u Gießen, 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 5 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlr. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ dinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ wird. 3 4 b t4, Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 3. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 12. Auswärtige Aonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 eeih- und Jeſebedingungen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, echndte⸗ ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren W der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Hieienſgen⸗ welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 “ erkes, ſo iſt 1— —— —————— ———— — —— B 3“ Sämmtliche Werke. Achtundfunßzigſter Theil. Dombey und Sohn. Erſter Theil. Feipzig Verlag von Carl B. Lorck. 4 Dombey und Sohn von Boz(Dickens). —— Aus dem Engliſchen 1 von 1 4 Julius Seybt. Mit Federzeichnungen von Hablot K. Browne. 6 Erſter Theil. 4 — ꝛ—— 000 8 Ceipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1847. — 8 Dombey und Sohn. Erſtes Kapitel. Dombey und Sohn. Dombey ſaß in der Ecke des verdunkelten Zimmers im großen Lehnſtuhl am Bett und Sohn lag warm eingewickelt in einem kleinen Korbbett auf einem Tabouret dicht vor dem Feuer, als ähnele er ſeiner Conſtitution nach einem Muffin, und müſſe braungeröſtet werden, ſo lange er noch ganz friſch ſei. Dombey war etwa achtundvierzig Jahr alt. Sohn etwa achtundvierzig Minuten. Dombey war ein wenig kahlköpfig, ein wenig roth, und obgleich körperlich ein hübſcher Mann, doch von zu geſtrengem und anſpruchsvollem Weſen, um für ſich einzuneh⸗ men. Sohn war ſehr kahlköpfig und ſehr roth, und obgleich(wie natürlich) ein unleugbar ſchönes Kind, doch vor der Hand im Ganzen noch zu ungeleckt und fleckig. In die Stirn Dombey's hatten die Zeit und ihre Schweſter, die Sorge, manches Zeichen geſchnitten, wie in einen Baum, der ſeiner Zeit gefällt werden ſoll— die erbarmungsloſen Zwillinge, die ewig zum Fällen — 6— zeichnend durch die Menſchenwälder ſchreiten— während auf dem Geſicht des Sohnes tauſend Fältchen zu ſehen waren, welche dieſelbe falſche Zeit mit dem Rücken ihrer Senſe ſpielend aus⸗ glätten wird, um die Oberfläche für tiefere Operationen vor⸗ zubereiten. Frohlockend über das langerwartete Ereigniß klimperte Dombey mit der ſchweren goldenen Uhrkette, die unter dem ſchmucken blauen Frack hervorſah, Fen Knöpfe in dem ſchwachen Schimmer des fernen Feuers phosphoriſch leuchteten. Der Sohn hatte die kleinen Fäuſte zuſammengeballt und gehoben, als ſetzte er ſich zur Wehre gegen das Daſein, das ihn unverſehens überraſchte. Das Haus, Mrs. Dombey, ſagte Mr. Dombey, wird jetzt wieder nicht blos dem Namen, ſondern auch der That nach heißen Dombey und Sohn; Dom— bey und Sohn! Einen ſo beſänftigenden Einfluß hatten dieſe Worte, daß er ein Liebkoſungswort an Mrs. Dombey's Namen hängte(ob⸗ gleich als ein Mann, der eine derartige Redeweiſe wenig gewohnt war, nicht ohne einiges Zögern) und ſagte: Mrs. Dombey, meine — meine Liebe. Ein ſchnellverſchwindendes Erröthen der Ueberraſchug flog über der kranken Frau Antlitz, als ſie ihre Augen zu ihm erhob. 3 Er wird Paul getauft, meine— Mrs. Dombey— ver⸗ aeht ſic Sie wiederholte mit ſehwacher Stimme: Verſteht ſich, oder ddrückte es vielmehr durch die Bewegung ihrer Lippen aus und ſchloß wieder die Augen. 3 vaters Name. Seines Vaters Name, Mrs. Dombey, Ich wollte, ſein Großvater hätte den heutigen Tag erlebt. Und abermals ſagte er: Dombey und Sohn, genau in demſelben Tone wie vorhin. Dieſe drei Worte drückten d Dombey's Leben aus. bey und Sohn darauf Handel Mond, um ihnen zu leuchten. ihre Schiffe zu tragen; Reger Wetter; Winde wehten für oder gegen i Firſterne und Planeten verfolgten ruhig ihre nicht zu ſtören, — 7— und ſeines Groß⸗ en ganzen Inhalt von Mr. Die Erde war geſchaffen, damit Dom⸗ treiben könnten, und Sonne und Flüſſe und Meere waren da, um ibogen verſprachen ihnen ſchönes Unternehmungen; ahn, um eine Welt deren Mittelpunkt Dombey und Sohn waren. zungen bekamen in ſeinen Augen Die allergewöhnlichſten Abkür eine neue Bedeutung und bez — So ſtand für Anno Er war, wie ſein Vater vor ihm, Dombei ogen ſich nur auf Dombey und und Sohn. hn. A. D. hatte nichts mit Anno Domini zu thun, ſondern im Verlaufe von Leben und Tod von Sohn zu Dombey emporgeſtiegen und ſeit faſt der einzige Inhaber der Firma. Verheirathet zwanzig Jahren war er ſeit zehn Jahren Dame, die ihm kein Herz Tage der Vergangenheit angeh Geiſt zu demuthvoller Erduldung ihren geknickten zu gewöhnen. Ohren kommen, niemand anders Solch Gerede 1;... 1— wie Einige behaupten mit einer mehr zu ſchenken hatte; deren glückliche örten und die ſich darein ergab, der Gegenwart konnte ſchwerlich Mr. Dombey zu dem es ſo nahe anging; und jedenfalls hätte in der Welt, wenn er es gehört hätte, es ſo we⸗ nig geglaubt als er. Dombey und Sohn hatten oft mit Häuten zu thun gehabt, nie aber mit Herzen. Sie überließen dieſe Phantaſiewaare Knaben und Mädchen, und Penſionsſchulen und Büchern. Mr. Dombey dachte etwa wie folgt: Daß eine eheliche Verbindung mit ihm der Natur der Dinge nach für jede Frau von geſundem Verſtande in hohem Grade ſchmeichelhaft und ehrend ſein müſſe. Daß die Hoffnung, einen neuen Aſſocié eines ſolchen Hauſes zu gebären, nicht verfehlen könne, einen wohl⸗ thuenden Ehrgeiz in dem Herzen der Anſpruchsloſeſten ihres Ge⸗ ſchlechts zu wecken. Daß Mrs. Dombey den Contract der Ehe— ein faſt unentbehrlicher Theil einer vornehmen und wohlhabenden Stellung im Laihen ohne Rückſicht auf die Verewigung von Handelsfirmen— mit einem vollen Bewußtſein aller dieſer Vor⸗ theile eingegangen ſei. Daß Mrs. Dombey tägliche praktiſche Erfahrung ihrer geſellſchaftlichen Stellung gehabt. Daß Mrs. Dombey ſtets an der Tafel obenan geſeſſen und die Honneurs ſeines Hauſes auf eine merkwürdig feine und würdige Weiſe ge⸗ macht habe. Daß Mrs. Dombey glücklich geweſen ſein müſſe. Daß ſie nicht anders gekonnt habe. 1 Jedenfalls aber mit einigem Vorbehalt. Ja. Das wollte er zugeben. Blos mit einem einzigen; aber freilich mit einem ſehr inhaltsſchweren. Sie waren zehn Jahre verheirathet ge⸗ weſen und hatten bis zu dem heutigen Tage, wo Mr. Dombey im großen Lehnſtuhle neben dem Bette mit der ſchweren goldenen Uhrkette klimperte, keine Nachkommenſchaft gehabt. Das heißt keine nennenswerthe. Ein Mädchen war wohl vor etwa ſechs Jahren geboren worden, und das Kind, das ſich unbemerkt in das Zimmer geſchlichen, ſaß ſchüchtern in einer Ecke, — — — — 9— wo es ſeiner Mutter Geſicht ſehen konnte. Aber was galt ein Mädchen Dombey und Sohn? In dem Capital von des Hauſes Firma und Anſehen war ein ſolches Kind nur ein Stück nieder⸗ haltiges Geld, das nicht angelegt werden konnte— ein falſcher Knabe— weiter nichts. Mr. Dombey's Kelch der Befriedigung war in dieſem Au⸗ genblicke jedoch ſo voll, daß er fühlte, er könne ein oder zwei Tropfen ſeines Inhalts entbehren, um ſie auf den beſtaubten Lebenspfad ſeines Töchterchens zu ſchütten. So ſagte er denn: Florentine, du kannſ dein Brüder⸗ chen anſehen, wenn du Luſt haſt. Greife es nicht an. Das Kind warf einen haſtigen Blick auf den blauen Frack und die ſteife weiße Halsbinde, die ihm mit einem Paar knarrender Stiefeln und einer ſehr laut pickenden Uhr den Begriff eines Va⸗ ters verkörperten; aber ſeine Augen kehrten ſogleich wieder zu dem Antlitz der Mutter zurück und es antwortete weder durch Bewegung noch durch Worte. Im nächſten Augenblicke hatte die Dame die Augen geöffnet und das Kind geſehen; und das Kind war zu ihr geeilt und hatte ſich, auf den Zehen ſtehend, um beſſer ſein Geſichtchen in ihrer Umarmung zu verbergen, mit einer heftigen Leidenſchaft, die nicht mit ſeinem Alter im Einklange ſtand, an ſie gedrängt. O mein Gott! rief Mr. Dombey, ärgerlich aufſtehend. Ein ſehr unbedachtſames und heftiges Benehmen, wahrhaftig. Es wird beſſer ſein, ich bitte Doctor Peps, wieder herauf zu kommen. Ich will hinunter gehen. Ich will hinunter gehen. Ich brauche Sie nicht zu bitten, ſetzte er hinzu, einen Augenblick — —— — 10— bei dem Tabouret vor dem Feuer ſtehen bleibend, ſorgfältig Acht zu geben auf dieſen jungen Herrn, Mrs.— Blockitt? ergänzte die Wärterin, ein zuckerſüßes Stück verblichener Vornehmheit, die ſich nicht herausnahm, ihren Namen als eine Thatſache zu behaupten, ſondern ihn nur in der Form beſcheidenen Dafürhaltens zu erkennen gab. Auf dieſen jungen Herrn, Mrs. Blockitt, wiederholte Mr. Dombey. Nein, gewiß nicht: ich weiß noch wie Miß Florentine ge⸗ boren wurde⸗. Ja, ja, ſagte Mr. Dombey⸗ indem er ſich über das Korb⸗ bett hinüberbeugte und die Brauen ein wenig zuſammenzog. Mit Miß Florentine war's ganz gut, aber das hier iſt etwas ganz anderes. Dieſer junge Herr hat eine Beſtimmung zu erfüllen. Eine Beſtimmung, kleiner Kerl! Als er das Kind ſo anredete, brachte er eine ſeiner Hände an den Mund und küßte ſie; dann als ob er fürchtete, er vergebe ſeiner Würde damit etwas, ging er ein wenig verlegen zur Thür hinaus. Dr. Parker Peps, einer der Hofärzte und ein Maun von unermeßlichem Rufe als Beiſtand bei der Vermehrung vornehmer Familien, ſchritt die Hände auf dem Rücken im Salon auf und ab, ein Gegenſtand unausſprechlicher Bewunderung für den Haus⸗ arzt, der ſeit den letzten ſechs Wochen allen ſeinen Patienten, Freunden und Bekannten Tag für Tag von dieſer Entbindung als von einem Fall erzählt hatte, wo er bei Tag und bei Nacht ſtündlich erwarten müſſe, mit Dr. te Peps herbeigerufen zu werden. 8 1 — 11— Nun, ſagte Dr. Parker Peps mit einer vollen, tiefen Stimme, den Umſtänden gemäß gedämpft wie ein eingewickelter Klopfer, damit er nicht zu laut töne: finden Sie die verehrte Patientin etwas erquickt durch Ihren Beſuch? Stimulirt, ſo zu ſagen? ſagte der Hausarzt ſchüchtern; und verbeugte ſich dabei gegen den Doctor, als wollte er ſagen: Entſchuldigen Sie, daß ich mich hineinmiſche, aber dieſe Gemein⸗ ſchaft iſt ſo ehrenvoll. Mr. Dombey machte dieſe Frage ſehr verlegen. Er hatte ſo wenig an die Patientin ge daht, daß er nicht im Stande war ſie zu beantworten. Er ſagte, daß es ihn beruhigen würde, wenn Dr. Parker Peps ſich wieder hinauf bemühen wollte. Gut! Wir dürfen es Ihnen nicht verhehlen, mein Herr, ſagte Dr. Parker Peps, daß ein Mangel an Kraft zu bemerken iſt bei Ihrer Gnaden der Herzogin— ich bitte um Verzeihung; ich verwechſele die Namen; ich wollte ſagen, bei Ihrer verehrten Gattin. Ein gewiſſer Grad von Erſchlaffung und eine allge⸗ meine Abweſenheit von Elaſticität, die wir nicht, die wir nicht— Zu ſehen wünſchten, ergänzte der Hausarzt mit einer zweiten Verbeugung. Ganz recht, ſagte Dr. Parker Peps, die wir lieber nicht zu ſehen wünſchten. Es ſcheint, daß die Conſtitution Lady Can⸗ kaby's— entſchuldigen Sie! ich wollte ſagen Mrs. Dombeys: ich verwechſele die Namen der Patienten.— So außerordentlich zahlreich, ſprach der Hausarzt vor ſich hin, daß es ſich nicht anders erwarten läßt— das Gegentheil waͤre zum Verwundern— Dr. Parker Peps⸗ Weſtendpraxis— 8—. — 12— Sehr verbunden, ſagte der Doctor, Sie haben Recht. Es ſcheint, ſagte ich, daß die Conſtitution unſrer Patientin eine Er⸗ ſchütterung erlitten hat, von der ſie ſich nur durch ein energiſches Aufbieten aller Kräfte wird— wird— Erholen können, murmelte der Hausarzt. Ganz recht, ſagte der Doctor, erholen können. Mr. Pilkins hier, der in ſeiner Stelle als ärztlicher Beiſtand der Familie— gewiß kann niemand beſſer als er geeignet ſein, dieſe Stelle aus⸗ zufüllen— 6 O! murmelte der Hausarzt.„Lob von Sir Hubert Stanley!“ Sie ſind ſehr gütig, erwiederte Dr. Parker Peps. Mr. Pilkins, der in Folge ſeiner Stellung am beſten die Conſtitution der Patientin in ihrem Normalzuſtande kennt(eine Kenntniß, die uns zur Feſtſtellung unſers Urtheils in ſolchen Fällen ſehr werth⸗ voll iſt), iſt mit mir der Meinung, daß die Natur zu einer beſon⸗ dern Kraftanſtrengung aufgefordert werden muß, und daß, wenn unſre geehrte Patientin Gräfin Dombey,— ich bitte ſehr um Verzeihung— Mrs. Dombey nicht— nicht— Im Stande ſein ſollte, ſagte der Hausarzt. Dieſe Kraftanſtrengung erfolgreich durchzuführen, fuhr Dr. Parker Peps fort, eine Kriſis eintreten würde, die wir Beide aufrichtig beklagen müßten. Nachdem dieſe Rede vollendet, ſtanden Beide ein paar Se⸗ eunden ſchweigend da und blickten auf den Boden. Dann gingen ſie, eingeladen durch eine Handbewegung des Dr. Parker Peps, 2 = — ſe ſich ſetzte und das Taſchentuch hervorzog— aber es iſt ein ſo — 3— hinauf, wobei der Hausarzt dem berühmten Manne mit de⸗ müthiger Höflichkeit die Thür öffnete und ihn hinaus begleitete. Ungerecht wäre es zu behaupten, daß Mr. Dombey von dieſer Nachricht nicht auch auf ſeine Weiſe ſchmerzlich berührt worden wäre. Er war kein Mann, von dem man eigentlich ſagen konnte, daß ihn jemals etwas überraſcht oder erſchüttert hätte; aber er ahnte doch, daß es ihm ſehr leid thun würde, wenn ſeine Frau ſterben ſollte, oder daß er etwas, was des Beſitzes wohl werth war und ohne aufrichtigen Schmerz nicht verloren werden könnte, unter ſeinem Silberzeug, ſeinen Möbeln und anderm Hausrath vermiſſen würde. Obgleich es ein ruhiger, geſchäfts⸗ mäßiger, wohlanſtändiger, gefaßter Schmerz ſein würde— ſicherlich. Sein Nachdenken über dieſen Gegenſtand wurde bald unter⸗ brochen, zuerſt durch das Rauſchen eines Kleides draußen auf der Treppe, und dann durch das plötzliche Erſcheinen einer Dame, eher über als unter dem mittleren Alter, aber ſehr jugendlich ge⸗ kleidet, vorzüglich was die Knappheit des Leibchens betraf. Sie eilte mit einem in trübſelige Falten gelegten Geſicht auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und ſchluchzte: Lieber Paul! Ein ganzer Dombey! Na, ſagte ihr Bruder— denn Mr. Dombey war ihr Bruder— ich glaube, er hat das Familiengeſicht. Faſſ dich, Luiſe. Ich gebe es zu, es iſt eine Schwäche, ſagte Luiſe, indem 1— ganzer Dombey! Ich hab' in meinem Leben ſo etwas noch 18e) geſehen! A Aber was iſt nur mit Fanny? frug Nr. Dombey. Was macht Fanny? Lieber Paul, erwiederte Luiſe, es iſt gar nichts. Verlaß Dich drauf, es iſt gar nichts. Erſchöpfung iſt freilich vorhanden, aber durchaus nicht zu vergleichen mit dem, was ich mit Georg und Friedrich ausſtehen mußte. Eine Kraftanſtrengung iſt er⸗ forderlich. Das iſt Alles. Wenn Fanny eine Dombey wäre!— Aber ich hoffe, ſie wird ihre Kräfte aufbieten, ich zweifle nicht daß ſie es thun wird. Da ſie weiß, daß es von ihr als eine Pflicht erwartet wird, wird ſie es natürlich thun. Lieber Paul, ich weiß, es iſt eine große Schwäche, ſo am ganzen Leibe zu zittern und zu beben; aber es iſt mir ſo ſonderbar, daß ich dich um ein Glas Wein und um ein Stückchen von dem Kuchen bitten muß. Ich dachte, ich müßte zum Treppenfenſter hinausfallen, als ich von der guten Fanny und dem lieben lieben Tütütütüchen herab⸗ kam. Dieſe letzten unarticulirten⸗Laute verdankten ihren Urſprung einer plötzlichen und lebhaften Erinnerung an den Neugebornen. Sie wurden durch ein leiſes Klopfen an der Thür unter⸗ brochen. 5 Mes. Chick, ſagte eine honigſüße Stimme vor der Thür. Lieber Paul, ſagte Luiſe leiſe, indem ſie aufſtand, es iſt Miß Tox, das beſte Herz von der Welt! Ohne ſie wär' ich nicht bis hierher gekommen! Miß Tox, mein Bruder Mr. Dombey. Lieber Paul, meine vertraute Freundin Miß Tox. Die ſo empfehlend vorgeſtellte Damenmar eine lange dürre —— — 15 Geſtalt von ſo verblichenem Ausſehen, als ob ſie urſprünglich nicht echtgefärbt geweſen, wie es die Ausſchnitter nennen, ſondern nach und nach ausgewaſchen worden wäre. Sonſt aber konnte ſte für ein wahres Muſter von Allerweltsgefälligkeit und Höflich⸗ keit gelten. Eine lange Gewohnheit, Alles, was in ihrer Anwe⸗ ſenheit geſagt wurde, mit Bewunderung anzuhören und die Spre⸗ chenden anzuſehen, als ob ſie ihrer Seele ein Bild ihres Antlitzes einprägen wollte, um es lebenslänglich zu bewahren, hatte ihrem Kopfe eine entſchiedene Neigung auf eine Seite gegeben. Ihre Hände hatten eine krampfhafte Gewohnheit gagenommen, ſich in⸗ ſtinctartig in unwillkürlicher Bewunderaug zu erheben. Ihre Augen litten an einer ähnlichen-Schwäche. Sie hatte die ſanf⸗ teſte Stimme von der⸗Welt, und ihre großartige Adlernaſe hatte eine Warze auf der Mitte, von wo ſie ſich abwärts beugte, wie ein Symbol ihres unerſchütterlichen Entſchluſſes, ſich nie über etwas zu rümpfen. Der Anzug von Miß Tox, obgleich vollkommen gentil und gut, hatte etwas Eckiges und Dürftiges. So trug ſie häufig altmodiſche Blumen auf ihren Hüten und Mützen. Wunderliche Gräſer waren zuweilen in ihrem Haar zu entdecken; und auf⸗ merkſame Beobachter behaupteten mit Grund von allen ihren Kragen, Tüchern, Manſchetten und ähnlichen Sachen, überhaupt von Allem, was ſie am Leibe trug und was zwei Enden hatte, beſtimmt zuſammenzupaſſen, daß die beiden Enden nie auf einem guten Fuße miteinander ſtanden und ohne Sträuben nicht zuſam⸗ menkamen. Sie beſaß Pelzſachen für den Winter, wie Kragen, Boag's und Müffe, denen ſich wüthend die Haare ſträubten und — 16— die nichts weniger als glatt waren. Häufig führte ſie kleine Beutel mit Federſchlöſſern bei ſich, die wie Taſchenpiſtolen knallten, wenn man ſie zudrückte, und in großem Putz trug ſie am Halſe das allerproſaiſcheſte Souvenir, ein altes glanzloſes Auge mit keiner Spur von Leben darin. Dieſe und ähnliche Aeußerlichkeiten hatten viel zur Verbreitung der Meinung beigetragen, daß Miß Tox eine Dame ſei, die ihr beſchränktes Auskommen habe, das ſie aber auf's Beſte zu verwenden wiſſe. Ihr trippelnder Gang beſtärkte die Leute vielleicht noch in dieſem Glauben und gab zu der Vermuthung Aulaß, daß dies Zerſtückeln eines gewöhnlichen Schrittes in zwei oder drei von der Gewohnheit herrühre, Alles auf das genaueſte einzutheilen. Ich bin überzeugt, ſagte Miß Tox uit einer ungeheuren Verbeugung, daß die Ehre Mr. Dombey vorgeſtetetRu werden eine Auszeichnung iſt, die ich ſeit langem erſtrebt, aber in dieſ Augenblick kaum erwartet habe. Liebe Mrs. Chick— darf ſagen Luiſe? Mrs. Chick ergriff Miß Tox's Hand, ſtützte ihr Weingla darauf, drängte eine Thräne zurück und ſagte mit leiſer Stimme: Geſegne es Ihnen Gott! Meine liebe Luiſe, ſagte Miß Tox, theure Freundin, wie befinden Sie ſich jetzt? Beſſer, erwiderte Mrs. Chick. Trinken Sie ein Glas Wein. Sie ſind faſt ſo angegriffen wie ich und bedürfen es, ich bin überzeugt. Mr. Dombey entſprach natürlich dieſer Aufforderung. Miß Tox, Paul, fuhr Mrs. Chick fort, immer noch die — 417— Hand ihrer Freundin haltend, hat in dem Bewußtſein, wie ſehr das heute eingetretene Ereigniß meine Theilnahme in Anſpruch nahm, ein kleines Geſchenk für Fanny verfertigt, welches ich zu übergeben verſprach. Es iſt nur ein einfaches Nadelkiſſen für den Toilettentiſch, Paul, aber ich behaupte und werde behaupten und muß behaupten, daß Miß Tox das Motto der Veranlaſſung ſehr hübſch angepaßt hat. Selbſt ich muß:„Willkommen, kleiner Dombey“ Poeſie nennen. Iſt das die Aufſchriſt? frug ihr Bruder. Das iſt die Aufſchrift, entgegnete Luiſe. Aber erweiſen Sie mir die Gerechtigkeit zu bemerken, ſagte Miß Toyx mit leiſem dringlich bittendem Tone, daß blos— blos — ich weiß kaum, wie ich mich ausdrücken ſoll— die Ungewiß⸗ heit des Ausganges mich hat bewegen können, mir eine ſo große Freiheit herauszunehmen.„Willkommen, Junker Dombey“ hätte meine Gefühle viel beſſer ausgedrückt, das weiß ich. Aber die Ungewißheit der irdiſchen Beſtimmung dieſer Ankömmlinge aus dem Himmel wird, hoffe ich, entſchuldigen, was ſonſt als unver⸗ antwortliche Zudringlichkeit erſcheinen könnte. Nachdem Miß Tox ihre Rede geendet, neigte ſie anmuth⸗ voll ihr Haupt gegen Mr. Dombey, der dieſe Huldigung gnä⸗ diglich annahm. Selbſt die Art Anerkennung von Dombey und Sohn, die in den eben gethanen Aeußerungen lag, that ihm ſo wohl, daß ſeine Schweſter, Mrs. Ehiche⸗ obgleich er ſie immer als eine ſchwache gutherzige Frau betrachtet wiſſen ⸗wollte— vielleicht mehr Einfluß auf ihn hatte als ſonſt Jemand. Boz. Dombey u. Sohn. 2 — 18— Nun, ſagte Mrs. Chick mit holdem Lächeln, jetzt vergebe ich Fanny Alles! Es war ein wahrhaft chriſtlicher Ausſpruch und Mrs. Chick fühlte, daß er ihr wohlthat. Nicht etwa daß ſie ihrer Schwägerin irgend etwas zu vergeben gehabt hätte, ausgenommen daß ſie ihren Bruder geheirathet— an und für ſich ſchon eine beiſpiel⸗ loſe Anmaßung— und im Verlauf der Zeit ein Mädchen ſtatt eines Jungen geboren hatte: was, wie Mrs. Chick nicht ſelten bemerkte, nicht ganz das war, was ſie von ihr erwartet hatte, und kein hübſcher Dank für die Aufmerkſamkeit und Auszeichnung war, die ſie in der Familie gefunden. Mr. Dombey wurde in dieſem Augenbicke eilig hinausge⸗ rufen und die beiden Damen befanden ſich allein im Zimmer⸗ Miß Tor bekam ſofort ihren Krampf. Ich wußte, daß Sie meinen Bruder bewundern würden. Ich ſagte es Ihnen im voraus, Liebe, ſagte Mrs. Chick. Hände und Augen der Miß Tox drückten aus, wie groß ihre Bewunderung war.. Und ſein Reichthum, Liebe! Ach! ſagte Miß Tox mit tiefem Gefühl. Ungeheuer! rief Mrs. Chick mit Emphaſe. Aher ſein Benehmen, meine liebe Luiſe! ſagte Miß Tox. Sein Ausſehen! Sein B 1 Noch in keinem einzigen Portrait habe ich dieſe Eigenſchaften ſo vollkommen ausgeprägt geſehen. Etwas ſo Stattliches, wiſſen Sie; ſo unbeugſam, ſo breit über — — 19— die Bruſt; ſo gerade! Ein Herzog von York der Börſe, Liebe, nichts weniger! ſagte Miß Tox. So würde ich ihn nennen! Lieber Paul! rief die Schweſter aus, als er zurückkehrte, Du biſt ganz blaß! Was giebt es? Ach, Luiſe, ſie ſagen, Fanny— Ich bitte dich, lieber Paul, unterbrach ihn die Schweſter und ſtand auf, glaube es nicht. Wenn du auf meine Erfahrung nur etwas giebſt, Paul, ſo kannſt du überzeugt ſein, daß weiter nichts fehlt, als einige Anſtrengung von Seiten Fanny's. Und dieſe Anſtrengung zu machen, fuhr ſie fort, indem ſie den Hut ablegte und thatbereit die Mütze zurechtſetzte und an den Hand⸗ ſchuhen zupfte, muß ſie ermuthigt und wenn nöthig getrieben werden. Jetzt komm hinauf mit mir, lieber Paul. Mr. Dombey, der, abgerechnet den ſchon erwähnten Einfluß, den ſeine Schweſter auf ihn hatte, wirklich in ihre Erfahrung und Dienſtwilligkeit Vertrauen ſetzte, fügte ſich und folgte ihr in das Krankenzimmer. Die Dame lag auf dem Bette, wie er ſie verlaſſen hatte, ihr Töchterchen an ihrem Herzen ruhend. Das Kind hatte ſich mit derſelben energiſchen Leidenſchaft wie früher dicht an ſie gedrängt, und erhob nie den Kopf, wendete nie die weiche Wange von dem Antlitze der Mutter und hatte keinen Blick für die Um⸗ ſtehenden, kein Wort und keine Thräne. Nicht zu beruhigen ohne das Mädchen, flüſterte der Doctor Dombey zu. Wir hielten es für das beſte, das Kind wieder her⸗ einkommen zu laſſen. — 20— So feierliche Stille herrſchte im Zimmer, und die beiden Aerzte ſchienen die regungsloſe Geſtalt mit ſo vielem Mitleid und ſo wenig Hoffnung zu betrachten, daß Mrs. Chick einen Augenblick in ihrem Vorſatz wankend wurde. Aber ſie fand ſo⸗ gleich wieder Muth oder, wie ſie es nannte, Geiſtesgegen⸗ wart genug, um ſich an das Bett zu ſetzen und mit dem leiſen dringlichen Tone, mit dem man einen Schlafenden zu wecken ſich bemüht, zu ſagen: Fanny! Fanny! Kein Laut antwortete, als das laute Picken von Mr. Dom⸗ bey's Uhr und Dr. Parker Peps Uhr, die in dem allgemeinen Schweigen um die Wette zu laufen ſchienen. Liebe Fanny, fuhr Mrs. Chick mit angenommener Serg. loſigkeit fort, Mr. Dombey iſt da. Willſt du ihn nicht ſprechen? Sie wollen Ihr Kindchen in's Bett legen,— das Kindchen, Fanny; Sie haben ihn ja noch kaum geſehen; aber ſie können es nicht eher thun, als bis Sie munter werden. Meinen Sie nicht, daß es Zeit wäre, ſich ein wenig zu ermuntern? Nun? Sie neigte das Ohr zum Bett und lauſchte: und ſah ſich zu gleicher Zeit nach den Umſtehenden um, und hielt den Finger in die Höhe. Nun? wiederholte ſie, was ſagen Sie, Fanny? Ich ver⸗ ſtand es nicht. Kein Wort, kein Ton. Mr. Dombey's Uhr und des Dr. Parker Peps Uhr ſchienen ſchneller zu rennen. Aber, liebe Fanny, ſagte die Schwägerin, indem ſie ſich zu 12— zu xæ — 21— der Kranken neigte und ihre Stimme gegen ihren Willen angſt⸗ voller und dringender wurde, ich muß wirklich böſe werden, wenn Sie ſich nicht ermuntern. Es iſt eine Nothwendigkeit, daß Sie eine Anſtrengung machen, und vielleicht eine ſehr große und ſchmerzliche Anſtrengung, zu der Sie ſich nicht entſchließen kön⸗ nen; aber dies iſt eine Welt der Anſtrengungen, Fanny, und wir dürfen nie erſchlaffen, wenn ſo viel von uns abhängt. Fanny! Verſuchen Sie es nur! Ich muß Ihnen ſonſt wirklich böſe ſein! Das Wettrennen in der nachfolgenden Pauſe wurde heftiger und wüthender. Die Uhren ſchienen aneinander und ſich um⸗ zurennen. Fanny! ſagte Luiſe, mit wachſender Unruhe um ſich blickend, Sehen Sie mich nur an. Nur einen Blick, um mir zu ſagen, daß Sie mich hören und verſtehen; nun? Mein Gott, was iſt zu thun? Die zwei Aerzte warfen ſich einen Blick zu; und der Doctor beugte ſich über das Bett, und flüſterte dem Kinde etwas zu. Das Mädchen richtete ihr todtenbleiches Geſicht mit den tiefdun⸗ keln Augen in die Höhe, und blickte ihn ſtagend an, behielt aber die Mutter nicht weniger innig umfaßt.. Der Doctor wiederholte ſeine Worte. Mamal ſagte das Kind. Die gewohnte und geliebte Stimme rief ſelbſt jetzt noch einen Funken Bewußtſein zurück. Einen Augenblick lang zitterten die geſchloſſenen Lider und der Schatten eines Lächens flog um die Lippen.— Mama! rief das Kind laut ſchluchzend. O liebe Mama! liebe Mama! Der Doctor ſtrich ſanft die aufgelöſten Locken des Kindes von dem Antlitz der Mutter hinweg. Ach, wie regungslos ſie da lagen; wie wenig Athem vorhanden war, um ſie zu bewegen! Feſtgeklammert an den gebrechlichen Stab in ihren Armen ſchwamm die Mutter hinaus auf das dunkle unbekannte Meer, das um die ganze Welt ſtrömt. Zweites Kapitel. In dem rechtzeitige Vorkehrungen für ein Ereigniß gemacht werden⸗ das auch in den anſtändigſten Familien zuweilen vorkommt. Io werde mir ewig Glück wünſchen, daß ich zu einer Zeit, wo ich noch nicht ahnte, was wir noch erleben ſollten— wahrhaftig als ob es mir Jemand eingegeben hätte— ſagte, ich wollte Fanny Alles vergeben. Was auch geſchehen möge, das wird mir immer ein Troſt ſein! Dieſe erbauliche Bemerkung machte Mrs. Chick im Geſell⸗ ſchaftszimmer, als ſie von den in den obern Zimmern mit der Fami⸗ lientrauer beſchäftigten Schneiderinnen herunterkam. Sie gab ſie Mr. Chick zum Beſten, ihrem Gatten in Geſtalt eines ſtarken, kahlköpfigen Herrn mit einem ſehr breiten Geſicht, der die Hände immer in den Taſchen und eine beſondere Neigung hatte, ſtets zu pfeifen und zu ſummen, eine Neigung, die er in Anbetracht ihrer Unſchicklichkeit in einem Trauerhauſe jetzt mit einiger Mühe im Zaume hielt.. Streng' dich nicht ſo ſehr an, Ischen, ſagte Mr. Chick, ſonſt bekommſt du Krämpfe. Hops bumaraſſaſſa! Mein Gott, ich vergaß! Heute roth, morgen todt! — 24— Mrs. Chick beſchränkte ſich auf einen ſtrafenden Blick, und w fuhr dann in ihrem Vortrage fort.. B Ich bin überzeugt, ſagte ſie, und ich hoffe, daß dieſer ſchmerz⸗ liche Vorfall uns allen eine warnende Aufforderung ſein wird, C uns aufzuraffen, und eine energiſche Anſtrengung zu machen, wenn es von uns verlangt wird. Es liegt in allem eine Lehre, ül wenn wir ſie nur benutzen wollten. Es iſt unſere eigene Schuld, ſe wenn wir dies aus dem Geſicht verlieren.— in Mr. Chick ſtörte das feierliche Schweigen, welches auf dieſe Bemerkung folgte, mit der beſonders unangemeſſenen Melodie von: bl Freut euch des Lebens; unterbrach ſich aber mit einiger Verle⸗ genheit und bemerkte, daß es unzweifelhaft unſere eigene Schuld C 8 wäre, wenn wir an ſo traurigen Vorfällen wie der gegenwärtige w uns nicht ein Beiſpiel nähmen. Was man jedenfalls nicht thut, fuhr Mrs. Chick nach w einer Pauſe fort, wenn man die Polka oder das eben ſo bedeutungs⸗ wie herzloſe rautſchitſchi, vivallerallera vor ſich hin⸗ v ſummt! Und in der That hatte ſich Mr. Chick ganz im Stillen K dieſen Genuß verſchafft, den Mrs. Chick jetzt mit bitterm Spott parodirte.— Bloße Gewohnheit, liebe Frau, wandte Mr. Chick ein. U Unſinn! Gewohnheit! erwiederte ſie. Wenn du ein ver⸗ z1 nünftiger Menſch ſein willſt, ſo mache keine ſo lächerlichen Ent⸗ w ſchuldigungen. Gewohnheit! Wenn ich die Gewohnheit hätte (wie du es nennſt), an der Decke zu laufen, wie die Fliegen, ſo würde des Redens darüber kein Ende ſein. ſt So wahrſcheinlich ſchien es Mr. Chick, daß eine ſolche Ge⸗ 2 —— — 25— wohnheit einige Berühmtheit nach ſich ziehen müſſe, daß er der Behauptung nicht zu widerſtreiten wagte. Was macht das Kind, Ischen? frug Mr. Chick, um dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben.* Welches Kind meinſt du? antwortete Mrs. Chick. Ich bin überzeugt, kein vernünftiger Menſch würde glauben, was ich die⸗ ſen Morgen habe ausſtehen müſſen mit der Heerde kleiner Kinder im Speiſezimmer unten. Heerde Kinder! wiederholte Mr. Chick und ſtarrte ſie ver⸗ blüfft an. Den meiſten Menſchen würde wohl einfallen, ſagte Mrs. Chick, daß, da die arme Fanny todt iſt, für eine Amme geſorgt werden muß. O! Ahl ſagte Mr. Chick. Vival— ſo iſt der Menſch, wollte ich ſagen. Ich hoffe, du biſt verſehen, Liebe. Nein, noch nicht, antwortete Mrs. Chick, und habe auch vor der Hand noch keine Ausſicht dazu. Mittlerweile geht das Kind— Zum Teufel! ſagte Mr. Chick nachdenklich; natürlich. Aber von einem ſtrafenden Blick der Mrs. Chick an die Unſchicklichkeit erinnert, einen Dombey einen ſolchen Weg gehen zu laſſen, und Willens, ſeinen Mißgriff durch eine geiſtreiche Idee wieder gut zu machen, ſagte er: Wäre ein Theekeſſel nicht mit Nutzen anzuwenden? Wenn er beabſichtigte, das Geſpräch über dieſen Gegen⸗ ſtand ein⸗ für allemal abzuſchneiden, ſo hätte er kein beſſeres Mittel ergreifen können. Nachdem Mrs. Chick ihn eine Weile — 26— mit ſtummer Reſignation angeſehen, ging ſie majeſtätiſch nach dem Fenſter und ſah durch die Gaze, aufmerkſam gemacht durch 4 Wagengerolle. Mr. Chick ſchwieg, da er ſah, daß das Schickſal hm diesmal ungünſtig ſei, und eutfernte ſich. Aber ſo ging es Mr. Chick nicht immer. Er behielt oft das Uebergewicht und ließ es dann Luiſen tüchtig entgelten. In ihren kleinen ehelichen Zänkereien waren ſie im Ganzen ein gut zuſammenpaſſendes, Eines dem Andern nichts ſchuldig bleibendes Paar. Es wäre für gewöhnlich keine leichte Sache geweſen auf den Sieger zu wetten. Oft wenn Mr. Chick geſchlagen ſchien, raffte er ſich plötzlich wie⸗ der auf, drehte den Spieß um, ſchlug ihn der Mrs. Chick um die Ohren und warf Alles vor ſich nieder. Da er eben ſo unerwartete Niederlagen von Mrs. Chick fürchten mußte, ſo gab dieſe Unge⸗ wißheit ihren kleinen Streitigkeiten ein ungemein ſpannendes Intereſſe. Miß Tox war in dem ebenerwähnten Wagen angelangt und ſtürzte jetzt athemlos in's Zimmer. Liebe Luiſe, frug Miß Tox, iſt die Stelle noch unbeſetzt? Ja, gute Seele, ja wohl, ſagte Mrs. Chick. Dann, liebe Luiſe, erwiderte Miß Tox, hoffe und glaube ich— doch im Augenblick will ich die Perſon heraufbringen. Darauf lief ſie die Treppe ſo ſchnell hinab, wie ſie herauf⸗ gekommen, holte die Perſon aus dem Fiaker und geleitete ſie herauf. Merkwürdigerweiſe ſchien Miß Tox, vom allgemeinen Brauch ganz und gar abgehend, unter Perſon ein Sammelwort zu ver⸗ ſtehen: denn ſie brachte eine runde, dick⸗ und rothbäckige Frau ————— ———, — er⸗ — 27— mit einem Säugling auf den Armen; eine jüngere Frau, nicht ſo rund, aber eben ſo dick⸗ und rothbäckig, mit einem runden, dickbäckigen Kinde an jeder Hand; einen andern runden und dick⸗ bäckigen Knaben, der allein ging; und endlich einen runden, rothbäckigen Mann, der auf dem Arme noch einen runden und rothbäckigen Knaben trug, den er auf den Fußboden niederſetzte und mit einem heiſern Flüſtern ermahnte:„ſich an ſein Brüder⸗ chen Johnny anzuhalten. Meine liebe Luiſe, ſagte Miß Tox, da ich wußte, wie große Sorge Sie ſich machten, und ſehr wünſchte, Sie davon zu be⸗ freien, fuhr ich ſelber nach der Königin Charlotte königlicher Ent⸗ bindungsanſtalt für Verheirathete, die Sie vergeſſen hatten, und ſtellte die Frage, ob ein paſſendes Subject vorhanden ſei? Nein, ſagten ſie. Als ſie mir dieſe Antwort gaben, ich verſichere es Ih⸗ nen, Liebe, war ich Ihretwegen der Verzweiflung nahe. Aber eine der Königlichen Verheiratheten hörte zufällig meine Frage und erinnerte die Vorſteherin an eine andere, die ſich nach Hauſe hatte bringen laſſen und die wahrſcheinlich paſſen würde. So wie ich dies hörte und von der Vorſteherin beſtätigt fand— vortreffliche Empfehlung und tadelloſer Charakter— ließ ich mir die Adreſſe geben und fuhr weiter. Ganz meine liebe gute Tox! ſagte Luiſe gerührt. O ich bitte Sie, ſagte Miß Tox abwehrend. Im Hauſe angekommen(ſo reinlich, Liebe, wie es nur denkbar iſt! man könnte auf der Diele ungeſcheut eſſen) fand ich die ganze Familie bei Tiſch ſitzen; und da ich fühlte, daß kein Bericht in Worten ſo beruhigend für Sie und Mr. Dombey ſein könnte, als ihr Anblick, ſo brachte ich ſie alleſammt hierher. Dieſer Herr, ſagte Miß Tox, indem ſie auf den rothbäckigen Mann wies, iſt der, Vater. Wollen Sie ſo gut ſein und ein wenig vortreten, Sir? Der rothbäckige Mann entſprach verlegen und linkiſch die⸗ ſem Wunſche und ſtand jetzt in der Vorderreihe grinſend und die weißen Zähne zeigend. Dies iſt ſeine Frau, verſteht ſich, ſagte Miß Tox und wies auf die junge Frau mit dem Säugling. Wie geht es, Polly? Ich danke Ihnen, ziemlich gut, ſagte Polly. Voll Gewandtheit hatt Miß Tox die Frage wie herablaſ⸗ fend gegen eine alte Bekanntſchaft gethan, die ſie ein paar Wo⸗ chen lang nicht geſehen. Das freut mich, ſagte Miß Tox. Das andere junge Frauen⸗ zimmer iſt ihre unverheirathete Schweſter, die bei ihnen wohnt und die Kinder unter ihre Obhut nehmen wird. Sie heißt Je⸗ mima. Wie geht's, Jemima? Ich danke Ihnen, ziemlich gut, erwiderte Jemima. Freut mich ſehr, ſagte Miß Tox. Ich hoffe, Sie bleiben dabei. Fünf Kinder. Jüngſtes ſechs Wochen. Der hübſche Junge mit dem Schorf auf der Naſe iſt das älteſte. Der Schorf, ſagte Miß Tox und ſah die Familie an, iſt hoffentlich nicht in der Fa⸗ milie, ſondern rein zufällig? Der rothbäckige Mann brummte, Platte. Ich bitte um Verzeihung, Sir, ſagte Miß Tox, was ſag⸗ ten Sie? Platte, wiederholte er Ach ja, ſagte Miß Tox. Ja! ganz recht. Ich vergaß. hinſichtlich ihrer Kinder, ihres Trauſcheins, ihrer Zeugniſſe und — 29— Das Kind roch in Abweſenheit der Mutter an einem warmen Platteiſen. Sie haben ganz recht, Sir. Als wir an der Thür ankamen, wollten Sie mir eben ſagen, daß Sie von Gewerbe ein— ein— Feuermann, ſagte der Mann. Feuriger Mann! ſagte Miß Tox ganz verblüfft. Feuermann, wiederholte der Mann. Dampfmaſchine. Ach! Ja! erwiderte Miß Tox und ſah ihn gedankenvoll an, denn ſie ſchien immer noch einen ſehr dunkeln Begriff von ſeinem Gewerbe zu haben. Und es gefällt Ihnen? Was, Ma'am? ſagte der Mann. Das, entgegnete Miß Tox, Ihr Geſchäft. O! ganz gut, Ma'am. Die Aſchen thut Einem manchmal hier hineinkommen— indem er auf ſeine Bruſt wies— und macht unſereinen ſprechen, wie jetzt. Aber's Aſchen, Maam, nicht Heiſcherkeet. Miß Toy ſchien dieſe Antwort ſo wenig zu verſtehen, daß es ihr ſchwer wurde, das Geſpräch fortzuſetzen. Aber Mrs. Chick kam ihr zu Hilfe, indem ſie eine genaue Prüfung Polly's ähnlicher Sachen begann. Da Polly unverſehrt aus dieſer Prüfung hervorging, zog ſich Mrs. Chick mit ihrem Bericht auf ihres Bruders Zimmer zurück und nahm als beſte Bekräftigung und Illuſtration deſſelben die beiden rothbäckigſten kleinen Tood⸗ les mit. Denn Toodle war der Familienname der rothbäckigen Familie.. Mr. Dombey war ſeit ſeiner Frau Tode auf ſeinem Zim⸗ — 90— mer geblieben, verſunken in Viſionen über die Jugend, Erziehung und Beſtimmung ſeines neugebornen Sohnes. Ein Etwas lag auf dem Grunde ſeines kalten Herzens, laſtender und eiſiger als ſeine gewöhnliche Bürde; aber es war mehr eine Empfindung von ſeines Kindes Verluſt als von ſeinem eigenen, und weckte einen faſt grollenden Schmerz in ihm. Daß das Leben und Gedeihen, auf das er ſolche Hoffnungen baute, gleich vom Anfang an durch einen ſo gemeinen Mangel gefährdet werden ſollte; daß Dombey und Sohn wanken ſolle einer Amme wegen, war eine arge Demüthi⸗ gung. Und doch war es ihm in ſeinem Stolze ein ſo bitterer Ge⸗ danke, ſchon bei dem erſten Schritt, den er zur Erfüllung ſeines Herzenswunſches that, von einer gemietheten Perſon abhängig zu ſein, die ſo lange ganz das ſein würde, wozu die Verbindung mit ihm ſeine Gattin gemacht, daß er bei jeder neuen Abweiſung eines Candidaten eine Art Befriedigung fühlte. Der Zeitpunkt war aber jetzt endlich gekommen, wo er zwiſchen dieſen beiden Rich⸗ tungen ſeiner Gefühle wählen mußte. Um ſo mehr, als an Polly Toodle nach allem, was ſeine Schweſter mit vielen Lobpreiſungen der unermüdlichen Freundſchaft der Miß Tox untermiſcht erzählt hatte, durchaus nichts auszuſetzen war. Die Kinder ſehen geſund aus, ſagte Mr. Dombey. Aber der bloße Gedanke, daß ſie einmal eine Art Verwandtſchaft mit Paul beanſpruchen könnten! Geh fort mit ihnen, Tuſet Hol mir die Frau und ihren Mann. Mes. Chick trug die zarten Sprößlinge der Toodle⸗ ſchen Familie hinaus und kehrte bald darauf mit dem zäheren Stamm in Geſtalt der beiden Gatten zurück. 4 Ar M un len erſ ung lag als“ von faſt auf nen und thi⸗ Ge⸗ nes zu mit ung inkt ich⸗ lly gen ihlt ber mit vol' hen um — 31— Liebe Frau, ſagte Mr. Dombey, indem er ſich in ſeinem Armſtuhl herumdrehte, wie aus einem Stück, und nicht wie ein Mann mit Gliedern und Gelenken, ich höre, daß Sie arm ſind und Geld zu verdienen wünſchen, indem Sie meinen Sohn ſtil⸗ len, der ſo zur Unzeit einer Pflege beraubt worden iſt, die nie erſetzt werden kann. Ich habe nichts dagegen, daß Sie auf dieſe Weiſe die Lage Ihrer Familie erleichtern. So weit ich urtheilen kann, ſcheinen Sie mir eine der Unterſtützung würdige Perſon zu ſein. Aber ich muß Ihnen eine oder zwei Bedingungen ſtellen, ehe Sie in mein Haus aufgenommen werden können. So lange Sie hier ſind, dürfen Sie erſtens unter keinem andern Namen be⸗ kannt ſein, als etwa Richards, einem gewöhnlichen und paſſenden Namen. Haben Sie irgend eine Einwendung gegen den Namen Richards? Es wäre wohl beſſer, Sie zögen Ihren Mann darüber zu Rathe. Da der Mann blos grinſte und mit der rechten Hand ſich über den Mund wiſchte, ſo machte Mrs. Toodle, nachdem ſie ihn zwei oder dreimal geſtoßen hatte, einen Knix und ſagte: daß es hoffentlich bei dem Lohne berückſichtigt werden würde, wenn ſie einen andern Namen annähme. Ei natürlich, ſagte Mr. Dombey. Ich wünſche es ganz und gar zu einer Frage des Lohnes zu machen. Alſo, Richards, wenn Sie die arme Waiſe ſtillen, ſo wollen Sie das nie aus dem Auge verlieren, Sie werden einen reichlichen Lohn als Ent⸗ gelt für die Verrichtung gewiſſer Dienſte erhalten, bei deren Er⸗ füllung ich wünſche, daß Sie Ihre Familie ſo wenig als möglich ſehen. Wenn dieſe Dienſte aufhören gewünſcht zu werden und — 2à22— der Lohn nicht mehr bezahlt wird, ſo hört jede Verbindung lã zwiſchen uns auf. Verſtehen Sie mich? nt Mrs. Toodle ſchien noch zu ſchwanken, und Toodle ſelbſt w zweifelte offenbar nicht im Geringſten daran, daß er den Spre⸗ ſo chenden ganz und gar nicht verſtehe. M Sie haben ſelbſt Kinder, fuhr Mr. Dombey fort. Es iſt nw durchaus nicht mit in unſerm Contract begriffen, daß Sie mein gl Kind lieb gewinnen ſollen oder daß mein Kind eine Neigung er zu Ihnen faſſe. Ich erwarte und wünſche nichts der Art. Ganz das Gegentheil. Wenn Sie dies Haus wieder verlaſſen, ſo be⸗ endigen Sie damit ein Verhältniß, das eine reine Sache des Kaufs und Verkaufs, des Miethens und Vermiethens war, und ern werden nie wieder hierher kommen. Das Kind wird aufhören an Sie zu denken, und Sie werden aufhören an das Kind w zu denken. Mrs. Toodle, die Wangen etwas dunkler Tüzend als vorher, ſagte: Sie hoffe, ſie kenne ihre Stellung. Ich hoffe es, Richards, ſagte Mr. Dombey. 35 zweife nicht, daß Sie ſie ſehr gut kennen. Es iſt in der That ſo klar und einfach, daß es kaum anders ſein kann. Liebe Luiſe, du wirſt die Sache mit Richards hinſichtlich des Geldes in Ordnung bringen und es ihr bewilligen, wenn und wie ſie will. Herr Dings da, ein Wort mit Ihnen, wenn’s gefällig iſt! mi So auf der Schwelle aufgehalten, als er ſeiner Frau aus dem Zimmer folgen wollte, kehrte Toodle wieder um und ſtand dr jetzt Mr. Dombey allein gegenüber. Er war ein kräftiger, ſtatt⸗ licher, breitſchultriger, linkiſcher Burſche, dem die Kleider nach⸗ dung ſelbſt Spre⸗ s iſt mein gung Hanz be⸗ des und bören Kind als veifle klar , du nung Herr aus tand ſtatt⸗ nach⸗ — 33— läſſig auf dem Leibe ſaßen; mit dichtem Haar und vollem Bart, noch dunkler als von Natur durch Kohlenſtaub und Rauch ge⸗ worden; harten, groben Händen und einer breiten viereckigen Stirn, ſo rauh wie Eichenrinde. In Allem ein vollkommener Gegenſatz zu Mr. Dombey, der einer von jenen glattgeſchorenen Geldherren war, die ſo ſchmuck und friſch ſind wie eine Banknote und die gleichſam durch die kräftigende Einwirkung goldner Staubbäder erquickt und geſtärkt zu ſein ſcheinen. Sie haben einen Sohn, glaube ich, frug Mr. Dombey. Vier, Herr. Vier Ers und eene Sie, Alle am Leben. Was, dann muß es Ihnen ja ſchwer werden, ſie Alle zu ernähren! ſagte Mr. Dombey. Nur een allereinzigt Ding würd' mir ſchwerer werden, Herr, war die Antwort. Was denn? Sie zu verlieren. Können Sie leſen? frug Mr. Dombey. Nu, nich abſunderlich. Schreiben? Mit Kreide? Mit irgend etwas, meine ich. Ich glaube mit Kreide könnt' ich e Biſſel ſchreiben, wenn mir's gezeigt würd', ſagte Toodle nach einigem Nachdenken. Und doch, ſagte Mr. Dombey, ſind Sie zwei oder drei und dreißig Jahr alt? 's können ſo viel ſein, ſagte Toodle nach längerem Be⸗ ſinnen. Boz. Dombey u. Sohn. 3 — 34— Nun, warum lernen Sie's da nicht? frug Mr. Dombey. Das will ich eben, Sir. Einer von meinen Buben will mir's lernen, wenn er alt genug und ſelbſten in der Schul⸗ ge⸗ weſen iſt. Nun gut! ſagte Mr. Dombey, nachdem er ihn aufmerkſam und nicht ſehr freundlich augeſehen hatte, wie er daſtand und ſeine Blicke im Zimmer umherſchweifen ließ(hauptſächlich an der Decke) und beſtändig mit der Hand über den Mund fuhr. Sie hörten alſo, was ich eben zu Ihrer Frau ſagte? Polly hat's gehört, ſagte Toodle und wies mit einer Miene vollkommenen Vertrauens in ſeine andere Hälfte mit dem Hut über die Schulter auf die Thür zu. Alles in Ordnung. Da Sie Alles ihr zu überlaſſen ſcheinen, ſagte Mr. Dom⸗ bey, deſſen Plan, ſeine Anſichten dem Manne als dem ſtärkeren Charakter noch deutlicher einzuprägen, ſo vereitelt wurde, wird es wohl unnütz ſein, Ihnen etwas zu ſagen. 4 Gewiß, gewiß, ſagte Toodle, Polly hat Alles gehört. Die vergißt's nich. Nun, ſo will ich Sie nicht länger aufhalten, erwiderte Mr. Dombey getäuſcht. Wo haben Sie Ihr Leben lang gearbeitet? Meiſtens unter der Erd, bis ich heirathete. Da kam ich wieder rauf. Ich werd' auf einer der Eiſenbahnen hier fahren, wenn ſie ganz im Gang ſind. Wie der letzte Strohhalm des beladenen Kameels Rücken zer⸗ bricht, ſo zermalmten auch dieſe Worte vollends den gebeugten Geiſt Mr. Dombey'. Er winkte dem Vater der Amme ſeines Kindes zu gehen, was dieſer keineswegs ungern that; dann ſchloß er die — — dom⸗ keren wird — — 35 Thür ab und ſchritt in bekümmerter Verlaſſenheit im Zimmer auf und ab. Aller ſeiner ſteifleinenen, unwandelbaren Würde und Faſſung zum Trotz wiſchte er heiße Thränen aus den Au⸗ gen und rief mit einem Seufzer, den er um die Welt niemand hätte mögen hören laſſen: Armer Kleiner! Es mag als Charakterzug von Mr. Dombey's Stolz die⸗ nen, daß er ſich erſt mittelbar durch das Kind beklagte. Nicht: ich Armer. Nicht: armer Wittwer, der gezwungen iſt, der Frau eines unwiſſenden Klotzes zu trauen, der faſt ſein ganzes Leben lang „unter der Erde“ gearbeitet hat, und an deſſen Thür dennoch der Tod noch nicht geklopft und an deſſen dürftigem Tiſche vier Söhne täglich ſitzen— ſondern: armer Kleiner! Wie dieſe Worte über ſeine Lippen glitten, da fiel ihm ein— und es iſt ein Beiſpiel von der energiſchen Richtung, die alle ſeine Hoffnungen und Befürchtungen, all ſein Denken und Thun auf dieſen einen Punkt hin nahmen— daß man dieſe Frau einer großen Verſuchung ausſetze. Auch ihr Kind war ein Knabe. Wäre ſie wohl im Stande, die beiden Kinder zu ver⸗ tauſchen? B Obgleich er dieſe Idee ſogleich wieder als romanhaft und unwahrſcheinlich— obgleich denkbar, es ließ ſich nicht leugnen— verworfen, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten, ſie ſo weit zu verfolgen, daß er ſich ſeine Lage vormalte, wenn er in ſeinem Alter einen ſolchen Betrug entdeckte. Ob er dann in ſeiner Lage die Frucht von ſo vielen Jahren der Gewöhnung, des Vertrauens und des Glaubens dem Betrüger entreißen und auf einen Andern übertragen könnte? * 3* 8 — 36— Als ſeine ungewöhnliche Aufregung nachließ, verſchwanden allmählich auch dieſe ſchwarzen Träume, obgleich ſo viel von ih⸗ nen zurückblieb, daß er den feſten Entſchluß faßte, Richards ge⸗ nau aber unbemerkt zu beaufſichtigen. Denn da er jetzt ruhiger geworden war, erſchien ihm die Lebensſtellung der Frau eher als ein günſtiger Umſtand, da dadurch ſchon an und für ſich eine weite Kluft zwiſchen ſie und das Kind trat und ihre Trennung leicht und natürlich wurde. Unterdeſſen wurden die nöthigen Bedingungen zwiſchen Mrs. Chick und Richards unter Beiſtand der Miß Toyx entwor⸗ fen und abgeſchloſſen; und nachdem Richards mit großer Feier⸗ lichkeit der kleine Dombey übergeben worden, als ob es ein Orden wäre, überließ ſie die eigenen Kinder mit vielen Thränen und Küſſen ihrer Schweſter Jemima. Dann wurden ein paar Fläſer Wein gebracht, um die niedergeſchlagenen Gemüther der Familie wieder aufzurichten. Sie trinken doch auch ein Glas, nicht wahr? ſagte Miß Tox, als Toodle erſchien. Danke ſchön, Ma'am, da Sie ſo gütig ſein, mir's anzu⸗ bieten— Und Sie freuen ſich ſehr, Ihre liebe Frau ſo gut unter⸗ gebracht zu wiſſen, nicht wahr? ſagte Miß Tox, und gab ihm einen verſtohlenen Wink. Ne, Ma'am. Nähm ſie lieber wieder mit, war die Antwort Toodle's. Darüber weinte Polly mehr als je, worauf ſich Mrs. Chick, die ihre Befürchtungen hatte, daß dieſe ſchmerzlichen Erſchüt⸗ — 35— terungen dem kleinen Dombey ſchaden könnten(reine Säure, flüſterte ſie Miß Tox zu), entſchloß, ihrer Freundin zu Hülfe zu kommen. Ihr Kleines wird ſich vortrefflich befinden bei Ihrer Schwe⸗ ſter Jemima, Richards, ſagte Mrs. Chick; und Sie brauchen ſich nur ein wenig Gewalt anzuthun— es iſt auf dieſer Welt einmal nicht anders, Richards— um ſehr glücklich zu ſein. Hat man Ihnen ſchon zur Trauer Maß genommen, Richards? Ja, ja, Maam, ſchluchzte Polly. Und ſie wird Ihnen vortrefflich ſitzen, ſagte Mrs. Chick; ich weiß das, denn das Mädchen hat mir ſchon viele Kleider ge⸗ macht. Und vom beſten Stoff noch dazu! Gott, Sie werden ſich ſo fein ausnehmen, ſagte Miß Tox, daß Ihr Mann Sie gar nicht kennen wird; nicht wahr, Sir? Ich würd' ſie immer und überall kennen, erwiderte Toodle barſch. Toodle war offenbar nicht zu gewinnen. Und was das Eſſen betrifft, Richards, fuhr Mrs. Chick fort, ſo ſteht Ihnen immer das allerbeſte zu Gebote. Sie be⸗ ſtellen ſich jeden Tag Ihr Mittagseſſen ſelbſt; und Alles, wo⸗ nach Sie Appetit bekommen, wird Ihnen gewiß ſo bereitwillig geſchafft werden, als ob Sie eine vornehme Dame wären. Ja, gewiß! ſagte Miß Tox, mit großer Gewandtheit in den Wechſelgeſang einſtimmend. Und Porter!— ganz unbe⸗ ſchränkt, nicht wahr, Luiſe? O gewiß! erwiderte Mrs. Chick in demſelben Tone. Nur mit ein wenig Enthaltſamkeit hinſichtlich der Gemüſe. ͤͤͤſſſſſſ — 38.— Und vielleicht der Pickles, ſchaltete Miß Tox ein. Al Mit ſolchen Ausnahmen, ſagte Luiſe, kann ſie ganz ih F rer eigenen Wahl folgen, Liebe, und braucht ſich gar nicht zu 3 geniren. 5 Und dann, ſagte Miß Tox, ſo lieb ſie auch ihr eignes liebes S Kindchen haben mag— und gewiß, Luiſe, werden Sie ſie nicht Fi tadeln, daß ſie ihr Kind liebt? ſp O nein! rief Mrs. Chick huldvoll. da Muß ſie doch, fuhr Miß Tox fort, natürlich für ihren§ jungen Pflegling Theilnahme fühlen und es als einen ſchönen T. Vorzug betrachten, einen kleinen Engel, der in naher Verbin⸗ en dung mit den höhern Klaſſen ſteht, nach und nach an einer ge⸗ meinſchaftlichen Quelle emporblühen zu ſehen. Nicht wahr, Luiſe? O, ganz ſicherlich! ſagte Mrs. Chick. Du ſiehſt, Liebe, ſie iſt ſchon ganz zufrieden und beruhigt, und will von ihrer Schwe⸗ ſter Jemima und ihren kleinen Engeln und ihrem guten, ehrlichen Manne Abſchied nehmen mit leichtem Herzen und lächelndem Ge⸗ ſicht, nicht wahr, Liebe? O gewiß! ſagte Miß Tox. Ganz gewiß! 4 Trotzdem aber umarmte die arme Polly alle nach der Reihe mit großem Jammern und eilte zuletzt hinaus, um dem Abſchiednehmen von ihren Kindern auf einmal ein Ende zu machen. Aber dieſe Liſt gelang kaum ſo gut, als ſie verdiente; denn der zweite Knabe von unten auf wollte ihr ſogleich auf Händen und Füßen die Treppe hinauf nachfolgen, während der älteſte, um ſeinem Schmerz einen Ausdruck zu geben, mit den — 39— Abſätzen ſeiner Stiefeln einen hölliſchen Trauermarſch auf dem Fußboden trommelte, worin ihm die übrige Familie nachahmte. Eine Anzahl Apfelſinen und Halfpence, mit denen man die Hände jedes jungen Toodle vollſtopfte, ſtillte dieſen erſten Sturm ihres Schmerzes und die Familie wurde mit Hülfe des Fiakers, der gewartet hatte, eiligſt nach ihrer Wohnung zurück⸗ ſpedirt. Die Kinder unter Jemima's Obhut drängten ſich an das Kutſchenfenſter und beſäeten den Weg mit Apfelſinen und Halfpence. Mr. Toodle dagegen wählte den Platz auf dem Tritte hinten, als denjenigen, der ſeinen Gewohnheiten am beſten entſprach.— Drittes Kapitel. In welchem der Leſer Mr. Dombey als Menſch und Vater an der Spitze des Departements der innern Angelegenheiten ſieht. Nadem das Leichenbegängniß der verſtorbenen Dame zur vollkommenen Zufriedenheit des Leichenbeſtatters und der Nach⸗ barſchaft, die gewöhnlich in ſolchen Sachen ſehr tadelſüchtig und geneigt iſt, jede Lücke in ſolchen Feierlichkeiten als eine Vernach⸗ läſſigung ihrer ſelbſt übelzunehmen, gefeiert worden, begann all⸗ mählich Alles im Dombey'ſchen Hauſe wieder ſeinen altgewohnten Weg zu gehen. Dieſe kleine Welt, wie die große draußen, hatte die Schwäche, ihre Todten bald zu vergeſſen; und als die Köchin geſagt hatte, ſie ſei eine ſanfte Frau geweſen, und die Schlie⸗ ßerin, es ſei allgemeines Menſchenloos, und der Tafeldecker: * 4 — 41— wer hätte das gedacht? und das Hausmädchen, ſie könne es kaum glauben, und der Bediente, es käme ihm wie ein Traum vor, da galt ihnen die Sache für mehr als abgethan und ihre Trauer⸗ kleider kamen ihnen auch ſchon verſchoſſen vor. Für Richards, die in den obern Zimmern in einer Art an⸗ ſtändiger Haft gehalten wurde, ſchien der Morgen ihres neuen Lebens kalt und grau anzubrechen. Mr. Dombey’s Haus war ein großes Gebäude auf der Schattenſeite einer hochaufgethürm⸗ ten, dunkeln, entſetzlich anſtändigen Straße in der Gegend zwiſchen Bryanſtone Square und Portlandplatz. Es war ein Eckhaus mit großen geräumigen Halbkellergeſchoſſen, auf die ver⸗ gitterte Fenſter grimmig hinabſahen. Es war ein ungemüthlich ſtolzes Gebäude mit einer halbkreisrunden Rückſeite, wo eine ganze Neihe Geſellſchaftszimmer mit den Fenſtern auf einen kleinen, mit gelbem Sand beſtreuten Hof hinabſah, wo zwei armſelige Bäume mit geſchwärzten Stämmen und Aeſten mehr klapperten als rauſchten, ſo dürrgeräuchert waren ihre Blätter. Nie ſchien die Sommerſonne in die Straße, ausgenommen ganz früh um die Frühſtückszeit, wo ſie mit dem Waſſerkarren und dem Kleiderjuden und den Leuten mit dem Geranium und dem Regenſchirmflicker kam. Bald verſchwand ſie wieder, um für dieſen Tag nicht wiederzukehren, und da die Muſikanten und Hanswurſttheater ihr nachzogen, ſo fiel der Hof den klaͤglichſten aller Drehorgeln und den weißen Mäuſen zum Raub, nur daß dann und wann zur Abwechſelung ein Stachelſchwein ſich ein⸗ fand, bis die Haushofmeiſter, deren Herrſchaften außer dem Hauſe peeiſten, um die Dämmerungszeit in die Hausthüren tra⸗ — 14125— ten und der Laternenmann ſeinen ſtets wiederholten aber vergeb⸗ lichen Ver machte, der Straße mit ſeinem Gas ein heiteres Anſehen zu geben. Das Haus war inwendig ſo kahl wie auswendig. Als das Leichenbegängniß vorüber war, ließ Mr. Dombey die Meubles ein⸗ packen— vielleicht um ſie für den Sohn, auf den ſich alle ſeine ne bezogen, aufzuheben, und alle Zimmer, außer die par⸗ terre, die er für ſich ſelbſt behielt, ihres Schmuckes entkleiden. So wurden denn räthſelhafte Geſtalten aus Tiſchen und Stühlen, die in großen vnſe in der Mitte der Zimmer ſtanden, mit 2 großen Todtenlaken zugedeckt. Klingelzüge, Fenſterblenden und Spiegel, in tägliche und wöchentliche Zeitungen eingepackt, er⸗ ſchreckten das Auge mit fragmentariſchen Nachrichten von Todes⸗ fällen und ſchrecklichen Mordthaten. Jeder veuen oder Lüſtre, in Leinwand eingehüllt, ſah aus wie eine an dem luge der Decke hängende Rieſenthräne. Düfte wie aus feuchten Grüften kamen aus den Kaminen. Die geſtorbene und begrabene Dame ſah unheimlich herab aus einem Rahmen von ſchauerlichen Laken. Jeder Windſtoß wirbelte um die Ecke ein Paar Halme des Strohs herbei, mit dem während ihrer Krankheit die Straße vor dem Hauſe belegt geweſen und von dem immer noch ver⸗ rottete Ueberreſte in der Nachbarſchaft über hingen, und dieſe, von einer geheimen Kraft gezogen, ſammelten ſich immer auf der Schwelle des leerſtehenden Hauſes gerade gegenüber und ſprachen mit trübſeliger Beredſamkeit zu Mr. Dombey's Fenſtern. Die Zimmer, die Mr. Dombey zu ſeiner eigenen Wohnung 3 kle — 43— benutzte, waren aus der Halle zugänglich und beſtanden aus einem Wohnzimmer; einer Bibliothek, die aber eigentlich ein An⸗ kleidezimmer war, ſo daß der Geruch von heißgepreßtem Papier, Velin, Saffian und Juchten mit dem Geruche von verſchiede⸗ nen Stiefelpaaren kämpfte; und einer Art Converſatorium oder Frühſtückszimmer mit gläſernem Dache als Ausbau, welches eine Ausſicht auf die oben erwähnten Bäume und gewöhnlich auf ein paar herumſchleichende Katzen darbot. Dieſe drei Zimmer ſtanden mit einander in Verbindung. Morgens, wenn Mr. Dombey in einem der zwei erſtgenannten Zimmer frühſtückte, oder Nachmittags, wenn er zum Eſſen nach Hauſe kam, wurde Richards von einer Klingel in das Glaszimmer gerufen, um dort mit ihrem jungen Pflegling auf und ab zu gehen. Nach dem Wenigen, was ſie bei dieſer Gelegenheit von Mr. Dombey ſah, wie er im dunkeln Hintergrunde mitten unter dem dunkeln ſchwerfälligen Hausrath— das Haus war viele Jahre lang von ſeinem Vater bewohnt geweſen und in vieler Hinſicht altmodiſch und ungemüthlich ausgeſtattet— ſaß und nach dem Kinde hin⸗ blickte, kam er ihr nach und nach vor wie ein einſamer Gefan⸗ gener in ſeiner Zelle, oder eine ſeltſame fremdartige Erſcheinung, die man nicht anreden dürfe. Ein ſolches Leben hatte des kleinen Paul Dombey’s Amme einige Wochen ſchon geführt, und war eines Tags nach einem unerquicklichen Spaziergange durch die öden Staatszimmer wieder herauf gegangen— ſie ging nie ohne Mrs. Chick aus, die bei ſchönem Morgenwetter gewöhnlich in Begleitung von Miß Tox kam, um die Amme und das Kind zu einem Spaziergang abzu⸗ — 122— holen— oder mit andern Worten, mit ihnen feierlich wie ein Leichenzug auf dem Trottoir auf und ab zugehen— als die Thür ihrer Stube, wo ſie ſaß, langſam und leiſe geöffnet wurde und ein kleines ſchwarzäugiges Mädchen hereinſah. Gewiß Miß Florentinchen, die von ihrer Tante nach Hauſe kommt, dachte Richards, die das Kind nie vorher geſehen hatte. Ich hoffe, Sie befinden ſich wohl, Miß? Iſt das mein Bruder? frug das Kind und wies auf den Säugling. Ja, mein Engel, antwortete Richards. Komm her und gieb dem Brüderchen einen Kuß. Aber das Kind, anſtatt näher zu treten, ſah ſie feſt an und ſagte: Was haben Sie mit Mama gemacht? Gott behüte mich! rief Richards, was für eine wunderliche Frage! Ich gethan? Nichts, Miß. Was haben ſie mit Mama gemacht? frug das Kind. Hab' mein Lebtag nichts ſo Herzbrechendes geſehen! ſagte Richards, die natürlich ſich eins ihrer Kinder, das in ähnlicher Lage nach ihr fragte, an Florentinens Stelle dachte. Kommen Sie näher, liebe Miß! Fürchten Sie ſich nicht vor mir. Ich fürchte mich nicht vor Ihnen, ſagte das Kind und trat näher. Aber ich will wiſſen, was ſie mit Mama gemacht haben. ſ ſt an iche gte her nen ind icht — 45 Liebes Kind, antwortete Richards, du trägſt das hübſche ſchwarze Kleidchen zur Erinnerung an Mama. Ich kann mich in jedem Kleid an Mama erinnern, ſagte das Kind und Thränen traten ihm in die Augen. Aber die Leute kleiden ſich in Schwarz zur Erinnerung an ſolche, die dahin ſind, fuhr die Amme fort. Wohin? frug das Kind. Komm her und ſetz' dich zu mir, ſagte Richards, und ich will dir eine Geſchichte erzählen. Mit dem inſtinctmäßigen Gefühle, daß dieſe Geſchichte ihre Frage beantworten ſolle, legte Florentinchen ihren Hut weg, den ſie bis jetzt in der Hand gehalten, ſetzte ſich auf einen Stuhl zu Füßen der Amme und ſah hinauf zu ihr. Es war einmal, ſagte Richards, eine Dame— eine ſehr gute Dame und ihre kleine Tochter liebte ſie ſehr. Eine ſehr gute Dame und ihre Tochter liebte ſie ſehr, wie⸗ derholte das Kind. Die, als Gott glaubte, die Zeit ſei gekommen, krank ward und ſtarb. Das Kind ſchauerte zuſammen. Starb, um von Niemanden auf Erden wieder erblickt zu werden, und ſie wurde begraben in die Erde, wo die Bäume wachſen. In die kalte Erde, ſagte das Kind ſchauernd. — 46— Nein! in die warme Erde, erwiederte Polly, die günſtige Gelegenheit ſchnell erfaſſend, wo die häßlichen kleinen Samen, zu ſchönen Blumen und Gras und Korn und wer weiß zu was ſonſt noch werden. Wo gute Menſchen zu ſchönen Engeln werden und hinauf zum Himmel fliegen! Das Kind, das den Kopf hatte ſinken laſſen, erhob ihn wieder und ſah ſie aufmerkſam an. Nun weiter, ſagte Polly, nicht wenig in Verlegenheit ge⸗ bracht durch dieſen ernſthaft geſpannten Blick, ihren Wunſch das Kind zu tröſten, das plötzliche Gelingen und das geringe Selbſt⸗ vertrauen in ihre Kraft. Als daher die Dame ſtarb, ſo kam ſie, wohin ſie ſie auch immer getragen haben, zu Gott! und ſie flehte zu ihm, die gute Dame, ſagte Polly, über alle Maßen ge⸗ rührt— denn ſie ſprach in vollem Ernſte— ihrer Tochter zu leh⸗ ren, dies feſt in ihrem Herzen zu glauben, zu glauben, daß ſie dort glücklich ſei und immer noch ihrer gedenke, und zu hoffen und zu ſtreben— ihr ganzes Lebelang— ſie dort eines Tags wie⸗ derzufinden, um nie, nie wieder zu ſcheiden. Das war meine Mama! rief das Kind aus, aufſpringend und ihr um den Hals fallend. Und des Kindes Herz, ſagte Polly, und zog ſie an die Bruſt, der kleinen Tochter Herz war ſo ſehr von dieſer Wahrheit erfüllt, daß ſelbſt, als ſie es von einer ſremden Frau hörte, die es nicht ordentlich erzählen konnte, ſondern ſelbſt eine arme Mutter war und ſonſt nichts, ſie doch darin Troſt fand— ſich nicht ſo einſam fühlte— an ihrem Buſen ſchluchzte und weinte nſtige amen was erden Hihn t ge⸗ das elbſt⸗ 1 ſie, lehte — ge⸗ leh⸗ ß ſie und wie⸗ gend die rheit örte, rme ſich einte — 45— — das Kind auf ihrem Schooße lieb gewann— und— und— arme Kleine! brach Polly ab, denn ſie konnte vor Rührung nicht weiter ſprechen, und ſtrich dem Kinde die Locken aus dem Ge⸗ ſichte und ließ eine Thräne auf ſeine Stirn fallen. Na ſchön, Miß Floy! Papa wird ſchön böſe ſein! rief eine ſcharfe Stimme von der Thür her, während ein kleines, braunes, volles Mädchen von vierzehn Jahren mit einer Stumpf⸗ naſe und ſchwarzen Augen, klein und funkelnd wie ſchwarze Ko⸗ rallen, auf der Schwelle erſchien. Und iſt doch apart und ſcharf befohlen, daß Sie nicht die Amme plagen ſollen! Sie plagt mich nicht, gab Polly erſtaunt zur Antwort. Ich habe Kinder ſehr gern. O! bitt um Verzeihung, Mrs. Richards, das iſt eingal, ſehen Sie, erwiderte das ſchwarzäugige Mädchen, mit einer Stimme, die ſo ſcharf und beißend war, daß Einem faſt das Waſſer in die Augen kam. Ich kann Muſcheln recht gern haben, Mrs. Richards, aberſt ich bekomme ſie drum noch nicht zum Thee. Nun, es iſt ja gut, ſagte Polly. O ſos iſt gut, erwiederte die Andre. Bedenken's aber, wenn's wollen ſo gut ſein, daß Miß Floy unter mir ſteht, und Mr. Paul unter Sie. Wir brauchen uns deswegen nicht zu ſtreiten, ſagte Polly. O nein, Mrs. Richards, entgegnete Sprühteufel. Ganz und gar nich, ich wünſch' es nich, denn Miß Floy is eine Beſtändige und Mr. Paul ein Temporaliſcher. Sprühteufel ge⸗ — 48— brauchte nur Kommapauſen, indem ſie alles, was ſie zu ſagen hatte, in einem Satz und wo möglich in einem Athem her⸗ auswarf. Miß Florentine iſt eben zurückgekommen, nicht wahr? ſtug Polly. Ja, Mrs. Richards, eben zurück, und hier Miß Floy, ehe Sie noch eine Viertelſtunde im Hauſe ſein, wiſchen Sie Ihr naſſes Geſicht ab an der theuren Trauer, die Mrs. Richards für Mama trägt! Mit dieſen Worten riß Sprühteufel, oder Suſanna Nipper, wie ſie von Rechtswegen hieß, das Kind von ſeiner neuen Freundin mit einem Ruck los, als wär' es ein Zahn. Aber ſie ſchien dies mehr in der Gewohnheit, ſcharfes Regiment zu führen, als mit wiſſentlicher Härte zu thun. Sie wird recht froh ſein, wieder zu Hauſe zu ſein, ſagte Polly, und nickte dem Kinde mit einem ermuthigenden Lächeln zu, und wird ſich recht freuen, heut Abend den lieben Papa zu ſehen. O, Mrs. Richards! rief Miß Nipper mit ihrem gewöhn⸗ lichen Feuer. Bitt Sie, den lieben Papa ſehen! Das möcht' ich ſelbſt ſchon ſehen! 3 Sie wird ihn alſo nicht ſehen? frug Mrs. Richards. Sehens, Mrs. Richards, nein, ihr Papa is zu ſehr mit Jemand Anders beſchäftigt, und ehe er noch mit Jemand Anders zu beſchäftigen war, war ſie kein Liebling nich, Mädchen ſind übrig in dem Hauſe, Mrs. Richards, glauben's mir. zu her⸗ 1 4 frug ehe Ihr uds oder von ahn. nent agte heln apa öhn⸗ jcht' Das Kind blickte eine nach der andern von den beiden Sprechenden an, als verſtehe und fühle es, was geredet wurde. Sie ſetzen mich in Erſtaunen! rief Polly aus. Hat Mr. Dombey ſie ſeitdem nicht geſehen? Nein, antwortete Suſanna Nipper. Nicht ein einzigſtes Mal, und vorher hat er ſie Monate lang nicht ein einzigſtes Mal geſehen, und ich glaub' nicht, daß er ſie als ſein Kind erkannt hätt, wenn er ſie auf der Straße geſehen hätt’, Mrs. Richards, und was mich betrifft, ſagte Sprühteufel kichernd, glaub' ich nicht, daß er nur denkt, ich könnt hier ſein. Arme Kleine! ſagte Richards; aber nicht zu Miß Nipper, ſondern zu Florentinen. O,'Sgiebt einen Schlimmen, nicht hundert Meilen von hier, wo wir ſprechen, glauben's Mrs. Richards, mit Reſpect vor den Anweſenden zu vermelden, ſagte Suſanna; wünſche guten Morgen, Mrs. Richards; nun Miß Floy, kommen’s und bleiben's nicht zurück wie ein ungezogenes Kind, das keine Lehre anneh⸗ men thut. Trotz dieſer Ermahnung, und trotz einigen Zerrens von Seiten Suſannens, das nicht ohne Gefahr einer Schulterausren⸗ kung war, riß ſich Florentine los und küßte zärtlich ihre neue Freundin. Lebewohl! ſagte das Kind. Ich komme bald wieder zu dir, und du kommſt zu mir, nicht wahr? Suſanne erlaubt uns das. Nicht wahr, Suſanne? Boz. Dombey u. Sohn. 4 — 50— Suſanne ſchien im Grunde ihres Herzens ein gutmü⸗ thiges Mädchen zu ſein, obgleich jener Schule von Erziehe⸗, rinnen angehörig, welche meinen, daß die Kinder wie das Geld derb gerüttelt und geſchüttelt werden müſſen, um friſch und 9 g Ih glänzend zu bleiben. Denn wie ſich das Kind mit einigen chmeichelnden Worten und Geberden zu ihr wandte, ſchlug ſie hmeich zu ih g die Arme über einander und gab ihrem Geſicht einen nachgiebigeren Ausdruck. 's iſt nicht recht von Ihnen, Miß Floy, das zu verlangen, denn Sie wiſſen, ich kann Ihnen nichts nich abſchlagen, aber Mrs. Richards und ich wollen ſehen, was zu machen iſt, wenn's Mrs. Richards beliebt, denn ſehen ich kann gar nach China reiſen wollen, Mrs. Richards, aber doch nicht wiſſen, wie ich aus den London Docks herauskommen ſoll. Richards ſtimmte dieſer Behauptung bei. Dies Haus iſt gerad nicht ſo laut und luſtig, ſagte Miß Nipper, daß man einſamer ſein möchte, als man ſchon iſt. Die Toxe und die Chickſe können mir einen oder zwei Vorderzähne rausnehmen, Mrs. Richards, das iſt aber noch kein Grund nicht, daß ich ihnen die ganze Reihe überlaſſ’. Auch dieſe Behauptung fand, als eine vollkommen ein⸗ leuchtende, Mrs. Richards Beiſtimmung. Mir iſt's alſo natürlich recht, ſagte Suſanne, in Freund⸗ ſchaft mit einander zu leben, Mrs. Richards, ſo lange Mr. Paul ein permanentiſches bleibt, wenn wir' ſo einrichten können, daß wir ——,—— ——— d—*—,— tmü⸗ iehe⸗, Geld und tigen g ſie geren igen, aber nn's hina aus Miß Die ähne icht, ein⸗ und⸗ Paul wir 5 51— nicht gleich offen gegen die Ordres verſtoßen, aber du allgütiger Himmel, Miß Floy, Sie haben ſich noch nicht ausgezogen, Sie ungezogenes Kind Sie, marſch, kommen’'s! Mit dieſen Worten fiel Suſanne über ihren Pflegling her und entführte ihn aus dem Zimmer. Das Kind war in ſeinem Kummer und ſeiner Vernachläſ⸗ ſigung ſo ſanft, ſtill und geduldig; es hatte ſo viel Liebe zu ver⸗ ſchenken, nach der Niemand zu verlangen ſchien, und ſo zartes Gefühl, das Niem d glaubte ſchonen und berückſichtigen zu brauchen, daß Polly's Herz blutete, als ſie wieder allein war. Bei dem einfachen Auftritt, der zwiſchen ihr und der mutter⸗ loſen Waiſe vorgefallen, war ihr Herz nicht weniger gerührt geweſen, als das des Kindes, und ſie fühlte, wie das Kind, daß ſie Vertrauen un hhuf Theilnahme für einander hätten. 4 Trotz Mr. Toodle's großem Vertrauen auf Polly, ſtand ſie vielleicht hinſichtlich der Bildung wenig höher, als er. Aber ſie war eine gute einfache Probe eines Charakters, der im Gan⸗ zen ſtets beſſer, wahrer, edler, barmherziger, ſelbſtverleugnender und hingebender iſt und alle Liebe feiner fühlt und länger behält, als der Mann. Und ſo ungebildet ſie war, hätte ſie zu dieſer frühen Zeit Mr. Dombey ein dunkles Ahnen beibringen können, das alsdann nicht am Ende ihn mierwartet wie ein Blitz ge⸗ troffen hätte. Doch wir ſchweifen ab. Polly dachte vor der Hand an 4 weiter nichts als eine Benutzung der keimenden Bekanntſchaft mit Miß Nipper und an Mittel, Florentinchen geſetzlich und ohne, Ungehorſam um ſich haben zu können. Eine Gelegenheit zum erſten Schritt bot ſich denſelben Abend noch. Sie war, von der Klingel gerufen, wie gewöhnlich in den Glaspavillon gegangen und eine gute Weile ſchon mit dem Säug⸗ ling auf dem Arme darin auf und ab ſpaziert, als zu ihrem Er⸗ ſtaunen und Schrecken plötzlich Mr. Dombey Pe nanne und vor ihr ſtehen blieb. Guten Abend, Richards. Ganz derſelbe geſtrenge, ſteife Herr, der er am erſten Tage, wo ſie ihn geſehen, geweſen. So geſtreng im Blick, daß ſie die Augen gleich niederſchlug und einen Knix machte. Was macht Mr. Paul, Richardss? Oh, er iſt friſch und munter, Sir. Man ſieht's ihm an, ſagte Mr. Dombey, indem er mit großem Intereſſe das niedliche Geſicht, das ſie aufgedeckt hatte, betrachtete und doch that, als kümmere er ſich eigentlich ſehr we⸗ nig darum. Sie erhalte llles, was Sie wünſchen? O ja, ich danke 3.. Sie hängte aber eine ſo auffällige Pauſe an dieſe Antwort, daß Mr. Dombey, der ſich ſchon zum Gehen angeſchickt hatte, ſich nochmals umdrehte fragend anſah. Ich glaube, nis macht die Kinder ſo friſch und munter, xn. die nit tte, ve⸗ rt, ſich er, — 3— als andere Kinder um ſich ſpielen zu ſehen, ſagte Polly, ſich ein Herz faſſend. Wenn ich nicht irre, Richards, bemerkte ich Ihnen bei Ihrem Antritt, ſagte Mr. Dombey mit gerunzelter Stirne, daß ich wünſchte, Sie ſo wenig als möglich mit Ihrer Familie in Berührung kommen zu ſehen. Sie können Ihren Spaziergang fortſetzen. 8 Damit verſchwand er in das innere Zimmer, und Polly hatte die Genugthuung zu fühlen, daß er ſie ganz und gar miß⸗ verſtanden habe und daß ſie ohne den geringſten Nutzen für ihren Plan in Ungnade gefallen ſei. Am nächſten Abend ging er im Pavillon ſchon auf und ab, als ſie kam. Als ſie, von dem ungewöhnlichen Anblick be⸗ troffen, ſtehen blieb und nicht wußte, ob ſie vorwärts gehen oder ſich zurückziehen ſollte, rief er ſie herein. Wenn Sie wirklich meinen, daß ſolche Geſellſchaft für das Kind gut iſt, begann er raſch, als ob ſeit ihren frühern Worten keine Zeit verfloſſen ſei, warum nehmen wir nicht Florentinen? Miß Florentine wäre das Allerbeſte, Sir, ſagte Polly eifrig, aber ich hörte von dem Mädchen, ſie dürſte nicht— Mr. Dombey ſchellte und ging im Zimmer auf und ab, bis Jemand kam. Sie ſolle allemal Florentine zu Richards gehen und mit ihr ſpazieren gehen laſſen, und Alles das, wenn es Richards ver⸗ 54— langt, befahl er. Sagen Sie dem Mädchen, daß Florentine immer mit dem Knaben zuſammen ſein ſoll, wenn es Richards„ ver wünſcht. tie Das Eiſen war jetzt warm, und Richards, um es wacker ſic zu ſchmieden,— es war eine gute Sache und das gab ihr Muth, 2r obgleich ſie eine inſtinctmäßige Furcht vor Mr. Dombey hatte— A bat, daß Miß Florentine ſogleich heruntergeſchickt werde, um mit„ ihrem Brüderchen bekannt zu werden. du Sie that als ſpiele ſie mit dem Säugling, als der Diener ma ſich mit dieſer Botſchaft entfernte, aber ſie glaubte zu ſehen, daß Mr. Dombey die Farbe wechſele; daß der Ausdruck ſeines Geſichts ein ganz anderer geworden ſei; daß er ſich Vr haſtig abwandte, als wolle er widerrufen, was er geſagt oder 45 was ſie geſagt oder Beides, und werde nur durch Scham davon ie abgehalten. ſa Und ſie hatte Recht. Das letzte Mal, wo er ſein ſchmähe un lich vernachläſſigtes Kind geſehen, da war ihm die verzweiflungs⸗ we volle Innigkeit, mit der ſich Mutter und Tochter umarmten, zu zugleich eine Offenbarung und in Vorwurf geweſen. Mochte er noch ſo ſehr in den Sohn, auf den er ſo glänzende Hoffnun⸗ gen gründete, verſunken ſein, er konnte dieſe Scheideſcene nicht D. vergeſſen. Er konnte nicht vergeſſen, daß er keinen Theil daran na gehabt, daß auf dem Grunde dieſer klaren Tiefe von zärtlicher in Liebe und Treue dieſe zwei 2 umarmenden Geſtalten lagen, 8 während er am Ufer über ihnen ſtand und als bloßer Zuſchauer, nicht als Theilnehmer, fremd auf ſie herabblickte. — 55— Außer Stande, alle dieſe Dinge aus ſeiner Erinnerung zu verbannen oder ſeinem Geiſte jene unbeſtimmte Ahnung ihrer tiefen Bedeutung, wie ſie ihm durch den Nebel ſeines Stolzes ſichtbar wurde, fern zu halten, fühlte er anſtatt der frühern Gleichgültigkeit gegen Florentine eine Unbehaglichkeit ſeltſamer Art. Es war ihm faſt, als ob ſie ihn beobachte oder ihm mißtraue. Als ob ſie den Schlüſſel zu einem Geheimniſſe ſeines Herzens habe, das er ſelbſt kaum kenne. Als ob ſie die eine mißtönende Saite in ſeinem Innern ſähe und ihr bloßer Athem ſie erklingen machen könne. Er hatte ſich zu dem Kinde von ſeiner Geburt an rein negativ verhalten. Er hatte nie ein Abreigung gegen die Tochter gefaßt; es war nicht der Mühe werth geweſen, oder war ihm gerade nicht eingefallen. Sie war ihm nie geradezu unangenehm gewe⸗ ſen. Aber jetzt befand er ſich unbehaglich, wenn er an ſie dachte. Sie ſtörte ſeine Ruhe. Er hätte lieber alles Denken an ſie ganz und gar verbannt, wenn er mneuß hätte, wie? Vielleicht— wer ergründet ſolche Räthſel!— fürchtete er, ſie einſt haſſen zu lernen. Als Florentine ſchüchtern in der Thür erſchien, blieb Mr. Dombey ſtehen und ſah ſie an. Hätte er mit größerer Theil⸗ nahme und mit dem Auge eines Vaters hingeblickt, ſo hätte er in dem lebendigen Auge alle Gemüthsbewegungen, die ſie ſchwan⸗ ken machten, leſen können; das ſehnſüchtige nden⸗ an ſeine Bruſt zu ſtürzen und auszurufen:„O Vater, verſuche, ob Du mich lieben kannſt! Ich habe Niemand anders!“ Die Scheu — 56— vor einer Zurückweiſung; die Befürchtung, zu kühn zu ſein und ihn zu beleidigen; das dringende Bedürfniß, aufgemuntert und ermuthigt zu werden, und wie das überbürdete Kindesherz überall ſuchte, um für all ſeinen Schmerz und all ſeine Liebe einen na⸗ türlichen Ruheort zu finden. Aber er ſah nichts davon. Er ſah ſie unentſchloſſen an der Thür ſtehen und ihn anblicken; weiter ſah er nichts. Nur herein, ſagte er; wovor fürchtet ſich das Kind? Sie trat herein, und nachdem ſie ſich mit ungewiſſem Blick umgeſehen, blieb ſie wieder dicht an der Thür ſtehen, die kleinen Händchen feſt zuſammengepreßt. Tritt näher, Florentine, ſagte der Vater kalt. Weißt du, wer ich bin? Ja, Papa! Haſt du mir Nichts zu ſagen? Die Thränen, die in ihren Augen ſchwammen, als ſie leb⸗ haft emporblickte, erſtarrten vor dem Ausdruck ſeines Geſichts. Sie ſchlug die Augen wieder nieder und ſtreckte ihre zitternde Hand aus. Nr. Dombey ließ ſie in die ſeine fallen und blickte ſchwei⸗ gend auf das Kind hinab, als wiſſe er ſo wenig wie dieſes, was er ſagen und thun ſolle. So, ſei ein gutes Kind! ſagte er, indem er ſeine Hand auf ihr Haupt legte und ſie gewiſſermaßen verſtohlen mit einem 4 Un grö ſtar dun das und ſein daß ſein hin⸗ ſchi war — 57— und unruhigen und argwöhniſchen Blick betrachtete. Geh zu Ri⸗ und chards! Geh! erall Sein Töchterchen zögerte noch einen Augenblick, als hege ſie noch eine Hoffnung, daß er ſie in ſeine Arme in die Höhe nehmen und küſſen werde. Noch einmal blickte ſie in ſein Antlitz an empor. Er dachte, wie ſehr gleicht dieſer Blick demjenigen, mit dem ſie den Doctor anſah— in jener Nacht— und ließ ihre Hand ſinken und ging hinweg. na⸗ glick Es war nicht ſchwer zu bemerken, daß Florentine in ihres inen Vaters Gegenwart ſehr zu ihrem Nachtheile erſchien. Seine Anweſenheit wirkte wie ein Dämpfer nicht nur auf des Kindes Seele, ſondern auch auf die angeborne Anmuth ſeiner Erſcheinung. du⸗ Und doch blieb Polly ſtandhaft und gerade deswegen mit um ſo größerer Hoffnung und vertraute, nach ſich ſelbſt urtheilend, ſtark auf die ſtumme Beredſamkeit von Florentinens Trauerklei⸗ dung. Es iſt wirklich hart, dachte Polly, wenn er ſich bloß um das eine mutterloſe Kind bekümmert, während er noch ein andres bfe und noch dazu ein Mädchen vor Augen hat. 4 So ließ ſie Polly ſo lange, als es nur immer anging, in ſeiner Gegenwart und wußte es ſo gut mit Paul einzurichten, . daß es allen Augen klar war, um wie viel munterer er durch wi⸗ ſeiner Schweſter Geſellſchaft wurde. Als die Zeit kam wieder vas hinaufzugehen, wollte ſie Florentinen in das innere Zimmer ſchicken, um dem Vater gute Nacht zu ſagen, aber das Kind und war ſchüchtern und ſträubte ſich, und als ſie es nochmals antrieb, eem hielt es die Hände vor's Geſicht, als wolle es ſeine eigene Un⸗ würdigkeit nicht ſehen, und ſagte: O nein! nein! Er verlangt nicht nach mir!. Dieſer kleine Auftritt hatte die Aufmerkſamkeit Mr. Dom⸗ bey's auf ſich gezogen, der vom Tiſche aus, wo er beim Weine ſaß, frug, was es gebe. Miß Florentine fürchtete zu ſtören, Sir, wenn ſie gute Nacht von Ihnen nähme, ſagte Richards. Es hat nichts auf ſich, erwiderte Mr. Dombey. Sie kön⸗ nen ſie kommen und gehen laſſen, ohne mich zu beachten. Das Kind wich ſcheu zurück, als es dieſe Worte hörte— und war hinter der Thür verſchwunden, ehe die Amme ſich wieder umſehen konnte. Bei alledem frohlockte Polly nicht wenig über den Erfolg ihres wohlgemeinten Planes, über die Gewandtheit, mit der ſie dies Gelingen herbeigeführt, und konnte ſich nicht enthalten, voll⸗ ſtändigen Bericht darüber dem Sprühteufel abzuſtatten, als ſie erſt wieder wohlbehalten in der Kinderſtube eingetroffen war. Miß Nipper nahm dieſen Beweis ihres Vertrauens und die Aus⸗ ſicht auf ungehinderten Verkehr in Zukunft ziemlich kalt auf, und äußerte ihre Freude nichts weniger als enthuſiaſtiſch. Ich glaubte, es würde Sie freuen, ſagte Polly. O ja, Mrs. Richards, ich bin ſehr erfreut, dank Ihnen, antwortete Suſanne, die plötzlich ſo ſteif geworden war, als ob ſie ein Blankſcheit mehr in ihrem Schnürleib angebracht hätte. Sie laſſen's eben nicht blicken, ſagte Polly. blicken Temp aber Nachl gehen angt Oh! Da ich nur eine Beſtändige bin, kann ich's nicht . blicken laſſen wie eine Temporaliſche, ſagte Suſanne Nipper. vom⸗ Temporaliſche haben hier immer das Commando, ſeh' ich ſchon, eine aber wenn auch ne Phöne Scheidewand zwiſchen dieſem und dem Nachbarhauſe iſt, ſo brauche ich doch nicht gerade gern hinzu⸗ g 5 gute gehen, Mrs. Richards! kön⸗ eder folg ſie oll⸗ 3 ſie var. lus⸗ und Huka . tigen 5 Schn⸗ .4 Nachl Segel Jeder wohin Seeca thür! graph Viertes Kapitel. jenige Worin auf der Bühne dieſer Abenteuer abermals einige naue nigen Perſonen auftreten. Fuß len un . tigſten Obgleich das Comptoir von Dombey und Sohn ſich innerhalb nißmä der Grenzen der Londoner City und im Bereich des Schalles Beſttz der Bowglocken befand, wenn ihre dröhnenden Stimmen nicht ein äl vom Gelärm der Straßen übertönt wurden, ließen ſich doch Steus Ahnungen einer abenteuerlichern und romantiſchern Welt in der manch Nachbarſchaft entdecken. Gog und Magog prangten in geringer Gebul Entfernung; die königliche Börſe war dicht dabei; die engliſche nicht, Bank mit ihren Gewölben voll Gold und Silber„unten bei den hatten Todten“ war ein großartiger Nachbar. Gleich um die Ecke ſtand das reiche„Oſtindienhaus“, in der Phantaſie ewig Bilder weck vun dk koſtbaren Stoffen und Steinen, Tigern, Elephanten, Haudah ◻ neue nerhalb ſschalles n nicht h doch in der eringer gliſche bei den nd das nd von udahs, — 6— Hukahs, Sonnenſchirmen, Palmbäumen, Palankins und präch⸗ tigen Prinzen mit braunem Antlitz, mit ihren wunderbar langen Schnabelſchuhen auf Teppichen ſitzend. Ueberall in nächſter Nachbarſchaft ſah man Conterfeis von Schiffen, die mit vollen Segeln nach allen Theilen der Welt fuhren; Slophäuſer, bereit, Jedermann binnen einer halben Stunde vollſtändig ausgerüſtet, wohin er nur wollte, auf die Reiſe zu ſchicken, und kleine hölzerne Seecadetten in altmodiſcher Uniform, beſtändig an der Laden⸗ thür von Verkäufern nautiſcher Inſtrumente beſchäftigt, die geo⸗ graphiſche Länge und Breite der Fiacres zu beſtimmen. Alleiniger Herr und Beſitzer eines dieſer Conterfeis— des⸗ jenigen, das man das hölzernſte hätte nennen können— desje⸗ nigen, welches mit der allerunerträglichſten Grazie, den rechten Fuß vorgeſtreckt, ſich über dem Trottoir präſentirte, Schuhſchnal⸗ len und Schoßweſte von der allerwunderlichſten und unvernünf⸗ tigſten Art trug und das rechte Auge mit dem allerunverhält⸗ nißmäßigſten Inſtrumente bewaffnet hatte— alleiniger Herr und Beſitzer dieſes Seecadetten und noch dazu ſtolz auf ihn, war ein ältlicher Herr mit einer wollenen Perücke, welcher Hauszins, Steuern und Abgaben ſeit mehr Jahren bezahlt hatte, als mancher ausgewachſene Seecadett von Fleiſch und Blut von Geburt an zählen kann, und es hat in der engliſchen Marine nicht an Seecadetten gefehlt, die ein ziemlich reifes Alter erreicht hatten. Der Waarenvorrath dieſes alten Herrn beſtand aus Ther⸗ mometern, Barometern, Telescopen, Compaſſen, See⸗ und Landkarten, Sextanten, Quadranten und allen anderen Inſtru⸗ — 62— menten, die zur Regierung eines Schiffes, zur Berechnung ſeines Laufs oder zur Verfolgung ſeiner Entdeckungen nothwendig ſind. Auf den Simſen und in den Schubkäſten befanden ſich 4 Gegenſtände von Meſſing und Glas, von denen nur der Ein⸗ geweihte wußte, was oben oder unten, oder was ihr Gebrauch war, oder wie er ſie, wenn er ſie herausgenommen, wieder in ihr Mahagoni⸗Neſt bringen ſollte. Jedes war in das kleinſte Gehäuſe gepreßt, in die knappeſten Ecken gepackt, zwiſchen die wunderlichſten Kiſſen geklemmt und in die ſpitzeſten Winkel ge⸗ ſchraubt, damit ſeine philoſophiſche Ruhe nicht von dem Rollen des Meeres geſtört werde. So außerordentliche Vorkehrungen waren überall getroffen, um Raum zu ſparen und das Inſtrument unverſehrt zu erhalten, und ſo viel praktiſche Navigation eingepreßt und eingeſchraubt und eingekiſtet, daß der Laden ſelbſt, an der allgemeinen Anſteckung theilnehmend, faſt zu einem für das Meer gebauten, ſchiffartigen Ding geworden zu ſein ſchien, das nur offne See brauchte, wenn es einmal vom Stapel gelaſſen würde, um ſicher ſeinen Weg nach der erſten beſten wüſten Inſel von der Welt zu finden. Manche einzelne Züge in dem häuslichen Leben des Beſitzers, der auf ſeinen kleinen Seecadetten ſtolz war, konnten dazu beitragen dieſen Glauben zu beſtärken. Da er zahlreiche Bekannte unter Schiffsprovianthändlern hatte, ſo ſah man ſtets Ueberfluß von echtem Schiffszwieback auf ſeinem Tiſch. Pickles wurde in großen irdenen Kruken mit der Inſchrift„alle Arten Schiffsproviant billigſt“ aufgetragen; Branntwein erſchien in großen Korbflaſchen ohne Hals. Alte Kupferſtiche von Schiffen mit alphabetiſche Ver der zu den zim Kne ſah⸗ end gen wol abe ſeines ſind. n ſich“ Ein⸗ rrauch der in leinſte en die el ge⸗ Rollen ungen ument epreßt n der Meer s nur vürde, n der ß von roßen viant aſchen iſchem — 63— Verzeichniſſe ihrer verſchiedenen Geheimniſſe hingen eingerahmt an der Wand; die Fregatte Tartar unter allen Segeln war ebenfalls zu ſehen; ſeltſame Muſcheln, Seegewächſe und Mooſe ſchmückten den Kaminſims; das kleine mit Eichenholz ausgetäfelte Hinter⸗ zimmer war von einem runden Fenſter erleuchtet wie eine Kajüte. Hier wohnte er ganz allein mit ſeinem Neffen Walter, einem Knaben von vierzehn Jahren, der einem Seecadetten à hnlich genug ſah, um dem Charakter des Orts treu zu bleiben. Aber damit endete es, denn Salomo Gills ſelbſt(gewöhnlich Vater Sol genannt) ſah ganz und gar nicht ſeem änniſch aus. Seiner wollenen Perücke gar nicht zu erwähnen, in der er durchaus nicht abenteuerlich ausſah, war er ein bedächtiger, wortkarger a lter Herr, mit Augen ſo roth, als wären ſie kleine Sonnen, die durch den Nebel ſcheinen, und einem ſchlaftrunkenen verr wunderten Bl ic als hätte er drei oder vier Tage hinter einander durch jedes optiſche Inſtrument ſeines Ladens geguckt und ſehe jetzt plötzlich die ganze Welt grün. Die einzige Veränderung, die man in ſeiner äußeren Erſcheinung bemerkte, war, zwiſchen einem hagern kaffeebraunen Anzug, ſehr altmodiſch geſchnitten, mit blitzblanken Knöpfen ge⸗ ſchmückt, und demſelben kaffeebraunen Anzug ohne die Unausſprech⸗ lichen, die alsdann von Nankin waren, zu wechſeln. Er zeigte ſtets einen ſehr accurat gehaltnen Buſenſtreif, trug eine Brille erſter Sorte auf der Naſe und in der Taſche einen ungeheuren Chronometer, auf den er ſo viel hielt, daß er lieber an eine Ver⸗ ſchwörung ſämmtlicher Uhren der Stadt und der Sonne ſelbſt gegen ihn, als an ſein Falſchgehen geglaubt hätte. So wie er jetzt war, hatte er ſchon viele Jahre in dem Laden gewohnt, und war — 64— jeden Abend ganz hoch hinauf in eine Dachkammer ſchlafen ge⸗ gangen, wo, wenn andre Herren, die in aller Bequemlichkeit tiefer unten wohnten, wenig oder keinen Begriff von dem Zuſtand des Wetters hatten, oft Orkane wütheten. Es war halb ſechs Uhr und ein Herbſtnachmittag, wo wir dem Leſer zuerſt mit Salomo Gills bekannt machen. Salomo Gills ſieht eben nach, welch Zeit es nach dem unfehlbaren Chro⸗ nometer iſt. Die gewöhnliche tägliche Ausſtrömung aus der City hat ſchon vor einer Stunde begonnen; und die Menſchenflut rollt immer noch weſtwärts.„Es wird ſchon ſehr leer auf der Straße“, wie Mr. Gills meint. Es droht den Abend mit vielem Regen. Alle Wettergläſer im Laden ſind niedergegangen. Der Regen glänzt ſchon auf dem Dreimaſter des hölzernen Seecadetten. Wobleibt nur der Walter! ſagte Salomo Gills, nachdem er den Chronometer ſorgfältig wieder eingeſteckt hatte. Das Eſſen wartet ſchon eine halbe Stunde und noch kein Walter zu ſehen! Mr. Gills drehte ſich auf ſeinem Stuhl hinter dem Laden⸗ tiſch um und ſchaute zwiſchen den Inſtrumenten im Fenſter hin⸗ durch auf die Straße, um zu ſehen, ob ſein Neffe nicht käme. Nein. Er war auch nicht unter den wandelnden Regenſchirmen und auch der Zeitungsjunge mit der Wachstuchmütze war's nicht, der ſeinen Namen mit dem Finger über Mr. Gills Namen draußen auf dem Meſſingſchild an der Thür ſchrieb. Wenn ich nicht wüßte, daß er mich zu lieb hätte, um mir nichts dir nichts davonzulaufen und gegen meinen Willen Dienſte 4 auf einem Schiffe zu nehmen, ſo könnte ich unruhig werden, ſage n ge⸗ tiefer d des wir ilomo Chro⸗ 3 der iflut f der ielem Der etten. em er Eſſen ehen! aden⸗ hin⸗ käme. rmen nicht, nußen 1 mir ienſte ſagte — 65— Mr. Gills, und klopfte mit dem gebogenen Finger an mehrere Wettergläſer. Wahrhaftig, ich könnte es. Alle hinunter! Viel Regen! Nun, nöthig iſt es! Ich glaube, ſagte Mr. Gills, indem er den Staub von der Glasdecke eines Compaſſes abblies, daß es dich nicht richtiger und beſtändiger nach Norden zieht, als den Jungen im Grunde uach dem kleinen Hinterzimmer. Und das Zimmer könnte nicht gerader liegen. Genau im Norden. Nicht den zwanzigſten Theil eines Punktes abſeits. Holla, Onkel Sol! Holla, mein Junge! rief der Opticus, indem er ſich raſch umdrehte. Was, da biſt du ja! Ein munter ausſehender Burſche, roth und friſch vom eiligen⸗ Gange durch den Regen, mit hübſchem Geſicht, hellen Augen und lockigen Haaren, war Walter. Nun Onkel, wie biſt du den Tag durchgekommen ohne mich? Iſt's Eſſen fertig? Mich hungert's ſo! Was das Durchkommen betrifft, ſagte Salomo gutmüthig, ſo wär's doch wunderlich, wenn ich ohne ſo einen jungen Schelm wie dich nicht beſſer durchkäme als mit dir. Was das Eſſen be⸗ trifft, ſo iſt es ſchon ſeit einer halben Stunde fertig und wartet auf dich. Was den Hunger betrifft, ſo iſt der bei mir zu finden! Nun vorwärts, Onkel, rief der Knabe. Ein Hurrah für den Admiral! Verwünſcht wäre der Admiral! antwortete Gills. Du meinſt den Lordmayor. Boz. Dombey u. Sohn. 5 — 66— Nein, ganz und gar nicht! rief der Knabe. Ein Hurrah dem Admiral! Ein Hurrah dem Admiral! Vor— wärts! Auf dies Commandowort wurde die wollene Perücke und ihr Herr ohne Widerſtand wie an der Spitze einer Entercolonne von 500 Mann in die Hinterſtube getragen; und Onkel Sol und ſein Neffe waren bald eifrigſt mit einer gebratenen Scholle in der Vor⸗ ausſicht eines Beefſteaks beſchäftigt. Vivat der Lordmayor, Wally, ſagte Salomo. Nichts mehr mit dem Admiral. Der Lordmayor iſt dein Admiral. O, das wäre! ſagte der Knabe und ſchüttelte den Kopf. Der Schwertträger wär mir wahrhaftig noch lieber. Der zieht wenigſtens ſein Schwert noch manchmal. und nimmt ſich putzig genug dabei aus, entgegnete der Onkel. Hör mich mal an Wally, hör mich mal an. Sieh auf den Kaminſims. Nun, wer hat denn meinen ſilbernen Becher dort an den Nagel gehängt? rief der Knabe aus. Ich, ſagte der Onkel. Keinen Becher mehr. Wir müſſen heut anfangen aus Gläſern zu trinken, Walter. Wir ſind Ge⸗ ſchäftsleute. Wir gehören zur City. Wir treten heut Morgfn ins Leben ein. Nun, Onkel, ich will trinken aus was du willſt, faate der Knabe, ſo lange ich auf deine Geſundheit trinken kann. Hier, Onkel, du ſollſt leben und ein Hurrah dem— Lordmayor, fiel der Alte ein. h — 67— Nun, dem Lordmayor, dem Sheriff, dem Gemeinderath und den wohllöblichen Zünften, ſagte der Knabe. Der Onkel nickte mit großer Zufriedenheit. Und nun, ſprach er, erzähle mir etwas von dem Geſchäft. O!l vom Geſchäft iſt nicht viel zu erzählen, Onkel, ſagte der Knabe, eifrig mit Meſſer und Gabel beſchäftigt. Es iſt ein abſcheulich dunkles Loch und in der Stube, wo ich ſitze, iſt ein hohes Kamingitter, und eine eiſerne Kaſſe, und ein paar An⸗ ſchläge von abſegelnden Schiffen, und ein Wandkalender, ein paar Pulte und Schemmel, eine Tintenflaſche, ein paar Bücher, ein paar Kiſten und eine Unmaſſe Spinnweben, in einer derſelben eine vertrocknete Brunnenfliege, die ausſieht, als ob ſie ſchon ewig dort gehangen hätte. Weiter nichts? ſagte der Onkel. Nein, weiter nichts, außer einem alten Vogelbauer(ich möcht wiſſen, wie der hingekommen wäre!) und einem Kohlenkaſten. Keine Hauptbücher, und Kaſſenbücher, oder Wechſel, keine anderen Zeichen des Tag für Tag hereinſtrömenden Reichthums? ſagte der Alte, indem er ſeinen Neffen verlangend durch den Nebel, der ihn immer zu umgeben ſchien, anblickte und jedes dieſer Worte ſalbungsvoll betonte. O, mehr als zu viel, glaub' ich, ſagte ſein Neffe leichthin; aber das Zeug iſt alles in Mr. Carkers Zimmer, oder in Mr. Morfins oder Mr. Dombeys Zimmer. War Mr. Dombey heute da? frug der Onkel. 5* — 68— O ja, den ganzen Tag ging er ab und zu. Er beachtete dich wohl weiter nicht? O doch. Er trat an meinen Platz— ich wollte, er wäre nicht ſo ſteif und großartig in ſeinem Weſen, Onkel— und ſagte: Ach Sie ſind der Sohn des Mr. Gills, des Opticus?— der Neffe, Sir, gab ich zur Antwort.— Ich ſagte Neffe, ſagte er kurz. Aber ich könnte ſchwören, daß er Sohn ſagte, Onkel. Du irrſt dich wohl. Es kommt nichts darauf an. Nein, es kommt nichts darauf an, aber er hätte nicht ſo kurz angebunden zu ſein gebraucht, dächte ich. Dann ſagte er mir, daß du mit ihm über mich geſprochen hätteſt, und daß er mir auch gleich eine Stelle in ſeinem Geſchäft gegeben, und daß ich willig und pünktlich ſein ſolle, und dann ging er wieder. Mir kam es vor, als gefiel ich ihm nicht beſonders. Du meinſt wohl, warf der Opticus ein, es wäre dir vor⸗ gekommen, als gefiel er dir nicht beſonders? Auch möglich, Onkel, ſagte der Knabe lächelnd, ich habe darüber noch nicht nachgedacht. Salomo machte ein etwas ernſthaftes Geſicht, während er ſeine Mahlzeit beendigte, und blickte von Zeit zu Zeit in des Knaben munteres Geſicht. Als ſie mit Eſſen fertig waren und das Tiſchtuch weggenommen worden(das Mittagsmahl kam aus einem nahen Speiſehauſe), brannte er ein Licht an und ging in den kleinen Keller hinab, während ſein Neffe ihm von der Treppe aus in die Tiefe leuchtete. Nachdem er einen Augenblick hierhin /,————. — 69— und dorthin getaſtet hatte, brachte er eine Flaſche von ſehr altem Ausſehen und dick mit Staub und Schmutz bedeckt herauf. Was, Onkel! ſagte der Knabe, was machſt du? Das iſt der wundervolle Madeira!—' iſt ja nur noch eine Flaſche außer der da! Onkel Salomo nickte mit dem Kopf, um anzudeuten, daß er recht wohl wiſſe, was er thue, und nachdem er die Flaſche in feierlichem Schweigen entkorkt, füllte er zwei Gläſer und ſetzte die Flaſche und ein drittes reines Glas auf den Tiſch. Die andre Flaſche, Wally, ſagte er, wirſt du trinken, wenn du dein Glück gemacht haſt; wenn du ein wohlhabender, geachteter, glücklicher Mann biſt; wenn du auf dem Lebenspfade, auf dem du heute den erſten mühſamen Schritt gethan, einſt, gebe es Gott, auf einen ebnern Theil des Wegs gelangſt. Dar⸗ auf wollen wir trinken! Ein wenig von dem Nebel, der den Alten umgab, ſchien ihm in die Kehle gekommen zu ſein, denn er ſprach heiſer und undeutlich. Auch ſeine Hand zitterte, als er mit ſeinem Neffen anſtieß. Aber wie er das Glas einmal an den Mund geſetzt hatte, trank er es aus wie ein Mann und ſchmatzte mit den Lippen. Lieber Onkel, ſagte jetzt der Knabe in heiterm Tone, ob⸗ gleich ihm dabei die Thränen in den Augen ſtanden, ich danke für die Ehre, die mir erwieſen wird u. ſ. w. u. ſ. w. Ich ſchlage jetzt einen Toaſt auf Mr. Salomo Gills vor, mit dreimal drei und einem Hoch zur Zugabe. Hurrah! und du wirſt dich dafür — 70— bedanken, Onkel, wenn wir die letzte Flaſche zuſammen trinken; nicht wahr? Sie ſtießen wieder mit den Gläſern an und Walter, der„ ſeinen Wein ſparte, nippte davon und hielt das Glas gegen das Licht mit einer ſo kunſtverſtändigen Miene, als er nur auftrei⸗ 3 ben konnte. Der Onkel ſah ihn eine Zeit lang ſchweigend an. Als ihre Augen ſich endlich begegneten, ſpann er gleich lautredend den Faden ſeiner Gedanken weiter, als ob er die ganze Zeit über geſprochen hätte.. Du ſiehſt, Walter, ſagte er, daß dies Geſchäft eigentlich für mich eine Sache der Gewohnheit iſt. Und die Gewohnheit klebt ſo feſt an mir, daß ich glaube, ich könnte nicht leben, wenn ich ſie aufgäbe, aber es iſt ſtill im Geſchäft, todtenſtill. Als dieſe Uniform noch neu war, fuhr er fort, auf den Seecadetten vor der Thür weiſend, da ließen ſich noch Reichthümer erwerben und wurden auch erworben. Aber Concurrenz— Concurrenz — neue Erfindungen, neue Erfindungen— Veränderungen, Veränderungen— die Welt iſt mir zuvorgekommen. Ich weiß kaum wo ich bin, geſchweige wo meine Kunden ſind. Ach, kümmere dich nicht um die, Onkel! 3 4— Seit du aus der Koſtſchule von Peckham zurück biſt, und das ſind zehn Tage— ſagte Salomo— iſt, ſo viel ich mich entſinnen kann, nur eine einzige Perſon in den Laden getreten. Zwei, Onkel, beſinnſt du dich nicht? Da war erſtens der Mann, der einen Sovereign gewechſelt haben wollte. — 1— ken; Das iſt eben die eine Perſon, ſagte Salomo. Was, Onkel, rechneſt du die Frau nicht mit, die nach dem der„ Wege nach dem Mileend⸗Schlag fragte? das Ja,'s iſt wahr, ſagte Salomo. Die hab' ich vergeſſen. ftrei⸗ Zwei Perſonen alſo. Freilich kauften ſie nichts, rief der Knabe aus. Als Nein. Sie kauften nichts, wiederholte Salomo ruhig. dend Und wollten auch nichts kaufen, ſagte der Knabe. über Nein. Sonſt wäre ſie gleich in einen andern Laden gegan⸗ gen, ſagte Salomo in demſelben Tone. ttlich Aber es waren doch ihrer zwei, Onkel, rief der Knabe, als nheit wäre das ein großer Triumph. Du ſagteſt blos Eine. wenn Ja, Wally, fuhr der Alte nach einer kurzen Pauſe fort, Als da wir aber nicht den Wilden gleichen, die auf Robinſons Inſel etten kamen, ſo können wir nicht von einem Manne, der einzelnes Geld erben für einen Sovereign verlangt, und von einer Frau, die den rrenz Weg nach dem Schlage von Mileend wiſſen will, leben. Wie ich igen, ſchon vorhin ſagte, die Welt hat mich überholt. Ich ſchmähe ſie weiß nicht; aber ich verſtehe ſie nicht mehr. Geſchäftsleute ſind an⸗ ders als ehedem; Lehrlinge ſind anders, das Geſchäft iſt anders, die Waaren ſind anders geworden. Sieben Achtel meines Lagers und ſind altmodiſch. Ich bin ein altmodiſcher Mann in einem altmo⸗ mich diſchen Laden in einer Straße, die anders geworden iſt, als ſie in ten. meinem Gedächtniß lebt. Ich bin hinter der Zeit zurückgeblie⸗ s der ben, und bin zu alt, um ſie einzuholen. Selbſt der Lärm, den ſie weit, weit vor mir macht, verwirrt mich. — 2— Walter wollte ihn unterbrechen, aber der Onkel hielt die Hand beſchwichtigend in die Höhe. Deswegen, Wally, fuhr er fort, liegt es mir ſo ſehr am Herzen, dich ſo früh als möglich in das praktiſche Leben einzu⸗ führen. Ich bin nur das Geſpenſt dieſes Geſchäfts— ſein Körper iſt vor langer, langer Zeit verſchwunden; und wenn ich⸗ ſterbe, wird das Geſpenſt zur Ruhe gegangen ſein. Da es alſo offenbar für dich kein Erbe iſt, habe ich es für das Beſte gehalten, die einzige alte Bekanntſchaft, die mir durch lange Gewohnheit noch geblieben iſt, zu deiner Förderung zu benutzen. Einige halten mich für reich. Ich wünſchte deinetwegen, ſie hätten Recht. Aber was ich dir auch hinterlaſſen mag und geben kann, in einem Geſchäft, wie das Dombeyſſhe, haſt du die beſte Gelegenheit, es zu benutzen und zu vermehren. Sei fleißig, verſuche ihm Ge⸗ ſchmack abzugewinnen, lieber Sohn, ſuche dir dein Auskommen zu verſchaffen und ſei glücklich! W Ich will Alles thun, was ich kann, Onkel, um mich deiner Liebe würdig zu machen, ſagte der Knabe ernſt. Ich weiß es, ſagte Salomo. Ich bin davon überzeugt, und trank ein zweites Glas Madeira mit größerem Genuß. Was die See betrifft, fuhr er fort, ſo iſt ſie ganz ſchön in der Einbil⸗ dung, Wally, aber in der Wirklichkeit iſt nichts mit ihr, ganz und gar nichts. ˙ iſt natürlich, daß du auf dieſe Idee kommſt in einer ſolchen Umgebung; aber es iſt nichts damit, gar nichts. Salomo Gills rieb ſich aber doch, als er von der See ſprach, mit einer Miene heimlichen Genießens die Hände, und — 3— d betrachtete ſeine überall an das Meer erinnernde Umgebung mit unausſprechlichem Behagen. 1 Denk dir nur einmal dieſen Wein, ſagte der Alte, der nach * Oſtindien gefahren iſt und wieder zurück, ich weiß nicht wie oſt, und einmal um die Welt geſegelt iſt. Denke dir die ſtockfinſtern 4 Nächte, die brauſenden Winde, die toſenden Wellen— Und Donner, Blitz, Regen, Hagel, Sturm, ſagte der Knabe. Gewiß, fuhr Salomo fort, die dieſer Wein hat durchma⸗ chen müſſen. Denke dir das Aechzen und Krachen der Rippen und Maſten, das Pfeifen und Heulen des Sturms im Tauwerk— Das Hinaufklettern der Matroſen, wie ſie mit einander wetteifern, wer zuerſt auf der Raaſpitze das ſteifgefrorne Segel bergen ſoll, während das Schiff wie toll rollt und ſtampft! rief der Neffe.. Ganz recht, ſagte Salomo, wie Alles dies das alte Faß, in dem dieſer Wein war, hat aushalten müſſen. Als die Schöne Sally unterging— In der Oſtſee um Mitternacht; fünfundzwanzig Minuten nach Zwölf, wo des Capitäns Uhr in der Taſche ſtehen blieb, und er todt da lag an den Hauptmaſt gelehnt— am vierzehn⸗ ten Januar ſiebzehnhundert neun und vierzig! rief Wally lebhaft. Ja, ja, ganz richtig! rief der Alte, ganz richtig! Damals 4⸗ waren fünfhundert Fäſſer von dieſem Wein an Bord; und die ganze Mannſchaft(außer dem erſten Steuermann, dem erſten Lieutenant, zwei Matroſen und einer Dame in einem lecken — 4— Boote) fiel über die Fäſſer her, ſchlug ihnen den Boden aus, be⸗ trank ſich und ſtarb betrunken; und als das Schiff ſank, ſangen ſie„Rule Britannia“ und gingen unter mit einent fürchterlichen Schrei im Chor. Aber als der Georg II. in einem furchtbaren Sturm auf den Strand getrieben wurde, Onkel— es war am vierten März 71 zwei Stunden vor Tagesanbruch— waren faſt zwei⸗ hundert Pferde an Bord, und da die Pferde ſich im Anfange des Sturmes losriſſen und hin und her rannten und ſich einander zer⸗ ſtampften, da machten ſie einen ſolchen Lärm und ließen ſo ſchreck⸗ liche Töne vernehmen, daß die Mannſchaft glaubte, das Schiff ſtecke voller Teufel, und mehrere von den beſten Matroſen ſpran⸗ gen in ihrer Verzweiflung über Bord und nur zwei Mann blie⸗ ben zuletzt am Leben, um zu erzählen, was geſchehen. Und als der Polyphem—, ſagte der Onkel. Privatweſtindienfahrer, 350 Tonnen Laſt, Capitän John Brown von Deptford, Eigenthümer Wiggs u. Comp.) rief Wally. Ganz recht, ſagte der Alte. Als er vier Tage nach der Abfahrt von Jamaica mitten in der Nacht in Brand gerieth— Befanden ſich zwei Brüder an Bord, unterbrach ihn ſein Neffe mit lebhafter Stimme, und da nicht für Beide in dem einzi⸗ gen noch übrig gebliebenen Boote Platz war, wollte keiner von ihnen gehen, bis der ältere den jüngern um den Leib faßte und ihn hineinwarf. Aber der jüngere ſtand im Boote auf und rief: Edward, denk an deine Braut zu Hauſe. Mich erwartet Nie⸗ mand in der Heimath. Spring —— * anſtatt meiner hinein! und warf ſich mit dieſen Worten ins Meer. Das flammende Auge und glühende Geſicht des Knaben, der im Feuer der Rede aufgeſtanden war, ſchien den Alten an etwas zu erinnern, was er vergeſſen oder was der ihn umgebende Nebel ihm verborgen gehalten hatte. Anſtatt noch mehr Geſchich⸗ ten zu erzählen, wie er offenbar eben noch beabſichtigt hatte, ließ er ein Hm, Hm! hören und ſagte: Nun, um von etwas An⸗ derem zu reden— Die Wahrheit war, daß der argloſe Alte in ſeinem gehei⸗ men Hange zum Wunderbaren und Abenteuerlichen— dem er durch ſein Gewerbe gewiſſermaßen entfernt verwandt war— ſei⸗ nen Neffen in derſelben Neigung ſehr beſtärkt hatte, und daß Alles, womit man des Knaben Neigung zu einem abenteuerlichen Leben hatte vernichten wollen, die gewöhnliche unerklärliche Folge hatte, ſie nur zu ſchärfen. Dies iſt ſtets der Fall. Es iſt als gäbe es kein Buch und keine Geſchichte, deren Zweck es iſt, Knaben auf dem feſten Lande zurückzuhalten, welche ſie nicht, wie ganz natürlich, auf das Meer lockte. Jetzt erſchien aber ein Zuwachs der kleinen Geſellſchaft in Geſtalt eines Herrn in weiter blauer Kleidung, mit einem Haken anſtatt der Hand am rechten Arm, ſehr buſchigen ſchwarzen Brauen und einem dicken Stock, ganz mit Warzen bedeckt(gleich der Naſe), in der linken Hand. Um den Hals trug er ein loſe umgeſchlungenes ſchwarzſeidnes Tuch und einen ſo großen Hemd⸗ kragen von grober Leinwand, daß er wie ein kleines Segel aus⸗ 2** ſah. Er war offenbar der für den das noch leere Wein⸗ glas beſtimmt war, und wußte das auch; denn nachdem er ſeinen zottigen Ueberrock ausgezogen und an einen beſtimmten Pflock hinter der Thür einen lackirten Hut aufgehangen, der ſo hart war, daß eine empfindliche Perſon vor ſeinem Anblicke ſchon hätte Kopfweh bekommen können, und der rund um ſeine Stirn einen rothen Streif zurückließ, ſetzte er einen Stuhl an den Tiſch, wo das leere Glas ſtand, und nahm dort Platz. Dieſer Gaſt wurde gewöhnlich„Capitain“ angeredet und war Lootſe oder Maſter, oder Caperführer oder vielleicht alles dieſes geweſen und ſah ſehr ſeemänniſch aus. Sein Geſicht, wettergebräunt und für gewöhnlich regungs⸗ los, heiterte ſich auf, wie er Onkel und Neffen die Hand ſchüttelte; aber er ſchien in wortkarger Stimmung zu ſein und ſagte blos: Wie geht’s? Gut, ſagte Mr. Gills und ſchob ihm die Flaſche zu. Er nahm, beſah ſie und roch daran, und ſagte dann mit außerordentlichem Nachdruck: Der? 8 Der, erwiderte der Opticus. Drauf pfiff er, als er ſich einſchenkte, und ſchien zu den⸗ ken, daß es heute wirklich hoch hergehe. Waalter! ſagte er, ſein dünnes Haar mit dem Haken ord⸗ nend und dann mit letzterem auf den Opticus deutend. Sieh ihn an! Liebe! Ehre! und Gehorche! Lies deinen Katechismus, 77— bis du die Stelle gefunden haſt, und zeichne dir das Blatt an. Auf dein Wohlergehen, mein Junge! Er war ſo zufrieden mit ſeinem Citat und der Anmerkung dazu, daß er ſich nicht enthalten konnte, die Worte leiſe für ſich zu wiederholen und zu ſagen, er hätte ſie die letzten vierzig Jahre ganz und gar vergeſſen gehabt. Aber ich habe nie in meinem Leben zwei oder drei Worte gebraucht, die ich nicht zu finden gewußt hätte, Gills, bemerkte er. Das kommt aber daher, daß ich nicht wie man he Andere dir Worte verſchwende. Dieſe Aeußerung erinnerte ihn vielleicht daran, daß er, wie des jungen Norvals Vater, beſſer thue, ſeinen Vorrath zu vergrößern. Jedenfalls wurde er ſtumm und blieb es, bis der Alte hinausging, um die Lampen im Laden anzubrennen, wo er ſich zu Walter wendete und, ohne einleitende Bemerkung, auf einmal anfing: Ich glaube, er könnte eine Uhr machen, wenn er's verſuchte? Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, Capitain Cuttle, entgegnete der Knabe. Und ſie würde gehen! ſagte Capitain Cuttle und ſchwang ſeinen Haken in der Luft. Himmel, wie die Uhr gehen würde! Einen oder zwei Augenblicke lang ſchien er in der Betrachtung dieſes idealen K Kunſtwerkes ganz verſunken zu ſein und ſah den Knaben an, als ob deſſen Geſicht ein Zifferblatt wäre. O, er iſt voller Gelehrſamkeit, bemerkte er, und machte mit — 8.— dem Haken eine Bewegung nach dem Laden. Sieh hin! da hat er eine Sammlung. Erde, Luft und Waſſer. SS iſt ihm Alles eins. Fragt nur, wo ihr ſie haben wollt. Hinauf in einen Ballon? Da habt ihr's. Hinab in eine Taucherglocke? Da iſt's! Soll er euch den Polarſtern in eine Wage legen und ihn wiegen? Er kanns! Man wird aus dieſen Bemerkungen ſehen, daß Capitain Cuttle's Ehrfurcht vor dem Vorrath von Inſtrumenten außer⸗ ordentlich war, und ſeine Philoſophie nur einen geringen oder keinen Unterſchied zwiſchen dem Manne, der mit ihnen handelte, und dem, der ſie erfand, machen konnte. Ohl ſagte er mit einem Seufzer,' iſt eine ſchöne Sache, ſich darauf zu verſtehen. Und doch iſr s auch eine ſchöne Sache, ſich nicht darauf zu verſtehen. Ich weiß kaum, was beſſer iſt. Es iſt ſo hübſch, hier zu ſitzen und zu wiſſen, daß man gewo⸗ gen, gemeſſen, vergrößert, elektriſirt, polarifirt und ſolches Teufelszeug mit Einem angefangen werden kann, und nicht zu wiſſen, wie. Nichts Geringeres als der wundervolle Madeira, verbun⸗ den mit der Gelegenheit(die es wünſchenswerth machte, Wal⸗ ters Geiſt zu bilden und zu erweitern), hätte je ſeine Zunge gelenk genug zu einer ſo unendlich langen Rede machen können. Er ſchien ſelbſt ganz erſtaunt über die Art zu ſein, mit der ſie die Quellen des ſchweigſamen Genuſſes erblicken ließ, den er bei ſeinem Sonntagsnachmittagsmahl ſeit zehn Jahren in dieſer Stube gehabt. Ernſter und weiſer geworden, ſann er nach und ſchwieg. —„9— Friſch! rief der Gegenſtand ſeiner Bewunderung, der jetzt wieder hereintrat. Ehe ihr euer Glas Grog bekommt, Ned, müſſen wir die Flaſche austrinken. Gut! ſagte Ned und füllte ſein Glas. Gieb den Jungen auch noch was.. Nein, Onkel, ich trinke nicht mehr. Ja, ja, ſagte der Alte, noch ein klein wenig. Wir trin⸗ ken die Flaſche aus— auf das Geſchäft, Ned— auf Walters Geſchäft. Nun wer weiß, ob es nicht einmal ſein Geſchäft wird? Sir Richard Whittington heirathete ſeines Herrn Tochter. Kehre um Whittington, Lord Mayor von London, und wenn du alt biſt, wirſt du es nie wieder verlaſſen, ſchaltete der Capitain ein. Walter! lies im Katechismus nach! Und obgleich Mr. Dombey keine Tochter hat, begann Sol. O ja, Onkel, er hat eine Tochter, ſagte der Knabe errothend und behende. So? rief der Alte. Ich glaube auch. O, ich weiß es, ſagte der Knabe. Sie ſprachen heute aauf dem Comptoir davon. Und ſie ſagten, Onkel und Capitain Cuttle, fügte er leiſer hinzu, daß er ſie nicht leiden kann und daß ſie unbeachtet unter den Dienſtboten lebt, nund daß er ſo ſehr daran denkt, wie ſein Sohn einmal ins Geſchäft treten wird, daß, obgleich er nur noch ein Säugling iſt, er die Bücher öfter abſchließen läßt, als früher, und man hat ihn ſogar in den Docks geſehen(er glaubte ſich unbeachtet), wie er ſich ſeine — 80— Schiffe und ſein Eigenthum und alle die Sachen betrachtete, als ob er über das frohlockte, was er und ſein Sohn zuſammen be⸗ ſitzen werden. Ich weiß natürlich nichts davon. Er weiß ſchon Alles von ihr, ſagte der Opticus. Dummer Schnack, Onkel, rief der Knabe, röther werdend und immer noch lachend. Ich kann mir doch nicht die Ohren zuſtopfen? Ich fürchte, der Sohn ſteht uns vor der Hand etwas im Wege, Ned, ſagte der Alte, den Scherz fortſetzend. Gar ſehr, ſagte der Capitain. Nun, wir wollen aber doch auf ſeine Geſundheit trinken, fuhr der Alte fort. Alſo es lebe Dombey und Sohn! Nun gut, Onkel, rief der Knabe heiter. Da du einmal von ihr angefangen und mich mit ihr in Verbindung gebracht und geſagt haſt, ich wiſſe Alles von ihr, ſo will ich mir erlauben, den Toaſt zu verbeſſern. Es lebe Dombey— und Sohn— und Tochter! —— ͦꝗᷣuf§⅛ä⅛äö ½]öÿ Fuͤnftes Kapitel. en, Pauls Wachsthum und Taufe. nal 3 icht Der kleine Paul, der von dem Blute der Toodles keine Ent⸗ en, würdigung erlitt, wurde mit jedem Tage dicker und ſtärker. — Jeden Tag auch liebkoſte ihn Miß Tox mit größerer Inbrunſt und Mr. Dombey wußte ihre Zärtlichkeit in ſo weit zu würdigen, daß er ſie als eine Frau von ſehr gutem Herzen, deren Gefühle ihr Ehre machten und Aufmunterung verdienten, betrachtete. Er war ſo verſchwenderiſch mit ſeiner Herablaſſung, daß er ſich nicht nur bei verſchiedenen Gelegenheiten auf beſondere Art ge⸗ gen ſie verbeugte, ſondern ihr ſogar durch ſeine Schweſter Worte der Anerkennung ſagen ließ, etwa: Bitte, Luiſe, fag' deiner Freun⸗ din, daß ſie ſehr gütig iſt, oder: Aeußere gegen Miß Tox, Luiſe, daß ich ihr ſehr verbunden bin; Aeußerungen, welche auf die ſo ausgezeichnete Dame tiefen Eindruck machten. 4 Boz. Dombey u. Sohn. 6 4 — 82— Miß Tox pflegte oft Mrs. Chick zu verſichern, daß nichts ihr Intereſſe an Allem, was ſich auf die Entwickelung des lieben Engels bezog, übertreffen könne; und wer der Miß Tox Benehmen betrachtete, hätte dies auch ohne eine förmliche Erklärung er⸗ rathen können. Mit unſäglichem Genuß ſah ſie den unſchuldi⸗ gen Mahlzeiten des jungen Erben zu. Den kleinen Ceremonien des Badens und des Anziehens wohnte ſie mit Enthuſiasmus bei. Nahm das Kind einmal Medizin ein, ſo zeigte ſich das ganze rege Mitgefühl ihres Charakters. Einmal ſogar, als ſie ſich— aus Verſchämtheit— in einen Schrank verſteckt hatte, und Mr. Dombey von ſeiner Schweſter in die Kinderſtube geführt wurde, um ſeinen Sohn, während er zum Schlafengehen ausgezogen wurde, einen kleinen Spaziergang auf der Mrs. Richards Schooß machen zu ſehen, war Miß Tox ſo von Bewunderung hingeriſſen, daß ſie alles Andere vergaß und ſich nicht enthalten konnte aus⸗ zurufen: Iſt es nicht ein ſchönes Kind, Mr. Dombey? Ein wahrer Cupido! und dann hinter dem Schrank vor Verwirrung und Scham faſt in Ohnmacht ſank. Luiſe, ſagte Mr. Dombey eines Tages zu ſeiner Schweſter, ich glaube wirklich, ich muß deiner Freundin bei Pauls Tauſe ein kleines Andenken geben. Sie hat ſich von allem Anfang an ſo angelegentlich um das Kind bekümmert und ſcheint ihre Stel⸗ lung ſo richtig zu würdigen(ein ſehr ſeltener Vorzug in dieſer Welt, muß ich leider geſtehen), daß es mir wirklich angenehm ſein würde ihr eine Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Ohne der Miß Tox Verdienſte ſchmälern zu wollen, müſſen wir bemerken, daß in Mr. Dombey's Augen— und auch in man⸗ — 63— ts chen andern— nur die ihre Stellung richtig zu würdigen wußten, en die vor der ſeinigen eine geziemende Ehrfurcht zeigten. en Lieber Paul, entgegnete ſeine Schweſter, du ließeſt Miß r⸗ Tox nur Gerechtigkeit widerfahren, wie ich von einem Manne i von deiner Menſchenkenntniß von vorn herein überzeugt war. Ich en 8 glaube, daß, wenn es drei Worte in der engliſchen Sprache giebt, ei. für die ſie eine faſt an Anbetung ſtreifende Verehrung hat, dies ze die Worte Dombey und Sohn ſind. — Ich glaube es wohl, ſagte Mr. Dombey. Es macht Miß 5 Tox Ehre. e, Und was ein Andenken betrifft, lieber Paul, fuhr ſeine en Schweſter fort, ſo kann ich dir ſo viel ſagen, daß Alles, was du oß. Miß Toy giebſt, wie eine Reliquie aufbewahrt und geſchätzt wer⸗ n, den wird. Aber es gäbe noch eine ſchmeichelhaftere Art, der Miß 8⸗ Tox Theilnahme anzuerkennen, lieber Paul, wenn du ſonſt wollteſt. in Wie ſo? frug Mr. Dombey. ng Pathen, fuhr Mrs. Chick fort, ſind natürlich hinſichtlich der Verwandtſchaft und des Anſehens von Wichtigkeit. . Ich ſehe nicht ein, wie ſie das für meinen Sohn ſein ſoll⸗ iſe ten, ſagte Mr. Dombey kalt. an Sehr wahr, lieber Paul, erwiderte Mrs. Chick mit außer⸗ A⸗ ordentlicher Lebhaftigkeit, um ihre plötzliche Bekehrung zu ver⸗ 1 er decken, und ganz ſo geſprochen, wie es ſich von dir erwarten ließ. in Ich hätte wiſſen können, daß das deine Meinung war. Viel⸗ leicht— und ihre Stimme wurde wieder unſicher, als ob ſie we⸗ en gen des Erfolges nicht recht traue— vielleicht wäre dies ein n⸗ Grund, warum du noch weniger gegen Miß Tox als Pathe ein⸗ 6* — 81— zuwenden hätteſt, wenn ſie als Stellvertreterin für jemand ande⸗ res aufträte. Daß es als eine große Ehre und Auszeichnung aufgenommen werden würde, lieber Paul, brauche ich nicht erſt hinzuzufügen. Luiſe, ſagte Mr. Dombey, es iſt gar nicht daran zu denken... Gewiß nicht, unterbrach ihn Mrs. Chick raſch, um einer abſchlägigen Antwort zuvorzukommen, ich habe nie daran gedacht. Mr. Dombey ſah ſie ungeduldig an. Schüchtere mich nicht ein, lieber Paul, ſagte die Schweſter; denn das richtet mich ganz zu Grunde. Ich kann durchaus nicht viel vertragen. Seit unſerer lieben Fanny Tode habe ich mich gar nicht befunden, wie ich es gewohnt bin. Mr. Dombey warf einen Blick auf das Taſchentuch, wel⸗ ches ſeine Schweſter an die Augen brachte, und begann von 1 neuem: Es iſt gar nicht daran zu denken.... Und ich ſage, ſprach Mrs. Chick vor ſich hin, daß ich nie daran gedacht habe. Mein Gott, Luiſe! ſagte Mr. Dombey. Nein, lieber Paul, flehte ſie mit thränenvoller Würde, du 4 mußt mir wirklich erlauben zu ſprechen. Ich habe nicht ſo viel Talent oder logiſche Gewandtheit oder Beredſamkeit wie du. Das weiß ich recht gut. Deſto ſchlimmer für mich. Aber wenn es meine letzten Worte ſein ſollten— und letzte Worte ſollten dir und mir, lieber Paul, nach dem, was wir an der ſeligen Fanny erlebt haben, eine hochwichtige und ernſte Sache ſein— ſo würde 8 9 vermehrt— wenn das noch möglich iſt ich doch ſagen, ich habe nie daran gedacht. Und was noch mehr iſt, fügte Mrs. Chick mit erhöhter Würde hinzu, als ob ſie ihr niederſchmetterndes Argument bis zuletzt aufgehoben hätte: Ich habe nie daran gedacht. Mr. Dombey ging majeſtätiſch bis ans Fenſter und wie⸗ der zurück. Es iſt gar nicht daran zu denken, Luiſe, ſagte er(Mrs. Chick hatte ihre Flagge an den Maſt genagelt, und wiederholte „ich weiß es wohl,“ aber er nahm keine Notiz davon), daß es viele Perſonen giebt, die, vorausgeſetzt daß ich überhaupt einen Anſpruch in ſolchen Fällen anerkennen würde, mehr Anſprüche haben als Miß Tox. Aber ich thue dies nicht. Ich erkenne nichts der Art an. Wenn die Zeit kommt, werden Paul und ich im Stande ſein unſer Anſehen und unſern Rang zu erhalten— mit andern Worten, das Haus wird im Stande ſein, ſein An⸗ ſehen und ſeinen Rang zu behaupten und fortzupflanzen, ohne derartige alltägliche Unterſtützungen. Dieſe Hilfe von Frem⸗ den, welche die Leute meiſtens für ihre Kinder beanſpruchen, kann ich verachten; denn ich kann ſie entbehren, wie ich hoffe. Ich bin befriedigt, wenn Pauls Kindheit ohne Störung verläuft und er ohne Zeitverluſt ſich die nöthigen Eigenſchaften für die Lauf⸗ bahn, für die er beſtimmt iſt, erwirbt. In ſeinen ſpätern Jahren, wenner die Würde und das Anſehen der Firma aufrecht erhält und wird er ſich einfluß⸗ reiche Freunde auszuwählen wiſſen. Bis dahin bin ich genug für ihn und vielleicht ſein Alles. Ich wünſche nicht, daß ſich andere Leute zwiſchen uns drängen. Viel lieber möchte ich einer ſo verdienſtvollen Perſon wie deiner Freundin meine Dankbarkeit für ihr freundliches Benehmen bezeigen. Deshalb ſoll es dabei bleiben; und dein Mann und ich werden für die andern Pathen vollkommen genügen. Im Verlaufe dieſer Bemerkungen, die er mit großer Würde und Feierlichkeit ausſprach, hatte Mr. Dombey die geheimſten Empfindungen ſeines Herzens offenbart. Eine unbeſchreiblich mißtrauiſche Beſorgniß, es möge Jemand zwiſchen ihn und ſeinen Sohn treten; eine ſtolze Scheu, mit Jemand anders des Knaben Achtung und Gehorſam zu theilen; ein erſt neuerdings entſtandenes Ahnen, daß ſeine Macht, den Willen Anderer zu unterjochen, nicht unfehlbar ſei; ein eiferſüchtiger Haß gegen einen neuen Wit er⸗ ſtand, dies waren jetzt die herrſchenden Empfindungen ſeiner Seele. Sein ganzes Leben hindurch hatte er nie einen Freund gehabt. Sein kalter, zugeknöpfter Charakter hatte weder einen geſucht, noch gefunden. Und jetzt, da dieſer Charakter ſich mit ſeiner gan⸗ zen Kraft auf einen Plan väterlichen Ehrgeizes und Intereſſes warf, ſchien es, als ob ſeine eiſige Fluth, anſtatt dadurch frei zu werden und klar und lebendig dahinzuſtrömen, nur für einen Augen⸗ blick, um ſeine neue Bürde in ſeinem Schooße aufzunehmen, auf⸗ * gethaut und dann mit ihr in einen felſenharten Block zuſammen⸗ gefroren wäre.. Auf dieſe Weiſe, Dank ihrer Bedeutungsloſigkeit, zur Pathe des kleinen Paul erhoben, wurde Miß Tox von dieſer Stunde an zu dieſer Würde ernannt; und Mr. Dombey gab alsdann ſeinen Wunſch zu erkennen, daß die ſchon ſo lange hinausgeſcho⸗ bene Feierlichkeit ohne weitern Verzug ſtattfinden ſolle. Seine — 8,— t Schweſter, die einen ſo vollſtändigen Erfolg gar nicht gehofft hatte, entfernte ſich, ſobald es anging, um ihrer beſten Freundin die Nachricht zu überbringen, und Mr. Dombey blieb allein in der Bibliothek zurück. Nichts weniger als Einſamkeit herrſchte in der Kinderſtube; denn hier verlebten Mrs. Chick und Miß Tox einen gemüthli⸗ chen Abend im gegenſeitigen Austauſch ihrer Gefühle, was aber Miß Suſanne Nipper ſo empörte, daß ſie jede Gelegenheit be⸗ nutzte, um hinter der Thür Grimaſſen zu ſchneiden. Ihre Ge⸗ fühle waren heute ſo aufgeregt, daß ſie durchaus einer ſolchen Entladung bedurften, ſelbſt ohne den Troſt, Zuhörer oder Theil⸗ nehn eer zu finden. Wie die fahrenden Ritter ihr Herz damit leichterten, daß ſie die Namen ihrer Geliebten in Wüſten und Wäl⸗ und an andern öden Plätzen, wo ſie aller Wahrſcheinlichkeit nach nals Jemand zu Geſicht bekam, einſchnitten, ſo rümpfte auch iß Suſanne Nipper ihre Stumpfnaſe in Commodenkäſten, warf ächtliche Blicke in Wandſchränke, höhniſche in ſteinerne Krüge d ſchimpfte draußen auf dem Gange. — 9—4——— ☛ In glücklicher Unwiſſenheit der Gefühle der jungen Dame ſahen die beiden Eindringlinge alle Stadien des Auskleidens, Spazierengehens, Eſſens und Schlafenlegens Pauls mit an und ſetzten ſich dann zum Thee an das Feuer. Die beiden Kinder ſchliefen jetzt durch die gutherzigen Bemühungen Pollys in einem Zimmer; und erſt als die Dame am Theetiſche ſaß, brachte ſie ein zufälliger Blick auf die kleinen Betten auf Florentinen. Wie geſund ſie ſchläſt! ſagte Miß Tor. *— — Nun, ſie macht ſich auch den ganzen Tag über viel Bewe⸗ gung, ſagte Mrs. Chick, weil ſie ſo viel mit Paul ſpielt. Es iſt ein ſeltſames Kind, ſagte Miß Tox. Ihre Mama, ganz und gar, erwiderte Mrs. Chick leiſe. Wirklich! ſagte Miß Tox. O Gott! Dies ſprach Miß Toy mit einem Tone außerordentlichen b Bedauerns, obgleich ſie nicht recht wußte weshalb, höchſtens, weil es von ihr erwartet würde. Florentine wird nie, nie, nie eine Dombey werden, ſagte Mrs. Chick, nicht wenn ſie tauſend Jahr alt wird. Miß Tox zog die Brauen in die Höhe und bedauerte wie⸗ der höchlichſt. Sie macht mir viel zu ſchaffen, ſagte Mrs. Chick mit der Miene beſcheidenen Verdienſtes. Ich begreife wahrhaftig nicht, was aus ihr werden ſoll, wenn ſie älter wird, oder welche Stellung ſie nehmen ſoll. Sie weiß ſich ihres Papas Neigung gar nicht erwerben. Und wie ſollte ſie das auch, da ſie einer Dombey ganz und gar unähnlich iſt? Miß Tox ſah jetzt aus, als ob ſie gar keinen Ausweg aus dieſem Dilemma wüßte. Und das Kind, müſſen Sie wiſſen, ſagte Mrs. Chick in tiefſtem Vertrauen, hat ganz Fannys Charakter. Sie wird nie in ihrem Leben einer Anſtrengung fähig ſein, verlaſſen Sie ſich darauſf. Nie! Sie wird ſich nie um Papas Herz ſchlingen, wie— Wie der Epheu? ergänzte Miß Tox. Wie der Epheu, bejahte Mrs. Chick. Nie! Sie wird nie in Papas Liebe vertrauend Schutz ſuchen, wie— wie— lie Das geſcheuchte Reh? frug Miß Tox. Wie das geſcheuchte Reh, ſagte Mrs. Chick. Nie! Arme Fanny! Und doch, wie habe ich ſie geliebt! O, faſſen Sie ſich doch, Liebe, ſagte Miß Tox tröſtend. Ich bitte Sie! Sie haben wirklich ein zu weiches Herz. Wir haben alle unſre Fehler, ſagte Mrs. Chick und weinte und ſchüttelte den Kopf dabei. Ich darf es wohl behaupten. Ich war nie blind gegen die ihrigen. Nie habe ich das geſagt. Ganz das Gegentheil. Und doch— wie habe ich ſie geliebt! Mrs. Chick wiſchte ſich noch die Augen und ſchüttelte den Kopf, als Richards ſich die Freiheit herausnahm ihr bemerklich zu machen, daß Florentine aufgewacht ſei und aufrecht im Bett ſitze. Ja, das Kind ſaß im Bett und in ſeinen Augenwimpern glänzten Thränen. Aber nur Polly ſah ſie. Blos ſie beugte ſich über das Kind und flüſterte ihm tröſtende Worte zu und hörte das unruhige Klopfen ſeines Herzchens. 8 Ach! liebe Amme! ſagte Florentine und ſah ihr flehend in's Geſicht, laß mich bei meinem Bruder ſchlafen. Warum, liebes Herz? frug Richards. Ol ich glaube, er liebt mich, rief das Kind mit verſtörtem Blick und Ton. Laß mich bei ihm ſchlafen. Bitte, bitte! Dies gab Mrs. Chick Gelegenheit zu einigen mütterlichen Ermahnungen, wie: ſie ſolle doch ſchlafen wie ein gutes Kind, aber Florentine wiederholte ihre Bitte unter Schluchzen und Thränen. Ich wecke ihn gewiß nicht, ſagte ſie und bedeckte das Geſicht mit den Händen. Ich will ihn blos anrühren und dann mich ſchlafen — 960— legen. O, bitte, bitte, laß mich heute Nacht bei meinem Bruder ſchlafen, denn ich glaube, er hat mich gern. 2 Richards nahm ſie, ohne weiter ein Wort zu ſagen, trug ſie nach dem kleinen Bett, in dem das Kind ſchlief, und legte ſie an deſſen Seite. Sie drängte ſich ſo nahe an den Bruder heran, als es ohne Gefahr für ſeine Ruhe geſchehen konnte, ſchlang mit ſchüchterner Sorgfalt einen ihrer Arme um ſeinen Hals, bedeckte mit dem andern ihr Geſicht, um welches die loſen, feuchten Locken ihres Haares hingen, und regte ſich nicht weiter. Die arme Kleine, ſagte Miß Tox; ſie hat gewiß geträumt. Dieſer unbedentende Zwiſchenfall hatte die Unterhaltung ſchenfall h. ſo ſehr geſtört, daß ſie gar nicht wieder in Gang kommen wollte; und außerdem war Mrs. Chick von der Betrachtung ihres eignen duldſamen Selbſt ſo gerührt worden, daß ſie nicht mehr fröhlich ſein konnte. Die beiden Freundinnen beeilten ſich daher, mit ihrem Thee fertig zu werden, und ein Bedienter wurde beauftragt, einen Fiaker für Miß Tox zu holen. Miß Topy beſaß viel Erſahrung in Fiakern, und ihre Ausfahrt in einem ſolchen Wagen war meiſtens eine Sache, die viel Zeit erforderte, da ſie in den vor⸗ läufigen Anordnungen ſehr ſyſtematiſch zu Werke ging. Sein Sie ſo gut, Towlinſon, ſagte Miß Tox, vor allen Dingen Feder und Tinte mit hinauszunehmen und die Nummern leſerlich aufzuſchreiben. Schön, Miß, ſagte Towlinſon. Dann haben Sie die Güte, Towlinſon, ſagte Miß Tox, das Kiſſen umzuwenden. Es iſt gewöhnlich feucht, meine te Liebe, fügte ſie, zu Mrs. Chick gewandt, hinzu. ider rug ean als mit eckte cken unt. ung lte; nen dlich rem nen ung war or⸗ llen lern ox, be, — 91— Schön, Miß, ſagte Towlinſon. Dann müſſen Sie auch ſo gut ſein, Towlinſon, ſagte Miß Tox, dem Kutſcher dieſe Karte und dieſen Schilling hinauszutragen. Sagen Sie ihm, daß er mich nach der auf der Karte bemerkten Adreſſe zu fahren und auf keinen Fall Anſpruch auf mehr als auf dieſen Shin zu machen habe. Schön, Miß, ſagte Towlinſon Und— es thut mir leid, daß ich Ihnen ſo viel Mühe verur⸗ ſache, Towlinſon— ſagte Miß Tox und ſah ihn nachdenklich an. O ich bitte, antwortete der Bediente. So machen Sie doch dem Kutſcher bemerklich, daß der Onkel der Dame ein Poligeieihter iſt und daß, wenn er im ge⸗ ringſten impertinent gegen Sie iſ. er ſchrecklich beſtraft werden wird. Sie können dies wie einen freundſchaſtlichen Rath äußern und weil Sie wiſſen, daß es einem andenn Kutſcher, der todt iſt, ſo gegangen iſt. Wie Sie befehlen, Miß, ſagte Towlinſon. Und nun gute Nacht, mein liebes, liebes, liebes Pathchen, ſagte Miß Tox mit einem wahren Regen von ſanften Küſſen bei jeder Wiederholung dieſes Worts; und Sie, liebe Luiſt⸗ müſſen mir verſprechen, etwas Warmes zu trinken, ehe Sie zu Bett gehen, und ſich nicht ſo zu grämen! Nur mit Mühe konnte Miß Nipper, die ſchwarzäugige, die ruhigen Blicks zuſah, ihre Entrüſtung jetzt und bis zur bald darauf erſolgenden Entfernung der Mrs. Chick im Zaum halten. Aber ſo wie die Kinderſtube von Gäſten leer war, entſchädigte ſie ſich einigermaßen für ihr gezwungenes Stillſchweigen. Sechs Wochen könnten ſie mich in eine Zwangsjacke ſtecken, brach ſie los, und ich wär' doch ſchlimmer, wenn’ ſie mich wieder herausließen, aber wer hat je ſo ein paar Drachen geſehn, Mrs. Richards? Und zu ſagen, ſie träumte, die arme Kleine! ſagte Polly. O ihr Engel! rief Suſanne Nipper und warf der Thür, durch die ſich die Damen entfernt hatten, eine Kußhand zu. Keine Dombey wird ſie werden, nicht wahr? Na, zu hoffen iſt's, und wir brauchen auch keine nicht mehr, der eine iſt ſchon genug. Liebe Suſanne, wecken Sie die Kinder nicht, ſagte Polly. Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Mrs. Richards, ſagte Su⸗ ſanne, die in ihrem Zorne eben nicht wähleriſch war, und fühle mich wirklich ſehr geehrt, von Ihnen Befehle zu empfangen, denn ich bin ein ſchwarzer Neger und ein Mulatter. Mrs. Richards, wenn Sie ſonſt noch etwas zu befehlen haben, ſo haben Sie die Güte und ſagen Sie es mir. Dummes Zeug; befehlen! ſagte Polly. Ol ich bitt Sie, Mrs. Richards, rief Suſanne, Tempraliſche befehlen hier immer die Permanentiſchen. Und wenn Sie das nicht wiſſen, Mrs. Richards, wo ſind Sie denn eigentlich geboren? Aber wo Sie immer geboren ſind, Mrs. Richards, fuhr Suſanne fort und ſchüttelte entrüſtet den Kopf, und wenn, oder wie(was Sie am beſten ſelbſten wiſſen thun), das dürfen Sie nicht vergeſſen, daß es eine Sache iſt, Befehle zu ertheilen, und eine andere, Be⸗ fehle anzunehmen. Es kann Jemand einen Jemand heißen, mit dem Kopfe zuerſt von einer Brücke in fünfundvierzig Ellen tiefes * — 7 4— F icken, ieder Mrs. olly. hür, deine und olly. Su⸗ fühle denn ards, e die iſche nicht ren? anne was ſſen, Be⸗ mit iefes dies eben ſo wenig wie die Vorbereitungen zur Taufe, die auf — 93— Waſſer zu ſpringen, Mrs. Richards, aber dem Jemand braucht's noch lange nicht einzufallen zu ſpringen. Da ſind Sie nun eigentlich bös, weil Sie ein gutes Mäd⸗ chen ſind, und Miß Florentinchen lieb haben, ſagte Polly; und doch fallen Sie über mich her, blos weil Sie Niemand anders haben. Es iſt für gewiſſe Leute leicht bei Laune zu bleiben, Mrs. Richards, ſagte Suſanne ein wenig beſänftigt, wenn ihr Kind behandelt wird wie ein Kind, und gehätſchelt und getätſchelt wird, bis es wünſcht, ſeine Freunde wären wo der Pfeffer wächſt; aber wenn ein liebes kleines unſchuldiges Kind, dem nie ein böſes Wort geſagt werden durfte, unterdrückt wird, da iſt die Sache ganz anders. Aber du grundgütiger Himmel, Miß Tinchen, du ungezogenes, garſtiges Kind, wenn du nicht gleich die Augen zumachſt, ſo ruf ich die Kobolde, die oben auf dem Boden wohnen, daß ſie dich lebendig aufeſſen! Hier ließ Miß Nipper ein gräßliches Geheul vernehmen, angeblich von einem pflichtgetreuen Kobold von der Ochſenart, der darnach dürſtet, die grauſamen Pflichten ſeines Amts zu erfüllen. Nachdem ſie ferner ihren jungen Pflegling dadurch beruhigt hatte, daß ſie ihm den Kopf mit den Betttüchern zudeckte und drei oder viermal zornig auf das Kiſſen ſchlug, legte ſie die Arme überein⸗ ander, biß die Lippen zuſammen und ſah den ganzen übrigen Abend in das Feuer. Obgleich der kleine Paul nach dem Urtheil ſeiner Amme ein gar geſcheidtes Kind für ſein Alter war, ſo beachtete er doch alles den übermorgenden Tag feſtgeſetzt war. Auch verrieth er, als der beſtimmte Morgen anbrach, kein Bewußtſein ſeiner hö⸗ heren Bedeutung, ſondern war im Gegentheil ſchläfriger als ge⸗ wöhnlich und ſehr geneigt, es ſeinen Wärterinnen ſehr übel zu nehmen, daß ſie ihn zum Ausgehen anzogen. Es war ein dunkler, grauer Herbſttag, durchkältet von einem ſcharfen Oſtwind— ein Tag, der mit dem Charakter der Feier⸗ lichkeit ganz im Einklange ſtand. Mr. Dombey ſtellte für ſich allein den Wind, den Schatten und den Herbſt der Taufe dar. Streng und kalt wie das Wetter ſtand er in der Bibliothek, um die Gäſte zu empfangen, und wenn er durch den Glaspavillon auf die Bäume im Hofe hinausſah, da zitterten ihre braunen und gelben Blätter durch die Luft herab, als ob ſein Blick ſie tödte. Hu! Es waren ſchwarze kalte Zimmer, und ſie ſchienen zu trauern, wie die Bewohner des Hauſes. Genau nach ihrer Größe und in geradeſten Linien aufgeſtellt wie Soldaten, ſahen die Bücher in ihrer kalten, harten, glänzenden Uniform aus, als ob ſie alle zuſammen blos einen einzigen Gedanken enthielten, und das mußte ein froſtiger ſein. Der Bücherſchrank, mit Glasſcheibe und verſchloſſener Thür, wies alle Vertraulichkeit ſtolz zurück. Oben darauf hütete eine Bronzebüſte Pitt's, ohne die geringſte Spur ſeines göttlichen Urſprunges, den unzugänglichen Schatz wie ein verzauberter Mohr. In jeder der Ecken predigte eine ſtaubige Urne aus einem alten Grabe wie von einer Kanzel herab den Untergang und Tod; und der Spiegel über dem Kamin, der Mr. Dombey ſelbſt und auch ſein Portrait dem Beſchauer zeigte, ſchien zu me⸗ lancholiſchen Betrachtungen aufzufordern. als hö⸗ ge⸗ l zu inem feier⸗ ſich dar. „um auf und dte. en zu Bröße 1 die b ſie 8 das und Oben Spur e ein Urne rang ömbey 1 me⸗ Die ſteifen kalten Feuereiſen ſchienen näher als alles an⸗ dere mit Mr. Dombey in ſeinem zugeknöpften Rocke, ſeiner weißen Halsbinde, ſeiner ſchweren goldenen Uhrkette und ſeinen knarren⸗ den Stiefeln verwandt zu ſein. Aber dies war vor der An⸗ kunft von Mr. und Mrs. Chick, ſeinen wirklichen Verwandten, — 95 die ſich bald darauf einſtellten. Theurer Paul, murmelte Mrs. Chick, während ſie ihn umarmte, der erſte von einer langen Reihe ſchöner Tage, hoff' ich! Ich danke dir, Luiſe, ſagte Mr. Dombey mit ſauertöpfiſcher Würde. Wie geht es Ihnen, Mr. John? Wie geht es Ihnen, Sir? frug Mr. Chick dagegen. Er gab Mr. Dombey die Hand, als ob er fürchte, ſie könne ihn elektriſiren. Mr. Dombey nahm ſie, als wäre ſie ein Fiſch oder ein Seegewächs oder ein ähnliches kaltfeuchtes Ding, und ließ ſie mit erhabener Höflichkeit ſogleich wieder los. Vielleicht, Luiſe, ſagte Mr. Dombey und drehte den Kopf ein wenig in der Halsbinde um, als liefe er in einem Kugelge⸗ lenk, hätteſt du gern Feuer im Kamin? O nein, lieber Paul, ſagte Mrs. Chick, die ſich ſehr an⸗ ſtrengen mußte, damit ihr nicht die Zähne klapperten, mich friert gar nicht. Mr. John, ſagte Mr. Dombey, Sie finden es nicht kalt? Mr. John, der ſeine beiden Hände tief in die Taſchen ge⸗ ſteckt hatte und eben im Begriff ſtand, daſſelbe Lied anzuſtimmen das ſchon einmal Mrs. Chick ſo geärgert hatte, betheuerte, d er ſich ganz vortrefflich befinde. Er fügte mit leiſer Stimme hinzu: Mit meinem Rullala— — 96— als ihn glücklicherweiſe Towlinſon unterbrach, der Miß Tox anmeldete., Und herein trat dieſe Herzenskönigin mit blauer Naſe und unbeſchreiblich erfrornem Geſichte, weil ſie zur Feier des Tages ſehr dünn in ein Gewirr von flatternden Bändern und Schleifen und Gaze gekleidet war. Wie geht es Ihnen, Miß Tox? fragte Mr. Dombey. Inmitten ihrer wallenden Gazewolken ſank Miß Tox nieder wie ein Opernglas, das man zuſammenſchiebt; ſie ver⸗ beugte ſich ſo tief in Erwiderung auf Mr. Dombey's große Höf⸗ lichkeit, denn er kam ihr ein oder zwei Schritt entgegen. Ich werde dieſen Tag nie vergeſſen, Sir, ſagte Miß Tox mit ſüßer Stimme. Dies iſt unmöglich. Meine theure Luiſe, ich wage kaum meinen Sinnen zu glauben. Wenn Miß Toyx einem ihrer Sinne glauben durfte, ſo war es heute ſehr kalt. Das war ganz klar. Sie benutzte die erſte paſſende Gelegenheit, um die Cireulation des Bluts in ihrer Naſe dadurch wieder herzuſtellen, daß ſie dieſelbe heimlich mit dem Schnupftuch rieb, damit ſie nicht durch ihre fehr niedrige Temperatur dem Säugling beim Küſſen unangenehm auffalle. Endlich erſchien das Kleine, in großem Staat von Richards hereingetragen, während Florentine, in Gewahrſam des rührigen weiblichen Conſtablers Suſanna Nipper, den Zug ſchloß. Ob⸗ den⸗ die ganze Geſellſchaft diesmal in hellere Trauer gekleidet ar, als das erſtemal, ſo lag doch genug in der Erſcheinung des verwaiſ'ten Kindes, um den Tag nicht heiterer zu machen. Auch der Säugling— der Miß Tox Naſe war vielleicht Schuld— fing ——, 1 8d 8Sͤ—-———,„ Tox und —— an zu weinen, und hinderte dadurch Mr. Chick an der taͤppiſchen Ausführung eines ſehr guten Vorſatzes, nämlich ſich mit Floren⸗ tinen zu beſchäftigen. Denn dieſer Herr, gefühllos gegen die höheren Anſprüche eines vollkommnen Dombey(vielleicht weil er die Ehre hatte, ſelbſt mit einer Dombey verbunden zu ſein, und daher die Vollkommenheit ſchon gewohnt war), hatte das Mädchen wirklich gern und zeigte dies, und wollte es eben auf ſeine beſondere Art zeigen, als Paul ſchrie und ſeine Gattin ihn unterbrach. Nun, Florentinchen, ſagte die Tante, was machſt du denn, Kind? Zeige dich ihm. Mach' ihn aufmerkſam auf dich! Die Luft ſchien kälter zu werden, als Mr. Dombey froſtig der Tochter zuſah, wie ſie in die Hände klatſchte, ſich auf die Zehen ſtellte vor dem Throne ſeines Sohnes und Erben und ihn ſo reizte, auf ſie herabzuſehen. Eine unſchuldige Liſt der Richards wirkte vielleicht mit, aber der Säugling blickte jedenfalls herunter und war ſtill. Wie ſich die Schweſter hinter ihrer Wärterin ver⸗ ſteckte, folgte er ihr mit den Augen; und als ſie mit einem luſtigen Ausrufe hervorlugte, da ſprang er vor Freuden, und lachte hell auf, wie ſie auf ihn zurannte, und ſeine kleinen Händchen tän⸗ delten mit ihren Locken, wie ſie ihn mit Küſſen faſt erſtickte. Sah Mr. Dombey dies gern? Mit keinem Zucken ſeines Geſichts zeigte er Freude; aber äußere Anzeichen irgend eines Gefühls waren bei ihm ſelten. Wenn ſich ein Sonnenſtrahl in's Zimner ſtahl, um den ſpielenden Kindern zu leuchten, ſo erreichte er wenigſtens ſein Geſicht nie. Er ſah ſo ſteif und kalt zu, daß Boz. Dombey u. Sohn. 7 — 98— der warme Schimmer ſelbſt aus den lachenden Augen Florentin⸗ chens entſchwand, als ſich endlich ihre Blicke trafen. Es war ein ſehr trüber, grauer Herbſttag, und in der kurzen Pauſe, die jetzt eintrat, fielen die Blätter ſchauernd zur Erde. Mr. John, ſagte Mr. Dombey, indem er nach der Uhr ſah und Hut und Handſchuhe nahm, haben Sie die Güte, meiner Schweſter den Arm zu geben; ich führe heute Miß Tox. Sie, Richards, gehen lieber mit Paul voran, aber ja pech vorſichtig. In Mr. Dombey'’s Wagen ſaßen Dombey und Sohr. Miß Tox, Mrs. Chick, die Richards und Florentine, in einem zweiten kleinern Wagen Suſanne Nipper und der Eigenthümer Mr. Chick. Suſanne ſah mit unermüdlicher Ausdauer zum Fen⸗ ſter hinaus, um der Verlegenheit, das breite Geſicht des gedachten Herrn beſtändig anſehen zu müſſen, zu entgehen, und dachte ſtets, wenn etwas raſchelte, er wickele ein angemeſſenes Geldgeſhent für ſie in Papier. Einmal auf dem Wege zur Kirche klatſchte Mr. Dombey zur Erheiterung ſeines Sohnes in die Hände, von welcher Darlegung des väterlichen Enthuſiasmus Miß Tox ganz bezaubert war. Aber mit Ausnahme dieſes Vorfalles beſtand der Haupt⸗ unterſchied zwiſchen der Kindtaufsgeſellſchaft und einer Geſell⸗ ſchaft in einer Leichenkutſche in der Farbe des Wagens und der Pferde. An der Freitreppe vor der Kirche empfing ſie ein ſtattlicher Kirchendiener. Mr. Dombey, der zuerſt ausſtieg, um den Damen —·— — 99.— 1 herauszuhelfen, nahm ſich neben ihm wie ein zweiter Kirchen⸗ diener aus. Ein Kirchendiener von geringerer Pracht, aber grauen⸗ voller; der Kirchendiener des Privatlebens; der Kirchendiener unſers Geſchäfts und unſrer Herzen. Die Hand der Miß Tox zitterte, als ſie dieſelbe auf Mr. Dom⸗ bey's Arm legte und ſich, geleitet von einem dreieckigen Hut und einem breiten Bandelier, die Stufen hinauf geführt ſah. Einen Augenblick lang war es ſo ſehr jener andern Feierlichkeit ähnlich:„Willſt du dieſen Mann zum Ehegemahl haben, Lucretia?“—„Ja, ich will.“ Bitte, bringen Sie das Kind ſchnell aus der rauhen Luft herein, fluͤſterte der Kirchendiener und öffnete die innere Kir⸗ chenthür. Der kleine Paul hätte mit Hamlet fragen können: in mein Grab? ſo ſchauerlich und dumpfig war es in der Kirche. Die hohe Kanzel und das Leſepult, dunkelumhüllt z die einförmige öde Perſpective leerer Betſtühle unter der Gallerie und leerer Bänke, bis zum Dach emporſteigend und im Schatten der großen Orgel ſich verlierend; die ſtaubigen Strohdecken und kalten Stein⸗ platten; die feuchte Ecke mit dem Glockenſeil, wo die ſchwarze Bahre ſtand und ein paar Schaufeln und Körbe, und ein moder⸗ duftendes dickes Seil; der eigenthümliche, ungewöhnliche, unge⸗ müthliche Geruch und der Grabesdämmer— Alles war in Har⸗ monie. Es war eine unheimlich⸗froſtige Umgebung. Es iſt gerade eine Trauung, Sir, ſagte der Kirchendiener, aber ſie wird gleich vorüber ſein. Treten Sie einſtweilen in die Sacriſtei. 7* — 100— Ehe er ſich umwandte, um ihnen den Weg zu zeigen, ver⸗ beugte er ſich vor Mr. Dombey mit einem Lächeln, in dem ſich Ehrfurcht und Vertraulichkeit miſchten und womit er ſagen wollte, daß er, der Kirchendiener, das Vergnügen gehabt habe, ihn bei Gelegenheit des Begräbniſſes ſeiner Frau zu bedienen, und daß er hoffe, er habe ſich ſeitdem wohl befunden. Sogar die Trauung nahm ſich trübſelig aus, wie ſie vor dem Altar vorbeigingen. Die Braut war zu alt und der Bräu⸗ tigam zu jung, und ein an Jahren überreifer Stutzer mit einem Auge und einem Stecher vor dem blinden fungirte als Brautvater, während die Zeugen froren. In der Sacriſtei rauchte das Feuer und ein in vieler Plage und ſchlechtem Lohn grau gewordener Schreiber eines Attorneys glitt mit dem Zeigefinger über die Per⸗ gamentſeiten eines Todtenregiſters in einem großen Bande, dem einzelnen Gliede einer langen Reihe auf dem Brete. Ueber dem Kamin hing ein Grundriß der Gruftgewölbe unter der Kirche; und Mr. Chick, der den Text dazu laut durchmuſterte, um die Ge⸗ ſellſchaft zu unterhalten, las die Hinweiſung auf Mr. Dombey's Grab ganz vor, ehe er im Stande war, ſeiner Rede Fluß zu hemmen. Nach einer zweiten froſtigen Pauſe rief eine hüſtelnde kleine Stuhlſchließerin, die mit einem auf den Kirchhof, wenn nicht in die Kirche gehörigen Aſthma behaftet war, die Geſellſchaft zum Taufſtein. Hier warteten ſie eine kleine Weile, bis die Getrauten ſich eingeſchrieben hatten; und unterdeſſen ging die kleine Stuhl⸗ ſchließerin— theils in Folge ihres Leidens und theils, damit — 101— das junge Paar ſie nicht vergeſſe— ſchrecklich huſtend in der Kirche herum. Gleich darauf erſchien der Küſter(der einzige Gegenſtand von heiterem Ausſehen in der Kirche und ſelbſt er war ein Lei⸗ chenbeſtatter) mit einem Krug voll warmen Waſſers und ſagte, als er es in den Taufſtein goß, etwas von angenehm machen, was Millionen Krüge kochendes Waſſer diesmal nicht hätten thun können. Dann erſchien der Geiſtliche, ein liebenswürdiger junger Vicar mit ſanftem Geſicht, aber offenbar voll ſcheuer Furcht vor dem Säuglinge, wie die Hauptperſon in einer Geſpenſtergeſchichte „eine hohe Geſtalt ganz in Weiß gehüllt“: und bei ſeinem An⸗ blick zerriß Paul Aller Ohren mit lautem Geſchrei, und ließ nicht eher nach, als bis er, ganz dunkelblau im Geſicht, hinausgetragen wurde. Selbſt nachdem dies zur großen Erquickung für Jedermann geſchehen war, hörte man ihn noch, ſo lange die Feierlichkeit dauerte, unter dem Porticus, bald leiſer, bald lauter, bald wieder losbrechend mit einem ununterdrückbaren Gefühle des ihm ge⸗ ſchehenen Unrechts. Dies nahm die Aufmerkſamkeit der beiden Damen ſo in Anſpruch, daß Mrs. Chick beſtändig durch den Mit⸗ telgang der Kirche eilte, um durch die Stuhlſchließerin Botſchaften hinauszuſchicken, während Miß Tox ihr Gebetbuch bei der Pul⸗ ververſchwörung aufgeſchlagen hatte und zuweilen Reſponſen aus dieſem Theile las. Während der ganzen Feierlichkeit blieb Mr. Dombey ſo wohlanſtändig kalt wie gewöhnlich, und half es vielleicht mit ſo kalt machen, daß es dem jungen Vicar aus dem Munde rauchte, — 102— als er las. Nur ein einziges Mal verzog er ſein Geſicht ein wenig, nämlich als der Geiſtliche, wie er die Schlußvermahnung bezüglich auf die ſpätere Prüfung des Kindes vor den Pathen las, zufällig Mr. Chick anſah; und da hätte man ſehen ſollen, wie Mr. Dombey durch einen majeſtätiſchen Blick ausſprach, daß er ſich das nur unterſtehen möchte. Es wäre gut für Mr. Dombey geweſen, wenn er etwas weniger an ſeine Würde gedacht hätte, und ein wenig mehr an den hohen Urſprung und Zweck der Feierlichkeit, bei der er ſeine Rolle ſo ceremoniös und ſteif ſpielte. Sein Dünkel ſtand in ſchroffem Gegenſatz zu ihrer Entſtehung. Als Alles vorüber war, gab er abermals Miß Tox den Arm und führte ſie in die Sacriſtei, wo er dem Geiſtlichen ſagte, wie ſehr er ſich erfreut und geehrt fühlen würde, ihn bei ſich zur Tafel zu ſehen; aber leider erlaube dies die Trauer ſeines Hauſes nicht. Nachdem das Regiſter unterſchrieben, die Gebühren be⸗ zahlt, die Stuhlſchließerin(deren Huſten wieder ſehr ſchlimm war) befriedigt, der Kirchendiener belohnt und der Kirchner (der zufällig in der Thür ſtand und ſich ſehr angelegentlich nach dem Wetter umſah) nicht vergeſſen worden, ſtiegen ſie wieder in den Wagen und fuhren in ſteifer und froſtiger Ungeſelligkeit wie vorhin nach Hauſe. Hier ſah ſich bereits Mr. Pitt mit Naſenrümpfen eine kalte Collation an, die im kalten Prunk von Glas und Silber ſich präfentirte und mehr wie ein todtes Diner auf dem Paradebette denn wie ein geſelliges Mahl ausſah. Nach ihrer Ankunft ſchenkte Miß Tox ihrem Pathchen einen Becher und Mr. Chick — 103— Meſſer, Gabel und Löffel in einem Etui. Mr. Dombey dagegen ſchenkte Miß Tox ein Armband, worüber Miß Tox höchlichſt ge⸗ rührt war. Mr. John, ſagte Mr. Dombey, wollen Sie ſich gefälligſt unten an die Tafel ſetzen. Was haben Sie da, Mr. John? Ich habe einen kalten Kalbsſtoß, Sir, erwiderte Mr. Chick und rieb ſich die erſtarrten Hände warm, was haben Sie dort oben? k Das hier, erwiderte Mr. Dombey, iſt kalter Kalbskopf, glaub ich. Da iſt kaltes Geflügel— Schinken— Paſtete— Salat— Hummern. Miß Tox wird mir die Ehre erweiſen, ein Glas Wein mit mir zu trinken? Champagner für Miß Tox! In Allem und Jedem lauerte ein Zahnweh. Der Wein war ſo bitter kalt, daß er Miß Tox einen leiſen Schrei auspreßte, den ſie mit großer Mühe in ein Hem! umwandelte. Der Kalbs⸗ braten kam aus einer ſo luftigen Speiſekammer, daß der erſte Biſſen davon bis in Mr. Chick' Fußſpitzen ein Gefühl wie von kaltem Blei hervorbrachte. Nur Mr. Dombey blieb ungerührt. Er hätte auf einem ruſſiſchen Jahrmarkte als ein eingefrorner Herr ausgeſtellt werden können. Der allesbeherrſchende Eindruck war ſelbſt für ſeine Schwe⸗ ſter zu ſtark. Sie machte keinen Verſuch, ihrem Bruder Schmei⸗ cheleien zu ſagen und die Unterhaltung zu beleben, ſondern be⸗ mühte ſich einzig und allein, ſo wenig froſtig als möglich aus⸗ zuſehen. Wohlan, ſagte Mr. Chick mit einem verzweiflungsvollen — 104— Anlauf nach einer langen Pauſe und ſchenkte ſich ein Glas Sherry ein; mit Ihrer Erlaubniß, Sir, trinke ich dies Glas auf das Wohl des kleinen Paul! Der Himmel ſegne ihn! ſprach Miß Tox leiſe vor ſch hin und nippte an ihrem Weinglas. Der liebe kleine Dombey! murmelte Mrs. Chick. Mr. John, ſagte Mr. Dombey mit geſtrenger Würde, mein Sohn würde Ihnen ſehr verbunden ſein, und würde dies gegen Sie ausſprechen, wenn er die Aufmerkſamkeit, die Sie ihm er⸗ weiſen, gehörig würdigen könnte, das bin ich überzeugt. Ich hoffe, daß er dereinſt jeder Verantwortlichkeit gewachſen ſein wird, welche die gütige Zuneigung ſeiner Verwandten und Freunde im Privatleben oder die hohem Anſprüche unſerer Stellung im öffentlichen ihm auferlegen dürften. Da der Ton, in dem dieſe Worte geſprochen wurden, jede Erwiderung abſchnitt, verſank Mr. Chick wieder in Niedergeſchla⸗ genheit und Schweigen. Anders aber Miß Tox, die Mr. Dombey mit noch emphatiſcherer Aufmerkſamkeit und noch ausdrucksvollerer Neigung des Hauptes als gewöhnlich zugehört hatte und ſich jetzt über den Tiſch bog und leiſe zu Mrs. Chick ſagte: Luiſe! Nun, meine Liebe? antwortete Miß Chick. Die hohen Anſprüche unſerer Stellung im öffentlichen Leben. — ich kann mich nicht mehr auf die rechten Worte beſinnen. Fpoordern könnten, ſagte Mrs. Chick. ——„ — 105— Verzeihen Sie, Liebe, entgegnete Miß Tox; ſo war es wohl nicht. Die Periode war abgerundeter, fließender. Welche die gütige Zuneigung ſeiner Freunde und Verwandten im Privat⸗ leben oder die hohen Anſprüche unſrer Stellung im öffentli⸗ 3 chen Leben— ha ha— auferlegen dürften? Ja, richtig, auferlegen dürften, ſagte Mrs. Chick. Miß Tox ſchlug frohlockend ihre zarten Hände zuſammen, und fügte mit einem Blick nach der Decke hinzu: das nenn' ich Beredſamkeit! 34 Mr. Dombey hatte unterdeſſen die Richards rufen laſſen, die jetzt hereintrat, aber ohne das Kind; denn Paul ruhte von den Anſtrengungen des Morgens aus. Nachdem Mr. Dombey dieſer Vaſallin ein Glas Wein hatte geben laſſen, redete er ſie mit fol⸗ genden Worten an— vorher aber neigte Miß Tox ihr Haupt* auf die Seite, und machte andere kleine Vorbereitungen, um ſie 8 ſich recht tief in's Herz einzuprägen. Während der ſechs Monate, Richards, daß Sie Bewoh⸗ nerin dieſes Hauſes geweſen ſind, haben Sie Ihre Pflicht gethan. Indem ich den Wunſch fühlte, Ihnen auf Veranlaſſung dieſes feſtlichen Tages einen kleinen Dienſt zu erweiſen, überlegte ich, wie ich dies am beſten bewerkſtelligen könnte, und berieth mich auch mit meiner Schweſter, Mrs.— Chick, ergänzte der Herr dieſes Namens. O, ich bitte Sie, ſtill! ſagte Miß Tox flehend. Ich wollte Ihnen ſagen, Richards, fuhr Mr. Dombey mit einem ſtrafenden Blicke auf Mr. John fort, daß mich auch noch 8 —— — 106— die Erinnerung an ein Geſpräch in meinem Entſchluſſe beſtärkte, das ich mit Ihrem Manne in dieſem Zimmer hatte, als Sie in Lohn genommen wurden, und wo ich durch ſeinen eigenen Mund die traurige Entdeckung machte, daß Ihre ganze Familie, und er ſelbſt an ihrer Spitze, in die tiefſte Unwiſſenheit verſunken iſt. Die Richards erbebte unter der großartigen Faſſung dieſes Vorwurfs. Ich bin, fuhr Mr. Dombey fort, durchaus kein Freund von dem, was Leute von deſtructoriſchen und Alles nivellirenden Ge⸗ ſinnungen allgemeine Volkserziehung nennen. Aber es iſt noth⸗ wendig, daß den untern Klaſſen beſtändig gelehrt wird, ihre Stellung zu würdigen und ſich anſtändig zu benehmen. In ſo fern billige ich Schulen. Da ich nun das Recht habe, ein Kind zur Aufnahme in eine alte Stiftung vorzuſchlagen, die(nach einer wohllöblichen Gilde)„die barmherzigen Scheerenſchleifer“ heißt und wo die Schüler nicht nur geeigneten Unterricht, ſondern auch einen Anzug und ein Nummerſchild bekommen, ſo habe ich, nach⸗ dem ich durch Mrs. Chick mich mit Ihrer Familie in Verbindung geſetzt, Ihrem älteſten Sohne die erledigte Stelle gegeben; und wie ich höre, iſt er heute eingekleidet worden. Die Nummer ihres Sohnes, ſagte Mr. Dombey zu ſeiner Schweſter und ſprach von dem Kinde, als ob es eine Fiakerkutſche wäre, iſt, glaube ich, ein⸗ hundertſiebenundvierzig. Luiſe, du weißt es ja. Einhundertſiebenundvierzig, ſagte Mrs. Chick. Der Anzug, Richards, beſteht aus einer hübſchen, warmen, blauen Friesjacke mit Schößen und einer Mütze mit orangegelbem Bande eingefaßt, von Ge⸗ th⸗ ihre 1 ſo zur iner eißt auch ach⸗ ung wie hres von ein⸗ zug, jacke faßt, — 107— rothen Wollenſtrümpfen und ſehr ſtarken Lederhoſen. Man könnte wahrhaftig die Sachen ſelbſt anziehen, ſagte Mrs. Chick mit Enthuſiasmus, und dankbar dafür ſein. Sehen Sie, Richards! ſagte Miß Tox. Jetzt können Sie wirklich ſtolz ſein. Die barmherzigen Scheerenſchleifer! Ich bin Ihnen gewiß recht ſehr dankbar, Sir, ſagte die Richards mit ungewiſſer Stimme, und es iſt recht ſchön von Ihnen, daß Sie an meinen Kleinen denken. Dabei aber ſchwebte ihr ein Bild ihres Aelteſten als barmherziger Scheerenſchleifer, die ſehr kleinen Beinchen in die von Mrs. Chick mit ſolchem Enthuſias⸗ mus beſchriebenen Lederhoſen gehüllt, vor Augen, und lockte faſt Thränen hervor. Es freut mich, in Ihnen ſo viel Gefühl zu finden, Richards, ſagte Miß Tox. Es läßt Einen wahrhaftig hoffen, ſagte Mrs. Chick, die auf ihr Vertrauen in das menſchliche Herz ſtolz war, daß es doch noch ein Fünkchen Dankbarkeit und echtes Gefühl in der Welt giebt. Die Richards antwortete auf dieſe Lobſprüche mit Knixen und leiſen Worten des Dankes; aber da es ihr gar nicht möglich war, ſich ſo ſchnell wieder von der Erſchütterung, die das Bild ihres Sohnes in ledernen Beinkleidern in ihr hervorgebracht hatte, zu erholen, ſo näherte ſie ſich allmählich der Thür, und war herzlich froh, als ſie wieder draußen war. Die vorübergehenden Spuren eines theilweiſen Aufthauens, welche ihre Gegenwart hervorgerufen, verſchwanden mit ihr; und der Froſt war ſo ſtreng und kalt, wie er nur je geweſen. Zwei⸗ — 10s— mal ſummte Mr. Chick ein Stückchen von einer Melodie, aber beidemal war es ein Fragment des Trauermarſches aus dem Saul. Die Geſellſchaft ſchien mehr und mehr zu erkalten und allmählich zu gefrieren, wie die kalte Collation, die vor ihnen auf dem Tiſche ſtand. Endlich blickte Mrs. Chick Miß Tox an, und dieſe gab den Blick zurück und Beide ſtanden auf und ſagten, es ſei jetzt wirklich Zeit aufzubrechen. Da Mr. Dombey dieſe Ankündigung ganz ruhig mit anhörte, ſo nahmen ſie von dieſem Herrn Abſchied und entfernten ſich unter dem Schutze Mr. Chick's, der, als ſie dem Hauſe den Rücken gewendet und ſeinem Herrn in ſeinem gewöhnlichen einſamen Prunke zurückgelaſſen hatten, die Hände in die Taſchen ſteckte, ſich in den Wagen in eine Ecke drückte und„Mit einem Bum⸗raſſaſſa!“ von einem Ende bis zum andern pfiff; dabei gab er ſeinem Geſicht einen Ausdruck ſo düſtern und ſchrecklichen Trotzes, daß Mrs. Chick nicht wagen durfte, dagegen Einſpruch zu thun oder ihm ſonſt etwas anzuhaben. Die Richards, obgleich ſie den kleinen Paul auf dem Schooße hatte, konnte ihren eigenen Erſtgeborenen nicht vergeſſen. Sie fühlte, daß ſie undankbar ſei, aber der Charakter des Tages wirkte ſogar auf die barmherzigen Scheerenſchleifer zurück, und ſie konnte das zinnerne Schild mit der Nummer 147 kaum an⸗ ders denn als einen Theil ſeiner Förmlichkeit und ſeines geſtren⸗ gen Ernſtes betrachten. Sie ſprach auch in der Kinderſtube von „ſeinen armen Beinchen“ und wurde abermals von der Erſchei⸗ nung ſeines Geiſtes in Uniform heimgeſucht. Ich wüßte nicht, was ich gäbe, ſagte Polly, wenn ich meinen ¹ — 1⁰9— armen Kleinen noch einmal ſehen könnte, bevor er ſich daran gewöhnt. Ich will Ihnen was ſagen, Mrs. Richards, antwortete Suſanne, die ſie in's Vertrauen gezogen hatte; beſuchen Sie ihn und erleichtern Sie Ihr Herz. Mr. Dombey würde es nicht gern ſehen, ſagte Polly. Und ob der's nicht gern ſähe, Mrs. Richards! erwiderte Suſanne; er würde es ſchon gern ſehen, wenn man ihn darum fragte. Sie würden ihn wohl nicht fragen? ſagte Polly. Nein, Mrs. Richards, ganz das Gegentheil, gab Suſanne zur Antwort. Und da die beiden Aufſeher Tox und Chick morgen nicht im Dienſt ſind, wie ich hörte, ſo will ich mit Miß Tinchen Sie morgen früh begleiten, denn wir können dort eben ſo gut eine Straße auf und ab gehen und noch dazu beſſer als anderswo. Polly wies anfangs dieſen Gedanken Henlic ſtandhaft zurück; aber allmählich fing ſie an ihn zu nähren, wie ſie die ver⸗ botenen Bilder ihres Kindes und ihres eigenen Heerdes immer deutlicher vor ſich ſah. Endlich gab ſie Suſannens Vorſchlag nach, da es ja weiter nichts ſchaden konnte, einmal zur Thür hereinzugucken. Nachdem die Sache auf dieſe Weiſe beſchloſſen worden, fing der kleine Paul ganz jämmerlich an zu weinen, wie in Vorahnung, daß nichts Gutes daraus entſtehen werde. Was fehlt nur dem Kinde? frug Suſanne. — 110— Es friert ihn, glaube ich, ſagte Polly, und ging mit ihm piſchend im Zimmer auf und ab. Es war in der That ein unfreundlicher Herbſtiachmittag, und wie ſie hin und her ging und das Kind in den Schlaf ſang und, durch die Fenſter auf die öde Umgebung draußen blickend, den Kleinen feſter an's Herz drückte, da raſchelten die welken Blätter in dichtem Regen hernieder. Sechſtes Capitel. Pauls zweite Verwaiſung. Polly war am Morgen von ſo vielen trüben Ahnungen gequält, daß ſie, ohne die unaufhörlichen Aufmunterungen ihrer ſchwarz⸗ äugigen Kameradin, gewiß alle Gedanken an die Expedition auf⸗ gegeben und in beſter Form um Erlaubniß gebeten hätte, Nummer 147 unter dem ehrfurchtgebietenden Schatten von Mr. Dombey's Dach ſehen zu dürfen. Aber Suſanne, die perſönlich zu Gunſten des beabſichtigten Spazierganges geſtimmt war und zwar andrer Leute Hoffnungen mit ziemlicher Gemüthsruhe vernichtet ſehen, aber eine Täuſchung, die ſie betraf, nicht ertragen konnte, wußte ſo viele ſcharfſinnige Zweifel gegen das Gelingen dieſes zweiten Planes zu entdecken, und ſie in der urſprünglichen Abſicht mit ſo viel ſcharfſinnigen Gründen zu beſtärken, daß faſt, ſo wie Mr. Dombey ſeinem Hauſe den ſtolzen Rücken gekehrt hatte und ſeinen täglichen Weg nach der City verfolgte, ſein nichts Böſes ahnender Sohn nach Staggs Garten aufbrach. Dieſe Localität lag in einer Vorſtadt, die ihren Bewohnern unter dem Namen Camberling Town bekannt iſt; eine Benen⸗ nung, welche die Karte von London für Fremde— zur Erleichte⸗ rung und Verannehmlichung des Nachſehens auf Taſchentücher gedruckt— mit einigem anſcheinenden Grunde in Camdentown zuſammenzieht. Hieher wandten die beiden Kinderwärterinnen, begleitet von ihren beiden jungen Schützlingen, ihre Schritte; die Richards trug natürlich den kleinen Paul, während Suſanne Florentinen führte und ihr von Zeit zu Zeit ſo viel Püffe und Rucke beibrachte, als ſie heilſam und nützlich fand. Der erſte Stoß eines großen Erdbebens hatte gerade da⸗ mals die ganze Nachbarſchaft heimgeſucht. Spuren deſſelben erblickte man auf allen Seiten. Häuſer waren dem Erdboden gleich gemacht; Straßen aufgeriſſen und geſperrt; Löcher und Graben in dem Boden entſtanden; ungeheure Haufen von Erde aufgeworfen; unterminirte, wankende Häuſer mit großen Balken geſtützt. Hier lag ein Haufen Karren unten am Fuße einer ſteilen Höhe chaotiſch über einander; dort roſteten ganze Laſten Eiſen in etwas, das ſich zufällig zu einem Tümpel geſammelt hatte. Ueberall ſah man Brücken, die nirgendshin führten; Wege, die ganz ungangbar waren; babyloniſche Thürme von Rauchfängen, nur halb in die Höhe gebaut; Breterbuden und Gebäude an den allerunglaublichſten Stellen; halbverfallene Hütten und halb⸗ vollendete Mauern und Bogen, und hohe Gerüſte und Laby⸗ rinthe von Ziegeln, und rieſige Krahne und Hebezeuge. Man erblickte das Unvollendetſein in hunderttauſend Geſtalten, chao⸗ tiſch am unrechten Ort über einander gehäuft, in die Erde ver⸗ ſunken, in die Luft emporſtrebend, im Waſſer modernd und un⸗ — 113— verſtändlich wie ein Traum. Warme Quellen und lodernde Flammengarben, die gewöhnlichen Begleiter des Erdbebens, machten die Verwirrung nur noch toller. Kochendes Waſſer ziſchte und brauſ te zwiſchen zerfallenen Mauern, aus denen auch der helle Schein von gewaltigen Feuern emporſtrömte; und Aſchenhaufen verſperrten alte Wegerechte, und veränderten das Geſetz und den uch des Landes ganz und gar. Mit einem Wort, die noch unvollendete und uneröffnete Eiſenbahn wurde eben gebaut, und verfolgte mitten aus dem Kern dieſer Verwirrung ruhig ihr gewaltiges Werk der Civili⸗ ſation und des Fortſchrittes. Aber bis jetzt wollte die Nachbarſchaft die Eiſenbahn noch nicht recht anerkennen. Ein oder zwei kühne Spekulanten hatten Pläne zu Straßen entworfen, und einer hatte auch ein wenig gebaut, war aber mitten in Koth und Aſche ſtehen geblieben, um ſich die Sache noch etwas zu überlegen. Eine funkelnagelneue Schenke, in der man noch den Maurer roch und deren Fenſter auf gar nichts herausgingen, hatte die Lokomotive zum Zeichen erwählt; aber das konnte eine tollkühne Spekulation ſein— und dann hoffte der Wirth an die Arbeiter Getränke abzuſetzen. So war aus einem einfachen Bierhaus„der Tunnel“ geworden; und der uralte Fleiſchladen hatte ſich aus ähnlichen eigennützigen Beweg⸗ gründen in die Reſtauration zur Eiſenbahn verwandelt und bot täglich eine gebratene Schweinskeule aus. Auch Logirhaus⸗ beſitzer zeigten ſich auf dieſelbe Weiſe der Neuerung geneigt und ſtanden deswegen nicht in gutem Credit. Der allgemeine Glaube gewann ſehr langſam Terrain. Staubige Felder und Boz. Dombey u. Sohn. 8 — 114— Kuhſtälle und Düngerhaufen und Kehrichthaufen und Gärten und Lauben und Plätze zum Teppichausklopfen befanden ſich unmittelbar vor der Thür der Eiſenbahn. Kleine Hügel von Auſterſchalen in der Auſterzeit und Hummerſchalen in der Hum⸗ merzeit machten ſich auf ihr breit. Pfähle, Zäune und alte War⸗ nungstafeln, und Rückſeiten von ſchlechten Hütten, und kleine Flecke mit armſeligem Graſe drängten ſich ſtatt ihrer in das Auge Vorübergehenden. Wenn der wüſte Fleck, der daneben lag, hätte lachen können, ſo hätte er ſie mit Hohngelächter zu Grunde ge⸗ richtet, wie manche der bettelhaften Nachbarn. Stagg's Garten war ungewöhnlich ungläubig. Es war eine kleine Reihe Häuſer mit kleinen armſeligen Beetchen davor, die mit alten Thüren, Faßdauben, Stücken getheerter Leinwand und verdorrten Reiſern eingezäunt waren, während bodenloſe Blech⸗ keſſel und altersſchwache Schüreiſen als Ausbeſſerungsſtoff dienten. Hier zogen Stagg's Gärtner Feuerbohnen, Hühner uud Kaninchen, bauten halbverfaulte Lauben(die eine war ein altes Boot), trockneten Kleider und rauchten. Stagg's Garten galt ſeinen Bewohnern als ein heiliger Hain, den nie eine Eiſenbahn entweihen könne; und ſo feſt überzeugt waren ſie, daß er alle lächerlichen neuen Erfindungen lange, lange überdauern werde daß der Schornſteinfegermeiſter an der Ecke, der politiſche Ton⸗ angeber des Viertels, öffentlich erklärte, er werde bei Eröff⸗ nung der Eiſenbahn, wenn ſie überhaupt einmal eröffnet werde, zwei von ſeinen Jungen ſeine Schornſteine hinaufklettern und von dort oben das Fehlſchlagen des Unternehmens von ihnan mit einem ſpüttiſchen Hurrah begrüßen wefjen — 115— Nach dieſem unheiligen Orte, deſſen Namen ſogar Mrs. Chick ihrem Bruder auf's ſorgfältigſte verhehlt hatte, wurde jetzt der kleine Paul vom Schickſal und der Richards geführt oder viel⸗ mehr getragen. Das iſt mein Haus, Suſanne, ſagte Polly und wies mit der Hand darauf. 9 O, wirklich! ſagte Suſanne herablaſſend. Und da ſteht meiner Seel' Schweſter Jemima mit meinem lieben Kinde in der Thür! rief Polly. Dieſer Anblick gab Polly's Ungeduld ein paar ſo rieſenhafte Schwingen, daß ſie den Garten hinunter rannte, auf Jemima los⸗ ſtürzte und in einem Nu die Kinder mit ihr tauſchte— natürlich . zum unausſprechlichen Staunen dieſer jungen Maid, welcher der Erbe des Dombey wie vom Himmel herabgefallen erſchien. Was, Polly! rief Jemima. Dul! wie du mich erſchreckt haſt! Wer hätte das gedacht! Komm nur herein, Polly! Und wie geſund du ausſiehſt! Die Kinder werden halb närriſch werden, wenn ſie dich ſehen! Dies waren ſie in der That, wenigſtens nach dem Lärm zu urtheilen, den ſie machten, und nach der Heftigkeit, mit der ſie über Polly herfielen und ſie nach einem niedrigen Stuhl in der Kaminecke zogen, wo ihr liebes apfelrundes Geſicht ſogleich zum Mittelpunkt eines Kranzes von kleinern Aepfeln wurde, die alle ihre rothen Backen an die ihrigen drängten und offenbar alle von einem Stamme kamen. Polly ſelbſt war eben ſo ungeſtüm und laut wie die Kinder; und erſt als ſie ganz außer Athem war, und die Haare ihr wirr um das geröthete Antlitz hingen, und 8* ihr neuer Feſtanzug ſehr in Unordnung gekommen war, trat eine Unterbrechung der Verwirrung ein. Selbſt da noch plieb der vorletzte Toodle ihr auf dem Schooße ſitzen, die Aermchen dicht um ihren Hals geſchlungen, während der allerletzte hintenauf geklettert war und nur auf einem Fuße ſtehend, denn er konnte nicht hinaufreichen, ſich gar ſehr anſtrengte, die Mama um die Ecke zu küſſen. Seht, da iſt ein hübſches kleines Fräulein, das euch beſuchen will, ſagte Polly; und ſeht, wie ruhig ſie iſt, iſt es nicht ein ſchönes kleines Fräulein? Dieſe Hinweiſung auf Florentinen, die als nicht unverſtän⸗ dige Zuſchauerin an der Thür geſtanden, lenkte die Aufmerkſam⸗ keit der Kinder auf ſie und hatte auch die gute Wirkung, eine förmliche Einführung von Miß Nipper zu veranlaſſen, die nicht ganz frei von dem Gefühle war, bereits vernachläſſigt und belei⸗ digt worden zu ſein. O bitte, Suſanne, treten Sie einen Augenblick herein und ſetzen Sie ſich, ſagte Polly. Das iſt meine Schweſter Jemima. Je⸗ mima, ich wüßte nicht, was ich anfangen ſollte ohne Miß Nipper; ohne ſie wäre ich nicht hergekommen. Bitte, Miß Nipper, ſetzen Sie ſich, ſagte Jemima. Suſanne ſetzte ſich mit ſteifem und ceremoniöſem Weſen auf die äußerſte Ecke eines Stuhles. Ich habe mich mein Lebtag nicht ſo über einen Beſuch ge⸗ freut, wahrhaftig, Miß Nipper, ſagte Jemima. Suſanne rückte ein wenig weiter zurück auf dem Stuhle und lächelte gnädig. 1 — 117— Bitte, binden Sie Ihren Hut auf und machen Sie ſich's bequem, Miß Nipper, bat Jemima. Es ſieht hier freilich ärm⸗ licher aus, als Sie's gewohnt ſein werden; aber Sie werden's nicht ſo genau nehmen. Die Schwarzäugige ward ſo beſänftigt von dieſem ehrer⸗ bietigen Benehmen, daß ſie die kleine Miß Toodle, die vorbeirannte, einfing, in die Höhe hob und ihr einen Kuß gab. Aber wo iſt mein Aelteſter? fragte Polly. Wo ſteckt er? Ich bin den weiten Weg gegangen, um ihn in ſeinen neuen Klei⸗ dern zu ſehen. Ach wie ſchade! rief Jemima. Es wird ihm das Herz brechen, wenn er erfährt, daß die Mutter dageweſen iſt. Er iſt in der Schule, Polly. Schon fort! Ja. Er ging geſtern zum erſten Mal hinein, aus Furcht, etwas vom Unterricht zu verlieren. Aber es iſt heute blos halber Schultag, Polly; wenn du dableiben könnteſt, bis er nach Hauſe kommt— du und Miß Nipper, mein' ich, ſagte Jemima, zur rechten Zeit der Würde und Bedeutung Suſannens eingedenk. Wie ſieht er nur aus, der arme Junge? frug Polly mit unſichrer Stimme. Nun, nicht ſo ſchlecht, als du denken würdeſt, erwiderte Jemima. Ach! ſagte Polly bewegt, ich dächte, ſeine Beine müßten zu klein ſein.— Seine Beine ſind klein, erwiderte Jemima, vorzüglich hinten; aber ſie werden mit jedem Tage länger, Polly. — 118— Es war ein langſamer, die Zukunft anrufender Troſt; aber die Freundlichkeit und Gutmüthigkeit, mit der er ertheilt wurde, gab ihm einen Werth, den er an und für ſich nicht beſaß. Nach einem kurzen Schweigen frug Polly heitrer: Und wo iſt der Vater, Jemima?— denn unter dieſem patriarchaliſchen Namen war Mr. Toodle der ganzen Famillie bekannt. Es iſt doch auch recht Schade! ſagte Jemima. Der hat auch ſein Mittagsbrod gleich mitgenommen, und kommt erſt Abends nach Hauſe. Aber er ſpricht immer von dir, Polly, und erzählt den Kindern von dir, und iſt die freundlichſte, geduldigſte und beſte Seele von der Welt, wie er's immer war und bleiben wird! Danke, Jemima, antwortete die einfache Polly, erfreut über die Worte und betrübt über das Fehlſchlagen der Hoffnung. O, du brauchſt mir nicht zu danken, Polly, ſagte ihre Schweſter, indem ſie ihr einen ſchallenden Kuß auf die Wangen gab und dann den kleinen Paul tanzen ließ. Ich ſage daſſelbe manchmal von dir und meine es auch ſo. Trotz der doppelten Täuſchung konnte man doch unmöglich einen Beſuch, der ſo aufgenommen wurde, als eine zu Waſſer ge⸗ wordene Freude betrachten, und ſo unterhielten ſich denn die Schwe⸗ ſtern angelegentlich über Familienangelegenheiten und den Aelte⸗ ſten und alle ſeine Brüder und Schweſtern. Unterdeſſen muſterte Suſanne ſorgfältig den Hausrath, die Wanduhr, den Taſſenſchrank, die Burg auf dem Kaminſims, ausgeſtattet mit rothen und grünen Fenſtern, die von inwendig illuminirt werden konnten, und die kleinen Kätzchen von ſchwarzem Sammet, jede — 119— mit einem Strickbeutel im Maul, welche bei den Staggsgärtnern äls wahre Wunder der nachahmenden Kunſt galten. Da das Geſpräch bald allgemeiner wurde, damit Suſanne nicht böſe und ſarkaſtiſch werde, ſo gab dieſe junge Dame der Schweſter Polly's einen vollſtändigen Bericht über Alles, was ſie von Mr. Dombey, ſeinen Verhältniſſen, ſeiner Familie, ſeinem Leben und ſeinem Charakter wußte. Ferner ein genaues Verzeichniß ihrer Garde⸗ robe und einige Nachrichten über ihre Verwandten und Freunde. Nachdem ſie durch dieſe vertraulichen Mittheilungen ihr Herz erleichtert hatte, erquickte ſie ſich an Seekrebſen und Porter und zeigte große Neigung, ihren Geſellſchafterinnen ewige Freund⸗ ſchaft zu ſchwören. Auch Florentinchen wußte Zeit und Gelegenheit ſchnell zu benutzen. Im Garten, wohin die kleinen Toodles ſie geführt hatten, um ihr einige Pilze und andere Merkwürdigkeiten des 8 Ortes zu zeigen, half ſie mit lebendigem Intereſſe an dem Baue eines Dammes durch eine grüne Pfütze, die ſich in einer Ecke geſammelt hatte. Sie war noch mitten in der Arbeit, als Suſanne dazu kam und ihr, ſo groß war ihr Pflichtgefühl ſelbſt unter dem humaniſirenden Einfluß von Seekrebſen und Porter, eine moraliſche Predigt(interpunktirt mit Püffen) über ihr entartetes Gemüth hielt, während ſie ihr Geſicht und Hände wuſch und prophe⸗ zeite, daß ſie die grauen Haare ihrer ganzen Familie mit Kummer in’s Grab bringen werde. Nach einigem Verzug, veranlaßt durch eine ziemlich lange Verhandlung über Geldangelegenheiten zwiſchen Polly und Jemima in der Oberſtube, fand ein Wiedereintauſch der Kinder ſtatt— denn Polly hatte die ganze Zeit über ihr — 120— Kind gehalten, und Jemima den kleinen Paul— und der Beſuch empfahl ſich. Vorerſt aber waren die jungen Toodles durch elden from⸗ men Betrug nach einem nahen Laden gelockt worden, angeblich um dort einen Penny zu verſpeiſen; und als ſie aus dem Wege geſchafft waren, entfloh Polly. Jemima rief ihr noch nach, wenn ſie auf dem Rückwege durch den Cityroad gehen wollte, könne ſie vielleicht dem Aelteſten auf dem Heimwege begegnen. Meinen Sie wohl, daß wir dieſen kleinen Umweg machen könnten, Suſanne? frug Polly, als ſie ſtill ſtand, um Aehan zu ſchöpfen. Warum nicht, Mrs. Richards? erwiderte Suſanne. Es iſt bald Eſſenszeit, bemerkte Polly bedenklich. Aber das Nachfrühſtück hatte ihre Gefährtin mehr als gleich⸗ giltig gegen dieſes wichtige Bedenken gemacht; ſo ſchenkte ſie ihm keine Berückſichtigung, und ſie beſchloſſen,„einen kleinen Umweg“ zu machen. Nun traf es ſich, daß auf des armen älteſten Toodle Leben ſeit geſtern Morgen durch die Tracht der barmherzigen Scheeren⸗ ſchleifer ein ſchwarzer Schatten gefallen war. Die Straßen⸗ jugend konnte dieſe Tracht nicht ausſtehen. Kein kleiner Gaſſen⸗ bube konnte ſie nur einen Augenblick anſehen, ohne über den harm⸗ loſen Beſitzer herzufallen und ihm ein Leid anzuthun. Er führte mehr ein Leben, wie einer der Urchriſten, als wie ein unſchuldiges Kind des neunzehnten Jahrhunderts. Er war auf der Straße geſtei⸗ nigt worden. Man hatte ihn in den Rinnſtein geworfen, mit Koth beſpritzt, gewaltſam gegen Laternenpfähle gepreßt. Ihm vollkom⸗ — 8 erblickten. Kaum war dies geſchehen, ſo übergab ſie mit einem — 121— men unbekannte Leute hatten ihm die gelbe Mütze vom Kopfe ge⸗ riſſen und ſie dem Winde zum Raube gegeben. Seine Beine waren nicht blos mit Worten, ſondern auch mit Händen und Fäuſten hart angegriffen worden. An dem heutigen Morgen wieder hatte er auf dem Hinwege nach der Schule ganz ohne ſein Anſuchen ein blaues Auge und hernach Strafe dafür von dem Schullehrer bekommen, einem altersſchwachen Scheeren⸗ ſchleifer von unbarmherzigem Gemüth, den man zum Schulmeiſter gemacht hatte, weil er nichts verſtand und zu gar nichts taugte⸗ und deſſen grauſamer Stock auf alle kleinen dickbäckigen Jungen eine ordentliche Zauberkraft ausübte. So geſchah es, daß der älteſte Tvodle auf ſeinem Nach⸗ hauſewege die ödeſten Straßen aufſuchte und durch enge Höfe und Nebengäßchen ſchlich, um ſeinen Peinigern aus dem Wege zu gehen. Aber als er endlich die Hauptſtraße betreten mußte, brachte ihn ſein Mißgeſchick mitten unter einen Haufen Knaben, unter Anführung eines blutgierigen Fleiſcherburſchen, die hier auf eine Gelegenheit lauerten, ſich eine angenehme Unterhaltung zu verſchaffen. Als dieſe den barmherzigen Scheerenſchleifer in ihrer Mitte ſahen— gewiſſermaßen wie durch ein Wunder in ihre Gewalt gegeben— ſtimmten ſie ein allgemeines Hurrah an und ſtürmten auf ihn los. Aber es geſchah zu derſelbigen Zeit, daß Polly, nachdem ſie einen hoffnungsloſen Blick die Straße entlang geworfen und nachdem ſie ſchon eine Stunde gegangen waren, meinte, es ſei unnütz noch weiter zu gehen, als ihre Augen dieſes Schauſpiel — 122— haſtigen Ausrufe den kleinen Paul ihrer Gefährtin und eilte ihrem armen kleinen Sohn zu Hilfe. Ueberraſchungen kommen wie Unglücksfälle ſelten allein. 4 Die ganz verblüffte Suſanne Nipper und ihre beiden Schützlinge. wurden von Umſtehenden unter den Rädern eines vorüberfah⸗ d renden Wagens hervorgeriſſen, ehe ſie noch wußte, was ge⸗ 1 ſchehen ſei; und in demſelben Augenblicke(es war Markttag) d ertönte der Donnerruf: ein wilder Ochſe! ſ Betäubt von dieſem verwirrten Bild von hin⸗ und her⸗ rennenden, lautſchreienden Leuten, vorbeiraſſelnden Wagen, ſich prügelnden Buben, heranſtürmenden Ochſen und der Wärterin in⸗ mitten dieſer Gefahren eilte Florentine ſchreiend von dannen. · Sie lief, bis ſie nicht mehr konnte, und trieb die Wärterin an, das Gleiche zu thun; und dann, als ſie ſtillſtand und die Hände 1 rang bei dem Gedanken, daß ſie die Amme zurückgelaſſen, ent⸗ deckte ſie mit einem unbeſchreiblichen Entſetzen, daß ſie ganz r allein ſei. Suſanne! Suſanne! rief Florentine, und ſchlug in ver⸗ zweifelnder Augſt die Händchen zuſammen. O, wo ſind ſie! wo ſind ſie! d Wo ſind ſie? ſagte eine Alte, die von der andern Seite der Straße ſo ſchnell als ſie nur konnte herübergehumpelt kam. Warum biſt du von ihnen fortgelaufen? Ich hatte Furcht, antwortete Florentine. Ich wußte nicht, was ich that. Ich glaubte, ſie wären bei mir. Wo ſind ſiee? Die Alte nahm ſie bei der Hand und ſagte, ich will dir's zeigen. — 123— Es war ein ſehr häßliches altes Weib mit rothen Augen und einem Munde, der ſich von ſelbſt bewegte, wenn ſie nicht ſprach. Sie ging ganz zerlumpt und trug ein paar Felle über den Arm. ge Jedenfalls war ſie Florentinen eine kleine Strecke nachgegangen, 4 denn ſie war ganz außer Athem; und das machte ſie noch häß⸗ licher, wie ſie daſtand und, um wieder zu Athem zu kommen, mit 9 dem verſchrumpftem gelben Geſicht und dem runzligen Halſe 1. ſich krampfhaft abarbeitete. Florentine fürchtete ſich vor ihr und blickte zögernd die 1. Straße entlang, deren Ende ſie faſt erreicht hatte. Es war eine n. öde Gegend, und ſie ſah nur ſich und die Alte. , Du brauchſt dich jetzt nicht zu fürchten, ſagte die Alte de und hielt ſie immer noch feſt. Komm mit mir. t⸗ Ich— ich kenne euch nicht. Wie heißt ihr? frug Flo⸗ nz rentine. Mrs. Brown. Gute Mrs. Brown. r⸗ Sind ſie in der Nähe? frug Florentine, und gab ſchon nach. vo Suſanne iſt ganz nahe, ſagte die gute Mrs. Brown; und die andern ſind nicht weit von ihr. te Hat Jemand Schaden genommen? rief Florentine. m. Nein, ganz und gar nicht, ſagte die gute Mrs. Brown. Das Kind vergoß Thränen der Freude, als es dies hörte, t, und folgte dem alten Weibe ohne Widerſtreben; obgleich es ſich 5 nicht enthalten konnte, zuweilen einen verſtohlenen Blick auf ihr F Geſicht zu werfen— vorzüglich auf den ewig zuckenden und wackelnden Mund— und ſich zu fragen, ob wohl die garſtige — 124— Mrs. Brown— wenn es ein ſolches Individuum gebe— der guten ähnlich ſei. 6 Sie waren noch nicht weit, aber über mehrere öde Plätze gegangen, als die Alte in ein ſchmutziges Seitengäßchen einbog, wo der Koth, von tiefen ſchwarzen Gleiſen durchfurcht, mitten auf der Straße lag. Sie blieb vor einer ärmlichen Hütte ſtehen, die ſo feſt zu war, als es bei ſo zahlreichen Spalten und Riſſen in der Mauer nur möglich war. Nachdem ſie die Thür mit einem Schlüſſel, den ſie aus dem Hute langte, geöffnet hatte, ſtieß ſie das Kind in eine Hinterſtube, wo ein großer Haufen Lumpen von allen Farben, ein Haufen Knochen und ein Haufen geſiebte Aſche auf der Flur lag; aber Hausrath war nirgends zu ſehen, und Wände und Decke ſahen ganz ſchwarz aus. Das Kind wurde dermaßen von Angſt ergriffen, daß es keinen Laut hervorbringen konnte und ausſah, als wolle es ohn⸗ mächtig werden. Nun, ſei kein einfältiges Mädchen, ſagte die gute Mrs. Brown und ſchüttelte das Kind, um es wieder zu vollem Bewußt⸗ ſein zu bringen. Ich thue dir nichts. Setz' dich auf die Lum⸗ pen dort. Florentine gehorchte und faltete flehend die Hände. Ich will dich nicht einmal länger als eine Stunde da be⸗ halten, ſagte Mrs. Brown. Verſtehſt du, was ich ſage? Das Kind brachte ſein Ja nur mit Mühe heraus. Dann mach' mich nicht böſe, ſagte Mrs. Brown, indem ſie auf dem Haufen Knochen Platz nahm. Dann will ich dir nichts zu Leide thun. Aber wenn du mich böſe machſt, mache ich dich ſie — 125— todt. Ich hätte das zu jeder Zeit thun können, ſelbſt als du zu Hauſe in deinem Bett lagſt. Jetzt ſage mir, wer du biſt und wie du heißt. Die Drohungen und Verſprechungen der Alten, die Furcht, ſie zu beleidigen, und die bei einem Kinde ſeltene, aber bei Flo⸗ rentinen faſt zur andern Natur gewordene Gewohnheit, ruhig zu ſein und ſeine Gefühle, Befürchtungen und Hoffnungen in ſich zurückzudrängen, befähigten das Mädchen, dieſem Befehl zu gehorchen und ſeine kleine Geſchichte oder was es davon wußte zu erzählen. Mrs. Brown hörte aufmerkſam zu bis an's Ende. Dombey heißt du alſo? ſagte Mrs. Brown. Ja, war die Antwort. Du mußt mir dies hübſche Kleid geben, Miß Dombey, ſagte die gute Mrs. Brown, und dies Hütchen, und ein oder zwei Unterröcke, und Alles, was du ſonſt entbehren kannſt. Schnell! Zieh ſie aus! Florentine gehorchte ſo ſchnell, als ihre zitternden Hände es nur geſtatteten, und heftete während der ganzen Zeit ihren Blick furchtſam auf Mrs. Brown. Als ſie alle von dieſer Dame ver⸗ langten Kleidungsſtücke ausgezogen hatte, beſah ſich die Alte dieſelben genauer und ſchien mit ihrer Beſchaffenheit und ihrem Werthe ziemlich zufrieden zu ſein. 7 Hm! ſagte ſie endlich, und muſterte die zarte Geſtalt des Kindes vom Kopf bis zu den Füßen. Ich ſehe weiter nichts— blos die Schuhe. Ich muß die Schuhe haben, Miß Dombey. Das arme Florentinchen zog ſie ſchnell aus, nur zu froh, daß ſie noch mehr Beſänftigungsmittel in ihrem Beſitz habe. ————— — — 126— Dann ſuchte die Alte aus dem Haufen Lumpen, den ſie zu dieſem Zwecke umwendete, ein paar jämmerliche Erſatzſtücke hervor und fügte dazu noch einen entſetzlich alten und abgetragenen Kinder⸗ mantel und die geſtaltloſen Ueberreſte eines Hutes, der höchſt wahrſcheinlich aus einem Kehrichthaufen ſtammte. Dieſe appe⸗ titlichen Kleider befahl ſie Florentinen anzuziehen; und da dies eine Einleitung zur Befreiung zu ſein ſchien, ſo gehorchte ihr das Kind mit noch größerer Bereitwilligkeit, wenn das möglich war. Als ſie haſtig den Hut aufſetzen wollte— der übrigens mehr einer Wulſt, auf der man ſchwere Laſten trägt, glich— blieb er an ihrem Haar hängen und ſie konnte ihn nicht gleich wieder losmachen. Bei dieſem Anblick brachte die gute Mrs. Brown plötzlich eine Scheere zum Vorſchein und gerieth in ent⸗ ſetzliche Aufregung. Warum kannſt du mich nicht in Ruhe laſſen, ſagte Mrs. Brown, jetzt, wo ich ſchon genug hatte? Du kleiner Dummkopf! Ich bitte um Verzeihung. Ich weiß nicht, was ich gethan habe, rief Florentine angſtvoll. Ich konnte nichts dafür. Konnte nichts dafür! rief Mrs. Brown. Denkſt du, ich kann was dafür? O Gott! ſagte die Alte, und wühlte gierig in den Locken des Kindes, jeder Andere hätte ſie zu allererſt abgeſchnit⸗ ten; nur ich denke nicht dran! Florentine war ſo froh, daß es nur ihr Haar und nicht ihr Kopf war, wonach Mrs. Brown verlangte, daß ſie ſich weder ſträubte noch flehte, ſondern nur ihre ſanften Augen zu dem Antlitz dieſer guten Seele emporhob. Wenn ich nicht ſelber einmal eine Tochter gehabt hätt— +₰ 18—. — 127— jetzt weit weg über's Meer— die ſtolz auf ihr Haar war, ſagte Mrs. Brown, ſo müßte ich jede Locke davon haben. Sie iſt weit weg! Sie iſt weit weg! O, ol O, o! Mrs. Brown s Klageruf war nicht wohltönend, war aber, be⸗ gleitet mit einem verzweifelnden Emporſtrecken dermagern Arme, von leidenſchaftlichem Schmerz erfüllt, und ging tief in das Herz Flo⸗ rentinens, die mehr als je darüber erſchrack. Er hatte aber auch vielleicht ſeinen Theil an der Rettung ihrer Locken; denn Mrs. Brown, nachdem ſie ſie mit ihrer Scheere eine Weile umſchwebt hatte, wie eine neue Art Schmetterling, befahl ihr die Haare unter dem Hute zu verbergen und kein Härchen davon hervor⸗ gucken zu laſſen. Nachdem die Alte dieſen Sieg über ſich ſelbſt errungen, ſetzte ſie ſich wieder auf den Haufen Knochen und rauchte aus einem ſchwarzen Pfeifenſtummel. Dabei bewegte ſie in einem fort die Kinnlade und die Backen, als ob ſie den Stiel verzehre. Als die Pfeife ausgeraucht war, gab ſie dem Kinde ein Ka⸗ ninchenfell zu tragen, damit es mehr wie ihre gewöhnliche Be⸗ gleiterin ausſehe, und ſagte ihm, daß ſie es jetzt nach einer Straße führen wolle, wo es ſich nach dem Nachhauſewege erkundigen könne. Aber mit der Androhung ſchneller und ſchrecklicher Rache im Falle des Ungehorſams verbot ſie dem Mädchen, unterwegs Fremde anzureden oder nach dem väterlichen Hauſe zu gehen (dies mochte vielleicht für Mrs. Browu's Sicherheit etwas zu nahe ſein); ſondern es ſollte des Vaters Comptoir in der City aufſuchen und an der Straßenecke, wo es hingeführt werden ſollte, warten, bis die Glocke drei Uhr ſchlüge. Dieſe Vorſchriften — 128— ſchärfte Mrs. Brown Florentinen mit der Verſicherung ein, daß ihr dienſtbare allmächtige Augen und Ohren Alles, was ſie thue, ſehen und hören würden; und Florentine verſprach, dieſe Gebote gewiſſenhaft zu befolgen. Endlich brach Mrs. Brown auf und führte die ganz ver⸗ wandelte und zerlumpte Kleine durch ein Labyrinth von engen Straßen, Gäßchen und Durchgängen, bis ſie endlich auf einen Hof mit einem großen Thorweg am äußerſten Ende kamen, durch welches man das Brauſen einer lebensvollen Hauptſtraße vernahm. Nachdem ſie Florentinen dieſen Thorweg gewieſen und ihr einge⸗ prägt hatte, von dort aus, ſobald es drei geſchlagen, links zu gehen, faßten ihre Hände, die darin ganz ſelbſtändig und ohne zu fragen zu handeln ſchienen, noch einmal zum Abſchied in das üppige Haar der Kleinen. Dann ſagte ſie ihr noch einmal, ſie wiſſe ja jetzt, was ſie zu thun habe; ſie ſolle nun gehen und bedenken, daß ſie beobachtet werde. Mit erleichtertem Herzen, aber immer noch mit Furcht er⸗ füllt, ſah ſich Florentine endlich befreit und eilte nach der Ecke. Als ſie dieſelbe erreichte, wendete ſie den Kopf und ſah die gute Mrs. Brown aus dem niedrigen hölzernen Thorbogen, wo ſie Ab⸗ ſchied genommen, hervorlugen und ihr mit der Fauſt drohen. Aber ſo oft ſie ſich auch hernach umſah— mindeſtens jede Minute, ſo quälte ſie die Erinnerung an die Alte— ſie erblickte ſie nicht wieder. Florentine blieb an der Ecke ſtehen und blickte in das lär⸗ mende Leben der Straße hinein, das ſie mehr und mehr verwirrte; und unterdeſſen ſchienen die Uhren einig geworden zu ſein, nie wieder drei zu ſchlagen. Endlich aber läutete es von den — 129— Thürmen drei Uhr; einer ſtand ganz in der Nähe, ſo konnte ſie ſich alſo nicht irren; und nachdem ſie ſich oft ſchüchtern umgeſehen und jetzt ein Stückchen vorwärtsgegangen, dann wieder umgekehrt war, damit nicht etwa die allmächtigen Spione der Mrs. Brown es übel vermerkten, eilte ſie von dannen, ſo ſchnell als es ihr ſchlottriges Schuhwerk geſtattete, und hielt dabei das Kaninchen⸗ fell krampfhaft feſt in der Hand. Alles, was ſie von ihres Vaters Comptoir wußte, war, daß es Dombey und Sohn gehörte und dieſer Name etwas Großes in der City war. Daher konnte ſie ſich nur nach dem Wege zu Dombey und Sohn in der City erkundigen, und da ſie gewöhnlich Kinder zu Rathe zog— ſie fürchtete ſich, erwachſene Leute zu fragen — ſo erfuhr ſie herzlich wenig. Aber dadurch, daß ſie nach einer Weeile ſich blos nach dem Wege zur City erkundigte und die andere Hälfte der Frage vor der Hand fallen ließ, näherte ſie ſich wirklich allmählich dem Mittelpunkt jener großen Region, die der ſchreckliche Lordmayor beherrſcht. Müde vom Laufen, getreten und herumgeſtoßen, betäubt von dem Lärm und der Verwirrung, angſtvoll bekümmert um ihren Bruder und ihre Wärterinnen, voller Schrecken über das, was ihr begegnet, und bangend vor dem Augenblick, wo ſie in dieſem veränderten Zuſtande vor ihren Vater treten würde, ganz verwirrt und mit Furcht erfüllt wegen deſſen, was geſchehen, was geſchah und was ſie noch zu erwarten hatte, verfolgte Florentine ihren mühſeligen Weg mit Thränen in den Augen und mußte ein paar Mal ſtill ſtehen, um ihr übervolles Herz durch bitterliches Boz. Dombey u. Sohn. 9 — 130— Weinen zu erleichtern. Aber in Folge ihres Anzuges beachteten ſie nur Wenige; und wer es that, glaubte, ſie ſei abgerichtet, Mitleid zu erregen, und ging vorbei. Auch rief Florentine die ganze Feſtigkeit und Selbſtändigkeit ihres Charakters zu Hilfe, den die traurige Erfahrung vor der Zeit gebildet und geprüft hatte, und verfolgte ihr Ziel mit ſtandhaftem Sinne. Gerade zwei Stunden nach dem Beginn ihrer ſeltſamen Reiſe flüchtete ſie ſich vor dem toſenden Lärm einer engen Straße voll Wagen und Karren in eine Art Werft am Flußufer, wo ſie viele Kiſten, Ballen und Fäſſer rundum verſtreut, eine große höl⸗ zerne Wage und ein kleines Hüttchen auf Rädern bemerkte. Vor letztern ſtand ein ſtarker Mann, pfeifend, die Feder hinter dem Ohr und die Hände in den Taſchen, als ob ſein Tagewerk faſt vollbracht ſei. Was ſolls? ſagte dieſer Mann, der ſich gerade umdrehte. Ich habe nichts für dich, Mädel. Fort! 1 Guter Herr, iſt das die City? frug zitternd die Tochter der Dombeys. So! Freilich iſt das die City. Du wirſt das wohl gut genug wiſſen. Marſch! Wir haben nichts für dich! Ich will auch gar nichts haben, ich dank' Ihnen, war die ſchüchterne Antwort. Ich will blos wiſſen, wo man zu Dombey und Sohn kommt. Den Mann, der achtlos auf ſie zugegangen war, über⸗ —, — 131— raſchten dieſe Worte; er ſah das Mädchen aufmerkſam an und erwiderte: Was willſt du denn bei Dombey und Sohn? Ich muß zu ihnen, guter Herr, antwortete das Kind. Der Mann ſah ſie noch erſtaunter an und kratzte ſich in ſeiner Verwunderung ſo heftig hinter den Ohren, daß er ſich den Hut herunterwarf. Joe! rief er einem Andern— einem Arbeiter er ſich bückte, um den Hut wieder aufzuheben. Hier! antwortete Joe. zu, als Wo iſt der junge Menſch von Dombeys, der mit bei dem Einladen der Ballen war? frug er. Eben fort durch die andere Thür, ſagte Joe. Ruf ihn einen Augenblick zurück. Joe lief lautrufend in einen Thorweg hinein und kehrte gleich darauf mit einem munter ausſehenden Jüngling zurück. Ihr ſeid Dombey's Burſche, nicht wahr? frug ihn der ältere Mann. Ich bin in Dombey's Geſchäft, Mr. Clark, erwiderte Jener. Nun, ſo guckt einmal her, ſagte Mr. Clark. Der Handbewegung gehorchend näherte ſich der Jüngling Florentinen, nicht ohne ein ganz natürliches Staunen, was ihm dies Mädchen angehe. Aber ſie, welche das vorhergehende Ge⸗ 9*† —P — 132— ſpräch mit angehört hatte und ſich, abgerechnet die Beruhigung, ſich ſo plötzlich am Ende ihrer Reiſe zu ſehen, über alle Maßen von dem freundlichen Geſichte und Weſen des Burſchen ge⸗ tröſtet fühlte, lief ihm mit Lebhaftigkeit entgegen, wobei ſie einen ihrer weiten Schuhe verlor, und ergriff ſeine Hand mit ihren beiden. Ich habe mich verlaufen, guter Herr! ſagte Florentine. Verlaufen? rief der Knabe. Ja, ich habe heute früh meine Wärterin verloren, weit von hier, und man hat mir die Kleider abgenommen,— und ich trage jetzt nicht meine eigenen— und ich heiße Florentine Dombey, meines kleinen Bruders einzige Schweſter— und— o Gott, Gott! nehmen Sie mich mit, guter Herr, ſchluchzte Florentine und ließ ihren kindiſchen Gefühlen, die ſie ſo lange niedergehalten, in einem Thränenſtrom freien Lauf. Mr. Clark ſtand ganz verblüfft da und ſagte leiſe zu ſich ſelbſt: ſo einen Auftritt hab' ich mein Lebtag noch nicht hier ge⸗ ſehen. Walter hob den Schuh auf und ſteckte ihn an den kleinen Fuß, ſo ehrfurchtsvoll wie der Prinz im Mährchen wohl Aſchen⸗ brödeln den Schuh angezogen. Er hing das Kaninchenfell über ſeinen linken Arm, gab den rechten Florentinen, und kam ſich vor — nicht wie Richard Whittington, denn das wäre nur ein zahmer Vergleich, ſondern wie der heilige Georg von England, vor dem der todte Drache liegt. Weinen Sie nicht, Miß Dombey, rief er mit feurigem Enthu⸗ — 133— ſiasmus. Wie herrlich, daß ich gerade da ſein mußte! Sie ſind jetzt ſo ſicher, als ob Sie unter dem Schutze einer ganzen Bootsmann⸗ ſchaft von auserleſenen Leuten von einem Kriegsſchiff ſtänden. O, weinen Sie nicht. Ich will nicht mehr weinen, ſagte Florentine. Ich weinte nur vor Freude. Vor Freude! dachte Walter, und ich bin die Veranlaſſung dazu! Kommen Sie, Miß Dombey. Da haben Sie den andern Schuh verloren! Hier, nehmen Sie meine, Miß Dombey. Nein, nein, nein, ſagte Florentine und hielt den Unge⸗ ſtümen ab, ſeine Schuhe von den Füßen zu reißen, die gehen beſſer, ſie ſind ganz gut. Freilich, ſagte Walter mit einem Blick auf ihren Fuß, meine ſind eine Meile zu lang. Was ich aber auch denke! Sie könnten nimmermehr in meinen gehen. Kommen Sie, Miß Dombey. Jetzt will ich den Schurken ſehen, der es wagt, Sie zu beleidigen! So führte Walter mit einem ſehr herausfordernden Geſicht Florentinen fort und ſchien ſich dabei unendlich wohl zu fühlen, und ſie gingen Arm in Arm durch die Straßen, unbekümmert um die Verwunderung, die ihre Erſcheinung unterwegs erregen konnte und wirklich erregte. Es wurde dunkel und neblig und fing auch an zu regnen; aber ſie kümmerten ſich darum nicht: denn Beide waren ganz und — 134— gar vertieft in die heutigen Abenteuer Florentinens, die ſie mit der Treuherzigkeit und unſchuldigen Offenheit ihres Alters erzählte, während Walter lauſchte, als ob ſie, weit, weit weg von dem Schmutz und Lärm der Thamesſtraße, allein unter den breiten Blättern und hohen Bäumen einer wüſten Inſel im ſtillen MNeere wandelten— was er ſich wohl auch dachte. Wie weit haben wir noch zu gehen? frug Florentine endlich und ſah ihren Gefährten an. Ach, warten Sie einmal, ſagte Walter und blieb ſtehen; wo ſind wir denn eigentlich? Ach, ich ſehe ſchon. Aber das Comptoir iſt ſchon geſchloſſen, Miß Dombey. Es iſt jetzt Niemand da. Mr. Dombey iſt ſchon lange nach Hauſe. Ich glaube, wir müſſen auch nach Hauſe gehen? Doch halt! Wie wär's, wenn ich Sie zu meinem Onkel brächte, wo ich wohne— es iſt nicht weit von hier— und dann nach Ihrem Hauſe ginge und ſagte, daß Sie gefunden ſind, und Ihnen Kleider uilrüchtes s Wär' das nicht vielleicht das Beſte? Ich glaube, antwortete Florentine. Nicht? Was meinen Sie? Während ſie auf der Straße ſtill ſtanden und ſich beriethen, ging ein Mann vorbei, der Walter anſah, als ob er ihn erkenne; aber, wie es ſchien, von ſeinem erſten Eindruck zurückkommend ging er vorbei ohne ſich aufzuhalten. 1 Wahrhaftig, ich glaube, das iſt Mr. Carker! ſagte Wal⸗ ter. Carker in unſerm Geſchäft. Nicht Carker der Disponent, — 135— Miß Dombey— der andere Carker, der Jüngere.— Hallo! Mr. Carker! Iſt das Walter Gay? ſagte der Andere, ſtill ſtehend und ſich umdrehend. Ich konnte es nicht glauben, ſo ſeltſam iſt die Begleitung. Während er unweit einer Laterne ſtand und mit Verwun⸗ derung Walters haſtige Erklärung anhörte, bot er einen merk⸗ würdigen Gegenſatz zu den beiden jugendlichen Geſtalten, die Arm in Arm vor ihm ſtanden, dar. Er war nicht alt, aber ſein Haar war weiß; er ging gekrümmt oder wie niedergebeugt von dem Gewicht eines ſchweren Leidens und in ſeinem abgemagerten und bekümmerten Geſichte bemerkte man tiefe Furchen. Das Feuer feines Blickes, der Ausdruck ſeiner Züge, ſelbſt der Ton ſeiner Stimme war gedämpft und halberſtorben, als ob der Geiſt in ihm ausgebrannt ſei. Er war anſtändig, jedoch ſehr einfach ſchwarz gekleidet; aber ſeine Kleider, obgleich im Ganzen ſeiner Geſtalt entſprechend, ſchienen auf ihm zuſammenzuſchrumpfen und ſich ſcheu zurückzuziehen, als ſtimmten ſie ein in die beküm⸗ merte Bitte, welche der ganze Mann vom Kopf bis zu den Füßen ausſprach, man möge ihn unbeachtet und allein in ſeiner Demuth laſſen. Und doch war ſein Intereſſe für Jugend und Hoffnungs⸗ fülle nicht mit den andern Funken ſeines Geiſtes erloſchen, denn er betrachtete des Knaben belebtes Geſicht, während dieſer ſprach, mit einem unerklärlichen Ausdruck der Unruhe und des Mitleids, der ſich in ſeinem Blick zeigte, ſo ſehr er auch ihn zu verbergen — 136— beſtrebt war. Als Walter ihm zum Schluß dieſelbe Frage vor⸗ legte, die er ſchon Florentinen geſtellt hatte, ſah er ihn immer noch auf dieſelbe Weiſe an, als ob er auf ſeinem Antlitz ein Schickſal leſe, das in unſeligem Wöiderſyruhn mit ſeinem jetzigen Glanze ſich befinde. Wozu rathen Sie mir, Mr. Carker? ſagte Walter lächelnd. Sie geben mir ja immer guten Rath, wenn Sie einmal mit mir reden. Freilich geſchieht das nicht oft. Ich glaube, Ihr eigener Gedanke iſt der beſte, gab er zur Antwort, und ſah dabei Florentinen an und dann wieder Walter. Mr. Carker, ſagte Walter, und ſein Geſicht erhellte ſich von einem edlen Gedanken, Mr. Carker, das wär' etwas für Sie. Gehen Sie zu Mr. Dombey als ein Bote des Glücks. Das könnte Ihnen Nutzen bringen, Sir. Ich will zu Hauſe bleiben. Sie ſollen gehen. Ich? wiederholte der Andere. Ja. Warum nicht, Mr. Carker? ſagte der Knabe. Anſtatt der Antwort ſchüttelte er ihm nur die Hand; er ſchien ſich ſogar faſt zu ſchämen oder zu ſcheuen, das zu thun, bot ihm einen guten Abend und entfernte ſich mit dem Rathe, ſich zu beeilen. Kommen Sie, Miß Dombey, ſagte Walter und ſah dem Fortgehenden nach, wir wollen ſo ſchnell als möglich zu meinem Onkel gehen. Haben Sie Mr. Dombey manchmal wohl von Mr. Carker jun. ſprechen hören, Miß Florentine? ———. 1 ——— — 137— Nein, erwiderte das Kind ſanft, ich höre den Papa ſelten ſprechen. 7 Ja! Freilich! deſto größer die Schande für ihn, dachte Walter. Nach einer Pauſe, während welcher er wieder auf das ſtille, ſanfte Geſichtchen neben ſich geblickt hatte, kam er mit der ihm eignen knabenhaften Unruhe auf den Einfall, wieder von etwas anderem zu ſprechen; und da gerade einer der unglückſeligen Schuhe wieder dem Fuße entſchlüpfte, ſo ſchlug er Florentinen vor, ſie zu ſeinem Onkel zu tragen. Trotz ihrer Müdigkeit lehnte Florentine lachend dieſes Anerbieten ab, weil er ſie fallen laſſen könnte; und da ſie gar nicht mehr weit bis zu dem hölzernen Seecadetten hatten und Walter verſchiedene Beiſpiele aus Schiffbrüchen und andere rührende Vorfälle erzählte, wo jüngere Knaben als er ältere Mädchen als Florentine ſiegreich aus der Gefahr getragen, ſo waren ſie noch im lebhaften Geſpräch, als ſie an der Thür des Optikers ankamen. Holla! Onkel Sol! rief Walter, in den Laden ſtürzend und von dem Augenblick an für den ganzen Abend athemlos und unzuſammenhängend ſprechend. Ein wunderbares Abenteuer! Hier iſt Mr. Dombey' Tochter, in den Straßen verirrt— von einer alten Hexe ihrer Kleider beraubt— von mir gefunden— und zum Ausruhen hier in unſerm Zimmer!— Seht nur! O Himmel! ſagte Onkel Sol, und fiel vor Ueberraſchung faſt gegen ſein Lieblingscompaßgehäuſe.'s iſt nicht möglich! Wahrhaftig, ich— Nein, und auch kein Anderer, ſagte Walter, das Uebrige — 138— ergänzend. Niemand weiter könnte es. Hier! helſt mir ein⸗ mal das kleine Sopha an’s Feuer ſchieben, Onkel— nehmt die Teller in Acht— gebt ihr was zu eſſen, Onkel— werfen Sie die Schuhe nur unter den Roſt, Miß Florentine— ſetzen Sie Ihre Füße auf das Gatter— wie naß Sie ſind!— das iſt ein Abenteuer, Onkel, nicht? Herr Gott, wie warm mir iſt! Salomo Gills war es ebenſo warm, theils aus Sympathie, theils aus einem Uebermaß von Verwirrung. Er klopfte Floren⸗ tinen die Wangen, nöthigte ſie zu eſſen und zu trinken, rieb ihr die Fußſohlen mit ſeinem am Feuer erwärmten Taſchentuch, folgte ſeinem irrlichterirenden Neffen mit den Augen und Ohren, und hatte von Nichts ein klares Bewußtſein, außer von dem Umſtand, daß dieſer aufgeregte junge Herr, während er im Zimmer herum⸗ fuhr, um zwanzig Dinge auf einmal und doch gar nichts zu thun, beſtändig über ihn ſtolperte und an ihn anrannte. Wartet einen Augenblick, Onkel, fuhr er fort und nahm ein Licht; ich will nur hinauflaufen, um eine andere Jacke anzu⸗ ziehen, dann ſoll's gleich fortgehen. Iſt das nicht ein Abenteuer, Onkel? Lieber Sohn, ſagte Salomo, der die Brille auf die Stirn geſchoben und den großen Chronometer in der Taſche ſich be⸗ ſtändig zwiſchen Florentinen und dem Sopha und ſeinem Neffen in allen Ecken und Enden des Zimmers hin⸗ und herbewegte, das allerwunderbarſte— Aber Onkel, bitte— Miß Florentine!— Eſſen, Onkel. .˙˙1, —6—,,— — 139— Ja, ja, ja, rief Salomo, und ſchnitt von einer Schöpskeule ein Stück wie für einen Rieſen. Ich will ſie ſchon pflegen, Walter! Ich verſtehe. Arme Kleine! Natürlich halb verhungert. Mach' nur, daß du fertig wirſt. Gott behüt' mich! Sir Richard Whit⸗ tington, dreimal Lordmayor von London! Walter brauchte nicht lange, um in ſein hohes Dachſtübchen hinauf und wieder herunter zu ſteigen, aber unterdeſſen war Florentine, überwältigt von Müdigkeit, vor dem Feuer einge⸗ ſchlummert. Die kurze Stille, obgleich ſie nur wenige Minuten dauerte, ſetzte Salomo Gills in den Stand, ſich in ſo weit zu faſſen, daß er wenigſtens etwas für ihre größere Bequemlichkeit thun, die Helle des Zimmers mäßigen und das Kind vor der Gluth des Feuers ſchirmen konnte. Daher ſchlief Florentine ſanft, als der Knabe zurückkehrte. Das iſt herrlich! flüſterte er, und umarmte Salomo ſo kräftig, daß er einen neuen Ausdruck aus deſſen Geſicht heraus⸗ drückte. Jetzt geh' ich. Ich will nur einen Biſſen Brod mitneh⸗ men, denn ich bin ſehr hungrig— und— weckt ſie nicht auf, Onkel! Nein, nein, ſagte Salomo. Hübſches Kind! Ja, wahrhaftig! rief Walter aus. Ich hab' in meinem Leben noch kein ſolch Geſicht geſehen, Onkel. Jetzt geh' ich. Gut, ſagte Onkel Salomo ſehr erleichtert. 8 — 140— Hört, Onkel, rief Walter, und ſteckte den Kahf wisder zur Thuͤr herein. Was thut ſie jetzt? Sie ſchläft ganz ſanft, antwortete Salomo. Das iſt herrlich! jetzt geh' ich. Ich hoffe endlich, ſagte Salomo zu ſich. Hört, Onkel, rief Walter, wieder an der Thür erſcheinend. Da iſt er ſchon wieder, ſagte Salomo. 4 Wir trafen unterwegs Mr. Carker, den Jüngern, wunder⸗ licher als je. Er ſagte mir gute Nacht, folgte uns aber hieher, denn als wir an die Ladenthür kamen, ſah ich mich um und ſah, wie er ruhig wieder fortging, gerade wie ein Bedienter, der mich nach Hauſe begleitet hätte, oder wie ein treuer Hund. Was macht ſie jetzt, Onkel? Sie ſchläft immer noch ruhig, Wally, war die Antwort. Das iſt ſchön. Jetzt geh' ich wirklich! Und diesmal geſchah es in der That; und Salomo Gills, allen Appetites beraubt, ſaß auf der andern Seite des Kamins, in Betrachtung der ſchlummernden Florentine verſunken und mit dem Bau zahlloſer Luftſchlöſſer von der fabelhafteſten Archi⸗ tectur beſchäftigt. In dem Dämmerſchatten des Zimmers und dieſer Umgebung von allerlei wunderlichen Inſtrumenten ſah er gerade aus wie ein in eine wollene Perrücke und einen kaffeebraunen Anzug verkleideter Zauberer, der das Kind in einem verzauberten Schlafe feſt hielt. Ir ——[ 2 „— 141— Unterdeſſen fuhr Walter nach Dombey's Hauſe mit einer Schnelligkeit, zu der ſich ein Fiakerpferd nur ſelten bewegen läßt; und doch fuhr er faſt jede Minute, ungeduldig zur Eile mahnend, mit dem Kopf zum Fenſter hinaus. Am Ziel der Reiſe ange⸗ kommen ſprang er aus dem Wagen, meldete athemlos den Zweck ſeines Kommens einem Bedienten und wurde von dieſem in das Bibliothekzimmer geführt, wo eine große Sprachverwirrung herrſchte und Mr. Dombey, ſeine Schweſter und Miß Tox, die Richards und die Nipper alle verſammelt waren. O, ich bitte um Verzeihung, Sir, ſagte Walter, auf Mr. Dombey zu eilend, aber es freut mich, Ihnen ſagen zu können, daß Alles in Richtigkeit iſt. Miß Dombey iſt gefunden! Der Knabe mit ſeinem offnen Geſicht, fliegenden Haar und athemlos vor Freude und Aufregung bildete einen wunderbaren Gegenſatz zu Mr. Dombey, der in einem Lehnſtuhle vor ihm ſaß. Ich ſagte es dir, Luiſe, daß man ſie gewiß finden würde, ſagte Mr. Dombey, indem er den Kopf ein wenig nach dieſer Dame umdrehte, die in Geſellſchaft mit Miß Tox weinte. Laß der Dienerſchaft ſagen, daß weitere Schritte nicht mehr noth⸗ wendig ſind. Dieſer Knabe, der die Nachricht bringt, iſt der junge Gay aus dem Geſchäft. Wie wurde meine Tochter gefunden, Sir? Wie Sie verloren wurde, weiß ich. Dabei ſah er die Richards mit einem majeſtätiſchen Blick an. Aber wie wurde ſie gefunden? Wer fand ſie? Nun, ich glaube, ich fand Miß Dombey, Sir, ſagte Walter 9⁹ — 142— 6 beſcheiden; ich weiß zwar nicht, ob ich das Verdienſt beanfpruchen kann, ſie eigentlich gefunden zu haben, Sir, aber ich war das glückliche Werkzeug— Was meinen Sie, Sir, unterbrach ihn Mr. Dombey, den des Knaben Stolz und Freude, mit dem er ſeinen Antheil an dem Abenteuer des Tages ſichtlich betrachtete, mit einem inſtinct⸗ mäßigen Mißfallen erfüllte, wenn Sie ſagen, Sie hätten meine Tochter nicht eigentlich gefunden und wären ein glückliches Werkzeug? Erzählen Sie einfach und zuſammenhängend, wenn ich bitten darf. Es ſtand gar nicht in Walters Kräften, zuſammenhängend zu ſein; aber er erzählte ſeine Geſchichte ſo ausführlich, als es ihm bei ſeiner Aufregung möglich war, und ſagte, warum er allein gekommen ſei. Hörſt du das, Mädchen? ſagte Mr. Dombey ſtreng zu der Schwarzäugigen. Nimm mit dir, was nöthig iſt, und begleite ſogleich dieſen jungen Mann, um Miß Florentinen abzuholen. Gay, Sie werden morgen Ihre Belohnung erhalten. O! ich dank' Ihnen, Sir, ſagte Walter, Sie ſind ſehr gütig. Ich habe wahrhaftig nicht an Belohnung gedacht, Sir. Sie ſind ein Kind, ſagte Mr. Dombey faſt heftig, und an was Sie denken oder zu denken vorgeben, iſt von ſehr ge⸗ ringer Wichtigkeit. Sie haben ſich gut benommen, Sir. Machen Sie das nicht wieder zu nichte. Luiſe, ſchenk dem jungen Mann ein Glas Wein ein. 1 — — 282—2/————— + 80 n 2 u „ ◻ — 143— Mr. Dombey’s Blick folgte Walter Gay mit großer Un⸗ gunſt, als er in Begleitung von Mrs. Chick das Zimmer verließ; und es iſt ſehr leicht möglich, daß ſein inneres Auge ihm mit derſelben Unfreundlichkeit folgte, als er mit Miß Suſanne Nipper zu ſeinem Onkel zurückfuhr. Hier fanden ſie, daß Florentine, ſehr erquickt von dem Schlummer, gegeſſen und ihre Bekanntſchaft mit Salomo Gills ſehr eultivirt hatte, denn ſie ſtand mit ihm auf dem Fuße ver⸗ traulicher Unbefangenheit. Die Schwarzäugige(ſie hatte ſo viel geweint, daß man ſie die Rothäugige hätte nennen können, und war ſehr ſtill und niedergeſchlagen) ſchloß ſie in die Arme ohne ein Wort des Vorwurfs und war ſehr bewegt beim Wie⸗ derſehen. Dann verwandelte ſie für eine Weile Salomo's Wohn⸗ zimmer in eine Kinderſtube und zog Florentinen mit großer Sorgfalt neu an, wonach ſie einem Dombey ſo ähnlich erſchien, als es ihre angebornen Mängel nur geſtatteten. Gute Nacht! ſagte Florentine zu Salomo. Sie ſind ſehr gut gegen mich geweſen. Der Alte war ganz entzückt und küßte ſie wie ihr Großvater. Gute Nacht, Walter! Lebt wohl! ſagte Florentine. Gute Nacht! erwiderte Walter, und reichte ihr beide Hände hin. Ich werde euch nie vergeſſen, fuhr Florentine fort. Nein, niemals. Lebt wohl, Walter!— 1 „—.—. A. — 144— In der Unſchuld ſeines dankbaren Herzens hob das Kind ſein Geſicht zu ihm empor. Walter beugte ſich nieder, und richtete ſich ganz roth wieder empor, und ſah den Onkel in blöder Ver⸗ wirrung an. Wo iſt Walter?— Gute Nacht, Walter!— Lebt wohl, Walter! Noch einmal die Hand, Walter! So rief Florentine immer noch, als ſie mit ihrer kleinen Wärterin im Wagen ſaß. Und als der Fiaker endlich davonfuhr, erwiderte Walter, in der Thür ſtehend, freundlich das Wehen ihres Tuches, während der hölzerne Seecadett hinter ihm ſo wie er nur dieſe Kutſche zu ſehen und alle andern vorüberfahrenden Wagen aus ſeiner Beob⸗ achtung auszuſchließen ſchien. Bald hatten ſie Mr. Dombey's Haus wieder erreicht, und wieder entſtand ein großes Zungengeräuſch im Bibliothekzimmer. Und wieder erhielt der Kutſcher Befehl zu warten—„auf Mrs. Richards,“ wie eine von Suſannens Dienſtgenoſſinnen ominös bemerkte, als ſie mit Florentinen vorbeiging. Deer Eintritt des verlornen Kindes brachte einige Bewe⸗ gung, aber blos einige, hervor. Mr. Dombey, der ſie nie ge⸗ funden hatte, küßte ſie einmal auf die Stirn und ſchärfte ihr ein, nicht wieder davonzulaufen oder mit unzuverläſſigen Dienſt⸗ boten herumzuſtreifen. Mrs. Chick unterbrach ihre Klagen über die Verderbtheit des Menſchengeſchlechtes, ſelbſt wenn es von einem barmherzigen Scheerenſchleifer auf den Pfad der Tugend geleitet wird, und empfing ſie auf eine Art, die an Wärme etwas hinter dem Empfang zurückblieb, der nur vollkommenen „—— — 145— Dombeys gebührt. Miß Tox richtete ihre Gefühle nach den Muſtern zein, die ſie vor ſich hatte. Die Richards, die ſchuldige Richards allein ſchüttete ihr Herz in gebrochenen Worten der Bewillkomm⸗ nung aus und beugte ſich auf die kleine Verirrte nieder, als ob ſie dieſelbe wirklich liebe. Ach, Richards! ſagte Mrs. Chick mit einem Seufzer. Es wäre viel wohlthuender für die, welche von ihren Mitmenſchen gut zu denken wünſchen, und viel ſchicklicher für Sie geweſen, wenn Sie zur rechten Zeit gehöriges Gefühl für das Kind ge⸗ zeigt hätten, welches jetzt vor der Zeit ſeiner natürlichen Nahrung beraubt wird. Hinweggeriſſen, ſagte Miß Tox mit klagendem Geflüſter, von einer gemeinſamen Quelle! Wenn es mein undankbarer Fall wäre, ſagte Mrs. Chick feierlich, und ich hätte Ihre Gedanken, Richards, ſo müßte es mir vorkommen, als würde der Anzug der barmherzigen Schee⸗ renſchleifer mein Kind verderben und die Erziehung es vergiften. Was das betrifft— aber Mrs. Chick wußte das nicht— ſo war das Kind von dem Anzug ſchon ſo ziemlich verdorben worden, und die Erziehung konnte mit der Zeit auch ihr rächen⸗ des Amt verrichten, denn ſie war ein Duett von Schluchzen und Schlägen. Luiſe! ſagte Mr. Dombey. Es iſt nicht vonnöthen, mehr Worte darüber zu verlieren. Das Weib iſt entlaſſen und bezahlt. Sie verlaſſen dies Haus, Richards, weil Sie meinen Sohn— Boz. Dombey u, Sohn. 10 — 146— meinen Sohn, ſagte Mr. Dombey, mit Nachdruck diefe beiden Worte wiederholend— in Umgebungen und Geſellſchaft gebracht haben, an die man nicht ohne Schaudern denken kann. Was das Mißgeſchick betrifft, welches Miß Florentine dieſen Morgen erlitten hat, ſo betrachte ich es in einem ſehr ausgedehnten Maße als ein Glück, inſofern ich ohne dieſen Vorfall nie erfahren hätte, und noch dazu aus Ihrem eignen Munde, weſſen Sie ſich ſchuldig gemacht haben. Ich glaube, Luiſe, die andere Wärterin, die junge Perſon,— hier ſchluchzte Miß Nipper laut,— kann, da ſie viel jünger und offenbar von Pauls Amme verführt worden iſt, dableiben. Sei ſo gut und laß dieſes Weibes Wagen be⸗ zahlen bis— hier ſtockte Mr. Dombey mit einem Schauer des Ekels— bis Stagg's Garten. Polly ging nach der Thür, während Florentine ſich an ihrem Kleide feſtklammerte und ſie auf die rührendſte Weiſe bat, nicht fortzugehen. Es war ein Dolchſtich in des hochmüthigen Vaters Herz, zu ſehen, wie das Fleiſch und Blut, das er nicht verleugnen konnte, liebend an dieſer niedern Fremden hing, wäh⸗ rend er dabeiſaß. Nicht etwa, daß es ihn gekümmert hätte, wen ſeine Tochter liebte oder von wem ſie ſich wegwendete. Aber ein ſtechender Schmerz durchzuckte ſeine Seele, wenn er dachts was ſein Sohn thun werde. Jedenfalls ſchrie ſein Sohn dieſe Nacht überlaut. Und wahrhaftig, der arme Paul hatte mehr Urſache für ſeine Thränen, als die meiſten Söhne in dieſem Alter gewöhnlich haben, denn er hatte ſeine zweite Mutter— im Bereiche ſeines Bewußtſeins ſogar ſeine erſte— durch einen eben ſo plötzlichen Schlag verloren, als ſein erſtes Unglück geweſen, welches den Anfang ſeines Lebens verdüſtert hatte. Und zugleich mit ihm hatte auch ſeine Schwe⸗ ſter, die ſich ſo ſchmerzbetrübt in den Schlaf weinte, eine eben ſo gute und treue Freundin verloren. de deve iſt hier gar nicht die Frage und wir wollen darüber keine Worte verlieren. Siebentes Kapitel. Eine Vogelperſpective von der Wohnung, ſo wie von dem Herzens⸗ zuſtand der Miß Tox. Miß Tox bewohnte ein kleines dunkles Haus, das ſich in einem unbekannten, weit entlegenen Zeitpunkte der engliſchen Ge⸗ ſchichte in eine vornehme Gegend am Weſtende der Stadt ein⸗ gedrängt hatte und dort im Schatten ſtand, wie ein armer Ver⸗ wandter der großen Straße um die Ecke, deren große Paläſte mit gleichgiltiger Verachtung auf daſſelbe herabſahen. Es ſtand weder ſo recht auf einem Platze, noch ſo recht in einem Hofe, ſondern in der ſtillſten aller Sackgaſſen, in beſtändige Angſt verſetzt von Doppelſchlägen an ferne Thüren. Der Name dieſes ruhigen Winkels, wo Gras zwiſchen den Steinen des Pflaſters hervor⸗ wuchs, war Prinzeſſinnenplatz; und auf dem Prinzeſſinnenplatz ſtand die Prinzeſſinnenkapelle, mit einer hellen Discantglocke, wo zuweilen nicht weniger als fünfundzwanzig Perſonen dem Sonntagsgottesdienſt beiwohnten. Auch befand ſich daſelbſt der Gaſthof„Zur Prinzeſſin,“ ſtark beſucht von glänzenden Livrée⸗ — 149— bedienten. Innerhalb des Gitters ſtand eine Portechaiſe, aber ſeit Menſchengedenken hatte man dieſe nicht von der Stelle tragen ſehen; und an ſchönen Morgen war jede Spitze des Gitters(es waren ihrer achtundvierzig, denn Miß Tox hatte ſie oft gezählt) mit einem Zinnkrug geſe — Außer der Wohnung der Miß Top ſtaud noch ein zweites Privathaus auf dem Prinzeſſinnenplatz: nicht zu erwähnen einen großen Thorweg, mit einem paar großen meſſingenen Löwenköpfen als Klopfer, der ſich nie geöffnet hatte und nach einer Sage der nicht mehr benutzte Eingang zu Jemandes Stall war. In der That erinnerte die Luft auf dem Prinzeſſinnenplatz leiſe an„edles Pfer⸗ defleiſch“; und der Miß Tox Schlafzimmer(das hintenhinaus ging) hatte eine Ausſicht auf einen Marſtall, wo Stallknechte jede ihrer Verrichtungen mit aufmunternden Tönen aller Art begleiteten und wo die allerhäuslichſten und heimlichſten Kleidungsſtücke von Kutſchern und von ihren Weibern und Kindern gewöhnlich wie Macbeths Banner 4 huu der Mauer zierten. Dieſes zweite Prit thaus auf dem Prinzeſſinnenplatz gehörte einem frühern Tafeldecker, der eine Schließerin geheirathet hatte und jetzt möblirte Zimmer an einen einzelnen Herrn vermiethete: nämlich an einen Major mit einem blaurothen, nußknackerartigen Ge⸗ ſicht, in dem Miß Tox nach ihrem eignen Geſtändniß„etwas ſo vollkommen militairiſches“ fand. Zwiſchen dieſem Nachbar und der edlen Jungfrau fand ein gelegentlicher Austauſch von Zeitungen und Flugſchriften und ähnliches platoniſches Liebesſpiel durch Vermittlung eines ſchwarzen Bedienten des Majors ſtatt, den — 150— Miß Tor ohne Gewiſſensbiſſe„einen Eingebornen“ nannte, ohne mit ihm eine beſtimmte geographiſche Oertlichkeit zu verhinden. Vielleicht gab es keine ſchmalere Thür und Treppe, als die Thür und Trepp r Miß Tox Hauſe. Vielleicht war es, Alles in Allem den bis zum Giebel betrachtet, das unwohnlichſte kle England, und das verzwickteſte; aber welche Lage! wie Torx ſagte. Im Winter war dort ſehr wenig Tageslicht zu erblicken, und keine Sonne in der beſten Jah⸗ reszeit; von friſcher Luft war gar keine Rede, und der Verkehr war ausgeſchloſſen. Dennoch ſagte Miß Tox, aber welche Lage! Dies ſagte auch der Major mit dem blaurothen Geſicht und den aus dem Kopfe tretenden Augen, der auf den Prinzeſſinnenplatz ſtolz war und ſo oft als möglich das Geſpräch in ſeinem Club auf die vornehmen Leute in der vornehmen Straße um die Ecke brachte, damit er den Genuß haben konnte zu ſagen, ſie ſeien ſeine Nachbarn. Das dunkle Haus, welches Miß Tox bewohnte, war ihr Eigenthum und ihr teſtamentlich vermacht worden von dem ver⸗ ſtorbenen Inhaber des Fiſchauges in dem Medaillon, der auch in einem Miniaturportrait mit gepudertem Haupte und Zopf, als Gegenſtück des Keſſelunterſetzers, neben dem Kamin des Wohnzimmers hing. Der größte Theil der Möbeln ſtammte aus der Puder⸗ und Zopfzeit, mit Inbegriff eines Tellerwärmers, der beſtändig ſeine vier verkümmerten krummen Beine an Orten, wo er nicht hingehörte, ſpreizte, und eines altmodiſchen Spinetts, mit einem buntgemalten Kranze von ſpaniſchen Wicken um des Verfertigers Namen. — 151— Obgleich Major Bagſtock bereits auf dem Höhepunkt des menſchlichen Lebens angelangt war und ſchon die Reiſe thal⸗ wärts mit einem Minimum von Fleiſch unter der Kehle und ein paar ſehr knochigen Unterkinnbacken u roßen Elephan⸗ tenohren und weitſtarrenden Augen e, ſo bildete er ſich doch ſehr viel darauf ein, der Miß Tox kſamkeit auf ſich gezogen zu haben, und kitzelte ſeine Eitelkeit mit der Fiction, daß ſie ein prächtiges Weib ſei, das ein Auge auf ihn geworfen habe. Dies hatte er mehrmal im Club augedeutet und damit bei Gelegenheit kleine Späße verbunden, deren beſtändiges Thema der alte Joey Bagſtock, der alte Ioe Bagſtock, der alte J. Bagſtock, der alte Joſh. Bagſtock u. ſ. w. war; denn es war bei dem Major gewiſſermaßen der Kern und die Grundbedingung ſeines leichten Humors, auf dem vertrauteſten Fuße mit ſeinem eignen Namen zu ſtehen. Joey B., Sir, pflegte der Major ſeinen Stock ſchwingend zu ſagen, iſt ein Dutzend eurer Art werth. Wenn ihr ein paar mehr von dieſer Race Bagſtock beſäßt, Sir, ſo würdet ihr euch nicht ſchlechter befinden. Der alte Joe, Sir, braucht ſich ſogar jetzt nicht weit nach einer Frau umzuſehen, wenn er ſonſt Luſt dazu hätte; aber er iſt hartherzig, Sir, der Joe— hart⸗ herzig, ſage ich, und ver— teufelt ſchlau! Nach dieſer Erklä⸗ rung ließen ſich pfeifende Töne hören, und des Majors blaurothes Geſicht wurde noch dunkler, und die Augen traten krampfhaft noch weiter aus dem Kopfe. Trotz ſeines ſehr freigebigen Selbſtlobes war aber der Major ſelbſtiſch. Man möchte bezweifeln, ob es überhaupt eine mehr — 152— ſelbſtiſche Perſon ihrem innerſten Herzen nach geben konnte; wir hätten aber lieber ſagen ſollen, ihrem innerſten Magen nach, da er offenbar viel reichlicher mit dem letztern als mit dem erſtge⸗ nannten Organe verſorgt war. Er dachte nicht daran, daß ihn Jemand überſehen od nachläſſigen könnte; am allerwenigſten fiel ihm dieſe N Miß Toy ein. Und dennoch vergaß ihn Miß Tox— vergaß ihn allmäh⸗ lich. Sie fing an, ihn bald nach Entdeckung der Familie Toodle zu vergeſſen. Sie fuhr fort ihn zu vergeſſen, bis zur Zeit der Taufe. Und nach dieſer Zeit vergaß ſie ihn mit Zins auf Zins. Ein Etwas oder ein Jemand hatte ihn aus ihrem Herzen verdrängt. Guten Morgen, Ma'am, ſagte der Major, als er Miß Tox wenige Wochen nach den im vorigen Kapitel erzählten Verän⸗ derungen auf dem Prinzeſſinnenplatz traf. Guten Morgen, Sir, ſagte Miß Tox ſehr kalt. Joe Bagſtock, bemerkte der Major mit ſeiner gewöhnlichen Galanterie, hat ſeit ziemlich langer Zeit nicht das Vergnügen ge⸗ habt, Sie am Fenſter zu grüßen. Joe iſt grauſam behandelt worden, Malam. Seine Sonne iſt hinter Wolken verſteckt. 8 Miß Tox verbeugte ſich, aber ſehr froſtig. Joe's Stern iſt vielleicht verreiſt geweſen, Ma'am? frug der Major. Ich? Verreiſt? O, nein, ich bin nicht verreiſt geweſen, ſagte Miß Tox. Ich war in dieſen Tagen ſehr beſchäftigt. Faſt meine ganze Zeit ward von einigen ſehr vertrauten Freunden in „—h— ————„— —— — 153— Anſpruch genommen. Ich fürchte, ich habe ſelbſt jetzt keine übrig. Guten Morgen, Sir! Als Miß Tox in ihrer anmuthigſten Weiſe um die Ecke ver⸗ ſchwand, blieb der Major ſtehen und ſah ihr mit blauerem Ge⸗ ſicht als gewöhnlich nach, dabei brummte er einige nicht allzu⸗ ſchmeichelhafte Bemerkungen vor ſich hin. Beim Teufel, Sir, ſagte er endlich, zu der duftreichen Luft des Prinzeſſinnenplatzes gewendet und die großen Augen wildrol⸗ lend, vor ſechs Monaten liebte dies Weib die Erde, welche Joſh. Bagſtock betrat. Was ſoll das bedeuten? Nach einiger Ueberlegung entſchied der Major, daß dies Män⸗ nerfallen bedeute, Verſchwörung und Hinterliſt; kurz, daß Miß Tox ihm eine Grube grabe, auf deren Grund der Traualtar ſtände. Aber Sie fangen Joe nicht, Ma'am, ſagte der Major. Er iſt hartherzig, Ma'am, der Joe! hartherzig und ver— teufelt ſchlau! Und über dieſen Gedanken lachte er den ganzen Tag lang heimlich vor ſich hin. Aber ſelbſt als dieſer Tag und viele andere Tage vorbeige⸗ gangen waren, ſchien Miß Tox gar nicht mehr den Major zu be⸗ achten und nicht einmal an ihn zu denken. In einer frühern Zeit hatte ſie oft wie aus Zufall aus einem ihrer kleinen dunklen Fenſter herausgeſehen und erröthend des Majors Gruß erwidert; aber jetzt gab ſie dem Major auch nicht die mindeſte Gelegenheit dazu, und kümmerte ſich gar nicht darum, ob er nach ihrem Fen⸗ ſter ſah oder nicht. Auch andere Veränderungen waren einge⸗ treten. Der Major konnte aus ſeinem Zimmer ſehen, daß das Haus der Miß Tox neuerdings ein gewiſſes ſchmuckes Anſehen ge⸗ — 154— wonnen hatte; daß ein neuer vergoldeter Bauer für den alten kleinen Kanarienvogel angekommen war; daß verſchiedene Verzierungen aus bunter Pappe und Papier den Kaminſims und die Tiſche zu ſchmücken ſchienen; daß ein oder zwei Blumenſtöcke plötzlich im Fenſter emporgeſproßt waren; daß Miß Toy zuweilen ſich auf dem Spinett übte, deſſen Kranz von ſpaniſchen Wicken ſtets anſpruchsvoll unter einem Notenbuch, von ihrer eignen Hand mit den Copenhagenwalzern bereichert, prunkte. Dabei war auch noch Miß Tox ſeit ziemlicher Zeit mit großer Sorgfalt und Eleganz in Halbtrauer gekleidet erſchienen. Dies aber half dem Major aus ſeiner Verlegenheit; und er war zu der Ueberzeugung gelangt, daß ſie eine kleine Erbſchaft ge⸗ macht habe und ſtolz geworden ſei. Gleich am nächſten Tage, nachdem er ſein Gemüth durch dieſe Schlußfolgerung erleichtert hatte, gewahrte der Major, alser beim Frühſtück ſaß, eine ſo wunderbare Erſcheinung in dem kleinen Beſuchzimmer der Miß Tox, daß er eine Zeit lang wie ein Mar⸗ morbild auf dem Stuhle ſaß; dann ſtürzte er in's andre Zimmer und erſchien wieder mit einem doppelten Operngucker, durch den er die Erſcheinung einige Minuten lang beobachtete. Es iſt ein Kind, Sir, ſagte der Major, den Gucker wieder zuſammenſtoßend, bei funfzigtauſend Pfund! Der Major konnte es nicht vergeſſen. Er konnte weiter nichts thun als pfeifen und die Augen in dem Maße aus dem Kopfe drängen, daß ſie dagegen in ihrem frühern Zuſtand als hohl und eingeſunken gegolten hätten. Ein Tag nach dem ——., 1H—,.—— — — 8 2 8dA—i—õu n —8——— andern, zwei, drei, viermal die Woche erſchien das Kind wieder. Der Major fuhr fort zu pfeifen und die Augen aufzureißen. In jeder andern Hinſicht war er allein auf dem Prinzeſſinnenplatz. Mitß Tox hatte aufgehört ſich um ihn zu bekümmern. Er hätte ſchwarz, blau oder roth ausſehen können, ihr war es einerlei.. Die Ausdauer, mit der ſie den Prinzeſſinnenplatz verließ, um das Kind und ſeine Wärterin abzuholen, und ſie wieder nach Hauſe zu begleiten, und beſtändig zu beaufſichtigen; und die Ausdauer, mit der ſie es ſelbſt pflegte und fütterte und mit ihm ſpielte und ſein junges Blut mit Melodien ihres Spinetts fröſteln machte, war außerordentlich. Um dieſelbe Zeit auch er⸗ faßte ſie eine Leidenſchaft, ein gewiſſes Armband zu betrachten; auch eine Leidenſchaft, den Mond anzuſehen, den ſie oft lange Zeit von ihrem Fenſter aus beobachtete. Aber was ſie immer anſehen mochte, Sonne, Mond, Sterne und Armband, dem Major ſchenkte ſie keinen Blick mehr. Und der Major pfiff, und ſperrte die Augen auf, und verwunderte ſich, und ſpielte in ſeinem eignen Zimmer Verſteckens und konnte doch nichts her⸗ auskriegen. 4 * Sie werden ganz und gar meines Bruders Paul Herz gewinnen, und das iſt wahr, Liebe, ſagte Mrs. Chick eines Tages. Miß Tox wurde ganz blaß. Er wird jeden Tag Paul ähnlicher, ſagte Mrs. Chick. Miß Tox antwortete darauf blos damit, daß ſie den kleinen 1 — 156— Paul in ihre Arme nahm und die Bandroſe an ſeinem Mützchen mit ihren Liebkoſungen ganz und gar zerknitterte., Sieht er nicht etwas ſeiner Mutter ähnlich, deren Bekannt⸗ ſchaft ich durch Sie machen ſollte, meine Liebe? frug Miß Tox. Ganz und gar nicht, erwiderte Luiſe. Sie war— ſie war ſchön,— glaube ich? ſagte Miß Tox mit unſicherer Stimme. Intereſſant war unſere arme Fanny, ſagte Mrs. Chick nach reiflicher Ueberlegung; jedenfalls intereſſant. Sie hatte nicht jenes Anſehen geiſtiger Ueberlegenheit, welche man, ich weiß nicht wie, faſt wie etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes bei meines Bruders Gattin erwartet; auch beſaß ſie nicht die Energie des Geiſtes, die ein ſolcher Mann verlangt. Miß Toy ſeufte tief. Aber ſie war angenehm, ſagte Mrs. Chick, außerordent⸗ lich angenehm. Und ihr Wille!— O, wie gut ihr Wille war! Du Engel! ſagte Miß Tox zu dem kleinen Paul. Du Ebenbild deines Vaters! Wenn der Major gewußt hätte, wie viel Hoffnungen, wie viele Pläne und Speculationen ſich auf dieſes Kindes Haupt bauten, und ſie in ihren verſchiedenartigen und widerſprechen⸗ den Geſtalten das Spitzenhäubchen des nichtsahnenden kleinen Paul hätte umſchweben ſehen können, dann durfte er wohl die Augen weit aufſperren. Dann hätte er unter dem Gewühl auch einige ehrgeizige Träume gewahrt, die Miß Tox angehörten, und wäre dann vielleicht inne geworden, von welcher Art — D— 2———,˖ — 157— dieſer Dame ſchüchterne Einlage in das Haus Dombey und Sohn war. Wenn das Kind ſelbſt in der Nacht hätte aufwachen und die unbeſtimmten Bilder der Träume, die Andere von ihm hatten, um ſeine Wiege verſammelt ſehen können, dann hätte es guten Grund gehabt zu erſchrecken. Aberes ſchlief ruhig fort, ohne etwas von den freundlichen Abſichten der Miß Tox, der Verwunde⸗ rung des Majors, dem frühzeitigen Kummer ſeiner Schweſter und den ehrgeizigen Träumen ſeines Vaters zu wiſſen, und ohne alle Schuld, daß irgend ein Fleck der Erde einen Dombey und einen Sohn beſaß. Druck von Fr. Nies in Leipzig.