ſ Leihbibl deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oftmann in Gießen, — Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends Slihe offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von o jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3.(aution. Unbekannie Perſonen müſſen, bei Entgegennahm e 1 eines Buches, eine dem Werthe deſſelden entſprechende Summe Üc hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wocheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. Schottiſche Erzaͤhlungen von Allan Eunningham, aus dem Engliſchen uͤberſetzt von W. A. Kinda u. 8 4 1 Erſter Theil. Leipzig, in der Rein'ſchen Buchhandlung. 1 8 23. Vorwort. 1 Nachſtehende Erzaͤhlungen ſind aus der, im vorigen Jahre in 2 Baͤnden zu London er⸗ ſchienenen Sammlung: Traditional Tales of the english and scottish peasantry ent⸗ lehnt, die als treue Darſtellungen der Ge⸗ muͤthsart und der Sitten des Volks im ſchot⸗ tiſch⸗ engliſchen Grenzgebiete, mit großem Beifalle aufgenommen wurden.„Ueberliefer⸗ te Erzaͤhlungen, mit Liedern untermiſcht— ſagt der Verfaſſer in ſeinem Vorworte— waren lange beliebt unter dem ſchottiſchen Landvolke. Zu der Zeit, wo in unſerer aͤl⸗ tern geſchriebenen Literatur die Gedanken, die Bilder und die Goͤtter des Heidenthumes walteten, war die muͤndliche Dichtung und IV Proſa, die wir an unſern Heerdfeuern hoͤr⸗ ten, durchaus ureigen und einheimiſch, voll lebendiger Darſtellung von Handlung und Sinnesart, voll neuer und friſcher Bilder, und haͤufiger Lichthlicke einer ſuͤßen und freundlichen Fantaſie. In fruͤbern Zeiten, und ſo weit meine eigene Erinnerung reicht, wanderten alte Maͤnner von Hauſe zu Hau⸗ ſe, und ſangen Balladen, ſagten Bruchſtuͤk⸗ ke von alten Romanzen und wunderbare Ge⸗ ſchichten von wahren oder erdichteten Aben⸗ theuern her. Ich habe dieſen Erzaͤhlern am Heerdfeuer unſrer Landleute zugehoͤrt, wo ſie manchen Kreis erfreuten, und wie die Saͤn⸗ ger der Vorzeit ihre Nahrung und Kleidung verdienten, deren ſie werth waren. Die Ge⸗ ſchichten wurden, nach dem Geſchmacke oder der Kunſtfertigkeit des Erzaͤhlers, veraͤndert; mit jedem Jahre erſchien eine Veraͤnderung in der Anlage der Geſchichte, oder in der Folge der Begebenheiten; Gegenſtaͤnde von oͤrtlicher Wichtigkeit, oder neuere Vorfaͤlle fanden eine Stelle in den ehrwuͤrdigen Er⸗ zaͤhlungen, und neue Geſaͤnge erſetzten die urſpruͤnglichen Reime, oder theilten mit die⸗ „ . v ſen den Beifall, der ſolchen Geſchichten ge⸗ zollt wurde. Zuweilen blieb die Erzaͤhlung unveraͤndert, aber der Schauplatz wurde ver⸗ wandelt, und eingeflochtene kleine Verſchoͤne⸗ rungen erlitten eine Veraͤnderung, waͤhrend die gewoͤhnlich zur Geſchichte gehoͤrenden Bal⸗ laden andere Heldinnen erhielten, und dieſe oder jene beruͤhmte Schoͤne an die Stelle der urſpruͤnglich beſungenen trat.„Seit der Verbreitung gedruckter Kenntniſſe,“ ſetzt der Verfaſſer hinzu,„habe ſich der Geſchmack der Landleute an der Erzaͤhlung ritterlicher Bal⸗ laden, oder aberglaͤubiger Sagen vermindert, und muͤndliche Weisheit, und die ungeſchrie⸗ benen Ausbruͤche von Witz oder Laune, Lie⸗ der und geſchichtliche Sagen ſeien verſchwun⸗ den, da man Belehrung und Vergnuͤgen kaufen, und in der Stille am eigenen Heer⸗ de genießen koͤnne. Er verdanke jenen wan⸗ dernden Erzaͤhlern, verſichert er, viele von den in ſeiner Sammlung mitgetheilten Ge⸗ ſchichten, und ſei mehr Sammler und Ver⸗ ſchoͤnerer, als Erfinder dieſer Erzaͤhlungen. Selbſt diejenigen, die er nicht nacherzaͤhlt habe, ſagt er, ſeien auf Ueberlieferungen, N VI von der alten, am Heerde uͤblichen Erzaͤh⸗ lungsweiſe, wobei Unterbrechungen und Be⸗ richtigungen von Seiten der Zuhoͤrer oft vor⸗ gekommen, nicht abgegangen, und habe das Gepraͤge und die Farbe, die jeder Erzaͤhler ſeiner Geſchichte gegeben, treulich beibehalten. Allan Cunningham gab fruͤher(1821) ein Schauſpiel: Sir Marmaduke Maxwell, nebſt einigen Balladen und ſchottiſchen Lie⸗ dern heraus. Der Verfaſſer des Waverley ſpricht in der geiſtreichen Einleitung zu Ni⸗ gels Schickſalen mit hoher Achtung von den Dichtergaben ſeines Landsmannes; er nennt ihn eine Zierde Schottlands, und fin⸗ det Eunningham's ſchottiſche Lieder eines Burns wuͤrdig. oder bekannte Geſchichten gegruͤndet; er ſei ehrliche Hans Ochiltree. — Nicht immer war ich ein alter Mann mit Spindelbeinen und grauem Kopfe; und es gab einſt eine Zeit, ehe ich das angenehme Gewer⸗ be anfing, Frauen und Maͤdchen mit meinen luſtigen Geſchichten zu unterhalten. Da war ich jung; mein Bein ſtark und wohlgebildet, mein Haar dicht gelockt und ſchwarz, und ich haͤtte die Stange werfen, oder die Fiedel ſpie⸗ len koͤnnen mit den Juͤnglingen aus ſieben Kirchſpielen in die Wette. Ein boͤſer Huſten aber, den ich davon trug, als ich unter dem feuchten Geſtraͤuch auf dem Quarrelwood⸗Huͤ⸗ gel eine Sektirer Predigt anhoͤrte, der hat meine Kraft und meinen Muth gebrochen, und 1* mich dahin gebracht, durch meinen Witz das Brod zu verdienen, das gluͤcklichere Menſchen im Schweiß ihres Angeſichtes erwerben. Die Welt iſt fuͤr mich ganz anders geworden, ſeit ich meinen Beruf anfing; ſie iſt eine ganz blanke halbe Krone; die Leute ſind ſo klug ge⸗ worden, daß ſie gar nicht mehr zu beluſtigen ſind, lachen nicht bei meinen witzigſten Ge⸗ ſchichten, und vergießen keine Thraͤne bei der traurigſten. Ich habe die Zeit erleht, wo man ſieben ſtarke Maͤnner mit einem Strohhalm haͤtte binden koͤnnen, als ſie jauchzten und lachten und ſich auf der Erde waͤlzten bei mei⸗ nen Erzäͤhlungen, aber jetzt iſt ein Laͤcheln ſo ſchwer zu gewinnen, als ein heller Schilling, und die Thraͤnen ſind ganz vertrocknet auf der Erde. Meine traurigſte Geſchichte wuͤrde eher rothen Wein aus einem Felſen, oder Brannt⸗ wein aus einem Lock von Tannenholz bringen, als eine einzige Thraͤne aus dem glaͤnzendſten Auge der Menſchen unſerer Zeit. Aber keine von dieſen alten Perlen, von 5 dieſen zarten und ruͤhrenden Geſchichten, wer⸗ fe ich den ſelbſtgenuͤgſamen Landwirthen und den krittelnden Handwerkern vor. Ich tauche meine Geſchichte nun nicht mehr in den tiefen und unergruͤndlichen Strom des Aberglaubens; ich habe die Zeit geſehen, wo Maͤhrchen und Lieder von Feen und Elfen, von Hexen und Zauberern, von Elfenlichtern und Nixenflaͤmm⸗ chen, von Geiſtern und Geſpenſtern, Kobolden und boͤſen Feinden mit Hoͤrnern oder Pferde⸗ fuͤßen, wo ſo etwas fuͤr die Leute geweſen waͤre, wie Speiſe, Kleidung und blankes Geld. Heutiges Tages aber haben die Menſchen ſo viel Ueberfluß an Weisheit, daß ihnen nichts mehr Freude macht; ſie lachen uͤber alten Glau⸗ ben, und wollen augenſcheinliche Beweiſe und eidliche Bekraͤftigung und die Ausſagen vieler Zeugen fuͤr alles, was ihnen erzaͤhlt, oder be⸗ richtet wird. Die Dichtung iſt aus dem Er⸗ zaͤhlen verſchwunden, und weggebannt durch das Staͤbchen der Zauberinn, Erziehung ge⸗ nannt. Ich will nicht ſagen, daß alles andre 6 gegen das weiße und gereinigte Korn nur wie Huͤlſe und Kleien waͤre. Ich habe ſelber ſelt⸗ ſame Abentheuer gehabt, worin der graͤmlichſte Geradeaus weder Aberglaube noch Dichtung haͤtte finden koͤnnen. Wenn ſo etwas aus ei⸗ nem Munde kommt, der ſich mit natuͤrlicher Anmuth auszudruͤcken weiß, ſo kann es wohl zur Froͤhlichkeit erwecken, aber ich kann nicht hoffen, daß mir dieß gelinge. — ² Der alte Mann legte ſeinen Mantel zurecht, richtete ſich gerade auf, und ſeine wei⸗ ßon Locken mit den Fingern kaͤmmend, begann er ſeine Erzaͤhlung mit einem Blicke und ei⸗ nem Tone, worin Ernſt und Schlauheit ver⸗ ſchmolzen waren.— Die Abentheuer, die ich erzaͤhlen will, fingen mit meinem ſiebzehnten Jahre an. Ich hatte ſiogen und auch tanzen gelernt, aber die Natur, die ſo manche treffliche Gaben ver⸗ ſchwendet, hatte mir das Geſchenk der freund⸗ lich gewandten Rede verſagt, womit man ſich bei Frauen beliebt macht. Ich ſprach mit den —ꝙ— 7 Maͤdchen, in deren Geſellſchaft mich die Toͤne der Fiedel brachten, mit ſo ſichtbarer Verlegen⸗ heit, ja mit ſolcher Unruhe, daß ſie mich bald fuͤr ein wunderliches ungeſchlachtes Weſen hiel⸗ ten, und ich hatte viel von ihrem Spott, Ei⸗ genſinn und Witz zu erdulden, wenn ich's ver⸗ ſuchte, ſchoͤn zu thun. Fuͤhrte ich ſie auf den Tanzplatz, ſo ſahen ſie mich vom Kopf bis zu Fuͤßen an, und in ihrem Auge funkelte boshafter Witz, ja ſelbſt ihre Großmuͤtter blick⸗ ten mit dem demuͤthigendſten Mitleid auf mich. Die Maͤdchen ſtritten ſich zuweilen um meine Hand; mit einem ſolchen Bockſprungmacher, einem ſo wunderbaren Ausbund von menſch⸗ licher Unvollkommenheit zu tanzen, war etwas, worauf man ſtolz war und woruͤber man lachte, und alle Ausdruͤcke von Achtung und Liebe, die ich wagte, wurden von dieſen launi⸗ ſchen Geſchoͤpfen ſpoͤttiſch nachgemacht und ins Abgeſchmackte und Laͤcherliche gewendet. Alle ſchienen, zu meinem Verdruß und Herzleid, eine bei jeder Gelegenheit ſich verrathende Ga⸗ — 8 be zu Poſſen und Neckereien zu beſitzen. Ich wurde der wichtigſte Mann im ganzen Kirch⸗ ſpiel, wenn man meine Verdienſte nach der Auszeichnung ſchaͤtzen konnte, die mir zu Theil ward, und zu dieſer ſchlimmen Hoͤhe ward ich durch den Witz, die Kurzweil und Thorheit der Weiber erhoben.. Ich wurde zu einer der Verſammlungen am Ende der Erntezeit geladen, wo man vom Herbſte Abſchied nimmt, und den Winter mit Becher, Tanz und allerlei laͤndlichen Feſtlich⸗ keiten bewillkommt. Ich zog meine neuſten Kleider an, und hielt mich in der Eitelkeit meines Herzens fuͤr bezaubernd. Meine Muh⸗ me leiſtete mir dabei nicht wenig Beiſtand. Sie hatte einen altfraͤnkiſchen Geſchmack, und ihre Trachtenkunde ging ſo weit, daß ſie an mir den bunten Anzug der Saͤnger bei den ehemahligen Turnieren an der Graͤnze zu er⸗ naeuern ſuchte. Ein Uebel war, daß ich gar keine Anlage zum Dichten hatte, und mich da⸗ her bald verurtheilt ſah, die Bosheit der Ver⸗ — 9 ſemacher zu erdulden, ohne im Stande zu ſein, es Andern zu vergelten, und das andere Uebel, daß in meiner Geſtalt nichts Romantiſches zu ſehen war, weßhalb mir denn der Anzug ſchlecht genug ſtand. Ich ging indeß zum Tanze, ſchwang gar artig meinem rechten Arm, als ich voran wandelte und blickte oft auf meinen Schatten im Mondſchein zuruͤck, aber ich konnte mich des Gedankens nicht enthalten, daß das Nachtge⸗ ſtirn meine Geſtalt nicht gehoͤrig auszeichnete, und allerdings iſt es unter allen kleinen Him⸗ melslichtern das eigenſinnigſte. Alle ſtierten mich an, als ich herein trat, und alsbald brach eine allgemeine Froͤhlichkeit aus. Die alten Maͤnner ſahen mich mit Blicken an, worin Mitleid mit Neugier kaͤmpfte, die Maͤdchen aber ſammelten ſich um mich, prieſen den Kopf, der meinen Anzug erſonnen, und die Hand, die ihn geordnet hatte: die jungen Maͤnner wiederhohlten dieſe Lobpreiſungen mit einem Ernſte, den ich fuͤr Neid hielt, und das Zim⸗ mer wiederhallte noch einmahl von lautem Ge⸗ laͤchter. Der ſtockblinde Fiedler, der abgeſondert von dieſem Schauplatze der Luſtigkeit und Kraͤn⸗ kung ſaß, ſchien ſich bei dem Gedanken zu er⸗ zuͤrnen, daß jemand anders als er zu Frohſinn aufregen koͤnnte. Er hielt mit Spielen inne, legte ſeine Geige nieder, und waͤhrend er ſei⸗ nen Bogen beſtrich, fragte er, was das Ge⸗ laͤchter zu bedeuten haͤtte.„Wir wollen deine Nengier befriedigen“ ſprach ein boshaftes jun⸗ ges Maͤdchen, und meine willige Hand ergrei⸗ fend, fuͤhrte ſie mich zu dem Meiſter der Toͤne, und leitete ſeine Hand auf mich. Er befuͤhlte meinen Anzug vom Kopf bis zu den Fuͤßen, betheuerte bei ſeinem Fiedelbogen, er haͤtte nie einen ſo koſtbaren Stoff beruͤhrt, als mein Kleid, ſchwur bei ſeiner Fiedel, meine Muͤtze ſei ſo viel Geld werth, als er je mit ſeinem Inſtrument gewonnen, und hoffte, ich werde das Land verlaſſen, ehe ich dem ganzen Ge⸗ heimniſſe der Darmſaiten den Garaus gemacht 3) —— — 11 haͤtte, denn wohin ich kaͤme, da beduͤrfte es kei⸗ ner Geigen, um Luſtigkeit zu erwecken. Er entließ mich mit einem unterdruͤckten Lachen, und vielleicht um nicht durch offene Froͤhlich⸗ keit ſich ſeine Abend⸗Ernte zu vermindern, begann wieder zu ſpielen und der unterbroche⸗ ne Tanz hob von neuem an. Nun ging meine Qual los. Die Maͤdchen tanzten im Kreiſe um mich her. Ich ward zum Ungluͤck ſo oft aufgefodert, daß ich nicht vom Tanzen kam, aber ſelbſt als ich ſechs und dreißig Dreher getanzt hatte, und die Schweiß⸗ tropfen wie Regen von meiner Stirne fielen, ſo ſah ich doch des ewigen Springens noch kein Ende. Noch immer wiſſen die Schoͤnen in Annandale von dieſer laͤcherlichen Anſtrengung zu erzaͤhlen, und neulich hoͤrte ich ein Maͤdchen ſagen, als ſie ihrem Geliebten ſeine Unluſtig⸗ keit vorwerfen wollte:„Wann wirſt Du dann ſechs und dreißig Dreher tanzen, wie der alberne Hans Ochiltree?““ Ich ward einen Zoll hoͤher bei dieſem Beweiſe von meinem 4 Rufe. Alles dieſes ſollte nun ein Ende neh⸗ men. Der blinde Fiedler war in ſeiner Ju⸗ gend von der Sucht angefallen worden, Lieder⸗ weiſen zu machen. Er hatte nun die Noten von einem halben Dutzend Weiſen zuſammen gemiſcht, und wollte das wunderliche Ding, das er daraus gemacht hatte, auch gern taufen, weil von einem ſchön klingenden Nahmen wohl viel abhangen mag. Er ſchwankte zwiſchen: „Prinz Karl's*) Freude“ und Her⸗ zog Wilhelms**) Willkommen“ wenn ein Bauer die Weiſe aufgeſpielt haben wollte, — die neue Weiſe, die verwuͤnſchte, die Weiſe ohne Nahmen.„Die Weiſe ohne Nahmen? ſprach ein Maͤdchen. Koͤnnt Ihr ſie denn nicht taufen, Freundchen? Spielt auf, Fiedler— den ehrlichen Haus Ochiltree!“ Ein lautes Gelaͤchter erſcholl. Ja, das iſt ein Nahme! *) Karl Eduard Stuart, der Praͤtendent. ** Willhelm Herzog von Cumberland, der den Prinzen Carl 1746 bei Culloden ſchlug. d. Ueb. —— — 13 riefen viele Stimmen auf einmahl, und der neue Nahme ward von hundert Zungen gerufen, zu des Fiedlers und meinem großen Verdruſſe. Unſere Eitelkeit war verwundet. Der Nahme der Weiſe war ſo unveraͤnderlich beſtimmt, als die Geſetze der Meder, und von dem Augen⸗ blicke an verfolgte er mich, wie ein Geſpenſt durch's Leben, wobei die Weiſe denn immer beliebter wurde, weil ein lautes Geſchrei die Luft erfuͤllte, ſo bald nur ein laͤndlicher Spiel⸗ mann ſie hoͤren ließ. Auf dieſe Art kam ich zu dem Nahmen der ehrliche Hans Ochiltree, und die Geſchichte gab einen ganzen Winter lang dem Kirchſpiel etwas zu lachen. Aber nichts Saures ohne ſein Suͤßes. Alles dieß hatte eine Pachterstochter angeſe⸗ hen, die trotz ihrer vielen Freier nicht eigenſin⸗ nig geworden war, und ſie glaubte in der Ge⸗ duld, womit ich dieſe muſikaliſche Verfolgung ertrug, alles zu ſehen, was einen ruhigen und folgſamen Ehemann machen koͤnnte. Sie trat mir auf den Fuß, als wir zuſammen aus der Feldpredigt*) kamen, und entſchuldigte ſich ſo artig, daß ich ſie fuͤr das huͤbſcheſte Maͤdchen im ganzen Thale hielt. Wir ſprachen von der Predigt, ſagten uns etwas aus dem hohen Lie⸗ de und ſchieden mit dem Verſprechen, uns um Mitternacht in ihres Vaters Scheune zu ſe⸗ hen. Ich kam puͤnktlich, und auch das andaͤch⸗ tige Maͤdchen hielt ſo redlich Wort, daß ſie mit dem Schlag Zwoͤlf den Schluͤſſel in der Scheu⸗ nenthuͤre umdrehte. Sie oͤffnete ein Thuͤrchen, und ließ das Sommermondlicht ein. Wir ſetz⸗ ten uns neben einander auf zwei umgeſtuͤrzte Scheffel, und ſaßen da in dem ſchweigenden Lichte des nächtlichen Geſtirnes. Ich ſah das Maͤdchen an, und ſie blickte mit einem Anſchein von ſproͤder, aber ſchlauer Gemuͤthsruhe, auf die Mauer gegenuͤber und ſchien die Steine darin zu zaͤhlen. Waͤre ich * Bei den ſtrengen Presbyterianern in Schottland wa⸗ ren Predigten in freiem Felde uͤblich. d. Ueb. — von dem unheilbaren Uebel des Verſema⸗ chens befallen geweſen, ſo hatte ich nun ei⸗ ne herrliche Gelegenheit, meine Gabe zu zei⸗ gen. Die Stille des Ortes— der Mond⸗ ſchein— das ſchoͤne Maͤdchen, Marie Ander⸗ ſon hieß ſie— ihre weißen Haͤnde auf einen noch weißeren Buſen gefaltet— ihre gläͤn⸗ zenden goldig braunen Locken, die aus dem Haarkamm fielen, ſich auf Wange und Schul⸗ ter herab kraͤuſelten, und ſilbern oder gol⸗ den ſpielten, wie ihr Athemhauch ſie im rei⸗ nen Mondlichte bewegte. Es war mein erſter Verſuch in der Freierei. Ich zitterte ſehr, und auch die Worte der Liebe zitterten auf meiner Zunge. Sitze doch ja Niemand lange ſchweigend bei der Geliebten; Thorheiten, ja noch ernſtlichere Beleidigungen wird ſie ihm verzeihen, aber Schweigen nie. Haͤtte ich in der Dunkelheit meinen Erſtlingsverſuch in der Liebewerbung machen koͤnnen, ſo wuͤrde ich wohl geſprochen, ja gar mit vieler Zaͤrtlichkeit und wahrer Liebe geſprochen haben. Aber die Schuld vierfuͤßigen und zweifuͤßigen Thiere vermiſch⸗ lag am Monde. Verwuͤnſcht ſei das eigenſin⸗ nige Nachtgeſtirn! Nie ſehe ich ſein wandel⸗ bares Licht durch die Ritze einer Scheunen⸗ mauer glaͤnzen, ohne daß ich an die Zeit den⸗ ke, wo ich durch den Mond um meine erſte Liebe kam. Wir ſaßen eine Viertelſtunde lang, ohne zu ſprechen, und ich hatte meinen Wider⸗ willen gegen das Mondlicht beinahe uͤberwun⸗ den, als eine Eule im Dache uͤber uns von ihrem Fluge ausruhte, und in dem Augenblik⸗ ke, wo die Worte auf meiner Zunge waren, ein langes und trauriges Uhn! ausrief. Ich wollte den Ton der Liebewerbung nicht nach einem Laute von ſo boͤſer Vorbedeutung ſtim⸗ men, und blieb ſtumm. Ich nahm meinen Muth noch einmahl zuſammen, und das erſte Wort— wenn ich die ganze Welt haben ſoll⸗ te, ich koͤnnte mich jetzt nicht darauf beſinnen — kam eben von meinen Lippen, als in einem Stalle neben uns ein Saugekalb vielleicht nach ſeiner Mutter bloͤlte, und die Stimmen der -8—.—. 17 ten ſich ſo wunderlich, daß es einem Kenner der Naturmuſik ſchwer geworden ſein wuͤrde, jeder ihre eigenen Toͤne zuzutheilen. Dieſer Ton war nooch unſeliger als der Eulenruf. Das Maͤdchen konnte ſich bei aller ihrer An⸗ dacht des Laͤchelns nicht enthalten; ſie ſtand mit den Worten auf:„Ich glaube, wir ken⸗ nen uns genug fuͤr eine Nacht“ und damit verſchwand ſie von meiner Seite. So endig⸗ te ſich meine erſte naͤchtliche Freierei. Ich hat⸗ te einmahl den Muth, ihr noch eine Nacht⸗ wache vorzuſchlagen, aber ſie legte ihre Haͤnde auf den Mund und rief dreimahl: uh! uh! uh! Wir ſahen uns nicht wieder. Aber ich war ein unermuͤdlicher Liebhaber. Ich nahm mich in die Schule, naͤhrte meinen Muth, und als ich dem ſcharfen Angriffe des Frauenwitzes gewachſen zu ſein hoffte, faßte ich den kuͤhnen Entſchluß, ein Abentheuer zu ſuchen. Ich bin viel in der Welt gereiſet; aber nirgend findet man ſo viel Liebeluſt als unter dem Landvolke in Schottland. Da hat 2 18 ein Maͤdchen viele Liebſten, ein Juͤngling viele Liebchen; man erlebt Abentheuer, wie ſie in Romanen vorkommen, und nicht ſelten folgt auf ſolche naͤchtliche Streifzuͤge Vergießung von Menſchenblut und von Maͤdchenthraͤnen. Ich ging muthig aus, und hoffte, irgend ein merkwuͤrdiges Abentheuer zu beſtehen. Eine Zeitlang wollte es nicht gelingen, endlich aber fuͤhrte mich ein, aus einem Pachterhauſe weit⸗ hin ſtrahlender Lichtglanz zu dem Fenſter, wo die aͤlteſte Tochter, ein muntres Maͤdchen von achtzehn Jahren, eben auf der Lauer ſtand, die Ankunft eines gluͤcklichen Freiers zu erwar⸗ ten. Sie oͤffnete das Fenſter, als ich kam, aber beim Anblicke einer Geſtalt, die ſie nicht gehofft hatte, hielt ſie das Schiebfenſter in der Hand, und uͤberlegte, ob ſie den erſten Segen nehmen ſollte, den ihr der Himmel in Men⸗— ſchengeſtalt ſchickte. In dieſem Augenblicke erſchien der erwar⸗ tete Liebhaber, ein ſchmucker Burſche aus der nahen Stadt, geſchniegelt und geputzt, der den * 19 ————— ganzen Weg mit Moſchus und Wohlgeruͤchen erfuͤllte. Das Maͤdchen rang voll Herzleid die Haͤnde, da ſie nicht Witz genug hatte, es mit mehr als einem Liebhaber zu gleicher Zeit auf⸗ zunehmen. Ich, der nie von zaͤnkiſcher Art war, und immer einen Abſcheu dagegen hatte, treuer Liebe in den Weg zu kommen, dachte nun an ploͤtzlichen Ruͤckzug. Der junge Mann machte ſich gleichfalls aus dem Staube, und da meine Straße auf eben dem Wege lag, den er nahm, ſo glaubte er, ich verfolgte ihn in boͤſer Abſicht, und er verdoppelte nun ſeine Eile. Ich hohlte ihn ein. Der Weg lief an einem See hin. Ich habe immer eine beſondere Lie⸗ be fuͤr fließendes Waſſer gehabt, ſeit es meinen Nebenbuhler in ſeinen Schooß aufnahm; bis uͤber die Ohren plumpte er hinein, und es Platſchte, daß die wilden Enten eine Meile in der Runde aufgeſchreckt wurden. Er ſchwamm hinuͤber, wie ein boͤſer Geiſt; ich aber ging zu ſeiner Liebſten zuruͤck, die das Fenſter noch immer offen hielt, vielleicht fuͤr den gluͤcklichen 2* ——; ₰—— 4 —— 20 Freund; froͤhlich ſprang ich in die Kammer, und als ich nun an des Maͤdchens Seite ſaß, fing ich an zu hoffen, ich wuͤrde mein Schick⸗ ſal beſiegen. Die Nacht, ſchon vorher finſter, wurde nun noch zehnmahl dunkler. Der Wind, von heftigen Regenguͤſſen begleitet, erſchuͤtterte Fen⸗ ſter und Thuͤre, und machte im Schornſtein das lang gedehnte und traurige Geheul, dem viele Landleute eine boͤſe Vorbedeutung zu⸗ ſchreiben. Die Nacht ward immer furchtbarer, und bei dem wachſenden Sturm flammten die Blitze und bruͤllte der Donner mit ſolcher Schnelligkeit, daß die Waͤnde der Kammer ſtets im Feuer zu ſein ſchienen und alles Ge⸗ raͤthe zitterte und raſſelte. Ich habe wohl von Liebhabern gehoͤrt, die eine ſtuͤrmiſche Nacht, wenn ſie mit ihren Maͤdchen beiſammen wa⸗ ren, für eine wahre Gluͤcksgabe hielten, und das draußen tobende Ungewitter zum Dienſte der Liebe anwerben, und es zwingen konnten, bei einer unbarmherzigen Schoͤnen eine ruͤh⸗ 21 lende Fuͤrbitte fuͤr ſie einzulegen. Ich aber konnte ſolche Einfluͤſſe des Wolkenhimmels nie leiden, und ſtatt den Aufruhr der Elemente mir unterthaͤnig zu machen, ward ich immer ihr Knecht; ein heftiger Wind und ein Sturm mit Donner und Blitzen, brachte mich immer zum Zittern und Beben. Ich gab in dieſer ungluͤckſeligen Nacht einen vollen Beweis von meiner Unterwuͤrfigkeit gegen den Geiſt des Sturmwindes. Das Maͤdchen ſchlang ihren weißen Arm um meinen Nacken, und als ſie eben mit ſuͤßen Worten meine Angſt beſchwich⸗ tigte, oͤffnete ſich die Kammerthuͤre, und herein ſchlich ihre Mutter, mit den Worten:„Maͤd⸗ chen, wachſt Du?“ Einen Liebſten in ihrer Tochter Kammer zu finden, war vielleicht we⸗ der ungewoͤhnlich, noch unerwartet, aber ein neues Geſicht zu finden, mich zu finden, den ehrlichen Hans Ochiltree, deſſen Nahme ver⸗ urtheilt war, mit einer laͤcherlichen Tanzmelo⸗ die auf die Nachwelt zu kommen, das war eine Entdeckung, die das Maͤdchen fuͤrchtete. Sie 22 — zog ſchlau einen Kamm aus einer dicken Wulſt langer brauner Haare, und warf eine ſolche Lockenfuͤlle uͤber mein Geſicht, daß ich beinahe erſtickt waͤre, wobei ſie ihrer Mutter mit der Hand winkte, ſich zu entfernen. Die kluge Mutter aber trat naͤher, und ſprach:„Ei Gott ſteh' mir bei, Maͤdchen, wer wird denn in einer ſo ſchrecklichen Nacht einen Liebſten hereinlaſſen und Freierpoſſen treiben! Ich habe auch wohl in mancher Nacht einen Freier bei mir geſehen, doch in einer ſolchen Nacht nie, aber ich denke darum nicht ſchlim⸗ mer von einem Jungen, der ſein Wort haͤlt in einer Nacht, wo alle Welt zittert.“ Das Maͤdchen winkte noch immer mit der Hand, aber die Alte ließ ſich nicht abſchrecken, und fuhr fort:„Aber mein liebes Hannchen, wann willſt Du denn ein Ende mit dieſen Poſſen machen? Ich will nicht ſagen, daß Du in's Zeug hinein waͤhlen ſollſt; Du biſt ja noch jung, und noch in den Kinderſchuhen, bis die Knospen wieder am Buſche ſind, aber ich 1 t 1 C k 23 meine nur, wann willſt Du dieſer Kurzweil ein Ende machen, und dir einen huͤbſchen und frommen Mann ausſuchen? Du haſt reiche Freier, mehr als einen, aber haͤnge Dein Herz nicht an's Geld, Maͤdchen, wenn ich Dir auch kaum rathen moͤchte, jemand ohne Geld zu nehmen. Ein verliebter Burſche in lilienwei⸗ ßem Linnen nimmt ſich gut genug aus in ei⸗ nem einfaͤltigen Liedchen; aber gib Du mir nur einen Jungen mit Geld und Gut, und er wird ſich ſchon ſchaffen, ſo viel er will. Das Gold ſollſt Du freilich nicht zu Deinem Abgott machen, wenn Dein Herz waͤhlt, aber ich moͤchte doch Deinem Vater nicht rathen, Dir mehr als dreihundert Pfund zu geben, und Dich in eine volle Wirthſchaft zu ſetzen. Die Tochter winkte noch immer ihre Mut⸗ ter hinweg, doch mein verhuͤlltes Geſicht mach⸗ te die Alte argwoͤhniſch, und ſie beſchloß, mich von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, und ſollte auch die Zahl von Hannchens Anbetern dadurch vermindert werden. Nie ward ein Entſchluß 24 ſchneller ausgefuͤhrt.„Aber Hannchen, was fehlt dem Burſchen, daß er ſein Geſicht nicht ſehen laͤßt? Hat er ein Geſicht, das des An⸗ ſehens nicht werth iſt, ſo iſt er kein Burſche fuͤr Dich. Und ich kenne keinen Burſchen im ganzen Kirchſpiel, der wuͤnſchen koͤnnte, ſeinen Kopf zu verbergen, als den albernen Jungen Hans Ochiltree— Hans Gimpel ſollt' er hei⸗ ßen. Seine Großmutter ward als Hexe ver⸗ brannt am Weſtthor in Edinburgh, und wenn man ihren Enkel als einen Pinſel verbrennte, ſo wuͤrde nichts verloren ſein.“ Bei dieſen Worten ſtrich ſie eine Hand⸗ voll von dem Haar ihrer Tochter zuruͤck, und als ſie mich erblickte, ſchrie ſie ſo laut, bis ihre Stimme den Sturm uͤbertaͤubte, der noch im⸗ mer draußen wuͤthete.„Ei Gott behuͤte uns! Er iſt da? Hier iſt der alberne Gaͤnſerich, Hans Gimpel ſelbſt? Nein, ich wuͤrde meinen Mund beſudeln, wenn ich ſeinen Nahmen aus⸗ ſpraͤche, und meinen Arm, wenn ich ihn an⸗ griffe. O ich kann nicht daran denken, daß je meine Tochter einen ſolchen Stamm zu An⸗ ſehen bringen, und einem gebornen Pinſel ein Haͤuſchen von lieben Kindern geben ſollte! Fort aus meinem Hauſe! ſage ich, fort aus meinen Hauſe! Fort, ehe ich Dir die Noten Dei⸗ nes Tanzes in's Geſicht ſchreibe!“ „9 Mutter,“ ſprach die gehorſame Toch⸗ ter,„ſtoßt den armen Burſchen nicht in einer ſolchen Nacht hinaus! Er wird den Tod haben vom Donner und Blitz, er zittert ſchon jetzt bei jedem Knall wie ein Lindenblatt. „Ei, ſchlimmer als alles!“ rief die Alte, mit einem Tone, worin Hohn mit Zorn ver⸗ ſchmolz,„ſchlimmer als alles? Wer nur ein Narr iſt, das iſt kein ſo großer Fehler. Da iſt der Hauptmann— wie heißt er denn gleich? Er hat nur gerade Verſtand genug, Kapaunen zu fuͤttern, taugt kaum dazu, die Wuͤrmer vom Kohl abzuhalten, und doch iſt er Friedensrich⸗ ter geworden. Aber was kann man mit einer Memme machen? Wozu ſoll ich noch viele Worte verlieren! Ich pfeife einem Muͤhlſtein einen Tanz vor.— Aus meinem Hauſe, ſage ich! Ich will nicht Fenſter und Thuͤre mit Dir beſudeln, drum ſpringe— und fort mit Dir!: Bei dieſen Worten oͤffnete ſie das Fen⸗ ſter, und ich ſprang munter hinaus, herzlich froh, daß ich ihrer boͤſen Zunge entfliehen und dem ertraͤglicheren Uebel des Windes, Regens und Blitzes mich ausſetzen konnte. Das Geruͤcht von dieſer ungluͤcklichen Ab⸗ 8 weiſung lief, boshaft ausgeſchmuͤckt, durch das ganze Kirchſpiel, aber ich ließ mich nicht ab⸗ ſchrecken. Am dritten Abend nach dieſem halb guten, halb boͤſen Abentheuer machte ich einen Abſtecher uͤber die Graͤnze meines Kirchſpiels, und kam auf das oͤde Moorland, wo die Woh⸗ nungen nicht zahlreich ſind und weit auseinan⸗ der liegen. Ein junger Mann findet leicht Zu⸗ tritt bei mannbaren Maͤdchen, und ſo ſaß auch ich bald an eines Schaͤfereibeſitzers Kuͤchenheerd, in Geſellſchaft mit ſeiner einzigen Tochter, ei⸗ nem reifen und roſigen Maͤdchen, ihren Ael⸗ 27 tern und etwa funfzehn Schaͤferhunden, als Zuhoͤrern unſrer Unterredung. Im Anfange ſprang unſer Geſchwaͤtz von einem auf's andre, vom Wetter und allen ſeinen Abwechſelungen auf die Fruͤchte aller Jahreszeiten, und wieder auf das Vieh von allen Arten, und als im Verfolge des Geſpraͤches der Kreis unſrer Un⸗ terſuchungen immer enger wurde, blieben wir endlich bei der Wartung einer Schaͤ bei ſtehen. Wir ſprachen von Schafen aller Art, von den Cheviot⸗Schafen, von der alten Tinwald⸗Zucht, von den langen und kurzen Schafen, von Zaͤhr⸗ lingen, alten Schafmuͤttern und jungen Staͤh⸗ ren, ermangelten auch nicht, alle Krankheiten zu beſprechen, welchen dieſer patriarchaliſche Reichthum ausgeſetzt iſt, von Egeln und Rau⸗ de, Lungenfaͤule und Drehkrankheit, und meine Kenntniſſe in allen dieſen Dingen waren ſo ausgebreitet, und ich wußte auch von den ge⸗ heimnißvolleren Uebeln, vom Behexen, Elfen⸗ pfeilen und Bezauberung ſo viel zu ſagen, daß die alte Mutter ganz erſtaunt war, und ihrem 28 Mann zufliſterte:„Was der Burſche ſagt, iſt Goldes werth; ſprich freundlich mit ihm, Maͤnn⸗ chen, ſprich freundlich mit ihm!“ Ihre Toch⸗ ter hatte auch ihre beſondere Gedanken; ſie ſchien einen Straͤhn Garn abzuwickeln, aber bei jeder Bewegung ihrer Hand kam ein ver⸗ ſtohlener Blick unter der Fuͤlle natuͤrlicher Lok⸗ ken hervor, die in Dichtigkeit, und beinahe auch in der Farbe, mit dem ſchoͤnſten Vließ in ihres Vaters Heerde wetteiferten. Ihre Hand ließ unbewußt die Arbeit ruhen, und ſie ſtrich die Locken von den Ohren weg, um genauer zu vernehmen, was ich von Wirthſchaft und haͤus⸗ lichem Gluͤcke ſprach. Der alte Mann allein ſchien nur langſam in den Gedanken einzuge⸗ hen, den ſichtbaren Reichthum ſeiner Tochter mit einem Manne zu vermaͤhlen, deſſen Ver⸗ moͤgen meiſt nur noch in Entwuͤrfen beſtand. Er ſaß und erfreute ſich an einem Plane, der mit meinem Gluͤck nichts gemein hatte. Ich las etwas in ſeinen Blicken, das Unheil verkuͤnde⸗ te, hoͤrte ihn oft mit einem trocknen und be⸗ 29 — denklichen Huſten antworten, wenn ſeine Frau in ihn drang, mich als Freier zuzulaſſen, und merkte, daß ich, wie bei der halben Heilshoff⸗ nung, wovon die Puritaner*) reden, wohl berufen ſein koͤnnte, aber nie auserwaͤhlt wer⸗ den ſollte. In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤre und es wankte eine menſchliche Geſtalt herein, die ſich ganz auf einen, von langem Gebrauche wie Glas geglaͤtteten Stab ſtuͤtzte. Es war ein Landmann aus der Nachbarſchaft, ein Freier des Maͤdchens. Er war mit zwei Roͤcken, einem langen und einem kuͤrzern, be⸗ kleidet, oder vielmehr beladen, hatte einen wei⸗ ten Mantel daruͤber und trug eine Muͤtze, die den Mantel beinahe uͤberſchattete. Als er die⸗ ſe Muͤtze ablegte, enthuͤllte er ein Geſicht, das —— *) Strenggläubige Presbyterianer, oder Kalviniſten, die ſeit dem 17 Jahrhunderte eine Partei in Schort⸗ kand bildeten. E Der Ueb. ſo ſcharf und beißend als ein nordiſcher Froſt war, und ein paar kleine, durchdringende und forſchende graue Augen, die nur mit Be⸗ rechnungen bekannt zu ſein ſchienen. Er ſtrich ſeine Locken zuruͤck, die ſich lange gegen den Kamm geſtraͤubt haben mochten, und ſeine Blicke auf uns werfend, raͤusperte er ſich und hob an:„Gott ſegne Dich, Vater, und gebe Dir Gluͤck, Mutter, und Dir Freude, Gret⸗ chen, Du ſchoͤnes Kind! Siehſt Du, ich habe drittehalb Schock junge Widder verhandelt, und Dir ein Brautkleid gekauft, Maͤdchen, und ein Pferd, worauf Du zur Kirche reiten ſollſt; Du findeſt ſeines Gleichen nicht in ganz Annandale. Aber wer, bei allem, was heilig iſt, wer mag denn dieſes fremde Thier ſein?“ ſprach der treffliche Freier, einen nicht ſehr freudigen Blick auf mich werfend.„Ein Schaͤfer kann er nicht ſein, er iſt ja gekleidet, daß die Schafe vor ihm weglaufen wuͤrden, und es ſieht aus, als ob er nicht ſo viel Witz f 31 — haͤtte, die Kibitze von ſeiner Heerde abzuhalten, darum kann er auch nicht reich ſein.“ Nach dieſer unhoͤflichen Bemerkung, warf er ſich auf einen Stuhl an des Maͤdchens Seite, und ſtrich ihre uͤppigen Locken mit ci⸗ ner Hand weg, die ſo ſtark nach Theer roch, daß eine Stadt Jungfer davon erſtickt waͤre. Sie laͤchelte, denn der Geruch war Weihrauch fuͤr ſie; ihr alter Freier laͤchelte auch— unge⸗ faͤhr wie Freund Hain auf einem Grabſteine — und hob wieder an:„Ja, Du magſt wohl lachen, Maͤdchen, das iſt die rechte Hand, die ſtreicht den Theer geſchickter auf, als der ſtol⸗ zeſte Mann in ganz Teviotdale, und hat mehr Schafe zu theeren, Maͤdchen— Ja, mehr als zwanzig Schock Schafmuͤtter— doch warum brauche ich groß zu thun! Man kann an einem Sommertage auf meinem Gute reiten und doch nicht weit uͤber die Graͤnze kommen.“ Ich war beſtuͤrzt bei dieſem Prahlen mit Reichthum, das auf des Maͤdchens Herz einen ſtarken Eindruck zu machen ſchien. Ihr Vater 32 ruͤckte ihr indeß naͤher, und fluͤſterte:„Nimm ihn, Grete, nimm ihn! Er iſt ein reicher Mann, und wohl gekleidet, hat zwei Roͤcke an, und ein Plaid daruͤber.“ Das Schaͤfermaͤdchen ſah den alten Freier an und dann mich, aber die Glut, welche unbe⸗ lohnte Liebe uͤber das achtzehnjaͤhrige Geſicht ver⸗ breitete, konnte dem Reichthum und ſeinem grau⸗ baͤrtigen Beſitzer kaum das Gleichgewicht halten. Ich beſaß nichts, als Jugend und Geſundheit, mein Gegner aber war mit den Reizen und der Macht der Wohlhabenheit bewaffnet, und mein ju⸗ gendlicheres Ausſehen vermochte wenig gegen den Anſpruch, den Maͤdcheneitelkeit dem Reichthum erlaubt.„Albernes Maͤdchen!“ ſprach mein Rebenbuhler, mit einem Tone, der klang, wie der erſte Spaten voll Kirchhoferde, auf einen Sarg geworfen.„Albernes Madchen, warum blickſt Du mit Deinen hellen Augen erſt auf dieſen Gelbſchnabel und dann auf mich, als ob Du uns gegen einander abwaͤgen wollteſt? Nun, was denkſt Du denn, das der kahle 33 Burſche waͤre? Wie er geht und ſteht, mehr hat er nichts, der Herr von Nirgendheim, der Herr von Habenichts. Mit ſchoͤnen Worten kann er um Dich freien, aber wird er eine Muͤtze voll blanke Goldſtuͤcke Dir in den Schooß ſchuͤtten fuͤr jeden ſeiner Seufzer? Sein Geſicht kann Dir gefallen, und wenn er auch ausſieht, wie ein Narr, ſo ſieht er doch huͤbſch genug aus: aber kann er einen Zauber uͤber Dich werfen, wie ich's kann? Goldne Be⸗ zauberungen und papiernes Hexenwerk in Dei⸗ nen Schooß ſchuͤtten, und Dir ſo viel Laͤnde⸗ reien geben, als ein Raubvogel uͤberfliegt, wenn er dem erſten Fruͤhlingslamm nachſtellt?“ Bei dieſen Worten zog der alte Mann aus dem Mantel eine, mit vielen Riemen und Schnuͤren verwahrte Reiſetaſche hervor, die er mit verlaͤngertem Vergnuͤgen aufband, und als er in das ſchimmelige Heiligthum des Mam⸗ mons griff, hohlte er den Ueberreſt eines alten Strumpfes hervor.„Halt Deine Schuͤrze auf, mein Gretchen!“ ſprach er, und ſchuͤttete 3 34 —— ihr gegen hundert klingende altſchottiſche Gold⸗ ſtuͤcke in den Schooß, die der Geiz ſchon vor der Thronbeſteigung des Hauſes Stuart dem um⸗ laufe entzogen hatte.„Das iſt ſo viel, als Du brauchſt zum Brautſchmucke, und hier iſt eine Verſchreibung uͤber Guͤter und Laͤndereien, die ich Dir in dem Augenblicke gebe, wo die Kirche uns zuſammenfuͤgt.“ Ein altes Leder⸗ ſtukk, das er von einem Sattel ſorgſam ge⸗ nommen und in eine Brieftaſche umgewandelt hatte, enthielt verſchiedene Schriften, die er beſchrieb, waͤhrend er ſie dem Maͤdchen zur Einſicht vorlegte.„Das iſt ein Pfandbrief auf die Laͤndereien des Gutsherrn von Sloken⸗ drouth fuͤr ſieben hundert Pfund ſchottiſch, ein ſicheres Kapital, und dieß eine Verſchreibung auf die Laͤndereien von Knockhoolie, die jaͤhr⸗ lich fuͤnf und dreißig Pfund eintragen, und Du wirſt Frau von Knochhoolie genannt, das iſt ein Titel, der klingt huͤbſch und gut.“ Aber warum ſoll ich eine Geſchichte in die Laͤnge ziehen, da jedermann den Schluß er⸗ — rathen kann? Ich ſah, mit welcher leichtferti⸗ gen Schnelligkeit das Maͤdchen den Mammon liebgewann, und ich ſaß da, wie betaͤubt und verzweifelnd. Ihr Blick, der Anfangs ernſtes Nachdenken verrathen hatte, ward allmaͤhlig glaͤnzend und offen, ſie blickte auf die Reich⸗ thuͤmer, ſah dann wieder auf ihn, und ſprach: „Aber ich muß auch das Kaͤſegeld haben und das Milchgeld, und ein Reitkleid, braun oder blau, oder eins von jeder Farbe, und einen Grauſchimmel und einen Weiberſattel. Ich muß auf die beiden Jahrmaͤrkte in Dumfries gehen, und auf den Jahrmarkt in Lanark, und bei den Cameroniere*) zum Abendmahl, und zweimal, im Jahre zu Tanze, einmal zu Wal⸗ purgis und einmal zu Martini.“ 3 „Alles ſoll ſein, wie Du ſagſt, Gretchen, mein Schatz!“ erwiederte der Freier, und un⸗ *) Eine ſchwärmeriſche Partei der Presbyterianer, in Schottland, die um 1679 durch die Bedrückungen der Regierung entſtand. d. Ueb. 3* 3 136 terbrach wahrſcheinlich eine lange Reihe von er⸗ warteten Annehmlichkeiten.„Sage nur, wann ſoll die Hochzeit ſein?“ 1 In meinem Aerger uͤberſchritt ich nun alle Graͤnzen des Anſtandes.„Ich wollte Euch rathen, ſprach ich, den Hochzeittag recht bald zu beſtimmen. Der Braͤutigam hat keine Stun⸗ de zu verlieren. Der Hochzeitbecher wird kaum trocken ſein, ehe man ihn zu ſeiner Leichen⸗ wache brauchen wird. Drum nur geſchwind! Die Braut, wie ich ſie nun zuverſichtlich nennen kann, lachte, bis ihre Augen naß wa⸗ ren, und ſprach:„Gut geſagt, junger Mann, das iſt das Vernuͤnftigſte, was ich dieſe ganze Nacht von Dir gehoͤrt habe. Und da nun kei⸗ ne Zeit zu verlieren iſt, wie Du ſagſt, ſo will ich am Sonnabend Hochzeit machen.“ 3 Der Braͤutigam wollte fuͤr dieſe Ankuͤndi⸗ gung des nahen Gluͤckes, die Lippen, welche ſie ausſprachen, mit einem Kuſſe beſtrafen. „Li geht mir! Ihr riecht nach Theer, haͤß⸗ licher Menſch! Wartet bis der Segen geſpre⸗ 37 1 chen iſt; geht heim, und ſammelt Athem, Ihr habt verteufelt wenig.“ Ich ſtand nun auf, um mich zu entfernen. Die Braut gab mir das Geleite bis an die Thuͤre, und fluͤſterte mir tröſtend beim Ab⸗ ſchiede zu:„Heute iſt Montag— Sonn⸗ abend habe ich Hochzeit— Laßt ſehen— Va⸗ ter und Mutter ſind am Donnerſtage nicht zu Hauſe, dann koͤnnt Ihr im ſchoͤnen Mondſchein kommen und wir laufen eine Stunde um die Heuſchober und treiben Kurzweil im Finſtern. Der alte Simon Seſtiller— der da mit den beiden Roͤcken und dem Mantel daruͤber, hat nicht ſo viel Athem mehr, daß er beim Fruͤh⸗ ſtuͤck den Segen ſprechen koͤnnte. Er wird nie was merken, und was er nicht weiß, das macht ihn nicht heiß.“ br Wir ſchieden, aber wir ſahen uns nie wie⸗ der. Nach dieſem ungluͤcklichen Einfall in's Moorland, faßte ich den Entſchluß, mein Gluͤck nicht weiter zu verſuchen, ſo lange ich nicht⸗ einige Gewißheit eines guten Erfolges haͤtte⸗ X Ich ſah mich nun unter den jungen und huͤb⸗ ſchen Weibern um, beſuchte die Jahrmaͤrkte ſo puͤnktlich, als ein Roßhaͤndler, war bei jeder Luſtbarkeit in der Umgegend, trotz dem eifrig⸗ ſten Fiedler, und ging andaͤchtig in die Kirche, ſo regelmaͤßig als eine alte Jungfer, der Glie⸗ derſchmerz und Runzeln beredtſam rathen, ſich von der Liebelei zur Froͤmmigkeit zu wenden. Aber ich war zu Demuͤthigungen und Abweiſungen aller Art verurtheilt, und hatte mir in meiner Verzweiflung ſchon Taufſcheine von allen Maͤd⸗ chen im Kirchſpiel verſchafft, mit der ernſten Abſicht, mich regelmaͤßig um ſie zu bewerben, und zwar nach dem Vorrange des Alters, als mir das Gluͤcksrad ploͤtzlich eine ſeiner glaͤn⸗ zendſten Speichen zeigte. aehr Ich dachte eben an mein ungluͤckliches Loos, da ſchlich ein ſchlankes vierzehnjaͤhriges Maͤdchen, die Tochter eines angeſehenen und wohlhabenden Pachters, wie eine Sylphe zu mir, und ſagte mir mit klugem und liſtigem Weſen, ihre Aelern waͤren zu einer Hochzeit 39 gegangen und ihre Schweſter Lieschen ließe mich auf Quark und Rahm zu ſich bitten, daß ich ihr in den Abendſtunden die Zeit vertriebe. Schweſter Lieschen war eines der munterſten und roſigſten Maͤdchen in der ganzen Gegend, hatte ein Tanzfuͤßchen und huͤbſche Knoͤchel, und eine Stimme, die alte Lieder mit mehr Anmuth ſang, als die beſten eurer Trillerſchlaͤ⸗ ger auf dem Theater zeigen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ihre Einladung mich entzuͤckte. Ich gab der Ueberbringerin der angenehmen Nach⸗ richt viele Baͤnder und tauſend Dank, und ſtrich ihre langen Ringellocken.„Und wenn Du noch zu haben biſt, ſprach ich, ſo wird einmahl ein huͤbſcher Burſche bei ſeinem Abendeſſen auch nach Dir ſeufzen.“ Sie kam der Bewe⸗ gung meiner Hand mit einem huͤbſchen Knie und einem weißen Buſen entgegen, und ſo jung ſie war, ſchien ſie doch recht gut zu wiſ⸗ ſen, daß ſie im Sommer aͤlter ſein wuͤrde. Sie trippelte zur Thuͤre, ſah ſich liſtig und mit ſchelmiſchem Blicke um, und ſprach:„Ihr 40 haͤttet nichts Boͤſes gethan, wenn Ihr mir ei⸗ nem Kuß fuͤr meine Schweſter gegeben haͤttet, und einen fuͤr mich ſelber als Botenlohn.“ Sie lachte laut, als ich aufſtand, ihr zu fol⸗ gen, und ſprang leicht und anmuthig wie eine Fee hinweg. Eine alte Bettlerin ſah dem fliehenden Maͤdchen nach, und drohte ihr mit der Kruͤcke.„O Du muthwilliges Ding,“ ſprach ſie,„ich habe Deine Worte wohl ge⸗ hoͤrt! Wer jung lernt, der lernt gut, und es iſt ſchwerer, ein Käͤtzchen vom Butterfaß abzuhal⸗ ten, als eine alte Katze. Aber ſiehe nur, was daraus wird— eine Kruͤcke fuͤr eine Lahme und ein Almoſenbeutel. O wer ſich doch war⸗ nen ließe!“ Bei dieſen Worten ſeufzte ſie bit⸗ ter, als ſie an froͤhlichere Tage gedachte. Ich ſtellte mich gehoͤrig ein, und nicht lan⸗ ge nach Anbruch der Daͤmmerung war ich vor des Pachters Wohnung. Die Fenſter waren hell erleuchtet, und luſtige Toͤne ſchallten weit umher. Ich fand meine muntre Botinn an der Hausthuͤre. Sie ſtand auf den Zehen und 41 ſtuͤſterte mir in's Ohr:„Kommt! Ihr habt lange auf Euch warten laſſen. Es iſt Nie⸗ mand da, als Hans Gordon, Robie Robſon und David Wilſon, und die Andern kennt Ihr alle, ausgenommen den jungen Gutsherrn von Monbirn und ſeinen Vetter Hans.“ Ich trat herein, und fand weit weniger Bekanntſchaften, als das Maͤdchen ſich einbil⸗ dete; es waren viele fremde Geſichter in der Stube und aus drei Kirchſpielen in der Runde hatten ſich junge Leute eingefunden— Von Oſten Zehn, von Weſten Zehn, Zwei kamen laͤngs dem Weiher; Es brachten Ruderkaͤhne Zehn— Sind zwei und dreißig Freier. 1 Wenn die Heldinn von Tintocktop, deren dieſe Reime gedenken, mit Lieschen auch in der Zahl der Freier wetteiferte; ſo weiß ich doch nicht, ob ſie mit eben ſo viel natuͤrlichem Ge⸗ ſchick ſo viele feurige und unlenkſame Gemuͤ⸗ ther in der Zucht hielt. Wir ſaßen Alle an 42 — einem großen runden Tiſche, oben an aber hatte das Maͤdchen ihren Platz genommen, und vertheilte ihre Blicke unter ihre Anbeter mit gleicher und kluger Emſigkeit. Quark, Rahm und Thee wurden nach einander aufge⸗ tiſcht. Sie genoß von allem, und vereinigte ſo den einfachen Geſchmack der gebirgiſchen Hirtinn mit der Verfeinerung der Thalbewoh⸗ nerinn. Es wurden Geſaͤnge gegeben, woran ſie mit ſuͤßer und lieblicher Stimme Theil nahm, und ſo verſchwanden ſchnell die Abend⸗ ſtunden. Bei allem Scheine von Eintracht und Geſelligkeit aber, konnte ein geuͤbtes Auge an der bewoͤlkten Stirne und der erzwungenen Froͤhlichkeit vieler Anweſenden leicht bemerken, daß das Luͤftchen der Liebe, das ſo ſuͤß und lieblich duftend wehte, bald in Ungewitter und Sturm ausbrechen werde. Es iſt in ſolchen Dingen gewiß ein gewagtes Spiel, viele An⸗ beter zuſammen zu bringen. In der ſtillen Dunkelheit einer traulichen Zuſammenkunft haͤlt ſich der Liebende fuͤr den einzigen, oder ——ᷣ————ᷣ—B—Z———-—:——’—— doch wenigſtens fuͤr den beguͤnſtigten Anbeter, und wenn er ein ſchnelles Liebegeſtaͤndniß ge⸗ fluͤſtert, und die Wonne eines halbgewaͤhrten Kuſſes genoſſen hat, kehrt er heim, und uͤber⸗ laͤßt ſein Maͤdchen der naͤchtlichen Kuͤhnheit und der hoͤhern Gewandheit eines ſchlaueren Liebhabers. Sitzen wir aber an der Seite unſrer Nebenbuhler, ſo bewaffnet ſich unſre Eiferſucht gegen unſre Ruhe; wir fangen an, die Stunden zuſammen zu rechnen, die wir in der Geſellſchaft der Geliebten ſelig genoſſen haben, multipliziren ſie dann mit der Zahl ih⸗ rer Anbeter, und geben uns in der Verzweif⸗ lung nur einen Bruchtheil ihrer Zuneigung, waͤhrend es uns klar wird, daß unſre Neben⸗ buhler das Gluͤck in ganzen Zahlen genoſſen haben. Der Geduldigſte ertraͤgt ſo etwas nicht lange, und es ſchien mir klar zu ſein, daß meine Mitbewerber unſre Verſammlung als eine allgemeine Muſterung betrachteten, als eine Zaͤhlung des Volkes, auf daß die Schoͤne ſich 44 — —— uͤber die Zahl ihrer Anbeter und die Macht ih⸗ rer Reize wundre. — Die Unterhaltung ward endlich matter, und Stillſchweigen folgte.„Ich fuͤr mein Theil, hob ein Schaͤfer aus dem Oberland an: bin hergekommen, um mich ein Stuͤndchen lang im dunklen Winkel ruhig zu freuen, je dunkler, deſto beſſer; aber hier iſt ja nichts, als eine Verſammlung von Narren aus allen vier Welt⸗ gegenden, die ſich einander finſter anſehen, und eine junge Dirne ſitzt da, um die Streiche zu zaͤhlen, die ſie ſich einander verſetzen wollen, und jeden zerſchlagenen Kopf fuͤr ein ſicheres Zeichen ihres Einfluſſes auf die Maͤnner zu halten. Nein, beim Teufel, das lieb' ich nicht, und ſo ſei kurzer Friede und langer Streit unter Euch! Ihr aber, mein huͤbſches Kind, kaßt euch ſagen, je weniger Ihr mit ehrlichen Herzen Spaß treibt, deſto weniger werden boͤ⸗ ſe Herzen mit Euch Spaß treiben, und damit Gott befohlen!“ Mit dieſen Worten ging er ſtolz hinaus, und pfiff muthig eine muntere Weiſe, zum Zeichen ſeines Trotzes. 1 Laßt ihn gehen, den rauchfuͤßigen Birk⸗ 15 hahn, ſprach ein Ackersmann aus dem Ae⸗ . Thale. Er kann wohl mit den Fluͤgeln ſchla⸗ gen, aber nicht kraͤhen. Es iſt weniger Theer⸗ n geruch hier, ſeit er weg iſt. „ Dieſe Worte beruͤhrten einen bedenkli⸗ e chen Gegenſtand, den alten Streit zwiſchen den 5 Hirtenbezirken und den Ackerbaugegenden.„Ich „. wollte Euch rathen, ihr Leute, ſprach ein jun⸗ t ger Burſche, der aus dem Moorland ſtammte: Ihr aͤßet erſt huͤbſch Widderfleiſch und Birk— 1 haͤhne, ehe Ihr geringſchaͤtzig von etwas ſprecht, das im Moor aufgewachſen iſt. Ihr koͤnntet leicht eure ganze Stärke noͤthig haben, wenn Ihr unbedachrſame Worte behaupten wollet. Wahrhaftig, wenn mein Vetter von Blackhagg hier waͤre, er wuͤrde Euch eure Worte hinun⸗ ter wuͤrgen laſſen, und wenn jedes ſo ſchwer zu verſchlingen waͤre, als ein Pfund Wolle. Erbittert ſprang der Ackersmann von Ae auf. 46 [—C—·—·¶·¶·¶2Qↄ·· und konnte vor Wuth kaum die Worte heraus bringen:„Steht auf, Ihr Memme, Ihr zweibei⸗ nigen Waͤrter vierfuͤßiger Beſtien— es fehlt Euch ſo viel an Verſtande, als an Gliedma⸗ ßen. Aufgeſtanden ſogleich— oder ich ſchlage auf Euch los, wie Ihr da ſitzt.“ Der Mann aus dem Moorland wollte als⸗ bald aufſtehen, aber der nervige Arm eines andern Hirten, der ihn mit einem kraͤftigen Griffe beim Kragen packte, hielt ihn zuruͤck. „Laß ihn gehn, ſag' ich dir, laß ihn gehn! ſprach er. Sei hoͤflich in eines ruhigen Man⸗ nes Hauſe, vor ſeiner huͤbſchen Tochter. Du kennſt ja den alten Spruch: Sei fromm im Hauſe, aber ein Teufel auf dem Raſenplatze. Das heißt ja nichts anders, als daß wir unſren Streit draußen ausfechten ſollen. Ich will ihm eins verſetzen, daß er ſo gerade ausge⸗ ſtreckt liegen ſoll, als eine ſeiner Furchen, ehe eine Stunde voruͤber iſt.“ Die Wuth des Ackersmanns wandte ſich nun gegen den tapfern Verbuͤndeten, aber da er nun ein doppeltes Ziel hatte, ſo ſchwankte ſein Zorn zwiſchen Beiden, ohne daß er Einem Leid zugefuͤgt haͤtte. Andre Stimmen miſchten ſich in den Streit; gangbare Spottnahmen wur⸗ den erwaͤhnt, man neckte ſich mit Familienfeh⸗ lern und perſoͤnlichen Gebrechen, und von al⸗ len Seiten griff man ſich mit ſcharfen baͤuri⸗ ſchem Witze und mit boshafter Eiferſucht an, waͤhrend das Maͤdchen zuſah, wie Jemand bei einem heftig lodernden Feuer, das nicht mehr zu daͤmpfen iſt. Ich wuͤnſchte gar nicht, mich in dieſem Zungenkampfe auszuzeichnen, ſondern ſaß ganz ſtill, und gab meinem Geſichte einen Ausdruck, womit ich ungeſtoͤrt aus den Sturm der Zwie⸗ tracht zu kommen hoffte. Ich ſah mich ge⸗ taͤuſcht. Und Ihr wollt ſtumm und ruhig hier ſitzen, ſprach ein Schaͤfer zu mir, und zuhoͤren, wie boshafter Witz Zwiſt und Hader auf die lieben gruͤnen Huͤgel von Annandale bringt? Auf und ſprecht! Ich habe ſchon ſo viel geſprochen, daß ich heiſer wie ein Rabe bin. Oder ſteht auf und fechtet; wenn Ihr keine Zunge im Ko⸗ pfe habt, ſo habt Ihr doch wohl eine Seele im Leibe. 4 Bei dieſer Anrede richteten ſich alle Blicke auf mich, und man hoͤrte auf zu laͤrmen, um meine Antwort auf die ſonderbare Auffode⸗ rung zu hoͤren. Eine Seele im Leibe? rief ein Bauer, mit einem Tone, der meinen Anſpruch auf den unſterblichen Funken in Zweifel zu ziehen ſchien. Habt Ihr denn nicht den Spottgeſang gehoͤrt, der durch's ganze Land laͤuft? Ich wundere mich, wie Jemand, von dem man ſolche Reime ſingt, ſich unterſtehen kann, un⸗ ter anſtaͤndige Leute zu kommen.. Und zu meiner groͤßten Beſchaͤmung, und Beſtuͤrzung, ſang er folgende Reime, wobei er mich immer mit einem Blicke voll Spott und Hohn anſah. h⸗ 49 Wißt Ihr nichts von Hans Ochiltree? Dem huͤbſchen Kerl, Hans Ochiltree? 1 Die Eul' hat' ne Stimm', die Katz' ein Aug'; Und ſo der gute Hans Ochiltrerer. Eine Alte wohnt' in Colean;z Sie hatte nie mehr als einen Zahn. Sie nahm mit'nem Loffel von Horn die Speiſe, Und ward doch vernarrt in die neue Weiſe, Und munter huͤpft' auf der Krucke ſie Zur huͤbſchen Weiſe Hans Ochiltree. Ein lautes Gelaͤchter, wovon die Docke uͤber uns droͤhnte, erſcholl, als die Neime geſun⸗ gen waren, zum Zeichen, wie wankelmuͤthig die Leidenſchaften der Menſchen ſind, und Alle waren Zeugen der Demuͤthigung, wozu ich verurtheilt war. Wen man zum Gegenſtande eines neckiſchen Reimes gemacht hat, dem geht es ſo ſchlimm, als ob er von der Peſt ange⸗ ſteckt waͤre. Meine Nebenbuhler mieden mich, und das Maͤdchen nahm ein ſo ſtolzes und ent⸗ ſchiedenes Weſen gegen mich an, daß ich mei⸗ ne Sache als hoffnunglos aufgab. Meine Leiden hatten indeß eine theilnehmende Zeu⸗ ginn, die mit ſchnellem Witze ſogleich das Mit⸗ 4 4 50 — tel zu meiner Rettung fand. Die Schmaͤhun⸗ gen, womit man mich uͤberhaͤufte, waren end⸗ lich ſelbſt fuͤr ein weiches Weſen zu arg gewor⸗ den, ich war aufgeſprungen, und gluͤhend vor Zorn hatte ich mit geballter Fauſt einen Streich gegen meinen reimenden Verfolger gefuͤhrt, als die Kleine, die mir die Einladung zu der unſeligen Zuſammenkunft gebracht hatte, einen lauten Schrei ausſtieß, und mit aufgehobener Hand ihr Ohr an den Boden legte, als ob ſie aufmerkſam gehorcht haͤtte. Wir waren Alle ſtumm und ohne Bewegung. Das Maͤdchen flog blitzſchnell an die Thuͤre, und als ſie in einem Augenblicke athemlos zuruͤck kam, rief ſie mit anſcheinender Verzweiflung:„O Lies⸗ chen, Lieschen! was wird aus dir werden? Der Vater kommt die Straße herauf. Wenn er ſieht, was ich ſehe, ſteckt er alles in Brand, was auch daraus werden mag.“ Wie eine Brut von Kuͤchlein, wenn der Habicht aus der Luft herabſchießt, ſo erſchra⸗ cken, zerſtaͤubten und entflohen in allen Richtun⸗ 51 gen die verſammelten Nebenbuhler, und die Thuͤre ſchien den Fliehenden zu enge zu ſein. Sieben ſprangen über den Damm, drei uͤber eine ſechs Fuß hohe lebendige Hecke, zwei lie⸗ fen mitten durch ein Kornfeld, von der Haͤlfte aller Dorfhunde verfolgt, und zwei von ihnen, die Fremde waren, fielen gerade in einen Teich und retteten ſich durch Schwimmen auf das jenſeitige Ufer. In einer Minute war die ge⸗ raͤuſchvolle Wohnung ſo ſtill, als eine Kirche um Mitternacht. Als ich mit den Uebrigen den eiligen Ruͤckzug antrat, zupfte mich eine weiße Hand liſtig am Aermel, und zog mich in ein Kaͤmmerchen, wo ein Paar ſehr warme und reife Lippen ſich nahe an mein Ohr leg⸗ ten, und mir zufliſterten;„Laßt die Gimpel fortlaufen; ſie halten Gaͤnſegeſchnatter fuͤr Ad⸗ lergeſchrei. Mein Vater iſt noch weit von hier.“ Meine huͤbſche und behutſame Botinn verſchloß bei dieſen Worten die Kammerthuͤre, und fuhr fort:„Schweſter Lieschen hat heute ihre ſtolze Lanne; ſie traͤgt den Kopf zu hoch 4*¼ —— —õõ— — „ Nahmens Ochiltree. 52 und mag nicht mit Euch ſprechen, des albernen Liedchens wegen. Ei das waͤre mir was, einen huͤbſchen Burſchen zu verlieren um eines ein⸗ fältigen Reims willen! Bleibt Ihr bei mir; ich bin beinahe ſo groß als Lieschen, und zu Sommers Anfang werde ich funfzehn Jahre alt.“ Und hier bleibe ich in meiner Erzaͤhlung ſtehen, ſprach der zeitige Beſitzer des baͤuriſchen Ich bin beinahe ſo verle⸗ gen, als ein Wanderer, der auf einen Schei⸗ deweg kommt, und nicht weiß, wohin er gehen ſoll. Die Abentheuer, die mir begegneten, wa⸗ ren mannigfaltiger Art, und ſind nach meiner Meinung alle gleich merkwuͤrdig und wichtig. Doch wie koͤnnte ich erwarten, daß bedaͤchtige Graukoͤpfe auf die thoͤrigen Erzaͤhlungen von der Jugendzeit hoͤren wollten! Ich haͤtte frei⸗ lich auffallendere Geſchichten von meinem Miß⸗ geſchick bei den Maͤdchen geben koͤnnen, denn ſie ließen ſich wohl dichteriſch verſchoͤnern; aber ich verachte Erdichtungen, und lache uͤber die » ———Pü 53 thoͤrigen erdichteten Leiden der Balladenmacher, nein, ich halte es mit dem alten Sprichwort: die Wahrheit erzaͤhlt immer am beſten. Ei freilich, erzaͤhlt die Wahrheit am beſten, ſprach eine alte Frau, die am Herdfeuer ſaß. Und doch, die thoͤrigen Erdichtungen, die Ver⸗ ſchoͤnerungen einer dichteriſchen Einbildung— ſo ſagtet Ihr ja wohl— ſie ſcheinen Euch ſo glatt vom Munde zu ſließen, als die Wahr⸗ heit ſelbſt. O du alter Schlaukopf, du denkſt uns die juſtigen Erfindungen deines fruchtba⸗ ren Gehirns fuͤr die wohl bekannten Geſchich⸗ ten deiner jugendlichen Freierei zu geben? Ei Maͤnnchen! fuhr ſie fort und ſah ihn mit ei⸗ nem Blicke an, worin Laune und Ernſt ſich um den Vorrang zu ſtreiten ſchienen: man kennt Euch, wo Ihr's am Wenigſten denkt. Dein Nahme iſt weit gekannt und beruͤhmt, ſagte der Reimer zum Satan. Hans Ochiltree willſt Dü ſein und willſt in deiner Jugend gelitten haben von Maͤdchenſpott und Liedern? Ein huͤbſches Maͤhrchen! Denkt Ihr denn, ich kenn⸗ nicht ſchlecht. 54 9 3 te nicht den luſtigen Simon Rodan von Doo⸗ tagen, den ich gekannt habe, da er noch nicht groͤßer war, als eine Kannenflaſche? Er hat ja meine Pflaumenbaͤume gepluͤndert, als er ein Knabe war, und kletterte in mein Kammer⸗ fenſter, ehe er einen Bart hatte, um bei mei⸗ nen drei Maͤgden und meiner eigenen Muh⸗ me, der huͤbſchen Hanne, auf's Freien zu gehen. Verſpottet von den Maͤdchen? Eil ſie haben Spott genug erlitten um deinetwillen. O du ne dle du allerliebſter Maͤhrchenerzaͤhler! Manchen guten Rath haſt du erhalten von dem Pfarrer und den Aelteſten in voller Verſamm⸗ lung. Ein Burſche wie Simon Rodan, bei allen ſeinen Fehlern, ließ ſich nicht auf ſieben Stunden in der Runde finden. Ein geraderes, oder ſchlankeres Bein ſtand nie in einem ſchwarzen Lederſchuh, und es iſt noch immer Ven der Kuͤſte von Cumberland ſieht man das ſchoͤne alte Schloß Caerlaverock auf der Spitze eines grünen Vorgebirges, das der Fluß Nith auf der einen, das tiefe Meer auf der andern, das faſt unzugaͤngliche Solway⸗Moor auf der dritten umgiebt, waͤhrend im Hintergrunde die drei Kirchthuͤrme von Dumfries und die hohen gruͤnen Huͤgel von Dalwinſton und Keir ſich zeigen. Es war vor Zeiten der Wohnſitz der maͤchtigen Geſchlechter Douglas, Seaton, Kirk⸗ patrick und Marwell, jetzt aber iſt's die Woh⸗ nung der Habichte und Eulen; ſeine Hoͤfe ſind ein Aufenthalt fuͤr Vieh und in ſeinen Mauern ſucht der voruͤber wandernde Schleichhaͤndler um Mitternacht eine Zuflucht, oder der Fiſcher — 8Q trocknet darin ſeine Netze. Zwiſchen dieſen Truͤmmern und dem Ufer das Nith, am Sau⸗ me eines Fichtenwaͤldchens, einen Steinwurf weit von der Flutgraͤnze, ſieht man die Ueber⸗ reſte einer Huͤtte, und vergebens haben Brom⸗ beergeſtraͤuch und wilde Pflaumenbaͤume uͤber die ungeheuren grauen Granitbloͤcke zu ſiegen geſucht, welche die Grundlagen der Mauern bildeten. Man ſieht noch die Spuren eines Gartchens, zumahl im Sommer, wenn Roſen und Lilien und andere Ueberbleibſel fruͤherer Schoͤnheit ihre Bluͤthen aufſchließen, da ſie mit einer faſt menſchlichen Zuneigung an dem ver⸗ nachlaͤſſigten und veroͤdeten Boden hangen. Dieſe rohen Truͤmmer haben fuͤr das Auge des Alterthumsforſchers, wenn er ſie mit den praͤchtigern Ueberreſten des Schloſſes vergleicht, nichts anziehendes; aber mit der Huͤtte und ihrem Garten hat die Sage eine ſo auffallen⸗ de und ruͤhrende Geſchichte verbunden, daß ſie dadurch in den Augen der Landleute weit uͤber 59 alle Prunkfeſte und Graͤuel der nachbarlichen Burg erhoben wird. Es ſind nun beinahe funfzig Jahre, ſeit ich das Kirchſpiel von Caerlaverock beſuchte, und doch ſchweben meinem Gedaͤchtniſſe die Be⸗ wohner, die Landſchaft und die Geſchichte vom Geiſt mit dem goldnen Kaͤſtchen noch ſo leben⸗ dig vor, als ob es Dinge von geſtern waͤren. Ich war an einem lieblichen Sommernachmit⸗ tage zum Fluſſe gegangen, als die Fiſcher eil⸗ ten, ihre Netze in die nahende Fluth zu tau⸗ chen und der breite Strom des Solway gegen Strand und Klippen ſchwoll und ſtieg, ſo weit das Auge reichen konnte. Das Waſſer war mit Boͤten bedeckt, und die ſtilleren Buchten waren weiß von Waſſervoͤgeln. Ich ſetzte mich auf einen kleinen graſigen Erdhuͤgel zwiſchen den Truͤmmern der Huͤtte und dem alten Gar⸗ ten, und blickte mit dem neuen Vergnuͤgen des Fremdlings auf die vor mir liegende ſchoͤne Landſchaft. Rechts jenſeit des Fluſſes, ſah man die verfallenen Denkmaͤhler des alten 60 — Glaubens der Schottlaͤnder in unvergleichlicher Schoͤnheit uͤber die demuͤthige Kirche von New⸗ Abbey und ſeinem ſchmutzigen Dorfe ſich erhe⸗ ben; weiter ſuͤdlich ſtiegen die weißen ſpitzigen Klippen von Banhourie empor, waͤhrend links die alten Burgthuͤrme von Cumlongan und Torthorald und das Schloß Caelaverock ſich zeigten. Ueber alles ragte der praͤchtige gruͤne Bergruͤcken des Criffel hervor, ſeinem ſtolzeren, aber minder ſchoͤnen Nachbar, dem Skiddaw, gegenuͤber, waͤhrend zwiſchen ihnen der tiefe und breite Solway ſtroͤmte von Klippen, Burg und Stadt umſchloſſen. Als ich auf die anſchwellende Fluth blick⸗ te und dem Fiſchfang zuſah, kam ein alter Mann heran, welcher, wie man einen Hund am Stricke leitet, eine huͤbſche junge Milchkuh an einem Seile von geflochtenem Haare fuͤhr⸗ te, das durch die Enden von zwei platten Holz⸗ ſtuͤkken ging, die auf des Thieres Backenkno⸗ chen paßten und es empfindlich druͤckten, ſobald es unfolgſam werden wollte. Die Kuh ſchien Luſt zu haben, ſich auf der reichen Weide zu vergnuͤgen, welche die Truͤmmer der Huͤtte um⸗ gab, aber dieſer demuͤthige Wunſch ward ihr nicht gewaͤhrt, da der alte Mann, den Strick aufwickelnd, ſie beim Kopfe zog und ſie von der verfuͤhrenden Weide wegfuͤhrte, um ſie zu einer gruͤnen Anhoͤhe, einen Steinwurf weiter, zu bringen. Ungern ſchien ſich das Thier die⸗ ſer Entſagung zu unterwerfen; es ſchnuͤffelte nach der friſchen gruͤnen Weide, es ſtraͤubte ſich und haͤtte ſich beinahe losgeriſſen. Was des al⸗ ten Mannes Kraͤfte nicht zu vermoͤgen ſchienen, gelang ihm durch Worte.„Ei Schaͤtzchen, Schaͤtzchen! ſprach er beſaͤnftigend: kann nicht ſein, kann nicht ſein. Was wuͤrde aus meinen drei lieben Enkelchen werden, welche dieſe fal⸗ ſche Fluth vaterlos und mutterlos gemacht hat, wenn ſie Milch und Butter aͤßen, die vom Raſen dieſes verfluchten und unſeligen Platzes gekom⸗ men waͤren.“ Das Thier ſchien auf ſeine Weiſe etwas von der Rede ſeines Herrn zu verſtehen; es gab den 62 Widerſtand auf, blickte nur noch einmahl im Voruͤbergehen auf das uͤppige hohe Gras und ging zur beſtimmten Weide. Ich hatte oft von den ſeltſamen aberglaͤu⸗ bigen Meinungen der ſchottiſchen Landleute ge⸗ hoͤrt, und wußte, daß jede kleine Anhoͤhe ihren Geſang, jeder Huͤgel ſeine Ballade, und jedes Thal ſein Maͤhrchen hatte. Ich folgte mit meinen Blicken dem alten Mann und ſeiner Kuh. Er war nicht weit gegangen, als er ſich niederſetzte, und immer den Strick in der Hand haltend, hob er an:„Nun Schaͤtzchen, friß Dich ſatt auf dieſem guten Raſen; er iſt geſund und heilig, gegen die Weide bei der verfluchten Huͤtte des alten Gilbert Gyrape. Laß da die Pferde der Schleichhaͤndler weiden! Wilhelm und Hans, die gortloſen Kerle, die fuͤrchten ſich nicht in dem Geſpenſterloche.“ Ich betrachtete den Bauer. Er war ein ruͤſtiger geſunder Alter, mit einem braͤunlichen Geſichte, worein die zeit, und vielleicht auch Kummer, einige Furchen gezogen hatten. Er 63 erug, obgleich im heißeſten Sommer, einen wei⸗ ten buntwuͤrfligen Mantel, der auf der Bruſt mit einem ſtaͤhlernen Spieße befeſtigt war; eine große Muͤtze, unter welcher einige duͤnne ſchneeweiße Locken hervorſtanden, die wie Am⸗ ber glaͤnzten, und weicher als der feinſte Flachs waren, deckte ſein Haupt, und ſeine Beine waͤrmten blaugeſtreifte Stiefelſtruͤmpfe. Als er die Kuh ſich uͤberlaſſen hatte, ſah er ſich ge⸗ maͤchlich um, und beim Anblicke eines Frem⸗ den, der beſſer als die Landleute gekleidet war, griff er an die Muͤtze, und als ob er mir et⸗ was Wichtiges haͤtte mittheilen wollen, pfloͤckte er ſeine Kuh an, und naͤherte ſich dem Gar⸗ tenzaune. Ich wollte gern wiſſen, warum der Land⸗ mann die Truͤmmer der Huͤtte mied, und re⸗ dete ihn alſo an:„Das iſt hier ein huͤbſcher Platz, lieber Alter, und das Gras iſt ſo friſch und reichlich, daß ich Dir rathen moͤchte, deine Kuh hieher zu bringen, und waͤhrend ſie wei⸗ dete, wollte ich gern die Geſchichte deiner grauen Haare hoͤren, die wohl mancher Sturm ge⸗ bleicht haben mag.“ 3 Ja, ja! ſprach der Landmann, mit ernſtem Laͤcheln, das weiße Haupt ſchuͤttelnd: ſie haben manchem Sturme getrotzt zwiſchen Sechzehn und Sechzig; aber von dieſem Gras zu reden, lieber Herr, ſo weiß ich wohl, daß da Niemand gern ſein Vieh moͤchte weiden laſſen. Die al⸗ ten Kuͤhe meiden den Ort. Die Buͤſche bluͤ⸗ hen, tragen aber keine Fruͤchte, die Voͤgel ni⸗ ſten nie in dieſen Zweigen, die Kinder kom⸗ men nie zum Spielen hieher, und die Alten ſuchen hier nie einen Ruheplatz; aber ſie zei⸗ gen ihn im Vorbeigehen den jungen Leuten und erzaͤhlen ihnen die Geſchichte von ſeiner Verwuͤſtung. Seht Ihr, lieber Herr, weil ich nun ſelber den Platz nicht leiden kann, ſo mag ich auch nicht gern einen Fremden auf einem ſo unheiligen Flecke ſitzen ſehen, und ich moͤch⸗ te Euch wohl rathen, daß Ihr mit mir zu mei⸗ ner Kuh ginget. Es giebt viele Urſachen, wa⸗ rum ein ehrlicher Mann hier nicht ſitzen ſoll. V 65 Ich ſtand ſogleich auf, ſetzte mich zu dem Bauer auf dem Kuhhuͤgel, und bat ihn, mir etwas von der Geſchichte des Platzes zu erzaͤh⸗ len, wovor er mich gewarnt hatte. Der Landmann ſah mich mit einiger Ver⸗ legenheit an.„Es faͤllt mir eben ein, daß Ihr ein Englaͤnder ſeid, ſprach er, und ich ſoll⸗ te Euch von einer ſolchen Geſchichte nichts ſagen. Wenn Ihr heim kommt, werdet Ihr es gewiß tadeln und damit prahlen, daß Wilhem Borlan von Caerlaverock Euch eine Geſchichte von ſchot⸗ tiſcher Bosheit erzaͤhlt hat, wovor alle Ge⸗ ſchicheen in engliſchen Buͤchern ſich er elechen muͤſſen. Dieſes unerwartete Hinderniß ward bald entfernt.„Mein kluger und bedaͤchtiger Freund, hob ich an, ich habe Blut in meinen Adern, das mich davor bewahren wird, eine ſolche Ge⸗ ſchichte dem Spoͤtter und dem Hohnſprecher zu offenbaren. Ich bin auch ein halber Caerlave⸗ rocker, der Enkel von Marie Stoobie von Dook⸗ dub.“ 66 — Der Bauer faßte meine Hand.„Marie⸗ chen Stoobie? ſprach er. Ich freite ſo ſehr um ſie und liebte ſie ſo lange! Ja, ich bin Euch gut um ihretwillen, und ein Gluͤck war's fuͤr ihren huͤbſchen Braͤutigam aus England, daß Wilhelm Borlan, der jetzt ſchwach und hin⸗ faͤllig iſt, aber zu jener Zeit ſtark und mann⸗ haft war, gerade tauſend Meilen weit von Caerlaverock auf der See herum ſchwamm, als ſie Braut wurde. Ja, Ihr habt Mariechens Auge, das koͤnnte ich noch unter tauſenden ken⸗ nen, ſo grau mein Kopf iſt. Ich will dem En⸗ kel der huͤbſchen Marie jede Geſchichte erzaͤh⸗ len, die er hoͤren will, und die Geſchichte von dem Gericht und dem goldnen Kaͤſtchen ſoll die erſte ſein. 3 Denkt Euch alſo, begann der Landmann ſeine Erzaͤhlung: dieſe alten Mauern ſtaͤnden wieder in ihrer Schoͤnheit, weiß und mit gruͤnem Ge⸗ buͤſche bekleidet, dieſer verwuͤſtete Garten waͤre voll Kraͤuter und Blumen und mit Kirſch⸗ und P flaumenbaͤumen umgeben, und es wohnte da⸗ 67 [.[— rin ein junger Fiſcher, der den Unterhalt fuͤr Weib und Kinder in den Gewaͤſſern des Sol⸗ way fand— denkt Euch das alles, aber funf⸗ zig Jahre ruͤckwaͤrts. Es leben nur noch zwei Menſchen, die ſich erinnern, wie das erſte Schiff, das Richard Faulder je in's Meer fuͤhr⸗ te, auf den Duͤnen von Pellock ſcheiterte. Ei⸗ ner von dieſen Beiden ſpricht jetzt mit Euch, der Andre iſt der Fiſcher, dem einſt dieſe Huͤt⸗ te gehoͤrte, deſſen Nahme aber nie genannt werden ſollte, und der nur darum ſo lange zu leben ſcheint, um die Menſchen zu warnen, wie ſchwer Gottes Gerichte ſind. Das Leben verwandelt ſich; alles, was auf Erden athmet, hat ſeine Zeit; aber der Solway fließt noch immer in ſeiner Schoͤnheit, der Criffel erhebt ſich noch in ſeiner Herrlichkeit, das Licht des Morgens erſcheint und der volle Mond geht jetzt auf, wie zu jener Zeit— doch ſolche ernſte Betrachtungen helfen wenig. Es war um die Mitte der Erntezeit— ich erinnere mich des Tages recht wohl; ein ſchwuͤler und erſticken⸗ 5* 63 — 8 der Tag war's und oft hatte der Wind ſich erhoben, und das Meer ſich ploͤtzlich bewegt und die Sonne ſich verhuͤllt. Mein Vater ſagte ſeufzend zu mir:„Wehe, wehe jedem, der in dieſer Nacht auf der tiefen See iſt! Es wird ein heftiger Sturm kommen und ein furchtbares Ungewitter.“ Es ward Abend und der Mond ging uͤber dem Skiddaw auf. Alles war hell und ſtill. Aber bald hoͤrte man oft ein Geraͤuſch auf der See, bei dem unruhigen Fluͤgelſchlag der Waſſervoͤgel, welche die Wel⸗ len verließen und in den Felſenhoͤhlen Schutz ſuchten. Der Sturm war nahe. Der Him⸗ mel wurde ploͤtzlich dunkel, ein Donnerſchlag folgte auf den andern, und die Blitze flamm⸗ ten ſo hell und ſo haͤufig, daß die breite und bewegte Waſſerflaͤche des Solway von einem Ende zum andern ſichtbar war. Dann folgte ein heftiger Regen mit Schloßen, und dabei wehte der Wind ſo wuͤthend und ſtark, daß der weiße Schaum des Meeres ſo dick als Schnee auf das Schloß Caerlaverock fiel. 69 Ueber die ſtuͤrmiſche See, in Dunkelheit und Ungewitter, ſah man ſchnell eine Barke kommen. Ihre Segel waren zerriſſen, und auf dem Verdeck viele Menſchen. Der Sturm hatte ſeine Richtung gerade nach Caerlaverock, und erfahrene Seeleute konnten ſehen, daß die Barke auf die gefaͤhrlichen Sandbaͤnke an der ſchottiſchen Kuͤſte wuͤrde getrieben werden; aber es blitzte ſo ſtark, daß nur Wenige es wagten, auf das herankommende Schiff zu ſehen, oder Maaßregeln zur Rettung der ungluͤcklichen Schiffer zu verſuchen. Mein Vater ſtand in ſeiner Hausthuͤre, und ſah alles, was auf der See vorging. Die Barke kam ſchnell naͤher. Ihre Segel hingen in Fetzen herab, die Maſten lagen beinahe auf dem Verdecke, und die ſchaͤu⸗ menden Wogen ſchlugen ſo heftig daruͤber, daß ſie die uͤbrigen Seeleute aus der Zuflucht weg⸗ zureißen drohten, welche die gebrochenen Ma⸗ ſten und die zerſplitterten Balken ihnen gaben. Sie mochte noch etwa eine Viertelſtunde von der Kuͤſte ſein, als man beim Schein eines 70 ſtarken Blitzes, der einen Augenblick uͤber der Barke leuchtete, eine koſtbar gekleidete Frau erblickte, die ein junger Mann an ſeinem Her⸗ zen hielt. Mein Vater rief:„Sattelt mir meinen Rappen, und meinen Grauen, und bringt ſie zur Todten⸗Sandbank!“ Und ſchnell in der That, wie im Entſchluß, eilte er zur Kuͤſte, wohin ſeine Leute mit den Pferden ihm folgten. Die Ufer des Solway waren auch zu jener Zeit dieſelbe abwechſelnde Kuͤſte, die Ihr jetzt ſeht, und meines Vaters Haus ſtand an ei⸗ ner kleinen Bucht, beinahe eine halbe Stunde von hier. Zwiſchen der Bucht an der Todten⸗ Sandbank und der Bucht hier zu unſern Fuͤſ⸗ ſen, waren die Ueberbleibſel eines alten Wal⸗ des. Die Seeleute wuͤnſchten, wenn ſie ein⸗ mahl Schiffbruch leiden ſollten, lieber in der Bucht des freundlichen Borlan zu ſcheitern, als am Ufer des Gilbert Gyrape, dem jene verfallene Huͤtte gehoͤrte. Aber der Menſchen Wuͤnſche ſind eitel, ſie moͤgen zur See oder zu Lande wuͤnſchen. Mein Vater ſagte mir, 71 er haͤtte nie das Geſchrei der Seeleute vergeſ⸗ ſen koͤnnen, als die Barke an die Sandbank von Pellock getrieben wurde, und die Flut durch die Ritzen drang, noch weniger aber konnte er die Angſt der lieblichſten Frau vergeſſen, die er je geſehen, und den ruhigen liebevollen Muth des jungen Mannes, der ſie hielt und ſie vom Untergange zu retten ſuchte. Richard Faulder, der allein gerettet wurde, hat oft an meinem Heerde geſeſſen, und mir ein einfaches, aber ruͤhrendes Lied vorgeſungen, das er auf das ungluͤckliche junge Paar machte, und der alte Seemann verſicherte mir, er häͤtte nur Reime und ein Paar beſchreibende Zeilen zu den Worten hinzugeſetzt, womit der Ritter Musgrave ſeine Gemahlinn zu ermuntern ge⸗ ſucht haͤtte. — Es war ſonderbar, daß in dem Augen⸗ blicke, wo der Landmann jenes Liedes erwaͤhn⸗ ke, zwei junge Fiſcher, die unter uns am Mee⸗ re ſaßen und ihre Netze beobachteten, mit der anmuthigſten Stimme das Lied zu ſingen an⸗ fingen. Sie ſangen abwechſelnd die Verſe, und die Toͤne wiederhallten in den Felſen, wel⸗ che die Bucht umgaben. Es gibt nichts Lieb⸗ licheres, als ein Geſang am Seeufer bei ſtil⸗ ler Abendluft. Erſter Fiſcher. „d Liebſte, ſprich, warum weinſt Du ſo ſehr? Wenn Winde auch wuthen auf tobendem Meer, Wenn Dunkelheit ſchwarz auch den Himmel um⸗ haͤngt, Den Kahn auch, den ſchwachen, die Woge ddraͤngt, Biſt ſicher doch, wie in der ſuͤßen Nacht, Wo die Hochzeitfackeln man angefacht.“ Da kam ein Geſchrei und Toͤne erſchallten. Es konnte das Schiff nicht im Sturm ſich hal⸗ ten. 4. 4 Zweiter Fiſcher. „O Liebſte, ſprich, warum weinſt Du ſo laut? Wenn hoch auch die toſende Woge ſich baut, Der Kahn auch, der ſchwache, den Fluten weicht, Nicht Himmel noch Erde uns Rettung zeigt, —— Es iſt Einer, der kommt in der Zeit der Noth, Und baͤndigt die Wogen mit ſtrengem Gebot.“ Da gluͤhten im Wirbelwind Blitzesflammen, Zerſchmetternd, und warfen den Maſt zuſam⸗ men. Erſter Fiſcher. „O Liebſte, weine und wehklage nicht! Wenn auch im Abgrunde die Woge ſich bricht, Dann hoch, wie Banhourie's Gipfel, ſich 2 thuͤrmt, Und Dich zu verſchlingen, entgegen Dir ſtuͦt ürmt; Wenn Dich auch vom kobenden Element Miein Arm nnd die berſtende Planke nur trennt, Der Flugſand, oder die gierige Flut Deinem holden Geſicht nie ein Leides thut.“ 91 Beide. „O Liebſte, ſei nur muthig und kuͤhn, Die weiße Bruſt halte den Wogen hin, Umſchlinge mich mit Deiner weißen Hand, Und ich bringe Dich ſicher ans trockne Land.“ — Da fuhr ein Blitz auf das ſchwankende Schiff; Das Meer bruͤllt' und es erbebte das Riff; 4 74 Vom ſinkenden Schiff hoͤrt man Angſtruf ſchal⸗ 3 len Und uͤber das Toſen des Sturmes hallen. Als die jungen Fiſcher ihren Geſang ge⸗ endigt hatten, fuhr mein Geſellſchafter fort: „Noch immer blitzte es ſtark und ſchnell nach einander, und der Sturm raſete mit unver⸗ minderter Wuth; denn zwiſchen dem Schiffe und der Kuͤſte ſchlug die See furchtbare Wel⸗ len und waͤlzte ſich mehre Klafter hoch, bis auf das gruͤne ufer. Mein Vater ſaß auf ei⸗ nem Pferde und fuͤhrte das andere an der Hand, um alle Huͤlfe zu geben, die ein herz⸗ hafter Mann den ungluͤcklichen Seeleuten brin⸗ gen konnte; aber weder Pferd noch Mann ver⸗ mochte dieſer furchtbaren Brandung zu wi⸗ derſtehen. Die Barke hielt noch kurze Zeit der Wuth des Meeres Stand, aber ploͤtzlich kam ein ſtarker Oſtwind, draͤngte ſie zwiſchen die Woge und das Felſenriff, und trieb ſie vor dem Eingange in meines Vaters Bucht 25 hinweg, nach Gilbert Gyrape's Wohnang und den zwiſchen liegenden Wald. In einem Au⸗ genblicke war ſie aus dem Geſichte. Mein Vater ſah die ungluͤckliche Frau und ihren Mann zum Letztenmahl vom Schiffe nach dem Ufer blicken, als die Fluten es fort trieben, und als er nun zum Walde ſprengte, hoͤrte er zum Letztenmahl einen Angſtſchrei und Weh⸗ klagen und Flehen von andern Stimmen. Er kam zum Fiſcherhauſe und es zeigte ſich ihm ein furchtbarer Anblick. Das Schiff lag zer⸗ ſchmettert am Ufer mit den Leichnamen der Seeleute; nicht eine Seele war entkommen, als Richard Faulder, den der boͤſe Feind auf dem Geſpenſterſchiff, im Solway gegen alle Gefahren zur See feſt gemacht hat. Der Fi⸗ ſcher ſelber kam ploͤtzlich aus der Huͤtte und war ganz durchnaͤßt.„O Gilbert, Gilbert, redete mein Vater ihn an: was iſt das fuͤr ein ſchrecklicher Anblick! Hat der Himmel dir das Gluͤck verliehen, eine Menſchenſeele zu ret⸗ ten?“ Weder Seele noch Leib habe ich geret⸗ 76 tet, ſprach der Fiſcher muͤrriſch. Ich habe mein Beßtes gethan, doch der Sturm war zu ſtark, und das Blitzen zu heftig; das Boot kam al⸗ lein an's Ufer mit einer Frau und einem gold⸗ nen Kaͤſtchen, aber ſie wurde von der Bran⸗ dung verſchlungen.— Mein Vater geſtand nachher, der Ton, womit dieſe Woyte geſpro⸗ chen wurden, waͤre ihm aufgefallen. Er gab ihm zur Antwort:„Wenn Du Dein Beßtes gethan haſt, Menſchen zu retten, ſo wirſt Du herrlichen Lohn finden; biſt Du aber gieriger nach Gewinn geweſen, als die Seeleute vor dem Untergange zu bewahren, ſo haſt Du viel zu verantworten.“ Als er dieſe Worte ſprach, trieb eine ungeheure Welle auf den Platz, wo ſie ſtanden, und bedeckte ſie mit Schaum, aber ſchnell ſtuͤrzte die Woge wieder zuruͤck, und ſie ſahen den Leichnam der Frau zu ihren Fuͤßen liegen. Mein Vater hob den Leichnam auf, und bemerkte, daß die Edelſteine aus dem Haa⸗ re, das man zu jener Zeit lang trug, gewalt— ſam weggeriſſen waren; auch die Demanten — und goldnen Geſchmeide, die ihren Hals um⸗ gaben und das koſtbare Atlaskleid auf der Bruſt geziert hatten, waren abgeriſſen, die Ringe ihr von den Fingern gezogen, und an ihrem Hal⸗ ſe, ſonſt ſo lilienweiß und rein, ſah man Spu⸗ ren von Haͤnden, die nicht in Liebe und Freund⸗ lichkeit, ſondern im wilden grauſamen Kampfe ihn beruͤhrt hatten. Die ungluͤckliche Frau wurde neben ihrem Gemahl auf dem Kirchhofe von Caerlaverock begraben. Mein Vater ſprach nie ausdruͤcklich die Beſchuldigung aus, daß der Fiſcher Gilbert die Frau, um ihrer Koſtbarkeiten willen, auf der Kuͤſte ermordet hätte, wohin ſie, wie man glaubte, gluͤcklich gekommen waͤre, weil ſie durch ihr weites und ſteifes Atlaskleid von dem Un⸗ terſinken waͤre geſchuͤtzt worden; von jener Stunde an aber bis zu ſeinem Tode aß mein Vater nie wieder Brod mit ihm, druͤckte ihm und ſeinen Angehoͤrigen nie wieder die Hand und ſprach mit ihnen weder in Zorn, noch in Liebe. Der Fiſcher nahm ſeitdem an Reich⸗ 78 [— thum und Wohlſtand zu. Er hatte fruͤher nichts als ein Netz gehabt, nur als Zeitpachter in ſeiner ſchlechten Huͤtte geſeſſen; nun aber kaufte er ſich ein huͤbſches Gut, baute ein ſchoͤ⸗ nes Haus, und wurde Einer der Erſten unter einer Geſellſchaft von ſtrengen Presbyterianern, ein Muſter und Vorbild der Gemeine. Wie erſtaunlich aber auch der Fiſcher in ſeinem Wohlſtande zunehmen mochte, ſo zeig⸗ ten doch Viele ihm Verachtung und Alle nur Zweifel, wenn von ſeinen Anſpruͤchen auf Vor⸗. rang im Kirchſpiele, und von der Fortdauer ſeines Gluͤckes die Rede war. Niemand ſprach zwar offen und geradezu, aber Blicke, die zu⸗ weilen ſchneidender als die ſchaͤrfſten Worte waren, und noch ausdruckvollere Handlungen zeigten, daß die Herzen redlicher Menſchen von ihm abgewendet waren, und man uͤberließ es ihm, die Urſache davon ſelber aufzufinden. Der Bauer war bedenklich, bei ihm zu dienen, 4 Seeleute mochten nicht gern ſein Getreide mit an Vord nehmen, aus Furcht, ſich Gefahren 79 auf dem Meere auszuſetzen, der Bettler un⸗ terließ es, Almoſen bei ihm zu ſuchen, der Viehhaͤndler und Roßtaͤuſcher, Leute, die ſonſt nicht gewiſſenhaft ſind, waͤhlten eine andre we⸗ niger trauliche Art, einen Handel abzuſchließen, als einen Druck der Hand; ſeine Toͤchter, huͤbſch und blauaͤugig, fanden weder Freier noch Maͤnner; kein Maͤdchen wollte ſeinen Soͤhnen eine Zuſammenkunft geben, obgleich die Maͤdchen zu jener Zeit nicht ekler waren als heutiges Tages, und der alte Landmann, wenn er vor dem neuen Hauſe voruͤberging, pflegte den Kopf zu ſchütteln und zu ſagen: „Die Stimme des vergoſſenen Blutes wird ſich gegen Dich erheben, und ein Geiſt wird von dem Waſſer kommen, und den Eckſtein deiner Wohnung erſchuͤttern.. In dem Sommer nach dem ungluͤcklichen Schiffbruche ging ich mit meinem Vater ein⸗ mahl an den Solway, um nach ſeinen Netzen zu ſehen. Es war bald um Mitternacht; die Flut war nahe, und ich ſaß neben meinem 80 Vater und beobachtete das Anſchwellen des Wa fers. Die K Kuͤſte glimmte im Sternenlicht, ſo weit das Auge reichen konnte. Gilbert, der Fiſcher, war am Morgen dieſes Tages in ſein neues Haus gezogen; die alte Huͤtte war leer, und aus der neuen Wohnung, die auf der Hoͤ⸗ he des Huͤgels ſtand, hoͤrten wir die Toͤne der Freude, Muſik und Tanz ſchallen, womit man ſich in Schottland beim Beziehen eines neuen. Hauſes zu beluſtigen pflegt. Als wir ruhig an der ſchwellenden See lagen, und den Waſſer⸗ voͤgeln zuſahen, die in der wachſenden Flut ſchwammen und untertauchten, wurden die Toͤ⸗ ne der Froͤhlichkeit noch vernehmlicher. Mein Vater horchte auf den Jubel, blickte auf das Meer, blickte auf die verlaſſene Huͤtte, dann auf das neue Haus, und ſprach zu mir:„Mein Sohn, ich will Dir einen Rath geben; ver⸗ wahre ihn in Deinem Herzen und folge ihm im Leben. Die Toͤchter des Mannes dort ſind ſchoͤn, und haben ein Auge, das den Kluͤgſten bethoͤren koͤnnte; ihr Vater iſt reich— ich ſage nichts von der Art, wie er dazu gekommen iſt— und ſie werden ohne Zweifel eine gute Mitgift haben. Aber lieber wollte ich, wiewohl Du mein einziger Sohn biſt, Dein Haupt unter die Maßlieben auf dem Klichhofe von Caerlaverock legen, ehe ich erleben moͤchte, daß Du es auf das Brautbette zu einer Tochter dieſes Mannes legteſt, und wenn ſie ganz Niths dale zur Mit⸗ gift haͤtte. Laß nicht meine Worte ſein, wie Saat in's Meer geſaͤet. Ich kann Dir jetzt nicht ſagen, warum ich Dir dieſe Warnung gebe. Vor jenem ungluͤcklichen Schiffbruche haͤtte ich Hannchen Gyrape in ihrem Mieder fuͤr eine beſſere Braut gehalten, als eine andre mit koſt⸗ barem Brautſchatz. Ich habe lange ſchon ge⸗ dacht, es muͤßte Jemand einmahl etwas ſehen, und oft, wenn ich mein Retz um Mitternacht zur Flutzeit in's Waſſer hielt, habe ich eine Er⸗ ſcheinung erwartet; denn wo Blut vergoſſen iſt, da geht der Geiſt eine Zeitlang um, und war⸗ net die Menſchen. Moͤchte ich ſtark genug ſein, einen ſolchen Anblick zu ertragen!“ 6 82 —— Ich antwortete nicht, da ich gewohnt war, meines Vaters Rath als etwas zu betrachten, woruͤber nicht weiter verhandelt werden konnte, als einen feierlichen Beſehl. Wir hoͤrten etwas auf dem Waſſer, das wie Fluͤgel rauſchte, und wir ſahen dabei eine Bewegung auf der Flut. „Sott halte ſeine Rechte uͤber uns!“ ſprach mein Vater. Er athmete ſchwer, ſo bewegt und er⸗ ſchuͤttert war er, und blickte ſo ſtier auf die See, daß ſeine Augen ſich erweiterten und ſeine Haare zu Berge zu ſteigen ſchienen. Ich ſah auch hin, bemerkte aber nichts, als einen langen zitternden Lichtſtreifen, der auf der Oberflaͤche der See hintanzte. Das Licht ſtieg an's Ufer, wo es einen Augenblick zu verweilen ſchien, und ging dann in des Schiffers Huͤtte, die alsbald glaͤnzend erleuchtet war.„Ich will Dir etwas ſagen, Gilbert Gyrape, ſprach mein Vater: ich moͤchte nicht Dein Herz haben und Deine rechte Hand fuͤr alle Schaͤtze in der Erde und im Meere. Aus der Huͤtte kam nun ein ſo lautes und durchdringendes Geſchrei, daß wir vor Furcht „ 2 88 erbebten und in einem Augenblicke ſtuͤrzten drei Menſchen aus der Huͤtte, und eilten mit einer Schnelligkeit auf uns zu, die nur die Wirkung eines uͤbernatuͤrlichen Schreckens ſein konnte. Wir erfuhren ſogleich, daß es drei beruͤchigte Schleichhaͤndler waren, die das Land beunruhig⸗ ten. Als ſie ſahen, daß mein Vater auf ſeinem Platze blieb, ſammelten ſie ſich wieder und ver⸗ riethen mit ihren Beſorgniſſen auch die Geheim⸗ niſſe ihres Gewerbes, da der Schreck ihre ge⸗ wöhnliche Vorſicht uͤberwand.„Ich ſchwoͤre es bei der naͤchtlichen Flut und bei den Schiffsrip⸗ pen, ſprach Einer von ihnen: nie habe ich ein ſolches Licht geſehen, ſeit unſre Abzieheblaſe Feuer fing und unſern Branntwein zum Brandopfer, ſtatt zum Trankopfer machte. Ich ſage, das be⸗ deutet nichts Gutes; eine Warnung iſt es, dar⸗ um magſt Du nur weiter voran gehen in Dei⸗ ner Bosheit, Walter, ich gehe heim und bereue.“ Feiger Kerl! antwortete der Andre, deſſen na⸗ tuͤrliche Kuͤhnheit die Brantweinflaſche erhoͤht hatie: Feiger Kerl, wegen eines Feuerſcheins 6 à 34 und eines Maͤdchenſchattens wollteſt Du das wak⸗ kere Gewerbe aufgeben? Komm mir nicht! Der alte Muͤller Moriſon ſoll Deine Kehle zur Rin⸗ ne machen, um das uͤberfluͤſſige Waſſer von ſeiner Muͤhle abzuleiten, wenn Du jetzt umkeh⸗ ren, und uns nicht erſt helfen willſt, eine ſo ſtarke Ladung herein zu bringen, als je eine die Kehle erquickt hat. Einfaͤltiger Menſch! ſtierſt Du doch, als ob dieſes ſchoͤne Sternenlicht, wer weiß, was Boͤſes waͤre, und Deine ſtarren Augen wollen des Himmels ſuͤßeſte und lieblichſte Luft in die Geſtalt von Geſpenſtern und Kobolden um⸗ wandeln.“ Robert, ſprach mein Vater zu dem dritten Schleichhaͤndler, ſage mir nichts von den Geheimniſſen eures gefaͤhrlichen Gewerbes, aber ſage mir, was ihr geſehen, und warum ihr ſo furchtbar geſchrien habt, daß die Holztau⸗ ben aus den Fichten von Caerlaverock auffuhren? „Ich will Euch was ſagen, Borlan, ſprach der Seemann: ich habe das Himmelsfeuer ſo dick herabkommen und uͤber das Meer laufen ſehen, als Ihr je die Flammen auf einem Punſchnapf 85 bei einem luſtigen Gelage lodern ſaht, und den⸗ noch zitterte und ſchrie ich nicht; aber das Licht, das dieſe Nacht zu jener Huͤtte kam, hatte eine furchtbare Bedeutung, die uns die Weiſen aus⸗ legen moͤgen, und man kann Niemand muthlos nennen, der vor einer ſolchen Erſcheinung zit⸗ tert. Eil wenn ich glauben koͤnnte, daß eine lebendige Seele mit einem Schreck mich foppen. wollte, ich wuͤrde ihm mit meinem Dolch das Bruſtbein durchſtoßen, wie eine Runkelruͤbe.“ Mein Vater milderte den Zorn des verwe⸗ genen Seemanns, als er ihm verſicherte, er haͤt⸗ te das Licht vom Meere in die Huͤtte gehen ſe⸗ hen, und es waͤre nicht wie ein gewoͤhnliches Licht geweſen.„O Himmel, ſprach Robert, wenn's eine von unſern guten See⸗Erſcheinun⸗ gen war, ſo kuͤmmre ich mich weniger darum. Ich dachte, es waͤre ein Landgeſpenſt. Ja, jetzt fäͤllt's mir ein, wo hatte ich denn meine Augen! Stand's denn nicht in ſeinem eigenen Lichte, mit ſeinen langen triefenden Haaren, mit einem goldnen Kaͤſtchen in der einen Hand, und hielt 86 die Kehle mit der andern? Ich will wetten, es war der Geiſt einer huͤbſchen Dirne, der man den Hals abgeſchnitten hat, um ihres Goldes willen. Waͤre ſie geblieben, bis ich mit meinem Becher voll Brantwein fertig geweſen waͤre, ſo haͤtte ich ein Paar behutſame Fragen an ſie ge⸗ than.“ Der andre Schleichhaͤndler hatte nun auch ſeine Beſtuͤrzung uͤberwunden, und ſeine ganze Liebe zu dem wackern Gewerbe, wie ſein Gefaͤhrte es nannte, kehrte zuruͤck.„Die Flut iſt nun guͤnſtig, Kinder! ſprach er. Wir wollen nun unſer Troͤpfchen Brantwein in’'s liebe Boot bringen, und im ſuͤßen Sternenlichte weiter ge⸗ hen.“ So gingen alle drei, nicht ohne Zoͤgern und Furcht zur alten Huͤtte, brachten ihren Brantwein in's Boot, und als mein Vater und ich heim gingen, hoͤrten wir den Schlag ihrer Ruder. Sie erzaͤhlten uͤberall an der Kuͤſte, wo ſie ihren Brantwein verkauften, ihre grauſige Spukgeſchichte, die immer ſchrecklicher und mehr veraͤndert wurde. Die Geſchichte vom Geſpenſt mit dem goldnen Kaͤſtchen ging mit vielen Zuſaͤz⸗ 87 zen und Erklaͤrungen durch die ganze Gegend. Einige ſagten, ſie haͤtten es geſehen, und Andre glaubten, es geſehen zu haben, und wer ſo kuͤhn war, am Geſtade um Mitternacht Wache zu halten, hatte etwas von ſchrecklichen Lichtern und ſeltſamen Geſichten zu ſagen. Erzaͤhler, die das Wunderbare liebten, gaben dem Geſpenſte Eigenſchaften, die den Kreis der Zuhoͤrer enger um den Heerd zuſammen draͤngten, Andre hin⸗ gegen, die einen Geiſt nur mit einer gewiſſen Menge duͤnner Luft bekleiden wollen, machten ihn in ihrer Beſchreibung zu einem ſehr unpoe⸗ tiſchen Schatten, oder zu einer beſſern Art von Irrwiſch, der zu ſeinem eigenen Vergnuͤgen die Menſchengeſtalt ſollte annehmen koͤnnen. Es gab auch Einige, die, wie mein Vater, die ſelt⸗ ſame Erleuchtung um Mitternacht an der Kuͤſte erſcheinen ſahen, wobei die Geſtalt einer Frau in glaͤnzenden Kleidern, mit langem, feuchten Haar, und in Demanten glaͤnzend, daher ſegel⸗ te, und ſie hoͤrten einen Kampf und einen Schrei, wie wenn Jemand waͤre ertraͤnkt worden. 188 — Die Erſcheinung blieb, nach dem Glauben der Landleute, nicht lange bloß auf der Kuͤſte. Man ſah ſie zuweilen ſpaͤt in der Nacht weit landeinwaͤrts, wo ſie den Fiſcher Gulbert ver⸗ folgte, bald wie ein Menſchenſchatten, bald wie ein reines Licht, oder wie ein weißes Gewand, und oft in der Geſtalt, die das Gelage der Schleichhaͤndler geſtoͤrt hatte. Ein gottesfuͤrchti⸗ ger, geſetzter Mann, deſſen Wort ich wohl ver⸗ trauen konnte, wenn er nicht zu tief in's Glas ſah, ritt einmahl ſpaͤt in der Nacht heim, als der Boden leicht mit Schnee bedeckt war, und ſonſt Niemand als er auf der Straße ſich ſehen ließ. Er traͤllerte das Ende eines alten Lied⸗ chens:„Der Suͤndenſtuhl*) in unſrer Kirche,“ das man auf den Unfall eines bethoͤrten Maͤd⸗ chens gemacht hatte, da hoͤrte er Pferdegetram⸗ — **) Auf dieſem Stuhl— Cuttie ſtool— mußten ſonſt gefallene Maͤdchen vor der verſammelten Gemeinde zur Strafe ſitzen. A. d. Ueb. 89 pel dicht hinter ſich, in vollem Galopp, und ehe er ſich umſehen konnte, wer flog voruͤber? Fiſcher Gilbert, der ſein Pferd mit Peitſche und Sporn trieb.„Kein Wunder, daß er ſo ſchnell daher ſprengte, ſagte der Mann, es ſchwebte ja eine furchtbare Geſtalt um ihn her, die man⸗ chen Griff nach ihm that und bei jedem Griffe ein durchdringendes Geſchrei ausſtieß.“ Doch— warum ſoll ich eine gewoͤhnliche Geſchichte lang ausſpinnen? Der Fluch des vergoſſenen Blutes kam auf ihn und ſeine Kinder, und auf alles, was er beſaß. Seine Soͤhne und Toͤchter ſtar⸗ ben, ſeine Heerden kamen um, ſein Korn wuchs, trug aber nie volle Aehren, und Feuer kam vom Himmel, oder aus der Hoͤlle und verzehrte ſein Haus und alles, was darin war. Eraſ jetzt neunzig Jahre alt, ein Fluͤchtling und ein Landſtreicher auf Erden, ohne ein Obdach, wo ſein weißes Haupt ruhen koͤnnte, und der nicht abgebuͤßte Fluch folgt ihm noch immer auf den Ferſen. 9⁰ Waͤhrend mein Geſellſchafter mir dieſe Schilderung von menſchlichem Elende machte, ſah ich die Geſtalt eines Mannes, der vom Al⸗ ter zur Erde gebeugt, durch das Gebuͤſch um die Truͤmmer der Huͤtte ſchlich, und ſich der an⸗ ſchwellenden Flut naͤherte. Er trug ein weites, graues Kleid, das zuſammengeflickt und um den Leib mit Guͤrtel und Spange befeſtigt war. Die Ueberbleibſel von Struͤmpfen und Schuhen be⸗ deckten ſeine Fuͤße, eine Fiſchermuͤtze deckte ſeine duͤnnen, weißen Haare und ein langer, glatter Stab ſtuͤtzte ſeine wankenden Schritte. Mein Geſellſchafter ſchauderte unwillkuͤhrlich, als er ihn erblickte.„Seht, ſprach er, da kommt Gilbert, der Fiſcher! Er kommt einmahl in den vier und zwanzig Stunden, wie auch Wind und Regen ſtuͤrmen moͤgen, zur naͤchtlichen Flut, um noch einmahl in der Einbildung das alte Trauerſpiel ſeiner Gottloſigkeit aufzufuͤhren. Seht, wie er mit der Hand winkt, als ob er Jemand begruͤß⸗ te, der von der See kommt. Er ſpricht lauter, als ob etwas im Waſſer Rath von ihm brauchte. 91 — und ſeht, wie er hinein ſpringt und mit dem Waſſer kaͤmpft, als ob er ein menſchliches We⸗ ſen packen wollte.“ Ich blickte auf den alten Mann und hoͤrte ihn mit einer tiefen gebrochenen Stimme rufen: „Holla! Das Schiff— Holla! Wendet das Vordertheil nach der Kuͤſte! Schoͤne Frau, hal⸗ tet nur euer Kaͤſtchen feſt. Ei doch! die Welle haͤtte einen Dreidecker zum Sinken gebracht, viel weniger ein leichtes Boot. Seht— ſeht, ob ſie nicht auf dem Waſſer ſchwimmt, wie ein wilder Schwan!“ Und als er bei dieſen Worten tiefer in die Flut ging, ſchien er mit beiden Haͤnden nach etwas zu greifen, und im Waſſer damit zu ringen.„Nein, nein! fuhr er fort: ſtreckt Eure weißen Haͤnde nicht zu mir! Ihr habt zu viel Gold in eurem Haar und zu viel Demanten auf eurer Bruſt, darum kommt Ihr nicht vom Er⸗ trinken los. Es iſt ſo viel Gold in dieſem Kaͤſte chen, daß Du ſiebzig Klaftern tief geſunken w reſt.“ Und er hielt immer die Haͤnde unter dem Waſſer, waͤhrend er weiter murmelte.„Es iſt 1 —— nun halb vorbei mit ihr, fuhr er ſort. Ich wer⸗ de nun ein vornehmer Herr werden und ein ſchoͤnes Haus bauen, und ſtolz zur Kirche und zu Markte gehen. Die Wellen moͤgen nun thun, was ſie wollen, man wird fuͤr ihr Werk halten, was ſch gethan habe.“ Er wendete ſich um, und wollte an's Ufer zuruͤck kehren, aber alsbald ſtuͤrzte eine breite und ſchwere Woge auf ihn, er ſtrauchelte, und ehe Beiſtand ihn erreichen konnte, war alle menſchliche Hilfe zu ſpaͤt; denn die Natur war ſo erſchoͤpft von Alterſchwaͤche und Anſtrengungen, daß ſelbſt die kleinſte Welle ihn verſchlungen haben wuͤrde. Der Leichnam des ungluͤcklichen Greiſes wurde, nach einigem Widerſpruche der Landleute, an der Kirchhofmauer begraben, und feit jener Zeit ließ ſich der Geiſt mit dem gold⸗ nen Kaͤſtchen nicht mehr ſehen, und ſpukte nur noch in den Abenderzaͤhlungen des Landvolkes. ——y — — —— ‿ — — ‿ gd Der Koͤnig vom Uc berreſte der aufrichtigen Gaſtfreundſchaft Alt⸗ Englands wohnen noch immer in ſeinen Thaͤlern und Gebirgen, und oft empfangen den Wanderer ein altvaͤteriſcher Willkommen und ein wohl be⸗ ſetzter Tiſch, ohne daß es der erkaͤltenden Foͤrm⸗ lichkeit einer zierlich geſchriebenen, und in klugen, behutſamen Worten abgefaßten Empfehlung be⸗ darf. Die freigebigen Geſchenke der Huͤgel, des Waldes, der Thaͤler und des Meeres wurden vielen gluͤcklichen Bewohnern des Landes reichlich zugetheilt, wogegen denjenigen, die Gottes Wun⸗ der um der Menſchen Werke willen verlaſſen, das grüne Land und die herrliche Luft mit dem Gewuͤhl der Stadt vertauſchen, die Natur nur mit ſparſamer und karger Hand ihre Gaben hin⸗ 96 wirft. Die Stadt ſucht vergebens mit dem auf⸗ richtigen Wohlwollen der Landbewohner zu wett⸗ eifern, und öͤffnet ſie auch ihre Thore, ſie oͤffnet ſie doch nur mit truͤbſeliger Freundlichkeit, und einer gezwungenen und verdaͤchtigen Hoͤflichkeit. Auf dem Lande ſteht das Thor offen, der Tiſch iſt gedeckt, und der geladene Gaſt iſt der muͤde Fremdling, der Fluͤchtling und der Wanderer. Er tritt herein, erquickt ſich, ruhet aus, und am naͤchſten Morgen ſetzt er ſeine Reiſe fort. So kam ich einſt in ein Pachterhaus in ei⸗ ner Grafſchaft von Nord⸗England, wo die Win⸗ de aus allen vier Weltgegenden eine Geſellſchaft zuſammengetrieben zu haben ſchienen. Der Pach⸗ ter war ein froͤhlicher Greis, und der Wintera⸗ bend, rauh bei Wind und Schneegeſtoͤber, ent⸗ floh unter munterm Scherz, Erzahlung und Geſang. Unſer Wirth wollte die Froͤhlichkeit nicht erloͤſchen laſſen; er unterhielt die Flamme des Herdes, bis der Schein des Feuers in's hoͤchſte Sparrwerk leuchtete, belud ſeinen Tiſch 8 97 mit laͤndlichen Leckerbiſſen, und als nach einem Liede auf Robin Hood*) eine Stille erfolgte, rief er aus:„Warum ſchweigt die Erzaͤhlung, und was hemmet den Reim? Habe ich Feuer auf meinem Heerd angezuͤndet, habe ich meinen Tiſch gedeckt, und mein beſtes Getraͤnk einge⸗ ſchenkt fuͤr den Armen an Geiſt und fuͤr den Lah⸗ men in der Rede? Auf, auf! gebt mir eine ernſte Geſchichte, oder eine froͤhliche, den gegen⸗ waͤrtigen Augenblick luſtig oder traurig zu ma⸗ chen, und gebt Fluͤgel dem bleiernen Fuß der Abendſtunden. Auf, ſage ich! Sonſt mag das Feuer, das ſo hoch flammt, der Tiſch, der un⸗ ter Speiſen keucht, die man im Waſſer, in der Luft und auf der Erde geſucht hat, und der Schenktiſch, der Euch mit dem Dufte von Bier und Meth erquickt— mag das eine Euch nicht mehr waͤtmen, das andere Euch nicht mehr naͤh⸗ ren.“ l9 *) Berüchtigter Räuber. A. d. U. —2 Nachbar, ſprach ein ruͤſtiger und luſtiger Mann, deſſen helle und muntere Blicke gleiche Stimmung und Verwandtſchaft mit der guten Koſt und dem feurigen Blute von dem froͤhlichen Alt⸗England verriethen: weil Dein Tiſch raucht, und Dein braunes Bier freier fließt, wenn ein echtes altes Maͤhrchen erzaͤhlt wird, ſo ſollſt ein echtes altes Maͤhrchen haben. Pfui uͤber mich, wenn ich Dich hintergehe, wie die luſtigen Leute jagen in den Thaͤlern des lieben Derby. Wer nie das Schloß Haddon geſehen hat, den alten Wohnſitz der Herren von Vernon in der Grafſchaft Derby, der weiß wenig von den gold⸗ nen Tagen in Alt⸗England. Jetzt iſt's freilich oͤde und wuͤſt, ſeine Saͤle ſind ſtill, die heilige Glocke der Kapelle iſt verſtummt, von den Ta⸗ feln ſteigt nicht mehr der erquickende Dampf ge⸗ bratener Eber und angeſpießter Ochſen, es ſchweigt die Muſik und die Stimme des Saͤngers, und der leichte Fuß des Taͤnzers toͤnt nicht mehr auf dem Boden, keine artigen Ritter gehen mit arti⸗ gern Frauen geſellig Hand in Hand, und fluͤſtern 99 1 mit einander in daͤmmernden Luſtwaͤldchen, aus dem Burgthore kommen nicht mehr die glänzen⸗ den Helme und die ſchoͤn geſchirrten Roſſe. Aber wo iſt der Ort, der an die ſtattliche Gaſt⸗ freiheit und die Herrlichkeit alter Zeiten erinnern kann, wie die Burg Haddon? Als ich ein Knabe war, ſaßen einmahl an einem Sommerabend mehrere wißbegierige alte Leute auf einem kleinen Huͤgel, nicht weit vom Schloßthore, und ſprachen von den Edelherren Vernon, Cavendiſh, Manners und vielen alten Nahmen, die einſt beruͤhmt in Derby waren. Ich hing an der Schuͤrze einer ehrwuͤrdigen al⸗ ten Frau, die an ihrem Guͤrtel einen großen ei⸗ ſernen Schluͤſſel hatte, der das Burgthor ſchloß. Sie hieß Dorchen Foljambe, und ſie ruͤhmte ſich der Abſtammung von einem der rothbetreuzten Ritter dieſes Nahmens, deſſen Bild von Ala⸗ baſter im Panzer man noch in der Kirche zu Bakewell ſehen kann. Fragt man die Geſchichte, ſo hat die Geiſtlichkeit zwar zu dieſer hohen Abekunſt nicht vorher thren Segen gegeben, * aber es war doch nicht ein leeres Prahlen von der demuͤthigen Pfoͤrtnerin; ſie hatte die gerade Geſtalt, und die ſtrengen, ernſten, ja kriegeri⸗ ſchen Zuͤge, die der Alabaſter von ihrem Stamm⸗ vater aufbewahrt, und haͤtte ſie ſich neben ihn gelegt, ſo wuͤrde ein gewoͤhnlicher Alterthumsken⸗ ner ſie leicht fuͤr eine Figur aus derſelben Zeit ge⸗ halten haben. Zu unſern Fuͤßen wand ſich der Fluß Wyr in ſeinem tiefen Bette; zu unſrer Seite erhob ſich die maͤchtige graue Burg, die rauhen, haidigen Berge, beruͤhmt in der Ge⸗ ſchichte der Druiden, der Roͤmer, Angelſachſen und Normaͤnner, verſchloſſen uns die Ausſicht in die Ferne, und wir ſahen das Schloß der Edelherren Vernon frei von allen geringern Um⸗ gebungen. O Jungfer Foljambe, ſprach ein alter Land⸗ wirth, deſſen Haar ſiebzig Winter gebleicht hat⸗ ten, es wird einem weh und traurig ums Herz, wenn man die ſchoͤne Burg ſteht, und kein Rauch mehr daraus auſſteigt. Ich kann mich 101 wohl an herrlichere Tage erinnern, wo manches ſchoͤne Geſicht aus den Fenſtern ſchaute, und manche edle Geſtalt am Thore ſich zeigte. Das waren Zeiten, wo der Landmann zu leben hatte, wo er pfeifen konnte beim Saͤen, tanzen und ſingen bei der Erndte, und dem Edelherren den Zins bezahlen in fetten Ochſen, und der Edelfrau in fettem Gefluͤgel. O Jungfer Foljambe, wir erinnern uns der Zeit, wo die Leute ihre Angel⸗ ruthe in den Wyr werfen konnten, und Roth⸗ wild und Dammhirſche, Kiebitze und Schnee⸗ huhn ſpeiſen konnten, wo ſie Recht hatten, auf der Weide fuͤr ihre Heerden, im Fluſſe fuͤr ihre Netze, und in der Luft fuͤr ihre Buͤchſe. Alt⸗ England iſt nicht mehr das Alt⸗England, das es ſonſt war, ſo wenig, als dieſes finſtere, ſtil⸗ le und oͤde Schloß die ſtolze Burg iſt, wo Rit⸗ ter Georg Vernon, der Koͤnig des Felſenlandes, und ſeine lieblichen Toͤchter, Matgaretha und Dora wohnten. Das waren Zeiten, Inngfer, das waren Zeiten! 102 .— Er ſchwieg, blickte mit kummervollem Auge zu der Burg hinan, ſchuͤttelte den Kopf, und ſtrich die weißen Locken herac. Die alte Pfoͤrtnerin war ſchmerzlich bewegt bei dem Kampfe zwiſchen ihrer Pflicht und Dienſttreue gegen den edlen Gebieter von Had⸗ don und ihrer ſehnſuͤchtigen Anhanglichkeit an die gute alte Zeit, die in der Erinnerung zu einem Paradieſe ſich umbildet.„Laß Dir ſagen, ſprach ſie, die Buug ſieht ſo ſtolz und herrlich aus, als je, und es iſt etwas in ihren ſtillen Pfoeten, in ihren verfallenen Thuͤrmen, das unſere Zunei⸗ gung mehr gewinnt, als ob eben jetzt hundert Ritter aus dem Schloßthore ſprengten, bei Trom⸗ petenſchall und mit fliegenden Bannern.“ O ſeht doch, Jungfer Foljambe, ſprach der Landwirth, wie dort der Hirſch ſo munter auf dem alten Gehaͤge hinabſpringt. Er haͤlt den Kopf mit dem Geweihe ſo hoch, und blickt um⸗ her, als ob er ſich nichts aus Berg und Thal machte. Ein ſchoͤnes Thier! Seht doch, wie er ſeine Beine im Wyr abkuͤhlt, und ſeinen 103 — Schatten im Strome betrachtet, und dann wie⸗ der auf ſeine Berge ſchaut. Nun— fort iſt er, und wir ſehen ihm nach und bewundern ſeine Schnelligkeit und ſeine Schoͤnheit. Aber wenn die Hunde hinter ihm waͤren, und die Kugeln um ihn floͤgen, und die Waidmeſſer der Jaͤger ſchon entbloͤßt waͤren, ihn aufzubrechen— o Jungfer Foljambe, dann wuͤrde ſich unſre Froͤhlichkeit bald verwandeln; wir wuͤrden meinen, daß ein ſo ſchoͤnes Thier mit ſo ſtattlichem Geweih noch manchen Sommer im Walde und auf den Ber⸗ gen haͤtte herrſchen koͤnnen. So denken wir auch von der alten Burg, und beklagen ihren Verfall. 33 45 Jungfer Foljambe laͤßt ſich das nicht ſo zu Herzen gehen, ſprach ein Bauer. Sie meint, je weniger im Schloſſe gefeuert wird, deſto we⸗ niger iſt eine Feuersbrunſt zu befuͤrchten, und je weniger Geſellſchaft, diſto laͤnger witd der Fuß⸗ boden im alten Saale halten, den ſi ſo rein kehrt, und wobei ſie ſo viele Ge chtetr von dem Baume erzaͤhlt, woraus er gemacht iſt. Fuͤr 104 [—— die ſieben Haupttugenden auf der Tapete wuͤrde es gut ſein, meint ſie, wenn keine wilde Geſell⸗ ſchaft da waͤre, und das Maͤdchen mit den lan⸗ gen Beinen, die Diana mit ihren Nymphen, wuͤrde mehr nach ihrem Vergnuͤgen auf der ſtau⸗ bigen Tapete jagen, als in der zweifelhaften Ge⸗ ſellſchaft der Herren und Helden aus der Hofzei⸗ tung. Und der Schluͤſſel an ihrem Guͤrtel das iſt ihre Beſtallung als Aufſeherin uͤber die abge⸗ legten und von Motten zerfreſſenen Kleider des edlen Hauſes Manners. Und meint Ihr, ſie hielte wenig auf dieſes Amt, das ihr Gewalt uͤber zehntauſend Fledermaͤuſe und Eulen giebt, und ihr die furchtbare Verantwortlichkeit uͤber ei⸗ nen Schrank auflegt, worin man faſt eine ganze Hakenbuͤchſe, ein Paar alte Stiefeln und die Fetzen von einem ledernen Koller findet? Was die Pfoͤrtnerin nach dieſem unhoͤflichen Angriffe auf die ihrer Aufſicht anvertrauten Al⸗ terthuͤmer haͤtte erwiedern moͤgen, habe ich nicht erfahren koͤnnen. Ihre verfinſterte Stirne ver⸗ 105 kuͤndigte keine milde Antwort; ober eine Stim⸗ me, ſoͤßer, als die ihrige, ſtoͤrte den beginnen⸗ den Zwiſt. In der Naͤhe des Schloſſes, am Fuße eines Kalkſteinfelſens, konnten ſich die Wanderer, die Haddon im Sommer beſuchten, an einer reinen Quelle erfriſchen, und dieſe Lie⸗ be zum klaren Element hatte eine der alten Edelfrauen bewogen, die Quelle in ein großes ſteinernes Becken zu faſſen. Man ſchrieb dem Waſſer beſondere Tugenden zu, und ein an⸗ derer aberglaͤubiger Burgbeſitzer errichtete in der Naͤhe ein ſteinernes Kreuz, das unlaͤngſt verſtuͤmmelt und darauf weggeſchafft wurde, einſt 1 aber mit Bildhauerarbeit und rohen Sinnbildern bedeckt war, die dem unwiſſenden Volke from⸗ me Lehren gaben. Zu dieſer Quelle ſahe man ein Maͤdchen aus einer benachbarten Huͤtte ge⸗ hen, und waͤhrend ſie voran gieng, ſang ſie ein 55 Druchſtüͤck jener Sagenlieder, die ungelehrte oder gelehrte Spielleute in alten Zeiten ſo reichlich im Lande verbreiteten. 106 — Nicht weit mehr war die Zeit der Maien, Wo nach dem Schlaf die Knospe ſchwillt, Wo Berg und Thal ſich froh begruͤnen, Und Sehnſucht Juͤnglingsherzen fuͤllt; Mit offnem Aug' die Buhlen ſchlafen, Wie Nachtigallen auf dem Zweig— O haͤtten ſie zum Fliegen Fluͤgel, Sie waͤren bei dem Liebchen gleich! Zu dieſer Zeit mit Flint' und Bogen Zog aus ein edler Rittersmann, Nicht Reh und nicht Faſan zu ſchießen, Er folgt des wilden Fuchſes Bahn. Ein Maͤgdlein ritt an ſeiner Seite, Mit blauem Aug' und goldnem Haar, Die Erbin Haddon's, Dora Vernon, Die Rutland's treues Liebchen war. Sie hielt in zarter Hand den Bogen. Es ſtand das Reh, und leiſer zog Der Vogel, als von ſtraffer Sehne Der Pfeil mit Widerhaken flog. Und ſegnend gruͤßten ſie die Alten, Als froh ſie laͤngs dem Huͤgel ritt, Und freudig trug die holde Buͤrde Ihr edles Roß mit ſtolzem Schritt. 8₰ — 107 Dieſer unerwartete Geſang wurde bald von der Pfoͤrtnerin unterbrochen, die, bei ihrer An⸗ haͤnglichkeit an das Haus Rutland, nicht gern die Geſchichte von Doras Entweichung hoͤrte, welche in dem Liede eines vergeſſenen Saͤngers enweiht war.„Ich wundre mich, ſprach ſie aufgebracht, wie das grobe Schaͤtzchen die Drei⸗ ſtigkeit haben kann, ſo unhoͤfliche Toͤne vor mei⸗ nen Ohren zu ſingen. Gehe heim zu Deinem Milchgelter, muͤßige Dirne— gehe heim zu Deinem Spinnrocken, thoͤriges Maͤdchen, oder wenn Du ſingen willſt, ſo komm zu mir in mein Haͤuschen nach Sonnenuntergang, und ich will Dir ein edleres Lied vorſingen, das ein vor⸗ nehmer Herr vom Hofe auf die Hochzeit der ſe⸗ ligen gnaͤdigen Frau gemacht hat. Es iſt keins von Euren baͤuriſchen Liedern, hat lauter zierli⸗ che Worte, lang und praͤchtig, und faͤngt ſo an? In Licht tauch', Amor, Deine Pfeile! Ihr Grazien, Weihrauch dargebracht! Ldͤſ' ihr den Guͤrtel, keuſche Venus, und ſchmuck' die Braut zur Hochzeitnacht! 108 Keins von Euren gemeinen Liedern, Schaͤtz⸗ chen, ſag' ich Dir, nein, es iſt voll ſtolzer Worte, glaͤnzt von Goͤttern, und Guͤrteln, und Sternen und Edelſteinen, und trieft von Wohlgeruͤchen— ein edles Lied fuͤrwahr!“ Das Maͤdchen nickte laͤchelnd ihre Zuſtim⸗ mung, und waͤhrend ſie nach Hauſe trippelte, hob ſie ihr unterbrochenes Lied noch einmahl an, bis das Ufer des Stromes und die Mauern der alten Burg mit ſuͤßem Wiederhall ihren reizen⸗ den Toͤnen antworteten. Ich wundre mich ſehr, ſprach die graue Pfoͤrtnerin, uͤber die eitle Liebe zu ſeltſamen und unglaublichen Geſchichten, wovon das Land⸗ volk in dieſer Gegend wie von einem boͤſen Geiſt beſeſſen iſt. Sie haben jeder Hoͤhle einen Hei⸗ ligen gegeben, mit einem haͤrenen Gewand und einer Geißel, und jedem Kreiſe von plumpen Steinen einen Druiden mit ſeiner goldnen Si⸗ chel und ſeiner Miſtel, und wie ſie erzäͤhlen, ſoll ein Vernon, ein Cavendiſh, ein Cockayne, oder ein Foljambe auf jedem öden Platze ein 109 —x Kreuz oder einen Altar aufgerichtet haben fuͤr Verbrechen, die Keiner von ihnen begangen hat, wenn ſie anders nicht ſolche auslaͤndiſche Buß⸗ uͤbungen ſich dadurch zugezogen haben, daß ſie knoͤcheltief in Heidenblut fochten, um Jeruſalem und das heilige Grab wieder zu erobern. Die gemeinſte Geſchichte ſtellen ſie in ein uͤbernatuͤr⸗ liches Licht, und wenn man ihnen glauben will. ſo iſt die alte Kapellenglocke von Haddon, die ſeit hundert Jahren unten auf der Erde liegt, wie⸗ der oben auf dem Thurme, und wird von einer unſichtbaren Hand geruͤhrt, daß ſie um Mitter⸗ nacht wehklagende Toͤne hoͤren laͤßt, wenn dem edlen Hauſe Rutland ein Ungluͤck bevorſteht. Sie erzaͤhlen Euch auch, daß man das Weh⸗ klagen einer uͤbernatuͤrlichen Stimme um die ver⸗ fallene Burg hoͤrt, und an den Grashuͤgeln im Garten, am Feſtabend des Schutzheiligen, der vor alten Zeiten uͤber das Haus Vernon wachte. Erſt geſtern verſicherte mir der alte Edgar Fer⸗ rars, er haͤtte den Geiſt des Felſenkoͤnigs ſelbſt geſehen auf einem Pferde, wie er mit ſeinem 110 — Jagdhorn und ſeinen Hunden und lautem Waild⸗ mannsruf ein Hirſchgeſpenſt uͤber das oͤde Gehaͤge von Haddon gejagt haͤtte. Ja, das leichtglaͤubi⸗ ge Volk behauptet ſogar, der große Eingang auf der Gartenſeite, das Ritterthor genannt, wo Dora Vernon langſam Siufe vor Stufe hinab⸗ ſtieg mit ihren zwanzig Begleiterinnen, die alle in geſtickten Seidenkleidern rauſchten, und von Diamanten und andern Edelſteinen glaͤnzten und funkelten, wie ein Winterhimmel, als ſie ihrem Braͤutigam, dem edlen Herrn Manners, entge⸗ gengieng, der mit der Muͤtze in der Hand kam, und von vielen edlen Herren begleitet—— Ei, Jungfer Foljambe, ſiel der Landwirth ein, das iſt alles gewiß recht huͤbſch und herr⸗ lich, aber Du mußt einer ſchlichten alten Ge⸗ ſchichte nicht die geſtickten Kleider Deines eige⸗ nen Hirns anziehen, und nicht mit den Edelſtei⸗ nen Deiner Einbildung ſchmuͤcken. Dora Ver⸗ non war ein liebliches Madchen, und ſo ſtolz⸗ als lieblich. Sie trug die Naſe hoch, Juͤngfer⸗ chen, und durfte es auch, denn ſie war die und ſo bra entt wo⸗ Au geb und ber hei fal un der 111 Tochter eines tapfern Ritters, und es ſind edle Herren und Herzoge, und wer weiß was von ihr entſprungen. Aber bei dem allen kann ich's doch nicht vergeſſen, daß ſie mit dem jungen Manners mitten in einer mondhellen Nacht da⸗ vonlief, und ohne Begleiterinnen, ganz allein, das ſuͤße Kind. Und mit den Demanten und Edelſteinen, die Deine Geſchichte auf ihre Locken und Kleider regnen laͤßt, damit ſiehts auch nicht ſo aus, Jungfer Foljambe. Sie ſchob ihr nuß⸗ braunes Haar unter eine Dienſtbotenmuͤtze, und entlief in einem Mantel von braunem Zeuge, wovon man drei Ellen fuͤr einen Grot kauft. Aus der Thuͤre gieng ſie auch nicht, wie ſich's gebuͤhrt, ſondern aus dem Fenſter ſprang ſie, und ließ ja einen von ihren Pantoffeln mit ſil⸗ bernen Abſaͤtzen im Gitter ſtecken, und ſeitdem heißt der Ort immer der Fraͤuleinſprung. Jungfer Foljambe machte es wie ein uner⸗ fahrener Reuter, wenn das Pferd der Stimme und Hand nicht mehr gehorchen will, ſie gab den Streit verzweifelnd auf, und ließ den Land⸗ ——— 112 — wirth in vollem Laufe auf das ſtreitige Gebiet kommen, wo ſie ſo oft fuͤr den anſtaͤndigen Ab⸗ ſchluß der Verbindung zwiſchen den Haͤuſern Haddon und Rutland ſiegreich gekaͤmpft hatte. Und nun, Jungfer Foljambe, ſprach der Landwirth, will ich Euch die Geſchichte nach mei⸗ ner und meines Vaters Art erzaͤhlen. Der letzte vom Stamme Vernon war weit beruͤhmt wegen der Gaſtfreundſchaft und Pracht ſeines Hauſes, wegen ſeines glänzenden Gefolges, und noch mehr wegen der Schoͤnheit ſeiner Toͤchter, Margaretha und Dorothea. Das heißt geſprochen, wie Du ſprichſt, Jungfer Foljambe, aber wahr iſt wahr. Er hielt viel auf Jagd und Falkenbeize, und auf Kampfſpiele mit ſtumpfen und ſcharfen Lanzen, und wiewohl man gewoͤhnlich zu jener Zeit, das heißt ums Jahr Chriſti 1560, eine Hakenbuͤchſe in den Haͤnden muntrer Jaͤger ſah, ſo verſchmaͤh⸗ te doch Ritter Georg Vernon dieſe fremde Waf⸗ fe, und that recht daran, da er den ſtarkſten Bogen ſpannte, und ſicher den Wurfſpieß warf, beſſer als ſonſt jemand in England. Seine 113 Jagdhunde waren auch von der erprobteſten und beruͤhmteſten Zucht; ſeine Falken ſtiegen am ſchoͤnſten und ſicherſten, und obgleich er in frem⸗ den Laͤndern geweſen war, ſo war er doch auf nichts ſo ſtolz, als auf die ungeſchwaͤchte Be⸗ hauptung der alten gutsherrlichen Groͤße ſeines Hauſes. Ich habe von meinem Großvater ge⸗ hoͤrt, wie ihm ſein Urgroßvater erzaͤhlt, daß Niemand am Hofe oder im Felde dem Ritter Haddon an ſtolzer Geſtalt, an edler, freier und natuͤrlicher Anmuth im Benehmen gleichgekom⸗ men ſei. Man nannte ihn in gewoͤhnlichen Er⸗ zaͤhlungen, wie im Geſange, nur den Koͤnig vom Felſenland, und man ſagt, er haͤtte meiſt durch ſeine huͤbſche Geſtalt und durch den Zauber ſeiner Rede die gute Koͤnigin Eliſabeth abgehalten, ſeiner koͤniglichen Herrlichkeit mit dem Scharfrichterbeil ein Ende machen zu laſſen. Im fünften Jahre der Regierung ſeiner jun⸗ gen Koͤnigin war ein großes Jagdfeſt in Had⸗ don, wo alle ſchoͤne Frauen und Edlen aus der Grafſchaft Derby ſich verſammelten. Es kamen 8 114 Edle aus entlegenen Grafſchaften, denn einen Bogen zu ſpannen, oder ein Reh aufzubrechen unter Ritter Haddons Augen war eine Ehre, die von vielen geſucht wurde. In dem Gehaͤge von Haddon, uͤber die Huͤgel von Stanton, und un⸗ ter dem alten Schloſſe Bolsover bis zum Ran⸗ de des alten Sherwood⸗Waldes hoͤrte man das Knallen der Hakenbuͤchſen, und das Schwirren der Bogenſehnen, das Bellen der Hunde und den froͤhlichen Jaͤgerruf. Die braunmaͤuligen und weißfuͤßigen Hunde aus Derby waren da unter den Vorderſten, die ſchneeweißen und kohlſchwar⸗ zen aus dem ſchottiſchen Graͤnzlande und dem lieben Weſtmoreland behaupteten oder erhoͤheten ihren alten Ruhm, auch waren die ſcheckigen Hunde des alten Gottfried Foljambe nie weit von der Kehle des Rehes, wenn es Hallali war, und Pferd und Reiter mit Blut beſpritzte. Die große Halle im Schloſſe Haddon war bald mit der Jagdbeute bedeckt. Die Anſtalten zur Bewirthung dieſer edlen Jagdgeſellſchaft waren des Ruhmes nicht unwuͤr⸗ ——,, 115 dig, den ſich der alte Koͤnig vom Felſenland durch ſeine gediegene Gaſtfreundſchaft erworben hatte. Es waren Saͤnger gekommen aus entle⸗ genen Gegenden, ſelbſt aus dem ſchottiſchen Graͤnzlande, kuͤhne Maͤnner von freier Rede, rauh und derbwitzig; denn die Sahlleiſte iſt im⸗ mer das groͤbſte Tuch, wie das ſchottiſche Sprich⸗ wort ſagt. Die Geſchicklichkeit der Koͤche mußte ſich beſonders in der Speiſekammer zeigen, wo man tauſend Seltenheiten zubereitete, die dem Auge gefallen und den Gaumen befriedigen konn⸗ ten. In der Kuͤche mit ihren ungeheuren Feuer⸗ eſſen und langen Bratſpießen gingen die Kuͤchen⸗ maͤgde beinahe knoͤcheltief unter gebratenen Ochſen und Rehen, und auf dem Gange, der zur Halle fuͤhrte, waren ſo viele Fetttropfen von den vol⸗ len Schuͤſſeln abgefallen, daß man haͤtte gleiten koͤnnen, wie auf dem gefrorenen Wyr. Die ei⸗ chenen Kuͤchentiſche ſeufzten und bogen ſich unter Rind⸗ und Rehbraten, waͤhrend ein Strom von koͤſtlichem und wohlriechendem Dampfe aus den Gitterfenſtern drang, und um das Haus ſich 8* 116 — zog, wie ein Nebel, den der Einfluß des Mon⸗ des erzeugt. Ich ſage Euch, Jungfer Foljambe, das waren Alt⸗Englands goldne Zeiten. Aber ich wollte, Ihr haͤttet geſehen, wie die Halle zu dieſem fuͤrſtlichen Gaſtmahl eingerichtet war. Der harte Eſtrich war mit Binſen und Farrenkraut dick beſtreut, und es lagen da die Jagdhunde ge⸗ kuppelt; ihr Maul war noch roth vom Blute der Hirſche, und ſie keuchten noch von der hitzi⸗ gen langen Verfolgung. Am untern Ende der Halle, wo eine Stufe vom Eſtrich hinabgieng, war ein Tiſch fuͤr die Verwalter und andre Auf⸗ ſeher des Geſindes gedeckt. Da ſaßen der Bo⸗ genbewahrer, der Jagdhuͤter, der Oberfalkner mit vielen andern geringern Dienſtleuten, die aber alle anſehnliche Maͤnner unter dem Gefolge des edlen Hauſes Vernon waren. Ueber ihren Haͤuptern hingen Hirſchgeweihe, Baͤrenkinnbak⸗ ken, die Schaͤdel von ungeheuren Auerochſen und Fuchsſchaͤdel. Auch fehlte es nicht an Sie⸗ geszeichen aus blutigen und hartnaͤckigen Kaͤm⸗ pfen, Bannern, Schilden und Helmen, die man 117 — in den Buͤrgerkriegen, in den ſchottiſchen Feh⸗ den und in den Kreuzzuͤgen gewonnen hatte, mit vielen ſeltſamen Waffen zum Angriff oder zur Vertheidigung, die in den Kriegen gegen Nor⸗ weger und Sachſen waren gebraucht worden. Es hingen daneben rohe Gemaͤhlde der be⸗ ruͤhmteſten jener baͤuriſchen Helden, alle in der mahleriſchen Tracht ihrer Zeit. Hoͤrner, Haken⸗ buͤchſen, Schwerdter, Bogen, Buͤffelkoller und Muͤtzen lagen nachlaͤſſig umher auf dem Boden, waͤhrend die Eigenthuͤmer davon das reichliche Gaſtmahl erwarteten, das ſie mit einer Flut des heilſamen Trankes, des braunen Gerſtenſaftes, hinabzuſpuͤlen hofften. Am obern Ende der Halle, wo ſich der Bo⸗ den eben ſo ſehr zu Ehren der Gaͤſte erhob, als er ſich am andern Ende demuͤthig ſenkte, ſtand der Tiſch fuͤr die edlen Herren, und war wohl ſeines Platzes wuͤrdig. Es war ein ſtarkes Bret von Maulbeerfeigenholz, aus einem ungeheuren Baume geſchnitten, und ſtand auf ſtaͤmmigen ei⸗ chenen Saͤulen, die mit dem Wappen des Hau⸗ 118 ſes Vernon geziert, und ſo feſt in den Eſtrich eingelaſſen waren, daß keine menſchliche Kraft ſie herausheben konnte. Hölzerne Bänke, mit Schnitzwerk verziert, die bei feſtlichen Gelegen⸗ heiten mit geſtickten Sammetpolſtern bedeckt wa⸗ ren, ſtanden um den großen Tiſch. In der Vertiefung dahinter ſah man eine gewirkte Ta⸗ pete, worauf Feſte, Aufzuͤge und Hochzeiten nach den alten Dichtern abgebildet waren, und fuͤr geſetztere und ernſthaftere Leute hatte eine froͤm⸗ mere Hand einige geiſtliche Sachen und moͤnchi⸗ ſche Heiligengeſchichten abgebildet. Jeue waren von der weißen Hand der ſchoͤnen Dora Vernon, dieſe aber hatte ihre Schweſter Margaretha ge⸗ wirkt, die von ernſthafter Art war, und ſich nie ſo ſehr verliebte, daß ſie aus einem Fenſter ge⸗ ſprungen waͤre.— Und nun will ich den Ritter Haddon ſammt ſeinen ſchoͤnen Toͤchtern und ſeinen vornehmen Gaͤſten ſelber beſchreiben, fiel die Pfoͤrtnerin ein. Das wird wohl bis zum jaͤngſten Tage dauern, murmelte der Landwirth. n. 30 119 — Die Pförtnerinn achtete nicht auf dieſen Ausruf und fuhr mit beſonderer Feierlichkeit fort: „Die ſilberne Eßglocke erklang oben auf dem Schloſſe Haddon, dreimahl ſtieß der Waͤchter ins Horn und alsbald hoͤrte man den Klang von ſilbernen Spornen im Gange; die Fluͤgelthuͤren öffneten ſich und es trat mein Ahnherr her⸗ ein, Ferrars Foljambe genannt. Ich habe mir ſeinen Auzug zu oft beſchreiben laſſen, daß ich mich wohl daran erinnern mußte. Es war ein Lederkoller, mit aufgeſchlitzten und aufgeputz⸗ ten Aermeln, ein feiner, gruͤner Mantel, der am Halſe mit Wolfsklauen von reinem Golde befeſtigt war, ein paar vergoldete Spornen an den Abſaͤtzen ſeiner braunen Jagdſtiefeln, die am Rande mit Silber beſetzt waren, und an den abgeſtumpften und aufwaͤrts gekehrten Spitzen waren ſilberne Ketten, die zum obern Rande hinauf gingen. Er trug eine Muͤtze von Baͤren⸗ fell, woran die weißen Baͤrenzaͤhne, mit Gold beſchlagen, zu ſehen waren. An ſeiner Seite hing ein Jaͤgerhorn, das weiße Horn von Tut⸗ 4 120 — bury genannt. Es hatte in der Mitte ein filber⸗ nes Band, an den beiden Enden war ein Ge⸗ henke von ſchwarzer Seide feſt gemacht, und auf ſilberne Schilde, womit das Horn verziert war, hatte Edmund Longshanks, des tapfern Eduards Bruder, ſein Wappen graben laſſen. Das ſchoͤne Horn war durch Heirath an Stan⸗ hope von Elvaſton gekommen, aber die Gabe eines Koͤnigs und das Beſitzthum von Helden wurde fuͤr wenige elende Goldſtuͤcke verkauft.⸗ Pfoͤrtnerinn, ſprach der alte Mann, Deine Erzählung geht vorwaͤrts, wie der Lauf des Wyr, der durch ein fuͤnf Meilen langes Thal fich in Weidungen von ſiebzehn Meilen zieht. Man haͤtte die Geſtalt Deines Aeltervaters in der Zeit, die Du gebrauchſt, ſie zu beſchreiben, in Alabaſter aushauen koͤnnen. Ich muß meine Erzaͤhlung wieder anfangen. Laß Du Deine Beſchreibung, wie ſie iſt, und denke Dir, wie die Tafel mit wackern Jaͤgern und vielen ſchö⸗ nen Frauen beſetzt iſt. Oben an ſitzt der Fel⸗ 121 ſenkoͤnig ſelber; ſein Bart geht bis auf den brei⸗ ten Guͤrtel herab, und ſein natuͤrliches dunkel⸗ braunes Haar— Segen dem Kopfe, der die eigene Bedeckung behaͤlt, die Gott ihm gege⸗ ben hat, und die gekraͤuſelten Erfindungen der Menſchen verſchmaͤht!— es faͤllt in dichten Locken auf die breiten, maͤchtigen Schultern. Er trug weder Silber noch Gold; der natuͤrliche Adel ſeines Weſens gab ihm Rang und Anſehen unter den Menſchen, und ſein Gang, den Viele nachahmten, worin aber nur Wenige ihm gleich⸗ kommen konnten, war zugleich maͤnnlich und an⸗ muthig. Er trug, wie man erzaͤhlt, auf ſeinem Herzen, einen kleinen Roſenkranz von edlem Metall, worein ſeine Lieblingstochter Dora eine Haarlocke ihrer Mutter geflochten hatte. Die Waſchfaßtraͤger traten mit ſilbernen Becken her⸗ ein, und das reine Waſſer, womit ſie gefuͤllt waren, wurde geroͤthet, weil die Haͤnde der Gaͤſte mit dem Blute der Jagd befleckt waren. Die anweſenden Saͤnger betheuerten, es haͤtte an dieſem Tage Niemand ſo ſchoͤne Haͤnde, ſo 122 ſchlanke, weiße und rundliche Finger ins Waſſer getaucht, als der Ritter Haddon. Es iſt ſehr wenig Vergnuͤgen dabei, ein Gaſtmahl zu beſchreiben, woran man nicht An⸗ theil gehabt hat, und ſo gehen wir gleich zu dem Augenblicke uͤber, wo ſich die ſchoͤnen Frauen entfernten, und goldne Becher mit rothem Weine und ſilberne Kruͤge mit Doppelbier glaͤnzten und funkelten, als ſie bei dem Scheine von ſieben großen Lampen von der Hand zum Munde ge⸗ fuͤhrt wurden. Die Ritter tranken auf das Wohl ihrer Schoͤnen; die Dienſtleute ſprachen von ih⸗ ren Thaten und die Saͤnger erfreuten mit Har⸗ fenſpiel und Geſang. Die Edlen ſtießen ihre Becher auf den Tiſch, daß ſie klangen, die Die⸗ ner ſtampften mit den Abſaͤtzen ihrer ſchweren Stiefeln auf das Eſtrich, waͤhrend die Hunde, ₰ die den Jagdruf zu hoͤren glaubten, aufſprangen und in heiſerem, aber paſſendem Chor dazu bellten. Die Frauen erſchienen nun auf den Gaͤn⸗ gen, die oben auf beiden Seiten des Saales 123 —— liefen und blickten auf das Feſtgelage hinab. Es waren die Schoͤnſten aus vielen Grafſchaften verſammelt, aber die Reizendſte war ein Maͤd⸗ chen von mittlem Wuchſe, in einem ungeſchmuͤck⸗ ten Anzuge, eine jener leichten und anmuthigen Geſtalten, die man auch in andern Grafſchaften finden kann, wegen welcher aber nur unſer Der⸗ by allein beruͤhmt iſt. Wer ihre Anmuth be⸗ wunderte, war nicht weniger entzuͤckt uͤber ihre Einfachheit und die natuͤrliche Sanftmuth ihres Weſens. Die Natur that viel fuͤr ſie, und die Kunſt bemuͤhte ſich vergebens, Andre zu ihren Nebenbuhlerinnen zu machen, waͤhrend Geſund⸗ heit, die Zofe der Schoͤnheit, ihrem Auge und ihren Wangen das reinſte Licht und die friſche⸗ ſten Roſen gab. Ihre zarte, roſige Oberlippe war ein wenig aufwaͤrts gezogen, und deutete vielleicht eben ſo viel Stolz als maͤdchenhafte Unſchuld an; ihre hohe, weiße Stirne war von hellbraunen Locken beſchattet, und in ihren gro⸗ ßen, dunkeln Augen glaͤnzte ungezwungene Be⸗ ſcheidenheit. Wer ſie naͤher anſah, fand viel⸗ 126 leicht in ihren Augen, wenn ſie um ſich blickte, auf einen Augenblick den Strahl eines andern Lichtes, aber es ging kaum aus einem minder heiligen Gefuͤhle, als Andacht und frommer Zucht hervor. Es war unmoͤglich zu ſagen, wer von allen anweſenden Rittern jene Anwandlun⸗ gen zaͤrtlicher Gefuͤhle und ſuͤßer Regungen in ihr erweckte; jeder hielt ſich fuͤr den Gluͤcklichen, denn Niemand konnte Dora Vernon ohne Ehr⸗ erbietung und Liebe anſehen. Sie lehnte ihren weißen Buſen, der durch den verhuͤllenden Schleier glaͤnzte, an die Harfe eines Saͤngers, und als ſie ſich unter den Anweſenden umſah, ward ihr Auge leuchtender, ſo ſagten wenigſtens die Ritter, und ſo verkuͤndigte es das Lied der Saͤnger. 1 Alle Ritter ſtanden auf, als Dora Vernon erſchien.„Fuͤllt eure Becher, Ritter!“ ſprach Lukas Peveril.„Bis an den Rand gefuͤllt!“ rief Heinrich Avenel.„Und ausgetrunken, und waͤren ſie tiefer als der Wyr!“ fuͤgte Gottfried Gernon hinzu.„Auf's Wohl der Fuͤrſtinn vom 125 Felſenland!“ hob Nudolf Cavendiſh an.„Dora Vernon ſoll leben! ſprach Hugo von Wodensley. Schoͤnheit geht uͤber Titel, und ſie iſt das hol⸗ deſte Maͤdchen, das je ein Ritter anſah, und hat dabei den ſuͤßeſten Nahmen,“ ſetzte er hinzu. „und doch, Herr Ritter ſprach Peveril, ſeinen Becher fuͤllend: ich kenne Jemanden, der denkt ſo geringe von dem ſchoͤnen Nahmen Vernon, daß er ihn gern in Wodensley umzanbern moͤch⸗ te.“„Das iſt ein Zauber, deſſen er nicht maͤch⸗ tig iſt,“ ſprach Avenel.„Aber ſeines Schwertes iſt er maͤchtig,“ erwiederte Wodensley mit finſterm Blicke.„Ich rathe ihm, es in der Scheide zu laſſen, es koͤnnte ſich als einen launiſchen Die⸗ ner zeigen,“„hob Cavendiſh wieder an.„Ich will ſeine Dienſte auf Deiner Bruſt erproben, wo und wann Du willſt,“ antwortete Wodensley. „Es iſt draußen einladendes Mondlicht, gab Ca⸗ vendiſh zur Antwort, aber dieſen Abend liegt ein Zauber auf Haddon, den zu verſcheuchen ſich nicht ziemen wuͤrde. Morgen finde ich mich mit Lord Manners zuſammen, und wir wollen ver⸗ 126 ſuchen, weſſen Falke am hoͤchſten ſteigt, und weſ⸗ ſen Liebchen die weißeſte Hand hat. Das wird ſich bald ausmachen laſſen, denn wer haͤtte eine ſo ſchoͤne Hand, als des jungen Rutlands Lieb⸗ chen? Ich werde bei Durwood⸗Tor ſein, drei Stunden nach Sonnenaufgang und mit gezoge⸗ nem Schwert. Hier iſt meine Hand darauf, Wodensley!“ Bei dieſen Worten druͤckte er dem Ritter die Hand ſo feſt, daß ihm das Blut bei⸗ nahe aus den Naͤgeln geſpritzt waͤre. Bei allen Heiligen, ihr Herren Ritter! ſprach Gottfried Gernon: Ihr koͤnntet euch eben ſo gut wegen der Liebe zu irgend einem glaͤnzenden Sterne raufen und ihn zu ſreien gedenken, als um dieſes unerreichbare Liebchen ſtreiten.— Wohlan ihr Saͤnger! waͤhrend wir unſre Becher auf das Wohl dieſes ſchoͤnen Maͤdchens leeren, ſollt ihr uns eines von euren ſanften Liebesliedern ſingen, nur muß es wunderlich und traurig ſein. Hier iſt ein Becher voll Rheinwein, und ein Goldſtuͤck liegt auf dem Boden fuͤr den Saͤnger, der mir gefaͤllt. 127 Die Saͤnger griffen in die Saiten, und man hoͤrte einen Ton, wie Bienenſummen vor einem Sommergewitter.„Herr Ritter, ſprach Einer, ich ſinge Euch das Lied von Hans Arm⸗ ſtrong mit allen ſiebzehn Veraͤnderungen.“ Er ward ja gehaͤngt wegen Viehdiebſtahl, antwor⸗ tete der Ritter.„Mag nichts von ihm wiſſen.“ „Und was ſagt Ihr von Richard dem Kuh⸗ mann, oder vom Harfner von Lochmaben?“ ſprach ein Anderer, mit einigem Mißtrauen. Wie, ihr ſchelmiſchen Schottlaͤnder, koͤnnt Ihr denn nur von Diebſtahl und Gefaͤngnißerbrechen ſingen? erwiederte der Ritter.„Gefaͤllt Euch vielleicht etwas Uebernatuͤrliches, Herr Ritter? hob demuͤ⸗ thig ein Dritter an. Ich denke, das Feenmaͤhr⸗ chen vom jungen Tamlome wuͤrde wohl etwas fuͤr Euch ſein.“ Die holde Einfalt des Maͤdchens gefaͤllt mir ſehr, gab der Ritter zur Antwort: aber die Schoͤnen in Derby ruͤhmen die Reize ei⸗ nes Liebſten von Fleiſch und Blut mehr als den munterſten Elfenritter⸗ 128 Ihr Saͤnger, fiel Rudolf Cavendiſh ein: fuͤße und freundliche Lieder zu erfinden, ſcheint eine ausgeſtorbene Kunſt unter Euch zu ſein. Jeder Bauer im Felſenland kann uns dieſe ſchoͤ⸗ nen, aber gemeinen Liedchen ſingen. Habt Ihr denn nichts Neues zur Ehre des heiligen Dich⸗ terberufes und der ſchoͤnen Dora Vernon? Und Ihr, Harfner— wie heißt Ihr denn?— Ihr mit den langen Locken, und gruͤnen Mantel, ſprach der Ritter, einem jungen Saͤnger win⸗ kend, der da ſaß, die Harfe vor ſich haltend, und ſein Geſicht halb in des Mantels Falten verhuͤllte. Greift in die Saiten und ſingt! Ich wette mein Schwert mit goldnem Griff gegen die Faſanenfeder auf Deiner Muͤtze, Du haſt eine neue und liebliche Weiſe. Ich habe wohl geſehen, wie Du die Geſtalt der ſchoͤnen Dora Vernon mit einem Liedmacher⸗Auge betrachtet haſt. Singe, Freund, ſinge! Als der junge Saͤnger auf dieſes ſonderbare Geſuch mit dem Kopfe nickte, uͤberlief ihn eine hohe Roͤthe, und auch Dora's Geſicht verrieth, 129 — welches innige Mitgefuͤhl ſeine Verlegenheit in ihr erweckte. Eine ſo ſchoͤne Harfe, eine ſo ſiche⸗ re Hand, oder eine ſo ſuͤße und maͤnnliche Stim⸗ me waren nie vereint, den Reim mit Anmuth zu ſchmuͤcken. Ein Edelknab' hob naͤchten an: „Ich gruͤß' Euch, edler Rittersmann! Um Mitternacht iſt Mondenſchein, Und einſam wird die Laube ſein. Es zieht der Herr dem Rehe nach, Doch bleibt die ſchoͤne Tochter wach, Wie Lilien ſchoͤn, und hold zu ſehn—.— Auf, Ritter! Ihr ſollt mit mir gehn.“ Des Mondes Licht, der Sterne Schein Strahlt auf den Berg ſo hell und rein. Was ich von Liebchens Wangen ſeh', Ergluͤht von Freud' und Liebeweh'. In keuſcher Luſt ein Stuͤndchen nur— Ein ſanfter Kuß— ein leiſer Schwur— Ein langer Blick, der mehr verleiht, Als alle Erdenherrlichkeit.* Und ſanft beſtrahlt vom Sternenglanz, Kupft leichter fort der Welle Tanz⸗ 9 —— 130 Flieh' Leben! Ich vergeſſe ſie, Der heil'gen Liebe Stunde nie. Es klopft, wo auch das Meer uns trennt, Mein Herz, wenn's ihren Nahmen nennt, Den Nahmen, der mit Zaubermacht Mir Fried' und ſüßen Schlaf gebracht. Freund, Du haſt meinen Glauben an Deine Geſchicklichkeit nicht beſchaͤmt, ſprach Rudolph Cavendiſh. Nimm dieſes Goldſtuͤck, und trinke Deinen Weinbecher ruhig auf das Wohl des Maͤdchens, das Dich zum Liede begeiſtert hat, ſei ſie edelgebohren, oder ſei ſie geringe. Der Saͤnger ſetzte ſich nieder, und die un⸗ terbrochene Freude der Zecher begann von neuem, ſollte aber bald geſtoͤrt werden. Als der Saͤnger ſein Lied begann, hatte der Koͤnig vom Felſen⸗ lande ſein großes, forſchendes Auge auf ihn ge⸗ heftet, vor deſſen Blick ſich nichts verbergen konnte, und bange Beſorgniß das Geſicht ſeiner Tochter mit einer Glut uͤberſtwoͤmt. Beim erſten Verſe ſchien ſich eine Wolke auf ſeiner Stirne zu ſammeln, die beim zweiten dunkler ward, und 131 am Ende des letzten ſchwarz wie eine Winter⸗ nacht erſchien. Dann ſtand er auf, winkte dem Ritter Rudolf, ihm zu folgen, und trat mit ihm unter den Fenſterbogen am Ende des Saales. Ritter, ſprach der Burgherr von Haddon, Johann Manners iſt Dein treuer Freund, und G wohl weißt Du, was er in ſeiner Vermeſſenheit 3 wagt, und was fuͤr Unfriede zwiſchen uns iſt. 3 Cavendo tutus— iſt Dein Wahlſpruch, und den bedenke!„Wo auch das Meer uns 4 trennt“— moge ſein Geſang prophetiſch fuͤr Derby ſein, denn England hat keinen Fluß, der 3 tief und breit genug waͤre, ihn zu ſchuͤtzen gegen 3 ddas Schwerdt eines Vaters, deſſen Frieden er 4. zu ſtoͤren trachtet. 1 Ritter von Haddon, erwiederte Rudolph, 3 wohl iſt Johann Manners mein Freund, und 1 der Freund eines Cavendiſh kann kein ſchlechter Mann ſein. 1 Ritter, ſprach der Koͤnig vom Felſenland, ich ſuche keines M enſchen Rath. Hoͤre auf mei⸗ d ne Worte. Sieh auf des Mondes Schatten auf 9* —— 132 ½ dem Weiſer, dort ſeitwaͤrts vom Fenſter. Der Schatten faͤllt beinahe auf zwoͤlf. Wenn die Mitternachtſtunde kommt, und Johann Manners wird hier gefunden, ſo ſoll er in Kerten geſchla⸗ gen werden, und im tiefſten Kerker von Haddon liegen. Alles dieß blieb nicht unbemerkt von Dora Vernon, deren beſorgte Liebe in der ruhigen Re⸗ de und dem finſtern Blicke ihres Vaters die An⸗ kuͤndigung eines drohenden Ungluͤcks ſah. Ihr Muth ſank, als er ihr winkte, ſich zu entfernen. Sie folgte ihm in das große, mit Tapeten ge⸗ ſchmuͤckte Zimmer. Meine liebe Dora, ſprach der Vater nicht in leerer Beſorgniß, der Wein hat heute den Witz unſerer Gaͤſte mehr als ge⸗ woͤhnlich ermuntert, und ſie ſehen Dich mit kuͤh⸗ nern Blicken an, und fuͤhren eine kuͤhnere Spra⸗ che, als ein Vater wuͤnſchen kann. Gehe in Deine Kammer. Eine der verſtaͤndigſten Kam⸗ merfrauen ſoll bei Dir bleiben. Gute Nacht, lie⸗ bes Kind, bis nach Sonnenaufgang.“ 133 Er kuͤßte ihre weißen Schlaͤfe und ihre we A ße Stirne. Dora hieng an ſeinem Halſe, und 2 ſchluchzte an ſeinem Buſen, und das Geheimniß ihres Herzens ſtieg beinahe auf ihre Lippen. Er kehrte zu ſeinen Gaͤſten zuruͤck. Froͤhlichkeit und Muſik begannen mit neuer Lebhaftigkeit, der Becher machte von neuem die Runde, und man ſchien ſich fuͤr die kurze Unterbrechung erhohlen zu wollen.. Die Kammer, oder vielmehr das einſtwei⸗ lige Gefaͤngniß, wo Dora Vernon bleiben ſollte, ſtieß an das Armbruſt⸗Zimmer, und hatte ein Fenſter, das die Ausſicht in einen Garten mit einem Erdwall, und auf ein, weithin nach dem Haddon⸗Huͤgel ſich hinanziehendes Gehaͤge hatte. Alles lag auf dieſer Seite des Schloſſes in tie⸗ fem Schatten, und der Mond, der ſchon auf den Gipfel des weſtlichen Haidehuͤgels hinabgeſunken war, warf einen Abſchiedſtrahl auf Fluß und Burg. Das Fraͤulein ſetzte ſich in das abgelegene Fenſter, horchte aufmerkſam auf jeden Ton, und bluckte auf jeden Schatten, der uͤber Garten und ————— 134 Gehaͤge flog. Ihr Kammermaͤdchen, ſchlau, ge⸗ ſetzt und argwoͤhniſch, wie es bei dem reifen Al⸗ ter von dreißig Jahren zu erwarten iſt, aber doch von munterem und freundlichem Ausſehen, das auch ſeine Bewunderer fand, bewachte jede Bewegung des Fraͤuleins mit einem Eulenauge. Mitternacht war voruͤber, als man Tritte im Gange ſchleichen hoͤrte, und es kratzte drei⸗ mahl leiſe an der Kammerthuͤre. Das Mäͤd⸗ chen gieng hinaus, und kam nach kurzer Be⸗ ſprechung ploͤtzlich zuruͤck, und hohes Erroͤthen bedeckte ihr Geſicht. O mein Fraͤulein, ſprach ſie, o mein allerliebſtes Fraͤulein— da iſt der arme Junge— Ihr wißt ja ſeinen Nahmen— der mir am letzten Jahrmarkt drei Ellen Carmoi⸗ ſin⸗Band zum Beſatz fuͤr meinen pfirſichrothen Mantel ſchenkte. Nie war ein redlicheres, oder freundlicheres Herz ſeinem Verſprechen ſo treu, und doch kann ich ihm die Zuſammenkunft nicht geben. O mein liebes Fraͤulein, mein ſuͤßes, ſchoͤnes Fraͤulein, koͤnntet Ihr denn nicht eine halbe Stunde hier allein bleiben!“ 2 135 —————— Ehe Dora antworten konnte, wurde das Zeichen von der Anweſenheit des Geliebten wie⸗ derhohlt. Das Maͤdchen gieng wieder hinaus, man hoͤrte ein Gefluͤſter, man hoͤrte deutlich Kuͤſ⸗ ſe, und das Maͤdchen kehrte zuruͤck, feſter ent⸗ ſchloſſen, ihrem Geliebten gefaͤllig zu ſein.„O mein Fraͤulein, wenn Ihr je hofft, ſelber in treuer Liebe gluͤcklich zu ſein, ſo vergoͤnnt mir nur, daß ich eine halbe Stunde bei dem redli⸗ chen, guten Jungen bleibe. Er kommt vier Stunden weit, mein ſchoͤnes Geſicht zu ſehen, wie er ſagt, und— o mein liebes Fraͤulein, er hat ſelber ein huͤbſches Geſicht. O laßt es nie geſagt werden, daß Dora Vernon ein treues Paar getrennt haͤtte! Aber ich leſe es ſchon auf Eurem lieblichen Geſichte, Ihr ſeid's zufrieden. Ich laufe. O mein liebes Fraͤulein, habt nur hübſch Acht auf Eure liebe huͤbſche Perſon, wenn nun Eure treue Anna weg iſt.“ G Bei dieſen Worten eutfernte ſie ſich mit ih⸗ rem Geliebten. 4 —/‧LO—QO/Q.—— 136 Einer von den Jagdhuͤtern lag eine halbe Stunde nach Mitternacht unter einem Stechpal⸗ menſtrauche, und horchte mit einem langen Seuf⸗ zer auf die Toͤne des Gelages im Schloſſe, wovon ſeine Dienſtpflicht ihn ausgeſchloſſen hat⸗ te. Er ſah zwei Geſtalten herankommen, die kleinere, in einen Mantel verhuͤllt, ging mit leichtem Schritte, die andere glich in Gang und Tracht einem Jaͤger, und trug ein Schwerdt an der Seite und Piſtolen im Guͤrtel. Des Jagd⸗ huͤters Kopf war von Bier und Wein zwar be⸗ nebelt, aber er ſtand auf, und rief nach manchem Heda! ihnen zu:„Nun wohin geht Ihr denn?“ Die kleinere Geſtalt fluͤſterte der andern zu, und dieſe rief alsbald:„Ei Kaspar Jogg, biſt Du's? Gott ſei Dank, daß ich Dich ſo bald finde. Da kommt der ſchottiſche Landkraͤmer mit ſeinen Glastuͤgelchen und blauen Baͤndern, und hat das huͤbſche Aennchen, des Fraͤuleins Lieblingszofe, herausgelockt. Ich ſah ſie auf dem Austritt im Gauten ſtehen, das wollte ich Euch nur ſagen.“ 137 —— Kaum hatte der entruͤſtete Jagdhuͤter dieſe Nachricht von der Untreue ſeiner Geliebten ge⸗ hoͤrt, als er ſchnell, wie ein Reh in ſeinem Ge⸗ haͤge, durch das Gebuͤſch nach dem Schloſſe rannte, und das Maͤdchen zu verlaſſen, den Kraͤmer zu vernichten ſchwur. Laß uns eilen, mein Geliebter, ſprach die kleinere Geſtalt mit ſuͤßer Stimme, und den Mantel enthuͤllend, als ſie ſo ſprach, wendete ſie nach der Burg von Haddon das holdeſte Ge⸗ ſicht, das je hinausgegangen war, das Geſicht der ſchoͤnen Diana Vernon. Meine Leute und meine Pferde ſind in der Naͤhe, Liebchen, erwiederte die hoͤhere Geſtalt. Darauf zog er ein ſilbernes Pfeifchen hervor, und ahmte den gellenden Ton des Kibitzes nach. Er wendete ſich dann um, blieb ſtehen, und ſah auf die Burg Haddon, die nach dem Untergange des Mondes kaum in Dunkelheit gehuͤllt war, ſo hell leuchteten die feſtlichen Lichter vom Thurm und aus den Fenſtern, und die Toͤne des froͤhli⸗ chen Gelages waren noch lauter geworden.„H ——— 133 — du ſchoͤnes und ſtolzes Haddon, ſprach Johaun Manners, du weißt nicht, daß du das ſchoͤnſte Kleinod von deiner Stirne verloren haſt, ſonſt wuͤrden dieſe Lichter nicht ſo hell brennen, und deine Feoͤhlichkeit in Wehklage ſich verwandeln, und Schwerdter hervorblitzen aus allen deinen Pforten, um zu hitziger Verfolgung zu eilen. Lebe wohl auf einige Zeit, ſchoͤne Burg, lebe wohl auf eine Weile! Ich werde wiederkommen, und die Zeit ſegnen, wo ich die Harfe ſpielte un⸗ ter deinen Dienern, und von meiner Liebe ſang, und ſie aus dem Kammerfenſterchen lockte.“ Einige Bewaffnete eilten nun ploͤtzlich den Haddonhuͤgel hinab, reich angeſchirrte Roſſe ka⸗ men unter den Baͤumen des Gehaͤges hervor, und die Stammaͤltern des Hauſes Rutland ſuch⸗ ten auf einige Zeit in der Fremde Zuflucht gegen den Grimm des Koͤnigs vom Felſenland. Der n. Auf der Suͤdſeite des Haffs Solway, laͤuft die Grenze der Grafſchaft Cumberland als eine flache ebene Kuͤſte, wo die Seevoͤgel Schutz vor dem Jaͤger ſuchen, und wo, außer dem oͤden Lande und dem tiefen Meere, nur ein Gegen⸗ ſtand unſre Blicke anzieht, die Truͤmmer einer ſchlichten Huͤtte, die einſt Miles Colvine, der See⸗ mann bewohnte. Der Mann, der dieſe Zuflucht 6 erbaute, ein Seefahrer, Krieger und Gelehrter, litt Schiffbruch an der Kuͤſte, und es war eine Zeitlang unbekannt, daß Jemand außer ihm Rettung gefunden hatte. Sein Schiff war aus fremdem Lande, hatte keine Waaren an Bord, ſchien auch nicht zur Kauffarthei eingerichtet zu ſein, und als der Sturm es an das Geſtade von 142 Allanbay trieb, ſah man nur drei Menſchen auf dem Verdecke. Es lag ein Geheimniß auf dem Schickſale des Schiſſes und der Mannſchaft. Das Benehmen des Scemannes konnte den Ver⸗ dacht eher bekraͤftigen als entfernen; er war ſchweigſam und ſchwermuͤthig, und als die Land⸗ leute, die ihn aus dem Sturme gerettet hatten, nach der Geſchichte des Schiffes und der See⸗ leute fragten, hoͤrte er ſie an, ohne Antwort zu geben, und ſchien jedes Geſpraͤch uͤber dieſen Gegenſtand vermeiden zu wollen. Als ſie am Ufer ſtanden, und auf die hervorbrechenden Wel⸗ len blickten und auf das Heulen des Sturmes horchten, wurde das Wrack zerſchmettert, und ein großer Theil des Verdecks von den Wogen an’s Geſtade getrieben. Die Planken ſchienen mit Blut und Weine befleckt zu ſein, und als die Landleute ſie an's Ufer zogen, fragte Einer von ihnen den Seemann, ob es das Blut von Thieren, oder Menſchen waͤre. Das Blut von Beiden, war die Antwort. Sie verließen das Geſtade, und ſuchten nicht weiter Verkehr mit ihm. △ 143 Der Seemann ſchien an dem Orte, wo das Schiff geſcheitert war, bleiben zu wollen. Er baute ſich ein Huͤttchen, umgab es mit einer Mauer von lockern Steinen und lebte hier un⸗ 1 geſtoͤrt. Er mied die Fiſcher in Allanbay und die Seeleute von Skinverneß, und ſchien es un⸗ gern zu ſehen, wenn die Kinder der Landleute ihm kleine Geſchenke von Lebensmitteln brachten, ſondern ſuchte und fand ſeine Nahrung im Mee⸗ re. Es war eine allgemeine Bemerkung der Fi⸗ ſcher, daß Niemand laͤngs der umliegenden Kuͤſte mit groͤßerer Geſchicklichkeit und gluͤcklicherm Er⸗ folge Angelruthe oder Netz zu gebrauchen ver⸗ ſtand. In dieſer Einſamkeit, jedem Sturm aus⸗ geſetzt, der von der See oder vom Lande her das Geſtade beſtrich, und anſcheinend von Man⸗ gel und Entbehrungen gedruͤckt, lebte er waͤhrend eines Sommers und Herbſtes; der Winter, eine ſehr rauhe Jahrzeit auf einer offnen Kuͤſte, ſchien ihn vernichten, oder aus ſeiner Wohnung reiben zu muͤſſen; aber er trotzte jedem Sturme, —9õñ————⸗—x—xx—— 144. und verſchmaͤhte alles, was man von Lebens⸗ mitteln, oder Kleidung ihm anbot. Der erſte Winter ſeines Aufenthaltes war ſehr ſtuͤrmiſch und ungemein ſtrenge. Der Schnee lag tief und lange; dickes Eis bedeckte den See und jedes Gewaͤſſer, und das Solway⸗ Haff bot unaufyoͤrlich ein Bild von unruhiger Bewegung und von Noth dar. Die Kuͤſte war mit den Truͤmmern geſcheiterter Schiffe bedeckt; die Leich⸗ name von Ertrunkenen hemmten die Springflu⸗ ten, und das Meer war ſo wild und empoͤrt, daß die Fiſcher ihre gewoͤhnlichen Arbeiten ein⸗ ſtellten, und mit den Ihrigen am Heerdfeuer ſitzend, auf das Toſen der Brandung hoͤrten, und ſich Geſchichten von Seeunfällen und Schiff⸗ bruͤchen erzaͤhlten. Auf Miles Colvine aber ſchien der rauhe und unaufhoͤrliche Sturm kei⸗ nen Einfluß zu haben. Er wandelte laͤngs dem Geſtade, ſuchte die Truͤmmer der Schiffe zur Feuerung auf, fiſchte im Meere mit ſeier ge⸗ woͤhnlichen Geſchicklichkeit, und als er ein, an die Kuͤſte geworfenes Boot, das von einem ver⸗ 145 —— ungluͤckten Schifſe war getrennt worden, gefun⸗ den hatte, beherrſchte er das, ſeinem Herzen ſo befreundete Element, und fuhr Tag und Nacht. auf dem Waſſer, mehr einem unruhigen Geſpen⸗ ſte, als einem menſchlichen Weſen gleich. Als die Strenge des Winters nachgelaſſen hatte, und die Seevoͤgel ihre Eier in den Sand legten, ſah man den Seemann nicht mehr in die See gehen, und er begann eine Arbeit, die Viele uͤberraſchte. Das Geſtade, oder der Theil der Kuͤſte, der zwiſchen dem Seeufer und dem ange⸗ bauten Lande liegt, ein mit Muſcheln, Flugſand und Kieſeln bedeckter Landſtrich, war immer als, eine Art von Gemeindeſtuͤck betrachtet, und von den Eigenthuͤmern des unfruchtbaren Bodens den Fiſchern nie das Recht beſtritten worden, ihre Netze hier aufzuhaͤngen, ihre Fahrzeuge an's Land zu ziehen und Sommerhuͤtten zu erbauen. Auf dieſem Grenzgebiete zwiſchen dem oͤden Meerufer und dem fruchtbaren Gelaͤnde ſchlug der See⸗ mann ſeinen Wohnſitz auf, aber es zeigte ich hald, daß er ſeine Beſitzungen auszudehnen, und 10 146 ſeine haͤusliche Einrichtung bequemer zu machen wuͤnſchte. Er baute ein groͤßeres und feſteres Haus, das eben ſo viel Sorgfalt fuͤr Dauer als fuͤr Nettigkeit verrieth; er machte einen Damm von großen Steinen auf der Seeſeite, und pflanz⸗ te um ſeine Wohnung einige gemeine Blumen, die gern in der Seeluft wachſen. Der Rauch ſeines Schornſteins, und der unaufhoͤrliche Ton ſeines Hammers, der die Vollendung der innern Einrichtung ſeines Hauſes verrieth, wurden in weiter Ferne geſehen und gehoͤrt. Als alle Ar⸗ beiten fertig waren, loͤſte er ſein Boot, ging wieder in die See und ſein Nahme ward be⸗ kannt von Mull in Galloway bis zum Arman⸗ water. Ich erinnere mich, wie ich ihn zuerſt in ei⸗ nem Marktflecken in der Grafſchaft Dumfries ſah. Sein Bart ſchien uͤber ein Jahr alt zu ſein; ſeine einſt koſtbaren und feinen Kleider wa⸗ ren geflickt und ausgebeſſert, und er trug dar⸗ aͤber eine Art von Schiffermaniel, der am Halſe 147 — befeſtigt war, und bis auf die Fuͤße hinab reich⸗ te; aber bei aller dieſer Duͤrftigkeit konnten ſich ein Gang und ein Benehmen nicht verbergen, die an beſſere Tage erinnerten. Er ſah ſelten Jemanden ins Geſicht. Maͤnner ſchien er mit Verachtung, ſelbſt mit toͤdtlichem Haſſe zu be⸗ trachten, Frauen aber blickte er mit Freundlich⸗ keit und Achtung an, und wenn er einer Mutter mit ihrem Kinde begegnete, heftete er auf ſie einen Blick, worin lange gehegter Kummer und Wohlwollen ſich ausdruͤckten. Einſt blieb er ſte⸗ hen, und ſah ein huͤbſches, etwa fuͤnfjaͤhriges Maͤdchen an, das Schluͤſſelblumen am Ufer pfluͤckte. Das Kind ſchrie aͤngſtlich beim An⸗ blicke der ſeltſamen Geſtalt und fiel in den Strom; der Seemann ſprang aber alsbald in die Wellen, rettete das Kind, und als er es an die Bruſt der Mutter gelegt hatte, ſetzte er ſeine Wanderung fort, ohne, wie es ſchien, ſeine Hand⸗ lung für etwas Außerordentliches zu halten. Auch noch nach dieſem Ereigniſſe verſolgten ihn die Kinder in Dumfries mit dem Geſchrei:„Da — 10* 148 4 — kommt der wilde Mann mit dem Bart, der Marie Lawſon aus dem Waſſer zog.“ Zu einer andern Zeit jagte ich auf dem Berge Criffel in Schottland, und ſetzte mich auf dem Gipfel nieder, um die ſchoͤne Ausſicht uͤber das Meer und das Gelande unter mir zu genie⸗ ßen und eine Erfriſchung zu nehmen. In eini⸗ ger Entſernung ſah ich etwas, einer Menſchen⸗ geſtalt Aehnliches in Haidekraut liegen, und von einem vorſpringenden Felſen uͤber das Solway⸗ Haff blicken, ſtill und ohne Bewegung, als ob es ein Leichnam geworden waͤre. Ich ging naͤ⸗ her, und erkannte den Seemann Colvine. Er ſchien meine Naͤhe nicht gewahr zu werden, und mit feſtem Blicke in das Meer hinausſchauend, blieb er liegen, und murmelte fuͤr ſich, ſo lange ich auf dem Berge blieb. Er ſprach uͤberhaupt, wo er auch ſein mochte, mehr wie ein Menſch, der ſich mit ſich ſelber unterhalt, als wie Je⸗ mand, der Andern ſeine Gedanken mittheilt, und was man von dem allgemeinen Inhalte ſolcher abgebrochenen Reden vernehmen konnte, lief dar⸗ 1 149 auf hinaus, daß viele Menſchen durch ihn um⸗ zur Vergeltung fuͤr eine un⸗ gekommen waren, Frau zugefuͤgt erſetzliche Kraͤnkung, die ſie einer Zuweilen ſprach er von dieſer Frau als hatten. und von ſeinem Weibe, oder ſeiner Geliebten, den Maͤnnern, die er umgebracht hatte, als der geſetzloſen Mannſchaft ſeines eigenen Schiffes. Zu andern Zeiten redete er zu ſeinen Seeleuten, als Geiſtern, die er in eine andre Welt geſchickt haͤtte, um durch Qualen das im Leben veruͤbte Unrecht abzubuͤßen, und zu ſeiner Frau als ei⸗ nem Engel, den er in ſeinen wachenden Traͤu⸗ men und in ſeinen naͤchtlichen Geſichten erblickte. Alle hoͤrten und verſtanden in dieſem finſtern Bruͤten den Schrei der Rache und das Gefuͤhl tiefer Kraͤnkung. Als Colvine ſeine neue Wohnung eingerich⸗ tet hatte, und Blumen und Fruͤchte ſich wieder auf Feld und Baͤumen zeigten, loͤſte er ſein Dieß war nichts Ungewoͤhnli⸗ Boot vom Ufer. Lager von Sechundſellen, ein ches; aber ein — — 150 Waſſerkrug, und einige getrocknete Fiſche, ſchie⸗ nen Vorbereitungen zu einer langen Reiſe zu ſein. Er reiſte ab. Man ſah ihn ſudwaͤrts ſteuern, beim Lichte der Sterne, und eine Zeitlang ließ er nichts von ſich ſehen und hoͤren. Tag fuͤr Tag blieb ſeine Thuͤre verſchloſſen, ſein Schorn⸗ ſtein rauchte nicht und ſeine Netze hingen unge⸗ braucht. Endlich kam das Zollſchiff von Saint Bees in Allanbai an, um eine Ladung feinen Wachholderbrantweins zu landen, welche die Zoͤll⸗ ner einem irrlandiſchen Schleichhaͤndler zwiſchen Carrickfergus und der Inſel Man abgenommen harten. Sie waren, wie ſie ſagten, um die drit⸗ te Nachtwache durch ein geſpenſtiſches Boot er⸗ ſchreckt worden, welches von einem baͤrtigen boͤ⸗ ſen Geiſte gefuͤhrt, mit uͤbernatuͤrlicher Schnellig⸗ keit uͤber das Meer flog. Dieſe Geſchichte ging mit allen Veraͤnderungen, welche dichteriſch ge⸗ ſtimm e Landieute leicht liefern, von der Huͤtte zum Doͤrfchen, und vom Doͤrſchen zum Schloſſe. Greiſe ſchuͤttelten die Koͤpfe, ſprachen von den Thaten des Erzfeindes zu Waſſer und zu Lande, und wuͤnſchten, daß die Erſcheinung eines ſolchen Umſeglers fuͤr Alt⸗England Gluͤck bringen moͤch⸗ te. Andre, die eher glauben wollten, daß Col⸗ vine eine Kuͤſtenfahrt machte, ſchienen den ein- ſiedleriſchen Seemann auch gern mit einem boͤſen Geiſte verwechſeln zu wollen, der eine ganze Schiffmannſchaft ermordet, das Schiff in Grund geſenkt, und an der Kuͤſte des lieben Cumber⸗ land ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen haͤtte, in der ausdruͤcklichen Abſicht, Stuͤrme zu erregen, das Korn auszuſchuͤtteln und die Haͤlfte aller ſchoͤnen Maͤdchen zwiſchen Sarkfoot und Saint⸗Bees zu unvermaͤhlten Muͤttern zu machen. Einige Un⸗ gluͤcksfaͤlle der letzten Art, die ſich neuerlich er⸗ eignet hatten, bekraͤftigten dieſen Verdacht, und ſeine Abreiſe von der Kuͤſte war ſo willkommen, als dem Landmann ein Regen nach langer Duͤrre. Ungefaͤhr vierzehn Tage nach dieſer Bege⸗ benheit, machte ich bei Mondſchein eine Waſſer⸗ fahrt bis zu dem verfallenen Schloſſe Comlon⸗ gan. Ein Paar geſchaͤftfreie Freunde begieiteten — — mich, und bei unſerer Ruͤckkehr fuhren wir mit ſo der zuruͤcktretenden Flut laͤngs der Kuͤſte von er Cumberland, bis wir Colvine's Huͤtte beinahe 5 gegenuͤber waren. Als wir mit unſerm Boote 1 E nach einer vorſpringenden Landzunge ſteuerten, ſah ich Licht in des Seemanns Wohnung, und 1 nach der Landung bemerkte ich deutlich die Schat⸗ ten zweier Geſtalten, einer hohen maͤnnlichen und einer zarten ſylfenartigen, die vor dem Fen⸗ ſter hin und her ſich bewegten. Ich konnte ſie bald genauer unterſcheiden. Ich erkannte den Seemann, der ſeinen ehemaligen ſchlechten und ſchmutzigen Anzug mit einem zwar ſehr groben, aber ungemein reinlichen vertauſcht hatte; ſein Bart war geſchoren, und ſein Haar, einſt ver⸗ filzt und wild, hing nun ordentlich um Schlaͤfe 5 und Hals. Der Gram hatte das urſpruͤnglich ſchwarze Haar ſchneeweiß gebleicht, ſein Ausſe⸗ hen war geſund, aber kummervoll und er ſchien gegen vierzig Jahre alt zu ſein. Die Geſtalt, die an ſeiner Seite ging, war zu zart und ſchoͤn, um lange in einer ſo unfreundlichen und unbe⸗ ſchützten Lage bleiben zu koͤnnen, als der Auf⸗ enthalt in einer Fiſcherhuͤtte war. Sie war ein Maͤdchen, reich gekleidet und von ſo ungemeiner Schoͤnheit, Huld und Anmuth, daß ich ſie auch ohne die rohen Umgebungen, worin ich ſie fand, uͤber alle Frauen, die ich je geſehen, erhoben haben wuͤrde. Sie ſchlich in der Huͤtte hin und her, um das Hausgeraͤthe zu ordnen, beruͤhrte mit ihren weißen Haͤnden, die das ſchoͤnſte Mei⸗ ſterwerk der Bildnerkunſt beſchaͤmten, die plum⸗ pen Stuͤhle und Tiſche, und warf immer einen Blick auf den Seemann, als haͤtte es ihr Freu⸗ de gemacht, ihn zu vergnuͤgen, und als haͤtte ſie nur fuͤr ihn gearbeitet, Und er war ver⸗ gnuͤgt. Ich ſah ihn laͤcheln, und Niemand hat⸗ te vorher ein Laͤcheln in ſeinen Zuͤgen geſehen. Er ſtrich die langen uͤppigen Locken des Maͤd⸗ chens, ließ ſie an ſeiner Seite ſitzen, und ſah in das Geſicht, das nicht mehr die kindlichen Zuͤge hatte, aber auch noch nicht zu reifer Jung⸗ fraͤulichkeit aufgebluͤht war, mit Zuneigung, Ach⸗ tung und Freude. — — — — 154 Ich war ſinnend mit dem Anblicke beſchaͤf⸗. Stigt, den ich vor mir hatte, und dachte dar⸗ uͤber nach, mir eine Zuſammenkunft mit dem Seemann und ſeiner Tochter— denn dieß war ſie— zu verſchaffen, als ich bemerkte, daß ſie eine Harfe aus einem Kaſten nahm. Sie griff mit leichter und gewandter Hand in die rein ge⸗ ſtimmten Saiten, und ſpielte einige der einfa⸗ chen und klagenden Weiſen, die unter dem Landvolke an den ſchottiſchen und engliſchen Kuͤ⸗ ſten ſo gewoͤhnlich ſind. Nach einer Pauſe hob ſie wieder an, und ſang zu einer wunderbar ſchwaͤrmeriſchen und ſchwermuͤthigen Weiſe fol⸗ gendes Lied, daß ſich ohne Zweifel auf das Un⸗ gluͤck ihrer Aeltern bezog; aber der Dichter hat ſeine Erzaͤhlung in ein Geheimniß gehuͤllt, das eher Argwohn erweckt, als die Neugier befriedigt. O Seemann, Seemann! ſage mir, Ob bald von Fels und Wald Im Heimathland das frohe Lied Der Schiffer wiederhallt? 155 — Stolz ſchreiten funfzehn auf dem Deck, Funfzehn ich unten ſeh'; Vom Ufer winken Maͤdchen her, Mit Haͤnden, weiß wie Schnee⸗ Von unten glänzt die Wog' herauf Es lacht der Sonne Schein— Doch wird man, wenn der Mond abnimmt, Der Heimath nahe ſein? O Maͤdchen, lieblich ſcheint der Mond, Hell glaͤnzt der Sterne Licht; Es glaͤnzt wohl bis zum juͤngſten Tag, Doch kommt Dein Leebſter nicht. Die Woge birgt den ſchonen Leib; Der Wind ſeufzt auf der See, Und wenn die Moͤwe heiſer ſchreit, Verkundet's Klag' und Weh. Laß klagen! Eine Locke iſt Von Deinem ſchwarzen Haar Mehr werth, als alles, was im Schiff Geweiht dem Tode war⸗ O Seemann, Seemann! weißt Du nicht, Man fluͤſtert's in dem Saal Und auf dem Berge ſingen's laut Die Maͤdchen uͤberall, Es wuͤſche nie der Wogenſchlag Der ungluͤckſel'gen Flut ——— —— —— 156 Das Deck auf Deinem Schiffe rein, Nie Deine Hand vom Blut. Und finden Schiffer ſich, ſie ſeh'n Beim Abſchied ernſt ſich an: „Bewahr' vor Colvine, uns o Gott! Auf weiter Waſſerbahn.“ Und Miles Colvine ſprach alsdann, Und ſchlug dabei auf's Bein: „Beim dunklen tiefen Meeresgrund, Beim hellen Himmelſchein, Bei allem Segen auf dem Land, Beim Segen in der Flut, Bei meinem ſcharfen, tapfern Schwerdt, 3 Das ſchwelgt in ihrem Blut— Nicht ſchonen konnt' ich, denn es ſtand Der Liebſten Geiſt mir nah', Und jubelt', wenn beim Todesſtreich Den Feind ſie fallen ſah.“ „O Seemann, Seemann! red' ich wahr, Ein Maͤdchen; hold und ſchoͤn, Verließ ſie nicht das Vaterhaus, Zur See mit Dir zu gehn?“ Und wie die Donnerwolke blitzt⸗ Sein finſtres Auge gleich, Und ſein Geſicht muthvoll und kuͤhn, Ward wild und todtenbleich. 157 ——— „Ich liebte ſie; dieß boͤſe Volk Hat grauſam ſie gekraͤnkt, Doch ward fuͤr Frauenunbill nie Die Nache ſo getraͤnkt.“ So weit hatte das Maͤdchen geſungen, als rrelaͤndiſchen und ſchottiſchen der wilden Tollkuͤhn⸗ ſt und Feinheit der eine Rotte von Schleichhaͤndlern, die mit heit der Irelaͤnder, die Li Schotten vereinten, ſieben an der Zahl, auf dem ſichern und offnen Geſtade landete, wo vielleicht auch das einſame Haus ſie anzog, das leichte Beute verſprach, da wenig Widerſtand zu befuͤrchten war. Sie ſprangen alsbald uͤber die aͤußre Mauer, rüttelten heftig an der Hausthuͤre und foderten mit lauter Stimme Einlaß. Ich legte mich mit meinen beiden Begleitern hinter mit Haidekraut bewachſene Erhoͤhung, um den Erfolg des Beſuches zu beobachten, da ich zu jener Zeit glaubte, daß der Seemann mit dem wilden und ruchloſen Volke eine geheime Verbindung unterhielte. eine 158 Aufgemacht! rief Einer mit auffallend ire⸗ laͤndiſcher Ausſprache. Oder bei der Hoͤlle! eure Huͤtte ſoll euch wie Kartoffelſchalen um die Oh⸗ ren fliegen! Still, Patrik! oder wie Ihr ſonſt heißt, ſprach ein Andrer in niederſchottiſcher Sprache. Ihr fangt's zu grob an. Wir muͤſſen freundlich und artig mit ihm ſprechen; ſind wir eiſt dar⸗ in, ſo koͤnnen wir's ja machen, wie's uns be⸗ liebt. Als der Seemann dieſes Geſpraͤch vernahm, rüͤſtete er ſich zum Widerſtande, als ob er an ſolche Ereigniſſe gewoͤhnt geweſen ware. Mit dem Schwerte in einer Hand, einem Piſtol in der Hand und zweien im Guͤrtel, ſtellte er ſich hinter die Thuͤre, und ermahnte mit leiſer Stimme ſeine Tochter, ſich in eine kleine Kam⸗ mer zuruͤck zu ziehen, die zu ihrer Bequemlich⸗ keit eingerichtet war. Das Maͤdchen aber ant⸗ wortete mit einer Stimme, die zwar vor Un⸗ ruhe zitterte, aber nichts von ihrer Suͤßigkeit 159 —— verloren hatte:„O laßt mich in eurer Naͤhe bleiben— laßt mich in eurer Nähe!“ Ihre leiſe und ſanfte Stimme ward von dem wilden Geſchrei eines Schleichhaͤndlers uͤber⸗ taͤubt.„O Kinder, laßt uns die Thuͤre auf⸗ brechen, und einen gluͤhenden Torfkuchen aufs Dach werfen, daß ich ſehen kann, wenn ich das Maͤdchen mit der ſuͤßen Stimme kale. Bei dem heiligen Schuͤreiſen, das den Torf unter der erſten Kartoſſel ſtoͤrte, ich bin nicht auf ſie⸗ ben Morgen Breite von einem Weibe geweſen, ſeit wir mit Colvine's Frau ſegelten. Und beim Dudelſack! wie ſie ſich ſperrte! Machte ſie nicht einen Laͤrm, und ſchrie, daß es von der Kuͤſte wiederhallte, und betete, daß die Heiligen taub wurden, aber Kinder! es half alles nichts.— Zum Teufel! was mag denn die Thuͤre halten! Bleibt bei mir, Ihr ſollt ſehen, wie ich ſie ge⸗ gen die Mauer werfe. Ich wollte, Ihr haͤttet's geſehen, wie ich das Haus des Ranald Mulla⸗ gen zerſtoͤrte und die herrlichſte Flamme machte/ die man geſehen hat.”“ 160 Er ſtemmte ſich mit der Schulter gegen die Thuͤre und druͤckte mit allen Kraͤften, aber un⸗ geachtet ſeine Gefährten, die eben ſo ſehr zu Gewaltthaͤtigkeiten geneigt zu ſein ſchienen, ihm halfen, ſo widerſtand doch die Thuͤre allen An⸗ ſtrengungen. Zuruͤck, ihr Jungen! ſprach der Ruchloſe. Ihr ſollt ein Spaͤßchen ſehen. Ich will euch zeigen, wie wir im lieben Ireland ein huͤb⸗ ſches Maͤdchen aus einer verſchloſſenen Kammer bringen.— Darauf zog er ein Piſtol hervor, und als er den Flintenſtein mit einem ſchoͤn verzierten ſtaͤhlernen Kreuzchen, das er aus dem Buſen nahm, gehaͤmmert hatte, ſpannte er den Hahn. „O der Teufel ſoll mich in eine ſteinerne Flaſche zuſtoͤpſeln und mich hinausſchicken, die Laͤnge ſeines Meeres der Finſterniß zu ſuchen, wenn nicht der alte Ziegenbock in Stuͤcke fliegen ſoll. Herbei ihr lieben Jungen— Herzensjungen! Wer's nicht macht, wie ich, der verdiente, daß 161 er mit dem Schwanze ven Sankt Patriks Eſel durch's Fegefeuer gepeitſcht wuͤrde! Donnerwet⸗ ter! nichts hindert uns mehr, wenn ich mein Piſtol unter's Strohdach abfeure.“ Im naͤchſten Augenblicke wurde die Thuͤre geoͤffnet. Colvine ſtand auf der Schwelle. Er hatte in der einen Hand ein Piſtol mit geſpann⸗ tem Hahn, in der andern ein Schwerdt, und wilde Feuerblitze ſchoſſen aus ſeinen Augen, aber ſein Benehmen war ganz ruhig und gefaßt. Ihm folgte ſeine ſchoͤne Tochter, mit einem Piſtol in der Hand, und zitterte am ganzen Leibe vor der drohenden Gefahr, die ihren Vater zu umringen ſchien. Die tollkuͤhnen Seeleute erbebten, als ſie ploͤtzlich einen bewaffneten Mann erblickten, und ſelbſt ihr ruchloſer Anfuͤhrer, ſo verwegen er war, fuhr. einige Schritte zuruͤck. Colvine ſah ihn einen Augenblick an, und ſprach:„Hat denn mein Schwerdt ſeine Arbeit laͤſſig gethan, und die See Dich nicht verſchlungen, Du Erz⸗ ſchurke? Aber Gott hat Dich wieder auf die Er⸗ de geſchickt, daß Du eine Warnung werdeſt, wie 11 162 ſicher und wie gerecht die Rache iſt.“ Mit dieſen Worten ſprang er auf ihn los, und faſt in demſel⸗ ben Augenblicke ſah ich das Piſtol blitzen und das Blinken des herabfallenden Schwerdtes. Ich ſprang alsbald mit meinen Begleitern auf, und als die Schleichhaͤndler dieſe Verſtaͤrkung gewahr wurden, ſchleppten ſie, ſtoͤhnend, fluchend und betend, ihren Gefaͤhrten fort, und verſchwanden am nebeligen Geſtade der ruhigen See. Ich fand den Seemann auf der Schwelle ſeines Hauſes, und neben ihm knieete ſeine Tochter. Er kannte mich, da wir uns oft am Geſtade und auf dem Meere begegnet waren, und er wußte, daß ich ein Freund war, der es oft vergebens verſucht hatte, ihn in ſeiner ver⸗ laſſenen Lage durch kleine Beweiſe wohlwollender Theilnahme zu verbinden. G „Treten Sie herein, mein Herr, hob er an. Ich bin Ihnen fuͤr den heutigen Beiſtand meinen Dank ſchuldig. Ich weiß— fuhr er nach einer Pauſe fort— wir ſind nicht eines Glaubens, und Ihr Leben hat nicht verbittert, ——., 2 was das meinige verbitterte. Aber ſagen Sie mir, glauben Sie, daß die Begebenheiten un⸗ ſers Lebens vorher beſtimmt ſind? Was dieſen Abend ſich zugetragen hat, ſcheint ja eines wei⸗ ſen Weſens Anordnung zu ſein. Gewiß, antwortete ich, Gott kennt alle Dinge, Gegenwaͤrtiges und Zukuͤnftiges, aber ob er boͤſe Thaten geſchehen laͤßt, oder gute Thaten verfuͤgt— Genug! genug! ſprach der Seemann. Lie⸗ be Maja, putze Deines Vaters Huͤtte auf, und mache das Abendbrod zurecht, denn es iſt ver⸗ ordnet, daß unſre Befreier bei uns bleiben, und Brod an unſerm Tiſche eſſen ſollen. Wohlan, treten Sie herein! cen Wir gingen in des Seemanns Wohnung, nicht ohne Furcht vor einem Manne, von deſ⸗ ſen Stimmung und Muth wir einen ſo auffal⸗ lenden Beweis geſehen hatten. Das Aeußere der Huͤtte war roh und von plumper Bauart, aber das Innere ungemein bequem und reinlich. Der Fußboden war von angeſchwemmtem Schiſſbauholz, und die Waͤnde 11* 164 mit Fiſchernetzen, wie mit Tapeten, behangen. Fiſcherſpeere und ſcharfe, glaͤnzende Harpunen von Stahl waren, wie Streitwaſſen in der Hal⸗ le eines Haͤuptlings in der Vorzeit, zuſammenge⸗ ordnet. Ueberall ſah man den Ertrag der Ar⸗ beit eines geſchickten Fiſchers. Auf dem Simſe des Feuerheerdes, einem Balken, der durch die ganze Huͤtte lief, ſtand rother und ſchmackhafter Lachs, und in verſchiedenen Gefaͤßen wurden ge⸗ ſalzene Fiſche aufbewahrt, deren der Solway ſo viele treffliche Arten lieſert. Neben dem Heerde ſtand ein kleines Bett; das mit den Fe⸗ dern von Seevoͤgeln geſtopft, und mit Decken und Maͤnteln hoch bedeckt war, unter welchen ſchneeweiße Betttuͤcher hervorblickten. Eine ſehr kleine Kammer war am andern Ende, wohin Maja Colvine auf einen Augenblick ſich begab, um ihren Anzug in Ordnung zu bringen, und vielleicht auch einige jener kuͤnſtlichen Reize hinzu⸗ zufuͤgen, wodurch die Frauen immer ihre natuͤrlichen Annehmlichkeiten zu erhoͤhen wiſſen. Der See⸗ mann ſetzte ſich, wieß mir einen Sitz an, der 165 —— mit einem Seehundfelle bedeckt war, und eine reichlich mit Oehl genaͤhrte Lampe, die an der Decke hieng, erleuchtete das Gemach. Der Ort war auch nicht blos gemeiner Erhohlung gewid⸗ met; es lagen einige Buͤcher umher, unter welchen ich Robinſon Cruſoe, Homers Odyſſee in griechiſcher Sprache, und eine merkwuͤrdige Sammlung von nordiſchen Balladen bemerkte, und eine Schalmei und Fiedel konnten beitragen, ſchwermuͤthige Gedanken zu zerſtreuen. Maja kam nun aus ihrem Kaͤmmerlein in erhoͤheter Liebenswuͤrdigkeit, wie eine Roſe, wenn der Thau ſie erfriſcht hat. Sie hatte das Band von Seide und Perlen abgelegt, das ihr Haar zuſammenhielt, und ihre Ringellocken wallten auf die Schultern herab, waͤhrend die weißen Schläfe und der weißere Hals durch die uͤppige Fuͤlle ſichtbar waren. Ihr Vater blickte ſie an, als ob er bei der ſchoͤnen Gegenwart der liebli⸗ chen Vergangenheit gedacht haͤtte, und ſeine Ge⸗ danken ſchweiften in andern Zeiten und fernern Laͤndern, denn nach einer kurzen Traͤumerei hob 3 1 7 „ 6 4 1 . - 3 8 4 — 166 er an:„Komm, meine Liebe, das Schiff iſt be⸗ reit, die Seeleute ſind am Bord, die Segel we⸗ hen im Winde, und wir muͤſſen um das Ge⸗ ſpenſter⸗Vorgebirgen ehe der Mond untergeht.“ Das Maͤdchen hatte indeß den Tiſch mit den rohen Speiſen beſetzt, welche die Huͤtte lie⸗ ferte, und ſprach dann:„Vater, das Abendbrod iſt bereit, Eure Gaͤſte warten, und Ihr wollet das Eſſen ſegnen, das vor ihnen ſteht.“ Der Seemann nahm ſeinen Hut ab, und ſprach ſitzend, nach der Sitte der Presbyteria⸗ ner:„Du, der Du Deinen Tiſch auf dem tiefen Waſſer deckeſt, und mit dem Regen Ueberfluß in die Wildniß ergießeſt, laſſe dieſe grobe Nahrung dieſen drei Maͤnnern und dieſer zarten Jungfrau ſchmackhaft und zart erſcheinen; meine Haͤnde aber, woran noch ungeſuͤhntes Menſchenblut raucht, duͤrfen das geſegnete Mahl nicht be⸗ ruͤhren.“ Er verhuͤllte alsdann ſein Geſicht in den Falten ſeines Mantels, und ſich niederbuͤckend, ſchien er in andaͤchtige Gedanken verſunken zu 1 9ꝗ 167 ſein. Wir genoſſen das Abendeſſen, das vor uns ſtund, folgten der ſtummen Einladung des Maͤdchens zu einem Glaſe Waſſer, und fuͤgten uns allen Foͤrmlichkeiten, welche dieſe ſeltſame Zuſammenkunft uns aufzulegen ſchien. Als wir gegeſſen hatten, nahm das Maͤd⸗ chen eines der Inſtrumente zur Hand, und waͤh⸗ rend ſie mit unausſprechlicher Suͤßigkeit und An⸗ muth zu dem Spiele ſang, enthuͤllte ihr Vater allmaͤhlig ſein Geſicht, ſeine Blicke glaͤnzten wie⸗ der, und tief ſeufzend winkte er dem Spiele zu ſchweigen, worauf er uns anredete:„Ich war nicht immer ein ungluͤcklicher Mann. Ich hatte ſchoͤne Guͤter, ein herrliches Haus, ein ſchoͤnes Weib und eine ſuͤße Tochter; aber nicht, was wir haben, ſondern was wir genießen, erfreuet des Menſchen Herz, und macht ihn wie einen von den Engeln. Ich wohnte an einer oͤden Kaͤſte, weit von hier, die voll von Waͤldern und Hoͤhlen war, der Schlupfwinkel raͤuberiſcher Schleichhaͤndler, grauſamer, roher und unbaͤndi⸗ ger Menſchen, die in Betrug und Gewaltthaͤtig⸗ 168 keit ihre Nahrung finden, und durch beharrliche Feindſeligkeit gegen menſchliche Geſetze immer haͤrter und wilder werden. Jung und nach Aben⸗ theuern begierig war ich, und obgleich ich die Lebensweiſe dieſer Menſchen nicht billigte, ſo blickten doch zuweilen Großherzigkeit, Muth und Standhaftigkeit aus ihnen hervor, die einen Strahlenglanz auf ein unſittliches und verbreche⸗ riſches Leben warfen. Ich beſchuͤtzte ſie nicht, und verband mich auch nicht mit ihnen, aber als ich bei ihrem naͤchtlichen Verkehr an der Kuͤſte mich leidentlich verhielt, und den Erzaͤhlungen von ihren Abentheuern zu Waſſer und zu Lande gern und freudig zuhoͤrte, ſahen ſie bald, daß ſie von mir nichts zu fuͤrchten und viel zu hoffen hatten. Ihre Zuverſicht wuchs, ihre Anzahl mehrte ſich, und ſie fanden bald einen Fuͤhrer, der allen ih⸗ ren Unternehmungen eine beſtimmte Richtung zu geben faͤhig war, und in ihre Rathſchlaͤge et⸗ was von regelmaͤßiger Liſt und Geſchicelchtei Prachte 4 „—— 169 — „Man hielt mich fuͤr reich und ich war's; meine Schaͤtze beſtanden meiſt aus goldnem und ſilbernem Geſchirre, und aus Goldſtangen, die von einem Verwandten, der mit den Flibuſtiern Panama gepluͤndert hatte, auf mich gekommen waren. Seit einer Reihe von Jahren war ich verheirathet. Meine Frau war noch jung und ſchoͤn, und unſer einziges Kind, meine Tochter Maja, die da ſitzt, war zehn Jahre alt, und ſo zayt gebildet, daß ſie die Unfaͤlle, wozu ſie ſeit⸗ dem verurtheilt wurde, kaum ertragen zu koͤnnen ſchien. Man rieth uns, ſie in eine waͤrmere Gegend zu bringen, und wir bereiteten uns zu der Reiſe, worauf meine Frau mich begleiten wollte, als ein großes Schleichhaͤndlerboot in einer tiefen waldigen Bai landete, die zu mei⸗ nen Beſitzungen gehoͤrte. Ich ſaß auf dem Dache meines Hauſes und blickte in's Meer hinaus. Ein Mann in Schiſſerkleidern trat zu mir. Er war, wie er ſagte, der Hauptmann des Bootes, das mit einer Ladung von feinen Weinen in der Bai lag, und ſeine kuͤhnen und treuen Matto⸗ ſen hatten muthig Gefahren zu Waſſer und zu Lande beſtanden, und oft Schutz in meiner Bai und Gaſtfreundſchaft bei meinen Dienſtboten ge⸗ funden. Sie hoͤrten von dem Vorhaben, meine Frau und meine Tochter in eine mildere Gegend zu bringen, und wenn wir nach Liſſabon, oder auf eine der Inſeln gehen wollten, wo die Eu⸗ ropaͤer Geſundheit ſuchen, wollten ſie uns in ihr Schiff aufnehmen, da ſie uns, wie der Haupt⸗ mann verſicherte, nächſt dem Handel, hoch ver⸗ ehrten. Ich darf nicht vergeſſen, daß der Mann, der meinen Geſchmack an Wundergeſchichten kannte, den Wink fallen ließ, es waͤren Maͤn⸗ ner an Bord, die außer den Sagen ihrer Vor⸗ fahren, auch von ihren eigenen Abentheuren und Thaten zu erzaͤhlen wußten, und mit daͤniſchen und ſchwediſchen Balladen die Geſchichten der franzoͤſiſchen Troubadoure, die mauriſchen Sagen Spaniens und die ſeltſamen Erzaͤhlungen ver⸗ miſchten, die unter den Landleuten auf meiner heimatlichen Kuͤſte fortleben. Durch einen an⸗ dern Zauber ſuchte er meine Frau zu beſaͤnftigen 171 und zu gewinnen. Er zog aus der Taſche ſeis nes langen Schifferkleides einen Mantel von koͤſt⸗ licher Arbeit hervor, den er in der reichen Man⸗ nigfaltigkeit der Farben und der morgenlaͤndiſchen Fuͤlle von Zierrathen vor ihr ausbreitete, und ihr als ein geringes Geſchenk von ſeiner und ſeiner Leute Hand darbot. Es iſt nicht noͤthig, dieſen Theil meiner Geſchichte weiter auszuſpinnen. Wir ſchifften uns bei der Abenddaͤmmerung ein, und als wir die Bai verlaſſen hatten, lagen wir bis zu Tagesanbruche vor Anker. Der Hauptmann ſaß bewaffnet neben uns, was aber keinen Argwohn erweckte, da er gewoͤhnlich Waf⸗ fen trug, und er erzaͤhlte kuͤhne und ſeltſame Abentheuer, die er auf fremden Kuͤſten beſtan⸗ den hatte, mit einer Lebhaftigkeit und einer See⸗ mannsanmuth, wovon wir bezaubert waren. Wir hoͤrten waͤhrend der ganzen Nacht die See⸗ leute uͤber uns auf dem Verdecke hin und her laufen und laͤrmen. Mit grauendem Morgen lichteten wir die Anker, ſpannten unſre Segel bei einem ſcharfen Winde, fuhren raſch in die hohe 172 See und mein Heimathland verſchwand aus mei⸗ nen Blicken. Alles war Leben und Froͤhlichkeit. Wir tanzten und ſangen auf dem Deck, leerten einige Becher des edelſten Weines, waͤhrend ein guͤnſtiger Wind bei wolkenloſem und heiterm Him⸗ mel wehte.“ „Als wir die wuͤrzigen Baͤume auf einer der portugieſiſchen Inſeln erblickten, ging die Sonne unter, und es ward beſchloſſen, wir ſoll⸗ ten am Eingange der Bai bis zu Anbruche des Tages bleiben. Wir ſtanden gedraͤngt auf dem Verdecke; blickten auf das gruͤne und reizende Land und ein milder Landwind wehte uns den Duft des Waͤldchens zu. Meine Frau ſtand in der Bluͤte jugendlicher Schoͤnheit, in der Fuͤlle der Geſundheit, des Lebens und der Liebe. Als ſie an meiner Seite ſtand, und auf meinen Arm ſich lehnte, wurden die rauhen Zuͤge der See⸗ leute ſanfter, und ſie enthielten ſich des Flu⸗ chens, ſo ſehr waren ſie von der Schoͤnheit der Frau geruͤhrt; aber dieſe Ehrerbietung waͤhrte nur kurze Zeit. Der Hauptmann war unge⸗ — 173 — woͤhnlich luſtig, und leerte ein Glas nach dem andern auf meiner Frau und mein Wohlſein. Er betheuerte, ich waͤre wie ein Gott unter ſei⸗ nen Leuten und meine Frau wurde wie ein himmliſches Weſen geehrt. Aber kommt, Colvi⸗ ne, ſetzte er hinzu: ich habe Euch ein merkwuͤr⸗ diges und ſinnreich erfundenes Ding zu zeigen, das Ihr allein zu ſehen verdient. Ich habe es unter den Mauren erhalten. Kommt, geht al⸗ lein mit mir.“ „Ich ſtand auf, und folgte ihm, da meine Neugier unbegrenzt war. Er fuͤhrte mich hinab, und als er eine kleine Thuͤre in der Wand ſei⸗ ner Kajuüte geoͤffnet hatte, ließ er mich hinein⸗ treten, aber ſchnell warf er die Thuͤre hinter mir zu und verſchloß ſie. Ich hoͤrte ihn die Treppe zum Verdeck hinauf eilen. Ich hielt al⸗ les dieß anfaͤnglich nur fuͤr einen Scherz, oder doch einen unbedeutenden Vorfall, als ich aber meine Frau einen Schrei der Angſt und Ver⸗ zweiflung nach dem andern ausſtoßen hoͤrte, kam ich aus dem Irrihume. Ich rief, ich bat, ich 174 —x verſuchte Gewalt, und obgleich Zorn und Ver⸗ zweiflung mir faſt üͤbernatuͤrliche Kiafte gaben, ſo widerſtand doch die Thuͤre allen meinen An⸗ ſtrengungen. Aber warum ſoll ich bei einem ſo unausſprechlich jammervollen Auferitte verweilen? Was ich erduldete, und was das geliebte und angebetete Weib erlitt, laͤßt ſich nur denken, aber gewiß nicht ausſprechen. Der Kraͤnkung, die man ihr zufuͤgte, ward gedacht und ihr Ge⸗ ſchrei ward gehoͤrt von einer Macht, die furcht⸗ barer als Menſchen iſt, und gewiſſes Verderben und klaͤglicher Tod wurde gegen ſie ausgeſprochen in dem Augenblicke, wo ſie in der Fuͤlle ihrer Freude waren.“ hin „Der Abend ging voruͤber und der Morgen kam, und als durch eine kleine Thuͤr, die auf die See ging, das Tageslicht ſchien, ſah ich, daß meine Kammer die Schaͤtze der Raͤuber auf⸗ bewahrte, denn ſie trieben Raub ſowohl als Schleichhandel. In demſelben Augenblicke oͤff⸗ nete ſich oben eine Fallthuͤre und es ward ein Stuͤck Brod und ein ſilberner Becher mie Wein EEEEEEEEIIEE 175 hinab gelaſſen. In meiner elenden Lage war es fuͤr mich nur ein geringes Ungluͤck, daß ich in. dem ſilbernen Gefaͤße einen Theil der Schaͤtze erkannte, die ich zu Hauſe zuruͤck gelaſſen hatte, und als ich Waffen ſuchte, um die Thuͤre mit Gewalt zu erbrechen, ſah ich, daß man alle mei⸗ ne Reichthuͤmer in Gold und Silber weggenom⸗ men und an Bord gebracht hatte. Ich konnte nun den Umfang meines Elendes ermeſſen, und bereitete mich auf ein Schickſal, das unter ſol⸗ chen Ruchloſen nicht ſehr entfernt ſein konnte. Der Morgen war noch nicht weit vorgeruͤckt, als die Sonne auf einmahl hinter ſinſtre Sturm⸗ wolken ſich tauchte, der Wind immer gellender in den Segeln zu pfeifen begann, und das Meer, von ploͤtzlichen Windſtoͤßen aufgewuͤhlt, ſo weit das Auge reichte, jene ſinſtern und fuͤrchterlichen 4 Furchen zeigte, die dem Seemann ſo unheilvoll ſind. Der Wind wehte vom Lande her, und ich konnte ſehen und fuͤhlen, daß das Schiſſ den Hafen nicht zu erreichen vermochte, und Sicher⸗ 4 heit vor dem nahenden Sturme auf hoher See 176 — geſucht hatte. Ich hoͤrte den Wind heftiger wuͤ⸗ then und ſah die Wogen rollen, mit einer Freu⸗ de, welche nur durch die Hoffnung auf Rache er⸗ weckt werden kann. Der Himmel wurde dunk⸗ ler, die Wogen ſchlugen uͤber das Verdeck, und der Sturm warf das Schiff mit einer Schnellig⸗ keit vorwaͤrts, welche die Seeleute erſchreckte, ſo ſehr ſie an das Element gewoͤhnt waren. Schon drang das Waſſer in die Fugen des Schiffes, und uͤberall ſah man Zeichen ſeines nahen Unter⸗ ganges.“ „Ich hoͤrte aͤber mir eine Unterredung, die ich nie vergeſſen werde. Ich ſage euch, ſprach eine Stimme in niederſchoͤttiſcher Sprache: nie kann Gutes aus ſolchem Boͤſen kommen, als euer Hauptmann gethan hat. Haͤttet ihr nur Colvi⸗ ne's Gold und Silber genommen, ſo waͤre die Suͤnde nicht groß geweſen, und durch Reue bei grauen Haaren haͤtte alles wieder gut gemacht werden koͤnnen. Aber die liebe Frau! ihre Stim⸗ me iſt heute gehoͤrt worden, und ihr alle moͤget zittern, die ihr ſie angeruͤhrt habt, denn es kommt wird uns bal nun ein raͤchender Sturm. Die See d verſchlingen und die heiße Hoͤlle uns feſt halten. Die Mutter, die mich gebar, und das Weib, das mich liebte, und die lieber Kinder, die ich auf meinem Schoße genaͤhrt habe, ſie werden mich nicht mehr ſehen, und alles dieß nur, weil ich mit ſolchen Hoͤllenhun⸗ den umgehe, als ihr ſeid. „Es antwortete darauf eine Stimme, die zu leiſe und gepreßt war, als daß ich ſie haͤtte hoͤren koͤnnen, worauf der Schottlaͤnder wieder anhob: Seht doch! Hat man je ſo etwas ge⸗ ſehen! Rings umher iſt die See ſpiegelglatt, und andre Schiſſe fahren mit lindem Winde voruͤber, ohne ein naſſes Segel, aber wir! Der Zorn des Himmels hat uns gefunden, denn uns trifft der wilde Sturm und der Boͤſe treibt uns ins Verderben. O Du abſcheulicher Boͤſe⸗ wicht— Hauptmann, wenn ich Dich nicht mehr— und ihr funfzehn Schurken, die ihr dieſes Ver⸗ 12 brechen mit ihm veruͤbt habt, bereitet euch, denn der Sturm wird nicht von euch laſſen und nicht weichen, bis ihr im Meere begraben ſeid.“ 1 2 „In dem Augenblicke, wo der Untergang unvermeidlich zu ſein ſchien, ließ der Sturm nach, die Wolken zogen voruͤber, glaͤnzend ſchien die ſinkende Sonne hinab, und ſo weit das Auge reichte, funkelte das uferloſe Meer in ih⸗ rem Lichte. Graͤnzenlos war nun die Freude der Mannſchaft; alle draͤngten ſich auf das Ver⸗ deck, ſchloſſen einen Kreis um mehre Gefaͤße mit Wein und einige Koͤrbe voll Zwieback, und ehe die Daͤmmerung aufgehoͤrt hatte, waren nur Wenige im Stande, das Schiff zu fuͤhren. Die Nacht wurde ſehr finſter, und als ich in der aͤußerſten Verzweiflung war, hoͤrte ich dieſelbe freundliche Stimme, die ich eben erſt vernom⸗ men hatte. Colvine, ſprach ſie, vertrau auf Ihn, der den Sturm ſtillen kann. Deine Zeit iſt gekommen.“ 179 „Im naͤchſten Augenblicke oͤffnete ſich die kleine Thuͤre, und die Stimme hob wieder an: Nehmt dieſes Schwert und kommt mit mir. G Habt Ihr Muth genug, den Jammer und den Tod eurer ſchoͤnen und ungluͤcklichen Frau zu V Die Stunde iſt da, und ſo raͤchen, ſo kommt! nd die ewige Selig⸗ wahr ich die Suͤnde haſſe u b keit liebe, will ich Euch beiſtehen.“ 1 2„„SIch nahm das Schwert, folgte ſchweigend 1 - dem Manne, und als wir auf das Verdeck ka⸗ 3 men, bot ſich mir ein Anblick dar, den die Hoff⸗ 8 nung einer gewiſſen und ſchleunigen Rache un⸗ r ausſprechlich ſuͤß machte. Der Hauptmann und e fuͤnf Seeleute ſaßen, faſt uͤbermannt vom Weine, r auf dem Verdecke; die Uebrigen aber waren in e den untern Raum gegangen, wo Einige ſchrieen, 1 Andre ſangen und Alle laͤſterten, und ein lautes ff Geraͤuſch von Fluchen und Zechergeſchrei wieder⸗ it hallte weit umher. Der Laͤrm, der von dieſem ruchloſen Gelage emporſtieg, erinnerte an alle 12* bzſen Eigenſchaften niedriger Gemüther, an die groͤßten Schaͤndlichkeiten, und laͤßt ſich nicht be⸗ ſchreiben. Der Hauptmann und ſeine Gefaͤhrten auf dem Verdecke, zankten ſich uͤber ihren An⸗ theil an der Beute aus meinem Hauſe.“ „Antheil! rief ein ſchottiſcher Matroſe dem Hauptme ann zu. Nun, euer Antheil an Colvi⸗ ne's reinem Golde kann nicht groß ſein. Eine Stunde bei Colvines ſuͤßem Weibe war mehr werth, als alles Gold, i das je glaͤnzte „Ich werde alles redlich theilen, ſprach der Hauptmann, die Hand an ſeinen Saͤbel legend: und zuerſt theile ich deinen Schurkenleib unter den Fiſchen des Meeres, wenn ich noch einmahl ein ſolches Wort hoͤre. Habe ich den herrlichen Anſchlag gemacht, die ſchoͤne Frau und ihres Mannes Schaͤtze wegzufuͤhren, daß ich beides mit einem ſchuftigen Schottlaͤnder theilte?“ . „Die Wuth des Schottlaͤnders gluͤhte e roͤther auf ſeiner Stirne als der Wein, den er getrun⸗ 181 — Der Teufel ſoll meine Seele in ſei⸗ l kochen, wenn Du dafuͤr rief er aus, ken hatte. nem groͤßten Keſſe nicht das kalte Eiſen ſchmecken ſollſt! und zog ſeinen Saͤbel.“ „Das iſt ja mein muntrer Caledonier, ſprach Einer von ſeinen Gefaͤhrten. Gebt ihm einen Stoß mit dem Roͤſteiſen. Gab er mir nicht die⸗ ſen Morgen einen Hieb auf den Kopf, weil ich schen am Kleide der ſchoͤnen Frau nur ein Bisch zupfte! O laß ihn den kalten Stahl ſchmecken, Freundchen!“ „Der Hauptmann verſetzte den erſten Hieb. Mehre Trunkenbolde zogen ihre Saͤbel, und ſchlecht gefuͤhrte Streiche und unwirkſame Dolch⸗ ſtoͤße wurden im Fin ſtern gegeben und empfan⸗ gen.“ „Nun gilt's! ſprach mein Begleiter, und . hielt meine Hand feſt, bis ich ſeine Weiſung er⸗ halten hatte. Sast kein Wort, Worte toͤdten — — nicht, ſondern ſchleicht zwiſchen ſie, wie ein Geiſt; gebt Klingenſtoͤße, denn der Zorn haut, aber die Rache ſtoͤßt, und ich will den Gang ſichern und mit Euch fechten.“ 1e „Ich folgte der Weiſung, und zwiſchen ſie ſchleichend, ſtieß ich einen von ihnen durch und durch; ein Zweiter und ein Dritter ſtuͤrzte, ehe ſie nur gewahr wurden, wer unter ihnen war. Der Hauptmann wollte ein Piſtol ziehen, aber mein Schwert und meines Begleiters Klinge durchbohrten ihn von hinten und von vorne, und obgleich noch zwei Kerle unverwundet wa⸗ ren, ſo ſtieß ich doch noch einmal mein Schwert in die Bruſt meines Todfeindes, und der letzte Blick ſeines brechenden Auges war ein Blick, deſſen man gern gedenkt. Ehe dieß vollbracht war, lagen auch die beiden Andern neben ihren Geſellen. Ich habe oft gedacht, daß mir bei dieſem furchtbaren Kampfe mehr Kraft und Staͤrke gegeben wurde, als mir ſonſt eigen was 5 183 ren. Die uͤbrigen Schiffer im untern Raum ſetzten indeß ihr luſtiges Gelage fort, und ſchie⸗ nen, wie mein ſchottiſcher Freund bemerkte, be⸗ ſtimmt zu ſein, von meiner Hand zu ſterben, da ſie durch ihr Geſchrei das Stoͤhnen ihrer Ge⸗ faͤhrten ſo ſehr aͤbertaͤubten, daß ſie abgehalten wurden, fuͤr ihre Sicherheit zu ſorgen. Wir ver⸗ ſchloſſen die Kajuͤtenthuͤre, verrammten den Gang und hielten mehre Tage Wache mit Piſtol und Schwert, in der Hoffnung, eine freundliche Kuͤ⸗ ſte, oder ein mitleidiges Schiff zu ſehen. Von einem ſtarken Winde getrieben, ſchoß unſer Fahr⸗ zeug mit wunderbarer Schnelligkeit durch die dunklen Wogen. Wir waren in die Solway⸗ Bai eingelaufen, als ſich ein Sturm erhob, der mit jedem Augenblicke heftiger wurde, und uns ſchnell voran trieb. Unſer Schiff war Allanbay gegenuͤber, da faßte es ein Wirbelwind im Ta⸗ kelwerk, drehte es rings umher und warf es an eine Sandbank. Als die Planken aus einander wichen und das Waſſer eindrang, ſah ich einen 184 —— bewaffneten Mann, einen von der Rotte im Schiffsraum, der mich wuͤthend, wie ein Teufel anblickte. Unſer Haß war wilder, als der Sturm und die Zerſtoͤrung um uns her, und unſre Saͤ⸗ bel ziehend, ſuchten wir einander zu durchbohren. Aber das Verhaͤngniß waltet uͤberall. Die Plan⸗ ken wichen unter unſern Fuͤßen, die Wogen ſchlu⸗ gen uͤber uns zuſammen, und mein Feind ent⸗ ging mir, damit er in dieſer Nacht von meiner Hand fiele. Die Rache iſt am ſuͤßeſten, wenn ſie unverhofft kommt. Als wir in den Wellen verſanken, wurde meine liebe Maja, wie ich glaube, von einem vorbeiſegelnden Schiffe geret⸗ tet, waͤhrend die uͤbrigen Seeleute untergingen, ohne Hoffnung, durch Schwimmen ein Leben zu retten, deſſen Verlaͤngerung ſie nicht verdienten. Dieß iſt meine Geſchichte.“ Man weiß wenig mehr von dem Leben des merkwuͤrdigen Mannes. Er verließ bald nach⸗ her ſeine Wohnung und zos in ein anderes Land, „ 185 — vielleicht in ſeine Heimath. Die Landleute und die Fiſcher ließen, aus Furcht und aus Achtung gegen ſeine Tapferkeit und ſein Ungluͤck, ſeine Huͤtte unverſehrt ſtehen, und wenn die Schiffer vorüber fuhren, blickten ſie mit aberglaͤubiger Furcht auf Colvine's Wohnung. Viele Jahre nachher ging ein Landmann an einem Sommer⸗ morgen zum Seeufer, ſeine Netze und Leinen zu unterſuchen. Die Sonne war eben aufge⸗ gangen, und warf ihre erſten Strahlen quer uͤber die hinter liegenden gruͤnen Huͤgel; einige lange und ſchmale Lichtſtreifen ſielen uͤber die Bai, und die Berge auf der ſchottiſchen Seite leuchteten ſchon vom Gipfel bis zur Mitte her⸗ ab. Der Bauer ſah einen Mann, auf einen Stab ſich lehnend, vor Colvine's Huͤtte ſitzen, in einem Anzug, der einer Pilgertracht glich. Er trat naͤher, redete ihn an, aber es erfolgte keine Antwort; der Fremdling war kalt und todt, ſeine Haͤnde waren auf dem Stockknopfe zuſam⸗ mengefaltet, ſeine Augen weit oſſen und ſee⸗ waͤrts gerichtet. Einige Greiſe traten hinzu, und ſprachen:„Ein kummervoller Mann war . diles Colvine, der Seemann.“ Und ſie be⸗ gruben ihn unter ihren Vorfahren auf dem Dorf⸗ kirchhofe. Ende des erſten Theils. * 8 4 4 8 ü 1 4½ —— 3 1 — —— —