11s Ke 4 r N 3 2 G S,,, e— llatze Szn, aceknee vr, S N I —— S. ueeee Dae Boz⸗“ Neunundſunßzigſter Theil. Dombey und Sohn. ————— Ceipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1847. Sämmtliche Werke. Dombey und Sohn von 3 Boz(Vickens). Aus dem Engliſchen von Julius Seybt. Mit Federzeichnungen von Hablot K. Browne. Zweiter Theil. ————ᷓ́ᷓ́ Feipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1847. * Achtes Kapitel. Pauls ferneres Gedeihen, Wachsthum und Charakter. Unter den aufmerkſamen und beobachtenden Augen der Zeit— inſofern ein anderer Major— wurde Pauls Schlummer all⸗ mählig anders. Mehr und mehr Licht brach über ihn herein; immer deutlichere Träume erfüllten ihn; ein immer zunehmendes Gedränge von Gegenſtänden und Eindrücken umſchwebte ſeine Ruhe, und ſo gelangte er aus dem Säuglings⸗ in das Kindes⸗ alter und wurde ein ſprechender, gehender, Alles beſtaunender Dombey. Nach dem Sturz und der Verbannung der Richards wurde das Ammenamt gewiſſermaßen einer Commiſſion anvertraut, ge⸗ rade wie manchmal ein Staatsamt, wenn kein einzelner Atlas, der ſeine Bürde tragen könnte, aufzufinden iſt. Die Commiſſion beſtand natürlich aus Mrs. Chick und Miß Tox, welche ihren Pflichten mit ſo erſtaunlichem Eifer nachkamen, daß Major Bag⸗ ſtock alltäglich von neuem daran erinnert wurde, daß man ihm untreu geworden, während Mr. Chick, der häuslichen Aufſicht — 6 beraubt, ſich in den Taumel der Welt ſtürzte, in Clubs und Kaffeehäuſern ſpeiſte, zu drei verſchiedenen Malen nach Tabak roch, allein ins Theater ging, kurz, wie Mrs. Chick einmal zu ihm ſagte, jedes geſellſchaftliche Band und jede moraliſche Ver⸗ pflichtung lockerte. Aber trotz ſeines vielverſprechenden Beginnens wollte mit all dieſer Sorgfalt und Pflege der kleine Paul nicht gedeihen. Vielleicht von Natur ſchwächlich, ſiechte er nach der Entlaſſung ſeiner Amme langſam hin und ſchien lange Zeit nur auf eine Gelegenheit zu warten, ihnen durch die Hände zu ſchlüpfen und ſeine verlorne Mutter aufzuſuchen. Und ſelbſt als er die⸗ ſes gefährliche Stück in ſeinem Kirchthurmrennen nach dem reifern Alter hinter ſich hatte, war der Ritt immer noch beſchwer⸗ lich genug, und alle Hinderniſſe auf ſeinem Wege machten ihm höchlichſt zu ſchaffen. Jeder Zahn war für ihn eine halsbreche⸗ riſche Hecke und jedes Blüthchen der Maſern eine ſteinerne Mauer. Von jedem Anfall des Keuchhuſtens ſtürzte er und wurde von einer ganzen Schaar kleiner Krankheiten, die ſich herbeidrängten, um ihn nicht wieder aufkommen zu laſſen, überfallen und gepei⸗ nigt. Selbſt Schwämmchen und Spitzpocken wurden ihm ge⸗ fährlich. Der Froſt ſeines Tauftags hatte vielleicht einen empfind⸗ lichen Theil ſeiner Natur getroffen, der in dem kalten Schatten ſeines Vaters ſich nicht wieder erholen konnte, oder von jenem Tage an war er ein unglückliches Kind. Mrs. Wickam ſagte gft. daß ſie ihr Lebtag noch kein ſo armes Schäſchen geſehen habe. Mrs. Wickam war die Frau eines Kellners— was faſt — 2— gleichbedeutend zu ſein ſcheint mit eines andern Mannes Wittwe— die um den Dienſt bei Mr. Dombey angehalten hatte und angenommen worden war, weil es allem Anſchein nach un⸗ möglich war, daß ſie Verbindungen mit Verwandten haben konnte; ſie war daher ein oder zwei Tage nach Pauls plötzlicher Entwöhnung als Wärterin angeſtellt worden. Mrs. Wickam war eine ſanfte Frau, blond und weiß, mit beſtändig in die Höhe gezogenen Augenbrauen und beſtändig ſchmachtend geſenktem Kopfe; immer bereit, ſich ſelbſt und einen Dritten zu bemitleiden oder bemitleidet zu werden, und mit einem merkwürdigen Talent begabt, Alles in einem entſetzlich trübſeligen Lichte zu betrachten und die ſchrecklichſten Beiſpiele anzuführen und aus der Aus⸗ .. übung dieſes Talents den größten Troſt herzuleiten. 1 Es iſt kaum zu erwähnen nothwendig, daß Mr. Dombey von alledem nicht das geringſte ahnte. Das wäre auch in der That 1 merkwürdig genug geweſen, da Niemand im ganzen Hauſe, nicht 1 einmal Mrs. Chick oder Miß Tox, nur anzudeuten wagte, daß man bei irgend einer Veranlaſſung Anlaß zu Beſorgniſſen um . den kleinen Paul gehabt. Er hatte als feſtſtehende Maxime an⸗ — genommen, daß das Kind eine gewiſſe Reihe von unbedeutenden Krankheiten durchmachen müſſe, und daß es am beſten ſei, wenn 8 es bald damit fertig werde. Wenn er ſeinen Sohn hätte los⸗ 1 kaufen oder einen Erſatzmann für ihn ſtellen können, wie bei 1 einem ſchlechten Treffer beim Auslooſen für die Miliz, ſo hätte e er dies gern und ohne Geld zu ſchonen gethan. Aber da dies . nicht anging, ſo fragte er ſich zuweilen blos ſtaunend auf ſeine ſtolze Weiſe, was die Natur eigentlich dabei denke, und tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß er einen neuen Meilenſtein hinter ſich⸗ habe und dem großen Ziele der Reiſe um ſo viel näher ſei. Denn das ſeinen ganzen Geiſt beherrſchende Gefühl, das mit Pauls zunehmendem Alter immer heftiger und ſtärker wurde, war Ungeduld— Ungeduld, die Zeit kommen zu ſehen, wo ſeine Träume von ihrer gemeinſamen Wichtigkeit und Größe ſich ver⸗ wirklichten. 3 Einige Philoſophen behaupten, Selbſtſucht liege ſelbſt un⸗ ſern lobenswertheſten Neigungen zu Grunde. Mr. Dombey ſah ſein Kind von Anfang an ſo entſchieden als einen Theil ſeiner eignen Größe oder(was daſſelbe iſt) der Größe von Dombey und Sohn an, daß man jedenfalls den Grund ſeiner väterlichen Zuneigung, wie bei vielen anſehnlichen Gebäuden von gutem Rufe, bis auf dieſen niedrigen Punkt verfolgen konnte. Aber er liebte ſeinen Sohn mit aller Liebe, deren er fähig war. Wenn ſein Herz einen warmen Platz hatte, ſo nahm ihn ſein Sohn ein; wenn ſich in ſeine ſteinharte Maſſe ein Bild einprägen konnte, ſo mußte man das Bild ſeines Sohnes dort erblicken; zwar nicht als Kind, ſondern als erwachſenen Mann, als den „Sohn“ der Firma. Daher brannte er vor ungeduldigem Ver⸗ langen, in der Zeit fortzuſchreiten und über die noch dazwiſchen⸗ liegenden Vorfälle des Lebens hinwegzueilen. Daher fühlte er in Bezug auf dieſe wenig Beſorgniß trotz aller ſeiner Liebe; ſchien es ihm doch, als ob der Knabe ein gefeites Leben habe und der⸗ einſt der Mann werden müſſe, mit dem er beſtändig in Gedanken zu thun hatte und für den er wie für etwas wirklich Vorhande⸗ nes Tag für Tag Pläne und Entwürfe machte. Dombey beſchäftigt mit verwickelten gewinnſüchtigen Plänen und — 9— So wurde Paul faſt fünf Jahr alt. Er war ein hübſcher Knabe, obgleich des Kleinen Geſicht etwas Kränkliches und Trü⸗ bes hatte, was manches bedeutſame Schütteln von Mrs. Wickam's Haupt und manchen tiefen, aber ſtummen Seufzer von Mrs. Wickam's Bruſt veranlaßte. Seine Gemüthsart gab alle Hoff⸗ nung, in ſpätern Jahren herriſch zu werden; und er zeigte ein ſo vielverſprechendes Bewußtſein ſeiner eignen Wichtigkeit und der gebührenden Unterordnung aller andern Perſonen und Dinge unter ſein Intereſſe, als man nur wünſchen konnte. Er konnte heiter ſein wie ein Kind, und ſein Charakter war gar nicht mür⸗ riſch; aber manchmal ſaß er mit ſo altbärtigem nachdenklichem Geſicht ſinnend in ſeinem Armſtühlchen, daß man ihn für eins jener ſchrecklichen kleinen Weſen in den Mährchen hätte halten können, die hundert und funfzig oder zweihundert Jahre alt ein phantaſtiſches Ebenbild der Kinder ſind, mit denen ſie einſt ver⸗ tauſcht worden. Häufig überkam ihn dieſe Laune oben in der Kin⸗ derſtube; zuweilen ganz plötzlich mit der Klage, er ſei müde: ſelbſt wenn er mit Florentinen ſpielte oder Miß Tox als Pferd vor ſich hertrieb. Aber nirgends konnte man ſicherer darauf rechnen, ihn in dieſem Zuſtande zu ſehen, als in ſeines Vaters Zimmer, wenn er nach dem Eſſen in ſeinem Stühlchen neben ihm am Feuer ſaß. Sie waren alsdann das ſeltſamſte Bild, welches je von der Kaminflamme beleuchtet worden iſt. Mr. Dombey ſo ſteif und würdevoll in das Feuer blickend; ſein kleines Eben⸗ bild mit einem alten, alten Geſicht mit der ernſten, ſinnenden Aufmerkſamkeit eines Weiſen in die rothe Glut ſchauend. Mr. — 10ů— Projecten; das kleine Ebenbild erfüllt von der Himmel weiß was für abenteuerlichen Phantaſien, halbfertigen Gedanken und im Blauen herumſchweifenden Träumen. Mr. Dombey ſteif durch Dünkel und Förmlichkeit; das kleine Ebenbild durch das Blut und in unbewußter Nachahmung. Beide einander ſo au⸗ ßerordentlich ähnlich und doch auch wieder ſo ungeheuer ver⸗ ſchieden. Bei einer ſolchen Gelegenheit, wo beide lange Zeit ganz ſtill geweſen waren und Mr. Dombey nur durch einen gelegent⸗ lichen Blick auf die offenen Augen ſeines Kindes, in denen das helle Feuer glänzte wie ein Juwel, bemerkte, daß es noch wachte, brach Paul endlich das Schweigen mit folgenden Worten: Papa! was iſt Geld? Dieſe unvorbereitete Frage ſtand in ſo enger Beziehung mit dem, was Mr. Dombey'’s Nachdenken eben beſchäftigte, daß er ordentlich außer Faſſung kam. Was Geld iſt, Paul? gab er zur Antwort. Geld? Ja, ſagte das Kind, indem es die Hände auf die Seiten⸗ lehnen ſeines kleinen Stuhls legte und ſein altbärtiges Geſicht gegen Mr. Dombey wendete; was iſt Geld? Mr. Dombey war in Verlegenheit. Er hätte ihm gern eine lange ſtaatsökonomiſche Abhandlung, mit den nöthigen Kunſtausdrücken geſpickt, gehalten; aber wie er auf den kleinen Stuhl niederblickte und ſah, wie weit hinab es war, antwortete er: Gold und Silber und Kupfer. Guineen, Shillinge, Half⸗ pence. Du weißt, was das iſt?“ ☛☛—.,—.— 4,* — 11— O ja, ich weiß was das iſt, ſagte Paul. Das meine ich nicht, Papa. Ich meine, was eigentlich Geld iſt.— Himmel und Erde, wie alt das Geſicht war, mit dem dies Kind jetzt ſeinen Vater anſah! Waos eigentlich Geld iſt! ſagte Mr. Dombey, und ſchob ſeinen Stuhl etwas zurück, um ganz verwundert dies vermeſſene Würmchen, das eine ſolche Frage ſtellte, ſich beſſer anſehen zu können. 1 Ich meine, Papa, was man damit kann? frug Paul wie⸗ der, die Arme übereinanderſchlagend(ſie waren kaum lang genug dazu) und das Feuer und ihn und das Feuer und wieder ihn anblickend. Mr. Dombey ſchob ſeinen Stuhl wieder auf ſeinen alten Platz und klopfte dem Kinde auf den Kopf. Das wirſt du mit der Zeit ſchon beſſer einſehen, mein Sohn, ſagte er. Mit Geld kann man Alles, Paul. Er ergriff dabei die kleine Hand und ſchlug ſie ſanft mit einer von den ſeinigen zuſammen. Aber Paul befreite ſeine Hand, ſobald es nur anging. Er rieb damit ſanſt auf der Armlehne ſeines Stuhls hin und her, als ob ſein Verſtand in der Handfläche läge und er ihn ſchärfe, ſah wieder ins Feuer, als gäbe ihm die Flamme ein, was er ſa⸗ gen ſollte, und wiederholte nach einer kurzen Pauſe: Alles, Papa? Ja. Alles— beinahe, ſagte Mr. Dombey. Warum konnte dann das Geld meiner Mutter nicht helfen? ſagte das Kind. Es iſt böſe, nicht wahr? Böſe? ſagte Mr. Dombey, indem er ſich das Halstuch zu⸗ rechtſchob und, wie es ſchien, den Gedanken übel aufnahm. Nein. Eine gute Sache kann nicht böſe ſein. Wenn es eine gute Sache iſt und man Alles damit kann, ſagte das Kind nachdenklich und ſah wieder in das Feuer, ſo möchte ich wiſſen, warum es meiner Mutter nicht geholfen hat. Diesmal richtete er die Frage nicht an ſeinen Vater. Viel⸗ leicht hatte er mit dem ſchnellen Gefühl des Kindes ſchon er⸗ kannt, daß er ſeinen Vater bereits verletzt habe. Aber er wie⸗ derholte den Gedanken laut, als ob er ihn ſehr lange und oft beſchäftigt hätte, und ſaß, das Kinn in die Hand geſtützt, brü⸗ tend da und blickte in das Feuer. Als ſich Mr. Dombey von ſeinem Erſtaunen, man könnte faſt ſagen Schrecken, erholt hatte— denn es war das allererſte Mal, daß das Kind ſeine Mutter gegen ihn erwähnt hatte, ob⸗ gleich es ſchon manchen Abend auf dieſelbe Weiſe neben ihm ge⸗ ſeſſen— erklärte er ſeinem Sohne, wie das Geld, obgleich es ein ſehr mächtiger und durchaus nicht zu verachtender Geiſt ſei, keines Menſchen Leben erhalten könne, wenn deſſen Zeit einmal gekommen ſei, und wie wir leider Alle ſterben müßten, ſelbſt in der City, und wenn wir noch ſo reich wären. Aber wie das Geld uns Ehre, Anſehen, Achtung und Bewunderung erwerbe und uns in den Augen aller Menſchen groß und herrlich mache; und wie es ſogar ſehr oft den Tod lange Zeit fern halten könne. Wie es z. B. ſeiner Mutter den ärztlichen Beiſtand des Mr. Pilkins verſchafft habe, von dem er(der junge Paul) auch oft behandelt worden ſei; ſo wie des großen Dr. Parker Peps, den er nicht kenne. Und wie man Alles damit thun könne, was — 13ñ— nur zu thun möglich ſei. Das und vieles der Art prägte Mr. Dombey ſeinem Sohne ein, der aufmerkſam zuhörte und den größten Theil von dem, was man ihm ſagte, zu verſtehen ſchien. Aber kann es mich auch ſtark und geſund machen, Papa? frug Paul nach kurzem Schweigen, und rieb ſich dabei die zarten Hände. Mein Gott, du biſt ja ſtark und geſund, erwiderte Mr. Dombey. Oder biſt du's etwa nicht? O, wie alt wieder das Geſicht war, als es ihn halb beküm⸗ mert und halb pfiffig anſah! Du biſt ſo geſund und ſtark, wie Kinder von deinem Alter gewöhnlich ſind. Nicht wahr? ſagte Mr. Dombey. Florentine iſt älter als ich, aber ich bin nicht ſo geſund und ſtark wie Florentine, gab das Kind zur Antwort; und ich glaube, als Florentine ſo klein war wie ich, konnte ſie viel län⸗ ger ſpielen, ohne müde zu werden. Ich bin manchmal ſo müde, ſagte der kleine Paul und wärmte ſich die Hände, während er durch das Kamingitter ins Feuer ſah, als ob dort ein geſpenſti⸗ ges Puppentheater ſpielte, und meine Knochen thun mir ſo weh (Wickam ſagt, es waͤren meine Knochen), daß ich nicht weiß, was ich beginnen ſoll. Ja, aber das iſt Abends, ſagte Mr. Dombey und rückte ſeinen Stuhl näher heran und legte die Hand ſanft auf ſeines Sohnes Rücken; kleine Kinder müſſen Abends müde ſein, damit ſie gut ſchlafen. O, es iſt nicht Abends, Papa, erwiderte das Kind, es iſt am Tage; und ich lege mich dann in Florentinens Schooß — 14— und ſie ſingt mir etwas vor. Nachts träume ich ſo wunderliche Dinge! . Und er wärmte ſich wieder die Hände und ſchien über dieſe wunderlichen Dinge zu brüten, wie ein alter Mann oder ein jun⸗ ger Kobold. Mr. Dombey war ſo erſtaunt und beklemmt, und fühlte ſich ſo gänzlich außer Stande, das Geſpräch fortzuſetzen, daß er blos ſchweigend ſeinen Sohn bei dem Schimmer des Feuers an⸗ ſchaute, die Hand immer noch auf den Rücken gelegt, als würde ſie dort durch magnetiſche Kraft feſtgehalten. Einmal drehte er mit der andern Hand das ſinnende Geſicht ſeinem eignen zu. Aber es wendete ſich ſogleich wieder gegen das Feuer, wie er es los ließ; ſo blieb er ſitzen, in die flackernde Glut ſchauend, bis die Wärterin kam, um ihn zu Bett zu bringen. Florentine ſoll mich holen, ſagte Paul. Und wollen Sie nicht mit Ihrer guten Amme kommen, Maſter Paul? erwiderte die Wärterin mit großem Pathos. Nein, ich will nicht, entgegnete Paul und ſetzte ſich wieder in dem Armſtuhle zurecht, wie der Herr vom Hauſe. Mit einem: Gott behüt' die Unſchuld! entfernte ſich Mrs. Wickam und alsbald erſchien Florentine an ihrer Stelle. Das Kind fuhr plötzlich wie neubelebt in die Höhe, und zeigte ſeinem „Vater, wie es gute Nacht nahm, ein Geſicht, daß ſo viel heitrer, jünger und kindlicher war, daß Mr. Dombey, höchlich beruhigt durch dieſen Wechſel, ganz verwundert war. Als ſie zuſammen das Zimmer verlaſſen hatten, glaubte er leiſes Singen zu vernehmen; und da er ſich an das erinnerte, — n— 0b — 15 was Paul von ſeiner Schweſter geſagt hatte, ſo trieb ihn die Neugier, die Thür zu öffnen und zu lauſchen und ihnen zu⸗ zuſehen. Sie ging mühſam, den Knaben auf den Armen, die breite, öde Treppe hinauf, ſein Kopf ruhte auf ihrer Schulter und der eine Arm ſchlang ſich nachläſſig um ihren Hals. So gelangten ſie hinauf; das Mädchen den ganzen Weg ſingend, während der Knabe leiſe nacſſummte. Mr. Dombey blickte ih⸗ nen nach, bis ſie die letzte Stufe der Treppe überſchritten hat⸗ ten— nicht ohne unterwegs zu raſten— und ſeinen Augen entſchwanden; und auch dann blieb er noch ſtehen und ſchaute hinauf, bis die bleichen Strahlen des Mondes, die melancholiſch durch das trübe Rundfenſter ſchimmerten, ihm in ſein Zimmer zurückleuchteten. Am nächſten Tage bei Tiſch wurden Mrs. Chick und Miß Tox zur Berathung berufen; und als das Tiſchtuch abgenom⸗ men worden, eröffnete Mr. Dombey die Sitzung mit der Auf⸗ forderung, ihm ohne Beſchönigung und Rückhalt zu ſagen, ob Paul etwas fehle und was Mr. Pilkins über ihn ſage. Denn, ſagte Mr. Dombey, das Kind iſt, fürchte ich, nicht ſo kräftig, als ich es wünſchte. Mit deinem dir eignen Scharfblick, lieber Paul, erwiderte Mrs. Chick, haſt du gleich den richtigen Punkt getroffen. Unſer lieber Engel iſt nicht ganz ſo kräftig, als ſich wünſchen ließe. Die Sache iſt, daß ihm ſein Verſtand zu viel zu ſchaffen macht. Sein Geiſt iſt viel zu groß für ſeinen Körper. Wahrhaftig, wenn ich erzählte, wie das Kind manchmal redet, ſo würde es kein Menſch glauben, ſagte Mrs. Chick mit feierlichem Kopf⸗ — — 16— * ſchütteln. Lucretia, denken Sie nur, was es geſtern von Begräb⸗ niſſen ſagte!— Ich fürchte, unterbrach ſie Mr. Dombey ärgerlich, eines oder das andere von den Leuten oben ſetzt dem Kinde unpaſſende Dinge in den Kopf. Es ſprach geſtern Abend mit mir von ſeinen— ſeinen Knochen, ſagte Mr. Dombey, das letzte Wort mit gereiztem Nachdruck ausſprechend. Ich möchte wahrhaftig wiſſen, wem die— die— Knochen meines Sohnes etwas an⸗ gehen. Es iſt doch bei Gott kein lebendiges Gerippe! Durchaus nicht, ſagte Mrs. Chick mit unnachahmlichem Ausdruck. Das hoffe ich, erwiderte ihr Bruder. Nun wieder Be⸗ gräbniſſe! Wer ſpricht mit dem Kinde von Begräbniſſen? Wir ſind doch nicht Leichenbeſtatter, oder Trauerbediente, oder Todten⸗ gräber! Ganz und gar nicht, ſagte Mrs. Chick auf dieſelbe Weiſe wie vorhin.— Wer ſetzt ihm denn ſolche Dinge in den Kopf? ſagte Mr. Dombey. Ich war wirklich ganz erſchrocken geſtern Abend. Wer ſetzt ihm ſolche Dinge in den Kopf, Luiſe? Lieber Paul, ſagte Mrs. Chick nach einer kleinen Pauſe, es iſt nutzlos zu fragen. Offen geſtanden glaube ich nicht, daß Wickam eine Perſon von beſonders heiterm Charakter iſt, was man etwa nennen könnte— Eine Tochter des Momus, ſchlug Miß Top leiſe vor. Ganz recht, ſagte Mrs. Chick, aber ſie iſt außerordentlich ſorgſam und fähig, und ganz und gar nicht zudringlich; ich habe — 1—— wirklich noch keine Frau geſehen, die ſo auf ihrem Platze geweſen wäre. Wenn das theure Kind— fuhr Mrs. Chick fort mit dem Tone einer Perſon, die nur wiederholt, worüber man eben erſt übereingekommen iſt, während ſie Alles zum erſten Male ſagte— von dem letzten Anfalle ein wenig geſchwächt und nicht ganz ſo kräftig und geſund iſt, als man wünſchen könnte, und wenn ſich in ſeiner Conſtitution eine gewiſſe temporäre Schwäche zeigt, und es zuweilen für einen Augenblick den Gebrauch ſeiner Glied⸗ maßen verliert— Seiner Gliedmaßen? wiederholte Mr. Dombey. Ich glaube, der Herr Arzt ſagte heute Morgen Beine, liebe Luiſe, nicht? ſagte Miß Tox. Allerdings, Liebe, ſagte Mrs. Chick mit mildem Vorwurfe. Wie können Sie mich fragen? Sie hörten es ja ſelbſt. Ich ſagte alſo, wenn unſer theurer Paul zuweilen für den Augenblick des Gebrauchs ſeiner Beine verluſtig wird, ſo find dies Zufälle, die bei Kindern ſeines Alters ſehr häufig vorkommen, und ſich durch keine Sorgfalt oder Umſicht verhüten laſſen. Je eher du dies einſiehſt, Paul, und zugiebſt, deſto beſſer. Du biſt doch gewiß überzeugt, Luiſe, ſagte Mr. Dombey, daß ich deine große Liebe für das künftige Oberhaupt meines Hauſes nicht bezweifle. Mr. Pilkins hat heute früh Paul be⸗ ſucht, nicht wahr? ſagte Mr. Dombey. Ja, er war da, erwiderte ſeine Schweſter, Miß Tox und ich waren anweſend. Miß Tox und ich ſind beſtändig anweſend. Wir machen uns das zur Regel. Mr. Pilkins hat ihn ſeit eini⸗ gen Tagen regelmäßig beſucht, und ich bin überzeugt, er iſt ein Boz. Dombcey u. Sohn. II. 2 ſehr geſchickter Mann. Er ſagt, es ſei nicht der Rede werth, was ich beſtätigen kann, wenn das ein Troſt iſt; aber er empfahl heute Seeluft. Sehr einſichtsvoll, Paul, das bin ich überzeugt. Seeluft? wiederholte Mr. Dombey und ſah ſeine Schwe⸗ ſter an. Du brauchſt nicht darüber zu erſchrecken, ſagte Mrs. Chick. Meinem Georg und meinem Friedrich wurde ebenfalls See⸗ luft verordnet, als ſie in ſeinem Alter waren, und mir ſelbſt iſt ſie mehrere Male verordnet worden. Ich bin ganz mit dir ein⸗ verſtanden, Paul, daß man oben vielleicht zuweilen in ſeiner Ge⸗ genwart von Dingen ſpricht, die er beſſer nicht hörte; aber ich ſehe wahrhaftig nicht ein, wie man das bei einem Kinde von ſeiner Klugheit vermeiden kann. Wenn er ein gewöhnliches Kind wäre, ſo wäre es weiter nichts. Ich muß ſagen, ich bin mit Miß Tox der Meinung, daß eine kurze Abweſenheit von dieſem Hauſe, die Luft von Brighton und körperliche und geiſtige Pflege von Seiten einer einſichtsvollen Perſon, wie etwa Mrs. Pipchin— Wer iſt Mrs. Pipchin, Luiſe? frug Mr. Dombey, er⸗ ſchrocken über dieſe ungenirte Einführung eines Namens, den er noch nie gehört hatte. Mrs. Pipchin, lieber Paul, entgegnete ſeine Schweſter, iſt eine ältliche Dame— Miß Tox kennt ihre ganze Lebensge⸗ ſchichte— die ſeit längerer Zeit ſich mit der ganzen Kraft ihres Geiſtes und mit dem glücklichſten Erfolge auf das Studium und die Behandlung der Kinder geworfen hat und von ſehr anſtän⸗ diger Familie iſt. Ihrem Gatten brach das Herz— wo ſagten Sie, daß ihm das Herz gebrochen wäre, liebe Miß Tox? Ich erinnere mich der genauern Umſtände nicht mehr. Beim Trockenpumpen der peruaniſchen Bergwerke, entgeg⸗ nete Miß Tox. Natürlich war er nicht ſelbſt Pumper, ſagte Mrs. Chick mit einem Blick auf ihren Bruder— und dieſe nähere Erläu⸗ terung ſchien wirklich nothwendig, denn Miß Tox hatte ihn er⸗ wähnt, als wäre er wirklich am Schwengel geſtorben— ſondern weil er Geld in dem Unternehmen anlegte, welches fehlſchlug. Meiner Meinung nach iſt der Mrs. Pipchin Behandlungsweiſe der Kinder wirklich wunderbar. Ich habe in Privatkreiſen davon ſprechen hören, als ich noch— Gott— wie klein war! Die Augen der Mrs. Chick ſchweiften dabei am Bücherſchrank hinauf bis in die Gegend von Pitt's Büſte, die in einer Höhe von etwa zehn Fuß ſtand. Da ich ſo offen aufgefordert werde, bemerkte Miß Tox mit einigem Erröthen, ſo würde ich mir, verehrter Herr, viel⸗ leicht erlauben, von Mrs. Pipchin zu bemerken, daß das von Ihrer lieben Schweſter über ſie geäußerte Lob ein wohlverdien⸗ tes iſt. Viele Herren und Damen, die jetzt zu intereſſanten Mitgliedern der menſchlichen Geſellſchaft aufgewachſen ſind, haben ihrer Pflege Alles zu verdanken. Auch das beſcheidene Indivi⸗ duum, welches ſich jetzt erlaubt zu Ihnen zu ſprechen, befand ſich einſt unter ihrer Obhut. Ich glaube, ſelbſt die jugendlichen Sproſſen des Adels ſind dieſer Anſtalt nicht fremd. Dieſe achtungswerthe Dame hat alſo eine Auſtal⸗ Miß Tox? frug Mr. Dandba herablaſſend.* 6 2* 8—J——— Ich weiß in der That nicht, ob ich es ſo nenneu darf, ent⸗ gegnete dieſe Dame. Es iſt durchaus keine Kleinkinderſchule. Wenn ich mir die Freiheit nehmen dürfte, meine Meinung in Worte zu kleiden, ſagte Miß Tox mit ganz beſonderer Süßigkeit, ſo würde ich es vielleicht ein Koſthaus für Kinder, aber von ge⸗ wählteſter Art, nennen.— Auf einem ſehr beſchränkten und exeluſiven Fuße, bemerkte Mrs. Chick mit einem Blick auf ihren Bruder. O! die Exeluſivität ſelbſt! ſagte Miß Tox. 3 Das war ſchon etwas. Mrs. Pipchin's Gatte geſtorben vor Gram über die peruaniſchen Bergwerke war gut. Es klang ſo reich. Außerdem befand ſich Mr. Dombey in einem faſt an Verzweiflung grenzenden Zuſtande bei dem bloßen Gedanken, daß Paul nur eine einzige Stunde noch im Hauſe bleiben ſollte, nachdem ſeine Entfernung vom Arzte angerathen worden war. Es war ein Aufenthalt auf dem Wege, den das Kind— im beſten Fall langſam— bis zu ſeinem Ziele zurücklegen mußte. Daß die beiden Frauen Mrs. Pipchin empfahlen, beſtimmte ihn vollends; denn er wußte, daß ſie auf jede Einmiſchung in ihr Amt ſehr eiferſüchtig waren, und dachte keinen Augenblick daran, daß ſie ſehnlichſt die Theilung einer Verantwortlichkeit wünſchen möchten, über die er, wie wir eben geſehen, ſeine eignen feſten Anſichten hatte. Geſtorben vor Gram über die peruaniſchen Bergwerke, dachte Mr. Dombey. Jedenfalls eine höchſt an⸗ ſtändige Todesart. Geſetzt, wir würden auf morgen einzuziehende Erkun⸗ digungen einig, Paul nach Brighton zu ſchicken, wer würde ihn dann begleiten? frug Mr. Dombey nach längerem Nach⸗ denken. Ich glaube nicht, daß wir jetzt das Kind irgend wohin ohne Florentinen ſchicken könnten, lieber Paul, antwortete ſeine Schwe⸗ ſter zögernd. Er iſt ganz vernarrt in ſie. Er iſt noch ſehr jung und hat natürlich ſeine Grillen. Mr. Dombey drehte ſich um, ging langſam nach dem Bücherſchrank, ſchloß ihn auf und nahm ein Buch zum Leſen heraus. Sonſt noch Jemand, Luiſe? ſagte er ohne aufzublicken und im Buche blätternd. Natürlich Wickam. Wickam würde wohl vollkommen aus⸗ reichend ſein, entgegnete ſeine Schweſter. Wenn ſich Paul bei einer Frau, wie Mrs. Pipchin, befindet, ſo dürfte man wohl kaum noch Jemand mitſchicken, der dort nur hinderlich ſein würde. Du wirdeſt natürlich ſelbſt allwöchentlich wenigſtens einmal dort ſein. Natürlich, ſagte Mr. Dombey, und ſaß eine ganze Stunde ruhig da, das Auge immer auf eine Seite geheftet, ohne ein ein⸗ ziges Wort zu leſen. Dieſe berühmte Mrs. Pipchin war eine wunderſam häß⸗ liche und gebrechliche alte Dame, krummgewachſen und mit einem fleckigen Geſicht wie ſchlechter Marmor, einer Habichtsnaſe und einem harten grauen Auge, welches ausſah, als könnte es, ohne Schaden zu leiden, auf einem Amboß unter den Hammer ge⸗ nommen werden. Mindeſtens vierzig Jahre waren ſchon ſeit dem Tage verfloſſen, wo die peruaniſchen Bergwerke Mr. Pipchin —Q———ę—ꝭ—ꝭQQ————ͤ — 22— den Tod gegeben; aber ſeine Wittwe ging immer noch in Bom⸗ baſſin von ſo glanzloſer, todter und nächtiger Schwärze, daß nach dem Dunkelwerden nicht einmal Gas ſie aufhellen konnte und ihre Anweſenheit als Auslöſcher für jede beliebige Anzahl von Lichtern wirkte. Man rühmte ihr ein großes Geſchick in der Behandlung von Kindern nach; und das Geheimniß ihrer Be⸗ handlung war, ihnen Alles zu geben, was ſie nicht mochten, und Alles zu verweigern, was ſie gern hatten— was natürlich ſehr vortheilhaft auf ihre gute Laune wirkte. Sie war ſo bitterböſe, daß man faſt zu glauben verſucht wurde, es ſei in der An⸗ wendung der peruaniſchen Maſchinerie eine kleine Verwechſelung vorgefallen und man habe aus ihr alle Wäſſer der Heiterkeit und alle Milch menſchlicher Güte herausgepumpt, anſtatt aus den Goldgruben. 1 Die Burg dieſer Kinderfreſſerin lag in einer ſteilen Neben⸗ ſtraße von Brighton, wo der Boden kalkiger, ſteiniger und un⸗ fruchtbarer und die Häuſer gebrechlicher und dünner als ge⸗ wöhnlich waren; wo die kleinen Gärten vor den Häuſern die unerklärliche Eigenſchaft hatten, nichts als Todtenblumen her⸗ vorzubringen, man mochte ſäen was man wollte; und wo beſtän⸗ dig an den Hausthüren und andern Flecken im Freien, zu deren Verzierung ſie gar nicht beſtimmt waren, Schnecken mit der Zähigkeit von Schröpfköpfen klebten. Zur Winterszeit war die Zugluft nicht aus der Burg herauszubringen und zur Sommers⸗ zeit nicht hinein. Von Natur ſchon war die Luft im Hauſe eben nicht friſch; und in dem Fenſter des Wohnzimmers vorn heraus, welches nie geöffnet wurde, hatte Mrs. Pipchin eine N — 233— Sammlung von Topfpflanzen aufgeſtellt, die auf eigne Hand einen erdigen Geruch verbreiteten. Obgleich koſtbar in ihrer Art, ſtanden dieſe Pflanzen doch im beſondern Einklang mit dem Charakter der Mrs. Pipchin. Es waren ein halb Dutzend Ar⸗ ten Kaktus, die ſich wie behaarte Schlangen um hölzerne Stäbe ſchlangen; eine andere Art, breite Scheeren vorſtreckend, wie ein grüner Hummer; verſchiedene kriechende Gewächſe mit klebrigen Blättern; und ein unheimlicher Blumentopf oben an der Decke, der übergelaufen zu ſein ſchien und, wenn er die unter ihm Stehen⸗ den mit ſeinen langen grünen Zweigen berührte, ſie an Spinnen denken machte— an denen Mrs. Pipchin's Wohnung ſehr reich war, obgleich ſie in der geeigneten Jahreszeit noch viel ſtolzer auf ihren größern Reichthum an Ohrwürmern ſein konnte. Da jedoch Mrs. Pipchin's Koſtenanſätze ſehr hoch waren und Mrs. Pipchin nur ſehr ſelten die gleichmäßige Schärfe ihrer Natur zu irgend Jemandes Gunſten milderte, ſo galt ſie für eine alte Dame von merkwürdiger Feſtigkeit, deren Einſicht in den kindlichen Charakter von wiſſenſchaftlicher Tiefe war. Mit Hilfe dieſes Rufes und des gebrochenen Herzens des Mr. Pipchin hatte ſie ſich ſeit ihres Gatten Tode im Durchſchnitt Jahr für Jahr ein ganz leidliches Auskommen erworben. Drei Tage nach ihrer erſten Erwähnung durch Mrs. Chick hatte dieſe vortreff⸗ liche Matrone die Genugthuung, auf einen anſehnlichen Zuwachs zu ihren laufenden Einnahmen aus Mr. Dombey'’s Taſche rechnen zu können und Florentinen und ihren kleinen Bruder Paul als Gäſte in ihrer Burg zu empfangen. Mrs. Chick und Miß Tox, die ſie am Abend vorher nach — 24— Brighton gebracht(wog ſie alle in einem Gaſthof übernachtet), waren ſo eben wieder weggefahren, um nach Hauſe zurückzukeh⸗ ren; und Mrs. Pipchin ſtand mit dem Rücken gegen das Kamin gewendet an dem Feuer und hielt, wie ein alter Soldat, Muſte⸗ rung über die Neuangekommenen. Mrs. Pipchin's Nichte, ihr gutmüthiger und ergebener Sklave, aber von hagerm und ſtren⸗ gem Ausſehen und ſehr geplagt mit Blüthchen auf der Naſe, band Maſter Bitherſtone den weißen Kragen ab, den er auf der Parade getragen. Miß Pankey, derzeit außer dem ebengenann⸗ ten die einzige kleine Koſtgängerin, war eben nach dem Burg⸗ verließ(einem leeren Zimmer hinten hinaus, das als Strafſaal diente) gebracht worden, weil ſie in Anweſenheit von Fremden dreimal geſchnüffelt hatte. Nun, ſagte Mrs. Pipchin zu Paul, wirſt du mich wohl lieb haben? Ich werde Sie gar nicht lieb haben, erwiderte Paul. Ich will wieder fort. Das iſt nicht mein Haus. Nein. Es iſt meins, erwiderte Mrs. Pipchin. Es iſt recht garſtig hier, ſagte Paul. O, wir haben noch einen garſtigern Ort, als dieſen hier, ſagte Mrs. Pipchin, wo wir die ungezogenen Knaben hinein⸗ ſperren. 4 1 Iſt der ſchon einmal drin geweſen? frug Paul und wies auf Maſter Bitherſtone. 3 Mes. Pipchin nickte bejahend; und Paul that für den ganzen übrigen Abend weiter nichts, als daß er Maſter Bitherſtone mit 5 8 —-+ — 5— 2—2 — 25— dem Intereſſe, das ein Knabe von geheimnißvollen und ſchreck⸗ lichen Lebenserfahrungen erregt, vom Kopfe bis zu den Füßen anſah und jede Bewegung ſeiner Mienen beobachtete. Um ein Uhr war das Mittagsmahl, hauptſächlich aus Mehl⸗ ſpeiſen und Gemüſe beſtehend, wo Miß Pankey(ein ſanftes kleines blauäugiges Weſen, das jeden Morgen geknetet werden mußte und die Beſorgniß erregte, bald ganz weggerieben zu wer⸗ den) von der alten Dame ſelbſt aus ihrer Gefangenſchaft erlöſt und erinnert wurde, daß Niemand, der vor Gäſten ſchnüffelte, in den Himmel käme. Als ihr dieſe große Wahrheit gehörig eingeprägt war, bekam ſie einen Teller Reis und ſagte dann das in der Burg eingeführte Tiſchgebet her, das mit einer beſonderen Dankſagungsformel für das gute Mittagseſſen der Mrs. Pipchin ſchloß. Mrs. Pipchin's Nichte, Berinthia, aß kalten Braten. Mrs. Pipchin, deren Conſtitution warme Speiſe verlangte, nahm ein beſonderes Mahl von Schöpscoteletten ein, die ganz heiß zwiſchen zwei Tellern hereinkamen und ſehr appetitlich rochen. Da es nach dem Eſſen regnete und ſie nicht nach dem Strand ſpaziren gehen konnten und Mrs. Pipchin's Conſtitution nach den Coteletten Schlaf bedurfte, ſo gingen ſie mit Berry (auch Berinthia genannt) nach dem Verließ, einem leeren großen Zimmer mit einer Ausſicht auf eine weiße Kalkwand und eine Waſſeereiſterne, und einem großen Kamine ohne Feuerheerd, der ihm einen eigenthüml ichen ungemüthlichen Anſtrich gab. Von Ge⸗ ſellſchaft belebt war dies jedoch der beſte Ort; denn Berry ſpielte dort mit ihnen und ſchien ſich beim Haſchemann ſo ſehr zu freuen wie ſie; bis Mrs. Pipchin ärgerlich an die Wand klopfte, wie — 26— ein wiederaufgeſtandenes Cocklanegeſpenſt, wo ſie aufhörten und Berry ihnen bis zum Dunkelwerden leiſe Geſchichten erzählte. Zum Thee war Ueberfluß von Milch und Waſſer und Brot und Butter vorhanden, mit einer kleinen braunen Theekanne für Mrs. Pipchin und Berry, und für Mrs. Pipchin mit Butter verſehe⸗ ner Toaſt in Fülle, der ganz heiß wie die Chops hereingebracht wurde. Obgleich Mrs. Pipchin äußerlich davon einen ſtarken Fettglanz annahm, ſo ſchien ſie das Gericht innerlich nicht geſchmeidiger zu machen; denn ſie war ſo bös wie immer, und das harte graue Auge kannte keine Milderung. 3 Nach dem Thee holte Berry ein kleines Nähkäſtchen herbei, auf deſſen Deckel das königliche Wappen glänzte, und fing an fleißig zu arbeiten, während Mrs. Pipchin die Brille aufſetzte, ein großes in grüne Leinwand gebundenes Buch herbeiholte und eifrig zu nicken begann. Und ſo oft Mrs. Pipchin nach vorn fiel und aufwachte, gab ſie Maſter Bitherſtone einen Naſenſtüber, weil er auch genickt hatte. Endlich wurde es für die Kinder Zeit zum Schlafengehen, und nach dem Abendſegen verfügten ſie ſich zu Bett. Da die kleine Miß Pankey ſich fürchtete, im Finſtern allein zu ſchlafen, ſo machte ſich Mrs. Pipchin ſtets ein Geſetz daraus, ſie wie ein Schaf die Treppe hinauf zu treiben; und es war ſehr gemüthlich, Miß Pankey noch lange in dem unheimlichen Zimmer ſtöhnen zu hören, während Mrs. Pipchin von Zeit zu Zeit hineinging, um ſie zu ſchütteln. Etwa halb zehn Uhr brachte der Duft eines warmen Bröschens(Mrs. Pipchin's Conſtitution konnte ohne ein Bröschen den Schlaf nicht vertragen) in den vorherrſchenden ———————„—.. — ☛1 um ies ein bei ihm und fuhren vor dem Eſſen gewöhnlich aus; und bei — 27— Geruch des Hauſes, den Mrs. Wickam als„einen Baugeruch“ charakteriſirte, einige Abwechſelung; und bald ſchlummerte Alles in der Burg. Das Frühſtück am nächſten Morgen war dem Thee am vorhergehenden Abend ſehr ähnlich, nur daß Mrs. Pipchin an⸗ ſtatt des Toaſtes einen Wecken zu ſich nahm und noch etwas ge⸗ reizter zu ſein ſchien, als es vorbei war. Maſter Bitherſtone las den Uebrigen einen Stammbaum aus der Geneſis leine ſehr einſichtsvolle Wahl der Mrs. Pipchin) vor und glitt mit der Ruhe und Leichtigkeit einer die Tretmühle hinaufſtolpernden Per⸗ ſon über die Namen. Nachdem dies geſchehen, wurde Miß Pan⸗ key fortgetragen, um geknetet zu werden, und Maſter Bitherſtone, um mit Seewaſſer eine Bekanntſchaft irgend einer Art zu machen, wovon er immer ſehr blau und niedergeſchlagen zurückkam. Paul und Florentine gingen unterdeſſen mit Mrs. Wickam, die beſtän⸗ dig in Thränen ſchwamm, nach dem Strande, und gegen Mittag führte Mrs. Pipchin den Vorſitz bei einigem Elementarunterricht im Leſen. Da es ein Theil von Mrs. Pipchin's Syſtem war, des Kindes Geiſt nicht anzuregen, ſich wie eine Knospe zu ent⸗ wickeln und zu öffnen, ſondern ihn mit Gewalt aufzumachen wie eine Auſter, ſo war die Moral dieſer Geſchichten meiſtens von ſchrecklicher und erſchütternder Art; der Held— ein böſer Bube— wurde im beſten Falle von einem Löwen oder Bären zerriſſen. So lebte man bei Mrs. Pipchin. Sonntags kam Mr. Dombey, und Florentine und Paul gingen zu ihm in den Gaſt⸗ hof und tranken dort Thee. Sie blieben den ganzen Sonntag — 28— dieſen Gelegenheiten ſchien ſich Mr. Dombey wie Fallſtaffs Räuber zu vervielfältigen und aus einem Manne in Steifleinen ein ganzes Dutzend zu werden. Sonntag Abend war der trübſeligſte Abend der ganzen Woche; denn Mrs. Pipchin machte ſich ein Geſetz daraus, zu dieſer Zeit ſtets beſonders übel gelaunt zu ſein. Miß Pankey kehrte gewöhnlich in tiefem Schmerz von ihrer Tante in Rotten⸗ dean zurück; und Maſter Bitherſtone, deſſen Verwandte alle in Oſtindien waren, mußte während der Hausandacht ſich ganz ſteif und ſtill an die Wand ſetzen, was ihn ſo elend machte, daß er Sonntag Abend einmal Florentinen ſragte, ob ſie ihm wohl über den Weg nach Bengalen Auskunft geben könnte.. Aber gewöhnlich ſagten die Leute, Mrs. Pipchin ſei in Bezug auf Kinder eine Frau von Syſtem; und ſicherlich war ſie das. Gewiß kamen nach einem Aufenthalte von einigen Mo⸗ naten unter ihrem gaſtfreundlichen Dache die wildeſten zahm ge⸗ nug nach Hauſe. Auch ſagte man gewöhnlich, es mache Mrs. Pipchin viel Ehre, ſich dieſer Beſtimmung gewidmet und ihre Ge⸗ fühle ſo geopfert und ſo ſtandhaft ihr Unglück ausgehalten zu haben, als Mr. Pipchin's Herz in den peruaniſchen Bergwerken brach. In das Anſchauen dieſer muſterhaften Matrone vertieft konnte Paul tagelang in ſeinem kleinen Armſtuhl am Feuer ſitzen. Er ſchien nicht zu wiſſen, was Müdigkeit ſei, wenn er Mrs. Pipchin ſtarr anſehen konnte. Er liebte ſie nicht; er fürch⸗ tete ſie nicht; aber ſie ſchien in jenen Anfällen altbärtigen Brü⸗ tens eine eigenthümliche Anziehungskraft auf ihn auszuüben. — 29ñ— Dann ſaß er da und wärmte ſich die Hände und ſah ſie an, bis er Mrs. Pipchin zuweilen ganz verwirrt machte. Einmal als ſie allein waren, frug ſie ihn, woran er denke. An Sie, ſagte Paul, ohne ſich zu beſinnen. Und was denkſt du von mir? frug Mrs. Pipchin. Ich dachte, wie alt Sie wohl ſein möchten, ſagte Paul. Solche Sachen darfſt du nicht ſagen, junger Herr, ant⸗ wortete die Frau. Das geht nicht. Warum nicht? frug Paul. Weil es unhöflich iſt, ſagte Mrs. Pipchin ärgerlich. Unhöflich? wiederholte Paul. Ja. Es iſt unhöflich, ſagte Paul harmlos, die Hammelcotelettes und den Töoaſt allein aufzueſſen, ſagt Wickam. Wickam, erwiderte Mrs. Pipchin mit geröthetem Geſicht, iſt ein nichtsnutziges, vorlautes, unverſchämtes Ding. Was iſt das? frug Paul. Das geht dich nichts an, war die Antwort. Denke an die Geſchichte von dem kleinen Knaben, der von einem tollen Ochſen aufgeſpießt wurde, weil er neugierig war. Wenn der Ochſe toll war, ſagte Paul, wie konnte er denn wiſſen, daß der Knabe neugierig war? Niemand kann einem tollen Ochſen was verrathen. Ich glaube die Geſchichte nicht. Du glaubſt ſie nicht? frug Mrs. Pipchin ganz erſtaunt. Nein, ſagte Paul. Auch nicht, wenn es ein zahmer Ochſe geweſen wäre, du kleiner ungläubiger Thomas? ſagte Mrs. Pipchin.* . — 30— Da Paul die Sache noch nicht in dieſem Lichte betrachtet und ſeine Folgerungen auf die vorgebliche Tollheit gebaut hatte, ſo ließ er ſich für den Augenblick beruhigen. Aber während er daſaß, ſchien er ſich das Ding mit einer ſo offenbaren Abſicht, Mrs. Pipchin noch einmal auf das Eis zu führen, zu überlegen, daß ſelbſt dieſe alte Dame für gut fand, den Rückzug anzutreten, bis er die Sache vergeſſen habe.* Von dieſer Zeit an ſchien Mrs. Pipchin für Paul daſſelbe ſeltſame Intereſſe zu fühlen, wie dieſer für ſie. Sie ließ ſeinen Stuhl am Feuer neben ſich, anſtatt ihr gegenüber, ſetzen; und da blieb er in einer Ecke zwiſchen Mrs. Pipchin und dem Kamin⸗ gitter und ſtudirte jede Linie und jede Runzel ihres Geſichts und guckte in das kalte graue Auge, bis Mrs. Pipchin es manchmal gern zumachte, als ob ſie ſchliefe. Mrs. Pipchin hatte eine alte ſchwarze Katze, die gewöhnlich ſelbſtgenügſam ſchnurrend und in das Feuer ſchielend, bis ihre zuſammengezogenen Pupillen aus⸗ ſahen wie zwei Ausrufungszeichen, vor dem Feuergitter hockte. Die alte Dame hätte— mit Reſpekt zu vermelden— eine Hexe ſein können und Paul und die Katze ihre Hausgeiſter, wie ſie alle drei vor dem Kamine ſaßen. Es hätte ſich mit dem Aus⸗ ſehen der Geſellſchaft recht gut vertragen, wenn ſie in einer ſtürmiſchen Nacht einmal alle drei durch den Schornſtein geflogen und nicht wieder geſehen worden wären. Dies geſchah jedoch nicht. Die Katze und Paul und Mrs. Pipchin waren Tag für Tag nach dem Dunkelwerden auf ihrem gewöhnlichen Platze zu finden; und Paul, die Geſellſchaft Maſter Bitherſtone’s meidend, fing jetzt an, Mrs. Pipchin und die Katze — 31— und das Feuer allabendlich zu ſtudiren, als wären ſie ein nekro⸗ mantiſches Buch in drei Bänden. Mrs. Wickam legte ſich Pauls Excentrieitäten auf ihre eigene Weiſe aus; und da ſie in ihrer niedergedrückten Stimmung von einer Ausſicht auf ein Schornſteinlabyrinth vor ihrem Fenſter und dem Geräuſch des Windes und der Einförmigkeit ihrer jetzigen Lebensweiſe noch beſtärkt wurde, ſo nährten die obenerwähnten Eigenheiten Pauls in ihr Gedanken voll ſchwärzeſter Melancholie. Es war eine von Mrs. Pipchin's Grundſätzen, ihrem eigenen dummen Dinge— das war Mrs. Pipchin's Gattungsname für einen weiblichen Dienſtboten— jeden Verkehr mit Mrs. Wickam zu verwehren; weswegen ſie einen großen Theil ihrer Zeit damit verbrachte, ſich hinter die Thüre zu verſtecken und über ihr Dienſt⸗ mädchen herzufallen, wenn es ſich einmal Mrs. Wickam's Thür zu nähern verſuchte. Aber Berry hatte, ſoweit es ſich mit der Erfüllung ihrer vielartigen Pflichten, die ſie von Morgen bis Abend unausgeſetzt in Anſpruch nahmen, vertrug, in dieſer Hin⸗ ſicht vollkommen freie Hand. So kam es denn, daß Mrs. Wickam gegen Berry ihr Herz ausſchüttete. Welch hübſches Kind, wenn er ſchläft! ſagte Berry, vor Pauls Bett ſtehen bleibend, als ſie der Wickam eines Abends ihr Eſſen heraufbrachte. Ach! ſeufzte Mrs. Wickam. Er braucht's auch. Nun, er iſt doch nicht häßlich, wenn er wach iſt, bemerkte Berry. O nein, gewiß nicht. Das war auch meines Onkels Bet⸗ ſey Jane nicht. 4 3 8 — 32— Berry machte ein Geſicht, als verſuche ſie die Ideenverbin⸗ dung zwiſchen Paul Dombey und Mrs. Wickam's Onkels Betſey Jane zu errathen. Meines Onkels Frau, fuhr Mrs. Wickam fort, ſtarb gerade wie ſeine Mama. Meines Onkels Kind wuchs auf gerade wie Maſter Paul. Meines Onkels Kind machte es den Leuten manchmal kalt überlaufen, das that es! Wie ſo? frug Berry. Ich hätte nicht die ganze Nacht bei Betſey Jane wachen mögen! ſagte Mrs. Wickam, nicht wenn Sie am andern Morgen hätten Wickam tauſend Thaler geben wollen. Ich wär's nicht im Stande geweſen, Miß Berry. Miß Berry fragte natürlich, warum nicht? Aber ganz nach Art mancher Frauen in ihrer Lage erzählte Mrs. Wickam die Sache ohne alles Mitleid blos auf ihre Weiſe. Betſey Jane, ſagte Mrs. Wickam, war ein ſo hübſches Kind, als man nur verlangen konnte. Alles, was ein Kind nur von Krankheiten bekommen kann, hatte Betſey Jane ausgeſtan⸗ den. Die Krämpfe war ſie ſo gewohnt, ſagte Mrs. Wickam, wie Sie die Blüthen, Miß Berry. Miß Berry rümpfte unwill⸗ kürlich die Naſe. Aber Betſey Jane, ſagte Mrs. Wickam leiſe und ſah ſich dabei im Zimmer um und nach Pauls Bett, war in der Wiege von ihrer verſtorbenen Mutter gewartet worden. Ich weiß nicht wie, und ich weiß nicht wenn, und ich weiß nicht ob es das liebe Kind wußte oder nicht, aber Betſey Jane war von ihrer Mutter gewartet worden, Miß Berry! Sie Rmnen ſagen, das iſt Unſinn! — 33— Ich nehme es nicht übel, Miß. Ich will hoffen, Ihr Gewiſſen erlaubt Ihnen zu ſagen, es ſei Unſinn; Sie werden dafür um ſo ruhiger ſein in dieſer, dieſer— nehmen Sie mir's nicht übel — dieſer Gruft von einem Hauſe, das mich zu Grunde richtet. Maſter Paul iſt ein Bischen unruhig. Bitte, klopfen Sie ihn auf den Rücken. Natürlich glauben Sie, ſagte Berry und that mit ſanfter Hand, was ihr geheißen, daß er auch von ſeiner Mutter gewartet worden iſt? Betſey Jane, erwiderte Mrs. Wickam in ihrem feierlichſten Tone, wurde behext, wie das Kind behext iſt, und veränderte ſich, wie ſich das Kind verändert hat. Ich habe ſie oft daſitzen und finnen, ſinnen, ſinnen ſehen, ganz wie er. Ich habe ſie vielmals ſprechen hören, gerade wie er. Ich betrachte das Kind und Bet⸗ ſey Jane ganz in demſelben Lichte, Miß Berry. Iſt Ihres Onkels Kind noch am Leben? frug Berry. Ja, Miß, es lebt noch, entgegnete Mrs. Wickam mit trium⸗ phirender Miene, denn es war offenbar, daß Miß Berry das Gegentheil erwartete, und iſt an einen Goldarbeiter verheirathet. O ja, Miß, ſie lebt, ſagte Mrs. Wickam und legte beſonderen Nachdruck auf das Pronomen. Da es ganz klar war, daß Jemand geſtorben ſein mußte, ſo frug Miß Berry, wer? 1 4 Ich mag Sie nicht ängſtlich machen, entgegnete Mrs. Wickam und fuhr zu eſſen fort. Fragen Sie mich nicht. Das war das ſicherſte Mittel, zu neuen Fragen zu reizen. Miß Berry wiederholte daher ihre Frage, und nach einiger Wei⸗ Boz. Dombey und Sohn. II. 3 — 34— gerung legte Mrs. Wickam ihr Meſſer hin, blickte wieder im Zimmer herum und nach Pauls Bett und ſagte: Sie wurde vernarrt in manche Leute; manchmal ganz gril⸗ lenhaft; oder faßte gewöhnliche Zuneigungen, nur leidenſchaft⸗ licher als zu erwarten war. Sie ſtarben alle. Dies war für Mrs. Pipchin's Nichte ſo unerwartet und ſchauererregend, daß ſie mit beklemmtem Athem auf der ſcharfen Kante der Bettſtelle ſitzen blieb und die Sprechende mit unver⸗ hehltem Schrecken anſah. Mrs. Wickam wies mit dem linken Zeigefinger verſtohlen nach dem Bett, wo Florentine ſchlief; dann drehte ſie ihn um und deutete einigemal mit emphatiſcher Bewegung nach dem Fuß⸗ boden, unter dem ſich das Zimmer befand, wo Mrs. Pipchin ge⸗ wöhnlich ihren Toaſt verzehrte. Gedenken Sie meiner Worte, Miß Berry, ſagte Mrs. Wickam, und danken Sie Gott, daß Paul Sie nicht gar zu lieb hat. Ich bin froh, daß er mich nicht zu lieb hat, das glauben Sie mir; obgleich in dieſem Kerker von einem Hauſe— Sie werden's entſchuldigen— Einem das Leben eben nicht lieb wird! Mochte Miß Berry's Gemüthsbewegung ſie veranlaßt ha⸗ ben, Paul zu ſtark auf den Rücken zu klopfen, oder mochte ihn das Aufhören dieſer beſänftigenden Monotonie ſtören, kurz, er wendete ſich im Bett um, wachte auf in vollem Schweiße von einem böſen Traume und verlangte nach Florentinen. Sie ſprang bei dem erſten Ton ſeiner Stimme aus dem — Bett, bog ſich über ſein Kiſſen und ſang ihn wieder in Schlaf. Mrs. Wickam ſchüttelte den Kopf, ließ ein paar Thränen fallen, —— 5 1. B — 535— wie ſie Miß Berry die kleine Gruppe wies, und ſah nach der Decke empor. Gute Nacht, Miß! ſagte Wickam leiſe. Gute Nacht! Ihre Tante iſt eine alte Frau, Miß Berry, und Sie müſſen ſich auf ſo etwas ſchon gefaßt machen. Dieſen troſtreichen Abſchied begleitete Mrs. Wickam mit einem Blick voll tiefſten Schmerzes; und wie ſie wieder mit den beiden Kindern allein war und gewahr wurde, daß der Wind un⸗ heimlich heulte, überließ ſie ſich einer ſtillen Melancholie— die⸗ ſem wohlfeilſten und zugänglichſten aller Genüſſe— bis ſie der Schlaf übermannte. Obgleich die Nichte der Mrs. Pipchin nicht erwartete, dieſe muſterhafte Matrone todt in der Stube liegen zu ſehen, ſo fühlte ſie ſich doch erleichtert, als ſie dieſelbe grämlicher als gewöhnlich und allem Anſchein nach in einem Zuſtand vorfand, der das ver⸗ läßliche Verſprechen gab, noch lange zur Freude aller ihrer Be⸗ kannten am Leben zu bleiben. Auch zeigten ſich im Laufe der kommenden Woche, wo die gewöhnlichen Speiſen in regelmäßiger Folge verſchwanden, nicht die geringſten Symptome des Hin⸗ welkens, obgleich Paul ſie ſo aufmerkſam ſtudirte wie immer und mit nimmerwankender Ausdauer ſeinen alten Sitz zwiſchen dem ſchwarzen Rock und dem Kamingitter behauptete. Aber da Paul ſelbſt nach Ablauf dieſer Zeit noch nicht ſtärker geworden war, ob er gleich viel geſünder im Geſicht aus⸗ ſah, ſo ſchaffte man einen kleinen Wagen für ihn an, in dem er bequem mit einem Abe⸗Buche liegen konnte, und fuhr ihn ſo nach dem Seeſtrand. Ganz conſequent in ſeinen wunderlichen Launen 3* verſchmähte das Kind einen rothbäckigen Burſchen, der ſeinen Wagen ziehen ſollte, und wählte an deſſen Statt ſeinen Groß⸗ vater— einen dürren, ſauertöpfiſch ausſehenden Alten in einem Anzuge von altem Wachstuch, das ganz zäh und rauh von viel⸗ jährigem Einweichen in Seewaſſer geworden war und roch wie ein mit Tang bewachſener Strand, wenn Ebbe iſt. Mit dieſem Wackern als Vorſpann, Florentinen neben ſich und der wehmüthigen Wickam als Nachhut, fuhr er Tag für Tag an den Strand des Meeres, und dort ſaß oder lag er ſtundenlang in ſeinem Wagen, aber ſtets unglücklich in Geſellſchaft von Kin⸗ dern— Florentinen natürlich ausgenommen. Sei ſo gut und gehe, ſagte er, wenn ein Kind ihm Geſell⸗ ſchaft leiſten wollte. Ich danke dir, aber ich brauche dich nicht. Eine feine Stimme tönte ihm ins Ohr und frug, wie er ſich befinde. Ich danke, ich befinde mich recht wohl, antwortete er dann. Aber gehe lieber und ſpiele. Dann ſah er ſich um, bis das Kind weg war, und ſagte zu Florentinen: Wir brauchen Niemand anders, nicht wahr? Tinchen, küſſe mich! In ſolchen Stunden konnte er ſelbſt Wickam nicht leiden und ſah es gern, wenn ſie ſich entfernte, um Muſcheln und gute Bekannte zu ſuchen. Sein Lieblingsplatz war ein ganz einſamer Fleck, wo faſt gar keine Spaziergänger hindrangen; und wenn Florentine nähend neben ihm ſaß oder ihm vorlas oder erzählte und der Seewind ihm ins Geſicht wehte und die Wellen die Räder ſeines Wagens umſpülten, ſo verlangte er weiter nichts. — 3,— Tinchen, ſagte er eines Tages, wo iſt Oſtindien, wo dieſes Knaben Verwandte ſind? O weit, weit weg, antwortete Florentine, von ihrer Arbeit aufblickend. Hat man Wochen lang zu reiſen? frug Paul. O viele Wochen, Tag und Nacht. Wenn du in Indien wäreſt, Tinchen, ſagte Paul nach einer kurzen Pauſe, ſo würde ich— was that Mama? Ich habe es vergeſſen. Sie hatte mich lieb! antwortete Florentine. Nein, nein. Habe ich dich jetzt nicht auch lieb, Tinchen? Was war es? Sie ſtarb. Wenn du in Indien wäreſt, würde ich ſterben, Tinchen. 4 Sie legte ſchnell ihre Arbeit hin, legte ihr Haupt auf ſein Kiſſen und liebkoſete ihn. Und ſo, ſagte ſie, würde ſie es auch machen, wenn er dort wäre. Er würde ſich bald beſſer befinden. O, ich befinde mich jetzt viel beſſer! antwortete er. Ich meine das nicht. Ich meine, daß ich ſterben würde, weil ich ſo einſam und traurig wäre, Tinchen! Ein andermal ſchlief er ein und ſchlummerte lange Zeit ruhig. Aber plötzlich erwachend lauſchte er, ſchrak auf und lauſchte weiter. Florentine frug ihn, auf was er horche. Ich will wiſſen, was es ſagte, antwortete er und ſah ihr feſt ins Geſicht. Tinchen, was ſpricht das Meer in einem fort? Sie ſagte ihm, es ſei nur das Rollen der Wellen. Ja, ja, erwiderte er. Aber ich weiß, daß ſie immer etwas .—————— — 38— ſprechen. Immer daſſelbe. Was liegt dort drüben? Er rich⸗ tete ſich auf und ſah geſpannt nach dem Horizont. Sie ſagte ihm, daß ein anderes Land drüben liege; er aber antwortete, das meine er nicht, er meine weiter— weiter weg! Sehr oft ſpäter brach er in der Mitte ihres Geſpräches ab, um den Verſuch zu machen, ob er verſtände, was die Wellen ſagten; und richtete ſich auf ſeinem Lager auf, um nach dieſem unſichtbaren Lande in der Ferne zu ſchauen. 7 Neuntes Kapitel. In welchem der hölzerne Seecadett in Verlegenheit kommt. Die Hinneigung zur Romantik und zum Wunderbaren, von der eine ſo ſtarke Beimiſchung in Walter Gay'’s Natur lag, und welche die Vormundſchaft ſeines Onkels durch das Waſſer ern⸗ ſter Lebenserfahrungen nicht ſehr hatte ſchwächen können, war der Grund, daß er mit einem ungewöhnlichen und wohlthuenden Intereſſe an das Abenteuer Florentinens mit der guten Mrs. Brown zurückdachte. Er nährte und pflegte es in ſeiner Erin⸗ nerung, vorzüglich den Theil deſſelben, in dem er zu thun hatte, 4 bis es das verzogene Kind ſeiner Phantaſie wurde und mit dieſer 4 machte was es wollte. Die Rückerinnerung an dieſe Vorfälle und ſeinen eigenen Antheil dabei wurde noch reizender gemacht durch die ſonntäglichen Träumereien des alten Sol und Capitain Cuttle's. Denn es verging kaum ein Sonntag, wo nicht der eine oder der andere dieſer wür⸗ digen Herren eine geheimnißvolle Anſpielung gemacht hätte; und — — 410— der Capitain war ſogar ſo weit gegangen, eine Ballade von ziem⸗ lichem Alter, die lange Zeit unter andern, hauptſächlich maritimen Inhalts, an einer Mauer in Commercial Road gehangen, zu kaufen, welches poetiſche Kunſtwerk die Liebeswerbung und Hochzeit eines hoffnungsvollen jungen Kohlenträgers und einer gewiſſen„ſchö⸗ nen Peg“, der ausgezeichneten Tochter des Capitains und Mit⸗ eigenthümers eines Neweaſtlekohlenſchiffs, erzählte. In dieſer poeſiereichen Sage entdeckte Capitain Cuttle einen tiefen, meta⸗ phyſiſchen Bezug auf das Verhältniß Walters zu Floren⸗ tinen, und das regte ihn ſo auf, daß er bei ſehr feſtlichen Gelegenheiten, wie bei Geburts⸗ und einigen andern nicht kirch⸗ lichen Feſttagen, das ganze Lied im kleinen Hinterzimmer abſang und bei Peg, womit jeder Vers zu Ehren der Heldin des Ge⸗ dichts ſchloß, einen fürchterlichen Triller ſchlug. Aber ein lebhafter, offenherziger Knabe iſt nicht ſehr ge⸗ neigt, ſeine eigenen Gefühle zu zergliedern, ſo tief ſie auch bei ihm wurzeln, und Waltern würde es ſchwer geworden ſein, darüber klar zu werden. Er hatte eine große Vorliebe für das Werft, wo er Florentinen zuerſt geſehen, und die Straßen(ob⸗ gleich an und für ſich nichts weniger als reizend), durch welche er ſie nach Hauſe gebracht. Die Schuhe, die ſie unterwegs ſo pft.* verloren, bewahrte er in ſeinem Zimmer auf; und im lleinen Hinterſtübchen hatte er eines Abends eine ganze Gäl erie von Phantaſieportraits der guten Mrs. Brown entworfen Wohl möglich, daß er nach dieſem denkwürdigen Tage ſi mit mehr Sorgfalt kleidete; und jedenfalls ging er in ſeinen; Mußeſtun⸗ den gern nach der Gegend der Stadt, wo ſich As Donbeys V — au— Haus befand, mit der ſehr unbeſtimmten Ausſicht, Florentinchen unterwegs zu begegnen. Aber alle dieſe Empfindungen waren ſo knabenhaft und unſchuldig, als man nur verlangen konnte. Florentine war ſo hübſch, und es iſt ſo angenehm, ein hübſches Geſicht zu bewundern. Florentine war ſchutzlos und ſchwach, und es war ein ſo erhebender Gedanke, daß er im Stande ge⸗ weſen, ihr Schutz und Beiſtand zu leiſten. Florentine war das dankbarſte kleine Weſen auf der Welt und es war ſo wohlthuend, ihre fröhliche Dankbarkeit aus ihren Augen herausſtrahlen zu ſehen. Florentine lebte vernachläſſigt und unbeachtet, und ſein Herz war voll jugendlicher Theilnahme für das verwaiſte Kind in dem finſtern, ſtattlichen Hauſe. So geſchah es, daß Walter vielleicht ein halb Dutzend Mal des Jahres vor Florentinen auf der Straße den Hut abzog, und Florentine ſtehen blieb, um ihm die Hand zu ſchütteln. Mrs. Wickam war ſo ſehr daran gewöhnt, denn ſie kannte die Ge⸗ ſchichte ihrer Bekanntſchaft, daß ſie nicht weiter darauf achtete. Miß Nipper dagegen ſuchte dieſe Gelegenheit vielmehr auf; ihr empfindſames junges Herz war von Walters hübſchem Ausſehen gerührt worden und neigte ſich zu dem Glauben, daß ſeine Ge⸗ fühle Erwiderung fänden. So mußte Walter, weit entfernt, ſeine Bekanntſchaft mit Florentinen zu vergeſſen und aus dem Geſicht zu verlieren, der⸗ ſelben immer von neuem eingedenk werden. Hinſichtlich ihres abenteuerlichen Beginnens und aller der kleinen Umſtände, welche ihr einen beſondern Charakter und Reiz gaben, ſo gedachte er ih⸗ rer mehr als einer Anziehung mehr für ſeine Phantaſie, die bei — 42— Leibe nicht fehlen dürfe, denn als eines Theils einer Thatſache, die ihn nur im mindeſten anging. Seiner Meinung nach hoben ſie Florentinen ſehr hervor; ihn nicht. Zuweilen dachte er(und dann ging er ſehr ſchnell), wie ſchön es geweſen wäre, wenn er gleich nach jenem Tage auf die See gegangen wäre und dort Wunder von Tapferkeit verrichtet hätte und, nachdem er lange, lange weggeblieben, als Admiral von allen Farben des Delphins oder wenigſtens als Capitain erſter Klaſſe, mit Epauletten vom blendendſten Glanze, zurückgekehrt wäre, und Florentinen (dann eine ſchöne Jungfrau) trotz Mr. Dombey's Macht und Stolz geheirathet und nach einer fernen Küſte entführt hätte. Aber dieſe phantaſtiſchen Träume konnten nur ſelten die meſſin⸗ gene Platte von Dombey und Sohns Comptoir in eine Tafel goldener Hoffnung verwandeln oder einen hellen Glanz auf die ſchmutzigen Ladenfenſter werfen; und wenn der Capitain und Onkel Sol von Richard Whittington und des Principals Töch⸗ tern ſprachen, fühlte Walter, daß er ſeine Stellung bei Dombey und Sohn wohl richtiger würdigte, als ſie. So verrichtete er denn Tag für Tag die ihm zugewieſene Arbeit mit heiterm Sinn und redlichem Eifer, und durchſchaute die ſanguiniſchen Viſionen Onkel Sols und des Capitains; und nährte doch ſelbſt tauſend unbeſtimmte und phantaſtiſche Träume, gegen welche die der Andern proſaiſcheſte Wahrſcheinlichkeit wa⸗ ren. So war er zur Zeit der Mrs. Pipchin, wo er ein klein wenig, aber nicht viel, älter als früher ausſah, und noch derſelbe leichtblütige, muntere und raſche Jüngling war, wie damals, wo er das Hinterſtübchen an der Spitze Onkel Sols und der einge⸗ V bildeten Enterabtheilung ſtürmte und ihm leuchtete, als er den Madeira heraufholte. Onkel, ſagte Walter, du ſcheinſt mir nicht wohl zu ſein. Du haſt gar kein Frühſtück gegeſſen. Ich werde einen Arzt holen, wenn das ſo fortgeht. Er kann mir nicht ſchaffen, was mir fehlt, ſagte der Onkel. Wenigſtens müßte der Mann eine gute Praxis haben— und dann thäte er's nicht. Was fehlt, Onkel? Kunden? Ja, erwiderte Salomon mit einem Seufzer, Kunden könn⸗ ten helfen. z Weiß der Kukuck, Onkel! ſagte Walter, indem er die Taſſe heftig auf den Tiſch ſetzte und mit der Hand auf den Tiſch ſchlug, wenn ich die Leute täglich ſchaarenweiſe durch die Straßen lau⸗ fen ſehe, ſo fühle ich mich verſucht hinauszuſtürzen, Einen beim Kragen zu kriegen, ihn hereinzuſchleppen und ihn zu zwingen, für funfzig Pfund Inſtrumente baar zu kaufen. Was gucken Sie da herein? fuhr Walter fort, indem er einen alten gepuder⸗ ten Herrn(natürlich durchaus unhörbar), der mit großem Inter⸗ eſſe ein Schiffteleſkop anſtarrte, anredete. Das nützt nichts, das könnt' ich auch. Tretet ein und kauft es! 4 Aber der alte Herr ging ruhig weiter, nachdem er ſeine Neugier befriedigt hatte. Da geht er! ſagte Walter. So machen ſie’s Alle. Aber Onkel— Ontkel, wiederholte er, denn der Alte brütete vor ſich hin und hatte auf die erſte Anrede nicht geantwortet— ſeien Sie nur nicht bekümmert. Nur den Muth nicht verloren. Wenn — 44— Aufträge kommen, dann kommen ſie ſo dick, daß Sie ſie gar uicht alle ausführen können. Es wird bei mir mit dem Ausführen vorbei ſein, wenn ſie kommen, mein Sohn, antwortete Salomon Gills. Es kommen keine wieder in dieſen Laden, als bis ich hinaus bin. Aber Onkel! Ich bitte Sie! fagte Walter. Wer wird ſo denken! Der Alte bemühte ſich, ein heiteres Geſicht zu machen, und lächelte ſeinen Neffen ſo fröhlich an, als ihm möglich war. Es iſt doch nichts Außergewöhnliches vorgefallen, Onkel? ſagte Walter, indem er die Elbogen auf das Theebret ſtützte und ſich über den Tiſch bog, um vertraulicher und inniger zu ſprechen. Seien Sie aufrichtig, Onkel, ich bitte Sie. Nein, nein, antwortete der Onkel. Etwas Außergewöhn⸗ liches? Nein, nein. Warum ſollte etwas Außergewöhnliches vorgefallen ſein? Walter antwortete mit einem ungläubigen Kopfſchütteln. Das eben möcht ich wiſſen, und du fragſt mich? Ich will dir was ſagen, Onkel, wenn ich dich ſo ſehe, ſo thut mir's wirklich leid, daß ich bei dir bin. Der alte Sol riß unwillkürlich die Augen auf. Ja, fuhr Walter fort, obgleich Niemand glücklicher ſein kann, als ich es bei dir bin und immer war, ſo thut es mir doch leid, um dich zu ſein, wenn du ſo bekümmert biſt. Freilich bin ich dann eine etwas langweilige Geſellſchaft, ſagte der Onkel trüblächelnd und rieb ſich die Hände. Ich meine, Onkel, ſagte Walter, und bog ſich noch mehr nich blie gar n ſie mmen d ſo und kel? und hhen. öhn⸗ iches teln. dir klich ſein zaft, — 45— vor, um ihn auf die Achſel zu klopfen, daß ich dann fühle, du ſollteſt anſtatt meiner zum Theeeinſchenken und Hierſitzen eine hübſche kleine Frau haben— eine gemüthliche, traute Alte, die für dich paßte und dich zu behandeln und dich aufrecht zu erhal⸗ ten wüßte. Hier ſtehe ich, ein ſo zärtlicher Neffe, als nur ſein kann(und es iſt meine Schuldigkeit!), aber ich bin nur ein Neffe, und kann nicht das für dich ſein, wenn du niedergeſchlagen und bedrückt biſt, was ſie geweſen wäre, obgleich ich Alles hingeben wollte, wenn ich dich aufheitern könnte. Und daher ſage ich, wenn ich dich betrübt ſehe, es thut mir leid, daß du nur einen leichtſinnigen, unerfahrenen Jungen um dich haſt, der wohl den Willen hat, dich zu tröſten, aber nicht weiß, wie er's anfangen ſoll, ſagte Walter und ergriff ſeines Onkels Hand. Lieber Sohn, wenn die kleine runde Alte ſchon vor fünf⸗ undvierzig Jahren in dieſer Stube geſeſſen hätte, ſ könnte ich ſie nicht lieber haben, als dich. Das weiß ich, Onkel, erwiderte Walter. Das weiß ich. Aber du hätteſt nicht die ganze Laſt bedrückender Geheimniſſe allein getragen, wenn ſie bei dir wäre, denn ſie hätte gewußt ſie dir abzulocken, und ich weiß es nicht. Doch, doch, du weißt s, entgegnete der Onkel. Nun alſo, was giebt's, Onkelchen? frug Walter ſchmeichelnd. Sage, was giebts? Salomon Gills blieb bei ſeiner erſten Behauptung, daß es nichts ſei; und blieb ſo ſtandhaft, daß ſeinem Neffen nichts übrig blieb, als ſich zu ſtellen, er ſei davon überzeugt. — 46— Ich kann weiter nichts ſagen, Onkel, als daß, wenn wirk⸗ lich etwas vorgefallen iſt—. Aber es iſt nichts vorgefallen, ſagte Salomon. Gut, ſagte Walter. Dann habe ich weiter nichts zu ſa⸗ gen; und das iſt ein Glück, denn ich muß jetzt ins Geſchäft. Ich werde mit hereingucken, Onkel, wenn ich ausgehe, um zu ſehen, wie es dir geht. Und ich ſage dir, Onkel! Ich glaube dir in meinem Leben nicht wieder, und erzähle dir auch kein Wort mehr von Mr. Carker junior, wenn ich entdecke, daß du mich hintergangen haſt. Salomon Gills forderte ihn lachend heraus, um ſo etwas zu entdecken, und Walter, den Kopf voll unausführbarer Pläne, reich zu werden und dem hölzernen Seecadetten eine unabhän⸗ gige Stellung zu geben, verfügte ſich mit ſorgenvollerem Ge⸗ ſichte als gewöhnlich nach dem Comptoir von Dombey und Sohn. Zu jener Zeit wohnte um die Ecke— in der äußern Bi⸗ ſhopsgateſtraße— ein gewiſſer Brogley, vereidigter Mäkler und Taxator und Beſitzer eines Ladens, wo alte Möbeln aller Art in den widerſinnigſten Verhältniſſen und Zuſammenſtellungen und im allerungemüthlichſten Lichte erſchienen. Dutzende von Stüh⸗ len an Waſchtiſche gehängt, die ſich mühſam auf den Schultern von Schenktiſchen im Gleichgewicht erhielten, welche wieder auf der Kehrſeite von Speiſetafeln, mit den Beinen aufwärts auf andern Speiſetafeln ruhend, ſtanden: das war noch eine der vernünftigſten Zuſammenſtellungen. Auf einer Bettſtelle ſtan⸗ den gewöhnlich Schüſſeldecken, Weingläſer und Caraffen zu Be⸗ virk⸗ t ſa⸗ häft. 1 zu dir Vort mich was ääne, hän⸗ Ge⸗ und Bi⸗ und Art und tüh⸗ ltern auf auf der ſtan⸗ Be⸗ — 4— wirthung einer luſtigen Geſellſchaft von einem halben Dutzend Feuereiſen und einer Hängelampe. Fenſtergardinen ohne die dazu gehörigen Fenſter verzierten höchſt anmuthig eine Barricade von Commoden, belaſtet mit kleinen Kruken aus einer Apotheke, während ein heimathloſer Kaminteppich, von ſeinem natürlichen Gefährten der Feuerſeite getrennt, dem ſcharfen Oſtwind in ſeiner Trübſal trotzte und in melancholiſcher Harmonie mit den ſchrillenden Klagen eines Pianos zitterte, das ſaitenweiſe hinſchwand und in deſſen wirrem, ſummendem Hirn der Lärm der Straße ſchwach widerhallte. Von ſtillſtehenden Uhren, die nie einen Zeiger be⸗ wegten und, wie es ſchien, eben ſo wenig wieder in Gang ge⸗ bracht werden konnten, wie die Geſchäfte ihrer ehemaligen Eigen⸗ thümer, war immer eine große Auswahl in Mr. Brogley's Laden zu finden; und verſchiedene Spiegel, die ſich zufällig gegenüber⸗ ſtanden, gewährten dem Auge eine endloſe Perſpective von Bankerott und Untergang. Mr. Brogley ſelbſt war ein rother, kraushaariger Mann von unterſetzter Geſtalt und zufriedener Gemüthsart— denn dieſe Art von Cajus Marius, die auf den Trümmern von an⸗ derer Leute Carthago ſitzt, kann ziemlich ruhig dabei bleiben. Er war manchmal in Salomon's Laden getreten, um ſich wegen dieſes oder jenes Artikels aus des alten Optikers Branche zu erkundigen; und Walter kannte ihn hinreichend, um ihm einen guten Tag zu bieten, wenn ſie ſich auf der Straße begegneten. Aber da des Mäklers Bekanntſchaft mit Salomon Gills eben⸗ falls nicht weiter ging, ſo war Walter nicht wenig erſtaunt, als er, wie er im Laufe des Vormittags einmal in den Laden zurück⸗ — 48— kam, Mr. Brogley in der Hinterſtube fand, die Hände in den Taſchen und den Hut hinter der Thür aufgeha angen. Nun, Onkel Sol! ſagte Walter. Der Alte ſaß mit kläg⸗ lichem Geſicht am andern Ende des Tiſches, die Brille vor den Augen, anſtatt wie ſonſt auf die Stirn geſchoben. Wie geht’s jetzt? Salomon ſchüttelte den Kopf, und deutete mit der Hand auf den Mäkler, als ob er ihn vorſtelle. Iſt etwas vorgefallen? frug Walter mit ahnungsvoller Beklemmung. Nein, nein, es iſt weiter nichts, ſagte Mr. Brogley. Beun⸗ ruhigen Sie ſich weiter nicht darüber. Walter blickte erſt den Mäkler, dann ſeinen Onkel in ſtum⸗ mem Erſtaunen an. Die Sache iſt die, ſagte Mr. Brogley, daß ein kleiner Schuldſchein— dreihundert und etliche ſiebzig— verfallen iſt, und ich bin im Beſitz. Im Beſitz! rief Walter und ſah ſich im Laden um. Ja! ſagte Mr. Brogley vertraulich und nickte mit dem Kopfe, als wollte er zu bedenken geben, daß es für alle das Räthlichſte ſei, recht verträglich und gemüthlich bei einander zu bleiben. Es iſt eine Execution. Weiter iſt’s nichts. Beunruhigen Sie ſich weiter nicht darüber. Ich komme ſelbſt, damit es ruhig und freundſchaftlich abgemacht wird. Sie kennen mich. Es bleibt unter uns. Onkel Sol! ſtotterte Walter. Wally, mein Junge, entgegnete der Onkel. Es iſt das gen ig ibt as — 49— erſte Mal. So etwas hat mich noch nie betroffen. Und daß ich alter Mann das noch erleben muß! Damit ſchob er ſeine Brille wieder in die Höhe(denn er konnte durch ſie ſeine Bewe⸗ gung nicht mehr verbergen), bedeckte das Geſicht mit den Händen und ſchluchzte laut, und die Thränen fielen auf ſeine kaffee⸗ braune Weſte. Onkel Sol! Ich bitte dich! rief Walter aus, den ein Schauer des Schreckens durchrieſelte, als er den Alten ſo weinen ſah. Um Gottes Willen, Onkel! Mr. Brogley, was ſoll ich thun? Ich würde rathen, einen Freund aufzuſuchen, ſagte Mr. Brogley, um mit ihm die Sache zu beſprechen. Ja, ja! rief Walter. Gewiß! Danke Ihnen. Capitain Cuttle iſt der rechte Mann, Onkel. Warte, bis ich Capitain Cuttle hole. Haben Sie ein Auge auf den Onkel, bitte, Mr. Brogley, und tröſten Sie ihn, ſo gut Sie können, bis ich wieder⸗ komme. Nur nicht verzweifelt, Onkel Sol. Nur Muth gefaßt, liebes Onkelchen! Indem er dies mit großer Innigkeit ſagte und des Alten zitternde Einwendungen nicht achtete, ſtürzte Walter, ſo ſchnell er nur konnte, wieder aus dem Laden und machte ſich, nachdem er auf das Comptoir gelaufen und ſich unter dem Vorwand einer plötzlichen Erkrankung ſeines Onkels entſchuldigt, in möglichſter Eile nach Capitain Cuttle's Wohnung auf den Weg. Alles ſchien ſich verändert zu haben, als er durch die Straßen rannte. Es war das alltägliche Gewühl und Geräuſch Boz. Dombey u. Sohn. II. 4 — 50— von Karren, Schleifen, Omnibuſſen, Wagen und Fußgängern. Aber das Unglück, welches den hölzernen Seecadetten betroffen, gab ihm einen neuen und ſeltſamen Charakter. Häuſer und Läden ſahen anders aus, als gewöhnlich, und trugen in gro⸗ ßen Buchſtaben Mr. Brogley's Executionsmandat auf ihrer Fronte. Der Mäkler ſchien ſich ſelbſt der Kirchen bemächtigt zu haben; denn ihre Thürme ragten auf eine ungewöhnliche Art in die Luft empor. Selbſt der Himmel hatte ſich verändert, und eine Execution war deutlich an ihm zu leſen. Capitain Cuttle wohnte an dem Rand eines kleinen Ka⸗ nals, in der Nähe der weſtindiſchen Docks, wo eine Zugbrücke war, die ſich dann und wann öffnete, um ein wanderndes Unge⸗ thüm von einem Schiff durchzulaſſen, das wie ein Leviathan die Straße heraufwankte. Der allmählige Uebergang von Land zu Waſſer, wenn man ſich Capitain Cuttle's Wohnung näherte, war merkwürdig. Zuerſt zeigten ſich Flaggenſtäbe über Wirths⸗ häuſern, dann kamen Kleiderhändlerbuden mit geſtreiften Hemden, Matroſenhüten und Leinwandhoſen. Auf dieſe folgten Anker⸗ ſchmieden, wo ſchwere Hämmer den ganzen Tag erklangen. Dann Reihen Häuſer mit kleinen beflaggten Maſten mitten unter den Feuerbohnen. Dann Gräben. Dann geſtutzte Weiden. Dann wieder Gräben. Dann kleine ſchmutzige Tümpel, kaum zu ſehen vor den vielen Schiffen, die ſie bedeckten. Dann war die Luft burchduftet von Zimmerſpänen; und alle andere Handwerke ver⸗ ſchwanden vor Maſt⸗, Ruder⸗ und Blockverfertigern und Boot⸗ dauern. Dann wurde der Erdboden moorig und ſchwankend. Dann roch man nichts als Rum und Zucker. Dann ſtand man dicht an Capitain Cuttle's Wohnung— zugleich im erſten und oberſten Stock— auf dem Brigplatze. Capitain Cuttle war eine von jenen Geſtalten, die ſich ſelbſt die lebhafteſte Einbildungskraft kaum ohne irgend ei⸗ nen, wenn auch noch ſo unbedeutenden, Theil ihres Anzuges denken kann. Als daher Walter an die Thür pochte und an einem der kleinen Fenſter der Capitain erſchien, wie immer den lackirten Hut auf dem Kopfe, die großen Halskragen gleich Se⸗ geln, und in dem weiten blauen Rock und Hoſen, war Walter ſo vollkommen überzeugt, daß er beſtändig ſo ſei, als wäre der Capitain ein Vogel und dieſe Kleidungsſtücke ſeine Federn. Walr, mein Jung'! ſagte Capitain Cuttle. Klopft noch einmal. Und derb! Es iſt Waſchtag. In ſeiner Ungeduld donnerte Walter heftig an die Thür. Derb iſt das! ſagte Capitain Cuttle und fuhr ſogleich mit dem Kopf zurück, als ob er ein Unwetter fürchte. Er irrte ſich auch nicht; denn eine ſtarke Frau mit hoch⸗ aufgekrempelten Aermeln, die Arme bedeckt uit Seifenſchaum und rauchend vom heißen Waſſer, erſchien mit ſchreckenerregender Schnelligkeit auf das Klopfen. Ehe ſie Walter anblickte, be⸗ trachtete ſie den Klopfer, maß ihn dann vom Kopf bis zu den 3 Füßen, und ſagte, ſie wundre ſich, daß er noch etwas davon übrig gelaſſen habe. Ich weiß, Capitain Cuttle iſt zu Hauſe, ſagte Walter mit verſöhnendem Lächeln. So? erwiderte die Frau. Wirklich? Er hat eben mit mir geſprochen, ſagte Walter erläuternd. 4* — 52— Was Sie nicht ſagen! entgegnete die Frau. Dann ſagen Sie ihm eine Empfehlung von Mrs. Mae Stinger, und wenn er ſich das nächſte Mal ſo gemein macht und zum Fenſter heraus⸗ ſpricht, möchte er ſo gut ſein und ſelbſt heruntergehen und auch die Thür aufmachen. Ich werde es ausrichten, Madame, ſagte Walter, wenn Sie die Güte haben wollen, mich hereinzulaſſen. Denn er wurde durch ein hölzernes Schutzgatter quer vor der Treppe zurückgehalten, das dort angebracht war, um die klei⸗ nen Mae Stingers, wenn ſie ſpielten, vor der Gefahr zu ſchützen, die Treppe hinunterzufallen. Ein Knabe, der meine Thür zerklopfen kann, ſagte Mrs. Mae Stinger verächtlich, kann doch gewiß auch darüber! Aber da Walter dies für eine Erlaubniß zum Eintritt nahm und gleich darüber wegkletterte, frug ihn Mrs. Mac Stinger ſogleich, ob einer Engländerin Haus ihre Burg ſei oder nicht, und ob ſie ſich von„Volk“ überfallen laſſen ſolle. Sie zeigte immer noch eine heiße Begierde nach Aufklärung über dieſe Punkte, als Wal⸗ ter, nachdem er die kleine Treppe hinauf durch einen künſtlichen, durch das Waſchen verurſachten Nebel, der das Gebäude mit einem feuchten Schweiße bedeckte, gedrungen war, in Capitain Cuttle's Zimmer trat und dieſen wackern Herrn im Hinterhalt hinter der Thür fand. 1 War ihr nie einen Pfennig ſchuldig, ſagte Capitain Cuttle leiſe und mit unverkennbaren Zeichen der Angſt auf dem Geſicht. Hab' ihr viele Gefälligkeiten erwieſen, und den Kindern auch. Aber manchmal ein Drache. Hu! ——,—,n—-—— — ———, — 533— Ich würde ausziehen, Capitain Cuttle, ſagte Walter. Darf' nicht wagen, Wal, entgegnete der Capitain. Sie würde mich überall zu finden wiſſen. Setzt euch. Was macht Gills? Der Capitain aß gerade(mit dem Hut auf dem Kopf) ſein Mittagseſſen, beſtehend aus einem kalten Schöpsſtoß, Porter und einigen rauchenden Kartoffeln, die er ſich ſelbſt bereitet hatte und die er, wie er ſie brauchte, aus einem kleinen Caſſerol vom Feuer nahm. Beim Eſſen ſchraubte er ſeinen Haken ab und ſchraubte dafür in den hölzernen Stumpf ein Meſſer, mit dem er bereits eine jener Kartoffeln für Walter zu ſchälen begonnen hatte. Sein Zimmer war ſehr klein und ſtark mit Tabaks⸗ dampf eingeräuchert, aber gemüthlich genug, und Alles war ſo ſorgfältig in ſeinen Platz gefügt, als ob alle halbe Stunden ein Erdbeben wäre. Wie geht'’s Gills? frug der Capitain. Walter, der jetzt ſeinen Athem wiedergefunden und ſeinen friſchen Muth verloren hatte— den friſchen Muth nämlich, den der ſchnelle Gang in ihm geweckt— ſah den Fragenden einen Augenblick an, ſagte: O Capitain Cuttle! und brach in Thrä⸗ nen aus. Worte können des Capitains Beſtürzung bei dieſem An⸗ blick nicht beſchreiben. Mrs. Mac Stinger verſchwand davor in Nichts. Er ließ die Kartoffel und die Gabel fallen— und hätte auch das Meſſer fallen laſſen, wäre es möglich geweſen— und ſtarrte den Knaben an, als erwarte er im nächſten Augen⸗ blicke zu hören, daß ſich ein Abgrund in der City aufgethan und — 54— ſeinen alten Freund ſammt kaffeebraunem Anzug, Knöpfen, Chro⸗ nometer und Brille verſchlungen habe. Aber als Walter ihm erzählte, was wirklich vorgeſallen ſei, da gerieth Capitain Cuttle nach kurzem Nachdenken alsbald in volle Thätigkeit. Er ſchüttete aus einer kleinen blechernen Büchſe, die unten auf dem Eckſchrank ſtand, ſeinen ganzen Vorrath von baarem Gelde— dreizehn Pfund und eine halbe Krone— auf den Tiſch und verſenkte ihn dann in eine Taſche ſeines breit⸗ ſchößigen blauen Rocks; dieſen Schatz vermehrte er noch mit ſei⸗ nem Silberzeug, aus zwei Theelöffeln und einer alten Zucker⸗ zange beſtehend; zog die große zweigehäuſige ſilberne Uhr aus der Tiefe, wo ſie ruhte, empor, um ſich zu verſichern, daß ſie noch in gutem Znſtande ſei; ſchraubte den Haken wieder an die rechte Hand; nahm den mit Warzen bedeckten Stock und for⸗ derte Walter auf, ihm zu folgen. Da ihm jedoch in ſeinem tugendhaften Eifer einfiel, daß Mrs. Mac Slinger unten im Hinterhalt liegen könne, ſo zögerte er etwas, nicht ohne nach dem Fenſter zu blicken, als ob er mit dem Gedanken umginge, lieber auf dieſem ungewöhnlichen Wege zu entfliehen, als ſeinem ſchrecklichen Feinde entgegen zu treten. Er enſchied ſich endlich für eine Kriegsliſt. Walr, ſagte der Capitain mit einem ſchüchternen Augen⸗ wink, geht ihr voran. Ruft: Lebt wohl, Capitain Cuttle, wenn ihr draußen auf dem Gange ſeid und die Thür zumacht. Dann wartet an der Ecke unten, bis ich nachkomme. Dieſer Operationsplan war mit einer genauen Kenntniß der Taktik des Feindes entworfen, denn als Walter in die Haus⸗ — 555— flur hinunter kam, ſchwebte Mrs. Mac Stinger aus der kleinen Küche hervor, wie ein rächender Engel. Aber da ſie nicht auf den Capitain hervorſchwebte, ſagte ſie blos noch etwas vom Klopfer und ſchwebte wieder hinein. Etwa fünf Minuten verſtrichen, ehe Capitain Cuttle Muth genug faſſen konnte, ſeine Flucht zu verſuchen; denn ſo lange mußte Walter an der nächſten Straßenecke warten, ehe ſich etwas von dem lackirten Hut entdecken ließ. Endlich brach der Capitain⸗ mit der Heftigkeit einer Exploſion aus der Thür hervor, kam auf ihn zugerannt, wobei er ſich nicht ein einziges Mal umſah, und that, als pfeife er ein Liedchen, als ſie aus der Straße heraus waren. Onkel ſehr niedergeſchlagen, Wal’r? frug der Capitain un⸗ terwegs. Sehr, ſehr, war die Antwort. Wenn Sie ihn dieſen Mor⸗ gen geſehen hätten, ſo würden Sie es nie vergeſſen. Geh ſchnell, Walter, mein Junge, erwiderte der Capitain und beſchleunigte ſeine Schritte; und gehe ſo dein Lebelang. Such' im Katechismus dieſe Regel und behalte ſie! Der Capitain war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken über Salomo Gills beſchäftigt, vielleicht auch mit einigen Empfindungen über ſeine glückliche Rettung aus Mrs. Mac Stin⸗ ger'’s Händen, um fernere Citate zum Beſten von Walters ſitt⸗ licher Förderung zu verſuchen. Sie ſprachen kein Wort weiter mit einander, bis ſie an des alten Sol Thür ankamen, wo der unglückliche hölzerne Seecadett mit dem Fernrohr am Auge ſich am ganzen Horizont nach einem Freund, der ihm aus ſeiner Noth helfen könnte, umzuſehen ſchien. n — 36— Gills! ſagte der Capitain, in das Hinterſtübchen eilend und ihm zärtlich die Hand drückend. Nur den Kopf gut dem Wind entgegen, und wir wollen ſchon durchkommen. Wir haben weiter nichts zu thun, wiederholte der Capitain mit der Feier⸗ lichkeit eines Mannes, der einen der koſtbarſten Sätze praktiſcher Philoſophie, den jemals die menſchliche Weisheit entdeckt, aus⸗ ſpricht, als den Kopf gut dem Wind entgegen, und wir kommen ſchon durch! Der Alte erwiderte den Händedruck und dankte ihm. Darauf legte der Capitain Cuttle mit einem den Umſtänden angemeſſenen Ernſte die zwei Theelöffel und die Zuckerzange, die ſilberne Uhr und das baare Geld auf den Tiſch, und frug Mr. Brogley, den Mäkler, was zu bezahlen ſel? Sehen Sie her. Wie hoch rechnen Sie das an? ſagte Capitain Cuttle. Mein Gott! erwiderte der Mäkler, Sie denken doch nicht etwa, daß die Sachen da vom geringſten Nutzen ſein könnten? Warum nicht? frug der Capitain. Warum? Die Summe iſt dreihundert und einige ſiebenzig, entgegnete der Mäkler. Was thut das? ſagte der Capitain, obgleich offenbar er⸗ ſchrocken über die hohe Ziffer. In Ihrem Netze iſt alles Fiſch, ſollte ich meinen? Gewiß, gab Brogley zur Antwort. Aber ſehen Sie, Gründ⸗ linge ſind keine Wallfiſche. 6 Die Philoſophie dieſer Bemerkung ſchien dem Capitain ein⸗ zuleuchten. Er dachte eine Weile nach, während welcher Zeit * 57— d er den Mäkler als einen ganz geſcheiten Kerl mit den Augen 4 maß, und rief den Opticus bei Seite. Gills, ſagte Capitain Cuttle, wie iſt die Geſchichte eigent⸗ lich? Wer iſt der Gläubiger? — Still! gab der Alte zur Antwort. Kommt hierher. Wal⸗ — ter darf's nicht hören. Es iſt eine Bürgſchaftsſache für Wally's t Vater— eine alte Schuldverſchreibung. Ich habe viel davon abbezahlt, aber mein Geſchäft geht jetzt ſo ſchlecht, daß ich vor der Hand nichts weiter thun kann. Ich habe es kommen ſehen, t es ließ ſich aber nicht abändern. Kein Wort in Wally's Anwe⸗ 3 9 ſenheit, um Alles in der Welt nicht. . 4 Ihr habt etwas Geld, nicht wahr? flüſterte der Capitain. Ja, ja, o ja— ich habe welches, antwortete Sol, ſteckte 3 erſt die Hände in die leeren Taſchen und drückte dann ſeine Per⸗ rücke zwiſchen den Händen, als hoffe er Gold herauszuquetſchen; t aber— aber— das wenige, was ich habe, läßt ſich nicht ſo ſchnell liquid machen, Ned; man kann nicht dazu kommen. Ich habe gedacht, damit etwas für Walter zu gewinnen, und ich bin 3 altmodiſch und hinter der Zeit zurückgeblieben. Es iſt hier und da, und— und— kurz, es iſt ſo gut wie nirgends, ſagte der ⸗ Alte, verwirrt um ſich blickend. . Er erſchien in dieſem Augenblicke als ein ſo aͤhnliches Bild eines Halbblödſinnigen, der ſein Geld an vielerlei Orte verſteckt ⸗ hat und nicht mehr weiß wohin, daß der Capitain ſeinen Blicken nicht ohne eine ſchwache Hoffnung folgte, er möchte ſich auf ein ⸗ paar hundert Pfund, die er oben in der Eſſe oder unten im Keller it verborgen, beſinnen. Aber Salomo Gills wußte die Sache beſſer. 7 — 58— 8 Ich bin hinter der Zeit zurückgeblieben, lieber Ned, ſagte der Alte mit reſignirender Verzweiflung. Es iſt von keinem Nutzen, wenn ich ihr nachhinken will. Es iſt das beſte, dies Waarenla⸗ ger wird verkauft— es iſt mehr werth als dieſe Schuld— und ich gehe und ſterbe wo anders von dem Reſt. Ich habe keinen Funken Energie mehr. Ich verſtehe die Sachen nicht mehr. Das Beſte iſt, wir machen der Sache damit ein Ende. Sie mö⸗ gen das Lager verkaufen und ihn herunternehmen— der Alte wies ſchwermüthig auf den hölzernen Seecadetten— und uns beide zuſammen in die Rumpelkammer werfen. Und was gedenkt ihr mit Walter anzufangen? ſagte der Ca⸗ pitain. Nun, nun! Setzt euch, Gills, und ich will mir die Sache überlegen. Wenn ich nicht ein Mann mit einer kleinen Rente wäre, die bis heute gerade ausgelangt hat, ſo wollten wir bald aufs Klare kommen. Nur immer den Kopf gut dem Wind entgegen, dann kommen wir durch! Der alte Sol daukte ihm von ganzem Herzen, und ging hin, und legte den Kopf— nicht gegen den Wind— ſondern gegen die Kaminwand des Hinterſtübchens. Capitain Cuttle ging im Laden eine Weile auf und ab, tief nachdenkend und die ſchwarzen Augenbrauen zuweilen ſo ge⸗ witterhaft über ſeiner Naſe zuſammenziehend, daß Walter ſich ſcheute, ihn zu ſtören. Mr. Brogley, der durchaus den Andern nicht beſchwerlich fallen mochte und von wiſſensdurſtigem Geiſte war, ſtöberte, leiſe pfeifend, unter den Inſtrumenten herum, wo⸗ bei er Wettergläſer und Compaſſe ſchüttelte, als wären ſie Arznei, Schlüſſel mit Magneten angelte, durch Fernröhre ſah, ſich mit — 9— den Globen bekannt zu machen verſuchte, Parallellineale ſich als Brillen auf die Naſe ſetzte und ſich mit ähnlichen phyſikaliſchen Experimenten amüſirte. Wal'r! ſagte der Capitain endlich. Ich hab es. Habt ihr's, Capitain Cuttle? rief Walter lebhaft. Kommt einmal her, mein Junge, ſagte der Capitain. Die Waarenvorräthe ſind eine Sicherheit. Ich bin die zweite. Euer Principal muß das Geld vorſchießen. Mr. Dombey! ſtammelte Walter. Der Capitain nickte ernſthaft. Seht ihn an, ſagte er. Seht Gills an! Wenn ſie die ganze Geſchichte verkauften, brächte es ihm den Tod. Ihr wißt das. Wir dürfen nichts unverſucht laſſen, und damit müßt ihr anfangen. Mr. Dombey! ſtammelte Walter. Vor allen Dingen lauft aufs Comptoir und ſeht, ob er da iſt, ſagte Capitain Cuttle und ſchlug ihn auf die Achſeln. Schnell! „Walter fühlte, daß er dieſem Befehl gehorchen mußte— ſchon ein Blick auf ſeinen Onkel hätte ihm das geheißen— und verſchwand, um ihn in Ausführung zu bringen. Er kehrte bald athemlos mit der Nachricht zurück, daß Mr. Dombey nicht da ſei. Es war Sonnabend, und er war nach Brighton gefahren. Ich will euch was ſagen, Wal'r! ſagte der Capitain, der ſich während ſeiner Abweſenheit auch auf dieſen Fall vorbereitet zu haben ſchien. Wir gehen auch nach Brighton. Ich unterſtütze euch, mein Junge. Ich unterſtütze euch, Wal'r. Wir fahren heut Nachmittag nach Brigthon. Wenn man ſich einmal an Mr. Dombey wenden mußte, — 66— was ſchon in Gedanken ſchrecklich war, ſo fühlte Walter, daß er dann lieber allein und ohne Beiſtand, als unterſtützt durch den perſönlichen Einfluß des Capitain Cuttle, auf den Mr. Dombey ſchwerlich viel Gewicht legen würde, gehen möchte. Aber da der Capitain ganz anderer Meinung zu ſein ſchien, und den Plan einmal gefaßt hatte, und da ſeine Freundſchaft zu eifrig und ernſt war, als daß ein ſo junger Menſch wie Walter ihr ent⸗ gegenzutreten gewagt hätte, ſo ſtand er auch von dem leiſeſten Einwande ab. So nahm denn Cuttle eiligen Abſchied von Sa⸗ lomo Gills, verſenkte das baare Geld, die Theelöffel, die Zucker⸗ zange und die ſilberne Uhr wieder in die Taſche— in der Ab⸗ ſicht, wie Walter mit Entſetzen dachte, damit einen blendenden Eindruck auf Mr. Dombey hervorzubringen— ſchleppte Walter nach dem Landkutſchenbureau und verſicherte ihm unterwegs zu verſchiedenen Malen, daß er bei ihm bis zuletzt aushalten wolle. Zehntes Kapitel. Welches den Verfolg von des Seecadetten Mißgeſchick enthält. Major Bagſtock kam nach langer und häufiger Beobachtung vermittelſt ſeines doppelten Opernguckers und durch Hilfe vieler genauen Tages⸗, Wochen⸗ und Monatsberichte über dieſen Gegen⸗ ſtand von Seiten des Eingeborenen, der zu dieſem Zweck mit der Zofe der Miß Toy einen beſtändigen Verkehr unterhielt, zu dem Schluß, daß Dombey, Sir, ein kennenswerther Mann und J. B. der Burſche wäre, der dieſe Bekanntſchaft machen könnte. Da Miß Toyx jedoch bei ihrem zurückhaltenden Benehmen blieb und den Major durchaus nicht verſtehen wollte, wenn er eine kleine Explorationstour über dieſen Gegenſtand verſuchte, ſo mußte der Major trotz der ihm angeborenen Zähigkeit und Schlauheit die Befriedigung ſeines Verlangens einigermaßen dem Zufall anheimgeben, welcher, wie er vor ſich hin lachend in ſeinem Club zu ſagen pflegte, funfzig gegen ein Mal zu Joey B. 8 Gunſten entſchieden, Sir, ſeitdem ſein älterer Bruder in Weſt⸗ indien am gelben Fieber ſtarb. — 62— Zuweilen kam er ihm in dieſer Sache zu Hilfe und zuletzt wandte er ſich wirklich zu ſeinen Gunſten. Als der Neger Miß Tox als abweſend im Dienſte in Brighton rapportirte, da ſtiegen in dem Major plötzlich zärtliche Rückerinnerungen an ſeinen alten Freund Bill Bitherſtone in Bengalen auf, der ihn in einem Briefe gebeten hatte, wenn er einmal nach Brighton käme, ſeinen ein⸗ zigen Sohn dort aufzuſuchen. Aber als der Neger vollends rapportirte, daß Paul bei Mrs. Pipchin ſei, und der Major aus dem von Maſter Bitherſtone bei ſeiner Ankunft in England über⸗ brachten Briefe— den zu beachten ihm natürlich nie eingefallen war— erſah, welche günſtige Gelegenheit ſich ihm hier darbot, ſo wurde er ſo wüthend über ſeine Gicht, die ihn gerade quälte, daß er nach dem Neger zum Dank für ſeine Nachricht einen Fuß⸗ ſchemel warf und ſchwur, er werde nicht eher zufrieden ſein, als bis er den Schuft todt gemacht; was der Neger mehr als halb zu glauben geneigt war. Als endlich der Major ſeinen Gichtanfall los war, verfügte er ſich eines Sonntags mit dem Neger als Gefolge brummend nach Brighton. Auf dem ganzen Wege ſprach er mit Miß Tox und ſchwelgte in der Hoffnung, den vortrefflichen Freund, den ſie ſo geheimnißvoll verhüllte und um deſſentwillen ſie ln ver⸗ laſſen hatte, mit Sturm zu erobern. Möchten Sie, Ma'am, möchten Sie! ſagte der Maior, vor Aerger faſt platzend und jede ſchon geſchwollene Ader ſeines Kopfes noch mehr anſchwellend. Möchten Sie Joey B. den Abſchied geben, Ma'am? Noch nicht, Ma'am, noch nicht! God⸗ dam, noch nicht, Sir. Joe iſt ſc=hlau, Ma'am. Joe läßt ſich — 63— nicht hinter's Licht führen, Ma'am. J. B. iſt auch kein dummer Kerl, Ma'am. Joſßh behält ſeine Augen weit offen, Sir. Sie ſollen ihn zäh finden, Ma'am. Zäh, Sir, zäh iſt der Joſeph. Zäh und ver— teu—felt ſchlau! Und Maſter Bitherſtone fand ihn ſehr zäh, als er dieſen jungen Herrn ſpazieren führte. Aber der Major mit einer Ge⸗ ſichtsfarbe wie Stiltonkäſe und Augen wie ein Hummer ſtrich herum, ohne ſich im mindeſten um Maſter Bitherſtone's Unter⸗ haltung zu kümmern, und ſchleppte Maſter Bitherſtone die Stra⸗ ßen entlang, während er ſich überall nach Mr. Dombey und ſeinen Kindern umſah. Endlich entdeckte der Major, geleitet durch die Inſtructionen der Mrs. Pipchin, Paul und Florentinen und ſegelte ſogleich auf ſie zu; in ihrer Geſellſchaft befand ſich ein ſtattlicher Herr, ohne Zweifel Mr. Dombey. Da er mit Maſter Bitherſtone ſich kühn mitten unter die kleine Geſellſchaft warf, ſo war die natürliche Folge, daß Maſter Bitherſtone mit ſeinen Leidensgefährten ein Geſpräch anknüpfte. Dadurch veranlaßt blieb der Major ſtehen, um die Kinder zu betrachten und zu bewundern; ſich mit Er⸗ ſtaunen zu erinnern, daß er ſie bei ſeiner Freundin Miß Tox ge⸗ ſehen; zu äußern, daß Paul ein verteufelt hübſcher Junge und ſein lieber kleiner Freund ſei; zu fragen, ob er noch Joey B., den Major, kenne; und endlich plötzlich, der Anſprüche des ge⸗ ſelligen Anſtandes eingedenk, ſich umzuwenden und bei Mr. Dom⸗ bey ſich zu entſchuldigen. Aber mein kleiner Freund hier, Sir, ſagte der Major, macht mich wieder zum Kinde. Ein alter Soldat, Sir— Major — 64— Bagſtock, Ihr gehorſamſter Diener— ſchämt ſich nicht, es zu geſtehen. Hier lüftete der Major den Hut. Goddam, Sir, rief der Major mit plötzlicher Wärme, ich beneide Sie. Dann fügte er, wie ſich beſinnend, hinzu: Entſchuldigen Sie, daß ich ſo frei bin. Mr. Dombey bat ihn, keine Worte darüber zu verlieren. Ein alter Kriegsknecht, Sir, ſagte der Major, ein pulver⸗ und wettergebräunter, abgenutzter alter Kerl von einem Major, Sir, fürchtete nicht, wegen ſeiner Schwäche von einem Manne wie Mr. Dombey falſch beurtheilt zu werden. Ich habe die Chre mit Mr. Dombey zu ſprechen, glaube ich? Ich bin der gegenwärtige unwürdige Inhaber dieſes Na⸗ mens, Major, gab Mr. Dombey zur Antwort. Bei Gott, Sir! ſagte der Major, es iſt ein großer Name. Es iſt ein Name, Sir, ſagte der Major kraftvoll, als ob er Mr. Dombey herausfordere, ihm zu widerſprechen, und es in dieſem Falle für ſeine ſchmerzliche Pflicht hielt, ihn niederzudonnern,— der in den britiſchen Beſitzungen der anderen Hemiſphäre gekannt und geehrt iſt. Es iſt ein Name, Sir, den ein Mann mit Stolz anerkennen kann. Joe Bagſtock, Sir, iſt nicht der Schatten eines Schmeichlers. Seine königliche Hoheit der Herzog von York hat bei mehr als einer Gelegenheit bemerkt, es iſt kein Funken von Schmeichelei in Joey. Er iſt ein gerader alter Soldat, der Joe;— aber es iſt ein großer Name, Sir. Beim Himmel, es iſt ein großer Name! ſagte der Major feierlich. Sie ſind ſo gütig, ihn höher zu würdigen, als er Vpjelleich verdient, Major, erwiderte Mr. Dombey. — 65 ·— Nein, Sir, ſagte der Major. Mein kleiner Freund hier, Sir, wird beſtätigen, daß Joſeph Bagſtock ein gerader, offener alter Kerl iſt, der ſich kein Blatt vor den Mund nimmt, und weiter nichts. Dieſer Knabe, Sir, ſagte der Major leiſer, wird einen Platz in der Geſchichte einnehmen. Dieſer Knabe, Sir, iſt kein gewöhnlicher Menſch. Wahren Sie ihn gut, Mr. Dombey. Mr. Dombey ſchien anzudeuten, daß er ſein Möglichſtes thun werde. Hier iſt ein Knabe, Sir, fuhr der Major vertraulich fort und ſtieß den Jungen mit ſeinem Stocke. Der Sohn Bither⸗ ſtone's in Bengalen. Bill Bitherſtone früher bei uns. Dieſes Knaben Vater und ich, Sir, waren geſchworene Freunde. Wo Sie immer hinkommen mochten, Sir, Sie hörten nur von Bill Bitherſtone und Joey Bagſtock. Bin ich blind gegen dieſes Knaben Fehler? Durchaus nicht. Er iſt ein Eſel, Sir. Mr. Dombey warf einen Blick auf den verläumdeten Maſter Bitherſtone, den er mindeſtens eben ſo gut als der Major kannte, und ſagte ganz ruhig: Wirklich? 3 Das iſt er, Sir, beſtätigte der Major. Er iſt ein Eſel. Joe Bagſtock hängt der Sache nie ein Mäntelchen um. Der Sohn meines alten Freundes Bill Bitherſtone in Bengalen iſt ein ge⸗ borener Eſel, Sir. Dabei lachte der Major, bis er faſt ſchwarz im Geſichte war. Mein kleiner Freund iſt wohl für eine öffent⸗ liche Schule beſtimmt, Mr. Dombey? ſagte der Major, als er ſich wieder beruhigt hatte. 4 Ich bin noch nicht ganz einig mit mir, erwiderte Mr. Dom⸗ bey. Ich glaube nicht. Er iſt von zärtlicher Conſtitution. Boz. Dombey u. Sohn. II. † 5 — 66— Wenn das der Fall iſt, Sir, ſo haben Sie recht. Nur zähe Burſchen können es in Sandhurſt aushalten. Wir legten dort einander auf die Tortur, Sir. Wir röſteten die Füchſe am langſamen Feuer und hingen ſie aus Fenſtern im dritten Stock, den Kopf zu unterſt, in die Luft hinaus. Joſeph Bagſtock, Sir, wurde an ſeinen Stiefelabſätzen dreizehn Minuten lang nach der Schuluhr aus dem Fenſter gehalten. Der Major hätte zur Beſtätigung dieſer Geſchichte auf ſein Geſicht hinweiſen können. Es ſah jedenfalls aus, als ob es ein wenig zu lange draußen gehangen hätte. Aber es machte uns zu tüchtigen Kerlen, Sir, ſagte der Major und zupfte ſeinen Buſenſtreif zurecht. Wir waren Eiſen, Sir, und es ſchmiedete uns. Sie bleiben vor der Hand hier, Mr. Dombey? Ich komme in der Regel einmal die Woche her, ſagte dieſer Herr. Ich wohne im Bedfordhotel. Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen im Bedford einen Beſuch zu machen, wenn Sie niirr erlauben, ſagte der Major. Joey B., Sir, iſt zwar eigentlich kein Mann, der viele Beſuche macht, aber Mr. Dombey iſt kein gewöhnlicher Name. Ich bin meinem kleinen Freunde für die Einführung ſehr verbunden, Sir. Mr. Dombey gab darauf eine ſehr gnädige Antwort; und der Major, nachdem er Paul auf den Kopf geklopft und von Florentinen geſagt hatte,„daß ihre Augen eheſtens den jungen Kerlen den Kopf verrücken würden— und den alten auch, Sir, wenn wir davon ſprechen wollen,“ fügte der Major vor ſich hin — 672— lachend hinzu— brachte Maſter Bitherſtone mit ſeinem Stocke auf die Beine und entfernte ſich in einer Art Halbtrab mit die⸗ ſem jungen Herrn, wobei er mit großer Würde den Kopf wiegte und huſtete, während er, die Beine ſehr weit aus einander, fort⸗ wackelte. Seinem Verſprechen gemäß ſtattete der Major noch an dieſem Tage Mr. Dombey einen Beſuch ab; und Mr. Dombey, nachdem er die Armeeliſte zu Rathe gezogen, beſuchte den Major. Dann machte der Major einen Beſuch in Mr. Dombey's Haus in der Stadt und fuhr in demſelben Wagen mit Mr. Dombey nach Brighton. Kurz, Mr. Dombey und der Major fanden ſich ungewöhnlich gut und ungewöhnlich ſchnell in einander, und Mr. Dombey äußerte vom Major zu ſeiner Schweſter, er ſei nicht blos eine echt ſoldatiſche Natur, ſondern auch wirklich etwas mehr, da er eine ſehr bewundernswerthe Einſicht in die Wich⸗ tigkeit von Dingen, die ſeinen Stand nicht berührten, habe. Endlich lud Mr. Dombey, als er einmal mit Miß Tox und Mrs. Chick nach Bright n kam und den Major ebenfalls dort fand, ihn zum Eſſen im Bedford ein und machte Miß Tox ſchon im Voraus viele Complimente über ihren Nachbar und Bekannten. Trotz des Herzklopfens, das ihr dieſe Anſpielungen verurſachten, waren ſie doch Miß Tox gar nicht unangenehm, denn ſie geſtat⸗ teten ihr, außerordentlich intereſſant zu ſein und gelegentlich eine gewiſſe Zerſtreuung zu zeigen, die ſie nicht allzu ungern entdecken ließ. Der Major gab ihr überflüſſige Gelegenheit, dieſe Schwäche zu zeigen, denn er beklagte ſich bei Tafel bitter, daß ſie ihm und dem Prinzeſſinnenplatz ganz untreu geworden; und da ihn dieſe 5⸗ — 6s— Redensarten ſehr aufzuheitern ſchienen, ſo befanden ſie ſich alle recht wohl. Dem ſchadete es nichts, daß der Major die ganze Unter⸗ haltung auf ſich nahm und in dieſem Bezug einen ſo großen Appetit zeigte, wie hinſichtlich der verſchiedenen Leckereien der Tafel, in denen er wirklich zu ſchwelgen ſchien, nicht eben zur Verbeſſerung ſeiner apoplektiſchen Conſtitution. Da Mr. Dom⸗ bey's gewöhnliche Zurückhaltung und Kälte ſich dieſer Uſurpation bereitwillig fügte, ſo fühlte der Major, daß er heute glanzvoll auftrete, und erfand in der dadurch angeregten Lebendigkeit eine ſo unendliche Menge neuer Variationen ſeines Namens, daß er ſelbſt darüber erſtaunte. Mit einem Worte, ſie waren alle recht zufrieden mit dem Tage. Der Major erwarb ſich den Ruhm, ein unerſchöpfliches Unterhaltungstalent zu beſitzen; und als er nach einem langen Rubber ſpät Abends Abſchied nahm, ſagte Mr. Dombey der erröthenden Miß Tox abermals viel Schmei⸗ chelhaftes über ihren Nachbar und Bekannten. Aber auf dem Heimwege nach ſeinem Gaſthofe ſagte der Major unaufhörlich zu ſich ſelbſt: Schlau, Sir— ſchlau, Sir — ver— teu- felt ſchlau! Und als er zu Hauſe angelangt war, ſetzte er ſich auf einen Stuhl und bekam einen Anfall von ſtillem Lachen, was ihm zuweilen paſſirte und immer ganz ſchauerlich war. Es währte diesmal ſo lange, daß der Neger, der ihn aus der Ferne beobachtete, aber ſich nicht zu nähern wagte, ihn ein⸗ oder zweimal aufgab. Seine ganze Geſtalt, aber vornehmlich Geſicht und Haupt ſchwollen an wie nie vorher und erſchienen dem Auge des Negers wie eine wogende Maſſe Indigo. Endlich — 69— brach er in einen Paroxysmus des Huſtens aus und, als er ſich etwas erholt hatte, in Ausrufungen folgender Art: Wirklich, Ma'am, wirklich? Mrs. Dombey, eh, Ma'am? Ich glaube nicht, Maram. Nicht ſo lange Joe B. noch etwas dabei thun kann, Ma'am. J. B. nimmtes mit Ihnen auf, Ma'am. Er iſt noch nicht ganz fertig, Sir, der Bagſtock. Sie iſt ſchlau, Sir, ſchlau, aber Joſh iſt ſchlauer. Der alte Joe hat die Augen weit auf— weit auf, Sir. Es war am Tage nach dieſem Vorfall(Sonntags), wo, während Mr. Dombey, Mrs. Chick und Miß Tox, immer noch des Majors mit Lob gedenkend, beim Frühſtück ſaßen, Florentine mit glühendem Geſicht und vor Freude glänzenden Augen hereinge⸗ laufen kam und ausrief: Papa! Papa! Walter iſt da! Und er will nicht herein⸗ kommen! Wer? rief Mr. Dombey. Was meint ſie? Was iſt das? Walter, Papa, ſagte Florentine ſchüchtern, denn ſie fühlte jetzt, daß ſie ſich ihm mit zu großer Vertraulichkeit genähert hatte. Der mich fand, als ich mich verlaufen hatte. Meint ſie den jungen Gay, Luiſe? frug Mr. Dombey und runzelte die Stirn. Wahrhaftig, das Mädchen wird ſehr roh in ihrem Benehmen. Sie kann doch nicht den jungen Gay meinen. Sei ſo gut und ſieh hinaus, wer es iſt. Mrs. Chick eilte hinaus und kehrte mit der Nachricht zu⸗ rück, daß es der junge Gay in Begleitung einer ſehr wunderlich ansſehenden Perſon ſei, und daß der junge Gay nicht ſein Früh⸗ 70— ſtück ſtören, ſondern lieber warten wolle, bis Mr. Dombey ihn vorlaſſen würde. Laß den Knaben gleich herein kommen, ſagte Mr. Dombey. Nun, Gay, was giebt’s? Wer hat Sie hergeſchickt? Konnte kein Anderer kommen? Ich bitte um Verzeihung, Sir, gab Walter zur Antwort. Es hat mich Niemand hergeſchickt. Ich bin ſo kühn, aus eignem Antriebe zu kommen, was Sie hoffentlich entſchuldigen werden, wenn Sie die Veranlaſſung erfahren. Aber Mr. Dombey, ohne auf ihn zu hören, blickte unge⸗ duldig rechts und links an ihm vorbei(als wäre er ein im Wege ſtehender Pfeiler) nach einem Gegenſtand hinter ihm. Was iſt das? frug Mr. Dombey. Was iſt das? Sie haben ſich wohl in der Thür geirrt, Sir. O, es thut mir leid, hier mit Jemand zu ſtören, Sir, ſagte Walter haſtig; aber dies iſt— dies iſt Capitain Cuttle, Sir. Walr, mein Junge, bemerkte der Capitain mit ſeiner Baß⸗ ſtimme, nur tapfer! Zu gleicher Zeit trat der Capitain etwas weiter herein und erſchien in dem vollen Glanze ſeines weiten blauen Anzugs, ſeines anſehnlichen Hemdkragens und ſeiner warzigen Naſe; er verbeugte ſich vor Mr. Dombey und ſchwenkte ſeinen Haken höf⸗ lich gegen die Damen, den harten lackirten Hut in ſeiner einen Hand und um die Stirn einen rothen Aequator, den der Hut dort eben gedrückt hatte. Mr. Dombey betrachtete dieſe Erſcheinung mit Staunen und Entrüſtung und ſchien durch ſeine Blicke bei Mrs. Chick und — 71— Miß Tox dawider zu remonſtriren. Der kleine Paul, der hinter Florentinen hereingekommen war, zog ſich auf Miß Tox zurück, als der Capitain ſeinen Haken ſchwenkte, und hielt ſich auf der Defenſive. Nun, Gay, ſagte Mr. Dombey. Was haben Sie mir zu ſagen? Wieder bemerkte der Capitain als eine paſſende Geſprächs⸗ eröffnung, die Jeden unbedingt günſtig ſtimmen mußte: Wal r, nur tapfer! Ich fürchte ſehr, Sir, ſagte Walter zitternd und zu Boden blickend, daß ich mir ſehr viel herausnehme, indem ich hierher komme— ja, ich weiß es. Ich hätte ſelbſt, als ich ſchon hier war, ſchwerlich den Muth gehabt, mich bei Ihnen zu melden, Sir, fürchte ich, wenn ich nicht Miß Dombey getroffen hätte, und— Nun! ſagte Mr. Dombey, ſeinen Augen folgend, wie er die lauſchende Florentine anblickte, und unwillkürlich die Stirn runzelnd, als ſie ihn mit einem Lächeln ermuthigte. Weiter, wennss gefällig iſt. 4 Ja, ja, bemerkte der Capitain, der es für eine Anſtands⸗ pflicht hielt, Nr. Dombey zu unterſtützen. Gut geſagt! Weiter, Walr. Capitain Cuttle hätte von dem vernichtenden Blick, den ihm Mr. Dombey zum Dank für ſeine Unterſtützung zuwarf, eigentlich erſterben ſollen. Er aber ſchloß ganz arglos das eine Auge und gab Mr. Dombey mit gewiſſen bedeutſamen Bewe⸗ 2— gungen ſeines Hakens zu verſtehen, daß Walter zuerſt etwas ſchüchtern ſei, aber bald ins rechte Gleis kommen werde. Eine reine Privatangelegenheit führt mich zu Ihnen, Sir, ſtotterte Walter, und Capitain Cuttle— Hier! unterbrach ihn der Capitain, um ihm zu verſichern, daß er in der Nähe und hilfbereit ſei.. Der ein ſehr alter Freund meines armen Onkels iſt und ein ſehr vortrefflicher Mann, Sir, fuhr Walter fort, mit ſeinem Auge eine ſtumme Bitte für den Capitain einlegend, war ſo gütig, mir ſeine Begleitung anzubieten, die ich ſchwerlich ausſchlagen konnte. Nein, nein, nein, bemerkte der Capitain ſelbſtvergnügt. Natürlich nicht. Keine Rede davon. Nur weiter, Waks. Und deshalb, Sir, ſagte Walter und wagte Mr. Dombey ins Auge zu blicken— da die Sache einmal ſo weit vorgeſchritten war, daß er nicht mehr zurück konnte, ſo fühlte er jetzt den Muth der Verzweiflung— deshalb bin ich mit ihm gekommen, Sir, um Ihnen zu ſagen, daß mein Onkel ſich in einer großen Be⸗ drängniß befindet, daß er durch allmähligen Verluſt der Kund⸗ ſchaft und außer Stande, eine Zahlung zu leiſten, die ihm ſeit vielen Monaten ſchon ſchwere Sorgen gemacht, jetzt eine Execu⸗ tion im Hauſe hat und in Gefahr ſteht, Alles zu verlieren und vor Herzeleid zu ſterben; und daß, wenn Sie in Ihrer Güte und weil Sie ihn von Alters her als redlichen Mann kennen, in dieſer Bedrängniß etwas für ihn thun wollten, wir Ihnen nie⸗ mals genug danken könnten. Walters Augen füllten ſich mit Thränen, während er dies 3— ſagte, und auch Florentine weinte. Ihre Thränen ſah der Vater glänzen, obgleich er nur Waltern anzublicken ſchien. Es iſt eine ſehr große Summe, ſagte Walter. Mehr als dreihundert Pfund. Mein Onkel iſt ganz niedergeſchmettert von ſeinem Unglück, ſo ſchwer hat es ihn betroffen, und iſt ganz außer Stande, felbſt etwas für ſich zu thun. Er weiß noch nicht einmal, daß ich zu Ihnen gegangen bin. Sie werden mich fra⸗ gen, fuhr Walter nach einigem Zögern fort, was Sie eigentlich thun ſollen. Das weiß ich eigentlich ſelbſt nicht. Meines On⸗ kels Waarenvorräthe ſind da, auf denen, das glaube ich verſichern zu dürfen, keine Forderungen weiter haften; dann will auch Ca⸗ pitain Cuttle Bürgſchaft leiſten. Ich— ich wage kaum zu er⸗ wähnen, ſagte Walter, was ich verdiene: aber wenn Sie geſtatten wollten, daß es— ſtehen bliebe— und— Zahlung— Vor⸗ ſchuß— Onkel— genügſamer, ehrlicher, alter Nann— Wal⸗ ters Stimme erſtarb mit dieſen gebrochenen, unzuſammenhän⸗ genden Worten, und er ſtand mit geſenktem Blick vor ſeinem Herrn. 1 Capitain Cuttle, in der Meinung, dies ſei der günſtigſte Moment, ſeine Koſtbarkeiten auszukramen, ſchritt jetzt auf den Tiſch zu und brachte, nachdem er ſich einen Platz unter den Thee⸗ taſſen neben Mr. Dombey freigemacht, die ſilberne Uhr, das baare Geld, die Theelöffel und die Zuckerzangen hervor, machte einen Haufen daraus, damit ſie mehr Effect machten, und ließ folgende Worte vernehmen: Ein halber Laib iſt beſſer als gar kein Brot, und daſſelbe kann man auch von Broſamen ſagen. Da ſind einige Jahres⸗ — 4— renten von hundert Pfund kann auch übertragen werden. Wenn es einen Mann voller Wiſſenſchaft auf der Welt giebt, ſo iſt es Salomo Gills. Giebt es einen verheißungsvollen Jungen, einen, fügte der Capitain mit einem ſeiner glücklichen Citate hin⸗ zu, der in Milch und Honig fließt, ſo iſt’s ſein Neffe! Der Capitain zog ſich dann auf ſeinen alten Platz zurück, wo er, ſeine Haare glatt ſtreichend, mit der Miene eines Mannes ſtehen blieb, der ſich bewußt iſt, etwas ſehr Schwieriges durch ſeinen Rathſchlag zu Ende gebracht zu haben.. Als Walter aufhörte zu ſprechen, wendeten ſich Mr. Dom⸗ bey's Augen auf den kleinen Paul, der, als er ſeine Schweſter ſtill weinen ſah über das Unglück, von dem ſie erzählen hörte, zu ihr ging und ſie zu tröſten ſuchte und dabei Waltern und ſeinen Vater mit einem ſehr vielſagenden Geſicht anſah. Nach der kurzen Epiſode von Capitain Cuttle's Rede, die Mr. Dombey mit ſtolzer Gleichgültigkeit anhörte, fielen Mr. Dombey's Blicke wieder auf ſeinen Sohn, den er einige Augenblicke ſchweigend betrachtete. Wodurch entſtand die Schuld? frug Mr. Dombey endlich. Wer iſt der Gläubiger? Er weiß es nicht, antwortete der Capitain und legte die Hand auf Walters Schulter. Aber ich. Sie entſtand durch Unterſtützung eines jetzt Verſtorbenen, der meinem Freunde Gills ſchon manche hundert Pfund gekoſtet hat. Nähere Auskunft privatim, wenn Sie's wünſchen. Leute, die mit ihren eigenen Angelegenheiten ſchon genug zu thun haben, ſagte Mr. Dombey, die geheimnißvollen Zeichen — 75 des Capitains hinter Walters Rücken nicht beachtend und ſeinen Sohn immer noch anſehend, ſollten ſich lieber mit ihren eigenen Verpflichtungen und Sorgen begnügen und ſich nicht durch Ver⸗ bürgen für Andere noch mehr verwickeln. Es iſt das etwas Unehrliches und Vorwitziges, ſagte Mr. Dombey ſtreng; ſehr vorwitzig und anmaßend, denn die Reichen könnten nicht mehr thun. Paul, komm her! Das Kind gehorchte, und Dombey ſe ebte ihn auf ſein Knie. Wenn du jetzt Geld hätteſt— ſagte Mr. Dombey. Sieh mich an! Paul, deſſen Augen ſeine Schweſter und Waltern aufge⸗ ſucht, ſah ſeinem Vater ins Geſicht. Wenn du jetzt Geld hätteſt, ſagte Mr. Dombey, ſo viel Geld als der junge Gay genannt hat, was thäteſt du dann? Ich ſchenkte es ſeinem alten Onkel, erwiderte Paul. Du lieheſt es ſeinem alten Onkel, nicht wahr? verbeſſerte Mr. Dombey. Wenn du alt genug biſt, weißt du, wirſt du mit mir mein Geld theilen, und wir werden es zuſammen ver⸗ wenden. Dombey und Sohn, unterbrach ihn Paul, dem das Wort frühzeitig eingeprägt worden war. Dombey und Sohn, wiederholte der Vater. Möchteſt du jetzt anfangen, Dombey und Sohn zu ſein, und das Geld dem Onkel des jungen Gay leihen? O ja, Papa! rief Paul, und Florentine auch. Mädchen haben nichts mit Dombey und Sohn zu thun, ſagte Mr. Dombey. Möchteſt du es? —— Ja, Papa, ja! Nun, ſo ſollſt du es thun, antwortete der Vater. Und du ſiehſt, Paul, fügte er leiſer hinzu, wie mächtig das Geld iſt und wie eifrig die Leute darnach ſtreben, es zu beſitzen. Der junge Gay iſt den weiten Weg blos deswegen gekommen, um uns um Geld zu bitten, und du, der Große und Reiche, giebſt es ihm als eine große Gunſt. Paul wandte einen Augenblick ſein altes Geſicht zu ihm empor mit einem Ausdruck des Verſtändniſſes ſeiner Worte; aber es war ſogleich wieder ein jugendlich⸗kindliches Geſicht, als er von ſeines Vaters Knie hinabglitt und zu Florentinen lief, um ihr zu ſagen, ſie ſolle nicht mehr weinen, denn er werde dem jungen Gay das Geld geben. Mr. Dombey trat jetzt an einen Seitentiſch, wo er ein paar Zeilen ſchrieb und ſie verſiegelte. Unterdeſſen flüſterten Paul und Florentine mit Waltern, und Capitain Cuttle ſah auf die drei mit ſo unausſprechlich hochfliegenden Gedanken herab, wie ſie Mr. Dombey gewiß nie geglaubt hätte. Als der Brief fertig war, ging Mr. Dombey wieder an ſeinen alten Platz und hielt Waltern die Note hin. Geben Sie dies morgen früh ſogleich Mr. Carker, ſagte Mr. Dombey. Er wird ſogleich Sorge tragen, daß einer meiner Leute Ihren Onkel durch Niederlegung der fälligen Summe aus ſeiner gegenwärtigen Lage erlöſt, und daß diejenigen Anord⸗ nungen für die Wiederbezahlung getroffen werden, die Ihres Onkels Verhältniſſen angemeſſen ſind. Sie müſſen dieſe Sache als von Maſter Paul ausgehend betrachten⸗ 1 ein —— Walter wollte in ſeiner Rührung darüber, daß er das Mittel, ſeinen guten Onkel aus ſeiner Bedrängniß zu erlöſen, in Händen hatte, ſeiner Dankbarkeit und Freude Worte geben. Aber Dombey fiel ihm ſogleich ins Wort. Sie müſſen das als von Maſter Paul ausgehend betrach⸗ ten, wiederholte er. Ich habe ihm dies erklärt und er verſteht es. Ich wünſche darüber kein Wort weiter zu verlieren. Da er ihm winkte zu gehen, konnte Walter ſich nur verbeu⸗ gen und ſich entfernen. Als aber Miß Tox ſah, daß auch der Capitain Anſtalt machte zu gehen, ſagte ſie zu Mr. Dombey, über deſſen Großmuth ſie und Mrs. Chick reichliche Thränen vergoſſen: Verehrter Herr, ich glaube, Sie haben etwas überſehen. Verzeihen Sie, Mr. Dombey, ich glaube, Sie haben bei der Großmuth ihres Charakters und ſeinem hohen Schwunge eine Sache des Details außer Acht gelaſſen. Wie ſo, Miß Tox? frug Mr. Dombey. Der Herr mit— dem Inſtrument, ſagte Miß Tox mit einem Blicke auf Capitain Cuttle, hat auf dem Tiſche dort die Sachen liegen laſſen. Gütiger Himmel! ſagte Mr. Dombey, und ſchob die Koſt⸗ barkeiten des Capitains weit von ſich, als ob es wirklich nur Broſamen wären. Nehmen Sie dieſe Sachen weg. Ich bin Ih⸗ nen ſehr verbunden, Miß Tox; ganz Ihrer gewöhnlichen Dis⸗ cretion würdig. Seien Sie ſo gut, dieſe Sachen wegzuneh⸗ men, Sir! Capitain Cuttle fühlte, daß er blos gehorchen konnte. Aber er war von der Großmuth Dombeys, vor ſeinen Augen aufge⸗ häufte Schätze auszuſchlagen, ſo gerührt, daß, als er die Thee⸗ löffel und die Zuckerzange in die eine, das baare Geld in die andere Taſche, und die Uhr in ihren beſondern Behälter in Ver⸗ wahrung gebracht hatte, er ſich nicht enthalten konnte, mit ſeiner linken Hand die Dombeys zu ergreifen, und während er ſie mit ſeinen kräftigen Fingern geöffnet erhielt, den Haken im Ent⸗ zücken der Bewunderung in die Hand deſſelben zu legen. Das Gefühl und das Eiſen machten Mr. Dombey auf gleiche Weiſe zu⸗ ſammenſchaudern. Cgapitain Cuttle warf dann den Damen mit ſeinem Haken mit großer Eleganz und Galanterie mehrere Küſſe zu, nahm dann noch beſonders Abſchied von Paul und Florentinen und begleitete Walter aus dem Zimmer. Florentine wollte ihnen in der Freude ihres Herzens nacheilen, um den alten Sol grüßen zu laſſen, als Mr. Dombey ſte zurückrief und ihr zu bleiben befahl. Wirſt du nie eine Dombey werden, liebes Kind? ſagte Mrs. Chick mit vorwurfsvoller Rührung. Liebe Tante, ſagte Florentine. Seien Sie nicht böſe auf mich. Ich bin Papa ſo dankbar. Sie hätte ſich an ſeine Bruſt geſtürzt, wenn ſie es gewagt hätte; da ſie es aber nicht wagte, blickte ſie ihn nur mit Augen voll Dankbarkeit an, wie er nachdenkend da ſaß und zuweilen ihr einen unruhigen Blick ſchenkte, meiſtens aber Paul beobachtete, der in der herzlichen Freude, Walter das Geld gegeben zu haben, im Zimmer herumlief. aken ahm und en in üßen eiben ſagte e auf wagt lugen n ihr htete, aben, — 9— Und was haben wir vom jungen Walter Gay zu melden? Er war entzückt, des Alten Haus von Bailiffs und Mäk⸗ lern reinigen und ſeinem Onkel gute Nachrichten überbringen zu können. Er war entzückt, daß nächſten Vormittag ſchon Alles geordnet ſein ſollte und er Abends wieder mit dem Onkel und dem Capitain im kleinen Hinterſtübchen ſitzen konnte; und er ſah den Opticus ſchon wieder aufleben mit friſcher Hoffnung auf die Zukunft und mit dem Gefühl, daß der hölzerne Seeca⸗ dett wieder ganz ſein ſei. Aber ohne ſeiner Dankbarkeit gegen Mr. Dombey im mindeſten Abbruch zu thun, müſſen wir doch geſtehen, daß Walter gedemüthigt und niedergeſchlagen war. Gerade wenn unſre keimenden Hoffnungen rettungslos von einem eiſigen Winde vernichtet ſind, ſind wir am meiſten geneigt, uns die Blüthen vorzumalen, die ſie gebracht haben könnten. Und jetzt, wo ſich Walter auf ewig von der großen Höhe der Dombeys durch die Tiefe eines neuen und ſchrecklichen Falles getrennt fühlte, als er ſah, wie alle ſeine alten abenteuerlichen Träume mit dem Sturze vernichtet waren, fing er an zu ahnen, daß ſie ihn zu harmloſen Viſionen, um Florentinen im Verlauf der Zeit zu werben, hätten führen können. 3 Der Capitain ſah die Sache in einem ganz andern Lichte. Er ſchien den Glauben zu hegen, daß das Begegnen, deſſen Zeuge er geweſen, ſo zufriedenſtellend und ermuthigend ausgefallen wäre, daß bis zur Verlobung Florentinens mit Walter nur noch ein Schritt war, und daß der letzte Vorfall die Whittington⸗ ſchen Hoffnungen außerordentlich befördert, wenn nicht gänzlich feſtbegründet habe. Angeregt von dieſer Ueberzeugung und — 80— der großen Heiterkeit ſeines alten Freundes und ſeiner eignen fröhlichen Laune, verſuchte er ſogar, als er zum dritten Male an dieſem Abend die Ballade von der ſchönen Peg ſang, den Namen Florentine dafür einzuſchmuggeln; da dies aber wegen Rhyth⸗ mus und Reim ſeine Schwierigkeiten hatte, ſo kam er auf den glücklichen Einfall, ihn in Fleg zu verwandeln, was er mit einer faſt übernatürlichen Schlauheit und ſehr lauten Stimme that, obgleich der Zeitpunkt nahe war, wo er wieder die Wohnung der ſchrecklichen Mrs. Mae Stinger aufſuchen mußte. Eilftes Kapitel. Paul’s Auftreten in einer neuen Umgebung. Ma⸗ Pipchin's Conſtitution, wenn auch der Fleiſchesſchwäche unterthan, nach Cotelettes der Ruhe nicht entbehren zu können und der einſchläfernden Kraft der Bröschen zu bedürfen, war doch von ſo hartem Stoffe, daß ſie die Vorherſagungen der Mrs. Wickam gänzlich zu Schanden machte und durchaus keine Sym⸗ ptome der Hinfälligkeit blicken ließ. Da jedoch Paul's tiefes Intereſſe an der alten Dame ſich immer gleich blieb, ſo wollte Mrs. Wickam auch keinen Zoll aus ihrer Stellung weichen. Sie verſtärkte und verſchanzte ſich in der feſten Poſition ihres On⸗ kels Betſey Jane, rieth Miß Berry als Freundin, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen, und gab ihr zu bedenken, daß ihre Tante jeden Augenblick plötzlich losgehen könnte, wie eine Pul⸗ vermühle. Die arme Berry nahm das Alles ruhig hin und mühte und plackte ſich unverdroſſen, vollkommen überzeugt, daß Mrs. Pipchin eine der verdienſtvollſten Perſonen von der Welt ſei, und jeden Tag zahlloſe Selbſtopfer auf dem Altar dieſer edlen Frau darbringend. Aber alle dieſe Selbſtaufopferungen Berry's wurden von Mrs. Pipchin's Freunden und Bewunderern ſtets Boz. Dombey u. Sohn. II. 6 — 80— der großen Heiterkeit ſeines alten Freundes und ſeiner eignen fröhlichen Laune, verſuchte er ſogar, als er zum dritten Male an dieſem Abend die Ballade von der ſchönen Peg ſang, den Namen Florentine dafür einzuſchmuggeln; da dies aber wegen Rhyth⸗ mus und Reim ſeine Schwierigkeiten hatte, ſo kam er auf den glücklichen Einfall, ihn in Fleg zu verwandeln, was er mit einer faſt übernatürlichen Schlauheit und ſehr lauten Stimme that, obgleich der Zeitpunkt nahe war, wo er wieder die Wohnung der ſchrecklichen Mrs. Mae Stinger aufſuchen mußte. Eilftes Kapitel. Paul’s Auftreten in einer neuen Umgebung. Mr⸗. Pipchin's Conſtitution, wenn auch der Fleiſchesſchwäche unterthan, nach Cotelettes der Ruhe nicht entbehren zu können und der einſchläfernden Kraft der Bröschen zu bedürfen, war doch von ſo hartem Stoffe, daß ſie die Vorherſagungen der Mrs. Wickam gänzlich zu Schanden machte und durchaus keine Sym⸗ ptome der Hinfälligkeit blicken ließ. Da jedoch Paul's tiefes Intereſſe an der alten Dame ſich immer gleich blieb, ſo wollte Mrs. Wickam auch keinen Zoll aus ihrer Stellung weichen. Sie verſtärkte und verſchanzte ſich in der feſten Poſition ihres On⸗ kels Betſey Jane, rieth Miß Berry als Freundin, ſich auf das Schlimmſte gefaßt zu machen, und gab ihr zu bedenken, daß ihre Tante jeden Augenblick plötzlich losgehen könnte, wie eine Pul⸗ vermühle. Die arme Berry nahm das Alles ruhig hin und mühte und plackte ſich unverdroſſen, vollkommen überzeugt, daß Mrs. Pipchin eine der verdienſtvollſten Perſonen von der Welt ſei, und jeden Tag zahlloſe Selbſtopfer auf dem Altar dieſer edlen Frau darbringend. Aber alle dieſe Selbſtaufopferungen Berry's wurden von Mrs. Pipchin's Freunden und Bewunderern ſtets Boz. Dombey u. Sohn. II. 6 8 8 ———.———— — 322— der Mrs. Pipchin zu Gute gerechnet und zur weitern Ausmalung und Hervorhebung des kummervollen Umſtandes, daß der ſelige Mr. Pipchin an den peruaniſchen Bergwerken geſtorben, benutzt. So gab es zum Beiſpiel einen ehrſamen Materialwaaren⸗ und Kleinkrämer, der mit Mrs. Pipchin immer über ein kleines Notizbuch in ſchmieriger rother Schaale zu reden hatte, in Be⸗ zug auf welches beſtändig verſchiedene geheime Berathungen und Verhandlungen auf der Matte im Gange oder bei geſchloſſener Thür im Wohnzimmer ſtatt hatten. Auch fehlte es nicht an dunkeln Anſpielungen von Maſter Bitherſtone(deſſen Gemüth rachgierig geworden war durch die Einwirkung der oſtindiſchen Sonnenhitze auf ſein Blut) auf unbezahlte Rechnungen und das einmalige Ausbleiben des feuchten Zuckers zur Theezeit. Da dieſer Krämer ein Junggeſelle war und nicht auf äußere Schönheit ſah, ſo hatte er einſt um die Hand Berry's geworben, war aber von Mrs. Pipchin mit Hohn und Verachtung abgewieſen worden. Jedermann fand dies nur lobenswerth an Mrs. Pipchin, der Wittwe eines Mannes, der an den peruaniſchen Bergwerken ge⸗ ſtorben, und pries laut den feſten, edelſtolzen und unabhaͤn⸗ gigen Charakter der alten Dame. Aber Niemand ſprach von der armen Berry, die ſechs Wochen lang(und dafür ſechs Wochen. lang von ihrer guten Tante ausgeſcholten wurde) in einen Zu⸗ ſtand hoffnungsloſer Altjungferſchaft verfiel. Berry iſt Ihnen ſehr gut, nicht? frug Paul einmal Pipchin, als ſie mit der Katze vor dem Feuer ſaßen. Ja, ſagte Mrs. Pipchin. Warum? frug Paul. ———. — 83— Warum! erwiderte die Alte, ganz verblüfft. Wie kannſt 3 du ſo etwas fragen! Warum biſt du deiner Schweſter Floren⸗ 1 t. tine gut? Weil ſie ſelber ſo gut iſt, ſagte Paul. Niemand kommt 3 meiner Florentine gleich. Und Niemand kommt mir gleich, glaub' ich, antwortete d Mrs. Pipchin kurz. e— Wirklich Niemand? frug Paul, bog ſich vor in ſeinem — Stuhl und ſah ſie geſpannt an. th Nein, keiner, ſagte die alte Dame. en Das freut mich, bemerkte Paul und rieb ſich gedankenvoll 86. die Hände. Das iſt ſehr ſchön. er Mrs. Pipchin wagte nicht zu fragen warum, aus Furcht, eit ſie könnte eine vollkommen vernichtende Antwort erhalten. er Aber als Balſam für ihre verletzten Gefühle peinigte ſie Ma⸗ en. ſter Bitherſtone ſo ſehr bis zur Schlafenszeit, daß er noch der an demſelben Abend ſeine Vorbereitungen zu ſeiner Rückkehr ge⸗ nach Oſtindien auf dem Landwege damit begann, daß er ſich 1 n⸗ von ſeinem Abendbrod einen Viertelſchnitt Brod und ein Stück 84 der holländiſchen Käſe aufhob, als erſte Grundlage zu einem Pro⸗. hen viantvorrath für die Reiſe. zu⸗ Beinahe zwölf Monate lang waren der kleine Paul und 3 ſeine Schweſter in Mrs. Pipchin's Pflege geweſen. Sie waren zweimal nach Hauſe gereiſt, aber nur auf ein paar Tage, und. ihre wöchentlichen Beſuche bei Mr. Dombey im Hotel waren re⸗ 8 — gelmäßig fortgeſetzt worden. Mit der Zeit hatte Paul an Kräf⸗ ten zugenommen und zuletzt brauchte er den Wagen nicht mehr; 6* unö 1— aber er ſah immer noch ſchwächlich und klein aus und blieb das altbärtige, ſtille, träumeriſche Kind, das er geweſen, als er zuerſt unter Mrs. Pipchin's Obhut kam. Eines Sonntags Nach⸗ mittags, in der Dämmerung, entſtand in der Burg eine große Beſtürzung durch die unerwartete Meldung, daß Mr. Dombey gekommen ſei, Mrs. Pipchin zu beſuchen. Die Bevölkerung des Wohnzimmers wurde auf den Fittigen eines Wirbelwindes in das obere Stockwerk fortgeriſſen, und nach vielem Schmeißen der Schlafzimmerthüren und Hin⸗ und Herlaufen oben, und nachdem Mrs. Pipchin, um ſich einigermaßen zu beruhigen, den unglücklichen Maſter Bitherſtone etwas herumgeſtoßen, erſchien endlich das ſchwarze Bombaſinkleid— einem düſtern Nebel vergleich⸗ bar— der würdigen alten Dame im Beſuchzimmer, wo Mr. Dom⸗ bey den leeren Lehnſtuhl ſeines Sohnes und Erben betrachtete. Wie geht es Ihnen, Mrs. Pipchin? ſagte Mr. Dombey. Ich danke Ihnen, Sir, antwortete Mrs. Pipchin. Ziem⸗ lich gut, in Anbetracht. Mrs. Pipchin gebrauchte dieſe Phraſe immer. Sie meinte in Anbetracht ihrer Tugenden, ihrer Opfer und ſo weiter. Ich kann nicht erwarten mich ſehr wohl zu befinden, Sir, ſagte Mrs. Pipchin, ließ ſich nieder und holte tief Athem; aber für die Geſundheit, die mir vergönnt iſt, bin ich dem Himmel dankbar. Mr. Dombey neigte den Kopf mit der zufriedenen Miene eines Gönners, welcher fühlt, daß dies gerade das ſei, was er für ſeine ſo und ſo viel Pfund vierteljährlich erwarten könne. Nach einer kleinen Pauſe fuhr er fort: * — V 85— Mrs. Pipchin, ich habe mir die Freiheit genommen, Sie zu beſuchen, um mit Ihnen über meinen Sohn zu ſprechen. Ich habe es ſchon ſeit längerer Zeit im Sinn gehabt, habe es aber immer wieder aufgeſchoben, damit ſich ſeine Geſundheit gründ⸗ lich befeſtige. Sie fürchten Nichts in dieſer Hinſicht, Mrs. Pipchin? Brighton hat ſich als ſehr wohlthätig erwieſen, Sir, er⸗ widerte Mrs. Pipchin. Sehr wohlthätig in der That. Ich beabſichtige ihn in Brighton zu laſſen, ſagte Mr. Dombey. Mr. Pipchin rieb ſich die Hände und ſah mit ihren grauen Augen ins Feuer. Aber, fuhr Mr. Dombey fort und ſtreckte den Zeigefinger vor, aber möglicherweiſe wäre jetzt eine Veränderung, eine an⸗ dere Lebensweiſe gut für ihn. Mit einem Wort, Mrs. Pip⸗ chin, dies iſt der Zweck meines Beſuchs. Es geht vorwärts mit meinem Sohn, Mrs. Pipchin. Wahrhaftig, es geht vorwärts mit ihm. Es lag etwas Melancholiſches in der frohlockenden Miene, mit der Mr. Dombey dies ſagte. Es zeigte, wie lang ihm Paul' Kinderjahre erſchienen waren und wie ſehr ſich ſeine Hoffnungen auf einen ſpätern Abſchnitt ſeines Lebens concen⸗ trirten. Erbarmen ſcheint ein ſeltenes Wort, wenn man es auf einen ſo ſtolzen und kalten Mann anwendet, und doch ſchien er in dieſem Augenblicke des Erbarmens würdig zu ſein. Sechs Jahr alt! ſagte Mr. Dombey und ſchob ſich mit dem Kinn das Halstuch zurecht— vielleicht um ein unwillkürliches Lächeln zu verbergen, das mehr auf die Oberfläche ſeines Geſichts zu treffen und, da es keinen Ruhepunkt fand, wieder abzugleiten ſchien, als für einen Augenblick darauf zu ſpielen. Mein Gott, aus ſechs werden ſechzehn werden, ehe wir Zeit haben uns umzuſehen. Zehn Jahre, krächzte die ſympathieloſe Pipchin mit einem froſtigen Schimmer in dem harten, grauen Auge und einem be⸗ kümmerten Kopfſchütteln, iſt eine lange Zeit. Das hängt von Umſtänden ab, gab Mr. Dombey zur Antwort; jedenfalls, Mrs. Pipchin, iſt mein Sohn ſechs Jahr alt, und ich fürchte ſehr, wir müſſen zugeben, daß er in ſeinen Kenntniſſen weit hinter andern Kindern ſeines Alters zurück iſt — oder ſeiner Jugend, verbeſſerte Mr. Dombey ſchuell als Antwort auf ein verrätheriſches Lächeln, das er in dem grauen Auge zu entdecken glaubte, ſeiner Jugend— das iſt ein paſſen⸗ derer Ausdruck. Aber, Mrs. Pipchin, anſtatt hinter ſeinen Al⸗ tersgenoſſen zurück zu ſein, ſollte mein Sohn ſie überholt haben, weit, weit überholt haben. Eine hohe Stellung wartet ſeiner. In der zukünftigen Laufbahn meines Sohnes iſt nichts Zufälli⸗ ges und Ungewiſſes. Sein Lebensweg war fertig und beſtimmt, ehe er auf die Welt kam. Die Erziehung eines ſolchen jungen Mannes darf nicht hinausgeſchoben werden. Sie darf nicht un⸗ 4 3 vollkommen bleiben. Sie muß mit Feſtigkeit und Ernſt unter⸗ nommen werden, Mrs. Pipchin. Ich kann Ihnen darin durchaus nicht widerſprechen, Sir, ſagte Mrs. Pipchin. Ich war vollkommen überzeugt, Mrs. Pipchin, entgegnete Mr. Dombey gnädig, daß es bei einer Perſon von Ihrer Ein⸗ ſicht gar nicht anders ſein könnte und würde. — 87— Man ſchwatzt ja viel Unſinn— und noch Schlimmeres— vom Ueberarbeiten der Kinder und ähnliche Sachen, ſagte Mrs. Pipchin und rieb ſich ungeduldig die Habichtsnaſe. Zu meiner Zeit dachte kein Menſch daran und jetzt darf man auch nicht darauf achten. Meine Meinung iſt, ſie ſtreng anzuhalten. Liebe Madame, entgegnete Mr. Dombey, Sie haben Ihren Ruf nicht unverdienterweiſe erworben, und ich bitte Sie über⸗ zeugt zu ſein, Mrs. Pipchin, daß ich mehr als zufrieden bin mit Ihrer vortrefflichen Erziehungsmethode, und daß es mir die größte Freude machen wird, Sie zu empfehlen, wo mein beſchei⸗ dener Einfluß— Mr. Dombey'’s Großartigkeit, wenn er ſeine eigene Wichtigkeit in Schatten ſtellen wollte, überſchritt alle Grenzen— Ihnen von Nutzen ſein kann. Ich habe an Doctor Blimber gedacht, Mrs. Pipchin. An meinen Nachbar, Sir? ſagte Mrs. Pipchin. Ich halte die Anſtalt des Doctors für ſehr ausgezeichnet. Ich habe gehört, daß ſie ſehr ſorgfältig geleitet wird, daß vom Morgen bis Abend das Lernen ununterbrochen fortgeht. Und ſehr koſtſpielig, fügte Mr. Dombey hinzu. Und ſehr koſtſpielig, Sir, holte Mrs. Pipchin nach, als ob ſie mit dieſem Umſtand einen der Hauptvorzüge der Anſtalt vergeſſen hätte. Ich habe bereits mit dem Doctor geſprochen, Mrs. Pipchin, ſagte Mr. Dombey und ſchob, von väterlicher Beſorgniß bewegt, ſeinen Stuhl dem Feuer näher, und er hielt Paul durchaus nicht für zu jung. Er nannte mir mehrere Knaben, die ſich in dieſem Alter ſchon mit dem Griechiſchen beſchäftigten. Wenn mir etwas einige — 88— Sorge macht, Mrs. Pipchin, ſo bezieht es ſich nicht auf die Verände⸗ rung. Da mein Sohn keine Mutter gekannt hat, ſo hat fich allmälig viel zu viel von ſeiner Liebe auf ſeine Schweſter con⸗ centrirt. Ob ihre Trennung— Mr. Dombey ſagte weiter Nichts, ſondern blieb ſchweigend ſitzen. Larifari! rief Mrs. Pipchin aus, ihr ſchwarzes Bomba⸗ finkleid ausbreitend und ihre ganze Ogerhärte aufbietend. Wenn s ihr nicht gefällt, ſo muß ſies lernen, ſagte ſie und ſetzte hinzu: das ſei ihre Weiſe mit ihnen umzuſpringen. Mr. Dombey wartete, bis Mrs. Pipchin fertig war, den Kopf zu ſchütteln und mit Drohblicken eine Legion von Bither⸗ ſtones und Pankeys niederzudonnern, und ſagte dann gelaſſen, aber beruhigend: Er, liebe Madame, er. Mrs. Pipchin's Syſtem würde ziemlich dieſelbe Behand⸗ lungsweiſe auch bei Paul anempfohlen haben, aber da das kalte graue Auge ſcharfſichtig genug war, um zu erkennen, daß das Recept, ſo ſehr auch Mr. Dombey deſſen Wirkungskraft bei ſeiner Tochter zugäbe, auf ſeinen Sohn nicht anwendbar ſei, ſo wendete ſie die Sache anders und bewies, daß Veränderung und Wechſel der Umgebung und die neue Lebensweiſe bei Doctor Blim⸗ ber und die Studien, die er werde betreiben müſſen, ihm bald ſeine Neigung würden vergeſſen machen. Da dies mit Mr. Dombey's eigenem Hoffen und Glauben übereinſtimmte, ſo faßte dieſer Herr eine noch günſtigere Meinung von Mrs. Pipchin's Einſicht, und da Mrs. Pipchin zugleich den Verluſt ihres lie⸗ ben kleinen Freundes beklagte(was gar keine ſo niederſchmet⸗ ternde Ueberraſchung war, da ſie es längſt erwartet und eigentlich — 89— nicht gehofft hatte, ihn länger als ein Vierteljahr zu behalten), ſo bildete er ſich eine gleich gute Meinung von Mrs. Pipchin's Uneigennützigkeit. Es war klar, daß er die Sache in ernſtlichſte Ueberlegung gezogen, denn er hatte einen Plan entworfen, den er jetzt Mrs. Pipchin vorlegte und der darin beſtand, Paul für das erſte halbe Jahr als Wochenſchüler in des Doctors Anſtalt zu ſchicken und Florentinen ſo lange noch in der Burg zu laſſen, damit ihr Bruder ſie alle Sonnabende dort beſuchen könne. Das würde ihn allmälig entwöhnen, ſagte Mr. Dombey: wahrſchein⸗ lich eingedenk, daß er zu einer frühern Zeit nicht allmälig ent⸗ wöhnt worden ſei. Mr. Dombey ſchloß ſeinen Beſuch mit dem Wunſche, daß Mrs. Pipchin ihr Amt als Oberaufſeherin über ſeines Sohnes Erziehung während ſeines Aufenthalts in Brigh⸗ ton behalten möge; und nachdem er Paul geküßt und Florentinen die Hand gegeben, und Maſter Bitherſtone in ſeinem Sonntags⸗ kragen geſehen, und Miß Pankey zum Weinen gebracht, indem er ſie auf den Kopf klopfte(in welcher Gegend ſie ausnehmend zartfühlend war in Folge einer Gewohnheit der Mrs. Pipchin, mit ihren Knöcheln darauf wie an ein leeres Faß zu ſchlagen), begab er ſich wieder in ſein Hotel, entſchloſſen, daß nun Paul, da er jetzt alt und geſund werde, eine gehörige Erziehung genießen ſolle, damit er ſich vorbereite auf die Stellung, in der er dereinſt zu glänzen beſtimmt war, und daß er ſofort Doctor Blimber's Händen anvertraut werden ſolle. Stets wenn ein junger Mann Doctor Blimber's Händen anvertraut wurde, konnte er ſicher ſein, recht ſcharf gedrückt zu werden. Der Doctor nahm zwar nur zehn junge Leute in — 90— ſeine Anſtalt anf, hatte aber immer einen Vorrath von Gelehr⸗ ſamkeit für mindeſtens hundert; und es war zugleich die Beſchäf⸗ tigung und die Freude ſeines Lebens, dieſe unglücklichen Zehn damit vollzupfropfen. Eigentlich war Doctor Blimber's Anſtalt ein großes Treib⸗ haus, in dem eine ununterbrochene Thätigkeit herrſchte. Alle Knaben wuchſen vor der Zeit. Geiſtige Schoten gab es zu Weihnachten und intellectuellen Spargel das ganze Jahr hin⸗ durch. Mathematiſche Stachelbeeren(und wie ſaure!) gediehen durch Doctor Blimber's Pflege zu ungewöhnlicher Zeit und an bloßen Reiſern von Büſchen. Jede Art griechiſches und lateini⸗ ſches Gemüſe wuchs unter den froſtigſten Verhältniſſen an den dürrſten Stöcken von Knaben. Nach der Natur wurde gar nicht gefragt. Unbekümmert um das, was einem Knaben eigentlich zu tragen beſtimmt war, wußte der Doctor ihn Früchte nach Muſter tragen zu laſſen. Das war Alles ganz hübſch und klug, aber das Treib⸗ hausſyſtem war von ſeinen gewöhnlichen Folgen begleitet. Dieſe frühzeitigen Früchte hatten nicht den rechten Geſchmack und ſie hielten ſich auch nicht gut. Zudem hatte ein junger Mann mit einer geſchwollenen Naſe und einem außerordentlich großen Kopfe (der älteſte der Zehn, die Alles durchgemacht hatten) plötzlich eines Tags zu blühen aufgehört und war als dürres Holz in der Anſtalt geblieben. Die Leute ſagten, der Doctor hätte es mit dem jungen Toots etwas übertrieben, und als er den Bart be⸗ kommen, habe er das Hirn verloren. Jedenfalls war Toots immer noch da, begabt mit der — 8 2— —jj— 2— 2 n 3 2— 4 * — 91— gröbſten Stimme und dem wirrſten Kopfe; immer bemüht, ſich Buſennadeln in das Hemd zu ſtecken, und ſtets mit einem Ring in der Weſtentaſche, um ihn verſtohlen an den kleinen Finger zu ſtecken, wenn die Schüler ſpazieren gingen; in einem fort ſich in die Kindermädchen verliebend, die keine Ahnung von ſeinem Daſein hatten; und ſpät Abends auf die gaserhellte Welt über die eiſernen Stäbe in dem linken Eckfenſter des dritten Stockes wie ein viel zu groß gewordener Cherub, der zu lange aufgeblie⸗ ben iſt, herabblickend. Der Doctor war ein ſtattlicher Herr, ganz in Schwarz ge⸗ kleidet, mit Bändern an den Knieen und Strümpfen darunter. Er hatte eine glänzend polirte Glatze, eine tiefe Stimme und ein ſo entſchiedenes Unterkinn, daß man ſich wundern mußte, wie er eigentlich beim Raſiren in ſeine Falten gelangte. Er hatte ferner kleine Augen, die beſtändig halb geſchloſſen waren, und einen Mund, der immer breit gezogen war, als ob er eben einen Knaben auf einer Dummheit ertappt hätte und nur wartete, um ihn mit den eigenen Worten zu überführen. Dies war ſo arg, daß, 7 wenn der Doctor ſeine rechte Hand in die Weſte ſteckte und die andere Hand auf den Rücken gelegt mit einem kaum bemerkbaren Kopfwiegen einem nervenſchwachen Freunde die allergewöhnlichſte Bemerkung machte, dieſe wie eine Offenbarung der Sphinx klang und ihn ganz und gar abführte. Des Doctors Haus war ein gewaltig ſchönes Gebäude, mit der Fronte dem Meere zugewendet. Nicht eben heiter im Innern, ſondern ganz das Gegentheil. Trübfarbige Vorhänge, dürr und ſchmal von Proportion, verbargen ſich ſchüchtern und — 32— niedergeſchlagen hinter den Fenſtern. Die Tiſche und Stühle waren in Reihen bei Seite geſetzt, wie Ziffern in einer Summe; Feuer wurde ſo ſelten in den Staatszimmern gemacht, daß ſie wie Brunnen waren und der Eintretende ſich vorkam wie der Eimer; der Speiſeſaal ſchien der letzte Fleck in der Welt zu ſein, wo man auf den Einfall zu eſſen oder zu trinken hätte kommen können; im ganzen Hauſe hörte man keinen andern Laut, als das Picken der großen Uhr in der Halle, die ſich bis unter das Dach hinauf vernehmen ließ, und zuweilen das verdroſſene Stöh⸗ nen der Knaben über ihren Lectionen, gleich dem Girren einer Schaar melancholiſcher Tauben. Auch Miß Blimber, obgleich eine zarte und anmuthige Maid, ſtand zu dem Ernſt des Hauſes nicht im ſtörenden Ge⸗ genſatz. Keine Spur eitler Flüchtigkeit war an Miß Blimber zu bemerken. Sie trug das Haar kurz geſchoren und eine Brille. Sie war trocken und beſtaubt vom Arbeiten in den Gräbern todter Sprachen. Lebendige Sprachen waren nichts für Miß Blimber. Sie mußten todt ſein— mauſetodt— und dann grub ſie Miß Blimber aus, wie eine menſchliche Hyäne. Mrs. Blimber, ihre Mama, war zwar nicht gelehrt, aber ſie ſtellte ſich ſo, und das kam auf eins hinaus. Sie äußerte in Abendgeſellſchaften, wenn ſie das Glück hätte haben können den Cicero zu kennen, ſo würde ſie auch ruhig ſterben. Es war die fortwährende Freude ihres Lebens, die Knaben des Doctors, allen andern Knaben unähnlich, in den möglichſtgroßen Hemd⸗ kragen und den möglichſtſteifen Halsbinden ſpazieren gehen zu ſehen. Es ſei ſo claſſiſch, ſagte ſie. — 93— Was Mr. Feeder, Bacc. artium und Doctor Blimber's Hülfslehrer, betrifft, ſo war er eigentlich eine lebendige Drehor⸗ gel mit einer gewiſſen Anzahl Melodien, die er beſtändig und ohne alle Veränderung abhaspelte. Bei günſtigerm Sterne hätte er in ſeiner Jugend vielleicht mit zwei Orgeln verſehen werden können; das aber hatte ihm gefehlt und er beſaß nur eine, ver⸗ mittelſt deren er mit eintöniger Wiederholung die keimenden Be⸗ griffe von Doctor Blimber's Knaben verwirrte. Die jungen Herren Doctor Blimber's wurden vor der Zeit mit nagenden Sorgen behaſtet. Sie kannten keine Ruhe vor hartherzigen Worten, Ungethümen von Subſtantiven, unbeugſamen ſyntaktiſchen Stellen und Geſpenſtern von Exercitien, die ihnen im Traume erſchienen. Unter der Herrſchaft des Treibhausſyſtems verlor ein Knabe in der Regel ſeine Heiterkeit in drei Wochen. In drei Monaten belaſteten alle Sorgen der Welt ſein Haupt. In vieren fing er an ſeine Aeltern oder ſeinen Vormund zu haſſen; in fünfen war er ein alter Menſchenverächter; in ſechſen beneidete er den Quintus Curtius um ſeinen geſegneten Zufluchtsort unter der Erde, und am Ende des erſten Jahres war er zu der Ueber⸗ zeugung gekommen, die er auch nie wieder ablegte, daß alle Träume der Dichter und alle Lehren der Weiſen eine bloße Sammlung von Worten und grammatiſchen Sätzen ſeien und ſonſt keine Bedeutung hätten. Aber es blühte und blühte in des Doctors Treibhaus im⸗ mer fort, und des Doctors Ruhm und Ehre war groß, wenn er die Winterfrucht zu ihren Verwandten und Freunden nach Hauſe ſchickte. Auf des Doctors Thürſtufen ſtand eines Tags Paul mit klopfendem Herzen, die rechte Hand in die ſeines Vaters gelegt. Seine andere Hand hatte Florentine liebevoll gefaßt. Wie warm und herzlich der Druck der einen und wie locker und kalt der der andern! Mes. Pipchin hielt ſich hinter dem Opfer, mit ihrem ſchwarzen Gefieder und ihrer krummen Naſe einem Böſes ver⸗ kündenden Vogel zu vergleichen. Sie war außer Athem— denn Mr. Dombey war, von großen Gedanken erfüllt, ſchnell gegan⸗ gen— und krächzte heiſer, während ſie auf das Oeffnen der Thür wartete. Nun, Paul, ſagte Mr. Dombey frohlockend. Dies iſt der eigentliche Weg, um Dombey und Sohn zu werden und Geld zu erlangen. Du biſt faſt ſchon ein Mann. Faſt, erwiderte das Kind. Selbſt ſeine Aufregung konnte die ſchlaue und doch wieder rührende Miene nicht unterdrücken, mit der er dieſe Antwort begleitete. Sie brachte einen flüchtigen Ausdruck der Unzufriedenheit auf Mr. Dombey's Geſicht, der aber verſ chwand, wie die Thür aufging. Iſt Doctor Blimber zu Hauſe? frug Mr. Dombey. Der Bediente ſagte ja und ſah, wie ſie vorbeigingen, Paul an, als wäre er eine Maus und das Haus eine Falle. Er war ein junger Menſch mit blöden Augen und dem erſten Schimmer eines grinſenden Lachens auf dem Geſicht. Es war bloße Ein⸗ falt; aber Mrs. Pipchin ſetzte ſich in den Kopf, es ſei Unver⸗ ſchämtheit, und ſiel ſogleich über ihn her. — 93— Wie können Sie ſich unterſtehen, hinter dem Herrn her zu lachen? ſagte Mrs. Pipchin. Und wofür ſehen Sie mich an? Ich lache über Niemand und ſehe Sie gewiß für gar Nichts an, Ma'am, antwortete der Burſche ganz beſtürzt. Faules Pack! ſagte Mrs. Pipchin. Sagen Sie Ihrem Herrn, Mr. Dombey ſei hier, ſonſt ſoll es Ihnen ſchlimm be⸗ kommen! Der Burſche entfernte ſich ganz demüthig, um dem Auf⸗ trag Folge zu leiſten, und kehrte bald zurück, um die Fremden in des Doctors Studirzimmer zu führen. Sie lachen ſchon wieder! herrſchte ihn Mrs. Pipchin an, wie ſie, als die Letzte, in dem Vorhaus an ihm vorbeiging. Nein, gewiß nicht, ſagte der Bediente ganz kläglich. So etwas iſt mir noch nicht vorgekommen. Was gibt's, Mrs. Pipchin? frug Mr. Dombey und ſah ſich um. Ich bitte Sie, leiſe! In aller Unterthänigkeit brummte Mrs. Pipchin jetzt den Burſchen blos an und nannte ihn einen Flegel, wodurch der junge Menſch, der ganz Einfalt und Zerknirſchung war, bis zu Thränen gerührt wurde. Aber Mrs. Pipchin hatte eine eigene Manier, über alle demüthige Leute herzufallen, und ihre Be⸗ kannten ſagten, das ſei kein Wunder von wegen der peruaniſchen Bergwerke! Der Doctor ſaß in ſeinem Studirzimmer, einen Globus auf jeder Seite, Bücher ringsum, Homer über der Thür und Minerva auf dem Kaminſims. Und wie geht es Ihnen, Sir, ſagte er zu Mr. Dombey, und was macht mein kleiner Freund? Feierlich ernſt wie eine Orgel klang des Doctors Rede, und als. er zu ſprechen aufhörte, ſchien die große Uhr im Vorhaus ſeine Worte fortzuſetzen und weiter zu ſagen: Was, macht, mein, klei, ner, Freund, was, macht, mein, klei, ner, Freund. Da der kleine Freund viel zu klein war, als daß ihn der Doctor vor den Büchern auf dem Tiſch hätte ſehen können, ſo machte der Doctor mehrere vergebliche Verſuche, eine Anſicht von ihm um die Tiſchbeine herum zu gewinnen; Mr. Dombey, der dies bemerkte, erlöſte aber den Doctor aus ſeiner Verlegen⸗ heit dadurch, daß er den kleinen Paul auf den Arm nahm und ihn auf einen andern kleinen Tiſch dem Doctor gerade gegen⸗ über ſetzte. Hal ſagte der Doctor und lehnte ſich, die Hand in die Bruſt geſteckt, in ſeinem Stuhl zurück. Jetzt ſehe ich meinen kleinen Freund. Wie geht es meinem kleinen Freund? Die Uhr im Vorhaus wollte ſich in⸗ dieſe Aenderung der Worte nicht fügen, ſondern fuhr fort in einem fort zu wieder⸗ holen: Was, macht, mein, klei, ner, Freund, was, macht, mein, klei, ner, Freund. Ich danke Ihnen, ich befinde mich wohl, gab Paul, der Uhr eben ſo ſehr wie dem Doctor, zur Antwort. Hal ſagte Doctor Blimber. Sollen wir einen Mann aus ihm machen? Hörſt du, Paul? fügte Mr. Dombey hinzu, da Paul ſchwieg.. Ich bleibe lieber ein Kind, ſagte Paul. So! ſagte der Doctor. Warum? △ 8=SS— —., 10+. 8 „— 95— Das Kind ſaß auf dem Tiſch und ſah ihn mit einem ſeltſamen Ausdruck unterdrückter Bewegung an, während es mit der einen Hand ſich ſtolz auf die Kniee ſchlug, als hätte es die emporſteigenden Thränen darunter und zerdrückte ſie. Aber die andere Hand taſtete unterdeß weiter und weiter— bis ſie Florentinens Hals berührte. Das iſt das Warum! ſchien er auszudrücken und dann verſchwand der gefaßte Blick, das bebende Herz brach los und die Thränen ſtrömten nieder. Mrs. Pipchin, ſagte Mr. Dombey ärgerlich, es iſt mir recht unangenehm, ſo etwas zu ſehen. Kommen Sie zu mir, Miß Dombey, ſagte die Matrone. Schadet Nichts, ſagte der Doctor mit ſüßer Stimme, Mrs. Pipchin zurückhaltend. Schadet Nichts, wir werden bald neue Gefühle und Eindrücke in ſeine Seele bringen, Mr. Dom⸗ bey. Sie wünſchen alſo, daß mein kleiner Freund Alles lernen ſoll, Mr. Dombey? Alles, Doctor, ſagte Mr. Dombey entſchloſſen. Ja, ſagte der Doctor, der mit ſeinem halbgeſchloſſenen Auge und ſeinem gewöhnlichen Lächeln den kleinen Paul mit dem Intereſſe zu betrachten ſchien, das er für ein ſeltnes Thierchen, welches er ausſtopfen wollte, zu haben pflegte. Ja, ganz rich⸗ tig. Ha! Wir werden unſerm jungen Freunde eine große Mannigfaltigkeit von Kenntniſſen beibringen und ihn ſchnell auf eine höhere Stufe bringen, deß bin ich überzeugt. Deß bin ich überzeugt. Noch ganz friſch und unbebaut, glaube ich, ſagten Sie, Mr. Dombey? Außer einiger unbedeutenden Vorbereitung zu Hauſe und Boz. Dombey u. Sohn. II. 7 —————— — 98— bei dieſer Dame, erwiderte Mr. Dombey und ſtellte Mrs. Pip⸗ chin vor, die alsbald ihren Zügen eine gewiſſe Spannung gab und im Voraus ſich herausfordernd aufblies, im Fall ſie der Doctor verächtlich behandeln ſollte, ſonſt hat Paul bis jetzt noch Nichts gelernt.. Doctor Blimber neigte den Kopf mit freundlicher Nachſicht ge⸗ gen ſo unſchuldiges Pfuſchen, wie Mrs. Pipchin betrieb, und ſagte, er freue ſich, dies zu vernehmen. Es ſei viel beſſer, bemerkte er, mit der Grundlage zu beginnen. Und wieder blickte er Paul an, als trüge er Verlangen, ihn ſofort mit dem griechiſchen Alphabet anfangen zu laſſen. Dieſer Umſtand, verehrter Herr Doctor, ſagte jetzt Mr. Dombey mit einem Blick auf ſeinen Sohn, und das Ge⸗ ſpräch, welches ich ſo glücklich war früher mit Ihnen zu haben, macht jede fernere Erläuterung, und demnach auch jede fernere Inanſpruchnahme Ihrer ſehr koſtbaren Zeit ſo unnöthig, daß— W Kommen Sie, Miß Dombey! ſagte die geſtrenge Mrs. Pipchin. Erlauben Sie noch einen Augenblick; ſagte der Doctor. Erlauben Sie mir, Ihnen Mrs. Blimber und meine Tochter vorzuſtellen, welche das häusliche Leben unſers jungen Pilgers theilen werden. Mrs. Blimber,— denn die Dame, die viel⸗ leicht draußen gewartet hatte, trat eben mit ihrer Tochter ein, Mr. Dombey. Meine Tochter Cornelia, Mr. Dombey. Mr. Dombey, meine Liebe, ſchenkt uns das Vertrauen— ſiehſt du unſern kleinen Freund? —— 0 ú S — 99— In einem Anfall von Höflichkeit, deren Ziel Mr. Dembey war, ſchien Mrs. Blimber allerdings den kleinen Freund nicht zu gewahren, denn ſie näherte ſich ihm, während ſie zurücktrat, und drohte ſeine Sicherheit auf dem Tiſche nicht wenig zu ge⸗ fährden. Aber der Wink ihres Gatten bewog ſie, ſich umzu⸗ drehen und ſeine elaſſiſchen und geiſtreichen Züge zu bewundern, worauf ſie ſich wieder zu Mr. Dombey wandte und ihm mit einem Seufzer geſtand, daß ſie ſeinen Sohn beneide. Wie eine Biene, Sir, fuhr Mrs. Blimber fort, die im Begriff ſteht, in einen Garten mit den auserleſenſten Blumen zu ſchwirren und zum erſten Mal von ihrer Süße zu nippen. Virgil, Horaz, Ovid, Terenz, Plautus, Cicero. Welchen Ueberfluß von Honig haben wir da! Es mag bemerkenswerth erſcheinen, bei einer Frau— bei der Frau eines ſolchen Gatten— Still, ſtill, unterbrach ſie Doctor Blimber. Pfui, ſchäme dich. Mr. Dombey wird die Parteilichkeit einer Gattin ver⸗ zeihen, ſagte Mr. Blimber mit einem gewinnenden Lächeln. Mr. Dombey antwortete: Durchaus nicht, wendete dieſe Worte aber wohl, wie wir vorausſetzen müſſen, auf die Par⸗ teilichkeit, und nicht auf das Verzeihen an. Und es mag auch bemerkenswerth erſcheinen von Einer, die auch Mutter iſt, fuhr Mrs. Blimber fort— Und eine ſolche Mutter, warf Mr. Dombey ein und ver⸗ beugte ſich mit der dunkeln Idee, Cornelia eine Schmeichelei zu ſagen. Aber in der That, ſagte Mrs. Blimber, ich glaube, wenn ich Cicero gekannt hätte und ſeine Freundin geweſen wäre und 7* ——— — 100— mit ihm in ſeinem Tuseulum(herrliches Tusculum!) hätte ſpre⸗ chen können, dann wäre ich zufrieden ins Grab geſtiegen! Der Enthuſiasmus der Gelehrſamkeit iſt ſo groß, daß Mr. Dombey halb überzeugt war, dies ſei ganz ſein Fall; und ſelbſt Mrs. Pipchin, die doch ſonſt nicht eben von nachgiebigem Charakter war, ließ ſich zu einem Seufzer herab, als wollte ſie ſagen, daß Niemand als Cicero ihr ein Troſt hätte ſein können bei jenem verhängnißvollen Unfalle mit den peruaniſchen Berg⸗ werken. 4. f Cornelia ſah Mr. Dombey durch ihre Brille an, als beab⸗ ſichtige ſie, ihm ein paar Citate von dem eben erwähnten großen Manne zu verſetzen. Aber dies Vorhaben, wenn ſie wirk⸗ lich damit umging, wurde durch ein Klopfen an der Thüre vereitelt. Wer iſt da? ſagte der Doctor. O! Treten Sie näher, Toots. Mr. Dombey, Sir. Toots verbeugte ſich. Ein wah⸗ rer Glücksfall, ſetzte Doctor Blimber hinzu: hier ſehen wir den Anfang und das Ende. Das Alpha und das Omega. Unſerer Claſſen älteſter, Mr. Dombey. Toots war mehr als einen Kopf größer, als die übrigen Schüler. Er erröthete ſehr aus Verlegenheit, ſich unter Frem⸗ den zu befinden, und kicherte halblaut vor ſich hin. Eine Vermehrung unſers kleinen Portieus, Toots, ſagte Doctor Blimber; Mr. Dombey's Sohn. Toots wurde wieder roth, und da ihm das feierliche Schwei⸗ gen ringsum zu erkennen gab, daß man etwas von ihm zu hören erwarte, ſo ſagte er zu Paul: Wie geht's? mit einer ſo tiefen N — 101— Stimme und auf ſo einfältige Weiſe, daß das Brüllen eines Lammes nicht mehr hätte überraſchen können. Bitten Sie Mr. Feeder, Toots, ſagte der Doctor, einige Elementarbücher für Mr. Dombey's Sohn auszuſuchen und ihm ſeinen Platz anzuweiſen. Meine Liebe, ich glaube, Mr. Dom⸗ bey hat die Schlafzimmer noch nicht geſehen. Wenn ſich Mr. Dombey hinaufbemühen will, ſagte Mrs. Blimber, ſo werde ich mehr als ſtolz ſein, ihm das Reich des Schlummergottes zu zeigen. Mit dieſen Worten ging Mrs. Blimber, die eine Dame von ſehr ſüßem Weſen und ſehr dürrer Geſtalt war und eine himmelblaue Haube trug, mit Mr. Dombey und Cornelia in das obere Stockwerk; Mrs. Pipchin folgte ihnen und ſpürte nach ihrem Feind, dem Bedienten. Während ihrer Abweſenheit blieb Paul auf dem Tiſche ſitzen, Florentinens Hand immer noch feſt haltend und ſchüchtern den Doctor und das Zimmer muſternd, während der Doctor, in den Stuhl zurückgelehnt und die Hand in die Bruſt geſteckt, ein Buch mit ausgeſtrecktem Arm vor dem Geſicht hielt und las. In dieſer Art zu leſen lag etwas ausnehmend Ehrfurchtgebieten⸗ des. Es war eine ſo entſchiedene, leidenſchaftloſe, unbeugſame, kaltblütige Verfahrungsweiſe. Man konnte dabei des Doctors Geſicht ſehen, und wenn der Doctor gnädig den Verfaſſer an⸗ lächelte, oder den Kopf ſchüttelte und ihm Geſichter ſchnitt, als wollte er ſagen: Machen Sie mir nichts weiß, Sir. Ich ver⸗ ſtehe das beſſer, da war er fürchterlich anzuſchauen. Auch Toots hatte draußen Nichts zu thun, ſondern beſah — 102— ſich das Räderwerk ſeiner Uhr und zählte ſeine halben Kronen. Aber dies dauerte nicht lange; denn da Doctor Blimber zufällig ſeine wohlgerundeten Beine bewegte, als ob er aufſtehen wollte, ſo verſchwand Toots ſchnell und ward nicht mehr geſehen. Bald hörte uan Mr. Dombey und ſeine Führerin unter lautem Geſpräch wieder herunterkommen, und gleich darauf tra⸗ ten ſie in des Doctors Studirzimmer. Ich hoffe, Mr. Dombey, ſagte der Doctor und legte das Buch hin, Sie ſind mit der Einrichtung zufrieden. Sie iſt vortrefflich, Sir, ſagte Mr. Dombey. Sehr hübſch, wahrhaftig, ſagte Mrs. Pipchin leiſe, denn ſie war nie geneigt, mit ihrem Lobe verſchwenderiſch umzugehen. Mrs. Pipchin, ſagte Mr. Dombey, ſich zum Gehen an⸗ ſchickend, wird mit Ihrer Erlaubniß, Mr. und Mrs. Blimber, meinen Paul zuweilen beſuchen. So oft es Mrs. Pipchin beliebt, bemerkte der Doctor. Wir werden ſtets erfreut ſein ſie zu ſehen, ſagte Mrs. Blimber. Ich habe Sie jetzt lange genug geſtört, ſagte Mr. Dom⸗ bey, und will mich beurlauben. Paul, mein Sohn— er trat dicht an den Tiſch— lebe wohl. Leb' wohl, Papa. So gleichgültig lag die Hand des Kleinen in der des Va⸗ ters, daß man ſich über den bekümmerten Ausdruck des Geſichts hätte wundern können. Aber an dieſem Schmerzensblick hatte der Vater keinen Theil. Er galt ihm nicht, ſondern einzig und allein Florentinen. .— 10— Wenn ſich Mr. Dombey in ſeinem Geldſtolze je einen un⸗ verſöhnlichen und rachgierigen Feind gemacht hatte, ſo hätte ſelbſt dieſer Feind die Pein, die ſein hochfahrendes Herz in dieſem Augenblick fühlte, als Sühne gelten laſſen können. Er beugte ſich zu ſeinem Sohne herab und küßte ihn. Wenn ſeine Augen dabei von etwas getrübt wurden, was das Angeſicht des Kleinen benetzte, ſo war ſein geiſtiges Auge dafür um ſo klarer. Ich werde dich bald beſuchen, Paul. Sonnabends und Sonntags haſt du ja frei? Ja, Papa, erwiderte Paul, ohne den Blick von ſeiner Schweſter abzuwenden. Sonnabends und Sonntags. Und du wirſt verſuchen, hier viel zu lernen und ein ge⸗ ſcheiter Menſch zu werden, ſagte Mr. Dombey, nicht wahr? Ich werde es verſuchen, gab das Kind matt zur Antwort. Und du wirſt jetzt bald erwachſen ſein! ſagte Mr. Dombey. O! ſehr bald! entgegnete das Kind. Und wieder flog der altväteriſche Ausdruck über ſeine Züge, wie ein ſeltſamer Strahl. Er fiel auf Mrs. Pipchin und erloſch in ihrem ſchwarzen Kleide. Dieſe vortreffliche und ſehr geſtrenge Dame trat jetzt vor, um Abſchied zu nehmen und Florentinen zu entführen, wonach ſie ſchon geraume Zeit ſehnlichſt verlangt hatte. Dieſe Bewegung brachte Mr. Dombey, deſſen Augen auf Paul ruhten, wieder ganz zu ſich. Er klopfte ſeinem Sohn die Wange, gab ihm noch⸗ mals die Hand, verabſchiedete ſich mit ſeiner gewöhnlichen fro⸗ ſtigen Höflichkeit von Doctor Blimber, Mrs. Blimber und Miß Blimber, und ging zum Studirzimmer hinaus. ———, ·,² — 104— Trotz ſeiner Bitte, ſich nicht zu bemühen, drängte ſich die ganze Familie ihm nach, um ihn bis in die Vorhalle zu beglei⸗ ten, und dadurch verwickelte ſich Mrs. Pipchin mit dem Doctor und Miß Blimber und wurde zum Studirzimmer hinausgeſchoben, ehe ſie Florentinen habhaft werden konnte. Dieſem glücklichen Zufalle verdankte Paul ſpäter die ſüße Erinnerung, daß Floren⸗ tine noch einmal umgekehrt war und ihn geherzt und geküßt hatte, und daß ihr Geſicht das letzte geweſen, das er in der Thüre ge⸗ ſehen und das ihn angeblickt mit einem durch Thränen glän⸗ zenden Lächeln der Ermuthigung. Sein kindliches Herz pochte laut bei der Erinnerung daran, und ſie machte, daß die Erdkugeln, die Bücher, Homer und Minerva ſich im ſchwindelnden Wirbel vor ſeinen Augen drehten. Aber plötzlich ſtanden ſie wieder ſtill und dann hörte er wieder die Uhr in der Vorhalle, die mit ernſter Stimme frug: Was, macht, mein, klei, ner, Freund, was, macht, mein, klei, ner, Freund, ganz wie vorhin. Er ſaß mit gefalteten Händen auf dem Tiſche, ſtumm lau⸗ ſchend. Aber er hätte antworten können:„o mir iſt weh und einſam“. Und ſo, mit einer ſchmerzhaften Leere in ſeinem In⸗ nern und Alles um ihn ſo öd' und kahl und fremd, ſaß Paul da, als hätte er das Leben unmöblirt gemiethet und der Möbleur wollte nicht kommen. Zwoͤlftes Kapitel. Pauls Erziehung. Nach Verlauf einiger Minuten, die dem kleinen Paul Dombey auf dem Tiſche wie eine wahre Ewigkeit erſchienen, kam Doctor Blimber zurück. Des Doctors Gang war ſtolz und ganz darauf berechnet, dem jugendlichen Geiſt Gefühle der Ehrfurcht einzuflößen. Es war eine Art Marſchiren; aber wenn der Doctor den rechten Fuß vorſetzte, drehte er ſich würdevoll auf ſeiner Axe mit einem halbkreisförmigen Schwunge nach der linken Seite, und ſo umgekehrt. Dadurch ſah er bei jedem Schritt aus, als ob er ſage: Kann mir Jemand die Gefälligkeit erweiſen, einen mir unbekannten Gegenſtand in irgend einer Richtung an⸗ 3 zudeuten? Ich ſollte meinen, nein. . Mrs. Blimber und Miß Blimber traten mit dem Doctor wieder ein, und Letzterer hob Paul vom Tiſch und übergab den Kleinen der Miß Blimber. Cornelia, ſagte der Doctor, Dombey ſei zuerſt deiner Ob⸗ hut anvertraut. Erziehe ſeine Jugend, Cornelia. 3 Miß Blimber empfing ihren jungen Pflegling aus des — 106— Doctors Händen, und Paul, der fühlte, daß die Brille ihn an⸗ ſah, ſchlug die Augen nieder. Wie alt biſt du, Dombey? frug Miß Blimber. Sechs Jahr, antwortete Paul und wunderte ſich, während er die Jungfrau mit einem verſtohlenen Blick anſah, warum ihr Haar nicht ſo lang ſei wie das Florentinens, und warum ſie einem Knaben ſo ähnlich ſehe. Was weißt du von der lateiniſchen Grammatik, Dombey? frug Miß Blimber. Gar nichts, antwortete Paul. Aber ſogleich gewahrend, daß er mit dieſer Antwort Miß Blimber's weiches Herz verletze, blickte er zu den drei Geſichtern, die ihn anſahen, hinauf und ſagte: Ich bin nicht ſehr geſund geweſen. Ich war als kleines Kind ſehr ſchwächlich. Und Latein konnte ich nicht lernen, wenn mich alle Tage der alte Glubb ausfuhr. Bitte, laſſen Sie den alten Glubb mich manchmal beſuchen. Was für ein abſcheulich ordinärer Name! bemerkte Mrs. Blimber. Unclaſſiſch im höchſten Grade! Wer iſt das Unge⸗ heuer, Kind? Was für ein Ungeheuer? frug Paul. Glubb, ſagte Mrs. Blimber mit Widerwillen. Er iſt ebenſowenig ein Ungeheuer als Sie, entgegnete Paul. Was? rief der Doctor mit ſchrecklicher Stimme. Hm, hm, hm! Aha! Was iſt das? Paul war ſehr erſchrocken; aber doch vertheidigte er den abweſenden Glubb, obgleich er es mit Zittern that. 3 — — 107— Er iſt ein gar lieber alter Mann, Maam, ſagte er. Er fuhr mich im Wagen. Er weiß vielerlei Dinge von dem tiefen Meere zu erzählen und den Fiſchen, die darin ſind, und den großen Ungethümen, die ſich auf den Klippen ſonnen und ſich ins Waſſer ſtürzen, wenn ſie verſcheucht werden, und blaſen und plätſchern, daß man ſie Meilen weit hört. Und es gibt Thiere, fuhr Paul fort, immer wärmer werdend, ich weiß nicht, wie viel Ellen lang— ich weiß ihren Namen nicht, aber Florentine kennt ihn, die ſich ſtellen als klagten ſie laut, und wenn ſich ein Menſch ihnen aus Mitleid nähert, ſo ſperren ſie ihren großen Rachen auf und fallen ihn an. Aber der braucht dann weiter nichts zu thun, ſagte Paul und theilte kühn ſeine Kenntniſſe dem Doctor ſelbſt mit, als auf der Flucht in einem Kreiſe zu laufen, denn da dieſe Thiere ſo lang und ſteif ſind, können ſie ſich nur lang⸗ ſam wenden und ziehen den Kürzern. Und wenn auch der alte Glubb nicht weiß, warum das Meer mich immer an meine todte Mama denken macht oder wovon es in einem fort ſpricht und murmelt, ſo weiß er doch gar Vieles. Und ich möchte, ſchloß das Kind mit einem plötzlichen Verlöſchen ſeiner Lebhaftigkeit, wie er als ein Vereinſamter die drei fremden Geſichter anblickte, Sie geſtatteten dem alten Glubb, mich manchmal zu beſuchen, denn wir ſind recht gute Freunde. 3 Ha! ſagte der Doector, das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm; aber Studiren wird viel thun. Mrs. Blimber meinte mit einem kleinen Schauder, es ſei ein ſeltſames Kind, und betrachtete ihn ziemlich auf dieſelbe Weiſe, nur mit einem andern Geſicht, als es Mrs. Pipchin gethan. — 108— Führe ihn im Hauſe herum, Cornelia, ſagte der Doctor, und mache ihn mit ſeiner neuen Umgebung bekannt. Begleite dieſe junge Dame, Dombey. Dombey gehorchte und gab ſeine Hand der Cornelia, die er auf dem Wege in einem fort mit ſchüchterner Neugier von der Seite anguckte. Denn ihre Brille gab ihr durch das Glänzen der Gläſer etwas ſo Geheimnißvolles, daß er gar nicht wußte, nach welcher Richtung ſie blicke, und eigentlich etwas in Zweifel war, ob dahinter überhaupt Augen waren. Cornelia führte ihn erſt in den Schulſaal, in den man durch zwei mit grünem Tuche beſchlagene Thüren gelangte, wo⸗ durch die Stimmen der Knaben gedämpft wurden. Hier befanden ſich acht junge Herren in verſchiedenen Graden geiſtiger Zer⸗ knirſchung, alle ſehr fleißig arbeitend und ſehr, ſehr ernſt. Toots hatte als älteſter Schüler ein Pult für ſich in einer Ecke und kam Pauls jungen Augen als ein herrlicher Mann von erſtaun⸗ lichem Alter vor. Mr. Feeder, Bacc. artium, der an einem andern Pulte ſaß, hatte das Virgilregiſter gezogen und haspelte dieſe Melodie lang⸗ ſam vor vier Knaben ab. Von den andern vier waren zwei, die krampfhaft ihre Stirne mit beiden Händen erfaßt hatten, mit mathematiſchen Aufgaben beſchäftigt; einer mit einem Geſicht, das von vielem Weinen einem ſchmutzigen Fenſter ähnlich ſah, plagte ſich mit dem hoffnungsloſen Beſtreben ab, eine Unzahl Verſe bis Mittag auswendig zu lernen; und einer ſah ſeine Arbeit mit ſtummer Betäubung und Verzweiflung an— allem Anſchein nach ſchon ſeit der Frühſtückszeit. — — 19— Das Erſcheinen des neuen Schülers machte nicht die Wir⸗ kung, die man hätte erwarten können. Mr. Feeder, Bacc. artium (der ſich der Kühle wegen den Kopf raſirte und daher anſtatt der Haare blos kurze Borſten zeigte), reichte ihm eine knochige Hand und verſicherte ihm, er freue ſich, ihn zu ſehen— was Paul ihm auch gern geſagt hätte, wenn er es mit einiger Aufrichtigkeit hätte thun können. Dann gab Paul auf Cornelia's Anregung den vier Knaben die Hand, die an Mr. Feeder's Pult ſaßen; dann den beiden mit mathematiſchen Aufgaben Beſchäftigten, die ganz fieberheiß waren; dann dem Knaben, der die Verſe lernte und der ganz tintenbefleckt war; und zuletzt dem verzweifelnden Knaben, der windelweich und ganz froſtig war. Da Paul dem älteſten Schüler, Toots, ſchon vorgeſtellt worden, ſo kicherte dieſer nur und holte tief Athem, wie er es immer machte, und ließ ſich in ſeiner Arbeit ſonſt nicht ſtören. Sie war nicht ſchwer; denn weil er ſoviel durchgemacht und zu blühen aufgehört hatte, durfte Toots in ſeinen Studien ſeine eigene Bahn verfolgen: und er beſchäftigte ſich jetzt hauptſächlich da⸗ mit, an ſich ſelbſt lange Briefe von vornehmen Perſonen zu ſchreiben, mit der Adreſſe: P. Toots, Esquire, Brighton, Suſſex, und ſie ſorgfältig in ſeinem Pulte aufzuheben. Nachdem die Ceremonie der Vorſtellung vorüber war, führte Cornelia den kleinen Paul in das obere Stockwerk; eine etwas langſame Reiſe, da Paul immer erſt beide Füße auf eine Stufe ſetzen mußte, ehe er die nächſte beſteigen konnte. Aber endlich erreichten ſie doch das Ziel; und hier in einem Zimmer vorn heraus mit einer Ausſicht auf das Meer zeigte ihm Cor⸗ — 110— nelia ein nettes kleines Bett mit weißen Gardinen dicht am Fenſter, über dem bereits auf einer Pappkarte mit ſchönen la⸗ teiniſchen Buchſtaben— die Grundſtriche ſehr dick und die Haar⸗ ſtriche ſehr fein— der Name Dombey ſtand; während zwei an⸗ dere kleine Betten in demſelben Zimmer mit den Namen Briggs und Tozer bezeichnet waren. Gerade als ſie wieder in die Vorhalle traten, ſah Paul den jungen Mann mit den blöden Augen, der Mrs. Pipchin ſo tödtlich beleidigt hatte, plötzlich einen großen Trommelſchlägel ergreifen und, als wäre er raſend oder wollte ſich rächen, nach einem Gong ſtürzen, der da hing. Aber anſtatt feſtgenommen oder fortgeſchickt zu werden, machte der Burſche unbehindert einen höllenmäßigen Lärm. Darauf ſagte Cornelia Blimber zu Dom⸗ bey, in einer Viertelſtunde ſei das Mittagsmahl, und er thäte am beſten, in den Schulſaal zu ſeinen Freunden zu gehen. Dieſer Weiſung gemäß öffnete Dombey die Schulſaalthüre ein ganz klein wenig und trat hinein wie ein Knabe, der ſich ver⸗ laufen; dann machte er die Thüre mit einiger Schwierigkeit wieder zu. Seine Freunde waren alle im Zimmer zerſtreut außer dem Verzweifelnden, der noch unbeweglich daſaß. Mr. Feeder dehnte ſich in ſeinem grauen Schlafrock, als wollte er, die Unkoſten nicht achtend, die Aermel herausreißen. Hahehi! rief Mr. Feeder und ſchüttelte ſich wie ein Karren⸗ pferd. O Gott, o Gott! Hiheha! Paul war ganz erſchrocken über Mr. Feeder’s Gähnen; es war in ſo großartigem Maßſtabe und es ſchien ihm ſo ſchrecklich Ernſt dabei zu ſein. Auch die Knaben alle(Toots ausgenommen) — 111— ſchienen ganz abgemattet zu ſein und machten ſich bereit, zu Tiſch zu gehen— einige banden ihre Halstücher, die ungeheuer ſteif waren, von neuem um; und andere wuſchen ſich die Hände oder kämmten ſich das Haar in einem Nebenzimmer— als ob ſie nicht hofften, viel Vergnügen dabei zu haben. Toots, der ſchon fertig war und daher nichts zu thun hatte, ſagte mit ſchwerfälliger Gutmüthigkeit zu Paul: Setz' dich, Dombey. Ich danke, Sir, fagte Paul. Sein vergebliches Bemühen, auf eine etwas hohe Fenſter⸗ bank hinaufzuſteigen, ſchien Toots' Geiſt auf eine neue Wahr⸗ nehmung vorzubereiten. 3 Du biſt ein ſehr kleiner Burſch, ſagte Mr. Toots. Ja, Sir, ich bin klein, erwiderte Paul. Ich danke, Sir. Denn Toots hatte ihn unterdeß hinaufgehoben und hatte dies mit Freundlichkeit gethan. Wie heißt dein Schneider? frug Toots, nachdem er ihn eine Weile betrachtet. Meine Kleider hat bis jetzt eine Frau gemacht, ſagte Paul. Meiner Schweſter Nähterin. 1 Ich laſſe bei Burgeß und Co. arbeiten, ſagte Toots. Faſhionabel, aber ſehr theuer. Paul war klug genug, den Kopf zu wiegen, als wollte er ſagen, das ließe ſich leicht erkennen; und wirklich dachte er ſo. Dein Vater iſt ſehr reich, nicht wahr? frug Toots weiter. Ja, Sir, ſagte Paul. Er heißt Dombey und Sohn. Und wer? frug Toots. — 12— Und Sohn, Sir, wiederholte Paul. Toots wiederholte ſich die Firma zwei oder dreimal mit leiſer Stimme, um ſie in ſein Gedächtniß einzuprägen; da ihm dies aber nicht ganz gelang, bat er Paul, ihm den Namen morgen früh noch einmal zu ſagen, da er für ihn von Wichtigkeit ſei. Und wirklich beabſichtigte er nichts Geringeres, als ſich eine ver⸗ trauliche Mittheilung von Dombey und Sohn zu ſchreiben. Unterdeſſen hatten ſich auch die andern Schüler(außer dem verzweifelnden) um den neuen Ankömmling verſammelt. Sie waren höflich, aber blaß, und ſprachen leiſe und waren ſo nieder⸗ geſchlagen und ſchwermüthig, daß im Vergleich zu ihnen Maſter Bitherſtone ein vollkommener Ioe Miller war. Und doch hatte Maſter Bitherſtone gewiß ſeinen Kummer. Du ſchläfſt mit mir in einem Zimmer? frug ein gravitä⸗ tiſcher junger Herr mit einem Hemdkragen, der ſeine Ohrläppchen in die Höhe ſchob. Maſter Briggs? frug Paul. Tozer, gab der Andere zur Antwort. Paul ſagte ja; und dann zeigte ihm Tozer in dem ver⸗ zweifelnden Knaben Maſter Briggs. Paul hatte ſchon geahnt daß dies Briggs oder Tozer ſein müſſe, obgleich er nicht wußte, warum. Haſt du eine ſtarke Conſtitution? frug Tozer. Paul ſagte, er glaube nicht. Tozer erwiderte, daß er es nach ſeinem Ausſehen auch nicht glaube und daß das ſehr ſchlimm ſei, denn hier brauche man ſie. Er frug dann Paul weiter, ob er bei Cornelia anfange; und auf ſeine bejahende Antwort ließen — 2— 8———— *½ = „ — 113— alle Knaben(Briggs immer ausgenommen) ein leiſes Stöhnen vernehmen. Es erſtarb in dem Läuten des Gongs, auf deſſen Klang ſich alle nach dem Speiſeſaale begaben, Briggs ausgenommen, der zurückblieb und dem ein Schnitt Brot, ſehr fein auf einem Teller mit einer Serviette und oben darauf einer ſilbernen Ga⸗ bel ſervirt, gebracht wurde. Doctor Blimber hatte bereits ſeinen Platz oben an der Tafel eingenommen, neben ihm rechts und links Mrs. Blimber und Miß Cornelia; Mr. Feeder in ſchwarzem Frack ſaß unten quer vor; Paul's Stuhl ſtand neben Miß Blimber; aber da man fand, daß ſeine Augenbrauen blos den Tiſchrand berühr⸗ ten, wenn er ſaß, ließ der Doctor ein paar Bücher aus ſeinem Studirzimmer holen, vermittelſt deren ſein Sitz erhöht wurde, und die ihm von da an als Unterlage blieben. Nachdem der Doctor das Tiſchgebet geſprochen, begann das Mahl. Es gab eine ſchmackhafte Suppe, Braten, Koch⸗ fleiſch, Gemüſe, Mehlſpeiſe und Käſe. Jeder Knabe hatte eine maſſive ſilberne Gabel und eine Serviette, und die ganze An⸗ ordnung war vornehm und hübſch. Vorzüglich zeichnete ſich ein Kellermeiſter in blauem Frack mit blanken Knöpfen aus, der dem Tiſchbier ordentlich einen Weingeſchmack gab; er ſchenkte es ſo großartig ein. Niemand ſprach, wenn er nicht angeredet wurde, außer Doctor Blimber, Mrs. Blimber und Miß Blimber, die zuweilen id Worte mit einander wechſelten. Wenn einer der Knaben e wit Meſſer, Gabel oder Löffel beſchäftigt war, iudht ſein Auge Boz. Dombey und Sohn. II. — 114— unwillkürlich das Auge Doctor Blimber's, Mrs. Blimber's oder Miß Blmber's und wandte ſich nicht wieder ab. Nur Toots ſchien hierin eine Ausnahme zu machen. Er ſaß neben Mr. Feeder auf Pauls Seite und ſah oft vor und hinter den zwi⸗ ſchen ihm und Paul ſitzenden Knaben vorbei, um einen Blick auf den neuen Ankömmling zu werfen. Nur einmal während des Eſſens redete Doctor Blimber zu den Knaben. Es geſchah dies beim Käſe, wo der Doctor, nachdem er ein Glas Port getrunken, ſich dreimal räusperte und ſprach: Es iſt bemerkenswerth, Mr. Feeder, daß die Römer— Bei der Erwähnung dieſes ſchrecklichen Volkes, ihrer un⸗ verſöhnlichen Feinde, wendete ſich das Auge jedes Knaben mit tiefſtem Intereſſe auf den Doctor. Einer aber, der gerade trank und durch das Glas das Auge des Doctors auf ſich ruhen ſah, erſchrak darüber ſo, daß er ſich verſchluckte und ſpäter Doctor Blimber im ſchönſten Triumphe ſtörte. Es iſt bemerkenswerth, Mr. Feeder, begann der Doctor von Neuem in gemeſſenem Tone, daß die Römer bei jenen prunk⸗ vollen und verſchwenderiſchen Gelagen, von denen wir unter den Kaiſern leſen, wo der Luxus einen früher und ſpäter nie gekannten Höhepunkt erreicht hatte, wo ganze Provinzen geplündert wurden, um ein einziges kaiſerliches Banket zu ver⸗ ſorgen— Hier brach der Arme, der vergebens auf einen Punkt ge⸗ wartet hatte und ſich nicht länger halten konnte, mit einem lau⸗ ten Huſten los. — 115— Johnſon, ſagte Mr. Feeder mit leiſer vorwurfsvoller Stimme, nehmen Sie einen Schluck Waſſer. Der Doctor, ſehr entrüſtet, machte eine Pauſe, bis das Waſſer gebracht wurde, und fuhr dann fort: Und wo, Mr. Feeder— Aber Mr. Feeder, welcher ſah, daß Johnſon gleich wieder huſten würde, und wußte, daß der Doctor keinen Punkt machen würde, ſo lange er noch etwas zu ſagen hatte, konnte ſein Auge nicht von Johnſon abwenden, und wurde ſo auf der ungeheuern That ertappt, den Doctor nicht anzuſehen, der in Folge deſſen eine Pauſe machte. Ich bitte um Verzeihung, ſagte Mr. Feeder erröthend. Ich bitte um Verzeihung, Doctor Blimber. Und wo, fuhr der Doctor fort, ſeine Stimme erhebend, wo, Sir, wie wir leſen und zu bezweifeln keine Urſache haben — ſo unwahrſcheinlich es auch dem Ungebildeten unſerer Zeit erſcheinen mag— wo, ſage ich, der Bruder des Vitellius die⸗ ſem ein Gaſtmahl gab, bei dem aufgetragen wurden zweitauſend Schüſſeln Fiſche— Nehmen Sie einen Schluck Waſſer, Johnſon— Fiſche, Sir, fagte Mr. Feeder. Fünftauſend Schüſſeln Geflügel— Oder verſuchen Sie's mit einem Biſſen Brot, flüſterte Mr. Feeder.. Und eine Schüſſel, fuhr Doctor Blimber fort und erhob die Stimme noch mehr, indem er rund um die Tafel blickte, wegen ihrer ungeheuern Größe das Schild der Minerva genannt, 8* ————— — 116— und neben andern koſtbaren Ingredienzien bereitet aus dem Ge⸗ hirn von Faſanen— Ho, ho, ho! huſtete Johnſon. Auerhähnen— Ho, ho, ho! Den Schwimmblaſen einer Fiſchart, genannt Scarus— Sie können ſich ein Blutgefäß im Kopfe zerſprengen, ſagte Mr. Feeder. Laſſen Sie lieber freien Lauf. Und dem Rogen der Lamprete aus dem karpathiſchen See, fuhr der Doctor mit ſeiner ſtrafendſten Stimme fort; wenn wir von ſolchen koſtbaren Gelagen leſen und doch im Auge behalten, daß es noch einen Titus gab— Was würde Ihre Mutter ſagen, wenn Sie am Schlagfluß ſtürben! ermahnte Mr. Feeder. 8 Einen Domitian— Sie ſehen ganz blau im Geſicht, ſagte Mr. Feeder. Einen Nero, einen Tiberius, einen Caligula, einen He⸗ liogabalus und viele Andere, fuhr der Doctor fort; Mr. Feeder — wenn Sie mir die Ehre anthun zuzuhören— es iſt be⸗ merkenswerth, ſehr bemerkenswerth— Aber Johnſon, außer Stande länger an ſich zu halten, be⸗ kam einen ſolchen Anfall von Huſten, daß, obgleich ſeine beiden Nachbarn ihn auf den Rücken klopften und Mr. Feeder ihm ei⸗ genhändig ein Glas Waſſer vor die Lippen hielt und der Keller⸗ meiſter ihn einigemal zwiſchen ſeinem Stuhl und dem Seitentiſch auf und ab führte, er doch erſt nach fünf Minuten halbwegs zu ſich kommen konnte. Dann herrſchte tiefſtes Schweigen. — 117— Gentlemen! ſagte Doctor Blimber, ſtehen Sie auf zum Gebet! Cornelia, hebe Dombey vom Stuhl— worauf man blos noch den Scheitel des Kleinen über dem Tiſchtuch erblickte. Johnſon hat mir morgen vor dem Frühſtück aus dem griechiſchen Teſtament den erſten Brief Pauli an die Epheſer herzuſagen. In einer halben Stunde, Mr. Feeder, wollen wir unſere Stu⸗ dien von Neuem beginnen. Die Knaben verbeugten ſich und verließen das Zimmer. Dies that auch Mr. Feeder. Während der halben Stunde gingen die Knaben paarweiſe Arm in Arm auf dem kleinen Gartenflecke hinter dem Hauſe ſpazieren oder verſuchten, in Briggs Gemüth einen Funken Leben zu entzünden. Aber ſo etwas Gemeines wie Spie⸗ len gab es nicht. Pünktlich mit der feſtgeſetzten Zeit erklang der Gong von Neuem, und die Studien wurden unter der gemein⸗ ſamen Obhut Doctor Blimber's und Feeder's wieder begonnen. Da das olympiſche Spiel des Auf⸗ und Abwandelns we⸗ gen Johnſon's diesmal weniger lange, als gewöhnlich, gedauert hatte, ſo machten ſämmtliche Schüler noch vor dem Thee einen Spaziergang. Selbſt Briggs(obgleich er noch nicht angefan⸗ gen hatte) nahm an dieſer Zerſtreuung Theil und blickte bei dieſer Gelegenheit ein paar Mal verſtört von der Klippe. Doctor Blimber begleitete ſie und Paul hatte die Ehre, von dem Doctor höchſteigenhändig ins Schlepptau genommen zu werden: eine ſehr große Auszeichnung, die ihn ſehr klein und ſchwach aus⸗ ſehen ließ. Beim Thee ging es nicht weniger vornehm zu, als beim Mittagseſſen, und nach dem Thee ſtanden die Knaben auf und — 118— entfernten ſich mit einer Verbeugung, um die nicht beendigte Arbeit dieſes Tages fertig zu machen oder ſich auf ſchon dräuende des nächſten vorzubereiten. Mr. Feeder zog ſich unterdeſſen auf ſein Zimmer zurück und Paul ſaß in einer Ecke und grübelte, ob Florentine wohl an ihn denke und was ſie bei Mrs. Pip⸗ chin machten. Mr. Toots, der mit einem wichtigen Briefe vom Herzog von Wellington beſchäftigt geweſen, entdeckte den kleinen Paul nach einiger Zeit, und nachdem er ihn, ganz wie früher, lange betrachtet hatte, frug er ihn, ob er Weſten gern habe. Paul ſagte, Ja, Sir. Und ich auch, bemerkte Toots. Für dieſen Abend ſprach Toots kein Wort mehr, aber er blieb bei Paul ſtehen und ſah ihn an, als ob er ihn gern habe, und da auch dies Geſellſchaft war und Paul zum Reden eben nicht aufgelegt war, ſo befriedigte ihn dies vollkommen. Etwa um acht Uhr läutete der Gong zum Gebet im Spei⸗ ſezimmer, wo danach der Tafeldecker an einem Seitentiſche mit Brot, Käſe und Bier für Alle, welche derartige Erfriſchungen zu ſich nehmen wollten, aufwartete. Dieſes Mahl brachte der Doctor mit den Worten zum Schluß: Meine Herren, morgen um ſieben Uhr wollen wir unſere Studien von Neuem beginnen, und jetzt erblickte Paul zum erſten Mal Cornelia Blimber's Auge und ſah, daß es auf ihm ruhte. Als der Doctor geſagt hatte: Meine Herren, morgen früh um ſieben Uhr wollen wir unſere Studien von Neuem beginnen, verbeugten ſich die Schüler wie⸗ der und gingen zu Bett. — 119— In der Verſchwiegenheit ihres Schlafzimmers gab Briggs zu erkennen, daß ihm der Kopf weh thue, als ob er ihm zer⸗ ſpringen wolle, und daß er ſich den Tod wünſche, wenn ſeine Mutter nicht wäre und eine Amſel zu Hauſe. Tozer ſagte nicht viel, ſeufzte aber deſto mehr und ſagte zu Paul, er ſolle ſich nur in Acht nehmen, denn morgen komme die Reihe an ihn. Nach⸗ dem er dieſe prophetiſchen Worte geſprochen, zog er ſich verdrieß⸗ lich aus und ging zu Bette. Auch Briggs und Paul lagen ſchon im Bett, als der Burſche mit den blöden Augen hereintrat, um das Licht zu holen, und ihnen dabei gute Nacht und angenehme Träume wünſchte. Aber in Bezug auf Briggs und Tozer fan⸗ den ſeine Wünſche keine Erfüllung; denn Paul, der noch lange nicht einſchlief und auch ſpäter mehrere Mal aufwachte, konnte bemerken, daß den jungen Briggs ſeine Lection als Alp be⸗ drückte und daß Tozer, deſſen Schlaf ähnliche Urſachen, aber in geringerem Grade ſtörten, in unbekannten Zungen oder abgeriſſene Sätze Griechiſch und Lateiniſch ſprach, was in dem Schweigen der Nacht einen ganz unheimlichen Eindruck machte. Paul war endlich in einen ſüßen Schlummer verſunken und träunte, er luſtwandelte an Florentinens Hand durch einen präch⸗ tigen Garten, bis ſie an eine große Sonnenblume kamen, die ſich plötzlich in einen Gong verwandelte und zu läuten anfing. Als er die Augen öffnete, fand er, daß es ein dunkler, ſtürmi⸗ ſcher und regneriſcher Morgen war, und daß der wirkliche Gong unten in der Halle zum Aufſtehen mahnte. Er ſprang ſchnell aus dem Bett und fand Briggs, mit — 120— faſt unſichtbaren Augen, denn die böſen Träume und der Kum⸗ mer hatten ſein Geſicht aufgedunſen gemacht, mit dem Anziehen der Stiefeln beſchäftigt, während Tozer ſehr verdrießlich daſtand und ſich fröſtelnd die Schultern rieb. Dem armen Paul wollte es mit dem Anziehen nicht recht von der Hand gehen, daher bat er ſeins beiden Kameraden, ihm ein paar Bänder zuzubinden; aber da Briggs blos ſagte: Uuſinn! und Tozer: o ja! ſo ging er, als er ſonſt fertig war, hinunter und fand dort ein hübſches, junges Mädchen in ledernen Handſchuhen mit dem Reinigen eines Ofens beſchäftigt. Das Mädchen ſchien ſich über ſeine Erſcheinung zu verwundern und frug ihn, wo ſeine Mutter ſei. Als Paul ihr antwortete, ſie ſei todt, zog ſie ihre Handſchuhe aus und that das Verlangte, und rieb ihm auch die Hände, um ſie zu wärmen, und gab ihm einen Kuß, und ſagte ihm, wenn er wieder etwas der Art brauche— im Fache des Anziehens nämlich— ſolle er nur nach Malchen fragen, was ihr auch Paul mit herzlichem Danke verſprach. Er ging dann leiſe eine Treppe tiefer nach dem Saale, wo die jungen Herren ihre Studien von Neuem begannen, und kam dabei an einer halboffenen Thüre vor⸗ bei, aus der ihm eine Stimme zurief: Iſt das Dombey? Auf Pauls bejahende Antwort hieß ihn Miß Blimber, denn dieſe junge Dame war es, eintreten, was er auch that. Miß Blimber ſah genau ſo aus, wie geſtern, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie einen Shawl trug. Ihre blonden kurzen Löckchen waren ſo kraus wie immer, und ſie hatte ſchon die Brille aufgeſetzt, was Paul wieder viel nachzudenken gab, ob ſie wohl damit zu Bett ginge. Sie hatte eine kleine, kalte Stube für u d — 121— ſich, mit einigen Büchern und keinem Feuer. Aber Miß Blimber litt nie an Froſt und Schläfrigkeit. Dombey, ich werde ausgehen, wegen meiner Conſtitution, ſagte Miß Blimber. Paul konnte ſich nicht erklären, was ſie damit meine, und warum ſie bei dieſem ſchlechten Wetter nicht den Bedienten dar⸗ nach ſchicke. Aber er machte keine Bemerkung über dieſen Ge⸗ genſtand, da ſeine Aufmerkſamkeit mehr von einem kleinen Stoß neuer Bücher, mit denen ſich Miß Blimber eben beſchäftigt zu haben ſchien, in Anſpruch genommen wurde. Dies ſind deine Bücher, Dombey, ſagte Miß Cornelia. Alle, Ma'am? frug Paul. Ja, entgegnete Miß Blimber, und Mr. Feeder wird dir nächſtens noch mehr ausſuchen, wenn du ſo fleißig biſt, wie ich es von dir erwarte, Dombey. 3 Danke Ihnen, Ma'am, ſagte Paul. Ich werde ausgehen, wiederholte jetzt Miß Blimber; un⸗ terdeſſen, das heißt von jetzt bis zum Frühſtück, Dombey, ſollſt du das im Buche Angezeichnete durchleſen und mir dann ſagen, ob du es behalten und verſtanden haſt. Verliere keine Zeit, Dombey, denn du haſt keine übrig, ſondern nimm die Bücher mit hinunter und fange gleich an. Ja, Ma'am, gab Paul zur Antwort. Es waren der Bücher ſo viele, daß, obgleich Paul das unterſte mit der einen Hand und das oberſte mit der andern und dem Kinn feſthielt und ſie feſt an ſich drückte, das mittelſte doch, ehe er noch die Thür erreichte, ſich herausſchob, ſo daß alle zu — 122— Boden fielen. Miß Blimber ſagte: Ei, ei, Dombey, ſo nach⸗ läſſig! und thürmte ihm den Stoß wieder in den Armen auf; und diesmal gelang es Paul durch geſchicktes Balanciren zur Stube hinaus und ein paar Stufen hinab zu kommen, bevor ihm zwei Bücher entſchlüpften. Aber die übrigen hielt er ſo feſt, daß er nur noch eins auf der Flur des erſten Stockwerks und eins auf dem Gange zurückließ; und als er die Hauptabtheilung erſt im Schulzimmer niedergelegt hatte, machte er ſich nochmals auf, um die Nachzügler zu ſammeln. Nachdem er endlich die ganze Bibliothek zuſammengebracht und auf ſeinen Platz ge⸗ klimmt war, machte er ſich an die Arbeit, ermuthigt durch eine Bemerkung Tozer's, daß er„jetzt auch geliefert ſei“— die ein⸗ zige Unterbrechung, die er bis zum Frühſtück hatte. Bei dieſem Mahle, wo er keinen Appetit hatte, ging Alles ſo feierlich und vornehm zu, wie bei den anderen; und als es vorüber war, folgte er Miß Blimber auf ihr Zimmer. Nun, Dombey, ſagte Miß Blimber, was haſt du aus deinen Büchern gelernt? Die Bücher enthielten ein wenig Engliſch und viel Latein — Namen von Dingen, Declinationen, Uebungen darüber, und einleitende Regeln— ein wenig Orthographie, einen Blick auf alte Geſchichte, einen Abriß der neuen, ein oder zwei Bändchen Arithmetik, zwei oder drei über Maß und Gewicht, und eins über gemeinnützige Kenntniſſe. Als Paul ſich durch Nummer zwei gearbeitet hatte, fand er, daß er keinen Buchſtaben mehr aus Nummer eins wiſſe, von dem ſich ſpäter Bruchſtücke in Nummer drei einſchlichen, welches ſich wieder unter Nummer vier — 123— drängte, während die letztere in Nummer zwei überging. So daß er nicht ganz ſicher war, ob zwanzig Romuluſſe einen Re⸗ mus machten, oder hic haec hoc Troygewicht ſei, oder ob ein Verbum ſtets einem alten Britten entſpreche, oder dreimal vier taurus ein Stier ſei oder nicht. O, Dombey, Dombey! ſagte Miß Blimber, es iſt ſehr ſchlimm. Ich glaube, wenn Sie mich manchmal mit dem alten Glubb ſprechen ließen, käme ich beſſer vorwärts, ſagte Paul. Unſinn, Dombey, erwiderte Miß Cornelia. Davon iſt nicht zu reden. Dies iſt nicht der Ort für Glubbs irgend einer Art. Ich glaube, du wirſt die Bücher einzeln mit herunter neh⸗ men müſſen und erſt feſt in der täglichen Lection über Gegen⸗ ſtand A werden, ehe du auf Gegenſtand B übergehſt. Und jetzt nimm das oberſte Buch, Dombey, und komm wieder, wenn du den Inhalt gelernt haſt. Miß Blimber ſprach ihr Urtheil über Paul's ungebildeten Verſtand mit einer Art melancholiſcher Freude aus, als hätte ſie das Ergebniß vorhergeſehen und freue ſich zu finden, daß ſie viel und lange mit einander verkehren müßten. Paul entfernte ſich, wie ihm geheißen, mit dem oberſten Buch, und machte ſich unten drüber her. Manchmal wußte er es Wort für Wort auswendig, und manchmal vergaß er das Ganze, und Alles Uebrige außerdem, bis er ſich doch zuletzt hinauf wagte, um ſeine Lection herzuſagen. Diesmal wäre ſie ihm faſt aus dem Kopfe getrieben worden, ehe er noch anfing, weil Miß Blimber das Buch zumachte und ſagte: Weiter, Dombey! ein Verfahren, — 424— das ſo ſtark den reichen Inhalt ihres Geiſtes an Wiſſenſchaft ausdrückte, daß Paul die junge Dame voller Beſtürzung anſah, als ob ſie eine mit ſcholaſtiſchem Stroh ausgeſtopfte Puppe wäre. Er machte aber doch ſeine Sache recht gut, und Miß Blim⸗ ber, nachdem ſie ihn als einen hoffnungsvollen Kopf gelobt, ver⸗ forgte ihn ſogleich mit Gegenſtand B, von dem er auf Gegen⸗ ſtand C und ſogar D noch vor dem Mittagseſſen überging. Es war hart, gleich nach Tiſche ſeine Studien wieder beginnen zu müſſen; und es war ihm ganz ſchwindelig und wirr im Kopfe. Aber die andern Knaben hatten ziemlich dieſelben Empfindungen, und mußten ebenfalls ihre Studien von Neuem beginnen, wenn das ein Troſt war. Es war ein wahres Wunder, daß die große Uhr in der Vorhalle, anſtatt bei ihrer erſten Frage zu bleiben, niemals ſagte:„Meine Herren, wir wollen jetzt unſere Studien von Neuem beginnen,“ denn dieſe Worte waren in ihrer Nähe oft zu vernehmen. Die Studien gingen in Einem fort, wie ein gewaltiges Rad, und die Schüler wurden beſtändig darauf ausgereckt.— 3 Nach dem Thee waren wieder Exereitien und Präparation für den nächſten Tag. Und dann kam die Schlafenszeit, wo, abgerechnet die Wiederaufnahme der Studien im Traume, Ruhe und ſüßes Vergeſſen dem Müden wurde. O Sonnabende! O glückliche Sonnabende, wo Floren⸗ tine, ſelbſt im allerſchlechteſten Wetter, zu Mittag kam, wie ſehr auch Mrs. Pipchin ſchelten und brummen mochte! Dieſe Sonn⸗ abende waren wenigſtens für zwei kleine Chriſten unter all den Juden Sabbate, und wurden ausgefüllt mit dem heiligen — 125— Sabbatwerke, eines Bruders und einer Schweſter Liebe zu befeſtigen. Nicht einmal die Sonntagabende— die langen Sonntag⸗ abende, deren Schatten ſchon den erſten heitern Strahl der Sonntagmorgen trübte— konnten dieſe köſtlichen Sonnabende verderben. Ob ſie am Meeresſtrand waren, wo ſie ſaßen oder Hand in Hand ſpazieren gingen, oder blos in Mrs. Pipchin's trüber Hinterſtube, wo ſie ihm leiſe vorſang, während er ſein müdes Haupt auf ihrem Arme ruhen ließ, das kümmerte Paul wenig. Es war Florentine. An etwas Anderes dachte er nicht. So war Sonntagabend, wenn des Doctors Thüre weit offen ſtand, um ihn wieder für eine Woche einzukerkern, für ihn blos der Zeitpunkt, wo er von Florentinen Abſchied nahm. Mrs. Wickam war zu der Dienerſchaft in die Stadt ver⸗ ſetzt worden, und Miß Nipper, jetzt ein nettes Maͤdchen geworden, nach Brighton gekommen. Manchen Zweikampf mit Mrs. Pip⸗ chin beſtand Miß Nipper mit tapferm Muthe; und wenn jemals Mrs. Pipchin einen ebenbürtigen Gegner gefunden hatte, ſo war es jetzt der Fall. Miß Nipper hatte ſchon am erſten Morgen, den ſie in Mrs. Pipchin's Hauſe erlebte, die Scheide weggeworfen. Sie ver⸗ langte und gab keinen Pardon. Sie wollte Krieg, und der Krieg war da, und Mrs. Pipchin hatte von der Stunde an keine Ruhe vor Ueberfällen, Neckereien und Herausforderungen, und der Feind kam ſogar über ſie beim unbewachten Genuß von Chops und ſchonte ſelbſt ihren Toaſt nicht. Eines Sonntags Abends, als Miß Nipper mit Florentinen Paul nach des Doctors Haus begleitet hatte und wieder umkehrte, — 126— zog Florentine aus ihrem Buſen einen kleinen Zettel hervor, auf dem mehrere, mit Bleiſtift geſchriebene Worte ſtanden. Sieh hier, Suſanne, ſagte ſie. Das ſind die Namen der kleinen Bücher, die Paul immer mit nach Hauſe bringt, um darin zu ſtudiren, wenn er ſo müde iſt. Ich habe ſie mir geſtern heimlich abgeſchrieben. Zeigen Sie mir ſie nicht, Miß Tinchen, erwiderte Su⸗ ſanne, lieber möchte ich Mrs. Pipchin ſehen. Aber du ſollſt ſie mir morgen früh kaufen, liebe Suſanne, ſagte Florentine. Ich habe Geld genug. Aber du grundgütiger Himmel, Miß Tinchen, rief Miß Nipper, wie können Sie auch von ſo etwas ſprechen, da Sie doch ſchon Bücher über Bücher haben, und Lehrer und Lehre⸗ rinnen für Alles, obgleich ich glaube, Ihr Papa, Miß Dombey, hätte Sie gar Nichts lernen laſſen, wenn Sie ihn nicht gebe⸗ ten hätten— wo ers nicht gut abſchlagen konnte; aber ſeine Einwilligung geben, wenn ſie verlangt wird, und eine Sache ungebeten anbieten, das iſt zweierlei; ich kann Nichts dawider haben, wenn ein junger Mann mit mir geht, und wenn er mich heirathen will, kaun ich vielleicht ja ſagen, aber das heißt immer noch nicht:„Wollen Sie wohl ſo gut ſein und mich lieb haben?“ Aber du kannſt mir die Bücher kaufen, Suſanne, und du wirſt es auch thun, wenn du weißt, daß ich ſie brauche. Was wollen Sie denn eigentlich damit? frug Suſanne und ſetzte mit leiſer Stimme hinzu: Wenn ſie Mrs. Pipchin an den Kopf geworfen werden ſollten, kaufte ich einen Wagen voll. Ich glaube, ich könnte Paul ein wenig helfen, wenn ich — 127— dieſe Bücher hätte, ſagte Florentine. Wenigſtens möchte ich's verſuchen. Alſo kaufe ſie ein, liebe Suſanne, und ich will dir 3 auch nie vergeſſen, wie gut du geweſen biſt! Es hätte ein härteres Herz, als das Suſannens, dazu gehört, die kleine Börſe zurückzuweiſen, die Florentine bei dieſen Worten hinhielt, oder dem ſanftflehenden Blick etwas abzuſchla⸗ gen, mit dem ſie ihre Bitte unterſtützte. Suſanne ſteckte die Börſe ein, ohne zu antworten, und machte ſich ſogleich zur Aus⸗ führung des Auftrages auf den Weg. Die Bücher waren gar nicht leicht aufzutreiben, und Su⸗ ſanne erhielt in mehreren Buchläden zur Antwort, daß dieſelben entweder eben vergriffen wären, oder daß ſie ſie nicht gehabt hätten, oder daß vorigen Monat ſehr viel vorräthig geweſen 7 wären, oder daß ſie nächſte Woche ſehr viel davon erwarteten. Aber Suſanne war in einer ſolchen Unternehmung nicht ſo leicht 8 zu ermüden. Sie hatte einen flachshaarigen Jüngling mit ſchwar⸗ 8 zer Kattunſchürze aus einer Leihbibliothek, wo ſie bekannt war, 1 verlockt, ſie zu begleiten, und quälte ihn dabei ſo, daß er ſein 1 Möglichſtes that, nur um ſie los zu werden, und ſie zuletzt in 5 Stand ſetzte, mit glücklich vollbrachtem Auftrage nach Hauſe zurückzukehren. u Mit dieſen koſtbaren Büchern ſetzte ſich nun Florentine Abends, nachdem ihre Lehrſtunden vorüber waren, noch hin, um ne Paul's Fußſtapfen auf den dornigen Pfaden der Wiſſenſchaft zu 5 folgen, und da ſie von Natur eine ſchnelle Faſſungskraft beſaß ll und bei der beſten aller Lehrerinnen, der Liebe, in die Schule ging, ſo mußte ſie Paul bald ein⸗ und überholen. — 128— Mrs. Pipchin erfuhr kein Wort davon; aber manche Nacht, als Alle ſchon im Bette waren und Miß Nipper ſelbſt mit auf⸗ gewickelten Haaren in einer unbequemen Lage neben ihr ſchlum⸗ merte, und wenn die Aſche im Kamin kalt und grau war und die Lichter trübe und niedergebrannt, war Florentine noch ſo heiß bemüht, Stellvertreterin für den kleinen Dombey zu wer⸗ den, daß ihre Kraft und ihre Ausdauer ihr faſt ein Recht gaben, den großen Namen ſelbſt zu führen. Und wie ſchön war ſie belohnt, als eines Sonnabends Abends, als ſich Paul, wie gewöhnlich, zum Arbeiten hinſetzte, ſie neben ihm Platz nehmen und ihm Alles, was ihm ſchwer und dunkel war, leicht und klar machen konnte. Freilich war der Lohn nur ein Leuchten der Ueberraſchung in Paul's mattem Auge— ein Erröthen— ein Lächeln— und dann eine zärtliche, lange Um⸗ armung— aber Gott weiß es, daß ihr Herz ſich innig freute über dieſen reichen Lohn ihrer Mühe. O, Tinchen! rief ihr Bruder. Wie gut bin ich dir! Wie gut bin ich dir, Tinchen! Und ich dir, Lieber! O, das weiß ich, Tinchen! Er ſprach nicht weiter davon, ſaß aber den ganzen Abend ſehr ſtill neben ihr; und in der Nacht rief er ihr aus ſeinem Kämmerchen neben dem ihren drei⸗ oder viermal zu, daß er ihr gut ſei. Von dieſem Tage an war Florentine jeden Sonnabend be⸗ reit, ſich mit Paul hinzuſetzen und ihm mit ausdauernder Geduld in ſeiner Arbeit für die nächſte Woche, ſo weit ſie dieſelbe ————— r be — 129— vorausſehen konnte, zu helfeu. Der aufmunternde Gedanke, daß er arbeite, wo Florentine vor ihm gearbeitet hatte, mußte allein ſchon für Paul ein Sporn ſein; aber rechnet man dazu auch noch die wirkliche Erleichterung der Laſt, die dieſer Beiſtand be⸗ dingte, ſo wurde er vielleicht blos dadurch bewahrt vor dem Nie⸗ derſinken unter dem ſchweren Gewichte, das ihm Miß Cornelia Blimber aufbürdete. 4 Nicht etwa, daß Miß Blimber hätte grauſam gegen ihn ſein wollen, oder Doctor Blimber Willens war, ſeine Knaben zu hart zu behandeln. Cornelia hielt nur feſt an dem Glauben, in dem ſie aufgezogen worden war; und der Doctor ſah mit eini⸗ ger Begriffsverwirrung die Knaben ſo an, als ob ſie alle Docto⸗ ren und ſchon erwachſen geboren wären. Getröſtet durch den Beifall der nächſten Anverwandten ſeiner Schüler und angefeuert von ihrer blinden Eitelkeit und unbeſonnenen Haſt, wäre es ſelt⸗ ſam geweſen, wenn Doctor Blimber ſeinen Irrthum entdeckt oder einen andern Weg eingeſchlagen hätte. So war es auch der Fall mit Paul. Als Doctor Blim⸗ ber ſagte, er mache große Fortſchritte und habe Anlagen, beſtand Mr. Dombey mehr als je darauf, ihn vollpfropfen zu laſſen. Bei Briggs war der Vater, wenn der Doctor berichtete, er mache wenig Fortſchritte und ſei auch nicht von der Natur be⸗ günſtigt, eben ſo unerſchütterlich in dem frühern Vorhaben. Kurz, wie hoch und falſch auch immer die Temperatur in des Doctors Treibhaus ſein mochte, immer waren die Eigenthümer der Pflanzen bereit, Hand an den Blaſebalg zu legen und das Feuer zu ſchüren. Boz. Dombey u. Sohn. II. 9 — 130— Was Paul noch von Munterkeit mitgebracht, verlor er natürlich bald. Aber er behielt Alles bei, was in ſeinem Charakter wunderlich, altbärtig und nachdenklich war, und unter den der Entwickelung dieſer Eigenſchaften ſo günſtigen Verhält⸗ niſſen wurde er alle Tage noch wunderlicher, altbärtiger und nach⸗ denklicher, als früher. Nur das war ſich behielt. Er w er Unterſchied, daß er ſeinen Charakter für mit jedem Tage nachdenklicher und ver⸗ ſchloſſener, und fühlte kein ſolches Intereſſe für eine Perſon in des Doctors Hauſe, wie er für Mrs. Pipchin gefühlt hatte. Er liebte es allein zu ſein, und in den kärglichen Mußeſtunden that er nichts lieber, als allein im Hauſe herumzuſtreifen oder auf der Treppe zu ſitzen und der großen Uhr zuzuhören. Er war vertraut mit allen Papiertapeten im Hauſe; fand in ihren Mu⸗ ſtern Dinge, die kein Anderer fand; ſah kleine Tiger oder Löwen die Schlafzimmerwände hinauflaufen und ſchielende Geſichter aus den Würfeln der Fußteppiche lugen. Das einſame Kind lebte fort, umringt von dieſem Ara⸗ beskenwerk ſeiner brütenden Phantaſie, und Niemand verſtand es. Mrs. Blimber nannte Paul wunderlich und von der Die⸗ nerſchaft hörte man manchmal, der kleine Dombey„duſele“, aber das war Alles. 8 Blos Toots hatte vielleicht einen Begriff von der Sache, dem er aber durchaus keinen Ausdruck geben konnte. Zu Be⸗ griffen muß man, wie zu Geſpenſtern(nach dem allgemeinen Urtheil der Leute wenigſtens), erſt reden, ehe ſie ſich näher erklären, und Toots hatte längſt aufgehört, ſeinen Geiſt mit Fragen zu — 131— beläſtigen. Vielleicht ſtieg wirklich aus dem kleinen Kaſten, ſei⸗ nem Schädel, ein nebelartiger Dunſt empor, der, wenn er eine Geſtalt hätte annehmen können, möglicherweiſe zu einem mächti⸗ gen Geiſte geworden wäre; aber das ging nicht, und er ahmte nur in ſoweit dem Rauch der arabiſchen Märchen nach, als er in einer dicken Wolke herauskam und über ihm hängen blieb. Aber er ließ eine kleine Geſtalt ſichtbar auf einer einſamen Küſte, und Toots ſtarrte ſie beſtändig an. Wie geht's? fragte er Paul wohl funfzigmal des Tags. Ganz wohl, Sir, danke Ihnen, antwortete dann Paul. Na, eine Hand! war Toots' nächſter Verſuch, ſich freund⸗ ſchaftlich zu nähern. Worin Paul ihm natürlich gleich genügte. Gewöhnlich ſagte dann Toots, nachdem er lange ihn angeſtarrt und gehuſtet hatte: Wie geht’s? Worauf Paul abermals antwortete: Ganz wohl, Sir, ich danke Ihnen. Eines Abends ſaß Mr. Toots an ſeinem Pulte, ganz in Anſpruch genommen vom Brieſſchreiben, als ein großer Ent⸗ ſchluß in ihm aufflammte. Er legte die Feder hin und verließ das Zimmer, um Paul aufzuſuchen, den er nach langem Be⸗ mühen endlich in ſeinem Schlafzimmer fand, wo er zum Fenſter hinausſah. Dombey! rief Toots und fing gleich an zu reden, wie er in die Thür trat, damit er es nicht vergeſſe,— woran denkſt du? Ol ich denke an vielerlei Dinge, gab Paul zur Antwort. Wirklich! ſagte Toots, den dieſer Umſtand an und für ſich ſchon zu überraſchen ſchien. 9* — 132— Wenn Sie ſterben müßten, ſagte Paul und ſah ihn an. Mr. Toots fuhr zuſammen und ward ganz unruhig. 3 — Würden Sie nicht lieber in einer mondhellen Nacht ſterben, wenn der Himmel klar iſt und der Wind weht, wie geſtern? 3 Mr. Toots ſagte, indem er Paul zweifelnd anblickte und A den Kopf ſchüttelte, daß er das nicht wiſſe. K Er braucht nicht heftig zu wehen, ſagte Paul, ſondern nur— in der Luft zu tönen, wie das Meer in den Muſcheln ſingt. Es 8 war eine ſchöne Nacht. Als ich den Wellen lange Zeit zugehört 1 hatte, ſtand ich auf und ſah hinaus. Dort drüben war ein Boot im vollen Lichte des Mondes, ein Boot mit einem Segel. 3 Das Kind ſah ihn ſo feſt an und ſprach mit ſolchem Ernſte, 1 daß Mr. Toots fühlte, er müſſe etwas in Bezug auf das Boot 1 ſagen, und meinte: Schmuggler. Aber mit dem unparteiſſchen 1 Bedenken, daß jede Sache zwei Seiten habe, ſetzte er gleich hinzu: oder Strandwache. 4 Ein Boot mit einem Segel, wiederholte Paul, im vollen In Lichte des Mondes. Das Segel wie ein Arm, lauter Silber. ſo Es verſchwand in der Ferne, und was meinen Sie wohl, was 3 ich glaubte, als es auf den Wellen hin und her ſchwankte? 9 Es verſänke, meinte Toots. 3 Es ſchien mir zu winken, ſagte das Kind, ihm zu folgen! ü — O da, da! g Toots war faſt ganz außer ſich vor Schrecken zer dieſen ſ plötzlichen Ausruf nach dem eben Erzählten, und rief: Wer? 3 Meine Schweſter Florentine! rief Paul, ſie blickt her und — 133— winkt mit der Hand. Sie ſieht mich, ſie ſieht mich! Gute Nacht, liebe Schweſter, gute Nacht! Dieſer ſchnelle Uebergang in einen Zuſtand unbegrenzter Freude, wie er am Fenſter ſtand und die Hände küßte und zu⸗ ſammenſchlug; und die Art, wie der freudige Glanz von ſeinem Angeſicht entſchwand, als ſie ſich wieder entfernte, und einen ſtillen Kummer auf dem kleinen Geſichte zurückließ, war zu auffällig, als daß ſie ſelbſt Toots hätten entgehen können. Da ihr Ge⸗ ſpräch jetzt gerade durch den Eintritt der Mrs. Pipchin, die Paul gewöhnlich ein, oder zweimal die Woche in der Abenddäm⸗ merung heimſuchte, unterbrochen wurde, ſo war Toots verhin⸗ dert, die Gelegenheit zu benutzen; aber ſie hinterließ einen ſo tiefen Eindruck in ſeiner Seele, daß er zweimal wiederkam, nach⸗ dem er ſchon Abſchied genommen, und Mrs. Pipchin frug, wie ſie ſich befinde. Die jähzornige alte Dame hielt dies für einen wohlüberlegten böſen Streich, erzeugt in dem teufliſchen Ge⸗ müthe des Burſchen mit den blöden Augen, gegen den ſie auch ſofort eine förmliche Klage bei Doctor Blimber einlegte, welcher dem jungen Manne zu verſtehen gab, wenn er es noch einmal thue, werde er ihn fortſchicken. Da die Tage jetzt kürzer wurden, ſtahl ſich Paul allabend⸗ lich hinauf an ſein Fenſter, um Florentine zu erwarten. Sie ging zu einer gewiſſen Zeit ſtets am Hauſe vorbei, bis ſie ihn ſah, und ihre gegenſeitige Begrüßung war ein lichter Punkt in Pauls täglichem Leben. Oſt nach Dunkelwerden ging noch eine andere Geſtalt einſam vor des Doctors Hauſe auf und ab. Er kam jetzt ſelten Sonnabends mit ihnen zuſammen. Es war ihm unmöglich. Lieber wollte er unerkannnt vorbeigehen und zu den Fenſtern hinaufblicken, wo ſein Sohn zu einem Mann empor⸗ wuchs, und harren, und hoffen, und Pläne machen. O! hätte er nur, wie Andere, den zarten, ſchwächlichen Knaben ſehen können, wie er in der Dämmerung den Wellen und den Wolken zuſah mit den ſinnigen Augen, und ſich zum Fenſter ſeines einſamen Kerkers hinauslehnte, wenn Vögel vor⸗ bei flogen, als wolle er es ihnen gleich thun und fortfliegen! Dreizehntes Kapitel. Schiffs⸗ und Handelsnachrichten. Mr. Dombey's Comptoir befand ſich in einem Hofe, wo eine uralte Obſtbude an der Ecke ſtand; wo Hauſirer und Hauſirerinnen zu jeder Zeit zwiſchen zehn und fünf Uhr Schuhe, Brieftaſchen, Schwämme, Hundehalsbänder und Wind⸗ ſorſeife, und manchmal einen Hühnerhund oder ein Oelbild feilboten. 3 Der Hühnerhund kam immer in dieſe Gegend auf dem Wege nach der Stocksbörſe, wo die Sportingluſt(gemeiniglich in Wetten um neue Hüte beſtehend) nicht wenig herrſcht. Die anderen Sachen waren für das große Publicum beſtimmt, aber ſie wurden von den Verkäufern nie Mr. Dombey angeboten. Wenn er erſchien, traten die Händler mit dieſen Waaren ehrer⸗ bietig zur Seite. Der vornehmſte Kaufmann in Pantoffeln und Hundehalsbändern— der ſich als einen öffentlichen Charakter — 136 betrachtete, und deſſen Porträt an eines Malers Thür in Cheap⸗ ſide zu ſehen war— griff an den Rand ſeines Hutes, wenn Mr. Dombey vorbeiging. Der Eckenſteher, wenn er nicht weg⸗ geſchickt war, eilte ſtets dienſtfertig herbei, um Mr. Dombey die Thüre zu öffnen und, während er hineinging, mit abgezogenem Hute ſtehen zu bleiben. Die Leute im Comptoir waren nicht minder eifrig in ihren Achtungsbezeugungen. Ein feierliches Schweigen herrſchte, wenn Mr. Dombey durch das große Zimmer ging. Der Spaßvogel des Comptoirs wurde in einem Augenblicke ſo ſtumm, wie die Reihe Feuereimer, die hinter ihm hing. Das flaue Dämmer⸗ licht, das durch die ſchmutzigtrüben, dicken Scheiben drang, ließ die Bücher und Papiere und die darüber gebeugten Geſtalten erkennen, in nachdenklichem Ernſte daſitzend, und dem Anſehen nach ſo vertieft, als wären ſie auf dem Grunde des Meeres; während ein dumpfiges Cabinetchen in dunkler Ferne, wo be⸗ ſtändig eine Schirmlampe brannte, die Höhle eines Seeunge⸗ heuers vorſtellen konnte, das mit rothem Auge die Geheimniſſe der Tiefe betrachtet. Wenn Perch, der Markthelfer, der ſeinen Platz auf einer Art Pfeiler hatte, wie eine Uhr, Mr. Dombey kommen ſah oder vielmehr fühlte, denn er hatte gewöhnlich eine beſtimmte Ahnung ſeines Nahens, eilte er in Mr. Dombey s Cabinet, ſchürte das Feuer, häufte friſche Kohlen darauf, hing die Zeitung zum Trock⸗ nen auf das Gitter, ſetzte den Stuhl und den Schirm an ſeinen Platz und drehte ſich um in dem Augenblicke, wo Mr. Dombey — d n — 137— hereintrat, um ihm Ueberrock und Hut abzunehmen und hinzu⸗ hängen. Und ſo wenig hatte Perch dawider, ehrerbietig in höch⸗ ſter Potenz zu ſein, daß es ihm noch viel lieber geweſen wäre, wenn er ſich hätte vor Mr. Dombey auf die Erde werfen oder ihn mit ähnlichen Titeln wie den Kaliphen Harun al Raſchid anreden können. Da aber dieſe Ehrenbezeugung eine Neuerung und ein Experiment geweſen wäre, ſo mußte ſich Perch begnügen, durch ſein Benehmen ſo gut er konnte auszudrücken: Du biſt das Licht meiner Augen! Du biſt das Leben meiner Seele! Du biſt der Beherrſcher des gläubigen Perch! Mit dieſem unvoll⸗ kommenen Glücke erfriſcht, machte er leiſe die Thür zu, ging auf den Zehen nach ſeinem gewöhnlichen Platz und ließ ſeinen großen Herrn allein in dem Zimmer, wo ihn durch ein kuppel⸗ förmiges Fenſter in der Decke häßliche Blumentöpfe anſtarrten und Hinterſeiten von Häuſern, und vornehmlich ein großes Fen⸗ ſter eines Friſeurladens im erſten Stock, in welchem ein Wachs⸗ bild, kahl wie ein Türke, und nach eilf Uhr mit üppigem Haar und Bart nach der neueſten chriſtlichen Mode verſehen, beſtändig die unrechte Seite des Kopfes zeigte. Zwiſchen Mr. Dombey und der gemeinen Welt, inſofern ſie durch das äußere Comptoir von ihm geſchieden war, auf wel⸗ ches Mr. Dombey's Anweſenheit in ſeinem eignen Cabinet wie ein fröſtelnder Luftzug wirkte, befanden ſich zwei Uebergangsſtufen. Mr. Carker in ſeinem Cabinet war die erſte Stufe, Mr. Mor⸗ fin in ſeinem Cabinet die zweite. Mr. Carker, als Großvezier, — 138— ſaß in dem Zimmer zunächſt dem Sultan. Mr. Morfin, als ein Beamter zweiten Ranges, nahm das Zimmer zunächſt dem äußern Comptoir ein. Der letztgenannte Herr war ein munterer, alter Jungge⸗ ſell mit braunen Augen, der obere Menſch in ernſtes Schwarz gehüllt, der untere, das heißt die Beine, in pfeffer⸗ und ſalz⸗ farbenes Tuch. Sein dunkles Haar war hie und da weiß ge⸗ ſprenkelt, als ob der Fuß der Zeit es beſpritzt hätte, und ſein Backenbart war ſchon ſilbern. Er hatte einen gewaltigen Reſpect vor Mr. Dombey nnd leiſtete ihm die ſchuldige Ehrerbietung; aber da er ſelbſt ein gemüthlicher Herr war und ſich dem groß⸗ artigen Mr. Dombey gegenüber nie recht wohl fühlte, ſo regte ſich bei ihm kein Neid über die vielen Conferenzen, die Mr. Car⸗ ker gewährt wurden, und er fühlte eine geheime Befriedigung, daß er Pflichten zu erfüllen hatte, die ihn ſelten der Ehre einer ſolchen Auszeichnung ausſetzten. Er war ein großer Muſikdi⸗ lettant— nach dem Geſchäft, und hatte eine väterliche Zunei⸗ gung für ſein Violoncello, das einmal die Woche von ſeiner Wohnung in Islington nach einem Club dicht bei der Bank ge⸗ ſchafft wurde, wo Dilettanten jeden Mittwoch Abend ohrenzer⸗ reißende Quartette anfführten. Mr. Carker war ein Mann von achtunddreißig bis vierzig Jahren, von blühender Geſichtsfarbe und mit zwei vollſtändigen Reihen glänzender Zähne verſehen, deren Regelmäßigkeit und Weiße ordentlich pein ich waren. Es war unmöglich, ſie nicht zu ſehen, denn er zeigte ſie beſtändig, wenn er ſprach; und auf — — — ſeinem Geſichte lag ein breites Lächeln(das ſich aber ſelten wei⸗ ter als um ſeinen Mund verbreitete), das ihn faſt wie eine grimmige Katze ausſehen ließ. Er trug eine ſteife, weiße Hals⸗ binde, ganz wie ſein Herr, und war immer bis oben hinauf zu⸗ geknöpft und knapp angezogen. Sein Benehmen gegen Mr. Dombey war tief berechnet und vollkommen ausgedrückt. Er war gegen ihn vertraulich mit dem allertiefſten Bewußtſein der großen Kluft, die zwiſchen ihnen lag.„Mr. Dombey, gegen einen Mann in Ihrer Stellung giebt's für einen Mann wie ich keine mit Abmachung von Geſchäf⸗ ten verträgliche Stufe der Demuth, die ich für hinreichend halte. Ich geſtehe es Ihnen offen, Sir, ich gebe es ganz auf. Ich fühle, daß ich mir ſelbſt nicht genug thun könnte, und der Himmel weiß es, Mr. Dombey, Sie können das Bemühen entbehren.“ Wenn er dieſe Worte auf einem Zettel bei ſich geführt und ſie Mr. Dombey ſtets auf ſeiner Bruſt vor Augen geſtellt hätte, ſo konnte er es nicht klarer ausſprechen, als jetzt durch ſein Benehmen. Dies war Carker, der Disponent. Mr. Carker junior war ſein Bruder, zwei oder drei Jahre älter als er, aber durch zeine große Kluft von ihm geſchieden. Der jüngere Bruder ſtand an der Spitze der geſchäftlichen Leiter; der ältere ganz unten. Der ältere ſtieg nie eine Stufe, machte nie einen Verſuch dazu. Jüngere Leute überholten ihn und ſtiegen höher und höher; er aber blieb immer unten ſtehen. Er ergab ſich ganz in ſein de⸗ müthiges Loos, beklagte ſich nie darüber und hoffte anch nicht auf ein Beſſerwerden. — 140— Wie befinden Sie ſich? fragte Mr. Carker der Disponent, als er eines Morgens, kurz nach Mr. Dombey's Ankunft, in deſſen Zimmer trat, ein Bündel Papiere in der Hand. Wie geht's Ihnen, Mr. Carker? ſagte Mr. Dombey, in⸗ dem er aufſtand und ſich mit dem Rücken gegen das Kamin ſtellte. Bringen Sie mir da etwas? Ich glaube nicht, daß ich Sie zu bemühen brauche, erwi⸗ derte Carker und blätterte die Papiere durch. Sie wiſſen, Sie haben heute um drei eine Comité. Und eine um dreiviertel auf vier, fügte Mr. Dombey hinzu. Ob Sie jemals etwas vergeſſen! rief Carker aus, immer noch die Papiere muſternd. Wenn Mr. Paul Ihr Gedächt⸗ niß erbt, wird er ein böſer Kunde im Hauſe. Ein ſolcher iſt genug. Sie haben ſelbſt ein gutes Gedächtniß, ſagte Mr. Dombey. O! Ich! entgegnete der Disponent. Es iſt das einzige Capital eines Mannes in meiner Stellung. Mr. Dombey ſah nicht weniger hochfahrend aus als ge⸗ wöhnlich, wie er am Kamin ſtand und ſeinen Commis(der es natürlich gar nicht merkte) vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Das Steife und geſucht Zierliche in Mr. Car⸗ ker's Kleidung und eine gewiſſe Anmaßung im Benehmen, entweder ihm angeboren oder einem nicht weit entfernten Mu⸗ ſter nachgeahmt, hoben ſeine Unterwürfigkeit nur noch mehr — 141— hervor. Er erſchien als ein Mann, der gegen die Macht, die ihn beſiegte, ankämpfen würde, wenn er könnte, aber von der Größe und Ueberlegenheit Mr. Dombey's vollkommen unterjocht wurde. Iſt Morfin da? frug Mr. Dombey nach einer Pauſe, während deren Mr. Carker in ſeinen Papieren geblättert und einzelne Worte über ihren Inhalt vor ſich hin gemurmelt hatte. Morfin iſt da, antwortete er, mit ſeinem breiteſten und plötzlichſten Grinſen aufblickend, Morfin iſt da und ſummt muſi⸗ kaliſche Reminiscenzen— wahrſcheinlich von ſeinem geſtrigen Quartett— wie ich durch die Wand höre. Er macht mich halb verrückt damit. Ich wollte, er würfe ſein Violoncell ins Feuer und ſeine Notenhefte dazu. Ich glaube, Carker, Sie achten Niemand, ſagte Mr. Dombey. In der That? ſagte Carker mit einem höchſt katzenhaften Zähnefletſchen. Ich glaube wirklich, viele Menſchen achte ich nicht. Ich wüßte nicht, murmelte er für ſich, als ob er es blos dächte, daß es mehr als Einer wäre. Eine gefährliche Eigenſchaft, wenn ſie echt, und nicht weniger gefährlich, wenn ſie erheuchelt war. Aber Mr. Dombey ſchien ſchwerlich der Meinung zu ſein, wie er immer noch mit dem Rücken gegen das Kamin daſtand, hoch aufgerichtet und ſeinen erſten Commis mit einer ruhigen Würde anſehend, die ein noch ſtärkeres Bewußtſein ſeiner Ueberlegenheit verrieth als gewöhnlich. aus den übrigen heraus, er berichtet den Tod eines jungen Commis in der Agentur auf Barbados und ſchlägt vor, für den Nachſolger einen Platz im Sohn und Erben— er wird in etwa vier Wochen abſegeln— zu reſerviren. Es iſt Ihnen doch einer⸗ lei, wer die Stelle bekommt? Hier haben wir wohl Niemand. Mr. Dombey ſchüttelte mit höchſter Gleichgültigkeit den Kopf. Es iſt keine ſehr glänzende Stelle, bemerkte Mr. Carker, indem er eine Feder nahm, um auf die Rückſeite des Papiers eine Notiz zu ſchreiben. Er könnte ſie dem verwaiſten Neffen eines muſikaliſchen Freundes geben. Das würde vielleicht ſeinem Fiedeln ein Ende machen, wenn er eine Neigung dieſer Art hat. Wer iſt da? Herein! Ich bitte um Verzeihung, Mr. Carker. Ich wußte nicht, daß Sie hier waren, Sir, antwortete Walter, der mit mehrern eben angekommenen Briefen hereintrat. Mr. Carker der Jün⸗ gere, Sir— Bei der Nennung dieſes Namens war oder ſtellte ſich Carker der Disponent ganz überwältigt von Beſchämung. Er ſah Mr. Dombey unruhig und flehend an, ſenkte die Augen und blieb eine Weile ganz verſtummt ſtehen. Ich glaubte, Sir, fuhr er dann Waltern an, ich hätte Ihnen ſchon früher geſagt, Mr. Carker des Jüngern Namen nicht mit den Haaren herbeizuziehen. Apropos Morfin! ſing Carker wieder an und zog ein Papier zu öffnen. — 133— Ich bitte um Verzeihung, antwortete Walter. Ich wollte blos ſagen, daß Mr. Carker der Jüngere mir geſagt hatte, er glaube, Sie wären ausgegangen; ſonſt hätte ich nicht an die Thür geklopft, während Sie mit Mr. Dombey zu ſprechen hatten. Hier ſind Briefe für Mr. Dombey, Sir. Gut, Sir, erwiderte Carker der Disponent und riß ſie ihm aus der Hand. Gehen Sie. Während aber Mr. Carker die Briefe mit ſo wenig Um⸗ ſtänden an ſich nahm, ließ er einen auf die Erde fallen, ohne es zu bemerken; und auch Mr. Dombey ſah den Brief nicht, der dicht vor ſeinen Füßen lag. Walter zögerte einen Augenblick in der Erwartung, der Eine oder der Andere werde es ſehen; da das aber nicht geſchah, kehrte er wieder um, hob ihn auf und legte ihn auf Mr. Dombey's Pult. Die Briefe waren von der Poſt gekommen, und dieſer eine war zufällig Mrs. Pipchin's re⸗ gelmäßiger Bericht, wie gewöhnlich— denn Mrs. Pipchin wußte mit der Feder nicht beſonders umzugehen— von Florentinen adreſſirt. Als, durch Walter's Bewegung aufmerkſam gemacht, Mr. Dombey den Brief anſah, zuckte er und warf dem jungen Gay einen grimmigen Blick zu, als glaube er, er hätte gerade dieſen ausgeſucht. Sie können gehen, Sir! ſagte Mr. Dombey ſtolz. Er zerknitterte den Brief in der Hand und ſteckte ihn, als Walter zur Thür hinaus war, in die Taſche, ohne ihn — 144— Es iſt Jemand nach Weſtindien zu ſchicken, ſagten Sie, bemerkte Mr. Dombey haſtig. Ja, gab Carker zur Antwort. Schicken Sie den jungen Gay. Gut, ganz gut. Nichts leichter, ſagte Mr. Carker, ohne Staunen zu verrathen, und die Feder wieder ergreifend, um etwas Anderes auf den Brief zu ſchreiben. Schicken wir Gay.. Rufen Sie ihn zurück, ſagte Mr. Dombey. Mr. Carker beeilte ſich, dem Befehle zu gehorchen, und Walter trat wieder ein. Gay, ſagte Mr. Dombey und drehte den Kadf ein ganz klein wenig nach ihm um, wir haben hier— 3 Eine Stelle, ſagte Mr. Carker grinſend.— In Weſtindien. Auf Barbados. Ich bin im Begriff Ihnen eine kleine Stelle in meinem Comptoir auf Barbados zu geben, ſagte Mr. Dombey. Sagen Sie Ihrem Onkel von mir, 1 daß ich Sie nach Weſtindien ſchicke.. 2 Walter'n war vor Erſtaunen ſo ſehr der Athem benommen, 3 daß er kaum welchen übrig hatte, um das Wort„Weſtindien“ zu 4 wiederholen. Jemand muß gehen, ſagte Mr. Dombey, und Sie find jung und geſund, und Ihres Onkels Umſtände ſind nicht die beſten. Sagen Sie Ihrem Onkel, daß ich Sie wähle. Sie werden nicht 4 gleich abreiſen. Es wird noch einen Monat oder auch zwei dauern. 3 — 145 Soll ich dort bleiben, Sir? frug Walter. Natürlich, ſagte Mr. Dombey. Walter verbeugte ſich. Das iſt Alles, ſagte Mr. Dombey und nahm die Briefe wieder zur Hand. Mr. Carker, Sie werden ihm natürlich ſeiner Zeit die nöthige Auskunft über ſeine Ausrüſtung u. ſ. w. geben. Er braucht nicht zu warten, Carker. Sie brauchen nicht zu warten, Gay, bemerkte Carker grinſend. Außer wenn er noch etwas zu ſagen hat, ſagte Mr. Dom⸗ bey und hielt im Leſen inne ohne aufzublicken, als ob er lauſche. Nein, Sir, ſagte Walter ganz verwirrt und faſt betäubt von einer unendlichen Menge von Bildern, die ſich in ſeiner Seele drängten und in denen Capitain Cuttle mit dem lackirten Hut, ſtarr vor Erſtaunen in ſeiner Kammer bei Mrs. Mac Stinger, und ſein Onkel, ſein Scheiden in der kleinen Hinterſtube bekla⸗ gend, eine hervorragende Stellung einnahmen. Ich weiß kaum — ich— ich bin Ihnen ſehr dankbar, Sir. Er braucht nicht zu warten, Carker, ſagte Mr. Dombey. Und da Mr. Carker abermals dieſe Worte wiederholte und auch ſeine Papiere zuſammennahm, als ob er ebenfalls gehen wolle, ſo fühlte Walter, daß längeres Bleiben unverzeihlich ſei, — vorzüglich da er nichts zu ſagen hatte— und ging daher ganz betäubt hinaus. Wie er einem Halbträumenden gleich durch den Gang Boz. Dombey u. Sohn. II. 10 * — 146— ſchritt, hörte er Mr. Dombey’s Thür aufgehen und Mr. Carker herauskommen. Gleich darauf rief ihn dieſer Herr. Bringen Sie Mr. Carker den Jüngern mit in mein Zimmer, wenn's beliebt, ſagte er. Walter ging in das vordere Comptoir und richtete was ihm geheißen an Mr. Carker den Jüngern aus, der ſogleich hinter einem Verſchlag, wo er allein in einer Ecke ſaß, hervortrat und dem jungen Gay in das Zimmer Mr. Carker's des Disponenten folgte. 6 Dieſer Herr ſtand an dem Kamine, die Hände unter ſeinen Rockſchößen, und blickte von der weißen Halsbinde herunter ſo ſtreng und unerbittlich, als nur Mr. Dombey ausſehen konnte. Er empfing ſie ohne ſeine Stellung zu ändern oder den grimmigen und drohenden Ausdruck ſeines Geſie hts zu mildern; er winkte blos Walter, die Thür zuzumachen. John Carker, ſagte, als dies geſchehen, der Disponent, indem er ſich plötzlich gegen ſeinen Bruder wandte und ſeine weißen Zähne fletſchte, als hätte er Luſt, ihn zu beißen, welchen Bund haſt du mit dieſem Menſchen geſchloſſen, daß ich immer mit der Erwähnung deines Namens verfolgt und gequält werde? Iſt es dir nicht genug, John Carker, daß ich dein naher Ver⸗ wandter bin und mich nicht befreien kann von dieſer— Schmach, ergänzte der Andere mit ſchwacher Stimme, als er ſah, wie ſein Bruder nach einem Worte ſuchte. Von dieſer Schmach, beſtätigte der Disponent mit ſcharfer — 147— Betonung, ſondern mußt du auch dieſen Umſtand hervorheben und ausſchreien und beſtändig dem Hauſe ſelbſt vor die Augen rücken? Noch dazu im Augenblicke des Vertrauens? Meinſt du, dein Name ſei geeignet, an dieſem Orte mit Vertrauen zu har⸗ moniren, John Carker? Nein, erwiderte der Andere. Nein, James. Gött weiß es, ich hege keinen ſolchen Gedanken. Was denkſt du denn, ſagte ſein Bruder, und warum trittſt du mir überall in den Weg? Haſt du mir nicht ſchon genug geſchadet? Ich habe dir nie wiſſentlich geſchadet, James! Du biſt mein Bruder, ſagte der Disponent. Das iſt Schaden genug. Ich wollte, ich könnte es abändern, James, war die Antwort. Ich wollte, du könnteſt und wollteſt, ſagte bitter der Andere. Während dieſes Geſprächs hatte Walter die Beiden mit ſchmerzlichem Staunen angeſehen. Der älter an Jahren, aber jünger im Geſchäft war, hörte mit niedergeſchlagenen Augen und geſenktem Kopfe die Vorwürfe des Anderen an. Obgleich dieſe durch den Ton und die Blicke des Sprechenden und die Anwe⸗ ſenheit Walter's ſehr verletzend wurden, ſo beantwortete er ſie doch nur damit, daß er die Hand mit einer abwehrenden Bewe⸗ gung erhob, als wollte er ſagen: Schone mich! So, wenn es 10* — 148— Schläge geweſen wären und er ein muthiger Mann, aber gefeſſelt und ſchwach von körperlichen Leiden, hätte er vor dem Henker ſtehen können.. Edelherzig und leicht bewegt, wie er war, miſchte ſich jetzt Walter, der ſich als die unſchuldige Veranlaſſung dieſer Vorwürfe betrachtete, mit der ganzen Wärme ſeines Gefühls hinein. Mr. Carker, ſagte er zu dem Disponenten, dies iſt wirk⸗ lich lediglich meine Schuld. In einer Art Unachtſamkeit, wegen deren ich mich nicht genug tadeln kann, habe ich wahrſcheinlich Mr. Carker den Jüngern viel öfter genannt als nothwendig war, und manchmal gegen Ihren ausdrücklichen Wunſch. Aber dies war ganz meine Schuld, Sir. Wir haben über dieſen Gegenſtand kein Wort mit einander gewechſelt, haben überhaupt nur ſehr wenige Worte je mit einander geſprochen. Und es war nicht ganz Unachtſamkeit meinerſeits, Sir, fügte Walter nach einer Pauſe hinzu; denn ich habe von dem erſten Tage meines Hier⸗ ſeins an ein Intereſſe für Mr. Carker gefühlt und konnte kaum um⸗ hin, ihn manchmal zu erwähnen, da ich ſo viel und oft an ihn gedacht habe! Walter ſprach dies aus ſeiner tiefſten Seele und mit ehr⸗ lichem Eifer, denn er ſah das gebeugte Haupt und die niederge⸗ ſchlagenen Augen und die abwehrende Hand und dachte: Ich habe das gefühlt; und warum ſollte ich es nicht verkünden für dieſen freundloſen, niedergebeugten Mann! Sie haben mich ſogar vermieden, Mr. Carker, ſagte Walter und Thränen ſtiegen ihm in die Augen, ſo ehrlich meinte er es. ——— 2— — 149— Ich weiß es und es hat mir oft weh gethan. Von Anfang an habe ich gewiß Alles verſucht, um Ihr Freund zu werden; aber es iſt mir nicht gelungen. Und merken Sie ſich, unterbrach ihn der Disponent, es wird noch viel weniger gelingen, wenn Sie darauf beſtehen, Mr. Carker’'s Namen beſtändig im Munde zu führen. Das iſt nicht der Weg, Mr. Carker's Freund zu werden. Fragen Sie ihn ſelbſt. Es iſt von keinem Nutzen für mich, ſagte der Bruder. Es veranlaßt blos Geſpräche, wie das jetzige, und daß dieſe mir wehe thun, brauche ich gewiß nicht erſt zu ſagen. Keiner kann mir einen beſſern Freundſchaftsdienſt erweiſen— er ſprach dies mit großem Nachdruck, als wolle er es Walter einprägen— als wenn er mich vergißt und mich ungefragt und unbeachtet meine Straße ziehen läßt. Da Sie nicht beſonders behalten, was Ihnen Andere ſagen, Gay, ſagte Mr. Carker der Disponent, ſo hielt ich es für nützlich, wenn Sie dies von der beſten Autorität erführen, und er deutete dabei mit dem Kopfe auf ſeinen Bruder. Ich hoffe nun, Sie werden es nicht wieder vergeſſen. Das war Alles, Gay. Sie können gehen. Walter ging zur Thüre hinaus und wollte ſie hinter ſich zumachen, als er die beiden Brüder wieder ſprechen und dabei ſeinen Namen nennen hörte. Er blieb zaudernd ſtehen, die Hand noch auf der Klinke und die Thüre halb offen haltend, ungewiß, ob er umkehren oder fortgehen ſolle. So — 150— konnte er nicht umhin, das nachfolgende Geſpräch mit an⸗ zuhören. Beurtheile mich milder, wenn du kannſt, James, ſagte ſodann Carker der Jüngere, wenn ich dir ſage— wie konnte es auch an⸗ ders ſein bei einem Menſchen, der dies hier geſchrieben trägt— er ſchlug ſich dabei auf die Bruſt— daß meine Theilnahme durch dieſen Knaben, Walter Gay, lebhaft in Anſpruch ge⸗ nommen wurde. Ich ſah in ihm, als er hierher kam, faſt mein anderes Ich. 4 Dein anderes Ich! wiederholte der Disponent mit Hohn. Nicht wie ich jetzt bin, ſondern wie ich hierher kam, ſo ſanguiniſch, leichtſinnig, jugendlich an Jahren, erfüllt von den⸗ ſelben unruhigen und Abenteuer ſuchenden Phantaſien; begabt mit denſelben Eigenſchaften, die eben ſo gut zum Böſen wie zum Guten führen können. Ich hoffe das nicht, ſagte ſein Bruder mit einer verſteckten und ſarkaſtiſchen Bedeutung. Du triffſt mich ins Herz, und deine Hand iſt feſt und dein Stoß iſt tief, entgegnete der Andere mit einem Tone(ſo glaubte Walter wenigſtens), als ob ihn wirklich eine ſcharfe affe durchbohre. Ich dachte mir das Alles, als er ein Knabe h glaubte es. Es war mir eine Wahrheit. Ich ſah ihn leichten Schrittes dahin gehen am Rande eines unſicht⸗ baren Abgrundes, wo ſo Viele gleich ihm ſorglos wandeln, und in den— — 2* —9+ꝑ AR 2— ᷣ 8 — 151— Die alte Entſchuldigung, unterbrach ihn ſein Bruder, mit dem Feuereiſen ſpielend. So Viele. Nur weiter. In den ſo Viele fallen. In den ein Wanderer ſtürzte, entgegnete der Andere, der, ein Knabe wie er, ſeinen Weg antrat und mehr und mehr den Halt verlor, und tiefer und tiefer ſank, und fortſtrauchelte, bis er kopfüber hinabſtürzte und vernichtet unten lag. Bedenke, was ich litt, wie ich dieſen Knaben beobachtete. Du haſt dir allein die Schuld zuzuſchreiben, ſagte ſein Bruder. Mir allein, erwiderte er mit einem Seufzer. Ich will nicht die Schande auf Andere wälzen. Du haſt es gethan, murmelte James Carker durch die Zähne. Ach, James, entgegnete ſein Bruder und ſprach zum er⸗ ſten Mal mit einem Tone des Vorwurfs und mit halb gedämpfter Stimme, als ob er ſich das Geſicht mit den Händen bedeckt habe, ich habe dir ſeit jener Zeit als ein nützlicher Gegenſatz gedient. Du haſt, während du höher ſtiegſt, unbekümmert mich niederge⸗ treten. Schone mich! Eine Pauſe folgte auf dieſe Worte. Nach einer Zeit hörte man Mr. Carker den Disponenten in ſeinen Papieren kramen, als wünſche er dem Geſpräch ein Ende zu machen. Auch näherte ſich ſein Bruder der Thür. Dies iſt Alles, ſagte er. Ich beobachtete ihn mit einem ——— —————y ——— —— — 152— Bangen, das für mich faſt eine Strafe wurde, bis er an der Stelle vorbei war, wo ich zuerſt fiel, und ich glaube, wenn ich ſein Vater wäre, hätte ich Gott nicht inbrünſtiger danken können, als damals. Ich wagte nicht, mich ihm warnend und rathend zu nähern; aber wenn ich dringende Veranlaſſung gehabt hätte, dann würde ich ihm mein Beiſpiel vor Augen ge⸗ ſtellt haben. Ich mochte nicht vor Anderen mit ihm reden, damit es nicht heiße, ich verführe ihn; auch weil ich fürchtete, ich könnte es doch thun. Es iſt, als ob ich anſteckend wäre, ich weiß es nicht. Ueberlege dir mein Verhältniß zu Walter Gay, und welche Gefühle er in mir erregt hat, und beurtheile mich milder, James, wenn dir das möglich iſt. Mit dieſen Worten trat er aus der Thür, wo Walter ſtand. Er wurde etwas bläſſer, als er ihn erblickte, und noch bläſſer, als Walter ſeine Hand ergriff und ihm flüſternd ſagte: Mr. Carker, ich danke Ihnen! Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, wie innig ich an Ihnen Theil nehme! Wie leid es mir thut, die unglückliche Urſache aller dieſer Sachen zu ſein! Wie ich Sie faſt als meinen Beſchützer und Hüter betrachte! Wie ſehr, ſehr ich Ihnen danke und Sie beklage! ſagte Walter, indem er ihm beide Hände drückte und in ſeiner Aufregung kaum wußte, was er ſagte oder that. Da Mr. Morfin's Zimmer dicht neben an und leer war, und die Thür weit offen ſtand, ſo traten ſie dort hinein, weil der Gang ſelten von Menſchen frei war. Als ſie hier waren — 153— und Walter auf Mr. Carker's Geſicht einige Spuren der innern Bewegung ſah, kam es ihm faſt vor, als ob er dies Geſicht noch nie geſehen habe, ſo ſehr verändert war es. Walter, ſagte er und legte die Hand auf ſeine Schulter, ich ſtehe weit, weit unter Ihnen, und hoffe, daß dies immer ſo bleiben wird. Wiſſen Sie, was ich bin? Was Sie ſind! ſchien auf Walter's Lippen zu ſchweben, als er ihn aufmerkſam anſah. Es wurde begonnen, ſagte Carker, an meinem ein⸗ undzwanzigſten Geburtstage— vorbereitet ſeit langem, aber begonnen erſt um dieſe Zeit. Ich hatte ſie beſtohlen, bevor ich mündig wurde. Ich beſtahl ſie ſpäter. Vor meinem zwei⸗ undzwanzigſten Geburtstage kam Alles heraus, und von da an, Walter, war ich todt für alle Menſchen. Wieder ſchwebten die letzten Worte zitternd auf Walter's Lippen; aber er war weder im Stande ſie auszuſprechen, noch ſelbſt etwas zu ſagen. Der Principal war ſehr gut gegen mich. Möge der Himmel den alten Mann ſegnen für ſeine Nachſicht! Und auch dieſen, den Sohn, der damals erſt vor Kurzem ins Geſchäft getreten war, wo mir viel anvertraut ward. Ich wurde in das Zimmer gerufen, welches jetzt das ſeinige iſt— ich habe ss ſeit der Zeit nie wieder betreten— und kam heraus, wie sie mich jetzt ſehen. Viele Jahre ſaß ich auf meinem jetzigen Patz allein, wie jetzt, aber damals als ein allen Andern be⸗ —— — — 154— kanntes und warnendes Beiſpiel. Sie hatten Alle Erbarmen mit mir, und ich lebte. Die Zeit hat dieſem Theile meiner Buße ein Ende gemacht, und ich glaube, außer Mr. Dombey und den beiden anderen Leitern des Geſchäfts iſt Keiner hier, der meine Geſchichte kennt. Ehe der Kleine groß wird und die Geſchichte erfährt, iſt mein Plaatz vielleicht leer. Ich wünſchte, dies geſchähe! Dies iſt die einzige Veränderung meines Schick⸗ ſals ſeit jenem Tage, wo ich Jugend, Hoffnung und guter Men⸗ ſchen Umgang in jenem Zimmer zurückließ. Gott ſegne Sie, Walter! und erhalte Sie und Alle, die Sie lieben, in Ehrlich⸗ keit, oder gebe ihnen den Tod! Dies, und daß der Erzähler von Kopf bis zu den Füßen gezittert und in Thränen ausgebrochen ſei, war Alles, was Walter ſpäter von dieſem Auftritt in ſein Gedächtniß zurück⸗ rufen konnte. Als Walter ihn zunächſt ſah, ſaß er wieder auf ſeinem alten Platze, ſtill und demüthig, wie immer. Und wie er ihn dann bei ſeiner Arbeit und feſt entſchloſſen ſah, daß kein fernerer Verkehr zwiſchen ihnen ſtattfinden ſolle, und immer wieder an das dachte, was er im Verlaufe dieſes einen Mor⸗ gens von der Geſchichte der beiden Carkers gehört hatte, da konnte er es ſich kaum als wahr vorſtellen, daß er nach Weſt⸗ indien reiſen und bald von Onkel Sol und Capitain Cuttle, und dem ſeltenen Zuſammentreffen mit Florentinen— nein, er meinte Paul— und von Allem, was er in ſeinem täglichee Leben lieb und gern hatte, Abſchied nehmen müſſe. Aber es war wahr, und die Nachricht davon hatte ſich ſchon weiter verbreitet; denn während er mit ſchwerem Herzen daſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, und über dieſe Dinge nachdachte, kam Perch, der Markthelfer, zu ihm, ſtieß ihn an den Arm und bat ihn um Verzeihung, wollte ihm aber blos ins Ohr flüſtern: ob er wohl eine Kruke eingemachten Ingwer, billig, zum Gebrauche für Mrs. Perch in ihrem nächſten Wochen⸗ bett werde nach England ſchicken können— Druck von Fr. Nies in Leipzig. —. 4 1 2 — —— E—— —————