üſthorn s Eremiten oder ddie ſieben verborgenen Mordkeller Eine ſchaudervolle Sage aus den Zeiten des Fauſtrechts.. A Von 6 L. A. Delaro⸗. K Erſter Band. Der kriegeriſche Geiſt der Deutſchen, die ſich dem ſiegeſtolzen Rom furchtbar gemacht hatten, und die ſelbſt auf den Trümmern Italiens ihren Staat verbrei⸗ teten, und mit unerſchütterlicher Selbſtſtän⸗ digkeit den Lauf ſtürmiſcher Perioden hin⸗ durch ſich auf einem Standpunkte erhiel⸗ ten, auf welchen ſie der halbe Welttheil — — 4— — hatte. Das Blut, das nicht mehr im 5 4—„— 4 Auslande verſpritzt werden ſollte, floß ver⸗ ſchwenderiſch im Getümmel des heilloſen Bürgerkriegs. Stämme des Volkes ho⸗ ben ſich gegen Stämme; raub⸗ nnd rach⸗ ggierige Familienhaͤupter zogen mit Horden geegen ihre Nachbarn und in dieſen ein⸗ heimiſchen Metzeleien, befand ſich zur Schande der geprieſenen Nation das Recht des Stärkern im ſchönſten Flor! Das Mittelalter Deutſchlands liefert uns reich⸗ liche Scenen dieſer Art. Sie reichen tief in das ſechzehnte Jahrhundert, und ver⸗ lieren ſich endlich in den Strahlen der aufkeimenden Sittenverfeinerung. Dieſer traurige Zuſtand des vormaligen Deutſch⸗ 1 — 5— nach dem eingeführten Herkommen im Beſitze des Rechtes, ſtreitige Anſprüche mit dem Schwerte in der Hand geltend zu machen. Jener Mann, der ſein Gut gegen Anfälle des Gegenparts nicht zu vertheidi⸗ gen vermochte, wurde des Beſitzes unwür⸗ dig erachtet. Nur tapfere, oder vielmehr rohe kriegeriſche Wütheriche ſollten über Veſten und Ländereien herrſchen. Die Friedliebenden, die man feige nannte, wurden zur ſklaviſchen Abhängigkeit ver⸗ urtheilt. Die Aufrechthaltung einer ſol⸗ chen öffentlichen Denkart mußte das Va⸗ terland zerrütten. Blutiges Handgemenge, Zerſtörungen der Städte und Schlöſſer, Raäubereien und Entführungen gehörten zur Geſchichte des Tages. Das Ober⸗ menſchenfteundlich geſinnten Großen feihs 1 vereinten Biſchöfe bemühten ſich haupt der deutſchen Nation, die mit den — 6— 8 dieſem Mißbrauche der kriegeriſchen Vor⸗ rechte Einhalt zu thun; allein die ſo oft gegen die Verletzer des Landfriedens er⸗ gangenen Achtserklärungen, Kirchenbanne und Gegenbefehdungen linderten blos das Uebel auf einige Zeit, zu tilgen vermoch⸗ ten ſie es nicht. In dieſem Zeitraume blühete das edle Geſchlecht der Langen⸗ burge, ſeiner Verdienſte um den Staat, und der ſo ausnehmenden häuslichen Tu⸗ genden wegen, würdig in das Jahrhun⸗ dert der Aufklärung verſetzt zu werden. Rudolphs von Habsburg Zeiten bekannt, bekleideten vornehme Hofämter. Viele darunter zeichneten ſich in den Zügen ge⸗ ten ſich als anſehnliche Prälaten um die Kirche verdient. 8 Die Vorfahren des Stammes, bereits zu gen die Sarazenen aus, und einige mach⸗ Gleich berühmt durch erhabene Tha⸗ ten, als mächtig durch Wachsthum der 4 veertheidigten, und manches ungerechte Un⸗ 8 Die Langenburge hatten ihren Anhang. poelcher der Facktion das Gleichgewicht — 2— Glücksgüter behauptete die Familie einen glänzenden Nang unter den Edeln des Reiches. Sie mißbrauchten nicht ihre Ge⸗ walt zur Unterdrückung des Schwächern, und von ihrem Reichthume verwendeten ſie einen großen Theil zum Wohle der dürftigen Menſchheit, und zur Aufmunte⸗ rung der Arbeitſamkeit. Nicht ſelten ge⸗ ſchah es, daß ſie ſich dem Strome roher Anfälle entgegen ſtellten, die Unſchuldigen — — ternehmen zu vereiteln ſich bemühten. Handlungen dieſer Art gegen die herr⸗ ſchende Sitte des Zeitalters zur Beſchaͤ⸗ mung ihrer vornehmen Brüder an den Tag gelegt, zogen ihnen die heftigſte Feind ſchaft der Gegenparthei zu. Aber auch in damaligen Zeiten fan⸗ den ſich Vertheidiger der guten Sa hielt, ſo lange er ſein äußerliches Anſehen durch den Nachdruck der Wohlhabenheit zu behaupten vermochte. Ereigniſſe des widrigen Geſchickes, durch welches ſo oft berühmte Geſchlech⸗ ter in kurzem herunter gebracht werden, verdunkelten aber nach und nach den Glanz der Langenburge. Häufige Ein⸗ fälle feindlicher Nachbaren beraubten ſie um einen betraͤchtlichen Theil ihres Eigen⸗ thums. Ihr Anhang wurde ſchwaͤcher, und der Stamn ſelbſt neigte ſich ſeiner Erlöſchung. Die früheren Freunde ver⸗ loren ſich. Nur wenige, und dieſe von Veringen Belange, wagten es, als Ver⸗ buͤndete des alten Geſchlechts, das ſeine Zeit zu überleben ſchien, außzutreten. Langenburgs Gegenparthei entging dieſer Umſtand nicht; von jeher gegen dies Haus mit einer unverſöhnlichen Feind⸗ ſchaft eingenommen benutzte ſie jetzt dieſe * —P Gelegenheit, ihre Rache durch die Vertil⸗ 3 gung derſelben zu befriedigen. Das gleich mächtige, als boshafte Oberhaupt dieſer Parthei, ruhte nicht, bis der Zweck der ſchwärzeſten Entwürfe erreicht war. Das Geſchlecht, deſſen Ruhm jenes Zeitalter ſchmückte, fiel als ein Opfer des ſchänd⸗ lichſten Komplotts. Gertraut von Lan⸗ genburg beweinte ihren Gemahl der unter dem Grimme ſeiner Feinde erlag, und widmete ſich ſeitdem einem einſamen Le⸗ ben. Erich ihr Sohn, des berühmten Stammes einziger Sproſſe, welcher der Verfolgung zu entgehen das Glück hatte, war die Freude ſeiner Mutter. Sie hofte in demſelben das Wiederemporkommen der geſtürzten Familie zu erleben Erich verlor ſeinen Vater in der zarteſten Jugend. Er kannte ihn blos nach der Schilderung ſeiner Mutter, die es ſich eifrigſt angelegen ſein ließ, ſei Geiſt, durch Auſſtellung eines ſo nachah⸗ mungswürdigſten Muſters zur ruhmvollen Thätigkeit zu bilden und anzufeuern, das, was der Verewigte von ſeinen Feinden er⸗ litten hatte, unterließ ſie nicht ſeinem Ge⸗ dächtniſſe einzuprägen, aber zugleich führte ſie ihm, nach dem Triebe ihres tugend⸗ ſamen Herzens, aufs nachdrücklichſte, die * Menſchlichkeit zu Gemüthe, die den edeln Mann auch in ſeiner gerechten Rache be⸗ gleiten muß. Das Verfahren der Gegen⸗ parthei gegen ſeine Ahnen brachte den jungen Ritter beinahe aufs Aeußerſte. Im erſten Anfalle der Leidenſchaft athmete er nichts als Rache; allein dies war die Richtung keineswegs, welche die edle Mut⸗ ter der zarten Seele ihres hoffnungsvol⸗ len Sohnes geben wollte. Die Auſſtel⸗ lung des ſchönen Gemäldes ſollte ihn zur Nacheiferung, nicht zu den Geiſt und Herz verwildernden Plänen der Nache führen. - — 11— Erich zeigte ſchon in der Kindheit Merk, mahle wahren Edelmuths, und erfüllte das hoffende Mutterherz mit Troſt und Freude. Reich von der Natur mit jenen Anlagen ausgeſtattet, die, wenn ſie ſorg⸗ ſam gebildet werden, den Grund zum Ruhme und der Außerordentlichkeit legen, betrat er die Bahn ſeines ehrenvollen Le⸗ bens unter der Leitung eines ſeiner Ver⸗ wandten, der ihn nach Mainz berief, um dort feine ſtandesgemäße Ausbildung zu Nerhalten. 5 Die anſtrengungsvollen Uebungen der Ritterſchule, behagten ſeinem raſchen Tem⸗ peramente; im Wettrennen und Lanzen⸗ brechen trug meiſtens er den Sieg über ſeine Gefährten davon. Dieſe Behändig⸗ keit, verbunden mit einem Anhiehana Stadt, wo ſich ein großer Zuſam — 12— des jungen Adels befand, viele Freunde. Gertraut von Langenburg wählte zu ih⸗ rem Wittwenſitze das Stammſchloß der Familie. Es lag in einer abſeitigen Ge⸗ gend des Harzgebirges. Die Errichtung der Veſte verlor ſich in der Hüͤlle des Alterthums, man wußte blos den Namen Langenburg, und daß die Familie gleichen— Namens von dieſem Orte ihren Urſprung rleitete. Majeſtätiſch ragten deſſen Thürme vor, und winkten auf viele Meilen im Umkreiſe den müden Wanderer zu gaſt⸗ freier Stätte. Umher lagen die herzyni⸗ ſchen Wälder in weit ausgedehnien Strecken und verloren ſich in ſchauerlicher Uner⸗ meßlichkeit über den Horizont. Manche alte Fiche, noch ein Denkmal vergangener 4 4 Zeiten, breitete hier ihre ſchweren Aeſte r aus, und mancher alter aus dem Blätter⸗ tte hervorragende Stamm, diente dem len Gelegenheiten zu entziehen, wo der — 17— wählten Plane von Küchengarten, einer Baumpflanzung und etlichen Blumenbee⸗ ten. Hie und da wurden auf dem Ab⸗ hange des Gebirges kahle Flecken zu Acker⸗ feldern beurbaret, welche das nöthige Ge⸗ treide für den Verbrauch der Burgbewoh⸗ ner lieferten. So beſchäftigte ſich hier Gertraut in ihren Wittwenſtande und widmete ſich, um wohlthätig zu ſein, der emſigſten Häuslichkeit. Erich beſuchte ſehr oft ſeine Mutter in ihrer Einſiedelei. Sie bemerkte an ihm mit Vergnügen die ſich entwickeln⸗ den Vorzüge ſeines Vaters, und ſah dem Zeitpunkt, da er nun bald die Bahn der Ehre öffentlich betreten würde, mit Sehnſucht entgegen. Sie munterte ihn wiederholt zum Edelmuthe auf, unerſchüt⸗ terlich auf guten Vorſätzen zu beharren, und beſonders ſich mit Standhaftigkeit al⸗ 1 Das Huͤfthorn. I. 2 — 18— Taumel verführeriſcher Vergnägungan den unüberlegten Jüngling ins Bterben ſtürzt. Erich liebte die Jagd und ſtreifte viel in den Thälern und auf den hohen Ge⸗ birgen umher, verſpätete ſich nicht ſelten, und mußte manchmal die Nacht in einer Berghöhle oder Felſenſpalte zubringen. Von jeher trug man ſich mit einer Sage, daß die Gegend um Langenburg durch mancherlei fürchterliche Erſcheinun⸗ gen beunruhigt würde, daß in gewiſſen Zeiten um die Mitternachtsſtunde im Walde ein ſtarkes Getöne von Jagdhörnern zu hören ſei; wo bald darauf viele ſchwarze berittene Jäͤger erſchienen, hin und her ſchwärmten, und denjenigen, dem ſie zu nahe kämen, aufs übelſte zurichteten. Der Geiſt des vor mehreren Jahren verſtorbe⸗ nen Eigenthümers der ſieben größten Schloͤſſer im Lande und Herrn des hier — * das Nauſchen eines nahen Stromes un⸗ — 19— benachbarten Bezirkes, wurde als Anfüh⸗ rer der Geſpenſtertruppe genannt; man ſchilderte ſeinen Anblick ſo fürchterlich als moͤglich, und behauptete ſogar, daß dieſer allein ſchon viele unvorſichtige Wanderer getödtet habe. Doch Erich ließ ſich des⸗ halb keine Furcht beikommen. Sein Schwert ſchützte ihn vor der Gewalt bö⸗ ſer Menſchen und den Anfällen reißender Thiere, ſein Gewiſſen vor den unterirdi⸗ ſchen Geiſtern. Er liebte die ſchöne Na⸗ tur, und brachte oft viele Stunden mit der Betrachtung einer angenehmen Gegend zu. Seine empfindſame Seele ſchöpfte unnennbares Vergnügen aus dem Anblicke einer hellen Mondnacht. Wenn der Schimmer des freundlichen Geſtirns ſich mit den ſchauerlichen Schatten der Gebirge mengte, während das feierliche Schwei⸗ gen der beſeelten Schöpfung nur durch 2 — 20— terbrochen ward, erhob ſich ſein Geiſt zur andachtsvollen Bewunderung des ſchoͤnen Einklangs aller wirkenden Kräfte. So wandelte er einſt eines Abends von Langenburg, als er aus einer gerin⸗ gen Entfernung eine Weiberſtimme kläglich um Hülfe rufen hörte. Ohne ſich lange zu beſinnen, eilte er der Gegend zu, wo⸗ her der Laut erſcholl. Er gerieth an das Ufer eines breiten Waldſtromes, und er⸗ „blickte in demſelben ein Mädchen, das, kaum noch von ihrem Gewande über den Fluthen emporgehalten, die letzten Kräfte. ſich zu retten anſtrengte. Allein jetzt ſank auch das durchnäßte Kleid, und zog mit ſeiner Schwere das Mädchen in die Tiefe. Es verſchwand vor den Augen des Rit⸗ ters. Er ſah nur den Waſſerwirbel an dem Orte, wo es herabgeſunken war. Mit einem Sprunge fand ſich Erich in dem Strom, ſchwamm dem Wirbel zu, und — 21— haſchte das Mädchen bei ihren langen 3 Haaren, welche noch übern Waſſer ſtrei⸗ ten. Er nahm die Gerettete auf die Schul⸗ tern und brachte ſie glücklich an das Ufer, wo er ſie in den weichen Raſen legte, alle Lebenskraft ſchien von ihr ge⸗ wichen zu ſein. Erich betrachtete ſie mit dem ſonderbarſten Gemiſche von Empfin⸗ dungen, endlich gewahrte er einen ſchwa⸗ chen Athemzug, ſeine Freude war unbe⸗ grenzt. Nicht ſelten hatte ſichs gefügt, daß — waährend ſeines Aufenthalts in Mainz, dea er ſich nebſt ſeinen Gefährten oft im— KRhein mit Schwimmen vergnügte, einige anterſanken und ſcheintod herausgezogen wurden. Er war Zeuge von der Anwendung der Mittel zu ihrer ſchleunigen Herſtel⸗ lung, und dieſer bediente er ſich auch nun zur Rettung der vor ihm liegenden Schönen. — 22— Dieſe menſchenfreundliche Beſchäfti⸗ gung wurde ihm jetzt um ſo angenehmer, da es ihm bald gelang, ſie zur gänzlichen Erhohlung zu bringen, den Lohn ſeiner Mühe ernteten ſeine Augen, denen noch nie der Anblick ſo vieler Reize zu Theil geworden war. Beinahe erwachte ſie aus der todtenähnlichen Erſtarrung ſeinem un⸗ geſättigten Blicken zu frühe. Ihr Athem⸗ holen verſtärkte ſich, ſie bewegte die Arme, ſchlug die Augen auf, und ein wilder angſtvoller Blick, den ſie auf ihren Retter heftete, ſtörte dieſen in ſeiner wonnevollen Erwartung. Der Uebergang von den Schrecken des Sturzes in den Strom zu dem ge⸗ genwärtigen Zuſtande durch den Zwiſchen⸗ raum einer gaͤnzlichen Beraubung des Bewußtſeins, erſchütterte das Mädchen aufs äußerſte. Ein mächtiger Schauder durchbebte es, da es ſich in den Armen 1- — 23— eines jungen Ritters ſah, den die eifrige Dienſtfertigkeit noch ganz in dem Anſtand eines drangvollen Liebhabers hielt. Sie kehrte ihre Augen nach allen Seiten, und da ſie Niemanden außer dem ſchönen Fremdling erblickte, ſo wurde ihre Beſtür⸗ zung vermehrt. Sie bemühte ſich ſchleu⸗ nigſt die bedenkliche Gruppe zu ändern, hüllte ſich in das durchnäßte Gewand, und ſprang auf, ohne eigentlich zu wiſſen, was ſie weiter thun ſollte. Ihre erſchöpften Kräfte geſtatteten ihr nicht zu fliehen. Erich bemerkte ihre Ver⸗ legenheit, er ſprach ihr mit der ihm na⸗ türlichen Annehmlichkeit Muth zu, und mehr durch ſein Aeußeres als durch ſeine Worte überzeugt, ſahe ſte, daß ſie unter dem Schutze eines edlen Juͤnglings ſich fände, deſſen Miene und Betragen ihr Sicherheit in ſeinen Armen ver⸗ bürgten. — — — — 24— So beruhigt, gewann ſie immer mehr Faſſung, und wußte ſich bald in die Um⸗ ſtände zu fügen.. „Wer Du immer biſt, edelmüthiger Mann,“ ſprach ſie zu Erich, mit einem Tone rührender Zuverſicht,„ſo nimm hin den wärmſten Dank für das, was Du für mich thateſt. Deine Menſchenliebe rettete mein Leben, meine Erkenntlichkeit...“ „Nichts weiter von der Sache,“ un⸗ terbrach Erich ſeine Gerettete,„ich han⸗ delte blos nach Pflicht; jeder Andere würde an meiner Stelle wenigſtens darum das nämliche gethan haben, weil es ſich, ſetzte er lächelnd hinzu, doch der Mühe lohnt, um ein ſchönes Mädchen einen Sprung ins Waſſer zu wagen.“ Die Schöne gewann nun Weile zur vollkommnen Erhohlung, da die Gefahr vorüber war, und ſie ſah, daß ſie unter dem Schutze eines großmüthigen Retters — 25— ſtand, ſo wich bald der Sturm von ihrem beängſtigten Buſen, der ſcheue Blick ver⸗ ſchwand, und anmuthsvolle Heiterkeit ver⸗ breitete ſich über ihr ganzes Weſen. Die Bläſſe der Wangen ging in die Farbe verſchämter Unſchuld über, und, da die gemachte Bekanntſchaft unter beiden jun⸗ gen Leuten im ſchnellen Schritte weiter rückte, entdeckte Erich bald, daß die holde Unbekannte, ein eben ſo geiſtreiches als ſchönes Mädchen ſei.— Was er empfand— und empfinden mußte, ging dem lauſchen⸗ den Blicke ſeiner neuen Freundin nicht verloren. Denn wenn es Mdchen nicht wa⸗ gen ihre Augen aufzurichten, ſo iſt es ein Beweis, daß ſie etwas wiſſen, was zu wiſſen ſte nicht geſtehen wollen. Erichs Frreundin wurde ihm durch dieſe Schüch⸗ ternheit nur noch liebenswürdiger, und, wenn ſich ja ſolch ein Entſchluß faſſen — 26— läßt— er beſchloß ihr ſein Herz zu widmen. „Eilen wir fort,“ ſagte ſie zu ihm, indem ſie furchtſam umher ſah,„die Ge⸗ gend iſt zu unſicher, um hier länger zu verweilen, die Nacht beginnt bereits ein⸗ zubrechen. Es iſt Zeit, daß ich nach Hauſe eile!“ So ſprach das Maͤdchen, ſprang hur⸗ tig auf, und machte ſich bereit ihren Weg zu verfolgen. Sie that dies mit einer Art feſter entſchloſſener Miene, welcher nachzugeben Erich, für gut fand. Sie brachte ihre getrockneten Kleider in Ord⸗ nung, eiligen Schrittes zog ſie längſt der Straße dahin, und Erich gab der unbe⸗ kannten Schönen das Geleite. Auf dem Wege nach ihrer Wohnung bat er ſie, ihm ihre Abkunft und die Art wie ſie das Unglück hatte in den Strom zu ſtürzen — — 27— zu entdecken. Sie entgegnete ihm nun folgendes: „Ich bin die Tochter des Mullers am Eingange des Forſtes, mein Name iſt Lieschen. Nach Vollbringung meiner gewöhnlichen Hausgeſchäfte pflege ich mich gewöhnlich aufs nahe Pachtgut zu bege⸗ ben, um dort bei meiner Muhme in man⸗ cherlei häuslichen Arbeiten Unterricht zu nehmen. Auf dem Wege dahin machte ich öfters einen Seitenſprung nach dem Gehölze zu einer Hütte, die ein armes Chepaar bewohnt, um dieſen Leuten et⸗ was Speiſe zuzubringen. Ich muß dies allemal verſtohlen thun, den mein Vater iſt zu ſtrenge, um ſo etwas mit ſeinem Willen geſchehen zu laſſen. Die traurige Lage der arme Leute geht mir aber zu Nahe⸗ Ich kann es nicht über das Herz ſbringen, ſie ſo ganz der Noth und dem Ceende Preis gegeben zu ſehen. In — 28— That, ich empfinde auch immer viel Ver⸗ gnügen, wenn ich dieſe Hütte beſuche, bringe dort manch angenehmes Stündchen zu, denn die Alten ſind ein paar vernünf⸗ tige Leute, deren Geſpräche für mich lehr⸗ reich und unterhaltend ſind. „Heute Abends begab ich mich wie gewöhnlich auf den Seitenweg nach ihrer Hütte, und ſtellte mir die Freude vor, die ich ihnen mit einigen alten Kleidungs⸗ ſtücken machen würde, die ich meinem Va⸗ ter in einem günſtigen Augenblicke für ſte abzubetteln das Glück hatte. Ich eilte über den Steg, und da die ſtarken Re⸗ gengüſſe, welche einige Tage her fielen den Boden erweicht hatten, ſo wich das Bret des Stegs, und ich ſtürzte in den Strom hinab.“ Dies ſagte Lieschen, und brach neuer⸗ dings mit einem gleich unſchuldigen als 2 von einander ſchieden. — 29— liebenswürdigen Anſtande in Dankſagun⸗ gen gegen ihren Erretter aus. Erich rühmte die menſchenfreundlichen Geſinnungen ſeiner reizenden Gefährtin und prieß Denjenigen glücklich, der einſt zum Beſitze einer ſo liebenswürdigen Hausmutter gelangen würde. Dieſe letz⸗ ten Worte ſprach er mit einem Nachdrucke, der Lieschen keinen Zweifel zurücklaſſen konnte wie ſie den Sinn dieſer Worte auslegen ſollte. Beide waren jetzt unter dieſen Geſprächen bei der Mühle ange⸗ langt. Es verſteht ſich, daß ſich Erich und Lieschen eine Beſtellung auf den fol⸗ genden Tag gaben, ehe ſie für diesmal Auf den Rückwege nach Langenburg vertrieb ſich Erich mit dem Bilde der ſchönen Müllerstochter die lange Weile, er liebte zum erſtenmale. Sein Herz war bisher frei von jeder zärtlichen Empfin⸗ — 30— dung. Lieschen nahm es jetzt ganz ein. Er glaubte, und wer kann ihm das ver⸗ übeln, blos in ihrem Beſitze vollkommen glücklich zu werden; machte Entwürfe zur Erreichung ſeiner Wünſche; ſtieß ſolche in demſelben Augenblicke wieder um, machte deren neue, und fand ſolche wieder unzu⸗ länglich. Gertraut bemerkte die Zerſtörung ihres Sohnes, ſite war zu auffallend, als daß ſie ihrem Blicke entgehen konnte; ſie fragte ihn um die Urſache der ſichtbaren Veränderung. Erich war zu jeder Ant⸗ wort unvorbereitet, Argliſt und Verſtel⸗ lung waren nichts minder als Züge ſei⸗ nes Charakters. Immer gewohnt frei und offen zu Werke zu gehen, gerieth er jetzt von einer Nothlüge in Verlegenheit; denn ſein Abentheuer zu entdecken fand er ſchlechterdings nicht für rathſam. Er ſprach ohne Zuſammenhang, ſchützte ver⸗ 31— ſchiedene Veranlaſſungen vor, und zog ſich mißmuthig zurück. Seine Mutter drang nicht weiter in ihn, obgleich die Zurückhaltung, die er jetzt gegen ſie zum erſtenmale in ſeinem Leben zu äußern ſchien, ſie ſehr befrem⸗ dete. Sie überließ die Entwicklung der Zukunft, und blieb blos ſtille Beobachterin der Handlungen ihres Sohnes, von den ſie wußte, daß er ein erzwungenes Be⸗ nehmen nicht lange würde behaupten können. Um die verabredete Stunde fand ſich Erich an dem Beſtellungsorte ein. Nicht lange darauf erſchien auch Lieschen. Der Empfang war von beiden Seiten voll warmer Freundſchaft, ſie ſetzten ſich am Fuße des Hügels, und da ſtellte ſich bald der entſcheidende Augenblick ein, wo ſich ihre Herzen, ohne es zu einem wirklichen 4 Liebesgeſtändniß kommen zu laſſen, durch 4 — 32— den Einklang ihrer Seelen unwillkürlich auf immer verbanden. Die ſchöne Natur, die in dieſem bezauberten Bezirke ihren ſanften Einfluß auf jedes empfindende Weſen ergoß, war Zeuge dieſer Verbin⸗ dung. Sie erhob ihre Annehmlichkeiten, um dieſe Scene zum Beweiſe des Beifalls um ſo reizender zu machen. Wonnetrun⸗ ken von dem Glücke ihres Zuſtandes ho⸗ ben ſich nun beide Liebenden und Luſt⸗ wandelnden nach dem Baumgange, wel⸗ cher auf den kleinen Hayn hinanführte, der einem Arm der Waldung bildete und ſich ſanft von dem Gebirge hinabzog. Alles erhielt für dies glückliche Paar erhöhte Anmuth, alles erſchien in neuer vergnügter Geſtalt, nur die geſchworne Feindin der Freuden, die Zeit, ſtrengte 4 ihre Fittige zur Eile an; ſchon hatte ſich die Sonne hinter die Berge geſenkt, ſchon ſchwärzte ſich der Rand des Horizonts, 4 3 ceens Augen entſtürzten häufige Thrane — 33— als Erich und Lieschen bei der ſchönſten Hälfte der Dinge, die ſie ſich noch zu ſa⸗ gen hatten, abbrechen, und ſich trennen mußten. Erich ſchlang ſeinen Arm um Lieschen, und ſo geleitete er ſie zu ihrer Wohnung. Bei der nächſten Zuſammenkunft führte Lieschen den Ritter unbemerkt nach der Stätte, wo ſie von ihm aus dem Strom war gezogen worden. Er ſah umher, und erblickte an dem Orte eine ſchöne junge Linde aufgerichtet, und deren Gipfel mit Schleifen geziert. Lieschen lächelte ihren von dieſem Symbole der Dankbarkeit gerührten Retter zärtlich an. Sie hätte hier Gelegenheit zu einer zier⸗ lichen Standrede, bei der Einweihung des Bäumchens gehabt, aber— Liebe iſt arm an zierlichen Worten, ſie hat nichts als rohe Ausdrücke der Empfindung. Lies⸗ Das Huͤfthorn. I. 3 ſcheren Schutz! Hier befalle Furcht unao — 34— ſie breitete ihre Arme nach Erich aus, und der entzückte Jüngling nahm mit wucheriſcher Haſt den Zoll der Dankbar⸗ keit, den ihm Lieschens Lippen willig weihten. „Dieſe Stelle,“ rief er jubend aus, „iſt mir nun auf immer⸗ geheiligt. Hier ſahe ich zum erſtenmal Die, welche ewig in meinem Herzen herrſchen wird.“ Die Geliebten ſchwuren ſodann ein⸗ ander bei dieſer Linde unverbrüchliche Treue, beider Namen wurden in den Stamm eingeſchnitten, und die Stelle, wo Lieschen ohnmächtig darnieder lag, und durch die Labung ihres Retters hergeſtellt ward, zu einem unverletzlichen Platze ein⸗ geweiht. „Fern ſei von hier,“ ſprach Erich, „jede räuberiſche Befehdung des friedlichen Wanderers! Hier finde der Verfolgte —— — 35— Schrecken jeden Verbrecher, der ſich der Stätte nähert! Keine Gewaltthätigkeit ſoll je dieſen heiligen Ort befreveln! Hier winke dem müden Reiſenden eine gütliche Raſt, hier gefalle ſich ſelbſt der Gott der Liebe!“ Dieſe Wünſche brachte Erich in der ſüßen Schwärmerei ſeiner Leidenſchaft vor, und feierte hier mit ſeiner Geliebten das Andenken der erſten Zuſammenkunft mit Betheurungen ewig unerſchütterlicher Treue. Die Abenddämmerung begann ſich zu wölken und Lieschen forderte ihren Erich zum fortgehen auf. Er begleitete ſte nach der Mühle, und eilte dann nach Lan⸗ genburg. Den zweiten Tag traf Erich Lieschen nicht an dem verabredeten Orte. Er cit alſo nach der Hütte der Schützlinge ſeiiner Geliebten, und überraſchte ſie dort 3* in) der Ausüͤbung ihrer Milde. Er ſtand — 36— lange mit gerührten, auf Lieschen und die alten Hüttenbewohner, gehefteten Blicken da; plötzlich eilte er an den Tiſch,⸗ leerte fauf ſelben alles Geld aus, was er bei ſich trug. „Lieschen hat das ihrige gethan,“ rief er,„nun iſt die Reihe an mir.“ Die Alten wußten ſich nicht in das Glück zu finden, daß ſo unvermuthet un⸗ ter ihre Elendhütte gekehrt war, und ver⸗ mmochten vor Erſtaunen kaum einigen Dank vorzubringen. Erich ſtrich ihnen das Geld zu, und ſagte: „Nicht mir gebühret der Dank für ddie Ertheilung dieſer geringen Gabe, das Werk iſt ganz dieſes guten Mädchens, denn blos von ihrem Beiſpiel hingeriſſen, that ich, wozu ich mich ſchon längſt wen ſelbſt hätte entſchließen ſollen. Augch wuͤrde immer der gerechte Vorwurf atuf 1 — 37— mir geruhet haben, daß Dürftige mir ſo nahe waren, und ich um ihr Daſein mich nicht bekümmerte, nichts zur Linderung ihres Elends wirkte!“ Erich verſprach mit ſeiner Unter⸗ ſtützung fortzufahrrn, und dies um ſo mehr, da dieſe Leute die Veranlaſſung ga⸗ ben, daß er Lieschen kennen lernte. Hierauf bat er den Greis, ihm zu beich⸗ ten, wie er in ſo große Armuth gerathen und genöthigt worden ſei, ſeinen Wohn⸗ ſitz in dieſer traurigen Einöde zu nehmen. Da begann nun derſelbe folgende Er⸗ zählung: „Mein Geſchlecht, das den Namen Adlerſtein führt, iſt eines der älteſten in Deutſchland; der Glanz des Adlerſteini⸗ ſchen Hauſes wurde dadurch vermehrt, daß meine Ahnen bereits von den Karo⸗ lingern in die Klaſſe der Ritter erhoben. 3 wurden. Unſer Stammhalter heilte vor⸗ — 38— mals einen Prinzen aus dem kaiſerlichen Hauſe an einem innerlichen Gebrechen, gegen welches bereits die berühmteſten Aerzte damaliger Zeit ihre Kunſt vergeb⸗ lich verſucht hatten. Die Hebung dieſes Uebels bewirkte er durch ein in ſeiner Art ganz beſonderes Mittel. „Ein Araber von dem Heere des Zu⸗ ges nach Afrika und Spanien, trennte ſich von ſeinen Landsleuten, und machte eine Beobachtungsreiſe nach verſchiedenen Staa⸗ ten von Europa. AEr traf auf ſeinem Wege den Sitz unſers Stammhalters, und wählte dort zur nöthigigen Erhohlung ſeinen einſtweiligen Aufenthalt. Der lieb⸗ reiche Willkommen und die freundliche Bewirthung, nahm ihn für den Haus⸗ vater ganz ein. Zur Dankbarkeit für die liebreich erwieſene Gaſtfreiheit öffnete er ihm ein Geheimniß, das in nichts Gerin⸗ gerem als dem Mittel beſtand, alle Arten — 39— innerlicher Gebrechen des menſchlichen Körpers zu heilen. Dieſer Mann unter⸗ richtete nämlich ſeinen Gaſtfreund, den Zugang zu einem Adlerneſte, das gewöhn⸗ lich auf den höchſten und ſchroffſten Fel⸗ ſenſpitzen errichtet zu ſein pflegt, zu fin⸗ den, und dort zu einer gewiſſen Zeit ei⸗ nen Stein herauszunehmen. Er ſagte ihm weiteres, wie dieſer Stein zu Pul⸗ ver geſtoßen, und in einer ihm eigenen Auflöſung zum Tranke zu bereiten wäre. 4„Die heilſame Wirkung dieſer Arznei äußerte ſich mit einem entſprechenden Er⸗ folge an dem kaiſerlichen Prinzen, und unſer Vorfahr wurde von dem Monarchen 4 nebſt einer reichlichen Vergeltung in den Ritterſtand erhoben.— „Sein Wappen beſtand in einem Schilde, in welchem man auf einem gol⸗ *denen Felde einen grünen Stein bemerkte. „ So wie dieſe Arznei bei jeden Gebrauche 3 — 40— ihrem Zwecke vollkommen entſprach, wurde dadurch der Grund zu einem großen Reichthum für unſern Stamm gelegt. Allein Peter von Adlerſtein, ſo hieß un⸗ ſer Stammvater, iſtarb plötzlich an einem Schlagfluſſe, und mit ihm ging zugleich das Geheimniß von der Zubereitung der beſagten Arznei verloren, weil er die Grille gehabt hatte, ſie niemals Jemandem zu offenbaren. Unſer Geſchlecht verfiel alſo ſchnell wieder von dem höchſten Wohl⸗ ſtande zu einem ganz mäßigen Vermögen. Die Nachkommen widmeten ſich meiſtens dem Kriegsdienſte, und thaten ſich in den innerlichen Zwiſten der Prinzen des deut⸗ ſchen kaiſerlichen Hauſes zur Behauptung der guten Sache tapfer hervor, bereits in der dritten Generation, erhielt die Haupt⸗ linie dem Grafentittel mit einem verzierten armirten Schilde; die vornehmſten des Geſchlechts wurden zu Geſährten des n — 11— Kaiſers auf ſeinen Reiſen durch das deutſche Gebiet ausgewählt, und die Ael⸗ teſten zu Gliedern des adelichen Rathes beſtellt. „Da die Gegenparthei bei der zerrüt⸗ teten Reichsverfaſſung auf eine Zeit die DOberhand behielt, wurden die Adlerſteine aus dem Beſitze ihrer Herrſchaften ge⸗ bannt. Sie waren mit von dem Zuge nach dem heiligen Lande, trugen viel zu den Siegen des chriſtlichen Heeres bei, und da inzwiſchen in Deutſchland ihre Sachen auf einen beſſern Fuß gebracht wurden, ſo kehrten ſie wieder nach ihren Beſitzthüͤ⸗ mern zurück. „Der Stamm blieb mit abwechſelndem Glücke in ſeinem Zuſtande bis zum Aus⸗ bruche der bürgerlichen Fehden. Damals ſchien dem Fiore des Geſchlechts der Ad⸗ lerſteine das Ziel geſetzt zu ſein, die vor⸗ ls ziemlich ausgebreiteten Beſitzungen 5 8 — 142.— wurden theils durch mancherlei Unglücks⸗ fälle, theils durch Anmaßungen mäͤchtiger Gegner, nach und nach entriſſen, und der Stamm naäͤherte ſich ſeiner Erlöſchung. „Ein überlegener Feind machte dann mit einem Streiche unſrer Erxiſtenz ein Ende. Er bemächtigte ſich aller unſrer Güter und vertilgte vollends die wenigen noch übergebliebenen Nachkommen. Ich war der einzige der mit meiner Gattin den Verfolgungen entging. Das Harz⸗ gebirge diente zu meinem Schutzorte. In dieſer Waldung wählte ich meine Woh⸗ nung und bezog dieſe Hütte, die ich ver⸗ laſſen fand und zu unſerm Aufenthalte ein⸗ richtete. Dreißig Jahre ſind bereits ver⸗ ſtrichen, ſeitdem wir uns hier verborgen hielten. Alles Umgangs mit Menſchen entblößt, leben wir in der trautigſten Ein⸗ ſamkeit. Nicht Liebe zu müßiger Ruhe feſſelte mich an dieſe Verborgenheite. — 43— lange es meine Kräfte zuließen, den nöthigen Lebensunterhalt durch Handar⸗ beit zu gewinnen, baute ich ſorgſam die wenigen Aecker, die meine Hütte umga⸗ ben, allein die Schwäche, des durch Kum⸗ mer und Gram frühe herangenahten Al⸗ ters, hinderte mich bald gänzlich in dieſem einzigen mir überbliebenen Erwerbe. Ich und meine Gattin verfielen nun in den hülfsbedürftigen Zuſtand der Kindheit, und lebten blos von der Barmherzigkeit unſerer zufälligen Wohlthäter, worunter das edelmüthige Lieschen den erſten Platz verdient, weil wir ohne ſte, dem jämmer⸗ lichſten Hungertode ausgeſetzt blieben. Gott wolle es ihr und Euch, vortreflicher Jüngling! lohnen, was ihr mit ſo willigen Herzen an uns gethan habt!“ So beſchloß der Greis den Bericht von ſeiner Herkunft und der Niederlaſſung in dieſer Wildniß. Erich verſicherte das — 44— alte Ehepaar, daß von nun an ihr drückendes Schickſal gehoben ſei und ſie von ihm alle mögliche Unterſtützung zu hoffen hätten. Die Abendſtunde etſchien. Erich reichte Lieschen ſeinen Arm, und begleitete ſie, ſo wie er es immer zu thun pflegte, nach Hauſe. Erichs Aufenthalt bei ſeiner Mutter konnte für ihn nicht angenehmer ſein, als er es war. Jene Stunden, die er nicht mit Lieschen ver⸗ bringen konnte, widmete er der Jagd, oder Fiſcherei, und ſo ſchlich die Zeit heranun, die ihn wieder nach Mainz bexief, wo⸗ ſelbſt er noch einige Jahre in der Ritter⸗ ſchule zu verbringen hatte. Im künftigen Herbſte ſollte er in die Verſammlung der tournierfähigen Ritterſchaft aufgenommen werden. Vor jener Abreiſe nach der Stadt, beſchloß er ſich des Beſitzes ſeines Lieschens auf immer zu verſichern. Ei ſtill gefeiertes Eheverlöbniß im Beiſei —ꝛ— .. — 45— einiger zu Zeugen erbetenen Freunde, ſollte ihn auf immer mit dem Gegenſtande ſeiner zärtlichſten Sehnſucht verbinden; er verfaßte zu dieſem Zwecke ſelbſt eine Ur⸗ kunde, welche durch Siegel und Namens⸗ fertigung dieſem Bunde Kraft und Unum⸗ ſtößlichkeit gäbe. Noch hatte er aber ſei⸗ ner Mutter nicht das Geringſte ſeines Vorhabens entdeckt; und eben ſchickte er ſich an, ihre Einwilligung zu erbitten, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß die Sache hintertrieb. Es war um die Mittags⸗ ſtunde als Erich in Gertrauts Ge⸗ mache ſich befand, in der Abſicht, ſie zu ſeinem Vortrage vorzubereiten, als das Raſſeln eines Wagens, der vor der Veſte ſtehen blieb, Gertrauten und den jun⸗ „Beſuch um ſo befremdender, da ſchon ſeit gen Ritter ans Fenſter zog, um zu ſehen, eer da ſo ſpaͤt einzuſprechen käme. Der gahſtfreundlichen Matrone, war jetzt ein — 46— etlichen Jahren die Gäſte auf Langenhurg ſehr ſelten geworden waren. Ihr Er⸗ ſtaunen wuchs, da ſie den Ritter von Tort mit ſeiner Gemahlin aus dem Wa⸗ gen ſteigen ſah. Die Familie von Langenburg ſtand mit der von Tort in keiner Verbindung. Ja während den Verfolgungen, welche Erichs Vater von der Gegenparthei litt, bewies ſich jene gegen den Unglücklichen ſehr unthätig, da es ihm doch weder an Mitteln noch Gelegenheit mangelte, Lan⸗ genburgen, der ſie durch mehrere be⸗ zeigte weſentliche Dienſte ihm verbindlich gemacht hatte, beizuſtehn. Dieſer Beſuch mußte alſo Gertrauten ungemein auf⸗ fallen. Demohngeachtet empfing Erich die eintretenden Gäſte mit Freundlichkeit, und ſeine Mutter dieſelben auf die lieb⸗ reichſte Weiſe. Der Ritter von Tort un ſeine Gemahlin bewieſen ihr viele Ch⸗ — 47— bietung und ſagten, daß ſie ſich die Frei⸗ heit genommen haͤtten, hier um Herberge zu bitten, weil ihnen die Rüͤckreiſe von der Veſte eines ihrer Verwandten ſchlechten Wege halber erſchweret worden, und ſie ſich genöthigt ſahen, nach den vielen Un⸗ gemaͤchlichkeiten Erholung zu ſuchen. Sie blieben auf Gertrauts Bitten einige Tage in Langenburg, und beim Abſchiede drangen ſie ihr das Ehrenwort ab, daß ſte und Erich in nächſter Woche dieſelben auf ihrem Luſtſchloſſe mit einem Gegenbe⸗ ſuche beehren würden. Der Frau von Langenburg, die be⸗ reits eine geraume Zeit in ihrer Einſam⸗ keit ſich vom Umgange mit der vornehmen Welt entwöhnt hatte, ſiel das Verſprechen äußerſt hart; aber Erich drang in ſie die Reiſe vorzunehmen, die eben ſo ſehr dazin dienen würde, ihr Gemüth aufzuhei⸗ Lns a es die Klugheit nothwendig — 48— machte, das gute Einverſtändniß mit der Familie von Tort zu unterhalten, und durch keine Unhöflichkeit zu ſtören. Die Reiſe ging alſo zu der beſtimmten Zeit vor ſich. Sie langten in dem Schloſſe des Ritters, das nur eine kleine Tagereiſe von den Harzgebirge entfernt war an, und wurden auf das Freundſchaftlichſte auf⸗ genommen. In dem Geſellſchaftsſaale erſchien die Tochter des Ritters, Fräulein Kuni⸗ gunde, und ſtellte ſich den Gäſten mit einem Anſtande dar, der mit ihren ſelte⸗ neen Reizen im ſchönſten Einklange wirkte. Die Blüthe der Jugend prangte auf ihren Wangen, und Liebenswürdigkeit ergoß ſich über ihre ganze Geſtalt. Erich fand ſich jetzt in der Lage, Vergleichungen anzuſtel⸗ len zu müſſen. Er gab Lieschens Atu⸗ gen vor jenen den Vorzug, die ihn ſbetzt mit eben ſo vieler Anmuth, aber nichtirmit jenem durchdringenden Flammenblick 3 an⸗ — 49— ſchauten; zwar geſtand er eben ſo ſchleu⸗ nig ein, daß andrerſeits das Fräulein von Tort in ihrem Betragen und ihren Wor⸗ ten eine Erhabenheit der Seele zeige, die 4 ihm weder bei Lieschen noch bei einer andern jemals vorgekommen war. Wäre ſein Herz nicht bereits von der ſchönen Müllerstochter in unzerbrechliche Feſſeln geſchlagen geweſen, es würde des Fräu⸗. leins Gefangener geworden ſein, ſo aber blieb das Verhältniß verkehrt, und Fräu⸗ lein Kunigunde ſtreckte beim erſten An⸗ blick des jungen Langenburgs die Waffen. In dieſer Stimmung fand ſich dies Paar, da inzwiſchen Gertraut von dem Ritter von Tort und ſeiner Gemah⸗ lin in die prachtvollen Gemächer des Schloſſes eingeführt, alles genoß, was man einem ſchätzbaren Gaſte zur Erho⸗ lung und Gemächlichkeit anbieten kann. Den Tag darauf führte der Ritter von Das Hüfthorn. I. 4 3 Torl Gertrauten und Erich in ſein Kabinet, und trug ihnen folgendes vor: „Mein Stamm nahet ſich bekanntlich dem traurigen Punkte des gänzlichen Er⸗ löſchens, ich habe keinen Sohn. Die gu⸗ ten Eigenſchaften Erichs, ſo wie er ſolche in Mainz durch ſeine Handlungen zu erkennen gab, machten mich auf ihn aufmerkſam, und nach angeſtellter genauer Prüfung fand ich, daß er der einzige junge Ritter wäre, auf dem ich die Fort⸗ pflanzung meines nicht ohne Ruhm em⸗ porgekommenen Geſchlechts übertragen kann. Ich nahm mir alſo vor, ihn in meine Familie zu adoptiren, und mit mei⸗ ner Tochter zu vermählen. Er ſoll den Namen Tort⸗Langenburg führen, und ſo den Glanz beider Häuſer auf ſeine Nachkommenſchaft bringen. Meine Toch⸗ ter iſt, wie ihr ſehen mochtet immer ein gutherziges und ziemlich hübſches Mäd⸗ — 51— chen, das wohl einen tapfern Ritter zum Manne verdient.“ Der alte Ritter wandte ſich hierauf zu Erich, ſah ihn forſchend an, und ſagte, daß er es gleich bei der erſten Zu⸗ ſammenkunft mit Kunigunde bemerkt habe, wie dieſe ihm nicht gleichguͤltig ge⸗ blieben ſei. Das Maͤdchen aber, fügte er traulich ſcherzend hinzu, hat mir be⸗ reits durch einen Wink zu verſtehen ge⸗ geben, daß Ihr der Rechte wäret! es liegt alſo die Schuld nur an Euch, wenn wir mit der Hochzeit lange zögern. Der raſche Greis war in ſeinen Hoffnungen ſo ſicher, daß er gar nicht vom Werke kam und ſich wieder ſchnell zu Gertrauten kehrte, indem er gerade behauptete, daß er gar nichts fände, was man gegen ſeinen Plan einzuwenden 44 te; da das Geſchlecht von Tort von un ſo guten ruhmvollen Adel als ſenes 4* der Langenburge wäre; und uberdies letzteres bei dem Handel noch gewönne, wenn es durch Erheirathung eines aus⸗ gebreiteten Vermögens ſich wieder plöͤtzlich zu dem vorigen Glanze hinangebracht ſähe. Die Frau von Langenburg be⸗ eigte über den Antrag des Ritters von Tort viel Vergnügen. Denn obgleich er derſelben in etwas demüthigend klang, ſo gab ſie doch dieſe Unannehmlichkeit gegen die Vortheile auf, die das Geſchlecht der Langenburge durch die Vereinigung mit dem Hauſe von Tort erhielte. Letz⸗ teres war ungemein reich, und hoch be⸗ rühmt in der Claſſe der Edeln. Lan⸗ genburg brauchte unmaßgeblich eine Unterſtützung dieſer Art, um ſich aus ſei⸗ ner Dunkelheit zu vormaligen Anſehen em⸗ por zu entwinden. d Ueber dies kritiſche Ding ſinneid 53 blickte Gertraut auf ihren ſuchte wahrzunehmen, was To traͤge auf ihn gewirkt haben, aber rem Erſtaunen entdeckte ſie Angſt Verwirrung auf ſeinem Geſichte. Au dem alten Nitter entging Erichs Betrof⸗ fenheit nicht; er wurde darüber unwillig und ſagte, in der Meinung, die uner⸗ warteten Glücksanträge hätten den jungen Mann außer Faſſung gebracht, daß er kein Freund von Zeremonien der Zurück⸗ haltung ſei, und es gerne ſähe, wenn man frei und offenherzig mit ihm ſpräche. Er half ihm ſelbſt aus ſeiner Verlegen⸗ heit und ſagte, er wolle ihn nicht mit ſei⸗ nem Plane überrafchen, ſondern ihm alle Muſe zu ſeinem Entſchluſſe gewähren, aber Tort verließ dann mit ziemlich bar⸗ ſchem Blicke ſeine Gaͤſte, um ihnen Weile zu laſſen, daß was er ihnen vorgeſchlagen, zwangfrei untereinander zu verhandeln. rich mit ſeiner Mutter ſich ind, warf er ſich zu ihren Fü⸗ legte ein treues Bekenntniß ſei⸗ eingegangenen Verbindung mit Lies⸗ en ab, bat zugleich auf eine Art um ihre Einwilligung die es ihr wahrſchein⸗ lich machte, daß Trennung von ſeinem Liebchen ihn zu fürchterlichen Entſchlüſſen bringen dürfte. Gertraut gerieth hierüber in die äußerſte Beſtürzung⸗ Sie ſchildete ihm die übeln Folgen, die eine abſchlägige Antwort auf des mächtigen Torts An⸗ träge hervorbringen müſſe.. 3„Es iſt um uns geſchehen, mein Sohn,“ ſagte ſie,„wenn der Ritter er⸗ fährt, daß ein Müllermädchen ſeiner Toch⸗ ter wäre vorgezogen worden; der Stolz und die Rachſucht dieſes Mannes iſt all⸗ bekannt. Wir ſind das Ziel ſeiner grim⸗ migſten Verfolgung, ſobald er ſeine Groß⸗ muth verſchmähet, ſeine koſtbaren Aner⸗ bietungen ſo ſchimpflich zurückgewieſen ſieht. Seine Rache wird ſich blos mit unſerem gänzlichen Verderben: endigen, und nichts wird uns gegen ſeine Macht ſchützen können.“ Die Ermahnungen der Frau von Langenburg konnten Erich von den Banden ſeiner Geliebten nicht befreien. Er blieb derſelben unerſchüttert treu, und be⸗ theuerte, er wolle eher alles Uebel über ſich herſtürmen laſſen, als daß er die hintanſetzte, die ihm theurer als ſein Le⸗ ben ſei. Er drang immer heſtiger in ſeine Mutter, endlich beſtürmte er ihr Herz— ſchluchzend ſiel ſie ihm um den Hals und die Einwilligung tönte aus ihren beben⸗ (den Lippen. Zum Glücke ließ ſichs der Ritter von Tort beifallen, mit den Hei⸗ rathsgeſchäfte etwas bedachtſamer zu Werke zu gehn; er gab der Frau von Langen⸗ burg und ihrem Sohne einen Monat Friſt zur beliebigen Erklärung; bedang ſich aber, daß dieſe ihm ſchriftlich behän⸗ digt werden müßte. Erich blieb mit ſeiner Mutter noch einige Tage auf dem Schloſſe Tort, und dann erfolgte die Rückreiſe nach Langen⸗ burg. Gleich den zweiten Tag nach ihrer Ankunft, eilte er, ſein Lieschen außuſu⸗ chen. Er harrte auf dem verabredeten Platze bis ſpätes Abens. Allein Lies⸗ chen kam nicht. Folgenden Tags wie⸗ derholte er dem Beſuch, und Lieschen kam abermals nicht. Nun begab er ſich nach der Hütte des alten Adlerſtein, und erfuhr, daß „auch er Lieschen ſchon lange nicht ſah. Dieſer Umſtand gab Erichen viele Be⸗ K ſorgniß. Er verweilte den Tag über in der Hütte, ging auch ettiche Male auf den Hügel, um von dort das geliebte Mädchen irgendwo hervorhüpfen zu ſe⸗ hen; aber traurig kehrte er immer wieder tn die Hütte zurück, und die lange Be⸗ ſorglichkeit trieb ihn unmuthig umher. Schon brummte die Abendglocke vom Klo⸗ ſterthurme hinter dem Walde, ſchon hatte ſich das Spätroth ganz vom Himmel ge⸗ zogen, und der ſchwarzen Hülle einer ge⸗ woͤlkigen Nacht den Platz geräumt, als der Schall eines Jagdhorns dreimal im ganzen Walde wiederhallend ertönte. Erich fühlte ſich trotz ſeiner angeborenen Unerſchrockenheit von dieſem Schalle, von unerklärbaren Schauer ergriffen. Er ging nach der Hütte, und fragte die Alten, wer in dem Walde um ſo ſpäte Zeit Jagd hielte, deun er hätte dreimal ins Horn ſtoßen gehört. „Niemand jagd da,“ antwortete Ad⸗ lerſtein,„es findet ſich aber hier ein Erzmit der an ſeiner Hüfte ein Horn trägt, und nach der Abendglocke in daſ⸗ ſelbe zu dreimalen ſtößt, um dadurch aus dieſer Gegend die Geſpenſter, die ſonſt hier fürchterlich zu erſcheinen pſtegten, zu verſcheuchen. Er läßt ſeine Melodie nur zu gewiſſen Zeiten hören, und noch ſelte⸗ ner ſich ſelbſt ſehen. „Noch um dieſe Zeit, da wir dieſe Hütte zu bewohnen anfingen,“ fuhr Ad⸗ lerſtein fort,„wurde der Bezirk durch Erſcheinungen böſer Geiſter ſehr hart mit⸗ genommen. Nach dem Geläute der Abend⸗ glocke ſcheute ſich Jedermann vor die Stu⸗ benthür zu treten, denn da zeigten ſich Geſtalten, deren bloßer Anblick tödtliche Schrecken verurſachte. Schwarze rieſen⸗ hafte Männer mit funkelnden Augen, fürchterlich mit Ketten klirrend, ſchwärm⸗ ten in dieſer Gegend, und jeder, dem dieſe Erſcheinung aufſtieß, wurde auf das hef⸗ tigſte erſchüttert. Nicht ſelten geſchah es, — 63— hörte immerfort von neu angefangenen Liebſchaften, nahen Cheverlöbniſſen, kurz⸗ weiligen Liebesbegebenheiten, während un⸗ ſer Fräulein auf ihrem Poſten ganz un⸗ angefochten blieb.* „Die Jahre begannen fortzuruͤcken; ſte erreichte das Alter, in welchem Liebe lächerlich zu werden beginnt und verzwei⸗ felte je zum Ziele ihrer Wuͤnſche zu ge⸗ langen. Voll des bitterſten Unmuths verfluchte ſie ihr Schickſal, und in einem Anfalle wilder Erboßung ſprach ſie das Gelübde aus, einen Bewohner der Un⸗ terwelt zu ehligen, wenn ein ſolcher ſich als Freier meldete! Dies könnte fabel⸗ haft ſcheinen, wenn nicht mancherlei Bei⸗ ſpiele aus der Erfahrung lehrten, wie weit der Gram über ihr trauriges Loos — 64— gend, als ſie einem Mann zu Pferde nach dem Schloſſe heran traben ſah, und bald gewahxte ſie, daſſ ihr Gaſt ein junger an⸗ muthsvoller Ritter ſei. Er wurde auf das Freundſchaftlichſte empfangen, und in die Prachtgemaͤcher eingeführt. So we⸗ nig ſie ſich zurückhielt ihm Freude und Zufriedenheit über ſeine Ankunft zu be⸗ kennen, in eben dem Maaße ließ er die Urſache ſeiner Erſcheinung nicht lange ein Geheimniß ſein; aus ſeinen Lippen ſtrömte wie Honig für ſie die Meldung, daß er angekommen ſei, ihr ſeine Hand anzu⸗ tragen.“ „Ich bin aus Thüringen,“ ſprach er, „meine Familie, die ſich daſelbſt niederge⸗ laſſen hat, iſt anſehnlich durch ihren alten Adel, und mächtig durch den Beſitz aus⸗ — R in baarem Gelde einberaumten Vermö⸗ gens. Die Gegend hier gefällt mir eben ſo wohl, als die Beſitzerin dieſes Aufent⸗ haltsorts, den ich freudenvoll mit ihr thei⸗ len will, wenn ſie keine Abneigung gegen mein Herz und meine Hand fühlte.“ Dieſer raſche Antrag des ſchönen Fremdlings wurde von dem Fräulein mit offenen Armen aufgenommen. Trotz der Etiquette des damaligen Jahrhunderts, welche jedem Fräulein die Bürde auf⸗ legte, auf den angemeſſenſten Heirathsan⸗ trag zum erſtenmale alles Gehör zu ver⸗ ſagen, und nur erſt, wenn derſelbe nach einiger Zeit wiederholt wurde, mit etwas Vertröſtung zu beantworten, ſchlug Frau⸗ lein Iſidore(dies war ihr Name), ohne lange Ueberlegung in des Ritters Begeh⸗ ren auf der Stelle ein; und nicht genug an de n, beſtand ſogar im Uebermaße ihrer ahſe Banncen darauf, daß er den t. 8 Huͤfthorn. I. 5 Handel nicht lange verſchieben möchte. Der Ritter gelobte ihrem Wunſche ſchleu⸗ nigen Gehorſam, und reiſte nach einigen Tagen zur Herbeiholung ſeiner Baar⸗ ſchaft ab. Nach ſeinem Abzuge bewies ſich das Fräulein außerordentlich munter.“ „Nun Brigitchen!“ ſprach es zu ihrer Zofe,„wie findeſt Du den ſchönen Ritter, der mir den Beſuch machte. Du mußt geſtehen, daß er der feinſte Mann ſeines Geſchlechts iſt. Er läßt alle un⸗ ſere Ritter weit hinter ſich zurück. So viel Vorgüge findet man nicht in einer Perſon verxeinigt. Und dieſer Gaſt, was denkſt Du wohl, warum er hierher ge⸗ kommen iſt? Aus keiner andern Abſicht, als um mich zu werben. Siehe, wenn man zu harren weiß, die Gelegenheit ab⸗ wartet, wie einen dann das Glück von ſelbſt auffucht!— 8 „Aber Du beweiſeſt ja über naein — * — 67— günſtiges Schickſal nicht die geringſte Freude, ſtehſt da mit ernſthafter feierlicher Miene. Sollteſt Du wohl mein Glück beneiden?“ „Nein!“ antwortete die Zoſe,„das wolle Gott verhüten, daß ich das Gute, das meiner Gebieterin widerfährt, ihr mißgoͤnnen ſollte. Allein ein beſonderer Umſtand, der mir bei der Sache auffäͤll, macht mich wegen der Zukunft beküm⸗ mert. Ich bemerkte an ſeiner Perſon et⸗ was, daß mich mit einem Grauen erfüllte, deſſen ich lange nicht loszuwerden be⸗ fürchte.“ „Und was war dies,“ fragte Iſi⸗ dore?“ „Ich erblickte,“ ſetzte die Zofe fort, „daß es mit dem einen ſeiner Füße nicht richtig ſei; kurz— ich ſah einen Geis⸗ fuß.“— „Du haſt nicht unrecht,“ verſetzle 3 r1 — 6s8— lächelnd das Fräulein,„der eine ſeiner Füße mag, ſo ſehr er es zu verbergen ſucht, ein ächter Geisfuß ſein, aber was verſchlägt das bei einem, ſo wie ich ſah, 1 ſonſt wohlgeſtaltetem Manne. Kein Menſch iſt ohne körperliche Gebrechen, und Geis⸗ füße findet man mehr als Du glaubſt. Dieſer Ritter wuͤrde mir gefallen, ſollte er auch noch Bockshörner an der Stirne h. Bockshor haben!— . Da aber die Zofe auf die Bedenk⸗ lichkeit ihrer Ausſage beſtand und dem Fräulein mit Bitte und Warnungen zu⸗ zuſetzte, vorſichtig in ihrem weiteren Be nehmen mit den Fremden zu ſein, lief ſſe beinahe Gefahr davon gejagt zu werden. Iſidore arbeitete nun aus allen Kräften an den Zurüſtungen der bevorſte⸗ henden Vermaͤhlungsfeier, nahm mit freu⸗ digem Weſen die Glückwünſchungsbeſuche der Nachbarſchaft an, ſtellte ſich überall 4 — als Braut vor und raͤchte ſich an Den. jenigen, die ſie kurz zuvor noch wegen ihrer Seniorität aufzogen, mit der demü⸗ thigenden Einladung zur Hochzeit. Nun ward alles zu einem glänzenden Beilager in Bereitſchaft bebracht, und der thüringiſche Ritter erſchien in einem ſchimmernden Zuge ſeines Gefolges auf dem Schloſſe des Fräuleins. Er führte mit ſich viele Wägen, mit Gold, Silber und andern Koſtbarkeiten beladen, und machte mit allen dem ſeiner Braut ein Geſchenk, welche, da ſie dieſe Reichthü⸗ mer überſchaute, vor Erſtaunen außer Faſſung gerieth und ſich auf den Gipfel menſchlicher Glückſeligkeit gehoben zu ſein dünkte. Das Vermahlungsfeſt ging mit einer faſt königlichen Pracht vor ſich. Der Aufwand des Gepränges überſtieg alle Vorſtellung, die man ſich von einer Feier — 70— dieſer Art zu machen fähig war. Gaſter⸗ eien, Bäͤlle, Tourniere und Jagden wech⸗ ſelten viele Wochen hintereinander ab. Alles ſchwamm in Wonne und Entzücken, und lange Zeit darnach konnte man noch nicht von dem Erſtaunen über die Größe des Aufwandes während dieſer tronlicen Tage zurückkommen. 4 Iſidore hatte durch dieſe Heirath vich nur das Glück, aus einem ziem alten Fräulein eine ziemlich junge geworden zu ſein, ſondern die Gefälligkeit ihres Gatten übertraf auch noch alle Er⸗ wartung in Rückſicht der Anordnnng der Hauswirthſchaft und der Bequemlichkeiten, auf die eine Dame Anſpruch machen darf. Schon vorhin hatte er ihr bekannt gemacht, daß er für immer ſeinen Aufent⸗ halt in ihrem Schoße nehmen wolle; nun wurden auch alle Anſtalten getroffen, die Wohnung und derſelben ganze Bezirtke 4 3 — 21— mit Allem zu verſehen, was Reichthum und Geſchmack nur Großes und An⸗ muthiges zu liefern vermögen. Viele tau⸗ ſend Hände arbeiteten an der Ueberbauung des Schloſſes, welches bald als ein Mei⸗ ſterſtuͤck architektoniſcher Kunſt daſtand. Während ringsherum in der Nach⸗ barſchaft alle Schlöſſer mit ihren trauri⸗ gen gothiſchen Formen Schwermuth und Düſternheit um ſich her verbreitete, er⸗ freute der Anblick dieſes erneuerten Schloſ⸗ ſes das Auge des vorüberziehenden Wan⸗ derers. Das Gebäude ſchien von einem griechiſchen Meiſter entworfen und von einem italieniſchen verziert zu ſein. Von beiden Flügeln liefen Gallerien in ſchön⸗ ſter corinthiſcher Säulenordnung und bil⸗ deten einen majeſtätiſchen Vorhof, in wel⸗ chem zwei koſtbare Fontainen mit mar⸗ nernornen Gruppirungen prangten. Ueber Lder Dachung des Schloſſes erhob ſich eine gen und Wohlleben geweihter Tempel, — 22— vergoldete Kuppel, die aber nur dem ſie umgebenden Luſtgarten zum Salon diente. Wer alles dies in der Nähe, und dann die unſchätzbare Ausſchmückung der Säle und Gemächer ſah, mußte ſich in eine Feenwelt verſetzt duͤnken, keine Graͤ⸗ ben, Wälle, Fallgitter und Zugbrücken verunſtalteten dieſe Veſte; der thüringiſche Ritter fürchtete keine Beſehdungen oder räuberiſche Ueberfälle; es ſtand ſchon in ſeiner perſönlichen Gewalt, Jeden mit Furcht und Schrecken zu verſcheuchen, der es wagte, mit feindlicher Abſicht den Be⸗ zirk dieſer Reſidenz zu betreten. Das Schloß war ein dem Vergnü⸗ eben ſo ſehr von Allen geſchätzt, als bewundert. 8 Die innere Einrichtung übertraf vol⸗ lends alles, was Kunſtfleiß und Künſtlern erfindung nur herbeiſchaffen konnten. Die ——— — — 23— Wände waren mit Goldſtoff bedeckt; per⸗ ſiſche Teppiche über den Fußboden ge⸗ ſpannt; kriſtallene Rundleuchter von un⸗ ſichtbaren Magneten in der Luft gehalten; Spiegel, die eine ganze Wand einnahmen und den Proſpekt großer Saͤle um ein ganzes verlängerten; Ruhebetten mit Springfedern, die, wenn man darauf Platz nahm, die ſchönſten Melodien anſtimmten; und endlich Flugmaſchinen, mittelſt wel⸗ cher man des Treppenſteigens überhoben war, weil ſie Jeden, der ſich darauf ſetzte, in die oberen Geſchoſſe ſchwangen und wieder nach Belieben herabließen. Alle Geräthſchaften im Hauſe hatten einen außerordentlichen Werth. Käſten, Schränke, Tiſche und Verſchläge waren von Eben⸗ holz mit Perlenmutter und Gold ausge⸗ legt. Selbſt die Treppen waren aus ei⸗ uer Ar Getäfel, woraus man anderwärts — 74— höchſtens nur Schmuckkäſtchen verfer⸗ tigt ſah.. Jugend und Schönheit erblickte man an allen Klaſſen der vom Ritter mitge⸗ führten Dienerſchaft, deren Kleidung voll⸗ kommen der prachtvollen Rlelden ent⸗ ſprach. Wahrhaft blendend ager war der Pomp, wenn Iſidore mit ihrem Ge⸗ mahle im feſtlichen Aufzuge irgendwo zu Gaſte erſchienen, oder einer geladenen Ge⸗ ſellſchaft zu Ehren eine Luſtjagd veran⸗ ſtalteten. Gewiß zogen die prachtliebenden Helden des Orients nicht mit ſo vielem Reichthume und Schimmer auf Eroberung großer Länder aus, als ſich hier die hohe Geſellſchaft zu dem Fange einiger Haaſen und Eichhörnchen mit Gold und Sehmut⸗ wert überlud. Es war in des Thäringers Schlo 4 — 75— ſtets offene Tafel, zu der mancher gela⸗ dene arme Rittersmann freudig ſeinen hungrigen Magen ſchleppte, und war er geſättigt, neidiſch das Uebermaaß des Reichthums ſeines Nachbars betrachtete. Sollte hier Iſidore nicht mit Ent⸗ zücken ausrufen: wie glücklich iſt mein Loos! auch rief ſie es lange hin, da die erfinderiſche Gefälligkeit ihres unſchätzba⸗ ren Gemahls mit jedem Tage neue Ver⸗ gnügungen für ſie ſchuf. Endlich ging ſeine feine, für einen Ehemann aus der großen Welt muſter⸗ hafte Lebensart ſo weit, daß er ihr nicht nur unbegrenzte Freiheit im Umgange mit den häufigen Gäſten aller Art geſtattete, ſondern auch nichts zu wiſſen und zu be⸗ greifen ſchien, wenn er ſie auf einem Ab⸗ ſprunge von der ehelichen Treue ertapte; ja er ſorgte ſelbſt dafür, daß ſich immer etliche vom Auslande der ſchönen Ritter⸗ ſchaft zugegen befanden, ſeinem lieben Weibchen die Zeit angenehm zu kürzen; was dieſe Herrchen auch nicht mit ſonder⸗ lichem Widerwillen thaten, weil Iſido⸗ rens ungeheures Nadelgeld für ihre An⸗ beter eine wahre Freude ward. Nur ein einziges Verbot ſchärfte ihr der gütige Gemahl mit fürchterlichem Nachdrucke ein, nehmlich die gänzliche Un⸗ terſagung des Umgangs mit einem Geiſt⸗ lichen. Sie mußte ihm mit einem ſchreck⸗ lichen Eide geloben, daß ſie hierin nie ſeinem Willen zuwider handeln würde, mußte erfüllen, was er forderte, ohne nach dem Beweggrunde des ſtrengen Verbots zu forſchen; ſonſt aber außer dem Schloſſe Luſtrelßen zu ihren Bekannten vorzuneh⸗ men, war ihr nicht eingeſtellt, obgleich der Ritter es immer lieber ſah, wenn ſie ſich zu Hauſe hielt; er hatte ja hinlänglich dafür geſorgt, daß ſie nie von langer nichts zeigte, woraus ſich ein zerrüttetes Weile befallen wurde. nie einſam auf ihrem Schloſſe. Immer gab es Beſuch von fremden Gaͤſten, die nur der Ritter kannte. So lebte Iſidore mit ihrem Gat⸗ ten und ſeinen Freunden, als ihre oben erwähnte Zofe neue Anfälle von Viſionen bekam. Zwar wagte ſie es nicht mehr, gegen ihre Gebieterin darüber laut zu werden, aber endlich fand ſie ſich gedrun⸗ gen, nach dem nahe gelegenen Kloſter zu eilen und ihr ſchreckliches Geheimniß, wie ſie es nannte, daſelbſt einem im Rufe gro⸗ ßer Froͤmmigkeit ſtehenden Prieſter zu offenbaren. Anfangs wollte er ihr keinen Glau⸗ ben beimeſſen und hielt ſie geradezu für eine Närrin, weil ſie ihm gar zu bunte Dinge erzählte. Da ſie aber auf ihrer Ausſage beſtand und ihr Betragen ſonſt Sie blieb auch — 78— Gehirn ſchließen ließ, überdachte er den ſonderbaren Bericht mit ſtrenger Prüfung, und das Reſultat ſeiner Erwägungen war, daß Gott mittelſt der Ausſage des Mäd⸗ chens und ſeiner prieſterlichen Hülfe die Seele Iſidorens retten wolle. Freilich enthielt die Entdeckung be⸗ ſagten Mädchens dem erſten Anſcheine nach wahrhaft tolles Zeug, indeß hatten ihre Worte Zuſammenhang und, ſo wie Iſidorens unverhoffter und beinahe un⸗ ermeßlicher Reichthum ſchon allenthalben Verdacht erregte, hinlängliche Begrün⸗ dung. Der wichti gſte unter mehreren ſchreck⸗ lichen Punkten der Ausſage war, daß Iſidorens Gemahl ſchon dreimal an zweien ſehr entfernten Orten zugleich ge⸗ ſehen worden und daß ſeine Bekannten, die im Schloſſe als Gäſte von vorgeblichen weiten Herreiſen aus dem thüringer Lande einſprächen, ſämmtlich gleich ihm Geisfüße hätten. Der Mönch hieß das Maͤdchen in⸗ deſſen das ſtrengſte Stillſchweigen beo⸗ bachten, und arbeitete einem ernſtlich ge⸗ faßten Vorſatze zufolge mit angeſtrengten Geiſteskräften daran, die Anmaßungen des böſen Weſens zu vereiteln und die Dame von deſſen Herrſchaft zu befreien. Er ver⸗ abredete es mit der Zofe, daß ſie bei ihm ſich wieder einſtellen ſollte, ſobald eine Zu⸗ ſammenkunft der unbekannten und ver⸗ dächtigen Ritter auf dem Schloſſe vor⸗ fiele. Sie verſprach ſeiner Weiſung nach⸗ zukommen und kehrte zu ihrer Frau zurück, unter pünktlicher Verſchwiegenheit der Zu⸗ ſammenkunft mit dem Mönche. Demohngeachtet kam der Ritter, der alles genau beobachtete, auf die Spur, daß man ſeinen Unternehmungen im Ge⸗ heimen entgegen arbeite. Er bemühte ſich, —— — 80 die Zofe theils durch eigene Ueberredun⸗ gen, theils durch die Anlockungen ſeiner Gattin, in den Bund mit einzuziehen. Da er aber nicht zum Zwecke gelangen konnte, ſo wurde ſie genau bewacht, um ihr jeden Ausgang aus dem Schloſſe unmöglich zu machen.. Inzwiſchen bereitete ſich der Mönch zur Ausführung der wichtigen Handlung durch Gebet, Faſten und Kaſteiungen vor. Er erfuhr durch dieſe Mittel, daß der böſe Geiſt ſein Werk zu hintertreiben trachte und aus dieſer Abſicht die Zofe gefangen hielt. Es währte nicht lange, ſo geſchahen Angriffe ſelbſt auf ſeine Perſon. Eines ziemlich ſpäten Abends wurde an die Pfortenthür ziemlich ſtark gepocht. Der Pförtner ſchloß auf und ſah einen unbekannten Mann mit einer Laterne und einem geſattelten Pferde, der ihn bat, den — 81— frommen Moͤnch eiligſt herbeizurufen, um einem Sterbenden, der ſich nach ſeinem geiſtlichen Zuſpruche ſehnte, beizuſtehn. Der Mönch gab der ſo dringenden Aufforderung nach, beſtieg das für ihm bereitſtehende Pferd und ritte im Geleite des Abgeſchickten, der ihm vorleuchtete. Er hatte bereits in den Wald hinein eine ziemliche Strecke Weges zurückgelegt, als er in die Einöde gelangte und nun auf den Argwohn verfiel, daß es mit dieſer Abrufung nicht richtig zugehen müſſe. Er ſtellte ſeinen Führer zur Nede. Dieſer ging aber weiter fort, gelangte auf die Spitze eines Felſens und ſogleich war das Pferd verſchwunden, der Mönch aber ſtürzte von der Höhe hinab. Verſehen mit Verwahrungsmitteln gegen die An⸗ griffe böſer Geiſter, konnte ihm nichts Uebles wiederfahren. Er ſtand unbeſchä⸗ Oge Hufthorn. I. 6 1 digt auf, und begab ſich wieder nach ſei⸗ nem Kloſter. Dies war nicht der einzige Fall, wo der ſchwarze Ritter ſeinen Gegner aus dem Wege zu räumen verſuchte, bevor er ihm ſeine Beute entriß. Er wagte wie⸗ derholte Anfälle auf ſein Leben durch Mit⸗ tel ſeiner hölliſchen Kunſt. Als ſonach der Mönch bald darauf aus dem obern Stockwerke des Kloſters die Treppe hinabſtieg, brach plötzlich eine Siufe unter ſeinen Füßen und er fiel hinab. Die Höhe war beträchtlich, dem⸗ ohngeachtet fiel er ſo weich, als wäre er ein Federbet te fanft herabgeſunken. Er verſpe ete nun die mißlungenen Streiche des Geiſtes der Finſterniß und wankte ſeines Weges ungeſtört fort. Bei einem Spaziergange am Rande des Fluſſes erhob ſich plötzlich ein heftiger Sturmwind, ergriff den Moͤnch u ———.—. ————2„2.2:— ——;— — 83— ſchleuderte ihn in den Strom. Sein ihn geleitender Gefährte erſchrak über dieſen Fall und rief Leute zum Beiſtande herbei, allein der fromme Prieſter hielt ſich ſchwimmend oberhalb dem Waſſer, und gebot ihm Stille, indem er hohnlächelnd rief: „Seht, wieder einer der Streiche des Hoͤllengenies.“ Noch blieb der ſchwarze Ritter nicht ruhig. Er ſchickte einen von ſeiner Rotte nach dem Kloſter um dem Mönche auf⸗ zupaſſen und ihn zu erwurgen. Er über⸗ fiel ihn außer dem Bezirke der geweihten Stätte und faßte ihn mit ſeinen Rieſenar⸗ men, um ihn zu erdroſſeln. Der Monch, immer gerüſtet gegen Ueberfälle ſeines Feindes, hauchte den bö⸗ Geiſt an, und gleich einem leichten ederchen ward dieſer in die Luft hinweg⸗ blaſen. — 84— Dies war der letzte Streich, den der ſchwarze Ritter dem Mönche ſpielte. Ueber ſeine Neckereien ungeduldig, entſchloß die⸗ ſer ſich jetzt, keine Zeit mehr zu verlieren, um ihn ſelbſt in ſeiner Veſte anzugreifen, zu verdraͤngen und ihm ſeinen Raub zu entreißen. Er begab ſich alſo auf den Weg nach dem Schloſſe mit dem Vor⸗ nehmen, von dort durch ſeine Beſchwörun⸗ gen den böſen Geiſt auf immer zu bannen. dem Einfluſſe ſeines Feindes lag, ohne einigen Anſtand. Da er aber an die Grenzlinie gelangfe, innerhalb welcher der böͤſe Beſitzer des Schloſſes ſeine Tücke auszuüben, und diejenigen, die außer dem Bunde ſich fanden, von der Annäherung ſeines Sitzes zurückzuhalten pflegte, ſo empfand auch er einen mächtigen Wid ſtand. Er erreichte den Bezirk, der außer —— —— zurückgelegt und eine neue Schwierigkeit — 85— Ein Wind gleich den ſchrecklichſten Orkane ſtürmte ihm von dem Gebirge entgegen und machte ihm jeden Schritt vorwärts ſtreitig. Er hüllte ſich aber in ſeinen Mantel, ſchob die Kappe über den Kopf, und in feſter Zuverſicht einer gün⸗ ſtigen Wirkung ſeiner Mittel arbeitete er ſich auf ſeinem Wege fort. Der Wind begann ſich zu legen; al⸗ lein ſo wie der Mönch weiter kam, ver⸗ ſpürte er einen immer zunehmenden üblen Geruch. Dieſer wurde immer unleid⸗ licher. Erſtickende Dünſte hoben ſich zu gleicher Zeit empor. Der Moͤnch that beſchwerliche Athemzüge und ſog mit ſel⸗ ben die vergiftete Luft in ſich, doch ſie tödtete ihn nicht. Er ſiegte auch über dieſe Hinderniſſe und rückte immer mehr dem bezauberten Schloſſe näher. Die Haͤlfte des Weges war bereits — 86— ſtellte ſich entgegen. Ein Schwarm flie⸗ genden Ungeziefers ſtrich einer dichten Wolke gleich dem Mönche entgegen. Die⸗ ſes bedeckte ihn ganz, und verwundete iyn mit ſchmerzlichen Stichen, er konnte die Augen nicht öffnen, daß ihm nicht die Mücken wie Staub hineinflogen. Da er aber getroſt weiter fortſchritt, endigte ſich auch dieſe Neckerei. Er erreichte nun das eine Meile Wegs vor dem Schloſſe gelegene Thal, hier wurde er durch ein ſchreckliches Ge⸗ räuſch betäubt, grimmige Donnerſchläge, wildes Kriegsgeſchrei, Löwengebrüll, Heu⸗ len der Nachtvögel, alles dies fürchterlich durcheinander gemengt, ſchlug den Mönch darnieder. Er taumelte hin und her, ſchlich aber doch immer mit der äußerſten Anſtrengung ſeiner Kräfte weiter und ſetzte ſich dann auch über diefe Umſtände hinaus. — 87 Nun beſtieg er den dem Schloſſe ge⸗ genüber gelegenen Hügel und erblickte ei⸗ nen Haufen großer ſchwarzer Raubvögel ihm entgegen fliegen. Sie flatterten um ſeinen Kopf, und ſchon machten ſie ſich bereit, ihn mit ihren Klauen und Schnä⸗ beln zu zerreißen. Er achtete ihren An⸗ fall nicht und eilte nach dem Orte ſeiner Beſtimmung. Von allen Seiten her ſah er Feuer⸗ klumpen heranfliegen und ſich im Innern des Schloſſes niederlaſſen. Ein Getöne von mancherlei muſikaliſchen Inſtrumen⸗ ten ſchallte ihm entgegen, und das Ge⸗ räuſch der im Gebäude ſich aufhaltenden Leute, verbreitete ſich in der ganzen Ge⸗ gend. ardihrislan ein ſchrecklicher Donnerknall, die Luft füllte ſich mit Feuer, und das Schloß flog gleich einer ge⸗ ſprengten Mine mit fürchterlichem Krachen auf. Zentnerſchwere Steine wurden weit — 88— umher geſchleudert, Kalk, Schiefer, Dach⸗ ziegel regnete es von allen Seiten. Eine Wolke von gelöſtem Kalk und Sande ver⸗ dunkelte die Gegend, und bei allem dem Gräuel der Verwüſtung ſah man Iſido⸗ ren von einem Haufen abſcheulicher Flammengeſtalten durch die Lüfte geſührt. Der Mönch begann ſeine Beſchwö⸗ rung. Sie kam zu ſpät. Er ſah die Stücke Iſidorens zerriſſenen Körpers in die Tiefe fallen, die Erſcheinung ver⸗ ſchwand endlich unter lange nachhallen⸗ dem Donnern, und ſeitdem iſt der Ort wo das Schloß ſtand, eine öde verwil⸗ derte Gegend. Der ſchöne Säulengang, das prächtige Thor, der Balkon, die zier⸗ lichen Geſchoſſe, die aſe Kuppel, das Gebaͤude; alles war vor den Augen des Moͤnches verſchwunden. Nichts zeigte ſich ihm, als eine von Schwefel und Bech dampfende Brandſtelle.— — 89— Der Mönch ſtieg über die Trümmer hin, und hoͤrte das Geſchrei einiger um Hülfe rufenden Menſchen; er ſah ſich nach allen Seiten um und erblickte dann einige Perſonen von der Hausgenoſſen⸗ ſchaft der unglücklichen Iſidore auf ei⸗ nem Zimmergebälke, welches über einem unverſehrt gebliebenen Pfeiler des zer⸗ ſchmetterten Gebäudes ruhte. Mit vieler Mühe kletterte er hinan, half dieſen vor Angſt Halbtodten von der Höhe herab, und erkannte unter ihnen Iſidorens Mädchen, eben daſſelbe, welches ihm von dem ſchwarzen Bunde Bericht erſtattet und ſeinen Beiſtand erfleht hatte. „Ach ehrwürdiger Vater!“ rief ſie ihm zu,„war peiltet Ihr mit Eurer Hülfe? einen Täͤg früher und meine un⸗ glückſelige Frau waͤre gerettet!— ich brauche Euch jetzt nicht zu berichten was — 90— Ihr ſelbſt aus dieſem Anblicke hier ent⸗ nehmen könnt.“ Der Moͤnch ſegnete ſie und alle Umſtehenden, wies gegen Himmel und ſprach:. „Dort war es ſo beſchloſſen; lernt meine Kinder aus dieſem Schreckensbei⸗ 2 ſpiele, welches Schickſal den Gottvergeſſe⸗ nen über kurz oder lang trifft; Du aber, armes gutes Mädchen, ſei getroſt, Dein frommer Wille wird nicht unbelohnt blei⸗ ben; melde mir indeß das Umſtändliche dieſes ſchrecklichen Vorfalles, ſo viel es Dir bewußt iſt,“ „Wenige Tage vor ihrem entſetzen⸗ vollen Ende,“ begann das Madchen fol⸗ gende Erzählung,„ge mir Iſidore Dinge, die mich mit Schauder und Schrecken erfüllten. Ich war eingeſperrt um nicht mehr zu Euch entkommen zu können; ſie öffvete aber mein Gefängniß. ½ b — 91— „ Mit Todtenbläſſe und allen Merkmalen einer ſinnezerrüttenden Herzensangſt nä- herte ſie ſich mir, und rief: Brigitte! ich bin auf ewig verloren! Nun be⸗ ſtürmte ich ſie mit Fragen. Lange wollte ſie mir nicht antworten, indem ſie mit ſcheuen Blicken um ſich her lauſchte, und mir dann zu verſtehen gab, daß ſie nicht ſprechen dürfe.“ „Vertrauet auf Gott,“ rief ich ihr zu,„und fürchtet Niemand, wenn ihr mit reuigem Herzen ſeine Gnade erflehet.“ „Ach,“ erwiederte ſie,„ich habe dieſe Gnade auf ewig von mir geſtoßen— ich habe— habe mich— dem Teufel ver⸗ ſchrieben!“— „Da ich längſt ſchon geahn⸗ det und deshalb, ehrwürdiger Vater, Eure heilige Gegenwirkung aufgefordert hatte, hefremdete mich dieſes Geſtändniß wenig, jweil ich nun bei Iſidorens bezeigter 3 — Reue mir den beſten Erfolg von Eurer geiſtlichen Hülfe verſprach; ich tröſtete ſte damit und bat ſie ruhig, der nahen Ret⸗ tung entgegen zu harren; allein ſie neigte ſich zu meinem Ohre und ſagte mir ſehr leiſe, als ob es der Teufel hören könnte:“ „Vor meiner Vermählung ſchon wußte ich nur zu wohl, wer mein Freier ſei; voll Entſetzen zog ich mich zurück, da er ſich mir offenbarte, allein die Kraft ſeiner Verſprechungen des Neichthumes und des Wohllebens, in welches ich mich nach einem mit ihm geſchloſſenen Bunde befinden ſollte, riß mich hin. Ich ſchloß den Bund, und unterzeichnete ihn mit meinem Blute. Der Vertrag enthielt die Verbindlichkeit, mit ſich der böſe Geiſt anheiſchig machte, mich ſo lange in dem Genuſſe irdiſcher Freuden zu laſſen, bis ich ihrer überdrüſſig würde. Ich glaubte, dieſes könnte wohl hundert Jahre — 93— dauern; aber nun bin ich meines eben ſo thoͤrichten als gottloſen Sinnes über⸗ zeugt; ſchon jetzt, da ich kaum dieſe träu⸗ meriſche Glückſeligkeit zu genießen begann, fuͤhlte ich mich von allen Qualen des Ueberdruſſes gemartert, der um ſo pein⸗ voller für mich iſt, weil er nur mit dem höchſten Grade eines unglücksvollen Schick⸗ ſals enden kann, ich ſterbe ſchon jeden Augenblick den Tod der Verzweiflung, weil nun der Böſe nach meinem Gefühle volles Recht auf meine Seele hat; jeden Augenblick erwarte ich den fürchterlichen Schlag, mit welchem mein Körper zer⸗ ſchmettert und der unſterbliche Theil mei⸗ nes Weſens den ewigen Schreckniſſen der von Gott Peſ überantwortet wer⸗ den ſoll! Ich a nicht beten— nicht wünſchen, es iſt, als ob alle meine Empfindungen ſich in die einzige der Ge⸗ wißheit meiner Verdammniß zuſammenge⸗ — 94— draͤngt hätten. Wenn Du kannſt und willſt, ſo bete Du für mich! ich kann nur verzweifeln. „Iſidore warf ſich heulend an mei⸗ nen Buſen und zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper, und ich hatte alle Mühe, ſie von der Raſerei der überhand⸗ nehmenden Verzweiflung zurückzuhalten.“ Hier ſchienen die Umſtehenden ob des Mädchens Erzählung alle gehabten Schreckniſſe zu vergeſſen, und nur für den gaſchilderten Seelenzuſtand Iſidorens Sinn zu haben. Der Mönch aber ſtand ruhig da, faltete die Hände und rief: „Meine Lieben, ich bitte Euch, wan⸗ delt auf den Wegen Gottes!— ſo ſah ich ſchon manchen Menſchen auf dem Sterbebette vom Gewiſſen geſoltert!“ Das Maͤdchen fuhr dann unter Ver⸗ gießung häufiger Thränen fort: 5 „Ich fragte meine Gebieterin, w5 2 — 95— es doch geſchehen konnte, daß ſich der* Hoͤllengeiſt der prieſterlichen Trauung un⸗ 3 terzog, da er nie einem Geiſtlichen den Zutritt ins Schloß geſtattete.“ „Dieſer Verlegenheit,“ antwortete Iſidore,„entging er durch ein Blend⸗ werk. Unter ſeinem mitgeführten Gefolge befand ſich einer ſeines Gelichters in der Geſtalt eines Hauskaplans, von dem es hieß, daß er uns in der verſchloſſenen Kapelle, in welche nur die Zeugen, eben⸗ falls nicht beſſer als er, den Zutritt hat⸗ ten, getrauet habe.“ „Nun,“ ſagte das Mädchen,„war ich im Klaren, was es für eine Beſchaf⸗ fenheit mit unſerer prächtigen Hauswirth⸗ ſchaft hatte, un th meiner Gebieterin, während der Erwartung Eures Beiſtan⸗ des, den böſen Geiſt zu täuſchen und ſich zu ſtellen, als ob ſie noch weit von einem leberdruſſe der von ihm täglich erneuer⸗ — 96— ten Freuden und Luſtbarkeiten wäre; ich rieth ihr ferner, ſo viel ſie es ohne Be⸗ gehung eines Laſters thun könnte, an den verführeriſchen Vergnügungen Theil zu nehmen, und auf dieſe Art dem Vater alles Betrugs eine Naſe zu drehen. Aber der abgefeimte Böſewicht verſtand ſein Handwerk zu gut, um nicht zu gewahren, daß in Iſidorens Sinne eine Verän⸗ derung vorgegangen ſein müſſe. Ihre rothgeweinten Augen, ihr abgemergeltes blaſſes Geſicht, ihre ſcheuen wilden Blicke hatten ihn nur zu ſehr aufmerkſam ge⸗ macht, und ſchon wähnte er den Artikel ſeines Vertrags erfüllt und ſich berechtigt, ſeinen Gewinn in Beſitz zu nehmen; aber da er doch einen nie zu thun ſich fürchtete und ſeiner Sache durch volle Ueberzeugung gewiß ſein mußte, nahm er gegen Iſidoren ein äußerſt gefälliges und zutrauliches Weſen an, ſprach ängſt⸗ 4 — 97— lich uͤber ihr kränkliches ſchlechtes Ausſe⸗ 1 hen, und verſicherte ſte, daß, wenn etwa Zweifel über die Erfüllung ſeines gege⸗ benen Wortes ihr ſchmerzliche Beunruhi⸗ gung verurſachten, ſie nur wünſchen und befehlen dürfte, was er thun ſollte, um ſie von dem Ungrunde ihrer Selbſtkrän⸗ kung zu überführen.“ „Meine Freundin,“ ſagte er ihr vor der ganzen Dienerſchaft;„Du haſt die Welt noch nicht geſehen, fühlteſt Du den gar keine Sehnſucht, mit mir eine Reiſe in die ſehenswürdigen Länder zu machen, wo man eben ſo ſehr mit allen Ehrenbe⸗ zeugungen und glänzenden Bewirthungen Dich aufnehmen würde, als Du ſelbſt während der Reiſe und des verſchiedenen 1 † Aufenthaltes die Fülle angenehmer, durch 4 Neuheit und Ueberraſchung unſchätzbarer Zerſtreuungen genießen und Deinen Geiſt 7 — 98— Dieſe Rede wirkte auf die arme be⸗ trogene Iſidore, wie ein Feuerfunke die ſtärkſte Miene ſprengt; ihr Antlitz heiterte ſich auf, ſie war ganz Ohr für die rei⸗ zende Darſtellung der Ausſicht dieſes neuen genußvollen Lebens;— ſie ſprang von der Tafel auf, eilte zu einem Spiegel, und ſagte: „Wie ſoll ich Luſt fühlen, dies Ge⸗ ſicht zur Schau herum zu tragen?“ „Dem kann abgeholfen werden,“ antwortete der Höllengeiſt;„Du unter⸗ ſchreibſt einen neuen Contrakt, worin Du geſteheſt, daß Du der bisherigen Genüſſe und Freuden ſatt, nun durch meine Hülfe mit den Reizen der vollkommenſten Schön⸗ heit, die Freuden des gebens und der Be⸗ ſiegung der Herzen ſchmecken willſt, bis auch hier Ekel und Ueberdruß in Di entſtehen und mich meiner Dir zu leiſten den Dienſte befreien.“ f — 99— „Wie!“ rief Iſidore,„in Deiner Gewalt ſteht es, mich zur Schönheit um⸗ zuſormen? Beweiſe es, dann unter⸗ ſchreibe ich.“ Der böſe Geiſt führte ſfe vor den Spiegel zurück, hauchte ſie an— und that einen Schrei der höchſten Luſt, als aus dem Glaſe der Abglanz überirdiſcher Schönheit hervorſtrahlte. Sie gerieth vor Wonne außer ſich, als ſie handgreiflich von der Wahrheit dieſer Metamorphoſe überzeugt ward; in dieſem Freudenrauſche beging ſie tauſend Lächerlichkeiten, die nur ein eitles Weib vor den Spiegel treiben kann und vergaß ganz der geforderten Unterzeichnung, an welche ſie dann ihr gefällger Gemahl erinnern mußte. Hier dieſe Diener alle ſahen die Merkmale der Ungeduld auf der Stirne des ſchwarzen Ritters, als er mit de Zettel und der Ritznadel in der 7 ☛ — 100— 4 auf Iſidoren zuging und ſie zur Unter⸗ ſchreibung gleichſam nöthigte. Als das Blut aus ihrem Arme träu⸗ felte und ſie die Feder darein tauchte, ge⸗ ſchah eine Bewegung unter den anweſen⸗ den Gäſten und Freunden des Ritters, die uns Allen einen Schrei der fürchter⸗ lichſten Angſt erpreßte; aber Iſidore ſchien taub und blind zu ſein. Endlich wagte ich mich hin, um ihr die Feder aus der Hand zu reißen, da packte und ſchleuderte mich der Ritter in eine Ecke des Saales; auch dieſes gewahrte Iſi⸗ dore nicht, und— unterſchrieb.— Ein plötzlicher Schlag ſtreckte uns Allee darnieder; unter einem Gekrache, als zerfiele die Welt in Trümmer, ſtürzten die Mauern und das Gebälke des Schloſ⸗ ſes zuſammen; lange hielt uns der Feuer⸗ dampf, der aus dem geſpalteten Erdboden ſtieg und alles in einen dicken Nauch — 101— hüllte, über das Schickſal unſerer Gebie⸗ terin ungewiß.— Endlich aber erblickten wir mehrere Stücke ihres zerfleiſchten Körpers unter den Trümmern herumgeſtreut liegen. Nie⸗ mand von der Dienerſchaft war im ge⸗ ringſten verletzt, aber entſetzlich zeigte ſich uns jedoch unſere Lage, in der Ihr uns fandet, und wir danken dem Himmel, daß Eure Hülfe und Gegenwart wenigſtens uns retten konnte. Hier ſchloß das Mädchen ihre Er⸗ zählung, und der Mönch rief nach einer Weile tiefen Nachſinnens mit emporgeho⸗ benen Händen aus: „Herr, dein Wille war geſchehen, du ließeſt mein Gebet unerhört, weil du Sündern zeigen wollteſt, wie hart du ißbrauch deiner Gnade und Barm⸗ ald nach dieſem ſchrecklichen Vor⸗ — 102— falle ſtellten ſich in dem Gebiete des ver⸗ wüſteten Schloſſes die fürchterlichen allbe⸗ kannten Erſcheinungen ein. Alle Mühe war bisher fruchtlos, die man ſich gab, ſie durch mancherlei bewährte Mittel zu bannen; endlich aber bezog der ſonderbare Eremit dieſe verrufene Stätte, und wählte die Berghöhle, unfern dem Platze, wo das Schloß ſtand, zu ſeiner beſtändigen Wohnung. Er trägt ſtets ein Jagdhorn 2 an der Seite, und ſeitdem dieſes täglich 18 nach dem Abendgelaͤute zu drei wieder⸗ holten Malen erſchall, läßt ſich rings um in der ganzen Gegend keine Erſcheinung mehr ſehen.“ So endigte der alte Adlerſtein ſeinen hiſtoriſchen Bericht von dem Ur⸗ ſprunge des Geſpenſterweſens im Ha birge und der Wunderkraft des horns des unbekannten Eremiten. Erich, der ſich nie von Ge d 1 3 9 fülll, mit welchem Vorrathe ſie die Hüt⸗ — 103— furcht behaftet gefühlt hatte, konnte doch bei dem Eindrucke, den dieſe Erzählung auf ihn machte, nicht gegen dieſelbe gleich⸗ gültig bleiben. Die Mitternacht brach bereits an. Der Weg nach der Veſte von Langenburg von dieſer Hütte währte ei⸗ nige Stunden und ging größtentheis durch fürchterlich berüchtigte Strecken. Dieſe Umſtände zuſammengenommen, erregten in Erich den Entſchluß, die Nacht bei dieſem armen Chepaare zuzu⸗ bringen. Kaum hatte die Sonne mit ihren erſten Strahlen die Spitzen des Gebirges begrüßt, ſo machte er ſich auf, um ſeine Mutter wegen ſeines Außenbleibens ſo bald als möglich zu beruhigen. Beim Austritte aus der Hütte ſtieß ihm ganz unerwartet Lieschen auf. An ihrem Arme hing ein Körbchen mit Speiſen ge⸗ „ — 104— tenbewohner von neuem zu verſehen erſchien. Erich wurde durch dieſes Zuſam⸗ mentreffen auf das Angenehmſte über⸗ raſcht. „Himmliſches Mädchen,“ redete er ſie mit der zärtlichſten Miene an,„wie konnteſt Du es über Dein Herz bringen, ſo lange wegzubleiben und mich Deinet⸗ wegen beſorgt zu machen, oder iſt Dir meine Liebe von ſo geringen Belange?“ Jetzt begann ein verliebter Streit unter ihnen. Liechen warf ihm vor, daß er ſelbſt ſo lange ausgeblieben wäre, vermuthlich aus Gründen, gegen die ſie armes gerin⸗ ges Mäͤdchen nichts einwenden dürfte. Erich hatte alle Mühe, ſich gegen Mißtrauen und Verdacht zu rechtfertigen; zum Glück merkte er bald, daß es Lies⸗ chen ſo genau nicht nehmen würde, wenn — 105— er etwas Kräftigeres als Worte zu ſeiner Entſchuldigung gebrauchte. Da faßte er ſte um den ſchlanken Leib, ſtopfte ihr zän⸗ kiſches Mäulchen mit Küſſen, und trug ſte in die Hütte hinein. Lieschens mitgebrachter Speiſevor⸗ rath diente der ſämmtlichen kleinen Ge⸗ ſellſchaft zu einem genügſamen Mahle, daß unter munteren Geſprächen aufgezehrt ward. Sie erzählte dem Ritter nun die Ur⸗ ſache ihres langen Außenbleibens. Ihre Eltern hatten unvermuthet Gäſte bekom⸗ men, wo ſie zu deren Bewirthung einige Tage hindurch im Hauſe zurückgehalten war. Dieſer Vorfall, ſagte ſie, wäre ihr nun darum lieb geworden, weil er ſie in den Stand ſetzte, ihren alten Freunden einige gute Biſſen von der Gaſterei auf⸗ zubewahren; aber, fügte ſie lächelnd hinzu, daß Beſte ſoll morgen nachkommen; etwas — 106— das ganz allein nur für mein altes Vä⸗ terchen und Mütterchen da beſtimmt iſt. Während dem Frühſtücke kam auch noch Erich ſeinerſeits an die Erzählung ſeiner Begebenheiten auf der Veſte. Um Lieschen die Groͤße ſeiner Liebe für ſie darzuthun, verhehlte er nichts von dem ihm gemachten Antrage, das Fräu⸗ lein von Tort zu heirathen; er wagte es, ſie als ſchön und verſtändig zu ſchil⸗ dern und zu bekennen, daß, wenn nicht ſchon Lieschen ſein Herz erobert hätte, es den Reizen des Fräuleins nicht wider⸗ ſtanden haben würde. Erich glaubte ein Meiſterſtück von Kraſtbekenntniß ſeiner Liebe gemacht zu haben; aber wie ſehr überraſchte ihn nicht Lieschens plötzlehe Traurigkeit. Sie hob ſich plötzlich vom Tiſche, eilte ans Fenſter, und neigte ſich laut ſchluchzend auf demſelben nieder. — 107— Erich bemühte ſich den begangenen Schnitzer durch eine Ladung Schwüre und Betheurungen wieder gut zu machen; aber vergebens. Lieschen trocknete zwar ihre Thrä⸗ nen, ihr Mund ſtrebte“ durch ein heiteres Lächeln ihren rothgeweinten Augen zu wi⸗ derſprechen, aber zugleich ſagte ſie mit dem Ernſte beleidigter Zärtlichkeit und dem Jammer eines der ſchönſten Hoffnung be⸗ raubten Herzens: „Erich! der Anſprüche auf Eure ſtete Freundſchaft glaube ich mich berech⸗ tigt; auch Euer Andenken wird mir ewig werth ſein. Schönheit, Reichthum und Geburt ſind Eigenſchaften, mit welchen das Fräulein den Preis über mich davon trägt, mit denen ſie mich zwingt, Euch ſelbſt zu bitten, daß ihr Euren eigenen Vortheil, die Ruhe Eurer edlen Mutter, as Urtheil der Welt nicht einer — 108— Neigung nachſetzt, die fernerhin für Euch und für mit unglücklich werden dürfte. Lebt wohl! es iſt beſſer, wir ſehen uns nie wieder!“ Die Wahrheit, der Nachdruck und die Bedeutung, maa twelcher Lieschen dieſe letzten Worte ſprach, indem ſie da⸗ bei zugleich Erich einen Kuß auf die Wange drückte, erſchütterte ihn ſo ſehr daß er es kaum vermochte ihr nachzueilen, als ſie mit Haſt zur Thüre hinausſprang. Doch erreichte er ſie, faßte ihre beiden Hände, ſank vor ihr nieder und betheuerte bei Gott, daß ſeine Seele— von Er⸗ ſtaunen, Achtung und Liebe erfüllt— ſich nie von dem Gedanken, Lieschen zu be⸗ ſitzen, trennen könne! Er ſprach mit ſo vielem Drange ei⸗ nes redlichen liebenden Herzens, daß Lieschen beinahe nachgab und wieder in die Hütte zurücktrat, als— Adler⸗ — 109— ſtein ſie ſanft aus Erichs Armen zog und ſich mit folgenden Worten gegen ihn kehrte: „Erich,“ ſagte er,„Ihr ſolltet ſchon zuvor bemerkt haben, in welche Beſtür⸗ zung mich Eure Nachricht von dem Hei⸗ rathsantrage des Fraͤulein von Tort ſetzte; hört jetzt die Stimme eines redlichen Greiſes, der Euch von dem Abgrund zu⸗ rückreißen will, in welchen Ihr Euch zu ſturzen im Begriffe ſeid, wenn Ihr die Hand des Fräuleins durch eine münd⸗ liche, oder wie es gefordert würde, ſchrift⸗ liche Erklärung von Euch weiſet.“ Erich erſchrak über die Anrede des alten Adlerſteins ſo ſehr, daß er er⸗ blaßte und an allen Gliedern bebte. Die⸗ ſer Greis war ihm zwar als ein armer, aber ſehr erfahrner, weltkundiger und wahrheitsliebender Mann bekannt gewor⸗ den; uin ſo weniger konnte er an ſeiner — — 110— Redlichkeit zweifeln, da er ihm zum Danke der erhaltenen Wohlthaten ſchon manchen nützlichen Rath ertheilt hatte. Adlerſtein fuhr fort: „Es iſt ſchmerzlich für Euer Herz, was ich Euch zu ſagen habe; aber Eure Pflicht und Sicherheit machen es noth⸗ wendig. Ich kenne den Ritter von Tort. Seine Rachſucht die oft über Kleinigkei⸗ ten erregt wird, iſt eben ſo unbegrenzt als ſein Stolz. Das Haus Langen⸗ burg, vergebt mir den Ausdruck, kommt gegen ſeine Macht und ſein Anſehen in gar keine Betrachtung, ſo wie es in ſei⸗ ner Gewalt und ſeinem Willen ſteht, Euch zu Ehren und Reichthümern emporzuhe⸗ ben, eben ſo gewiß iſt es, daß Ihr den Folgen der Verſchmähung ſeines wohl⸗ wollenden Antrags ohne Rettung unter⸗ liegen würdet. Folget dem Beiſpiele die⸗ — 111— ſes edelmüthigen Maͤdchens und entſaget einer Ungluͤck drohenden Liebe.“ Erich, der ihn mit Ungeduld ange⸗ hört hatte, hob ſein von Thränen glän⸗ zendes Auge gegen Himmel und rief: „Gott ſei Dank, wenn ihr mir nicht mehr zu ſagen hattet!“— „Ich denke, es iſt hinreichend,“ ent⸗ gegnete der Greis,„um Euch zu einem vernüͤnſtigen Entſchluß zu führen.“ „Ja,“ antwortete Erich, indem er Lieschen an ſich drückte,„mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt, ſei er auch unvernünftig vor der ſtolzen Welt, er iſt doch nicht minder rein und heilig vor Gott. Ich habe Lieschen meine Liebe geſchworen; dieſem Schwur bricht nur mein Tod. Ich bin ein freier Mann, Niemand hat das Recht, mich in der wichtigſten Wahl mei⸗ nes Lebens zu ſtören; und wer es wagen wird, den ſoll nicht Macht, nicht Anſe⸗ hen, vor dieſem Schwerte ſichern!“ Adlerſtein ließ den feurigen Jüng⸗ ling ausbrauſen, dann verſuchte er es, neuerdings mit Gründen der Vernunft und freundſchaftlichen Zärtlichkeit in ihn zu dringen, aber was vermag in ſolchen ſtuͤrmiſchen Augenblicken der Rath des ſanften Weiſen gegen das Ungeſtüme ei⸗ nes entbrannten jugendlichen Gemüths? Adlerſtein mußte in aller Eile we⸗ nigſtens ein Mittel auffinden, wie er auf eine Art Erichen, der bindlings in ſein Verderben zu rennen im Begriffe war, vor der Hand retten konnte; er machte ihm den Vorſchlag, des Ritters von Tort Erwartung durch Verſtellung zu täuſchen, dann aber, wenn alle Vorkeh⸗ rungen gebrochen ſein würden, ſich mit Lieschen und ſeiner Mutter ins geheim nach einer entlegenen Bauergegend zu α——.„. — 113— geben und dort unbemerkt in einem ſtil⸗ len Leben der Erfüllung ſeiner Wünſche zu genießen. Erich, der offen und freimüthig zu handeln gewohnt war, behagte auch die⸗ ſer Vorſchlag wenig; doch verwarf er ihn nicht geradezu, ſondern verſprach ſich die Sache zu überlegen und führte Lieschen zur Hütte hinaus, um eine Strecke Wegs ſie nach der Wohnung ihrer Muhme zu geleiten. Ehe er von ihr ſchied, gab er ihr die kräftigſten Verſicherungen ſeiner unerſchütterlichen Treue, und Lieschen trennte ſich ziemlich aufgerichteten Muthes von ihm. Endlich verſtrich allmählich die Zeit, die der Ritter von Tort zu einer be⸗ ſtimmten Antwort anberaumt hatte. Zur Einhohlung derſelben langte jetzt ein Ab⸗ geſchickter auf der Veſte gnaee — 114— ihn bei der Wahl ſeiner Geliebten zu laſſen, fertigte Gertraut nicht ohne Ahndung einer unglücklichen Zukunft das Schreiben ab, worin vermeldet wurde, daß, da ihr Sohn ſich bereits vorher mit einer Geliebten verlobt hätte, er ſich die Chre verbitten müſſe, mit dem Fräulein verbunden zu werden. Erich dankte ſeiner Mutter für die ihm erwieſene ſo wichtige Wohlthat und verſprach alles zu thun, um das Uebel, welches aus der abſchlägigen Antwort entſtehen könnte, abzuwenden. Er ſuchte eiligſt Lieschen auf und meldete ihr die gute Botſchaft mit inniger Freude. Beide genoſſen das Vergnügen über den günſtigen Ausgang der Sache, und entwarfen Pläne zur Gründung des ihnen bevorſtehenden Glückes. g es nochl ob, eine kurze and das — 115— Probejahr in den ritterlichen Uebungen zu vollenden. Nach dieſem machte er ſich Hoffnung, den Poſten eines Marſchalls bei dem Prinzen von Oldenburg zu er⸗ halten und dann mit Lieschen ſich zu vermählen. Er bat ſie, die Sache bis dahin geheim zu halten. Der Tag zur Abreiſe wurde auf die künftige Woche feſtgeſetzt, und dazu ſollte ein Abſchiedsmahl in der Hütte Adler⸗ ſteins veranſtaltet werden, welches zu beſorgen Lieschen über ſich nahm. Der Trennungstag rückte bald heran. Erich erſchien in der Hütte, fand das Abendmahl bereitet, und nach einer klei⸗ nen Weile geno⸗ cer das Vergnügen, ſein eintretendes Lieschen zu umarmen. Alles zwang ſich zu einer guten Laune, bis die Abendglocke von der Bergkapelle F ſummen begann. Bald darauf hörte man das Hüft⸗ 8* — 116— horn des Eremiten. Dies war die Lo⸗ ſung zum Scheiden. Erich und Lies⸗ chen beurlaubten ſich von den Huͤttebe⸗ wohnern und gingen Arm in Arm auf die Straße. Sie waren bereits eine ziemliche Strecke von der Hütte entfernt, als aus dem Gebüſche ein Haufen Reiter hervor⸗ ſprengte, und, ehe der Ritter Zeit ge⸗ wann, ſich zur Wehr zu ſetzen, ihm ſein Lieschen aus den Armen riß. Einer von den Räubern warf ſie neben ſich auf ſein Pferd, und in einem Augenblicke wa⸗ ren bereits Alle mit der gehaſchten Beute im Innern der Waldung entflohen. Der auf das ſchrecklichſte betroffene Ritter hörte das Klagegeſchrei ſeines entführten um Hülfe rufenden Lieschen. Er ſprang auf, lief nach ſo wie wn der Laut führte, allein die Räuber waren 3 Pferde und ſo war es ihm unmöglich ſi 8 — 117 zu erreichen. Lieschens Stimme wurde immer ſchwächer, und verlor ſich dann vollends.— Erich gerieth auf Abwege. Bei der Finſterniß der Nacht ſtieß er hie und da an vorſtehende Aeſte und ſtürzte über die Wurzeln der Baͤume. Er nahm ſich aber vor nicht eher zu ruhen, bis er ſein Mäd⸗ chen aufgefunden haben würde. In die⸗ ſem Vorſatze trabte und kletterte er immer weiter, ohne zu wiſſen wohin ſein Weg gerichtet wäre. Nach einem weiten be⸗ ſchwerlichen Durcharbeiten durch das dichte Geſträuch erblickte er endlich in einer nicht zu großen Entfernung den Schimmer ei⸗ nes Lichts. Er ging darauf zu und ge⸗ langte an eine Felſenhöhle, worin Licht brannte.. Er trat in die Vertiefung und ſah einen Eremiten in einem vor ſich aufge⸗ ſchlagenen Buche leſen, das auf einer felee — — 4 — 118+— ſigen Erhöhung lag. Er erkannte ihn für eben denſelben, der nach dem Abend⸗ geläute zu blaſen pflegte, denn das Horn hing an ſeiner Hüfte. Das Geräuſch, das der Ritter im Eintreten machte, be⸗ wog den Eremiten ſich umzuſehen. „Das dritte Jahrzehnd bringe ich in meiner Einſamkeit zu,“ ſagte er zu Erich,„und kein Fremder erſchien in meiner Höhle. Kömmſt Du im Namen des Allgewaltigen ſo ſei von mir ge⸗ grüßt.“ Vergieb, ehrwüͤrdiger Vater,“ ant⸗ wortete Erich,„daß ich Dich in Deinen heiligen Betrachtungen unterbreche. Ein Unglück das mich hart traf, brachte mich in dieſe Einöde. Eine Nacht ſei mir vergönnt in Deiner ſtillen Wohnung zu⸗ zubringen, und dann will ich meinen Weg, wohin mich das Verhängniß ruft, weiter fortſetzen.“ — 119— Der Eremit hob ſich nun langſam von ſeiner falſigen Bank und empfing den Gaſt freundſchaftlich. Er fragte ihn, wie er in dieſe Wildniß gerathen ſei. Erich erzählte ihm unverhelt die Veranlaſſung ſeiner Verirrung. Beide nahmen Sitz auf einem breiten Stein, und da der Ritter, ehe er ſich zur nächt⸗ lichen Ruhe begab, von den Begebenhei⸗ ten ſeines Wirthes unterrichtet zu werden wünſchte, ſo leiſtete der Eremit mit fol⸗ genden Berichte über die Hauptumſtände ſeines Lebens der bezeugten Neugier, Genüge. 8 „Meine Abkunft iſt aus einem ade⸗ lichen und reichen Geſchlechte das meiſt in größtem Anſehen ſtand und die wich⸗ tichſten Ehrenämter bekleidete. Mein Va⸗ ter war der erſte Staatsrath eines mäch⸗ 1 na Landesbeherrſcher. Er hatte ganz deſſen Zutrauen gewonnen, entſchied alles — 120— durch ſeinen Entſchluß in allen Zweigen der Regierung, und auf ſein Verlangen wurde ihm endlich die Stadthalterſchaft in einer der größten Provinzen ver⸗ liehen. „Dieſer Poſten war gleich einträglich als erhaben, mein Vater ſammelte uner⸗ meßliche Schätze und führte einen beinahe königlichen Hoſſtaat. Durch ſein Glück übermüthig gemacht, ließ er ſich von ei⸗ nem unerträglichen Stolze hinreißen. Er behandelte ſeine Untergebenen ohne Unter⸗ ſchied als Sklaven, und ahndete jede Ver⸗ nachläſſigung ſeiner Befehle mit den krän⸗ kendſten Züchtigungen. „Je mehr er Reichthümer aufhäufte, um ſo unerſättlicher wurde er in deren Erwerbung. Bald ſcheute er die ſchimpf⸗ lichſten Mittel ſeiner Gewalt nicht mehr, um fremdes Eigenthum an ſich zu nißee Es war ihm ein Leichtes, Jedem des — 121— Hochverraths zu beſchuldigen, nach deſſen. Reichthuͤmern ihn gelüſtete; auch wußte er es durch verwickelte Rechtshändel, in die er ſich einließ, dahin zu bringen, daß ſie für ihm eine Quelle unermeßlicher Ausbeute wurden. Selbſt Gift und Men⸗ chelmord, ließ er nicht außer Acht, wenn er ſie zu ſeinen Abſichten bequem fand. „Er ſtarb endlich in der Behauptung ſeines Anſehens, und Hinterlaſſung ſeines großen Vermögens, das mir zwar ganz zufiel, aber wahrlich! ohne mich glücklich zu machen; die Art, wie mein Vater zu dieſen Gütern gelangte, beunruhigte mich unaufhörlich; ich ſah das Blut daran kleben, welches zum Himmel um Rache ſchrie. Ergoͤtzende Zerſtreuungen waren nicht vermögend meinen zunehmenden Trübſinn zu vertreiben. Mitten in mei⸗ nen Gaſtereien und glänzenden Feſten,. auf Reiſen und bei der Jagd erblickte ich — 122— Bilder von den gefallenen Opfern des Geizes und der Grauſamkeit meines Vaters. „Nicht einmal im Schlafe wurde ich von Geſpenſtern verſchont. Ich hatte Geſichte und Träume von blutenden Lei⸗ chen und umherwandelnden Seelen. Da ich in der Geſellſchaft der Menſchen keine Ruhe finden konnte, ſo beſchloß ich ſolche in der Einſamkeit aufzuſuchen. Ich be⸗ richtigte alſo die Angelegenheiten meiner Familie nach der Art, die ich als die zu⸗ träglichſte zur Befriedigung meines Ge⸗ wiſſens fand, und ohne Jemanden von meinem Entſchluſſe etwas zu entdecken, entzog ich mich gänzlich den Leiden der Welt. Unbekannt durchſtrich ich verſchie⸗ dene Länder und gelangte dann nach dem Harzgebirge, ich durchkreuzte die Waldung. Die zdeſte und wildeſte Stätte wählte ich zu meiner Wohnung. Es iſt eben die⸗ — 123— ſelbe, wo ich mich bis auf den heutigen Tag aufhalte. Dieſe Felſenſpalte bot ſich mir als eine gemächliche Klauſe dar. Ich fand hier alles zu meiner Niederlaſſung zulänglich, aber leider! noch nicht zur Gründung der Ruhe meiner Seele! „Geiſtererſcheinungen quälten mich hier mehr als vormals. Geſpenſter hiel⸗ ten mich in meiner Höhie gleichſam bela⸗ 1 gert. Ich konnte nicht ausgehen ohne von ihnen auf das härteſte mitgenommen zu werden. Schon wollte ich meine Einöde verlaſſen, als ich eines Abends auf dem Wege nach der Höhle ein Jagd⸗ horn fand, das, mit Erde und abgefalle⸗ nen Laube bedeckt, blos durch die Her⸗ vorragung des Mundſtücks in etwas ſicht⸗ bar ward. Ich zog es hervor und er⸗ kannte es nach der Art der Verfertigung als ein Werk eines hohen Alterthums. „Von jeher war es hier gewöhnlich, — 124— daß gleich nach dem Abendgeläute, das bis hieher von dem Thurme der Berg⸗ kapelle gehört war, die Geiſtererſcheinun⸗ gaen ſich einzuſtellen pflegten. „Eben zu der Zeit, da ich das Hoͤrn fand, tönte die Glocke mir entgegen, und ich eilte daher nach meiner Höhle, um den Anfällen der Geſpenſter zu entgehen. Das Geläute hörte auf, und ich ſah mich von den fürchterlichſten Geſtalten umge⸗ ben. Durch einen beſondern Antrieb ſetzte ich das Horn an meinen Mund und begann zu blaſen, alſogleich verſchwanden die Geſpenſter. Dieſe Wunderkraft des Hüfthorns befremdete mich; aber als ich etliche Tage hinfort den Verſuch mit demſelben immer glücklich fand, machte ich mir es mit unbeſchreiblicher Freude zur Regel in jedes Gebetgeläute mein Horn einſtimmen zu laſſen 3 „Dies Mittel befteite den Bezirk in — 125— einem beträchtlichen Umfange von der vormals ſo beſchwerlichen Geſpenſterplage. Ich werde auch durch keine Erſcheinun⸗ gen weiter beunruhigt, und meine Ein⸗ ſamkeit wurde mir bald ein Aufenthalt ungeſtörter Zufriedenheit. In der Höhle widme ich die Zeit dem Leſen der Biebel, meinem einzigen Erbtheile, das ich in die Wüſte mitgenommen hatte; außerdem irre ich in der Waldung umher, um mir meine Nahrung aufzuſammeln. „Eine Ahndung die mich ſeit der Beziehung der Einöde befiel, ſagt mir, daß eine Zeit kommen würde, wo ich als Werkzeug gegen die umherwandelnden Geiſter, die mich ehemals in meinem Schloſſe beunruhigten, gebraucht werden ſollte. Ein mir durch die Bande des Blutes verwandter Mann, wird dies heil⸗ ſame Werk ausüben. O! wie ſehne ich mich nach dieſem für meine Ruhe ſo et⸗ — 126— wünſchten Zeitpunkte; könnte ich doch durch meine Büßungen, deſſen früheres Eintreffen von Gott erflehen!“— So viel fand der Eremit für gut, Erichen von ſeiner Geſchichte zu ver⸗ trauen; nun wies er ihm den Platz zum Nachtlager an und begab ſich dann ſelbſt zur Ruhe. Ermüdung bringt guten Schlaf, dies war der Nutzen, den Erich von der Mühſeligkeit hatte, mit der er zur felſigen Wohnung des Eremiten angekommen war; aber auch dieſe Erhohlung war ihm nur karg zugemeſſen. Eine ſtarke Stimme, die zu wiederholten Malen ſeinen Namen rief, ſchreckte ihn auf. Er hob ſich vom Lager, in der Mei⸗ nung, der Eremit, dem vielleicht ein Ue⸗ bel zugeſtoßen, verkange ſeiner Hülfe; aber als er ſich ihm näherte fand er ihn in im lenen Schlafe. 7 — 127— Schon wollte er ſelbſt, da er nach vielem Herumſehen, und langem vergeb⸗ lichen Erwarten, daß ſich die Stimme wieder hören ließe, zur Ruhe zuruͤckkehren, als der Ruf nochmals erſcholl. Erich ergriff ſein Schwert, und ſich mit langer Ungewißheit zur Wehr ſtellend, entgegnete er der Stimme die Frage: „Wer iſt es, der die Ruhe der Ein⸗ ſamen hier ſtört?“— „Wenn Du Deine geraubte Braut,“ erſcholl es nun ganz nahe an ſeinem Ohre,„wieder finden willß, ſo mußt Du vorerſt ein großes Werk, zu dem die Vor⸗ ſehung Dich beſtimmt, vollziehen. Nimm das Hüfthorn des Cremiten, beſteige dann den Berg, in welchem dieſe Höhle iſt, und wenn Du den Gipfel erreicht haſt, laſſe dreimal das Horn ertönen.“ 4 Die Verkündigung eines Mittels, ſein Lieschen wieder zu ſinden, benahm — — 128— in Erichs Ohre dieſer ſchreckhaften Stimme alles Furchtbare, und er fühlte ſich freudig geſtimmt, dem ſonderbaren Rufe Folge zu leiſten. Nur eins fiel ſeinem edlen Herzen auf, die Nothwendigkeit, dem gaſtfreund⸗ lichen Eremiten ſeines einzigen koſtbaren Gutes, des Hüfthorns zu berauben; lange mochte der innere Kampf der Liebe und Dankbarkeit zaudern; endlich gab ihm der Vorſatz, das Huͤfthorn ſobald als möglich zurück zu ſtellen, den Muth, es von der Seite des Schlafenden zu löſen und ſich damit auf den Weg nach der Höhe des Berges fortzumachen. Er nahm eine friſch gefüllte Lampe, die im Schränkchen bereit ſtand, zündete ſie an der an, die ſchon brannte, und ſchlich dann zur Oeffnung hinaus. Schauerlich war das Gekräͤchze der Nachtvögel, die um ſeinen Kopf flatterten — 129— und das Geheul der Wölfe, die an ſeinen Füßen vorbeiſtreiften, als er den Berg hinanſtieg; aber der Gedanke an ſein Lieschen zerſtreute alle Furcht und Be⸗ denklichkeit aus ſeinem Sinn. Nach ei⸗ ner vollen Stunde Weges hatte er den Gipfel erreicht. Er ſtellte die Lampe den Boden und warf ſich ſelbſt hin, weil von dem eiligen und unausgeſetzten hin⸗ anſteigen ſeine Kräͤſte, heinahe erſchöpft waren. auf Nach einiger Erholung erhob er ſich und ſetzte, nicht ohne An kleinen Bangigkeit, das Horn an den Mund. Zweimal ſtieß er hinein, ohne einen Ton hervorzubringen, als er aber zum drittenmale blies, betäubte ihn faſt der ungewöhnliche ſtarke Schall der ſich in die weite Gegend verbreitete..— Aber noch eine andere ihn mit Furcht und Entſetzen erfüllende Wirkun Das Huͤfthorn. I. 9 wandlung einer — 130— ſpürte er nach dieſer erſchütternden Me⸗ lodie; von unſichtbaren Händen fühlte er ſich in die Lüfte gehoben und weit über das Land hin fortgetragen. Am Fuße eines Berges wurde er niedergelaſſen; die Blitze eines heftigen Wetters, das eben in dieſer Landgegend tobte, verſichtbarten ihm ein ſtarkes zum Theil verfallenes mit einigen hohen Thür⸗ men verſehenes Schloß. Er fand ſich dem Thore einer langen Brücke nahe, die in dieſe Veſte führte. Der gewaltige Guß⸗ regen der unabläßlich herabſtürzte, nöthigte ihn, eiligen Schrittes ſich in das Ge⸗ mäuer zu fluͤchten; kaum war er aber dem Thore nahe gekommen, deſſen beide Flügel er aufgeſchlagen ſah, als ſchreck⸗ liche Geſtalten, die er für die nehmlichen erkannte, welche ihm der Eremit als ſeine Quälgeiſter beſchrieben hatte, in Meu 8 aus der Halle hervorſtürzten, ihne u. — 131— ringten und ihm unter graͤßlichen Gebär⸗ den und Tönen unausweichliches Verder⸗ ben zu drohen ſchienen. Erich ſeußzte zum Himmel, und lange ſiel es ihm nach dem erſten Schreck nicht bei, ſein wunderkraͤftiges Hüfthorn zu gebrauchen, als er mit neuem Entſetzen daſſelbe unterwegs durch die Lüfte verlo⸗ ren zu haben gewahrte. Jetzt empfahl er ſeine Seele dem Himmel und harrte mit pochendem Herzen der gräuelvollen Füͤ⸗ gung. Aengſtlich herumblickend, von welcher Seite der erſte Angriff auf ihn geſchehen würde, ſah er in einer kleinen Entfernung das Hüſthorn in der Luft ſchweben; haſtig fuhr er darauf zu, ſetzte es ſchnell an den Mund, und kaum entfuhr der Schall, als. es in tauſend Stucke zerſprang und ein plotzlicher Tagesſchimmer das Innere des Schloſſes erhellte. Die Geſpenſter waren . — 132— verſchwunden, aber eine nicht minder Schauer erregende Erſcheinung zeigte ſich den Augen des geängſtigten Jüng⸗ lings. 1 Ein langer geharniſchter Mann mit einem Geſichte voll Ernſt und Wüͤrde hielt an einer großen Kellerthüre, und winkte Erichen, ſich zu nähern; dieſer zauderte vor Furcht und Beklemmung; der Geharniſchte winkte nochmals; Erich verſuchte es, ihm zu gehorchen, aber ſeine Füße ſchienen an dem Boden zu wurzeln; endlich winkte jener zum dritten Male, aber aus ſeinem Blicke leuchtete ſo viel Sanftmuth und Wohlwollen, daß dies Winken kein Befehl, ſondern die rührendſte Bitte ſchien. Erich faßte Muth und ſchritt an die Thüre hin. Alſobald ſtieß ſie der Geharniſchte aufwäͤrts. Erich ſolgte ſei⸗ nem Führer, der ihn nach einem vierzig — 13— Stufen tiefen Keller herabgeleitete. Sie kamen auf eine Fläche, über welche ſie zu einer Falle gelangten. Erich ſtellte ſich mit dem Geharniſchten auf eine Winde, mit der ſie ſchnell in eine aber⸗ malige Vertiefung herabfuhren. Nie konnte ein Strahl des Tages⸗ lichts in dieſe Kluft dringen. Erich ſah ſich von der gräͤuelvollſten Finſterniß um⸗ geben; ein Leichengeruch und beißender Qualen einer nie gereinigten feuchten Kellerluſt brachten ihn einer Ohnmacht nahe; er bat ſeinem Führer, ihn nicht lange in dieſem grauſamen Aufenthalte weilen zu laſſen; dieſe Bitte beantwortete derſelbe mit folgenden Worten: „Hier ſollſt Du das Uebermaß der Unmenſchlichkeit kennen lernen,“ und ſtieß mit ſeiner Lanze dreimal auf den Boden. Eine Flamme fuhr aus demſelbe heraus, um den Schauplatz der gre äßl 8 — 134— ſten Gewiſſensloſigkeit zu behellen. Rings um die mooſigten hohen Mauern des weiten Gewölbes hingen ſtarke Ketten, an denen Todtengerippe und viele noch nicht ganz verweſte Leichname geſchmiedet waren. An den Ecken ſtanden Pflöcke mit großen eiſernen Ringen, deren Be⸗ ſtimmung die daneben liegenden Beile und vom Numpfe getrennten Köpfe erklär⸗ ten. Der ganze Boden war mit Schlamm überdeckt und die Wände rings am Boden herum beſudelt.— Nachmals bat Erich, von dieſer Stätte fortgebracht zu werden; der ſcheus⸗ liche Anblick benahm ihm alle Neugierde, einen Aufſchluß über die Begebenheiten dieſes Ortes zu fordern, aber der Gehar⸗ niſſchte nahm ihn bei der Hand, und be⸗ gann mit ſchrecklichen Blicken und Toͤnen folgenden Bericht: „Hier ſiehſt Du einige Ueberbleibſel — 135— der Unglücklichen, die ein Böſewicht ohne gleichen zu Opfern ſeiner wilden Leiden⸗ ſchaft auserſah! Er war des Königs Bevollmächtigter in dieſen Landen, und mißbrauchte unbeſchränkt ſeine Gewalt zu Frevelthaten jeder Art. Hier rächte er ſich an den Redlichen, die ſeiner Tirannei das Vaterland entziehen wollten z hier be⸗ zahlte er jene, denen er erborgte Summen ſchuldig war; hier dämpfte er die Stim⸗ men, die gegen ſeine Treuloſigkeit und Verrätherei ſich hoben; hier hemmte er die Macht Jener, die ihm furchtbar wur⸗ den. Das Blut von Eltern und Kindern iſt hier in einem Schlamme vermiſcht, aber nicht nur hier allein. „Sieben prachtvolle Wohnſitze hatte dieſer Wütherich, und in jedem befindet ſich ein dem gegenwaͤrtigen ähnlicher und zu gleichen Greuelthaten gewidmet gewe⸗ ſener Keller, wo die unzählbaren Märty⸗ — 136— rer ſeiner Rache und Habſucht theils ge⸗ mordet wurden, theils an die Waͤnde ge⸗ ſchmiedet des jämmerlichſten Hungertodes ſtarben. Ihr Wehegeſchrei konnte nicht an das Ohr eines menſchlichen Retters dringen, aber es drang zu Gott. „Der Wütherich ſank unvorbereitet und unausgeſöhnt mit der ewigen Ge⸗ rechtigkeit unter der Sichel des gähen Todes. Nie wird ein Strahl der Gnade die Größe ſeiner unausſprechlichen Qua⸗ len mindern; aber den Geiſtern ſeiner Ge⸗ mordeten war es vom Verhängniß be⸗ ſchieden, daß ihre Leiden jenſeits des Grabes ein Ende nehmen ſollten, ſo bald ein Jüngling reines unverdorbenen Her⸗ zens, und entſproſſen aus dem Stamme des ewig verworfenen Wütherichs, mit Muth und Entſchloſſenheit das Huͤfthorn des Eremiten ergriffen und mit deſſen Schalle ihre Erlöſung verkündigen wuͤrde. — 137— „Das Schickſal beſchloß, daß Dich das Loos der Ausführung des wichtigen Werkes traf. Widerſtrebe Deinem Ver⸗ hängniſſe nicht, ſondern bezeige Dich in Allem willig, wozu Du Dich berufen ſe⸗ hen wirſt; der Lohn Deiner Bemühungen iſt— Erfüllung Deiner ſehnlichſten Wünſche.— „Eins dieſer Mordgewölbe iſt erbro⸗ chen; das nehmliche muß durch Dich mit den ſechs uͤbrigen geſchehen. Nur unter gewiſſen Bedingungen wirſt Du glücklich Dein Werk vollenden; darum ſei wachſam, entſchloſſen und beherzt. „Sieben Wohnſitze hatte der grau⸗ ſame Stadthalter inne. In einem jeden fand ſich ein blutiger Keller zur Einkerke⸗ rung der Gefangenen. Einer iſt erbro⸗ chen, und die darin Gemordeten erlöſt. Sechs müſſen noch auf gleiche Art erbro⸗ chen werden.— 1 — 138— „Des Hüfthorns bedarfſt Du nicht mehr; aber hier nimm dieſen Gürtel, mit Uebergebung deſſen ich Dich zum Mit⸗ gliede eines Ordens weihe, der weit über dem erhaben iſt, den man Dir in Mainz ertheilen wird. Du ſiehſt an diefem Gür⸗ tel ſechs Knoten; dieſe zu rechter Zeit zu löſen— bleibt Dir heimgeſtellt; denke aber daran, daß von der Aufſchließung der ſechs Keller Dein eigenes Wohl ab⸗ hängt.— „In mir ſiehſt. Du den Geiſt Humpfrieds*). Ich war einſt unter dem Namen des Entdeckers verborgener Ver⸗ *⁴) Humpfried Graf von Rheinfelſen war ein eifriger Vertheidiger aller verfolgten und bedrück⸗ ten Patrioten. Ein gewiſſer deutſcher Fürſt ließ ihn auf einer Jagd durch Meuchelmörder aufs jämmerlichſte zuerſt der Augen, dann des Lebens berauben. — 139— brechen und Schandthaten bekannt. Ich fiel, von der Liſt meiner Feinde über⸗ wältigt.— „Zum Lohne meines Eifers, mit wel⸗ chem ich in meinem Leben die verfolgte Redlichkeit und bedrängte Unſchuld zu ſchirmen und zu retten bemüht war, ward noch jenſeits des Grabes meinem Geiſte die Kraft und Vollmacht verliehen, das Gute für abgeſchiedene Seelen zu wirken, das ich für jene nicht mehr ausüben kann, die noch in ihrer ſterblichen Hütte wandeln. Wer mir in meinem Werke be⸗ hülfllich iſt, deſſen Freund und Beſchützer werde ich ſein, ſo wie auch Du in der Folge meines Beiſtandes Dich nun zu freuen haſt. Lebe wohl!“— Die ehrwürdige Geſtalt verſchwand, das Flämmchen am Boden erloſch, und Erich, von der grauſamſten Finſterniß umgeben, ſank, von anhaltender Herzens⸗ — 140— beklemmung aller Kräfte erſchöpft, auf den Boden hin. Doch machte ein plöͤtzlicher Schlaf ſeinem ſchaudervollen Zuſtande ein Ende. Erſt nach Anbruch des Tages er⸗ wachte er und fand ſich auf den Boden des Berggipfels neben der Lampe, die noch glimmte, hingeſtreckt. Lange wäͤhnte er blos geträumt zu haben, aber der ſon⸗ derbare Gürtel um ſeinen Leib, und das Vermiſſen des Hüfthorns, welches, wie er ſich ſogleich erinnerte, in Stücken zerſprang, bekräftigten ihm die Wirklichkeit von dem, was er geſehen und gehört hatte. Er machte ſich ungeſäumt auf den Weg nach der Höhle hinab. Daß er dem Eremiten das geraubte Hüfthorn nicht wieder zurückſtellen konnte, beunruhigte ihn keineswegs, denn er mußte erwarten, daß derſelbe ſich nun ebenfalls durch die letzte Wirkung des Hüfthorns dem Ziele 6 — 141— ſeiner Büßungen nahe finden, und ſich 3 darüber freuen würde. Mit fröhlicher Haſt eilte er der Höhle zu, und als er ihr ſchon an wenige Schritte nahe gekom⸗ men war, erblickte er in den Armen des frommen Büßers ſein Lieschen. Er prallte vor Schrecken zurück. „Täuſcht mich die Hölle mit ihren Blendwerken, oder hat dieſer Heuchler durch Zauberei die Unſchuld bethört?“ Dieſe Worte rief er ſo laut, daß der Eremit und Lieschen ihn hörten und aus einander fuhren. 3 Da brach Erichs entbrannter Grimm los; ſein Schwert rauſchte aus der Scheide und ſpaltete des Eremiten graues Haupt. Leblos ſtürzte der Greis in ſein ſtrõ⸗ mendes Blut hin; Lieschen ſank mit ei⸗ nem Schrei ohnmächtig über ihn nieder, und Erich ſah ſich von einem Haufen —-— 442— Bewaffneter umringt und ihre Schwerter uͤber ihn gehoben. Mit Wuth ſchlug er um ſich her, aber bald warf ihn ein betäubender Schlag zu Boden. Lange blieb er in tiefſter Sinnloſigkeit liegen, aus welcher er wie von einem ſchreckenvollen Traume er⸗ wachte. Er ſprang auf, und wie mußte ihm zu Muthe ſein, als er ſich in einem duſtern Gewölbe fand, worin das Tages⸗ licht ſpaͤrlich durch eine kleine vergitterte Oeffnung in der Decke drang. Alle Gegenſtaͤnde, die ſich ſeinen Au⸗ gen hier zeigten, vergewiſſerten ihn, daß er in einem feſten Gefängniſſe verſchloſ⸗ ſen ſei. Eine ſtarke eiſerne Pforte, an den Wänden Ketten mit Halseiſen, ſteinerne Baͤnke, und am Boden ein irdenes Trink⸗ geſchirr ließen ihn nicht länger zweifeln, . — 143— daß es um ſeine Freiheit vielleicht auf immer geſchehen ſei. Zur Vermehrung ſeines Entſetzens athmete er eine feuchte übelriechende Luft und bemerkte am Boden, daß hier nie an Wegſchaffung des Unraths gedacht würde. Alles dies und die erwieſene Un⸗ möglichkeit zu entkommen, brachten ihn der Verzweiflung nahe.— Noch eine Hoffnung blieb ihm übrig, nehmlich durch Beſtechung der Waͤchter ſich zu retten. 5 Obgleich er alles vermißte, das er zuvor in der Taſche hatte, ſo erwartete er doch von dem Verſprechen einer großen Summe und von dem Bedrohen mit der Gewalt des Ritters von Tort, der ſich alle Muͤhe geben würde ihn außzuſuchen, die beſte Wirkung. 4 Der ganze Tag verging beinahe, — 141— ohne daß das mindeſte Geräuſch die An⸗ kunft eines Menſchen verkündigte. Schon machte Erichen der Gedanke des Hungertodes erzittert, als endlich ein Schatten am Gewölbeloche ſich zeigte. Es war der Gefängnißwärter, welcher das Gitter aufſchloß und einen Korb mit Brot und ein Krügelchen friſchgefüllten Waſſers herabließ. So ſehr Hunger und Durſt Erichen quaͤlten, lüſtete ihm es doch jetzt mehr ſeine Unterhandlu g mit dem Wörter zu beginnen.. Zuerſt erkundigte er ſich, wer Jene wären, die ſo gewaltig und ſtrenge ſei⸗ ner Freiheit ſich anmaßten? Der Wörter antwortete ganz trocken: „Dies zu wiſſen, wird Euch wenig nützen“ und ſchlug das Gitter zu. Erich rief ſchnell: „Frennd, willſt Du Zeit Lebens ge⸗ — 145— mächlich verſorgt ſein, ſo befreie mich; ich bin Erich von Langenburg; der Ritter von Tort iſt mein Freund und Schützer!“ Der Gefangenwaͤrter neigte ſich jetzt an der Oeffnung nieder und ſchrie hinab: 1 „Waͤr auch der Teufel Euer Patron, ſo bleibt Ihr wo Ihr ſeid; merkt Euch dies ein für allemal.“ — 146— zu ſich ſelbſt; üͤbte der Graukopf ſeine bü⸗ biſche Zauberei nicht ſo frevelhaft an mir als an Lieschen? hat er mich nicht mit Blendwerken genarret und Lieschens Unſchuld zerrüttet? Ja, ſicher waren Lieschens Räu⸗ ber ſeine dienſtbaren Geiſter und eben ſo gewiß iſt es ſeine Höllenkraft, die mich hier zurück hält. Bald darauf ſiel es ihm wieder bei, — 147— ward in der That gefunden. Alllein Eremiten. Dies warf alle Entſchädigungsgründe für die Unſchuld des Gemordeten über den Haufen. Es blieb dabei, ein Zauberer und Lieschen ei dige Dirne. Er brach in die wuͤthendſten Ver⸗ wünſchungen gegen ſie aus, da ſie es war, wegen welcher all das Unglück ihn befallen hatte. 1 Doch kam er nach allen angeſtellten Betrachtungen, wozu er jetzt volle Zeit hatte, auf die Gewißheit zurück, daß we⸗ der ſein hartes Gefängniß, noch ſeine Kopfwunde, die ihn jetzt erſt recht zu ſchmerzen begann, noch das Unglück, daß ihm weiter bevorſtand, ihn ſo ſehr krankte, als die Ueberzeugung Schände in der Höhle wieder in den Armen des Jener war ne meinei⸗ — 148— lichkeit ſeines ſo innigſt geliebten Lies⸗ chens. In dieſer verzweiflungsvollen Lage verharrte er viele Tage. Sein Wärter brachte ihm regelmäͤßig das Eſſen, antwortete aber nie auf ſeine Fragen. Waͤhrend einer ſchlafloſen Nacht dachte Erich über ſein Verhängniß nach, als ein Geräuſch gleich dem, wenn ſein Winer zu kommen pflegte, eniſtand. Voll langer Erwartung, was mit . ihm geſchehen würde, ſprang er von ſer⸗ nem Lager auf. Die eiſerne Pforte öffnete ſich und eine Dame, mit einer kleinen Laterne in der Hand, ſtieg zu ihm herab. Als ſie das Licht hob, um den Gefangenen auf⸗ zuſuchen, erkannte Erich das Fräutein 8 von Tort. Dieſe Erſcheinung war ſo unerwartet, daß er dieſelbe neuerdi 98 1 dieſe nicht erwiedern, ſo — 4149— für ein zauberiſches Trugſpiel hielt; aber das Fräulein begründete die Wirkli t keit ihrer Gegenwart durch folgende Anrede: „Erich! Du biſt der Gefangene meines Vaters. Die Weigerung, Dich ſeinen wohlwollenden Anträgen zu fügen, erregte in ihm den Entſchluß, Dich ſeiner grauſamſten Nache z opfern. Sö ſehr auch mich die Verſchmaͤhung meiner Hand kraͤnkte, rührte mich doch Dein Unglück. Ich nahm mir vor, um welchen Preis es ſei, Dich zu retten und Dir die Warnung mit auf den Weg zu geben, daß Du künftig vorſichtiger gegen die Aufſuchun⸗ gen ſeieſt, mit denen Dich zu verfolgen mein Vater nicht ermüden wird. „Um zu Dir zu gelangen, behalf ich mich auf eine Art, die mich vor allem Verdachte ſchützt. Lerne daraus die Größe meiner Liebe kennen; kannſt Du mußt Du mir 4 — 150— doch die Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, daß die Erreichung Deiner Wünſche mein Werk iſt. Hier wirf Dich in dies Frauen⸗ kleid, man wird Dich darin für eine der vielen Hausmägde halten und ungehin⸗ dert davongehen laſſen.“ Hier nahm das Fräulein ein Bün⸗ del unter dem Arme hervor und hieß Erichen ſich hurtig überkleiden. Der Ritter warf ſich zu ihren Füßen und wollte ihr in den wärmſten Dankſa⸗ gungen die Empfindungen bekennen, die ihre Großmuth und Erhabenheit in ihm erregten; allein das Fräͤulein hob ihn ſchnell auf, drückte ihm die Hand auf die Lippen, und bat ihn, den günſtigen Au⸗ genblick zu ſeiner Rettung nicht vorbeiei⸗ len zu laſſen. Sie half ſelbſt ſeine Verkleidung be⸗ ſchleunigen, und dann führte ſie ihn zur .— 151— Pforte hinaus, mit der Weiſung hinter ihr über den Hof zu treten. Dieſe Maßregel war zu ſeiner Sicher⸗ heit nothwendig, ſonſt würde ſich viel⸗ leicht Jemand an ihn gemacht und ihn erkannt haben. Der Weg ging nun durch ein Laby⸗ rinth von durch einander gewundenen Gängen im Innern des Schloſſes. Das Fräͤulein nahm mit Fleiß einen abſeitigen Weg, und da es ſchon tiefe Nacht war, ſo wurde dadurch die Flucht um ſo mehr begünſtigt.. Auf der letzten Treppe zum Schloß⸗ thore ſchied das Fraͤulein von Erich. Sie gab ihm ihre Leuchte und mun⸗ terte ihm auf, entſchloſſen das Thor zu paſſiren, indem ſie ſchon dafür geſorgt habe, daß er ungehindert durchkommen koͤnnte. — 152— mals ſeine dankvollen Geſinnungen; ſie hielt ſich aber nicht länger auf, ſondern ſchlich mit leiſen Schritten nach dem obern Geſchoſſe zurück, Um nicht bemerkt und entdeckt zu werden, ſäumte der Flüchtige nun nicht lange an dem gefahrvollen Orte. Er eilte mit ſeiner Laterne die Stiege hinab nach dem Thore, und kam an die Pforte, ſo wie ihm das Fräulein geſagt hatte. Sie war nicht verſchloſſen, ſondern blos durch einen verſchobenen Riegel von in⸗ nen geſperrt. Er zog ihn ab, und, er⸗ freut über ſeine nun vollends ausgeführte Befreiung, flog er über die Zugbrücke des Schloſſes, und in kurzer Zeit legte er einen beträchtlichen Weg vom Schloſſe zurück. Es war eine ſehr finſtere Nacht und bereits uͤber die zwölfte Stunde. Dieſer Umſtand machte Erichen, obgleich er — 153— ſich in einer ihm nicht ganz unbekannten Gegend befand, ſehr beſorgt. Es entſtand ein heftiger Wind, der jedem Augenblick das Licht in ſeiner La⸗ terne auszulöſchen drohte, was ihn in die groͤßte Verlegenheit geſetzt haben wuͤrde. Er irrte lange umher, und erreichte 4 endlich bei Anbruch des Tages einen dich⸗ ten Forſt. Von dem beſchwerlichen Wege ganz abgemattet drang er in das Dickicht, warf da ſeine Verkleidung von ſich, und raſtete am Boden hingeſtreckt um neue Kräſte zur Fortſetzung des Wegea zu ſammeln. Als er ſich hob, ſtand die Sonne ſchon ſehr hoch. Er legte den Fahrweg durch den Forſt zurück und erreichte die offene Landſtraße. Der Mittag brach an, eine Zeit, um welche der Wͤchter ihm in ſeinem Gefängniſſe das Eſſen zu bringen pflegte. — 154— „Nun,“ dachte Erich,„wird man im Schloſſe meine Flucht inne werden. Der Ritter von Tort wird alles in Be⸗ wegung ſetzen, um mich einzuholen und wieder in ſeine Gewalt zu bekommen.“ Dies machte ihn um ſeine Sicher⸗ heit äußerſt beſorgt. Er wußte nicht, wohin er ſeinen Weg richten ſollte. Es fiel ihm die traurige Lage ſeiner Mutter bei. Er konnte voraus ſehen, daß der aufgebrachte Tort dieſelbe eben⸗ falls von ſeiner Rache nicht unverſchont gelaſſen haben dürfte. Er ſah in ſich den Urheber ihrer Leiden, und der Ge⸗ danke, daß es außer ſeinen Kräften ſtand, ſie zu retten, erfüllte ihn mit bitterſter Wehmuth. Auch Lieschens Lage, in der er ſie verlaſſen, beunruhigte ihn aufs Neue. Er konnte es ſich noch immer nicht klar machen, ob das, was er geſehen hatte, Täuſchung oder Wirllichkeit war. Die Umſtände der letzten ſchreckenvollen Auftritte ließen noch Schauder und Ent⸗ ſetzen in ihm zurück. Er mußte das Nach vielem Ueberlegen entſchloß er ſich nach Mainz zu reiſen und dort einſt⸗ weilen im Geheim bei einem vormaligen Freunde Zuflucht zu nehmen, bis ſeine Angelegenheiten inzwiſchen eine günſtige Wendung genommen haͤtten. Der junge Freiherr von Bornſchild war von jeher ſein Vertrauter. Erich hatte ihm in ver⸗ ſchiedenen Vorfällen wichtige Dienſte er⸗ — 156— wieſen, und der junge Edelmann hatte zu wiederholten Malen betheuert, wie er nichts ſo ſehr wünſchte, als ihm durch Gegen⸗ dienſte ſeine Erkenntlichkeit zu beweiſen. Bornſchild fand ſich zu Mainz aus derſelben Abſicht wie Erich, nehm⸗ lich den ritterlichen Uebungen ſich zu wid⸗ men. Er bewohnte faſt allein ein kleines Gebäude in der Vorfladt, das von den andern etwas entfernt war und nicht ſon⸗ derlich auffiel. Der Ritter von Langen⸗ burg nahm ſich vor bei Bornſchild einzuſprechen und ſich da einige Zeit ver⸗ borgen aufzuhalten. Sein Entwurf war nicht ſobald gemacht, als er ihn auch ſo⸗ gleich auszufuͤhren eilte. Er langte un⸗ bemerkt in Mainz bei ſeinem Freunde an. Dieſer empfing ihn in der That aufs Liebreichſte, und da er ſeine Vorfälle ver⸗ nahm, ſchwur er ihm, alles zu unterneh⸗ men, was nur immer zu ſeinem Beſten dienlich ſein könnte. ihm ein abgelegenes K wohnung an, gierde entzogen Vor allem wies er ämmerchen zur Be⸗ wo er den Blicken der Neu⸗ bleiben konnte. Den folgenden in der Stadt, ob Erichs Beg bereits ruchbar geworden waͤren. Die Veſte Tort Tag erkundigie er ſich ebenheiten war von Mainz ziemlich entlegen, dem ungeachtet erfuhr Bornſchild ſchon manches von den Abentheuern ſeines Gaſtes. Man erzählte ſeine Begebenheiten auf verſchiedene Art, und ſo wie er Freunde und Gegner hatte, ſo beurtheilte man auich verſchieden ſein Benehmen. der Ritter von ichs Verderben n Klage we ens und ant. gen des gebrochenen Landfried Stra ßenraubes bei — 158— den Vorſtehern der Kampfübungen für ſeinen Freund vorſprach, damit demſelben wegen vorher an Tag gelegter Fähigkei⸗ ten in den adelichen Uebungen das Vor⸗ recht ertheilt würde, aus der Pflanzſchule auszutreten und in die Verſammlung der Tourniermäßigen Ritter aufgenommen zu werden. Torts Anbringen brachte die Sache zum Verſchube; aber Bornſchild betrieb die Vertheidigung Erichs mit ſolch leb⸗ hafteßem Eifer, daß die Vorſteher von dem boshaften Verfahren der Feinde Erichs ſich überzeugt ſahen. Sie be⸗ ſchloſſen den Ritter von Langenburg gegen alle Verfolgungen ſicher zu ſtellel, willigten in das Geſuch ſeines Freundes ein und beſtimmten den Tag, an dem er unter einem fremden Namen die Probe ſeiner Geſchicklichkeit öffentlich ablegen ſollte. — 159— Bornſchild eilte zu Erich mit der 4 guten Botſchaft, vorbereitet, dami uſgenommen zu werden. 1 CEa wurden alle D ordert, die es mit 2 7 7 teienigen aufge⸗ ünſchten. 1 ihm aufzunehmen 48 1 er gegen den Ahmen verlang 112. m Gelegenhei — 160— wenig fremde Ritter mit dem Deutſche ſich meſſen dürften. Sie brachen wiederholt gegen einal der die Lanzen, der Sieg war immer a Seite des Unbekannten... Sein Gegner zog ſich voll Unmuß zurück, und machte einem andern Platz 3 der im Schweriſchlage ſchon ehedem einen großen Ruhm erworben hatte. 5 verſuchte ſeine Kunſt an dem jungen Rü ter, allein mit keinem beſſern Glücke 28 ſein Vorgänger. Er verlor ſein Schild und Schwert, welche beide ihm aus der Hand gewunden und über den Kopf zu⸗ ruͤckgeſchlagen wurden. Die dritte Art des Kampfes beſtand im Ningelſtechen. Erich erhielt immer den Preis, ſeinen Nebenbuhlern gelang ees nur ein Mal denſelben zu erlangen. Den Beſchluß machte das Wettrei⸗ nen. Die Truppe von Rittern, welch r A — 161— ſich zu dieſer Uebung vorbereitet hatte, ritt durchgehends die ſchönſten und ſchnell⸗ ſten Gaule. Borenſchild hatte Eri⸗ chen ſeinen Renner überlaſſen, dieſer machte ſeinem Herrn Ehre, denn er brachte deſſen Freund am erſten zum Ziele.. Dieſe letzte Art des Sieges entſchied vollends zum Beſten des Ritters. Die Kamfrichter erkannten ihm den erſten Preis zu, und der Vorſteher der Kampf⸗ übungen ertheilte ihm nach dem gebräuch⸗ lichen Schwertſchlage das Diplom des Ritterordens kraft welchem ihm alle Vor⸗ rechte und Ehren dieſes Standes zuge⸗ ſichert wurden. 4 Bornſchild empfand ſo große Freude üͤber das Glück ſeines Freundes, daß er ihm mit dem Pferde und d Rüſtung ein Geſchenk machte. „Es iſt nichts billiger,“ nagte er Das Huͤfthorn. I. — des Tort, der alenthalen ſeine Syäͤha hielt. dem er ihn auf das waͤrmſte umarmte, „als daß der Ritter das Pferd behalte, das er ſo wohl zu meiſtern wußte.. Die ganze Verſammlung ſtimmte in die Lobeserhebungen des unbekannten Ritters ein und die Herolde riefen ihn als ein würdiges Mitglied der deutſchen Ritterſchaft aus.. Man hielt ihm zu Ehren erfciedens Feſtins, welche Erich, der unerkannt zu bleiben wünſchte, nicht ausſchlagen konnte. 3 Bei einer öffentlichen Gaſterei wurde er von einem ſeiner vormaligen Gefähr⸗ ten in der Pflanzſchule entdeckt, und, ob gleich er ihn bat, die Sache geheim z halten, doch weiter verrathen.. Der Ruf kam bald zu den Ohren nach Mainz, um Erichen neuerdings zu ergreifen und ihm zu überliefern. Born⸗ ſchild erfuhr bald alles, was gegen ſei⸗ nen Freund unternommen wurde. Er entdeckte es ihm und rieth ihm, ohne Weiteres die Stadt zu verlaſſen. Der über ſeine Entdeckung erſchrockene Erich machte ſich ſogleich zum Abzuge bereit, und Bornſchild ſchaffte ihm dazu alle Gelegenheit. Erich trennte ſich noch den Abend deſſelben Tages von ſei⸗ nem Wirthe und reiſte von Mainz ab. Seinen Weg verfolgte er in ſchnellſtem Galopp, weil er den Nachſetzenden einen guten Vorſprung abgewinnen mußte. Wirklich hatte er ſchon eine weite Strecke zurück gelegt, als er fröhlichen Muthes ſich umſah und ſo weit ſein Ge⸗ ſicht reichte, keine Spur einer Verfolgung entdeckte. Sowohl er als ſein Roß be⸗ durften der Erhohlung.“ 11"74 — 164— Dieſes band er an einen Baum und legte ihm etwas Futter vor; er aber la⸗ gerte ſich ins weiche Gras, und beinahe hatte ihn der Schlaf überraſcht, als er in der Ferne nach der Gegend zu, wo die Sonne ſich ſo eben im ſchoͤnſten Purpur hinter die Berge ſenkte, eine ſtarke Staub⸗ wolke aufſteigen ſah. Hurtig ſchwang er ſich wieder auf ſeinen Renner, im feſten Vertrauen, ſich durch deſſen Schnelligkeit retten zu können. Allein das arme Thier war zu ſehr er⸗ mattet und konnte ihn nicht mehr weiter tragen; es ſtrauchelte und ſtürzte etliche Mal zuſammen; indeß kam das Geraͤuſch eines ſtarken berittenen Truppes immer näher. Schon dachte Erich daran, ſein Pferd zu verlaſſen und ſich zu Fuße zu eetten; aber ihn ſchützte dann in der wüͤſten Ebene weder Gebüſch noch Baͤume, —— und er waͤhnte ſich ganz dem Unglück preisgegeben. Da riß er ergrimmt den wunderkräftigen Güͤrtel vom Leibe, um ihn von ſich zu werfen, als der gehar⸗ niſchte Ritter von Harzgebirge vor ihm ſtand. „Ungeſtüm und Unbeharrlichkeit ha⸗ ben Dir bereits eines Deiner glücklichen Ereigniſſe vereitelt,“ ſagte der Geiſt, „willſt Du Dich noch des andern Guten berauben, Eigenſinniger? Durch Dein wildes Benehmen geſchah es, daß Lies⸗ chen Dir entriſen ward. Wirf den Gürtel nur immer von Dir und überlie⸗ fere Dich den Händen Deiner Feinde.“ Erich, durch die Erſcheinung ſeines Beſchützers aufgerichtet. ließ ſich von ihm führen, da dieſer ſein Pferd beim Zaume faßte und es nach einem Seitenweg lenkte; ploͤtzlich ſtürzte er in einen tiefen Graben, aber weder er, noch ſein Pferd fühlten — 1686— ſich im Geringſten verletzt, ſondern ſehr gemäͤchlich auf den Boden hingeſtreckt. Inzwiſchen ſprengten die Nachſetzen⸗ den nach allen Seiten, um den Ritter zu ergreifen. Einige ſetzten über den Graben, die andern ſchwenkten ſich nach allen Sei⸗ ten der Gegend. Da Erich vor ihren Aug ver⸗ ſchwand ſo wußten ſie nicht, was mit. demſelben vorgegangen war. Schon hatte ſich die ſchwärzeſte Nacht über die Landſtraße verbreitet, als ſie noch immer im Nachſuchen des Flüchtigen be⸗ griffen waren. Endlich gaben ſie ihre unnütze Muͤhe auf, und ſetzten ihren Ritt vorwärts fort, in der Abſicht, Erichen doch irgendwo aufzufinden. Dieſer, nachdem er ſich in Sicherheit ſah, ſchöpfte neuen Muih, und ſein Zu⸗ nauen zu dem ihn ſchützenden Genius —— Hauptſtadt der Provinz führte. wurde feſter. Er blieb dieſe Nacht ſeinem Pferde in dem Graben verborgen, denn er fürchtete ſich hervorzukommen und den Reißigen von Neuem in die Haͤnde zu fallen. Früh morgens arbeitete er ſich aus der Tiefe hervor. Nach einigem Ue⸗ berlegen, wohin er ſich zu wenden hatte, ſchlug er den Weg nach der Wetterau ein, einer Provinz, wo ſich eine zahlreiche Ritterſchaft von der ſeines Ordens und manche Gelegenheit zu Auszeichnungen fand. Er machte einige Tagereiſen durch die benachbarten Bezirke und langte wohl⸗ behalten an den Grenzen ſeines Beſtim⸗ mungsorts an. Noch hatte er ein angenehmes Thal durchzuſtreifen, hinter welchem ein Hohl⸗ weg zwiſchen zwei Gebirgen nach der Erich, auf deſen Gejähl die Sche — 168— heit der Natur nie unwirkſam war, wurde von dieſer reizvollen Lage entzückt. Er ſah vor ſich eine grüne Ebene, die ſich nach einem Luſtwaäͤldchen hinzog, und von der andern Seite von einem ſanft ſich höhenden buſchigten Gebirge begrenzt war. Ein kleiner Waſſerfall ſtürzte von demſel⸗ ben herab und bildete den ſilberhellen Bach, welcher den grünen Teppich des Thals durchſtreifte, den einige Heerden weidender Schafe durch ihre munteren Sprünge noch mehr Reiz und Leben gaben. Ende des erſten Bandes. ————