B 63“ Sämmtliche Werke. Einundſechzigſter Theil. Dombey und Sohn. —— 560— Feipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1847. Dombey und Sohn von Boz(Bickens). Aus dem Engliſchen von Julius Seybt. Mit Federzeichnungen von Hablot K. Browne. Vierter Theil. Feipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1847. Zwanzigſtes Kapitel. Mr. Dombey macht eine Reiſe. Mr. Dombey, Sir, ſagte Major Bagſtock, Joey Bagſtock iſt gewöhnlich kein ſentimentaler Mann, denn Joſeph iſt hart. Aber Joe hat auch ſein Gefühl, Sir, und wenn es ein mal geweckt iſt — Damme, Mr. Dombey, unterbrach ſich der Major heftig, das iſt Schwäche, und ich will mich nicht von ihr überwältigen laſſen!— Mit dieſen Worten empfing Major Bagſtock Mr. Dombey als ſeinen Gaſt oben an der Treppe ſeines Hauſes auf dem Prinzeſſinplatz. Mr. Dombey wollte, ehe ſie zuſammen die Reiſe antraten, bei dem Major frühſtücken; und der unglück⸗ ſelige Eingeborene hatte ſchon unſägliches Leid ertragen müſſen hinſichtlich der Muffins, während in Bezug auf die große Frage der harten Eier das Leben ihm eine Bürde war. Es ziemt ſich nicht für einen alten Veteranen, wie Bagſtock, bemerkte der Major in milderem Tone, ſich von ſeinen eigenen Gefühlen knechten zu laſſen; aber— Damme, Sir, ſtieß der — 6— Major plötzlich hervor, wieder in eine wildere Tonart übergehend, ich ſpreche Ihnen mein Beileid aus! Des Majors dunkelrothes Geſicht färbte ſich lebhafter, des Majors weitoffne Augen drängten ſich noch weiter hervor, als er Mr. Dombey die Hand ſchüttelte. Bei dieſer friedlichen De⸗ monſtration nahm er eine ſo herausfordernde Miene an, als wollte er gleich darauf anfangen, mit Mr. Dombey um tauſend Pfund und die Boxerehre Englands zu boxen. Mit einer dre⸗ henden Bewegung des Kopfes und einem Schnauben, das wie der Keuchhuſten eines Pferdes klang, führte der Major darauf ſeinen Gaſt in das Beſuchzimmer und bewillkommnete ihn dort(denn er hatte jetzt ſeine Faſſung wiedererlangt) mit der ungezwunge⸗ nen Vertraulichkeit eines Reiſegefährten. Dombey, ſagte der Major, freut mich Sie hier zu ſehen. Bin ſtolz Sie hier zu ſehen. Giebt nicht viele Menſchen in Europa, zu denen Joey Bagſtock das ſagen würde— aber Jo⸗ ſeph ſpricht gerade heraus, Sir!'s iſt ſein Charakter— aber Joey Bagſtock iſt ſtolz Sie hier zu ſehen, Dombey. Major, erwiderte Mr. Dombey, Sie ſind zu freundlich. Nein, Sir, ſagte der Major, beim Teufel nicht! Das iſt nicht mein Charakter. Wenn das Joe's Charakter geweſen wäre, ſo könnte er jetzt Generallieutenant, Sir Joſeph Bagſtock, K. C. B.*) ſein, und Sie in einem ganz anderen Quartier bei ſich ſehen. Ich ſehe ſchon, Sie kennen den alten Ioe noch nicht. Aber der heutige Tag iſt eine Quelle des Stolzes füur— *) Comthur des Bathordens. — 7— mich. Beim Himmel, Sir, ſagte der Major mit feierlicher Ent⸗ ſchiedenheit, es iſt ein Ehrentag für mich! In ſeinem Reſpect vor ſich ſelbſt und ſeinem Gelde fühlte Mr. Dombey, daß dies ſehr wahr ſei, und beſtritt es daher nicht. Aber die unwillkürliche Anerkennung dieſer Wahrheit von Seiten des Majors und ſeine offene Darlegung derſelben waren ſehr angenehm! Es war für Mr. Dombey eine Beſtätigung, wenn er eine brauchte, daß ihn der Major verſtand. Es gab ihm die Vekſicherung, daß ſich ſeine Macht über ſeine unmittelbare Um⸗ gebung hinaus erſtrecke, und daß der Major, ein Offizier und Gentleman, ſie nicht weniger anerkenne, als der Aufſeher in der königlichen Börſe. Und wenn es jemals tröſtlich war, dies oder Aehnliches zu wiſſen, ſo war dies jetzt der Fall, wo die Ohnmacht ſeines Wil⸗ lens, die Wandelbarkeit ſeiner Hoffnungen, die Nichtigkeit des Reichthums ihm ſo mächtig vor die Augen gerückt worden waren. Was das Geld bewirken könne, hatte ihn ſein Sohn gefragt. Manchmal, wenn er an die kindiſche Frage dachte, hatte er ſich ſelbſt fragen müſſen, was es bewirken könne, was es bewirkt habe?. Das aber waren Gedanken, die nur ſpät in der Nacht, wenn er in grollender Trauer daſaß, über ihn kamen, und ſein Stolz ließ ſich leicht beruhigen durch gegentheilige Betheuerungen, wahrhaft und unverdächtig, wie die des Majors. Mr. Dombey faßte in ſeiner Vereinſamung eine Neigung für den Major. Man kann gerade nicht ſagen, daß er warm gegen ihn wurde, aber er thaute 3 4 ein wenig auf. Der Major hatte einen Theil— keinen großen— -— an den Tagen im Seebade. Er war ein Weltmann und kannte einige vornehme Leute. Er ſprach viel und erzählte Geſchichten; und Mr. Dombey ſah in ihm einen der auserleſenen Geiſter, die in der Geſellſchaft glänzen, und der nicht den giftigen Flecken der Armuth, mit dem auserleſene Geiſter zu oft behaftet ſind, an ſich trug. Seine geſellſchaftliche Stellung war untadelhoft. Mit einem Worte, der Major war ein ganz vortrefflicher Reiſe⸗ gefährte, gewöhnt an das müßige Leben eines Weltmannes, wohl⸗ bekannt mit den Orten, welche ſie zu beſuchen gedachten, und ausgeſtattet mit einer gentlemänniſchen Glätte und Gewandtheit, die ſich neben ſeinem eigenen Citygepräge recht gut ausnahm und doch nicht damit rivaliſirte. Wenn Mr. Dombey eine leiſe Ahnung hatte, daß der Major, als ein Mann, den ſein Beruf geneigt machte, die erbarmensloſe Hand gering zu achten, welche ſeine Hoffnungen vernichtet, ihm unbewußt eine nützliche Lehre geben und ſeinen eitlen Schmerz vertreiben könnte, ſo verbarg er ſie vor ſich ſelbſt und ließ ſie ungeprüft auf dem Grunde ſeines Stolzes ruhen. Wo iſt mein Kerl? ſagte der Major, und ſah ſich zornig im Zimmer um. Der Eingeborene, der keinen beſondern Namen hatte, ſon⸗ dern auf jedes Schimpf⸗ oder Scheltwort gehorſam kam, erſchien ſogleich in der Thür und wagte nicht, näher zu treten. Du Schurke! ſagte der choleriſche Major, wo iſt das Frühſtück? Der Farbige verſchwand, um es zu holen, und man hörte ihn bald die Treppe in einer ſolchen Angſt heraufkommen, daß die Teller und Schüſſeln auf dem Präſentirbret, welches er in der Hand hielt, ſympathetiſch zitterten und klapperten. Dombey, ſagte der Major, indem er den tafeldeckenden Eingeborenen überwachte und ihm mit der Fauſt drohte, wenn er einen Löffel zu unſanft auf den Tiſch legte, hier iſt grillirtes Huhn, Paſtete, Niere u. ſ. w. Bitte, nehmen Sie Platz. Der alte Joe kann freilich blos einfache Koſt vorſetzen. Vortreffliche Koſt, Major! erwiderte ſein Gaſt, und zwar nicht blos aus Höflichkeit, denn der Major behielt ſeine leibliche Wohlfahrt ſtets beſtens im Auge und aß vielleicht mehr nahrhafte und würzige Speiſen, als ihm dienlich war, welchem Umſtande auch die Aerzte ſeine mehr als blühende Geſichtsfarbe zuſchrieben. Schauten über die Straße, Sir? bemerkte der Major. Unſre Freundin geſehen? Sie meinen Miß Tox? entgegnete Mr. Dombey. Nein. Vortreffliches Weib, Sir, ſagte der Major mit einem fet⸗ ten Lachen, das aus der kurzen Kehle herauftönte und ihn faſt erſtickte. Miß Tox iſt eine ganz anſtändige Perſon, erwiderte Mr. Dombey. Die ſtolze Kälte dieſer Antwort ſchien dem Major Bag⸗ ſtock unendliches Vergnügen zu machen. Geſicht und Hals ſchwollen über alle Maßen an, und er legte ſogar einmal Meſſer und Gabel hin, um ſich die Hände zu reiben. Der alte Joe, Sir, ſagte der Major, hatte dort drüben ein⸗ mal einen Stein im Brete. Aber Joe hat ſeine Zeit gehabt. J. Bagſtock hat weichen müſſen. Will Ihnen was ſagen, — 10— Dombey. Der Major machte hierbei eine Pauſe im Eſſen und ſah ſeinen Gaſt mit geheimnißvoll entrüſteter Miene an.' iſt ein verteufelt ehrgeiziges Weib, Sir! Mr. Dombey antwortete mit einem froſtigen, gleichgültigen: So! und mochte wohl geringſchätzig zweiſeln, ob überhaupt Miß Tox anmaßend genug für eine ſo anſpruchsvolle Leidenſchaft ſein könne. Dieſe Frau, Sir, ſagte der Major, iſt nach ihrer Art ein Lu⸗ cifer. Joey Bagſtock hat ſeine Zeit gehabt, Sir, aber er hält die Augen offen. Er kann ſehen, der Joe. Seine königl. Hoheit, der ſelige Herzog von York ſagten einmal bei einem Lever von Joey, er könnte ſehen. Der Major verdrehte dabei die Augen ſ ſehr und ſah, von Eſſen, Trinken, heißem Thee, grillirtem Huhn, Muffins und Wichtigkeit angeſchwollen, ſo gefährlich aus, daß ſelbſt Mr. Dom⸗ bey einige Beſorgniß an den Tag legte. Dieſe lächerliche alte Perſon, Sir, fuhr der Major fort, hat hochfliegende Pläne, himmelhoch fliegende Pläne, Sir, ſage ich Ihnen. Heirathspläne, Dombey. Dann thut ſie mir leid, ſagte Mr. Dombey. Sprechen Sie nicht ſo, warnte der Major. Warun ſollte ich nicht? entgegnete Mr. Dombey. Der Major antwortete blos durch ein lautes Huſten und aß voll Eifer weiter. Sie hat ſich ein wenig um Ihren Haushalt bekümmert, ſagte der Major, wieder aufblickend und Meſſer und Gabel ruhen laſſend, und iſt ſeit einiger Zeit häufig in Ihrem Hauſe geweſen. — 11— Ja, erwiderte Mr. Dombey mit großer Würde, Miß Tox wurde urſprünglich bei mir, als Mrs. Dombey ſtarb, als eine Freundin meiner Schweſter eingeführt; und da ſie eine anſtän⸗ dige, wohlmeinende Perſon war und eine Neigung für das arme Kind zeigte, ſo geſtattete man ihr, ihre Beſuche mit meiner Schweſter zu wiederholen, bis ſie allmählich auf eine Art vertrau⸗ ten Fuß mit der Familie kam. Ich achte Miß Tox, ſagte Mr. Dombey mit dem Tone eines Mannes, der eine große und aner⸗ kennenswerthe Conceſſion macht, ich achte Miß Tox. Sie iſt ſo gütig geweſen, meiner Familie verſchiedene kleine Dienſte zu lei⸗ ſten, unbedeutende Dienſte vielleicht, Major, aber demungeachtet nicht allzu gering zu achten; und ich glaube im Stande geweſen zu ſein, ſie durch alle Aufmerkſamkeit, die ich ihr ſchenken konnte, zu vergelten. Ich habe Miß Tox die Ehre Ihrer Bekanntſchaft zu danken, Major, fügte Mr. Dombey mit einer leichten Hand⸗ bewegung hinzu. Doombey, ſagte der Major mit Wärme, nein! Nein, Sir! Joſeph Bagſtock kann dieſe Behauptung nicht unwiderlegt laſſen. Ihre Bekanntſchaft mit dem alten Joe, Sir, und Joe's Bekannt⸗ ſchaft mit Ihnen wurde veranlaßt durch ein edles und bedeuten⸗ des Mitglied des menſchlichen Geſchlechts, Sir. Dombey! ſagte der Major mit einer krampfhaften Bewegung, die an den Tag zu legen ihm nicht ſchwer wurde, da ſein ganzes Leben ein krampf⸗ haftes Ankämpfen gegen alle Arten apoplektiſcher Symptome war, wir lernten uns kennen durch ein Kind. Mr. Dombey ſchien gerührt zu ſein, was möglicher⸗ und nicht unwahrſcheinlicherweiſe der Major durch dieſe Anſpielung beabſichtigte. Er ſchlug die Augen nieder und ſeufzte, und der Major, ſich kräftig aufraffend, ſagte in Bezug auf ſich ſelbſt, es ſei eine Schwäche und nichts ſolle ihn bewegen, ihr nachzugeben. Unſre Freundin hateinen untergeordneten Einfluß auf dieſes Ereigniß gehabt, ſagte der Major, und Joe Bagſtock iſt gewiß nicht der Mann, der ihr das ihr zukommende Verdienſt abſprechen wird, Sir. Aber demungeachtet, Ma'am, fügte er mit einem Blick auf das Haus gegenüber hinzu, wo Miß Tox jetzt am Fenſter erſchien, um ihre Blumen zu begießen, aber demungeachtet ſind Sie ein intriguantes Geſchöpf, und Ihr Streben iſt maßloſe Arroganz. Wenn Sie ſich blos lächerlich machten, Ma'am, fuhr der Major fort, während er den Kopf drohend hin und her wiegte und ſeine Augen weit aus dem Kopf hervortraten, als wollten ſie auf die argloſe Miß Tox losſpringen, könnten Sie es nach Belieben thun, Ma'am, ohne daß Bagſtock etwas dawider hätte. Hier lachte der Major ſo ſehr, daß ſchreckliche Nachwehen davon bis in die Oh⸗ ren und die geſchwollenen Adern ſeiner Stirne zu entdecken waren. Aber, Ma'am, ſagte der Major, wenn Sie andere Menſchen com⸗ promittiren und noch dazu edelherzige, argloſe Menſchen, zum Dank für ihre Herablaſſung, ſo kann das der alte Joe nicht ruhig mit anſehen. Major, ſagte Mr. Dombey und ſein Geſicht röthete ſich, ich hoffe doch nicht, daß Sie auf einen ſo abſurden Plan von Miß Tox hindeuten und— Dombey, ſagte der Major, ich deute auf gar nichts hin. Aber Joey Bagſtock hat in der Welt gelebt, Sir, mit offenen Augen und Ohren in der Welt gelebt, Sir; und Joey ſagt Ih⸗ NN 20 S ͤs d dn 9 & 22 — 13— nen, Dombey, daß die da drüben ein verteufelt ſchlaues und ehr⸗ geiziges Weib iſt. 1 Mr. Dombey blickte unwillkürlich hinüber und zwar mit grollender und beleidigter Miene. Kein Wort weiter über einen ſolchen Gegenſtand ſoll über Joſeph Bagſtocks Lippen gehen, ſagte der Major mit Feſtigkeit, Joe iſt kein Plaudermaul, aber es giebt Zeiten, wo er ſprechen muß, wenn er ſprechen will,— verwünſcht ſeien Ihre Künſte, Malam, ſchaltete der Major hier mit heftiger Entrüſtung ein,— wenn der Anreiz zu ſtark iſt, um längeres Stillſchweigen zu geſtatten! Die Gemüthsbewegung des Majors machte ſich jetzt in einem heftigen Huſten Luft, der ihn für geraume Zeit verſtum⸗ men machte. Als er ſich wieder erholt hatte, fuhr er fort: Und jetzt, Dombey, da Joe Sie eingeladen hat— der alte Joe, der kein anderes Verdienſt hat, als ein zäher und noch friſcher alter Kauz zu ſein, Ihr Gaſt und Führer in Leamington— ſo verfügen Sie über ihn ganz nach Ihrem Belieben, er ſteht ganz und gar zu Ihren Dienſten. Ich weiß nicht, Sir, ſagte der Major, und ſein Unterkinn wackelte luſtig, was die Leute an Joe finden, daß ſie ſich ſo um ihn reißen; aber ſo viel weiß ich, Sir, wenn er nicht ziemlich zäh und eigenſinnig in ſeinem Ge⸗ währen wäre, ſo würdet ihr ihn mit euren Einladungen bald zu Tode hetzen. Mr. Dombey ſprach mit wenigen Worten ſeinen Dank für die Freundlichkeit aus, mit der ihn ſein Gaſt den andern ausge⸗ zeichneten Mitgliedern der Geſellſchaft, die ſich um den Beſitz des Majors ſtritten, vorgezogen. Aber der Major ließ ihn nicht aus⸗ — 14— reden und gab ihm zu verſtehen, daß er ſeiner eigenen Neigung folge und daß ſie ſich Alle erhoben und einſtimmig gerufen hät⸗ ten: Joe Bagſtock, Dombey iſt der Mann, den ihr euch zum Freund wählen müßt! Als der Major ſich jetzt ganz vollgegefſen hatte, und Pa⸗ ſteteneſſenz aus ſeinen Augen glänzte, und grillirtes Huhn und Niere ſeine Cravatte zuſchnürte, und da außerdem die Abfahrt⸗ ſtunde des Eiſenbahnzuges nach Birmingham nahe war, ſo zog ihm der Eingeborne mit unendlicher Anſtrengung einen Ueberrock an und knöpfte ihn zu, bis das Geſicht mit glotzenden Augen und keuchendem Munde über den Kragen hervorguckte, als ſäße er in einer Tonne. Dann reichte ihm der Eingeborne einzeln, und mit einer anſtändigen Pauſe zwiſchen jedem Stück, die waſchledernen Handſchuhe, den dicken Stock und den Hut; letz⸗ tern ſetzte der Major etwas flott auf die eine Seite, um den Effect ſeines merkwürdigen Geſichtes etwas abzudämpfen. Vor⸗ her ſchon hatte der Eingeborne in alle möglichen und unmögli⸗ chen Theile von Mr. Dombey's Wagen, der vor der Thür war⸗ tete, eine ſeltene Anzahl Reiſeſäcke und kleine Koffer, die nicht weniger apoplektiſch ausſahen als der Major, gepackt; und nach⸗ dem er ſeine eigenen Taſchen mit Selterswaſſer, Sherry, Sand⸗ wiches, Shawls, Fernröhren, Landkarten, Zeitungen angefüllt— lauter Gegenſtände, welche der Major auf der Reiſe zur Hand haben mußte— erklärte er, daß Alles fertig ſei. Um die Aus⸗ rüſtung des unglücklichen Farbigen(dem allgemeinen Gerücht nach in ſeinem Vaterlande ein Prinz) zu vollenden, wurde über ihm, als er ſich hinten auf dem Wagen neben Towlinſon geſetzt, —— 15 vom Wirth eine Unmaſſe von Mänteln und Ueberröcken des Majors aufgethürmt, ſo daß er wie lebendig begraben nach dem Bahnhofe fuhr. Bevor aber der Wagen abfuhr, und während der Einge⸗ borene begraben wurde, erſchien Miß Tox am Fenſter und ließ ihr ſchneeweißes Taſchentuch wehen. Mr. Dombey nahm dieſen Scheidegruß ſehr kalt auf— ſelbſt nach ſeiner Manier ſehr kalt — und nachdem er ihn mit der allerunmerklichſten Kopfneigung erwidert, lehnte er ſich mit ſehr mißvergnügter Miene in die Wagenecke. Sein Benehmen ſchien den Major(der Miß Tox unendlich höflich grüßte) außerordentlich zu freuen; und er ſaß noch lange im Wagen mit glotzenden und rollenden Augen und heiſer vor ſich hinlachend, wie ein überfütterter Mephiſtopheles. Vor der Abfahrt des Zuges gingen Mr. Dombey und der Major auf der Eſtrade auf und ab; Erſterer, ſchweigſam und ver⸗ drießlich, der Andere ihn oder ſich mit Anekdoten und Erinnerun⸗ gen unterhaltend, in denen Ioe Bagſtock überall der Hauptheld war. Keiner von Beiden bemerkte, daß ſie die Aufmerkſamkeit eines Arbeiters erregten, der bei der Maſchine ſtand und ſtets an den Hut griff, wenn ſie an ihm vorbeigingen; denn Mr. Dombey ſah gewöhnlich über das gemeine Volk hinweg, und der Major war gerade zu ſehr von einer ſeiner Geſchichten in Anſpruch genom⸗ men. Endlich aber trat dieſer Mann ihnen in den Weg, als ſie umkehrten, zog den Hut ab und ſprach Mr. Dombey an. Bitte um Verzeihung, Sir, ſagte der Mann, aber ich hoffe, Sie befinden ſich wohl, Sir. — 16— Er hatte eine Leinwandjacke und Leinwandhoſen an, reichlich beſchmiert mit Kohlenſtaub und Oel, ſ ein Backenbart war mit Aſe che gepudert und der ganze Mann roch wie halberloſchene Steinkohlen. Bei alledem war er kein häßlicher Mann, nicht einmal ein ſchmutzi⸗ ger; mit einem Worte, es war Mr. Toodle im Kleide ſeines Berufs. Ich werde die Ehre haben, Sie zu fahren, Sir, ſagte Mr. Toodle. Bitte um Verzeihung, Sir, ich hoffe, Sie haben ſich wieder erholt? Mr. Dombey ſah ihn zum Dank für ſeine Theilnahme wie einen Mann an, der ſeinen Geſichtsſinn ſogar mit Schmutz anſtecken könnte. Verzeihen Sie die Freiheit, Sir, ſagte Toodle, da er ſah, daß der Angeredete ſich nicht recht darauf beſinnen konnte, aber meine Frau Polly, die bei Ihnen im Hauſe Richards hieß— Eine Veränderung in Mr. Dombey's Geſicht, die ein Er⸗ kennen auszudrücken ſchien, und das that ſie, aber viel ſtärker ſprach ſie ein ärgerliches Gefühl der Demüthigung aus, machte Mr. Toodle pauſiren. Ihre Frau braucht wohl Geld? ſagte Mr. Dombey, in⸗ dem er mit der Hand in die Taſche fuhr und ſeine Worte hoch⸗ müthig betonte(doch das that er immer). Nein, ich dank Ihnen, Sir, erwiderte Toodle. Ich könnt's nicht ſagen. Ich brauche keins. Jetzt wußte Mr. Dombey nichts zu antworten, und er ſtand einigermaßen verlegen da, die Hand in der Taſche. Nein, Sir, ſagte Toodle, und drehte ſeine Wachstuchmütze zwiſchen den Händen herum, wir befinden uns ziemlich wohl, —— Sir, wir haben keine Urſache in dieſer Hinſicht zu klagen, Sir. Wir haben ſeit der Zeit noch vier mehr bekommen, aber wir ſchlagen uns durch.. Mr. Dombey wäre gern nach ſeinem Wagen gegangen, und wenn er dabei hätte den Heizer unter die Räder ſtoßen müſſen; aber ſeine Aufmerkſamkeit war von etwas rege geworden, das, wie die Mütze zwiſchen den Händen, dem Mann noch im Kopf herum gehen mußte. Ein Kind haben wir verloren, bemerkte Toodle, das iſt wahr. Vor Kurzem? fragte Mr. Dombey und blickte auf die Mütze. Nein, Sir, es iſt beinahe drei Jahre her; die andern aber ſind geſund. Und was das Leſen betrifft, Sir, ſagte Toodle, und verbeugte ſich dabei linkiſch, als wollte er Mr. Dombey an das erinnern, was er vor langer Zeit darüber zu ihm geſagt, ſo ha⸗ ben mir's meine Kinder am Ende doch noch gelernt, Sir. Sie haben mir's ganz leidlich gelernt. Kommen Sie, Major! ſagte Mr. Dombey. Bitt' um Verzeihung, Sir, fing Toodle wieder an, und trat ihnen ehrerbietig und immer noch entblößten Hauptes in den Weg; ich hätt' Sie nicht beläſtigt, wenn ich nicht was von meinem Sohn Biler— getauft Robin— zu ſagen hätt', ich meine den, den Sie zum barmherzigen Scheerenſchleiſer gemacht haben, Sir. Nun, was iſt mit ihm? ſagte Mr. Dombey in ſeinem ſtrengſten Tone. Ja, ſehen Sie, Sir, erwiderte Toodle und ſchüttelte ſor⸗ Boz. Dombey u. Sohn. IV. 2 4 — 18— genvoll und mit betrübtem Geſichte den Kopf, ich muß leider ſa⸗ gen, er hat ſich auf eine ſchlechte Seite gelegt. So, er hat ſich auf eine ſchlechte Seite gelegt? ſagte Mr. Dombey mit grauſamer Befriedigung. Er iſt in ſchlechte Geſellſchaft gerathen, fuhr der Vater zu den Beiden gewendet fort, und zog den Major mit ins Geſpräch, offenbar in der Hoffnung ſeine Theilnahme zu erregen. Ja, Gentlemen, er iſt in ſchlechte Geſellſchaft gerathen. Gebe Gott, daß er ſich wieder beſſert, aber jetzt iſt er auf dem falſchen Wege! Sie hätten's ja doch wohl auf andere Weiſe gehört, Sir, ſagte Toodle und wendete ſich wieder an Mr. Dombey allein, und da iſts immer beſſer, ich ſag's Ihnen, daß mein Junge nicht iſt, wie er ſein ſollte. Polly nimmt ſich's ſchrecklich zu Herzen, Gent⸗ lemen, ſagte Toodle mit bekümmerter Miene und ſah wieder den Major an.„ Ein Sohn dieſes Mannes, für deſſen Erziehung ich ſorgte, Major, ſagte Mr. Dombey und gab ihm den Arm. Der ge⸗ wöhnliche Dank! Folgen Sie dem alten Joe, und kümmern Sie ſich nie um die Erziehung von der Art Leuten, gab der Major zur Antwort. Wahrhaftig, Sir, es wird nichts Gutes daraus! Es ſchlägt nicht an. Der Vater wollte in ſeiner Einfalt einwenden, daß ſein Sohn, geſtoßen und gepufft, geſchlagen und numerirt, und unter⸗ richtet wie ein Papagei von einem rohen Menſchen, den der Zu⸗ fall zum Schullehrer gemacht, mit ſoviel Fähigkeit dafür, wie ein unvernünftiges Thier hat, vielleicht in irgend einer noch unbe⸗ kannten Hinſicht nicht ganz auf die rechte Weiſe erzogen worden — 19— wäre, als Mr. Dombey ärgerlich wiederholte: der gewöhnliche Dank! und mit dem Major wegging. Und da der Major ſehr ſchwer in Mr. Dombey's Wagen, der hoch auf einem Lowry ſtand, zu heben war und Halt machen mußte und ſchwören, daß er den Eingebornen lebendig ſchinden und jeden Knochen in ſei⸗ nem Leibe zerbrechen wolle, und ihn mit noch andern körperlichen Martern bedrohte, ſobald er mit dem Fuß den Tritt verfehle und auf den dunkelfarbigen Eingebornen zurückfalle: ſo fand er kaum noch Zeit, vor der Abfahrt mit heiſerer Srimme zu wiederholen, daß nichts Gutes draus würde, daß es nicht anſchlüge und daß, wenn er„ſeinen Vagabunden“ erziehen laſſen wollte, er gewiß an den Galgen käme. Mr. Dombey ſtimmte mit Bitterkeit bei; aber es lag ſeiner bittern Stimmung und dem grollenden Blick, mit dem er die im Fluge wechſelnde Gegend anſah, noch etwas mehr zu Grunde, als das Fehlſchlagen des ſchönen Erziehungsexperiments, das mit Beihülfe der Scheerenſchleifergilde verſucht worden. Er hatte an des Mannes einfacher Mütze einen Streifen neuen Krepp geſe⸗ hen, und ſein Weſen und ſeine Antworten hatten ihm deutlich geſagt, daß er um ſeinen, des großen Mannes, Sohn traure! Alſo Hoch und Niedrig, Fremd und nicht Fremd, von Flo⸗ rentinen in ſeinem großen Hauſe an bis zu dieſem ungeſchliffenen Mann aus dem gemeinen Haufen, der das vor ihnen qualmende Feuer nährte, Alle beanſpruchten an ſeinem todten Sohn Theil zu nehmen und wagten, mit ihm zu rivaliſtren! Konnte er je vergeſſen, wie jene Frau an ſeinem Bette geweint und ihn ihr geliebtes Kind genannt hatte! Oder wie er, aus ſeinem Schlum⸗ 2* mer erwacht, nach ihr gefragt, ſich im Bett aufgerichtet und ge⸗ lächelt hatte, als ſie kam! Zu denken, daß dieſer vermeſſene Aſchenbrödel vor ihm auf der dampfenden Maſchine ſtand, den Trauerflor um ſeine Mütze! Zu denken, daß er, ſelbſt durch ein ſo gewöhnliches Zeichen, an der Prüfung und dem Schmerz im tiefſten Herzen eines ſtolzen Gentlemans theilzunehmen wagte! Zu denken, daß ſein verlor⸗ nes Kind, das mit ihm ſeine Reichthümer, ſeine Pläne, ſeine Macht theilen ſollte, und mit dem vereint er ſich von aller Welt abſchließen wollte, wie mit einer doppelten Thüre von Gold, dul⸗ dete, daß ſolche Leute ihn beleidigten mit einer Kenntniß ſei⸗ ner vereitelten Hoffnungen, und Anſprüchen auf eine Gemein⸗ ſamkeit der Empfindungen mit ihm, der ſo viel höher ſtand; wenn nicht gar mit dem Gefühl, daß ſie ſich in die Stelle ge⸗ drängt, wo er allein hatte herrſchen wollen! Die Reiſe brachte ihm weder Troſt noch Erquickung. Ge⸗ quält von dieſen Gedanken brachte er überall Eintönigkeit mit in die vorüberſauſende Landſchaft, und jagte nicht durch eine reiche und mannigfaltige Gegend, ſondern durch eine Wildniß mit verfehlten Plänen in bitterm Gefühle des Neides und der Eiferſucht. Sogar die Schnelligkeit, mit der der Zug von dan⸗ nen ſauſte, kam ihm wie eine Verhöhnung des raſchen Verlauſs des jungen Lebens vor, das ſo ſtetig und unerbittlich ſeinem vor⸗ beſtimmten Ziele zugeeilt war. Die Kraft, die auf ihrem eiſer⸗ nen Pfade dahinſtürmte, alle Seitenwege und Straßen verſchmä⸗ hend, jedes Hinderniß durchbrechend und lebendige Creaturen — 2à2— jedes Standes, Alters und Ranges hinter ſich her ſchleppend, war ein Bild des triumphirenden Unholds, des Todes!. Fort mit gellem Schrei und raſſelndem Toſen durch die Stadt, hinſauſend zwiſchen den Wohnungen der Menſchen, raſch wie ein Blitz über die grüne Wieſe dahinglänzend, hinunter in die feuchte Erde, mit hohlem Gepolter durch Nacht und dumpfige Luft und wieder in den hellen, freundlichen Sonnenſchein; fort mit gellem Schrei und raſſelndem Toſen durch Feld und Wald, durch Korn und Heu, durch Kalk und Erde, durch Lehm und Felſen, vorbei an Gegenſtänden, die man faſt greifen kann und die dem Griff des Reiſenden windesſchnell entfliehen, und einer täuſchenden Ferne, die ſich immer langſam mit ihm fortbewegt, wie im Schlepptau des unerbittlichen Unholds, des Todes! Durch den Hohlweg, über die Höhe, über die Haide, am Obſtgarten und am Parke vorbei, über den Canal, über den Fluß, wo die Schafe weiden, wo die Mühle klappert, wo das Boot ſchwimmt, wo die Todten ruhen, wo die Fabrik⸗Eſſe qualmt, wo das Dorf im Hag neſtelt, wo der große Dom emporſteigt, wo das öde Moor ſich hinſtreckt, fort mit gellem Schrei und raſſeln⸗ dem Toſen, und keine andere Spur zurücklaſſend als Staub und Dunſt, gleich dem unerbittlichen Unhold, dem Tod! Dem Wind, dem Regen und Sonnenſchein entgegen, wei⸗ ter und immer weiter, ungeſtüm und ſchnell, ſicher und ſtetig ſauſet es dahin, und große Bauwerke und feſte Brücken über ſeinen Pfad fallen wie ein zollbreiter Schattenſtreifen auf das Auge und ſind dann verſchwunden. Fort und immer fort, weiter und immer weiter: und voruͤber fliegen Hütten, Häuſer, Edelſitze, Menſchen — 22— auf dem Feld und vor dem Hauſe beſchäftigt, alte Wege und Pfade, die winzig und verödet ausſehen, wie wir ſie hinter uns haben! Und ſo geht es weiter im raſtloſen Fluge, wie fortgetragen von dem unerbittlichen Unhold, dem Tod! Weiter mit gellem Schrei und raſſelndem Toſen wieder in die Erde hinein dumpfdonnernd durch die Nacht, bis ein Strei⸗ fen Licht auf der feuchten Wand den nahen Tag verkündet. Und wieder hinaus in den hellen Sonnenſchein mit einem ſchrillen Aufſchrei des Frohlockens, und unaufhaltſam weiter, manchmal eine Minute lang haltend, wo ein Gedränge von Geſichtern ſteht, die in der nächſten Minute verſchwunden ſind; zuweilen gierig Waſſer aufſaugend, und ehe noch der Schlauch, aus dem es ge⸗ trunken, aufgehört hat zu tropfen, mit gellem Schrei und raſſeln⸗ dem Toſen weiter durch die purpurne Ferne! Lauter und lauter pfeift und gellt es jetzt, wie es unauf⸗ haltſam dem Ziel entgegenſauſt: und jetzt iſt ſein Pfad, immer noch dem Pfade des Todes gleich, dicht mit Aſche beſtreut. Alles ringsum iſt geſchwärzt. Dunkle Pfützen, ſchmutzige Gäßchen, elende Hütten tief unten. Dicht nebenan verfallene Mauern und baufällige Häuſer, und durch die lückenhaften Dächer und zerbrochenen Fenſter blickt man in Jammerhöhlen, wo ſich Man⸗ gel und Fieber in tauſend elenden Geſtalten verbergen, während Qualm und dicht gedrängte Giebel, mißgeſtaltete Eſſen und Krüp⸗ pel aus Ziegel und Kalk, in denen Krüppel an Leib und Seele hauſen, die dunſtige Ferne erfüllen. Wie Mr. Dombey aus dem Wagenfenſter hinausblickt, denkt er nicht daran, daß das Ungethüm, das ihn hieher getragen, zuerſt das Tageslicht über —— 23— alle dieſe Dinge verbreitet, nicht ſie verurfacht und geſchaffen habe. Es war ein der Reiſe entſprechendes Ende und hätte das Ende aller Dinge ſein können, ſo trümmerhaft und wüſt war Alles. Beſtändig mit ſolchen Gedanken beſchäftigt, ſah er den einen erbarmensloſen Unhold immer vor ſich. Alles ſchaute ihn grämlich und kalt und todtenhaft an, und auch er ſah Alles in ſchwarzer Färbung. Ueberall fand er ein Abbild ſeines Unglücks. Rings um ihn ertönte grauſames Frohlocken, und es quälte und peinigte ihn in ſeinem Stolz und in ſeiner Eiferſucht, mochte es annehmen welche Geſtalt es wollte, aber am meiſten, wenn es mit ihm die Liebe und das Gedächtniß ſeines verlornen Kindes theilte. Ein Geſicht— er hatte es geſehen in der letzten Nacht, und es hatte ihn angeblickt mit Augen, die in ſeiner Seele laſen, obgleich ſie thränentrübe waren und bald hinter zwei zitternde Hände ſich verbargen— erſchien während der Reiſe oft vor den Augen ſeines Geiſtes. Wie geſtern Abend ſchüchtern flehend war es ihm erſchienen. Keinen Vorwurf drückte es aus, eher Zweifel, faſt hoffnungsvolle Ungewißheit, die, als er ſie wieder ſich in die niederdrückende Gewißheit ſeines Haſſes verwandeln ſah, erſt zum Vorwurf zu werden ſchien. Es war ihm peinlich, an dies Geſicht Florentinens zu denken. Etwa weil er jetzt Mitleid für ſie fühlte? Nein. Weil die Empfindung, die es in ihm erweckte— eine Empfindung, von der er früher eine leiſe Vorahnung gehabt— ſich jetzt ausgebil⸗ det hatte, und klar und deutlich ſprach, und zu ſtark für ſeine Ruhe zu werden drohte. Weil dies Geſicht beſtändig gegenwärtig — 24— war in der Atmoſphäre von Mißgeſchick und Verfolgung, die ihn wie die Lebensluft umgab. Weil es den Pfeil des erbarmensloſen grauſamen Feindes, mit dem ſich ſeine Gedanken ſo viel beſchäf⸗ tigten, vergiftete, und ihm ein doppelſchneidiges Schwert in die Hand legte. Weil er ſich im Herzen ſagen mußte, wie er da⸗ ſtand und die Uebergangsſcene vor ſeinen Augen mit den trüben Farben ſeiner eigenen Seele ausmalte und zu einem Bilde des Verfalls und Untergangs anſtatt vielverheißender Veränderung und hoffnungsreicher Zukunft machte, daß das Leben an ſeinen murrenden Klagen ſo viel Theil trug, wie der Tod. Ein Kind war hinweggenommen und ein Kind geblieben. Warum war ihm der Gegenſtand ſeiner Hoffnungen geraubt worden und ſie nicht? Das holde, ſanfte, unſchuldige Bild vor ſeiner Seele gab ihm keinen andern Gedanken ein. Sie war ihm von Anfang an ein unwillkommenes Geſchenk geweſen, jetzt ſchärfte ſie noch ſeinen grollenden Schmerz. Wäre ſein Sohn ſein einziges Kind gewe⸗ ſen und derſelbe Schlag hätte ihn getroffen, ſo wäre er ſchwer genug geweſen; aber viel leichter als jetzt, wo er ſie hätte treffen können(und er glaubte ſie ohne Thränen verlieren zu können) und nicht getroffen hatte. Ihr liebreiches und liebedurſtendes Antlitz machte keinen ſchmerzlindernden oder gewinnenden Eindruck auf ihn. Er verbannte den Engel und begnügte ſich mit dem Quäl⸗ geiſte, der ſich in ſeinem Buſen eingeniſtet. Ihre Geduld, ihre Herzensgüte, ihr Jugend, ihre Hingebung und Liebe dünkten ihm nicht beſſer als die Aſchenſtäubchen, die er jetzt mit ſeinem Fuße zertrat. Er ſah ihr Bild in der ſchwarzen Wüſtheit ringsum, 8————— u 8. — 25— aber nicht das Dunkel erhellen, ſondern mehren. Mehr als einmal auf der Reiſe, und jetzt wieder, wo er brütend am Ziele ſtand und mit dem Stock Figuren in den Staub zeichnete, kam ihm der Gedanke, was er wohl zwiſchen ſich und ſie ſtellen könnte? Der Major, der während der ganzen Fahrt gepuſtet und geblaſen hatte wie die Locomotive vor dem Zug, und deſſen Au⸗ gen oft von der Zeitung ſeitab auf die Gegend geblickt hatten, als ob eine große Proceſſion getäuſchter Miß Toxes in der Rauch⸗ wolke des Dampfes vorüberziehe und über die Felder hinweg eile, um einen Zufluchtsort zu ſuchen, machte jetzt ſeinem Freunde bemerklich, daß die Poſtpferde angeſpannt ſeien und der Wagen zur Abfahrt bereit ſtehe. Dombey, ſagte der Major und berührte den Arm ſeines Freundes mit dem Stock, nicht ſo nachdenklich! Iſt eine ſchlechte Angewohnheit. Der alte Joe, Sir, wäre nicht ſo zäh und ſtramm, wenn er ſich darauf eingelaſſen hätte. Sind ein zu bedeutender Mann, Dombey, um nachdenklich ſein zu können. In Ihrer Stellung, Sir, ſind Sie über ſo etwas weit erhaben. Da, wie wir hier ſehen, der Major ſelbſt in ſeinen freund⸗ ſchaftlichen Vorſtellungen die Würde und Ehre Mr. Dombey's in Betracht zog und ein lebendiges Bewußtſein ihrer Wichtigkeit zeigte, ſo fühlte ſich Mr. Dombey mehr als je geneigt, ſich dem Rathe eines Gentlemans von ſo vieler Einſicht und ſo großem Tact zu fügen. So bemühte er ſich denn, des Majors Geſchichten anzuhören, wie ſie auf der Chauſſee dahin rollten; und der Ma⸗ jor, der Schritt und Weg viel beſſer als die Eiſenbahn zur Dar⸗ — 26— legung ſeiner Unterhaltungsgabe geeignet fand, verdiente ſeine Reiſeſpeſen mit Glanz. In dieſer fröhlichen Stimmung blieb der Major den ganzen Tag mit Abrechnung der gewöhnlichen plethoriſchen Symptome, der Unterbrechung durch das Nachfrühſtück und einige gewaltthä⸗ tige Anfälle auf den Eingebornen, der Ringe in den dunkelbrau⸗ nen Ohren trug und auf deſſen Leib die europäiſchen Kleider mit fremdartiger Ungeſchicktheit ſaßen, denn ſie waren aus eigener Machtvollkommenheit, und ohne Schuld des Schneiders, kurz wo ſie lang, lang wo ſie kurz, eng wo ſie weit, und weit wo ſie eng ſein ſollten, und er machte ſie dadurch noch ſchöner, daß er, wenn ihn der Major bedrohte, darin verſchwand, wie eine vertrock⸗ nete Nuß oder ein todter Affe. Alſo, wie wir ſagten, in ſo auf⸗ geräumter Laune blieb der Major den ganzen Tag über, ſo daß⸗ als ſie durch die von grünen Hecken eingefaßte Straße in der Nähe von Leamington fuhren, die Stimme des Majors, durch die gemeinſame Einwirkung von vielem Sprechen, Eſſen, Lachen und Würgen, bald unter dem Bedientenſitz, bald aus einem nahen Heuſchober hervorzutönen ſchien. Der Major erholte ſich auch nicht in dem Hotel Royal, wo Zimmer und Eſſen beſtellt worden waren, und wo er ſeinem Sprachorgane ſo ſehr mit Eſſen und Trin⸗ ken zuſetzte, daß er beim Schlafengehen gar keine Stimme mehr hatte, außer um damit zu huſten, und ſich dem farbigen Diener nur durch tonloſes Schnappen nach Luſt verſtändlich machen konnte. Aber er ſtand am nächſten Morgen nicht blos auf wie ein erquickter Rieſe, ſondern benahm ſich auch beim Frühſtück wie 2 S Sͤ— 8 8&ᷣ————-. 2— η ine — 27— eein ſich erquickender. Bei dieſem Mahl trafen ſie Anordnungen über ihre tägliche Lebensweiſe. Der Major übernahm das Amt, täglich für Eſſen und Trinken zu ſorgen, und ſie kamen überein, jeden Morgen ein ſpätes Frühſtück und jeden Nachmittag ein ſpätes Diner einzunehmen. Den erſten Tag ihres Aufenthalts in Leamington wollte Mr. Dombey lieber auf ſeinem Zimmer bleiben, oder allein in der Umgegend ſpazieren gehen; den näch⸗ ſten Morgen aber wollte er den Major an den Brunnen und durch die Stadt begleiten. So ſchieden ſie bis zum Mittags⸗ eſſen. Mr. Dombey zog ſich zurück, um ſeinen eigenen Gedan⸗ ken nachzugehen. Der Major, begleitet von dem Eingebornen mit einem Feldſtuhl, einem Ueberrock und einem Regenſchirm, ſtolzirte auf allen öffentlichen Plätzen herum, las ſämmtliche Badeliſten durch, um zu ſehen, wer da ſei, beſuchte alle Damen, die ihn ſehr bewunderten, verkündete J. B. s Zähigkeit allüberall, und prahlte mit ſeinem reichen Freund Dombey, wo er nur hin kam. Kein Menſch nahm ſich eines Freundes ſo tapfer an, als der Major, wenn er durch das Herausſtreichen deſſelben ſich ſelbſt herausſtrich.— Es war ganz erſtaunlich, wie viel neuen Unterhaltungsſtoff der Major während des Diners lieferte, und wie ſehr er Mr. Dom⸗ bey Gelegenheit gab, ſeine geſelligen Talente zu bewundern. Beim Frühſtück am nächſten Morgen wußte er aufs Genaueſte den Inhalt der neueſten Zeitungen und erwähnte in Bezug darauf mehrere Gegenſtände, über welche er neuerdings um ſein Urtheil von ſo bedeutenden und angeſehenen Perſonen, daß er nur dunkel auf ſie hindeuten durfte, befragt worden war. Mr. Dombey, der ſo lange Zeit für ſich allein gelebt hatte, und der überhaupt ſelten aus dem Zauberkreis getreten war, in denen die Opera⸗ tionen von Dombey und Sohn vorgingen, wurde wirklich der Meinung, dies ſei eine Verbeſſerung ſeines einſamen Lebens; und anſtatt ſich auch für den nächſten Tag zu entſchuldigen, wie er ſich während ſeines Spaziergangs entſchloſſen hatte, ging er Arm in Arm mit dem Major aus. upt ra⸗ der us; wie er Einundzwanzigſtes Kapitel. Neue Geſichter. Der Major, mit blaueren und weiter glotzenden Augen als je— ſo zu ſagen überreifter— und von Zeit zu Zeit laut huſtend, weniger aus Nothwendigkeit, ſondern mehr als eine ſelbſtbewußte Darlegung ſeiner Wichtigkeit, ging Arm in Arm mit Mr. Dom⸗ bey auf der Sonnenſeite des Weges, die Backen über das knapp⸗ anliegende Halstuch bauſchend, die Beine majeſtätiſch weit aus⸗ einander und den großen Kopf hin⸗ und herwiegend, als mache er ſich ſelbſt ſanfte Vorwürfe, daß er ein ſo reizendes Geſchöpf ſei. Sie waren noch nicht weit gegangen, ſo traf der Major einen Bekannten, und noch nicht viel weiter, ſo begegnete er einem zweiten, aber er grüßte nur im Vorbeigehen mit der Hand und führte Mr. Dombey weiter. Dabei machte er ihn auf die Oert⸗ lichkeiten aufmerkſam, und verkürzte die Zeit mit Anekdoten aus der chronique scandaleuse des Orts. Auf dieſe Weiſe ſpazierten der Major und Mr. Dombey Arm in Arm ſehr zu ihrer Zufriedenheit weiter, als ſie einen — 30— Räderſtuhl kommen ſahen, in welchem eine Dame ſaß, welche mit läſſiger Hand das Fuhrwerk mit einer Art Ruder ſteuerte, wäh⸗ rend es von einer unſichtbaren Kraft dahinter fortgeſchoben wurde. Obgleich die Dame die beſten Jahre hinter ſich hatte, ſah ſie doch ſehr blühend aus— ordentlich roſig— und ihre Kleidung und ihre Haltung waren ganz jugendlich. Neben dem Räderſtuhl, den Sonnenſchirm mit ſtolzer und ermatteter Miene tragend, als ob ſie eine ſo große Anſtrengung bald aufgeben und den Son⸗ nenſchirm fallen laſſen müſſe, ging eine viel jüngere Dame, ſehr ſchön, ſehr ſtolz, ſehr coquett, die den Kopf zurückwarf und die Augenlider ſenkte, als ob, wenn es überhaupt auf der Welt au⸗ ßer dem Spiegel etwas Sehenswerthes gebe, es jedenfalls weder Erde noch Himmel ſei. Wer zum Gukuck kommt da, Sir! rief der Major aus, und blieb ſtehen. 3 Liebſte Edith! ſagte die ältere Dame in gedehntem Tone. Major Bagſtock! 1 Kaum hatte der Major die Stimme vernommen, ſo ließ er Mr. Dombeys Arm los, eilte auf die Gruppe zu, ergriff die Hand der Dame im Stuhle und drückte ſie an die Lippen. Mit derſelben Galanterie kreuzte der Major beide Handſchuhe auf der Bruſt und verbeugte ſich ehrerbietig vor der andern Dame. Und jetzt, wo der Räderſtuhl ſtillhielt, kam die bewegende Kraft zum Vorſchein in Geſtalt eines erhitzten Pagen, der mehr geſcho⸗ ben zu haben und mehr gewachſen zu ſein ſchien, als ſeine Kräfte erlaubten, denn er war lang und dünn und blaß, und ſah dadurch noch unglücklicher aus, daß er ſich den Hut zerdrückt, weil er — 31— manchmal, gleich den Elephanten im Orient, ſeinem Schieben mit dem Kopf Nachdruck gegeben. Joe Bagſtock, ſagte der Major zu den beiden Damen, iſt für ſein ganzes Leben ſtolz und glücklich geworden in dieſem Augenblick. Sie falſcher Menſch, ſagte die ältere Dame mit fadem Weſen. Wo kommen Sie her? Ich kann Sie nicht ausſtehen! So geſtatten Sie dem alten Joe, um geduldet zu werden, einen Freund vorzuſtellen, Ma'am, erwiderte ſchnell der Major. Mr. Dombey, Mrs. Skewton.— Die Dame im Stuhl ver⸗ beugte ſich gnädig.— Mr. Dombey, Mrs. Granger.— Die Dame mit dem Sonnenſchirm ſchien gerade noch zu bemerken, daß Mr. Dombey den Hut abnahm und ſich tief verbeugte. Ich bin außerordentlich erfreut, Sir, ſagte der Major, dieſe Ge⸗ legenheit gefunden zu haben. Es ſchien dem Major Ernſt damit zu ſein, denn er ſah alle drei an und verdrehte die Augen auf die allerabſcheulichſte Weiſe. Mrs. Skewton, Dombey, hat das Herz des alten Joſeph tödtlich verwundet, ſagte der Major. Mr. Dombey gab zu erkennen, daß er ſich darüber nicht wundere. Sie tückiſcher Kobold, ſchweigen Sie! ſagte die Dame im Seſſel. Wie lange ſind Sie ſchon hier, abſcheulicher MMenſc⸗ Einen Tag, erwiderte der Major. Und können Sie einen Tag, oder nur eine Minute, ſagte die Dame, und ſchob ihre falſchen Locken und ihre falſchen Brauen it dem Fächer zurecht, und zeigte ihre falſchen Zähne, deren — 32— Weiß hervorgehoben wurde von dem falſchen Teint,— ich frage Sie, können Sie eine Minute nur verweilen in dieſem Garten, dieſem— Dings da— Eden meinen Sie wohl, Maxam, ſagte die jüngere Dame ſpöttiſch. Meine liebe Edith, ſagte die Andere, ich kann nichts dafür, ich kann mich nie auf dieſe gräulichen Namen beſinnen— ohne Ihre ganze Seele und Ihr ganzes Sein begeiſtert zu fühlen von dem Anblick der Natur; von dem Arom— Mrs. Skewton brei⸗ tete bei dieſen Worten ihr Taſchentuch aus, das betäubend nach allerlei Eſſenzen duftete— ihres unverkünſtelten Athems! Das Unverträgliche von Mrs. Skewtons enthuſiaſtiſcher Sprache mit ihrem matten, verblichenen Weſen war kaum weni⸗ ger auffällig, als das Mißverhältniß zwiſchen ihrem Alter— ſie war gegen ſiebzig— und ihrer Kleidung, die für eine Dame von ſiebenundzwanzig Jahren noch jugendlich war. Ihre Hal⸗ tung in dem Räderſtuhl(ſie veränderte dieſelbe nie) war noch ganz dieſelbe, in der ſie vor etwa funfzig Jahren in einer Ba⸗ rouche ein faſhionabler Künſtler gemalt hatte, welches Bild dann veröffentlicht wurde unter dem Namen Cleopatra, weil einige da⸗ malige Kunſtkritiker eine ſchlagende Aehnlichkeit zwiſchen Mrs. Skewton und der ägyptiſchen Königin, wie ſie auf ihrer Barke ruhte, entdeckt hatten. Mrs. Skewton war damals eine Schön⸗ heit und Bucks*) warfen ihr zu Ehren Weingläſer dutzendweiſe hinter ſich. Die Schönheit und die Barouche waren verſchwun⸗ *) Die Lions jener Zeit. t — 33— den; aber die Stellung behielt ſie immer noch bei, und hielt ſich nur aus dieſem Grunde den Räderſtuhl und den ſchiebenden Pa⸗ gen: denn außer der Stellung hielt ſie nichts vom Gehen ab. Mr. Dombey liebt gewiß die Natur? ſagte Mrs. Skewton und fingerte an ihrer Diamantenbroche. Beiläufig geſagt, ſie lebte hauptſächlich von dem Rufe einiger Diamanten und ihrer Familienverbindungen. Mein Freund Dombey, Ma'am, erwiderte der Major, liebt vielleicht die Natur im Stillen; aber ein Mann, der eine hervorra⸗ gende Stellung einnimmt in der größten Stadt des Univerſums— Niemanden kann Mr. Dombey's großer Einfluß fremd ſein, ſagte Mrs. Skewton. Als Mr. Dombey dies Compliment mit einer Kopfneigung erwidert hatte und wieder aufblickte, begegnete er dem Blick der jungen Dame. Sie wohnen hier, Madame? redete Mr. Dombey ſie an. Nein, wir ſind an vielen Orten geweſen; in Harrowgate, Scarborough und Devonſhire. Wir haben Beſuche gemacht und haben uns da und dort verweilt. Mama liebt die Abwechſelung. Edith natürlich nicht, ſagte Mrs. Skewton mit unheimli⸗ chem Muthwillen. Ich habe nichts von Abwechſelung an dieſen Orten gefun⸗ den, erwiderte Edith mit großartiger Gleichgültigkeit. Man verleumdet mich. Nur nach einer Abwechſelung ſehne ich mich wirklich, bemerkte Mrs. Skewton mit einem koketten Seufzer, und ich fürchte ſehr, Mr. Dombey, ich werde ſie nie haben können. Die Leute können Einen nicht entbehren. Aber Boz. Dombey u. Sohn. IV. 3 4 8 — 34— ein einſames und beſchauliches Leben iſt— hm— wie heißt es doch— Wenn Sie Paradies meinen, Mama, ſo wäre es wohl beſſer, Sie ſprächen das Wort aus, um beſſer verſtanden zu werden, ſagte die jüngere Dame. Meine theuerſte Edith, du weißt, daß ich mich wegen die⸗ ſer abſcheulichen Namen ganz auf dich verlaſſen muß, entgegnete Mes. Skewton. Ich verſichere Ihnen, Mr. Dombey, die Natur hat mich für Arkadien beſtimmt. Ich bin rein unnütz für die Ge⸗ ſellſchaft. Kühe ſind meine Leidenſchaft. Immer habe ich mich geſehnt nach einem ſtillen Aſyl in einem Schweizerhüttchen, blos umgeben von Kühen— und Porzellan. Dieſe ſeltſame Zuſammenſtellung, die an den berühmten Ochſen erinnerte, der aus Mißverſtändniß in einen Porzellan⸗ laden gerieth, ſtörte Mr. Dombey's Ernſt nicht im Mindeſten. Er erwiderte im Gegentheil, daß die Natur ohne allen Zweifel eine höchſt achtbare Einrichtung ſei. Ich verlange nach Herz und Gemüth, ſagte Mrs. Skewton in ſchleppendem Tone. Ich verlange Offenheit, Vertrauen, weni⸗ ger conventionelles Weſen, freien Verkehr der er Geiſter Wir ſind ſo entſetzlich verkünſtelt. Das war freilich wahr. Kurz, ich verlange überall Natur, ſagte Mrs. Skewton. Es wäre ſo ausnehmend reizend. Die Natur winkt uns jetzt zu gehen, Mama, wenn Sie fertig ſind, ſagte die jüngere Dame, den hübſchen Mund verzie⸗ hend. Auf dieſen Wink verſchwand der bleiche Page, der auf die n. — 35— Geſellſchaft über die Rücklehne des Stuhls herabgeſehen, hinter demſelben ſo vollkommen, als ob die Erde ihn verſchlungen hätte. Einen Augenblick, Withers! rief Mrs. Skewton dem Pa⸗ gen zu, als ſich der Stuhl in Bewegung ſetzen wollte. Wo woh⸗ nen Sie, greulicher Menſch? Der Major wohnte mit ſeinem Freund Dombey im Hotel Royal. Wenn Sie artig ſind, können Sie uns Abends beſuchen, Major, lispelte Mrs. Skewton. Wenn Mr. Dombey uns be⸗ ehren will, werden wir uns glücklich ſchätzen. Withers, vorwärts! Der Major drückte wieder ſeine blauen Lippen auf die Spitzen der Finger, die mit achtſamſter Achtloſigkeit, genau nach dem Cleopatramodell, auf der Seitenlehne des Seſſels ruh⸗ ten: und Mr. Dombey verbeugte ſich. Die ältere Dame beehrte Beide mit einem ſehr gnädigen Lächeln und einer jugendlich leb⸗ haften Handbewegung; die jüngere Dame mit einer Verbeu⸗ gung, die ſo unmerklich war, als die gewöhnlichſte Höflichkeit es nur erlaubte. Der letzte Blick auf das runzlige Geſicht der Mutter mit ſeiner künſtlichen Färbung, die im Sonnenlicht viel ſcheußlicher und widriger ausſah, als gänzliche Farbloſigkeit, und auf die ſtolze Schönheit der Tochter mit ihrer anmuthigen Geſtalt und ihrer aufrechten Haltung erzeugte bei dem Major und Mr. Dombey einen ſolchen Drang, ihnen nachzuſehen, daß ſich Beide gleichzeitig umdrehten. Der Page, faſt ſo ſchräg ſtehend wie ſein Schatten, ſchob den Stuhl mühſam bergauf, ähnlich einem lang⸗ ſam vorrückenden Mauerbrecher; der oberſte Rand von Cleopatra’s 3* — 36— Hut war noch genau in derſelben Ecke wie vorhin zu ſehen; und die jüngere Dame, die ein wenig voraus für ſich ging, drückte in ihrer ganzen eleganten Geſtalt vom Kopf bis zu den Füßen daſſelbe großartige Nichtbeachten der ganzen Welt aus. Ich will Ihnen etwas ſagen, Sir, ſagte der Major, als ſie ihren Spaziergang fortſetzten. Wenn Joe Bagſtock jünger wäre, ſo gäb's kein Weib auf der Welt, die er lieber als dieſe Dame zur Mrs. Bagſtock machen würde. Bei St. Georg! Sir, ſagte der Major, ſie iſt ſüperbe! Meinen Sie die Tochter? frug Mr. Dombey. Iſt Joey Bagſtock ein Stock, Dombey, ſagte der Major, daß er die Mutter meinen ſollte? Sie machten der Mutter Complimente, erwiderte Mr. Dombey. Eine alte Flamme, Sir, ſagte Mr. Bagſtock, leiſe vor ſich hin lachend. Eine ſehr alte Flamme. Bin artig gegen ſie alter Zeit wegen. Sie hat auf mich den Eindruck einer vollkommen gentilen Frau gemacht, ſagte Mr. Dombey. Gentil, Sir, ſagte der Major, indem er ſtehen blieb und ſeinen Begleiter mit ſeinen Nußknackeraugen anſtarrte. Die ehrenwerthe Mrs. Skewton, Sir, iſt die Schweſter des verſtor⸗ benen Lords Feenix und Tante des jetzigen Lords. Die Familie iſt nicht reich— ich ſollte eher ſagen, ſie iſt arm— und ſie lebt von einem ſehr beſcheidenen Wittwentheil; aber wenn Sie nach Vollblut fragen, Sir! Dabei ſchwang der Major ſeinen — 37— Stock und ſchritt weiter, wie außer Stande, die Reinheit und den Adel ihres Vollbluts in Worten auszudrücken. Sie nannten die Tochter Mrs. Granger, bemerkte Mr. Dombey nach einer kurzen Pauſe. Edith Skewton, Sir, gab der Major zur Antwort, blieb wieder ſtehen und bohrte mit dem Stock einen Punkt in den Sand, als Zeichen für beſagte Dame, heirathete in ihrem acht⸗ zehnten Jahre Granger von unſerm Regiment. Der Major machte zu dieſem Namen einen zweiten Punkt. Granger, ſagte der Major, wies auf den zuletzt gemachten Punkt und wiegte mit emphatiſcher Miene den Kopf, Granger, Sir, war unſer Oberſt; ein verteufelt ſchöner Kerl von einundvierzig Jahren, Sir. Er ſtarb im zweiten Jahr ſeiner Ehe, Sir. Der Major rannte mit ſeinem Rohr den Repräſentanten des verſtorbenen Granger durch und durch und ging weiter, den Stock auf der Achſel. Wie lange iſt das her? frug Mr. Dombey und blieb wieder ſtehen. Edith Granger, Sir, erwiderte der Major, indem er ein Auge zukniff, den Kopf auf eine Seite legte, den Stock in die linke Hand nahm und den Buſenſtreif mit der rechten glättete, Edith Granger iſt jetzt noch nicht dreißig. Und wahrhaftig, Sir, ſagte der Major und ſchritt mit geſchultertem Stock weiter, ſie iſt ein ſüperbes Weib! War Familie da? frug Mr. Dombey. Ja, Sir, gab der Major zur Antwort, ein Knabe. Mr. Dombey'’s Augen ſenkten ſich und ein trüber Schat⸗ ten flog uͤber ſein Antlitz. 38— Er ertrank in ſeinem vierten oder fünften Jahr, Sir, fuhr der Major fort. So? ſagte Mr. Dombey, wieder aufblickend. Beim Umſchlagen eines Bootes, in das ſich vorwitzigerweiſe ſeine Wärterin geſetzt hatte, ſagte der Major. Das iſt ſeine Geſchichte. Edith Granger iſt immer noch Edith Granger; aber wenn der alte zähe Joey Bagſtock, Sir, ein wenig jünger und ein wenig reicher wäre, ſo müßte dieſes Göttergeſchöpf Bag⸗ ſtock heißen. Die Beiſtimmung der Dame doch wohl vorausgeſetzt? ſagte Mr. Dombey kalt. Bei Gott, Sir, ſagte der Major, die Bagſtocks ſind nicht gewohnt derartige Hinderniſſe zu finden. Obgleich es wahr iſt, daß Edith ſchon zwanzigmal wieder hätte heirathen können, wenn ſie nicht ſo ſtolz wäre, Sir, ſehr ſtolz. Nach ſeinem Geſicht zu urtheilen, ſchien Mr. Dombey ſie deshalb nicht minder hochzuſchätzen. Bei alledem iſt Stolz eine große Eigenſchaft, ſagte der Major. Beim Himmel, es iſt eine ſchöne Eigenſchaft! Dombey, Sie ſind ſelbſt ſtolz, und Ihr Freund, der alte Joe, achtet Sie deshalb, Sir. Mit dieſer dem Charakter ſeines Begleiters geſpendeten Hul⸗ digung, die ihm die Gewalt der Verhältniſſe und die unwider⸗ ſtehliche Richtung ihrer Unterhaltung abzuzwingen ſchien, brach der Major über dieſen Gegenſtand ab und lenkte in eine allge⸗ meine Darſtellung ſeiner Liebesverhältniſſe mit ſüperben Frauen und herrlichen Geſchöpfen ein. —„— v — 39— Zwei Tage ſpäter trafen Mr. Dombey und der Major die threnwerthe Mrs. Skewton und ihre Tochter im Brunnenſaal; an Tage darauf begegnete ſie ihnen wieder ganz nahe bei der Stelle, wo ſie die beiden Damen zuerſt geſehen. Nachdem ſie dieſelben auf dieſe Weiſe drei oder viermal getroffen, war es eine Pflicht bloßer Höflichkeit gegen alte Bekannte, daß der Major ihnen einen Beſuch abſtattete. Mr. Dombey hatte urſprünglich nicht baabſichtigt, Viſiten zu machen, aber als der Major ihm ſeine Abſicht mittheilte, ſagte er, er wolle ihn begleiten. So ſchickte denn der Major den Eingeborenen vor dem Diner zu Mrs. Skewton und ließ dieſer Dame, mit ſeinen und Mr. Dombey s Complimenten, melden, daß ſie die Ehre haben würden, heut Abend die beiden Damen, wenn ſie allein wären, zu beſuchen. Als Antwort auf dieſe Botſchaft überbrachte der Farbige ein ſehr kleines, ſtark duftendes Billet, von der ehrenwerthen Mrs. Skewton an Major Bagſtock gerichtet und lautend:„Sie ſind ein garſtiger Menſch und ich habe große Luſt Ihnen nicht zu verzeihen, wenn Sie aber artig ſein wollen(das war unterſtri⸗ chen), ſo dürfen Sie kommen. Empfehlen Sie Edith und mich Mr. Dombey freundlichſt.“ Die ehrenwerthe Mrs. Skewton und ihre Tochter, Mrs. Granger, hatten für die Dauer ihres Aufenthalts in Leaming⸗ ton eine Wohnung gemiethet, die hinreichend faſhionabel und theuer, aber in Betreff der Räumlichkeit und der Einrichtung etwas beſchränkt war, ſo daß die ehrenwerthe Mrs. Skewton, wenn ſie im Bett lag, ſich mit den Füßen im Fenſter und mit dem Kopf im Kamin befand, während der ehrenwerthen Mrs. — 40— Skewton Zofe in einem hinter dem Salon befindlichen Alkoven hauſte, der ſo außerordentlich klein war, daß f ſie ſich durch die Thür deſſelben winden mußte, wie eine ſchöne Schlange. Wi⸗ thers, der blaſſe Page, ſchlief außer dem Hauſe unmittelbar an⸗ ter dem Dache des nahen Milchladens; und der Räderſtuhl der Stein dieſes jungen Siſyphus, ſtand die Nacht über in einem Schuppen deſſelben Hauſes, der zugleich als Hühnerſtall diente. Mr. Dombey und der Major fanden Mrs. Skewton in den Kiſſen ihres Sopha's Tableau ſitzend: ſehr leicht und luftig gekleidet, und ganz gewiß nicht Shakeſpeare's Cleopatra, welche das Alter nicht welk machen konnte, gleichend. Auf der Treppe hatten ſie die Töne einer Harfe gehört, die aber verſtummte, als ſie ange⸗ meldet wurden, und Edith ſtand jetzt ſchöner und ſtolzer als je neben derſelben. Es war eine merkwürdige Eigenheit der Schönheit dieſer jungen Dame, daß dieſelbe ohne ihre Beihilfe und ſelbſt gegen ihren Willen in die Augen zu fallen ſchien. Sie wußte, daß ſie ſchön war, das ließ ſich nicht anders denken, aber ſie ſchien mit ihrem Stolze ihrem eigenen Selbſt Trotz zu bieten. Ob ſie nicht viel hielt auf Reize, die nur Bewunderung erwecken konnten, welche ihr gleichgültig war, oder ob ſie dieſel⸗ ben dadurch ihren Bewunderern nur noch koſtbarer machte, das zu bedenken nahmen ſich die, welche ſie anbeteten, ſelten Zeit. Ich hoffe, Mrs. Granger, wir ſind nicht Urſache, daß Sie aufgehört haben zu ſpielen, ſagte Mr. Dombey und näherte ſich ihr. Sie? O nein! -J2„—— — 41— Warum ſpielſt du denn nicht weiter, liebſte Edith? ſagte Cleopatra. Ich hörte auf, wie ich anfing— weil es mir gefiel. Die köſtliche Gleichgültigkeit des Tons, mit dem ſie dies ſagte— eine Gleichgültigkeit, der durchaus nicht Mangel an Geiſt oder Gefühl zu Grunde lag, denn es ſchimmerte ein ſtolzes Be⸗ wußtſien durch— wurde gut unterſtützt durch die achtloſe Weiſe, mit der ſie ihre Hand über die Saiten gleiten ließ und den An⸗ kömmlingen näher trat. Wiſſen Sie, Mr. Dombey, ſagte die ſchmachtende Mutter, mit dem Fächer ſpielend, daß zuweilen meine liebſte Edith und ich wirklich faſt uneins werden— Nicht zuweilen ganz, Mama? ſagte Sditz. O nie ganz, mein Engel! Pfui, pfui, es bräche mir das Herz, entgegnete ihre Mutter, und machte einen ſchwachen Ver⸗ ſuch, ſie mit dem Fächer auf die Wangen zu klopfen, worin ihr jedoch Edith nicht entgegen kam— über die kalten Förmlichkei⸗ ten, die man in Kleinigkeiten beobachtet! Warum ſind wir nicht natürlicher? Mein Gott! Warum ſind wir, bei der heißen Sehn⸗ ſucht und dem glühenden Drange, der unſere Seele erfüllt und ſo reizend iſt, nicht natürlicher? Mr. Dombey ſagte, es ſei wahr, ſehr wahr. Gewiß könnten wir natürlicher ſein, wenn wir uns darum bemühten, ſagte Mrs. Skewton. Mr. Dombey hielt es für möglich. Zum Teufel auch, Ma'am, ſagte der Major. Wir könn⸗ ten's doch nicht. Die Welt müßte denn bewohnt ſein von J. — 22— B's.— von zähen, geraden alten Joes, Sir. Es ginge nicht. Sie garſtiger Ungläubiger, ſchweigen Sie, ſagte Mrs. Skewton. Cleopatra befiehlt und Anthony Bagſtock gehorcht, ent⸗ gegnete der Major und küßte ihr die Hand. Der Menſch hat kein Gefühl, ſagte Mrs. Skewton und hielt mit hartherziger Grauſamkeit ihren Fächer ſo, daß der Major des Anblicks ihres Geſichts beraubt war. Er hat kein Herz. Und was wäre das Leben, wenn es kein Herz gäbe! Was wäre unſre kalte Erde ohne dieſen Strahl vom Himmel, ſagte Mrs. Skewton, indem ſie ihren Spitzenkragen ordnete und ſelbſtgefällig den Effeet ihres magern bloßen Armes bewunderte, wie könnten wir es auf Erden aushalten? Mit Einem Worte, Herzloſer! ſagte ſie zum Major mit einem Blick um den Fächer, meine Welt muß ganz Herz ſein; und Glauben iſt ſo reizend, daß ich mich von Ihnen nicht werde irre machen laſſen, hören Sie es? Der Major erwiderte, es ſei hart von Cleopatra, von der Welt zu verlangen, ſie ſolle ganz Herz ſein, da ſie doch alle Herzen der Welt für ſich in Beſchlag nehme. Dies Compliment zwang Cleopatra, ihm ins Gedächtniß zu rufen, daß Schmeichelei ihr unerträglich ſei, und daß, wenn er ſo keck ſei, in dieſem Tone noch einmal zu ihr zu ſprechen, ſie ihn ohne Gnade nach Hauſe ſchicken werde. Withers, der Blaſſe, präſentirte jetzt den Thee, und Mr. Dombey wendete ſich wieder zu Edith. 1☚ —— Es ſcheint mir nicht viel Geſellſchaft hier zu ſein, ſagte Mr. Dombey in ſeiner großartig gentlemänniſchen Weiſe. Ich glaube nicht. Wir kommen mit Niemand in Berüh⸗ rung, gab Mrs. Granger zur Antwort. Es ſind jetzt kaum Leute hier, mit denen wir bekannt zu werden wünſchten, warf Mrs. Skewton ein. Sie haben nicht genug Herz, ſagte Edith mit einem Lächeln. Ein wahres Zwielicht von einem Lächeln war es: ſo eigenthümlich miſchten ſich in ihm Scherz und bittrer Spott. Sie ſehen, meine liebſte Edith ſpottet meiner! ſagte die Mutter und ſchüttelte den Kopf, der zuweilen ſchon aus freien Stücken ein wenig wackelte. Böſes Kind! Sie ſind ſchon früher hier geweſen, wenn ich nicht irre? ſprach Mr. Dombey, immer noch zu Edith. O, mehr als einmal! Ich glaube, wir ſind überall geweſen. Eine reizende Gegend, meinte Mr. Dombey. Ich glaube. Alle Leute behaupten es, war Mrs. Gran⸗ ger's Antwort. Dein Couſin Feenix iſt ganz entzückt davon, Edith, be⸗ merkte ihre Mutter vom Sopha herüber. Die Tochter drehte kaum merkbar ihr anmuthiges Haupt, zog ihre Augenbrauen haarbreit empor, als ob Couſin Feenir von allen Sterblichen am wenigſten zu beachten ſei, und blickte dann wieder Mr. Dombey an. — 44— Ich hoffe zur Ehre meines guten Geſchmacks, daß ich der Gegend müde bin, ſagte ſie. Sie haben faſt Urſache es zu ſein, Madam, ſagte er mit einem Blick auf eine Reihe von landſchaftlichen Skizzen aus der Umgebung des Bades, die an verſchiedenen Orten im Zimmer lagen, wenn dieſe ſchönen Zeichnungen von Ihrer Hand ſind. Sie antwortete nicht, ſondern blieb in ſtolzer unnahbarer Schönheit regungslos ſitzen. Sind Sie von Ihrer Hand? frug Mr. Dombey noch einmal. Ja. Und Sie ſpielen die Harfe, wie ich ſchon hörte? Ja. Und ſingen? Ja. Sie beantwortete alle dieſe Fragen mit einem eigenen Wi⸗ derſtreben und mit jener merkwürdigen Miene des Trotzes gegen ſich ſelbſt, der einen ſo pikanten Zug ihrer Schönheit bildete. Jedoch war ſie nicht verlegen, ſondern vollkommen ruhig. Auch ſchien ſie der Unterhaltung nicht ausweichen zu wollen, denn ſie wandte ihr Geſicht ihm zu, und that es noch, als er aufgehört hatte zu ſprechen. So fehlt es Ihnen wenigſtens nicht an Heilmitteln gegen die Langeweile, ſagte Mr. Dombey. Sie kennen ſie jetzt ſämmtlich, erwiderte ſie. Ich beſitze weiter keine. er — 45— „Darf ich hoffen, ſie alle kennen zu lernen? ſagte Mr. Dom⸗ bey mit feierlicher Courtoiſie, indem er eine Zeichnung, die er betrachtet hatte, weglegte und auf die Harfe deutete. O gewiß, wenn Sie es wünſchen! war die Antwort. Sie ſtand auf mit dieſen Worten und verließ das Zimmer. Als ſie aber an ihrer Mutter vorüber ging, warf ſie dieſer einen ſtolzen Blick zu, kurz, aber inhaltsſchwer, während ein vieldeuti⸗ ges Lächeln um ihre Lippen ſchwebte. Der Major, dem mittlerweile verziehen worden, hatte einen kleinen Tiſch vor Cleopatra's Sopha geſchoben und nahm daran Platz, um mit ihr eine Partie Piket zu ſpielen. Mr. Dombey, der das Spiel nicht kannte, ſetzte ſich zu ihnen, um ſich bis zu Ediths Wiederkommen die Zeit zu vertreiben. Wir ſollen etwas Muſik hören, Mr. Dombey, nicht? ſagte Cleopatra. Mrs. Granger iſt ſo freundlich geweſen, es mir zu ver⸗ ſprechen, entgegnete Mr. Dombey. O! das iſt ſehr hübſch. Proponiren Sie, Major? Nein, Ma'am, ſagte der Major. Kann nicht. Sie ſind ein Barbar, ſchmollte die Dame, und mein Spiel iſt ruinirt. Hören Sie gern Muſik, Mr. Dombey? Ich bin ein großer Liebhaber davon, gab Mr. Dombey zur Antwort. O ja, Muſik iſt ſehr hübſch, ſagte Cleopatra, ihre Karten muſternd. Es iſt ſo viel Herz darin— dunkle Erinnerungen eines frühern Daſeins und der Art mehr— und das iſt höchſt reizend. Wiſſen Sie, ſagte Cleopatra und ſteckte den Treffbu⸗ — 46— ben, der verkehrt in das Spiel gekommen war, mit dem Kopf in die Höhe, wenn mich etwas reizen könnte, meinem Leben ein Ende zu machen, ſo wäre es die Sehnſucht zu erfahren, was eigentlich dahinter verborgen liegt; es giebt wirklich zu viel verlockende Ge⸗ heimniſſe, über die uns jede Aufklärung fehlt. Major, Sie ſpielen! Der Major ſpielte aus; und Mr. Dombey, der um zu lernen zuſah, wäre bald in der gräßlichſten Verwirrung geweſen, wenn er wirklich auf das Spiel geachtet hätte. So aber ſaß er da und wunderte ſich über Ediths langes Ausbleiben. Sie kam endlich, und nahm die Harfe, und Mr. Dombey ſtellte ſich neben ſie. Er hatte wenig Sinn für Muſik, und kannte die Melodie, welche ſie ſpielte, nicht, aber er ſah ſie ſich über die Harfe beugen, und vernahm vielleicht aus den Saiten noch andere Töne, die den Unhold des Schienenweges zähmten und ihn weniger unerbittlich machten. Cleopatra hatte bei ihrem Piket ein ſcharfes Auge. Es funkelte wie das Auge eines Vogels und heftete ſich nicht auf die Karten, ſondern drang von einem Ende des Zimmers bis zum andern und glänzte auf die Harfe, die Spielenden, den Zu⸗ hörer und auf Alles. Als die ſtolze Schönheit fertig war, ſtand ſie auf, nahm Mr. Dombey's Dankſagungen und Schmeicheleien ganz auf wie vorhin, ging zum Piano und fing wieder an zu ſpielen⸗ Edith Granger, nur dieſes Lied nicht! Edith Granger, du biſt ſchön, und dein Finger iſt leicht und gewandt und deine — 47— Stimme weich und wohltönend; aber nur nicht die Melodie, welche ſeine verlaſſene Tochter dem todten Kinde vorſang! Ach, er weiß es nicht; und wenn er es wüßte, würde ein Lied von ihr den harten Mann nicht erweichen! Schlum⸗ mere, einſame Florentine, ſchlummere! Friedlich ſeien deine Träume, wenn auch die Nacht dunkel geworden iſt, und die Wolken ſich ſammeln, und mit Unwettern dräuen! . gZweiundzwanzigſtes Kapitel. Einige Dispoſitionen des Disponenten Mr. Carker. 8. Mr. Carker, der Disponent, ſaß am Schreibtiſch, glatt und ſchleck wie immer, und die Briefe leſend, die er zuerſt öffnete, einzelne Bemerkungen und Notizen darauf verzeichnend, und ſie in kleinen Häufchen zuſammenlegend, wie ſie unter die verſchie⸗ denen Departements und Geſchäfte zu vertheilen waren. Die Frühpoſt hatte viel gebracht, und Mr. Carker hatte den Morgen ſehr viel zu thun. Das Gehaben eines ſo beſchäftigten Menſchen, wie er ein Paket Papiere in ſeiner Hand durchſieht, ſie nach verſchiedenen Seiten vertheilt, ein anderes Paket hernimmt und den Inhalt mit nachdenklicher Stirn und zuſammengezogenem Mund überlegt— abwechſelnd vertheilend, ſortirend und nachdenkend— erinnerte am meiſten an einen Ka er. Das Geſicht Mr. Carkers paßte ganz gut zu dieſem B gleich. Er ſah aus wie ein Mann, der ſein Spiel ſorgſam überlegt, der alle Stärken und Schwã⸗ chen deſſelben vollkommen kennt, der ſich die Karten, welche aus⸗ — — 49— geſpielt wurden, genau merkte und im voraus wußte, was darauf fallen mußte; der ſcharfſinnig ausrechnete, was die andern Spie⸗ ler hatten, und nie ſeine eigene Karte verrieth. Die Briefe waren in verſchiedenen Sprachen geſchrieben, aber Mr. Carker, der Disponent, las ſie alle. Wenn er in dem Geſchäft von Dombey und Sohn etwas hätte nicht leſen können, ſo hätte eine Karte im Spiele gefehlt. Er las faſt mit einem Blick, und combinirte einen Brief und ein Geſchäft mit dem andern, während er las und ein Papier nach dem andern bei Seite legte— etwa wie Einer, der die geſpielte Karte an⸗ ſieht, und wenn ſie vom Tiſch verſchwunden iſt, die damit ver⸗ bundenen Combinationen nachrechnet. Zu klug als Aſſocié und viel zu klug als Gegner, ſaß Mr. Carker, der Disponent, in der Sonne, die ihre ſchönen Strahlen durch das Fenſter an der Decke ſandte, und ſpielte ſein Spiel allein. Und obgleich es nicht zu den Eigenſchaften des Katzenge⸗ ſchlechts gehört, Karte zu ſpielen, ſo war doch Mr. Carker, der Disponent, katzenhaft von der Zehe bis zum Scheitel, wie er ſich ſonnte in dem Streifen von Sonnenlicht, der auf den Schreibtiſch und den Fußboden fiel, als wäre ſie ein Zifferblatt und er die einzige Ziffer darauf. Mit ſeinem immer ſchwachge⸗ färbten Haar und Bart, die aber im Sonnenſchein noch farb⸗ loſer ausſahen und mehr wie das ell einer gefleckten Katzez mik ſeinen langen Nägeln, die ſauber beſchnitten und zugeſpitzt waren; mit einem inſtinctmäßigen Widerwillen gegen jedes Schmutzfleckchen, der ihn manchmal bewog, die niederſchwebenden Sonnenſtäubchen zu betrachten und ſie von ſeiner glatten weißen Boz. Dombey u. Sohn. IV. 8* 4 — 30— Hand und ſeinem ſaubern Linnen zu entfernen, ſaß Mr. Carker, der Disponent, der Mann mit glattem Benehmen, ſcharfem Zahn, leiſem Fuß, wachſamem Auge, geläufiger Zunge, grauſamem Her⸗ zen, ſauberm Aeußern, mit Ausdauer und Geduld über ſeiner Arbeit, als ob er am Mauſeloch laure. Endlich war er mit den Briefen fertig, außer mit einem, den er beſonders gelegt hatte. Nachdem der Disponent die ver⸗ traulichere Correſpondenz in einen Schubkaſten verſchloſſen, klin⸗ gelte er. Warum kommſt du? herrſchte er ſeinem Bruder zu. Der Ausläufer iſt weggegangen und ich bin der nächſte, war die demüthige Antwort. Du biſt der nächſte? murrte der Disponent. Hal ſehr ehrenvoll für mich! Da! Er deutete mit geringſchätzender Miene auf den Haufen Briefe, drehte ſich in ſeinem Armſtuhl um und erbrach den Brief, den er in der Hand behalten hatte. Es thut mir leid, dich zu ſtören, James, ſagte der Bruder, die Briefe zuſammenleſend, aber— O!l du haſt etwas zu ſagen. Das wußte ich. Nun? Mr. Carker ſah bei dieſen Worten ſeinen Bruder nicht an, ſondern ſeine Augen blieben auf den Brief geheftet. Nun? wiederholte er mit Ungeduld. Mir macht Harriet Sorge, ſagte der Bruder. Harriet! Was f Harriet? Ich kenne Niemanden Well dieſes Namens, war die Antwort. Sie iſt nicht wohl und hat ſich in letzter Zeit ſehr verändert. —— ht en — 51— Sie hat ſich vor vielen Jahren ſehr verändert, erwiderte der Disponent, und weiter habe ich nichts zu ſagen. Wenn du mich anhören wollteſt— begann der Andere. Warum ſollte ich dich anhören, Bruder John? gab der Disponent zur Antwort, und legte einen ſarkaſtiſchen Nach⸗ druck auf die letzten beiden Worte, ohne aber die Augen zu erheben. Ich ſage dir, Harriet Carker hat vor vielen Jahren ſchon ihre Wahl zwiſchen den beiden Brüdern getroffen. Sie kann jetzt das bereuen, aber ſie muß die Folgen tragen. Mißverſteh' mich nicht, entgegnete der Andere. Ich ſage nicht, daß ſie bereute. Es wäre ſchwarze Undankbarkeit von mir, wollte ich ſo etwas ſagen. Aber glaube mir, James, mich ſchmerzt ihr Opfer ſo ſehr wie dich. Wie mich? rief der Disponent aus. Wie mich? Ihre Wahl, wie du es nennſt, ſchmerzt mich ſo ſehr, als ſie dich erzürnt, fuhr der Andere fort. Erzürnt? wiederholte der Andere, und wies die Zähne. Oder dir unangenehm iſt. Welches Wort dir am beſten ge⸗ fällt. Du weißt, was ich ſagen will. Ich hatte nicht die Ab⸗ ſicht zu beleidigen, ſagte der ältere Bruder. Du beleidigſt mit Allem, was du thuſt, ſagte der Dispo⸗ nent mit einem giftig grollenden Blick, der aber gleich wieder von dem gewöhnlichen Lächeln verdrängt wurde. Sei ſo gut, nimm dieſe Papiere mit. Ich bin beſchäftigt. So viel verletzender, als ſein Schelten, war ſeine Höflich⸗ keit, daß der Junior nach der Thür zuging. Hier aber blieb er ſtehen, ſah ſich um und ſprach: 4* — 52— Als Harriet mich gegen deinen gerechten Zorn bei meinem erſten Fehltritt vergebens zu vertheidigen ſuchte, und als ſie dich, James, verließ, um mir ins Unglück zu folgen, und ſich in irre⸗ geleiteter Liebe ganz einem für immer verlorenen Bruder zu wid⸗ men, weil er außer ihr Niemanden hatte auf Erden, da war ſie jung und ſchön. Ich glaube, wenn du ſie jetzt ſäheſt— wenn du ſie jetzt ſehen wollteſt— würde ſie dich mit Bewunderung und Mitleid erfüllen. Der Disponent neigte das Haupt und zeigte die Zähne, als wollte er eine gleichgültige Erzählung mit der Bemerkung: Mein Gott! Iſt es wirklich an dem? unterbrechen, ſprach aber kein Wort. Wir dachten damals— wir Brüder— ſie werde jung heirathen und ein glückliches und ruhiges Leben führen, fuhr der Andere fort. O, wenn du wüßteſt, wie unbekümmert ſie alle dieſe Hoffnungen fahren ließ; wie muthvoll und entſchloſſen ſie den Weg, den ſie erwählt, verfolgt und ſich nie umgeſehen hat, ſo würdeſt du nie wieder ſagen, ihr Name ſei deinem Ohre fremd. Nie! Wieder neigte der Disponent das Haupt, zeigte die Zähne und ſchien zu ſagen: Sehr merkwürdig! Wirklich zum Erſtau⸗ nen! Und wieder ſagte er kein Wort. Darf ich fortfahren? ſagte John Carker mild. Fortgehen, meinſt du wohl, erwiderte ſein Bruder mit lä⸗ chelndem Munde. Wenn du die Güte haben willſt. — MNitit einem Seufzer wollte John Carker zur Thür hinaus⸗ — 53— gehen, als ſeines Bruders Stimme ihn einen Augenblick auf der Schwelle verweilen ließ. Wenn ſie unbekümmert ihren Weg fortgeht, ſagte er, in⸗ dem er den immer noch unerbrochenen Brief auf den Tiſch warf und die Hände tief in die Taſchen ſteckte, ſo kannſt du ihr ſagen, daß ich eben ſo unbekümmert meinen Weg gehe. Wenn ſie nie zurückgeblickt hat, ſo ſage ihr, daß ich es zuweilen gethan habe, um mir ins Gedächtniß zurückzurufen, daß ſie deine Partei nahm, und daß mein Entſchluß felſenfeſt ſteht. Das Letzte ſagte er mit einem freundlichen Lächeln. Ich werde ihr nichts ſagen, gab ihm ſein Bruder zur Ant⸗ wort. Wir reden nie von dir. Einmal des Jahres, an deinem Geburtstage, ſagt Harriet ſtets: Laß uns James gedenken und ihm ein glückliches Leben wünſchen, weiter aber ſagen wir nichts. So ſei ſo gut und ſage es dir, erwiderte der Andere. Du kannſt es dir nicht oft genug wiederholen als eine Erinnerung, gegen mich dieſe Sache nicht zu erwähnen. Ich kenne keine Harriet Carker. Es giebt keine ſolche Perſon. Du kannſt eine Schweſter haben; ich habe keine. Mr. Carker, der Disponent, nahm den Brief wieder zur Hand und deutete mit ihm nach der Thür, die Geberde mit einem Lächeln ſpöttiſcher Höflichkeit begleitend. Er erbrach ihn, als ſein Bruder das Zimmer verließ, und nachdem er ihm noch ein⸗ mal grollend nachgeblickt, drehte er ſich in ſeinem Lehnſtuhl um und las die letzte Depeſche mit großer Aufmerkſamkeit. Es war ein Brief ſeines großen Gebieters Mr. Dombey aus Leamington. Obgleich Mr. Carker alle andern Briefe ſchnell — 54— überlief, ſo las er dieſen doch langſam und grübelte über jedes Wort. Als er ihn durchgeleſen, ſchlug er das Blatt noch ein⸗ mal um und hob folgende Stellen hervor.„Ich finde, daß mir die Veränderung ſehr wohlthätig iſt, und ſehe mich noch nicht veranlaßt, die Zeit meiner Rückkehr feſtzuſetzen.“„Am liebſten wäre es mir, Carker, wenn Sie ſich einrichten und ſelbſt einmal hierher kommen könnten, um mir über den Gang der Geſchäfte Bericht abzuſtatten.“„Ich vergaß über den jüngern Gay mit Ihnen Rückſprache zu nehmen. Wenn er mit dem Sohn und Erben nicht abgereiſt iſt, oder der Sohn und Erbe noch in den Docks liegt, ſo geben ſie die Stelle einem Andern, und behalten Sie ihn vor der Hand in der City. Ich habe noch keinen feſten Entſchluß gefaßt.“ Das iſt nun freilich unglücklich! ſagte der Disponent, und öffnete den Mund als wäre er von Gummi Elaſticum, denn er iſt weit weg! Dennoch beſchäftigte ihn dieſe Stelle, die in einer Nach⸗ ſchrift ſtand, noch einige Zeit. Ich glaube, ſagte er, mein guter Freund, Capitain Cuttle, ſagte etwas wie: in das Schlepptau genommen werden von die⸗ ſem Tage. Wie Schade, daß er ſo weit weg iſt! Er legte den Brief wieder zuſammen und ſpielte mit dem⸗ ſelben, indem er ihn manchmal mit der langen, manchmal mit der kurzen Seite auf den Tiſch ſtellte, oder ihn um und um drehte— und wohl über den Inhalt nachdachte— als der Aus⸗ läufer Perch leiſe an die Thür klopfte. Auf ſein Herein kam er auf den Zehen geſchlichen, ſich mit jedem Schritt verbeugend, —2„ — 55— als wäre dies ſein größter Genuß, und legte einige Papiere auf den Tiſch. Wünſchten Sie beſchäftigt zu ſein, Sir? frug Mr. Perch, indem er ſich die Hände rieb und den Kopf ehrerbietig auf eine Seite bog, wie Einer, dem es nicht zukommt, einem ſolchen Mann gegenüber das Haupt aufrecht zu erhalten. Wer verlangt nach mir? frug der Disponent. Eigentlich Niemand, Sir, ſagte Mr. Perch mit ſanfter Stimme. Mr. Gill, der Opticus, war da um etwas zu bezahlen, ſagte er, Sir, aber ich ſagte ihm, Sie wären beſchäftigt, ſehr be⸗ ſchäftigt, ſehr. Mr. Perch huſtete einmal hinter der Hand, weiteren Be⸗ fehl erwartend. Sonſt Niemand? Nun ja, Sir, fuhr Mr. Perch fort, auf meine eigne Ver⸗ antwortlichkeit nähm' ich mir nicht die Freiheit zu ſagen, es wär' noch jemand dageweſen; aber der junge Burſche, der geſtern hier war, Sir, und vorige Woche ſich immer hier herumgetrie⸗ ben hat; und es ſieht ſo entſetzlich ungeſchäftsmäßig aus, fügte er hinzu, indem er die Thür zumachte, wenn er da im Hofe her⸗ umlehnt und den Sperlingen pfeift. Sie ſagten, er wolle Arbeit, Perch? frug Mr. Carker, indem er ſich in ſeinem Stuhl zurücklehnte und den Ausläufer anſah. Nun ja, Sir, ſagte Mr. Perch, wieder hinter der huſtend, er meinte freilich, er brauche eine Anſtellung, nd paſſe gewiß zu einem Poſten in den Docks, da er das Angel — 56— verſtehe: aber— und dabei ſchüttelte Perch mit verzweifelnder Miene den Kopf. Was ſagt er, wenn er kommt? frug Mr. Carker. Nun ja, Sir, ſagte Mr. Perch, wie gewöhnlich hinter der Hand huſtend, ſeine beliebte Zuflucht, wenn ſich kein andrer Aus⸗ druck beſcheidener Unterthänigkeit darbot, er ſagt gewöhnlich, daß er einen der Herren zu ſprechen wünſche und Arbeit haben wolle. Aber ſehen Sie, Sir, fügte Perch hinzu, indem er ſeine Stimme zu einem leiſen Flüſtern finken ließ, und wegen der ho⸗ hen Bedeutung ſeiner Mittheilung mit Hand und Knie der Thür einen Stoß gab, als würde ſie dadurch noch feſter geſchloſſen— es iſt kaum zu dulden, Sir, daß ein gemeiner Burſche ſich hier her⸗ umtreibt und ſagt, ſeine Mutter hätte den jungen Herrn vom Hauſe geſtillt, und er hoffe, das Haus werde ihm das zu Gute kommen laſſen. Ich bin überzeugt, Sir, bemerkte Mr. Perch, daß, obgleich Mrs. Perch damals ein ſo geſundes Mädchen ſäugte, als wir uns jemals die Freiheit nahmen, zu unſerer Familie zu zählen, ich mir doch nicht zu erwähnen erlaubt hätte, daß ich es für möglich hielt, ſie könnte ein Kind nähren! Mr. Carker fletſchte ihn an wie ein Haifiſch, aber mit zer⸗ ſtreuter, nachdenklicher Miene. Ob's nicht das Beſte wäre, meinte Mr. Perch, nach einem kurzen Schweigen und einem neuen Hüſteln, ich ſagte ihm, wenn⸗ er ſich wieder blicken laſſe, ließen wir ihn auf die Polizei bringen und dort behalten? Was die körperliche Furcht betrifft, ſagte Mr. Perch, ſo bin ich ſchon von Natur ſo zaghaft, und meine —— ᷣ&ᷣ⏑—. —— Nerven ſind von dem Zuſtand der Mrs. Perch ſo angegriffen, daß ich den Zeugeneid leicht leiſten könnte. Ich will den Burſchen einmal ſehen, Perch, ſagte Mr. Carker. Bringen Sie ihn! Bringen Sie ihn hierher! Ja, Sir. Bitte um Vergebung, Sir, ſagte Mr. Perch, zögernd in der Thür ſtehen bleibend, er ſieht ſehr wild aus, Sir. Thut nichts. Wenn er da iſt, bringen Sie ihn herein⸗ Für Mr. Gills werde ich gleich zu ſprechen ſein. Bitten Sie ihn zu warten! Mr. Perch verbeugte ſich; und nachdem er die Thür ſo ſorgfältig zugemacht hatte, als würde er in mindeſtens acht Tagen nicht zurückkommen, ſah er ſich unter den Sperlingen im Hofe um. Mr. Carker aber nahm ſeine Lieblingsſtellung vor dem Ka⸗ min wieder an, und ſah mit ſeinem zähnefletſchenden Lächeln auf's Haar einer lauernden Katze ähnlich. Mr. Perch kehrte bald wieder zurück, begleitet von einem Paar ſchweren Stiefeln, die auf dem Gang einher getrabt kamen. Mit den ſehr unceremoniöſen Worten: Marſch, vorwärts, Burſche! — in ſeinem Munde eine ſehr ungewöhnliche Ausdrucksweiſe— ſchob jetzt der Ausläufer zur Thür herein einen ſtarkgebauten Burſchen von funfzehn Jahren, mit rundem rothen Geſicht, run⸗ dem glatten Kopf, runden ſchwarzen Augen, runden Armen und Beinen, rundem Leibe, der, um mit der allgemeinen Rundheit ſeines Körpers in Harmonie zu bleiben, einen runden Hut vhi alle Krempe in der Hand hatte. Einem Winke des Disponenten gehorſam, zog ſich Mr. Perch ſogleich weiter zurück. Als Mr. Carker ſich mit dem „— 58— Burſchen allein ſah, packte er ihn ohne ein Wort zu ſagen an der Kehle und ſchüttelte ihn, bis der Kopf ſich aus den Schultern zu löſen ſchien. Der Knabe, der in ſeinem Erſtaunen den Herrn mit den vielen weißen Zähnen, der ihn würgte, anſtarrte, und die Wände, als wäre er entſchloſſen, wenn man ihn erdroſſele, ſeinen letzten Blick den Geheimniſſen zu ſchenken, auf deren Entdeckung eine ſo ſchwere Strafe ſtand, ſtammelte endlich athemlos: Na Sir! laſſen Sie mich gehen, ſag ich! Dich gehen laſſen! ſagte Mr. Carker. Was! Hab' ich dich endlich, ha?— Daran ließ ſich nicht zweifeln, denn er hatte ihn ſehr feſt. Du Strick! ſagte Mr. Carker zwiſchen den zu⸗ ſammengepreßten Zähnen hervor, ich erwürge dich! Biler winſelte, ſollte nur kommen, ſollte es nur thun, und warum er nicht Einen würge, der ſo groß wäre, wie er, aber der außerordentliche Empfang hatte ihn gänzlich beſiegt, und wie er, den Kopf wieder ruhiger halten konnte, und dem Herrn ins Ge⸗ ſicht oder vielmehr in die Zähne ſah, die ihn anfletſchten, vergaß er ſeine Mannhaftigkeit ſo weit, daß er weinte. Ich hab' Ihnen ja nichts gethan, Sir, ſagte Biler, alias Rob, alias Scheerenſchleifer, und immer Toodle. Du Schlingel! erwiderte Mr. Carker, ihn langſam los⸗ laſſend und ſeine Lieblingsſtellung wieder annehmend. Wie kannſt du dich unterſtehen hierher zu kommen? Ich hatte nichts Böſes im Sinn, Sir, winſelte Rob, mit einer Hand an ſeine Kehle fühlend, mit den Knöcheln der andern 8 u ᷣ— — 39— ſich die Augen wiſchend. Ich will's nicht wieder thun, ich wollte nur Arbeit haben. Arbeit, du Schlingel! wiederholte Mr. Carker, und ſah ihn ſcharf an. Biſt du nicht der faulſte Tagedieb in ganz London? Dieſe Beſchuldigung erſchütterte Mr. Toodle jun. ſo, und war zugleich ſo gerecht, daß er kein Wort dagegen vorzubringen wußte. Er glotzte daher den Herrn mit dem erſchrockenen und reui⸗ gen Geſicht eines ertappten Sünders an. Ueberhaupt ſchien ihn Mr. Carker wie mit einem Zauber zu bannen, denn er wendete ſeine Augen keinen Augenblick von ihm ab. Biſt du nicht ein Dieb? ſagte Mr. Carker, die Hände hinter ſich in der Rocktaſche. Nein, Sir, proteſtirte Rob. Du biſt'! ſagte Mr. Carker. Gewiß nicht, Sir, winſelte Rob. Ich hab' in meinem Le⸗ ben nicht geſtohlen, Sir, glauben Sie mir's. Ich weiß wohl, daß ich ein liederlicher Burſche geworden bin, ſeitdem ich mich auf's Vogelſtellen und Schnelllaufen eingelaſſen habe. Man ſollte gewiß meinen, ſagte Mr. Toodle jun. mit bußfertigem Eifer, Singvögel wären eine unſchuldige Geſellſchaft, aber kein Menſch denkt ſich, wie viel Böſes Einem die Thierchen thun können und wozu ſie Einen bringen. Ihm ſchienen ſie zu einer verſchabten Mancheſterjacke und Hoſen in gleichem Zuſtand, einer merkwürdig kurzen rothen Weſte, einem bunten Baumwollenhemd und dem oben erwähnten Hut verholfen zu haben. — 60— Ich bin nicht zwanzig Mal zu Hauſe geweſen, ſeitdem mir's die Vögel angethan haben, ſagte Rob, und das ſind zehn Mo⸗ nate. Wie kann ich nach Hauſe gehen, wenn Jeder, der mich anſieht, ein bekümmertes Geſicht macht! Mich wundert nur, ſagte Biler, in helle Thränen ausbrechend und die Augen mit den Nockärmeln wiſchend, daß ich nicht hingegangen bin und mich tauſend Mal ertränkt habe. Dies Alles, einſchließlich der Aeußerung ſeines Erſtaunens, daß er nicht die letzterwähnte Unmöglichkeit durchgeführt, ſagte der Knabe, als ob die Zähne Mr. Carkers es aus ihm heraus⸗ zögen und er deſſen Kraft keinen Widerſtand leiſten könnte. Ein ſaubres Früchtchen! ſagte Mr. Carker, und ſah ihn kopfſchüttelnd an. Für dich iſt der Hanf auch ſchon geſäet, du Taugenichts! Ja, ich glaub's auch, erwiderte der arme Biler, wieder grei⸗ nend und die Thränen mit dem Aermelaufſchlag trocknend,— und manchmal wär' mir's auch egal, wenn er ſchon wachſen thäte. Mein Unglück fing mit dem Schwänzen an, Sir; aber was konnt ich thun außer Schwänzen? Außer was? frug Mr. Carker. Schwänzen, Sir, die Schule ſchwänzen, war die Antwort. Dn meinſt hinter die Schule laufen? ſagte Mr. Carker. Ja, Sir, das mein' ich, ſagte Biler, ſehr gerührt. Ich wurde durch die Straßen geprügelt, wenn ich hinging, und in der Schule, wenn ich hineinkam. So ſchwänzte ich, und ver⸗ ſteckte mich, und damit fing es an. Und jetzt willſt du eine Stelle haben? ſagte Mr. Carker, — 61— indem er ihn wieder an der Kehle packte, ihn in Armlänge von ſich hielt und ſchweigend anſah. Wenn Sie's mit mir verſuchen wollten, Sir, ſagte Toodle jun. ſchüchtern.. Mr. Carker, der Disponent, ſchob ihn in eine Ecke— was ſich der Knabe ruhig gefallen ließ, kaum zu athmen wagend und keinen Augenblick die Augen von ihm wegwendend— und klingelte. Bitten Sie Mr. Gills einzutreten, befahl er dem erſchei⸗ nenden Perch. 3 Mr. Perch war zu beſcheiden, als daß er hätte Verwun⸗ derung über die Geſtalt in der Ecke ausdrücken ſollen, und On⸗ kel Sol trat ſofort ein. Mr. Gills! ſagte Carker mit einem Lächeln, ſetzen Sie ſich. Wie geht es Ihnen? Immer noch wohl, hoff ich? Ich dank Ihnen Sir, erwiderte Onkel Sol, ſeine Brief⸗ taſche hervorziehend und dem Disponenten einige Banknoten übergebend. Mein Körper kennt keine andere Krankheit als hohes Alter. Fünf und zwanzig, Sir. Sie ſind ſo pünktlich und zuverläſſig, wie einer Ihrer Chronometer, Mr. Gills, gab der lächelnde Disponent zur Ant⸗ wort, indem er ein Papier aus einem ſeiner zahlreichen Schub⸗ kaſten nahm und etwas darauf notirte. Es iſt ganz richtig. Der Sohn und Erbe iſt nicht geſprochen worden nach der Schiffsliſte, Sir, ſagte Onkel Sol, mit einem etwas ſtärkern Zittern der Stimme als gewöhnlich. Der Sohn und Erbe iſt nicht geſprochen worden, erwiderte * — 162— Carker. Es ſcheint ſtürmiſches Wetter geweſen zu ſein, Mr. Gills, und das Schiff iſt wahrſcheinlich aus ſeinem Curs getrie⸗ ben worden. Ich hoffe zu Gott, es iſt außer Gefahr! ſagte der alte Sol. Ich hoffe zu Gott, es i*ſt außer Gefahr, wiederholte Mr. Carker in ſeiner ſtummen Weiſe, was den aufmerkſam beobach⸗ tenden jungen Toodle am ganzen Leibe zittern machte. Mr. Gills, fügte er laut hinzu, indem er ſich in ſeinem Stuhl zurück⸗ lehnte, Sie müſſen ihren Neffen ſehr vermiſſen? Onkel Sol ſchüttelte ſorgenvoll den Kopf und ließ einen tiefen Seufzer hören. „Nr. Gills, ſagte Carker, und ſtrich ſich mit der weichen Hand das Kinn, während er den Opticus anſah, es wäre gewiß ein Troſt für Sie, unter dieſen Umſtänden einen jungen Burſchen zur Geſellſchaft in Ihrem Laden zu haben, und mich würden Sie verbinden, wenn Sie einen ſolchen Menſchen vor der Hand bei ſich aufnehmen wollten. Es iſt ganz richtig, fügte er ſchnell hin⸗ zu, einer Einwendung von Mr. Gills zuvorkommend, Sie haben nicht allzuviel zu thun jetzt; aber Sie können ihn gebrauchen zum Auskehren des Ladens, zum Putzen der Inſtrumente, über⸗ haupt zu den ſchwereren Arbeiten, Mr. Gills. Da iſt der Burſche! Sol Gills ſchob die Brille von der Stirn herab und be⸗ trachtete Toodle jun. in ſeiner Ecke. Des Knaben Kopf ſah aus(wie immer), als wäre er eben aus einem Eimer kaltes Waſſer emporgekommen; die kleine Weſte hob und ſenkte ſich ſchnell im Takt mit den beklommenen Athemzügen; und die Augen waren — 2 der — 63— unbeweglich auf Mr. Carker geheftet, ohne ſich im mindeſten um den neuen Herrn zu bekümmern. Wollen Sie ihn nehmen, Mr. Gills? ſagte der Disponent. Der alte Sol, ohne ſich gerade ſehr enthuſiaſtiſch zu zei⸗ gen, antwortete, daß er gern auch die geringſte Gelegenheit er⸗ greife, Mr. Carker einen Gefallen zu erweiſen, denn der Wunſch dieſes Herrn ſei für ihn in einer ſolchen Sache ein Befehl, und daß der hölzerne Seecadett ſich glücklich ſchätzen werde, einen von Mr. Carker gewählten Gaſt zu empfangen. Mr. Carker zeigte die weißen Zähne in nie geſehener Aus⸗ dehnung, machte den wachſamen Toodle mehr als je erzittern, und bedankte ſich für des Opticus Höflichkeit in ſeiner leutſelig⸗ ſten Weiſe. Dann werde ich es ſo mit ihm machen, Mr. Gills, ſagte er, indem er aufſtand und dem alten Herrn die Hand ſchüttelte, bis ich mich entſchloſſen habe, was ich mit ihm anfangen ſoll und was er verdient. Da ich die Verantwortung für ihn über⸗ nommen habe, Mr. Gill,— er ſah dabei lächelnd Rob an, dem dabei graute— ſo wird es mir lieb ſein, wenn Sie ihn ſtreng halten, und mir über ſeine Aufführung Bericht erſtatten. Ich will, wenn ich heute Nachmittag nach Hauſe reite, ein paar Worte mit ſeinen Eltern ſprechen— es ſind achtbare Leute— um mich über Einiges noch näher zu unterrichten, und werde Ihnen den Knaben morgen früh hinſchicken, Mr. Gills. Leben Sie wohl! Bei dem Abſchiedslächeln zeigte er die Zähne ſo ſehr, daß dem alten Sol ganz verwirrt und bange davor wurde. Er ging — 64— nach Hauſe, erfüllt von Gedanken an ſtürmiſche See, ſinkende Schiffe, ertrinkende Menſchen, eine alte nie an das Tageslicht ge⸗ brachte Flaſche Madeira, und andere grauerliche Dinge. Nun, Burſche! ſagte Mr. Carker, die Hand auf des jungen Toodle Schulter legend, und ihn in die Mitte der Stube füh⸗ rend. Haſt du mich gehört? Rob ſagte: ja, Sir. Du weißt vielleicht, fuhr ſein Gönner fort, daß, wenn du mich jemals täuſcheſt oder hintergehſt, du beſſer gethan hätteſt, dich ein für allemal zu erſäufen, ehe du hierher kamſt? Nichts in allen Zweigen des Wiſſens ſchien Rob beſſer einzuſehen, als das. Wenn du mich in irgend einer Sache belogen haſt, ſagte Mr. Carker, ſo komm mir nie wieder vor die Augen. Haſt du aber wahr geſprochen, ſo eerwarte mich heute Nachmittag in der Nähe des Hauſes, wo deine Mutter wohnt. Ich gehe um fünf Uhr vom Comptoir und werde einen Braunen reiten. Jetzt gieb mir die Adreſſe. Rob ſagte ſie langſam her, während Mr. Carker ſie niederſchrieb. Dann buchſtabirte ſie Rob ſogar noch einmal vor, als ob er fürchte, die Weglaſſung eines einzigen Pünktchens oder Strichs werde ihn ins Verderben bringen. Darauf entließ ihn Mr. Carker, und Rob, der ſeine runden Augen auf ſeinen neuen Herrn heftete, bis er zur Thür hinaus war, verſchwand für diesmal. Mr. Carker, der Disponent, machte viel Geſchäfte ab im Laufe des Tages, und wies ſeine Zähne ſehr vielen Leuten. Auf dem Comptoir, auf der Straße und auf der Börſe zeigten ſie ſich in ihrem größten Glanze. Endlich ſchlug es fünf Uhr, Mr. Carkers Brauner ſtand vor der Thür, er ſchwang ſich in den Sattel und ritt Cheapſide hinauf. Da man, ſelbſt wenn man wollte, durch das Gedränge, welches um dieſe Stunde in der City herrſcht, nicht leicht ſchnell reiten kann, und Mr. Carker auch dazu nicht geneigt war, ſo nahm er ſich Zeit, ſich durch die Karren und Wagen hindurch zu winden, möglichſt die näſſern und ſchmutzigeren Stellen der zu reichlich begoſſenen Straße meidend und eifrig bemüht, ſich und ſein Pferd rein zu halten. Wie er ſeine Blicke über die Vor⸗ übergehenden ſchweifen ließ, begegnete er plötzlich den runden Augen des rundköpfigen Rob, ſo ſtarr auf ſein Geſicht geheftet, als hätten ſie ſich nie davon abgewendet, während der Knabe, der ſich ein buntes Taſchentuch zuſammengedreht um den Leib gebun⸗ den, ſehr deutlich an den Tag legte, daß er bereit ſei, ihm in je⸗ dem beliebigen Schritt zu folgen. Da dieſe Aufmerkſamkeit, obgleich ſehr ſchmeichelhaft, et⸗ was ungewöhnlich war und von den Vorübergehenden nicht un⸗ bemerkt blieb, ſo ſetzte Mr. Carker, da er jetzt in einer weniger lebhaften Straße ſich befand, ſein Pferd in Trab. Rob folgte ſofort ſeinem Beiſpiele. Mr. Carker verſuchte einen Galop; Rob blieb ihm zur Seite. Er trieb ſein Pferd noch mehr an, Alles war dem Knaben gleich. So oft Mr. Carker nach dieſer Seite der Straße blickte, ſah er Toodle Iunior, wie es ſchien ohne beſondere Beſchwerde und ſich nach der von Kennern im Boz. Dombey u. Sohn. IV. 5 — 66— Wettlaufen am meiſten anerkannten Weiſe mit den Elbogen Platz machend, neben ſich hertraben. So lächerlich dieſe Begleitung erſchien, war ſie doch ein Symptom von dem Einfluß, den Mr. Carker ſich auf den Kna⸗ ben erworben, und der Disponent ritt deshalb ruhig fort, ohne weiter darauf zu achten, bis ſie in die Nähe von Toodle's Woh⸗ nung kamen. Als er hier langſam ritt, lief Rob vor ihm hin um ihm den Weg zu zeigen; und als er einen Mann in einem nahen Thor⸗ weg anrief, ihm das Pferd zu halten, bis er von ſeinem Beſuch zurückkomme, hielt ihm Rob gehorſam die Steigbügel, während der Disponent abſtieg. 4 Nun vorwärts, Burſche! ſagte Mr. Carker, ihn bei der Schulter feſthaltend. Der verlorene Sohn ſah offenbar mit einiger Angſt ſeinem Eintritt ins Vaterhaus entgegen; da aber Mr. Carker ihn vor ſich her ſchob, hatte er weiter nichts zu thun, als die rechte Thür zu öffnen, und ſich mitten unter ſeine Brüder und Schweſtern ſchieben zu laſſen, die vollzählig um den Familientheetiſch ver⸗ ſammelt waren. Als ſie den ungerathenen Sohn in der Gewalt eines Fremden hereinkommen ſahen, ſtießen ſie alle ein einſtimmi⸗ ges Geheul aus, welches den Ungerathenen ſo arg rührte, als er ſeine Mutter bleich und zitternd, mit dem Säugling auf dem Arme, unter den Andern ſtehen ſah, daß er ſelbſt mit in den Chor einfiel. Nicht länger bezweifelnd, daß der Fremde, wenn nicht Mei⸗ ſter Hämmerlein in eigener Perſon, doch wenigſtens einer ſeiner &— — 62— Geſellen ſei, ſchrieen die Geſchwiſter jetzt noch lebhafter, während die jüngſten, unfähig ihre Gefühle zu beherrſchen und die ihrem Alter eigenthümliche Ausdrucksweiſe derſelben länger niederzu⸗ halten, ſich auf den Rücken warfen, wie junge vom Habicht in Schrecken geſetzte Vögel, und heftig ſtrampelten. Endlich gelang es der armen Polly ſich hörbar zu machen, und ſie ſagte mit be⸗ benden Lippen: Mein armer Sohn, was haſt du endlich gethan? Nichts, Mutter, rief Rob mit kläglicher Stimme, frag den Herrn!. Beruhigen Sie ſich, liebe Frau, ſagte Mr. Carker, ich will ihm nur Gutes thun.— Bei dieſer Erklärung fing Polly, die es bis jetzt noch nicht gethan hatte, zu weinen an. Die ältern Toodles, die einen Be⸗ freiungsverſuch beabſichtigt zu haben ſchienen, öffneten die ge⸗ ballte Fauſt. Die jüngern Toodles drängten ſich um die Mutter, hielten ſich an ihrem Kleide feſt und guckten unter ihren dicken Armen hervor den ungerathenen Bruder und ſeinen unbekannten Gönner an. Alle aber ſegneten den Herrn mit den ſchönen Zähnen, der Gutes thun wollte. Dieſer Burſche, ſagte Mr. Carker zu Polly und ſchüttelte ihn, iſt Ihr Sohn?. Ja, Sir, ſchluchzte Polly mit einem Knix, ja, Sir. Und ein ſchlechter Sohn, fürchte ich? ſagte Mr. Carker. Nicht gegen mich, Sir, gab Polly zur Antwort. Gegen wen denn? frug Mr. Carker. Er iſt ein wenig wild geweſen, Sir, erwiderte Polly, den Säugling an ſich haltend, der mit Armen und Beinen krampf⸗ . 5* —&6s— hafte Anſtrengungen machte, ſich durch die Luſt auf Biler zu werfen, und iſt in ſchlechte Geſellſchaft gerathen; aber ich hoffe, er hat eingeſehen, daß nichts Gutes dabei herauskommt, und wird wieder ordentlich werden. Mr. Carker betrachtete Polly, und das winlich Zimmer, und die reinlichen Kinder, und das aus Vater und Mutter zu⸗ ſammengeſetzte einfache Toodlegeſicht, das ſich überall um ihn wiederholte, und ſchien den eigentlichen Zweck ſeines Beſuchs erreicht zu haben. Ihr Mann iſt wahrſcheinlich nicht zu Hauſe? ſagte er. Nein, Sir, entgegnete Polly. Er iſt hinuntergefahren. Den verlorenen Sohn ſchien dieſe Nachricht ſehr zu tröſten, obgleich er immer noch, alle Kraft ſeines Geiſtes auf ſeinen Gönner lenkend, kaum ſeine Augen von Mr. Carkers Geſicht abwendete, außer um einen kurzen und betrübten Blick auf ſeine Mutter zu werfen. Ich will Ihnen jetzt ſagen, wie ich mit Ihrem Sohn be⸗ kannt geworden bin, wer ich bin, und was ich für ihn zu thun gedenke. Dies that Mr. Carker auf ſeine Manier, indem er ſagte, daß er zuerſt geſonnen geweſen, namenloſe Schrecken auf ſein vorwitziges Haupt zu häufen, zur Strafe, daß er ſich in das Local von Dombey und Sohn gewagt; daß er in Betracht ſeiner Ju⸗ gend, ſeiner Zerknirſchung und ſeiner Freunde andern Sinnes geworden; daß er fürchte, er handle unklug, wenn er etwas für den Burſchen thue, und ſetze ſich dem Tadel der Klügern aus; daß er es aber aus eigenem Antriebe und um ſeiner ſelbſt willen &++—B 9—,,. —— — 69— thue und die Folgen ganz auf ſich nehme; daß ferner der Mutter frühere Verbindung mit Mr. Dombey's Familie nichts damit zu thun habe, und ebenſo wenig Mr. Dombey, ſondern daß er, Mr. Carker, der alleinige Urheber und Vollzieher dieſer Sache ſei. Indem Mr. Carker großes Gewicht auf ſeine Güte legte und die Familie dieſelbe nicht weniger anerkannte, gab er in⸗ direct, aber ziemlich deutlich zu verſtehen, daß er Rob's unbe⸗ dingte Treue, Anhänglichkeit und Hingebung für immer verdiene und als den geringſten Dank beanſpruche. Und von dieſer gro⸗ ßen Wahrheit fühlte ſich Rob ſelbſt ſo tief durchdrungen, daß er ſeinen Gönner anſah, während große Thränen ſeine Backen niederrollten, und mit dem runden Haupte nickte, bis es faſt ſo locker auf ſeinen Schultern zu ſitzen ſchien, wie heute früh, als er ſich in der Gewalt dieſes ſelben Gönners befand. Polly, die der Himmel weiß wie viele ſchlafloſe Nächte we⸗ gen ihres ungerathenen Erſtgeborenen gehabt und ihn wochenlang nicht geſehen hatte, hätte faſt vor Mr. Carker wie vor einem guten Engel niederknieen können, trotz ſeiner Zähne. Aber da Mr. Carker ſich erhob um fortzugehen, konnte ſie ihm nur mit dem Gebet und mit dem Segen einer Mutter danken; ein ſo reicher Dank, wenn er in der Münze des Herzens ausgezahlt wird— vorzüglich für Dienſte, wie ſie der Disponent zu leiſten pflegte— daß er noch ſehr viel hätte herausgeben können und doch viel zu viel bekommen hätte. Während Mr. Carker ſich durch die Kinder nach der Thür drängte, näherte ſich Rob ſeiner Mutter und ſchloß ſie und das Kind in eine reuige Umarmung ein. — 7— Ich thu' gewiß, was ich kann, liebe Mutter. Bei meiner Seele, das werd' ich! ſagte Rob. Ja, thue es, mein lieber Sohn! Ich weiß es, du wirſt es thun unſertwegen und deinetwegen! rief Polly und küßte ihn. Aber du kommſt wieder, wenn du den Herrn hinausbegleitet haſt? Ich weiß nicht, Mutter. Rob ſtockte, und ſchlug die Au⸗ gen nieder. Vater— wenn kommt er zurück? Nicht vor zwei Uhr morgen früh, war die Antwort. Dann komme ich wieder, liebe Mutter! rief Rob. Und begleitet von dem gellenden, durch dies Verſprechen herausgelock⸗ ten Freudenruf ſeiner Schweſtern und Brüder folgte er Mr. Carker zur Thür hinaus. Wasl ſagte Mr. Carker, der das letzte Geſpräch gehört hatte. Du haſt einen böſen Vater? Nein, Sir! gab Rob ganz erſtaunt zur Antwort. Es giebt keinen beſſern Vater unter der Sonne, als meinen. Warum magſt du da nicht mit ihm zuſammentreffen? frug ſein Gönner. Es iſt ſo ein Unterſchied zwiſchen einem Vater und einer Mutter, Sir, ſagte Rob, nachdem er einen Augenblick gezaudert hatte. Er würde jetzt noch kaum glauben, daß ich mich beſſern wollte— obgleich ich weiß, er würde es verſuchen— aber eine Mutter— die glaubt immer was gut iſt, Sir; wenigſtens meine Mutter, Gott ſegne ſie! Mr. Carkers Mund zog ſich breit, aber er ſprach nicht eher, als bis er wieder zu Pferde ſaß und den Mann, der es gehalten, — α — 21— fortgeſchickt hatte. Er blickte aus dem Sattel herab feſt in das aufmerkſame Geſicht des Knaben, indem er ſagte: Du kommſt alſo morgen früh zu mir, und du wirſt erfah⸗ ren, wo der alte Herr wohnt; der alte Herr, der heute früh bei mir war, zu dem du kommen ſollſt, wie du gehört haſt. Ja, Sir, entgegnete Rob. Ich nehme an dieſem alten Herrn ſehr vielen Antheil, und indem du ihm dienſt, dienſt du zugleich mir; verſtehſt du mich, Knabe? Gut, ſagte er, als er des Knaben rundes Geſicht ſich aufhellen ſah bei dieſen Worten. Ich ſehe ſchon, du ver⸗ ſtehſt mich. Ich wünſche Alles von dieſem alten Herrn zu wiſ⸗ ſen, wie er von Tag zu Tag lebt— denn ich wünſche ſehr ihm von Nutzen zu ſein— und hauptſächlich, wer zu ihm kommt. Verſtehſt du mich? Rob nickte mit dem Kopf, und ſagte wieder: Ja, Sir. Ich erführe gern, daß er Freunde hätte, die ſeiner warteten, und daß ſie ihn nicht verlaſſen— denn er lebt jetzt ſehr einſam, der arme Mann— und daß ſie ihn und ſeinen Neffen, der über See iſt, werth halten. Vielleicht beſucht ihn manchmal eine junge Dame. Alles, was ſie betrifft, wünſche ich beſonders zu erfahren. Ich werde Alles thun, Sir, ſagte der Knabe. Und hüte dich, prägte ihm noch Mr. Carker ein, indem er ſich vorbeugte, um ſein prüfendes Geſicht dem des Knaben näher zu bringen und ihn mit dem Griff ſeiner Reitgerte auf die Schulter zu klopfen; hüte dich von meinen Angelegenheiten Je⸗ mandem außer mir etwas zu ſagen. 1 — 22— Niemandem auf der Welt, Sir, ſagte Rob und ſchüttelte den Kopf. Weder dort, ſagte Mr. Carker, nach dem Ort deutend, den ſie eben verlaſſen, noch anderswo. Ich will ſehen, wie treu und dankbar du ſein kannſt. Ich will dich auf die Probe ſtellen! Damit wandte er ſich von Rob ab, deſſen Augen ihn nicht ver⸗ ließen, als hätte er den Knaben durch einen Zauber mit Leib und Seele ſich zu eigen gemacht, und ritt fort. Als er eine Strecke getrabt war, wurde er gewahr, daß ſein getreuer Knappe, wie früher gegürtet, ihm mit gewohnter Ausdauer und zum großen. Ergötzen mehrerer Zuſchauer das Geleit gebe; er hielt deshalb ſein Pferd an und befahl ihm zu gehen. Um ſeines Gehorſams ſicher zu ſein, drehte er ſich im Sattel um und verfolgte ihn mit den Augen. Es war ſeltſam anzuſehen, wie Rob ſelbſt jetzt ſeine Augen nicht ganz von ſeinem Gönner abwenden konnte, ſondern, ſich immer wieder umdrehend, um ihn anzuſehen, in beſtändige Colliſionen mit den Vorübergehenden gerieth, was er jedoch, mit dem Verfolgen des einen vorherrſchenden Gedan⸗ kens beſchäftigt, durchaus nicht achtete. Mr. Carker, der Disponent, ritt langſam weiter mit der ſorgenfreien Miene eines Mannes, der alle Tagesgeſchäfte zu ſeiner Zufriedenheit abgemacht hat. So freundlich und leutſelig als nur ein Menſch ſein konnte, ritt Mr. Carker die Straßen entlang und ſummte ein Liedchen vor ſich hin. Es klang, als ob eine Katze ſpänne: er war ſo glücklich. Eine ſehr junge Dame! dachte Mr. Carker, der Dispo⸗ nent, während er ſelbſtzufrieden ſummte. Ja, als ich ſie zuletzt .— 73— ſah, war ſie ein Kind. Mit dunklen Augen und Haaren, und einem hübſchen Geſicht; einem ſehr hübſchen Geſicht! Sie muß ein ſchönes Mädchen geworden ſein.. Freundlicher und leutſeliger als je und immer fort ſum⸗ mend ritt Mr. Carker ſeines Wegs und lenkte zuletzt in die ſchat⸗ tige Straße ein, wo Mr. Dombey's Haus ſtand. Er war ſo beſchäftigt geweſen, hübſche Geſichter mit ſeinen Netzen zu um⸗ ſpinnen, daß er kaum eher bemerkte, in dieſer Gegend angelangt zu fein, als bis er, die Straße hinabſchauend, ein paar Schritt von Mr. Dombey's Hauſe ſein Pferd raſch anhielt. Aber um zu erklären, warum Mr. Carker ſein Pferd raſch anhielt, und was er mit nicht geringem Erſtaunen betrachtete, müſſen wir uns eine kleine Abſchweifung erlauben. Nachdem Mr. Toots von den Feſſeln der Blimbers befreit worden und in Beſitz eines gewiſſen Theils ſeines Vermögens gelangt war— welchen Theil, wie er Mr. Feeder jeden Abend im letzten halben Jahr ſeiner Schulzeit als neue Entdeckung mitgetheilt, die Executoren ihm nicht vorenthalten konnten— widmete er ſich mit großem Fleiße dem Studium des Lebens. An⸗ geſpornt von dem edlen Streben, eine glänzende und ausgezeichnete Laufbahn zu verfolgen, hatte Mr. Toots eine Wohnung gemie⸗ thet und darin einen Sportingſalon, geſchmückt mit den Porträts von berühmten Wettrennern, die nicht das mindeſte Intereſſe ſür ihn hatten, und ein Rauchzimmer, in dem er ſich ſtets ſehr ſchlecht befand, eingerichtet. In dieſem köſtlichen Locale widmete ſich Mr. Toots dem Studium aller der ſchönen Künſte, welche dem Le⸗ ben eine höhere Weihe geben. Sein Hauptlehrer war ein ſehr — 214— intereſſanter Charakter, gewöhnlich Mordio genannt(weil er ein wahrer Mordkerl war), der ſtets in der Schenkſtube des ſchwar⸗ zen Dachſes zu erfragen war, ſelbſt beim wärmſten Wetter einen zottigen weißen Ueberrock trug, und Mr. Toots für das beſcheidene Honorar von zehn Schilling und ſechs Pence die Stunde dreimal wöchentlich die Ohren vertrommelte. Mordio, den man den Apollo von Mr. Toots' Pantheon nennen konnte, hatte ihn bekannt gemacht mit einem Markör, der im Billard, einem Leibgardiſten, der im Fechten, einem Pferde⸗ verleiher, der im Reiten Unterricht gab, einem Herrn aus Corn⸗ wallis, der alle athletiſchen Künſte übte, und zwei oder drei andern Freunden, die ſich ebenfalls den ſchönen Künſten widmeten. Unter ihren Auſpicien mußte Toots gewiß ſchnelle Fortſchritte machen, und er widmete ſich auch ſeinem Studium mit großem Eifer. Aber— wie es kam, weiß ich nicht— ſelbſt als dieſe Herren noch den Reiz der Neuheit für ihn hatten, fühlte Mr. Toots ein unerklärliches Unbehagen, ein Unbefriedigtſein. Sein Glück trübten Schatten, die ſelbſt Mordio nicht vertreiben konnte. Nichts ſchien ihn ſo ſehr aufzuheitern, als beſtändig Karten in Mr. Dombey’s Hauſe abzugeben. Kein Steuereinſammler in dem weiten Gebiete Britanniens— wo die Sonne nie untergeht und der Steuereinſammler ſich nie ſchlafen legt— war regel⸗ mäßiger und unermüdlicher in ſeinen Beſuchen als Mr. Toots. Mr. Toots ging nie hinauf und machte, in höchſten Staat gekleidet, regelmäßig dieſelben Förmlichkeiten in der Thüre der Vorhalle durch. Ach! Guten Morgen! pflegte Mr. Toots erſte Bemerkung —+ ☛ d — 75— 4 gegen den Bedienten zu ſein. Für Mr. Dombey, war dann ſtets die zweite, indem er eine Karte hingab; für Miß Dombey! mit einer zweiten Karte. Dann drehte ſich Mr. Toots um als wollte er gehen; aber der Mann kannte ihn jetzt, und wußte, daß das nicht geſchehen würde. O, ich bitte um Verzeihung, ſagte nun Mr. Toots, als ob ihm plötzlich der Gedanke gekommen wäre. Iſt das Mädchen da? Der Bediente meinte, ſie würde wohl da ſein, aber er wiſſe es nicht ganz gewiß. Dann zog er eine Klingel, die oben ſchellte, und ſah die Treppe hinauf, und ſagte, ſie ſei da und komme her⸗ unter. Dann erſchien Miß Nipper, und der Bediente zog ſich zurück. O! wie geht's? ſagte Mr. Toots mit einem ſtillen Lachen, und wurde roth. Suſanne dankte ihm und ſagte, ſie befinde ſich wohl. Wie geht’s mit Diogenes? war Mr. Toots⸗ zweite Frage. Ganz gut. Miß Florentine gewinnt ihn jeden Tag lieber. Mr. Toots antwortete darauf ſtets mit einem erſtickten Lachen, das gerade wie das Aufmachen einer Flaſche mit mouſſi⸗ rendem Getränk klang. Miß Florentine befindet ſich ganz wohl, Sir, fügte dann wohl Suſanne hinzu. O, es hat nichts zu ſagen, danke, war ein für allemal Mr. Toots Antwort, und nachdem er dies geſagt, entfernte er ſich ſtets ſchleunigſt. Nun läßt ſich nicht leugnen, daß Mr. Toots ein dunkles Etwas in ſeinem Herzen fühlte, das ihm ſagte, wenn er in ſpä⸗ terer Zeit einmal mit Erfolg um die Hand Florentinens werben könne, ſo werde er ſich glücklich und ſelig fühlen. Es läßt ſich nicht leugnen, daß Mr. Toots auf einem großen Umwege dieſen Punkt erreicht hatte und hier feſt ſtehen blieb. Sein Herz war verwundet; er war verliebt. Eines Abends hatte er einen ver⸗ zweiflungsvollen Verſuch gemacht— er hatte zu dieſem Zweck die ganze Nacht durch wacht— ein Akroſtichon auf den Namen Florentine abzufaſſen, was ihn ſchon bei dem Gedanken zu Thrãä⸗ nen rührte. Leider hatte er es bewenden laſſen müſſen bei den Worten: Fürwahr, wenn ich dich ſchaue— da das dichteriſche Feuer, das ihn erfüllte, als er die Buchſtaben des Namens als Anfänge der Zeilen niederſchrieb, plötzlich erloſch. Außer der ſehr ſchlauen und politiſchen Maßregel, alltäglich eine Karte für Mr. Dombey abzugeben, hatte Mr. Toots Geiſt noch wenig in Bezug auf den Gegenſtand, der ſein Herz gefan⸗ gen hielt, erſonnen. Aber tiefes Nachdenken ſagte Mr. Toots, daß er ein Bedeutendes vorwärts kommen werde, wenn er Miß Nipper zu gewinnen ſuche, ehe er ihr den Zuſtand ſeines Herzens entdecke. Als das beſte Mittel dieſes Ziel zu erreichen erſchienen ihm für den Anfang einige unſchuldige und muthwillige Galanterien gegen dieſe junge Dame. Da er ſich jedoch darüber nicht recht klar werden konnte, ſo zog er ſeinen Freund Mordio zu Rathe— ohne ihm jedoch ganz ſein Herz zu eröffnen; denn er ſagte ihm blos, ein Freund aus Yorkſhire hätte ihn(Mr. Toots) über eine ähnliche Angelegenheit brieflich um ſeine Meinung befragt. 7 — wo meit ſtau lacht zur geſch ſann Aug⸗ — 277)— Mordio gab darauf zur Antwort, ſeine Meinung ſei ſtets:„Nur friſch darauf los und gut Glück!“ und:„Wenn du einmal weißt, was und wohin, dann nur nicht lange gefackelt;“ und Mr. Toots, der dies für eine Billigung ſeiner Anſichten hielt, faßte den heldenmüthigen Entſchluß, Miß Nipper das nächſte Mal einen Kuß zu geben. Nachdem daher Mr. Toots am nächſten Tage einige der größten Wunderwerke, welche Burgeß& Co. jemals hervorge⸗ bracht, angelegt hatte, machte er ſich, auf die Ausführung ſeines Planes bedacht, nach Mr. Dombey'’s Haus auf den Weg. Aber der Muth ſank ihm ſo ſehr, als er ſich dem Schauplatz ſeiner kommenden Thaten näherte, daß, obgleich er ſchon um drei Uhr Nachmittags an Ort und Stelle war, es doch ſechs ſchlug, ehe er zu klopfen wagte. Alles ging vor ſich wie gewöhnlich, bis zu dem Punkte, wo Suſanne ſagte, ihre Herrin befinde ſich wohl, und Mr. Toots meinte, es habe nichts auf ſich. Zu des Mädchens großem Er⸗ ſtaunen blieb heute Mr. Toots nach dieſer Bemerkung ſtehen und lachte vor ſich hin. Wollen Sie vielleicht hinaufgehen, Sir? ſagte Suſanne. Nun ja, ich möchte wohl herein kommen! gab Mr. Toots zur Antwort. Aber anſtatt die Treppe hinauf zu gehen, ſtürzte, als die Thüre geſchloſſen wurde, der kecke Toots mit linkiſchem Ungeſtüm auf Su⸗ ſannen los, umarmte ſie und drückte ihr einen Kuß auf die Wange. Gehen Sie doch, rief Suſanne, oder ich kratz Ihnen die Augen aus. — 78— Nur noch einen! bat M. Toots. Pfui, gehen Sie! rief Suſanne, und gab ihm einen Stoß. So eine Einfalt wie Sie! Wer wird denn nun kommen! Gehen Sie nur! Suſanne war nicht in zu großen Aengſten, denn ſie konnte vor Lachen kaum ſprechen; aber Diogenes, der ſich auf der Treppe befand, kam, wie er unten den Lärm hörte und durch das Ge⸗ länder den Kampf des fremden Eindringlings ſah, zum Entſatz herunter geſtürzt und hatte in einem Nu Mr. Toots beim Bein.. Suſanne kreiſchte, lachte, öffnete die Hausthür und rannte die Treppe hinab; der kühne Mr. Toots aber wankte hinaus, verfolgt von Diogenes, der ſein Hoſenbein nicht los ließ, als wären Burgeß& Co. ſeine Köche, und hätten dieſen leckern Biſ⸗ ſen als Feiertagsmahl für ihn bereitet. Diogenes aber wurde endlich abgeſchüttelt, rollte in den Staub, ſprang wieder auf, umſprang unſern ganz verblüfften Freund und wies ihm die Zähne: und dieſen ganzen Tumult ſah Mr. Carker, ruhig auf ſeinem Pferde haltend, zu ſeinem höchſten Staunen aus dem ſtattlichen Hauſe Mr. Dombey's hervorbrechen. Mr. Carker fuhr fort Toots zu beobachten, als Diogenes hereingerufen und die Thür geſchloſſen worden, und während der gedachte Herr, Zuflucht unter einem nahen Thorweg ſuchend, ſein zerriſſenes Beinkleid mit einem koſtbaren ſeidenen Taſchen⸗ tuch verband, das einen Theil ſeiner gewählten Ausrüſtung für das Abenteuer gebildet hatte. Ich bitte um Verzeihung, Sir, ſagte Carker und näherte — 279— ſich ihm mit dem verbindlichſten Lächeln. Ich hoffe, Sie ſind nicht verletzt? 3 O nein, ich danke Ihnen, erwiderte Mr. Toots und erhob ſein geröthetes Geſicht, es hat nichts zu ſagen.— Wenn Mr. Toots es im Stande geweſen wäre, hätte er gewiß geſagt, es freue ihn recht ſehr. Wenn des Hundes Zähne in das Fleiſch gedrungen ſind, Sir,— begann Mr. Carker und zeigte ſeine Zähne. Nein, ich danke Ihnen, ſagte Mr. Toots, es iſt Alles in Ordnung. Es iſt ganz gut ſo, dank' Ihnen. Ich habe die Ehre, Mr. Dombey zu kennen, bemerkte Carker. So? erwiderte Toots erröthend. Und Sie werden mir vielleicht erlauben, ſagte Mr. Carker den Hut abnehmend, in ſeiner Abweſenheit Sie um Verzeihung zu bitten wegen dieſes Unfalles, und mein Erſtaunen auszu⸗ drücken, wie es nur hat geſchehen können. 3 Mr. Toots war ſo erfreut über dieſe Höflichkeit und den glücklichen Zufall, der ihm Ausſicht gab, mit einem Freunde Mr. Dombey's bekannt zu werden, daß er ſein Kartentäſchchen, das er bei keiner Gelegenheit zu benutzen verſäumte, herauszog und Mr. Carker ſeinen Namen und ſeine Adreſſe überreichte, welche Höflichkeit letztgenannter Herr damit erwiderte, daß er ihm ſeine Karte gab, und ſo ſchieden ſie. ¹ Wie Mr. Carker langſam und fein vorſichtig am Hauſe vorbeireitet, zum Fenſter heraufblickt, und einen Blick zu erha⸗ ſchen ſucht auf das gedankenvolle Geſicht hinter dem Vorhang, V — 80— das den Kindern drüben zuſieht, erſcheint das zottige Haupt des Diogenes am Fenſter, und der Hund, alle Beſänftigungen miß⸗ achtend, bellt und knurrt ihn an, und fletſcht die Zähne, als wollte er herunterſpringen und ihn Glied für Glied zerreißen. Gut geſprochen, Diogenes, ſo nahe bei deiner Herrin! Noch einmal los auf ihn mit vorgeſtrecktem Kopf, und flammendem Auge, und dumpfem unwilligem Geknurr! Noch einmal, wie er vor⸗ beireitet! Du haſt gute Witterung, Diogenes, die Katze, Diogenes, die Katze! — Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Florentine in der Einſamkeit und der Seecadett in geheimniß⸗ vollem Dunkel. Förrntine wohnte allein in dem großen öden Hauſe, und Tag folgte auf Tag, und immer noch wohnte ſie allein, und die wei⸗ ßen Wände ſtarrten ſie an mit leerem Blick, als gedächten ſie wie Meduſen ihre Jugend und Schönheit in Stein zu verwandeln. Nie hat ſich die Phantaſie im Märchen einen verzauberten Palaſt, eingeſchloſſen im dichteſten Wald, einſamer und verlaſ⸗ ſener gedacht, als ihres Vaters Haus in unheimlicher Wirklichkeit auf die Straße niederſchaute: des Nachts, wenn die Lichter in den Fenſtern der Nachbarhäuſer ſchimmerten, ein dunkler Schatten in ihrer kargerhellten Dämmerung, bei Tage ein unfreundlicher Zug auf ihrem nie lächelnden Geſicht. An der Pforte hielten nicht zwei Drachen Wacht, wie gewöhn⸗ lich im Märchen vor dem Kerker leidender Unſchuld; aber außer einem dräuenden Geſicht mit dünnen boshaft grinſenden Lippen, das auf die Eintretenden vom Thorbogen herab niederſchaute, rankte Boz. Dombey u. Sohn. IV. 6 — 82— von der Schwelle empor ein abenteuerliches Geſchlinge von ro⸗ ſtigem Eiſen, wie ein verſteinerter Baum mit ſcharfen Spitzen und ſtarren ſchraubenförmigen Ranken, und auf jeder Seite mit einem ominöſen Lichtauslöſcher, der zu ſagen ſchien:„Wer hier eintritt, laß jeglich Licht dahinten!“ Ueber dem Portal ſtanden keine Zauberworte, aber das Haus ſah jetzt ſo vernach⸗ läſſigt und verlaſſen aus, daß Straßenjungen das Gitter und das Trottoir mit Kreide zeichneten— vorzüglich um die Ecke, wo die Seitenmauer war— und Geſpenſter auf die Stall⸗ thüre malten; und weil ſie Mr. Towlinſon manchmal fortjagte, malten ſie ihn aus Rache ab mit langen Ohren, die unter dem Hute hervorguckten. Geräuſch hörte auf zu ſein im Schatten die⸗ ſes Daches. Die Blasinſtrumentbande, die einmal die Woche des Morgens in die Straße kam, ließ nie eine Note vor dieſen Fenſtern erſchallen, ſondern alle Leute der Art bis zu einer kleinen engbrüſtigen Drehorgel von ſchwachem Geiſte mit einer Geſellſchaft von mechaniſchen Tänzern, die zu Flügelthüren her⸗ aus und herein walzten, blieben in einträchtiger Uebereinſtim⸗ mung weg und mieden es als einen hoffnungsloſen Ort. Der Zauberbann, der auf ihm lag, wirkte verderblicher als der, welcher verzauberte Häuſer in Schlummer feſſelte, aber ihre wachende Friſche unangerührt ließ. Ueberall Schweigen, Verödung und ſchleichender Verfall. In den Zimmern verloren die ſchlaffniederhängenden Gardinen ihre altgewohnten Falten und hingen da wie ſchwere Leichentücher. Uebereinandergeſchichtete Haufen von Hausgeräth, mit Decken verhüllt, ſchrumpften zu⸗ ſammen wie eingekerkerte und vergeſſene Menſchen, und verän⸗ — 83— derten ſich unmerklich. Die Spiegel waren blind wie vom Hauch der Jahre. Die bunten Muſter der Teppiche verblichen und verwirrten ſich wie die Erinnerungen an die unbedeutenden Vor⸗ fälle dieſer Jahre. Aufgeſchreckt von ungewohnten Schrit⸗ ten knarrten und ſchwankten die Dielen. Schlüſſel roſteten in den Thürſchlöſſern. Auf den Wänden bildete ſich ein feuchter Niederſchlag, und wie die Flecken hervordrangen, ſchienen die Bilder in die Wand hineinzuſchwinden und ſich zu verſtecken. Schimmel und Moder wuchs hier und da in den Wandſchränken. Große Schwämme wucherten in Kellerwinkeln. Der Staub häufte ſich an und Niemand wußte, wie und woher er kam; Spin⸗ nen, Motten und Larven zeigten ſich alltäglich. Dann und wann fand man eine abenteuernde Schabe auf der Treppe oder in den obern Zimmern, als ob ſie ſich nicht erklären könne, wie ſie dahin gekommen ſei. Ratten fingen an Nachts durch dunkle Gänge, die ſie hinter dem Getäfel ſich gewühlt, zu raſcheln und zu quieken. Die unheimliche Pracht der Staatszimmer, unvollkommen beleuchtet von dem Dämmerſchein, der durch die Spalten der geſchloſſenen Läden drang, paßte gut zu einem verzauberten Pa⸗ laſte. So die vergoldeten, jetzt verblichenen Löwenklauen, die ſich verſtohlen unter den Decken hervorſtreckten; die ſcharfen Umriſſe von Marmorbüſten, geſpenſterhaft mit ſchweren Crepſchleiern ver⸗ hüllt; die Uhren, die nie die Zeit meldeten, oder wenn ſie zufällig aufgezogen wurden, die falſche Stunde ſchlugen, oder gar eine, die nicht auf dem Zifferblatt ſtand; das zufällige Erklingen der Tropfen in den Kronleuchtern, das aufſchreckender wirkte als 6* — 2— die Sturmglocke; die gedämpften Töne und die ſtockige Luft, die ſich hereinſchlichen unter dieſe Gegenſtände, und eine Phantomen⸗ ſchaar anderer, verhüllt und verſchleiert und in geſpenſterhafter Geſtalt erſcheinend. Aber außerdem gab es noch die große Treppe, die der Fuß des Herrn vom Hauſe ſo ſelten betreten hatte und auf der ſein Sohn hinauf in den Himmel gegangen war. Noch andere Treppen und Gänge waren vorhanden, wo wochenlang kein Menſchentritt widerhallte; und verſchloſſene Zimmer, an die ſich Erinnerungen an Verſtorbene aus der Familie knüpften, die man ſich leiſe zuflüſterte; und für das ganze Haus außer für Florentinen eine liebliche Geſtalt, die in der Einſamkeit und dem Düſter wohnte, und an jedes lebloſe Ding eine Bedeutung und eine Erinnerung knüpfte. Denn Florentine wohnte allein in dem öden Hauſe, und Tag folgte auf Tag, und immer noch wohnte ſie allein, und die kalten Wände ſtarrten ſie an mit leerem Blick, als wollten ſie wie Meduſen ihre Jugend und Schönheit in Stein verwandeln. Gras begann auf dem Dache und in den Fugen des Trot⸗ toirs zu wachſen. Dürre ſchuppige Flechten wucherten auf den Fenſterſchwellen. Stückchen Kalk löſ'ten ſich aus dem Kamin, und fielen mit Geräuſch herab. Die beiden Bäume mit den geſchwärz⸗ ten Stämmen waren hoch oben verdorrt, und die welken Zweige waren ſichtbarer als das Laub. Durch das ganze Haus war Weiß zu Gelb geworden, und Gelb faſt ſchwarz; und ſeit der Zeit, wo die arme Lady geſtorben, war es allmählich zu einer ſchwarzen Lücke in der langen einfömigen Straße geworden. Aber Florentine blühte dort wie die ſchöne Königstochter r — 8— im Märchen. Ihre Bücher, ihre Muſik und ihre Lehrer waren ihre einzige wirkliche Geſellſchaft, außer Suſanne Nipper und Diogenes. Erſtere wurde durch ihre Anweſenheit bei den Un⸗ terrichtsſtunden ihrer jungen Herrin ordentlich gelehrt, während der letztere, wahrſcheinlich unter demſelben Einfluß milder wer⸗ dend, den Kopf auf das Fenſterbret legte, und den ganzen Som⸗ mermorgen auf die Straße hinunter blinzte, manchmal die Ohren ſpitzend und mit großer Bedeutſamkeit einem Hund vor einem Karren nachſehend, der bellend ſeine Straße zog, und manchmal mit wilder und unerklärlicher Erinnerung an ſeinen vermeintlichen Feind in der Nachbarſchaft nach der Thüre ſtürzend, wo er dann, nachdem er ſich tüchtig ausgebellt, mit einer komi⸗ ſchen Selbſtgenügſamkeit, die ihm eigen war, zurückkehrte, und den Kopf mit der Miene eines Hundes, der ſich um das Publi⸗ cum verdient gemacht, wieder auf das Fenſterbret legte. So lebte Florentine in dem öden Hauſe, in dem Kreislauf ihrer unſchuldigen Beſtrebungen und Gedanken, und Niemand trat ihr zu nahe. Sie konnte jetzt hinabgehen in ihres Vaters Zimmer, und an ihn denken, und mit ihrem liebenden Herzen demüthig ihm nahen, ohne zu fürchten, zurückgewieſen zu werden. Sie konnte die Gegenſtände, die ihn in ſeinem Schmerz umgaben, jetzt betrachten, und neben ſeinem Stuhle knieen, ohne den Blick, deſſen ſie ſich ſo deutlich erinnerte, zu fürchten. Sie war im Stande, ihm kleine Dienſte zu leiſten, wie Alles mit eigenen Händen in ſeinen Zimmern in Ordnung zu bringen, kleine Blumenſträuschen für ſeinen Tiſch zu binden, ſie mit neuen zu erſetzen, wie ſie welk wurden und er nicht zurückkehrte, jeden Tag für ihn etwas fertig — 86— zu machen, und ſchüchterne Zeichen ihrer Anweſenheit bei ſeinem Platze zurückzulaſſen. Heute war es ein kleiner gemalter Uhr⸗ halter; morgen fürchtete ſie ſich, es dort zu laſſen, und ſetzte eine andere ſelbſtverfertigte Kleinigkeit, die nicht ſo ſehr in die Augen fiel, an deſſen Stelle. Dann vielleicht aufwachend in der Nacht erzitterte ſie bei dem Gedanken, er möchte nach Hauſe kommen und das Geſchenk zürnend zurückweiſen, und dann eilte ſie im Nachtkleid mit klopfendem Herzen hinab und nahm es weg. Zu andern Zeiten legte ſie blos das Geſicht auf ſeinen Schreibtiſch, und ließ darauf einen Kuß und eine Thräne zurück. Niemand aber wußte etwas davon. Wenn die Diener⸗ ſchaft es nicht entdeckte, wenn ſie nicht dort war— und Alle mieden Mr. Dombey's Zimmer mit ſcheuer Furcht— ſo war es ein ſo tiefes Geheimniß in ihrer Bruſt, wie das, was ſie früher gethan. Florentine beſuchte verſtohlen die Zimmer in der Däm⸗ merung, oder ganz früh Morgens, oder wenn die Dienerſchaft unten aß. Und obgleich ſie durch ihre Sorgfalt in jedem Winkel beſſer und freundlicher wurden, ging und kam ſie doch ruhig wie ein Sonnenſtrahl, nur daß ſie ihr Licht zurückließ. Schatten begleiteten Florentinen durch das widerhallende Haus, und leiſteten ihr Geſellſchaft in den öden Räumen. Als ob ihr Leben ein Zaubergeſicht wäre, verkörperten ſich in ihrer Einſamkeit vor ihr tröſtende Gedanken, die es phantaſtiſch und traumhaft machten. Sie dachte ſich ſo oft, wie ihr Leben wohl geweſen ſein würde, wenn ihr Vater ſie geliebt hätte und ſie ſein Lieblingskind geweſen, daß ſie manchmal einen Augenblick lang ſich überredete, es ſei wirklich ſo, und hingeriſſen von dem lieb⸗ — S oͤ— ————— ⏑A⏑ ⏑ — 87— lichen Traume ſich zu erinnern glaubte, wie ſie beide ihren Bruder hätten beſtatten ſehen; wie ſie ihre Herzen vor einander ohne Rückhalt ausgeſchüttet; wie ſie eins waren in der theuren Rück⸗ herinnerung an ihn; wie ſie jetzt noch oft von ihm ſprachen, und wie ihr Vater ſie zärtlich anblickte und ihr ſagte, daß Gott ihre Hoffnung und ihr Troſt ſei. Zu andern Zeiten malte ſie ſich aus, ihre Mutter ſei noch am Leben. Und o des Glückes, ihr um den Hals zu fallen, und an ihr zu halten mit der Liebe und dem Vertrauen ihrer ganzen Seele! Und dann wieder die Ver⸗ ödung des einſamen Hauſes, wenn der Abend kam und Niemand da war!. Aber ein Gedanke, den ſie ſich ſ elbſt kaum klar gemacht, der aber in ihrem Innern energiſch lebte, hielt Florentinen aufrecht, wenn ſie kämpfte, und erfüllte ihr treues kindliches Herz, das ſo ſchwer geprüft war, mit Standhaftigkeit. In ihre Seele, wie in alle Gemüther, die mit der großen Trübſal der Sterblichkeit käm⸗ pfen müſſen, waren feierliche Ahnungen und Hoffnungen gedrun⸗ gen, die ihren Urſprung hatten in der geheimnißvollen Welt jen⸗ ſeits des Grabes, und wie leiſe Muſik flüſterten, daß ſie ihren Bruder und ihre Mutter wiederſehen würde in jenem fernen Lande 8 daß Beide jetzt über ſie wachten, ſie liebten und bemitleideten. Es war ein erquickender Troſt für Florentinen, ſolchen Gedan⸗ ken nachzuhängen, bis ihr eines Tages— es war kurz nach je⸗ nem Abend, wo ſie ihren Vater zuletzt in ſeinem Zimmer geſe⸗ hen— der Einfall kam, daß ſie, wenn ſie um ſein ihr entfremdetes Herz weinte, die Geiſter der Todten gegen ihn anrufen könnte. So kindiſch und phantaſtiſch auch dieſer Gedanke und die Furcht — 898— davor war, ſo war er doch begründet in dem Trieb ihrer lieben⸗ den Seele; und von dieſer Stunde an kämpfte Florentine gegen die tiefe Wunde ihres Herzens, und verſuchte deſſen, der ſie geſchlagen, nur mit Hoffnung zu gedenken. Ihr Vater wußte nicht— an dieſem Glauben hielt ſie von jetzt an feſt— wie ſehr ſie ihn liebte. Sie war ſehr jung, und hatte keine Mutter, und hatte durch irgend einen Fehler oder ein Mißgeſchick nie gelernt, wie ſie ihm zeigen müſſe, daß ſie ihn liebe. Sie wollte ſich in Geduld faſſen, und ſich beſtreben, mit der Zeit dieſe Kunſt zu lernen, und ihm zu einer beſſern Kennt⸗ niß ſeines eigenen Kindes verhelfen. Das wurde ihr Lebenszweck. Die Morgenſonne ſchien herab auf das graue Haus und fand den Entſchluß friſch und klar in dem Buſen ſeiner einſamen Herrin eingeprägt. Während des ganzen Tagewerks belebte er ſie; denn Florentine hoffte, daß er um ſo erfreuter ſein werde, wenn er ſie kennen lerne und lieb gewinne, je mehr ſie wiſſe, und je geſchickter ſie in allen Dingen geworden. Manchmal fragte ſie ſich mit ſchwellendem Herzen und thränenſchwangerm Auge, ob ſie wohl in irgend einer Sache geſchickt genug ſei, um ihn damit zu überraſchen, wenn ſie zuſam⸗ menlebten. Manchmal ſann ſie nach, ob es wohl eine Wiſſen⸗ ſchaft gäbe, die ſein Intereſſe vorzugsweiſe erregen werde. Bei ihren Büchern, bei ihrer Muſik und ihrer Arbeit, auf ihren Mor⸗ genſpaziergängen und in ihren Abendgebeten, ſtets ſchwebte ihr dieſes eine Ziel vor Augen. Seltſames Mühen eines Kindes, den Weg zu eines harten Vaters Herzen kennen zu lernen! Mancher Pflaſtertreter, der in der Dämmerung des Som⸗ — 89— merabends durch die Straße ging, und hinüber nach dem grauen Hauſe blickte, und im Fenſter in freundlicher Disharmonie mit dem Gebäude das jugendliche Geſicht, das nach den Sternen ſah, erblickte, hätte unruhiger geſchlafen, wenn er gewußt hätte, über welchen Plan ſie ſo ſtandhaft nachdachte. Der Ruf des Hauſes, daß es in ihm umgehe, wäre nicht gebeſſert worden bei den nie⸗ dern Leuten, die ihm dieſe Eigenſchaft beigelegt wegen ſeines düſtern Ausſehens, wenn ſie alltäglich vorübergingen, hätten ſie auch ſeine Geſchichte auf dem trüben Antlitz leſen können. Aber Florentine verfolgte ungeahnt und ununterſtützt ihren heiligen Zweck, und forſchte nur, wie ſie ihren Vater überzeugen könne von ihrer Liebe. 4 So wohnte Florentine allein in dem öden Hauſe, und Tag folgte auf Tag, und die eintönigen Wände ſtarrten ſie an mit leerem Blick, als wollten ſie wie Meduſen ihre Jugend und Schönheit in Stein verwandeln. Suſanne Nipper ſtand eines Morgens vor ihrer Herrin, als dieſe ein Billet, das ſie eben geſchrieben, zuſammenlegte und ſiegelte, und ihr Geſicht verrieth eine billigende Kenntniß ſeines Inhalts. Beſſer ſpät als niemals, liebe Miß, ſagte Suſanne, und ich behaupte, daß ſogar ein Beſuch bei dieſen alten Skettles eine Wohlthat ſein wird. Es war ſehr freundlich von Sir Barnet und Lady Skettles, Suſanne, erwiderte Florentine mit leiſer Rüge des unehrerbietigen Tones, mit dem ihre Dienerin von der fraglichen Familie ſprach, ihre Einladung in ſo gütigen Ausdrücken zu wiederholen. Miß Nipper, die vielleicht der entſchiedenſte Parteimenſch — 90— auf Gottes Erdboden war, und ihren Parteieifer auf alle große und kleine Dinge übertrug, und beſtändig damit gegen die Ge⸗ ſellſchaft kämpfte, rümpfte die Naſe und ſchüttelte den Kopf, als proteſtire ſie gegen jede Anerkennung der Uneigennützigkeit der Skettles, und wandte ein, daß ihre Güte reichlich bezablt werde durch Florentinens Beſuch. Die wiſſen, was ſie thun, wenn es jemals Leute wußten, brummte Miß Nipper, und zog den Athem ein. O! das können Sie den Skettles zutrauen! Ich muß geſtehen, Suſanne, es liegt mir nicht viel an die⸗ ſem Beſuch in Fulham, ſagte Florentine nachdenklich; aber es wird gut ſein, wenn ich gehe. Ich glaube es wird beſſer ſein. Viel beſſer, warf Suſanne ein, wieder mit emphatiſchem Kopfſchütteln. Und obgleich ich lieber gegangen wäre, fuhr Florentine fort, wenn niemand dort war, anſtatt jetzt in der Ferienzeit, wo wahrſcheinlich mehrere jüngere Leute zum Beſuch dort ſind, habe ich deshalb doch dankbar Ja geſorgt. Wozu ich ſage, Miß Tinchen, Gott ſei Dank! erwiderte Suſanne. Ah! h— h! Dieſer letzte Ausruf, mit dem Miß Ripper zu damaliger Zeit häufig ihre Rede ſchloß, war nach der Meinung des Keller⸗ geſchoſſes eine allgemeine Anſpielung auf Mr. Dombey, und ſollte den ſehnlichen Wunſch Suſannens, gedachten Herrn mit einem Theil ihres Gemüths zu beglücken, ausſprechen. Aber ſie gab niemals nähere Aufklärung darüber, und der Ausruf hatte daher ſ — 91— den Reiz des Geheimnißvollen und den Vorzug lakoniſcher und prägnanter Kürze. Seit wann haben wir keine Nachricht von Walter, Su⸗ ſanne? bemerkte Florentine nach kurzem Schweigen. O, das iſt ſehr lange, Miß Tinchen! antwortete das Mäd⸗ chen. Und Perch ſagte, als er vorhin Briefe abholen wollte— aber was kümmert uns, was er ſagt! rief Suſanne aus, und brach zornig erröthend ab. Er weiß was Rechtes! Florentine blickte raſch auf, und eine flüchtige Röthe ver⸗ breitete ſich über ihr Antlitz. Wenn ich nicht mehr Mann wäre, ſagte Suſanne Nipper, offenbar mit einer geheimen Unruhe ringend, und ihre junge Herrin feſt anſehend, während ſie ſich bemühte, ſich zum Zorn gegen des harmloſen Mr. Perch Bild zu erhitzen,— wenn ich nicht mehr Mann wäre, als dieſer Haſenfuß, ſo würde ich mir nie wieder etwas auf mein Haar einbilden, ſondern es hinter den Ohren aufwickeln, und ordinäre Mützen ohne einen Streifen Spitze tragen, bis mich der Tod erlöste aus meiner Unbedeu⸗ tendheit. Ich bin keine Amazone, Miß Tinchen, und mag mich durch eine ſolche Entſtellung nicht erniedrigen, aber ich bin doch gewiß keine Aufgeberin. Was iſt mit aufgeben? rief Florentine mit erſchrockenem Geſicht. Mein Gott, nichts, Miß, ſagte Suſanne. Nichts, gar nichts! Nur der Waſchlappen von einem Mann, Perch, den man faſt mit einem Schnips todt machen könnte, und gewiß wär' es — 92— für Alle ein Glück und ein Segen, wenn ſich Eine ſeiner er⸗ barmen wollte, und ſo gut wäre! Giebt er das Schiff auf, Suſanne? frug Florentine, ſehr blaß. Nein, Miß, erwiderte Suſanne, ich wollte ihn doch ſehen, wenn er mir das in das Geſicht thäte! Nein, Miß, aber er plappert immer von einem Topf Ingwer, den Mr. Walter für Mrs. Perch ſchicken ſollte, und ſchüttelt ſeinen trübſeligen Kopf, und ſagt, er hoffe er werde kommen; jedenfalls, ſagt er, kommt er nicht mehr zur rechten Zeit zu der beſtimmten Gelegen⸗ heit, aber vielleicht für das nächſte Mal, was mich wirklich bei dem Mann aus der Geduld bringt, denn wenn ich auch viel tra⸗ gen kann, ſo bin ich doch kein Kameel,— und auch kein Drome⸗ dar, fügte Suſanne nach einiger Ueberlegung noch hinzu. Was ſagt er ſonſt, Suſanne? frug Florentine dringend. Willſt du mir's nicht ſagen? Als ob ich Ihnen nicht Alles und Jedes ſagen würde, Miß Tinchen! ſagte Suſanne. Da will er wiſſen, man ſpräche überall von dem Schiffe, und noch kein Schiff ſei halb ſo lange auf dieſer Reiſe unterwegs geweſen, und des Capitains Frau wäre geſtern auf’s Comptoir gekommen und hätte ſehr beſorgt geſchienen, aber das kann Jeder ſagen, und wir mußßten faſt Alles ſchon früher. Ich muß zu Walters Onkel gehen, ſagte Florentine haſtig, ehe ich abreiſe. Ich will ihn dieſen Morgen beſuchen. Wir wollen gleich gehen, Suſanne. Da Miß Nipper gegen dieſen Vorſchlag nichts einzuwen⸗ en⸗ — 93— den hatte, ſondern von Herzen damit einverſtanden war, ſo waren ſie bald reiſefertig, und auf der Straße, und auf dem Wege nach dem kleinen Seecadetten. Der Seelenzuſtand, in dem der arme Walter an dem Tage, wo der Mäkler Brogley Beſitz vom Laden nahm, den Capitain Cuttle aufſuchte, und wo ihm ſelbſt der Kirchthurm mit Execu⸗ tion zu drohen ſchien, war dem ſehr ähnlich, in dem Florentine jetzt zu Onkel Sol ging, nur mit dem Unterſchied, daß Floren⸗ tine noch gequält wurde von dem Gedanken, ſie ſei vielleicht die unſchuldige Urſache der Gefahr, in der ſich jetzt Walter befand, und der angſtvollen Spannung, unter der Alle, denen er theuer war, und darunter ſie, litten. Alle Dinge ſchienen Ungewißheit und Gefahr auszudrücken. Die Wetterfahnen auf den Thürmen und Häuſern gaben geheimnißvolle Andeutungen von ſtürmiſchem Wetter, und wieſen wie geſpenſtige Finger auf das gefahrvolle Meer hinaus, wo Trümmer von Schiffen auf dem Waſſer ſchwam⸗ men, und auf ihnen hilfloſe Schiffbrüchige in einen Schlaf ge⸗ wiegt wurden, der tiefer war, als das unergründliche Meer. Als Florentine die City erreicht hatte, und an Leuten vorüberging, die mit einander ſprachen, da fürchtete ſie, ſie redeten vom Schiff und von ſeinem Untergang. Bilder von Schiffen, die gegen das ſtürmiſche Meer kämpften, erfüllten ſie mit banger Beſorgniß. Der Rauch und die Wolken, obgleich ſie langſam durch die Luft ſchwebten, gingen ihr zu ſchnell, und erfüllten ſie mit der Furcht, es möchte jetzt draußen auf dem Meere ein Sturm wüthen. Ob Suſanne Nipper ähnliche Anfechtungen hatte, wiſſen wir nicht, aber da ihre Aufmerkſamkeit ſehr in Anſpruch genom⸗ — 94— men wurde von Kämpfen mit Straßenjungen, wenn ſie in ein Gedränge kamen— zwiſchen dieſer Klaſſe von Menſchenkindern und ihr herrſchte nämlich eine angeborene Feindſchaft, die ſtets zum Ausbruch kam, wenn ſie einander zu nahe geriethen— ſo ſchien ſie wenig Zeit übrig zu haben für geiſtige Beſchäftigung. Als ſie ſeiner Zeit auf der andern Seite der Straße dem hölzernen Seecadetten gegenüber angekommen waren, und auf eine Gelegenheit warteten über die Straße zu gelangen, wunder⸗ ten ſie ſich nicht wenig, als ſie vor des Opticus Thür einen rundköpfigen Burſchen ſtehen ſahen, der ſein dickbäckiges Geſicht nach dem Himmel gerichtet hatte, und als ſie ihn erblickten, in den geräumigen Mund plötzlich zwei Finger jeder Hand ſteckte, und durch Hilfe dieſer Maſchinerie mehreren Tauben, die ziem⸗ lich hoch flogen, einen gellenden Pfiff zuſchickte. Mrs. Richards' Aelteſter, Miß! ſagte Suſanne, und ihr Herzeleid. Da Polly Florentinen die verbeſſerten Ausſichten ihres Sohnes und Erben mitgetheilt hatte, ſo war Florentine vorbe⸗ reitet, ihn hier zu finden; daher eilte ſie über den Weg, ſo wie ſich eine günſtige Gelegenheit darbok, ohne Mrs. Richards' Her⸗ zeleid zu beachten. Ohne ihre Nähe zu ahnen, pfiff der Burſche abermals mit aller Kraft, und ſchrie dann in fieberhafter Aufregung: Verflogen! Ho— o— ho! Verflogen! welche Identification ſolchen Eindruck auf die Tauben machte, und ihr Gewiſſen ſo mächtig rührte, daß ſie, anſtatt geradewegs nach einer Stadt in Nordengland zu eilen, wie erſt ihre Abſicht geweſen zu ſein men Haa der —— 22—. — 95— ſchien, unſicher hin und herflogen; worauf Mrs. Richards Erſt⸗ geborner ſie mit noch einem Pfiff bedachte, und abermals mit einer Stimme, die den Lärm der Straße übertönte, hinaufſchrie: Verflogen! Ho— o— ho! Verflogen! Aus dieſer Verzückung wurden ſeine Gedanken wieder auf die irdiſchen Dinge gelenkt durch einen Puff von Miß Nipper, der ihn in den Laden ſtolpern machte. Was, zeigſt du ſo dein Beſſerwerden, während Mrs. Richards ſich Monate lang um dich härmt? ſagte Suſanne. Wo iſt Mr. Gills?. Rob, der ſeinen erſten Zornesblick auf Miß Nipper milderte, als er Florentinen hinter ihr erblickte, fuhr mit der Hand nach dem Kopfe, wie um letztere zu grüßen, und ſagte zu der Erſteren, daß Mr. Gills ausgegangen ſei. Dann hole ihn, gebot Miß Nipper, und ſage, meine junge Herrſchaft ſei da. Ich weiß nicht, wo er hingegangen iſt, bemerkte Rob. Itt das dein Beſſern? ſagte Suſanne mit beißender Schärfe. Nun, ich kann ihn doch nicht holen, wenn ich nicht weiß, wo er iſt! greinte Rob. Wie könnt Ihr ſo unvernünftig ſein? Hat Mr. Gills geſagt, wenn er wieder nach Hauſe kom⸗ men würde? frug Florentine. Ja, Niß, erwiderte Rob, wieder mit der Hand nach den Haaren fahrend. Ja, er ſagte, er wollte zeitig Nachmittag wie⸗ der da ſein; in etwa zwei Stunden von jetzt an, Miß. Iſt er ſehr beſorgt wegen ſeines Neffen? frug Suſanne. Ja, Miß, erwiderte Rob, Suſanne nicht beachtend und — 96— ſich an Florentinen wendend; er iſt ſehr beſorgt um ihn. Er bleibt keine Viertelſtunde im Laden, Miß. Er kann nicht fünf Minuten auf einer Stelle ſitzen. Er irrt umher, wie— gerade wie eine verflogene Taube, ſagte Rob, indem er ſich bückte, um durch das Fenſter einen Blick auf die Tauben zu werfen, und die pfifflüſternen Finger auf halbem Wege zum Munde noch aufhaltend. Kennſt du einen Freund von Mr. Gills, Namens Capitain Cuttle? frug Florentine nach kurzem Beſinnen. Den mit dem Haken, Miß? erwiderte Rob und machte eine entſprechende Bewegung mit der linken Hand. Ja, Miß. Er war vorgeſtern hier. Iſt er ſeitdem nicht wieder dageweſen? forſchte Suſanne. Nein, Miß, gab Rob zur Antwort, immer noch zu Floren⸗ tinen ſprechend. Vielleicht iſt Walters Onkel zu ihm gegangen, Suſanne, bemerkte Florentine gegen dieſe.’ Zu Capitain Cuttle, Miß? ſagte Rob. Nein, dort iſt er nicht, Miß, denn er ließ ausdrücklich zurück, wenn Capitain Cuttle käme, ſo ſollte ich ihm ſagen, wie ſehr er ſich wundere, ihn geſtern nicht geſehen zu haben, und ihn hier warten laſſen, bis er wiederkomme. Weißt du, wo Capitain Cuttle wohnt? frug Florentine. Rob antwortete mit einem Ja, nahm ein ſchmieriges No⸗ tizbuch, das auf dem Tiſch lag, zur Hand und las die Adreſſe vor. Florentine wendete ſich wieder zu ihrer Zofe und berieth ſich leiſe mit ihr, während Rob, des Auftrags ſeines Gönners einge⸗ denk, zuſah und horchte. Florentine ſchlug vor, ſich nach Capitain Cuttle’'s Wohnung zu begeben, aus ſeinem eigenen Munde zu vernehmen, was er von dem Ausbleiben jeder Nachricht vom Sohn und Erben halte, und ihn wo möglich mitzunehmen, um Onkel Sol zu tröſten. Suſanne ſträubte ſich Anfangs ein wenig; aber da ihre Herrin eine Droſchke vorſchlug, hörte ihre Oppoſition auf und ſie gab ihre Beiſtimmung. Sie beriethen ſich einige Minuten lang, ehe ſie zu dieſem Entſchluß kamen, und Rob ſchenkte wäh⸗ rend dieſer Zeit den beiden Sprechenden ſeine vollkommenſte Aufmerkſamkeit und neigte abwechſelnd dieſer und jener ſein Ohr zu, als wäre er der von ihnen erwählte Schiedsmann. Schließlich wurde Rob nach einem Wagen geſchickt, wäh⸗ rend die beiden Frauen den Laden bewachten; und als er mit dem Fiaker zurückkam, ſtiegen ſie ein und ließen für Onkel Sol zurück, daß ſie auf dem Heimweg jedenfalls wieder vorſpre⸗ chen würden... Nachdem Rob dem Wagen nachgeſtarrt, bis er ſo unſichtbar geworden wie die Tauben, nahm er an dem Schreibpult mit geſchäf⸗ tiger Miene Platz, und damit er von dem Gehörten ja nichts ver⸗ geſſe, ſchrieb er es mit großer Tintenvergeudung auf kleine Zettel⸗ chen. Daß durch dieſe Documente, wenn ſie in falſche Hände kämen, etwas verrathen würde, lief er nicht Gefahr; denn lange bevor ein Wort trocken geworden, war es für Rob ein ſo tiefes Geheim⸗ niß, als hätte er an ſeiner Hervorbringung keinen Theil gehabt. Während er ſich noch damit beſchäftigte, hielt der Fiaker, nachdem er unerhörte Schwierigkeiten an Drehbrücken, ſchlechtem Wege, ſperrenden Kanälen, Zügen von Frachtkarren, Colonien von Feuerbohnen und kleinen Waſchhäuſern und ähnlichen in Boz. Dombey u. Sohn. IV. 7 — 7 — 98— dieſer Gegend häufigen Hinderniſſen erfahren, an der Ecke des Brigplatzes. Hier ſtiegen Florentine und Suſanne aus und ſuchten die Wohnung Capitain Cuttles auf. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß heute bei Mrs. Mac Stinger großer Scheuertag war. An ſolchen Tagen ließ ſich Mrs. Mae Stinger früh drei Viertel auf drei von dem Polizeimann herausklopfen, und ermattete ſelten vor zwölf Uhr Nachts. Der Hauptzweck dieſer Einrichtung ſchien zu ſein, daß Mrs. Mac Stinger mit dem früheſten Morgen allen Hausrath in den Garten räumen, den ganzen Tag in Pattens herumlaufen und nach Dunkelwerden den Hausrath wieder zurücktragen laſſen könnte. Die ganze Feierlichkeit beunruhigte zumeiſt die jungen Mac Stin⸗ gers, die an ſolchen Tagen nicht nur außer Stande waren, ein Ruheplätzchen für ihre Füße zu finden, ſondern auch von dem geſchäftigen Eifer der Mutter während dieſer Zeit mancherlei zu leiden hatten. Als Florentine und Suſanne Nipper vor Mrs. Mac Stin⸗ gers Thür erſchienen, war dieſe würdige, aber geſtrenge Dame in Begriff, Alexander Mac Stinger, zwei Jahre und drei Monat alt, durch den Hausgang zu tragen, um ihn zwangsweiſe auf das Straßenpflaſter niederzuſetzen; denn Alexander war ſchwarz im Geſicht, weil er nach erhaltener Strafe den Athem an ſich hielt, und ein kalter Pflaſterſtein wird in ſolchen Fällen für ein kräftiges Heilmittel gehalten. Die Gefühle der Mrs. Mac Stinger als Weib und Mutter wurden auf's Tiefſte verletzt von dem bemitleidenden Blicke, wel⸗ chen Florentine Alexandern zukommen ließ. Mrs. Mae Stinger — 99— legte deshalb, anſtatt ihre Neugier zu befriedigen, dieſe ſchönſten Regungen des menſchlichen Herzens dadurch an den Tag, daß ſie vor und nach der Anwendung des Pflaſterſteins Alexandern ſchüttelte und puffte, und von den Fremden nicht weiter Notiz nahm. Ich bitte um Entſchuldigung, Ma'am, ſagte Florentine, als das Kind wieder zu Athem gekommen war und reichlich davon Gebrauch machte. Iſt dies Capitain Cuttle’'s Haus? Nein, ſagte Mrs. Mac Stinger. Iſt es nicht Nummer neun? frug Florentine zögernd. Wer ſagte, es ſei nicht Nummer neun? entgegnete Mrs. Mac Stinger. Hier miſchte ſich Suſanne ein, und war begierig zu erfah⸗ ren, was Mrs. Mac Stinger damit ſagen wolle, und ob ſie wiſſe, mit wem ſie rede. Zur Antwort maß Mrs. Mac Stinger ſie vom Kopf bis zur Zehe. Möchte doch wiſſen, was Sie bei Capitain Cuttle zu ſuchen haben! ſagte ſie dann. Möchten Sie? Dann thut es mir leid, daß Ihr Wunſch nicht erfüllt werden wird, war Miß Nippers Erwiderung. Still, Suſanne! ſagte Florentine. Vielleicht können Sie uns ſagen, wo Capitain Cuttle wohnt, da es nicht hier iſt, Ma'am? Wer ſagt, er wohne nicht hier? entgegnete die unverſöhn⸗ liche Mrs. Mac Stinger. Ich ſagte, es ſei nicht Capitain Cuttle's Haus— und es iſt nicht ſein Haus— und Gott verhüte, daß es einmal ſein Haus werde— denn Capitain Cuttle weiß nicht 7* — 100— ein Haus in Ordnung zu halten— und verdient gar nicht ein Haus zu haben— es iſt mein Haus— und wenn ich den erſten Stock an Capitain Cuttle vermiethe, ſo thue ich etwas, wo ich keinen Dank kriege, und werfe Perlen vor die Säue! Mrs. Mac Stinger ſchrie dies laut, um in dem obern Stock gehört zu werden, und ſchloß jede Sentenz mit einem knallartigen Drucker, als kämen die Worte aus einer Büchſe mit vielen Läufen. Nach dem letzten Schuß hörte man den Capi⸗ tain oben im Zimmer beſänftigend und ſchüchtern ſagen: Ruhe da unten! Wenn Sie zu Capitain Cuttle wollen, dort oben iſt er! ſagte Mrs. Mac Stinger, mit einer heftigen Handbewegung. Florentine trat mit Suſannen ein, ohne weiter ein Wort zu verlieren, und Mrs. Mac Stinger ſetzte ihre Wanderung fort, während Alexander Mac Stinger(immer noch auf dem Pflaſter⸗ ſtein thronend), der aufgehört zu ſchreien, um dem Geſpräch zuzu⸗ hören, jetzt wieder anfing zu greinen und dabei zum Zeitvertreib die Umgebung, einſchließlich des Fiakers, anglotzte. Der Capitain, die Hände in den Taſchen und die Beine unter den Stuhl gezogen, ſaß auf einer kleinen wüſten Inſel, die faſt mitten in einem Ocean von Seife und Waſſer lag. Bei dem Capitain waren die Fenſter, die Dielen, die Wände und der Ofen gereinigt worden, und Alles, außer dem Ofen, war naß und glänzte von Seife und Sand; und der feuchte Scheuerge⸗ ruch durchdrang die Luft. In der Mitte ſaß der Capitain, verſchlagen auf ſeine Inſel, blickte mit betrübtem Antlitz auf die — 1601— Waſſerwüſte, und ſchien auf ein befreundetes Schiff zu harren, damit es ihn mit ſich nehme. Aber als der Capitain ſein unglückliches Geſicht nach der Thüre wendete und Florentinen mit ihrer Zofe eintreten ſah, war ſein Erſtaunen ſo groß, daß Worte es nicht beſchreiben können. Da Mrs. Mae Stingers Beredſamkeit jeden andern Ton nur undeutlich hörbar gemacht hatte, ſo erwartete er keinen andern Beſuch als den Kellner oder den Milchmann; und wie daher Florentine erſchien, an die Grenze der Inſel trat und ihm die Hand reichte, da ſtand der Capitain entſetzt auf, als hielte er ſie vorerſt für ein jugendliches Mitglied der Familie des fliegenden Holländers. Sich jedoch ſchnell wieder faſſend, war des Capitains erſte Sorge, ſie auf das feſte Land zu bringen, was ihm auch mit einer Bewegung des Armes glücklich gelang. Dann wagte er ſich wie⸗ der auf das offene Meer, umfaßte Miß Nippers ſchlanke Taille und trug ſie ebenfalls auf die Inſel. Jetzt drückte Capitain Cuttle Florentinens Hand mit großer Ehrerbietung und Bewun⸗ derung an die Lippen, trat ein wenig zurück(denn die Inſel war für drei nicht groß genug) und holte ſie vom Seifenmeere herüber wie eine neue Art Triton. Sie wundern ſich gewiß über unſern Beſuch, ſagte Floren⸗ tine mit einem Lächeln. Der unausſprechlich erfreute Capitain küßte als Antwort darauf ſeinen Haken und brummte, als läge ein feines Compli⸗ ment in den Worten: Nur feſt! nur feſt! Aber ich konnte nicht ruhen, ſagte Florentine, ehe ich Sie — 102— gefragt hatte, was Sie von unſerm guten Walter denken, und ob ſeinethalben etwas zu fürchten iſt, und ob Sie nicht jeden Tag ſeinen armen Onkel beſuchen und tröſten wollen, bis wir Nachricht von ihm bekommen? Capitain Cuttle fuhr hier wie unwillkürlich mit der Hand nach dem Kopf, auf dem der lackirte Hut fehlte, und machte ein unruhiges und betrübtes Geſicht. Fürchten Sie für Walters Sicherheit? frug Florentine, von deren Geſicht der Capitain(ſo entzückt war er von ihr) den Blick nicht abwenden konnte, während auch ſie ihn feſt anſah, um der Aufrichtigkeit ſeiner Antwort verſichert zu ſein. Nein, Herzenswonne, ſagte Capitain Cuttle, ich fürchte nichts. Ein Burſche wie Wal'r hält einen guten Theil Sturm und Unwetter aus. Ein Burſche wie Walr bringt der Brigg ſo viel Glück als von einem ſolchen Jungen nur möglich iſt. Walrr, ſagte der Capitain, und aus ſeinen Augen glänzte das Lob ſeines jungen Freundes, und er erhob den Haken, um ein ſchönes Citat anzumelden,— Walr iſt, was Sie den äußern und ſichtbaren Ausdruck einer innern und geiſtigen Vollkraft nennen könnten, und wenn Sie's gefunden haben, da merken Sie ſich's an. Florentine, die dies nicht ganz verſtand, obgleich der Capi⸗ tain es offenbar für ſehr bedeutungsvoll und inhaltsſchwer hielt, ſah ihn freundlich an, weiterer Auskunſt wartend. Ich fürchte nichts, Herzenswonne, begann der Capitain von neuem. ¹ iſt in dieſen Breiten ungewöhnlich ſchlechtes Wetter geweſen, das läßt ſich nicht leugnen, und ſie ſind verſchlagen worden, und vielleicht auf die andere Seite der Welt. Aber -., 5 — 103— das Schiff iſt ein gutes Schiff, und der Junge iſt ein guter Junge; und es iſt nicht leicht, dem Himmel ſei Dank, tapfre Herzen zu brechen, mögen ſie in Briggs oder in Buſen ſein. Hier ſind ſie an beiden Orten, was die Sache ins rechte Ge⸗ ſchick bringt, und bis jetzt fürchte ich gar nichts. Bis jetzt? wiederholte Florentine. Ganz und gar nichts, erwiderte der Capitain, den eiſernen Haken küſſend; und ehe ich anfange etwas zu fürchten, Herzens⸗ wonne, wird Walr von der Inſel ſchreiben, oder aus irgend einem Hafen, und Alles wird gut und richtig ſein. Und was den alten Sol Gills betrifft— hier wurde der Capitain feierlich— bei dem ich ausharren werde, bis der Tod uns trennt, und wenn des Lebens Stürme blaſen— ſieh' in den Katechismus, fügte Cuttle in Parentheſe hinzu, und da wird's ſtehen— wenn es für Sol Gills ein Troſt iſt, die Meinung eines Seemannes zu hören, der einen Verſtand hat, mit dem ſich Alles anfangen läßt, und der in ſeiner Lehrzeit faſt zerſchlagen worden iſt, und der mit Namen Bunsby heißt, ſo ſoll ihm der Mann in ſeiner eige⸗ nen Stube eine Meinung ſagen, die ihn in Staunen ſetzen wird. Ach! ſagte der Capitain bewundernd, gerade als wenn er mit dem Kopf gegen die Thür gerannt wäre. Wir wollen dieſen Herrn holen und hören, was er zu ſagen hat, ſchlug Florentine vor. Wollen Sie gleich mit uns kommen? Wir haben einen Wagen unten. Wieder fuhr der Capitain mit der Hand nach dem Kopf, wo der lackirte Hut fehlte, und machte ein verlegenes Geſicht. Aber in dieſem Moment zeigte ſich ein höchſt eigenthümliches — 104— Phänomen. Ohne alle Vorbereitung und faſt wie von ſelbſt ging die Thür auf, und der lackirte Hut flog herein wie ein Vo⸗ gel, und fiel vor dem Capitain nieder. Dann wurde die Thür eben ſo raſch wieder zugemacht, und nichts geſchah zur Erklärung des Wunders. Capitain Cuttle hob den Hut auf, beſchaute ihn mit gro⸗ ßer Theilnahme von allen Seiten, und fing an ihn mit dem Aer⸗ mel zu poliren. Während er damit beſchäftigt war, ſah der Capitain ſeinen Beſuch an und ſagte leiſe: Sehen Sie, ich wäre ſchon geſtern zu Sol Gills geſegelt, und auch heute früh, aber ſie— ſie nahm ihn weg und hielt mich feſt. Das iſt die ganze Geſchichte. Wer denn, um des Himmels Willen? frug Suſanne Nipper. Die Hauswirthin, meine Liebe, erwiderte der Capitain mit heiſerem Flüſtern und geheimnißheiſchenden Geberden. Wir hatten einen kleinen Streit über dieſe Scheuerei, und ſie— kurz, ſagte der Capitain, nach der Thür blickend und ſtark auf⸗ athmend, ſie confiscirte meine Freiheit! Ahl ich wollte, ſie hätte es mit mir zu thun! ſagte Su⸗ ſanne, von der Energie des Wunſches erröthend. Ich wollte ſie confisciren! Thäten Sie’s wirklich, meine Liebe? meinte der Capitain mit zweifelndem Kopfſchütteln, aber offenbar von Bewunderung des verzweifelten Muthes Suſannens erfüllt. Ich weiß es nicht. Iſt eine verwünſcht ſchwere Geſchichte.'s iſt ſehr ſchwer mit ihr auszukommen. Man weiß nie wo ſie hinaus will, — 105— eine Minute iſt ſie ſo, die andere ſo. Und wenn ſie anfängt!— ſagte der Capitain, und der Schweiß drang ihm aus allen Poren der Stirn.— Nur ein Pfeifen konnte die inhaltſchwere Bedeu⸗ tung dieſer Pauſe ausdrücken, und ſo pfiff er zitternd. Darauf ſchüttelte er wieder den Kopf, dachte von neuem bewundernd an Miß Nippers hohen Muth, und wiederholte ſchüchtern: thäten Sie's wirklich, meine Liebe? Suſanne antwortete nur mit einem ſelbſtbewußten Lächeln, welches ſo herausfordernd war, daß Capitain Cuttle gewiß nicht ſo bald aus der Verzückung, in der er ſie ſtumm betrachtete, er⸗ wacht wäre, wenn nicht Florentine in ihrer Beſorgtheit um Walter abermals vorgeſchlagen hätte, ſich ſogleich zu dem weiſen Bunsby zu begeben. So an ſeine Pflicht erinnert, drückte Ca⸗ pitain Cuttle den lackirten Hut entſchloſſen auf den Kopf, nahm den neuen Knotenſtock, der den an Walter verſchenkten erſetzt hatte, gab Florentinen den Arm und war bereit, ſich durch den Feind zu ſchlagen. Es zeigte ſich jedoch, daß Mrs. Mac Stinger bereits an⸗ dern Sinnes geworden war und eine ganz neue Richtung einge⸗ ſchlagen hatte. Denn als ſie die Treppe hinabkamen, klopfte die muſterhafte Hausfrau an der Hausthür den Teppich aus, während Alexander, immer noch auf dem Pflaſterſtein thronend, nur in unbeſtimmten Umriſſen durch den Staubnebel zu ſehen war; und ſo eifrig lag Mrs. Mae Stinger ihrer Beſchäftigung ob, daß ſie, als Capitain Cuttle und die beiden Frauenzimmer bei ihr vorübergingen, nur ſtärker klopfte und weder durch Wort noch Geberden eine Ahnung von ihrer Nähe verrieth. Der Capitain — 106— war froh, ſo leicht davon gekommen zu ſein— obgleich der Staub der Teppiche auf ihn wirkte wie eine überreichliche Priſe, und ihn nieſen machte, bis ihm die hellen Thränen die Backen hinab liefen— daß er kaum an ſein Glück glauben konnte, ſon⸗ dern mehr als einmal zwiſchen der Hausthür und dem Fiaker über die Achſel ſchaute, voll Furcht, Mrs. Mac Stinger möchte ihn doch noch verfolgen. Doch ſie erreichten die Ecke des Brigplatzes, ohne weiter von der gefährlichen Frau beläſtigt zu werden. Hier ſetzte ſich der Capitain auf den Bock— ſeine Galanterie erlaubte ihm nicht, ſich zu der Dame hineinzuſetzen, obgleich ſie ihn ſehr darum anging— und lothſte den Kutſcher nach Capitain Bunsby's Schiff, das den Namen„die vorſichtige Clara“ führte und un⸗ weit Rateliff lag. An dem Werft angekommen, wo des großen Mannes Schiff lag, eingeklemmt zwiſchen etwa fünfhundert anderen Fahr⸗ zeugen, deren verwirrtes Takelwerk ausſah, wie eine ungeheure und halbabgeriſſene Spinnewebe, erſchien Capitain Cuttle am Wagenfenſter, und lud Florentinen und Miß Nipper ein, ihn an Bord zu begleiten, da Bunsby gegen Damen ſehr weichherzig ſei, und ſie ihn nicht mehr begeiſtern könnten, als durch ihre Erſcheinung auf der vorſichtigen Clara. Florentine gab gern ihre Einwilligung; und der Capitain, ihre kleine Hand mit ſeiner knorrigen und breiten Tatze erfaſſend, führte ſie mit einer Miene, in der ſich eine wunderliche Miſchung von Gön⸗ nerſchaft, Väterlichkeit, Stolz und ceremoniöſem Weſen ausſprach, über verſchiedene ſehr ſchmutzige Verdecke, bis ſie die Clara erreich⸗ — — 107— ten, welches vorſichtige Schiff(es lag in der äußerſten Reihe) die Laufplanke entfernt und ſechs Fuß Waſſer zwiſchen ſich und ſeinen nächſten Nachbar gebracht hatte. Aus Capitain Cuttle's Erklärung ging hervor, daß der große Bunsby gleich ihm arg unter der Tyrannei ſeiner Hauswirthin litt, und daß er, wenn ihm die Sache zu arg wurde, als letztes Rettungsmittel ſich durch dieſen Abgrund von ihr ſchied. Clara a— hoy! ſchrie der Capitain, mit beiden Händen ein Sprachrohr bildend. A— hoyl rief wie des Capitains Echo ein Junge, der auf dem Verdeck erſchien. Bunsby an Bord? ſchrie der Capitain mit einer Stentor⸗ ſtimme hinüber, als wäre das Schiff eine halbe Meile anſtatt drei Ellen entfernt. Ei, ei!*) erwiderte der Junge in demſelben Tone. Der Junge ſchob dann Capitain Cuttle ein Bret herüber, der es ſorgfältig zurecht legte und Florentinen hinüberführte, worauf er ſogleich wieder zurück kam, um Miß Nipper zu holen. So ſtanden ſie auf dem Deck der vorſichtigen Clara, in deren ſtehendem Tauwerk verſchiedene flatternde Kleidungsſtücke nebſt einigen Zungen und Makrelen trockneten. 4 Gleich darauf ſtieg langſam aus der Cajütenluke ein ſehr großer Kopf mit einem unbeweglichen Auge in dem mahagony⸗ braunen Geſicht und einem beweglichen, wie bei manchen Leucht⸗ thürmen. Bedeckt war der Kopf mit zottigem Haar wie Werg, *) Ja, ja, in der Matroſenſprache. Anm. d. Ueberſ. — 10s— das keine vorherrſchende Richtung nach Norden, Oſten, Weſten oder Süden hatte, ſondern nach allen vier Cardinal⸗ und 64 Nebenpunkten des Compaſſes wies. Auf den Kopf folgte eine wahre Wüſte von einem Kinn, dann ein Hemdkragen nebſt Hals⸗ tuch, dann eine dicke Lothſenjacke, dann ein Paar dicke Lothſen⸗ hoſen, deren Gürtel, geſchmückt mit großen hölzernen Knöpfen wie Damenſteine, ſo breit war, daß er als Stellvertreter für die Weſte diente. Als die untern Theile der Beinkleider ans Ta⸗ geslicht gekommen waren, ſtand Bunsby vollſtändig da, die Hände in den unermeßlichen Hoſentaſchen und die Augen nicht auf Capitain Cuttle oder die Dame, ſondern nach dem großen Top gerichtet. Das unergründliche Ausſehen dieſes Philoſophen, der breit und ſtark war, und auf deſſen außerordentlich rothem Geſicht der Ausdruck tiefſter Schweigſamkeit lag, ſchüchterte den Capitain faſt ein, obgleich er ſehr vertraut mit ihm war. Nachdem er Flo⸗ rentinen zugeflüſtert, daß Bunsby nie in ſeinem Leben Erſtaunen gezeigt habe und es gar nicht zu kennen ſcheine, beobachtete ihn der Capitain, wie er nach dem Top hinaufblickte und dann den Horizont muſterte; und als das bewegliche Auge ſich wie⸗ der ihm zuzuwenden ſchien, ſagte er: Nun, Bunsby, mein Junge, wie geht's? Ein tiefer, heiſerer Ton, der mit Bunsby nicht das Ge⸗ ringſte zu thun zu haben ſchien, und jedenfalls auf ſeinem Ge⸗ ſicht nicht die mindeſte Veränderung hervorbrachte, gruppirte ſich zu den Worten: Ei, ei, Kamerad, wie geht’s? Zu gleicher Zeit ——.,——— — 109— kroch Bunsby's rechte Hand und rechter Arm aus einer Taſche, ſchüttelte des Capitains Hand und verſchwand wieder. Bunsby, ſagte der Capitain, gerade auf ſein Ziel los⸗ ſteuernd, da ſteht ihr; ein Mann von Kopf, und ein Mann, der ein Urtheil abgeben kann. Hier iſt eine junge Dame, die dieſes Urtheil hören will über meinen Freund Walter; auch mein anderer Freund, Sol Gills, ein Mann, den ihr näher kennen lernen müßt, denn er iſt ein Mann der Wiſſenſchaft, und die iſt die Mutter der Erfindung und kennt kein Geſetz. Bunsby, wollt ihr mir zu Gefallen unter Segel gehen und uns begleiten? Der große Philoſoph, der nach dem Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts immer etwas in der fernſten Ferne zu ſuchen und inner⸗ halb der nächſten zehn Meilen gar nichts zu bemerken ſchien, gab gar keine Antwort. Da ſteht ein Mann, ſagte der Capitain zu den beiden Damen und wies mit dem Haken auf ſeinen Freund, der öfter geſtürzt iſt, als ein anderer Menſch auf Erden; dem mehr Un⸗ fälle ganz allein für ſich zugeſtoßen ſind, als dem ganzen See⸗ mannsſpital zuſammen, der mehr Sparren, Eiſenſtangen und Bolzen mit ſeinem Kopf gefühlt hat, als zu einer Luſtjacht gehö⸗ ren, und der dabei doch ſein Urtheil hat, ſag' ich, denn ſo etwas giebt's nicht zu Waſſer und zu Lande. Der einfältige Schiffsherr ſchien durch eine ſehr leichte Bewegung ſeiner Ellbogen einige Zufriedenheit über dieſe Lob⸗ ſprüche auszudrücken; aber wäre auch ſein Geſicht ſo in die Ferne vertieft geweſen als ſein Blick, ſo hätte es doch dem Zu⸗ — 110— ſchauer kaum weniger Aufflärung über den Inhalt ſeiner Ge⸗ danken geben können als jetzt.. Kamerad, ſagte Bunsby plötzlich, und bückte ſich, um unter einem ihm im Wege ſtehenden Sparren hinauszuſchauen, was wollen die Damen trinken? Capitain Cuttle, deſſen Zartgefühl dieſe Frage nicht wenig verletzte, zog den Philoſophen abſeits, flüſterte ihm etwas ins Ohr und begleitete ihn hinunter, woſelbſt der Capitain, damit ſich ſein Freund nicht beleidigt fühle, ein Gläschen trank, welches Florentine und Suſanne durch das offene Deckfenſter von dem Weiſen, der zwiſchen ſeiner Koje und einem ſehr kleinen meſſingenen Kamin kaum Platz genug für ſich fand, einſchenken ſahen. Die beiden Seeleute erſchienen bald wieder auf dem Verdeck, und Capitain Cuttle, frohlockend über den Erfolg ſeines Unternehmens, geleitete Florentinen zurück nach dem Wagen, wäh⸗ rend Bunsby mit Miß Nipper folgte, die er(zu ihrer höchſten Entrüſtung) mit ſeinem rauhen Arm umfaßte, gleich einem blauen Bären. Der Capitain ſteckte den Philoſophen in die Kutſche, und bildete ſich ſoviel darauf ein, ſeiner habhaft geworden zu ſein, daß er ſich nicht enthalten konnte, ſehr oft durch das kleine Fen⸗ ſter hinter dem Kutſcherſitz Florentinen anzublicken, ſeine Zufrie⸗ denheit durch Lächeln zu verkünden und mit dem Finger auf ſeine Stirn zu weiſen, um anzudeuten, daß Bunsby eifrig dar⸗ über nachdenke. Mittlerweile ließ ſich Bunsby, immer noch Miß Nipper umfaſſend(denn ſein Freund, der Capitain, hatte die Weichheit ſeines Herzens nicht übertrieben), in ſeinem wür⸗ ſel gen Ver noch — 111— devollen Ernſte nicht ſtören, und ſchien ſich der Anweſenheit der beiden Damen gar nicht bewußt zu ſein. Onkel Sol, der unterdeſſen nach Hauſe gekommen war, empfing ſie an der Thür, und führte ſie ſogleich in das kleine Hinterzimmer, das ſeltſam verändert war durch Walters Abwe⸗ ſenheit. Auf dem Tiſch und im Zimmer herum lagen die Kar⸗ ten, auf welchen der bekümmerte Opticus wieder und immer wieder den Lauf des vermißten Schiffs verfolgte, und wo er vor der Minute noch beſchäftigt geweſen war, mit einem Cirkel zu meſſen, wie weit der Sohn und Erbe von ſeinem Cours ab⸗ gekommen ſein müſſe, um da⸗ oder dorthin verſchlagen worden zu ſein, und wobei er ſich zu überreden ſuchte, daß eine lange Zeit verſtreichen müſſe, ehe er die Hoffnung verlieren dürfe.— Ob es dorthin verſchlagen iſt, ſagte Onkel Sol, ſinnend die Karte betrachtend, aber nein, das iſt faſt unmöglich. Oder ob es vom ſtürmiſchen Wetter gezwungen worden iſt,— aber das iſt auch nicht gut möglich. Oder ob man hoffen könnte, das Schiff wäre ſo weit von ſeinem Cours abgekommen— aber ſelbſt das läßt ſich kaum hoffen! Mit ſolchen halbvollendeten Sätzen ließ der arme Onkel Sol ſeine Augen über die große Karte, die vor ihm lag, ſchweifen, und konnte darauf kein Fleck⸗ chen hoffnungsvoller Wahrſcheinlichkeit finden, das groß genug geweſen wäre, die Spitze des Cirkels darauf zu ſetzen. 2 Florentine gewahrte ſogleich— es wäre ſchwer geweſen es nicht zu ſehen— eine eigenthümliche und unbeſchreibliche Veränderung an dem alten Mann. Sein ganzes Weſen war noch unruhiger und unſicherer als gewöhnlich, aber zugleich ließ — 112— ſich an ihm eine ſeltſame, ſeiner ganzen Art widerſprechende Ent⸗ ſchiedenheit bemerken, über die ſie nicht klar werden konnte. Ein⸗ mal glaubte ſie, ſein Geiſt ſei geſtört; denn als ſie ihr Be⸗ dauern äußerte, ihn heute früh nicht zu Hauſe gefunden zu haben, antwortete er erſt, daß er bei ihr geweſen ſei, ſchien aber gleich darauf zu wünſchen, dies Geſtändniß zurückzunehmen. Sie waren bei mir? ſagte Florentine. Heute? Ja, mein liebes junges Fräulein, gab Onkel Sol zur Ant⸗ wort und blickte ſie verlegen an. Ich wollte Sie noch einmal mit meinen eigenen Augen ſehen, und mit meinen eigenen Ohren hören, bevor ich— hier ſtockte er. Bevor wann? Bevor was? ſagte Florentine, und legte die Hand auf ſeinen Arm. 4 Sagte ich„bevor?“ erwiderte der alte Sol. Wenn ich's ſagte, meinte ich wohl, bevor ich Nachricht von meinem lieben Neffen bekomme. Sie ſind leidend, ſagte Florentine theilnehmend. Sie haben ſich ſo ſehr geängſtigt. Ich bin überzeugt, Sie ſind leidend. Ich bin ſo geſund, entgegnete der Alte, indem er ſeine rechte Hand ballte und ſie ihr hinhielt, wie ein Mann in meinen Jahren nur ſein kann. Sehen Sie! ſie zittert nicht. Iſt ihr Inhaber nicht der Entſchloſſenheit und Energie ſo fähig, wie mancher jüngere Mann? Ich glaube. Wir werden ſehen. In ſeinem Weſen war noch mehr, als in ſeinen Worten, obgleich ihr auch dieſe eingeprägt blieben, was auf Florentinen ſo viel Eindruck machte, daß ſie gewiß jetzt ihre Beſorgniſſe gegen — 113— Capitain Cuttle geäußert hätte, aber der Capitain ergriff gerade dieſen Moment, um die Verhältniſſe, über die der weiſe Bunsby ſein Urtheil abgeben ſollte, auseinander zu ſetzen, und den Phi⸗ loſophen zu bitten, ſeine Meinung zu verkünden. Bunsby, deſſen Auge ſich immer noch auf eine unbekannte Stelle halbwegs zwiſchen London und Gravesend heftete, ſtreckte zwei oder drei Mal ſeinen zottigen rechten Arm aus, als wollte er ihn, der Inſpiration wegen, um Miß Nippers ſchlanke Taille legen; da ſich aber dieſe junge Dame zürnend auf die andere Seite des Tiſches zurückgezogen hatte, ſo fand die zärtliche Empfindung des Capitains bei der vorſichtigen Clara keine Erwiderung. Nach verſchiedenen fehlgeſchlagenen Bemühungen dieſer Art ſprach der Capitain, Niemanden anredend, folgendermaßen; oder vielmehr die Stimme in ſeiner Bruſt ſprach aus eigenem freien Belieben und ohne ſein Zuthun, als wäre er von einem höhern Geiſte beſeſſen: Ich heiße Jack Bunsby! Er iſt John getauft, rief der entzückte Capitain Cuttle. Hört ihn! Und was ich ſage, fuhr die Stimme nach einigem Beſinnen fort, daran halt' ich feſt. Der Capitain, Florentinen immer noch führend, nickte den Zuhörern zu, und ſchien zu ſagen: Jetzt werdet Ihr ihn hören. Das meinte ich, als ich ihn herholte. Wodurch, fuhr die Stimme fort, warum nicht? Iſt's an dem, was weiter? Kann Jemand etwas dagegen ſagen? Nein. Weg damit alſo! Boz. Dombey u. Sohn. IV. 8 — 114— Als die Stimme bis zu dieſem Punkte gekommen war, ſchwieg ſie und ruhte aus. Dann fuhr ſie ſehr bedächtig fort: Ob ich glaube, daß der Sohn und Erbe untergegangen iſt, meine Jungen? Vielleicht. Sage ich das? Was? Wenn ein Schiff aus dem St. Georgskanal nach den Dünen ſegelt, was liegt da gerade vor ihm? Die Goodwins⸗Untiefen. Es muß nicht auf den Goodwins ſcheitern, aber es kann. Die Bedeutung von dieſer Bemerkung liegt in der Anwendung von derſelben. Das geht mich nichts an. Alſo vorwärts, und gute Wacht vorn gehalten, und gut Glück auf die Reiſe! Hier verließ die Stimme das Hinterſtübchen und ging auf die Straße, und nahm den Capitain der vorſichtigen Clara mit, und begleitete ihn mit möglichſter Eile an Bord, wo er ſich ſo⸗ gleich hinlegte und ſeinen Geiſt mit einem Schläfchen ſtärkte. Die Zuhörer des großen Weiſen, denen er es überlaſſen, ſeine Weisheit nach ihrer Art auszulegen— und das war die Hauptſtütze des Bunsby’ſchen Dreifußes, wie wahrſcheinlich man⸗ ches andern orakelſpendenden Tripodiums— blickten ſich mit einiger Ungewißheit an; während Rob, der Scheerenſchleifer, der ſich die unſchuldige Freiheit genommen, durch das Fenſter im Dach hereinzugucken und zu lauſchen, in einem Zuſtand größ⸗ ter Verworrenheit wieder heruntergekommen war. Capitain Cuttle aber, deſſen Bewunderung Bunsby's wo möglich noch erhöht worden war durch die glänzende Art, in der er ſeinen Ruf gerechtfertigt hatte, erklärte Allen, daß Bunsby nichts anderes meine, als volles Vertrauen; daß Bunsby keine böſen Ahnun⸗ gen habe, und daß ein ſolches Urtheil von einem ſolchen Manne mit — 115— ein wahrer Hoffnungsanker auf beſtem Ankergrunde ſei. Flo⸗ rentine bemühte ſich zu glauben, daß der Capitain Recht habe; aber Miß Nipper ſtand mit feſtverſchränkten Armen da, ſchüt⸗ telte entſchieden den Kopf, und ſchenkte Bunsby auch kein Haar mehr Vertrauen, als Mr. Perch. Den alten Onkel Sol ſchien der Philoſoph ziemlich auf dem alten Flecke gelaſſen zu haben, denn er irrte immer noch über der Waſſerwüſte umher, den Cirkel in der Hand haltend und keinen Ruhepunkt für ihn entdeckend. In Folge einiger Worte, die ihm Florentine ins Ohr flüſterte, während der Alte ſich in feiner Beſchäftigung vertiefte, legte Capitain Cuttle ſeine ſchwere Hand auf des Opticus Schulter. Wie geht's, Sol Gills? ſagte der Capitain mit Herzlichkeit. Nur ſo ſo, Ned, erwiderte der Opticus; es iſt mir heute Nachmittag eingefallen, daß wir an dem Tage, wo mein Neffe in Dombey's Geſchäft trat und ſpät zum Eſſen nach Hauſe kam, hier in demſelben Stübchen uns von Sturm und Schiffbruch erzählten, und daß ich ihn kaum auf etwas Anderes bringen konnte. Aber des Alten Augen begegneten denen Florentinens, die ihm ernſtforſchend ins Antlitz ſahen, und er hielt inne und lächelte. Nur friſchen Muth, alter Freund! rief der Capitain. Ich will euch was ſagen, Sol Gills; nachdem ich Herzenswonne nach Hauſe gebracht habe— hier warf der Capitain Florentinen mit ſeinem Haken einen Kuß zu,— komme ich wieder und nehme euch für den Reſt des Tages ins Schlepptau. Ihr eßt heute mit mir, Sol, das hilft nichts. 8* — 116— Nicht heute, Ned! ſagte der Alte raſch, und ſchien ganz erſchrocken über den Vorſchlag. Nicht heute. Es iſt mir nicht möglich! Warum nicht? frug der Capitain, und ſah ihn er⸗ ſtaunt an. Ich— ich habe ſo viel zu thun. Ich— ich habe über Mancherlei nachzudenken, und manches in Ordnung zu bringen. Ich kann wirklich nicht, Nedd. Ich muß noch einmal ausgehen, und allein ſein, und mir vielerlei überlegen heute. Der Capitain ſah den Opticus an, und dann Floren⸗ tinen, und dann wieder den Optieus. Morgen alſo! ſchlug er endlich vor. Ja, ja, morgen, ſagte der Alte. Denkt morgen an mich. Sagen wir morgen. Ich werde morgen zeitig kommen, Gills, merkt’s Euch, ſagte der Capitain. Ja, ja. Das Erſte, was wir morgen früh thun, gab der Alte zur Antwort; und jetzt lebt wohl, Ned Cuttle, und Gott behüte Euch! MNiit ungewöhnlicher Heftigkeit drückte der Alte bei dieſen Worten die beiden Hände des Capitains, wendete ſich dann zu Florentinen und drückte ihre beiden Hände an die Lippen; dann trieb er ſie mit ſeltſamer Haſt zum Fortgehen. Im Ganzen machte er einen ſolchen Eindruck auf Capitain Cuttle, daß dieſer ſich noch einmal an Rob wendete und ihm einſchärfte, bis zum andern Morgen beſonders aufmerkſam und liebevoll gegen ſeinen Herrn zu ſein; dieſer Vorſchrift gab er größern Nachdruck durch — 117— die baare Erlegung von einem Schilling und das Verſprechen eines Sixpence noch für den nächſten Mittag. Nachdem dies erledigt war, ſtieg Capitain Cuttle, der ſich als der natürliche und geſetzliche Beſchützer Florentinens betrachtete, mit dem ſtol⸗ zen Gefühl ſeiner Wichtigkeit auf den Bock und geleitete ſie nach Hauſe. Beim Abſchied verſicherte er ihr, daß er bei Sol Gills treu und ſtandhaft aushalten werde; und frug nochmals Miß Nipper, außer Stande, ihre wackern Worte in Bezug auf Mrs. Mac Stinger zu vergeſſe eu.„Würdet Ihr's wirklich thun? Als das öde Haus die Beiden aufgenommen und die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, dachte der Capitain wieder an den alten Opticus, und eine gewiſſe Unruhe bemächtigte ſich ſeiner. Anſtatt daher nach Hauſe zu gehen, ging er einige Mal die Straße auf und ab, verſchlenderte ſo den Tag, und aß ſpät in einem kleinen winkligen Wirtshaus in der City mit einem keilförmigen Gaſtzimmer, wo lackirte Hüte viel verkehrten. Der Capitain beabſichtigte nämlich, nach Dunkelwerden noch einmal vor Sol Gills vorbeizugehen und durch das Fenſter hineinzu⸗ ſehen, was er auch ausführte. Die Thür des Hinterſtübchens ſtand offen, und ſein alter Freund ſaß am Tiſch und ſchrieb mit großem Eifer, während der kleine Seecadett, ſchon geſchützt vor dem Abendthau, ihm vom Ladentiſch aus zuſah, unter welchem Rob, der Scheerenſchleifer, ſich ſein Nachtlager zurecht machte. Wieder ermuthigt durch die Ruhe, die in der Umgebung des hölzernen Seecadetten herrſchte, ſteuerte der Capitain nach dem Brigplatz, entſchloſſen morgen früh bei Zeiten die Anker zu lichten. .— enAn Kapitel. Das Studium eines liebenden Herzens. 3 8 Sir Barnet und Lady Skettles, recht gute Leute, wohnten in einer hübſchen Villa in Fulham am Ufer der Themſe. Die Wohnung hatte ihre großen Vorzüge, wenn eine Wettfahrt auf dem Waſſer ſtatt fand, aber auch zu Zeiten ihre kleinen Nach⸗ theile, wie z. B. das gelegentliche Erſcheinen des Fluſſes im Salon, und das gleichzeitige Verſchwinden des Raſenplatzes und des Boskets. Sir Barnet Skettles legte ſeine perſönliche Wichtigkeit haupt⸗ ſächlich an den Tag durch eine altmodiſche goldene Doſe und ſein ſchweres ſeidenes Taſchentuch, welches er auf imponirende Weiſe aus der Taſche zu ziehen, wie ein Banner auszubreiten und mit beiden Händen zu gebrauchen wußte. Sir Barnets Lebenszweck war, beſtändig den Kreis ſeiner Bekanntſchaften auszudehnen. Wie ein ſchwerer Körper, der ins Waſſer faͤllt— wir wollen einem ſo würdigen Herrn mit dieſem Vergleich nicht etwa zu - o— 8SZ———,—4, 70 — 119— 4 nahe treten— mußte Sir Barnet Skettles einen ſich immer erweiternden Kreis um ſich ziehen, bis kein Platz mehr da war. Sir Barnet war ſtolz darauf, Leute miteinander bekannt zu machen. Er liebte die Gewohnheit um ihrer ſelbſt willen, und ſie förderte auch nebenbei ſeinen Lebenszweck. Zum Beiſpiel, wenn Sir Barnet das gute Glück hatte, eines Neulings in der Welt oder eines Landedelmanns habhaft zu werden, und ihn auf ſeine gaſtliche Villa gelockt hatte, ſo ſagte Sir Barnet am Morgen nach der Ankunft des Gaſtes zu ihm: Mein verehrter Freund, wünſchen Sie Jemand kennen zu lernen? Wen wür⸗ den Sie zu ſehen wünſchen? Haben Sie ein Intereſſe für Schriftſteller, oder Maler, oder Bildhauer, oder Schauſpieler, oder für andere Leute? Möglicherweiſe ſagte der Gaſt ja, und nannte Jemanden, den Sir Barnet eben ſo wenig kannte, als Ptolemäus den Großen. Sir Barnet aber gab zur Antwort, nichts ſei leichter als das, da er ihn ſehr gut kenne, ſtattete ſo⸗ fort bei dem Genannten einen Beſuch ab, ließ eine Karte zurück, und ſchrieb ein Billet:—„Verehrter Herr— Nachtheil Ihrer hohen Stellung— beſonderer Freund von mir, der natürlich Verlangen trägt— Lady Skettles und ich, von demſelben Wunſch erfüllt— im Vertrauen, daß das Genie erhaben iſt über das Ceremoniel, erlauben wir uns, Sie zu bitten ꝛc. ꝛc.—“ und ſo ſchlug er zwei Fliegen mit einer Klappe todt. Mit der Schnupftabaksdoſe und dem Banner in voller Thätigkeit legte Sir Barnet Skettles Florentinen am erſten Morgen ihres Dortſeins die gewöhnliche Frage vor. Als Flo⸗ rentine ihm dankte und ſagte, ſie wiſſe Niemanden, den ſie zu — 120— ſchmerzlichen Gefühl an den armen Walter dachte. Als Sir Barnet ſein freundliches Anerbieten wiederholte mit den Worten: Meine liebe Miß Dombey, wiſſen Sie wirklich Niemanden, den Ihr verehrter Herr Vater— dem ich meine und Lady Skettles' ergebenſte Complimente zu ſenden bitte, wenn Sie ſchreiben— vielleicht möchte kennen lernen, ſo war es ganz natürlich, daß ihr Haupt ſich ein wenig ſenkte und ihre Stimme zitterte, als ſie mit Nein antwortete. Skettles der Jüngere, deſſen Binde viel ſteifer und der ſelbſt viel geſetzter geworden, war wegen der Ferien zu Hauſe, und ſchien ſchwer gekränkt durch das Verlangen ſeiner vortreff⸗ lichen Mutter, Florentinen allerlei Aufmerkſamkeiten zu erweiſen. Ein anderes und tieferes Unrecht, unter dem die Seele des jun⸗ gen Barnet ſchäumte, war die Anweſenheit des Doctors und der Mrs. Blimber, welche eine Einladung in das väterliche Haus empfangen hatten, und die der gedachte junge Gentleman, wie er öfters ausſprach, lieber in dem Lande, wo der Pfeffer wächſt, geſehen hätte. Wüßten Sie Niemanden, Doctor Blimber? ſagte Sir Bar⸗ net Skettles, indem er ſich an diefen Herrn wendete. 7 Sie ſind ſehr gütig, Sir Barnet, erwiderte Doctor Blim⸗ ber. Ich wüßte Niemanden zu nennen. Ich lerne gern meine Mitmenſchen im Allgemeinen kennen, Sir Barnet. Was ſagt Terenz? Jeder, der Vater eines Sohnes iſt, hat für mich In⸗ tereſſe. 4 ſehen wünſche, ſo war es ganz natürlich, daß ſie mit einem — 121— Wünſcht vielleicht Mrs. Blimber irgend eine merkwürdige Perſon zu ſehen? frug Sir Barnet höflich. Mrs. Blimber erwiderte mit ſüßem Lächeln und leichtem Schütteln ihres himmelblauen Huts, daß ſie gewiß Sir Barnets Gefälligkeit in Anſpruch nehmen werde, wenn er ſie mit Cicero hätte bekannt machen können; aber da dies nicht möglich, und ſie auch ſchon ſo glücklich ſei, ihn und ſeine liebenswürdige Gattin unter ihre Freunde zu zählen und mit dem Doctor ihr beider⸗ ſeitiges Vertrauen in Bezug auf ihren lieben Sohn zu genießen— hier rümpfte der junge Barnet die Naſe— ſo ſei ſie damit zufrieden. Unter ſolchen Umſtänden mußte Sir Barnet ſich vor der Hand mit der bereits in ſeinem Hauſe anweſenden Geſellſchaft begnügen. Florentinen war dies lieb; denn ſie hatte an den Verſammelten ein Studium zu verfolgen, und es lag ihr zu ſehr am Herzen und war von zu hoher Bedeutung für ſie, als daß es einem andern Intereſſe hätte weichen können. Unter den Gäſten des Hauſes befanden ſich einige Kinder, Kinder, die ſo glücklich und vertraut mit ihren Vätern und Müttern lebten, als die roſigen Geſichter ihrem Vaterhauſe ge⸗ genüber: Kinder, die ihrer Liebe keinen Zwang anlegten und ſie offen zeigten. Florentine bemühte ſich ihr Geheimniß kennen zu lernen; ſuchte zu erfahren, worin ſie gefehlt habe; welche ein⸗ fache Kunſt ſie verſtänden, die ihr abginge; wie ſie von ihnen lernen könnte, ihrem Vater ihre Liebe zu erkennen zu geben und die ſeinige wieder zu gewinnen. Manchen Tag lang beobachtete Florentine dieſe Kinder — 122— 2. gedankenvoll. Manchen ſchönen Morgen verließ ſie ihr Bett, wenn die Sonne aufging, und wandelte am Ufer des Fluſſes, ehe noch Jemand im Hauſe wach war, und ſah zu den Fenſtern der Kinder hinauf, und dachte an ſie, die in ihrem Schlummer ſo liebreich behütet und ſo zärtlich geliebt waren. Dann fühlte Florentine ſich noch einſamer als in dem großen öden Hauſe, und dachte manchmal, ſie werde ſich beſſer dort befinden als hier, und größern Frieden genießen, wenn ſie ſich in der Einſamkeit verberge, als wenn ſie ſich unter ihre Altersgenoſſen miſche und finde, wie wenig ähnlich ſie ihnen ſei. Aber voll Eifer ihr For⸗ ſchen verfolgend, obgleich ihr Herz blutete bei jedem Blatt, das ſie in dem trauervollen Buche umwendete, blieb Florentine unter ihnen, und ſuchte mit nimmermüder Hoffnung die Kenntniß, nach der ſie ſo ſehr lechzte, zu erwerben. 4 Ach! Wie ſollte ſie dieſelbe erwerben! Wie das Räthſel ihres Anfangs löſen! Sie ſah nur Töchter, die des Morgens aufſtanden, und Abends ſich zur Ruhe legten, und ihres Vaters Herz ſchon beſaßen. Sie hatten keine Abneigung zu überwin⸗ den, keine Kälte zu ſcheuen, keine unzufriedene Stirn zu glätten. Wie die Morgenſtunden vorrückten, und ein Fenſter nach dem andern ſich aufthat, und der Thau verſchwand von den Blumen und dem Gras, und die Kinder auf dem Raſenplatz herumzu⸗ ſpringen anfingen, da dachte Florentine, wenn ſie die glücklichen Geſichter betrachtete, drn dieſen Kindern lernen könnte? Es war zu ſpät von ihnen zu lernen; Jedes konnte ſich ſeinem Vater ungeſcheut nähern, und ihm den Mund zum herzlichen Kuß bieten, und den Arm um den Nacken ſchlingen, der ſich lieb⸗ 41 —9, ☛⏑— 10——„ — — 123— koſend zu ihm hernieder neigte. Sie konnte ſo keck nicht anfangen. O! mußte ihre Hoffnung immer mehr verſchwinden, je mehr ſi forſchte? Sie erinnerte ſich wohl, daß ſelbſt die Alte, welche ſie, als ſie noch ein kleines Kind war, beraubt hatte— ihr Bild und ihre Wohnung und Alles, was ſie geſagt und gethan, lebte in ihrem Gedächtniß fort, in der unverlöſchlichen Deutlichkeit einer ſchrecklichen Erfahrung in ſo früher Kindheit— liebevoll von ihrer Tochter geſprochen und davon, wie groß ihr Schmerz geweſen über die hoffnungsloſe Trennung von ihrem Kinde. Und ihre eigene Mutter, dachte ſie dann wieder, hatte ſie ſo ſehr geliebt. Wenn dann ihre Gedanken ſich auf die Kluft zwiſchen ſich und ihrem Vater lenkten, da zitterte Florentine, und bittre Thränen drängten ſich aus ihren Augen, wenn ſie ſich ausmalte, ihre Mutter hätte fortleben und auch aufhören können ſie zu lieben, weil ihr die ungekannte Gabe fehlte, ihren Vater für ſich zu gewinnen. Sie wußte, daß ſie mit dieſem Phantaſiebild ihrer Mutter Unrecht thue, und daß kein Funke Wahrheit in ihm ſei; und dennoch beſtrebte ſie ſich ſo ſebr, ihn zu rechtfertigen und die Schuld auf ſich allein zu ſchieben, daß ſie nicht verhindern konnte, daß dieſer Traum wie eine dunkle Wolke durch den Hin⸗ tergrund ihrer Seele zog. Unter den andern Gäſten erſchien auch bald nach Floren⸗ tinen ein ſchönes Kind, ein Mädchen, drei oder vier Jahre jün⸗ ger als ſie. Es war eine Waiſe und wurde von ihrer Tante begleitet, einer Matrone mit grauen Haaren, die viel mit Floren⸗ tinen ſich abgab und ſie ſehr gern Abends ſingen hörte(das — 124— thaten ſie aber Alle) und dann immer mit mütterlichem Intereſſe neben ihr ſaß. Die beiden waren erſt zwei Tage im Hauſe, als Florentine an einem warmen Morgen in einem Bosket des Gar⸗ tens ſaß, nachdenklich durch die Zweige eine Gruppe Kinder auf dem Raſen beobachtend und beſchäftigt, für eines derſelben, den Liebling der übrigen, einen Kranz zu winden. Da hörte ſie plötzlich die Matrone und ihre Nichte, die in einem ſchattigen Gange auf und ab wandelten, von ſich ſprechen. It Florentine eine Waiſe wie ich, Tante? frug das Kind. Nein. Sie hat keine Mutter, aber ihr Vater iſt noch am Leben, war die Antwort. Trägt ſie wegen ihrer armen Mama Trauer? frug das Kind raſch. Nein, wegen ihres einzigen Bruders. Alſo hat ſie keinen Bruder mehr? Nein. Und auch keine Schweſter? Nein. Die Arme! ſagte das Kind voll Gefühl. Da ſie jetzt ſtill ſtanden, um einigen Booten auf dem Waſ⸗ ſer zuzuſehen, und unterdeſſen ſchwiegen, ſo ſetzte ſich Florentine, die, als ſie ihren Namen hatte nennen hören, aufgeſtanden war und ihre Blumen zuſammengenommen hatke, um ihnen entgegen⸗ zugehen und ihnen zu zeigen, daß ſie in ihrer Nähe ſei und ſie höre, wieder auf ihre Bank nieder in der Erwartung, weiter nichts zu vernehmen; aber das Geſpräch begann im nächſten Augenblick von narn, e 3 — 125— Florentine wird von Jedermann hier geliebt, und verdient es gewiß, ſagte das Kind mit Ernſt. Wo iſt ihr Papa? Die Tante antwortete nach einigem Sinnen, daß ſie es nicht wiſſe. Der Ton ihrer Stimme fiel Florentinen auf, die wieder aufgeſtanden war, und hielt ſie gefeſſelt, wo ſie ſtand, die Blu⸗ men und den Kranz mit beiden Händen an ihr Bruſt drückend. Er iſt doch wohl in England, Tante? ſagte das Kind. Ich glaube. Ja; ich beſinne mich, er iſt in England. Iſt er niemals hier geweſen?— Ich glaube nicht. Nein. Beſucht er ſie nicht hier? Ich glaube nicht. Iſt er lahm, oder blind, oder krank, Tante? frug das Kind. Von den Blumen, die Florentine an ihre Bruſt drückte, fielen einzelne zu Boden, als ſie dieſe Worte vernahm, im Tone der Verwunderung geſprochen. Sie drückte ſie feſter an ſich; und ihr Haupt neigte ſich daruͤber. 4 Käthchen, ſagte die alte Dame, nachdem ſie wieder eine Weile geſchwiegen, ich will dir Alles ſagen von Florentinen, wie ich es gehört habe und wie ich glaube, daß es wahr iſt. Aber erzähle es nicht weiter, weil es hier wohl wenig bekannt ſein wird und es ſie betrüben würde. Ich will es nie thun! rief das Kind aus. Ich weiß das, entgegnete die alte Dame. Ich kann dir darin trauen. Ich fürchte, Käthchen, Florentinens Vater liebt ſie wenig, ſieht ſie ſehr ſelten, war nie freundlich gegen — 126— ſie, und meidet ſie jetzt ganz. Sie würde ihn innig lieben, wenn er es zulaſſen wollte, aber er will es nicht— obgleich ſie nicht daran Schuld iſt; und alle guten Herzen müſſen ſie deshalb ſehr lieben und bemitleiden. Noch mehrere von den Blumen in Florentinens Hand fielen auf die Erde; die, welche ſie noch feſt hielt, waren feucht, aber nicht vom Thau; und ihr Geſicht ſank auf die mit Blumen ge⸗ füllten Hände. Die arme Florentine! die gute, arme Florentine! rief das Kind. 3 Weißt du, warum ich dir das geſagt habe, Käthchen? ſagte die Dame. 7 Daß ich ſehr freundlich gegen ſie ſein, und mich beſtreben ſoll, ihre Liebe zu erwerben. Iſt das der Grund, Tante? Zum Theil, ſagte die Dame, aber nicht der einzige. Ob⸗ gleich ſie ſo heiter erſcheint, mit einem freundlichen Lächeln für Jeden, bereit Allen zu gefallen, und Theil an jeder Zerſtreuung nehmend, ſo kann ſie ſich doch ſchwerlich ganz glücklich fühlen; meinſt du wohl, Käthchen? Ich fürchte, nie, ſagte das Mädchen. Und du wirſt einſehen, fuhr die Dame fort, warum eine Umgebung von Kindern mit Aeltern, welche ſie lieben und ſtolz auf ſie ſind— wie jetzt viele hier— ihr im Geheimen Kum⸗ mer machen muß? Ja, liebe Tante, ſagte das Kind, das ſehe ich recht gut ein; arme Florentine! —eς—8— d— —— d „— — 427— Noch mehr Blumen fielen auf den Boden, und die, welche ſie noch in der Hand hielt, zitterten, als ob der Herbſtwind ſie ſchüttle. Käthchen, ſagte die Dame, und ihre Stimme klang ernſt, aber ſehr ruhig und lieblich, und hatte Florentinen vom erſten Augenblick an ſo geklungen, unter allen Kindern hier biſt du ihre natürlichſte Freundin; du beſitzeſt nicht die unſchuldigen Mittel, die glücklichere Kinder beſitzen.— Es giebt keine glücklicheren, Tante! rief das Kind aus, das ſich liebevoll an ſie zu ſchmiegen ſchien. — die andere Kinder beſitzen, liebes Käthchen, ſie an ihr Mißgeſchick zu erinnern. Deshalb wünſchte ich, wenn du dich beſtrebſt ihre Freundin zu werden, daß du deshalb um ſo eifriger ſtrebteſt, und fühlteſt, daß der Verluſt, der dich betroffen— dem Himmel ſei Dank! ehe du ſeine Schwere fühlen konnteſt— dich Florentinen nähern muß. Aber ich habe nie die Aelternliebe vermißt bei dir, Tante, ſagte das Kind. Sei dem, wie ihm wolle, meine Liebe, erwiderte die Dame, dein Schickſal iſt leichter als das Florentinens; denn keine Waiſe auf der ganzen Welt kann ſo verlaſſen ſein als das Kind, das eines lebenden Vaters Liehe miſſen muß. Die Blumen wurden auf dem Boden zerſtreut wie Staub; die leeren Hände drückten ſich ans Geſicht; und die verwaiſte Florentine, auf ihre Bank zurückſinkend, weinte lange und bitterlich. Aber mit treuem Herzen und entſchloſſenem Willen hielt Florentine ſo feſt an ihm, wie ihre Mutter an jenem Tage, der — 128— Paul das Leben gegeben, an ihr feſt gehalten. Er wußte nicht, wie ſehr ſie ihn liebte. Wie lange ſie auch ſtreben ſollte, ſie mußte verſuchen, in ihres Vaters Herz einmal die Ahnung davon zu erwecken. Mittlerweile mußte ſie ſich hüten, durch Wort, Blick oder Gefühlsausbruch, wie ſie unbewacht durch manchen Zufall an den Tag traten, gegen ihn zu klagen oder Veranlaſſung zu ſolchen ihm nachtheiligen Reden zu geben. Selbſt in ihrem Benehmen gegen die Waiſe, die ſie mächtig anzog, vergaß Florentine dies nicht. Wenn ſie dieſelbe zu ſehr vor den Andern auszeichnete(ſo dachte Florentine), ſo würde ſie jedenfalls in einer Seele— vielleicht in mehrern— dem Glauben Nahrung geben, er ſei unnatürlich und hart gegen ſie. Ihr eigner Genuß war keine Entſchädigung dafür. Was ſie gehört hatte, war ein Grund, nicht ſie zu tröſten, ſondern ihn ſchuldlos darzuſtellen; und Florentine that es, indem ſie ihr Forſchen weiter fortſetzte. Sie vergaß es nie. Wenn ein Buch vorgeleſen wurde und darin eine Anſpielung auf einen hartherzigen Vater vorkam, ſo ſchmerzte es ſie, daß ſie dabei an ihn denken könne; ihretwegen nicht. Aehnliches geſchah bei vielen andern Vorfällen des Tages, und die Veranlaſſungen wiederholten ſich ſo häufig, daß ſie manch⸗ mal dachte, ob es nicht beſſer ſei, wieder in das alte Haus zu⸗ rückzukehren und ungeſtört im Schatten ſeiner kalten Wände zu wohnen. Wie wenige von denen, welche die lieblich aufblühende Florentine, die Königin dieſes jugendlichen Kreiſes, ſahen, ahnten, welche Bürde heiligen Schmerzes auf ihrem Herzen laſtete! Wie wenige von denen, welche in der kältenden Atmoſphäre ihres 8 . — 129— Vaters erſtarrten, ahnten, welch ein Haufe glühender Kohlen auf ſein Haupt geſammelt würde! Florentine forſchte geduldig weiter, und da es ihr nicht ge⸗ lang, das Geheimniß der unnennbaren Anmuth, die ſie ſuchte, unter der im Hauſe verſammelten Kinderſchaar zu entdecken, ſo ging ſie oft am früheſten Morgen allein unter die Kinder der Armen. Aber auch dieſe waren ſchon zu weit vorgeſchritten, als daß ſie von ihnen hätte lernen können. Sie hatten ihren Platz im Aelternherzen ſchon lange erworben und ſtanden nicht, wie ſie, draußen vor der verſchloſſenen Thüre deſſelben. Einen Mann hauptſächlich traf ſie oft frühzeitig ſchon bei der Arbeit, und neben ihm ein Mädchen von ihrem eigenen Alter. Es war ein ſehr armer Mann, der nicht regelmäßig beſchäftigt zu ſein ſchien, ſondern bald während der Ebbe am ufer allerlei noch nutzbaren Abfall zu entdecken ſuchte; bald in dem armlich beſtellten Gartenfleckchen vor ſeiner Hütte arbeitete; dann wieder etwas an ſeinem alten Boote flickte, oder irgend eine ähnliche Arbeit für einen Nachbar verrichtete. Aber mochte ſich der Mann noch ſo ſehr mühen, das Mädchen that nie etwas, ſondern ſaß nicht weit von ihm theilnahmlos, mürriſch und unbeſchäftigt. Florentine hatte ſchon oft gewünſcht, mit dieſem Manne zu reden; aber der Muth dazu hatte ihr immer gefehlt, da er ihr noch auf keine Weiſe entgegengekommen war. Aber eines Mor⸗ gens wandelte ſie zwiſchen einigen Weiden einen Seitenpfad ent⸗ lang und gelangte ſo an den ſandigen Streifen, der zwiſchen dem Fluſſe und der Hütte des armen Mannes ſich hinſtreckte. Hierſah ſie ihn plötzlich vor ſich ſtehen, über ein Feuer gebückt, Boz. Dombey u,. Sohn. IV. 3 — 130— angezündet, um ſein altes Boot, welches mit dem Kiel aufwärts gerichtet am Strande lag, zu kalfatern. Beim Schall ihrer Fuß⸗ tritte blickte er auf und wünſchte ihr guten Morgen. Guten Morgen, ſagte Florentine, näher tretend, Ihr ſeid frühzeitig bei der Arbeit. Ich würde gern oft noch zeitiger arbeiten, wenn ich Arbeit „hätte, war die Antwort des Alten. Iſt ſie ſo ſchwer zu bekommen? frug Florentine. Mir wird es ſchwer, erwiderte der Mann. Florentine blickte hin, wo das Mädchen da ſaß, iaenner⸗ gekauert, die Ellbogen auf den Knieen und das Kinn auf die Hände geſtützt, und ſagte: Iſt das Eure Tochter? Er hob raſch das Haupt, nickte dem Mädchen mit einen freundlichen Blick zu und ſagte: Ja. Auch Florentine ſah hin und grüßte; das Mädchen aber murmelte nur mit mürriſchem Geſicht etwas vor ſich hin. Sie hat auch keine Arbeit? ſagte Florentine. Der Mann ſchüttelte den Kopf. Nein, Miß, ſaüi er. Ich arbeite für uns Beide. So lebt Ihr mit ihr allein? forſchte Florentine mne Ganz allein, erwiderte der Alte. Ihre Mutter iſt ſchon an die zehn Jahre todt. Martha!(er blickte wieder auf und pfiff ihr,) willſt du kein Wort ſprechen mit der hübſchen jun⸗ gen Dame? Das Mäͤdchen machte eine ungkduldige Bewegung mit ih⸗ ren ge ümmten Schultern und wendete den Kopf ab. Häßlich, 2— ſ — 131— mißgeſtaltet, mürriſch, zerlumpt, ſchmutzig— und doch geliebt! O ja! Florentine hatte den Blick des Vaters geſehen und wußte, weſſen Blick dieſer nicht glich. Ich fürchte, das arme Kind befindet ſich heute ſchlechter als ſonſt, ſagte der Mann, in ſeiner Arbeit pauſirend und mit einem Blick voll rührender Theilnahme die unholde Geſtalt betrachtend. Sie iſt wohl krank! ſagte Florentine. Der Mann ſeufzte tief. Ich glaube nicht, daß meine Mar⸗ tha fünf Tage lang ſeit eben ſo viel Jahren geſund geweſen iſt, ſagte er, immer noch mit dem Auge auf ihr verweilend. Ja, noch länger her iſt's, John, ſagte ein Nachbar, der her⸗ zugetreten war. Noch länger her iſt's, ſagt Ihr? rief der Andre, den zer⸗ drückten Hut zurückſchiebend und mit der Hand über die Stirn fahrend. Wohl möglich. Es iſt ſchon lange, lange her. Und je länger es her war, John, fuhr der Nachbar fort, deſto mehr habt Ihr ſie gepflegt und gehätſchelt, bis ſie Euch und Andern eine Laſt geworden iſt. Mir nicht, ſagte der Vater und fing wieder an zu arbeiten. Mir gewiß nicht. Florentine fühlte wohl— und wer wäre es beſſer im Stande geweſen?— wie wahr er geſprochen. Sie trat noch nä⸗ her zu ihm und hätte gern ſeine rauhe Hand ergriffen, um ihm für ſeine Liebe zu dem armen Geſchöpfe zu danken, das er mit ſo ganz anderem Auge anſah, als andre Menſchen. Wer würde denn mein armes Mädchen hätſcheln— wenn 9*ℳ 7 — 132— man es hätſcheln nennen will— wenn ich's nicht thäte? ſagte der Vater. Ja, ja, ſagte der Nachbar. Da habt Ihr wohl Recht, John. Aber Ihr! Ihr darbt ſelbſt, um ihr zu geben. Ihr bin⸗ det Euch ihretwegen an Händen und Füßen. Ihr macht Euch ihretwegen das Leben zu einem Jammerleben. Und rührt das ſie? Ihr bildet Euch doch nicht ein, ſie wiſſe etwas davon? Der Vater blickte wieder nach ihr hin und pfiff ihr. Mar⸗ tha machte dieſelbe ungeduldige Bewegung mit ihren gekrümmten Schultern, wie vorhin, und er war froh und glücklich. Blos deshalb, Miß, ſagte der Nachbar mit einem Lächeln, das weit mehr verborgene Theilnahme verrieth, als er an den Tag legte, blos um das zu erlangen, läßt er ſie nie aus den Augen! Weil der Tag einſt kommen wird, der ſchon lange unter⸗ wegs iſt, bemerkte der Andere, ſich tiefer auf ſeine Arbeit herab⸗ beugend, wo nur halb ſo viel von dem armen Kinde erlangen— nur das Zucken eines Fingers oder das Zittern eines Haars— die Todten erwecken hieße. Florentine legte verſtohlen einiges Geld auf das alte Boot, wo er es bald ſehen mußte, und verließ ihn. Und jetzt fing Florentine an nachzudenken, ob er, wenn ſie krank würde oder hinſiechte, wie ihr geliebter Bruder, erfahren würde, daß ſie ihn geliebt habe; ob ſie ihm dann theuer werden würde; ob er an ihr Bett treten würde, wenn die Schatten des Todes auf ihrem Geſichte lägen, und ſie umarmen und alles Vergangene wieder gut machen würde? Würde er ihr dann ver⸗ ——— — — 133— zeihen, daß ſie nicht das Geſchick gehabt, ihm ihr kindliches Herz aufzuthun, als ſie an jenem Abend ſein Zimmer verlaſſen, und ihm zu ſagen, wie ſehr ſie ſich ſpäter bemüht, den Weg zu ſeinem Herzen, den ſie in ihrer Jugend nicht gekannt, zu finden? Ja, ſie dachte ſich, wenn ſie auf dem Todtenbette läge, würde ſein Herz erweichen. Sie dachte ſich, wenn ſie ruhig und nicht vor dem Scheiden zitternd auf dem Bette läge, das Erin⸗ nerungen an den Geliebten umſchwebten, dann würde auch ſein Herz gerührt ſein und er würde ſagen:„Geliebte Florentine, lebe fort um meinetwillen, und wir wollen uns lieben und ſo glücklich ſein, wie wir es hätten immer ſein können!“ Sie dachte ſich, wenn ſie ſolche Worte aus ſeinem Munde hörte und mit ihren Armen ihn umſchlänge, dann könnte ſie mit zufriedenem Lächeln antwor⸗ ten:„Es iſt zu ſpät, mehr als das zu thun; du hätteſt mich nie glücklicher machen können, lieber Vater!“ und ſo mit einem Se⸗ gen auf ihren Lippen von ihm ſcheiden. Der Vater und deſſen kranke Tochter lebten noch friſch in Florentinens Geiſt— es war ja auch noch keine Woche vergan⸗ gen ſeit dem Vorfall— als Sir Barnet und Lady Skettles eines Nachmittags einen Spaziergang in der Umgegend beabſich⸗ tigten und ſie einluden, ihnen Geſellſchaft zu leiſten. Florentine gab gern ihre Beiſtimmung und Lady Skettles befahl natürlich ihres Sohnes Begleitung. Denn nichts machte Lady Skettles ſo viel Freude, als ihren älteſten Sohn mit Florentinen am Arm zu ſehen. Der jugendliche Sproſſe der Barnets ſchien, die Wahrheit zu geſtehen, ganz anderer Meinung über dieſe Sache zu ſein, — 134— und ſprach ſich bei ſolchen Gelegenheiten häufig hörbar, aber nur im Allgemeinen, über„Mädchenpack“ aus. Da es jedoch nicht leicht war, Florentinens ſanſtes Gemüth zu erbittern, ſo ver⸗ ſöhnte ſie meiſtens nach einigen Minuten den jungen Herrn mit ſeinem Schickſal, und ſie gingen ganz freundſchaftlich Arm in Arm, während Sir Barnet und Lady Skettles zufrieden mit der Welt und ſich ſelbſt folgten. So geſchah es denn auch an dem erwähnten Nachmittage; und Florentinen war es ſchon faſt gelungen, die heutigen Ein⸗ wendungen des jungen Skettles gegen ſein Schickſal zu überwin⸗ den, als ein Herr an ihnen vorbei ritt, ſie ſcharf anſah, umkehrte und den Hut in der Hand wieder zurückgeritten kam. Hauptſächlich Florentinen hatte der Herr angeſehen, und als die kleine Geſellſchaft ihn erwartend ſtehen blieb, verbeugte er ſich vor ihr, ehe er Sir Barnet und ſeine Gattin begrüßt. Florentine konnte ſich nicht entſinnen, ihn je geſehen zu haben, aber ſie ſchrak unwillkürlich zuſammen, als er ſich näherte, und trat zurück. Mein Pferd iſt ganz ruhig, ich verſichere es Ihnen, ſagte der Herr. 85„ Nicht das, ſondern etwas an dem n ſt— was, hätte Florentine ſelbſt nicht ſagen können— n ſie zurück⸗ fahren, als hätte eine Schlange ſie geſtochen. Ich glaube, ich habe die Ehre, Miß Dombey vor mir zu ſehen? ſagte der Herr mit einem ſehr freundlichen Lächeln. Als Florentine ſich bejahend verneigte, fügte er hinzu: Ich heiße Car⸗ 8 — 135— ker. Ich darf kaum hoffen, von Miß Dombey anders als dem Namen nach gekannt zu ſein. Carker. Florentine, die ſich eines Schauers nicht erwehren konnte, obgleich der Tag heiß war, ſtellte ihn Sir Barnet und Lady Skettles vor, von welchen er ſehr gnädig empfangen wurde. Ich bitte tauſendmal um Verzeihung! ſagte Mr. Carker, aber ich gedenke morgen Mr. Dombey in Leamington zu beſu⸗ chen, und brauche wohl nicht zu ſagen, wie glücklich ich mich ſchätzen würde, wenn Miß Dombey mir einen Auſtrag anver⸗ trauen wollte. In der Meinung, Florentine werde wünſchen, an ihren Vater einen Brief zu ſchreiben, ſchlug Sir Barnet vor umzukeh⸗ ren, und lud Mr. Carker ein, mitzukommen und im Reitanzug bei ihnen zu ſpeiſen. Mr. Carker war leider für den Mittag ver⸗ ſagt, aber wenn Miß Dombey zu ſchreiben wünſche, ſo würde er es ſich zum Vergnügen machen, ſie nach Hauſe zu begleiten und als getreuer Selave zu warten ſo lange es ihr beliebe. Während er dies grinſend ſagte und ſich zu ihr nieder beugte, um ſeinem Pferde auf den Hals zu klopfen, da glaubte Florentine an ſeinem Munde mehr zu ſehen als zu hören, wie er ſagte: Noch keine Nachricht vom Schiff! Verwirrt, erſchrocken, bangend vor ihm, und ſelbſt ungewiß, ob er dieſe Worte geſagt habe, denn es ſchien ihr, als habe er ſie ihr auf eine unerklärliche Weiſe gezeigt mit ſeinem Lächeln, an⸗ ſtatt ſie zu ſprechen, erwiderte Florentine mit ſchwacher Stimme, ſie ſei ihm ſehr dankbar, aber ſie wolle nicht ſchreiben, ſie habe unhts zu ſchreiben. Nichts ihm zu ſagen, Miß Dombey? ſagte Mr. Carker die Zähne zeigend. Nichts— ſagte Florentine, blos— meinen herzlichſten Gruß— wenn Sie ſo gut ſein wollen. So verlegen Florentine war, ſah ſie ihn doch mit einem flehenden und bedeutungsvollen Blick an, der ihn deutlich bat— wenn er wußte, daß eine Botſchaft von ihr an ihren Vater ein ungewöhnlicher Auftrag ſei— Erbarmen mit ihr zu haben. Mr. Carker lächelte, verbeugte ſich tief, und nachdem ihm noch Sir Barnet die ergebenſte Empfehlung von ſich und Lady Skettles an Mr. Dombey aufgetragen, nahm er Abſchied und ritt fort, einen höchſt günſtigen Eindruck auf das würdige Paar zurücklaſ⸗ ſend. Florentinen aber überlief ein ſolcher Schauer, als er ſich entfernte, daß Sir Barnet, auf den Volksglauben anſpielend, meinte, es müſſe Jemand über ihr Grab gehen. Mr. Carker, der in dieſem Augenblicke eine Ecke erreicht hatte, drehte ſich noch einmal um, verbeugte ſich und verſchwand, als wolle er geraden⸗ wegs nach dem Kirchhofe reiten und es thun. 4 —————.—— G— 8o+—— Fuͤnfundzwanzigſtes Kapitel. Seltſame Nachrichten von Onkel Sol. Capitain Cuttle, obgleich kein Langſchläfer, ſtand nicht beſonders zeitig auf am Morgen nach dem Tage, wo er durch das Laden⸗ fenſter den alten Sol Gills hatte im Hinterſtübchen ſchreiben ſe⸗ hen, bewacht vom Seecadetten auf dem Ladentiſche und Rob dem Scheerenſchleifer, der ſein Bette darunter machte. Die Uhren hatten ſchon ſechs geſchlagen, als er ſich auf ſeinem Ellbogen emporhob und ſich in ſeinem kleinen Zimmer umſchaute. Des Capitains Augen hatten ſchweren Dienſt, wenn er ſie beim Auf⸗ wachen ſtets ſo weit aufſperrte wie dieſen Morgen, und wurden ſchlecht belohnt für ihre Wachſamkeit, wenn er ſie ſtets nur halb ſo derb rieb. Aber heute war auch kein gewöhnlicher Tag, denn Rob der Scheerenſchleifer hatte gewiß noch nie in der Thür von Capitain Cuttle's Schlafgemach geſtanden, und heute ſtand er da, als wäre er angekleidet eben aus dem Bett geſprungen, ganz auf⸗ geregt und den Capitain ankeuchend. — 138— Hallo! brüllte der Capitain. Was giebt's? Ehe Rob ein Wort erwidern konnte, kollerte ſich Capitain Cuttle aus dem Bette und hielt dem Knaben den Mund zu. Ruhig, mein Jung', ſagte der Capitain, ſprich jetzt noch kein Wort! Den Knaben mit großer Beſtürzung betrachtend, ſchob ihn Capitain Cuttle jetzt in das andere Zimmer, in welchem er ſelbſt nach wenigen Augenblicken, angethan mit dem blauen Anzug, erſchien. Die Hand wie beſchwichtigend erhebend, ging Capitain Cuttle nach einem Wandſchrank und ſchenkte ſich ein Glas Branntwein ein; ein zweites gab er dem Boten. Dann lehnte ſich der Capitain in einer Ecke an die Wand, um der Möglichkeit, von der zu erwar⸗ tenden Botſchaft niedergeſchmettert zu werden, vorzubeugen, und forderte, nachdem er ſeinen Schnaps getrunken, mit feſt auf den Boten gerichteten Augen und todtenbleichem Geſicht(ſo weit dies möglich war) dieſen auf,„den Anker zu lichten.“ Meinen Sie damit, ich ſoll erzählen, Capitain? frug Rob, auf den alle dieſe Maßregeln großen Eindruck gemacht hatten. Jal ſagte der Capitain. Na, viel hab' ich nicht zu erzählen, meinte Rob. Aber ſehen Sie nur!:. Rob brachte ein Bund Schlüſſel hervor. Der Capitain betrachtete ſie, blieb in ſeiner Ecke und ſah den Knaben an. Und ſehen Sie da! fuhr Rob fort. Der Knabe brachte ein verſiegeltes Päckchen hervor, das Capitain Cuttle anſtarrte, wie er die Schlüſſel angeſtarrt hatte. Als ich heute früh aufwacht:, Capitain, erzählte Rob, und das — — 139— war etwa ein Viertel auf ſechs, fand ich das auf meinem Kopf⸗ kiſſen liegen. Die Ladenthüre war aufgeriegelt und aufgeſchloſſen, und Mr. Gills fort. Fort! brüllte der Capitain. Fort, Sir, wiederholte Rob. Des Capitains Stimme tönte ſo fürchterlich, und kam aus der Ecke mit ſolcher Gewalt auf ihn los, daß ſich Rob vor ihm in eine andere Ecke zurückzog und die Schlüſſel und das Päckchen vorhielt, um nicht niedergerannt zu werden. „Für Capitain Cuttle,“ Sir, rief Rob aus, ſteht auf den Schlüſſeln und auch auf dem Päckchen. Bei meiner Seele, Ca⸗ pitain Cuttle, ich weiß kein Wort weiter davon. Des Todes will ich ſein, wenn ich ein Sterbenswörtchen mehr weiß! Das iſt eine Lage für einen Jungen, der eben einen Poſten gekriegt hat, greinte der unglückliche Scheerenſchleifer und wiſchte ſich mit dem Rock⸗ aufſchlag die Augen. Sein Herr läuft davon mit ſeinem Poſten, und er ſoll Schuld daran ſein! Dieſe Klage bezog ſich auf Capitain Cuttle's Blick, der „voll unbeſtimmter Beargwöhnung, Drohung und Anklage auf dem Knaben ruhte. Der Capitain nahm darauf das Packet, öffnete es und las Folgendes: Mein lieber Ned Cuttle! Hier eingeſchloſſen iſt mein letzter Wille— der Capitain drehte es mit zweifelndem Blick um— und Teſtament.— Wo iſt das Teſtament? ſagte der Capitain, gleich Verdacht gegen den unglücklichen Rob ſchöpfend. Was haſt du mit dem Teſtament gemacht, Burſche? Das hab ich nicht geſehen, greinte Rob. Beſchuldigt doch — 140— nicht einen armen unſchuldigen J Jungen. Ich habe kein Teſta⸗ ment gehabt.— Capitain Cuttle ſchüttelte den Kopf, wie um anzudeuten, daß ein Gewiſſer dafür zur Verantwortung zu ziehen ſei; und fuhr mit Ernſt fort: „Welches du nicht öffnen wirſt vor einem Jahre, oder be⸗ vor du beſtimmte Nachricht bekommſt von meinem lieben Walter, den du gewiß auch lieb haſt, Ned.“ Der Capitain hielt hier inne und ſchüttelte etwas bewegt den Kopf; dann aber, um ſeine Würde in dieſer ſchwierigen Lage zu bewahren, ſah er mit aus⸗ nehmender Strenge den Knaben an.„Wenn du nie wieder et⸗ was von mir hören, oder mich nie wieder ſehen ſollteſt, Ned, ſo gedenke eines alten Freundes, wie er deiner bis zu ſeinem letzten Augenblick gedenken wird— in herzlicher Freundſchaft; und halte wenigſtens bis zu der Zeit, die ich genannt habe, ein Ob⸗ dach bereit für Walter. Schulden ſind nicht vorhanden, da das Darlehn von Dombey's bezahlt iſt, und alle Schlüſſel ſchicke ich hierbei. Mache kein Gerede von dieſer Sache, und ſtelle keine Nachforſchungen nach mir an; es würde nutzlos ſein. So lebe wohl, Ned; dein treuer Freund, Salomo Gills.“ Der Capitain athmete tief auf, und las dann Folgendes, das weiter unten ſtand: „Der Burſche Rob iſt mir gut empfohlen worden von Dombey's, wie du weißt. Wenn Alles verauctionirt wird, Ned, ſo hebe ja den kleinen Seecadetten auf.“ Der Nachwelt einen Begriff von der Weiſe zu geben, wie der Capitain, nachdem er dieſen Brief um und um gedreht und hne ein Deha Mal wieder durchgeleſen hatte, ſich auf einen 2⸗* — 141— Stuhl ſetzte und mit ſeinen Gedanken Kriegsgericht über dieſe Sache hielt, würde das vereinigte Genie aller großen Männer, die ihre eigene ſchlechte Zeit verachtend in der Nachwelt zu leben gedachten und nie dort lebten, verlangen. Anfangs war der Ca⸗ pitain zu betroffen und erſchüttert, als daß er hätte an etwas Anderes als den Brief denken können; und ſelbſt als ſeine Ge⸗ danken anfingen, auf die Nebenumſtände hinzublicken, hätten ſie eben ſo gut an etwas Anderes denken können, ſo wenig Licht ver⸗ breiteten ſie über den vorliegenden Gegenſtand. In dieſem See⸗ lenzuſtand fühlte der Capitain Cuttle, der Niemand vor dem Ge⸗ richt fand als Rob, eine große Erleichterung darin, zu entſcheiden, daß er höchſt verdächtig ſei, was der Capitain ſo deutlich in ſei⸗ nem Geſicht ausdrückte, daß Rob Vorſtellungen machte. Aber, Capitain! rief der Knabe. Wie Sie nur ſo was denken können! Was habe ich denn gethan, daß Sie mich ſo anſehen? Mein Jung, ſagte der Capitain, ſchrei' nicht eher, als bis du dich gebrannt haſt. Und compromittire dich nicht! Ich habe ja gar nicht gecompromittirt, Capitain! gab Rob zur Antwort. Alſo ſachte und laß es abfallen! ſagte der Capitain ein⸗ dringlich. Auf das tiefſte durchdrungen von der ihm auferlegten Verant⸗ wortlichkeit und der Nothwendigkeit, dieſes geheimnißvolle Ereigniß auf das gründlichſte zu unterſuchen, beſchloß Capitain Cuttle, ſich an Ort und Stelle zu begeben und Rob mitzunehmen. Da er den Burſchen als vorläufig verhaftet betrachtete, war der Capi⸗ 8 — 142— tain einigermaßen in Zweifel, ob es nicht das Beſte ſei, ihm Handſchellen anzulegen, oder die Füße zu binden, oder eine Ku⸗ gel an ſein Bein zu befeſtigen; da er aber nicht klar werden konnte über die Geſetzlichkeit ſolcher Maßregeln, ſo begnügte ſich der Capitain damit, ihn unterwegs an der Schulter feſtzuhalten, um ihn zu Boden zu ſchlagen, wenn er ſich ſträubte. Ddies that er jedoch nicht, und ſo gelangte er in des Opti⸗ cus Haus, ohne ſich weiteren Zwangsmaßregeln ausgeſetzt zu ſehen. Da die Läden noch nicht weggenommen waren, war des Capitains erſte Sorge, das Gewölbe öffnen zu laſſen, und als das Tageslicht freien Zutritt fand, begann er mit ſeiner Hilfe weitere Nachforſchungen. Des Capitains erſte Maßregel war, in einem Stuhl im Laden als Präſident des hohen Gerichts, das in ihm ſaß, Platz zu nehmen, und Rob zu befehlen, ſich unter dem Ladentiſch auf ſein Lager zu legen, ihm genau die Stelle zu zeigen, wo er die Schlüſſel und das Packet gefunden, wie die Thür geweſen, als er an ihr geklinkt habe, wie er ſich auf dem Brigplatz auf den Weg gemacht— dabei durfte er aber die Schwelle nicht über⸗ ſchreiten— kurz Alles, was dieſen Morgen geſchehen war. Als Rob ihm darin zu wiederholten Malen gehorſam geweſen, ſchüt⸗ telte der Capitain den Kopf und ſchien zu meinen, die Sache ſehe verdächtig aus. Nach dieſem ſtellte der Capitain, mit der dunkeln Ahnung, eine Leiche zu finden, eine genaue Durchſuchung des ganzen Hauſes an; kroch mit brennender Kerze durch alle Keller, tappte 4 nit ſeinen Haken hinter den Thüren herum, rannte mit dem * — 143— Kopf gegen verrätheriſche Balken, und bedeckte ſich über und über mit Spinnweben. Wie ſie in des Alten Schlafzimmer kamen, fanden ſie, daß er ſich die Nacht nicht in das Bett gelegt habe, ſondern blos auf die Decke, wie aus dem Eindruck, den ſein Körper dort hinterlaſſen, hervorging. Und ich glaube, Capitain, ſagte Rob, ſich im Zimmer um⸗ ſehend, als Mr. Gills in den letzten Tagen ſo oft aus⸗ und ein⸗ ging, hat er allerlei Kleinigkeiten einzeln, damit es nicht be⸗ merkt werde, fortgeſchafft. Ja! ſagte der Capitain geheimnißvoll. Wie meinſt du das? Na, ſagte Rob, und ſah ſich nochmals um. Ich ſehe nicht ſein Raſirzeug. Und auch ſeine Bürſten nicht. Und keine Hem⸗ den. Und keine Schuhe. Bei Erwähnung jedes einzelnen dieſer Artikel muſterte der Capitain mit ſcharfem Auge das entſprechende Departement Robs, ob er der Art Sachen nicht etwa neuerlich gebraucht habe oder noch in deren Beſitz ſei. Aber Rob hatte kein Bedürfniß, ſich zu raſiren, jedenfalls war er nicht gebürſtet, und ganz gewiß trug er die Kleider, die er jetzt auf dem Leibe hatte, ſeit ſehr, ſehr langer Zeit. 4 Und wann meinſt du, ſagte der Capitain— ohne dich zu compromittiren— mag er wohl gegangen ſein? Eh? Ich glaube, Capitain, erwiderte Rob, es muß kurz nach meinem Einſchlafen geſchehen ſein. Welche Zeit war das? ſagte der Capitain, um die Stunde ja recht genau feſt zu ſtellen. * — 144— Wie kann ich das wiſſen, Capitain? antwortete Rob. Ich weiß nur, daß ich im Anfang einen feſten Schlaf habe und ge⸗ gen Morgen einen leiſenz und wenn Mr. Gills gegen Tagesan⸗ bruch durch den Laden gegangen wäre, ſo hätt ich ihn gewiß die Thür zumachen hören. Nach reiflicher Erwägung dieſer Ausſagen fing Capitain Cuttle an zu denken, daß der Optieus aus eigenem freiem Willen verſchwunden ſei; und in dieſer Meinung beſtärkte ihn der Brief, der, ohne ein Verdrehen nöthig zu machen, ebenfalls zu ſagen ſchien, daß er ſich ſelbſt entſchloſſen habe zu gehen, und demnach gegangen ſei. Jetzt hatte der Capitain noch zu überlegen das Wohin und das Warum? und da er keine Möglichkeit, über erſtere Frage Aufflärung zu erlangen, entdecken konnte, ſo beſchränkte er ſich auf die zweite. Wenn er an des Alten ſeltſames Weſen, und an das Lebe⸗ wohl dachte, das damals ſo unerklärlich innig geweſen, jetzt aber ſich nur zu leicht deuten ließ, da gewann in dem Capitain die ſchreckliche Vermuthung die Oberhand, daß er, überwältigt von ſeinen Sorgen und Bekümmerniſſen wegen Walter, ſeine Zuflucht im Selbſtmord geſucht habe. Daß er, unfähig die rauhen Stöße des Lebens länger zu ertragen, und niedergedrückt von der Ungewißheit über ſeinen geliebten Neffen und der daraus ent⸗ ſpringenden peinlichen Spannung, Rettung in dieſem verzwei⸗ felten Schritt geſucht, war ein nur zu wahrſcheinlicher Gedanke. Da er keine Schulden und für die Freiheit ſeiner Perſon oder hinſichtlich ſeiner Waaren nichts zu fürchten hatte, konnte ihn da etwas Anderes als ein aͤhnlicher Zuſtand halben Wahn⸗ * ——ÿ—ÿ—x—x—-—— — 145— ſinns vermögen, allein und ſo geheim zu entfliehen? Was das Mitnehmen einiger Sachen betrifft, wenn dies wirklich geſchehen war,— und ſelbſt das wußten ſie nicht gewiß— ſo hatte er das vielleicht gethan, ſagte ſich der Capitain, um Nachforſchun⸗ gen zu verhüten, die Aufmerkſamkeit von ſeinem Schickſal abzu⸗ lenken oder das Gemüth, welches ſich jetzt mit dieſen Möglichkeiten beſchäftigte, in etwas zu beruhigen. Dies war, in einfache Worte überſetzt und in eine ſehr gedrängte Form zuſammengezogen, das Endreſultat von Capitain Cuttle’s Berathung mit ſeinen eigenen Gedanken, einer Berathung, die ſehr lange dauerte und, wie andere öffentlichere Berathungen, ſehr in die Kreuz und Quer ging. Außerordentlich bekümmert und niedergeſchlagen, hielt es Capitain Cuttle für eine Pflicht der Gerechtigkeit, Rob aus ſei⸗ nem Arreſt zu erlöſen und ihn fortan blos noch einer Surveil⸗ lance honorable zu unterwerfen; nachdem er alsdann noch von Brogley einen Mann gemiethet, der während ihrer Abweſenheit den Laden hüten ſollte, trat der Capitain, begleitet von Rob, ſeine Entdeckungsreiſe nach den ſterblichen Reſten von Salomo Gills an. Keine Polizeiſtation, kein Leichenhaus, kein Armenhaus der großen Stadt blieb von einem Beſuche des lackirten Hutes befreit. Auf den Werften, im Hafen, am Ufer, den Strom hinauf und hinab, hier und dort und überall glänzte er im dich⸗ teſten Menſchengewühle, wie des Helden Helm in epiſcher Schlacht. Eine ganze Woche lang las er alle Anzeigen von todtgefundenen oder vermißten Perſonen und trat zu allen Stunden des Tages Expeditionen an, um Salomo Gills zu erkennen in khinen Boz. Dombey u. Sohn. IV. 10— 7 — 146— Schiffsjungen, die über Bord gefallen waren, oder in großen Ausländern, die Gift genommen hatten—„um ſich zu überzeu⸗ gen,“ ſagte Capitain Cuttle,„daß er's nicht ſei.“ Jedenfalls war er's nie, und eine andere Befriedigung fand dabei der gute Ca⸗ pitain nicht. Capitain Cuttle gab zuletzt dieſe Verſuͤche als hoffnungs⸗ los auf und überlegte, was nun zunächſt zu thun ſei. Nachdem er ſeines armen Freundes Brief zu wiederholten Malen durchge⸗ eeſen, ſchien ihm die vornehmſte der ihm auferlegten Pflichten die zu ſein,„ein Obdach und einen heimiſchen Heerd für Walter be⸗ reit zu halten.“ Deshalb faßte der Capitain den Entſchluß, ſelbſt in Salomo Gills Wohnung zu ziehen, das optiſche Geſchäft an⸗ zufangen und zu ſehen, was daraus werde. Da aber dies nothwendig erforderte, daß er ſeine Wohnung bei Mrs. Mae Stinger aufgebe, und da er wußte, daß dieſe herz⸗ hafte Frau ſeine Flucht nicht dulden würde, ſo faßte Capitain Cuttle den verzweifelten Entſchluß, ſich aus dem Staube zu machen. Nun paſſ' auf, mein Jung' ſagte der Capitain zu Rob, als dieſer ſchöne Plan in ihm gereiſt war, morgen werde ich erſt amn Abend hierher kommen, villeicht gar erſt um Mitternacht. Aber du mußt Wache halten, bis du mich klopfen hörſt, und ſobald dies geſchieht, aufmachen. Schön, Capitain, ſagte Rob. Du wirſt hier auf der Muſterrolle bleiben, fuhr der Capi⸗ in heuablaſſend fort; und vieleicht befördere ich dich auch, » wenn du dich gut aufführſt. Aber ſo wie du mich heut Nacht klopfen hörſt, mußt du ſchnell aufmachen. Ich werde es nicht verſäumen, Capitain, betheuerte Rob. Denn du mußt wiſſen, ſchärfte ihm der Capitain nochmals umkehrend ein, es könnte möglicherweiſe eine Verfolgung ſtatt⸗ finden, und ſie könnten mich kapern, wenn ich warten müßte und du nicht gleich an die Thür kämeſt. Rob verſicherte dem Capitain abermals, daß er raſch und wachſam ſein werde; und der Capitain begab ſich, nachdem er dieſe kluge Verabredung getroffen, zum letzten Male in ſeine Woh⸗ nung zu Mrs. Mac Stinger. Das Gefühl, zum letzten Male hier zu ſein, und das Be⸗ wußtſein des ſchrecklichen Planes, den er unter ſeiner blauen Weſte verbarg, flößte dem Capitain eine ſo bange Furcht vor Mrs. Mac Stinger ein, daß der Schall der Fußtritte dieſer Dame auf der Treppe ihn zu jeder Stunde des Tages am gan⸗ zen Leibe zittern machte. Zudem war Mrs. Mac Stinger in lie⸗ benswürdigſter Laune, lammesfromm und geduldig, und Capitain Cuttle's Gewiſſen wurde ſehr rebelliſch, als ſie in ſeine Stube kam und frug, ob ſie ihm nichts zu Mittag kochen ſolle. Ein feiner Nierenpudding, Capitain Cuttle, ſagte ſeine Wirthin; oder ein Lammsharz? Geniren Sie ſich nicht, ich thue es ja gern. Nein, ich dank' Ihnen, Madam, erwiderte der Capitain. Oder ein gebratenes Hühnchen, ſagte Mrs. Mac Stinger, ein bischen gefüllt und mit Eierſauce? Nun, Capitain, thun ſich einmal etwas zu Gute! 4 . 10* — 148— Nein, ich danke Ihnen, Madam, erwiderte der Capitain ſehr beſcheiden. 's iſt Ihnen gewiß nicht ganz recht, und Sie haben eine kleine Anregung nöthig, ſagte Mrs. Mae Stinger. Wollen Sie nicht einmal eine Flaſche Sherry verſuchen? Nun ja, Madam, erwiderte der Capitain, wenn Sie ſo gut ſein wollten ein Glas mitzutrinken, ſo möchte ich wohl ein⸗ mal probiren. Wollen Sie mir vielleicht den Gefallen thun, ſagte der Capitain, von ſeinem Gewiſſen zerfleiſcht, ein Viertel⸗ jahr Zins im Voraus anzunehmen? Und warum, Capitain Cuttle, entgegnete Mrs. Mac Stin⸗ ger— mit Schärfe, wie Capitain Cuttle vorkam. Der Capitain war zum Tode erſchrocken. Sie würden mir einen Gefallen damik thun, Madam, ſagte er mit Unterwürfig⸗ keit. Ich kann nicht gut auf Geld halten. Es vertrödelt ſich bei mir. Ich ſähe es gern, wenn Sie mir den Gefallen thäten. Nun, ganz wie Sie wollen, ſagte die argloſe Mrs. Mac Stinger und rieb ſich die Hände. Eine Frau mit einer Familie, wie ich, kann ſo etwas nicht abſchlagen. Und wollten Sie auch ſo gut ſein, Madam, ſagte der Ca⸗ pitain, und nahm die Zinnbüchſe, in der er ſein Geld aufbe⸗ wahrte, vom Schranke, jedem Ihrer lieben Kleinen achtzehn Pence zu geben? Und wenn es gerade ginge, und Sie ließen ſie alle miteinander einmal hierher kommen, ſo würde ich ſie gern ſehen. Dieſe unſchuldigen Mae Stingers waren eben ſoviel Dolche für des Capitains Herz, al ls ſie hereinſtürmten und ihn mit dem argloſen Vertrauen, das er ſd wenig verdiente, umfingen. Das — — 149— Auge Alexander Mac Stingers, einſt ſein Liebling, war dem Capitain unerträglich; die Stimme Juliane Mac Stingers, die das Ebenbild ihrer Mutter war, machte einen Feigling aus ihm. Capitain Cuttle wußte jedoch ziemlich gut den Schein zu retten, und wurde eine Stunde lang von den jungen Mac Stin⸗ gers tüchtig herumgezerrt. In ihrem kindiſchen Muthwillen be⸗ ſchädigten ſie ſogar den lackirten Hut, in den ſie ſich zu zweien wie in ein Neſt ſetzten und mit den Beinen auf die innere Seite der Krone trommelten. Endlich entließ ſie der Capitain betrübt, und nahm von den kleinen Engeln mit ſo viel Rührung Abſchied, als ob es auf's Schaffot ginge. In tiefer Stille der Nacht packte der Capitain ſeine ſchwereren Sachen in eine Kiſte, welche er verſchloß, in der Abſicht ſie hier zu laſſen, aller Wahrſcheinlichkeit nach für immer, oder auf die entfernte Möglichkeit rechnend, einmal einen Mann zu finden, der Tollkühnheit genug beſaß, ſie abzuholen. Von ſeinen leichtern Sachen machte der Capitain ein Bündel, ſteckte ſein Silberzeug ein und war zur Flucht bereit. Zur Mitternachtsſtunde, als der Brigplatz in tiefem Schlummer lag und Mrs. Mac Stinger, umringt von ihren Kindern, in ſüße Vergeſſenheit verſunken war, ſtahl ſich der ſchuldbewußte Capitain auf den Zehen und im Dun⸗ keln die Treppe hinab, öffnete die Thüre, ſchloß ſie leiſe wieder hinter ſich zu und eilte davon. Verfolgt von dem Bilde der Mrs. Mac Stinger, wie ſie aus. dem Bette ſprang und ihr Negligé nicht achtend ihn verfolgte 4 und zurückholte; verfolgt auch von dem Bewußtſein ſeiner ſchwe⸗ ren Schuld, eilte Capitain Cuttle raſchen Laufs von dannen, und — 150— ließ kein Gras unter ſeinen Sohlen wachſen vom Brigplatz bis zu des Opticus Ladenthüre. Sie ging auf, als er klopfte— denn Rob ſtand auf der Wache— und als ſie wieder verriegelt war, fühlte ſich Capitain Cuttle wieder verhältnißmäßig ſicher. Hui! puſtete der Capitain und ſchaute ſich um, das war ſcharf! Iſt was los, Capitain? frug Rob erſtaunt. Nein, nein! ſagte Capitain Cuttle, die Farbe wechſelnd und einem vorübereilenden Fußtritt auf der Straße lauſchend. Aber jetzt höre mich, mein Jung'; wenn irgend eine Dame, außer einer von den Beiden, die du neulich hier geſehen haſt, hier nach Capitain Cuttle fragt, ſo ſag' nur, du kennteſt hier keine Perſon dieſes Namens, und es wäre auch nie eine hier geweſen; achte darauf, hörſt du? Ich werd's thun, Capitain, erwiderte Rob. Du könnteſt auch ſagen,— bemerkte der Capitain zögernd, du hätteſt in einer Zeitung geleſen, ein Capitain dieſes Namens wär' nach Auſtralien ausgewandert mit einem ganzen Schiff voll Leuten, die ſich zugeſchworen, nie wieder zu kommen. Rob nickte dem Capitain ſein Einverſtändniß mit dieſen Inſtructionen zu; worauf dieſer ihm verſprach, wenn er ge⸗ horche, aus ihm einen Mann zu machen, ihn dann gähnend ſein Lager unter dem Ladentiſch aufſuchen ließ, und ſelbſt hinaufſtieg in das Schlafſtübchen von Salomo Gills. Was der Capitain am nächſten Tage litt, ſo oft ein Frauen⸗ hut vorbeiging, oder wie oft er aus dem Laden floh, um der einge⸗ bildeten Mac Stingers aus dem Wege zu gehen, und im Obergeſchoß — — — 151— Schutz ſuchte, läßt ſich nicht erzählen. Aber um der von dieſen Selbſterhaltungsverſuchemunzertrennlichen Ermüdungzuentgehen, brachte der Capitain inwendig an der Glasthür zwiſchen dem Laden und dem Hinterſtübchen einen Vorhang an, ſuchte ſich aus dem ihm übergebenen Bund einen Schlüſſel dazu und bohrte ſich durch die Thür ein kleines Guckloch. Der Vortheil dieſer Ver⸗ ſchanzung lag am Tage. Sobald ſich ein Hut zeigte, zog ſich der Capitain ſchnell in ſein Bollwerk zurück, riegelte ſich ein und beobachtete aus ſeinem Verſteck den Feind. War es ein falſcher Lärm, ſo erſchien der Capitain ſogleich wieder im Laden. Und die Hüte in der Straßse waren ſo zahlreich, und eine Alar⸗ mirung ihre ſo unabwendbare Folge, daß der Capitain faſt unauf⸗ hörlich zwiſchen ſeiner Feſtung und dem Laden unterwegs war. Trotzdem fand Capitain Cuttle noch Zeit, den Waaren⸗ vorrath zu beſichtigen, in Wug auf den er der Meinung war (ſehr zum Aerger Robs), daß er nie zu viel abgerieben werden und nie genug glänzen könne. Er bezeichnete auch verſchiedene ihm anſprechend ſcheinende Artikel auf’s Gerathewohl mit Preiſen von zehn Schilling bis funfzig Pfund und ſtellte ſie zum großen Erſtaunen des Publicums im Fenſter aus. Nachdem er dieſe Verbeſſerungen bewerkſtelligt hatte, fühlte er ſich, umgeben von ſeinen Inſtrumenten, ganz wiſſenſchaftlich; und ſah ſich Abends, wenn er vor dem Schlafengehen ſeine Pfeife im leinen Hinterſtübchen rauchte, die Sterne durch das Fenſter in der Decke an, als hätte er eine Art Eigenthumsanſpruch auf ſie. Als Gewerbsmann in der City fing er auch an, ein großes Intereſſe am Lord Mayor, an den Sheriffs und den Gilden zu nehmen, und fühlte — — 152— ſich verpflichtet, alltäglich die Curſe der Staatspapiere zu leſen, obgleich er nicht im Stande war, durch Hilfe irgend eines Satzes der Navigationskunſt herauszubringen, was die Zahlen bedeute⸗ ten, und die Brüche recht gut hätte enthehren können. Zu Floren⸗ tinen ging der Capitain ſchon am ziſten Tage nach dem Ver⸗ ſchwinden des Onkels Sol; aber ſig war verreiſet. So lebte ſich der Capitain mit keiner andern Geſellſchaft als Rob in einen andern Beruf ein; und wie Leute, die große Veränderun⸗ gen erleben, das Bewußtſein des Zeitverlaufs verlieren, dachte er ſinnend an Walter und Salom, Gills und ſelbſt an Mrs. Mae Stinger, wie an Dinge, dic eſſen ſind. . * 7 Schuellpreſſendruck von Fr. Nies in Leipzig. ““ 3 4 — 8—— —— — ——