaufen. Er mag es thun! Als er kam, um mich zu beſe⸗ hen,— vielleicht um ein Gebot zu thun,— verlangte er die Muſterkarte deſſen, was ich könnte. Ich gab ſie ihm. Wenn ich eine meiner Geſchicklichkeiten zeigen ſollte, um ſeinen Handel ſeinen Leuten gegenüber zu rechtfertigen, forderte ich ihn auf, zu ſagen, welche er verlange, und ich zeigte ſie. Mehr will ich nicht thun. Er kauft aus eigenem freiem Willen, und er weiß, was die Waare werth iſt, und kennt die Macht ſeines Geldes; und ich hoffe, er wird ſich nie getäuſcht ſehen. Ich habe die Waare nicht gerühmt und ihm aufgedrungen, und auch Sie nicht, ſo weit ich es verhindern konnte. aDu brauchſt heute ſonderbare Worte gegen deine Mutter, Edith, ſagte die Alte. So erſcheint es mir auch, noch mehr als Ihnen, ſagte Edith. Aber meine Erziehung iſt ſchon ſeit langer Zeit vollendet. Ich bin ſchon zu alt, und allmählich zu tief geſunken, um eine neue Bahn einzuſchlagen, und Sie aufzuhalten, und mir ſelbſt zu helfen. Der Keim von Allem, was ein Frauenherz adelt und es wahr und gut macht, iſt nie in mir gepflegt worden, und ich habe — 58— ſonſt nichts, was mich anfrecht erhalten könnte, wenn ich mich verachte.— Eine rührende Betrübniß lag in ihrer Stimme, als ſie dies ſprach, aber ſie fuhr dann mit höhniſch verzogenem Munde fort: Da wir vornehm und arm ſind, muß ich mir ge⸗ fallen laſſen, daß wir reich werden durch ſolche Mittel; nur das ſage ich, daß ich dem einzigen Entſchluß, den ich noch ſtark genug war zu faſſen, treu geblieben bin, und dieſen Mann nicht ver⸗ lockt habe. Dieſen Mann! Du ſprichſt, als ob du ihn haßteſt, ſagte die Mutter. Und Sie glaubten, ich liebte ihn? antwortete ſie, auf ihrem Weg durchs Zimmer ſtill ſtehend und zurückblickend. Soll ich Ihnen ſagen, fuhr ſie fort und ſah ihre Mutter feſt an, wer uns ſchon durch und durch kennt und uns ganz verſteht, und vor wem ich ſelbſt weniger Achtung und Vertrauen fühle, als vor mir ſelbſt, ſo tief fühle ich mich durch ſeine Erkenntniß erniedrigt? Das ſoll wohl ein Angriff auf den armen, unglücklichen, wie heißt er doch, Mr. Carker, ſein? erwiderte die Mutter kalt. Dein Mangel an Selbſtachtung und Vertrauen dieſer Perſon gegenüber(die, wie mir ſcheint, ſehr angenehm iſt) wird auf deine Stellung wenig Einfluß haben. Was ſiehſt du mich ſo ſcharf an? Biſt du krank?— Cdith ſenkte plötzlich ihr Haupt, und während ſie ihre Hände vor das Geſicht preßte, überlief ein krampf⸗ hafter Schauer ihren ganzen Körper. Gleich darauf aber verließ ſie mit ihrem gewöhnlichen Gange das Zimmer. Darauf erſchien die Zofe, die ein Gerippe hätte ſein N S G N— ⏑& — 59— ſollen, von Neuem, gab ihrer Herrin, die mit ihrer Schönheit ihre Manier abgelegt und mit dem Flanellrock eine Lähmung ange⸗ zogen zu haben ſchien, den Arm, nahm mit der andern Hand die Aſche Cleopatra's zuſammen und trug ſie fort, damit ſie morgen wieder lebendig werde. Achtundzwanzigſtes Capitel. Veränderungen. So i*ſt denn der Tag endlich gekommen, Suſanne, ſagte Floren⸗ tine zu der vortrefflichen Nipper, wo wir in unſere ſtille Wohnung zurückkehren! Suſanne zog mit einer nicht leicht zu beſchreibenden Bedeutſamkeit den Athem an ſich und gab, nachdem ſie ihr Herz noch durch ein ſcharfes Huſten erleichtert, zur Antwort: Ja ge⸗ wiß, ſehr ſtill, Miß Tinchen. Außerordentlich ſtill! Haben Sie wohl früher, als ich noch Kind war, ſagte Flo⸗ rentine nachdenklich, den Herrn geſehen, der ſo freundlich war, hierher zu reiten, um mit mir zu ſprechen— dreimal jetzt, glaube ich, Suſanne? Dreimal, erwiderte Miß Nipper. Einmal, als Sie ſpa⸗ ziren gingen mit dieſen Sket— Florentine ſah ſie mit ſanftem Vorwurf an, und Miß Nipper verbeſſerte:. Mit Sir Barnet und ſeiner Gemahlin, wollt' ich ſagen, Miß, und dem jungen Herrn. Und ſeitdem noch zweimal. — 61— Haben Sie dieſen Herrn früher in unſerm Hauſe geſehen, als ich noch klein war, und Beſuch zu Papa kam, Suſanne? frug Florentine. Wahrhaftig, Miß, entgegnete das Mädchen nach einigem Nachdenken, ich weiß es nicht. Als Ihre gute Mama ſtarb, Miß Tinchen, war ich eben erſt in das Haus gekommen, und mein Element— Miß Nipper wurde hier bitter durch die Erinmerung, daß ihre Verdienſte von Mr. Dombey ſtets abſichtlich mißachtet worden ſeien,— war die Stube unter dem Dache. Allerdings! ſagte Florentine immer noch nachdenklich, Sie konnten nicht gut wiſſen, wer in das Haus kam. Ich hatte das nicht bedacht. Nicht, daß wir nicht von der Familie und dem Beſuch ge⸗ ſprochen hätten, ſagte Suſanne, und daß ich nicht mancherlei hätte hören können, obgleich die Amme vor Mrs. Richards, wenn ich da war, unangenehme Bemerkungen machte und von „Dingern“ ſprach, aber das, bemerkte Suſanne mit nachſichtiger Faſſung, war man gewohnt der Betrunkenheit zuzuſchreiben, wes⸗ halb ihr aufgeſagt wurde und ſie ging. Florentine, die am Fenſter ſaß, das Geſicht in die Hand geſtützt, blickte hinaus ins Freie, und ſchien kaum zu hören, was — Suſanne ſagte, ſo tief war ſie in ihre Gedanken verſunken. Jedenfalls, Miß, ſagte Suſanne, erinnere ich mich recht 3 gut, daß dieſer ſelbe Herr, Mr. Carker, damals faſt, wenn nicht eben ſo viel bei Ihrem Papa galt, als jetzt. Damals hieß es im Hauſe, Miß, daß er an der Spitze der Geſchäfte in der City ſtehe und das Ganze leite, und daß Ihr Papa mehr auf — — — 62— ihn gebe, als auf jeden andern Menſchen, was, mit Verlaubniß, Tinchen, er leicht thun konnte, denn er gab nie auf Jemand et⸗ was. Ich weiß das, und wenn ich auch ein„Ding“ war. Mit verletzender Erinnerung an die Amme vor Mrs. Richards legte Suſanne Nipper auf das Wort Ding großen Nachdruck. 4.* Und daß Mr. Carker noch in derſelben Gunſt bei Ihrem Papa ſteht, fuhr ſie fort, habe ich aus dem geſehen, was Perch ſpricht, wenn er manchmal zu uns kommt, und obgleich er der größte Waſchlappen auf der Welt iſt, Miß Tinchen, und Niemand einen Augenblick Geduld mit ihm haben kann, ſo weiß er doch ziemlich, was in der City vorgeht, und ſagt, daß Ihr Papa nichts ohne Mr. Carker thut, und Mr. Carker Alles überläßt, und Mr. Carker immer um ſich hat, und ich glaube, daß er glaubt (dieſer Waſchlappen von einem Perch), daß nach Ihrem Papa der Kaiſer von Indien nur ein ungeborenes Kind gegen Mr. Carker iſt. Kein Wort dieſer Rede ging Florentinen verloren, die, mit neuerwachtem Intereſſe an Suſannens Erzählung, nicht mehr ſinnend ins Freie blickte, ſondern die Zofe anſah und mit Auf⸗ merkſamkeit zuhörte. 9 Ja, Suſanne, ſagte ſie, als jene ausgeredet hatte, er ſteht gewiß hoch in des Papa's Vertrauen und iſt ſein Freund. Schon ſeit mehreren Tagen beſchäftigte ſich Florentine viel mit dieſer Sache. Bei den beiden Beſuchen, welche ſeinen erſten gefolgt waren, hatte Mr. Carker alle mögliche Vertraulichkeit angenommen— ein Recht von ſeiner Seite, ihr geheimnißvoll zu — t 1 — 63— ſagen, daß man von dem Schiff immer noch nichts gehört habe,— eine Art gelinde Autorität über ſie,— welches ſie in Erſtaunen ſetzte und ſehr beunruhigte. Sie hatte keine Macht, die An⸗ maßung zurück zu weiſen, oder ſich von dem Netze zu befreien, mit dem er ſie allmählich umwand; denn dazu war ſeiner Ge⸗ wandtheit gegenüber einige Kunſt und Welterfahrung nothwendig und Florentine beſaß dieſe nicht. Allerdings hatte er blos zu ihr geſagt, daß man keine Nachricht vom Schiff habe, und daß das Schlimmſte zu fürchten ſei; auf welche Weiſe er aber in Er⸗ fahrung gebracht, daß das Schiff für ſie ein Gegenſtand der Theil⸗ nahme ſei, und warum er das Recht habe, ſo geheimnißvoll dar⸗ auf hinzudeuten, das beunruhigte Florentinen ſehr. Dies Benehmen von Seiten Mr. Carker's und ihr häufiges beſorgliches Nachdenken über daſſelbe gab ihm allmählich in Flo⸗ rentinens Augen einen bänglichen Zauber. Wenn ſie ſich manch⸗ mal ſeine Stimme, ſeine Züge und ſein Benehmen zurückrief, was ſie zuweilen that, um ihn auf gleiche Stufe mit einer wirk⸗ lichen Perſon zu ſtellen, die keine größere Macht über ſie haben konnte, als jede andere, ſo wurde ſie dadurch den obengedachten dunklen Eindruck noch nicht los. Und dennoch ſah er ſie nie drohend oder feindſelig an, ſondern zeigte immer ein lächelndes und heiteres Geſicht. Dann erinnerte ſich Floren ine, wenn ſie an ihren energi⸗ ſchen Entſchluß dachte, zu glauben, daß ſie ſelbſt Schuld ſei an der Kälte ihres Vaters, daß dieſer Herr ſein vertrauter Freund ſei, und dachte mit ſchmerzerfülltem Herzen: könnte dieſer Hang, ihn zu ſcheuen und zu fürchten, ein Theil des unglücklichen — 4— Fehlers ſein, der ihres Vaters Liebe zurückgeſtoßen und ſie ſo allein gelaſſen hatte? Sie fürchtete, es ſei ſo; zuweilen glaubte ſie es, und dann beſchloß ſie, einen Verſuch zu machen, dies falſche Gefühl zu bewältigen; überredete ſich, es ſei eine Ehre und Auf⸗ munterung für ſie, daß ihres Vaters Freund ſie beachtete; und hoffte, daß geduldiges Achten auf ihn und Vertrauen in ihn ihre blutenden Füße leiten werde auf dem rauhen Pfade, der in ihres Vaters Herz endete. So wurde die gute Florentine, ohne Rath und Beiſtand— denn ſie konnte Niemand zu Rathe ziehen, ohne als Anklägerin ihres Vaters zu erſcheinen— in einem ſtürmiſchen Meere des Zweifels und der Hoffnung hin und her geworfen; und Mr. Carker, wie ein ſchuppiges Ungethüm der Tieſe, ſchwamm unten, das glänzende Auge feſt auf ſie geheſtet. Florentine hatte noch einen andern Grund für ihren Wunſch, wieder zu Hauſe zu ſein. Ihr einſames Leben eignete ſich beſſer zum Verſolg ihrer Bahn voll ſchüchternen Hoffens und Zweifelns; und manchmal fürchtete ſie, ſie könne in ihrer Abweſenheit eine glückliche Gelegenheit verſäumen, dem Vater ihre Liebe darzu⸗ legen. Der Himmel weiß es, über dieſen letzten Punkt hätte ſich die Arme beruhigen können; aber ihre verſchmähte Liebe regte ſich in ihr, und flog, ſelbſt während ihres Schlummers, im Traume hinweg, und ſchmiegte ſich wie ein zurückgekehrter Wan⸗ dervogel an ihres Vaters Bruſt. An Walter dachte ſie häufig. O! wie oft, in finſtern Nächten, wenn der Wind ſauſend um das Haus ſtrich! Aber die Hoffnung war ſtark in ihrer Bruſt. So ſchwer wird es der “ — — 5— Jugend und Begeiſterung, ſelbſt wenn ſie ſo viel Nahrung hat, wie Florentine, ſich möglich zu denken, daß Jugend und Begeiſte⸗ rung verlöſcht werden könnten, wie eine ſchwache Flamme, und der helle Tag des Lebens ſich des Mittags in Nacht verwandeln, daß die Hoffnung noch ſtark war. Oft beweinte ſie Walters Leiden, aber ſelten ſeinen vermeintlichen Tod, und nie lange. Sie hatte an den alten Opticus geſchrieben, aber auf ihr Brieſchen keine Antwort erhalten; auch war keine nöthig. So ſtanden die Sachen mit Florentinen an dem Morgen, wo ſie mit frohem Herzen wieder nach Hauſe ging, um wieder ihr altes ein⸗ ſames Leben anzufangen. Doctor und Miß Blimber, begleitet(ſehr gegen ſeinen Willen) von ihrem hochgeſchätzten Schützlinge, Maſter Barnet, waren bereits nach Brighton zurückgekehrt, wo dieſer junge Herr und ſeine Mitgefährten auf der Wanderung nach dem Parnaß ſich jedenfalls jetzt ſchon mit der beſtändigen Wiederaufnahme ihrer Studien beſchäftigten. Die Ferienzeit war vorüber; die meiſten jungen Gäſte in der Villa waren abgereiſt und Florenti⸗ nens langer Beſuch ſollte beendigt werden. Noch ein Gaſt war vorhanden, der, obgleich er nicht im Hauſe wohnte, ſtets ſehr aufmerkſam gegen die Familie geweſen war und immer noch treu bei ihr aushielt. Dies war Mr. Toots, der nach Erneuerung ſeiner Bekanntſchaft mit Skettles Jjun. einen Tag um den andern ſeinen Beſuch machte und ein ganzes Paket Karten abgab; ſo viel waren es, daß die Ceremo⸗ nie für Mr. Toots ein Kartengeben war, und eine Partie Whiſt für den Bedienten. Boz. Dombey u. Sohn. V. 5 8 —-— 66— Auch hatte ſich Mr. Toots mit dem kühnen und glücklichen Gedanken, ſich beſtändig im Gedächtniß der Familie zu erhalten (wir haben jedoch Grund zu vermuthen, daß der Plan aus dem fruchtbaren Geiſte des Hühnchens kam), einen ſechsrudrigen Kutter angeſchafft, bemannt von den ſchifffahrtskundigen Freunden des Hühnchens, und geſteuert von dieſem berühmten Manne in höchſt eigener Perſon, der zu dieſem Zweck eine feuerrothe Jacke trug und das blaue Auge, an dem er beſtändig litt, unter einem grü⸗ nen Schirme verbarg. Vor der Anſchaffung des Fahrzeugs ſondirte Mr. Toots das Hühnchen über einen hypothetiſchen Fall, nämlich: geſetzt, das Hühnchen liebe eine junge Dame, Namens Mary, und käme auf den Gedanken, ſich ein Boot an⸗ zuſchaffen, welchen Namen würde er dann dieſem geben? Das Hühnchen erwiderte mit verſchiedenen ſtarken Betheuerungen, daß er es entweder Polly oder des Hühnchens Wonne taufen werde⸗ In weiterer Ausführung dieſes Gedankens beſchloß Toots nach tiefen Studien und großem Aufwand von Erfindungsgabe, ſein Boot: Toots' Freude zu nennen, als ein zartes Compliment für Florentinen, welches kein Menſch, welcher die Betreffenden kannte, zu würdigen verfehlen könnte. Ausgeſtreckt auf einem carmoiſinrothen Kiſſen in ſeinem ſchönen Boote, die Schuhe in der Luft, war Mr. Toots Tag für Tag und wochenlang den Fluß heraufgerudert und vor Sir Barnet's Garten hin und her gefahren, kurz er hatte von der Bemannung von Toots’ Freude Evolutionen ausführen laſſen, daß die ganze Nachbarſchaft von Erſtaunen erfüllt wurde. Aber ſobald er Jemanden in Sir Barnet's Garten am Ufer ſah, ſtellte +8&&— — 6— ſich Mr. Toots ſtets, als ob ſein Boot durch ein Zuſammen⸗ treffen der allereigenthümlichſten und unwahrſcheinlichſten Um⸗ ſtände vorbeifahren müſſe. Wie geht's, Toots? ſagte vielleicht Sir Barnet, ihn mit der Hand vom Ufer grüßend, während das ſchlaue Hühnchen dicht ans Ufer ſteuerte. Wie geht's, Sir Barnet, antwortete dann Mr. Toots, Sie hier zu finden! Dies ſagte Mr. Toots in ſeiner Weisheit ſtets, als ob er, anſtatt Sir Barnet's Haus, ein wüſtes Gebäude am Ufer des Nils oder des Ganges vor ſich habe.. Ich bin nie ſo überraſcht geweſen! ſagte Mr. Toots. Iſt Miß Dombey auch hier? Auf dieſe Frage erſchien Florentine meiſtens. O, Diogenes befindet ſich ganz wohl, Miß Dombey, rief ihr Toots entgegen. Ich habe mich heute früh erkundigt. Ich bin Ihnen recht ſehr dankbar! erwiderte die freund⸗ liche Stimme Florentinens. Wollen Sie nicht ausſteigen, Toots? ſagte dann Sir Barnet. Kommen Sie, Sie haben ja keine Eile. Kommen Sie nur herauf. O, es hat nichts zu ſagen, ich danke Ihnen, erwiderte Mr. Toots mit Erröthen. Ich dachte blos, Miß Dombey würde es lieb ſein, etwas von Diogenes zu erfahren. Leben Sie wohl! Und der arme Mr. Toots, der gar zu gern die Einladung an⸗ genommen hätte, aber nicht den Muth dazu hatte, gab mit blu⸗ 5* — 68— tendem Herzen dem Hühnchen ein Zeichen, und Toots' Wonne ſchoß wie ein Pfeil durchs Waſſer. Am Morgen der Abreiſe Florentinens lag die Wonne in ungewöhnlichem Glanze an der Gartentreppe. Als Miß Dom⸗ bey nach dem oben erwähnten Geſpräch mit Suſannen hinab⸗ ging, um Abſchied zu nehmen, fand ſie Mr. Toots im Salon auf ſie wartend. O, wie geht's Ihnen, Miß Dombey? ſtammelte Toots, der immer entſetzlich verlegen war, wenn er den Wunſch ſeines Her⸗ zens erreicht hatte und mit ihr ſprach; ich danke Ihnen recht ſehr, ich hoffe, Sie befinden ſich auch wohl. Diogenes iſt auch geſund. Sie ſind ſehr gütig, ſagte Florentine. Ich danke Ihnen, es hat nichts zu ſagen, erwiderte Mr. Toots. Ich dachte, vielleicht wäre es Ihnen recht, bei dieſem ſchönen Wetter zu Waſſer nach Hauſe zu fahren, Miß Dombey. Es iſt Platz genug im Boote für Ihre Zofe. Ich bin Ihnen recht ſehr verbunden, ſagte Florentine zö⸗ gernd. Wirklich— aber ich will es lieber nicht thun. O, es hat nichts zu ſagen, entgegnete Mrs. Toots. Guten Morgen! Wollen Sie nicht warten, bis Lady Skettles kommt? frug Florentine freundlich. O nein, ich danke Ihnen, gab Mr. Toots zur Antwort, es hat durchaus nichts zu ſagen. So blöde und ſo verwirrt war Mr. Toots in ſolcher Lage! Als Lady Skettles jetzt gerade eintrat, fühlte ſich Mr. — 69— Toots plötzlich von dem leidenſchaftlichen Drange ergriffen, zu fragen, wie ſie ſich befände, und zu hoffen, daß es ihr wohl gehe; auch war es Mr. Toots nicht eher möglich, aufzuhören ihr die Hand zu ſchütteln, als bis Sir Barnet erſchien, an den er ſich ſogleich mit der Hartnäckigkeit der Verzweiflung hing. Wir verlieren heute das Licht unſers Hauſes, Toots, ſagte Sir Barnet und wendete ſich nach Florentinen hin. O, es hat nichts zu ſag— ich meine, ja, allerdings, ſtot⸗ terte der verlegene Toots, guten Morgen! Trotz der Entſchiedenheit, die Mr. Toots in dieſes Lebe⸗ wohl legte, ging Mr. Toots nicht fort, ſondern ſtarrte mit lee⸗ rem Blicke um ſich. Um ihn aus der Verlegenheit zu reißen, nahm Florentine mit vielen Dankſagungen von Lady Skettles Abſchied und gab Sir Barnet den Arm. Darf ich Sie bitten, meine liebe Miß Dombey, Ihrem lie⸗ ben Vater meine beſten Grüße auszurichten, ſagte ihr Wirth, indem er ſie an den Wagen führte. Dieſer Auftrag that Florentinen weh, denn es kam ihr vor, ſie betrüge Sir Barnet, wenn ſie ihn bei dem Glauben ließe, eine ihr erwieſene Gefälligkeit habe Geltung bei ihrem Vater. Da ſie ſich jedoch hierüber nicht erklären konnte, ſo ver⸗ beugte ſie ſich und dankte ihm; und von Neuem dachte ſie, das einſame Haus, wo ſie keinen ſolchen Verlegenheiten und Er⸗ innerungen an ihren Schmerz ausgeſetzt war, ſei ihre natürliche und beſte Zuflucht. Was von ihren neuen Freunden und Gefährten noch auf der Villa war, kam jetzt herbeigeeilt, um Abſchied zu nehmen. — ⸗— Sie liebten ſie Alle und ſagten ihr mit großer Innigkeit Lebe⸗ wohl. Selbſt dem Geſinde that ihr Gehen leid, und die ganze Dienerſchaft umgab nickend und ſich verbeugend den Wagen⸗ ſchlag. Wie Florentine die freundlichen Geſichter muſterte und unter ihnen Sir Barnet und ſeine Gemahlin ſah, und Mr. Toots, der aus der Ferne ſie anlachte und anſtierte, da mußte ſie an den Abend denken, wo Paul und ſie Doctor Blimber verlaſſen hatten, und als der Wagen von dannen fuhr, war ihr Antlitz feucht von Thränen. Schmerzliche Thränen waren es, aber auch Thränen des Troſtes; denn alle die ſanfteren Erinnerungen, die ſich an das ſtille alte Haus knüpften, in welches ſie zurückkehrte, machten es ihr theuer und werth, wie ſie in ihr aufſtiegen. Wie lange ſchien es her zu ſein, wo ſte durch die ſchweigenden Gemächer gegangen; wo ſie zuletzt ſchüchtern und verſtohlen in das Zimmer ihres Vaters geſchlichen war; wo ſie den erſchütternden, aber auch mildernden Einfluß des geliebten Todten auf jede Hand⸗ lung ihres täglichen Lebens geſpürt! Auch erinnerte ſie dieſes neue Lebewohl an ihren Abſchied von dem armen Walter, an ſein Ausziehen und jene Worte an jenem Abend; und an die ſchöne Miſchung, die in ſeinem Charakter Liebe zu denen, welche er verließ, und Muth und friſcher Sinn bildeten. Auch an ihn erinnerte das alte Haus, und das gab ihm einen neuen Anſpruch an ihr Herz. Selbſt Suſanne Nipper wurde milder geſinnt gegen das Haus, wo ſie ſo viele Jahre gelebt, wie ſie ihm näher kam. So düſter es war, und mit ſo ſtrenger Gerechtigkeit ſie ſeine Düſter⸗ 5—— öͤͤͤ — 2— keit beurtheilte, verzieh ſie ihm doch viel. Es iſt wahr, Miß, ich freue mich, wenn ich es wieder ſehe, ſagte Suſanne. Viel iſt nicht daran zu rühmen, aber ich möchte doch nicht, daß es ab⸗ brennte oder niedergeriſſen würde! Du wirſt dich freuen, die alten Zimmer zu durchwandern, nicht wahr, Suſanne! ſagte Florentine lächelnd. Nun ja, Miß, antwortete Suſanne, immer nachſichtiger das Haus beurtheilend, je näher ſie ihm kamen, ich will's gar nicht läugnen, obgleich ich ſie wahrſcheinlich ſchon morgen nicht mehr werde leiden können. Florentine fühlte, daß ſie dort größern Frieden finden werde, als anderswo. Es war leichter, dort zwiſchen den hohen dunkeln Wänden ihr Geheimniß für ſich zu behalten, als wenn ſie es hinaus an das helle Tageslicht trug und es dort vor einer Anzahl glücklicher Augen zu verbergen ſuchte. Sie konnte leichter in der Einſamkeit, wo ſie nicht durch andere liebende Herzen entmuthigt wurde, die Prüfung ihres eigenen liebenden Herzens fortſetzen. Es war leichter, weiter zu hoffen, und zu lieben und zu beten, von keinem Auge geſehen, aber mit Beſtändigkeit und Geduld in dem ſtillen Heiligthume ſolcher Erinnerungen, wenn auch Alles um ſie vermoderte und zerfiel, als in einer neuen Umgebung, mochte ſie noch ſo heiter ſein. Sie bewillkommnete von Neuem ihren alten Zaubertraum des Lebens, und ſehnte ſich nach dem Augenblick, wo die alte dunkle Pforte ſich wieder hinter ihr ſchließen werde. Von ſolchen Gedanken erfüllt fuhren ſie in die lange und düſtre Straße ein. Florentine ſaß nicht auf der Seite des Wa⸗ — 22— gens, wo ihr Haus ſtand, und als ſie näher kamen, ſah ſie ſich aus ihrem Fenſter nach den Kindern in dem ihr gegenüberſtehen⸗ den Hauſe u. Sie war noch damit beſchäftigt, als ein Ausruf Suſannens ſie bewog, ſich raſch umzudrehen. Grundgütiger Himmel, rief Suſanne ganz athemlos, wo iſt unſer Haus? Unſer Haus? ſagte Florentine. Suſanne zog den Kopf zurück, ſteckte ihn wieder hinaus, zog ihn von Neuem zurück, wie der Wagen anhielt, und ſtarrte ihre Herrin ganz erſtaunt an. Um das ganze Haus erhob ſich vom Fußboden bis zum Dache ein labyrinthiſches Gerüſt. Maſſen von Ziegeln und Steinen und Kalk und Holzhaufen verſperrten die halbe Breite und Länge der großen Straße auf dieſer Seite. Leitern lehnten an der Mauer. Arbeiter klimmten daran auf und nieder; Männer arbeiteten auf den einzelnen Stockwerken des Gerüſtes; Maler und Tapezierer waren drinnen beſchäftigt; ein Karren mit Tapeten wurde vor der Thür abgeladen; ein Möbelwagen ſperrte den Weg; in keinem Zimmer war durch die offenen oder zerbrochenen Fenſter Hausrath zu erblicken; nichts als Arbeiter und ihr Handwerkszeug von der Küche bis zum Dache. In⸗ wendig und auswendig derſelben: Maurer, Maler, Zimmerleute, Polirer; Hammer, Trage, Pinſel, Spitzhaue, Säge und Kelle, alle in vollem Chor arbeitend! Florentine ſtieg aus, halb im Zweifel, ob dies das rechte —y 4 4 73— Haus ſei oder ſein könnte, bis ſie Towlinſon erkannte, der ihr mit ſonnenverbranntem Geſichte entgegentrat. Es iſt doch nichts vorgefallen? frug Florentine. O nein, Miß! Es ſind große Veränderungen im Werke. Ja, Miß, große Veränderungen, ſagte Towlinſon. Florentine ging an ihm vorüber, als ob ſie träumte, und eilte die Treppe hinauf. Das grelle Tageslicht hatte die lange gewohnte Dämmerung aus dem Geſellſchaftszimmer vertrieben, und an den Wänden ſah man Gerüſte und Auftritte, und oben darauf Arbeiter in papiernen Mützen. Ihrer Mutter Bild war mit den übrigen Möbeln verſchwunden, und wo es gehangen, ſtand mit Kreide geſchrieben,„dieſes Zimmer getäfelt. Grün und Gold.“ Die Treppe war ein Labyrinth von Pfoſten und Planken, wie die Außenſeite des Hauſes, und ein ganzer Olymp von Glaſern ruhte in verſchiedenen Stellungen unter dem Decken⸗ fenſter. Ihr eigenes Zimmer war inwendig noch nicht ange⸗ rührt, aber vor dem Fenſter erhoben ſich Balken und Breter, welche das Tageslicht nicht eindringen ließen. Sie eilte nach dem andern Schlafgemach, wo das kleine Bett ſtand; hier ſah ein großer ſchwarzer Mann, mit einer Pfeife im Munde und um den Kopf ein Taſchentuch gebunden, zum Fenſter herein. Hier fand ſie Suſanne Nipper, die Florentinen geſucht hatte und ihr ſagte, ſie ſolle hinunter zu ihrem Vater gehen, der ſie zu ſprechen wünſche. Er iſt zu Hauſe! und wünſcht mich zu ſprechen! rief Flo⸗ rentine zitternd. ——— — ——— — — à— Suſanne, die noch viel verwirrter war, als Florentine, wie⸗ derholte ihren Auftrag; und Florentine eilte raſchen Schrittes, bleich und aufgeregt, gleich wieder hinunter. Sie fragte ſich unterwegs, ob ſie wagen ſolle, ihn zu küſſen; die Sehnſucht ihres Herzens ſtärkte ihren Muth, und ſie entſchloß ſich, es zu verſuchen. Ihr Vater hätte ihr Herz klopfen hören können, als ſie vor ihn trat. Einen Augenblick, und es hätte an ſeiner Bruſt geſchlagen— Aber er war nicht allein. Zwei Damen waren noch da; und Florentine blieb zögernd ſtehen. So groß war ihre Bewe⸗ gung, daß, wenn nicht ihr wilder Freund Di hereingeſtürmt wäre und ſie mit ſeinen bewillkommnenden Liebkoſungen über⸗ ſchüttet hätte,— worüber eine der Damen leiſe aufſchrie, und das lenkte ihre Aufmerkſamkeit ab, ſie in Ohnmacht zu Boden geſunken wäre. Florentine, ſagte ihr Vater und reichte ihr die Hand, ſo förmlich, daß er ſie fern hielt, wie geht dir's? Florentine nahm die Hand, drückte ſie ſchüchtern an den Mund und ließ ſie ſich wieder entziehen. Sie berührte die Thüre, wie ſie dieſelbe zumachte, mit derſelben Wärme, als ſie die Hand der Tochter berührt hatte. Was iſt das für ein Hund? ſagte Mr. Dombey mit un⸗ zufriedener Miene. Es iſt ein Hund— von Brighton, gab Florentine zur Antwort. 75—* So! ſagte Mr. Dombey, und ein Schatten flog über ſein Geſicht, denn er verſtand ſie. Er iſt ſehr gutmüthig, ſagte Florentine, indem ſie ſich in ihrer natürlichen Anmuth an die beiden fremden Damen wen⸗ dete. Er freut ſich blos, daß er mich wiederſieht. Bitte, laſſen Sie es ihm nicht entgelten! Sie bemerkte jetzt, daß die Dame, welche geſchrieen hatte und die auf einem Stuhle ſaß, alt war; und daß die andere Dame, die neben ihrem Vater ſtand, ſehr ſchön und von elegan⸗ ter Geſtalt war. Mrs. Skewton, ſagte ihr Vater zu der Erſteren gewendet, dies iſt meine Tochter Florentine. Reizend, bemerkte die Dame, das Glas an die Augen hal⸗ tend. So natürlich! Florentine, mein Engel, du mußt mich ge⸗ I fälligſt küſſen. Nachdem Florentine dies gethan, wendete ſie ſich zu der an⸗ dern Dame, neben der ihr Vater ſtand. Edith, ſagte Mr. Dombey, dies iſt meine Tochter Floren⸗ tine; Florentine, dieſe Dame wird bald deine Mutter ſein. Florentine fuhr überraſcht zuſammen, und ſah in das ſchöne Geſicht mit den widerſtreitendſten Gefühlen, und die Thränen,“ welche dieſer Name hervorlockte, kämpften einen Augenblick mit der Ueberraſchung, dem Intereſſe, der Bewunderung und einem vagen Bangen. Dann rief ſie aus: O, Papa, mögeſt du glück⸗ lich ſein! Mögeſt du dein ganzes Lebelang ſehr, ſehr glücklich 3 ſein! Und ſie ſank weinend an der Dame Buſen. Ein kurzes Schweigen herrſchte. Die ſchöne Dame, die — 76— zuerſt ungewiß zu ſein ſchien, ob ſie Florentinen entgegen kom⸗ men ſollte oder nicht, drückte ſie an ihre Bruſt, und hielt die Hand, mit der das Kind ſie umſchlang, feſt, als ob ſie es tröſten und beruhigen wollte. Kein Wort ging über die Lippen der Dame. Sie beugte ſich über Florentinen und küßte ſie auf die Wange, ſprach aber kein Wort.— Wollen wir weiter durch die Zimmer gehen und ſehen, wie es mit den Arbeitern ſteht? ſagte Mr. Dombey; erlauben Sie mir, gnädige Frau? Mit dieſen Worten bot er ſeinen Arm der Mrs. Skewton an, die Florentinen mit der Lorgnette betrachtet hatte, als ob ſie ſich überlege, was aus ihr, durch Einflößung von ein wenig mehr Herz und Natur— natürlich von ihrem eigenen reichen Vor⸗ rathe— gemacht werden könne. Florentine ſchluchzte immer noch an dem Herzen der Dame, als man Mr. Dombey im Con⸗ ſervatorium ſagen hörte: Wir wollen Edith fragen. Mein Gott, wo iſt ſie? Edith, meine Liebe, rief Mrs. Skewton, wo biſt du? du ſuchſt gewiß Mr. Dombey. Wir ſind hier, Liebe! Die ſchöne Dame ließ Florentinen los, drückte noch ein⸗ mal ihre Lippen auf ihre Wange und eilte zu den Andern. Flo⸗ rentine ſtand noch auf demſelben Fleck, glücklich und betrübt, freud⸗ voll und in Thränen, ſie wußte nicht wie oder wie lange, aber ſie war Alles zugleich, als ihre neue Mutter zurückkehrte und ſie in die Arme ſchloß. Florentine, ſagte die Dame mit haſtiger Stimme und ſah 8 ☛ d — 27— ihr mit innigem Ernſte ins Antlitz. Du wirſt mich nicht gleich von Anfang an haſſen? Dich haſſen, Mama! rief Florentine, den Arm um ihren Hals ſchlingend und den Blick erwidernd. Still! So denke gut von mir, ſagte die ſchöne Dame. Fange an mit dem Glauben, daß ich verſuchen werde, dich glück⸗ lich zu machen, und daß ich bereit bin, dich zu lieben, Florentine. Lebe wohl! Wir werden uns bald wiederſehen. Lebe wohl! Bleib' jetzt nicht hier! Noch einmal drückte ſie das Kind an ihre Bruſt— ſie hatte mit feſter, aber ſicherer Stimme geſprochen—, und Flo⸗ rentine ſah ſie im nächſten Zimmer zu den Anderen treten. Und jetzt faßte Florentine wieder Hoffnung, daß ſie von ihrer neuen und ſchönen Mama lernen werde, ihres Vaters Liebe zu gewinnen; und in ihrem Schlummer dieſe Nacht ſah ſie ihre verſtorbene Mutter mit ſtrahlendem Lächeln auf dieſe Hoffnung niederblicken und ſie ſegnen. Träumende Florentine! Neunundzwanzigſtes Capitel. Wie Mrs. Chick die Augen aufgehn. Ohne Ahnung von ſo ſeltenen Veränderungen in Mr. Dombey's Haus, wie Gerülle und Leitern und Männer, mit Taſchentüchern um den Kopf, zu den Fenſtern hereinlugend, gleich fliegenden Genien oder wunderſamen Vögeln, hatte Miß Tox eines Morgens um dieſe ereignißreiche Zeit ihr gewöhn⸗ liches Frühſtück eingenommen, nämlich ein Franzbrod, ein(we⸗ nigſtens angeblich) friſchgelegtes Ei und einen kleinen Topf voll Thee, und ging jetzt hinauf, um auf dem Clavier den alten Walzer vorzuführen, die Blumen zu begießen und zurecht zu rücken, die Nippesſachen abzuſtäuben und nach ihrer täglichen Gewohnheit ihren kleinen Drawing⸗room zum Blumenkorb des Prinzeſſinnenplatzes zu machen. 4 Miß Tox zog zu dieſem Zwecke ein paar alte Handſchuh an, von der Farbe welker Blätter, in denen ſie dieſe Obliegen⸗ heiten zu verrichten pflegte— zu anderen Zeiten verbarg fie ein Tiſchkaſten dem Auge der Menſchen— und ging methodiſch —— ans Werk. Zuerſt fing ſie mit dem Vogelwalzer an; dann ging ſie in natuͤrlicher Ideen⸗Aſſociation zu dem Vogel, einem hochſchultrigen Canarienvogel, hoch an Jahren und ſehr ruppig, aber ein ſchmetternder Sänger, wie der Prinzeſſinnenplatz recht wohl wußte; alsdann wurden die Porzellanfiguren, die ausgeſchnittenen Papierſachen und Aehnliches vorgenommen; und ſo gelangte ſie mit der Zeit zu den Blumenſtöcken, die aus einem bei Miß Tox ſehr viel wiegenden botaniſchen Grunde gewöhnlich hier und da mit einer Scheere ausgeſchnitten werden mußten. Miß Toy brauchte diesmal viel Zeit, um zu ihren Blumen zu kommen. Das Wetter war warm, der Wind kam von Sü⸗ den und um den Prinzeſſinnenplatz wehte ein ſommerlicher Hauch, der Miß Tox an Wieſe und Weide erinnerte. Der Kellner des Prinzeſſinnen⸗Hotels hatte mit der Gießkanne auf dem Platze ge⸗ ſprengt, und der grasbewachſene Boden duftete friſch— als ob es wüchſe, ſagte Miß Tox. Ein kleines Fleckchen Sonnenſchein ſchlich ſich aus der großen Straße um die Ecke, und die ſchmutzig dunkeln Sperlinge hüpften darüber hinweg und erſchienen ſchmucker in dem Glanze, oder badeten ſich darin, wie in einem Bache, und wurden idealiſche Sperlinge, die nichts mit Feuer⸗ eſſen zu thun hatten. Aufſchriften zum Lobe des Champagner⸗Biers, mit Darſtellungen durſtiger Leute, halb verſunken in dem Schaume oder betäubt von den ſpringenden Stöpſeln, prangten in den Fenſtern des Prinzeſſinnen⸗Hotels. Draußen im Freien mußte Grummet gemacht werden, und obgleich der Duft weit hatte bis hierher und mit vielen feindſeligen Düften aus den Wohnun⸗ —— ——— —— — 80— gen der Armen zu kämpfen hatte, ſo drang er doch noch ſchwach zu dem Prinzeſſinnenplatz, und flüſterte von Natur und ihrer ge⸗ ſunden Luft, wie es ſolche Dinge gegen Gefangene, Unglückliche und Betrübte zu thun pflegen, trotz Aldermen und Rittern, auf deren weiſes Kopfnicken— und wie nicken ſie!— die Welt ſtill ſteht! Miß Tox ſetzte ſich auf das Fenſterbret und dachte an ih⸗ ren guten ſeligen Papa— Mr. Tox, ein öffentlicher Beamter bei dem Zollweſen; und an ihre Kindheit, die ſie in einem See⸗ hafen verlebt, umgeben von einer ziemlichen Menge kalten Theers und einiger Natur. Es überkam ſie eine ſüße Erinnerung aus alter Zeit von Wieſen, leuchtend von Butterblumen, wie umge⸗ kehrte Firmamente mit goldenen Sternen; und wie ſie Ketten von Löwenzahnſtengeln für in Nanking gekleidete jugendliche Liebhaber, die ihr ewige Treue gelobt, geflochten; und wie bald dieſe Feſſeln verwelkt und zerbrochen waren. Wie ſie auf dem Fenſterbrete ſaß und die Sperlinge und das Fleckchen Sonnenſchein betrachtete, dachte die Miß Tox an ihre gute ſelige Mama— Schweſter des Mannes mit dem ge⸗ puderten Haar und Zopf— an ihre Tugenden und ihre Gicht. Und als ein Mann mit krummen Beinen und rauher Stimme und einem ſchweren Korbe auf dem Kopf, der ſeinen Hut ganz platt drückte, auf dem Prinzeſſinnenplatz Blumen ausrief und die kleinen ſchüchternen Tauſendſchönchen durch die Erſchütterung jedes Schreies zittern machte, als ob er ein Oger wäre, der mit kleinen Kindern handelte, da wurden die ſommerlichen Erinnerun⸗ gen ſo mächtig in Miß Tox, daß ſie den Kopf ſchüttelte und ſich leiſe ſagte: ſie werde verhältnißmäßig alt ſein, ehe ſie es merke, was auch ſehr wahrſcheinlich ſchien.* Einmal in Nachſinnen verſunken, wendeten ſich Miß Tox Gedanken auf Mr. Dombey; wahrſcheinlich, weil der Major wieder in ſeine Wohnung gegenüber zurückgekehrt war und ihr ſo eben aus dem Fenſter zugenickt hatte. Welchen andern Grund konnte Miß Tox haben, um Mr. Dombey mit ihren Sommer⸗ tagen und ihren Löwenzahnketten zu verbinden? Ob er weni⸗ ger bekümmert ſei, dachte Miß Tox; ob er mit den Beſchlüſſen des Schickſals ausgeſöhnt ſei; ob er wieder heirathen werde, und wen? Eine flüchtige Röthe flog über Miß Tox Geſicht, als ſie, mit dieſen Gedanken beſchäftigt, ſich umwendete und ihr ſin⸗ nendes Geſicht in dem Spiegel über dem Kamine ſah. Ein zweites Erröthen folgte, als eine Kutſche auf den Prinzeſſinnen⸗ platz einlenkte und gerade Wegs nach ihrer Thüre fuhr. Miß Tox ſtand auf, griff haſtig zu ihrer Scheere und war ganz in das Beſchneiden ihrer Blumen verſunken, als Mrs. Chick in das Zimmer trat. 8 Was macht meine theuerſte Freundin? rief Miß Tox mit offenen Armen aus. Ein wenig Stolz war in dem Benehmen von Miß Tox' theuerſter Freundin erkennbar, aber ſie küßte Miß Tox und ſagte: ich danke Ihnen, Lucretia, ich befinde mich leidlich. Sie hoffentlich auch, hem! Mrs. Chick litt an einem eigenthümlichen einſilbigen Huſten; Boz. Dombey u. Sohn. V. 8 6 — 8— eine Art A B C Buch, oder kleiner Leitfaden zu der Kunſt zu huſten. 3 Sie kommen ſehr früh, und wie freundlich das von Ihnen iſt! fuhr Miß Toꝛ fort. Haben Sie gefrühſtückt? Ich danke Ihnen, Lueretia, ſagte Mrs. Chick. Ich habe ſchon gefrühſtückt— die gute Dame ſchien viel Intereſſe an dem Prinzeſſinnenplatz zu nehmen, und beſah ſich ihn von einem Ende zum andern— bei meinem Bruder, der wieder zurückgekehrt iſt. Er befindet ſich hoffentlich beſſer, Theuerſte? wagte Miß Tox zu fragen. Er befindet ſich viel beſſer, ich danke Ihnen. Hem! Meine theuerſte Louiſe muß ſich mit dieſem Huſten in Acht nehmen, bemerkte Miß Torx. O, es iſt nichts, erwiderte Mrs. Chick. Es iſt blos von der Veränderung im Wetter. Wir müſſen uns Veränderungen gefallen laſſen. Im Wetter? frug Miß Tor in ihrer Einfalt. In Allem, entgegnete Mrs. Chick. Natürlich. Es iſt eine Welt der Veränderung. Wer dem, was ſo offenbar iſt, wider⸗ ſprechen wollte, Lucretia, der würde meiner Meinung von ſeinem Verſtand einen gewaltigen Stoß geben. Veränderung! rief Mrs. Chick mit ſtrenger Philoſophie aus. Ach! was, mein gütiger Gott, verändert ſich nicht! Selbſt die Seidenraupe, die ſich gewiß um ſolche Sachen nicht kümmert, verändert ſich beſtändig in allerlei unerwartetes Zeug. Meine Louiſe iſt immer glücklich in ihren Bildern, ſagte die ſanfte Miß Tox. Du biſt ſo gütig, Lucretia, dies zu ſagen, und ich glaube auch, ſo zu denken, erwiderte Mrs. Chick. Ich hoffe, Keine von uns wird je Veranlaſſung haben, ihr Urtheil über die Andere zu verändern, Lucretia. Davon bin ich überzeugt, entgegnete Miß Tox. Mrs. Chick huſtete wie vorhin und malte mit der elfenbei⸗ nernen Spitze ihres Sonnenſchirms Figuren auf den Teppich. Miß Top, die ihre Freundin kannte und wußte, daß ſie bei einer kleinen Ermüdung oder einem Verdruß leicht zu einer discur⸗ ſiven Reizbarkeit geneigt war, benutzte die Pauſe, um das Ge⸗ ſpräch auf etwas Anderes zu bringen. Verzeihen Sie, theuerſte Louiſe, ſagte Miß Tox, aber habe ich nicht die männliche Geſtalt Mr. Chick's im Wagen geſehen? Der ſitzt im Wagen, ſagte Mrs. Chick, aber laſſen Sie ihn doch ſitzen. Er hat ſeine Zeitung und iſt für die nächſten zwei Stunden befriedigt. Beſorgen Sie nur Ihre Blumen, Lucretia, und erlauben Sie mir, hier ſitzen zu bleiben und auszuruhen. Meine Louiſe weiß, bemerkte Miß Tox, daß zwiſchen Freun⸗ dinnen, wie wir ſind, von Förmlichkeiten nicht die Rede ſein kann. Deshalb— deshalb beendigte Miß Tox den Satz, nicht mit Wor⸗ ten, ſondern mit Thaten; und indem ſie die vorher abgelegten Handſchuhe wieder anzog und ſich von neuem mit der Scheere be⸗ waffnete, ſchnitt und putzte ſie an den Blumen mit mikroſkopi⸗ ſchem Fleiße herum. Florentine iſt auch wieder nach Hauſe gekommen, ſagte Mrs. Chick, nachdem ſie eine Weile ſtumm da geſeſſen, den Kopf auf eine Seite geneigt und mit dem Sonnenſchirm auf dem Tep⸗ 6* —— — —— — pich zeichnend; und wirklich iſt jetzt Florentine ſchon viel zu alt, um noch lange das einſame Leben fortzuführen. Natürlich. Daran läßt ſich nicht zweifeln. Ich würde wenig Achtung für den haben, der eine andere Meinung vertheidigen wollte; was ich auch wünſchen möchte, ich könnte ihn nicht achten. So ſehr können wir unſere Gefühle nicht beherrſchen. Miß Toyx ſtimmte bei, ohne ſich viel um die Verſtändlichkeit der Behauptung zu bekümmern. Wenn ſie ein ſonderbares Mädchen iſt, ſagte Mrs. Chick, und wenn mein Bruder Paul ſich nicht ganz wohl befindet in ih⸗ rer Geſellſchaft, nach allen den ſchrecklichen Vorfällen und trau⸗ rigen Täuſchungen, die er erlebt hat, was muß man dann ſagen? Daß er ein Opfer bringen muß. Daß er verpflichtet iſt, ein Opfer zu bringen. Wir ſind ſtets eine Familie geweſen, die da⸗ rin ſtark war. Paul iſt das Haupt der Familie; faſt der einzige Repräſentant derſelben— denn was bin ich! Ich bin nicht von Wichtigkeit— Theuerſte Freundin, wendete Miß Tox ein. Mrs. Chick trocknete ſich die Augen und fuhr fort: Und demnach iſt er mehr als je verpflichtet, ein Opfer zu bringen; und obgleich es mich ordentlich erſchüttert hat, daß er es gebracht,— denn ich habe ein ſehr ſchwaches und thörichtes Herz, was gewiß gar kein Glück iſt; ich wünſche oft, mein Herz wäre eine Marmorplatte oder ein Pflaſterſtein— Meine theuerſte Louiſe, wendete Miß Tox wieder ein. So macht es mir doch Freude zu wiſſen, daß er ſich und dem Namen Dombey treu geblieben iſt; obgleich er natürlich wußte, — 85— daß es nicht anders ſein konnte. Ich hoffe nur, ſagte Mrs. Chick nach einer Pauſe, daß auch ſie des Namens würdig ſein werde. Miß Tox füllte ein grünes Gießkännchen aus einem Kruge, und wie ſte dabei zufällig aufblickte, wurde ſie ſo überraſcht von der bedeutſamen Miene, mit der Mrs. Chick ſie anſah, daß ſie das Gießkännchen vor der Hand auf den Tiſch ſetzte und auf einem Stuhle daneben Platz nahm. Meine theuerſte Louiſe, ſagte Miß Tox, wird es Ihnen vielleicht einige Befriedigung gewähren, wenn ich wage, in Bezug auf dieſe Bemerkung zu ſagen, daß ich, für meinen beſcheidenen G” Theil, Ihre liebe Nichte in jeder Hinſicht für ein vielverſprechen⸗ des Kind halte? Was meinen Sie, Lucretig, erwiderte Mrs. Chick mit eini⸗ ger Feierlichkeit, welche Bemerkung von mir meinen Sie? 1 f Daß ſie ihres Namens würdig ſei, meine Liebe, erwiderte 3 Miß Tox. Wenn ich mich nicht klar ausgedrückt habe, Lucretia, ſagte Mrs. Chick mit feierlicher Geduld, ſo iſt es natürlich mein Fehler. Vlielleicht iſt kein Grund vorhanden, überhaupt davon zu ſprechen, u mit Ausnahme der Vertraulichkeit, die ſtets unter uns be⸗ T ſtanden hat, und die, wie ich hoffe, Lucretia, ja aufrichtig hoffe, nichts ſtören wird. Warum ſoll ich auch anders handeln? Dazu 5 iſt kein Grund vorhanden; es wäre abſurd. Aber ich wünſche mich klar auszudrücken, Lueretia, und muß mir daher erlauben, in Be⸗ zug auf dieſe Bemerkung zu ſagen, daß ſie ſich gar nicht auf Flo⸗ rentinen beziehen ſollte. So! erwiderte Miß Tor. Nein, ſagte Mrs. Chick, kurz und entſchieden. Verzeihen Sie, meine Theuerſte, entgegnete ihre ſanfte Freundin; aber ich habe es vielleicht nicht verſtanden. Ich fürchte, ich faſſe langſam. 4 Mrs. Chick ſah ſich im Zimmer um und blickte über die Straße; ſah die Blumen an, den Vogel, das Gießkännchen, kurz faſt Alles im Bereich ihres Geſichts, nur nicht Miß Tox; bis ſie ihr zuletzt, während ſich ihre Augen zu Boden ſenkten, einen kur⸗ zen Blick ſchenkte, und während ſie den Teppich anſah, mit em⸗ porgezogenen Augenbrauen ſagte: Wenn ich ſage, ſie wird ſich dieſes Namens würdig ma⸗ chen, Lucretia, ſo meine ich meines Bruders zweite Frau. Ich glaube, ich habe bereits andeutungsweiſe, wenn nicht in den Worten, die ich jetzt brauche, geſagt, daß es ſeine Abſicht iſt, eine zweite Frau zu nehmen. Miß Toyx ſtand jetzt raſch auf und kehrte zu ihren Blumen zurück; und ſchnitt an den Stengeln und Blättern ſo rückſichts⸗ los herum, wie ein Barbier im Armenhauſe, der die Köpfe ſeiner Kunden ſcheert. Ob ſie die ihr widerfahrene Auszeichnung vollkommen fühlen wird, das iſt eine andere Frage, ſagte Mrs. Chick in großartigem Tone. Ich hoffe, es wird der Fall ſein. Wir ſind verpflichtet, von unſeren Nebenmenſchen Gutes zu denken, und ich hoffe, es wird der Fall ſein. Ich bin nicht zu Rathe gezogen worden. Wenn man mich zu Rathe gezogen hätte, ſo wäre je⸗ denfalls mein Rath cavalierement aufgenommen worden, und — 8— deshalb iſt es unendlich beſſer, daß es ſo iſt. Mir iſt es viel lieber, daß es ſo iſt. Mit geſenktem Haupte beſchnitt Miß Tox immer noch eif⸗ rig ihre Blumen. Mrs. Chick fuhr mit energiſchem Kopfſchüt⸗ teln fort zu predigen, als ob ſie Jemand zum Kampfe auf⸗ fordere. Wenn mein Bruder Paul mich zu Rathe gezogen hätte, was er manchmal thut, oder vielmehr zu thun pflegte; denn er wird es natürlich nicht mehr thun; und das iſt ein Umſtand, den ich als eine Befreiung von Verantwortlichkeit betrachte, ſagte Mrs. Chick in hyſteriſcher Aufregung, denn ich danke Gott, daß ich nicht eiferſüchtig bin.— Hier vergoß Mrs. Chick wieder Thränen. Wenn mein Bruder Paul zu mir gekommen wäre, und mir geſagt hätte:„Louiſe, welche Eigenſchaften würdeſt Du mir rathen von einer Gattin zu verlangen?“ ſo würde ich gewiß geantwortet haben:„Paul, Du mußt Familie haben, Du mußt Schönheit haben, Du mußt Würde haben, Du mußt Verwandt⸗ ſchaft haben.“ Dieſe Worte hätte ich gebraucht. Man hätte mich unmittelbar darauf unter das Beil legen können, ſagte Mrs. Chick, als ob dieſe Möglichkeit höchſt wahrſcheinlich wäre, aber ich hätte ſie gebraucht. Ich hätte geſagt:„Paul! Du willſt zum zweiten Mal heirathen ohne Familie! Du willſt heirathen ohne Schönheit! Du willſt heirathen ohne Würde! Du willſt heirathen ohne Verwandtſchaft! Kein Menſch auf der Welt, der nicht wahnſinuig iſt, könnte eine ſolche verrückte Idee nur zu träumen wagen!“. NMNitß Tox hörte auf, ihre Blumen zu putzen, und hörte im⸗ — 88— mer noch mit geſenktem Auge aufmerkſam zu. Vielleicht ſchöpfte Miß Tox Hoffnung aus dieſer Einleitung und Mrs. Chick's Wärme. Ich hätte ſo geſprochen, fuhr die letztgenannte Dame fort, weil ich mir zutraue, keine einfältige Perſon zu ſein. Ich bean⸗ ſpruche nicht, für eine Perſon von überlegenem Geiſte zu gelten, obgleich ich glaube, einige Leute ſind ſeltſam genug geweſen, mich dafür zu halten; eine Frau wie ich, der ſo wenig geſchmeichelt wird, würde ſich bald darüber enttäuſchen; aber ich hoffe, ich bin keine ganz einfältige Perſon. Und mir zu ſagen, ſagte Mrs. Chick mit unſäglicher Verachtung, daß mein Bruder Paul Dom⸗ bey jemals an die Möglichkeit denken könnte, eine Frau— mir iſt es gleichviel welche— ſie betonte dieſe Paar Worte ſchroffer und nachdrücklicher, als Alles andere— die dieſe Eigenſchaften nicht beſitzt, zu heirathen, wäre eine Verhöhnung des Bischen Verſtandes, den mir Gott geſchenkt hat. Gerade, als ob man mir ſagen wollte, ich wäre als Elephant geboren und auferzogen, was man mir vielleicht auch nächſtens ſagt, ſprach Mrs. Chick mit reſignirtem Tone. Es würde mich nicht überraſchen. Ich erwarte es. In der kurzen Pauſe, welche hierauf folgte, hörte man Miß Tox' Scheere ein oder zwei Mal leiſe ſchnippen, aber Miß Tox Geſicht war immer noch unſichtbar, und Miß Tox Morgen⸗ kleid war in einem Zuſtande der Aufregung. Mrs. Chick blickte ſie durch die dazwiſchen befindlichen Zweige von der Seite an, und fuhr, in einem Tone aufrichtiger Ueberzeugung und wie von einer Sache, die auszuſprechen kaum nöthig iſt, fort: Deshalb hat natürlich mein Bruder Paul gethan, was von ihm zu erwarten war, und was, wie jeder hätte vorausſehen kön⸗ — 89— nen, er thun mußte, wenn er ſich wieder verheirathete. Ich ge⸗ ſtehe, es hat mich etwas überraſcht, ſo angenehm es mir war; denn als Paul uns verließ, ahnte ich durchaus nicht, daß er ein Verhältniß auf dem Lande anknüpfen werde, und jedenfalls hatte er vor ſeiner Abreiſe kein Verhältniß hier. Doch ſcheint es mir in jeder Hinſicht, wie es ſein ſollte. Ich bezweifle nicht, daß die Mutter eine höchſt feine und elegante Dame iſt, und habe durchaus kein Recht zu tadeln, daß ſie bei ihnen wohnen will; denn das iſt Pauls Sache und nicht meine— und was Pauls Zukünftige betrifft, ſo habe ich bis jetzt blos ihr Bild geſehen, aber das iſt wirklich ſchön. Auch ihr Name iſt ſchön, ſagte Mrs. Chick, indem ſie den Kopf mit Energie ſchüttelte und ſich auf ihrem Stuhl zurecht ſetzte. Edith iſt ſowohl ungewöhnlich, als auch diſtinguirt. Deshalb, Lueretia, bezweifle ich nicht, daß es Ihnen angenehm ſein wird, zu hören, daß die Hochzeit nächſtens ſtattfinden wird— natürlich wird es Sie freuen, ſagte ſie wieder mit großem Nachdruck, und ich weiß, daß Sie Theil nehmen an den Verände⸗ rungen in den Verhältniſſen meines Bruders, der ſich zu verſchie⸗ denen Zeiten freundlich und aufmerkſam gegen Sie gezeigt hat. Miß Tox gab keine Antwort, ſondern nahm mit zitternder Hand das Gießkännchen und ſah ſich mit ſtarrem Auge um, als überlege ſie, welches Stück Meubel am meiſten durch den Inhalt gewinnen könne. Da die Thür in dieſer Kriſis ihrer Gefühle aufging, ſchrak ſie zuſammen, lachte laut auf und ſank der ein⸗ tretenden Perſon in die Arme; zum Glück für ſie gefühllos ge⸗ gen Miß Chick' entrüſtetes Geſicht, und den Major am Fenſter gegenüber, deſſen Operngucker in voller Thätigkeit war, und deſ⸗ — 90— ſen Geſicht und Geſtalt von mephiſtopheliſchem Frohlocken an⸗ ſchwoll.— Nicht ſo der unglückliche Eingeborene, der erſtaunte Träger von Miß Toy’ ohnmächtiger Geſtalt, der mit einer höflichen An⸗ frage über Miß Tox Befinden(in genauer Ausführung der bos⸗ haften Befehle des Majors) gerade zur rechten Zeit kam, um die zarte Bürde in ſeinen Armen und den Inhalt des Gießkännchens in ſeinem Schuh aufzunehmen. Beide Zufälligkeiten, vereint mit dem Bewußtſein, von dem zornigen Major, der ihm im Falle des Fehlſchlagens mit der ge⸗ wöhnlichen Strafe in Bezug auf jeden Knochen in ſeinem Leibe gedroht hatte, genau beobachtet zu werden, trugen dazu bei, ihn zu einem rührenden Schauſpiel geiſtigen und körperlichen Jammers zu machen. Einige Augenblicke lang hielt der unglückliche Farbige Miß Tox an ſein Herz gedrückt, mit einer Energie, die im merkwürdi⸗ gen Widerſpruch mit ſeinem verlegenen Geſichte ſtand, während das arme Mädchen die letzte Neige ihres Gießkännchens auf ihn niedertröpfeln ließ, als wäre er ein zartes exotiſches Gewächs (was er auch war) und könnte aufblühen, während der ſanfte Re⸗ gen niederfiel. Endlich erlangte Mrs. Chick Geiſtesgegenwart genug, um einzuſchreiten, und ſie befahl dem Bedienten, Miß Tox aufs Sopha zu legen und zu gehen. Dies Geheiß befolgte dieſer ſchnell, und ſie bemühte ſich nun, Miß Tox wieder zum Bewußt⸗ ſein zu bringen. Nichts von der zärtlichen Theilnahme, welche die Töchter Evas bei ſolcher Gelegenheit gewöhnlich auszeichnet, nichts von jener — 91— Freimaurerei im Ohnmächtigwerden, welche ſie zu einem geheim⸗ nißvollen Schweſterbund vereinigt, war in Mrs. Chick's Beneh⸗ men ſichtbar. Cher wie der Scharfrichter, der ſein Opfer zum Bewußtſein zurückbringt, bevor er mit der Tortur fortfährt, wen⸗ dete Mrs. Chick das Riechfläſchchen, das Klopfen der Hände, das Beſpritzen mit Waſſer und die anderen bewährten Mittel an. Und als endlich Miß Tox die Augen wieder aufſchlug und all⸗ mählig wieder zum Leben und Bewußtſein kam, zog ſich Mrs. Chick von ihr zurück, wie von einer Verbrecherin, und blickte ſie, das Beiſpiel des ermordeten Königs von Dänemark umkehrend mehr mit Zorn, als mit Schmerz an. Lueretia! ſagte Mrs. Chick, ich will nicht zu verhehlen ſuchen, was ich fühle. Meine Augen ſind plötzlich geöffnet wor⸗ den. Ich hätte es nicht geglaubt, und wenn es mir ein Heiliger geſagt hätte. Es war eine große Schwäche von mir, ſtammelte Miß Tox. Ich werde mich gleich beſſer befinden. Sie werden ſich gleich beſſer befinden, Lucretia! wiederholte Mrs. Chick mit unmäßigem Hohn. Glauben Sie, ich bin blind? Glauben Sie, ich ſei wieder ein Kind geworden? Nein, Lucretia! Ich bin Ihnen ſehr verbunden! Miß Tox ſah ihre Freundin mit einem flehenden, hilfloſen Blick an und drückte ihr Taſchentuch ins Geſicht. Wenn mir Jemand das geſtern geſagt hatte, ſagte Mrs. Chick mit Majeſtät, oder ſelbſt vor einer halben Stunde, ſo glaube ich faſt, ich hatte ihn zu Boden ſchlagen können. Lucretia Tox, die Augen ſind mir auf einmal aufgegangen. Die Schuppen 7T7 — — 92— — hier machte Mrs. Chick die Geberde des Wegwerfens— ſind mir von den Augen gefallen. Die Blindheit meines Ver⸗ trauens iſt verſchwunden, Lucretia. Es iſt gemißbraucht und be⸗ trogen worden, und von Entſchuldigung kann jetzt nicht mehr die Rede ſein, das verſichere ich Ihnen. O, worauf ſpielen Sie ſo grauſam an, Theure? frug Miß Tox durch ihre Thränen. Lucretia, ſagte Mrs. Chick, fragen Sie Ihr eigenes Herz. Ich muß Sie bitten, kein ſo vertrautes Wort, wie Sie eben ge⸗ ſagt haben, auf mich anzuwenden. Ich habe noch einige Selbſt⸗ actung wenn Sie vielleicht auch anders denken. O, Louiſe! rief Miß Tox. Wie können Sie ſo zu mir ſprechen? Wie ich ſo zu Ihnen ſprechen kann? wiederholte Mrs. Chick, die, in Ermangelung eines beſondern Grundes, den ſie hätte an⸗ führen können, zu ihren niederſchmetterndſten Effecten ſolche Wie⸗ derholungen gebrauchte. So ſprechen! Sie können wohl ſagen, ſo ſprechen, wahrhaftig! Miß Tor ſchluchzte jämmerlich. O der Gedanke, ſagte Mrs. Chick, daß Sie wie eine Schlange an meines Bruders Feuerſeite geruht, und ſich durch mich faſt in ſein Vertrauen geſchlichen haben, Lueretia, damit Sie im Geheimen Ihre Pläne auf ihn verfolgen und wagen konnten, an die Möglichkeit zu denken, daß er Sie heirathen würde! Wahrhaftig, das iſt ein Gedanke, ſagte Mrs. Chick mit ſarkaſti⸗ ſchen Worten, deſſen Abſurdität faſt ſeine Wedertrichgirſts ver⸗ geſſen läßt. — 93— O ich bitte Sie, Louiſe, flehte Miß Tox, ſagen Sie nicht ſo ſchreckliche Sachen! Schreckliche Sachen! wiederholte Mrs. Chick. Schreckliche Sachen! Iſt es nicht Thatſache, Lucretia, daß Sie nicht einmal im Stande waren, Ihre Gefühle vor mir zu verbergen, deren Augen mit Blindheit zu ſchlagen Ihnen ſo vollkommen gelun⸗ gen war? Ich habe nicht geklagt, ſchluchzte Miß Tox. Ich habe nichts geäußert. Wenn ich etwas überwältigt war von Ihrer Nachricht, Louiſe, und jemals einen Gedanken gehegt habe, daß Mr. Dombey mir einige Aufmerkſamkeit ſchenke, ſo werden Sie mich gewiß nicht verdammen. Sie wird gleich ſagen, ſagte Mrs. Chick, und wendete ſich mit einem Blicke der Entſagung und des Flehens an alle Meu⸗ bles im Zimmer, ſie wird gleich ſagen— ich weiß es, daß ich ſte aufgemuntert hätte! Ich will keine Vorwürfe machen, theure Louiſe, ſchluchzte Miß Tox. Ich will auch nicht klagen. Aber zu meiner eigenen Vertheidigung— Ja, rief Mrs. Chick, und ſah ſich mit prophetiſchem Lächeln im Zimmer um, das wird ſie ſagen. Ich wußte es. Sprechen Sie es nur aus. Sagen Sie es nur offen! Sein Sie offen, Lucretia Tox, ſagte Mrs. Chick mit verzweiflungsvoller Härte, wie Sie ſonſt immer ſein mögen. Zu meiner eigenen Vertheidigung gegen Ihre unfreundlichen Worte, theure Louiſe, ſagte Miß Tox mit ſtockender Stimme, und nur deshalb frage ich Sie ganz einfach, ob Sie nie dieſen — — ——᷑—’x—————— ——— —— 891— Glauben begünſtigt und ſelbſt geſagt haben, man könne nicht wiſ⸗ ſen, ob es nicht geſchehen könne? Es giebt einen Punkt, ſagte Mrs. Chick und erhob ſich, nicht als ob ſie auf dem Boden bleiben, ſondern als ob ſie ſich auf⸗ ſchwingen wollte in den heimathlichen Himmel, wo die Geduld lächerlich oder gar ſtrafbar wird. Ich kann viel tragen; aber nicht zu viel. Welcher Zauber mich beherrſchte, als ich heute in das Haus trat, weiß ich nicht; aber ich hatte ein Vorgefühl, ein dunk⸗ les Vorgefühl, ſagte Mrs. Chick mit einem Schauer, daß etwas geſchehen werde. Wohl ward dieſe Ahnung gerechtfertigt, Lucretia, als mein vieljähriges Vertrauen in einem Augenblick zerſtört, meine Augen geöffnet wurden, und ich Sie vor mir ſah in Ihrer wah⸗ ren Geſtalt. Lucretia, ich habe mich getäuſcht in Ihnen. Es iſt beſſer für uns Beide, daß die Sache hiermit aufhört. Ich wün⸗ ſche Ihnen alles Gute und werde Ihnen alles Gute wünſchen. Aber als eine Perſon, die ſich in ihrer eigenen beſcheidenen Stel⸗ lung getreu bleiben will— und als die Schweſter meines Bru⸗ ders— und als die Schwägerin der Gemahlin meines Bruders — und als eine Verwandte der Mutter meiner zukünftigen Schwä⸗ gerin— und darf ich hinzufügen, als eine Dombey?— kann ich Ihnen nichts wünſchen, als einen guten Morgen. Dieſe Worte, geſprochen mit ſchneidender Geläufigkeit, ge⸗ hoben durch einen ſtolzen Anſtrich moraliſcher Würde, führten die Sprechende bis an die Thüre. Hier verneigte ſie ſich wie ein Geiſt oder wie eine Marmorbildſäule und begab ſich nach ihrem Wagen, um Stärkung und Troſt in den Armen Mr. Chick's, ih⸗ res Herrn und Gatten, zu ſuchen. 4 — 95— Verſteht ſich, bildlich zu ſprechen, denn die Arme Mr. Chick's waren von ſeiner Zeitung in Anſpruch genommen. Auch blickte dieſer Herr ſeine Gattin nur verſtohlen an, und verſuchte ihr kei⸗ nen Troſt zu ſpenden. Kurz er las, ſummte Stückchen von Lie⸗ dern und ſah ſie manchmal von der Seite an, ohne ein gutes, böſes oder gleichgültiges Wort zu ſprechen. Unterdeſſen ſaß Mrs. Chick in ſchweigender Entrüſtung da und warf den Kopf zurück, als ob ſie immer noch die feierlichen Worte ihres Abſchieds von Lucretia Tox vor ſich herſage. End⸗ lich ſprach ſie laut: O, wie weit mir heute die Augen geöffnet worden ſind! Wie weit dir die Augen geöffnet ſind, Liebe! wiederholte Mr. Chick. O ſprich nicht zu mir! ſagte Mrs. Chick. Wenn du mich in einem ſolchen Zuſtande ſehen kannſt, ohne zu fragen, was es giebt, ſo wäre es beſſer, du öffneteſt den Mund gar nicht. Nun was giebt es denn, Liebe? frug Mr. Chick. Zu denken, ſagte Mrs. Chick vor ſich hin, daß ſie jemals den niedrigen Gedanken gefaßt hat, ſich durch eine Heirath mit Paul in unſere Familie zu ſchleichen! Zu denken, daß, als ſie ſpielte mit dem theuren Kinde, das jetzt im Grabe ruht, — mir gefiel es damals nie— ſie einen ſo tückiſchen Plan ge⸗ hegt hat! Ich möchte nur wiſſen, ob ſie nie fürchtet, daß ihr et⸗ was geſchehen könnte. Sie hat von Glück zu ſagen, wenn ihr nichts geſchieht. Ich dachte wirklich, ſagte Mr. Chick langſam, nachdem er den Rücken der Naſe eine Weile mit der Zeitung gerieben, daß — 96— du bis heute Morgen ganz derſelben Meinung geweſen wäreſt, und gemeint hätteſt, es ſei ganz gut, wenn es ſo käme. Mrs. Chick brach ſogleich in Thränen aus und ſagte zu Mr. Chick, wenn er ſie mit Füßen treten wollte, ſo möchte er es nur gleich thun. Aber mit Lucretia Tox bin ich fertig, ſagte Mrs. Chick, nachdem ſie, zu Mr. Chick' großem Schrecken, eine Weile ihren Gefühlen freien Lauf gelaſſen. Ich kann Pauls Vertrauen zu Gunſten einer Andern entſagen, die, wie ich hoffe und wünſche, es verdient, und die er ein unbezweifeltes Recht hat an der armen Fanny Stelle zu ſetzen; ich kann es ertragen, daß mich Paul in ſeiner kühlen Weiſe von einer ſolchen Veränderung ſeiner Pläne unterrichtet und mich erſt, nachdem Alles feſt beſchloſſen und abge⸗ macht iſt, zu Rathe zieht; aber Hintergehungen kann ich nicht er⸗ tragen, und mit Lucretia Tox bin ich fertig. Es iſt beſſer wie es iſt, ſagte Mrs. Chick mit frommer Ergebung, viel beſſer. Es hätte lange Zeit gedauert, ehe ich mich nach dieſem Vorfall hätte mit ihr ordentlich wieder einrichten können; und da Paul ſehr vornehm ſein wird, und dieſe Leute von Stande ſind, ſo weiß ich wirklich nicht, ob ſie ganz präſentabel geweſen ſein würde und mich nicht compromittirt hätte. Die Vorſehung wacht überall; Alles ſchlägt zum Beſten aus; ich bin ſchwer geprüft worden heute, aber im Ganzen klage ich nicht darüber. Von ſo chriſtlichen Empfindungen erfüllt trocknete Mrs. Chick ihre Augen und ſtrich ſich das Kleid glatt, und ſaß da, wie eine Perfon, die ein großes Unrecht mit Gelaſſenheit erträgt. Mr. Chick, ohne Zweifel ſeine Unwürdigkeit fühlend, benutzte die 3 3 — 8 ———— A G -&⏑——& ₰½ — 97— erſte Gelegenheit, an einer Straßenecke auszuſteigen, um mit ſehr hoch erhobenen Achſeln und die Hände in die Taſchen geſteckt pfeifend von dannen zu gehen. Unterdeſſen begoß die arme verſtoßene Miß Tox, die, wenn auch eine Schmeichlerin und Kriecherin, wenigſtens als ſolche ehrlich und beſtändig und ihrer Anklägerin ſtets eine treue Freun⸗ din geweſen, und in Verehrung der Größe Mr. Dombey's ganz aufgegangen war, ihre Blumen mit Thränen und fühlte, daß es Winter ſei auf dem Prinzeſſinnenplatze. Boz. Dombey u. Sohn, V. 7 Dreißigſtes Kapitel. Vor der Hochzeit. Osgleich das verzauberte Haus nicht mehr vorhanden war, und 3 die geſchäftige Welt ſich hineingedrängt hatte, und den ganzen fi Tag lang hämmerte und ſcharwerkte, und Trepp' auf Trepp'— ze ab lief, daß Diogenes in einem beſtändigen Paroxysmus des ze Bellens war,— er war offenbar überzeugt, daß ſein Feind ihn überwunden habe und das Haus im trotzigen Siegesübermuth V ih plündere— ſo erlitt doch in anderer Hinſicht Florentinens Le⸗ da bensweiſe keine weitere Veränderung. Abends, wenn die Arbeits⸗ un leute fortgingen, war das Haus ſo öde und verlaſſen, wie früher;§ und wenn Florentine den Stimmen der Fortgehenden lauſchte, lan wie ſie durch die Halle und das Treppenhaus wiedertönten, da W malte ſich Florentine den freundlichen Heerd aus und die Kinder, ein die ihrer warteten, und der Gedanke, daß ſie gern gingen, machte ſie ſie glücklich. liel Sie begrüßte von Neuem das abendliche Schweigen, wie Lie einen alten Freund, der jetzt ein anderes Geſicht hatte und ſie freund⸗ — 3939— licher anblickte. Eine neue Hoffnung war in ihr aufgegangen. Die ſchöne Dame, die ſie in demſelben Zimmer, wo einſt ihr Herz ſo geblutet, getröſtet und geliebkoſt hatte, war für ſie ein Engel der Verheißung. Liebliche Ahnungen eines kommenden ſchönen Lebens, wo ſie ihres Vaters Zuneigung allmählich wie⸗ der gewonnen, und alles oder das Meiſte erlangt hatte, was ſie verloren an dem ſchrecklichen Tage, wo eine Mutterliebe mit dem letzten Mutterkuß auf ihrer Wange erkaltete, umſchwebten ſie in der Dämmerung und waren ihr willkommene Genoſſen. Und wenn ſie dann die rothwangigen Kinder gegenüber verſtohlen an⸗ ſah, dachte ſie, mit einem neuen und köſtlichen Gefühl, daß ſie ſich nun bald kennen lernen und mit einander ſprechen könnten, und ſie brauchte ſich nicht zu fürchten, wie vor Alters, ſich ihnen zu zeigen, damit ſie ſich nicht betrüben ſollten, ſie in ihrem ſchwar⸗ zen Kleide allein ſitzen zu ſehen. Wenn Florentine an ihre neue Mutter dachte, und wenn ihr reines Herz gegen ſie von Liebe und Vertrauen überſtrömte, da liebte Florentine ihre eigene todte Mutter nur immer mehr und mehr. Sie fürchtete ſich nicht, eine Nebenbuhlerin in ihr Herz einzuführen. Die neue Blume entkeimte der tiefen und lange gepflegten Wurzel, das wußte ſie. Ein jedes ſreundliche Wort, das die ſchöne Dame geſprochen, klang Florentinen wie ein Echo der Stimme, welche längſt verſtummt war. Wie konnte ſie dieſer Erinnerung wegen die lebende Zärtlichkeit weniger lieben, da es ihre einzige Erinnerung an älterliche Zärtlichkeit und Liebe war? Florentine ſaß eines Tages in ihrem Zimmer mit Leſen 7* beſchäftigt und der Dame und ihres verſprochenen Beſuches ge⸗ denkend, denn ihr Buch handelte von einem ähnlichen Ver⸗ hältniß, als ſie die Augen aufſchlug und die Erwartete in der Thüre ſtehen ſah. Mutter! rief Florentine, ihr freundlich entgegeneilend. Wieder zurück? Noch nicht Mutter, erwiderte die Dame, mit einem ernſten Lächeln, als ſie mit ihren Armen Florentinens Hals umſchlang. Aber nun bald, rief Florentine. Sehr bald, Florentine, ſehr bald! Edit neigte ihr Haupt ein wenig und drückte Florenti⸗ nens blühende Wange an ihre eigene, und blieb ein paar Secun⸗ den ſchweigend in dieſer Stellung. So viel Zärtlichkeit lag in ihrer Art und Weiſe, daß es Florentine noch mehr empfand als bei ihrem erſten Zuſammentreffen. Sie führte Florentinen in einen Stuhl neben ſich und ſetzte ſich nieder; Florentine blickte ihr ins Antlitz, ganz ver⸗ wundert über ſeine Schönheit, und überließ ihr gern die Hand. Biſt du allein geweſen, ſeit ich zuletzt hier war, Floren⸗ tine? ſagte ſie. O ja! erwiderte Florentine mit einem haſtigen Lächeln. Sie ſtockte und ſchlug die Augen nieder, denn ihre neue Mama hatte ſehr ernſte Augen, und ihr Blick heftete ſich feſt und ſinnend auf ihr Antlitz. Ich— ich— bin gewohnt allein zu ſein, ſagte Florentine. Mir iſt es auch ganz einerlei. Di und ich, wir verbringen manchmal ſi 101— ganze Tage zuſammen allein. Florentine hätte ſagen können, ganze Wochen und Monate. Iſt Di dein Mädchen, liebes Kind? Mein Hund, Mama, ſagte Florentine lachend. Su⸗ ſanne iſt mein Mädchen. Und dies ſind deine Zimmer? ſagte Edith, und ſah ſich um. Neulich wurden mir dieſe Zimmer nicht gezeigt. Wir müſſen ſie ſchöner machen laſſen, Florentine. Es ſollen die ſchönſten im Hauſe werden. Wenn ich ausziehen möchte, Mama, erwiderte Florentine, ſo würde mir ein Zimmer in der obern Etage noch viel beſſer gefallen. Iſt dir dieſes Zimmer nicht hoch genug? frug Edith lächelnd. Das andere war meines Bruders Zimmer, ſagte Florentine, und ich habe es ſehr gern. Ich wollte es Papa ſagen, als ich nach Hauſe kam, und die Arbeitsleute darin fand, und ſah, wie alles verändert wurde; aber— Florentine ſchlug die Augen nieder, damit der vorige Blick ſie nicht wieder ſtocken machte. — aber ich fürchtete ihm weh zu thun; und da Sie ſagten, Sie würden bald wieder herkommen, Mama, und Herrin über alles ſein, ſo beſchloß ich, mir ein Herz zu faſſen und Sie zu bitten. Edith ſah ſie mit ihren glänzenden Augen feſt an, bis Flo⸗ rentine wieder empor blickte, wo ſie dann wegſah und den Blick ſenkte. Jetzt dachte Florentine, wie ganz anders ſie ſich — 102— die Schönheit dieſer Dame vorgeſtellt. Sie hatte ſie für ſtolz und hochfahrend gehalten; aber ihr Benehmen war ſo beſcheiden und ſanft, daß ſie kaum mehr zum Vertrauen hätte einladen können, wenn ſie von Florentinens eigenem Alter und Charakter gewe⸗ ſen wäre. Ausgenommen wenn eine gezwungene und ſonderbare Zurückhaltung über ſie kam; und dann war es laber Florentine verſtand es kaum, obgleich es ihr auffiel und ihre Gedanken viel beſchäftigte), als ob ſie ſich Florentinen gegenüber gedemüthigt und verlegen fühlte. Als ſie ſagte, ſie ſei noch nicht ihre Mama, und als Florentine ſie die Herrin von Allem hier genannt hatte, da trat dieſe Veränderung am auffälligſten ein; und wie jetzt Florentinens Augen auf ihrem Antlitz ruhten, ſaß ſie da, als hätte ſie ſich lieber vor ihr verbergen mögen, als ſie lieben und werth halten als eine ſo nahe Verwandte. Sie verſprach Florentinen gern, für ihr neues Zimmer zu ſorgen, und ſagte, ſie wolle ſelbſt die nöthigen Anordnun⸗ gen treffen. Dann frug ſie Einiges nach Paul, und als ſie ſich längere Zeit unterhalten hatten, ſagte ſie Florentinen, ſie ſei ge⸗ kommen, ſie nach ihrem Hauſe zu bringen. Meine Mutter und ich ſind jetzt nach London gekommen, ſagte Edith, und du ſollſt bei uns wohnen, bis ich verheirathet bin. Ich wünſche, daß wir uns kennen und uns vertrauen lernen, Florentine! Sie ſind ſehr gütig gegen mich, liebe Mama, ſagte Flo⸗ rentine. Wie ſehr danke ich Ihnen! Ich will dieſe Gelegenheit benutzen, fuhr Edith fort, indem ſich zu retten. Sie glaubte, dies ſei allen Augen ſo offenbar, — 163— ſie ſich umſah, ob ſie allein ſeien, und in leiſerem Tone ſprach, und will dir noch ſagen, daß es mir lieber ſein wird, wenn du nach meiner Hochzeit, wenn ich ein paar Wochen verreiſe, wieder hierher ziehſt. Es iſt ganz gleich, wer dich zu ſich einladen mag. Bleibe hier. Es iſt viel beſſer, du biſt allein, als— was ich ſagen wollte, fügte ſie ablenkend hinzu, iſt, daß ich recht gut weiß, du biſt am beſten zu Hauſe aufgehoben, liebe Florentine! Ich werde an demſelben Tage zurückkehren, liebe Mama, betheuerte das Kind.. Thue das! Ich verlaſſe mich auf das Verſprechen. Jetzt triff deine Einrichtungen, daß du mit mir kommen kannſt, liebes Kind. Du wirſt mich unten finden, wenn du fertig biſt. Langſam und gedankenvoll wanderte Edith allein durch das Haus, deſſen Herrin ſie bald ſein ſollte, und wenig achtete ſie der Pracht und des Glanzes der Umgebung. Derſelbe un⸗ bezähmbare Trotz des Geiſtes, dieſelbe ſtolze Verachtung im Auge und um den Mund, dieſelbe hochfahrende Schönheit, nuür niedergehalten von der Mißachtung ihrer ſelbſt und aller Dinge ringsum, die in dem ſchattigen Haine ſich entfeſſelt und ſich ſelbſt zerfleiſcht hatten, ging durch die geräumigen Säle und Hallen. Die gemalten Roſen an den Wänden waren von ſchar⸗ fen Dornen umgeben, die ihre Bruſt zerriſſen; in jedem Streifen des blendenden Goldes ſah ſie ein verhaßtes Atom ihres Kauf⸗ preiſes; die hohen Spiegel zeigten ihr in ganzer Länge ein Weib, das noch eine edle Eigenſchaft beſaß, aber ſeinem beſſeren Selbſt zu ungetreu und zu entwürdigt und geſunken war, um — 104— daß ihr kein anderes Rettungsmittel übrig blieb, als der Stolz; und mit dieſem Stolz, der ihr Herz Tag und Nacht quälte, rang. ſie trotzig und tapfer mit ihrem Schickſal. War dies das Weib, dem Florentine— ein unſchuldiges Kind, ſtark nur durch innigen Ernſt und einfache Wahrheit,— ſo imponiren konnte, daß ſie an ihrer Seite ein anderes Weſen war, in dem der Sturm der Leidenſchaften ſchwieg und ſelbſt der Stolz zur Demuth wurde? War dies daſſelbe Weib, das jetzt neben ihr im Wagen ſaß, Arm in Arm geſchlungen, und das, während es um ihre Liebe und ihr Vertrauen bat, ihr liebliches Haupt an ihre Bruſt legte, und das eigene hingegeben hätte, um es vor Leid und Schaden zu bewahren? O Edith! Wie ſchönwäre es, in ſolchem Augenblick zu ſterben! Viel glücklicher vielleicht und beſſer, Edith, ſo zu ſterben, als zu leben bis ans Ende! Die ehrenwerthe Mrs. Skewton, die eher an alles An⸗ dere, als an ſo etwas dachte— denn wie viele andere, anſtän⸗ dige Perſonen, in alter und neuer Zeit, erkannte ſie den Tod nicht an, und wollte einen ſo gemeinen und Alles gleichmachenden Emporkömmling nicht nennen hören— hatte ſich in Brookſtreet, Grosvenor⸗Square, ein Haus geliehen von einem vornehmen Verwandten(aus dem Geſchlecht der Feenixe, der auf dem Lande war und es bereitwillig zur Hochzeit hergab, da er dadurch aller fernern Darlehne und Geſchenke an Mrs. Skewton und ihre Tochter los und ledig wurde). Da es das Anſehn der Familie erforderte, bei einer ſolchen Veranlaſſung mit Glanz aufzutreten, hatte Mrs. Skewton mit Beihilfe eines gefälligen Mannes, im Kirchſpiele Marylebone, der dem hohen Adel und ge⸗ ehrten Publicum alles Mögliche vom Silberſervice an bis zu einer Armee Bedienten lieh, einen weißköpfigen Tafeldecker (er wurde deshalb extra berechnet, da er wie ein alter Familien⸗ diener ausſah), zwei ſehr ſchlanke Jünglinge in Livrée und einen ausgewählten Stab von Küchengeſinde in das Haus geſtellt, ſo daß unten in der Küche die Sage entſtand, der Page Withers, von ſeinen zahlreichen häuslichen Pflichten und dem Fortſchieben des Lederſtuhls erlöſt, ſei mehrere Male geſehen worden, wie er ſich die Augen rieb und in die Arme kniff, als ſei er ungewiß, ob er es nicht eigentlich beim Milchhändler in Leamington verſchlafen habe und noch von einem himmliſchen Traume befangen ſei. Nach⸗ dem dieſelbe Quelle auch noch das nöthige Silberzeug und Por⸗ zellan mit verſchiedenen anderen Artikeln, worunter ein hübſcher Wagen mit einem Paar Braunen, geliefert hatte, nahm Mrs. Skewton, als Cleopatra, auf den Kiſſen des großen Sopha's Platz und hielt im Glanze ihrer Schönheit Hof. Ah, ſagte Mrs. Skewton, als ihre Tochter mit ihrem klei⸗ nen Schützling eintrat, was macht meine reizende Florentine? Sie müſſen mir gefälligſt einen Kuß geben, liebe Florentine. Florentine ſuchte ſchüchtern eine freie Stelle auf dem wei⸗ ßen Theile von Mrs. Skewton's Geſicht, als dieſe Dame ihr das Ohr darbot und ſie aus der Verlegenheit erlöſte. Liebe Edith, ſagte Mrs. Skewton, gewiß— treten Sie einen Augenblick mehr ins Licht, meine liebſte Florentine. Florentine gehorchte erröthend. du kannſt dich wohl nicht entſinnen, theuerſte Edith, ſagte ihre Mutter, wie du warſt in demſelben Alter, in dem jetzt unſre ausnehmend koſtbare Florentine ſteht? Ich habe es längſt vergeſſen, Mutter. Denn wahrhaftig, ſagte Mrs. Skewton, ich meine eine außer⸗ ordentliche Aehnlichkeit zwiſchen dir, wie du damals warſt, und unſerer ausnehmend anmuthigen jungen Freundin zu ſinden. Und es zeigt, ſagte Mrs. Skewton leiſe, um anzudeuten, daß Florentine noch ſehr unvollkommen ſei, was Erziehung und Bil⸗ dung thun kann. Ja wirklich, ſagte Edith mit Schroffheit. Ihre Mutter warf einen raſchen Blick auf ſie und ſagte ablenkend: Meine reizende Florentine, Sie müſſen mich gefälligt noch einmal küſſen. Florentine gehorchte natürlich, und drückte abermals ihre Lippen auf Mrs. Skewton's Ohr. Und Sie haben jedenfalls gehört, mein theures Kleinod, ſagte Mrs. Skewton, ihre Hand feſthaltend, daß Ihr Papa, den wir alle außerordentlich lieben und verehren, heute über acht Tage mit meiner lieben Edith Hochzeit feiern wird. Ich wußte, daß ſie ſehr bald ſtattfinden würde, erwiderte Florentine, aber nicht genau wann. Meine theuerſte Edith, ſagte die Mutter neckend, wie iſt es moöglich, daß du es Florentinen nicht geſagt haſt? Warum ſoll ich es Florentinen ſagen? entgegnete ſie ſo hef⸗ tig un und ſchroff„daß aeeui kaum glauben konnte, es ſe die⸗ felbe Stimme. Kgßf, um Mr. Dombey eine Ueberraſchung zu bereiten. So — 107— Mrs. Skewton erzählte darauf Florentinen, um eine zweite und ſicherere Diverſion zu machen, daß ihr Vater zum Eſſen kom⸗ men, und daß er jedenfalls freudig überraſcht ſein werde, ſie zu ſehen, da er vorigen Abend geäußert habe, ſich in der City an⸗ ziehen zu wollen, und nichts von Ediths Plan wiſſe, deſſen Aus⸗ führung ihn, wie Mrs. Skewton meinte, mit überſchwenglichem Entzücken erfüllen müſſe. Florentine wurde unruhig über dieſe Nachricht und ihr Bangen wurde ſo arg, je näher die Speiſe⸗ ſtunde kam, daß ſie, hätte ſie nur eine Entſchuldigung gehabt, die ihrem Vater keine Erklärung abnöthigte, lieber zu Fuß im bloßen Kopfe, athemlos und allein, nach Hauſe geeilt wäre. Wie die verhängnißvolle Stunde näher kam, konnte ſie kaum athmen. Sie wagte nicht ans Fenſter zu treten, aus Furcht, ihn auf der Straße zu ſehen. Sie wagte nicht, hinauf⸗ zugehen, um ihre Bewegung zu verbergen, damit ſie ihn nicht beim Hinausgehen unerwartet in der Thür treffe; und außerdem war es ihr, als ob ſie nie wieder zurückkehren könne, wenn ſie voor ihn gefordert würde. Von dieſen verſchiedenen Befürchtun⸗ gen erfüllt, ſaß ſie neben Cleopatra's Lager und bemühte ſich, das nichtige Geſchwätz dieſer Dame zu verſtehen und darauf zu antworten, als ſie ſeinen Tritt auf der Treppe hörte. Ich höre ihn! rief Florentine aufſchreckend. Er kommt! Cleopatra, die in ihrer Jugendlichkeit immer zum Scherzen aufgelegt und zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt war, um ſich um die Veranlaſſung dieſer Aufregung zu bekümmern, ſchob Floren⸗ tinen hinter das Sopha und warf ihr einen Shawl über den — 108s— ſchnell geſchah dies, daß Florentine einen Augenblick darauf den gefürchteten Schritt im Zimmer vernahm. Er begrüßte ſeine zukünftige Schwiegermutter und ſeine Braut. Der fremde Klang ſeiner Stimme durchbebte alle Ner⸗ ven ſeines Kindes. Beſter Dombey, ſagte Cleopatra, ſagen Sie mir, wie ſich Ihre reizende Florentine befindet? Florentine iſt ganz wohl, ſagte Mr. Dombey und näherte ſich dem Sopha. Zu Hauſe? Zu Hauſe, ſagte Mr. Dombey. Lieber Dombey, entgegnete Cleopatra mit bezaubernder Lebendigkeit, ſind Sie wirklich überzeugt, daß Sie mich nicht täuſchen? Ich weiß nicht, was meine geliebteſte Edith dazu ſa⸗ gen wird, aber bei meiner Ehre, ich fürchte, Sie ſind der falſcheſte aller Menſchen, lieber Dombey. Wäre er es geweſen, und wäre er bei der allergrößten Falſchheit, die je geſagt oder gethan, ertappt worden, ſo hätte er ſchwerlich verwirrter ſein können, als jetzt, wie Mrs. Skewton den Shawl wegzog und Florentine bleich und zitternd vor ihm erſchien, wie ein Geiſt. Er hatte noch nicht ſeine Geiſtesgegen⸗ wart wieder gewonnen, da war ihm Florentine ſchon entgegenge⸗ eilt, hatte ihn umarmt und geküßt und war aus dem Zimmer verſchwunden. Er ſah ſich um, als wollte er ſich wegen der Sache an eine andere Perſon wenden, aber Edith war Florenti⸗ nen ſogleich gefolgt. Geſtehen Sie nur, lieber Dombey, ſagte Mrs. Skewton. — 109— ihm die Hand reichend, daß Sie noch nie in Ihrem Leben ſo er⸗ freut und überraſcht worden ſind. Ich bin nie ſo überraſcht worden, ſagte Mr. Dombey. Und erfreut, beſter Dombey? forſchte Mrs. Skewton, den Fächer erhebend. 1 Ich— ja, es freute mich ausnehmend, Florentinen hier zu finden, ſagte Mrs. Dombey. Er ſchien ſich die Sache eine Weile reiflich zu überlegen und ſagte dann entſchieden: Ja, es freut mich wirklich recht ſehr, Florentinen hier zu finden. Sie wundern ſich vielleicht, wie ſie hierher kommt? ſagte Mrs. Skewton, nicht wahr? Edith vielleicht— meinte Mr. Dombey. Ah, Boshafter! erwiderte Mrs. Skewton mit Kopfſchüt⸗ teln. Ah, ſchlauer, ſchlauer Mann! Man ſollte ſolche Sachen nicht verrathen. Ihr Geſchlecht, lieber Dombey, iſt ſo eitel und geneigt, unſere Schwächen zu mißbrauchen; aber Sie kennen meine Aufrichtigkeit— ſehr gut; gleich! Dies letzte Wort galt einem der ſehr ſchlanken Jünglinge, der mit der Meldung eintrat, es ſei ſervirt. Denn Edith, mein werther Dombey, ſetzte ſie flüſternd hinzu, will, wenn ſie nicht Sie um ſich haben kann— und das kann nicht immer geſchehen, wie ich ihr geſagt habe— wenig⸗ ſtens etwas, was Ihnen gehört, in ihrer Nähe haben. O! wie außerordentlich natürlich das iſt! Und deshalb ließ ſie ſich von Niemand abhalten, heute auszufahren und die liebe Florentine abzuholen. O wie ausnehmend liebenswürdig das iſt! — 110— Da ſie eine Antwort erwartete, ſagte Mr. Dombey: Ja, im hohen Grade liebenswürdig. Gott ſegne Sie, theurer Dombey, für dieſen Beweis, daß Sie Gemüth haben, rief Cleopatra und drückte ihm die Hand. Aber ich werde zu ernſt. Führen Sie mich hinunter wie ein Kind, und laſſen Sie uns ſehen, was uns dieſe Leute zu eſſen geben. Gott ſegne Sie, theurer Dombey! Als nach dieſen Worten Cleopatra mit leidlicher Munter⸗ keit vom Sopha aufſprang, nahm Mr. Dombey ihren Arm und führte ſie ceremoniös die Treppe hinab. Als aber das Paar in den Speiſeſaal trat, ſteckte einer der gemietheten ſchlan⸗ ken Jünglinge, deſſen Ehrerbietigkeitsorgan ſehr unvollkommen entwickelt war, zum großen Ergötzen des andern gemietheten ſchlanken Jünglings, die Zunge in den Backen. Florentine und Edith waren bereits dort und ſaßen neben⸗ einander. Florentine wollte aufſtehen, als ihr Vater eintrat, und ihm ihren Stuhl geben; aber Edith legte ganz offen ihre Hand auf ihren Arm und Mr. Dombey nahm am runden Tiſch einen Platz gegenüber ein. Mrs. Skewton erhielt die Unterhaltung faſt allein im Gange. Florentine wagte kaum die Augen zu erheben, damit man nicht Thränenſpuren ſähe, und wagte noch viel weniger zu⸗ ſprechen; und Edith ließ kein Wort vernehmen, außer wenn ſie auf eine Frage antwortete. Wahrhaftig, Cleopatra arbeitete hart. für die Heirath, die ſo nahe bevorſtand; und wohl mußte es eine reiche Heirath ſein, um ſie zu belohnen! Sie ſind alſo mit Ihren Vorbereitungen ziemlich fertig, — 111— lieber Dombey? ſagte Cleopatra, als das Deſſert auf die Tafel 6 kam und der weißköpfige Tafeldecker ſich zurückgezogen hatte. 6 Auch die des Advocaten?. Ja, Madame, entgegnete Mr. Dombey, die Witthumsur⸗ kunde iſt jetzt fertig, wie ich vernehme, und Edith hat mir blos die Gunſt zu erweiſen, den Tag zu beſtimmen, wo ſie vollzogen werden ſoll. Edith ſaß da, wie ein ſchönes Marmorbild, ſo kalt, ſo ſtumm und ſo regungslos. Theuerſte, ſagte Cleopatra, hörſt du, was Mr. Dombey ſagt? Ach, theurer Dombey! ſagte ſie, zu dieſem gewendet, wie ihre Zerſtreutheit mich an die Zeit erinnert, wo der reizendſte aller Männer, ihr Vater, in Ihrer Lage war!— Ich habe keine Zeit zu beſtimmen. Ich füge mich ganz Ihren Wünſchen, ſagte Edith und blickte Mr. Dombey kaum an. Morgen? frug Mr. Dombey. Wie Sie wünſchen, war die Antwort. Oder übermorgen, ſagte Mr. Dombey, ſagt Ihnen viel⸗ leicht beſſer zu? Ich habe keine Abhaltungen. Ich ſtehe immer zu Ihrer Verfügung Sie hahen blos den Tag zu nennen. Keine Abhaltungen, theuerſte Edith! ſagte die Mutter, wenn du den ganzen Tag über ſchrecklich beſchäftigt biſt und tau⸗ ſend und eine Berathung mit Handwerkern aller Art haſt! Die Sie veranlaſſen, erwiderte Edith, und ſah ſie mit faſt unmerklich zuſammengezogenen Brauen an. Sie und Mr. Dom⸗ hey können dies mit einander ahmachen. — 112— Sehr wahr, meine Liebe, und ſehr rückſichtsvoll von dir! ſagte Cleopatra. Meine theuerſte Florentine, Sie müſſen mich wirklich noch einmal küſſen, mein Engel! Eigenthümliches Zuſammentreffen, daß dieſe Ausbrüche der Liebe gegen Florentinen Cleopatra faſt von jedem Geſpräch wegzogen, an dem Edith auch nur den mindeſten Theil hatte! Florentine war gewiß noch nie ſo viel umarmt worden und war, ohne es zu wiſſen, noch nie ſo nützlich geweſen. Mr. Dombey war innerlich durchaus nicht unzufrieden mit dem Benehmen ſeiner ſchönen Braut. Seine eigenen Ge⸗ fühle lehrten ihn, mit Stolz und Kälte zu ſympathiſiren. Ihm ſchmeichelte der Gedanke, wie dieſe ihm in Ediths Fall nachga⸗ ben und keinen Willen neben dem ſeinen zu kennen ſchienen. Es ſchmeichelte ihm ſich vorzumalen, wie dieſe ſtolze Dame einſt die Honneurs ſeines Hauſes machen und nach ſeiner eigenen Weiſe wie Eis auf ſeine Gäſte wirken werde. In ſolchen Hän⸗ den mußte das Anſehen von Dombey und Sohn erhöht und er⸗ halten werden. So dachte Mr. Dombey, als er allein an der Tafel ſaß und über ſeine Vergangenheit und Zukunft brütete. Sein Gemüthszu⸗ ſtand entſprach dem Anſtrich von dürftiger und düſterer Pracht, die im Zimmer herrſchte. Das dunkle Braun der Wände mit den ſchwarzen Wappenſchildern und vier und zwanzig ſchwarzen tühlen, mit faſt ſo vielen Nägeln, wie die Särge, und gleich Trauerdienern auf der Schwelle des türkiſchen Teppichs wartend; und die zwei erſchöpften Neger auf dem Seitentiſch, welche zwei verkümmerte Armleuchter hielten, und der dumpfige Geruch, der im Zimmer — 113— herrſchte, als ob die Aſche von zehntauſend Diners darunter beſtattet wäre. Der Eigenthümer des Hauſes lebte meiſtens im Auslande 4 die engliſche Luft bekam den Mitgliedern der Familie Feenix ſel⸗ ten lange; und das Zimmer hatte allmählich immer tiefere Trauer für ihn angelegt, bis es ſo gruftartig geworden war, daß nur noch eine Leiche darin fehlte. Als kein ſchlechter Erſatz des Leichnams in ſeiner unbeug⸗ ſamen Steifheit, wenn nicht in der Lage, blickte Mr. Dombey in die kalten Tiefen des todten Mahagony⸗Meeres, auf dem die Obſtſchalen und Caraffen vor Anker lagen, als ob die Gegen⸗ ſtände ſeiner Gedanken, einer nach dem andern, auf die Ober⸗ fläche kämen und wieder verſänken. Edith erſchien in aller Ma⸗ jeſtät des Antlitzes und der Geſtalt; dicht neben ihr Floren⸗ tine, das ſchüchterne Angeſicht ihm zugewendet, einen Augenblick lang wie vorhin, als ſie das Zimmer verließ, und Ediths Augen ruhten auf ihr, und Ediths Hand war ſchützend über ſie ausge⸗ ſtreckt. Dann ſtieg eine kleine Geſtalt in einem niedrigen Lehn⸗ ſtuhl empor und ſah ihn verwundert an mit ihren hellen Augen und dem altklugen Geſicht, das erhellt ſchien von ungewiſſem Schimmer des abendlichen Kaminfeuers. Wieder erſchien Flo⸗ rentine gleich darauf und nahm ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Ob als ein vorbeſtimmtes Hinderniß ſeiner Pläne, ob als eine Rivalin, die ihm einmal in den Weg getreten war und es wieder thun konnte, ob als ein Kind, an das zu denken er ſich in ſeinem glücklichen Bräutigamsſtande herablaſſen konnte, oder ob als ein bloßer Wink für ihn, daß er wenigſtens den Anſchein, ſich um ſein eigenes Blut zu kümmern, ſeinen neuen Verwandten gegen⸗ Boz. Dombey u. Sohn. V. 8 — nun über aufrecht erhalten werde, das wußte er am beſten Vielleicht höchſtens ſo ziemlich; denn Hochzeitsgeſellſchaft und Traualtäre und Triumphe ſeines Ehrgeizes— aber überall und immer erſchien Florentinens Geſtalt— ſtiegen ſo ſchnell und ſo wirr vor ſeinen Augen empor, daß er, um ihnen zu entgehen, aufſtand und ſich zu den Damen begab. Es war ſchon ſehr ſpät, als man Licht hereinbrachte; denn der Schimmer machte Mrs. Skewton Kopfweh, wie ſie behauptete; und unterdeſſen unterhielt ſich Mrs. Skewton mit Florentinen, (Cleopatra ſchien viel daran zu liegen, ſie in unmittelbarſter Nähe zu haben) oder Florentine ſpielte auf Mrs. Skewton’'s Verlangen leiſe auf dem Piano; gar nicht zu erwähnen, daß ein paar Mal, im Laufe des Abends, die liebreiche Dame in den Fall kam, um einen Kuß zu bitten, was immer geſchah, wenn Edith etwas geſagt hatte. Dies geſchah jedoch nicht oft; denn Edith ſaß die ganze Zeit über allein an einem offenen Fenſter, trotz ihrer Mutter Furcht, ſie möge ſich erkälten, und blieb dort, bis Mrs. Dombey Abſchied nahm. Er war dabei gegen Flo⸗ rentinen ſehr gnädig, und Florentine legte ſich ſo glücklich und hoffnungsreich zu Bette, daß ſie ihres früheren Selbſt gedachte wie eines armen verlaſſenen Mädchens, das ihrer Betrübniß we⸗ gen zu bemitleiden ſei; und ſchluchzte ſich in ihrem Mitleiden in den Schlaf. Die Woche verging ſchnell. Sie fuhren zu Putzmachern, Juwelieren, Advocaten, Blumiſten, Conditoren; und Florentine war ſtets dabei. Florentine ſollte mit bei der Hochzeit ſein. Florentine ſollte ihren Traueranzug ablegen, und ein koſtbares Kleid zu dem Feſtenkagen. Dien Aufſichtene der Putzuchexin über dieſes Kleid— die Putzmacherin war eine Franzöſinogund ahnelte ſehr Mrs. Skewton 2 waren ſo geſchmackvylbundelegant, daß Mis. Skewton ein ähmliches für nſich beſtellten Die Putz⸗ macherin ſagte, es würde ihr ganz ausgezeichnet ſtehen undnalle Welt würdoſiecfüth der Braut Schweſtey halten e.7 Sirne Schnell verging die Woche⸗ u Cdithm beſahe ſich nichts und künumerte ſich um nichts. Ihre kuſtharen Kleider wurden Zebracht und anverſucht, und nut geprieſen vom Mrs. Skehpten lind det Bußmacheriunen, und woggelogt, ohge daß ſie ein Wurt ſagte. Mrs. Skewton entwarf die Pläne für jrden Tag und führte ſte aus. Bisweilen ſaß Edith in ihrein Wagen) wenn fie ausfuhren⸗ um Einkäufe zu machen; zuweilen, wemies un⸗ umgänglich mothwendig war, trat ſie mit iſt die Läden.„Aber Mrs. Skewton leitete Alles, was es iunner ſein muechte eund „Edith ſah ſo⸗theilnahmlos und gleichgültig zu⸗ Cals Eb es ſie nichts angingenn Florentine hätte ſie für ſſtolz und gefühllos hal⸗ tten können, wenn ſie nicht⸗gegen ſie ſtets auldersſgeweſch wäre. (So erſtickte Florentins in ihrer Dankbaxfeit ihre Verwunderung, wenn ſie einmal in ihr erwachte, und würde ihrer bald Herr 1 Lun Sehneller verging die Woche,n Ihr Ende wanmahe. Der letzte Abend der Woche, der Abend vor der Hochzeik war erſchie⸗ mnen. In dem dunkeln Zimmer denn Mrs. Skewtén's Kopf war noch ſehr empftndlich, pbgleich ſier morgen ganz zu gentſen hoffte o ſaßen dieſe Damen und. Mr. Dom bey. Edith ſaß wie gewöhnlich am offenen Fenſter und blickte auf die Straße (hinaus; Mr. Dombey und Cleopatra unterhielten ſich eiſe auf 8* — 116— dem Sopha. Es war ſchon ſpät, und Florentine war zu Bett gegangen. Theuerſter Dombey, ſagte Cleopatra, Sie werden mir morgen Florentinen laſſen, wenn Sie mir meine ſüßeſte Edith rauben. Mr. Dombey ſagte, er werde es mit Vergnügen thun. Sie hier um mich zu haben, während Sie beide in Paris ſind, und zu denken, daß ich in ihrem Alter zur Bildung ihres Geiſtes beitrage, theuerſter Dombey, wird mir in dem außeror⸗ dentlich leidenden Zuſtande, in dem ich mich befinden werde, ein wahrer Balſam ſein, flötete Mrs. Skewton. Edith wendete raſch das Haupt. Ihre Achtloſigkeit hatte ſich plötzlich in die lebhafteſte Theilnahme verwandelt, und ver⸗ borgen von der Dunkelheit verfolgte ſie das Geſpräch mit der größten Aufmerkſamkeit. Mr. Dombey würde ſich ein Vergnügen daraus machen, Florentinen unter ſo vortrefflicher Aufſicht zu laſſen. Theuerſter Dombey! entgegnete Cleopatra, tauſend Dank für Ihre gute Meinung. Ich fürchtete wirklich, Sie wollten mich zu gänzlicher Einſamkeit verurtheilen. Warum ſollte ich ſo ungerecht gegen Sie ſein, gnädige Frau? ſagte Mr. Dombey. Weil meine reizende Florentine ſo entſchieden ſagte, ſie müſſe morgen wieder nach Hauſe zurückkehren, gab Cleopatra zur Antwort, daß ich wahrhaftig zu befürchten anfing, theuerſter Dombey, Sie wären ein wahrer Paſcha! Ich verſichere Ihnen, Madame, ſagte Mr. Dombey, ich — 117— habe Florentinen in dieſer Hinſicht nichts befohlen, und wenn dies der Fall wäre, ſo ginge jedem Befehl Ihr Wunſch vor. Theuerſter Dombey, erwiderte Cleopatra, was für ein Hof⸗ mann Sie ſind! Obgleich ich das nicht ſagen möchte, denn Hofleute haben kein Herz, und bei Ihnen herrſcht es im Leben und Charakter auf das reizendſte vor. Und wollen Sie uns wirk⸗ lich ſchon ſo zeitig verlaſſen, theuerſter Dombey? Ja gewiß, es war ſpät, und Mr. Dombey mußte gehen. Iſt dies Wirklichkeit oder iſt dies Traum? flötete Cleo⸗ patra. Kann ich wirklich glauben, theuerſter Dombey, daß Sie morgen früh zurückkehren werden, um mir meine theuerſte Edith zu rauben? Mr. Dombey, der Alles wörtlich zu nehmen gewohnt war, erinnerte Mrs. Skewton, daß ſie ſich erſt in der Kirche treffen würden. Der Schmerz, ein Kind wegzugeben, und ſelbſt in Ihre Hände, theuerſter Dombey, ſagte Mrs. Skewton, iſt einer der allerpeinigendſten, die man ſich denken kann; und vereinigt mit einer von Natur zarten Conſtitution und der außerordentlichen Stu⸗ pidität des Conditors, der das Frühſtück beſorgt, iſt es faſt zu viel für meine geringen Kräfte. Aber ich werde mich erholen, theuerſter Dombey; Sie brauchen meinetwegen nicht beſorgt zu ſein. Der Himmel ſegne Sie! Theuerſte Edith! rief ſie muth⸗ willig, es geht Jemand, mein Engel! Edith, die den Kopf wieder nach dem Fenſter gewendet und deren Intereſſe an dem Geſpräch wieder aufgehört hatte, ſtand auf von ihrem Platz, ging ihm aber nicht entgegen und ſptaich kein Wort. Mit fsierlicher Galanterie ging Mr. Dom⸗ bey zü dhs hito deückte ihre Hand an den Mund und ſagte: Modgeit futihewerde ich das Glück haben, dieſe Hand als die von Mis. Dömtbiy zu Veaitſpruchen. Mit dieſen Worten verabſchie⸗ dete Lr ſich feierlichd ene inn Arigt Mis. Sketbhon klingelte nach Licht, ſobald die Hausthüre ſich hinter ihm geſchloſfenn hatte, Mit dem Licht erſchien ihre Zofe und brachte den jugeiidlichenn Auzug, der die Welt morgen täuſchen follte, Das Kleid rächte ſſich an ihr ſchonungslos, wie ſolche Kleider ſtets, und machte ſie unendlich älter und häßlicher als ſie Viſdhrem Flanellrock auisſah. Aber Mrs. Skewton verſuchte es mit koketter Selbſtgefälligkeit an, liebäugelte mit ihrem lei⸗ cheichaften Geſicht im Spiegel, wenn ſie an den tiefen Eindruck dachte, den ſie auf den Major machen werde, und wie ſie dann von dem Mädchen ſich wieder auskleiden und für das Bett an⸗ ziehen ließ, ſank ſie in Trümmer, wie ein buntes Kartenhaus. 250 ¶Die ganze Zeit über blieb Edith am dunkeln Fenſter ſitzen Undd ſah auf die Straße hinaus. Als ſie und ihre Mutter end⸗ lich allein waren, verließ ſie es das erſte Mal dieſen Abend und krat vor ſie hin. Das gähnende, zitternde, muͤrriſche Geſicht der Mutter, die Augen anf die ſtolze aufrechte Geſtalt der Toch⸗ ter gerichtet, deren Feuerblick auf ihr ruhte, trug eine bewußte Miene, die weder Frivolität, noch Laune verbergen konnte. Ich bin todmüde, ſagte ſie. Man kann dir nicht einen Augen⸗ blick trauen. Du biſt ſchlimmer als ein Kind. Kind! Kein Kind wäre halb ſo hartnäckig und ungehorſam geweſen! Hören Sie mich an, Mutter! erwiderte Edith, über dieſe — 119— Worte weggehend, als wolle ſie ſich nicht ſo weit herablaſſen, ſie zu berückſichtigen. Sie müſſen allein hier bleiben, bis ich zurückkehre. Ich muß allein hier bleiben, Edith, bis du zurückkehrſt? wiederholte die Mutter. Oder ich ſchwöre bei dem Namen deſſen, den ich Morgen zum Zeugen anrufen ſoll zu dem, was ich ohne Wahrheit und ohne Scham thue, daß ich die Hand dieſes Mannes in der Kirche zurückweiſe. Wenn ich es nicht thue, ſo will ich als Leiche auf den Boden ſinken! Die Mutter antwortete mit einem Blick heftiger Unruhe, die keineswegs vermindert wurde durch den Blick ihrer Tochter, auf den ſie traf.— Es iſt genug, ſagte Edith gefaßt, daß wir ſind, was wir ſind. Ich dulde nicht, daß Jugend und Wahrheit bis zu mir herabgebracht wird. Ich dulde nicht, daß eine unſchuldige Na⸗ tur untergraben, verfälſcht und verdorben werde, um die Muße⸗ ſtunde von tauſend Müttern zu ergötzen. Sie wiſſen, was ich ſagen will. Florentine muß nach Hauſe zurückkehren. Du biſt eine Närrin, Edith, rief die Mutter zornig. Hoffſt du Friede und Ruhe in dieſem Hauſe zu finden, ſo lange ſie nicht verheirathet und fort iſt? Fragen Sie ſich ſelbſt, ob ich Ruhe und Friede in dieſem Hauſe erwarte, und Sie wiſſen die Antwort, ſagte die Tochter. Und muß ich nach aller meiner Mühe und Arbeit, und wenn ich dich unabhängig gemacht habe, rief ihre Mutter leidenſchaft⸗ lich, während ihr Kopf zitterte, wie ein welkes Blatt, mir heute ſagen laſſen, daß ich Verderben und Anſteckung verbreite, und — 120— daß ich keine paſſende Geſellſchaft für ein Mädchen bin! Was biſt du, frage ich? Was biſt du? Mehr als einmal, ſagte Edith und ihr Geſicht wurde todten⸗ bleich, mehr als einmal habe ich mir dieſe Frage geſtellt, wenn ich dort im Fenſter ſaß und ein Geſchöpf in der verwelkten Hülle meines Geſchlechtes draußen vorüberging; und Gott weiß, mir iſt geantwortet worden. O, Mutter! Mutter! wäre ich der Führung meines eigenen Herzens überlaſſen worden, als auch ich noch ein Mädchen war— jünger noch als Florentine — wie anders könnte ich ſein!— Wohl merkend, daß hier jede Darlegung von Aerger nutz⸗ los ſei, bezwang ſich die Mutter und fing an zu winſeln, und klagte, daß ſie zu lange gelebt habe, daß ihr einziges Kind ſie verſtoße und daß die Pflichten gegen die Eltern in dieſen ver⸗ dorbenen Zeiten vergeſſen wären, und daß ſie unnatürliche und unkindliche Worte habe hören müſſen, und daß ſie ſich nicht län⸗ ger mehr etwas aus dem Leben mache. Wenn man beſtändig ein ſolches Leben führen ſollte, win⸗ ſelte ſie, ſo bin ich überzeugt, es wäre viel beſſer für mich, wenn ich an ein Mittel dächte, meiner Exiſtenz ein Ende zu machen. O! zu denken, daß du meine Tochter biſt, Edith, und auf ſolche Weiſe zu mir redeſt! Zwiſchen uns, Mutter, iſt die Zeit zu gegenſeitigen Vor⸗ würfen vorbei, erwiderte Edith traurig. Warum friſcheſt du ſie dann wieder auf? winſelte die Mutter. Du weißt, daß du dadurch mein Herz auf die grauſamſte Weiſe zerfleiſchet. Du weißt, wie tief ich jede Unfreundlichkeit em⸗ — 121— pfinde. Noch dazu zu einer ſolchen Zeit, wo ich an ſo vielerlei zu den⸗ ken habe, und wo mir natürlich viel daran liegen muß, im beſten Lichte zu erſcheinen! Ich muß mich über dich wundern, Edith. Deine Mutter ſo zu ärgern, daß ſie häßlich iſt an deinem Hochzeittage! Wie ſie ſchluchzte und ſich die Augen rieb, ſah Edith ſie mit demſelben feſten Blick an, wie früher, und ſagte mit derſelben ruhigen, gefaßten Stimme, die keinen Augenblick einen andern Ton angenommen: Ich habe geſagt, daß Florentine nach Hauſe zurückkehren muß. So mag ſie gehen! rief die betrübte und erſchrockene Mutter haſtig. Ich habe nichts dawider, wenn ſie geht. Was iſt mir das Mädchen? Sie iſt mir ſo viel, daß ich mich lieber von Ihnen losſagen würde, Mutter, ſo gut wie von ihm morgen in der Kirche(wenn Sie mir Urſache dazu geben), als daß ich dulden ſollte, daß ihr ein Stäubchen von dem Böſen, das in meiner Bruſt iſt, einge⸗ impft werde, entgegnete Edith. Rühren Sie ſie nicht an. So lange ich es verhüten kann, ſoll ſie nicht befleckt und verderbt werden durch die Lehren, welche ich gelernt habe. Das iſt keine harte Bedingung an dieſem unſeligen Abende. Wenn du ſie auf kindliche Weiſe geſtellt hätteſt, winſelte die Mutter, dann wohl nicht; höchſt wahrſcheinlich nicht. Aber ſo ausnehmend verletzende Worte— Ihre Zeit iſt jetzt vorbei zwiſchen uns, ſagte Edith. Ver⸗ folgen Sie Ihren eigenen Weg, Mutter! Nehmen Sie ſoviel Sie wollen von dem, was Sie erworben haben; verbrauchen und genießen Sie reichlich und ſeien Sie ſo glücklich, als Sie wollen. Das Ziel unſeres Lebens iſt erreicht. Laſſen Sie es uns in Schweigen tragen. Von dieſer Stunde an ſind meine Lippen ſtumm über die Vergangenheit. Ich verzeihe Ihnen Ihren Theil an der morgenden Unthat. Möge Gott auch mir verzeihen. Ohne daß ihre Stimme zitterte oder ihr Körper erbebte, und dahin ſchreitend, als ob ſie ihren Fuß auf den Nacken jeder ſanfteren Empfindung ſetze, wünſchte ſie ihrer Mutter gute Nacht und ſuchte ihr Zimmer auf. Aber nicht um zu ruhen, denn der Sturm ihrer Gefühle kannte keine Ruhe, wenn ſie allein war. Wohl fünfhundertmal ſchreitet ſie auf und ab, und vorüber an den glänzenden Dingen, die ſie morgen ſchmücken ſollen. Das dunkle Haar gelöſt und niederwallend, die dunklen Augen von zorniger Gluth leuchtend, der volle weiße Buſen geröthet von den Griffen der mitleid⸗ loſen Hand, ſchreitet ſie auf und ab mit abgewendetem Haupte, als wolle ſie ſich vor ſich ſelbſt verbergen und ſich trennen von ihrem Körper. So rang in ſtiller Mitternachtsſtunde vor ihrem Hoch⸗ zeitstage Edith Granger mit ihrem ruheloſen Geiſte, thränenlos, freundlos, ſtumm, ſtolz und ohne Klage. Endlich berührte ſie zufaͤllig die offene Thüre, welche in Florentinens Schlafzimmer führte. Sie fuhr auf, blieb ſtehen und blickte hinein. Ein Licht brannte drinnen und zeigte ihr Florentinen in der Blüthe ihrer Unſchuld und Schönheit, in feſtem Schlummer ru⸗ hend. Edith hielt den Athem an und fühlte ſich zu ihr hin⸗ gezogen. Immer näher zu ihr hingezogen; endlich ſo nahe, daß ſie — 123— ſich niederbeugte, ihre Lippen auf die zarte Hand drückte, die auf dem Bette lag, und ſich dieſelbe ſanft auf den Hals legte. Ihre Berührung wirkte wie der Stab des Propheten auf den Felſen. Ihre Thränen quollen hervor, wie ſie niederſank auf ihre Kniee und ihr ſchweres Haupt und das gelöſte Haar auf das Kiſſen niederlegte. So verbrachte Edith Granger die Nacht vor ihrer Hoch⸗ zeit. So fand ſie die Sonne am Morgen ihres Hochzeittages. Einunddreißigſtes Kapitel. Die Trauung. Die Morgendämmerung ſchleicht ſich mit ihrem leeren, leiden⸗ ſchaftsloſen Antlitz ſchauernd nach der Kirche, in der die Aſche des kleinen Paul und ſeiner Mutter ruht, und blickt zu den Fen⸗ ſtern hinein. Es iſt kalt und finſter. Die Nacht liegt noch über dem Fußboden und brütet grämlich in Ecken und Winkeln des Gebäudes. Hoch oben über den Häuſern, die heraustreten aus einer der neuen zahlloſen Wogen des Zeitenſtromes, welche in regelmäßiger Reihenfolge an dem ewigen Strande zerſchellen, wird in unſichern Umriſſen die Kirchthurmuhr ſichtbar, wie ein ſteiner⸗ ner Leuchtthurm, der das Fluthen des Zeitenmeeres anzeigt; aber drinnen kann die Morgendämmerung nur die Nacht anblinzeln und ſehen, daß ſie da iſt. Die Kirche umſchwebend und hineinlugend, klagt und weint die Morgendämmerung ob ihrer kurzen Herrſchaft und ihre Thrä⸗ nen benetzen die Fenſter, und voll Theilnahme nicken die Bäume an der Kirchenmauer mit den Köpfen und ringen ihre vielen Hände. — 125— Bleicher und bleicher wird die Nacht und ſchwindet allmählich aus der Kirche, verweilt aber noch in den Gewölben unten und ruht auf den Särgen. Und jetzt kommt der helle Tag, und beglänzt die Thurmuhr, und vergoldet die lange Spitze, und trocknet die Thränen der Morgendämmerung und erſtickt ihre Klagenz und die verſcheuchte Morgendämmerung folgt der Nacht, jagt ſie aus ihrer letzten Zuflucht, flüchtet ſelbſt in die Gewölbe und verbirgt ſich mit erſchrockenem Geſichte bei den Todten, bis die Nacht neu ge⸗ ſtärkt wiederkehrt und ſie vertreibt. Und jetzt verſtecken die Mäuſe, die ſich mit den Gebetbü⸗ chern mehr beſchäftigt haben, als ihre Eigner, ihre funkelnden Augen in den Löchern und drängen ſich dicht zuſammen, erſchrocken über das weit hintönende Geräuſch der Kirchenthüre. Denn der Kirchendiener, der grimmige Mann, kommt heute früh bei Zeiten mit dem Unterküſter; und Mrs. Miff, die kurzathmige kleine Frau, die die Kirchenſtühle öffnet— eine gewaltig trockene alte Dame, knapp gekleidet und ohne einen Zoll Fleiſch am ganzen Körper— iſt auch da und wartet ſchon ſeit einer halben Stunde vor der Thür auf den Kirchendiener, wie es ſich gebührt. Ein eſſigſaures Geſicht hat Mrs. Miff, und eine Seele, durſtig nach Sechspences und Schillingen. Die Gewohnheit, Leu⸗ ten, die keinen Platz finden konnten, nach den Stühlen zu winken, hat Mrs. Miff ein geheimnißvolles Weſen gegeben; und in dem Auge der Mrs. Miff liegt Zurückhaltung, als wiſſe ſie einen weichern Sitz, traue aber nicht wegen des Trinkgelds. Einen Mr. Miff giebt es nicht und hat es ſeit 20 Jahren nicht gegeben, und Mrs. Miff ſpricht nicht gern von ihm. Wie es ſcheint, hatte er ketzeriſche — 126— Meinungen über freie Kirchſtühle, und obgleich Mrs. Miff hofft, er möge im Himmel ſein, ſo kann ſie doch nicht wagen, darauf zu ſchwören. Mrs. Miff iſt dieſen Morgen vor der Kirchenthüre gar ge⸗ ſchäftig mit dem Ausklopfen und Abſtäuben der Altarbekleidung, des Teppichs und der Kiſſen; und Mrs. Miff hat gar viel von der Trauung, die ſtattfinden ſoll, zu erzählen. Mrs. Miff weiß, daß die neuen Meubles und die Veränderungen im Hauſe mindeſtens 5000 Pfund koſten, und Mrs. Miff hat aus beſter Quelle vernommen, daß die Braut auch keinen Dreier mitbringt. Mrs. Miff erinnert ſich auch, als ob es geſtern geſchehen wäre, an das Begräbniß der erſten Frau und an die Taufe und an das andere Begräbniß; und Mrs. Miff ſagt, ſie wolle, ehe die Geſellſchaft komme, die Gedächtnißtafel ein wenig abwaſchen. Mr. Sownds, der Kirchendiener, der die ganze Zeit über auf den Stufen vor der Kirchenpforte in der Sonne ſitzt(und er thut ſelten etwas anderes, außer im Winter, wenn er am Kamin verweilt), billigt Mrs. Miff's Rede und fragt: ob Mrs. Miff vernommen habe, daß die Braut ungemein ſchön ſei? Da Mrs. Miff dies ebenfalls vernommen, bemerkte der Kirchendiener, der zwar orthodox und corpulent, aber immer noch ein Bewunderer weiblicher Schönheit iſt, mit Salbung: Ja, ſie ſei ein Kernweib— ein Ausdrutkz der Mrs. Miff etwas kräftig erſcheint oder erſcheinen würde, Wwenn er von andern Lippen käme als denen des Kirchendieners⸗¹ue Aber in Mr. Dombey's Hauſe iſt große Aufregung, haupe ſächlich unter den Frauen; keine einzige von ihnen hat ſeit Hühe ein Auge zugethan, und alle waren ſchon vor 6 Uht im ollele ———— —QOQOO(OCOꝑApA ApQ——— — 127— Staate. Mr. Towlinſon wird von dem Stubenmädchen mehr als gewöhnlich beachtet, und die Köchin ſagt beim Frühſtück, daß Eine Hochzeit viele mache, was das Stubenmädchen nicht glauben kann und gar nicht für wahr hält. Mr. Towlinſon behält ſeine Meinung über dieſen Gegenſtand bei ſich, denn er iſt etwas me⸗ lancholiſch über das Auftreten eines Ausländers mit einem Backen⸗ barte(Mr. Towlinſon hat ſelber keinen), der das glückliche Paar nach Paris begleiten ſoll und jetzt beſchäftigt iſt, den neuen Wa⸗ gen zu packen. Hinſichtlich dieſer Perſon geſteht Mr. Towlinſon ſogleich ein, daß er von Ausländern noch nie etwas Gutes habe kommen ſehen; und da ihm die Damen Voreingenommenheit vorwerfen, ſagt er: ſeht nur Bonaparte, der an ihrer Spitze ſtand, weſſen er fähig war! Und das Stubenmädchen ſagt, das ſei ſehr wahr. Der Paſtetenbäcker hat viel zu thun in dem gruftartigen Zimmer in Brook⸗Street, und die ſehr ſchlanken Jünglinge ſehen fleißig zu. Einer der ſehr ſchlanken Jünglinge duftet ſchon nach Sherry und ſeine Augen haben eine Neigung, ſtarr zu werden, und die Gegenſtände anzuſchauen, ohne ſie zu ſehen. Der ſehr ſchlanke Jüngling iſt ſich dieſer Schwäche bewußt und ſagt ſeinen Kameraden, es ſei ſeine Aufreißung. Der ſehr ſchlanke Jüngling p meint Aufregung, aber ſeine Stimme iſt belegt und er ſpricht et⸗ was undeutlich. Die Leute, welche Glocken ziehen, haben von der Hochzeit vernommen, ebenſo die Katzenmuſik, und ein Chor Blasinſtru⸗ mente ebenfalls. Die erſten üben ſich ein in einer abgelegenen Gegend, in der Nähe von Battle⸗Bridge; die andern knüpfen durch — 128— ihren Chef Unterhandlungen mit Mr. Towlinſon an, und machen Bedingungen, damit ſie nicht ſpielen; und die dritte Partei lau⸗ ert in Perſon einer ſchlauen Poſaune an der Ecke auf einen ver⸗ rätheriſchen Handwerker, der ihr Ort und Stunde des Frühſtücks ſagen ſoll. Die Erwartungen und Aufregungen verbreiten ſich noch weiter. Mr. Perch bringt von Balls Pond ſeine Frau, die den ganzen Tag mit Mrs. Dombey's Djenerſchaft verleben und ſie insgeheim mit zur Trauung begleiten ſoll. In Mr. Toots Wohnung zieht Mr. Toots ſich an, als ob er ſelbſt wenig⸗ ſtens der Bräutigam ſei. Er iſt entſchloſſen, das Schauſpiel von einem der verſteckten Winkel der Gallerie aus mit anzuſehen und das Hühnchen mit dorthin zu nehmen, denn Mr. Toots hat den verzweifelten Entſchluß gefaßt, dort dem Hühnchen Floren⸗ tinen zu zeigen und ihm offen zu ſagen: Hühnchen, ich will dich nicht länger täuſchen; der Freund, den ich manchmal erwähnt habe, bin ich ſelbſt; Miß Dombey iſt der Gegenſtand meiner Liebe; was meinſt du, Hühnchen, unter dieſen Verhältniſſen? und was ſoll ich jetzt auf der Stelle thun? Das Hühnchen, das ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt werden ſoll, ſteckt unterdeß in Mr. Toots Küche ſeinen Schnabel in eine Kanne ſtarkes Bier und pickt 2 Pfund Beeſſteak auf. Auch Miß Tox iſt auf dem Prinzeſſinnenplatz ſchon wach und beſchäſtigt; denn auch ſie, obgleich im bittern Herzeleid, will einen Schilling in Mrs. Miff's Hand legen und die Ceremonie, welche eine grau⸗ ſame Anziehungskraft für ſie hat, von einer einſamen Ecke aus mit anſehen. Der hölzerne Seecadett iſt voller Leben, denn Ca⸗ pitain Cuttle ſitzt in Schnürſtiefeln, mit großem Hemdkragen beim — 129— Frühſtück und hört Rob, dem Scheerenſchleifer, zu, der ihm auf Befehl die Trauungsformel vorlieſt, damit der Capitain die Fei⸗ erlichkeit, deren Zeuge er ſein ſoll, vollkommen verſtehe. Zu die⸗ ſem Zweck befiehlt der Capitain von Zeit zu Zeit würdevoll ſei⸗ nem Caplan umzuwenden, oder dieſen Satz noch einmal zu leſen, oder ſich um ſein Amt zu bekümmern und das Amen dem Capi⸗ tain zu überlaſſen; das Amen ſagt er ſtets, wenn Rob eine Pauſe macht, mit ſonorer Selbſtzufriedenheit. 9„ Außer dieſen Allen und noch viel mehr haben zwanzig Kinder⸗ mädchen, blos in Mr. Dombey's Straße, zwanzig Familien von klei⸗ nen Mädchen, deren inſtinctmäßiges Intereſſe an Hochzeiten ſchon in der Wiege anfängt, verſprochen, mit ihnen zur Trauung zu gehen. Wahrhaftig, Mr. Sownds, der Kirchendiener, hat guten Grund, ſich in ſeinem Amte zu fühlen, wie er ſeine ſtattliche Ge⸗ ſtalt auf den Stufen der Kirche ſonnt und die Stunde der Feier⸗ lichkeit erwartet. Wahrhaftig, Mrs. Miff hat alle Urſache, über ein armes zwerghaftes Kind mit einem Rieſenſäugling, das zur Thür hereinguckt, herzufallen und es mit gewaltigem Zorne fort⸗ zujagen. Auch der Couſin Feenix war, blos um der Hochzeit beizu⸗ wohnen, aus dem Auslande nach England zurückgekehrt. Couſin Feenix war vor 40 Jahren ein Stutzer; aber er iſt noch ſo ju⸗ gendlich an Geſtalt und Benehmen, und ſo gut zugerichtet, daß Leute, die ihn nicht kennen, ſich wundern, wenn ſie kleine Falten in Seiner Herrlichkeit Geſicht und Krähenfüße um ſeine Augen entdecken. Aber Couſin Feenix, wenn er halb acht Uhr aufſteht, iſt ein ganz anderer Mann, als Couſin Feenix, wenn er zugerichtet Boz. Dombey u. Sohn. V. 9 — 130— iſt, und gar trübſelig ſieht er aus, während er ſich in Long's Ho⸗ tel, in Bond⸗Streeet, raſiren läßt. Mr. Dombey verläßt ſein Ankleidezimmer, während alle Weiber auf allen Treppen in allen Richtungen davon eilen, außer Mrs. Perch, die, da ſie wie immer guter Hoffnung iſ, nicht ſchnell genug iſt und ihm entgegentreten muß, und vor Verwirrung in die Erde verſinken möchte, während ſie vor ihm knirt.— Möge der Himmel alle üblen Folgen von dem Hauſe Perch abwen⸗ den! Mr. Dombey geht in den Salon, um die Stunde abzuwar⸗ ten. Prachtvoll iſt Mr. Dombey's neuer blauer Frack, ſeine reh⸗ farbenen Beinkleider und ſeine lilafarbige Weſte; und ein Ge⸗ flüſter geht durch das Haus, daß Mr. Dombey frifirt ſei. Ein Doppelſchlag meldete die Ankunft des Majors, der auch in voller Pracht iſt, und ein ganzes Geranium im Knopfloch trägt, und ſich das Haar hat ſorgfältig friſiren laſſen, wie der Eingeborene wohl weiß. Dombey! ſagt der Major und ergreift ſeine beiden Hände, wie geht's Ihnen? Major, ſagte Mr. Dombey, wie geht's Ihnen? Beim Zeus! Sir, ſagte der Major, Joe Bagſtock iſt heute Morgen in einer Stimmung, Sir— und hierbei ſchlug er ſich derb auf die Bruſt— in einer Stimmung, Sir, daß er auf Ehre halb Luſt hat, eine Doppelhochzeit zu machen und die Mutter zu nehmen. Mr. Dombey lächelte, aber ſelbſt für ihn nur gezwungen; denn Mr. Dombey fühlt, daß er bald ein Verwandter der Mutter — 11— ſein wird, und daß unter ſolchen Umſtänden nicht über ſie geſchezt werden darf. Dombey, ſagt der Major, als er dies ſieht, ich wünſche Ihnen Glück. Ich gratulire Ihnen, Dombey. Bei Gott, Sir, ſagte der Major, Sie ſind heute der beneidenswertheſte Mann in ganz England!— Auch hier ſtimmt Mr. Dombey nur bedingt bei, denn er i*ſt im Begriff, einer Dame eine große Auszeichnung zu erweiſen, und ohne Zweifel iſt ſie am meiſten zu beneiden. Was Edith Granger betrifft, Sir, fährt der Major fort, ſo giebt es kein Weib in ganz Europa, das nicht ſeine Ohren und auch ſeine Ohrringe hergäbe, um an Edith Granger's Stelle zu ſein.. Sie ſind ſehr gütig, Major, ſagte Mr. Dombey. Dombey, erwidert der Major, Sie wiſſen es. Nur keine falſche Delicateſſe. Sie wiſſen es. Wiſſen Sie es, oder wiſſen Sie es nicht, Dombey? ſagt der Major faſt leidenſchaftlich. O, ich bitte Sie, Major— Damme Sir! unterbricht ihn der Major, wiſſen Sie es, oder wiſſen Sie es nicht, Dombey? Iſt der alte Joe Ihr Freund? Stehen wir auf dem Fuß vertraulicher Freundſchaft, Dombey, daß ein Mann— ein alter geradezu ſprechender Joſeph B., Sir, — offen reden kann? Oder ſoll ich mich in meiner gewöhnlichen Entfernung halten, Dombey, und mich auf Formen ſteifen? Lieber Major, ſagte Mr. Dombey geſchmeichelt, Sie werden ganz warm. 9⸗ — 132— Bei Gott, Sir, ſagte der Major, ich werde warm. Joſeph B. läugnet es nicht, Dombey. Er iſt warm. Dies iſt ein Tag, Sir, der alle ſchönen Empfindungen wach ruft, die noch in einem alten, verteufelten, zuſammengeſchmiſſenen und verkrüppelten Joe Bag⸗ ſtockiſchen Leichname vorhanden ſind. Und ich will Ihnen etwas ſagen, Dombey,— an einem ſolchen Tage muß man herausplatzen mit ſeinen Gefühlen oder einen Maulkorb vornehmen; Bagſtock ſagt es Ihnen ins Geſicht, Dombey, wie er es ſeinem Club hinter Ihrem Rücken ſagt, daß er ſich nie etwas vor den Mund nehmen wird, wenn von Braut Dombey die Rede iſt. Nun, Sir, ſchloß der Major mit großer Entſchiedenheit, was meinen Sie dazu? Major, ſagte Mr. Dombey, ich verſichere Ihnen, daß ich Ihnen wirklich verbunden bin. Ich dachte nicht daran, Ihre zu parteiiſche Freundſchaft zurechtzuweiſen. Nicht zu parteiiſch! entgegnete der choleriſche Major. Dom⸗ bey, ich läugne das! Dann muß ich mindeſtens ſagen, Ihre Freundſchaſt, fuhr Mr. Dombey fort. Auch kann ich bei ſolchen Gelegenheiten wie heute nicht vergeſſen, Major, wie ſehr ich Ihnen verpflich⸗ tet bin. Dombey, ſagte der Major mit entſprechender Geberde, das iſt die Hand Joſeph Bagſtock', des einfachen Joe Bagſtock, oder wenn Ihnen das beſſer gefällt, das iſt die Hand, von der Sr. Königl. Hoheit, der ſelige Herzog von York, zu Sr. Königl. Hoheit, dem ſeligen Herzog von Kent, zu bemerken geruhten, daß es die Hand von Joſeph Bagſtock ſei, von einem derben, groben und — 133— vielleicht nicht ganz dummen Vagabunden. Dombey, möge der gegenwärtige Augenblick der glücklichſte unſeres Lebens ſein. Gott ſegne Sie! Jetzt tritt auch Mr. Carker ein, ebenfalls im vollen Glanze und lächelnd wie ein Hochzeitsgaſt. So theilnehmend iſt er, daß er kaum Mr. Dombey's Hand loslaſſen kann; und des Majors Hand ſchüttelt er ſo herzlich, daß auch ſeine Stimme bebt im Tact mit den Armen. Der Tag beginnt glückverkündend, ſagt Mr. Carker, das heiterſte und herrlichſte Wetter! Ich hoffe, ich komme keinen Au⸗ genblick zu ſpät! Pünktlich auf die Minute, Sir, fagte der Major. Das freut mich, ſagte Mr. Carker. Ich fürchtete ſchon, ein paar Secunden nach der beſtimmten Zeit zu kommen, denn ich wurde von einem Zug Wagen aufgehalten, und nahm mir die Freiheit, mich erſt nach Brook⸗Street zu verfügen, um ein paar Blumen für Mrs. Dombey abzugeben. Ein Mann in meiner Stellung, der mit einer Einladung zu einem ſolchen Feſte beehrt wird, muß es als eine Schuldigkeit betrachten, eine Hul⸗ digung als Zeichen ſeiner Unterthänigkeit darzubringen, und da Mrs. Dombey mit koſtbaren und prachtvollen Sachen jedenfalls überſchüttet iſt,— er ſagte dies mit einem ſeltſamen Blick auf ſeine Dame,— ſo hoffe ich, wird ſchon die Beſcheidenheit mei⸗ nes Geſchenkes bewirken, daß man es mit günſtigen Augen anſieht. Mrs. Dombey, meine zukünftige Gemahlin, erwiderte Mr. Dombey herablaſſend, iſt Ihnen ſicherlich ſehr erkenntlich für Ihre Aufmerkſamkeit, Carker. — 134— Und wenn ſie heute früh noch Mrs. Dombey werden ſoll, ſagte der Major, indem er ſeine Kaffeetaſſe hinſetzte und nach der Uhr ſah, ſo iſt es hohe Zeit, daß wir gehen! Hierauf fahren Mr. Dombey, Major Bagſtock und Mr. Carker in einer Barouche nach der Kirche. Mr. Sownds, der Kirchendiener, iſt ſchon lange aufgeſtanden von den Stufen und erwartet ſie mit dem dreieckigen Hut in der Hand. Mrs. Miff knixt und will Stühle in die Sakriſtei bringen. Mr. Dombey zieht es vor, in der Kirche zu bleiben. Wie er nach der Orgel hinaufſieht, verbirgt ſich Mr. Tox auf der Galerie hinter dem dicken Beine eines Engels auf einem Grabdenkmale, mit Backen wie ein junger Wind. Capitain Cuttle dagegen ſteht auf und winkt mit ſeinem Haken zum Gruß und zur Ermuthigung. Mr. Toots, die Hand vor den Mund haltend, benachrichtigt das Hühn⸗ chen, daß der mittelſte Herr in den rehfarbenen Beinkleidern der Vater ſeiner Geliebten ſei. Das Hühnchen flüſtert Mr. Toots heimlich zu, daß er der ſteifſte Kerl ſei, den er je geſehen, aber daß es der edlen Kunſt des Boxens gegeben ſei, ihn mit einem Schlag unter die Weſte zuſammenknicken zu machen. Mr. Sownds und Mrs. Miff ſehen Mr. Dombey aus ei⸗ niger Entfernung an, als man draußen das Raſſeln eines nahen Wagens vernimmt, und Mr. Sownds geht hinaus. Als Mrs. Miff Mr. Dombey's Auge begegnet, das ſich von dem vorwitzi⸗ gen Wahnſinnigen auf der Galerie, welcher ihn mit ſo großer Höflichkeit begrüßt, wegwendet, macht ſie einen Knix und ſagt ihm, ſie glaube, ſeine Frau Gemahlin ſei gekommen. Dann — 135— hört man draußen vor der Thüre Gedränge und Geflüſter und die Frau tritt ſtolzen Schritts herein. Keine Spur von den Leiden der vergangenen Nacht iſt auf ih⸗ rem Geſicht zu erblicken. Keine Spur iſt zu ſehen in ihrem Beneh⸗ men von dem knieenden Weibe, das ſein ſchweres Haupt in an⸗ muthiger Nachläſſigkeit auf das Kiſſen des ſchlummernden Mäd⸗ chens gelegt. Das Mädchen ſteht in einfacher Lieblichkeit an ihrer Seite, ein ſchlagender Gegenſatz zu der ſtolzen und heraus⸗ fordernden Geſtalt, wie ſie daſteht, gefaßt, aufrecht, unerforſch⸗ lich, glänzend in der Pracht ihrer Reize, aber die Bewunderung, welche ſie erwecken, ſtolz verſchmähend. Eine Pauſe tritt ein, während Mr. Sownds, der Kirchen⸗ diener, in die Sakriſtei geht, um den Geiſtlichen und den Küſter zu holen. In dieſem Augenblick redet Mrs. Skewton Mr. Dombey an, deutlicher und nachdrücklicher als ihre Gewohnheit iſt und dicht an Edith herantretend. Theuerſter Dombey, ſagte die gute Mutter, ich fürchte, ich muß doch der lieben Florentine entſagen und ſie nach Hauſe ge⸗ hen laſſen, wie Sie es wünſchen. Nach dem heutigen Verluſte, theuerſter Dombey, wird es mir ſelbſt für ſie an Stimmung fehlen! Wäre es nicht beſſer, wenn ſie bei Ihnen bliebe? erwiderte der Bräutigam. Ich glaube nicht, theuerſter Dombey. Nein, ich glaube nicht. Ich werde beſſer auskommen, wenn ich allein bin. Außer⸗ dem wird meine theuerſte Edith nach ihrer Rückkehr ihre natür⸗ lichſte und beſtändigſte Beſchützerin ſein, und ich glaube, es iſt — 136— vielleicht beſſer, ihr nicht vorzugreifen. Sie könnte eiferſüchtig werden. Nicht wahr, theuerſte Edith? Die zärtliche Mutter drückte den Arm der Tochter, als ſie das ſagte, vielleicht um ihre Aufmerkſamkeit rege zu erhalten. Im Ernſte, lieber Dombey, fuhr ſie fort, ich will der Ge⸗ ſellſchaft des lieben Kindes entſagen und ſie nicht mit meiner Melancholie anſtecken. Wir haben dies eben abgemacht. Sie iſt vollkommen damit einverſtanden, lieber Dombey. Liebe Edith — ſie iſt vollkommen damit einverſtanden. Abermals drückte die gute Mutter den Arm ihrer Tochter. Mr. Dombey macht keine Einwendungen weiter, denn der Geiſt⸗ liche und der Küſter erſcheinen; und Mrs. Miff und Mr. Sownds, der Kirchendiener, weiſen der Geſellſchaft ihre Plätze an dem Gitter des Altarplatzes an. Wer giebt dieſe Frau dieſem Manne zum Weibe? Das thut Couſin Feenix. Er iſt zu dieſem Zwecke von Ba⸗ den⸗Baden herüber gekommen. Mein Gott, ſagte Couſin Feenix — ein gutmüthiger Kerl, der Couſin Feenir— wenn wir einen reichen City⸗Mann in die Familie bekommen, ſo wollen wir ihn wenigſtens einige Aufmerkſamkeit beweiſen, wir wollen etwas für ihn thun. Ich gebe dieſe Frau dieſem Manne zum Weibe, ſagte des⸗ halb Couſin Feenix. Couſin Feenix, der geradeaus gehen will, aber wegen ſeiner widerſpenſtigen Beine ſich ſeitab verirrt, giebt zuerſt die Falſche dem Manne zum Weibe, nämlich eine Brautführerin von Stande, eine entfernte Verwandte der Familie, und zehn Jahre jünger, als —— — 137— Mrs. Skewton— aber Mrs. Miff weiß ihm ſehr geſchickt in den Weg zu treten, und ſchiebt ihn, wie auf Rädern, auf die Braut zu, welche er hierauf dieſem Manne zum Weibe giebt. Und wollen ſie, Angeſichts des Himmels—? Ja, ſie wollen: Mr. Dombey ſagt, er wolle. Und was ſagt Edith? Sie will. So ſchwören ſie von dieſem Tage an ſich Treue in Glück und Unglück, in Reichthum und Armuth, in Geſundheit und Krankheit, ſich zu lieben und zu pflegen, bis der Tod ſie trennt, und ſind verheirathet. Mit feſter, ſicherer Hand ſchreibt die junge Frau ihren Na⸗ men in das Kirchenbuch, nachdem ſie ſich in die Sakriſtei begeben. Nicht viele Damen, die hierher gekommen ſind, ſagt Mrs. Miff mit einem Knix, haben ihre Namen ſo geſchrieben, wie die! Mr. Sownds, der Kirchendiener, ſpricht die Meinung aus, es ſei eine wackere Unterſchrift und der Schreiberin würdig,— das hatte er aber nur mit ſeinem Gewiſſen abzumachen, denn er ſagte es für ſich. Auch Florentine unterſchreibt, aber ohne Beifall, denn ihre Hand zittert. Alle übrigen unterſchreiben ſich, und zuletzt Couſin Feenix, der ſeinen hochadeligen Namen in eine falſche Spalte ſchreibt und ſich, als am heutigen Tage geboren, einzeichnet. Der Major küßt jetzt die Braut mit galanter Keckheit und wendet dieſen Zweig militairiſcher Taktik auf alle Damen an, obgleich Mrs. Skewton ſich außerordentlich ſträubt und in den heiligen Hallen ein gellendes Geſchrei ertenen läßt. Dieſem Bei⸗ ſpiele folgt Couſin Feenix und ſelbſt Mr. Dombey. Zuletzt nä⸗ hert ſich Mr. Carker, die weißen und glänzenden Zähne zeigend, — 138— der Braut, mehr als wolle er ſie beißen, anſtatt die Süßigkeit ihrer Lippen zu koſten. Eine Röthe fliegt über ihre ſtolze Wange und ihre Augen flammen, als wollte ſie ihn damit fern halten; aber er läßt ſich nicht irre machen, denn er küßt ſie wie die übrigen und wünſcht ihr alles mögliche Glück. Wenn Wünſche in Bezug auf eine folche Verbindung nicht überflüſſig ſind, fügt er leiſe hinzu. Ich danke Ihnen, ſagt ſie mit zuſammengezogener Lippe und auf und ab fliegendem Buſen. Aber fühlt Edith immer noch, wie an dem Abend, wo ſie wußte, daß Mr. Dombey am nächſten Tag um ihre Hand anhal⸗ ten würde, daß Carker ſie durch und durch kennt und daß ſie durch ſein Kennen mehr erniedrigt wird, als durch alles Andere? Schrumpft deshalb ihr. Stolz zuſammen vor ſeinem Lächeln, wie Schnee in der Hand, die ihn feſt zuſammendrückt? Sinkt deshalb ihr gebieteriſcher Blick zu Boden, wenn ſie ſeinem Auge begegnet? Es erfüllt mich mit Stolz, daß Mrs. Dombey an meiner beſcheidenen Gabe Gefallen gefunden hat und daß ſie bei einer ſo freudenvollen Angelegenheit einen ſo beneidenswerthen Platz ein⸗ nehmen darf, ſagt Mr. Carker mit unterthänig gekrümmtem Rücken, obgleich Augen und Zähne ſeine Demuth zur Lüge machen.— Sie verbeugt ſich als Antwort auf das Compliment, aber ihre Hand zuckt, faſt als wollte ſie die Blumen zerdrücken und ſie verachtungsvoll zu Boden werfen. Doch ſie giebt ihrem neuen — 435— Gatten, der unterdeſſen mit dem Major geſprochen hat, den Arm, und iſt wieder ſtolz, ruhig und ſtumm. Wieder warten die Wagen an der Kirchthüre. Mr. Dom⸗ bey führt ſeine Frau durch die zwanzig Familien kleiner Mädchen vor der Thüre, deren jedes von dieſem Augenblicke an Form und Farbe jedes einzelnen Kleidungsſtückes im Kopfe hat und an ihrer Puppe nachahmt, die immer heirathet. Cleopatra und Couſin Feenix ſteigen in denſelben Wagen. Der Major hebt Florentinen und die Brautführerin, welche bei⸗ nahe aus Mißverſtändniß getraut worden wäre, in die zweite Kutſche, und ſteigt dann ſelbſt ein, und hinter ihm Mr. Carker. Die Pferde ſtampfen und ſcharren; Kutſcher und Bediente glän⸗ zen in hochzeitlichen Schleifen, Blumen und neuen Livreen. Bald eilen ſie dann rollend durch die Straßen; und wie ſie vorüber⸗ raſſeln, wenden ſich tauſend Köpfe nach ihnen um, und tauſend nüchterne Moralprediger rächen ſich an ihrem eheloſen Stand mit dem Gedanken, daß dieſes Paar heute keine Ahnung hat, wie dieſes Glück nicht dauern kann. Miß Tox tritt hinter dem Beine des Engels hervor, als Alles ſtill ſitzt, und verläßt langſam die Galerie. Die Augen der Miß Toyx ſind roth und ihr Taſchentuch iſt feucht. Sie iſt verletzt, hegt aber keinen Zorn und hofft, daß ſie glücklich mit einander leben werden. Sie giebt willig die Schönheit der jungen Frau zu und ihre eigenen verhältnißmäßig ſchwachen und verwelkten Reize; aber das ſtattliche Bild Mr. Dombey's in der Lila⸗Weſte und den rehfarbigen Beinkleidern tritt wieder vor ihre Seele und Miß Tox weint ſtill hinter ihrem Schleier, 140 wie ſie nach Hauſe geht. Capitain Cuttle, der alle Amen und Reſponſorien mit einem frommen Geſumme wiederholt, fühlt ſich durch die Feierlichkeit ſehr erhoben und geht in friedlicher Gemüths⸗ ſtimmung durch die Kirche, in der Hand den lackirten Hut, und lieſt die Grabſchrift des kleinen Paul. Der lieberfüllte Mr. Toots, begleitet von dem treuen Hühnchen, verläßt das Haus, von Liebesqual zerriſen. Das Hühnchen iſt vor der Hand noch außer Stande, einen Plan, Florentinen zu gewinnen, zu finden. Aber ſein erſter Gedanke hat ſich ſeiner bemächtigt, und er meint, Mr. Dombey zu Boden zu ſchlagen ſei ein Schritt in der rech⸗ ten Richtung. Mr. Dombey’ Dienerſchaft tritt aus ihrem Verſteck hervor und will nach Brook⸗Street eilen, aber Alle wer⸗ den aufgehalten, weil es Mrs. Perch ſchlimm wird und ſie ein Glas Waſſer verlangt; doch Mrs. Perch erholt ſich bald wieder und wird fortgebracht; und Mrs. Miff und Mr. Sownds, der Kirchendiener, ſetzen ſich auf die Stufen, um ihren Verdienſt zu zählen, während der Unterküſter zu einem Begräbniß läutet. Jetzt halten die Wagen vor der Wohnung der Braut, und die Glocken fangen an zu läuten und das Blasinſtrumentcorps ſpielt, und Mr. Punch, dies Muſterbild ehelichen Glücks, küßt ſeine Frau. Die Leute laufen herbei und drängen ſich gaffend heran, während Mr. Dombey die Braut in die Ahnenhallen der Feenixe einführt. Alsdann ſteigen die andern Hochzeitgäſte aus und folgen ihm. Und warum denkt Mr. Carker, wie er ſich durch das verſammelte Volk drängt, an die Alte, die er an jenem Morgen im Wäldchen traf? Oder warum denkt Florentine zitternd an ihre Kinderjahre, wo ſie ſich verlaufen hatte, und an das Geſicht der guten Mrs. Brown? Jetzt kommen noch mehr Glückwünſche zu dem glücklichſten der Tage, und noch mehr Gäſte, obgleich nicht viele; und jetzt verlaſſen ſie den Salon und reihen ſich um die Tafeln in dem dunkelbraunen Speiſeſaal, den kein Conditor heiterer machen konnte, mochte er die erſchöpften Mohren mit ſo viel Blumen und Liebesknoten ſchmücken, als er wollte. Der Paſtetenbäcker hat jedoch ſeine Pflicht gethan wie ein Mann, und ein glänzendes Frühſtück bedeckt die Tafel. Neben andern Gäſten ſind jetzt auch Mr. und Mrs. Chick gekommen. Mrs. Chick iſt voll Bewunderung, daß Edith ſchon von Natur eine ſo vollkommene Dombey iſt, und zeigt ſich herablaſſend und vertraulich gegen Mrs. Skewton, deren Gemüth von einer großen Laſt befreit iſt und die ihren Theil Champagner trinkt. Der ſehr ſchlanke Jüngling, der vorher an Aufregung litt, befindet ſich beſſer; aber ein dunkles Gefühl der Reue hat ſich ſeiner bemäch⸗ tigt, und er haßt den andern ſchlanken Jüngling, und reißt ihm Schüſſeln aus den Händen und macht ſich ein malitiöſes Vergnü⸗ gen daraus, die Gäſte ſchlecht zu bedienen. Dieſe ſind ſtill und froſtig und machen den altersgrauen Wappen, die auf ſie herab⸗ ſehen, durch ein Uebermaß von Heiterkeit keine Schande. Couſin Feenix und der Major ſind die Fröhlichſten; aber Mr. Carker hat ein Lächeln für die ganze Tafel. Ein Extralächeln hat er noch für die Braut, die ihn ſehr, ſehr ſelten anſieht. Nach dem Frühſtück, und als die Bedienten das Zimmer verlaſſen, erhebt ſich Couſin Feenix, und er ſieht gar wunderbar jung aus mit den weißen Manſchetten, die faſt die ganze Hand 142² bedecken(ſonſt hätte man ihre Magerkeit geſehen), und der Cham⸗ pagnerröthe auf den Wangen. Auf Ehre, ſagt Couſin Feenix, obgleich es faſt ungewöhn⸗ lich iſt im Hauſe eines Privatmannes, muß ich doch um Erlaub⸗ niß bitten, einen— ah— ha— einen Toaſt ausbringen zu dürfen. Der Major giebt mit ſehr heiſerer Stimme ſeine Beiſtim⸗ mung zu erkennen. Mr. Carker beugt ſich mit dem Kopf über den Tiſch nach der Richtung, wo Couſin Feenix ſitzt, und lächelt und nickt viele Male. Ah— ha— in der That, es iſt nicht— ah— ha— beginnt Couſin Feenix von neuem und bleibt ſtecken. Hört, hört! ruft der Major mit tiefer Ueberzeugung. Mr. Carker klatſcht leiſe, beugt ſich wieder über den Tiſch, lächelt und nickt noch viele Male mehr als vorhin, als ob dieſe letzte Bemerkung vielen Eindruck auf ihn mache, und als ob er ſeiner Anerkennng des Guten, das ſie in ihm gewirkt, Ausdruck zu geben wünſche. 3 Es iſt in der That eine Gelegenheit, ſagt Couſin Feenix, wo man, ohne gegen die gute Sitte zu verſtoßen, von dem gewöhn⸗ lichen Brauch der Welt ein wenig abweichen darf; und obgleich ich niemals in meinem Leben ein Redner war, und als ich im Unterhauſe ſaß und die Ehre hatte, die Adreſſe zu unterſtützen— hm— hm— ja— vierzehn Tage im Bett lag, in Folge mei⸗ nes Durchfallens— So vielen Spaß macht dem Major und Mr. Carker dieſes — 143— Fragment ſeiner Erinnerungen, daß Couſin Feenix lacht und zu ihnen ſich wendend fortfährt: Und in der That hölliſch krank war— ſo fühle ich dennoch, daß ich hier eine Pflicht zu erfüllen habe. Und wenn ein Eng⸗ länder eine Pflicht zu erfüllen hat, ſo liegt es ihm meiner Mei⸗ nung nach ob, ſich ſo gut es geht durchzuhelfen. Nun alſo! Unſere Familie hat heute die große Freude gehabt, ſich in der Perſon meiner liebenswürdigen und hochgebildeten Coutſine, die ich hier vor mir ſehe— Hier ertönt allgemeiner Beifall. Vor mir ſehe, wiederholt Couſin Feenix, mit einem Manne zu verbinden, das heißt mit einem Manne, auf den der Finger der Verachtung nie— kurz, mit meinem ehrenwerthen Freund Dom⸗ bey, wenn er mir erlaubt ihn ſo zu nennen. Couſin Feenix verbeugt ſich gegen Mr. Dombey; Mr. Dom⸗ bey erwidert den Gruß feierlich; Alle ſind mehr oder weniger ge⸗ rührt von dieſer ungewöhnlichen und vielleicht noch nie vorgekom⸗ menen Wendung, mit der Couſin Feenix ſich an ihr Gemüth wendete. Ich habe nicht ſo viel Gelegenheit gehabt, als ich gewünſcht hätte, ſagte Couſin Feenix, meines Freundes Dombey Bekannt⸗ ſchaft zu cultiviren und die Eigenſchaften zu ſtudiren, die ſeinem Kopf und gewiß auch ſeinem Herzen ſo viel Ehre machen; denn es iſt ſtets mein Mißgeſchick geweſen, wie wir zu meiner Zeit im Unterhaus zu ſagen pflegten, wo es nicht Sitte war, die Lords zu nennen, und wo parlamentariſcher Anſtand vielleicht beſſer be⸗ obachtet wurde, als jetzt— an— an— an einem andern Ort — 144— zu ſein! platzte Couſtn Feenix heraus, froh einen Witz gemacht zu haben. Der Major bekam Krämpfe und erholte ſich erſt nach langen Anſtrengungen. Aber ich kenne meinen Freund Dombey hinreichend, fährt der Couſin Feenix in ernſterem Tone fort, um zu wiſſen, daß er in der That ein Kaufmann, ein britiſcher Kaufmann— und ein— und ein Ehrenmann im höchſten Sinne des Worts iſt. Und obgleich ich einige Jahre auf dem Continent gelebt habe iich würde mit großem Vergnügen meinen Freund Dombey und alle Anweſenden in Baden⸗Baden empfangen und dem Großherzog vorſtellen), ſo ſchmeichle ich mir doch, meine liebenswürdige und hochgebildete Couſine in ſo weit zu kennen, daß ſie jede Eigen⸗ ſchaft beſitzt, einen Mann glücklich zu machen, und daß ihre Ver⸗ bindung mit meinem Freund Dombey auf der ſoliden Grundlage gegenſeitiger Zuneigung ruht. Mr. Carker wurde höchſt eifrig in ſeinem Nicken und Lächeln. Deshalb, ſagte Couſin Feenix, wünſche ich der Familie, deren Mitglied ich bin, Glück zu dem Zuwachs, der ihr durch meinen Freund Dombey geworden iſt. Ich wünſche meinem Freund Dombey Glück zu ſeiner Verbindung mit meiner liebens⸗ würdigen und hochgebildeten Couſine, die alle Eigenſchaften, einen Mann glücklich zu machen, beſitzt; und ich erlaube mir, Sie ei⸗ gentlich alle aufzufordern, meinem Freund Dombey und meiner liebenswürdigen und hochgebildeten Couſine zu dem heutigen Tage Glück zu wünſchen. * 4 — 145 Die Rede wurde mit großem Beifall aufgenommen und Mr. Dombey bedankte ſich für ſich und Mrs. Dombey. J. B. trank kurz darauf Mrs. Skewton's Wohl. Darauf wurde es ſtiller beim Frühſtück, die verletzten Wappen ſind gerächt, und Edith ſteht auf, um ihre Reiſekleider anzulegen. Die Dienerſchaft hatte unterdeſſen unten gefrühſtückt. Champagner war bei ihnen ſo gemein, daß er gar nicht mehr der Erwähnung werth war, und gebratenes Geflügel, Paſteten und Hummerſalat ſind alltägliche Dinge. Der ſehr ſchlanke Jüngling iſt wieder bei beſſerer Laune und ſpricht wieder von„Aufreißung.“ Seines Kameraden Auge wetteifert mit ſei⸗ nem und auch er ſtarrt die Umgebung an, ohne die einzelnen Ge⸗ genſtände recht zu erkennen. Auf den Geſichtern der Damen herrſcht eine allgemeine Röthe, hauptſächlich auf dem Antlitz der Mrs. Perch, die außerordentlich heiter und glücklich und über die Sorgen des Lebens ſo erhaben war, daß, wenn ſie in dieſem Au⸗ genblick Jemand nach dem Weg nach Balls Pond, wo ihre Sor⸗ gen wohnten, gefragt hätte, ſie ſich nicht ohne einige Schwierigkeit auf den Weg hätte beſinnen können. Mr. Towlinſon hatte das glückliche Ehepaar betoaſtet; der weißköpfige Tafeldecker antwortet mit Gewandtheit und Rührung darauf, denn er iſt ſchon halb überzeugt, er ſei wirklich ein altes Erbſtück des Hauſes, und ſei ver⸗ pflichtet, bei derartigen Schickſalswechſeln gerührt zu ſein. Die ganze Geſellſchaft und hauptſächlich die Damen ſind ſehr luſtig. Mr. Dombey's Köchin, gewöhnlich die leitende Perſon des kleinen Kreiſes, meint, es ſei unmöglich, für den Abend ruhig zu Hauſe zu bleiben, und ob ſie nicht Alle zuſammen ins Theater gehen Boz. Dombey u. Sohn, V. 10 — 146— wollten? Jedermann(auch Mrs. Perch) iſt damit einverſtanden; ſelbſt der Eingeborene, der vom Weine wild wird und die Damen (hauptſächlich Mrs. Perch) durch ſeine rollenden Augen in Schrecken ſetzt. Einer der ſehr ſchlanken Jünglinge ſchlägt ſogar nach dem Theater ein Tänzchen vor, und Niemand(ſelbſt nicht Mrs. Perch) betrachtet das als eine Unmöglichkeit. Zwiſchen dem Stubenmädchen und Mr. Towlinſon iſt ein kleiner Streit entſtanden; ſie behauptet, geſtützt auf ein altes Sprichwort, daß Ehen im Himmel geſchloſſen würden; er will lieber ihre Entſte⸗ hung anders wo ſuchen und meint, ſie ſage das nur, weil ſie ſelber zu heirathen hoffe; ſie ſagt dagegen: Gott behüte mich jedenfalls, daß ich Sie zum Mann kriege. Um die keimende Flamme des Zanks zu erſticken, ſteht der weißköpfige Tafeldecker auf, um auf das Wohl Mr. Towlinſon's zu trinken, den zu kennen ihn achten heiße, und den zu achten den Wunſch hegen heiße, ihn mit dem Gegen⸗ ſtand ſeiner Wahl verbunden zu ſehn, wer dies immer ſein möge(hier⸗ bei ſieht der Tafeldecker das Stubenmädchen an). Mr. Towlinſon ſpricht ſeinen Dank in einer gefühlvollen Rede aus, deren Schluß von Fremden ſpricht, die, wie er meint, wohl manchmal Gnade finden könnten vor thörichten und unbeſtändigen Herzen, die ſich durch einen Ueberfluß von Haar gewinnen ließen, daß ſeine einzige Hoffnung aber ſei, von keinem Fremden zu hören, der nicht etwas aus einem Reiſewagen geklemmt hätte. Das Auge Mr. Towlinſon's wird hier ſo geſtreng und ausdrucksvoll, daß das Stubenmädchen im Begriff ſteht, Krämpfe zu bekommen, als die ganze Geſellſchaft auf die Nachricht, daß die junge Frau abreiſe, hinaufeilt, um Zeuge ihrer Abfahrt zu ſein. — 147— Aeuehgen ſteht vor der Thüre; die junge Frau erſcheint in der Vorhalle, wo Mr. Dombey ſie erwartet. Florentine ſteht ebenfalls reiſefertig auf der Treppe, und Miß Nipper, die eine Mittelſtellung zwiſchen Parlour und Küche eingenommen hat, ſoll ſie begleiten. Als Sdith erſcheint, eilt Florentine ihr entgegen, um ihr Lebewohl zu ſagen. Friert Edith, daß ſie zittert? Hat die Berührung Florenti⸗ nens etwas Unnatürliches und Ungeſundes, daß die ſchöne Geſtalt ſcheu zurückweicht, als könnte ſie dieſelbe nicht ertragen? Iſt die Abreiſe ſo eilig, daß Edith mit einer grüßenden Handbewegung vorüberrauſcht und verſchwunden iſt? Von ihrem Muttergefühl überwältigt ſinkt Mrs. Skewton in ihrer Cleopatraſtellung auf das Sopha, als das Rollen des Wa⸗ gens ſich in der Ferne verliert, und vergießt unterſchiedliche Thränen. Der Major, der mit der übrigen Geſellſchaft von Tiſch kommt, verſucht ſie zu tröſten; aber ſie will durchaus nicht getröſtet ſein, und der Major muß ſie verlaſſen. Couſin Feenix verabſchiedet ſich, und auch Mr. Carker. Die Gäſte gehen alle. Cleopatra iſt etwas wirr im Kopfe von der Gemüthsbewegung, und ſie ſchläft ein. Wirre Köpfe giebt es auch unten. Der ſehr ſchlanke Jüngling, der ſo früh aufgeregt war, iſt mit dem Kopfe wie an⸗ genagelt an den Tiſch in der Speiſekammer und iſt nicht loszu⸗ kriegen. Eine gewaltige Umwandlung hat in Mrs. Perch ſtatt⸗ gefunden, ſie iſt melancholiſch über Mr. Perch und ſagt der Kö⸗ chin, ſie fürchte, er ſei nicht mehr ſo häuslich wie früher, wo ihrer blos neun waren. Mr. Towlinſon klingt es in den Ohren und 10* 8 ———— — 148— ein großes Rad geht ihm im Kopf herum. Das Stubenmädchen meinte, es ſei keine Sünde, ſich den Tod zu wünſchen. Auch herrſcht in dieſen untern Regionen eine allgemeine Täuſchung hinſichtlich der Zeit. Jeder meint, es müſſe mindeſtens zehn Uhr Abends ſein, während es noch nicht drei Uhr Nachmit⸗ tags iſt. Eine dunkle Ahnung begangener Unthat beſchwert die Seele jedes Einzelnen, und Jeder hält den Andern für einen Ge⸗ noſſen in der Schuld, den zu meiden das Beſte ſei. Keiner iſt ſo kühn, den verabredeten Beſuch des Theaters zu erwähnen. Wer auf das Tänzehen nur anſpielen wollte, würde verhöhnt worden ſein als ein heimtückiſcher Narr. Zwei Stunden ſpäter ſchlief Mrs. Skewton noch oben, und in der Küche werden ebenfalls noch einige Schläfchen gemacht. Die Wappen im Speiſeſaal blicken herab auf Brocken, ſchmutzige Teller, Weinflecken, halbgeſchmolzenes Eis, abgeſtandene Neigen, Hummerſchalen, Geflügelknochen und nachdenkliche Gelées, die ſich allmäͤhlich zu einer lauwarmen Gummiſuppe auflöſen. Die Hochzeit iſt jetzt ihres Glanzes und ihrer Feſtlichkeit faſt ſchon ſo entkleidet, wie das Frühſtück. Mr. Dombey's Die⸗ nerſchaft moraliſirt beim frühzeitigen Thee ſo ſehr darüber und iſt ſo reuig geſtimmt, daß um acht Uhr Alles bußfertig und zer⸗ knirſcht iſt; und Mr. Perch, der um dieſe Zeit aus der City kommt, ganz friſch und luſtig, und ausgerüſtet mit einer weißen Weſte und einem luſtigen Liede, und geſonnen, ſich noch einen fidelen Abend zu machen, wird zu ſeiner Verwunderung kalt em⸗ pfangen und findet Mrs. Perch nicht beſonders geſtimmt, und +½——,———— — 149— ſieht ſich zuletzt in die angenehme Nothwendigkeit verſetzt, dieſe Dame mit dem nächſten Omnibus nach Hauſe zu ſchaffen. Die Nacht bricht an. Florentine durchwandert das ſchöne Haus und alle Zimmer, und zieht ſich dann in ihr Zimmer zu⸗ rück, wo Ediths Sorgfalt ſie mit Luxus und Comfort umgeben hat. Nachdem ſie hier ihr feſtliches Kleid ausgezogen, legt ſie wieder die einfache Trauer um ihren lieben Paul an und ſetzt ſich nieder um zu leſen, während Diogenes neben ihr auf der Erde blinzelt. Aber Florentine kann heute Abend nicht leſen. Das Haus erſcheint ihr fremd und neu, und laute Echo's hallen durch die Gemächer. Ein Schatten ruht über ihrem Herzen; ſie weiß nicht warum, aber es iſt ſchwer. Florentine macht das Buch zu, und Diogenes, der das für ein Signal hält, legt ſeine Pfoten ihr auf den Schooß und reibt ſich den Kopf an ihren liebkoſenden Händen. Aber Florentine kann ihn bald nicht ordentlich mehr ſehen, denn zwiſchen ihren Augen und ihm ſchwebt ein Nebel und ihr todter Bruder und ihre todte Mutter glänzen wie Engel durch den Schleier. Und auch Walter, der arme ſchiffbrüchige Wan⸗ derer, wo iſt er? Der Major weiß es nicht, das iſt gewiß, und kümmert ſich auch nicht darum. Nachdem der Major den ganzen Nachmittag gewürgt und geſchlummert hat, hat er ein ſpätes Diner in ſeinem Club zu ſich genommen, und ſitzt jetzt bei ſeiner Flaſche Wein. Einen beſcheidenen jungen Mann mit munterm Geſicht am näch⸗ ſten Tiſch(er gäbe eine ſchöne Summe Geld, wenn er aufſtehen und fortgehen könnte, aber er kann es nicht) bringt er faſt zum Verrücktwerden mit Aneldoten von Bagſtock, Sir, auf Dom⸗ — 150 bey's Hochzeit, und des alten Joe verteufelt gentlemänniſchem Freund Lord Feenix. Couſin Feenix aber, der längſt in Long's Hotel und im Bett ſein ſollte, findet ſich am Spieltiſch wieder, wohin ihn wahrſcheinlich gegen ſeinen Willen ſeine widerſpenſti⸗ gen Beine gebracht hatten. Wie ein Rieſe erfüllt die Nacht die Kirche, vom Fußboden bis zum Dach, und herrſcht dort während der ſchweigenden Stunden. Die blaſſe Dämmerung lugt wieder zum Fenſter herein und ſieht die Nacht ſich in die Grüfte zurückziehen, und folgt ihr, und ver⸗ jagt ſie, und verſteckt ſich unter den Todten. Die ſchüchternen Mäuſe drängen ſich wieder zuſammen, wenn die Kirchthüre raſſelnd ſich öffnet und Mr. Sownds und Mrs. Miff in Ausübung ihrer täglich wiederkehrenden Pflichten hereintreten. Viele ſtehen da in dreieckigen Hüten und knappen Mützen während der Trauung im Hintergrund; und wieder nimmt dieſer Mann dieſes Weib, und dieſes Weib nimmt dieſen Mann unter der feierlichen Bedingung: „Ihn zu beſitzen und zu behalten von dieſem Tage an, in Glück und Unglück, in Reichthum und Armuth, in Geſundheit und Krankheit, ihn zu lieben und werth zu halten, bis der Tod ſie trennt.“ Dieſelben Worte, welche Mr. Carker mit grinſendem Munde vor ſich hin ſagt, wie er langſam und vorſichtig den Weg aus⸗ ſuchend in die Stadt reitet. Schuellpreſſendruck von Fr. Nies in Leipzig ——