A g 3 —-— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literaturu) von. 3 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Aeih- und Leſebedingüungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:— für öpchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ee5—————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. e Ae=SM=eSc=n „ 3„„.„„—„ 4—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Delaroſa. “ 46 1 Zweiter Band. 1 Leipzig, 1850. 1 In Commiſſion des Literariſchen Muſeum Seligkeiten des Umgangs mit Liesche Erich band ſein Pferd an eine Linde und ſetzte ſich auf einen kleinen Hügel zunächſt des Bäͤchleins; die wohlriechen⸗ den Düfte der Wieſe, die ein leichter Weſt⸗ wind umherwehte, der melodiſche Geſang V der Nachtigallen im fernen Gebüſche, die anmuthigen Töne der Hirtenflöten bezaus berten ſeinen ſchwärmeriſchen Geiſt. Der gegenwärtige Anblick führte die Bilder der ſchönen Gegenden des Harzge⸗ birges in ſeine Erinnerung, er träumte ſich in die Spazierritte, Jagden und die zurück. Die letzte Begebenheit des Eremiten verſenkte ihn in tiefe Schwermuth. Die Annehmlichkeitem der Gegend gingen bald in Schreckbilder Über.— Er glaubte den Schall des Hüft⸗ horns zu hören, fuhr auf und ſah, daß die Nacht ihre Flügel bereits ausgebrei⸗ tet habe. Die Hirten hatten ihre Schafe ſchon fortgetrieben, und Schwärme von Leucht⸗ käfern gaukelten längs dem Fuße des Ge⸗ birges. Erich machte ſein Pferd los, ſaß auf und ritt dem Hohlwege zu, um noch bei Zeiten in der Stadt einzutreffen. Als er mitten im Thale einherritt, ſah er über über das Gebirge hin plötz⸗ lich Gewitterwolken aufſteigen. Es blitzte blitzte von weitem, und das Rollen des Donners wiederhallte dumpf. Erich beſchennigte ſeinen Ritt, und gelangte an die Einfahrt des Hohl⸗ weges. 8 Der Himmel überzog ſich immer 1 mehr. Ein heftiger Sturmwind wüthete von allen Seiten. Kaum gewann Erich 3 jo viel Zeit den Hohlweg zurückzulegen. 4 Allein jetzt brach auch das Gewitter aus. Es krachte Schlag auf Schlag. Die Blitze durchkreuzten ſich fürchterlich und Regengüſſe überſtrömten die Gegend. Die Fluthen rauſchten vom Gebirge und . 2 4 —— 4 ſetzten alles unter Waſſer. Erich gerieth in die äußerſte Be⸗ ⸗ drängniß. Schon hielt er ſich beinahe ohne Rettung verloren, da der reißende Strom immer mehr anſchwoll, als er in einer kleinen Entfernung vor ſich ein Ge.. 4 baͤude erblickte.“ Er bot die letzten Kräfte ſeines Roſſes ichen. ————— auf, um dieſe Schutzſtätte zu errei ſah er, daß er ſich in einem alten Schloſſe befand, das dem äußerlichen Anſehen nach jenem vom Harszgebirge nicht unähnlich war, doch ſchreckte ihn jetzt dieſe Bemer⸗ kung keineswegs, es war ihm blos darum zu thun, Schutz und Obdach vor der Wuth der empörten Elemente zu fin und ſeiner Erhohlung zu pflegen. Er ſuchte Jemandem, der ihm eine Ruheſtelle anweiſen möchte. Kein Menſch zeigte ſich. Er führte ſein Pferd in den Hof; er ſah einen offenen leeren Stall; er führte das Pferd hinein, band es an die Treppe und begab ſich nach dem oberen Geſchoſſe; da erblickte er einige Diener, die Speißen auf dem Saale abtrugen. Auf die Fragen, die er wechſelsweiſe an ſie richtete, antwortete keiner, mit ernſter 1 4 Dem Ritter fiel dies ſeltſame Be⸗ nehmen ungemein auf. Da er hier kei⸗ 1 nen Beſcheid erhalten konnte, ſo ging er 4 durch einige Vorzimmer dem Speiſe⸗ ſaale zu. . Ein lieblicher aber ſehr ſtarker Ge⸗ dilch duftete ihm entgegen, und als er in 2—*5 den Saal trat, erfüllte ihn die von düſter brennenden Lichtern vergrößerte Majeſtät 1 deſſelben mit Schauder und Staunen. Eine dumpfe traurige Melodie ſchallte in tiefen ſetifzenden Tönen von der Gal⸗ lerie herab. 4— Im Hintergrunde des Saales ſaß an einer runden Tafel eine Geſellſchaft ſonderbarer Geſtalten, deren blaſſe von 1 Gram entſtellte Geſichter um Mitleid und 4 Erbarmen zu flehen ſchienen; aber das tiefſte Stillſchweigen beobachtend, ſaßen 8 ſie unbeweglich da. 3 Erich begrüßte mit die Verſammlung und näherte ſich Dem⸗ jenigen, den er für dem Herrn des Schloſſes anſah, um ſich ihm als einen jungen Edelmann vorzuſtellen und zu bit⸗ ten, daß man ihm während des tobenden Ungewitters, das ihm ſeinen Weg fortzu⸗ ſetzen hinderte, gaſtfreundliche Herbergee⸗ gönnen möchte. Seine Bitten blieben auch hier un⸗ 9 beantwortet. Der Herr des Schloſſes und die ganze Geſellſchaft ließen ſich in 1 ihrer ernſten Gruppirung nicht ſtören. Erich glaubte, ſie mochten ihn in ihrem traurigen Tiefſinne weder gehört nooch geſehen haben; er trat alſo naͤher unndd wollte eben ſeine Bitte wiederholen, als er mit Entſetzen gewahrte, daß die ganze Geſellſchaft aus ſitzenden Kadavern 4 beſtand. Er wollte ſich ſchnell aus dem Saale fortbegeben, aber er vermochte es nicht; ———— ſank auf einem der rings an der Wand geſtellten Seſſel nieder. Doch ſammelte er ſich bald und faßte ſo viel Gegenwart des Geiſtes, um abzuwarten, daß ihm ſeine Kräfte den Ausgang von dem ſchauder⸗ vollen Orte gönnen würden. Jetzt wurde er mit heftigem Herz⸗ klopfen gewahr, daß dieſe Kadaver ſich zu bewegen begannen; plötzlich ſprangen einige derſelben auf und geriethen in Zuckungen, deren Anblick ſchrecklich war. Ihrem Beiſpiele folgten bald die übrigen, bis auf den Herrn des Schloſſes, der blos die Augen aufſchlug und mit gleich⸗ gültigem Blicke den Grimm betrachtete, den ſeine raſenden Gäſte gegen ihn äußer⸗ ten. Sie umringten ihn und machten— Miene ihn zu zerreißen; einige gingen aauf Erich zu, öffneten den Mund, um ihm die Urſache ihrer Beſchwerden gegen eine Ohnmacht wandelte ihn an, und er — 10 ihren Wirth zu erklären, als dieſer ſich hob und mit der Hand an die Gallerie hinauf winkte, worauf die vorigen me⸗ lancholiſchen Töne des Chors in einen ſolchen Lärm von Zimbeln, Trommeln und Trompeten übergingen, daß davon das Geſchrei der raſenden Gäſte überſtimmt wurde.* Ihre Wuth vermehrte ſich, ſie packten den Herrn des Schloſſes und zerrten ihn umher; er aber erſah ſeinen Vortheil, holte ein Pfeifchen aus der Taſche her⸗ vor und gab einer Schaar Bewaffneten die Looſung, welche aus verſchiedenen Thüren in den Saal ſtürzten und über die ungeſtüme Geſellſchaft herfielen. Es entſtand ein gräuliches Gemetzel, und bald überſtrömte Blut den Boden des Saales. Erich konnte nicht länger Zuſchauer 3 dieſer erſchütternden Scene ſein. Er ſah 8 — 41— nach ſeinem wunderbaren Gürtel, um ſich 1 deſſen Kraft zu bedienen, damit er aus 4 dieſem Mordſchloſſe entkomme. — Nach der vom Geiſte Humpfried er⸗ haltenen Weiſung knüpfte er ihn auf, und waffneten und der Herr des Schloſſes waren verſchwunden; dafür ſah ſich Erich in einem finſtern Gewölbe, welches von dem ſanften Glanze eines übernatürlichen Lichtes erhellt war. rippe; die Wände zeigten Spuren der hier verübten Morde, und in der Mitte des grauſen Ortes ſtand Humpfrieds Geiſt, mit freundlicher Miene und folgen⸗ 1 gen Worten gegen Erich gerichtet. „Du biſt in einem der berüchtigten Schlöſſer, wo der graufame Stadthalter ugenblickiich zeigte ſich des Gürtels Wun⸗ ddeerkraft. Der Saal, die Schaar der Ge⸗ Am Boden lagen Leichen und Ge⸗ ein Denkmal ſeiner Bosheit hinterlaſſen —ÿ—:—————ÿ—ÿ—:—:—:::PjHAᷓꝗ— ————. — 12—. hat; der zweite blutige Keller enthielt hier die Opfer ſeiner Mordſucht; die See⸗ len der Unglücklichen, die hier, von der 4 Truglarve der Gaſtfreundſchaft herbeige⸗ 3 lockt, dem gräßlichſten Tode in die Arme fielen, ſchwärmten ſeitdem als unruhige Schatten umher, und harrten auf ihre Erlöſung, die auf ſo wunderbaren Mit⸗ teln beruhte. „Dies Werk iſt vollbracht, und der Dank der Erloͤſung für die erwieſene Wohlthat wird Dich überall begleiten; 8 verfolge Deinen Weg nur weiter zur gänzlichen Ausführung Deines Auftrages,. dadurch kömmſt Du immer dem Lohne näher, der Deiner Mühe angemeſſener t ſein wird. „Noch haſt Du fünf Knoten aufzu⸗ 4 löſen. Sie führen Dich zu eben ſo vie⸗ len Behältniſſen, wo der Wütherich ſeine Gemordeten verwahren ließ.“ Nach dieſen Worten Humpfrieds Geiſt, und Erich erblickte ſich im Freien vor der Pforte, durch welche er ſich nach dem Schloſſe vor dem Ungewitter geflüchtet hatte. MNun hob ſich der Tag in der ſchön⸗ ſten Pracht eines reinen Himmels und milderte den ſchrecklichen Anblick der Ver⸗ wüſtung, welche die umher liegende Land⸗ ſchaft unter dem Ausbruche des Unge⸗ witters erlitt. Erich machte ſich ungeſäumt gefaßt, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Sein Pferd er⸗ blickte er auf einer nahen Wieſe weiden, und ſchwang ſich darauf, ohne lange nachzuſinnen, wie es aus dem Stalle da⸗ hin gekommen wäre. Gegen Abend, als daſſelbe ſich eben— ſo müde und hungrig bezeigte, als er ſelbſt war, beſchloß er in dem Dörſchen, das ſich ihm vor dem Eingange einer verſchwand — 14— ſtarken Waldung zeigte, um Herberge ein⸗ zuſprechen. Er kam an Leute, die zu ſeiner Be⸗ wirthung den beſten Willen aͤußerten. Sein Pferd wurde gut eingeſtellt, und er fand ein niedliches Stübchen ganz zu ſeiner Bequemlichkeit eingeräumt. Vor allem überließ er ſich der Ruhe der er höchſt benöthigt war. Nach einigen Stunden genoſſenen Schlafes, ſetzte ihm ſein Wirth ein länd⸗ liches Mahl vor und unterhielt ihn, auf geſchehene Anfrage über die Beſchaffenheit und Vorfälle der Gegend, beſonders des wüſten Schloſſes, des nehmlichen, wo Erich eben kam, mit folgender Erzäh⸗ lung: „Vor etwa dreißig Jahren lebte an dem Hofe unſeres Fürſten ein Mann ritterlicher Abkunft, mit einer ausgezeich⸗ neten Klugheit; aber dabei höchſt men⸗ ſchenfeindlichen Geſinnungen begabt. Seine Kenntniſſe und die Art, womit er mit Denjenigen, die er ſeinen Abſichten brauchte, umzugehen wußte, ſchwangen ihn zu der Stelle des erſten Staatsraths. Bald wurde er dann zum Vorſteher uͤber verſchiedene Provinzen ernannt, wo ſeine Gewalt eben ſo unbegrenzt als ſeine Ein⸗ künfte unermeßlich waren. „Allein ein Theil von dem Adel, dem die Macht dieſes Statthalters an⸗ ſtößig war, machte gegen ihn eine Ver⸗ bindung und bemühte ſich, ihn in die ge⸗ hörigen Schranken ſeines Poſtens zurück⸗ zuweiſen. Dies erregte des Statthalters Grimm und Rache, und da er die Par⸗ thei nicht geradezu ſtürzen konnte, ſo be⸗ ſchloß er, dieſelbe durch einen geheimen böſen Streich mit einem Male aus dem Wege zu räumen. Um ſeinen Zweck zu erreichen, bat„ — 16— ſeinen Gegnern die Hand zur Verſöh⸗ nung, und zum Denkmale der hergeſtell⸗ ten Eintracht und Freundſchaft ſtellte er eine prachtvolle Gaſterei in jenem Schloſſe an. Alle die vormals von der Gegenpar⸗ thei geweſen waren, erſchienen dabei als eingeladene Gäſte. Der Statthalter bewirthete ſie auf das Herrlichſte; da aber die Tafel nun bald gehoben werden ſollte, ſo wurde ei⸗ nem jeden Gaſte auf geheimen Befehl des Statthalters Gift in das Getränke ge⸗ miſcht. „Die Wirkung davon äußerte ſich bald, die Gäſte ſchieden bald in wenig Stunden unter den ſchrecklichſten Konvul⸗ ſtionen dahin.. „Ihr Gefolge erhob über den Tod ihrer Herrn ein jammerndes Geſchrei; aber auch dies wußte der Statthalter bald zu ſtillen; er ließ die ſämmtliche . — — — —— — 17— Dienerſchaft der Gemordeten von ſeinen Reiſigen niedermetzeln. „Aber um auch nicht einen einzigen Zeugen dieſes gehäuften Gräuels zurück⸗ zulaſſen, ſo zündete er noch dieſelbe Nacht, da alles im tiefem Schlafe ſich befand, das Schloß mit eigener Hand an, entfloh und machte Lärm in dem Dorfe, daß im Gebäude ein Brand durch Unvorſichtig⸗ keit ausgebrochen ſei. „Alles eilte mit Löſchgeräthſchaften herbei. Kaum aber hatte man ſich den Schloſſe genähert, als ſchon die Flamme einige Pulverfäſſer, welche der Statthalter zu ſeiner böſen Abſicht in eine Kammer geſteckt, ergriffen. Alles zündete ſich, und ein Theil des Schloſſes, eben derjenige, wo die Reiſigen ſchliefen, wurde in die Luft geſprengt. „Einige Zeit nach dieſer ruchloſen That ſah man immer gegen den Abend Das Huͤfthorn. II. 2 — 18— und früh vor Sonnenaufgang Dünſte aus den Trümmern des Schloſſes in die Höhe ſteigen und wieder ſinken. Man wußte lange nicht, woher dieſe Erſcheinung kam, und was ſie zu bedeuten hatte. „Eines Tages weidete unſer Gemein⸗ dehirt die Schafe in der Gegend dieſes zerſtörten Schloſſes, kam auf die Stätte, wo dieſe Dünſte außuſteigen pflegten und erblickte in der Vertiefung der Erde einen abſcheulichen Drachen. Er bebte zurück, und ſein Schrecken war ſo groß, daß er, ganz betäubt von dieſem Anblicke, anſtatt davon zu fliehen, in das Innere des wüſten Gebäudes lief und ſich dort ver⸗ verirrte. „Er ging hin und her und konnte keinen Ausgang finden. Hier ſtieß ihm nun ein unbekannter Mann auf, der aus einem unterirdiſchen Behältniſſe hervorzu⸗ treten ſchien, und fragte den Hirten, was — 19— er hier ſuchte? Dieſer erzählte ihm die Begebenheit mit dem Drachen und daß der Schrecken ihn hieher irre gemacht △ habe. —„Nun wohl,“ ſagte der Unbekannte, „wenn dies iſt, ſo fürchte kein Uebel; wäre aber bloßer Vorwitz der Beweggrund Deines Hieherkommens geweſen, ſo hät⸗ teſt Du den Rückweg nie wieder ge⸗ funden.“ „Hierauf vernahm der Hirt den gan⸗ zen Vorgang auf dem Schloſſe, wie es ſich mit der Vergiftung der Gäſte, der Ermor⸗ dung ihres Gefolges und dem Brande begeben hatte. —„Der Drache,“ ſchloß endlich der Unbekannte ſeine Erzählung,„iſt nichts anders als eine Brut, die von den Aus⸗ dünſtungen der vergifteten Leichen ihre Nahrung und ihren Wachsthum erhält. Er wird dem ganzen Bezirke zur 2 ½8 — 20— Plage gereichen und ſo lange beſtehen, bis Derjenige kömmt, der die wandelnden Schatten der in dem blutigen Keller un⸗ beerdigt liegenden Körper zur Ruhe bringt. Dieſer und kein anderer wird auch die Kraft beſitzen, den Drachen zu erlegen, und von der Zeit an wird die Gegend zu ihrem vorigen Wohlſtande gelangen.“ „Hierauf verſchwand der Mann vor den Augen des Hirten, und dieſer eilte von dem fürchterlichen Orte zu ſeiner Heerde zurück, die er noch auf demſelben Platze, wo er ſie verlaſſen hatte, antraf. Er meldete alles, was er geſehen und ge⸗ hört hatte, im Dorfe, und der Erfolg be⸗ ſtätigte ſeine Nachricht, denn es währte nicht lange, als der Drache aus ſeiner Höhle aufflog und die Landſchaft umher in Furcht und Schrecken ſetzte. Er fiel 4 Menſchen und Vieh an und ſchonte nichtse, as ihm aufſtieß. Er häͤlt ſich noch im⸗ 2 — mer unter den Trümmern des Schloſſes auf. Niemand hat ſich bisher gefunden, der Muth genug beſaß, dies Ungeheuer zu bekämpfen und uns davon Ruhe zu verſchaffen; vielleicht erleben wir Keiner das Ende dieſer entſetzenvollen Plage.“ So beſchloß Erichs Hauswirth ſeine Erzählung und beklagte ſeine Nach⸗ barn ſehr, die ſich dieſes Ungeheuers zu entledigen bis auf dieſen Tag das Gluͤck noch nicht gehabt hatten. Erich fand nach aufmerkſamer An⸗ horung der Geſchichte, daß er wieder ein neues Stück Arbeit vor ſich habe. „Guten Leute!“ redete er die Hüt⸗ tenbewohner an,„Ihr dauert mich des Unfalls wegen, der Euch traf. Ich habe ſchon manche beſchwerliche Unternehmun⸗ gen glücklich ausgeführt, vielen Menſchen in ihren Bedrängniſſen Linderung ver⸗ ſchaft; ich will nun verſuchen, ob ich auch — 22— hier Gutes wirken kann. Ich mache mich bereit, es mit dem feindſeligen Ungeheuer aufzunehmen. Gelingt mir der Kampf, ſo ſoll das Bewußtſein, für Eure Ruhe etwas gethan zu haben, meine That un⸗ vergänglich lohnen! Morgen künde ich dem Drachen Fehde an.“ „Thut dies nicht, edler Ritter,“ ver⸗ ſetzte der Hauswirth;„es würde ewig Schade ſein, wenn ein ſo ſnattlicher Jüngling ſich dieſer grimmigen Beſtie in den Rachen würgte, bedenket nur, daß blos Demjenigen die Macht, den Drachen zu erlegen, verliehen iſt, der zugleich be⸗ ſtimmt wurde, den Schatten der Gemor⸗ deten ihre Ruhe zu ſchenken.“ Erich munterte die Anweſenden auf, in ſeine Tapferkeit Zutrauen zu ſetzen. Alle erſtaunten über ſeinen Entſchluß und hielten ihn endlich für einen herum⸗ ſchwärmenden Abentheurer, der nicht durch — 23— außerordentliche Thaten ſich auszuzeich⸗ nen, ſondern blos das Volk zu taͤuſchen im Sinne hätte. Die Ankunft des Ritters wurde bald imm ganzen Dorfe ruchbar. Eine Menge Volks verſammelte ſich um die Hütte; Jedermann wollte den ſeltſamen Fremden ſehen, der nichts Geringeres im Schilde führte, als dem fürchterlichen Drachen den Garaus zu machen. „Dies iſt der Dreißigſte,“ verlautete es von allen Seiten,„der ſich von dem Drachen freſſen laſſen will. Nu! gute Mahlzeit!— Morgen will er ſchon hin; da muß ich von weitem zuſehen.“ „Ja, ja,“ fügte ein Dritter hinzu; „ich gehe mit, ſolch' einen Narren ſieht man nicht alle Tage.“ So unterhielten ſich die guten Wet⸗ terauer über das vorhabende außerordent⸗ liche Unternehmen Erichs und konnten — 24— kaum den Anbruch des Morgens ab⸗ warten. Sobald nun die Sonne über die Berge kam, fanden ſie ſich in noch grö⸗ ßerer Zahl, als vorhergehenden Tages, um die Hütte. Das dumpfe Gemurmel und Geräuſch ſo vieler Leute, die voll Ungeduld des Ausgangs harrten, war gleichſam eine Aufforderung für Erich, daß es Zeit 8 wäre, ſich nach dem Wohnplatze wius machen. 3 8 *Er beſtieg alſo in voller Piſung 2 ſein Pferd, ſeine heitere Miene und der kͤhne Blick, mit welchem er nach der Ge⸗ gend ſah, wo der Drache hauſte, floͤßte nun auch den Bauern Glauben auf ſeine Tapferkeit ein. 1. Die meiſten bedauerten es aber, wenn dieſer treffliche junge Mann, in der Blüthe ſeiner Lebensjahre, ſo kläglich das — 2* — 25— Opfer ſeiner edlen Herzhaftigkeit werden ſollte. 4 Die Mädchen des Ortes waren vor allen aufs Aengſtlichſte um ihn beküm⸗ mert. Sie beweinten ſchon im Voraus mit häufigen Thränen ſein trauriges Ende. Dagegen waren die Eltern nicht zum Beſten auf ihn zu ſprechen. Sie hielten 4 ſeine That für verwegen und befürchteten Able Folgen. Der Drache, ſagten ſie, wird durch des jungen Herrn Tollkühn⸗ heit gereizt und ſchlimmer werden, als et je war; dann können wir uns nach an⸗- dern Wohnungen umſehen; hier bleiben wir unſeres Lebens nicht ſicher; denn die Beſtie würde ſich an uns rächen, daß wir ihrem Feinde Dach und Fach gegeben haben. Erich ließ ſich durch alles dies nicht irren, er wußte, daß er durch ſeine vor⸗ — 26— hergehende Unternehmung auf den Schloöſ⸗ ſern bereits eine Uebermacht über ſeinen Feind erhalten habe. Er ſchwang ſeine 1 Lanze dreimal empor, begrüßte die Um⸗ herſtehenden mit ſeiner gewöhnlichen Freundlichkeit und ſprengte dann nach dem Aufenthalte des Drachen zu; die verſam⸗ melte Menge eilte ihm größtentheils nach bis an die äußerſte Grenze, innerhalb welcher das Ungeheuer ſein Weſen trieb. Erich rückte weiter vor, und ſeine Zuſchauer beſtiegen einen nahe gelegenen Hügel. Der Drache witterte bald die Ankunft einiger eßbaren Waare. Er rich⸗ tete ſich in ſeiner Grube gemächlich auf, machte durch die Bewegung ſeiner Schup⸗ pen ein fürchterliches Geraͤuſch und kroch dann mit jähnendem Rachen hervor. Sobald er auf dem offenen Platze erſchien und den auf dem Hügel ſtehen⸗ —. 27— den Zuſchauern zu Geſichte kam, flohen dieſe ſogleich, von dem ärgſten Schrecken befallen, nach ihrem Dorfe zurück. Der Drache ſtemmte ſich anfangs auf ſeine Hinterfüße, ſtreckte die Klauen hervor und ſchüttelte ſeine Flügel. Das Pferd des Ritters, dem nie ein ſo fürchterliches Thier zu Geſichte gekom⸗ men war, bäumte und ſträubte ſich, wei⸗ ter fortzuſchreiien. Erich ſpornte es heftig und durch den Muth ſeines Reiters beherzt gemacht, ging das Roß dann auf den Drachen zu; dieſer fuhr nun mit ſeiner gewöhnlichen Wuth auf Erich los; allein plötzlich ſtürzte er mit gleicher Geſchwindigkeit wie⸗ der zurück, ſobald er dem Ritter ſo nahe gekommen war, daß er die demſelben ver⸗ liehene Wunderkraft empfand. Er wollte nach ſeiner Höhle entflie⸗. hen, aber die Kräfte entgingen ihm; von 8 — 28— Bangigkeit über ſein bevorſtehendes Ende befallen, drehte er ſich in ſchnellem Kreiſe und erhob ein durchdringendes Geziſche, wobei er den Geifer weit um ſich her ſprühte; das letzte Vertheidigungsmittel, das ihm bereits übrig blieb. Erich ritt nun hart an das Unge⸗ heuer an und ſtieß ihm ſeine Lanze in den offenen Rachen, daß die Spitze bis zum Herzen drang; demohngeachtet zeigte ſich das ſchreckliche Thier noch ungebändigt. Es warf ſich hin und her und ſchlug mit ſeinem Schweife nach allen Seiten, um etwa den Ritter zu erreichen und ihn mit einem Schlage nieder zu ſchmettern. Um dem Drachen vollends ein Ende zu machen, ſprang Erich vom Pferde, riß die Lanze aus dem Schlunde, zückte ſein Schwert, und nach einem Streiche rollte der Kopf der Beſtie in ihrem Blute. Mit der Lanze hob der ſiegende Erich den Drachenkopf empor, ſchwang ſich aufs Pferd und zog triumphirend in Wetterau ein. Die vorher von dem Hügel entflohe⸗ nen Bauern hatten die Beherzteſten unter ihnen in der gefährlichen Gegend als Kundſchafter zurückgelaſſen, um von der Ferne zu ſehen, wie der Kampf ablaufen würde, und ihnen ſogleich Nachricht zu ertheilen. Dieſe eilten nun mit der guten Bot⸗ ſchaft zu ihren Nachbarn, welche dann, von Freude hingeriſſen, Erichen mit lautem Jubel entgegenliefen. Sie trafen ihn noch unterwegs nach dem Dorfe, und ihr Frohlocken über ſei⸗ nen Sieg war unbegrenzt. Jung und Alt ſtrömte mit herbei. Die Mädchen, die noch kurz vorher um ihn trauerten, jauchzten jetzt mit den Uebrigen um 8 — 39— Schon ward in dem Gemeindehauſe ein Freudenmahl zubereitet, als plötzlich ein unvorhergeſehener Trauerfall das Feſt unterbrach. Da Erich in das Dorf ſei⸗ nen Zug nahm, hielt er ſeine Lanze mit dem Kopfe des Drachen als ein Sieges⸗ zeichen empor. Der Geifer träufelte herab, und einige Tropfen fielen auf die bloße Hand des Siegers; ſogleich gerieth dieſe in gänzliche Erſtarrung. Erich konnte ſie nicht mehr bewegen, ohne Kraft und Fühlung hing ihm der Arm am Leibe. Man ſchloß aus dieſem Unglücke, daß das Gift nach und nach in den gan⸗ zen Körper ſich verbreiten und dem Rit⸗ ter unvermeidlich den Tod verurſachen wuͤrde. Alles ging ſchnell von der Freude zur äußerſten Traurigkeit über. Es wur⸗ Eilboden nach allen Gegenden ge⸗ — 31— der eine ſchleunige Heilung der erſtarrten Hand, bevor das Gift ſich weiter ver⸗ breitete, bewirken möchte. Einige von den Bewohnern erhielten den Auftrag, den getödteten Drachen in eine tiefe Grube zu verſcharren, denn die Furcht vor dem Uebel, das er auch nach ſeinem Tode ſtiften könnte, war größer, als da er noch lebte. Während alles dies geſchah, fand ſich Erich in der unangenehmſten Lage. Seine erſtarrte Hand machte ihm die größte Bekümmerniß. Nichts war ver⸗ möͤgend dies Glied wieder herzuſtellen. Er blieb in der Hütte und erwartete mit Ungeduld die Rückkunft der Abgeſchickten, ob ſie ſo glücklich waren einen Arzt aus⸗ zuforſchen. Sie kamen und berichteten, daß ſie in den jenſeitigen Rheingegenden einen Mann aufgefunden hätten, der ſich erbot, den Ritter zu heilen, wenn dieſer ſich zu ihm begäbe. Dieſe Nachricht richtete Erich ſo⸗ gleich wieder auf. Er trat den Weg ohne Zeitverluſt zu dem Arzte an, und zwei von den Dorfbewohnern, die den Wohnort des Mannes wußten, begleiteten ihn dahin. Nach etlichen Tagereiſen langte Erich bei der Behauſung des Arztes an. Es war eine einſame mit Gebirg umge⸗ bene Hütte in einer beträchtlichen Entfer⸗ nung von den Wohnungen ſeiner Lands⸗ leute. Der Weg ging von da nach einem weitem Gehölze. Der Mann, der ſeinen Sitz hier auf⸗ geſchlagen hatte, ſtand in der Gegend durch mancherlei wunderbare Thaten im Rufe. „Willkommen Erich von Langen⸗ burg!“ rief er dem Ritter entgegen, ſobald 1 er ihm von weiten ſeiner Hütte zureiten ſah.„Wie kömmt es, daß Du mir einen 3 Beſuch machſt?“ 2 Erich verwunderte ſich, wie ihn der Mann kenne, da er doch unter einem fremden Namen umherreiſte. „Staune nicht,“ fuhr der Mann weiter fort,„daß ich von Deiner Abkunft unterrichtet bin, jene Wiſſenſchaften, denen ich obliege, ſetzen mich in den Stand, Dinge zu erfahren, die den meiſten Men⸗ ſchen verdeckt und unenthüllt bleiben. Komm in meine Hütte und laß mich Deine Hand beſehen. Der Ritter folgte ihm in ſeine Woh⸗ nung und nahm Sitz an ſeiner Seite. Die Hand wurde beſichtigt und der Arzt erklärte ſich alſo: „Es ſteht weder bei mir, noch in ei⸗ nes Sterblichen Macht, dies erſtarrte Glied wieder zu beleben. Es iſt durch Das Huͤfthorn. II. — 34— eine außerordentliche Kraft gelähmt, und kann nur durch eine ſolche geneſen. Ich kann nichts als Dir einen guten Rath ertheilen, wie Dir noch zu helfen iſt: „Sieben blutige Keller, wo ein grau⸗ ſamer Statthalter die Opfer ſeiner menſch⸗ lichen Leidenſchaft verſenkt hat, ſtehen Dir aufzubrechen bevor. Zwei davon haſt Du bereits geöffnet! in dem dritten findeſt Du die Arznei zu Deinem erſtarrten Arme. Nur das Blut eines Unſchuldigen kann und wird ihn herſtellen. Geh wohin Dein Verhängniß Dich ruft, und es ſoll Dir Heil wiederfahren!“ Da Erich aus des Mannes Worten den Zuſammenhang der Begebenheiten „faßte, zu welchen ihn die Vorſehung be⸗ ſtimmte, fühlte er ſich muthvoll und be⸗ reit, alles zu unternehmen, was ihm fer⸗ ner noch durch außerordentliche Weiſungen bedeutet werden würde. Er erkundigte — 35— ſich bei dem Manne aufs Genaueſte nach dem Wege, den er jetzt an ſeinen weitern Beſtimmungsort ziehen müßte. „Ich btn,“ ſagte er,„von meinen wunderbaren Berufe, da ich bereits das Werk auszuführen angefangen habe, eini⸗ germaßen unterrichtet; doch brauche ich nähere Aufklärung, um zu wiſſen, wo ich meine Geneſung zu ſuchen habe, und wo⸗ her dieſe geleitet würde.“ „Der Statthalter,“ ſagte der Mann zu Erich,„hatte ſieben Schlöſſer, wo un⸗ terirdiſche verborge Behältniſſe ſich beſan⸗ den, in die er die von ihm auf mancher⸗ lei Art Gemordeten verwahren ließ, um ſelhige den Nachforſchungen ihrer Freunde und der Gerichte zu entziehen. Dieſer oritte Keller, zu dem Du Dich begiebſt, iſt das Grab Cillys, der Maͤrtyrin jungfräulicher Tugend. Vernimm die Be⸗ vennheit dieſer Unglücklichen und noch 3* vollen Flammen auf. — 36— Anderer mehr, die in dem erwähnten Kel⸗ ler begraben liegen. „Als der Statthalter einſt die Pro⸗ vinz bereiſte, um die Amtsverwaltungen ſeiner Untergebenen zu unterſuchen und die eingeſchlichenen, wenn auch nur gerin⸗ gen Fehler, ſeiner rohen Sitte nach mit den härteſten Strafen zu ahnden, führte ihn ſein Weg an einem Baumgarten vor⸗ bei, worin er ein Mädchen aus der Ci⸗ ſterne Waſſer ſchöpfen ſah. „Ihre Schönheit fiel ihm auf. Er hielt ſein Roß an und rief dem Mäd⸗ chen, ihm einen Trunk Waſſer herbeizu⸗ bringen. Dies that daſſelbe mit vieler Dienſtfertigkeit und einem lebhaften raſchen Weſen, das den Statthalter bezauberte. Er weidete ſein lüſternes Auge an den Reizen des jungen unſchuldigen Ge⸗ ſchöpfes, und ſeine Leidenſchaft loderte in — 37— „Nicht gewohnt, ſich ein Vergnügen zu verſagen, und Jedermann gleich zur Erfüllung ſeiner Befehle bereit zu finden, machte er dem Madchen feine Liebe be⸗ kannt. Sogleich trübte ſich des Mäd⸗ chens freundlicher Blick, und als ſie die Gefahr witterte, in der ſie ſich befand, kehrte ſie eben ſo raſch zurück, als ſie ge⸗ kommen war und verlor ſich hinter den Bäumen. „Der Stattbalter ſetzte ſehr erbittert ſeinen Weg fort; aber ſobald er in dem nächſten Standquartier angelangt war, trug er einigen von ſeinen Untergebenen auf, Nachrichten von dem Mädchen ein⸗ zuziehen.— „ Diejenigen, die er zu dieſem Ende abgeſchickt hatte, zeigten ihm an, daß das Mädchen Cilly hieß und die Tochter eines Gärtners wäre, der eben nicht in den beſten Vermögensumſtänden lebte. Cilly — 38— wurde auf Befehl des Statthalters nach ſeinem Schloſſe, dem naͤchſten in dieſem Bezirke, und eben demſelben worin der Mordkeller ſich befand, in größter Eile herbeigeholt. Er ſchmeichelte ihr anfangs auf alle mögliche Art, um ſie zur Erfül⸗ lung ſeiner Wünſche zu bewegen. Sie widerſtand ſeinen Begierden. „Der Statthalter ſah wohl, daß er auf den erſten Angriff den Sieg nicht er⸗ ringen würde; um aber alles Aufſehen zu vermeiden, entließ er das Mädchen mit Güte und der Ermahnung, über das Vor⸗ gegangene verſchwiegen zu bleiben. „Bei dem nächſten veranſtalteten Wie⸗ derſehen Cillys machte er ihr die verführeri⸗ ſchen Anträge; vor ihre Augen wurden koſt⸗ bare Kleider, Ninge, Armbänder und ein offe⸗ ner Sack voll Geld geſtellt. Alles wurde ihr zum Geſchenke angeboten, wenn ſie auf die verlangte Art erkenntlich ſein Od- 8—2—4—A *˙ — 39— wollte; überdies wurde verſprochen, daß ihre armen Eltern von Stund an zu Reichthum und Ueberfluß gelangen würden.. „Dieſe reichen Geſchenke fielen dem Mädchen ſehr auf, und der Wunſch, der drückenden Noth ihrer Eltern mit einem Male ein Ende zu machen, erſchütterte beinahe ihre Tugend; allein ihr inneres Gefühl empörte ſich und machte ſie vor der Schändlichkeit zurückbeben. Cilly ſchlug die Anerbietungen des Statthalters aus, und wollte nicht einmal die Ge⸗ ſchenke annehmen, die er ihr auch ohne der Befriedigung ſeiner Wünſche dar⸗ reichte. Sie bat ihn ſie ferner mit ſeinen Anträgen zu verſchonen, indem ſie ſonſt gezwungen ſein würde, ihr gelobtes Still⸗ ſchweigen nicht mehr zu beobachten⸗ „Hierauf entließ ſie der Statthalter, —— — — — Gelegenheit ihm irgendwo außzuſtoßen. „Am Hofe dieſes Herrn fanden ſich immer Leute, die ihren Vortheil darin hatten, ihres Beſchützers Vergnügungen zu beſorgen. „Als er ſich nun eines Tages von einem Freunde dieſes Schlages wegen des bei Cilly ſchlecht gemachten Glückes beklagte, ſchlug dieſer ihm ein beſonderes Mittel zur Erreichung ſeines Zweckes vor: —„Ich beſitze,“ ſagte er zu dem Statthalter,„ein Geheimniß, das mir die Liebe eines jeden Mädchens, das mir ge⸗ fällt, ſicher erwirbt. Ich weiß einen Trank zu bereiten, der in ſolchen Fällen ſeine Wirkung nie verſagt.“ „Der Statthalter ſah den Ohrenblä⸗ ſer mit einer Miene voll Unwillen an und ſprach: „Ich hätte von Dir einen ander und ſeit dieſer Zeit vermied auch ſie alle — 41— Votſchlag erwartet, als aus meiner Fa⸗ vorite eine Maſchine zu machen. Gegen⸗ liebe würzt den Genuß, merke Dir das launiſcher Bube. Ich ſehe nun, daß ich meine Freigebigkeit an einen Menſchen verſchwendet habe, der mich für einen al⸗ bernen Klotz hält.“— „Nach einer Weile, da er ſeinen Zorn verbrauſt hatte, kehrte er ſich mit ruhigem Lächeln zu dem beängſtigten Hof⸗ ſchranzen und rief: „Sinne nach, Freund, wie wir das Mädchen kirre machen können, daß ſie ſich von freien Stücken ergiebt!— Du ſchweigſt? Wohlan, ſo brauche ich Dei⸗ ner Dienſte nicht länger! Fort, wage es nimmer, Dich an meinem Hofe zu zeigen, ſonſt iſt's um Dich geſchehen.“ „Nachdem der Statthalter dieſen Menſchen von ſeinem Hofe verjagt hatte, berief er ſeine übrigen Freunde vor ſich, — 42— und fragte ſie, wie er es anſtellen ſollte, das Gärtnermädchen mit guter Art zu be⸗ zwingen. Allein keiner unter denſelben wußte ihm ein Mittel anzugeben. Ent⸗ rüſtet über ihre Dummheit, wie er es nannte, rief er aus: —„O, ihr Elenden! an die ich ſo thöricht mein Zutrauen knüpfte; ihr zäh⸗ let keinen unter Euch, der mir in einer Sache, wozu ich Euch alberne Menſchen noch tauglich hielt, mit vernunftigem Rathe dienen könnte? Nun, ſo will ich mir ſelbſt helfen; morgen ſollt ihr ſehen, was geſunder Menſchenverſtand vermag; morgen ſollt ihr Eurer Armfſeligkeit Euch überzeugt fühlen und ſchämen!“ „Seitdem Cilly außer Zweifel kam, daß der Statthalter ſie als eine Buhle⸗ rin zu behandeln gedachte, war ſie nicht mehr dahin zu bringen, daß ſie ſich auf ſein Geheiß zu ihm begäbe. Sie hielt 7 . f t — 43— ſich einſtweilen verborgen und vermied jede Gelegenheit ausgeſpäht zu werden, aber des Statthalters dienſtbare Geiſter ſpürten Cillys Aufenthalt bald auf.— Sie wurde unverſehends überraſcht, er⸗ griffen und mit Gewalt nach dem Schloſſe gebracht. „Als ſie vor dem Statthalter er⸗ ſchien, empfing er ſie mit höhniſcher Miene und fragte, ob er endlich doch ſo glücklich ſein würde, ihre Gunſt zu ver⸗ dienen? Cilly verwies ihm mit Uner⸗ ſchrockenheit ſein gewaltſames Unterneh⸗ men und betheuerte, viel eher den Tod zu wählen, als ſich ſeinem Willen zu un⸗ terwerfen. „Der Statthalter lachte ihres Ernſtes und führte ſie in eine abſeitige Kammer. Sie ſah dort ihren Geliebten, mit dem ſie nächſtens verehlicht werden ſollte, an einem Pflocke geſchloſeen und vor ihm einen Mann mit gezücktem Schwerte ſtehen. —„Sieh Eigenſt innige,“ fuhr der Stadthalter Cilly grimmig an,„wenn Du Dich nicht ſogleich ergiebſt, ſo wird im Augenblick dem Burſchen da der Kopf geſpalten.“ Cilly fiel vor Schrecken uͤber dieſen Anblick in Ohnmacht, als ſte ſich wieder erhohlte überſtrömte eine Fluth von Thränen ihre Wangen. Der Stadthalter blieb bei ihrem ſchmerzlichen Zuſtande un⸗ gerührt. Er beſtand auf ſeiner Forderung und räumte dem Händeringenden Mädchen nur einige Minuten Bedenkzeit ein. Es geht über allen Ausdruck, die Gefühle zu beſchreiben, die in dieſem ſchrecklichen Au⸗ genblicke Cillys Herz zerfleiſchten. 3 Geliebter rief ihr zu: —„Cilly! laß mich mit meinem Blute Deine Nettung erkaufen! bleibe — 45— ſtandhaft, ich habe Muth, ſür Dich zu ſterben!“—— —„Haſt Du?“ antwortete Cilly, „ſo trete hin vor den Richterſtuhl Got⸗ tes, und verantworte dort auch meine That!“ Indem ſie dies ſagte, entriß ſie dem Henker das Schwert, willens ihren Buſen darein zu ſtuͤrzen. Aber der Statthalter, der vor Zorn ſchäumte, ſchlug es ihr aus der Hand und rief: —„Vorerſt wirſt Du dieſen bluten ſehen, dann will ich Dir die Mühe er⸗ ſparen.“ „Er winkte, und Cillys Geliebten wurde der Kopf heruntergeſchlagen. „Cilly ſtand wie eine Bildſäule er⸗ ſtarrt da, und der Statthalter wartete veergebens auf eine Antwort, da er ſie zu wiederholten Malen fragte, ob ſie nun ei⸗ nes Beſſeren ſich beſinnen würde. — 46— „Endlich ging er auf ſie zu, um mit einer liebkoſenden Umarmung ihr Muth zuzuſprechen, aber ſie ſtieß ihn ſo kräftig zurück, daß er mit dem Kopfe an die Wand ſchlug. „Nun ſtieg ſeine Wuth aufs Höchſte. Er zog einen Dolch, den er immer bei ſich hatte, hervor, und Cilly ſank mit durchborter Bruſt auf den Leichnam ihres Geliebten hin. „Der Statthalter betrachtete gleich⸗ gültig das Werk ſeiner teufliſchen Erbo⸗ ſung. Die üblen Folgen dieſer ruchloſen Thatz, wenn ſie mit allen Umſtänden be⸗ kannt würde, ſtellten ſich ſeiner Erwägung dar, und ohne längeres Bedenken beſchloß er, ſämmtliche Perſonen, denen dieſer Vor⸗ fall bekannt war, dem Tode zu über⸗ liefern. „In kurzer Zeit war ſein Vorhaben vollführt, und der tiefſte Keller des ——,—/·———,—,y— — 47— Schloſſes war das Grab der Unglücklichen, die von ihm gemordet fielen. Seitdem kam der Statthalter nicht wieder auf das Schloß. Es ſcheint, das Andenken des dort verübten Gräuels habe es ihm zum Schreckensorte gemacht, den er nicht mehr nahe zu kommen ſich getraute. Es ging alſo nach und nach in den Zuſtand der gänzlichen Verfallenheit über. „Unbewohnt und dem Wanderer furchtbar ſteht es ſeitwärts der Landſtraße nach Gmünd in einer wüſten Landſchaft. Die benachbarten Landleute wußten von demſelben manches Schauderhafte zu er⸗ zählen, deſſen man aber, ſo lange der Stadthalter lebte, nur im Vertrauen und geheim erwähnte. Nicht ſo leicht wagt ſich Jemand in die Nähe der Veſte, und nach der Abenddämmerung wird die Ge⸗ gend in einem weiten Umkreiſe von kei⸗ nem Menſchen betreten. „Man trägt ſich mit einer Sage, daß der Bezirk dann wieder ſeine Ruhe genießen werde, wenn die in dem Keller befindlichen Leichname aufgefunden und beerdigt würden. Du Eirich, biſt dazu beſtimmt!“ So ſchloß der Mann ſeine Erzäͤh⸗ lung, dieſe Unternehmung auszuführen. „ Saͤume denn nicht, das Werk zu vollziehen, denn jeder Augenblick, der dazu verwendet wird, bringt Dich Deiner Ge⸗ neſung und Deinem Glücke näher.“ Erich vernahm die Weiſung des Mannes und brach ohne Weiteres auf, um ſeinen Zug nach dem beſchriebenen Orte zu nehmen. Er langte dort bald an, und fand ihn ganz der gehörten Schilderung gemäß. Er trat ſchon bei ſehr ſpäten Abend in das Schloß, Schauer befiel ihn zwar, allein Abentheuer dieſer Art ſchon in etwas gewohnt, ließ —————·——— he ler — 49— er ſich davon nicht abſchrecken, ſchritt im⸗ mer weiter im Schloßhofe vor und er⸗ reichte im Hintergrunde des Gebäudes eine verborgene Fallthüre die zu der Kel⸗ lertreppe führte. Schnell räumte er den Schutt auf die Seite, und der Eingang kam zum Vorſchein. Nun gerieth er aber in Verlegenheit, wie die geſchloſſene Thür zu öffnen! Er ſah umher und nichts zeigte ſich zur Er⸗ leichterung ſeiner Mühe. Endlich gewahrte er, daß an ſeinem Gürtel ein Knoten ſich von ſelbſt bewegte. Er griff nach demſelben und fand ihn mit leichter Mühe gelöſt. Durch dies Zeichen eines bevorſtehen⸗ den glücklichen Erfolges aufgemuntert ſtieß er an die Thür und ſie prallte mit großem Geräuſche auf. Eine nach der Tiefe des Kellers führende Treppe ſtellte ſich ihm dar; die Das Huͤfthorn. II. 4 — 50— noch kurz vorher geweſene Finſterniß die⸗ ſes unterirdiſchen Behältniſſes verwandelte ſich in einen bloßen Schimmer. * Erich ſtieg hinab, und durch man- cherlei hin und her ſich windende Gaͤnge kam er auf einen etwas geräumigen ebe⸗ nen Platz. Sobald er denſelben betrat, erhob ſich ein unterirdiſches Getöſe und darauf ein ſtarker in dem Keller wieder⸗ hallender Schlag. Jetzt ſah der Ritter hier, ſo wie in den vorigen zwei Kellern, viele Leichname theils am Boden liegen, theils an die Wände geſchmiedet. Unter andern erblickte er den Körper eines jungen Mädchens, welche er bald für die ermordete Cilly erkannte. Spuren jugendlicher Anmuth und Schönheit wa⸗ ren noch an ihr zu erkennen; ihr Buſen war durch eine Wunde verunſtaltet, aus welcher Erich zu ſeinem Erſtaunen, in dem Augenblicke als er ſich ihr näherte, friſches Blut rieſeln ſah. Zugleich ließ ſich Humpfrieds Stimme in folgenden Worten hören: „Benetze Deine Hand mit dieſem Blute und ſie iſt geheilt!“ Erich gehorchte der Stimme, und kaum hatte ſein ſtarrer Arm die Wunde berührt, als ſich deſſen vollkommene Ge⸗ neſung zeigte. Seine Freude wurde durch die Ge⸗ wißheit vergrößert, daß er auch hier be⸗ reits den Seelen der Gemordeten Ruhe geſchafft hatte; denn Humpfrieds Stimme dankte ihm im Namen der Erlöſten. Fröhlich und guter Dinge ſtieg er aus dem Keller wieder hinan, doch als er ſah, daß es ſchon ſpät in der Nacht war, beſchloß er im Schloſſe bis zum An⸗ bruche des Tages zu verweilen. Solch ein Ort war ihm nun nicht 8 4* — Platz mehr erwarten konnte; doch traf er mehr, ſo wie ehedem, fürchterlich, ſondern 1 vielmehr eine Stätte der Ruhe und des 1 Friedens, von welcher die herumwandeln⸗ 2* den Bewohner eben zu ihrer Glückſelige keit übergegangen waren. Er hielt ſich als ihr Retter unter ihrem Schutze ſicher und überließ ſich unbeſorgt dem benöthige d ten Schlafe. 8 Mit Aufgang der Sonne ſetzte er ſeinen Zug nach den Rheingegenden fort, 1 um in einer der Hauptſtädte auszufor⸗ ſchen, wie es in ſeiner Abweſenheit auf 6 Langenburd ergangen ſei⸗ oder was Tort 4 Thüringen kam, fand— von durchreiſenden d ihrem Gefolge ſo gefüllt, daß er für ſich keinen bequemen einen weſtphäliſchen Ritter, der ſo gefäl⸗ — 53— lig war, ihm auf ſeine Stube zu bitten und daſelbſt ein Nachtlager einzuräumen. Erich fand dieſen Mann ſo gut ge⸗ ſinnt, daß ſeine Bekanntſchaft mit ihm bald in Freundſchaft überging. Von ihm erfuhr er, daß die Urſache des Zuſammentreffens ſo vieler Ritter die Anſtellung eines Tourniers wäre. Der Graf von Eiſenhut, der in ſei⸗ ner Herrnſtadt ſeine Vermählungsfeier be⸗ ging, hatte zur Verberrlichung dieſes Feſtes einen Wettkampf angeordet, zu welchem alle Edeln des Bezirks auſgeſden wor⸗ den waren. Der Preis für den Sieger befand in einem koſtbaren Helm, den zu erhalten ſich Jedermann hierher verfügte, weil man ihn für denſelben hielt, der einſt das Haupt Humbolds, eines der berühmteſten Helden der deutſchen Vorwelt, ſchützte und jetzt mit einer glänzenden Verzierung ſeine Auszeichnung im Tourniere ſich wuͤr⸗ — 54— Demjenigen zu Theil wurde, der durch dig machte, denſelben aufzuſetzen. Der junge Held von Langenburg vernahm nicht ſobald des Weſtphälingers Nachricht, als er vor Begierde, das ſchätzbare Kleinod zu erhalten, entflammte und nach dem Tournierplatze ſeinen Zug zu nehmen beſchloß. Er entdeckte dies Vorhaben ſeinem neuen Freunde, und Beide verbanden ſich zu gegenſeitigen Dienſten, wo immer ſolche erford lich ſein ſollten. Der Aufbruch nach dem Wohnſi tze des Grafen von Eiſenhut geſchah ohn dem geringſten Zeitverluſt. Erich traf dort ein, als bereits eine große Menge Ritter ſich eingefunden hat⸗ ten, da viele derſelben im prächtigſten Einzuge angekommen waren. Erichs äußerliches Anſehen machte ihn unter die — 55— ſen ſchimmernden Herren gar nicht be⸗ merkbar. Er, der gleichſam aus ſeinem Vaterlande verbannt, im Auslande umher irrte, um günſtige Umſtände zur Rückkehr abzuwarten, war nichts weniger als dazu vorbereitet, ſich in einem prachtvollen Tourniere darzuſtellen. Er erſchien auf dem Kampfplatze in einer ſo wenig glän⸗ zenden Rüſtung, daß ſich die anweſenden Damen des lauten Spottes über dieſen ihren Augen ungewohnten Uebelſtand nicht enthalten konnten. Die Kreiswärtel tru⸗ gen Bedenken, ihm die Schranken zu öffnen; ungeachtet er ſein mainziſches Diplom und die Loſung auf ſeinem Schilde vorwies.— 2 8 Es entſtand ein Wortſtreit, der die Aufmerkſamkeit der Kampfrichter auf ſich zog. Dieſe gewährten nun Erichen den Einlaß in die Schranken. Der Graf von Eiſenhut hatte an —„ -— 56— ſeinem Hofe einen Rieſen aus dem Schwei⸗ zergebirge, den er in allen Arten des Kampfes unterrichten und dann zum Rit⸗ ter ſchlagen laſſen wollte. Dieſer Rieſe erwarb ſich ausnehmende Geſchicklichkeiten in ritterlichen Leibesübungen, ſo daß der Graf, wenn er ſeine gewagte That aus⸗ führen wollte, ſich mit vollem Zutrauen deſſelben bediente. Er wußte wohl, daß, wenn er den Rieſen zum Gegner des Ritters, der um den Preis des koſtbaren Helmes ſtrebte, aufſtellte, der Sieg gewiß ſooc ausfallen würde, daß der Helm in ſei⸗ nem Beſttze blieb. Unter dieſer Veranſtaltung ließ alſo Eiſenhut auf dem Tournierplatze in der Verſammlung den zum Kampfe gerüſteten KRitter durch einen Herold ausrufen, daß Derjenige, wer den ausgeſetzten Preis er⸗ halten wolle, den Rieſen überwinden müßte. — 57— Dieſer ſchreckliche Kämpfer trat zu gleicher Zeit vor und forderte Jedermann, der es mit ihm aufzunehmen Muth fühlte, zum Streite auf. Die zum Tournier geladenen Ritter wurden durch dieſen unerwarteten Vortrag äußerſt betroffen. Sie erwarteten Gegner von ihrem Schlage, nicht aber einen Ko⸗ loß, deſſen Leibesſtärke mit der ihrigen in einer ſo auffallenden Ungleichheit ſtand. Sie ſahen einander bedenklich an, und Jeder erwartete von ſeinem Gefährten, wie er ſich in dieſer unangenehmen Lage be⸗ nehmen würde. Erich ſah ihre Verlegenheit und freute ſich im Voraus der Gewißheit des zu er⸗ haltenden Preiſes. Freilich fand auch er ſich in keinem Verhältniſſe mit dem Rie⸗ ſen, der nebſt ſeltner Gewandtheit im Ge⸗ fechte ſo viel außerordentliche Leibeskraft beſaß; aber das Zutrauen, daß er in die — 58— Gunſt des Glückes ſetzte, welches ihm ſchon bedenklichere Abentheuer mit Ehre beſtehen half, flößte ihm den Muth ein, der hier allen anweſenden erprobten Kämpfern fehlte. So ſehr es die auf dem Tournier⸗ platze verſammelten Ritter freuen mußte, daß ſich Jemand unter ihnen fand, der die Schmach von der deutſchen Ritter⸗ ſchaft hob, daß ſie vor einem ausländi⸗ ſchen Rieſen gleichſam die Waffen ſtreckte, ſo trieb ſie doch ihr Stolz zu einem ver⸗ ächtlichen Benehmen gegen den ärmlichen Ritter, der ſich anmaßte, ſie alle an Muth und Herzhaftigkeit zu übertreffen. Einige lachten laut auf, da er nach der dreimal verkündeten Aufforderung ſich mit dem gewöhnlichen Vorritte und Schwingen des Schwertes zum Kampfe erbot; Andere murrten über dieſen Nar⸗ renſtreich, wie ſie es nannten, und glaub⸗ — 59— ten die Feierlichkeit des Tourniers dadurch entweiht. Nur Wenige verſammelten ſich um Erich, feuerten ihn durch Beifallsbezei⸗ gungen an und lobten laut ſeinen für die deutſche Ritterſchaft ſo rühmlichen Ent⸗ ſchluß. Aller Herzen gewann aber Erich durch folgende Rede, mit der er ſich ge⸗ gen den Grafen kehrte: „Edler Graf! von Euch wurden dieſe anweſenden verehrlichen Ritter durch ein feſtliches Aufgebot geladen, mit ihrer Ge⸗ genwart und den Beweiſen ihrer Tapfer⸗ keit Eure Vermäahlungsfeier zu ſchmuͤcken. Gegen alles Erwarten ſehen wir uns von Eurem ſonderbaren Preis, lediglich der Hoffnung, uns und Cuch Ehre zu machen, getäuſcht. „Iſt es nicht eine ausgemachte Re⸗ gel des Tourniers, daß in den Schranken — —— —-— ——— ——— — 60— nur mit gleichen Waffen gekämpft werden ſolle? Darf ein Preis auf Unmöglichkei⸗ ten geſetzt werden? Und doch verletzet Ihr dieſes Geſetz, da Ihr fordert, daß ei⸗ ner von uns gegen einen Rieſen kämpfe, in deſſen Natur ſchon die Ungleichheit der Waffen liegt. Er ſei immerhin geſetz⸗ mäßig zum Ritter geſchlagen, deshalb bleibt es doch ungeziemend zu verlangen, daß, anſtatt den Preis durch gleichſeitigen Kampf zu erringen, wir es mit einem Koloſſe anbinden ſollen, deſſen Arm uns eher erreicht, als die Spitzen unſerer Lan⸗ zen ſeine Bruſt berühren können, deſſen Streiche uns wie fallende Felſenmaſſen zerſchmettern würden, während unſere Schwerter an ihm wie an einem Baum⸗ ſtamme zerſplittern müſſen. „Stände er im Kriege als Feind gegen einen von uns auf, ſo würden wir Jeder es wagen ihn zu beſiegen, und — 61— ſollte es mit Aufopferung unſeres eigenen Lebens geſchehen, weil es wahrſcheinlich eben nicht anders geſchehen könnte! aber gebieten ein gleiches Wagniß die Geſetze des Tourniers? „Sind wir darum ſämmtlich feige Memmen, daß wir über Eure Aufforde⸗ rung erſtaunt und in gerechten Unwillen geſetzt uns zurückziehen und Euch den Vorwurf ſchimpflicher Unbilligkeit ma⸗ chen?— Ich ſage ſchimpflicher Unbil⸗ ligkeit; denn was kann Euch bewogen haben, uns auf dieſe Art zu überraſchen, als der Wunſch uns öffentlich zu beſchä⸗ men, oder die Prahlerei mit der Aus⸗ ſetzung eines koſtbaren Preiſes, den Euch Niemand abgewinnen kann? „Nun aber iſt die Aufforderung ein⸗ mal geſchehen; es iſt von beiden Seiten kein Rücktritt mehr ohne Schande mög⸗ lich; der Ruf der Feigheit würde die — — — 62— deutſche Ritterſchaft wirklich treffen, wenn es ruchbar werden ſollte, ſie habe ſich vor einem ſchweizeriſchen Koloß entſetzt, und keiner aus ihrer Mitte habe es gewagt, ihm nahe zu treten. „Mich haben meine in Heldenmuth und Tapferkeit erprobten Gefährten aus⸗ erſehen, ihre Ehre zu retten und zu be⸗ weiſen, daß nichts die Unerſchrockenheit eines deutſchen Ritters zu erſchüttern vermag. „Da aber Ihr, Graf, durch Eure Unbilligkeit keinen Glauben in Eure Zu⸗ ſage verdient, ſo verlange ich, daß der verſprochene Helm augenblicklich mitten auf dem Tournierplatze aufgeſtellt und meinen Gefährten das Recht eingeräumt werde, ihn dem Sieger zu übergeben, und nun winket Eurem Rieſen, ſeine Künſte zu zeigen.“ Ein allgemeines Jubel⸗ und Bei⸗ — 63— fallsgeſchrei erſcholl jetzt, da Erich ſeinen kühnen und zugleich beſcheidenen Sermon beſchloß; von allen Seiten der den Tour⸗ nierplatz umgebenden Volksmenge ertönte der einſtimmige Ruf zu ſeinem Lobe. Der Graf blickte mit zornentbrann⸗ tem Geſichte höhniſch nach den Gallerien der Zuſchauer hin und gab den Befehl, den Helm auf den Platz zu bringen mit den Worten: „Tragt ihn hin, ſtellt ihn auf eine Pike; er hört auf mein Eigenthum zu ſein; denn unter der Menge der Ritter hat ſich doch einer gefunden, der es mit meinem Rieſen aufnehmen will!“ Kaum war der Helm aufgeſtellt, als das Zeichen zum Angriffe gegeben wurde. Der Rieſe trabte auf einem Gaule hervor, der mit vielen Koſten ſeiner Größe wegen für ihn angeſchafft war. Dieſer Anblick erfüllte Jedermann mit Bangigkeit für den jungen fremden Ritter. Erich nahm ſich zwar auf ſeinem Roſſe(es war das nehmliche das er von Bornſchild zum Geſchenk erhalten hatte) ſtattlich aus; das muntere kampfluſtige Thierchen ſchnaubte vor Begier, ſich herum⸗ zutummeln, und ſtampfte vor Ungeduld in den Sand; aber des Rieſen gehobenes ungeheures Schlachtſchwert und ſein grim⸗ miger, Verderben drohender Blick ließen für den muthvollen Jüngling keinen gu⸗ ten Ausgang erwarten. Beide Kämpfer rannten im erſten Anfalle hart an einander vorbei. Erichs Schild war durchſtoßen und ſtak wie ein kleiner Teller an der Lanzenſpitze des Rieſen. 1 Lobpreiſungen, gab nun eine volle Lage Der Zuſchauerpöbel, eben ſo geneigt zu niedrigem Spotte, als übermäßiget — 65— lauten Hohngelaͤchters. Der Rieſe warf, um den Spaß vollkommen zu machen, das Schild wie eine Wurſſcheibe weit durch die Luft hin und verlangte mit ſpottender Großmuth, daß ſich ſein Geg⸗ ner ein anderes Schild geben laſſe. Erich verlor aber zum Glücke nicht die nöthige Geiſtesgegenwart, ſondern ſprengte neuerdings gegen den Rieſen an, und als dieſer eben den Streich mit ſei⸗ nem Schwerte führte, der ihn in zwei Hälften ſpalten ſollte, lenkte er ſchnell mit ſeinem behenden Renner aus; er ſah hur⸗ tig ſeinen Vortheil und trieb die Lanze ſo glücklich durch des Rieſen Hüfte, daß derſelbe vor Schmerz brüllend vom Pferde ſtürzte. Dieſer erſtaunliche Sieg des jungen Ritters erſchütterte alle Gemüther; um ſo⸗ mehr bewunderte man ſeine Herzhaftigkeit, als ſie mit der regelmäßiglten Geübtheit Das Huͤfthorn. — 66— vereinigt war. Der Rieſe fühlte ſich dem Tode nahe; er ſtarb in wenig Stunden von Wenigen bedauert, weil ihm, als des Grafen Liebling, verſchiedener Unfug nach⸗ geſehen war, mit welchem er Jedermann beleidigte. Sehr ungern ließ der Graf den koſt⸗ baren Helm aus den Händen, der Ver⸗ luſt dieſes Kleinods ſchmerzte ihn mehr als die ſchimfliche Niederlage ſeines Rieſen. 1 Die Hochzeitfeier verlor viel an Fröh⸗ lichkeit, da die meiſten Ritter, entrüſtet über des Grafen verdrüßliches Benehmen, noch vor Ende des Tages heimzogen, in⸗ dem ſie keiner Gemeinſchaft mit einem Manne pflegen wollten, welcher der Ehre ihres Standes ſo zu nahe getreten war. Nur Jene blieben, die in des Gra⸗ fen Herrnſtadt wohnten und es nöthig lin mit hanin gutem Einverſtänd⸗ — 67— e:m niſſe zu bleiben. Dieſe erſuchten Erich, en der ebenfalls zu ſeinem Abzuge ſich an⸗ es ſchickte, noch einige Tage zu verweilen ch⸗ und in ihrer Geſellſchaft an den Feier⸗ nn lichkeiten der Vermählung Theil zu neh⸗ men. Er willfährte ihren dringenden yſt⸗ Bitten und ließ ſichs einige Tage hindurch er⸗ in ihrem Zirkel wohl ſein. ehr Zu ſeiner großen Freude, aber leider! nes auch zu ſeiner bald erfolgenden Betrübniß entdeckte er unter ihnen eines Morgens, öh⸗ da die Geſellſchaft von einer Jagdluſtbar⸗ ſtet keit heimzog, einen jungen Ritter, der in nen, Mainz ſein Schulgefährte war. Erich in⸗ verwies es ihm, daß er ſich ihm nicht zu nem erkennen gegeben hatte; da antwortete Ehre jener: 3 ar.„Edler Freund, gern hätte ich es ge⸗ Bra⸗ than, aber ich wollte Euer Gemüth nicht öthig durch die traurigen Nachrichten nieder⸗ ſchlagen, die ich Euch geben muß, ſobald . 5* — 68.— Ihr mich fragt, wie es Eurer lieben Mutter ergeht. Inzwiſchen aber bin ich in Angelegenheiten derſelben nicht müßig geweſen. Ohne Euer Vorwiſſen ſind ſchon ſämmtliche wackere Männer hier von dem drückenden Schickſale der Frau von Langenburg unterrichtet und einver⸗ ſtanden, ihr Hülfe zu bringen.“ „Ja, das wollen wir,“ rief die ganze Geſellſchaft der Ritter;„wir haben es auf unſere Schwerter gelobt, Eure Mut⸗ ter, theurer Langenburg, zu retten! Euer Freund hier hat uns mit ihrer ſchrecklichen Lage bekannt gemacht, und morgen ſolltet ihr unſern Entſchluß erfahren.“ „Gott!“ rief Erich,„ſagt mir, was hat man mit meiner Mutter vor?“ „Der Ritter von Tort,“ verſetzte hierauf Erichs Freund,„ließ vor Wuth, daß Ihr ſeiner Rache entginget, Eure Mutter ergreifen und auf ſeiner Veſte in d——C:˖———— — 69— einen Thurm ſperren, wo ſie ſo lange bleiben ſoll, bis Ihr Euch zu ihrer Be⸗ freiung darſtellt. Je länger ihr weilet, um ſo härter wird ihr Schickſal. Wir bitten Gott, daß unſere Hülfe nicht zu ſpät komme!“ 7 Erich, von dieſer Schreckensnachricht zermalmt, ſprang vom Pferde, ſank auf die Knie, und mit gen Himmel gehobe⸗ nen Händen rief er ſchluchzend: „Nein, gerechter Gott, Du wirſt uns nicht zu ſpät kommen laſſen, wirſt nicht dulden, daß die beſte der Mütter, ſo ſchrecklich das Opfer der unbegrenzten Liebe und Zärtlichkeit für ihren unwürdi⸗ gen Sohn werde!“ Er ſprang haſtig wieder zu Pferde, ergriff einige der Ritter bei den Händen und fragte mit von Schmerz gebrochener Stimme: — 70— „Iſt's an dem, daß meiner Mutter durch Euch Hülfe werden ſoll?“ Die Ritter betheuerten es feierlich. „So bin ich getroſt,“ erwiederte Erich,„und bitte Euch nur, nicht lange zu ſäumen. Befreiet ihr meine Mutter, ſo theilt Euch in meine ganze Habe und ich bleibe noch Euer Schuldner.“ Die Liebe der Ritter für ihn be⸗ wirkte, daß die Zahl derer, die ſich zu dem Geſchäfte der Befreiung ſeiner Mut⸗ ter vereinigten, ſtark genug wurde, um der Gewalt des mächtigen Torts gewach⸗ ſen zu ſein. Unter ſeiner Anführung verſprachen ſie ſich den beſten Erfolg, um ſo mehr, da er des Helms des alten Volkshelden, dem nie ein Beginnen mißlungen war, Beſitzer war. 2 An der Spitze ſeines kleinen Heeres verließ nach wenig Tagen Erich den Hof — — 271— des Grafen von Eiſenhut und unternahm den Zug gegen die Veſte Tort. Der Weg führte ihn gen Ringelburg, einem Schloſſe, das die Ritter gleichen Namens im Be⸗ ſitze hatten. Dort ſprach Erich mit ſei⸗ nen Gefährten ein, und der Herr der Veſte nahm ſie ſämmtlich gaſtfreund⸗ lichſt auf.. Er fragte die Herren, wohin ſie ih⸗ ren Weg nähmen. Erich entdeckte die Veranlaſſung der Reiſe. „Ich will Euch mit 24 meiner Rei⸗ ſigen beiſtehn,“ ſagte Ringelburg zu Erich, „wenn ihr mir dafür einen Dienſt er⸗ weiſet.“. „Ihr habt ein Recht auf meine Dienſte,“ antwortete Erich,„ſprecht, was verlangt ihr von mir, es ſoll Euch ge⸗ währt ſein.“ „Es iſt bereits eine geraume Zeit ,„, — 72 verſtrichen,“ ließ ſich Ringelburg weiter vernehmen,„daß ich in einer kleinen Ent⸗ fernung von meinem Schloſſe ein Land⸗ haus gekauft hatte. Es liegt in einer angenehmen Gegend, das Gebäude iſt niedlich aufgeführt und in demſelben für alles geſorgt, was zur Bequemlichkeit ei⸗ ner die Einſamkeit liebenden Familie die⸗ nen kann. „Allein alle dieſe Annehmlichkeiten verlieren ihren Reiz, wenn man erfährt, daß hier eine Nacht zuzubringen nicht zuläßlich ſei. Gleich nach der neunten Abendſtunde befällt Jedem, der ſich hier verſpätet, ein ſolcher Schrecken, der ihm nicht geſtattet, hier länger zu bleiben. Um dieſe Zeit erſcheint in dem Landhauſe hier und da eine Leichengeſtalt mit blutigem Gewande, ſchleicht im ganzen Gebaͤude umher und begiebt ſich dann meiſtens zu einer Kellerthür, vor welcher das Geſpenſt +₰ 8 — 73— verſchwindet. Eine Sage geht hierüber, das Landhaus würde von dieſer Plage befreit werden, wenn ſich Jemand vor⸗ fände, der Muth genug haätte, hier eine Nacht ganz allein zuzubringen. „Reiche Belohnungen, die ich aus⸗ geſetzt hatte, konnten bisher keinen Men⸗ ſchen bewegen, dieſe Bedingniß zu erfül⸗ len; Viele wagten ſich zwar, durch die Vergeltung angelockt, die That auszufüh⸗ ren; allein noch vor Anbruch der Nacht liefen ſie davon und erzählten fürchterliche Dinge, die ſie in die Flucht getrieben hatten. „Ich ſehe an Euch einen beherzten Ritter,“ fuhr Ringelburg weiter fort, „keine Erſcheinung, von was für Art ſie immer ſei, kann, wie mir ahndet, Euch ſchrecklich werden. Es wird Euch ein Leichtes ſein, in dieſem Landhauſe eine Nacht zuzubringen und mir dort einen — 24— friedlichen Wohnſitz zu verſchaffen; dann erfülle ich mit Freuden mein Verſprechen, Euch 24 wackere Reiſige auf Euren Zug mitzugeben.“ Erich konnte dieſen Zuwachs an Un⸗ terſtůtzung gegen den Ritter von Tort nicht gleichgültig anſehen; er nahm alſo den Antrag Ringelburgs an und machte ſich zur Einquartierung in dem Landhauſe bereit. Der Abendſtern flimmerte über dem Gebirge und Erich ſchwang ſich auf ſein Pferd. Niemand ſtieß ihm unterwegs auf. Es ſchien, als wenn die Gegend nie bewohnt worden wäre; ſo ſehr hatte die Fercht Alle eingenommen, daß kein Menſch ſich erdreiſtete, nach der Abend⸗ dämmerung über die Schwelle zu teeten. Bei dieſer allgemeinen feierlichen — Stille näherte ſich Erich dem Landhauſe. 3 Er langte dort mit Anbruch der Nacht ( 4⏑—.—2ꝗõũj — 75— an und fand alle Eingänge in das Ge bäude geöffnet, denn man fürchtete da bei der Nacht keine Beſuche von Räubern, weil die um dieſe Zeit in dieſer Gegend umherwandelnden Geiſter die beſte Sicher⸗ heitswache waren. Erich ging aus einem Zimmer in das andere und bewunderte die ſchöne Einrichtung. Nachdem er alles genau be⸗ ſehen hatte, beſchloß er, in einer kleinen Kammer im Hintertheile des Gebäudes der Ruhe zu pflegen, bis eine Erſchei⸗ nung ihn zu Geſchäften abrufen würde. Er legte ſeine Waffen auf einen Tiſch und warf ſich hinter demſelben auf einen Lehnſtuhl. Er blieb in dieſer Lage un⸗ geſtört bis zu dem Schlage der 12. Stunde an der Schloßglocke. Gleich darauf be⸗ mächtigte ſich ſeiner ein unwiderſtehlicher Schlaf. Ihm kam das ſonderbar vor, da er —— —— — —— ÿ, — ——*———— ——xx — 76— vor wenigen Augenblicken nichts weniger als ſchläfrig war, und vielleicht weil ein feindſeliger Genius durch meine Einſchlä⸗ ferung die Hülfe vereitelt, die ich den herumwandelnden Geiſtern dieſer Gegend bringe! nein, das ſoll er nicht! Dies gedacht, ſprang er auf und ging durch die Zimmer, um den Schlaf zu überwältigen. Als er jähen Schrittes in den Saal trat, erblickte er ihn von ei⸗ ner großen Geſellſchaft ihm ganz fremder Menſchen angefüllt. Die Tiſche waren mit brennenden Kerzen beſetzt, und die Spiegelwände verdoppelten die Beleuch⸗ tung. Einige der Geſellſchaft gingen in dem Saale umher, Andere ſaßen und be⸗ ſprachen ſich unter einander. Aller An⸗ zug zeigte, daß es vornehme Perſonen waren. Der Herr des Hauſes that um ſeine Gaͤſte ſehr geſchäftig. Er ging von einem zu dem andern, unterhielt ſich mit ihnen, aber ſeine Miene ſchien bei alle dem an⸗ zuzeigen, daß er die Verſammlung gern los wäre. Erich, befürchtend, daß hier abermals nichts Gutes entſtehen würde, ſah beſorgt umher und erblickte den Herrn des Hau⸗ Hier verließ ihn ſein gewöhnlicher n Muth. Er beſtrebte ſich, einen andern Ausgang zu finden, und warnte die An⸗ weſenden vor der drohenden Gefahr. Dieſe ſchienen ihn aber weder zu ſehen ſes zur Thüre des Saales hinaus⸗ ſchleichen. — Nun beſiel ihm die Ahndung eines . unausbleiblichen Unglücks. Er eilte dem 1 Manne auf dem Fuße nach, um ihn wo e möglich an einem böſen Vorhaben zu hin⸗ - dern; allein er erreichte ihn nicht, die n Thüre ſchlug zu, und Erich ſah ſich mit ⸗ der Geſellſchaft im Saale verſchloſſen! 8 noch zu hören. Plötzlich folgte ein er⸗ ſchütternder Knall, und ſogleich ſtürzte der Boden des Saals ein. Alles fiel in einen finſtern Abgrund hinab; es entſtand ein durchdringendes Jammergeſchrei der durch den Fall verwundeten und dem ſchmerzlichſten Tode preisgegebenen Men⸗ ſchenmenge. Erich hatte nie eine ſo ſchaudervolle Scene geſehen. Von Mitleiden hingeriſ⸗ ſen vergaß er ſeiner ſelbſt und merkte nicht darauf, daß er der einzige unter al⸗ len unbeſchädigt herabgeſunken war. Er eilte den Unglücklichen beizuſtehen. In demſelben Augenblicke erſchien der Herr des Schloſſes mit einer brennenden Fackel in dem Keller. „Erich wollte ihm zur gemeinſchaft⸗ lichen Hülfe auffordern; doch bebte er vor Schrecken zurück, als er ſah, wie der Mann einen Dolch hervorzog und ſolchen ——— — 79— den Herabgeſtürzten immer einem nach dem andern in die Bruſt ſtieß. Der tapfere und menſchenfreundliche Ritter war im Begriffe über dies Unge⸗ heuer herzufallen und an ihm den Mord dieſer Unglücklichen zu rächen, als ihm die Kraft ſeines wunderbaren Gürtels bei⸗ ſiel, deſſen er ſich jetzt gegen den Mörder bedienen konnte. Er griff nach demſelben und der vierte halb aufgelöſte Knoten kam ihm zur Hand. Nun gewahrte er, daß bis z auf ſein wirkliches Befinden in einem tiefen Keller alles Vorgegangene ein bloßes Traumge⸗ ſicht war und ihm dadurch bedeutet wurde, daß er bereits den vierten Mordkeller er⸗ öffnet, und den irrenden Geiſtern der hier Gemordeten Ruhe und Befreiung verſchafft habe.— Humpfried erſchien jetzt abermals 4 vor ihm und ſprach: 8 — 80— „Löſe den Knoten vollends auf, Du biſt in der vierten Mordgrube des grau⸗ ſamen Statthalters. Hier iſt der Schrek⸗ kensort, wo der Böſewicht einſt Jene, die ihm in ſeinen leidenſchaftlichen Abſichten hinderlich waren, zu einer nächtlichen Gaſterei lud. Der Saal, wo ſie ſpeiſten, war ſo eingerichtet, daß der Boden deſ⸗ ſelben durch eine leicht bewirkte Verſchie⸗ bung des Hauptbalkens, der die ganze Laſt trug, plötzlich einſtürzen mußte. Die Richtung des Falles war ſo geleitet, daß die Leute in einen tiefen Keller ſanken, deſſen Boden mit aufgeſteckten ſpitzigen Eiſenpfaͤhlen verſehen war. Als die Un⸗ glücklichen, an allen Gliedern gelähmt und zerſtoßen, mit dem ſchmerzvollſten Tode rangen, trat der Statthalter, mit einem Dolche bewaffnet, in den Keller und dämpfte das gräßliche Jammergeſchrei durch voͤllige Niedermetzelung der Ster⸗ ten ſie, in einem offenbaren Zwiſte mit — 83— Zug gerade nach der Veſte Tort. Er langte dort bald nach einem beſchleunig⸗ ten Ritte an, und um ſeine Ankunft vor der Ausführung des Unternehmens zu verbergen, nahm er einſtweilen ſeinen Stand in dem Forſte, der jenſeit des Schloſſes die Anhöhen deckte. Es wurden vor allem einige von ſei⸗ nen Gefaͤhrten nach der Veſte abgeſchickt, um auszukundſchaften, wie der Ritter von Tort am beſten überfallen werden könnte. Sie verſtellten ſich als Reiſende, und ſprachen in der Veſte als ſolche ein. Sie kamen bald wieder zurück und meldeten Erichen, daß ſie den Ritter in einer Verfaſſung gefunden, die ſehr be⸗ zweifeln ließe, ob ſie durch einen plötzlichen Ueberfall ihrem Zwecke nahe kommen würden.* Der Ritter Tort wäre ſo eben, ſag⸗ 6* 5 — 834— einigen mächtigen ſeiner benachbarten Edeln begriffen, daher unterhielt er nicht uur ſehr viele Söldner und Reiſige auf ſeiner Veſte, ſondern hätte auch ſchon die Vorkehrung getroffen, daß, wenn die Sturmglocke auf der Warte gezogen würde, ſich nebſt ſeinen umliegenden Vaſallen auch ſämmtliche ſtreitbare Landleute ver⸗ ſammeln und ihm zu Hülfe herbeieilen müßten. Dieſe Kundſchaft nöthigte Erichen, ſeinen Angriffsplan den Umſtänden gemãß einzurichten. Er ſchickte einen kleinen Trupp ſeiner Mannſchaft nach der Veſte hin, mit der Anweiſung ſich vom Ritter die Erlaubniß zu erbitten, eine Nacht über in der Veſte verweilen zu dürfen, indem ſie zu des Herzogs von Burgund Heere zögen, welches er gegen ſeine aufrühreri⸗ ſchen Gebirgsbewohner mit deutſchen Trup⸗ pen vermehrte. — 85— Tort empfing ſie freundſchaftlich, und da er hörte, daß ſie aus entlegenen Pro⸗ vinzen herkätnen und Kriegsdienſte ſuch⸗ ten, ſo drang er in dieſelben, länger bei ihm zu verbleiben und in der bevorſtehen ⸗ den Fehde mit ſeinen Nachbarn unter ſeine Truppen ſich zu begeben. Die Ritter ließen ſich überreden, und Tort bewirthete ſeine Gäſte zur Aufnahme in den Bund mit einem prachtvollen Mahle. Man überließ ſich bei dieſer Gelegenheit unbegrenzter Fröhlichkeit, und des herzlichen Geſundheitausbringens war kein Ende, bis die Geſellſchaft wein⸗ und ſchlaftrunken zur Ruhe taumelte. Aber Erichs getreue Kämpfer hatten ſich nur zum Scheine berauſcht, kaum hatte ſich eine allgemeine Stille im Schloſſe verbreitet, als ſie ſich leiſe aufrichteten und ſich nach verſchiedenen Seiten der Veſte vertheilten. Einige derſelben ſhlahen ——— 4 1— E — 86— nach der Warte, um zu verhindern, daß die Sturmglocke gezogen würde; die an⸗ dern beſetzten alle Zugänge und Plätze. Diejenigen von den Leuten des Rit⸗ ters, welche ſie wachend trafen, wurden unter Bedrohung, niedergebohrt zu' wer⸗ den, wenn ſie einen Laut von ſich gäben, gefangen genommen und in ein feſtes Ge⸗ wölbe geſperrt. Hierauf wurde die Zugbrücke nieder⸗ gelaſſen und das verabredete Signal ge⸗ geben; ſogleich ſprengte Erich mit ſeiner ganzen Schaar aus dem Forſte heran, drang in die Veſte und bemächtigte ſich des größten Theiles derſelben. Ihm ſtießen verſchiedene von Torts Leuten, und unter denſelben deſſen Burgvoigt, auf, der ſo eben in ängſtlicher Flucht nach dem Thurme begriffen war. Aber er wurde erhaſcht, und Erich forderte un⸗ geſäumt die Entdeckung des Ortes, wo nigermaßen wieder gut zu machen. die Frau von Langenburg gefangen ſaß; der Burgvoigt betheuerte, daß nur dem Ritter dies Gefängniß bekannt ſei. „Du lügſt!“ ſchrie Erich,„bekenne, oder ich laſſe Dir die Augen ausboh⸗ 16 ren Jetzt ſah ſich der Burgvoigt um, bat dann Erichen, ihn nicht zu verrathen, und zeigte nach einer Treppe, die zu einer großen eiſernen Pforte hinabführte. Erich, im Gefolge einiger von ſeinen Gefäaͤhrten, eilte dahin, befahl die Pforte aufzubrechen und erſchien vor ſeiner Mut⸗ ter, die in dieſem Augenblicke nichts we⸗ niger als ſeine Gegenwart erwartete. Dieſe Zuſammenkunft war gleich rüh⸗ rend als entzückungsvoll. Erich bat ſeine Mutter, ihm zu verzeihen, und meldete ihr, daß er gekommen wäre, die ihr ver⸗ urſachten Leiden durch ihre Befreiung ei⸗ — 88— Von den Eindrücken der ſo ſchnell auf einander folgenden unerwarteten Ereig⸗ niſſe auf das Heftigſte erſchüttert, war ſie kaum einiger Beſinnung fähig. Sie fuhr von ihrem elenden Lager auf, ſah ängſt⸗ lich und verſtört um ſich und ſank dann mit Freudengeſchrei in die Arme ihres Sohnes, der ſie hurtig auf ſeinen Schul⸗ tern aus dem Gefängniſſe fort trug. Inzwiſchen brachte der Lärm des Ue⸗ berfalls in der Veſte alles in Bewegung. Tort und jener Theil ſeiner Leute, deren man ſich vorher nicht bemächtigen konnte, erwachten, ſprangen auf, griffen nach ihren Waffen und ſetzten ſich aufs Tapferſte zur Gegenwehr. Es entſtand ein heftiges Gefecht; Torts Parthei fiel unter ſeiner Anführung die Ritter mit verzweiflungsvoller Wuth an, aber ſie wurden überall zurückge⸗ ſchlagen. an——— 89— Erichs Tapferkeit, von dem Beiſtande ſeiner heldenmüthigen Gefährten unter⸗ ſtützt, ſiegte. Tort wurde ſammt den Seinigen nach dem Hintertheile der Veſte getrieben und dort ſo lange eingeſchloſſen gehalten, bis Erich Zeit gewann, Gertrauten in Sicherheit zu bringen. Er flüchtete mit ihr nach dem In⸗ nern des Forſtes wo er ſich vor dem Ue⸗ berfalle verborgen gehalten hatte, allein da er leicht vorherſehen konnte, daß er hier, im Fall Tort ſiegte, übel berathen ſein würde, verweilte er nicht lange, ſondern, ſobald der Tag angebrochen war, ſetzte er ſeine Reiſe eilig fort. Erich hatte ſeinen auf der Veſte zu⸗ rückgelaſſenen Leuten aufgetragen, nachzu⸗ forſchen, ob etwa auch Lieschen da ge⸗ fangen gehalten würde. Er harrte nun mit Ungeduld der Rückkunft derſelben ent⸗ — 50— gegen. Sobald dieſe vermuthen konnten, daß er ſeine Mutter in Sicherheit mochte gebracht haben, zogen ſie eiligſt aus der Veſte und gelangten nach mancherlei Um⸗ wegen an dem verabredeten Orte wieder zu ihm, mit der Meldung, daß ungeach⸗ tet des ſtrengſten Nachforſchens Lieschen nicht haͤtte entdeckt werden können, ja die Leute des Tort ſchienen gar nicht zu wiſ⸗ ſen, daß ein dergleichen Mädchen nach der Veſte gebracht worden wäre. Dieſe Ungewißheit des Aufenthaltes und der Schickſale einer Perſon, deren Andenken Erichen noch immer theuer blieb, machte ihn ſehr mißmuthig. Er gab nun alle Hoffnung auf, ſie jemals wieder zu finden und gerieth in Verſuchung, ſich, um allen weiteren Unruhen und Verfol⸗ gungen ein Ende zu machen, mit dem Fräulein von Tort einzulaſſen, die doch in jeder Art ſeiner Hochachtung und Liebe — 91— ſich ſo würdig bewieſen hatte, und durch welche die Angelegenheiten ſeines Hauſes augenblicklich in beſten Stand verſetzt werden könnten. Eine geheime Ahndung aber, daß er Lieschen ſehen würde, ſchlug auf einmal dieſen Entwurf wieder darnieder, er gab ſein Vorhaben auf und ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit ging indeß dahin, ſeine Mut⸗ ter, die in Langenburg nicht ſicher woh⸗ nen könnte, nach einem verläßlicheren Orte zu geleiten. Er entließ nun ſeine Gefährten, de⸗ ren Hülfe er nicht weiter benöthigt war, ſammt den von Ringelburg ihm gegebenen Reiſigen, unter vielen Dankſagungen und ſchlug den Weg zur Erreichung ſeines Zweckes ein. Er hielt ſich meiſtens auf Seeitenſtraßen und gelangte nach einer mühevollen Reiſe zu einen Dorfe, welches in der Naͤhe eines kleinen Landſitzes lag, der einem ſeiner vertrauteſten Freunde ge⸗ hörte. Unter deſſelben Schutz wollte er ſeine geliebte Mutter geben, bis Zeit und Umſtände ſich geändert haben würden. Zu ſeinem höchſten Verdruſſe und nicht geringer Verlegenheit traf er in erwähn⸗ tem Dorfe einige Kundſchafter des Rit⸗ ters von Tort an, welche derſelbe ausge⸗ ſchickt hatte, die Märſche und Anzahl ſei⸗ ner Feinde, die durch dieſe Gegend heran⸗ ziehen würden, abzuſpähen. Die Vor⸗ ſicht gebot ihm, keinen Augenblick länger an dieſem gefährlichen Orte zu verweilen. Aber wohin ſollte er ſich bei ſchon an⸗ brechender Nacht begeben? Seine Mut⸗ ter, ermüdet von der weiten und unaus⸗ geſetzt ſchnellen Reiſe, bedurfte der Ruhe und hatte auch den ganzen Tag über keine Nahrung zu ſich genommen. Zwi⸗ ſchen dieſem Dorfe und dem Wohnſitze ſeines Freundes lag ein Forſt, durch den — 93— ein wenigſtens zwei Stunden langer Weg führte; aber wer bürgte Erichen dafür, daß er ſich ohne Geleitsmann in der Dun⸗ kelheit nicht auf den Querwegen des Forſts verirren würde? Da er ſich in dieſer Verlegenheit mit ſeiner Mutter berathſchlagte, ſah er von weitem einen Mann mit einer brennenden Fackel auf den Wald zugehen. Eiligſt beſchloß er denſelben zum Wegweiſer zu gebrauchen. Erich und ſeine Mutter ſpornten ihre Roſſe und erreichten den Mann bald. „Welchen Weg nehmt Ihr, Feunde 2* rief ihm Erich zu. Deer Mann ſah ſich um und deutete mit der Hand gerade nach der Gegend, wo ſeines Freundes Landhaus lag; aber auf weitere Fragen gab er keine Antwort. Erich achtete dieſe Sonderlichkeit wenig, und hielt den Mann für taub; es genügte— — 94—* ihm, einen mit Licht verſehenen Wegwei⸗ ſer gefunden zu haben. Gerroſt trabten er und ſeine Mutter den raſch fortſchrei⸗ tenden Vorleuchter nach, und ſie mochten eine Stunde Wegs zurückgelegt haben, als plötzlich der Mann ſammt der Fackel ver⸗ ſchwand. Es war ſo finſter um ſie her, daß ſie keinen Schritt weit vor ſich ſehen konnten. Daß ſie ſchon außerhalb des Waldes waren, verſpürten ſie an der ſtar⸗ ken Luft, die aus dem Freien ſie anwehte, und aus dem Geſtirne, welches ſie erblick⸗ ten. Endlich gewahrten ſie in einiger Entfernung eine Anhöhe, auf welcher ein mit hohen und ſtarken Thürmen befeſtig⸗ tes Schloß zu ſtehen ſchien. Die Art, wie Erich und ſeine Mutter von dem Wegweiſer ſicher geleitet worden, deſſelben jähes auffallendes Schweigen und ſein ahes Verſchwinden ließ ſie nur zu ſehr — 95— 7 Mordkeller vorhanden ſei. Erich hatte ſeiner Mutter unterwegs ſeine ſonderbare Berufung vom Schickſale bekannt gemacht. Sie fühlte ſich jetzt von Schauder und Schrecken befallen, da er ihr Muth zu⸗ ſprach und meldete, daß hier wahrſchein⸗ lich wieder ein Stück Arbeit für ihn ab⸗ zuthun ſein würde. Er nahm hierauf ſeinen Gürtel zur Hand, und in dieſem Augenblicke zeigten ſich eine lange Reihe halbbeleuchteter Fenſter des Schloßſaales. Aus der Muſtk, die von dort zugleich ſich höͤren les bemerkten ſie, daß dafelbſt ge⸗ tanzt würde. „Hier geht es ja recht fröͤglich und luſtig zu,“ ſagte Erich zu ſeiner Mutter, „warum ſollen wir uns denn fürchten? kommt, wir wollen ſehen, ob der Herr vom Hauſe ſo höflich ſein wird, Euch zu einem Tänzchen zu bitten.“ vermuthen, daß hier neuerdings einer der — 96— „Frevle nicht mein Sohn,“ erwie⸗ derte Gertraut,„es könnte Dir übel be⸗ kommen! aber was ſehe ich?— Das Thor wird geöffnet.— Leute mit Fackeln kom⸗ men auf uns zu.— O mein Sohn! mir wird bange ums Herz!“ Erich bat ſeine Mutter, ſich nicht unnützer Weiſe zu ängſtigen, indem weder für ſie noch für ihm etwas zu befürchten wäͤre, da ein mächtiger Geiſt in allen Fällen ihn ſeines Schutzes verſichert hätte.— * Nun kamen die Leute mit den Fackeln ganz nahe. Einer unter ihnen fuhrte das Wort und rief: 3 I „ unſer Gebieter ſendet uns zum herz⸗ lichen Willkommen Euch entgegen, ſäumet nicht ſein Haus mit Eurer Gegenwart zu beehren!“ Erich nahm ſeine Mutter bei der Hand und führte ſie, unter Begleitung — 97— der Fackelträger, den Schloßweg hinauf. Sie beide erſtaunten über die Pracht, die ſich ihnen zeigte, ſobald ſie ins Innere des Gebäͤudes gelangt waren. Die Vor⸗ halle war mit einer koſtbar geſtickten Decke geziert; längſt der marmornen Treppe liegt ein vergoldetes Geländer, an deſſen Ecken alabaſterne Bildſäulen ſtan⸗ den, deren jede einen ſiebenarmigen lan⸗ gen Leuchter trug. Die Thüren der Zim⸗ mer waren von Ebenholz mit Blumen⸗ werk von Perlenmutzer ausgelegt; und als ſie endlich durch mehrere von Pracht und Reichthum ſtrotzende Gemächer in den Saal kamen, wo die Geſellſchaft tanzte, geriethen ſie vor Erſtaunen außer ſich über den königlichen Aufwand, den ſie hier erblickten. „Dein verſtorbener Vater,“ ſagte die Frau von Langenburg leiſe zu ihrem Sohne,„war vielleicht der reichſte Gdel Das Huͤfthorn. II. 2 711 6 33— 8 —-— 98— mann im Lande, aber keines ſeiner Schlöſſer war mit dieſem zu vergleichen.“ „Da haſt Du recht liebes Weib,“ ſagte eine Stimme hinter ihrem Rücken. 4 Gertraut ſah ſich um und fiel vor Schrecken in Erichs Arme. Dieſer war erſtaunt, wie der ſchöne, mit einer J golde⸗ nen Kette gezierte Mann ſeiner Mutter ſolch ein fürchterlicher Anblick ſein konnte; noch höher ſtieg ſeine Verwunderung, als dieſer die Hände faltete, ſein Angeſicht gen Himmel hob und dann mit einem zärtlichkeitsvollen Blicke an ihn gerichtet ausrief: „Allgütigſter, der Du mir durch ihn Heil wiederfahren läſſeſt ſegne auch ihn mit unendlicher Gnade!“ Jetzt ſchlug Gertraut die Augen auj. umarmte mit freudiger Lebhaftigkeit ihren Sohn, wieß nach dem Manne hin und rief: — —————. — 101— der bis zur Stunde gequält umherwan⸗ delte, die Ruhe der Seligen. Entſchlagt Euch beide einer fruchtloſen Betrübniß, 8 und füget Euch in den Willen des ge⸗ rechteſten Weſens.“— Humpfried verſchwand, und Erich ſammt ſeiner Mutter fühlten ſich von ei⸗ nem unwiderſtehlichen jähen Schlafe er⸗ griffen, aus welchem ſie erſt mit Anbruche des Tages erwachten. Jetzt fanden ſie ſich auf dem hohen mit Graſe bewachſe⸗ nen Hofe des Schloſſes, nahe an einer geöffneten Kellerthüre liegend. Gertraut glaubte blos von einem lebhaften Traum⸗ geſichte getäuſcht worden zu ſein, und Erich konnte ſie des Gegentheiles nicht überzeugen, bis er in den Keller hinab⸗ ſtieg, und dort bei dem Schimmer des durch die geöffnete Thüre eindringenden Tageslichts die goldene Kette auffand und ſie dann ſeiner Mutter einhändigte. Sie — 102— erkannte die Kette für die nehmliche, die der Kaiſer Heinrich ihrem Gemahle verehrt hatte, und weinte nun neuerdings bittere Thränen uͤber ſeinen gräßlichen Tod. „Ach!“ ſagte ſie zu Erich,„jetzt kann ich mir die ganze Reihe der Vor⸗ fälle unſeres Hauſes nach dem Tode Dei⸗ nes Vaters erklären. Der Statthalter war es, der mir die verfälſchte Nachricht von dem Hinſcheiden meines Gemahls geben ließ. Bald darauf überfiel er mich mit gerichtlichen Klagen und Streitigkeiten im Betireff Deiner reichen Erbſchaft. Seiner Macht war es ein Leichtes, die höchſten Landesgerichte dahin zu bringen, daß mir ſämmtliche Güter bis auf das kleine Langenburg, daß er mir als Gnade 3 überließ, abgeſprochen wurden.— Mein Sohn, wir ſind der Leiche Deines edeln Vaters noch die letzte Ehrenbezeugung — 103— S 8 eines ſeiner würdigen Begräbniſſes ſchul⸗ dig. Sobald es thunlich iſt, mache An⸗ ſtalt, daß dieſe uns theuren Reſte in das Familienbegräbniß zu Langenburg feierlichſt beigelegt werden!“ 4 Erich verſprach es mit einem hohen Schwure, indem er ſagte: „So wahr ich den Geiſt meines Va⸗ ters noch zu ſehen wüͤnſchte.“ Kaum erſchollen dieſe Worte, als eine Stimme rief: „Du wirſt mich einſt in einer beſſe⸗ ren Welt wieder ſehen!“ Gertraut ward von dieſem Rufe, und der vorhergehenden Ueberzeugung, wie wenig mehr an dieſem Orte zu be⸗ fürchten wäre, mit Muth und Heiterkeit erfüllt. Sie betrachtete das Schloß und deſſen umliegende wirklich ſchöne Gegend nicht weiter als einen Aufenthalt des Entſetzens und gab ihrem Sohne zu ver⸗ — 104— ſtehen, daß ſie Luſt fühlte in dem Theile des großen Gebäudes, welcher ſich noch ziemlich bewohnbar zeigte, ſich häuslich niederzulaſſen, bis Langenburg vor den Anfällen des grimmigen Torts geſichert ſein würde. Hier glaubte ſie ſich gegen jede feindliche Unternehmung geſchützt, da es ſobald Niemand wagen würde, dieſe veerrufene Stätte zu durchſuchen. Erich billigte ſeiner Mutter Vorha⸗ ben und verſah ſie bis auf weitere Ver⸗ anſtaltung mit Lebensmitteln, fand einige Mädchen aus dem nächſten Dorfe auf, welche für gute Bezahlung und auf Zu⸗ ſicherung, daß im Schloſſe nichts mehr zu befürchten ſei, ſich zu ihrer Bedienung manheiſchig machten. Er ſelbſt ſammelte ſodann die Gebeine ſeines Vaters und ließ ſie nach Langenburg führen, wohin er ſich dieſes Leichenbegängniſſes wegen verfügte. Langenburg war jetzt in Torts — 105— Beſitze, er mußte alſo als ein Fremdling und verſtellt in dem Hauſe einkehren, wo er geboren war und jede Stelle ihm theure Erinnerungen der hier verlebten glücklich⸗ ſten Tage zuführte. Der Schloßwächter, der ihn empfing, war noch der nehmliche, der vormals der Familie in dieſer Eigen⸗ ſchaft gedient hatte, ein 70 jähriger, durch ſeine Treue ausgezeichneter Greis. Er kannte den jungen Ritter nicht, bot ihm aber als einen Fremden alle Bequemlich⸗ keiten der Wohnung an. — Bald darauf erſchienen mehrere von den Hausleuten Gertrauts, die auf dem Schloſſe zurückgeblieben waren und die Wiederkunft ihrer Frau erwarteten. An allen war Trauer und Niedergeſchlagen⸗ heit zu bemerken. Sie bewillkommten den Reiſenden, entſchuldigten ſich aber, daß ſie in einer Lage wären, die es nicht zuließe, ihn ſeinem Stande gemäß zu dienen. 8 — 106— Erich fragte ſie, wo ihre Herrſchaft wäre. Sie gaben ihm folgende Nach⸗ richt:„Unſern Herrn verloren wir be⸗ reits vor langer Zeit, da er einſt auf die Jadg eilte und nienwieder kam. Er hin⸗ terließ eine Witwe und einen einzigen vierjährigen Sohn. Die Mutter gab ihm eine Erziehung, die ſeiner Geburt ge⸗ ziemte, ſo wie ſie ſich beſtrebte, von den übrig gebliebenen geringen Renten ihrem Stande gemäß Haus zu halten, den Dürftigen beizuſtehen, und die Veſte Lan⸗ genburg gleichſam auch der Gaſtfreiheit in⸗ nicht verſchließen zu dürfen. „In dieſer lobenswerthen Einſamkeit lebte Gertraut, als der Ritter von Tort die Vermählung ſeines Fräuleins mit un⸗ ſerm jungen Herrn vorſchlug; derſelbe aber hatte ſich bereits mit einem Müller⸗ mädchen zu weit eingelaſſen und war ihr ſo treu, daß er das Anerbieten des alten — 107— 5* Ritters ausſchlug. Sein dringendes Bit⸗ ten bewog unſere Frau zur Billigung ſei⸗ ner Wünſche und das hochgeborne Fräu⸗ lein erhielt den Korb. „Der Ritter von Tort war darüber . ſehr übel zu ſprechen. Er ließ das Mül⸗ lermädchen auffangen und auch unſern jungen Herrn in Sicherheit bringen. Dieſer aber entfloh aus dem Gefängniſſe, und Tort ließ nun vor Wuth unſere * Frau in ihrem Schloſſe hier überfallen und in ſeine Veſte ſperren. Der wackere Erich, ſo hieß der Sohn unſeres unver⸗ geßlichen Herrn, befreite ſie durch einen eben ſo liſtigen als kühnen Ueberfall der Veſte Torts und entkam mit ihr glücklich. Tort ließ ihn überall aufſuchen, und ver⸗ folgt ihn nun nicht ſo ſehr als den Ver⸗ ſchmäher ſeiner Tochter, ſondern vielmehr als den Mörder eines Eremiten, der in dieſer Gegend in großem Rufe der Fröm⸗ — 108— migkeit lebte. Was das für eine Be⸗ wandniß mit dem Morde des Eremiten habe, wiſſen wir nicht, aber es ſollte uns wundern wenn es etwas anders als eine Verläumdung wäre.“— Erich ſuchte nun dieſen guten Leuten jede üble Meinung von ihm ganz zu be⸗ nehmen und gab ſich zuletzt ihnen zu er⸗ kennen. Alle ſtaunten ihn an, entdeckten dann nach genauer Beſichtigung ſeiner Geſichtszuge den Sohn Gertrauts und bewieſen ihre Freude über ſeine Ankunft auf das Lebhafteſte. Er band ihnen aber Verſchwiegenheit ein, und Alle verſicher⸗ ten ihm derſelben durch wiederholte Be⸗ theurungen.* Den ſolgenden Tag machte ihn Erich kund, daß er hierher gekommen ſei, um die Aſche ſeines Vaters in der Schloßka⸗ pelle feierlich beizuſetzen. Es wurde alſo der Pfarrer des Bezirks zur Einſegnung — 109— erſucht. Er kam nach der Veſte, und die Beerdigung geſchah mit allem Cermoniel, das von der Heimlichkeit geſtattet wurde, mit der es geſchehen mußte. Noch ſieht man heut zu Tage Truͤmmer der Familiengruft, worin ſich das prächtige Monument Heinrichs von Langenburg befand. Nach Verrichtung dieſer Handlung wählte Erich in Langenburg Diejenigen von den Hausleuten aus, die er zur Be⸗ dienung ſeiner Mutter auf ihrem einſtwei⸗ ligen Wohnorte beſtimmte. Sie reiſten bald dahin ab, und Erich ließ blos ſo viele in Langenburg zurück, als ihrer noth⸗ wendig waren, um das Gebäude und die umliegende Länderei in gutem Stande zu erhalten. Die raſtloſe Begierde, endlich einmal einige Nachrichten von Lieschen zu erhalten, begann nun ihn neuerdings zu quaͤlen. Es betrübte ihn ſehr, daß — 110— von den Leuten in Langenburg nichts in dieſer Hinſicht zu erfahren war, und dachte immerfort auf Mittel, das Dunkel zu lichten, welches vor ſeinen Blicken Lieschens Schickſal hüllte, bis er auf den alten Adlerſtein verfiel und im Momente den Entſchluß faßte, ihn ungeſäumt auf⸗ zuſuchen; Lieschen wird vielleicht nicht unterlaſſen haben, die Alten mit ihren Beiſtande zu unterſtützen; wenn ſie ſich in der Lage befindet, ihre Wohlthaten fortzuſetzen, dann ſind dieſe Leute im Stande, mir von ihr Nachricht zu geben. So dachte Erich, und begab ſich auf den Weg zu Apblerſteins Hütte.— Er langte in unausgeſetzter Eile bald in dem Gebüſche an, durch welches ein ſchmaler Fußſteig nach dieſer Einſiedelung hin führte; aber wie ward ihm zu Muthe, als er ſchon von weitem Spuren der Verwuſtung an derſelben entdeckte. ECin uu1— Schutthaufen hemmte den Eingang zur 85 Stubenthüre. Das Strohdach der Hütte, die ſonſt zwar ein ſchlechtes, doch ordent⸗ liches Anſehen hatte, hing eingeſtürzt über die Außenſeite herab, und der kleine Küchengarten hatte ſich in ein Diſtelſeld umgewandelt. Erich räumte den Schutt aus dem Wege und trat in die Stube. Er fand ſie leer. Nur ein großer platter Stein erhob ſich aus der Mitte des Bodens, auf demſelben fand ſich das Wappen Ad⸗ lerſteins grob eingegraben und darunter ein Todtenkopf mit einem Kreuze. „Sie ſind in einer beſſeren Welt!“ rief Erich mit Rührung;„dies iſt ihr Grabmahl, etwa von der Hand eines Freundes errichtet, den die Hinſcheidenden um dieſen letzten Dienſt erſuchten. Heil unnd Nuhe Euch, ihr Guten. Ihr kann⸗ 4— 1112— tet mein Herz, und dieſe Thränen ent⸗ weihen Euren Grabſtein nicht!“ Erich ſchied mit Wehmuth von die⸗ ſer traurigen Stätte und nahm ſeinen Weg in dem Haszgebirge weiter ſort. Unbemerkt gelangte er an das Uferplätz⸗ chen, wo er Lieschen aus dem Fluſſe her⸗ vorgezogen hatte. Er kehrte ſeine Blicke in der Gegend umher, und entdeckte die⸗ ſelbe Linde, welche das Mädchen zum Andenken der erſten Zuſammenkunft mit ihm pflanzte, in voller Blüthe. Dieſer Anblick fiel ihm ſchwer aufs Herz. Denn nie ſind den Menſchen Erinnerungen ſchmerzlicher, als wenn ſie genoſſene Freuden mit dem Bewußtſein, ſie vielleicht nicht wieder genießen zu können, zuſam⸗ menſtellen.— Erich trat näher zur Linde und gewahrte noch ganz deutlich ſeinen und Lieschens eingeſchnittenen Namen. Der Baum duftete ſo lieblich, ſeine Aeſte A — 113— wogten ſich ſo angenehm rauſchend beim Spiele der Zephyre, daß Erich, von ſtar⸗ ker Ahndung hingeriſſen, den Stamm um⸗ armte und ausrief⸗„Vergieb, o vergieb Lieschen; ich that Dir Unrecht; Deine Tugend verwelkte eben ſo wenig, als die⸗ ſes Denkmal Deiner ſchönen Empfin⸗ dungen!“— Verſunken in unnennbare Gefühle und Betrachtungen blieb er in dieſer Stellung, als er, überraſcht von der Frage:„Iſt Euch nicht wohl, junger Herr?“ ſich um⸗ ſah und einen Mann hinter ſich ſtehen ſah, der ſeinem Anzuge nach einem Mül⸗ ler glich. Hierauf entſtand nun zwiſchen dieſem und Erich folgendes Geſpräch, aus welchem der Leſer erſehen wird, wie we⸗ nig ſein Lieschen wiederzufinden Grich Hoffnung hatte. Erich. Wer ſeid ihr? Das Huͤfthorn. II. 8 — 114— Der Müller. Der Müller drüben im Erlenthal. Erich(heſtig). Habt Ihr nicht eine Tochter mit Namens Lieschen? Der Müller. wohl, ja, ja, aber meine Tochter iſt ſie nicht, denn Gott ſei gelobt! ich bin keines Baſtarts Vater. Erich. Lieschen ein Baſtart? Der Müller. Auf alle Weiſe, und dabei eine ausgelaſſene verſchwenderiſche Dirne, kommt ſie mir wieder vor Augen, ſo laß ich ſie forthetzen. Erich. Iſt ſie fort? noch nicht zu⸗ ruͤckgekommen? Der Müller. Thut recht daran, daß ſie wegbleibt, thut recht wohl daran! Aber potz tauſend. Herr Ihr ſcheint mir das Mädchen gut zu kennen? Erich. Ja, ich habe... man hat mir viel von der Müllerstochter von Er⸗ Lieschen heißt ſie —,-— * — 115— lenthal erzählt, und es iſt mir nun ſehr wunderbar, mit ihrem Vater ſo unverhoöfft Bekanntſchaft zu machen. Der Müller. Macht Bekannt⸗ ſchaft ſo viel Ihr wollt; nur laßt mich mit dem Namen Vater einer Ehrloſen unge⸗ ſchoren. Es wird ſpät. Wenn Ihr mir ſagt, wer Ihr eigentlich ſeid, ſo könnt Ihr bei mir Nachtherberge bekommen; denn vor Abends könnt Ihr nirgendwo hier herum ein Wirthshaus erreichen. Erich. Ich heiße Konrad, bin aus Thüringen, und ziehe zum Heere, das ſich hier Landes zum Kreuzzuge ſammelt. Der Müller. Nun meinetwegen; das laß ich noch gelten; wenn Eures Gleichen vor Langeweile den Türken die Ohren putzen, haben wir, unſere Weiber und Töchter doch mittlerweile vor Euch Ruhe. “ — 116— Erich. Wie ich ſehe, ſeid ihr ſehr übel auf junge Edelleute zu ſprechen? Der Müller. Zu dienen ja. Hab das Mädel vor jungen Rittern geſchützt und verſteckt, wie die Füchſin ihre jungen vor den Gaukleppern, und der erſte Lan⸗ zenbrecher, den ſie in ihrem Leben zu Ge⸗ ſichte bekam, war ihr Verführer. Erich. Lieber Mann! ich kenne weder Lieschen, noch weiß ich den Na⸗ men ihres vorgeblichen Verführers; macht mich mit der Geſchichte, die Euch ſo ſehr gegen Beide erbittert, bekannt; als unpar⸗ theiiſcher Schiedsmann dürfte ich dann wohl etwas zu Eurem Troſte ſagen können. Während nun Erich den Müller nach Hauſe begleitete machte ihm dieſer fol⸗ gende Erzählung. 1„Ich lebte ſchon ſiebenzehn Jahre inderlos mit meinem geliebten Weibe; — 117— da wir uns beide darnach ſehnten, einen Erben der uns von Gott geſchenkten Habe zu beſitzen, ſo wurden wir darüber eins, irgend ein hübſches armes Kind außzu⸗ nehmen, es zu erziehen und unſerm einſt⸗ maligen, wenn es Gott wollte, hohen Al⸗ ter uns der Früchte der an ſie gewende⸗ ten Mühe zu freuen. Eben da ich und die Meine mit dieſem Vorhaben umgin⸗ gen, zog ich einſt mit meinem Karren nach der Stadt, um mancherlei Ankauf zu holen. Unterwegs ſah ich längs ei⸗ nem Gebüſche einen Wolf laufen und bemerkte, daß er ein weißes Bündel mit ſeiner Schnauze fortſchleppte.— Ich eilte ihm nach, um ihm die Beute abzujagen. Einholen konnt' ich ihn freilich nicht, aber mit einem Steine traf ich ihn ſo tüchtig auf den Balg, daß er das Bündel fah⸗ ren ließ, um etwas geſchwinder ſeinen Reißaus zu nehmen. ging — 118— Bündel zu und ſperrte die Augen angel⸗ weit auf, als ich ein kleines beinahe neu⸗ gebornes Kind in ein Kopfküſſen gewickelt fand. Es war ganz unbeſchädigt und ein allerliebſtes Kind.— O hätte ich den Wolf zurückgerufen! Statt nun auf den Markt zu ziehen, kehrte ich nach Hauſe um und brachte meiner Alten die Beſcheerung auf dem Karren gefahren. Sie war über den Fund ſo erfreut, als wäͤre ſie auf eine andere Art dazu ge⸗ kommen. „Schau, ſagte ſie zu mir, ohne mich hätteſt Du es doch nicht erzielt, ich habe es ſo gut gefunden wie Du, obſchon ich zu Hauſe geblieben war und Du mit Deinem Karren in die weite Welt gezo⸗ gen biſt; denn wer wars, der Dich ge⸗ heißen hat nach der Stadt zu gehen? Ich!— Wer hat Dich faulen Mann em Bette gejagt, um den kühlen — 119— Morgen zur Reiſe nicht zu verſäumen? Ich!— Wäreſt Du nun eine Stunde länger geblieben, ſo hätte der Wolf das Kind gefrühſtückt, und Du könnteſt jetzt Jahre lang mit Deinem Karren in der weiten Welt herumfahren und bekämeſt weder Wolf noch Kind zu ſehen!— Siehſt Du! Mein Gebet iſt's, daß der Himmel erhört hat. „Und ſo weiter dauerte es den gan⸗ zen Tag. Das Bündel ſammt dem Küſ⸗ ſen waren ſo fein und zierlich mit Blu⸗ men geſtickt, daß wir nicht zweifelten, das Kind müſſe vornehmen Eltern gehören. Einige Zeit forſchten wir in der Gegend herum, ob ſich Niemand eines verlornen Kindes wegen melden würde, da aber unſere Mühe vergebens war, behielten wir die Beſcheerung und nannten das Mäd⸗ chen Lieschen. Nun, Lieschen ließ ſich durch unſere emſige Abſorge zu einem — 120— 2 trefflichen, wohlgeſttteten Mädchen an. Wir wurden alt, und die Meine fand in ihrer Tochter eine geſchickte treue und emſige Gehülfin in der Wirthſchaft. Wir ſchickten ſte, um ihre ausnehmende Geleh⸗ rigkeit zu benutzen, öfters zu einer Muhme in der Nachbarſchaft; dort erlernte ſie bald allerlei Zeugs im Nähen, Sticken und Kochen.— Kurz, das Mädchen wurde uns ſo lieb, als ein eigenes Kind; aber dieſer Himmel ſiel bald ein. Nebſt dem, daß das Mädchen einen Hang zur Verſchwendung bekam, wurde ſie auch na⸗ ſeweis. Da ſpürte und ſchnöberte ſie in allen Hütten des Dorfes herum und ließ ſich immer alles Geld, was ſie bei ſich hatte, abhetteln. Jeder durchſtreifende Müſſiggänger, der lieber auf Barmher⸗ zigkeit der Menſchen leben, als arbeiten wollte, konnte ſicher ſein, daß ihm mein Mädchen die Taſchen füllte. Anfänglich — 121— hielt ich dies für den Trieb eines guten Herzens, aber bald bemerkte ich, daß es bloße verſchwenderiſche Prahlerei war und ſuchte ſie mit Ernſt und Strenge zu hemmen. Doch war ich nicht vermögend, dem Un⸗ fuge Einhalt zu thun. Darüber wurden ich und die Meine ſo verdrüßlich, daß unſere Liebe für das Mädchen beinahe abnahm. Einſt blieb ſie, ich denke noch mit Schaudern daran, die Nacht und den ganzen folgenden Tag über aus. Wir ſchickten zur Muhme und erfuhren, daß ſie nicht zu ihr gekommen ſei. Wir forſchten wochenlang in der Gegend um⸗ her und erhielten dann von den Leuten des Ritter von Tort die Nachricht, daß ſie mit einem herumſtreifenden Mädchen⸗ verführer, dem Sohne der Frau von Lan⸗ genburg, ihre Zuſammenkünfte gehabt, und daß man an dem, was zwiſchen ih⸗ nen vorgegangen ſein mochte, eben ſo — 122— wenig zweifeln dürfte, als an der Ruchlo⸗ ſigkeit ihres Geliebten, den man eines begangenen Mordes wegen gefänglich nach der Veſte Tort gebracht habe, von wo er aber entflohen ſei und neuerdings im Lande auf Unfug herumſchwärme. So trägt man ſich jetzt mit der Geſchichte herum, und mein ehrlicher Name iſt durch dieſe undankbare ſchamloſe Dirne auf im⸗ mer gebrandmarkt. Zwar habe ich es ſchon aller Orten bekannt gemacht, daß ſte meine Tochter nicht ſei; aber jeder hält dies für eine Ausflucht und ſpottet meiner um ſo mehr. Dies Herr iſt die Quelle meines Grams.“ Man kann ſich leicht vorſtellen, wel⸗ chen Eindruck des Müllers Erzählung auf Erich machen mußte. Es gelüſtete ihm wenig, bei ihm einzukehren und ſich der Ungelegenheit einer Entdeckung ſeines Na⸗ mens auszuſetzen; indeß nöthigte ihm die — 123— Nacht, des Müllers Anerbieten nicht abe; zuweiſen, aber gleich mit frühendem More. gen reiſte er wieder zu dem Schloſſe, wo ſich ſeine Mutter befand, und traf dort die weitern Veranſtaltungen zur Sicherheit und Bequemlichkeit ihres Aufenthaltt.. Denſelben Abend nahm er ſeinen Stand in dem an der Landſtraße, die zu dem Schloſſe führte, gelegenen Gaſthofe, in der Abſicht, am frühen Morgen auf⸗ zubrechen und ſeinen Ritt zu beſchleuni⸗ gen. Den Tag über war es ſehr ſchwül geweſen. Erich ſtellte ſich ans Fenſter des Ganges, um der. friſchen Abendluft zu genießen. So blieb er bis gegen die Mitternachtsſtunde und wollte dann auf ſeine Stube gehen, als ihm ein ganz un⸗ erwartetes Schauſpiel zurückhielt. In ei⸗ ner nicht gar zu großen Entfernung von dem Gaſthofe ſah er plötzlich Feuer aus⸗ brechen; die Flamme ſchlängelte ſich zu — 124— den Fenſtern hinaus und der Schein er⸗ hellte die ganze Gegend. Erich lief die Treppe hinab und machte Lärm, damit die Leute aufſtänden und zum Löſchen herbeieilten. Alles ſchlief ſo feſt, daß es ihm nicht möglich ſchien, Jemandem außzuwecken. Nach langem Beſtreben gelang es ihm endlich, den Wirth zum Erwachen zu bringen. Er meldete ihm die nahe Gefahr und führte ihn nach dem Fenſter, um ihm den Brand zu zei⸗ gen. Der Wirth aber betrachtete jaͤhnend und kaltblütig das brennende Gebäude und ſagte zum Erich, dies Feuer, daß ihr hier auflodern ſehet, brennt nicht. Zwar funkelt es heute gar zu ſchön: ei, eil ſo hell habe ich's noch nicht geſehen! was mag das wohl bedeuten? Dieſe Rede brachte den Erich zum Erſtaunen, er for⸗ derte den Wirth auf, ſich über dies ſelt⸗ ſame Ereigniß näher zu erklaren. Das .— 125— Feuer, fuhr nun dieſer fort, ſteigt aus einem alten Schloſſe auf. Man ſieht es nur zu gewiſſen Zeiten. Eine Sage läuft umher, daß ein großer Schatz hier ver⸗ borgen liege, welcher, wenn das Feuer ſichtbar wird, ſich auf eine kurze Zeit aus der Tiefe hervorhebt. Nähert ſich Je⸗ mand um dieſe Zeit dem Schatze, ſo kann er zum Beſitze deſſelben gelangen. Dieſe Hoffnung, ſich zu bereichern, hat ſchon viele zu Waghälſen gemacht, die ſich hinbega⸗ ben, willens den Schatz zu heben. Sie ſahen Geld und Silbermünzen im Feuer, hatten aber das Herz nicht zuzugreifen und etwas in die Taſche zu ſtecken. Dieſe Reichthümer ſoll einſt ein vor⸗ nehmer Herr, der aber ein boshaftes Le⸗ ben geführt, in dieſes Schloß zur Verwah⸗ rung niedergelegt haben. Nach ſeinem Tode konnte man nichts von dem Schatze finden, weil das Behältniß davon blos — 126— * dem Beſitzer bekannt geweſen war. In⸗ zwiſchen bemächtigten ſich die unterirdi⸗ ſchen Geiſter der Kleinodien, zogen ſolche immer tiefer in den Abgrund, und täu⸗ ſchen die Menſchen durch den Glanz des Schatzes, da ſie ihn in dem Feuer ſicht⸗ bar werden laſſen. Mit dieſen Worten entfernte ſich der Wirth. Das Feuer brannte immer fort. Erich ſah der Erſcheinung zu und faßte den Entſchluß, auch in dieſem Abenteuer ſein Glück zu wagen. Er ſtieg hinab, eilte nach dem Schloſſe hin, und ſah es von Flammen ganz umgeben. Verlegen, was er vornehmen ſollte, hörte er den Zuruf:„Was ſtehſt Du da? beginn das Werk, das Dich der Erfüllung Deiner Wünſche näher bringen wird.“ Erich erkannte den Zuruf und er⸗ griff den fünften Knoten ſeines wunder⸗ kräftigen Gürtels löſte ihn auf und das „ͤ.ͤͤGGG—· Feuer verſchwand. Es zeigte ſich blos ein verfallnes Gebäude. Zu gleicher Zeit erblickte er vor ſich eine glänzende Bahn, als wäre der Weg mit Phosphor beſtreit. Ein ſattſam deutliches Merkmal, daß dieſer Weg von ihm betreten werden müſſe, um auf demſelben nach dem Be⸗ ſtimmungsorte zu gelangen. So kam er in das Innere des Schloſſes, durchſtreifte mancherlei Gänge im Hauſe, bald auf⸗ bald abwärt, und ſtieß dann auf eine Mauer, die ihm das weitere Foriſchreiten verhinderte. Als er ſich bedachte, was nun zu beginnen wäre, erblickte er, daß ein Quaderſtein, aus dem das ganze ſtarke Mauerwerk beſtand, ſtark hervor⸗ ragte; er faßte ihn, und mit leichter Mühe ließ ſich dieſer auf die Seite ſchieben. Es zeigte ſich eine Oeffnung, und Erich ſah, daß ein verdeckter Gang weiter — 128— führte. Er ſchob noch mehrere Steine bei Seite und ging dann in dem Gange fort. Nachdem er noch eine Treppe hin⸗ abgeſtiegen, befand er ſich in einem wei⸗ ten Keller. Hier erblickte er eine Anzahl ſchlafender Menſchen. Er ſtieß unverſe⸗ hens an einem derſelben; dieſer hob ſich und rief:„Auf Kameraden! die Stunde unſers Erwachens iſt erſchienen, der Mann, der uns ins Leben zurückführen Hu. er iſt angekommen!“ Auf dieſen Ruf hoben ſich Alle, die in dem Keller lagen. Es waren Zimmer, Maurer, Schloſſer und derglei⸗ chen Handwerker, die bei der Aufführung eines Bauwerkes gebraucht wurden. Einer ſagte dem Ritter, daß ſie jene Arbeits⸗ leute wären, derer ſich vormals der Statt⸗ halter bei der Erbauung und Einrichtung des Schloſſes bedient hatte. Dieſer Wütherich, fuhr er fort, hatte aus man⸗ Nachdem wir uns beſproche — 129— cherlei böſen Abſichten viele geheime Kam⸗ mern in dem Schloſſe anlegen laſſen, zu denen ihm allein der Zugang bekannt blieb. Das verdeckteſte Behältniß befand ſich in dieſem Keller. Hier war der Ort, wo er ſeine Schätze verwahrte, die er durch Ermordung ſeiner reichen Gegner an ſich riß. Der Statthalter befürchtete, daß, ungeachtet wir ihm ewige Verſchwie⸗ genheit durch einen Eid ſchworen, die Sache doch einmal verrathen werden könnte. Daher beſchloß er, alle die von dieſen geheimen Behältniſſen wußten, aus dem Wege zu räumen. Zu dieſem Ende berief er uns ins Schloß hierher mit dem Vorgeben, daß wir eiligſt eine Arbeit im Keller vornehmen ſollten. Er hieß uns nach den unterſten Gründen hinabſteigen, zeigte uns die Arbeit an und ſtieg zur obern Oeffnung hinaus. Das Huͤfthorn. II. — 130— das Aufgetragene zu machen ſei, wollten wir unſere Werkzeuge holen, allein da wir an den Ausgang gelangten, fanden wir die Oeffnung von außen ſo feſt verſchloſ⸗ ſen, daß es uns unmöglich war, durch⸗ zukommen. Wir warteten viele Stunden vergebens und waren in großer Verlegen⸗ heit, da unſere Lichter ausgingen. Nie⸗ mand aber ließ ſich an der Oeffnung hö⸗ ren. Jetzt erriethen wir, daß der Statt⸗ halter uns blos in den Keller geführt habe, um uns hier Hungers ſterben zu laſſen. Wir wendeten alles an, um herauszukommen, doch alle Mühe war fruchtlos. Einige, denen die Kräfte ent⸗ gangen waren, ſtürzten die Treppe hinab, und verbluteten ſich an ihren Wunden. Sie waren noch die glücklichſten unter uns, denn die übrigen von wüthendem Hunger immer mehr gequält, begannen zu raſen und überfielen einander, um ſich — 131— en außzufreſſen. O Gott, unſer Tod war ir. gräulich. 4 ir Da wir eines Theils Schuld an dem ſ Verbrechen des Statthalters trugen, ſo h⸗ ward über uns die Strafe verhängt, in en dieſem Keller ſo lange zu harren, bis Je⸗ h⸗ mand erſchiene, den hier verwahrten Schatz e⸗ V zu erheben. Komm alſo mit mir zu dem 5⸗ innern Behältniſſe, wo die Reichthuͤmer t⸗ verborgen liegen und nimm davon Beſitz. rt Sie ſind Dir zum Lohne wegen der Auf⸗ zu V brechung der vorhergehenden fünf bluti⸗ m gen Keller beſtimmt. ar Dies ſprach der Baumeiſter des t⸗ Schloſſes zu Erich, und führte ihn in b, den letzten Keller, wo der Schatz verwahrt n. lag. Der Ritter gelangte in ein großes ter unnterirdiſches Gewölbe, mit ungeheuren em Schätzen angefüllt. Hier ſah er einen den Haufen von Goldmünzen, ſilberne Ge⸗ 9* ihn dann aus dem Gewölbe zum Ein⸗ fäße und mancherlei koſtbares Gerathe. Ganze Kiſten mit Kleinodien gefüllt, Pferdegeſchirre, Rüſtungen und Waffen von höchſtem Werthe. Erich, durch den Anblick dieſes Reichthums überraſcht, ſtand lange unbeweglich da, bis der Geiſt des Baumeiſters ihn an die Rückkehr erin⸗ nerte. „Dies alles gehört Dir, ſprach er zu ihm, mache davon guten Gebrauch, und erinnere Dich zuweilen der Weiſe, wie Du zum Beſttze dieſer Güter gelangt biſt. Nimm davon ſo viel Dir beliebt. Der Zugang iſt für Dich immer offen. Außer Dir bleibt der Schatz allen Men⸗ ſchen verborgen.“„ Der auf einmal reich gewordene Erich füllte nun auf einmal ſeine Taſchen mit Gold und Edelgeſtein. Der Geiſt fuͤhrte ——————— gange des Kellers hinaus, von wo er bald an das Schloßthor gelangte. Er ging nach dem Gaſthofe zuruͤck, ſagte Niemandem, daß er ſich zu dem brennenden Schatze mit ſo gutem Erfolge gewagt habe, ſondern begab ſich bald auf den Weg zu ſeiner Mutter, welcher er die Entdeckung des großen Schatzes mit⸗ theilte und Entwürfe der beſſern Zukunft beſchäftigten ſie. Zum Andenken der letztern wunder⸗ baren Begebenheit wurde das Schloß, das Gertraut eben bewohnte, Heinrichs⸗ burg genannt, wie auch zu deſſen Her⸗ ſtellung und Verſchönerung ein Theil des Schatzes verwendet. Den Saal ließ ſpäter Erich mit meiſterhaften Gemälden, welche die Geſchichte der verborgenen Keller vorſtellten, ausſchmücken. Fremde, welche das Schloß beſichtigten, bewunder⸗ ten lange nachher dieſe Denkmäler der — 134— ſonderbaren Ereigniſſe. Der entdeckte Schatz verſchaffte Erich auf einmal einen ſolchen Reichthum, daß er, nach dem An⸗ kauf großer Ländereien, es in Pracht und Anſehen mit den vornehmſten deutſchen Familien ſeiner Zeit aufnehmen konnte. Gertraut trug ihm an, ſich mit einem Fräulein eines berühmten Hauſes zu ver⸗ mählen, allein nichts konnte ihn zu einer Wahl beſtimmen. Das Andenken Lies⸗ chens war bei ihm noch nicht ganz ver⸗ tilgt. Die Begebenheit in der Höͤhle des Cremiten warf zwar noch ein gehäſſiges Licht auf ihren Charakter, aber für einen unumſtöͤßlichen Beweis ihrer Schäͤndlich⸗ keit wollte er ſie doch nicht gelten laſſen, weil er des Zweifels nicht los werden konnte, daß alles, was er in der Höhle ſah, Blendwerk geweſen ſein könnte. In⸗ deß zwangen ihn doch die Umſtände, eine vernünftige Wahl zu treffen. — 135— Nach vielem Ueberlegen ſchien es ihm am beſten zu ſein, wenn er nun ſelbſt um das Fräulein von Tort werbe. Ihre Großmuth, Leidſeligkeit und Herzensgüte, mit den äußerlichen Reizen verbunden, trugen viel zu dieſem Entſchluſſe bei. Er hatte erfahren, daß ſie ſeitdem jede Wer⸗ bung der vornehmſten Freier ausgeſchla⸗ gen und dagegen keine Mühe geſpart habe, von ihm Rachrichten zu erhalten. Nicht minder wichtig war ihm die Ver⸗ bindung des Geſchlechts Tort und Lan⸗ genburg, denn obgleich er jetzt zu einem ausgebreiteten Vermögen gelangt war, ſo ſah er es doch zur Gründung eines fort⸗ dauernden Glückes für ſein Haus als nothwendig an, ſich durch die Bande der Verwandſchaft an eine der mächtigſten Familien im Reiche zu knüpfen. Gertraut merkte nicht ſo bald die auflebende Nei⸗ gung ihres Sohnes für die Tochter des — 136— Ritters von Tort, als ſie ihm zu ſeinem Vornehmen auf alle Art aufmunterte. Sie betrieb die Sache mit ſolchem Eifer, daß Erich ihren dringenden Vorſtellungen nachgab und die Reiſe zu dem Nitter von Tort antrat. Auf dem Wege nach deſſen Schloſe traf er einen alten Ritter, den er bald ſeines aufrichtigen biedern Weſens wegen hochachtete und ihm auch, nachdem ſie ein paar Tage zuſammen gereiſt, eine ſolche vertrauliche Freundſchaft gewidmet hatte, daß er ihm vieles aus ſeiner Lebensge⸗ ſchichte erzählt hatte. Da Erich nichts zu großer Eile trieb und der alte Nitter ihn dringend einlud, eine Nacht auf ſei⸗ nem nahen Schloſſe zu raſten, ſo nahm Erich die Einladung an und ritt mit ihm nach ſeinem Schloſſe, welches in einer höchſt angenehmen Gegend lag. Auf einer Anhöhe, von der man die — 137— reizenden Gefilde überſchauen konnte, ſtand das Schloß. Erich fand beim Eintritte in daſſelbe, daß alles dem Aeußeren voll⸗ kommen entſprechend. Die Hausleute be⸗ willkommten ihn auf die ehrerbietigſte Art. Bald darauf erſchien im Verſamm⸗ lungsſaale die Familie vom Hauſe und bewies gleichfalls ihre Freude der Rück⸗ kunft des Hausvaters, welcher alle lieb⸗ reich umarmte und Erichen ſeiner Gattin als ſeinen Reiſegefährten vorſtellte. Hier⸗ auf führte der alte Ritter ſeine Tochter vor und forderte ſie auf, den Gaſt gleich⸗ falls zu bewillkommen. Erich heftete ſeinen Blick auf dieſelbe und war vor Erſtaunen über des Fraͤuleins Aehnlich⸗ keit mit Lieschen außer ſich; noch mehr gerieth er aber in Verwirrung, als die⸗ ſelbe mit ausgebreiteten Armen auf ihm züeilte und ihn an ihre Bruſt drückte. — 138— „Biſt Du es, Lieschen?“ rief Erich. Doch ehe das Fräulein antwortete, zog ſie der alte Ritter aus Erichs Ar⸗ men, ſtellte ſich vor ihn, indem er ſagte: „Und mich wollt Ihr nicht erkennen Möoͤrder!“— Erich fühlte ſich von tödtlichem Schreck ergriffen, da er im alten Ritter den Ere⸗. miten vom Harzgebirge erkannte. Dieſer winkte ihm jetzt, ihn aus dem Saale zu begleiten, und die beiden Männer bega⸗ ben ſich nach einem der inneren Gemächer. Nachdem hier beide ſich ohne Zeugen fan⸗ den, ſprach der alte Ritter:„Nach Dei⸗ ner raſchen That würden wir unverſöhn⸗ liche Feinde geblieben ſein, wenn ich nicht der Ueberlegung geweſen, daß alles was geſchah, eine beſondere Fügung der all⸗ waltenden Macht bewirkt habe, welche Dich das Schwert gegen mich fuͤhren — 139— ließ und mich zugleich unter ihren Schutz nahm. „Vernimm meine Begebenheiten und überzeuge Dich, wie ungerecht Du gegen mich verfuhrſt. Als Du in meiner Höhle anlangteſt, ſo war es der erſte Sterbliche, der ſeit vielen Jahren in dieſer einſamen Wohnung erſchien. Ich verſchwieg Dir meine Abkunft, und hielt es für eben ſo gleichguültig, mich genau um die Deinige zu erkundigen. Demungeachtet machte ich mir es zur Pflicht, Dir Gaſtfreundſchaft zu erweiſen, ſo gut es meine Umſtaͤnde nur immer geſtatteten.— Ein Geräuſch, das in der Nähe um meine Höhle ent⸗ ſtand, riß mich aus dem Schlafe. Ich V ſtand auf, ſah daß Du nicht mehr zuge⸗ gen warſt, und zu meinem größten Schrecken V fand ich mich meines Hüfthorns beraubt; bereits lange vorher hatte ich immerwaͤh⸗ rende Ahndungen, ein naher Verwandter — 140— meines Stammes wäre dazu vorher be⸗ ſtimmt, das Werk der Erlöſung der um⸗ herwandelnden Seelen der von dem Statthalter Gemordeten mit mir gemein⸗ ſchaftlich zu betreiben. Ich ſah alſo die Entwendung meines Hüfthorns, ſobald mich dieſe Ahndung abermals beſiel, als den Anfang der in Erfüllung kommenden Weiſſagung an und wußte nun, daß Du mein beſtimmter Gefährte und Gehülfe in dieſem Vorhaben ſeieſt. Eine andere Vor⸗ bedeutung von der Annaͤherung dieſes Zeitpunktes war auch die, daß mir kurz vorher durch ein nächtliches Geſicht an⸗ gezeigt wurde, ein bevorſtehender verſuch⸗ ter Mord werde das Zeichen meiner vol⸗ lendeten Büßung und zugleich das Ge⸗ bot ſein, meine Höhle zu verlaſſen und mich zu meiner Familie zu begeben. Ue⸗ ber alles dies ſtellte ich in dieſer merkwürdi⸗ gen Nacht Betrachtungen an, als das — 141— Geräuſch um meine Höhle ſich immer verſtärkte. Plötzlich ſprang ein Mädchen in meine Klauſe, mit äußerſter Aengſtlich⸗ keit bat ſie mich um Schutz und ſagte, daß ſie eben jetzt ſo glücklich geweſen waͤre, einem Haufen Räuber zu entwiſchen, die ſie überfallen und von der Seite ei⸗ nes ſie geleiteten Freundes fortgeriſſen hätten. „Der Lärm entfernte ſich inzwiſchen immer weiter von meiner Höhle. Ich gewann Zeit das Mädchen auszuforſchen; ſie ſagte mir, daß ſie eine Müllerstochter wäͤre, Lieschen hieß, und eben da ihre Vermaͤhlung mit Erichen von Langenburg vorgehen ſollte, hätten ſie die Räuber entführt. Ich betrachtete das Mädchen mit zunehmender Aufmerkſamkeit. Auf der Flucht hatte ſie ihr Buſentuch verlo⸗ ren, ſo konnte ich an ihrem Halſe ganz leicht ein Muttermal bemerken. Ich un⸗ — — 142— terſuchte dieſes Abzeichen näher und fand, daß das holde Mädchen, das vor mir ſtand und mit Angſt um meinen Schutz wimmerte, meine Tochter ſei, welche ich auf folgende Art verloren hatte: Einige Zeit nach der Geneſung meiner Gemahlin, die ſo eben aus den Wochen gekommen war, reiſte ich nämlich mit meiner ſämmt⸗ lichen Familie nach einem meiner Land⸗ häuſer und da geſchah es, daß die Amme auf eine unbegreifliche Art das Kind ver⸗ lor. Sie ſtieg nämlich einen Augenblick vom Wagen, auf welchem ſie allein mit dem Kinde ſaß. Als ſie wieder zurück⸗ kehrte, war das Kind nirgends mehr zu finden. Alle Nachforſchungen waren ver⸗ geblich. 3„Das Geburtsmal, ſo ſich jetzt an Lieschen entdeckte, erinnerte mich an den⸗ vormaligen Verluſt meiner Tochter. Ich betrachtete es mit wiederholter Aufmerk⸗ — 143— ſamkeit und überzeugte mich endlich, daß ich mein eigenes Kind vor mir hatte. Von Wonne entzückt, umfaßte ich Sophien, dies iſt ihr wahrer Name, mit der wärm⸗ ſten Vaterliebe, und entdeckte ihr, daß ſie die Tochter Chriſtophs von Helmenau ſei, der mit dem Geſchlechte von Langen⸗ burg mütterlicher Seite durch die Bande der Verwandſchaft verknüpft iſt. Ich hielt noch immer meine Tochter in den Armen, als Du wieder in die Hoͤhle zu⸗ rückkamſt. Ich riß mich von meiner Toch⸗ ter los, um Dir meine Freude mitzuthei⸗ len, als Du— hier fiel Erich dem alten Ritter ins Wort und bat ihn, indem er ſich zu ſeinen Füßen warf, Genugthuung fuͤr das gräuliche Verbrechen an ihm zu nehmen, das er ſich ſelbſt nimmermehr vergeben könne, allein Helmenau umarmte lieblich ſeinen Neffen, hob ihn an ſeine Bruſt und rief:„Dies iſt das letzte Mal, — 144— daß ich dieſer raſchen That erwaͤhne!“ Er fuhr in ſeiner Erzählung fort. Ich ſtürzte ſinnlos nieder, aber erholte mich bald, denn die Wunde an meinem Kopfe war nicht tödtlich, nur das viele Blut, das mir entfloß, hielt mich einige Zeit darnach in gänzlicher Kraftloſigkeit. Ich ſah den Haufen Gewaffneter in die Höhle dringen und benutzie alſo gleich die Ver⸗ wirrung des hitzigen Gefechtes, raffte mich auf ſo gut ich konnte und ſtieß Sophien in die hintere Kluft der Höhle, wo ſie von Niemanden gewahret wurde. Kaum hatte ich meine Tochter gerettet, als ich mich meinem Ende nahe fühlte, denn ich ſah und hörte nicht mehr, was weiter in meiner Klauſe vorfiel.— So blieb ich den ganzen Tag und eine Nacht über, und fand mich bei meiner Wiederkehr ins Leben auf den Armen meiner Tochter ge⸗ ſtützt. Sie ſagte mir, die Bewaffneten — 145— hätten mich für todt gehalten und waren lange Zeit in der Gegend herumgezogen, um auch ſie mit Dir gefangen fortzufüh⸗ ren. Mit Hülfe und ſorgſamſter Pflege meiner Tochter und der Kenntniß einiger heilenden Kräuter, mit deren Saft ich meine Wunde ſalben ließ, gelangte ich nach einigen Wochen wieder zu Kraͤften. Auf Dich aber war ſie übel zu ſprechen. So wie ſie mir vorher ihre Liebe zu Dir geſtanden hatte, betheuerte ſie jetzt ewigen Haß dem Mörder ihres Vaters. Verge⸗ bens bot ich alle Gründe zu Deiner Ent⸗ ſchuldigung auf, lange wollte ſie nicht nachgeben, bis ich ihr bewies, daß nur die Liebe für ſie Deine Hand zum Morde geleitet habe. Als ich mich hinlänglich hergeſtellt ſch, einen weiten Weg vor⸗ nehmen zu können, entſchloß ich mich, meine Felſenhöhle zu verlaſſen, und in Belellaft Sophiens zu meiner übrigen 4 Das Huͤfthorn. II. 10 — 146— Familie zurückzukehren; denn meine An⸗ gelegenheiten hatten die beſte Wendung durch das von Dir glücklich begonnene Werk genommen. Die Seelen der von meinem Vater Gemordeten, denn jetzt darf ich es Dir geſtehen, daß der Statthalter mein Vater war, quälten mich nicht mehr, da ſie ſelbſt durch Dich auch zur Ruhe gelangt waren; meine Gattin und üͤbri⸗ gen Kinder härmten ſich, wie ich durch einen Zufall erfuhr, ohngeachtet dem Wohl⸗ ſtande, in welchem ſie lebten, um mich ab, und die Pflichten des Staatsbürgers riefen mich nun zur lange verſäͤumten Thätigkeit. Nach einigen mühevollen Ta⸗ gereiſen gelangte ich in dieſem meinem Schloſſe mit Sophie bei den Meinigen an. Der lange Zeitraum, der ſeit meiner Abweſenheit verſtrichen war, hatte große Aenderungen in meiner Haushaltung be⸗ wirkt Meine Gattin war ſehr alt ge⸗ — 147— worden und nur wenige Spuren ihrer vormaligen Schönheit waren noch an ih⸗ rer Geſtalt kennbar. Dafür waren aber meine zwei älteren Töchter und ihr jün⸗ gerer Bruder, zur Freude meines Herzens herangewachſen. Luitgarde iſt Braut ei⸗ nes benachbarten Edelmanns, und mein Sohn zieht mit Ende des Winters nach der Ritterſchule zu Mainz. Da meine Zurückkunft bekannt wurde, ſtellten ſich die Freunde meiner Familie auf dem Schloſſe ein und wünſchten mir zur Wie⸗ derkunft Glück. So ſehr ich mir auch alles Gepränge und Aufſehen bei dieſer Gelegenheit verbat, konnte ich doch den Gaſtereien und Luſtbarkeiten nicht Einhalt thun, die man mit vielem Aufwande mir zu Ehren gab; die Folge davon war, daß ich auch meinerſeits dieſe koſtſpieligen Freundſchaftsbezeugungen erwiedern mußte. Dies that dem geringen Vermögen, das 10* — 148— ich zu Hauſe vorfand, einen fühlbaren Schaden, und ich werde Jahre lang ſpa⸗ ren müſſen, bis ich dieſe Lücke wieder ausgefüllt habe. Ihr könnet glauben, theuerſter Neffe, daß ich mich die Zeit hindurch keine Mühe verdrießen ließ, von Euch Nachrichten einzuholen. Sophie weinte der Ungewißheit Eures Schickſals, manches Stündchen weg, und ſuchte ſich mit der Hoffnung aufzuheitern, daß ſie Euch wieder finden würde. Das gute Mädchen konnte ſo wenig als ich wiſſen, was für ein reicher Herr Ihr unterdeſſen geworden ſeid, und wie Eure Mutter jetzt um ſo mehr gegen die Verbindung mit einer armen Edelmannstochter ſein würde, da ihr nun Anſprüche auf die Hand ei⸗ ner Fürſtin machen dürft. Glaubt nicht, lieber Neffe, daß ich mit dieſen Reden ge⸗ ſonnen ſei, auszukorſchen, ob Eure Nei⸗ gung für meine Tochter noch die nämliche⸗ — 149— iſt... Hier fiel Erich dem alten Ritter in's Wort und ſprach ſeine heiligſten Betheu⸗ rungen aus, daß er noch eben ſo heiß als einſtens ſein Lieschen liebe. Gern glaubte der Vater dieſe Verſicherungen und als die Beiden wieder das Familien⸗ zimmer betraten, da ſtürzten Erich und Sophie einander in die Arme und fühl⸗ ten in dem Ausbruche ihrer reinen Zärt⸗ lichkeit den Vorgeſchmack der Entzückun⸗ gen, die ihrer warteten, und die von kei⸗ nem Hinderniſſe mehr geſtört werden ſoll⸗ ten. Es war natürlich, daß die Lieben⸗ den auf baldige Hochzeit antrugen. Was Sophie nur mit den Augen zu verſtehen gab, konnte Erich ſchicklicher in Worte faſſen und ſprach:„Ich eile zu meiner Mutter, melde ihr die fröhliche Kunde, und kehre zurück, um mich auf ewig mit meiner Sophie zu verbinden. Zugleich verſprach er das Glück der ganzen — 150— menauiſchen Familie zu gründen, indem er ſeinen erlangten großen Reichthum mit ihr theilen würde.“ Der alte Helmenau ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Raſcher Jüngling! Du vergißt, das noch nicht alle Knoten Dei⸗ nes Gürtels gelöſt ſind, bevor Du nicht auch den ſiebenten Mordkeller geöffnet haſt, wage es nicht, an eine Verbindung mit meiner Tochter zu denken. Du biſt noch nicht Herr der Schätze, die Du auf⸗ gefunden haſt. Das Schloß wo ſie lie⸗ gen, gehört von Rechtswegen mir, und wenn auch ich den Beſitz deſſelben Dir nicht ſtreitig mache, ſo werden es die Brüder meines Vaters und die Landes⸗ gerichte thun, ſo lange Du die Urkunde nicht in den Händen haſt, die mein Va⸗ ter aus Deinem Familienarchive entwen⸗ dete, und in welcher es erwieſen iſt, daß Deine Familie ihre Beſitzthümer, durch Trug und Verfälſchung verloren habe. Die geraubten Langenburgiſchen Urkun⸗ den liegen in den 7. Schloſſe, daß Du mit Deinem wunderkräftigen Gürtel be⸗ ſuchen wirſt, vergraben. Das Schloß kann ich Dir nennen, aber unbekannt blieb mir die Stelle, wo jene wichtigen Pa⸗ piere verborgen ſind, doch iſt es nicht zu bezweifeln, daß ſie vor Dir eben ſo wenig unentdeckt bleiben wird, als die andern Geheimniſſe, welche Dir durch uͤbernatürliche Mittel ſich enthüllten.— Morgen, wenn Du wilſſ, bin ich bereit, Dich nach jenen Schloſſe zu geleiten, das nur eine Tagereiſe von hier entlegen iſt.“ Erich nahm dieſen Vorſchlag, von welchen die Ruhe der ſämmtlichen Fa⸗ milie abhing, mit Muth und Freude an. Frühen Morgens betrat er in Geſellſchaft des alten Helmenau, die Straße zu dem letzten ſchauerlichen Orte, wo ſeinem Er⸗ — 152— löſungsgeſchäfte das Ziel geſetzt war. Die ganze Ebene nach dem verfallenen Ge⸗ mäuer hin, zeigte ſich unbewohnt und verwildert. Sie mußten eilen, daß ſie noch bei Tage zu der Anhöhe gelangten, auf welcher das Schloß ſtand, weil ſie ſonſt unausbleiblich auf Irrwege gerathen wären. Als ſie ins Gebäude traten, löſte Erich den ſiebenten und letzten Kno⸗ ten des wunderkräftigen Gürtels, als die⸗ fer ihm von unſichtbarer Gewalt aus der Hand geriſſen ward, und ſeinen Augen entſchwand. Voll Verwunderung blieben beide Ritter ſtehn, und wußten nicht, welche Bedeutung ſie daraus zu nehmen hätten. Helmenau aber ſprach nach einer Pauſe: „Sein wir getroſt, das Entſchwinden des Gürtels dünkt mich blos, die Loſung des glücklich vollendeten Werks! laß uns wei⸗ ter gehn!“. Sie ſchritten dann tiefer in's Ge⸗ — 153— bäude, und erblickten an der Schwelle einer Kellerthuͤre ein düſteres Flämmchen lodern. Die Thüre öffnete ſich, und das Flämmchen ſchwebte die Treppe, in die Vertiefung hinab. Ohne Zaudern folgten ſie dieſem Wegweiſer und gelangten in ein Behältniß, wo ſich Erich Gegenſtände zeigten, deren ähnliche er ſchon in den ſechs Kellern geſehen hatte. Humpfrieds Geiſt erſchien zugleich, aber umgeben mit dem Glanze eines Verklärten. „Habe Dank Erich,“ rief er,„für die Vollendung Deines heilbringenden Unternehmens. Hier liegen die Körper der Unglücklichen, die von den Staatsge⸗ heimniſſen des Statthalters unterrichtet waren und des gräuelvollſten Todes ſtar⸗ 1 ben, weil er ihrer Verſchwiegenheit nicht traute. Ihre Seelen ſind durch Dich von harten Büßungen befreiet, und der Zeitpunkt iſt da, wo Du den Lohn Dei⸗ — 154 ner Muühe und Ausdauer erndten ſollſt. Oben im Saale ſteht eine eiſerne Kiſte, öffne ſie mit dieſem Schlüſſel, und Du wirſt das Geſuchte finden. Lebe wohl, vor Gott ſehen wir uns einſt wieder.“ Erich und Helmenau ſtiegen hinauf in den Saal, und erblickten die eiſerne Küſte. Sie öͤffneten ſie, und fanden Schriften von höchſter Wichtigkeit. In der geraubten Langenburgiſchen Urkunde, war offenbar zu erſehen, daß Erichs Va⸗ ter Heinrich von Langenburg rechtmäßiger Erbe und Herr der vom Statthalter ſei⸗ ner Familie geraubten vier Veſten Ull⸗ menau, Bornſtein, Tannenburg und Rintel ſei. Letztere war eben die⸗ ſelbe, wo Erich den großen Schatz auf⸗ fand, und die Urkunde war hierüber ſo deutlich, daß nur derſelben Entwendung, der Statthalter Eigenthümer des geraub⸗ ten Gutes werden konnte. Den Schatz — 155— betreffend, fielen unter den geſundenen Papieren Erichen auch einige Briefſchaf⸗ ten und Vorzeichniſſe in die Hände, woraus zweifellos zu entnehmen war, daß der größte Theil des entdeckten Goldes, Geſchmeides und der koſtbaren Geräth⸗ ſchaften, ſeinem Vater angehört habe. Helmenau wünſchte nun ſeinem künftigen Eidam Glück zu dem Funde der Doku⸗ mente, durch welche derſelbe nicht nur im Beſitze des Schatzes beſtätigt wurde, ſon⸗ dern auch ein unumſtößeches Eigenthums⸗ recht, auf vier der einträglichſten Herr⸗ ſchaften im Lande erlangte. Erich glaubte es der Billigkeit gemäß, die erworbenen Güter mit Helmenau zu theilen, aber die⸗ ſer gab ihm an Großmuth nichts nach, und weigerte ſich ſchlechterdings, dieſe Theilung einzugehen. Das einzige, das er von ihm anzunehmen ſich willig zeigte, war das freundſchaftliche Verſprechen Lan⸗ — 156— genburgs, den jungen Helmenau in brü⸗ derlichen Schutz zu behalten, und für deſſen ſtandesmäßiges Fortkommen zu ſorgen. Nun erfolgte die Rückkehr nach Helmenaus Veſte, von wo die ganze Familie in Erichs Geſellſehaft, ſich auf den Weg nach Bornſtein zur Frau von Langenburg begab, um von ihr die Ein⸗ willigung zur Verbindung ihres Sohnes mit Sophie zu erbitten. Die zahlreiche Geſellſchaft, die Erich ſeiner Mutter auf⸗ führte, ſetzte ſie Aefangs in Verlegenheit, aber da er ihr ſein letztes Abentheuer ſo⸗ wohl, als ſeine Verhältniſſe mit Helme⸗ nau bekannt machte, gerieth ſie über die glückliche Wendung der Bedenklichkeiten, wegen der Liebſchaft ihres Sohnes, vor Freude in Entzückung, legte mit Lobprei⸗ ſung Gottes Sophiens Hand in die Hand Erichs, und betheuerte, daß nun alle ihre Wünſche erfüͤllet wären. Sie würde — 157— ⸗ gern die Hochzeit ſchon auf den naͤchſten r Tag angeſetzt haben; aber noch hatte ſie u eine Bangigkeit auf dem Herzen. Ob⸗ ) ſchon die geänderten Umſtände ihres Hau⸗ e ſes, ſie nichts mehr von der Gewalt und f dem Anſehen des Ritters von Tort be⸗ n fürchten ließen, da jetzt ihr Sohn ihm an * Macht und Reichthum weit überlegen 8 war; ſo mußte ſie doch des ſtolzen und e rachſüchtigen Graukopfs Liſt und Ränke — befüchten, die er ſo oft in der Erzielung 3 ſeiner Abſichten gebrauchte; deshalb drang 2 ſte in Erich, ſchleunigſt auf Mittet zu ſin⸗ 4 nen, wie er ſich auf eine oder die andere 3 Att, gegen Tort ſi ſicher ſtellen könnte, in⸗ „— den ſie nicht eher in die von ihr ſelbſt r ſehnlichſt gewünſchte Verbindung mit So⸗ — phien willigen könnte. Der alte Helme⸗ nau billigte dieſe Bedenklichkeit und ſprach — von der Reiſe nach Tort, als einer un⸗ uumgänglich nothwendigen Sache; doh 158 ſagte er, will ich, ehe ihr mit dem Ritter zuſammen kommet, ein Schreiben an ihm abſenden, daß ſoll, denke ich, ihn hinlaͤng⸗ lich zu Eurem guten Empfange vorberei⸗ ten; ſobald ſeine Antwort erfolgt, machet ihr Euch nach Tort auf und nehmet mich zum Geleitsmann mit. Die zuverſichtlich heitere Miene, mit welcher Helmenau dies ſprach, erfüllte aller Herzen mit Vergnü⸗ gen. Vergebens aber wurde Helmenau mit Fragen beſtürmt, woher er ſich den guten Erfolg des Beſuches verſpreche.— Der Bote ging mit dem Briefe ab, und langte dem zweiten Tag Abends mit ei⸗ nem Rückſchreiben wieder an. In dieſem drückte ſich der alte Tort nicht nur mit allen Merkmalen der Verſöhnung, ſon⸗ dern auch mit ſo viel Gefälligkeit und Achtung gegen Erich aus, daß dieſer und ſeine Mutter den Verdacht einer Hinter⸗ liſt daraus ſchöpften. Helmenau aber war — 159— entgegengeſetzter Anſicht. Torts Brief lautete in Betreff Erichs folgendermaßen: „Kann er auch nicht mehr mein Eidam werden, ſo ſoll er mir doch als Freund, ſchätzbar ſein. Mich darf das nicht be⸗ leidigen, wenn er ein Fraͤulein von Hel⸗ menau meiner Tochter vorzieht; aber nim⸗ mermehr würde ich es ihm vergeben ha⸗ ben, wenn er dieſer, einem Mullermaͤd⸗ chen nachgeſetzt hätte. Er komme, ich und die Meinigen werden ihn freundlich empfangen und als liebwerthen Gaſt be⸗ handeln.“ Erich ließ ſich nun von Helmenau zur Reiſe nach Tort bereden, aber er nahm einen großen Theil ſeiner Dienerſchaft mit ſich, um auf den Fall einer Verräthe⸗ rei, ſich zur Wehre ſtellen zu können. Da er jedoch von dieſem Verdachte dem Rit⸗ ter nichts merken laſſen wollte, brauchte er dem Vorwand, als erſchiene — 160— aus Prachtliebe mit ſo großem und glän⸗ zenden Gefolge. In dieſer Abſicht ſchmückte er dieſe Dienerſchaft mit koſtbaren Rüſtun⸗ gen und Kleidungsſtücken aus, davon un⸗ ter den Gceräthſchaften des gefundenen Schatzes ein Ueberfluß war. Er ſelbſt zog den goldſtoffenen, mit Schmuckwerk gezierten Waffenrock an, den einſt ſein Vater trug, und ſetzte dabei den im Rie⸗ ſentourniere erfochtenen Helm Friebolds auf, der mit einem Buſche geziert ward, welcher allein den Werth eines Landguts hatte. Inzwiſchen bereitete der Ritter Tort in ſeiner Veſte alles zum glänzenden Empfange Erichs. Fräulein Kunigunde wußte ſich in die heitere Laune und die Eilfertigkeit nicht zu finden, mit welcher ihr Vater die feſtlichen Zurüſtungen be⸗ trieb, er hatte ihr zwar gemeldet, daß der junge Langenburg in Geſellſchaft Helme⸗ naus, nächſtens zum Beſuche eintreffen N — 161— würde, aber nicht die geringſte Erwäh⸗ nung von ſeinen veränderten Umſtänden gemacht; ſie konnte ſich ebenfalls wie Sophie, des Verdachts nicht erwehren, daß dies nur eine Falle, Erichen neuerdings zu fangen, ſein möge, und ſann auf Mit⸗ tel, dem Unglücke vorzubeugen, in welches er gerathen müßte, wenn er ſich von der argliſtigen Gaſtfreundlichkeit ihres Vaters täuſchen ließe; ſte bat demnach ihren Ge⸗ liebten, daß er Erichen entgegenreiſe und ihn vor der vielleicht im Hinterhalte lau⸗ renden Gefahr, warnen möchte. Born⸗ ſchild, denn dieſer war es, dem es ſeit Erichs letzterer Zuſammenkunft mit Kuni⸗ gunden gelang, ihre Liebe zu egewinnen, nahm dieſen Auftrag gern über ſich, in⸗ dem er auf jeden Fall nichts lieberes wünſchte, als daß Kunigunde nicht ſobald mehr Erichen zu Geſichte bekäme, weil er eben ſo ſehr in ihrer Liebe einen Rück⸗ Das Huͤfthorn. II. 11 —— — 162— fall, als Erichs unvermeidliches Verder⸗ ben befürchtete. Zwar gewann er auch durch Entfernung ſeines Freundes nicht viel, da der Ritter Tort keine Luſt zeigte, ihm Kunigundens Hand zu geben; er war dieſem ſtolzen Manne zu geringe, Tort duldete ſeine Beſuche und Kunigun⸗ dens Umgang mit ihm, aber als Born⸗ ſchild einſt den Wunſch ſeines Herzens merken ließ, zog ſich Tort mit beinahe verachtenden Kaltſinne zurück und ſagte: „Nur ein Mittel weiß ich, wie Ihr zu dem Beſitze meiner Tochter gelangen könnet; iſt es nicht möglich, daß Ihr Euch dazu bequemet, ſo gebt alle Hoffnung zur Er⸗ füllung Eurer Wunſche auf.“ Bornſchilds Erwiederung war, er würde ſich zu allem anheiſchig machen, was ihm die Geſetze der Ehre nicht verböten. „Wohlan!“ rief Tort,„ſo liefert mei⸗ — 163— nen Haͤnden den jungen Langenburg, le⸗ bendig oder todt! Ihr ſeid zwar ſein Freund, aber mein Eidam könnt Ihr nicht werden, ſo lange Ihr meine belei⸗ digte Ehre dieſer Freundſchaft nachſetzet. Gelingt es Euch, ſeiner Meiſter zu wer⸗ den, dann ſeid Ihr der Verbindung mit meinem Haufe würdig!“ „Nein,“ entgegnete Bornſchild,„durch eine Niederträchtigkeit kann ich der Hand Eurer vortreflichen Tochter nicht wuͤrdig werden,“ und entfernte ſich, um Kunigun⸗ den die Nachricht von dem mißlungenen Verſuche ſeiner Brautwerbung zu bringen. Das Fräulein gerieth in große Betrübniß, aber die Weigerung, ihren Beſitz durch eine ſchlechte That zu erringen, beſtärkte ihre Liebe für ihn. Bornſchild eilte der Straße zu, auf welcher Langenburg mit ſeinem Gefolge angezogen kam; die ſchim⸗ mernde Pracht der zahlreichen berittenen 11*¾ — 164— Dienerſchaft, ließ ihn nichts weniger ver⸗ muthen, als daß an der Spitze dieſes an⸗ ſehnlichen Hofſtaates ſein armer Freund ſich als gebietender Herr befinden ſollte. Neugierig ſpornte er ſein Roß, und hielt es bald vor Erſtaunen wieder an, da der Erſte des Zuges auf ihn zugeſprengt kam und er in denſelben ſeinen geliebten Erich erkannte. Dieſer hielt Bornſchilden nicht lange in Ungewißheit, machte ihn in kur⸗ zen mit der günſtige Aenderung ſeines Schickſales bekannt und entdeckte ihm zu⸗ gleich, daß er im Begriffe ſei, dem Ritter Tort einen Ehrenbeſuch abzuhalten und ſeine gänzliche Verſöhnung mit ihm zu bewirken. Bornſchild fühlte in Erichs Betheuern, daß nie eine Andere als Sophie die Seinige werden könnte, große Beruhigung und offenbarte nun Erich ſeine Liebe für das Fräulein von Tort, und warnte ihn zu gleicher Zeit vor der — 165— drohenden Gefahr. Beinahe bekam Erich 3 Luſt umzukehren, beſonders da ihm Born⸗ ſchild ſagte, daß der Ritter Tort den Vergleich mit ihm habe eingehen wollen, ihn ſeine Tochter zu geben, wenn er an der Freundſchaft für Erich zum Verräther würde. Erich lobte Bornſchilds Edelmü⸗ thigkeit, und verſprach derſelben eingedenk zu ſein, aber er ſchickte ſich zu gleicher Zeit an, die erhaltene Warnung zu be⸗ nutzen und gab Befehl zur Rückkehr. Helmenau hielt ihn an und rief:„Nicht doch Herr Eidam, denket an keine Rück⸗ kehr, Ihr wüßt, nur unter der Bedin⸗ gung, daß Ihr Euch mit Tort ausſöhnet, will Eure Mutter die Verbindung mit meiner Tochter geſtatten; und Ihr, Herr Ritter, ſagte er zu Bornſchild, thut, was Euch die Gelegenheit ſelbſt anbietet, und überliefert Euren Freund den Handen ſeines Feindes. Tort muß dann Wort 1 4 — 166— halten und Euch ſeine Tochter geben. Um meinen Eidam und Euch ſeid außer Sorgen, wir haben ein Mittel, uns ohne Schwertſtreich durchzuhelfen; es wird nicht fehlſchlagen, dies verbürge ich mit meiner Ehre.“ Helmenaus Rede gab der Sache eine andere Wendung, die Reiſe nach Tort ward fortgeſetzt, und ehe noch der Zug in Tort anlangte, wurde er vom Ritter, der mit einiger Dienerſchaft den Gäſten entgegeneilte, aufs freundſchaftlichſte em⸗ pfangen und in die Veſte eingeführt.— Tort war nun nicht mehr der ſtolze rache⸗ ſchnaubende Feind Erichs; er hatte die Verſchmähung ſeines Antrages Vergeſſen. Wenn ja noch ſeine Stirne ſich in Fur⸗ chen zog, ſo war Bornſchild der Gegen⸗ ſtand ſeines Unwillens, deſſen Gegenwart ihm unangenehm war und deſſen er ſich in einer ſo vornehmen Geſellſchaft ſchäͤmte; . — 167— auch gab er es ihm nicht undeutlich zu verſtehen, indem er ihn fragte: wie er zu der unverhofften Ehre ſeines Beſuchs käme?— Bornſchild war über dieſe be⸗ leidigende Zurückſetzung ſo betroffen, daß er vor Unmuth nichts zu ſprechen ver⸗ mochte; aber Erich nahm für ihn das Wort und ſagte zu Tort:„Vergebt ed⸗ ler Herr, daß ich durch meine Feigheit Euch den Verdruß verurſachte, Eure Toch⸗ ter dieſem Ritter geben zu müſſen.— Ich ließ mich von ihm gefangen nehmen und Euch überliefern.“ Dieſer Scherz war aber nicht nach Torts Geſchmacke und er entgegnete ſehr bitter:„Ja wohl, ich ſehe es ein, er war ſo tapfer, den unbezwinglichen Lan⸗ genburg zum Gefangenen zu machen, zu einer Zeit, wo mir es gerade ſehr gelegen kömmt.“ Indem er dies ſagte, kehrte er Born⸗ — 168— ſchilden den Rücken zu und führte Erichen und Helmenau in die Zimmer ſeiner Tochter. Bei ihrem Anblicke ſtürzte Erich ihr zu Füßen, drückte ihre Hand an ſeine Lppen und Thränen der Rührung ent⸗ quollen ſeinen Augen. Tort wußte ſich in dieſe ſchwärmeriſche Gebärdung Erichs nicht zu finden; aber wie beſchämt fühlte er ſich, als Kunigunde ihm zu Füßen ſank und rief:„Vergebt mir Vater, ich wars, die Euch um Euren Gefangenen brachte! ich öffnete die Pforte ſeines Ker⸗ kers und begünſtigte ſeine Flucht;— nicht Liebe iſt's, was jetzt aus ihm ſpricht, es iſt das ſchöne Gefühl ſeines dankbaren Herzens!“ Der Ritter Tort ſtaunte ſeine Toch⸗ ter an, er kannte zwar ihren über die Gewalt der Leidenſchaften erhabenen Geiſt, aber ſolch eine That mußte er bewun⸗ dern. Kunigundens hohes Beiſpiel wirkte — 169— auf ihn; er umarmte ſie und forderte ſie auf, den Lieblingswunſch ihres Herzens anzugeben, zu deſſen Erfüllung er be⸗ reit ſei. „Verlange was Du willſt, meine Tochter,“ ſagte er,„nur auf Erichs Be⸗ ſitz thue Verzicht, denn von ſeinem Lies⸗ chen iſt er nicht abzubringen, um ſo mehr, da jetzt ein Fräulein von Helmenau aus ihr geworden iſt; hier ſteht ihr Vater!“ Er erzählte nun Kunigunden, was ihm Helmenau von Sophien bereits ge⸗ meldet hatte. Das Fräulein bezeigte zwar viel Verwunderung von der ſonderbaren Geſchichte Sophiens, aber ganz gelaſſen nahm ſie die Verſicherung, daß Erich auf immer für ſie verloren ſei, denn ihr Herz gehörte ſchon einem Andern, den ſie ihrer vollkommſten Achtung und Liebe würdig hielt.. 1 „Wenn Ihr mir eine Bitte erlaubt — 170— und gewähren wollt,“ ſagte ſie zu ihrem Vater,„ſo iſt mein einziger Wunſch— Bornſchilds Beſitz.“ Tort fuhr auf:„Wie kannſt Du Dich anmaßen etwas zu fordern, dagegen Du meine entſchiedene Abneigung kennſt. Bornſchild kann mein Eidam nicht wer⸗ den, ſein Großvater war kein Ritter.“ „Aber er verdiente es zu ſein,“ rief Bornſchild,„denn er bildete meinen Vater zu dem großen Manne, den ganz Deutſch⸗ land ehrte und bewunderte— zu dem Manne, der die Stütze des deutſchen Kaiſertrohnes ward— der den Tod fürs Vaterland den höchſten Anerbietungen der Feinde vorzog, ſolch ein Mann konnte kei⸗ nem gemeinen Vater haben!“ Mit glühendem Geſicht ſprach er dies und wollte ſich dann entfernen; al⸗ lein Helmenau hielt ihn auf, indem er ihm heimlich ſagte, daß ſeine Gegenwart — 4121— noch nothwendig ſei. Erich begann zu Gunſten Bornſchilds zu ſprechen, als der Ritter Tort ihn bat, ehe die Feierlichkeit ihrer Ausſöhnung, welche an der Tafel in Gegenwart vieler geladenen Gäſte vor⸗ gehen ſollte, ihren Anfang nähme, ihm ſeine gehabten Abentheuer zu erzählen. Erich willfahrte Torts Verlangen, und machte einen getreuen Bericht der Bege⸗ benheiten, die einen ſo glücklichen Aus⸗ gang genommen hatten. Tort bezeigte vielem Antheil an dem, was er von den Greuelthaten des verſtorbenen Statthalters Helmenau hörte, den er ſehr gut gekannt, aber nie eine in ſo hohem Grade ruchloſe Seele ihm zugemuthet hatte; als aber Erich an die Geſchichte des Tourniers kam, in welchem er Friebolds Helm ero⸗ bert hatte und mit lebhaften Ausdruücken die Freude äußerte, die ihm der Beſit dieſes koſtbaren Kleinods gäbe, beſiel den — 172— Ritter Tort eine ſichtbare Traurigkeit, die endlich Erichen auffiel und ihn den alten Ritter zu fragen veranlaßte, was ihn ſo plotzlich in üble Stimmung verſetzt hätte.— „Beleidigen Euch etwa, edler Herr,“ ſagte er,„die Lobſprüche, die ich in mei⸗ ner Geſchichte Bornſchilden machte? oder wollet Ihr, daß ich meines erprobteſten Freundes und Retters minder rühmend erwähnen ſollte, da ich Niemand fand, der ihm an Edelmuth und Aufopferung in den Pflichten der Freundſchaft gleicht?“— „Nein,“ antwortete Tort etwas ängſt⸗ lich,„das iſt's nicht, daß mich mißmuthig machen kann; ſondern ich erſah aus Eu⸗ rem Geſicht, daß ich in einer der wichtig⸗ ſten Anliegenheiten meines Lebens bei Euch eine Fehlbitte thun würde. Ich dachte vorhin, daß wir zum Merk⸗ und Denkmale unſerer Verſöhnung uns wech⸗ ſelweiſe mit gewiſſen Geſchenken beehren — 173— ſollten; ſchon beſtimmte ich für Euch dieſe goldene Kette an meiner Bruſt— und ſo ſchätzbar mir dieſer Schmuck, den ich aus den Händen des heiligen Vaters für meinen Sarazenenzug erhielt, ſein muß, hätte ich ihn doch und noch mehr mit Freuden hingegeben, wenn, doch nichts mehr davon. Es wäre unbeſcheiden von mir, Euch gleichſam nöthigen zu wollen, daß ihr mir zu Liebe, Euch eines Eigen⸗ thums entſchlüget, daß Euch um keinen noch ſo vortheilhaften Tauſch feil iſt. Laßt uns von etwas andern ſprechen.“ Tort bat ihn jetzt, in den Geſell⸗ ſchafsſaal zu treten, während ſie durch die Gemäͤcher gingen, näherte ſich Helmenau Erichen und ſagte ihm heimlich: „Ihr habt das Mittel in den Hän⸗ den, Euern Freund Bornſchild glücklich zu machen, aber Ihr müßt Torts Bitte er⸗ füllen.“ — 174— Erich gerieth über das räthſelhafte Ding in Verwunderung, und ſo ſehr auch an der Tafel für fröhliche Zerſtreuung geſorgt war, ſo ſehr Fräulein von Tort ſich beſtrebte, ihn außzuheitern, blieb er doch ſehr übel aufgeräumt, da es ihn ſchmerzte, an dem Tage der erwünſchten Ausſöhnung mit Tort, vielleicht in neue Verdrießlichkeiten verwickelt zu werden. Er kannte den Ritter und wußte, wie ge⸗ neigt er war, Unmöglichkeiten mit aus⸗ auerndem Hartſinn zu fordern. Er glaubte einzuſehen, daß nur ſein erlangter Reichthum, den alten Stürmer kirre ge⸗ macht habe, weil dieſer ihn nicht mehr mit Gewalt und Ueberfall beikommen durfte; ihm war alſo ſehr daran gelegen, daß Tort ihm nicht länger ſein Anbringen verſchwiege, und munterte ihn zu deſſen Offenbarung mit der treumüthigen Zufage auf, ſein Verlangen ſollte erfüllt werden, — 175— wenn es nicht gegen Ehre, Pflicht und Möoglichkeit ſtritte. „Ihr könnt es thun,“ rief Tort mit freudiger Sehnſucht,„ohne Pflicht und Ehre zu verletzen; möglich iſt es auch, wenn Ihr geſtimmt ſeid, einem alten Manne die letzten Tage ſeines Lebens zu verſüßen und ihm ein ſchätzbares Kleinod käuflich zu überlaſſen.“ Jedermann war nun vor Begierde geſpannt, nach was doch der alte Riiter mit ſo lebhafter Sehnſucht eifere. Das bange Benehmen, das er dabei äußerte, erregte Erichen faſt Mitleiden; er ſchlug in Torts Hand und ſagte, nachdem er ſich eine Weile beſann:„Wohlan; Euer Verlangen welches es immer ſei, ſoll er⸗ füllt werden, unter der Bedingung, daß Bornſchild die Hand Eurer Tochter er⸗ hält.“— „In Gottes Ramen, rief Lort, ver 176 mag ſie nehmen;“ hier, ſetzte er fort, in⸗ dem er ſeine Halskette abnahm und ſie Erichen umhing,„was Euch gebürt und mein iſt— dieſer Helm!“ Humbolds Helm war es alſo, der dem Ritter Tort ſo ſehr am Herzen lag, daß er nicht nur ſeine koſtbare Halskette, ſondern ſogar ſeine Tochter dafür hingab. Helmenau hatte dieſes längſt geahndet, weil er Torts antiquariſche Leidenſchaft kannte. Schon vor etlichen Jahren hatte dieſer gefliſſentlich eine Reiſe zu dem Grafen Eiſenhut gemacht, in der Abſicht, ihm das ſeltene unſchätzbare Alterthums⸗ ſtück abzukaufen;z aber dem Grafen war es um keinen Preis feil; jetzt hatte Tort die nähere Gelegenheit, deſſelben habhaft zu werden, und es war ihm gelungen, die Krone ſeiner Antiquitäten⸗Kammer zu erringen. Erich gab zwar dies Kleinod, daß er mit ſeinem Leben vertheidigt hatte, — 181— müſſe um zu leben; ſondern jene, daß man lebe um zu lieben; ſonach widmete er indeß nur einen kleinen Theil ſeiner Zeit, der Regierung ſeiner Ländereien, um deſto mehr und länger Sophiens Ge⸗ ſellſchaft zu genießen. Jede andere als ſte, würde über die koſtbaren Geſchenke, die ſie erhielt, dem Geber vergeſſen ha⸗ ben; allein all' der Reichthum, mit wel⸗ chem er ſie an ſchmuckvoller Kleidung und derlei Sachen, die den Weibern ſo werth ſind als das Leben, überhaͤufte, war blo⸗ ſer Tand in ihren Augen, die an nichts mehr Gefallen nahmen, als dem Anblick des Geliebten, der mit wärmſter Zärtlich⸗ keit Liebe gab und empfing, nur ihren al⸗ ten Lieblingshang ließ ſie in den Stun⸗ den, wo ſie nicht um Erich ſein konnte, freien Lauf und zog auf ihren Spazier⸗ gängen in der Landſchaft umher, um Nothleidende aufzuſuchen, und ſie mit — 182— reichlichen Wohlthaten zu laben. Bald war ſie im ganzen Kreiſe als ein retten⸗ der Schutzengel bekannt; und Eltern ho⸗ ben ihre kleinen Kinder in die Höhe, um ihnen ihre künſtige Gebieterin zu zeigen, die mit dem Glanze himmliſcher Schön⸗ heit eben ſolche Tugenden vereinigte. Sophie vergaß, wie leicht zu denken, auch ihrer Pflegeeltern nicht. Sie hatte ſie zwar noch nicht beſucht, aber der Antrag war ſchon darauf gemacht, daß, ſobald der Vermählungstag beſtimmt ſein würde, ſie mit Erich ſich nach Erlenthal begeben und dort mit ihrer Gegenwart die guten Alten überraſchen würden, um ſte als Brauteltern zur Hochzeit zu laden. Der Gedanke mehrte ihr Entzücken, wenn ſte ſich vorſtellte, welchen Eindruck ihre Dankbarkeit auf die Herzen dieſer redlichen guten Menſchen machen müßte.— Nach wenigen Tagen erſchien Tort mit ſeiner ℳ — —— Gemahlin und Kunigunden in Heinrichs⸗ burg. Bornſchild prieß ſich glücklich, ſei⸗ nes Freundes Mutter und Sophien per⸗ ſönlich kennen zu lernen. Erichs Geliebte und Fräulein von Tort hatten nun auch keine Urſache, ſich mit grimmigen Blicken zu meſſen, ſondern geriethen mit ſolchen Herzlichkeiten an einander, wie man ſichs nur von ſo gutgeſinnten und ſympathiſi⸗ renden Seelen denken mag. Tort aber, der alte wunderliche ſtolze Brummbart, war vor guter Laune gar nicht zu ken⸗ nen; man ſollte glauben, er wollte ſich zum Hochzeitsſpaßmacher anempfehlen. Er zog die beiden Mädchen mit ihrer aben⸗ theuerlichen Liebſchaft auf, und drohte ihre Geſchichte von einem Minneſänger in Balladen ſetzen zu laſſen. Sophie, auf die beſonders ſeine Stacheln gerichtet wa⸗ ren, bat ihn, ſich auf keine Balladen ein⸗ zulaſſen, indem er darin nicht im vor⸗ ——IöIö—öIöEöEEͤEͤ treflichſten Lichte erſcheinen würde. Tort aber ließ ſich nicht in die Enge treiben, ſondern neckte ſich wacker mit beiden Fräu⸗ 4 leins herum, daß endlich ihre Liebhaber als Vertheidiger heranrückten. Tort war der Mann, der in Nichts Maaß hielt, ſondern alles übertrieb. Helmenau, der ihn kannte, war eben auch zurückgekom⸗ men, und wußte ſeinen lärmenden Spaßen bald ein Ende zu machen. 4 „Freunde!“ rief er,„wir ſind beiſam⸗ men, um den Tag der doppelten Ver⸗. mählungsfeier zu beſtimmen; ich habe alle möglichen Zubereitungen getroffen, und 1 beſtimme als Brautvater zur prieſterlichen Einſegnung den erſten Frühlingstag.“ „Das waͤrve heute über eine Woche?“ rief Tort;„nein, das iſt zu lange.— ℳ Jetzt haben wir gegen Mittag, ich dächte bis heute Abend wäre des Wartens ge⸗ nug!“— — 185— „Wohlan,“ antwortete Helmenau,„ſo reite ich in aller Eile, um den alten Mül⸗ ler mit ſeinem Weibe abzuholen.“ „Was ſollen die hier?“ fragte Tort mit gerümpfter Naſe. „Es ſind die Zieheltern meiner Toch⸗ ter,“ entgegnete Helmenau;„ſie hat ſichs ausgebeten, daß dieſe guten Leute, die meiner Sophie Leben retteten, an ihrem Chrentage gegenwärtig ſein ſollen.“ Endlich kam der Tag, an welchem die beiden Vermählungen vor ſich gehen ſollten. Die ganze Woche war mit eili⸗ gen Zurüſtungen, dies Feſt ſo viel wie möglich zu verherrlichen, verbracht worden. Das Schloß Langenburg glich einem Feenpallaſte mit der ſeltenen Pracht der innern Verzierungen. Sogar auf das umliegende Dörfchen war bedacht genom⸗ men worden; alle Hütten waren neu überlaubt; und deren Bewohnern ſah man — 186— es an, daß auch ihrer an dieſem Tage fröhlicher Genuß warte. Die meiſten der geladenen Gäſte waren ſchon am Vor⸗ abend angelangt, und die Burg wimmelte von Schaaren wohlgeſchmückter Diener⸗ ſchaft. Helmenau zog frühen Morgens mit einem Theile der anweſenden Geſell⸗ ſchaft auf die Straße nach Tort, um den Ritter mit ſeiner Familie in Empfang zu nehmen; waͤhrend Erich mit einem kleinen Gefolge ſich nach Erlenthal begab, um den Müller und ſein Weib abzuholen. Gegen Mittag war nun alles eingetrof⸗ fen, und in einem wohlgeordneten Zuge ſchritt man nach der Burgkapelle, wo der Prieſter der einzuſegnenden Paare wartete. Rührend war der Anblick der ſchö⸗ nen Dankbarkeit Sophiens gegen ihre Pflegeeltern, von denen ſie ſich an der Seite Erichs, zum Altar führen ließ; ſo ſchlecht dieſer Leute bäuriſcher Anzug ge⸗ 1 — 187— gen die Prachtkleidung der hohen Geſell⸗ ſchaft abſtach; fühlte doch Jedermann ehrer⸗ bietige Theilnahme an der Würde, welche die feierliche Handlung durch die edle Einfalt des langſam daher ſchreitenden Greiſenpaares erhielt. Auf die Zuſchauer⸗ menge, worunter größtheils Langenburgi⸗ ſche Unterthanen waren, wirkte dieſe Scene ausnehmend; die Beehrung ihres Standes entzückte ſte, und mit lautem Jubel prie⸗ ſen ſie die Herablaſſung ihrer Herrſchaft. Keiner war unter ihnen, der nicht in die⸗ ſem Augenblicke ſein Leben für Erich und Sophieen gegeben. Als man nach der Kirchenzeremonie in den Burgſaal zur Ta- fel ging, erſchien ein Chor weißgekleideter Juͤnglinge und Mädchen; einer der erſtern überbrachte dem Muͤller einen großen Brief; und von den letztern behändigte die eine ſeinem Weibe ein Bund Schlüſ⸗ ſel, der Müller ſchüttelte den Kopf und gab zu verſtehen, daß er nicht leſen könne; da nahm Erich den Brief, öffnete ihn und ſagte:„Dies Papier braucht Ihr nicht zu leſen, ſondern nur zu verwahren. Es iſt die Schenkungsurkunde über das Gut Weißenfels ſammt allen dazu gehörigen Erträgniſſen und Vorrechten. Eure Frau hat bereits die Schlüſſel und es ſteht in Eurem Belieben, noch heute von dem Gute Beſitz zu nehmen.“ Der Müller und ſein Weib weinten vor Freuden, über die Dankbarkeit So⸗ phiens, welche Erich als die Urheberin dieſer Wohlthat angab. Die alten Leute hatten jetzt die Ausſicht des ruhigſten Al⸗ ters; aber der Gedanke, daß ſie ohne Er⸗ ben wären, beunruhigte ſie auch mitten in dieſer Entzückung. Schluchzend be⸗ ſchwerten ſie ſich über dieſen Mangel bei allem Ueberfluſſe; da wies Erich auf den Jüngling und das Mädchen hin, welche