Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und afranzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießzen, . Schloßgaſſe Lit. 2 Lit. A. Nr. 256. Teih- und Teſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Werſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem W erthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Avbonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für möchentlich 2 Blcher: A Bücher: 6 Bücher: .[.ꝭ—— 4—————— duf 1 Monat: 1 Wcr.— Pf. 1 Mrr. 59 Pf. 2 Wer. pf. 25. Auswärtige Abonnenten baben für Sin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eige nen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. — 6. Schadenersatz. 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Als die Hundstagsferien herannahten, legten die trübäugigen jungen Herren in Doctor Blimber's Anſtalt keine unziemlichen Freudensäußerungen an den Tag. Ein ſo gewaltſamer Ausdruck wie„aufbrechen“ wäre in Bezug auf dieſes hochgebildete Inſtitut gar nicht anwendbar geweſen. Die jungen Herren entſchwanden halbjährlich nach dem Vaterhauſe; aber ſie brachen nie auf. Einer ſolchen Rohheit hätten ſie ſich geſchämt. Tozer, beſtändig von einem ſteifgeſtärkten weißen Cambrik⸗ halstuch gemartert, welches er auf ausdrückliches Verlangen der Mrs. Tozer, ſeiner Mutter, trug, die ihn für die Kirche beſtimmt hatte und der Meinung war, er könne nicht zu früh darauf vor⸗ bereitet werden— Tozer ſagte, daß er, zwiſchen zwei Uebeln wählend, lieber bleiben wollte, wo er ſei, als nach Hauſe gehen. So wenig auch dieſe Erklärung zuſammenpaſſen mochte mit der Stelle in Tozer's Aufſatz über dieſen Gegenſtand, wo er ſagte: „daß der Gedanke an das Vaterhaus und alle ſeine Erinnerungen in ſeiner Seele die wohlthuendſten Gefühle der Hoffnung und Freude erregten,“ und ſich mit einem römiſchen Feldherrn verglich, der, ſtolz über einen Sieg über die Iceni oder beladen mit car⸗ thagiſcher Beute, ſich dem Capitol nähert, worunter, dem Gleichniß zu Gefallen, Mrs. Tozer's Haus zu verſtehen war, ſo war ſie dennoch vollkommen aufrichtig. Denn wie man vermuthen mußte, hatte Tozer einen ſchrecklichen Onkel, der ihm nicht nur während der Ferien beſtändig mit Fragen und Examinationen über die ſchwierigſten Dinge zuſetzte, ſondern auch unſchuldige Vorfälle und Gegenſtände zu demſelben grauſamen Dienſte preßte. So, wenn ihn dieſer Onkel unter dem Schein der Freundſchaft z. B. mit in's Theater nahm, oder zu einem Rieſen, einem Zwerge, einem Taſchenſpieler, errieth Tozer gleich, daß er in Bezug auf dieſen Gegenſtand eine klaſſiſche Stelle geleſen hatte, und ſah ſich in die peinlichſte Angſt verſetzt, denn er konnte nicht wiſſen, wie, wo und wann er ihn packen und welche Autorität er gegen ihn anführen werde. Was Briggs betrifft, ſo machte deſſen Vater nicht ſo viel Umſtände. Der hatte keinen Augenblick Ruhe. So zahlreich und ſtreng waren die geiſtigen Prüfungen dieſes unglücklichen Jünglings in der Ferienzeit, daß die Freunde der Familie(ſie wohnte damals in der Nähe von Bayswater in London) ſich ſelten dem Teiche in Kenſingtongarten näherten, ohne die dunkle Be⸗ ſorgniß, Maſter Briggs' Hut auf dem Waſſer ſchwimmen und ein unvollendetes Exercitium am Ufer liegen zu ſehen. Briggs ſah daher den Ferien auch nicht allzu ſanguiniſch entgegen; und dieſe beiden Mitbewohner von unſers Pauls Schlafzinmer — 7— waren ein ſo gutes Durchſchnittspröbchen der jungen Herren, daß die aufgeweckteſten derſelben dem Herannahen der Ferienzeit mit wohlanſtändiger Reſignation entgegenſahen. Ganz anders war es bei dem kleinen Paul. Mit dem Ende dieſer Ferien ſollte ſeine Trennung von Florentinen ein⸗ treien; wer aber dachte jemals an das Ende von Ferien, deren Anſang noch gar nicht da war? Paul gewiß nicht. Wie die glüdliche Zeit näher und näher kam, wurden die Löwen und Tiger, welche an den Wänden des Schlafzimmers hinaufliefen, ganz zahm und ſpielluſtig. Die grimmen, liſtigen Geſichter, die aus den Vierecken des Fußteppichs hervorguckten, glätteten ſich und ſahen ihn mit weniger argen Augen an. Die ernſthafte Uhr ließ in ihrer ceremoniöſen Frage mehr perſönliche Theilnahme anklingen, und das ruheloſe Meer rauſchte die ganze Nacht hin⸗ durch nach einer melancholiſchen und doch auch wieder lieblichen Melodie, die mit den Wellen ſtieg und fiel und ihn in Schlaf lullte. Mr. Feeder, Bacc. artium, ſchien zu denken, daß auch er die Frrien recht ordentlich genießen wolle. Mr. Toots aber hatte lebenslängliche Ferien in Ausſicht; denn, wie er Paul jeden Morgen regelmäßig ſagte, es war ſein letztes„Semeſter“ bei Doctor Blimber, und er erhielt nächſtens ſein Erbtheil zur freien Dispoſition. Trotz der großen Verſchiedenheit in Jahren und Stellung waren Paul und Mr. Toots darüber ſtillſchweigend einverſtanden, daß ſie ſehr vertraute Freunde waren. Wie der letzte Schultag näher kam und Mr. Toots, wenn er mit Paul zuſammen war, tiefer Athem holte und die Augen weiter aufriß als gewöhnlich, ſo wußte unſer kleiner Freund, er wolle damit ſagen, wie leid es ihm thue, daß ſie ſich nun trennen ſollten, und war ihm dankbar für ſeine Protection und Freundſchaft. Doctor Blimber, Mrs. Blimber und Miß Blimber, ſowie die ſämmtlichen jungen Herren lebten der Ueberzeugung, daß Toots ſich zum Beſchützer und Vertheidiger Dombey's aufgeworfen habe; und dieſer Umſtand wurde ſogar Mrs. Pipchin ſo augen⸗ fällig, daß die gute Alte von Feindſchaft und Eiferſucht gegen Toots erfüllt wurde und ihn im Heiligthum ihres Hauſes wieder⸗ holt„einen ſtrohköpfigen Dummkopf“ nannte. Dafür hatte der unſchuldige Toots eben ſo wenig, wie von jeder andern Möglich⸗ keit, einen Begriff davon, daß er den Zorn der alten Dame reize. Im Gegentheil war er ſehr geneigt, ſie als ein Original mit mehreren intereſſanten Seiten zu betrachten. Deshalb lächelte er ſie, wenn er ſie bei Paul fand, ſo leutſelig an und frug ſie ſo oft, wie ſie ſich befinde, daß ſie ihm endlich eines Abends offen in's Geſicht ſagte, ſie ſei ſo etwas nicht gewohnt, was er auch davon denken möge; und ſie könne und würde es ſich nicht ge⸗ fallen laſſen, weder von ihm, noch von andern Laffen. Ditſe ſo unerwartete Antwort auf ſeine Höflichkeit ſchüchterte Mr. Toots ſo ein, daß er ſich, bis ſie fortging, in einen Winkel verkroch. Auch wagte er nie wieder der geſtrengen Mrs. Pipchin in Doctor Blimber's Hauſe vor die Augen zu treten. Es waren noch zwei bis drei Wochen bis zu den Ferien, als eines Tags Cornelia Blimber den kleinen Paul in ihr Zimmer rief und zu ihm ſagte: Dombey, ich ſende deine Analyſis nach Hauſe. 4 2 — — 9— Dank Ihnen, Ma'am, gab Paul zur Antwort. Du verſtehſt mich doch, Dombey? frug Miß Blimber und ſah ihn ſcharf durch die Brille an. Nein, Ma'am, ſagte Paul. Dombey, Dombey, ſagte Miß Blimber, ich fürchte faſt, du biſt ein böſer Knabe. Wenn du die Bedeutung eines Wortes nicht kennſt, warum ſuchſt du dich da nicht zu unterrichten? Mes. Pipchin ſagte zu mir, ich dürfte nicht fragen, ent⸗ gegnete Paul. Ich muß dich erſuchen, Dombey, auf keine Weiſe Mrs. Pipchin gegen mich zu erwähnen, erwiderte Miß Blimber. Ich darf dies durchaus nicht geſtatten. Die Lehrweiſe bei uns ver⸗ trägt ſo etwas nicht im Mindeſten. Eine Wiederholung ſolcher Anſpielungen würde mich veranlaſſen, dir aufzugeben, bis morgen früh zum Frühſtück von verbum personale bis simillima cygno auswendig zu lernen. Ich hatte gewiß nicht die Abſicht, begann Paul. Ich muß dich erſuchen, mir nicht zu ſagen, daß du nicht die Abſicht hatteſt, Dombey, ſagte Miß Blimber, die bei ihren Ermahnungen ſtets eine ehrfurchteinflößende Höflichkeit feſthielt. Eine ſolche Aeußerung darf ich nicht geſtatten. Paul fand, es ſei das Sicherſte, gar nichts zu ſagen, und ſo ſah er nur Miß Blimber's Brille an. Miß Blimber aber ſchüttelte erſt ernſt den Kopf und nahm dann ein vor ihr liegendes Papier zur Hand. „Analyſis von P. Dombey's Charakter.“ Wenn ich mich recht erinnere, unterbrach ſich Miß Blimber, wird das Wort — 10— Analyſis als Gegenſatz von Syntheſis von Walker folgender⸗ maßen definirt:„Die Auflöſung eines Gegenſtands aus der ſinnlichen oder der geiſtigen Welt in ſeine erſten Elemente.“ Als Gegenſatz zu Syntheſis, verſtehſt du? Nun weißt du, was Analyſis iſt, Dombey. Dombey ſchien zwar von dem Lichte, welches in ſeinen Geiſt fiel, nicht ganz geblendet zu ſein, aber er machte Miß Blimber eine kleine Verbeugung. „Analyſis von P. Dombey's Charakter“ begann Miß Blimber wieder von dem Papiere zu leſen.„Die natürliche Begabung Dombey's iſt ſehr gut zu nennen, und ſeine Luſt zu lernen kann mit derſelben Ziffer ausgedrückt werden. Nehmen wir alſo acht als unſere höchſte und Muſternummer, ſo würde ich das Maß beider obengenannten Eigenſchaften durch die Ziffer 6%¾ aus⸗ drücken!“ Miß Blimber hielt inne, um zu ſehen, wie Paul dieſe er⸗ freuliche Nachricht aufnehme. Da er nicht wußte, ob ſechsdrei⸗ viertel ſechs Pfund funfzehn Shilling, oder ſechs Shilling drei Farthings, oder ſechs Fuß drei Zoll, oder dreiviertel nach ſechs, oder ſechs Dinge, die er noch nicht kannte, nebſt drei andern, die ihm ebenfalls fremd waren, bedeuten ſollte, ſo rieb er ſich die Hände und ſah Miß Blimber feſt an. Zufällig hatte dies ſoviel Erfolg wie jede andere Antwort, und Cornelia fuhr fort: „Heftigkeit, zwei. Selbſtſucht, zwei. Hinneigung zu gemei⸗ nem Umgang ſichtbar in der Erwähnung einer Perſon Namens Glubb, urſprünglich ſieben, ſeitdem aber vermindert. Gentle⸗ männiſches Benehmen, vier, mit den Jahren zunehmend.“ Worauf — — 1— ich aber vor Allem deine Aufmerkſamkeit lenken möchte, Dombey, das ſind die allgemeinen Bemerkungen am Schluß dieſer Analyſis. Paul merkte auf. „Es kann im Allgemeinen an Dombey bemerkt werden,“ las Miß Blimber mit lauter Stimme vor, wobei ſie bei jedem zweiten Worte die kleine Geſtalt, die vor ihr ſtand, durch ihre Brille anſah,„daß ſeine Fähigkeiten und ſeine Sitten gut ſind, und daß er ſo ſehr fortgeſchritten iſt, als unter den Umſtänden zu erwarten war. Aber es iſt zu beklagen, daß dieſer junge Mann von ſeltſamem(was man gewöhnlich nennt altbärtigem) Weſen in Charakter und Benehmen iſt, und daß er, ohne etwas gerade Tadelnswerthes zu thun, ſich den andern jungen Herren ſeines Alters und Standes oft ſehr unähnlich zeigt.“ Nun, Dombey, ſagte Miß Blimber und legte das Papier wieder hin, verſtehſt du das? Ich glaube, Ma'am, ſagte Paul. Dieſe Analyſis, Dombey, fuhr Miß Blimber fort, wird an deinen geehrten Vater geſchickt werden. Es wird ihm natürlich ſehr ſchmerzlich ſein, dich ſo eigenthümlich in deinem Charakter und Benehmen zu finden. Es iſt uns natürlich auch leid, denn wir können dich darum nicht ſo gern haben, als wir wohl möchten. Sie berührte damit den Knaben an einer empfindlichen Stelle. Von Tag zu Tag, wie ſich der Zeitpunkt ſeiner Abreiſe näherte, hatte er es ſich im Geheimen angelegen ſein laſſen, Jeden im Hauſe für ſich zu gewinnen. Aus einem verborgenen Grunde, deſſen er ſich ſelbſt kaum oder gar nicht bewußt war, fühlte er t — 12— ein immer wachſendes Bedürfniß nach Liebe zu faſt jeder Sache und Perſon im Hauſe. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß er ihnen, wenn er nicht mehr da ſei, ganz gleichgültig ſein könne. Er begehrte, ſie ſollten ſeiner freundlich gedenken; und er hatte es ſich ſelbſt angelegen ſein laſeen, um die Freundſchaft eines großen heiſern und zottelhaarigen Hundes, der hinter dem Hauſe an der Kette lag und vor dem er bis dahin eine wahre Todesfurcht gehabt, zu werben, damit ſelbſt dieſer ihn vermiſſen möge, wenn er nicht mehr da ſei. Ohne Arg, daß er damit nur von Neuem den Unterſchied zwiſchen ſich und ſeinen Schulgenoſſen an den Tag lege, bat der kleine Paul mit ſo wohlgeſetzten Worten, als ihm möglich war, Miß Blimber, trotz der offieiellen Analyſis gütigſt zu verſuchen ihn gern zu haben. Gegen Mrs. Blimber, die hinzugekommen war, ſprach er dieſelbe Bitte aus; und als dieſe Dame ſelbſt in ſeiner Gegenwart ſich nicht der oft wiederholten Bemerkung ent⸗ halten konnte, daß er ein wunderliches Kind ſe ei, ſagte ihr Paul, ſie habe ganz Recht; es müßten wohl ſeine Knochen ſein, aber er wiſſe es nicht; und er hoffe, ſie werde ihm das verzeihen, denn er habe ſie Alle lieb. Nicht ſo lieb, ſagte Paul mit einer Miſchung von Schüch⸗ ternheit und Offenheit, welche einer der eigenthümlichſten und einnehmendſten Züge ſeines Charakters war,— nicht ſo lieb wie Florentinen natürlich; das ginge nicht. Sie würden das auch nicht erwarten; nicht wahr, Maam? O! der wunderliche kleine Mann! ſagte Mrs. Blimber leiſe zu ihrer Tochter. — 13— Aber ich bin Allen hier recht ſehr gut, fuhr Paul fort, und es ſollte mir weh thun, wenn ich bei meinem Weggehen denken müßte, Jemand ſei froh, daß ich fort ſei, oder kümmere ſich nicht darum. Mrs. Blimber war jetzt feſt überzeugt, daß Paul das wunderlichſte Kind von der Welt ſei; und als ſie dem Doctor das Vorgefallene erzählte, trat dieſer ihrer Meinung vollkommen bei. Aber er äußerte wie bei Pauls Ankunft, daß Studiren ſein Theil thun werde; und er ſagte auch, was er ſchon damals ge⸗ ſagt hatte: Bring ihn vorwärts, Cornelia, bring ihn vorwärts! Cornelia hatte ihn ſtets mit einem ſo kräftigen Treiben als nur möglich vorwärts gebracht; und Paul hatte viel dabei aus⸗ zuſtehen gehabt. Aber außer dem Streben, ſeine Arbeiten zu vollenden, hatte er ſeit langem ein anderes Ziel nie aus den Augen verloren. Er wollte ein ſanfter, dienſtwilliger, ſtiller Knabe ſein, immer bemüht, ſich die Liebe und Zuneigung der Andern zu erwerben; und obgleich er immer noch auf ſeinem alten Poſten auf der Treppe oder am einſamen Fenſter den Wellen und Wolken zuſchauend zu finden war, ſo ſah man ihn doch auch oft unter den andern Knaben, beſtrebt, ihnen anſpruchslos und unaufge⸗ fordert irgend einen kleinen Dienſt zu leiſten. Dadurch war ſelbſt bei den ſtrengen und der Welt verſchloſſenen Anachoreten, welche ſich in Doctor Blimber's Hauſe caſteiten, Paul ein Gegenſtand der allgemeinen Theilnahme, ein gebrechliches Spielzeug, das Allen gefiel und mit dem Jeder beſtrebt war, zärtlich umzugehen. Aber er konnte ſeine Natur nicht verändern oder ſeine Analyſis umſchreiben; und ſo fimmten ſie Alle darin Kberein, daß Dombey wunderlich und altbärtig ſei. —— — 44— Dieſer Ruf zog aber auch einige andere Privilegien nach ſich, deren ſich kein Anderer erfreute. Wenn die Andern beim Gute⸗Nacht⸗Sagen ſich vor Doctor Blimber und deſſen Familie nur verbeugten, ſo reichte Paul ſein kleines Händchen hin und ſchüt⸗ telte keck dem Doctor die Hand, dann auch Mrs. Blimber und Cornelia. Wenn für eine Sünde vorgebeten werden ſollte, war ſtets Paul der Vermittler. Selbſt der Burſche mit den blöden Augen zog ihn einmal zu Rathe wegen einer kleinen Vernichtungs⸗ ſcene in Glas und Porzellan. Auch trug man ſich mit einem dunkeln Gerüchte, daß der Tafeldecker mit einer Vorliebe, welche dieſer Geſtrenge noch nie gegen einen ſterblichen Knaben gezeigt, Porter in ſein Tiſchbier gemiſcht dabe, um ihm Kräfte zu geben. Außer dieſen großen Privilegien beſaß Paul noch das Recht des freien Zutritts zu Mr. Feeder's Zimmer, aus welchem Ge⸗ mach er zweimal Mr. Toots halbohnmächtig vom Rauche einer ſchlechten Cigarre an die freie Luft geführt hatte. Beſagte Ci⸗ garre war nämlich eine Probe von dem Pack, welches jener junge Herr am Strande heimlich von einem höchſt verwegenen Schmuggler, der ihm im Vertrauen geſtand, daß die Zollbehörde einen Preis von 200 Pfd. auf ſeinen Kopf geſetzt, gekauft hatte. Mr. Fee⸗ der's Zimmer war ſehr nett und hatte noch ein kleines, in dem das Bett ſtand, hinter ſich; ſonſt bemerkte man darin eine Flöte, die Mr. Feeder noch nicht blaſen konnte, aber in Kurzem zu lernen gedachte. Ferner bemerkte man einige Bücher und eine Angel; denn Feeder ſagte, er hätte ſich feſt vorgenommen, das Angeln zu lernen, weun er nur erſt Zeit dazu habe. In derſelben Ab⸗ ſicht hatte ſich Mr. Feeder noch angeſchafft ein altgekauftes kleines — 815— Klappenhorn, ein Schachbret mit Figuxen, eine ſpaniſche Gram⸗ matik, Zeichnenmaterialien und ein Pagr Boxhandſchuhe. Die Kunſt der Selbſtvertheidigung, ſagte Mr. Feeder, habe er ſich feſt vorgenommen zu erlernen, da er dies für eine Pflicht jedes Mannes halte: dem man könne alsdann Frauen in Bedrängniß Schutz und Hülfe leiſten. Aber Mr. Feeder's größtes und werthvollſtes Beſitzthum war eine große grüne Büchſe mit Schnupftabak, den Mr. Toots nach Ablauf der letzten Ferien als Geſchenk⸗mitgebracht und für den er, als authentiſch vom Prinzregenten herrührend, einen enormen Preis bezahlt hatte. Weder Mr. Toots noch Mr. Feeder konnten, ſelbſt nicht in der allerkleinſten Quantität, von dieſem oder einem andern Schnupftabak genießen, ohne von krampfhaftem Nieſen befallen zu werden. Dennoch machte es ihnen große Freude, eine Doſe voll mit kaltem Thee anzufeuchten, ihn auf einem Stück Pergament mit einem Papiermeſſer umzurühren und ihn alsdann zu verbrauchen. Bei dieſem Vollſtopfen ihrer Naſen er⸗ trugen ſie beiſpielloſe Qualen mit der Siendchäft von Mär⸗ tyrern; dabei tranken ſie Tiſchbier und fanden, daß ſie ganz glorios liederlich waren. Wenn Paul bei ſolchen Gelegenheiten ſtill neben ſeinem Hauptbeſchützer, Mr. Toots, ſaß, ſo erfüllte ihn eine Art wohl⸗ thuendes Grauen; und wenn Mr. Feeder von den nächtigen Myſterien Londons ſprach und Mr. Toots erzählte, daß er ſie ſelbſt in den nahen Ferien genau und ſorgfältig zu beobachten gedenke und zu dieſem Zwecke ſich bei zwei alten Jungfern in Peckham einlogirt habe, da kam er Paul vor wie der Held einer Reiſebeſchreibung voll halsbrechender Abenteuer, und er fürchtete ſich faſt vor einer ſo ennn Perſon. Eines Tags, al i Fekien nicht mehr fern waren, begab ſichePaul in dinſes Biwmnep und fand higr Mr. Feeder beſchäftigt, die leeren Räume in verſchiedenen gäruckten Briefformularen auszufüllen, während andere bereits ausgefüllte von Mr. Toots gebrochen und geſiegelt Kurden. Mr. Feeder ſagte: Ach, Dom⸗ bey, da ſind Sie ja auch!— denn ſie waren immer freundlich gegen ihn und ſahen ihn gern— und fuhr dann fort, indem er ihm einen Brief hinſchob: Und da ſind Sie auch, Dombey. Das iſt Ihrer. 4 Meiner, Sir? frug Paul. Ihre Einladung, erwiderte Mro eeder. Es war ein in Kupfer e Brief mit Pauls von Mr. Feeder geſchriebenem Namen, es⸗Jühalts, daß Doctor und Mrs. Blimper um die Ehre von Mr. P. Dombey's Anweſenheit zu einer Aßand eſellſchaft für Donnerſtag den ſiebzehnten dieſes nfang halb acht Uhr und der Zweck Quadrillen bäten, daß ſei. Paul ſah auch, daß auf dem Tiſche, vor dem Mr. Feeder ſaß, die Ehre von Mr. Briggs', Mr. Tozer's und jedes andern jungen Herrn Anweſenheit von Doctor und Mrs. Blimber er⸗ beten wurde. Mr. Feeder unterrichtete ihn dann zu ſeiner großen Freude, daß auch ſeine Schweſter eingeladen ſei, daß dies Feſt alle halbe Jahre ſtattfinde und daß, da die Ferien mit dieſem Tage be⸗ gönnen, er mit ſeiner Schweſter nach der Soirée weggehen könne, wenn es ihm gefalle, wobei ihm Paul in die Rede fiel, um ihm — 1— zu verſichern, daß ihm das ſehr gefalle. Mr. Feeder bedeutete ihn alsdann, man erwarte, er werde mit zierlicher Schrift Doctor und Mrs. Blimber benachrichtigen, daß er ſich ihrer gütigen Einladung gemäß die Ehre geben werde, ihnen an dem be⸗ zeichneten Tage ſeine Aufwartung zu machen. Schließlich ſagte ihm Mr. Feeder, daß er in Gegenwart von Doctor und Mrs. Blimber nicht von dem nahen Feſte ſprechen ſolle, da ſämmtliche Vorbereitungen nach Principien der Claſſicität und vornehmen Sitte getroffen würden; und daß vorausgeſetzt würde, Doctor und Mrs. Blimber und die jungen Herren als Lehrer und Schü⸗ ler hätten nicht die mindeſte Ahnung von dem, was ihnen be⸗ vorſtehe. Paul dankte Mr. Feeder für dieſe Winke, ſteckte die Ein⸗ ladung ein, und ſetzte ſich wie gewöhnlich auf eineg Stuhl neben Mr. Toots. Aber Pauls Kopf, über den er immer etwas ge⸗ klagt hatte, war heute ſo dumpf und ſchwer, daß er ihn auf die Hand legen mußte. Und dennoch ſank er immer tiefer und tie⸗ fer, bis er endlich auf Mr. Toots Knie liegen blieb, als wolle er gar nicht wieder in die Höhe gehoben ſein. Deswegen brauchte er nicht taub zu ſein; und doch war es faſt ſo, denn es war ihm, als rufe ihm Mr. Feeder etwas ins Ohr und ſchüttele ihn ſanft, wie um ſich ihm bemerklich zu machen. Und wie er ganz ſcheu den Kopf erhob und ſich umſchaute, ſah er, daß Doctor Blimber im Zimmer war, daß das Fenſter offen ſtand, und daß ſeine Stirn mit Waſſer benetzt ſei; und daß dies Alles geſchehen war, ohne daß er etwas davon wußte, war gewiß ganz merkwürdig. Boz. Dombey u. Sohn. III. 2 — 18— Ach! So! Schön, ſchön!„Was macht mein kleiner Freund? ſagte der Doctor ermuthigend. O, ich befinde mich ganz wohl, ich dank Ihnen, Sir, gab Paul zur Antwort. Aber es ſchien etwas mit dem Fußboden zu ſein, denn er konnte nicht recht feſt ſtehen; und mit den Wänden, denn ſie wollten ſich immer rundherum drehen, und hielten nur ſtill, wenn man ſie ganz feſt anſah. Mr. Toots'Kopf ſchien ihm viel grö⸗ ßer und weiter entfernt von ihm zu ſein, als natürlich war; und als er Paul auf die Arme nahm, um ihn hinauf zu tragen, bemerkte Paul zu ſeinem Erſtaunen, daß die Thür an einer ganz andern Stelle ſich befand als er erwartet hatte, und glaubte an⸗ fangs faſt, Mr. Toots wollte mit ihm geradeswegs die Eſſe hinaufgehen. d Es war ſehr freundlich von Mr. Toots, ihn ſo liebreich⸗ bis unter das Dach des Hauſes zu tragen; und Paul ſagte ihm das. Aber Mr. Toots erwiderte, er würde noch viel mehr thun, wenn er könnte; und er that auch wirklich mehr; denn in der freundlichſten Weiſe half er Paul beim Auskleiden, und half ihm ins Bett, und ſetzte ſich dann neben daſſelbe, und fing an ſehr in ſich hinein zu lachen; waͤhrend Mr. Feeder, Bacc. artium, auf die untere Seite der Bettſtelle gelehnt, die kurzen Borſten ſeines Haars mit ſeinen knochigen Händen in die Höhe ſtrich und dann mit großer Kunſtfertigkeit von weitem und gegen Paul boxte, aus Freude ihn beſſer zu ſehen, was ſich ſo drollig ausnahm und von Mr. Feeder ſo freundlich war, daß Paul, außer — r — 19— Stande ſich zu entſchließen, ob er ihn anlachen oder anweinen ſollte, Beides auf einmal that. Zu fragen, wie Mr. Toots hinwegſchwand, und Mr. Fee⸗ der ſich in Mrs. Pipchin verwandelte, daran dachte Paul gar nicht; auch kümmerte er ſich nicht darum; aber als er Mrs. Pipchin zu Füßen ſeines Bettes ſtehen ſah, rief er ihr zu: Mrs. Pipchin, ſagen Sie es Florentinen nicht! Was denn, mein kleiner Paul? frug Mrs. Pipchin, und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben das Bett. Daß ich krank bin, ſagte Paul. Nein, nein, beruhigte ihn Mrs. Pipchin. Wiſſen Sie, was ich thun werde, wenn ich groß gewordera bin, Mrs. Pipchin? frug Paul, indem er ſie anſah und deas Kinn gedankenvoll auf die gefalteten Hände ſtützte. Mrs. Pipchin ſagte, ſie wiſſe es nicht. Ich werde, ſagte Paul, all mein Geld in eine Bank thun, keins weiter verdienen wollen, mit meiner lieben Flo rentine aufs Land ziehn, einen ſchönen Garten, Feld und W ald kau⸗ fen, und dort mit ihr mein Leben lang wohnen! O! gab Mrs. Pipchin zur Antwort. Ja, ſagte Paul, das werde ich thun, wenn i ch— Er ſtockte und ſann einen Augenblick nach. Mrs. Pipchin's graues Auge ruhte erwartunge zvoll auf ſei⸗ nem nachdenklichen Geſicht. Wenn ich groß werde, ſagte Paul. Dann fing er gleich an Mrs. Pipchin zu erzählen von der Geſellſcha ſt, von Floren⸗ tinens Einladung, wie ſtolz er ſein würde, ſie von allen ſeinen 2* — 20— Kameraden bewundert zu ſehen, wie gut und freundlich ſie alle gegen ihn ſeien, wie gut er Allen ſei, und wie ſehr ihn das freue. Dann erzählte er Mrs. Pipchin von der Analyſis, daß er ganz ſicherlich altbärtig ſei, und frug darüber Mrs. Pipchin um ihre Meinung, und ob ſie wiſſe, warum er es ſei, und was das bedeute. Mrs. Pipchin wählte den kürzeſten Weg und leugnete es geradezu; aber Paul war mit dieſer Antwort durch⸗ aus nicht zufrieden geſtellt, und ſah Mrs. Pipchin ſo ſcharf und forſchend an, daß ſie aufſtehen und zum Fenſter hinaus ſehen mußte, um ſeinem Blick auszuweichen. Ein Apotheker, ein ſtiller Mann, der in dem Inſtitut zu Rathe gezogen wurde, wenn einer der jungen Herren krank w urde, war auf einmal im Zimmer und erſchien mit Mrs. Blim⸗ ber vor dem Bette. Wie er hereingekommen, und wie lange er ſchorn da geweſen, das wußte Paul nicht; aber als er ihn ge⸗ wahrnee, ſetzte er ſich im Bett in die Höhe, beantwortete des Apothe kers Fragen alle ausführlich und flüſterte ihm zu, Floren⸗ tine dü rfe nichts davon erfahren, und er habe nun einmal ſeinen Kopf da rauf geſetzt, ſie bei der Geſellſchaft erſcheinen zu ſehen. Er plaud erte ſehr viel mit dem Apotheker, und ſie ſchieden als gute Freu nde von einander. Wie er ſich wieder mit geſchloſſenen Augen hin, gelegt hatte, hörte er den Apotheker außerhalb des Zimmers un d weit in der Ferne ſagen— oder es war vielleicht ein Traum—— es ſei ein Mangel an Lebenskraft(was mochte das ſein? fru. g ſich Paul verwundert) und große Schwäche vor⸗ handen. Da der Kleine ſich einmal vorgenommen, von ſeinen Schulkameraden am 17. zu ſcheiden, ſo ſei es am beſten, ihn g⸗ — 21— währen zu laſſen, wenn er nicht kränker werde. Es freue ihn von Mrs. Pipchin zu hören, daß der Kleine den 18. zu ſei⸗ nen Verwandten nach London zu reiſen gedenke. Er wolle vor dieſer Zeit an Mr. Dombey ſchreiben, ſo wie er mehr Einſicht in das Weſen der Krankheit erlangt habe. Es ſei keine un⸗ mittelbare Urſache da zu— was? Paul hörte das Wort nicht. Und der Kleine ſei ein ſehr geſcheiter Junge, aber altbärtig. Paul fragte ſich grübelnd mit klopfendem Herzen, was das nur ſein möge, was ihm ſo ſichtbar aufgeprägt ſei, und was Jedermann an ihm ſo leicht bemerke. Er konnte es nicht herausgrübeln und ſich auch nicht lange darum bemühen. Mrs. Pipchin ſtand wieder vor ſeinem Bett, als ob ſie nie weggeweſen wäre(er glaubte, ſie ſei mit dem Doc⸗ tor hinausgegangen, aber vielleicht hatte er es geträumt), und wie durch Zauberei hatte ſie plötzlich eine Flaſche und ein Glas in ihrer Hand, und ſchenkte ihm das Glas voll. Darnach be⸗ kam er ein recht gutes Gelée, welches Mrs. Blimber ihm eigen⸗ händig brachte; und dann befand er ſich ſo wohl, daß Mrs. Pipchin auf ſein inſtändiges Bitten nach Hauſe ging und Briggs und Tozer an das Bett kamen. Der arme Briggs brummte ſchrecklich über ſeine Analyſis, die ihn kaum mehr hätte vernich⸗ ten können, wenn ſie ein chemiſcher Prozeß geweſen wäre; aber er war ſehr freundlich gegen Paul, und auch Tozer, und alle Uebrigen, denn als ſie ſchlafen gingen, beſuchte ihn einer nach dem andern, und alle ſagten: Wie geht's jetzt, Dombey? Nur friſchen Muth, kleiner Dombey! und Aehnliches. Als Briggs zu Bett gegangen war, blieb er noch lange Zeit wach, jammerte über ſeine Analyſe, und ſagte, er wiſſe, ſie ſei ganz falſch, und ſie hätten einen Mörder nicht ſchlimmer analyſiren können, und— wie ſie wohl Doctor Blimber gefallen würde, wenn ſein Taſchen⸗ geld davon abhinge? Es ſei ſehr leicht, ſagte Briggs, ein halbes Jahr lang einen Knaben wie einen Galeerenſklaven zu be⸗ handeln, und ihn hernach als faul auszuſchreien; oder ihm zwei Mittagseſſen die Woche zu kürzen, und ihn dann gefräßig zu nennen; aber er werde ſich das gewiß nicht gefallen laſſen, nein, gewiß nicht! Ehe der Burſche mit den blöden Augen am andern Mor⸗ gen ſein Coneert auf dem Gong gab, kam er zu Paul hinauf und ſagte ihm, er könne im Bett bleiben, was Paul ſehr gern that. Mrs. Pipchin erſchien kurz vor dem Apotheker, und nicht lange darauf kam das gute Mädchen, das Paul an ſeinem erſten Morgen in dieſem Hauſe beim Ofenreinigen getroffen hatte(wie lange her das jetzt zu ſein ſchien!), und brachte ihm das Früh⸗ ſtück. Alsdann war wieder eine Conſultation weit, weit weg, oder Paul träumte es wieder: und dann trat der Apotheker mit Doctor und Mrs. Blimber wieder ins Zimmer und ſagte: Ja, Doctor Blimber, ich bin der Meinung, wir können dieſen jungen Mann vor der Hand vom Studiren losſprechen, da die Ferien bald beginnen. Ganz wie Sie meinen, ſagte Doctor Blimber. Meine Liebe, du kannſt es Cornelia ſagen. Gut, gut, ſagte Mrs. Blimber. Der Apotheker beugte ſich zu Paul herab, ſah ihm ſcharf in die Augen, fühlte ihm an den Kopf, an den Puls, an das rf as — 23— Herz, und that dies Alles mit ſo viel herzlicher Theilnahme, daß Paul zu ihm ſagte: Ich dank Ihnen, Sir. Unſer kleiner Freund, bemerkte Doctor Blimber, hat nie geklagt. O nein! erwiderte der Apotheker. Das läßt ſich kaum denken. Sie finden, daß er ſich viel gebeſſert hat? ſagte Doctor Blimber. O! er befindet ſich viel beſſer, Sir, erwiderte der Apo⸗ theker. Paul hatte auf ſeine eigene ſonderbare Weiſe nachzudenken angefangen über den Gegenſtand, mit dem ſich des Apothekers Geiſt wohl jetzt beſchäftigen möchte; ſo nachdenklich hatte er die beiden letzten Fragen Doctor Blimber's beantwortet. Aber da jetzt gerade der Apotheker den ſinnenden Augen ſeines kleinen Patrioten begegnete, und ſogleich mit einem heitern Lächeln aus ſeinem Brüten erwachte, lächelte Paul ihn wieder an, und dachte nicht weiter daran. Er lag den ganzen Tag lang im Bett, dämmernd und träumend und Mr. Toots anblickend; den nächſten aber ſtand er auf und ging hinunter. Und ſiehe da, es war etwas mit der großen Uhr los; ein Arbeiter auf einer Bockleiter hatte das Zifferblatt abgenommen, und ſtörte beim Schein einer Kerze mit Inſtrumenten im Werke herum! Das war für Paul ein großes Ereigniß, und er ſetzte ſich auf die unterſte Treppenſtufe, und ſah dem Arbeiter aufmerkſam zu, wobei er dann und wann nach dem Zifferblatt blickte, das ſchief an die Wand gelehnt 4 1 — 24— daſtand; es war ihm ordentlich unheimlich zu Muthe, weil es ihm vorkam, als ſchiele es ihn an. Der Arbeiter auf der Bockleiter war ſehr höflich, und da er, als er Paul bemerkte, frug, wie er ſich befinde, ſo knüpfte Paul ein Geſpräch mit ihm an und ſagte ihm, er ſei nicht wohl geweſen. Da nun das Eis gebrochen war, ſetzte ihm Paul mit einer Menge Fragen über Geläute und Uhren zu: ob Leute in den einſamen Kirchthürmen des Nachts wachten, um ſie ſchla⸗ gen zu machen, wie die Glocken geläutet würden, wenn Leute ſterben, und ob das andere Glocken wären als die Hochzeits⸗ glocken, oder nur ſo kläglich in der Einbildung der Lebendigen klän⸗ gen. Da er fand, daß ſein neuer Bekannter nicht genau über die Abendglocken in alten Zeiten unterrichtet war, ſo gab Paul ihm einen ausführlichen Bericht über dieſe Einrichtung und frug ihn als einen Sachverſtändigen, was er von König Alfreds Ein⸗ fall halte, die Zeit mit brennenden Kerzen zu meſſen; worauf der Arbeiter antwortete, daß es der Untergang der Uhrmacherei ſei, wenn es wieder auffkommen ſollte. Paul ſah zu, bis die Uhr ihr gewöhnliches Geſicht wieder hatte und ihre geſetzten Fragen von neuem herſagte; worauf der Arbeiter ſeine Werkzeuge in einen langen Korb that, ihm guten Tag wünſchte und fortging. Aber vorher flüſterte er in der Thür erſt dem Bedienten etwas zu, und darunter das Wort: altbärtig— denn Paul hörte es. Was mochte das wohl ſein, was Jedermann leid zu ſein ſchien! Was konnte es ſein!. Da er jetzt nichts zu thun hatte, dachte er häufig daran; wenn auch nicht ſo oft, als wenn er an weniger Dinge zu denken — 25— 8 gehabt hätte. Aber er mußte an gar viele Sachen denken; und dachte den ganzen Tag lang. Erſtlich ſollte Florentine bei der Geſellſchaft ſein. Floren⸗ tine würde ſehen, daß die Knaben ihn lieb hatten; und das würde ſie freuen. Das war ihm die Hauptfrage. Wußte Florentine erſt, daß ſie ihn gut und freundlich behandelten, und daß er ihr Liebling geworden war, ſo würde ſie ſpäter ohne Schmerz an die Zeit zurück denken, die er in dieſem Hauſe verlebt. Und wenn er wieder aus den Ferien kam, fühlte Florentine ſich viel⸗ leicht deshalb glücklicher. Wenn er wieder kam! Funfzigmal ging er leiſen Schrittes die Treppen hinauf in ſein Zimmerchen, und packte jedes Buch, jedes Zettelchen, jede Kleinigkeit zuſammen, um Alles mit nach Hauſe zu nehmen! Keine Ahnung vom Zurückkehren lebte im kleinen Paul; kein Gedanke davon, außer jenem in Bezug auf ſeine Schweſter. Im Gegentheil betrachtete er bei ſeinen ein⸗ ſamen Wanderungen durch das Haus alle Gegenſtände, mit denen er vertraut worden, als Dinge, von denen er Abſchied nahm; und deshalb hatte er den ganzen Tag lang ſo vielerlei zu denken. Er mußte in die Zimmer im obern Stock gucken, und den⸗ ken, wie einſam und verlaſſen ſie ſein würden, wenn er nicht mehr da wäre, und ſich fragen, wie viele ſtumme Tage, Wochen, Mo⸗ nate und Jahre ſie ſo feierlich und von ungeſtörtem Schweigen erfüllt bleiben würden. Er grübelte weiter, ob in ſpäterer Zeit wohl einmal ein anderes Kind(altbärtig wie er) hier herumſtreifen, und gleich ihm die wunderlichen Verzerrungen in den Tapetenmuſtern — 26— und Vorhängen ſehen würde; und ob dieſem Knaben wohl Jemand von dem kleinen Dombey, der früher dageweſen, erzählen würde. Er mußte an ein Portrait auf der Treppe denken, das ihm immer ernſt nachſah, wenn er vorbeiging und zurückblickte; und das, wenn er mit einem andern Knaben vorbei kam, ſtets ihn al⸗ ein und nicht ſeinen Begleiter anzuſchauen ſchien. Und gar viel machte ihm ein Kupferſtich zu ſchaffen, der in der Mitte einer ſtau⸗ nenden Gruppe eine Geſtalt mit einer Strahlenkrone um das Haupt und mit mildem, liebreichem, barmherzigem Antlitz darſtellte. An ſeinem Schlafkammerfenſter miſchte ſich ein Gewühl von andern Gedanken in dieſe, und ſie folgten einander wie die Wogen des Meeres. Wo die wilden Vögel niſteten, die bei ſtürmiſchem Wet⸗ ter auf dem Meere draußen herumflogen; wo die Wolken herkämen und zuerſt entſtänden; wo der Wind ſeinen ſtürmiſchen Flug beginne und wo er ausruhe; ob der Platz, wo er ſo oft mit Florentinen geſeſſen und über dieſe Sachen geſprochen, ohne ſie eben ſo ausſehen werde; und ob er Florentinen eben ſo lieb ſein könnte, wenn er in einem fernen Lande ſei und ſie allein dort ſitzen werde. Ferner hatte er zu denken an Mr. Toots; an Mr. Feeder, Bacc. artium; an alle ſeine Schulkameraden; an Doctor Blim⸗ ber, Mrs. Blimber, Miß Blimber; an das Vaterhaus, an ſeine Tante und an Miß Tox; an ſeinen Vater, Dombey und Sohn, an Walter mit dem armen alten Onkel, der jetzt das Geld hatte, welches er brauchte, und an den Capitain mit der eiſernen Hand. Außerdem hatte er noch im Laufe des Tages ein Menge kleine Beſuche abzuſtatten; im Schulſaal, in Doctor Blimber's der, lim⸗ ſeine ohn, atte, rnen — 27— Studirſtube, in Mrs. Blimber's Privatſtube, bei Miß Blimber, und beim Hunde. Denn er durfte jetzt, wenn und wie es ihm gefiel, das ganze Haus durchſtreifen; und in ſeinem Verlangen, von Jedem in guter Freundſchaft zu ſcheiden, erwies er ſich Jedem auf ſeine Weiſe gefällig. Zuweilen fand er Stellen in Büchern auf für Briggs, der ſie nie finden konnte, andere Male ſah er in Wörter⸗ büchern für andere Schüler nach, die es eilig hatten; oder er hielt Mrs. Blimber die Seide zum Wickeln, oder er brachte Corne⸗ lia's Schreibpult in Ordnung; manchmal ſogar fand er ſich in des Doetors Studirzimmer ein, ſetzt ſich auf den Teppich zu des Doctors Füßen und drehte langſam die Globen, um eine Reiſe um die Welt oder durch das Firmament zu machen. Kurz, in dieſen Tagen unmittelbar vor den Ferien, wo die andern jungen Herren ſich halb todt mit einer allgemeinen Ueber⸗ ſicht der Studien des letzten halben Jahres arbeiteten, war Paul ein ſo privilegirter Schüler, wie in dieſem Hauſe noch nicht ge⸗ ſehen worden war. Er konnte es ſelbſt kaum glauben; aber ſeine Freiheit dauerte von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag; und der kleine Dombey wurde von Jedermann gehätſchelt. Doctor Blimber war ſo rückſichtsvoll gegen ihn, daß er Johnſon eines Tags vom Tiſch aufſtehen hieß, weil er unbedachtſam ihn„den armen kleinen Dombey“ genannt hatte; was Paul für allzu⸗ ſtreng hielt, obgleich er im erſten Augenblick erröthet war und ſich gefragt hatte, warum ihn Johnſon bemitleide. Die Gerechtigkeit des Spruchs mußte er um ſo mehr bezweifeln, als Paul es ſelbſt zufällig gehört hatte, wie der Doctor am Abend vorher ſeine gewich⸗ tige Beiſtimmung zu Mrs. Blimber's Bemerkung, daß der arme * &— 28— kleine Dombey altbärtiger ſei als je, gegeben. Und jetzt kam Paul auf den Gedanken, man nenne es ſo, wenn man ſehr ma⸗ ger und leicht, und matt und immer geneigt ſei ſich hinzulegen 1 und zu ſchlafen; denn er mußte ſich geſtehen, daß dies Tag für t Tag in höherem Maße bei ihm der Fall war.. d Endlich kam der Geſellſchaftstag, und Doctor Blimber b ſagte beim Frühſtück:„Gentlemen, wir werden unſere Studien 1 mit dem fünf und zwanzigſten nächſten Monats wieder beginnen.“ Mr. Toots entledigte ſich ſogleich ſeiner Unterthänigkeit und ſteckte ſeinen Ring an; und als er den Doctor kurz darauf zufällig d erwähnte, nannte er ihn einfach:„Blimber.“ Dieſe unabhängige 1 That flößte den andern Schülern Bewunderung und Neid ein; t. aber die jüngern Geiſter waren entſetzt und ſchienen ſich zu wun⸗ dern, daß kein Balken herabfiel und ihn zerſchmetterte.. p Weder beim Frühſtück noch bei Tiſch hörte man die min⸗ vae 2 e deſte Anſpielung auf die Ereigniſſe des kommenden Abends; es 3. 4 b e war viel Leben und Lärm im Hauſe, und im Verlaufe ſeiner 1 Wanderungen machte Paul Bekanntſchaft mit verſchiedenen wun⸗ d derbaren Bänken und Leuchtern, und ſah auf dem Vorſaal vor dem Salon eine Harfe in einem grünen Ueberzuge ſtehen. Auch Mrs. Blimber's Kopf ſah bei Tiſch etwas wunderlich aus, als ob ſie das Haar zu feſt zuſammengebunden hätte; und obgleich d Miß Blimber eine zierliche Haarflechte an jedem Schlafe zur g Schau trug, ſo ſchien ſie doch auch noch ihre eigenen kleinen 1 Locken eingewickelt, und zwar in einen Theaterzettel, darunter zu d haben; denn Paul las„königliches Theater“ über dem einen J ihrer funkelnden Brillengläſer, und„Brighton“ über dem anderen. 8 kam ma⸗ egen für nber dien een.“ eckte ällig gige ein; vun⸗ min⸗ 3 es iner vun⸗ vor Auch als leich zur inen r zu inen eren. — 29— Wie der Abend herankam, bemerkte man in den Schlaf⸗ zimmern der jungen Gentlemen ein ganzes Heer von weißen Weſten und Halsbinden, und ein ſolcher Geruch von verbrann⸗ tem Haar durchdrang das Haus, daß Doctor Blimber den Be⸗ dienten heraufſchickte mit der höflichen Anfrage, ob das Haus brenne. Es war aber blos der Friſeur, der den jungen Gentle⸗ men die Haare brannte und im Eifer ſeiner Kunſt das Eiſen zu heiß machte. Als Paul ſich angekleidet hatte— was bald geſchehen war, denn er fühlte ſich ſehr unwohl und ermattet, und konnte ſich nicht lange dabei aufhalten— ging er in den Salon hinun⸗ ter, wo er Doctor Blimber fand, der im Zimmer auf und ab ging in vollem Staat, aber mit würdevoller Unbefangen⸗ heit, als halte er es höchſtens für möglich, daß mit der Zeit ein oder zwei Freunde zum Beſuch kommen könnten. Kurz darauf erſchien Mrs. Blimber, ganz liebenswürdig anzuſchauen, wie Paul meinte, und angethan mit einer ſolchen Unmaſſe von Röcken, daß es eine kleine Reiſe war um ſie herum zu gehen. Bald nach ihrer Mama kam auch Miß Blimber, etwas gedrückt dem An⸗ ſchein nach, aber ganz reizend. Nach ihr traten Mr. Toots und Mr. Feeder ein. Jeder dieſer Herren kam mit dem Hut in der Hand, als ob ſie in einem andern Hauſe wohnten; und als ſie von dem Tafeldecker ange⸗ meldet wurden, ſagte Doctor Blimber: Ah, ah, ah! Wer hätte das gedacht! und ſchien außerordentlich erfreut zu ſein ſie zu ſehen. Mr. Toots war eine wahre Sonne von Brillanten und goldenen Knöpfen; und er war ſich dieſes Vorzugs ſo ſehr bewußt, daß er, — 30— nachdem er dem Doctor die Hand geſchüttelt und ſich vor Mrs. Blimber und Miß Blimber verbeugt hatte, Paul bei Seite nahm und ſagte: Was ſagen Sie dazu, Dombey? Aber trotz dieſes beſcheidenen Selbſtvertrauens ſchien Mr. Toots in großer Verlegenheit, ob es ſchicklich ſei, den unterſten Knopf der Weſte zuzuknöpfen, und ob es nach ruhiger Berück⸗ ſichtigung aller einſchlagenden Verhältniſſe rathſamer ſei, die Manſchetten zurückzuſchlagen oder glatt zu tragen. Da Mrs. Fee⸗ der die ſeinigen zurückgeſchlagen trug, ſo ſchlug ſie Mr. Toots auch zurück; als er aber bei dem zunächſt Eintretenden bemerkte, daß er die Manſchetten nicht zurückgeſchlagen hatte, ſo änderte er es ſchnell wieder. Die Verſchiedenheiten im Zuknöpfen der We⸗ ſten, nach oben und nach unten, wurden ſo zahlreich und verwickelt, wie ſich die Gäſte mehrten, daß Mrs. Toots an dieſem Klei⸗ dungsſtück beſtändig herumfingerte, als ob er irgend ein Inſtru⸗ ment ſpiele, und von der unaufhörlichen Anſtrengung ganz ver⸗ wirrt wurde. Nachdem alle die jungen Gentlemen in hohen Halsbinden, gebrannten Locken und Schuhen, jeder mit dem beſten Hut in der Hand, angemeldet worden waren, erſchien Mr. Baps, der Tanzmeiſter, in Begleitung ſeiner Ehehälfte, gegen die Mrs. Blimber außerordentlich freundlich und herablaſſend war. Mr. Baps war ein ſehr ernſter Herr, der ſehr langſam und abgemeſ⸗ ſen ſprach; und ehe er fünf Minuten unter der Lampe geſtanden hatte, frug er Toots(der ſtill die Schuhe mit ihm verglichen), was mit den rohen Stoffen zu thun ſei, wenn ſie in Austauſch für Englands Gold in Englands Häfen ſtrömen. Mr. Toots. Nrs. ahm Mr. rſten rück⸗ die Fee⸗ oots rkte, te er We⸗ kelt, Klei⸗ ſtru⸗ ver⸗ aden, at in der Nrs. Mr. meſ⸗ nden en), uſch ots, — 31— dem die Frage ſehr knifflig zu ſein ſchien, gab zur Antwort, man koche ſie. Aber Mr. Baps mochte dies für nicht ge⸗ eignet halten. Paul verließ jetzt die mit Kiſſen ausgelegte Sopha⸗Ecke, die ſein Beobachtungspoſten geweſen war, und verfügte ſich in das Theezimmer zu ebener Erde, um hier Florentinen zu erwarten, die er ſeit beinahe vierzehn Tagen nicht geſehen hatte, da er am vergangenen Sonnabend und Sonntag, um ſich nicht zu erkälten, zu Hauſe geblieben war. Gleich darauf erſchien ſie, ſo anmuthig in ihrem einfachen Ballkleide und mit dem Blumenſtrauß in der Hand, daß, als ſie niederkniete, um Paul zu umarmen und zu küſſen(denn es war weiter Niemand da, als ſeine junge Freun⸗ din Amalie, und ein anderes Mädchen, die den Thee ſervirte) er ſich kaum entſchließen konnte, ſie wieder loszulaſſen und ſich von ihren hellen und liebenden Augen zu trennen. Aber was fehlt dir, Tinchen? frug Paul, feſt überzeugt, daß er eine Thräne in dem Auge erblicke. Nichts, Lieber, nichts, erwiderte Florentine. Paul berührte ihre Wange ſanft mit ſeinem Finger— und es war eine Thräne!— Aber Tinchen! ſagte er. Wir gehen zuſammen nach Hauſe, guter Paul, und ich pflege dich, ſagte Florentine. 8 Mich pflegen! gab Paul zurück. Paul konnte ſich nicht erklären, was das damit zu thun hatte, oder warum die beiden Mädchen ihn ſo ernſt anſahen, oder warum Florentine für einen Augenblick das Geſicht abwendete und ihn dann mit hellen freundlichen Blicken anſah⸗ Tinchen, ſagte Paul, mit einer Locke ihres ſchwarzen Haares ſpielend, Tinchen, meinſt du auch, ich ſei altbärtig geworden? Seine Schweſter lachte und liebkoſete ihn, und ſagte: Nein. Weil ſie es immer ſagen, fuhr Paul fort, und ich wiſſen möchte, was ſie damit meinen, Tinchen. Aber ein lauter Doppelſchlag an die Thüre unterbrach ihr Geſpräch, und Florentine ſprang an den Theetiſch. Paul ver⸗ wunderte ſich wieder, als er ſeine Freundin Florentinen etwas zuflüſtern ſah, als ob ſie ſeine Schweſter zu tröſten verſuche; aber die Ankunft neuer Gäſte ließ ihn bald nicht weiter daran denken. Es waren Sir Barnet Skettles, Lady Skettles und Maſter Skettles. Maſter Skettles ſollte nach den Ferien in die Schule ein⸗ treten, und Fama hatte ſich in Mr. Feeder's Zimmer viel mit ſeinem Vater zu thun gemacht, der im Unterhauſe ſaß, und von dem Mr. Feeder geſagt hatte, wenn er einmal des Sprechers Auge treffe (was ſchon ſeit drei oder vier Jahren gehofft wurde), dann ſei zu erwarten, daß er die Radikalen niederdonnere. Was iſt dies für ein Zimmer? frug Lad) Skettles Pauls Freundin Malchen. Doctor Blimber's Studirzimmer, war die Antwort. Lady Skettles betrachtete ſich das Zimmer durch ihre Lorgnette, und ſagte dann zu Sir Barnet Skettles mit beifälli⸗ gem Kopfnicken: Sehr gut. Sir Barnet ſtimmte bei, aber Maſter Skettles machte ein ſkeptiſches und ziemlich unzufriedenes Geſicht. Und dieſer Kleine, ſagte Lady Skettles und wies auf Paul. Iſt er einer der— 4 1 rzen irtig kein. iſſen ihr ver⸗ was aber aken. aſter ein⸗ inem Mr. treffe n ſei Zauls ihre fälli⸗ kaſter eſicht. Paul. — 33— Der jungen Gentlemen, Ma'am; ja Ma'am, ſagte Pauls Freundin. Und wie heißeſt du, mein bleiches Kind? frug Lady Skettles. Dombey, gab Paul zur Antwort. Sir Barnet Skettles miſchte ſich ſofort auch ins Geſpräch, und ſagte, daß er die Ehre gehabt habe, Pauls Vater bei einem öffentlichen Eſſen zu treffen, und daß er hoffe, er befinde ſich wohl. Dann hörte ihn Paul zu Lady Skettles ſagen: City— ſehr reich— ſehr reſpectabel— der Doctor erwähnte es— Und dann ſagte er zu Paul: Wollen Sie Ihrem verehrten Papa ſagen, wie erfreut Sir Barnet Skettles geweſen, zu hören, daß er ſich wohl befinde, und wie er ſich ihm beſtens empfehlen laſſe? Ja, Sir, gab Paul zur Antwort. Dies iſt mein wackrer Sohn, ſagte Sir Barnet Skett⸗ les. Barnet(zu Maſter Skettles, der ſich für die zu befürch⸗ tenden Studien im Voraus an einem Pflaumenkuchen rächte), dies iſt ein junger Gentleman, deſſen Bekanntſchaft du machen mußt. Dies iſt ein junger Gentleman, deſſen Bekanntſchaft du machen darfſt, Barnet, ſagte Barnet Skettles, mit beſonderer Emphaſe die Erlaubniß hervorhebend. Welche Augen! Welches Haar! Welch’ liebliches Geſicht! rief Lady Skettles aus, als ſie Florentinen durch ihre Lorgnette betrachtete. Meine Schweſter, ſagte Paul, indem er ſie vorſtellte, Die Befriedigung der Skettles war jetzt vollkommen. Und da Lady Skettles vom erſten Augenblick an eine Vorliebe für Paul gefaßt hatte, ſo gingen ſie Alle zuſammen hinauf, wobei Boz. Dombey u. Sohn. III. 3 — 34— Sir Barnet Skettles Florentinen unter ſeine Obhut nahm und der junge Barnet ihm folgte. Der junge Barnet blieb nicht lange im Hintergrunde, als ſie in den Salon eingetreten waren; denn in einem Nu hatte Doctor Blimber Florentinen für ihn zum Tanze engagirt. Paul kam es vor, als ob er ſich nicht beſonders glücklich darüber fühlte, obgleich er Lady Skettles zu Mrs. Blimber äußern hörte, daß ihr lieber Sohn offenbar ſterblich verliebt ſei in dieſen kleinen Engel Miß Dombey. Man mußte daher vermuthen, daß Skettles Junior in einem Zuſtand der Seligkeit ſei, es ſich aber nicht merken laſſe. Der kleine Paul mußte es für einen ſeltſamen Zufall halten, daß Niemand ſeinen Platz auf der Sopha⸗Ecke eingenommen hatte, und daß, wie er wieder ins Zimmer trat, ſie ihm Alle Platz machten, damit er wieder dahin gehen könne, wo er vorher ge⸗ ſeſſen hatte. Auch ſtellte ſich Keiner vor ihn, als ſie bemerkten, daß er Florentinen gern tanzen ſähe, ſondern ſie ließen die Stelle vor ihm ganz frei, ſo daß er ihr mit den Augen folgen konnte. Alle, und ſelbſt die Fremden, die ſich bald in ziemlicher Anzahl ein⸗ fanden, waren ſehr freundlich gegen ihn, und traten zu ihm und frugen ihn, wie er ſich befinde, und ob ihm der Kopf weh thue, und ob er müde ſei. Er war ihnen ſehr verbunden für ihre Freundlichkeit und Aufmerkſamkeit, und war in ſeiner Ecke, neben ſich auf der einen Seite Mrs. Blimber und Lady Skettles, auf der andern Florentinen, ſobald ein Tanz aufgehört hatte, in der zufriedenſten und glücklichſten Stimmung. Florentine hätte den ganzen Abend neben ihm Eeſeſſen und — 95— gewiß nicht aus eigenem Antrieb getanzt, wenn ihr Paul nicht geſagt hätte, er freue ſich ſo ſehr darüber. Und das war die Wahrheit; denn ſein kleines Herz ſchwoll und ſein Geſicht er⸗ glühte, als er ſah, wie ſehr Alle ſie bewunderten und wie ſie das anmuthige Roſenknöspchen der Geſellſchaft war. Von ſeinen weichen Kiſſen aus konnte Paul faſt Alles was vorging ſehen und hören, als ob das ganze Feſt zu ſeiner Unterhaltung angeordnet ſei. Unter andern ſah er auch, wie Mr. Baps, der Tanzlehrer, mit Sir Barnet Skettles ein Geſpräch anknüpfte und ihn ſehr bald ganz wie Mr. Toots frug: Was mit den rohen Stoffen zu thun ſei, wenn ſie im Austauſch, für Englands Gold in Englands Häfen ſtrömten,— was für Paul ein ſo großes Räthſel war, daß ihn gar ſehr zu wiſſen verlangte, was damit zu thun ſei. Sir Barnet Skettles hatte viel darüber zu ſagen, und ſagte es auch; aber es ſchien die Frage noch nicht zu löſen, denn Mr. Baps erwiderte: Ja, aber wenn nun Rußland mit ſeinem Talg herankäme? worüber Sir Barnet ſchier verſtummte, denn er konnte darauf nur den Kopf ſchütteln und ſagen: Nun, dann müßte man ſich wohl auf ſeine Baumwollenwaaren ſtützen. Sir Barnet Skettles ſah Mr. Baps, als er zu Mrs. Baps (die, ganz verlaſſen, ſich mit dem Notenbuche des Harfeniſten beſchäftigte) ging, mit einem Blicke nach, als ob er ihn für einen merkwürdigen Mann halte; und das äußerte er auch kurz darauf gegen Doctor Blimber, und frug ihn, wer er ſei, und ob er jemals im Handelsminiſterinm geweſen. Doctor Blimber antwortete, nein, er glaube nicht, er ſei Profeſſor.— 3 X — 36— Der Statiſtik jedenfalls oder der Nationalökonomie, wollt ich wetten? bemerkte Sir Barnet Skettles. Nein, das eigentlich nicht, gab Doctor Blimber zur Ant⸗ wort. Mr. Baps iſt ein ſehr ehrenwerther Mann, Sir Barnet; er iſt— unſer Profeſſor der Tanzkunſt. Paul ſtaunte, als er ſah, daß dieſe Eröffnung Sir Barnet Skettles' Meinung von Mr. Baps ganzund gar veränderte, und daß Sir Barnet ganz wüthend wurde und Mr. Baps, der jetzt am an⸗ dern Ende des Zimmers ſtand, wüthende Blicke zuwarf. Er ging ſogar ſo weit, Mr. Baps vor Lady Skettles, der er den Vorfall erzählte, mit einem„Damn⸗him“ zu bedenken und es„ſeiner unge⸗ heuren und verwünſchten Unverſchämtheit“ ganz würdig zu finden. Noch etwas Anderes bemerkte Paul. Mr. Feeder, nachdem er verſchiedene Gläſer Negus getrunken, wurde gemüthlich. Das Tanzen ging etwas feierlich vor ſich, und die Muſik war in dem⸗ ſelben Stile— der Kirchenmuſik ähnlich— aber nach dem Negus äußerte Mr. Feeder gegen Mr. Toots, daß er ein wenig 4 Leben in die Sache bringen wolle. Darauf fing Mr. Feeder nicht allein an zu tanzen, als ob er weiter nichts thun wolle als tanzen, ſondern er verführte auch heimlich die Muſik, wilde Melo⸗ dien zu ſpielen. Auch wurde er beſonders aufmerkſam gegen die Damen; und als er mit Miß Blimber tanzte, flüſterte er ihr— ihr!— ins Ohr(aber nicht ſo leiſe, daß es Paul nicht ge⸗ hört hätte) Wär ſelbſt zur Untreu ich geſchaffen, Dir könnt ich nimmer Treue brechen! Das hörte Paul ihn nacheinander gegen vier junge Damen wieder⸗ —— .— — —O——ę—ę——COQO˖O.OQCOQ—ꝑ——Q—⸗ñ⸗—·O—— —— A — 3— holen. Wohl hatte er Urſache zu Mr. Toots zu ſagen, er fürchte, das werde ihm morgen ſchlecht bekommen!— Mrs. Blimber wurde etwas unruhig über dieſes verhält⸗ nißmäßig unanſtändige Benehmen und vorzüglich über die Verän⸗ derung in dem Charakter der Muſik, die jetzt gemeine Melodien, wie man ſie auf den Straßen hörte, zu ſpielen anfing und die deshalb Lady Skettles verletzen konnte. Aber Lady Skettles war ſo gütig, Mrs. Blimber zu bitten, es nicht weiter zu erwähnen; und ihre Erklärung, daß Mr. Feeder ſich bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zuweilen zu Extravaganzen hinreißen laſſe, mit der größten Höflichkeit aufzunehmen und zu bemerken, daß er für ſeine Stellung ein ganz vortrefflicher Mann zu ſein ſcheine und daß ihr vorzüglich die anſpruchslofe Weiſe, das Haar zu tra⸗ gen— es war, wie wir bemerkten, etwa einen Viertelzoll lang— gefalle. Während einer Pauſe des Tanzens äußerte Lady Skettles zu Paul, daß er die Muſik ſehr zu lieben ſcheine. Paul ſagte, das ſei allerdings wahr, und wenn ſie es auch thue, ſo müſſe ſie ſeine Schweſter Florentine ſingen hören. Lady Skettles ent⸗ deckte alſo gleich, daß ſie vor Sehnſucht nach dieſem Genuſſe ſterbe; und obgleich Florentine im Anfang ſich ſehr davor fürch⸗ tete, vor ſo vielen Leuten zu ſingen, und ernſtlich bat, ſie zu entſchuldigen, ſo ging ſie doch, als Paul ſie zu ſich rief und zu ihr ſagte: Tinchen! Bitte! mir zu Liebe! gleich nach dem Piano und fing an. Als ſie Alle ein wenig zurücktraten, daß Paul ſie ſehen könnte, und er ſie dort ſitzen ſah, allein, ſo jung, ſo gut und ſchön und liebevoll gegen ihn, und ihre ſo liebliche und ungekün⸗ * — 38— ſtelte Stimme vernahm: da wendete er ſein Geſicht ab und verbarg ſeine Thränen. Nicht, wie er ſagte, als man ihn darum befragte, weil die Muſik ſo traurig ſei, ſondern weil er ſie ſo gern hatte. Alle hatten Florentinen lieb. Wie konnten ſie anders? Paul hatte im Voraus gewußt, daß es ſo ſein müßte und würde; und als er in ſeiner Sopha⸗Ecke ſaß, die Hände ruhig gefaltet und ein Bein untergeſchlagen, da ahnten Wenige, welcher Triumph und welches Entzücken ſein kindliches Herz füllte, während er ſie beobachtete, oder welche ſüße Ruhe in ihm wohne. Ueberreich⸗ liche Anpreiſungen von Dombey's Schweſter von allen Knaben trafen ſein Ohr; Bewunderung des beſcheidenen ſchönen Kindes ſchwebte auf jeder Lippe; Aeußerungen über ihren Verſtand und ihre Bildung umtönten ihn beſtändig; und, als ſchwebe es in der Luft eines Sommerabends, war überall ein Gefühl verbreitet, das ſich theilnehmend ihm und ſeiner Schweſter zuwendete, und das ihm wohlthat und ihn rührte. Er wußte nicht, warum. Denn Alles, was das Kind an jenem Abend ſah, und fühlte und dachte— die Anweſenden und die Ab⸗ weſenden, die Gegenwart und die Vergangenheit— verſchwamm in einander, wie die Farben des Regenbogens, oder wie das Ge⸗ fieder glänzender Vögel, wenn die Sonne darauf ſcheint, oder wenn ſie am purpurrothen Abendhimmel dahin ſchweben. Die vielen Dinge, an die er in der letzten Zeit zu denken hatte, er⸗ ſchienen ihm wieder in der Muſik, nicht um von Neuem ſeine Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch zu nehmen, ſondern als ruhig abgemacht und der Vergangenheit angehörig. Ein einſames Fenſter, aus welchem er vor Jahren ſah, öffnete ſich auf das Meer, viele Mei⸗ „———— „1 8⏑ u — 39— len in die Ferne; auf ſeinen Wogen waren Geſtalten und Träume, die ihn geſtern noch beſchäftigten, jetzt ruhig und regungslos; daſſelbe geheimnißvolle Rauſchen, das er gehört, als er auf ſeinem Kiſſen am Strande lag, glaubte er noch heraus zu vernehmen aus ſeiner Schweſter Geſang, aus dem Geſumme der Stimmen und dem Geräuſch der Füße; und ſelbſt die Geſichter, die vorüber ſchwebten, und die ſchwerfällige Höflichkeit des Mr. Toots, der öfters zu ihm kam und ihm die Hand ſchüttelte, erinnerte ihn daran. Durch die allgemeine Freundlichkeit hindurch glaubte er es zu ſich ſprechen zu hören; und ſelbſt ſein altbärtiges Weſen ſchien damit verwandt zu ſein, er wußte nicht wie. So ſaß der kleine Paul da, zuſehend und träumend, und war glücklich über Alles. „Endlich kam die Zeit des Abſchiednehmens, und da ge⸗ wahrte man wirklich Aufregung in der Geſellſchaft. Sir Barnet Skettles brachte den jungen Skettles zu ihm und ſagte ihm, er möchte nicht vergeſſen, ſeinem würdigen Vater zu ſagen, daß er, Sir Barnet Skettles, geäußert habe, die beiden jungen Herren würden näher mit einander bekannt werden. Lady Skettles küßte ihn und ſcheitelte ihm das Haar auf der Stirn, und ſelbſt Mrs. Baps, die arme Mrs. Baps— Paul freute ſich darüber— verließ das Notenbuch des Herrn, der die Harfe ſpielte, und nahm von ihm Abſchied ſo herzlich, wie jeder Andere im Zimmer. Leben Sie wohl, Doctor Blimber, ſagte Paul und reichte ihm die Hand hin. Leb' wohl, mein kleiner Freund, erwiderte der Doctor. Ich bin Ihnen recht ſehr dankbar, Sir, ſagte Paul und — 40— ſah ihm mit unſchuldigem Blick in das geſtrenge Geſicht. Bitte, laſſen ſie den Diogenes in Acht nehmen. Diogenes war der Hund, der vor Paul nie in ſeinem Leben einen Herzensfreund gehabt hatte. Der Doctor verſprach, daß dem Diogenes in Pauls Abweſenheit jede Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt werden ſolle, und nachdem ihm Paul abermals gedankt und ihm die Hand gegeben, nahm er von Mrs. Blimber und Cornelia mit ſo tiefgefühlter Herzlichkeit Abſchied, daß Mrs. Blimber ganz und gar vergaß, gegen Lady Skettles den Cicero zu erwähnen, obgleich ſie es den ganzen Abend beabſichtigt hatte. Cornelia erfaßte beide Hände Pauls und ſagte zu ihm: Dombey, Dombey, du biſt immer mein Lieblingsſchüler gewe⸗ ſen. Gott behüte dich! und es zeigte ſich dabei— ſo dachte Paul— wie leicht man Jemand Unrecht thun könne;, denn Miß Blimber war wirklich aufrichtig dabei, ſo ſehr ſie ihm auch zugeſetzt hatte. Dann verbreitete ſich ein Geflüſter und Geſumme unter den jungen Gentlemen. Dombey geht! Der kleine Dombey geht! Und als Paul und Florentine die Treppe hinabgingen, folgten ihnen Alle, die Familie Skettles mit eingeſchloſſen. So etwas, äußerte Mr. Feeder laut, ſei, ſo viel er wiſſe, noch nicht geſchehen; aber es war ſchwer zu ſagen, ob dies proſaiſche Wahrheit oder Negus war. Die ganze Dienerſchaft mit dem Tafel⸗ decker an der Spitze wollte gleichfalls den kleinen Dombey gehen ſehen; und ſelbſt der Burſche mit den blöden Augen, der die Koffer Pauls nach dem Wagen trug, welcher ihn und Florentinen zu Mrs. Pipchin bringen ſollte, war ſichtlich gerührt. Nicht einmal der Einfluß der zarteren Leidenſchaft auf 1——-n 8³2.=—.+₰ — 41— die jungen Gentlemen— und ſie waren alle Mann für Mann in Florentinen vernarrt— konnte ſie abhalten, ordentlich lär⸗ mend Abſchied von Paul zu nehmen; ſie ſchwenkten die Hüte, drängten ſich die Treppe hinab, um ihm die Hand zu ſchütteln, riefen ihm alle einzeln zu: Dombey, vergiß mich nicht! und ga⸗ ben ſich vielen andern lärmenden Gefühlsäußerungen hin, wie ſie bei dieſen jungen Cheſterfields ganz ungewöhnlich waren. Paul flüſterte Florentinen zu, als ſie ihn, ehe die Thür geöff⸗ net wurde, einwickelte, ob ſie es höre? ob ſie das je vergeſſen könne? ob ſie ſich darüber freue? und aus ſeinen Augen leuchtete die lebhafteſte Freude, als er zu ihr ſprach. Noch einmal zum Abſchied warf er einen letzten Blick auf die Geſichter, die ihm zugewendet waren, und verwunderte ſich, daß ſie ſo freudeglänzend und zahlreich waren und daß ſie ſich über einander drängten, wie die Köpfe in einem überfüllten Theater. Als er hinſah, wogten ſie wie Geſichter in einem Spiegel, den man bewegt; und im nächſten Augenblick ſaß er in dem dunkeln Wagen dicht an Florentinen gedrängt. Von dieſer Zeit an er⸗ ſchien ihm Doctor Blimber's Haus, wenn er daran dachte, immer wie er's damals geſehen; Alles erſchien ihm nie wieder wie ein wirklicher Ort, ſondern wie ein Traum voller Augen. Das war jedoch noch nicht das Allerletzte aus Doctor Blim⸗ ber's Schule. Es kam noch etwas und zwar Mr. Toots. Er ließ ganz unerwarteter Weiſe eins der Kutſchenfenſter nieder, guckte herein und ſagte mit einer wunderbaren Lache: iſt Dombey da? worauf er es ohne eine Antwort abzuwarten wieder in die Höhe ſchob. Und dies war noch nicht das letzte Mal, daß „ * — 422— Toots ſich blicken ließ; denn ehe der Kutſcher abfahren konnte, ließ er eben ſo unerwarteter Weiſe das andere Fenſter herab, ſah mit demſelben Lachen herein, ſagte in demſelben Tone: iſt Dombey da? und verſchwand gerade auf dieſelbe Weiſe. Wie Florentine darüber lachte! Paul erinnerte ſich oft daran und lachte dann ſtets ebenfalls darüber. Aber gar vieles, was bald darauf, am nächſten Tage und ſpäter geſchah, war Paul nur unklar gegenwärtig. Zum Bei⸗ ſpiel, warum ſie bei Mrs. Pipchin Tage und Nächte lang blieben, anſtatt nach Hauſe zu reiſen, warum er im Bett lag und Florentine ſeiner wartete; ob die Geſtalt in ſeinem Zimmer ſein Vater geweſen ſei oder nur ein Schatten an der Wand; ob er den Arzt von jemand habe ſagen hören, daß, wenn ſie ihn vor der Gelegenheit, auf die er große Hoffnung geſetzt, fortgeſchafft hätten, er ſehr leicht hätte hinwelken können. Er konnte ſich nicht einmal beſinnen, ob er öfters zu Flo⸗ rentinen geſagt habe: Tinchen, bring' mich nach Hauſe und ver⸗ laß mich nie! aber es kam ihm ſo vor. Er glaubte manchmal, er habe ſich ſprechen hören: bring' mich nach Hauſe, Tinchen, bring mich nach Hauſe! Aber er konnte ſich erinnern, daß, bevor er nach Hauſe gekommen und die wohlbekannte Treppe hinaufgetragen wurde, der Wagen eine Stunde lang gefahren ſei, während er auf dem Sitze lag und Florentine neben ihm und Mrs. Pipchin ihm ge⸗ genüber ſaß. Er erkannte auch ſein altes Bett wieder, als ſie ihn darauf legten, und die Tante, Miß Tox und Suſanne; au kle die — 43— aber es war noch etwas Anderes, was jetzt noch dazu gekommen war und was ihn verwirrte. Ich möchte mit Florentinen ſprechen, ſagte er. Aber allein. Sie beugte ſich nieder zu ihm und die Andern traten zurück. Tinchen, ſtand nicht Papa in der Vorhalle, als ſie mich aus dem Wagen hoben? Ja, lieber Paul, gab ſie zur Antwort. Er weinte nicht und ging nicht in ſein Zimmer, als er mich ſah, nicht wahr, Tinchen? frug Paul wieder. Florentine ſchüttelte den Kopf und preßte ihre Lippen an ſeine Wangen. Ich bin recht ſehr froh, daß er nicht weinte, ſagte der kleine Paul. Ich dachte, er thäte es. Sag' ihm nicht, daß ich dich danach gefragt habe. Funfzehntes Capitel. Wunderbare Schlauheit des Capitain Cuttle und ein neuer Beruf für Walter Gay. Walter konnte ſich mehrere Tage lang nicht entſchließen, was er in der Barbados⸗Sache thun ſolle; und hegte ſelbſt eine ſchwache Hoffnung, daß Mr. Dombey vielleicht nicht gemeint hätte, was er ſagte, oder ſich anders beſinnen und ihm ſagen könnte, er ſolle nicht gehen. Da aber nichts geſchah, was dieſer Mei⸗ nung(die an und für ſich ziemlich unwahrſcheinlich war) die ge⸗ ringſte Beſtätigung hätte geben können, und da die Zeit verging, er aber keine zu verlieren hatte, ſo ſah er ein, daß er ohne wei⸗ tere Zögerung handeln müſſe. Walters Hauptſchwierigkeit war, wie er die Veränderung in ſeinen Verhältniſſen Onkel Sol mittheilen ſollte, für den, wie er wohl einſah, es ein ſchrecklicher Schlag ſein würde. Es war ihm um ſo ſchwerer, Onkel Sol's Gemüth mit einer ſo überraſchenden Nachricht zu erſchüttern, da der Alte ſich neuer⸗ dings ſehr erholt und ſo munter geworden war, daß das kleine Hinterzimmer ganz wieder war, wie früher. Onkel Sol hatte eruf 2 — 45— die erſte Abzahlung ſeiner Schuld an Mr. Dombey geleiſtet und war voller Hoffnung, mit dem Reſte durch Fleiß und Sparſam⸗ keit auch fertig zu werden; und gewiß war es eine ſehr traurige Nothwendigkeit, ihn wieder niederzuſchmettern, nachdem er ſich ſo mannhaft von ſeinem Sturz erhoben hatte. Aber ohne Abſchied fortlaufen konnte er doch nicht. Er mußte es vorher wiſſen; und wie es ihm zu ſagen ſei, war die Schwierigkeit. Was die Frage des Gehens oder Nichtgehens betraf, ſo ſah Walter ein, daß er gar nicht zu wählen habe. Mr. Dombey hatte ganz wahr geſprochen, als er ſagte, er ſei jung und ſeines Onkels Vermögensverhältniſſe ſeien nicht gut, und Mr. Dombey hatte in dem Blick, mit dem er dieſe Bemer⸗ kung begleitete, deutlich ausgedrückt, daß, wenn er ſich weigerte zu gehen, er zu Hauſe bleiben könnte, aber gewiß nicht auf ſei⸗ nem Comptoir. Sein Onkel und er waren Mr. Dombey ſehr verpflichtet, und waren es geworden auf Walters eigene Bitte. Er hätte anfangen können, innerlich zu verzweifeln, jemals ſeines Pritleipals Gunſt zu gewinnen, und hätte denken können, daß er dann und wann geneigt ſei, ihn auf eine Weiſe zu behandeln, die gewiß nicht zu billigen war. Aber was ſeine Pflicht war ohne dieſen Umſtand, war auch eine Pflicht mit ihm— oder Walter dachte es wenigſtens— und ſeine Pflicht mußte er thun. Als Mr. Dombey ihn angeſehen und geſagt hatte, er ſei 3 jung und ſeines Onkels Vermögensverhältniſſe ſeien nicht gut, da lag ein Ausdruck der Geringſchätzung und der Verachtung aauf ſeinem Geſicht; eine höhniſche Vorausſetzung, daß er gern müßig von einem in Dürftigkeit gerathenen alten Mann leben — 1416— möchte, welche des Knaben edles Herz tief verletzte. Entſchloſſen, Mr. Dombey, ſo weit es ohne Worte möglich war, zu verſi⸗ chern, daß er ſeinen Charakter verkenne, hatte ſich Walter be⸗ ſtrebt, nach dem Vorfall mehr Heiterkeit und Rührigkeit als früher zu zeigen, wenn das überhaupt bei einem Jüngling von ſeinem lebhaften und eifrigen Charakter möglich war. Er war noch zu jung und unerfahren, um auf den Gedanken zu kommen, daß vielleicht gerade dieſe Eigenſchaft Mr. Dombey nicht ange⸗ nehm war und daß es kein Mittel war, ſich ſeine gute Meinung zu erwerben, wenn er ſich im Schatten ſeiner Ungunſt— mochte ſie unn verdient oder unverdient ſein— elaſtiſch und voller Hoff⸗ nung zeigte. Aber es kann ſein— es kann ſein— daß der große Mann in dem redlichen Beſtreben nur Trotz ſah, und ſich vorgenommen hatte, ihn zu brechen. Nun, zuletzt muß Onkel Sol es doch erfahren, dachte Walter mit einem Seufzer. Und da Walter fürchtete, ſeine Stimme möchte vielleicht ein wenig zittern und ſein Antlitz nicht ſo hoffnungsreich ſein als er wünſchte, wenn er es dem Alten ſelbſt ſagte und die erſten Wirkungen ſeiner Mittheilungen auf dem runzelvollen Geſicht ſah, ſo beſchloß er ſich der Dienſte des mächtigen Vermittlers, des Capitain Cuttle, zu bedienen. So verfügte er ſich denn, als der Sonntag kam, nach dem Frühſtück wieder nach Capitain Cuttles Wohnung. Es war keine unangenehme Erinnerung, auf dem Hinwege an den Umſtand zu denken, daß Mrs. Mae Stinger jeden Sonn⸗ tag Morgen einen weiten Weg ging, um den ehrwürdigen Mel⸗ chiſedech Howler zu hören. Dieſer Würdige war in Folge eines — 47— falſchen Verdachts(der von dem böſen Feind gegen ihn erregt worden), daß er Löcher in Rumfäſſer bohre und den Mund an die Oeffnung halte, aus den Weſtindiſchen Daks entlaſſen worden und hatte ſich ſeitdem darauf gelegt, den Untergang der Welt auf heute über zwei Jahre um zehn Uhr früh anzukündigen und ein Vorderzimmer zum Empfang von Herren und Damen der Ranters einzurichten. Auf dieſe Ge⸗ meinde hatten die Ermahnungen des ehrwürdigen Melchiſedech bei ihrer erſten Verſammlung ſo mächtigen Eindruck gemacht, daß bei der enthuſiaſtiſchen Ausführung eines heiligen Tanzes, der den Gottesdienſt ſchloß, die ganze Heerde durch den Fußbo⸗ den brach und in eine Küche darunter fiel, wo ſie die einem Mit⸗ glied gehörige Mangel ſtark beſchädigte. Das hatte der Capitain in einem Augenblick ungewöhnlicher Luſtigkeit an den Abend, wo Brogley der Mäkler bezahlt wurde, zwiſchen den verſchiedenen Wiederholungen der ſchönen Peg Walter nud ſeinem Onkel vertraut. Der Capitain ſelbſt beſuchte pünktlich eine Kirche in der Nähe, welche jeden Sonntag Mor⸗ gen die große Unionsflagge aufhißte und wo er ſo gefällig war— der eigentliche Kirchendiener war contraet— ein wach⸗ ſames Auge auf die Jungen zu haben, auf die er durch Hülfe ſeines geheimnißvollen Hakens einen großen Einfluß hatte. Da Walter wußte, wie regelmäßig der Capitain in ſeinen Lebens⸗ gewohnheiten war, ſo beeilte er ſich ſo ſehr als möglich, um ſei⸗ nen Freund noch zu Hauſe zu treffen, und war auch ſo glücklich, als er auf den Brigplatz trat, den breitſchößigen blauen Frack und die Weſte vor dem offenen Fenſter im Sonnenſchein hängen zu ſehen. — 48— Es erſchien ganz unglaublich, daß menſchliche Augen Frack und Weſte ohne den Capitain ſehen könnten; aber jedenfalls ſteckte er nicht darin, denn ſonſt hätten ſeine Beine— denn die Häu⸗ ſer auf dem Brigplatz ſind nicht ſehr hoch— die Thür geſperrt, die ganz frei war. Ganz verwundert über dieſe Entdeckung klopfte Walter einmal an. Stinger! hörte er deutlich den Capitain oben in ſeinem Zimmer ſagen, als ging ihm das nichts an. Daher klopfte Walter zweimal. Cuttle! hörte er jetzt den Capitain ſagen; und gleich dar⸗ auf erſchien der Capitain im reinen Hemd und mit Hoſenträgern, das Halstuch loſe um den Hals hängend und den lackirten Hut auf dem Kopfe, am Fenſter über dem blauen Frack und der Weſte. Wal'! rief der Capitain, und ſah erſtaunt auf ihn herab. Ja, ja, Capitain Cuttle, erwiderte Walter, ich bin's. Was giebt's, mein Junge? frug der Capitain mit großer Theilnahme. Es iſt doch nichts Schlimmes los mit Gills? Nein, nein, ſagte Walter. Mein Onkel befindet ſich ganz wohl, Capitain. Der Capitain ſprach ſeine Zufriedenheit aus und ſagte, er wolle hinunter kommen und die Thür öffnen, was auch ſo⸗ fort geſchah. Obgleich du zeitig kommſt, Wal r, ſagte der Capitain, immer noch mit mißtrauiſchem Geſicht, als ſie die Treppe hinaufgingen. Nun, die Wahrheit iſt, Capitain Cuttle, ſagte Walter „—. c. — 49— und ſetzte ſich, ich fürchtete, Sie könnten ſchon ausgegangen ſein, und wollte Sie um Ihren freundſchaſtlichen Rath bitten. Den ſollſt du haben, ſagte der Capitain. Nur heraus mit der Sprache. Walter erzählte ihm, was geſchehen war, und wie ſchwer es ihm ſei, die Sache ſeinem Onkel mitzutheilen, und wie gern er es ſehen würde, wenn Capitain Cuttle in ſeiner Freundſchaft ihm helfen wollte, über die Schwierigkeit hinwegzukommen. So groß war Capitain Cuttle's Beſtürzung und Erſtaunen über das, was er vernahm, daß er ganz darin zu verſinken ſchien. Sie ſehen, Capitain Cuttle, fuhr Walter fort, ich ſelbſt bin jung, wie Mr. Dombey ſagte, und nicht weiter zu berückſichtigen. Ich muß mir eine Stellung in der Welt erkämpfen; aber an zweierlei Sachen dachte ich, als ich hierher ging, die mir viel Sorgen machen. Ich will nicht ſagen, daß ich es verdiene, der Stolz und die Freude ſeines Lebens zu ſein— ich weiß es, Sie glauben es mir— aber ich bin es. Sind Sie nicht auch der Meinung? 1 Der Capitain ſchien ſich anzuſtrengen, aus der Tiefe ſeines Erſtaunens wieder heraufzukommen, aber die Anſtrengung war fruchtlos und der lackirte Hut nickte nur mit ſtummer, unaus⸗ ſprechbarer Bedeutung. Wenn ich am Leben und geſund bleibe, ſagte Walter, und 4 das hoffe ich, ſo kann ich, wenn ich England verlaſſe, kaum er⸗ warten, meinen Onkel wieder zu ſehen. Er iſt alt, Capitain Cuttle; außerdem wird die Veränderung großen Einfluß auf ihn haben. Und meinen Sie nicht auch, wenn(wie Sie ſehr richtig ſagten) Boz. Dombey u. Sohn. III. 4 — 5“— er ſchon nach dem Verluſt ſeines Waarenlagers und aller der Ge⸗ genſtände, an die er ſeit langen Jahren ſich gewöhnt hatte, ge⸗ wiß eher geſtorben wäre, meinen Sie nicht auch, daß er etwas früher ſterben könnte, wenn er mich verlöre? Wahr, ſagte der Capitain. Wahr! Nun alſo, ſagte Walter und verſuchte heiterer zu ſprechen, ſo müſſen wir unſer Beſtes thun, ihn glauben zu machen, die Trennung ſei nicht für immer; aber da ich es beſſer weiß, wie ich fürchte, Capitain Cuttle, und da ich ſo viele Gründe habe, ſeiner mit Liebe und Verehrung zu gedenken, ſo fürchte ich, es werde mir ſehr ſchlecht gelingen, wenn ich es ihm einreden wollte. Das iſt mein Hauptgrund, warum ich wünſche, Sie möchten es ihm ſagen; und das iſt der erſte Punkt. Nur feſt! ſagte der Capitain gedankenvoll. Walter hielt einen Augenblick inne, um zu warten, ob der Capitain noch etwas Weiteres ſagen wollte, aber da er ſchwieg, fuhr er fort. Nun kommt der zweite Punkt, Capitain Cuttle. Es thu mir leid, aber ich ſtehe nicht in Gunſt bei Mr. Dombey. Ich habe mich immer beſtrebt, mein Beſtes zu thun, und ich habe es immer gethanz aber er liebt mich nicht. Er kann vielleicht nichts da⸗ für. Darüber ſage ich nichts. Ich ſage nur, daß ich weiß, er kann mich nicht leiden. Er verleiht mir dieſe Stelle, nicht weil es eine gute iſt; er verſchmäht ſelbſt, ſie beſſer darzuſtellen, als ſie iſt, und ich zweifle ſehr, daß ſie mich jemals im Hauſe vor⸗ wärts bringen wird; vielmehr werde ich dadurch für immer bei Seite geſchoben und aus den Augen gebracht. Das nun dürfen —— wir meinem Onkel nicht ſagen, Capitain Cuttle, ſondern wir müſſen ihm die Sache ſo günſtig und vielverſprechend darſtellen, als wir können; und wenn ich Ihnen ſage, wie die Sachen wirklich ſtehen, ſo geſchieht es, daß, wenn ſich einmal Mittel finden ſollten, mir in der Ferne einen Dienſt zu leiſten, ich in der Heimath einen Freund habe, der meine wahre Lage kennt. Wal'’, mein Junge! antwortete der Capitain, in den Sprichwörtern Salomonis ſtehen die Worte:„Möge uns nie ein Freund in der Noth fehlen und eine Flaſche Wein, um ſie ihm einzuſchenken!“ Wenn du es gefunden haſt, ſo ſchreib' dir es auf! Bei dieſen Worten ſtreckte der Capitain Waltern die Hand hin mit einer Miene offner und aufrichtiger Freundſchaft, die viel mehr ſagte, als die längſte Rede, und wiederholte zugleich, denn er war ſtolz auf die Genauigkeit und Paßlichkeit des Citats: Wenn du es gefunden haſt, ſchreib' dir es auf. Capitain Cuttle, ſagte Walter, und nahm die ungeheure Fauſt des Capitains in ſeine beiden Hände, die ſie kaum umfaſſen konnten, nächſt meinem Onkel liebe ich Sie. Es giebt keinen Menſchen auf Erden, auf den ich ſichrer vertrauen könnte, als auf Sie. Was das bloße Weggehen betrifft, Capitain Cuttle, ſo macht mir das keinen Kummer; warum ſollte es auch? Wenn es mir frei ſtände, ſelbſt mein Glück zu verſuchen— wenn ich als gemeiner Matroſe fahren dürfte— wenn ich mich in meiner eigenen Sache bis ans äußerſte Ende der Welt wagen dürfte— ich würde gern gehen! Ich wäre ſchon vor langen Jahren gern gegangen und hätte mein Glück verſucht. Aber — 52— mein Onkel wollte es nicht, und ich hätte die Pläne vereitelt, die er für mich gemacht hatte; und ſo konnte nicht die Rede davon ſein. Aber was ich jetzt einſehe, Capitain Cuttle, iſt, daß ich mich die ganze Zeit über ein wenig geirrt habe, und daß in der Ausſicht auf eine Verbeſſerung meiner Zukunſt ich jetzt nicht beſſer daran bin, als wie ich zuerſt in Mr. Dombey's Geſchäft kam— am Ende eher ſchlechter, denn vielleicht war da⸗ mals der Principal mir günſtig geſinnt und jetzt iſt er's offen⸗ bar nicht.; Kehre um, Whittington! brummte der betrübte Capitain, nachdem er Waltern einige Zeit angeſehen. Ja! erwiderte Walter lachend, und viele Mal mag er um⸗ kehren, Capitain Cuttle, ehe ein ſolches Glück wieder vorkommt. Nicht etwa, daß ich mich beklagte, ſagte er in ſeiner lebhaften, muntern, energiſchen Weiſe. Ich habe mich über nichts zu be⸗ klagen. Ich bin verſorgt. Ich kann leben. Wenn ich mei⸗ nen Onkel verlaſſe, ſo laſſe ich ihn unter Ihrer Obhut; und ich kann ihn unter keiner beſſern laſſen, Capitain Cuttle. Ich habe Ihnen die Sache nicht erzählt, weil ich verzweifle, gewiß nicht; nur um Sie zu überzeugen, daß ich in Mr. Dombey’s Haus nicht die Wahl habe, ſondern daß ich gehen muß, wohin man mich ſchickt, und annehmen, was man mir hietet. Es iſt beſſer für meinen Onkel, wenn ich fortgehe; denn Mr. Dombey iſt ein Freund von Werth für ihn, wie er ſich gezeigt hat— Sie wiſſen wann, Capitain Cuttle; und ich bin überzeugt, er wird nicht weniger von Werth ſein, wenn er mich, der ich ihm einmal mißfalle, nicht tagtäglich vor Augen hat. Alſo Hurrah Weſtin⸗ — 53— dien! Capitain Cuttle! Wie geht gleich das Lied, das die Ma⸗ troſen ſingen: Auf auf, nach Barbados Strand, Hurrah ho! Hurrah ho! Alt England ſinkt hinter uns ſchon, Hurrah ho! Hurrah ho! Jetzt fiel der Capitain im Chor ein Huxrah! Hurrah! Hurrah ho! Die letzten Worte trafen das empfindliche Ohr eines nicht ganz nüchternen Seemannes, der gegenüber wohnte, und der ſo⸗ gleich aus dem Bette ſprang, das Fenſter öffnete und über die Straße, ſo laut er konnte, in den Chorus einſtimmte, was eine ſchöne Wirkung hervorbrachte. Als er ſich außer Stand fühlte, die letzte Note länger auszuhalten, brüllte der Seemann ein fürchterliches A Hoy! was theils als freundſchaftlicher Gruß gelten, theils zeigen ſollte, daß er noch gar nicht außer Athem ſei. Nachdem er dies gethan, ſchloß er das Fenſter und legte ſich wieder ins Bett. Und jetzt, Capitain Cuttle, ſagte Walter, und reichte ihm den blauen Frack und die Weſte hin, und that dabei ſehr eilig— wenn Sie ſo gut ſein wollen, die Nachricht dem Onkel mitzutheilen (und er hätte ſie eigentlich ſchon vor langer Zeit erfahren ſollen), ſo verlaſſe ich Sie an der Thür und gehe bis Nachmittag ſpazieren. Der Capitain ſchien jedoch an dem Auftrage wenig Ge⸗ ſchmack zu finden, oder vertraute durchaus nicht in ſeine Fähig⸗ keit ihn auszuführen. Er hatte ſich die Zukunft Walters ganz anders ausgedacht, und ſo ſehr zu ſeiner Zufriedenheit; er hatte 54 ſich ſo oft über ſeine, bei dieſer Gelegenheit an den Tag gelegte Vor⸗ ausſicht beglückwünſcht, und das Ganze ſo vollkommen in allen ſeinen Theilen gefunden, daß eine große Willensſtärke dazu gehörte, es jetzt auf einmal in Stücke gehen zu laſſen und ſogar an ſeiner Vernichtung ſelbſt mitzuarbeiten. Auch wurde es dem Capitain ſehr ſchwer, mit der erforderlichen Schnelligkeit und ohne Alles unter einander zu werfen, ſeine alten Ideen über dieſen Gegen⸗ ſtand auszuladen und eine ganz neue Ladung an Bord zu nehmen. Anſtatt daher den Frack und die Weſte mit nur einem Grade von dem Ungeſtüm anzuziehen, wie er allein Wal⸗ ters Stimmung entſprechen konnte, lehnte er es ab, ſich für jetzt mit dieſen Kleidungsſtücken zu bedecken, und gab Walter zu ver⸗ ſtehen, daß er über eine ſolche ernſte Sache erſt„ſeine Nägel ein wenig kauen“ müſſe. Das iſt ſchon ſeit funfzig Jahren meine Gewohnheit, ſagte der Capitain. Wenn du Ned Cuttle an den Nägeln kauen ſiehſt, Walter, dann weißt du, daß Ned Cuttle auf dem Grunde ſitzt. Darauf nahm der Capitain den eiſernen Haken als wäre er eine Hand zwiſchen die Zähne, und wendete ſich mit einer Miene tiefer Weisheit, welche die wahre Concentration und Sublimation alles philoſophiſchen Nachdenkens und ernſten Sinnens war, zur Betrachtung des Gegenſtandes von ſeinen verſchiedenen Seiten. Ich habe einen Freund, brummte der Capitain in zerſtreuter Weiſe, aber er iſt gerade nach Whitby gefahren, der über dieſen oder jeden andern Gegenſtand eine Meinung abgeben würde, die dem Parlament ſechs vorausgeben und es dennoch ſchlagen würde. Der Mann, fuhr der Capitain fort, iſt zweimal über Bord geworfen — u ——— worden, und befindet ſich nicht ſchlechter deshalb. Hat man in ſeiner Lehrzeit drei Wochen lang mit einem Ringbolzen um den Kopf ge⸗ ſchlagen, und doch giebt es keinen hellern Kopf als ihn. Tootz ſeiner Achtung für Capitain Cuttle konnte Walter nicht umhin, ſich über die Abweſenheit dieſes Weiſen innerlich zu freuen und angelegentlichſt zu hoffen, daß ſein klarer Kopf ſich mit ſeinen Angelegenheiten nicht, bevor ſie ganz geordnet, be⸗ ſchäftigen werde. Wenn du dieſem Manne die Boje an der Nore zeigteſt, ſagte Capitain Cuttle in demſelben Tone, und ihn um ſeine Meinung darüber fragteſt, Walr, ſo würde er dir ein Urtheil abgeben, daß dieſer Boje nicht ähnlicher wäre, als deines Onkels Knöpfe. Kein Mann auf der Welt kann ſich mit ihm meſſen. Kein einziger! Wie heißt er, Capitain Cuttle? frug Walter, entſchloſſen ſich für des Capitains Freund zu intereſſiren. Er heißt Bunsby, ſagte der Capitain. Aber, Gott! er könnte heißen, wie er wollte, mit einem ſolchen Kopfe! Welchen Gedanken eigentlich der Capitain mit dieſem letzten Lobe verband, erläuterte er weiter nicht; auch ſuchte Walter es nicht zu erfahren. Denn wie er mit der für ihn und ſeine Lage natürlichen Lebhaftigkeit die Hauptpunkte ſeiner Angelegenheit wieder durchzugehen anfing, bemerkte er, daß der Capitain wieder ſo tief wie vorhin in ſeine Gedanken verloren war und daß, während er ihn ſtarr anblickte, er ihn offenbar weder ſah noch hörte. In der That beſchäftigte ſich Capitain Cuttle mit ſo großen Plänen, daß er, weit entfernt auf dem Boden zu ſitzen, gar bald ins tiefſte Waſſer kam und für ſeinen Scharfblick gar keinen Grund finden konnte. Allmählich wurde es dem Capitain voll⸗ kommen klar, daß hier ein Irrthum obwalten müſſe, daß un⸗ zweifelhaft Walter ſich irre, er aber nicht; daß, wenn wirklich ein weſtindiſcher Plan auf dem Tapete war, er ganz anders ſei, als Walter in ſeinem jugendlichen Leichtſinn ſich dachte; und daß es nur ein neuer Plan ſein könne, ſein Glück mit ungewöhnlicher Schnelligkeit zu machen. Oder wenn eine kleine Spannung zwiſchen ihnen ſein ſollte, dachte der Capitain, und verſtand darunter Walter und Mr. Dombey, ſo braucht es nur ein Wort zur rechten Zeit von einem gemeinſchaftlichen Freunde, um Alles wieder ins Geſchick zu bringen. Daraus ſchloß Capitain Cuttle weiter, daß, da er ſchon das Vergnügen habe, Mr. Dombey zu ken⸗ nen,— nämlich von der ſehr angenehmen halben Stunde her, die er in ſeiner Geſellſchaft in Brighton, als ſie das Geld borgten, zu⸗ gebracht— und da zwei welterfahrene Männer, die einander ver⸗ ſtänden und mit gutem Willen ans Werk gingen, eine ſolche Klei⸗ nigkeit leicht in Ordnung bringen könnten, das Beſte für ihn ſein würde, ohne Waltern etwas davon zu ſagen, ſich nach Mr. Dombey's Wohnung zu verfügen, zu dem Bedienten zu ſagen: „Wollt ihr ſo gut ſein, mein Junge, Capitain Cuttle zu melden?“ Mr. Dombey vertraulich entgegen zu kommen, ihn beim Knopf feſtzuhalten, die Sache gemüthlich zu beſprechen, Alles in Ord⸗ nung zu bringen und im Triumph zurückzukehren! „Wie dieſe Gedanken dem Capitain in den Kopf kamen und u„Q 12 1 3 3 r g d t 8 le langſam eine beſtimmtere Geſtalt annahmen, klärte ſich ſein Antlitz auf, wie ein trüber Morgen, wenn er zu einem hellen Mittag wird. Seine Augenbrauen, die im höchſten Grade unheilverkündend ge⸗ weſen waren, entrunzelten ſich; ſeine Augen, die von dem Ueber⸗ maß der geiſtigen Anſtrengung feſt geſchloſſen geweſen, öffneten ſich wieder; ein Lächeln, welches Anfangs nur aus drei Flecken beſtanden hatte— einer im rechten Mundwinkel und einer neben jedem Auge— verbreitete ſich allmählich über ſein ganzes Ge⸗ ſicht und bis auf die Stirn und hob den lackirten Hut empor; als ob auch er mit Capitain Cuttle auf dem Grunde geſeſſen und jetzt gleich ihm glücklich wieder flott geworden ſei.. Endlich hörte der Capitain auf, an ſeinen Nägeln zu kauen, und ſagte: Nun, Walter, hilf mir das Zeug da anziehen. Der Capitain meinte damit Frack und Weſte. Walter ahnte nicht im Geringſten, warum der Capitain ſich ſo viel mit ſeinem Hals⸗ tuch zu ſchaffen machte; denn er drehte die herabhängenden Zipfel in eine Art Zopf und ſteckte ſie durch einen maſſiven Goldring, auf dem, zum Andenken an einen verſtorbenen Freund, ein Grab mit einem hübſchen eiſernen Gitter darum und einem Baum gemalt war. Er ahnte auch nicht, warum der Capitain ſeinen Hemd⸗ kragen ſo weit herauszog, als es nur die irländiſche Leinwand unten daran erlaubte, und ſich dadurch mit einem vollſtändigen Paar Scheuleder ſchmückte; oder warum er die Schuhe wechſelte und ein Paar unvergleichliche Halbſtiefeln anzog, die er nur bei außeror⸗ dentlichen Veranlaſſungen trug. Nachdem endlich der Capitain zu ſeiner vollſtändigen Zufriedenheit angezogen war und ſich 1 von Kopf bis zu Füßen in einem Raſirſpiegel beſehen hatte, den — 58— er zu dieſem Zwecke vom Nagel genommen, griff er zu ſeinem Knotenſtock und ſagte, er ſei fertig. Des Capitains Gang war ſelbſtgefälliger als gewöhnlich, als ſie auf die Straße kamen; aber Walter hielt dies für eine Wir⸗ kung der Halbſtiefeln und beachtete es wenig. Bevor ſie noch ſehr weit gegangen waren, trafen ſie eine Blumenfrau. Da blieb der Capitain ſtehen, wie von einem glücklichen Gedanken überraſcht, und kaufte den größten Strauß in ihrem Korbe: ein wunderba⸗ rer Strauß, fächerförmig, etwa 2 ½ Fuß im Umkreis, und aus den bunteſten Blumen, welche gerade blühten, zuſammengebunden. Mit dieſem kleinen Geſchenk, welches er für Mr. Dombey beſtimmte, ausgerüſtet, ging Capitain Cuttle mit Walter weiter, bis ſie des Opticus Thüre erreichten, wo Beide ſtehen blieben. Sie gehen hinein? ſagte Walter. Ja, erwiderte der Capitain, denn er fühlte, daß er erſt Walter los ſein müſſe, bevor er weitere Schritte that, und daß es beſſer ſei, den beabſichtigten Beſuch noch ein paar Stunden aufzuſchieben. Und Sie werden nichts vergeſſen? Nein, erwiderte der Capitain. Ich werde meinen Spaziergang gleich antreten, ſagte Walter, dann bin ich nicht im Wege, Capitain Cuttle. Mache einen recht langen Spaziergang, mein Junge! rief ihm der Capitain nach. Walter winkte beiſtimmend mit der Hand und entfernte ſich. Er hatte kein beſtimmtes Ziel; er dachte nur ins Freie hin⸗ aus zu gehen, wo er über das unbekannte Leben, das vor un, — 59— lag träumen und unter einem Baume liegend ruhig nachdenken könnte. Er kannte keine beſſere Gegend, als die um Hamp⸗ ſtead, und keinen beſſern Weg dorthin, als an Mr. Dombey’'s Haus vorbei. Es ſah ſo ſtattlich und düſter wie immer aus, als er vor⸗ beiging und ſeine dräuende Fronte anblickte. Die Vorhänge waren alle herunter gelaſſen, aber die obern Fenſter ſtanden weit offen und die muntere Luft, die mit den Gardinen ſpielte, war das einzige Zeichen von Leben im ganzen Hauſe. Walter ging auf den Zehen vorüber und war froh, als er das Haus hinter ſich gelaſſen hatte. Er ſah alsdann zurück mit dem Intereſſe, welches er ſeit ſeinem Abenteuer mit dem verirrten Kinde immer für die Stelle gefühlt hatte, und betrachtete hauptſächlich jene obern Fenſter. Während er ſo beſchäftigt war, fuhr ein Wagen vor und ein ſtattlicher ſchwarz gekleideter Herr mit einer ſchweren Uhrkette ging hinein. Walter errieth ſogleich, daß dieſer Herr ein Arzt ſei, und fragte ſich dann, wer krank ſein möchte; aber doch fiel ihm das erſt ein, als er ſchon eine Strecke weiter gegangen war, denn ſeine Gedanken beſchäftigten ſich mit vielerlei andern Dingen. Immer aber mit den Erinnerungen, die das Haus in ihm weckte; denn Walter gefiel ſich in dem Gedanken, daß die Zeit vielleicht kommen werde, wo das ſchöne Kind, das ſeine alte Freundin geweſen und ſtets ſo dankbar war und ſo erfreut, ihn 6 zu ſehn, ſich bei ſeinem Bruder für ihn verwenden und ſeinem 5 Schickſal eine günſtige Wendung geben könne. Er dachte ſich das ggern; in dieſem Augenblick jedoch mehr des Vergnügens wegen — 60— zu denken, daß ſie ſeiner ſich immer noch erinnere, als aus ſelbſt⸗ ſüchtigen Zwecken. Aber ein zweiter und nüchternerer Gedanke flüſterte ihm zu, daß, wenn er dann noch lebe, er jenſeits des Meeres und vergeſſen ſein werde, ſie aber verheirathet, reich, ſtolz und glücklich. Kein Grund war vorhanden, warum ſie an ihn unter ſo veränderten Umſäänden mit mehr Intereſſe denken ſollte, als an ein altes Spielzeug. Nein, mit noch weniger Intereſſe.. Doch ſo ſehr idealiſirte Walter das hübſche Kind, welches er verirrt auf der Straße gefunden, ſo ſehr identificirte er ſie mit ihrer unſchuldigen Dankbarkeit an jenem Abend und mit der Einfachheit und Wahrheit, mit der ſie dieſelbe ausgeſprochen, daß er vor Entrüſtung über ſich ſelbſt erröthete, wenn er vorausſetzte, ſie könne ſtolz werden. Auf der andern Seite waren ſeine Träume von ſo phantaſtiſcher Art, daß es ihm kaum weniger verläumde⸗ riſch erſchien, ſie ſich als Weib zu denken; ſie anders ſich vorzu⸗ ſtellen, als in der anmuthigen und unſchuldsvollen Kindergeſtalt, die ſie in den Tagen der guten Mrs. Brown geweſen. Mit Einem Wort, Walter fand, daß es ſehr unvernünftig ſei, über Florentinen nachdenken zu wollen, und daß er nichts Beſſeres thun könne, als ihr Bild in ſeiner Seele zu bewahren als etwas Köſtliches, Unerreichbares,Unveränderliches und Unbeſtimmtes— unbeſtimmt in Allem, außer in ſeiner Macht, ihm Freude zu ma⸗— chen und ihn wie eine Engelshand von jeder unwürdigen That 4 zurückzuhalten. Einen gar langen Spaziergang ins Freie machte Walter an dieſem Tage. Er lauſchte dem Geſang der Vögel, dem Geläute 2 70 8 B8. A A F dw — 61— . der Sonntagsglocken und dem leiſeren Gebrauſe der Stadt; er athmete liebliche Düfte ein, blickte zuweilen hinaus in die Ferne, wo das Ziel ſeiner Reiſe lag, und warf dann ſein Auge auf das grüne engliſche Gras und die heimiſche Landſchaft. Aber kaum ein einziges Mal dachte er ſich etwas klar und deutlich, ſelbſt das Weggehn nicht, und er ſchien alles Nachdenken von Stunde zu Stunde und von Minute zu Minute hinauszuſchieben, während er doch immer grübelte. Walter hatte wieder die Stadt erreicht und ſetzte ſeinen Weg in Gedanken verſunken fort, als er ſich von einem Manne anrufen und dann von einer Frauenſtimme ſeinen Namen nennen hörte. Ueberraſcht ſich umdrehend ſah er, daß ein Fiacre, der in entgegengeſetzter Richtung fuhr, in nicht großer Entfernung hielt; doaß der Kutſcher von ſeinem Bocke nach ihm zurückſah und ihm Signale mit der Peitſche gab; und daß ein Mädchen darin ſich aus dem Fenſter lehnte und mit großem Ungeſtüm ihm winkte. Zum Wagen eilend entdeckte er in dem Mädchen Miß Nipper, die aus übergroßer Aufregung faſt von Sinnen war. Staggs Garten, Mr. Walter! ſagte Miß Nipper; wenn's ſo gut ſein wollen, o bitte! Was giebt's? rief Walter.. O, Mr. Walter, Staggs Garten, wenn's ſo gut ſein wollen! ſagte Suſanne. Da ſeht! rief der Kutſcher, und wendete ſich mit einer Art triumphirender Verzweiflung an Walter; ſo treibt's das Fräulein ſchon eine ganze Stunde lang, und ich muß immer rück⸗ värts aus Sackgaſſen fahren, wo ſie abſolut durch will. Ich — 86.— hab' ſchon Manchen in dieſem Wagen gefahren— aber ſo was iſt mir mein Lebtag noch nicht paſſirt! Sie wollen nach Staggs Garten, Suſanne? frug Walter. Ah! Sie will hin! Wo iſtss aber? murrte der Kutſcher. Ich weiß nicht, wo es iſt! rief Suſanne ganz außer ſich. 1 Mr. Walter, ich war ſelbſt einmal dort, mit Miß Tinchen und unſerm armen lieben kleinen Maſter Paul, an demſelben Tage, wo Sie Miß Tinchen in der City fanden, denn wir verloren ſie auf r dem Heimweg, Mrs. Richards und ich, und ein wilder Ochſe, und e der Mrs. Richards Aelteſter, und obgleich ich ſpäter wieder hinging, n kann ich mich doch nicht beſinnen, wo es iſt, ich glaube, es iſt in die Erde verſunken. O Mr. Walter, verlaſſen Sie mich nicht, h Staggs Garten, wenn's ſo gut ſein wollen! Miß Tinchens T Liebling— unſer aller Liebling— der kleine gute gute Maſter v. Paul! o Mr. Walter! 5 Mein Gott! rief Walter aus. Iſt er ſehr krank? in Das liebe Kind! rief Suſanne und rang die Hände, er möchte gern ſeine alte Amme ſehn, und ich fahre aus, um ſie K an ſein Bett zu bringen. Mrs. Staggs, in Polly Toodle’s un I Garten, bitte ich! gl Sehr bewegt von dem, was er vernommen, und von Su⸗ de ſannens Aufregung zugleich angeſteckt, nahm ſich Walter, nach⸗ 30 dem er die Art ihres Auftrages erfahren, ihrer mit ſolchem Eifer K. an, daß der Kutſcher genug zu thun hatte, ihm nachzukom⸗ Fl men, wie er vorauslief und allerwärts und bei Jedermann nach Fi Staggs Garten frug. S Es gab keinen Ort, der Staggs Garten hieß. Er war ſch 5— — 63— von der Erde verſchwunden. Wo die alten verrotteten Som⸗ merlauben geſtanden, da ſtiegen jetzt Paläſte empor, und Gra⸗ nitſäulen von rieſiger Dicke eröffneten eine Ausſicht auf die Eiſenbahnwelt hinter ihnen. Der wüſte Fleck, der vordem mit Kehrichthaufen bedeckt geweſen, war nicht mehr zu ſehen; auf ihm ſtanden Reihen von Speichern dicht angefüllt mit koſt⸗ baren Waaren. In den alten Straßen war jetzt ein Gedränge von Fußgängern und Wagen jeder Art; die neuen Straßen, die entmuthigt in Koth und in den Wagengleiſen ſtecken geblieben waren, bildeten jetzt Städte für ſich und erzeugten nützliche Comforts und Einrichtungen, an die man nie vorher gedacht hatte. Brücken, die früher zu Nichts geführt, führten jetzt zu Villen, Gärten, Kirchen, geſunden Promenaden. Gerippe von Häuſern und Anfänge von neuen Straßen nahmen des Dampfes eigne Schnelligkeit an und ſchoſſen in einem Rieſenzug ins Freie hinaus. Was die Nachbarn betrifft, welche die Eiſenbahn in ihren Kindheitstagen nicht hatten anerkennen wollen, ſo waren ſie weiſe und bußfertig geworden und rühmten ſich ihres mächtigen und glücklichen Verwandten. Es gab Eiſenbahnmuſter in den Läden der Ausſchnitter und Eiſenbahnjournale in den Fenſtern der Zeitungsverkäufer. Es gab Eiſenbahn⸗Hotels, Kaffeehäuſer, Koſthäuſer; Eiſenbahn⸗Pläne, Karten, Anſichten, Halstücher, Flaſchen, Sandwich⸗Büchſen und Fahrtabellen; Eiſenbahn⸗ Fiacres und Droſchkenſtände, Eiſenbahn⸗Omnibus, Eiſenbahn⸗ Straßen und Gebäude, Eiſenbahn⸗Paraſiten und Eiſenbahn⸗ ſchmeichler in unermeßlicher Anzahl! Uhren ſchlugen ſogar Eiſen⸗ — 64— bahnzeit, als ob die Sonne ſelbſt verdunkelt wäre. Unter den Ueber⸗ wundenen befand ſich der Schornſteinfegermeiſter, vor Zeiten in Staggs Garten ein Ungläubiger, der jetzt in einem drei Stock hohen mit Stuccatur verzierten Hauſe wohnte, und ſich auf einem Schilde mit goldenen Buchſtaben Unternehmer der Eiſenbahn⸗ Schornſteinreinigung vermittelſt Maſchinerie nannte. Tag und Nacht regte ſich das Herz dieſer großen Veränderung, rauſchende Strömungen unaufhörlich in ſich aufnehmend und ent⸗ ſendend, wie ſein Lebensblut. Schaaren von Menſchen und Berge von Gütern, die zu Dutzend Malen an jedem Tage ankamen oder abgingen, brachten eine immer rege Bewegung in der Gegend hervor. Sogar die Häuſer ſchienen geneigt zu ſein, zuſammen zu packen und einen Ausflug zu machen. Wunderbare Parlaments⸗ mitglieder, die vor kaum mehr als zwanzig Jahren ſich über die abenteuerlichen Eiſenbahn⸗Theorien der Ingenieurs luſtig gemacht hatten, fuhren nach Nordengland mit den Uhren in der Hand und ſandten durch den electriſchen Telegraphen Nachricht voraus, daß ſie kommen würden. Tag und Nacht rollten die welterobernden Maſchinen ihrer fernen Arbeit entgegen und glitten, angekommen am Ziele, gleich gezähmten Drachen, in die ihnen angewieſene Ecke, die genau bis auf den Zoll für ſie aus⸗ geſchnitten war. Dort brauſten und zitterten ſie und machten die Wände erbeben, als ſchwellten ſie an mit geheimer Kennt⸗ niß von großen, noch ungeahnten Kräften und großen, noch nicht erfüllten Zwecken. 1 Aber Staggs Garten war bis auf den Grund ausgerottet — 65— und verſchwunden. O weh dem Tage, wo„kein Zoll von Eng⸗ lands Flur“— eine Flur wie Staggs Garten— ſicher iſt! Endlich nach vielem fruchtloſen Fragen fand Walter und hinter ihm die Kutſche und Suſanne einen Mann, der voreinſt in dem verſchwundenen Lande gewohnt hatte. Es war niemand anders, als der vorher erwähnte Schornſteinfegermeiſter, der jetzt dick geworden war und mit einem Doppelſchlag an ſeine eigene Hausthür klopfte. Er kannte Toodle recht gut, wie er ſagte. Er ſei bei der Eiſenbahn. Ja, Sir, ja! rief Suſanne Nipper aus dem Wagenfenſter. Wo er jetzt wohne? frug Walter haſtig. Er wohnte in dem Gebäude der Compagnie, zweite Ecke rechts durch den Hof über den Weg und wieder die zweite Ecke rechts. Es war Nr. 11; ſie konnten nicht fehl gehen; wenn es aber ja der Fall ſei, ſo ſollten ſie nur nach dem Maſchinen⸗ heizer Toodle fragen und jeder würde es ihnen zeigen. Bei die⸗ ſer unerwarteten Glücksnachricht verließ Suſanne Nipper in aller Eile den Fiacre, nahm Walters Arm, trat mit athemloſer Schnelligkeit ihren Weg an und ließ den Wagen warten. It der Kleine ſchon ſeit lange krank, Suſanne? frug Wal⸗ ter unterwegs. 2 Er ſiecht ſeit lange, aber Niemand wußte, wie ſchlimm es war, ſagte Suſanne, und fügte mit großer Bitterkeit hinzu: O die Blimbers! 7 Blimbers? gab Walter zurück. Ich könnte mir's zu einer Zeit wie die jetzige nicht verzeihen, Mr. Walter, ſagte Suſanne, wenn ich ſchlecht von Jemand Boz. Dombey u. Sohn. III. 5 — 66— ſpräche, vorzüglich von Leuten, die der arme kleine Paul gern hatte— aber ich könnte wünſchen, daß die ganze Familie auf ſteinigem Boden einen neuen Weg bauen müßte, und daß Miß Blimber vorn an ſtände und die Spitzhacke hätte! r Miß Nipper Athem und lief noch ſchneller als zuvor als b der Ausſpruch ihr neue Kraft gegeben hätte. Walter, der jetzt keinen Athem übrig hatte, ſchritt neben ihr her ohne weiter zu frageir; 2 und von ihrer Ungeduld getrieben, ſtürzten ſie bald zu einer kleinen Thür hinein in eine reinliche Stube voller Kinder. A2 Wo iſt Mrs. Richards! rief Suſanne Nipper und ſah ſich um. O Mrs. Richards, kommen Sie mit, meine Gute, Liebe! Wasꝛ! iſt das nicht Suſanne? rief Polly, indem ihr ehrli⸗ ches Geſicht und ihre mütterliche Geſtalt aus der Kinderruphe hervortrat. Ja, Mrs. Richards, ich bin's, ſagte Suſanne, und ich wollte, ich wäre es nicht, obgleich das nicht wie Schmeichelei klingt, aber der kleine Maſter Paul iſt ſehr krank und ſagte zu ſeinem Papa, 3 heute möchte er ſeine alte Amme wieder ſehen, und er und Miß Tinchen hoffen, Sie werden mit mir kommen— und Mr. Walter, Mrs. Richards— und Vergangenes vergeben und vergeſſen und es dem armen Kleinen zu Liebe thun, dem armen Kleinen, der hinſtirbt! O Mrs. Richards, der hinſtirbt! Da Suſanne Nipper weinte, vergoß Polly, weil ſie es ſah und weil ſie die Trauerkunde hörte, ebenfalls Thränen; und alle Kinder drängten ſich um ſie(und darunter eine große Anzahl neuer); und Mr. Toodle, der gerade von Birmingham nach Hauſe — 67— gekommen war und ſein Mittagsbrod aus einer Schüſſel aß, legte Meſſer und Gabel weg, gab ſeiner Frau Hut und Tuch, die hinter der Thür hingen, gab ihr einen Schlag auf die Schul⸗ ter und ſagte mit mehr väterlichem Gefühl als Beredſamkeit: hem mach' fort! So gelangten ſie wieder zum Fiacre, viel früher als der „Kutſcher erwartet hatte; und nachdem Walter Suſannen und Pas Richards in den Wagen gehoben, ſetzte er ſich ſelbſt auf en Bock, um fernere Irrungen unmöglich zu machen. Endlich hatten ſie alle drei ſicher die Vorhalle von Mr. Dombey's Haus erreicht— wo, beiläufig geſagt, Walter einen großen Blumenſtrauß liegen ſah, der ihn an den erinnerte, welchen Capitain Cuttle heute Morgen gekauft hatte. Er wäre gern länger geblieben, um etwas über das kranke Kind zu erfahren oder zu ſehen, ob er irgend einen kleinen Dienſt leiſten könne; aber mit dem ſchmerzlichen Gefühl, daß Mr. Dombey ein ſolches Benehmen anmaßend und aufdringlich nennen würde, verließ er langſam und kummererfüllt das Haus. Er war noch nicht weit gegangen, als ein Mann ihm nach⸗ gelaufen kam und ihn umzukehren bat. Walter folgte ihm ſo ſchnell er konnte und trat mit trüber Ahnung in das düſtere Haus. 5* Sechszehntes Capitel. Was das Meer immer ſagte. 71 Paul war von ſeinem kleinen Bett nicht mehr aufgeſtanden. Er lag ganz ruhig und hörte dem Lärm auf der Straße zu, unbekümmert, wie die Zeit verſtrich, aber ſie und jeden Ge⸗ genſtand ſeine Umgebung mit beobachtendem Auge verfolgend. Wenn der Sonnenſchein in ſein Zimmer durch die raſcheln⸗ den Vorhänge drang und auf der Wand gegenüber wie goldenes Waſſer zitterte, da wußte er, daß der Abend nahte und daß der Himmel purpurn und ſchön war. Wie der Schimmer allmälig erſtarb und Dämmerung eintrat, beobachtete er, wie ſie immer dunkler und dunkler und endlich zur Nacht wurde. Dann dachte er an die langen Straßen, in denen Reihen von Laternen ſchimmer⸗ ten, und an die friedlichen Sterne, die hernieder blickten. Seine Phantaſie hatte einen ſonderbaren Drang, ſich mit dem Strome zu beſchäftigen, der, wie er wußte, durch die Stadt floß; und wie ſchwarz er ſei und wie tief er ausſehen müßte, wenn er die Millionen Sterne zurückſpiegelte— aber mehr als Alles, wie ruhig und unaufhaltſam er dem Meere zuwogte. — 69— Später in der Nacht, wenn Schritte auf der Straße ſo ſelten wurden, daß er ſie nahen hören, beim Vorübergehen zäh⸗ len und in der Ferne verhallen hören konnte, lag er im Bette und betrachtete den vielfarbigen Kreis um das Licht und harrte gedul⸗ dig des Tages. Seine einzige Sorge war der ſchnellſtrömende Fluß. Er fühlte ſich manchmal gedrungen, einen Verſuch zu machen ihn aufzuhalten mit ſeinen ſchwachen Händen oder ihn mit Sand abzudämmen, und wenn er ihn unwiderſtehlich heranwogen ſah, dann ſchrie er auf. Aber ein Wort von Florentinen, die immer an ſeinem Bett ſaß, beruhigte ihn ſogleich wieder, und das müde Haupt an ihre Bruſt gelehnt, erzählte er Tinchen ſeinen Traum und lächelte dazu. Wie der Tag wieder zu erſcheinen begann, wartete er auf die Sonne; und wenn ihr heiteres Licht im Zimmer zu glänzen anfing, malte er ſich— nein, er ſah— die hohen Kirchthürme, die in den Morgenhimmel hinauf ſtiegen, die Stadt, die von Neuem zum Leben erwachte, den glänzenden Fluß, der immer und immer ſchnell dem Meer entgegen rollte, und die thauglänzenden Auen und Felder. Bekannte Klänge und Rufe wurden allmälig laut unten auf der Straße; die Dienerſchaft des Hauſes wurde rege; Geſichter blickten zur Thür herein und Stimmen fragten ſeine Wärter leiſe, wie er ſich befinde. Paul antwortete 8 ſelbſt:„Ich befinde mich beſſer! Ich befinde mich viel beſſer! J danke euch! Sagt es dem Papa!“ Mit der Zeit wurde er müde von dem Geräuſch des Tages, von dem Lärmen der Wagen und Karren und dem Geſumme des Menſchengewühls, dann ſchlief er ein, oder es überkam ihn eine unruhige und quaͤlende Ahnung— das Kind war kaum im Stande zu ſagen, ob es im Schlaf oder im Wachen ſei— von jenem dahineilenden Strome. 3 Wird er nie ſtille ſtehen, Tinchen? frug er ſie zuweilen. Ich glaube, er trägt mich fort! Aber Tinchen konnte ihn ſtets tröſten und beruhigen; und er machte ſich Tag für Tag eine Freude daraus, wenn ſie ihren Kopf auf ſein Kiſſen legte und ein wenig ausruhte. Du wachſt immer bei mir, Tinchen, laß mich jetzt bei dir wachen! ſagte er. Dann machte ſie ihm mit Kiſſen einen Sitz in der Ecke ſeines Bettes, und dort blieb er, während ſie neben ihm lag; und oft beugte er ſich zu ihr herab, um ſie zu küſſen, und flüſterte den Andern zu, daß ſie müde ſei, meil ſie ſo viele Nächte ſchon bei ihm gewacht habe. So verging allmälig der heiße, grelle Tag; und wieder tanzte das goldene Waſſer an der Wand. Es beſuchten ihn nicht weniger als drei ernſte Doctoren; ſie verſammelten ſich unten und kamen alle drei mit einander her⸗ auf; und das Zimmer war ſo ſtill und Paul beobachtete ſie ſo genau, obgleich er ſich niemals erkundigte, was ſie ſagten, daß er ſogar den Unterſchied in dem Picken ihrer Uhren kannte. Aber am meiſten intereſſirte ihn Sir Parker Peps, der immer neben dem Bett Platz nahm. Denn Paul hatte vor langer Zeit ſagen ge⸗ hört, daß dieſer Herr bei ſeiner Mutter geweſen ſei, als ſie Florentinen an die Bruſt drückte und ſtarb. Und das konnte er jetzt nicht vergeſſen. Er liebte ihn deshalb und er fürchtete ſich nicht vor ihm. ————„% er wußte, was ſie ſagen wollte, und drückte ſein Geſicht an ihren — 71— Die Leute um ihn her veränderten ſich ſo unerklärbar, wie in jener erſten Nacht bei Doctor Blimber. Nur Florentine nicht; Florentine veränderte ſich nie. Aber was erſt Sir Parker Peps geweſen, war jetzt ſein Vater, der da ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt. Die alte Mrs. Pipchin, in einem Lehnſtuhl ſchlummernd, wurde oft zu Miß Tox oder ſeiner Tante; und Paul machte ruhig die Augen wieder zu und wartete, was zunächſt geſchehen werde. Aber dieſe Geſtalt, die den Kopf in die Hand geſtützt hatte, kehrte ſo oft zurück, und blieb ſo lange, und ſaß ſo ſtill und feierlich da, nie redend und nie angeredet und ſelten das Antlitz em⸗ porhebend, daß Paul ſich mit matter Neugier endlich frug, ob ſie wohl etwas Wirkliches ſei, und ſie Nachts, wenn er ſie dort ſitzen ſah, mit ſcheuer Furcht betrachtete. Tinchen! ſagte er. Was iſt das? Wo, Lieber? Dort! zu Füßen des Betts. Es iſt nichts da als Papa! Die Geſtalt hob das Haupt, ſtand auf, trat an das Bett und ſprach: mein geliebter Sohn! kennſt du mich nicht? Paul ſah in das Geſicht und dachte: Iſt dies dein Vater? Aber das Geſicht, das ihm ſo verändert ſchien, zuckte zuſammen, als er es anſah, wie vor Schmerz; und ehe er es noch mit ſeinen beiden Händen faſſen und an ſich ziehen konnte, wendete ſich die Geſtalt raſch von dem kleinen Bett weg und ging zur Thür hinaus. 4 Paul blickte Florentinen mit klopfendem Herzen an, aber — 72— Mund. Das nächſte Mal, wo er die Geſtalt zu Füßen ſeines Bettes ſitzen ſah, rief er ihr zu: Sei nicht um mich bekümmert, lieber Papa, mir iſt ganz wohl! Als ſein Vater zu ihm kam und ſich über ihn beugte, was er ſehr raſch that und ohne erſt vor dem Bette zu warten, um⸗ ſchlang ihn Paul mit den Armen und wiederholte dieſe Worte mehrere Mal und mit großer Innigkeit; und Paul ſah ihn nie wieder in ſeinem Zimmer weder bei Tag noch bei Nacht, ohne ihm zuzurufen: Sei nicht um mich bekümmert, lieber Papa, mir iſt ganz wohl! Seit dieſer Zeit ſagte er früh ſtets, daß er ſich viel beſſer befinde, und daß ſie es ſeinem Vater ſagen ſollten.“ Wie viele Male das goldne Waſſer auf der Wand tanzte, wie viele Nächte der ſchwarze Strom unaufhaltſam dem Meere zu rollte, das zählte Paul nie und frug auch nie darnach. Wenn Florentinens Liebe oder ſeine Dankbarkeit dafür hätte zunehmen können, ſo wurde ſie jeden Tag noch liebevoller und er dankbarer; aber ob es viele oder wenige Tage waren, das erſchien dem ſanften Knaben jetzt als unwichtig. Eines Abends hatte er an ſeine Mutter gedacht und an ihr Bild im Salon unten, und hatte gedacht, daß ſie Florentinen mehr geliebt haben müſſe, als ſeinen Vater, weil ſie dieſelbe, als ſie ſich dem Sterben nahe fühlte, an die Bruſt gedrückt; denn ſelbſt er, ihr Bruder, der ſie ſo innig liebte, kannte keinen größern Wunſch als dieſen. Dieſer Ideengang brachte ihn auf die Frage, ob er ſeine Mutter geſehen habe? denn er konnte ſich nicht be⸗ ſinnen, ob ſie ihm ja oder nein geſagt hatten, ſo ſchnell wogte der Strom und machte ihm den Kopf wirr. ils nn bhe⸗ — 23— Tinchen, habe ich Mama geſehen? Nein, Lieber; warum? Hat mich niemals ein freundliches Geſicht wie das der Mama angeſehen, als ich ganz klein war, Tinchen?— Er frug in ungläubigem Tone, als ob ihm die dunkle Er⸗ innerung eines ſolchen Geſichts vorſchwebe. O ja, Lieber! ſagte ihm ſeine Schweſter. Wer denn, Tinchen? Deine alte Amme. Sehr oft. Und wo iſt meine alte Amme? ſagte Paul. Iſt Sie auch todt? Sind wir alle todt außer dir? Es herrſchte eine Aufregung im Zimmer einen Augenblick lang— vielleicht länger; aber es ſchien ihm nicht ſo— dann war Alles wieder ſtill; und Florentine, mit ganz bleichem, aber lächelndem Geſichte, hielt ſeinen Kopf in ihren Armen. Ihr Arm zitterte ſehr. Zeige mir die alte Amme, Tinchen, ſei ſo gut! bat er. Sie iſt nicht hier, Lieber. Sie ſoll morgen kommen. Dank dir, Tinchen! Paul ſchloß bei dieſen Worten die Augen und ſchlief ein. Als er wieder aufwachte, ſtand die Sonne hoch am Himmel und ſie ſchien hell und warm. Er blieb ein Weilchen ſtill liegen, ſah nach den Fenſtern, die offen ſtanden, und nach den Vorhängen, die von der Sommerluft hin und her wehten, und ſagte dann: Tinchen, iſt es Morgen? Iſt ſie da? „Es ſchien Jemand nach ihr zu gehen. Vielleicht war es Suſanne. Paul glaubte ſie ſagen zu hören, als er die Augen —— wieder zugemacht hatte, daß ſie bald wieder zurück ſein würde; aber er öffnete die Augen nicht, um ſie zu ſehen. Sie hielt Wort — vielleicht war ſie gar nicht fort geweſen— aber was ſich zunächſt ereignete, war, daß man Schritte auf der Treppe vernahm, und da erwachte Paul und ſetzte ſich aufrecht im Bett. Er ſah ſie jetzt um ſich ſtehen. Kein grauer Nebel lag vor ihm wie früher manchmal des Nachts. Er kannte ſie Alle und nannte ſie bei ihren Namen. Und wer iſt dies? Iſt dies meine alte Amme? ſagte das Kind und blickte eine näher tretende Geſtalt mit ſtrahlenden Lächeln an. Ja, ja. Niemand anders würde dieſe Thränen bei ſeinem Anblick vergießen, ihn ihren lieben, guten Knaben, ihr armes krankes Kind nennen können. Kein anderes Weib würde ſich ſo über ſein Bett gebeugt, ſeine abgezehrte Hand ergriffen und ſie an Bruſt und Mund gedrückt haben, als Eine, die ein Recht hatte, ihn ſo zu liebkoſen. Tinchen, das iſt ein liebes freundliches Geſicht! ſagte Paul. Es freut mich es wieder zu ſehen. Geh nicht fort, alte Amme! Bleib' hier! Seine Sinne waren alle ſchärfer geworden und er hörte einen bekannten Namen. Wer war das, der Walter nannte? frug er und ſah ſich um. Jemand ſagte Walter. Iſt er hier? Ich möchte ihn recht gern ſehen. Niemand antwortete unmittelbar darauf; aber ſein Vater ſagte bald darauf zur Suſannen: So rufe ihn zurück;⸗laß ihn herauf kommen! Nach einer kurzen Pauſe der Erwartung, wäh⸗ — 2155— rend welcher er mit lächelnder Theilnahme und Verwunderung ſeine Amme anblickte und ſah, daß ſie Florentinen nicht vergeſſen, er⸗ ſchien Walter im Zimmer. Sein offenes Geſicht und ſeine her⸗ zige Weiſe und ſein freundlicher Blick hatten ihn von jeher zu Pauls Liebling gemacht; und als Paul ihn erblickte, ſtreckte er ihm die Hand entgegen und ſagte: lebe wohl! Lebe wohl, mein Kind! rief Mrs. Pipchin und eilte an das Bett. Doch nicht lebe wohl! Eine Weile lang ſah Paul ſie eben ſo nachdenklich an, wie früher in der Ecke am Kamin. O ja, ſagte er endlich ruhig, lebe wohl! guter Walter, lebe wohl! und dabei wendete er den Kopf dahin, wo er ſtand, und ſtreckte ihm wieder die Hand hin. Wo iſt der Papa? Er fühlte ſeines Vaters Hauch auf ſeiner Wange, bevor die Worte ganz ſeinen Mund verlaſſen hatten. Vergiß Walter nicht, lieber Papa! flüſterte er ihm zu, und ſah ihm ins Antlitz. Vergiß Walter nicht! Ich hatte Wal⸗ ter gern! er winkte mit der abgezehrten Hand, als er Waltern noch einmal zurief: leb' wohl! Jetzt legt mich hin, ſagte er; und du, Tinchen, tritt dicht an mich heran, daß ich dich ſehe! 14 Schweſter und Bruder umſchlangen ſich mit den Armen, und der goldene Sonnenſchein ſtrömte zum Fenſter herein und fiel auf das junge Paar. Wie ſchnell der Fluß ſtrömt zwiſchen ſeinen grünen Ufern und dem Schilfe, Tinchen! Aber er iſt dem Meere ſehr nahe. Ich höre die Wellen! Sie flüſterten das immer! — 76— Gleich darauf ſagte er, daß das Schaukeln des Bootes auf dem Strome ihn einſchläfere. Wie grün jetzt die Ufer wä⸗ ren, wie ſchön die Blumen am Rande und wie ſchlank das Schilf! Jetzt kam das Boot auf's Meer und glitt ruhig dahin. Und jetzt erblickte er eine Küſte vor ſich. Wer ſtand am Ufer?— Er legte die Hände zuſammen, wie man es ihm zum Beten gelehrt hatte. Er löste ſeine Arme deshalb nicht; aber ſie ſahen ihn die Hände auf ſeiner Schweſter Rücken falten. Mama ſieht dir ähnlich, Tinchen! ich erkenne ſie am Ge⸗ ſichte! Aber ſage ihnen, daß der Kupferſtich im oberen Zimmer in der Schule nicht göttlich genug iſt. Der glänzende Schein um das Haupt leuchtet auf mich hernieder! Die goldenen Wellen an der Wand kehrten wieder, aber ſonſt weiter nichts regte ſich im Zimmer. Die alte, alte Mode! Die Mode, die eingeführt wurde mit unſern erſtern Kleidern, und unverändert bleiben wird, wenn unſer Geſchlecht ſeinen Lauf vollendet hat und der weite Sternenhimmel zuſammengerollt wird wie ein Pergament. Die alte, alte Mode— der Tod! O dankt alle, die ihr ihn ſeht, Gott für die noch ältere Mode, die Unſterblichkeit! und ihr Engel von zarten Kindern, betrachtet uns nicht mit ganz entfremdeten Blicken, wenn der ſchnelle Strom uns nach dem Meere trägt!— 8 Mein Gott, mein Gott! nur zu denken, ſagte Miß Tox und fing mitten in der Nacht an zu weinen, als wäre ihr Herz gebrochen, zu denken, daß Dombey und Sohn am Ende doch eine Tochter iſt! —8“ α 2—. 0U—.,—,———— +8— Siebenzehntes Capitel. Capitain Cuttle leiſtet den jungen Leuten einen kleinen Dienſt. In der Ausübung jenes erſtaunlichen Talentes für tief erſonnene und unergründliche Pläne, welches Capitain Cuttle(wie das bei⸗ Menſchen von offenbarer Einfalt nicht ſelten iſt) zu beſitzen glaubte, war er an dem ereignißvollen Sonntag nach Mr. linſon getreten. Da er von dieſem Individuum zu ſeinem gro⸗ ßen Bedauern vernahm, welch großer Verluſt der Familie drohte, ſo empfahl ſich Capitain Cuttle wieder. Nur den Strauß ließ er zurück, als ein kleines Zeichen ſeiner Aufmerkſamkeit, und bat, ihn der ganzen Familie achtungsvoll zu empfehlen. Dabei ſprach er noch die Hoffnung aus, ſie würden ſich hart gegen den Wind legen unter dieſen Umſtänden, und gab zu erkennen, daß er morgen wieder nachfragen wolle. Von des Capitains Empfehlungen hörte man nie wieder et⸗ — 78— was. Des Capitains Strauß, nachdem er die ganze Nacht hin⸗ durch in der Vorhalle gelegen, wurde am Morgen in den Keh⸗ richtkorb geworfen; und des Capitains pfiffige Anordnung, ver⸗ wickelt in eine Kataſtrophe, wo größere Hoffnungen und ſtolzere Pläne vernichtet wurden, ſtürzte zuſammen. So wird, wenn eine Lavine einen alten Wald fortreißt, das kleine Geſträuch von demſelben Loos betroffen wie die Bäume, und alle werden in einen gemeinſamen Untergang verwickelt. Als Walter am Sonntag Abend von ſeinem langen Spa⸗ ziergang und deſſen denkwürdigem Ende zurückkehrte, war er Anfangs zu ſehr mit der Nachricht beſchäftigt, die er mitzuthei⸗ len hatte, und mit den Gefühlen, die eine ſolche Seene natürlich in ſeinem Herzen erwecken mußte, um zu bemerken, daß ſein Onkel offenbar von dem Capitain noch nichts erfahren hatte oder daß der Capitain mit ſeinem Haken Signale gab, die ihm an⸗ deuten ſollten, nicht von der Sache zu ſprechen. Nicht etwa, daß des Capitains Signale ſehr verſtändlich geweſen wären, wenn man ſie auch noch ſo aufmerkſam beobachtete; denn gleich jenen chineſiſchen Weiſen, die bei ihren Verhandlungen gewiſſe ge⸗ lehrte Worte, die ſich gar nicht ausſprechen laſſen, in die Luft malen, machte der Capitain Bewegungen und Schwenkungen in der Luft, die Niemand verſtehen konnte, dem er nicht vorher ſchon ſein Geheimniß mitgetheilt. 3 Nachdem er aber erfahten, was ſich zugetragen hatte, gab Capitain Cuttle dieſe Verſuche auf, da er einſah, wie wenig Ausſicht vorhanden war, unter ſolchen Umſtänden noch vor Walters Abreiſe ein Stündchen mit Mr. Dombey vertraulich nN im Hausgange beziehen und einen Sermon von nicht allzuhöflicher — 79— plaudern zu können. Aber indem er ſich mit getäuſchtem und gedemüthigtem Geſichte eingeſtand, daß es Gills geſagt werden und daß Walter gehen müſſe, war der Capitain doch noch von dem unverminderten Selbſtvertrauen erfüllt, daß er, Ned Cuttle, der rechte Mann für Mr. Dombey ſei; und daß, um Walters Angelegenheiten ganz und gar in Ordnung zu bringen, ſie beide nur zuſammen zu kommen brauchten. Denn der Capitain konnte nie vergeſſen, wie gut er und Mr. Dombey in Brighton ausge⸗ kommen waren;— mit welcher Geſchicklichkeit jeder ein Wort geſprochen, wenn es gebraucht wurde;— wie genau jeder des Andern Plan befolgte; und daß Ned Cuttle dieſes Mittel gleich Anfangs empfohlen und die Zuſammenkunſt zu dem gewünſchten Schluß gebracht hatte, Aus allen dieſen Gründen tröſtete ſich der Capitain mit dem Gedanken, daß, obgleich Ned Cuttle, von dem Drang der Ereigniſſe gezwungen, für jetzt faſt unthätig„bei⸗ legen“ müſſe, Ned doch bald wieder den Leck mit einem naſſen Segel ſtopfen und Alles überwinden würde. Beherrſcht von dieſer gutmüthigen Täuſchung verſtieg ſich Capitain Cuttle ſogar ſo weit, während er mit einer Thräne auf dem Hemdkragen Waltern zuhörte, reiflich zu erwägen, ob es nicht zugleich höflich und politiſch ſei, Mr. Dombey bei einer paſſenden Gelegenheit und an einem Tage ſeiner eigenen Wahl zu einem Löffel Suppe einzuladen, um ſeines jungen Freundes Angelegenheiten in aller Gemüthlichkeit bei einem Glaſe Wein zu beſprechen. Aber die ungewiſſen Launen der Mrs. Mac Stin⸗ ger und die Möglichkeit, daß ſie während des Gelages ihren Poſten — 80— Beſchaffenheit halten könnte, traten des Capitains gaſtfreundlichen Gedanken hemmend entgegen und hielten ihn ab, ſie weiter zu verfolgen. Ein Ding war dem Capitain vollkommen klar, als Walter gedankenvoll vor ſeinem unberührten Eſſen ſitzend das Geſchehene beſprach; nämlich daß, ſo ſehr auch Walter durch ſeine Be⸗ ſcheidenheit verhindert wurde, es ſelbſt zu bemerken, er doch ge⸗ wiſſermaßen ein Mitglied von Mr. Dombey's Familie war. Er war perſönlich bei dem Ereigniß betheiligt geweſen, welches er ſo rührend beſchrieb; er war in engſter Verbindung damit na⸗ mentlich genannt und empfohlen worden, und ſein Schickſal mußte jetzt ſeinen Principal beſonders intereſſiren. Wenn der Capitain noch einen leiſen Zweifel in ſeine Folgerungen ſetzte, ſo war er jedenfalls überzeugt, daß ſie ganz geeignet ſeien, auf den Optieus günſtig einzuwirken. Deshalb benutzte er den paſſenden Augen⸗ blick, um ſeinem alten Freunde die weſtindiſche Geſchichte als eine ganz außerordentliche Gunſtbezeigung mitzutheilen und zu erklären, daß er für ſeinen Theil herzlich gern 100,000 Pfd. (wenn er ſie hätte) für Walters Gewinn auf die Länge geben würde, und daß er gar nicht bezweifle, daß er dabei noch ge⸗ winnen müſſe. Salomo Gills war erſt ganz betäubt von der Mittheilung, die in das kleine Hinterzimmer wie ein zerſchmetternder Donner⸗ ſchlag fiel. Aber der Capitain ließ ſo viele goldene Ausſichten vor ſeinen trüben Augen vorüberfliegen, deutete ſo geheimnißvoll auf Whittinghton’ſche Folgen hin, verweilte mit ſolchem Nachdruck auf dem, was ihm eben Walter erzählt, und führte es ſo über⸗ ——— — 8.— zeugt als eine Beſtätigung ſeiner Prophezeiungen und einen großen Schritt zur Verwirklichung des romantiſchen Märchens von der ſchönen Peg an, daß er den Alten ganz verwirrte. Wal⸗ ter ſeinerſeits trug ſo viel Hoffnung und Eifer zur Schau und ſchien ſeiner baldigen Rückkehr ſo ſicher zu ſein und unterſtützte den Capitain mit ſo ausdrucksvollem Kopfnicken und Händereiben, daß Salomon, erſt ihn und dann Capitain Cuttle anſehend, zu denken anfing, es ſei ſeine Schuldigkeit entzückt zu ſein. Aber ich bin hinter der Zeit zurück, wißt ihr, bemerkte er zu ſeiner Entſchuldigung und fuhr unruhig mit der Hand die ganze Reihe glänzender Knöpfe an ſeinem Rocke hinab und wie⸗ der hinauf, als ob er ſie zählte; und mir wäre es lieber, wenn mein lieber Neffe hier bliebe. Ich weiß wohl, es iſt altmodiſch ſo zu denken. Er hat das Meer immer gern gehabt. Er iſt — und er ſah Walter forſchend an— er iſt froh, daß er fort kommt. Onkel Sol! rief Walter lebhaft, wenn du das ſagſt, gehe ich nicht. Nein, Capitain Cuttle, dann gehe ich nicht! Wenn mein Onkel denkt, ich verlaſſe ihn gern, ſo bleibe ich, und wenn ich Gouverneur von allen Inſeln Weſtindiens werden ſollte! Wal, mein Junge, ſagte der Capitain. Still! Sol Gills! ſieh einmal deinen Neffen an! Der Alte folgte mit den Augen der majeſtätiſchen Bewegung, die der Capitain mit ſeinem Haken machte, und ſah Walter an. Da iſt ein Fahrzeug, ſagte der Capitain voll ſtolzen Selbſt⸗ bewußtſeins über das Bild, welches er gebrauchte, das eine Reiſe Boz. Dombey u. Sohn. III. 6 — 82— antreten will. Welcher Name ſteht unauslöſchlich auf dieſem Fahrzeug? Heißt es der Gay oder, ſagte der Capitain und erhob ſeine Stimme, als wollte er ſagen: merkt euch das wohl, heißt es der Gills? Ned, ſagte der Alte, indem er Walter an ſeine Seite zog und den Arm deſſelben liebevoll in den ſeinen legte, ich weiß, natürlich weiß ich, daß Wally immer mehr an mich denkt als an ſich. Das weiß ich recht gut. Wenn ich ſage, er geht gern fort, ſo meine ich, daß mir das eine Freude iſt. Sieh, Ned, und auch du, Wally, mir iſt das eine ganz neue und unerwartete Sache; und ich fürchte, dem Dinge liegt eigentlich zu Grunde, daß ich hinter der Zeit zurückgeblieben und arm bin. Iſt es wirklich ein Glück für ihn? ſagt mir's einmal ordentlich! ſagte der Alte und ſah einen nach dem andern unruhig an. Wirklich und wahrhaftig? Ich kann mir faſt Alles gefallen laſſen, was Wally vorwärts bringt, aber ich will nicht, daß ſich Walter meinetwegen oder, um mich vor etwas zu retten, in Nachtheil ſetze. Du, Ned Cuttley! ſagte der Alte und wendets ſich direct an den Capitain, was dieſen Diplomaten in offenbare Verwirrung verſetzte; handelſt du ehrlich gegen deinen alten Freund? Heraus mit der Sprache, Ned Cuttle! Steckt noch etwas dahinter? Iſt es gut, wenn er geht? Wie haſt du es zuerſt erfahren— und warum? Da dies ein Streit der Liebe und Selbſtverleugnung war, ſo kam Walter mit großer Wirkung dem Capitain zu Hülfe; und durch ihr fortwährendes Sprechen verſöhnten ſie den alten Gills ſo leidlich mit dem Plane, oder vielmehr ſie verwirrten ihn ſo &ᷣ̈————— — 3— ſehr, daß nichts— und nicht einmal der Schmerz der Trennung — klar vor ſeiner Seele ſtand. Er hatte nicht viel Zeit, die Sache zu überlegen, denn ſchon am folgenden Tage erhielt Walter von Mr. Carker dem Dispo⸗ nenten die nöthigen Papiere mit der Benachrichtigung, daß der Sohn und Erbe in 14 oder höchſtens 16 Tagen unter Segel gehen werde. In dem Getreibe der Reiſevorbereitungen, die Walter vor⸗ ſätzlich ſo ſehr als möglich beſchleunigte, verlor der Alte vollends die geringe Beſinnung, die er noch hatte, und ſo näherte ſich raſch der Zeitpunkt des Abſchieds. Der Capitain, der nicht verſäumte, ſich mit Allem, was vorging, bekannt zu machen, ſah den Tag der Abreiſe immer näher kommen, ohne daß eine Gelegenheit zu einer Erklärung über Walters Verhältniſſe ſich zeigte oder nur zu hoffen war. Nach vielem Nachdenken über dieſe Fatalität und dieſes unglückliche Zuſam⸗ mentreffen aller Umſtände hatte der Capitain endlich einen glück⸗ lichen Einfall. Wenn er nun Mr. Carker einen Beſuch machte und bei ihm zu erfahren ſuchte, woher der Wind wehe! Capitain Cuttle fand viel Geſchmack an dieſem Einfall. Er kam ihm in einem glücklichen Augenblick der Inſpiration in den Kopf, als er in ſeiner Wohnung nach dem Frühſtück eine Pfeife rauchte; und er war des Tabaks würdig. Erſtens wurde dadurch ſein Gewiſſen befriedigt, das ein wenig unruhig geworden war durch das, was ihm Walter vertraut und was Sol Gills geſagt hatte; und zweitens war es eine That echter und kluger Freund⸗ ſchaft. Er wollte Mr. Carker ſorgfältig ſondiren und viel oder — 6 R — 3— wenig ſagen, je nachdem er dieſes Herrn Charakter kennen lernte und ſah, daß ſie gut mit einander auskamen oder nicht. So legte denn Capitain Cuttle, diesmal ohne Furcht vor Walter, der zu Hauſe packte, abermals ſeine Halbſtiefeln und ſeinen Trauerring an und begann ſeine zweite Expedition. Er kaufte diesmal keinen Strauß, da er in ein Geſchäftslocal ging, aber er ſteckte eine kleine Sonnenblume in das Knopfloch, um ſich etwas Idylliſches zu geben, und machte ſich damit und mit dem Kno⸗ tenſtock und dem lackirten Hut nach dem Comptoir von Dombey und Sohn auf den Weg. Nachdem der Capitain in einem Gaſthauſe in der Nähe ein Glas Grog getrunken, um ſeine Gedanken zu ſammeln, ſtürzte er durch den Hof, damit die guten Wirkungen nicht verdampften, und erſchien plötzlich vor Mr. Perch. Camrad, ſagte der Capitain in überredendem Ton. Einer von euren Principalen heißt Carker? Mr. Perch gab das zu, gab ihm aber pflichtgemäß zu ver⸗ ſtehen, daß alle ſeine Prineipale beſchäftigt ſeien und es in alle Ewigkeit bleiben würden. Hört mal, Canrrad, ſagte ihm der Capitain ins Ohr, ich heiße Capt'en Cuttle. Der Capitain wollte Perch mit dem Haken ſanft an ſich hängen, aber Mr. Perch entging dem Attentat; nicht abſichtlich, ſondern weil ihn der plötzliche Gedanke erſchreckte, daß, wenn Mrs. Perch in ihrem jetzigen Zuſtand eine ſolche Waffe uner⸗ warteter Weiſe erblicke, die Hoffnungen dieſer Dame vernichtet werden könnten. —— Wenn ihr ſo gut ſein wollt, Capitain Cuttle zu mel⸗ den, wenn ſich's macht, ſagte der Capitain, ſo will ich warten. Mit dieſen Worten nahm der Capitain Platz auf Mr. Perch's Schemel, zog ſein Taſchentuch aus ſeinem lackirten Hute, den er zwiſchen die Kniee ſteckte(was ſeiner Geſtalt nichts ſcha⸗ dete, denn keine menſchliche Kraft konnte einen Eindruck darauf machen), trocknete ſich ſorgfältig das Geſicht ab und ſah wieder ganz friſch aus. Darauf ordnete er ſich das Haar mit ſeinem Haken, ſah ſich im Comptoir um und betrachtete die Diener mit freundlichem Reſpect. Des Capitains Gleichmuth war ſo unzerſtörbar und er war ein ſo geheimnißvolles Weſen, daß Perch, der Ausläufer, ſich für überwunden erklären mußte. Welchen Namen nannten Sie? frug Mr. Perch und beugte ſich über ihn, wie er auf dem Schemel ſaß. Capt'en, tönte die Antwort in einem tiefen, heiſern Flüſtern. Ja, ſagte Mr. Perch und ſchlug mit dem Kopfe Takt. Cuttle, ſagte der Capitain. O! ſagte Mr. Perch in demſelben Tone, denn er wurde davon angeſteckt, ohne ſich dagegen wehren zu können, ſo kräftig wirkte des Capitains Diplomatie. Ich will ſehen, ob er jetzt unbe⸗ ſchäftigt iſt. Ich weiß nicht. Vielleicht hat er eine Minute Zeit. Ja, ja, mein Junge, ich will ihn blos eine Minute in An⸗ ſpruch nehmen, ſagte der Capitain und nickte mit der würdevol⸗ len Wichtigkeit, die er innerlich fühlte. Gleich darauf kam Perch wieder und ſagte: Iſt es gefällig, hier einzutreten? — 86— Mr. Carker, der Disponent, ſtand auf dem Teppich vor dem leeren Kamin und ſah den Capitain mit nicht beſonders er⸗ muthigendem Blick an. Mr. Carker? ſagte Capitain Cuttle. Zu dienen! ſagte Mr. Carker, und zeigte alle ſeine Zähne. Dem Capitain gefiel es, daß er mit einem Lächeln ant⸗ wortete; es ſah freundlich aus. Sehen Sie, fing der Capitän an, indem er ſeine Augen langſam rund um das kleine Zimmer ſchweifen ließ und ſo viel davon verſchlang, als ſein Hemdkragen erlaubte, ich bin ſelbſt ein Seemann, Mr. Carker, und Walr, der auf Ihrer Muſterrolle ſteht, iſt faſt ein Sohn von mir. Walter Gay? warf Carker mit einem Grinſen ein. Walter Gay, ganz recht, erwiderte der Capitain. Des Ca⸗ pitains Ton und Weiſe verrieth eine herzliche Billigung von Mr. Carkers Scharfſinn. Ich bin ein vertrauter Freund von ihm und ſeinem Onkel. Vielleicht, ſagte der Capitain, haben Sie von Ihrem Oberprincipal meinen Namen nennen hören?— Capitain Cuttle. Nein! ſagte Mr. Carker und zeigte noch mehr von ſeinen Zähnen.— Nun, fing der Capitain wieder an, ich habe die Ehre, mit ihm bekannt zu ſein. Ich beſuchte ihn dort unten an der Suſſex⸗ Küſte mit meinem jungen Freund Walr, als— mit einem Worte, als er uns einen kleinen Gefallen thun ſollte. Der Capitain nickte mit dem Kopfe auf eine Weiſe, die zugleich vertraulich und aus⸗ drucksvoll war. Sie erinnern ſich wohl noch? — 87— Ich glaube, ſagte Mr. Craker, ich hatte die Ghie die Sache in Ordnung zu bringen. Allerdings! erwiderte der Capitain. Ganz recht! Nun habe ich mir heute die Freiheit genommen, Sie zu beſuchen. Wollen Sie ſich nicht ſetzen, ſagte Mr. Carker lächelnd. Danke, entgegnete der Capitain und nahm Platz. Der Menſch kommt vielleicht weiter vorwärts im Reden, wenn er ſich ſetzt. Wollen Sie nicht auch einen Stuhl nehmen? Nein, ich danke, ſagte der Disponent, der vielleicht aus Ge⸗ wohnheit vom Winter her mit dem Rücken gegen das Kamin ge⸗ wendet daſtand und auf den Capitain niederſah mit einem Auge in jedem Zahn. Sie haben ſich die Freiheit genommen, wie Sie ſagten— obgleich es keine iſt. Danke ſchön, mein Junge, erwiderte der Gapitän; Sie zu beſuchen, um mit Ihnen ein Wort über meinen Freund Walr zu ſprechen. Sol Gills, ſein Onkel, iſt ein Mann der Wiſſen⸗ ſchaft und in der Wiſſenſchaft iſt er etwas Ordentliches; aber er iſt nicht ganz, was ich einen tüchtigen Matroſen nennen würde— ein Mann der Praxis. Walr iſt ein ſo wackerer Junge, als je geboren wurde; aber er hat einen Fehler, er iſt zu beſcheiden. Was ich Sie nun fragen wollte, ſagte der Capitain mit leiſerer Stimme und in einer Art von vertraulichem Gebrumme, in aller Freund⸗ ſchaft, ganz unter uns und für meine Privatrechnung, bis Ihr Oberprincipal ſich ein Bischen erholt hat und ich an ihn heran kann, iſt das: iſt hier Alles in Ordnung und Richtigkeit und tritt Walr ſeine Reiſe mit gutem Winde an? 1 — 88— Was würden Sie dazu ſagen, Capitain Cuttle, entgegnete Carker und nahm die Schöße ſeines Rockes unter die Arme. Sie ſind ein praktiſcher Mann; was würden Sie dazu ſagen? Die bedeutſame Schlauheit in des Capitains Auge, als er das eine zur Antwort blos zukniff, können Worte außer jenen unausſprechbaren chineſiſchen, die wir vorhin erwähnten, nicht ſchildern. Nun, ſagte der Capitain unausſprechlich ermuthigt, was ſagen Sie dazu? hab' ich Recht oder Unrecht? So viel hatte der Capitain, ermuthigt und angeregt durch Mr. Carkers lächelnde Höflichkeit, in ſeinem Auge ausgedrückt, daß er ſich ebenſo ſehr zu dieſer Frage befähigt hielt, als ob er ſeine Empfindungen mit der größten Ausführlichkeit darge⸗ legt hätte. Ganz gewiß Recht, ſagte Mr. Carker. Alſo unter Segel gegangen mit gutem Winde? rief Capitain Cuttle aus. Mr. Carker lächelte beiſtimmend. Ja, ja! ſagte Capitain Cuttle ſehr beruhigt und erfreut. Ich wußte ja, wie die Sache ſtand; ich ſagte es Walter. Danke, danke! Gay hat glänzende Ausſichten, bemerkte Mr. Carker und öffnete den Mund noch weiter; er hat die ganze Welt vor ſich. Die ganze Welt und ſeine Frau, wie das Sprichwort ſagt, erwiderte der entzückte Capitain. Beim Worte Frau(welches er ohne Abſicht ausgeſprochen) hielt der Capitain inne und kniff abermals das eine Auge zu, ————.,—————— — 80— ſteckte den lackirten Hut auf den Knotenſtock, gab ihm einen leichten Stoß, daß er ſich rund umdrehte, und ſah ſeinen beſtändig lächelnden Freund von der Seite an. Ich wette ein Viertelchen alten Jamaica, ſagte der Capitain und ſah ihn aufmerkſam an, daß ich weiß, worüber Sie lächeln. Mr. Carker lächelte nur um ſo mehr. Es geht nicht weiter? ſagte der Capitain, und wies mit dem Knotenſtock nach der Thür, wie um zu fragen, ob ſie zu ſei. Keinen Zoll, ſagte Mr. Carker. Sie denken vielleicht an ein großes F? ſagte der Capitain. Mr. Carker leugnete es nicht. Oder an ein L, ſagte der Capitain, oder ein O? Mr. Carker lächelte immer noch. Hab ich wieder Recht? frug der Capitain fluſternd, wäh⸗ rend der rothe Kreis um ſeine Stirne in frohlockender Freude dunkler glühte. Da Mr. Carker immer noch lächelte und jetzt beiſtimmend nickte, ſo ſtand Capitain Cuttle auf, drückte ihm die Hand und verſicherte ihm mit großer Wärme, daß ſie denſelben Strich ſegelten, und daß er(Cuttle) ſchon ſeit lange in dieſer Richtung gefahren ſei. Er lernte ſie auf eine ungewöhnliche Weiſe kennen, ſagte der Capitain, mit dem geheimnißvollen Weſen und der Würde, welche der Gegenſtand erforderte— Sie erinnern ſich, daß er ſie auf der Straße fand, als ſie faſt noch ein kleines Kind war— er hat ſie ſeitdem immer gern gehabt und ſie ihn, ſo weit es bei ſolchen jungen Leuten geht. Wir Beide, Sol Gills und ich, haben immer geſagt, daß ſie für einander geſchaffen wären. — 90ñ— Eine Katze oder ein Affe oder eine Hyäne oder ein Todten⸗ kopf konnte die Zähne nicht mehr fletſchen, als Mr. Carker bei dieſer Wendung des Geſprächs. Es läuft eine große Strömung in dieſer Richtung, bemerkte der Capitain. Wind und Wellen gehen nach dieſer Seite. Denken Sie nur an ſeine Anweſenheit da neulich! Höchſt günſtig für ſeine Hoffnungen, ſagte Mr. Carker. Denken ſie, wie er von der Erinnerung an dieſen Tag weiter bugſirt wird! fuhr der Capitain fort. Was in aller Welt kann ihn davon trennen? Nichts, erwiderte Mr. Carker. Wieder Recht, antwortete der Capitain und drückte ihm die Hand. Nichts! Alſo feſt! Ein Sohn iſt hin, ein hübſcher kleiner Junge. Nicht wahr? Ja, ein Sohn iſt hin, ſagte der ſtets beiſtimmende Carker. Nur ein Wort geſprochen, und es ſteht ein anderer für euch bereit, ſagte der Capitain. Der Neffe eines wiſſenſchaft⸗ lichen Onkels! Der Neffe Sol Gills’; Walr! Wal, ſchon hier in Ihrem Geſchäft! Und, ſagte der Capitain, und erhob ſich all⸗ mählich zu einer Redefigur, die den Schlußeffect voll machen ſollte, der alltäglich von Sol Gills kommt in Ihr Geſchäft und an Ihren Buſen. Des Capitains Selbſtzufriedenheit, als er am Schluſſe von jedem ſeiner kurzen Sätze Mr. Carker mit dem Ellenbogen an⸗ ſtieß, konnte nur von dem Frohlocken übertroffen werden, mit dem er ſich nach dieſer glänzenden Probe von Beredſamkeit und Scharfſinn zurücklehnte und den Disponenten anſah; dabei hob und ſenkte ſich die große blaue Weſte von dem Wehen einer ſolchen Meiſterſchöpfung, und ſeine Naſe war aus demſelben Grunde in einem Zuſtande heftiger Entzündung. Habe ich Recht? ſagte der Capitain. Capitain Cuttle, ſagte Mr. Carker, und bog ſich für einen Augenblick auf ſeltſame Weiſe in den Knieen zuſammen, als ob er ſelbſt ſeinen ganzen Menſchen umarmen wollte, Ihre Anſichten über Walter Gay ſind vollkommen richtig. Ich ſetze voraus, daß wir im Vertrauen mit einander ſprechen? Auf mein Ehrenwort! unterbrach ihn der Capitain. Kein Wort. Weder gegen ihn noch gegen einen Andern, fuhr der Dis⸗ ponent fort. Capitain Cuttle runzelte die Stirn und ſchüttelte den Kopf. Sondern nur zu Ihrer eigenen Befriedigung und Nach⸗ achtung— und Nachachtung, wiederholte⸗Mr. Carker, für Ihre ſpäteren Maßregeln. Danke herzlich, ſagte Capitain, der mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zuhörte. Ich ſtehe durchaus nicht an zu ſagen, daß es an dem iſt. Sie haben das Mögliche und Wahrſcheinliche ausgezeichnet getroffen, fuhr Mr. Carker fort. Und was Ihren Oberprincipal betrifft, ſagte der Capitain, ſo iſt es beſſer, wenn eine Zuſammenkunft zwiſchen uns ſich auf natürliche Weiſe macht. Es iſt Zeit genug dazu. Mr. Carker, den Mund von Ohr zu Ohr geöffnet, wieder⸗ holte: Zeit genug, aber er ſprach die Worte nicht aus, ſondern — 92— nickte nur leutſelig mit dem Kopfe und bildete ſie mit Zunge und Lippen nach. Und da ich jetzt weiß— ich habe es immer geſagt— daß Walter auf dem Wege iſt ſein Glück zu machen, ſagte der Capitain— Sein Glück zu machen, wiederholte Mr. Carker eben ſo lautlos wie vorhin. Und da Walters kleine Reiſe ſo zu ſagen ein Theil ſeiner täglichen Arbeit und ein Theil deſſen iſt, was ſeiner hier wartet, ſagte der Capitain— Was ſeiner hier wartet, ſtimmte Mr. Carker wie vorhin bei. Nun, ſo lange ich das weiß, fuhr der Capitain fort, eilt die Sache nicht, und ich bin beruhigt. Da Mr. Carker immer noch freundlich beiſtimmte, ward Capitain Cuttle in ſeiner Meinung, daß er einer der angenehm⸗ ſten Männer ſei, den er je geſehen, und daß Mr. Dombey ſich ein Beiſpiel an ihm nehmen könne, ſehr beſtärkt. So reichte ihm denn jetzt der Capitain mit großer Herzlich⸗ keit ſeine knorrige Hand(die einem alten mit Farbe überzogenen Druckſtock nicht unähnlich ſah) und drückte ihn damit dermaßen, daß auf ſeinem weichen Fleiſch ein genaues Abbild aller Furchen und Linien, mit denen des Capitains Hand reichlich tätowirt war, zurückblieb. Leben Sie wohl! ſagte der Capitain. Ich bin kein Mann, der viele Worte macht, aber es hat mir gefallen, daß Sie ſo freund⸗ lich und offen waren. Sie werden entſchiiddigen, wenn ich geſtört haben ſollte, ſagte der Capitain. — 93— Ich bitte, Sir, erwiderte der Andere. Danke. Meine Koje iſt nicht ſehr geräumig, ſagte der Ca⸗ pitain und drehte ſich noch einmal um, aber recht gemüthlich; und wenn Sie einmal in die Nähe von Brigg⸗Platz Nr. 9— wollen Sie ſich's notiren?— kommen und ſich die Treppe hinauf be⸗ mühn wollen, ohne ſich um das zu bekümmern, was die Perſon an der Thür ſagt, ſo würde ich mir's zur Ehre anrechnen, Sie bei mir zu ſehen. Mit dieſer gaſtfreundlichen Einladung ſagte der Capitain guten Tag! ging hinaus und machte die Thür zu, während Mr. Carker noch gegen das Kamin gelehnt ſtehen blieb. In dem ſchlauen Blick und lauernden Weſen, in dem falſchen Mund, der die Zähne fletſchte, aber nicht lachte, in dem fleckenloſen Halstuch und dem Bart, in der Art, mit der er mit der weichen Hand ſich über das weiße Leinen und das glatte Geſicht ſtrich, war etwas verzweifelt Katzenartiges. Der nichts ahnende Capitain entfernte ſich in einem Zu⸗ ſtande des Entzückens über ſich ſelbſt, der ſeinem breitſchößigen blauen Rocke einen ganz andern Schnitt gab. Brav, Ned! ſprach der Capitain zu ſich ſelbſt, du haſt den jungen Leuten einen klei⸗ nen Dienſt geleiſtet, mein Junge! In ſeiner Wonne und in ſeiner gegenwärtigen und noch zu hoffenden Vertraulichkeit mit dem Geſchäft konnte ſich der Ca⸗ pitain, als er in das vordere Zimmer trat, nicht enthalten, Mr. Perch ein wenig zu necken und ihn zu fragen, ob immer noch alle Principale beſchäftigt ſeien. Aber um einen Mann, der ſeine Pllicht gethan, nicht zu kränken, flüſterte er ihm ins Ohr, wenn — 914— er Appetit zu einem Glas Grog habe und ihm folgen wolle, ſo werde er ſich glücklich ſchätzen, ihn damit zu tractiren. Ehe der Capitain das Comptoir verließ, betrachtete er ſich zum großen Erſtaunen der Commis das Comptoir von einem gut gewählten Standpunkt aus, als ob er es als weſentlichen ETheil eines Planes anſehe, in dem ſein junger Freund höch⸗ lichſt intereſſirt ſei. Das Caſſenzimmer erregte hauptſächlich ſeine Bewunderung; aber damit er nicht zu genau erſcheinen möge, beſchränkte er ſich auf eine beifällige Geberde und einen Geſammtgruß gegen die Diener als Corporation, der voller Höf⸗ lichkeit und Herablaſſung war, und trat in den Hof hinaus. Mr. Perch folgte ihm ſogleich und er führte dieſen Herrn in das Wirthshaus und erfüllte ſein Verſprechen— etwas ſchnell, denn Mr. Perch's Zeit war koſtbar. Als Toaſt ſchlage ich vor, ſagte der Capitain: Wal! 3 Wer? bemerkte Mr. Perch. Wakr! wiederholte der Capitain mit einer Donnerſtimme. Mr. Perch, der ſich zu erinnern ſchien, in ſeiner Kindheit von einem Dichter gleichen Namens gehört zu haben, machte keine Einwendungen weiter, aber er wunderte ſich ſehr, daß der Ca⸗ pitain nach der City gekommen war, um auf das Wohl eines Dich⸗ ters zu trinken; ja wenn er die Errichtung eines Denkmals von einem Dichter, z. B. von Shakeſpeare, auf einem Platz der City anempfohlen, ſo hätte er Mr. Perch nicht mehr in Erſtaunen ſetzen können. Im Ganzen war er ein ſo geheimnißvoller und unbegreif⸗ licher Charakter, daß Mr. Perch ſich entſchloß, ihn gegen Mis. — 95— Perch gar nicht zu erwähnen, im Fall die Sache ſpäter unan⸗ genehme Folgen haben ſollte. Geheimnißvoll und unbegreiflich blieb der Capitain in ſei⸗ nem ſtolzen Bewußtſein, den jungen Leuten einen kleinen Dienſt geleiſtet zu haben, ſelbſt gegen ſeine vertrauteſten Freunde den ganzen Tag über, und wenn Walter nicht ſeine Winke und ſein Lächeln und andere ſolche pantomimiſche Herzensergießungen ſei⸗ ner Freude über die glückliche Täuſchung des alten Sol Gills zugeſchrieben hätte, ſo hätte er ſich gewiß, ehe es Abend wurde, verrathen. Aber ſo behielt er ſein Geheimniß für ſich; er ging ſehr ſpät nach Haus, den lackirten Hut ſo ſehr auf eine Seite ge⸗ rückt und mit ſo ſtrahlendem Geſicht, daß Mrs. Mac Stinger (die bei Doctor Blimber hätte erzogen ſein können, eine ſo rö⸗ miſche Matrone war ſie) ſich, ſo wie ſie ihn gewahrte, hinter der offnen Hausthür verſchanzte und ſich nicht eher hervorwagte, als bis er ſicher in ſeinem Zimmer untergebracht war. Achtzehntes Capitel. Vater und Tochter. Eine feierliche Stille herrſcht in Mr. Dombey's Hauſe. Die Diener ſchleichen die Treppen auf und ab, aber man vernimmt keinen Fußtritt. Sie ſprechen beſtändig mit einander und ſitzen lange beim Mahle, beſchäftigen ſich viel mit Eſſen und Trinken und feiern unheimlich ſchauerliche Gelage. Mrs. Wickam er⸗ zählt mit thränenvollem Auge trübſelige Anekdoten; und ſagt ihnen, wie ſie bei Mrs. Pipchin immer geſagt habe, daß es ſo kommen müſſe, und trinkt mehr Tiſchbier als gewöhnlich und iſt ſehr bekümmert, aber gemüthlich. Der Köchin Seelenzuſtand iſt dem ähnlich. Sie verſpricht zum Abendeſſen etwas in Butter Gebratenes und hat gleich ſehr gegen ihre Empfindungen und gegen die Zwiebeln zu kämpfen. Towlinſon neigt ſich zu dem Gedanken, daß es ein Verhängniß ſei, und fragt, ob ihm Je⸗ mand ſagen könne, daß das Wohnen in einem Eckhauſe jemals gut abgelaufen ſei. Es ſcheint Allen ſchon zu lange her zu ſein — 972— und dennoch liegt das Kind regungslos und ſchön noch auf ſei⸗ nem kleinen Bette. Nach Dunkelwerden kommen einige Gäſte— ſie gehen ge⸗ räuſchlos und tragen Filzſchuhe an den Füßen— die ſchon früher dageweſen ſind; und mit ihnen kommt das letzte Ruhe⸗ bett, das für ſo jugendliche Schläfer ſo unheimlich iſt. Die ganze Zeit über iſt der ſchmerzzerriſſene Vater von keinem Menſchen geſehen worden; denn er ſitzt in einer Ecke ſeines finſtern Zim⸗ mers, wenn Jemand darin iſt, und ſcheint auch zu andern Zei⸗ ten nur aufzuſtehn, um auf und ab zu ſchreiten. Aber des Mor⸗ gens früh flüſtert ſich die Dienerſchaft zu, daß man ihn in der Tiefe der Nacht habe hinaufgehen hören und daß er in dem Zim⸗ mer bis zum hellen Morgen geblieben ſei. Im Comptoir in der City werden die halbblinden Fenſter durch Läden noch finſterer gemacht; und während die angebrann⸗ ten Lampen auf den Pulten halb vor dem Tage, welcher herein ſcheint, erbleichen, erbleicht auch der Tag halb vor den Lampen und eine ſeltſame Dämmerung herrſcht in den Räumen. Geſchäfte werden nicht ſehr betrieben. Die Diener haben keine Luſt zu arbeiten; ſie verabreden ſich für den Nachmittag zu Par⸗ tien. Perch, der Ausläufer, bleibt lange auf ſeinen Wegen und iſt in Schenken zu finden, in Geſellſchaft von Freunden, wo er über die Unſicherheit menſchlicher Dinge predigt. Er geht Abends zeitiger als gewöhnlich nach Ball's Pond nach Hauſe und tractirt Mrs. Perch mit einem Kalbscotelett und ſchotti⸗ ſchem Ale. Mr. Carker, der Disponent, tractirt Niemanden; auch Boz. Dombey u. Sohn. III. 7 — — 98— wird er nicht tractirt; aber in der Einſamkeit ſeines Zimmers zeigt er den ganzen Tag die Zähne; und man ſollte faſt ver⸗ muthen, daß von Mr. Carker's Lebenspfad ein großes Hinderniß weggeräumt ſei.. Jetzt gucken die rothbäckigen Kinder, die Mr. Dombey'’s Haus gegenüber wohnen, aus den Kinderſtubenfenſtern auf die Straße hinab; denn es ſtehen vier ſchwarze Pferde vor der Thür mit Federbüſchen auf den Köpfen; und Federn ſ chaukeln ſich auf dem Wagen, den ſie ziehen, und dies Schauſpiel und eine Anzahl Männer mit Schärpen und Stäben ziehen Neugierige herbei. Der Jongleur, der den Teller drehen wollte, hängt ſich den Rock wieder über ſein buntes Kleid; und ſeine Frau, die einen ſchweren Knaben auf dem Arme hat, bleibt ſtehen, um die Lei⸗ chengäſte heraus kommen zu ſehen. Aber als die ſo leichte Bürde in der Thür erſcheint, drückt ſie ihr Kind dichter an die braune Bruſt; und das jüngſte der rothbäckigen Kinder gegenüber be⸗ darf keiner Mahnung zum Ernſt, wenn es mit dem Finger auf die Straße weiſend und die Amme anblickend fragt: was iſt das? Und jetzt, geleitet von den trauernden Dienern und den weinenden Frauen, geht Mr. Dombey durch die Vorhalle, um in den wartenden Wagen zu ſteigen. Er iſt nicht von Schmerz und Seelenleid niedergedrückt, denken die Zuſchauer. Sein Gang iſt ſo aufrecht und ſtraff wie immer. Er verbirgt das Geſicht mit keinem Tuche, ſondern blickt gerade vor ſich. Nur daß das Geſicht ſtarrer und bleicher iſt und die Wangen etwas ein⸗ geſunken ſind, ſonſt zeigt es denſelben Ausdruck wie früher. Er ſteigt in den Wagen und die andern Herren folgen ihm. Dann 1 — 99— bewegt ſich der große Leichenzug langſam die Straße hinab. Die Federn nicken noch in der Ferne, da läßt der Jongleur ſchon den Teller auf dem Stocke ſich drehen, und dieſelben Zu⸗ ſchauer umgeben ihn bewundernd. Aber des Jongleurs Frau iſt diesmal mit dem Geldeinſammeln weniger eifrig. Des Kindes Begräbniß hat ſie daran denken machen, daß der Säugling unter ihrem verſchabten Tuche vielleicht auch nicht zum Mann empor⸗ wachſen und vielleicht keine himmelblaue Mitze, keine fleiſchfarbe⸗ nen Tricots tragen wird, um auf der Straße zu ſpringen und auf dem Kopfe zu ſtehen. Ruhig geht der düſtere Zug die Straßen entlang, und bald vernimmt man das Geläute einer Kirchenglocke; in derſe elben Kirche hatte der Knabe das erhalten, was nun bald das einzige Ueber⸗ bleibſel auf der Erde von ihm ſein wird— einen Namen. Was ſterblich von ihm iſt, liegt dort neben den vergänglichen Reſten ſeiner Mutter. Es iſt gut ſo. Ihre Aſche ruht, wo Floren⸗ tine auf ihren Spaziergängen— wie einſam ſie jetzt ſind!— alltäglich ſie auffuchen kann. Nachdem die Leichenfeierlichkeit vorüber iſt und der Geiſt⸗ liche ſich entfernt hat, blickt ſich Mr. Dombey um und fragt leiſe, ob die Perſon da ſei, bei der er die Tafel beſtellen wolle? Einer tritt vor und ſagt: Ja. Mr. Dombey weiſt ihm die gewählte Stelle an, zeichnet ihm an der Mauer Größe und Form vor und zeigt ihm, wie ſie ſich an die Gedächtnißtafel der Mutter anſchließen ſoll. Dann ſchreibt er ihm mit dem Bl leiſtift die Inſchrift auf und 7* — 100— giebt ſie ihm, mit den Worten: ich möchte es aber bald ge⸗ macht haben. Es ſoll ſogleich ausgeführt werden, Sir, giebt der Bild⸗ hauer zur Antwort. Es iſt ja weiter nichts, als Namen und Alter, bemerkt Mr. Dombey. Der Mann verbeugt ſich, ſieht auf das Papier, ſcheint aber zu zögern. Mr. Dombey bemerkt es nicht, dreht ſich um und will nach der Thür gehen. Ich bitte um Verzeihung, Sir,— der Mann legt die Hand leiſe auf den Trauermantel— aber da es ſchnell ausgeführt werden ſoll, und ich es gleich in Arbeit geben kann, wenn ich nach Hauſe komme— 3 Nun? * Wollen Sie ſo gütig ſein, es noch einmal anzuſehen? Mir ſcheint ein kleiner Irrthum obzuwalten, ſagte der Steinhauer. Wo? Der Bildhauer giebt ihm das Blatt zurück und zeigt mit ſeinem Zollſtab auf die Worte: geliebtes und einziges Kind. Es ſoll wohl heißen Sohn, Sir, ſetzt er hinzu. Sie haben Recht. Natürlich. Aendern Sie es ab, ſagt Mr. Dombey. 3 Mit haſtigerem Schritte geht der Vater nach der Kutſche. Als die andern Drei, welche hinter ihm gehen, ihren Sitz einneh⸗ men, hat er das Geſicht zum erſten Mal verhüllt mit dem Man⸗ tel. Auch ſahen ſie es für dieſen Tag nicht mehr. Er ſteigt zuerſt aus und verfügt ſich ſogleich auf ſein Zimmer. Die an⸗ nt gt he. eh⸗ an⸗ igt an⸗ — 101— dern Trauernden, es war nur Mr. Chick und zwei der Aerzte, gehen hinauf in den Salon, wo ſie von Mrs. Chick und Miß Tox empfangen werden. Aber welches Geſicht unten im ver⸗ ſchloſſenen Zimmer verweilt, welche Gedanken, welcher Kampf oder welche Leiden ſein Herz erfüllen, das weiß Keiner. Die Hauptfache, die ſie unten in der Küche wiſſen, iſt, daß es faſt wie Sonntag iſt; ſie können ſich kaum überreden, daß das Benehmen der Leute auf der Straße, die ihren gewöhn⸗ lichen Beſchäftigungen nachgehen und ihre Alltagskleider tragen, nicht unanſtändig, wenn nicht gar gottlos ſei. Es iſt ordent⸗ lich etwas Neues, die Vorhänge aufgezogen und die Laden geöffnet zu ſehen; und ſie ſind ſchauerlich gemüthlich beim Wein, der ſo freigebig geſpendet wird, wie bei großen Feſten. Mr. Towlinſon ſchlägt als Toaſt mit einem Seufzer vor:„Beſſerung uns Allen!““ worauf die Köchin mit einem zweiten Seufzer erwidert: weiß Gott, Platz genug iſt da! Abends nehmen Miß Chick und Miß Tox wieder die Nätherei zur Hand. Des Abends geht Mr. Towlinſon ſpazieren, um friſche Luſt zu ſchöpfen, begleitet von dem Hausmädchen, das den neuen Trauerhut noch nicht anver⸗ ſucht hat. Sie ſind bei den dämmerdunkeln Straßenecken ſehr zärtlich gegen einander, und Towlinſon träumt von einem an⸗ dern und beſſern Daſein als frommer Grütz⸗ und Gemüſehänd⸗ ler auf dem Oxford⸗Markt. Seit vielen Nächten das erſte Mal herrſcht in Mr. Dom⸗ bey's Hauſe tiefe Ruhe und geſunder Schlaf. Die Morgen⸗ ſonne ruft den alten Haushalt wach, der wieder die gewohnte Weiſe annimmt. Die rothbäckigen Kinder von gegenüber ſpringen — 102— mit Reifen vorbei. In der Kirche iſt eine glänzende Trauung Des Jongleurs Frau ſchüttelt die Geldbüchſe in einer andern Gegend der Stadt. Der Steinhauer ſingt und pfeift, während er PAUL auf dem Marmor ausmeiſelt. Und iſt es möglich, daß in dieſer ſo vollen und geſchäftigen Welt der Verluſt eines einzigen ſchwachen Weſens eine Leere zu⸗ rücklaſſen kann, die nur die Größe und Tiefe der Ewigkeit aus⸗ füllt? Florentine in ihrem unſchuldigen Kummer hätte ant⸗ worten können: O mein Bruder, mein heißgeliebter und mich liebender Bruder! Du einziger Freund und Gefährte meiner verödeten Kindheit! Könnte eine geringere Hoffnung das Licht veerbreiten, das ſchon auf deinem frühen Grabe zu glänzen beginnt, oder den ſanftern Schmerz erzeugen, der unter dieſem Thränen⸗ regen emporſprießt? Liebes Kind, ſagte Mrs. Chick, die es für ihre beſondere Pflicht hielt, die Gelegenheit zu benutzen, wenn du ſo alt biſt wie ich— In der Blüthe der Jahre, bemerkte Miß Tox. Dann wirſt du wiſſen, fuhr Mrs. Chick fort, indem ſie Miß Tox für ihre freundliche Bemerkung mit einem Händedruck dankte, dann wirſt du wiſſen, daß alles Grämen unnütz iſt und daß es Pflicht iſt, uns in Geduld zu ergeben. Ich will es verſuchen, liebe Tante. Ich verſuche es, ant⸗ wortete Florentine mit Schluchzen. Das höre ich gern, ſagte Mrs. Chick, weil, wie unſere liebe Miß Tox— über deren geſunde Einſicht und vortreffliches Ur⸗ theil man nicht zweierlei Meinung ſein kann— — 103— Meine liebe Louiſe, ich werde wirklich bald ſtolz werden, ſagte Miß Tox. — dir ſagen und durch ihre Erfahrung beſtätigen wird, daß es bei allen Gelegenheiten unſere Pflicht iſt, uns aufzuraffen. Es wird von uns verlangt. Wenn ein— meine Liebe(zu Miß Tox gewendet), mir fehlt ein Wort. Mis— Mis— Mißtrauen? bemerkte Miß Tox. Nein, nein, nein, ſagte Mrs. Chick. Wie können Sie nur daran denken! Mein Gott, es ſchwebt mir auf der Zungenſpitze. Mis— Mißkannte Neigung? rieth Miß Tor ſchüchtern. O du meine Güte, Lucretia! erwiderte Mrs. Chick. Wie entſetzlich! Miſanthrop iſt das Wort, das mir fehlt. Nein, der Gedanke! Mißkannte Neigung! Ich wollte ſagen, wenn mir ein Miſanthrop die Frage vorlegte: wozu ſind wir geboren? ſo wünde ich antworten: um uns aufzuraffen. Sehr gut, ſagte Miß Tox, auf welche die Originalität dieſes Ausſpruchs großen Eindruck machte. Sehr gut! Leider, fuhr Mrs. Chick fort, haben wir ein warnendes Beiſpiel vor Augen. Wir haben nur zu viel Urſache zu ver⸗ muthen, mein liebes Kind, daß, wenn das Aufraffen in dieſer Familie zur rechten Zeit geſchehen wäre, eine Reihe der betrü⸗ bendſten und unglücklichſten Vorfälle hätte vermieden werden können. Nichts wird mich von der Ueberzeugung abbringen, be⸗ merkte die Gute mit entſchloſſener Miene, daß, wenn die arme Fanny ſich aufgerafft hätte, der arme Kleine wenigſtens mit einer ſtärkeren Conſtitution ausgeſtattet worden wäre. — 104— Mrs. Chick ließ einen Augenblick lang ihren Gefühlen freien Lauf; um aber ihre Lehre auch praktiſch auszuüben, faßte ſie ſich wieder in der Mitte eines Seufzers und fuhr fort: Deshalb, Florentine, bitte ich dich, leg' einige Seelenſtärke an den Tag und verſchlimmere nicht ſo ſelbſtiſch den Schmerz, in den dein armer Papa verſunken iſt. Liebe Tante! ſagte Florentine und kniete raſch vor ihr nieder, damit ſie ihr beſſer ins Geſicht ſehen könnte. Erzähle mir mehr vom Papa. Bitte, erzähle mir mehr von ihm! Grämt er ſich ſo ſehr? Miß Tox war von weichem Herzen, und es lag etwas in dieſer Bitte, was ſie ſehr rührte. Ob ſie darin von Seiten des vernachläſſigten Kindes eine Fortſetzung der liebevollen Theil⸗ nahme ſah, die ihr verſtorbener Bruder ſo oft ausgeſprochen— oder eine Liebe, die ſich an das Herz zu klammern ſtrebte, das ihn geliebt hatte, und die nicht ertragen konnte, von der Theil⸗ nahme an einem ſolchen Schmerz ausgeſchloſſen zu werden— oder ob ſie nur die innige und hingebende Sehnſucht erkannte, die, obgleich zurückgewieſen, in lange unerwiderter Liebe ent⸗ brannte und in der Einſamkeit ſeines Leides bei ihr einen Troſt ſuchte— was immer Miß Tox darin geſehen haben mag, ſie wurde davon gerührt. Einen Augenblick lang vergaß ſie die Majeſtät der Mrs. Chick, klopfte Florentinen haſtig die Wangen, wandte ſich ab und ließ die Thränen ungehindert ihren Augen entſtrömen, ohne erſt das Beiſpiel der weiſen Matrone abzuwarten. Selbſt Mrs. Chick verlor für einen Augenblick die Geiſtes⸗ gegenwart, auf welche ſie ſich ſo viel einbildete, und verſtummte, — 105— als ſie auf das ſchöne jugendliche Antlitz blickte, welches ſo lange, ſo ſtandhaft und geduldig dem kleinen Bette zugewendet geweſen. Aber alsbald fand ſie ihre Stimme wieder und damit auch ihre Geiſtesgegenwart, denn eigentlich waren ſie eins und daſſelbe, und antwortete mit Würde: Meine liebe Florentine, dein armer Papa iſt zuweilen ſehr eigen; und wenn du mich über ihn fragen willſt, ſo ſoll ich dir über etwas Antwort geben, wovon ich wahrhaftig nicht viel ver⸗ ſtehen kann. Ich glaube, ich habe ſo vielen Einfluß auf deinen Vater wie jeder Andere. Aber dennoch kann ich weiter nichts ſagen, als daß er ſehr wenig mit mir geſprochen hat, und daß ich ihn nur ein⸗ oder zweimal einen Augenblick lang geſehen habe, und ſelbſt da kaum geſehen, denn das Zimmer war finſter. Ich ſagte zu deinem Papa:„Paul!“— das ſind genau die Worte, die ich brauchte—„Paull willſt du nichts Stärkendes nehmen?“ Deines Papa's Antwort war beſtändig:„Louiſe, ſei ſo gut und laß mich. Ich brauche nichts. Ich befinde mich beſſer allein.“ Und wenn ich vor Gericht morgen einen Eid darauf leiſten müßte, Lucretia, fuhr Mrs. Chick fort, ſo zweifle ich nicht, daß ich wagen könnte, genau dieſe Worte zu beſchwören. Miß Tox ſprach ihre Bewunderung durch den Ausruf aus: Meine Louiſe iſt doch immer methodiſch! Kurz, Florentine, fuhr die Tante fort, ich habe mit deinem armen Vater kaum ein Wort bis heute geſprochen, wo ich gegen ihn erwähnte, daß Sir Barnet und Lady Skettles ſehr freund⸗ liche Briefe geſchrieben— unſer liebes Kind! Lady Skettles liebte ihn wie— wo iſt mein Taſchentuch? — 106— Miß Top reichte ihr eines. Sehr freundliche Briefe mit einer Einladung für dich, ſie zur Zerſtreuung zu beſuchen. Indem ich gegen deinen Papa erwähnte, daß ich es für das Beſte halte, daß Miß Tox und ich wieder unſer eigenes Haus bezögen(worin er ganz mit mir über⸗ einſtimmte), frug ich ihn, ob er gegen die Annahme dieſer Einla- dung etwas habe. Er ſagte: Nein, Louiſe, nicht das Mindeſte! Florentine ſah mit thränenvollen Augen empor. Wenn du aber, Florentine, anſtatt dieſen Beſuch jetzt ab⸗ zuſtatten oder mich zu begleiten, lieber hier bleiben willſt— be⸗ merkte die Tante. Das wäre mir viel lieber, antwortete das Kind ſchüchtern. Wie du willſt, mein Kind, ſagte Miß Chick. Ich geſtehe, es iſt eine ſeltſame Wahl. Aber du warſt immer ein ſeltſames Kind. Jedes Kind in deinem Alter würde nach dem, was vor⸗ gefallen iſt— liebe Miß Tox, ich habe mein Taſchentuch ſchon wieder verloren— gern dies Haus verläſſen, ſollte man meinen. Es würde mir wehe thun, zu ſehn, ſagte Florentine, daß das Haus gemieden würde. Ich würde ungern denken, daß— die Zimmer oben— ſeine Zimmer leer und verödet wären, Tante. Ich möchte lieber vor der Hand hier bleiben. O mein Bruder! o mein Bruder! Es war ein natürlicher, nicht zu unterdrückender Ausbruch und drängte ſich ſelbſt durch die Hände, mit denen ſie das Ge⸗ ſicht bedeckte. Die überbürdete Bruſt muß manchmal dieſe Er⸗ leichterung haben, ſonſt würde das arme, verwundete, einſame Herz — 107— darinnen, wie ein Vogel mit gebrochenen Schwingen, in den Staub ſinken. Mein Kind! ſagte Miß Chick nach einer Pauſe. Ich möchte dir um keinen Preis ein unfreundliches Wort ſagen und ich bin überzeugt, daß du das weißt. Du wirſt alſo hier blei⸗ ben und es ganz nach deinem Belieben einrichten. Niemand wird dir in den Weg treten, Florentine, oder dir in den Weg treten wollen, gewiß nicht. Florentine ſchüttelte in bekümmerter Beiſtimmung den Kopf. Ich hatte kaum angefangen, deinem armen Papa den Rath zu geben, einige Zerſtreuung und Erholung in einer Ortsverän⸗ derung zu ſuchen, ſagte Miß Chick, ſo benachrichtigte er mich auch ſchon, daß er bereits den Plan gefaßt habe, auf kurze Zeit auf's Land zu gehen. Ich hoffe, er geht ſehr bald. Er kann es nicht zu bald thun, aber ich vermuthe, er wird wohl einige Anordnungen in ſeinen Papieren treffen müſſen in Folge des Unglücks, das uns alle ſo ſchwer betrübt hat— ich kann mir nicht erklären, wo ich mein Taſchentuch gelaſſen habe— Lueretia, bitte, leihen Sie mir das Ihre— und das kann ihn noch für ein oder zwei Abende auf ſeinem Zimmer feſthalten. Dein Papa iſt ein Dom⸗ bey, Kind, wenn es je einen gab, ſagte Miß Chick und trocknete ſich mit großer Sorgfalt beide Augen zugleich mit zwei entgegen⸗ geſetzten Zipfeln von Miß Tox's Taſchentuch. Er wird ſich aufraffen. Bei ihm iſt nichts zu fürchten. Könnte ich gar nichts thun, Tante, frug Florentine zitternd, um ihn— Gott, mein Kind, unterbrach ſie Miß Chick haſtig, was — 108— fällt dir ein? Wenn dein Papa zu mir ſagte— ich habe dir genau ſeine Worte wiederholt—„Louiſe, ich brauche nichts; ich befinde mich beſſer, wenn ich allein bin,“ was denkſt du, daß er zu dir ſagen würde? Du darfſt ihm nicht vor die Augen kommen, Kind! daran darfſt du nicht denken! Tante, ſagte Florentine, ich will zu Bette gehn. Miß Chick billigte dies Vorhaben und entließ ſie mit einem Kuß. Aber Miß Toy folgte ihr unter dem Vorwande, das ver⸗ lorene Taſchentuch zu ſuchen, bis ins Schlafzimmer, und ver⸗ ſuchte während ein paar geſtohlener Minuten ſie zu tröſten, trotz den mißgünſtigen Blicken, mit denen Suſanne Nipper ſie betrachtete. Denn Miß Nipper nannte Miß Toyx in ihrem brennenden Eifer ein Krokodil; doch ihre Theilnahme ſchien echt zu ſein und war jedenfalls uneigennützig, denn es war wenig Gunſt da⸗ durch zu gewinnen. Und hatte ſie Niemanden, der ihr näher ſtand und theurer war, als Suſanne, und der ihr Herz in ſeinem Leid aufrecht er⸗ halten hätte? Hatte ſie keinen anderen Hals, den ſie umſchlingen, kein andres Antlitz, zu dem ſie den Blick wenden, Niemanden, der ſo tiefem Schmerz ein Wort des Troſtes ſagen konnte? Stand Florentine ſo einſam in der öden Welt, daß Niemand anders ihr übrig blieb? Nichts! Mutterlos und bruderlos zugleich geworden — denn durch den Verluſt des kleinen Paul fühlte ſie dieſen erſten und größten Verluſt erſt recht— war dies ihre einzige Stütze. O wer kann ſagen, wie ſehr ſie anfangs dieſe Stütze brauchte! Zuerſt als Alles im Hauſe die gewohnte Weiſe wieder an⸗ nahm und Alle außer der Dienerſchaft fort waren, und ihr Vater — 109— ſich in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen hatte, konnte Florentine nichts thun, als weinen und im Hauſe umherirren und manchmal bei dem plötzlichen Schmerz einer traurigen Erinnerung in ihr Zimmer flüchten, die Hände ringen, ihr Antlitz in den Kiſſen verbergen und keinen Troſt kennen, ſondern nur die Bitterkeit und die Macht des Schmerzes. Dies geſchah gewöhnlich, wenn ihr Auge einer Stelle oder einem Gegenſtand begegnete, der ihm beſonders lieb geweſen, und machte das düſtre Haus anfangs zu einer wahren Hölle. Aber es liegt nicht im Weſen reiner Liebe, lange ſo wild und heftig zu brennen. Die gröbere Flamme, die nicht frei iſt von irdiſcher Beimiſchung, kann das Herz mit verzehrender Gluth erfüllen; aber das heilige Feuer vom Himmel iſt ſo harmlos im Herzen, wie damals, wo es auf den Häuptern der verſammelten Zwölf ruhte und Jedem ſeinen Bruder von Strahlenglanz 4 umkleidet, aber unverletzt zeigte. Mit der Zeit hatte ſich Florentinens Schmerz auch gemildert, und obgleich ſie noch weinte, ſo weinte ſie doch jetzt ruhiger und verweilte gern bei der Erinnerung. Es dauerte nicht lange, ſo konnte ihr Auge ruhig die gol⸗ denen Waſſer betrachten, die auf der alten Stelle an der Wand tanzten. Es dauerte nicht lange, ſo ſaß ſie wieder oft in dem Zimmer ganz allein und ſo geduldig und ſanft als damals, wo ſie an dem kleinen Bette gewacht hatte. Und wenn der Schmerz es leer zu ſehn bittrer ward als gewöhnlich, ſo konnte ſie daneben niederknieen und Gott bitten— und das war der Erguß ihres — uo— vollen Herzens— daß ein Engel ſie lieben und ſich ihrer erin⸗ nern möge. Es dauerte nicht lange, ſo konnte ſie wieder mit leiſer Stimme im Zwielicht langſam und zuweilen unterbrochen das alte Lied anſtimmen, dem er ſo oft gelauſcht, wenn ſein müdes Haupt an ihrer Bruſt ruhte. Und danach, und wenn es ganz. dunkel war, zitterte eine kurze Harmonie durch das Zimmer, ſo leiſe geſpielt und geſungen, daß es mehr klang, wie die melancho⸗ liſche Erinnerung an das, was ſie an jenem letzten Abende auf ſeine Bitte gethan, als wie eine Wiederholung der wirklichen Muſik. Aber ſie kehrte oft, ſehr oft wieder in der nächtlichen Einſamkeit; und einzelne leiſe Töne erklangen noch aus den Saiten, wenn die liebliche Stimme in Thränen erſtickt war. So gewann ſie allmählich den Muth, die Arbeit zu ſehen, mit der ſie ſich an ſeiner Seite am Meeresſtrande beſchäftigt hatte; und ſo dauerte es nicht lange, daß ſie ſie wieder zur Hand nahm, und dafür faſt eine Neigung fühlte, als wäre ſie ein lebendes Weſen und hätte ihn gekannt. So pflegte ſie an einem Fenſter nicht weit von ihrer Mutter Bildniß, in Ge⸗ danken verſunken, in dem ſo lange gemiedenen Zimmer zu ſitzen. Warum ſchweiften die dunkeln Augen ſo oft von der Arbeit weg, hinüber wo die rothbäckigen Kinder wohnten? Sie erinnerten ſie nicht unmittelbar an ihren Verluſt; denn es waren lauter Mädchen, vier kleine Schweſtern. Aber ſie waren mutterloſe Waiſen wie ſie— und hatten einen Vater. Man konnte leicht ſehen, wenn er ausgegangen war und zu Hauſe erwartet wurde, denn die Aelteſte ſtand dann ſtets — 11— am Fenſter des großen Zimmers oder auf dem Balkon; und wenn ſie ihn erblickte, da ſtrahlte ihr hoffendes Geſicht vor Freude, während die andern im hohen Fenſter, die ebenfalls auf ihn ſpäheten, in die Hände klatſchend ihm zuriefen. Die Aelteſte kam ihm bis in die Vorhalle entgegen, gab ihm die Hand und führte ihn die Treppe hinauf; und Florentine konnte hernach ſehen, wie ſie neben ihm ſaß und auf ſeinem Knie oder ihn lieb⸗ koſend an ſeinem Halſe hing und mit ihm plauderte, und obgleich ſie⸗ immer ſehr fröhlich unter einander waren, betrachtete er oft ihr Geſicht, als ob er bei deſſen Anblick an ihre verſtorbene Mutter dächte. Manchmal konnte Florentine das nicht länger mit an⸗ ſehen, brach in Thränen aus und verſteckte ſich hinter dem Vor⸗ hang oder eilte vom Fenſter weg. Aber ſie mußte bald wieder zurückkehren, und die Arbeit ſank ihr dann wieder unbeachtet aus der Hand. Es war das Haus, das ſeit ſo vielen Jahren leer geſtanden hatte. Während ihrer Abweſenheit aber war dieſe Familie eingezogen, und es war ausgebeſſert und neu gemalt worden; und in den Fenſtern ſtanden Vögel und Blumen; und es ſah ganz anders aus als früher. Aber ſie dachte nie an das Haus. Die Kinder und der Vater nahmen ihre Aufmerkſamkeit allein in Anſpruch; wenn er gegeſſen hatte, konnte ſie durch die offenen Fenſter ſehen, wie ſie mit ihrer Gouvernante oder Wärterin in den Garten gingen und ſich um den Tiſch drängten; und dann in ſtillen Sommertagen ſchallte der Klang ihrer Stimmen und ihres hellen Lachens über die Straße herüber in die träge Luft des Zimmers, in welchem ſie ſaß. Dann kletterten und ſprangen — 112— ſie mit ihm die Treppe hinauf, und balgten ſich um ihn auf dem Sopha oder gruppirten ſich um ſeine Kniee, ein wahrer Blumen⸗ ſtrauß von kleinen Geſichtern, während er ihnen eine Geſchichte zu erzählen ſchien. Oder ſie kamen auf den Balkon heraus ge⸗ ſprungen; und dann verſteckte ſich Florentine ſchnell, damit ihre Erſcheinung im Traueranzug die Kinder nicht ſtöre in ihrer Freude. Die Aelteſte blieb bei dem Vater, wenn die übrigen fort waren, und machte ihm den Thee— wie glücklich ſie ſich da als kleine Hausfrau fühlte!— und unterhielt ſich mit ihm manchmal am Fenſter, manchmal im Hintergrunde des Zimmers, bis Licht gebracht wurde. Sie war ſeine tägliche Geſellſchafterin, ob⸗ gleich ſie einige Jahre jünger war als Florentine; und ſie konnte ſo geſetzt und liebenswürdig ernſthaft thun bei ihrem kleinen Buch oder dem Arbeitskörbchen, wie eine Erwachſene. Als Licht gebracht wurde, ſcheute ſich Florentine nicht mehr, aus ihrem finſtern Zimmer hinüber zu blicken, aber wenn der Zeitpunkt kam, wo das Kind ſagte: Gute Nacht, Papa! und zu Bette ging, da zitterte und ſchluchzte Florentine und konnte nicht mehr hinüber ſchauen. Aber dennoch unterbrach ſie das einfache Lied, das ihn vor langer Zeit ſo oſt in Schlaf gelullt, noch oft, ehe ſie ſelbſt zu Bette ging, um wieder nach dem Hauſe hinüber zu blicken. Aber daß ſie überhaupt ſich mit ihnen beſchäftigte oder es beobachtete, war ein Geheimniß, welches ſie tief in ihre jugendliche Bruſt verſchloß. Und hegte dies Herz, dieſes ſo offne und wahre Herz, ſo würdig der Liebe, die er ihr geſchenkt und die aus ſeinen letzten 1 — 1133— Worten geſprochen— noch ein anderes Geheimniß? ja. Noch eines Wenn Niemand in dem Hauſe ſich regte und die Lichter ausgelöſcht waren, da ſchlich ſie leiſe aus ihrem Zimmer, ſtieg mit geräuſchloſem Schritte die Treppe hinab und näherte ſich ihres Vaters Thür. Kaum athmend preßte ſie Antlit und Mund daran in der Inbrunſt ihrer Liebe. Jeden Abend kauerte ſie nieder auf den kalten ſteinernen Fußboden, um auf ſeinen Athemzug zu lauſchen; und in dem einen alles Andere vergeſſenmachenden Wunſche, ihm eine Liebe erzeigen, ihm Troſt ſpenden, ihn lieb⸗ koſen zu dürfen, hätte ſie in demüthiger Bitte zu ſeinen Füßen niederknieen können, wenn ſie es gewagt hätte. G Niemand wußte es, niemand ahnte es. Die Thür war immer zu und er hatte ſich eingeſchloſſen. Er ging ein⸗ oder zweimal aus, und die Leute im Hauſe ſagten, er werde bald ſeine Reiſe antreten; aber er wohnte in dieſem Zimmer, wohnte dort allein, ſah ſie nie und fragte nie nach ihr. Vielleicht wußte er nicht einmal, daß ſie im Hauſe war. Eines Tages, etwa eine Woche nach dem Leichenbegängniß, ſaß Florentine über ihrer Arbeit, als mit halb lachendem und halb weinendem Geſicht Suſanne hereintrat und einen Beſuch an⸗ meldete. Ein Beſuch! Ein Beſuch bei mir, Suſanne! ſagte Floren⸗ tine, verwundert von ihrer Arbeit aufblickend. Ja, freilich iſts ein Wunder, Miß Tinchen, ſagte Suſanne; aber ich wünſchte, Sie hätten viel Beſuch, wahrhaftig, denn Sie würden ſich deshalb nur beſſer befinden, und's iſt meine Meinung, Boz. Dombey u. Sohn. III. 8 — 114— daß, je eher Sie und ich ſelbſt zu den alten Skettles gehen, Miß⸗ deſto beſſer iſt's für uns beide, denn wenn ich auch nicht gern in einem Gewühl lebe, Miß Tinchen, ſo bin ich immer noch keine Auſter. Wir müſſen Miß Nipper die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß ſie weniger in ihrer, als in ihrer jungen Herrin In⸗ tereſſe ſo ſprach; und ihr Geſicht zeigte das. Aber der Beſuch, Suſanne? ſagte Florentine. Suſanne antwortete mit einer hyſteriſchen Exploſion, die ebenſo gut ein Lachen wie ein Seufzen ſein konnte: Mr. Toots. Nur einen Augenblick lang erhellte Florentinens Geſicht ein Lächeln, denn ſogleich füllten ſich ihre Augen wieder mit Thränen, aber jedenfalls war es ein Lächeln, und Miß Nipper ſah es mit großer Befriedigung. 3 Ganz ſo war es bei mir, Miß Tinchen, ſagte Suſanne, indem ſie ſich mit der Schürze die Augen wiſchte und den Kopf ſchüttelte. Wie ich die Einfalt in der Vorhalle ſah, Miß Tinchen, fing ich erſt an zu lachen und mußte dann weinen. Suſanne Nipper wiederholte daſſelbe Manöver gleich auf der Stelle. Mittlerweile hatte Mr. Toots, der, ohne die Wirkung welche er hervorgebracht zu ahnen, der Dienerin gefolgt war, ſich mit ſeinem Klopfen gemeldet, und trat ſehr munter ein. Wie geht's, Miß Dombey? ſagte Mr. Toots. Ich befinde mich ſehr wohl, ich danke Ihnen; wie geht's Ihnen? Mr. Toots— es gab wenig gutmüthigere Kerle, als er, auf der Welt, wenn auch einer oder der andere geiſtreicher ſein konnte— hatte mit großer Mühe dieſe lange Rede auswendig gelernt, um Florentinen und ſich über den erſten Schmerz des ——s Zuſammentreffens hinweg zu helfen. Aber da er ſah, daß er ſeinen ganzen Reichthum unbeſonnener Weiſe verſchwendet hatte, ehe er einen Stuhl genommen oder bevor Florentine geſprochen, ja ſelbſt bevor er ordentlich zur Thür herein war, ſo hielt er es für gut, noch einmal anzufangen. Wie geht's, Miß Dombey? ſagte Mr. Toots. Ich befinde mich ſehr wohl, ich danke Ihnen; wie geht's Ihnen? Florentine reichte ihm die Hand und erwiderte, ſie befinde ſich wohl. Ich befinde mich wirklich ſehr wohl, ſagte Mr. Toots nnd nahm einen Stuhl. Sehr wohl, wirklich. Ich wüßte nicht, ſagte Mr. Toots nach einigem Nachdenken, daß ich mich jemals beſſer befunden hätte. Es iſt ſehr gütig von Ihnen, mich zu beſuchen, ſagte Flo⸗ rentine und nahm ihre Arbeit wieder zur Hand. Es freut mich ſehr, Sie zu ſehen. Mr. Toots antwortete mit einem ſtillen Lachen. Aber aus Furcht, zu heiter zu erſcheinen, verbeſſerte er es mit einem Seufzer. Aus Furcht, dies könnte zu melancholiſch erſcheinen, verbeſſerte er es jetzt wieder mit einem Lachen. Aber nicht ganz mit beiden Arten der Antwort zufrieden, zog er ſehr heftig den Athem ein. Sie waren ſehr freundlich gegen meinen lieben Bruder, ſagte Florentine, ihrem natürlichen Triebe gehorchend, um ihm in ſeiner Verlegenheit ein wenig zu Hülfe zu kommen. Er hat Sie oft gegen mich erwähnt. O, es hat nichts auf ſich, ſagte Mr. Toots haſtig. Es iſt warm heute! 8* — 1u6— Es iſt ſchönes Wetter, erwiderte Florentine. Es bekommt mir außerordentlich gut, ſagte Mr. Toots. Ich glaube kaum, mich je in meinem Leben beſſer befunden zu haben als jetzt; ich danke Ihnen recht ſehr. 3 dargelegt, verſank Mr. Toots in einen tiefen Brunnen des Schweigens. Sie ſind nicht mehr bei Doctor Blimber, nicht wahr? ſagte Florentine, beſtrebt ihm herauszuhelfen. Ich ſollte es meinen, entgegnete Mr. Toots und fiel wieder hinein. 4 Minuten auf dem Grunde. Nach dieſer Friſt kam er plötzlich wieder in die Höhe und ſagte: Alſo guten Morgen, Miß Dombey! Gehen Sie ſchon? frug Florentine und ſtand auf. Nun, ich weiß nicht recht. Nein, noch nicht gleich, ſagte Sache iſt— ich meine, Miß Dombey— Fürchten Sie ſich nicht, von dieſer Sache zu reden, ſagte ſie mit ruhigem Lächeln. Ich würde Sie ſehr gern von meinem Bruder erzählen hören.— Wirklich? entgegnete Mr. Toots mit Theilnahme in jeder Fiber ſeines ſonſt ausdrucksloſen Geſichtes. Der arme Dombey! Ich hätte mir nie gedacht, daß Burgeß u. Comp.— faſhionable Schneider(aber ſehr theuer), von denen wir manchmal ſprachen — dieſen Anzug zu einem ſolchen Zwecke machen würden. Nachdem er dieſes merkwürdige und unerwartete Factum Allem Anſchein nach ertrunken blieb er wenigſtens zehn Nr. Toots, indem er ſich höchſt unerwartet niederſetzte. Die — — 11,— Mr. Toots ging nämlich in Trauerkleidern. Der arme Dombey! Ich meine, Miß Dombey! ſagte Toots, dem Weinen nahe. Nun? ſagte Florentine. An einem Bekannten hing er zuletzt ſehr. Ich glaubte, Sie würden ihn vielleicht gern als eine Art Andenken annehmen. Sie erinnern ſich, daß er für Diogenes bat? O ja! rief Florentine. Der arme Dombey! Ich auch, ſagte Mr. Toots. Da Mr. Toots Florentinen in Thränen ſah, wollte es ihm gar nicht gelingen, über dieſen Punkt hinwegzukommen, und er wäre beinahe wieder in den Brunnen gefallen. Aber ein inner⸗ liches Lachen rettete ihn noch am Rande. Ich meine, Miß Dombey, fuhr er fort, ich hätte ihn für 10 Shilling ſtehlen laſſen können, wenn ſie ihn mir nicht gelaſſen hätten, und ich wollte es auch thun— aber ſie waren froh ihn los zu ſein, glaube ich. Wenn Sie ihn haben wollen— er iſt unten an der Thür. Ich habe ihn für Sie mitgebracht. Es iſt freilich kein Damenhund, ſagte Mr. Toots, aber das wird Sie nicht kümmern, nicht wahr? Wie ſie durch einen Blick aus dem Fenſter alsbald erfuhr. guckte in der That Diogenes unten vor der Thür aus einem Fiaere heraus, in den er unter dem Vorwand, daß Ratten im Stroh ſeien, gelockt worden, um ihn hierher zu bringen. Die Wahrheit zu geſtehen, war er einem Damenhund ſo unähnlich als nur möglich, und zeigte in ſeinem bärbeißigen Eifer, aus dem Wagen zu gelangen, ein ſehr wenig verſprechendes Aeußere, wenn — 118— er aus der innern Seite der Schnauze ein kurzes Gebell ertönen ließ, vom Uebermaß der Anſtrengung zu Boden geworfen ins Stroh fiel, dann keuchend wieder in die Höhe ſprang und die Zunge herausſtreckte, als ſei er in eine Apotheke gekommen, um ſeinen Geſundheitszuſtand prüfen zu laſſen.. Aber obgleich Diogenes ein ſo lächerlicher Hund war, als man nur auf Erden finden konnte, ein verkehrter, häßlicher, plumper, dickköpfiger Hund, beſtändig beſeſſen von dein Wahne, es ſei ein Feind in der Nähe, den anzubellen ein großes Verdienſt ſei; und obgleich er gar nicht gutartig war und ganz gewiß nicht geſcheit und ganz mit Haaren bedeckte Augen hatte und eine ko⸗ miſche Naſe und einen ſeltſamen Schwanz und eine heiſere Stimme, ſo war er Florentinen als Erinnerung jener Abſchiedsbitte ihres Bruders, für ihn zu ſorgen, doch lieber als der werthvollſte und ſchönſte Hund. Ja ſo lieb war ihr dieſer häßliche Diogenes und ſo willkommen, daß ſie die beringte Hand von Mr. Toots nahm und dankbar küßte. Und als der befreite Diogenes die Treppe heraufgelaufen kam und in das Zimner ſtürzte(wie viel Umſtände machte es erſt ihn aus dem Cabriolet zu bringen h, unter alle Meubles fuhr, eine lange eiſerne Kette, die an ſeinem Halsband hing, um Stuhl⸗ und Tiſchbeine ſchlang und daran zog, bis ſeine Augen unnatürlich groß wurden, weil ſie faſt aus ihren Höhlen traten, als er Mr. Toots, der den Vertrauten ſpielen wollte, an⸗ knurrte und wild auf Towlinſon losfuhr, innerlich überzeugt, er ſei der Feind, den er ſein ganzes Leben lang um die Ecke an-⸗ gebellt und nie geſehen hätte: da fand Florentine ſo großen Gefallen an ihm, als wäre er ein Muſterbild von Manierlichkeit. — 119— MNr. Toots freute ſich ſo außerordentlich über die Auf⸗ nahme, welche ſein Geſchenk gefunden, war ſo entzückt, Floren⸗ tinen zu ſehen, wie ſie ſich über Diogenes bückte und ſein grobes Haar mit ihrer kleinen zarten Hand ſtreichelte— Diogenes er⸗ laubte es gnädig vom erſten Augenblicke ihrer Bekanntſchaft an — daß ihm das Abſchiednehmen ſehr ſchwer ward, und er ſich jedenfalls noch eine gute Zeit beſonnen hätte, wäre ihm nicht. Diogenes zu Hülfe gekommen, der ſich plötzlich in den Kopf ſetzte, Mr. Toots anzubellen und kleine Ausfälle mit fletſchenden Zähnen auf ihn zu machen. Da er des letzten Ausgangs dieſer Demonſtrationen doch nicht ſicher war und recht wohl fühlte, daß ſie die von Burgeß' und Comp. kunſtfertigen Händen gefertigten Beinkleider arg gefährdeten, ſo verſchwand Mr. Toots innerlich lachend durch die Thür. Nachdem er ein⸗ oder zweimal ohne alle Urſache hereingeſehen, und von Diogenes ſtets mit einem neuen Bellen begrüßt worden, entfernte er ſich endlich wirklich. So komm, Di, lieber Dil ſchließe Freundſchaft mit deiner neuen Herrin! Laß uns einander liebhaben, Di! ſagte Flo⸗ rentine, ſein zottiges Haupt ſtreichelnd. Und Di, der bärbeißige und zottige, als wäre durch ſeinen Pelz die Thräne, welche dar⸗ auf gefallen, gedrungen und ſein Hundeherz davon erweicht worden, legte ſeine Naſe an ihre Wange und ſchwur ihr Treue. Diogenes der Philoſoph ſprach nicht deutlicher zu Alexander dem Großen, als Diogenes der Hund zu Florentinen ſprach. Er nahm das Anerbieten ſeiner jungen Herrin gern und freiwillig an und widmete ſich ihrem Dienſte. In einer Ecke wurde ihm ſogleich ein Mahl bereitet; und als er ſich ſatt gegeſſen und ge⸗ — 120 trunken, ging er an das Fenſter, wo Florentine ſaß, ſtellte ſich auf den Hinterbeinen in die Höhe, legte ſeine plumpen Vorder⸗ pfoten auf ihre Schulter, leckte ihr Geſicht und Hand, ließ ſeinen großen Kopf an ihrem Buſen ruhen und wedelte mit dem Schwanze, bis er müde war. Zuletzt rollte ſich Diogenes auf dem Fuß⸗ boden neben ihr zu einem Knäuel zuſammen und ſchlief ein. Obgleich Miß Nipper ſich vor Hunden fürchtete und es nothwendig fand, in das Zimmer nur mit ſorgfältig zuſammen⸗ genommenen Kleidern zu kommen, als ob ſie auf Schrittſteinen über einen Bach gehe; oder auch einen leiſen Angſtſchrei aus⸗ ſtieß und auf einen Stuhl ſtieg, wenn er ſich ſtreckte; ſo war ſie doch auf ihre Weiſe von Mr. Toots Freundlichkeit gerührt und konnte Florentinen nicht ſo empfänglich für die Liebe dieſes un⸗ ſcheinbaren Freundes des kleinen Paul ſehen, ohne innerlich einige Bemerkungen darüber zu machen, die ihr Thränen in die Augen brachten. Jedenfalls mußte ſich in ihrem Geiſte der G⸗ danke an Mr. Dombey mit dieſem Hund verbinden; denn nach⸗ dem ſie Diogenes und ſeine Herrin den ganzen Abend beobachtet und ſich mit großer Bereitwilligkeit bemüht hatte, im Vorzimmer ein Lager für ihn zubereiten, äußerte ſie, ehe ſie gute Nacht nahm, haſtig zu Florentinen: Ihr Papa reiſt morgen früh ab, Miß Tinchen. Morgen früh, Suſanne? Ja, Miß; ſo iſt's beſtellt. Ganz früh. Weißt du, frug Florentine ohne ſie anzuſehen, wohin der Papa reiſt?— Nicht ſo recht, Miß. Er will erſt mit dem koſtbaren — 121— Major zuſammentreffen, und ich muß ſagen, wenn ich mit einem Major bekannt wäre(was der Himmel verhüte), ſo ſollie es we⸗ nigſtens kein blauer ſein! Still, Suſanne! bat Florentine. Ach, Miß Tinchen, erwiderte Miß Nipper, die vor Entrü⸗ ſtung glühte und ſich um die Pauſen noch weniger als gewöhn⸗ lich bekümmerte. Ich kann nichts dafür, aber blau iſt er, und ſo lange ich eine Chriſtin bin, und wenn ich auch ein gemei⸗ nes Mädchen bin, will ich Freunde von natürlicher Farbe haben oder gar keine. . Aus dem, was ſie hinzufügte und unten erfahren hatte, ging hervor, daß Mrs. Chick den Major als Geſellſchafter vor⸗ geſchlagen, und daß Mr. Dombey ihn nach inigem Beſinnen eingeladen hatte. Der, und eine Veränderung! bemerkte Miß Nipper vor ſich hin mit grenzenloſer Verachtung. Wenn der eine Verän⸗ derung iſt, ſo gebt mir eine Beſtändigkeit., Gute Nacht, Suſanne, ſagte Florentine. Gute Nacht, meine gute, liebe Miß Tinchen. Der. mitleidige Ton, mit dem ſie dieſe Worte ſprach, traf die Wunde, die ſo oft ſchon berührt worden, aber nur im Ge⸗ heimen geblutet hatte. Als Florentine ſich allein ſah, ſtützte ſie den Kopf auf die eine Hand, preßte die andere auf ihr ſchwel⸗ lendes Herz und überließ ſich ihrem Schmerz. Es war naſſes Wetter draußen und der melancholiſche Re⸗ gen ſchlug mit eintönigem Geräuſche an das Fenſter. Ein trä⸗ ger Wind wehte und ſtrich klagend um das Haus. Ein ſchrilles — 1¹22— Rauſchen zitterte durch die Bäume. Während ſie weinend da⸗ ſaß, wurde es ſpät und es ſchlug feierlich Mitternacht vom Thurme. Florentine war kaum den Kinderjahren entwachſen— noch nicht vierzehn— und die Einſamkeit und die Schauer einer ſolchen Stunde in dem großen Hauſe, das der Tod vor Kurzem ſo furchtbar heimgeſucht, hätten eine ältere Phantaſie mit vagem Schrecken erfüllen können. Aber ihre unſchuldige Einbildungs⸗ kraft war zu ſehr erfüllt mit einem Gegenſtand, um etwas An⸗ deres zuzulaſſen. In ihren Träumen ſchweifte nichts umher als Liebe— eine herumirrende und verſchmähte Liebe— die ſich aber immer ihrem Vater zuwendete. In dem Tröpfeln des Regens, dem Klagen des Windes, dem Rauſchen der Bäume, dem feierlichen Schall der Glocken war nichts, was dieſen einen Gedanken hätte verjagen und ſein Intereſſe hätte vermindern können. Ihr Verweilen bei dem Bilde des verſtorbenen Bruders— und dies hörte niemals auf— war derſelbe Gedanke, dieſelbe Sache. Und o! ausgeſchloſſen und ſo vereinſamt zu ſein, daß ſie ſeit jener Stunde nie in ihres Vaters Geſicht geblickt oder ihn angerührt hatte! Die Arme konnte nicht zu Bette gehen und hatte es ſeit jenem Unglückstage nie gethan, ohne ihre nächtliche Pilgerfahrt an ſeine Thür zu machen. Ein ſeltſamer, trauriger Anblick muß es geweſen ſein, wie ſie durch die trübe Nacht leiſe die Treppe hinabglitt und vor der Thür ſtehen blieb mit klopfendem Herzen, thränengetrübten Augen und aufgelöſtem Haar, das unbeachtet niederfiel, und die thränenfeuchte Wange an die Thür legte. Aber die Nacht verhüllte es und niemand wußte davon. — 1232— Als heute Nacht Florentine die Thür berührte, bemerkte ſie, daß ſie offen ſtand. Zum erſten Male ſtand ſie offen, ob⸗ gleich nur um ein Haar breit; und drinnen war Licht. Der erſte Gedanke des ſchüchternen Kindes— und ſie gab ihm nach — war, ſich eilig zu entfernen, ihr nächſter— zurückzukehren und hineinzutreten; und noch unentſchloſſen blieb ſie auf der Treppe ſtehen. Es ſchien von guter Vorbedeutung, daß ſie offen ſtand, wenn auch noch ſo wenig. Es lag etwas Ermuthigendes in dem Licht⸗ ſtrahl, der ſich durch die dunkle Pforte ſtahl und wie ein golde⸗ ner Faden auf dem marmornen Fußboden glänzte. Sie kehrte um, ohne ſelbſt recht zu wiſſen warum, aber getrieben von der Liebe in ihrem Herzen und der Prüfung, die ſie zuſammen gelit⸗ ten, aber nicht getheilt hatten, und trat mit zitternden flehend erhobenen Händen leiſe ein. Ihr Vater ſaß an ſeinem gewöhnlichen Tiſch im mittleren Zimmer. Er hatte Papiere geordnet und einige vernichtet und die letztern lagen zerriſſen auf dem Boden. Der Regen fiel mit dumpfem Schalle auf die Glasſcheiben des Vorderzimmers, wo er ſo oft Paul als Säugling zugeſehen; und das leiſe Klagen des Windes wurde draußen vernommen. Aber nicht von ihm. Er ſaß da, die Augen ſtarr auf den Tiſch geheftet, ſo tief in Gedanken verſunken, daß ein viel ſchwe⸗ rerer Tritt als der ſeines Kindes ihn nicht hätte wecken können; ſein Geſicht war ihr zugewendet. Bei dem bleichen Lichte der Lampe und zu dieſer ſpäten Stunde ſah es ermattet und nieder⸗ geſchlagen aus; und die öde Einſamkeit, die ihn umgab, war — — 124— eine erſchütternde Mahnung an Florentinens Herz, der ſie nicht widerſtehen konnte. Papa! Papa! ſprich mit mir, lieber Papa! Beim Schall ihrer Stimme ſchrak er zuſammen und ſprang auf. Sie ſtand dicht vor ihm mit ausgebreiteten Armen, aber er trat zurück. Was giebt es? ſagte er ſtreng. Was ſuchſt du? Was angſtigt dich? Wenn etwas ſie ängſtigte, ſo war es das Geſicht, welches ſie anſah. Die heiße Liebe in der Bruſt ſeiner jungen Tochter⸗ wurde von dieſem Blicke zu Eis, und ſie ſtand da und ſah ihn an, als wäre ſie Stein geworden. Keine Ahnung von Liebe oder Mitleid lag darin. Kein Strahl von Theilnahme, väterlicher Neigung oder nachgiebiger Reue. Eine Veränderung war zu bemerken, aber ſie war nicht von dieſer Art. Die alte Gleichgültigkeit und die ſchroffe Kälte hatten etwas Anderem Platz gemacht. Was es war, wagte ſie nicht auszudenken, und doch fühlte ſie ſeine volle Gewalt und kannte es, ohne ſeinen Namen zu wiſſen. Sah er in ihr die glückliche Nebenbuhlerin ſeines Sohnes in Geſundheit und Leben? Sah er in ihr ſeine eigene glückliche Nebenbuhlerin um dieſes Sohnes Liebe? oder konnten tolle Eifer⸗ ſucht und niedergeſchmetterter Stolz wohlthuende Erinnerungen vergiften, die dieſes Mädchen ihm theuer und werth gemacht ha⸗ ben ſollten? Konnte es möglich ſein, daß es ihm bittre Galle — 125— war, ihre Schönheit und Hofrungsreiche Blüthe zu ſehen und dabei an ſeinen Sohn zu denken? Florentine kam nicht. auf ſolche Gedanken Aber die Liebe fühlt ſchnell, wo ſie zurückgewieſen wird und nicht hoffen darf, und in ihr ſtarb die Hoffnung, als ſie ihrem Vater ins Antlitz ſah. Ich frage dich, Florentine, fürchteſt du dich? Iſt etwas vorgefallen, daß du zu mir kommſt? ſprach er. Ich kam, Papa— Gegen meinen Wunſch. Warum? Sie ſah, er wußte warum: es ſtand ihm deutlich aufs Ge⸗ ſicht geſchrieben, und ſie ließ mit langgezogenem leiſem Wehſchret ihr Geſicht in ihre Hände ſinken. Möge er noch in ſpäten Jahren in dieſem Zimmer daran ge⸗ denken! Die Klage iſt in der Luft verhallt, ehe er das Schweigen bricht. Sie wird eben ſo ſchnell aus ſeinem Gedächtniß ver⸗ ſchwinden, denkt er, aber ſie bleibt darin haften. Möge er noch in ſpäten Jahren in dieſem Zimmer daran gedenken! Er ergriff ſie beim Arm. Seine Hand war kalt und faßte ſie kaum an. Du wirſt müde ſein, ſagte er, indem er das Licht nahm und ſie nach der Thür führte, und bedarfſt der Ruhe. Wir bedürfen Alle der Ruhe. Geh, Florentine, du haſt geträumt. So war der Traum, den ſie gehabt, vorüber, Gott helfe ihr; und ſie fühlte, daß er nie wieder zurückkehren werde. Ich will hier ſtehen bleiben, um dir die Treppe hinauf zu — 126— leuchten. Das ganze Haus da oben gehört dir. Du biſt jetzt ſeine Herrin. Gute Nacht! ſagte er. Immer noch das Geſicht verhüllend ſchluchzte ſie und ant⸗ wortete: Gute Nacht, lieber Papa, und ſtieg im Schweigen die Treppe hinauf. Einmal ſah ſie ſich noch um, als ob ſie zu ihm zurückkehren wollte, wenn ſie ſich nicht fürchtete. Es war der Gedanke eines Augenblicks, zu hoffnungslos, um länger genährt zu werden; und ihr Vater ſtand unten mit dem Lichte— ſtarr, unnahbar, regungslos— bis das wehende Kleid ſeines liebli⸗ chen Kindes in der Dunkelheit ſich verlor. Möge er noch in ſpätern Jahren in dieſem Zimmer daran gedenken! Der Regen, der auf das Dach tröpfelt; der Wind, der draußen vor der Thür ſtöhnt, können in ihrem klagenden Tone eine Vorahnung davon haben. Möge er noch in ſpätern Jahren in dieſem Zimmer daran gedenken! Das letzte Mal, wo er ſie von derſelben Stelle aus beob⸗ achtet, hatte ſie ihren Bruder die Treppe hinauf getragen. Es rührte ſein Herz nicht gegen ſie, es verhärtete es nur; aber er ging in ſein Zunmer, verſchloß die Thür, ſetzte ſich in ſeinen Stuhl und beweinte den verlornen Sohn. Diogenes war ganz wach geworden auf ſeinem Poſten und erwartete ſeine junge Herrin. O Dil o lieber Di! liebe mich um ſeinetwillen! Diogenes liebte ſie ſchon um ihrer ſelbſt willen, und genirte ſich gar nicht es ihr zu zeigen. So machte er ſich denn außer⸗ ordentlich lächerlich durch die poſſirlichſten und ungeſchickteſten 1 — 1, Sprünge im Vorzimmer, und als endlich die arme Florentine eingeſchlafen war und von den rothbäckigen Kindern gegenüber träumte, öffnete er durch Kratzen ihre Schlafzimmerthür, rollte ſein Lager zu einem Kiſſen zuſammen, legte ſich auf die blanke Diele, ſo weit vor, als ſeine Kette es ihm erlaubte, und ſah ſie auf dem Rücken liegend mit trägem Blick an, bis er endlich ſelbſt einſchlief und mit mürrriſchem Bellen von ſeinem Feinde träumte. „ Neunzehntes Capitel. Walters Abreiſe! Dem hölzernen Seecadetten vor des Opticus Thür blieb es in ſeiner Hartherzigkeit vollkommen gleichgültig, daß Walter fortging, ſogar als der allerletzte Tag ſeines Aufenthalts in ſeinem Hinter⸗ ſtübchen ſich ſchon zu Ende neigte. Mit ſeinem Quadranten vor dem runden ſchwarzen Knopf von einem Auge und ſeiner Ge⸗ ſtalt in ihrer alten Stellung rückſichtsloſer Eilfertigkeit, zeigte der Seecadett ſeine niedlichen kurzen Hoſen im beſten Lichte und hatte, in wiſſenſchaftliche Forſchungen vertieft, keine Sympathie für irdiſche Angelegenheiten. Er war in ſofern ein Geſchöpf der Verhältniſſe, daß ein trockener Tag ihn mit Staub bedeckte, ein nebliger Tag ihn mit kleinen ſchwarzen Rußfleckchen be⸗ ſtreuete, ein naſſer Tag ſeine verſchoſſene Uniform für einen Augenblick glänzend machte und ein ſehr heißer Tag auf ſeiner Haut Blaſen zog; aber ſonſt war er ein harter, unzugänglicher, eingebildeter Seecadett, nur beſchäftigt mit ſeinen eigenen Ent⸗ 7 1 — 129— deckungen, und gegen alles Irdiſche, was um ihn vorging, ſo gleich⸗ gültig, wie Archimedes bei der Einnahme von Syrakus. So erſchien er wenigſtens bei dem damaligen Stande der häuslichen Angelegenheiten. Walter ſah ihn manchmal beim Aus⸗ und Eingehen freundlich an; der arme alte Sol trat, wenn Walter nicht da war, heraus und lehnte ſich an die Thür⸗ Pfoſte, ſo daß ſeine Perrücke den Schuhſchnallen des Schutzgeiſtes ſeines Geſchäftes und Ladens ganz nahe war. Aber kein grim⸗ miges Götzenbild mit weit aufgeſperrtem Munde und einem blut⸗ dürſtigen Geſicht von Papageifedern konnte gegen die Bitten ſei⸗ ner wilden Verehrer gleichgültiger bleiben, als der Seecadett gegen dieſe Liebesbeweiſe. Waltern wurde das Herz ſchwer, als er ſich in ſeinem alten Schlafzimmer umſah und daran dachte, daß er nach einer einzi⸗ gen Nacht, die ſchon herandunkelte, vielleicht für immer von ihm ſcheiden müſſe. Jetzt, wo er ſeinen kleinen Vorrath von Bü⸗ chern und Bildern ausgeräumt, ſah es ihn ſo kalt und verwurfs⸗ voll an, als ſchmolle es wegen ſeines Gehens, und ſchaute ihm ſchon ſo fremd aus wie in Vorahnung ſeiner Verödung. Ein paar Stunden ſpäter, dachte Walter, und kein Traum, den ich je hier als Schulknabe hatte, wird ſo wenig mein gehören wie dieſes alte Zinmer. Der Traum kann im Schlafe einmal wie⸗ derkommen, und ich kehre vielleicht wachend hierher zurück: aber der Traum dient wenigſtens keinem andern Herrn, und dies Zimmer bekommt vielleicht ein Dutzend und jeder von ihnen ver⸗ ändert, vernachläſſigt oder beſchädigt es vielleicht. Aber er durfte den Onkel nicht allein laſſen in der kleinen Boz. Dombey u. Sohn. III. 3. 9 — 130— Hinterſtube, wo er ohne weitere Geſellſchaft ſaßz denn Capitain Cuttle war zartfühlend gegen ſein Verlangen weggeblieben, damit ſie noch einmal traulich und allein mit einander ſprechen könnten. So ging denn Walter, kaum heimgekehrt von den Geſchäften ſeines letzten Tages, raſch hinunter, um ihm Geſellſchaft zu leiſten. Onkel, ſprach er heiter und legte ſeine Hand auf die Schul⸗ ter des Alten, was ſoll ich dir von Barbados nach Hauſe ſchicken? Hoffnung, lieber Walter! Hoffnung, daß wir uns wieder⸗ ſehen diesſeits des Grabes! Schicke mir ſo viel davon als du kannſt. genug und will nicht karg damit ſein! Und Schildkröten, und Citronen für Capitain Cuttle zum Punſch, und Eingemachtes für dich zum Sonntag ſchicke ich in ganzen Schiffsladungen, Onkel, wenn ich reich genug bin.. Der alte Sol wiſchte ſich die Brille ab und lächelte trübe. So iſt's recht, Onkel! rief Walter luſtig und klopfte ihm ein halbdutzend mal mehr auf die Schulter. Du heiterſt mich auf! Ich werde dich aufheitern! Wir wollen morgen früh ſo luſtig ſein wie die Lerchen und eben ſo hoch fliegen! Meine Erwartungen ſind ſchon ſo hoch geflogen, daß ich ſie gar Micht mehr ſehe. Wally, mein lieber Sohn, erwiderte der Alte, ich will mein Beſtes thun. Und dein Beſtes, Onkel, ſagte Walter mit ſeinem erquick⸗ lichen Lachen, iſt das beſte Beſte, das ich kenne. Du wirſt doch nicht vergeſſen, was du mir ſchicken ſollſt, Onkel? Das will ich thun, Onkel: ich habe genug und mehr als — — — 131— Nein, Wally, nein, erwiderte der Alte; Alles, was ich von Miß Dombey höre, werde ich dir ſchreiben. Ich fürchte aber, es wird nicht viel ſein. Ich will dir etwas ſagen, Onkel, ſagte Walter nach einigem Zögern, ich bin eben dort geweſen. So, ſo, ſo, murmelte der Alte, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog und ſeine Brille mit ihnen. Nicht um ſie zu ſehen, ſagte Walter, obgleich ich ſie hätte ſehen können, wenn ich daruach verlangt hätte, denn Mr. Dom⸗ bey iſt auf dem Lande, ſondern um von Suſannen 2 bſchied zu nehmen, Unter den jetzigen Umſtänden und wenn ich bedachte, wo ich Miß Dombey zuletzt geſehen, glaubte ich das wagen zu dürfen. Ja, mein Sohn, ja, antwortete ſein Onkel, der ihm ganz zerſtreut zugehört hatte. So ſah ich ſie denn, fuhr Walter fort, Suſannen näm⸗ lich, und ſagte ihr, daß ich morgen abreifen würde. Und ich ſagte, Onkel, daß du ſeit jenem Abend, wo Miß Dombey hier war, immer ein Intereſſe für ſie gehabt, ihr immer alles Gute gewünſcht hätteſt und dir einen Stolz und eine Freude daraus machen würdeſt, ihr den mindeſten Dienſt zu leiſten. Sieh, das glaubte ich unter dieſen Umſtänden ihr ſagen zu dürfen. Meinſt du nicht auch? 3 Ja, mein Sohn, ja, erwiderte ziri Onkel in denſelben Tone, wie vorhin. Und ich fügte hinzu, fuhr Walter fort, daß, wenn ſie— Suſannen meine ich— jemals dir, entweder ſelbſt oder durch 1* 9- 8 — 132— Mrs. Richards, oder ſonſt Jemand, der hier vorbei geht, ſagen laſſen könnte, daß Miß Dombey geſund und glücklich ſei, ſo würdeſt du ſehr dankbar dafür ſein und würdeſt es mir ſchrei⸗ ben und ich würde auch ſehr dankbar dafür ſein. Nun iſt s heraus! Auf mein Wort, Onkel, ſagte Walter; ich habe vorige Nacht kaum einen Augenblick ſchlafen können, ſo ſehr machte mir der Gedanke zu ſchaffen, ob ich es thun ſollte oder nicht; und doch bin ich überzeugt, daß es ein richtiges Gefühl meines Herzens war, und daß ich ſpäter ganz unglücklich gene⸗ ſen wäre, wenn ich es nicht befriedigt hätte. Seine ehrliche Stimme und Weiſe beſtätigten, was er ſagte, und ſtellten ſeine Wahrhaftigkeit über allen Zweifel feſt. Alſo wenn du ſie einmal ſiehſt, Onkel, ſagte Walter,— ich meine jetzt Miß Dombey— und wer weiß, ob das nicht ge⸗ ſchieht!— ſo ſage ihr, wie theilnehmend ich für ſie gefühlt habe; wie oft ich an ſie dachte, als ich noch hier war; wie ich von ihr ſprach mit Thränen in den Augen, am letzten Abend vor meiner Abreiſe. Sage ihr, daß ich nie ihr ſanftes Sprechen, oder ihr anmuthiges Geſicht, oder ihren gütigen und freundlichen Charakter, das Beſte von Allem, vergeſſen könnte. Und da ich ſie nicht von dem Fuße einer Frau oder jungen Dame nahm, ſondern nur von einem kleinen unſchuldigen Kinde, fuhr Walter fort, ſo ſage ihr, Onkel, daß ich dieſe Schuhe aufbewahrt habe — ſie wird ſich erinnern, wie oft ſie an jenem Abend abfi elen — und mitgenommen habe, als ein Andenken! Sie wurden in dieſem Augenblick gerade in einem von Walters Koffern hinausgetragen. Ein Träger, der ſein Ge⸗ — 133— päck nach dem Schiffe ſchaffte, hatte ſie im Beſitz und entführte ſie vor den Augen des gefühlloſen Seecadetten, ehe ihr Eigen⸗ tthümer ganz aufgehört hatte zu ſprechen. Aber der alte Seemann konnte eine Entſchuldigung finden für ſeine Gleichgültigkeit gegen den Schatz, der eben von dannen geſchafft wurde. Denn in demſelben Augenblick traten in ſei⸗ nen Beobachtungskreis und in den Bereich ſeiner ſtaunenden und weit geöffneten Augen Florentine und Suſanne Nipper. Erſtere ſah mit halb ſchüchternem Blick zu ihm empor und wurde von der ganzen Gluth ſeines höczernen Liebesblicks ge⸗ troffen. Noch mehr, ſie traten in den Laden und in das Hinter⸗ ſtübchen, bevor ſie von Jemand anders als dem Seecadetten be⸗ merkt wurden. Und Walter, der mit dem Rücken nach der Thür ſtand, hätte ſelbſt da noch nichts von ihrer Erſcheinung bemerkt, wenn nicht der Onkel von ſeinem Stuhl aufgeſprungen und über einen zweiten faſt gefallen wäre.. Aber Onkel! rief Walter aus, was giebt's denn? Der alte Salomo erwiderte: Miß Dombey!— Iſts möglich? rief Walter und ſah ſich ebenfalls hühlichſt überraſcht um. Hier! Ja, es war ſo möglich und ſo wirklich, daß, während dieſe Worte noch auf ſeinen Lippen ſchwebten, Florentine an ihm vor⸗ bei eilte, Onkel Sol's ſchnupftabakfarbene Rockklappen ergriff, heine mit jeder Hand, ihn auf die Wange küßte, ſich dann um⸗ wandte und Waltern mit ſo einfacher Wahrheit und Innigkeit, wie ſie nur ihr eigen waren, die Hand reichte. — 134— Sie reiſen fort, Walter? ſagte Florentine. Ja, Miß Dombey, erwiderte er, aber nicht ſo heiter als er ſich bemühte; ich habe eine lange Reiſe vor mir. Und Ihr Onkel? ſagte Florentine, und blickte Salomo an. Es ſchmerzt ihn, daß ſie gehen? Gewiß. Ja, ich ſehe es! Lieber Walter, es thut mir auch ſehr leid! Der Himmel weiß, rief Miß Nipper aus, giebt Viele, die wir anſtatt deſſen entbehren könnten; wenn's Geld die Haupt⸗ ſache iſt, wäre Mrs. Pipchin billig für ihr Gewicht in Gold, und wenn eine Kenntniß der Negerſclaverei verlangt wäre, ſo ſind die Blimbers die Beſten für die Stelle. Damit löſte Miß Nipper ihr Hutband, guckte ein paar Secunden mit leerem Blicke in einen kleinen ſchwarzen Theekeſſel, der mit dem gewöhnlichen beſcheidenen Service auf dem Tiſch ſtand, ſchüttelte den Kopf und einen Theekaſten von Blech und fing unaufgefordert an, den Thee zu bereiten. Unterdeſſen hatte ſich Florentine wieder zu dem Opticus gewendet, der eben ſo ſehr von Bewunderung wie von Erſtaunen erfüllt war. So gewachſen! ſagte der alte Sol. So hübſch geworden! Und doch nicht verändert! Ganz dieſelbe! Wirklich? ſagte Florentine. Ja, ja, antwortete der Alte, indem er ſich langſam die Hände rieb und ſich die Sache halblaut überlegte, als ein nach⸗ denklicher Ernſt in den klaren Augen, die ihn anblickten, ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Ja, das war auch in dem jüngern Geſichte. — 135— Sie erinnern ſich meiner, ſagte Florentine lächelnd, und was für ein kleines Ding ich damals war? Mein liebes junges Fräulein, erwiderte der Opticus, wie hätte ich Sie auch vergeſſen können, da ich ſeitdem ſo oft an Sie gedacht und ſo oft von Ihnen gehört habe! Ja ſelbſt in dem Augenblick, wo ſie eintraten, ſprach Wally von Ihnen und gab mir Aufträge an Sie und— Wirklich? ſagte Florentine. Ich danke Ihnen, Walter, o, ich danke Ihnen, Walter! Ich fürchtete, Sie würden abrei⸗ ſen und kaum an mich denken; und mit dieſen Worten reichte ſie ihm die kleine Hand ſo willig und zutraulich hin, daß Walter ſie ein paar Seeunden lang feſthielt und ſich nicht entſchließen konnte, ſie loszulaſſen. Und doch hielt ſie Walter nicht ſo, wie er es früher gethan hätte, und ihre Berührung weckte in ihm nicht jene Träume ſeiner 1 Knabenjahre, die ihm ſelbſt vor Kurzem noch erſchienen und ihn mit ihren unbeſtimmten und zerriſſenen Geſtalten verwirrt hatten. Die Reinheit und Unſchuld ihres liebreichen Weſens, ihre offene Zutraulichkeit und die unverhüllte Achtung für ihn, die in der Tiefe ihrer klaren Augen lag und auf ihrem lieblichen Ge⸗ ſicht durch das Lächeln glänzte, welches es überſchattete— denn ach! es war ein zu trübes Lächeln, um jemals ſonniger zu wer⸗ den— waren dieſer Romantik fremd. Sie brachten vor ſeine Seele das Sterbebett, an dem er ſie pflegend geſehen, und die Liebe, mit der das Kind ihrer gedacht; und auf den Schwingen dieſer Erinnerungen ſchien ſie ſich weit über ſeine nächtigen Träume in eine klarere und ſchinere Sphärs zu erheben. — 136— — ich fürchte, ich muß Sie Walters Onkel nennen Sir, 8 Florentine zu dem Alten, wenn Sie mir's cälauben wollen. Mein liebes junges Fräulein, rief der alte Sol. Es Ihnen erlauben! Gütiger Himmel! Wir kannten Sie immer unter dieſem Nanemund nannten Sie ſo, ſagte Florentine, indem ſie ſich umſchaute und leiſe ſeufzte: das trauliche alte Zimmer! Ganz daſſelbe wch Wie gut ich mich ſeiner erinnere! Der Alte blickte erſt ſie an, dann ſeinen Neffen, rieb ſich dann die Hände, und wiſchte ſich die Brille ab, und ſagte ganz leiſe: Ach! die Zeit, die Zeit! Es trat eine kurze Pauſe ein, während welcher Suſanne Nipper zwei Taſſen mehr aus dem Eckſchrank confiscirte und das Ziehen des Thees mit nachdenklicher Miene abwartete. Ich möchte Walters Onkel, ſprach Florentine, indem ſie ihre Hand ſchüchtern auf die des Alten, welche auf dem Tiſche ruhte, legte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu wecken, etwas ſagen, was mir ſehr am Herzen liegt. Er wird nun bald allein ſein, und wenn er mir geſtatten will— nicht Walters Stelle einzu⸗ nehmen, denn das könnte ich nicht, aber ſeine treue Freundin und, wenn ich kann, ſeine Stütze zu ſein, ſo lange Walter in der Ferne weilt, ſo würde ich ihm wirklich recht dankbar ſein Wollen Sie? darf ich, Walters Onkel? Der Opticus drückte, ohne zu ſprechen, ihre Hand an ſeine Lippen, und Suſanne Nipper lehnte ſi ſich mit übereinandergeſchlage⸗ nen Armen in den Präſidentenſtuhl, den ſie aus eigener Macht⸗ — — 137— vollkommenheit eingenommen, zurück, zerbiß das eine Ende ih⸗ res Hutbandes und ſeufzte leiſe, als ſie zu dem runden Decken⸗ fenſter hinauf ſah. Sie werden mir geſtatten, Sie zu beſuchen, ſugte Floren⸗ tine, wenn ich kann; und Sie werden mir Alles von ſich und Walter erzählen; und keine Geheimniſſe vor Suſannen haben, wenn ſie an meiner Statt kommt, ſondern uns vertrauen und ſich auf uns verlaſſen. Und Sie werden verſuchen, ob wir Ihnen ein Troſt ſein können? Wollen Sie, Walters Onkel? Das liebliche Geſicht, das ihn anblickte, die ſanft bittenden Augen, die ſüße Stimme und der leichte Druck ihres Armes, noch gewinnender gemacht durch eine kindliche Ehrfurcht vor ſei⸗ nem Alter, die Allem einen Anſchein anmuthigen Zweifels und beſcheidener Zurückhaltung gab— alles dies und ihre natürliche Innigkeit rührte den alten Opticus ſo, daß er nur antworten konnte: Wally! ſprich ein Wort für mich, Guter. Ich bin ſehr dankbar. Nein, Walter, ſprach Florentine mit ihrem ſtillen Lächeln. Sprechen Sie nicht für ihn. Ich verſtehe ihn recht gut, und wir müſſen lernen, ohne Sie mit einander zu ſprechen, lieber Walter. Der bekümmerte Ton, mit dem ſie dieſe letzten Worte ſprach, rührte Walter noch mehr, als alle Andern. Miß Florentine, antwortete er, und beſtrebte ſich, den hei⸗ — 138— tern Ton wiederzufinden, in dem er mit ſeinem Onkel geredet hatte, ich weiß eben ſo wenig wie mein Onkel, was ich zum Dank für ſolche Güte ſagen ſoll. Aber was könnte ich am Ende wei⸗ ter ſagen, und wenn ich das Geſchick hätte, eine Stunde lans zu ſprechen, als daß es Ihnen ähnlich iſt! Suſanne Nipper bearbeitete von Neuem ihr Hutband und nickte dem Rundfenſter zu, um ihre Billigung auszudrücken. Walter, ſagte Florentine, noch etwas möchte ich Ihnen ſagen, ehe Sie ſcheiden, und Sie müſſen mich Florentine nennen und nicht zu mir ſprechen, als ob Sie mir fremd wären. Alws ob ich Ihnen fremd wäre! wiederholte Walter. Nein, ſo könnte ich nicht ſprechen. Wenigſtens könnte ich nicht ſo füh⸗ len, das weiß ich. Ja, aber das iſt nicht genug und iſt nicht was ich meine. Denn, Walter, fuhr Florentine fort und brach in Thränen aus, er hatte Sie ſehr gern und ſagte vor ſeinem Tode, daß er Sie liebe und ſagte:„vergiß Walter nicht!“ und wenn Sie mir ein Bruder ſein wollen, Walter, jetzt, da er nicht mehr iſt und ich Niemand mehr auf Erden habe, ſo will ich Ihre Schweſter mein Leben lang ſein und Ihrer gedenken, wo wir immer ſein mögen! Das wollte ich Ihnen noch ſagen, lieber Walter, aber ich kann es nicht ſo thun, wie ich es wollte, denn mein Herz iſt ſo voll. Und in ſeiner Vollheit und ſeiner herrlichen Einfalt hielt ſie ihm ihre beiden Hände entgegen. Walter ergriff ſie, beugte ſich —— — 4— zu ihr nieder und berührte das thränenfeuchte Antlitz, das weder zurückwich, noch ſich abwendete oder erröthete, ſondern mit inni⸗ gem und unſchuldigem Vertrauen zu ihm aufſah. In dieſem einen Augenblick ſchwand jeder Schatten des Zweifels und der Unruhe aus Walters Seele. Es war ihm, als ob er auf ihre unſchul⸗ dige Bitte antworte neben dem Bette des todten Kindes; als ob er vor einem ſo ernſten und ehrfurchtgebietenden Zeugen gelobe, in feiner Verbannung ſelbſt ihr Bild mit brüderlicher Liebe werth zu halten und zu ſchützen, ihrem Gelübde mit heiliger Treue zu entſprechen und ſich für ehrlos zu halten, wenn er an ſie mit einem Gedanken gedächte, der nicht in ihrer eigenen Bruſt lebte, als ſie ſeine Schweſter wurde. Suſanne Nipper, die diesmal alle beide Hutbänder auf 4 einmal zerbiſſen und insgeheim ſehr viel Rührung dem runden Fenſter mitgetheilt hatte, brachte jetzt das Geſpräch auf etwas Anderes, indem ſie frug: wer Milch und wer Zucker in den Thee haben wollte; und ſchenkte ein, nachdem ſie über dieſen Punkt aufgeklärt worden. Dann ſetzten ſich alle vier in traulicher Ge⸗ meinſchaft um den kleinen Tiſch, und tranken unter der thätigen Oberaufſicht dieſer jungen Dame ihren Thee; und die Anweſen⸗ heit Florentinens im Hinterſtübchen machte ſelbſt die Fregatte Tartar freundlicher und hellere. Eine halbe Stunde vorher hätte Walter, und wenn es ihm das Leben gekoſtet hätte, ſie nicht bei ihrem Vornamen nennen können. Aber jetzt, da ſie ihn darum gebeten, konnte er es thun. Er konnte an ihre Anweſenheit denken, ohne eine verſteckte Ahnung, — 140— daß es vielleicht beſſer geweſen ſei, ſie wäre nicht gekommen. Er konnte ruhig daran denken, wie ſchön ſie war, wie zukunftreich, wie überglücklich ſie einſt einen Mann durch ein ſolches Herz machen werde. Er konnte an den Platz, den er in dieſem Herzen einnahm, mit Stolz denken; und mit dem feſten Entſchluſſe, dieſen Platz— nicht zu verdienen, denn das ſchien ihm noch nicht erreichbar zu ſein, ſondern es nicht weniger zu verdienen. Gewiß muß eine freundliche Fee Suſannens Hände, als ſie den Thee bereitete, umſchwebt und den Frieden erzeugt haben, der während dieſer Zeit in dem Hinterſtübchen herrſchte. Und eine mißgünſtige muß die Zeiger von Onkel Sols Chronometer umſchwebt, und ſie ſchneller bewegt haben, als die Fregatte Tar⸗ tar jemals vor dem Winde ſegelte. Sei dem, wie ihm wolle, auf die Gäſte wartete in einer einſamen Ecke nicht weit davon ein Wagen; und der Chronometer that, als ein zufälliger Blick auf ihn fiel, einen ſo entſchiedenen Ausſpruch, daß er ſchon ſehr lange gewartet habe, daß ſich unmöglich daran zweifeln ließ: vorzüglich wenn ein Gegenſtand von ſo unzweifelhafter Autorität den Aus⸗ ſpruch that. Wenn Onkel Sol nach ſeiner eigenen Uhr hätte gehangen werden ſollen, nie hätte er zugegeben, daß dieſer Chro⸗ nometer um den geringſten Bruchtheil einer Secunde vorging. Beim Abſchied wiederholte Florentine dem Alten alles, was ſie ihm vorhin geſagt, und verpflichtete ihn auf ihren Vertrag. Onkel Sol begleitete ſie liebreich bis zu den Beinen des hölzernen Seecadetten und übergab ſie dort an Walter, der ſie und Su⸗ ſanne Nipper bis an den Wagen geleiten wollte. — — 141— Walter, ſagte Florentine unterwegs, ich ſcheute mich in Anweſenheit Ihres Onkels darnach zu fragen. Glauben Sie lange abweſend zu ſein? Ich weiß es wirklich nicht, ſagte Walter. Ich fürchte es. Ich glaub de wenigſtens, Mr. Dombey deutete es an, als er mir die Stelle gab. Iſt es eine gute, Walter? frug Florentine nach einigem Zögern, und ſah ihn erwartungsvoll an. Die Stelle? ſagte Walter. Ja. Walter hätte Alles darum gegeben, mit Ja antworten zu können, aber ſein Geſicht ſprach vor ſeinen Lippen und Floren⸗ tine war zu aufmerkſam, als daß ihr die Antwort hätte entgehen können. Ich fürijte, Sie ſind ſchwerlic ein Günſtling meines Vaters geweſen, ſagte ſie ſchüchtern.. Es iſt auch kein Grund dazu vorhanden, erwiderte Walter lächelnd.. Kein Grund, Walter! Es war kein Grund, ſagte Walter, der die Bedeutung des Vorwurfs ſogleich fühlte. Es ſind viel Leute im Hauſe be⸗ ſchäftigt. Zwiſchen Mr. Dombey und einem jungen Manne, wie ich bin, liegt eine weite Kluft. Wenn ich meine Pflicht thue, thue ich, was ich ſoll, und nicht mehr als alle Uebrigen. — 142— Hatte Florentine eine Ahnung, welcher ſie ſich kaum bewußt war, eine Ahnung, die zu einem undeutlichen und unbeſtimmten Daſein gelangt war in jener Nacht, wo ſie ihren Vater in ſeinem Zimmer aufgeſucht: daß Walters zufällige Berührung und früh⸗ zeitige Bekanntſchaft mit ihr ihm die Ungunſt und Abneigung dieſes mächtigen Mannes zugezogen habe? Hegte Walter einen ſolchen Gedanken, oder ahnte er, d ſie in dieſem aingendür. Aehnliches denke? Weder ſie, noch er deuteten darauf hin. Beide waren für einige Zeit verſtummt. Suſanne, die auf der andern Seite Walters ging, betrachtete ſie aufmerkſam; und jedenfalls verfolgten Miß Nipper's Gedanken dieſe Richtung, und zwar mit gebßer Zuvperſicht. Sie kehren vielleicht ſehr bald unii, fagt Florentine. Ich kehre vielleicht zurück als alter Mann, und finde auch Sie gealtert. Aber ich hoffe auf beſſeres Glück. A Papa, ſagte Florentine nach einer Pauſe, wird— ſich von ſeinem Schmerz erholen und.— und ſich mir v·elleicht einmal mehr nähern; und wenn er es thut, ſo will ich ihm ſagen, wie ſehr ich Ihre Rückkehr wünſche, und ihn bitten, Sie mir zu Liebe zurückzurufen. In dieſen Worten über ihren Vater lag eine läßreud Be⸗ deutung verborgen, die Walter nur zu gut verſtand. Da ſie ganz nahe am Wagen waren, wollte er ſich, ohne — 343— zu ſprechen, von ihr trennen; denn er fühlte jetzt, was Abſchied nehmen heißt; aber Florentine hatte ſeine Hand noch nicht los⸗ gelaſſen, als ſie ſich geſetzt hatte, und dann fühlte er, daß in ih⸗ rer Hand ein kleines Päckchen lag. 4 Walter, ſagte ſie, und ſah ihn mit dem vollen Blick ihrer liebebollen Augen an, wie Sie hoffe auch ich auf beſſeres Glück. Ich will Gott darum bitten und glauben, daß es kommt. Ich verfertigte dies kleine Geſchenk für Paul. Ich bitte Sie, neh⸗ men Sie es an mit meiner Liebe und beſehen Sie es erſt, wenn Sie fort ſind. Und nun, Walter, Gott behüte Sie! Vergeſſen Sie mich nie. Sie ſind mein Bruder, lieber Walter! Er war froh, daß Suſanne Nipper zwiſchen ſie trat, denn ſonſt hätte ſie ſich mit einer betrübten Rückerinnerung von ihm getrennt. Er war auch froh, daß ſie nicht noch einmal aus dem Wagen ſah, ſondern ihm mit der kleinen Hand zuwinkte, ſo lange er ſie ſehen konnte. Tuhihrer Bitte konnte er ſich nicht enthal ten, das Päck⸗ chen dieſen Abend noch, ehe er zu Bette ging, zu öffnen. Es war eine kleine Börſe und etwas Geld darin. SHeell kehrte die Sonne am nächſten Morgen von ihrer Reiſe über ſerne Länder zurück, und mit ihr ſtand Walter auf, um den Capitain zu empfangen, der ſchon an der Thür war, denn er hatte zeitiger als gewöhnlich das Bette verlaſſen, um unter Segel zu gehen, während Mrs. Mae Stinger noch ſchlummerte. Der Capitain ſtellte ſich, als wäre er in der allerfidelſten Stimmung, — u. und brachte in der Taſche ſeines briſchößigen blauen Frackes eine derbdurchräucherte Zunge zum Frühſtück mit. Und Walr, ſagte der Capitain, als ſie am Tiſche Platz nahmen, wenn dein Onkel der Mann iſt, für den ich ihn halte, ſo bringt er bei der heutigen Gelegenheit die letzte Jlaſche des Madeira herauf. Neiin, nein, Ned, erwiderte der Alte. Nein! die wird erſt entſtöpſelt, wenn Walter wieder nach Hauſe kommt. Gut geſagt! rief der Capitain. Hört ihn! Da unten liegt ſie in dem kleinen Keller, ſagte Sol Gills, bedeckt mit Staub und Spinneweben. Vielleicht bedecken Staub⸗ und Spinneweben auch uns beide, Ned, ehe ſie das Tageslicht ſieht. Hört ihn! rief der Capitain. Guter Spruch! Walr, mein Junge: zieh einen Feigbaum, wie er wachſen ſoll, und ruh' unter ſeinem Schatten, wenn du alt biſt. Sieh nach— nun, ſagte der Capitain nach einigem Beſinnen, ich weiß nicht genau, wo es zu finden iſt; aber wenn du es haſt, ſo ſtreich es an! Gills, immer tapfer! Aber dort oder an einem andern Orte ſoll ſie liegen, Ned, bis Wally zurückkommt, um ſie zu fordern, ſagte der Alte. Wei⸗ ter wollte ich nichts ſagen. Und gut geſagt war's, erwiderte der Capitain; und wenn wir drei dieſe Flaſche nicht in Geſellſchaft ausſtechen, ſo will ich euch beiden Erlaubniß geben, meinen Theil zu trinken! — ——— — 145— Trotz der außerordentlichen Fidelität des Capitains wollte ihm doch die Zunge gar nicht ſchmecken, obgleich er, wenn ihn Jemand anſah, mit großer Anſtrengung ſich ſtellte, als verzehre er ſie mit ungeheurem Appetite. Er fürchtete ſich auch ganz er⸗ ſchrecklich, mit dem Neffen oder dem Onkel allein im Zimmer zu bleiben, als ob er es nur für möglich halte, den Schein der Faſ⸗ ſung zu retten, wenn ſie alle drei beiſammen blieben. Dieſe Scheu von Seiten des Capitains zwang ihn zu dem ſcharfſinni⸗ 4 gen Mittel, als Salomo ſeinen Rock anziehen wollte, unter dem Vorwand an die Thür zu laufen, er habe einen merkwürdigen Fiacre vorbeifahren ſehen, und auf die Straße hinauszuſtürzen mit dem Vorgeben, es rieche draußen nach einem brennenden Schornſtein, als Walter hinauf ging, um von den Hausgenoſſen Abſchied zu nehmen. Daß ein uninſpirirter Beobachter hinter dieſe Kunſtgriffe kommen könne, hielt er für ganz und üur un⸗ möglich. Walter war eben die Treype herunter und wollte durh- den Laden in das Hinterſtübchen gehen, als er ein bekanntes, trübes Geſicht zur Thür hereinblicken ſah. Er eilte ihm ſogleich entgegen. Mr. Carker! rief Walter aus, indem er John Carker jun. die Hand drückte. Bitte, treten Sie ein! Es iſt recht freund⸗ lich von Ihnen, ſo früh hieher zu kommen, um mir Lebewohl zu ſagen. Ich kann gar nicht ſagen, wie ſehr mich das ſtent. Bitte, treten Sie ein! Wir werden uns ſchwerlich je wiederſehen, Walter, erwi⸗ Boz. Dombey u. Sohn, II.. 10 1 — 146— derte der Andere, ſanft ſeine Einladung zurückweiſend, und auch mir iſt es angenehm, daß wir hier noch einmal zuſammenkommen. So kurz vor der Trennung darf ich es wagen, mit Ihnen zu ſprechen und ihre Hand anzufaſſen. Ich brauche Ihr offenes Entgegenkommen nun nicht mehr zurückzuweiſen. Er ſagte dies mit einem trüben Lächeln, welches verrieth, daß er ſelbſt darin für ſein Alleinſtehen Troſt und Freundſchaft gefunden. O, Nr. Carker! gab Walter zurück. Warum wieſen Sie es zurück? Sie hätten mir blos nützen können, das weiß ich. Er ſchüttelte mit dem Kopf. Wenn ich auf dieſer Welt noch etwas Nützliches thun könnte, ſagte er, ſo würde ich es für Sie thun, Walter. Daß ich Sie täglich ſah, iſt für mich zu⸗ gleich ein Troſt und eine Reue geweſen. Aber die Freude war größer als der Schmerz. Ich fühle dies jetzt, indem ich fühle, was ich verliere. Treten Sie ein, Mr. Carker, und lernen Sie meinen guten alten Onkel kennen, bat Walter. Ich habe mit ihm oſt von Ihnen geſprochen, und er wird Ihnen gern Alles ſagen, was er von mir erfährt. Als Walter ſah, daß er immer noch zögerte, fuhr er mit einiger Verlegenheit fort: Von unſerm letzten Ge⸗ ſpräch habe ich ihm nichts geſagt, Mr. Carker; glauben Sie mir's. Der ergraute Junior drückte ihm die Hand, und Khrinen traten ihm in die Augen. Wenn ich jemals ſeine Bekanntſchaft mache, Walter, er⸗ widerte er, ſo geſchieht es um zu hören, was Sie machen. Ver⸗ — 147— laſſen Sie ſich darauf, ich werde Ihre Nachſicht und Schonung nicht mißbrauchen. Und Mißbrauch wäre es, wollte ich ihm nicht die ganze Wahrheit ſagen, ehe ich ein Wort des Vertrauens von ihm verlangte. Aber außer Ihnen habe ich keinen Freund oder Bekannten, und werde eben Ihretwegen ſchwerlich welche ſuchen.. Ich wollte, ſagte Walter, Sie ließen mich Ihr Freund ſein. Ich habe es immer gewünſcht, Mr. Carker, Sie wiſſen es; aber nie ſo ſehr wie jetzt, wo wir ſcheiden. Es genügt, ſagte der Andere, daß ich Sie im Geheimen als Freund betrachtet habe, und daß ſtets, wo ich Sie am auffällig⸗ ſten mied, mein Herz am ſtärkſten an Ihnen hing, und voller von Ihnen war als je. Walter, leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Mr. Carker. Gott ſei mit Ihnen, Sir! antwortete Walter bewegt. Und wenn, ſagte der Andere, immer noch ſeine Hand feſt⸗ haltend, und wenn Sie bei Ihrer Rückkehr mich nicht mehr in der alten Ecke ſehen und von Jemanden hören, wo ich ruhe, ſo beſuchen Sie mein Grab. Denken Sie, daß ich ſo ehrlich und glücklich hätte ſein können, wie Sie! Und laſſen Sie mich den⸗ ken, wenn ich weiß, daß mein Stündlein naht, daß Einer, der meinem frühern Ich gleicht, einen Augenblick an meinem Grabe verweilt, und meiner mit Mitleid und verzeihender Liebe gedenkt! Walter, leben Sie wohl! Seine Geſtalt ſchlich wie ein Schatten die ſonnenhelle Straße hinab, die ſo freundlich und doch ſo feierlich ausſah im klaren Scheine des Sommermorgens, und verſchwand langſam. 10* — 148— Endlich meldete der erbarmensloſe Chronometer, daß Wal⸗ ter dem hölzernen Seecadetten den Rücken kehren müſſe; und er, der Onkel und der Capitain fuhren in einem Fiaker nach einem Werft, von wo aus ein Dampfboot ſie nach einer Strecke des Fluſſes bringen ſollte, deren Namen, wie der Capitain ihn aus⸗ ſprach, für das Ohr jeder Landratte ein unlösbares Räthſel blieb. Als ſie dieſe Strecke erreichten(das Schiff war mit der Fluth der letzten Nacht bis dahin gefahren), wurden ſie von ver⸗ ſchiedenen Themſeſchiffern, die in großer Aufregung waren, an⸗ gefallen. Unter ihnen war ein ſchmutziger Cyklop, ein Bekann⸗ ter des Capitains, der mit ſeinem einzigen Auge den Capitain ſchon ſeit einer Viertelſtunde hatte kommen ſehen und ſich in unverſtändlichem Gebrüll mit ihm unterhalten hatte. Nachdem dieſer Mann, der entſetzlich heiſer und aus Princip nicht raſirt war, ſich ihrer als gute Priſe bemächtigt, wurden ſie alle Drei an Bord des Sohns und Erben abgeſetzt. Hier war Alles noch in ziemlicher Verwirrung. Segel lagen unordentlich auf dem naſſen Verdeck, loſe Taue legten den Leuten Fallſtricke, Männer in rothen Hemden liefen eilig hin und her, Kaſten und Fäſſer ſtanden überall im Wege, und im wildeſten Getümmel ſtand ein ſchwarzer Koch in einer ſchwarzen Kambuſe bis über die Ohren in Gemüſe und bis über den Kopf in dicken Rauchwolken. Der Capitain zog Waltern gleich in eine Ecke, und zog mit großer Anſtrengung ſo, daß ſein Geſicht ganz roth wurde, die ſilberne Uhr hervor, die ſo groß war und ſo feſt in der Ta⸗ ſche ſteckte, daß letztere ihr folgte. B 3. —̈—————,— — 149— Walr, ſagte der Capitain, indem er ihm die Uhr gab und ihm kräftig die Hand ſchuttelte, ein Andenken, mein Junge! Stell' ſie jeden Morgen eine halbe Stunde, und nach Tiſch etwa eine Viertelſtunde zurück, und es iſt eine Uhr, die dir Ehre macht. 1 Capitain Cuttle! Ich kann ſie nicht annehmen! ſagte Walter und hielt ihn feſt, denn er wollte fortlaufen. Bitte, nehmt ſie wieder zuruck. Ich habe ſchon eine. Dann, WalPr, ſagte der Capitain, indem er in die andere Taſche fuhr und die zwei Theelöffel und die Zuckerzange hervor⸗ zog, mit denen er ſich in Vorausſicht dieſes Einwandes ausge⸗ rüſtet, dann nimm dafür das Bischen Silberzeug. Nein, nein, ich kann wirklich nicht, rief Walter, tauſend Dank! Werfen Sie ſie nicht weg, Capitain Cuttle! denn der Capitain machte Miene, ſie in den Fluß zu werfen. Sie werden Ihnen viel mehr von Nutzen ſein als mir. Geben Sie mir ih⸗ ren Stock. Ich habe ihn immer gern haben wollen. So! Leben Sie wohl, Capitain Cuttle! Haben Sie ein Auge auf meinen Onkel! Onkel Sol, Gott behüte dich! In der Verwirrung hatten ſie das Schiff verlaſſen, ehe Walter ſie noch einmal zu Geſicht bekam; und als er hinten aufs Verdeck lief und ihnen nachblickte, ſah er ſeinen Onkel mit ſchwermüthig geſenktem Kopf im Boote ſitzen, während Capi⸗ tain Cuttle ihm mit der großen ſilbernen Uhr auf den Rücken klopfte(es mußte ſehr ſchmerzhaft ſein) und hoffnungsvoll mit den Theelöffeln und der Zuckerzange geſticulirte. Als er Wal⸗ tern erblickte, ließ der Capitain das Silberzeug ganz achtlos ins 1 150— Boot fallen, zog den lackirten Hut vom Kopf und rief ihn an. Der lackirte Hut glänzte gar ſchön in der Sonne, und der Ca⸗ pitain ſchwenkte ihn ſo lange er das Schiff ſehen konnte. Als⸗ dann erreichte die Verwirrung am Bord, die ſchnell zugenommen hatte, ihren Höhepunkt; zwei oder drei andere Boote ſtießen mit einem Hurrah! ab; die Segel glänzten hell und voll oben, als Walter ſie von günſtigem Winde ſich füllen ſah; in ſilbernen Flocken ſpritzte das Waſſer vorn am Schiffe in die Höhe; und der Sohn und Erbe trat ſeine Reiſe an, ſo hoffnungsvoll und zuverſichtlich, wie mancher Sohn und Erbe vor ihm. Tag für Tag ſetzten der alte Sol und Capitain Cuttle, mit der Seekarte vor ſich auf dem runden Tiſch, die Berechnung der Reiſe des Schiffes fort. Abends, wenn der alte Sol hinauf ging in die jetzt ſo öde Dachſtube, wo manchmal der Sturm heulte, blickte er zu den Sternen hinauf und lauſchte dem Winde, und hielt länger Wacht, als er an Bord des Schiffes gethan hätte. Die letzte Flaſche des alten Madeira, die auch ihre Seereiſen gemacht und die Gefahren der Tiefe gekannt hatte, lag unterdeſſen ſtill und ungeſtört unter Staub und Spinnweben. ————— — — ——