Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. ¹5. Ausvärtige Abonnenten' haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ . — —— —— Die blutige Marquiſe. 9 Roman von der Frau Grälin Dash. 1850. Deutſch von Dr. Scherr. — Erſtes bis viertes Bändchen. 4 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. . ¹ 5 zu w würde zuzue zögert 1 ebenfa Die Vorwort an Madame Lambert von Sainte⸗Croix. Madame, Sie haben mir erlaubt, Ihnen ein Buch zu widmen. Ihr trefflicher Geiſt, Ihre anmuthsvolle Liebens⸗ würdigkeit ermuthigen mich, Ihnen das vorliegende zuzueignen, welches zu ſchreiben ich mehrere Monate ögerte. zen Die Erfahrungen eines langen Lebens, Erfahrungen, welche auf eigene und Anderer Unkoſten theuer erworben und erkauft wurden, haben mich gelehrt, daß wir faſt immer ſelber die Schmiede unſeres Mißgeſchickes ſind, beſonders wenn es ſich um die große Lotterie der Ehe handelt, um dieſe Lotterie, in welcher nicht zu verlieren ſo außerordentlich ſchwierig iſt. Der einzige Rettungsweg iſt vielleicht der, gleich von vornherein nur nach innerlichen Freuden, nach jenem moraliſchen Wohlbefinden zu ſtreben, welches um ſo viel peniger zerſtörbar iſt, als das materielle. b Die Heirathen bewerkſtelligen ſich in unſerm Jahr⸗ lundert mit einer Leichtfertigkeit, welche das Unglück vielfach zum Verbrechen macht. Sonſt vereinigte man allerdings zwei Familien, zwei Vermögen, zwei Namen ebenfalls öfter, als zwei Herzen. Aber die Sitten waren Die blutige Marauiſe, I. 1 2 ſo verſchieden von den jetzigen! Bei Hofe und in der roßen Welt lebten Ehegatten vermöge der geſellſchaft⸗ ichen Pflichten und Gewohnheiten faſt geſchieden, und dann exiſtirte zu jener Zeit noch der Reſpect vor ſich ſelber, der Reſpect vor ſeinem Hauſe, welchen man jetzt nicht mehr beſitzt, nicht mehr kennt. Die Verderbniß der letzten Regierung hat Alles durchdrungen und Nichts iſt der gegenwärtigen Gene⸗ ration heilig. Die Unordnung des Denkens hat die Unordnung des Betragens herbeigeführt. Was mußten wir während des Jahres, welches der Republik vorherging, Alles an uns vorübergehen ſehen! Und woher kommen dieſe Wirrſale, dieſe Scandale, dieſe geſtörten Ehen? Faſt immer von der unzulänglichen Er⸗ ziehung und daher, daß man ſich ſo wenig Mühe gibt, Charaktere, Geiſter, Seelen zuſammenzufügen, welche für einander paſſen. Die Geſchichte aus der Gegenwart, welche ich Ihnen erzählen will, iſt ein Beweis mehr für dieſe traurige Wahrheit. Ach, indem ich die Feder anſetze, fühle ich mein Herz beben und füllen ſich meine Augen mit Thränen, denn was ich erzählen ſoll, iſt ſchrecklich. Lebhafter als je kehren mir die Scrupel wieder, welche mich bis jetzt verhindert haben, eine der tragiſchen und jammervollen Geſchichten aus dem zeitgensſſüchen Privatleben bekannt zu machen. Man wird mich anklagen, fürcht' ich, halb verwiſchte Erinnerungen aufzufriſchen, der Menge kaum erkaltete Gebeine und noch glühende Thränen vorzuſetzen. Die unglaubliche Analogie dieſes Drama's mit einer in den Annalen der vornehmen Pariſer Welt leider nur allzu berüchtigten Kataſtrophe hat mich lange zurückgehal⸗ ten, aber es gibt für den Schriftſteller eine Pflicht, deren Ernſt ihn über perſönliches Widerſtreben, über die zar⸗ ten Inſtinete des Herzens hinweghebt. Dieſe Pflicht be⸗ ginnt an dem Tage, wo er den geheimen Sinn der u ͤ—õ— Entwickelungsphaſen einer verworrenen Geſellſchaft ent⸗ deckt, an dem Tage, wo er fühlt, daß aus ſeiner Er⸗ zählung für die ganze Geſellſchaft, für die Leitung der Familien, vor Allem aber für die zärtliche Sorge und Verantwortlichkeit der Mütter ein Schauſpiel reſultiren muß, welches reich iſt an furchtbaren und nützlichen Lehren. Wie konnte in den höchſten Klaſſen der menſchlichen Hierarchie in dem Zwiſchenraum weniger Monate ein ungeheures Verbrechen ſich wiederholen? Sollte man nicht die ernſte Ürſache ſolcher Entſitt⸗ lichung aufſuchen und aufzeigen müſſen? Dieſe Urſache iſt, wie ich glaube und wiederholt ſage, in der Erziehung und in den Sitten der Jugend zu ſuchen. Die entſetzliche Kataſtrophe, womit meine Erzählung ſich beſchäftigt, fiel in die Stunden der Februar⸗Revo⸗ lution und gleich dem berüchtigten Proceß von Toulouſe) iſt ſie inmitten der wahnſinnigen Aufregung, in welche dieſe politiſche Kriſis uns geworfen, unbeachtet vorüber⸗ gegangen. Die vertrauten Freunde von zwei Familien ausgenommen, iſt das Allen unbekannt geblieben, was zu einer andern Zeit Paris, Frankreich, ganz Europa, bewegt haben würde. Oh, wer mir vor fünfzig Jahren geſagt hätte, daß ich ſo lange leben müßte, um die Enkel der Gefährten meiner Jugend auf der Schleife der öffentlichen Meinung dahingeſchleppt zu ſehen, Namen, die ſonſt ſo geachtet waren, Namen, welche die Geſchichte berühmt gemacht und welche ihre Vorfahren mit Ehren getragen! Ach, wohin hat uns der Skepticismus und der Geiſt einer zerſtörenden Philoſophie geführt? Wohin iſt der ſtarke und naive Glaube von ehemals gekommen? *) Der Proceß des Kloſterbruders Leotade und der Cäcilie Combettes. Anmerk. b Heberſ. 3 Warum hat der unleugbare Fortſchritt der Ideen und des Lichtes bei manchen Naturen einen vollſtändigen Mangel an Grundſätzen zuwege gebracht? Verſuchen wir es zu ergründen, verſuchen wir das Uebel an der Wur⸗ zel zu treffen, klären wir die Principien auf, um die Gefahren zu zeigen, und bitten wir Gott, unſer gelieb⸗ tes Frankreich, deſſen Zukunft nur durch ihn gerettet werden kann, in ſeinen Schutz zu nehmen. Der Titel meines Buches iſt ſeltſam. Ich habe ihn nicht ausgewählt, er gefällt mir nicht, allein die Umſtände meiner Erzählung haben mir ihn aufgenöthigt, wie man ſehen wird. Empfangen Sie, Madame, dieſes Werk als Erin⸗ nerung an die guten Stunden, die wir mitſammen ver⸗ lebt, an die dankbare Zuneigung, die ich für Sie hege, und an all' das, was trefflich und reizend an Ihnen iſt. Courtiras, den 18. Juni 1850. Gräfin Dash. 1. Die Krone der Marquiſe. Im October 1831, an einem jener ſchönen, ſo glän⸗ zenden zugleich und ſanften Herbſtmorgen, erſchien mit dem Glockenſchlag neun Uhr ein ehrwürdig ausſehender Greis in einem alten und adeligen Hotel der Straße Vendome. Der Thürſteher lief ihm entgegen, legte einen Finger auf den Mund und bat ihn, beim Weggehen über den Hof nicht laut zu ſprechen. Das Fränlein iſt noch nicht erwacht, Herr Prä⸗ ſident, ſagte der Diener, und Sie wiſſen, wie ſehr die Frau Vicomteſſe darauf hält, daß man den Schlummer ihrer Tochter reſpectire. Verzogenes Kind! murmelte der Präſident achſel⸗ zuckend. Werde ich deſſenungeachtet Jemand finden, der mich bei der Mutter anmeldet, oder ſchlafen etwa die Lakaien gleich ihrer jungen Herrin? Die Lakaien müſſen im Vorzimmer ſein, mein Herr, aber ich wage nicht, die Glocke zu ziehen. Madame würde mich ſchelten. Der Greis ſetzte ſeinen Weg fort, ſtieg die Stufen der Freitreppe hinan und traf in der Vorhalle eine be⸗ jahrte Wirthſchafterin, welche ein ſo großes Pack Lin⸗ nen trug, daß ſie der Laſt faſt erlag.. Guten Morgen, Frau Angela, ſagte er zu ihr. Ihr ſeid wohl ſehr beſchäftigt. Iſt Madame ſichtbar? Die Frau Vicomteſſe ordnet im Salon die Aus⸗ ſtattung und den Brautſchmuck, damit das Fräulein 6 beim Aufſtehen Alles bereit ſinde. Heute Abend haben wir große Ausſtellung. Alle Freundinnen unſeres Fräu⸗ leins, alle Bekannten unſerer gnädigen Frau werden unſere ſchönen Sachen muſtern. Der Herr Präſident wird begreifen, was uns das für Mühe macht. Wenn aber der Herr mir folgen will, werde ich ihn anmelden. Der Herr gehe jedoch leiſe, unſer Fräulein hat einen ſo leichten Schlaf. Wahrhaftig, Frau Angela, Ihr ſeid hier im Palaſt des ſchlafenden Dornröschens. Dieſes kleine Maͤdchen hat euch Alle zum Narren und zwar, Gott verzeih' es mir! ſeine Mutter voraus. 1 heftiger Glockenton widerhallte in dem ganzen Hotel. Da haben wir's! der Herr wird ſie aufgeweckt haben. Sie hat ſicherlich Geräuſch gehört! Was wird Madame ſagen? Seid ruhig, weder ich noch Ihr haben ſie aufge⸗ weckt. Der Gedanke an ihre Hochzeit, der Wunſch, ihre ſchönen Geſchenke zu bewundern, that es. Ach, die jun⸗ gen Mädchen! Die Revolutionen ändern Nichts an der Koketterie und den Capricen derſelben. Die alte Dienerin verſchwand und bald darauf er⸗ ſchien ein leichtes, elegantes Kammermädchen, durch⸗ ſchritt mit einem prachtvollen Blumenſtrauß in der Hand das Vorzimmer und wandte ſich zu einem gegen den Garten hinaus liegenden Gemach, deſſen hohe Flügel⸗ thüren mit doppelten Vorhängen geſchloſſen waren, welche Luft und Geräͤuſch von außen abhielten. Sie trat be⸗ dachtſam hinein, näherte ſich im ſchwankenden Scheine der Nachtlampe den Fenſtern und öffnete leiſe die Läden. Ein Sonnenſtrahl drang in das Zimmer. Eine friſche und ſilberne Stimme kam unter dem Mouſſelin und Roſataffet des Bettes hervor und fragte: „Wie viel Uhr iſt es, Joſephine?« „Neun Uhr, Fräulein.“ ————;,4'—* OSRNRRN Hat man mir mein Bouquet gebracht? Iſtes ſchön? Herrlich, Fräulein. Da! Eine hübſche, ſchmale und weiße Hand kam zwiſchen den Vorhängen hervor, die eben ſo friſch und weiß waren wie ſie, und griff mit Begierde nach dem Strauß von Camelien und Violen. Hat Herr von Monza Nichts ſagen laſſen? Hat er geſchrieben? Ja, Fräulein, er hat an die Frau Vicomteſſe ge⸗ ſchrieben. Wo iſt der Brief? Die gnädige Frau hat ihn. Ich will ihn haben; geht, holt mir ihn. Die Zofe ging eiligſt, allein kaum hatte ſie ein paar Schritte gemacht, ſo rief ein abermaliges Klingeln ſie zurück. Hat man den Salon hergerichtet? Iſt mein Braut⸗ ſchmuck angekommen? Heute Morgen und Alles iſt ſchon aufgeſtellt. Bitten Sie meine Mutter, zu mir zu kommen. Ich erwarte ſie. Gehen Sie doch ſchnell. Sie laſſen mich ja ſterben vor Ungeduld. Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein; es kommt daher, daß ich nicht recht wohl bin. Das muß man ſagen. Pflegen Sie ſich, Joſephine, ich will es. Aber rufen Sie meine Mutter. Wenige Secunden nachher trat die Vicomteſſe von Chamarante in das Gemach, eilte auf das Bett ihrer Tochter zu und ſchlug die Vorhänge deſſelben zurück. Liebes Kind, ſagte ſie, haſt Du gut geſchlafen? Wer hat Dich geweckt? Vielleicht Dein Vormund, der ſo eben gekommen. 4 Wer mich geweckt hat, Mutter? verſetzte Beatrix, indem ſie ſich wie eine Katze auf ihren ſpitzenbeſetzten Kiſſen dehnte. Wer mich geweckt hat? Niemand als die Begierde, meinen Brautſchmuck zu ſehen. Alles liegt im Salon bereit. Ich bin ſehr früh 8 aufgeſtanden und habe mit Frau Angela die Ausſtattung hergerichtet. Die Geſchenke des Marquis ſind erſt vor wenigen Augenblicken gebracht worden. Sind ſie ſchön? Königlich. Komm nur, Du kannſt vor dem Früh⸗ ſtück Alles betrachten. Aber mir iſt ſo wohl in meinem Bette, und doch möchte ich Alles ſehen. Das iſt ſchwer. Ach, mein Gott, nein! Man kann ja die Sachen hieher bringen. Was fällt Dir ein? Ich habe zwei Stunden ge⸗ braucht, um Alles zu ordnen. Nun, ſo werd' ich warten, entgegnete das ver⸗ zogene Kind ſchmollend. Dadurch ſchon beunruhigt, rief die Mutter: Joſephine, geht und fragt Angela, ob es möglich ſei, den Brautſchmuck in dieſes Zimmer zu bringen. Und die Ausſtattung, ich will Alles hier haben! ſagte Beatrix. Nehmt alle meine Leute und die meiner Tochter, damit ſie Euch helfen. Beatrir fand ihre Heiterkeit wieder und fuhr fort, mit Fragen, welche zu beantworten, die Vicomteſſe nicht müde wurde. So bildeten ſie in dieſer Einrahmung von Taffet und Gaze mitſammen ein reizendes Gemälde: die Mutter noch jung, ſchön in ihrer Zärtlichkeit und Freude, die Tochter ſechszehnjährig, blond, zierlich, voll, friſch wie die Roſen ihres Blumenſtraußes in ihrem nächtlichen Ne⸗ gligee, die langen Haare aufgelöst, ihr Hemd über die Schulter hinabgleitend; Beide lachend, fröhlich, voll Hoffnung und Zukunft. Oh, welch ein herrlich Leben öffnete ſich vor ihnen! Der Brautſchmuck, die Ausſtattung wurden gebracht. Bald bedeckte ſich das Bett mit den Erfindungen der Mode und Eleganz, mit Perlen des Südmeers, mit —— *¾ 1—4— Diamanten Golkonda's, mit den koſtbarſten Geweben Thibets, China's und Europa's. Ein bewunderungswürdiger Cachemire⸗Shawl zog vor Allem die Blicke von Beatrix auf ſich. Oh, wie ſchön iſt er, Mutter! Finden Sie nicht? Aber, mein Gott, er iſt gelb, er iſt gelb! Er kann nicht für mich beſtimmt ſein. Der Marquis kann mir un⸗ möglich einen gelben Cachemire gekauft haben, mir, die ich blond bin! Mutter, ſchicken Sie ihn zurück. Das iſt ohne Zweifel eine Verwechslung. Man ſoll ihn aus⸗ tauſchen, ſoll einen blauen nehmen... Er wird kommen, Liebſte, es thut Nichts... Er wird zu ſpät kommen, bedenken Sie doch.. es iſt heute Abend! Schicken Sie, ſchicken Sie geſchwind! Der Befehl ward gegeben und der Bote abgefertigt. Das junge Mädchen erhob ſich, ſchlüpfte in ein Hauskleid und machte eine jener improviſirten Toiletten, welche in der erſten Jugendblüthe einer vollſtändigen gleichkommen. Der Marquis kam und wurde mit allen Verfüh⸗ rungen einer ſechszehnjährigen Braut empfangen, welche dorf hrem zukuͤnftigen Herrn und Meiſter Gnade finden will. Der Marquis von Monza war ein hübſcher Mann von fünfundzwanzig Jahren, von mittlerem und elegantem Wuchs. Die Friſche der Geſundheit belebte ſein Geſicht. Sein bisheriges Leben war faſt ohne Unterbrechung auf einem im Innern von Frankreich gelegenen Schloſſe ver⸗ floſſen, wo ſeine Erziehung, wie auch die Achtſamkeit, welche er der Verwaltung ſeiner Beſitzungen ſcheukte, ihn von den Gewohnheiten und Vergnügungen ſeines Alters entfernt gehalten hatten. Kalt, bedächtig, methodiſch, wie er war, konnten ſein feſter, aber ausdrucksloſer Blick und vor Allem die Linien ſeines etwas eingekniffenen Mundes dem aufmerkſamen Beobachter in dem Marquis eine jener zurückhaltenden und verſchloſſenen Naturen verrathen, welche der Inſtinkt ihrer Mittelmäßigkeit miß⸗ 10 trauiſch macht gegen Jeden, der ſich ihnen nähert, und bei welchen der Ausbruch der Leidenſchaften nur um ſo furchtbarer iſt, je länger dieſelben verhüllt und zurück⸗ gedrängt wurden. Allein dieſe Linien verſchwanden jetzt noch unter dem doppelten Glanz der Jugend und der aufrichtigen Befriedigung über eine Verbindung, bei welcher alle Vortheile, Schönheit, Rang, Reichthum, das Ideal, welches der Marquis ſich geſchaffen, verwirklichen zu wollen ſchienen. Der Sohn eines der tapferſten Mar⸗ ſchälle des Kaiſerreichs, war er Herr ſeines Vermögens, obgleich ſein Vater noch lebte. Schwere Kopfwunden hatten den Fürſten von Monza ſeines Verſtandes beraubt. Er war wahnſinnig und bewohnte unter der Obhut eines alten Dieners eines ſeiner Schlöſſer, wo ihn ſein Sohn oft beſuchte. Man kann ſich leicht denken, daß die wichtige Frage in Betreff des gelben Shawls zur völligen Zufriedenheit von Beatrix erledigt wurde. Nachdem der Bräutigam die roſigen Fingerſpitzen, welche ſeine Erwählte ihm dar⸗ bot, zärtlich geküßt hatte, nahm er Abſchied und ging wieder zu einer geſchäftlichen Zuſammenkunft, von wel⸗ cher er abgerufen worden war. Aber es ſtand gar nicht lange an, als eine neue Botſchaft ihn abermals in der Geſchäftsverhandlung unterbrach. Und noch drei Mal ließ man ihn den Tag über holen und immer um gerade ſo wichtiger Dinge willen, wie die Farbe eines Cachemire war. Die zwei erſten Male kam er heiter und zufrieden. Die Capricen eines reizenden Mädchens ſind 1 graziös! Wenn man noch nicht zuſammenlebt, ſind ſolche Quälereien eines ver⸗ zogenen Kindes ſo köſtlich! Die Ehe bringt ernſtere Pflichten mit ſich. Sie muß zwiſchen den Gatten eine reiche Ernte von Rückſichten, von gegenſeitigen Zuge⸗ ſtändniſſen erzeugen. Wenn die junge Staude nur un⸗ fruchtbare Bluͤthen von lachender Farbe und ſüßem Duft 34 11 trägt, was wird aus ihr zur Zeit der Früchte? Nur ein dürres Gezweige. Tauchte wohl ſo ein Gedanke in dem Geiſte des Marquis auf, als er zum letzten Mal durch ein preſſantes Billet in das Hotel der Vicomteſſe berufen wurde? Er ſagte davon nichts zu Beatrix, doch waren ſeine Züge zuſammengezogen und unruhig. Er antwortete mit ausgeſuchter Höflichkeit auf die Fragen, welche man an ihn richtete, aber mit einer zerſtreuten, befangenen Miene. Er erkundigte ſich wiederholt, ob man Nichts gebracht, ob nicht Jemand nach ihm gefragt hätte, empfahl dann, ihn nicht wieder aufſuchen zu laſſen, weil er wahrſchein⸗ lich nicht wieder nach Hauſe gehen würde, und verließ das Hotel, ohne die Hand ſeiner Braut zu berühren. Beatrix ihrerſeits, welche ſehr damit beſchäftigt war, eine Garnitur von blauem Fuchspelz zu bewundern, vergaß diesmal, ſie ihm zu bieten. Sie erblickte in der Zerſtreuung und Aufregung ihres Verlobten nur die ganz natürliche Ungeduld, welche die der Unterzeichnung eines Ehevertrags vorausgehenden Tage zu begleiten pflegt, und ſchloß aus den Fragen des Marquis, daß ihr derſelbe noch eine Ueberraſchung bekeinn wolle, daß ſie noch ein neues Geſchenk empfangen olle. In der That brachte kurz vor dem Diner ein Com⸗ mis von Foſſin ein ſehr großes Schmuckkäſtchen, indem er ſagte, er habe Befehl, daſſelbe an Fräulein von Cha⸗ marante zu überliefern. Sie fragte den jungen Mann aus, welcher aber weiter Nichts zu ſagen wußte, beeilte ſich dann, das Käſtchen zu öffnen und blieb erſtaunt vor dem herrlichen Werk der Juwelierkunſt ſtehen, welches ihren Blicken ſich darbot. Wie, auch das noch! rief der Vormund aus. Herr von Monza begeht Thorheiten. Thorheiten, mein Herr? Eine Marquiſe⸗Krone, eine wirkliche und wahrhafte Marquiſe⸗Krone! Habe ich denn nicht ein Recht darauf? 12 Ja, Bäschen, ſagte der ſo eben eintretende junge Graf Robert von Chamarante, Sie werden mit der Krone Ihres Hauſes auf dem Haupte wie die Prin⸗ zeſſinnen von England bei ihrer Salbung ausſehen. Der Graf Robert war, in ſeiner Kindheit Waiſe geworden, von Frau von Chamarante wie ein Kind des Hauſes erzogen worden und die geſchwiſterliche Freund⸗ ſchaft, welche zwiſchen ihm und Beatrir beſtand, war noch gewachſen in Folge der Vertraulichkeit und kleinen Dienſte, welche bei Gelegenheit der wichtigen Angelegen⸗ heit der Heirath zwiſchen ihnen ausgetauſcht worden waren. Du mußt ſie probiren, Beatrix, ſagte die Vicomteſſe, indem ſie ſich immer lauter über die Größe der Cdel⸗ ſteine verwunderte. Oh, nein, nein, Mutter, ich will ſie nicht anrühren, Niemand ſoll ſie anrühren! Amadee allein ſoll mir dieſes Diadem auf's Haupt ſetzen. Warum iſt er nicht da? Man laſſe ihn aufſuchen! Robert, lieber kleiner Vetter, laufen Sie und holen Sie ihn geſchwind! Noch einmal? ſagte der Präſident mit Humor, in⸗ dem er den jungen Grafen zurückhielt, welcher ſich munter anſchickte, dem Befehl ſeiner Baſe nachzukommen. Herr von Monza kann erſt zur Soiree wieder kommen. Er hat es geſagt als er wegging, Sie haben ihn heute ſchon vier Mal geſtört. Laſſen Sie ihn doch ſeine Geſchäfte zu Ende bringen. Geſchäfte gehen Allem vor. Robert legte ſeinen Hut wieder auf die Conſole. Beatrir ſeufzte tief, ſchwieg aber. Die Feſtigkeit ihres Vormundes imponirte ihr. Wie alle ſchwachen und leichten Geiſter, unterwarf ſie der geringſte Widerſtand, wenn er ſie nicht etwa bis zum Wahnſinn reizte. Stroh⸗ feuer erliſcht eben ſo raſch, als es entbrennt. Beim Diner plauderte man über die Zukunft, denn am Vorabend der Hochzeit gibt es ja keine Vergangen⸗ heit. Dieſe lachenden Geſichter, welche ſich in einem noch lachenderen ſpiegelten, in dem Geſichte des reizenden ——— 4† 13 Kindes, das faſt berauſcht war von ſeinen ſechszehn Jahren, von ſeinen Hoffnungen, von dieſer Verbindung, welche ein ungetrübtes Glück verhieß, ſie bildeten einen eigenthümlichen Gegenſatz zu den blaſſen und ernſten Zügen des Präſidenten von Saint⸗Serve, einem ehrwürdigen Ueberreſt das Parlaments von Paris, welcher auf ſeinem Antlitz den Stempel jener Unbeugſamkeit, jener Unbe⸗ flecktheit des Charakters trug, welcher unſere alte Magi⸗ ſtratur faſt durchgehends auszeichnete. Große Schmerzen, grauſame Prüfungen hatten ſeine Haltung nicht zu beugen vermocht und er hielt ſich ſeiner ſechsundſiebenzig Jahre ungeachtet, noch ſo aufrecht und feſt wie damals, wo er bei Gelegenheit eines Lit de justice Proteſt ein⸗ legte. Als man in den Salon zurückkehrte, muſterte der Präſident mit traurigem Blick die ringsum ausgebrei⸗ teten Siebenſachen, insbeſondere die ſo unerwartet ge⸗ kommene Marquiſe⸗Krone. Seeiine Mündel fragte ihn mit duckmäuſeriſcher Be⸗ tonung: Kommt wohl der Marquis bald, lieber Vormund? Ich habe Ihnen bereits geſagt, Beatrixr, daß er ſich mit dem Notar der Frau von Chamarante zu dem ſei⸗ nigen begeben mußte. Aber da kommt Geſellſchaft an, die Salons füllen ſich. Sie werden heute Abend ganz Paris ſehen. Unſere Freunde wollen meine ſchönen Geſchenke ſehen und ich bin ihnen dankbar dafür. Und ganz leiſe fügte ſie hinzu: Amadee zaudert lange. Schon vier Stunden iſt diiſe Krone hier und noch weiß ich nicht, wie ſie mir eht. Der große Salon füllte ſich allmälig mit glänzenden Toiletten und verſchiedene Gruppen bildeten ſich, um die Wunder des Geſchmacks und der Freigebigkeit, welche kunſtvoll auf den Möbeln geordnet waren. Während die Vicomteſſe die Marquiſe⸗Krone, welche 2 44 ſie aus dem Käſtchen genommen und auf ein Sammet⸗ kiſſen gelegt hatte, von Allen bewundern ließ, widerſtand Beatrix dem Andringen ihrer jungen Freundinnen, den Schmuck zu probiren, obgleich ſie noch ungeduldiger als jene war, an der Wirkung ihrer Krönung ſich zu er⸗ freuen. Sie hatte ſich das kindiſche Verſprechen gegeben, die Krone der Marquiſe nur aus der Hand deſſen zu empfangen, welcher ihr auch den Titel gab. So hörte Sie denn ihren Geſpielinnen mit zerſtreuter Miene zu, die Augen auf den Haupteingang geheftet, mit dem Fuße auf ihren Schemel ſtampfend und mit ihren kleinen weißen Zähnen die Roſenblätter ihres Straußes zer⸗ pflückend. Plötzlich öffnete ſich die Pforte mit Geräuſch. Er iſt es! rief ſie aus. Ich höre ihn! Mutter, die Krone, die Krone! Und ſie lief ihrem Verlobten entgegen, welcher mit einer Haſt und Verwirrung eintrat, welche die Erwar⸗ tung, deren Gegenſtand er geweſen, genug erklärte. Ich komme ſpät, ſagte er... Keine Entſchuldigung! Dieſer Kopfſchmuck... wie ſchön iſt er, wie reich!... Aber ich habe geſchworen, daß nur Ihre Hand mir ihn auf die Stirne ſetzen ſoll. Kommen Sie... ſind Sie auch geſchickt genug?... Wir wollen ſehen, mein Herr... Geſchwind, geſchwind! Krönen Sie mich! PUInd ſich mit einer Geberde voll Anmuth neigend, bot ſie ihren hübſchen Kopf dem Marquis dar. Ddieſe Geberde und dieſe mit der Hitze der Jugend vorgebrachten Worte waren ſo ſchnell wie der Blitz. Der Marquis nahm die Krone, welche die Vieom⸗ teſſe ihm darreichte, und ſetzte ſie auf die Stirne ſeiner Verlobten. Die Menge der Anweſenden bildete einen Kreis um die ſchöne Gruppe, die jungen Mädchen in der Stellung naiver Erwartung, die Frauen hinter ihren Fächern flüſternd, weiter zurück die Männer, deren Blicke durch N 15 das friſche und graziöſe Antlitz der künftigen Marquiſe noch mehr gefeſſelt wurden, als durch die Brillanten der Krone. Wie reizend! wie adelig!... Glückliche Verbindung! murmelten ſie. Und dieſe ganze elegante, luxuriöſe, kokette, par⸗ fümirte Geſellſchaft bildete ein vollkommenes Gemälde von Heiterkeit und Glück. Als aber die Braut ſich aufrichtete, ſtolz auf ihr Diadem, verſchwand das Lächeln und ein unerklärlicher Schauder durchlief die Verſammlung, welche bei ihrem Anblick einen Schrei des Entſetzens ausſtieß und vor Ueberraſchung, Widerwillen und Schrecken regungslos blieb. Dieſer Schrei, deſſen Urſache Beatrir nicht kannte, traf ſie in's Herz. Ihre Kniee ſchlugen gegen einander. Sie ſah vor ſich den Marquis mit verſtörten Zügen und bleich wie ein Geſpenſt. Sie ſah ihn mit dem Hand⸗ ſchuh an die Augen fahren und hörte ihn mit erſtickter Stimme aufſchreien: Oh, der Unglückliche! Dann fühlte ſie, daß etwas Kaltes über ihre Stirne lief, als ob Thränen aus der Krone träufelten. Mit einem Sprung durchbrach ſie den Kreis, lief vor einen Spiegel und ſah ihr Geſicht und ihre Krone voll von Blut. Ah, ſagte ſie mit herzzerreißender Betonung, er iſt verwundet! Herr von Monza iſt verwundet, Mutter! Stehen Sie ihm bei. Ihre Stimme erloſch, ihre Glieder erſtarrten und ſie fiel leblos in die Arme der Vicomteſſe. Das Herz von Beatrix gab ihr die naturgemäßeſte Erklärung dieſes ſeltſamen Ereigniſſes ein. Inmitten des allgemeinen Schreckens brachte Robert von Chamarante und einige Freunde den Marquis in ein anſtoßendes Zimmer. 46 Sie ſind verwundet! ſagten ſie halblaut. Ohne Zweifel in Folge eines Duells. Kommen Sie, kommen Sie! Nein, es iſt Nichts! ich fühle nichts! verſetzte Herr von Monza, welcher die Beute einer unbeſchreiblichen Verwirrung war, und da er die Unmöglichkeit empfand, irgend eine Erklärung zu geben, ſo ließ er ſich mechaniſch fortziehen. Beatrix, welche man ohnmächtig wegtrug, und der Marquis, den die jungen Leute in ein mit der Diener⸗ ſtube in Verbindung ſtehendes Gemach brachten, hatten kaum den Salon verlaſſen, als die noch bleiche und zitternde Geſellſchaft einen Freund des Hauſes umringte, welcher von draußen kam und deſſen erſte Worte den Schrecken und das Grauſen der Perſonen, welche ſich ihm genähert, verdoppelten. Eine zahlreiche Gruppe bildete ſich um ihn und alle fragten ihn zugleich. Und das Verbrechen geſchah alſo in dieſem Augen⸗ blicke? Vor fünf Minuten. Und gerade nebenan? In dem Hotel ſelbſt, links von der Einfahrtpforte. Wie, was ſagen Sie? Aber was iſt's denn eigent⸗ lich? wiederholten zwanzig Stimmen. Es iſt, meine Herren, entgegnete der Erzähler, daß man dem Geldwechsler in ſeinem Laden an der Vorder⸗ ſeite dieſes Hotels dreimalhunderttauſend Francs raubte und ſeine Tochter ermordete. 2. Der Verdacht. Es wäre unmöglich, die Erſtarrung und das Ent⸗ ſetzen beſchreiben zu wollen, wovon die elegante Ver⸗ ſammlung, welche die Salons des Hotels von Chama⸗ 17 rante füllte, ergriffen ward bei der Nachricht von dem dopdeltan Verbrechen, deſſen Schauplatz das Haus ab⸗ gegeben. Die Nachricht war eingetroffen einen Augenblick nach dem befremdenden Anblick, welchen eine junge und lachende Braut darbot, die plötzlich mit Blut bedeckt worden war durch die Berührung des Handſchuh's ihres Bräutigam's, während dieſer die Marquiſekrone ihr um die Stirne legte. Das Blut, welches den Handſchuh des Marquis von Monza färbte, war friſch und flüſſig. Es mußte demnach ganz unmittelbar vergoſſen worden ſein. Nun vernahm man im nämlichen Augenblicke, daß in dem mit dem Hotel zuſammenhängenden Wechslerladen ein junges Mädchen ermordet worden ſei. Herr von Monza, der ſich verſpätet hatte, war haſtig von dieſer Seite her ge⸗ kommen. Das Blut konnte alſo nur das der Tochter des Wechslers ſein. Aber wie konnte daſſelbe unter die⸗ ſen Umſtänden den Handſchuh des Marquis färben? Dieſe Fragen, dieſe Gedanken ängſtigten alle Her⸗ zen und drängten ſich allen Geiſtern auf. Keiner wagte, ſeinem Nachbar eine ſo traurige Vorſtellung, einen un⸗ willkürlichen, unvermeidlichen Verdacht mitzutheilen, aber er ſchwebte auf allen Lippen, konnte in allen Augen ge⸗ leſen werden. Man tauſchte ihn ſchweigend aus. Die Frauen knüpften eiligſt die Bänder ihrer Pelze zu, die Männer drängten ihre Leute zur Eile, welche von der Freitreppe herab nach den Wagen riefen. Pferdegeſtampf und Rädergeraſſel erfüllte den Hof und nach Verfluß von weniger als einer Viertelſtunde war das Hotel leer von Gäſten. Inzwiſchen ließ Herr von Monza, bleich und verſtört, ſeine rechte Hand des blutbefleckten Handſchuhs entkleiden. Mit dumpfer Stimme hatte er noch einmal das Wort:„der Unglücklichel« ausgeſprochen. Was bedeutete es? Die blutige Marquiſe. I. 2 18 War das eine Wiederkehr der Beſinnung, war es die Erinnerung an ein Schauſpiel, von dem er Zeuge Pweſen⸗ ohne daß es ihn betraf? Seine Bläſſe, ſeine Verwirrung erregten mehr als eine Vermuthung, er⸗ klärten aber Nichts. Als man die Hand des Herrn von Monza gewa⸗ ſchen und ſeinen Arm entblößt hatte, fand man keine Spur einer Verletzung. Das Blut war alſo nicht das ſeinige. Gerade, als hierüber kein Zweifel mehr ſtatt⸗ haben konnte, ging die Neuigkeit von der Ermordung des jungen Mädchens in einem Laden des Hotels in den Salons um und erreichte auch das Ohr eines der jun⸗ gen Männer, welche dem Marquis Beiſtand leiſteten. Die Wirkung davon war elektriſch. Einer winkte ſeinem Gefährten mit den Augen, die⸗ ſer einem Andern. Dann tauſchten ſie flüſternd einige Worte und bald befand ſich der Marquis mit dem jun⸗ gen Grafen von Chamarante allein. Graf, hören Sie mich, ſagte endlich der Marquis, das Stillſchweigen brechend. Es iſt hier ein Mann, deſſen forſchender Blick, deſſen inquiſitoriſcher Geiſt mich verfolgen, mich mit Fragen quälen würde. Ich will das nicht... ich könnte ihm nicht antworten... ich darf ihn nicht ſehen... Aber das Hotel verlaſſen, ohne von Beatrix und ihrer Mutter Abſchied zu nehmen... nein, o, nein, das kann ich nicht!... Welche Prüfung, welches Verhängniß, mein Gott!... Gehen Sie zu ihnen, ſagen Sie ihnen, daß ich noch nie ein ſolches Bedürfniß empfunden, ſie zu ſprechen, daß ich ſie ſogleich zu ſehen wünſche. Gehen Sie, gehen Sie! Ah, ich wußte es wohl, rief Robert aus und warf ſich dem Marquis an die Bruſt. Ja, ja, Sie werden Alles erklären... Ich hoffe, mein Bäschen hat ſich wieder erholt... Ich komme ſogleich wieder... Und er lief eiligſt fort. Herr von Monza beachtete die Worte und Blicke des Vetters ſeiner Braut nicht. Er muſterte aufmerk⸗ — 419 ſam alle Theile ſeines Anzugs. Nirgends, nicht einmal auf dem rechten Schooß ſeines Frackes fand ſich ein Flecken, und nachdem er ſeine Kleider wieder in Ord⸗ nung gebracht, ging er in den Salon zurück, welchen er verlaſſen fand. Der Himmel ſei gelobt! ſagte er zu ſich, der Präſi⸗ dent iſt fort! Mit etwas erleichtertem Herzen ging er auf die Gemächer der Vicomteſſe zu. Aber ſo eben trat Je⸗ mand heraus und ſchloß die Thüre hinter ſich. Es war der Mann, welchen er zu vermeiden gehofft hatte, es war der Präſident von Saint⸗Serve. Bei ſeinem Anblick trat der Marquis einen Schritt zurück und blieb unbeweglich ſtehen. Doch faßte er ſich, und abgerechnet ein leichtes Zittern, welches ſeinen ganzen Körper durchlief, wäre es unmöglich geweſen, die Aufregung wahrzunehmen, welche ihn beherrſchte. Frau von Chamarante und ihre Tochter ſind noch zu leidend, um Sie empfangen zu können, ſagte der Vor⸗ mund von Beatrix kalt. In der Erwartung, daß ſie ſich von ihrer Verwirrung bald wieder erholt haben werden, haben ſie mich beauftragt, Herr Marquis, mich zu Ihnen zu begeben. Kennt Fräulein von Chamarante meine Ungeduld, ſie zu ſehen? Ja. Sie werden Sie ohne Zweifel in einem Au⸗ genblick ſehen können. Aber erklären Sie mir doch, durch welches Zuſammentreffen verhängnißvoller Umſtände dieſes ſchreckliche Ereigniß ſtattfinden konnte. 4 Ach, nach dem furchtbaren Vorfall, deſſen Geräuſch ſo eben zu mir gelangte, iſt Nichts zugleich ſchrecklicher und natüͤrlicher... Ich kam an.. ich fühlte, daß ich mich verſpätet hätte... Um den Umweg der Straßen zu vermeiden, hatte ich meinen Wagen auf dem Boule⸗ vard, am Eingang der Paſſage Vendome gelaſſen... ich ging raſch. Ich war nur noch zwei Schritte vom Hotel entfernt, als ich aus der Bude bes Wechslers, * 8 20 welche ſich links von der Eingangspforte beſindet, eine Perſon herauskommen ſah... eine Perſon, die ich bis jetzt meinen Freund genannt... Ein Elender, ein Un⸗ eheuer!... aber ich wußte das nicht... Er ging ſo ſchnell als ich... Er erkannte mich, gab mir die Hand, drückte die meine krampfhaft... es war das Werk einer Sekunde... Wir waren an der Thüre des Hotels... Einen Augenblick nachher betrat ich den Salon. Mein Handſchuh hatte mich verhindert, die Spur zu empfin⸗ den, welche der Händedruck dieſes Menſchen zurückge⸗ laſſen— das Uebrige wiſſen Sie... Sie fühlten einigen Verdacht, als Sie kamen... Ich bemerkte, daß Sie bleich und verſtört waren, ſagte Herr von Saint⸗Serve ruhig und ohne den Marquis anzuſehen. Da ich die Lebhaftigkeit von Fräulein von Chama⸗ rante kannte und mit dem Gedanken an meine unfrei⸗ willige Verſpätung beſchäftigt war, ſo hatte ich während des kurzen Moments zwiſchen der verhängnißvollen Be⸗ gegnung und meinem Eintritt in den Salon keine Zeit zum Nachdenken. Und doch machten mich drei Umſtände, die ich mir nicht erklären konnte, betroffen und drängten ſich unabläſſig meinem Geiſte auf... die Begegnung ſelbſt, an einem ſolchen Orte und zu einer ſolchen Stunde... die krampfhafte Art, womit er meine ihm gebotene Hand drückte... endlich die vollſtändige Dunkelheit, in welche die Bude des Wechslers begraben lag, während die be⸗ nachbarten Läden alle erleuchtet waren... all' dies machte einen peinlichen Eindruck auf mich... Ich er⸗ kannte die Perſon, der ich ſo unerwartet begegnete, ich geſtehe es.. Ich wußte auch, daß er geſtern eine eehr große Summe im Spiel verloren hatte... Aller⸗ dings fiel mir nicht ein, eine ſolche Kataſtrophe zu argwöhnen, allein ich kann nicht leugnen, daß ich bei meinem Eintritt in die Geſellſchaft unter dem Ein⸗ fluß einer vagen und traurigen Ahnung ſtand. Und Sie ſind gewiß, die Perſon, welche aus der 21 Bude herauskam, erkannt zu haben? Und noch in die⸗ ſem Augenblicke hegen Sie hierüber keinen Zweifel? Keinen, mein Herr. Sie können alſo den Mann nennen? fragte der Präſident mit Feſtigkeit, indem er dießmal ſeinen Blick auf den des Herrn von Monza heftete. Bei dieſer Frage erbebte der Marquis. Dann ver⸗ ſetzte er mit einer Ruhe, welche nur das Reſultat ge⸗ waltſamer Selbſtbeherrſchung ſein konnte: 3 Bei dem erſten Schrei der Ueberraſchung und des Schreckens, welcher meinem Munde ſo gut wie dem der Andern entfloh, begegneten ſich unſere Blicke. Sie er⸗ innern ſich deſſen, mein Herr. Die Frage, welche Sie ſo eben an mich gerichtet, mußte mir in Bälde geſtellt werden; ich wußte das und ich geſtehe, daß mich dieß furchtbar verwirrte... Aber Nachdenken hat meine Zweifel aufgehellt... mein Entſchluß iſt gefaßt und ich werde Ihnen ohne Zögern antworten... Wenn der Mörder die Strafe ſeines Verbrechens allein tragen könnte, ſo würde ich nicht anſtehen, ſeinen Namen zu nennen, allein die Schmach, welche er verdient, würde einen erlauchten Namen beflecken, einen verehrten Na⸗ men, welchen Andere mit Würde tragen. Falls dieſer Name den Nachforſchungen der Polizei entgeht, habe ich dann wohl das Recht, ihn auszuſprechen? Soll ich mich hiezu entſchließen, wenn mein Stillſchweigen hin⸗ reicht, eine Familie, welche ich achte und liebe und welche an dem Verbrechen unſchuldig iſt, vor Schande und Trauer zu bewahren? Nun wohl, nein, ich kann es nicht. Ich verweigere die Antwort auf Ihre Frage und ich bin ſicher, daß eines Tages Frau von Chamarante mir dankbar ſein wird für mein Schweigen. eeſ Dieß geſagt, ging er auf das Gemach der Vieom⸗ eſſe zuä. Einen Augenblick, Herr von Monza! Frau von Chamarante iſt bei dieſer Sache nicht allein betheiligt... Sie haben von dem Teſtament ihres Mannes Kenntniß 22 genommen... Meine Einwilligung zur Verheirathung ihrer Tochter iſt nicht weniger nothwendig als die ihrige... Sie wiſſen es. Großer Gott! und was verlangen Sie denn, mein Herr? rief der Marquis aus, zu Herrn von Saint⸗Serve zurückkehrend. Hören Sie mich! ſagte der Präſident. Was unter uns vorging, iſt ernſter für Ihre Zukunft, als Sie viel⸗ leicht denken. Unter dem Geſichtspunkt der Welt, in welcher Sie leben, begreife ich das falſche Zartgefühl, den banalen Ehrenpunkt, die höchſt gefährlichen Serupel, welche Ihnen Ihre Antwort auf meine Frage dictirt haben. Glauben Sie mir, die Geſellſchaft geht nur da⸗ durch zu Grunde, daß ſie ſolche feige Verheimlichungen und Gefälligkeiten übt. Man will das Privilegium der CEhre haben, wie das der Erziehung und des Reichthums. Der Kaſtengeiſt erſtickt jedes Gefühl der Gerechtigkeit und man ſieht nicht, daß die Fäulniß, welche man nicht auszutilgen wagt, welche man hegt und pflegt, über welche man die Augen ſchließt, immer mehr geſunde Glieder anfrißt und den ganzen Körper mit dem Tode bedroht... Sie ſind ſtreng, mein Herr. Ich habe das Recht dazu. Ich habe mein Herz gebrochen, ich habe meinen ſchuldvollen Sohn von mir gejagt, die Strenge iſt die Quelle aller Gerechtigkeit und aller Güte. Die Pflicht, welche ich in meiner Fa⸗ milie erfüllte, möge ſie der Adel, der neue wie der alte, jedem ſeiner Glieder gegenüber erfüllen und er wird dem Geiſt der Zeit widerſtehen können. Er wird ſich retten, weil er nicht aufhören wird, geachtet zu ſein unter dem Geſichtspunkt der wahren Pflichten, welche Ihr Rang Ihnen auflegt. Ich kann daher Ihren Entſchluß nicht billigen und als Vormund, als zweiter Vater von Bea⸗ trix, als welcher mir ein beträchtlicher Theil der Verant⸗ wortlichkeit für ihr künftiges Glück zukommt, muß ich Ihnen anzeigen, daß Ihr Entſchluß, falls Sie auf dem⸗ 23 ſelben beſtehen ſollten, eine Veränderung in meinen Ge⸗ ſinnungen hervorrufen könnte. Wenn Herr von Saint⸗Serve den Blick der Ueber⸗ raſchung und des Mitleids geſehen hätte, welchen ihm der Marquis zuwarf, als er von ſeinem Sohne ſprach, ſo hätten ſeine Worte vielleicht eine andere Wendung genommen; allein mehr damit beſchäftigt, ſeinen Ge⸗ dankengang zu verſolgen als den Eindruck, welchen der⸗ ſelbe auf dem Geſicht ſeines Geſellſchafters hervorbrachte, hatte der Präſident nichts geſehen und Herr von Monza, welcher ſeine Verbindung mit Beatrix durch einen Mann bedroht ſah, der ihm in der That die Hand ſeiner Er⸗ korenen verweigern konnte, hütete ſich wohl, eine Aus⸗ einanderſetzung zu unterbrechen, welche die letzten Worte des Präſidenten ihm ankündigten. 8 Sprechen Sie, mein Herr, ſprechen Sie! ſagte er. Ja, mein lieber Herr von Monza, ich kenne Bea⸗ trix, ich ſah ſie geboren werden. Ich kenne ihre Fehler eben ſo gut wie ihre Vorzüge. Launiſch, gutmuthig, reizend, natürlich und zärtlich, aber beſchränkt und träge, iſt ſie dabei von einem Eigenſinn, welchen ſie für Cha⸗ rakter hält. Eine eingewurzelte Sorgloſigkeit, eine voll⸗ ſtändige Unkenntniß der Pflichten einer Hausfrau... die blinde Fürſorglichkeit ihrer Mutter hat die Tochter vor jeder Mühe, jeder Sorge bewahrt.. Ich über⸗ treibe nicht... Ihre Jugend, ihre Schönheit wirft über all' dieß den Zauber der Anmuth, allein Schönheit und Jugend vergehen... die Fehler bleiben... Wohlan, ungeachtet der Mängel, welche dieſes verzogene Kind an ſich hat, glaubte ich und glaube ich noch, daß Beatrix gluͤcklich ſein könne... aber unter einer Bedingung, und dieſe iſt, daß ſie ihrem Manne 8 tiefe Leiden⸗ ſchaft, eine jedes andere Gefühl weit überragende Zu⸗ neigung einflöße... verſtehen Sie mich wohl... eine Zuneigung, welche uns die Garantie gäbe, daß ſie in dem Herzen des Mannes ihren Führer, ihre Stütze und jene mit Feſtigkeit verbundene Nachſicht finde, deren ſie 24 eines Tages bedürfen würde und welche nur aus einer Liebe entſpringt, welcher man Alles opfern mag... Ich hoffte, Sie hegten ein ſolches Gefühl für Beatrir, und deßhalb willigte ich in eure Verbindung. Sollte ich mich getäuſcht haben? Gibt es Etwas, was Sie höher anfhiagen als dieſe Heirath? Wohlan, wenn es ſo iſt, ſo iſt es mir, dem für ihre Zukunft verantwort⸗ lichen Vormund des Fräuleins von Chamarante und dem Herrn über ihr Geſchick, unmöglich, in dieſer Ver⸗ bindung die glücklichen Chancen, welche ſie mir darzu⸗ bieten ſchien, noch ferner zu ſehen, und ich ziehe meine Einwilligung zurück. Eine Drohung! ſagte Herr von Monza erbleichend. Nein, ein Ultimatum! Sie werden den Mörder der Tochter des Wechslers nennen, Sie werden dieſen Elenden Ihrer Liebe opfern oder aber mir geſtatten, zu glauben, daß dieſe Liebe unter Ihren Gefühlen nicht den Nang einnimmt, welchen ſie einnehmen ſollte. Sie lie⸗ ben Fräulein von Chamarante nicht, irgend Jemand iſt Ihnen theurer... ſonſt hätten Sie bereits geſprochen. Ich liebe Fräulein von Chamarante nicht?! ſagte der Marquis, deſſen Augen ſich mit Thränen füllten... Oh, Sie ſelber werden binnen Kurzem begreifen, daß mein in dieſem Augenblick beobachtetes Schweigen der größte Beweis von Liebe iſt, den ich zu geben vermag... Aber brechen wir ab. Was Sie Ihr Ultimatum nennen, iſt keines: das iſt ein Aufſchub von wenigen Tagen, weiter Nichts. Sie werden mir Ihr Vertrauen zurück⸗ geben, werden mich noch höher achten als bisher... werden mich ſegnen, fügte er mit ſtarker Betonung dieſes Wortes hinzu, ſegnen für mein heutiges Beneh⸗ men... Und den Moment erwartend, wo ich den Schuldigen werde nennen können, hören Sie mich wohl!... forſchen Sie nicht nach ihm, ſuchen Sie ihn nicht, Herr von Saint⸗Serve!... Das geradeſte Ur⸗ theil, der erfahrenſte Geiſt kann getäuſcht werden... Man glaubt naturgemäß, man bildet ſich ein, daß ein 25 Menſch, dem man nicht den geringſten Vorwurf zu ma⸗ chen berechtigt war, plötzlich der tiefſten Verworfenheit anheimfallen kann... Und man glaubt an eine ebenſo plötzliche, ebenſo wunderbare Rückkehr vom Laſter zur Tugend!... Der Verdacht, den man auf ein makel⸗ loſes Leben wirft, man bildet ſich nicht ein, daß er ein Leben bedrohen kann... ein ſchon compromittirtes Leben... Mein Herr! rief Herr von Sainte⸗Serve, in wel⸗ chem tauſend Gefühle, tauſend ſchlummernde Erinnerun⸗ gen aufwachten, wie durch einen Blitz entzündet. Nun wohl, ſagte der Marquis mit Ruhe, ich habe Nichts geſagt... habe den Schuldigen nicht genannt ... Aber, ich wiederhole es, indem ich Sie verlaſſe, forſchen Sie ihm nicht nach, ſuchen Sie ihn nicht! So ſprechend nahm der Marquis ſeinen Hut von der Conſole und entfernte ſich raſch, während der Prä⸗ ſident von Saint⸗Serve mit ſtarrem Blicke und mit von einer plötzlichen und gräßlichen Ahnung erfaßtem Geiſt zitternd den Arm eines Lehnſtuhls erfaßte und ſich laut⸗ los in denſelben niederſetzte. 3. Der Mörder. Um die Verwirrung zu begreifen, in welche die letzten Worte des Herrn von Monza das Gemüth des Präſidenten verſetzten, iſt es nöthig, die Stellung aus⸗ einanderzuſetzen, in welcher ſich der Greis gegenüber ſei⸗ nem einzigen Sohn, Ernſt von Saint⸗Serve, befand, der ein Studiengenoſſe des Marquis und wie dieſer Mitglied des Jockey⸗Clubbs war. 8 Der Sorgfalt und Zärtlichkeit ſeiner Mutter frühe beraubt, war Ernſt herangewachſen unter der kalten und 26 ſtrengen Herrſchaft eines Greiſes, deſſen Aeußeres die Traditionen einer früheren Zeit bewahrte und keine jener Anziehungskräfte beſaß, welche einen jungen Mann an das väterliche Haus ſeſſeln. Den unwiderſtehlichen Ein⸗ fluß, welchen weibliche Sanftmuth auch auf die rauhe⸗ ſten Naturen übt, hatte Ernſt nicht kennen gelernt. Voll Reſpect vor der Perſon, deren Namen er trug, hatte er für dieſe niemals ein wärmeres Gefühl empfun⸗ den, hatte ſich in ihrer Gegenwart nie frei und behag⸗ lich gefühlt. Der Präſident erkältete ihn durch ſeinen Blick, durch ſeine Verweiſe, ſogar ſchon durch ſeinen Anblick. Das Reſultat dieſer beſtändigen Furcht war die Entwickelung des Stolzes und der Entſchloſſenheit in einem von Natur herriſchen und feſten Charakter. Ernſt hatte Neigung für die Künſte, für Abenteuer und Unter⸗ nehmungen, wo Kühnheit und Selbſtvertrauen, verfüh⸗ reriſche Manieren, der Zauber des Wortes, die Macht geiſtiger Combinationen glänzen konnten. Er wäre gern ein Induſtrieritter, ein Diplomat, ein ausgezeichneter Literat geworden. Aber ſein Vater war unbeugſam und er mußte, ungeachtet ſeines Widerſtandes, ungeachtet des Ekels, welchen ſchon der Anblick des Juſtizpalaſtes ihm ein⸗ flößte, die Laufbahn des Advokaten verfolgen. In die erſten Cirkel von Paris aufgenommen, wo ſeine Eleganz, ſeine geiſtige Ueberlegenheit, ſeine unbeſtreitbare Schön⸗ heit eines gefallenen Engels auf die Frauen der Mode eine Art Bezauberung übten, hatte Ernſt in einem ver⸗ ſchwenderiſchen Leben die beſcheidenen Mittel, welche ihm ſein Vater zur Dispoſition ſtellte, bald erſchöpft. Er machte Schulden. Der Präſident weigerte ſich, ſie zu bezahlen. Ernſt unterdrückte ſeine Scham und begann ſeinen Vater zu haſſen, die Welt und die Tugend zu verachten. Er ſpielte. Anfangs glücklich, mußte er den Umſchlag des Glückes bald bitter empfinden. Mit ſei⸗ nen Auskunftsmitteln zu Ende, zu ſtolz, um ſich auf's Neue den Vorwürfen und Zurückweiſungen ſeines Vaters 14 auszuſetzen, mit einem Herzen ohne Glauben, ohne Liebe, ohne Begeiſterung, ohne Hoffnung, fiel er raſch von Schuld zu Schuld bis auf die letzte Stufe des Laſters. Herr von Saint⸗Serve erhielt den Beweis, daß ſein Sohn eine Fälſchung begangen. Ernſt war jetzt voll⸗ jährig, der Präſident ſtellte ihm Rechnung, und nach⸗ dem vermittelſt des Opfers eines bedeutenden Theils der mütterlichen Hinterlaſſenſchaft einer Anklage bei den Gerichten vorgebeugt worden, verbot er ſeinem Sohn, ihm je wieder vor Augen zu kommen.... Unverſehens öffnete ſich die Thüre des Salons. Herr Präſident, meldete ein eintretender Kammer⸗ diener, der Herr Unterſuchungsrichter und der Herr Po⸗ lizeicommiſſär wünſchen Sie zu ſprechen. Herr von Saint⸗Serve fühlte all' ſein Blut dem Herzen zuſtrömen... Eine ſchmerzliche Beklemmung ſchnürte ſeinen Geiſt zuſammen... Aber er faßte ſich und ſagte mit feſter Stimme: Laßt die Herren eintreten. Das Verhör. Der Kammerdiener führte die beiden Beamten ein. Es trat eine Pauſe von einer Minute ein, während welcher die ſtählerne Seele des Präſidenten, dieſes Man⸗ nes der alten Zeit, ſich wieder härten konnte. Er ord⸗ nete ſeine Züge mit einer höchſten Anſtrengung des Willens, und als die Beamten eintraten, ging er ihnen entgegen, ruhiger als ſie ſelber. ie Herren begrüßten ſich ſchweigend und der Die⸗ ner entfernte ſich, nachdem er Stühle hingeſtellt. 28 Der Unterſuchungsrichter nahm das Wort, indem er mit einer achtungsvollen Verbeugung ſagte: Ich habe nicht nöthig, Ihnen bemerklich zu machen, Herr Präſident, daß die Erfüllung der Pflichten unſeres Amtes oft peinlich iſt.. Mein Herr, ich weiß, was man der Juſtiz ſeines Landes ſchuldig iſt. Sechsundſiebenzig Jahre eines, wie ich zu ſagen wage, vorwurfsfreien Lebens bezeugen meine vollſtändige Unterwerfung unter die Geſetze und For⸗ derungen meines Standes. Ich erwarte Ihre Eröffnung. Es handelt ſich um das Verbrechen, welches bei dem Wechsler begangen wurde. Sie waren in dem Hotel, als Frau von Chamarante eine zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft empfing. Es ſcheint, daß bei der Ankunft des Bräutigams ihrer Tochter ein ſeltſamer Vorfall ſich er⸗ eignete, welcher mit dem Mord in Verbindung zu ſtehen ſcheint... Sie waren ohne Zweifel Zeuge dieſes Vor⸗ falls und wir hoffen von Ihnen Nachweiſungen zu er⸗ halten, welche, wir fürchten es wenigſtens, die ſchweren Indicien verſtärken könnten, die in dieſem Augenblick die Gerechtigkeit auf die Spur des Schuldigen bringt. Der Vorfall, von dem Sie ſprechen, iſt in der That ſeltſam. Herr von Monza wurde von Fräulein von Cha⸗ marante ungeduldig erwartet. Sie hatte den Tag über ein prächtiges Diadem von ihm erhalten und wollte zum erſten Mal nur von der Hand ihres Verlobten damit geſchmückt ſein. Der Salon war von einer glänzenden Menge angefüllt, als Herr von Monza ankam. Er nahm die von Diamanten funkelnde Krone und ſetzte ſie ſeiner Braut auf die Stirne. Allein ſein Handſchuh war mit Blut befleckt. Sie begreifen den unbeſchreib⸗ lichen Schrecken, welcher ſich der Geſellſchaft bemächtigte ... So verhält ſich die Sache... Haben Sie mich ſonſt noch Etwas zu fragen? Ein ſolches Ereigniß kann nicht ſtattfinden, ohne Erklärungen zu veranlaſſen. Herr von Monza erzählte, daß er an dem Thor des —.. 29 Hotels einer Perſon, welcher er bis dahin den Namen eines Freundes gegeben und welche aus der Bude des Wechslers trat, die Hand gedrückt hätte. Hat er dieſe Perſon genannt, Herr Präſident? Er verweigerte es meines Andrängens ungeachtet. Hier ſchien der Unterſuchungsrichter eine gewiſſe Verlegenheit zu empfinden. Sich bemeiſternd fügte er hinzu:. a gerr von Monza hat wenigſtens geſagt, ob die Perſon, welcher er an der Thüre des Wechslers begeg⸗ nete, zur Geſellſchaft der Frau von Chamarante gehörte oder nicht? Hat er nicht ſeine Ueberraſchung darüber ausgedrückt, daß er jene Perſon von dem Hotel weg⸗ gehen ſah in dem Augenblick, wo es natürlicher geweſen, vorauszuſetzen, dieſe Perſon würde eintreten, um mit den übrigen Hausfreunden der Familie ihre Glückwünſche darzubringen? Nein, mein Herr. Es trat eine Pauſe des Schweigens ein, welches der Unterſuchungsrichter dadurch unterbrach, daß er mit gedämpfter Stimme und bewegtem Tone ſagte: Sie haben einen Sohn, Herr Präſident? Ja, mein Herr. Er bewohnt Ihr Hotel? Seit ſeiner Kindheit. Wann haben Sie ihn zuletzt geſehen? Er ging zeitig aus, antwortete Herr von Saint⸗ Serve zögernd. Ich habe ihn vor ſeinem Ausgehen nicht geſehen und weiß nicht, ob er zurückgekommen iſt. Er iſt alſo nicht in der Abendgeſellſchaft der Frau von Chamarante erſchienen? Dieſe Frage war ein Lichtſtrahl für Herrn von Saint⸗Serve. Bis jetzt war einzig und allein der Be⸗ amte, der unbeugſame Mann in ihm erſchienen. Er hatte ſeine Befürchtungen, ſeine entſetzliche Angſt be⸗ ſchwichtigt. Nun aber ſchlug der Vater vor und er ver⸗ 30 mochte ſich nicht länger zu bemeiſtern. Das ſchrecklichſte Unglück vorherſehend erhob er ſich lebhaft und ſagte: Wozu dieſe Fragen, mein Herr? Was hat mein Sohn gemein mit dem in der Paſſage Vendome began⸗ genen Mord? Die beiden Beamten ſahen ſich an, ohne zu ant⸗ worten. In ſeinen ſchwarzen Kleidern, mit ſeinem Geſichte, das ſo weiß war wie der Puder ſeiner Haare, mit ſeiner erlöſchenden Stimme und zitternden Hand, mit ſeinem gegen ſie ausgeſtreckten Arm, in ſeinem Bemühen, ſei⸗ nem gräßlichen Schmerz zum Trotz die Würde ſeines Alters und ſeiner Stellung zu bewahren, flößte ihnen Herr von Saint⸗Serve Achtung oder unwillkürliches Mitleid ein. Sie ſchweigen, meine Herren? ſagte er. Sie fürch⸗ ten alſo, mich ſchwach zu finden; Sie fürchten vielleicht, mich zu erzürnen. Sie täuſchen ſich. Ich bin ruhig, ich bin kalt und vermag Alles zu hören. Sprechen Sie alſo, ſprechen Sie! Er ließ ſich auf ſeinen Stuhl zurückfallen, nicht länger im Stande, ſich aufrecht zu erhalten, aber ſelbſt in Fer Schwäche noch majeſtätiſch. Herr Präſident, verſetzte der Procurator des Königs, niemals noch habe ich das Gewicht meines Amtes ſo ſehr gefühit. Wollen Sie uns die Nachweiſungen geben, welche Sie zu geben vermögen in Betreff Ihres Soh⸗ nes, in Betreff ſeiner Gewohnheiten.. Er hat regelmäßige und ſeine Aufführung war ſeit achtzehn Monaten tadellos... wenigſtens glaubte ich ſo. Und während dieſer Zeit hat er ſtets in Ihrem Hauſe gelebt? Er machte keine Reiſe? Keine. Wohl, Herr Präſident. Es bleibt uns jetzt noch übrig, Sie zu bitten, uns in Ihr Hotel zu führen. Es liegt uns ob, daſſelbe einer Viſttation zu unterwerfen. Indem er dieſe Worte mit gedämpfter Stimme — n. SS— — ½2 d= e—— —,——A 31 vorbrachte, neigte der Procurator des Königs das Haupt und fügte ſanft hinzu: Waffnen Sie ſich mit Muth, Herr Präſident. Das iſt eine furchtbare Prüfung!... Wir haben leider die dringendſten Gründe, anzunehmen, daß Herr Ernſt des Mordes ſchuldig ſei, welcher heute Abend in der Paſſage Vendome an Fräulein Sophie Hervé vollbracht wurde. Herr von Saint⸗Serve erwiederte kein Wort, machte keine Geberde, änderte ſeine Stellung nicht, nur überzog eine leichenhafte Bläſſe ſeine Züge, und nach einigen Augenblicken des Schweigens funkelten ſeine regungsloſen Augen von dem Feuer des Fiebers, und zwei Thränen rollten langſam über den Marmor dieſes Geſichtes, wel⸗ ches ſcheinbar ebenſo kalt und unbelebt war wie die Statue der Verzweiflung. Die Beamten traten bei Seite, indem ſie die erſten Momente dieſes antiken Schmerzes achteten und warteten, bis der unglückliche Vater Geiſtesgegenwart genug ge⸗ ſammelt hätte, um ſie verſtehen zu können. Aber die Minuten verfloſſen und das Stillſchweigen des Todes währte fort. Der Polizeicommiſſär brachte daher eine Frage vor. Der Unglückliche ſchien ſie nicht zu hören und verharrte noch einige Augenblicke in ſeiner Regungs⸗ loſigkeit. Doch plötzlich ſtand er auf und ſagte: „Gehen wir, meine Herren!« Er zog die Klingel und der Kammerdiener trat ein. Bezeugt der Frau Vicomteſſe meine Achtung und ſagt ihr, daß ich ſie heute Abend nicht mehr werde ſehen können, da ich das Hotel auf der Stelle verlaſſen muß... Meine Herren, mein Wagen wartet Ihrer. Vielleicht waren der Muth eines Vaters, der Stolz auf edles Blut, die Erinnerung an ein vorwurffreies Leben niemals auf eine grauſamere Probe geſtellt wor⸗ den. Niemals litt ein Menſch heftiger als dieſer ſtoiſche Greis, welcher ſich ſchämte, das zu Pigen, was er ſeine Schwäche nannte. Er erwies den Beamten beim Ein⸗ ſteigen in ſeinen Wagen die gebührenden Höflichkeiten, 32 ſprach aber während des kurzen Weges, welchen ſie zu machen hatten, kein Wort. Zu Hauſe angelangt, rief der Präſident in dem Augenblick, als die Einfahrtpforte geöffnet wurde und die Herren in die Vorhalle traten, ſeinen Thürſteher und gab ihm den gemeſſenen Befehl, Niemand aus dem Zauf zu laſſen, bevor die Beamten des Königs weggegangen wären. Seine Stimme war feſt, ſeine Hand zitterte nicht. Er hatte ohne Zweifel einen großen Entſchluß gefaßt. Eine alte Haushälterin, welche eine hohe Haube, eine ſchwarztaffetne, ſpitzengarnirte Schürze und einen großen Schlüſſelbund am Guͤrtel trug, kam ihrem Herrn entgegen und erwartete die Befehle deſſelben. abette, ſagte er zu ihr, Ihr werdet dieſe Herren im ganzen Hauſe umherfuͤhren, werdet ihnen alle Thü⸗ ren und alle Schränke öffnen, werdet Alles thun, was ſie Euch befehlen, und werdet ſie Alles mitnehmen laſſen, was ihnen mitzunehmen beliebt. Mein Gott, Herr Präſident, rief die alte Frau erſchrocken aus, ich werde ihre Befehle gerne vollziehen, aber ich bin gewiß, daß man hier nichts Verdächtiges finden wird. Ihre Leute ſind rechtſchaffen, ich kann für ſie gutſtehen, wie für mich ſelbſt. Es handelt ſich nicht um meine Leute, Babette. Fürchtet Nichts für ſie und haltet Euch bereit, den Herrn Procurator des Königs zu begleiten. Herr von Saint⸗Serve ging den Beamten voran. Sie traten in ein großes, düſteres und ernſtes Ge⸗ mach in dem Erdgeſchoß des Hotels. Bücherſchränke von Eichenholz waren darin mit juridiſchen Werken an⸗ gefüllt. Gewirkte Tapeten ſtellten auf der einen Seite das Urtheil des Salomo, auf der andern das des Bru⸗ tus dar und erhöhten den finſtern Eindruck des Zimmers. In der Mitte ſtand ein ungeheurer Schreibtiſch von Ebenholz, welcher, bedeckt mit Papieren aller Art, mit Excerpten, Noten und ſtaubigen Bänden, verrieth, daß 33 der Präſident ungeachtet ſeiner Zurückgezogenheit das Studium ſeiner Wiſſenſchaft nicht aufgegeben habe. Ein Diener zündete die Kerzen der Candelaber an und entfernte ſich. Meine Herren, ſagte der Präſident zu den Beam⸗ ten, bevor Sie Ihre Hausſuchung beginnen, theilen Sie mir gefälligſt die Einzelnheiten mit, welche zu Ihrer Kenntniß gelangt ſind. Wie ging es zu, daß ſich Ihr Verdacht auf... er zauderte einen Augenblick, als ob es ihn entſetzlich viel koſtete, dieſen Namen auszu⸗ ſprechen... auf meinen Sohn richtete? Herr Präſident, ſein Eintritt in die Bude iſt durch Zeugen erwieſen. Die Gasflamme wurde während ſeiner Anweſenheit in derſelben ausgelöſcht. Im Augenblick ſeines Heraustretens begegnete er Jemand. Dann haben wir neben dem Stuhl, auf welchen das Opfer zuſammen⸗ Weſunie und ſterbend gefunden wurde, die Scheide eines olches aufgehoben. Betrachten Sie das Wappen darauf, Herr Präſident. Herr von Saint⸗Serve warf einen Blick auf die Scheide und erbebte. Das junge Mädchen, fuhr der Procurator des Königs fort, war die Geliebte von Herrn Ernſt. Dieſer Brief, welcher in der Taſche ihres Kleides gefunden ward, läßt hierüber keinen Zweifel übrig. Bielleicht war er eiferſüchtig, ſagte der Greis, begiendd, eine Entſchuldigung des abſcheulichen Verbrechens zu finden. Ach nein, dieſe Leidenſchaft trieb ihn nicht... Die Kaſſe des Wechslers, deren Deckel offen ſtand, zeigte rinen Verluſt von mehr als 300,000 Francs in Bank⸗ noten. Der Präſident machte eine Geberde des Eckels, aber er bemeiſterte ſogleich den Schrecken, der ihn durchtieſelte. Herr Ernſt erlitt ſeit einiger Zeit beträchtliche Spiel⸗ verluſte; unter andern einen geſtern Nacht, wo ihm der Herr Marquis von Monza im Clubb 2ob0 Louisd'or Die blutige Marquiſe. I. 34 abgewann. Sie wiſſen beſſer als irgend Jemand, Herr Präſident, daß er nicht in der Lage war, dieſe Summe zu bezahlen... Das genügt. Meine Herren, thun Sie Ihre Pflicht. Ich will Sie ſelber führen. 3 Seit einigen Augenblicken waren Polizeiagenten angekommen und warteten im Vorzimmer. Der Procurator des Königs gab ihnen ein Zeichen, und ſogleich begann unter den Augen des Vaters eine Jagd, deren Wild ſein einziger Sohn war. Er wohnte derſelben ſchweigend bei, ohne ein ein⸗ ziges Wort in die wenigen Amtsworte zu miſchen, welche die Leute des Königs vorbrachten. Man fand im Erdgeſchoß Niemand und mußte jetzt daran gehen, das erſte Stockwerk zu durchſuchen, wo ſich die Staatszimmer befanden, und das zweite, welches unbewohnt war.. Herr von Saint⸗Serve, deſſen Kräfte nachließen und der ſich geſetzt hatte, klingelte einem Lakai und be⸗ fahl ihm, die Haushälterin zu rufen, damit dieſelbe den Beamten alle Thüren und Behältniſſe auſſchließe. Die alte Babette ließ lange auf ſich warten. Endlich kam ſie, bleich, verwirrt, außer Stande, ein Wort zu ſprechen. Ihr Gebieter bemerkte ihren Schrecken nicht und ſagte ſtreng: Babette, warum habt Ihr Euch nicht bereit hebal⸗ ten, dieſe Herren zu begleiten, wie ich Euch befahl? Ich kam... ich ging... Verzeihung, Herr Präſident, da bin ich. Dieſe gute Frau iſt erſchrocken, ſiel der Procurator des Königs ein. Sie iſt an ſolche Scenen nicht ge⸗ wöhnt. Beruhigen Sie ſich, Madame, man wird Ihnen nichts zu Leide thun. Sie ſollen uns bloß führen. Mit zitternder Hand ſteckte Babette den Schlüſſel in das Thürſchloß und trat mit ungewiſſem Schritte in einen ungewöhnlich großen Saal, welchen der Präſident ſeit dem Tode ſeiner Frau nicht mehr betreten hatte. 2SE △☛ w —— ☛& 2—ͤ—+— 3⁵ Dann blieb ſie an der Thüre ſtehen und ließ die Leute der Juſtiz an ſich vorübergehen. Der Präſident kam zuletzt. Sie hielt ihn auf, und die Hände in der Stellung flehend⸗ ſter Bitte faltend, flüſterte ſie ihm zu: Herr Präſident, im Namen ſeiner Mutter, über⸗ liefern Sie ihn nicht! Er iſt im Gartenpavillon. Der Präſident taumelte ein paar Schritte zurück. 5. Vater und Sohn. Die unerwartete Nachricht von der Anweſenheit Ernſt's im Hotel, mit flüſternder Stimme durch die bleiche und zitternde Haushälterin gegeben, erfüllte den Greis mit unſäglicher Angſt. Er warf einen unruhigen Blick um ſich, als wollte er ſich vergewiſſern, daß er und Babette allein ſeien, faßte ihren Arm und raunte ihr heftig in's Ohr: 5 Unglückliche, Du willſt mich alſo zwingen, meinen Sohn auf's Schaffot zu führen? Dieſe Worte verriethen die herbe Feſtigkeit, welche dieſe eiſerne Seele inmitten der Angſt väterlicher Liebe bewahrte. Herr, Herr, verſetzte Babette, ihre Stimme dämpfend, das werden Sie nicht thun oder die Heilige, die droben iſt, wird Sie im Himmel verfluchen und ich, ich werde es auf Erden thun. Herr von Saint⸗Serve fühlte ſein Herz erweichen durch das Mitgefühl, durch den entſetzlichen Gedanken, ſeinen einzigen Sohn, die Hoffnung ſeines Stammes, dem Henker zu überliefern. Aber ſogleich gedachte er wieder der heiligen Pflicht, welche ſeine Eigenſchaft als Richter ihm auflegte. Er gedachte auch der unklugen Worte, welche er einen Augenblick zuvor ausgeſrwehen, er gedachte der von ihm eingegangenen Verpflichtung, weder die Stimme der natürlichen Zärtlichkeit noch die des Mitleids zu hören, und ein ſchrecklicher Kampf zwi⸗ ſchen den zwei heftigſten Gefühlen ſeines Lebens, zwi⸗ ſchen der Pflicht und der Liebe zu ſeinem Hauſe, ent⸗ ſpann ſich in ihm. Der Haushälterin ein Zeichen ge⸗ bend, hatte er kaum Kraft genug, um ihr das folgende Zimmer zu zeigen, wo die Beamten bereits thätig wa⸗ ren. Dann kehrte er in ſein Cabinet zurück und ſetzte ſich dem Portrait ſeiner Frau gegenüber. So blieb er einige Minuten, regungslos, verſtört, mit ſo chaotiſch verwirrten Gedanken, daß er ſich dem Wahnſinn nahe fühlte. Dann ſtand er plötzlich auf, ging zu der Thüre des Salons, verſchloß ſie, ſowie die des Vorzimmers, öffnete die großen Fenſterthüren, welche auf den Garten hinaus⸗ gingen, und ſtieg die Freitreppe hinab. Er hatte das Alles ſehr ſchnell gethan und ſtand jetzt ſtill. Ich muß, o mein Gott! murmelte er. Hierauf ſtieg er raſch vollends hinab, eilte mit der Geſchwindigkeit eines jungen Mannes durch einen ge⸗ wundenen Baumgang und lief auf einen Pavillon zu, deſſen weiße Säulen aus dem dunkeln Blätterwerk her⸗ vorſchimmerten. Hier angekommen, mußte er aber⸗ mals ſtill ſtehen, denn ſein Herz ſchlug ſo heftig, daß er zu ſterben glaubte und ſchon dem Himmel dafür dankte, daß er ihm ein ſo jammervolles Alter erſpare. Aber der herriſche Inſtinkt, welchem er gehorchte, verlieh ihm eine übermenſchliche Kraft. Er klopfte an die Thüre des Pavillons, erſt leiſe, dann lauter, erhielt jedoch keine Antwort. Sollte er nicht mehr da ſein, dachte er, oder fürchtet er, entdeckt zu werden? Er verſuchte die Pforte zu öffnen. Sie war von innen verſchloſſen. Mein Herr, ſagte er, öffnen Sie, ich bin es. Die Pforte öffnete ſich ſogleich. 3 37 Die Dunkelheit verhinderte den Sohn, die entſetz⸗ liche Bläſſe ſeines Vaters zu ſehen, wie ſie den Vater verhinderte, vie ſorgloſe Ruhe ſeines Sohnes wahrzu⸗ nehmen. Was wollen Sie, mein Herr? fragte der Letztere. Ich bin auf Alles gefaßt. Folgen Sie mir, verſetzte der Präſident, mit Mühe Athem holend, und ſchweigen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt. Beide gingen den Weg zurück, welchen der Präſi⸗ dent gekommen, beide traten in das Cabinet, deſſen Fen⸗ fe f Präſident mit fieberhafter Behendigkeit ver⸗ ſchloß. Treten ſie einige Augenblicke hinter meine Biblio⸗ thek, mein Herr, und erwarten Sie mich, ohne durch das geringſte Geräuſch Ihre Anweſenheit zu verrathen. Ich werde ſogleich wieder hier ſein. Er öffnete die Thüre des Zimmers, ſchloß ſie hinter ſich, nahm den Schlüſſel mit ſich und ging zu den Be⸗ amten, welche ihre Unterſuchung fortſetzten. Meine Herrn, ſagte er zu ihnen, Sie bedürfen meiner nicht mehr. Weine Haushälterin wird Sie in die übrigen Gemächer, und, wenn Sie wollen, in den Garten führen, mir aber erlauben Sie, daß ich mich zurückziehe. Ich bedarf, wie Sie begreifen werden, der Einſamkeit und Ruhez geſtatten Sie nicht, daß ich ferner geſtört werde. Der Schmerz hatte auf den Zügen des Greiſes bin⸗ nen wenigen Stunden ſolche Verheerungen angerichtet, daß ſein Anblick Mitleid einflößte. Sie haben keinerlei Störung zu beſorgen, Herr Präſident. Gehen Sie in Frieden, die Anweſenheit von Madame wird zu dem, was noch zu thun iſt, hinreichen. Sie verbeugten ſich achtungsvoll und der Präſident nahm Abſchied von ihnen.. Kaum unten angelangt, verſchloß er die Thüre zweifach hinter ſich, ging haſtig auf das dunkle Cabinet 38 los, wo ſein Sohn ſich befand, und gab ihm ein Zei⸗ chen herauszukommen. Dieſer Augenblick, der feierlichſte ihres ganzen Le⸗ bens, ſteigerte in ſehr verſchiedener Weiſe, ihre beider⸗ ſeitige Stimmung. Unfähig, ſich länger zu halten, ſank der Vater auf einen Stuhl, bedeckte ſein Geſicht mit den Händen und ſuchte ein krampfhaftes Schluchzen zu unter⸗ drücken. Auf der entgegengeſetzten Seite des Tiſches ſtand der Sohn mit trockenem Auge und feſtem, faſt gleichgül⸗ tigem Blick. Die Arme gekreuzt und in jeder Hand ein Piſtol haltend, ſchien er einer Scene beizuwohnen, welche ihn weiter Nichts anging. Der Greis und der junge Mann ſchienen die Rollen getauſcht zu haben. Der Vater, deſſen weiße, ſonſt ſo wohlgeordnete, jetzt aber verworrene Haare unordentlich auf ſein verſchobenes Kleid herabſielen, hatte die Hal⸗ tung eines Angeklagten, der Sohn dagegen die eines Richters. Ernſt war elegant gekleidet; er trug gelbe Handſchuhe und gefirnißte Stiefeln, ſeine ſchönen Züge waren ſo heiter wie an einem Tag des Vergnügens, ſein hoher und ſchlanker Wuchs war ſo imponirend wie ge⸗ wöͤhnlich. Der Präſident erhob, nachdem er der Schwäche, die er ſich zum Vorwurf machte, einige Augenblicke nach⸗ gegeben, das Haupt und begegnete dem feſten, unbeweg⸗ lichen und eiſigen Blick des jungen Mannes. Dieſer Blick drang wie ein Pfeil in das gebrochene Vaterherz und verlieh ihm die Energie des Zorns. Er machte mit der Hand ein gebieteriſches Zeichen und ſagte: Mein Herr, legen Sie Ihre Waffen ab und hüten Sie ſich, laut zu ſprechen. Thäten Sie dieſes, ſo wür⸗ den Sie ſich gezwungen ſehen, abermals einen Mord zu begehen. Antworten Sie... ein Wort... nur ein einziges Wort... Haben Sie die 300,000 Francs geſtohlen? de —+½——₰ᷣ᷑— 39 Bei dem Wort geſtohlen zuckte Ernſt leicht mit der Wimper und verſoſe nach kurzem Zaudern: Ich nahm die 300,000 Francs aus der Kaſſe ihres Vaters. Wo ſind ſie? Er zögerte abermals, dann ſagte er: Hier in meiner Bruſttaſche. Der Präſident ſtand auf, ging zu ſeinem Bureau, öffnete es ſchweigend, nahm ein Päckchen Banknoten her⸗ aus, deren Werth ein beträchtlicher zu ſein ſchien, und legte es neben ſich auf den Tiſch. Hier, mein Herr, iſt ſo viel und mehr, als Sie zu Ihrer Flucht beduͤrfen werden. Geben Sie mir auf der Stelle das Geld, welches Sie geſtohlen; geben Sie es her, ich befehle es Ihnen. Ernſt gab keine Antwort. Er trat zwei Schritte zurück, führte mechaniſch die Hand an ſeine Taſche, ſchüt⸗ telte den Kopf und ſchwieg. Sie wollen es mir nicht geben, mein Herr? Nein, verſetzte Ernſt mit infernaliſchem Lächeln; ich habe es nicht deßhalb genommen. Schmach! Entſetzen! ſchrie der Greis. Mein Gott, was habe ich gethan, um ſo geſtraft zu werden?... Alles iſt aus... Ein ſolches Ungeheuer, welcher mit kaltem Blut ſein Verbrechen eingeſtehen kann, ohne Reue, ohne Bedauern, ohne eine Thräne über die Opfer, welche er geſchlachtet... ein ſolches Ungeheuer hat keine Fa⸗ milte! Er würde über den Fluch ſeines Vaters, über den Sarg deſſelben ſpotten!... Warum hatte ich Mit⸗ leid mit ihm?... Nein, ich will unbeugſam ſein wie er... Hören Sie mich wohl! Die Juſtizbeamten haben das Hotel noch nicht verlaſſen... Sie werden mir die dreimalhunderttauſend Francs geben oder aber ich rufe und überliefere Sie ihnen.. So ſprechend hatte der außer ſich gebrachte Greis die Vorſicht, welche er Ernſt empfohlen, außer Acht ge⸗ laſſen und ſeine Stimme unwillkuͤrlich erhoben. 40 Nehmen Sie ſich in Acht, ſagte Ernſt kalt, Sie vergeſſen ſich. Wenn Sie ſo fortfahren, wird es überflüſſig ſein, die Beamten zu rufen, denn dieſe Herren werden von ſelber kommen. 3 Dieſes Uebermaaß von Unverſchämtheit erbitterte den Greis, allein Ernſt ließ ihm nicht Zeit zum Spre⸗ chen ſondern fuhr fort: Erlauben Sie mir, mein Herr. Ich glaube, daß eine Erklärung unter uns nöthig iſt, und ich habe eine ſolche ſchon lange gewünſcht. Ihre Lebensweiſe, die 1 Furcht, welche Sie mir einflößten, haben mich bis jetzt ſchweigen laſſen. Falls dieſe Erklärung früher ſtattge⸗ funden, ſo wären vielleicht die Ereigniſſe von Heute un⸗ geſchehen geblieben. Ich achte Ihren Charakter... ich I ehre an Ihnen... Still! ſagte der Greis mit erſtickter Stimme. Es handelt ſich nicht um eine Erklärung, ſondern darum, auf der Stelle das Geld herauszugeben, welches Sie ge⸗ ſtohlen. Es handelt ſich darum, wenigſtens wieder gut⸗ zumachen, was noch gutzumachen iſt, da wir leider den Todten das Leben nicht wieder geben können. Das Geld! Her damit! Das iſt gerade der Punkt, in welchem ich nicht nachgeben werde. Dieſe Summe iſt mir nöthig und ich behalte ſie. Sie behalten ſie, Sie... ein Saint⸗Serve! ſchrie der Greis, vor Entrüſtung erröthend. Und Sie glauben 9 mich zu kennen! Sie glauben, daß mein Gewiſſen ver⸗ ſtummen werde vor dem Gedanken, meinen Stamm auf dem Schaffot erlöſchen zu ſehen! Ei nun, verſetzte der Sohn mit ſardoniſchem Lachen, er muß doch einmal auf die eine oder andere Weiſe er⸗ löſchen. Elender!... das Geld!... Gib mir das Geld! .. oder ich ziehe die Glocke! Nur zu, läuten Sie! Wüthend ſtürzte der Präſident auf das Kamin zu 41 und griff nach der Klingelſchnur, als an die Thüre ge⸗ klopft wurde. Verſteinert hielt er inne. Die Gegenwart der Gefahr, welche er ſelbſt hatte herbeirufen wollen, er⸗ kältete ſeinen Muth und beſchwichtigte mit einemmal ſeine Hitze. Ernſt nahm ſeine Piſtolen auf und zog ſich hinter den Tiſch zurück. Bleicher als der Tod ging der Präſi⸗ dent auf ihn zu, deckte ihn mit ſeinem Körper, legte einen Finger auf den Mund, als fürchtete er, auch nur ſein Athemholen hören zu laſſen, und ſagte mit beben⸗ der Stimme: Was will man? Herr Präſident, antwortete draußen der Polizeicom⸗ miſſär, man hat vergeſſen, Sie das Protokoll unterzeich⸗ nen zu laſſen. Herr von Saint⸗Serve winkte ſeinen Sohn in das Cabinet, wo er vorhin eine Zuflucht gefunden, und als rr. ihn in Sicherheit ſah, öffnete er den Beamten die hüre. 6. Die Züchtigung. Die furchtbare Aufregung, welche ſich des Herrn von Saint⸗Serve bemächtigt hatte, erregte nicht ſehr die Aufmerkſamkeit der beiden Beamten oder ſie ſchrieben dieſelbe vielmehr den Beängſtigungen dieſes verhängniß⸗ vollen Abends zu, und nachdem die letzten Formalitäten hinſichtlich des Protokolls erfüllt waren, zogen ſie ſich zurück, indem ſie den Präſidenten der Erfolgloſigkeit ihrer Hausſuchung wegen beglückwünſchten. Der Präſident horchte unbeweglich und mit verhal⸗ tenem Athem auf das Geräuſch ihrer ſich entfernenden Schritte, bis ihm das dröhnende Zufallen der Einfahrt⸗ 42 pforte anzeigte, daß das Hotel ſeiner gefährlichen Gäſte entledigt ſei. Sogleich ging er auf das Cabinet zu und rief ſei⸗ nen Sohn heraus. Die Zeit drängt... Jede Minute iſt eine Todes⸗ gefahr!... Zum letzten Mal: geben Sie meiner Bitte nach!... Ueberliefern Sie mir die Banknoten und dann... gehen Sie. Ich gehe ſehr gerne, mein Herr, allein ich will frei gehen und als Herr meines Schickſals. Ei, ja doch! das Eis iſt gebrochen und ich werfe die Maske ab. Die Furcht hat mich endlich verlaſſen... Ich ſetze Sie in Erſtaunen?... aber wer iſt ſchuld daran?!... Sie haben mich auf eine Weiſe erzogen, welche meinen Nei⸗ gungen durchaus entgegengeſetzt war. Sie wollten aus mir einen ebenſo unbeſcholtenen, ernſten und ſtrengen Rich⸗ ter machen, wie Sie einer ſind, aber wenn ich einerſeits von dem Gerichtspräſidenten von Saint⸗Serve abſtamme, ſo ſtamme ich anderſeits durch meine Mutter von dem Grafen von Marinville, dem verwegenſten Wüſtling der Regentſchaft, und ich habe unglücklicherweiſe viel mehr von dem letzteren Stamme, als von dem erſteren. Im Alter von achtzehn Jahren flehte ich Sie an, mich Dienſte nehmen, mich mit dem Leben ſpielen zu laſſen, mir zu geſtatten, dieſe abſcheulichen Akten, dieſen jäm⸗ merlichen Kram einfältiger Worte, dieſes advokatiſche Maskencoſtüme aufgeben zu dürfen, deſſen Häßlichkeit und Düſterkeit allein ſchon hinreichte, mich mit Ekel zu erfüllen. Sie geſtatteten es nicht. Sie haben den über⸗ ſchwellenden Moſt meiner Jugend und meiner Phantaſie mit dem Gewicht Ihres despotiſchen Joches zuſammen⸗ gepreßt und dieſer Moſt iſt ſauer und brandig gewor⸗ den. Was konnte ich dafür? Sie zwangen mich zur Ruhe und mir brannte das Blut in den Adern, Sie nöthigten mich zur Zurückgezogenheit und das Vergnü⸗ gen war mein Gott, mein Jdol, mein erſtes Bedürfniß, die Nothwendigkeit meines Lebens. Der Erfolg war der, 43 den Sie kennen. Ich fehlte... Sie waren mitleidslos, Sie erſtickten in mir jede Reue, jeden Skrupel. Meine Gewohnheiten und Leidenſchaften ſind ſo ſehr identiſch mit meiner Natur, daß ich, glaub' ich, ſterben müßte, wenn ich ihnen entſagte. Das mag Ihnen die dun⸗ keln Partieen meiner Aufführung erklären und insbe⸗ ſondere das Unglück von heute Abend... ein unvor⸗ hergeſehenes Unglück! denn ich wollte ſie nicht tödten... ſie zwang mich dazu durch ihren Widerſtand... dies erklärt Ihnen auch meine beſtimmte Weigerung, Ihren Bitten nachzugeben... Nein! dieſer Schatz kommt mir theuer genug zu ſtehen!... Ich ſage Ihnen, daß ich ihn nicht hergeben werde, ſo lange ich einen Hauch in der Bruſt habe. Der Greis horchte auf dieſe in abgeriſſenen Worten und Sätzen vorgebrachte Erklärung mit einer Miſchung von Ueberraſchung und Grauen, womit ein Engel einen Verdammten anhören würde. Er begriff zum erſten Mal die ungeheure Verworfenheit ſeines Sohnes, er erkannte auch, daß jede Hoffnung auf Reue und Beſſerung eine vergebliche ſein müſſe. Und indem er ihn vor ſich ſtehen ſah, ſo ſchön und elegant ungeachtet ſeiner Geſunkenheit, indem er dieſem bezaubernden Auge begegnete, welches ſo mächtig zugleich und verhängnißvoll war, mußte er ſich fragen,— ob der Fürſt der Finſterniß von dem Körper dieſes Menſchen Beſitz ergriffen und ob es mög⸗ lich ſei, ihm zu widerſtehen. Er, der alte Patrizier, der alte Richter, war auf ſeiner langen Laufbahn noch nie einem verhärteteren und gefährlicheren Verbrecher begegnet, als dieſer ſein Sohn war, der letzte Erbe eines makelloſen Namen. Verwirrt durch dieſen Gedanken, verſank er in Schweigen. Ernſt nahm wieder das Wort und ſagte: Mein Herr, wenn Sie mir nichts maht zu befehlen haben, will ich gehen. Warum ſind Sie hierhergekommen? Warum ſind 44 Sie nicht ſchon gegangen? verſetzte der Greis mit er⸗ ſtickter Stimme. Weil ich von allen Seiten gehetzt wurde, weil ich bei Babette ein ſicheres Verſteck zu ſinden glaubte, weil von allen Orten der Welt Ihr Haus das letzte war, wo man mich verborgen glauben konnte. Herr von Saint⸗Serve ließ das Haupt ſinken und dachte nach. Wohin wollen Sie gehen? Nach England.. Welche Mittel zur Flucht haben Sie? Keine, aber ich werde welche finden. Exiſtirt alſo keine Möglichkeit, Sie auf den Weg zur Rechtſchaffenheit zurückzuführen?... Es war ein feierlicher Augenblick. Der unglückliche Vater erwartete ängſtlich eine Ant⸗ wort, allein Ernſt ſchwieg. Nun erhob ſich der Präſident. Sein Geſicht trug den Ausdruck eines unwiderruflichen Entſchluſſes. Seine impoſante Haltung machte ſelbſt auf Ernſt Eindruck. Erfüllen Sie die letzte Bitte, welche ich auf dieſer Welt an Sie richten werde, ſagte er ſanft, kommen Sie ... Werfen Sie einen Blick auf dieſes Portrait!... Ernſt ſchaute überraſcht auf. Auf das Portrait meiner Mutter? Ja, auf das Portrait Ihrer Mutter! Beider Blicke hefteten ſich auf ein Gemälde von Gerard, welches eine bewunderungswürdig ſchöne junge Frau darſtellte, deren Züge mit denen Ernſt's eine auf⸗ fallende Aehnlichkeit hatten. Der Präſident ergriff ſeinen Sohn haſtig bei der Hand und führte ihn dicht vor das Gemälde. Eine tiefe Trauer, eine unbeſiegliche Zärtlichkeit belebten ſeine Züge. Ernſt, ſagte er, in dieſem ſchmerzvollen und entſchei⸗ denden Augenblicke, will ich den unwiderruflichen Ent⸗ ſchluß, welchen mir die Ehre vorſchreibt, nicht faſſen, 45 ohne einen letzten Verſuch zu machen, Ihr Herz zu rühren. Wenn Sie vor Ihr und vor Gott erſcheinen, will ich nicht beladen ſein mit der ſchrecklichen und ungerechten Anklage, welche Sie gegen mich erhoben haben. Ich möchte mir das Zeugniß geben können, daß ich alle Mittel erſchöpft habe, um Sie zur Reue zu bewegen. Ernſt, ich beſchwöre Sie beim Namen Ihrer Mutter, im Namen ihrer Liebe, geben Sie dieſes ſchmählich ge⸗ raubte Geld zurück! Ueberlaſſen Sie mir die Sorge für Ihre Flucht, ich will Ihrer wegen meine Pflichten als Beamter vergeſſen, will Ihnen die letzten Ueberreſte mei⸗ nes Vermögens geben, will in Entbehrung leben... ja, ich will leben, ich werde die Kraft haben, zu leben, will Frankreich verlaſſen, wenn es ſein muß, will mich ſelber verbannen! Es iſt zu ſpät! Wenn Sie damals ſo zu mir ge⸗ ſprochen hätten, ſtatt mich zu verſtoßen, würde ich viel⸗ leicht Ihren Bitten nachgegeben haben... aber jetzt... Es iſt nie zu ſpät, Ernſt, hören Sie mich! unter⸗ brach ihn der Greis, deſſen Aufregung von Minute zu Minute ſtieg. Ich kann nicht... die Stunde drängt... Ja, die Stunde drängt! die Stunde der Züchtigung, der Strafe! Sie ſind alſo entſchloſſen? Ganz und gar. ſull Wohlan, ſo mag ſich Ihr und mein Schickſal er⸗ füllen. Er nahm eine Feder, ſchrieb einige Zeilen, welche er verſtegelte und ſorgfältig in einer Schublade ſeines Bureau's niederlegte. Dies gethan, bemächtigte er ſich blitzſchnell der Pi⸗ ſtolen, welche ſein Sohn auf den Tiſch niedergelegt. Ernſt zog ſich unwillkürlich nach der Thuüre zurück. Rühren Sie ſich nicht, mein Herr, oder Sie ſind des Todes! Meine Hand iſt noch feſt, meine Auge noch ſicher genug, um Ihre Bruſt zu treffen... und nun ein letztes Wort Sie haben geglaubt, daß ſo ent⸗ 46 ſetzliche Verbrechen, wie die Ihrigen ſind, ſtraflos bleiben würden... Sie haben ſich getäuſcht. 4 Sie wollen mich alſo tödten, mein Vater? fragte Ernſt mit feſter Stimme, welche aber doch zum erſten Mal eine leichte Bewegung verrieth. Ich will einen Act der höchſten Gerechtigkeit voll⸗ ziehen, will es thun, was ich für mich und für ſie ... er zeigte auf das Portrait... thun muß, und Gott wird mir verzeihen, er, welcher in mein Herz ſieht, er, welcher mich antreibt, Sie zu züchtigen durch ein neues Verbrechen, durch das größte vielleicht von allen. Möge Gott auch Ihnen verzeihen, entſetzliches Werkzeug meines und Ihres eigenen Unglücks, Ihnen, den zu ver⸗ fluchen ich nicht die Kraft habe in dem Augenblick, wo ich mich von Ihnen trenne... Gott verzeihe Ihnen, Unglücklicher! Und bevor Ernſt die Abſicht des Greiſes wahrneh⸗ men konnte, hatte dieſer das Piſtol gegen das eigene Haupt gekehrt. Der Schuß fiel und der unglückliche Vater ſtürzte, im Blut gebadet, zu den Füßen des Vatermörders nieder. 7. Ein Einfall eines verzogenen Kindes. Während im Hauſe des Herrn von Saint⸗Serve zwiſchen Vater und Sohn dieſer Kampf ſtatthatte, deſſen Ende ein ſo teagiſches und unerwartetes ſein ſollte, war auch im Hotel Chamarante wenig Schlaf zu finden. Die Vicomteſſe, welche lange bei ihrer Tochter ge⸗ blieben, erfuhr erſt um Mitternacht, daß Diener der Gerichte in ihrem Hauſe geweſen und welche Anklage gegen Ernſt gerichtet wurde. Sie gebot den Dienern ausdrücklich, dieſe Vorfälle vor Beatrir geheim zu halten, 47 ben welche ſich übermäßig darüber entſetzt haben würde und und deren ohnehin ſchon gereizte Nerven einem neuen rnſt Anfall kaum Widerſtand leiſten konnten. Mal Nachdem ſie dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen, kehrte ſte zu ihrer Tochter zurück, welche in einen Halbſchlum⸗ 685 mer gefallen war und von ihrer jungen Zofe bewacht wurde. und Was hör' ich doch, Mutter? Man öffnet und ſchließt eht, die Einfahrtpforten dieſen Abend unaufhörlich. Iſt Herr ein von Monza zurückgekommen? len. Nein, er iſt mit Deinem Vormund weggegangen. zeug Das Geräuſch rührt wohl von unſeren Leuten her, welche ver⸗ die Geſchäfte des Hauſes beſorgen. Sie ziehen es vor, wo ſich nicht mehr niederzulegen, da es ſchon ſpät iſt. Wie nen, befindeſt Du Dich? 3 Viel beſſer, liebe Mutter, ich bin nur müde. neh⸗ Armes Kind! Ich hoffe, Du wirſt Dich ausruhen. gene Joſephine wird bei Dir wachen. Wenn es Dir ſchlimmer gehen ſollte, ſo ſoll man mich rufen. rzte, Sie umarmte Beatrix wiederholt zärtlich und begab eder. ſich dann auf ihr Zimmer. Als ſich die Zofe auf einen Stuhl zu Füßen des Bettes ſetzte, verrieth ihr Geſicht eine ſichtbade Beſtür⸗ zung. Sobald die Blicke ihrer Herrin auf ſie fielen, mußte ſie das bemerken. Was haben Sie denn, Joſephine? fragte Beatrir. Nichts, Fräulein. Aber ſie zitterte am ganzen Körper, als ſie ſo ſprach. Serve Sie ſind leidend, armes Mädchen, Sie wurden auch eſſen ſo erſchreckt. Ich will nicht, daß Sie die Nacht durch⸗ war wachen, gehen Sie ſchlafen. 1. Oh, nein! Ich laſſe das Fräulein in einem ſolchen r ge⸗ Moment nicht allein. der Nun, es iſt ja ein ganz ruhiger Moment, wie mir klage ſcheint. enern Oh, Fräulein! 48 Und die Kammerjungfer bedeckte das Geſicht mit den Händen und murmelte: Es iſt entſetzlich!... Ich ſehe ſie immer vor mir! Sie haben Etwas, Joſephine. Man verheimlicht mir Etwas... Ich will Alles wiſſen. Herr von Monza! Warum iſt er nicht wieder gekommen? Sollte meine Mutter mich getäuſcht haben? Iſt es auch wahr, daß das Blut an ſeinem Handſchuh von einer Schramme an ſeiner Hand herrührte? Sollte er ernſtlich verwundet ſein? Ach, die Erinnerung an dieſe Scene macht mich ſchaudern. Ich fürchtete mich ſo ſehr!... Und was für ein Omen!... Aber reden Sie doch, reden Sie! Nein, nein, Fräulein!... ich kann nicht... Und warum können Sie nicht? Sie machen mich ungeduldig, meine Liebe. Ich befehle Ihnen, zu ſprechen. Die Frau Vicomteſſe wird mich wegjagen. Sie hat es mir ausdrücklich verboten! Sie hat es verboten! Es handelt ſich alſo wohl um eine wichtige Sache? Joſephine, ich bitte Sie, ſagen Sie es mir! Wenn Sie ſich weigern, werden Sie mir Nervenkrämpfe verurſachen und mich ſterben machen! Will mir Fräulein verſprechen, mich der gnädigen Frau nicht zu verrathen? Wie einfältig! Haben Sie keine Furcht, ich werde Sie gegen Jedermann in Schutz nehmen. Bin ich nicht im Begriffe, mich zu verheirathen? Sprechen Sie, ſpre⸗ chen Sie doch! 5 Wohl, Fräulein... aber ich werde es nicht im Stande ſein... Joſephine, ich jage Sie auf der Stelle fort, wenn Sie ſich nicht erklären. Weil das Fräulein es durchaus will... es iſt nicht meine Schuld... Nun wohl, die Tochter des Herrn Hervé, des Wechslers, welcher eine der Buden des Hotels innehatte, die gute, kleine, nette Sophie, welche neulich die Taſchentücher des Fräuleins ſo prächtig geſtickt hat, iſt heute Abend ermordet worden. 49 Beatrix ſtieß einen erſtickten Schrei aus und ſprang in ihrem Bette auf. Ermordet! Und durch wen? und warum? Oh, Fräulein, das iſt eben das Entſetzliche, verſetzte die Zofe, ihre Stimme dämpfend. Ermordet, wie man verſichert, durch Herrn Ernſt, den Sohn des Präſidenten, und zwar um Raubes willen! Und er war noch dazu ihr Liebhaber! Oh, mein Gott, mein Gott! Aber das iſt ja nicht möglich. Sie täuſchen ſich, Joſephine. Die arme Sophie durch den Sohn meines Vormunds ermordet!... O, ſwein Vormund, mein guter Vormund! Er wird daran erben! Ein Thränenſtrom benetzte das Geſicht von Beatrix. Sie richtete ſich in ihrem Bette auf und hüllte ſich in ihre atlaſſenen Decken und ſpitzenbedeckten Batiſttücher, denn ſie fror. Wie heute Morgen fielen ihre Haare über die Schultern und das in Unordnung gerathene Hemd herab, aber das war nicht mehr das ſtörrige Kind, wel⸗ ches durch eine ſeiner Launen das ganze Haus umkehrte, das war ein ſchluchzendes, bebendes junges Mädchen, welches, bleich und ſchön wie das Mitleid, alle Seufzer, alle Thränen ihres Herzens einem Unglück zollte, welches nicht ihr eigenes war. Ach, Fräulein, fuhr Joſephine mit leiſer Stimme fort, wenn Sie wüßten, was das für ein gräßlicher An⸗ blick war! Ich habe Sie geſehen, die arme Sophie! Wir ſind mit Frau Angela hingelaufen. Sie iſt in ihrem eigenen Zimmer, welches ſonſt ſo reinlich und ſchmuck war, auf ein kleines weißes Bett ausgeſtreckt. Das Bild der heiligen Jungfrau und ihres gebenedeiten Sohnes iſt ihr zu Häupten angebracht, und daneben der geweihte Buchszweig, welchen ich ihr am letzten Palm⸗ ſonntag gegeben, wie auch das Portrait ihrer Mutter. Und ſie iſt ſo ſchön, aber ſo bleich! Ihre langen Wim⸗ pern fallen auf ihre Wangen nieder. Man könnte ſagen, ſie ſchlafe, ohne die gräßliche Wunde, welche ich ſehen Die blutige Marquiſe. I. 4 50 wollte... Ihr Blut floß langſam und röthete die Tücher. Ach, ich glaube, ich werde dieſen Anblick immer vor Augen haben! Armes Opfer! Sie haben ſie geſehen, Joſephine? Das iſt wohl recht ſchrecklich? Nein, aber herzzerreißend! Mein Gott, mein Gott! rief Beatrix ſchluchzend aus. Geſtern war ſie noch bei mir und brachte die Taſchentücher, ihr Meiſterſtück. Wie ſchön ſchien ſie mir, als ſie zu mir ſagte: Oh, Fräulein, wie ſind Sie ſo glücklich, daß Sie ſich verheirathen!... Sie dachte dabei gewiß an ihn, an dieſes Ungeheuer!... Ein Edelmann!... Oh, jetzt wundere ich mich nicht mehr über den Widerwillen, über den Schrecken, welchen mir ſein Anblick jederzeit eingeflößt hat! Was das für eine Trauer in dem ganzen Stadt⸗ viertel iſt! Wenn man den Mörder hätte, würde man ihn in Stücke reißen. Sie erinnern ſich, Joſephine, ich habe Sophie geſtern meinen Strauß gegeben. Sie wollte ihn in ihre kleine Kapelle ſtellen, in die Kapelle, von welcher Sie ſprachen. Und heute iſt der Tag, wo ſich unſere Freunde zu meiner Hochzeit verſammeln, und gerade da muß ein ſolches Un⸗ glück begegnen!... Und das Blut, welches meine Krone und meine Stirne bedeckte! Dieſes Blut war nicht das des Herrn von Monza?... Meine Mutter hat mich alſo hintergangen? Es war das Blut des armen Mädchens. Unbekannt mit dem Vorgefallenen war Herr von Monza dem aus der Bude tretenden Mörder begegnet und hatte ihm die Hand gedrückt... Ah, das iſt gräßlich!... Ihr Blut!... Das Blut des Mordes auf meiner Stirne!... Joſephine, es exiſtirt eine geheimnißvolle, unheilvolle Verbindung zwiſchen dem Geſchick Sophie’'s und dem meinigen. Sie werden es ſehen. Das iſt eine Warnung!. Joſephine, ich will auf der Stelle die Todte ſehen! die mer ine? zend die mir, ie ſo achte Ein mehr mir tadt⸗ man eſtern leine chen. einer 3Un⸗ drone t das mich kannt 1 auls ihm Das hhine, dung Sie hhine, 51 Fräulein, was denken Sie? Ich denke es, und ich will es und ich muß. Ich weiß nicht, was für ein Inſtinkt mich treibt... allein er iſt unwiderſtehlich! Ja, ich will dieſes junge Mädchen noch einmal ſehen. Eine unerklärliche Ahnung zieht mich zu ihr. Ich will ihr meinen heutigen Blumen⸗ ſtrauß bringen und den geſtrigen zurücknehmen, um ihn mein Lebenlang aufzubewahren... Sie werden mich auf der Stelle ankleiden und mich hinführen. Aber, Fräulein, ich kann das nicht thun. Die Frau Vicomteſſe würde es mir niemals verzeihen. Meine Mutter wird nichts davon erfahren. Sie ſchläft. Und der Thürhüter? Ich werde ihm befehlen, zu ſchweigen, und er wird ſchweigen. Fräulein wird krank werden. Ja, wenn Sie ſich weigern. Uebrigens kann ich auch allein gehen. Fräulein will mich alſo verderben, ſagte Joſephine weinend. Das habe ich nicht verdient. Ich will Sie ſo wenig verderben, daß ich vielmehr zum Dank Ihren Lohn um hundert Francs erhöhen werde. Auch wiſſen Sie ganz gut, daß meine Mutter Sie nicht wegſchicken wird, weil Sie mir gehorchten. Wenn es denn ſein muß, verſetzte die Zofe ſeufzend. Aber Fräulein wird wenigſtens Ueberwurf und Pelz an⸗ Zum Glück haben ſich die Gerichtsperſonen zu dem Herrn Präſidenten begeben und wir laufen alſo nicht Gefahr, ihnen zu begegnen. Wie, der Herr Präſident erhielt einen Beſuch von Gerichtsperſonen, und er war allein und meine Mutter nicht bei ihm? adame erfuhr es erſt nachher, Fräulein, und ſie gab Befehl, ſie ſehr frühe zu wecken, damit ſie ſich zu Herrn von Saint⸗Serve begeben könnte. 52 Beeilen wir uns alſo, damit ſie von meinem Aus⸗ gang nichts erfahre. Sie würde dieſe Aufregung für mich fürchten. Oh, morgen will auch ich zu meinem Vormund gehen. Joſephine kleidete ihre Herrin eiligſt an, verhüllte das Geſicht derſelben mit einem Schleier und Beide ſchlichen auf den Zehen aus dem Zimmer und durch das Cabinet, wo die Zofe gewöhnlich ſchlief. 8. Der Beſuch bei der Todten. Die Bude des Wechslers ſtand durch ein Halbthor mit dem Hof des Hotels in Verbindung. Joſephine klopfte an dieſes Thor und einige Augenblicke darauf öffnete es ſich, und die Zofe theilte den Wunſch ihrer Herrin der Magd des Wechslers mit, welche keine Schwierigkeit machte, ſie eintreten zu laſſen. Alles iſt noch auf, ſagte die arme Frau, in Thränen zerfließend. Der Vater will den Leichnam nicht ver⸗ laſſen, aber er iſt wie vom Blitz getroffen durch dieſes Unglück. Er ſieht Nichts, er hoͤrt Nichts. Es iſt auch ein Prieſter und eine barmherzige Schweſter da. Die beiden jungen Mädchen ſtiegen die Treppe nach dem Entreſol hinauf. Sie waren ſehr bewegt und die Einbildungskraft von Beatrir führte ihr tauſend Chi⸗ mären vor. Sie fanden die Thüre leicht, denn es waren die Mitbewohner des Hauſes davor verſammelt, unter dem Vorwand, der unglücklichen Familie Beiſtand zu leiſten. Man machte ihnen Platz, obgleich Niemand Fräulein von Chamarante erkannte. Sie traten in das Gemach, wo ein Weſen, welches ſie geſtern noch ſo ſchön, ſo voll Leben und Hoffnung geſehen hatten, ſeinen letzten Schlummer ſchlief. Aus⸗ für inem üllte Beide das thor hine rrauf ihrer keine ränen ver⸗ dieſes auch nach d die Chi⸗ varen unter nd zu mand elches fnung 53 Beatrix kniete andächtig nieder, ohne es zu wagen, die Augen aufzuſchlagen, aus Furcht, das zu ſehen, was zu ſehen ſie gekommen war. Endlich ermuthigte ſie ſich durch ein Gebet und richtete ihren Blick auf das Bett. Ein Prieſter im Chorrock ſaß an einem Tiſche, worauf Crueifix, Meßbuch und Kerzen, und las die Todtengebete. Eine neben ihm knieende barmherzige Schweſter gab die Reſponſen. Der Vater betrachtete mit leichenhaft blaſſem Ge⸗ ſichte, mit trockenem und ſtarrem Auge ſein Kind, wel⸗ ches zu ſchlafen ſchien. Zu Häupten der Todten duftete noch auf einer kleinen Conſole der Blumenſtrauß von Beatrix vor dem Bilde der Jungfrau. In Folge eines eigenthümlichen Zufalls bildete die Mitte dieſes aus weißen Camelien beſtehenden Straußes eine chineſiſche Roſe, übergoſſen von einem ſo eigenthümlichen Roth, daß man haͤtte glauben können, es ſei Blut. Mein Gott, dachte Beatrix, deren Blicke zuerſt auf den Strauß gefallen waren... ſeit geſtern immer und überall Blut... bis zu den Blumen herab! Joſephine näherte ſich Herrn Hervé und bat ihn, für ihre Gefährtin, welche Sophie gut bekannt geweſen, um die Erlaubniß, die Todte noch einmal zu ſehen. In ſeinen Schmerz verſunken, nickte er mechaniſch mit dem Kopfe, ohne zu wiſſen, was man ihm ſagte. Beatrir trat hinzu, der Prieſter etwas zurück und fuhr in ſeinem Gebete fort. Vereinigen Sie ſich mit uns, ſagte er zu ihr, und empfangen Sie an dieſem Bette heilſame Aehren Bitten Sie den allmächtigen Gott, daß er Ihnen ein glücklicheres Lebensende ſchenke, und vor Allem erkennen Sie, wie zerbrechlich das Leben iſt, welches er uns gegeben, um einen guten Gebrauch davon zu machen.— Beatrir hielt ſich noch immer etwas entfernt. Sie gewöhnte ſich aber nach und nach an die heftige Be⸗ 54 klemmung und ſuchte das Grauen zu beherrſchen, welches uns in Gegenwart eines Todten unwillkürlich befällt. Sophie erſchien noch ſchöner als gewöhnlich. Ihr Vater hatte ſie ſelbſt zu Bette gebracht, indem er nicht litt, daß man ihre Haare in Ordnung brachte. So fielen die langen braunen Flechten auf ihre Schultern herab. Ein glänzend weißes Nachtkleid, mit feinen Spitzen eingefaßt und von dem armen Kinde ſelbſt ge⸗ ſtickt, hüllte den Leichnam ein. Ihre Augen waren geſchloſſen, ihre marmorweißen Hände ruhten nachläſſig auf dem Bette wie die einer Schlafenden. Nichts zeigte einen gewaltſamen Tod an, Nichts verrieth die Angſt, welche ſie hatte ausſtehen müſſen: ihr Mund lächelte beinahe noch. Beatrix kniete neben ihr nieder und betrachtete ſie Anfangs einige Augenblicke ohne Furcht, aber bewegt durch eine ſeltſame Sympathie und betroffen über das eingebildete Band, welches ſie vorausſetzte zwiſchen ihrem Geſchick und dem dieſes unglücklichen jungen Mädchens, deſſen Blut ihre Stirne benäßt hatte, ſchob ſie das Tuch, welches die Bruſt der Todten bedeckte, etwas zur Seite. Ich will ihre Wunde ſehen, ſagte ſie, an allen Gliedern zitternd. Das kann nichts Schreckliches ſein, ſie hat eine ſo friedliche Miene. Furchtſam die Hand ausſtreckend, öffnete ſie das Hemde und erblickte unter der linken Bruſt eine drei⸗ winkelige Wunde, deren Ränder ſich geſchloſſen hatten und welche nur einen purpurnen Triangel auf der Sammethaut des jungen Mädchens bildete. Wie, ſagte ſich Beatrir, das hat ſie getödtet! Eine ſolche Kleinigkeit!... Es bedarf nur einer ſo kleinen Wunde, um das Leben aufhören zu machen!... Das iſt gräßlich! Ein einziger Stoß und man iſt todt!... Wahrſcheinlich ohne Todeskampf!... Aber von einer geliebten Hand ſterben!... Oh, wenn die Unglückliche das gefühlt... welches Entſetzen, welcher furchtbare Fine inen Das iner liche bare 5⁵ Schmerz! welche Verzweiflung, mein Gott!... Arme, arme Sophie! In dieſem Augenblick erhob ſich die Stimme des Prieſters mitten in dem Schweigen und ſprach die Worte: Alles auf Erden geſchieht nach dem Willen Gottes, er hält unſer Leben in ſeinen Händen! Gott berückſichtigt weder Schönheit noch Jugend, der Tod bricht ohne Un⸗ terſchied die Blumen des Feldes und die der Gärten, uns Alle erwartet das Grab, auf daß wir Staub werden. Die barmherzige Schweſter antwortete: O Herr, laß uns fromm ſterben, ſchenke uns Deine Gnade, ziehe unſere Seelen von der Erde zu Dir. Die Neigungen und Freuden dieſer Erde ſind eitel; Du allein biſt groß, Du allein biſt wahr, Du allein biſt wahrhaft gut! Beatrir fühlte ſich in's Herz getroffen durch einen Schmerz, den ſie ſich nicht zu eerklären vermochte. Ihre Thränen floſſen ohne ihr Vorwiſſen auf ihre gefalteten Hände nieder. Auch ſie betete. Ihre Seele ſchwang ſich empor zu der Seele, welche gewaltſam dieſem noch immer ſo ſchönen Körper entriſſen worden, welcher den Worten des Pſalmiſten zufolge Staub werden ſollte. Meine Schweſter, ſprach ſie, höre mein Gebet, Du, die meine Liebe gekannt und mein Glück beneidet hat! Oh, bitte für mich zu Gott, der dich hört, bitte ihn, mich auch ſo jung ſterben zu laſſen, wenn meiner allzu harte Prüfungen warten ſollten! bitte ihn, mich zu ſich, zu Dir zu rufen, wenn ich je aufhören ſollte, geliebt zu werden. Und Du, theure Selige, wache uüber mich Verlaſſe mich nicht, bedecke mich mit Deinen Schwingen, beſchütze mich, Du, die jetzt ein Engel iſt, damit ich einſt mit Dir mich vereinigen und an Deiner Seite des Glückes der Engel theilhaft werden möge!* Hierauf erhob ſie ſich, nahm den Blumenſtraß von geſtern, hüllte ihn ehrerbietig wie eine Reliquie ein und ſtellte den neu mitgebrachten an deſſen Stelle. 56 Ich wünſche, dieſe Blumen mögen ihr mit in den Sarg gegeben werden, ſagte Beatrixr leiſe zu der barm⸗ herzigen Schweſter; ſie liebte ſie ſehr und ſie hätten ihr, wie ich glaube, Freude gemacht. Ihr Wunſch ſoll erfüllt werden, Fräulein, erwiederte die barmherzige Schweſter; der arme Vater iſt unfähig, es zu hindern, und Niemand wird es thun. So leb' denn wohl, ſelige Schweſter, ſagte Fräulein von Chamarante, leb' wohl für immer hienieden. Wir werden uns droben wieder finden. Aber vergiß meiner nicht, ich werde alle Tage meines Lebens Deiner geden⸗ ken. Leb' wohl! Sie drückte ihre Lippen auf die eiſige Stirne des Opfers, und als ſie die Kälte des Todes fuͤhlte, fuhr ſie erſchrocken zurück. Oh! murmelte ſie, was iſt das, was ich empfinde? Dieſer Ausdruck macht mich ſchaudern! Mein Blut wird zu Eis! Joſephine, gehen wir. Der Tod iſt gräßlich! Werde auch ich einmal ſo werden! Oh! nein, Fräulein, Sie brauchen nicht zu befürch⸗ ten, ermordet zu werden. Der Herr Marquis betet Sie an und iſt ſo reich wie Sie. Dieſer ziemlich einfältige Troſt der Zofe frappirte Beatrix und gab ihr viel zu denken. Amadee betet mich an, dachte ſie. Ja, ich habe vor mir ein ſchönes und langes Leben und einen ſanften und ehrenvollen Tod, ihm zur Seite, vielleicht in ſeinen Armen, umringt von meinen Kindern und ſicher, nie von ihm getrennt zu werden, ſelbſt nicht in der Ewig⸗ keit. Ohl ich bin ein glückliches Geſchöpf!.. Sie gingen an der Thürſteherloge vorüber. Der Tag begann zu grauen. Der Thuͤrhuter lief ihnen entgegen. Fräulein, ſagte er, gehen Sie ſchnell hinauf! Die Frau Vicomteſſe iſt ſchon wach. Es iſt während Ihrer Abweſenheit ein großes Unglück geſchehen! den rm⸗ ihr, erte hig, lein Wir iner den⸗ des ſie de? vird ich! rch⸗ Sie irte abe ften nen nie vig⸗ Der Die hrer 57 9. Trauer und Freude. Ein Unglück! rief das junge Mädchen aus; meiner Mutter iſt ein Unglück geſchehen? Nein, Fräulein, beruhigen Sie ſich! Nicht der Frau Vicomteſſe, Gott ſei Dank! Sie befindet ſich wohl. Dem Herrn von Monza? fragte ſie, noch mehr er⸗ blaſſend. Der Thürſteher beeilte ſich, zu ſagen: Wir haben ſeit geſtern Abend nichts mehr von dem Herrn Marquis gehört. Die gnädige Frau wird Ihnen Mittheilung machen.... Anſtatt in ihr Zimmer zu eilen, lief Beatrix in das ihrer Mutter, unbekümmert um die Fragen, welche dieſelbe etwa an ſie richten könnte, und ganz verwirrt durch die zweideutigen Worte des Schweizers. Sie fand Frau von Chamarante im Begriffe, ſich anzukleiden, in Thränen ſchwimmend und ſo mit ſich ſelüſ beſchäftigt, daß ſie ihre Tochter nicht eintreten hörte. Mutter, rief ſie aus, ſich weinend in die Arme der Weinenden werfend. Mutter, was haben Sie? im Na⸗ men des Himmels! Meine Tochter, mein liebes Kind, verſetzte die Vi⸗ comteſſe und bedeckte ſie mit Küſſen... was für eine Hochzeit, mein Gott! 8 Aber, Mutter, was iſt denn 2 Amadee... Beruhige Dich, Beatrix. Amadee iſt ein gutes und edles Herz. Er allein kann uns tröſten über die Schläge, die uns treffen... Aber mein Vetter... O, liebe Mutter, ich weiß Alles... Armer Vor⸗ wünch Sie gehen zu ihm, nicht wahr? Ich will mit⸗ gehen. Ach, theures Kind, unſer Beſuch iſt jetzt unnütz, 58 wenigſtens der Deinige, denn mich drängt die Achtung, welche ich für den Präſidenten hegte, zu ihm zu gehen. Die Achtung, welche ſie für ihn hegten, Mutter? ... Mein Vormund, mein theurer Vormund! Ich fürchte mich, Sie zu verſtehen... Er iſt vielleicht krank ... Er konnte dieſer entſetzlichen Kataſtrophe nicht wider⸗ ſtehen. Sprechen Sie, ſprechen Sie, ich beſchwöre Sie! Der Präſident von Saint⸗Serve, der vollkommene Edelmann, der Ehrenmann par excellence, konnte er ſeinen Sohn eines Raubmords ſchuldig wiſſen, ohne zu ſterben? Sterben, ſterben! Sprechen Sie nicht ſo, Mutter! Gott, der mir den Vater genommen, gab mir ihn da⸗ für... Es iſt unmöglich. Meine Tochter, Du mußt es leider erfahren. Der Präſident von Saint⸗Serve iſt dieſen Morgen todt ge⸗ funden worden. Es bleibt Dir auf dieſer Welt nur noch Deine Mutter, bis zu dem Tage, wo ich Dich in die Arme Deines Gatten legen werde. Das junge Mädchen brach in Schluchzen aus und Mutter und Tochter hielten ſich lange umſchloſſen. In ihrem gemeinſamen Schmerze vergaß die Eine, ihre Tochter in Betreff des ungewohnten Ausgangs derſelben zu fragen, und die Andere vergaß ſogar, daß man ſie überhaupt darüber fragen könnte. Der Morgen verfloß unter großer Verwirrung. Im Hotel Saint⸗Serve legte man die Siegel an. Frau von Chamarante wohnte in ihrer Stellung als Verwandte und als Freundin dieſem traurigen Geſchäfte bei, wäh⸗ rend ſich Beatrir zu Bette legte und in der Einſamkeit den trefflichen Beſchützer beweinte, welchen ſie verloren Niemand ahnte die letzie Unterhaltung des Präͤſi⸗ denten mit ſeinem Sohne, Niemand, wenn nicht Ba⸗ bette, welcher die blinde Zuneigung, die ſie für das 59 Kind hegte, welches ſie erzogen, gegen Jedermann den Mund verſchloß. Als der Knall des Piſtols die Dienerſchaft herbei⸗ rief, mußte man zuerſt die von Innen verſchloſſene Thüre einbrechen, und dann fand man den Präſidenten vor dem Portrait ſeiner Frau todt in ſeinem Blute, die unglück⸗ ſelige Waffe noch in der Hand haltend. Das Fenſter ſtand offen. Von den Banknoten, welche der Präſident auf den Tiſch gelegt, keine Spur. Man hörte Nichts mehr von Ernſt und vermochte ſeinen Zufluchtsort nicht zu entdecken. Als Amadee ſeine Verlobte wiederſah, war er ent⸗ zückt, ſie von dem Verluſt, der ſie betroffen, ſo erfüllt zu ſehen. Nie zeigte ſich das zärtliche und gute Herz von Beatrix ſchöner, nie fanden ihre Fehler eines ver⸗ zogenen Kindes leichter Entſchuldigung. Der Marquis war ganz ſtolz auf die Lebensgefährtin, mit welcher er ſich verbinden wollte. Seine glühenden Wünſche hätten die Hochzeit gerne beſchleunigt, allein der Anſtand und der Wilhe der Frau von Chamarante ſchoben dieſelbe ein paar Monate hinaus. Beatrix bewahrte der unglücklichen Sophie ein leb⸗ haftes Andenken. Kein Tag verging, ohne daß ſie von ihr ſprach. Sie hob die von Sophie geſtickten Taſchen⸗ tücher ſorgſam auf und erklärte, daß ſie dieſelben nie gebrauchen würde. Sie bewahrte dieſelben mit religiöſer Achtung, wie auch den verwelkten Blumenſtrauß. Der Marquis fragte einſt ſeine Braut: Liebe Beatrix, woher rührt das große und beſtän⸗ dige Intereſſe, welches Sie dieſem jungen Opfer wid⸗ men? Woher dieſer Cultus der Erinnerung? Ich meine, er müßte Ihnen zu peinliche Gedanken erregen, als daß Sie ihn nicht unterlaſſen ſollten.. Seit dem unglücklichen Tage habe ich das Gefühl, daß ein geheimnißvolles Band, ich weiß nicht was für eine Sympathie zwiſchen ihr und mir erxiſtirt. Ihr Blut 60 hat meine Brautkrone gefärbt und wir haben uns, ſo zu ſagen, dadurch mit einander enge vereint. Es kommt mir vor, ſie ſei meine Beſchützerin im Himmel und nehme dort neben meinem Vormund meine Stelle ein. In meinen Träumen ſehe ich ſie immer beiſammen, ſie lächeln mir zu, ſie ſegnen mich. Oft, wenn ich erwache, glaube ich ſie an meinem Bette zu ſehen, über mich wachend, und— aber Sie werden mich für abergläu⸗ biſch und viſionär halten— dann erſcheinen ſie mir traurig. Sie ſehen mich mit Augen voll Thränen an und zeigen wiederholt auf ihre Wunden, indem ſie ſpre⸗ chen:„Arme Beatrix!« Sie ſteigern Ihre Einbildungskraft, Fräulein. Das iſt nicht gut und zudem nicht großmüthig mir gegen⸗ über. Von welchem Unglück könnten Sie ſich denn in unſerer Ehe bedroht glauben? Verzeihen Sie mir, Amadee! Es ſind Thorheiten, die aber nach den entſetzlichen Ereigniſſen, deren Zeugen wir geweſen, wohl zu entſchuldigen ſein möchten. Ich will es Ihnen nicht verbergen, der Vorfall mit meiner blutigen Krone will nicht aus meinem Gedächtniß ſchwin⸗ den und erfüllt mich mit Schrecken. Ein Trauerſchleier ſcheint mein Leben einzuhüllen. Ich glaube an Ahnun⸗ dengic habe immer daran geglaubt und meine Mutter ebenſo. Dieſe Unterhaltung wiederholte ſich noch mehrmals vor dem zur Hochzeit feſtgeſetzten Tage. Amadee bot alle Hülfsmittel auf, um die düſteren Gedanken ſeiner Braut zu verſcheuchen, und es gelang ihm auch, ſo lange er da war. So wie aber Beatrix wieder allein war, bemächtigte die Melancholie ſich ihrer von Neuem. So verlief denn den Anſtrengungen Aller unge⸗ achtet die Hochzeit traurig. Das Bild des Präſidenten vor ſich, das Bild dieſes edlen Greiſes, deſſen Platz von keinem Andern einge⸗ nommen werden konnte und das dem Feſt beizuwohnen ſo uimt und ein. ſie che, nich äu⸗ mir an pre⸗ Das gen⸗ in ten, gen Ich iner vin⸗ leier lun⸗ tter nals eren ang trix hrer nge⸗ ieſes nge⸗ ynen 61 ſchien wie der Geiſt Banquo's, wagte man nicht, ſich der Freude zu überlaſſen. Ein gewiſſes Unbehagen be⸗ herrſchte die Freude, und Jeder fragte ſich, warum ihn ein Lächeln ſo viele Mühe koſte. Am Morgen während der Meſſe hatten ſich unter den vielen Zuſchauern, die ihre Neugierde herbeigelockt, in einer Seitenkapelle eine alte Frau und ein Kind von zwölf Jahren eingefunden. Die Erſtere, welche ſchwarz gekleidet war, zeigte gewöhnliche, nichtsbedeutende Züge. Sie bemerkte das elegante Gefolge kaum, als es an ihr vowiberging, aallein das kleine Mädchen ſchien es mit ſeinen Blicken zu verſchlingen. Dieſes Mädchen war groß, gerade und ſchlank, blaß, weiß und hatte ebenholzſchwarze Haare. Die Natur hatte ihm eine bezaubernde Schönheit verliehen, eine jener dämoniſchen, verhängnißvollen Schönheiten, welche oft mehreren Menſchen zum Verderben gereichen. Ihre azurblauen Augen, überragt von ſchwarzen Brauen, ein⸗ gefaßt von noch ſchwärzeren Wimpern, ſtrahlten von einem Glanze, der nicht zu ertragen war. In dieſer noch kind⸗ lichen Phyſtognomie waltete ein unbändiger Stolz, eine unbeſiegliche Energie. Ihres weniger als einfachen An⸗ zugs ungeachtet, ſchien ſie eine Königin zu ſein, und mehrere junge Leute der glänzenden Verſammlung mach⸗ ten einander auf ſie aufmerkſam. Sie näherte ſich der Baluſtrade und verlor, von da aus den Altar beherrſchend, keine Geberde der Braut. Sie muſterte ihren prachtvollen Anzug, die Aufmerkſam⸗ keiten, deren Gegenſtand ſie war, den Lurus, der ſie umgab; ſie zählte die Blumen ihres Kopfſchmucks, die Stickereien und Spitzen ihres Kleides. Sie ſah den Bräutigam ſeine Braut voll Liebe anblicken, ſie hörte die Schwüre tauſchen. Dann kehrte ſie zu ſich ſelbſt zurück und Neid nagte ihr Herz an. Sie fühlte faſt Haß gegen die junge Unbekannte, welcher ſo viel Glück beſchieden war, während ſie ſelbſt, ein Kind der Armuth, ohne Mutterſ, ohne Vermögen, ohne Geburt, ohne Zukunft, das Brod der Barmherzigkeit aß, getränkt mit ihren Thränen. Dieſe überlegene, durch Einſamkeit und Unglück vorzeitig entwickelte Intelligenz hatte eine Fähigkeit des Verſtandes erworben, welche in einem ſo zarten Alter ſehr ſelten iſt, aber zugleich nahmen ſchlimme Leiden⸗ ſchaften, wie ſie ſich großen Talenten oft beigeſellen, immer mehr und mehr die Stelle ein, welche eine gut geleitete Erziebung Tugenden eingeräumt haben würde. Es war Alles vorhanden in dieſem außerordentlichen Weſen. Die entgegengeſetzteſten Principien bekämpften ſich in ihr und es bedurfte nur einer heilſamen Leitung, um ſie zum Guten zu führen, oder eines ſchlimmen Ein⸗ fluſſes, um ſie dem Laſter in die Arme zu werten. An dieſem Tage begriff ſie mit größerer Bitterkeit als gewöhnlich, wie ſchmerzlich und demüthigend ihr Loos ſei. Sie betrachtete ihre abgetragenen Kleider, die für ihre Geſtalt ſchon zu kurz waren; ſie verglich ihre einzige Freundin, ihre Begleiterin, mit dem parfümirten Hofſtaat, welcher Fräulein von Chamarante umringte, ſie verglich ihr Elend mit dieſem Reichthum, ihre Ver⸗ laſſenheit mit dieſer Familienverſammlung und ſie fragte ſich, warum Gott für Jene ſo viel und für ſie ſo we⸗ nig gethan. Dann, ihrer eigenen Züge gedenkend, ihres überreichen Haares, ihrer hübſchen Hände, ihres zier⸗ lichen Wuchſes, ſagte ſie ſich: Wann ich ſechszehn Jahre alt ſein werde wie dieſe Braut, werde ich ſhener ſein als ſie, und doch wird man mir keine ſo ſchönen Kleider und Diamanten geben. Ich las geſtern, die Schönheit ſei eine Krone. Warum ſollte ich ſie nicht ebenſo gut tragen wie dieſe Marquiſe? Oh, auch ich will reich ſun; ich will eine große Dame ſein, und ich werde es ſein! Eine ſaure Stimme, welche ſie zum Fortgehen mahnte, weckte ſie aus ihren Träumen. Sie folgte ihrer häß⸗ lichen Führerin, wandte aber unaufhörlich das Haupt zuruͤck, um das Ende der Ceremonie mitanzuſehen, und mit lück des lter den⸗ len, gut rde. chen ften ung, Fin⸗ keit ihr ie ihre rten gte, Ver⸗ agte we⸗ hres ier⸗ dieſe vird ben. 63 ließ ihren Blick auf allen dieſen ihr unbekannten Ge⸗ ſichtern ruhen.. Von dieſem Augenblick datirte eine neue und höchſt wichtige Aera in dem Leben von Chriſtine Orthez. Am Morgen nach der Hochzeit bat Beatrir, obgleich Herrn von Monza gegenüber noch ſchüchtern, ihn dennoch dringlich, anſpannen zu laſſen und mit ihr allein aus⸗ zufahren. Ganz wie es Ihnen gefällt, meine Liebe. Wohin wollen wir gehen? Ich werde es Ihnen erſt im Wagen ſagen, Amadee, und wünſche überdieß, daß meine Mutter heute Nichts davon erfahre. Die Befehle wurden gegeben und das junge Paar entfernte ſich unter dem Vorwand, eine Promenade zu machen. Frau von Chamarante wagte ihren Wunſch, ſie zu begleiten, nicht zu verrathen. Als Amadee und Beatrir allein waren, ſagte die junge Frau: Fuͤhren Sie mich auf den Pore⸗Lachaiſe, mein Freund; ich ſchulde meinem Vormund heute einen Beſuch. Wie hätte es ihn glücklich gemacht, wenn er Zeuge meiner Freude geweſen wäre! Statt ihn im Hotel Saint⸗Serve zu beſuchen, beſuchen wir ſein Grab. Gute, liebe Beatrix, wie liebe ich an Ihnen dieſe Dankbarkeit, dieſe töchterliche Zuneigung! Sie haben Recht, beſuchen wir den vortrefflichen Greis, damit er uns ſegne. Ja, und hierauf wollen wir, wenn es Ihnen recht iſt, auch zu der armen Sophie gehen. Ich möchte ihr gerne eine Krone bringen. Sdie ſind die Gebieterin, meine Theure, aber ſind dieſe Stationen wohl nicht allzu ſchmerzlich für dieſe ſchöne Sonne und dieſen geſegneten Morgen? 64 Oh, mein Herr, wir werden unſere Heiterkeit bald wieder erlangen. Das Gluͤck bietet für Alles Troſt. Und nun ſagten ſie ſich gegenſeitig Dinge, wie Lie⸗ bende ohne Unterlaß, ohne Langeweile und Ermüdung ſich zu ſagen pflegen, Dinge, an denen die Vernunft blutwenig Antheil hat und die das Herz dennoch ſo ſchmerzlich vermißt, wenn es dieſelben nicht mehr hört, nicht mehr zu geben oder zu Aupfanden weiß. Der Weg wurde zurückgelegt, ohne daß ſie es wahr⸗ nahmen. In frommer Stimmung ſtiegen ſie aus und traten ihre Gräberwallfahrt an.. Das Grab des Präſidenten war ihnen bekannt. Sie hatten es ſchon mehrmals mitſammen beſucht. Den⸗ noch nahten ſie ſich demſelben mit mehr Rührung als ſonſt und knieten Beide auf den Marmor nieder, wel⸗ cher einen Mann deckte, deſſen Ehre ſo rein, deſſen Cha⸗ rakter ſo edel. Ihr Gebet war heiß, faſt leidenſchaftlich. Thränen entfielen den Augen von Beatrir bei der Er⸗ innerung an die Tage ihrer von Herrn Sainte⸗Serve zärtlich gepflegten Kindheit. Sie rief ſich in's Gedächt⸗ niß zurück ſeine Güte, die für ſie und für ſie allein immer dieſelbe geblieben war, ſeinen Ernſt, welchen nur ſie zu mildern vermocht, den väterlichen Blick, wenn er ſie auf dem Raſen ſpielen ſah, endlich dieß erhabene Antlitz, auf welchem kein Lächeln mehr erſchienen war, ſeit er ſeinen Sohn verſtoßen, dieſes zugleich reſignirte, traurige und ernſte Antlitz. Alles deſſen erinnerte ſie ſich. Sie empfand daher mehr als je die Größe ihres Verluſtes und konnte ſich nicht enthalten, weinend zu flüſtern: O mein Vater, der Du im Himmel biſt!... enades ergriff ihre Hand und ſuchte ihre Thränen zu ſtillen. Geliebte, ich begreife Ihren Schmerz, ich achte Ihre Trauer, aber denken Sie, ich bitte, an Ihre, an unſere Mutter, denken Sie an mich, der ich Sie ſo ſehr liebe, der ich es mir zur Lebensaufgabe machen werde, Ihnen 6⁵ bald ein glückliches Loos zu bereiten. Ja, ich habe auf die⸗ ſem Grabe hier meinen heiligen Schwur erneuert. Möge Kie⸗ mich jede Strafe treffen, wenn ich jemals dieſem Schwur ung untreu werde, wenn eine einzige meiner Handlungen unft den Schatten deſſen, der hier ſchlaͤft, bereuen laſſen ſollte, ſo daß er mir ſeine Adoptivtochter anvertraut hat. Ich werde Ihnen ſein, was er Ihnen war, ein Führer und ört, Freund, und überdieß der zärtlichſte Gatte, der hinge⸗ ahr⸗ bendſte Liebhaber... Sagen Sie, wollen Sie das Alles Wund in mir ſehen2 Beatrix fand ein Lächeln mitten unter ihren Thrä⸗ unt. nen. Ihre Lippen glänzten wie die Blume unter dem Den⸗ Thau. Sie kehrte ihre ſchönen Augen dem Marquis zu als und verſetzte, auf das Grab weiſend: 1 wel⸗ Er hört Sie, mein Freund, er ſegnet Sie und ich, Cha⸗ ich liebe Sie!...— Ach, wie ſchön ſind die erſten Tage der Che, dieſe ich. Kage, wo die Pflicht die Züge der Liebe annimmt, dieſe zerve Tage, wo unſere Fehler vor dem Glück ſo zuſammen⸗ ächt⸗ ſchrumpfen, daß man ſie gar nicht bemerkt. llein Im Prisma der Jugend nimmt die Zukunft die nur reizendſten Farben an. Ein wolkenloſer Horizont thut un er ſich vor uns auf. Man ahnt nicht, daß es Täuſchun⸗ bene gen und Schmerzen gebe; die Maske der Leidenſchaft war iſt ſo lachend, ſo bezaubernd. Man glaubt ſo gerne und tirte⸗ dieſes Glauben macht Einen ſo glücklich! Oh, ſie wer⸗ te ſie den theuer bezahlt, dieſe Tage, aber ſie wiegen auch alle ihres Freuden des Lebens auf. Nichts erſetzt ſie und Nichts d zu kann über ihren Verluſt tröſten.. Wollen Sie jetzt Sophie Hervé beſuchen, theure Beatrir? Sie kennen zweifelsohne den Weg. O ja, ich habe ihn ja ſchon ſo oft gemacht. anen Vor ihrem Manne hergehend, führte ſie ihn zu dem Ihre beſcheidenen Kreuze, welches das Grab des armen Opfers inſere bezeichnete. Allein ſie ſuchte vergebens, das Kreuz war liebe, verſchwunden. hnen Mein Gott, rief ſie höchſt erſchrocken aus, was be⸗ 5 Die blutige Marquiſe. I. 66 deutet das? Der Boden war ja angekauft und ich wollte ihr ein Denkmal errichten. Sehen Sie ſich genau um, vielleicht täuſchen Sie vol ſich, vielleicht ſind wir noch nicht zu der rechten Stelle er gelangt. 3 Ich kann mich nicht täuſchen, ich verſichere Sie. an Das Kreuz befand ſich hier, wo jetzt dieſe geſchmackvolle, zierliche Säule von weißem Marmor ſteht. Das iſt von gerade ſo ein Denkmal, wie ich es mir ausgedacht hatte ein .. Aber was ſehe ich 2...„Sophie Hervé«... Und Fr dieſe ſo wahren, ſo gefühlten, ſo herzlichen Zeilen! Wer we hat das Alles herſtellen laſſen? Vielleicht ihr armer der Vater? Dank dem Billet, welches der Präſident vor fäl ſeinem traurigen Tode niederſchrieb, hat er ſein Ver⸗ Ie mögen wieder erlangt, aber dieſe Grabſchrift ſcheint mir hã zu edel, um von einem Manne von ſeiner Erziehung herzurühren. zu Indem ſie ſo ſprach, begegneten ihre Blicke denen in ihres Mannes und jetzt hatte ſie keinen Zweifel mehr, e ſondern errieth Alles. b Sie ſind es, Amadee, ſagte ſie, Sie ſind es. Sie en haben meine Wünſche erfüllt, bevor ich ſie ausſprach, ve wie danke ich Ihnen! Selbſt meine Lieblingsblumen O haben Sie nicht vergeſſen. Ihr zu Häupten die ge⸗ ſtreifte Roſe, wie in jener gräßlichen Nacht ob ihrem B Bett, wo ich ſie ſah! Gott ſegne Sie dafür!... Und we jetzt wollen wir beten. So ein Gebet einer lauteren Seele, ſo ein gen Himmel ſteigender Weihrauch muß dem Schöpfer wohl⸗ gefällig ſein. Gewiß nahm er es barmherzig auf, reihte dieſe Seele in die Zahl ſeiner Auserwählten und ſchickte ihr den Schmerz zum Begleiter auf ihrem Lebensweg, damit er ſie zu ihm führe, zu ihm, der Qüelle alles Friedens, alles Troſtes. Dieſer Graberbeſuch hinterließ bei dem jungen Paar un verſchiedene Eindrücke. Beatrir kam ganz bewegt davon tr zurück, ganz träumeriſch. Ihre Melancholie entlieh von uU hatte Und Wer armer t vor Ver⸗ it mir ehung denen mehr, Sie prach, lumen ie ge⸗ ihrem . Und n gen wohl⸗ reihte ſchickte nsweg, e alles 1 Paar davon leh von 67 ihrer Liebe einen ſanften Anhauch. Sie ſtützte ſich ſchweigend auf ſeinen Arm und ſagte ſich wiederholt voll Wonnegefühl, daß er an ihrer Seite ſei und daß er ihr für immer gehöre. Amadee mußte zwiſchen den beiden Opfern Ernſt's an dieſen denken. Wie, ſagte er zu ſich, es iſt möglich, daß ein Mann von dem Namen und der Erziehung eines Saint⸗Serve ein Mörder wird, und noch dazu der Mörder einer Frau! Wie, unter denen, die mich umgeben, unter denen, welchen ich täglich die Hand reiche, kann ſich Einer fin⸗ den, welcher, um irgend eine Leidenſchaft zu befriedigen, fähig wäre, das abſcheulichſte Verbrechen zu begehen! Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht geſehen hätte. Die Möglichkeit einer Sache ſchleicht ſich, einmal zugeſtanden, bei gewiſſen Naturen ein, wie der Wurm in eine Blume. Unbemerkt bleibt er dort, nagt das Herz an, ohne daß Etwas ſeine Gegenwart verriethe, bis zu dem Tage, wo der Stengel ſich ſenkt, der Duft entflieht, der Farbenglanz erliſcht und die arme Blume verwelkt, während das garſtige Inſekt noch neben ſeinem Opfer kriecht. Amadee konnte ebenſo wenig Ernſt vergeſſen, als Beatrix Sophie vergaß, dieſe Erinnerung verwiſchte ſich weder bei ihm, noch bei ihr. 10. Der Honigmond. Die Zeit vergeht und entflieht, auf ihren Schwingen unſere Trauer, unſere Hoffnungen und Freuden dahin⸗ tragend. Wir ändern uns manchmal heftig, manchmal unbemerklich, allein wir ändern uns fortwährend. Wenn 5*. uns nach einigen Jahren ein getreuer Spiegel unſere ſend verwiſchten Eindrücke wieder vor Augen halten würde, Einz) ſo würden wir unſere Herzen, unſere Gefühle, unſere des T Gedanken mehr gealtert finden als unſere Züge. Ge⸗ kenne wiſſe Empfindungen jedoch überleben die Motive, aus verge welchen ſie entſprungen, ſie ſetzen ſich erobernd in unſe: gebon rer Seele feſt und Nichts vertreibt ſie aus derſelben. Es ſind dieß meiſt traurige. Das Glück iſt nicht ſo be⸗ ein: harrlich ſiegreich, es entflieht ſchnell und kommt nicht Häul mehr zurück. chem Sechs Monate nach ihrer Heirath hätte in der jun⸗ auf gen, muntern Frau, welche ſo zuverſichtlich in die Zu⸗ ihres kunft blickte, Niemand mehr die furchtſame Braut er⸗ gen kannt oder die ſchwermüthige Frau, wie wir ſie geſehen. wie Nahe daran, Mutter zu werden, war Frau von blüt Monza ganz mit ſich ſelbſt beſchäͤftigt und dachte nicht befa mehr an die böſen Vorzeichen, durch welche ſie ſo heftig Mar erſchreckt worden war. empf Sie ſaß in ihrem Schlafzimmer an einem Tiſche und hatte vor ſich ein Rechnungsbuch, deſſen zahlreiche ſüße Seiten eine hübſche Anzahl von Zahlen darboten. ich Wir treffen ſie mitten in einem ihrer Zornaus⸗ gäht brüche eines verzogenen Kindes, Zornausbrüche, die wäh⸗ Sie rend des Honigmonds ſo reizend ſind, aber den Keim Sie vielen Kummers in ſich tragen. ſicht Plötzlich aufſtehend wirft ſie die Feder zu Boden 4 und ruft aus: Pfo Theuerſter Amadee, ich bin des Zeugs da müde; dere machen Sie dieſe Additionen. Sie verurſachen mir Kopf⸗ krat weh. Ich will mich um ſo einer Kleinigkeit willen nicht ſo quälen. qui Liebe Beatrix, Sie haben nicht die kleinſte Geduld. Ich habe gethan, was Sie wünſchten, mein Herr. zu Ich ſtellte mich an die Spitze meines Haushalts, ich lang⸗ weilte mich Tag für Tag zwei Stunden lang mit der Haushälterin und dem Hausmeiſter. Was haben wir ſag dadurch gewonnen? Haben wir wenigſtens einige tau⸗ η — — naus⸗ wäh⸗ Keim Boden müde; Kopf⸗ nicht zeduld. Herr. )lang⸗ nit der in wir ge tau⸗ 69 ſend Franes dadurch erſpart? Mein Gott, nein. Das Einzige, was gewonnen wurde, iſt, daß ich den Preis des Bordeaurweines oder der Leinwand zu Scheuerlappen kennen lernte, und das habe ich obendrein wieder total vergeſſen. Ach, ich bin nicht für Haushaltungsgeſchäfte geboren, ich! So ſprechend ſtützte ſich die Marquiſe, gekleidet in ein prächtiges Hauskleid von indiſchem Cachemire, ein Häubchen en valenciennes auf dem Kopfe, unter wel⸗ chem hervor ihre ſchönen Haare in reizender Verwirrung auf ihren Schwanenhals niederfielen, auf den Lehnſtuhl ihres Mannes, legte koſend ihren Kopf neben den ſeini⸗ gen und nahm ganz die Miene einer Schmeichelkatze an, wie ſie einem huͤbſchen Geſichte und der erſten Jugend⸗ blüthe ſo gut anſteht. Ihr Blick liebkoſte, indem er befahl, ihre zarten Hände ſträlten die braunen Locken des Marquis und ließen ihn jenen Magnetismus der Liebe empfinden, welchem man nicht lange widerſtehen kann. Ja, fuhr ſie fort, Ihnen zu Gefallen habe ich den ſüßen Gewohnheiten meines Müßiggangs entſagt, habe ich mich dazu verſtanden, vor dieſen ſtupiden Zahlen zu gähnen, habe ich die Küchenrechnungen ſtudirt. Und Sie, was haben Sie für mich gethan? Gar Nichts. Sie wollen Ihr eigener Herr ſein, ohne mir das Auf⸗ ſichtsrecht zuzugeſtehen. So iſt Ihr Clubb⸗Abonnement... Und die Hand ſträuchelte fortwährend, ganz wie die Pfoten jener zierlichen weißen Katzen, Pfoten, unter deren Sammetweichheit die Kralle ſich birgt, bereit, zu kratzen. bei in Clubb⸗Abonnement! unterbrach ſie der Mar⸗ quis mit einem Anflug von Laune. Sie haben mich ſo ganz und gar in Beſitz genommen, daß ich vergeſſen, es zu erneuern. Die junge Frau lächelte, er ſah es aber nicht. Allein das iſt lächerlich, fuhr er fort. Jedermann ſagt es mir und ich kann mich alſo nicht länger von 70 meinen Freunden und Gewohnheiten fern halten. Ich werde zu ihnen zurückkehren. Wirklich! Die Krallen waren wohl im Begriffe, ſich zu zeigen. Ja, meine liebe Freundin. Sie bringen mich zu Excentritäten, welche ſich bemerkbar machen. Bereits nennt man mich den Muſterehemann, und ſolche Spitznamen ſind ſehr widerwärtig. Sie bleiben Einem, man mag thun, was man will, um ſie zu verlieren. Oh, mein Lieber, indem Sie das Clubbleben wie⸗ der aufnehmen, indem Sie ſich von dieſen Herren überall hinführen laſſen, wohin es denſelben beliebt, werden Sie den Spitznamen, der Sie ſo ſehr verletzt, bald verlieren. Sie brauchen ſich darüber keine Sorge zu machen. Du ereiferſt Dich, Beatrix. Du willſt ſchmollen und Deine verzweiflungsvolle Miene annehmen. Ich beſchwöre Dich, liebes Kind, ereifere Dich doch nicht über ſolche Bagatellen. Bagatellen? der Zerfall unſeres Haushalts? Sie thäten beſſer, ſich mit denſelben zu befaſſen, denn ich will Nichts mehr damit zu thun haben. Meine Mutter ſagte mir erſt geſtern, es ſei widerlich bei unſerem Ver⸗ mögen, mit ſolchen Kleinigkeiten ſich abgeben zu ſollen. Entſchuldigen Sie, Beatrir, Ihre Mutter hat Ihnen hierüber ganz irrige Anſichten beigebracht. Vermögen allein ſchuͤtzt nicht vor Unordnung. Wir ſind ja im Stande, Auſſeher zu bezahlen. Ja, die uns langweilen oder beſtehlen. Es iſt ſicher, daß der Herr Marquis, wenn er ſeine Zeit in den Clubbs und bei den Wettrennen verbringt, nicht ſehen kann, was in ſeinem eigenen Hauſe vorgeht. Und wenn die Frau Marquiſe Morgens in's Bon⸗ logner Wäldchen und Abends auf den Ball fährt, kann ſie nicht einnal wahrnehmen, ob und wie ihre Kinder gepflegt werden. Aber alle Frauen von Welt machen es ſo und den⸗ noch wachſen ihre Kinder auf. 8 noch zurü⸗ Bäll zen ihres ſeine ingt, geht. Bou⸗ kann inder den⸗ 71 Aber alle Männer von Welt machen es ſo und den⸗ noch beſteht ihr Haushalt. Wie nun? Wie nun? Folgt hieraus, daß man ſchlechterdings in den Clubb zurückkehren muß? Folgt hieraus, daß man ſchlechterdings auf die Bälle gehen muß 2 Amadee, verſetzte die junge Thörin nach einem kur⸗ zen Stillſchweigen und richtete mit ihrer Hand den Kopf ihres Mannes auf, Amadee, ſehen Sie mich an. Ich ſehe Sie an, entgegnete er, ſchon halb beſiegt. Wie finden Sie mich? Bezaubernd, Sie wiſſen es wohl. Sie werden in den Clubb gehen, mein Herr? Und welches Lächeln begleitete dieſe Frage! Ich werde gehen... wenn Sie es wollen. Und ich, ich darf Angela ein wenig mit dem Haus⸗ haltungskram ſich beſchäftigen laſſen, nicht wahr? und ſie wiſperte ihm in die Ohren und küßte ihn zweimal. Beatrix, Sie haben Unrecht und werden es ſpäter bereuen. Man muß gute Gewohnheiten annehmen. Seien Sie alſo Herrin Ihres Hauſes! Ich will lieber Deine Herrin ſein, und das iſt viel ſchwerer. Meine Leute werden mir immer mehr oder weniger gehorchen, werden mich immer mehr oder weni⸗ ger beſtehlen. Wenn ſie die gehörigen Formen nicht beobachten, werde ich ſie wechſeln oder wegjagen, Dich aber will und kann ich weder wechſeln noch wegjagen, ſondern ziehe es vor, Dich ſogleich zu unterwerfen. Der Marquis ſtieß einen ſchweren Seufzer aus. Willſt Du? Er gab keine Antwort. 5 Nimm Dich in Acht! Ich werde mir nicht mehr die Mühe geben, Dich zu commandiren, wenn Du mein Mißfallen erregen ſoültek. 72 Du biſt eine rechte Deſpotin. Alles! liſpelte ſie und warf ſich in ſeine Arme. Ach, dachte der Marquis des Entzückens, welches er empfand, ungeachtet, ach, es war doch herrlich, frei zu ſein! Beatrix zog heftig die Glocke und die Zofe trat ein. Joſephine, befahl ſie, bringen Sie die Bücher da zu Frau Angela. Sagen Sie ihr, ſie möge die Rech⸗ nungen in Ordnung bringen und mir die Totalſummen mittheilen... Haben Sie meinen Anzug für heute Abend in Bereitſchaft? Ja, Frau Marquiſe. Mein weißes Damaſtkleid? meine Rubinen?... 15 tanze nicht, Dank Ihrem künftigen Erben, mein err. Alles iſt bereit, gnädige Frau. Die Zofe ging hinaus. Ich hoffe, wir werden nicht allzu ſpät heimkehren, meine Liebe. Wir werden heimkehren, wann Du willſt. Und wir werden morgen dennoch abreiſen. Freilich. Ungeachtet des Balles? Ja. Später könnte ich nicht mehr reiſen und ich halte darauf, daß der künftige Fürſt von Monza in dem Schloſſe zur Welt komme, welches ſeinem Großvater als Preis ſeiner Tapferkeit gegeben wurde. Ich habe Phan⸗ taſien, Du weißt es. Ich habe den ritterlichen und feu⸗ dalen Geiſt meiner Ahnen geerbt. Das gefällt mir und ſtellt mich zufrieden. Und dann, ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich ihrem Manne näherte, dort werde ich Dich ganz für mich allein haben, dort werde ich ruhig leben, dort wirſt Du Niemand ſehen als meine Mutter, mich, unſer Kind, und wirſt wohl genöthigt ſein, mich ohne alle Zerſtreuung ganz und gar zu lieben; dort werde ich weder eine Nebenbuhlerin noch einen Nebenbuhler zu fürchten haben; dort werde ich Dich immer beſitzen, vom Nein, ich liebe Dich, ich will Dich behalten, das iſt ten, ich dem als an⸗ feu⸗ und dem ganz dort nſer alle ich zu vom 73 Morgen bis zum Abend. Oh, wie wird das herrlich ſein und gut, geh! Theures Kind, rief der Marquis aus, wer ſollte Dich nicht lieben!.......... So endigte jede dieſer Scenen, aber jede dieſer Sce⸗ nen, ſo ſanft ſie auch ſeine mochte, ließ Amadee den Druck ſeiner Roſenketten mehr fühlen, und bei jeder dieſer Scenen verlor die Marquiſe Etwas von ihrer Autorität als Frau, als Herrin des Hauſes, während ſie eine eingebildete, ja ſogar gefährliche Herrſchaft über ihren Mann zu erlangen glaubte. So höhlte ſich langſam der Abgrund, welcher ſpäter ſo viel Glück, ſo viel Hoffnung verſchlingen ſollte. Der Waſſertropfen fällt auf eeiinen Felſen und läßt Anfangs keine Spur auf demſelben zurück, aber allmäalig zernagt er den Stein und der Fels zerkluͤftet ſich, wie das Werk der Zeit, wie das der Verkehrtheit, und man begreift nicht, wie eine ſo kleine Urſache eine ſo große Wirkung hervorbringen kann. Das junge Ehepaar ging auf den Ball. Beatrix zeigte ſich dort glücklich, glücklich wie eine geliebte Frau, glücklich wie die Glücklichſte der Erde. Sie erzählte Jedermann ihren Plan, ſich für einige Zeit zurückzuziehen, zeigte an, daß ſie erſt im Winter zurück⸗ ſommen würde, und theilte nach allen Seiten Abſchieds⸗ grüße aus. Ja, ſagte ſie zu dem Grafen Robert, während ſie an ſeinem Arm die Gallerie durchwandelte, Sie werden uns auf unſerem alten Schloß in Baiern beſuchen, wo ich mich zur Eremitin machen werde. Sie werden mit Amadee auf die Jagd und dann nach München gehen, um die Gemäldegallerien zu beſuchen. Sie werden ſich vortrefflich unterhalten. 3 Aber, Madame, ſagte ein anderer junger Mann, welcher an ihrer Seite ging, wie hat ſich der Fürſt von 74 Monza dieſe Dotation in der Fremde zu bewahren ge⸗ wußt?« Der König Max wollte ihm dieſe Beſitzung in ſei⸗ nem Königreiche laſſen, weil ſie oft neben einander ge⸗ fochten haben und weil ihm mein Schwiegervater ein⸗ mal das Leben gerettet hat. Iſt dieſe Gunſt zu groß? Und Sie wollen ſich dort begraben? Begraben mit Herrn von Monza und meiner Mut⸗ ter! Ich fürchte dieſe Einſamkeit nicht ſehr. Wollen Sie in den Tanzſaal zuruckkehren, Couſine? Nein. Sehen Sie da unten Amadee, welcher mir zuwinkt? Wir wollen frühzeitig nach Hauſe. Führen Sie mich in den Warteſaal und thun Sie mir den Ge⸗ fallen, meine Leute und meinen Wagen zu beſtellen. Es waren gerade viele Leute im Begriffe, wegzu⸗ gehen. Die Frauen nahmen ihre Pelze um, indem ſie die letzten Complimente, die letzten Scherze, vielleicht die ledien Geſtändniſſe tauſchten. eatrir befand ſich im Mittelpunkt einer ſehr leb⸗ haften Gruppe. In der Fröhlichkeit ihres Alters und ihres Glückes lachte ſie ſorglos, als ſie zwei junge Leute hinter ihr zu einander ſagen hörte: Wer iſt denn dieſe junge Frau, ſo ſchön, ſo friſch, ſo lebensfroh, welche einen ſo prächtigen Kopfſchmuck von Rubinen trägt? Du kennſt ſie nicht? Nein. Aber woher kommſt Du denn, mein Lieber? Das iſt die blutige Marquiſe. In einem Augenblick war Fröhlichkeit, Glück, Thor⸗ heit, Alles verſchwunden. Die junge Frau ſah die ſchreck⸗ lichen Scenen ihrer Heirath wie ein Blitz an ſich vor⸗ übergehen. Oh, murmelte ſie, das iſt alſo der Name, welchen man mir gegeben! Und bewußtlos fiel ſie in die Arme ihres herbeige⸗ eilten Gatten. 11. Das Innere des Haushalts. Wir haben am Eingang des vorhergehenden Kapitels geſagt, die Zeit vergehe für Jedermann. Ihr gleich⸗ mäßiger Flug entführt mit der nämlichen Schnelligkeit die Tage des Armen und die des Reichen, die Tage des Glücks und die des Unglücks. Wir gelangen Alle an das gleiche Ziel, nur die Wege dazu ſind verſchieden und an uns liegt es, dieſelben ſo bequem zu machen, als unſere menſchliche Unvollkommenheit es geſtattet. Unſer Geſchick liegt ſo ziemlich in unſerer eigenen Hand, das Schickſal iſt oft ſo, wie man es macht, zuweilen regiert uns aber auch das Verhängniß. Wenn wir jedoch den Vorhang dieſes blinden Verhängniſſes lüften, finden wir beinahe immer Etwas, was wir hätten anders machen oder wenigſtens bedeutend modificiren können. Wir treffen Herrn und Frau von Monza, ſechs Jahre nach ihrer Hochzeit, zu Anfang des Sommers in einem prächtigen und geſchmackvoll eingerichteten Schloß in der Normandie wieder. Sie ſind von Paris gekommen, wo ſie den Winter über das Modeleben mitgemacht, wo die Marquiſe unter den brillanteſten Frauen der Faſhion genannt worden war, wie ihr Mann unter den untadelhaft lächerlichſten Sportsmen und Clubbiſten, was Beides, wie Jedermann weiß, heutzutage der feinſte gute Ton iſt. Sie hatten nur ein einziges Kind, ein Töchterlein, welches am Ende des erſten Jahres ihrer Ehe geboren worden war und dem ſie den Namen Flavia, den Na⸗ men der Frau von Chamarante gegeben hatten. Dieſes Kind, ſchön wie ſeine Mutter, hatte von der Natur alle Gaben empfangen, welche zu dem Glücke Anderer beitragen und das eigene beeinträchtigen. Flavia 76 war gut, ſanſt, gefühlvoll. Sie vergaß unaufhörlich ſich ſelbſt, um ſich mit ihrer Umgebung zu beſchäf⸗ tigen. Ihr frühreifer Verſtand verlieh ihrem edlen Ge⸗ müth einen noch mächtigeren Zauber. Sie hatte Worte, welche aus der Seele kommen und welche hinreißen, wenn⸗ ein ſo junges Weſen ſie ausſpricht. Man konnte ſich ihr nicht nähern, ohne ſie zu lieben, und ſo war Flavia denn das Idol der ganzen Familie. Bereits beſchäftigte man ſich mit ihrer Erziehung und ſie verſprach eine ausgezeichnete Frau zu werden, vorausgeſetzt, daß ſie unter eine vernünftige Leitung kam. In dem Augendlicke, wo wir zu dem jungen Ehe⸗ paar zurückkehren, war eine Gouvernante angenommen worden und ſollte ihre Funktion im Schloß von Neuillé antreten. Man hatte eine von achtungswerthem Alter und mit den beſten Zeugniſſen ausgeſtattete gewählt. Der Marquis und die Marquiſe vertrauten derſelben völlig, behielten ſich jedoch die oberſte Ueberwachung ihrer einzigen Erbin vor. Sie liebten ſich noch immer. Man konnte weder ihm noch ihr einen jener Fehler vorwerfen, welche die Welt durch den Namen Leichtſinn beſchönigen will. Die Marquiſe kannte ihre Pflichten und erfüllte ſie gewiſſen⸗ haft. Herr von Monza erſchien gewohnter Weiſe bei den Wettrennen und in den Verſammlungen des Jockey⸗ clubbs, aber er enthielt ſich der Theilnahme an leicht⸗ fertigen Partien und erſchien weder im Theater noch auf Bällen ohne ſeine Frau. Man nannte ihn noch immer den Muſterehemann, man nannte Beatrix die regelmäßigſt lebende Frau der ganzen Geſellſchaft, und dennoch muß geſagt werden, daß es im Innern dieſes Haushalts keineswegs ruhig zuging und daß die Elemente des Unglücks, welche zwiſchen dieſe beiden Exi⸗ ſtenzen waren geworfen worden, mit jedem Tag wuchſen. Man ſah das furchtbare Gewitter am Horizont ſich ſammeln, welches dieſes Ehepaar treffen ſollte, das unter ſo vielen Chancen des Glückes ſich verbunden. 77 Beatrix, ein durchaus verzogenes Kind, konnte ſchlechterdings nicht dazu gebracht werden, das Leben oder ihre eigene Stellung ernſthaft zu nehmen. Von Natur gut und edel, verdankte ſie der Schwachheit und Nachſicht ihrer Mutter die willkürlichſten Launen, die man unmöéglich erfüllen konnte, und eine Herrſchſucht, welche ſehr oft in den Egoismus hinüberſpielte. Sie gab ſich mit der Führung des Haushalts gar nicht ab, uberließ der Haushälterin alle Vorrechte ihrer Autorität und controlirte kaum hie und da die Ausgaben. Wenn ſie Morgens ihre Billete ſchreiben, Beſuche machen oder em⸗ pfangen, Abends auf den Ball gehen und nach Belieben tanzen konnte, wenn ihr Mann ſie nicht verließ und ihren Anforderungen ſich unterwarf, ſo war ſie zufrie⸗ den. Sogar ihre Toilette beſchäftigte ſie nicht ſehr; man mußte ihr Alles ſchon fertig darreichen und ihre Kammerfrau beherrſchte die Garderobe ebenſo unum⸗ ſchränkt, wie die Haushälterin das Hausweſen beherrſchte. Gänzlich unbekümmert um Alles, was ihr nicht lieb war oder kein Vergnügen machte, verfolgte ſie den ge⸗ wohnten Weg von Perſonen ihres Charakters, d. h. ſie beſchleunigte mit Aufbietung aller Mittel und ohne es wahrzunehmen die Zerſtörung des einziges Gefühles, welches ſie hegte und pflegte. Eiferſüchtig bis zur Be⸗ ſeſſenheit quälte ſie ihren Mann unaufhörlich mit ihrer Spionerie. Er beklagte ſich zwar noch nicht, allein er litt ſchon lange. Das Verhältniß der Marquiſe zu ihrer Tochter war ein ganz ähnliches. Obgleich ſie dieſelbe leidenſchaftlich liebte, überließ ſie doch Fremden die Sorgfalt, welche das Alter des Kindes erforderte. Sie ſah ſie nur, um mit ihr zu ſpielen wie mit einer Puppe; ſie ließ ſie zu ſich kommen, wenn man ſie geputzt hatte, zeigte ſie der Geſellſchaft, ſtolz auf ihre Schönheit und Artigkeit, be⸗ einträchtigte aber fort und fort ihren kindlichen Frohſinn, indem ſie ihr ohne Unterlaß befahl, ihr Kleid nicht zu zerreißen, ihre Schuhe, ihre Bänder nicht zu beſchmutzen. 78 Die Folge hievon war, daß Flavia ihre Mutter zwar ehrte und fürchtete, aber weit weniger liebte, als ihren Vater, oder, was noch mehr ſagen will, als ihre Bon⸗ nen und Gouvernanten. Etwas ſpäter, als Flavia vier oder fünf Jahre alt war, verkündigte Beatrixr ſehr ernſthaft ihre Abſicht, ſich nun ganz dem Unterricht der lieben Kleinen zu widmen. Sie gab ihr fünf oder ſechs Leſeſtunden und damit war die Sache zu Ende.. Der Marquis dagegen ließ bei ſeinem Erwachen das Kind in ſeinem Morgenkittel zu ſich kommen und zugleich das Spielzeug der Kleinen herbeitragen. Er ſetzte ſich zu ihr und die Spiele begannen. Das vollſtändigſte Vertrauen, die unbedingteſte Hingebung herrſchte in dieſer täglichen Aſſoc iation. Flavia lachte, ſang und ſprang, ganz nach Belieben, und wenn ſie wollte, konnte ſie ihre Kleider zerreißen und ſich ihres Vaters Dintenfaß über die Hände gießen. Man brachte und damit gut. Dieſes doppelte und gegenſätzliche Leben würde jede andere Kindernatur unwiederbringlich verwirrt und eine ernſthafte Erziehung unmöglich gemacht haben. Flavia aber litt nicht darunter. Sie wußte ſich den Forderun⸗ gen ihrer Mutter zu unterziehen, indem ſie die Zärtlich⸗ lichkeit ihres Vaters in ihrem ganzen Umfange koſtete. Gleich reizend in ihrem Betragen gegen Beide, dankte ſie ihrem Vater mit einem Kuß und entwaffnete ihre Mutter durch eine Liebkoſung. Indeſſen erneuerten ſich die ehelichen Zwiſte häufig. Beatrix hatte Launen und Amadee bekam deren auch. Man ſchmollte oft mehrere Stunden lang. Anfangs verſöhnte man ſich jedoch immer wieder, bevor man in Geſellſchaft ging. Die junge Frau würde nicht ſo hei⸗ ter getanzt haben, wenn ſie nicht wußte, daß das Auge ihres Manues ſie zur Quadrille und zum Cotillon be⸗ gleitete. Amadee wäre ſeiner ſelbſt nicht gewiß geweſen, dann andere Kleider, wuſch die huͤbſchen runden Arme 79 wenn bei einem Wett⸗ oder Kirchthurm⸗Rennen die Marquiſe nicht die Hände gefaltet hätte, die Augen von Angſt über ſeine Verwegenheit gefeuchtet. Allmälig aber verbitterten ſich die Herzen mehr und und mehr. Man nahm Ball und Corſo wie eine Zer⸗ ſtreuung, wie ein Mittel, um den häuslichen Plackereien zu entgehen, und man gelangte ſo weit, bei der Heim⸗ kehr 3 vergeſſen, daß man in Unfrieden ausgegangen. in Geſpräch zwiſchen den Ehegatten, welches einen Monat nach ihrer Ankunft zu Neuillé vorfiel, wird von ihrer gegenſeitigen Stellung eine beſtimmte Vorſtellung eben. Sie haben allein gefrühſtückt, man hat ihre Briefe und die Journale gebracht und jedes entfaltet bei einer Taſſe Thee ſeine Correſpondenz. Ich habe nicht nöthig, darauf aufmerkſam zu ma⸗ chen, daß die Kataſtrophen der Vergangenheit nur ſehr ſelten die Erinnerung des jungen Paares behelligten. Sie verfehlten nicht, jedes Jahr die Gräber des Präſi⸗ denten und Sophie's zweimal zu beſuchen, am Aller⸗ ſeelentag und am Jahrestag des ſchrecklichen Ereigniſſes. Bei dieſer Gelegenheit ſprach man noch davon, der furcht⸗ bare Beiname den man Beatrir gegeben, lebte in ihrer Einbildungskraft auf, ſie entſetzte ſich ein wenig darüber, und nach Verfluß einer Woche dachte ſie nicht mehr daran. Dieſen Morgen beabſichtigte Beatrix, mit Amadee einen Ritt nach einem benachbarten Schloſſe zu machen, als einige Regentropfen zu fallen begannen. Meine Liebe, es regnet, ſagte der Marquis, die Lec⸗ ture eines Briefes unterbrechend. Es regnet? Ci nun, ſo bleiben wir zu Hauſe. Ich venn⸗ meine Stickerei fortſetzen und Du wirſt mir vor⸗ eſen. Der junge Mann gab keine Antwort. 5 Ah, ſagte er nach einer Weile, die d'Argelles wer⸗ den binnen vierzehn Tagen zu uns kommen. Um ſo beſſer. Meine Mutter zeigt mir ebenfalls 80 ihren Beſuch an. Sie bringt Robert und einen ganzen Stamm von Chamarante mit. Wir werden wenigſtens zu dreißig im Schloſſe ſein. Es gibt Zimmer, Wagen und Diener genug für ſie; wir brauchen uns alſo nicht zu beunruhigen. Ja, und ich liebe dieſes großartige Schloßleben. Ich finde, daß man ſich noch beſſer amuſirt als in Paris und jedenfalls länger. Aber es iſt eine ſehr koſtſpielige Sache, Beatrir. Ich weiß wohl, daß wir reich ſind, allein Alles ginge wenn Du Dich mehr mit dem Hausweſen beſchäftigteſt. Man beſtiehlt uns, ich verſichere Dich n? Einige Stücke beſſer und wir würden weit weniger ausgeben, Und was ſollte man uns denn ſtehle Zucker, einige Flaſchen Wein? Kann ich das hindern? Habe ich Zeit, immer hinter den Leuten her zu ſein und z iſt mir eine präch⸗ tige Idee aufgegangen und Du wirſt ſie gewiß billigen. Welche 2 uftragen. Sie vollkom⸗ Art wird unſer Haus nicht mehr in den Händen von Bedienten ſein, wie Du mir immer vorwirfſt. 4 ute hat Deine Tochter zu ſehen, was ſie machen? Uebrigen Die Gouvernante mit alle dem zu bea verſteht ſich vortrefflich darauf. Man darf ihr men trauen und auf dieſe Meine Liebe, die Gouvernan zu erziehen, und es ſcheint mir, das beſchäftige ſie hin⸗ länglich. ibt einer Gouvernante ie beiden Aem⸗ Ein Kind von ſechs Jahren g noch nicht ſo viel zu thun. Sie kann d ter recht wohl vereinigen. Beatrir, ich muß Dir unaufhörlich wiederholen, Du n traurigen Hang, das Regiment Deines Hau⸗ zu uͤberlaſſen. Du giltſt ſchon jetzt wenig fortmachſt, wirſt“ Du bald Au nichts mehr gelten. verſetzte ſie in ſaurem haſt eine ſes Fremden in Deinem Hauſe, und wenn Du ſo In Wahrheit, mein Freund, Ton Din fort, wart naht Wei chen ladt wur Ih dru jetz kon fül ſp 0 de w 8¹ en Tone, Sie wiſſen mir ſtets nur die unangenehmſten ns Dinge zu ſagen. Der Marquis zuckte leicht die Achſeln und fuhr füͤr fort, ſeine Briefe zu leſen, indem er beifügte: 8 — Wie Sie wollen. Ich Beatrix ſah ihn einen Augenblick an, in der Er⸗ ind wartung, er werde noch etwas ſagen; als er aber ſchwieg, 4 nahm auch ſie ihre Briefe wieder zur Hand. rir. Ach, meine Liebe, begann der Marquis nach einer nge Weile wieder. Da iſt Etwas, was uns Vergnügen ma⸗ enn hen wird. Die Herzogin von Alagny hat unſere Ein⸗ kan ladung angenommen. . Unſere Einladung? verſetzte die Marquiſe und ücke wurde roth wie eine Kirſche. Sagen Sie doch die rn? Ihrige. und Es ſcheint mir aber doch, daß Sie ſelbſt in ſie ge⸗ äch⸗ drungen... gen. Ja, im letzten Winter. Nun wohl! Sie Nun wohl! Ich wußte damals noch nicht, was ich kom⸗ jetzt weiß, und ich will nicht, daß dieſes Weib hieher⸗ nicht komme! 3 mir Dieſes Weibl Die Herzogin von Alagny! . Ja, dieſes Weibl der Titel iſt Nichts, die Auf⸗ chter führung Alles! hin⸗ Aber ſo viel ich weiß, hat man nie von ihr ge⸗ ſprochen. 3 nante Das kann ſein, allein jetzt ſpricht man von ihr. Aem⸗ Und was ſagt man denn von ihr? 4 Was man von ihr ſagt? „Du Ja. Hau⸗ Sie wiſſen es beſſer als ich. venig Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht weiß. wirſt⸗ Wirklich?.. Nun, ſo hören Sie denn, daß ſie Ihr... wie ſoll ich ſagen? Ihr... Licht ſei und urem daß ſie... armer Schmetterling!... Sie anlocken wolle, um Sie zu verſengen. Die blutige Marquiſe. I. 6 — — Wahrhaftig, meine Liebe, Sie ſind närriſch! In⸗ deſſen bitte ich Sie, bemerken zu wollen, daß man nicht auf dieſe Weiſe mit einer ſo aiſsgeze chiieten Frau, wie die Herzogin von Alagny iſt, ſpielen darf, und daß ſie ihrem Rang und Verdienſt gemäß empfangen werden muß, wenn ſie uns mit einem Beſuche beehrt. Amadee, Sie wollen mich zum Aeußerſten treiben. Liebes Kind, verſetzte der Marquis, indem er ſich ihr näherte und ſie umarmte. Sie werden ſich unglück⸗ lich machen, ſich ſelbſt und mich dazu. Sie hob ihre großen, thränenfeuchten Augen zu ihm auf und fragte: Amadee, liebſt Du mich? Mein Gott, ob ich Dich liebe? So warm wie immer! Dann werde ich Alles thun, was Du willſſt. Dieſes treffliche Herz gab ſtets Antwort, wenn man es berührte. Der Marquis glaubte daher, den Streit an der Wurzel abgeſchnitten zu haben, wie ihm das ſchon oft gelungen, als ein neuer Umſtand denſelben wieder anfachte. Du gehſt alſo nicht aus, meine Freundin? ſragte Amadee. 3 Nein, das Wetter iſt zu ſchlecht. Dann will ich allein gehen. Du willſt allein zu Frau von Manieres gehen? Und weßhalb? Ich habe mit Herrn von Manières ju ſprechen. Ich erhielt einen Brief, den ich ihm mittheilen muß. Einen Brief? Von wem? Einen Geſchäftsbrief, erwiederte er mit einer Be⸗ wegung der Ungeduld. Zeig' ihn mir. Das iſt überflüſſig, Du verſtehſt Nichts davon. Aber ich will ihn dennoch ſehen. Dennoch, Beatrix?² Sie haben alſo gar kein Vertrauen zu mir? Sie wollen mich alſo immer wie ein Kind behandeln? un mer! man Streit das elben ragte hen? ichen. ß. Be⸗ Sie 8³ Meine Liebe, Sie weiſen ſich ſelber dieſe Stellung an, und ich ſage es Ihnen immer. Und das Fenſter öffnend, rief der Marquis einen Reitknecht, welcher über den Hof ging, und beſtellte ſeine ferde. Man ſattle auch das meinigel ſchrie die Marquiſe an ſeine Seite eilend. Wie, Sie fürchten ſich nicht vor dem Regen? Herr von Manières wird vielleicht liebenswürdiger ſein, als Sie, und mir, wie ich denke, dieſe wichtige Angelegenheit mittheilen, welche ich errathe. Sie errathen ſie? Ohne Zweifel. Ich ſehe recht gut, daß es ſich um Ihr Geſandtſchaftsproject handelt. Und wenn es ſo wäre? Oh, Sie wiſſen recht wohl, warum Sie mir ein Geheimniß daraus machen. Sie wiſſen zu gut, daß ich niemals meine Zuſtimmung geben werde. Warum? Aus tauſend Gründen. Ich will nur einen hören. Vor Allem brauchen Sie dieſe Stelle nicht. Ihr Vermögen kann ſich durch einen Auſwand von dieſer Art nicht vermehren, ſondern nur vermindern, und dann.. Und dann? Wir ſind ſo glücklich mitſammen! Ohne uns je zu verlaſſen, immer bei einander! Sind Sie Geſandter, ſo werden Ihre Geſchäfte, Ihre Pflichten, vielleicht auch Ihre Vergnügungen Sie von mir entfernen. Nicht mehr als jetzt. Sie werden ſchon ſehen, das geht nicht anders. hab Ein Mann von meinem Alter muß Beſchäftigung aben. Haſt Du denn keine? Haſt Du nicht Dein Haus und Deine Güter? Haſt Du nicht mich, Deine Tochter, Deinen armen Vater? 68 Das Alles iſt keine Beſchäftigung. Du biſt alſo ehrgeizig? Warum nicht? Der Sohn des Fürſten von Monza trägt einen Namen, welcher mit Würde geführt ſein will. Kannſt Du ihn nicht mit Würde führen, inmitten Deiner Familie, in Erfüllung Deiner Vaterpflichten? Iſt es denn, um ein Mann von Herz und Ehre zu ſein, erforderlich, ſeinen Namen in den Journalen gedruckt zu ſehen? Du wirſt dieſes Projeet fahren laſſen, Amadee, nicht wahr? fügte ſie hinzu, ihren Arm um ſeinen Hals ſchlingend, Du wirſt mein und Flavia's Glück machen, wirſt die Größe und den Ehrgeiz vergeſſen, wirſt das arme Land beglücken, welches Du hier vor Dir ſiehſt und das uns gehört, und Jeder wird Dich ſegnen und ich werde Dich lieben und Deine Tochter wird an Deiner Seite heranwachſen und zunehmen an Geiſt, Schönheit, Anmuth und Zärtlichkeit, und Du wirſt der König meiner Seele ſein und Aller, welche Dich umgeben. So wirſt Dn reich ſein, groß, glücklich, geliebt, was willſt Du mehr? Gibt es ein Mittel, ſolcher Logik zu widerſtehen? Der Marquis zog Beatrix auf ſeine Kniee, umarmte ſie und fragte, während er mit der Hand durch ihre langen Haare fuhr: Du wirſt alſo der Herzogin von Alagny kein böſes Geſicht machen? 3 Ich werde ihr bis zur erſten Poſtſtation entgegen⸗ gehen. 3 Du verſprichſt mir, nach Manières zu gehen? Ja, unter der Bedingung, daß Du mir erlaubeſt, Dich zu begleiten, und daß ich ſelbſt unſerem Freunde wemnen Entſchluß hinſichtlich der Geſandtſchaft mittheilen arf. Ich werde antworten, wie Du mir ſo eben in Be⸗ treff der Herzogin geantwortet haſt. Meine Entſchlüſſe, d. h. die Deinigen... Oh, verſetzte ſie, ihre Katzenmiene wieder anneh⸗ nie bra gut wer Me˖ Ha hei der irg im Po ein me nza vill. tten en?² ein, uckt dee, Hals hen, das iehſt und iner heit, einer virſt Du n2 rmte ihre öſes gen⸗ beſt, unde eilen Be⸗ lüſſe, meh⸗ 8⁵ mend, meine Gedanken ſind die Deinigen geworden, und ich hoffe, daß die Deinigen.. Den nämlichen Weg machen werden... da Du es willſt. Oh, ich will nicht, ich bitte. Das iſt Einerlei, dachte ſie, ich habe ihn. Ein Wunſch von Dir iſt mir Befehl, Beatrix. Ach, dachte er, ich bin beherrſcht, ich fühle mich nicht mehr Herr meiner Zukunft. Ich werde nur eine Viertelſtunde zu meiner Toilette brauchen. Und ich will darüber wachen, daß unſere Pferde gut geſattelt werden. Der neue Stallmeiſter ſorgt zu wenig für Deine Sicherheit. Er iſt an halsbrecheriſche Manteren gewöhnt, aber ich dulde das nicht in meinem Hauſe. Leb' wohl, mein Engel, ich bin ſogleich bereit. Und die Marquiſe hüpfte in ihr Zimmer, leicht und heiter; man hatte ihr ja nachgegeben. Der Marquis dagegen ging langſam und mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen im Stallhof auf und ab, ohne irgend einen Befehl zu ertheilen. In dieſem Augenblick fuhr ein vierſpänniger Wagen im Galopp und unter ſchallendem Peitſchenknall der Poſtillone die zum Schloß führende Avenue herauf. 12. Das Leben in der Welt. Der Marquis bemerkte die in einem Staubwirbel einherrollende Berline und eilte nach dem Ehrenhof. Gut, ſagte er bei ſich, ein Beſuch! Wir werden nicht mehr allein ſein. Als er das Gitter geöffnet, ſah er ſeine Schwieger⸗ mutter nebſt dem Grafen Robert von Chantarante und zwei oder drei andern Mitgliedern der Familie ausſteigen. Man hatte ſie nicht ſo bald erwartet. Es war eine Ueberraſchung. Herr von Monza liebte ſeine Schwiegermutter nicht ſehr, indem er ihrem erbaͤrmlichen Erziehungsſyſtem alle Fehler zuſchrieb, welche die gute Natur von Beatrix ver⸗ dorben. Demungeachtet freute ihn unter den jetzigen Umſtänden ihre Ankunft, er ſegnete ſie als eine Diver⸗ ſion und ging ihr entgegen mit einem Lächeln auf den Lippen und dem freundlichſten Willkomm auf der Zunge. Die Marquiſe ſprang die Treppe herab, als ſie die Stimme ihrer Mutter hörte, und warf ſich mit all der Freude einer vielgeliebten Tochter in ihre Arme. Theure Mutter, rief ſie aus, Robert und Sie Alle, ich danke Ihnen, daß Sie ſo liebenswürdig ſind. Ich bin ddeſcrebülh glücklich und werde Sie nicht mehr fort⸗ aſſen. Wir denken nicht daran, meine Tochter, ſagte die Vicomteſſe zwiſchen zwei Küſſen, und wir quartieren uns für lange ein. 3 Herrlich! Und wie wollen wir uns amüſiren! Welche Tage! Welche Promenaden! Welche Jagden! Mutter, Sie ſollen dabei ſein! Ich werde bei Allem ſein, wobei Du mich haben willſt, mein Kind; aber jetzt führe mich vor allen Dingen auf mein Zimmer, denn ich bin ſehr müde. Und Sie, Robert! Ich, Tante, ich bin da und bereit, meine Baſe überallhin zu begleiten. Ein fränk'ſcher Ritter, das iſt ſein Cha⸗ rakterl rief ein alter Baron von Chelles aus, ein alter Schöngeiſt aus der Zeit des Directoriums, der, weil er in ſeiner Jugend die Couliſſen der komiſchen Oper und des Theater français frequentirt hatte, nur in Verſen und Chanſons ſprach. Bravo, mein lieber Vetter, ſagte die Marquiſe, mu gat und gen. eine icht alle ver⸗ igen ver⸗ den e. die der Alle, bin fort⸗ 2 die uns eelche itter, haben allen Und Baſe Lha⸗ alter er in d des und quiſe, munter in die Hände klatſchend, bravo! Wir werden das ganze Repertoir Revue paſſiren laſſen. Sie halten Frau von Chamarante am Fuße der Treppe auf, meine Liebe, ſagte der Marquis, führen Sie dieſelbe doch in ihr Zimmer. Sie können Sie dort zum Wenigſten bequemer umarmen. Amadee hat Recht, liebes Kind. Komm inſtallire mich in meinem großen Lehnſtuhl und erzähle mir, was Du gemacht haſt, ſeit wir uns nicht mehr geſehen. Zeige mir Flavia, damit ich ihre hübſchen Roſenwangen küſſe und ihr Geplauder höre. Es verlangt mich, mich in Eurer Mitte zu befinden. Flavia iſt mit ihrer Gouvernante ſpazieren, liebe Mutter, denn wir erwarteten Sie nicht ſo bald. Ihr Brief, welchen ich dieſen Morgen erhalten, kündigte Sie erſt auf den nächſten Monat an. Wir ſind zwei Stunden nach Abſendung des Briefes abgereist und ich freute mich ſehr darauf, Euch ſo un⸗ vermuthet in's Haus zu fallen. Während dieſes Geſpräches gelangte man in das Zimmer der Vicomteſſe. Ihre Leute brachten ihre Koffer herauf. Sie betrachtete ihre Tochter und bedeckte ſie mit Liebkoſungen. Sie bewunderte ihre Schönheit, ihre hei⸗ tere Laune und konnte nicht aufhören, zu fragen: Du biſt alſo glücklich, theures Kind? Ja, Mutter, überaus glücklich! Amadee thut, was ich will. Noch heute, gerade vorhin, hat er mir ver⸗ ſprochen, die Geſandtſchaftsſtelle zurückzuweiſen. Ich ſagte ihm meinen wahren Grund nicht, aber ich wäre untröſtlich, wenn ich ihn der gegenwärtigen Regierung dienen ſehen würde. Ich nicht weniger. Laſſen Sie ihn Ihre Gedanken nicht errathen, Mutter. Er könnte ſich im Rückblick auf ſeine Ver⸗ zangenheit dadurch verletzt fühlen. Kann er ſich doch um darüber tröſten, daß ich nicht zu Hofe gehe. Ach, was das betrifft, ſo weiß er wohl, daß ich es 88 nicht geſtatten würde. Biſt Du aber ſicher, völlig ſicher, daß in Betreff dieſer Geſandtſchaft nichts zu fürchten iſt? Vollkommen, ich verſichere Sie. Er ſah, wie es mich kränkte, und wird mir gewiß dieſen Verdruß er⸗ ſparen. Eine Geſandtſchaft, und noch dazu in München! Er würde mich die Sommer in jenem entſetzlichen Schloſſe zubringen laſſen, wo man Angſt hat vor jedem Geräuſch, welches man ſelbſt erregt, weil es ſich in's Unendliche verlängert in dieſen hallenden Gängen. Man könnte ſich ſelbſt für ein Geſpenſt halten, ich verſichere Sie. Aber Sie wiſſen ja, was ich Ihnen davon er⸗ zählte, als ich daſelbſt meine Niederkunft gehalten. Du ſetzeſt Dir in Betreff dieſes Gutes Etwas in den Kopf, Beatrir, Du hegſt einen Abſcheu davor und das iſt Unrecht. Du ſollteſt Deinen Mann nicht be⸗ reden, es zu verkaufen, denn es iſt der ſchönſte Beſitztitel ſeines Hauſes. Oh, ſeien Sie ruhig, wir werden es nicht verkaufen. Ich kümmere mich gar nicht darum, unter der Bedin⸗ gung, daß man mich nicht mehr hinführen will. Ich habe eine Traurigkeit von dort mit genommen, die mich von allen Familientraditionen heilte. n hier? Erwartet ihr viel Geſellſchaft? ja. Wen denn? Unſere Vettern von Sermage, die d'Argelles, die Herzogin von Alagny... Die Herzogin von Alagny? wiederholte die Vicom⸗ teſſe erſtaunt. Amadee hat mich um Gnade für ſie gebeten und ich wollte ihn nicht abweiſen. 4 Nach dem, was man ſagte? Ach, mein Gott, das iſt nicht wahr. Mein Mann denkt nicht an ſie. Liebe Kleine, umarme mich, Du biſt das Muſter der Frauen. Und was werden wir thun? Man kann in dieſer Jahreszeit nicht jagen. om⸗ und inn ſter inn 89 Tanzen, ſingen, ſpazieren, Komödie ſpielen. Der Baron von Chelles wird alle Rollen ausfüllen. Das wird ſehr heiter ſein. Und Deine Gouver⸗ nante, was denkſt Du von ihr? Sie ſcheint mir gut, aber ſie langweilt mich; ſie iſt zu ernſthaft. Ein ſchner Fehler für eine Gouvernante. Liebt Flavia dieſelbe? Flavia iſt ein Engel und liebt Alle, welche ſie lie⸗ ben ſoll. Sie werden ſehen, Mutter, daß ſie noch ſchöner geworden. Und was lehrt man ſie? Ich weiß nicht... ihr Vater gibt ſich mit dem Unterricht ab, ich habe keine Zeit dazu. Ach ja, ich glaube es wohl, die Tage ſind ſo kurz! Indeſſen muß ich doch eine halbe Stunde finden, um den Unterricht meiner Tochter zu prüfen, um ſie auszufragen. Ja, ich muß eine halbe Stunde finden. Du begreifſt alſo jest die Zärtlichkeit einer Mutter. Ob ich ſie begreife? Ach, ich liebe Sie tauſendmal mehr, ſeit ich meine Flavia anbete. Ich verſtehe jetzt Ihre Unruhe, Ihre Bewegung, welche ich früher nicht verſtand. Ich weiß jetzt, warum ich Sie bei meinem Erwachen ſo oft neben meinem Bette ſitzen ſah... das Alles verſtehe ich jetzt, gute Mutter, und ich bin viel glücklicher als Sie, denn niemals war ich ſo vollkom⸗ men wie Flavia. Auch meine Dankbarkeit iſt ein Cul⸗ tus geworden, ich verſichere Sie. Theure, theure Beatrir! vorſehie Fuan von ohun⸗ rante, vor Freude weinend Acch, dieſe zwei vortreffl ichen Herzen, ſo voll gegen⸗ ſeitiger Liebe, ſo voll Wohlwollens gegen Alle, auch ſie ehorchten dem nämlichen falſchen Erziehungsſyſtem un⸗ hres 3 Jahrhunderts, welches zu aufgeklärt iſt durch ſeine Gewohnheiten und zu ſehr an ſeinen alten Traditionen hängt, um das Licht, welches ihm leuchtet, benützen 90 zu können. Zugleich Kind und Greis, ſetzt es einen Fuß in die Zukunft, während der andere in der Ver⸗ gangenheit haftet. Die Uebergangsperioden ſind die ſchrecklichſten und unheilvollſten; in ihnen herrſcht ein Uebelbefinden, welches Nichts erleichtert. Gleich dem angehenden Jüngling leiden ſie an einem Uebel, welches ſie nicht kennen, und ſuchen nach einem Heilmittel, ohne es zu finden. Die Jugend der Nationen hat ihre Geheimniſſe wie die aller geſchaffenen Weſen; Gott allein kennt und lenkt ſie, die Menſchen müſſen ſie tragen. An den erſten Tagen, welche der Ankunft ihrer Gäſte folgten, ſahen ſich Herr und Frau von Monza während des Tages nur einige Minuten allein oder länger in Geſellſchaft. Fanden ſie ſich Abends zuſammen, ſo waren Beide ermüdet und der Schlaf unterdrückte die langen Plaudereien, die ehelichen Vertraulichkeiten. Sie ſtan⸗ den ſpät auf und gingen Jedes an ſeine Toilette. Beatrix kam jeden Morgen in einem neuen Negligée herab, wel⸗ ches ausgeſuchter war, als das vorhergehende und, wie ſich's von ſelbſt verſteht, durch ihre Kammerfrau her⸗ gerichtet war. Man nahm um Mittag das Frühſtück, blieb dann noch einige Augenblicke im Salon und be⸗ ſchäftigte ſich hierauf mit den Vergnügungen des Tages. Man konnte dieſelben nach Gefallen wählen. Beſpannte Wagen und geſattelte Pferde ſtanden Jedem zur Ver⸗ fügung. Führer harrten der Befehle, um die Gäſte zum Fiſchfang, zu einem hübſchen Ausſichtspunkt, zu einer Ruine, zu einer Fabrik der Umgegend zu führen. Alle Journale des Tages, alle in der letzten Woche erſchie⸗ nenen Bücher, alle neue Kupferſtiche waren auf den Tiſchen zu finden. Körbe voll angefangener Arbeiten, hergerichtete Stickrahmen, Dintengefäße, Papier von jedem Schnitt boten den ſitzenden Gäſten verſchiedene Beſchäftigungen. Das Billard, die Bouillotte, der Whiſt⸗ tiſch luden die Liebhaber ein. Erfriſchungen aller Art waren beſtändig in dem Speiſeſaal ſervirt und wurden von einer halben Stunde zur andern erneuert, um ſie 4 91 friſch zu erhalten. Blumen balſamten die Luft. Das mit neuen Muſikalien beladene Piano öffnete ſich zur Seite einer mit dem ganzen Malerapparat umgebenen Staffelei. Die umfaſſende Bibliothek und ihr trefflich erehälten Catalog zogen die Auserwählten der Gelehr⸗ amkeit und Literatur an ſich. Die Gebieter des Hauſes ſchlugen eine Partie vor, an welcher Jeder Theil nahm, der nicht eine andere vorzog, kurz, die vollkommenſte Freiheit regierte in dieſem prächtigen Hauſe, für welches das Vergnügen das einzige Geſetz abgab. Um ſechs Uhr Abends läutete man zum Diner. Jeder begab ſich zuvor auf ſein Zimmer, wo man ſich kleidete faſt wie zu einem Ball, in gefirnißte Schuhe und Atlasroben. Der Wetteifer in Toilette und Koket⸗ terie that ſich faſt noch mehr hervor als in Paris. Der Kampfplatz war nur kleiner, die Wettkämpferinnen we⸗ niger zahlreich und ſtanden ſich mehr von Angeſicht zu Angeſicht gegenüber. Beatrix wußte mit viel Takt Lebensart und höchſte Eleganz zu vereinigen. Ihre Eigenſchaft als Herrin vom Hauſe legte ihr durchaus Einfachheit auf, aber was für eine Einfachheit! So eine, welche die Pracht zur Verzweiflung brachte, den Lurus in Schatten ſtellte und den Glanz der Diamanten vernichtete. Joſephine hatte den Unterricht der Vicomteſſe mit Nutzen gehört. Nach dem Diner machte man Muſik, aber man hörte nicht ſehr aufmerkſam zu. Die Muſik iſt für die Geſellſchaft bloße Mode und Gewohnheit und ein Clavier⸗ ſtück beluſtigt nur die Perſon, welche es ſpielt. Man ſchwieg, zwei Strophen einer Romanze anzuhören, bei der dritten ſchon nahm man das Geſpräch mit gedämpf⸗ ter Stimme auf und einen Augenblick darauf genirte man ſich ſchon ganz und gar nicht mehr.. Der Tanz begann gegen eilf Uhr, wurde aber durch den Thee unterbrochen und währte dann bis zwei Uhr Morgens. Jeder nahm hierauf ſeine Kerze und ſtieg 92 noch lachend oder ſingend die breite, mit einem kunſt⸗ reich durchbrochenen, mit Gold blaſonnirten Gitter ein⸗ gefaßte Steintreppe hinauf. Im erſten Stockwerk trennte 1 dieſe muntere Proceſſion, vertheilte ſich in die Cor⸗ ridors und Jeder ging ſchlafen. Die arme Gouvernante, Fräulein Louiſe Perrin, geſellte ſich zu dieſer vornehmen Geſellſchaft, wann ihr Zögling ihre Sorgfalt nicht mehr in Anſpruch nahm. Sie ſpeiste mit demſelben in ihrem Zimmer, und Flavia kam erſt herab, wenn der Nachtiſch aufgeſtellt war. Dann kam ſie geputzt und bebändert faſt wie ihre Mutter. Sie machte die Tour um die Tafel und tauſchte gegen ihre Küſſe und Artigkeiten einige Leckerbiſſen ein. Man er⸗ laubte ihr hierauf, eine halbe Stunde im Salon zu verweilen und zu ſpielen und dann wurde ſie durch Fräulein Perrin zu Bette gebracht. Einmal im Bette, wurde ſie der Obhut ihrer Kammerfrau überlaſſen und Fräulein Perrin kam wieder herab, um ſich an's Piano zu ſetzen. Sie mußte die falſchen Stimmen und ſchlech⸗ ten Muſikanten begleiten, vierhändig ſpielen, denen, die ihre Noten vergaßen, einhelfen, Contretänze, Walzer, Mazuutas und Cotillons für die noble Geſellſchaft auf⸗ ſpielen. Frau von Chamarante und die Marquiſe richteten zuweilen ein Wort der Aufmunterung und des Dankes an das arme Mädchen, einige der Gäſte ſprachen mit ihr, aber nur Herr von Monza behandelte ſie, wie ſie es wünſchte. Er achtete in ihr die Führerin und Freun⸗ din ſeiner angebeteten Tochter; er wollte, daß ſie mit ihm zufrieden wäre, damit ſie beim Erwachen ſeines Kindes ein noch zärtlicheres und mütterlicheres Lächeln für daſſelbe hätte. Ein gutes und redliches Weſen, ohne äußerliche Reize, aber mit einem gerechten Geiſte und mit feinſtem Zartgefühl ausgeſtattet, verſtand Fräulein Perrin ihre Umgebung ſchnell und wußte jedes Glied derſelben nach ſeinem wahren Werthe zu taxiren. Sie hielt ſich im Hintergrunde, wagte nie ein unbedachtes 93 inſt Wort und gewann ſich ſo die Sympathie einer aus ein⸗ fehr verſchiedenen und fremdartigen Theilen zuſammen⸗ unte geſetzten Geſellſchaft. Lor⸗ Acht Tage nach dem Beginn dieſer„Cour plenièére“ teaf der Marquis, als er in das Zimmer ſeiner Frau ellte trat, dieſe im Geſpräch mit Fräulein Perrin. Sie un⸗ ling terbrach ſich bei ſeinem Anblick und erröthete leicht. eiste Louiſe machte eine Bewegung, um ſich zurückzuziehen. erſt Bleiben Sie, Fräulein, ſagte Beatrir, ich bin noch kam nicht zu Ende. Der Marquis wird auf mich warten. Sie Um was handelt es ſich, meine Liebe. ihre Mein Gott, lieber Freund, um eine ganz einfache er⸗ Sache. Ich werde ſo in Anſpruch genommen, habe ſo 1 zu viel zu thun, daß es mir unmöglich iſt, mich, wie ich uich ſemilh mit den Einzelnheiten des Hausweſens zu be⸗ te, aſſen. und Herr von Monza zog die Brauen zuſammen. lano Beatrir bemerkte es und fuhr lebhaft fort: lech⸗ Ich that, was ich konnte, und mehr als ich konnte. die Es liegt mir ſo viel daran, Ihnen angenehm zu ſein. lzer, Sie wollen doch gewiß nicht, daß ich krank werde, und auſ⸗ das würde mir unfehlbar begegnen, denn es überſteigt meine Kräfte. Ich dachte daher, Fräulein Louiſe würde eten mit gewohnter Güte meine Obliegenheiten auf ſich neh⸗ ntes mmaen. Ich will ihr meine Haushaltungsbücher übergeben, mit ſie wird ſie in Ordnung halten, die Kaſſe verwalten und e ſie unter meiner Leitung beſſer als ich Alles beſorgen. Sie run⸗ wird mir Rechnung ſtellen, Alles wird vortrefflich gehen mit und ich werde mich nicht mehr ſo anzuſtrengen brauchen. ines Ich ſtehe der Frau Marquiſe zu Dienſten. heln Meine liebe Beatrix, Sie werden ſich allerdings ſen, nicht mehr anſtrengen, aber Fräulein Perrin um ſo heiſſe mehr. Bedenken Sie doch: wie iſt es möglich, daß llein Fräulein Perrin neben der Sorgfalt und Zeit, welche lied die Erziehung Flavia's erfordert, neben dem Muſik⸗ Sie meiſteramt, welches Sie ihr jeden Abend aufbürden, noch htes genug freie Zeit finde, um das zu thun, was fortzuſetzen vernante, 94 für Sie eine Unmoglichkeit iſt. Sie haben Nichts zu thun, als ſich um Ihren Putz und um das Vergnügen Ihrer Gäſte zu bekümmern, Sie ſtehen um zwölf Ühr auf und das Fräulein muß um ſechs Uhr aus dem Bette ſein, ſie muß die Lectionen vorbereiten, muß die Toilette Ihrer Tochter überwachen, muß ſie ſpazieren führen und ſte unterrichten. Glauben Sie denn, daß die Tage für ſie länger ſind als für Sie? Es freut mich, daß Sie mir wenigſtens Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, wie Herr von Chelles ſagen würde. Sie werfen mir meinen Müßiggang, mein Fla⸗ niren vor, und Sie haben Recht, allein ich kann nichts dafür. Das iſt eine ſo alte Gewohnheit! Fraͤulein Louiſe wird, Gott ſei Dank! Flavia anders erziehen, als ich erzogen wurde. Sie wird, wie ich hoffe, eine wahrhafte Hausfrau werden. Aber gibt es kein Mittel, uns zu verſtändigen? Können Sie mir nicht erlauben, mein Scepter für einige Tage in die Hände des Fräu⸗ leins niederzulegen? Sie wird es gut führen, zweifeln Sie nicht daran; unſere Intereſſen werden dabei Nichts verlieren und ich, ich werde Alles gewinnen. Glauben Sie das, Beatrix? Freilich, d. h. wenn Sie Nichts dagegen haben, verſetzte ſie mit einem unwiderſtehlichen Lächeln. Wenn Sie aber nicht wollen, ſo will ich lieber an der An⸗ ſtrengung zu Grunde gehen. Immer Uebertreibungen, Beatrirx. Da Sie es aber abſolut ſo haben wollen, ſo muß man ein Mittel aus⸗ findig machen, die Sache zu Ihrer und unſerer Aller Bequemlichkeit einzurichten. Ich werde nach Paris ſchrei⸗ ben, daß man uns einen Clavierſpieler ſchicken ſoll. Feiulein Louiſe wird dann wenigſtens die Abende frei aben. Oh, ja, thun Sie das, mein Freund. Das arme Mädchen kann dann nach Gefallen ſchlafen. Sie ſind ſehr gut, Herr Marquis, ſagte die Gou⸗ ni ein wi 95 Ich bin nur gerecht, Fräulein, ich fordere von Nie⸗ mand mehr, als er leiſten kann. Binnen vier Tagen werden Sie von Ihrem Abendgeſchäft erlöst ſein und dadurch Zeit gewinnen, die Hausgeſchäfte zu ordnen, da de Frau Driauiſe Sie ſchlechterdings mit denſelben be⸗ laſten will. Dieſes Vertrauen macht mich ſtolz und glücklich, mein Herr. Dank, liebes Fräulein, ſagte Beatrix. Sie ſind die Perle der Gouvernanten, Sie ſind wahrhaftig meine rechte Hand. Ohne Sie müßte ich darauf verzichten, Gäſte zu empfangen, denn ich bin wirklich ganz entkräf⸗ tet. Gute Nacht und ſchicken Sie mir, ich bitte, meine Kammerfrau herein. Als Fräulein Perrin das Zimmer verlaſſen hatte, näherte ſich die Marquiſe ihrem Manne und legte ihre Arme um ſeinen Hals. Du geſtatteſt es alſo, Böſer? fragte ſie. Warum ſollte ich es nicht geſtatten, Beatrix; aber es macht mich teuueris, zu ſehen, daß ich ſo wenig Ein⸗ fluß auf Dein Herz habe. Undankbarer! Ich bin nicht undankbar, wohl aber hellſehend und über die Zukunft unruhig und betrübt. Sie ſind recht boshaft, Amadee. Ich bin aufrichtig, Beatrix. Oh, das kommt immer beſſer! Wir verſtehen uns nicht mehr. Sprechen wir daher von etwas Anderem. Von was Du willſt. Werden wir einen Ball geben? Wozu denn? Um das ganze Land zu verſammeln, und uns auf einem anſtändigen Fuß hier einzurichten. Wir ſind es ſchon, und ſobald ich das Alter habe, wird man mich ohne Zweifel zum Deputirten erwählen. Das fehlte noch! Deputirter! Sie, Deputirter! Louis — ——— 96 Philipp den Eid leiſten! Meine Mutter und meine Fa⸗ milie würden Ihnen das nie verzeihen. Amadee lächelte, ohne zu antworten. Ah, deßhalb alſo plaudern Sie ſo viel mit Herrn von Manieéres? Er ſucht Proſelyten zu machen. Frau von Manieres leiſtet ihm hiebei mächtigen Beiſtand. Sie hat Sie eine Stunde lang in einer Fenſterniſche feſtgehalten. Was ſagte ſie zu Ihnen? Spracht Ihr von Politik? Rein. Von Literatur? Nein. Von der Jagd? Vom Schauſpiel? Von der Läſter⸗ chronik? Der Marquis gab keine Antwort. Ich habe es, wie mir ſcheint, errathen, da Sie verſtummen. Oh, Amadee, Amadee, Sie werden mich umbringen! Immer fürchten müſſen, Sie zu verlieren, immer zittern, immer argwöhnen. Und es iſt nicht meine Schuld. Sie ſind aus Geheimniſſen zuſammengeſetzt. Sie wollen alſo ſchlechterdings wiſſen, was Frau von Manieres zu mir ſagte? Ja, und i das nicht ganz einfach? Sie fordern es? Ja. Nun wohl, ſie bat mich, den Miſt meiner Ställe an ihren Gärtner verkaufen zu laſſen, um ihre Melonen⸗ beete zu düngen, da mein Intendant ihre Bitte ab⸗ geſchlagen. Beatrix fand keine Antwort und ſchien einzuſchlafen. Als ſie am andern Morgen erwachte, nadn ihre Kammerfrau, indem ſie ihr die eingelaufenen Briefe übergab: Der Courier der Frau Herzogin von Alagny iſt vor einer halben Stunde angekommen. Die Frau Her⸗ zogin wird um Mittag hier ſein. afen. ihre riefe y iſt Her⸗ 97 13. Die Herzogin von Alagny. Dieſe Neuigkeit traf die Marquiſe wie ein Donner⸗ ſ —— lag, denn ihrer ſcheinbaren Nachgiebigkeit ungeachtet, hatte ſie eine geheime Hoffnung gehegt, die Herzogin fernzuhalten unter einem jener fraulichen Vorwände, denen Nichts fehlt, ſogar die Wahrſcheinlichkeit nicht ausgenommen. Nun aber kam ihr der Gedanke, daß ihr Mann ſie errathen, daß er die Reiſe ihrer Neben⸗ buhlerin beſchleunigt habe, um ihr ein ebenſo grau⸗ ſames als unbequemes Beiſammenſein aufzuhalſen. Roth vor Zorn, wandte ſie ſich zu ihm um und fragte ihn, ob er es gehört hätte. Freilich wohl, verſetzte er. Und Sie beeilen ſich nicht, hinabzugehen und Be⸗ fehle zu geben, damit die Frau Herzogin bei ihrer An⸗ kunft Alles zu ihrer Aufnahme bereit finde? Die Betonung, womit die Worte: die Frau Her⸗ zogin, vorgebracht wurden, kündigten einen Sturm an. Amadee bemerkte das Vorzeichen, gab ſich aber nicht die Miene, es zu verſtehen, und ſagte ruhig: Die Zimmer der Frau von Alagny ſind bereit, das Frühſtück wird wie gewöhnlich aufgetragen werden. Ich ſehe alſo nicht ein, weßhalb ich mir's unbequem machen ſollte. 3 Ah, ihre Zimmer ſind bereit? Sie wußten alſo, daß ſie ankommen würde? Liebe Beatrix, erinnern Sie ſich doch, daß das Ap⸗ partement im Erdgeſchoß noch frei iſt, daß Sie es gewohntermaßen für große Beſuche aufbewahren und daß.. 5 Oh ja, ſo iſt es recht. Frau von Alagny iſt ein rahtr Beſuch, für mich wenigſtens, denn ich kenne ſie nicht. Beatrir, Sie haben mir etwas Anderes verſprochen. Die blutige Marauiſe. 1, 7 98 Ich habe verſprochen, die Perſon, welche Sie er⸗ warten, artig und ſelbſt anmuthig zu empfangen. Ich werde mein Verſprechen halten und beginne, wie mir ſcheint, ſchon jetzt damit. Mein liebes Kind, ſagte Amadee nach einem kurzen Stillſchweigen, hören Sie mich wohl und ſuchen Sie das, was ich ſage, zu benutzen. Ich weiß nicht, wem es gefallen hat, Ihnen abermals ſtupiden Klatſch auf⸗ zutiſchen und Ihren eiferſüchtigen Argwohn zu ſtacheln, aber Sie ſollen wiſſen, daß die Herzogin eine Frau von vielem Geiſt iſt und eine bedeutende Stellung in der Welt einnimmt. Dieſer Frau müßten Ihre kleinen Komödien eines verzogenen Kindes, welche für mich allerliebſt ſind, weil ich Sie liebe, für Ihre Mutter, weil ſie Ihnen dieſelben beigebracht, für Ihre Verwand⸗ ten, weil dieſe ſie billigen, dieſer Frau, ſage ich, müßten Ihre kleinen Komödien durchaus lächerlich ſein. Sie haben dieſelbe im vorigen Winter ſelber eingeladen, hieher zu kommen, Sie waren entzückt von ihrer Ueber⸗ legenheit und ihren vornehmen Manieren, und nun wollen Sie, in Folge ich weiß nicht was für einer Klatſchbaſerei, dieſe Frau von oben herab behandeln. Nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden die Partie ver⸗ lieren. Die Herzogin zählt zehn Jahre mehr als Sie, ſſie beſitzt die Gewohnheiten des Hofes, eine unzerſtör⸗ bare Haltung und Faſſung. Sie werden ſich eine Fein⸗ din machen, welche um ſo mächtiger ſein wird, wenn ſie ihre Waffen nicht in Gift taucht. Sie wird über Sie lachen und über Sie lachen machen. Das iſt Alles, was Sie zu erwarten haben. Gefällt Ihnen das? Während ihr Mann ſprach, wurde Beatrix abwech⸗ ſenld roth und blaß. Ein ſtummer Zorn grollte in ihrer Seele und drohte mit einer furchtbaren Exploſion. Un⸗ fähig, ſich zu halten, brach ſie los und ſagte mit flam⸗ menſprühenden Augen: Ich danke Ihnen, mein Herr. Ich werde Ihren Rath zu benutzen ſuchen und Ihre Maitreſſe ſoll — ,——— ———— 99 nicht uͤber mich lachen, das ſchwöre ich Ihnen! Meine Familie iſt zum Glück hier verſammelt und wir wollen ſehen, wer ſich über ſie oder mich luſtig machen wird. Ihre Familie geht dieſe Sache gar Nichts an. Sie mißbrauchen meine Geduld und Zärtlichkeit, Beatrix, und quälen mich grauſam. Ich täuſche Sie nicht und habe Sie nie getäuſcht, aber wenn Sie ſo ſprechen, machen Sie mich faſt lüſtern, es zu thun. Sie geſtehen es! Ich geſtehe, daß mir Ihre unaufhörlichen Capricen den Kopf verwirren. Ihre bewegliche Sinnesart macht mich Ihnen gegenüber vertheidigungslos. Ich ſehe, wel⸗ chem Abgrund Sie mich zudrangen, ich fühle, daß ich einen feſten Willen zeigen muß, um den Ihrigen zu beherrſchen. Nun wohl, der Wunſch, unausgeſetztem Verdruß zu entrinnen, das gebieteriſche Bedürfniß des Friedens nöthigen mich zu Conceſſionen, die um unſerer Zukunft willen ſehr zu beklagen ſind. Beatrix, wir wer⸗ den Beide einander verlieren. Die junge Frau fing an zu weinen. Sie verhüllte das Geſicht mit den Händen und große Thränen rollten zwiſchen ihren Fingern hervor auf ihre loſen Haare. Ihr offenes Nachthemd ließ ihre glänzenden Schultern ſehen und ſie war ebenſo ſchön als rührend. Amadee liebte ſie noch immer leidenſchaftlich, er konnte dieſer Schönheit, dieſem Schmerze nicht widerſtehen. Zu jung, um ſich in einer ſo ſchwierigen Lage zu beherrſchen und die Folgen zu berechnen, nahm er ſeine Frau in ſeine Arme, flüſterte ihr in's Ohr und bedeckte ſie mit Küſſen. Beatrix ſchien das Anfangs nicht zu beachten. Dann hörten ihre Thräͤnen zu ſtrömen auf, ihre Finger öffneten ſich, eine ihrer Hände ſank auf die Bruſt herab, die andere folgte ihr, ein Lächeln überglänzte ihre Lippen, mit einer bezaubernden Bewegung warf ſie ihre Locken in den Nacken zurück, mit einer noch bezaubernderen barg ſie ihren Kopf an der Bruſt ihres Mannes und flüſterte: d 2 7 100 Da Du mich liebſt, Amadee, werde ich mich nicht mehr in unſere Angelegenheiten miſchen und Alles thun, was Du willſt. Er umarmte ſie mit Leidenſchaft. Iſt das wenigſtens für heute gewiß? Iſt es nicht ein ſo eitles Verſprechen wie ſonſt? Du wiederholſt es mir unaufhörlich und hältſt es nie, Du Böſe! Wir könnten ſo glücklich ſein, wenn Du wollteſt. Ja, wenn ich Alles thäte, was Du willſt. Und ich Alles, was Du willſt, verſetzte er, ſeiner⸗ ſeits lächelnd. Um Eins zu ſein, wollen wir das Unſrige thun; wir haben nur Eines zu thun. Theures Kind, oh, wir lieben uns recht ſehr, und da dem ſtets ſo ſein wird, haben wir Nichts zu fürchten. Das junge Paar kam zur gewohnten Stunde in den Salon herab, aber ich weiß nicht, was für ein Hauch von Glück ſie umduftete. Die Reize und die Grazie von Beatrir ſchienen noch ſchimmernder als gewöhnlich, und Jeder ward davon berührt. Sie ſehen heute glücklich aus wie ein Engel, liebe Couſine, ſagte der Graf Robert, indem er ihr die Hand küßte. Darf ich fragen, warum? Weil das Wetter ſchön iſt, weil die Vögel ſingen, weil die Blumen blühen, weil Alles um mich her reizend iſt, und weil ich, ſetzte ſie nachdenklich hinzu, die Her⸗ zogin von Alagny erwarte. Ach, dieſe allerliebſte Herzogin, rief der Baron von Chelles: Eine Grazie geht ihr voran, eine andere geht ihr nach. Ein Reiz wird überſtrahlt von einem, der ihm folgt. Mein lieber Vetter, Sie haben da eine ſonderbare Gewohnheit, in Verſen zu ſprechen, beibehalten. Das war wohl während Ihrer Jugend Mode? Ja, meine liebe Couſine, das war Mode, als ich jung und ſchön war, und Sie werden es einſt erfahren, 2 Sn S. 0 —+=SSS d 101 wie ſchwer es hält, ſolche Moden abzulegen. Ich ver⸗ dankte meine göttlichſten Erfolge meinen Chanſons und der geſchickten Art, wie ich ſie anbrachte. Das ſind meine liebſten Erinnerungen. Ach, in Ihrem Alter verſteht man das nicht, aber— Laßt kommen nur die Zeit einmal... Beatrix wollte ſich vor Lachen ausſchütten. Die Zeit? In der Jugend glaubt man nur an die Gegenwart und Zukunft, nicht an die Zukunft, welche die Erfahrung bietet, ſondern an die Zukunft der golde⸗ nen Träume, an die Zukunft ohne Reue, ohne Wunden, an die Zukunft der Liebe und der ewigen Schönheit. Keiner von uns glaubt als Zwanzigjähriger, daß er einſt die weißen Haare ſeiner Großmutter haben werde. Es iſt ſo weit bis dahin. Gerade um Mittag bog die Berline der Herzogin in den Schloßhof ein. Herr und Frau von Monza, Frau von Chamarante, alle Bewohner des Schloſſes gruppirten ſich auf der Freitreppe, um ſie zu empfangen. Amadee öffnete den Wagenſchlag und gab ihr die Hand. Beatrix ging ihr entgegen. Wie liebenswürdig ſind Sie, Frau Herzogin, daß Sie uns nicht vergaßen, ſagte die junge Frau. Warum ſollte ich nicht oft an Sie denken, Madame? Liebe ich doch die ſchönen Gedanken. Sie grüßte in die Runde mit jenem unnachahmlichen Takt der Nuancirung, welchen unſere neue Erziehung von Tag zu Tag mehr entfernt und welcher bald aus der Geſellſchaft verſchwinden wird, wie der wahre gute Ge⸗ ſchmack, wie die wirkliche Eleganz, wie all' das, was große Damen ausmachte. Die Herzogin fühlte ihre Stellung bis in die Finger⸗ ſpitzen hinaus. Sie wußte, daß ſie zur Zeit des Früh⸗ ſtuücks ankommen würde; ſie wußte, daß die Bewohner des Schloſſes friſch und ſtrahlend von ihrer Toilette 102 herkämen und daß ihr ſelbſt ein durch eine Fahrt von zehn oder zwölf Stunden zerknitterter Anzug einen Nach⸗ theil brächte, welcher einem erſten Auftreten nicht vor⸗ theilhaft ſein könnte. Jeder in einen Geſellſchaftskreis, beſonders auf dem Lande, wo die fortwährende Berührung die Mängel ſtärker hervortreten läßt, neu Eintretende muß dann ſeine Waffen in Bereitſchaft haben. Man beobachtet ihn, man muſtert ihn von Kopf bis zu Fuß, man erklärt ihn für einen Freund oder Feind, er iſt ſtark im Nachtheil gegenüber von denen, welche das Terrain in Beſitz haben. Die hohe Stellung der Her⸗ zogin, ihr Reichthum, ihr Geiſt dispenſirten ſie vom Noviziat; ſie war des erſten Ranges in der Geſellſchaſt gewiß, allein ſie wollte dieſelbe rechtmäßig beherrſchen. Sie hatte daher auf der letzten Station anhalten laſſen, war in ein Gaſthaus getreten, hatte die goldenen Stöpfel von ihrem Reiſeneceſſaire genommen und hatte eine geſchickte Toilette gemacht, eine Toilette, die ſo aus⸗ ſah, als wäre es keine. Ihre in einfachen Flechten auf⸗ eebundenen Ebenholzhaare glänzten von Symmetrie, und ihre kleinen grauen Stiefelchen ließen den hübſcheſten Fuß von der Welt errathen. Als die Marquiſe ſich erbot, ſie vor dem Frühſtück in ihr Zimmer zu führen, entgegnete ſie, daß ſie Niemand wolle warten laſſen und völlig bereit ſei, ſich zu Tiſche zu ſetzen. Die Menſchen der alten Traditionen beſitzen das bewundernswerthe Talent, immer bereit zu ſein, Andern zu folgen, Nie⸗ mand, wer es auch ſei, zu geniren, und ſich den An⸗ ſchein zu geben, als vergäßen ſie ſich ſelbſt, während ſie doch gewöhnlich ſehr viel an ſich ſelbſt denken. Beatrix betrug ſich allerliebſt, ja faſt ein wenig kokett gegen die Herzogin. Dieſe nahm das Entgegen⸗ kommen ihrer Wirthin mit Anmuth auf, ſprach aber wenig und beobachtete viel. Sie betrachtete nach der Reihe ihre Mitgäſte, die ihr zwar alle bekannt waren, welche ihr aber die Vertraulichkeit des Schloßlebens noch bekannter machen ſollte. Die wenigen Worte, welche ſie ſpra an tete zu fein verl ihm kan hät ihr nen 103 ſprach, waren gehaltvoll. Man wiederholte ſich dieſelben an der Tafel und ein ſchmeichelhaftes Murmeln beglei⸗ tete ſie. Mein Gott, ſagte der Baron von Chelles, ſie hat⸗ zu viel Geiſt für eine Herzogin. Sie hatte in der That viel Geiſt, einen geraden, feinen, eindringlichen Geiſt, welcher das, was man ihm verbirgt, nicht minder ſchnell erfährt als das, was man ihm offenbart. Nach zweitägigem Aufenthalt zu Neuillé kannte ſie alle Schloßbewohner durch und durch, als hätten ſie ihre Geſchichte ihr erzählt und ihre Schwächen ihr vertraut. Ohne gerade das zu ſein, was man eine gute Frau nennt, ermianngelte die Herzogin doch keineswegs einer gewiſſen Herzensgüte. Sie wußte ſich in die Lage ihrer Freunde zu verſetzen, wenn dieſelben ihren Rath und ihr Beiſpiel befolgten. Wenn ſie aber Widerſtand leiſteten und ſich nicht unbedingt von ihr beherrſchen ließen, trat die ſchlimme Seite ihres Charakters ſogleich hervor. Stolz, herrſchſüchtig, zornmüthig, hatte ſie in ſich den Stoff zu einer Katharina II. oder einer Eliſabeth. Sie konnte einen Staat regieren und ohne Beben eine Armee in den Krieg begleiten. Kühn, unermüdlich im Kampfe, wurde ſie nach dem Siege grauſam. Sie opferte die Beſiegten ihrer Eigenliebe. Sie zwang dieſelben, in die ihnen von ihr geſtellte Falle zu gehen, und die Gewandt⸗ heit, welche ſie hiebei entfaltete, würde den geſchickteſten Diplomaten beſchämt haben. Bei der jetzigen Gelegenheit erbarmte ſie der Haus⸗ halt Amadee’s. Sie errieth die gefährlichen Neigungen von Beatrir, den beklagenswerthen Einfluß ihrer Mutter auf ſie, und ſtellte ſich die Aufgabe, Kummer zu lindern, Kataſtrophen vorzubeugen und Unglück zu verhüten. In Folge deſſen ergriff ſie beim Spazierengehen den Arm der Marquiſe und wußte dieſelbe von der Theilnahme an der allgemeinen Unterhaltung abzulenken. 104 Sie ſind eine glückliche Frau, ſagte ſie plöͤtzlich zu ihr. Habe ich nicht Recht, Madame? Gewiß, Frau Herzogin, erwiederte die Marquiſe, durch dieſen Eingang leicht verwirrt. Und Nichts ſtört Ihr Glück? Nein, Nichts. Niemals2 Niemals. Beatrix wurde roth und ihr Erröthen verwirrte ſie, Kndem ſie unwillkürlich an die faſt täglichen Zänkereien dachte. Nun wohl, wollen Sie, daß ich es Ihnen ſage? Ich glaube nicht ſo ganz an dieſes Glück.. Sie, Frau Herzogin? Oh! gerathen Sie nicht gleich in Harniſch. Ich will mich erklären und die Theilnahme, welche ich für Sie hege, wird mich entſchuldigen und leiten. Sie ſind auch im beſten Zuge, dieſes Glück für immer zu zer⸗ ſtören, und es wird, wenn Sie fortfahren, bis dahin gar nicht mehr lange währen. Wie ſo denn, mein Gott? Hören Sie. Ich habe auf dieſer Welt Nichts zu thun, und doch hat mir der Himmel einen verzehrenden Thätigkeitstrieb gegeben, welcher Nahrung verlangt. Ich nehme mir daher oft vor, nach rechts und links hin, oft ohne zu wiſſen warum, ich nehme mir vor, ſage ich, den Schutzengel zu machen. Ich will Andern zu gute kommen laſſen, was ich mir auf ſo peinliche Weiſe er⸗ worben. Bis jetzt iſt mir das, ich geſtehe es in der Bitterkeit meiner Seele, ſehr ſchlecht gelungen. Indeſſen bin ich nicht entmuthigt, und wenn Sie wollen, will ich es mit Ihnen noch einmal verſuchen. Ich verſtehe Sie nicht recht, Madame. Ohl! ich ſehe ſchon, wie es ſteht, und das beun⸗ ruhigt mich noch mehr. Sie kennen Ihr Uebel nicht einmal, Ihr hübſcher kleiner Kopf hat ſich eine Geſell⸗ ſchaft, ein Hausweſen uach ſeinem Gefallen geſchaffen, 40⁵ er brüſtet ſich mit ſeiner Herrſchaft, und da er ſeinen Willen durchgeſetzt hat, hält er ſich für allmächtig. Iſt es nicht ſo? Aber, Madame... Aber, meine Theure, Sie haben keinen geſunden Menſchenverſtand. Warum ſonſt dieſe großſprecheriſchen Mienen, dieſes„Ich will es!“ dieſes trotzige Schild⸗ erheben? Warum dieſe ſchönen Augen zwingen, Thränen zu vergießen, die roſigen Lippen, Befehle auszuſprechen 2 Warum vor Allem Ihren Mann langweilen? Dieſen armen Mann, welcher Ihnen treu iſt, welcher Ihnen durchaus gehorchen will, ſobald man geſtattet, zu glauben, daß er Herr ſei? Er iſt keineswegs ſo gelehrig, wie Sie vorausſetzen, Madame. Ich ſehe es an Ihrer Miene, daß Sie mich ſehr ſonderbar finden, daß ich Ihnen recht zudringlich und klatſchhaftig vorkomme. Aber Sie täuſchen ſich, ich bin weder das Eine noch das Andere. Ich hege für Sie ganz das nämliche Gefühl, welches mir ein Menſch einflößen würde, der, ohne es zu wiſſen, dem Rande eines Abgrunds zueilt. Ich würde mich vor ihn hin⸗ ſtellen und ihm zurufen:„Noch einige Schritte und Sie werden fallen und verloren ſein!« Vielleicht würde er mich als Kaſſandra behandeln, allein ich würde ihm, falls er mich nicht zurückſtieße, dem ungeachtet nicht aus dem Wege gehen. Das iſt gerade Ihre Lage, meine ſchöne Kleine. Die meinige? Ja, die Ihrige. Wenn Sie nicht einhalten, wird der Sklave ſich empören, er wird Herr werden, Tyrann. Er wird Herr werden, Tyrann, vielleicht noch Schlim⸗ meres, nämlich gleichgültig, und wenn es jemals dazu gekommen ſein wird, ſo werden Sie keinen Troſt finden, denn das Uebel wird unheilbar ſein. Oh! Sie jagen mir Furcht ein, Frau Herzogin! 106 Deſto beſſer! Haben Sie Furcht und Sie werden nicht fallen. 2 Ich liebe Amadee ſo ſehr! Sie lieben ihn ſchlecht Aber ich liebe ihn von ganzer Seele. Das iſt nicht genug, Sie müſſen ihn auch mit dem Geiſte lieben. Ich denke nichts Arges, ich verſichere Sie. Das ſieht man wohl. Ich thue Alles, was er will. Indem Sie ihn glauben machen, Sie leiſteten ihm Widerſtand. Gerade das Gegentheil von dem, was Sie thun ſollten. Glauben Sie? Ob ich es glaube?! Sie ſind eiferſüchtig, nicht wahr? Sie antworten nicht und ſind es alſo ſogar mehr, als ich annahm. Ich will Sie noch mehr in Verwunderung ſetzen! Man hat Ihnen Albernheiten über mich zugeflüſtert und Sie ſind auf mich eiferſüchtig geweſen. Er hat es Ihnen geſagt! ſchrie die junge Frau, purpurroth werdend und ihren Arm aus dem der Her⸗ zogin reißend. Hermione, Rorane, was weiß ich? verſetzte die Herzogin lächelnd und ohne die mindeſte Verwirrung. Meine liebe Gnädige, denken Sie doch ein Bischen nach. Wenn er es mir geſagt hätte, würde ich es dann Ihnen wiederſagen? Beatrix ließ den Kopf hängen. 8 Niemand hat es mir geſagt, ich habe es errathen. Ich habe es errathen aus Ihrer Aufregung, aus ſeiner Zurückhaltung, aus der ſtolzen Miene Ihrer Frau Mut⸗ ter. Es war Allen auf die Stirne geſchrieben. Die Marquiſe konnte ſich nicht enthalten, zu lächeln. Lächeln Sie, lachen Sie ſogar, wenn Sie wollen; ſpotten Sie über mein Wiſſen, aber ziehen Sie Vortheil daraus. Vor Allem ſeien Sie ruhig. Ihr Mann war nie einan den dem 107 nie in mich verliebt, ich nie in ihn und wir werden einander immer das bleiben, was wir ſind. Dank, Frau Herzogin. Thörin, vor mir Furcht zu haben! Thörin nicht deßhalb, weil ich um zehn Jahre älter bin und weniger ſchön als Sie... das könnte manchmal, oft ſogar einen wirklichen Grund zur Furcht abgeben... nein, ſondern deßhalb, weil ich kein Vergnügen daran finde, Anderen ihre Männer zu nehmen. Ich bin zu ſtolz dazu. Sie ſind ohne Zweifel auch zu großmüthig dazu, denn ſonſt wäre Widerſtand vergeblich. Schmeichlerin, Sie wollen Ihren Richter verführen. Oh, Madame, die Wahrheit iſt vielleicht die ge⸗ ſchickteſte Schmeichelei. Einerlei. Vertrauen Sie mir, das iſt die Haupt⸗ ſache. Ich will einen Monat bei Ihnen bleiben und Ihnen eine vollſtändige Lection geben. Ich hoffe einen trefflichen Zögling aus Ihnen zu machen. Könnte ich Sie vor dem bewahren, was ich ſelber erfahren mußte! Hier wurde die Unterhaltung unterbrochen, zum rößten Bedauern von Beatrix. Das arme Kind fühlte ſich in eine andere Sphäre erhoben, in ein anderes Ge⸗ dankenreich, und das Verhängniß, welches ſie verfolgte, hätte ihr nichts Schlimmeres zuwenden können. Dieſer neue Einfluß, ſo verſchieden von früheren Einflüſſen und doch gleichfalls ſo weit vom rechten Wege abliegend, prachte ihr neue Schwierigkeiten zuwege. Frau von Alagny ſah Alles aus dem Geſichtspunkt der Societät an. Die großen und ſchönen Ideen der Familie, der ehelichen Verbindung kamen ihr nicht in den Sinn. Sie wollte ein Syſtem vorſchreiben, nicht aher das Herz überreden; ſie componirte eine Nolle, ordnete eine Naskerade und ließ Natur und Wahrheit bei Seite liegen. Ihre Theorie war gut für die Geſell⸗ ſchaft, ſehr nützlich ſogar für die Familie, aber ſie hatte eine zu ſchwache Baſis, um ihre Wirkſamkeit nicht zu verlieren. Statt der Vernunft, der Pflicht, der Zärtlich⸗ 408 keit rief ſie die Koketterie, die Liſt, die Heuchelei zu Hülfe. Ihr Ziel war daſſelbe, welches Beatrir hatte, oder vielmehr hatte dieſe gar keines. Sie lief auf's Geradewohl vorwärts, verirrte ſich, ohne zu wiſſen wa⸗ rum, und das Erwachen mußte ſchnell, zu ſchnell erfolgen. Wie dem aber auch ſei, Frau von Monza dachte V die ganze Nacht über das Gehörte nach, und als man ſie am nächſten Morgen bat, zu ihrer Tochter zu kom⸗ men— eine ungewöhnliche Bitte— mußte ſie unwill⸗ kürlich zittern. 14. Flavia. Flavia war mit einem Fieber erwacht. Ihre entflammten Wangen, ihre brennend heiße Haut verurſachten Fräulein Perrin eine bedeutende Unruhe und ſie beeilte h, die Marquiſe zu benachrichtigen. Dieſe eilte, nur halb angeleidet, ſchnell herbei, denn ſie liebte ihre Tochter, wie 8 lles liebte, d. h. mit Leidenſchaft, aber ohne Unterſcheidung. Sie näherte ſich dem Bette der Kleinen und fragte ſie nach ihrem Leiden. Flavia klagte über Kopfweh und über Steifigkeit in allen Gliedern. Ein Reitknecht ſoll ſogleich aufſitzen und den Arzt holen! rief die junge Frau. 8 Und zu ihrem Manne gewandt, fügte ſie leiſe hinzu: Amadee, wenn Flavia ernſtlich erkrankt, muß man einen Expreſſen nach Paris ſchicken, um unſern guten Doctor zu holen. E wird gewiß kommen und ich habe ſonſt zu keinem Vertrauen. Ich theile Deine Unruhe, meine Freundin, wie Du wohl begreifen wirſt, und es ſoll alles Nöthige gethan werden. i zu hatte, auf's wa⸗ Agen. dachte man kom⸗ will⸗ Haut e und Dieſe liebte ſchaft, Bette Flavia allen Arzt . hinzu: man guten habe ie Du gethan 109 Man hatte am geſtrigen Abend eine Partie verab⸗ redet, um eine Kloſterruine in der Umgegend zu beſichti⸗ gen, das Frühſtück ſollte dort eingenommen werden und die Damen freuten ſich ſehr auf dieſen Ausflug. Nun erklärte Beatrix, daß ſie nicht mitgehen werde. Amadee bekämpfte dieſen Entſchluß, indem Flavia nicht ſo heftig krank ſei und überdieß Frau von Chamarante ſich er⸗ biete, bei ihr zu bleiben. Ich wäre zu unruhig, mein Freund, ich hätte kei⸗ nen Augenblick Ruhe. Es wäre nicht artig, die Damen allein gehen zu laſſen. Du und ich, wir müſſen uns den Pflichten der Wirthe opfern. Sollte unſer Kind kränker werden, ſo wird man uns augenblicklich davon benachrichtigen. Ich werde Befehl dazu hinterlaſſen. Will mir die gnädige Frau erlauben, ſagte Fräu⸗ lein Perrin, daß ich Ihr Hierſein benütze, um die letzten Anordnungen Behufs des Ausflugs zu überwachen und Sorge zu tragen, daß Nichts fehle? Die Proviſionen müſſen vorausgeſchickt werden, und wenn man etwas vergäße, wäre es ſpäter nicht zu erſetzen. Gehen Sie, gehen Sie, liebes Fräulein Perrin, ich werde Ihre Stelle bei unſerem Engel einnehmen. Herr von Monza ſaß dem Bette ſeiner Tochter zur Seite. Das Kind ſa ihn an und verſuchte zu lächeln. Auf der andern Seite ſaß Frau von Chamarante und blätterte in einem Arzneibuch. Beatrix unterſtützte das Haupt der Kranken und bedeckte ihr Geſicht und ihre Hände mit Küſſen. Flavia ſtieß einen Schrei aus. Was haſt Du, liebe Kleine? fragte die erſchreckte Mutter.: Mir iſt recht übel, ganz übel. Ich will trinken. Beatrir ſtürzte auf eine Taſſe zu, die auf dem Tiſche ſtand. Das Kind führte ſie an die Lippen, kehrte ſich aber weg. Es iſt nicht das, ſagte es. 110 Man ſuchte nach dem rechten Trank. Ich will meine gute Perrin, fuhr Flavia, leiſe wei⸗ nend, fort; ſie pflegt mich gut, ſie gibt mir zu trinken, was ich mag. Mama, rufen Sie meine gute Perrin. Sie wird ſogleich kommen, liebes Kind. Beruhige Dich, nur ein wenig Geduld. Oh, Sie, Papa, Sie wiſſen mir auch ſo ſchöne Ge⸗ ſchichten zu erzählen, um mich einzuſchläͤfern, und ich möchte ſo gerne ſchlafen. Erzählen Sie mir eine, bis meine gute Perrin kommt. Ich will Dir eine erzählen, Flavia, ich, ſagte die Marquiſe. Wiſſen Sie auch welche, Mama? Freilich. Ei, warum haben Sie mir denn noch nie eine erzählt? 4 Beatrir fühlte eine Thräne über ihre Wange rollen. Flavia ſah die Thräne und ſagte: Weinen Sie doch nicht, Mama, und ſeien Sie nicht böſe. Ich will ganz ruhig in meinem Bette bleiben und Alles trinken, was Sie haben wollen. Aber wo bleibt denn meine gute Perrin? Die Marquiſe erſtickte faſt vor Eiferſucht. Sie preßte ihre Tochter an ihre Bruſt mit einer fieberhaften Zärt⸗ lichkeit, welche das Kind furchtbar erſchreckte. Herr von Monza verſtand die Lection und hoffte, ſie werde ihre Früchte tragen. Rufen Sie doch Fräulein Perrin, ſagte Frau von Chamarante. Das iſt ganz einfach, das Kind iſt ge⸗ wohnt, ihre Gouvernante um ſich zu haben, und ſie wird es beſſer pflegen als wir. DOh, Mutter, verſetzte Beatrix weinend, begreifen Sie denn nicht, was ich leide, indem ich ſehe, daß man mir eine Fremde vorzieht? 3 Ich begreife es nicht, ich errathe e habe das nie erfahren. In Deiner K immer bei mir und liebteſt nur mich. , denn ich warſt Du e wei⸗ einken, rin. ruhige ne Ge⸗ nd ich , bis gte die e eine rollen. e nicht bleiben er wo preßte Zärt⸗ iſt ge⸗ ind ſie greifen ß man enn ich ſt Dn Amadee ſah ſeine Frau an, welche noch immer weinte. Man muß auch ſagen, fuhr die Vicomteſſe fort, begierig, die Wunde zu heilen, welche ſie unfreiwillig erweitert hatte, man muß auch ſagen, daß ich viel kräf⸗ tiger bin als Du, daß Du es nicht vermocht hätteſt, ganze Nächte bei dieſem kleinen Weſen zu wachen, wie ich es gethan. Du wäreſt erlegen, Beatrir, und Dein Mann und ich hätten es Dir nicht geſtattet. Die Gouvernante trat wieder ein. Flavia richtete ſich auf und warf ſich ihr um den Hals. Fräulein, ſagte die Marquiſe trocken, bevor Sie gingen, um Ihre Befehle zu geben, hätten Sie wohl die Tiſane des Kindes bereiten können. Wir vermochten dieſelbe nicht zu finden. Es hat Durſt, geben Sie ihm zu trinken. Frau von Monza brachte dieſe Worte mit der Be⸗ tonung der äußerſten Impertinenz der Eiferſucht vor. Zugleich ſah ſie die arme Gouvernante mit einem ſo grimmigen Blicke von der Seite an, daß dieſe ihn nicht aushalten konnte und heftig erſchrack. Mama, ſagte die Kranke, Mama, ich bitte, zanken Sie meine gute Perrin nicht. Sie wird mir ſogleich zu trinken geben. Und das junge Mädchen umarmte ſeine Gouver⸗ nante mit einer Zuneigung, deren Aeußerungen die Eifer⸗ ſucht der Mutter noch mehr ſtachelten und ihre üble Laune vermehrten. Der Marquis fürchtete einen abermaligen Ausbruch und ſagte daher zu ſeiner Frau: Sie haben kaum noch Zeit, ſich anzukleiden, meine Theure; gehen Sie ſchnell, Sie dürfen nicht auf ſich warten laſſen. Db, wie iſt es peinigend, in einem ſolchen Augen⸗ blick Jedermann zu Befehl ſein zu ſollen. Ich wollte, dieſe Leute wären bei den Antipoden!.. Adieu, liebes, libes Kind, liebes Schätzchen, ich werde bald wieder a ſein. 14² Oh, geniren Sie ſich nicht, liebe Mutter. Machen Sie ſich luſtig; ich bin ja nicht ſo krank und habe meine gute Perrin. Mit leiſer Stimme ſetzte die Kleine hinzu: Papa, Sie werden nicht lange ausbleiben, nicht wahr? Kommen Sie bald zurück und bauen Sie mir ein hübſches Dorf auf meinem Bett. Glücklicher Weiſe hörte die Marquiſe dieſe Worte nicht. Hatten doch ſchon die früheren ſie ſo ſchmerzlich verwundet. Um halb zwölf Uhr fuhren die Wagen ab. Die Herzogin und Frau von Monza, welche neben einander ſaßen, verſuchten ihre Unterhaltung von geſtern wieder aufzunehmen, allein die junge Mutter ſchenkte derſelben, zerſtreut durch ihre Unruhe, nicht mehr die gleiche Auf⸗ merkſamkeit. Die Unpäßlichleit Ihrer Tochter beunruhigt Sie, ſagte Frau von Alagny. Warum ſind Sie nicht bei ihr geblieben? Sie hätten ſich nicht geniren ſollen. Iſt ſie wenigſtens gut verſorgt? Oh ja, ihre Gouvernante iſt ſehr gut. So? Aber Nichts erſetzt eine Mutter. Ich weiß es, obgleich ich nie eine gehabt. Beatrix erröthete. Sie leiten ihre Erziehung, nicht wahr? Sie be⸗ ſchäftigen ſich viel mit dem Kinde?. Gewiß, Frau Herzogin. Man kam bei der Ruine an. Die Tafel war her⸗ gerichtet, das Frühſtück aufgetiſcht, die Gäſte waren in der beſten Stimmung. Die Marquiſe vermochte jedoch aller Anſtrengungen ungeachtet, ihre gewöhnliche Heiter⸗ keit nicht wieder zu gewinnen. Die Krankheit ihrer Tochter, die an ihrem Herzen nagende Eiferſucht beein⸗ trächtigten die Freiheit ihres Geiſtes. In Gedanken war ſie an der Wiege, in dem kleinen Zimmer der Kranken, wo eine Andere ihre Stelle einnahm. Herr von Monza konnte es, obgleich nicht weniger bewegt, über ſich gewinnen, ſich ausſchließlich mit ſeinen Gäſten zu beſchäftigen. Aber er erbebte bei dem gering⸗ ſten Geräuſche, glaubte immer den Hufſchlag eines heran⸗ galoppirenden Pferdes zu vernehmen und athmete erſt wieder auf, als man den Rückweg nach dem Schloſſe angetreten. Gott ſei DankW ſagte er bei ſich. Sie iſt nicht krän⸗ ker geworden, da man uns nichts ſagen ließ. Indeſſen erfuhren die Eltern, als ſie aus dem Wa⸗ gen ſtiegen und die Dienſtboten befragten, dennoch eine traurige Neuigkeit. Flavia hatte die Blattern bekommen. Das war ein gräßlicher Schmerz für Beatrix und ſie ſtieß einen lauten Schrei des Schreckens aus. Dieſe in ihren Wirkungen und Folgen ſo ſchreckliche Krankheit traf ſie wie eine Ahnung. Ich werde meine Tochter verlieren, wiederholte ſie unaufhorlich, oder ſie wird entſtellt werden. Sie fiel in Folge dieſes Schmerzes in einen Ner⸗ venkrampf, welcher mehrere Stunden dauerte. Als ſie wieder zu ſich kam, hatte der Arzt die Krankheit des Kindes für die bösartigſte und anſteckendſte Art dieſes Uebels erklärt. Man hatte bereits nach Paris geſchickt, um den Hausarzt der Familie herbeizurufen, und die meiſten der Gäſte waren, unter dem Vorwande, die Mar⸗ quiſe nicht geniren zu wollen, in Wahrheit aber aus harih vor der Anſteckung bereits mit Einpacken be⸗ äftigt. denneiner Furcht unzugänglich, ließ Frau von Alagny den Marquis zu ſich bitten. Als er kam, reichte ſie ihm die Hand und ſagte: Mein lieber Herr von Monza, hier ſind Alle von einem paniſchen Schrecken erfaßt, ich aber fürchte durch⸗ aus nichts. Sagen Sie mir daher offen, ob Ihnen meine Gegenwart angenehm iſt, ob ſie in ihrem Hauſe irgend Die blutige Marquiſe. I. 8 114 eine Ungelegenheit zuwege bringen könne. Wenn nicht, ſo werde ich bleiben. Ich gehöre nicht zu denen, welche die Unruhe und das Unglück fliehen, ich ſuche im Ge⸗ gentheil dieſelben auf und will, daß Sie nicht daran zweifeln. Ich vermag Ihnen meinen Dank nicht auszudrücken, Frau Herzogin. Weit entfernt uns zu geniren, werden Sie uns vielmehr höchſt angenehm ſein. Frau von Monza hat es ſehr nöthig, von einem ſo feſten Geiſt, wie der Ihrige, unterſtützt zu werden. Sie gibt ſich der Verzweiflung hin und ich will nicht, daß ſie zu viel um ihre Tochter ſei, denn die Anſteckung kann ſich ihrer bei der Stimmung, in welcher ſie ſich befindet, leichter be⸗ mächtigen, als ſonſt irgend eines Menſchen. Ich bitte Sie alſo, ihr vorzupredigen, ſie zu tröſten, ihr einigen Muth einzuflößen. Frau von Chamarante und ich wer⸗ den Flavia nicht verlaſſen. Meiner Schwiegermutter Sorgfalt und Aufopferung iſt bewundernswerth. Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, nen Herr. Zählen Sie auf mich und ſchonen Sie mich nicht. So fand ſich denn die Marquiſe eingeklemmt zwi⸗ ſchen das Schmerzenslager ihres geliebten Kindes und die ohne Zweifel ſehr verſtändigen Rathſchläge der Her⸗ zogin. Dieſe Rathſchläge trugen in ſich ſelbſt eine unge⸗ heure Gefahr, eine Gefahr, gegen die es kein Mittel gab; beſonders da ſie an eine ſo beſtimmbare Phantaſie, wie die von Beatrix war, gerichtet wurden. Die Her⸗ zogin bemerkte das nicht trotz ihrer Feinheit. Verblen⸗ det durch ihr Verlangen, zu erziehen und zu bilden, nahm ſie nicht wahr, daß e ihre Lehre auf einen Bo⸗ den ſtreute, welcher ihren Prinzipien ganz und gar wi⸗ derſprach. Nicht armſelige Theorien mußte man einer Seele, wie die von Beatrix war, beibringen, ſondern heilige Worte der Pflicht und Religion, unwandelbare Grundſätze, welche in den ſchwierigſten Lagen eine un⸗ wankbare Stütze gewähren. Man mußte ihr Herz über⸗ — icht, elche Ge⸗ ran ken, rden von eiſt, der um bei be⸗ ditte igen ver⸗ itter teht, nich wi⸗ und Her⸗ ige⸗ ittel nſie, Her⸗ len⸗ den, Bo⸗ wi⸗ iner dern dare un⸗ ber⸗ — 115 zeugen, ſtatt ihren Geiſt zu blenden, man mußte ihr, welche eine oberflächliche Erziehung ohne feſten Glau⸗ ben genoſſen, einen gläubigen Führer geben. Solch ein Führer fand ſich aber in ihrer Umgebung nicht. Der Arzt kam aus Paris an und beſtätigte vollkom⸗ men die Anordnungen und Vorſichtsmaßregeln ſeines Col⸗ legen. Das Kind war höchſt gefährlich angegriffen, es bedurfte der pünktlichſten Sorgfalt und aller Hülfsmittel der Wiſſenſchaft. Die arme Mutter begleitete alle Verordnungen des Arztes mit den Worten: Aber Sie werden es retten, Doctor! Ich hoffe es, gnädige Frau, allein Gott nur kann Ihnen das beſtimmt zuſichern. Ich muß inzwiſchen der Frau von Chamarante bemerklich machen, daß die An⸗ ſtrengung ihre Kräfte überſteigt und daß ſie ſich dieſe Nacht zu Bette legen muß. Doctor, ich werde meine Enkelin nicht verlaſſen. Wäre ich nicht da, ſo würde ihre Mutter da bleiben wol⸗ len, und Sie wiſſen, daß dieſelbe nicht im Stande iſt, dieſen Anblick zu ertragen. Ich muß Sie wenigſtens warnen, Madame. Der Herr Marquis und Fräulein Perrin genügen voll⸗ kommen. Ich will ebenfalls wachen, Doctor, wenn Sie es er⸗ lauben, ſagte die Herzogin. Nein, Frau Herzogin, ich kann das nicht erlauben. Man naͤhert ſich den Blattern nicht ohne Riſico und Gefahr. Sie wuürden es mir ſpäter nie verzeihen, daß ich Ihre Schönheit gefährdete. Mit meiner Schönheit iſt es beinahe vorüber undich würde den Verluſt der Reſte derſelben nicht ſehr bedauern. Sie hat mir während ihrer Blüthe ſchlimme Streiche genug geſpielt.. Anderen gleichfalls... Robert und der Baron von Chelles hatten die be⸗ trübte Familie nicht verlaſſen. Robert liebe ſeine Baſe 116 wie eine Schweſter. Zuſammen erzogen, hatten ſie ſich faſt nie getrennt und er wollte daher das Schloß in einem ſolchen Augenblicke nicht ſo ohne Weiteres ver⸗ laſſen. Herr von Chelles ging mit ihm durch die Corri⸗ dors, indem er recitirte: Ein Uebel, welches brütet Schrecken Und welches that der Himmel wecken, Zu zuͤchtigen der Menſchen Laſter... Wollte ich das Wort„Blattern“ einfügen, ſo würde der Vers ein Bischen zu lang werden, nicht wahr, Vet⸗ ter? Und doch kann ich ſie nicht die„Peſt« nennen, zum Teufel! das hieße unſerem Aufenthalt mehr Ehre anthun, als er verdient. Mein lieber Baron, Sie ſind ein Brunnen von Weisheit und ein Wunder von Geiſt. Ich muß Sie um ein Recept angehen, denn ich bin dermalen ziemlich ver⸗ liebt und gedenke vermittelſt Ihrer Verführungskünſte zu triumphiren. Verliebt, Robert, und in wen? In ein ſchönes Mädchen, welches ich vor zwei Mo⸗ naten in Geſellſchaft einer engliſchen Familie in den Bädern von Spaa angetroffen. Ich dachte allerdings nicht mehr ſehr viel an ſie, aber da iſt ein Brief, der meine eingeſchlafene Liebe wieder erweckt. Was meldet er Ihnen? Er meldet mir, daß das keuſche Mädchen die Aner⸗ bietungen eines ſouverainen Fürſten zurückgewieſen, wel⸗ cher ſie, von ihren Reizen bezaubert, zur Gräfin machen und ihr eine jährliche Rente von hunderttauſend Francs anweiſen wollte. Sie zieht den beſcheidenen Stand einer Gouvernante unrechtmäßigen Reichthuümern und Ehren vor. Das läßt Ihnen wenig Hoffnung. Leider. Indeſſen iſt der Fuͤrſt alt und häßlich und das erklärt vielleicht die Tugend des Mädchens. Ich werde ſie wohl dazu bringen, mich zu lieben, ich! Ja, in Gegenwart eines Notars. ſich 3 in ver⸗ rri⸗ irde Vet⸗ nen, hre von um ver⸗ zu No⸗ den igs der er⸗ el⸗ den ies ler or. nd ſch 117 Oh, was das betrifft, Vetter, ſo bitte ich Sie, nicht savon zu ſprechen. 3 vd zunor Ihnen einen andern Rath geben ſoll, mein junger Freund, ſo iſt es der, den Gedanken an die Geuvernante aufzugeben. Warum ſeine Zeit mit Chi⸗ mären verteren? In Ihrem Alter würde ich die gute Helgtnbeit⸗ welche ſch mir hier bietet, nicht entgehen aſſen. Welche denn? Die Herzogin... Sapperment. Die Herzogin? Ei, freilich. Sind Sie nicht jung, hübſch, tapfer 2 Nichts gefällt den Schönen ſo wohl, Als der Muth der Krieger. Lieber Vetter, ich bin kein Krieger und dann iſt auch die Herzogin in meinen Augen nicht ſchön. Läſterung! Es iſt einmal ſo. Bei einem ſolchen Geſchmack von Ihrer Seite habe ic keine gar hohe Vorſtellung von Ihrer pädagogiſchen öttin... Nichtsdeſtoweniger iſt es wahr, daß, wenn ich Sie wiederfinden ſollte.... Nun wer weiß? Bloß die Berge kommen nicht zu⸗ ſammen......... Nach einer Woche voll abwechſelnder Erwartung, Hoffnung, Furcht und Unruhe erklärte endlich der Arzt ſeine kleine Patientin außer Gefahr und gab ſogar Hoff⸗ nung, daß ihr hübſches Geſicht nicht entſtellt werden würde, wenn man gehörig Sorge trüge, daß ſie ihre Hände von demſelben fern hielte. Beatrir wurde faſt närriſch vor Freude. Aber einige Tage nachher mußte ſich Frau von Chamarante, die Vorausſage des Doctors beſtätigend, in 118 Folge der Uebermuͤdung und des Einath Luft, zu Bette legen. 1 Fiebers, ihre Krankheit zeigte die nämlichen Symptome wie die ihrer Enkelin und ſogleich erklärte der Arzt ihren Zuſtand für höchſt gefährlich. 3 1 5 mens verdorbener Sie war die Beute eines boftigen 15. Frau von Chamarante. Dieſe zwei ſo raſch ſich folgenden Schläge waren zu ſchwer für die arme Beatrix. Es fehlte wenig, daß ſ unterlag. Kaum konnte ſie das Bett ihrer Tochter ver⸗ laſſen, ſo ſollte ſie ſich an dem ihrer Mutter einrichten, ihrer Mutter, welche gut und hingebungsvoll war. An dem Tage, wo man die Krankheit bei ihrem wahren Namen nannte, begab ſich die Marquiſe zu Frau von Alagny und ſagte zu ihr: Meine Freundin, ich habe Ihre Aufopferung ange⸗ nommen, ſo lange mein Kind allein angegriffen war. Meiner leidenſchaftlichen Zärtlichkeit ungeachtet mußte ich Herrn von Monza und meiner Mutter das Recht zuer⸗ kennen, die Kranke zu pflegen. Jetzt aber macht die Epi⸗ demie Fortſchritte, Niemand darf ſich meiner Mutter nä⸗ hern außer mir und ich kann Sie daher nicht mehr ſehen. Mein Mann wird Ihnen die Honneurs des Hau⸗ ſes machen, und, ich ſage es Ihnen offen, Sie ſind zu ſchön, zu reizend, als daß mich dieſes nicht beunruhigen ſollte. Dieſer peinliche Gedanke würde mich ſelbſt in meinem Schmerze quälen. Ich bitte, ich beſchwöre Sie daher, abzureiſen. Laſſen Sie mich Die pflegen, welche mich mehr liebt als irgend Etwas auf der Welt. Wir werden uns wiederſehen, ſobald ich ruhiger geworden ſein werde. Ich gebe Ihnen den größten Beweis von Vertrauen, welchen ich einer Schweſter geben könnte, ich ener grut ome ron 119 geſtehe Ihnen, daß ich ſchwach bin und mir ſelbſt miß⸗ traue. Ich bin eiferſüchtig, ich bin es außerordentlich und.. Oh, meine Liebe, welche Schwachheit haben Sie da! Eine Schwachheit, an der ich vielleicht ſterben werde, Frau Herzogin. Aber dieſelbe beherrſcht alle meine Ge⸗ fühle. Ich liebe meine Mutter, weil ſie die Vorſehung meines Lebens war, ich liebe ſie, weil ſie mich anbetet, weil ich ein Ungeheuer ſein müßte, wenn ich die ihr ſchuldige Dankbarkeit nicht meinem eigenen Leben vor⸗ zöge, aber mein Mann, oh, mein Mann.. ich ver⸗ mag Ihnen nicht zu ſagen, was ich für ihn fühle. Dieſe Liebe iſt mit allen Fibern meines Herzens verwachſen, dieſe Liebe bin ich ſelbſt, dieſe Liebe iſt meine Zukunft, meine Beſtimmung. Ich liebe meine Tochter, weil ſie die ſeinige iſt, und, es muß geſagt werden, ich glaube, ich würde das Kind einer andern Frau, welches das ſeinige wäre, einem Kinde von mir, welches nicht ihm gehörte, vorziehen. Das iſt Narrheit, Madame, nicht wahr? Ich kann es nicht ändern, ich fühle ſo. Es wäre mir unmöglich, auch nur einen Augenblick an einen An⸗ dern zu denken. Ein Wort, ein Blick, ein Lächeln von Amadee machen mich ganze Stunden lang weinen oder lachen. Eine ſolche Liebe iſt, wie Sie ſehen, heilig, be⸗ ſonders wenn der Himmel und ſeine Diener ſie geweiht laben. Sie wollen mein Verderben, meinen Tod, meine Verzweiflung nicht, Frau Herzogin. Deßhalb gehen Sie, damit ich, wenn Gott mir meine Mutter nehmen ſollte, wenigſtens meinen Mann behalte. Die Herzogin ſah die Sprecherin an, zugleich ver⸗ wundert und tief gerührt. Als eine Frau von hohem Geiſte, welche Welt und Menſchenherz kannte, begriff ſie, welche Zukunft voll Unglück bei dem Charakter des Mar⸗ quis und dem ſeiner jungen Gattin in einer ſolchen Liebe liegen müſſe. Ich danke Ihnen, ſagte ſie, daß Sie mich richtig genug beurtheilen, um mich eines derartigen Vertrauens 120 würdig zu halten. Ich werde Ihre Hoffnung nicht täu⸗ ſchen. Ich werde gehen, da meine Abreiſe für Ihre Ruhe nothwendig iſt, aber laſſen Sie mich Ihnen vor⸗ her noch ſagen, was ich denke. Verbergen Sie Ihrem Manne die Heftigkeit Ihrer Leidenſchaft und Ihrer Eiferſucht, verbergen Sie ſie ihm wie ein Verbrechen. Wenn Sie ihn damit langweilen oder quälen, wird Ihr Glück und Ihre Ruhe ſehr gefährdet ſein. Und falls Sie ihn ſo lieben müſſen, ſo laſſen Sie es ihn nicht wiſſen, und leiden Sie allein. Ich ſage, leiden Sie, denn eine ſo unvernünftige Leidenſchaft muß Leiden ſchaf⸗ fen. Verhehlen Sie ihm auch dieſes unſer Geſpräch; es hat einen leichten Anflug von Lächerlichkeit, wodurch ſeine Eigenliebe verletzt werden könnte. Ein Mann, der wie die keuſche Suſanna bewacht wird, iſt lächerlich. Viele Leute würden ſich nicht enthalten können, über ihn zu lachen, und die Männer ertragen ſolches Lachen nicht gerne. Sie ſehen, ich bin ebenſo offen wie Sie, meine liebe Kleine. Ich bitte Sie um Verzeihung und reiſe ab. Ich werde vor den Blattern eine entſetzliche Furcht erheucheln, die ich keineswegs hege, und meinen Wagen anſpannen laſſen. Man wird ſich über mich luſtig ma⸗ chen, wird mich undankbar und weibiſch ſchelten, allein ich trotze Alledem mit Heroismus. Glücklicherweiſe wiſſen Sie die Wahrheit und werden mir, hoff' ich, Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen. Wie gut ſind Sie, Frau Herzogin! Mein Gott, nein, aber ich erkenne Alles, das Gute wie das Böſe. Wenn man Vieles geſehen, kommt man mit geſundem Menſchenverſtand ſo weit... Beunruhi⸗ gen Sie ſich nicht allzu ſehr wegen Ihrer Mutter und eſtehen Sie nicht darauf, auf Koſten Ihrer Geſundheit am Bette derſelben zu bleiben. Man wird ſie retten; hat man doch Flavia auch gerettet. Adieu, umarmen Sie mich auf Wiederſehen. Wir werden dann ohne Zweifel ruhiger ſein. Beatrir geleitete die Herzogin bis zu ihrem Wagen, 121 während der Marquis durch ein unausweichliches Ge⸗ ſchäft in Anſpruch genommen war. Er hatte ſich auf einen ſeiner beſten Pachthöfe begeben, welcher in der vorigen Nacht abgebrannt war. Die Trennung der beiden Freundinnen war ſehr rührend. Sie machten ſich tauſend Verſprechungen und Entſchuldigungen. 3 In dem Augenblick, als die Pferde den Wagen der Herzogin durch das Hofthor zogen, warf ſie Beatrix einen Kuß zu und dachte dabei: Dieſes arme Geſchöpf iſt doch recht einfältig. Sie ermüdet den Marquis und das gibt eine unglückliche Ehe, bevor ein Jahr um iſt. Kann man ſich ſein Leben ſo verhunzen! Ich laſſe da eine dumme Schülerin zurück. Ich bin froh, daß ich fortkomme und werde mich nicht mehr darein miſchen. Ihrerſeits ſagte im nämlichen Augenblick Frau von Monza zu ſich, indem ſie den Kuß zurückgab: Sie mag ſich das ſchöne Neuillé, wie ſie es immer⸗ fort nannte, nur recht betrachten, denn ſie ſoll es nicht wiederſehen. Dieſe Herzogin iſt zu gefährlich. Amadee ſtellte ſie mir unaufhörlich als Muſter auf und das ginge denn doch zu weit. Und das Alles in einem Kuß! So iſt die Welt. Der Marquis erfuhr bei ſeiner Heimkunft die Ab⸗ reiſe der Herzogin mit Verdruß. Sie hatte ihn unter⸗ halten und die Leute zu unterhalten iſt im Leben eine Sache von großer Wichtigkeit. Wie viel Streit, wie viele Grauſamkeiten, wie viele Verbrechen ſogar hat die Langeweile ſchon zuwegegebracht! Die Frauen können ſich von dieſer unbeſtreitbaren Wahrheit nicht genug überzeugen. Sie hüllen ſich ſtolz in ihre Tugend und in ihre Liebe und erſtaunen dann höchlich, daß ihre Männer ſie aufgeben um Nebenbuhlerinnen ohne Liebe und Tugend willen. Das ganze Geheimniß beſteht in den Worten: Die Nebenbuhlerinnen unterhalten euere Männer, und ihr langweilt ſie. 122 Allerdings wäre es viel ſchöner und würdiger, dieſen falſchen Freuden die Pflichten und wahren Freuden des häuslichen Herdes vorzuziehen. Wenn die Männer voll⸗ kommen wären, ſo hätte man nicht mit fremden Ver⸗ lockungen zu kämpfen, allein die Männer ſind unglück⸗ licherweiſe noch unvollkommener als wir ſelbſt, denn ſie beſitzen den Stolz ihrer Kraft und Macht. Gebrauchen wir daher die Mittel, ſie zu beſiegen, und dieſe Mittel beſitzen wir, ſobald wir ſie nur richtig zu verwenden wiſſen. Wenden wir zur Erhaltung häuslichen Glückes das an, was die gefährlichen Circen anwenden, um daſ⸗ ſelbe zu zerſtören. Gott iſt gerecht und die gute Sache muß triumphiren. Hierin liegt die Emancipation der Frauen weit mehr als in den abſurden Theorien, welche man ihnen predigt. Sie können Königinnen in ihrem Hauſe ſein, können ugleich das Szepter ihrer Familie und das der Geſellſchaft führen. Laſſen wir dem andern Geſchlechte die Beſchäftigung mit den öffentlichen Ange⸗ legenheiten. Verwenden wir unſere Intelligenz darauf, unſer eigenes Daſein und das unſerer Theuren glücklich zu machen, und überlaſſen wir das Schiff der Politik der Strömung. Einfache Paſſagiere, wollen wir nur die Reiſe verſchönern. Winden wir Kränze für die Sieger und halten wir Troſt bereit für die Beſiegten. Seien wir Frauen in der ganzen Bedeutung dieſes Wortes, welches zugleich Tochter, Gattin, Geliebte und Mutter bezeichnet. Werfen wir weit von uns tolle Hoffnungen und Nebenbuhlerſchaften. Sammeln wir wieder die um uns, welche ſich darin gefallen und verzehren. Wir ver⸗ mögen viel für die Zukunft der Welt; verſchleudern wir, was uns Gott an Reizen und Gaben verlieh, nicht in eitlen Klagen und Stürmen. Zeigen wir uns des Platzes würdig, welchen er uns angewieſen, und man wird ihn uns nicht beſtreiten... Die arme Beatrir kehrte zu ihrer Mutter zurück und richtete ſich, der dringenden Bitten derſelben, ſowie — ͦ— V —y— 123 der Befehle ihres Mannes ungeachtet, in dem Zimmer der Kranken ein, ohne dieſelbe eine Minute verlaſſen zu wollen. Die Krankheit der Vicomteſſe machte erſchreckende Fortſchritte. Die Aerzte erſtaunten, daß eine ſo zart⸗ gebaute Perſon Fieber und furchtbare Schmerzen ſo lange zu ertragen vermöge. Sie verhehlten dem Mar⸗ quis ihre Beſorgniß nicht, obgleich ſich Frau von Monza noch mit Hoffnungen ſchmeichelte, welche man ſo ſpät als möglich zerſtören wollte. Eines Nachts wachte ſie mit ihrer Kammerfau bei der Vicomteſſe, welche in einen unruhigen Schlummer gefallen war und fortwährend ihrer geliebten Tochter rief. Beatrir weinte, denn ſie begriff wohl, welche Stütze, welchen Troſt der Tod ihrer Mutter ihr entziehen würde. Sie wacte einem ſolchen Unglück nicht in's Geſicht u ſehen. 4 Nicht wahr, Joſephine, fragte ſie, meine Mutter wird nicht ſterben? Hat es der Doctor dieſen Morgen nicht geſagt? Ich weiß nicht, gnädige Frau. Ich war bei ſeinem weſlche nicht gegenwartig, erwiederte das Mädchen ver⸗ egen. 3 Ich finde ſie beſſer als geſtern. Ihre Krankheit nimmt ganz denſelben Verlauf wie die Flavia's und wird das gleiche Reſultat haben. Wahrſcheinlich, gnädige Frau. Sie ſehen aus, als ob Sie anders dächten, als Sie ſprechen, Joſephine. Verheimlichen Sie mir Etwas? Sollte Ihnen der Arzt Etwas geſagt haben? Nein, durchaus Nichts, ich verſichere Sie. Oder dem Herrn? fuhr Beatrir fort, ihr Auge unruhvoll auf das Mädchen heftend. Ich... ich weiß Nichts, gnädige Frau. Sie wiſſen es und ich ſchwöre Ihnen, daß Sie es wiſſen und mir es im Augenblicke ſagen ſollten. Wie, Sie, eine Fremde, ſollten über den wahren Zuſtand meiner Mutter beſſer unterrichtet ſein, als ich! Wie, meine Mutter ſollte mir entriſſen werden, ich ſollte nur noch wenige Augenblicke mit ihr verbringen können und man ſollte mich nicht davon unterrichten?! Aber, gnädige Frau, wenn dem ſo wäre, ſo würde fe nnr aus Schonung für die Frau Marquiſe geſche⸗ hen ſein. Mich ſchonen, wenn eine Mutter im Sterben liegt! Denn ſie wird ſterben, ich weiß es jetzt. Und Herr von Monza läßt mich allein, er iſt nicht hier, um mich durch ſeine Gegenwart, durch ſeine Liebe aufrecht zu erhalten! Oh, wenn ſeinem Vater ſo Etwas bevorſtehen könnte, ich würde ihn, wenn er im Sterben läge, nicht verlaſſen. Joſephine, wecken Sie den Herrn und ſagen Sie ihm, er ſolle auf der Stelle herkommen. Aber, gnädige Frau, der Herr ſchläft, der Herr Marquis iſt ſehr ermüdet, er wird unwillig werden. Ich verſichere Madame, daß er mich ſchlecht empfangen wird. Und dann befindet ſich ja die Frau Vicomteſſe nicht übler... Sie röchelt, hören Sie es nicht? Rufen Sie den Marquis, ſage ich Ihnen, und unterſtehen Sie ſich nicht, ferner zu raiſonniren. Und auf das Bett ihrer Mutter zuſtürzend, warf ſie ſich auf die Kniee und brach in Schluchzen aus, ohne zu bedenken, daß ſie die Kranke aufwecken würde, auch hier, wie überall, von ihrer Leidenſchaftlichkeit fort⸗ deriſſen/ Nichts mit Ruhe und Vernunft faſſend und eurtheilend in Folge einer Sinnesart, die ganz beſon⸗ ders unheilvoll iſt, unheilvoll für uns ſelbſt, denn ſie läßt uns nie zu Ruhe uud Frieden kommen, und un⸗ heilvoll für unſere Umgebung, denn begegnet ſie edlen Naturen, ſo ſchmerzt ſie dieſelben, begegnet ſie mittel⸗ mäßigen, ſo ſtößt ſie dieſelben zuruͤck, begegnet ſie ver⸗ kehrten, ſo reizt ſie dieſelben durch ewigen Widerſpruch zum Böſen. 125⁵ Amadee kam halbangekleidet, mit ſchlaftrunkenen Augen und unruhvollem Geſichte. Was gibt es, meine Liebe? Was haſt Du? fragte der Marquis. Meine Mutter ſtirbt, Amadee, und ich will in einem ſolchen Augenblick nicht allein ſein. Deine Mutter ſtirbt! Wie? Iſt ſie leidender gewor⸗ den? Aber nein, ſie ſchläft, ſie klagt nicht. Wer hat Dir dieſe neue Beunruhigung einflößen können? Sie wiſſen es recht gut, Amadee. Der Arzt hat Sie in Kenntniß geſetzt, wie mir Joſephine geſtand. Joſephine hatte Unrecht, Sie zu quälen, meine Liebe, wir wiſſen nicht mehr als Sie. Ihre Mutter iſt ſehr krank, ich geſtehe es, allein die Gefahr iſt keine ſo un⸗ mittelbare. Man kann... Es iſt alſo eine große Gefahr vorhanden, Du gibſt es zu und willſt mich dennoch allein laſſen? Immer Vorwürfe, Beatrix! Glaubſt Du denn, ich fühle nicht mit Dir? Aber ich ſah Deine Mutter ruhig, ich war ſehr müde, hatte drei Nächte hinter einander ge⸗ wacht, heute Morgen ſechs Stunden zu Pferde zuge⸗ bracht, und glaubte alſo für ein paar Stunden mich niederlegen zu dürfen. Wenn Du mein Herz anklagſt, ſtatt meiner Kräfte, ſo will ich hier bleiben. Oh, nein, nein! ſchrie ſie und warf ſich in ſeine Arme. Geh' und leg' Dich wieder ſchlafen. Ich bin eine Närrin, ein ungerechtes Geſchöpf. Ich will nicht, daß Du Dich noch mehr ermüdeſt. Geh'! Und wenn Du meinem Rathe Gehör gibſt, wirſt Du es machen wie ich, Beatrir. Joſephine ſoll Angela wecken und ſie werden mitſammen wachen. Frau von Chamarante bedarf Deiner jetzt nicht. naf Ich werde meine Mutter keinen Augenblick ver⸗ aſſen. Selbſt nicht, wenn ich Dich darum bitte? 3 Selbſt dann nicht. Ich befinde mich ganz wohl und die Unruhe würde mich verhindern, einzuſchlafen. Geh'! 126 Du willſt mich alſo nicht hier haben? Nein, nein, geh', geh', ich bitte Dich darum. Ich gehorche, aber unter der Bedingung, daß man mich ſogleich wecke, wenn Du meiner irgendwie beduͤrfteſt. Als er hinausging, ſagte ſie kopfſchüttelnd: Oh, wenn er mich recht liebte, würde er mich nicht ſo ſchnell verlaſſen haben. Denke ich denn daran, zu ſchlafen, ich? Und zufolge der Gewohnheit leidenſchaftlicher Weſen beurtheilte ſie die Anderen nach den Eingebungen der Leidenſchaft, die falſcheſte, vorurtheilvollſte Beurtheilungs⸗ art, denn ſie ſchließt die Billigkeit aus. Alles iſt relativ. Warum alſo von einem Strauch die Stärke einer Eiche fordern? Warum von einer kalten Seele unmögliche, ja ich ſage ſogar ihr ganz unverſtändliche Opfer verlangen? Hieraus folgt mit Nothwendigkeit die Ungerechtigkeit und die Inconſequenz. Das Herz gibt nach, aber die Leidenſchaft widerſtrebt. Am nächſten Morgen befand ſich die Marquiſe noch übler und ihr Zuſtand wurde mit jedem Augenblick be⸗ drohlicher. Die Unruhe und der Schmerz ihrer Tochter kann⸗ ten keine Grenzen mehr. Sie war beinahe ſo krank wie ihre Mutter. Ihr Mann bot alle Hülfsmittel der wahrſten Zu⸗ neigung auf, um ihre Verzweiflung zu täuſchen und ihr in dieſer Zuneigung ſelbſt einen wirkſamen Troſt darzubieten. Neben einander an dem Sterbebett ſtehend und einander ſtützend, boten ſie ein rührendes Gemälde der Zukunft Angeſichts einer Vergangenheit, welche zu verſchwinden ſich anſchickte.. Frau von Chamarante behielt ihr Bewußtſein, als fe ihr Ende herannahen fühlte, und nachdem ſie die irchlichen Saeramente empfangen, berief ſie ihren Schwie⸗ gerſohn, ihre Tochter und Robert zu ſich. Beatrir, ſprach ſie mit feſter Stimme, ich laſſe Dich glücklich zurück und ſterbe daher ruhig. Aber präge 127 Dir Folgendes wohl ein. Wenn das Gluͤck Dich ver⸗ laſſen ſollte, ſo wird das Deine Schuld ſein, nicht die Deines Herzens, wohl aber die Deines Kopfes, welchen Du regeln lernen mußt. Ach, ich habe das verſäumt, weil ich Dich zu ſehr geliebt. Ich habe nicht nothig, von Deiner Tochter zu ſprechen. Du wirſt Sie, wie ich hoffe, gut erziehen. Ihnen, Amadee, vermache ich mein koſtbarſtes Gut, die einzige Liebe meiner Seele, mein Kind. Seien Sie immer gut mit ihr, erwidern Sie die Liebe, welche ſie für Sie hegt, ſchonen Sie dieſe argwöhniſche und leicht verletzbare Liebe, führen Sie end⸗ lich meine Tochter ſo durch's Leben, daß ich, wenn wir uns dort, wohin ich zu gehen im Begriffe bin, wieder⸗ ſehen, Sie mit dem Segen einer dankbaren Mutter empfangen kann. Robert, Sie ſind der einzige Ver⸗ wandte, der einzige Beſchützer der Waiſe, wenn ihr Gott den nehmen pollte, welchen ich ihr gegeben. Ich beſchwöre Sie, verlaſſen Sie ſie niemals, wachen Sie über ſie, ſeien Sie ihr Freund und Bruder, thun Sie für ſie, was ich für Sie gethan, als Ihnen der Tod Ihre zärtlichen Eltern entriß. Sie verſprechen mir das, nicht wahr? Bleibt alle Drei beiſammen, lebt mitſam⸗ men ſo viel immer möglich. Die beſten Freunde ſind die Familie, glaubt mir. Ich ſterbe ruhig, weil ich überzeugt bin von der Heilighaltung eurer Verſprechen, ohne Beunruhigung hinſichtlich meiner Beatrir, ſo wie meiner Enkelin. Sie werden ſie beſchützen, Amadee, und auch Sie, Robert; ihr werdet ſie vor allen Uebeln und Gefahren bewahren. Ich rechne darauf, ich zähle darauf, meine Söhne. Die jungen Männer ſchluchzten, Beatrir war dem Tode nahe und bedeckte ihre Mutter mit Küſſen, ganz unbekümmert um die Gefahr, von der tödtlichen Krank⸗ heit erfaßt zu werden. Sie weinte nicht mehr, ihre Thränen waren verſiegt, allein ihre Bruſt ſchien unter herzzerreißenden Seufzern brechen zu wollen. Der Todeskampf der Frau von Chamarante dauerte mehrere Stunden an. Endlich, gegen Abend zu, ſtarb ſie. Ein ſchon zum Voraus beſpannter Wagen erwar⸗ tete die Marquiſe, um ſie nach dem Schloß von Ma⸗ nières zu bringen, wo ſich Flavia bereits befand. Man brachte ſie bewußtlos in den Wagen. Als der Marquis an ihrer Seite Platz nahm, hän⸗ digte ihm ein Diener die ſo eben gebrachten Briefe ein und er wollte ſie gleichgültig in die Taſche ſtecken, als ihn die Handſchrift einer der Adreſſen wie ein ſchmerz⸗ licher Schlag traf. Er öffnete haſtig das Couvert, und nachdem er die Unterſchrift geſehen, ſtieß er einen er⸗ ſtickten Schrei aus und warf einen Blick des Schreckens auf ſeine noch immer beſinnungsloſe Frau. 16. Der Brief. Die Gräfin von Manières empfing Frau von Monza mit der Achtung und dem Zartgefühl, welche ein ſo großes Unglück verdienten. Sie räumte ihr das beſte Gemach des Schloſſes ein, wo man ihr alle Hülfe eines verſtän⸗ digen Mitgefühls angedeihen ließ. Fortwährend nachdenklich und träumeriſch, antwor⸗ tete Amadee ohne zu hören. Eine tiefe Zerſtreuung hatte ſich ſeiner bemächtigt. Hatte er doch ſo eben eine ſo ſeltſame Nachricht erhalten. Er blieb einige Stunden bei ſeiner Frau und kehrte dann nach Neuillé zurück, um gemeinſchaftlich mit Robert die Anordnungen der Leichenfeierlichkeiten zu treffen. „Der Baron von Chelles quartirte ſich in Manières ein. Er beklagte den Tod ſeiner Baſe auf allen Leiern des Directoriums und des Conſulats, indem er mitten in ſeinen Thränen unaufhörlich wiederholte: ich jüng Wen und Luſt finde den mer! frati theil von heit, Ihr⸗ beſſe irre ariſt dem an verl gew ich bin hab mit glie Jal es Gre Fre und terte ſie. var⸗ Ma⸗ Nan hän⸗ ein als terz⸗ und er⸗ kens nza oßes nach tän⸗ vor⸗ hatte e ſo nden kück, der eres iern tten 129 Die Vicomteſſe war acht Jahre und drei Monate jünger als ich... Es iſt gräßlich, ſo zu ſterben... Wenn nur Beatrix nicht von den Blattern angeſteckt iſt und die Seuche auch hier verbreitet. Ich habe große Luſt, davonzugehen. Auf dem Grunde faſt aller Schmerzen dieſer Welt findet ſich der Egoismus. Kaum allein in ſeinem Wagen, zog der Marquis den Brief aus der Taſche und las ihn zweimal auf⸗ merkſam durch. Vermöge unſerer ſchriftſtelleriſchen Auto⸗ fratie machen wir uns mit dem Inhalt bekannt und theilen denſelben dem Leſer mit. Der Brief trug die Unterſchrift: Ernſt. Er kam von London und lautete alſo: 3 „Sie werden ſehr erſtaunt ſein über meine Kühn⸗ heit, mein lieber Vetter, denn trotz alle dem, was Ihren Stolz dagegen empören könnte, ſind Sie, oder beſſer, biſt Du mein Vetter, ja ſogar, wenn ich nicht irre, mein Neffe nach Bretagne'ſcher Manier. Dein ariſtokratiſches Bewußtſein wird rebelliſch werden bei dem Gedanken, daß ich, der arme Paria, es wage, mich an Dich zu wenden, um eine Gefälligkeit von Dir zu verlangen, welche Du mir erweiſen wirſt, ich bin deſſen gewiß, denn es handelt ſich um eine heilige Schuld und 8 ich glaube nicht, vergeblich zu Dir zu ſprechen, wenn ich den Namen meines Vaters anrufe. „So ſonderbar Dir das auch vorkommen mag, ich bin hier in der beſten Geſellſchaft wohl aufgenommen, habe Erfolge im Salon und im Clubb, mache die Sports mit, bin Hahn im Korbe, und wenn Du irgend ein Mit⸗ glied der faſhionablen Welt fragſt, ob es den Grafen von Jauſſeliére, einen Edelmann aus Poitou, kenne, ſo wird es ſich aus dieſer Bekanntſchaft eine Ehre machen. Der Graf von Jauſſeliére beſitzt viel Geiſt, Eleganz und Frechheit, wenn Du willſt, aber ſeine Börſe iſt oft leer, und wie Figaro möchte ich Dir ſagen, daß ihr, d. h. Die blutige Marquiſe. 1. 9 130 Du und andere Auserwählte der Vorſehung, euch nicht vorſtellen könnt, wie viel Genie es erfordert, ſo zu leben, wie ich lebe. Ich würde mit weit geringerer Anſtren⸗ gung die ganze europäiſche Diplomatie lenken. „Ich ſtecke dermalen in einer großen Klemme. Ich habe geſpielt und nobler Weiſe zweitauſend Louis⸗ dor verloren, gerade wie damals an Dich, weißt Du? Du weißt auch, daß ich ein anſtändiger Spieler und irgend einer verächtlichen Gemeinheit unfähig bin. Ich habe daher von meinen Gegnern Nichts zu reclamiren; es iſt Alles ſtrengſtens nach den Regeln zugegangen. Allein meine Gelder ſind in dieſem Augenblicke nicht flüſſig. Ich habe einen Wechſel ausgeſtellt, derſelbe iſt fällig, die Geſetze gegen die Fremden ſind ſtrenge, und wenn ich ihn nicht einlöſe, wird man mich in's Ge⸗ fängniß bringen. Dann wird ſich die Polizei in meine Angelegenheiten miſchen, man wird gewiſſe Geheimniſſe entdecken und unſere Familie wird abermals einer ſtupi⸗ den und unverſchämten Oeffentlichkeit preisgegeben wer⸗ den. Frau von Monza hat, ſagt man mir, ein beträcht⸗ liches Vermächtniß von ihrem Vormund empfangen. Meine Freunde könnten nun leicht ausſtreuen, ich hätte mich an ſie gewandt, aber Nichts erhaltenz, wodurch dann dem Andenken meines Vaters eine neue Beleidi⸗ gung widerführe. Du begreifſt, Amadee, daß ſchaden⸗ frohe Geiſter dieß leicht benützen könnten, um einen Ehrenmann, welcher nicht mehr iſt, auf eine ziemlich brutale Weiſe zu ehren. Ich ſehe Dich lächeln bei den Worten: meine Freunde. Du glaubſt, ich hätte keine mehr; Du wähnſt in der Unſchuld Deiner Seele, daß das, was ihr mein Verbrechen nennt, was ich aber ein glückliches und nothwendiges Verhängniß nenne, mich aller und jeder Theilnahme beraubt haͤtte. Armer Thor, Du vergiſſeſt die, welche mich fürchten, Du ver⸗ giſſeſt die, welche mich brauchten, brauchen und brauchen werden, Du vergiſſeſt den großen Haufen der Indifferen⸗ ten und ECgoiſten, welche ſich an meinem Geiſt, an mein nach die art giſſe die e Fra Sch Gut die muß größ mir über ſtark rein unte ſie iſt ſ trotz will heine niſſe upi⸗ wer⸗ ücht⸗ gen. Fätte urch eidi⸗ den⸗ inen nlich den hätte eele, aber nne, mer ver⸗ chen ren⸗ an — 131 meiner Heiterkeit und an meinem Geld ergötzen, ohne ſich nach meiner Vergangenheit zu erkundigen; Du vergiſſeſt die Frauen, welchen meine Geſtalt und meine Sinnes⸗ art eine faſt allgemeine Sympathie einflößt; Du ver⸗ giſſeſt endlich die exaltirten Gemüther, welche ſich für die energiſchen Verbrecher begeiſtern, für die Jean Sbogar, Fra Diavolo und Zampa. Jeder Menſch, welcher die Schranken der Gewöhnlichkeit überſpringt, ſei es im Guten oder im Böſen, iſt ſicher, die Aufmerkſamkeit, die Neugierde und oft noch mehr zu erregen, und man muß es ſagen, das Böſe hat gewöhnlich einen weit größeren Erfolg. „Meine Energie, mein unbeugſamer Wille haben mir zuletzt einen unſchätzbaren Preis errungen, den Sieg über eine Frau, welche ebenſo energiſch, ebenſo willens⸗ ſtark iſt wie ich. Ich habe dieſes junge Mädchen, das reinſte und ernſteſte, welches ich je gekannt, mit Gewalt unterjocht. Sie mußte mich wider ihren Willen lieben, ſie wich meiner Allgewalt, meiner Bezauberung, und es iſt ſehr möglich, daß ich ſie, um den Vorurtheilen zu trotzen, bald zur Gräfin von Jauſſeliére mache. Ich will es Dich ſeiner Zeit wiſſen laſſen. „Du ſiehſt, ich verberge Dir Nichts, meine Seele und meine Projecte liegen offen vor Dir. Ich kenne Dich ſeit lange, Amadee, ich kenne Deine Schwäche, Deine Unentſchloſſenheit und geſtatte mir, es zu ſagen, ich ſehe böſe Inſtinkte in Dir ſchlafen. Du biſt ehrenhaft in Folge von Erziehung und Gewohnheit, aber laß einmal die Gelegenheit, die Nothwendigkeit kommen und wer weiß? ... Glaub' nicht, daß ich Dich beleidigen will; ich denke zu hoch dafür, wir ſind gute Freunde, gute Verwandte und ich verſpreche Dir, keinem Menſchen Etwas davon zu ſagen. „Ich erwarte die zweitauſend Louisd'or mit umgehen⸗ der Poſt. Für Dich iſt das eine Bagatelle. Sollte ich ſie aber nicht erhalten, ſo werde ich mich an Frau von Chamarante und an Frau von Monza wenden, die mich beſſer verſtehen werden als Du. Sollte ich aber bei ihnen ebenfalls übel ankommen, ſo würde ich, meiner Treu, ſagen: Meine Rolle iſt zu Ende, ſpielen wir die letzte Scene. Ich würde mich gefangen nehmen laſſen, wuͤrde mich nennen, das Vergangene beichten und die Gegenwart enthüllen. Man würde meine Auslieferung leicht erlangen, würde mich nach Paris führen und Sie hätten die Freude, meinen Proceß inſtruiren zu ſehen, als Zeuge zu erſcheinen, mich verurtheilen zu hören, jeden Morgen acht Colonnen in den Zeitungen über meine Thaten und Handlungen zu leſen und mich end⸗ lich auf den Greve⸗Platz begleiten zu können, um von dem Letzten meines Stammes zu lernen, wie man das Schaffot beſteigt. Du haſt nun die Wahl, denn was mich betrifft, ſo iſt mir die Sache ziemlich gleichgültig und ohne das junge Mädchen, von dem ich Dir geſpro⸗ chen und welches mich mehr als recht iſt beſchäftigt, hätte ich Nichts dagegen, den Roman auf eine recht eclatante Weiſe zu Ende zu bringen. Das iſt vielleicht nur auf⸗ geſchoben, und wenn ich mich zu ſehr langweile, ſo kann ich's ja noch immer ſo machen. „Adieu, mein guter Vetter; ſprich von mir zu Deiner Frau, wenn Du willſt, und zu Deiner Schwieger⸗ mutter, wenn Du kannſt. Mein Vater, der arme Mann! iſt doch an meinem ganzen Unglück ſchuld. Ich habe es ihm oft geſagt. Hätte es ihm gefallen, mich Offtzier werden zu laſſen und mir Beatrix zu geben, ſo wäre ich jetzt Oberſt und ein geachteter und geliebter Familien⸗ vater wie Du. „Apropos, man ſagt, Deine Frau liebe Dich zu ſehr. Nimm Dich davor in Acht, ſolche Exreſſe führen weit. 4 Ganz der Deinige,. Ernſt, Graf von Jauſſelière.“ Herr von Monza faltete den ſeltſamen Brief zu⸗ ſammen und verſank in Nachdenken. Er begriff dieſe Kühnheit, dieſe aus jeder Zeile ſprechende Kraſt der Schl Er w Dieb geehr und er ſi ein ertro gen verft ſellſe fuße eine Beif theit Moꝛr ſogl Vet über vor das Er eine mei geit lich wel erh delt mit wel Me Lei rung Sie hen, ören, über end⸗ von das was ültig ſpro⸗ hätte tante auf⸗ kann zu eger⸗ ann! habe fizier wäre lien⸗ ) zu weit. zu⸗ dieſe der 133 Schlechtigkeit und ſchmachvollen Entſchloſſenheit nicht. Er vermochte nicht, ſich dieſen Menſchen nach Mord und Diebſtahl lebend zu denken, und heiter, reuelos, faſt geehrt, wenigſtens geſucht. Seine Begriffe vom Guten und Böſen verwirrten ſich, er wußte nicht mehr, woran er ſich zu halten hätte. Mein Gott, ſagte er zu ſich, es iſt alſo möglich, ein ſolches Leben zu ertragen, ſogar mit Heiterkeit zu ertragen? Wie, die Geſpenſter der Ermordeten beunruhi⸗ gen den Schlaf des Schuldigen nicht? Wie, ſein Gewiſſen verfolgt ihn nicht ohne Unterlaß? Wie, die ganze Ge⸗ ſellſchaft erhebt ſich nicht wie Ein Mann, um ihn aus⸗ zuſtoßen? Ich hielt einen Edelmann, einen Mann der linen Welt eines Verbrechens für unfähig, und als das Beiſpiel Ernſt's mich auf entſetzliche Weiſe vom Gegen⸗ theil überzeugte, vermuthete ich, er würde ſich nach dieſem Moment der Verirrung und des Wahnſinns wenigſtens ſogleich den Hals brechen. Aber nein, man lebt noch! In Neuillé angekommen, theilte der Marquis ſeinem Vetter Robert die Forderung Ernſt's mit. Beide kamen überein, daß es nöthig ſei, dieſe Forderung ſorgfältig vor der trauernden Beatrix zu verbergen, daß man aber das Verlangen Ernſt's auf der Stelle erfüllen müſſe. Ach! ſagte Robert, wie iſt es Schade um Ernſt! Er war mit einem ſo ausgezeichneten Verſtande, mit einem ſo energiſchen Charakter geboren! Ich glaube, mein Oheim hat ſich in der Richtung ſeiner Erziehung geirrt. Ich kenne keinen verführeriſcheren, unwiderſteh⸗ licheren Menſchen, aber ich beklage das arme Mädchen, welches er ſich unterworfen. Wenn ſein Vortheil es rrheiſöt, wird er ſie behandeln, wie er Sophie behan⸗ elte...... Der Leichenzug der Frau von Chamarante wurde mit all dem Pomp und all dem Reichthum angeordnet, welchen ihre Stellung und ihr Vermögen forderte. Der Marquis, Robert und Herr von Chelles geleiteten die Leiche nach Paris in die dortige Familiengruft und kehr⸗ 134 ten dann zu Beatrir zurück, welche das Land zu verlaſſen wünſchte, da ihr Schmerz dort von Tag zu Tag zunahm. Nachdem die Waiſe der Frau von Manidres für ihre wohlwollende Gaſtfreiheit Dank geſagt, beſtieg ſie mit ihrem Mann und ihren Vettern den Reiſewagen und kehrte in das Hotel in der Straße Vendome zurück. Sie betrat daſſelbe nie ohne Bewegung, aber dieß⸗ mal war ihr Schmerz ein tiefer. Seit ihrer Geburt war ſie von ihrer Mutter vergöttert worden. Sie hatte an ihr jene unaustilgbare Güte, jene unverwüſtliche Duldſamkeit gefunden, wie nur ein Mutterherz ſie hegt. Sie war nie allein nach Hauſe gekommen, ohne von ihrer Mutter erwartet zu werden. Als ſie daher jetzt der Freitreppe ſich näherte, ſo fand ſie ſtatt der Mutterarme, die geöffnet waren, ſie zu empfangen, ſtatt dieſes zärt⸗ lichen Empfangs, ſtatt des gewohnten Freudeläͤchelns, nur eine Gruppe weinender Diener. Sie warf ſich Amadee an die Bruſt, ſchluchzend und unaufhörlich ausrufend: Ich habe nur noch Dich! Ich habe nur noch Dich! Sei vernünftig, Beatrix; denke an Deine Tochter und erſchrecke ſie nicht durch ſolche unmäßige Ausbrüche. Sieh, das arme Kind weiß nicht, was das bedeutet. Die alte Haushälterin und alle Dienſtleute der Frau von Chamarante umgaben die Einfahrt und ſtürzten zugleich vor, um ihre Gebieterin zu unterſtützen. 3 Seid ruhig, meine Freunde, ſagte der Marquis. Frau von Monza wird Euch Alle behalten. Ihr werdet das Hotel bewohnen, als ob unſere Mutter noch lebte, und wir werden eure treuen Dienſte mit Dankbarkeit annehmen. 3 Ein achtungsvolles Gemurmel der Befriedigung ließ ſich vernehmen und Frau Angela erwiederte ihrer Thrä⸗ nen ungeachtet im Namen Aller: Dank, Herr Marquis! Dank, Frau Marquiſe! Es iſt dieß der Wille meiner Mutter, ſagte Beatrix mit erlöſchender Stimme, und ihr, nicht uns gebührt euer Dank. aſſen ahm. für g ſie und dieß⸗ burt hatte liche hegt. von der rme, zärt⸗ Ans, adee 1d: Dich! chter üche. utet. Frau zten zuis. erdet bte, rkeit ließ hrä⸗ trix ührt 135 Ungeachtet der Bitten Amadee's bezog Beatrir die Gemächer der Frau von Chamarante und blieb die zwei erſten Tage faſt ganz allein. Sie ertrug nur die Gegenwart ihres Mannes und wollte ſelbſt Robert und Flavia nicht ſehen. Das Kind blieb alſo unter der Aufſicht des Vaters ganz der Sorgfalt ſeiner Gouvernante überlaſſen. Frau von Monza erkundigte ſich ganz einfach nach dem Be⸗ finden ihrer Tochter und fing dann in den Armen ihres Mannes von Neuem zu weinen an. Dieſe Lage der Dinge währte einige Wochen. Die Pforte des Hotels blieb feſt verſchloſſen, kein Verwandter, kein Freund näherte ſich dem Gemach der Trauer. End⸗ lich forderte Amadee, welcher für die Geſundheit ſeiner Frau zitterte, ſie ſolle Robert bei ſich empfangen. Du mußt es, meine Freundin, ſagte er zu ihr; Du haſt gegen ihn den Wunſch Deiner Mutter zu erfüllen und ich wundere mich, daß Du nicht ſchon lange daran gedacht. Den Wunſch meiner Mutter, welchen denn? Das Teſtament ſagt ausdrücklich, daß der Graf Robert von Chamarante eine Wohnung in unſerem Hotel erhalten ſolle und, wenn es ihm angenehm iſt, einen Platz an unſerer Tafel. 5 Das iſt wahr, ich hatte es vergeſſen. Ich habe keinen Gedanken mehr, ich leide ſo ſehr. Laß meinen Vetter rufen, ich bitte Dich. Robert fühlte ſich beim Anblick von Beatrix ſehr bewegt und fand ſie ſehr verändert. Indem er ihr die Hand küßte, ließ er eine Thräne darauf fallen. Meine Mutter wünſchte, daß Sie hier wohnen ſoll⸗ ten, Robert. Wollen Sie? Der Wille meiner theuren Tante ſtimmt mit dem meines Herzens überein, Beatrir. Ich wäre glücklich, wenn ich Sie nicht mehr verlaſſen muͤßte. Und Sie werden mein Bruder bleiben, wie in un⸗ ſerer Kindheit, nicht wahr? Sie werden Amadee lieben wie mich ſelbſt, und Flavia wie Amadee? 136 Theure Couſine, ſind nicht wir Zwei unſere ganze Familie? Wer trägt außer Ihnen und mir den Namen Chamarante? Ich zähle darauf, heute meine Mutter zu beſuchen. Ich bin ſtark genug zu dieſem Beſuch, welchem Herr von Monza ſich bis jetzt widerſetzte. Sie werden mit⸗ kommen, hoff' ich. Es iſt dieß nicht mein erſter Beſuch bei dieſem Grabe, theure Couſine, und ich kann Ihr Führer ſein. Wir werden Flavia hinführen. Ich will ſie frühe an dieſe Pflichten gewöhnen. Läuten Sie, Robert, damit man ihre Gouvernante davon in Kenntniß ſetze. Die Gouvernante und Flavia, ſagte Amadee, ſind ſeit heute Morgen außer dem Hauſe. Ich habe ſie zu der Herzogin von Alagny nach Auteuil geſchickt. Beatrix wurde hochroth. Sie haben ohne meine Einwilligung meine Tochter zu Frau von Alagny geſchickt? Man verfügt alſo über meine Tochter, ohne daß ich es weiß? Man ſchicke einen Diener hin und laſſe ſie auf der Stelle holen! Fräulein Perrin ſcheint mir etwas keck, daß ſie ſich ſolche Freiheiten herausnimmt. Fräulein Perrin hat ſich nichts herausgenommen, meine Liebe. Weil ich Flavia bleich fand und dachte, die Luft würde ihr gut thun, ſchickte ich ſie zu der Her⸗ zogin, welche mich darum bat. Ah, Sie haben alſo die Herzogin geſehen? Und wann dieß? und wo? Ich ſah die Herzogin nicht. Sie ſchrieb mir. Wo iſt der Brief? Ich habe ihn verloren. * Amadee! Meine kleine Couſine, fiel Robert ein, indem er lächelnd ihre Hand ergriff, werden Sie nicht böſe. Ich will Flavia holen. Gewiß, Robert? Auf der Stelle. anze men hen. Herr nit⸗ ſem in. ühe mit ſind zu hter ber nen ein ten en, zte, er⸗ ind ch 137 So geh' und komme ſchnell zurück. Ich danke Ihnen, Vetter. Sie ſind gut und aufmerkſam, Sie! Gehen Sie, ich erwarte Sie. Der Graf eilte hinweg, vielleicht froh, einer Ehe⸗ ſtandsſeene zu entrinnen. Als ſich die Thüre hinter ihm ſchloß, betrachtete die Marquiſe ihren Mann, welcher am Kamin lehnte. Sie haben alſo dieſen Brief verloren, Amadee? Das iſt ſeltſam.. Im Gegentheil, das iſt ſehr einfach. Ich legte ihm durch⸗ aus keine Wichtigkeit bei und weiß nicht, wohin er gekommen. Sehr gut! Sie begreiſen, ich vermuthe, daß dieß Alles nicht ſo zufällig zugegangen iſt. Es beliebt Ihnen, meine Tochter ohne meine Einwilligung zu einer Fremden kommen zu laſſen. Ich kann Sie nicht daran hindern, denn Sie ſind ihr Vater. Was aber das Fräulein angeht, welches ich, verſtehen Sie? ich für meine Tochter angeſtellt, ſo hat daſſelbe nur von mir Befehle zu em⸗ pfangen. Die Gouvernante wird heute Nacht nicht mehr im Hotel ſchlafen, ich verſichere Sie. Wir wollen doch ſehen, wer Herr in meinem Hauſe iſt, ich oder ſie. Deßhalb Fräulein Perrin fortſchicken? Beatrix, Sie denken gewiß nicht daran. Ich denke daran und es wird geſchehen. Ich widerſetze mich ausdrücklich. Sie 2 Ja, ich widerſetze mich. Es iſt ungerecht, es iſt einfältig, und es ſoll nicht ſein. Ah, wirklich! Ihre Frau, die Marquiſe von Monza ſollte nicht das Recht haben, eine ungehorſame Gouver⸗ nante wegzuſchicken? Beſtehen Sie alſo darauf, mich unter Vormundſchaft zu halten? Ach, meine Liebe, ich höre nicht auf, Ihnen zu ſagen, daß Sie unumſchränkte Herrin ſeien. Sie ſind es, welche mir das verleidet. Und ſowie ich meinen Willen zeige, ſtellen Sie ihm den Ihrigen entgegen. 138 Sie ſind unvernünftig. Ich bin Mutter und Ihre Frau. Die Gouvernante wird gehen. Nein. Sie wird gehen, ſage ich Ihnen. Nein. Und welche Gründe haben Sie, mir das zu ver⸗ wehren?... Wenn ſie nicht ſo häßlich wäre... Und dennoch, das iſt kein Hinderniß... Die Männer... Oh, Beatrix! Die Gouvernante meiner Tochter! Was verſchlägt das Ihnen, ihr Herren? Sie glauben nicht an das, was Sie ſagen. Ich glaube daran, und wenn Sie meinem Willen noch ferner widerſtreben, werde ich nicht mehr daran zweifeln. Mein Gott, dachte Amadee, es iſt keine Möglichkeit, mit dieſer Frau zu leben. Dann ſagte er laut: Aber.... Aber... wollen Sie? Ja oder nein! Es iſt abſurd, ich wiederhole es Ihnen. Bedenken Sie: ſie oder ich. Beſtehen Sie darauf, ſie zu behalten, ſo führe ich meine Tochter weg und ziehe mich mit ihr in die Abtei aux Boir zurück. Sie ſind verrückt, Beatrir! In dieſer Manier währte das Geſpräch länger als zwei Stunden, bis ſich endlich der ermüdete Marquis das Wort entreißen ließ, welchem die Frauen nicht genug mißtrauen und welches ſo ſturmverheißend iſt, das Wort: Thun Sie, was Sie wollen, und laſſen Sie mich in Ruhe. Beatrix begnügte ſich mit dieſer erzwungenen Zu⸗ ſtimmung, und als Flavia, von Robert und der Gou⸗ vernante begleitet, zurückkam, ſchickte ſie das Kind auf ſein Zimmer und behielt Fräulein Perrin zurück. Fräulein, ſagte ſie zu ihr, gehen Sie zu Herrn Gaucher, übergeben Sie ihm die Hausrechnungen und ante 139 fordern Sie die Ihrige. Er wird Ihnen von Seiten des Herrn Marquis für drei Monate Lohn als Grati⸗ ſication zuſtellen und Sie werden heute Abend das Hotel verlaſſen. Aber, Frau Marquiſe, wie habe ich das verdient?... Ihre Erziehungsmethode gefällt mir nicht, Fräͤulein, und die Gouvernante meiner Tochter muß vor Allem einzig und allein mir gehorchen. Ich wünſche Ihnen anderswo beſſern Erfolg. Adieu. 17. Der Wurm in der Blume. In dieſer Alternative und unter ſolchen Zwiſtig⸗ keiten, welche, gleich dem Roſte am Eiſen, allmälig die Amadee durch Beatrix auferlegte Feſſel zerfraßen, ver⸗ gingen einige Jahre. Es wäre überflüſſig und lang⸗ weilig, die Geſchichte dieſes Verfalls eines Glückes, das lest erloſch und einer trüben, reiz⸗ und eintrachtloſen riſtenz Platz machte, Tag für Tag zu erzählen. Der Marquis gab zuerſt ſeiner Frau aus Liebe nach, dann aus Schwäche, dann aus Gewohnheit und endlich, weil er des Kampfes müde war, bis ſich die Gelegenheit dar⸗ bot, dieſes unerträgliche Joch abzuſchütteln und ſeine Freiheit zu erlangen. Die Herzogin von Alagny faßte von Neuem eine Zuneigung zu Beatrir, die ſie wirklich bemitleidete. Sie verſuchte ihr Vertrauen wieder zu gewinnen, ſte wollte ihr Leben von Neuem leiten, Beatrix entzog ſich jeder Verbindung; ihre blinde Eiferſucht brachte ſie dazu, daß ſie das wirkliche Intereſſe dieſer Frau, die eine der Säu⸗ len der Pariſer Geſellſchaft war, verkannte und ſich aus ihr eine um ſo gefährlichere Feindin machte, als dieſelbe von ihr ſehr verletzt worden war. 140 Die Herzogin äußerte ſich eines Tages laut in ihrem ben Salon, als von der zum Sprichwort gewordenen Eifer⸗ ten ſucht der Marquiſe die Rede war: huß Man möchte Luſt bekommen, ihr Recht zu geben. Vn Dieſe Aeußerung wurde den Betheiligten hinter⸗ Fl bracht. Frau von Monza verdoppelte ihren Haß, ihren 1 Argwohn, ihre verſteckten Impertinenzen gegen die, welche ſie ihre Nebenbuhlerin nannte. Amadee dagegen be⸗ rei dachte, wie viel Geiſt die Herzogin beſitze, welchen Ge⸗ 6 nuß ihre Unterhaltung ihm verſchaffe, welches Feuer in ihren Augen lodere; die wenigen Jahre, die ſie von ihrer erſten Jugend trennten, verſchwanden vor dieſem Allem und er machte ihr ernſthaft den Hof. Frau von Alagny liebte ihn nicht; von gerader und offener Natur, ließ ſie ihm keine Hoffnung, ſie je zu rühren; allein ſie war nicht gutherzig genug, ſich das Vergnügen zu verſagen, Beatrir zum Lohn für ihre un⸗ gerechten Vermuthungen zu quälen. Die geſchickteſten Künſte der Koketterie wurden in Anwendung gebracht, um Herrn von Monza gerade auf dem Punkte zu be⸗ halten, wo man ihn zu haben wünſchte, um ſeine Frau zu beunruhigen, ohne ihren Abgott gerade zu compro⸗ mittiren. Allmälig ſpaltete ſich die junge, bis dahin ſo einige Haushaltung; allmälig bekam der Marquis Ein⸗ ladünaen und nahm Geſellſchaften ohne die Marquiſe an. ieſe beklagte ſich darüber mit dem ganzen Jäh⸗ B zorn und der ganzen Ungeberdigkeit ihres Charakters; ihn ihr Mann floh ſie noch mehr und ſo gelangte man dazu, 19 daß Jedes ein eigenes Schlafzimmer bezog und nachher, ſic daß Amadee ſich eine Wohnung im erſten Stockwerke, 8 neben der Roberts, einrichtete, um ſich einriegeln zu ha können, wenn er allein zu ſein wünſchte. der Jeder neue Eingriff führte eine neue Scene herbei, be allein als tapferer und an das Feuer gewöhnter Soldat wi befeſtigte ſich Amadee ruhig in ſeinen Stellungen und hit dachte an eine andere Eroberung. 8 Man verſuchte es mit ſieben oder acht Gouvernan⸗ 141 ten; Alle mißfielen Beatrir, die Einen, weil ſie ſich zu dienſtbefliſſen, die Andern, weil ſie ſich zu nachläſſig zeig⸗ ten. Man mußte ſie unaufhörlich wechſeln; die Erzie⸗ hung und der Charakter des Zöglings litten darunter und es bedurfte wirklich der ausnahmsweiſen Natur Flavia's, um ſolchen Prüfungen geſund und wohlbehal⸗ ten zu entgehen. In dem Augenblick, zu dem wir gelangt ſind, er⸗ reichte das Kind ſein dreizehntes Jahr; die Entzweiung ſeiner Eltern war eine vollſtändige und das traurige Syſtem, das man ſeit ſeiner Geburt gegen das Mädchen befolgt hatte, blieb immer daſſelbe. Sein Vater betete es an und beſchäftigte ſich angelegentlich mit ihm, wenn ſeine Zerſtreuungen außerhalb des Hauſes es ihm geſtat⸗ teten. Seine einzig von ihrer Leidenſchaft beherrſchte Mutter ſah es nur, wenn ihr gerade der Schuß ankam, und dann immer mit derſelben Ueberſpannung, wie ehe⸗ mals. Wenn ſie nicht in ihrem Zimmer weinte oder ihrem Mann eine Scene machte, ſo lief ſie in Geſell⸗ ſchaft, zu Bällen, machte Beſuche, kurz man traf ſie überall an. Immer ſchön, immer von unantaſtbarem und unangetaſtetem Rufe, lebte ſie mitten in der Menge in einer Sphäre für ſich, wohin ihr Niemand folgen konnte und wo Niemand ihren Gedanken verſtand. Die verſchiedenen Gouvernanten leiteten nach ein⸗ ander im Einverſtändniß mit dem Marquis und ohne Beatrir's Einmiſchung, die wie eine wahre Fremde in ihrem Hauſe lebte, das Hausweſen. Dieſe Art innerer Anarchie zog eine gewiſſe unvermeidliche Unordnung nach ſich, von der die Marquiſe nicht einmal eine Ahnung hatte. Ihre Liebe, ihre Eiferſucht löſchten ihre glänzen⸗ den Fähigkeiten aus. Ihr Geiſt verlor ſeinen ſprudeln⸗ den Witz, ihre Talente verkümmerten, ſogar ihr Wille beugte das Haupt; ſie war nicht mehr das reizende, ver⸗ wöhnte Kind, deſſen Anmuth und Herzigkeit die Fehler hinter einem Lächeln verbaygen; ſie war eine unnütze, traurige, oft unangenehme Frau, die unfähig war, ſich 142 weder mit ihren Angelegenheiten noch mit ihren Pflich⸗ ten zu beſchäftigen, die ihr innerſtes Leben einer uner⸗ wiederten Liebe hingab, die durch ihre Taktloſigkeiten ſelbſt diejenigen von ſich entfernte, welche durch ihr gu⸗ tes Herz und ihre liebenswürdigen Eigenſchaften auf immer an ſie gefeſſelt worden wären, und die vor allen Dingen jenes unheilbare Unglück, ein tödtlich verwun⸗ detes Herz, mit ſich ſchleppte. Frau von Alagny empfing Amadee immer, obwohl ihre erkünſtelte Vertraulichkeit zu Ende war und Frau von Monza laut erklärt hatte, ſie werde ſie nicht mehr ſehen. Eines Abends, an einem ihrer kleinen Em⸗ pfangstage, rief ſie den Marquis zu ſich, während ſie mit dem Baron von Chelles plauderte, und inter⸗ pellirte ihn in jener Weiſe, die einem ganzen Cirkel Schweigen auflegt. Iſt es wahr, Herr von Monza, daß Fräulein Bed⸗ ſon Flavia verlaſſen hat? Ja, Frau Herzogin. Dieſes Kind iſt wie der ſelige Herr Regent, es kann keine Gouvernante aufziehen. Wir haben deren erſt ſieben gehabt, antwortete der Marquis mit einfältiger Miene. Wohlan, Marquis, wenn Sie Vertrauen zu mir haben, ſo will ich Ihnen die achte geben.... jedoch unter einer kleinen Bedingung, fügte ſie mit leiſerer Stimme hinzu. Unter welcher? 4 Daß meine Gouvernante, welche der Phönir der Gouvernanten iſt, nicht fortgeſchickt wird, ohne zu wiſ⸗ ſen, warum; daß Sie dieſelbe vertheidigen, wie Sie die Riegel Ihres Zimmers vertheidigen, und daß Sie mir für die Stellung derſelben bei Ihrer Tochter gutſtehen. Welche Rechte hat ſie auf eine ſo ungeheure Gunſt? Erſtlich beſchütze ich ſie und ferner hören Sie ihre Geſchichte; wenn Sie dieſelbe nicht bewunderungswürdig finden, ſo verbiete ich Ihnen, es mir zu ſagen. Fräu⸗ 143 lein Chriſtine Orthez iſt ein Kind aus dem Volke, ja, Marquis, aus dem Volke; wir bilden uns nichts auf unſere Abkunft ein, wir ſind zu ſtolz und beſitzen zu viel Geiſt hiezu. Sie iſt durch Barmherzigkeit auferzogen worden, ihre Eltern ließen ſie als fünfjährige Waiſe zu⸗ rück und der alte Beſitzer des benachbarten Schloſſes er⸗ barmte ſich ihrer, als er ſie ſo verlaſſen ſah, ließ ſie in's Schloß kommen, übergab ſie der Beſchließerin, machte ſich täglich einige Zeit mit ihr zu ſchaffen, entdeckte eigenthümliche Anlagen bei ihr und vermachte ſie, als er ein Jahr nachher ſtarb, dieſer Beſchließerin gleich einem Hunde oder einer Lieblingskatze, indem er ihr eine Penſion unter der einzigen Bedingung ausſetzte, dem Mädchen eine glänzende und ausgszeichnete Erzie⸗ hung zu geben. Es waren Aufſeher ernannt und die wackere Frau ſollte ihre Penſion verlieren, wenn Chri⸗ ſtine nicht eine Frau von Stasl oder eine Madame Sand wüuͤrde. Man gehorchte dieſer Verordnung, brachte das junge Mädchen hierher, es lernte Alles, was man lernen kann, es ward eine treffliche Muſikerin, malte ausgezeichnet, es redete alle bekannten Sprachen, ſchrieb wie Voltaire und ſprach wie Maſſillon, worauf ihre Beſchützerin ihr eine Stelle als Unterlehrerin verſchaffte und ſie zu überreden ſuchte, den Schleier zu nehmen. Statt deſſen begleitete Fräulein Orthez eine ihrer Schü⸗ lerinnen nach England, an den Rhein und ich weiß nicht, wohin noch, vollendete ihre Erziehung und ver⸗ ließ ſie erſt am Altare. Selbſt da hätte ſie dieſelbe noch nicht verlaſſen, wenn nicht ein Verwandter der Dame, ihr Schwager, glaub' ich, ſich in den Kopf geſetzt hätte, ſie zu verführen. Chriſtine erklärte dieſe Abſicht der Familie und verlangte, nach Frankreich zurückzukehren. Sie ſehen, nie zeigte ſich die Tugend herrlicher. Man bat ſie vergeblich, zu bleiben, man bot ihr Paläſte und Kaleſchen an, ſie verweigerte Alles und kam, durch die Freigebigkeit ihrer ehemaligen Gebieter mit Geſchenken uͤberſchüttet, hier an, wo ſie eine neue Familie ſucht, »* 144 der ſie durch ihre Leiſtungen dienen könnte. Meine Schwie⸗ germutter hat ſie mit ihrer Schülerin in Ems kennen einen gelernt und mir empfohlen. Ich habe ſogleich an Sie gedacht. Ich würde Ihnen ſagen, ſie mit geſchloſſenen Augen zu nehmen, wenn ſie nicht einen furchtbaren Feh⸗ Nar⸗ ler hätte. Und darf man den wiſſen? ſtand Einen Fehler, um den viele Frauen ſie beneiden würden und den ich ihr für meinen Theil ſehr gerne ben abnähme. Nun denn? Sie iſt zu ſchön. Sie haben Recht, das iſt ein ungeheurer Fehler an einer Gouvernante. Ihre Schönheit iſt ſehr originell und das rettet ſie; ben dumme Perſonen, und deren gibt es viele, verſtehen ſie nicht. Sie hat etwas Wildes, Ungewöhnliches, den Blick. eines Panthers, eines Tigers. Verſtehen Sie, die An⸗ muth der Kätzin und die Wildheit der Löwin. Dieſe Augen wechſeln willkürlich die Farbe, ſie leuchten durch ihr die Nacht; iſt man ihnen einmal begegnet, ſo vergißt man ſie nicht mehr; im Mittelalter hätte man ſie als Hexe verbrannt. 4 Ihre Wie können Sie mir ein ſolches Frauenzimmer vor⸗ dabe ſchlagen, Herzogin? Geſch Sie iſt die Einzige, die für Sie paßt. Die Marquiſe wird mir keinen Augenblick mehr ſchick Ruhe laſſen. Sie irren ſich. Dien Wie alt iſt ſie?— gern Sieben⸗ bis achtundzwanzig Jahre. wit Jünger als Beatrix! Da kann ich ſie unmöglich mern nehmen. 1 Im Gegentheil. Dieſes Mädchen übt einen ſolchen Herz Zauber über ihre ganze Umgebung aus, daß Nichts ihr widerſtehen kann. Beatrir wird ſie anbeten. verhe Aber ich, wenn ich ſie vollends auch anbete? 145 Dann entfliegt ſie Ihnen; man kann ſie nur vor einem Notar anbeten; das iſt ausgemacht bei ihr. Da will ich mir die Gefahr nicht aufladen. Sie, Marquis! ein in ſeine Frau ſo verliebter Narr! Sie laufen keine Gefahr. Amadee beantwortete dieſen Spott nicht. Es ent⸗ ſtand für einen Augenblick Schweigen. Kommen wir Auf die Gouvernante zurück. Glau⸗ ben Sie ernſtlich, Sie wuürde für Flavia paſſen? In allem Ernſte. Stehen Sie mir für dieſelbe? Wie für mich ſelbſt. Garantiren Sie mir in Bezug auf die Liebe? Ich garantire Ihnen, daß Chriſtine Sie nicht lie⸗ ben wird. und ich? Sie werden das Mädchen lieben. Sehr verbunden. Und Sie werden es Niemand ſagen, nicht einmal ihr ſelbſt, die Sie von oben herab anſehen wird. Sie verſprechen mir da eine hübſche Bedingung. Nehmen Sie ſie an, glauben Sie mir, das wird Ihre Frau beſchäftigen, Flavia wird treffliche Lektionen dabei gewinnen und Sie den Anblick eines herrlichen Geſchöpfes. Wollen Sie ſie morgen früh der Marquiſe zu⸗ ſchicken2 Nicht in meinem Namen, ſie ließe ſie durch ihre Dienerſchaft fortjagen, aber im Namen meiner Schwie⸗ germutter. Herheßſen Sie beſonders das Wort ver⸗ wittwet nicht, denn ſonſt würden wir auf den Nim⸗ mermehrstag verwieſen. Ich werde an Alles denken und danke Ihnen, Frau Serz ogin. Apropos, ſagen Sie der Marquiſe, Chriſtine ſei mir verhaßt, wenn S wollen, daß ſie von ihr angenommen werde; das wird nichts ſchaden, glauben Sie mir. Die blutige Marquiſe. I. 10 146 Die Herzogin ſetzte ihre Neckereien den ganzen Abend fort und entließ Herrn von Monza erſt, nachdem ſie ihn auf den erwünſchten Punkt der Empörung gebracht hatte. Des Erfolgs ihrer Schutzbefohlenen ſicher, freute ſie ſich zum Voraus auf die Haushaltungsſcenen, durch die man noch ergötzt werden könnte. Beatrir wird wenigſtens ein Bischen Geſchrei er⸗ heben! ſagte ſie. Ohne eine boshafte Perſon zu ſein, konnte doch Frau von Alagny bei ihrer reizbaren Eigenliebe der Marquiſe ihren Mangel an Zutrauen zu ihr nicht ver⸗ zeihen und beſonders nicht verzeihen, daß ſie ihre Rath⸗ ſchläge ſo unbeachtet gelaſſen hatte, und ſo ſah ſie ihre kleine Rache als einen gerechten Krieg an, ohne die Fol⸗ gen davon zu überdenken. Am folgenden Morgen befanden ſich Herr und Frau von Monza beim Frühſtück, als die Glocke des Thür⸗ hüters einen Beſuch ankündigte, und bald brachte ein Bedienter einen Brief von der verwittweten Frau Herzogin von Alagny. Laßt die Perſon, welche dieſen Brief gebracht hat, eintreten, ſagte lebhaft die Marquiſe. Mein Freund, Frau von Alagny, die verwittwete Herzvgin— und ſie legte einen beſonderen Nachdruck auf das verwitt⸗ wet— empfiehlt mir eine Gouvernante, ein Muſter von Tugend, wie ſie ſagt. Ich ſchätze mich glücklich, ſie von ihrer Hand zu bekommen. Ach, richtig! entgegnete nachläſſig der Marquis, ihre Schwiegertochter ſprach geſtern davon. Sie ſoll eine Art Maunweib ſein, für das die Schwiegermutter der Herzogin ganz eingenommen iſt. Nach dem, was ich von ihr weiß, wird ſie Ihnen nicht gefallen. Das wollen wir ſehen; ich fühle mich im Gegentheil ſehr zu ihren Gunſten geſtimmt. In dieſem Augenblick führte der Haushofmeiſter den Gegenſtand der Unterredung ein; der Marquis und die Marquiſe betrachteten ſie Beide zugleich, und Beide wur⸗ i er⸗ doch der ver⸗ ſath⸗ ihre Fol⸗ Frau Thür⸗ e ein Frau hat, eund, und witt⸗ Nuſter ch, ſie rquis, l eine nutter as ich ntheil er den nd die wur⸗ 147 den von einem verſchiedenartigen Eindrucke betroffen. Chriſtine grüßte mit beſcheidener Würde und erbebte, als ſie Beatrir erkannte. Dieſe lud ſie freundlich ein, ſich zu ſetzen, und begann ihr Verhör. Man könnte unmöglich mehr Takt und Geiſt finden, als Fräulein Orthez in ihre Antworten legte. Sie fand gerade die richtigen Ausdrücke und die nöthige Biegſam⸗ keit der Stimme, ſo daß die Marquiſe nach einem halb⸗ ſtündigen Eramen aufſtand und zu ihr ſagte: Liebes Fräulein, Sie befriedigen mich vollkommen, ich will Ihnen Ihre Schülerin vorführen. Amadee hatte kein Wort geſagt; er las die Zeitung, während er über das Blatt hin auf das ſeltſame Ge⸗ ſchöpf blickte, von dem man ihm Abends zuvor ſo viel geſprochen hatte, und ſeine Aufmerkſamkeit konnte nicht rechtmäßiger erklärt werden. Chriſtine Orthez war groß, von einer Geſtalt, die nach Umſtänden den Kuiraß oder den Kopfputz der Bauern⸗ mädchen tragen konnte. Geſchmeidig wie ein Hand⸗ ſchuh, ſtark wie eine Heldin, lag in ihr etwas von der Schlange und dem Panther, von der Taube und der Löwin. Die Herzogin irrte ſich nicht, Chriſtine's Schön⸗ heit, ſo mächtig, daß ſie der Beſtrickung glich, ihre Schön⸗ heit, ſage ich, blieb von dem gewöhnlichen Publikum unbemerkt. Ihre blauen Augen leuchteten oder ſchmach⸗ teten, ſchmeichelten, zerriſſen, warfen eine brennende Flamme oder eine eiſige Kälte in die Seele: ſie verän⸗ derten ſich wie ein Chamäleon. Ihre mattweiße Haut ohne den geringſten roſigen Anflug, ihre in ebenholz⸗ ſchwarzen Locken um ihr vollkommen ovales Geſicht herabwallenden Haare bildeten eine beſondere Eigenthüm⸗ lichkeit ihres Geſichtes. Sie hatte einen großen, aber mit bewunderungswürdigen Zaͤhnen verſehenen Mund ohne Gleichen. Ihre Manieren wie ihr Blick wurden durch die Ein⸗ drücke, die ſie empfing, geleitet. Bald edel und ſogar ſteif, bald vertraulich, bald harſch, bald auſisbenbe behielt 148 ſie jedoch immer eine für den Rang, den ſie in der Welt einnahm, unerklärliche Würde bei, die aber ganz aus ihrem eigenen Bewußtſein und ihrem eigenen Werthe geſchöpft war. Sie ſchien überall die Königin; erwies ſie einer hoch⸗ geſtellten Perſon eine Huldigung, ſo ſchien ſie dieſe ſelbſt zu empfangen. Oft lag ein verächtliches Lächeln auf ihren Lippen und verlieh ihrer Phyſiognomie jenes zu⸗ rückſtoßende Weſen, von welchem die Herzogin geſpro⸗ chen hatte. In dieſem Augenblick, in welchem ſie in eine neue Familie eintrat, nahm ſie weder zu Umſchweifen, noch zur Verſtellung Zuflucht, ſoudern zeigte ſich, wie ſie wirklich war. Sie gefiel der Marquiſe, weil ſie ihr nicht ſehr gefährlich ſchien; ſie ſetzte den Marquis in Erſtau⸗ nen, ſo weit übertraf ſie ſeine Erwartung. Als Chriſtine Flavia's Zimmer betrat, ſagte ſie bei ſich ſelbſt: Ach, das iſt ja die Dame, deren Vermählung ich beiwohnte. Ich fühle wohl, daß ich ſie nie lieben werde. Wie glücklich ſie ſcheint! 18. Was neu iſt, iſt ſchön. Von dieſem Tag an wohnte Chriſtine Orthez im Hotel. Sie nahm gleich bei ihrer Ankunft dem Marquis und den Dienſtboten gegenüber eine ſo würdige, der Frau von Monza gegenüber eine ſo ehrerbietig unter⸗ gebene Stellung an, daß ſie auf der Stelle Allen gefiel und in der folgenden Woche ſchon die unumſchränkte Gebieterin des Hauſes war, ohne daß ſie es nur zu ahnen ien. Robert war ſeit mehreren Monaten abweſend, man — 149 ſprach von ſeiner Rückkehr. Beatrix, welche wieder hei⸗ ter geworden war, ſeit ihr Hausſtand ihr unterwürfiger ſchien, freute ſich auf ſeine Rückkehr und man ſprach von einer im Juli zu unternehmenden Badereiſe. Der Marquis ging weniger aus, er beſchäftigte ſich mehr als je mit ſeiner Tochter, er hatte mit der Gou⸗ vernante lange Unterredungen, in welcher er je länger je mehr ihr tiefes Wiſſen und ihren hohen Geiſt entdeckte. Meine Liebe, ſagte er eines Morgens zu ſeiner Frau, ich glaube, Flavia hat endlich eine ihrer würdige Lehrerin gefunden. Fräulein Orthez iſt ein Brunnen der Wiſſenſchaft und beſitzt einen der überlegenſten Geiſter, die ich je angetroffen habe. Und welch reizenden Charakter! Wie gut und lieb⸗ reich ſie iſt! Uebrigens durfte ich überzeugt ſein, daß dieſes Mädchen ein Ausbund ſei, da es von der ver⸗ wittweten Herzogin von Alagny empfohlen und von ihrer Schwiegertochter gehaßt wird. Wie ungerecht ſind Sie gegen die junge Herzogin, Beatrix! Die junge Herzogin! Von fünfundvierzig Jahren, Amadee. Liebe Freundin, Sie laden der Herzogin alle die Jahre auf, welche Sie ſich ſelber nehmen, wenn Sie Ihr Alter geſtehen. Das Geſpräch wollte bitter werden, Beatrir wünſchte das nicht und brachte es durch ein Lächeln der guten Laune wieder auf den vorigen Standpunkt zurück. Jeder hat ſeine Schwächen, antwortete ſie; ich möchte mich überzeugen, daß ich jünger bin, um Ihnen beſſer zu gefallen, und deßhalb ſuche ich die Andern davon zu überzeugen. 3 Das iſt kein ſo ſchlechtes Mittel! Kommen wir auf die Gouvernante zurück. Sie ſind zufrieden mit ihr? Vollkommen. 3 Ich ebenfalls. Was mir beſonders an ihr gefällt, 150 fügte ſie nach einem Augenblick des Schweigens hinzu, iſt, daß ſie nicht hübſch iſt. Der Marquis ſchaute ſie erſtaunt an. Ja, fuhr ſie fort, große und beinahe irrſchauende Augen, man weiß nicht von welcher Farbe, eine ge⸗ ſpenſtige Bläſſe, die Geſtalt eines Gardiſten; die wird wenigſtens nicht Stoff zu übler Nachrede geben. Amadee antwortete nicht. Sind Sie nicht meiner Meinung? fragte ſie. Vollkommen.— Flavia betet ſie an, ſie will von Niemand mehr, als von ihr hören und ſo denkt ſie auch nicht mehr an Fräulein Perrin, mit der ſie mir immer den Kopf voll machte— und die ihr Niemand aus dem Sinn brin⸗ gen konnte. Deſto beſſer! Ich erwarte Fräulein Chriſtine, um einen Erziehungs⸗ plan mit ihr feſtzuſtellen. Die wird ihn befolgen, ich bin überzeugt davon. Sie iſt nicht wie die Andern, welche mich einmal anhörten und die ich nachher nicht wieder zu Geſicht bekam. Herr von Monza lächelte. Ließen Sie dieſelben mehr als einmal zu ſich kom⸗ men, Beatrix? Immer der Nämliche, Amadee, immer zum Spott und zur Ungerechtigkeit gegen mich geneigt! Sie irren ſich, meine Freundin, meine Ehrerbietung für Sie kommt meiner Liebe und meiner Achtung gleich. Ja, ich glaube, Sie hegen die eine wie die andere im nämlichen Grade. Auf Wiederſehen heute Abend, ſagte der Marquis, ihr die Hand küſſend. Gut denn, heute Abend. Wollen Sie im Hinaus⸗ gehen ſagen, man möge die Gouvernante benachrichti⸗ gen, daß ich ſie erwarte. Einige Minuten nachher trat Chriſtine mit einem Heft in der Hand ein. Ihr Feuerblick erfaßte die Mar⸗ 4 om⸗ pott ung eich. dere uis, aus⸗ chti⸗ nem Nar⸗ 1⁵¹ neigte ſich, nahm den Stuhl an, den bieterin ſie anredete. von Monzu⸗ Ja, Madame. Was gedenken Sie ſie zu lehren? Alles, was ich kann, Madame. begabt hat. Nicht, wahr, meine Tochter iſt re Sie werden ſie lieben? Ich liebe ſie ſchon und fühle, via und für Flavia vergelten. Monza eine der ausgezeichnetſten Pe ſchaft zu machen. Die Frau Marau deſſen meine Freimüthigkeit verzeihen, gehalten wird. 1 Und das wäre? 8 Wenn Madame es zu dreiſt findet, wenn ſie nicht — hinlängliches Vertrauen in mich ſetzt, währen, ſo wird es mir ſchmerzlich Abſchied zu bitten. quiſe und errieth ihre Gemüthsverfaſſung. Sie ver⸗ Beatrix ihr mit der Hand anwies und wartete ſchweigend, bis ihre Ge⸗ Wir wollen plaudern, Fräulein, ſagte endlich Frau Ich ſtehe der Frau Marquiſe zu Befehl. 1 Wir müſſen uns mit der lieben Flavia beſchäftigen, mit einander einen Erziehungsplan für ſie entwerfen. Vor allen Dingen, wie weit iſt ſie? 6 Sie iſt nicht ſehr vorgerückt, Madame, und das iſ wahrlich Schade bei den Mitteln, womit die Natur ſie izend? Ja, Madame, antwortete Chriſtine bewegt. daß ich ſie lieben werde, wie ich in dieſer Welt noch Nichts geliebt habe. Dank, Fräulein, und ich werde es Ihnen mit Fla⸗ Ich hoffe, mit Gottes Hülfe aus Fräulein von rſonen der Geſell⸗ niſe wird mir in⸗ allein um zu die⸗ ſen. Ziele zu gelangen, bedarf ich eines Verſprechens von Ihrer Seite, und zwar eines Verſprechens, das ſtreng um es mir zu ge⸗ weh thun und ich werde gezwungen ſein, die Frau Marquiſe um meinen Ach, mein Gott, reden Sie, mein liebes Fräulein, 15² Sie machen mir Angſt. Ihren Abſchied! Wahrhaftig nicht, wenn ich es verhindern kann. 3 Wohlan, Madame, damit ich Ihnen fur Ihr Fräu⸗ lein Tochter gut ſtehen kann, damit ich an dem Tage, wo ich ſie in Ihre Haͤnde zurückgebe, ſagen kann: Hier iſt ſie, wie Ihrs mütterliche Liebe ſie geträumt hat, muß ich unumſchränkte Gebieterin über meine Schülerin ſein, muß ich ſie nach meinen Plänen, nach meinen Ideen leiten können, darf kein anderer Wille ſich zwiſchen ſie und mich ſtellen. Aber Fräulein, Sie verlangen hier das Abtreten meiner mütterlichen Rechte? Ja, Madame, und wenn ich Sie darum bitte, ſo fühle ich mich dieſer Aufgabe gewachſen, ſo bin ich fähig, ſte vollſtändig zu erfüllen. Ich habe nicht die Ehre, Ihnen bekannt zu ſein, Madame, allein mit der Zeit werden Sie meinen vielleicht ausnahmsweiſen Charakter verſtehen. Mein Gott, mein Cultus in dieſer Welt iſt die Pflicht. Für die Pflicht würde ich Alles opfern, meine Neigungen, mein Glück, mein Leben. Ich kann mein Herz unter meinem Willen brechen, weil ich es muß. Ich kann auf Alles, was mir das Leben ſchön machen würde, verzichten, weil ich es muß. Ich übernehme Fräulein Flavia's Erziehung, dieſe Er⸗ ziehung wird mein einziges Geſchäft werden, es wird weder Freuden, noch Leiden, noch Ermüdungen mehr für mich geben, da es ein Kind gibt, für das ich Ihnen und Gott verantwortlich bin, das ich Ihnen zuruͤckge⸗ ben muß, wie ich es empfangen habe, dem ich die Grund⸗ ſätze, die Ideen ſeines Ranges, ſeines Geſchlechtes und auch ſeines Jahrhunderts, denk' ich, einflößen muß. Um das zu erreichen, ſoll mir keine Mühe zu groß ſein, keine, ich ſchwöre es Ihnen; ich ſchwöre es Ihnen, Fla⸗ via's Mutter, bei dem Andenken der meinigen und bei meinem ewigen Heil. Die Marquiſe hörte die junge Enthuſiaſtin an, ſie hörte ſie verdutzt und erſtaunt an, denn je mehr ſich iftig räu⸗ age, Hier nuß ein, deen ſie eten ſo ig, 1⁵³ dieſer Enthuſiasmus Bahn brach, deſto höher ſtrahlte dieſe Anfangs unbeachtete Schönheit, deſto uͤbermenſch⸗ lichere Züge nahm ſie an. Sie war nicht mehr eine Frau, ſie war eine jener unbeugſamen Gottheiten des Heidenthums, unter deren ehernem Scepter ſich Alles beugen mußte; ſie war eine begeiſterte Pythia, eine chriſt⸗ liche Märtyrerin, ſie war Alles, nur nicht Chriſtine Orthez, der Gardiſt, nach Beatrix's eigenem Aus⸗ druck. Dieſe konnte ſich von ihrem Staunen nicht er⸗ holen und dachte bei ſich: Oh, und ich hielt ſie für häßlich! Dieß iſt oft Angeſichts der ernſthafteſten Dinge der Hauptgedanke einer Frau; was man auch ſagen mag, die Schönheit iſt eine der nothwendigſten, der beneidet⸗ ſten Gaben, die vielleicht, welche uns am meiſten be⸗ ſchäftigt⸗ die wir am ſchmerzlichſten miſſen, die uns die unerläßl ichſte iſt. Die Vernunft ſtößt dieſe Wahrheit zuruͤck, die Moral läugnet ſie, allein Vernunft und Moral hindern das Laſter nicht, zu beſtehen, und die Männer, ſich lieber bei eiteln als bei ernſten Dingen aufzuhalten. Die Marquiſe dachte über dieſe gewichtige Beobach⸗ tung nach. Eine maͤchtige Anziehungskraft trieb ſie unwillkürlich zu Fräulein Orthez hin, ihr Inſtinkt ver⸗ rieth ihr die außerordentlichen Eigenſchaften, die über⸗ legene Natur Chriſtine's. Sie blickte ſie von Neuem an, und fand in ihren Augen einen ſo offenherzigen, ſo edeln Ausdruck, daß ſie ihr die Hand reichte und ſagte: Ich willige in Alles, Fraͤulein, ich weiß nicht, was mich verſichert, daß ich in Ihnen eine Freundin finden werde. Sie beſitzen mein ganzes Vertrauen, Sie beſitzen es vollſtändig, gränzenlos; ich bin überzeugt, Sie wer⸗ den es nicht mißbrauchen. Dank, Frau Marquiſe, Dank, ich habe dem, was Sie ſchon wiſſen, Nichts beizufügen, ich gehöre nicht zu jenen Leuten, die viel Betheurungen und Worte machen; was ich aber verſpreche, das halte ich, was ich ſage, iſt ſicher. Von nun an iſt Ihr Kind mein Kind, 154 alle meine Hoffnungen für die Zukunft, alle meine Nei⸗ gungen, alle meine Gedanken ruhen auf ihr. Ich ſtehe allein in der Welt, ich werde Ihre Tochter mit der ganzen Zärtlichkeit, die in meinem Herzen ſchlummert, lieben; ich werde ihr alle Opfer hringen, ich werde mich ihrem Glücke weihen, wie meine Mutter ſich dem mei⸗ nigen geweiht hätte, und es ſoll mir Nichts zu ſchwer fallen, ihr daſſelbe zu ſichern. Dank auch meinerſeits, liebe Chriſtine, Dank für Alles, was Sie mir da ſagen, unterbrach ſie die Mar⸗ quiſe mit Thränen in den Augen, Sie ſind ein großes und edles Herz, Sie ſind ganz die Frau, deren ich be⸗ durfte. Da Sie aber die Tochter ſo ſehr lieben, werden Sie nicht auch die Mutter lieben? Frau Marquiſe, meine Ehrerbietung... Es handelt ſich hier nicht um Ehrerbietung, ſon⸗ dern um Freundſchaft. Sehen Sie, Fräulein, auch ich ſtehe allein in der Welt; ſeit ich meine Mutter verloren habe, liebt mich Niemand mehr. Ich verbringe mein Leben in Thränen und Schmerz. 19. Robert von Chamarante. Ihr kennt Euch alſo, mein Vetter? fragte raſch Beatrir. Ich habe das Fräulein vor einigen Jahren in Spaa angetroffen; ſie war damals bei einer engliſchen Familie, zu der ich oft Zutritt hatte. Bei der Familie Packet? Richtig, aber das Fräulein hat mich ohne Zweifel vergeſſen? Sie denken das nicht, Herr Graf, antwortete das junge Mädchen mit einer ſehr edeln Beſcheidenheit. freu an Bek gen dan der und fehl ffen lein um Sie Nei⸗ ſtehe der ꝛert, mich mei⸗ ywer für Nar⸗ oßes be⸗ rden ſon⸗ Hich oren nein 1⁵5⁵ Ach, was ich da vernehme, mein lieber Robert, freut mich innig. Das Fräulein ſcheint mir beſtimmt, anz in unſerem Familienkreiſe zu leben. Ihre frühere Bekanntſchaft wird demſelben einen Reiz mehr verleihen. Robert und Chriſtine wechſelten einige Erkundigun⸗ gen und Nachrichten uͤber Miß Packet und ihre Eltern, dann ſah Chriſtine mit vollkommenem Takte ein, daß der rechte Augenblick gekommen ſei, ſich zurückzuziehen, und indem ſie die Marquiſe fragte, ob ſie ihr keine Be⸗ fehle zu ertheilen hätte, verneigte ſie ſich gegen den Gra⸗ Vfen und entfernte ſich. Schnell, ſchnell, Robert, ſprechen Sie mir von Fräu⸗ lein Orthez, ich konnte ihr Fortgehen kaum erwarten, um Sie auszufragen. Was wiſſen Sie von ihr? Laſſen Sie hören. Ich weiß, daß ſie eine ſehr ſchöne Perſon iſt. Finden Sie das? Ich weiß, daß ſie eine Gouvernante von ausnehmen⸗ dem Verdienſte iſt. Ich auch, weiter? Ich weiß auch, daß ſie ein Mädchen von fabelhaf⸗ ter, lächerlicher Ehrbarkeit iſt. Wirklich? Wir waren in Spaa Alle in ſie verliebt; ich kenne Leute, die ihretwegen Dummheiten begangen haben, ohne einen Blick von ihr erhalten zu können. Endlich hat Se. Majeſtät der König von... ihr Schlöſſer und Titel angeboten und ſie hat Alles von ſich gewieſen. Sie machen mir unendliche Freude; man hat mir ja einen wahren Schatz an ihr gegeben. Mir ſelbſt hat ſie den Kopf verdreht; ich mußte ſie mir jedoch aus dem Sinne ſchlagen, ſie will heirathen! Ich hoffe, mein Vetter, daß Sie jetzt nicht mehr an ſolche Ungereimtheiten denken und Fräulein Chriſtine Ihnen in meinem Hauſe heilig ſein wird. Oh, meine Baſe, wie könnten Sie glauben!... Was finden Sie denn ſo Schönes an dieſem Fräu⸗ 156⁶ lein? fragte ſie nach einer Pauſe. Ich ſprach heute Morgen mit Amadee davon, er ſtimmt meiner Anſicht bei, daß ſie nichts beſonders Schönes beſitzt. Robert lächelte in ſeinen Schnurrbart hinein. Das ſind ſo Schönheiten, welche die Frauen nicht verſtehen, Beatrixr. Es muß wohl ſo ſein, denn ſie dunkt mich in der That nicht hübſch. Sie iſt nicht roſig und weiß, wie Watteau's Figu⸗ ren, ich gebe das zu, aber... Beatrix antwortete nicht und begann nachzudenken. Einen Augenblick ſpäter ließ ſie ſich ihren Gedanken ent⸗ ſchlüpfen. Amadee liebt dieſe Geſpenſtergeſichter nicht!... Immer unter dem Druck ihrer einzigen Idee, be⸗ gann die arme Frau ſich zu fragen, ob ſie in ihrem Haufe nicht die Schlange aufgenommen habe, die ſie verderben mußte. Ihre leicht erregbare Eiferſucht ſtellte ihr die Gefahren eines beſtändigen Zuſammenwohnens mit einer ſo verführeriſchen Perſon, wie Chriſtine, vor. Wenn Robert's Aeußerungen ſie auch über ihre Tugend beruhigten, ſo beunruhigten ſie ſie andererſeits, indem ſie ihr an der Gouvernante Reize zeigten, die ſie nicht bei ihr ahnte. Sie hat Allen widerſtanden, ſogar einem Monarchen, aber Amadee würde ſie nicht widerſtehen! Indem ſie ſolchergeſtalt das Verdienſt des Gegen⸗ ſtandes ihrer Gedanken bei ſich ſelbſt übertrieb, lieh ſie den Andern ihre eigenen Gefühle und bediente ſich ihrer Liebe, um ſich zu martern. Ach, wie viel Unglück ziehen die ſelbſt rechtmäßigen Leidenſchaften nach ſich, wenn ſie ſchlecht geleitet werden! Als Chriſtine wieder in ihr Zimmer hinaufging, fühlte ſie ſich ganz ergriffen. Es iſt Zeit, einen Blick auf dieſes ſeltſame Mäd⸗ chen zu werfen, welches wie das antike Verhängniß eine unvermeidliche Zerſtörung mit in dieſe Wohnung brachte. 457 Vielleicht wird das Studium dieſes Charakters ein leb⸗ haftes Intereſſe und ſogar eine große Lehre darbieten. Die Marquiſe war der Typus der in einer hohen Klaſſe geborenen Frau, vom Schickſal und der Natur begünſtigt, vom Glück verwöhnt und durch die Erzie⸗ hung ausſchließlich und beinahe Egoiſtin geworden. An Chriſtine's Stelle hätte ihr trefflicher Charakter ſich durch die Verhältniſſe gezwungen entwickelt. Genöthigt, ſich ſelbſt ihre Stellung zu ſchaffen, hätte ſie dieſelbe nicht zu einer glänzenden, aber zu einer angenehmen und ruhigen gemacht. Sie hätte ohne Ehrgeiz, ohne Neid ein ganz gemüthliches und der Liebe gewidmetes Leben gelebt. Vor allen Dingen war ihr Bedürfniß, geliebt zu werden und zu lieben, und ihr durch die Nothwendig⸗ keit geſchmeidig gemachter Charakter hätte nicht die Lau⸗ nen, das Schmollen und alle die Scenen erzeugt, welche Kinder des Reichthums und des Müßiggangs ſind. Man hätte ſie geſucht, man hätte ſie geſchätzt. Eine Tochter des Volkes, wäre Beatrix vollkommen gut und voll⸗ kommen gluüͤcklich geworden. Chriſtine dagegen empfing bei ihrer Geburt die unheilvollen Geſchenke einer leidenſchaftlichen Natur, eines umfaſſenden Verſtandes, eines grenzenloſen Ehr⸗ geizes und einer feurigen Leidenſchaft. Dieſer verzeh⸗ renden Thätigkeit wäre es nicht zu viel geweſen, ein Königreich zu regieren; ſie fuͤhlte ſich zu Allem geſchickt, ſie trachtete nach Allem. Ihr nicht zu bändigender Stolz vertrat bei ihr die Stelle der Grundſätze. Sie hegte eine ſo hohe Meinung von ſich ſelbſt, daß ſie hienieden nichts ihrer Wuͤrdiges ſah und daß ſie, gleich Milton's efallenem Engel, zwiſchen dem Himmel und der Erde lhwebte, den Himmel mit Kähnheit, die Erde mit Mit⸗ leid betrachtend. Sie war in ihrer Unterredung aufrichtig geweſen, ſie war immer aufrichtig. Zu ſtolz, um ſich zur bügr herabzuwürdigen, zeigte ſie ſich ohne Verſtellung. Ihr Idol, ihr Cultus war die Pflicht, Nichts ward aufrich⸗ 158 tiger gefühlt, allein ſie hatte aus der Pflicht eine Art ſtrenger und rächender Gottheit gemacht, deren einziges angenehmes Opfer Aufopferung und Selbſtverleugnung war; eine leichte Pflicht ſchien ihr keine Pflicht, ſie ver⸗ langte dieſelbe mit Schwierigkeiten und Thränen um⸗ dornt, ſte machte beinahe einen Henker aus ihr. In dieſer unbezähmbaren Seele lag eine Art un⸗ heilbarer Wildheit, ein unerſchütterlicher Muth, ein eiſer⸗ ner Wille und eine unerhörte Beharrlichkeit; im Grunde von dieſem Allem aber loderte ein Herd zurückgedräng⸗ ter und gefeſſelter Leidenſchaften, eine der größten Hin⸗ gebung fähige Liebesmacht. Chriſtine war von dem Stoffe, aus dem Märtyrer, Helden oder Böſewichte ge⸗ macht werden. Sie liebte Flavia mit unausſprechlicher Zärtlichkeit. Die reizenden Eigenſchaften dieſes Kindes nahmen faſt auf der Stelle ihr Herz für ſie ein, ſie war, nach ihrem Ausdrucke, die erſte Blume ihres Lebens. Auf ſie gründete Chriſtine ihren Ruhm und ihr Glück. Ohne noch zu wiſſen, wie ſie es anfangen werde, ſtand es bei ihr ſchon feſt, daß Fräulein von Monza das Werkzeug ihres Vermögens werden würde. Sie wollte das Yordild der Frauen aus ihr machen und dann nach⸗ her ſagen: Seht hier mein Werk! Die Belohnung dafür wollte ſie Gott überlaſſen. Das Zuſammentreffen mit Robert, die Entdeckung ſeiner Verwandtſchaft mit der Marquiſe, brachte ihren Chimären einen Gegenſtand. Unter Allen denen, deren Huldigung ſie zurückgewieſen hatte, tauchte der Graf von Chamarante oft als ein Bild in ihrer Erinnnerung auf, das derſelben beſonders würdig war. Allerdings war Robert ein ausgezeichneter Mann, ein Mann von Herz und beſonders von Ehre im ganzen Umfange des Wortes, ein Mann von Geiſt, ein Weltmann und ſein ſchönes Geſicht ſchien der geringſte ſeiner Vortheile. Seine Stellung, ſein Vermögen, ſeine Geburt ſtellten ihn in den erſten Rang. Gräfin von Chamarante werden, hatte —Oÿ— Art ziges nung ver⸗ um⸗ un⸗ eiſer⸗ unde äng⸗ Hin⸗ dem ge⸗ icher 459 Chriſtine ein unmöglicher Traum geſchienen, den ſie immer weit von ſich geworfen hatte; allein jetzt, wo ſie ſich unter dem gleichen Dache mit ihm befand, wo ſie ihn jeden Augenblick antraf, ſich in ihrem wahren Werthe zeigen und würdigen laſſen konnte, durfte ſie auf ein Gelingen hoffen. Ein ſolcher Plan verlangte eine in jeder Minute beobachtete Schlauheit und Gewandtheit. Einige Augen⸗ blicke des Vergeſſens, ein Wort, ein gewagter Schritt und es war um ihre Hoffnungen gethan. Sie liebte Robert noch nicht, ſie ſträubte ſich gegen dieſe Liebe, obwohl die Keime derſelben ſchon lange in ihr lagen. Liebte ſie, ſo war ſie verloren, die Liebe berechnet ſchlecht und in dieſer Angelegenheit hing Alles von der Be⸗ rechnung ab. Ja, ſagte ſie zu ſich, nachdem ſie lange nachgedacht hatte; ja, ich muß zu dieſem erwünſchten Ziele gelan⸗ gen, ich muß ohne zu viel Mühe dahin gelangen. Robert hat mich einſt ausgezeichnet. Sein jetziger Em⸗ pfang hat mir bewieſen, daß er ſich der Vergangenheit noch erinnere. Er kennt mich nur von einer guten Seite, mein Benehmen gegen den König hat einen tiefen Ein⸗ druck in ſeinem Herzen zurückgelaſſen; er hat daher eine treffliche Meinung von mir und in dieſer muß er je länger je mehr beſtärkt werden. Es liegt außer Zweifel, daß er mir den Hof machen wird, er wird ihn mir, der vornehmen Welt und ſeiner Baſe wegen im Geheimen machen, ich allein werde ſeine Abſicht wahrnehmen und das kann ich leicht verbergen. Wohlan, auch er ſoll errathen, daß ich ihn liebe, aber hiebei wird meine Gefälligkeit ſtehen bleiben; nie ſoll ein Geſtändniß über meine Lippen kommen, ich werde ſiegreich gegen ihn und gegen mich anfämpfen, er wird es ſehen und mich nur um ſo mehr lieben; der Widerſtand, die Unmöglichkeiten werden ſeine Leidenſchaft ſteigern und dann!.. Ein Lächeln ſchloß ihren Gedanken. 3 1 Und Flavia! o Flavia, das theure Kind, meine 160 angebetete Schülerin, auch ſie wird einen Stein zu die⸗ ſem Gebäude liefern. Vor allen Dingen muß ſie mich lieben, muß ſie mich mehr als ihr Mutter lieben, das hält nicht ſonderlich ſchwer! Welch ein Weib! ſich durch einen ſo gewöhnlichen Menſchen, wie Herr von Monza iſt, hintergehen und vernachläſſigen zu laſſen! Dieſer letzte Satz zeigt Chriſtine ganz, wie ſie war. Sie verwendete auf ihre Toilette eine ungewohnte Sorgfalt. Da aber ihr Stolz ihr verbot, mit den vor⸗ nehmen Damen, in deren Mitte ſie lebte, zu wetteifern, ſo hatte ſie ſich zum Geſetz gemacht, nur Schwarz zu tragen; aber immer aus demſelben Grundſatze kauu ie ſie ſich die prachtvollſten Stoffe und ließ ſich durch treff⸗ liche Nähterinnen kleiden. Ihre Garderobe beſtand bloß aus zwei Kleidern in jeder Jahreszeit; dieſe Kleider waren vom beſten Geſchmacke und putzten ſie, als ob ſie dieſelben täglich gewechſelt hätte. Man benachrichtigte ſte, daß das Mittageſſen bereit ſei; ſie ging mit ihrer Schülerin hinab und als ſie den Salon betrat, fand ſie den Grafen allein, der ſich auf das Kamin ſtützte. Sie grüßten ſich mit einem bei Robert natürlichen, bei Chriſtine berechneten Anflug von Verlegenheit. Sie redete mit ihrer Schülerin, um ihre Faſſung wie⸗ der zu erhalten, und das Mäͤdchen diente ihnen herrlich durch ſeine eifrigen Fragen, die ſie beantworteten. Ich durfte nicht hoffen, Sie je wieder anzutreffen, Fräulein, ſagte Robert mit bewegter Stimme, und be⸗ ſonders nicht, daß ich Spuren in Ihrer Erinnerung zurückgelaſſen hätte. Sind Sie ſeither nie wieder nach Spaa zurückge⸗ kehrt, Herr Graf? fragte ſie, um der Unterhaltung eine Wenduäazn geben, und mit eben ſo bewegter Stimme wie die Robert's. Ich hätte den Brunnen nicht ohne die Najade ſehen können, Fraͤulein, Sie wiſſen, daß wir Sie ſo nannten. Chriſtine lächelte traurig. die⸗ mich das urch onza war. hnte vor⸗ fern, 3 zu e reff⸗ bloß iider ob rreit den auf hen, Sie i e⸗ nen 461 Ja, die Najade, die Göttin ohne Macht, die an ihr Bächlein gefeſſelte Göttin, welche ſich ihre Krone aus einigen Schilfblumen windet; Sie haben Recht, Herr Graf. In dieſem Augenblick trat Beatrir ein, begleitet von dem Marquis, auf den ſich ihre Blicke hefteten, als er Fräulein Orthez grüßte. Er ſchaut ſie nicht an, dachte ſie, ich hatte Recht. Man ging in den Speiſeſaal. Chriſtine, die ihren Platz vollkommen zu würdigen verſtand, miſchte ſich nur in die Unterhaltung, wenn ſie dazu aufgefordert ward, allein ihre ſo feinen Bemerkungen und ihre ſo eſchmackvollen Scherzreden erregten die volle Aufmerk⸗ hmnkeit der Tiſchgenoſſen, und als ſie ſich beim Aufſte⸗ hen von der Tafel entfernen wollte, rief die Marquiſe ſie zurück. Sie dürfen uns nicht ſo verlaſſen, Fräulein. Ich gehe heute Abend nicht aus, wollen Sie Ihre Arbeit herunter⸗ holen und bei mir bleiben? Sie werden uns auch ein wenig Muſik machen; es iſt für Flavia ein gutes Stu⸗ dium, Sie zu hören. Chriſtine erröthete vor Freude. Sie nahm ihren Erfolg wahr, ſie nahm wahr, welchen ungeheuren Schritt ſie durch dieſe Einladung, die Frau von Monza ſelten an die Gouvernanten richtete, wenn man derſelben we⸗ nigſtens nicht bedurfte, vorwärts that. Sie beeilte ſich daher, zu gehorchen, ſetzte ſich an's Klavier und ſang mit Lunrbermgauntiger Stimme und ausgezeichnetem Geſchmacke eine italieniſche Cavatine. Der Marquis hörte ſie zum erſten Mal. Sie haben ja ein herrliches Talent, Fräulein, ſagte er zu ihr. 1 Habe ich nicht zu viel eingebüßt, Herr Graf? fragte ſie mit einem um ſo gefährlicheren Ausdruck von Ko⸗ ketterie, als er bei ihr ungewöhnlich war.. Sie haben im Gegentheil viel gewonnen, Fräulein, Die blutige Marquiſe. I. 462 Ihre Stimme hat einen Glanz, einen Umfang erhalten, von denen ich keine Ahnung hatte. Fräulein iſt eine wahre Virtuoſin, fügte Beatrix hinzu, ich habe nie eine ſo ausgezeichnete Dilettantin gefunden. Warum dachten Sie nicht daran, auf's Theater zu gehen? Ich fühle keinen Beruf zur Komödiantin in mir, erwiederte Chriſtine, vor Verher erröthend. Sie hätten jedenfalls viele Lorbeeren geerntet, Fräu⸗ lein, fügte der Marquis hinzu. 1 Fraͤulein Orthez hat weit beſſer gethan, die Gouver⸗ nante meiner Baſe zu werden, fuhr Robert mit einer Verbeugung gegen ſie fort. Eine Komodiantin! eine Gouvernante! das wollen dieſe ſtolzen Edelleute aus mir machen. O, wenn es Gott gefällt, ſo will ich ihnen beweiſen, daß ich für Anderes geboren bin. Und indem ſie ſich wieder an's Klavier ſetzte, führte ſie eine glänzende und ſchwierige Phantaſie aus. In dieſem Augenblick trat ein Bedienter ein und brachte der Marquiſe ein Paket Briefe. Beatrix las die Adreſſen derſelben, eine nach der andern. Ach, mein Gott, ſagte ſie, hier iſt eine faſt un⸗ leſerliche Adreſſe, ſo viele Poſtſtempel befinden ſich dar⸗ auf. Baden, London, Berlin, wieder London, dann Paris. Ei, er iſt für Sie, Fräulein Chriſtine, wenn ſchnelle Antwort erforderlich wäre, ſo hat Ihr Correſpon⸗ dent lange warten müſſen. Chriſtine holte den Brief, nahm ihn gleichgültig zur Hand und näherte ſich dem Klavier, als ihre Augen auf die ſo zu ſagen unleſerliche Schrift fielen. Sie ward blaß wie eine Leiche, ſank faſt leblos auf einen Stuhl und murmelte: Wieder! O, werde ich ihn niemals los werden?! lten, atrix ntin eater mir, räu⸗ lver⸗ ener llen 1 es für hrte und las un⸗ dar⸗ ann denn von⸗ ltig gen dard tuhl 163 20. Die Badereiſe. In welcher Aufregung ſich auch Chriſtine befinden mochte, ſie mußte ſie geſchickt verborgen haben, denn Niemand nahm ſie wahr, und als ſie am folgenden Morgen zum Frühſtück herabkam, ſtrahlte trotz ihrer dewohnlichen Bläſſe die Blüthe der Jugend auf ihrem ruhigen Geſichte. Frau von Monza ſchien außerordentlich heiter, ſie hielt einen Brief in der Hand und las ihn ihrem Manne laut vor, welcher durch Blicke ſeine Beiſtimmung gab, während Robert in die Wolken ſtarrte. Sehen Sie nur, Amadee, wie allerliebſt das iſt. Herr und Frau von Manisres, Herr von Chelles, Ro⸗ bert, Sie und ich, wir werden eine ganze Karavane bilden, und ſehr viele Freude haben. Ich möchte Sie daher beſtimmen, meine Freundin, anzunehmen. Wirklich? Gewiß. Was Robert betrifft, ſo geht das ihn ſelbſt an, und was mich betrifft... Was Sie betrifft, ſo werden Sie ohne Zweiſel nicht in Paris oder Neuillé bleiben, wenn Flavia und ich nach Baden gehen. 3 Nein, aber ich hätte Luſt, die Reiſe zu benützen, um ſie bis München und Monza auszudehnen. Ach, ſchon wieder Ihr entſetzliches Monza! Mein Gott, wie haſſe ich dieſes Schloß und ſeine dunkeln Wälder! Ich weiß nicht, warum ich dort eine unver⸗ nünftige Furcht empfinde. Unvernünftig iſt das rechte Wort, Beatrix, Sie ſollten dieſe Furcht wenigſtens Ihrer Tochter nicht ein⸗ flößen, die Sie, eine ſchauderhafte Erzählung erwartend, mit offenen Augen und Ohren anhöri, 1 Sei ruhig, 164 Flavia, Deine Mutter ſpricht im Scherz und Monza iſt im Gegentheil ein herrlicher Aufenthalt, den Du lieben ſollteſt, erſtlich, weil Du dort geboren biſt und dann, weil er an das ruhmwürdige Leben Deines Ahn⸗ herrn erinnert. Es iſt das koſtbarſte Erbe, das ich Dir hinterlaſſen kann. p 8 liegt Ihnen alſo ſehr daran, nach Monza zu gehen? Ich muß meine Pächter dort beſuchen und als Herr die Reparaturen und die Unterhaltung des Gutes in Augenſchein nehmen. Wollen wir einen Vertrag abſchließen? Von Herzen gern... wenn er vortheilhaft für mich iſt. Begleiten Sie uns nach Baden, wir werden Sie nach Monza begleiten. Sind Sie auch dabei, Robert? Ich widme meinen Sommer meiner Baſe; ſie mag damit ſchalten und walten, wie ſie's für gut findet. Dann nehme ich den Vorſchlag an. Wie gefällig Sie ſind, Amadee; ohne Robert hätten Sie mir eine verneinende Antwort gegeben. Das nicht, meine Liebe; aber Robert macht mir durch ſeine Annahme unſern Plan vollends angenehm. Ich habe in Monza eine königliche Jagd, Sie würden mich nicht in die Wälder begleiten, während Robert mir eine köſtliche Geſellſchaft für die Hirſch⸗ und Eberjagd verſpricht, und das iſt keine Kleinigkeit. In der That, Marquis, Sie machen heute Morgen Phraſen vom alten Regime, welche prächtige Erinne⸗ rungen vom Oeil⸗de⸗Boeuf und von Marly herbei⸗ zaubern. Und ich, der ich zum neuen Regime gehöre, ſollte mir dieſelben nicht erlauben, nicht wahr? Wenn Ihre Vorfahren ſich bei den Kreuzzügen betheiligten, ſo ver⸗ dankt man dem meinen den Sieg von Auſterlitz; das gleicht ſich aus, Frau Marquiſe. 165 Ach, Sie haben Augenblicke von ſeltſamer Empfind⸗ lichkeit, Amadee, wie können Sie vermuthen... In der That, mein Vetter, Beatrix hat Recht, Sie kennen unſer Aller Geſinnungen hierüber und wie ſtol wir ſind, unſere drei Diagonalbalken und unſere fün Lilien mit Ihrem glorreichen Adler und Ihrem blutigen Degen zu einem Wappen zu vereinigen. Herr von Cerfond iſt übrigens ein Edelmann von ganz guter Abſtammung. O, meine Liebe, Herr von Cerfond beſteht dem Für⸗ ſten von Monza gegenuber nicht mehr. Der Name mei⸗ ner Ahnen iſt vor dem meines Vaters verſchwunden. 4 Ei, wie Schade iſt's, kleine Flavia, daß Sie nicht ein Knabe ſind, um alle dieſe Lorbeeren auf Ihren Stamm fortzupflanzen! 3 Ich werde Sie meinem Mann als Mitgift zubrin⸗ hen„ Vetter, und das wird ebenſo ehrenvoll für mich ein. Schaut nur, ſie denkt ſchon an einen Mann! Warum nicht, mein Vetter? denken Sie nicht auch an eine Frau? Herr und Frau von Monza blickten einander an und lächelten. Chriſtine ertappte dieſes Lächeln und nun dämmerte eine Idee vor ihr auf, die ihr bis dahin nicht eingefallen war. Mein Gott, ſagte ſie bei ſich, ſollte man wohl daran denken, ſie ihm zur Frau zu geben! Sie erblaßte auffallend oder, um beſſer zu ſagen, ihre ſo matte und ſo durchſichtige Bläſſe nahm eine Leichenfarbe an. Das neben ihr ſitzende Maͤdchen be⸗ merkte es und fragte ſie: Was haben Sie denn, meine liebe Freundin? Sind Sie krank? Seit geſtern ſcheinen Sie mir zum zweiten Mal leidend. Junge Mädchen ſind unfehlbare Beobachter; ſie ſehen Alles und ſagen Alles. Fräulein Orthez antwor⸗ tete verlegen und ſchützte Kopfweh vor. 166 3 Werden Sie Baden gern ſehen, Fräulein Chriſtine? fuhr die Marquiſe fort. Ich kenne dieſes Land ſchon, ich war vor einigen Jahren dort. Ach ja, mit der Familie Packet. Haben Sie Ro⸗ bert nicht dort angetroffen? Nein, Madame, in Spaa hatte ich die Ehre, den Herrn Grafen zu ſehen. Ach, richtig, Sie haben es mir geſagt. Nicht wahr, Sie werden die Gefälligkeit haben, das Nöthige für Flavia in Bereitſchaft zu ſetzen und ſich mit ihrer Som⸗ mertoilette zu beſchäftigen? Hat ſie, was ſie bedarf? Wir werden ungeſäumt abreiſen, beſonders wenn wir über Monza gehen. Wir gehen nicht über Monza, meine Liebe. Monza liegt viel öſtlicher als Baden. Wir gehen nachher hin. Wählen Sie bei Delille Alles, was Sie für Flavia paſſend finden; ich will, daß ſie in den Bädern ſehr elegant erſcheine. Die jungen von Manieres haben eine äußerſt ſorgſame Gouvernante, merken Sie ſich das. Die Frau Marquiſe kann ruhig ſein, Ihr Fräulein Tochter wird eben ſo gut gekleidet, eben ſo gut erzogen ſein, als irgend Jemand. Wir werden keine Vergleichung fürchten. Sie wandte ſich der Thüre zu, als Beatrir ſie zu⸗ rückrief. 3 Fräulein Chriſtine, machen Sie mir das Vergnü⸗ gen und wählen Sie für mich, weil Sie doch zu Delille gehen, ein Kleid von ſchwarzem Stoffe, ſo ſchoͤn und ſo weich Sie es finden können. Sehen Sie nicht auf den Preis, wenn es nur etwas Ausgezeichnetes iſt. Die Frau Marquiſe verläßt ſich auf meinen Ge⸗ ſchmack? 3 Vollkommen. Ich danke Ihnen tauſendmal, Madame. Als Chriſtine fort war, ſchickte ſich Robert an, ſich 167 Finden Sie nicht, mein Vetter, daß Fräulein Orthez übeile ein ganz impoſantes königliches Weſen an ſich hat? in einer großen Berline. Unterwegs ließ Chriſtine keine Gelegenheit vorbei⸗ ſen. Dieſer junge Geiſt verlangte nur zu lernen, ſich zu bilden. Sie fand in Fräulein Orthez eine Natur, die mit allen Inſtinkten und allen Bedürfniſſen der ihrigen correſpondirte. Fräulein Orthez errieth ihre Ge⸗ danken, noch bevor ſie geſprochen hatte, ſie entdeckte in ihrem Gewiſſen die kleinen Kinderfehler, über die ihre unſchuldige Stirne erröthete, und erſparte ihr den Schmerz, ihr dieſelben zu bekennen. Kurz es fand eine vollſtändige Harmonie zwiſchen dieſen beiden Seelen ſtatt, ein für Flavia ganz neues Gefühl, deſſen Daſein ihr noch Nie⸗ mand geoffenbart hatte. Als man ſich Baden näherte, brach das junge Mäd⸗ chen in begeiſterte Rufe aus. Sie hatte nie andere Berge 168 geſehen, als den Montmartre und die Hügel in der Umge⸗ Wi gend von Neuillé. Die anmuthige Kette des Schwarzwaldes, ſo die ſchönen Ruinen des alten Schloſſes, die entzückenden ein Murgthäler, kurz dieſes ganze ſo romantiſche und zugleich geh ſo heitere Land, wo das Herz träumt, wo der Geiſt ju⸗ Eu belt, je nach der Stimmung, in welcher man ſich befindet, dieſes entzückende Land bemächtigte ſich ihrer Einbildungs⸗ 4 kraft wie eines Guckkaſtens, und Nichts ſollte es daraus verwiſchen. Die Marquiſe fand in Baden viele Leute von ihrer Bekanntſchaft, ſowohl Franzoſen als Fremde und bald ſchl war ſie Abends und Morgens bei allen Partieen und ſo heit lebten Chriſtine und ihre Schülerin faſt gänzlich in Ein⸗ abe ſamkeit. Frau von Manieères und ihre Toͤchter waren Gu nicht gekommen. Herr von Monza und Robert beſuch⸗ ten das Studirzimmer oft. Flavia's Vater gegenüber ihr immer würdig und ehrerbietig, zeigte die Gouvernante ben gegen Robert eine eiſige Zurückhaltung. Sie bat den ger Marquis, ihm den Eintritt in das von ihnen bewohnte Ne Zimmer zu unterſagen, indem ſie hinzufügte, daß es ma nicht anſtändig ſei, wenn er, ſelbſt in den Erholungs⸗ ran ſtunden ſeiner Baſe allein dort erſcheine. wol Der Marquis theilte dieſes Bedenken dem Grafen trat mit und, weit entfernt, darüber böſe zu werden, faßte der! dieſer nur um ſo mehr Achtung für die ſtrenge Perſon, ma die er trotz Allem lieben mußte. jene Jede der Damen, die den eleganten Zirkel dieſer Der Bäder bildeten, mußte getroffener Uebereinkunft zufolge een. alle vierzehn Tage einmal, entweder bei ſich oder im ſiſch Jagdpavillon, zu deſſen Benützung man die Erlaubniß das leicht erhielt, empfangen. Es zeugt von ausnehmendem Sch Geſchmacke, die Menge der Badegäſte zu fliehen, ſich von jede Unbekannten fern zu halten und nur bei ausnahmsweiſen geze Gelegenheiten im Converſationsſaal zu erſcheinen. Nir⸗ ma gends tritt die Ariſtokratie ſo ſcharf hervor, wie in Bade⸗ gen ſtädten, während ſie zugleich den Mantel einer trügeri⸗ ſchen Freundlichkeit umhäaͤngt. Man kann die durch ihren Frã 169 Willen geſetzten Gränzen nicht überſchreiten, dieſer aus ſo vielen Reiſenden herausgezogene Raout iſt gleichſam ein undurchdringliches Heiligthum. Wenn Ihr nicht dazu gehört, ſo werdet Ihr ſeine Kreiſe nicht betreten, alle Euere Anſtrengungen ſind vergeblich. Ihr werdet aus⸗ gezeichnete Höflichkeit, reizende Formen finden, aber eine eherne Mauer wird ſich zwiſchen Euch und der Crème erheben. Da iſt Nichts zu machen; ſo lange Etwas von der guten Geſellſchaft übrig bleibt, und leider iſt wenig mehr übrig geblieben, wird die gute Geſellſchaft aus⸗ ſchließlich bleiben. Das Talent, der Geiſt, die Schön⸗ heit, der Reichthum erhalten zuweilen Aufnahmspatente, aber außer dieſen iſt keine Nachſicht, kein Heil, keine Gunſt zu hoffen. Das Namensfeſt der Marquiſe kam. Chriſtine ſchmückte ihre Wohnung mit ausgezeichnetem Geſchmack und einer bewunderungswürdigen Künſtlerphantaſte. Die mehr als geringen Möbeln wurden nur ein Zubehör unter der Renge von Blumen, Lichtern, Kryſtallen, mit denen man ſie umgab; die Wände verſchwanden unter den Py⸗ ramiden von Roſen und Laubwerk, es war eine Feen⸗ wohnung und nicht eine der eingeladenen Perſonen be⸗ trat ſie ohne einen Ruf der Ueberraſchung und Bewun⸗ derung. In dem vor dem Salon liegenden Garten hatte man hinter ſchwach erleuchteten audmrwonen eines jener trefflichen Orcheſter angebracht, von denen es in Deutſchland wimmelt und die wir theuer bezahlen müß⸗ ten. Mitten auf dem Raſen enthielt ein Zelt von per⸗ ſiſchem Zitz mit weißem Grunde und großen Deſſins, das auf den Seiten durch lange, mit Eicheln verzierte Schnüre aufgezogen war, ein Büffet und Tiſche, wo jeden Augenblick die ſeltenſten Früchte, Eis und die aus⸗ gezeichnetſten Gerichte erneuert wurden. Man tanzte, man ſang, man lachte ohne Verlegenheit, ohne ſich zu geniren, ohne ſo zu ſagen müde zu werden. Ermuntert durch die Lobſpruche, vervielfältigte ſich Fräulein Orthez, ſie überwachte Alles zumal, ſie 170 war überall, ſie kam den Wünſchen eines Jeden zuvor. Nach einer halbſtündigen Beobachtung kannte ſie die Gewohnheiten der angeſehenſten Perſonen und jede derſelben fand zur beſtimmten Zeit, was ihr am ange⸗ nehmſten war. Dieſes Mädchen beſaß eine jener ſeltenen und nützlichen Gaben in dieſer Welt, beſonders in einer untergeordneten Stellung, einen Takt und eine Feinheit, die unvergleichlich und um ſo werthvoller waren, als ſie dieſelben unter einer ſchweigſamen Einfachheit ver⸗ hüllte und Niemand, der ſie wenigſtens nicht gut kannte, ſie bei ihr vermuthet hätte. Sie trug dieſen Abend das prachtvolle Seidenkleid, welches ſie bei Delille gekauft und das die Marquiſe ihr vor ihrer Abreiſe zum Geſchenk gemacht hatte, und ſtrahlte darin vor Schönheit. Wenige Perſonen hatten ſie bisher geſehen und ſie war die Löwin des Balles. In den erſten Stunden erzählte die Marquiſe freimüthig, daß ſie dieſes ganze Feenſeſt der Gouvernante ihrer Toch⸗ ter verdanke. Ei, antwortete man ihr, wo iſt ſie denn? Ich weiß es nicht. In irgend einem Winkel, um einen Befehl zu ertheilen, um zu ſehen ob nichts mangelt; ſie iſt ein gar ſachverſtändiger Majordomo! Sie werden ſie leicht erkennen, es iſt ein großes, blaſſes, ſchwarzge⸗ kleidetes Frauenzimmer mit Stirnbändern. Durch dieſes Signalement geleitet, ſuchten ſie meh⸗ rere Perſonen; als ſie aber Chriſtine erkannt hatten, gab ſich ihr Erſtaunen kund. Was ſagten Sie denn von einem großen blaſſen Frauenzimmer mit Stirnbändern, Madame? Ich erwar⸗ tete eine pomadiſirte Schindmähre zu finden, allein Ihre Gouvernante iſt reizend, zum Entzücken ſchön; ſie iſt eine Königin und eine Sylphide zugleich, ſie verdreht allen Männern den Kopf und ihre ſchauderhafte Tugend⸗ miene reizt dieſelben nur noch mehr. Ki, ſie iſt alſo wirklich hübſch? fragte die Mar⸗ quiſe. 4 dieſe derft dieſe gen ſolch über entg in n Nich leich Nich verh terſch frei Folg hätte entw Hatt ſn d eſitz Leute aufſt dertr ſie n von iſt d Man haſch 171 Ob ſie hübſch iſt! Schauen Sie nur, wie ſie um dieſen Tiſch herumgeht. Welche Anmuth, welch ein Kin⸗ derfuß in dieſem Atlasſchuh! Welch ein Arm unter dieſem Spitzenärmel! Sie ſind ſehr verwegen, Marquiſe, mit einem jun⸗ gen Mann und einem jungen Vetter geſchmückt, eine ſolche Zaubererin in's Haus zu ziehen. Glauben Sie das? rief die arme Frau, über und über erröthend. Ei, haben Sie ſie denn nie eines Blicks gewürdigt? entgegnete die gute Seele, haben Sie denn nie bemerkt, in welcher Weiſe ſich Graf Robert mit ihr beſchäftigt? O, Robert! Das iſt eine alte Flamme und hat Nichts mehr zu bedeuten, fuhr ſie, augenſcheinlich er⸗ leichtert, fort. Glauben Sie? Nun, dann nehmen Sie an, ich habe Nichts geſagt; auch iſt ja Herr von Chamarante nicht verheirathet. Ich will nicht hoffen, daß Sie ihm die Abſicht un⸗ terſchieben, Flavia's Gouvernante zu heirathen. Nein, ich denke nur, er ſei in ſeinen Handlungen frei und eine kleine Liebſchaft habe bei ihm nicht die Folgen, die ſie bei... dem Marquis, zum Beiſpiel, hätte. 3 Und als die Weſpe ihren Stachel eingedrückt hatte, entwiſchte ſie ſchnell, ohne die Wirkung abzuwarten. Hatte ſie dieſelbe nicht zum Voraus berechnet? Es gibt in der Geſellſchaft Leute, welche die Eigenthümlichkeit beſitzen, Unheil zu ſtiften; gerade deßhalb werden dieſe Leute gefürchtet, geſucht und oft von Denen, welche ſie aufſuchen, noch geachtet. Die menſchliche Natur iſt nie⸗ derträchtig, allen ſchlimmen Mächten gegenüber findet ſie nur Energie, um die Schwachen zu zertreten, und von allen Rollen, die man in der Welt ſpielen kann, iſt die der Viper die leichteſte, wie die erſprießlichſte. Man braucht wenig Geiſt, um viel vorzuſtellen; man haſcht nach Witzen, welche die Andern angreifen, man 172 iſt nicht haͤklig bei dem mehr oder weniger Salz, das ſie ent⸗ halten; wenn ſie nur treffen, das iſt Alles, was man ver⸗ langt; ſſie machen Glück, weil ſie den ſchlechten Eigen⸗ ſchaften ſchmeicheln, man lacht darüber, bietet ſie herum, bewundert ſie, ohne zu bedenken, daß man ſelbſt dem Gelächter ausgeſetzt iſt. Oft zerſtört eines dieſer perfiden Worte ein Daſein, raubt einer Familie Glück und Ruhe. Was liegt daran? Man hat darüber gelacht! Frau von Monza, die hinſichtlich Chriſtine's bis der ſ dahin ruhig geweſen war, weil ſie deren verführeriſches Weſen nicht ahnte, begann eine eingebildete Gefahr zu Baro fürchten und ſich dieſer Befürchtung wie einer unver⸗ entzu meidlichen Wirklichkeit wegen zu quälen. Sie ward nach⸗ denklich, beſchäftigte ſich nicht mehr mit ihren Gäſten, folgte mit dem Auge allen Bewegungen der Gouvernante verne und ihres Mannes und heftete ſich an die Schritte des 3 Marquis, indem ſie ſogar ſeine Gedanken erſpähte. Abge Dieſe Aengſtlichkeit entging Niemand. Man ſuchte die Urſache derſelben auf; die Eiferſucht der Marquiſe ſie ü war kein Geheimniß, man hatte ſie bald gefunden und das Gerede bekam in kurzer Zeit eine furchtbare Aus⸗ meine dehnung. iſt zu Frau von Monza fürchtet die Reize der Gouvernante daß: für ihren Mann, ſagte der Eine. 3 1 Die Gouvernante kokettirt mit Herrn von Monza, Viell wiederholte ein Anderer. liebt Herr von Monza iſt närriſch in die Gouvernante hübſo verliebt, trug ein Dritter herum. umzu Der Marquis und die Gouvernante verſtehen ſich trefflich, fügte ein Vierter hinzu. les a Die Marquiſe hat ſo eben Herrn von Monza hinter Geſp⸗ einer Hagebuche in einer Umarmung der Gouvernante hetroffen; ſie iſt ſeine Maitreſſe, das iſt ausgemacht. So iſt die Welt! Nie hatte Herr von Monza daran gedacht, daß die Aus Gouvernante ſeiner Tochter für ihn etwas Anderes als eine mehr oder minder gute Erziehungsmaſchine ſeiz nie ie ent⸗ n ver⸗ Eigen⸗ erum, t dem erfiden Ruhe. res Gefühl als eine bewundernde Ehrerbietung zu zeigen, s bis riſches ihr zu inver⸗ nach⸗ äſten, rnante te des ſuchte rquiſe n und Aus⸗ nante tonza, nante 1 ſich hinter nante t. iß die s als 3 nie 173 hatte Fräulein Orthez an den Vater ihrer Schülerin an⸗ ders als an einen vollkommen inconſequenten Mann ge⸗ dacht. Demungeachtet wagte unter dieſen Männern, die ſo bereitwillig an das Laſter glaubten, dem keuſchen und zuverſichtlichen Blicke Chriſtine’s gegenüber nicht Einer ein unziemliches Wort, nicht Einer wagte ihr ein ande⸗ ſo viel Macht lag in dieſer Atmoſphäre der Pflicht, mit der ſie ſich überall umgab. 1 Monza iſt ſehr glücklich, ſagte ein junger preußiſcher Baron zu dem Grafen von Chamarante; er hat eine entzückende Maitreſſe. Eine Maitreſſe, und die hieße? Ei, jenes bewunderungswürdige Mädchen, die Gou⸗ vernante! Fräͤulein Orthez! Von wem haben Sie denn dieſe Abgeſchmacktheit gehört? Sie iſt die Neuigkeit des Abends, man wiederholt ſie überall. Wohlan, mein lieber Baron, wiederholen Sie von meiner Seite, daß das eine Lüge iſt. Fräulein Orthez iſt zu rein und der Marquis ein zu ehrbarer Mann, als daß man einen ſolchen Gedanken faſſen könnte. Gut! dachte der junge Mann, er iſt eiferſüchtig! Vielleicht hintergeht man ihn, vielleicht iſt auch er ver⸗ liebt und wird geliebt... ſeiner Zeit. Das iſt ein hübſches Anekdötchen, ich werde nicht ermangeln, es her⸗ umzubieten. In dieſem Augenblick erſchien der Baron von Chel⸗ les an der Thüre. Robert ging ihm entgegen, um das Geſpräch abzubrechen. Sie kommen ſehr ſpät, Vetter, ſagte er zu ihm. Was wollen Sie? Aus dem Herz Arabiens erſt heute angekommen... Ich habe ſo eben eine ſchöne Dame empfangen, 174 welche nach unſerm Wunſche Paris verlaſſen hat. Die Herzogin von Alagny iſt im Hotel von England. Die Herzogin von Alagny! Sehr gut, wieder eine Neuigkeit. Es liegt am Tag, daß die hoffärtige De⸗ moiſelle Orthez zwei Liebhaber hat und daß die Herzo⸗ gin kommt, um ihr den ihrigen wieder zu rauben. Fügt man noch die Marquiſe hinzu, ſo gibt das eine ſchöne Komödie. Nur zugewartet! 21. Zuſammentreffen. Von dieſem Tage an veränderte ſich im Hauſe der Frau von Monza Alles unmerklich und ſeltſam! Der Marquis und Chriſtine, die einzigen Urſachen dieſer Veränderung, waren die einzigen, welche Nichts davon wußten und die Wirkungen davon verkannten. Robert und Beatrir, Beide eiferſüchtig, Beide beun⸗ ruhigt⸗ überwachten ſie mit einer Aengſtlichkeit, die ſie im folglich auch nicht ſträubten. Amadee fuhr fort, Stunden lang bei ſeiner Tochter zuzubringen, um in Ermangelung ihrer Mutter, die Anfangs ganz von ihren eiferſüchtigen Ideen und nach⸗ her ganz von der Welt in Anſpruch genommen war, deren Erziehung zu beaufſichtigen und zu leiten. Fräu⸗ lein Orthez duldete dieſe Beaufſichtigung, ließ ſich dieſe Leitung gefallen, handelte aber nichts deſto weniger nach ihren Pläͤnen und nach ihren Ideen. Sie hatte bald einen geheimen Einfluß auf Herrn von Monza erlangt, den dieſer nicht ahnte; ſie brachte ihm ihre Pläne, ihre Theorieen bei, als ob er dieſelben gebildet hätte, und ließ ſich vorſchreiben, durchaus das zu thun, was ſie beſchloſſen hatte. utfernteſten nicht erwarteten und gegen die ſie ſich einer auf linge ſtets Kam derut nung Mal ſie Mar Heid die Die eine De⸗ erzo⸗ Fügt höne 175 Nicht ein Schatten von Liebe glitt zwiſchen die Beiden. Wie ich ſchon erwähnte, achtete der Vater ſo⸗ wohl ſeine Tochter als die Gouvernante ſeiner Tochter; er betrachtete das Kind und die, welche daſſelbe über⸗ wachte, als zwei ſündloſe, von den Schwächen dieſer Welt nicht berührte Engel, als Menſchen einer höheren Art. Ohne es wahrzunehmen, lag gewiß dieſer Bewun⸗ derung, dieſem Cultus ein Gefühl zu Grunde, deſſen Keim ſchon ſeine Macht verkündete, wenn er ſich ſpäter entwickeln ſollte. Bis jetzt wenigſtens war ſein Herz ruhig geblieben. Er theilte ſein Leben zwiſchen dem Hauſe der Frau von Alagny und der Welt, in welcher die arme Beatrix bald den Verdruß hatte, die Herzogin den ganzen Tag anzutreffen. Von nun an hielt ſie ſich für verpflichtet, bei keiner Partie, weder Abends noch Morgens, zu fehlen und ſich eine tägliche Marter auf⸗ zuladen, Alles, um ihren Mann nicht aus dem Geſicht zu verlieren. Die Herzogin fand Mittel, ſich darüber luſtig zu machen, die Andern damit zu beluſtigen und dieſe arme, durch die unerbittlichſte Leidenſchaft zerriſſene Seele wieder zur Zielſcheibe zu machen. Während dieſer Kämpfe benützte Chriſtine, die viel freier war, jede Gelegenheit, Flavia die Umgegend von Baden zu zeigen. Jeden Tag ſpazierte ſie mit ihr nach einer andern Richtung hin. Sie ſammelten Pflanzen auf jenen ſchönen Bergen; die Botanik war ein Lieb⸗ lingsſtudium des jungen Mädchens, und ſo kehrten ſie ſtets mit einer duftigen Beute beladen, wovon der alte Kammerdiener, der unerläßliche Begleiter ihrer Wan⸗ derungen, nicht den geringſten Theil trug, in ihre Woh⸗ nung zurück... Eines Tages hatten ſie zum fünften oder ſechsten Mal die Favorite beſucht, in welcher zu luſtwandeln, ſie nicht ſatt wurden. Da Frau von Monza und der Marquis auf einem Ausflug von einigen Tagen nach Heidelberg und Mannheim begriffen waren, ſo konnten die Damen vollſtändig über ihre Zeit und ihr Thun verfügen. Sie nahmen ein ländliches Frühſtück mit und begaben ſich früh mit Büchern und ihrer Arbeit in ein melancholiſches Wäldchen, das einſt Zeuge der Freuden und der Buße der ſchönen Markgräfin Sibylle war. Der Bediente, welcher in dieſem nicht Jedermann zugänglichen Parke der Damen wegen ganz beruhigt war, bat um Erlaubniß, ſich bei dem Aufſeher, bei dem man Bier und Rheinwein findet, ein wenig zu erfriſchen. Sie blieben daher allein auf dem Mooſe am Fuße eines großen Baumes ſitzen, an den ſie ſich anlehnten; Flavia begann wie gewöhnlich ihre Reihe von Fragen in Folge der unerſchöpflichen Neugier ihres thätigen Geiſtes. Chri⸗ ſtine beantwortete ihr alle; dieſe Anlagen ihrer Schülerin machten ſie glücklich, und beſonders glücklich fühlte ſie ſich, dieſelben entwickeln zu können. Liebe Freundin, ſagte das Mädchen, dieſe hübſchen rothen Käferchen mit denrdr en Punkten, welche auf dieſem Blatte da kriechen, heißt man Herrgottskäferchen. Warum das wohl? Dieſer Name iſt nicht der wiſſenſchaftliche und Sie finden ihn in Buffon nicht, Flavia. Ich kenne ſeinen Urſprung nicht, denke mir aber, er müſſe von einer Mutter herrühren, und wenn man es entdecken könnte, ſo würde man gewiß finden, daß dieſem Namen irgend eine gemüthliche Legende zu Grunde liegt, in welche Hoffnung und ohne Zweifel auch Schmerz verwoben iſt und die vielleicht ſehr rührend, jedenfalls aber ganz un⸗ bekannt iſt. Ich möchte ſie zu gerne kennen! Wohlan, Flavia, ich will ſie für Sie ausarbeiten; es iſt dann, als erführen Sie dieſelbe durch irgend eine Sage, nicht wahr? Oh, das wird mich ſehr erfreuen, Fräulein, und ich werde ſie mein Leben lang im Andenken behalten. Man hörte Schritte in der hinter ihnen befindlichen Allee und ſie ſprachen daher inſtinktmäßig leiſer. Sie ſehen ein, Flavia, daß in dieſen der Einbildungs⸗ 177 kraft enilehnten Geſchichten der erſte Erfinder mit der Zeit zum Hiſtoriker wird. Die Fabeln des Alterthums hatten auf ſolche Weiſe einen Jahrhunderte lang dauern⸗ den Glauben erlangt, deſſen Natur die heiligen Lehren des Chriſtenthums nur mit vieler Mühe verändern konnten. Die Schritte näherten ſich. Die Perſon, welche ſie nicht ſahen, ſchien rings um ſie her zu ſpazieren. Chriſtine ließ ſich dadurch nicht beunruhigen, ſuchte jeveih die Aufmerkſamkeit ihrer Schülerin ſtärker zu eſſeln. Es gibt mehrere Mythologien, Fräulein; die der Alten, eine ganz materielle, und die der neueren Zeiten, bei welcher ſich der Spiritualismus und die Einbildungs⸗ kraft weit mehr bethätigen. Unſere Kobolde, unſere Sylphiden, unſere Schutzgeiſter gehören nicht zu der gleichen Familie wie die Halbgötter des Heidenthums. Ich werde Ihnen hierüber an einem unſerer Erholungs⸗ tage eine Lektion ertheilen; das wird Sie ungemein an⸗ ſprechen und Sie werden ſehen, wie viel Ihnen dieſer Stoff zum Studiren bietet. Aber was will denn dieſer beharrliche Spaziergänger von uns? Es iſt mir leid, daß Simon uns verlaſſen hat. Ich ſehe ihn, Fräulein, es iſt ein ſchöner, ſehr ele⸗ ganter Herr, er trägt einen Schildkrötenſtock mit eiſelir⸗ tem Knopfe, wie der Papa's iſt. Kümmern Sie ſich nicht um dieſen Herrn, Flavia, er erwartet ohne Zweifel Jemand. Liebe Freundin, er ſucht Sie zu ſehen, er reckt bei jeder Ihrer Bewegungen ſeinen Kopf vor, er wiſcht das Glas ſeiner Lorgnette ab, vielleicht iſt er ein alter Be⸗ kannter von Ihnen. Ich ſchenke ihm ſeine Aufmerkſamkeit und habe keine Eile, mich in dieſem Fall zu erkennen zu geben. Er ſoll ſeiner Wege gehen und uns fortplaudern laſſen. Ich ſage Ihnen alſo... Liebe Freundin, er hat ſich entſchloſſen, er ſchreitet durch's Gras und kommt auf uns zu. Die blutige Marauiſe. I. 12 178 Dann wollen wir uns entfernen, Flavia, wir ſind allein und dieſer Mann könnte ſchlechte Abſichten haben. Sie ſtanden auf und gingen, mit ihren Büchern und Sonnenſchirmen beladen, einige Schritte weiter, als der Unbekannte plötzlich vor ihnen ſtand und, ſie feſt an⸗ ſchauend, ausrief: Chriſtine, Sie ſind es alſo, ich täuſchte mich nicht! Bei dieſer Stimme, bei Nennung ihres Namens ließ Fräulein Orthez Alles, was ſie in der Hand hielt, fallen und, der Statue des Staunens, des Schreckens ähnlich, blieb ſie an derſelben Stelle, faſt leblos und unfähig, ein Wort zu ſprechen, ſtehen. Der Fremde wollte ihren Arm ergreifen, da fand ſie ihre ganze Energie wieder, faßte die Hand ihrer Schülerin und fing an, dem Palaſte zuzulaufen. In einigen Sekunden hatte der Fremde ſie eingeholt, er faßte ihren Arm von Neuem, druͤckte ihn mit großer Kraft und zwang ſte zum Stillſtehen. Woher dieſer Schrecken, Fräulein Orthez, und weß⸗ halb fliehen Sie mich ſo? Reden Sie deutſch, um's Himmelswillen, antwortete ſie ihm in dieſer Sprache, und wenn ich Sie doch an⸗ hören muß, ſo achten ſie wenigſtens das junge Mädchen, das man mir anvertraut hat. Was wollen Sie von mir? . Ich will Sie ſehen, Donnerwetter, ich will Ihnen Alles ſagen, was ich ſeit unſerer Trennung in meinem Herzen aufgehäuft habe, und ich ſchwöre Ihnen, dießmal werden Sie mir nicht entwiſchen, wie jenes Mal. Sie ſind der Dämon, der ſich an mein Schickſal feſſelt, um mich zu Grunde zu richten; Sie ſind das Werkzeug des Unglücks, der Schande meines Lebens, fügte ſie erröthend hinzu. Alſo immer die Gleiche, Chriſtine! Immer dieſe Mährchen vom Gänſemütterchen, die Sie zu Glaubens⸗ artikeln und Verhaltungsregeln machen. Mein armes Mädchen, Sie beſitzen Alles Erdenkliche, um ein aus⸗ ſind aben. mund s der t an⸗ nicht! mens hielt, ckens und vollte ergie an, holt, oßer weß⸗ rtete an⸗ hen, von ynen nem mal kſal das ens, ieſe ns⸗ nes us⸗ 179 ezeichnetes Frauenzimmer zu ſein, allein Ihre alberne prehung ſchadet dieſen Anlagen und verderbt Sie, das iſt Schade. Sie haben mir weiter Nichts zu ſagen, mein Herr, erlauben Sie mir daher, mich zu entfernen. Eine längere Unterredung würde dieſem Kinde auffallen. Sie dürfen mich nicht verlaſſen, bevor ich weiß, wo in Sir wieder ſehen kann, Chriſtine. Nie! Nie, das iſt zu wenig; immer, das iſt zu lang. Es gibt wohl eine Mitte zwiſchen dieſen beiden Extremen, ei, laſſen Sie ſich doch nicht bitten. Ich habe nicht über meine Zeit zu verfügen, mein Herr; ich bewohne mit der Familie von Monza ein Haus in der Nähe der Landſtraße und Sie werden, denk' ich, nicht die Kühnheit haben, mich dort aufzuſuchen. Sie ſind in der Familie von Monza, bei der Mar⸗ quiſe von Monza, ehemals Fräulein von Chamarante? Ja, mein Herr, und dieß iſt ihre Tochter. Ach ſo! Das iſt die Tochter der... ſehr gut! Sie iſt ſehr hübſch, dieſe Kleine, ſie gleicht ihrer Mutter. Und befinden Sie ſich wohl bei Frau von Monza? Wohl genug, um mein Bleiben in dieſem Hauſe zu wünſchen, und um Alles zu fürchten, was mich von meinen Beſchützern entfernen könnte. Sie werden mich daher ſehr verpflichten, wenn Sie unſer Zuſammentreffen vergeſſen und eine Erneuerung deſſelben vermeiden. Indem ſie die ganze Würde ihrer Haltung zu Hülfe Tief, verneigte ſie ſich mit Stolz und ſetzte ihren Weg ort. Einen Augenblick, zum Teufel! Man verläßt ſich nicht ſo. Ich will Sie wiederſehen, ich habe Sie in allen Ecken Englands und Deutſchlands geſucht; nun habe ich Sie, Sie werden mir nicht mehr entwiſchen, ich wieder⸗ hole es Ihnen. Ohne Erbarmen, immer ohne Erbarmen, mein Gott! 12* 180 Ohne Erbarmen, wie Sie ſagen. Denn wenn Sie Ihren unbeugſamen Charakter beibehalten haben, ſo hat ſich auch der meinige nicht verändert und Sie kennen ihn. Sie wiſſen, weſſen ich fahig bin, Sie wiſſen es, ich ſchrecke vor Nichts zurück, um zum Ziele zu gelangen. Mein jetziges Ziel aber iſt, Sie zu beſitzen, ganz allein Angeſichts des Himmels und der Erde und wider Ihren Willen, wenn es ſein muß, zu beſitzen, und müßte ich deßhalb ſogar eine Heirath eingehen. O, mein Gott! rief die Gouvernante, ihren Kopf in ihren Händen verbergend, bin ich nicht beſtraft genug? Beſtraft für was? Durch wen? Beſtraft, daß Sie den einzigen Mann angetroffen haben, welcher würdig war, Sie zu verſtehen; beſtraft durch eine Liebe, welche alle Frauen ſtolz machen würde! In der That, meine Liebe, Sie ſind eine Undankbare! Laſſen Sie mich gehen, um's Himmels willen, laſſen Sie mich gehen, Sie machen mich unglücklich. Der Himmel miſcht ſich ſo wenig in unſere Ange⸗ legenheiten, daß ſein Name mich nicht rühren wird, müſſen Sie wiſſen. Einer unſerer Bedienten iſt in der Nähe, er kann jeden Augenblick kommen; berechnen Sie die Folgen davon. Wenn ich Sie fortlaſſe, ſo geſchieht es nur, um Sie bei Herrn von Monza wieder anzutreffen. O, fürchten Sie Nichts, ich bin in dieſem Hauſe bekannt, ſogar ſehr bekannt; man wird mir die Thüre nicht weiſen, einzig Ihnen könnte man ſie allfällig weiſen, Ihnen! O, das iſt furchtbar! ſagte ſie. Furchtbar? Ich ſehe nicht ein, warum? Gern oder ungern, jetzt, da wir uns wieder geſehen haben, müſſen Sie dieſen Balg da verlaſſen. Dieſer Stand paßt nicht mehr für Sie, wenn ich in Ihrer Nähe bin; daher trö⸗ ſten Sie ſich. Sie wiſſen wohl nicht, was das Schickſal Ihnen vorbehalten hat. Ich wälze mich hier im Golde, ich habe Louisd'or in der Taſche, wie man Sous hat, Sie o hat ennen n es, ngen. allein Fhren te ich Kopf nug? Sie irdig helche neine aſſen nge⸗ vird, ann lgen Sie 181 wo es an Lebensart fehlt. Wir werden den Lurus eines Geſandten entfalten, Sie werden Ihre Gebieterin in den Staub treten, Sie werden Lakaien und Cachemirs haben, Sie werden ſchön ſein, ſchön, um ein Königreich zu erobern, und Sie werden mich als den Schöpfer alles deſſen lieben. Ich höre den Bedienten kommen und beſchwöre Sie auf den Knieen, haben Sie Mitleid mit mir. Sie mich beſchwören, Chriſtine! Was ſoll das hei⸗ ßen? Sie hängen alſo ſehr an Ihrer Stellung, daß Sie den Verluſt derſelben ſo gewaltig fürchten. Sie fürchten ihn bis zur Demüthigung, Sie! Wohlan, ich will unſere Wiedervereinigung nicht verderben, indem ich Sie ſo über die Maßen erſchrecke; ich weiß, wo Sie ſind, und werde Sie wieder finden. Gehen Sie, wir ſehen uns wieder. Nicht mit meiner Einwilligung. Dann hole ich Sie einfach von der Frau Marquiſe von Monza weg; ich habe Sie davon benachrichtigt, hüten Sie ſich vor den Folgen! Sie werden alſo kommen? Ja, antwortete ſie ſo leiſe, daß man ſie kaum hörte. Gut. Nun leben Sie wohl, oder vielmehr auf Wiederſehen. Sie ſind zum Entzücken ſchön und ich bin verliebter in Sie als vordem, meine Geliebte. Mein Herr!... Wuth! O Sie vergeſſen die Vergangenheit, ſchöne Chriſtine, Sie vergeſſen.... Erinnern Sie mich an Nichts, wenn Sie nicht wollen, daß ich wahnſinnig werde. Leben Sie wohl, wir werden ſpäter davon reden, wenn Sie ganz ruhig ſein werden. Guten Abend und denken Sie an mich. Dann verbeugte er ſich tief vor ihr, warf Flavia einen Kuß zu und verſchwand zwiſchen den Bäumen. Sobald Chriſtine ihn aus dem Geſicht verloren hatte, ſank ſie auf den Raſen nieder, zerſchmolz in Thränen, 182 ſchlang ihre Arme um das Mädchen und bedeckte es mit Küſſen und rief: O, mein Engel, mein Engel, Du ſo reiner Engel! Errette mich von der Hölle, in welche dieſer Dämon mich zurückſchleudern will. 22. Korreſpondenz. Als ihre Aufregung ſich gelegt hatte, ſah Chriſtine ein, daß ſie Flavia zur Zeugin einer auffallenden Scene gemacht, daß ſie in dieſem kindlichen Geiſte Verdacht und Vermuthungen erweckt hatte, die für das Mädchen gefährlich ſein mußten. Sie ſchwieg nun einige Minuten lang, während ihre Schülerin ſie erſtaunt und mit gro⸗ ßen Augen anſah und ungeduldig irgend eine Erklärung erwartete. Flavia, ſagte ſie endlich, kommen Sie zu mir her, meine Tochter. Flavia gehorchte. Umarmen Sie mich, liebe Kleine, und ſagen Sie mir, ob Sie mich lieben und ob Sie beſonders an meine Zuneigung zu Ihnen glauben. Meine liebe Gouvernante, ich liebe Sie von ganzer Sele und glaube, Sie lieben mich ſo ſehr, wie ich Sie iebe. Wohlan, Flavia, es iſt in Ihrer Gegenwart etwas Ernſtes vorgegangen, eine Angelegenheit, die Sie in Ihrem Alter noch nicht verſtehen dürfen. Ihre Eltern muſſen davon unterrichtet werden und ſollen es durch mich werden. Sie können wohl denken, daß ich denſel⸗ ben nie Etwas verhehlen werde. Wenn Sie von ihnen befragt werden ſollten, ſo ſagen Sie, was Sie geſehen haben, Sie ſchulden Ihren Eltern vor Allem die Wahr⸗ mit gel! non 183 heit; aber außer Herrn und Frau von Monza hat Nie⸗ mand das Recht, mein Leben zu unterſuchen, Niemand hat das Recht, zu erfahren, was ich zu verbergen für gut finde. Ich brauche Ihnen daher nicht zu ſagen, daß wenn eine andere Perſon, gleichviel, welche, wäre es Ihr nächſter Verwandter, wäre es Ihre liebſte Freundin, unbeſcheidene Fragen an Sie richten ſollte, Sie ſich gegen Sie, gegen mich, gegen das Zartgefühl verfehlen würden, falls Sie ein Geheimniß ausplauderten, das Sie ſelbſt nicht kennen. Gewöhnen Sie ſich frühzeitig an die Verſchwiegenheit, es iſt dieß eine der weſentlichſten igenſchaften, wenn eine Frau glücklich und geachtet ein ſoll. Sie dürfen ruhig ſein, Fräulein, wenn meine Eltern mich fragen, ſo werde ich ſagen, was ich geſehen und wovon ich nichts verſtanden habe. Fragen ſie mich nicht, ſo werden weder ſie noch irgend Jemand je ahnen, daß ich dieſer Unterredung beigewohnt habe. Gut, Flavia, und jetzt wollen wir unſern Unterricht in der Botanik wieder aufnehmen, Ihre Erziehung ſoll durch die Ungereimtheiten eines Narren nicht leiden. Und mit der unbegreiflichen Gewalt, die ſie über ſich ſelbſt beſaß, verdraͤngte Chriſtine die aufregenden Gedanken, die ſie beſtürmten, aus ihrem Herzen und nahm die unterbrochene Erklärung wieder auf, als ob das Fieber der Verzweiflung nicht in ihren Adern ge⸗ tobt hätte. Durch ihren Willen legte ſie ihrer Unruhe eine Gränze auf und verſchob die wichtigen Entſchlüſſe, die ſie faſſen mußte, auf einen gelegeneren Augenblick. Flavia und die Gouvernante kehrten zur gewohnten Zeit nach Hauſe zurück. Die Studien, die Arbeiten gingen ihren gewöhnlichen Gang, in dieſer von Stürmen durchwühlten Seele war ſcheinbar nichts verändert. Sie ſpielte mit dem Mädchen wie jeden Abend, aber als ſie es zu Bett gebracht hatte, als ſie es eingeſchlafen ſah, ſtieg ſte, erſchöpft und halbtodt von den unerhörten An⸗ ſtrengungen, die ſie ſich auferlegte, in ihr Arbeitszimmer 185 hrä⸗ Verderben trachtende Satan! Dieſer Menſch, der Ein⸗ iber zige in der Welt, welcher mein Leben beherrſchen konnte, pfen hat ſich wieder auf meinem Pfade gefunden. Bin ich denn verflucht? Geſtattet denn Gott Denen, deren Seele höher als ihre Stellung iſt, nicht, ſich zu erheben? Muß htet man denn ewig unter das Joch der Sklaverei gebeugt an⸗ ſein, oder muß man die Entehrung und Schande anneh⸗ af⸗ men? O nein, nein, ich will nicht! ein Sie ſchlug ſich vor die Stirne, fing an zu ſchluch⸗ ren zen und gerieth in einen furchtbaren Paroxismus von ehr Wuth und Raſerei. Dieſe Eiſennatur empörte ſich gegen ſie die unerbittliche Nothwendigkeit, ſie bot dem Unglück -u⸗ Trotz und ſtieß es weit von ſich. er⸗ So brachte ſie die ganze Nacht unter Kämpfen, eit bitteren Qualen und mit Entſchlüſſen zu, die, kaum ge⸗ en faßt, auch wieder aufgegeben wurden; es war ein Er⸗ barmen, dieſes junge Mädchen mit dem unbeſieglichen in Verhängniß im Kampfe zu ſehen. Gegen Morgen führte n. die Ermüdung eine erzwungene Ruhe herbei und ſie es ſchlief einige Stunden. Man weckte ſie, indem man ihr 2s einen Brief brachte, und Flavia, die zu gleicher Zeit he eintrat, ſtürzte auf ſie zu und rief: n O meine liebe Freundin, ſind Sie denn krank? ⸗ Sie war ſeit dem Abend unkenntlich geworden. n Wie, ich habe ſo lange geſchlafen! Wie! Sie ſind 5 ſchon auf, Flavia, und ohne mich! Ich habe meine 3 Pflicht verſäumt, indem ich Ihre Toilette nicht über⸗ ⸗ wachte! allein ich habe eine gar zu ſchlechte Nacht zuge⸗ . bracht! Sind Sie wenigſtens auch gut eingeſchnürt? Haben Sie alle unſere gewöhnliche Sorgfalt beobachtet? 3 Haben Sie Ihr Gebet verrichtet? Und hat man Ihnen Ihre Taſſe Milch gegeben, ſeit Sie angekleidet ſind? Haben Sie die engliſche Aufgabe abgeſchrieben?— Alles dieß iſt gethan, Fräulein, und zudem bringe ich Ihnen hier einen hübſchen Strauß, den ich beim Früh⸗ ſtück für Sie gebunden habe. Dank, liebes Kind, Dank. O, Sie haben meinen 186 Fehler gut gemacht. Dank beſonders, daß Sie daran gedacht haben. Und jetzt erlauben Sie wir zn leſen. Dieſer ſeltſame Charakter verläugnete ſich nie. Ob⸗ wohl ſie die Handſchrift ihres Verfolgers erkannt hatte, obwohl ihr Herz unter ſeinen Schlägen zu ſpringen drohte, indem ſie dachte, was dieſer Brief Alles enthal⸗ ten könnte, unterſagte ſie ſich doch das Oeffnen deſſel⸗ ben, bis ſie ihrer Schülerin gegenüber ihre gewohnten Pflichten erfüllt hatte. Dieſe Anſtrengung ſchien ſie nicht die geringſte Mühe zu koſten, ihr Auge lächelte, ihre Phyſiognomie war liebreich, ſte umarmte Flavia nochmals, und erſt als ſie dieſelbe an ihrem Schreibpult ſah, er⸗ laubte ſie ſich, an ſich ſelbſt zu denken. Der Brief des Unbekannten enthielt folgende Worte: „Ich habe alle möglichen Erkundigungen eingezogen und kenne jetzt Ihre Stellung in dem Hauſe Monza ſo gut, als Sie ſelbſt. Ich weiß, warum Sie daſſelbe ſo ungerne verlaſſen, ich weiß, welche Bande Sie daran knüpfen. Ich habe die albernen Gerüchte geſammelt, welche in dieſer unbeſchäftigten Geſellſchaft über Sie im Umlauf ſind. Ich habe die Wahrheit aus denſelben zu⸗ ſammengefaßt und das Erlogene liegen laſſen, denn ich kenne Sie, Chriſtine. Indeſſen bin ich überzeugt, daß ſie Ihnen unbekannt ſind; ich will Ihnen dieſelben mittheilen, vielleicht vermögen ſie Ihren Entſchluß zu beſtimmen. Sie gelten hier für die Maitreſſe des Mar⸗ quis von Monza und des Grafen Robert von Chama⸗ rante. Die Eiferſucht der Marquiſe hat die erſtere Fabel veranlaßt, die Wahrſcheinlichkeit die Verbreitung der an⸗ dern begünſtigt. Man ſchont Sie nicht, wie Sie ſehen. Jeder Andere würde an meinem Platze Zorn und Eifer⸗ ſucht in den Vordergrund ſtellen; fürchten Sie dieſe Al⸗ bernheit nicht, ich bin dieſen Leuten zu überlegen, um etwas von ihnen zu beſorgen; übrigens wiederhole ich es Ihnen, ich kenne Sie. Herr von Monza iſt für Sie nur der Vater Ihrer Schülerin, Sie können ihn nicht lieben, weil er Ihnen in geiſtiger Beziehung nicht die — K n. —»— 487 Schuhriemen löſen darf, und dann iſt er verheirathet, folglich iſt Nichts mit ihm zu machen. „Mit Robert verhält es ſich anders. Dieſen lieben Sie vielleicht oder, um richtiger zu reden, Sie träu⸗ men von ihm. Ich erinnere mich Ihrer Anſprüche, ich erinnere mich, was Sie wünſchen, und der Graf von Chamarante vereinigt die geforderten Bedingungen, um vollkommen auf dem Piedeſtal Ihres Herzens zu thro⸗ nen. Daß Sie mich geflohen haben, kommt daher, weil Sie meine unglücklichen Anlagen zu dem Stande der Gottheit entdeckten. Arme Chriſtine! Ein Götzenbild von meinem Gevichte iſt auf einem ſo reizenden Sockel von Kryſtall und Edelſteinen, wie der Ihrige, zu ſchwer. Ich, ich brauche einen goldenen oder eiſernen Altar, einen Monolythen. Robert paßt ganz für Sie. Er wird die nöthige Zeit girren und iſt ſogar an einem ſchönen Früh⸗ lingsmorgen, wenn ſeine Liebe, die Sonne, Ihre Reize, die Blumen und Ihr Widerſtand ihm in den Kopf ſtei⸗ gen, fähig, meiner Treu, fähig, Sie zur Gräfin zu machen. „Sie erröthen, indem Sie dieſes leſen, meine rei⸗ zende Freundin, denn Sie glauben nicht, daß Sie ſo gut durchſchaut werden. „Erſchrecken Sie indeſſen nicht, ich werde ſo wenig als möglich Gebrauch davon machen, und wenn Sie mir gewiſſenhaft gehorchen wollen, ſo bleiben Ihr Stolz und Ihre Ehre in jeder Beziehung unverſehrt. „Ich darf nur über Ihre Luftſchlöſſer hinblaſen und ſie ſind zerſtört, das wiſſen Sie wohl, meine arme Taube; das iſt leider eine Thatſache, die Sie ohne Einrede an⸗ nehmen müſſen, allein ich werde vernünftig dabei Werke gehen, ich ſchwöre es Ihnen. Ich fragen wie Sie mit Robert ſtehen, das iſt Ihr Geheinnig in meiner Willfährigkeit überlaſſe ich Ihnen die Sorge des Bruches mit ihm. Richten Sie das ein, wie Sie wollen, wann es Ihnen gelegen iſt und nach Ihrem Sinne; nehmen Sie ſich Zeit dazu, die Sache hat keine 188 Eile; ich habe Sie wiedergefunden und beim Himmel oder der Hölle, das hängt von der Anſchauungsweiſe ab, ich werde Sie nicht mehr verlieren. „Ihr Seladon, ſowie die Marquiſe, werden in eini⸗ gen Tagen hierher zurückkehren; Sie müſſen eine Fabel erfinden und mit mir abreiſen. In dieſer Zwiſchenzeit muß ich Sie jeden Morgen ſehen. Können Sie Ihr Püppchen nicht verlaſſen? Wie ſchlecht das für Sie paßt, ſo kleine Bälge zu hüten! Denken Sie daran, Chriſtine, ich verlange, daß Sie zu mir kommen, Sie wiſſen, welches Gewicht dieſes Wort in meinem Munde hat. Es iſt dieß ein Befehl, deſſen Vollziehung Nichts verhindern kann. Alſo heute Abend um vier Uhr anvertrauen Sie Ihre Schülerin irgend einer Klatſch⸗ baſe und finden ſich bei den Ruinen des alten Schloſſes ein. Wir werden dort Niemand treffen, zu dieſer Stunde ſitzt in dieſem hinter der Zeit zurückgebliebenen Deutſch⸗ land Alles an der Tafel. Wir werden uns nach Art der Romanhelden, die Sie anbeten, in die Gewölbe vertiefen und über unſere Angelegenheiten ſprechen. Sie ſehen, ich bereite Ihnen da eine hübſche in Scene⸗ ſetzung, die ganz nach Ihrem Geſchmacke iſt. Wir wer⸗ den uns zwar nicht eine ewige Liebe ſchwören, weil das dumm iſt, allein wir werden uns verſprechen, beiſammen zu bleiben, ſo lange wir uns lieben oder unſer Intereſſe es fordern wird. Und dieſen Schwur werden wir hal⸗ ten. Wenn man die Schwüre nur auf ſolchen Grund⸗ lagen ablegen würde, ſo bräche man ſie nicht. Das Leben iſt ſo anſpruchsvoll! „Ich bin immer der Gleiche, Nichts vermag mich zu ändern. Ich erwarte Sie, wie ich Sie ehemals in e Schattengängen von Greenwich erwartete, wo wir in keuſcher Liebe luſtwandelten und beim Mondſchein träumten. Es wird ganz daſſelbe ſein, wir werden nach Lamartine ſchwärmen, ſo viel Sie wollen, unter der Bedingung jedoch, daß wir zuletzt von da oben zur Erde herabſteigen; die Schwingen ermüden durch beſtän⸗ 189 diges Schweben. Mein Styl wird Ihre engelgleichen Theorieen verletzen; aber was kann ich thun, mein armes Kind? War ich ein Engel, ſo bin ich ein gefal⸗ lener, und ich erinnere mich meines Vaterlandes nur, um demſelben Trotz zu bieten. Und iſt es übrigens nicht beſſer, die Dinge anzuſchauen, wie ſie ſind? „Alſo dieſen Abend; verſäumen Sie es nicht, rei⸗ zende Chriſtine, Sie würden mir wirklich Kummer machen, denn ich müßte Ihnen ebenfalls machen, was ernſte Folgen herbeiführen würde und mir ſehr unan⸗ genehm wäre, auf Ehre! „Ich brauche nicht zu unterzeichnen, Sie kennen meine Handſchrift.“ Chriſtine veränderte keinen Zug, machte keine Be⸗ wegung, als ſie dieſe unbegreifliche Epiſtel las. Als ſie geendet hatte, faltete ſie dieſelbe langſam zuſammen und ſteckte ſie in ihre Taſche. Ihre Phyſiognomie, ihre Haltung ließen auf tiefes Nachdenken ſchließen, das mehr als eine Stunde dauerte. Dann nahm ſie den Brief, las ihn noch einmal und zum drittenmal durch, zündete eine Wachskerze an, verbrannte ihn und gab ſeine Aſche dem Winde preis. Nachdem dieß geſchehen war, ging ſie zu Flavia hinein. Nicht wahr, mein Kind, ſagte ſie zu ihr, Sie haben für den ganzen Tag Arbeit? Ja, Fraͤulein. Sie können mit Joſephine hier bleiben, während ich auf eine bis zwei Stunden ausgehe. Ich will zum alten Schloß hinauf; ich muß Luft ſchöpfen, ſonſt macht mich mein Kopfweh noch wahnſinnig. Gehen Sie, gehen Sie, liebe Freundin, ich werde vollkommen ruhig ſein, meine Morgenaufgaben been⸗ digen und dann Klavierübungen vornehmen. 1 Ich verlaſſe mich auf Ihr Verſprechen, wir wollen ſehen, ob Sie es halten. Ganz ſtolz, daß ſie Vertrauen einflöße, ſetzte ſich 190 Flavig voll neuen Eifers wieder an die Arbeit. Fräu⸗ lein Orthez warf einen Shawl um, band einen Schleier auf ihren Hut und ſchlug den Weg nach dem Berge ein. Zu dieſer Stunde der größten Hitze ſtanden die Straßen von Baden verödet. Die Einen ruhten, die Andern ſpielten, wieder Andere machten Wanderungen durch die Umgegend, aber Niemand ging in dieſem Städt⸗ chen, 8 nur das Vergnügen Geſchäfte macht, um bloß zu gehen. Die Gouvernante huſchte daher unbemerkt durch die Straße, dann in's Gehölze, ſchlug einen Seitenpfad ein, der direkt zu den Ruinen führte, und gelangte endlich mit klopfendem Herzen dahin. Ihre ſtrenge und unbe⸗ wegliche Phyſiognomie zeigte, daß ſie vollkommen Herrin ihrer ſelbſt und feſt entſchloſſen ſei, ihre Zukunft nicht zu zerſtören, ohne alle nur möglichen Mittel zu deren Erhaltung zu verſuchen. Sie hatte bis dahin Niemand an etroffen. Man hörte zwar hie und da zwiſchen den 5 verſteckenden Bäumen hindurch Gelächter und lautes Geſpräch, ſie war jedoch überzeugt, nicht geſehen worden zu ſein. Die Ruinen thürmten ſich vor ihr auf und die Zugänge zu denſelben waren gegen die Gewohnheit verödet. Die ſeither durch den Parkaufſeher eingerichtete Reſtauration beſtand damals noch nicht und die Badgäſte ſtiegen, wie der Fremde es vorausgeſehen hatte, zu den Tables-d'Hlotes in’s Städtchen hinab. Chriſtine durfte nicht lange warten; kaum hatte ſie ſich vor der gewölbten Thüre gezeigt, ſo zeigte ſich auch ihr Correſpondent. Er grüßte ſie von Weitem ſchon mit einer ſehr edeln und ſehr anmuthigen Geberde und be⸗ deutete ihr, ihren Weg in der am wenigſten beſuchten Richtung fortzuſetzen. Er folgte ihr, ohne daß es auf⸗ fallen konnte, bis zu einer ſehr entlegenen und ſehr dun⸗ keln Art von Lichtung, die zu einer Unterredung, wie ſie ſie wünſchten, ganz geeignet war. un V V 191 Jetzt rief der Mann Chriſtine einfach beim Namen und fügte hinzu: Wir ſind ganz allein hier, plaudern wir nun! 23. Die Seele einer Ehrgeizigen. Chriſtine verneigte ſich kalt und antwortete mit einer Ruhe voller Würde: So plaudern wir denn, mein Herr! Der Mann ſah ſie einige Minuten lang mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit an, dann kreuzte er die Arme über der Bruſt und ſagte: Mein Ehrenwort, Chriſtine, Sie ſind herrlich, ich bewundere Sie. Es gibt auf der Welt keine andere meiner würdige Frau, und ich glaube, ich könnte mich entſchließen, wirklich der verantwortliche Herausgeber Ihrer Handlungen zu werden. Ich bin überzeugt, Sie leiden furchtbar, Sie legen Ihrem hochfahrenden Charakter eine ungeheure Gewalt auf, um mich nicht mit mehr oder weniger verdienten Vorwürfen und Schmähungen zu überhäufen, und Sie ſind ſcheinbar ſo ruhig, als wollten wir uͤber Literatur ſprechen; Ihr Geſicht iſt zwar blaß, aber Ihr Mund lächelt, Ihre Haltung iſt ungezwungen, Sie tragen den Kopf hoch. Sie ſcheinen mehr eine Königin, die ihren Hofſtaat um ſich verſam⸗ meln will, als eine in ihrem Theuerſten bedrohte Frau. Sie hätten eine große Komödiantin gegeben, meine Liebe, und wenn Sie wollen, ſo iſt es vielleicht nicht zu ſpät, daran zu denken; wir würden viel Geld gewinnen. Chriſtine biß ſich vor Aerger in die Lippen; dieſer hölliſche Menſch durchſchaute ſie unaufhörlich, er las in ihren Gedanken, wie in einem Buche; ſie konnte ihm weder ihre Kämpfe, noch ihre Befürchtungen verbergen, 192 und die übermenſchlichen Anſtrengungen, die ſie ſich auf⸗ legte, um ihm eine Lleichgültige Verachtung zu zeigen, wurden vergeblich. Entmuthigt ſank ſie auf den Raſen, ohne zu antworten. Er ſetzte ſich neben ſie. Haben Sie über meinen Brief nachgedacht? fragte er. Ja, mein Herr. Mein Fräulein! Sie halten alſo am Ceremoniell feſt? Doch einerlei. Gehen wir auf's Weſentliche über. Iſt es Ihnen genehm, mir das Reſultat Ihres Nach⸗ denkens mitzutheilen? Nur deßhalb bin ich gekommen. Wohlan! Wohlan, Sie haben mich errathen, wenigſtens was meine Geſinnungen gegen Sie anbetrifft. War ich auch einen Augenblick betrogen, verblendet, ſo bin ich es nicht mehr, ſo ſehe ich Sie jetzt, wie Sie ſind, und deßhalb bitte ich Sie, Ihren Weg zu verfolgen und mich den meinigen gehen zu laſſen, ohne ſich zu bekümmern, wo⸗ hin er mich führen wird; das geht nur mich an. Wirklich! Sie glauben mich zu kennen, Sie! Meine arme Kleine, Sie ſtehen noch nicht beim ſechsten Buch⸗ ſtaben dieſes Alphabets. Ein Grund um ſo mehr! Die, welche ich bis jetzt enen lernte, machen mir keine Luſt, mein Werk fort⸗ zuſetzen. Sehr verbunden! Sie verſchmähen ſowohl meine Vorſchläge, als meine Geſinnungen; ein ſchöner und tüchtiger Krieg, den Sie mir da erklären. Maͤn wird ſich darnach richten. Indeſſen habe ich Mitleid mit Ihnen, ich nehme Ihren Fehdebrief nicht bei der erſten Aufforderung an und laſſe Ihnen Zeit, von Ihrem Irr⸗ thume zurückzukommen. Glauben Sie mir, Sie ſpielen das Spiel einer Betrogenen. Das Haus, welches Sie bewohnen, paßt nicht fur Sie; dieſe untergeordnete Stel⸗ lung verſetzt Sie unter die Botmäßigkeit von Leuten, die weder Ihren Geiſt, noch Ihren Werth verſtehen. Beatrir, die Marquiſe, will ich ſagen, iſt ein verwöhntes 193 Kind mit allen Fehlern der Frau und denen des jungen Mädchens. Monza, ſchwach, unſchlüſſig und in Allem ſehr gewöhnlich, verbirgt unter einer gefirnißten Erzie⸗ hung böſe Neigungen. Robert, leichtſinnig, ungeſchickt, unbeſtändig, trägt den Namen Chamarante, wie man ein ſchönes Kleid trägt, an das man gewöhnt iſt und das uns nicht mehr genirt. Iſt das nicht eine Ihrer würdige Hausgenoſſenſchaft, würdig Ihres umfaſſenden Geiſtes, Ihrer überlegenen Verſtandeskraft, Ihres ſtarken Charakters? Aber, mein Herr, Sie kennen alſo die Familie von Monza und Herrn von Chamarante, daß Sie ſo unum⸗ wunden von ihnen ſprechen? 1 Ob ich ſie kenne! Mehr und beſſer als Sie, und gerade da liegt die Gefahr, was nämlich Sie anbetrifft. Ich verſtehe Sie nicht, mein Herr. Das weiß ich; Sapperment, es iſt gut, daß Sie mich nicht verſtehen, ſonſt... Doch kommen wir auf unſern Gegenſtand zurück; Sie haſſen, Sie verachten mich. Sie verſchmähen mein Herz, meine Hand... und mein Vermögen? Ja, mein Herr. Sie verſchmähen auch mein Herz und mein Ver⸗ mögen ohne meine Hand? Ja, mein Herr. Trefflich. Dann, meine Liebe, müſſen wir zu außer⸗ ordentlichen Mitteln greifen, denn was mich betrifft, ſo werde ich nicht von Ihnen abſtehen, das ſage ich Ihnen. Ich will Sie beſitzen, ich will Sie durchaus beſitzen, und wenn nicht aus freien Stücken, wider Ihren Willen und dem Herrgott zum Trotz. Je mehr Feſtigkeit Sie zeigen, deſto mehr Beharrlichkeit werde ich aufwenden; dieß iſt eine Art Wette, und dießmal werden Sie mich nicht in der Irre herumführen, indem Sie mir falſche Adreſſen zuruͤcklaſſen, dafür ſtehe ich Ihnen. Ich weiß nicht„ ob Sie je einen einzigen meiner Briefe erhalten haben; jedenfalls mußte der Umſchlag eine ſeltſame Muſterkarte Die blutige Marquiſe. I. 13 194 aller Poſtſtempel Europa's ſein, da Sie ſich dieſelben auf merkwürdige Weiſe von einem Orte zum andern ſchicken ließen. Ich habe alle Ihre Briefe erhalten, mein Herr. Und Sie haben dieſelben nicht beantwortet, ſo viel iſt gewiß, ſehen Sie. Es ſcheint mir doch nach dieſem... Es gibt gewiſſe Verhältniſſe in meinem Leben, an die ich mich nicht erinnern will, deren Erinnerung ich in mir verdränge. Fügen Sie nicht ein Wort hinzu oder ich verlaſſe den Platz. Ich verſichere Sie, Sie gäben eine treffliche Komö⸗ diantin! Fräulein Mars ſelbſt hätte weder mehr Würde noch mehr Wärme in dieſe Tirade legen können. Chriſtine antwortete Nichts; ſie verbarg ihren Kopf in ihre Hände und große Thränen guollen unter ihren Fingern hervor und tröpfelten langſam auf ihre Kniee. Der Unbekannte ſchaute ſie immer mit einer Gleichgül⸗ tigkeit an, als leide ſie nicht, als weine ſie nicht. Er ſtudirte den Schmerz. Wenn der Baron von Chelles hier wäre, ſo würde er Ihnen gewiß vorſingen: Warum denn weinen? Ich hab' Sie anzuflehen. Ich erlaube mir jedoch ſolchen Literaturkram nicht, ohne die Leute zu benachrichtigen; die hinterliſtigen Streiche ſind verboten. Ich ſage Ihnen daher in Proſa, daß Sie Unrecht thun, zu weinen, daß das geſchwollene Augen macht und durchaus zu Nichts nützt; weder der Herrgott noch ich rechnen Ihnen dieſelben an. Sie thä⸗ ten weit beſſer, ernſtlich an meine Pläne, an unſere ge⸗ meinſame Zukunft zu denken. Aber, mein Herr, ich will nicht, daß unſere Zukunft gemeinſam ſei. Meine Allerliebſte, Nichts iſt ſo ungeſchliffen wie eine That, das wiſſen Sie, und beſonders eine unum⸗ ſtößliche That. Ferner wiſſen Sie auch... ma 195 Schweigen Sie, ſchweigen Sie, mein Herr! Sie machen mich ſchaudern! Wirklich? Zweifeln Sie daran? Fi, nun das freut mich und ich will Sie bis zur Anbetung lieben! Ich habe noch nie die Ehre gehabt, irgend einer Frau ein ſolches Gefühl einzuflößen und es wird mich freuen, das auch ein wenig zu koſten. Mein Herr, ſagte Chriſtine, ihre Augen trocknend und mit viel Stolz aufſtehend, die Zeit, welche ich hier zubringen konnte, iſt verfloſſen; ich muß jetzt nach Hauſe, doch bevor ich Sie verlaſſe, will ich Ihnen von Neuem wiederholen, warum ich einwilligte, zu kommen, damit Sie ſich über meine Abſichten nicht täuſchen. Ich weiß nicht, ob ich Sie je geliebt habe, wovon ich aber über⸗ zeugt bin, iſt, daß ich Sie nicht mehr liebe, daß ich Sie nie lieben werde; daß ich Ihnen von dieſem Augenblick an total fremd bin und daß weder Bitten noch Drohun⸗ gen mich beſtimmen werden, Sie ferner anzuhören. Wenn Sie mir ſchreiben, ſo werden Ihre Brieſe Ihnen uneröffnet zurückgeſchickt; wenn Sie ſuchen ſollten, mich zu ſehen, ſo werden Sie mich wenigſtens nicht mehr zur Einwilligung dazu bringen. Sie werden morgen kommen. Ich werde nicht mehr kommen. Sie werden morgen kommen, ſag' ich Ihnen. Nun denn, nein, tauſendmal nein! Dann werde ich Frau von Monza die Erzählung von jenem Theile Ihres Lebens ſchicken, an den Sie nicht denken wollen; ich werde Robert ein gewiſſes mit Blei⸗ ſtift geſchriebenes Billet ſchicken, das mehr Inhalt als Umfang hat, wie das berühmte:„Was man ſagt.“ ſe Süllten Sie ſchlecht und niederträchtig genug hiezu ein? Vollſtändig und noch dazu ohne den geringſten Ge⸗ wiſſensbiß. Ein Blitz der Wuth zuckte durch Ghriinne Augen; 196 ſie, die gewoͤhnlich ſo blaß war, ward roth, ſie ſtreckte gegen ihren Verfolger eine vor Aufregung zitternde Hand aus und ließ mit einer ſtolzen Verachtung und Ent⸗ ſchloſſenheit die Worte fallen: Handeln Sie nach Gutdünken, mein Herr, richten Sie eine arme Frau zu Grunde, die auf Erden ohne Schutz, ohne Stuͤtze, ohne Freunde iſt. Vertreiben Sie mich aus einer Familie, in welcher ich geehrt bin, geben Sie mich der Verachtung eines Mannes Preis, der für mich nur Gefühle des Wohlwollens hat, Sie haben es in Ihrer Hand und vermögen es. Indeſſen kennen Sie Chriſtine Orthez nicht, wenn Sie dieſelbe für fähig hal⸗ ten, ohne Rache zu fallen. Jetzt, da Sie mir Ihren Charakter enthuͤllt haben, fürchte ich Sie nicht mehr. Es muß auch in Ihrem Leben eine verwundbare Seite geben und die werde ich finden; ich werde mein ganzes Leben darauf verwenden, wenn es nöthig ſein ſollte, und dann werde ich Ihnen Ihr Verfahren gegen mich mit Wucher zurückzahlen, ſeien Sie ruhig. Das iſt Alles, mein Herr, was ich Ihnen antworten kann. Und ſich mit herausfordernder Majeſtät gegen ihn verneigend, begann ſie wie ein ſcheues Reh der Stadt -luzulaufen. Der junge Mann blieb unbeweglich und ſchute der Fliehenden nach, ſo lange er ſie ſehen konnte. Als er ſie aus dem Geſicht verloren hatte, klatſchte er in die Hände und rief: Dieſes Mädchen iſt zu ſchön, zu muthvoll und zu gewandt, als daß ich je auf ſie verzichten könnte; ſie muß mein werden. Chriſtine brachte den Abend und die Nacht in einem Zuſtande zu, der unmöglich geſchildert werden kann; ſie hatte dieſem Manne in ſeiner Gegenwart die Stirne ge⸗ boten, ſie hatte ihn durch ihre Verachtung demüthigen, vernichten wollen; als ſie aber allein war, erkannte ſie ihre Ohnmacht den furchtbaren Mitteln gegenüber, über die er verfügen konnte. Sie ſah ſich verloren, mit Schande bedeckt, genöthigt, ſowohl das Haus Monza 4 einie geko die ———ꝗᷓᷓ——ꝗꝗÿꝝᷓͤ— 197 als die Geſellſchaft, in der ſie aufgenommen war, zu fliehen. All ihr Blut begann zu kochen bei dem Ge⸗ danken an einen ſolchen Schimpf.. Oh, ſagte ſie bei ſich, wenn es zu dem kommt, ſo tödte ich ihn und mich nachher. Was wäre das Leben nach dieſem Schlage noch für mich? Der ganze folgende Tag verſtrich ohne Nachrichten. Weit entfernt, beruhigt zu werden, zitterte die Gou⸗ vernante. Die beunruhigendſten Vermuthungen kreuzten ſich in ihrer Einbildungskraft; ſie kannte ihren Gegner zu gut, um zu hoffen, daß er auf ſeine Abſichten ver⸗ zichte. Bebend glaubte ſie daher jeden Augenblick einen Abgrund unter ihren Füßen zu finden. Nach dem Mittageſſen ſpazierte ſie mit ihrer Schü⸗ lerin im Garten; das Mädchen ſpielte um ſie her, rich⸗ tete von Zeit zu Zeit eine freundſchaftliche Frage an ſie und überließ ſie nachher ungeſtört ihrem Nachdenken. Man meldete einen Klavierſtimmer, den man am Mor⸗ gen beſtellt hatte; Fräulein Orthez trat in den Salon, um ihm die nöthigen Anweiſungen zu ertheilen; Flavia blieb zurück, mit der Pflege ihrer Blumen und Alleen beſchäftigt. Der Klavierſtimmer verbeugte ſich tief; als er den Kopf aufrichtete, ſtieß Chriſtine einen unwillkür⸗ lichen Schrei aus; es war der Fremde. So ſchreien Sie doch nicht ſo, meine Liebe, das iſt albern; die Bedienten könnten ja glauben, ich verletze die Chrerbietung gegen Sie oder wolle das Silberge⸗ ſchirr Ihrer Herrin ſtehlen, und dann kämen ſie her und würden uns geniren. Zum Teufel, zeigen Sie doch etwas mehr Herrſchaft über ſich ſelbſt! Mein Herr... was wollen Sie hier?... Dieſe Kühnheit... Hinaus! fügte ſie hinzu, indem ſie ihm mit einer ſtolzen Geberde die Thüre wies. Sogleich, das iſt auch meine Abſicht, ſobald wir einige Worte gewechſelt haben. Sie wären nicht zu mir gekommen, deßhalb bin ich zu Ihnen gekommen, denn die Sache muß in's Reine gebracht werden. Ich habe 198 beſchloſſen, daß Sie mir angehören ſollen, gleichviel durch welches Mittel. Ihr königliches Abtreten von geſtern hat mir den Kopf erhitzt; Sie waren ſo ſchön, daß ich meiner Treu auf andere Gedanken verfiel. Ich verlange nicht mehr, daß Sie mir ſchreiben, ich verlange nicht mehr, daß Sie mir eine immer unter⸗ brochene, eine immer beobachtete Zuſammenkunft in den Ruinen oder in Eberſteinburg oder an irgend einem romantiſchen Orte gewähren. Ich will weit Beſſeres als das. Ich kenne jetzt das Innere dieſer Wohnung ſo gut, als ob ich ſie ſelbſt bewohnt hätte, man kann den Garten ſehr leicht auf der nach dem Felde liegenden Seite betreten. Eine geheime Treppe, zu welcher Sie den Schlüſſel beſitzen, ſetzt Ihr Zimmer mit einem klei⸗ nen verlaſſenen Treibhaus in Verbindung. Sie müſſen dieſe Thüre öffnen, mich bei Ihnen empfangen, ich muß Sie ſehen, nach Herzensluſt und ohne Zwang mit Ihnen plaudern können; das muß ſein, verſtehen Sie? Sie ſehen, wohin mich Ihr Widerſtand gebracht hat, Sie haben mir das Leichte verweigert und ſo kam ich auf den Gedanken, mehr zu verlangen. Ich gebe Ihnen dieſe ganze Nacht und den morgenden Tag, um Ihren Entſchluß zu faſſen. Habe ich morgen Abend Ihre Ein⸗ willigung nicht erhalten, ſo reiſe ich übermorgen früh nach Heidelberg und gebe Ihnen mein Edelmannswort, daß Sie ſchmählich aus dieſem Hauſe fortgejagt werden ſollen. Sie wiſſen wohl, daß mein Edelmannswort mir heilig iſt. Ich verlange in dieſem Augenblick keine Ant⸗ wort von Ihnen, ich gehe, fürchten Sie Nichts, man hat mich weder geſehen noch erkannt. Ihr Loos liegt in Ihren Händen, wählen Sie. Am andern Tag empfing der Fremde zur bezeichne⸗ ten Stunde folgenden Brief: „Krieg, tödtlichen Krieg. Wohlan, es ſei! Ich fürchte Sie nicht und habe Nichts von Ihnen zu beſor⸗ gen; ich habe einen Entſchluß gefaßt, der mich vor Ihren Angriffen ſicher ſtellt. Mit meinem guten Recht, liegt 199 meinem Willen und meinem Muthe bin ich ſtärker als Sie und ich erwarte Sie.“ Was Teufels hat ſie beſchloſſen? fragte er ſich. Keck geſpielt, ſonſt würde ſie mich vielleicht weit brin⸗ gen... Wovor kann ich Furcht haben? Habe ich ſie nicht in den Händen, dieſe ſtolze Bradamante? In demſelben Augenblick kamen Herr und Frau von Monza und der Graf von Heidelberg zurück. 24. Eiferſucht. Als der Marquis und die Marquiſe abgeſtiegen waren, umarmten ſie Flavia, welche ihnen entgegen⸗ ſprang, und das Mädchen erwiderte ihre Liebkoſungen tauſendfach. Ein Beobachter hätte indeſſen in ihren Zärtlichkeitsbezeugungen eine große Verſchiedenheit bemerkt. Auf ihre Mutter richtete ſie ängſtliche und verlegene Blicke, indem ſie fragte: Haben Sie viel Vergnügen gehabt, liebe Mutter? Wie befinden Sie ſich? Sind Sie müde? Dagegen ſchlang ſie freimüthig ihre Arme um den Hals des Marquis und flüſterte ihm in's Ohr: Oh, lieb Väterchen, wie freue ich mich, Sie wieder zu ſehen! Haben Sie auch an mich gedacht? Ich habe mit meiner guten Chriſtine viel gearbeitet und war ſehr brav. Sie ſcheinen mir ſehr blaß, Fräulein Orthez, ſagte Robert, ſind Sie leidend? Ich danke Ihnen, Herr Graf, ich bin immer blaß, wie Sie wiſſen, antwortete ſie, traurig lächelnd. Und was haben Sie während unſerer Abweſenheit gemacht? Iſt Jemand gekommen?. Keine Seele, Frau Marquiſe; wir ſind, wie ge⸗ 200 wöhnlich, mit Simon ausgegangen, wir ſind unſern Studien obgelegen, Fräulein Flavia hat ihr Tabouret beendigt und neue Variationen gelernt. Ei, das wirſt Du uns Alles zur Beurtheilung vor⸗ legen, nicht wahr, Kleine? Wann Sie wollen, liebe Mama, ſogleich, wenn es Ihnen beliebt. Nein, heute Abend nicht, ich bin müde, wir werden zu Nacht ſpeiſen und uns bald zu Bette legen. Haben Sie Befehle gegeben, Fräulein Orthez? Alles iſt, bereit, Madame. Die Kammerfrau trug den Hut und die Reiſeeffek⸗ ten weg; Frau von Monza begab ſich in den Speiſeſaal, ihre Tochter an der Hand. Sie ließ ſie an ihre Seite ſitzen und begann ſie von Neuem in zerſtreuter Weiſe auszufragen. Während ſie mit ihr redete, fuhr ſie mit ihren Fingern durch des Mädchens Haare und ſtreichelte ſein huͤbſches Geſicht; plötzlich aber ſtieß ſie einen Schrei aus und zog Flavia ungeſtüm an ſich. Was haſt Du da, mein Kind? Was für eine ſchreckliche Geſchwulſt haſt Du da hinter dem Ohre? Ich habe ſie noch nie geſehen, ſeit wann hat ſich die eingeſtellt? Ich hatte ſchon vor geraumer Zeit die Ehre, der Frau Marquiſe mitzutheilen, daß Fräulein Flavia eine noch unbedeutende Sackgeſchwulſt habe, worauf mir Ma⸗ dame befahl, den Arzt holen zu laſſen. Er kam, ſprach mit dem Herrn Marquis darüber und verordnete ein Mittel, das wir befolgen. Ich habe Madame über Alles dieſes Bericht erſtattet. Mir, Fräulein! erwiderte Beatrir mit Bitterkeit, Sie träumen. Dem Herrn Marquis ohne Zweifel, denn ſeit einiger Zeit ſind Sie ſehr fleißig in Ihren Mitthei⸗ lungen an ihn. Indeſſen geht das hauptſächlich mich an, wie mich dünkt. Sie haben wohl unſere Beſprechung in Beziehung hierauf vergeſſen, Madame? heit nich wie dieſ wen das nich Näc und zu i auf woll um nehr zu H dem ihren vern jedo war Herz den Sal zurü Bea 201 Ich habe Nichts vergeſſen, Fräulein. Die Geſund⸗ heit meines Kindes iſt zu koſtbar für mich, als daß ich nicht vor Allem daran denken ſollte. Sage mir, Flavia, wie fühlſt Du Dich, liebes Herzchen? Schmerzt Dich dieſe Drüſe? Des Nachts hindert ſie mich zuweilen am Schlaf, wenn ich mich auf dieſe Seite lege. Sehen Sie, das Mädchen hat furchtbare Nächte, das bin ich überzeugt; und ich wußte es nicht und bin nicht bei ihr geblieben! Madame, Fräulein Flavia hat keine furchtbare Nächte, beruhigen Sie ſich. Sie wacht zuweilen auf und das merke ich auf der Stelle; dann begebe ich mich zu ihr und laſſe ihr die nöthige Pflege angedeihen. Iſt das wahr, Flavia? Mit einer unwillkürlichen Bewegung ſtand Chriſtine auf, legte die Hand auf das Haupt des Kindes, als wolle ſie es zum Zeugen anrufen, und ſagte: Madame, ich habe nie gelogen! Fräulein, verſetzte Herr von Monza, ich bitte Sie um Entſchuldigung, wollen Sie gefälligſt Flavia mit⸗ nehmen. 3 Die Gouvernante ſchlug ihr großes blaues Auge zu Herrn von Monza auf und las in den ſeinigen einen dem Ausbruche nahen Sturm. Sie ſah, daß ihre und ihrer Schülerin Gegenwart hier wirklich überflüſſig ſei, verneigte ſich ſchweigend und verließ mit Stolz, der jedoch ſo fern von Unverſchämtheit als von Kriecherei war, das Zimmer. Amadee begleitete ſie gleich einer Herzogin bis zur Thüre.— Als er mit ſeiner Frau allein war, reichte er ihr den Arm und ſchlug ihr vor, einen Augenblick in den Salon hinuͤber zu gehen. Die Marquiſe wies denſelben zurück, ohne zu antworten, und ſchritt vor ihm her. Sie traten Beide ein, der Marquis ſchloß die Thüre, Beatrix warf ſich auf einen Divan. Bevor wir uns trennen, Madame, wollte ich Ihnen 202 ohne Zorn die ganze Unſchicklichkeit der ſo eben von Ihnen veranlaßten Scene vor Augen halten. Sie haben eine traurige Rolle vor Ihrer Tochter geſpielt und ihr eine abſcheuliche Lektion gegeben. Ich verſtehe, mein Herr, ich hätte mich durch dieſes in meinem Lohn ſtehende Mädchen Lügen ſtrafen und von ihr in Ihrer Gegenwart beſchuldigen laſſen ſollen, die Geſundheit meines Kindes zu vernachläſſigen. Das wäre anſtändiger geweſen, nicht wahr? Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, Beatrir, daß es wenigſtens gerecht geweſen wäre. Denn es iſt vollkommen wahr, daß Fraulein Orthez Ihnen zu wie⸗ derholten Malen in meiner Gegenwart von dieſer Ge⸗ ſchwulſt geſprochen hat, Sie haben ihr geantwortet, das habe Nichts zu bedeuten, Sie hätten mehrere Perſonen gekannt, die mit dieſem kleinen Kinderübel behaftet wa⸗ ren, das ſich durch ein leichtes Mittel zertheilen laſſe. Die Gouvernante und ich aber, welche ohne Zweifel bäl⸗ der als Sie beunruhigt werden, ließen den Arzt rufen, wie Sie ſo eben gehört haben, denn ihre Erzählung iſt vollkommen richtig. In der That, mein Herr, ich verſtehe Sie nicht. Wie! Sie wollen mich ſelbſt überzeugen, daß ich faſele, daß ich verrückt bin! Ich habe dieſe ganze Geſchichte vergeſſen, während Sie und Ihre Gouvernante ſich der⸗ ſelben ſo gut erinnern. Meine Liebe, Sie waren damals mit einer Ihrer eiferſüchtigen Grillen beſchäftigt, Sie dachten nur an dieſe und alles Uebrige ging unbeachtet an Ihnen vorbei. So machen Sie mir auch noch den Vorwurf, Sie über Alles zu lieben! Ich mache Ihnen Ihrer Liebe wegen keinen Vor⸗ wurf, Beatrir, im Gegentheil, ſie macht mich glücklich; allein ich wünſchte, ſie würde ſich anders offenbaren; ich wünſchte Sie auf andere Weiſe mit mir beſchäftigt zu ſehen; ich wünſchte Sie beſonders mit Ihrer Tochter, Ihrem Hauſe beſchäftigt zu ſehen, daß Sie den Händen 203 einer Fremden nicht überlaſſen, was in den Ihrigen ſo gut aufgehoben wäre. Immer Ihre ewigen Beſchuldigungen! Sie ſcheinen mir in dieſem Falle um ſo übler angebracht, als dieſe Fremde es für Sie nicht iſt, als Sie ſich beſonders ſeit einiger Zeit einzig nur mit ihr beſchäftigen und Sie ihr ſelbſt den Platz einräumen, durch deſſen Abtretung ich mir Ihren Tadel zuzog. Wie oft, Beatrix, muß ich Ihnen noch ohne Er⸗ folg dieſelbe Verſicherung wiederholen? Ja, Sie haben Recht, meiner ewigen Beſchulpigungen zu erwähnen, denn ſeit unſerer Verheirathung habe ich Sie unabläſſig gebeten, Ihr Benehmen zu ändern, und glauben Sie mir, liebe Freundin, wenn wir Zwiſtigkeiten gehabt, wenn ſich Wolken zwiſchen uns aufgethürmt haben, wenn unſer häusliches Leben eine andere Geſtaltung angenommen Pat, ſo verdanken Sie es Ihnen ſelbſt, vielleicht Ihnen allein. Mir, mir, die ich ſeit ſo vielen Jahren außer Ihnen keinen andern Gedanken gehabt habe, Undankbarer! Mir, die ich Sie unendlich liebe, während Sie... und Sie dürfen mich beſchuldigen! Ich weiß, Beatrir, daß Sie eine heilige und keuſche Gattin ſind, ich weiß, daß Ihre Tugend und Ihr Ruf unantaſtbar ſind, aber... 1 Aber Sie wiſſen das und verlaſſen mich! Und Sie haben mich zu allen Qualen der Eiferſucht verdammt! Sie haben mir nach einander zwanzig verſchiedene Mar⸗ tern aufgelegt. Ihre Herzogin von Alagny, Ihre Schau⸗ ſpielerinnen, was weiß ich? Mich mit meinem Hauſe beſchäftigen! Mich mit meiner Tochter beſchäftigen! Mit meiner Tochter! Wer könnte mir nach Ihnen auf der Welt lieber ſein? Wo ſollte ich die Zeit, die Kraft dazu hergenommen haben, ich, die ich unabläſſig in Thränen ſchwamm, deren Kopf und Herz voll der gerechtfertigtſten Beſorgniſſe war, ich, die Sie immer erwartete und nur zu mir kommen ſah, 204 wenn es ſich nicht anders thun ließ, die ich auf Ihrem Geſichte nach einem Augenblick der Zärtlichkeit, der Sympathie ſpähte und Sie nur eiſig, gleichguͤltig fand, ich, die ich Sie in den Armen einer Nebenbuhlerin ſah, während Sie mich verließen, die ich verdammt bin, immer zu leiden! O, wie kann ich denn mitten unter Allem dem daran denken, ob meine Leute mich beſtehlen oder ſogar, Gott verzeihe mir's, ob mein armes Kind ſeine Muſikſtunden gehörig nimmt. Iſt es mir möglich, an Etwas zu denken, wenn ich fuͤhle, daß ich wie ein Flämmchen ohne Nahrung erſterbe? Ich leugne weder Ihre Qualen noch Ihre Schmer⸗ zen, meine arme Freundin; ich habe zu ſehr darunter gelitten und leide noch jetzt zu ſehr, um mir die Ge⸗ wißheit davon zu verhehlen. Dieſe Schmerzen ziehen Sie jedoch nicht von der Welt ab, Sie nehmen ſie mit Af den Ball, in's Schauſpielhaus, zu tauſend Beſuchen. aun... Dann kann ich ſie auch in die Speiſekammer oder in ds indtihn meiner Tochter mitnehmen, nicht wahr? Aber.. Ja, Sie haben Recht. Es iſt mir verboten, eine Zerſtreuung zu ſuchen; die arme Verlaſſene ſoll weder ihre Thränen zeigen noch dieſelben einen Augenblick vergeſſen. Zum Weinen geboren, muß man immer weinen. Beatrir! Ach, du lieber Gott! Glauben Sie denn, ich durch⸗ ſchaue Sie nicht? Dieſe Reiſe, die wir ſo eben gemacht und von der ich mir ſo viel Vergnügen verſprach, haben Sie mir durch Ihre Ungeduld verdorben. Sie lieben dieſes Mädchen, mein Herr, und das iſt wieder eine furchtbare Grauſamkeit gegen mich. In meinem Un⸗ glück glaubte ich ein zweites Ich, eine Freundin gefun⸗ den zu haben, auf die ich mich hinſichtlich der mütter⸗ lichen Sorgen des Lebens verlaſſen konnte. Ich fühlte mich getröſtet, fühlte mich unterſtützt, aufrecht erhalten 8g — K 20⁵ und dieſe Stütze, dieſen Beiſtand wollten Sie mir nicht laſſen. Ihre Liebe raubt mir Alles auf einmal. Was habe ich Ihnen gethan, Amadee, um mich ſo zu martern? Der Marquis näherte ſich ſeiner Frau und ergriff ihre Hand; ſie ſchluchzte. Meine Freundin, ſagte er zu ihr, Sie flößen mir inniges Mitleid ein... O, Mitleid! rief ſie. Ja, Mitleid, ich wiederhole es, denn ich kenne kein anderes Wort, um den unabläſſtigen Schmerz zu be⸗ zeichnen, den Sie in meine Seele geworfen haben. Ich habe alle nur möglichen Mittel verſucht, um Ihre un⸗ ſeligen Anlagen zu ändern. Sie weigern ſich, mich an⸗ zuhören. Wohlan, um jedoch den Frieden unter uns herzuſtellen, um Ihrem Herzen den Troſt zu bringen, den ich in daſſelbe ergießen möchte, will ich noch einmal verſuchen, Sie zu überzeugen. Sie wiſſen, wie heilig mir das Andenken meiner Mutter iſt, Sie wiſſen, ob ein Schwur bei dieſem geliebten Andenken nicht der heiligſte von allen iſt; Sie wiſſen, daß ich meine Toch⸗ ter anbete! Wohlan, meine Frau, bei dem Andenken meiner Mutter und dem Haupte meiner Tochter ſchwöre ich Ihnen, daß zwiſchen Fräulein Orthez„und mir nie andere als die kälteſten und anſtändigſten Beziehungen ſtattfanden, daß ich nie anders die Augen zu ihr auf⸗ geſchlagen habe, als um ihren Blick in ihrem Beneh⸗ men gegen Flavia zu prüfen. Abgeſehen von meiner Erkenntlichkeit iſt mir keine Perſon auf der Welt gleich⸗ kültiger. Noch mehr, dieſes keuſche, ſtrenge, ernſte Ge⸗ ſhopf, dieſe Sklavin ihrer Pflicht iſt keine Frau für mich. Ein Gedanke, der ſie beflecken müßte, ſchiene mir auf unſere Tochter überzugehen, die ihr anvertraut iſt. Nie, davon bin ich überzeugt, hat ein Mann ein Zeichen wohlwollender Gefühle von ihr erhalten. Hat ſie ein Herz? Ich zweifle daran. Kann ſie lieben? Ich glaube es nicht. Halten Sie mich für thöricht genug, meine Zeit mit Seufzern zu verlieren? 206 O, wenn Sie mich noch lieben würden! Wenn ich Sie noch lieben würde! Ich liebe Sie, Beatrir, mit aller Zärtlichkeit und ſage Ihnen meiner⸗ ſeits: Wenn Sie es glauben wollten, wenn Sie ein wenig mehr Sanftmuth, ein wenig mehr Vertrauen in unſere Beziehungen legen wollten, ſo würde unſerm Gluͤcke Nichts fehlen. Wohlan, mein Amadee, fragte ſie, indem ſie ihn umarmte, was verlangſt Du von mir? Ich will es thun, ich will es ſogleich thun. Alles für Dich, mein Engel. Erſtlich, daß Du mir glaubeſt. Ja, ich glaube Dir, ich will Dir immer glauben. Dann wirſt Du die Leitung des Hausweſens und die der Erziehung Deiner Tochter wieder ein wenig über⸗ nehmen, oder wenn Dir das zu ſchwer fiele, wenigſtens durch Deine Ungerechtigkeit und Deine üble Begegnung die nicht entmuthigen, welche dieſe harte und ſchwere Aufgabe über ſich nimmt und ſie ſo bewunderungswür⸗ dig erfüllt. Ich will mich morgen bei ihr entſchuldigen. Nein, keine Entſchuldigungen, ſondern ein gutes Benehmen, Vernunft, Ruhe und zum Schluſſe wirſt Du ferner nicht über eine großmüthige und edle Freundin, über Frau von Alagny reden, wie Du bisher thateſt. Du wirſt uns Allen das Lächerliche Deiner Sticheleien erſparen, die ſie Dir leicht zurückgeben könnte, während ſie ſchweigt. Die Marquiſe lächelte. Auch das noch? Ich bitte Dich darum! Weiter? Mehr verlange ich nicht und Du wirſt die vollkom⸗ menſte Frau auf Erden ſein. 8 Dann werde ich ſie ſein, denn Alles das will ich un. Dank, meine Beatrix, Dank Dir, uns hiedurch den Frieden und die Freuden unſerer Jugend zurückzugeben. 207 Dank Dir und ſei geſegnet dafür! Du biſt müde, laß uns in Dein Zimmer hinaufgehen; Du wirſt gut ſchla⸗ fen und morgen zu unſerem neuen Leben ſchön und heiter aufſtehen. Komm, komm. Wirſt Du meinen Arm jetzt auch noch ausſchlagen? NMn Amadee! Und ſie warfen ſich einander in die Arme. Noch einmal ſchlugen ihre Herzen vereint; noch einmal ge⸗ noſſen ſie das ſo wahre und ſo ſüße Gefühl erlaubter Liebe, der Liebe in der Pflicht, neben welcher verbotene Genüſſe nur bittere Früchte ſind. Der Marquis be⸗ gleitete ſeine Frau in ihr Zimmer und war ihr bei ihrer Nachttoilette ſo Prtlich und ſo heiter behülflich, wie im Honigmonate. Beatrix fühlte ſich ſo glücklich, daß ſie Gott bei jedem Gedanken dankte. O, ſagte ſie bei ſich, ich war gegen dieſe arme Chri⸗ ſtine ſehr ungerecht, ich habe ſie grauſam verletzt! Ich werde nicht warten bis morgen, um mich mit ihr zu verſöhnen. Glückliche Liebe macht ſo gut! Als der Marquis in ſein Zimmer trat, ſchloß er ſich wie gewöhnlich ein; nachdem er ſeinen Kammerdiener entlaſſen hatte, und uͤber ſein häusliches Leben endlich beruhigter war, begann er einige in ſeiner Abweſenheit angelangte Papiere zu ordnen. Dann ging er in ſei⸗ nem Zimmer auf und ab, die Ereigniſſe des Abends und alle die Qualen, die ihm der Charakter ſeiner Frau noch verhieß, überdenkend. Ach, murmelte er vor ſich hin, wenn ſie mich we⸗ niger lieben wollte, ſo hätte ich ſie ſehr geliebt, ich. Die arme Beatrir! In dieſem Augenblick ließ ſich ein leiſes Geräuſch an der Thüre vernehmen. Man klopfte ſachte. Sollte ſie es ſein, will ſie ihre früheren Gewohn⸗ heiten wieder beginnen? fragte er ſich mißmuthig. Wer iſt da? fügte er laut hinzu. Ich, Herr Marquis, antwortete eine zitternde Stimme. 208 Sie, Fräulein! iſt Flavia etwa krank? Nein, mein Herr. Belieben Sie aber dennoch mir zu öffnen, ich muß durchaus mit Ihnen ſprechen. Er öffnete und Chriſtine ſtand vor ihm, Chriſtine, nicht mehr in ihrem langen und ceremoniellen ſchwar⸗ zen Gewande, ſondern Chriſtine im Nachtkleid von weißem Mouſſelin, das um den Leib mit einer ſeidenen Schnur gegürtet, oben etwas offen war und weite Aermel hatte, welche prächtige Arme und eine bewunderungswürdige Bruſt zeigten. Ihre ſchönen ſchwarzen Haare, deren Flechten halb herabhingen, rahmten ihr Geſicht ein, das eine ängſtliche Schüchternheit und einen unwiderruflichen Entſchluß zugleich ausdrückte. Auch ſo war ſie ſchön, ihre Schönheit war jedoch eine fremdartige, übernatür⸗ liche, ſo zu ſagen. Der Marquis ſtarrte ſie ſtaunend an. Was wollen Sie von mir? Fränlein, fragte er. 25. Ein Bekenntniß. Herr Marquis, antwortete ſie, erlauben Sie mir, mich einen Augenblick zu ſetzen, denn ich bin ſehr er⸗ griffen und könnte mich kaum erklären. Ich warte, Fräulein. Und der Marquis ſchaute ſie mit einer ſehr natür⸗ lichen Ueberraſchung an und ſeine Einbildungskraft baute Vermuthungen, denen er ſich jedoch nicht überlaſſen durfte, bei welchen aber ſein Herz unwillkürlich ſtärker pochte. Chriſtine war ſo ſchön und dieſer Beſuch zu einer ſolchen Stunde ſchien ihm 9 auffallend! Mein Herr, begann ſie endlich nach einigem Schwei⸗ gen, ich muß morgen Ihr Haus verlaſſen und bin der Güte, mit welcher Sie mich zu heehren geruhten, eine 209 offene Erklärung der Gründe ſchuldig, die mich dazu be⸗ wegen. 3 Mein Haus verlaſſen, Fräulein Chriſtine, wegen einiger Worte, welche die Marquiſe ſchon bereut hat und über die ſie ſich morgen früh bei Ihnen zu ent⸗ ſchuldigen gedenkt. Das iſt unmöglich und ich erlaube es Ihnen nicht. Es iſt keineswegs die Scene von heute Abend, die mich zwingt, mich von Flavia zu trennen, mein Herr, und ich bitte Sie, davon überzeugt zu ſein. Meine Liebe zu ihr verliehe mit den Muth, alle derartigen Widerwärtigkeiten zu ertragen. Uebrigens befindet ſich die Frau Marquiſe in ihrem mütterlichen Rechte und es wäre unvernünftig, ſie anklagen zu wollen. Aber warum wollen Sie denn fort?... Die ernſteſten Beweggründe beſtimmen mich dazu, Herr Marquis. Sie würden mich fortjagen, wenn ich nicht von ſelbſt ginge; ich will Ihnen dieſe Unannehm⸗ lichkeit, mir dieſe Schmach erſparen. In der That, Fräulein, ich verſtehe Sie noch we⸗ niger. 3 Sie werden mich ſogleich verſtehen, mein Herr, wenn Sie mir einige Augenblicke Ihre Aufmerkſamkeit ſchenken wollen. Was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt ſehr ernſt; ich will Ihrer Ehre das Geheimniß meines Lebens anvertrauen; ich will Ihre Nachſicht und Ihren Schutz zugleich nachſuchen und Sie werden mir dieſel⸗ ben nicht verweigern, hoffe ich. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß mein Schutz Ihnen gewährt wird und was meine Nachſicht betrifft, ſo denke ich nicht, daß Sie derſelben bedürfen. Doch, mein Herr, denn ich bin ſehr ſtrafbar, da ich einen Fehler begangen habe, für den die Welt keine Entſchuldigungen hat. Sind Sie ſo ſtreng, wie dieſe, ſo bleibt mir Nichts übrig, als mich zu entfernen. Ich habe weder das Recht noch den Willen, ſtreng Die blutige Marquiſe. I. 14 — 210 zu ſein, Fräulein, und ich höre Sie mit dem größten Intereſſe an. Tauſend Dank, Herr Marquis, Gott wird Ihnen das Erbarmen lohnen, das Sie einer armen Waiſe ge⸗ währen. Sie wiſſen von meiner Vergangenheit, was Jedermann bekannt iſt, Sie wiſſen, daß ich der Barm⸗ herzigkeit meine Erziehung verdanke, Sie kennen meinen Aufenthalt im Penſionat, in England, in Deutſchland. Sie kennen meinen Charakter, inſofern ich ihn zeige, Herr Marquis, mein ganzer Charakter aber und mein Lebenslauf ſind Ihnen unbekannt. Sie hielt einen Augenblick inne, gleichſam erſchrocken über die Geſtändniſſe, die ſie zu machen im Begriff war. Herr von Monza ermuthigte ſie durch ein Zeichen des Wohlwollens. O, ich werde Alles ſagen, fuhr ſie fort, deßhalb bin ich gekommen, ich habe dieſer Tage genug gelitten wegen der Lage ohne Ausweg, in der ich mich befinde, ich habe genug gelitten wegen meines Alleinſtehens, wegen meiner Ohnmacht gegen den Dämon, der mich verfolgt. Das muß ein Ende nehmen. Zählen Sie auf mich, Fraäulein, ich werde thun, was mir möglich iſt. Ich muß bis auf meine Kindheit zurückgehen, denn von da an datiren ſich ſowohl mein Unglück, als das Verhängniß, das auf mir laſtet. Hätte mein Wohl⸗ thäter mich in meiner Sphäre leben laſſen, hätte er mich nicht aus meinem beſcheidenen Stande herausgeriſſen, ſo wären mir alle die Leiden, die mich beſtürmen, un⸗ bekannt geblieben; die unſeligen Leidenſchaften, die mich verzehren, hätten ſich nicht entwickelt, und ich wäre in diri Augenblick noch, was meine Mutter war, eine beſcheidene, glückliche Tochter des Volkes, umgeben von meiner Familie, nach keinen anderen Genüſſen als denen trachtend, die mir bekannt wären, und ohne das Un⸗ endliche, vielleicht das Unmögliche zu träumen. Allein die Vorſehung hatte es anders beſchloſſen; ſie gab dem Herrn V des nat Mit wie zuſe zog von ſtim hun meit beſch engl auf beſti den geizi bore mit Acht nitat willf Du Tale die ſ den, zwöl Ich ein 1 Kirch den V V V 211 des benachbarten Schloſſes den Gedanken ein, meine natürlichen Anlagen zu entwickeln, ſie verlieh ihm die Mittel und den Willen, es zu thun und ſein gutes Werk, wie man es nannte, ſelbſt nach ſeinem Tode noch fort⸗ zuſetzen. Die Frau, der er mich ſterbend anvertraute, voll⸗ zog ſeinen letzten Willen pünktlich. Nicht ein Heller von der zu meiner Erziehung, zu meinem Wohle be⸗ ſtimmten Summe ward anders verwendet. Sie reichte vierteljährlich dem Notar die Quittungen und Zeugniſſe meiner Lehrer ein und hatte folglich nach meinem zurück⸗ gelegten achtzehnten Jahre Anſpruch auf die hundert Thaler Renten, die ich ihr lebenslänglich von den zwölf⸗ hundert Francs bezahlen mußte, welche das Teſtament meines Gonners mir zuſicherte. Dieſe Frau, eine trockene, beſchränkte Perſon, ohne Herz und ohne Verſtand, von engherziger, ſtrenger Gottesfurcht, wandte ihren Einfluß auf mich an, um mich zum Eintritt in's Kloſter zu beſtimmen. Sie ſchilderte mir das klöſterliche Leben mit den verführeriſchſten Farben; ſie erweckte in mir ehr⸗ geizige Triebe, die meiner Natur ohnedieß ſchon ange⸗ boren waren; ſie führte mich in alle Klöſter, die ſich mit der Erziehung befaßten und machte mich auf die Achtung und Hochſchätzung aufmerkſam, welche die Dig⸗ nitare ſelbſt bei den angeſehenſten Perſonen genoſſen. So angeſehen kannſt Du auch werden, wenn Du willſt, ſagte ſie zu mir. Dieſe guten Schweſtern, wie Du in der unterſten Volksklaſſe geboren, ſind durch ihre Talente und Tugenden zu der hohen Stelle gelangt, die ſie einnehmen, und keine von ihnen iſt erzogen wor⸗ den, wie Du, keine beſitzt, was Du, auch nicht Deine zwölfhundert Franes Renten! Welch' ſchöne Mitgift! Ich trete dann als Laienſchweſter in das nämliche Haus ein und Du wirſt mich beſchützen. Ich horchte und ſchwieg, denn das Gepränge der Kirche war nicht nach meinem Geſchmacke und die Freu⸗ den des Kloſters befriedigten meine Wuͤnſch. nicht. Dieſe 212 Frau, welche beſtimmt war, meine Mutter zu erſetzen, verſchloß ſich durch eine ſolche Sprache mein Herz im⸗ mer mehr. Ich merkte, daß ſie mich nicht liebte, und unterſagte mir, ſie zu lieben; ich verſchloß mich in mich ſelbſt, ich fühlte die ungeheure Vereinzelung, zu der ich durch meine Geburt und durch die gefährliche Gabe einer über meinen Stand hinausgehenden Bildung verurtheilt war. Daher dieſer ſeltſame Charakter, den Nichts mehr verändern kann. So jung ich war, legte ich den liebe⸗ vollen Trieben meiner Seele, den in mir kochenden Leidenſchaften Schweigen auf; ich überzeugte mich, daß ich allein meine Zukunft ſchaffen, ich allein gegen die Unmöglichkeiten des Lebens ankämpfen müſſe, und ſo ſammelte ich denn alle meine Kräfte. Eines Tages führte mich meine Wärterin in die Kirche. Ich war dreizehn Jahre alt. Einige Augen⸗ blicke nach uns trat ein glänzender Zug ein und ein junges ſchönes Mädchen, deſſen Schönheit durch ſeinen Putz und ſein Glück noch gehoben wurde, trat zum Altar. Eine zahlreiche Familie, Freunde, Höflinge um⸗ ringten ſie. Ein Bräutigam, eben ſo reich und von eben ſo hohem Stande wie ſie, reichte ihr die Hand; ich hörte rings um ſie her wiederholt die Aeußerung: Wie ſchön iſt ſie! Wie glücklich iſt ſie! Dieſe Schönheit, dieſes Glück ſchienen mir eine Verhöhnung meiner Lage, mei⸗ nes Unglücks; die ſeltſamſten Ideen traten vor meinen Geiſt, neue Horizonte, nicht gekannte Wege thaten ſich vor mir auf, ich bildete thörichte, vielleicht alberne Hoff⸗ nungen, die mich ſeither nicht mehr verlaſſen haben. Von dieſem Augenblick an veränderte ſich bei mir Alles; ich ſtudirte, von beiſpielloſem Eifer erfaßt; ich beſchäftigte mich mit meiner Toilette, mit meinem Wuchſe, mit meinem Geſicht; ich beſchaute mich oft im Spiegel, ich ſuchte Complimente von den rohen Leuten meiner Umgebung zu erhaſchen, ich verſuchte meine Macht über ſie, ich gewahrte mit ſtolzer Freude, daß ich Alles be⸗ herrſchte, daß ich die Herrin und Königin unſers kleinen Beſe men und meit läng mich ſellſe forte behe einig komt zu ſ daue das zog iebe⸗ nden daß die d ſo die gen⸗ ein inen zum um⸗ eben jörte chön ieſes mei⸗ 213 Kreiſes ſei. Von da an trachtete ich nach einem andern Schauplatze... Doch ich langweile Sie vielleicht, Herr Marquis. Im Gegentheil, Fräulein, Sie machen mir das größte Vergnügen. Fahren Sie fort. Sie zweifeln hoffentlich nicht, mein Herr, daß ein gewichtiger Beweggrund mich zwingt, Ihnen ſo lange von mir zu ſprechen? Was auch der Beweggrund ſein mag, ich höre Sie ſehr gerne an, ich verſichere Sie. Ihre Offenherzigkeit, Ihr biederer Charakter rühren mich ungemein und we⸗ niger als je begreife ich, warum Sie meiner Tochter eine ſo ausgezeichnete Gouvernante rauben wollen. Ach, mein Herr, warten Sie! warten Sie! Urthei⸗ len Sie noch nicht. Eine von Chriſtinens braunen Flechten löste ſich ganz auf, ohne daß ſie es bemerkte, und ſiel auf ihre Schulter nieder. Der Marquis konnte ſeinen Blick nicht von dieſem prachtvollen Haare abwenden, das ſo lang als ihr Gewand war. Das junge Mädchen aber fuhr fort: Ich ward achtzehnjährig, die Verfolgungen meiner Beſchuͤtzerin begannen von Neuem, allein nach dem Teſta⸗ mente des Schloßherrn war ich von jetzt an emancipirt und durfte frei ſchalten und walten. Man ſtellte mir mein kleines Vermögen, den Contract meiner lebens⸗ länglichen und unveräußerlichen Rente zu und ich hielt mich für die größte Dame von Frankreich. Meine Ge⸗ ſellſchaft ward mir indeſſen zur Laſt, ich fühlte mich fortan ſo über ſie erhaben, daß ich mich ſchämte, ſie zu beherrſchen. Meine Penſionsvorſteherin, bei der ich nur einige Monate zugebracht hatte, bot mir an, zu ihr zu kommen und ihr in der Leitung ihres Hauſes behülflich zu ſein; ich willigte mit Freuden ein, verließ ohne Be⸗ dauern auf immer das lohnſüchtige Weib, das mir nie das Almoſen einer Liebkoſung geſpendet hatte, und be⸗ zog ein huͤbſches Zimmer im Penſionat. 214 Ich will Ihre Geduld nicht mißbrauchen, mein Herr, Sie wiſſen, daß ich mich an eine junge Englän⸗ derin, Miß Packet, anſchloß, daß ich ſie nach England begleitete und daß dieſe wohlthätige Familie mich ſo zu ſagen als Familienglied aufnahm; die Frau Herzogin hat Ihnen das Alles geſagt. Ja, und ich weiß auch, daß Sie, von den glänzend⸗ ſten und ſchmeichelhafteſten Huldigungen umringt, doch alle zurückgewieſen haben; ich weiß, warum Sie dieſe Familie verlaſſen haben, in welcher Sie ſo glücklich lebten; allein verzeihen Sie, wenn ich Ihnen ſage, daß ich nicht begreife, warum Sie die ungewiſſe und oft unan⸗ enehme Stellung einer Erzieherin der Ihnen vorge⸗ phlagelen Heirath vorgezogen haben. Gerade das muß ich Ihnen noch erklären; das war das Verhängniß und das Unglück meines Lebens und hier werde ich, wie geſagt, Ihrer ganzen Nachſicht be⸗ dürfen. Wohlan!„ Sie zögerte, erröthete ein wenig und fuhr dann fort: Ich ſchlug die mir angebotene Heirath aus, weil ich einen Mann liebte, der mich wieder liebte. Sie liebten! rief der Marquis aufſehend, Sie lieb⸗ ten und waren geliebt! Sie, Fräulein? Ja, mein Herr. Und ſie verbarg ihren Kopf in ihren Händen. Amadee's Ton und Geſicht veränderten ſich ſo zu ſagen vor ſeinem Gedanken. Sie bekamen einen Anflug von Strenge, ja ſogar von Härte, welche Chriſtine auf der Stelle wahrnahm, während ſie ſich jedoch über die Urſache derſelben täuſchte.. Ich ſagte Ihnen ſo eben, Sie möchten mich nicht voreilig freiſprechen; jetzt bitte ich Sie, mich nicht vor⸗ eilig zu verdammen, mein Herr. Und ich antworte Ihnen ebenſo, daß ich weder das Recht noch die Luſt habe, Sie zu verdammen, Fräu⸗ ein. 215 O, ſo haben Sie ſich das erſte Mal nicht geäußert, mein Herr. Und ein bitteres Lächeln flog über ihre Lippen, dann fügte ſie hinzu: Schon jetzt! Gleichviel! ich werde meine Geſchichte zu Ende erzählen. Miſter und Miſtreß Packet nahmen mich überall mit ſich und behandelten mich durchaus wie ihre Tochter; ich genoß ihr Vermögen, ihren Luxus, wie ihre wirklichen Kinder. In der hohen Ariſtokratie ge⸗ boren, Geſchwiſterkinder eines Herzogs und mehrerer Grafen, lebten ſie in der beſten Geſellſchaft von London, und ihnen hatte ich es zu verdanken, daß auch ich da⸗ ſelbſt die beſte Aufnahme fand. Allenthalben traf ich einen Landsmann an, der ſchön, reich, elegant, von Adel war, um den alle Frauen ſich riſſen und der ſich gerade ſo viel mit allen beſchäf⸗ tigte, um ſich den Ruf zu verſchaffen, daß er Glͤck bei den Damen habe. Man ſprach von ihm in den Mode⸗ elubs, bei Almacks, bei den großen Damen und auf dem Turf. Er ſpielte mit einer ganz eigenthümlichen Groß⸗ artigkeit, verlor mit großer Gelaſſenheit und hatte im⸗ mer Geld zur Verfügung. Er tanzte die Mazurka, den zweitaktigen Walzer, er ritt, gab die Mode an, kurz er war der Univerſalmann. Man ſah ihn in allen Zirkeln, aus⸗ genommen in dem der franzöſiſchen Geſandtſchaft, von welchem ihn, wie er ſagte, ſeine legitimiſtiſchen Anſichten ausſchloſſen, und denen des Hofes, die er wegen einem alten Groll gegen das Haus Hannover nie beſuchte. An⸗ fangs ſchenkte ich ihm keine Aufmerkſamkeit, eine glän⸗ zende Außenſeite lockte mich wenig. Sie wiſſen ohne Zweifel, daß lange vor Einführung der lebendigen Gemälde auf unſern Theatern die frem⸗ den Salons ſie zu ihrer Lieblingsunterhaltung machten. Eines Tages befanden wir uns bei dem Vetter des Miſter Packet, man ſprach, ich weiß nicht von was für einem Koſtüm, man kam auf die Gemälde zu reden und beſchloß endlich, eines auszuführen. Unſer Landsmann 216 und ich wurden gewählt, um, er den Achilles, ich die Eriphyle in Iphigenia's Opfer vorzuſtellen. Wir hielten mehrere Proben; ſo ward ich ihm näher gebracht, wir ſahen uns täglich, er beſchäftigte ſich angelegentlichſt mit mir; ich wies ſeine Huldigungen von mir, wie die der Andern, zwar mit etwas mehr Schwierigkeit vielleicht, jedenfalls mit mehr Bedauern. Der Tag der Vorſtellung kam. Der Graf erſchien mir als Achilles bewunderungs⸗ würdig ſchön, ich konnte meine Blicke nicht von ihm ab⸗ wenden und zum erſten Mal entdeckte ich auf dieſer Phy⸗ ſiognomie etwas ſo Ungewöhnliches, daß ich davon über⸗ raſcht ward. Dieſer Mann war jedenfalls ein geiſtig überlegenes Weſen, er trug eine Maske in der Welt und und unter dieſer leichtfertigen Maske verbarg ſich ein mächtiger Wille, eine ungewöhnliche Intelligenz; auch weiß ich nicht, welch unheilweiſſagendes Zeichen auf ſei⸗ ner Stirne ich ebenfalls in dieſem Augenblick zum erſten Mal entdeckte. Wenn ich Miltons ſo ſchönen, ſo großen, ſo furchtbaren Satan malen wollte, ſo würde ich gewiß den Grafen von Jauſſeliéere malen. Den Grafen von Jauſſeliere! rief Amadee, indem er blaß wie eine Leiche ward, den Grafen von Jauſſe⸗ liere haben Sie geſagt? Ja, mein Herr. Und dieſer liebt Sie, dieſen lieben Sie? Ja, mein Herr. Kennen Sie ihn? Ob ich ihn kenne, den Elenden! Und der Graf ſchritt in einem Zuſtande der Auf⸗ regung, der an Wahnſinn gränzte, zweimal haſtig durch das Zimmer. O, Herr Marquis, aus Erbarmen, reden Sie, ich beſchwöre Sie! Fräulein, ſagte der Marquis, ihr die Hand zum Zerquetſchen drückend, Fräulein, der, den Sie lieben, iſt ein.. O, armes Mädchen! armes Mädchen! Vollen⸗ den Sie Ihre Erzählung, ich will Alles wiſſen, bevor ich rede. * 8 217 Mein Gott, mein Herr! rief die Gouvernante, Sie krſchrecten mich! Was wollen Sie ſagen, um's Himmels⸗ willen? Nichts, Nichts, erwiderte der Marquis; es iſt mög⸗ lich, daß ich mich irre, ich hoffe es ſogar, ich bin davon überzeugt; vollenden Sie, vollenden Sie! Ich habe Ihnen alſo den Anfang dieſer für mich und vielleicht auch für ihn ſo unheilbringenden Liebe erzählt, denn ich weiß nicht, wohin ſie uns Beide füh⸗ ren wird. Von dieſem Tage an, dieſem jammervollen Tage, an welchem ich mich einer Einfältigen, einer När⸗ rin gleich, durch phyſiſche Schönheit fangen ließ, von dieſem Tage an, wo dieſe zuverſichtlichen Blicke, dieſe kühnen Stellungen, dieſe herkuliſchen Formen mir den Glauben eines unbezähmbaren Charakters, einer Feuer⸗ ſeele, eines Heldenwillens beibrachten, von dieſem Tage an veränderte ſich Alles um mich her: Ich bekam leidenſchaftlichen Geſchmack an dieſer Welt, die ich nicht liebte, an der Toilette, die ich verachtete, an den Huldi⸗ gungen die ich von mir wies. Ich wollte ſchön und an⸗ gebetet ſein, denn dieſer Mann ſchien mir groß und es chien mir nicht genug, ihm einen Thron anzubieten, ich brauchte einen Altar. Dieſe Welt von der Höhe ſei⸗ nes und meines Geiſtes beherrſchend, ſtellte ich uns Beide auf den Gipfel der menſchlichen Pyramide, wie Jehovah über ſeinem Dreieck thront. Mit ihm oder durch ihn ſchien mir Alles möglich, mein Herr; ich liebte ihn nicht nur von ganzem Herzen, ſondern von ganzer Seele, mit allem meinem Ehrgeiz, mit meinem ganzen früheren Schmerze, allen meinen Träumen, meiner gan⸗ zen Vereinzelung, mit Allem, was an zurückgedrängten Neigungen in mir lag, kurz, ich liebte ihn... wie ich nur lieben konnte! Chriſtine war erhaben, als ſie dieſes ſprach; ihre Schönheit erglänzte höher im Widerſchein ihrer Seele. Die Augen auf ſie geheftet, fühlte Amadee, wie neue Gedanken in ihm auftauchten, er meinte eine andere 218 Frau an ihr zu finden. Er entdeckte an dieſem herrlichen und leidenſchaftlichen Geſchöpfe unbekannte Reize. Keuſch und rein, war Chriſtine für ihn eine Madonna; liebend und gefühlvoll, war Chriſtine die reizendſte, anbetungs⸗ würdigſte der Frauen. Er ſchaute ſie mit Entzücken an Kid unwillkürlich widerhallten die Worte in ſeinem Ohre: Sie hat geliebt, ſie kann wieder lieben! Dieſe Liebe beherrſchte mich indeſſen nicht, ich hielt ſie unter meinen Füßen wie einen oft ſich empörenden, aber immer wieder unterworfenen Sklaven. Ich hatte dieſes unwiderſtehliche Joch, deſſen Macht ſtärker iſt als die meinige, noch nicht auf mich genommen; bis dahin war ich ſtarker als Alle. Es liegt ſo viel Kraft in mir! Der mit meinen Freunden verwandte Herzog lud uns ein, den Winter auf ſeinem Schloß in Devonſhire zu⸗ zubringen. Das war mein Untergang, Herr Marquis. Herr von Jauſſeliere begleitete uns hin; ſeine Gewandt⸗ heit umgarnte mich mit ſo viel Schlingen, ich wurde von ſo vielen Seiten überliſtet, daß ich mich gefangen fühlte, wie ein armer Vogel im Garne. Suchte ich ihn zu vermeiden, ſo brachten ſogar meine Combinationen ihn mir näher. Alles ſprach mir von ihm, ſein Geiſt, den man überall rühmte, die muthvollen und ſogar ver⸗ wegenen Handlungen, die man ihm zuſchrieb, und end⸗ lich, um einen Vers zu citiren, der mir in dieſem Augen⸗ blick als gewichtigſter Ausdruck meines Gedankens ein⸗ fällt: „Und dem Almoſen iſt ſein Bildniß aufgeprägt.“ In dieſem entzückenden Stücke, welchem dieſer Vers entnommen iſt, hat Frau von Girardin den Zuſtand meiner Seele errathen. Suchte ich irgendwo das Elend zu erleichtern, ſo hatte Ernſt vor mir daran gedacht, es gab keine Hütte, die er nicht beſucht, keinen Schmerz um uns her, den er nicht getröſtet hatte. Sein Lob ſtieg 219 wie Weihrauch zum Himmel empor, durfte ich demſelben nicht den Wohlgeruch meiner Liebe beigeſellen? Armes, armes Mädchen! murmelte der Marquis ſeufzend.* O, damals war ich nicht zu beklagen, denn ich war unſchuldig, ich kämpfte mit der Leidenſchaft und ſchmet⸗ terte ſie durch meinen Willen nieder. Vergeblich um⸗ garnte mich der Graf mit Verlockungen, Bitten, Thrä⸗ nen, Drohungen, ich widerſtand Allem. Ich gewährte Dem, der ſein Leben an mich hin verſchwendete, nicht einmal ein Geſtändniß, ich warf ihm eine hochmüthige Herausforderung zu und betrachtete den vor mir Knien⸗ den mit vor Glück hochklopfendem Herzen, kaltem Keyf⸗ und einem Willen, der ſelbſt über meine Liebe ſieegte. Dieſer Kampf dauerte zwei Monate, aber zwei Mo⸗ nate ohne Unterbruch von Morgens bis Abends und, ich ſchwöre es Ihnen, ohne Koketterie, ohne Kunſtgriffe, hiefür liebte ich zu ſehr. Einzig wollte ich rein bleiben, ich wollte es aus Grundſatz und aus Stolz. Von mei⸗ ner Höhe herabſteigen, einen Mann als Herrn und Ge⸗ bieter annehmen, ſchien mir eine mir unmögliche Er⸗ niedrigung. Ich hätte vor einem jener fabelhaften, heroiſchen, ſo zu ſagen eingebildeten Weſen, vor Alexan⸗ der, vor Cäſar, vor Napoleon mein Haupt gebeugt, das wäre Alles geweſen. Ich lieh eines Abends in Gegen⸗ wart Ernſt's meinen Gedanken Worte, ich leerte meine ſo volle und ſo begeiſterte Seele, ich erklärte, nur Gott oder Satan als mir überlegen anzuerkennen. Er hörte Alles an, ohne Etwas zu ſagen, und in dem Augenblick, wo man ſich trennte, um die Schlafzimmer aufzuſuchen, raunte er mir in's Ohr: Gott! das iſt unmöglich; Satan: man wird danach trachten. Jeetzt erſt fühlte ich die Unklugkeit meiner Erklärung, ich fühlte, daß ich vielleicht eine noch ſchwankende Natur zum Böſen verleite. Er wird ſich um jeden Preis auszeichnen, ſagte ich zu mir, er wird in einen Abgrund ohne Ausgang hinab⸗ ſteigen und ſein Sturz wird mir zur Laſt fallen. Nein, ich will dieſen Mann nicht lieben; nein, ich will nicht, daß er mich liebe, und Gott wird mir zu Hulfe kommen. Am folgenden Tage war er träumeriſch, melancho⸗ liſch, er beantwortete die an ihn gerichteten Scherze nicht, ſondern lenkte das Geſpräch geſchickt auf die Liebe. Dieſe ewige, immer neue Erörterung begann wieder, wie ſie ſtets beginnt. Jeder ſagte ſeine Meinung, Jeder ſetzte ſeine Chimären darüber aus einander und endlich verlangte Jemand auch meine Anſicht zu hören. In meiner Stellung, antwortete ich, iſt die Liebe entweder ein Luftſchloß oder ein Vergehen; weder das Eine noch das Andere ſagen mir zu. Ernſt ſchlug die Augen zu mir auf und ſchwieg. Ich hörte einen prächtigen Zug von ich weiß nicht was für einem Prinzen von Oranien erzählen, der in ein junges Mädchen verliebt war, zu welchem deſſen Mut⸗ ter ihm den Zutritt verweigerte, verſetzte eine Dame. Er traf ſie bei einem Feſte an, die Mutter ſetzte ſich zwi⸗ ſchen die Beiden und erſuchte den Prinzen, ihre Tochter nicht zu compromittiren. Sie befanden ſich in der Nähe des Kamins, der junge Mann bat die Mutter, ſo lange mit ihrer Tochter ſprechen zu durfen, als er eine glühende Kohle in der Hand zu halten vermöge. Ohne Schwie⸗ rigkeiten zu machen, willigte die Mutter ein, legte dem Prinzen eigenhändig ein brennendes Stück Holz in die Hand und trat dann etwas bei Seite. Als ſie ſah, daß die Unterhaltung dennoch lange daure, näherte ſie ſich den Liebenden wieder und machte dem jungen Manne den Vorwurf, ſein Verſprechen nicht zu halten. Statt aller Antwort ſtreckte er die Hand gegen ſie aus, die Kohle war erloſchen und das Fleiſch bis auf den Kno⸗ chen hinein verbrannt, ohne daß das Geſicht des Prin⸗ 8SSnBno 221 zen den geringſten Schmerz ausgedrückt, ohne daß eine einzige Muskel ſeiner Phyſiognomie gezuckt hätte. O, rief ich, heutzutage findet man keinen ſolchen Charakter mehr! Ich meine, ich würde einen ſolchen Mann anbeten. Meinen Sie, Fräulein? fragte der Graf. Ich laufe keine Gefahr, mich dazu zu verpflichten, entgegnete ich, ich werde niemals beim Wort genommen werden. Ernſt ſchaute mich an und ward ſehr blaß. Ach, mein Herr, ich nähere mich dem Augenblicke, welcher über mein Leben entſchied; ich zittere fortzufah⸗ ren, denn an Ihrer Achtung iſt mir viel gelegen, und wenn ich meine theure Flavia verlaſſe, ſo möchte ich wenigſtens in ehrenvollem Andenken bei Ihnen ſtehen, ſo wünſchte ich, Sie möchten mit Nuhe auf die Zeit blicken können, die ich bei ihr zugebracht habe. Ach, mein Herr, mein Herr, beurtheilen Sie mich nicht falſch, ich beſchwöre Sie. Ich höre Sie an, Fräulein. Wenn Sie mir ſo antworten, ſo finde ich nicht den Muth, dieſe im Vertrauen gemachte Mittheilung zu be⸗ endigen. So ſeltſam es Ihnen auch ſcheinen mag, ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich größeres Vertrauen auf Ihre Theilnahme als auf die der Frau Marquiſe ſetzte; ſie imponirt mir, ſie erſchreckt mich; Sie dagegen, mein Herr, von dem ich täglich ſehe, wie gut, wie zäͤrt⸗ lich Sie gegen Ihr Kind ſind, Sie, der gute Vater, Sie werden Mitleid mit mir haben; Sie, der Erbe eines ohne Gunſt und ohne Privilegium durch das bloße Ver⸗ dienſt eines berühmten Vaters erlangten Ruhmes, Sie werden meinen Stolz begreifen, entſchuldigen. Die Ahnen der Frau Marquiſe haben in den Kreuzzügen mitge⸗ kämpft, ihre Strenge entfernt mich von ihnen; der Fürſt von Monza ſpricht mich an und Sie, der Sie ſeinen Namen tragen, ehre ich wie dieſen Namen ſelbſt. O, 222 ſehen Sie, ich pflege alle Religionen, ſelbſt die der Er⸗ innerung. Nun denn! fahren Sie fort, unglückliches Opfer, nicht mein Mitleid, ſondern meine Sympathie, meinen Schutz erwarten Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie auf mich gezählt haben. An demſelben Abend, fuhr ſie fort, herrſchte eine durchdringende, eiſige und feuchte Kälte, wie ſie in Eng⸗ land einheimiſch iſt, der Boden war mit einem vier Schuh hohen Schnee bedeckt, der zu ſchmelzen begann und demzufolge noch unangenehmer war. In der Mitte des Abends verſchwand der Graf, man ſprach von ihm, er ließ ſich entſchuldigen, da er ſich krank fühle und ſich frühzeitig niederlegen wolle; von jetzt an kam mir der Salon verödet vor. Miß Packet und ich hatten eine Wohnung am äußerſten Ende eines Schloßflügels inne, welche in einen kleinen Blumengarten hinaus ging und durch einen breiten, rings um das Schloß ſich ziehenden Graben von der Straße getrennt war. An ſchönen Näch⸗ ten öffnete ich oft meine Glasthüre, wenn meine Schü⸗ lerin in ihrem Zimmer ſchlief, und athmete die eiſige Luft vom Fluſſe ein. Dieſen Abend blieb ich ziemlich lange bei meiner Gefährtin, dann trat ich in mein Zim⸗ mer, nachdem ich wie gewöhnlich die Riegel vorgeſcho⸗ ben hatte. Ich traf die beim Schlafengehen gewohnten Zurü⸗ ſtungen, wandte mich dann nach einem, durch mich in eine Betkapelle umgewandelten Kabinette und hob den Vorhang auf. Da ſtand Ernſt faſt leblos, ſchlotternd, bis auf die Haut durchnäßt, aber dennoch ſchön wie Leander nach der Durchſchiffung des Helleſpontus vor mir. Trotz meiner Ueberraſchung ſchrie ich nicht, ſon⸗ dern fragte ihn mit feſter Stimme, was er da thue und wo er die Kühnheit hernehme, bei mir einzu⸗ dringen. 4 Ich beginne den Prinzen von Oranien nachzuahmen, antwortete er lächelnd, da es ſo wenig bedarf, um Ihnen N R A —— — A — 223 zu gefallen. Ich habe den Graben durchſchwommen, im Schnee gewartet, bis die Bedienten ſich zur Ruhe be⸗ gaben, und dann trat ich hier ein. Jetzt laſſen Sie uns zur Feuerprobe übergehen, Sie werden ſehen, daß das ſuͤr ein leidenſchaftlich verliebtes Herz Nichts iſt. Ich machte keine Bewegung, ihn zurückzuhalten; mein Kopf war ein Chaos, in welchem ſich alle Gedan⸗ ken verwirrten; ich ſchaute ihn an, ich hörte ihn an, ich ließ mich von dieſem Zauber hinreißen, ich liebte ihn mit allen Fähigkeiten meiner Seele und meines Körpers und dennoch beherrſchte er mich noch nicht. Er nahm aus dem Kamin eines jener glühenden Kohlenſtücke, die man nur auf engliſchen Feuerherden findet und legte es in voller Glut in das Grübchen ſei⸗ ner Hand. Dann kniete er nieder, und, wie beim Prinzen von Oranien, veränderte ſich ſeine Geſichtsfarbe nicht, ſeine Augen wurden feuriger, ſeine Lippen lächelten, er redete, er redete lange und enthuüllte mir eine jener ausnahms⸗ weiſen, ſo ſeltenen und in der Welt ſo wenig verſtan⸗ denen Naturen. Er redete eine mir neue Sprache, ich glaubte in dieſer Seele Alles zu leſen, was von großen Ideen, edeln Trieben in der meinigen lag; ich glaubte unter dieſer reizvollen Hülle den Helden meiner Träume, den Herrn gefunden zu haben, dem ich ſtolz gehorchen wuͤrde; ich hörte ihn bewunderungswürdige Theorien entwickeln; er verſprach mir einen Platz an ſeiner Seite, über der Menſchheit, wie ich ihm in meinen Träumen einen Platz an meiner Seite aufbehalten hatte. Und die Kohle brannte immer! Unſere beiden Weſen ver⸗ einigten ſich in Hoffnungen, Plänen, Wünſchen; ſeine Leidenſchaft, ſtürmiſcher als die meinige, lieh ihm mehr Energie, mehr Gewalt; ich, die Erfahrungsloſe wurde dadurch getäuſcht, mein Kopf ſchwindelte, meine Einbil⸗ Bungekraſt wurde hingeriſſen, mein Herz ſchlug zum Zerſpringen und der Augenblick, in dem ich meine In⸗ feriorität erkannte, war der meiner Niederlage! 224 O, mein Gott, rief der Marquis, und für einen ſolchen Mann! Ich hielt ihn für groß, mein Herr, groß wie die Welt, und ich machte ihn glücklich, glücklich durch mich, die ich nie Jemand beglückt hatte, die ich nie durch Je⸗ mand beglückt worden war. Die Stunden verſtrichen wie in einer Zauberwelt, ich glaube ſie geträumt zu haben. So lange er da war, vergaß ich meinen Feh⸗ ler vollſtändig, ich hätte ihn noch tauſendmal begangen, um ihm das nämliche Glück zu ſpenden, um zu ſehen und zu hoͤren, wie er mir mit ſeinen ſchönen Augen, mit ſeinen ſchönen, vor Freude ſo triumphirenden Lippen dankte, um dieſe Wunde, den Beweis einer ſo mächti⸗ gen und ſo wahren Leidenſchaft anzubeten. O, mein Gott, wie glücklich war ich! Aber als am andern Morgen bei meinem Erwachen das aufrichtige und reine Kind, das mir anvertraut war, an mein Bett trat, als ich das Mädchen ſo keuſch und ſo unſchuldig an derſelben Stelle ſah, wo ſo wenige Stunden zuvor meine Unſchuld unter Ernſt's Küſſen entſchlafen war, da kam ich zu mir ſelbſt, da fühlte ich meinen Fall in ſeinem ganzen Umfange, da fühlte ich mich unwürdig, bei dieſem jungen Mädchen zu bleiben, und begann in Thränen auszubrechen. Das arme Kind brachte mir ein Billet von ſeiner Mutter, das mich unverzüglich zu ihr beſchied. Ich war ſpät aufgewacht, man fürchtete, ich ſei unwohl gewor⸗ den und doch hatte Miſtreß Packet mir die wichtigſten Mittheilungen zu machen, wie ſie ſagte. Außer Stande zu antworten, da ich durch mein Gewiſſen ſchon erſchreckt war und eine Entdeckung fürchtete, ſtand ich auf. Die treffliche Mutter überbrachte mir den Heirathsantrag ihres Verwandten, ſie unterſtützte denſelben mit ihrer ganzen Zärtlichkeit, und als ich mich hinter meine Ün⸗ würdigkeit verſchanzte, hielt ſie mir meine Tugend, mei⸗ nen Ruf, meinen Charakter entgegen, was weiß ich? Alles, worüber ich damals erröthete. Ich entfernte mich ohne einen Entſchluß zu äußern, und Miſtreß Packet glaubte mich beſtimmt zu haben. Gleich einer Som⸗ nambülen wohnte ich dem Frühſtück bei, antwortete auf Alles verkehrt, ſah nichts von Allem, was ich anſchaute, und litt bei dem Gedanken an die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Indeſſen hatte ich die Kühnheit, Ernſt in einem Augenblick anzureden, wo Niemand uns hören konnte, und ihn zu bitten, mich in den Park zu begleiten. Wir entwiſchten Jedes nach einer Seite hin, um uns ſicherer anzutreffen. Nach eini⸗ gen Umwegen geſellten wir uns zuſammen und hier theilte ich ihm unter Thränen und Gewiſſensbiſſen den empfangenen Heirathsantrag mit, und bat ihn, mich demſelben zu entziehen und den Verdruß und die Schande, undankbar gegen meine Freunde zu erſcheinen, von mir abzuwenden. Werden Sie es glauben, mein Herr? Dieſer Mann, dieſer Elende, dieſer Liebhaber von der vorhergehenden Nacht, dieſer Halbgott, dieſer Held redete mir zu, nicht ſeinen Nebenbuhler zu heirathen, das paßte nicht in ſeinen Kram, ſondern ſeine Wohlthaten um den Preis meiner Entehrung anzunehmen. Er ſchlug mir dieſe Schändlichkeiten zwar nicht vor, wie ich ſie Ihnen ent⸗ hülle, ſondern umgab ſie mit Sophismen, Schmeiche⸗ leien, Betheurungen, allein ich witterte die Schlange unter den Blumen und mein ganzes Weſen empörte ſich gegen eine ſo furchtbare Schlechtigkeit. Seinen Armen mich entreißend, eilte ich zu Miſtreß Packet, warf mich ihr zu Füßen und ſchwor ihr, daß ihr Verwandter meine Hand nie erhalten könne. Ich bat ſie im Namen ihrer Tochter, eine mir verhaßte Liebe fliehen zu dürfen und ohne ihr die wirkliche Urſache dieſes Wunſches zu offen⸗ baren, verlangte ich noch an demſelben Tage in'sgeheim abzureiſen, ohne daß Jemand auf der Welt meinen Zu⸗ fluchtsort erführe. Nach tauſend Bitten willigte ſie endlich ein! Ich ſah weder den Grafen noch irgend einen Bewohner des Die blutige Marquiſe. I. 15 226 Schloſſes mehr; ſie übernahm es, mich bei ihnen zu entſchuldigen, und ich ſchrieb an Ernſt. Ich ſchrieb ihm, daß ich ihn nicht mehr liebe, denn von dem Augenblicke an, wo er nicht mehr der Mann war, den ich träumte, liebte ich ihn nicht mehr, mein Herr. Ich bat ihn, mich zu vergeſſen, mir nicht zu folgen, mich nicht zu ſuchen, und machte ihm eine Jaljche Angabe Betreffs des Ortes, wohin ich mich zu begeben gedachte. Ich brachte eine falſche Adreſſe in Umlauf, um ihn über meinen wirk⸗ lichen Aufenthalt zu täuſchen, und er ward getäuſcht. Ich floh nach Paris, wo ich verborgen blieb, bis der Graf meine Spur ganz verloren hatte. Er ſchrieb mir mehrmals; ſeine Briefe ſuchten mich an zehn ver⸗ ſchiedenen Orten, wo ich Freunde hatte, die von mir benachrichtigt waren. Die Frau Herzogin von Alagny ſprach Ihnen von mir, ich trat in Ihr Haus ein, das Uebrige wiſſen Sie. Aber welche Gefahr bedroht Sie denn? Warum ſuchen Sie um meinen Schutz nach? Ich habe den Grafen vor einigen Tagen in der Favorite angetroffen, ſeither verfolgt er mich, droht er mir, mich, wenn ich ihm nicht folgen wolle, Angeſichts aller Welt bei Ihnen aufzuſuchen, mich als eine Elende aus Ihrem Hauſe jagen zu laſſen. Das iſt nicht Alles, er verlangt, was er ſeine Rechte nennt, er will Nachts in Ihr Haus, in mein Zimmer eindringen! Er will mich zwingen, eine verhaßte Feſſel wieder auf mich zu nehmen. Oh, das darf nicht geſchehen und ſollte ich ſterben! Ich habe einmal einer unerklärlichen Verblen⸗ dung nachgegeben, ich habe einen Fehler begangen und dieſen habe ich Ihnen gebeichtet. Dieſen Fehler beweine, beklage ich, büße ich ſeit drei Jahren ab, bitte ich Gott in jeder Minute meines Lebens ab. Ich habe gelitten, ja, ich habe ſehr gelitten, mein Herr! Sehen Sie, ich bin kein verlorenes Mädchen, ich liebe, ich bete die Tu⸗ gend an, die Ehre iſt mein Cultus; außer dieſem Augen⸗ blick des Vergeſſens war ich immer rein und ich will es 1SUSNg — ——— A=fF—O —ö8ͤ 227 immer bleiben. Darum, Herr Marquis, bitte und be⸗ ſchwöre ich Sie, verhelfen Sie mir zur Flucht, helfen Sie mir, daß ich an's Ende der Welt gehen und wieder weinen und büßen kann, und daß dieſer Menſch mich nicht finde, daß er mich nicht mit ſeiner ſchändlichen Liebe beflecke. Haben Sie Mitleid mit mir, im Namen Ihrer Tochter, die beinahe die meinige iſt, retten Sie mich! retten Sie mich! Sie hatte ſich auf die Kniee geworfen, Thränen tröpfelten langſam von ihren Augenlidern, ihre Haare bedeckten ſie beinahe gänzlich, ihr Kleid hatte ſich geöff⸗ net und ließ ihre ſo weißen Schultern ſehen; die ganze Aufregung, der ganze Schmerz ihrer Seele lag auf ihren Zügen. Sie war ſo ſchön, daß ſie ſelbſt Plato verrückt gemacht hätte. Voll Entzücken und mit gefalteten Hän⸗ den ſchaute der Marquis ſie an; er dachte nicht daran, ſte aufzuheben, er dachte nicht daran, ihr zu antworten, er ſchaute ſie an! Das Gift ergoß ſich tropfenweiſe in ſein Herz, es bemächtigte ſich ſeines ganzen Weſens und us Ehriſtine⸗ über ſein Schweigen erſchrocken, wie⸗ derholte: Sie wollen mich alſo dieſem Menſchen überliefern? Da rief er: Sie dieſem Menſchen überliefern, oh! ſein Leben wäre mir verfallen, bevor er ſich Ihnen nähern könnte. Nein, nein, fürchten Sie nichts, Fräulein, und beſon⸗ ders denken Sie nicht daran, ſich von uns zu entfernen. Nirgends können Sie vor den Unternehmungen des Gra⸗ fen beſſer geſchützt ſein, als bei mir; ich brauche ihm nur einige Zeilen zu ſchreiben und ſeine Verfolgungen werden augenblicklich ein Ende nehmen. Ihre edle Auf⸗ richtigkeit tilgt in meinen Augen Ihren Fehler, der durch Alles, was Sie litten, ſo grauſam abgebüßt wurde. Ich übergebe meine Tochter von Neuem Ihren Händen und bin überzeugt, daß ſie keinen beſſeren anvertraut werden kann. Gehen Sie in Frieden fort und hegen Sie keine Unruhe mehr, ich ſtehe Ibinn fortan mit 5* 228 meinem Kopfe für Ihre Ruhe. Meinen Dank für Ihr Zutrauen, glauben Sie mir, Sie ſollen es nie zu be⸗ reuen haben. Oh, ich, ich danke Ihnen, ich muß Ihnen auf den Knieen danken. Sie wollen mir erlauben, bei meiner Flavia, bei meinem angebeteten Kinde zu bleiben; Sie wollen mich beſchützen, ſeien Sie tauſendmal geſegnet, mein Herr. Ich entferne mich jetzt, es iſt ſpät, ich kehre zu unſerm lieben Engel zurück. Oh, auch Sie dürfen ruhig ſein, ich werde eine große Seele und ein edles Herz aus Ihrem Kinde machen! Leben Sie wohl, Herr Marquis, ich bin zwar eine geringe Perſon, aber meine unumſchränkte Hingebung gehört Ihnen. Sie gab ihm mit Anmuth und einem bezaubernden Lächeln die Hand. Er ſah ihr nach und murmelte: Mein Gott, wie ſchön ſie iſt! Oh, nein, weder dieſer Mann noch irgend ein Anderer ſoll ſie je beſitzen! Als Chriſtine in ihr Zimmer trat, ſah ſie die Mar⸗ quiſe am Bette ihrer ſchlafenden Tochter ſitzen und blieb daher unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtehen. 26. Erklärungen. Eine minder argwöhniſche Perſon, als die Mar⸗ quiſe, welche Chriſtine in der unordentlichen Toilette, in der ſie ſich befand, geſehen hätte, würde Verdacht ge⸗ ſchöpft haben. Man urtheile daher, welchen Eindruck der Anblick dieſer Schönheit, die Beatrir einestheils ſchon geahnt hatte und welche ſich ihr von Neuem in ihrem ganzen Glanze enthüllte, auf eine ſo empfindliche Frau uarhen mußte. Sie ſtürzte auf die Gouvernante zu, Aaineſe bei der Hand, führte ſie vor den Spiegel und rief: — 229 Betrachten Sie ſich, Fräulein, und ſagen Sie mir, woher Sie zu ſolch einer Stunde und in ſolch einem Zu⸗ ſtande kommen? Madame, ſtammelte Chriſtine betroffen, ich fühlte mich unwohl, ich komme aus dem Garten. Aus dem Garten, ſo gekleidet! Das iſt nicht an⸗ ſtändig, dünkt mich. Und Sie laſſen meine Tochter allein, während Sie ſelbſt wiſſen, daß ſie Ihrer hedürfen kann. Sie fühlten ſich alſo ernſtlich unpäßlich, Fräulein? Und der Blick dieſer unbarmherzigen Eiferſucht muſterte Chriſtine vom Kopf bis zu den Füßen und ſuchte in ihrer Haltung, in ihren Geberden, ſogar in ihrem Anzug einen Vorwand zum Ausbruche. Die Gou⸗ vernante wankte nicht; nach dem erſten Augenblick der Ueberraſchung hatte ſie die ganze Macht ihrer Energie wieder erlangt; ſie ſchlug die Augen nicht nieder; ſtark in ihrem Entſchluſſe und im Bewußtſein ihrer Unſchuld bot ſie dem Sturme die Spitze und ſchaute der ſich ent⸗ ſpinnenden Scene beherzt entgegen. In einen Pelz gehüllt, die Haare unter die Nacht⸗ haube zurückgeſtrichen, das Geſicht von Zorn entſtellt, verlor Beatrix alle ihre Vortheile. Vor dem Spiegel ſtehend, in welchem ſie ſich und die Marquiſe ſah, konnte Chriſtine nicht umhin, es zu bemerken und mehr und mehr Vertrauen zu ſich ſelbſt zu faſſen. Obwohl ſie allein waren, fühlte ſie ſich ſchöner, wußte ſie ſich ſtär⸗ ker; ſie wußte ſich tadellos, daher hatte ſie auch nicht die geringſte Furcht und errang ſich die Oberhand in dieſer Lage. Sie antworten mir nicht, Fräulein, begann gebie⸗ teriſch Frau von Monza wieder. Verzeihen Sie mir, Madame, aber ich halte dieſen Augenblick für eine Erklärung übel gewählt. Sie ſind von einem ungerechten Vorurtheil eingenommen, Sie würden mich nicht anhören oder mich ſchlecht anhören; wenn die Frau Marquiſe es erlaubt, ſo werden wir die⸗ ſes Geſpräch morgen wieder vornehmen. 230 Morgen, Fräulein! Keine Stunde, keine Minute werde ich warten, und um ehrlich mit Ihnen zu begin⸗ nen, um Ihnen zu beweiſen, daß ich auf die nämliche Offenherzigkeit zähle, ſage ich Ihnen, daß ich Sie weder im Verdacht hatte, noch ausſpionirte, daß ich nach einem Geſpräch mit meinem Manne, in welchem er mir mein angebliches Unrecht gegen Sie vorhielt, hierher kam, um mich bei Ihnen zu entſchuldigen und Sie zu bitten, wie früher mit einander zu leben. Ich Unſinnige, ich ſah nicht ein, daß eine blinde Liebe den Marquis von Monza veranlaſſen könne, mich vor der Gouvernante meiner Tochter zu demüthigen! Demüthigen, Madame, wiederholte Chriſtine, den Kopf noch mehr emporrichtend. Demüthigen, Fräulein, ich wiederhole es; demüthi⸗ gen, nicht weil ich reicher und von edlerer Abkunft, als Sie, bin, ſondern weil ich mehr werth bin, als Sie, die Sie mir mein Glück, meinen einzigen Schatz, meinen Gatten ſtehlen. Ich werde Sie zu Ende hören, Madame, erwiderte Fräulein Orthez, ſich beherrſchend, nachher werde ich Ihnen antworten. Mit einem Herzen voll Mitleid bin ich hierher ge⸗ kommen, um Ihnen die Hand zu reichen, um Ihnen von einer Zukunft der Ruhe, der Einigkeit zu ſprechen; ich habe dieſes Zimmer leer, mein Kind verlaſſen gefun⸗ den. Ich habe einige Augenblicke gewartet, in der Vor⸗ ausſetzung, Sie würden zurückkommen, Sie ſind nicht zurückgekommen! ich habe Sie in der ganzen Wohnung, im Garten geſucht, Fräulein, dann... dann... bin ich hierher zurückgekehrt, überzeugt, daß Sie früher oder ſpäter wieder erſcheinen würden, und ich habe mich nicht getäuſcht. Und Sie haben mich nirgend anderswo geſucht, Madame? fragte Chriſtine, das Auge auf das der Mar⸗ quiſe geheftet. 231 Sie wollen mich, glaub ich, verhören, Fräulein? antwortete dieſe mit faſt unverſchämtem Hochmuthe. Nein, Madame, aber bevor ich Ihnen antworte, bevor ich mich Ihnen gegenüber ernſtlich erkläre, muß ich doch wiſſen, weſſen ich beſchuldigt bin. Sie ſind nicht nur beſchuldigt, ſondern auf der That ertappt. Glauben Sie, Madame? Sie haben mich hintergangen, Sie haben Ihr Spiel mit mir getrieben... Madame! Sie haben mein Vertrauen, meine Güte mißbraucht... Madame! O Madame! Sie rauben mir die Zärtlichkeit meines Kindes, die Liebe meines Gatten. O, mein Gott!... Sie werden mein Haus verlaſſen... Madame!... Indem Chriſtine dieſes Wort dreimal nach einan⸗ der wiederholte, nahm ihre Stimme jedesmal einen zer⸗ reißenderen Ausdruck an; beim dritten Mal erſtarb das Wort faſt auf ihren Lippen und zwei ſtille Thränen ran⸗ nen über ihre ſo blaſſen Wangen. Beatrir wurde von dieſem Schweigen und dieſem Schmerz ergriffen, faßte lebhaft ihre Hände und rief in einer dergleichen Charak⸗ teren eigenen Aufwallung: So rechtfertigen Sie ſich doch endlich! Ich, ich will Sie nicht ungerecht anklagen! Eigentlich liegt mir nicht viel daran, ob Sie wiſſen, was ich gethan habe, ich ver⸗ berge meine Beſorgniſſe nicht, ach! ich müßte mein gan⸗ zes Leben verbergen! Ich war an der Thüre meines Mannes, ſie war verſchloſſen, ich habe... ſogar bei Robert angeklopft, Keiner hat mir geantwortet. O, Madame! In dieſem letzten Worte lag ein ſo wirklicher, ſo ſchmerzlicher, ſo verwundender Vorwurf, daß die Mar⸗ quiſe ihn unwillkürlich im Herzen fühlte. Sie zweifelte, 232 allein die Leidenſchaft tödtete den Zweifel; ſie wollte um jeden Preis wiſſen. Die Leidenſchaft macht grauſam. Waren Sie da oder dort, Fräulein? fuhr ſie fort, als ſie ſah, daß Chriſtine ſchwieg. ie erſte Regung dieſer war, ihr die ganze Wahr⸗ heit zu geſtehen, die Ueberlegung hinderte ſie jedoch daran. Sie dachte, wenn ſie auf ſolche Weiſe ihr Geheimniß einer eiferſüchtigen Frau enthülle, ſo ſetze ſie ſich der Gefahr aus, es bald aller Welt bekannt gemacht zu ſehen; ſie ſchrack vor dem Gedanken zurück, von einer Inconſequenz oder einem Zorne abzuhangen und unter⸗ zog ſich daher einer der grauſamſten und häufigſten Noth⸗ wendigkeiten im Leben, der, ſich zu verſtellen. Wo ich auch ſein mochte, Madame, entgegnete ſie, ich ſchwöre Ihnen, daß ich Ihnen gegenüber mir keinen Vorwurf zu machen habe; ich weiß mich von jedem Fehl⸗ tritt in Ihrem Hauſe rein, und muß ich daſſelbe ver⸗ laſſen, ſo werde ich es mit ungebeugtem Haupte und ruhigem Herzen verlaſſen, Gott und ich wiſſen es. Das iſt nicht genug, Fräulein, Sie müſſen mich auch überzeugen, die Welt überzeugen. An der Welt iſt mir wenig gelegen, Madame, ich gehöre ihr nicht an, und was Sie betrifft, wenn Sie überzeugt ſein wollen, ſo werden Sie es ſchnell ſein. Schauen Sie mich an, ſchauen Sie mich nur an; iſt in meiner Phyſiognomie ein Merkmal, das mich der Lüge zeiht? Nein, Madame, nein, ich bin über den Betrug, über die Lüge erhaben, nur ſchwache Weſen nehmen zu dieſen Zuflucht. Ich ſchwöre Ihnen bei Gott, bei mei⸗ nem lwißen Heil, daß der Herr Marquis mir nie eine andere als die der Gouvernante ſeiner Tochter gebührende Aufmerkſamkeit geſchenkt hat; ich ſchwöre Ihnen, daß ich nie anders an ihn, als an den Vater meiner Schü⸗ lerin gedacht habe, und ich ſchwöre Ihnen ferner, Ma⸗ dame, daß wenn der Herr Marquis eine wahnwitzige Liebe für mich fühlen ſollte, wenn er mir alle Kronen der Erde anböte, daß ich ihm doch nur meinen ehrer⸗ — uK R n 233 bietigen Dank für die Güte zollen würde„ mit der er mich beehrt, ſeit ich in ſeinem Hauſe bin. Das, Ma⸗ dame, iſt die Wahrheit, die vollſtändige Wahrheit, ohne Einſchränkung noch Hintergedanke, Sie dürfen mir glau⸗ ben, und ich kann Ihnen keinen größeren Beweis meiner Achtung geben, als wenn ich mich vor Ihnen rechtfer⸗ tige; jeder Andern hätte ich nicht einmal geantwortet. Ich verachte verläumderiſche Beſchuldigungen und nehme mir nicht die Mühe, ſie zu bekämpfen. Aber, Fräulein, fuhr die Marquiſe halb überzeugt fort, Sie könnten mir doch wenigſtens ſagen, wo Sie waren. Dieß iſt mein Geheimniß, Madame, und betrifft nur mich. Ich kann und will es nicht entdecken und darf hinlänglich auf Ihre Unparteilichkeit hoffen, um die andere Frage nicht beantworten zu müſſen. So müſſen wir uns alſo trennen, Fräulein; die Gou⸗ vernante meiner Tochter muß auf alle Fragen antwor⸗ ten und über ihre Zeit genaue Rechenſchaft ablegen önnen. Wir werden uns trennen, Madame, erwiderte Chri⸗ ſtine kalt, Sie haben nur zu befehlen. Ganz gut, Fräulein, fügte Beatrir hinzu, indem ſie aufſtand und ſich in ihren Pelz hüllte; ich werde morgen mit Herrn von Monza darüber ſprechen und wir werden Betreffs Ihres Austritts die nöthigen Beſtimmungen treffen. Zu Ihren Befehlen, Frau Marquiſe. Und mit einer tiefen Verbeugung begleitete ſie Frau von Monza mit einem Leuchter in der Hand höflich bis an deren Zimmerthüre, verneigte ſich hier nochmals und eilte dann in ihr Zimmer zurück. Als ſie endlich allein war, warf ſie ſich auf die Kniee, faltete die Hände und rief: Fortgejagt! mein Gott, fortgejagt! weil ich recht⸗ ſchaffen war, weil ich meinen Fehler gut machen wollte. O, wo iſt denn der Unterſchied zwiſchen dem Guten und Böſen? Wo iſt Deine Gerechtigkeit? Wo ſind die Belohnungen und Strafen? Fortgejagt, ich fortgejagt! Und dieſes ſeltſame Geſchöpf, das in einer andern Lage eine ſo ausgezeichnete Frau geworden wäre, brachte den übrigen Theil der Nacht im Gebete zu, indem ſie ſtatt der Menſchen, die ſie verkannten, Gott zu ihrem Vertrauten und Freunde machte. In eben dieſer Nacht, deren Folgen ſo furchtbar ſein ſollten, legte ſich auch der Marquis nicht nieder. Zwanzig Mal durchging er die Unterredung, die er mit ihr gehabt hatte, erwog die geringſten Worte derſelben und prägte ſie ſich mit unauslöſchlichen Zügen in's Ge⸗ dächtniß ein. Er ſah dieſe Frau wieder, deren Schön⸗ heit einen Stein hätte beleben können; er ſah ſie, nicht mehr kalt, unſchuldig, unnahbar, in ihre Keuſchheit wie in ein Sargtuch gehuͤllt, in welchem ſich ihre Reize und ihre Jugend begruben; er ſah ſie liebend, leidenſchaft⸗ lich, ſchwach, ſtrafbar, und dieſes ohne ſein Vorwiſſen in der Tiefe ſeines Herzens verborgene Bild zerriß den Schleier und bemächtigte ſich ſeines ganzen Herzens; von der Hoffnung geleitet, vertrieb es Alles daraus, was nicht es ſelbſt war. In dieſer einzigen Nacht wurde dieſe Liebe beinahe Amadee's einziger Gedanke, der ein⸗ zige Zweck ſeines Daſeins. Chriſtine beſitzen, von ihr geliebt werden, ſie dazu bringen, daß ſie jenen Mann vergaß, bei deſſen bloßer Erinnerung ihm das Blut in den Adern kochte, ein anderes Glück und einen andern Erfolg, als dieſen, kannte der Marquis nicht mehr. Wenn ſolch eine plötzliche Liebe ſich einer ſchwachen Natur bemächtigt, wird ſie zum unerbittlichen Tyrannen. Sie iſt ein Ausſatz, den Nichts heilt, und je mehr Schmerzen er verurſacht, deſto unheilbarer bleibt er. Der erſte Gedanke des jungen Mannes war, Chri⸗ ſtine von ihrem Verfolger zu befreien. Einige Zeilen werden hinreichend ſein, ſagte er zu ſich. Wenn er weiß, daß ich von der Sache unterrichtet bin, wird er meinem Verlangen nicht Widerſtand zu 23⁵ leiſten wagen, ſondern Furcht bekommen. Mit Einem Worte kann ich ihn zu Grunde richten. Er nahm die Feder zur Hand und ſchrieb: „Ich begreife nicht, wie Sie es wagen durften, ſich ſo nahe an die franzöſiſche Gränze zu wagen, noch we⸗ niger begreife ich, daß Sie mein Haus ſo wenig achten, um eine Perſon, die darin wohnt, anzugreifen und ihr auf eine Weiſe zu drohen, wie Sie es thun. Sie kön⸗ nen mir Nichts mehr mittheilen, ich weiß Alles, und damit ſei Ihnen geſagt, daß Ihre Verfolgungen künf⸗ tig unnütz und Ihre Drohungen ohnmächtig ſein wer⸗ den. Verlaſſen Sie ſo ſchnell als möglich eine Gegend, in welcher Sie ſo große Gefahr laufen und wo Sie jeden Augenblick erkannt werden können. Gott möge Sie geleiten und ich nie wieder von Ihnen ſprechen hören.“ Ueberzeugt, daß er erkannt werde, unterzeichnete er dieſen Brief nicht und trug ihn, ſobald der Tag an⸗ brach, in das ihm von Chriſtine bezeichnete Hôtel. Die Antwort ließ nicht auf ſich warten. Sie lautete: „Holla, mein ſchöner Marquis, verfahren wir ſo! Wie! nicht größere Willfährigkeit, als dieſe, gegen einen ſo nahen Verwandten! Wie! Sie nehmen mir meine Maitreſſe und verlangen, ich ſolle die Bäder verlaſſen! Erlauben Sie mir, dieſe Bedingungen nicht anzunehmen. Ich trete Ihnen die ſchöne Chriſtine nicht ab, bei Gott! Sie hat Ihresgleichen auf der Welt nicht und ich ge⸗ denke noch die ganze Saiſon in Baden zu bleiben. Wir ſtehen daher noch ſehr weit von einander. Indeſſen will ich Ihnen ſtatt dieſer zwei Kleinigkeiten, die ich Ihnen unmöglich gewähren kann, zwei kleine Rath⸗ ſchläge ertheilen. „Verzichten Sie auf Fräulein Orthez, ſie iſt zu ſtark für Sie, ſie wird Sie zu Grunde richten; Sie kommen nur in's Unglück durch dieſes Mädchen, mein Lieber, das kündige ich Ihnen an, und ich bin ein guter Prophet. 236 „Geben Sie ſich nicht die Mühe, mir in meinen Schritten hier hinderlich zu ſein, denn hören Sie, was ich thun werde. Das erſte Mal, wo Sie im Conver⸗ ſationsſalon erſcheinen werden, wird der Graf von Jauſſelieère ſich Ihnen nähern und Ihnen eine jener Beſchimpfungen in's Geſicht ſchleudern, die Blut ver⸗ langen und die demungeachtet ohne Zweifel von Ihnen angenommen werden wird, denn die Genugthuung wäre ſchimpflicher für Sie, als die Beleidigung, nicht wahr? Man wird ſich über Ihre Ruhe verwundern; ich werde dieſem Volke von Badenden, das meinen wahren Namen und meine Abenteuer vergeſſen hat, den Grund davon mittheilen und ich werde ſchon Zeit zur Flucht haben, bevor meine Auslieferung befohlen iſt. „Sollte ich zufälliger Weiſe früher verhaftet werden, wohlan, ſo wiſſen Sie, daß ich nicht ſehr am Leben hange, und ich werde mich bereit machen, dieſe Entwick⸗ lung meines Lebens auf die befriedigendſte Weiſe zu ſpielen und mich mit meinen lieben Verwandten umge⸗ ben, verſtehen Sie? Wir haben ja dann einen ſehr bequemen Zuſammenkunſtsort und ich werde ſo leicht ſterben, wenn Sie mir die Augen zudrücken! „Wir haben uns verſtanden, vermuthe ich, Sie haben nun zu wählen. Chriſtine für mich oder eigentlich für uns, für unſer edles Haus, eine jener ganz volks⸗ thümlichen Berühmtheiten, denen Nichts fehlt, nicht ein⸗ mal die Lacher. Sie, ſo ſtreng, ſo ſehr an dem, was man Chre heißt, hängend, was ſagen Sie zu dieſer Wahl?-- „Ihr wohlgeneigter Vetter, „Ernſt.“ Nachdem der Marquis dieſen Brief geleſen hatte, ſchlug er ſich vor die Stirne und murmelte: Was thun, mein Gott! was thun? O, ich muß Chriſtine beſitzen! 237 27. Eheſtandsſcenen. Der Marquis hatte kaum dieſen Brief empfangen, ſo klopfte man an die Thüre. Einzig von dem Gedan⸗ ken an Chriſtine in Anſpruch genommen und vielleicht thörichterweiſe hoffend, ſie komme, um ſich zu erkundigen, wie weit ſeine Unterhandlungen gediehen ſeien, öffnete er mit klopfendem Herzen und ſah ſich der Marquiſe gegenüber, die ſo bewegt und ſo verſtört wie er war. Sie hier, Madame? ſagte er mit dem ſehr deut⸗ lichen Ausdruck der üblen Laune zu ihr. Ja, mein Freund, antwortete ſie, wie eine Frau, die zum Voraus mit dem Entſchluſſe gewappnet iſt, Alles zu ertragen, um an's Ziel zu gelangen. Ich muß etwas Ernſtes, Dringendes mit Ihnen beſprechen und dachte, Sie ſchneller zu ſehen und länger, als bei mir, mit Ihnen reden zu können, wenn ich zu Ihnen käme. Ich hoffe, mein Beſuch werde Sie weder ſtören, noch Ihnen mißfallen. Amadee machte eines jener verneinenden Zeichen der Höflichkeit, welche einer Bejahung gleichen. Entſchloſſen, ihn nicht zu verſtehen, rückte Frau von Monza einen Lehnſtuhl zerbei und ſetzte ſich an den Tiſch. Ihr for⸗ ſchender Blick hatte bald das Zimmer durchlaufen. Ach, ſagte ſie, Sie ſind ſcheint's, frühe ausgegangen, daß Ihr Zimmer ſchon in Ordnung iſt? Das Bett befand ſich noch in demſelben Zuſtande, wie Abends zuvor, da Herr von Monza ſich nicht nie⸗ dergelegt hatte, und ſeine bis auf die Leuchterdillen abge⸗ brannten Wachskerzen deuteten auf eine lange Nachtwache. Ja, antwortete Amadee barſch, ich bin früh ausge⸗ gangen; aber was haben Sie mir zu ſagen, Beatrix? Ich habe noch nicht Toilette gemacht und man wird bald zum Frühſtück läuten. 238 Wir werden uns nicht dabei einfinden, mein Freund, denn auch ich bin nicht bereit und Robert, den ich ſo eben mit Fräulein Orthez im Garten ſpazieren ſah, iſt es ebenſo wenig. Robert im Garten, zu dieſer Stunde, mit Fräulein Orthez! verſetzte Herr von Monza erbleichend, das iſt ja höchſt unanſtändig; und Sie haben ſie nicht zurück⸗ gerufen? Nichts entging Beatrix; dennoch erwiderte ſie mit der einfachſten und ruhigſten Miene der Welt: ch habe mich nicht darum bekümmert. Die Hand⸗ lungen des Fräulein Orthez ſind jetzt von zu geringer Wichtigkeit für mich, da ſie mein Haus ſo ſchnell ver⸗ laſſen wird. Hat ſie ihren Abſchied von Ihnen verlangt? unter⸗ brach ſie der Marquis lebhaft. Fräulein Orthez gehört nicht zu Denen, welche ihren Abſchied verlangen, ſondern zu Denen, welchen man denſelben gibt, fuhr Beatrix mit bitterm Lächeln fort. Zwiſchen dieſen beiden ehemals ſo innig vereinten Weſen herrſchte ein wahrer Kampf der Grauſamkeit; Jedes ſtudirte, wie es das Andere verwunden könne, und freute ſich dann, ähnlich den Tyrannen des Heiden⸗ thums, der auferlegten Qual. In dieſem Augenblick hatte die Marquiſe die Oberhand. Ich verſtehe Sie nicht, meine Liebe, fuhr der Mar⸗ ſuie fort, indem er ſeine Faſſung wieder zu erlangen uchte. Es iſt ganz natürlich, daß Sie mich nicht verſtehen, mein Freund, denn Sie wiſſen nicht, was heute Nacht Aerzeongen iſt, und gerade hievon wollte ich Sie unter⸗ richten. Wie? Was iſt vorgegangen? Von meinem wirklichen oder vermeintlichen Unrecht gegen dieſes Fräulein gequält, beſonders aber angetrie⸗ den durch den Wunſch, Ihnen angenehm zu ſein, wollte ich, nachdem Sie mich verlaſſen hatten, nicht einſchlafen, 239 ohne, wie ich Ihnen verſprochen, meinen Fehler gut ge⸗ macht zu haben. Ich ging daher zu meiner Tochter hinauf, die Thüre war offen, ein Licht brannte auf dem Kamin, das Kind ſchlief und Niemand bewachte ſeinen Schlummer... Wie? ſagte der Marquis, zum Voraus beunruhigt über das, was er vernehmen würde. Ja, mein Lieber, begreifen Sie, daß dieſe ſo ſtrenge, ſo pflichttreue Perſon, ſtatt bei ihrem Zögling zu ſein, nach Mitternacht Gott weiß wo umherlief? War es gleich nach Mitternacht, Madame? Nicht ſpäter? Einige Minuten nach Mitternacht trat ich bei Fräu⸗ lein Orthez ein, Amadee, und wartete dort bis drei Uhr Morgens auf ſie. Herr von Monza fühlte, daß all ſein Blut ſeinem Herzen zuſtrömte. Er hatte Chriſtine nur bis halb zwei Uhr geſehen. Wo hatte ſie bis dorthin geſteckt? Dieſe ſchon in ihrem Werden zur Rieſenhöhe erwachſene Lei⸗ denſchaft durchbohrte ihn ſchon mit den tauſend Stichen der Eiferſucht. Oh, dachte er, ich werde Alles erfahren, man wird mich nicht zum Beſten halten! Und indem er ſo viel als möglich eine gleichgültige Miene erheuchelte, verſetzte er: Das iſt in der That ernſthaft; aber ohne Zweifel haben Sie die Gouvernante darüber befragt. Sie wird Ihnen geantwortet und Rechenſchaft über ihre Zeit ab⸗ gelegt haben? Haben Sie ihre Gründe unſtatthaft ge⸗ funden? Sie hat mir über Nichts Rechenſchaft abgelegt; ſie hat die Haltung einer Königin, einer Heiligen ange⸗ nommen; ſie hat im Gegentheil mich verhört, ſie; ich habe nie eine ſolche Unverſchämtheit geſehen. Und wie endigte die Geſchichte? Ich habe ihr bedeutet, daß ſie noch heute bei mir austreten müſſe, wie das ſich nach einem ſolchen Be⸗ 240 nehmen gehörte. Und um Ihnen meine Gedanken voll⸗ ſtändig zu geſtehen, glaube ich, daß es mehr als Zeit dazu di und daß Robert... Was! Robert? Sie haben es nicht beachtet, aber man ſpricht da⸗ von und mit Recht ſpricht man davon. Er kannte ſie früher als wir; er war damals in ſie verliebt, wie er mir erzählt hat. Seit ſie bei uns iſt, beſchäftigt er ſich mit Takt und Maß mit ihr; dennoch kann er ſich nicht immer beherrſchen und ich habe ſie auf gegenſeitigen Blicken ertappt... Kurz, ich würde mich nicht wun⸗ dern, wenn er bei dem großen Geheimniß dieſer Nacht betheiligt wäre. Das waͤre nichts Erſtaunliches; ſie ſind Beide jung, Beide ſchön, Beide frei, ſie haben ſich ge⸗ liebt, das mußte ſo kommen; ich rechne es ihnen nicht als aßrdeechen an, nur werde ich ſie bitten, ſich anderswo zu lieben. Jedes dieſer Worte fuhr wie ein Pfeil in Amadee's Herz; demungeachtet fing er ſie bei jener Sucht, der wir Alle unterworfen ſind, zu verſchlingen nämlich, was uns quält, mit ſeltſamer Begierde auf. Er fand keine Ant⸗ wort; in einem Augenblick kreuzten ſich tauſend Gedan⸗ ken in ſeiner Einbildungskraft. Ha, ſagte er bei ſic, die Undankbare! Ich laſſe ſie fortjagen! Und im andern Augenblick ſtellte er ſich Chriſtine allein und frei, zwiſchen Ernſt und Robert vor, dem Einen oder dem Andern, vielleicht Beiden, ihre Gunſt gewäh⸗ rend, und unterdeſſen ſollte er, an ſeine Kette gedm⸗ det, Nichts ſehen, Nichts wiſſen, noch ſich dieſer Liebe, dieſen Banden widerſetzen können, bei deren bloßem Ge⸗ danken er erbebte. Oh, nein, rief ihm ſeine Eiferſucht zu, ſie muß bleiben! Beatrix ſchwieg und ſpähte nach dem Ausdruck ſei⸗ nes Geſichtes, den ſie ſich nicht erklären konnte. Sie, die Ungeduldige, wartete geduldig! Sie glaubte ſich 241 nämlich ihres Sieges gewiß, ſie koſtete ihn Tropfen für Tropfen und nichts ſtörte noch die Freude daran. Sie haben ganz recht gehandelt, meine liebe Beatrix, verſetzte endlich der Marquis, und ich bin durchaus Ihrer Meinung. Indeſſen glaube ich, beſſere Ueber⸗ legung vorbehalten, daß Uebereilung in dieſem Fall ſchäd⸗ lich ſein würde. Bevor wir Flavia einer Gouvernante, wie dieſe iſt, berauben, bevor wir Etwas thun, das der Herzogin von Alagny, die uns dieſelbe ſo dringend em⸗ pfohlen hat, ſo unangenehm wäre, müſſen wir, dünkt mich, ihres Vergehens gewiß ſein. Laſſen Sie uns da⸗ her vorerſt Alles wohl betrachten, unterſuchen und ab⸗ wägen. Vielleicht iſt dieſe junge Perſon unſchuldig, viel⸗ leicht hat ſie bloß irgend ein ehrbares Geheimniß, das in der Folge entdeckt wird. Huͤten wir uns, ungerecht zu ſein! 5 Auch Beatrix haſchte gierig nach den Worten ihres Gatten, auch ſie litt namenloſe Schmerzen und Qualen, denn ſie ſah dieſes einen Augenblick entfernte Geſpenſt nieher erſcheinen und wurde von Neuem von demſelben verfolgt. Gi. ſagen alſo, mein Herr? ſtammelte ſie. Ich ſage, man müſſe beſonnen ſein, meine liebe Freundin, man dürfe die Zukunft einer ſchutzloſen Frau nicht auf ſolche Weiſe zu Grunde richten, ohne wenig⸗ ſtens mit eigenen Augen geſehen zu haben, daß ſie ſtraf⸗ bar iſt. Ueberdenken Sie es! Es iſt ein ewiger Vor⸗ wurf, den Nichts auslöſchen kann. Beatrixr hörte ſchon einige Sekunden lang ihren Mann nicht mehr, ihre Augen, ihre ganze Seele waren auf einen Winkel des Zimmers gerichtet, in deſſen Dun⸗ kelheit eine lange goldene Nadel ſchimmerte. Wie ein Tiger ſtürzte ſie auf dieſe Beute, und indem ſie dieſelbe dem verdutzten Marquis im Triumph zeigte, fügte ſie mit ſchneidendem Lachen hinzu: „Jetzt kann ich alſo dieſes Mädchen mit voller Ge⸗ wiſſensruhe fortjagen, denn ich ſehe hier eine der Na⸗ Die blutige Marquiſe. I. 16 deln, die ich ihr gegeben habe und von denen die zweite ſ noch eine ihrer Flechten hielt, als ſie heute Nacht in i ihr Zimmer zurückkehrte. Dieſe Nadel finde ich in Ihrem g Zimmer, folglich iſt Chriſtine hier geweſen, folglich iſt 3 e ſie Ihre Maitreſſe, folglich bin ich ermächtigt, ſie aus 3 dem Hauſe zu ſchicken oder es ſelbſt zu verlaſſen. 8 g Amadee hörte ſeine Frau an, ohne ſie zu unter⸗ n brechen, ohne eine Bewegung zu machen, um ihr den d furchtbaren Beweis zu entreißen. Er faßte einen ſchreck⸗ T lichen, unerſchütterlichen Entſchluß, in Folge deſſen die u ganze Zukunft der armen Marquiſe gebrochen werden ſollte, einen Entſchluß, nicht zu kämpfen, ſondern zu tyranniſiren. Dieſer unentſchloſſene Charakter wurde un⸗ b ter den Krallen der Leidenſchaft ſo unbeugſam als ge⸗ ſi waltig. Die Gefälligkeiten, das Nachgeben, die Willens⸗ trägheit verſchwanden; ſeine Leidenſchaft forderte, daß h er ein unerbittlicher Herr werde, daß er ſeine Pflichten, u ſeine Erinnerungen mit Füßen trete; im Nu anerkannte— 8 er weder Pflichten noch Erinnerungen mehr. 2 Sie ſchweigen, fuhr Frau von Monza mit gebro⸗ b chener Stimme fort, Sie ſind betreten. So iſt es denn n wahr, daß ich verrathen bin, und Sie nehmen ſich nicht v einmal die Mühe, zu lügen, um es mir zu verbergen? G Oh mein Gott, ſo hat denn mein Unglück den Gipfel i erreicht, ſo iſt denn das Maß deſſelben voll und künftig iſt mir nicht einmal der Zweifel erlaubt... ſe Sie deuten mein Stillſchweigen falſch, Beatrix, und z wie immer beeilen Sie ſich zu ſehr, zu verdammen. Ich u zögerte, Ihnen einen Gegenſtand von höchſter Wichtig⸗ ft keit zu enthüllen; ich zögerte, Ihnen anzuvertrauen, was d mir ſelbſt unter dem Siegel meiner Ehre anvertraut ſe worden iſt; da ich Sie jedoch unmöglich anders über⸗ ſe zeugen kann, ſo ſollen Sie von dieſem Geheimniß er⸗ T fahren, was Sie durchaus wiſſen müſſen. Ja, Fräulein n Orthez iſt wirklich heute Nacht hier geweſen. kl Ja, Sie geſtehen es! ch Ich geſtehe es, weil nie ein Beichtvater einen keu⸗ 243 ſcheren, tadelloſeren Beſuch empfing. Fräulein Orthez iſt heute Nacht mit thränengeſchwollenen Augen hieher⸗ gekommen; ſie iſt hergekommen, um meinen Schutz zu erflehen, um mich zu bitten, ſie aus einer ernſten Gefahr zu erretten; ſie iſt als Bittende, nicht als Maitreſſe her⸗ gekommen; ſie hat mir Dinge erzählt, die ich Ihnen nicht wiederholen kann und welche die Achtung, die ich ohne⸗ dieß für ſie hegte, in Bewunderung verwandelt haben. Fräulein Orthez iſt ein ehrbares und redliches Weſen und ich ſchätze mich glücklich, ihr meine Tochter über⸗ eeben zu haben; ich hoffe, ſie wird eine Frau, wie ich de wünſche, aus ihr machen, und Fräulein Orthez ſoll bei meiner Tochter bleiben, weil ich Niemand fände, der ſie erſetzen könnte, kurz und gut, weil ich es will. Wie ich ſchon im Beginn dieſer Erzählung berichtet habe, beſaß Beatrix wie alle ſchwachen Weſen, wie alle unvollkommenen Naturen, einen Charakter, in welchem Feigheit und Großſprecherei zugleich lag. Sie beherrſchte Die, vor denen ſie ſich nicht fuͤrchtete, gab aber einem beſtimmten Willen oder einem ernſten Hinderniß ſogleich nach. So war in ihrer Kindheit ihre Mutter ihre Skla⸗ vin, wahrend der Präſident von Saint⸗Serve, ſo wie Ernſt mit einem Worte, einer Geberde Gehorſam von ihr erlangten. Als ſie ihren Mann ſo entſchloſſen zum Widerſtand ſah, bekam ſie Angſt und ging in ſich, zwar nicht über⸗ zeugt, aber unterjocht, ſchachmatt, um mich eines üblichen und kräftigen Ausdrucks zu bedienen. Sie fühlte, daß ſie nicht mehr mit gleichen Waffen kämpfen, daß ſie einem neuen Gefühl in ſeiner ganzen Kraft, in ſeiner ganzen Saftfülle gegenüber nicht mehr ſiegreich ſein wuͤrde, ſie, die als Schild nur eine Liebe und einen Muth hatte, die vom Schmerz abgeſtumpft, unter Thrä⸗ nen verwelkt waren. Sie fühlte dieß mehr, als es ihr klar war; Ueberlegung, Gewandtheit werden unter ſol⸗ chen Umſtänden unnütz; das Herz, pirſe evige Licht, 244 dieſer Meiſter der Meiſter, iſt der einzige Führer, dem man folgen muß. untt Gewiß, wenn Frau von Monza ſich ſelbſt geſagt ätte: Mein Mann liebt dieſe Frau, ich bin vergeſſen, hintergangen, davon bin ich uͤberzeugt; er liebt ſie ſo, daß er mich tauſendmal für ſie opfert; gewiß hätte ihr dieß auf der Stelle den Todesſtreich verſetzt; allein ſie geſtand es ſich nicht, ſie wollte ſich's nicht geſtehen, ſie ſchonte ſich, wie man einen Freund ſchont, dem man die halbe Wahrheit verbirgt, die ihm zu peinlich ſein muß. Sie unterließ nur die Forderungen, die ungeſtümen Bemer⸗ kungen, und legte ſich als einziges Mittel, ihre Sache zu unterſtützen, die Liſt auf. Sie wollen Fräulein Orthez beibehalten, mein Herr, ſagte ſie, Sie haben hiefür gewichtige Gründe, Gründe, die ich nicht kenne und die mir zu eröffnen Ihnen unterſagt iſt. Ich läugne es nicht, weil ich es nicht weiß. Sie ſind Herr im Hauſe, Amadee, Sie haben zu verfügen, ob Sie eine Perſon im Hauſe be⸗ halten wollen, die mir mißfällt, und ich muß mich Ihrem Willen unterziehen, ich muß es, ich werde es thun, ſeien Sie ruhig, und ich werde mich nicht beklagen. Hiemit hätte ſie die Sache auf ſich beruhen laſſen ſollen; das Opfer war gebracht, allein faſt immer ver⸗ liert man den Werth der Opfer, wenn man ſie nur halb bringt. Sie fügte hinzu: Laſſen Sie bei Ihrer, bei unſerer Tochter eine Frau, die meinem Herzen, meinen Ideen zuwider iſt, ſtellen Sie dieſelbe an die Spitze Ihres Hauſes, ich widerſetze mich nicht; aber fordern Sie dann auch nichts mehr von mir. Ich werde hier bleiben wie eine Fremde, ich werde mich weder mit Ihnen noch mit ihr, noch mit Flavia mehr beſchäftigen, ich werde mich in meine Ein⸗ ſamkeit, in meine Thränen verſchließen und dann können Sie thun, was Sie für gut finden, ich werde Sie nicht mehr geniren. 1 -——-roO——-——,——,— ———.. — —— 245 Dieſe durch Schluchzen unterbrochenen Worte koſte⸗ ten die arme Unglückliche eine ſolche Anſtrengung, daß ſie dem Tode nahe ſchien. Das rührte den Marquis nicht; ein Menſch, der nicht mehr liebt, läßt ſich weder durch Bitten, noch beſonders durch Thränen rühren. Das einzige Mittel, wenigſtens die Oberhaut ſeiner Er⸗ innerungen zu berühren, iſt, ihm zu trotzen und ſich ſtärker und geneigter zum Vergeſſen als er zu zeigen; er hat nur noch eine einzige verwundhare Seite und dieſe iſt die Eigenliebe. Faſt alle vernachläſſigten Frauen verkennen dieſe Wahrheit. Sie zünden Scheiterhaufen an, auf denen ſie ſich, ähnlich den Wittwen in Indien, zum Andenfen Deſſen opfern, der für ſie nicht mehr exiſtirt. Dieſes Rauchopfer der Klage, das ſie vor ihm verbrennen, ſchmeichelt ſeinem Stolze, macht ihn noch grauſamer und die großartigſte Anſtrengung ſeines wun⸗ dervollen Edelmuths beſchränkt ſich darauf, ſie zu be⸗ klagen. Das Mitleid iſt oft das letzte Wort der Un⸗ dankbarkeit. Der Marquis ſchätzte ſich über die durch Beatrir ihm gemachten Zugeſtändniſſe ſehr glücklich. Er nahm ſie an, ohne ſich zu bekümmern, ob ſie annehmbar ſeien, ob ſie ſeine Würde und beſonders die ſeiner Frau nicht gefährdeten. Alles durch das Prisma der Leidenſchaft beurtheilend, ſah er in dieſer trügeriſchen Luftſpiegelung ein Leben voll Wonne, in welchem die Marquiſe nur aus Schicklichkeit figuriren, der übrige, innere Theil deſſelben jedoch der Welt verhüllt und nur für ihn allein ſichtbar bleiben würde. Die Eroberer kümmern ſich wenig darum, was ein Sieg koſtet, wenn ſie denſelben nur erringen. Meinetwegen, Madame, antwortete er. Wenn Sie dieſen Entſchluß ſchon lange gefaßt hätten, ſo würden in unſerem Hausweſen weit weniger Verdrießlichkeiten ſtattgefunden haben. Wie! entgegnete die Unglückliche ſchmerzbeklommen, wie! Sie wollen das wirklich, Sie wollen aus Flavia's 246 Mutter eine Fremde, eine Art Paria machen? Sie wollen die, welche Ihren Namen trägt, die, welche Sie ſo ſehr geliebt haben, denn Sie haben mich geliebt, mein Herr! Sie wollen mich verurtheilen, das Haupt vor einer Unbekannten, vor meiner Untergebenen zu beu⸗ gen! Sie wollen, ich ſolle meinen Rechten auf Sie, auf mein Kind entſagen! Oh, nein, nein. Tödten Sie mich, tödten Sie mich lieber! Demüthigen Sie mich nicht, treten Sie mich nicht mit Füßen, geben Sie mich nicht der Verachtung Ihrer Diener, Ihrer Maitreſſe, vielleicht meiner Tochter Preis! Ich ſage Ihnen, tödten Sie mich. Sie erſparen mir eine lange Todesqual. Dieß iſt der Gang der Leidenſchaft bei einer ſchwa⸗ chen Seele; zuerſt befiehlt ſie, dann demüthigt ſie ſich. Die Leidenſchaft iſt die größte Schwachheit dieſer Welt, wenn ſie nicht die größte Kraft derſelben iſt. Sie kann das Weltall in Aufruhr bringen oder uns in den niedrigſten Stand verſetzen. Es iſt dieß immer das ewige Gleich⸗ niß vom Samenkorn, das auf mehr oder minder frucht⸗ bare Erde fällt. Mein Gott, meine Liebe! antwortete Amadee, der ſich ſehnte, dieſer Scene ein Ende zu machen, Sie nehmen Alles tragiſch. Wer ſpricht denn davon, Je⸗ mand zu tödten? Wer ſpricht von Verachtung und De⸗ müthigung? Ich biete Ihnen im Gegentheil eine Zu⸗ kunft nach Ihrem Geſchmacke an. Sie werden Jeder⸗ mann Ihrer Umgebung geneigt finden, Ihnen angenehm zu ſein; Sie werden weder Mühe, noch Sorgen, noch Geſchäfte mehr haben; Sie können ſich ganz der Welt, die Sie anbeten, widmen; Sie werden Ihre Tochter unter Ihren Augen erziehen ſehen, Sie werden die Früchte ihrer Erziehung ernten, ohne die Dornen davon zu empfinden; Sie werden in mir einen aufmerkſamen, liebevollen, in allen Dingen gefälligen Gatten finden, denn ich weiß, daß ſie nur Ehrbares thun und wollen können, beſonders aber werden Sie einen wirklichen Freund haben, der geneigt iſt, Ihnen alle möglichen 247 Beweiſe einer gränzenloſen Anhänglichkeit zu geben. Wo wollen Sie eine geſichertere Zukunft ſuchen? Glauben Sie mir, meine liebe Beatrir, und ſehen Sie das Leben an, wie es iſt. Schließen Sie den Roman der Jugend, wir leben vierzehn, beinahe fünfzehn Jahre in der Ehe; es iſt Zeit, zu den poſitiven Ideen überzugehen und nicht Steine auf den Weg zu ſäen, es fallen deren ge⸗ nug darauf. Kommen Sie, umarmen Sie mich, geben Sie mir die Hand, trocknen Sie die Augen, vergeſſen Sie dieſe Thorheiten, überlaſſen Sie mir die Einrichtung und Leitung von Allem; gönnen Sie ſich ein ruhiges Leben... und auch mir, fügte er mit erzwungenem Lachen hinzu. Iſt das denn ſo ſchwierig? Oh, Amadee, Amadee, Sie wollen meinen Tod, Sie wollen, daß ich ſterbe, meine Vergangenheit und das Band verwünſchend, das uns vereinigt hat. Wohlan, Sie ſollen befriedigt werden. Wieder Kind! Sie werden nicht nur nicht ſterben, ſondern eine recht ſchöne, recht elegante Toilette machen und ſich um zwei Uhr zu der berühmten Partie im Con⸗ verſationsſalon einfinden. Man wird heute in Eber⸗ ſteinburg zu Mittag ſpeiſen und den Weg dahin durch das Murgthal nehmen. Die ganze Geſellſchaft wird daran Theil nehmen; Sie müſſen auch dabei ſein. Kommen Sie auch hin? Oh, ich werde nicht den Muth haben, dabei zu erſcheinen. Ich werde mich jedenfalls einfinden, da ich Ihre Unruhe nicht vermehren möchte. Vorerſt nehmen Sie Robert mit, er wird Sie führen, und ich werde vor Ihnen im Thale anlangen, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Warum aber nicht zu gleicher Zeit? Mein Gott, Sie werden mir deßhalb doch nicht grollen, Beatrix? Sind wir doch übereingekommen, uns heute Alles zu verzeihen! Ich habe der Herzogin ver⸗ ſprochen, mit ihr zu reiten; ſie wird mich nach Verab⸗ 248 redung erwarten und wir werden mit einander bei der Geſellſchaft anlangen. Mein Gott, mein Gott! murmelte die Marquiſe aufſtehend, bin ich noch nicht unglücklich genug? Sie, liebe Freundin? Ja, Sie ſind unglücklich durch Ihren Charakter, das iſt wahr. Seien Sie heiter, lachen Sie, wer hat denn mehr Ausſichten auf Glück als Sie? Ich habe nie einen Mann geſehen, der ſeine Frau vor Kummer faſt umgebracht hat, welcher ihr nicht an⸗ empfohlen hätte, luſtig zu ſein. Die Traurigkeit macht ihnen Gewiſſensbiſſe und dieſe Herren nehmen nicht ein⸗ mal ſtumme Vorwürfe gern hin. Beatrix wollte gehorchen; ſie verurtheilte ſich zu einem hübſchen indiſchen Mouſſelinkleid mit blauem Taffet gefüttert und mit Valenciennes beſetzt und mit ähnlicher Mantille, ſie verurtheilte ſich beſonders zum Lächeln, zu einer glänzenden und koketten Unterhaltung; ſie verur⸗ theilte ſich, ihren Kummer zu verſchlucken, folglich zur grauſamſten Marter des Herzens. Sie wollte dieſe Un⸗ terwürfigkeit, dieſe leidende und unumſchränkte Hinge⸗ bung verſuchen. Wenn ich nicht daran ſterbe, wiederholte ſie, ſo werde ich ihn vielleicht rühren. Der Marquis ſah ſie mit Robert in den Wagen ſteigen, folgte ihr mit den Augen, bis ſie ihm aus dem Geſichte waren, wandte ſich dann nach ſeinem Kammer⸗ diener um und ſagte: Geht zu Fräulein Orthez hinauf und erſucht ſie, ſogleich in mein Cabinett zu kommen, da ich mit ihr zu ſprechen habe. S ͤ-Seͤ—,—e — 249 28. Monza. Chriſtine beeilte ſich, dem Befehl des Marquis Folge zu leiſten. Sie erwartete, fortgeſchickt zu werden und ließ nicht einmal die Vermuthung aufkommen, er könnte ſie ſeiner Frau gegenüber vertheidigen. Sie nahm daher zum Voraus ihr kälteſtes, ſtolzeſtes und würdevollſtes Weſen an und begab ſich an den Ort, an den ſie beru⸗ fen worden war. Als Amadee ſie anſichtig ward, er⸗ blaßte er; er verſpürte jene ſeltſame, ihm unbekannte Regung, die man in den Zeiten der Unwiſſenheit für eine teufliſche Beſtrickung gehalten hätte. Wollen Sie ſich gefälligſt ſetzen, Fräulein, und mir einen Augenblick zuhoͤren. Sie verbeugte ſich ſchweigend und nahm einen Stuhl. Frau von Monza hat heute Nacht eine etwas hef⸗ tige Unterredung mit Ihnen gehabt, nicht wahr? Ich bitte Sie, nicht länger daran zu denken, ich habe das Alles beigelegt. Es iſt ausgemacht, daß Sie uns nicht verlaſſen, wenn Sie uns dieſe Gefälligkeit erweiſen wollen. Wir ſind im Gegentheil entſchloſſen, Sie zu bitten, Sie möchten Ihren Aufenthalt bei uns auf längere Zeit ausdehnen und ſich vertraulich an uns anſchließen. Die Marquiſe wünſcht, die Sorgen ihres Hausweſens und Alles, was Flavia betrifft, auf Sie übertragen zu kön⸗ nen; 4 es Ihnen genehm, ſich vollſtändig damit zu be⸗ faſſen? Obwohl Chriſtine auf Alles gefaßt war, war ſie doch ſo weit entfernt, eine ſolche Sprache zu erwarten, daß ſie einige Augenblicke ganz betroffen war. Raſch wie der Blitz bekam jedoch ihre gewöhnliche Geiſtesge⸗ genwart wieder die Oberhand. Die Frau Marquiſe und Sie erweiſen mir zu viel Ehre, mein Herr; ich kann mich auf keine andere Weiſe 250 dafür erkenntlich bezeigen, als indem ich mich zu Ihrer Verfügung ſtelle. Es bleibt alſo dabei, daß Sie unſer Anerbieten an⸗ nehmen und ſomit völlig in unſerer Mitte leben. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen dafür danken ſoll. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß Frau von Monza durchaus Nichts von der vertrauten Mittheilung weiß, die Sie mir gemacht haben; es iſt in jeder Beziehung beſſer, daß ſie nicht davon unterrichtet werde; das Weſentlichſte für Sie aber iſt, ſich den Verfolgungen eines Mannes zu entziehen, der zu Allem fähig, unternehmend und zu den ungereimteſten Dingen entſchloſſen iſt. Das beſte Mittel dagegen iſt, abzureiſen, noch heute abzureiſen, Ihre Spuren ſo zu verbergen, daß er ſie verlieren muß, und deßhalb beſonders habe ich mich dieſen Morgen mit Ihnen zu verſtändigen gewünſcht. Abreiſen! Aber ſagten Sie nicht ſo eben... Daß Sie bei uns bleiben ſollen, gewiß. Wir wer⸗ den daher Alle abreiſen. Treffen Sie während der Ab⸗ weſenheit der Marquiſe, die für den ganzen Tag aus⸗ egangen iſt, die nöthigen Vorbereitungen zu einem Aus⸗ 8 von höchſtens einer Woche. Herr von Jauſſeliére wird ſich täuſchen laſſen, denn wir laſſen unſere Diener⸗ ſchaft und den größten Theil unſerer Effekten hier. Außer Ihnen und mir wird Niemand das Ziel unſerer Reiſe kennen. Man wird glauben, wir ſeien nach Frankreich zurückgekehrt, und wir werden wirklich den Rhein wieder überſchreiten, um die Vogeſen, das Elſaß, was weiß ich was zu beſuchen. Wohlan, aber wenn er uns folgt? Er wird uns nicht folgen, er wird uns erwarten, ſag' ich Ihnen; er kann nicht ohne große Vorſichtsmaß⸗ regeln, die langer Vorbereitungen bedürfen, nach Frank⸗ reich zurückkehren. Ich zweifle nicht daran, daß er alle Mittel anwenden wird, dort mit uns zuſammenzutreffen; er wird uns jedoch nicht mehr finden. Und wohin gehen wir dann? ——————— —— 251 Nach Monza. Wir werden uns auf Umwegen hin⸗ begeben. Man wird uns nicht dort vermuthen. Dieſes ſehr einſam liegende Schloß iſt allen meinen Bekannten unbekannt, es iſt leicht zu bewachen. Herr von Jauſſe⸗ liere kann ſich demſelben nicht auf zwei Stunden im Umkreis nähern, ohne daß ich auf der Stelle davon be⸗ nachrichtigt werde. Ich habe es wohl überdacht, ich habe alle Chancen erwogen, dahin müſſen wir gehen. Machen Sie daher Alles bereit, Fräulein, damit wir heute Abend bei unſerer Rückkehr von Eberſtein nur in den Wagen ſteigen können. 1 Was wird die Frau Marquiſe dazu ſagen? Sie wird ſagen... was ſie ſagen muß; beküm⸗ mern Sie ſich nicht darum. Beſonders laſſen Sie ſie über meine Launen Zeter ſchreien; bleiben Sie der Sache ganz fremd, ſie ſoll mich allein anklagen, das iſt weſent⸗ lich. Sie haßt Monza, es mißfällt ihr wie der Tod und ich hatte ihr verſprochen, den Plan einer Reiſe da⸗ hin aufzugeben. Eine Sicherheit mehr für uns, denn ſie hat ihren Sieg allenthalben auspoſaunt. Aber wie kann ich Ihnen für alle dieſe Güte dan⸗ ken, mein Herr? Welchem Umſtande verdanke ich eine ſo wirkliche und ſo hingebungsvolle Theilnahme? Sie ſind wahrhaftig tauſendmal zu gut. Ich anerkenne Ihr Zutrauen unnd Ihre Bemühun⸗ gen mit meiner Tochter nach Gebühr, Nichts iſt ein⸗ facher; Sie haben meinen Schutz nachgeſucht und den⸗ ſelben erlangt, das iſt Alles. So erlauben Sie mir denn, mich ſogleich mit un⸗ ſerer Abreiſe zu beſchäftigen, mein Herr, und glauben Sie, ich bitte Sie, an meine volle Erkenntlichkeit. Ich drücke mich ſchlecht aus, das fühle ich wohl, Sie über⸗ häufen mich... und... Genug, genug, Fräulein, ich ſchätze mich glücklich, Sie zu verpflichten. Gehen Sie nun, denn es iſt nöthig. Auf Wiederſehen heute Abend. Als Chriſtine Herrn von Monza verließ, hatte ſie 2⁵² Alles verſtanden. Sie konnte ſich über die ſchon ſo oft wahrgenommenen Symptome nicht täuſchen und dieſe feurigen Augen, dieſe bewegte Stimme, dieſe bebenden Lippen ließen ihr keinen Zweifel mehr. Dieſer Mann liebt mich, ſagte ſie zu ſich, er führt mich in dieſes Schloß, um mich vollſtändiger zu eigen zu haben. Ich wette, daß er Robert davon entfernen wird! Ach, meine Lage wird künftig eine ſehr ſchwierige werden. Gegen den Marquis ankämpfen, dem ich keine Hoffnung laſſen will, ohne ihn deßhalb vor den Kopf zu ſtoßen; mit der Eiferſucht der Frau und mit Robert kämpfen, der dieß Alles bald entdecken wird; vielleicht mit Ernſt und dann mit mir ſelbſt kämpfen, um keinen meiner Vortheile zu verlieren. Welche Aufgabe! Den⸗ noch werde ich ſie erfüllen; ich kann ihr untreu werden, bei Strafe, auf meine ganze Zukunft zu verzichten. An's Werk daher und Gott beſchütze mich! Alles ging, wie Herr von Monza es wünſchte. Mit ihrer gewohnten Gewandtheit verſtand Fräulein Orthez unter den Effecten die auszuwählen, deren die Marquiſe bedürfen oder nach denen ſie allfällig verlan⸗ gen mochte. Sie ließ ihre Schülerin zu Mittag ſpeiſen und an⸗ kleiden, dann gingen ſie in den Salon hinab und hiel⸗ ten ſich bereit, Herrn und Frau von Monza zu empfan⸗ gen, welche gegen zehn Uhr Abends mit dem Grafen zurückkehrten. Beatrir behielt nur mit Mühe ihre Faſſung bei, als ſie Chriſtine erblickte, dennoch grüßte ſie die⸗ ſelbe beinahe höflich. Herr von Monza nahm ſeine Frau an der Hand und führte ſie zu der nach dem Gar⸗ ten gehenden Thüre. 1 Nicht wahr, es iſt ſchön, liebe Freundin; welch' herr⸗ licher Abend das iſt? Wunderſchön. Nicht wahr, bei einem ſolchen Wetter würden Sie gerne reiſen? u A—9—A 253 Gewiß. Aber wozu dieſe Fragen? erwiederte die Marquiſe beunruhigt, ohne noch zu wiſſen warum. Weil ich Ihnen einen kleinen Ausflug vorſchlagen möchte. Heute Abend?2 Sogleich. Wohin wollen Sie gehen? Ich bin genöthigt, Baden auf einige Tage zu ver⸗ laſſen... und zwar aus Gründen, deren Auseinander⸗ ſetzung zu lange dauern würde, und ich glaube, ich hoffe, Sie werden ſich nicht weigern, mich mit Flavia und Fräulein Orthez zu begleiten. Mein Gott, Sie erſchrecken mich, Amadee. Was für eine ſeltſame Grille haben Sie da? Es iſt eine Nothwendigkeit, wie ich Ihnen ſo eben geſagt. Und wohin gehen wir? Sie werden es ſchon ſehen! Wir gehen über die franzöſiſche Grenze. Sie, Robert, werden uns, denk' ich, hier erwarten? Warum ſollte ich Sie nicht begleiten? Ich darf Sie nicht darum erſuchen, Vetter, Sie machen ſich hier luſtig und meine Angelegenheiten ſind nicht die Ihrigen, erwiederte der Marquis mit ſichtba⸗ rem Aerger. Ich werde mich nicht von meiner Baſe trennen, wenn Sie es erlauben. Die Vergnügungen der Bäder haben wenig Reiz für mich und Ihr unbekannter Plan gefällt mir. Ich gehöre mit zur Partie. So gehen wir denn! ſagte der Marquis ſeufzend. Aber die Zurüſtungen? bemerkte die Marquiſe. Die Zurüſtungen ſind getroffen; Sie brauchen nur in den Wagen zu ſteigen; ich hatte dieſen Morgen ſchon die Befehle dazu ertheilt. Die Pferde... Sind beſtellt; ſie müſſen in einigen Minuten kom⸗ men, wenn ſie nicht ſchon da ſind. 254 Man wird mir vermuthlich Zeit laſſen, ein Reiſe⸗ kleid anzuziehen? Sie finden ein ſolches auf Ihrem Bette in Bereitſchaft. Mein Gott, welche Aufmerkſamkeit! O, dachte die arme Frau, wohin führt er mich? Dieſe ſchleunige Ab⸗ reiſe verbirgt eine Gefahr, einen Schmerz, ich ahne es, kann es aber nicht verhindern, denn mein Schickſal reißt mich mit fort. Ich weiß nicht, welch' ſeltſames Gefühl ich habe. O, möͤchte der Himmel ſich meiner erbarmen! Glücklich, wie alle Kinder es bei irgend einem Wech⸗ ſel ſind, begleitete Flavia ihre Mutter und wohnte ihrer Toilette bei. Sie ſuchte ſie durch ihr Geplauder, durch ihre Liebkoſungen zu zerſtreuen, allein Beatrix lächelte kaum. Von dieſem Tag an trug ſie eine Art unerklär⸗ licher Ahnung in ſich, die ſie nicht mehr verließ und einen Trauerflor über ihr Leben warf. Man machte ſich wieder auf den Weg, wie man gekommen war, nur daß die Marquiſe ihre Tochter und die Gouvernante zu ſich in den Wagen nahm. Sie ſtellte ſich ſchlafend und ſprach die ganze Nacht kein Wort. Man überſchritt den Rhein; man kam in Straß⸗ burg an und ruhte dort einen Tag aus. Am folgenden Tage wurden die Wagen von Neuem angeſpannt und man ſchlug wieder den Weg nach Deutſchland ein. Warum denn nach Kehl zuruckkehren? fragte die Marquiſe. Um das Dampfſchiff zu nehmen und den Fluß hinab⸗ zufahren. Und wohin wird es uns bringen, wenn ich ſo neu⸗ gierig ſein darf? Es wird uns nach Frankfurt bringen, von wo aus wir uns nach Baiern wenden werden. Herr des Himmels! Wir gehen nach Monza! Ja, liebe Freundin, wir gehen nach Monza. Ich habe nur dieſes Mittel gefunden, Sie hinzubringen, und unſere Anweſenheit iſt dort dringend erforderlich. 25⁵ Nach Monza! nach Monza! wiederholte Beatrix ſchluchzend; Monza! Es iſt wahrhaftig ſeltſam, vielleicht noch Etwas mehr, Sie um einer ſolchen Kleinigkeit willen weinen zu ſehen, meine Liebe. Vormals beteten Sie dieſes Schloß an, Sie wollten dort Ihre Niederkunft halten und plötzlich haſſen und verabſcheuen Sie es ohne allen Grund. Das ſind Launen eines verwöhnten Kindes, die in Ihrem Alter wenigſtens auffallend ſind. Zum Glück ſind weder Flavia und Robert, noch Fräulein Orthez davon Zeugen. Frau von Monza erwiederte Nichts; ſie ließ ihren Schleier herab, drückte ſich in die Wagenecke und ſprach auf der ganzen Reiſe kein Wort mehr. Chriſtine fühlte mehr als einmal das Verlangen, ſie in ihrer ſtummen Betrübniß zu tröſten, wagte es aber nicht. Und dann flößte ihr, wie geſagt, die Marquiſe keine Sympathie ein; ſie bemühte ſich, zuvorkommend gegen ſie zu ſein; ihre Natur trieb ſie nicht dazu; es geſchah nie aus Wohlwollen oder von Herzen, ſondern aus Berechnung. Unter den gegenwärtigen Umſtänden erkannte ſie in ihrem Innern, daß ſie die Ürſache ihres Leidens ſei, und eine Art Scham machte ſie noch zuruͤckhaltender als gewöhnlich. Man reiste Tag und Nacht und kam endlich an einem ſchönen warmen Abend am Ufer der Donau bei⸗ nahe im Angeſicht des Schloſſes an. Die Gegend war prächtig, große Tannen⸗ und Birkenwälder bedeckten die Berge, über welche die Sonne ihre letzten Strahlen verbreitete; unermeßliche Wieſen dehnten ſich am Ufer des Fluſſes aus und ſchmuͤckten mit ihrem Farbenſchmelz die Geſtade deſſelben. An dieſer Stelle verengte ſich die Donau und bildete eine jener in ihrem Laufe ziem⸗ lich häufigen Stromſchnellen, welche die Schifffahrt ſchwierig machen. Bei einer Wendung der Straße er⸗ blickte man auf einer Anhöhe eine alte Veſte mit zacki⸗ gen Thürmchen, welche den Fluß und die Thäler be⸗ herrſchte, deren unerſtürmbare Mauern in die Wolken 256 emporragten und die von einigen ziemlich ärmlichen Hütten umringt war. Es war Monza und ſein Dorf, früher Fuchsburg genannt, deſſen neuer Name nun den Heldenruhm ſeines letzten Pathen auf alle Zeitalter ver⸗ ewigen ſollte. Da iſt nun dieſer furchtbare Ort, Nobert, ſagte der Marquis beim Ausſteigen. Iſt Ihre Baſe nicht thöricht, einen ſolchen Abſcheu vor demſelben zu haben? Gibt es einen ſchöneren Ort in der Welt? So viel iſt gewiß, Beatrix, daß Sie ungerecht ſind, erwiederte der junge Mann, ſich umſchauend; das iſt ja Alles prächtig. Ich weiß es, ich weiß es, Vetter, allein ich kann Ihnen nicht erklären, woher meine Abneigung gegen dieſe Gegend rührt, die ich doch bewunderungswürdig finde. So oft ich ſie betrete, überläuft mich ein kalter Schauer. Dieſen Eindruck habe ich empfunden, ſobald ich nur den Fuß hieher ſetzte, als ich Dich in meinem Schooße trug, arme Flavia. Ich habe ihn ſeither nie mehr verdrängen können. Sie müſſen ſich Gewalt anthun, Beatrix; das iſt eine wahre Kinderei; Amadee kann Sie hier nicht ent⸗ ſchuldigen. Auch Sie, Robert! Sie wiſſen, daß ich Sie nicht verwöhne, meine Baſe, ich habe Sie nie verwöhnt. Und in der That iſt es unartig, dieſes glorreiche Monument ſo zu verachten. 64 muß hier ſehr hübſche Sagen über dieſe alten Thurme eben. O ja, beſonders eine, eine furchtbare, blutige, bei der ich vor Schauder erſtarre, ſo oft ſie mir zu Sinn kommt. Die werden Sie uns erzahlen. Ich nicht, das vermöchte ich nicht, aber Herr von Monza; er kennt ſie trefflich und erzählt ſie vorzüglich gut. Verſparen wir ſie auf den erſten Regenabendz wir 257 werden eine ſchauderhafte Furcht bekommen und das wird köſtlich ſein. Das Schloß Monza war in der That eines der ſchönſten Ueberbleibſel der mittelalterlichen Baukunſt. Mit ſieben Thürmchen verſehen, mit Zinnen und Schießſcharten ge⸗ ſchmückt, mit Gräben umgeben, mit einer Zugbrücke auf jeder Seite bildete es eine impoſante und pracht⸗ volle Maſſe. Die im Diamantenſchnitt behauenen Steine ließen zwiſchen ihren Fugen Büſchel gelben und rothen Lacks aufſprießen; einer der Thurme verſchwand ganz unter dem rieſigen Epheu, das ſeine Aeſte von einer Seite zur andern ausdehnte. Dieſer Thurm, eine Art vereinzelter Wartthurm, beherrſchte die Donau in un⸗ ermeßlicher Höhe und ſtand faſt abgeſondert vom übrigen Theil des Gebäudes, mit welchem er nur durch eine über dem Abgrund ſchwebende, unbedeckte Gallerie ver⸗ bunden war. Er hatte lange Zeit die Wohnung der Burgfrauen enthalten. Dem Herkommen getreu, wollte Beatrix auch die ihrige dort aufſchlagen. Der erſte Abend, den man in einem ſeit langer Zeit unbewohnten Hauſe zubringt, in welchem man unver⸗ ſehens ankommt, iſt immer trübſelig und peinlich. Der Marquis hatte zwar von Straßburg aus dem Schloß⸗ verwalter geſchrieben, man könne ihn jeden Tag er⸗ warten, allein der Brief war ſo kurze Zeit vor ihm angekommen, daß man kaum einige Zimmer gelüftet und in bewohnbaren Zuſtand verſetzt hatte. Man durch⸗ wanderte das ganze Schloß mit Fackeln, bis ſich Jedes ſeinen Wohnſitz erkoren hatte. Robert bemächtigte ſich eines Thurmes, in welchem er ſich mit ſeinen Jagdgeräthſchaften und ſeinen Büchern einrichtete. Flavia und ihre Gouvernante bekamen eine Wohnung am andern Ende des Schloſſes neben dem Marquis und der Marquiſe, deren Wohnungen durch die unbedeckte Gallerie mit einander in Verbindung ſtanden. Um in den Salon und in den Sgeiſeſaal zu gelangen, mußte man ungeheure Gemächer durch⸗ Die blutige Marquiſe. I. 17 258 wandern, welche mit Eichenholz getäfelt und mit Rüſtun⸗ gen aller Arten verziert waren und an deren Wänden die Bildniſſe der Fuchsberge hingen. Flavia fühlte ſich etwas beklommen, wagte es jedoch nicht zu geſtehen und verhielt ſich gut. Chriſtine fühlte ſich in ihrem Elemente; dieſe Sagen, dieſe Erinnerun⸗ gen, dieſe großen Schatten, dieſe in den Kreuzzügen erbeuteten Waffen und muſelmänniſchen Fahnen regten ihre Einbildungskraft auf. Sie begriff nicht, wie Beatrir vor dieſem Schloſſe eine ſo kindiſche Furcht haben konnte. Wenn ich die Marquiſe von Monza wäre, dachte ſte, ſo würde ich das ganze Jahr hier wohnen. Ich bin aber eben nicht die Marquiſe von Monza. Sie erröthete nicht bei dieſem Gedanken, denn bei der Gouvernante barg er nicht Strafbares. Sie ver⸗ ſetzte ſich an die Stelle einer Andern, weil ihr Ehrgeiz wenn nicht dieſe, doch wenigſtens eine ähnliche beneidete. Sie trachtete nach einem höheren Stande. Gleich dem Vogel, dem es in ſeinem Käfig an Raum gebricht, um ſeine Schwingen zu entfalten, fühlte ſie ſich zu beengt. Niemand ſchlief in dieſer Nacht im Schloſſe, Nie⸗ mand als das junge Mädchen. In dieſem Alter nimmt die Seele im Leben ſo wenig Platz ein! Man iſt ſo glücklich, mit den Sin een, in materiellen Genüſſen zu leben! Ihr letztes Wort) als ſie ſich zu Vette legte, war geweſen: Liebe Freundin, wiſſen Sie, daß ich hier, im jetzigen Schlafzimmer meiner Mutter, geboren bin? Ach, wenn die liebe Mutter jetzt nur ruhig darin ſchläft; ſie hat früher ſo viel in jenem Zimmer gelitten, ſte war ſo krank darin. Lieber Gott, beſchütze meine Mutter in Guahenbe Warum empfand das Mädchen am heutigen Abend mehr als gewöhnlich das Bedürfniß, für ſeine Muter zu beten? 6 —y-— — — 5 — 6 1 8 4„ * 4 1 ———— 5—