— ———— Leihbibliotbek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 8 von 8.. 8 Eduard Oftmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 4 11. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens* 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3) 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe vo wird. bei Entgegennahme tſprchende Summe n mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: 3 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. E. „ 3 1„=„„ 7„ — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung— der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr nit rn ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkls, ſo iſt i Die blutige Marauiſe. Roman von der Frau Grälin Dash. Deutſch von Dr. Scherr. Fünftes bis ſiebentes Bändchen. —”o— Stuttgart⸗ Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1850. —y— 29. Eine Sage. Mehrere Tage vergingen. Man richtete ſich ein, ordnete, machte ſich's behaglich, kehrte zu ſeinen alten Gewohnheiten zurück und mit Ausnahme von Beatrir war bald ein Jedes mit ſeiner Wohnung zufrieden. Uebrigens war die Stellung der verſchiedenen Perſonen zu einander eine ſeltſame. Jedes hatte ein Geheimniß, das es ſorg⸗ fältig verbarg. Man beobachtete, man fürchtete ſich, man verſchanzte ſich hinter die Verſtellung; es war ein wahrer, kleiner Gedankenkrieg, der ſich hie und da durch ein ent⸗ ſchlüpftes Wort, durch einige alsbald wieder unterdrückte Blicke oder Geberden kund gab. An einem gewitterſchwülen Abend ließ man ſich Stühle auf die neben dem Zimmer der Marquiſe befindliche Ter⸗ raſſe tragen und athmete mit vollen Zügen die vom Strome herüberwehende erfriſchende Luft ein; der Mond glänzte und warf ſein ſilbernes Licht auf die Zinnen, die Wipfel der Bäume und die Schießſcharten der Mauern. Einige Nachtvögel kreiſchten im Thurme und von Zeit zu Zeit drang, vom Winde herübergetragen, das ferne Rauſchen des Waſſers zu ihnen. Es war einer jener melancholiſchen Abende, deren Reiz der deutſche Himmel verdoppelt; man träumte unwillkürlich und Träumerei lag allum verbreitet, in der Luft, auf dem Fluſſe, auf dem vom Thau funkeln⸗ den Raſen. Der Graf von Chamarante genoß dieſen Abend Die blutige Marquiſe, Il. 1 2 wie ein Verliebter, neben ſeiner Geliebten ſitzend und ge⸗ nöthigt, ſeine Empfindungen zu verbergen und die über⸗ ſtrömenden Gefühle in ſein Herz zurückzudrängen. 3 Niemand ſprach. Flavia hatte ſich ſo eben zu Bette gelegt. Robert fühlte die Nothwendigkeit, dieſes Schwei⸗ gen zu brechen, und wandte ſich an den Marquis mit den orten: Sie haben uns die Erzählung einer Sage verſprochen, Amadee, Sie können nie eine prächtigere Gelegenheit finden. Wir ſind Alle zu Schauerſcenen aufgelegt, nicht wahr, meine Baſe? Ich ſchaudere zum Voraus, erwiederte Beatrir, ſich feſter in ihren Shawl wickelnd. Und Sie, Fräulein Orthez? O, mir kommt eine Schauergeſchichte ganz erwunſcht, und wenn uns der Herr Marquis in Angſt jagen will, ſo ſoll es mich freuen. Ich kann ſo einmüthigen Bitten nicht widerſtehen. Merken Sie ſich wohl, daß ich Nichts erfinde, daß Sie eine wahre Geſchichte hören werden, daß Sie ſich gerade an der Stelle befinden, wo dieſes Ereigniß ſtattgefunden hat, und daß dieſer Epheu vermuthlich Zeuge davon war. Wie geſchickt das eingeleitet iſt! Das iſt ja ein ganz prächtiges Vorſpiel. Sie ſind zu nachſichtig, Robert, warten Sie den übrigen Theil ab. Leihen Sie mir Alle ein aufmerkſames Ohr, denn dieſe Sage iſt der Aufmerkſamkeit einer Königin würdig; ſie enthält Alles, das Drama und die Strafe für das Verbrechen, die Theilnahme„ die Entwicklung... Zur Sache! zur Sache! 3 Sogleich. Sie haben wohl in der Gallerie eine tür⸗ kiſche Fahne mit einem rieſigen Halbmond verziert, be⸗ merkt? Gewiß. 5 Wohlan, dieſe Fahne wurde von einem Herrn von Fuchsberg von der durch die Kreuzfahrer bewerkſtelligten 3 Eroberung von Conſtantinopel zurückgebracht; er entriß ſie mit eigener Hand einem zu ihrer Vertheidigung herbei⸗ geeilten Haufen, nachdem der, welcher ſie trug, gefallen war, und erhielt vom Kaiſer die Erlaubniß, das Schloß ſeiner Väter damit zu ſchmücken. Dieſe Fahne war nicht ſeine einzige Beute und beſonders nicht ſeine koſtbarſte, trotz ihrem Werthe. Rudolf von Fuchsberg, ein ſchöner, tapferer junger Mann, brachte eine griechiſche Sklavin von größter Schönheit, Namens Irene, mit zurück; er wurde von ihr geliebt und liebte ſie mit beiſpielloſer Raſerei. Auf der ganzen Reiſe bewachte er ſie, ohne daß er Jemand erlaubte, ihr zu nahen, und als er endlich hier angekom⸗ men war, ließ er eigens dieſen Thurm hier erbauen und gab ihm den Namen Irene, um dieſen ihm ſo theuren Namen auf ſeinen fernſten Stamm fortzupflanzen. Dieſe, wie Sie ſehen, von allen Seiten unzugängliche Wohnung ſchien ihm ein ſicherer und zur Aufbewahrung ſeines Schatzes würdiger Ort. Man gelangte nur durch ſein eigenes Zimmer und die damit verbundene Gallerie hin; er glaubte ſich daher ganz ſicher und überließ ſich ohne Beſorgniß dem Vergnügen der Jagd, obwohl es ihn von ſeiner Geliebten entfernte. Eiferſüchtig, wie alle recht⸗ verliebten Leute, nahm er beim Fortgehen den Schlüſſel ihrer Wohnung mit ſich und ließ der ſchönen Gefangenen das Necht, ſeinem luſtigen Zuge mit den Augen zu folgen, was ſie auch getreulich that, wie die Sage berichtet; denn ſie hatte ſonſt durchaus Nichts zu thun. Sie ſpielte die Laute meiſterhaft und ſetzte ſich oft auf dieſen ſteinernen Söller, um die Weiſen ihres Landes zu fingen. Dieſer kalte Himmel ſchien ihr ein blaſſes Abbild ihres glühenden Himmels und die glanzloſen Geſtirne ein matter Widerſchein ihrer diamantenen Sterne. Ihr ſchönes Haupt zurückwerfend, ſandte ſie den Echo's des Fluſſes unbekannte Töne und Worte zu. Die Bauern bekreuzigten ſich bei ihrem Anblick, ſie hielten ſie für eine Zauberin, 1 13 4 die, einen Zauber bereite oder einen geheimnißvollen Gott anbete. Auf der anderen Seite des Fluſſes, wo man noch die Spitze eines gothiſchen Thurmes ſieht, befand ſich ein ſehr beruͤhmtes Benediktinerkloſter. Die ſchon damals ge⸗ lehrten Mönche brachten ihr Leben mit Studiren und Ja⸗ gen in der Umgegend zu, was ihr herrſchaftliches Recht ihnen erlaubte; denn dieſe Diener des Himmels waren ſehr große Herren. Unter den Novizen bemerkte man einen jun⸗ gen Bruder, den jüngeren Sohn eines benachbarten Ba⸗ rons, der den Knaben von Geburt an für's Kloſter beſtimmt hatte, ohne daß ſpäter deſſen Neigung darüber befragt ward. Man ſteckte ihn noch als kleinen Knaben in das Kloſter, deſſen Abt ſein Oheim war, in der Hoffnung, er werde einſt der Nachfolger deſſelben werden. Der Knabe ward in der Abtei von Allen gehätſchelt, von den Einen aus Ehrgeiz, von den Andern aus Freund⸗ ſchaft; denn Günther war ein herziger Burſch. Von im⸗ mer gleicher Laune, gemeiniglich traurig, obwohl ſtets ſanft, irrte er unabläſſig in den Wäldern oder im Thale herum, zwar nicht um zu ſtudiren, oder den Hirſch zu jagen, wie ſeine Mitbrüder, ſondern um ſich nach Herzensluſt in die Welt hineinzuträumen, die er nie kennen ſollte, um dort mit ſich allein von Liebe, Ruhm, Turnieren, Schlachten und ſchönen Damen zu reden. Eines Tages überließ er ſich in einer kleinen Barke der Strömung des Fluſſes und empfand ein wahres Ver⸗ gnügen, eine reizende Luſt, der Gefahr der Stromſchnelle zu trotzen, ohne dieſelbe zu bekämpfen zu ſuchen. Durch das Geplätſcher des Waſſers drangen ſeltſame Töne, als kämen ſie vom Himmel, an ſein Ohr; ſie hatten etwas Mildes und zugleich Durchdringendes. Günther fand Ge⸗ fallen daran, ohne ſich Rechenſchaft darüber zu geben. Als ſein Nachen die ſchwierige Stelle hinter ſich hatte und nun ruhig am Fuße des Schloſſes hinglitt, richtete er ſeine Augen in die Höhe und gewahrte weit über ſich droben 8ꝑ— 5 und gleichſam über dem Abgrunde ſchwebend, eine ſich vor⸗ wärts beugende weiße Geſtalt, deren Kleid in den Strahlen der Sonne erglänzte. Von Staunen erfaßt, hielt er an. Die Muſik in den Luüften fuhr immer fort, wurde deutlicher und bald erlangte er die Gewißheit, daß ſie von jenem unerklärlichen Weſen herrühre, welches er in ſeinem naiven Glauben für einen Engel hielt. Er ruderte ſeine Barke an's Ufer und traf dort einen Leibeigenen, der fiſchte. Was iſt denn das da oben? fragte er ihn. Das, ehrwürdiger Bruder, iſt der Geiſt des Barons von Fuchsberg. Ein Geiſt, Jeſus Maria! Und Du fürchteſt Dich nicht und redeſt davon, ohne Dich zu bekreuzigen. O, wir ſind an ihn gewöhnt, er iſt nicht bösartig. Er ſingt immer ſo am Fenſter, ſo lange der Baron ab⸗ weſend iſt. Dann gewahrt man ihn nicht mehr, bis Herr Rudolf wieder auf die Jagd geht. Der Geiſt hat ſich die⸗ ſen Thurm erbaut, er wohnt darin, er gefällt ſich darin, und wenn man ihn nicht beunruhigt, haben wir Nichts von ihm zu fürchten. Das muß ein ſcheußlicher Dämon ſein? Scheußlich! Das ſchönſte Frauenbild iſt er, das Gott erſchaffen hat. Haſt Du ſie geſehen? Schon mehr als hundert Mal. Man kann ſie alſo ſehen, ohne zu ſterben... und ohne zu ſündigen? Ohne zu ſündigen... das weiß ich nicht, aber ohne zu ſterben wohl! Wo haſt Du ſie geſehen? Wenn man in den Wald hinaufgeht, gelangt man auf einen kleinen Felsvorſprung, wo man ſie prächtig ſehen kann. Ich habe oft ganze Stunden dort zugebracht. Und... ſie ſieht Einen nicht, ſie? Ha, nein! 6 Kannſt Du mich hinführen? Sogleich, nur iſt der Weg etwas ſchwierig. Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie Ihre Kutte nicht zerreißen. Der Bruder folgte dem Jungen und bald kamen Beide trotz der Hinderniſſe an dem bezeichneten Orte an. Hier ſah man wirklich Irene zwiſchen den Zweigen hindurch und Günther blieb in Verzückung vor dieſer anbetungs⸗ würdigen Erſcheinung ſtehen. Er horchte, er ſchaute, er vergaß die Welt, er vergaß alle ſeine Träume, um nur an dieſen zu denken; von jetzt an lieh er ihnen eine Form, eine Wirklichkeit und von dieſem Tage an nahm der junge Mann, ſobald er im Walde die Jagdhörner des Barons von Fuchsberg erſchallen hörte, von ſeinem lieben Platze Beſitz und blieb dort ſo lange, bis die ſchöne Griechin ſich zu zeigen geruhte. Verhinderte zuweilen ſchlechtes Wetter oder ein anderer Beweggrund Rudolf's Jagden, ſo ſetzte ſich der Novize traurig auf ſeinen Felſen und ſtarrte nach dem geſchloſſenen Fenſter hinüber, glücklich, von Zeit zu Zeit den Zipfel einer wallenden Schärpe oder die Falten eines Gazeſchleiers zu erblicken. Abends kehrte er ganz nachdenklich in's Kloſter zurück und dieſes Bild beherrſchte ſeine Gebete, wie es ſeinen Schlummer, wie es ſein Le⸗ ben beherrſchte. So verſtrich die Zeit. Rudolf verſpürte die Wirkun⸗ gen derſelben. Er begann ſich umzuſehen, an ſeine Zu⸗ kunft, an ſein Vermögen, an ſeinen Namen zu denfen, den er fortpflanzen ſollte. Man ſprach ihm vom Heirathen, Anfangs weigerte er ſich, dann ſchenkte er der Sache ein aufmerkſameres Gehör, dann willigte er ein, das junge Mäͤdchen zu ſehen, dann bewunderte er die Güter ihres Vaters, dann fand er ſie ſchön, dann nahm er den Vor⸗ ſchlag endlich an. Es geſchah zwar nicht ohne Zaudern; denn auch Irene war ſchön, Irene liebte ihn, Irene beſaß Niemand als ihn auf der Welt. Nachdem er die Sache reiflich überlegt hatte, glaubte er das Mittel gefunden zu haben, Alles in's Reine zu 7 bringen. Er ging zu ihr, ſagte ihr, daß eine ungeheure Gefahr ſie Beide bedrohe, wenn ſie nur verſuche, ihr Thurmchen zu verlaſſen; daß er ſie täglich beſuchen werde, ſie aber die Schwelle deſſelben unter keinem Vorwande überſchreiten dürfe. Das arme, mit der Welt unbekannte Mädchen glaubte es, ohne zu zögern, und ſchwur bei Chriſtus, ſchwur bei ihrer Liebe, ihn unabläſſig zu erwar⸗ ten und ihn nie aufzuſuchen, und müßte ſie auch vergeblich harren. Zur größeren Sicherheit behielt er den Schlüſſel nni Düichgange bei ſich und hielt ſeine Ruhe ſomit für gewiß. Zu gleicher Zeit erzählte er ſeiner Braut, daß er im Orient in die Wiſſenſchaft der Zauberer eingeweiht worden ſei und einen geheimnißvollen Pavillon beſitze, in den bei Todesſtrafe Niemand den Fuß ſetzen dürfe, daß ſein Spi⸗ ritus familiaris, ſein Schutzgeiſt, eine Art orientaliſcher Peri, häufig dort erſcheine, und Uneingeweihten den Ein⸗ tritt unterſage. So lautet unſer Vertrag, ſagte er, und bei dem ge⸗ ringſten Ungehorſam würde ich meinen Schutzgeiſt unwieder⸗ bringlich verlieren. Das größte Unglück wäre die Folge davon; denn Ihr wißt nicht, Fraulein, wie ſehr dieſe mächtigen Geiſter zu fürchten ſind. Das Fräulein, welches ſelbſt ein ſehr mächtiger, ob⸗ wohl ſehr irdiſcher Geiſt war, wußte wohl, woran ſie ſich zu halten hatte. Sie ſtellte ſich, als glaube ſie an dieſe phantaſtiſche Geſchichte und nahm ſich vor, alle Mittel anzu⸗ wenden, um ihre Nebenbuhlerin zu beſeitigen und alleinige Herrin ſowohl des Schloſſes als des Schloßherrn zu ſein. Schön und vermöge ihres Geiſtes über den Aberglauben jenes Jahrhunderts erhaben, ließ ſich Gertrud, dem Anſchein nach, doch durch Rudolf's Lügen täuſchen. Sie kam an ihrem Hochzeitstage in Fuchsberg an, zitterte an allen Gliedern, als ſie von Weitem das furchtbare Laboratorium erblickte, empfing die Huldigungen eines Jeden mit voll⸗ 8 kommener Ruhe und Gemeſſenheit, und erlaubte ſich nicht die geringſte Bemerkung. Von ihrer Einſamkeit aus ſah Irene die Lichter, die Ritter, die ſchönen Damen; ſie höͤrte die Geſänge und verfolgte, hinter ihren farbigen Fenſterſcheiben verborgen, mit dem Auge die fröhlichen Tänze. Nudolf hatte ſie be⸗ nachrichtigt, daß er ein Feſt gebe, daß er ſie vielleicht einige Tage lang nicht ſehen könne und ſie bitte, verbor⸗ gen zu bleiben und ihre Anweſenheit nicht ahnen zu laſſen; er hatte die Liebe, die Eiferſucht angerufen und erlangte Alles, was er wünſchte. Noch ein anderes Herz wachte in der Stille und in Dunkelheit, ein anderes Herz litt und liebte mitten unter dieſem fühlloſen Gepränge. Durch ſeine eigenen Gefühle belehrt, merkte endlich Günther, daß es Irene ſei, und ahnte ihre Stellung Rudolf gegenüber. Er erfuhr deſſen Vermählung und von jetzt an wurden die Leiden der Ver⸗ laſſenen die ſeinigen. Durch die Nachſicht ſeines Oheims verwöhnt, war er Tage lang abweſend, ohne daß Jemand Rechenſchaft von ſeiner Zeit von ihm verlangte. Dieſe Tage brachte er mit Bewachung ſeines Idols zu, um ſie, wie er glaubte, vor jeder Gefahr zu ſchützen. Bald ge⸗ nügten ihm die Tage nicht mehr; er fand ein Mittel, Nachts aus ſeiner Zelle zu entwiſchen, fuhr die Donau hinab, ohne ſich um die Gefahren zu kümmern, und kehrte zu ſeinem Obſervatorium zurück. Ach, die arme JIrene brachte die ganze Nacht unter Thränen auf ihrem Söller zu; ſie ſang die traurigen Lie⸗ der ihres Landes und ſtarrte zum umwölkten Herbſthimmel hinauf, denn der undankbare Rudolf kam nicht mehr zu ihr, um ſie zu tröſten, und mit Ausnahme der ſchwarz⸗ braunen Sklavin, die ihr ihre Nahrung brachte, ſah ſie nur noch den Himmel und die dem ſchwarzen Meere zu⸗ eilenden Wellen des Fluſſes, die ihre Klagen, ihre Wünſche ihre Thränen mitnahmen. Eines Nachts ſandte ſie den Winden ihre troſtloſen 9 Klagen zu. Da hörte ſie unter ſich eine Stimme, die ihr antwortete. Anfangs fürchtete ſie ſich und zog ſich zurück; allein die Stimme ſprach ihre Mutterſprache, wenn auch nicht vollkommen, doch wenigſtens hinlänglich, um ſich verſtändlich zu machen. Es war eine zarte, milde, troſtvolle Stimme; ſie bot ihr einen Freund, einen Be⸗ ſchützer, eine Hoffnung an; ſie zeigte ihr die Zukunft, die Freiheit. Irene horchte, dann antwortete, endlich frug ſie. Zuerſt erfuhr ſie den Namen deſſen, der mit ihr ſprach; ſie erfuhr, daß er, von gelehrten Mönchen erzogen, die orientaliſchen Sprachen erlernt habe, wie es in jenem Jahr⸗ hundert üblich war, wo der Kreuzzüge und des griechiſchen Reiches wegen die Reiſen und Verbindungen zwiſchen den beiden Völkern häufig waren. Sie verlangte dann etwas Naäheres über Rudolf zu erfahren und drang in Günther, welcher ſtumm blieb, da die Befürchtung, die zu betrü⸗ ben, welche er ſo gerne glücklich gemacht hätte, ihm den Mund ſchloß. Sie drang immer mehr in ihn und er geſtand Alles, indem er Irene bat, ſich nicht der Ver⸗ zweiflung zu überlaſſen, ſondern der Vorſehung und der Zeit zu vertrauen. Irene antwortete nur mit dem Worte: Rache! Nach mehreren ſolchen Zuſammenkünften kannte die Gefangene ihren fremden Freund bereits, gewöhnte ſich an ſeine Beſuche und erwartete ſie mit Ungeduld. Er ſprach noch nicht von Liebe, aber Alles in ihm athmete eine ſo wahre, ſo glühende, ſo hingebungsvolle Leidenſchaft, daß die junge Griechin ihn bald beſſer verſtand, als er ſich ſelbſt verſtand. Ihre Unterhaltungen fanden nur Nachts ſtatt; bei Tage ſchauten ſie ſich bloß an und unterhielten ſich aus Furcht vor Entdeckung durch Zeichen. Von dem Augenblick an, wo Irene Rudolf's Verrath erfuhr, ſuchte ſie nur nach einem Mittel, dem jungen Novizen Zutritt zu ihr zu verſchaffen, ihm ihre Gedanken, ihre Abſichten mitzutheilen und ihn zu vermö⸗ gen, daß er der Mitſchuldige und Vollſtrecker derſelben 10 werde. Sie knüpfte ihre langen Schärpen und Tücher zu⸗ ſammen, befeſtigte ſie an dem Söller und ließ ſie in den Abgrund hinab, doch ſie waren nicht hinreichend. Dann ſuchte ſie die Schnüre ihrer Draperien, ihrer Vorhänge zu⸗ ſammen, trennte die goldenen Zierrathen von ihren Ge⸗ wändern weg und ſlocht ſich aus allen dieſen Dingen eine niedliche Leiter, die ſie ihren Schärpen beifügte, und ſo gelangte ſie endlich zum Ziele. Noch an demſelben Abend machte ſie Günther den Vorſchlag, in die Schlucht hinabzuſteigen, wo das ſchwache Werkzeug ihn erwartete, um ihn zu ihr zu bringen. Ob⸗ wohl ſie ſich ganz nahe waren, denn wie Sie ſich über⸗ zeugen können, lagen das Fenſter und der Felſen nicht weit von einander, trennte ſie doch ein Abgrund. Man mußte ein zwanzigjähriger Verliebter ſein und die Gefahr nicht kennen und verachten, um ſein Leben einem ſo leich⸗ ten Stützpunkt anzuvertrauen. Günther zögerte nicht. Freudetrunken überſchritt er alle Hinderniſſe, gelangte an die glückliche Leiter, klam⸗ merte ſich an derſelben feſt, ohne nur ihre Stärke zu ver⸗ ſuchen, und gelangte in einigen Sekunden auf den Söller, wo Irene ihn erwartete. Sie empfing ihn wie einen Boten der Freude, ihr erbittertes Herz fand eine Art Erleichterung in der Hoff⸗ nung, ihren Zorn mit Jemand theilen zu können. Und jetzt begann ſie ihn nach Herzensluſt auszufragen. Betreten und voller Entzücken antwortete Günther kaum. Seine Liebe machte ihn beklommen. Zum erſten Mal berührte er die Hand einer Frau; dieſes Glück ſtieg ihm in den Kopf und machte ihn unfähig, etwas Anderes zu fühlen. Er ſagte, er verſprach Alles, was ſie von ihm verlangte, ohne nur zu wiſſen, was er ſagte, was er verſprach; er ſchien den Verſtand verloren zu haben. So kam er manchmal und dann täglich in das Thürmchen. Allmählig ward er kühner, er wagte ihr ſeine Liebe zu geſtehen; Irene ließ ihn reden und ver⸗ „—————,—— 11 ſprach ihm Nichts; ſie wußte noch nicht, ob ſie ihn liebte. Sie fand ihn ſchön, ſie fand ihn hingebungsvoll und zärt⸗ lich, allein die Erinnerung an Rudolf kämpfte mit dieſem neuen Gefühle, und vor allen Dingen gebot das Verlangen nach Rache der Hoffnung in ihr und dem Bedürfniß einer andern Zukunft Schweigen. Durch Günther's Bitten, vielleicht durch ihre eigene Neigung beſiegt, verſprach ſie ihm ein geneigtes Gehör, ihn zu lieben, ihm anzugehören, wenn er ſie an dem Treu⸗ loſen räche. Eine neue Hermione neben einem andern Oreſtes, verlangte ſie Blut als Pfand ſeiner Treue. Der Novize fürchtete und ſcheute Nichts; allein vor Blut ſchau⸗ derte er zurück und der Schimpf, über den ſich Irene be⸗ klagte, erſchien ihm nicht ſo ſtrafbar, weil er dieſem Schimpf ſein Glück verdankte. Er fand Anfangs Vorwände, um die Sache aufzu⸗ ſchieben; die junge Griechin nahm dieſelben an. Er be⸗ gann ihr allmälig das Gehäſſige eines ſolchen Verbrechens vorzuſtellen, dann brachte er ſie zu dem Eingeſtändniß, daß dieſe Rache nicht mehr ſo ſüß wäre, weil der Zorn, welcher dieſelbe herausgefordert hatte, mit jedem Tage ſchwächer ward. Später geſtand ſie, daß ſie bei dem Tauſche nicht verliere, und gelangte endlich dazu, ſich ſo glücklich zu fühlen, daß ſie Alles fürchtete, was einen Strich durch ihre Freuden machen konnte, und von ſelbſt ihren Geliebten bat, Alles zu vergeſſen. Als Günther endlich am Ziele ſeiner Wünſche an⸗ gelangt war, dachte er nur noch daran, ſich die Dauer dieſes an ſo gebrechliche Grundlagen geknüpften Bandes zu ſichern. Der zur Ablegung ſeines Gelübdes beſtimmte Zeitpunkt nahte heran; ſeine Familie, welche über die weltlichen Neigungen, welche man ſeit einiger Zeit an ihm bemerkte, etwas erſchrocken war, drang in ihn, ſich zu entſchließen. Andererſeits konnte Irene nicht ewig ſo in dem Thürmchen eingeſperrt und in der Gewalt Nudolf's bleiben, welcher, obwohl er ſie ganz verlaſſen hatte, ſie 12 demungeachtet mit derſelben Sorgfalt bewachte. Die Lie⸗ benden beſchloſſen zu fliehen und beſtimmten mit einander die paſſendſten Mittel dazu. Man kam überein, Irene ſolle Günther täglich einige ihrer Kleinodien geben, die er in der nahgelegenen Stadt durch den mit den Kommiſſio⸗ nen beauftragten Laienbruder, auf den er zählen konnte, verkaufen laſſen wollte. Er ſollte dann für Irene und ſich zwei Bauernkleidungen bringen; ſie würden die Barke be⸗ ſteigen, da ſie auf ſolche Weiſe gewiß wären, keine Spu⸗ ren zu hinterlaſſen, und ſich ſtromabwärts in's ſchwarze Meer und nach Conſtantinopel begeben, wo Irene Ver⸗ wandte hatte und ſie ſich heirathen wollten. Als dieſer ſchöne, leicht auszuführende Plan einmal gefaßt war, kehrte die Freude in das Thürmchen zurück. Man harrte nur noch der Zukunft, man bildete tauſend goldene und blumenreiche Pläne, man liebte ſich, wo mög⸗ lich, noch tauſendmal mehr, als man einſah, daß man ſich immer lieben könne. Allein es geſchah... Der Marquis hielt plötzlich inne. Was geſchah? fragte Robert. Sie ſollen es morgen erfahren, meine Lieben, für heute laſſen Sie uns zur Ruhe gehen. Ei, Sie berechnen Ihre Effekte, Sie erhalten die Neugier in Spannung, Vetter! So warten wir denn! Am folgenden Abend verlangte Robert, den dieſe Er⸗ zählung an dem Orte des Ereigniſſes ſelbſt ſehr intereſſirte und deſſen jugendliche Einbildungskraft dieſe Landſchaft mit den von Amadee in's Leben geweckten anmuthigen Geſtalten bevölkerte, verlangte Robert dringend die Fortſetzung der⸗ ſelben, und gegen die Gewohnheit der Erzähler ließ ſich der Marquis nur einige Minuten bitten. Beatrir horchte dieſer Erzählung traurig zu und ſchien die melancholiſchen Geſpenſter der Sage erſchrockenen Auges zu verfolgen. Fräulein Orthez überließ ſich dem Reiz der Träumerei in einer ſchönen Nacht und einer ſchönen Gegend; ſie liebte die phantaſtiſchen Märchen und alten Sagen und ihr unter⸗ —— 13 nehmender Geiſt ſuchte überall Lebensregeln. Dieſes in ſo verſchiedenartiger Stimmung befindliche Auditorium ſetzte ſich im Kreiſe um Amadee herum und er fuhr fort: Unſere Liebenden, und ich hoffe, Sie intereſſiren ſich für dieſelben, alſo unſere Liebenden hatten Alles angeord⸗ net, Alles erwogen, nur Eines nicht, die Eiferſucht und Bosheit Gertrud's. Sie glaubten ſich ihres Geheimniſſes ganz ſicher und ihr Geheimniß gehörte nicht mehr ihnen. Sie wurden ſchon lange überwacht; die Zuſammenkünfte am Abend, die ſußen Nächte waren von Söldlingen er⸗ ſpäht und der Burgfrau erzählt worden. Geduldig, wie alle kräftigen Charaktere, wartete ſie nur, bis die Intrigue ſeſt genug geknüpft wäre, um ihrer Sache deſto ſicherer zu ſein. Und als ſie endlich die nöthige Ueberzeugung erlangt hatte, ſchlug ſie eines Abends Rudolf einen Spa⸗ ziergang auf eben dieſe Terraſſe vor, auf welcher wir uns heute befinden. Ein ſchwacher Lichtſchein erſchien im Thurme; er lenkte die Augen des jungen Mannes auf ſich, dem Erinnerungen und Gewiſſensbiſſen im Herzen aufſtiegen. Nichts entging Gertrud; ſie gewahrte es und fand den Augenblick guͤnſtig, um einen entſcheidenden Schlag zu führen. Ihr blickt mit Sehnſucht nach dieſem Thürmchen, Rudolf. Das Opfer, das Ihr mir gebracht habt, iſt vielleicht zu groß, ich gebe es zu; Ihr habt als ächter Ritter Euer Wort gehalten, und ſeid nie mehr in Euer Laboratorium gegangen. Ohne Zweifel ſchmachtet und ſeufzt der arme Spiritus familiaris; Ihr ſelbſt ſcheinet mir ſeit einigen Wochen trauriger, Euere Unterhaltung dünkt mich weniger lebhaft und Euere Blicke ungewiſſer. Ihr langweilt Euch vielleicht.. Ich, liebe Freundin, mich langweilen bei Euch! O, niel.. Ein ungetrübtes Glück kann ſogar langweilig werden, mein ſchöner Ritter, und ich, die ich Euch vor allen Din⸗ gen heiter und zufrieden ſehen möchte, ich will Euch eine 14 Nacht zu Eueren früheren Beſchäftigungen geſtatten, wenn es Euch im Geringſten Vergnügen machen kann. Nudolf's Herz pochte bei dieſen Worten gewaltig. Irene wiederfinden, ſie leidenſchaftlich, ſchön, wie in den erſten Tagen ihrer Verbindung wieder finden, ihre Thrä⸗ nen mit ſeinen Küſſen trocknen, ihr ſchwören, daß er ſie noch liebe, und ihr ein wenig Muth auf die Zukunft ein⸗ flößen, das mußte herrlich ſein. Zwar wagte er Anfangs nicht, den Vorſchlag anzunehmen, doch hatte er auch nicht die Kraft, darauf zu verzichten. Den dringenden Bitten ſeiner Frau nachgebend, hatte er ihr in einem Augenblick feuriger Zärtlichkeit ſein Ehrenwort gegeben, ein ganzes Jahr nicht in ſein Zauberkabinet zurückzukehren. Er hatte es zwar mehr als ein Mal bereut; allein zu jener Zeit ward ein Schwur ſo heilig gehalten, daß er ſich nicht er⸗ laubt hätte, denſelben zu brechen. Jetzt gab ihm Gertrud ſein Verſprechen auf einen Tag zurück, die Verſuchung war zu ſtark; er nahm es an. An ſeinem Arm hängend, ſpazierte ſie mit ihm auf und nieder, entfaltete ihre reizendſten Koketterien und unter⸗ hielt ihn mit jener Art von Fragen, welche vor den Ge⸗ richtshöfen der Liebe geſtellt werden und die Jeder nach Willkür löst. Nitter, ſagte ſie zu ihm, indem ſie ihre ſchöne Hand auf ſeine Schulter legte, was würdet Ihr mit einer Frau beginnen, die Euch hinterginge? Rudolf wurde purpurroth. Wenn meine Dame mich hinterginge, entgegnete er, ſo würde ich ſie tödten. Wenn es aber nicht Euere Schloßdame, ſondern eine Maitreſſe wäre? Eine Maitreſſe, die ich ſehr lieben würde und bei der ſich's der Mühe verlohnte, würde ich ebenfalls tödten; eine andere jedoch nur verachten. Und welche Strafe würdet Ihr Eurem Nebenbuhler auflegen? — 2380223-82 2-9 —ͤeSen —„——— ₰—ᷣ AN N 15 Glaubt Ihr, ich verſtehe mich nur an Frauen zu rächen? Ich würde ihn auf den Kampfplatz rufen und Einer von uns bliebe. Einen Ritter wohl, aber... aber einen Mönch, zum Beiſpiel. O, einen Mönch!... für den wäre die Donau da!... 3 Trefflich geantwortet, Rudolf, Ihr ſeid ein tapferer und edler Baron, Ihr wißt angethane Beſchimpfungen zu rächen und mein Sohn wird einen edeln Vater haben⸗ Gehen wir noch einen Augenblick in unſer Zimmer! Wollt Ihr noch bei mir bleiben, bis ich zu Bette bin, bevor Ihr an Euere Beſchwörungen geht? Sie zog ihn immer lächelnd mit ſich fort; er folgte ihr ſo zerſtrent, daß ſie ihrer Nebenbuhlerin einen Haß ohne Gnade und Barmherzigkeit ſchwor und ſich vornahm, ſie die Augenblicke der Liebe, welche dieſe ihr raubte, theuer bezahlen zu laſſen. Ein wenig vor Mitternacht verließ er ſie; es war die zur Beobachtung des Planeten günſtige Stunde, er durfte ſie nicht vorbeigehen laſſen. Gertrud wünſchte ihm vollkommenes Gelingen und er entfernte ſich glücklich. In eben dieſem Augenblicke hielten ſich Günther und Irene, die ſeit einigen Minuten vereint waren, beim Fenſter feſt umſchlungen, ſprachen von ihrem lieben Vor⸗ haben und bildeten Pläne für die Zukunft. Sie empfan⸗ den nicht die geringſte Furcht; überzeugt, daß ſie nicht geſtört würden, trafen ſie keine Vorſichtsmaßregeln gegen Ueberläſtige. Rudolf fand die Thüre offen, drang in das erſte Gemach und hörte dort im Augenblick ſeines Eintretens zwei Stimmen, gewahrte im Mondſchein zwei vereinte Schatten. Er glaubte von einem Traume geneckt zu wer⸗ den und blieb unbeweglich ſtehen. Da drangen einige Worte zu ihm, einige jener ſüßen Ausdrücke der griechiſchen Sprache, welchen Irene ſo viel Anmuth zu verleihen 16 An wen, großer Gott! Welch ein vom Himmel gefallener. der Hölle entſtiegener Nebenbuhler hatte in dieſes undurch⸗ dringliche Aſyl dringen können? Mit einem einzigen Sprunge ſtand der junge Mann vor ihm, ergriff ihn beim Arm und ſchaute ihn mit flammendem Blicke an. Ein Mönch! rief er; o, Gertrud wußte Alles! Wohlan, fuhr er heulend vor Wuth fort, was ich geſprochen, werde ich auch ausführen. Die armen jungen Leute waren ſo ergriffen, daß ſie die Gefahr noch nicht klar einſahen. Als Irene Rudolf erkannte, ſtieß ſie einen durchdringenden Schrei aus und ſtürzte auf ihn zu. Gott allein weiß, was in dieſem Au⸗ genblick im Herzen dieſes Weibes vorging. Vielleicht tauchte jene erſte, durch die Abweſenheit und Vernachläſſigung er⸗ loſchene Liebe Angeſichts des geliebten Gegenſtandes wie⸗ der auf; vielleicht gab ihr der Schrecken allein dieſe Be⸗ wegung ein. Günther, der arme Günther, er, der Novize ohne Erfahrung, ohne Uebung in den Waffen, ſah alle ſeine Träume zerrinnen; dennoch machte er ſich bereit, mit dieſem Manne zu kämpfen, der mit dem Dolch in der Hand auf ihn zuſchritt. Er war beherzt und ſtark und hauptſächlich Willens, ſeine Geliebte zu vertheidigen; er berechnete Nichts, aber ach! eine einzige Bewegung dieſes an Kämpfe und Schlachten gewöhnten Soldaten, mußte den jungen, ungeübten Kämpen zu Boden werfen. Rudolf! rief Irene, ſeinen ſchon zum Streiche aus⸗ holenden Arm aufhaltend, Rudolf, tödte ihn nicht, o tödte ihn nicht; es iſt ein Kind, ein Mönch! Günther murmelte ſein Gebet, ſchaute Irene an und erwartete den Todesſtreich. Es iſt wahr, antwortete der Ritter, das darf nicht geſchehen. Steh auf, Prieſter, und geh! Ich bin nicht Prieſter, ich bin nicht Mönch, ich bin ein Edelmann, wie Ihr; gebt mir ein Schwert und ich will es Euch auf der Stelle beweiſen. wußte, und dieſe Worte waren an einen Andern gerichtet, antt wei Kin geh wer wed Ein wir lege mic cher den Leit när ihm faß ihr ſie ich ſte ner ge ten 17 Ein Edelmann, der ſeine Waffen nicht mit ſich führt! antwortete der Baron mit bitterem Lächeln. Glaub' es nicht, Rudolf; ſchau ihn an, ſchau ſein weißes Gewand, ſchau ſein Geſicht an: er iſt noch ein Kind, ein Novize, ſag' ich Dir. Er ſoll gehen! er ſoll gehen! Ich, ich werde bleiben. Irene, ich werde nicht gehen, verſetzte Gunther; ich werde Dich mit dieſem Manne nicht allein laſſen, Ent⸗ weder liebt er Dich, oder will er ſich rächen und das Eine iſt ihm ſo wenig erlaubt als das Andere. O geh, geh, ich bitte Dich! Wenn Du willſt, daß wir uns wiederſehen, wenn Dir an Deinen Schwüren ge⸗ legen iſt, ſo geh. Sei ruhig, ich bin ſtark und er liebt mich nicht mehr. Woher kommſt Du, Mönch? fragte der Ritter, wel⸗ cher ſie ſcheinbar ruhig anhörte. Was kümmert Dich das? erwiderte Günther ſtolz. Von daher kommt er, ſagte das junge Mädchen, in⸗ dem es auf die ſehr vervollkommnete und wohlbefeſtigte Leiter zeigte, die noch vom Söller herabhing. Daher kommt er! Wohlan, ſo beeile er ſich, auf dem nämlichen Weg zurückzukehren oder ich ſchicke Dich vor ihm hinab. Und mit einer Bewegung, ſo raſch wie der Gedanke, faßte er Irene, umſchlang ſie mit einem Arme und hielt ihn einen Dolch auf die Bruſt. Günther ſtürzte auf ſie zu. Einen Schritt weiter und ſie iſt todt! Geh, geh, ſag' ich Dir. Mein Gott, und ich bin ohne Waffen! Und ich kann ſie nicht retten! Und ich muß gehorchen oder ſie vor mei⸗ nen Augen ſterben ſehen! rief der Novize, mit dem Kopf gegen die Mauer rennend. 7 Gehl wiederholte der Baron, geh! Ich bin des War⸗ tens müde.. Die blutige Marquiſe. II. 2 18 Er drückte ſeine Klinge ein wenig in des Mädchens Bruſt; Irene ſtieß einen Angſtſchrei aus. Hal geh doch! Wüthend vor Verzweiflung, ſprach der Mann einen furchtbaren Racheſchwur aus, ſandte ſeiner Geliebten ein letztes Lebewohl zu und verſchwand. Nach einigen Se⸗ kunden zog Rudolf ſeine Waffe der zitternden Irene aus der Bruſt, hob ſie auf, ſchüttelte ſie mit ſeinen beiden Bahdtn und ſagte mit vor Wuth gedämpfter Stimme zu ihr: Irene, Du haſt mich verrathen, Du haſt dieſen Mann geliebt, Du haſt geduldet, daß dieſer Mann unſer Heilig⸗ thum befleckte; Du wirſt ihn nie wieder ſehen; er wird den Tod finden, wo er das Glück fand. Fur ihn iſt Alles zu Ende. Und dem Fenſter zuſtürzend, ſchnitt er mit ſeiner Damascenerklinge die ſchwache über dem Abgrund hän⸗ gende Schnur ab. Ein wiederholter Schrei ließ ſich ver⸗ nehmen, dann das Geräuſch eines auf die Felſen prallen⸗ den Körpers, dann Nichts mehr. Irene ward ohnmächtig. Gertrud war ihrem Manne gefolgt und horchte an der Thüre; ſie ahnte, daß die Haͤlfte der Rache erfüllt ſei; allein noch blieb das Schwerſte zu thun und deßhalb ſtrengte ſie ihre ganze Aufmerkſamkeit an. Rudolph kehrte zu der auf dem Boden ausgeſtreckten Irene zurück und trug ſie auf ihr Bett. Stumm und kalt und ſo blaß wie ihr Gewand, betrachtete er ſie einen Augenblick. Wenn ich Dich auch tödtete! ſagte er bei ſich. Doch nein, ſie wuͤrde es nicht fühlen und überdies iſt es zu füüh. Dieſes Weib, das ich ſo ſehr geliebt, das einzige, das ich auf Erden wirklich geliebt habe, dieſes Weib, das ich noch liebe, iſt alſo durch eine andere Liebe befleckt! Ich muß ſie tödten! ich muß dieſe bewunderungswürdige Schönheit zerſtören, muß dieſe Blicke auslöſchen, den Schlägen dieſes Herzens, die nicht mehr mir gehören, chens einen ein Se⸗ aus eiden imme Nann eilig⸗ wird Alles ſeiner hän⸗ ver⸗ llen⸗ htig. e an füllt halb ckten kalt einen Doch s zu zige, das eckt! dige den ören, 19 Einhalt thun. Ich muß es, ſonſt würde mich Gertrud einen Feigling heißen, ſonſt wäre mein Schimpf nur halb getilgt! Das junge Weib machte eine Bewegung. Wie ſchön ſie iſt! murmelte er. Sie kommt wieder zu ſich; ich muß meinen Muth zuſammennehmen und eine gerechte Wuth wieder erwachen laſſen. Irene, Du mußt ſterben! So tödte mich denn, Mörder, tödte mich ſchnell, denn ich verabſcheue Dich, erwiderte die Griechin, die wieder zur Beſinnung kam. Irene, Du haſt mich hintergangen? Ja, tödte mich. Irene, Du haſt dieſem Manne Zutritt zu Dir ge⸗ währt, Du haſt ihn geliebt? Ja, ſag' ich Dir, tödte mich. Irene, Du haſt die Schatze Deiner Leidenſchaft und Deiner Jugend an dieſen Mann verſchwendet? Ja, ich habe mich für Deine Vernachläſſigung ge⸗ rächt; räche Dich daher für meine Untreue. O, entgegnete er in einem Parorismus von Wuth, der an Wahnſinn gränzte, o, Du liebſt ihn und liebſt mich nicht mehr! Tödte mich; ich werde zu ihm kommen. Er führte einen Stoß, das Mädchen richtete ſich auf. Beim Anblick ihres Blutes, das ihren Rock tränkte, und als ſie den Stahl in ihre Bruſt gleiten fühlte, ſprang ſie von ihrem Beite weg und lief mit fürchterlichem Geſchrei durch das Zimmer. Der Inſtinkt der Lebenserhaltung war in ihr erwacht. Ich will nicht ſterben, wiederholte ſie; laß mich leben! ich will leben! Einem wilden Thiere gleich, das der Anblick des Blutes noch grimmiger macht, verfolgte er ſie und ſtach nach ihr, ſo oft er ſie erreichen konnte, indem er ſich bei dieſer furchtbaren Schlächterei immer mehr. erhitzte und 20 immer trunkener ward, je weher er that. Sie klammerte ſich an alle Draperien an, verbarg ſich hinter den Thüren, hinter den Truhen, aber auch dort ſuchte er ſie unerbittlich und traf ſie von Neuem. Es war eine furchtbare Todes⸗ qual, eine jener Scenen, die man unmöglich beſchreiben oder darſtellen, mit der ſich die Einbildungskraft nicht ver⸗ traut machen kann, eine jener heilloſen Scenen, deren ein Jahrhundert kaum ein Beiſpiel aufzuweiſen hat. Rudolph ſtieß nach ihr, bis das Opfer erſchöpft am Fenſter niederfiel. Dieſes Zimmer ſo voller Erinnerungen, ſo ſorgfältig ausgeſchmückt, war nur noch ein blutiges Grab; allenthalben rann Blut, der Baron war mit Blut bedeckt. Vernichtet richtete er die Augen nach der Thüre und erblickte ſeine Frau auf der Schwelle. Sie verneigte ſich gemeſſen vor ihm und ſagte: Der Prieſter iſt in der Donau, die Maitreſſe hat ihre Strafe empfangen. Ihr ſeid ein tapferer und edler Ritter, Ihr wißt den Euch angethanen Schimpf zu rächen und mein Sohn wird einen edeln Vater haben. Allein der Anfall von Wuth und Wahnſinn, dem ſich Rudolf überlaſſen hatte, legte ſich allmaälig und er ſah ſein Verbrechen in ſeiner ganzen Abſcheulichkeit vor ſich. Er ſah die Furie vor ſich, welche die erſte Urſache dieſes furchtbaren Verbrechens war; er ſah ſie in dieſem entſetz⸗ lichen Augenblick ruhig und beinahe lächelnd und erkannte jetzt, welche Gefährtin er ſich erkoren habe. Seine Augen ſielen auf das unglückliche, ſo barbariſch ermordete Mäd⸗ chen, und das Ende der wehenden Seidenſchnur, welche der Wind ihm in's Geſicht trieb; er fühlte, daß ſein Herz zu zerſpringen drohe, Gewiſſensbiſſe vernichteten ihn; er ſank auf die Kniee, zerfloß in Thränen und rief: Mein Gott, verzeih, verzeih mir, denn ich bin ein Ungeheuer. Haſt Du eine Verzeihung für mich, der ich eine ſo feige, ſo verrätheriſche, ſo ſchändliche Handlung begangen habe? Und Du, meine Irene, Du meine Heiß⸗ geliebte, Du, die mich ſo zärtlich geliebt hat und mich 21 noch lieben würde, wenn ich es gewollt hätte, biſt Du mir fluchend geſtorben? O, wenn Du mein Herz ſiehſt, wenn Du meine Verzweiflung und meine Reue ſiehſt, ſo weißt Du, zu welcher Qual ich fortan verdammt ſein werde. Hier auf Deinem angebeteten noch lebenswarmen Körper ſchwöre ich, daß Nichts auf Erden mich mehr feſſeln ſoll; ich ſchwöre, den Reſt meines Lebens der Buße zu weihen, ich ſchwöre, Deine theueren Ueber⸗ reſte nie zu verlaſſen und ſie mit dem zu vereinen, der .. DO, elender Rudolf, Deine Hände ſind mit Blut be⸗ deckt; Du haſt Deinen Stamm entehrt; Dein Stamm möge Dich verleugnen!... Weib, fügte er hinzu, ohne Gertrud anzublicken, von dieſem Tage an haſt Du keinen Gatten, Dein Sohn kei⸗ nen Vater mehr. Und in Wahrheit, ich ſage Dir, der Mord ſoll bis auf die letzte Generation abgebüßt werden; Dein Sohn iſt verflucht, wie Alles, was den Namen Fuchsberg tragen, wie Alles, was dieſe Mauern bewohnen wird. Platz jetzt, Platz dem Gottesgerichte! Wir werden uns auf Eiden nicht mehr ſehen. Er bückte ſich, hob Irene's Leichnam auf, lud ihn auf ſeine Schultern, ſtürzte über die Gallerie und ver⸗ ſchwand. Der Baron erfüllte ſein Gelübde gewiſſenhaft. Er ließ eine Kapelle und eine Einſiedelei erbauen, wovon man hier unten an dieſem Thürmchen, am Ufer des Fluſſes und an der Stelle, wo die furchtbar entſtellten Ueberreſte Günthers gefunden wurden, noch einige Ruinen ſieht. Die beiden Liebenden ruhten mit einander in der Kapelle und ihr Mörder bewachte ſie bis zu ſeinem letzten Tage, ohne dieſe geheiligte Stätte zu verlaſſen, ohne Jemand bei ſich zu empfangen, ohne mit Ausnahme der Beichte und des Gebetes ein Wort auszuſprechen. Er lebte nur von Wur⸗ zeln und geißelte ſich jeden Tag mit ſtacheligen Ruthen, während er die Bußpſalmen und Todtengebete herſagte. 22 Er ſtarb im Geruch der Heiligkeit und ſeine Reliquien thaten Wunder. Die Prophezeiung ging Punkt fuͤr Punkt in Er⸗ füllung. Sein Sohn, welcher während dieſer Scenen noch im Mutterſchvoße ſchlummerte, kam mit wilden Trieben und einer Art periodiſchen Wahnſinns zur Welt. In einer ſeiner Anfälle tödtete er ſeine Mutter, was als eine ge⸗ rechte Strafe Gottes betrachtet wurde. Er ſtarb auf der Jagd durch einen von unbekannter Hand abgeſchoſſenen Pfeil. Sein Stamm pflanzte ſich nicht lange fort, ſeine Abkömmlinge fanden alle ein gewaltſames und unglückliches Ende; der letzte endlich ward von einem Reiterkapitain, den er beſchimpft hatte, im Zweikampf getödtet. Was das Schloß betrifft, ſo wiſſen Sie, wie es in unſere Hände gelangte. Ich hoffe, der Fluch werde ſich nicht weiter erſtrecken und wir dieſen gefährlichen Theil des herrſchaftlichen Erbgutes nicht mit in den Kauf be⸗ kommen haben. Ich vergaß noch beizufügen, daß man, wie die Sage berichtet, Nachts oft, beſonders aber am Abend vor Allerheiligen, dem Jahrestag des Verbrechens, Geſchrei in der Schlucht hört, daß man Flammen um die Ruinen der Kapelle herumhüpfen ſieht und daß Irene's blutiges Geſpenſt im Zimmer des Thürmchens umherwan⸗ delt. Bis dahin hat die Marquiſe noch nichts davon ge⸗ ſehen; vielleicht fürchtet ſie aber, die ſchöne Griechin eines Tages neben ihrem Bette um Gnade rufen zu hören. Daher ihre Abneigung gegen dieſes Schloß! Das iſt die Geſchichte, die Sie zu hören wünſchten. Entſchuldigen Sie die Fehler des Verfaſſers, wie die alten Bücher ſagen. Wenn Sie damit zufrieden ſind, ſo bin ich für meine Mühe belohnt. Ihre Geſchichte iſt ſchrecklich, Marquis, und Ihr Baron von Fuchsberg hätte wohl verdient, ſeines Adels verluſtig zu werden. Eine Frau tödten, ſie auf ſolche Weiſe tödten, ſie eine furchtbare Todesqual erleiden laſſen, nien Er⸗ och ben ner ge⸗ der nen eine hes nin, in ſich heil be⸗ an, am ns, die le's an⸗ ge⸗ nes en. en. ten bin öhr els che en, doch 23 das iſt eine Niederträchtigkeit. Er hätte von Henkershand gegeißelt werden ſollen. Da ſehen Sie die Verſchiedenheit der Jahrhunderte. In unſern Tagen würde ſich ein Edelmann, der eines ſo furchtbaren Verbrechens ſchuldig wäre, eine Kugel vor den Kopf ſchießen, um dem Schaffote zu entgehen. Zu jener Zeit weihte er ſich der Buße und galt zwanzig Stunden im Umkreiſe für einen Heiligen. Welches iſt beſſer? Die längere Qual. Ich kenne keine, die für einen ſolchen Menſchen groß genug wäre. Haben Sie je be⸗ greifen können, daß man im Stande ſei, eine Frau zu er⸗ morden? fragte Robert. Nie! entgegnete Herr von Monza ſchaudernd, und Doch, fuhr Beatrir fort, erinnern Sie ſich unſerer armen Sophie Hervé und des Ungeheuers Ernſt! Er hat ſie aus einem weit unedlern Grunde, des Geldes wegen, ermordet!...Und mein guter Vormund! O, ſehen Sie, Amadee, Sie thaten Unrecht, mir dieſe Geſchichte zu er⸗ zählen; ſie erweckt ſtets herzzerreißende Erinnerungen in mir und heute Nacht werde ich wieder nicht ſchlafen, ich werde wieder alle meine Geſpenſter ſehen. Bei dem Namen Ernſt fuhr Chriſtine zuſammen und ihre Blicke richteten ſich auf Amadee, der es nicht zu be⸗ merken ſchien. Sie hätte gerne Näheres über dieſe Ge⸗ ſchichte erfahren, wagte aber keine Frage, da ſie die Mar⸗ quiſe ſcheute, und nahm ſich daher vor, ſich ſpäter dar⸗ nach zu erkundigen. Fräulein Orthez, ſagte plötzlich Robert, was halten Sie von Irene und Ge trud? Daß Irene ein Kind und Gertrud ein Ungeheuer war. Ich bin ſo ziemlich Ihrer Meinung. Indeſſen ent⸗ ſchuldigen und erklären die Leidenſchaften Manches. Sie haben Recht, Robert. So wie man im Leben vorwärts ſchreitet, tauchen immer neue Horizonte auf und 24 entdeckt man neue Empfindungen. Man begreift in einem Alter, was man in einem andern nicht begriff. Die Lei⸗ denſchaft! das iſt der große Sinn ſo mancher Räthſel, das iſt die richtig aufgefundene Erklärung ſo mancher ſchein⸗ bar unerkläclichen Handlungen. Oft zeigt ſich mitten in einem ruhigen Leben eines jener Meteore, welche es durch⸗ kreuzen und zerſtören, oft entſteht in unſerem Herzen ein unbekanntes Gefühl, ein Beherrſcher, dem Alles weicht. Die unerwartete Gegenwart einer gewiſſen Perſon, ein Zwiſchenfall ein Nichts können Ereigniſſe und Verbrechen herbeiführen, wo man bis dahin nur Ruhe und friedliche Tugenden ge⸗ funden hatte. O ja, es gibt ſeltſame Geheimniſſe im Leben. Dieſe mit ungewohnter Wärme von dem Marquis geſvrochenen Worte machten einen verſchiedenen Eindruck auf die, welche ſie hörten. Beatrix fühlte ſich beklommen, wie beim Nahen eines Unglücks; Chriſtine ſagte ſich: Ich werde viel Mühe haben, dieſen Mann im Zaum zu halten; ich fürchte eine ſchreckliche Leidenſchaft bei ihm erweckt zu haben. Robert aber durchzuckte zum erſtenmal ein Verdacht. Was bedeutet das? dachte er. Sollte er Chriſtine lieben? Wären meine arme Baſe und ich zu einem ſolchen Schimpf beſtimmt? O nein, nein. Oder wenn er ſie liebt, ſo ſoll ſie ihn nicht lieben, ſie! Und müßte ich ſie tödten, wie Rudolph Irene getödtet hat. Und der Graf begriff nicht, daß man eine Frau töd⸗ ten könne! Inconſequenz des Herzens! inem Lei⸗ hſel, hein⸗ n in irch⸗ ein Die nfall yren, ge⸗ im quis druck men, aum ihm acht. ſtine chen iebt, dten, töd⸗ 25 30. Die Liebe, welche tödtet. Der gegenſeitige Beobachtungskrieg zog ſich immer enger und enger um unſere vier Perſonen zuſammen und Chriſtine, der Angelpunkt aller Gedanken, mußte alle Kraft ihres Charakters aufbieten, um dem Sturme, welcher in der Ferne grollte, die Stirne zu bieten. Beatrir wagte es nicht, ihr die Entfremdung zu zeigen, welche ſie nicht mehr zu bekämpfen verſuchte. Robert wurde von dem jungen Mäd⸗ chen in gehöriger Entfernung gehalten und näherte ſich ihr nur bei Tiſche. Während des Reſtes des Tages hatte der Marquis das ihm ſchlechterdings nicht zu entziehende Pri⸗ vilegium, zu jeder Stunde das Zimmer ſeiner Tochter zu betreten, ihren Lectionen beizuwohnen und ſich nach Ge⸗ fallen an dem gefährlichen Gift zu berauſchen, welches er zu ſeinem Unglück einathmete. Bis jetzt hatte in ſeinem Betragen oder ſeinen Wor⸗ ten noch Nichts die Empfindlichkeit der Gouvernante ver⸗ letzt. Zwar ſeine Blicke verriethen ihn, allein ſie wich den⸗ ſelben aus und wußte ſie ohne Ziererei zu vermeiden. Herr von Chamarante und Amadee wußten jetzt, daß ihre Leidenſchaft auf einen und denſelben Gegenſtand ge⸗ richtet ſei. Dieſe Leidenſchaft wurde bei Beiden durch die Eiferſucht und durch Chriſtine's Ernſt noch mehr ange⸗ facht. Es mußte in Folge deſſen nothwendig eine gewiſſe Verſtimmung zwiſchen ihnen eintreten, welche die Mar⸗ quiſe und Fräulein Orthez ſehr gut wahrnahmen und deren Ausbrüchen ſie nach Kräften zuvorzukommen ſuchten. Die arme Beatrir führte das ſchrecklichſte Leben, das man ſich denken kann. Immer allein in einem Gemach, deſſen Traditionen und Vorzeichen ihr unausgeſetzt wieder zu Sinn kamen, beſaß ſie keinen Freund, welchem ſie ſich hätte vertrauen können, denn ihr Vetter hörte ſie kaum 26 an, und wenn er ſie anhörte, ſo ſchuf ſeine eigene Eifer⸗ ſucht Ungeheuer, welche die Einbildungskraft der Mar⸗ quiſe in's Entſetzliche vergrößerte. Ihren Mann ſah ſie nur noch bei den allgemeinen Zuſammenkünften. Ihre Tochter kam jeden Morgen auf einige Minuten zu ihr, dann aber den ganzen Tag nicht mehr. Eine Fremde in ihrem Hauſe, gab ſie keinen Be⸗ fehl und ihre Diener kannten ſie nur vom Sehen. Sie verbrachte ihre Zeit mit langen Spaziergängen am Ufer der Donau oder in den daſſelbe begrenzenden großen For⸗ ſten. Nach dem Frühſtück ging ſie aus mit einem Buche und ihrem kleinen Hund Trilby, dem einzigen Begleiter, welchen man ihr gelaſſen. Er lief vor ihr her und ſeine Freudebezeugungen, ſeine Sprünge boten ihr eine momentane Zerſtreuung. Heimgekehrt ſchrieb ſie an eine Phantaſie⸗ Schweſter und erzählte dieſer ihre Leiden, ihre Demüthi⸗ gungen, ihre Qualen. Sie ſchrieb auch Antworten und Einwürfe, um dieſelben wieder zu beantworten. Oft, wenn die Nacht kam, machte es ihr ein grauenhaftes Vergnügen, ihr Zimmer mit Phantomen zu bevölkern. Sie wohnte dem Kampf zwiſchen Rudolph und Irene bei, ſie ſah das Blut wieder fließen, ſie ſah das Opfer fallen, ſie ſah die Kaſtellanin wie eine geſpenſterhafte Schildwache an der Thüre der Gallerie ſtehen und auf den Tod ihrer Neben⸗ buhlerin lauern, um ſich darüber zu freuen, auf den Tod einer Nebenbuhlerin, welche ihr die Liebe des Barons ge⸗ ſtohlen hatte. Dabei lieh ſie der unglücklichen Irene ſtets ihre eigenen Züge oder die von Sophie Hervé, während der Ritter die Geſtalt ihres Mannes und die Kaſtellanin die Geſtalt von Fräulein Orthez annahm. Dann miſchte ſich auch der Graf Ernſt mitten unter dieſe Geſtalten, ohne daß ſie einen Grund hiefür hätte angeben können. Dieſe Träumereien wurden zu einer dem Wahnſinn nahe verwandten Hallncination. Die Marquiſe glaubte an die Weſenheit dieſer täglichen Erſcheinungen und machte die⸗ ſelben zu einem Hauptgegenſtand ihrer Correſpondenz. ifer⸗ Nar⸗ inen auf nicht Be⸗ Sie Ufer For⸗ uche eiter, ſeine tane aſie⸗ ithi⸗ und venn gen, hnte das die der ben⸗ Tod ge⸗ ſtets rend anin ſchte lten, nen. nahe die die⸗ 27 Chriſtine erfüllte ihre Pflichten gegen Alle mit ſkrupu⸗ löſer Pünktlichkeit. Es wäre unmöglich geweſen, ihr auch nur den leiſeſten Vorwurf zu machen. Sie wurde von Flavia angebetet und pflegte ihrerſeits das Kind wie eine zärtliche Mutter und brachte ihm die richtigſten und ern⸗ ſteſten Grundſätze bei. Flavia's Erziehung machte in jeder Beziehung die erſtaunlichſten Fortſchritte. Chriſtine's im⸗ mer klare und beſtimmte Lectionen prägten ſich unverwiſch⸗ lich dem Gedächtniß der Kleinen ein. Sie wurde eine gute Muſikerin und zeichnete recht hübſch. In gleicher Weiſe ſchritt das Sprachſtudium vor und die Marquiſe ſelbſt mußte geſtehen, daß ihre Tochter unter den Händen der gewandten Lehrerin augenſcheinlich gewinne. Morgens in aller Frühe machten Lehrerin und Schü⸗ lerin einen Spaziergang. Flavia trank Milch in der Meierei und lief auf der Wieſe umher. Sie pflückte da⸗ ſelbſt einen Strauß, den ſie gewiſſenhaft ihrer Mutter brachte, allein es fanden ſich immer ein Paar ſchönere und ſeltenere Blumen, welche ſie heimlich für ihren Vater und ihre Gouvernante bei Seite that, denn dieſen Beiden galten die lebhafteſten Gefühle ihres Herzens. Beatrir wußte Nichts von dieſem Vorzug, aber ſie ahnte ihn und der Verdruß, welchen ſie darob empfand, äußerte ſich bald als üble Laune, bald als Zorn. Sie warf den Blumenſtrauß auf ein Möbel, wo er ſchnell welkte, während der Mar⸗ quis und Chriſtine die kleine Gabe wie ein Kleinod auf⸗ bewahrten. Das Kind merkte das wohl und dieſer Un⸗ terſchied prägte ſich ihm tief in die Seele. Eines Morgens waren ſie wie gewöhnlich ausgegan⸗ gen, und, fortgezogen von den Spielen des Kindes, tiefer in den Wald hineingegangen, als ſie ſonſt zu thun pfleg⸗ ten. Ein Gewitter, welches die ganze Nacht hindurch über der Gegend gehangen, brach plötzlich los. Die Beunruhi⸗ gung der Gouvernante war groß, denn der Herbſt nahte, der Regen war froſtig und ſie fürchtete für die Geſund⸗ heit ihres Zöglings. Sie flüchteten ſich unter alle Bäume 28 am Wege, wurden aber deſſenungeachtet allmälig bis auf die Haut durchnäßt, als ſie ſich anrufen hörten. Sie liefen auf den Rufenden zu und erkannten den Marquis, der mit einem verſchloſſenen Wagen herbeikam. Er war ſo bleich wie ſie, überhäufte ſie mit Fragen, hüllte ſie in Mäntel und— ſeltſam— die erſte Perſon mit welcher er ſich beſchäftigte, war nicht ſeine Tochter. Wie haben Sie uns denn gefunden, Herr Marquis? fragte Chriſtine. Ich weiß es nicht, mein Herz hat mich geführt, und mich vermuthen laſſen, daß ihr nach dieſer Seite zu ge⸗ gangen. Dies konute ſich auf Flavia beziehen und Chriſtine that, als glaube ſie es. Ermüdet und durchnäßt, hatte das Kind in den Man⸗ tel ſeines Vaters ſich eingemummt und war bald auf dem Vorderſitz des Wagens eingeſchlafen. Der nach dem Schloſſe führende Fußpfad war kurz, allein der Wagen mußte der Hügel und ſchlechten Wege willen einen weiten Umweg machen. Die Kaleſche war zwar feſt verſchloſſen, aber der Regen peitſchte die Fenſterſcheiben, der Donner rollte am Himmel und die Blitze blendeten die Pferde, welche ſich unter der Peitſche häumten. Inmitten dieſes Wirrwarrs, dieſer Gefahr waren die Beiden allein, denn das Kind ſchlief friedlich. Furchtlos erzogen empfand es keine Furcht und empfahl ſich Gott und ſeinem Schutzengel. Amadee's Herz pochte zum Zer⸗ ſpringen. Chriſtine betrachtete, bleich und ruhig wie ge⸗ wöhnlich, kalt das Gewitter, mit gekreuzten Armen in eine Ecke des Wagens geſchmiegt und an die Zukunft denkend. Die Gegenwart eriſtirte für dieſen abenteuerlichen Geiſt nicht. Man weiß, wie raſch die Bergwege bei ſchlechtem Wetter ſchwierig und ſogar gefährlich werden. Sie kamen an einen plötzlich entſtandenen Waldſtrom und der Kut⸗ ſcher fragte, was er thun ſollte. auf den kkam. üllte mit uis? und ge⸗ iſtine Nan⸗ dem hloſſe e der nweg aber rollte elche n die htlos Gott Zer⸗ e ge⸗ eine kend. Geiſt chtem amen Kut⸗ 29 Fahrt zu! ſchrie der Marquis, wir können nicht hier bleiben. Die Pferde traten in das Waſſer, der Wagen ſchwankte, aber dieſes Schwanken wiegte Flavia. Der Schlaf der Kinder iſt nicht ſo leicht zu ſtören. Oh, ſagte Amadee, ſo möchte ich ſterben! Sie denken nicht an Ihre Tochter, Herr Marquis, verſetzte Chriſtine. In ihrem Alter iſt das Leben ſo ſchön! Ja, ſie wird größer und das Leben bitter werden. Der Tod in der Jugend iſt immer eine Wohlthat, man entgeht den Leidenſchaften und den Schmerzen. Sterben, oh, ſterben! Hier, neben Ihnen, neben ihr, umgeben von dem Liebſten, was ich auf der Welt habe und Nichts zu⸗ rücklaſſend, das wäre das Glück, welches ich erſtreben könnte. Chriſtine gab keine Antwort und that, als verſtände ſie ihn nicht. Aber das Eis war gebrochen und ſie nahm alle ihre Kraft zuſammen, denn ſie ſah einen unausweich⸗ lichen Kampf voraus. Das Gewitter nahm zu, der Wind ſchien die Bäume entwurzeln zu wollen und dieſer Sturm der Elemente ſta⸗ chelte den Wahnſinn des Herrn von Monza. Er glaubte ſich vielleicht ſeinem letzten Augenblick nahe und wollte nicht ſterben, ohne ſein Herz erſchloſſen zu haben. Hören Sie mich, Chriſtine, ſagte er. Sie ſind viel zu bewunderungswürdig intelligent, als daß Sie nicht lange ſchon wahrgenommen haben ſollten, was ich fühle. Sie haben es nicht ſehen wollen, Sie haben tauſendmal das Geſtändniß auf meinen Lippen zurückgehalten, aber hier, in dieſem furchtbaren Moment, über einem Abgrund ſchwe⸗ bend, welcher jeden Augenblick uns mitſammen verſchlingen kann, werde ich nicht mehr ſchweigen. Ich habe ohnehin ſchon zu viel gelitten. Chriſtine, ich liebe Sie, ich liebe Sie mehr als Alles, mehr als meine Tochter, mehr als mein Glück. Ich liebe Sie ſo ſehr, daß ich Alles thun werde, 30 um Sie mir zu erringen, und Nichts, hören Sie, Nichts, ſelbſt Ihr Haß nicht, wird mich dieſer Hoffnung entſagen machen. Herr Marquis... Oh, ich weiß, was Sie mir ſagen wollen. Sie wollen zuvörderſt von Ihrer und meiner Stellung ſprechen, von Ihrer Pflicht, Ihrer Zukunft. Sie werden mir be⸗ theuern, daß ich Sie mit einer Liebe verfolge, welche Ihnen zuwider iſt, Sie werden mein Haus verlaſſen, mich mit Ihrem Haß, Ihrem Zorn bedrohen. Nun wohlan, auf all das bin ich gefaßt und all das kann mich nicht beirren. Mein Entſchluß iſt gefaßt, Sie werden mir ge⸗ hören oder wir werden Beide ſterben. Wohin immer Sie gehen werden, ich werde Ihnen folgen. Verlaſſen Sie mein Haus, ſo werde ich es ebenfalls verlaſſen. Ziehen Sie mir einen Nebenbuhler vor, ſo werde ich ihn tödten. Fliehen Sie in ein Kloſter, werde ich daſſelbe in Brand ſtecken und Sie entführen. Ich kenne Ihren Charakter, ich weiß, daß Sie bis zuletzt kämpfen werden, denn Sie lie⸗ ben mich nicht; ich mache mir darüber keine Illuſion. Nun wohl, kämpfen wir! Wir wollen ſehen, was ſtärker iſt, die Liebe oder der Haß. Für jetzt habe ich geſprochen, Sie haben mich gehört, Sie kennen meinen Entſchluß und ich fühle mich deßhalb einer ſchweren Laſt entledigt. Mein Gott, ſchrie die Gouvernante, kommt denn der jüngſte Tag? Dieſes Gewitter iſt entſetzlich! Ein Blitz und ein Donnerſchlag motivirten dieſen Schrei. Der Wagen neigte ſich ſtark auf die Seite. Chri⸗ ſtine fiel faſt auf den Marquis. Er nahm ſie in ſeine Arme und drückte ſie an ſein Herz. Sie ſtieß ihn heftig zurück. Herr Marquis, ſagte ſie, wenn Sie mein Alleinſtehen und die Stellung, welche ich bei Ihnen einnehme, nicht achten, ſo achten Sie wenigſtens dieſes mir anvertraute Kind.. we ein an 31 Die Würde von Fräulein Orthez imponirte ſtets durch ihre Natürlichkeit und Adeligkeit. Amadee zog ſich zurück. Ach, was für eine große bewundernswerthe Natur ſind Sie! verſetzte er. Wer ſollte Sie nicht anbeten? Aber wollen Sie mir nicht wenigſtens antworten? Ihnen antworten, mein Herr! Was könnte ich Ihnen ſagen? Ich habe Ihnen das Geheimniß meines Lebens ge⸗ offenbart, ich vermag nicht mehr zu lieben. Sie wiſſen es wohl, warum mich alſo weiter fragen? Weiß ich es denn! Weiß ich, woher das Feuer kam, deſſen Glut mich verzehrt! Indeſſen iſt es eine ausgemachte Sache, daß Sie noch nie geliebt, Chriſtine. Die Leiden⸗ ſchaft ſchlummert noch in Ihnen. Ein Charakter wie der Ihrige muß ſich, wenn die Liebe ihn beherrſcht, ganz an⸗ ders zeigen, als Sie ſich bisher gezeigt. Ich hätte Ernſt nicht geliebt? Nein. Oh, wie können Sie ſo ſprechen! Aber wenn ich ihn nicht liebte, welcher Dämon beſtrickte mich dann? Ich ſage Ihnen, Sie haben einen ſolchen Menſchen nicht geliebt. Ich konnte einen ſolchen Menſchen nicht lieben, ſagen Sie? Ach, mein Herr, Sie kennen ihn nicht! Machen Sie mich nicht reden, Chriſtine. Es gibt Umſtände, welche Sie nicht kennen, und ich wünſche, Sie lernten dieſelben niemals kennen. Sie erſchrecken mich, mein Herr. Das iſt nicht meine Abſicht und ich bin ſehr unge⸗ ſchickt. Man iſt ſo ungeſchickt, wenn man liebt. Mein Herr, ich werde Flavia aufwecken. Warum das Kind bei einem ſolchen Sturme auf⸗ wecken? Es wäre eine Grauſamkeit... ſein Schlaf iſt ein Glück. Aber ich darf nicht länger hören... Oh, Sie begreifen mein Glück nicht. Sie hier haben, an meiner Seite und allein inmitten dieſes Wirrwarrs der 3²2 Natur, zu Ihnen ſprechen, Ihnen Alles ſagen, was ich auf dem Herzen habe, Sie zwingen, mich anzuhören... Und ſehen Sie, Chriſtine, eine Ungeſchicklichkeit des Kut⸗ ſchers, ein Nachgeben des Bodens und wir werden fünf⸗ hundert Fuß tief hinabſtürzen und mitſammen ſterben! Aber Flavia, Flavia! Lieben Sie denn Flavia nicht? 5 Ich liebe Flavia, wenigſtens glaube ich es, denn ich weiß es nicht mehr, ich fühle nur noch, daß mein Herz Ihnen gehört. Ich habe mein Gefühl bekämpft, grauſam bekämpft, ich habe mir alle möglichen Vorſtellungen gemacht, habe alle meine Befürchtungen und Erinnerungen zu Hülfe gerufen; aber Alles umſonſt, ich gebe nach und überlaſſe mich der unwiderſtehlichen Strömung. Ich ſtürze mit offenen Augen in den Abgrund, aber Sie werden mit mir hineinſtürzen, Chriſtine. Das iſt gräßlich, mein Herr, wiſſen Sie das? Wie, weil Sie mich lieben, ſoll meine Zukunft verloren ſein? Wie, ich ſollte mich Ihrem Geſchicke unterziehen müſſen, weil es Ihnen gefällt, das meinige damit zu verbinden? Sie nehmen es, das ſei eine ausgemachte Sache, aber ich hoffe, da Sie ja doch eine Antwort fordern, Sie werden wenn Sie dieſelbe gehört, Ihren Entſchluß nochmals reif⸗ licher überlegen. Erfahren Sie alſo, daß ich keine Liebe hege, daß ich auch niemals eine annehmen werde außer von meinem Manne, falls ſich nämlich ein ehrenhafter Mann findet, welcher mir meines Falles ungeachtet ſeinen Namen geben will. Was ich auf der Welt am meiſten liebe, das iſt Flavia. Auf ſie habe ich alle meine Hoff⸗ nungen, all meinen Stolz übertragen. Es gibt kein Opfer, welches ich für Flavia nicht bringen würde. Um mich nicht von ihr zu trennen, werde ich Ihre Gegenwart er⸗ tragen ungeachtet mir Ihre Liebe durchaus keine Sympa⸗ thie einflößt. Für Flavia ertrage ich die höchſt unge⸗ rechte Verachtung, welche Frau von Monza für mich hegt. Für Flavia.. ich Kut⸗ ünf⸗ lavia n ich Herz uſam nacht, Hülfe rlaſſe mit mir Wie, ſein? iſſen, den? rich erden reif⸗ Liebe außer hafter einen eiſten Hoff⸗ pfer, mich t er⸗ mpa⸗ inge⸗ hegt. 33 Ah, wenn Sie Flavia ſo ſehr lieben, ſo müſſen Sie Mitleid mit ihrem Vater haben. Um Flavia's willen werden Sie ihn nicht zur Verzweiflung bringen, werden ihn nicht aus Ihrer Gegenwart verbannen, werden ihm erlauben, zuweilen von ſeiner Leidenſchaft zu ſprechen, welche ihm die Fähigkeit entzogen hat, mit irgend etwas Anderem ſich zu beſchäftigen. Sie können nicht daran denken, mich zu fliehen, Chriſtine, Sie müſſen bei mir bleiben. Meine Tochter iſt Ihnen theuer, nun wohlan, entführen wir meine Tochter, gehen wir Drei bis an's Ende der Welt, um dort unbekannt und für uns allein zu leben. Sprechen Sie ein Wort und ich werde die nöthi⸗ gen Kapitalien aufbringen und wir werden gehen und werden in einer andern Hemiſphäre das finden, was uns hier mangelt, Liebe und Freiheit. Wollen Sie meinen Namen? Ich werde Ihnen denſelben geben, ſtolz darauf, daß Sie ihn der Annahme würdigen. Oh, können Sie denn zweiſeln, daß ich, wenn ich nicht dieſe unauflösbaren Feſſeln trüge, ſogar bier und vor aller Welt Sie meine Frau nennen würde? Ach, ich bin gefeſſelt, wie ein Ga⸗ leerenſklave an ſeinen Gefährten gefeſſelt iſt, wider meinen Willen und für mein ganzes Leben. Sie machen mich zittern, mein Herr, und ich will, ich darf nicht mehr hören. Mein Gott, wie unglücklich bin ich! Ich ſehe voraus, daß ich mein theures Kind werde verlaſſen, daß ich werde fliehen müſſen. Sie wer⸗ den mich dazu zwingen, denn ich ſchwöre es vor Gott und Angeſichts dieſer Bktze, welche uns in Aſche verwandeln können, daß ich nie Ihre Maitreſſe ſein werde. Laſſen Sie alſo ab von Angriffen, die keinen Erfolg haben kön⸗ nen. Nehmen Sie Vernunft an und laſſen Sie mich ſo glücklich ſein, als ich es hinieden ſein kann, indem ich mich damit beſchäftige, das junge Herz dieſes Kindes zu bilden und ſeinen jungen Geiſt zu ſchmücken. Ich werde Sie dafür ſegnen, mein Herr. Die blutige Marquiſe. II. 3 34 Ich habe es Ihnen ſchon geſagt, Chriſtine; mein Entſchluß iſt unwandelbar, und ich bin von vornherein gegen Ihre Bitten und Ihre Thränen gewappnet. Es handelt ſich unter uns, mit Ihrem Willen oder gegen ihn, um Leben oder Tod. Und die Marquiſe, mein Herr! Und Ihre Frau, der Sie Alles ſind, die nur Sie ſieht... wollen Sie die⸗ ſelbe vor Kummer ſterben machen? Die Marquiſe hat es recht eigentlich und wie mit Vergnügen darauf angelegt, mich von ihr zu entfernen. Ich habe tauſend Mittel aufgeboten, habe ſie hundertmal gewarnt, habe ihr alle Ungehörigkeiten ihres Charakters und ihrer Vorſtellungen nachgewieſen... wenn ſie das Alles unberückſichtigt ließ, ſo iſt es ihre Schuld. Sie wird ſich aber tröſten, ich verſichere Sie; man tröſtet ſich über Alles. In dieſem Augenblick ließ ſich der Galopv eines Pferdes vernehmen, man klopfte an die Fenſter der Kaleſche und eine wohlbekannte Stimme rief den Marquis bei Namen. Ah, ſagte Amadee, wer kommt da, um mein Glück abzukürzen? Er mag ſich in Acht nehmen! 31. Mutter und Gouvernante. Oeffnen Sie mir, öffnen Sie, ich bitte Sie, ſagte der neue Ankömmling, den man in dem Regengepraſſel kaum verſtand. Was zum Teufel wollen Sie bei einem ſolchen Wet⸗ ter? entgegnete der Marquis, mit ſehr übelgelaunter Miene eines der Fenſter öffnend. ganz werd erſär Sie Ihre wahr nicht gewe brau bei ſicht! fen bewe hefti er k ſetzm ich Sie den Herr welc ihn Ortl dem Erſt mein herein Es mihn, t, der e die⸗ e mit ernen. rtmal akters e das Sie t ſich eines leſche 5 bei Glück ſagte raſſel Wet⸗ Niene 3⁵ Ich will einen Platz in Ihrem Wagen; denn ich bin ganz eingeweicht. Das glaub' ich wohl, Parbleu! aber gerade deßhalb werden wir Sie nicht aufnehmen; denn Sie würden uns erſäufen. Wir nähern uns bereits dem Schloſſe, ſetzen Sie ſich in Galopp, Sie werden vor uns ankommen und Ihre Kleider vor dem Frühſtück wechſeln können. Nicht wahr, kleine Flavia, Du willſt Robert in dieſem Zuſtand nicht neben Dir im Wagen haben? In Wahrheit, nein; es iſt ſchon genug, daß er mich geweckt hat. Die ſchrecklichen Kinder! murmelte der Marquis. Was brauchte ſie das zu ſagen! Ah, Du haſt geſchlafen, Flavia? In dieſem Sturm, bei dieſen Donnerſchlagen? Er iſt eiferſüchtig, dachte der Marquis, er iſt ab⸗ ſichtlich gekommen, er liebt ſie! Und das Fenſter wieder ſchließend, ſchien er des Gra⸗ fen weiter nicht zu achten, aber tumultuariſche Gedanken bewegten ihn. Er wandte ſich gegen Chriſtine, drückte ihr heftig die Hand und ſagte: Der da liebt Sie, er iſt frei, er iſt jung und reich, er kann Ihnen bieten, was Sie ſehr wünſchen, eine ge⸗ ſetzmaßige Verbindung. Erinnern Sie ſich deſſen, was ich Ihnen vor Gott und Angeſichts dieſer Blitze geſagt ... ſei es dieſer, ſei es ein Anderer, den Mann, welchen Sie lieben, welchen Sie heirathen, werde ich tödten! Ach, rief Chriſtine aus und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, Sie ſind ein Mann ohne Herz und Ehre, Herr Marquis. Sie werden niemals an den gelangen, welchen ich lieben werde, ich verbiete es Ihnen. Ich werde ihn vertheidigen und ſchützen, ich! Sie kennen Chriſtine Orthez nicht, Sie machen mir durchaus keine Furcht. Man kam im Schloſſe an, die Diener ſtürzten aus dem Thore, Robert erſchien, vom Pferd geſtiegen, als der Erſte und der Marquis hatte nur noch Zen, mit halbleiſer 36 Sinnne wie er ſeit Flavia's Erwachen geſprochen, zu agen: le Wir werden dieſes Geſpräch wieder aufnehmen, Fräu⸗ ein. Niemals, niemals, Herr Marquis. Mama, Mamal ſchrie Flavia beim Anblick der Mar⸗ quiſe, welche ihnen auf dem Perron entgegenkam, ich habe während des ganzen Gewitters geſchlafen; ich bin recht muthig, nicht wahr? Theures Kind, verſetzte die Mutter mit einem trau⸗ rigen Lächeln, indem ſie Flavia umarmte, ich war in tödtlicher Unruhe und, wie ich ſehe, mit Recht. Ich danke Ihnen, Robert, daß Sie mir ſie geſucht haben. Mein Freund, wollen Sie mit mir kommen? Ich habe Ihnen einen wich⸗ tigen Brief mitzutheilen. Der Marquis folgte ihr, ohne zu antworten. Sie führte ihn auf ihr Zimmer und umarmte ihn weinend. „ Was gibt es denn noch? fragte er ſie. 4 Erſchrecken Sie nicht und beunruhigen Sie ſich nicht, ich beſchwöre Sie; aber geben Sie Befehl, daß wir noch dieſen Abend abreiſen können. Ihr Vater iſt ſehr krank. Er hat einige lichte Augenblicke bekommen und verlangt nach uns. Mein Vater! entgegnete der junge Mann erblaſſend. Was iſt's mit ihm? Wo iſt der Brief? Hier! An mich adreſſirt! Warum haben Sie ihn geöffnet, Beatrir? Ich erkannte das Siegel und war nach Nachrichten von Ihrem Vater begierig, iſt das nicht ganz natürlich? Einerlei. Ein Brief mag kommen, woher er will, wenn er nicht an Sie adreſſirt iſt, muß er Ihnen heilig ſein, Madame. Ah, Sie haben Etwas vor mir zu verbergen, Ama⸗ dee? Früher durfte ich Alles ſehen und Alles leſen. n, zu Fräu⸗ Mar⸗ ) habe recht trau⸗ dar in danke reund, wich⸗ tte ihn nicht, r noch krank. erlangt aſſend. eöffnet, Frichten ürlich? er will, heilig Ama⸗ n. 37 Meine liebe Freundin, ich bin beunruhigt und angſt⸗ voll. Das iſt nicht der paſſende Moment, mir eine Scene zu machen. Laſſen Sie mich an meine Abreiſe denken. Wer denkt daran, Ihnen eine Scene zu machen? Wie ungerecht ſind Sie! Wiſſen Sie denn nicht, daß mir Ihre Zufriedenheit über Alles geht? Ach, Amadee, der böſe Genius, welcher ſich zwiſchen uns geſtellt, iſt ſehr ſchuldig. Immer noch! Sind Sie unſinnig, meine Liebe? Wol⸗ len Sie mit mir kommen? Ich vermuthe es. Wenn Sie uns nicht brauchen, erwiederte ſie, ihn feſt anblickend, wollen wir hier bleiben. Es iſt möglich, daß Ihr Vater ſich raſch wieder erholt und Sie ihn bald wieder verlaſſen können. Ihre Geſchäfte hierorts ſind noch nicht vollendet, Sie müſſen alſo hierher zurückkehren, und da Sie Eile haben, würden wir Ihre Reiſe nur verzögern. Ah, ah, verſetzte er, die Probe, welcher man ihn unterwarf, verſtehend und unbekümmert um die Folgen, wenn nur ſein Wille geſchah... ah, ah, Sie, die Sie ſich ſonſt ſo feſt an meine Schritte heften, Sie, die Sie mir nicht einmal eine Abweſenheit von zwei Tagen geſtatten wollen, Sie verlangen jetzt in dieſem entſetzlichen Monza zu bleiben, wo Sie ſich fürchten? Macht Ihnen etwa das Sterbebett meines Vaters bange? Entſpringt Ihre Abneigung aus der Vorſtellung, mich vielleicht über ſeinen Verluſt tröſten zu müſſen? Uebrigens können Sie bleiben falls es Ihnen beliebt; aber meine Tochter werde ich mit⸗ nehmen. Ihr Großvater könnte nach ihr verlangen und ich wuͤrde mir es nie verzeihen, dem armen Greis in einem ſolchen Augenblick den Anblick ſeiner Enkelin ver⸗ ſagt zu haben. Ja, das begreif' ich. Ihr Herz iſt ſo gut und Sie ſcheuen ſich ſo ſehr, Andere zu verletzen. Ich werde bin⸗ nen einer Stunde bereit ſein, Sie ſollen nicht auf mich warten müſſen. Geben Sie, ich bitte, der Gouvernante 38 Ihre Befehle, damit Flavia Nichts fehle und hier Alles in Ordnung gebracht werde. Bis zu unſerer Rückkehr, denn wir werden zurück⸗ kehren. Ah, wir werden zurückkehren? Gewiß. Glauben Sie denn, ich werde Monza für immer aufgeben?............. Noch am nämlichen Abend beſtieg die Familie die Wagen und fuhr Frankreich zu. Die arme Beatrir, dieſe dem Unglück verfallene Frau, warf einen langen Blick auf die Wohnung, welche ſie unter ſo traurigen Umſtänden verließ. Eine Thräne ſtahl ſich ihr in's Auge und ſie preßte heftig ihre Arme gegen die Bruſt. Oh, murmelte ſie, ich bin für immer verloren! Es bleibt mir keine Hoffnung mehr. Wenn ich hierher zurück⸗ gekehrt ſein werde, was wird dann geſchehen? Die kühne Chriſtine verlangte für ſich und ihre Schü⸗ lerin während der Reiſe die vollſtändigſte Abgeſchloſſenheit. Sie nahm hiebei die Fortſetzung der Lectionen zum Vor⸗ wand, der wahre Grund aber war der Wunſch, von dem Marauis entfernt zu bleiben. Beatrir verwies ſie in ein Coupé mit nur zwei Sitzen und nahm mit ihrem Mann und ihrem Vetter einen Wagen ein. An den Raſtorten ließ ſie mehrmals des Tages Flavia zu ſich kommen und behielt ſie ſo lange, als möglich. Das Kind blickte dann ſtets ungeduldig nach der Thüre, rief ſeine Gouvernante, ſprach immer von ihr und eilte zu ihr, ſobald man es ihr er⸗ laubte. Ach, ſagte die arme Mutter mit gebrochenem Herzen, man hat mir Alles genommen, ſogar die Zärtlichkeit mei⸗ ner Tochter. Es iſt ſchwer, eine gräßlichere Lage ſich vorzuſtellen, als die der Frau von Monza war. Umringt von Allem, was das Menſchenleben glücklich machen kann, hat ſie Maſe Glück Erzie Fami einſan ihren Seele Arme könne und Geſel Kenn zurüc nicht aufge Man kreist ihrer ler, in's und ſpät. anzu muß nicht ſeine am geht higte der freut Alles rück⸗ 4 für .5 13s e die Frau, unter reßte Es rück⸗ Schuͤ⸗ aheit. Vor⸗ dem ein Nann ließ ehielt ſtets prach r er⸗ rzen, mei⸗ ellen, llem, t ſie 39 „Maſche um Maſche des Netzes reißen ſehen, welches das * Gluck uber ihr Daſein gebreitet. Durch Verſchuldung ihrer Erziehung und ihrer Gemüthsart, hatte ſie es inmitten ihrer Familie und der Geſellſchaft zu einer vollſtändigen Ver⸗ einſamung gebracht. Ihre wahnwitzige Leidenſchaft für ihren Mann, welche, ſo zu ſagen, das einzige Gefühl ihrer Seele geworden war, duldete keine Freundſchaft, in deren Arme ſie ſich bei ihrer jetzigen Verlaſſenheit hätte fluchten können. Sie verſcheuchte Bekannte durch ihre Vorurtheile und ihre beſtändigen Eiferſüchteleien, und fand ſich nur in Geſellſchaften noch umringt, wo die Menge ein näheres Kennenlernen der Leute verhindert. Kehrte ſie nach Hauſe zurück, ſo fand ſie dort eine Macht, welche der ihrigen nicht bloß gleich, ſondern überlegen, durch ſie ſelbſt aufgerichtet worden und unmöglich zu ſtürzen war. Ihr Mann, ihre Tochter, ihre Diener, ſogar ihr Vetter um⸗ kreisten die Gouvernante als Planeten, während ſie in ihrer Einſamkeit weinte. Sie erkannte zu ſpät ihren Feh⸗ ler, ſie rief ſich zu ſpät die Ermahnungen ihres Mannes in's Gedächtniß zurück, welche ſie ſo ſehr vernachläſſigt und perachtet hatte. Ach, es war in Wahrheit viel zu ſpät. Man reiste Tag und Nacht, um bald bei dem Fürſten anzulangen, deſſen Alter und Schwäche Unruhe einfloͤßen mußte. Vom Wagen ſteigend, wagte der Marquis die Diener nicht nach dem Zuſtand ſeines Vaters zu fragen. Er liebte ſeinen Vater, oder vielmehr er war gewohnt, denſelben am Leben zu wiſſen. Der Tod erſchreckt immer. Das geht uns ſo nahe. Die ruhigen Mienen der ihn Empfangenden beru⸗ higten ihn. Der Herr Fürſt befindet ſich weit beſſer, beeilte ſich der alte Haushofmeiſter zu ſagen, aber er wird ſehr er⸗ freut ſein, den Herrn Marquis zu ſehen. Er hat alſo einen ſeiner lichten Augenblicke? 40 Ja, mein Herr. Er ſprach dieſe Tage her davon, nach Monza zu gehen, um Sie zu überraſchen. Sie wer⸗ den erſtaunt ſein, ihn ſo wohlauf zu finden. Ah, deſto beſſer! Flavia, eile, Deinen Großvater zu umarmen. Flavia's gutes Herz ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Der Greis bedeckte ſie mit Liebkoſungen, nannte ſie hun⸗ dertmal ſein theures Kind und verließ ſie nur, um ſich in die Arme ſeines Sohnes zu werfen. Das Wiederſehen war überhaupt ſehr rührend. Bea⸗ trir fand hiebei alle ihre trefflichen Inſtinkte, ihre wahr⸗ hafte Güte und ihre vollkommene Hingebung wieder. Wei⸗ nend verſicherte ſie ihren Schwiegervater, daß ſie die glück⸗ lichſte der Frauen ſei, daß ihr Mann ſie noch immer bis zur Anbetung liebe, und daß ſie Nichts zu wünſchen hätte. Als man dem Veteranen Fräulein Orthez vorſtellte, betrachtete er ſie lange mit ſeinem vormals ſo feſten und an Beobachtung gewöhnten Blicke. Chriſtine hielt denſel⸗ ben ohne alle Unruhe und Verwirrung aus. Fräulein, ſagte der Fürſt, es iſt Stoff zu einer Heldin in Ihnen. Ich weiß nicht, ob Sie eine gute Gouvernante ſind, obgleich ich es gerne glaube; aber auf jeden Fall ſind Sie ſicherlich eine Perſon von hohem Charakter und feſtem Willen. Das Fräulein iſt nicht minder ausgezeichnet durch ihren Charakter, als durch die Eigenſchaften ihres Herzens und ihres Geiſtes. Seit wir ihr Flavia anvertraut haben, hat das Kind erſtaunliche Fortſchritte gemacht. Deſto beſſer, deſto beſſer! erwiederte der Marſchall auf dieſe Worte des Marquis. Aber es will mir ſcheinen, meine arme Beatrir, ſie ſei zu ſchön. Die letztern Worte wurden, wenn auch mit gedämpf⸗ ter Stimme geſprochen, doch von Allen gehört und brach⸗ ten verſchiedene Abſtufungen von Verlegenheit hervor. Der Greis hatte ſchon im erſten Moment die Wunde berührt. . von, wer⸗ er zu agen. hun⸗ ch in Bea⸗ bahr⸗ Wei⸗ lück⸗ r bis jzätte. tellte, und enſel⸗ deldin nante Fall und durch erzens aben, ſchall einen, ämpf⸗ prach⸗ Vunde 41 Beatrir ſeufzte. Robert biß ſich in die Lippen, Amadee erblaßte. Was Chriſtine angeht, ſo tadelte ſie Flavia, daß dieſe ihren Hut abgenommen, bevor ſie ein Haͤubchen gefordert, da ſie doch den Schnupfen hätte. Sei es nun, daß die Freude, welche ihm das Wieder⸗ ſehen ſeiner Kinder verurſachte, für das ſchwache Hirn des Fürſten zu ſtark war, ſei es, daß ſein lichter Augenblick ſchon vorüber, am folgenden Morgen war er beim Er⸗ wachen nicht mehr er ſelbſt. Er erkannte Niemand mehr und bewegte ſich, ſeiner Gewohnheit gemäß, ganz in der Vergangenheit. Er nahm ſeinen Sohn für Napoleon, ſeine Schwie⸗ gertochter für Joſephine, Fräulein Orthez für Marie Louiſe und Flavia für den König von Rom. Was Robert be⸗ trifft, ſo hielt er ihn abwechſelnd für Lannes, Maſſena, Berthier und alle die Helden des Kaiſerreichs. Seine Unterhaltung wurde zugleich höchſt ergöͤtzlich und belehrend. Indem man den Anachronismus ſich gefallen ließ und ſei⸗ ner Phantaſie ſich unterwarf, wohnte man einer wahrhaften Wiederbelebung dieſer glorreichen Epoche bei. Chriſtine intereſſirte ſich höchlich dafür. Ihre Einbildungskraft be⸗ fähigte ſie, ſogleich in das Drama einzutreten und gab ihr die paſſendſten Antworten ein. Es kam ihr das ſehr geſchickt, um jedes Alleinſein mit dem Marquis zu hinter⸗ treiben. Umſonſt bot er alle erdenkbaren Liſten auf, ſie vereitelte ſie, ohne den Anſchein zu haben und wie auf die natürlichſte Weiſe von der Welt. Dieſer Widerſtand ſtei⸗ gerte die Leidenſchaft des Herrn von Monza auf's Höchſte und er beſchäftigte ſich mehr als je damit, ein Mittel zu ihrer Beſiegung zu finden. Herr von Chamarante ſeinerſeits fühlte dieſe Liebe, welche in ſeinem Herzen ſchon ſo alt war, von Tag zu Tag wachſen und zwar in erſchreckendem Verhältniſſe. Er hatte einſehen gelernt, daß eine Liebesintrigue mit der Gouver⸗ 42 nante eine Unmöglichkeit ſei. Er hielt ſich für geliebt und glaubte, daß Chriſtine nur durch ihre Tugend verhindert werde, ihm ein Geſtändniß zu machen. Dieſe Ueberzeu⸗ gung ſteigerte ſeine Achtung und Bewunderung. Der Ge⸗ danke an Heirath ging ihm durch den Kopf und zwar vielleicht öfter als ihm lieb war. Er fiagte ſich, ob es denn unmöglich wäre, ein junges und ſchoͤnes Mädchen voll Klugheit, Talent und Verdienſt mit einem großen Namen und einem vornehmen Nang zu verbinden. Einmal geſtellt, ſchien ihm dieſe Frage nicht gar ſchwer zu beant⸗ worten. Er dachte viel, er dachte immer daran. Chriſtine konnte das nicht bezweifeln. Einen Monat nach der Ankunft der Familie bei dem Fürſten, empfing Herr von Monza wichtige Briefe, denen zufolge es erforderlich war, einen gewandten und ſichern Agenten nach Paris zu ſchicken. Er dachte zuerſt daan, ſelber hinzugehen; allein ſeine Gegenwart that ſeinem Va⸗ ter augenſcheinlich ſo wohl, daß der Greis, ohne recht zu wiſſen warum, ihn nicht von ſich laſſen wollte und jedes⸗ mal weinte, wenn er ihn nicht ſah. Amadee zeigte ſich ſehr verlegen über dieſes Hinderniß, da es ſich um die Summe von 200,000 Francs handelte, welche um eines Geſprächs von zwei Stunden willen verloren gehen konnten. Er ſchlug Robert vor, an ſeiner Statt hinzugehen; allein dieſer fand tauſend dringliche Gründe, es zu verweigern. Die plauſibelſten dieſer Gründe waren ſeine Unbekanntſchaft mit den Geſchäften und ſein perſönlicher Haß gegen den Agenten, mit welchem er zu thun haben ſollte. Wie Sie wiſſen, ſagte er zu dem Marquis, bin ich ſehr lebhaft. Mit dem beſten Willen von der Welt müßte ich dieſen Menſchen, ſobald er mir einen Einwurf machen würde, der mir mißfiele, einen Schurken nennen und zur Thüre hinaus werſen, und damit ginge Alles zum Teufel. In Wahrheit gefiel dem Grafen die Idee, Fräulein Orthez mit Amadee allein zu laſſen, ganz und gar nicht und aus von ſtin⸗ Fla kauf übe bin heb⸗ Eiſ in ſorg um wer Ihr wie wer wer ben gro geb nich lan an wol und dert zeu⸗ Ge⸗ war es hen ßen mal ant⸗ tine dem nen ern an, Va⸗ zu bes⸗ ſich die nes ten. ein rn. aft den ich ßte hen zur fel. ein cht 43 und er hätte, glaube ich, vorgezogen, die 200,000 Francs aus ſeiner eigenen Börſe zu bezahlen. Man befand ſich bei Tiſche, um zu frühſtücken. Herr von Monza war nachdeuklich, bis er ſich plötzlich zu Chri⸗ ſtine kehrte mit den Worten:— Haben Sie mir, Fräulein, nicht geſtern geſagt, daß Flavia einiger neuer Bücher und Muſikalien benöthigt ſei? Ja, Herr Marquis. Nun wohl, wollen Sie dieſelben gleich ſelber an⸗ kaufen und mir zugleich einen großen Gefallen erweiſen? Gewiß, mein Herr, wenn es meine Kräfte nicht überſteigt. Durchaus nicht, Sie ſind klug und gewandt, und ich bin überzeugt, daß Sie mir meine 200,000 Francs er⸗ mheben werden. Sie können mit dem nächſten Zug auf der Eiſenbahn abreiſen, kommen Abends in Paris an, gehen in unſer Hotel, wo Ihnen der Thürhüter ein Diner be⸗ ſorgen wird und wo Sie ſchlafen können. Morgen früh um 9 Uhr wird mein Mann in ſeinem Cabinet ſein, Sie werden Alles mit ihm in's Reine bringen, werden dann Ihre Einkäufe machen und am Abend mit dem letzten Zug wieder hier eintreffen. Wollen Sie? Wenn Sie und Madame mir befehlen, zu gehen, ſo werde ich mein Beſtes thun, um Sie zufrieden zu ſtellen. Beatrir, glücklich, Chriſtine für einen Tag los zu werden, beeilte ſich, ihre überflüſſige Einwilligung zu ge⸗ ben, und ſo reiſte Beatrir zur beſtimmten Zeit ab, zum großen Bedauern des Grafen, der höchlich über ſich auf⸗ gebracht war, daß er ſo treffliche Gründe angegeben, um nicht nach Paris gehen zu müſſen. Als Flavia wahrnahm, daß ſie einen ganzen Tag lang von ihrer Gouvernante getrennt ſein ſollte, fing ſie an zu weinen. Aller Ermahnungen Chriſtine’s ungeachtet, wollte ſie ſich nicht zufrieden geben und rief immer fort: Ich will mit Ihnen gehen! 44 Sie werden bei Ihrer Frau Mutter bleiben und bei ihr lernen. Mama wird mich meine Leetion anfangen laſſen und dann, wie ſie es immer macht, bei der intereſſanteſten Stelle aufhören, um mich meines zerknitterten Rockes we⸗ gen zu ſchelten. Aber mein Vater wird mich ſpazieren führen, nicht wahr? Ja, wenn Madame es erlaubt. Nun wohl, verſetzte das Kind ſeufzend, ich werde alſo Ihre Rückkehr erwarten, da es ſo ſein muß. 32. In Paris. Chriſtine reiſte ohne Mißtrauen und Unruhe ab, über⸗ zeugt, daß ſie eine Miſſion des Vertrauens erfülle und einen Theil des Vermögens ihres geliebten Zöglings zu retten gehe. Dieſe Hoffnung hauchte ihr neue Stärke ein, denn ſie ſah in Flavia zugleich ein zärtlich geliebtes Kind und ein Werkzeug ihrer eigenen Zukunft. Und dann hatte ſie auch an Herrn von Chamarante ſeit einigen Tagen eine Veränderung des Benehmens bemerkt, einen Ernſt, eine verhaltene Aufmerkſamkeit, was Alles ihr von guter Vorbedeutung erſchien. Sie fühlte ſich leichter, heiterer; ſie hoffte für immer von Ernſt befreit und glaubte endlich an der Einfahrt des Hafens angelangt zu ſein, von dem ſie ſo oft geträumt, den ſie ſo ſehr erſehnt hatte. Sie kam um 6 Uhr in Paris an und begab ſich in das öde ſtehende Hotel von Monza, wo ſie keine Schwie⸗ rigkeit fand, ſich ihr Zimmer öffnen zu laſſen. Die Fa⸗ milie des Thürhüters bewohnte einen Pavillon neben der Einfahrtpforte; das Hotel ſelbſt, der innere Hof und der Garten waren gänzlich einſam. Erhaben über alle Furcht, bei und eſten we⸗ eren erde lber⸗ und 3 zu ein, Kind hatte agen eenſt, guter erer; dlich dem h in wie⸗ Fa⸗ der d der archt, 45 machte ſich Chriſtine Nichts daraus, allein zu ſchlafen. Nach einem kleinen, von der Frau des Schweizers impro⸗ viſirten Diner machte ſie einen Spaziergang im Garten, und da ſie ſich ermüdet fühlte, warf ſie ſich auf ein Sopha und ſchlief bald ein. 1 Nach Verfluß von zwei oder drei Stunden wurde ſie erweckt durch das Geräuſch eines Schlüſſels, welcher ſich im Thürſchloß drehte, und die Thüre öffnete ſich, obwohl ſie den Riegel vorgeſchoben hatte. Erſchreckt ſprang ſie auf und fand ſich einem Manne gegenüber, welcher ein Licht in der Hand hatte. Dieſer Mann war der Marquis. Mein Gott, rief ſie aus, mit einer inſtinktmäßigen Geberde ihr Nachtkleid über der Bruſt zuſammenziehend, was gibt es? Was wollen Sie, mein Herr? Hat ſich im Schloſſe ein Unglück ereignet? Flavia... Flavia befindet ſich vortrefflich, Fräulein, und Alles iſt wohlauf. Suchen Sie die ÜUrſache meiner Anweſenheit nicht außerhalb der einzig wirklichen. Sie fliehen mich auf dem Lande, ich konnte mich Ihnen dort nicht nähern, und ſo ließ ich Sie nach Paris gehen, um Sie zu zwin⸗ gen, mich zu ſehen und zu hören. Das iſt Alles. Ich habe dieſe Gelegenheit ſorgſam vorbereitet und werde mir ſie nicht entgehen laſſen. Aber was wollen Sie denn noch von mir, mein Herr? Iſt zwiſchen uns nicht bereits Alles geſagt? Kennen Sie meinen unwiderruflichen Entſchluß nicht? Ich haſſe Sie bis jetzt noch nicht, zwingen Sie mich nicht, es zu thun; denn in dieſem Falle, ich ſage es Ihnen voraus, ſollte mich Nichts abhalten, Ihnen meinen Haß auch wirk⸗ lich zu beweiſen. Ich würde um deßwillen ſelbſt meine vielgeliebte Flavia verlaſſen und bis an's Ende der Welt fliehen. Habe ich Ihnen nicht ſchon erklärt, daß ich Ihnen dahin folgen wuͤrde? Ci, mein Herr, dieſe Sache muß ein Ende nehmen, 46 und Sie können mir nicht zumuthen, Sie wider meinen Willen zu lieben. Ich kenne kein Geſetz, welches mich dazu verpflichtet. 3 Oh, Chriſtine, Sie wiſſen nicht, was Sie thun. Sie wiſſen nicht, zu welchem Aeußerſten Sie mich treiben könnten. Bedenken Sie, wir ſind hier allein, Sie ſind ganz und gar in meiner Gewalt. Nichts kann Sie vor Saualäbeigie retten, wenn Sie mich unerbittlich zurück⸗ oßen. Nichts kann mich retten, als Gott. Er ſieht und hört uns, mein Herr, und vielleicht ſagen Ihnen auch Ehre und Gewiſſen, wie infam es iſt, eine Frau zu inſultiren. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, noch, was ich thue, Chriſtine, verzeihen Sie mir. Ich beleidige Sie, indem ich Sie rühren will... aber, wenn Sie wüßten, was ich leide! Wenn Sie wüßten, mit welcher Liebe ich Sie liebe! Fordern Sie von mir alle Opfer, fordern Sie mein Vermögen, mein Leben, meine Stellung, meine Ehre, fordern Sie Alles von mir, aber lieben Sie mich! Ich kann Sie nicht lieben, verſetzte ſie mit verach⸗ tungsvoller Miene. Sie können mich nicht lieben! Sie können mich nicht lieben! entgegnete er, indem er ſich vor ihr auf die Kniee warf. Aber warum können Sie mich nicht lieben? Iſt es, weil ich nicht jung bin? Iſt es, weil ich nicht reich bin? Spricht man mir einen gewiſſen Grad von Eleganz, von Geiſt ab? Kurz, bin ich Ihrer nicht würdig? Nun wohl, nein, da Sie mich danach fragen, nein! Ich will die Wahrheit ſagen, einmal in meinem Leben ganz offen ſprechen, will meine Seele öffnen und das wird mir wohlthun, ich werde nachher leichter athmen. Nein, Sie ſind meiner nicht wuͤrdig; denn Sie beſitzen weder die Höhe des Geiſtes noch den Adel des Herzens, welche nöthig ſind, um mich zu beherrſchen. Und ich, waͤhnen Sie denn, ich könnte einen Mann lieben, welcher mir nach⸗ ſtände und mein Sklave wäre? Meinen Sie, ich würde run⸗ weif ſein nen gen, ter Ihr ein meit in einen mich thun. eiben ſind vor rück⸗ 47 meinen Stolz bis zu dem Punkte demüthigen, daß ich Einem gehorchte, der Nichts taugt? Aber Sie, was ſind Sie denn? Eine Modepuppe, ein Mitglied des Jockey⸗ Clubbs, ein Weſen ohne Energie, ohne Macht, ohne ir⸗ gend ein Verdienſt. Sie haben es ſelbſt geſagt, Sie ſind ein ſehr eleganter, recht gut behandſchuhter Menſch, wel⸗ chem man den Geiſt der Couliſſen und der Bonmots zu⸗ geſteht, ein Geiſt, welchen man ſich leicht aneignen kann, wenn man ihn nicht beſitzt.. Was bedeutet für mich ein derartiges Verdienſt? Halten Sie mich denn für eine von jenen leeren und unbedeutenden Frauen, wie die alle ſind, welche Ihre Umgebung ausmachen? Lieben? Wiſſen Sie, was der Mann, den ich lieben ſollte, für mich ſein müßte? Ein Werkzeug oder ein Gott. Sie können weder das Eine noch das Andere ſein. Und wohin würde eine Liebelei mit Ihnen mich führen? Zur Schande und Verlaſſenheit. Ich bin die Frau der Pflicht, ich, obgleich ich einmal gefallen, bezaubert, unterjocht durch die ein⸗ zige der meinigen überlegene Natur, welcher ich jemals begegnete. Und wiſſen Sie, wer der ſo überlegene, ſo bewunde⸗ rungswürdige Mann war, dem Sie ſich hingegeben? Ein Menſch ohne Treu' und ohne Glauben; ich weiß das wohl und habe aufgehört, ihn zu lieben, ſobald ſein Charakter ſich mir in ſeinem wahren Lichte zeigte. Sein wirklicher Charakter! Sie glauben ihn zu ken⸗ nen? Wohlan, erfahren Sie es denn, da Sie mich zwin⸗ gen, es zu ſagen: Dieſer Menſch, welchen Sie zum Rich⸗ ter über Ihre Zukunft gemacht, er, der Einzige, welcher Ihnen, wie Sie ſagen, überlegen iſt, dieſer Menſch iſt ein Fälſcher, ein Dieb, Meuchelmörder, ein Vatermörder! Oh, mein Gott! Dieſer Menſch iſt Ernſt von Saint⸗Serve, der Vetter meiner Frau, deſſen tragiſche Geſchichte Sie ohne Zweifel in der Familie erzählen hörten. Dieſer Menſch iſt in 48 Contumaciam zum Tode verurtheilt für alle ſeine Ver⸗ brechen. Lieben Sie ihn jetzt noch? f Chriſtine wurde bleicher als ein Leichentuch und ſtand auf. Sind Sie deſſen ſicher, was Sie geſagt, mein Herr? So ſicher, wie meiner Liebe zu Ihnen! Oh, verſetzte ſie, ich bin alſo beſchimpft, verloren für immer; denn die Liebe eines ſolchen Menſchen iſt ein Schandmal. Ein Dieb! ein Meuchelmörder! ein Vater⸗ mörder! Und dieſer Menſch kann ſagen, daß ich die Sei⸗ nige geweſen! Und er hat es zu mir geſagt! Und ich glaubte noch an die Zukunft und ich hoffte noch auf Glück! Oh, mein Herr, was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mir in einem Augenblick ſo viel Leid zufügen? Verzeihung, Chriſtine! Ich war nicht mehr Herr einer Eiferſucht, welche ſtets durch Ihre Vorwürfe und Verglei⸗ chungen gereizt wird. Und was ſollen mir Ihre Entſchuldigungen? Was ſind Sie mir? Können Sie das Geſchehene ungeſchehen machen? Können Sie mir einen Namen und eine Stellung anbieten, welche meine Schmach verwiſchen? Können Sie mich an Ihre Seite ſetzen in dieſer Geſellſchaft, welche mich verachtet und der ich trotze? Können Sie mich zur Marquiſe von Monza machen? Nein, und abermals nein! Was wollen Sie alſo? Ich will, daß Sie mir geſtatten, Ihnen mein Leben zu weihen; ich will, daß Sie annehmen, was die glühendſte Liebe und die gränzenloſeſte Hingebung nur immer geben können; ich will, daß Sie mir Gluͤck und Reichthum ver⸗ danken ſollen. Wirklich, Herr Marquis? Ich bewundere Sie! Sie ſind ein Thor! Mich bezahlen wollen! mich! Mir Reich⸗ thümer anbieten, mir, die ich die Schätze eines König⸗ reiches zurückgewieſen! Nein, ich wiederhole es Ihnen: ich bin eine ehrbare Frau. Ich will einen Mann. Ich will einen Mann, den ich liebe, oder einen Mann, der mir ¹ Ver⸗ ſtand Herr? rloren ſt ein Vater⸗ Sei⸗ laubte O9, nir in einer erglei⸗ Was chehen ellung n Sie welche ch zur nein! Leben zendſte geben 1 ver⸗ 1 Sie Reich⸗ König⸗ n: ich h will r mir 49 eine Stellung verſchafft, fuͤr welche ich geeignet bin. Wären Sie frei, ſo wüßte ich nicht, was ich thäte; allein es iſt überſlüſſig, dieſe Hypotheſe aufzuſtellen. Sie tragen einen Namen, haben eine Stellung und Mittel, womit eine Frau von Geiſt ganz Paris, vielleicht Europa beherrſchen könnte. Aber Sie haben eine ſchöne und gute Frau, welche Sie liebt und verdient. Sie ſind Beide für einander geboren. Sie kennt keine größere Ehre, als die, Ihnen anzugehören; halten Sie ſich alſo an dieſe Kette und ſuchen Sie keine andere, welche für Sie zu ſchwer wäre. Laſſen Sie mich in der Sphäre leben, welche ich mir gewählt, und zwin⸗ gen Sie mich nicht, in ein unzugängliches Aſyl zu flüchten, an deſſen Mauern ſich meine Zukunft und Ihr Wille bre⸗ chen würden. Ich bin eine Tochter des Volkes, das iſt wahr; ich beſitze weder Ahnen noch Geburt; allein ich habe das Bewußtſein meines Werthes, ich habe das Be⸗ wußtſeins meines Charakters und ich will nicht die Mai⸗ treſſe eines großen Herrn ſein. Ich will es nicht ſein und werde es nicht ſein. Aber was wollen Sie denn, Chriſtine? Was wün⸗ ſchen Sie? Großer Gott! verſetzte er in Verzweiflung. Was ich will, was ich wünſche, iſt eine große und edle Liebe, iſt ein Mann, welcher groß und edel handelt; ein Mann, welcher wohlverdiente Ehren empfängt; ein Mann, welcher ſein Leben der Wohlfahrt oder dem Ruhm ſeines Landes widmet; ein Mann, deſſen Name in der ganzen Welt widerhallt; ein Mann, welcher ſein Jahr⸗ hundert beherrſcht, wie er mein Herz beherrſchen würde. Oh, für ſo einen Mann würde ich ohne Rückhalt, ohne Reue meine Zukunft, mein Leben, meinen Ruf, meine Ehre zum Opfer bringen! 1 Ich kann dieſer Mann für Sie werden, ich kann durch Sie würdig werden, Ihnen anzugehören. Sprechen Sie ein Wort und ich fühle mich der gewaltigſten Unterneh⸗ mungen fähig. Ich werde... Die blutige Marquiſe, II. 4 50 Sie! (Und welche Verachtung legte ſie in dieſes einzige Wort und mit was für einem Blicke begleitete ſie es!) Sie! der Sie bis jetzt nichts zu thun verſtanden als Ihr Pferd über eine Hecke wegſetzen zu laſſen, in die Thea⸗ 8 ter zu laufen, ordinären Frauen den Hof zu machen und die Ihrige, welche Sie fürchten, zu quälen! Sie, ſchwach, ohne Energie, ohne Scharfſinn; Sie, der ordinäre Reiche in Perſon; Sie, der Sie ohne Ihren Namen und Ihr Geld, oder im Falle die ſozialiſtiſchen Theorien einmal zur Wahrheit würden, nicht einmal in die Klaſſe der Ar⸗ beiter des Gedankens aufgenommen würden, Sie der Geliebte meiner Träume! Ohl entſagen Sie doch die⸗ ſer chimäriſchen Einbildung! Ein Wort, ein Wort, Chriſtine! Wenn ich frei wäre.. Ach, ich ſpreche hier wie ein unheilbar Kran⸗ ker; ich verlange nach einer Illuſion, um meinen Todes⸗ kampf zu verlängern... Wenn ich frei geweſen wäre, hätten Sie mich dann geliebt? Geliebt? Nein. Angenommen? Ich glaube ja. Denn ich glauße, ich, das arme Geſchöpf, hätte Ihnen den Ruhm, die Macht, die Begeiſterung gegeben, wonach ich verlange. Unter dem Schutze Ihres Namens hätte ich für Sie Alles gethan, was Sie ſelbſt nicht thun konnten, ich hätte auf Ihr Haupt alle von mir gewonnenen Kränze gehäuft. Sie beſitzen gerade das, was dazu erforderlich iſt, den Glieder⸗ mmann eines großen Mannes zu ſpielen... Verzeihen Sie mir, Herr Marquis, ich bin freimuthig, bin es viel⸗ leicht zu ſehr. Aber Sie haben mich dazu aufgefordert. Es iſt eine Geradheit in meinem Charakter, die mich weder Ungerechtigkeit noch Tyrannei ertragen läßt. Und dann macht es mir eine unausſprechliche Freude, die Wahrheit zu ſagen. Es iſt dies ein Ueberbleibſel meiner Abkunft, welches die Politur der Welt noch nicht verſchwinden ge⸗ macht hat. 2 nzi 9 ge n als Thea⸗ und wach, teiche Ihr nmal Ar⸗ Sie die⸗ frei Kran⸗ odes⸗ wäre, Denn ruhm, ange. Alles e auf Sie jeder⸗ eeihen viel⸗ rdert. weder dann hrheit kunft, n ge⸗ 51 So ſprechend ſtand ſie aufrecht in der Mitte des Zimmers. Ihr Haupt war erhoben, ihr Auge warf Feuer⸗ flammen, ihre Gebärden waren gebieteriſch, ihre ſchönen Arme ragten halb bloß aus den Aermeln hervor, ihre ſchwarzen Haare waren in Form eines Diadems um den Kopf gewunden. Es waltete in dieſem unerklärlichen Ge⸗ ſchöpf etwas unwiderſtehlich Verführeriſches. Der Marquis ſah ſie an, er trank ſie ſo zu ſagen mit den Augen. Oh, wie ſchön Sie ſind! ſagte er endlich. Dieſes ohne Unterlaß wiederholte Wort enthüllte ſeine Gedanken vollſtändig. Es war vor allem die Schönheit Chriſtinens, was er an ihr liebte. Dieſe kaiſerliche Schön⸗ heit war ihm mehr, als dieſer Charakter und dieſer Geiſt. Er verſtand das, was ſeine Sinne entflammte, beſſer als das, was zu ſeinem Verſtande ſprach. Woher kommt es, mein Herr, ſagte ſie nach einem Augenblick des Stillſchweigens... woher kommt es, daß Sie mich ſo lange um ſich ſahen, ohne mich zu beachten 2 Wie wurden Sie von dieſer plötzlichen Liebe befallen? Was machte dieſelbe entſtehen? Sie ſelbſt, Ihr Vertrauen. So lange ich Sie für unangegriffen hielt, hielt ich Sie für unangreifbar. So wie ich erfuhr, daß ein Anderer Sie beſiegt, begann ich zu hoffen und die Hoffnung wurde zur Leidenſchaft. Aus einem Engel ſah ich eine Frau werden, die anbetungs⸗ würdigſte, die berauſchendſte der Frauen. Ich liebte ſie, und, ach, ich liebe ſie noch. Herr Marquis, ich habe Sie mit Geduld angehört, wenn auch wohl nicht mit der Courtoiſie, an welche Sie gewohnt ſind. Jetzt bitte ich Sie, mir zu geſtatten, mich zurückzuziehen. Indem Sie am Tage meiner Ankunft in dieſem Hotel ebenfalls herkommen, erwecken Sie den Ver⸗ dacht des Thürhüters und ich will dieſen Verdacht nicht rechtfertigen. Entfernen Sie ſich und laſſen Sie mich 5² allein. Sie kennen das Unrecht nicht, welches Sie mir anthun könnten. Oh, ſeien Sie ruhig. Niemand hat mich geſehen, ich bin durch den Garten gekommen, ich habe den Schlüſſel zu der kleinen Pforte. Glauben Sie denn, ich wollte Sie compromittiren? Ich danke Ihnen für dieſe Vorſicht, allein Sie hätten vermittelſt Ihres Paſſe⸗partont nicht bei mir eindringen ſollen. Das war weder Ihrer noch meiner würdig. Ach, Sie zerſtören alle meine Entſchlüſſe; ſie beugen ſich vor Ihren Blicken und ich wage Nichts, ſowie ich Sie ſehe. Ja, wohl, ich war nicht gekommen, um ſo wieder zu gehen. Nichtsdeſtoweniger müſſen Sie gehen, gehen um Ihrer und meiner willen. Man wird auf dem Schloſſe Ihre Abweſenheit bemerken, Frau von Monza wird ſich mit Recht beunruhigen. Man wird mich anklagen, hören Sie, mein Herr, man wird mich anklagen! Man wird mich zwingen, Ihre Tochter zu verlaſſen, mich zu verbergen, Allem zu entſagen. Oh, ich glaube, ich würde Sie tödten. Niemand im Schloſſe kennt meine Abweſenheit. Ich bin mit dem Nachtzug gekommen, ich werde mit dem erſten Morgenzug zurückkehren und heimkehren, als käme ich von einem Spaziergang. Ich habe alle möglichen Vorſichts⸗ maßregeln getroffen, denn Ihr Ruf iſt mir ſo theuer. Theuer, wirklich? verſetzte ſie mit bitterem Lächeln. Wollen Sie mir das beweiſen, ſo verlaſſen Sie auf der Sülle dieſes Zimmer; verlaſſen Sie es, ich beſchwöre ie! Wollen Sie mir wenigſtens einen herzlichen Gehor⸗ ſam zu Gute ſchreiben? Wie kann ich Ihnen zu Gute ſchreiben, daß Sie eine Pflicht erfüllen. Nun denn Adieu, unerklärliches Weſen, welches mich mir ehen, lüſſel Sie ätten ngen ugen ich n ſo hrer Ihre mit Sie, mich gen, Sie Ich rſten von chts⸗ jeln. der wöre hor⸗ eine mich 53 ſo despotiſch beherrſcht. Adieu! ich gehe, wie Sie ſehen, ohne meine Bitten zu wiederholen, weil ich auf Ihre Barmherzigkeit hoffe. Sie werden dankbar ſein, nicht wahr? Sie werden mich zu ſich rufen, Sie werden mich nicht wochenlang aus Ihrer Gegenwart verbannen? Adieu, ich habe weder Willen noch Kraft mehr; Alles gehört Ihnen. Adieu, mein Herr, entgegnete ſie, die Thüre öffnend. Ich rechne auf Ihr Wort, nach dem Schloß zurückzu⸗ kehren. Es iſt dies von Wichtigkeit in einem Zimmer, in welchem man ſo wenig ſicher iſt wie in dieſem da. Ich beſteige im Augenblick den Wagen, ich gehe, glücklich, Sie geſehen, und traurig, Sie ſo grauſam ge⸗ funden zu haben. Oh, Chriſtine, Chriſtine, Sie wiſſen nicht, was Sie über mich vermögen. Er wollte ihr die Hand küſſen, allein ſie litt es nicht und wies ihm gebieteriſch die Thüre. Als er hinausgegangen, trat ſie an's Fenſter, um ſich von ſeinem Weggehen zu überzeugen. Sie ſah ihn in den Garten niederſteigen, und unter dem Fenſter, wo ſie ſtand, hingehen und wenige Schritte davon ſich der Mauer nähern. Er holte den Schlüſſel hervor, um ihn in das Schloß zu ſtecken. Aber in dieſem Augenblick erſchien über der Mauer ein Kopf, deſſen Eigenthümer bei dem Anblick des Marquis raſch hinab⸗ ſtieg. Der Marquis ſchloß die Thüre auf und ſo fanden ſich die Beiden Geſicht an Geſicht. Wer iſt da? fragte der Marquis und zog ein Piſtol. Einen Augenblick! Beeilen Sie ſich nicht ſo, zum Teufel, verſetzte der Fremde. Mein Gott! ſchrie Chriſtine händeringend auf... weſſen Stimme iſt dies? 54 33. Lection. Die beiden Männer ſtießen zugleich einen Schrei aus, denn ſie hatten ſich erkannt. Amadeel! ſagte der Eine. Ernſt! verſetzte der Andere. Ach, meiner Treu, Marquis, ich rechnete nicht auf dieſe glückliche Begegnung. Ich glaubte Dich weit von hier und erwartete Dich keineswegs an dieſem Pförtchen. Sie hier, Unglücklicher! Ich würde Ihnen antworten wie Bertrand:„Ja, ich bin hier!“ wenn ich nicht des Plagiats beſchuldigt zu eiben fürchtete. Warum ſollte ich übrigens nicht hier ſein Sie vergeſſen alſo... Meine Verurtheilung? Ah bah, das geht Sie an, mein Theurer, nicht mich. Das iſt die Sache meiner Fa⸗ milie, nicht die meinige. So oder anders ſterben, was thut das, da man doch einmal ſterben muß? Und dann bin ich ſo gut verkleidet! Kein Auge, als das Ihrige hätte mich wieder erkannt. Aber, Peſt und Tod! Sie ſind ſcharf⸗ ſichtig, Sie hätten einen vortrefflichen Unterſuchungsrichter abgegeben. Was wollen Sie hier machen? Was Sie wahrſcheinlich ſo eben ſelber gemngcht di haümni einen kurzen Freundſchaftsbeſuch. Es iſt Niemand im Hotel. Niemand, nein; eine einzige Perſon, ja. Das iſt gerade diejenige, mit welcher Sie und ich zu thun haben. Ich verſtehe Sie nicht. O, Sie verſtehen mich im Gegentheil ganz gut. Sie ſind nicht um Nichts und wieder Nichts ſo geheimnißvoll aus, auf von en. ich t zu hier an, Fa⸗ was dann Fätte arf⸗ chter ben: iſt ben. Sie voll 5⁵ gekommen. Ich will freimüthiger ſein und Ihnen die Sache ohne Umſchweife ſagen: Chriſtine iſt hier, ſie iſt allein hier und ich will ſie auf meine Rechnung ent⸗ führen. ie! Da Sie Alles wiſſen, ſo kann Ihnen das nicht ſo außerordentlich vorkommen. Ich glaube denn doch einige Rechte zu haben. Sie beſtreitet Ihnen dieſe Rechte. und geſteht ſie Ihnen zu.. das iſt ſehr er⸗ baulich. Fräulein Orthez hat mir Nichts zugeſtanden, ich ver⸗ ſichere Sie auf Ehre. Wirklich! dann ſind Sie einfältiger, als ich jemals glaubte. Der Marquis bedachte, daß man dieſen Menſchen um jeden Preis von Chriſtine entfernen müſſe. Gegen einen ſolchen Charakter reichte einzig und allein die Liſt aus und man mußte dieſelbe noch dazu ſehr liſtig in Anwendung bringen.* Amadee begann damit, daß er die Pforte verſchloß und den Schlüſſel kaltblütig in die Taſche ſteckte, wobei er Sorge trug, daß die zwei doppelläufigen Terzerole, welche er in der andern Hand hielt, nicht losgingen. Spielen wir dieſes Spiel? ſagte Ernſt, die Wäſſen bemerkend. Sehen Sie, ich habe da Etwas, was die Partie gleich macht. Sie täuſchen ſich über meine Abſichten, ich ſchwoͤre es Ihnen, aber dieſe Straße iſt ſo öde, die Nacht vorge⸗ rückt und ich fürchte ſchlimme Begegnungen. Sie ſind ſehr artig. Und Ernſt verneigte ſich. Sie gingen die Mauer entlang. Amadee ſuchte im⸗ mer nach einem Mittel, dieſes gefährlichen Gegners ſich zu entledigen, während Ernſt ganz ungenirt die Fortſetzung der Unterhaltung erwartete. 56 Ernſt, nahm endlich Amadee, zu allen Opfern bereit, wieder das Wort— ſind Sie des Lebens, welches Sie führen, nicht überdrüſſig? Zuweilen wohl, obgleich es mehr Reize bietet, als Sie ahnen. und bei ſich dachte er: Du willſt mich kaufen; ſei nur ruhig, es ſoll Dich theuer zu ſtehen kommen, und noch ſind meine Entſchlüſſe nicht einmal alle ausgeführt. Spie⸗ len wir geſcheidt, das iſt der rechte Augenblick. Haben Sie nicht zuweilen bedacht, ob eine ruhige, geſicherte Eriſtenz in einem Lande, wo Sie all Ihrer Be⸗ fürchtungen ledig wären, Ihnen zuſagen könnte? Hm, hm.. vielleicht... 3 Nun wohl, wenn Sie vernünftig ſein wollen, kann ich Ihnen Etwas mittheilen, was Sie nicht wiſſen. Ich wäre Ihnen ſehr dankbar hiefür, falls es eiwas Gutes iſt⸗ Ihr Vater hat ein geheimes Codizill zu ſeinem Teſta⸗ ment gemacht, Bah! Dieſes Codizill befindet ſich in meinen Händen. Was ſagt es? Es ſichert Ihnen die Summe von hunderttauſend Francs zu, wenn Sie des Andenkens Ihres Vaters wieder würdig werden wollen. Wo ſind dieſe hunderttauſend Francs? In England, wo ſie nur erhoben werden können auf eine Anweiſung von mir und unter der ausdrücklichen Be⸗ dingung, daß man ſie auf Ihren Namen als unveräußer⸗ iches Kapital in der Bank der Vereinigten Staaten nie⸗ derlege. Das verdient bedacht zu werden, Vetter, und Sie find wirklich ein ehrenhafter Mann, daß Sie die Summe nicht für ſich ſelbſt behalten. Bedenken Sie doch Ihre Lage hier, Ernſt, bedenken Sie Verbt Toder bloßſt ſchult Etwa ander keit, gebie allein es un Ekel. über, Klem aber und mir iſt, ſ ſich licher gewif den Sie men ich ſ der L ich v das eereit, Sie als Sie die Gefahren, welche Sie laufen; denken Sie des Verbrechens, welches Sie begangen, und des ſchrecklichen Todes Ihres Vaters. Wie können Sie ſich ſo Entſetzlichem bloßſtellen? Der Tod meines Vaters... daran bin ich nicht ſchuld und niemals hat mich in meinem ganzen Leben Etwas ſo erſtaunen gemacht. Ich argwöhnte eine ganz andere Abſicht von ſeiner Seite und ohne die Nothwendig⸗ keit, mich zu retten, eine, wie Sie zugeben werden, ſehr gebieteriſche Nothwendigkeit, hätte ich ihn gewiß nicht ſo allein am Boden liegen laſſen, zweifeln Sie nicht daran. Wir wiſſen, daß Sie anweſend waren, Babette hat n mitgetheilt, verſetzte der Marquis mit unfreiwilligem kel. Was mein Verbrechen betrifft, ſo ſprechen Sie dar⸗ über, wie Sie es verſtehen. Sie wiſſen nicht, in welcher Klemme ich damals ſtack und wie ich hinein gerathen war. Ich kann mir Alles erklären, kann Alles verſtehen, aber ein Verbrechen!... Ein Verbrechen, mein Lieber, kommt nicht ſo Knall und Fall und ohne Urſache, und ſehen Sie, Sie können mir es glauben, wenn man von einer Leidenſchaft beſeſſen iſt, ſo kann man für Nichts ſtehen, am allerwenigſten für ſich ſelber. Ich glaube, daß man immerhin ſicher iſt, ein ehr⸗ licher Mann zu bleiben. Sie glauben? Ei, Sie täuſchen ſich, Vetter. In gewiſſen Naturen wird eine Leidenſchaft zu einem verzehren⸗ den Brande, welchen Nichts löſchen kann. Je mehr Waſſer Sie auf ein Feuer von Vitriol gießen, deſto mehr entflam⸗ men Sie es. Ich litt damals Alles, was man leiden kann, ich ſtritt und kämpfte, allein ich ward beſiegt und mußte der Beſeſſenheit weichen. Ich ſpielte, wie Sie ſich erinnern; ich verlor, ich mochte das Glück nicht verbeſſern, weil ich das unter meiner Würde hielt; ich beſaß auf der Welt 58 Nichts mehr und ſah und befühlte täglich bei dem Wechs⸗ ler Hervé Haufen von Goldſtücken und ſagte zu mir: Mit der Hälfte von dem da wäre ich reich, ich würde ſpielen ich würde ſicherlich gewinnen und mein ſorgenloſes Leben wieder aufnehmen. Dieſer Gedanke kam zuerſt einmal und ich verjagte ihn, er kam zum zweitenmal und ich verjagte ihn abermals; er kam öfter, dann jeden Tag, endlich jede Minute und ich verjagte ihn nicht mehr. Ich machte ein Compromiß mit ihm, ich verſuchte Einreden, Mahnungen, er hörte auf Nichts, ich brauchte Geld, ich mußte es haben gleichviel durch welches Mittel. Sophie war lieb und ſchön wie ein Engel, ſie liebte mich bis zur Vergötterung und und es war ganz natürlich, daß ich mich dieſer Liebe als eines Werkzeuges bedienen wollte. Armes Mädchen! Ja wohl, armes Mädchen! Sie verdiente ein beſſeres Loos, auf Ehre! In dem Augenblick als ich noch zögerte gewannen Sie mir zweitauſend Louisd'or ab. Sie muß⸗ ten bezahlt werden, ich zögerte nicht mehr. Ich gab So⸗ phie ein Rendezvous. Ich wußte, daß ihr Vater den ganzen Abend abweſend und daß ſeine Kaſſe wohlgefüllt war. Ich machte ihr ohne Umſtände den Vorſchlag, mir mit dem Gelde des Wechslers zu folgen. Sie gerieth in Furcht vor mir, ſie überhäufte mich mit Vorwürfen, ſie wollte mich wegjagen, drohte mir mit Anzeige; ſo ſehr empörte mein Vorſchlag ihre Rechtſchaffenheit. Darum durfte ſie nicht länger leben. Das Gold war da, ſein An⸗ blick bezauberte mich, ſein Beſitz war mein Leben, zwiſchen dieſem Gold und mir war nur ein Kind, dieſes Kind uuße verſchwinden, der Wille der Leidenſchaften zerbricht Alles. Mein Gott, eine Frau tödten! murmelte der Mar⸗ quis, händeringend. Weiß die Leidenſchaft, ob es eine Frau iſt? Sie ſieht nur ein Hinderniß und entfernt es. Oh, wenn in jenem ⁸ belte und mac erhe nich Anſ unſe nich tödte einn Näl das gan den⸗ bel, Zechs⸗ Mit pielen Leben l und rjagte jede ee ein ngen, haben ſchön g und ſe als eſſeres ögerte muß⸗ So⸗ den efüllt „mir th in —, ſie ſehr arum An⸗ iſchen Kind bricht Mar⸗ ſieht jenem 59 Augenblick ein flammendes Kohlenbecken da geweſen, ich hätte, um zu dem Golde zu gelangen, meine Liebe, mein Gluck, meine Anbetung hineingeworfen! Ich wollte, wie ich zu wollen weiß, und Nichts konnte mir widerſtehen, ſehen Sie! 4 Nun? fragte Herr von Monza, deſſen Aufmerkſamkeit durch dieſe Erzählung gefeſſelt war. Nun, nachdem ich Sophie noch einmal gebeten, mir zu helfen und mir zu folgen, erklärte ich auf ihre wieder⸗ holte Klage und Weigerung, daß ich mich wenig darum ſcheeren und mit dem Schatze allein gehen würde. Sie drohte zu ſchreien, um Huͤlfe zu rufen. Da knebelte ich ſie und begann meine Execution. Und dann? Sie wußte den Knebel zu entfernen und ſtieß einen Schrei aus, welchen ich mit einer Hand erſtickte. Ich kne⸗ belte ſie von Neuem, ſetzte ihr den Dolch auf die Bruſt und drohte ihr, ſie zu tödten, wenn ſie eine Bewegung machte. Stark und energiſch, wie ſie war, wollte ſie ſich erheben, ich fühlte, daß ich verloren ſei, wenn ich ſie nicht vernichtete, und mit einem einzigen Stoß, ohne große Anſtrengung, mein Gott!... machte ich ſie ſtumm und unſchädlich. Wie, ſie vertheidigte ſich nicht? Wie, Sie waren nicht Zeuge eines entſetzlichen Todeskampfes? Nein. Sie regte ſich gar nicht mehr. Eine Frau tödten iſt ſehr leicht, gehen Sie doch! Ohne Gegenwehr, ohne Kampf? Ohne irgend welchen Kampf, ſage ich Ihnen noch einmal. Was Sie ein Verbrechen nennen, iſt in der Nähe viel weniger gräßlich als in der Ferne. Und dann, das Gold war da; es gehörte mir ohne Widerrede, mir, ganz mir! Ich ſah und hörte nur meine befriedigte Lei⸗ denſchaft. Ich nahm Alles, dann entfernte ich den Kne⸗ bel, wiſchte meinen Dolch ab und ſteckte ihn in die Scheide. 60 Ich hörte Geräuſch, Furcht ergriff mich, ich löſchte das Gaslicht aus, um mich leichter retten zu können, und dabei ließ ich, wie ein rechter Ungeſchickter, in der Dunkelheit meine Waffe fallen. Das Geräuſch näherte ſich, ich mußte fliehen, zu zögern war unmöglich, ich floh und ließ das ſchreckliche Beweisſtück zurück. Aber ich hatte das Gold! ... das Uebrige wiſſen Sie. 5 Wie, Ernſt, Sie haben das gethan und Sie ſind hier, bei mir! Und ſeither, ſeither fanden Sie Freunde, welche Ihnen die Hand drückten, fanden Sie Vergnügun⸗ gen, Maitreſſen?... Seither wurde ich von Chriſtine angebetet, Mar⸗ quis. 3 Und Sie werden nächtlicher Weile nicht von den Ge⸗ ſpenſtern Ihrer Opfer gepeinigt? Und Sie ſehen nicht rings um ſich einen Graben voll Blut, welcher Sie von der Geſellſchaft trennt? Ich habe nie beſſer geſchlafen, weil ich nie ermüdeter war. Und das Bewußtſein Ihrer Schmach verfolgte Sie nicht? Sie empfinden nicht tiefe Scham, einen ſolchen Makel auf Ihren Namen gebracht zu haben? Nichts von Alledem. Außerhalb Frankreichs bin ich ein Mann wie ein anderer. Ich erfreue mich der größten Berückſichtigung, man ſucht mich auf, man liebt mich, man achtet mich, man nennt mich Herr Graf. Dank meinem falſchen Namen, meinem abgeſchnittenen Bart und meiner blonden Perücke bin ich in Sicherheit. Ich bin nicht mehr Ernſt von Saint⸗Serve; die Dummheiten, die Verbrechen, wenn Sie wollen, dieſes Schuftes gehen mich Nichts an. Ich lebe gut, ich vergnüge mich, ich habe viel Geld, denn zweifelsohne zur Vergeltung meiner Ehrenhaftigkeit im Spiele gewinne ich jetzt. Ich habe in Homburg und Baden fabelhafte Summen gewonnen. Die augenblickliche Verlegenheit, welche Sie kennen, ausgenom⸗ men, Theu⸗ len, zu v alſo, ich ſi gen; hinzu gerin, mein recht dentli ſchäft dieſe ein leben nach werde erlan gebe den ſelier auf dieſe und te das dabei kelheit mußte ß das Gold! e ſind eunde, ügun⸗ Mar⸗ n Ge⸗ nicht e von üdeter 2 Sie olchen in ich rößten mich, Dank t und h bin n, die gehen , ich neiner abe in Die enom⸗ 61 men, bin ich immer glücklich geweſen... Sie haben, mein Theurer, meine Lage und mein Leben kennen lernen wol⸗ len, und ich habe Ihnen Alles geſagt ohne irgend etwas zu verheimlichen. Die hunderttauſend Francs ſind mir alſo, wie Sie ſehen, keineswegs unentbehrlich, und wenn ich ſie annehme, ſo geſchieht es nur, um Ihnen Vergnü⸗ gen zu machen, und— ſetzte er mit ſcheinheiliger Miene hinzu— aus Achtung für das Andenken meines Vaters. Wie, Sie fühlen alſo keine Neue? Nie? Nicht die geringſte? Nicht die geringſte. Aber Sie ſind ja recht ſehr um mein Gewiſſen beſorgt, mein Lieber! Ihre Fragen find recht dringend! Ich bin von dieſer Theilnahme außeror⸗ dentlich gerührt. Doch laſſen Sie uns zu unſerem Ge⸗ ſchäfte kommen, denn es wird ſpät. Man muß alſo, um dieſe hunderttauſend Francs zu erhalten, verſprechen, wie ein guter Bürgersmann und achtbarer Familienvater zu leben? Ja. Ich verſpreche es. Sie müſſen überdies Ihr Wort geben, daß Sie ſich nach den Vereinigten Staaten einſchiffen und dort bleiben werden. Nur auf dieſe Weiſe können Sie die Revenuen erlangen. Ich gebe Ihnen hierauf mein Edelmannswort. Ihr Edelmannswort? Ja. Weßhalb verwundern Sie ſich darüber? Ich gebe es ganz ernſtlich und werde es niemals brechen. Abgemacht alſo. Gehen Sie nach London, Sie wer⸗ den dort Poste restante einen an den Grafen von Jauſ⸗ ſeliere adreſſirten Brief finden, welcher eine Anweiſung auf die genannte Summe enthalten wird. Sie werden dieſe Anweiſung bei der beigeſchloſſenen Adreſſe präſentiren und Ihre Renten ausbezahlt bekommen. Vor Allem aber, 62 Ernſt, werden Sie mir verſprechen, keinen Verſuch mehr zu machen, Fräulein Orthez zu ſehen. Ich! Machen wir's noch beſſer: Sie gehen mit dem erſten Zug auf der Nordbahn, ich will mit Ihnen gehen. Sind Sie damit zufrieden. Vollkommen; nur dürfen wir uns nicht die Miene geben, uns zu kennen. Parbleu! Aber wir werden im nämlichen Waggon reiſen, nicht wahr? Sie errathen Alles. Das iſt mein Gewerbe. Sie gingen während dieſes Geſpräches durch die jeder Zeit öden, zu dieſer Stunde jedoch ganz leeren Straßen des Marais und erreichten mitſammen den Boulevard, wo ſich ebenfalls noch Niemand blicken ließ. Seit einigen Augenblicken ſchwiegen ſie. Ah, dachte Amadee— der Elende! Wie kennt er das menſchliche Herz, wie ſondirt er die geheimſten Falten deſ⸗ ſelben! die fire Idee! die Leidenſchaft! das Hinderniß! das Hinderniß vor Allem! Mein Gott, habe Mitleid mit mir! Dieſe hunderttauſend Francs, dachte Ernſt, kommen mir ganz gelegen. Sie ſichern meine Eriſtenz und die von Chriſtine, falls das Spielglück ſich wenden ſollte. Ich muß eilen, die Sache zu Ende zu bringen und meine Vielgeliebte zu entführen, denn da iſt ein Marquis, wel⸗ cher im beſten Zug iſt, mir zuvorzukommen. Ich habe nie beſſere Anlagen geſehen als die ſeinigen und habe immer geſagt, daß dieſer Mann Inſtinkte beſitze, welche nur der Entwicklung bedürften. Bei alledem iſt er aber ſehr mittelmäßig; Chriſtine wird ſo ein Ding da nie ieben. Sie kamen beim Bahnhof an und beſtiegen den Waggon wie zwei Menſchen, welche ſich durchaus fremd ſind. Einige Minuten darauf ſetzte ſich der Zug in Be⸗ wegung. an 8 kam. Stir Pföt ande nicht horc iſt war⸗ ſchei dann Zwe hatt die vern mehr t dem gehen. Miene aggon e jeder traßen d, wo er das en deſ⸗ zl das t mir! ommen nd die ſollte. meine , wel⸗ h habe d habe welche er aber da nie en den fremd in Be⸗ 63 Sie fuhren auf ihrem Wege, ohne es zu ahnen, an Nobert von Chamarante vorüber, welcher nach Paris kam. 34. Wahre Liebe. Chriſtine war einer Ohnmacht nahe, als ſie Ernſt's Stimme erkannte. Sie hörte einige Worte der Unterhaltung, ſah das Pförtchen ſich ſchließen, ſah die beiden Männer mit ein⸗ ander weggehen und konnte ſich dieſe herzliche Eintracht nicht erklären. Sie blieb die ganze Nacht am Fenſter, auf Alles horchend, ſtets unruhig und bebend. Als der Tag kam, faßte ſie ſich ein wenig. Man iſt bei Tag immer weniger unruhig und ich weiß nicht, warum einem die Tageshelle eine Art Schutz zu gewähren ſcheint. Sie beſchloß, ihre Gänge baldmöglichſt abzuthun und dann ſogleich auf das Land zurückzukehren, wo ihr ohne Zweifel eine Löſung des Räthſels werden ſollte. In dem Augenblick, wo ſie ihre Toilette beendigt hatte, wurde an die Thüre geklopft, und überzeugt, daß es die Beſchließerin wäre, rief ſie: Herein! Dank, Fräulein, verſetzte eine wohlbekannte Stimme. Robert! Herr von Chamarante! entgegnete ſie ganz verwirrt. Ich kam... ich bitte Sie um Verzeihung, Fräu⸗ 64 lein, ich ſtöre Sie, ſagte er, nicht minder verlegen als Sie. Nicht doch, Herr Graf, allein ich war ſo weit ent⸗ fernt, zu erwarten... Ich hatte ein Geſchäft in Paris und bin gekommen, Ihre Befehle einzuholen. Gehen Sie zu dem Agenten? Wollen Sie meinen Arm? Ich danke Ihnen, Herr Graf; ich gehe immer allein. Aber.... aber bevor Sie ausgehen.... könnte ich nicht vielleicht einige Augenblicke mit Ihnen ſprechen? Nehmen Sie Platz, mein Herr, ich kann ſchon noch einige Augenblicke warten. Robert ſetzte ſich und fühlte ſich ſo beklommen, als befände er ſich einer Königin gegenüber. Er war zwar über das Alter der Schüchternheit bereits hinaus, allein die wahre Liebe iſt immer ſchüchtern und mißtraut in ihrer ganzen Stärke immer ſich ſelbſt. So war dieſer junge Mann gekommen, einer Frau eine glänzende Stellung anzubieten, ein Glück, welches vielleicht nicht ihre Hoffnungen, aber jedenfalls die Wahr⸗ ſcheinlichkeit des Eintreffens derſelben überſtieg, und er zitterte vor ihr. Er zögerte, zu ſprechen, denn von ſeinen Worten ſollte ſeine Zukunft, ſein Glück, ſein Leben abhän⸗ gen! Er fühlte jedoch, daß dieſes Stillſchweigen ſich nicht verlängern dürfe, und ſagte daher: Was ich Ihnen mitzutheilen habe, Fräulein, iſt ſehr ernſt, für mich wenigſtens, und vielleicht auch für Sie, wenn ich ſo glücklich wäre... Er hielt inne. Chriſtine fing an, zu verſtehen. Ihr Blut ſtrömte zu ihrem Herzen, aber ſie wagte nicht, ihrer Freude ſich zu überlaſſen, aus Furcht, ſie möchte ſich täuſchen und zu bald der reizendſten Illuſion verluſtig gehen. Sie fragte daher nicht, ſondern wartete. Fräulein... ich... ich liebe Sie... zeſſin türlie zu ſa Herr ten die n Fehle chen Verg der 2 bring biete Alles und Glück näml zurüc In i der S leiden tete d fernte thun über weich und hatte für: 5 als ent⸗ men, nten? llein. önnte hen? noch „als zwar allein ihrer Frau elches Jahr⸗ nd er ſeinen bhän⸗ nicht ſehr Sie, römte e ſich nd zu fragte 65 Ich weiß es, erwiderte ſie mit der Würde einer Prin⸗ zeſſin, welche aber dieſem außerordentlichen Geſchöpf na⸗ türlich war. Sie wiſſen es... und Sie geſtatten mir, es Ihnen zu ſagen? Ich höre es aus Ihrem Munde zum erſten Mal, Herr Graf. Aber... in Spaa.. In Spaa kannten Sie mich noch nicht. Sie glaub⸗ ten ſich dort an eine ganz andere Seele zu wenden, als die meinige iſt. Sie täuſchten ſich, Sie erkannten Ihren Fehler. Ich kann nicht mehr von Ihnen verlangen. Spre⸗ chen wir nicht mehr davon. Sie haben Recht, ſprechen wir nicht mehr von der Vergangenheit, da wir die Zukunft vor uns haben. In der Vergangenheit wollte ich Ihnen flüchtige Wünſche dar⸗ bringen, über welche ich jetzt erröthe; für die Zukunft biete ich Ihnen meinen Namen und mein Vermögen an. Alles, was ich bin, Alles, was ich beſitze, gehört Ihnen, und die größte Ehre, die Sie mir erweiſen, das größte Glück, welches Sie mir bereiten können, iſt, Alles mit dem nämlichen Freimuth anzunehmen, womit Sie mich einſt zurückgewieſen haben. 4 Fräulein Orthez wurde abwechſelud roth und bleich. In ihrer Seele fand ein furchtbarer K. han zwiſchen der Pflicht und der Furcht, das zu Perlieren, was ſie ſo leidenſchaftlich zu erlangen wünſchte. Schon lange arbei⸗ tete der Gedanke in ihr, was ſie in dem Falle, deſſen ent⸗ fernte Möglichkeit jetzt zur Wirklichkeit geworden war, zu thun hätte, und ſie hatte bisher zu keinem Entſchluß hier⸗ über kommen können. Jetzt konnte ſie nicht mehr aus⸗ weichen, ſie mußte ſich entſcheiden. Mit jener Geiſteshelle und Geiſtesraſchheit, welche ſie in ſo hohem Grade beſaß, hatte ſie in einem Augenblicke alle Chancen, alle Gründe fur und wider erwogen und beſchloß, ihrer angeborenen Die hlutige Marquiſe, I 5 66 Rechtlichkeit zu folgen, welche Folgen das auch haben möge. Herr Graf, ſagte ſie, geſtatten Sie mir vor Allem, Ihnen meinen Dank auszuſprechen. Ich werde denſelben vielleicht unzulänglich ausdrücken, allein ich fühle ihn zu lebhaft, als daß Sie mich nicht verſtehen ſollten. Ihren Dank, Chriſtine! Oh, ſprechen Sie nicht ſo! Mit einem Wort können Sie mich ſtolzer und froher ma⸗ chen als ein König iſt... Lieben Sie mich? Sie zauderte. Ja, verſetzte ſie dann, ja, Robert, ich liebe Sie. Was ſprechen Sie dann von Dank? Muß ich Ihnen nicht dankbar ſein für dieſe Worte? Sie lieben mich, Sie werden mein ſein, werden mir vor Allen angehören, Sie, die würdigſte und edelſte der Frauen, welche Gott geſchaf⸗ fen... oh, Dank, Dank, meine vielgeliebte Chriſtine. Ich liebe Sie, wiederholte Chriſtine, ich liebe Sie ſchon ſeit lange und ich will Ihnen den größten Beweis davon geben, welchen ich Ihnen jemals geben kann. Sie ſagen Ja, Sie ſagen Ja! Ich ſage weder Ja noch Nein. Aber ich will Ihnen das Geheimniß meines Lebens anvertrauen und Sie wer⸗ den dann ſogleich mein Geſchick und das Ihrige ent⸗ ſcheiden. Sie machen mich zittern, Chriſtine, Chriſtine. Erklä⸗ ren Sie ſich. Robert, verzeihen Sie mir zum Voraus, verſprechen Sie mir, daß, wie auch immer Ihre Entſcheidung aus⸗ fallen möge, Ihre Achtung mir trotz Allem bleiben werde. Verſprechen Sie mir, daß ich, wenn ich Ihre Frau nicht ſein kann, wenigſtens Ihre Freundin werde bleiben dürfen. Ihre Stimme war ſo bewegt und eine ſolche Bewe⸗ gung bei Fräulein Orthez etwas ſo Seltenes, daß der Graf auf's Heftigſte erſchrack. auch das ohn nich bevr Bez ben für wel es wie zuri geli verb Paꝛ Sie meit müſ und haben lllem, ſelben hn zu zt ſo! ma⸗ e. Ihnen „Sie Sie, ſchaf⸗ ne. e Sie eweis Ihnen wer⸗ ent⸗ Erklä⸗ rechen aus⸗ werde. nicht ürfen. Bewe⸗ ß der 67 Er faßte Chriſtinens Hand, hatte aber nicht die Kraft, auch nur ein Wort zu ſagen. Wohlan, mein Herr, fuhr ſie fort, ich kann nicht in das willigen, was für mich das höchſte Glück ſein würde, ohne Ihnen ein Geſtändniß zu machen, ein peinliches, aber nicht zu umgehendes Geſtändniß. Bevor ich Sie liebte, bevor ich Sie kannte, habe ich für einen Augeublick der Bezauberung, der Berauſchung, dem Wahnſinn nachgege⸗ ben... ich gehöre mir nicht mehr an. Oh, mein Gott! Ich habe ein einziges Mal in meinem ganzen Leben, für einen Augenblick das Gefühl der Pflicht vergeſſen, welches ich mir auferlegt habe. Dieſes Vergeſſen, ich habe es geſühnt durch Jahre der Reue, der Thränen, der Buße, wie ich wohl ſagen darf. Dieſen Fehler, ich habe ihn zurückgekauft, ich habe ihn theuer bezahlt, ich habe ſo viel gelitten, ſeit ich ihn begangen. Ich hätte Ihnen denſelben verbergen können, denn er ließ keine tiefere Spur zurück als ein Papierfetzen, welcher kein Gran wiegt, aber ich möchte Sie vor allen Dingen nicht täuſchen und ſollte es mich mein Glück koſten. Der junge Mann ſtand auf und ging im Zimmer auf und ab, ohne Etwas zu erwidern. Er drehte ſeinen Schnurrbart und biß ſeine Lippen, daß ſie faſt bluteten. Der Kampf in ihm war heftig. Die Gouvernante fuhr fort: Ich werde mich weder zu entſchuldigen noch meinen Werth zu erhöhen ſuchen, ich werde mir nicht einmal die Mühe geben, Ihnen zu ſagen, daß eine Frau, welche of⸗ fenherzig genug iſt, ein ſolches Geſtändniß abzulegen, Ihnen vielleicht mehr Garantien für die Zukunft hietet als eine, welche nie gefehlt hat. Es iſt Ihre Sache, das Alles zu erwägen, unſere Stellung zu beurtheilen, und Sie müſſen wiſſen, was Sie zu thun haben. Ich ſchweige jetzt und unterwerfe mich zum Voraus Ihrem Beſchluß. 5* 68 So nehmen Sie denn meine Hand an, Chriſtine, entgegnete er mit jener tiefen Innigkeit, welche das unbe⸗ zweifelte Symptom einer wahren und wirklichen Liebe iſt — nehmen Sie meinen Namen an, denn ich ſchwöre es Ihnen, wenn ich eine Krone beſäße, ſo wäre ich glücklich und ſtolz darauf, ſie Ihnen geben zu können. Oh, mein Gott! rief Chriſtine aus, auf die Kniee fallend und die Hände gen Himmel erhebend, Dank dir, denn ich habe eine Seele gefunden, die der meinigen gleicht, und ein Herz, wie ich es wünſchte. Der Graf ging auf ſie zu, hob ſie auf, ergriff mit unbegränzter Achtung ihre Hand und einen Ring von ſei⸗ nem Finger ziehend, ſteckte er ihn an den Finger Chri⸗ ſtinens. Es iſt der Ning meiner Mutter, ich gebe Ihnen den⸗ ſelben und weihe damit unſere Verlobung. Fortan gehö⸗ ren Sie mir und nur der Tod ſoll mich von Ihnen ſchei⸗ den. Was auch geſchehen mag, ſo lange Sie mir dieſen Ring nicht zurückgeben, ſind wir Eins. Nehmen Sie ihn an, Chriſtine? Ich nehme ihn an, Robert, aber nur unter einer ein⸗ zigen Bedingung. Ich darf und will aus einem Augen⸗ blick der Rührung, aus einer Ueberraſchung des Herzens vielleicht, keinen Vortheil ziehen. Ich fordere, daß Sie ſich noch ein Jahr lang bedenken, ich fordere es, und wenn Sie heute über ein Jahr noch darauf beſtehen, ein armes Mädchen aus dem Volk, ein Mädchen ohne Ver⸗ mögen, ohne Freunde, auf deſſen Vergangenheit überdies noch ein grauſamer Vorwurf laſtet, zu Ihnen zu erheben, ſo werden Sie eine Frau haben, welche Sie liebt, welche Ihnen Alles iſt, und welche lieber tauſendmal ſterben würde, als daß ſie Ihnen einen Kummer bereitete. Ein Jahr, Chriſtine! Aber das iſt ja unmöglich. Ich würde dieſe Verzögerung nicht aushalten können. Ein Jahr, welches wir mitſammen, ohne einander zu verle Verz geſet digen wird Chri eine Laſt. mein tete, Zwei vollk ten c wenn verra mitth zu ur nen, lieb Schy ich a In e nicht det ſe Aber ſtine, ibe⸗ e iſt te es klich dniee dir, nigen mit ſei⸗ Chri⸗ den⸗ gehö⸗ ſchei⸗ dieſen e ihn ein⸗ igen⸗ rzens Sie und , ein Ver⸗ erdies heben, velche erben Ich der zu 69 verlaſſen, verleben werden, iſt denn das eine ſo grauſame Verzögerung? Sie werden der zudringlichen Liebe des Marquis aus⸗ geſetzt ſein, ohne daß ich berechtigt wäre, Sie zu verthei⸗ digen. Oh! er mag ſich in Acht nehmen! Die Geduld wird mir ausgehen, ich überwache ihn und... Sie haben nicht nöthig, ihn zu überwachen, erwiderte Chriſtine lächelnd. Ich bin da und ſtehe Ihnen für Alles. Können Sie mir auch für eine Ueberraſchung, für eine Gewaltthat ſtehen? Oh, dieſer Menſch iſt mir zur Laſt. Ach, ſagte die Gouvernante traurig, Sie kennen meine Schuld und mißtrauen mir deßhalb. Oh, Chriſtine! Dieſes einzige Wort, der Blick, womit er es beglei⸗ tete, der Kuß, den er auf ihre Hand drückte, waren ohne Zweifel ſehr beredt, denn Fräulein Orthez beruhigte ſich vollkommen. Ich kenne nur dieſes einzige Miitel, ihn ſeine Abſich⸗ ten aufgeben zu machen. Amadee iſt ein Mann von Ehre, wenn er mir ſein Wort gibt, unſer Geheimniß nicht zu verrathen, wird er es halten, und ich will es ihm alſo mittheilen. Oh, nein! unterbrach in Chriſtine lebhaft. Und warum nicht? Ich weiß es nicht, aber ein Vorgefühl ſagt mir, es zu unterlaſſen. Er würde mich vielleicht von Flavia tren⸗ nen, und wenn Sie wüßten, Robert, wie ich dieſes Kind lieb habe! Ich liebe es wie meine Tochter, wie meine Schweſter, wie das Vollkommenſte und Engelhafteſte, was ich auf Erden kenne. Das iſt ſo zu ſagen ein Cultus. In einem Jahr wird ſie herangewachſen ſein, ſie wird mich nicht mehr nöthig haben, mein Werk wird beinahe vollen⸗ det ſein und ich werde ſie mit weniger Bedauern verlaſſen. Aber ſie jetzt ſchon andern Händen anvertrauen, welche 70 vielleicht mein Werk zerſtören, mir wenigſtens dieſe ſo ſüße Zuneigung rauben würden, an welche ich ſeit länger als zwei Jahren gewöhnt bin, dieſen Gedanken kann ich nicht ertragen, ich geſtehe es Ihnen. Sie machen mich beinahe eiferſüchtig auf meine kleine Baſe, Fräulein. Thut dieſe mütterliche Zärtlichkeit der zu mir keinen Abbruch? Oh, Robert, wie wenig kennen Sie mein Herz! Verzeihung, Chriſtine. Eine Liebe wie die meinige ii agſi und fürchtet ſo ſehr, ihren Schatz einzu⸗ büßen. Ich verzeihe Ihuen, mein Herr, allein Sie müſſen mir mehr Vertrauen, mehr Geduld verſprechen, wir wer⸗ den das nöthig haben. Und jetzt müſſen wir uns trennen. Unſere Unterhaltung hat ſchon zu lange gedauert, als daß ſie nicht die Aufmerkſamkeit der Familie des Thürhüters erregt haben ſollte, und Sie werden mich, denke ich, den Commentaren derſelben nicht ausſetzen wollen. Ich will jetzt meine unaufſchieblichen Ausgänge machen und dann auf der Eiſenbahn abreiſen. Kommen Sie erſt mor⸗ gen nach dem Schloß zurück, denn ſonſt wäre es über⸗ flüſſig, Etwas verbergen zu wollen, und ich wiederhole Ihnen, daß Klugheit und Geduld unſere Loſungsworte ſein müſſen. Oh, ich wollte nur, ich könnte Sie ſo compromittiren, daß Sie ſich bewogen fühlten, dieſe ſchreckliche Probezeit abzukürzen. Robert, Robert, das iſt nicht recht! Und ſie drohte ihm lächelnd mit dem Finger. Wohlan, ich werde weiſe zu ſein ſuchen und werde Ihnen gehorchen. Aber bevor wir uns trennen, habe ich noch eine Bitte an Sie zu richten, Chriſtine. Was für eine? Sie haben meinen Verlobungsring angenommen, aber ich habe Nichts von Ihnen, Nichts, nicht einmal eine ſüße als nicht leine er zu inige inzu⸗ nüſſen wer⸗ nnen. 3 daß hüters „ den will dann mor⸗ über⸗ erhole e ſein ttiren, öbezeit werde be ich , aber il eine 7t Locke on Ihren Haaren. Wollen Sie mich ſo gehen laſſen? Nein, denn Alles, was mir Ihre Liebe beweist, iſt für mich ſo ſüß und tröſtlich. Da iſt ein Medaillon, wel⸗ ches eine Reliquie einſchließt, die mir meine arme Mutter in ihrer Todesſtunde umgehangen und die mich nie ver⸗ laſſen hat. Nehmen Sie ſie, mein Freund, und möge ſie Ihnen mehr Glück bringen, als ſie mir gebracht hat. Der Graf empfing das einfache Kleinod, küßte es, verbarg es an ſeiner Bruſt und ſagte mit gerührter Stimme: Chriſtine, es ſoll hier bleiben, bis Sie mir es wie⸗ der abfordern. Und jetzt leben Sie wohl. Ich nehme Glück fuͤr tauſend Leben mit mir: Sie lieben mich, Sie werden mein ſein, Sie ſind die offenherzigſte, edelſte, beſte aller Frauen. Gott ſegne unſere Verbindung. Er faßte ihre Hand, küßte ſie abermals, ſah ſie lange, lange an, als wollte er ihre Züge ſeinem Gedächtniß ein⸗ prägen, verneigte ſich dann vor ihr und verſchwand. Ah, ſagte Fräulein Orthez, als ſie allein war, ich habe wohlgethan, ihm Alles zu geſtehen. Jetzt habe ich Nichts mehr zu fürchten und bin meiner Zukunft gewiß. Auf dem ganzen Rückwege nach dem Schloſſe wurde ſie von Träumen der Liebe und des Ehrgeizes umgaukelt, und zwar, man muß es geſtehen, noch mehr von Träumen des Ehrgeizes als der Liebe. Habe ich doch Chriſtine nicht als eines jener überirdiſchen Weſen dargeſtellt, welche ob der Liebe Alles vergeſſen. Als ſie Abends das Schloß erreichte, war der Mar⸗ quis die erſte Perſon, welche ſie auf dem Hofe traf. Mit gerunzelten Brauen und furchtbarem Blicke kam er auf ſie zu, und als ſich die Diener entfernt hatten, fragte er mit gedämpfter Stimme, aber gebieteriſcher Be⸗ tonung: Sie haben Robert geſehen? 72 Der Herr Graf von Chamarante iſt in Paris, mein Herr. Alb, murmelte er, Sie müſſen mich ſogleich anhören, ich fordere es, Fräulein, ich will es! 35. Kaͤmpfe und Entſchlüſſe. 1 Chriſtine folgte Herrn von Monza in ſein Cabinet, allein in dem Augenblick, wo er den Mund öffnete, ſchnitt ſie ihm das Wort ab, indem ſie ſagte: „Sie haben mich mit wichtigen Geſchäften beehrt, Herr Marquis. Ich begab mich zu Ihrem Geſchäftsträger, er las Ihren Brief, übergab mir dieſen hier für Sie und fügte bei, daß Sie derſelbe vollkommen zufriedenſtellen wuͤrde, und daß es keiner weiteren Erklärung bedürfe. Dann. habe ich die Bücher für Fräulein Flavia gekauft; hier iſt die Rechnung. Und jetzt geſtatten Sie, daß ich mich zu⸗ rückziehe. Nicht früher, Fräulein, als Sie mir in Betreff des Herrn von Chamarante geantwortet. Ich habe Ihnen in Betreff des Herrn Grafen nichts zu ſagen. Sehr gut. Ich wollte Ihnen von einer andern Per⸗ ſon erzählen, ich; allein Sie wollen Nichts hören und ſo ſchweige ich. 4 Es war alſo er! rief ſie aus, indem ſie zurückkam. Erfreut über ihr Bleiben, begann Amadee damit, daß er ihr erzählte, was zwiſchen ihm und Ernſt vorgegangen. Er beruhigte ſie bezüglich neuer Verſuche des Letztern. Ernſt, ſagte er, würde ſich noch an demſelben Tage auf dem Paketbvot Paul Jones nach Southampton ein⸗ ſchiffen, weil es ihm beliebte, dieſen Umweg nach London zu machen. von zwiſ völl ſenh rück quiſ liche ſich Toc tiefe lein verr dieſe Nich grof ver eine bew zens Tau buh ben⸗ zuri ſem ſond ſie ſoge ver letzt ſere Bli Herr. bören, binet, ſchnitt Herr r, er - und ſtellen Dann. ier iſt zu⸗ ff des nichts Per⸗ nd ſo ckkam. t, daß ungen. tztern. ge auf ein⸗ ondon 73 Chriſtine athmete auf, als aber Herr von Monza ſie von Neuem nach Robert fragte und wiſſen wollte, was zwiſchen dieſem und ihr vorgegangen, erwies ſie ſich als völlig unzugänglich, hüllte ſich in eine vollſtändige Unwiſ⸗ ſenheit und verließ das Zimmer. Am folgenden Tage kam Herr von Chamarante zu⸗ rück und wurde von dem Marquis kalt, von der Mar⸗ quiſe traurig empfangen; denn das Leben dieſer unglück⸗ lichen Frau war nur noch eine lange Marter. Sie ſchloß ſich in ihr Gemach ein, um zu weinen, ſie floh ſogar ihre Tochter und dieſe bemerkte es kaum. Jeder Tag zog eine tiefere Furche über ihr Herz und über ihr Geſicht. Fräu⸗ lein Orthez bemerkte das deutlicher als irgend Jemand, ſie verrieth die Urſache, ſie hätte Beatrir gerne beruhigt; allein dieſe zwei ſich ganz entgegengeſetzten Charaktere vermochten Nichts für einander zu thun. Der Gouvernante ging jene großmüthige Güte ab, welcher es ſo leicht wird, Andere zu verpflichten. Sie kam nie Jemand entgegen, ſelbſt wenn ſie einen Schmerz zu lindern begehrte. So ein ſtolzes Selbſt⸗ bewußtſein iſt das größte Hinderniß für Vertrauen und Her⸗ zensergießung. Ihrerſeits fühlte Frau von Monza ihr Herz brechen. Tauſendmal wollte ſie ſich an den Edelmuth ihrer Neben⸗ buhlerin wenden, um von derſelben ihre Ruhe, ihr Le⸗ bensglück, das Herz ihres Gatten und das ihrer Tochter zurückzufordern. Allein immer wieder ſchrack ſie vor die⸗ ſem Schritt zurück, nicht aus Stolz, die arme Frau, nein! ſondern aus Furcht. Sie fürchtete dieſes Weſen, welches ſie um ſich hatte, ohne es zu verſtehen. Es eriſtirte auch ſogar kein Verſtändniß zwiſchen Beiden. Beatrir fürchtete verkannt, vielleicht zurückgeſtoßen zu werden und ſo ihre letzte Hoffnung einzubüßen. Wie oft fürchten wir in un⸗ ſerem Leben die Gewißheit! Robert und Chriſtine tauſchten beim Wiederſehen einen Blick und dieſer Blick genügte ihnen. Nichts in ihrem 74 Betragen gab Anlaß zum Verdacht, nicht einmal der dü⸗ ſtern Eiferſucht Amadee's. Man ſetzte das gewohnte Leben fort, den Tag über getrennt durch verſchiedene Beſchäfti⸗ gungen und Uebungen, am Abend an der runden Taſel vereinigt, um zu arbeiten und die aus Paris angelangten Journale und Bücher zu leſen. In ihre Träumereien ver⸗ ſunken, hörte Beatrir kaum zu; ſie ſtickte mechaniſch, wäh⸗ rend ihre Augen allen Bewegungen ihres Mannes folgten, alle ſeine Geberden und Blicke belauerten. Das Gefühl, welches ihre Seele ſtets beherrſcht hatte, erfüllte dieſelbe auch jetzt noch ganz. Ungefähr eine Woche nach der Pariſer Reiſe hielt Robert das Journal„die Preſſe“ in der Hand und las die Neuigkeiten deſſelben. Ah, ah, ſagte er, das Aequinoktium ſpielt ein wil⸗ des Spiel, wie es ſcheint. Schon wieder ein Unglück im Canal von la Manche. Der Steamer„Paul Jones“ iſt auf ſeiner Fahrt von Boulogne nach Southampton verunglückt. Nicht ein einziger Paſſagier wurde gerettet. — Was ſagen Sie, Robert? fragte der Marquis, leb⸗ haft aufblickend, während Chriſtine, bleich wie Linnen, ihre Augen auf ihre Arbeit heftete. Ich ſage, daß das Dampfboot„Paul Jones“ an der Küſte der Normandie, wohin ihn der Wind geworfen, in Folge einer Beſchädigung der Maſchine geſcheitert iſt. Intereſſirt Sie das, Vetter? Ich kannte Jemand, welcher ſich auf dieſem Fahrzeug eingeſchifft. Dann können Sie ihm, ſcheint mir, Lebewohl ſagen. War es ein Freund? Nein, verſetzte der Marquis ſeufzend, es war ein entfernter Verwandter. Die Unterhaltung ſtockte hier und einige Minuten nachher verließ Fräulein Orthez unter irgend einem Vor⸗ wand den Salon, um ſich in ihr Zimmer einzuſchließen. — — dü⸗ Leben häfti⸗ Tafel agten ver⸗ wäh⸗ ggen, fühl, eſelbe — hielt d las wil⸗ ck im nes“ npton rettet. leb⸗ ihre 7 an orfen, rt iſt. rzeug — agen. r ein nuten Vor⸗ ießen. 75 Sie beweinte dieſen Mann, welchen ſie geliebt hatte, ſie beweinte ihn ſo zu ſagen wider ihren Willen; denn ſein Tod verſchaffte ihr eine große Erleichterung. Aber ſie rief ſich die entflohene Vergangenheit, die verlorenen Illu⸗ ſionen zurück; ſie erinnerte ſich, welche Rechte ſie dieſem Manne über ſich eingeräumt, und ſie warf einen Schleier über ſein Andenken und ſeine Fehler. Seltſame Miſchung von Größe und Schwäche, von Haß und Mitleid! Wie viele auserleſene Naturen, welche ihre glänzenden Eigen⸗ ſchaften durch unbezähmbaren Stolz beeinträchtigen, mußte ſie lieben oder haſſen und konnte nicht gleichgültig bleiben. . Der Winter kam mit all ſeiner Traurigkeit und all ſeinen wirklichen Unbequemlichkeiten; aber mit Ausnahme von Beatrir, welche von dem Leben in der großen Welt eine glückliche Diverſion für ſich hoffte, blieben Alle gerne auf dem Lande. Herr von Monza wurde erſchreckend melancholiſch und veränderte ſich zuſehends. Er blieb ganze Stunden in ſei⸗ nem Zimmer allein, wohnte den Lectionen ſeiner Tochter weniger fleißig an und warf auf Beatrir finſtere und her⸗ ausfordernde Blicke. Er gab Allen barſche Antworten und ſchien insbeſondere Chriſtine zu vermeiden, was dieſer und Robert zu großer Beruhigung gereichte. Die Geſundheit des Fürſten beſſerte ſich augenſcheinlich, obgleich ſeine Vernunft nicht wiederkehrte. Er fuhr mit Aufführung ſeiner retroſpectiven Scenen fort, worein ſich Alle fanden, ausgenommen ſeinen Sohn, welcher ſich in Nichts mehr zu finden wußte. Beatrir kümmerte ſich über dieſe düſtere Stimmung ihres Mannes ab, deren Urſache ſie nicht errieth. Sie glaubte ihn glücklich in ſeiner Liebe, ſie glaubte ihn auf dem Gipfel ſeiner Wünſche und dieſer ſein unerklärlicher Schmerz verurſachte ihr eine grauſame Qual. Jeden Tag 66 76 bat ſie ihn, nach Paris zurückzukehren, aber er verweigerte es hartnäckig. Eines Abends, als der Regen in Strömen ſiel, war die Familie am Kamin verſammelt und plauderte etwas heiterer als gewöhnlich. Ich weiß nicht, welch ein guter Hauch der Eintracht über ſie hinwehte. Sogar Beatrir hatte einen Schatten ihrer vormaligen Heiterkeit wieder gefunden. Herr von Chamarante erzählte mit Drolligkeit und Anſtand Geſchichten aus ſeinem Feldzug in Afrika und aus ſeinem Garniſonsleben. Chriſtine lächelte, Flavia lachte aus vollem Herzen und Beatrir gab paſſende Er⸗ wiederungen. Auch Amadee hörte aufmerkſamer zu, als er gewohnt war. Im Verlauf der Unterhaltung kam man auf die Vorſtellungen vom Glück, welche nach Verhält⸗ niſſen und Charakteren ſo verſchieden ſind. Jedes erklärte die ſeinige. Was mich betrifft, ſagte Beatrir, welcher Thränen in die Augen traten, ich wuünſche nur ein Glück auf der Welt: die Liebe meines Mannes. Wofern ich dieſe be⸗ ſitze, laſſ' ich alles Andere gehen. Und Sie, Fräulein Orthez, um was würden Sie Gott bitten, falls Sie der Erhörung gewiß wären? Chriſtine erröthete. Der Marquis und Robert lauſch⸗ ten mit Spannung. Ich, Madame, oh, ich bin nicht beſcheidener. Um einen Mann, welcher mich liebt, ſo, wie Sie ſagen, und welcher Großes thut, ſo daß ſein Name auf den Schwin⸗ gen des Ruhmes überallhin getragen wird, um einen Ruhm für uns Beide, eine Eriſtenz, welche unſerer gemeinſamen Zärtlichkeit und dem Wohlthun an Anderen geweiht iſt— das ſind meine Wünſche. Sie werden erhört werden, Fräulein, verſetzte der Marquis, indem er aufſtand. Ich prophezeie es Ihnen. Er ſpricht wahrer, als er ſelbſt glaubt, murmelte Chriſtine. ironi niede der ohne ganz ruhig erreg ſes an⸗ doch mich Wid Wer berei nicht ben Sie ich Einf wüß ger mun ein verft Lebe folge igerte war etwas guter eatrir vieder ligkeit lfrika lavia Er⸗. ls er man hält⸗ klärte änen f der e be⸗ ulein e der uſch⸗ Um und win⸗ tuhm amen ſt— der )nen. nelte 77 Fräulein iſt ganz dafür gemacht, ſagte Beatrir in ironiſchem Ton. Amadee ließ ſich an der andern Seite des Kamins nieder, barg ſein Haupt in die Hände wie ein Menſch, der nachdenkt, und blieb ſo den ganzen Reſt des Abends, ohne zu hören oder zu antworten. Sehen Sie doch Amadee an, ſagte Frau von Monza ganz leiſe zu dem Grafen. Was hat er doch? Er beun⸗ ruhigt mich entſetzlich. In finde ihn verändert, furcht⸗ erregend. Er leidet, das iſt gewiß. Sollte vielleicht die⸗ ſes Mädchen... Welches Mädchen? fragte Robert, höchlich verletzi. Ei, nun, dieſe Chriſtine. Er ſieht ſie nicht mehr an. Ich begreife ſeinen Zuſtand nicht. Verſuchen Sie doch, ihn zu fragen. Ich, Madame? Haben Sie denn nicht bemerkt, daß mich Herr von Monza ſeit einiger Zeit mit einer Art Widerwillen beehrt? Er wurde mich keines Gehörs würdigen. Wenn Sie nicht wären, liebe Baſe, würde ich dieſes Haus bereits verlaſſen haben, ich geſtehe es und begreife ſelbſt nicht, woher ich die Geduld zu längerem Bleiben nehme. Bedenken Sie, daß ich allein bin, Robert. Berau⸗ ben Sie mich nicht eines Freundes, eines Beſchützers, wie Sie ſind. Wenn Gott mich zu ſich riefe, Vetter, würde ich Ihnen meine Tochter anvertrauen. Wollen Sie? Sterben! Sie! Sterben! In Ihrem Alter! Welcher Einfall! Der Kummer doppelt die Jahre, Vetter. Wenn Sie wüßten, in welchem Zuſtand mein Gemüth iſt! Seit eini⸗ ger Zeit ſehe ich jede Nacht meine Mutter, meinen Vor⸗ mund und Sophie Hervé, welche mir rufen. Ich habe ein beſtändiges Vorgefühl von meinem nahen Ende. Es verfolgt mich und ich weiſe es nicht zurück. Was iſt das Leben jetzt noch für mich? Eine ununterbrochene Reihen⸗ folge von Schmerzen, von Demüthigungen, von Aengſten! beſchäftigen? 78 Aber ſehen Sie doch, ob er wieder erwacht, ob er die Stellung ändert. An was denkt er? Was kann ihn ſo Der Marquis erhob den Kopf, als hätte er die Frage gehört. Sein todtblaſſes Geſicht wurde faſt noch bleicher und ſeine Stimme zitterte, als er ſich an den Grafen wandte mit den Worten: Robert, wollen Sie mir einen Gefallen erweiſen? Von Herzen gern, Vetter. Da! und er warf zwei oder drei Briefe, welche er aus der Taſche zog, auf den Tiſch, da leſen Sie. Auf dem Gute der Frau von Monza hat eine ſchreckliche Ueberſchwemmung ſtattgefunden. Die Loire iſt ausge⸗ treten und richtet furchtbare Verheerungen an. Man muß dem Schaden ſogleich ſteuern, man muß ſich an Ort und Stelle begeben, ich bin aber unfähig dazu. Wollen Sie ſtatt meiner gehen? Sehr gern. Ich werde Ihnen Geld und die nöthigen Inſtruc⸗ tionen mitgeben; denn ich, ich habe weder Kraft, noch einen Gedanken, noch die Möglichkeit, einen zu haben. Ich leide, oh, ich leide! Er bedeckte krampfhaft die Augen mit der Hand. Beatrir eilte, in Thränen ſchwimmend auf ihn zu, um ihn zu umarmen, allein er ſtieß ſie faſt heftig von ſich. Ich will mein Beſtes thun, um Sie zu erſetzen, ſagte der Graf. Das iſt eine Pflicht, welcher ich ſtets nach⸗ kommen werde. Hat mir Frau von Chamarante nicht empfohlen... Ah, ſprechen Sie mir nicht von den Empfehlungen der Frau von Chamarante, ſchrie der Marquis mit ſchreck⸗ licher Stimme; Sie machen mich ſonſt wahnſinnig! Die Zeugen dieſer Scene ſahen einander betroffen an. Flavia's Augen öffuneten ſich doppelt ſo weit als gewöhn⸗ lich; allein Chriſtine gab ihr ein Zeichen und ſie ver⸗ ließen mitſammen den Salon. Orte. Graf⸗ daß grauf Sie ordne Ich Sie werde Kräft es ni Alles noch ange flüſſi Beat Arm er ſt Sie bitte Robe ſo p nicht kann gewi Chri ollen ſtruc⸗ noch aben. Hand. um ſich. ſagte nach⸗ nicht igen hreck⸗ n an. böhn⸗ ver⸗ 79 Amadee bemerkte es und murmelte: Sie hat Recht, Flavia iſt hier nicht am rechten Orte. Und nach einem kurzen Schweigen ſagte er zu dem Grafen: Durchgehen Sie dieſe Papiere. Sie werden finden, daß die Sache eine ſehr dringliche iſt... Oh, ſie iſt grauſam dringlich... ich muß ihr ein Ende machen... Sie werden morgen abreiſen, nicht wahr? Morgen, wenn Sie wollen. Es bedarf ſicherlich eines Monats, um Alles zu ordnen. Das Gut iſt ſehr ausgedehnt und das Uebel tief. Ich gebe Ihnen meine und Ihrer Couſine Vollmacht und Sie werden ganz im Namen der Letzteren handeln. Sie werden verſuchen, das Unglück dieſer armen Leute nach Kräften gutzumachen, Sie werden Geld ſpenden und, wo es nöthig ſein ſollte, ſogar Penſionen austheilen, und das Alles im Namen von Beatrir, ich empfehle Ihnen das noch einmal. Ich will, daß dieſer Name geſegnet und angebetet ſei. Von mir ſprechen Sie nicht, es iſt über⸗ flüſſig und ich habe gar Nichts mit der Sache zu thun. Beatrir, die arme Beatrir, ſie allein ſoll genannt werden. Arme Beatrir! Und er fing an zu weinen. Frau von Monza wollte ſich ihm abermals nähern, er ſtieß ſie abermals zurück; allein viel ſanfter als vorhin. Laſſen Sie, laſſen Sie mich, meine theure Freundin. Sie thun mir ſehr weh. Kommen Sie nicht zu mir, ich bitte Sie! Er hat die Krankheit ſeines Vaters geerbt, dachte Robert, er wird verrückt. Arme Baſe! Die Liebe hat ihn ſo weit gebracht. Er betet Chriſtine an und ich weiß nicht, ob es klug iſt, ſie in ſeiner Gewalt zu laſſen. Ich kann mich aber dieſer Reiſe nicht entziehen; denn es iſt gewiß, daß er ſie zu machen nicht im Stande iſt. Ah!... Chriſtine wird ſich übrigens ſchon zu vertheidigen wiſſen⸗ 80 Die Marquiſe verbrachte die Nacht in Thränen und an der Thüre des Zimmers ihres Mannes lauſchend, zu welchem ihr der Zutritt verwehrt war. Auch an Chriſtine's Thüre lauſchte ſie von Zeit zu Zeit, hörte aber nicht das geringſte Geräuſch. Am folgenden Tage reiſte Robert ab, nachdem er ſeiner Braut heimlich die Hand gedrückt und hinſichtlich ihres Briefwechſels das Nöthige mit ihr verabredet hatte. Der Marquis gab ihm ſeine Inſtructionen, und als er den Grafen hatte wegfahren ſehen, ſtieg er zu Pferde, ritt weg und kam erſt zur Zeit des Diner zurück, während deſſen Dauer er nicht ein einziges Wort ſprach. Als man von der Tafel aufgeſtanden und ſich am Kamin verſammelt hatte, wandte er ſich an die Gouver⸗ nante mit den Worten: Fräulein Orthez, richten Sie dieſe Nacht die Sachen von Flavia und Ihre eigenen her, und geben Sie unſern Leuten den Befehl zu allgemeinem Einpacken. Wir reiſen morgen ab. Wir reiſen morgen abl rief Beatrir beinahe freudig. Wir gehen nach Paris. Ah! Sie thun wohl daran! Sie ſind leidend und bedürfen der Pflege. Wir gehen nach Paris, ja, aber wir werden nicht dort bleiben. Und wohin gehen wir denn nachher? Nach Neuillé? Nein. Wohin denn? Sie werden es erfahren, Madame. Oh, dachte Beatrir, wäre doch Robert wieder da! lerin die zu h fried der auch anbe einer Wer Wir umk und als reiſe hatt zu trat ſich Sch t das m er htlich hatte. ls er , ritt hrend h am uver⸗ achen nſern reiſen eudig. Sie nicht iillé? da! 36. Abreiſe. Fräulein Orthez ſchloß ſich ſonſt immer mit ihrer Schü⸗ lerin ein. Heute Nacht aber ließ ſie die Thüren offen, denn die Kammerfrauen gingen und kamen, um ihr einpacken zu helfen. Das Kind ſchlief. In dieſem glücklichen und friedlichen Alter erweckt Einen Nichts, keine Unruhe wehrt der Ermüdung und hält die Augen offen. Was ſollte man auch zu fürchten haben? Iſt nicht Alles ſchön, lachend, anbetungswerth? Ach, derjenige, welcher die Unſchuld mit einer Schlange ſpielend darſtellte, hat ein poetiſch wahres Werk geſchaffen. Nichts iſt der Wirklichkeit angemeſſener. Wir Alle haben unſere Schlange geliebkost, bis ſie ſich umkehrte und uns ihr Gift in's Herz ſpritzte. Gegen fünf Uhr Morgens waren die Koffer gepackt und Chriſtine ſchickte ſich eben an, ein wenig auszuruhen, als ſie die Schellen der ankommenden Poſtpferde hörte. Schon! dachte ſie. Wie, ſo bald werden wir ab⸗ reiſen? Sie ſteckte die Haarnadeln, welche ſie eben entfernt hatte, wieder auf und trat an das Bett Flavia's, um ſie zu wecken. Da öffnete ſich die Thüre und der Marquis trat herein. Sie zitterte am ganzen Körper und näherte ſich dem kleinen Mädchen, als wollte ſie bei demſelben Schutz ſuchen. 6 Herr von Monza bemerkte es und lächelte gering⸗ ätzig. Fürchten Sie Nichts, Chriſtine, ſagte er, Sie laufen durchaus keine Gefahr, ich ſchwöre es Ihnen. Ich komme einzig und allein in der Abſicht, Ihnen unſere Marſch⸗ route vorzuzeichnen, denn wir werden nicht mitſammen Die blutige Marquiſe. II. 6 82 reiſen. Sie werden auf dieſe Art für einige Tage von dem Unglück meiner Gegenwart erlöst ſein. Ich erwarte Ihre Befehle, mein Herr, entgegnete ſie mit jener ſtolzen Unterwürfigkeit, welche ſie ſtets gegen ihn beobachtete. Meine Befehle! Immer meine Befehle! Oh, Chri⸗ ſtine, ſehen Sie denn nicht, daß Sie mich tödten? Sehen Sie nicht, welchen Weg ich wandle? Der Abgrund liegt vor mir, tief, gähnend, unvermeidlich, wenn Sie mich nicht zurückhalten. Sie ſind ſchuld daran, wenn er mich verſchlingt. Reichen Sie mir die Hand, halten Sie mich! Sie werden es bereuen, vielleicht zu ſpät bereuen, es nicht gethan zu haben. Geſtatten Sie, daß ich Sie liebe, laſſen Sie mich Ihnen mein Leben, mein Vermögen, Alles, was ich bin und beſitze, zu Füßen legen. Zerſtören Sie nicht meine Zukunft, die Ihrige, die dieſes Kindes vielleicht. Lieben Sie mich, Chriſtine, lieben Sie mich und retten Sie uns Alle! Herr Marquis, ich erwarte Ihre Befehle, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre gehabt, wiederholte die Gouver⸗ nante kalt. Unbeugſam, immer unbeugſam! Haben Sie Mitleid mit mir, haben Sie Mitleid mit dieſem Kinde, Mitleid mit meiner armen Beatrir! Hören Sie mich, hören Sie mich! Sein bleiches Geſicht, ſeine irren Augen, abgeriſſenen Worte und fahrigen Gebärden brachten auch Fräulein Or⸗ thez auf den Gedanken, welchen ſchon Robert gehabt hatte. Er iſt wahnſinnig! dachte ſie. Und in Folge einer unwillkürlichen Regung, die ſchnel⸗ ler war als der Gedanke, nahm ſie das ſchlafende Kind in die Arme und floh damit an das andere Ende des Zimmers. Ich erſchrecke Sie, ſagte Amadee traurig. Das iſt das einzige Gefühl, welches ich Ihnen einflöße. Oh, Chriſtine, Sie kennen mich nicht, Sie wiſſen nicht, mit 8³ welcher Liebe ich Sie liebe! Doch wohlan, hören Sie Ihre Reiſeroute, da Sie es fordern. Erinnern Sie ſich morgen, daß Sie mich dazu gezwungen haben. Die Pferde, deren Geläut Sie hören, ſind für Sie und meine Tochter beſtimmt. Sie werden Ihre gewohnte Berline nehmen, Sie werden bis zur nächſten Eiſenbahnſtation fahren und mit dem erſten Zuge weiter reiſen. Ja, mein Herr. Sie werden nur einige Stunden in Paris verweilen, um Ihre allernöthigſten Einkäufe zu machen. Dann wer⸗ den Sie ſich wieder auf den Weg begeben und direct nach München gehen. Nach München? Ja. Ich will einen Verſuch mit Ihrer Abweſenheit machen. Ich will ſehen, ob mein Leben ohne Sie mir erträglich ſein wird. Frau von Monza und ich werden in Paris bleiben, bis... bis... Warum mich nicht hier laſſen bei dem Herrn Fürſten? Warum uns ſo weit wegſchicken? Weil... weil... weil ich, wenn Sie in meiner Nähe wären, zu Ihnen eilen würde. Begreifen Sie denn Nichts, Fräulein? Chriſtine hatte Flavia auf ihr eigenes Bett nieder⸗ gelegt und das Kind ſetzte ſeinen nur leicht unterbrochenen Schlummer alsbald fort. Sein Vater näherte ſich ihm, betrachtete es mit thränenvollen Augen und ſagte: Schlaf' in Frieden, theure Tochter, ſchlafe, mein ſüßes Kleinod, mein vielgeliebtes Kind! Ich hätte nicht die Kraft, mich von Dir zu trennen, wenn ich Deinem Blick und Deinem Lächeln begegnete. Wann werden wir uns wieder ſehen? Gott weiß es. Möge er Dich ſegnen, Flavia, wie Dein unglücklicher Vater Dich ſegnet! Armer Mann! dachte Chriſtine. Er leidet wohl recht ſehr. Fräulein, ſagte der Marquis, vom Schluchzen unter⸗ 6 84 brochen, ich vertraue ſie Ihnen an. Seien Sie ihr Vater und Mutter... Ihnen übergebe ich ſie... Adieu!... Adieu!... Er drückte das Kind noch einmal heftig an ſich, ſo daß es halb erwachte und lächelnd und heiter ihm zu⸗ lispelte: Väterchen, Väterchen, guten Tag! Er ſah das Kind die Augen öffnen, ſtreckte ſeine Arme gegen Chriſtine aus, preßte ſie aber ſogleich heftig gegen ſeine Bruſt, als wollte er ſein Herz erſticken und ſtürzte aus dem Zimmer. Fräulein Orthez blieb einige Augenblicke regungslos ſtehen, das Geplauder ihrer Schülerin, welche ſie über dieſe ungewohnten Anordnungen befragte, anhörend, ohne es zu hören. Wir müſſen eben ſogleich abreiſen, liebes Kind, ſagte ſie endlich. Stehen Sie auf und kleiden Sie ſich an, die Pferde warten ſchon unten. fun Mama! Kommt ſie auch? Es iſt ſehr früh ür ſie. Das iſt wahr, dachte Chriſtine, darf ich dieſes Kind ohne die Ermächtigung ſeiner Mutter fortnehmen? ohne daß es ihren letzten Kuß empfängt? O nein, das darf, das ſoll nicht ſein. Sputen Sie ſich, Flavia, wir wollen der Frau Mar⸗ quiſe noch Lebewohl ſagen. Ach, deſto beſſer! Nachher wird ſie wieder ſchlafen. Und wohin wird man uns führen?. Nach Paris. Wie herrlich! Schnell, ſchnell, eilen wir zu der Mut⸗ ter und dann klitſch, klatſch, Poſtillon! Sie befand ſich ſchon im Corridor, als ſie den Mar⸗ quis antraf, welcher ſie bei der Hand nahm und der Treppe zuzog. Du biſt bereit, meine Tochter, gut! Nun in den 1 nicht Mut wiſſe wird zu ſ verh daß auiſt wen trug nige Chr Lich Die Ma ſchl Fla erg. Her Die war der 8⁵ Ich wollte Mama nur noch einen Kuß geben; es ſoll .. nicht lange aufhalten, Vater, laſſen Sie mich, ich bitte Sie. Sie haben keine Zeit dazu, Flavia. Sie werden Ihre „ ſo Mutter ſpäter wieder ſehen, wecken Sie ſie nicht, Sie zu⸗ wiſſen, daß ſie nicht gern geweckt wird. Aber Vater, entgegnete Flavia halb weinend, Mama wird noch viel böſer werden, wenn ich abreiſe, ohne ſie ſeine zu ſehen. ſeftig Mein Herr, es iſt eine Grauſamkeit, dieſes Kind zu 4 und verhindern... Fräulein, es iſt nothwendig, und ich wundere mich, gslos daß Sie das nicht einſehen. über Aber, mein Herr.. ohne Fräulein, fuhr er leiſe fort, glauben Sie, die Mar⸗ aauiſe laſſe ſich die Abreiſe ihrer Tochter ruhig gefallen, ſagte wenn ſie auch die Ihrige wünſcht? Jater , die Mein Herr, ich kann nicht zugeben... Es muß ſein... ich will es... folgen Sie mir. früh Und die ganz beſtürzte Flavia in die Arme nehmend, 3 trug er ſie in dem Wagen und bedeckte ſie mit wahnſin⸗ Kind nigen Kuſſen. Er ſchien in dieſem Augenblick wirklich toll. ohne Chriſtine ſtieg nach ihr ein, es war noch nicht Tag; einige darf, Lichter irrten im Schloſſe umher; es war kalt und regnete. Ddie Reiſenden waren in einer recht trübſeligen Stimmung. Mar⸗ Auf baldiges oder auf Nimmerwiederſehen! ſagte der Marquis zu der Gouvernante, indem er den Wagenſchlag lafen. ſchloß. Vorwärts Poſtillon! rief er. Der Poſtillon gehorchte und fuhr im Galopp davon. Flavia weinte in einem Winkel des Wagens, Chriſtine Mut⸗ ergriff ihre Hand und ſuchte ihr Vernunft einzureden; ihr Herz war jedoch ſo beklommen wie das des Mädchens. Mar⸗ Die Anweſenheit der Kammerfrau diente ihr zum Vor⸗ 8 der wand, den unruhigen Fragen ihrer Schülerin zu entgehen. Nach einer Stunde kamen ſie bei der Eiſenbahn an; der Zug war im Begriff abzugehen; ſie ſtiegen ſchnell ein. 86 Fräulein Orthez war auf dem ganzen Wege ſehr nach⸗ denklich. Sie fühlte, daß eine ſchwere Verantwortlichkeit auf ihr laſtete; der gefährliche Zuſtand des Marquis, die Lage der Marquiſe erſchreckten ſie. Robert zu ſchreiben, ſchien ihr unklug; er würde Alles im Stich laſſen, um zu ſeiner Baſe zu eilen, und Falls ſie ſich täuſchen würde, Falls Herr von Monza keine andere Abſicht hätte, als mit ſeiner Frau in Paris zu leben, um ſich von einer unſeligen Leidenſchaft zu heilen, weßhalb ſollte ſie dann Herrn von Chamarante unnöthiger Weiſe ſtören? Würde ſie in ſeinen Augen nicht als eine unvernünftige und über⸗ ſpannte Perſon erſcheinen? Würde ſie in ſeiner Meinung nicht verlieren? Dann kam ihr die Herzogin von Alagny, der überlegene Geiſt und die Weltkenntniß dieſer Frau zu Sinn und ſie beſchloß, ſie in den wenigen Stunden, die ſie in Paris zubringen würde, zu beſuchen. Sie brauchte nur ihre Wachſamkeit rege zu machen, um Nichts ver⸗ ſäumt zu haben. Flavia vergaß ihren Kummer, ſie vergaß ihn vollends, als ſie im Hotel Monza ankam und das bewegte Leben von Paris wieder ſah und zu ihren alten Gewohnheiten zurückkehren konnte. Kaum war ſie daher aus dem Wa⸗ gen geſtiegen, ſo verlangte ſie auszugehen. Wir reiſen dieſen Abend wieder ab, mein Kind, und ich habe einige unerläßliche Gänge zu machen. Bleiben Sie mit Joſephine im Hotel und verſuchen Sie ein wenig zu ruhen.. Wir reiſen dieſen Abend wieder ab? Und wohin gehen wir? Nach München, um dort Ihre Eltern zu erwarten. O, dann hätte mir mein Vater doch geſtatten ſollen, Mama noch zu umarmen, wenn ich ſie ſo lange nicht ſehen ſoll. Sie werden ſie ohne Zweifel bald ſehen. Glauben Sie, liebe Freundin? Nun, da mein Vater nach⸗ chkeit „die iben, m zu ürde, als einer dann zürde über⸗ nung agny, un zu „ die uchte ver⸗ ends, Leben jeiten Wa⸗ und eiben venig vohin arten. ollen, nicht Vater 87 es will und hauptſächlich, da ich bei Ihnen bin, ſo will ich mich auch wegen München zufrieden geben. Ich wäͤre aber ſo gerne in Paris geblieben! Das war ihre letzte Klage. Dieſes ſo bewunderungs⸗ würdig lenkſame Mädchen erſparte ſich, vermöge ſeiner vollkommenen Erziehung, einen großen Theil der im weib⸗ lichen Leben vorkommenden Leiden. Man gewöhnt ſich ſo leicht an Ergebung und Gehorſam als an ein gebieteriſches Weſen; nur muß man frühzeitig dazu erzogen werden. Chriſtine begab ſich, wie ſie ſich vorgenommen hatte, zu der Herzogin von Alagny. Als dieſe ſie erblickte, ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus, der von dem Baron von Chelles, dem unvermeidlichen Tiſchgenoſſen des Hauſes, wiederholt wurde. 3 Chriſtine die Große! aus Schweden, Rom oder weiß Gott woher kommend, Eisſcholle oder Blumenſtrauß, Schnee oder Sonne, ſeien Sie willkommen! ſagte lachend die Herzogin. „Er fliehet gleich der Zeit, gefällt den Grazien gleich Und der Gelegenheit wahrhafter Gott iſt er!“ Wir ſprachen von Ihnen, reizende Königin. Chriſtine beantwortete die Complimente mit Compli⸗ menten, die Scherze mit Scherzen, demungeachtet fielen ihr bleiches Geſicht und ihre träumeriſche Phyſiognomie der Herzogin auf, der nur ſchwer Etwas zu verbergen war. Was für Nachrichten bringen Sie aus der Hölle mit? fragte ſie. Wird die Beatrice unzugänglicher? Die Frau Marquiſe befindet ſich ziemlich ſchlecht und der Herr Marquis noch ſchlechter als dieſe, Madame. Ach mein Gott! Sind ſie am Ziele? Verabſcheuen ſie ſich recht herzlich, wie das nach einem ſolchen Vorſpiel nicht anders ſein konnte? Sie lachen immer, Frau Herzogin! Sie haben ja nicht auf mich hoͤren wollen! 88 Madame, ich kann nur wenige Augenblicke in Paris bleiben und wollte nicht abreiſen, ohne ein Wort mit Ih⸗ nen zu ſprechen. Der Herr Baron von Chelles wird er⸗ lauben, daß Sie mir einige Augenblicke Gehör leihen. Ich ſchulde Ihnen viel Dank; ich hege zu Fräulein von Monza eine mütterliche Zuneigung; dieſe beiden Gefühle machen es mir zur Pflicht, mich Ihnen gegenüber zu er⸗ klären, und ich hoffe, Sie werden mir gefälligſt Ihre Aufmerkſamkeit ſchenken. Das Ding iſt ernſt, wie es ſcheint. Dann wollen wir nicht mehr lachen, Baron. Gehen Sie ein wenig in den Salon, Sie werden dort den Sänger der Grazien vom Jahr 1812 finden; ich habe ihn geſtern auf dem Kai⸗ eigens für Sie gekauft; Sie werden Ihre Literatur ein Bischen ändern. „Und zur gelegnen Zeit ruf' ich Sie wiederum!“ Jetzt, da er Gottlob ohne eine Erwiederung fort iſt, ſagen Sie mir, was es denn gibt, reizende Chriſtine? Ich ſterbe faſt vor Neugier. Frau Herzogin, ich reiſe mit dem Fräulein nach einem Kloſter in Baiern, wohin uns die Befehle des Herrn Marquis ſchicken. Der Herr Graf von Chamarante iſt abweſend, ich will ihn weder beunruhigen noch ſlören und deßhalb bitte ich Sie, genau zu überwachen, was während unſerer Abweſenheit im Hotel Monza vorgehen wird. Aber, meine Schöne, ich kann ja den Marquis nicht hindern, ſeine Frau zu hintergehen. Ich weigerte mich, ihm dabei behülflich zu ſein; ich habe meinen ſchuldigen Antheil von Mitleid bezahlt, verlangen Sie nicht weiter von mir. Es handelt ſich nicht um das, Madame, die Dinge ſind in kurzer Zeit ſehr vorgeſchritten. Ich fürchte nur, Herr von Monza erbe in mehr als einer Weiſe von ſeinem glorreichen Vater... Sie müſſen mich verſtehen... 1 werf Fra Op. ſo! wen Sie eine die es hin na flö mi ſin wi lich zeir Paris Jh⸗ d er⸗ eihen. von efühle u er⸗ Ihre vollen ig in vom Kai r ein 7 rt iſt, ſtine? nach Herrn gte iſt n und ihrend nicht mich, ldigen weiter Dinge e nur, ſeinem .* 89 Wie! entgegnete die Herzogin, ihren Kopf zurück⸗ werfend. Ja, Madame. Ach, ich will mit Herrn von Chelles darüber ſprechen. Herr von Chelles kann Nichts bei der Sache thun, Frau Herzogin; es handelt ſich hier nicht um eine komiſche Oper. Wenn Sie nur Ihren ſo feinen Verſtand, Ihren ſo beachtenden Takt im Dienſte meiner Befürchtungen an⸗ wenden wollten; verzeihen Sie dieſe Sprache. Schreiben Sie doch ſogleich an Herrn von Chamarante, ſobald Sie einen etwas zweifelhaften Schritt bemerken; er allein kann die Frau Marquiſe wirkſam beſchützen. Verſprechen Sie es mir, Madame, ich beſchwöre Sie. 3 Was ſollen Sie in dem Kloſter in München thun? Ich weiß es nicht; man ſchickt uns mit dem Befehl hin, dort zu wohnen, bis wir zurückgerufen werden. Iſt die Marquiſe davon unterrichtet? Ich glaube nicht, Madame. Die Herzogin blickte Chriſtine feſt an und verſetzte nach einigen Augenblicken des Schweigens: Liebe Freundin, da ſteckt die Liebe dahinter. Ich weiß nicht, Madame. Die Liebe ſteckt dahinter, ſag' ich Ihnen, und Sie flößen dieſelbe ein. Läugnen Sie's nur nicht, ich erinnere mich an Baden. Sie ſind grauſam, ich begreife es; aber ſind Sie es gegen Alle? Das iſt Ihr Geheimniß. Ich will es nicht wiſſen; ich wollte Ihnen nur meine Geſchick⸗ lichkeit zeigen, um Ihnen Vertrauen auf ihren Geſandten einzuflößen. O, Madame, dieſe Geſchicklichkeit iſt mir ſchon lange bekannt; es fragt ſich nur, ob Sie geruhen werden, die⸗ ſelbe anzunehmen? Meine Liebe, ich habe immer gern ein Bischen die Vorſehung geſpielt. Gehen Sie nach München, damit Ihre Schülerin ein ſchlechtes Deutſch reden lerne; ſchlafen — 90 wird gewiß gleich nach ſeiner Ankunft zu mir kommen, Sie im Frieden und zählen Sie auf mich. Herr von Monza ich kenne ihn auswendig; ich habe die Saiten ſeines Ge⸗ hirnes gezählt, in einer Viertelſtunde werde ich Muſterung darüber gehalten haben und ich nehme es über mich, die zu tariren, welche beim Appel fehlen. Dank, Frau Herzogin, ich erwartete nicht weniger von Ihnen, Sie ſind gut... Liebes Kind, davon verſtehen Sie Nichts. Ich bin nicht gut, ich bin dienſtfertig, wenn es mir Freude macht; man ließ ſich einfallen, das aus Mangel an einem andern Worte Güte zu nennen. Was wollen Sie? Die Sprache iſt ſo arm... und auch das Herz... ge⸗ meiniglich!... Noch an demſelben Abend beſtiegen Fräulein Orthez und Flavia wieder den Wagen und reiſten, von einer Kammerfrau und einem Bedienten begleitet, in der ge⸗ wohnten, für ihren Dienſt beſtimmten Berline nach Baiern ab. Zu gleicher Zeit ſagte die Herzogin zu den Kunden ihres Hauſes: Wir werden die Monza wiederſehen. Die Marquiſe iſt immer verliebt und eiferſüchtig, der Marquis langweilt ſich nndan mehr; wir wollen dieſen Mann zu unterhalten uchen. t Die Welt lacht über Alles! 4 . Beatrir hatte die Pferde gehört; ſie ſtand auf, über⸗ zeugt, daß dieſelben für ſie beſtimmt ſeien. Sie klingelte ihrer Kammerfrau und fing an ſich anzukleiden. Sputen Sie ſich, Joſephine; wir wollen den Herrn nicht warten laſſen. Warum iſt Madame ſo früh aufgewacht? Wiſſen Sie denn von keinen Vorbereitungen? Wir müſſen abreiſen und zwar ſchnell, Herr von Monza wird vor mir bereit ſein. müſſt daß mich ange alle ſpra halb ließ und Bed das bere vorn als Frei er w ſie ihre ſein Kla ihn entf ihre wa wei onza men, Ge⸗ rung die von bin reude inem Die ge⸗ rthez einer ge⸗ niern nden ſe iſt ſich alten ber⸗ gelte errn Wir vird 91 Madame täuſcht ſich, dieſe Pferde ſind nicht für Sie. Füͤr wen denn? Für das gnädige Fräulein und Fräulein Orthez. Sie müſſen bereits im Wagen ſitzen. Sie ſind verrückt, meine Liebe! Es iſt nicht möglich, daß meine Tochter und ihre Gouvernante ſo abreiſen, ohne mich davon zu benachrichtigen. Ich habe ſie mit dem Herrn Marquis auf der Treppe angetroffen, Madame. Mit meinem Mann! Die arme Frau gerieth auf den Gedanken, ſie reiſten alle Drei ab und ließen ſie im Stich; ihr Herz brach, ſie ſprang aus ihrem Bette und lief ohne alle Fußbekleidung halbnackt nach der Treppe. Das Wegrollen des Wagens ließ ſich vernehmen, die Peitſche des Poſtillons widerhallte und wie betäubt ſtand ſie auf der erſten Stufe ſtill. Sie ſind abgereiſt! rief ſie. Es war das Werk einer Sekunde; das gebieteriſche Bedürfniß zu wiſſen, die erſte Triebfeder der Leidenſchaft, das Verlangen, ihr Unglück zu verhindern, ohne noch zu berechnen, wie ſie ſich dabei benehmen ſolle, trieben ſie vorwärts, ſie war jedoch noch nicht unten an der Treppe, als ſie ſich Amadee gegenüber befand. Eine wahnſinnige Freude bemächtigte ſich ihrer Seele, er war dageblieben! er war bei ihr, er entfernte ihre Nebenbuhlerin, er verließ ſie nicht! Die Liebende verdrängte die Mutter, ſie vergaß ihre Tochter. Mein Amadee! mein Freund! ſtammelte ſie, ſich an ſeine Bruſt lehnend. Er ſtieß ſie nicht zuruck, unterdrückte jedoch ihre Klagen und fand keine Sylbe zur Antwort. Sie bedeckte ihn mit Küſſen und Thränen und er dachte an die ſich entfernende Chriſtine; er ſpähte nach dem letzten Geräuſche ihrer Abreiſe, nach den letzten Spuren ihrer Tritte. Es war zum Erbarmen, zu ſehen, wie dieſe zwei unſeliger⸗ weiſe unwiderruflich an einander gefeſſelten Weſen unter dem 92 Druck einer furchtbaren Leidenſchaft kämpften, wie Beide einem unvermeidlichen Verhängniß entgegengeriſſen wurden, ohne die Kraft zu haben, daſſelbe zu brechen. Ach, wie undankbar ſind wir gegen den Himmel! Wie viele Miß⸗ geſchicke und Hinderniſſe ſchaffen wir uns ſelbſt, während er Sorge getragen hatte, dieſelben zu entfernen. Wir ſtoßen ſeine koſtbarſten Gaben von uns, wir vergiften die Quellen der Genüſſe, die er uns aufbehält, und beklagen uns nachher. Amadee führte ſeine Frau in ihr Zimmer zurück. Seiner Gegenwart nun gewiß, dachte ſie an ihr ſo zärt⸗ lich geliebtes Kind. Und Flavia? fragte ſie. Flavia iſt vor uns abgereiſt, meine Liebe; ſie geht uns um einige Tage voraus. Wie, gehen wir nicht nach Paris? Gewiß. Wohlan... Wohlan, wir bleiben noch bis heute Abend hier. Beatrir gerieth in einige Unruhe. Und warum? fragte ſie mit Beſorgniß. Ich habe noch einige Augelegenheiten zu ordnen. Ich hätte vorgezogen, meine Tochter bei mir zu be⸗ halten!... Amadee, ich habe ſie ja vor ihrer Abreiſe nicht umarmt. O, ſie wollte es, und Chriſtine... und Fränulein Orthez ebenfalls. Ich widerſetzte mich jedoch, weil ich glaubte, Sie ſchliefen noch. Die betrübte Beatrir fing an zu weinen. Sie weinen wegen Ihrer Tochter, Beatrir, ſagte der Marquis verlegen, Sie werden ſie bald wieder ſehen. Ich weine wegen meiner Tochter und Ihretwegen, Deinetwegen, Amadee. Ich beweine unſer Glück, vielleicht mein Leben. Unſer Glück!... es kann wieder erblühen... wer weiß?... verſuchen wir's... Blur abgef Er ein. men, zu. ſelbſt Verl beſue neig ſtine ſeine Zerf ruhi Bea die Bec dach Pa erſt Tre u be⸗ breiſe aulein il ich e der ſehen. hegen, lleicht wer 93 O nein, Amadee, einmal abgeſchnitten, erblüht dieſe Blume nicht mehr, und Du haſt ſie bis auf die Wurzel abgeſchnitten. Herr von Monza erwiderte Nichts und entfernte ſich. Er ging in Chriſtinens Zimmer und ſchloß ſich daſelbſt ein. Dort brachte er mehr als zwei Stunden in Träu⸗ men, Verzweiflung und Ergüſſen von Jammer und Wuth zu. Er klagte den Himmel, er klagte Beatrir, er klagte ſelbſt Chriſtine an. Dieſe Liebe erinnert an das antike Verhängniß. „Die Venus iſt's, gekettet an ihre Beute feſt.“ Nachher irrte er wie ein Toller im Schloſſe herum, beſuchte ſeinen Vater, der ſich vor ihm bis zur Erde ver⸗ neigte und ihn mit Ew. Majeſtät anredete, kehrte in Chri⸗ ſtinens Zimmer zurück und ſog dort neue Nahrung für ſeine fieberiſche Aufregung ein. Ich kann nicht hier bleiben! rief er. Abgereist, die Zerſtreuungen von Paris werden mich hoffentlich be⸗ ruhigen. Mit lautem Rufen verlangte er alſobald die Pferde. Beatrir kam erſchrocken aus ihrem Zimmer. Was gibt's? wiederholte ſie mehrmals. Die Pferde! die Pferde! ſag' ich Ihnen; man bringe die Pferde. Ich glaubte bis heute Abend... Nein, jetzt, auf der Stelle will ich fort, ich leide, Beatrir... wenn Du mich liebſt... ſo reiſen wir ab. Ach, er will ſie ſehen! Er kann nicht ohne ſie leben! dachte die Marquiſe, ich hoffe vergeblich. Eine Stunde ſpäter waren ſie auf der Straße nach Paris. Als Beatrir den Hof ihres Hotels betrat, war ihr erſtes Wort eine Frage nach ihrer Tochter. In ſeine ewige Träumerei und Zerſtreuung verſunken, hatte ihr Mann nicht 94 einmal daran gedacht, ſie von der Abreiſe des Mädchens zu benachrichtigen. Er hatte es vergeſſen, wie es bei Beatrir am Morgen der Fall geweſen war. Eine unglückliche Mebereinſtimmung, die ſie auf immer trennte! Die Bedienten antworteten nicht. Flavia? wiederholte ſie, wo iſt Fräulein Flavia? Sie ſchaute ihren Herrn an und ſtammelte einige Worte. Dieſer ſah endlich ein, daß eine Erklärung noth⸗ wendig ſei, nahm ſeine Frau bei der Hand und ſagte: Kommen Sie in Ihr Zimmer, meine Liebe, wir wollen dort darüber ſprechen. Der Kammerdiener ſchritt mit einem Leuchter voran. Frau von Monza ließ ſich fortſchleppen, während ſie im⸗ mer wiederholte: Aber wo iſt meine Tochter, Amadee; wo iſt meine Tochter? Sobald ſie allein waren, entgegnete Amadee: Flavia arbeitete in unſerer Umgebung nicht genug. Sie muß ſich im Deutſchen und in der Muſik vervollkomm⸗ nen und deßhalb habe ich ſie mit ihrer Gouvernante nach München geſchickt. Ach! rief die Mutter und ſank beſinnungslos nieder. Amadee klingefte kaltblütig. Wie ich ſchon geſagt habe, ich glaube, das Herz eines Mannes, welches nicht mehr liebt, wandelt das Mitleid in Abneigung um. Wäh⸗ rend man ſich um die Marquiſe bemühte, ging er im Zimmer auf und nieder. Sobald ſie wieder zu ſich kam, ſchickte er die Dienerſchaft ab. Meine Tochter! meine Tochter! murmelte die Unglück⸗ liche; warum mir meine Tochter nehmen? Beruhigen Sie ſich, Beatrir, das mußte ſein. Mein Gott, es geſchieht ja Ihretwegen, meinetwegen; errathen Sie es denn nicht? Das konnte nicht in die Länge ſo gehen. O, verlangen Sie nicht, Ihre Tochter wieder zu ſehen, ich bitte Sie dringend darum; haben Sie Mitleid mit mir, ſchonen Sie meine Schwäche! dieſe nen. Ihn ſuche Wor und zen. Sie hege in 2 leich allen ſich Gew verle nicht habe liebe der Freu über klug ſucht der, Wur theil ſchens eatrir kliche 2 einige noth⸗ e: oran. 2 im⸗ meine enug. omm⸗ nach ieder. geſagt nicht Wäh⸗ er im kam, glüͤck⸗ Mein athen eehen. eehen, mit wir 95⁵ Ja, ich verſtehe!... wieder ſie... immer ſie... dieſe Chriſtine!... O, ſtille, und achten Sie Die, welche Sie nicht ken⸗ nen. Sie werden Zerſtreuung in der großen Welt finden, Ihnen iſt es möglich, Ihnen! Ich für mich will es ver⸗ ſuchen, aber wenn es mir nicht gelingt... Nun dann? Leben Sie wohl, Beatrir. Hören Sie auf meine Worte, denn ſie ſind feierlich; ſchenken Sie ihnen Gehör und nehmen Sie ſich dieſelben vor allen Dingen zu Her⸗ zen. Suchen Sie nicht, mein Leben zu beherrſchen, laſſen Sie mich daſſelbe ausfüllen, wie ich es wünſche, und hegen Sie keine Beſorgniß. Ich ſchwöre Ihnen, es lebt in Paris keine Frau, die ich nur anblicken will. Viel⸗ leicht können wir noch gerettet werden. Ich werde mit allem meinem Vermögen darnach trachten; widerſetzen Sie ſich nicht. Geben Sie ſich Ihren Vergnügungen, Ihren Gewohnheiten hin und beten Sie, daß Gott uns nicht verlaſſe. Er umarmte ſie nun zaͤrtlich, ſie aber erwiderte es nicht. Ich liebe Sie, Beatrir, genügt Ihnen das? Ach, Sie haben mir meinen Gatten genommen, Sie haben mir meine Tochter genommen und Sie ſagen, Sie lieben mich! Schon am folgenden Tage ging die Haushaltung wie⸗ der ihren gewohnten Gang. Die Marquiſe fand ihre Freundinnen, ihre Schmeichler wieder; man ward gerührt über ihre Veränderung, über ihre Mißgeſchicke, die ſie un⸗ klugerweiſe zu ſtark zur Schau trug. Amadee dagegen be⸗ ſuchte ſeine Lieblingsgeſellſchaften und die Herzogin wie⸗ der, die großes Mitleid mit ihm hatte. Sie verſuchte ſeine Wunde zu erforſchen, er verſagte ihr jede vertraute Mit⸗ theilung und verſchloß ſich in vollſtändiges Leugnen. Ei, er iſt kränker als ich glaubte, ſagte ſie zu dem Eine traurige Haushaltung! da hilft kein Mittel mehr. 96 Baron von Chelles; Chriſtine hatte Recht, er braucht eine Fallmütze und ein Gängelband. Von ſeiner Frau wird er jedoch weder die eine noch das andere annehmen. So geht's, wenn man ſeinen Mann zu ſehr liebt. So verſtrich ein Monat, ein Monat, während deſſen Amadee immer bläſſer und trauriger ward; Jedermann ſprach davon. Er antwortete Niemand und hielt ſich mit⸗ ten in der großen Welt vereinzelt. Seit einigen Tagen nahm ſeine Aufregung ſichtbar zu; er konnte es nicht mehr auf einer Stelle aushalten; zehnmal ſtündlich verließ und betrat er ein Zimmer. Die Marquiſe wagte nicht, ihm eine Bemerkung darüber zu machen, war aber ſehr dadurch bennruhigt. Eines Nachts ſchlief ſie nicht; der Schlaf floh ihr Lager ſchon lange— da öffuete ſich raſch ihre Thürez ſie ſtieß einen Schrei aus, ein ſchwacher Schein drang durch ihre Vorhänge, die ſie eilig zurückſchob. Sie er⸗ kannte ihren Mann, der mit verſtörtem Geſichte, ſtieren Augen und wankenden Schritten auf ſie zukam und zu ihr ſagte: Meine Liebe, ſtehen Sie auf, wir müſſen ſogleich abreiſen! 37. Die Sage. Abreiſen! wiederholte Beatrir. Zu dieſer Stunde! Und wohin, wenn's beliebt? Zu Ihrer Tochter, meine Liebe, Sie wünſchten es ja ſo ſehr! Zu Ihrer Maitreſſe, mein Herr! So müſſen Sie ſagen. Ich will nicht. Sie 5 2 eine wird zmen. nehr. deſſen mann mit⸗ Tagen mehr 3 und ihm ndurch 5 f floh hüre; drang die er⸗ ſtieren nd zu gleich tunde! es ja 1 Sie 97 Beatrir! Beatrir! Wollen Sie, daß ich verruͤckt werde? Haben Sie kein Mitleid mit mir? Die Unſinnige glaubte, er werde nachgeben und ihr Charakter ging nicht von ſeiner Gewohnheit ab. Sie wi⸗ dſebie ſich ſeinem Vorhaben halsſtarrig und zeigte ſich ſtark. Haben Sie Mitleid mit mir, Sie? Was verdanke ich Ihnen, welches von uns iſt ſtrafbar? Welches von uns Beiden hat ſich gegen ſeine Pflicht verfehlt, mein Herr? Sie haben mich immer als Magd und Opfer behandelt; ich habe Ihnen bisher gehorcht, jetzt bin ich es müde; ich werde Sie nicht begleiten. Sie werden mich nicht begleiten! Nein. Sie werden mich nicht begleiten! wiederholte er knir⸗ ſchend vor Wuth. Und ich ſage Ihnen, Sie werden mich begleiten. Nein, nein, nein. Beatrir, nehmen Sie ſich in Acht. Sie begleiten! Jenem Geſchöpfe als Trophäe dienen! Hinter ihr zurückſtehen, weil Ihre Liebe Jener gehört und Sie mich ihrer Geringſchätzung, ihrer Verachtung preis⸗ gegeben haben! Ich will es nicht mehr, hören Sie's, mein Herr, ich will es nicht mehr. Ich bin zu Allem entſchloſ⸗ ſen, ich werde Alles ertragen, aber dieſe meiner unwürdige, der Mutter Ihrer Tochter unwürdige Demüthigung nicht mehr. Während ſie ſo ſprach, warf er finſtere Blicke auf ſie, und als ihre Augen ſich begegneten, bekam ſie Furcht vor dem unheimlichen Ausdruck der ſeinigen, den ſie zum erſten⸗ mal wahrnahm. Stehen Sie auf, Madame, entgegnete er langſam und ſich immer noch zurückhaltend. Wir reiſen in einer Viertelſtunde ab. Nein, mein Herr; wozu es ſo oft wiederholen? Ich will nicht abreiſen. Die blutige Marquiſe. II. 7 98 Jetzt kannte dieſe ſo wilde, ſo unbezähmbare Leiden⸗ ſchaft, dieſe Leidenſchaft, welche ſchon Monate lang gleich einem eckelhaften Ausſatz an der Seele dieſes Mannes um ſich fraß, dieſe durch den Widerſtand, den ſie allenthalben fand, auf's Höchſte geſteigerte Leidenſchaft kannte jetzt keinen Züͤgel mehr. Amadee ſtürzte auf das Bett ſeiner Frau zu, nahm ſie barſch beim Arm, warf ſie beinahe zu Bo⸗ yn⸗ indem er ſie zum Zerquetſchen drückte, und herrſchte ihr zu: 3 Klingeln Sie, Madame, und laſſen Sie ſich ankleiden, ich will es! Jal murmelte die unglückliche, halb umgeworfen auf dem Teppich, es iſt geſchehen, ich bin verloren! Amadee achtete nicht auf ſie und klingelte ſelbſt, als er ſah, daß ſie nicht aufſtand. Die Kammerfrau trat ein. Beatrir hatte kein Wort mehr geſprochen. Niedergedrückt durch das Gewicht dieſes Unglücks, deſſen ganze Tiefe ſie ermeſſen konnte, ließ ſie ſich ankleiden, unfähig irgend welchen Widerſtand zu leiſten. Sie glich von dieſem Augen⸗ blick an einem Automaten ohne Gedanken, ohne Stimme, ohne Gefühl. Sie vermochte weder einen Befehl zu er⸗ theilen, noch die Fragen ihres Dienſtperſonals zu beant⸗ worten. Der Marquis blieb bei ihr und zeigte ſich uner⸗ bittlich und ſcheinbar kalt, während ſein Herz von Wuth, von einer jener ungeheuren Verzweiflungen verzehrt war, für die man in keiner Sprache einen Ausdruck findet. Als ſie bereit war, nahm er ſie beim Arm, ſetzte ſie in den Wa⸗ gen und ſich an ihre Seite, dann ertheilte er Befehl zur Abreiſe und bald verließen Beide das Hotel. Sie legten mehrere Stunden in gänzlichem Schwei⸗ gen zurück. Die Marquiſe bemerkte nicht, daß ihr Mann die Poſtillone ſelbſt bezahlte. Sie fühlte kein Leben mehr in ſich, ſie träumte wachend; dieſer Zuſtand der Unem⸗ pfindlichkeit wäre für jeden Andern als Amadee furchtbar geweſen, er aber ſchaute ſie nicht einmal an. — iden⸗ gZleich 3 um alben einen Frau Bo⸗ rſchte eiden, n auf , als t ein. druckt efe ſie rgend ugen⸗ imme, zu er⸗ beant⸗ uner⸗ Wuth, -r, für lls ſie Wa⸗ hl zur chwei⸗ Mann mehr Unem⸗ ichtbar 99 Der Tag brach an, ſie reiſten immer ſort. Leonoren in ihrem wahnſinnigen Grabesritt ähnlich, rasten ſie über die Straße hin. Der Marquis bezahlte dreifache Trinkgelder, man fuhr ſie, daß die Räder Funken ſprühten. Gleichviel! die unglückliche Frau wußte nicht, wohin man ſie führte; ſie frug auch nicht. Als ſie in Brüſſel ankamen, ſtieg ſie zum erſten Male aus, wies aber alle Nahrung von ſich, wie ſie es von Paris aus bisher gethan hatte. Treten Sie in's Hotel ein und ruhen Sie einige Stunden aus, ſagte Herr von Monza, ich habe Geſchäfte hier. Bedürfen Sie Etwas, ſo laſſen Sie ſich bedienen. Sie ſchaute ſich um und bemerkte zum erſten Male daß man keine Dienerſchaft mitgenommen habe; ihr Schrecken wie ihre Abgeſpanntheit verdoppelten ſich. Sie folgte Schritt für Schritt dem Mädchen des Hotels, welche ſie in ein Zimmer führte. Rufen Sie Joſephine herbei, ſagte ſie mechaniſch. Wer iſt Joſephine, Madame? fragte das Mädchen. Ach, es iſt wahr, ich hatte vergeſſen... Verlaſſen Sie mich. Sie ſank in einen Lehnſtuhl; die Magd ſchloß die Thüre, Beatrir warf langſam einen Blick umher und ihr Herz ward noch beklommener. Wohin führt er mich? ſagte ſie zu ſich. Was will er mit mir beginnen? Wenn ich entflöhe, wenn ich Flavia aufſuchte, ſie dieſer Elenden rauben und mich mit ihr in dem entfernteſten Winkel der Welt verbergen würde!... Ja, ich gehe. Und ſie ſtand auf, ſchritt auf die Thüre zu, öffnete ſie, ging einige Stufen der Treppe hinab und ſtand dann ſtill. Es war ihr, als bräche ihr Herz in Stücke. Amadee! Amadee! rief ſie in Thränen ausbrechend; Amadee verlaſſen! lieber Alles, lieber den Tod! Und ſie ſtieg raſch wieder hinauf. Da legte ſich eine Hand auf ihren Arm und eine Stimme klang in ihr Ohr: 7 100 Wohin gehen Sie, Madame? O, ich wollte fliehen, aber ich will nicht mehr. Sie wollten fliehen? Gut, daß man das weiß! Gehen Sie in Ihr Zimmer, ich bitte Sie. Sie ließ ſich dieß nicht wiederholen und kehrte in ihr Zimmer zurück. Amadee trat an's Fenſter, maß die Höhe deſſelben und ging zu der Thüre zurück. Schlafen Sie, wenn Sie wollen; wir reiſen in zwei Stunden ab. Schlafen! entgegnete ſie mit herzzerreißendem Tone. Wie es Ihnen beliebt! Er entfernte ſich und ſie hörte, wie er zweimal den Schlüſſel im Schloſſe umdrehte. O, rief ſie, eine Gefangene! Ihre Augen fielen auf ein neben ihr ſtehendes, mit ihren Wappen verziertes Käſichen; ſie erkannte ihr Juwelen⸗ käſtchen, das man eingepackt hatte. Wenn ich Niehn wollte, fuhr ſie fort, ſo hätte ich wenigſtens die Mittel, meinen Kerkermeiſter zu beſtechen; aber wohin ſollte ich gehen? Und zudem bin ich ja bei ihm; was kümmert mich das Uebrige? Die arme Frau! Solche hingebungsvolle und trotz Allem liebende Perſonen, eine ſolche Liebe, die mitten unter Schmerzen, Wunden und Beleidigungen lebt, ſie tragen auf der Stirne das Zeichen des Verhängniſſes und müſſen fruher oder ſpäter die Folgen davon erdulden. Sie ſind unglückliche Weſen, die Niemand verſteht und Nichts tröſtet. Sie wartete auf derſelben Stelle, wo er ſie verlaſſen hatte, und als er zurückkam, folgte ſie ihm ohne Bemer⸗ kungen, ohne Vorwürfe. Sie nahm ſeinen Arm an undes durch⸗ zitterte ſie wieder beiddieſer Berührung. Sie hatte nochmalseinen glücklichen Augenblick, als ſie ſich ſo nahe bei ihm fühlte. Sie beſtiegen den Wagen wieder und die Reiſe ward mit dem⸗ ſelben Schweigen, mit derſelben Regungsloſigkeit fortgeſetzt. — Behen n ihr Höhe zwei one. l den „mit velen⸗ te ich echen; ja bei trotz unter en auf nüſſen te ſind tröſtet. rlaſſen Zemer⸗ durch⸗ seinen 2. Sie t dem⸗ geſetzt. — dürfniß der Seelen dieſer Art, nach dem Bedürfniß zu 101 So ging es, bis man am Rheine ankam. Als Beatrir dieſen Fluß erkannte, ſprang ſie auf, wie eine verwundete Löwin, legte lebhaft ihre Hand auf den Arm ihres Gatten und ſagte: Wohin gehen wir? Was kann Ihnen daran liegen? Ich will es wiſſen oder ich rufe um Hülfe; ich gehe nicht weiter. Der Marquis zuckte die Achſeln. Antworten Sie mir, mein Herr. Sie gehen hin, wohin es mir beliebt, Sie zu führen; Niemand kann Ihnen Beiſtand gegen mich leiſten, denn ich bin Ihr Mann. Ich habe einen Paß, der in gehöriger Ordnung iſt, der Ihrige iſt darin inbegriffen; wir reiſen „von Paris aus ruhig; verſuchen Sie's nur, um Hülfe zu rufen, wie Sie ſagen, bringen Sie mich vor die Behör⸗ den und Sie werden ſehen. O mein Gott, mein Gott! Und ihren Kopf in ihren Händen verbergend, blieb ſie eine volle halbe Stunde ſo. Der Rhein wurde ohne Widerſtand überſchritten; ſie füͤhlte, daß ſie mit jeder Mi⸗ nute ſchwächer ward, und ſie meinte, ſie werde nicht am Ziel der Reiſe ankommen, welches auch daſſelbe ſein möge. Sie litt ſo ungemein, daß ihr Leben ſo zu ſagen kein In⸗ tereſſe mehr für ſie hatte und ſie nicht glaubte, es länger ertragen zu können. Nach München führt er mich, dachte ſie, und dort werde ich meine Tochter wieder ſehen, ich werde meine Wohnung bei ihr im Kloſter aufſchlagen, ich werde in ihren Armen ſterben und dann... dann gibt er ihr jenes Mädchen zur Stiefmutter und Alle werden mich ver⸗ geſſen! Flavia, Amadee, ſie hat mir Beide genommen! Mutter, Mutter, warum haſt Du mich verlaſſen! Du, du liebteſt mich ſehr! Geliebt werden, das iſt das erſte Ziel, das erſte Be⸗ 10² lieben, nämlich, das mit ihrer Natur ſo verwachſen iſt, daß es ſich nicht von ihr losreißen kann und ſie bis an's Ende beherrſcht. Dieſe Marter nahte ihrem Ende. Ich ſcheue mich nicht, zu verſichern, daß der Marquis noch mehr litt, als ſeine Frau; er litt mit allen Theilen ſeines Weſens; er hatte nicht, wie Beatrir, das Bewußtſein, ſein Loos nicht zu verdienen, er fühlte ſich ſtrafbar; er wäre vielleicht noch gerne an dieſem unſeligen Abhang, der ihn in's Ver⸗ derben riß, ſtillgeſtanden, allein die Leidenſchaft bemeiſterte Alles. Chriſtinens Bild, das ſchön, zärtlich und glücklich vor ihm ſtand, trat die zwiſchen ihnen aufgethürmten Hin⸗ derniſſe und Unmöglichkeiten mit Füßen. Sie wird mein ſein, ſie wird mir angehören, mein Gott! wiederholte er ſich in Anfällen von Freude und Toll⸗ heit. Nichts kann ein ſolches Glück bezahlen. Und er ertheilte Beſehl, ſchneller zu fahren, und ſein Blut kochte in ſeinen Adern und ſein Herz klopfte zum Zerſpringen. Während dieſer Zeit weinte an ſeiner Seite unter ihrem Schleier verhüllt das andere Opfer leiſe, ſpähte in ſeiner Phyſiognomie und labte ſich an ſeiner herzzer⸗ reißenden Marter. Ich glaube nicht, daß man ein auffal⸗ lenderes und traurigeres Beiſpiel der tödlichen Macht der zuͤgelloſen Leidenſchaften ſinden könne. Sie waren Beide verloren, ach! ſie waren Eines für das Andere und Eines durch das Andere verloren, unwiederbringlich verloren. Und dieſes furchtbare Unglück hatte nur eine Urſache, den Mangel an Vernunft, den Mangel an feſten Grundſätzen, Zuerſt überließ ſich Beatrir, nachher Amadee ihrer unvollkomme⸗ nen Natur, ohne daß ſie dieſelbe zu unterdrücken ſuchten. Eine übelverſtandene Erziehung lieh ihnen nicht die nöthi⸗ gen Waffen, um zu kämpfen, und als der Tag der Ge⸗ fahr kam, ſahen ſie ſich kraft⸗ und machtlos. Sie reiſten ſchon mehrere Tage ſo, als Beatrir eines iſt, an's mich als ; er nicht leicht Ver⸗ ſterte cklich Hin⸗ mein Toll⸗ ſein zum Seite pähte rzzer⸗ uffal⸗ t der Beide Eines Und angel Zuerſt mme⸗ chten. nöthi⸗ Ge⸗ eines 103 Abends ermüdet und erſchöpft einſchlief. Sie erkannte die Straße nach München und war überzeugt, in einigen Stun⸗ den dort anzukommen. Sie verlor daher die Erinnerung an ihren Kummer und Gott ſandte ihr einen ſüßen Traum, um ihr Erſatz für die Zukunft zu geben. Herr von Monza weckte ſie nicht. Dieſer lange mit ſeiner Frau unter vier Augen zurückgelegte Weg laſtete wie der furchtbarſte Ge⸗ wiſſensbiß auf ihm. Während ſie ſchlief, hielt er ſich für weniger ſtrafbar und athmete etwas freier. Seine Einbil⸗ dungskraft uͤberſprang mit einem Satze den Raum, der ihn vom Glück trennte. Was in dieſer Zwiſchenzeit vorgehen mußte, verſchwand vor ſeinen Blicken. Chriſtine! Chriſtine! er dachte nur an Chriſtine. Der Wagen hielt endlich an und das Aufhören der Erſchütterung weckte die Marquiſe. Sie rieb ſich die Augen und ſchaute ſich um, wie man im erſten Augenblicke eines unterbrochenen Schlafes immer zu thun pflegt. Der Mond beleuchtete in voller Pracht die ſchöne Frühlingsnacht; in der Ferne rauſchte Waſſer und rieſige Schatten warfen ihre dunkeln Maſſen auf Fluren, welche hie und da mit glän⸗ zenden Funken beſäet waren. Einige Perſonen drängten ſich an den Wagen. Das ferne Rauſchen rührte von den Stromſchnellen der Donau her, die großen Schatten wur⸗ den von den Thürmen und Tannen verbreitet; die ſie um⸗ ringenden Leute waren die Familie des Schloßverwalters; in einer Sekunde erkannte Beatrir dies Alles. Monza, Monzal rief ſie, ſich vor den Kopf ſchla⸗ vd⸗ Monza! Es iſt um mich geſchehen, das iſt mein rab. Die umſtehenden Deutſchen verſtanden Sie nicht, nur ihr Mann... und dieſer that, als hörte er ſie nicht. Kommen Sie ſchnell, meine Liebe, man hat Feuer in 63 Zimmer angezündet, hier herrſcht eine ſchauderhafte älte. Amadee, antworten Sie mir, um s Himmelswillen, 104 im Namen meiner Mutter, die mich Ihnen auf ihrem Sterbebette anvertraut hat. Warum führen Sie mich hie⸗ her? Was wollen Sie mit mir beginnen? Nichts, ſicherlich! erwiderte er, indem er zu lächeln verſuchte, da zeigen ſich wieder Ihre Angſt und Ihre Vor⸗ urtheile gegen dieſes arme und ſchöne Monza. Ja fuhr Beatrix fort, indem ſie ſtillſtand, um dieſes erhabene Schauſpiel zu betrachten, das ſich vor ihren Augen entrollte, ja, es iſt ein ſchönes Grab. Werden Sie nicht ungeduldig, mein Herr, ich folge Ihnen. Doch noch ein Wort: Iſt meine Tochter hier? Nein, erwiderte Herr von Monza ganz leiſe. Nun, ſo geſchehe der Wille Gottes! Gehen wir. Eines der Kinder des Verwalters, welches eine Art mand hielt, ſchritt ihnen voran; die Marquiſe erkannte es nicht. Das ſind, ſcheint es, neue Leute? ſagte ſie. Ja, meine Liebe, der alte Verwalter ſtahl mir mein Holz. Der arme Fritz! Er war doch ſonſt ein braver Mann. Man durchſchritt jene großen, düſtern und ſchwarzen Gemächer, in welchen die Rüſtungen und Waffen ſeltſame und ſchauerliche Schatten umherwarfen; die Zähne der Marquiſe klapperten vor Froſt und Furcht. Ich ſterbe vor Angſt, murmelte ſie, ſich näher an ihren Mann drängend. Sie ſind ein Kind, Beatrir. Sie gelangten an die Galerie, die baufällige, über dem Abgrund ſchwebende Brücke. Hier ſtand Frau von Monza noch einige Augenblicke ſtill. Da unten an der Donau ſtand Günthers Kapelle, nicht wahr? An was denken Sie, Madame! hinein, hinein doch in Ihr Zimmer! entgegnete ungeduldig Amadee. Sie trat ein und der Anblick dieſes Zimmers er⸗ ſchre Kam mitte eine klein Con⸗ und letten war dem durc gen, ſeine bild Zeit Leic bar Vor das die ich lich nick ihn Un me Bl vor alf bre hrem hie⸗ cheln Vor⸗ dieſes ihren Sie noch Art te es mein kann. arzen tſame 2 der er an über von apelle, doch rs er⸗ 10⁵ ſchreckte ſie noch mehr. Ein großes Feuer brannte im Kamine, luſtig und kniſternd tanzte die Flamme in dem mitten auf dem Heerde aufgeſchichteten Reiſig, neben welchem eine Kaffeekanne brodelte und einige Grillen zirpten. Dieſer kleine, heitere und belebte Winkel bildete einen auffallenden Contraſt zu dem übrigen Theil des Zimmers, dem dunkeln und feuchten Vorzimmer, dem Bette, das mit einem vio⸗ letten Baldachin, getragen von eichenen Säulen, bedeckt war, dem ſchwarzen und jeder Zierrath entblößten Getäfel, dem ſpitzen, tief in der Mauer liegenden Bogenfenſter, durch deſſen bemalte Scheiben die Mondesſtrahlen eindran⸗ gen, die auf den Steinplatten des Fußbodens, welchen man ſeines Teppichs beraubt hatte, ein phantaſtiſches Prisma bildeten, und zu dieſem melancholiſchen Geruch der lange Zeit verſchloſſen gebliebenen Orte, welcher einem wie Leichengeſang in den Kopf ſteigt. Auf die ohnedieß reiz⸗ bare Beatrir machte dieſes Alles großen Eindruck; ſie ſah Vorbedeutungen darin und todtenblaß ſetzte ſie ſich an das Feuer. Man zünde Lichter an! rief ſie, zündet den Leuchter, die Candelaber, die Fackeln an; Licht in Strömen oder ich verliere den Verſtand. Zwei oder drei Perſonen der männlichen und weib⸗ lichen Dienerſchaft brachten die Koffer; ſie verſtanden ſie nicht. Vergeblich ſuchte ſie ein bekanntes Geſicht unter ihnen. Dieſer Umſtand ſchien ihr ebenfalls ſehr ſeltſam. Sie haben alſo alle Ihre Leute gewechſelt, Amadee? Und nicht Einer von ihnen verſteht Franzöſiſch? Verdol⸗ metſchen Sie denſelben meine Befehle, ich bitte Sie; mein Blut erſtarrt in meinen Adern, ich glaube, ich habe Fieber vor Angſt. Der Marquis gehorchte ohne eine Erwiderung und alſobald wurden die Lichter angezündet. Als ſie dieſelben brennen ſah, ſchien ſie augenſcheinlich erleichtert. Gutl rief ſie, jetzt ſehe ich Irene und Günther nicht 106 mehr und ſehe die ſchreckliche Burgfrau nicht mehr an jener Thüre ſtehen, ich bin unter Menſchen. Wer wird mich 6 bedienen? Wir werden eine Kammerfrau aus München kommen laſſen; bis dahin wird ein junges Mädchen, das ein wenig Franzöſiſch ſpricht, die Stelle derſelben vertreten. Ich werde es Ihnen bald ſchicken, ruhen Sie unterdeſſen ein wenig. Ich danke Ihnen. Aber wollen Sie mich denn ver⸗ laſſen, Amadee? Vor der Hand muß ich Sie verlaſſen; ich komme jedoch wieder, wir haben mit einander zu ſprechen. .Verſchieben wir es auf morgen. Ich bin dieſen Abend zu müde und außer Stande, Sie anzuhören. Nein, es muß noch heute, es muß dieſen Abend ſein, ich kann nicht länger warten. Später hätte ich vielleicht nicht den Muth dazu... Und meine Tochter! meine Tochter! Iſt meiner Toch⸗ ter Nichts begegnet? Werden Sie mir dieſelbe zurück⸗ geben? Ihre Tochter befindet ſich wohl, ich ſchwör' es Ihnen. Wann werde ich ſie wieder ſehen? Er ſchwieg. Mein Gott! rief ſie aufſtehend, werde ich Flavia nie wieder ſehen, ſie, die uns ſo herzlich liebte, Sie wiſſen es ja. 3 Immer dieſe Tochter, murmelte er vor ſich hin. Ich werde Ihnen das Nachteſſen auftragen laſſen, dann komme ich wieder, ſeien Sie ruhig. Bis zu meiner Rückkunft denken Sie an Gott und bitten Sie ihn, daß er Ihnen einen guten Gedanken eingebe, Madame, denn heute Nacht wird ſich unſer Aller Schickſal entſcheiden. Und ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer. Beatrir ſchöpfte verdoppelte Angſt aus dieſen Worten. Sie hatte nicht die Kraft, ihn zurückzurufen. Mit ihren Befürchtungen, ihren Erinnerungen und Schmer⸗ jamn niß 107 zen allein geblieben, fühlte ſie ſich von Neuem von einer unwiderſtehlichen Luſt zum Fliehen erfaßt. , Was wird vorgehen, mein Gott? Was wird er thun? Was hat er mir mitzutheilen! O, er wird mich umbrin⸗ gen!... Ja, er hat die früheren Bedienten entfernt, er hat mich mit Fremden umgeben, die mich ohne Zweifel nicht kennen und denen man irgend ein Märchen aufge⸗ bunden haben wird. Er will ſich meiner entledigen, ich genire ihn; jenes Mädchen fordert ohne Zweifel meinen Platz... Ich will aber nicht ſterben, ich will durchaus nicht; noch ſo jung und ſchon das Leben verlaſſen! Mei⸗ nen Gatten, meine Tochter meiner Feindin überlaſſen! Nein, nein, das kann nicht ſein, der Himmel wird es nicht geſtatten! Ich will rufen, man wird mich retten! Sie ſtreckte die Hand nach der Kaminwand aus, der Klingelzug war oben abgeſchnitten; ſie ſtürzte auf das Bett zu... und fand dort das Nämliche!... Sie lief nach der Thüre zum Vorzimmer... verſchloſſen!... Sie öffnete das Fenſter, ihre Stimme verhallte in der unge⸗ ſheuren Höhe und das Rauſchen der Wogen übertönte ſie. Mein Gott! mein Gott! ich bin todt, ich bin es, unwiderruflich; er wird mich ermorden; zu Hülfe! zu Hülfe! Sie verlor immer mehr den Kopf und lief durch das Zimmer, indem ſie wiederholte: 3 O, dieſes ſchreckliche Monza! Ich wußte es wohl, ich, daß es mir Unheil bringen würde! Hier iſt meine Tochter geboren, hier wird ihre Mutter ſterben. Der Fluch iſt auf dieſem Schloſſe geblieben. 1 Erſchöpft und außer Athem ſank ſie wieder in ihren Lehnſtuhl und hier beſchwichtigten ſich ihre zu ihrem Paro⸗ rismus gelangten Schmerzen und Befürchtungen ein wenig oder nahmen wenigſtens eine andere Richtung. Sie be⸗ jammerte ſich gränzenlos; ſie durchging in ihrem Gedächt⸗ 3 niß Alles, was ſie ſeit zehn Jahren ihrer Liebe wegen ge⸗ ge der ge, iſt r jedes 145O Oual Kind, Allein⸗ dem 2, in⸗ n mit berten hürm⸗ ts an mich „ du muß noch⸗ tichts auf⸗ nußer von ge⸗ sten onza aher täd⸗ hüre nen nels 109 Das junge Mädchen antwortete in einem faſt unver⸗ ſtändlichen Franzöſiſch, der Herr Marquis habe ihr den Schlüſſel zugeſtellt. Beatrir furchtete Nichts mehr. Sie beruhigte ſſich faſt ebenſo ſchnell, als ſie in Schrecken gerathen war. In⸗ deſſen konnte ſie ſich täuſchen, Amadee's Pläne gegen ſie konnten von einem Augenblick zum andern wieder erwachen. Sie war ihrer Tochter ſchuldig, ein Rettungsmittel zu ſuchen. Die Kammerfrau näherte ſich ihr ſcheu, betrachtete ſie neugierig, aber mit augenſcheinlichem Mitleiden. Die Marquiſe ſetzte ihre Hoffnung auf ſie. Hören Sie; vor allen Dingen, wie heißen Sie? Liſabeth. Liſabeth, haben Sie einen Geliebten? Wollen Sie heirathen? O ja. Haben Sie eine Ausſteuer? Ach, nein. Wohlan, Sie können ſich heute Nacht eine ſolche ver⸗ dienen, wenn Sie treu ſind, wenn Sie einer unglücklichen Frau das Mitleid zeigen, das Ihre Phyſiognomie ausdrückt. Ich will einen Brief ſchreiben; wiſſen Sie ein Mittel, ihn abzuſchicken, ohne daß Herr von Monza es erfährt? Liſabeth zauderte. Die Marquiſe öffnete ihr Juwelen⸗ käſtchen, drückte auf eine Feder, nahm eine Handvoll Gold aus dem geheimen Schubfache und warf es dem zu ihren Füßen kauernden jungen Mädchen in den Schooß. Nehmen Sie dieß und wenn Sie mir die Nachricht geben, daß mein Brief angekommen iſt, werde ich Ihnen noch ebenſo viel geben, Schwören Sie mir das! Ich ſchwöre es Ihnen. Bei Chriſto? fragte ſie, auf ein großes an der Bett⸗ wand angebrachtes Crucifix deutend. Bei Chriſto. 110 Wohlan, ſo geben Sie mir Ihren Brief, und ich ſchwöre Ihnen auch bei Chriſto, daß er ankommen wird. Der Himmel möge Sie für dieſe Worte ſegnen! Sie nahm eine Feder, ſchrieb einige Zeilen, verſiegelte das Billet und übergab es Liſabeth. Das Alles war in einem Augenblick geſchehen. Verbergen Sie dieſes Billet in Ihrer Taſche. Mor⸗ Sch gen früh laſſen Sie den Boten abgehen und anbefehlen alter Sie ihm Cile. Sie aber, bleiben Sie heute Nacht bei furci mir und verlaſſen Sie mich nicht, ſelbſt wenn Herr von men⸗ Monza es befiehlt. tend Madame, ich muß den Brief ſogleich fortſchicken, mer wenn man Nichts davon erfahren ſoll. Ich kann meinen daue Bräutigam aufſuchen und ihn aus dem Schloſſe ſchaffen, und aute ohne daß Jemand ſich darum kümmert. Morgen wäre das nicht der Fall, er müßte ſagen, wohin er geht. drän Was iſt dann zu machen?... Werden Sie lange V fortbleiben? Nur ſo lange, als erforderlich iſt, in die Stube des 1 Verwalters zu gehen, Hans ein paar Worte zu ſagen und Schi. wieder zu kommen. allei Nicht länger? die i O nein. ſich So laufen Sie ſchnell und eilen Sie, zu mir zurück⸗ 3 zukehren. Ich kann hier nicht allein bleiben, ich würde zurüc ſterben. ich z Das glaub' ich wohl, Madame, es iſt hier ſo ſchauer⸗ Ama lich. Seien Sie ruhig, innerhalb zweier Paternoſter bin das mein ich wieder hier.. Ich erwarte Sie, Liſabeth. Schließen Sie mich ein Toch und geben Sie den Schlüſſel Niemand.* Das junge Mädchen lief fort. aerflo Locke den trock jicken, affen, wäre lange V de des und trück⸗ vürde auer⸗ r bin h ein neinen 111 38. Die Krone der Marquiſe. Mit klopfendem Herzen horchte Beatrir auf die Schritte der ſich entfernenden Liſabeth. Die Echos dieſer alten Zimmer wiederholten jedes Geräuſch und machten es furchtbar. Einige Minuten lang herrſchte das vollkom⸗ menſte Schweigen, dann ſchien es ihr, als hörte ſie ſtrei⸗ tende Stimmen in dem großen Waffenſaale, der ihr Zim⸗ mer von dem ihres Mannes trennte. Der Wortwechſel dauerte ziemlich lange und ſie glaubte die Stimme Amadee's und die des jungen Mädchens zu erkennen, welche immer lauter ward und eine Art durch Ehrerbietung zurückge⸗ drängte Ungeduld merken ließ. Er wird ſie geſehen haben, ſagte ſie bei ſich, und mein Briefchen wird nicht anlangen. Sie lief auf die Galerie und ſtellte ſich dort als Schildwache auf, indem ſie mehr zu vernehmen hoffte, allein eine neue Stille trat ein und man hörte nur noch die in den gewölbten Gängen wiederhallenden Tritte, die ſich immer mehr entfernten. Was macht er mit Liſabeth? Warum kommt ſie nicht zurück? Hat er ſie irgendwo hingeſchickt? Mein Gott, ich zittere und mein Herz ſchlägt hörbar... Ich Närrin! Amadee kann nichts Böſes mit mir vorhaben. Amadee, das einzige Weſen, das ich mit der ganzen Zättlichkeit meines Herzens geliebt habe, Amadee, der Vater meiner Tochter!... Amadee! Amadee! Sie lehnte ſich an den Gewölbbogen der Thüre und zerfloß in Thränen; die empfindliche Kuͤhle der Nacht, das Lockende des auf dem Herde kuiſternden Holzes verſchwan⸗ den vor ihrem Schmerz, ihren Befürchtungen. Plötzlich trocknete ſie raſch ihre Augen, warf mit einer haſtigen Be⸗ 11² wegung ihre Haare zurück und horchte... Man lief mit großen Schritten, man öffnete und ſchloß barſch mehrere Thüren bis zum Zimmer des Herrn von Monza. Man ſprach leiſe, wie ſie glaubte; man näherte ſich und die Bewegung ward immer deutlicher. Tauſend Ideen, eine wunderlicher als die andere, kreuzten ſich in ihrem Kopfe; ſie bildete ſich ein, ſie gerathe einer Räuberbande in die Hände, die bezahlt ſei, um ihr das Leben zu rauben; ſie meinte ſie zu hören, zu ſehen; die Thure wich unter ihren Anſtrengungen, ſie traten ein; ſie waren da; ſie ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und flüchtete ſich hinter die Vorhänge ihres Bettes, indem ſie ihren Kopf in ihren Händen verbarg, ihren Athem an ſich hielt, den Tod er⸗ wartete und nicht einmal die Kraft hatte, ein Gebet zu murmeln. Es gibt Augenblicke, in welchen uns der Schrecken unvernünftig beherrſcht, wo wir nicht im Stande ſind, den⸗ ſelben zu zugeln, wo er dem Schwindel, der Tollheit gleicht. Beatrir litt ſchon lange, ſie litt zu jeder Stunde des Tages, in ihren Nächten vergaß ſie den Schlaf; ihr ganzes Daſein, eine langſame und dumpfe Marter, das eine zu ſchwere Bürde fuͤr ſie geworden war, drückte das Bischen Energie, das ſie von der Natur empfangen hatte, darnieder und untergrub es. In dieſem Augenblick, wo ſie, wäre ſie Herrin ihrer ſelbſt geweſen, auch Herrin ihrer Lage hätte werden können, war ſie muthlos. Sie überließ ſich einem Schrecken, der ohne Zweifel durch ihre Stellung und den Anſchein ſehr gerechtfertigt war, über den ſie aber mög⸗ licherweiſe leich den Sieg davongetragen haͤtte. Als ſie fühlte, daß ſie der ſchwaͤchere Theil war, ward ſie in Folge ihres Charakters niedergeſchlagen, ſie verſuchte nicht, die Elemente eines Kampfes wieder aufzufinden, ſie verlor ihren Willen, ſobald ſie denſelben unnütz wähnte. Die Ahnungen, die ſie ſeit ihrer Verheirathung in dieſem Schloſſe nährte, die Erinnerungen an Günther und Irene nahmen in Ver unh Gel und die ſteck ſchen und der lang und Abge Sie die Stin ſtand ſie ge Jam allein kannt Freut ohne wollte ihren man Di 113 f mit in ihren mit Vorurtheilen behafteten Augen furchtbare ehrere Verhältniſſe an. Sie erinnerte ſich an die Umſtände dieſer Man unheilvollen Reiſe, an die Scene in Paris; ſie deutete die dd die Geberden, die ſeltenen Worte Amadee's nach ihrem Sinne eine und als ſie geſpenſterbleich und mit fliegenden Haaren, vopfe; die ſich in ihrem haſtigen Laufe aufgelöſt hatten, ihr Ver⸗ n die ſteck verließ, murmelte ſie: 3 ſie Muth, mein letzter Tag iſt gekommen! ihren Sie warf in jeden Winkel des Zimmers einen for⸗ ſtieß ſchenden Blick, ſie that einige Schritte nach der Galerie er die und ging, einen gewaltſamen Entſchluß faſſend, bis zu ihren der Verbindungsthüre, die ſie zu öffnen verſuchte; es ge⸗ d er⸗ lang ihr jedoch nicht. Das verdoppelte ihre Aufregung het zu und ihre Furcht. Sie rüttelte mit allen Kräften daran. Amadee! Liſabeth! rief ſie. recken Nichts! Man hörte nur das fortwährende Auf⸗ und den⸗ Abgehen in einem Zimmer. eicht. Amadee! Amadee! um's Himmelswillen, antworten ages, Sie mir, kommen Sie! nſein, Nichts! were Jetzt warf ſie ſich im Parorismus der Furcht auf ergie, die Kniee und flehte: und Mein Gott, mein Gott, hilf mir! e ſie Gott und die Menſchen ſchienen fühllos gegen ihre hätte Stimme. Einem zur Schlachtbank beſtimmten Opfer gleich, inem ſtand ſie auf und ging unentſchloſſen, ſterbend, noch bevor den ſie getroffen war, in ihr Zimmer zurück. Ihr Herz brach vor nög⸗ Jammer über ſich ſelbſt; ſie beweinte ſich, ſie beweinte ſich s ſie allein. Sie ſollte im zweiunddreißigſten Jahre ſterben, unge⸗ e in kannt in dieſem einſamen Winkel der Welt ſterben, ohne einen nicht, Freund bei ſich zu haben, ohne ihre Tochter wieder zu ſehen, erlor ohne vielleicht eine Spur von ihrem Tode zurückzulaſſen! Wie Die wollte man ſie tödten? Beabſichtigte man, ſie in den zu loſſe ihren Füßen gähnenden Abgrund zu ſtürzen? Gedachte hmen man ſie zu ermorden, indem man ihr Geſchrei erſtickte? Die blutige Marquiſe. II. 8 114 Wollte man ihr den Tod in irgend einem Getränke bei⸗ bringen? Und nachher! nachher würde ihr Mörder ſagen, ihre eiferſüchtigen Chimären, ihre wunderlichen Ideen hätten ihr den Kopf verdreht und ſie habe dieſem Leben voller Unglück und Demüthigungen eigenhändig ein Ende gemacht. Dann würde er ihre Nebenbuhlerin heirathen und ihre beiderſeitige ſchmachvolle Liebe ihren troſtloſen Schatten noch beſchimpfen! Nein, o nein! rief ſie. Das kann, das ſoll nicht ſein. Ich bin Flavia die Wahrheit ſchuldig, ich ſchulde ihr das letzte Lebewohl ihrer Mutter. Flavia, meine Flavia wird nicht dulden, daß man mein Andenken entheilige. Sie wird mich rächen. Die Marcquiſe öffnete ihr Reiſekäſtchen, nahm die nothwendigen Schreibmaterialien hervor, ging aber vorerſt noch einmal an die Thüre des Vorzimmers und verſuchte die Riegel derſelben zu ſprengen; allein ſie widerſtanden allen ihren Anſtrengungen. Bei einer näheren Unterſuchung derſelben bemerkte ſte, daß ſie angenagelt ſei. Sie ver⸗ barrikadirte ſich daher auf's Beſte und ging nun ruhiger an ihre Beſchäftigung. „Meine Tochter, meine theure Tochter,“ ſchrieb ſie. „Du wirſt Deine arme Mutter nicht mehr ſehen! Man hat uns getrennt, mein Kind, um das barbariſche Vor⸗ haben auszuführen, dem ich mich nicht widerſetzen kann. Ich weiß noch nicht, welche Hand den Streich nach mir führen wird; allein ich weiß, welche Hand denſelben leitet. Das niederträchtige und ſchändliche Geſchöpf, dem meine blinde Gutmüthigkeit Dich anvertraut hat, dieſe Chriſtine Orthez, die mir Alles, ſogar Deine Zärtlichkeit geraubt hat, Flavia, dieſes herzloſe Mädchen von unedler Abkunft verlangt noch mehr; ſie will meinen Namen und die Stelle, die ich einnehme; ſie will mein Vermögen und meinen Rang. Ihr Chrgeiz iſt nicht mit Wenigerem zufrieden. Beſtrickt und von ihr verführt, hat Dein ſchwacher und e bei⸗ ſagen, hätten voller V nacht. ihre hatten ſein. r das wird Sie 1 die orerſt ſuchte unden hung ver⸗ higer ſie. Man Vor⸗ ann. mir eitet. neine ſtine aubt unft elle, inen den. und unglücklicher Vater weder Kraft noch eigenen Willen mehr. Klage ihn nicht an, Flavia, er iſt nicht ſchuldig! O nein, er iſt es nicht, er kann es nicht ſein! Liebe ihn, wie ich ihn liebte; erſetze mich bei ihm, gib ihm all das Glück, das meine Liebe ihm nicht zu geben vermochte. Aber höre und nimm meinen letzten Willen, meinen heiligen Willen zu Herzen und führe ihn bei Strafe meines ewigen und des göttlichen Fluches aus. Dulde unter keiner Bedingung, unter keinem Vorwande, daß dieſe Verbindung zwiſchen meinem Amadee und meiner Mörderin zu Stande komme. Wende alle nur möglichen Mittel an, um dieß zu verhin⸗ dern; verwende Dein Vermögen darauf, wenn es nöthig iſt, aber nie, hörſt Du, Flavia, nie ſoll dieſe eidbrüchige Verbindung durch die Geſetze und die Kirche geheiligt wer⸗ den oder meine Gebeine werden ihrem Grabe entſteigen und Dich Muttermörderin heißen! „ZJetzt lebe wohl, Kind einer ſo jammervollen Liebe, und doch angebetetes Kind; ſei glücklich, ſei geſegnet, wenn Du auf meine Stimme hörſt, wenn Du meinen letzten Wunſch erfüllſt! Vergiß mich nicht, liebe Deine ab⸗ weſende Mutter mehr, als Du ſie bei ihren Lebzeiten lieb⸗ teſt; Du haſt gegen mein Andenken Vieles gut zu machen, ich verzeihe Dir, wie ich Dir immer verziehen habe; die Barmherzigkeit einer Mutter iſt unerſchöpflich. Mein und Deines Vaters Wunſch iſt, Dich mit dem Grafen Robert von Chamarante, meinem Vetter, zu vermählen. Ich kenne und ſchätze ihn, er iſt Deiner würdig; er, er wird Dich nicht täuſchen. Ich beſchwöre ihn im Namen meiner Mut⸗ ter, welche die ſeine war, im Namen des ſchrecklichen Todes, den ich erleiden werde, dieſe Familienheirath zu ſchließen. Ich werde beinahe glücklich einſchlafen, indem ich Dich ſeinen Händen übergebe. Möge das Glück, be⸗ ſonders aber der Friede Euch begleiten, meine Geliebten! Möge mein Beiſpiel Euch zur Lehre dienen! Denkt an mich, bittet für mich, ich will für Euch bitten. O mein 8 116 Kind, mein Kind, ſo muß ich Dich denn verlaſſen! Dich nie wieder ſehen... Liebe Deinen Vater... Die Feder entftel ihren Händen, ihr Schluchzen er⸗ ſtickte ſie. Dieſe unglückliche, mit dem Siegel des Ver⸗ hängniſſes geſtempelte Frau, mußte alle Qualen durch⸗ machen, alle ihre Thränen vergießen. Dieſe Todesangſt, die ſie jetzt erlitt, ſühnte und bezahlte die Fehler ihres Charakters, oder vielmehr die ihrer Erziehung. Sie ſollte ſich in einigen Stunden reinigen und eine ganze Heilige werden. Das Herz der Mutter, der großmüthigen und hingebungsvollen Frau, welche ihrem Henker verzieh, die ihn bedrohende Gefahr von ihm abzuwenden und ihm die Liebe ſeines Kindes zu erhalten ſuchte, verwiſchte die eifer⸗ ſüchtige Liebende, welche auf ihre Nebenbuhlerin den Fluch ihrer Tochter herabrief. Man kann nicht ohne Mitleid und Grauſen an dieſes Märtyrerthum denken. Nachdem Frau von Monza ſich noch einige Augen⸗ blicke ihrem Schmerz überlaſſen hatte, ſuchte ſie in der Beſorgniß einer Störung einen Platz, wo ſie ihr koſtbares Teſtament niederlegen könnte. Ihre Blicke fielen auf das eiſerne Kiſtchen, in welchem ſie auf der Reiſe ihre Kleino⸗ dien verwahrte; dieſes beſaß ein geheimes Fach, welches Flavia ganz gut bekannt war, von dem jedoch deren Vater und Chriſtine, wie ſie wenigſtens vermuthete, Nichts wußten. Ihr Geſchmeide mußte natürlich ihrer Tochter zugeſtellt werden, man konnte es ihr nicht rauben, da man es, laut ihrem Heirathskontrakt, in welchem Alles aufgeſchrieben war, vorweiſen mußte. Sie konnte daher kein ſichereres Mittel finden. Sie öffnete den Deckel; der erſte Gegen⸗ ſtand, der ihr in die Augen ſiel, war ihr ſchöner Hoch⸗ zeitsſchmuck, jene Marquiſen⸗Krone, Zeuge der ſchrecklichen Kataſtrophe, der ſie all ihr Unglück verdankte, oder die wenigſtens der erſte Ring in der Kette deſſelben war, und der verwelkte Strauß der armen Sophie. Sie lächelte traurig, nahm das unheilvolle Kleinod heraus, und be⸗ 117 trachtete es lange, indem ſie es nach allen Richtungen um⸗ wandte, um die Spur der ſchrecklichen Erinnerungen daran zu ſuchen, die es ihr in's Gedächtniß rief. Ja, ſagte ſie leiſe, die blutige Marquiſe, das iſt mein Name und dieß meine Krone. Meine Krone, ge⸗ färbt mit dem Blute der armen Sophie und vielleicht im nächſten Augenblick mit dem meinigen! Am erſten Tage Blut, das Blut eines jungen ermordeten Mädchens, das Blut meines Vormunds... und am letzten Tage das Blut des letzten Opfers. Das iſt richtig, ſo muß es ſein, ſo will es Gott ohne Zweifel. Wohlan, wenn er kommt, ſo wird er mich zum Opfer geſchmückt finden; er wird die blutige Marquiſe bereit finden, zu endigen, wie ſie begonnen hat. Beatrir ſtand auf, näherte ſich dem Spiegel und be⸗ gann mit der Kaltblütigkeit, welche das Uebermaß der Ver⸗ zweiflung oft verleiht, ihre Toilette, ihre Sterbetoilette, eine Toilette, ſchauerlicher und ſchmerzvoller als ein Sterbe⸗ geſang. Sie nahm ihre Haare auf, deren ſchlechtbefeſtigte Flechten demungeachtet auf ihre Schultern herabfielen, und legte um ihre Stirn das von Edelſteinen blitzende Diadem, das einen furchtbaren Contraſt mit der Unordnung ihres Anzugs, mit ihrem bleichen Geſichte, mit den beinahe irren Blicken, welche ihre gerötheten Augen ſchoſſen, mit dem verwelkten Strauß an ihrem Buſen bildete. Es war Ophelia mit ihrem Kranz von Stroh.*) Die arme Beatrir! Sie lächelte ſeltſam, als ihr Werk beendigt war, und ſagte dann, ſich noch einen Augenblick im Spiegel be⸗ ſehend: Jetzt kann er kommen, ich erwarte ihn und bin bereit! Ihre durch die langen Leiden bis zum Wahnfinn auf⸗ *) Vgl. Shakeſpeare's Hamlet„Act 4, Scene 7. Anm. d. Ueberſ. 118 geregte Leidenſchaft, ließ dieſen Träumereien freien Lauf; dieſe Einbildungskraft beherrſchte in ſolchen Stunden troſt⸗ loſer Verzweiflung das unter Thränen und erlittenen Täu⸗ ſchungen beinahe ertödtete Herz. Beatrir ſchritt umher, öffnete das Fenſter und betrachte das ſo ruhige Schauſpiel, das der Mond noch immer beleuchtete. Nichts verändert die Ordnung der Elemente und der Natur; die größten Verbrechen werden mitten unter Blu⸗ men, Bächen, grünen Fluren begangen. Der Vogel ſingt, die Sonne ſcheint, waͤhrend wir weinen, während wir zu⸗ weilen verzweiflungsvoll ſterben. Es gelingt den unſeligen Leidenſchaften des Menſchengeſchlechts nicht, das Werk des Schöpfers zu zerſtören; die Sterne funkelten in der Nacht des 2. Septembers am Himmel, wie in den ruhigſten Nächten in Arkadien. Die blutgerötheten Wellen der Seine ſpiegelten ihren Glanz zurück, wie das friedliche Waſſer des Lignon unter ſeinen Lauben von Geißblatt und Roſen. Indeſſen verſtrich die Zeit und Beatrir ſah Niemand erſcheinen. Sie begann faſt ohne ihr Vorwiſſen ruhiger zu werden und die erſchöpfte Natur verlangte ihre Rechte. Sie ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl am Fuße ihres Bettes, lehnte ihr Haupt hinten an und betrachtete an der Decke die von den Leuchtern gebildeten Schatten. In Folge einer ſeltſamen und doch ganz richtigen phyſiſchen Einwir⸗ kung begann ſie dieſelben zu zählen, in ihre Gedanken zu verflechten und Zeichnungen daraus zu bilden, deren Linien ſie mit einem ſo ruhigen Intereſſe verfolgte, als hätte ſie ſich in ihrem Schlafgemach in Paris befunden. Allmälig verwirrten ſich dieſe Figuren, ihr Augenlid um⸗ ſchleierte ſich, ihr Athem wurde ruhiger, endlich ſchlief ſie ein!... Der Indianer ſchläft mitten unter den Qualen des Folterpfahls. Wie lange blieb ſie ſo? Sie konnte ſich unmöglich Rechenſchaft darüber ablegen; als ſie jedoch beim Geräuſch umgeworfener Stühle erwachte, ſchlug ſie die Augen auf. Am ſie übe hole Unf and fra⸗ Sie Kle für er ther däck Sie das hab doch war ſten gro wiß köng ihre fand Lauf; troſt⸗ Täu⸗ mher, iſpiel, d der Blu⸗ ſingt, r zu⸗ eligen k des Nacht gſten Seine des nand higer echte. ettes, Decke folge wir⸗ nken deren als nden. um⸗ f ſie alen glich uſch auf. 119 Amadee ſtand vor ihr, bläſſer, entſtellter, zitternder als ſie vielleicht. Ach, ſagte ſie, da iſt er! ich hatte mich nicht getäuſcht. Einige Minuten lang blieben ſie einander ſo gegen⸗ über, ohne zu reden; man hörte ihr beklommenes Athem⸗ holen, man hätte ihre Pulsſchläge hören können. Die Unſchuldige gewann zuerſt wieder Faſſung, wie es nicht anders ſein konnte. Warum ſind Sie nicht früher gekommen, Amadee? fragte ſie, ich erwarte Sie ſchon lange! Was bedeutet dieſer Kopfputz? fragte dagegen er. Sie haben einen ſeltſamen Augenblick gewählt, um ihre Kleinodien anzuprobiren. Dieſer Putz iſt ganz natürlich, Amadee. Er paßt für den jetzigen Augenblick, für den Namen, den ich trage; er ruft die Erinnerungen an unſere Vermählung, dieſe ſo theuren, ſo friſchen, ſo lachenden Erinnerungen in's Ge⸗ dächtniß zurück, nicht wahr? Und ſie brach in ein ſchneidendes Lachen aus. Sie thun mir weh, entgegnete Amadee mit Ungeduld, Sie thun mir furchtbar weh, Beatrir. Wirklich? fuhr ſie in eben ſo ſchneidendem Tone fort. Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu plaudern, um das Gefühl, auf welches zu zählen Sie mich gewöhnt haben, auf die Probe zu ſtellen; Sie verwirren mich je⸗ doch mit Ihren Tollheiten, meine Liebe. Beatrir ſchöpfte noch einmal Beruhigung. Dieſes wankelmüthige und reizbare Gemüth war für die flüchtig⸗ ſten Veränderungen empfänglich und verwandelte ſich mit großer Leichtigkeit. Sie glaubte ſich ihres Triumphes ge⸗ wiß, ſobald Amadee ſich ſchüchtern zeigte, und nahm eine königliche Miene an, indem ſie ihm antwortete: Ah, Sie wollen plaudern; wohlan, ich höre Sie an. Sichtlich verlegen, zauderte Amadee, das, was er ihre Uuterhaltung nannte, wieder aufzunehmen. Endlich fand er nichts Beſſeres zu ſagen als: Beatrir, lieben Sie mich? Sie ſchaute ihn erſtaunt an. Dieſer Anfang machte einen Strich durch alle ihre Vorausſichten. Er war nicht mehr ein Mörder, er war nicht mehr ein in der Leiden⸗ ſchaft wüthender Mann, der ſein Opfer ſuchte und ſich auf ſie ſtürzte, um ihr den Reſt von Leben zu nehmen, der ſeine Geringſchätzung ihr noch ließ. Er war ein beſorgter Gatte, der an einer ſchon ſo oft verletzten Liebe zweifelte und nicht wagte, die Probe davon zu fordern. Allzu liebend, allzu leidenſchaftlich, um die Illuſionen zu verſcheuchen, glaubte die arme Beatrir an eine Rückkehr, an Gewiſſensbiſſe, an eine Buße, ihr Herz ſchlug höher vor Freude, es jubelte der Verzeihung entgegen und gewährte ſie, bevor noch ihre Lippen Zeit gehabt hatten, ſie auszuſprechen. Sie fragen mich, ob ich Sie liebe, Amadee! Ja. Ich habe Sie geliebt; ich habe Sie mehr geliebt, als je eine Frau einen Mann auf dieſer Welt liebte; Sie ha⸗ ben mich dafür mit Verachtung, Vernachläſſigung belohnt, und jetzt fragen Sie mich, ob ich Sie noch liebe! Auch Herr von Monza glaubte ſich ſeines Sieges gewiß. Seine Herrſchaſt war immer dieſelbe, er verſtand ſie vortrefflich und dachte nach der Gewohnheit ſeines Ge⸗ ſchlechtes nur daran, ſie zu mißbrauchen. Ich bedarf Ihrer ganzen Liebe„Beatrir, allein nicht einer gewöhnlichen Liebe, einer egoiſtiſchen Liebe, ſondern einer hingebungsvollen, unbeſchränkten Leidenſchaft, einer vollſtändigen Selbſtverläugnung; ich dachte ſie bei Ihnen zu finden, ſollte ich mich getäuſcht haben? Das Herz der Marquiſe überwallte vor Freude; ſie vermuthete nicht, daß man die Liebe einer Frau anrufen könne, um ſie zum Werkzeug ihrer Marter zu machen; kindlich und zärtlich wie am erſten Tage, hatte ſie nicht einmal den Schatten eines Verdachts. Sie ſchlang ihre beiden Arme um den Hals ihres Mannes und bedeckte ihn mit Kuſſen, indem ſie heiter lächelnd hinzufügte: mie ec kan in Leb Nu eife die Liel eine nen Geſ Chr er f Sie ich mack erthe ten; Du lang zürnt ſo iſt In d und Du l nachte nicht eiden⸗ d ſich a, der orgter te und bend, aubte , an abelte noch als ha⸗ ohnt, leges tand Ge⸗ nicht dern iner nen ſie tfen en; icht hre ihn 121 Und ich, die ich vermuthete, Du kämeſt hieher, um mich umzubringen! „ Der Marquis fuhr zurück, als wäre er auf eine Schlange getreten, und wurde noch bläſſer. Sie ſind toll, Beatrir! Ich weiß es jetzt wohl. Aber was willſt Du? Was kann ich thun? Bedarfſt Du meiner Unterſchrift? Biſt Du in Geldverlegenheit? Soll ich ein Jahr, zehn Jahre, mein Leben lang in Monza bleiben? Es nie wieder verlaſſen? Nur Dich ſehen? Sollte ich glücklich genug ſein, Dich eiferſüchtig zu machen? Ei, ſage, ſage doch! Mein Gott, die Ungeduld verzehrt mich. So viel Treuherzigkeit, ſo viel Gutmüthigkeit, ſo viel Liebe gingen Amadee ſtark zu Herzen und verſetzten ihm einen furchtbaren Schlag, ſo daß er im Begriff war, ſei⸗ nen verbrecheriſchen Gedanken zu entſagen und dieſes ſanfte Geſchöpf durch eine vollſtändige Umkehr zu belohnen; allein Chriſtine's Bild überwältigte ſeine Gewiſſensbiſſe bald und er fuhr fort: Wir haben einander nie recht gekannt, meine Liebe. Sie werden mir die Gerechtigkeit erweiſen, zu ſagen, daß ich Alles gethan habe, um Ihnen Ihre Stellung klar zu machen. Ich habe nicht aufgehört, Ihnen Nathſchläge zu ertheilen, wie die Eindrücke, die ich empfing, ſie erheiſch⸗ ten; allein Sie haben denſelben nicht Rechnung getragen... Amadee, unterbrach ſie ihn, immer lächelnd, wenn Du willſt, daß Deine Predigt mich nicht gar zu ſehr langweile, ſo bitte ich Dich, nicht das ceremonielle oder er⸗ zürnte Sie zu gebrauchen; es gibt keine Mitte, mein Herr, ſo iſt es. Meinetwegen, erwiederte er mit verdrießlicher Miene. In den erſten Tagen unſerer Che liebte ich Dich, Beatrir, und es hing nur von Dir ab, dieſe Liebe ewig zu machen. Du haſt es nicht gewollt. 3 Ich hätte es nicht gewollt! 122 Nein; Du haſt ſie durch Deine Verdächtigungen, Deine Verfolgungen, Deine Launen getödtet; Du haſt mich gezwungen, anderswo Zerſtreuung zu ſuchen, Du haſt mir mein Haus unerträglich gemacht, Du haſt Dich als Fremde, als Herrin und nicht als Frau und Mutter darin feſtgeſetzt. Das haben Sie gethan, Madame, ſo haben Sie unſer Glück und unſere gemeinſame Zärtlichkeit zerſtört, iſt das nicht wahr? O, rief die arme Marquiſe ſchluchzend, Du ſagſt, Du liebeſt mich nicht mehr und ich ſei Schuld daran! Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie verwunde, fuhr Amadee fort, unwillkürlich in eine minder vertrauliche Sprache zurückgerathen; allein ich ſchulde Ihnen in dieſem Augenblick, wo es klar zwiſchen uns werden ſoll, die Wahrheit. Ich ſuche mich nicht zu entſchuldigen, indem ich Sie anklage, ich bin gleichſam ein Richter, ich wäge die beiden Schalen unparteiiſch, weil es nothwendig iſt. Wo willſt Du hinaus? Um Gottes willen erkläre Dich! Ich will, daß Sie genau wiſſen, warum ich für Sie nicht mehr jene ausſchließliche Liebe hege, auf die Sie Anſpruch zu machen haben; ich will, daß Sie mich nicht allein verdammen, wenn ich mich als ſtrafbar bekenne. Es waͤre mir zu ſchmerzlich, Ihre Vorwürfe zu ertragen, es iſt ſchon genug an denen, die ich mir ſelbſt mache. Du liebſt mich nicht mehr! Du liebſt mich nicht mehr! wiederholte Beatrir; denn ſie verſtand unter dieſen Worten nichts Anderes. Sie irren ſich, ich liebe Sie, ich ehre, ich achte Sie; ich vertraue Ihnen wie dem Reinſten und Heiligſten auf Erden. Ich rechne auf Ihre Nachſicht, auf Ihre Hin⸗ gebung, wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, auf Ihre gänz⸗ liche Selbſtverläugnung. ja. Lieben Sie mich hinlänglich, um mir das größte Opfer zu gewähren, das eine Frau einem Manne brin⸗ gen kann? Wie liebſt um vigne meine Mutt noch Mon mit? er ſo ter, ſchläg nicht Du 1 Alleit Leben bliebe ſie a⸗ 123 igen, Welches Opfer? willſt Du mein Leben? Nimm es! mich Wie ſollte ich deſſen bedürfen, da Du mich nicht mehr mir liebſt? mde, Ihr Leben?.. Nein. Ihr Glück?... Ja. eſetzt. Du willſt mir meine Tochter nehmen! unſer Ihr Geiſt wagte nicht weiter zu gehen, das um mich des unſterblichen Ausdrucks der Frau von Se⸗ vigné zu bedienen. jagſt, Ihre Tochter?. Ja. 1 Du wirſt alſo dann ſehr glücklich ſein, wenn ich fuhr meine Tochter nicht mehr habe? liche Glücklich! vielleicht... befriedigt wenigſtens. leſem O Amadee, Amadee! auf ſolche Weiſe das Herz einer die Mutter brechen! ndem Beatrir, haben Sie Mitleid mit mir!.. das iſt wäge nooch nicht Alles. ſt. Mein Gott, ich zittere... rede... rede... Dich! Sie machten mir das Anerbieten, einige Jahre in Sie Monza zu bleiben; das müſſen Sie. Sie In Monza ohne meine Tochter? Doch wenigſtens nicht mit Dir. enne. Er zögerte wieder einen Augenblick, dann antwortete agen, er ſo leiſe, daß ſie es mehr errieth als hörte: e. Ohne mich. nehr! Ohne Dich! rief ſie, ohne Dich, ohne meine Toch⸗ orten ter, hier, allein, und das verlangſt Du von mir, das ſchlägſt Du mir vor, und Du ſagſt, Du wolleſt mich Sie; nicht tödten! Du biſt ein Ungeheuer, ein Barbar. Was auf Du mir auferlegſt, iſt tauſendmal ſchlimmer als der Tod. Hin⸗ Alllein, hier! ha, niemals! Ich will nicht, ich kann nicht. gänz⸗ Lebewohl! Und raſch wie der Gedanke ſtürzte ſie dem offen ge⸗ bliebenen Fenſter zu; der Marquis ſtreckte die Arme gegen rößte ſie aus und rief: brin⸗ Beatrir! 39. Das Verbrechen. „Herr von Monza hielt ſeine Frau in dem Augen⸗ blick auf, wo ſie von Verzweiflung getrieben den Söller erreichte, um ſich hinabzuſtürzen. Er hielt ſie in ſeinen Armen zurück, ſie machte vergebliche Anſtrengungen, ihm zu entrinnen. Er drückte ſie mit Kraft an ſich, indem er ihren Namen, dieſen vormals ſo oft in den Entzückungen der Freude und der Liebe ausgeſprochenen Namen wieder⸗ holte. Es war das beſte Argument, das er anwenden konnte. Beſiegt von Schwäche und Schmerz, gab ſie nach; er ſetzte ſie in ihren Lehnſtuhl und ſtellte ſich vor das Fen⸗ ſter, das er ſchloß. Beatrir folgte ihm traurig mit den Augen. Warum mich am Sterben hindern, Amadee? Jetzt würde ich nicht mehr leiden. Ich will nicht, daß Sie ſterben, Beatrir. Ich will im Gegentheil, daß Sie leben, um mir eine gränzenloſe Zärtlichkeit zu beweiſen, um meine ewige Erkenntlichkeit zu erwerben, ſeien Sie verſichert. Eine der eigenthümlichen Eigenſchaften der Leiden⸗ ſchaft iſt, Alles von ihrem Geſichtspunkte aus anzuſehen, für möglich zu halten, was in ihren Kram dienen würde, die Welt und das Leben der Andern nach ihrer Weiſe zu geſtalten. Sie führt tödtliche Streiche und glaubt ihre Waffen abgeſtumpft, weil ſie dieſelben nicht fühlt. Nichts iſt ſo thöricht, Nichts ſo unvernünftig, Nichts ſo grauſam wie die Leidenſchaft, und doch leitet ſie zuweilen Alles hie⸗ nieden. Wir gehorchen ihr als Blinde, als Selaven. Wir zerſtören durch ſie und ihretwegen die Eriſtenzen unſe⸗ rer Umgebung. Das Herz iſt ein Schlachtfeld, auf wel⸗ chem ſich die Leichen zahllos häufen. Ausff für ſt ein ſe weit ſtrafe Schll trage überlaͤ er flo die di hatte wunde Von nur e 6 baren ihr L ſchien quis! 8 Beatr Liebe weder glückli 4 ſeinem 0 und d Alles lich. mer v zenloſ 125 Als Amadee den unſinnigſten Vorſatz faßte und die Ausfuͤhrung deſſelben für leicht erachtete, hielt er ſich weder für ſtrafbar noch für verrückt. Er gab höchſtens zu, daß ein ſolcher Vorſchlag den Ueberdruß, den er ſelbſt empfand, weit überſteige, allein er ſah dieſe Buße als ein Werk der Augen⸗ ſtrafenden Gerechtigkeit an und tröſtete ſich mit folgendem Söller Schluſſe: ſeinen Es iſt ihre Schuld, daß ich ſie nicht mehr liebe; ſie , ihm trage daher auch die Strafe dafür.- dem er Und die reizenden Bilder der Zukunft brachten die rungen überläſtigen Bilder der Vergangenheit zum Verſtummen; vieder⸗ er flocht die Kränze für die Braut ſeiner Seele und trat venden die dürren Blumen ſeiner erſten Liebe mit Füßen. Ernſt nach; hatte dieſen Mann richtig beurtheilt, indem er ihm be⸗ „Fen⸗ wunderungswürdige Anlagen, ihm nachzuahmen, zuſchrieb. it den Von der zügelloſen Leidenſchaft bis zum Verbrechen iſt nur ein Schritt. Jetzt Frau von Monza fühlte beim Ueberblick der furcht⸗ baren Leiden, die ſie noch kaum klar vor ſich ſah, daß z will ihr Verſtand ſie zu verlaſſen drohte. Die Ungewißheit eenloſe ſchien ihr eine Wohlthat; ſie wartete daher, bis der Mar⸗ keit zu quis wieder das Wort nahm. 4 Wollen Sie mir verſprechen, mich ruhig anzuhören, beiden⸗ Beatrir? Wollen Sie mich nochmals Ihrer Huld, Ihrer n, für Liebe verſichern? Was Sie auch ſagen mögen, ich bin e, die weder ein Ungeheuer, noch ein Barbar, ich bin ein Un⸗ ſſe zu glücklicher, ich verdiene Ihr ganzes Mitleid. 4 t ihre Mein Mitleid, Sie! Das Mitleid des Opfers mit Nichts ſeinem Henker! Das iſt möglich, das iſt wahr, wenn Sie wollen, 3 hie⸗ und doch, wüßten Sie nur, was ich leide! Ich will Ihnen laven. Alles ſagen, meine Freundin, dieſer Augenblick iſt feier⸗ unſe⸗ lich. Das Glück meines Lebens, des Ihrigen, iſt auf im⸗ wel⸗ mer verloren, ich werde von einer namenloſen, einer grän⸗ zenloſen Leidenſchaft verzehrt, von einer ſo gewaltigen 126 V Leidenſchaft, daß ſie über mein Leben entſcheiden wird; V kurz, ich fühle es, ich bin Ihrer nicht mehr würdig. Ach, Du liebſt ſie mehr, als Du mich geliebt haſt! rief die Marquiſe. Ich liebe ſie mehr als man je geliebt hat; ich liebe ſie ſo ſehr, daß ich mein Vermögen, mein Leben, meine Ehre für ſie opfern könnte. Ich liebe ſie wie ein Raſen⸗ der, wie ein Wahnſinniger. Ich bin zu beklagen, Beatrir, ein ſolches Gefühl iſt eine furchtbarere Geißel als alle Qualen. Sie wiſſen das, Sie, der ich ſo viel Leiden auf⸗ erlegt habe, nicht wahr, Sie armes Weib? Ach, das iſt wohl ein Traum! Ich lebe nicht, es iſt nicht möglich; Sie können die Grauſamkeit nicht ſo weit treiben? Ich habe es Ihnen geſagt, Beatrir; ich ſelbſt rede nicht mehr, ſondern die Leidenſchaft, ich hin nicht mehr mein eigener Herr, die Leidenſchaft iſt es. Ich gehöre mir nicht mehr an, ich bin beſeſſen, wie jene Unglücklichen im Evangelium. Ich fürchte, Chriſtine liebe mich nicht, wenigſtens hat ſie bisher meine Liebe zurückgewieſen, allein der Hinderniſſe wegen, die ſie zwiſchen uns aufthürmt, liebe ich ſie nur um ſo mehr. Sie muß mein ſein, mir angehören; ich muß dieſen unauslöſchlichen Durſt nach ihr, der mich zum Wahnfinn treibt, befriedigen, und das ſoll geſchehen, verſtehen Sie, Beatrir, und müßte ich nach⸗ her ſterben, müßte ich die Welt über den Haufen werfen, um dahin zu gelangen. Hal ſie liebt Dich nicht? Nein, ſie liebt mich nicht! Sie hat Alles abgewieſen, Alles verſchmäht, was ich ihr angeboten habe; ſie hält mich ihrer unwürdig, ſie will nicht meine Maitreſſe ſein; vielleicht würde ſie einwilligen, meine Frau zu werden; ſie muß meine Frau werden. Und ich? rief die Marquiſe, ſich hoch aufrichtend. Sie! Wohlan, Beatrir, Sie werden das edelſte, groß⸗ mü⸗ wird; t haſt! h liebe meine Raſen⸗ Zeatrir, ls alle en auf⸗ es iſt ſo weit ſt rede t mehr dre mir cklichen nicht, allein thürmt, u, mir t nach nd das nach⸗ werfen, wieſen, ſie hält e ſein; een; ſie end. groß⸗ 127 müthigſte Geſchöpf ſein, fuhr er fort, indem er ihre Hand ergriff, die ſie ihm zu entziehen ſuchte; Sie werden mein Leben ganz mir überlaſſen, Sie werden meine Zukunft frei⸗ geben, die ein unſeliges Band an die Ihrige knüpft. Kurz, Sie werden ſich meinem Glücke opfern. Sie werden hier bleiben, hier im Verborgenen leben, Sie werden bedenken, welche Freuden ich Ihnen verdanke, Sie werden nur für mich leben, ich werde Sie beſuchen und zwar oft, denn ich werde Ihnen alle die Zärtlichkeit und Erkenntlichkeit weihen, die mein Herz enthält. Sie werden meine einzige Freun⸗ din ſein, ich werde bei Ihnen Troſt ſuchen für die unver⸗ meidlichen Schmerzen, die meiner in den Krallen des Dämons warten, der mich beſitzt; ſeien Sie ruhig, Sie werden gerächt werden! Und ſpäter, in der Zukunft... werden wir uns wieder vereinen, Beatrir, werden in unbe⸗ kannte Klimate fliehen, wir werden unſere Tage mit ein⸗ ander beſchließen und den ewigen Schlaf beiſammen ſchlafen. Die Marquiſe traute Ihren Ohren nicht. Sie horchte zu, wie in einem Traume. Wie zügellos, wie ſelbſtſüchtig auch ihre eigene Leidenſchaft war, nie hätte ſie ſich eingebildet, daß unordentliche Triebe und Selbſtſucht ſo weit gehen könnten. Sie fand keine Antwort, der in ihrem Herzen grollende Sturm erſtickte dieſelbe, ihre Entrüſtung war ſo ſtark, daß ſie Amadee zu haſſen meinte. Hätte ich Ihrem Herzen zu viel zugemuthet? begann dieſer wieder. Ja.. ich ſehe es... mein Traum geht in Er⸗ füllung, die Sage wiederholt ſich, Sie wollen Irene aus mir machen, aber fürchten Sie nicht, einen Günther an⸗ zutreffen? Unſere mit Romanen und Romantik vollgepfropften Köpfe dieſes Jahrhunderts ſchieben unwillkürlich überall, ſogar in die ernſteſten Umſtände, den Roman hinein. Amadee, der ſehr poſitiv war, ließ ſich durch Nichts von 1 ſeinem Ziele abwendig machen und verſolgte es uner⸗ müdlich. Ich beſchäftige mich nicht mit dieſen leeren Einbil⸗ dungen, Madame, antworten Sie mir. Ich biete Ihnen eine Zukunft an, und Sie zaudern! Ich biete Ihnen eine Zukunft an und Sie ſagen, Sie lieben mich! O, wenn Chriſtine mir die Zukunft verſpräche, wenn ich dieſe Hoff⸗ nung vor mir ſähe, ſo würde ich nicht zögern, ich, und müßte ich ſie durch jahrelange Verbannung oder Gefan⸗ genſchaft erkaufen! Wie ſehr liebt er ſie! dachte ſie. Eine quälende, furchtbare Eiferſucht bemächtigte ſich ihrer; ſie wurde grauſam, ſie wurde unerbittlich, ſie wurde muthvoll. Sie fürchtete weder den Tod noch die Worte mehr, welche tödten; mit einem glühenden Eifer bewaffnet, kümmerte ſie ſich nicht mehr um ihre Wunden, wenn ſie nur noch tiefer ſchlug. Von jetzt an entſpann ſich der Kampf, ein gleicher und furchtbarer, der nur mit der Ver⸗ ichiung eines der beiden Kämpen ein Ende nehmen onnte. Ich höre Sie an und bewundere Sie, mein Herr, entgegnete ſie mit einer erheuchelten Ruhe, die gefährlicher als der Zorn war. Sie verlangen ein vollſtändiges Opfer von Allem von mir, ſogar von meinem Recht auf das Leben, und ich bezeuge Ihnen nicht meine Erkenntlichkeit dafür. Das wundert Sie! In der That, Sie ſind groß⸗ müthig! Wie, Sie wollen mir, Ihrer Gattin, dem Fräu⸗ lein von Chamarante, die Erlaubniß geben, dieſen Thurm zu bewohnen, um ohne Zweifel in den Augen Ihrer neuen Lakaien, die mich nicht kennen, als Verrückte zu gelten; unterdeſſen werden Sie meinen Namen, meinen Rang, meine Stelle, meine Tochter, ach, meine Tochter, dem Fräulein Chriſtine Orthez, der Maitreſſe meines Vetters, des Grafen Robert, geben. Das iſt ganz natürlich, mein Herr, Sie ſind wirklich mehr als toll! V die E ben alber auf's Jahr angel keine Schn mütht Sie Recht liebe wären Die uner⸗ nbil⸗ hnen eine venn Hoff⸗ und efan⸗ ſich urde Borte fnet, n ſie der Ver⸗ men derr, lcher pfer das hkeit roß⸗ räu⸗ urm euen ten; ang, dem ters, nein 129 „Bei dem Namen Roberts ſtand der Marquis auf, ſtieß ein Wuthgeheul aus und preßte die Hand ſeiner Frau zum Zerquetſchen. Die Maitreſſe Ihres Vetters! Woher wiſſen Sie das? Wer hat es Ihnen geſagt? Fragen Sie Jedermann, mein Herr; erinnern Sie ſich an Baden; betrachten Sie die Beiden und es wird Ihnen klar werden, was Jedermann weiß. O nein, nein, das iſt nicht möglich! das iſt eine Verläumdung. Warum denn eine Verläumdung? Weil Chriſtine Sie nicht zum Liebhaber wollte! Zum Manne wollte ſie Sie, da mußte man natürlich die Mittel dazu ergreifen. Mein Gott, dem iſt nicht ſo! Sagen Sie, Beatrir, daß dem nicht ſo iſt. Im Gegentheil, dem iſt ſo und die beſte Rache, die ich nehmen könnte, wäre, auf Ihren unmöglichen Roman einzugehen. Allein ich denke an meine Tochter und.. Und Sie ſchlagen es aus? Und ich ſchlage es aus. Das iſt alſo dieſe Hingebung, das ſind dieſe Opfer, die Sie meinem Glücke ſo gerne bringen wollten! So lie⸗ ben Sie mich! So liebe ich Sie! rief die Unglückliche, durch dieſe alberne, ſo empörende und ſo ſchimpfliche Perfönlichkeit auf's Aeußerſte getrieben. Haben Sie denn die fünfzehn Jahre vergeſſen, während welcher ich Sie wie meinen Gott angebetet habe, die fünfzehn Jahre, in denen Ihr Bild keine Minute aus meiner Seele kam? Haben Sie meine Schmerzen, meine Thränen, mein Schweigen, meine De⸗ müthigungen, Ihre Verachtung vergeſſen? Kurzum, haben Sie vergeſſen, mit wem Sie reden, wer ich bin, welche Rechte und Pflichten ich habe? Gott iſt mein Zeuge, ich liebe Sie noch, aber ſollte ich Sie auch nicht lieben und wären Sie mir verhaßt, ſo gäbe ich meinen Titel als Die blutige Marquiſe. II. 9 130 Gattin und Mutter nicht auf, ſo würde ich nicht dulden, daß Sie bei meinen Lebzeiten eine Fremde in mein Haus einführen. Es wäre eine Schande und nicht eine Schwäche; die Schwäche nehme ich an und ertrage deren Folgen, die Schande aber nie! Das iſt mein letztes Wort. Jetzt entfernen Sie ſich, laſſen Sie mich frei und allein in mei⸗ nem Zimmer; ich bin bei Ihrem edeln Vater, mein Herr, achten Sie dieſen, wenn Sie mich nicht achten. Frau von Monza ſtand auf und wies ihrem Manne mit einer gebieteriſchen Geberde die Thüre; ſchön und er⸗ haben in dieſem Augenblick, hätte ſie jeden Andern als den unglücklichen, von einer unerbittlichen Leidenſchaft be⸗ herrſchten Unſinnigen entwaffnet. Statt ihn zu rühren, reizte ſie ſeinen Zorn. Er hatte ſich bis dahin beherrſcht, jetzt war es ihm nicht mehr möglich. Er blieb an der⸗ ſelben Stelle ſitzen, warf einen Blick des Haſſes auf ſeine Frau und entgegnete: Wenn Sie nicht wären, was Sie ſind, ſo würden Sie begreifen, daß eine Unterredung, deren Dauer und ungeſtörtheit ich mir durch alle möglichen Mittel geſichert habe, nicht auf ſolche Weiſe endigen kann. Sie müſſen nachgeben, Madame. Ich werde nicht nachgeben. Sie müſſen mir Freiheit in allen Stücken laſſen, ich will, ich muß ſie haben. Nein, ſo lange ich lebe nicht. Nehmen Sie ſich in Acht! Ich wollte Ihnen die Möglichkeit bieten, ſich zu retten; ſtoßen Sie dieſe nicht zurück. Ich fürchte Nichts. Und dennoch, dennoch!... Dennoch ſind wir allein, es iſt Nacht, die Donau iſt nicht weit, der Abgrund iſt tief, nicht wahr? Führen Sie mich nicht in Verſuchung!... Ich führe Sie nicht in Verſuchung, ich trotze Ihnen. Ich Me Bli nied wed ſchn blica vern und Sie ſpri ſtine nie unvr ſich wird der ihn denſe Glei nur will i Mon letzter ulden, Haus väche; olgen, Jetzt mei⸗ Herr, Nanne nd er⸗ n als ft be⸗ ühren, erſcht, i der⸗ ſeine ürden und ſichert nüſſen u, ich u die nicht au iſt hnen. 131 Ich fordere Sie heraus, Sie, den Edelmann, Sie, den Marquis von Monza, fordere ich heraus, ſich mit dem Blut einer Frau, der Ihrigen, zu beflecken. Und ſind Sie niederträchtig genng, es zu thun, wohlan, ſo werden Sie mich weder zittern noch erbleichen ſehen. Ich bin nicht mehr ſchwach, gehen Sie! ich bin ſtark; ich bin in dieſem Augen⸗ blick Ihre Herrin, denn ohne mich, ohne meinen Willen vermögen Sie nur durch ein Verbrechen Etwas. Madame! O, ich leſe in Ihrem Herzen, ich leſe Ihre Ungeduld und Ihre Wuth darin. Das Opfer erhebt ſich und trifft Sie, das mit Füßen getretene Inſekt richtet ſich auf und ſpritzt Sie mit ſeinem Gifte an. Sie werden Ihre Chri⸗ ſtine nicht heirathen, weil ich es nicht will, weil ich es nie zugeben werde, weil ſelbſt, wenn Sie mich tödten, ein unvorhergeſehenes Hinderniß meinem Grabe entſteigen und ſich zwiſchen Sie und das Mädchen ſtellen wird. Sie wird einen Mörder von ſich ſtoßen; ſie liebt Sie nicht. Die in dieſen letzten Worten enthaltene bittere Galle der Rache wühlte dem Marquis in den Adern und machte ihn noch unerbittlicher. Er berauſchte ſich an ſeiner Lei⸗ denſchaft, an dem unbeſieglichen Willen, auf den er ſtieß. Gleich wie Ernſt der Sophie Hervé gegenüber, ſah er nur noch das Ziel; das Hinderniß verſchwand. Ich will frei ſein, enigegnete er mit donnernder Stimme; willigen Sie ein! 1 Nein. Beatrir!.. Ich bin nicht mehr Beatrir, ich bin die Marquiſe von Monza, Flavia's Mutter. Sie werden mich zum Aeußerſten treiben. Elender! einer Frau drohen! Willigen Sie ein! Nein, nein, tauſendmal nein; nein bis zu meinem letzten Seufzer. .9*. 13² Sie ſind erbarmungslos, Madame, ich werde es ebenſo ſein. Einerlei! Sie liebt Dich nicht! Mein Gott! Sie wird nie Dir angehören; Du wirſt ſterben wie ich, elend, gehaßt, verſtoßen. O, das iſt zu viel! Du wirſt allein ſterben, hörſt Du? Keine Hand wird Dir die Augen zudrücken, keine Thräne auf Deinem Grabe fließen; denn ich werde nicht mehr da ſein und Deine Tochter wird den Mörder ihrer Mutter verfluchen. Schweigen Sie, ſchweigen Sie! Und während dieſer Zeit wird ſie glücklich ſein, Deine Chriſtine, glücklich durch einen Andern, Jüngeren, Schö⸗ neren als Du biſt, durch einen Andern, der unſchuldig und geehrt iſt, verſtehſt Du? Beatrir, im Namen Ihres Lebens, kein Wort weiter. Ich weiß wohl, daß ich die Stärkere bin, daß ich Dich martere; ich weiß wohl, daß auch ich Dir den Dolch in der Wunde umkehre. Das iſt mein Vortheil, ich mache Gebrauch davon. Zum letzten Mal, wollen Sie mich freilaſſen? Wol⸗ len Sie Ihr Leben von dem meinigen trennen? Wollen Sie das?— Nein. Er ſpielte unwillkürlich mit dem Heft eines in ſeiner Bruſt verborgenen Dolches, den er in der Abſicht mitge⸗ nommen hatte, ſeine Frau bloß zu erſchrecken; denn ſeine Verblendung war ſo ungeheuer, daß er auf ihre Einwilli⸗ gung zu dieſer unwürdigen Komödie zählte. Er hatte noch nicht gewagt, das Verbrechen vorher zu bedenken; er hatte noch einige Gewiſſensbiſſe, einige Achtung vor ſich ſelbſt und ſeinem Namen. Allein der Widerſtand und die unbe⸗ ſonnenen Reden der Marquiſe ſteigerten ſeine Erbitterung bis zum Wahnſinn. Er ſagte ſich bloß, Sie ſeien wirk⸗ lich allein, es ſei Nacht, der Abgrund ſei tief und die Donau reißend. der zeigt auch ſein ling auf nicht beleu Der Kron er ha eine und nach los, n und l Von er we ſein. wie wird Hrabe Deine Deine Schö⸗ uldig eiter. 3 ich Dolch nache Wol⸗ ollen ſeiner nitge⸗ ſeine willi⸗ noch hatte ſelbſt unbe⸗ erung wirk⸗ d die 133 Sie muß nachgeben! wiederholte er ſich. Und indem er muthig den Schauder, der ſeine Glie⸗ der lähmte, überwand, näherte er ſich der Marquiſe und zeigte ihr den Dolch. Ich bin zu Allem entſchloſſen, wie Sie ſehen! Und ich auch. Wie, Sie wollen mich zwingen... Tödten Sie mich! unterbrach ſie ihn, das Leben und auch Sie ſind mir verhaßt. Er trat zurück. Feigling! Er droht mir und hat nicht den Muth, ſein Verbrechen zu vollenden. Feigling! Feigling! Feig⸗ ling! Er nahm ſie in ſeine Arme und ſetzte ihr die Waffe auf die Bruſt. Meine Freiheit oder Deinen Tod! Nein. Wohlan, da Du mich dazu zwingſt... Und er führte den Stoß!... * 8* Wie viele Stunden verſtrichen indeſſen? Ich weiß es nicht. Als der Tag durch die Fenſterſcheiben hereinbrach, beleuchtete er eine jammerwürdige und ſchauerliche Scene. Der Leichnam der Marquiſe, welcher noch die unheilvolle Krone trug, lag an dem Rücken des Lehnſtuhls angelehnt; er hatte noch einen Anſchein von Leben beibehalten, allein eine breite Wunde, aus der das Blut in Strömen floß und ihr Gewand bedeckte, enthüllte den Mord und ſchrie nach Rache. Einige Schritte von ihr weg ſaß Amadee regungs⸗ los, mit blutgetränkten Füßen, geſenktem Haupte, ſtarrem Blicke und legte ſich noch nicht Rechenſchaft ab über ſeine That. Von dem Gewicht furchtbarer Gewiſſensbiſſe erdrückt, dachte er weder an eine Flucht noch an ein Verbergen ſeines Ver⸗ 134 brechens, noch an ein Vorbeugen der Folgen. Schon jetzt begann die Strafe für ihn und er glaubte, es ſei auf im⸗ mer um ſeine Ruhe, um ſeine Zukunft geſchehen. Stumm und unbeweglich betrachtete er ſein Opfer. Er hätte ſein eigenes Leben gegeben, um es ins Leben zurückzurufen. Seine Gedanken waren jetzt weit von Chriſtine entfernt. Tauſend herzzerreißende Bilder ſchwebten ſeinem Geiſte vor; er blickte auf ſeine Vermählung, auf jene Zeiten kindlichen Glücks, auf Flavia's Geburt, auf das Sterbebette der Frau von Chamarante zurück und wiederholte ſich die ſchrecklichen Worte der Mutter, die ihm ihre Tochter anvertraute: Wenn wir uns dort oben wieder finden, werde ich Rechenſchaft über dieſes anvertraute Gut von Ihnen ver⸗ langen. Dann trat das Geſpenſt Ernſt's und deſſen Mord⸗ lection vor ſeine Seele. Er hatte ihn ſo gründlich ver⸗ achtet und mußte ihn jetzt, wo er tiefer als Jener gefallen war, als ſeinen Meiſter anerkennen. Auch er hatte Beatrir das Mittel angeboten, ihrem Looſe zu entgehen; auch er hatte ſie auf ihre Weigerung hin geopfert. O, er benutzte ſeine Rathſchläge bewunderungswürdig! er brauchte Nichts mehr zu lernen. Nachdem indeſſen die erſten Augenblicke vorbei waren, erwachten die unter der unvermeidlichen Stimme des Ge⸗ wiſſens ſchlummernden Triebe. Er dachte an ſich, er dachte an Chriſtine, und ein nicht zu ermeſſender Ausbruch von Freude entquoll ſeiner Bruſt. Freil rief er. Die Leidenſchaft bekam wieder die Oberhand; von dieſem Augenblick an entſchwanden Mitleid und Schmerz; er ward ein gemeiner Verbrecher, er ſuchte den unvermeid⸗ lichen Verdacht abzuwenden. In fremdem Lande, von bei⸗ nahe unbekannten Söldlingen umgeben, hatte er große Aus⸗ ſichten auf Erfolg. Er konnte die arme Frau in dieſem Zimmer laſſen, ſie darin einſchließen, ſeinen Dienſtboten 135 verbieten, demſelben vor ſeiner Rückkehr zu nahen, wie er es Abends zuvor gethan hatte, nach München fliehen und Chriſtine und Flavia mit ſich zurücknehmen. Er ſchmeichelte ſich, auf ſolche Weiſe den Verfolgungen zu entgehen. Dieſer klügſte und leichteſte Entſchluß hinſichtlich der Ausführung war jedoch nicht der zu ſeinen Wünſchen paſſendſte. Es genügte nicht, der Todesſtrafe zu entgehen, er wollte haupt⸗ ſächlich nicht in Verdacht gerathen. Er kannte Chriſtine hinlänglich, um nicht zu zweifeln, daß ſie ihn mit Abſcheu fliehen würde, wenn ſie dieſen ſchändlichen Mord erführe. Wenn er, ſtatt eine koſtbare Zeit zu verlieren, ſogleich an ſich gedacht und den Körper in den Fluß geſtürzt hätte, ſo hätte man an einen Selbſtmord glauben können, allein jetzt war es heller Tag, dieſer einſame Thurm ward mehrere Stunden weit geſehen, tauſend Blicke konnten ihn entdecken, ohne daß er es ahnte; die Sache war unaus⸗ führbar; was nun beginnen? Er gab jedoch die Idee nicht auf, die Vermuthung eines Selbſtmords zu erwecken; ſie konnte Alles beilegen. Beatrir konnte ſich in einem Augenblick der Verzweiflung, der Eiferſucht das Leben genommen haben. Ganz Paris würde im Nothfall bezeugen, weſſen ſie in dieſer Beziehung fähig war. Er ſtudirte in ſeinem Geiſt das Drama ein, das er erzählen wollte; er trug ſogar einige Sorge für die in Sceneſetzung, welche er mit einer Nuhe anordnete, die ſelbſt ſeinem Lehrer Ehre gemacht hätte. Man ſteigt die Stufen der Schlechtigkeit raſch hinab, beſonders wenn die Leidenſchaft und perſönliches Intereſſe uns leiten. Er ließ den Leichnam an ſeiner Stelle, er nahm ihm weder die Krone ab noch ordnete er deſſen Haare; er wiſchte das Blut nicht ab und verbarg die Wunde nicht, er zog nicht einmal den Dolch aus derſelben. Er brauchte das Alles. Die arme Beatrir, ſie blieb ſchön trotz dieſes ſurchtbaren Todes! Ihre Augen hatten ſich unter dem Blick ihres Mörders von ſelbſt geſchloſſen, ihre langen 136 Augenlider beſchatteten ihre Marmorwangen. Die auf ihrer Stirne blitzenden Diamanten liehen ihr einen Widerſchein von Licht, man hätte ſie für die der Gruft entzogene und von ihrem königlichen Geliebten gekrönte Ines de Caſtro halten können. Die Sonne warf ihre Strahlen durch die tauſendfar⸗ bigen Fenſterſcheiben; fröhlich zwitſcherten die Vögel auf dem Söller, Alles erwachte zu neuem Leben; die herrliche Natur, die ſich zu den Frühlingsfeſten vorbereitete, ſtrömte ihre lieblichſten Düfte aus. Der Marquis öffnete das Fenſter, die Wachslichter brannten noch in ihren Leuchter⸗ dillen und warſen auf den Leichnam jene düſtern Strahlen einer der Himmelskönigin gegenüber erkünſtelten Helle. Wie Abends zuvor oder noch mehr als Abends zuvor war es ein herzzerreißender Contraſt zwiſchen dem Leben und dem Tode, zwiſchen der Natur und den ſchlimmen Trieben des Menſchengeſchlechts. Die Grille ſang noch immer! Amadee bereitete ſich vor, ſeine ſchauerliche Komödie zu ſpielen; ſchon ſchritt er dem Vorzimmer zu, indem er jeden ſeiner Tritte durch eine Blutſpur bezeichnete, als er, an der Thüre der Galerie klopfen hörte. Er bekam Furcht und ſtürzte zurück, entſchloſſen, nicht zu öffnen. Man klopfte von Neuem. Die Fabel vergeſſend, die er erzählen wollte, glaubte ſich Herr von Monza entdeckt und ſuchte einen Ausgang. Der Verbrecher iſt Angeſichts der Strafe immer feig. Man konnte aus dem Irenenthurm nicht ent⸗ wiſchen. Man klopfte wieder ſtärker. Er zögerte und zitterte noch mehr, als die Nennung ſeines Namens ihn erſchüt⸗ terte und in ſeinem ganzen Weſen ein unbeſchreibliches Ge⸗ fühl hervorrief. Herr Marquis, ſagte der unbekannte Beſuch, öffnen Sie mir auf der Stelle, ich bin allein; Sie haben Nichts zu befürchten. Wenn Sie es nicht eiligſt thun, ſo komme ich in Begleitung zurück. hin in 137 Ach! rief er, von einer unwiderſtehlichen Bewegung hingeriſſen, der Thüre zulaufend. Er drehte raſch den Schlüſſel im Schloſſe, die Thüre öffnete ſich und er befand ſich Chriſtine gegenüber. 40. Die Geliebte. Keuchend, blaß und gebrochen erſchien Fräulein Orthez; ſie ſtreckte die Hand nach dem Thürmchen aus und ſagte mit vor Bewegung zitternder Stimme: 2 Mein Herr, wo iſt die Frau Marquiſe? Ich will ſie ſehen. Durch welchen Zufall ſind Sie hier, Chriſtine? Wie haben Sie unſere Ankunft erfahren? Ich will ſie ſehen, ich will ſie ſehen! wiederholte Chri⸗ ſtine, indem ſie den Marquis, der ihr den Weg vertrat, auf die Seite zu ſchieben ſuchte. Ha! rief ſie, ha! wie furchtbar! MMitt einer unwillkürlichen Bewegung verhüllte ſie ihre Augenz ſie hatte das Blut erblickt, womit Amadee's Klei⸗ der und Hände bedeckt waren, und das, welches geronnen auf dem Boden des Vorzimmers lag. Laſſen Sie mich durch, verſetzte ſie faſt alſobald, in⸗ dem ſie ihre ganze Energie wieder fand, ich muß hinein. Chriſtine erſparen Sie ſich dieſes Schauſpiel, es iſt herzzerreißend. Ich bin ſehr unglücklich! Mit einer gebieteriſchen Bewegung drängte ſie ihn von ſich weg und that einige Schritte vorwärts. Sie haben ſie alſo getödtet? murmelte ſie, von Schmerz 138 üͤberwältigt; ſie hatte alſo Grund zu Befürchtungen? O, ich bin zu ſpät gekommen! Chriſtine!... Mein Herr, bleiben Sie aus meiner Nähe, reden Sie nicht mit mir in dieſem Zimmer, es iſt eine Heiligthums⸗ ſchändung. Ich bin nicht Ihr Richter, aber betrachten Sie mich nie als Ihre Mitſchuldige. Haſſen Sie mich, — ich Ihnen, ich weiß, welche Pflicht ich zu erfüllen abe. Die Herrſchaft dieſes ſeltſamen Geſchöpfes über Herrn von Monza war ſo vollſtändig, daß er ſich nicht einmal zu vertheidigen ſuchte. Er trat bei Seite, um ſie durchzu⸗ laſſen, und wagte nicht, ihr zu folgen. Das Antlitz der Gouvernante zeigte in dieſem Augenblick einen bewun⸗ derungswürdigen Ausdruck von Schmerz und Mitleid. Nach⸗ dem einmal der erſte Augenblick vorüber war, verſchwand der Abſcheu und der Schrecken und ſie betrat den Ort, der Zeuge eines ſo großen Verbrechens war, gleich einem Hei⸗ ligthum. Sie erblickte den Leichnam, der immer noch an derſelben Stelle lag, von einer Blutlache umgeben und hell von der Sonne beſchienen war; ſie ſtand einige Schritte vor demſelben ſtill, faltete die Hände und bog langſam die Kniee. Armes Opfer! ſagte ſie, heilige Märtyrerin! Gott iſt mein Zeuge, daß ich Alles gethan habe, um Sie zu retten. Beten Sie für mich; jetzt da Sie Alles wiſſen, können Sie mich nicht mehr haſſen. Amadee faßte wieder Muth und zeigte ſich hinter dem jungen Mädchen. Sie hörte ihn. Mörder, nahen Sie mir nicht; verlaſſen Sie dieſes Zimmer, damit ich die letzten Pflichten gegen ſie erfülle. Chriſtine, ich habe ſie nicht getödtet, Sie irren ſich, Sie beſchuldigen mich ungerecht. Sie haben ſie nicht getödtet? Warum liegt ſie denn hier blutig und leblos vor mir? 139 Sie ſelbſt hat ſich in einem Augenblick der Verzweif⸗ lung, nach einem jener Anfälle von Eiſerſucht, die Sie ennen... Sie lügen! Sie lügen Angeſichts des Todes, Ange⸗ ſichts Derjenigen, die Sie ſeige und ſchändlich ermordet haben. O, Sie ſind ein Ungeheuer! Nein, nein, Chriſtine, hören Sie mich, hören Sie... Ich ſoll Sie anhören, Sie! Sie, den Meineidigen und Mörder, während ich den Beweis Ihres Verbrechens in der Hand habe, da die arme erſchreckte und beſorgte Mutter einen Nothſchrei an ihre Tochter gerichtet und ſie zu ſich gerufen hat! Ich ſoll Ihnen glauben! Leſen Sie und Sie werden ſehen, ob ich Ihnen glauben kann. Der Marquis ergriff mit zitternder Hand das Papier, das Chriſtine ihm darreichte, und las die folgenden Zeilen, welche die Unglückliche, die nicht mehr lebte, Abends zuvor noch geſchrieben hatte: „Komm, Flavia, komm, meine Tochter, komm nach Monza, um Deine Mutter zu retten. Verliere keine Mi⸗ nute, keine Sekunde, eine furchtbare Gefahr bedroht mich; Du allein kannſt ſie von mir abwenden; man will mich ermorden! Komm, mein Kind, mein Schatz, mein Leben!“ Und Flavia iſt hier! rief Herr von Monza mit herz⸗ zerreißender Stimme, und ſie wird ſehen... Flavia iſt in München, Flavia weiß nicht, daß ihre Mutter ſie gerufen hat; Flavia wird Nichts erfahren, Nichts ſehen, mein Herr. Aber Sie, Sie haben dieſe furchtbaren Zeilen geleſen, nicht wahr? Ich habe ſie geleſen, erwiderte er niedergeſchmettert. Und nun werden Sie fliehen, Sie werden Ihren Kopf dem Schaffote entziehen; Sie werden Ihren Namen vor dieſer Schmach retten, denn Sie ſind verloren, mein Herr! Ich werde fliehen... mit Ihnen. Mit mir! mir, mit Chriſtine Orthez! Ich, fliehen mit Ihnen! Ich ſollte die Gefährtin des Mörders einer Frau 140 ſein! Haben Sie vergeſſen, wer ich bin, mein Herr? Ha⸗ ben Sie meine ſchreckliche Vergangenheit vergeſſen und glauben Sie, daß ich von Ihnen, den ich nicht liebe, Schande und Schmach annehmen würde, während ich mein Herz gebrochen habe, um denſelben zu entfliehen? Sie hatte mir doch geſagt, daß Sie mich nicht lieb⸗ ten! verſetzte er mit herzzerreißendem Ausdrucke. Nein, ich liebe Sie nicht, ich haſſe, ich verachte Sie. Wä⸗ ren Sie nicht Flavia's Vater, ſo würde ich Sie mit eigener Hand dem Henker überliefern, denn keine Strafe kann groß genug für Sie ſein. Aber auf Flavia, meine viel⸗ geliebte Flavia, würde der Flecken fallen, auf ſie, die ſo rein, ſo unſchuldig iſt, und das darf nicht ſein. Fliehen Sie, fliehen Sie augenblicklich; ich werde Alles beſorgen. Aber dieſes Billet? Auch dafür werd' ich ſorgen, ſag' ich Ihnen. Und indem ſie es in kleine Kügelchen zuſammenrollte, verſchluckte ſie dieſelben. Sind Sie jetzt ruhig? Wollen Sie abreiſen? Sie haben keinen Augenblick zu verlieren. Und Sie? Denken Sie an Flavia. Ich verlaſſe Sie nicht. Denken Sie an Flavia! Man muß Flavia retten. Reiſen Sie ab, reiſen Sie ab! Chriſtine, ich will abreiſen, wenn Sie mir verſprechen, mir nachzufolgen, meine Tochter zu mir zu bringen, mit ihr bei mir zu leben. Was ſollte ich allein in der Ver⸗ bannung thun? Iſt es nicht beſſer, hier zu ſterben? Mein Herr, Sie könnten mich toll machen! denken Sie nicht an Ihre Ehre? die Ehre Ihres Kindes iſt die Ihrige, iſt mehr als die Ihrige. Sie werden angeklagt werden, es kann nicht anders ſein; man verurtheilt Sie vielleicht... ohne Zweifel... ſchauen Sie ſich um, betrachten Sie dieſes heilige Opfer, ſchreit ſein Blut nicht er⸗ ken die agt Sie m, cht 141 nach Rache? Sind Sie nicht mit demſelben bedeckt? Sie flößen mir Abſcheu ein, fühlen Sie es nicht? Und Sie dürfen noch von mir verlangen, daß ich Ihnen nachfolgen ſoll. O, fliehen Sie, fliehen Sie! Begeben Sie ſich fort von hier, entziehen Sie ſich der Todesſtrafe, der allgemei⸗ nen Verabſcheuung, dem Fluche Ihrer Tochter. Sehen Sie denn Nichts ein?. Ich ſchaue Sie an, Chriſtine, ich ſchaue dieſe Frau an, welche die meine war, dieſe Frau, die für Sie geſtor⸗ ben iſt, für Sie, die Sie mich fortjagen, und ich vergeſſe das Uebrige!. Für mich! geſtorben für mich! Ei, für wen denn ſonſt? Sind Sie nicht die erſte Urſache von Allem in meinem Leben? Auch ich ſage zu Ihnen: Sehen Sie denn Nichts ein? Was ſollte mir meine Freiheit ohne Sie nützen? Haben Sie mir nicht in jener Nacht der Schmerzen und der Wonnen in Paris geant⸗ wortet, wenn Sie frei wären, ſo würde ich Ihre Hand annehmen? Ich bin nun frei, Chriſtine! Frei durch einen Mord, großer Gott! Frei durch einen Selbſtmord, wie ich Ihnen ſchon ſagte. O, bin ich noch nicht unglücklich genug! Ich wäre die Veranlaſſung... Nein, ich bin nicht die Veranlaſſung zu dieſer Scheußlichkeit; denn ich habe Ihnen wiederholt, daß ich Sie nicht liebe, denn ich habe Ihnen jede Hoff⸗ nung zu rauben geſucht. O, Sie leſen in meinem Herzen, Sie, arme Beatrix; Sie klagen mich nicht an, Sie glau⸗ ben dieſe Läſterung, dieſen Meineid nicht. Nein, ich habe Ihren Tod nicht verurſacht. Ich möchte ihn mit meinem Leben erkaufen. 3 Chriſtine! Chriſtine! glauben Sie, eine Liebe wie die meine laſſe ſich durch Hinderniſſe abſchrecken, um zu ihrem Ziele zu gelangen? Glauben Sie, Ihre Thränen werden mich rühren? Glauben Sie, der Mann, deſſen Leidenſchaft noch Angeſichts eines ſolchen Schauſpiels redet, werde ſich durch Ihre Weigerung aufhalten laſſen? Nein, von heute an gehören Sie mir, von heute an verbindet uns ein ver⸗ hängnißvolles und unauflösliches Band; wo Sie ſein werden, da werde ich ſein; was Sie thun werden, das werde ich thun. Weigern Sie ſich, mir zu folgen, ſo bleibe ich und müßten die Henker mich aus dieſem Schloſſe, dem Pfande der Tapferkeit meines Vaters, reißen; wir werden uns ſelbſt auf dem Schaffote nicht verlaſſen; denn wenn die Ungerechtigkeit der Menſchen mich dahin führt, ſo ſol⸗ len Sie es mit mir beſteigen, das ſchwöre ich bei dieſem Blute, das unſer Beider Füße färbt! Chriſtine war eine jener ausnahmsweiſen Naturen, welche die Gefahr zu Allem gerüſtet findet, welche die Dro⸗ hungen nur ſtärker machen. Sie ſenkte den Blick nicht, ſie zeigte weder Aufregung noch Furcht; ihre hohe Geſtalt aufrichtend und ihren Bewegungen eine erhabene Majeſtät verleihend, antwortete ſie mit ſicherer Stimme: Gott ſieht und beurtheilt uns, mein Herr, er kennt meine Unſchuld. Wenn es ſein Wille iſt, daß ich unter⸗ liege, ſo werde ich unterliegen; wenn aber ſeine Hand mich hält, ſo werden Ihre Verleumdungen und Lügen kein Haar auf meinem Haupte krümmen. Sie haben hier Nichts mehr zu thun, entfernen Sie ſich; benützen Sie die Zeit, die Ihnen bleibt, um dieſe anklagenden Zeichen zu vertilgen und einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen. Ich werde gegen Frau von Monza die frommen Pficchten erfüllen, die meine Ehrerbietung und mein Schmerz mir anbefehlen, ich werde bei dieſen koſtbaren Reſten wachen, bis Sie über deren Loos und das Ihre entſchieden haben. Sie werden die Schwelle dieſer Thüre nicht wieder überſchreiten, ich verbiete es Ihnen; der Tod und die Schaam unterſagen es Ihnen. Sie kennen mich hinlänglich, um zu wiſſen, welch ein Wille der meine iſt; ich fürchte Sie nicht, hören Sie's? Sie werden mich nicht hinſchlachten, wie dieſes ſo dar eine ſehr tern nach und ſter und den Läc zwi mal eine glit All abz legt den ſchr bed mö ſpre Und mal dief Sie geg wil 143 ſchwache und ſo gute Lamm, das ſeinen Nacken zum Opfer dargereicht hat. Und dann meine ich, es ſei genug fur einen Edelmann... Eine Frau! O, mein Herr, das iſt ſehr ſeige und ſehr ſchlecht! Sie vernichten mich, Chriſtine, Sie kämpfen mit bit⸗ term Hohn und brechen mein Herz. Auch ich werde nicht nachgeben; auch ich werde meinen eiſernen Willen haben und Sie ſollen mir angehören oder wir werden Beide ſterben. Mit dieſen Worten verließ der Marquis das Zimmer und kehrte in das ſeine zurück. Chriſtine hörte, daß er den Schlüſſel im Schloſſe umdrehte. Er ſchließt mich ein! murmelte ſie mit verächtlichem Lächeln. Der arme Mann, der mich auf ſolche Weiſe zu zwingen glaubt! Dieſe Frau mit der ſtählernen Seele zuckte nicht ein⸗ mal mit den Brauen bei dem Gedanken, ſich allein mit einem Leichnam zu befinden. Die gewöhnlichen Eindrücke glitten über ſie hin, ohne ſie zu durchdringen; ſie beherrſchte Alles. Nichts vermochte ſie von einer vorgezeichneten Bahn abzubringen. Sie dachte einige Augenblicke nach und über⸗ legte, welche Stellung ſie unter dieſen furchtbaren Umſtän⸗ den einnehmen ſolle. Die Drohungen des Marquis er⸗ ſchreckten ſie nicht; ſie konnte, wie ſie glaubte, eine ſo un⸗ bedingte Nichtbetheiligung beweiſen, es ſchien ihr ſo un⸗ möglich, angeklagt zu werden, daß ſie dieſes eitle Hohn⸗ ſprechen und dieſe tollen Beſchimpfungen weit von ſich warf. Und würde Robert ſie überdieß nicht vertheidigen? Mußte man ihn nicht benachrichtigen, ihn herbeirufen, die Feiuh dieſer furchtbaren Angelegenheit in ſeine Hände legen Sie beſchloß es zu thun, ſobald ſie die heiligen Pflichten gegen die Marquiſe erfüllt haben würde. Indem ſie ſich ihr daher ohne Schrecken und ohne Wider⸗ willen näherte, nahm ſie ihr vor allen Dingen die Mar⸗ quiſen⸗Krone ab und legte ſie auf dem Tiſch an dieſelbe Stelle, wo die arme Beatrir ſie Abends zuvor weggenom⸗ men hatte. Dann nahm Chriſtine ihre langen Haare zuſam⸗ men, flocht ſie, heftete ſie an ihrem Kopfe auf, öffnete ihr das Reiſekleid, das ſie noch trug, und verſuchte ſie zu ent⸗ kleiden, um ihre Wunde abzuwaſchen. Welche Gewalt ſie auch über ſich ſelbſt hatte, ſie konnte ihre Thränen nicht zurückhat ten, während ſie dieſe peinlichen und frommen Verrichtungen erfüllte. Dennoch ward ſie nicht ſchwach, ſondern vollendete die ſich auferlegte Aufgabe ganz. Sie ſtillte das Blut, legte den Leichnam auf das Bett, hüllte ihn in ein Nachtgewand und verſuchte ſogar die Steinplat⸗ ten zu reinigen um die ſchlagenden Beweiſe des Verbrechens zu vertilgen, allein es fehlte ihr an Mitteln dazu und der ankla⸗ gende Flecken konnte nicht ausgewiſcht werden. Als ſie dieſe ſchmerzlichen Einzelnheiten beendigt hatte, trat ſie wieder an das Bett, ergriff die Hand der Mar⸗ quiſe und küßte ſie mit einer Ehrerbietung und Zuneigung die ſie ihr bei ihren Lebzeiten nie bewieſen hatte; dann betrachtete ſie lange das ruhige und blaſſe Antlitz, das we⸗ nige Stunden früher noch ſo ſchön war. So hatte Fräu⸗ lein von Chamarante an ihrem Verlobungsabend die auf ihrem Sterbelager ausgeſtreckte Sophie Hervé betrachtet. Wie Beatrir ergriff Chriſtine Angeſichts dieſer großen Lec⸗ tion des Todes ein trauriges Vorgefühl, das ſie nicht mehr verlaſſen ſollte. Sie ſchrack nicht vor demſelben zu⸗ rück, weil ſie überhaupt vor Nichts zurückſchrack, aber ſie fühlte, wie es ſich ihrer Seele bemächtigte und Tropfen auf Tropfen die Galle des Mißtrauens in derſelben verbreitete. Sie fühlte ihre Hoffnungen erlöſchen. Wie nach einer ſo furchtbaren Kataſtrophe noch ein Glück fordern? Auf was zählen Angeſichts Der, welche hier den letzten Schlummer ſchlief und welche den Nektarbecher, den das Leben ihr reichte, ihren Lippen hatte entweichen ſehen. Chriſtine bemühte ſich, dieſe duͤſteren Gedanken zu verſcheuchen. Sie näherte ſich dem Fenſter, um ein wenig Luft zu ſchöpfen. om⸗ ſam⸗ ihr ent⸗ t ſie nicht men vach, Sie üllte plat⸗ is zu akla⸗ atte, Nar⸗ gung dann we⸗ räu⸗ auf htet. Lec⸗ nicht 4 zu⸗ r ſie auf itete. er ſo was mmer eben ſtine Sie pfen. 145 Das Fieber verzehrte ſie. Denn wie kraftvoll eine Natur auch immer ſei, man wohnt ſolchen Scenen nicht an, ohne deren Einfluß zu empfinden. Sie ſtützte ſich auf die Baluſtrade des Balkons und warf ihre zerſtreuten Blicke auf das weithingedehnte Land, deſſen Schönheit noch in allem Glanze des Frühlings ſtrahlte. Sie nahm zuerſt weder den Fluß noch das junge Grün wahr, welches ſich mit dem düſtern Grün der Tau⸗ nen vermiſchte, weder die impoſante Maſſe des Schloſſes, welches ſich zu ihrer Rechten erhob, noch die Felſen, welche unter ihr in den Abgrund ſich hinabſenkten, noch auch die Ruinen von Rudolfs Kapelle, die ſich am Ufer der Donau unter Blüthen bargen. Unwillkürlich blieben jedoch ihre Augen auf einem Manne haſten, welcher auf den Trüm⸗ mern ſaß und deſſen Aufmerkſamkeit auf ſie gerichtet ſchien. Es war zwar bei einer ſo beträchtlichen Entfernung un⸗ möglich, ſeine Züge zu unterſcheiden, aber nichtsdeſtoweni⸗ ger richteten ſich ihre Gedanken mechaniſch auf ihn und folgte ſie allen ſeinen Bewegungen. Nachdem er ſie, wie ſie wenigſtens ſich vorſtellte, lange betrachtet hatte, erhob er ſich und unterſuchte die Umgebung genau. Die unzugäng⸗ liche Lage von Monza ſchien ihn lebhaft zu beſchäftigen. Er umging langſam den Felskegel, auf welchem es lag, indem er ohne Zweifel einen Punkt ſuchte, von wo aus er emporſteigen konnte, und ſich durch kein Hinderniß ab⸗ ſchrecken ließ. Das Gebahren dieſes Menſchen hatte etwas Selt⸗ ſames, Verdächtiges. Er machte keinen einzigen Schritt vorwärts, ohne ſich vorher den Rückzug zu ſichern. Er prüfte jedes Gebüſch, jeden Stein, jeden Pflanzenhalm. Obwohl er den Anzug eines bairiſchen Bauers trug, ver⸗ rieth, ich weiß nicht was in ſeinen Manieren einen Mann von guter Erziehung, welcher an die beſte Geſellſchaft ge⸗ wöhnt iſt. Groß und ſchlank und von ausgezeichneter Die blutige Marquiſe. I. 10 146 Haltung, wie dieſer Fremde war, konnte er kein Bauer oder Handwerker ſein. Das iſt ein origineller Touriſt, dachte Chriſtine, ein Engländer, der ſich verpflichtet glaubt, die Tracht des Lan⸗ des zu tragen, in welchem er ſich gerade befindet. Die Lage des Schloſſes und dieſer iſolirt ſtehende, über dem Abgrund ſchwebende Thurm frappirt ihn. Wenn er nur nicht daran denkt, das Innere des Schloſſes ſehen zu wol⸗ len, mein Gott! Durch dieſen Gedanken zu der Gefährlichkeit der Um⸗ ſtände zurückgeführt, erwog Chriſtine ernſtlich die Mittel, aus einer ſo ſchwierigen Lage herauszukommen. Keines genügte ihr. Eine ungeheuere Verantwortlichkeit laſtete auf ihr, wie ſie ſich keineswegs verhehlte. Man mußte ſo⸗ gleich die bairiſchen Behörden und die franzöſiſche Geſandt⸗ ſchaft in München von dem Tode von Beatrir in Kennt⸗ niß ſetzen, man mußte die Familie der Marquiſe benach⸗ richtigen. Aber mußte man nicht auch dem Marquis Zeit zur Flucht laſſen? Mußte man der Familie nicht ein zwei⸗ tes Unglück erſparen, welches noch ſchrecklicher war, als das fruͤhere? Allein, fremd und ſogar ſelbſt dem Verdachte aus⸗ geſetzt, mußte Chriſtine die Schwierigkeit und Gefahr dieſer verſchiedenen Aufgaben ſchwer auf ſich laſten fühlen. Mein Gott, erleuchte mich! ſagte ſie, oder ich werde unterliegen. Ach, wäre doch Robert hier!... Als man ſie in der vorhergehenden Nacht geweckt hatte, um ihr das Billet von Beatrir zuunſtellen, hatte ſie nur der Stimme ihres Herzens gehorcht und hatte ſich, ganz von dem Wunſche erzüllt, die Wünſche der Marquiſe zu erfüllen, auf die Reiſe begeben, ohne die möglichen Folgen zu erwägen. Indem ſie Flavia den Nonnen über⸗ gab, beſchwor ſie dieſelben, ihr Tag für Tag Nachricht zu geben, aber ſie fühlte die Nothwendigkeit, der Kleinen ſo lange als nur immer möglich die zwiſchen ihren Eltern herrſchenden Zerwürfniſſe zu verbergen. Das reine und men ſcho er ſein erſch lein ihn ſein eckel Chr der auf 147 zauer ſanfte Kind kannte dieſe Zerwürfniſſe bis jetzt noch nicht und die Zärtlichkeit Chriſtine's ſuchte es für immer vor ein dieſer Kenntniß zu bewahren. Lan⸗ Jetzt mußte indeſſen die Gouvernante, welche ſo zu Die ſagen, in eine Sackgaſſe gerathen war, einen Entſchluß dem faſſen. Jede verfließende Minute drängte gebieteriſcher dazu. nur Ihres Widerwillens ungeachtet entſchloß ſie ſich, den wol⸗ Marquis wiederzuſehen und ihm ihren wohlüberlegten Ent⸗ ſchluß mitzutheilen, entweder nach München zurückzukehren Um⸗ oder aber die Behörden in Kenntniß zu ſetzen. ittel, Sie ſchickte ſich alſo an, das Fenſter zu verlaſſen; eines allein zuvor ſuchten ihre Augen noch unwillkürlich den iſteee Fremden. Zu ihrem großen Erſtaunen ſah ſie ihn mit ſo⸗ feſtem Tritte den halsbrechenden Fußſteig zu dem Günther⸗ indt⸗ felſen emporklimmen, welcher dem Thürmchen gerade ge⸗ ennt⸗ genüber lag und von welchem aus man den Balkon über⸗ ach⸗ blicken konnte. Zeit Woher kommt dieſer Menſch? Was will er? Wer wei⸗ iſt er? Warum ſchlägt mein Herz bei ſeiner Annäherung als ſo ſehr? Es liegt in ſeiner Erſcheinung etwas Geheimniß⸗ volles. Iſt er ein Spion? Iſt er ein Dieb? 3 aus-⸗ Der Kopf des Fremden erſchien über den Zwergbäu⸗ ieſer men, welche die Höhe des Berges bedeckten. Er war ſchon ganz nahe; allein ſein großer bairiſcher Hut, welchen erde er tief in's Geſicht gedrückt hatte, machte es unmöglich, ſeine Züge zu errathen. Er verſchwand einen Augenblick, veckt erſchien wieder, verſchwand abermals, und obgleich Fräu⸗ ſie lein Orthez noch eine Viertelſtunde wartete, erblickte ſie ſich, ihn dennoch nicht mehr. Sie ſtellte ſich vor, er hätte luiſe ſein Vorhaben aufgegeben, und kehrte in's Zimmer zurück. chen Die große Blutlache auf dem Boden verbreitete einen ber⸗ eckelhaften Geruch, welcher das Herz zuſammenſchnürte. t zu Chriſtine mußte all ihre Kraft zuſammennehmen, um ſich 1 ſo der Todten von Neuem zu nähern. Der Leichnam war tern auf einem Bett von dunkler Farbe ausgeſtreckt und glich und 10* 148 einer Bildſäule auf einem Grabe. Sie konnte die Augen nicht davon abwenden, jeden Augenblick kam es ihr vor, die Gemordete müſſe aufwachen, ſie beim Namen rufen, ihr die Hand bieten, ihr verzeihen. Dieſe Illuſion war ſehr lebhaft und ſie empfand davon einen Eindruck, daß ihr faſt übel wurde. Ah, murmelte ſie, ſie wird nie mehr mit mir ſprechen. Ihre Stimme iſt verſtummt, ihre liebevolle Seele entflohen ... Die arme Flavia hat nur noch mich auf der Welt! Chriſtine ſtand neben dem Tiſche, auf welchen ſie die Krone niedergelegt. Dort befand ſich auch noch das offene Schmuckkäſtchen. Chriſtine hielt es für paſſend, die Edelſteine zu verſchließen, bevor ſie Fremde herbeirief, um ſie dem rechtmäßigen Eigenthümer zuzuſtellen. Sie hatte früher einmal auf Befehl der Marquiſe ein genaues Ver⸗ zeichniß der Schmuckſachen entworfen, welche das Käſtchen enthielt, und dieſes Verzeichniß befand ſich in einem Schub⸗ fach des Deckels. Sie verglich ſorgfältig das Inventar und fand, daß Nichts fehlte. Sie wollte das Käſtchen eben verſchließen, als ein ihr unbekanntes Schublädchen, deſſen Feder nicht einſchnappte, ihr in die Augen fiel. Sie that es auf und erblickte ein Papier, deſſen Handſchrift Eile verrieth, und welches nicht verſiegeltwar. Dieſes von der Hand der Marquiſe beſchriebene Papier trug die Aufſchrift: „An Fräulein von Monza, an meine vielgeliebte Tochter, an meine Flavia.— Dieß iſt mein Teſtament.“ Chriſtine zauderte, allein ſie hielt den Inhalt dieſes Papiers für zu wichtig, da es vielleicht ihre Schritte in dieſer verhängnißvollen Lage zu leiten im Stande war. Sie entſchloß ſich daher, es zu leſen, indem ſie ſich ſagte: Das kann vielleicht Flavia nützlich ſein, und ſo iſt es keine Indiscretion. Es iſt geſchrieben, um geleſen zu werden. Arme Frau! Sie hat ihr Ende mit allen ſeinen Schrecken geahnt! Sie öffnete das Schreiben und begann es zu leſen. In dem Maaße aber, in welchem ſie weiter kam, begann ihre gege den mit Ohr in a Stiꝛ ten Wor dem blei⸗ Aug den frül tade ang von und 149 ihre Hand zu zittern und erblaßte ſie noch mehr. Die gegen ſie geſchleuderte Anklage traf ſie in's Herz. Als ſie den Brief zu Ende geleſen, entfiel er ihren Händen und mit unbeſchreiblicher Angſt rief ſie aus: Ah, es iſt geſchehen! ich bin verloren! Im ſelben Augenblick ſchlug eine Stimme an ihr Ohr, eine Stimme, welche durch das Fenſter kam und ſie in allen Fibern zittern machte. Dieſe Stimme rief halblaut: Chriſtine, Chriſtine Orthez! Ach, mein Gott, wer ruft mich? Der Schrecken feſſelte ſie an ihren Platz. Dieſe Sünne kam aus dem Grabe und alle Todten umring⸗ ten ſie. Ein Geräuſch an der Thüre und lebhaft gewechſelte Worte vermehrten ihre Ueberraſchung. Auch dort rief man: Chriſtine, Chriſtine Orthez! Die Thure ging auf. 41. Der Finger Gottes. Mehrere Perſonen traten zugleich ein, geführt von dem Marquis, welcher vollſtändig angezogen und zwar bleich, aber wuürdevoll und ſcheinbar ruhig war. Sein Aeußeres war ganz geeignet, ſelbſt ein geübtes Auge zu täuſchen, und ſicherlich hätte in ihm Niemand den Mann erkannt, deſſen Geſicht und Kleider eine Stunde früher mit den Spuren des Mordes beſudelt waren. Sein tadelloſer, der Stunde und den Umſtänden vollkommen angemeſſener Anzug zeigte einen unnachahmlichen Stempel von Natürlichkeit. Sie ſchien ſo improviſirt als möglich und nicht eine Falte verrieth den Reiſekoffer. Er ſchritt voraus und auf Chriſtine zu mit den Worten: Sie antworteten nicht, Fräulein, und ich fürchtete ſchon, Ihr Muth ſei Ihrer ſchmerzlichen Aufgabe nicht gewachſen geweſen. Mein Muth iſt Allem gewachſen, Herr Marquis, erwiederte ſie, den Kopf aufrichtend; denn dieſes ſeltſame Mädchen brauchte bloß eine Sekunde, um ihre heftigſten Eindrücke zu beherrſchen. Dieſe Herren ſind Attaché's unſerer Geſandtſchaft in Muͤnchen; ſie kommen uns in dieſem ſchrecklichen Augen⸗ blick recht eigentlich vom Himmel zugeſchickt. Die Neugier führte ſie in's Schloß, das ſie leider unbewohnt zu finden glaubten. Meine Leute, die gewöhnt ſind, Beſuchern den Eintritt zu geſtatten, haben ſie glücklicherweiſe eingeführt. Sie werden uns mit ihren Rathſchlägen zu Hülfe kom⸗ men, hoffe ich. Die beiden jungen Männer waren beſtürzt auf der blutigen Schwelle dieſes Leichengemachs ſtehen geblieben. Sie beantworteten weder die Worte des Marquis, noch die ermuthigende Begrüßung, die er an dieſelben richtete. Beide überlegten zu gleicher Zeit, ohne ſich jedoch ihre Gedanken mitzutheilen, daß ſie ſich in eine der ernſteſten Angelegenheiten einließen, deren ganze Perſönlichkeit auf ihnen laſten würde, daß ſie die Folgen davon zu verant⸗ worten hätten und ihre Vergnügungspartie ſie theuer zu ſtehen kommen könnte. Sie ſehen dieſes furchtbare Schauſpiel, meine Herren, Sie begreifen, warum ich mich in mein Zimmer einge⸗ ſchloſſen hatte, und Sie werden die Hingebung von Fräu⸗ lein Orthez würdigen. Einer der Attaché's, welcher Chriſtine am nächſten ſtand, hob den Brief der Marquiſe auf, der ihrer Hand entfallen war und auf dem Boden lag, wo er in dieſem Augenblick der Ueberraſchung von ihr vergeſſen wurde. Er ſtellte ihr denſelben ehrerbietig zu. Sie nahm ihn mit einer convulſtviſchen Bewegung und ward furchtbar blaß, 151 dann ſtieg ihr das Blut raſch wieder in's Geſicht und im nächſten Augenblick hatte ſie wieder alle Farbe verloren. Endlich legte ſie die Hand auf ihr Herz, unterdrückte ihr beklommenes Athemholen und überreichte dem jungen Manne dieſes anklagende Papier, den Ruin aller ihrer Hoffnungen. Meine Herren, Sie werden, denke ich, die gericht⸗ liche Unterſuchung Betreffs dieſes furchtbaren Unglücks beginnen. Dieſer Brief iſt ein koſtbares Dokument, ich habe ihn in dem Juwelenkäſtchen der Frau Marquiſe ge⸗ funden, zu welchem ich Ihnen hier den Schlüſſel zuſtelle. Es iſt mir nicht erlaubt, denſelben der Gerechtigkeit zu entziehen, welche Folgen es auch haben mag. Fräulein, antwortete der ältere der Reiſenden, wir haben durchaus keinen Auftrag zu einem Verhör über dieſe Angelegenheit. Unſere Pflicht nöthigt uns jedoch, den Herrn Geſchäftsträger auf der Stelle davon zu benachrich⸗ tigen und ſeine Befehle einzuholen. Von jetzt an müſſen wir daher Sorge tragen, daß Niemand das Schloß ver⸗ laſſe. Der Herr Marquis und Sie werden uns dieſe Vor⸗ ſichtsmaßregeln verzeihen; hier liegt eine Leiche, hier iſt ein von Blut überſchwemmtes Gemach, Frau von Monza hat dieſes Blut ſelbſt vergoſſen, wir zweifeln nicht daran; allein deſſenungeachtet muß dieß unterſucht werden. Die öffentliche Moral und Ihre Ehre, Herr Marquis, ſordern es. Sie tragen einen. Namen, welchen der Verdacht nicht erreichen kann; Ihr Charakter und Ihre Erziehung ſtellen Sie über eine unmögliche Anklage, jedoch nicht über die Juſtiz, ich brauche es nicht zu wiederholen. Das iſt ganz richtig, meine Herren, verſetzte der Marquis ohne alle Verwirrung. Das Schloß iſt ganz zu Ihrer Dispoſttion, geben Sie Ihre Befehle, man wird dieſelben ohne Zaudern ausführen und ich werde mich als der Erſte unterwerfen. Ich bin bereit, Ihre Fragen zu beantworten⸗. Noch einmal, wir haben weder das Recht noch den 15² Willen, Fragen au Sie zu richten, Herr Marquis. Der Herr Geſchäftsträger wird die geeigneten Beſtimmungen treffen. Sie werden wohl für gut finden, meine Herren,— wenigſtens ſetze ich es voraus— daß wir, bis Ihre In⸗ ſtructionen eingetroffen, dieſes Zimmer verlaſſen. Ich könnte unmöglich hier bleiben, denn ich fühle mein Herz brechen. Kann ich es in einen anſtändigeren Zuſtand bringen laſſen? Nein, mein Herr, es muß Alles ſo bleiben wie es iſt. Ich werde Jemand von Ihren Leuten hieher ſchicken, um dieſe unglückliche Dame zu bewachen; denn ich ſetze voraus, daß Fräulein Orthez nicht darauf beſtehe, dieſe Maͤhwaltung zu erfüllen, ſondern der Ruhe bedürfe. Chriſtine nahm dieß für einen Befehl, was es in der That auch war. Sie grüßte und ging ſchweigend hinaus. Niemals in ihrem bewegten Leben war ſie der Entmuthi⸗ gung und Verzweiflung ſo nahe geweſen. Sie ſtieg in ihr Zimmer hinauf und verſchloß ſich in daſſelbe, nachdem ſie Lisbeth, welcher ſie begegnete, verboten hatte, ſie unter irgend welchem Vorwand zu ſtören, es ſei denn, um der geſetzlichen Autorität Rede zu ſtehen. Inzwiſchen verſammelten die beiden Attaché's, nach⸗ dem ſie ſich einige Sekunden mit leiſer Stimme berathen, ſämmtliche Dienſtboten des Schloſſes, verpflichteten dieſel⸗ ben unter den ernſteſten Vorſtellungen, im Schloſſe zu bleiben, Niemand, ſelbſt ihrer Herrſchaft nicht, den Aus⸗ tritt zu geſtatten und einige Landleute aus der Umgegend herbeizuholen, um mit Hülfe derſelben das Schloß beſſer bewachen zu können. Dann reiste einer der jungen Männer auf der Stelle ab und der Andere richtete ſich im Salon ein. Herr von Monza bat ihn um Erlaubniß, ihn allein laſſen zu dürfen, indem er ſagte: Ich bedarf wohl keiner Entſchuldigung, mein Herr. Mein Schmerz iſt Ihnen bekannt; er iſt zu rechtmäßig und zu natürlich, als daß Sie ihn nicht verſtehen ſollten. 15³ Den Reſt des Tages über lag ein tödtliches Schwei⸗ gen auf dem Schloſſe. Die Dienſtboten und die Bauern bewachten die Eingänge. Als die Nacht kam, ſtellte man auch noch eine Schildwache auf die Galerie des Thurmes und dieſe Vorſichtsmaßregeln verriethen trotz der höflichen Sprache der Attachés wenig Vertrauen. In ſein Zimmer verſchloſſen, war Amadee die Beute einer furchtbaren Aufregung und Angſt. Mehrmals klopfte er an die Thüre Chriſtine's; allein ſie beſtand darauf, ihm nicht zu antworten. Er wagte es nicht, den Eintritt zu erzwingen, denn das Haus war mit Leuten angefüllt, welche das kaum hätten geſchehen laſſen. Er mußte alſo zuwarten, allein und leidend, ohne ſeine Schmerzen Je⸗ mand mittheilen zu können. Kein Menſch vermag zu ſagen, welches Drama ent⸗ ſetzlicher Schmerzen ſich in der Seele dieſes Mannes ab⸗ ſpielte und die Strafe ſeines Verbrechens beginnen ließ. Gott hat ſeine Stunden!... Fräulein Orthez ließ ſich durchaus nicht ſehen. Sie verbrachte ohne Zweiſel ihre Zeit ebenfalls in gräßlicher Angſt. Ein Kampf und zwar ein Kampf auf Leben und Tod mußte ſich in dieſer ſtarken Seele entſpinnen. Sie machte ſich durchaus keine Illuſion. Sie ſah ein, daß ſie in eine furchtbare Anklage verwickelt ſei. Sie fühlte ſich gefangen in einem Netze von Argwohn, Kummer und viel⸗ leicht von Schande, welchem zu entrinnen ihr unmöglich ſein würde. Sie mußte auf ihre theuerſten Plane ver⸗ zichten. Sie ſah die von ihr geträumte, ſo geliebte Zu⸗ kunft vor ihr verſinken; die traurige Berühmtheit, welcher ſie entgegenging, mußte ihr jeden Gedanken an Heirath unterſagen. Der letzte Wille von Beatrir ſchied ſie von Robert und dieſer letzte Wille war ihr heilig wie das Ge⸗ bot Gottes und ſollte gehalten werden, müßte ſie es auch mit dem Leben bezahlen. Sie brachte daher das Opfer raſch, ſie beſtimmte ſich zu einer gränzenloſen und völlig 154 uneigennützigen Hingebung. Sie vergaß ſich ſelbſt, ſie ſtrich ſich gleichſam von der Liſte des Lebens und wollte nur noch für die zwei Gefühle ihres Herzens leben, für Robert und Flavig. Sie wog die Chancen ihres Gluͤckes und ihrer Stellung ab, ſie warf einen Blick um ſich, ſie ſuchte für die Beiden den möglichſt günſtigen Ausgang aus der Kataſtrophe, welche über ihre Familie hereingebrochen, und nachdem ſie bei wiederholtem und angeſtrengtem Nach⸗ denken eine auf die Thatſachen und deren Folgen ſelbſt bafirte Ueberzeugung erlangt, faßte ſie ihren Entſchluß. Dieſer Entſchluß, welcher es auch war, eröffnete ihre Rolle der Selbſtverleugnung, zu welcher ſie ſich beſtimmt hatte. Ihr energiſcher und unbeugſamer Charakter verlieh ihr all den Muth, deſſen ſie bedurfte, ſelbſt den Muth, ſich in's Verderben zu ſtürzen. Die Entmuthigung war nur für einen Augenblick über ſie gekommen, ſogleich rich⸗ tete ſie ſich wieder auf und beugte ſich dann nicht wieder. Oh, die Gewalt dieſer Frau über das Unglück war bewundernswerth! Es lag in dieſer zweifelsohne ſehr unvoll⸗ kommenen und ſogar ſehr gefährlichen Natur ein unwider⸗ ſtehlicher Zauber. Dieſes junge Mädchen, welches allein und ohne Stütze in die Welt geſtoßen worden und einzig und allein durch ſeine Willenskraft es dazu gebracht hatte, ſogar ſcheinbare Unmöglichkeiten zu beſiegen, flößte eine Art von Achtung ein, welche die Heftigkeit ſeiner Leiden⸗ ſchaften keineswegs ganz verwiſchen konnte. Als die Nacht angebrochen war, verließ Chriſtine bebenden Schritts ihr Zimmer und wandte ſich nach dem des Marquis. Sie ſtreugte ſich an, ihren Muth wieder zu erlangen, und klopfte an die Thüre, indem ſie ihren Namen nannte. Er öffnete nach einem augenblicklichen Zaudern. Chriſtine, fagte er, kommen Sie endlich? Freuen Sie ſich nicht über mein Kommen, mein Herr, ich bringe nur traurige Gedanken und ſchmerzliche Be⸗ track zu e lich über Herr den auf chen Sie imm ſei? verlt hand ren, ſchoꝛ und einen und Dun Hof Ihne Chin ken zu l man treſſe ſelbſt 155 trachtungen. Aber ich habe noch eine Pflicht gegen Sie zu erfüllen und bebe nicht vor derſelben zurück, wie pein⸗ lich ſie auch ſei. Meine Zukunft ſteht feſt; ich wollte Sie über die Ihrige und die Ihrer Tochter aufklären, mein Herr, und deßhalb bin ich gekommen. Sind wir allein? Eine Frau wacht in dem Zimmer von...(er wagte den Namen nicht auszuſprechen)... und ein Bauer iſt auf der Galerie vor meiner Thüre aufgeſtellt. Aber ſpre⸗ chen Sie immerhin, ſie werden uns nicht verſtehen. Haben Sie ſich endlich entſchloſſen, mir zu folgen? Ihnen zu folgen, mein Herr? Sind Sie denn noch immer in der ſeltſamen Illuſton befangen, daß dieß möglich ſei? Sehen Sie denn nicht ein, daß Sie verloren ſind, verloren ohne Rettung, und daß es ſich nicht mehr darum handelt, Ihr Leben zu verlieren, ſondern darum, zu erfah⸗ ren, wie Sie es verlieren ſollen. Das bilden Sie ſich nur ein, Chriſtine; wir können ſchon noch entkommen. Sie ſind ſtark und kühn, Chriſtine und dieſes Schloß iſt nicht ſo gut bewacht, daß wir nicht einen Ausgang zu finden vermöchten. 4 Meinen Sie? Oeffnen Sie doch einmal Ihr Fenſter und Sie werden die Gewehrläufe ihrer Wächter in der Dunkelheit blitzen ſehen; verſuchen Sie auch nur in den Hof zu gehen und Sie werden ſehen, welcher Empfang Ihnen zu Theil wird. Sie machen ſich ja ganz unerhörte Chimären vor, mein Herr. 1 Wie! klagt man mich denn an? Wagt man zu den⸗ en... Die Wahrheit, ja freilich. Es iſt nicht mehr Zeit zu leugnen, man muß Alles ſagen. Man klagt Sie an, man klagt auch mich an; man ſagt, ich ſei Ihre Mai⸗ treſſe und habe Sie zu dieſer Schandthat gedrängt. Sagen kann man Alles, aber die Beweiſe!... Man hat einen Beweis und dieſen Beweis habe ich ſelbſt in die Hände eines unſerer Richter gelegt. Dieſen 156 Beweis, ich allein kannte ihn, dieſer Beweis iſt ein Brief der Marquiſe an ihre Tochter, es iſt ihr Teſtament. Ich habe ihn gefunden, als ich ihr Schmuckkäſtchen ordnete, und hatte ihn kaum zu Ende geleſen, als Sie eintraten. Und Sie haben ihn nicht vernichtet? Und Siel haben ihn ſelbſt ausgeliefert?... Sie wollen mich alſo zu Grunde richten? Ich habe mich noch mehr zu Grunde gerichtet als Sie; denn dieſer Brief klagte mich noch härter an als Sie. Aber ſollte es mich auch das Leben koſten, nie würde ich den Tempelraub begangen haben, dieſes Teſtament zu vernichten und meine geliebte Schülerin der letzten Gedan⸗ ken ihrer Mutter zu berauben. Nein, mein Herr, Sie kennen mich nicht. Sie wiſſen nicht, welche Autokratie die Pflicht über mich übt. Diefes Papier raubt mir mehr als das Leben, es raubt mir Hoffnung und Glüͤck; allein ich füge mich, weil ich muß. Gehe ich in dieſer Welt verloren, werde ich in jener gerettet ſein. Gott kennt mich. Aber was ſind Sie doch für ein ſeltſames Mädchen? Unzugänglich allen Schwächen, allen Intereſſen, allen Verführungen! Ich verlange keine Lobſprüche von Ihnen, mein Herr, ich verdiene ſie nicht, und wenn ich Ihnen mittheile, was ich thun zu müſſen geglaubt, ſo geſchieht es nur, weil ich Sie die Möglichkeit und Nothwendigkeit lehren möchte, mein Beiſpiel zu befolgen, welches Sie, wie ich glaube, nicht aus freien Stücken befolgen würden. Waffnen Sie ſich mit Muth; denn Sie werden peinliche und feierliche Worte hören. Mein Gott, was haben Sie mir noch zu ſagen? Ich habe Ihnen zu ſagen, daß Sie verloren ſind, daß all Ihr Lügen und Ihr Leugnen weder Glaube noch Vertrauen finden wird oder finden kann. Ihr Verbrechen liegt am Tage, Alles klagt Sie an, Alles überführt Sie. Sie wollten nicht fliehen, ſo lange es Zeit war. Jetzt bleibt Ihnen nur noch ein Mittel, Schaffot und Entehrung 157 zu vermeiden. Das Mittel iſt in Ihren Händen. Wenn Sie kein Feigling ſind, wenn Sie an Ihre Tochter den⸗ ken, werden Sie es anwenden. Ein Mittel?... verſetzte er erbleichend. Ein einziges, ich wiederhole es Ihnen. Und eilen Sie, zu demſelben Zuflucht zu nehmen; denn binnen Kur⸗ zem wird man kommen. Nachher finden Sie dieſe Gele⸗ genheit nicht wieder und der Vater meiner Flavia wird von Henkershand ſterben. Ergreifen Sie Ihre Waffen und Gott verzeihe Ihnen! Aber Sie! Sie, die Sie gleich mir beſchuldigt ſind, warum nehmen Sie nicht zu dieſem äußerſten Mittel Zuflucht? Weil ich keinen Namen zu retten, weil ich kein Kind habe, auf den ich ihn übertrage, weil ich keine Familie habe, die durch mich entehrt wird,.. weil die arme Chri⸗ ſtine allein auf der Welt ſteht, fügte ſie melancholiſch hinzu. Es kümmett ſie wenig, ſich der Gerechtigkeit der Menſchen zu überliefern; da ſie unſchuldig iſt, ſo fürchtet ſie nur die Gerechtigkeit Gottes. Sie, Sie ſind ſchuldig, das kann man Ihnen leicht beweiſen; aber ich! ich fürchte die Men⸗ ſchen nicht, ſie können mich tödten, wenn ſie wollen. Der Marquis ſank in ſeinem Lehnſtuhl zuſammen; zum erſten Mal erſchien ihm die Wahrheit unverſchleiert; zum erſten Mal ſah er das furchtbare Loos, das er ſich bereitet hatte. Ganz von ſeiner Leidenſchaft beſtrickt und die läſtigen Bilder verſcheuchend, hatte er der Rache der Menſchen wie der des Himmels zu entrinnen geglaubt. Iſt jener Brief der Marquiſe unyerwerflich? fragte er mit abgebrochenen Worten. Unverwerflich! Er zerſtört Ihren Roman eines Selbſt⸗ mords vollſtändig und bezeichnet Sie als den Schuldvigen trotz der Sorgfalt, mit der er Sie zu rechtfertigen ſucht. Dieſe Worte ſchmetterten Amadee vollends nieder; denn Amadee war kein Mann von Muth. Der Gedanke 158 an den Tod benahm ihm alle Energie. Chriſtine beob⸗ achtete und durchſchaute ihn. Ich wollte nicht... mein Gott! ſie hat mich dazu gezwungen, ſie hat mich zum Zorn gereizt, ſie hat mir ſatiſam wiederholt, daß Sie mich nicht liebten, daß Sie Robert liebten; ich war nicht mehr Herr meiner felbſt, die Eiferſucht, die Wuth... Sie ſehen wohl, daß ich ſie um Ihretwillen getödtet habe! Mein Gott, verzeihe mir, murmelte Chriſtine, ver⸗ zeihe mir dieſes Verbrechen, an dem ich Schuld bin. Strafſt Du mich nicht ſchon genug! Und jetzt, da ich Ihretwegen zu dieſem Grade von Schlechtigkeit gelangt bin, jetzt, da ich einen Mord began⸗ gen habe, für den es auf Erden und vielleicht auch im Himmel keine Barmherzigkeit gibt, jetzt ſtoßen Sie mich zurück und wollen, daß ich allein die Strafe für ein Ver⸗ brechen trage, das wir mit einander begangen haben, denn ich war das Werkzeug und Sie der Arm. Sie wollen, ich ſolle ſterben, und Sie wollen leben, Sie, für einen Andern ohne Zweifel! Nachdem Sie mich in den Abgrund geſtürzt haben, weigern Sie ſich, mir dahin zu folgen? Nein, beim Himmel, das darf nicht ſein, mein Lovs ſoll auch das Ihre ſein. Haben Sie mir nicht geſagt, daß bei einer Frau, wie dieſes arme Geſchöpf war, meine Laufbahn beſchränkt, beendigt ſei? Haben Sie mir nicht geſagt, Sie hätten meinen Namen unſterblich gemacht? Ließen Sie nicht unbekannte Gedanken, ſchlummernden Ehrgeiz, nie geahntes Verlangen in meiner Seele auf⸗ keimen? Zwiſchen der Verwirklichung meiner Träume, zwiſchen dem Glück und mir lag ein Hinderniß; Sie wie⸗ ſen mich mit dem Finger darauf, ich habe es vernichtet, das iſt Alles. Und Sie wagen, ſich unſchuldig zu nennen! Mein Herr, entgegnete Chriſtine mit vielem Gleich⸗ muth, es handelt ſich nicht um mich, ſondern um Sie. Wenn die Richter mich ſchuldig erklaren, ſo werde ich 159 meine Strafe erdulden, denn ich ſchulde Niemand Etwas. Aber Sie, muß ich Sie denn immer auf den wahren Ge⸗ genſtand dieſer Unterhaltung zurückführen? Wollen Sie nicht aus ſich ſelbſt daran denken? Sehen Sie nicht ein, wer Sie ſind? Kurz, vergeſſen Sie Ihre Tochter! Wollen Sie ihr Unglück und Schande hinterlaſſen? Soll ſie eine entehrte Waiſe werden? Das iſt das Loos, das Sie ihr vermachen. Und Sie denken, ich, die ich fortan Mut⸗ terſtelle bei ihr vertrete, ich werde das für ſie annehmen? Nein, nein, meine Flavia muß nicht Alles auf einmal verlieren; dieſer ſo reine Engel ſoll ſeine Flügel nicht im Kothe beſchmutzen. Herr von Monza hatte ſeit mehreren Tagen Nichts gegeſſen; er empfand daher eine außerordentliche Schwäche. Die Aufregungen der letzten Nacht und die des heutigen Tages drückten ihn vollends zu Boden. Um ſich Kraͤfte zu geben, trank er von Zeit zu Zeit einige Schlücke ſehr ſtarken Grogs, indem er im Zimmer auf⸗ und abſchritt. Fräulein Orthez folgte ihm mit den Augen und erſpähte ſeine Entſchlüſſe mit einer Aengſtlichkeit, die ſich auf ihrem Geſichte abſpiegelte. Er ſprach während des Gehens, er ward immer aufgeregter und kam wieder auf ſeine Liebe und ſeinen Entſchluß zurück, mit Chriſtine zu leben und zu ſterben. Sie unterbrach ihn nicht und ſchien in tiefes Träumen verſunken, dann fing auch ſie an, auf der an⸗ dern Seite dieſes großen Zimmers auf⸗ und nieder zu gehen. Plötzlich ſtand ſie jedoch ſtill, wandte ſich raſch gegen den Marquis um und ſagte: Herr von Monza, zum letzten Male, wollen Sie in Beruͤckſichtigung Ihrer Ehre, in Beruckſichtigung Ihres Vaters, in Berückſichtigung Flavia's den einzigen Ent⸗ ſchluß faſſen, der einem Manne von Ihrem Namen unter ſolchen Umſtänden ziemt?— Nein. Sie würden ſich mit Ihrem Liebhaber über mich luſtig machen. * 160 Sind Sie unwiderruflich entſchloſſen? Sie nehmen die Schmach an, Sie unterwerfen ſich der Schande, kurz Sie ſind ein Feigling! Fräulein.. Sie ſind ein Feigling, ich wiederhole es Ihnen... und Sie müſſen ſich daran gewöhnen, das zu hören, ſo wird man Sie künftig nennen, man wird dieſen Namen noch Ihrem Andenken beilegen. O Flavia, Flavia! Dein Vater iſt ein Mörder und ein Feigling! Sie ſagen mir die Wahrheit. Sie ſind entſchloſſen, ich bin es auch. Ich bin durch Sie und Ihretwegen ſtrafbar geworden, ich will die Frucht meines Verbrechens keinem Andern laſſen. Ei, mein Herr, ſeien Sie ruhig, Liebe und Glück ſind auf immer für mich verloren. Sie haben zugleich mein Leben gebrochen, indem Sie.. die arme Mar⸗ quiſe getödtet haben! Kurz, Ihr Entſchluß ſteht alſo feſt, Nichts vermag Sie zu rühren; ſo erfülle ſich denn Ihr Schickſal und Gott verzeihe mir! Herr von Monza antwortete mit glühenden Worten, mit dem Ausdruck einer unſinnigen und zu Allem fähigen Liebe. Er warf ſich Chriſtine zu Füßen; nachdem er ge⸗ droht hatte, flehte er ſie an; dann drohte er von Neuem. Unbeugſam, kalt, aber zitternd, ſetzte Fräulein Orthez dieſer Aufregung die ſchimpflichſte Verachtung entgegen. Sie ließ ihr Herz reden, geſtand jedoch ihre zärtliche Liebe zu Robert, ihre gegenſeitigen Gelöbniſſe nicht ein; dieſes Geheimniß ſollte um Flavia's Glück willen mit der Mar⸗ quiſe in's Grab ſteigen. Die Wuth des Marquis kannte keine Gränzen mehr; er trat an den Tiſch und trank ein neues Glas Grog. Chriſtine, die am andern Ende des Zimmers ſaß, ſprang auf, rang mit himmelwärts geho⸗ benen Armen die Hände und ſtieß einen fürchterlichen Schrei aus. Amadee glaubte, ſie habe Furcht, und ſuchte ſie zu beruhigen. 1 4 Haben Sie Mitleid mit mir, Chriſtine, ich bin ſo unglücklich! 3 Mitleid mit Ihnen, mein Herr! O ja, ich habe Mitleid mit Ihnen, ich kenne Ihr ganzes Unglück und wenn auch Ihre egoiſtiſche Liebe mich zu Grunde ge⸗ richtet hat, wenn ſie mich vielleicht auch tödten wird, ſo beklage ich Sie nichtsdeſtoweniger von ganzer Seele. Der liebevolle und traurige Ton, mit dem ſie dieſe Worte ſprach, ſetzte den Marquis in Staunen. Ge⸗ wohnt, ſie ſo hart, ſo herriſch zu finden, bildete er ſich ein, ſte werde gerührt und fühlte einige Hoffnung. Sie haſſen mich alſo nicht, Chriſtine? Nein, antwortete ſie, noch einmal, ich beklage Sie. Er wollte ihre Hand ergreifen, die ſie ihm jedoch lebhaft entzog. Ich kann Ihre Hand nicht berühren, ich kann es nicht, es iſt unmöglich. Ach, ich flöße Ihnen Grauſen ein. O nein, nein, ſagte ſie, wie von einem Schwindel ergriffen, ich kann nicht länger widerſtehen, laſſen Sie mich hinaus. Verlaſſen Sie mich nicht, verlaſſen Sie mich nicht, Sie ſind mein ganzes Leben und meine ganze Kraft; verlaſſen Sie mich nicht; ich glaube, ich würde ein Narr, wenn ich Sie nicht mehr ſähe. Sehen Sie denn nicht ein, daß wenn ich nicht ſterben will, es nur ge⸗ ſchieht, um Sie immer wieder zu ſehen? Wenn ich Chrloſigkeit auf mein Haupt lade, wenn ich ſie meiner Tochter vermache, ſo geſchieht es Ihretwegen, um Ihret⸗ willen, Chriſtine, ganz um Ihretwillen! Er hielt ihre beiden Hände, die ſie nicht mehr zu⸗ rückzog und bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen. Auch über Chriſtinens Antlitz rollten langſame Thränen. Ich weiß es, fuhr er traurig fort, ich weiß, Sie haben Recht, der Marquis von Monza, der Sohn jenes ruhmwürdigen Feldherrn, deſſen Name auf den Sei⸗ Die hlutige Marquiſe. II. 11 162 ten der Geſchichte glänzt, darf nicht durch Henkershand ſterben. Ich bin kein Feigling, Chriſtine, was Sie auch glauben mögen; und höre ich auf die edeln Eingebun⸗ gen meiner Seele, ſo bin ich bereit meine Pflicht zu erfüllen, das Andenken der Beatrir eines Verbrechens zu entladen, an dem ſtie unſchuldig iſt, auf mich allein die Anklage zu laden, die uns Beide verfolgt, denn ich allein bin der Schuldige. Meine Leidenſchaft überwäl⸗ tigt mich jedoch noch immer, meine Leidenſchaft ſpie⸗ gelt meinen Augen unſinnige Hoffnungen oder eine un⸗ bezähmbare Eiferſucht vor und dann kann ich nicht mehr! kann ich nicht mehr! Und doch müſſen Sie ſich dem unterziehen, mein Herr, Sie müſſen es und zwar ſchnell, fuhr Chriſtine mit melancholiſchem Tone fort, denn Ihre Augenblicke ſind jetzt gezählt. Wie ſo! Fräulein Orthez ſchien zuſammenſinken zu wollen; ſie lehnte ſich an die Rücklehne eines Stuhls. Erweiſen Sie Der, die Sie getödtet haben, Ge⸗ rechtigkeit, mein Herr, wenden Sie von mir unverdienten Verdacht ab. Beeilen Sie ſich! Die Zeit drängt. O, wie viel Unglück haben Sie auf uns Alle herabgerufen! Welche Verbrechen! welche unſeligen Tage! Ich weiß nicht, was ich empfinde, mir wird trübe vor den Augen und ich empfinde nie gekannte Schmer⸗ zen; dieſer Grog bekommt mir ſchlecht. Iſt doch mein Leben ſeit vielen Monaten nur eine Marter! Mein Gott, mein Gott, verzeihe mir, wiederholte Chriſtine, die Hände faltend. Schreiben Sie, mein Herr, ich beſchwöre Sie! Ja, ja!... morgen... ſpäter... will ich es thun. Ich leide jetzt zu ſehr... Sie müſſen mir bei dem Andenken Ihrer Mutter ſchwören, keinem Andern anzugehören.. ſich Flavia zu widmen, ſie zu lehren, daß ſte mir nicht fluche... Mein armes Kind! Sie 163 werden indeß nicht wollen, daß ich ſterbe, ohne meine Tochter noch einmal geſehen zu haben! Sie wiſſen, wie ſehr ich ſie liebe; laſſen Sie das Mädchen kommen, damit ich noch einige Stunden, noch einige Tage bei Euch Beiden zubringe, damit ich die Illuſion in mir nähre, Sie für Flavia's Mutter zu halten, und dann ſollen Sie zufrieden ſein, ich verſpreche es Ihnen, Chriſtine. Fräulein Orthez wollte eben antworten; ſie legte ſchon ihre Hand auf die Schulter des Marquis, welcher trotz dem Schmerz, der mehr und mehr ſein Geſicht entſtellte, bei dieſer Berührung erzitterte, als die in den Thurm führende Thüre weit aufgeriſſen wurde und der Bauer, den man als Schildwache davor aufgeſtellt hatte, ſich auf der Schwelle zeigte und ſeinen großen Hut weit von ſich warf. Bei ſeinem Anblick ſchienen Herr von Monza und die Gouvernante von Entſetzen ergriffen und blieben regungslos; er aber ſchritt bis in die Mitte des Zimmers vor und ſagte in ſehr gu⸗ tem Franzöſiſch: Wenn ich mich nicht darein miſche, ſo führt die Erklärung nicht zum erwünſchten Ziele. Wie, ſehen Sie denn nicht ein, mein armer Marquis, daß dieſes wackere Mädchen Ihnen die Schmach und Strafe für Ihre Schlechtigkeit erſpart hat und daß Sie nur noch Zeit haben, die von ihr geſtellte Aufgabe zu vollenden? Ich habe das ſogleich geſehen, ich, und war der Sache überhaupt gewiß. Ein doppeltes Geſtöhne der Ueberraſchung und des Schmerzes folgte dieſen Worten. 11* Das Teſtament. Chriſtine und Herr von Monza glaubten ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Sie erkannte den Bauer, den ſie am Morgen ſchon bemerkt hatte, und Beide ſahen in dieſem Bauer einen Mann vor ſich, den ſie ſeit mehreren Monaten todt wähnten, Ernſt von Saint⸗ Serve. In dem Zuſtande der Aufregung, in welchem ſie ſich befanden, darf der Gedanke an eine übernatür⸗ liche Erſcheinung nicht überraſchen; er drängte ſich ſo⸗ gar Fräulein Orthez auf, ſo muthvoll und aufgeklärt ſie war. Amadee aber zweifelte gar nicht daran, bis die höhniſche Stimme Ernſt's an ſeine Ohren klang und ihm ſein Loos verkündete. Dieſe Befürchtung ver⸗ trieb alle andern, er wandte ſich an die Gouvernante und fragte ſie herriſch, ob ſie dieſes furchtbare Attentat wirklich gewagt habe. Ich weiß nicht, ob es ein Attentat iſt, jedenfalls aber iſt es nur Gerechtigkeit, iſt es ein nothwendiges Opfer, und ſollten der Himmel und die Menſchen mich anders beurtheilen, als ich mich ſelbſt beurtheile, ſo werde ich nicht lügen, ich habe es gethan. Taumelnd vor Entſetzen und auf Chriſtine er⸗ ſchrockene Blicke werfend, ſtürzte der Marquis nach dem Klingelzuge, doch bevor er denſelben erreicht hatte, zog Ernſt, ſchneller als der Gedanke, ſein Meſſer aus ſei⸗ nem Gürtel und ſchnitt die Klingelſchnur in einer Höhe ab, daß ſie nicht mehr zu erreichen war. Nicht doch, ſagte er mit größter Kaltblütigkeit, nicht doch, Vetter, das darf nicht ſein. Der Gatte von meines Vaters Mündel ſoll nicht auf dem Schaffot ſterben. Ich ſchulde das der Familie und werde we⸗ nigſtens dieſe Pflicht erfüllen. 165 Ohne zu antworten, lief der Marquis nach der Thüre, aber auch hier kam ihm Ernſt zuvor. Nicht weiter; es thut mir leid; und um Ihnen unnütze Anſtrengungen zu erſparen, benachrichtige ich Sie, daß wenn Sie ſich nicht ruhig verhalten, ich Sie wie einen Hund tödte; in dieſem Falle aber würden Sie wenigſtens zwei Stunden einbüßen. Amadee ſetzte ſich wieder, ballte die Fäuſte, ſchlug ſich in ohnmächtiger Wuth vor die Stirne und brach in Geſchrei, Flüche und Klagen aus, die auf Ernſt keinen Eindruck machten, Chriſtine aber mit tiefem, ſtarrem Grauſen erfüllten. Es iſt unangenehm, Vetter, ich weiß es, aber was wollen Sie? Ich hatte Sie gewarnt, Sie ermangelten nicht, mich über Alles zu befragen, ich verſprach Ihnen, daß Sie weder ſchlimme Nächte noch Gewiſſensbiſſe haben würden, hielt ſie jedoch nicht für albern genug, ſich auf der That ertappen zu laſſen. Dieß hätte ich, der ich mit Ihnen rede, nie geduldet und beim erſten Erblicken einer Gendarmenuniform hätte ich mir eine Kugel durch den Kopf gejagt. Mein Gott, wie ich leide! ſagte der Marquis angſtvoll. Ach, Chriſtine, Chriſtine! Ich will Hülfe herbeiholen, mein Herr, dieſes Schauſpiel ertrage ich nicht. O, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie mir! Bleiben Sie da, Chriſtine, rufen Sie Niemand herbei. Sie haben ohne Zweifel den Javabalſam an⸗ gewandt, den ich Ihnen in England gegeben habe, es iſt unnütz, irgend ein Mittel dagegen zu verſuchen. Bei dieſen Worten ſprang der Marquis ſchäumend vor Wuth auf und rief ſo laut, als ſeine Schwäche es ihm erlaubte: Zu Hülfe! zu Hülfe! Ha, ich werde Sie nennen, Sie, Ernſt, damit auch Sie verhaftet werden. Was Sie betrifft Chriſtine... O, Herr des Himmels komm mir zu Hülfe! 166 Voller Verzweiflung, aber immer noch ſtark, trat Fräulein Orthez jetzt zum erſtenmal zu Ernſt hin, deſ⸗ Lnrtdemwart ſie in neue und ſo große Unruhe ver⸗ etzte. 3 Mein Herr, bei Allem, was es Heiliges in der Welt gibt, geſtatten Sie, daß ich ihm Hülfe verſchaffe, laſſen Sie mich bei ihm. Ich glaubte eine Pflicht ge⸗ gen meine geliebte Schülerin zu erfüllen, ich habe meine Empfindungen dabei im Voraus erwogen, allein ich kann, ich kann ihn nicht leiden ſehen, ohne ihm einige Erleichterung zu bringen. Chriſtine, Sie ſind ein großes Herz, ein feſter Geiſt, ich bewundere Sie und ſchwöre Ihnen, daß Sie Nichts mehr von mir zu fürchten haben. Wenn Sie dieſem Unglücklichen und ſeiner Tochter nützlich ſein wollen, ſo reden Sie ihm zu und beſtimmen Sie ihn, als Edelmann zu ſterben, die Aufgabe zu erfüllen, welche die Ehre ihm auferlegt. Gehen Sie, ich will nicht hören, was Sie ihm ſagen, werde aber hier blei⸗ ben, denn ich laſſe Sie mit dieſem Wahnſinnigen nicht allein. Die ſchwachen Naturen empören ſich zuweilen und dann werden ſie furchtbar. Fräulein Orthez erwiderte Nichts, ſondern kehrte zu dem Marquis zurück, der immer in der nämlichen Haltung verblieb, und kniete neben ihm nieder. Indem ſte in ihrem Herzen Ausdrücke rührender Reue ſuchte, fand ſie jene Worte, bei welchen das ſtarrſte Eis ſchmilzt, der glühendſte Zorn erlöſcht. Sie rief das Bild ſeiner Tochter, den Schatten der Marquiſe herbei, berührte in den tiefſten Falten ſeiner Seele ſowohl ſeine Leiden⸗ ſchaft, als ſeine zerſtörten Hoffnungen; nie gab es eine gewaltigere und überzeugendere Beredtſamkeit, ſie be⸗ herrſchte den phyſiſchen Schmerz, ſie beherrſchte die Aufwallungen, ſie beherrſchte ſogar die Liebe zum Le⸗ ben. Der Ünglückliche ſchlug ſeine thränenvollen Augen zu ihr auf und ſagte: V 167 Chriſtine, Sie haben geſtegt; ich nehme die Buße an, die Sie mir auferlegen, ich nehme ſie an, denn ſte iſt gerecht; Sie haben nur gethan, was ich hätte thun ſollen. Jetzt bleibt mir Nichts mehr zu thun, als den Schlag abzuwenden, der Sie bedroht, und mich von Ihnen zu trennen. Ich will meine letzten Gedan⸗ ken, meinen letzten Willen niederſchreiben, doch bevor Sie mich verlaſſen, geben Sie mir wenigſtens das Ver⸗ ſprechen einer Erinnerung, laſſen Sie mich eine Ver⸗ zeihung vernehmen. Meine unſelige Leidenſchaft hat Ihr Daſein zerſtört, ich habe Sie mit in den Abgrund ge⸗ riſſen, der mich verſchlingen wird; ich bin ein Elender, unwürdig der Barmherzigkeit und des Mitleids. Meine arme Beatrix bittet dort oben für mich, ſie flößt mir dieſe guten Gedanken ein; ſie will, daß wir uns ver⸗ einen, um gemeinſchaftlich über unſere Tochter und über Sie zu wachen. Sie können mich nicht lieben, Chriſtine, aber Sie können mir den Tod beinahe ſüß machen, indem Sie mich verſichern, daß Sie mich nicht verabſcheuen, indem Sie mir Verzeihung gewähren. Wollen Sie das?. Mein Herr, rief das junge Mädchen, in Thränen zerfließend, ich ſchwöre es Ihnen bei meiner Mutter, ich werde Sie mein Leben lang im Andenken behalten. In der Zurückgezogenheit, in der ich leben, in der Ein⸗ ſamkeit in der ich meine Tage beendigen werde, werde ich aus der Tiefe meines Herzens für Sie beten. Auch ich habe Etwas abzubüßen, ich! In der Zurückgezogenheit... in der Einſamkeit ... fragte er ſchüchtern. Ja, mein Herr, ich werde Ihre Tochter den Hän⸗ den ihres Gatten übergeben und dann wird die Welt nie mehr von der armen Chriſtine reden hören. Seien Sie ruhig, ich habe kein Glück mehr zu erwarten! Ich rechne darauf, daß mein Aſyl Jedermann heilig bleiben wird. 168 Heilig wie das Grab meines Vaters, ſagte Ernſt. Sie waren zum Scepter geboren, Fräulein. Es gibt keine zweite Frau, wie Sie find. Leider! ſagte Amadee... geben Sie mir das be⸗ nöthigte Schreibmaterial, die Zeit drängt. Sie haben geſagt, daß ich nicht ſehr leiden werde, Ernſt, wird es lange dauern? Sie werden bald einſchlafen und dann... Ich verſtehe... ich werde nicht mehr erwachen... Dann muß ich eilen. Er ſetzte ſich jan ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb mit ziemlich feſter Hand folgende Zeilen: „Ich kann nach den vorgegangenen Ereigniſſen nicht mehr leben, ich kann den Ausgang eines Prozeſ⸗ ſes, deſſen Schmach auf meine Tochter zurückfallen würde, nicht abwarten. Man klage meines Todes we⸗ gen Niemand an, er iſt ein freiwilliger, er iſt unver⸗ meidlich. Man klage Niemand wegen des furchtbaren Verbrechens an, das geſtern in dieſem Schloſſe began⸗ gen wurde. Im Begriff, vor Gott zu erſcheinen, ſchwöre ich bei dem ehrwürdigen Haupte meines Vaters, bei dem meines Kindes, ſchwöre ich, daß alle Perſonen meines Hauſes oder meiner Familie unſchuldig find, daß nicht Eine von ihnen um den Tod meiner Frau gewußt hat, bevor er Allen bekannt wurde. Ich wünſche, daß Graf Robert von Chamarante der Gatte Flavia's von Monza werde. Dies war der glühendſte Wunſch der Marquiſe, es iſt auch der meine.“ „Ich wünſche, daß meine Tochter bis zu ihrer Ver⸗ mählung in den Händen ihrer jetzigen Gouvernante und unter der Leitung der Frau Herzogin von Alagny, meiner Freundin, bleibe. Ich bitte Gott und die Men⸗ ſchen wegen des ihnen gegebenen Aergerniſſes um Ver⸗ zeihung. Ich wünſche, mein Beiſpiel möge Denen, welche wie ich die Bahn der Pflicht verlaſſen, um die der Leidenſchaft zu betreten, zum Nutzen gereichen. Die 169 Vorſehung hatte mir Alles, was glücklich machen kann, verſchwenderiſch zugetheilt; ich habe ihr Werk zerſtört, ich habe ihre Gaben verachtet, ich habe eine Frau ver⸗ laſſen, die meiner ganzen Zärtlichkeit und aller Huldi⸗ gungen würdig war und nie den geringſten Vorwurf verdient hat. Möge der Himmel mir verzeihen! Ich ſelbſt werde mir nie verzeihen!“ Da, Chriſtine, ſind Sie zufrieden? Verzeihen Sie mir, meinen Willen mit dem meines Opfers zu ver⸗ einen, verzeihen Sie mir, Ihre Seele zu zerreißen. Jh rin vielleicht ſtrafbar, indem ich an Ihnen zweifle, allein... Allein Sie wollen ſich noch feſter vergewiſſern, er⸗ widerte ſte mit dem trübſten Lächeln. Ach, ich entſchuldige Sie, ich weiß, was das Herz leiden kann. Ueberdies laſſen Sie mir Flavia, Dank, Dank, das iſt mehr als ich verdiene. Jetzt leben Sie wohl, Chriſtine, ich wünſche allein zu ſein; leben Sie wohl, Sie, die ich mehr geliebt habe, als irgend Jemand Sie je lieben wird. Wir werden uns nicht wieder ſehen. Sie waren der Engel meiner letzten Augenblicke; ein Jedes von uns übte einen unſeligen Einfluß auf das Leben des Andern aus, ich bin allein der Schuldige, denn ich allein habe den Abgrund gegraben. Leben Sie wohl, Ernſt; verwei⸗ gern Sie mir in meinem letzten Augenblick einen Troſt nicht: Friede und Vergeſſen ihr! Auf Edelmannswort, Amadee, Chriſtine wird nie wieder von mir hören, wenn ſie mich nicht zurückruft. Gut. Jetzt verlaßt mich Beide. Ich will allein bleiben, ich will Chriſtine neue Reue erſparen. Beten Sie für mich, Chriſtine, vergeſſen Sie mich nicht ganz. Den Gott, mein Herz bricht, ach, wie ſehr liebte ich ie! Fräulein Orthez unterdrückte ihr Schluchzen; an der Thüre warf ſie ſich auf die Kniee und murmelte: Verzeihung! Verzeihung! 170 Gehen Sie, Chriſtine, ich will Sie nicht mehr an⸗ blicken, denn ſonſt würde ich Sie nicht mehr verlaſſen. Beten Sie, beten Sie für mich, noch einmal, vergeſſen Sie mich nicht. Ich empfehle Ihnen meine Flavia, den armen Engel! Ich werde Sie nie... nie mehr ſehen. O, wie furchtbar laſtet mein Verbrechen auf mir! Die Gouvernante ſtürzte in den Corridor hinaus, ihre Kräfte verließen ſie, der Marquis und Herr von Saint⸗Serve blieben allein bei einander. Ernſt ergriff Amadee's Hand. Sie haben mich gelehrt, daß ich noch Etwas em⸗ pfinden kann, mein Vekter. Die Erinnerungen an meine Kindheit, an meine Familie ſind wieder erwacht. Mei⸗ nen Vater, meine Tante, Beatrix, Alle habe ich wieder geſehen, ich habe trotz Allem gefühlt, daß ich ein Saint⸗ Serve bin. Ich darf mich hier nicht länger aufhalten, Sie müſſen ſelbſt wiſſen, wie Sie ſich zu benehmen haben; meine Gegenwart könnte Ihnen neue Verlegen⸗ heiten zuziehen. Nachdem ich auf wunderbare Weiſe dem Schiffbruch entgangen war, ſuchte ich das arme Mädchen von Neuem auf. Sie haben mich todt geglaubt! Leute meines Schlages ſterben nicht auf ſolche Weiſe. Jetzt verbanne ich mich ganz, ich ehre Ihre Flavia, die arme liebe Waiſe, und will ſie nicht mit unſerer Verwandtſchaft belaſten. Haben Sie Muth, bald wird Alles zu Ende ſein. Herr von Monza fühlte, daß er von Augenblick zu Augenblick ſchwächer ward. Schwören Sie mir, daß Sie Chriſtine nie mehr ſehen wollen? Ich ſchwöre es Ihnen. Dann leben Sie wohl, mein Lehrer im Laſter. Bitten Sie den jungen Franzoſen, den Sie im Salon finden werden, ſich ſogleich hieher zu begeben; das iſt der letzte Dienſt, den Sie mir erweiſen können. Leben Sie wohl! —— 8* 171 Er kehrte ſich gegen die Wand um. Ernſt wartete einen Augenblick in der Meinung, er werde noch mehr zu ſagen haben; Herr von Monza ſprach jedoch kein Wort mehr. 1 Wohlan, ſo leben Sie denn wohl, wenn es doch ſein muß. Leben Sie wohl und zählen Sie auf mich! Zehn Minuten ſpäter trat der Attaché in das Zim⸗ mer. Er fand Herrn von Monza auf ſeinem Bette, von einer faſt unbeſieglichen Schlafſucht und beſtändigen Convulſionen befallen. Dennoch vermochte er ſich noch aufzurichten, ſtreckte ihm ſeine ſchwankende Hand ent⸗ gegen und überreichte ihm ſein letztes Schreiben. Ich ſterbe, mein Herr, ſagte er, ich habe Gerech⸗ tigkeit an mir geübt. Es iſt unnütz, Hülfe herbeizu⸗ rufen. Laſſen Sie mir bloß den Pfarrer kommen. Oeff⸗ nen Sie die Thüre, damit Jedermann mich höre, wäh⸗ rend ich noch im Stande bin, mich auszudrücken. Frau von Monza war ein Engel; ich allein bin ſchuldig, das ſchwöre ich bei meinem ewigen Heil, Niemand darf weder wegen meines Todes noch des ihrigen beunruhigt werden. Bringen Sie meiner Tochter meinen letzten Segen, ich liebe ſie ſterbend noch, wie ich ſie immer geliebt habe, die theuere und ſanfte Flavia! Er richtete die Augen auf die an der Thüre ver⸗ ſammelten Dienſtboten und entdeckte unter ihnen Ernſt. Ihre Blicke begegneten ſich. Ich leide furchtbar, ſagte er, ich habe noch man⸗ chen Kampf zu beſtehen. Ach, hätte ich nur ſchon vollendet! Bald! antwortete eine Stimme, die er allein er⸗ kannte. Chriſtine begab ſich in einem Zuſtande der ſich nicht be⸗ ſchreiben läßt, in ihr Zimmer hinauf. Sie verbarg ihr Ge⸗ ſicht mit ihrem Taſchentuche und hielt ihr Schluchzen zu⸗ rück, um die Aufmerkſamkeit nicht auf ſich zu ziehen. 172 Sie traf Niemand an. Als ſte ſich allein befand, als ſie ſich mit Kaltblütigkeit vor die Seele führte, was ſo eben vorgefallen war, was ſie gethan hatte, ergriff ſie ein gewaltiges Zittern, ein kalter Schweiß und ſie meinte zu ſterben. Dann warf ſie ſich mitten im Zim⸗ mer auf die Kniee und betete. Reue und Verzweiflung drückten ſie zu Boden. Ach, ſagte ſie, er hat Recht, ich ſollte es machen, wie er. Ich kann nicht mehr in dieſer Welt bleiben, mein Theil an Schmerzen iſt zu ſtark und jetzt habe ich noch Gewiſſensbiſſe hinzugefügt. Zum erſtenmal, ſeit ich lebe, fuͤhle ich mich der Fügung des Himmels nicht gewachſen und unterliege ich der Laſt; wenn ich mich aber ſelbſt aufgebe, was bleibt mir dann in meinem Alleinſtehen? Beten, beten will ich, ich will Gott bitten, daß er mir gute Gedanken eingebe, daß ſein Wille mich erleuchte. Indem ich meiner eigenen Einſicht folgte und mich für das Werkzeug ſeines Willens und ſeiner Gerechtigkeit hielt, habe ich mich ſo ſtrafbar gemacht, als der Mörder es iſt. Und ich wage noch, nach Glück zu trachten, ich wage noch, die Freude anzunehmen, bei Flavia zu leben, ich... die ich... ach, es iſt furcht⸗ bar! Aber ich kann nicht, ich darf es nicht, nach dieſer Handlung muß ich ſtrenge Buße thun. Flavia, Ro⸗ bert, ſte ſind auf immer für mich verloren. Ich habe mich geopfert, ich habe das Opfer angenommen, ich bin ihm zuvorgekommen, es erdrückt mich! Ach, der Herr des Himmels möge mir zu Hülfe kommen! So brachte Fräulein Orthez einige Stunden, je⸗ denfalls die peinlichſten ihres Lebens zu. Dieſer über⸗ legene Geiſt ließ ſich durch keinen Einfluß beherrſchen, obwohl er jeden ſpürte. Er eerhob ſich immer wieder größer und ſtärker und nietrieb Jemand die Unbeugſamkeit der Pflicht und der Hingebung ſo weit wie ſie. Sie trieb ſte bis zum Verbrechen, wie man ſo eben ſah. Durch ein übertriebenes Ehrgefühl irre geleitet, 173 zögerte Sie nicht, die Wahrheit zu erkennen; von hier an war es für dieſe ſtolze Seele nur ein Schritt, um die Folgen davon zu erdulden und ohne Murren anzu⸗ nehmen, und dieſen that ſie ohne Zaudern. Sie trocknete ihre Thränen, die ſie nicht zurückhalten konnte, ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch und ſchrieb: „Robert, ſeit wir uns getrennt haben, iſt das Verhängniß über uns hereingebrochen. Ich muß der Zukunft von Liebe und Glück, die ich erwartete, ent⸗ ſagen; wir müſſen einander auf immer fremd bleiben. Sie werden bald die furchtbaren Unglücksfälle erfah⸗ ren, die ſich in Ihrer Familie ereignet haben; Sie werden bald erfahren, daß Sie die einzige Stütze, der einzige Beſchützer einer Waiſe ſind, deren Eltern ſie Ihnen vermachen und der Sie Ihr Leben weihen müſſen. Machen Sie ſie glücklich, lieben Sie ſie, Robert, wie ich Sie geliebt hätte, wenn Gott es geſtattet haben würde. Redet zuweilen Beide von mir, vergeßt mich nicht und glaubt, daß wo Ihr auch ſein werdet, mein Herz Euch folgen wird. Eine unbeugſame Pflicht be⸗ ſiehlt mir, Sie zu fliehen und meine geliebte Schüle⸗ rin andern Händen zu übergeben. Ich gehorche, zwar nicht ohne Murren, ich geſtehe es, aber ohne Zaudern. Mein Herz iſt zerriſſen, aber meine Seele iſt ruhig. Ich nehme die Gewißheit mit mir, Flavia und Sie von einem der größten Leiden dieſer Welt errettet zu haben; dieſe Erinnerung wird meine Klagen tilgen; ſie wird noch mehr tilgen. Ich werde Sie lieben, ſo lange ich in dem irdiſchen Exil auf Erden lebe, ich werde Sie nachher noch lieben; Gott kann mir dieſe Liebe in ſeinem Paradieſe nicht nehmen, er hat ſie mir nicht verboten. Ich ſende Ihnen den Ring Ihrer Mut⸗ ter zurück, verlange aber die Reliquie meiner Mutter nicht dagegen; ſie wird Ihnen Glück bringen, behalten Sie dieſelbe, ich brauche kein Glück mehr, da ich es nicht mit Ihnen theilen kann. Leben Sie wohl, Ro⸗ 174 bert, leben Sie wohl, mein Verlobter, leben Sie wohl, Sie einzige Liebe meines Lebens. Suchen Sie meinen Aufenthaltsort nicht zu entdecken, es wäre vergeblich; ſuchen Sie mich nicht wieder zu ſehen, Alles, was es Heiligſtes gibt, wiederſetzt ſich demſelben. Gott ſegne Sie, er gewähre Ihnen alles Gute, das Sie verdienen. Indem ich meine Flavia bildete, glaubte ich nicht, Ihnen eine Gefährtin zu bereiten, die beſte, reinſte, die Sie wählen können. Es iſt ein Troſt für mich, Ihnen das Mädchen ſo gut, ſo ſanft, ſo vollkommen gemacht zu haben. Flavia wird Sie lieben und Ihr werdet die Engel nicht beneiden können, Ihr theuern, liebenswürdigen Kinder, bei denen ich Mutterſtelle ver⸗ treten möchte, aber ach!... Leben Sie nochmals wohl, ich kann dieſes Papier nicht verlaſſen, es iſt das Ein⸗ zige, was Ihnen bald noch von mir bleiben wird, der letzte Gedanke, der Ihnen von der traurigen Chriſtine zukommen wird. Beklagen Sie meinen Verluſt nicht, Sie werden mehr finden, als Sie verlieren. Flavia, meine Flavia wird die Schuld meiner Erkenntlichkeit bezahlen, ſte wird ſte hundertfach bezahlen. Leben Sie wohl!— Ich werde das Kind meiner Zärtlichkeit noch einmal ſehen, ich werde es ſachte auf den bedrohlichen Schlag vorbereiten; nachher ſagen Sie ihr Alles. Die ſchrecklichen Verhältniſſe, in die ich geworfen wurde, unterſagen mir die traurige Freude, ſte zu tröſten. Nicht wahr, Robert, Sie werden ihr Alles erſetzen, was ſie verliert? Sie werden ihr Vater, Mutter und Chriſtine zugleich ſein!... Als Chriſtine dieſen Brief geſiegelt, als ſie ihren Verlobungsring vom Finger gezogen hatte, fühlte ſie ſich erleichtert; das Uebrige erſchien ihr im Vergleich damit gering. Sie hätte gewünſcht, das Schloß ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen, allein das ſchon am Morgen erlaſſene Verbot machte die Sache ſchwierig. Man mußte die Ankunft des Kanzlers der Geſandtſchaft 1 175 und die der bairiſchen Behörden abwarten. Glücklicher⸗ weiſe konnten ſie nicht lange ausbleiben. Auch der Zu⸗ ſtand des Marquis quälte ſie fürchterlich; ſie ging hinab, um Erkundigungen darüber einzuziehen; viel⸗ leicht wünſchte ſie ſich auch der Abreiſe Ernſt's zu ver⸗ ſichern. Der Pfarrer und der Arzt verließen den Kran⸗ ken nicht. Er erkannte Niemand mehr; doch bevor er in dieſen ſchmerzlichen Zuſtand verfallen war, hatte er noch den Geiſtlichen anhören und ihm ſeine Schuld beichten können. Chriſtine gelangte ohne Hinderniſſe bis zu Amadee's Zimmer, ſtand jedoch an der Thüre ſtill, denn es ſchien ihr unmöglich, daſſelbe von Neuem zu betreten. Sie hörte die Stimme des Prieſters, welcher die Sterbegebete herſagte, und die der Bauern und Be⸗ dienten, welche darauf antworteten. Dieſer impoſante und ſchauerliche Anblick ſchnitt ihr noch tiefer in die Seele und lebhafter als je fühlte ſte den ungeheuren Fehler, den ſie begangen hatte, und die Nothwen⸗ digkeit, denſelben durch alle nur möglichen Mittel ab⸗ zubüßen. Unter den Leuten, welche voll frommer Gefühle der Ceremonie anwohnten, blieb ein einziger Mann an das Simswerk gelehnt in der Haltung einer wirklichen Aufmerkſamkeit und Traurigkeit ſtehen. Fräulein Orthez erkannte in ihm Ernſt; er hatte ſie ſchon geſehen und bedeutete ihr, ihm in den Corridor vorauszugehen. Sie wagte es ihm nicht abzuſchlagen, und er ſäumte nicht, ſich zu ihr zu begeben. Ich wollte nicht abreiſen, ohne Sie noch einmal zu ſehen, Chriſtine, ohne Sie von Neuem zu beruhi⸗ gen, ohne Sie auch zu bitten, mir nicht ein gar zu ſchlechtes Andenken zu bewahren. Dieß Alles hat einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, ich verhehle es Ihnen nicht, allein in einer ſo verdorbenen Natur wird ſich der Eindruck ſchnell verwiſchen. Ich werde wieder in meine alten Gewohnheiten verfallen, fürchte ich. Sie 176 ſind in Zukunft vor mir ſicher, ich werde mich der Ver⸗ gangenheit nur erinnern, um Sie zu beſchützen, wenn Sie es wünſchen ſollten, um mich als Ihr Freund zu zeigen, wenn Sie es wollen. Eine Frau wie Sie hat nach ſo vielen Stürmen wenigſtens ein Recht auf Ruhe. Wenn Sie mich je wieder ſehen wollen, ſo ſchreiben Sie an Herrn Ernſt, Poſt reſtante in Calcutta; der Brief wird mir zukommen und beantworte ich denſel⸗ ben nicht, ſo bin ich todt. Wo Sie ſich auch verber⸗ gen mögen, ich werde Sie zu entdecken wiſſen; dennoch werden Sie es nie gewahr werden. Leben Sie wohl, dieſer Unglückliche hat nur noch ganz kurze Zeit zu leben, er wird nicht mehr erwachen; ſchon jetzt ſcheidet ſeine Seele allmälig vom Körper. Machen Sie ſich keine Gewiſſensbiſſe, Sie haben recht gehandelt. Es zeigte ſich Jemand an der Thüre des Zimmers und Ernſt verſchwand ſofort in den Windungen der Corridore, welche er bereits vollkommen zu kennen ſchien. Von Müdigkeit überwältigt, ſtieg Chriſtine gegen Morgen zu wieder in ihr Gemach hinauf. Sie ſchlief in ihren Kleidern ein, allein das Geräuſch, welches mehrere Perſonen an der Thüre verurſachten, weckte ſie bald wieder. Sie ſprang auf und fragte, was es gäbe. Oeffnen Sie, Fräulein, im Namen des Geſetzes. Ah, dachte ſte, jetzt kommt der ſchwere Augenblick. Sie öffnete und empfing die Fremden mit ihrer natürlichen Würde, ohne Uebertreibung und ohne Ver⸗ legenheit. Man hieß ſie Platz nehmen und befragte ſte über das, was ſie geſehen, über das, was geſchehen, über den Tod der Marquiſe und den des Marquis. Sie ſagte die Wahrheit, indem ſie ſo viele Klug⸗ heit, als nur immer möglich war, anwandte, um das Andenken von Beatrix zu achten und ſogar das ihres Mannes nicht zu verdächtigen. Sie fühlte einen eiſtgen Schauer, als ſie ihre letzte Unterredung mit Herrn von -———-—— 177 Monza erzählen mußte. Sie leugnete nicht, daß ſie vielleicht an ſeinem Selbſtmord mitſchuldig ſei, indem ſte ihm vorgeſtellt, welche Schmach ſeine Hinrichtung auf ſeine Tochter wälzen würde; allein die letzten Er⸗ klärungen des Marquis, welche er auch ſeinem Beich⸗ tiger im letzten Augenblicke ſeines Lebens wiederholt hatte, entledigten ſie jedes weiteren Verdachtes. Man tadelte ſte zwar, daß ſie dem Schuldigen den Wunſch, ſich der Gerechtigkeit zu entziehen, eingeflößt habe, aber man verhörte ſie nicht weiter. Aber, meine Herren, fragte ſie, iſt es mir wohl er⸗ laubt, mich nach dem Herrn Marquis zu erkundigen? Sein Zuſtand... Er leidet nicht mehr, verſetzte der Kanzler; wir haben ſo eben ſeinen letzten Seufzer empfangen. So erfüllte ſich der Fluch von Beatrix; ihr Mann ſtarb ohne einen Freund oder Verwandten an ſeiner Seite zu haben, in den Händen der menſchlichen Ge⸗ rechtigkeit, bevor er vor den Richterſtuhl der göttlichen gerufen wurde. Chriſtine neigte das Haupt und betete. 3 Kann ich jetzt das Schloß verlaſſen? fragte ſie ann. Ja, aber unter der Bedingung, daß Sie ſich ſtel⸗ len, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Es haftet kein Verdacht auf Ihnen und Sie ſind frei, aber Sie dürfen Baiern nur mit Bewilligung der Behörden ver⸗ laſſen, denn Sie müſſen als Zeugin in der gerichtlichen Prozedur figuriren. Sobald Chriſtine wieder allein war, traf ſie ihre Vorbereitungen zur Abreiſe. Ihr Zimmer ging auf den Hof hinunter, wo ſich die Ställe befanden, und ſie warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Stallbe⸗ dienten, welche ihren Wagen beſpannten. Auch einen Theil der Avenue des Schloſſes jenſeits des Grabens konnte ſie überſehen. Die blutige Marquiſe. II. 12 178 Plötzlich erhob ſich dort eine Staubwolke. Peit⸗ ſchengeknall und Poſthornklänge ließen ſich vernehmen. Offenbar kam ein Gaſt von Bedeutung an. Chriſtine lief an das Treppenfenſter, von wo ſie den Ehrenhof und die Freitreppe überblicken konnte. Eine vierſpännige Kaleſche fuhr im Galopp durch das Thor und hielt an. Ein Reiſender öffnete den Schlag und ſprang heraus, ohne zu warten, bis man den Wagentritt herabgelaſſen. Kaum hatte Chriſtine ihn erkannt, als ſie haſtig zurücktrat und halbtodt murmelte: Dbh, mein Gott, was jetzt thun?! Schluß. Wie der geneigte Leſer mehrfach zu bemerken Ge⸗ legenheit hatte, war Chriſtinen raſche Entſchlußfaſſung und unwiderrufliche Entſchloſſenheit eigen. Als ſie den Grafen von Chamarante erkannte— denn dieſer war es, welcher, durch die Herzogin von Alagny von der Abreiſe ſeiner Baſe in Kenntniß geſetzt, jetzt herbeikam — als ſte, ſage ich, Robert erkannte, mußte ſie zugleich gegen ſich ſelbſt und gegen ihn kämpfen und ungeachtet ihrer Stärke zitterte ſte, dieſen Kampf zu beginnen. Es blieb ihr alſo nur ein Ausweg und der war, die Flucht zu greifen, bevor ſie von Robert erblickt würde. Sie ſtieg daher eine der Treppen des Thurmes hinab, erreichte ihren ſchon beſpannten Wagen und war ſchon weit weg, bevor Robert, welcher ſich nothgedrungen mit den Geſchäftsleuten über die wichtigſten Dinge in ein Geſpräch einlaſſen mußte, ſie zu ſehen verlangen konnte. Einmal hinter den Mauern des Kloſters, fürchtete ſie Nichts mehr; die Gitter deſſelben ſicherten ſie vor jeder Ueberraſchung und der Graf konnte nicht bis zu ihr eit⸗ nen. ſie irch den nan ſtig 179 dringen, wenn ſie ſich weigerte, ihn zu empfangen, zu welcher Weigerung ſie feſt entſchloſſen war. Es gibt für eine liebende Frau keinen größern Schmerz als dieſen. Den Geliebten ſo nahe bei ſich wiſſen und ihm nicht einmal ein letztes Lebewohl ſagen! Aber in der Liebe gibt es kein letztes Lebewohl, wenn nicht das, welches man ſich nicht ſagt. Dieß iſt eine der wahr⸗ ſten Wahrheiten des Herzens. Fräulein Orthez kam zeitig nach München; denn ſie zahlte doppelte Trinkgelder und dieſes Argument iſt in allen Ländern ein unwiderlegbares. Als ſie Flavia wiederſah, hatte ſie ihre ganze Kraft nöthig, um an ſich zu halten. Froh des Wiederſehens warf ſich die Kleine in ihre Arme. Die haſtigen Fra⸗ gen des Kindes waren von der gräßlichen Wirklichkeit ſo weit entfernt! Nur die Abweſenheit der Gouvernante hatte Flavia beunruhigt. Sie hatte durchaus keine Ahnung von der Kataſtrophe in ihrer Familie. Nach den erſten Worten jedoch ſah das Kind ihre Gouver⸗ nante genauer an; es nahm die Veränderung derſelben wahr, es ſah Thränen in ihren Augen. Was haben Sie, meine gute Freundin? fragte es bängſtlich. Chriſtine antwortete Anfangs nur mit Liebkoſungen Dann bereitete ſie Flavia allmälig auf das vor, was die Kleine erfahren mußte. Endlich ſagte ſie ihr, ihr Vater und ihre Mutter ſeien Beide in Monza heftig erkrankt und ihre anſteckende Krankheit geſtatte nicht, daß Flavia ſie beſuche und pflege, und ſie hätten ſie, Chriſtine, beauftragt, ihrer Tochter ihre Küſſe und ihren Segen zu überbringen. Das junge Mädchen glaubte das, vergoß aber darum nicht weniger Thränen. Seine Unruhe kannte keine Gränzen mehr und die Gouvernante fürchtete für die Geſundheit der Waiſe. Wie alle muthvollen Seelen ertrug Chriſtine ihre falſche Stellung nit Ungeduld, 180 Sie konnte es neben Flavia nicht aushalten, der Schat⸗ ten ihres Vaters trat zwiſchen ſie. Mehr noch als Alles fürchtete ſie den Beſuch Robert's, welcher ſein Bäschen nothwendig beſuchen mußte. Obgleich ſie auf ihrem Tiſche das an ihn adreſſirte Packet hatte liegen laſſen, zweifelte ſie dennoch nicht, daß er ſie noch einmal werde ſprechen wollen, und ſie fürchtete ihn, wie man das, was man liebt, fürchtet, indem man es zugleich erſehnt. Um dieſer qualvollen Verlegenheit ein Ende zu machen, vertraute ſte der Superiorin, was dieſe von ihrer Geſchichte wiſſen durfte, und bat ſie, einestheils bei den Behörden für ſie Bürgſchaft zu leiſten, andern⸗ theils für Flavia Sorge zu tragen, bis Frau von Alagny, an welche ſie geſchrieben, die Kleine abholen oder abholen laſſen würde. Sie für ihre Perſon wollte ſich in ein ſtrengeres und unzugänglicheres Kloſter zu⸗ rückziehen. Die Superiorin zeigte Theilnahme für Chriſtine's Schmerz, und als Herr von Chamarante im Sprach⸗ zimmer nach Flavia fragte, führte ihm die Oberin die⸗ ſelbe eigenhändig zu und entſchuldigte Fräulein Orthez, welche Niemand ſehen könne. Dieſe Zurückweiſung traf Robert in’'s Herz. Er ſchrieb mehrmals, ohne Antwort zu erhalten. Zuletzt ſchickte ihm Chriſtine einige Zeilen, in welchen Liebe und Pflicht ſich ſo zu ſagen das Gleichgewicht hielten. Sie beſchwor ihn, er ſolle nicht verſuchen, ſie von einer Lebensweiſe abwendig zu machen, welche für ſie fortan die einzig mögliche ſei, und fügte hinzu, ſie würde ſeine ferneren Briefe nicht mehr leſen, aber ihre Ge⸗ danken würden ihn nie verlaſſen. Robert mußte ſich unterwerfen. Das thun die Männer am Ende gewöhnlich, beſonders dann, wenn Reichthum und Glück ihre Unterwerfung belohnen. Auch der Beſte unter ihnen hat immer den Hintergedanken, —9 eͤ—jeoe==OASͤSSSSS= +— e 38AEͤOSG&=SEGSASS— 181 daß er vielleicht eines Tages die Frau, welche er liebt, opfern müſſe, wenn ihm dieſelbe nicht rechtmäßig an⸗ gehört, und indem er dieſe Vorſtellung bekämpft, macht er ſich allmälig mit derſelben vertraut. Ein Mann lebt auch ohne Liebe ſo leicht! Er kann ſich ſo leicht mit Anderem befaſſen, das Herz iſt für ihn von ſo geringer Bedeutung. Die Frauen ſind recht thöricht, von Sei⸗ ten der Dankbarkeit ein Glück oder ſelbſt nur eine Erinnerung zu erwarten. Sie verlieren oft ihr Leben und tauſchen dafür nur Vergeſſen, Gleichgültigkeit, ja noch Schlimmeres ein. Es gibt für ſie nur eine Sicher⸗ heit, und dieſe iſt die Pflicht. Außer derſelben kein Heil, keine Freude. Warum überzeugen ſie ſich im All⸗ gemeinen erſt dann von dieſer Wahrheit, wann es zu ſpät iſt, Gebrauch davon zu machen? Die Nachricht von dem tragiſchen Ausgang des Herrn und der Frau von Monza gelangte unmittelbar nach der Februarrevolution nach Paris und fiel mitten in die allgemeine Angſt und Aufregung. Sie machte alſo nur in gewiſſen Kreiſen Aufſehen und entging der Oeffentlichkeit. Die Herzogin von Alagny ſtieß Schreie des Schreckens aus und ſtellte ſehr verſtändige Betrach⸗ tungen an, welche ich aber hier nicht wiederholen will. Sie wollte Flavia ſelber abholen, welche von den furcht⸗ baren Verluſten, welche ſie erlitten, unterrichtet war, nicht aber von der entſetzlichen Art und Weiſe, wie dieſelben ſich bewerkſtelligt hatten. Sie glaubte, ihre Eltern ſeien dem Typhus unterlegen. Die Trennung von ihrer Gouvernante war für ſie nicht weniger ſchmerz⸗ lich als ihre Verwaiſung. Chriſtine ſagte ihr das rüh⸗ rendſte, herzzerreißendſte Lebewohl. Die Gouvernante mußte Robert und ihrer künftigen Gefährtin zugleich entſagen, alſo Allem, was ſie liebte. Dieſem ſchreck⸗ lichen Stoß vermochte ſie nicht zu widerſtehen. Sie wurde ernſtlich krank, ihre Kräfte waren erſchöpft. Frau von Alagny wollte ſte deſſenungeachtet ſehen. 182 Die Herzogin beſuchte ſie in dem Kloſter, wohin ſie ſich zurückgezogen, und erhielt die Erlaubniß, an das Bett der Kranken zu treten. Das war nur noch das Geſpenſt der ſchönen Chriſtine. Oh, mein Gott, rief die Herzogin aus, das ſind Sie, liebes Kind! Ja, Frau Herzogin, und meine Seele iſt noch mehr verändert als mein Körper. Meine liebe Freundin, Sie waren zu groß, zu edel, zu ſchön für Ihre Stellung. Sie kommen mir vor wie einer jener großen Diamanten Indiens, welche in ein ſchlechtes und zu enges Käſtchen eingeſchloſſen ſind. Sie mußten unterliegen, es mußte ſo kommen. Nie vermag eine Frau, wie groß ſie auch ſei, allein gegen die Geſellſchaft zu kämpfen. Das iſt, wie wenn man eine zierliche Barke dem wüthenden Ozean über⸗ läßt; ſie geht zu Grunde. Und dann iſt man ja im⸗ mer ſtrafbar, wenn man unglücklich iſt. Ach, ich babe ſchon oft daran gedacht, daß unſer Heiland trotz ſeiner erhabenen Hingebung vor dem Gedanken, den Leib eines Weibes anzunehmen, zurückgeſchrocken ſein würde. Sein Leiden hätte ſonſt ſtatt einige Tage ſein ganzes Leben gewährt. Arme Chriſtine, ich weiß Ihnen keinen an⸗ dern Troſt zu ſpenden. Ach, Madame, ich weiß es wohl. Sie haben wie ein Mädchen von Geiſt und Herz gehandelt, indem Sie ſich zurückzogen. Sie konnten nicht bei Flavia bleiben und zwar aus Achtung für die unglückliche Beatrix. Hätte ſie mir doch geglaubt! Indeſſen hätte ich den Marquis einer That von dieſer Abſcheulichkeit nie für fähig gehalten. Eine Frau er⸗ morden! Ein Edelmann! Zum Glück hatten ſie ſo viel Scham, den Adel aufzuheben, und wir brauchen alſo nicht zu erröthen. — ————„. 0 ee ͤGE 183 Die Herzogin beſuchte Chriſtine noch mehrmals und verpflichtete ſich, Niemand ihr Aſyl zu entdecken, ihr jedoch oft Nachrichten von Flavia und Robert zu eben. 3 Als die Anweſenheit von Fräulein Orthez bei der gerichtlichen Prozedur nicht mehr nöthig war, und ſie die Anſtrengungen der Reiſe zu ertragen vermochte, kehrte ſte nach Frankreich zurück und trat, ohne daß es einer ihrer Bekannten erfuhr, in ein Kloſter der Trappi⸗ ſtinnen, wo ſie von dem, was in der Welt vorging, fernerhin Nichts mehr erfahren konnte. Sie lebt dort in ſtrenger Buße ganz ihrem Gott, ihrer Reue, ihrer Hoffnung auf ein anderes Leben. Außer der Superiorin kennt Niemand ihren Namen. Flavia iſt inzwiſchen ſechszehn Jahre alt geworden. Sie iſt ſchön, reizend, ein ausgezeichnetes weibliches Weſen, eines jener ſeltenen Herzen, welche Nichts ver⸗ geſſen und Allem Rechnung tragen. Dem Wunſch ihrer Eltern gemäß hat ſte ſich mit Robert verheirathet. Eine vollendete Erziehung und die Gewohnheit, mehr für Andere als für ſich ſelber zu leben, verheißen ihr ein ſo vollkommenes Glück, als dieſe Erde nur immer zu bieten im Stande iſt. Sie ſpricht oft von Chriſtine und beklagt ſie; ſie ſpricht auch oft von ihrer Mutter und ihrem Vater und zwar ſtets mit der achtungsvoll⸗ ſten und zärtlichſten Liebe. Einige barmherzige Perſonen ſtellten dem Grafen von Charamante vor, es ſei doch unziemlich, daß ſeine Frau das Andenken ihrer Gouvernante ſo ſehr achte, da doch die Welt in ihrer Gerechtigkeit Chriſtine für die Maitreſſe des Marquis und für die Mitſchuldige des ſchändlichen Mordes halte, welchen er begangen. Robert konnte hierauf nicht mit Enthüllung der vollen Wahrheit antworten, aber er hatte demungeachtet den Muth, Chriſtine zu vertheidigen. Vielleicht hat ihr 184 dieß Gott, um ſie zu tröſten, in einem Traume mit⸗ getheilt. Von Ernſt hat man nicht mehr ſprechen gehört und man weiß nicht, wohin er gekommen und was aus ihm geworden. Ende. iit⸗ ört aus