F ———-—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeihß- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bücher j 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ll. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ d den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sum 3 3 Werthe de umme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. ſteht zur Em⸗ von Morgens eden Tag =— 4. Abonnement. Daſſelbe muß beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 1—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 3— 3 voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: ——— 5—— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. — — 1. 7— 7— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ d orene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt Der eſer 3 Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Aus i 1 — eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt eſetzt und wird beſonders darauf 1 E iſt euf ge feſtgeſetz 4. V aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ geliehen, auch dafür zu ſtehen haben ——— — —— 7 5* 8* 6 31 1 1 —y — ——y——. ————— ——— B8 — =⁸☛̃ ½ 8 — 2 — 8 5 ——— abel Vaughan. Eine Erzählung von Maria S. Cummins, Verfaſſerin des„Lampenwärter“. Wutoriſirte deutſche Nusgabe. Erſter Band. 0äe Weipzig Verlagsbuchhandlung von J. J. Weber. 1858. —n Vorwort. Wenn es kein Gemeinplatz wäre, ſo möchte ich Vorreden im Allgemeinen den Anhang des Verfaſſers zu ſeinem Werke nennen, in welchem er entweder die Gründe angibt, welche ihn zum Schreiben bewogen haben, oder einige Beigaben nachliefert, die entweder in dem Buche keinen Platz finden konnten, oder in dem Texrte deſſelben überſehen werden würden. Da ich aber nicht die Verfaſſerin nachfolgender Ge⸗ ſchichte bin, ſo kann ich auch die Gründe, aus welchen dieſelbe ſie geſchrieben hat, nicht angeben, noch zu dem, was ſie bereits geſagt hat, Etwas hinzuthun, und nicht einmal mein Urtheil darüber hier niederlegen, da ich in die⸗ ſem Falle den Gang der Geſchichte zum Theil im Voraus verrathen müßte, um Lob oder Ausſtellungen zu rechtfertigen. Aenderungen, welche ſich nothwendig zeigten, um dem engliſchen Leſer gewiſſe Ausdrücke deutlich zu machen, in dem Texte vorzunehmen, hat mir die Verfaſſerin erlaubt; einige Anmerkungen habe ich beigefügt, zur Erläuterung 8 mir früher unbekannter Gebräuche und Wörter; und hier und da habe ich mir einige Erweiterungen erlaubt— immer mit der mir gütig gewährten Zuſtimmung der Verfaſſerin. Zum Schluß möchte ich noch einige Worte über den angenehmen Verkehr ſagen, den wir Engländer mit unſern amerikaniſchen Verwandten durch den Austauſch von Ro— manen haben, der zwiſchen beiden Ländern ziemlich lebhaft von Statten zu gehen ſcheint. Unſre Vetterſchaft mit den Amerikanern ſchreibt ſich von gemeinſchaftlichen Vorfahren her, auf welche wir Beide ſtolz ſind. Bis zu einem ge⸗ wiſſen Zeitpunkt iſt jeder große Name, deffen ſich England rühmt, ein unmittelbarer Gegenſtand des Stolzes für die Amerikaner; ſeit der Zeit, wo der große Stamm ſich in zwei verſchiedene Zweige theilte, ſtrahlt auf Jeden von uns ein mittelbares Licht von den großen Männern des Bruder⸗ ſtammes zurück. Wenn uns eine oder die andere Stelle im Onkel Tom bis auf das Tiefſte rührt, ſo ſagen wir aus vollem Herzen:„und auch ich bin deſſelben Blutes, wie dieſe Frau.“ Wenn wir von edeln Thaten hören, oder großherzigen Handlungen; wenn Lady Franklin theilnehmende Amerikaner in ihren trauervollen, ſtand⸗ haften Nachforſchungen unterſtützen; wenn das Schiff Reſolute von tapfern amerikaniſchen Matroſen nach unſern heimathlichen Küſten gebracht wird, ſo preiſen wir das wackere, alte angelſächſiſche Blut und begreifen, warum ſie eine ſolche That verrichtet haben, wie wir die Beweg⸗ gründe eines Bruders für ſeine Handlungen herausfühlen, auch wenn er kein Wort zu uns ſpricht. 4 —— — VII— Die angelſächſiſche Abkunft macht uns Beide ſo ab⸗ geneigt, unſere Gefühle durch äußere Zeichen erkennen zu geben; oder ſollte ich vielleicht ſagen, ſo bereitwillig, unſere kleinen Mißhelligkeiten in Worte zu kleiden, während die tieferen Empfindungen(wie unſere Liebe und unſer Ver⸗ trauen zu einander) ungeſprochen bleiben. Obgleich wir nicht viel von dieſen Empfindungen reden, ſchätzen wir doch jedes Band zwiſchen uns, welches ihnen Kraft geben kann; und nicht das Unbedeutendſte derſelben iſt das Band einer gemeinſamen Literatur. Vielleicht iſt man zu gern mit dem Beiſpiel der Hinweiſung auf den Gerber in der alten Geſchichte bei der Hand, welcher Leder als das beſte Vertheidigungsmittel einer belagerten Stadt anempfahl, aber doch bin ich geneigt, den Austauſch von Romanen zwiſchen England und Amerika als Vermittler einer ange⸗ nehmen Bekanntſchaft mit einander höher zu ſchätzen, als den Austauſch von Werken von viel größerem, innerem Werthe. Durch die Vermittelung ſolcher Schöpfungen der Phantaſie gewinnen wir Einblicke in das häusliche Leben der Amerikaner, in ihre Art zu denken, ihre über⸗ lieferten Gebräuche und ihre ſocialen Verſuchungen, welche den Beobachtungen des Reiſenden fern bleiben, well cher am Ende doch nur die Familie auf der Straße oder an Feſt⸗ tagen ſieht und nicht im ſtillen häuslichen Kreiſe, wo der Fremde nur ſelten Zulaß findet. Dieſe amerikaniſchen Romane enthüllen uns unbewußt alle die kleinen Geheim⸗ niſſe des Hauſes: wir ſehen die Mahlzeiten, wie ſie auf den Tiſch geſetzt werden; wir lernen die Kleider kennen, — évII— welche die an dem Mahle Theilnehmenden tragen(und wie ſehr ſcheint„Faſhion“ in gewiſſen Städten zu allerlei geſchmackloſem Aufwand zu verlocken!); wir hören ihr ge⸗ müthliches Familiengeſpräch; wir nehmen theil an ihren ſtillen Mühen und Sorgen; und wir freuen uns, wenn ſie den Sieg erringen. Daß wir auf dieſe Weiſe erfahren, wie die Amerikaner wirklich ſind, iſt aber für uns von großem Nutzen, weil dadurch unſere Fähigkeit vermehrt wird, ſie zu verſtehen und unſer Mitgefühl für ſie in dem⸗ ſelben Maße zunehmen muß. Vertrauen wir, daß ſie Etwas von derſelben Wahrheit durch die Lectüre der auf dieſer Seite des atlantiſchen Oceans geſchriebenen Ro⸗ mane lernen; von der Wahrheit, daß, ſo verſchieden auch nationale Erſcheinungen der Thatſache nach ſein mögen, wir unter der Hülle von beſonderem Accent, beſonderer Kleidung und Sprache, doch Alle ein menſchlich Herz haben. E. C. Gaskell. V —õÿyy— Jaughan. V 1 KMabe! Erstes Kapitel. Eine Tugend der Sklaven iſt Furcht; doch das liebende Herz, das iſt willig; Vollkommen vor Gott iſt und war die Lieb' und allein nur die Liebe. Tegnér. AMn einem ſchönen Mittſommernachmittag ſaß eine Dame von mittleren Jahren mit einem ſanften und ge⸗ dankenvollen Geſicht allein in ihrem ſtillen Zimmer, eifrig mit Nähen beſchäftigt. Ihre Wohnung lag auf dem Lande und das niedrige Fenſter ſah unmittelbar auf den grünen Abhang eines Obſtgartens hinaus, aus dem jeder neue Luftzug den ſüßen Duft des friſchgemähten Heues hereintrug. Die Dame war eine Frau von vielen Sor⸗ gen und nur wenig Muße; und ſeit länger als einer Stunde hatte ſie ihr Auge nicht von ihrer Arbeit erhoben, als ſie, plötzlich aufmerkſam geworden durch fröhliche Kin⸗ derſtimmen, innehielt, wie ſie einen Stich machen wollte, und, die Nadel immer noch zwiſchen Finger und Daumen haltend, ſich mit dem Ellbogen auf das Fenſterbret lehnte und mehrere Minuten lang angelegentlich und aufmerkſam ihren Blick auf eine Gruppe von Kindern unter einem gegenüberſtehenden Baume ruhen ließ. Sie waren zu weit entfernt, als daß man ihre Worte hätte verſtehen können, aber ihre Geſichter ſtrahlten von Glück, ihre Stimmchen 1* 3 — — 1— klangen froh und unbeſorgt und Freude ſprach aus allen ihren Bewegungen. Mochten ſie den leicht beſchwingten Schmetterling verfolgen oder ſich mit Heu bewerfen, oder in der überſchäumenden Lebendigkeit ihrer Luſt ohne Zweck umherſpringen, oder im Sonnenſchein ruhen, zu allen Zeiten waren ſie ein Bild kindlicher Heiterkeit, deſſen An⸗ blick ein Mutterherz tröſten und glücklich machen mußte. Aber obgleich die Dame mit dem ſanften Antlitz dann und wann über ihre Spiele lächelte, ſo beobachtete ſie dieſelben doch mit einem gedankenvolleren Blicke, als die Veranlaſ⸗ ſung zu verlangen ſchien, denn ſie ſah in ihrem Spiel, was ein weniger aufmerkſames Auge vielleicht nicht erkannt hätte und zog daraus ihre Schlüſſe.. Drei von der kleinen Gruppe waren ihre eigenen Kinder; aber während auch ihnen ihre Beachtung zu Theil ward und ihre unſchuldige Freude von Zeit zu Zeit ihre Theilnahme erweckte, wendeten ſich doch für jetzt ihre Ge⸗ danken nach einer andern Richtung. Noch ein viertes Kind befand ſich im Garten, das allerdings nicht durch die Bande des Bluts das ihrige war, aber zu dem ihrigen faſt durch Adoption geworden war, denn es lebte ſeit drei Jahren in ihrem Hauſe und ver⸗ ſprach aller Wahrſcheinlichkeit nach noch lange bei ihr zu verweilen; und auf dieſes kleine Mädchen, das ihre Schü⸗ lerin war, wendete ſich jetzt die gedankenvolle Aufmerkſam⸗ keit der Lehrerin. Die Kleine war zwiſchen elf und zwölf Jahr alt und die älteſte der kleinen Schaar; ein freundliches, rothbäcki⸗ ges, munteres Kind, von lebhaftem und unternehmendem Weſen, bei jedem jugendlichen Spiel die unfehlbare An⸗ führerin. Aber bei der gegenwärtigen Gelegenheit ſchien ſie nur halb an den Spielen und der Freude der Andern theilzunehmen, denn nach jedem neuen Ausbruch ihrer Luſt, deſſen Uebermuth die ihrer Geſpielen weit übertraf 6 — 5— und ſie zu jauchzender Freude anſtachelte, kehrte ſie wieder haſtig nach ihrem Platz unter einem alten Apfelbaum zu⸗ rück, hob ein abgegriffenes Buch aus dem Graſe auf, wo⸗ hin ſie es geworfen hatte, und ſchien für eine Zeit lang ganz ins Lernen vertieft zu ſein. Ihre Anfälle von Fleiß waren jedoch von kurzer Dauer. Bei der erſten Verſuchung, mit der ihr ihre Geſpielen nahten, warf ſie das Buch wieder weg, ſprang auf und eilte in fröhlichem Laufe mit ihnen nach der entlegenſten Ecke des Obſtgartens, von wo ſie dann erhitzt, müde und athemlos wiederkam. Jetzt hatte muthwillig eins der Kinder ihren Hut entwendet und for⸗ derte ſie neckend auf, ihn ſich zu ſuchen; dann huſchte ein Lieblingskaninchen vorüber und ſie mußte mit den Andern Jagd darauf machen. Vergeblich ging ſie nach jeder fri— ſchen Unterbrechung von Neuem an ihre Lection und hielt ſich die Ohren zu, um den zerſtreuenden Jubel der Geſpie⸗ len fern zu halten. Der Verſuch war auch im Grunde nicht ſo ernſt gemeint, denn ihr Herz war überall eher als im Buche; und als endlich eine unſichtbare Hand die man⸗ nigfaltig mißhandelte Grammatik aus ihrem Schooße ent⸗ führte und über die Mauer warf, fühlte ſich von ihrem Verſchwinden die nur mit halbem Herzen Lernende wahr⸗ haft erleichtert und war die Erſte, die ein beifälliges Jauch⸗ zen über den muthwilligen Streich anſtimmte. Gerade in dieſem Augenblick klingelte ein Glöckchen und mit einem überraſchten und beunruhigten Blicke in der Richtung des Hauſes eilte die Kleine fort, um das Buch wieder zu holen, und begab ſich zur Abhörung, wozu das Klingeln das Zeichen war, hinein. Sie trat vor ihre Lehrerin mit einem gerötheten Ge⸗ ſicht und anſtatt des frohen Lächelns von vorhin mit einer halb ärgerlichen und halb verdrießlichen Miene. Die Lehrerin nahm, ohne Etwas zu ſagen, das Buch aus der Hand der Kleinen und fing an die Lektion abzu⸗ So hören, in der ſie, wie man ſich wol denken kann, ſehr bald ſtecken blieb. Das Kind ſtand einige Augenblicke lang ſchweigend da und ſagte dann, während ſich Thränen der Ungeduld in ſeine Augen drängten:„ich kann dieſe Lektion nicht ler⸗ nen, Mrs. Herbert, ſie iſt zu ſchwer.“ „Du haſt es nicht verſucht, Mabel,“ ſagte Mrs. Her⸗ bert ſanft. „O doch,“ erwiderte Mabel;„ich habe mir ſo viel Mühe gegeben als ich konnte und kann ſie nicht behalten. Ich wollte, ich brauchte kein Latein zu lernen.“ „Haſt Du denn gelernt, kleiner Schelm, als Du 10 Minuten lang im Heu verſteckt lagſt, während die Kinder Dich vergeblich ſuchten, oder wie Du auf dem höchſten Zweig eines Kirſchbaums ſtandſt und neugierig in das Rothkehlchenneſt guckteſt?“ Mabel warf einen raſchen Blick durch das Fenſter, von dem aus ſie ſo beobachtet worden war, blickte dann in das gütige Geſicht der Mrs. Herbert, und da ſie dort ein Lä— cheln ſah, welches zum Vertrauen aufforderte und ſie ihre Schüchternheit vergeſſen ließ, rief ſie mit natürlicher und kindlicher Offenheit aus:„aber wie konnte ich auch Etwas auswendig lernen, wenn die Andern alle ſo luſtig waren?“ „Ah! daran liegt es alſo,“ ſagte Mrs. Herbert und zog Mabel an ſich heran und wiſchte ihr den Schweiß von der Stirn.„Ich habe Dich dieſe halbe Stunde beobachtet und wußte recht gut, wie es mit der Lektion werden würde. Erinnerſt Du Dich, was ich Dir heute Morgen ſagte?“ „Sie ſagten: ſie wäre ſchwer, die ſchwerſte Lektion im Buche.“ „Das nun eigentlich nicht, liebes Kind; freilich ſagte ich Dir, daß ſie ſchwerer wäre, als Alles, was Du bis jetzt gelernt haſt; aber zugleich verſicherte ich Dir auch, daß Du ſie mit ein wenig Geduld bald bemeiſtern würdeſt und — — daß, wenn Du dies Verbum einmal könnteſt, Dir alle andern verhältnißmäßig leicht werden würden. Ich habe Dir jedoch nicht verſprochen, daß der Obſtgarten ein guter Platz zum Lernen ſei oder der Lärm der Kinder dazu bei⸗ tragen würde, Deine Gedanken bei dem Buche feſtzuhalten. Du hätteſt auf Dein Zimmer gehen, die Thür zumachen und Dir vornehmen ſollen, Dich wenigſtens eine Stunde lang Deiner Aufgabe fleißig zu widmen. Willſt Du das jetzt thun?“ Mabel zauderte, warf einen ſehnſüchtigen Blick auf den Spielplatz hinaus und ſchlug dann die Augen nieder, die ſich raſch mit Thränen füllten. Nachdem Mrs. Herbert vergebens eine Weile auf eine Antwort gewartet hatte, legte ſie ihren Arm um die Hüfte der Schülerin, heftete ihre ſanften Augen auf ihr Geſicht mit einem Blick, der Aufmerkſamkeit erzwang, und wen⸗ dete in milder aber eindringlicher Form ſolche Gründe an, welche am Eheſten ihren Ehrgeiz reizen und ſie zu der erforderlichen Kraftanſtrengung anſtacheln konnten. Die Kleine war mit vortrefflichen Fähigkeiten ausgeſtattet, aber noch nicht an ausdauernden Fleiß gewöhnt und bedurfte eines kräftigen Sporns. Dieſen wußte Mrs. Herbert an⸗ zuwenden, und hatte bald die Befriedigung, zu ſehen, wel⸗ chen Eindruck ihre Worte hervorgebracht hatten, denn Mabel richtete ſich mit entſchloſſener Miene gerade auf und rief mit Energie aus:„ich glaube, ich kann die Lektion lernen und ich will ſie lernen.“ „Und vergiß nicht,“ ſagte Mrs. Herbert mit einem liebevollen Blick der Theilnahme und des Beifalls auf ihre raſch ſich entfernende Schülerin—„vergiß nicht zu Deiner Ermuthigung, was ich Dir geſtern ſagte, daß, je gründlicher Du die Eine Lektion lernſt, deſto leichter werden Dir alle ſpäteren werden.“ Es war das Verbum amare— lieben— von der erſten regelmäßigen Conjugation, und in Mabels Augen eine gar ſchwierige Aufgabe. Sie beſaß jedoch ein vortreffliches Gedächtniß und jedes Erforderniß, um raſch zu lernen, und da ſie jetzt mit ganzem Herzen bei der Aufgabe war, gelang es ihr, noch vor der feſtgeſetzten Zeit alle ihre Schwierigkeiten zu über⸗ winden. Ehe die Stunde vorbei war, erſchien ſie mit frohem Geſicht und mit der Grammatik in der Hand vor Mrs. Herbert und bat ſie, ihr die Aufgabe abzuhören. Sie ver⸗ ſicherte ihr, daß ſie jedes Wort derſelben kenne und die ganze Lektion zweimal hergeſagt habe, ohne ins Buch zu ſehen. Dies war wahr und die junge Schülerin ſagte ohne Stocken ihre Lektion her. „Und ſehen Sie nur,“ rief ſie aus, wie ſie die Gram⸗ matik aus der Hand der Lehrerin nahm, nachdem dieſe ihr für ihren Fleiß das verdiente Lob geſpendet,„es iſt ganz ſo, wie Sie mir geſagt haben! Ich habe mir das nächſte Verbum angeſehen und es iſt dieſem ſo ähnlich, daß es mir gar nicht ſchwer werden wird,“ und Mabel hob mit Eifer die ähnlichen Formen hervor. Ueber den Eifer der kleinen Schülerin lächelnd, machte Mrs. Herbert ſie noch auf weitere Aehnlichkeiten aufmerk⸗ ſam, wünſchte Mabel Glück zu dem eben gemachten Fort⸗ ſchritt und ſagte dann mit Nachdruck, indem ſie die Hand auf die Achſel des Kindes legte:„und ſo iſt es im Leben, meine liebe Mabel; iſt die erſte Liebeslektion einmal ge⸗ lernt und zwar geduldig, wahrhaft und mit ganzem Her⸗ zen, nicht leichtſinnig überflogen, oder als Spiel gehand⸗ habt, ſondern fleißig in die Seele aufgenommen und dort für immer eingeprägt, ſo wird dieſe Lektion alle Prüfungen des Lebens erleichtern und alle ſeine Geheimniſſe beleuch⸗ ten. Aber glaube mir, Kind, man lernt ſie ſelten im Son⸗ nenſchein und in der Luſt des Lebens. Ihre Lehren ſpre⸗ 24 — 9— chen zu uns in den ſtillen Gemächern des Gedankens, wenn aller Lärm ausgeſchloſſen iſt und die Stimme der Freude für eine Zeit ſchweigt, und die wriched Pflicht an die Stelle heißblütigen Vergnügens tritt. Während wir den Schmetterlingen der Thorheit nachjagen, oder die Sommer⸗ ſtunden im Spiel vergeuden, können wir uns die große Lehre des Lebens nicht zu Herzen nehmen; aber, vielleicht in Schmerzen gepflanzt und mit Thränen genährt, wird ſie eines Tages in Freude und Friede blühen. Wende Deinen Fleiß auf dieſe letzte Lektion, Mabel, ſtrenge die beſten Kräfte Deiner Seele zu ihrer Erlernung an, ſtrebe ihr nach mit der Energie, welche heute ſiegreich geweſen iſt, und mir wird vor Deiner Zukunft nicht bange ſein.“ Mabel verſtand damals nicht ganz die volle Bedeutung dieſer Worte, die, von innigem Gefühl eingegeben, mehr die Form eines Selbſtgeſprächs als einer den Jahren des Kindes angemeſſenen Anrede annahmen. Aber ſie waren nicht an ihr verloren. Wie Saamenkörner voll froher Hoffnung pflanzten ſie ſich in ihrem jungen Herzen ein; die Erinnerung hielt ſie warm und endlich brachten ſie von der Zeit gereifte Früchte der Gerechtigkeit. Und noch einmal. Als Mabel ihr achtzehntes Jahr erreicht hatte und die Zeit gekommen war, wo die Schülerin von der Lehrerin ſcheiden ſollte, die während mehr als einer Hälfte des Lebens des Mädchens dieſem weniger eine Leh⸗ rerin als eine Mutter geweſen war, waren Worte ähnlichen Sinnes die letzten, welche warnend und belehrend von den verehrten Lippen des Alters und der Erfahrung ſich in das aufmerkſame Herz der Jugend ſenkten. „Lerne vor allen Dingen, meine Liebe,“ ſagte Mrs. Herbert, wie ſie am Abend vor Mabels Abreiſe bei einan⸗ der ſaßen,„lerne vor allen Dingen Dich vor Selbſtliebe hüten und ſuche ſo viel wie möglich allgemeine Menſchen⸗ liebe in Dir auszubilden. Es iſt der beſte Rath, den ich 5 ——— — 10— Dir zu Deinem Wohle geben kann und der ſicherſte für Dein Glück. „Halten Sie mich für ſo ſelbſtiſch?“ rief Mabel aus, ſchmerzlich berührt von dem Tadel, welchen die Worte ihrer Lehrerin anzudeuten ſchienen,„o es gibt ſo Viele, die ich mehr und inniger liebe als mich ſelbſt!“ „Ich ſchreibe Dir keine unliebenswürdige Eigenſchaft zu, meine liebe Mabel, und Dein gutes Herz iſt immer ſprichwörtlich unter uns geweſen; aber wenn ich Dich auf⸗ fordere, Dir Liebe zu Andern einzuprägen, ſelbſt bis zum Vergeſſen Deines Selbſt, ſo darfſt Du meine Meinung nicht mißverſtehen. Eben weil es Dir ſo leicht und natürlich iſt, liebes Kind, Alle und Jedermann zu lieben, möchte ich Dich vor einer Zeit warnen, wo zu lieben, anſtatt daß es Dein Glück iſt und von Dir kein Opfer verlangt, für Dich eine Prüfung und ein Schmerz wird; und alsdann bitte ich Dich zu lieben, wie ein Weib lieben kann und muß. O Mabel, es gibt nichts ſo tückiſch Gefährliches wie Selbſt⸗ liebe, nichts ſo Edles und echt Weibliches wie die göttliche Liebe, welche ihr Glück in der Pflicht findet!“ Mrs. Herberts Stimme zitterte vor Rührung, als ſie ſo ſprach, und wäre noch Etwas nöthig geweſen, um ihre Worte Mabels Herzen einzuprägen, ſo wäre dieſer Mangel ergänzt worden, als ſie in das Antlitz ihrer verehrten Freundin blickte, und fühlte, daß ſie die Lehre, die ſie jetzt mit ſo großem Ernſte predigte, von der Erfahrung gelernt und durch treue Uebung bewährt hatte. In dem Schmerz der Trennung von alten Freunden und den Freuden und Hoffnungen, die der Eintritt in ein neues Leben erwartete, verwiſchten ſich dieſe Lehre und die andere eben ſo eindrucksvolle aus ihrer frühen Kind⸗ heit, die ſich an ſie knüpfte, für eine Zeit lang aus Mabels Erinnerung. Aber ſie waren nicht verloren. Es gibt Lehren, welche unſere Herzen wie vom Himmel entſtammte — 11— Worte durchdringen, Lehren, in einfachen Worten ertheilt und damals kaum beachtet, die aber durch ihren tiefen und dauernden Einfluß bewieſen, daß ſie der Quelle der ewigen Wahrheit entſtammen. und ſo war es mit dieſen einfachen Lehren eines treuen und wahrhaften Frauengemüths. Nicht der mäch⸗ tige Nachdruck, mit dem ſie geſprochen waren, nicht Bered⸗ ſamkeit oder eine die Leidenſchaften weckende Stimme, nicht die Wirkung der Zeit oder der Umgebung hatten ſie ſo un⸗ auslöſchlich in Mabels Herzen eingeprägt; aber dennoch ſchlugen ſie eine Saite in demſelben an, welche bei dem Worte erzitterte und viele Jahre nachklingend ſie immer und immer wieder an die himmliſche Lehre erinnerte, welche ihre Seele zu ihrer Reinigung bedurfte. Es dauerte lange, ehe ſich ihrem Blicke das Blatt ganz entfaltet zeigte, auf welchem dieſe Lehre der Liebe verzeich⸗ net war, und erſt nach Jahren geduldigen Strebens waren ihre Schwierigkeiten überwunden; aber oft inmitten des Kampfes flüſterte die Erinnerung Mabel die ermuthigende Verſicherung zu, daß, wenn dieſe Aufgabe einmal gelernt worden, der übrige Lebenspfad leicht zurückzulegen ſei. Und iſt es nicht andem? Iſt nicht die Aufgabe des Weibes wahrhaft eine Miſſion der Liebe; und kann es ver⸗ fehlen alle Pflichten dieſes Berufes edel zu erfüllen und alle ſeine Prüfungen leichter zu finden, wenn es einmal dieſe Lehre zu Herzen genommen und ſich einmal mit dem Geiſte geſtärkt hat, der ſo herrlich in dem ſich erfüllt, deſſen Leben auf Erden eine glorreiche Erſcheinung vollkommener Liebe war? 4 1 3 — 4 8 —— Sweites Kapitel. Ein lieblich Weſen, deſſen Form ſich noch nicht vollgeſtaltet, Ein Röslein, deſſen ſchönſte Blätter noch im Knospenſchooß gefaltet. Byron. Mabel Vaughan war die Tochter eines Kaufmanns von Neu⸗York, eines Mannes von merkwürdiger Begabung als Geſchäftsmann, von unbezweifelter Rechtlichkeit und von großem Reichthum dem Rufe nach; eines Mannes, der, obgleich aus ſehr achtbarer Familie, von guter Erziehung und mit allen billigerweiſe zu erwartenden Vortheilen für den Eintritt ins Leben ausgeſtattet, deſſenungeachtet faſt, ganz der Schöpfer ſeines eignen Glücks geweſen war und alle die verſch iedenen Wandlungen, welche das Anhäufen eines großen Vermögens zu begleiten pflegen, durchgemacht hatte. Während er jedoch auf dieſe Weiſe ſeine Jugend und mit ihr alle ſeine beſten und edelſten Kräfte dem Streben nach Reichthum geopfert hatte, fand er keine Gelegenheit, ſich eine Hänallihteit zu begründen, und erſt als er der Mitte des Lebens nahe war, fing er an, nun an eine Verehelichung zu denken. Er hatte jetzt die Stellung in der Geſellſchaft erreicht, wo man ihn als einen empor⸗ kommenden Mann von ausgedehntem kaufmänniſchen Ein⸗ ———.,——.,»5—4/,—S—: — 13— fluß hervorhob; und dieſe Auszeichnung und ſeine Hal⸗ tung als Gentleman ließen ihn Gnade finden vor den Augen einer ſchönen und faſhionablen Frau, deren Reize ſeine Phantaſie gefangen genommen und deren vornehme Verwandtſchaften ſeinen Ehrgeiz befriedigten. Es beſtand jedoch zwiſchen ihnen keine Harmonie Geſchmackes oder der Lebensanſchauungen, und die Ver⸗ bindung, welche auf ihr kurzes Miteinander⸗Bekanntſein folgte, brachte keinem der beiden Theile viel Glückſelig⸗ keit. Mr. Vaughan hatte gehofft, an ſeinem eignen Heerd die Ruhe und die Erholung von Sorgen zu finden, deren Bedürfniß er gefühlt hatte; und da er ſie hier vermißte, ſuchte er in Spekulationen und der Aufregung des Ge⸗ ſchäftslebens die Täuſchung zu vergeſſen, die er in ſeiner Häuslichkeit gefunden, während ſeine Frau, nachdem ſie ſich eine Zeit lang den zerſtreuenden Freuden hingegeben, an denen theilzunehmen ihr Gemahl ſich weigerte, das Opfer eingebildeter Kränklichkeit und dann wirklicher Krank⸗ heit ward. So verhängnißvoll dieſer gänzliche Mangel von gleich⸗ geſtimmtem Gefühl für das Glück des Ehepaars wurde, ſo waren doch die Folgen für die Kinder noch nachtheiliger, zumal für das älteſte, eine Tochter, die von der Kindheit bis zum reifern Mädchenalter allen ſchädlichen Einflüſſen dieſes Lebens ausgeſetzt war. Bei der Geburt dieſes Kindes wendeten ſich die Intereſſen und Herzensneigungen Mr. Vaughans von Neuem von dem Comptoir nach der Häus⸗ lichkeit, wo er abermals von den ſtillen Freuden zu träu⸗ men anfing, die er ſich als den wahren Inhalt des ehelichen Lebens dargeſtellt hatte. Aber ſeine Frau hatte keinen Sinn für dieſe gemüthlichen Regungen; es gelang dem Kinde nicht, ſie dem frivolen Welttreiben abwendig zu machen, und es wurde daher der Pflege und der Obhut von Fremden überlaſſen, außer daß zuweilen der Vater 8 des — 11— durch überzärtliche und unüberlegte Nachſicht die Vernach⸗ läſſigung der Mutter wieder gut zu machen ſuchte. Sechs Jahre hintereinander blieb dieſe Tochter die einzige Be⸗ wohnerin der Kinderſtube und das einzige Opfer der un⸗ überlegten Zärtlichkeit ihres Vaters. Nach ſechs Jahren aber vermehrte ſich die Familie um einen Knaben und nach Ablauf einiger Jahre mehr mit noch einem zweiten Mädchen. Louiſe, die Aelteſte, war jedoch um dieſe Zeit bereits die Geſellſchafterin ihrer Mutter geworden, die jetzt, beſtändig kränklich, ruhelos und nervenſchwach, ſich die Zeit mit dem hübſchen und anmuthigen Kinde zu vertreiben ſuchte, deſſen Erziehung und Bildung ſie ſelbſt zu über⸗ wachen beſchloß. Und das Ergebniß dieſer Ueberwachung war folgendes. Die ſechszehn Jahr alte Louiſe tanzte ſchön, muſicirte mit leidlicher Geſchicklichkeit und verſtand alle Künſte der Koketterie aus dem Grunde. Die Natur hatte ſie mit einem hübſchen Geſicht und einer ebenmäßigen Geſtalt ausgeſtattet und frühzeitige Uebung hatte ihr gelehrt, beide auf das beſte zu benutzen. Trotz ihrer Jugend beſaß ſie durch eifriges Studium die gewinnenden Manieren der vollende⸗ ten Weltdame und machte damit großen Eindruck auf Die⸗ jenigen, welche ihr Auge dem Erkünſtelten ihres Benehmens verſchloſſen; und der gänzliche Mangel an Erziehung des Geiſtes und des Gemüths wurde in den Augen der Freunde und der Bekannten ihrer Mutter vollſtändig erſetzt durch die natürliche Lebendigkeit des Geiſtes und eine ſprich⸗ wörtliche Liebenswürdigkeit des Temperaments. So weit ſie jedoch dieſe letzteren Eigenſchaften wirklich beſaß, verdankte ſie dieſelben der Natur. Sie konnten nicht zu dem gerechnet werden, was ſie erlernt hatte, denn leider waren Herz, Gemüth und Seele bei ihrer Erziehung ganz vergeſſen worden. Da dies die Folgen der mütterlichen Aufſicht waren, ſo kann man es kaum bedauern, daß Harry und Mabel 1 — 15— meiſtentheils ihrer Gegenwart und ihrer Pflege beraubt blieben. Harry war ſo laut, und ſein Schweſterchen hatte ſich ſo viel von ſeinem lärmenden Weſen angewöhnt, daß beide viel zu roh für die vornehme Umgebung der Mutter waren, ſelbſt wenn ſie dieſelben für alt genug gehalten hätte, von ihrem Unterricht Nutzen ziehen zu können; und wie die Verhältniſſe waren, überließ ſie dieſelben vollſtändig der Pflege einer neugemietheten Dienerin. Zum Glück war dieſe Dienerin zwar unwiſſend, aber treu; ſtreng, aber unparteiiſch; ohne Phantaſie, aber wahr⸗ haft. Sie konnte den Kindern ſelten Antwort auf die Fragen geben, welche ihnen ihre unſchuldige Neugier ein⸗ gab, aber ſie lehrte ihnen auch nichts Böſes. Zwar durch⸗ kreuzte ſie manchmal ihre Lieblingspläne, aber beſtrafte ſie nie ungerecht und beklagte ſich nie über ſie ohne Grund; und wenn ihr wenig beweglicher und ungebildeter Geiſt ihnen auch keine Zerſtreuung verſchaffen konnte, ſo ſpiegelte ſie ihnen wenigſtens keine Täuſchungen vor und unterhielt ſie mit keinen Klätſchereien. Während daher ihre jugendlichen Naturen zwar nicht ſo raſch heranreiften, als es unter anderer Pflege möglich geweſen wäre und ihre Fähigkeiten ſich wenig entwickeln konnten, blieben ſie doch auch von vielen der ſchlimmen Einflüſſe verſchont, welche frühzeitig den Geiſt der weniger glücklichen Louiſe verderbt hatten; und wenn ihre jugend⸗ lichen Seelen in ihrer erſten Ausbildung gehemmt worden, ſo wurden ſie doch wenigſtens nicht in der Knospe ver⸗ giftet. Ehe Harry ſein neuntes Jahr erreicht hatte, wurden ſeinem feurigen Geiſte die Beſchränkungen der Kinderſtube zu eng, und er erlangte von ſeinem nachſichtigen Vater Er⸗ laubniß, eine Schule zu beſuchen. So ſchied er denn vom väterlichen Hauſe, um Knabenbekanntſchaften und⸗Freund⸗ ſchaften zu ſchließen und ließ ſein Schweſterchen in Trauer über den Verluſt ihres geliebten Geſpielen, des einzigen Gefährten ihrer Abgeſchiedenheit, zurück. Dann folgte eine trübe Zeit, die lange im Gedächtniß der armen Mabel geblieben iſt. Viele lange Monate hin⸗ durch ſetzte ſie ihre einſamen Spiele fort und hatte keine Abwechſelung in ihrem eintönigen Leben, außer einen täg⸗ lichen Spaziergang mit ihrer Wärterin, einen kurzen Be⸗ ſuch von ihrem oft zerſtreuten Vater, oder eine Ladung, nach dem Geſellſchaftszimmer zu kommen, wo ſie ſicher ſein konnte, bei dem geringſten kindlichen Fehltritt verbannt zu werden. Und dann kam die Erlöſung! Ach, daß der Tod einer Mutter ihrem Kinde ein neues Leben einflößen mußte! Aber ſo war es, obgleich vielleicht nur Engelaugen das Wirken der unendlichen Liebe geſehen haben, welche die un⸗ getreue, weltlich geſinnte Mutter abrief, daß die Hand eines himmliſchen Vaters ihr Kind in beſſere Obhut nehmen könnte. Die geputzten Gruppen, die ſich verſammelten, um derjenigen die letzte Ehre zu erweiſen, welche die Zierde ihres Kreiſes geweſen war und die ihre von unbeſtimmtem Grauen verſtummte und ſchwarzgekleidete Tochter mit Aus⸗ rufen wie: arme Mabel! arme kleine, mutterloſe Waiſe! bedauerten,— dieſe kurzſichtige Gruppe wäre gewiß über die Lehre und vor der Warnung erſchrocken, wenn die Stimme der Wahrheit ihnen ins Ohr geflüſtert hätte, daß der heilige Auftrag, mit den Eltern betraut ſein können, manchmal aus Barmherzigkeit gegen das Kind zurückge⸗ nommen wird. Mabel war bei dem Tode ihrer Mutter acht Jahre alt, und als dem einzigen von den Kindern, das ſich noch in dem väterlichen Hauſe befand, beſchäftigten ſich die Ge⸗ danken des verwittweten Vaters vorzugsweiſe und in erſter Reihe mit ihr. Louiſe war in ein faſhionables Penſionat eingetreten; Harry war noch auf der Akademie, aber für — 17— Mabel mußte geſorgt werden. Sowol die Anforderungen des Geſchäfts wie eigene Wahl machten es Mr. Vaughan wünſchenswerth, auf unbeſtimmte Zeit in das Ausland zu reiſen und ſein Haus zu ſchließen; aber in dieſem Falle mußte eine Einrichtung getroffen werden, welche der kleinen Mabel angemeſſene Fürſorge anſtatt der Eltern ſicherte. Als ſie eines Abends, ungefähr eine Woche nach dem Tode ſeiner Gemahlin, auf ſeinem Knie ſaß und ſeine Gedanken, ernſter geworden durch dieſes ſchickſalsſchwere Ereigniß und mit größerer Innigkeit als gewöhnlich auf die zukünftige Wohlfahrt ſeiner Kinder gerichtet, ſich beſonders mit der Förderung von Mabels Glück und Bildung beſchäftigten, tauchte in ſeiner Seele eine jener vom Himmel geſendeten Ideen auf, deren wohlthuende und weitreichende Folgen die Göttlichkeit ihres Urſprungs zu beweiſen ſcheinen. Er hatte im Laufe des vergangenen Monats einen Brief empfangen, der ihm den Tod eines alten Freundes meldete, welcher der Geſpiele ſeiner Jugend geweſen war und deſſen Andenken er immer mit Wärme gefeiert hatte. Seine Freundſchaft für ihn hatte er vor Kurzem durch das Darleihen einer Geldſumme beweiſen können, die in den Augen des reichen Kaufmanns unbedeutend, aber von un⸗ endlicher Wichtigkeit für den Freund war, der, mit einer zahlreicher werdenden Familie, und einer ſchlecht bezahlten literariſchen Laufbahn gewidmet, in arge Verlegenheit ge⸗ rathen war, weil ihm dieſe kleine Summe fehlte. Er ſtarb jedoch, ehe er Gelegenheit gefunden, die Schuld zu tilgen; und der Brief, welchen Mr. Vaughan vor Kur⸗ zem von deſſen Wittwe empfing, war weniger in der Abſicht geſchrieben, ihm ihren Verluſt mitzutheilen, als ihm zu ſagen, wie ſehr ſie außer Stand ſei, ihn zu befriedigen und ihn für jetzt um Nachſicht zu bitten. Dieſe ward bereit⸗ willig gewährt und mit einem Seufzer der Trauer um Mabel Vaughan I. 2 —— —-; — 18— ſeinen Freund wendete Mr. Vaughan den Gedanken von dieſem Gegenſtand ab. Aber jetzt, als er in das Antlitz ſeines Töchterchens blickte, über die Enttäuſchungen nachdachte, die Louiſe ſei⸗ nen Gefühlen bereitete und den Entſchluß faßte, Mabel auf eine ganz andere Weiſe erziehen zu laſſen, fühlte er plötzlich den Wunſch in ſich rege werden, ſie der ausſchließ⸗ lichen Aufſicht der Mrs. Herbert anzuvertrauen, der Wittwe ſeines Freundes— in ihre Hand die Aufgabe zu legen, welcher er, wie er ſich wohl bewußt war, kaum würdiger war als ſeine verſtorbene Gattin, und auf ſie die ganze Autorität zu übertragen, welche bis dahin vernachläſſigt und mißbraucht worden war. Mrs. Herbert war arm, ſie hatte drei Kinder durch ihren Fleiß zu ernähren und wünſchte ſehr, ſich nützlich zu beſchäftigen. Sie nahm daher den Vorſchlag, den Mr. Vaughan ohne Verzug machte und mit den großmüthigſten Geldanerbietungen begleitete, ohne Beſinnen an; und ſo geſchah es, daß Mabel ein Mitglied von Mrs. Herberts Familie wurde, wo wir ſie kennen gelernt haben. Wir brauchen nicht bei den Wohlthaten zu verweilen, welche dieſes Ereigniß der Wittwe und ihrer Familie ver⸗ ſchaffte. Die Ankunft des Kindes war in der That der Vorbote vieler Segnungen: ſein Erſcheinen weckte Mrs. Herbert zu neuer Hoffnung und Anſtrengung auf; es legte den Grund zu einer Anſtalt, welche ſpäter zu einer viel beſuchten und im beſten Rufe ſtehenden Schule ward; und lange nachher, nachdem ſie ſich ein unabhängiges Vermögen erworben und ihre Kinder mit Freuden glücklich und wohl⸗ habend ſah, blickte ſie beſtändig auf Mabels Eintritt in ihre Familie als auf den Beginn aller ihrer ſpätern Er⸗ folge zurück. Oft ſind Segnungen ſo vielfältig, und weit⸗ reichend ſind die Pläne der Vorſehung; aber mit ihrem Einfluß auf Mabel allein haben wir es jetzt hier zu thun. — 19— Sie blieb zehn Jahre unter Mrs. Herberts Aufſicht und brachte oft ihre Ferien in dem Hauſe zu, das für ſie das glücklichſte Heimweſen war, das ſie jemals gekannt hatte. Während dieſer langen Zeit beſuchte ſie nur ein einziges Mal ihre Vaterſtadt und zwar bei Gelegenheit der Ver⸗ mählung ihrer Schweſter mit einem reichen Banquier, welche ſtattfand, als Mabel noch ein bloßes Kind war. Mr. Vaughan hatte damals ſein Haus an Fremde ver⸗ miethet und die Hochzeit wurde unter dem gaſtlichen Dach der Mrs. Vannecker gefeiert einer entfernten Verwandten der verſtorbenen Mrs. Vaughan, welche ſich einen Stolz daraus gemacht hatte, Louiſe in die Geſellſchaft einzu⸗ führen und ſich jetzt rühmte, die Heirath herbeigeführt zu haben. Hier war die Familie verſammelt, um an den Vor⸗ bereitungen und Feſtlichkeiten der Hochzeit theilzunehmen und Mabel ging auf dieſelben mit lebhaftem Eifer ein, und erinnerte ſich ſpäter an ſie mehr wie an einen glän⸗ zenden Traum, als wie an echte Wirklichkeit. Sonſt verließ ſie nie die Schule, außer bei einem all⸗ jährlichen Beſuch bei ihrer Großmutter, die eine Tagereiſe von Mrs. Herbert wohnte, und dieſe Beſuche waren von längerer oder kürzerer Dauer je nach dem Geſundheitszu⸗ ſtande der alten Dame oder nach der Laune von Mabels Tante, Miß Sabiah Vaughan, welche bei ihrer Mutter wohnte und die Aufſicht über die Wirthſchaft führte. Von dieſen Beſuchen, die jedoch aus einer oder der andern Ur⸗ ſache gewöhnlich von kurzer Dauer waren, kehrte ſie ſtets mit Freuden zu ihrer gütigen Lehrerin und ihren geliebten Geſpielinnen zurück, die ſie zu allen Zeiten ſehr vermißt hattan und ſie mit Wärme willkommen hießen, denn Mabel war das Leben des Hauſes. Und hier, umgeben von geſunden Einflüſſen und unter der einſichtsvollen Zucht einer der beſten Frauen, entwickelten 2* ſich in ihr raſch die Kräfte und Fähigkeiten, welche in ihrer frühen Kindheit wenig Raum gefunden hatten, zur Er⸗ ſcheinung zu kommen. Mrs. Herbert war religiös geſinnt und ſparte keine Mühe, Mabel Kenntniß und Liebe zur Tugend mitzuthei⸗ len. ⸗Sie hatte geſundes ÜUrtheil und einen hochgebildeten Geiſt und war mit Geduld beſtrebt, den Geiſt ihrer Schü⸗ lerin zu leiten und zu kräftigen und ihn mit Schätzen von ewiger Dauer zu bereichern. Sie beſaß auch die geſell⸗ ſchaftlichen Eigenſchaften, welche einem Heimweſen Anmuth verleihen und eine Häuslichkeit glücklich und behaglich machen; und ihr Beiſpiel munterte die jugendliche Gruppe um ſie zur Ausbildung jedes gewinnenden und der Frauen würdigen Reizes auf. Sie war aber nicht nur eine gebildete, ſondern auch eine praktiſche Frau. Sie war eine ausgezeichnete Wirth⸗ ſchafterin und eine Künſtlerin mit der Nadel, und hatte durch jahrelange ſtrenge Praxis Sparſamkeit, Umſicht und Geſchick gelernt; in allen dieſen Kenntniſſen theilten ihre Schülerinnen in größerem oder geringerem Grade die Vortheile ihrer gereiften Erfahrung. So erwarb Mabel in den zehn Jahren, welche ſie in einer einfachen aber wohlgeordneten neu⸗engliſchen Häus⸗ lichkeit verlebte, wo die höchſte geiſtige Ausbildung mit dem Unterricht in den einfachſten weiblichen Pflichten Hand in Hand ging, gute und ſtarke Grundſätze, gründliche Kenntniſſe, Liebenswürdigkeit des Weſens und die Ge⸗ wohnheit, nützlich zu wirken und fleißig zu ſein. Unter⸗ deſſen hielt ihre körperliche Entwickelung Schritt mit ihrer geiſtigen und ſittlichen; reine Luft, ſtärkende Bewegung und geſunde Diät kräftigten ihren Körper und härteten ihn ab, während ſie mit jedem neuen Jahre an Schönheit und An⸗ muth zunahm, bis Mrs. Herbert zuletzt mit innerlichem Stolz und innerlicher Freude auf die ſchöne Blüthe blickte, Frer Er⸗ eine hei⸗ ten hü⸗ von ell⸗ uth lich ppe uen uch th⸗ atte und ten die — 21— welche ſie ſelbſt aufgezogen und die ſich unter ihren Augen ſo vollkommen ausgebildet hatte. Als Mabel mit ihrem achten Jahre zuerſt Mrs. Her⸗ berts Pflege anvertraut ward, war ſie ein ſcheues, ungeſchultes Kind, roh in ihren Manieren und ihrer Sprache und in keiner Weiſe gewöhnt, ſich dauernd zu beſchäftigen. Mit achtzehn Jahren war ſie nicht blos ſchön von Perſon, gebildet und liebenswürdig und liebreich in ihrem Weſen, ſondern vereinigte auch mit reichen körperlichen und geiſtigen Gaben eine gewinnende Offenheit und Herzlichkeit, welche, ver⸗ bunden mit ihren andern Reizen, ſie zum Lieblinge und zum Stolz ihrer Geſpielinnen machten. Aber Mrs. Herbert war nicht unfehlbar und Mabel nicht tadellos. Allerdings hatte Erſtere fleißig an der Vervollkommnung eines Kindes gearbeitet, welches nächſt ihren eigenen Kindern der vornehmſte Gegenſtand ihrer Anſtrengungen und Gebete geweſen war, und hatte un⸗ zweifelhaft verhältnißmäßigen Erfolg gehabt. Aber doch hatte Mabels Charakter Fehler, welche Zeit und Fleiß noch nicht hatten ausrotten können; Fehler, deren ganze Aus⸗ dehnung Mrs. Herbert kaum kannte, und welche außer dem Bereich ihrer Einwirkung ſtehende Verhältniſſe nährten. Schon Mabels Beliebtheit unter ihren Schulkameraden ſetzte ſie Gefahren aus, und unter den verſchiedenartigen Charakteren, mit denen ſie in Berührung kam, konnte ſie nicht ganz ſchädlichen Einflüſſen entgehen, vornehmlich wäh⸗ rend der letzten Jahre ihrer Schulzeit, wo Mrs. Herberts Schülerinnen an Zahl ſehr zugenommen hatten. Dieſe Fehler hafteten jedoch nicht am Kern; es waren nur ſolche, welche man bei den meiſten Mädchen ihres Al⸗ ters findet; und wir brauchen nicht länger bei ihnen zu verweilen, denn ſie werden ſich von ſelbſt zeigen, wie wir ihre ſpätere Laufbahn verfolgen. So ſehr ſich Mrs. Herbert einer treuen Erfüllung ihrer — —— — — 22— Pflicht bewußt war, und ſo ſehr ſie ſich für ihre Be⸗ mühungen im Ganzen belohnt ſah, hatte ſie doch zu viel Einſehen und kannte die Unbeſtändigkeit des menſchlichen Herzens zu gut, um nur einen Augenblick zu glauben, daß Mabel von nun an ſicher vor jeder Verſuchung und ge⸗ wappnet gegen ihre Angriffe ſei. Als ſie daher die wenigen haſtigen Zeilen von Mr. Vaughan las, welche ſeine Tochter zur Aufſicht über ſein Haus und zur Theilnahme an den Freuden und Zerſtreuungen der großen Stadt beriefen, zitterte ſie bei dem Gedanken, daß von nun an Mabel ſich ihren Weg ſelbſt ſuchen müßte, beraubt der leitenden Hand und der faſt mütterlichen Liebe, welche bis dahin ſie gepflegt und geſchützt hatten. Es gehört in der That kein Prophetenauge dazu, um die eigenthümlichen Verſuchungen und Gefahren voraus⸗ zuſehen, welche Mabel in der Zukunft erwarteten. Bereits hatte Mrs. Herbert den Stolz bemerkt, mit welchem der zärtliche Vater bei ſeinen gelegentlichen Beſuchen die täglich zunehmenden Reize der Tochter betrachtete, und bereits war ſie mehr als einmal genöthigt geweſen, gegen die verſchwen⸗ deriſche Freigebigkeit Vorſtellungen zu machen, mit welcher er ihre mädchenhaften Launen zu befriedigen Anſtalt machte. Sie kannte auch die in frivolen Zerſtreuungen dahinleben⸗ den Kreiſe, in welchen ſich Mrs. Vaughan bewegt hatte, in welchen jetzt Louiſe als Siegerin glänzte und in welchen Mabel auf Bewunderung und ſchmeichelnden Empfang rechnen konnte. Und weil ſie dieſes Alles wußte und weil ſie mit Recht vermuthete, daß dieſe neue Umgebung keine Anſtrengung ſparen würde, Mabels Eitelkeit zu befriedigen, ihren Ehr⸗ geiz aufzumuntern und ihren Stolz und ihre Eigenliebe zu nähren, zitterte ſie für die Erhaltung ihrer Herzensreinheit und der Selbſtloſigkeit ihres Strebens. Sie fürchtete, daß in der Prüfungsſtunde, wenn das ge ih al W tig ſich mi Ni ird lag mi um ſeit ihr kon kon hei fra ihn glü geſ eing mer zuer flan Be⸗ viel hen daß ge⸗ gen hter den fen, ſich and legt um us⸗ eits der glich war ben⸗ cher chte. ben⸗ „in chen fang kecht ung Ehr⸗ ezu iheit das 23— Vergnügen auf der einen Seite und die Pflicht auf der andern winkte, Mabels ununterſtützte Kraft in dem harten Kampfe nicht ausreichen würde. Sie fürchtete, daß Selbſt⸗ ſucht, Weltſinn und Stolz zuletzt die Schranken chriſtlicher Wahrheit und Tugend überwinden würden, welche ſie in dem jugendlichen Herzen des Mädchens aufzurichten beſtrebt geweſen war. Und ſo, da ſie von nun an Mabel nur mit ihren Gebeten ſchützen konnte, gab ſie ihr als Loſung und als Schild die einfache Lehre mit, die ſo mild in ihrem Wirken und doch ſo groß in ihrer Kraft iſt— den mäch⸗ tigen Zauber, der jeden böſen Geiſt entwaffnet und die ſicherſte Kriegs- und Vertheidigungswaffe des Weibes iſt — denn ſie ließ ſie hinausgehen in den Kampf, gewappnet mit der Rüſtung chriſtlicher Liebe. Und Mrs. Herbert und Mabel ſahen ſich nie wieder. Nicht daß Eine der Beiden frühzeitig von der Laufbahn irdiſchen Wirkens abgerufen worden wäre; aber ihre Pfade lagen von nun an auseinander. Gar oft hätte ſich Mabel mit Freuden an ihre vielgeprüfte Vertraute und Freundin um Rath und Theilnahme gewendet. Aber es konnte nicht ſein. Andere Intereſſen verſchmolzen ſich bald mit den ihrigen— Intereſſen, welche Mrs. Herbert nicht theilen konnte; und nur zum Theil und in langen Zwiſchenräumen konnte ſie brieflich dieſer Freundin ihrer Kindheit die ge⸗ heimen Sorgen und Aengſte mittheilen, welche ihr Jung⸗ frauenherz beſchwerten. Aber es beſtand noch ein geiſtiges Band zwiſchen ihnen, ein Band, welches die Zeit befeſtigte und das Un⸗ glück werth machte, denn in ihrem letzten ernſten Zwie⸗ geſpräch hatte Mrs. Herbert Mabel die große Wahrheit eingeprägt, welche das Weib zu lernen hat. Sie ſchlum⸗ merte eine Zeit lang, aber erwachte dann in friſcher Kraft; zuerſt als eine ſanfte, leiſe Stimme und alsdann als flammendes Schwert führte ſie die Jungfrau zum Siege. Drittes Anpitel. Voll frohem Sinn und glücklich heiterm Weſen,— So ſeh ich Dich in ſtiller Anmuth weben Und dunklem Ort verleihen ſonnig Leben. W. Storv. Mabels Empfindungen beim Abſchied von dem Hauſe, das ihr ſo lange eine Heimath geweſen war, waren von gemiſchter Art. Schmerz wechſelte mit Freude, je nachdem die Erinnerung bei vergangenen Freuden verweilte oder die Hoffnung ihr eine glänzende Zukunft vormalte. Hätte ſie vorausgeſehen, welch lange Zeit verlaufen würde, ehe ſie die ihr durch tauſend Erinnerungen werth gewordene Stelle wieder betreten ſollte oder hätte ihr die Phantaſie gezeigt, welche Veränderungen in dieſer Zeit in ihr und in denen, von welchen ſie ſchied, vorgehen würden, ſo wären die ſchmeichelnden Zuflüſterungen der Hoffnung verſtummt 8 nur Schmerz und Bedauern hätten ihr Herz erfüllt. Ab 5 ſie beſaß eine glückliche, elaſtiſche Natur; und indem ſie Pläne für manchen Sommerausflug erſann, der ſie wieder nach der alten Stätte zurückbringen würde, und für manche Winterferienzeit, welche Mrs. Herbert und ihre Kinder unter dem gaſtlichen Dach ihres Vaters vereinigen konnte, vergaß ſie die Möglichkeit, daß ihre Trennung eine andere, als eine vorübergehende ſein koͤnnte. u term heben ben. uſe, von dem die e ſie e ſie telle eigt, nen, die und Aber n ſie leder nche nder unte, dere, — 25— Der Augenblick des Scheidens war allerdings eine Prüfung für ihr weiches Herz, und lange, nachdem hinter den dazwiſchen liegenden Hügeln der Thurm der Dorfkirche verſchwunden war, verweilten ihre Gedanken noch bei der geliebten Lehrerin und den Schulgenoſſinnen, die ſie immer noch in der Thüre ſtehen ſah, wo ſie ſich verſammelt hatten, um ihr ein betrübtes und zärtliches Lebewohl zu ſagen. Aber obgleich ihre Reiſegefährten die Fahrt, welche gewoöhn⸗ lich zwei Tage in Anſpruch nimmt, in Einem Tage beendig⸗ ten, ſo behielt ſie doch ausreichende Zeit übrig, um ſich von ihrem Schmerz zu erholen; und lange ehe die Reiſe zu Ende war, hatte ihre geſchäftige Phantaſie eine andere Richtung eingeſchlagen und beſchäftigte ſich mit den Freu⸗ den, die ſie bei ihrer Ankunft im Vaterhauſe finden würde. Sie malte ſich aus, wie ſie ihr Vater, den ſie ſeit Mo⸗ naten nicht geſehen hatte, wahrſcheinlich empfangen würde. Mabel kannte ihn nur wenig und nur durch ſeine gelegent⸗ lichen Beſuche und Briefe; und erſtere waren oft Jahre lang unterblieben, weil er außer Landes geweſen war. Sie ſah ihn daher vor ſich als den großen Herrn mit grauen Haaren, der ſie während ihrer Schulzeit wol ein Dutzend Mal nach Mrs. Herberts Beſuchszimmer hatte abrufen laſ⸗ ſen; und jede dieſer Gelegenheiten war in ihrer Erinne⸗ rung verbunden mit einem freien Tag, einem reichen Ge⸗ ſchenk und einer Fahrt nach dem nächſten Bahnhof, ohn⸗ gefähr ſechs engl. Meilen weit, wohin ſie ihn ſtets bei ſeiner Abreiſe begleitete. Daß er der nachſichtigſte Vater war, bezweifelte ſie nicht, da ſie ſich keines Beiſpiels erinnern konnte, wo er ihr eine Bitte oder die Befriedigung einer ihrer Launen verſagt hätte. Von ſeiner Freigebigkeit legten ihre goldene Uhr, ihre Diamantringe, ihre wohlverſehene Garderobe und ihr ausreichendes Taſchengeld ſchon ſeit langer Zeit genügen⸗ des Zeugniß ab; und obgleich er ſelten ſeine Empfindungen — 26— ausſprach, konnte ſie doch nicht umhin, die Liebe und den Stolz zu bemerken, mit der er die Entwickelung ihres Gei⸗ ſtes und ihrer Schönheit beobachtete und ſich jedes neuen Fortſchritts freute. Ihrem Verhältniß zu ihm hatte jedoch das Innige gefehlt, welches Vertrauen erzeugt; und da ſie ſeine Lebens⸗ und Denkweiſe ganz und gar nicht kannte, fühlte ſie ſich durch ſeine Anweſenheit ſtets ein wenig ge⸗ drückt. Seine Briefe hatten ſogar ſeinen Charakter noch weniger angedeutet, als ſeine Beſuche; denn obgleich freundlich, waren ſie doch kurz und etwas förmlich und im Ganzen flößte er Mabel mehr die Achtung und Dank⸗ barkeit ein, die man einem ſorgſamen Vormund ſchuldet, als die vertrauende Liebe, mit der Vater und Kind in der Regel an einander hängen. Sie war ſich jedoch bewußt, daß dieſe Zurückhaltung unnatürlich war, und da jetzt die Zeit romden war, wo das Vaterhaus ihr dauernder Aufenthalt werden ſollte, flüſterte ihr ihre geſchäftige Phantaſie zu, daß die Wärme, mit der er ſie an's Herz drücken und bewillkommen würde, jede Schranke, die bis jetzt noch zwiſchen ihnen beſtanden, niederreißen müßte. Ihre Schweſter Louiſe, jetzt Mrs. Leroy, kannte ſie noch viel weniger. Sie hatte ſie nur zweimal ſeit ihrer Verhriratung geſehen, und beide Mal nur ein paar Stun⸗ den. Einmal hatte ſie ein paar eilig hingeworfene Zeilen bekommen, welche ihr meldeten, daß eine Geſellſchaft und unter ihnen die Leroy's, auf einer Reiſe die Nachbarſchaft der Schule berührt hätten und den folgenden Tag in einer nahen Stadt zu Mittag ſpeiſen würden, wohin ſie Mabel einlud. Das war ungefähr ein Jahr nach Loui⸗ ſens Verheirathung; und Mabel, damals noch ein Kind, erlangte Mrs. Herberts Zuſtimmung zu dem Plane und kehrte voll Entzücken über die ganze Geſellſchaft und vor⸗ nehmlich über ihre ſchöne Schweſter zurück. Dieſer Ein⸗ den ei⸗ ien och ſie nte, ge⸗ och eich ind nk⸗ det, der ung wo lte, me, rde, den, ſie hrer un⸗ ilen und haft in ſie dui⸗ ind, und vor⸗ Fin⸗ — 27— druck wurde auch nicht abgeſchwächt, als Louiſe einige Jahre ſpäter ihren Vater bei einem ſeiner periodiſchen Be⸗ ſuche begleitete und im reichen Schmuck erſchien, um einen Tag bei Mrs. Herbert zuzubringen, ein Ereigniß, welches die Begeiſterung des Schulmädchens über die Alles über⸗ treffende Anmuth ihrer Schweſter nur noch erhöhte, und dieſe Begeiſterung hielt aus, da alle ihre Geſpielinnen ſie theilten. Sie betrachtete es daher eben ſo ſehr wie eine Ehre als wie ein Glück, täglich in der Geſellſchaft eines ſo liebenswürdigen, hochgebildeten und bezaubernden We⸗ ſens zu ſein. In ihrem Träumen von einer freudigen Bewillkomm⸗ nung vergaß Mabel auch nicht ihre beiden kleinen Neffen, zwei ſchöne Knaben, welche ſie noch nie geſehen hatte; und bei ihrem warmen Herzen, ihrer ausſchweifenden Liebe zu Kindern und ihrer ganz beſondern Fähigkeit, ihr Herz zu gewinnen, war es keine geringe Vermehrung des Glückes, das ſie erwartete, daß ſich ihre Phantaſie ausmalte, wie dieſe Kleinen geſprungen kommen würden, um eine Tante zu umarmen, welche zu lieben man ihnen jedenfalls ſchon gelehrt hatte. Aber obgleich Vater, Schweſter und Neffen Alle eine Stelle in dem Bilde einnahmen, das ſich Mabel innerlich von ihrer zukünftigen Häuslichkeit entwarf, ſtand doch keine dieſer Geſtalten in dem Vordergrund ihrer Seele— denn ihre Erinnerung kannte kein Band, das ſie mit dem Heimweſen ihrer Kindheit verknüpfte. So glänzend und ſchön ſie ſich auch ihre zukünftigen Verhältniſſe mit dieſen Verwandten ausmalte, ſo hefteten ſich doch an ſie keine lieblichen Erinnerungen aus der Kinderzeit, um die zärt⸗ lichen Gedanken zu erwecken, die von dem väterlichen Heerd unzertrennlich ſind. Sie waren ihr in der That Alle mehr oder weniger fremd, und die Vorausſetzungen, zu denen ſie — 28— ihr Anlaß gaben, waren zwar angenehm, aber nothwendi⸗ gerweiſe vag und unbeſtimmt. Ein Mitglied der Familie jedoch rief in Mabels Her⸗ zen Gedanken an Glück, Verwandte und Heimath hervor. Zu Einem Mitglied ſtand ſie in einem natürlichen und wahren Verhältniß; eines hatte von der Wiege an an ihren Wünſchen, ihrem Kummer und ihrer Freude theil⸗ genommen, war der Spielgenoſſe ihrer Kindheit und der Vertraute und Gefährte ihrer Mädchenzeit geweſen. Ihre pflichtgemäße Liebe zu ihrem Vater und ihre bewundernde Hinneigung zu ihrer Schweſter waren verhältnißmäßig neuern Urſprungs, aber die Erinnerung konnte ihr keine Zeit zurückrufen, wo ſie ihren Bruder nicht zärtlich geliebt hatte. Mit ihm waren alle ihre Vorſtellungen von der früheſten Jugendzeit verknüpft, wo ſie, von der übrigen Familie faſt vergeſſen, einander Alles in Allem waren. Die Vernachläſſigung der Mutter oder die Gleichgültigkeit der Schweſter hatte Mabel entweder damals nicht beachtet oder längſt vergeſſen; ebenſo die glänzenden und reich aus⸗ geſtatteten Gemächer, aus denen ſie oft in Ungnade fort⸗ geſchickt worden war; aber immer noch zeigte ſich ihrer Er⸗ innerung hell und klar das Bild der Kinderſtube, wo ſie und Harry ſpielten, der kleinen Hoffnungen, die ſie mit einander getheilt, und der kleinen Täuſchungen, über die ſie zuſammen geweint hatten. Auch waren es dieſe zärt⸗ lichen Erinnerungen nicht allein, welche ihre Liebe geheiligt hatten; denn während Zeit, Trennung und Abweſenheit Schranken zwiſchen den andern Mitgliedern der Familie aufgerichtet hatten, waren Harry und Mabel gewohnt ge⸗ weſen, ſich alljährlich zu ſehen und oft wochenlang mit einander zu verkehren. Nicht nur trafen ſie ſich bei dem Jahresbeſuch bei der alten Mrs. Vaughan, ſondern Harry verlebte auch faſt ſeine ſämmtlichen Ferien im Hauſe der Mrs. Herbert, oder in einem Boardinghaus in der Nähe, — 29— ſo daß das glückliche Heimweſen, welches Mabel bei ihrer gütigen Lehrerin gefunden, für Harry, der gern während der Ferien hinging, faſt wie ein Vaterhaus ward. Eine längere Trennung als gewöhnlich zeichnete die zwei Jahre aus, welche der Bruder in Weſtpoint zuge⸗ bracht, aber dafür entſchädigte das Glück, welches Mabel bei der Bewillkommnung des jungen Cadetten bei ſeinem kurzen Urlaub empfand, und das von Stolz und Freude gemiſchte Gefühl, mit dem ſie ſich von ihren Schulkameraden Lobſprüche über ihren Bruder, den Offizier, zuflüſtern hörte. „Und als er einige Monate ſpäter an einem muthwilli⸗ gen Streiche theilnahm und plötzlich von der Militair⸗ akademie entlaſſen ward, gegen deren ſtrenge Geſetze er ver⸗ ſtoßen hatte, hörte Mabel bereitwillig ſeine Entſchuldi⸗ gungsgründe an, ließ ſich überzeugen, daß man ihm das ſchreiendſte Unrecht gethan, und liebte ihn deshalb nur um ſo mehr. Mr. Vaughan ließ ihn dann auf Reiſen gehen und zwei Jahre auf einer deutſchen Univerſität zubringen; als⸗ dann erlaubte er ihm, die Tour durch Europa zu machen — eine Tour, welche der Sohn über die urſprünglichen Abſichten des Vaters hinaus verlängert hatte, von der er aber jetzt unerwartet zurückgekehrt war. Dieſe lange Trennung von Mabel hatte ihn jedoch feſter an ſie gefeſſelt. Sie hatten in ununterbrochenem Briefwechſel geſtanden und ſie hatten ſich ohne Rückhalt darin ausgeſprochen, denn ihre Briefe enthielten nicht nur getreue Mittheilungen über Alles, was vorgefallen, nicht blos einen vertrauten Austauſch von Gedanken und Ideen, ſondern waren auch ein warmer Erguß gegenſeitiger Liebe. Es gab kein Fleckchen in der alten Welt, wo Harry hingekommen war, wo Mabel im Geiſte ihm nicht ge⸗ folgt wäre; keine Stadt, keinen Fluß oder Berg, der in ihrem Gedächtniß nicht als eine Stelle lebte, die Harry mit — 30— einem heitern Abenteuer, einem geſchichtlichen Gedanken oder einem Ruhmestraum verbunden hatte; und jeder Theil⸗ nehmer an ſeinen winterlichen Studien oder ſommerlichen Wanderungen ſtand von da an hoch in ihrer Achtung, weil er ihres Bruders Freund war. 1 So waren ſie von Kindheit auf in gegenſeitiger Liebe Eins geweſen und jedes Jahr hatte beigetragen, die Bande zu befeſtigen, welche gegenſeitige Hülfsbedürftigkeit und gegenſeitiges Vertrauen zwiſchen ihnen knüpften. Da Beide losgeriſſen waren von jedem andern Familienbande, hatten ſich der Friede, die gleichgeſtimmte Theilnahme und die ver⸗ trauende Liebe, die heiligen Einflüſſe des Vaterhauſes in ihrem Verhältniß zu einander vollkommener ausgebildet; und ſo bereitwillig Mabel war, die Anſprüche der übrigen Familienmitglieder anzuerkennen, ſo ſagte ihr doch das Herz, während ſie dem Vaterhauſe näher kam, daß blos Harry's Anweſenheit in demſelben es ihren Augen als ein Heimweſen erſcheinen ließ. Die erſte Nachricht von der Rückkehr ihres Bruders aus Europa empfing ſie in dem letzten Brief von ihrem Vater, worin er ſie eingeladen hatte, nach New⸗York zu kommen, um Harry dort zu begrüßen und bei den die Ver⸗ einigung der lange zerſtreuten Familie feiernden Feſtlich⸗ keiten den Vorſitz zu führen.„Ich kann es nicht ſo ein⸗ richten,“ ſchrieb er,„daß ich Dich auf einem Punkte Deiner Reiſe treffe; Du wirſt Dich aber freuen, zu hören, daß nicht nur Louiſe, die Kinder und ich ſelbſt Dich in New⸗ York begrüßen werden, ſondern daß auch Dein Bruder Harry ſich am Bord des Dampfers befindet, deſſen Ein⸗ treffen geſtern von Halifax gemeldet ward und der ſpäte⸗ ſtens morgen hier ankommen wird.“ 4 Es war ein unfreundlicher Herbſtnachmittag, als Mabel die Stadt erreichte. Sie war in Geſellſchaft einiger Be⸗ kannten Mr. Vaughans gereiſt, deren Anerbieten, ſie zu be⸗ dem ſolch ſchn Wo ten Herr Dan lehn ſteige nen von ein uman gewö Sabi 5 kiſch warm en il⸗ een eil ebe ide ind ide ten er⸗ in bet; gen das los ein ders prem k zu Ver⸗ lich⸗ ein⸗ einer daß New⸗ ruder Ein⸗ päte⸗ Nabel r Be⸗ u be⸗ — 31— gleiten, ſie gern angenommen hatte; und zum Unglück für ihre Hoffnungen auf einen herzlichen Empfang traf ſie einen Tag eher, als man ſie erwartet hatte, in New⸗York ein. Ein minder fröhliches und elaſtiſches Gemüth als das ihrige hätte ſich vielleicht abgekühlt gefühlt von dem nüchternen und düſteren Ausſehen des väterlichen Hauſes, als ſie zuerſt deſſen Schwelle betrat, von dem gänzlichen Schweigen, welches in der Vorhalle und in den Zimmern herrſchte, und von der ſteifen Feierlichkeit, mit der der ernſte und ältliche Bediente ſie empfing. Anfangs ſah ſie ſich allerdings einigermaßen beſorgt um, aus Furcht, ſich vielleicht in dem Hauſe geirrt zu haben, zumal da die hohe, ſteife Geſtalt einer ſchwarzgekleideten Dame oben an der Treppe eben verſchwand, wie Jemand, der ſich eilig vor dem Anblick von Gäſten zurückzieht. Mabel kannte keine“ ſolche Perſon in der Familie, und um ihre Zweifel zu be⸗ ſchwichtigen, wendete ſie ſich an den Bedienten mit den Worten:„Hier wohnt doch Mr. Vaughan, mein Vater?“ „Gewiß, Miß,“ entgegnete dieſer,„aber wir erwarte⸗ ten Sie erſt morgen.“ Eine hübſche Zofe trat jetzt heran, um ihrer neuen Herrin ihre Dienſte anzubieten, und gleichzeitig fing die Dame, welche ſich neugierig über das Treppengeländer ge⸗ lehnt hatte, an langſam und vorſichtig die Treppe herabzu⸗ ſteigen. Mabel blickte auf und erkannte zu ihrem Erſtau⸗ nen ihre Tante Miß Sabiah Vaughan, die letzte Perſon von der Welt, die ſie zu ſehen erwartet hätte. Froh jedoch, ein bekanntes Geſicht zu erblicken, eilte ſie ihr entgegen, umarmte ſie ſogar mit größerer Herzlichkeit, als ſie für gewöhnlich zu zeigen pflegte, und rief dabei aus:„Tante Sabiah! Wie freut es mich, Sie zu ſehen!“. Miß Vaughan erwiderte die Begrüßung, obgleich lin⸗ kiſch und mit ſichtbarer Anſtrengung, denn ſie war an ſo warme Gefühlsäußerungen nicht gewöhnt und fing an, unruhig an ihrem Kragen zu zupfen, den Mabel in ihrer Freude ein wenig in Unordnung gebracht hatte. Aber ob⸗ gleich ihr Benehmen etwas Gezwungenes hatte, verrieth doch ihr Geſicht Zeichen der Befriedigung, welche Mabel leicht entdeckte, die jede Veränderung kannte, deren die Mienen ihrer Tante fähig waren. Mabel wußte recht gut, daß auch ihre zitternde Unruhe nur die Folge wohlthuen⸗ der Aufregung war, und indem ſie herzlich die Hand ihrer Tante nahm, begleitete ſie dieſelbe hinauf, während die hübſche Zofe vorausging und die Thüren des Salons und des Toilettenzimmers öffnete, die Mr. Vaughan für ſeine Tochter beſtimmt hatte. „Wo aber ſind die Andern? Wo iſt Harry?“ fragte Mabel voll Eifer, nachdem ſie die Tante mit in das Zim⸗ mer gezogen und ſie nicht ohne Schwierigkeit überredet hatte, ſich zu ſetzen. 7 „Nun, wir erwarteten Dich erſt morgen, liebes Kind,“ entgegnete Miß Vaughan,„und Harry hat mit einigen jungen Leuten eine Partie ſtromaufwärts gemacht und wird erſt ſpät zurückkommen.“ 3 „Er iſt alſo angekommen? Er befindet ſich doch wohl?“ „Ja wohl! und ſo verändert, daß ich ihn kaum wie⸗ dergekannt habe.“ „O, wie ich mich ſehne, ihn zu ſehen!“ rief Mabel aus; und dann folgten Fragen und Antworten über die andern Mitglieder der Familie. Es war jedoch Niemand zu Hauſe und auch nicht Ausſicht, daß Jemand kommen würde, bis 6 Uhr, die gewöhnliche Speiſeſtunde Mr. Vaughans. So beſchwichtigte Mabel nicht ohne Mühe ihre aufgeregten Gefühle und beſchloß, die Zwiſchenzeit zu benutzen, um ihre beſtaubten Reiſekleider abzulegen, wobei ſie es ſich aber zur Bedingung machte, daß ihre Tante bei rer b⸗ eth bel die ut, en⸗ rer die und eine agte im⸗ edet nd,“ igen vird doch wie⸗ kabel r die nand umen Mr. Mühe eit zu vobei — 33— ihr bliebe und ihre Neugier über gewiſſe noch nicht aufge⸗ klärte Punkte befriedigte. Sie konnte ihr Erſtaunen nicht verbergen, Miß Vau⸗ ghan allem Anſchein nach als ordentliches Mitglied des Haus⸗ halts ihres Vaters vorzufinden, da doch ſein letzter Brief Zänzlich von ihr geſchwiegen hatte. Es ſtellte ſich heraus, daß Miß Sabiah erſt den Tag vorher in New⸗York an⸗ gekommen war und den ganzen Morgen mit dem Aus⸗ packen ihrer Koffer in einem Zimmer des obern Stockwerks zugebracht hatte, das ſie, als im abgeſchiedenſten Theile des Hauſes gelegen, demjenigen vorgezogen hatte, welches man ihr zuerſt angewieſen. Seit dem Tode der alten Mrs. Vaughan, ungefähr vor einem Jahre, hatte Sabiah in ihrem heimathlichen Dorfe gewohnt und war jetzt auf be⸗ ſondere Einladung ihres Bruders nach New⸗York gekom⸗ men, um in ſeiner Familie den Winter zu verleben. Sie zeigte ſich tief verletzt, als ſie erfuhr, daß Mabel gar nichts davon wußte, denn ſie glaubte, daß es ihrer Nichte als ein Ereigniß von einiger Wichtigkeit hätte mitgetheilt werden müſſen. Die arme Dame war in dieſer Welt vielfach ver⸗ nachläſſigt worden, aber war deshalb nicht weniger em⸗ pfindlich. Sie ſah auch unzufrieden und wie aus ihrem Element geriſſen aus; und weit entfernt, Etwas dazu bei⸗ zutragen, dem Hauſe einen freundlichen und heimiſchen Anſtrich zu geben, ſchien ihre Anweſenheit einen weit düſte⸗ reren Schatten in das Zimmer zu werfen, als derjenige war, welchen die allmälig eintretende Dunkelheit verbreitete. Mabels ſcharfer Blick und feines Gefühl ſahen und ver⸗ ſtanden den Seelenzuſtand ihrer Tante auf der Stelle; aber obgleich in ihren Erwartungen getäuſcht durch die Abweſenheit ihres Vaters und ihres Bruders und durch den froſtigen Empfang, den ſie gefunden, war doch ihre elaſtiſche Natur weit entfernt davon, ſich nutzloſem Be⸗ te bei dauern oder trüben Ahnungen hinzugeben. Im Gegen⸗ „ Mabel Vaughan I. 3 —y——— — 34— theil hob ſich ihre Stimmung mit der Nothwendigkeit, ſich anzuſtrengen, um einer Verwandtin, die ſie wirklich gern im Hauſe ſah, zu gefallen und ſie aufzuheitern, und ſie beeilte ſich, ihre Toilette zu vervollſtändigen und den Ge⸗ danken der Tante eine andere Richtung durch den Vorſchlag zu geben, ſie auf einer Rundreiſe durch das Haus zu be⸗ gleiten, welches die Jungfrau gar gern kennen zu lernen wünſchte. Alles war für Mabel neu. Mr. Vaughan hatte ſeine Wohnung vor Kurzem gründlich umbauen und vergrößern laſſen. Früher ihr wohl bekannte Zimmer waren zu andern von ganz verſchiedener Größe und Ein⸗ richtung geworden; und ſelbſt die Kinderſtube, wohin, wie Mabel glaubte, ſie ſchon der bloße Inſtinkt leiten würde, war von einem achteckigen Zimmer, von der Decke beleuch⸗ tet und offenbar zu einer Gemäldegallerie beſtimmt, ver⸗ drängt worden. Miß Sabiah, die noch weniger als Mabel an den Luxus und die Eleganz, gewöhnt war, auf die ſie bei jedem Schritt ſtießen, und welcher die Pracht des Hau⸗ ſes und der Einrichtung ihres Bruders ein bedrückendes Gefühl einflößten, empfand eine ordentliche Erleichterung, wenn ſie ſah, mit wie leichtem und unbekümmertem Schritt ihre Nichte über die ſammtenen Decken eilte, oder wie zu⸗ verſichtlich und unbefangen ſie in den verſchiedenen Zim⸗ mern die Jalouſien öffnete, die Vorhänge zurückſchlug und dieſem und jenem kleinen Möbel oder zur Ausſchmückung dienenden Gegenſtand einen andern Platz gab. Dunkel⸗ heit, Stillſchweigen und Düſter ſchienen vor ihr zu fliehen, und da auch der auf Miß Sabiah's Gemüth gefallene Schatten ſich allmälig zerſtreute, machte ſie endlich ihren Empfindungen durch den plötzlichen Aufruf Luft:„Es freut mich wirklich, Mabel, daß Du endlich gekommen biſt, um hier Manches anders einzurichten. Alles iſt freilich ſehr ſchön, aber es iſt mir ſehr langweilig vorgekommen und ich glaube, meinem Bruder auch, denn er bleibt beſtändig ——,-—— im Bibliothekzimmer unten zur ebenen Erde und ſagte mir geſtern, daß er ſeit der neuen Einrichtung noch gar nicht in den Salon gekommen wäre. Was Harry betrifft, ſo i*ſt er kaum nach Hauſe gekommen, ſeitdem er da iſt. Dein Vater fragte ihn beim Frühſtück, wie ihm das Haus ge⸗ fiele. Seine Antwort verletzte mich und doch konnte ich mich nicht ſehr darüber wundern.“ „Was ſagte er?“ fragte Mabel. „O, es käme ihm ziemlich ſo vor, wie jede andere alte Gruft; und Dein Vater lachte und ſagte: nun, wenn „Mabel kommt, wird ſie ſchon ein wenig Heiterkeit hinein zu bringen wiſſen.“ Und Mr. Vaughan hatte wahr geſprochen. Bereits hatte das friſche, jugendliche Leben ſeiner Tochter ſeinen zauberiſchen Einfluß auszuüben begonnen. Bereits hatten die Zimmer das heitere Ausſehen angenommen, welche Jugend und Geſchmack ſo trefflich mitzutheilen verſtehen. Bereits hatten die Säle und Gemächer mehr als einmal von ihrem frohen und herzlichen Lachen widergehallt. Und ſelbſt Miß Sabiah's ſtrenges und bewegungsloſes Geſicht verzog ſich manchmal zu einem Lächeln, während ihr trübes Auge Etwas von dem Leben widerſpiegelte, welches in dem ihrer Nichte leuchtete. Selbſt die Dienerſchaft ſchien den* Eindruck ihrer Anweſenheit zu fühlen, wie ſie ihre frohe Stimme hörte, während ſie durch die Zimmer eilte. Die ſchmucke Zofe trippelte unbefangener und mit leichterem Herzen durch die Gemächer, und ſelbſt der ernſte Bediente ſummte ein Liedchen, das ihm ſeit ſeinen Knabenjahren nicht eingefallen war, vor ſich hin, während er die Tafel zum Mittagsmahl deckte. Gewiß gibt es keinen erquickenderen Sonnenſchein als denjenigen, welchen ein glückliches jugendliches Herz um ſich verbreitet. „Und jetzt Ihr Lieblingslied, Tante Sabiah,“ rief 3* Mabel aus, wie ſie das große Pianoforte aufmachte und davor Platz nahm.„Niemand lobt meinen Geſang ſo wie Sie.“ Und die Jungfrau fing an, ein einfaches Lied zu ſpielen, das ſie vor vielen Jahren in einem alten No⸗ tenbuch bei ihrer Großmutter gefunden und oft zu der Be⸗ gleitung eines alten, verſtimmten Inſtruments zur beſon⸗ dern Befriedigung ihrer Tante geſungen hatte. Zu ſingen war für Mabel ſo natürlich, wie zu lachen, und daß ſie gerade das Lied wählte, von welchem ſie wußte, daß es ihrer Zuhörerin am meiſten gefallen würde, war nicht ſo außerordentlich und wol nicht allein auf Rechnung zarter Rückſichtsnahme zu ſchreiben. Aber auf die Empfindungen Miß Sabiah's wirkte es unwiderſtehlich; und wie noch vor einem Augenblick die muntern Einfälle ihrer Nichte ein Lächeln auf ihre gramgefurchte Wange gelockt hatten, ſo trat bei dieſem einfachen Beweis liebevoller Erinnerung in ihr Auge eine einſame Thräng, die ſie ungeſehen weg⸗ wiſchte. Welche wunderwirkende Macht mußte das Mäd⸗ chen beſitzen, das Lächeln und Thränen aus dem verwelkten Herzen heraufbeſchwören konnte, dem ſeit langer Zeit jedes warme Gefühl fremd geworden zu ſein ſchien! Ohne ſich der Wirkung ihrer Muſik bewußt zu ſein, hatte Mabel nur wenige Verſe geſungen, als ſie aufſprang und ausrief:„Ich höre meinen Vater ſprechen!“ und im nächſten Augenblick war ſie die Treppe hinunter ihm ent⸗ gegen geſprungen. Er war nicht in der Vorhalle, ſondern die wohlbekannten Töne kamen aus der Bibliothek, deren Thür offen ſtand. Ein Wort freudigen Willkommens entſchlüpfte Mabels Lippen auf der Schwelle des Zimmers; aber der Anblick eines Fremden, der bei der Thür ſtand, während der Vater ihr den Rücken zukehrte und einen Se⸗ kretair am andern Ende der Bibliothek aufſchloß, brachte ſie plötzlich zum Stillſtehen. Mr. Vaughan drehte ſich jedoch, als er ihre Stimme hörte, um, warf eine große 1 — 37— Rolle Papiere, die er eben aus dem Schrank genommen, auf den Tiſch, kam ihr mit überraſchtem Geſicht entgegen, ſchob die Brille auf die Stirn, als wollte er ſich vergewiſ⸗ ſern, daß die Gläſer ihn nicht täuſchten und rief aus, während er ihr bewillkommnend die Hand entgegenſtreckte: „Mabel? meine Tochter! iſt es möglich! mein Gott, wo kommſt Du her?“ Mabel antwortete nur mit einem frohen Lächeln; denn ehe ſie ihm die Urſachen ihrer unerwarteten Ankunft aus⸗ einanderſetzen konnte, wurde ſie gewahr, daß, nachdem das erſte Erſtaunen vorüber war, die Anweſenheit eines Unbe⸗ kannten ihren Vater verlegen machte. Mabel theilte dieſes Gefühl, denn ihr Vater ſtellte den Fremden nicht vor, der ein Agent zu ſein ſchien, da er unterdeſſen die Papiere auf⸗ gerollt und auf den Tiſch eine Anzahl Karten und Pläne ausgebreitet hatte, die er fleißig ſtudirte. „Sie ſind beſchäftigt,“ ſagte Mabel halblaut.„ Ich will wieder zu der Tante gehen.“ Ihr Vater zögerte, warf einen Blick auf den Fremden, aber hielt immer noch ihre Hand feſt. In demſelben Augenblick ſtellte der Fremde, welcher geſchäftig in den Karten herumwühlte und in Eile zu ſein. ſchien, eine plötzliche Frage über die Größe und den Werth eines gewiſſen Grundſtücks, und wie Mr. Vaughan ſich zu ihm wendete, um ihm zu antworten, ſchlüpfte Mabel unbe⸗ merkt aus dem Zimmer. Miß Sabiah hatte ſich eben entſchloſſen, ihrer Nichte die Treppe hinunter zu folgen, als ſie ihr unterwegs be⸗ gegnete. „Der Vater iſt beſchäftigt,“ ſagte Mabel erklärend; „wir wollen wieder hinaufgehen und das Lied ausſingen.“ Das Lied war zu Ende und verſchiedene andere waren ihm nachgefolgt, als Mabel, welche zwiſchen jedem eine Pauſe gemacht hatte, um zu hören, ob der Fremde fort ſei, — 38— endlich erklärte, daß er gegangen ſein müſſe, und nun be⸗ gleitete die Tante ſie auf ihr Zureden nach der Bibliothek. Sie ſollte jedoch abermals getäuſcht werden und das krän⸗ kende Gefühl empfinden, ein Eindringling zu ſein. Die Karten lagen immer noch auf dem Tiſch ausgebreitet, und als Mabel in das Zimmer trat, mußte ſie glauben, von ihrem Ohr getäuſcht worden zu ſein, denn Mr. Vaughan war immer noch eifrig mit der Prüfung derſelben beſchäf⸗ tigt, und bei ihm war noch ein Anderer, der ſich ebenfalls über die Pläne beugte, ſo daß man ſein Geſicht nicht ſehen konnte und den zuerſt Mabel für denſelben hielt, den ſie noch vor wenigen Augenblicken ihrem Vater gute Nacht hatte wünſchen hören. Er war jedoch ihr Schwager, Mr. Leroy, deſſen Kom⸗ men ſie überhört hatte und der jetzt bei ihrem Eintreten ſich erhob und ſie herzlich begrüßte, obgleich mit etwas ab⸗ weſender Miene; ſo zerſtreut war er, daß er Miß Sabiah gar nicht bemerkte, bis Mr. Vaughan ſie zweimal als ſeine Schweſter vorgeſtellt hatte, und ſelbſt dann entging ihm die eiſige Kälte, mit der ſie ſeine gezwungene und gleich⸗ gültige Verbeugung erwiderte. Er war unruhig und be⸗ fangen; und nachdem er einige höfliche Fragen über Ma⸗ bels Geſundheit und Reiſe geſtellt hatte, lag es ihm offen⸗ bar ſehr am Herzen, wieder an die Arbeit zu gehen, die ihn und Mr. Vaughan bis dahin in Anſpruch genommen hatte. Letzterer aber ſprach ſich dagegen aus, ſehr zur Erleich⸗ terung Mabels, die bereits mit faſt eiferſüchtigem Auge dieſe wichtigen Karten zu betrachten anfing, welche ihr als eben ſo viele Schranken zwiſchen ihr und ihrem Vater, als eben ſo viele der ihr zukommenden Beachtung und Theil⸗ nahme abbruchthuende Anſprüche erſchienen.„Jetzt nicht, Leroy,“ ſagte er im entſchiedenen Tone, indem er die Pa⸗ piere bei Seite ſchob und die Brille abnahm.„Mabel iſt F — 39— 7 eben erſt angekommen— ich habe ſie kaum geſehen. Mor⸗ gen werde ich Zeit haben und dann können wir einen Ent⸗ ſchluß faſſen; aber was dieſe Actien betrifft—“ und nun folgten ein paar haſtige Worte im leiſen Tone, welche Mr. Leroy mit einem raſchen, aber nachdrücklichen Kopfnicken beantwortete, worauf er ſofort ſeinen Hut nahm, um zu gehen. Mabel erkundigte ſich nach ihrer Schweſter.„Sie wird wol unter den Händen des Friſeurs ſein,“ war die Antwort.„Ich glaube, ſie geht heute zum Ball bei Mrs. D.“ Mabel ſprach die Hoffnung aus, ſie den nächſten Tag bei ſich zu ſehen, wenn ſie nicht zu müde wäre, und Mr. Leroy verabſchiedete ſich, nachdem er noch eine Einla⸗ dung zum Diner ausgeſchlagen. Mr. Vaughan nahm die zerſtreuten Papiere zuſammen, legte ſie in den Sekretair, verſchloß ihn, und wie er den Schlüſſel in die Taſche ſteckte, nahm ſein Geſicht eine be— friedigte und erleichterte Miene an, welche zu ſagen ſchien, daß es jetzt mit dem Geſchäft vorbei ſei und daß er nun die Geſellſchaft ſeiner Schweſter und ſeines Kindes genießen wolle. Er war von Natur nicht geſprächig und Mabel war nie in ſeiner Geſellſchaft geweſen, ohne ſich bewußt zu wer⸗ den, daß er außer Stande war, einen lebendigen Ideenaus⸗ tauſch im Gang zu halten. Er gehörte zu der zahlreichen Klaſſe von Leuten, die ſich an ihrem eigenen Heerde am unbefangenſten hingeben und die nie ſo vortheilhaft er⸗ 1 ſcheinen, wie in der Vertraulichkeit ihres häuslichen Kreiſes. Er hatte auch mancherlei über Mabels Reiſe, ihre Reiſe⸗ gefährten und die Stunde ihrer Ankunft zu fragen; und wie er am Kamin Platz nahm und ſte zugleich mit einem erfreuten und zärtlichen Blick anſah, fühlte ſie ſich aufge— muntert, ihn mit der Unbefangenheit und Vertraulichkeit eines Lieblingskindes anzureden. Sie wußte auch allmä⸗ lig ihre Tante in die Unterhaltung zu ziehen, die ſehr bald lebhaft wurde, und es dauerte nicht lange, ſo ſah die kleine — 40— faſt unerwartet vereinigte Gruppe ganz wie ein Familien⸗ kreis im vertraulichen Gedankenaustauſch aus. Die ſtolze Befriedigung, mit welcher Mr. Vaughan heute an ſeiner Tafel den Vorſitz führte und auf einmal alle Freuden der Häuslichkeit fühlte, die er ſo lange ent⸗ behrt hatte und die ihm ſeine zunehmenden Jahre nur um ſo wünſchenswerther machten, ließ ſich nicht erkennen. Die ruhige Würde und Gemeſſenheit, welche ſeinem Charakter ihr Hauptgepräge gaben, konnten nicht ganz das freudige Behagen verbergen, mit welchem er ſich wieder im Kreiſe ſeiner Familie fühlte. Unter dem Schleier gemeſſener Höf⸗ lichkeit gegen Miß Sabiah blickte kein geringer Grad brü⸗ deerlicher Liebe hervor; und obgleich ſeine Stimme mit offenbarem Behagen bei den Worten„meine Tochter“ ver⸗ weilte, ſo verrieth doch ſein mildes Auge, wie es auf Mabel ruhte, einen tiefern Quell. väterlicher Liebe, als in ſeinen Worten Ausdruck finden konnte. Nicht weniger zu erkennen war der freudige Strahl, der Miß Sabiah's Züge erhellte, als Mabel darauf beſtand, daß ſie den Ehrenplatz, ihrem Vater gegenüber, einnehme. Die ältere Dame wollte ihn mit linkiſcher Demuth räumen, aber Mabel erklärte es für ganz unmöglich, daß ſie ihn ein— nehmen könnte und verſicherte ihrer Tante, daß ſie allein berechtigt ſei, den Vorſitz zu führen. Mr. Vaughan war viel zu wohl erzogen, als daß er Etwas zur Entſcheidung des freundſchaftlichen Streites hätte ſagen ſollen, was er auch dabei denken mochte; und die Bereitwilligkeit, mit welcher Mabel ſo den höhern Anſprüchen ihrer Tante ent⸗ gegenkam, ſchmeichelte ihrem leicht beleidigten und miß⸗ trauiſchen Stolz und war ein lindernder Balſam für Ge⸗ fühle, welche in ihrem frühern Leben oft verletzt worden waren. Harry allein fehlte noch zum vollſtändigen Glück der Familie.„Bleibe nicht ſeinetwegen auf, Mabel,“ ſagte — — — 41— Mr. Vaughan, als er nach dem Eſſen Anſtalt machte, aus⸗ zugehen.„Auch meinetwegen nicht,“ fuhr er fort;„ich will um neun Uhr mit Jemand zuſammentreffen und werde erſt ſpät nach Hauſe kommen. Du wirſt müde von der Reiſe ſein und morgen genug zu thun bekommen. Louiſe wird Dich wahrſcheinlich auf eine große Rundreiſe durch die Läden mitnehmen, und Harry hat jedenfalls auch den Kopf voll von Plänen.“ Abermals ſich ſelbſt überlaſſen, kehrten Mabel und Miß Sabiah nach der traulichen und gut erleuchteten Bibliothek zurück, und nachdem Erſtere auf einem niedrigen Sitz neben ihrer Tante Platz genommen, bat ſie dieſelbe, ihr ihre ein⸗ ſame Reiſe nach der Stadt zu erzählen, deren Einzelnheiten ſie noch nicht kannte. Erfreut und geſchmeichelt, eine ſo bereitwillige Zuhö⸗ rerin für mehrere kleine Mißgeſchicke des vergangenen Tags zu finden, erzählte Miß Sabiah dieſelben ausführlich und fand in Mabel eine dankbare Zuhörerin. In kürzerer Zeit, als Miß Sabiah zur Erzählung ihrer Reiſeabenteuer brauchte, wollen wir einen Blick auf ihre Lebensgeſchichte werfen. Das Leben einer alten Jungfer! Eine Wüſte, eine Leere, ein unbeſchriebenes Blatt für den Leichtſinnigen, den Gedankenloſen, den oberflächlichen Beobachter. Aber kann das eingeweihte Auge, das gewiſſenhaft ſeine vergan⸗ gene, ſeine gegenwärtige und ſeine zukünftige Erfahrung prüft, nicht darin eine Welt von ſtarken Neigungen, wider⸗ ſtreitenden Pflichten, ſchweren Sorgen und geſchäftigen Erinnerungen entdecken, deren lange Reihe nur in einem einzigen Menſchenherzen im Geheimen aufgezeichnet iſt? Sabiah Vaughan war das jüngſte von drei Kindern und hatte außer ihrem Bruder noch eine Schweſter, die einige Jahre älter war als ſie. Ihr Vater war ein wohl⸗ habender und wohlangeſehener Mann in ſeiner eigenen — 42— Heimath, ein geachteter Handelsmann und während der letzten Jahre ſeines Lebens Vorſitzender der Bank des Dorfes. Ihre Mutter war eine ausgezeichnete Wirth⸗ ſchafterin, etwas herriſch in ihrem Weſen und ehrgeizig in ihren Beſtrebungen. Dieſer Ehrgeiz galt vornehmlich dem Emporkommen ihrer Kinder im Leben oder fühlte ſich ver⸗ hältnißmäßig befriedigt, als ihr Sohn ein reicher Kauf⸗ mann ward und ihre älteſte Tochter einen vermögenden Mann heirathete und nach einer benachbarten Stadt zog. Sabiah war noch jung und konnte eine Weile warten; oder wie ihre Mutter gelegentlich gegen ihre Nachbarn äußerte:„jetzt, da John ſich ſo wohl befindet und Mar⸗ garethe ein ſo gutes Unterkommen gefunden hat, fühle ich mich wegen meiner Familie ganz beruhigt; wegen Sabiah's Verheirathung bin ich nicht ängſtlich, oder wenn ſie hei⸗ rathen will, ſo hat ſie Zeit genug, ſich umzuſehen und eine ſo gute Partie zu machen wie ihre Schweſter.“ Aber leider war bereits ein Hinderniß vorhanden, welches Sabiah abhielt, das zu machen, was ihre Mutter eine gute Partie nannte. Während der Jahre, in welchen Miß Vaughans Gedanken hauptſächlich mit der Begrün⸗ dung des Glugks ihrer andern Kinder beſchäftigt geweſen war, hatte Sabiahe ihre Neigung einem Manne geſchenkt, deſſen Armuth ſein einziger Fehler war. Aber er war ein tüchtiger Gelehrter und obgleich der Vater ein wenig be⸗ mittelter Farmer war, beabſichtigte der Sohn, ſich zum geiſtlichen Amte vorzubereiten; und Sabiah dachte nicht daran, daß ſie die Würde ihrer Familie beeinträchtigen könnte, wenn ſie die Frau eines Predigers würde. Als daher das Mädchen in der Einfachheit ſeines Herzens die Mutter ins Vertrauen zog, war es ebenſo erſtaunt als ſchmerzlich betroffen, nur eine Fluth von Vorwürfen zu hören. Die Nutter erinnerte die Tochter an den Reich⸗ thum des Bruders, an die hohe Stellung der Schweſter 4 2 v — 43— und fragte, ob ſie durch ihre Verheirathung mit einem Bettler Unehre auf das väterliche Haus bringen wollte. Sie mußte widerwillig zugeben, daß Jahre vergehen wür⸗ den, ehe ihr Geliebter und ſie vernünftigerweiſe hoffen konnten, zu heirathen, und empfing zuletzt von beiden Eltern ſtrengſten Befehl, ſofort ein Verhältniß abzubrechen, dem ſie nie ihre Zuſtimmung geben konnten. Sabiah war ein Mädchen von ſanftem Charakter. Sie hatte von Kind auf gelernt, ihren Eltern unbedingt ge⸗ horſam zu ſein. Sie wagte nicht, den halblauten Zu⸗ flüſterungen Gehör zu ſchenken, welche die Ausübung der elterlichen Gewalt in dieſem Falle elterliche Tyrannei nannten, und nachdem ſie wenige Monate bei dem, was die Familie mit einer Stimme trotziges Feſthalten an thörigten Entſchlüſſen nannte, beharrt hatte, erklärte ſie zuletzt wi⸗ derwillig, ſich ihren Entſcheidungen fügen zu wollen. Daß ihr Herz nicht treulos war, bewies jedoch die Trauer vieler Jahre. Ihr Geliebter verließ ihr Dorf kurz nachdem er auf ſo kränkende Weiſe verabſchiedet worden, bereitete ſich für das Predigtamt vor und heirathete ſchließlich eine Andere. Sabiah blieb in ihres Vaters Haus, erfüllte mit ſtiller Geduld die Pflichten einer Tochter und rang mit einem Schmerz, der ſie nur mit ihrem Leben verlaſſen ſollte. Auch nahmen der Gehorſam und die Ehrerbietung, welche die Tochter zum größten aller Opfer vermocht hatten, nicht ab während der vielen Jahre harter Entbehrung und ſtrenger Prüfung. So lange ihr Vater lebte, war ihre Hingebung für ihn höchſt muſterhaft; eine Hingebung, die eine harte Probe während der Monate ſchmerzhafter Krank⸗ heit beſtand, welche ſeinem Tode vorausging, eine Zeit, in welcher Sabiah's Geſicht bleich wurde und ihr Körper von beſtändigem angſtvollen Wachen hinſiechte. Während dieſer Zeit geriethen auch des Vaters Angele⸗ — 4— genheiten einigermaßen in uUnordnung und durch ſeinen Tod verloren die Wittwe und ihre Tochter vollſtändig ihre ge⸗ wohnten Subſiſtenzmittel, und ihr ganzes Beſitzthum be⸗ ſtand in dem Hauſe und einigen Ackern unfruchtbares Land. „Sie werden jedoch ganz gut auskommen,“ ſagten die Nachbarn;„John wird ſeiner Mutter Etwas ausſetzen, und Margarethe iſt reich.“ Und als im Verlauf der Jahre Sabiah hinfällig ward und ihr Haar ergraute und die Gevatterinnen des Dorfs die Bemerkung machten, daß ihr Weſen täglich mürriſcher werde, ſo ſagten ſie zu einan⸗ der:„worüber mag ſich nur Sabiah Vaughan bei ihrer behaglichen Häuslichkeit und dem ſtillen Leben, das ſie führt, grämen und ärgern? Wenn ſie einen Mann hätte, der Viel von ihr verlangte, oder Kinder, die kränklich und ungezogen wären, oder eine große Milchwirthſchaft beauf⸗ ſichtigte, wie ich, ſo konnte ich mir denken, warum ſie dann und wann grämlich iſt oder alt und bekümmert ausſieht, aber ſo, da nichts in der Welt, ihr eine Sorge macht, hat ſie keinen Grund für ihre Verdrießlichkeit.“ War es alſo Nichts, daß zehn lange Jahre hindurch Sabiah's eintöniges Daſein keine andere Abwechſelung ge⸗ habt hatte, als die kleinlichen und ärgerlichen Sorgen und Einſchränkungen, welche Abhängigkeit und ein knappes Einkommen vorſchreiben? War es Nichts, daß ſie während der ganzen Zeit fortwährend durch das herrſchſüchtige Tem⸗ perament ihrer Mutter geprüft worden war, welches ſeit dem Tode ihres Gatten keine Schranke mehr anerkannte? War es Nichts, daß alle ihre pflichteifrigen Anſtrengungen und täglichen Opfer kein Lob bervorriefen, während jedes Verſäumniß und jede Nachläſſigkeit eine Rüge fand, als wäre ſie noch ein Kind? War es Nichts, daß, während die mit Prahlerei dargebrachten Geſchenke ihres reichen Bruders und ihrer geldſtolzen Schweſter mit ihrem Werth in gar keinem Verhältniß ſtehende Dankſagungen hervor⸗ ———,, 35 riefen, ihre ein ganzes Leben hindurch geleiſteten Dienſte mit Kälte und Gleichgültigkeit aufgenommen wurden, und daß, während der Reichthum und die geſellſchaftliche Stel⸗ lung dieſer mehr vom Glück begünſtigten Verwandten ein ſtehendes Thema für die ſich ſtets ſelbſt Gluͤck wünſchende alte Dame waren, von den Ausſichten Sabiah's ſelten anders, als um den Gegenſatz noch ſchärfer hervorzuheben, geſpro⸗ chen ward? Wenn mit einfachem Glauben und kindlicheu Ver⸗ trauen ihr einſames Herz Frieden in Dem hätte finden können, der ſolche Opfer nicht vergeblich auferlegt, ſo hät⸗ ten dieſe äußerlichen Prüfungen vielleicht nicht die Macht gehabt, ihren innerlichen Frieden zu ſtören, aber ſo wie ſie, während ſie ihren irdiſchen Eltern gehorchte, des großen Troſtes und der Erquickung entbehrt hatte, welche ſich in irdiſcher Liebe finden, ſo erkannte ſie auch nicht, während ſie nicht laut gegen das ihr von dem himmliſchen Vater zugetheilte Loos murrte, in ihm die Hand göttlicher Liebe. Durfte man ſich daher wundern, wenn ihr Herz kalt wurde? Oder daß ſie, nachdem ihre Liebe unbefriedigt ge⸗ blieben und ihre Sympathien abgeſtumpft wurden, reiz⸗ bar, mißtrauiſch und verſchloſſen wurde? Sie hatte aus einem bittern Kelch getrunken und die Galle war ihr ins Herz gedrungen. Dieſes Herz war jedoch nicht ganz erkaltet. Seine Fähigkeit, zu empfinden, war nicht ganz zerſtört. Eine kleine Oaſe war in der Wüſte, ein kleiner Brunnen des Lebens und der Hoffnung inmitten der Wildniß. Es war der einzige, aber ſeine Quelle lag tief und ſeine Kraft reichte aus, das Ganze fruchtbar zu machen; denn immer noch gab es ein Weſen auf der Welt, an deſſen Wohlfahrt Sabiah mit Zärtlichkeit und Liebe theilnahm. Und dies war Mabel. Seltſam genug war dieſe Liebe für das Kind ihres . — Bruders eng mit der tiefen Ehrfurcht und Achtung vor den Eltern verbunden, welche einen ſo hervorſtechenden Zug in Sabiah's Charakter bildeten und welche Jahre der Un⸗ gerechtigkeit nicht hatten verwiſchen können. Denn der Umſtand, daß das Kind nach ſeiner Großmutter Vaughan genannt ward, gab ihm zuerſt einen Anſpruch auf Sabiah's Liebe. Die Kleine ſchien dadurch in eine nähere Verbin⸗ dung mit dieſem Zweig der Familie zu treten und ſie von den der feinen Welt angehörigen Bekannten ihrer Mutter zu trennen, die Sabiah mit einer Miſchung von Reſpect und Abneigung betrachtete. Außerdem war ſie durch die Verhältniſſe ihrer Kinder⸗ und Schuljahre von allen Fami⸗ lienbanden und Vorurtheilen frei geblieben, ſo daß die Tante leidliche Ausſicht hatte, ſich einen Antheil an dem Herzen der Kleinen zu ſichern. Dieſe hervorſtechende Vorliebe für Mabel litt auch nicht im Mindeſten während der periodiſchen Beſuche bei ihrer Großmutter, von denen wir bereits geſprochen haben. Sie war alsdann ganz der Obhut ihrer Tante überlaſſen und genoß faſt ausſchließlich ihre Geſellſchaft, vornehm⸗ lich während der letzteren Jahre, wo Harry ſeine Schweſter nicht mehr begleitet hatte. Und Sabiah hieß die Obhut willkommen, welche ihre einzige Liebesarbeit während des ganzen Jahres war, und freute ſich des Zuſammenſeins, das ihr ſonſt einförmig ſtilles Leben abwechſelte und erhei⸗ terte, während mit jedem neuen Sommer ihr Herz ſich dem Kinde mehr näherte.— Mabel unterließ nicht, dieſe Freundſchaft anzuerkennen und dieſe Liebe zu erwidern. Allerdings fühlte ſie ſich oft von ihren Beſuchen gelangweilt und ſehnte ſich, zu ihren Schulkameraden zurückzukehren, denn Miß Vaughans Haus bot wenig Zerſtreuung für jugendliche Gemüther dar. Aber demungeachtet hatte Sabiah die Genugthuung zu ſehen, daß ſie einen Platz in dem Herzen ihrer Nichte gefunden — n —*——— — 47— hatte; und in dieſer wohlthuenden Ueberzeugung beſtärkte ſie die Thatſache, daß, wie Mabel in das Jungfrauenalter trat, ſie nicht nur Befriedigung, ſondern auch Vergnügen an ihrer Geſellſchaft zu finden ſchien, und ihre Dankbar⸗ keit und Liebe außerdem noch vielfach durch Worte, Briefe und Zeichen der Erinnerung bethätigte. Wie tief dieſe Worte ſich in Sabiah's Herz einprägten, wie oft die Tante dieſe Briefe las und wieder las und mit wie zäͤrtlicher Sorgfalt ſie dieſe Geſchenke aufhob, ahnte Mabel nicht. Ebenſowenig ahnte ſie, daß eine innige Liebe zu ihr die einzige grüne Stelle in einem verwelkten Herzen war; daß es nur auf ſie ankam, dieſes Herz eine Wildniß bleiben zu laſſen oder es wie eine Roſe aufblühen zu machen. Wie leicht ſie jetzt die Verantwortlichkeit trägt; und doch erfüllt ſie unbewußt zum Theil ſchon ihre Aufgabe, wie ſie mit aufmerkſamen Geſicht emporblickt und ein williges Ohr einer Erzählung von kleinen Unfällen und Widerwärtig⸗ keiten leiht, während ihre ſchönen und ausdrucksvollen Ge⸗ ſichtssüge bei dem wechſelnden Schein des Feuers ihre warmherzige Theilnahme an der Geſchichte zu erkennen geben! Viertes Capitel. Wie lächelt ihr die Welt— ſie kennt noch nicht Die Launen ihrer Unbeſtändigkeit; Nur Sonnenſchein und Blumen winken ihr, Und freudig Lob tönt nur um ihren Pfad. Mrs. Hemans. So vergingen zwei oder drei Stunden. Die Erfahrungen Miß Sabiah's aus den letzten Tagen waren vollſtändig erzählt, Erinnerungen aus„früherer Zeit waren herauf⸗ beſchworen und beſprochen worden, und jetzt fing die ältere Dame an, durch unverkennbare Zeichen ihre Müdigkeit zu verrathen. Mabel, obgleich ebenfalls etwas erſchöpft, wollte nicht an Schlaf denken, ehe ſie Harry geſehen hatte; aber aus mitleidiger Theilnahme für ihre Tante, die ſchon ein oder zwei Mal ein wenig eingenickt war, ſchlug ſie ihr vor, zu klingeln, ſich zu erkundigen, ob das Gas oben ange⸗ zündet ſei, und dann ihre Zimmer aufzuſuchen. Innerlich war ſie entſchloſſen, nach der Bibliothek zurückzukehren und auf Harry's Kommen zu warten, ſo wie ſie ihre Tante nach ihrem Zimmer gebracht und ſich vergewiſſert hatte, daß für alle ihre Bedürfniſſe geſorgt war. Aber ſie ſagte nichts von ihrem Vorhaben und ſtand auf, um einen Bedienten zu rufen, als Sabiah ihrem erſten Vorſchlag beigeſtimmt hatte. In demſelben Augenblick ertönte die Klingel an der Hausthür und Mabel, die geſpannt auf die Tritte ;t ihres Bruders lauſchte, hörte heiteres Lachen und verſchie⸗ dene muntere Frauenſtimmen. Gleich darauf traten, von einem Diener geleitet, mehrere Damen in Mänteln und voller Abendtoilette ohne Umſtände in das Zimmer, ſehr zum Erſtaunen Mabels und zur Verwirrung ihrer Tante, deren Schläfrigkeit ſogleich vor der Ankunft dieſer uner⸗ warteten und ihr unwillkommenen Gäſte verſchwand. Mabels erſter Blick auf ihre Gäſte verrieth nur Ueber⸗ raſchung und Verlegenheit, aber ihr Geſicht fing an vor Freude zu ſtrahlen, als ſie Mrs. Leroy erkannte. Dieſe, über die Verwirrung, welche ihre Erſcheinung hervorge⸗ bracht, lächelnd, begrüßte ihre junge Schweſter in einer Weiſe, welche zugleich liebreich und von anmuthiger Ele⸗ ganz war. Alsdann wendete ſie ſich zu der Tante, welche eine ſteife Stellung vor dem Sopha behauptete und berührte ihre Fingerſpitzen leichthin und mit einer gleichgiltigen Miene, während ſie zugleich ihre Kleidung und ihre Geſtalt mit einem etwas geringſchätzigen Blick muſterte. Unterdeſſen nahmen ihre Begleiterinnen Mabels Auf⸗ merkſamkeit in Anſpruch. Die Eine, eine Dame von mittlern Jahren in einem Brokatkleid von bunten Farben und mit weißen Straußfedern im Haar, wartete die Cere⸗ monie des Vorgeſtelltwerdens gar nicht ab, ſondern erklärte, daß dies bei ihr ganz überflüſſig ſei, da ſie die Neuan⸗ gekommene ſchon um ihrer lieben Mutter willen und eben⸗ ſo um Louiſens, ihrer vertrauteſten Freundin willen liebe. Sie ſtellte dann ihre Tochter vor, eine ſylphenartige Ge⸗ ſtalt in Tarlatan, welche Mabels Hand mit einer Wärme drückte, die eine Bürgſchaft für die Freundſchaft zu ſein ſchien, welche, wie ihre Mutter hoffte, lange zwiſchen ihnen beſtehen würde. Mabel war ſowol erfreut, wie geſchmeichelt. Sie glaubte, ſie hätten den Ball frühzeitig verlaſſen, um ſie auf dieſe unceremoniöſe und herzliche Weiſe zu begrüßen, und Mabel Vaughan I. 4 — 50— kam ihnen mit einem entſprechenden Grad von Lebhaftigkeit und Intereſſe entgegen. Während ſie immer noch in der Thür ſtanden und die Aufregung, welche ihr Eintritt verurſachte, ſich noch nicht ganz gelegt hatte, hörte man wieder die Klingel und dies⸗ mal vernahm Mabel ganz deutlich Harry's Schritte in der Vorhalle. Da in demſelben Augenblick der vertraute Ton ſeiner Stimme an ihr Ohr ſchlug, vergaß ſie die Höflich⸗ keit über einer plötzlichen und freudigen Aufwallung, und ohne ihren Gäſten ein Wort der Erklärung oder Entſchul⸗ digung zu ſagen, eilte ſie haſtig aus dem Zimmer. Erſtaunt ſahen ſich die Zurückgebliebenen an; aber ſie brauchten ſich über den Grund ihres Benehmens nicht lange in Vermuthungen zu erſchöpfen, denn ehe Louiſe folgen konnte, um die Urſache der Aufregung ihrer Schweſter zu erfahren, kehrte Mabel am Arm ihres hochgewachſenen und ſchönen Bruders zurück, der, die Anweſenheit von Gäſten nicht ahnend, ſie ſcherzend an die Stelle des Zimmers zog, wo das Licht am hellſten ſtrahlte und dort, nachdem er ihre Züge mit offenbarer Befriedigung und manchem Ausruf der Ueberraſchung und Freude gemuſtert, zuletzt ſeine Bil⸗ ligung mit mehrern herzlichen Küſſen beſiegelte. Mrs. Vannecker, die ältere von Mrs. Leroy's Beglei⸗ terinnen, verrieth jetzt ihre Anweſenheit durch ein lautes und lärmendes Lachen, in welches ein leiſes Kichern ihrer Tochter einfiel, während Louiſe in einem Tone, in welchem ſich Erſtaunen, wenn nicht Tadel, ausrief: „Aber Harry, Du biſt ſehr zärtlich!“ Ohne ſich jedoch durch die Anweſenheit von Zeugen verlegen zu fühlen, begrüßte Harry die Damen voll Unbe⸗ fangenheit, wobei er immer noch ſeine erröthende Schweſter bei der Hand hielt. Mrs. Vannecker fing an, ihn über ſeine brüderliche Begeiſterung zu necken, während Mabel ſich dem ſchweren Werke widmete, Miß Victoria zu unter⸗ —————ͤ halten. Letztere hatte jedoch nur Augen oder Ohren für Harry, und die Unterhaltung ward bald allgemein. Hätte Mabel wählen können, ſo hätte ſie ein weniger öffentliches Begegnen mit ihrem Bruder vorgezogen, aber jetzt kam es ihr vor, als ob nichts angenehmer ſein könnte, als das muntere Geräuſch befreundeter Stimmen, welche ſein Erſcheinen nur lauter gemacht hatte— nichts an⸗ regender als die Beſprechung von Plänen, die nun ſogleich begann— nichts ſchmeichelnder für ihre Eigenliebe als der Umſtand, daß alle dieſe Pläne mehr oder weniger darauf hinausgingen, ihr Unterhaltung und Genuß zu verſchaffen. und ſelbſt glücklich, beachtete ſie nicht einmal, daß ihre Tante Sabiah ſich von der Geſellſchaft zurückgezogen hatte und faſt abgekehrt von ihr beim Feuer ſaß und verdrießlich und befangen hineinſah; ſie überlegte nicht einmal, ob nicht vielleicht Louiſe, wie ſie ſelbſt, vergeſſen hätte, ſie den ihr noch nicht Bekannten unter der Geſellſchaft vorzuſtellen und ſie durch dies Verſäumniß gewiſſermaßen von der Unter⸗ haltung ausgeſchloſſen hätten. Während Harry wiederholt ſein Bedauern ausſprach, daß weder ſein Vater noch er Mabel am Landungsplatz hatte erwarten können, ſchien er zugleich ſehr zufrieden mit dem Erfolg ſeines Nachmittagsausflugs zu ſein, und erklärte, daß er ihm ein Geſpann verſchafft habe, urit dem keines in der Stadt wetteifern könnte.„Der Vater gab mir unbeſchränkte Vollmacht, zu kaufen, 2 ſagte er,„und ich war entſchloſſen, daß Mabel ihre erſte Ausfahrt mit ihren eigenen Pferden machen und daß kein ſchöneres Ge⸗ ſpann in Broadway geſehen werden ſollte.“ „Ihre erſte Ausfahrt muß eine Runde bei den Mo⸗ diſten ſein,“ rief Louiſe aus.„Auch mir hat der Vater Vollmacht gegeben, eben ſo große oder größere Einkäufe zu machen. Wenn Du Deine Ausfahrt bis morgen auf⸗ ſchieben willſt,“ fuhr ſie lächelnd fort,„ſo will ich Sorge 4* —— — 52— tragen, daß Mabel einen paſſenden Hut für die Gelegen⸗ heit hat. Aber, Harry geheſt Du nicht auf den Ball?“ Ehe er antworten konnte, fing Mrs. Vannecker an, leb⸗ hafte Vorſtellungen gegen ſein Zuhauſebleiben zu machen, und Miß Vannecker ſetzte im überredenden Tone hinzu: „O, ich bin überzeugt, daß Ihre Schweſter Sie entſchul⸗ digen wird— der Ball ſoll ſehr glänzend werden und ſie iſt den ganzen Tag gereiſt und iſt gewiß viel zu müde, um von Ihrer Geſellſchaft noch länger Genuß zu haben.“ Nicht ohne einige Mühe gelang es Mabel, ſich zu über⸗ zeugen, daß ſie in dieſer Stunde der Nacht erſt auf den Ball gingen, anſtatt, wie ſie glaubte, davon zurückzukehren; und da ſie durch ihre Unkenntniß der Stunden und Saiſons der großen Stadt ihre eigenen einfachern Lebensgewohn⸗ heiten verrathen hatte, lieferte dieſe Thatſache der Mrs. Vannecker einen neuen Grund und ſie hob jetzt mit Nach⸗ druck hervor, daß es eine reine Pflichtſache für Harry ſei, Mabel gute Nacht zu ſagen und ſie auf den Ball zu begleiten. Mabel geleitete ihre Schweſter und ihre neuen Freun⸗ dinnen bis an die Hausthür, um ſich von Louiſen die Pläne für Morgen auseinander ſetzen zu laſſen und ihre fröhlichen Abſchiedsworte zu vernehmen, und während Harry ſie nach dem Wagen begleitete, kehrte ſie nach der Bibliothek mit dem Ausruf zurück:„o, Tante, iſt meine Schweſter nicht ſchön?“ „Sie ſieht ſehr gut aus,“ ſagte Miß Sabiah mit Schärfe,„aber ich wollte, ſie wüßte es nicht ſo ſehr. Es ſah gar zu lächerlich aus, wie ſie und dieſe Miß Dingsda ſich alle zwei Minuten im Spiegel beguckten“— und Miß Sabiah erhob ſich mit einem Ruck, der zu ſagen ſchien: „nun, jetzt ſind ſie fort und ich hoffe, wir können zu Bett gehen!“ „Wie gut es von ihnen war,“ ſagte Mabel halb vor ſich hin, wie ſie ihrer Tante die Treppe hinauf folgte, —— ——4444 ⏑ ⏑☛ —— „hier ein paar Minuten vorzukommen, während ſie doch auf den Ball wollten.“ „Gerade der Grund, weshalb ſie kamen,“ entgegnete Miß Sabiah mit derſelben Schärfe wie vorhin; und einen Augenblick darauf fuhr ſie fort, als ob ſie den Gedanken weiter ausgeſponnen hätte,„ich kann es nicht leiden, wenn die Leute ſich ſo zur Schau tragen! Sie täuſchen mich da⸗ durch nicht.“ Mabel konnte es nicht übers Herz bringen, den Beſuch anderen als den uneigennützigſten und liebenswürdigſten Beweggründen zuzuſchreiben, und da es ihr jetzt zum erſten Mal einfiel, daß ihre Tante ſich fern gehalten hatte und wie ein Fremdling in dem heitern Kreiſe geweſen war, ſo konnte ſie nur argwöhnen, daß dies Gefühl, vernachläſ⸗ ſigt worden zu ſein, ihren Bemerkungen dieſe Schärfe gab. Beſtrebt, dies wieder gut zu machen, begleitete ſie die Tante nach ihrem Zimmer, zeigte ihr, wie ſie mit den Jalouſien und dem Gas umzugehen hatte(Beides Ge⸗ heimniſſe füͤr Sabiah) und ſchlug für den nächſten Morgen mehrere Abänderungen vor, um es ihr behaglicher und bequemer zu machen. Miß Sabiah ſchien ſich von dieſen kleinen Aufmerk⸗ ſamkeiten geſchmeichelt zu fühlen. Die harten Züge ihres Geſichts wurden milder und der Ton ihrer Stimme, wie ſie gute Nacht ſagte, verrieth zur Genüge, daß, wenn ſie ſich auch verletzt gefühlt hatte, ſie jedenfalls ihrer Lieblingsnichte keine Schuld beimaß. Als Mabel wieder die Treppe hinunter ging, die zum Schlafzimmer ihrer Tante führte, ſah ſie Licht in einem Zimmer, deſſen Thür jetzt offen ſtand, obgleich ſie in den frühen Abendſtunden verſchloſſen geweſen war; gleichzeitig hörte ſie Harry's Stimme, der ſie hineinrief. Zu ihrem Erſtaunen lag er in nachläſſiger Stellung auf einem Sopha in Schlafrock und Pantoffeln, und offen⸗ ——y⸗—— —— — — 54— bar beabſichtigte er, gar nicht den Ball zu beſuchen. Die Aufmerkſamkeit, mit der er Mrs. Vannecker's Vorſtellungen ange † und die Zuſtimmung, welche ſein Benehmen auszudrüten„ Hienen hatte, hatten ſie über ſeine wirk⸗ lichen Pläne getauſcht. 4 „Was! den erſten Abend Deiner Ankunft auf den Ball gehen!“ rief er als Antwort auf ihre verwunderten Worte und Blicke aus,„und noch dazu, nachdem ich Dich vier Jahre nicht geſehen habe! Du mußt glauben, ich kümmere mich ſehr viel um Bälle und ſehr wenig um meine Schwe⸗ ſter,“ und mit dieſen Worten zog er ſie zärtlich auf einen Sitz neben ſich.„Du biſt nicht müde,“ fuhr er fort,„we⸗ nigſtens ſiehſt Du nicht danach aus.“ 3 Es war auch wirklich nicht der Fall. Nicht nur glänzte ihr Antlitz vor Freuden über dieſen Beweis der unverän⸗ derten Zuneigung ihres Bruders, ſondern jeder Gegenſtand der Umgebung diente auch dazu, in ihr Empfindungen freu⸗ digen Erſtaunens hervorzurufen, die jeden Gedanken an Müdigkeit vergeſſen machten. Das kleine Zimmer, das ſie jetzt zum erſtenmale betrat, erſchien dem jungen kaum der Schule entlaſſenen Mädchen wie eine Zauberſchöpfung. Die koſtbar möblirten Wohnzimmer, die reiche Bibliothek, die geräumigen Treppen, die hohen Vorhallen hatten ihr durch ihre Pracht gefallen und ihr von Neuem die Ueber⸗ zeugung von ihres Vaters Reichthum eingeprägt. Aber in dieſem kleinen Zimmer war Etwas, was ſich an das ge⸗ bildetere Gefühl, an den verfeinerteren Geſchmack wendete, die Mabel durchaus nicht fehlten, trotz ihrer leichtblütigen und ſorgloſen Heiterkeit. Die ſchweren Draperien der Wände und Fenſter gaben dem Zimmer einen Anſtrich der Abgeſchiedenheit und Ruhe, welcher dem übrigen Hauſe fehlte, während auf einem Blumentiſch von zierlichem Flechtwerk auserleſene Pflanzen in voller Blüthe ſtanden, welche der Atmoſphäre die Friſche und den Duft eines Gartens mittheilten. Gemälde waren wenig zu ſehen, aber was ſie darſtellten, wendete ſich an Mabels Herz und ſie fühlte die Macht einer Meiſterhand mehr heraus ias daß ſie dieſelbe klar erkannt hätte. Funkelnne Spiegel, reiche ldunen, nn den Auge zu unden, waren nicht vor⸗ handen; aber Vaſen von claſſiſcher Form, koſtbar einge⸗ legte Tiſche, ein Schreibtiſch von reicher Buhlarbeit, eine kleine, aber auserwählte Bücherſammlung und ein Paar Statuetten, während das ſilberne Licht, welches einer Ala⸗ baſterlampe von kunſtreicher Arbeit entſtrömte, einen ſanften und gedämpften Schimmer über das Ganze warf. Harry beobachtete ſeine Schweſter mit offenbarer Be⸗ friedigung, während ſie mit haſtiger Bewunderung jeden ſchönen Gegenſtand muſterte, wobei ihre Augen freudig leuchteten und mancher Ausruf begeiſterter Freude ihrem Munde entſchlüpfte.„O, Harry,“ rief ſie endlich aus, „wie ſchön Dein Zimmer iſt!“ „Mein Zimmer!“ entgegnete Harry,„Du glaubſt doch nicht etwa, daß alle dieſe ſchönen Damentändeleien mir ge⸗ hören? Ein Sitz in der Sophaecke iſt das Einzige, was ich manchmal in Anſpruch nehmen werde, aber ſonſt ſteht Alles hier zu Deiner Verfügung.“ Dies war zu viel für Mabels Faſſung. Sie war auf⸗ geſtanden, um genauer die ſchöne Ausſchmückung des Zim⸗ mers zu beſehen, aber als er ſie als Herrin von Allem, was ſie ſah, begrüßte, ſchlich ſie ſich eilig hinter ihn, wo er die von ihrem mit Dankbarkeit überſchwellendem Herzen heraufbeſchworenen Thränen nicht ſehen konnte, beugte ſich über ihn und verſuchte durch einige Worte und Liebkoſungen ihm zu erkennen zu geben, wie ſehr ſie ſeine Güte zu wür⸗ digen wußte, denn ſie vermuthete ganz richtig, daß in die⸗ ſem Schatzkäſtchen die ſchönſten Theile der Ausbeute von der Tour Harry's in Europa aufgeſtellt waren. „Du biſt zu verſchwenderiſch mit Deinem Dank, meine 8 — — 56— — „ ſagte Harry in munterm Tone, nachdem Mabel aatt ſeine Freigebigkeit, ſeinen Geſchmack und ſeine lobt hatte.„Es hat mir kein rree der mich immer ſeyr. ſichere Dir, ich habe ſehr wenig bei der r A 8 ſchönen Sachen dihan„außer bei einigen Büchern. Das Einzige, wofür Du Dich bei mir zu bedanken haſt, iſ, daß Terpſichore mit ihren Fingerſpitzen und Apollo ohne eine zerbrochene Naſe angekommen iſt. Es hat mir viele Mühe gekoſtet, dieſe Sachen ordentlich einpacken zu laſſen und ungefährdet durch die Zollämter zu bringen. Ich hätte es Lfüir Niemanden gethan als für Dich, May, aber da es Dir Freude macht, bin ich für meine Mühe vollkommen be zahlt. Kannſt Du deutſch ſprechen?“ fuhr er fort, indem er aufſtand und an den Bücherſchrank trat. „Nein,“ gab Mabel zur Antwort,„aber ich verſtehe 4 es ein wenig.“ „Dann mußt Du es mit mir ſtudiren,“ ſagte Harry, „Du wirſt bald ſo viel Geſchmack daran finden wie ich; 1 wir wollen dieſe hier zuſammen leſen,“ ſetzte er hinzu und 3 legte die Hand auf die Werke einiger der beſten deutſchen Schriftſteller,„und ich will Dir lehren, Schiller und Klop⸗ 24 ſtock zu genießen.“ „So ſoll ich alſo Deine Schülerin werden!“ rief Mabel aus.„O, das wird herrlich und dies ſoll unſer Schulzimmer ſein.“ Harry hatte einen reich gebundenen Band von dem Bücherbret genommen und blätterte mit dem wernen, faſt zärtlichen Intereſſe eines Mannes darin, der den Verfaſſer mit Begeiſterung zu würdigen weiß; denn Harry's Vor⸗ liebe für geſchmackvolle geiſtige Genüſſe hatte in der letzten Zeit ſehr zugenommen. Wie er das Buch zumachte und wieder an ſeinen Fleck ſtellte, ſagte er: —.— iß, welches Deinen Plänen in roht, iſt, daß Louiſe und die Vanneckers Zag vor mir haben und alle Deine Zeit in Anſpruch aehmen werden. Louſſe iſt eine vollendete Weltdame— genau das, was Du in einer Woche ſein wirſt,“ ſetzte er ſcherzend hinzu. Mabel wies voll Eifer und faſt entrüſtet dieſe Voraus⸗ ſetzung zurück. Eine Weltdame würde ſie nie ſein— nicht, wenn er damit ein bloßem Weltſinn hingegebenes Mädchen meinte. Sie würde natürlich an den Genüſſen der Geſell⸗ ſchaft theilnehmen, wie es Louiſe auch thäte; aber das brauche ſie in ihrem Leſen, ihrem Studiren und in der Fortſetzung eines ausgedehnten Briefwechſels mit ihren Schulfreundinnen nicht zu ſtören. Harry lächelte gutmüthig, aber mit einer ungläubigen Miene und einem bewundernden Blick auf ihr ſchönes Ge⸗ ſicht und Aeußeres— einem Blick, der zu ſagen ſchien: „die Welt wird Dich in Anſpruch nehmen, Du magſt wollen oder nicht.“ Aber was ſollte man antworten auf ein Lächeln, ſo ausdrucksvoll es auch war, und Mabel ſtellte ſich, als ob ſie es nicht bemerkte, und wendete ſich zu der Terpſichore, die in einer Niſche ſtand. Nachdem ſie geäußert hatte, wie ſchade es geweſen wäre, wenn ein ſo ausgezeichnetes Kunſt⸗ werk auf dem Transport beſchädigt worden wäre, fragte ſie, wem ſie die Wahl deſſelben zu verdanken habe. „Du ſagteſt mir, Du hätteſt nicht Deinen Geſchmack zu Rathe gezogen; wollteſt Du damit ſagen, daß Dir die Künſtler ſelbſt dieſe Kunſtwerke empfohlen hätten?“ „Nein, das nicht; aber ich hatte den Vortheil eines Rathgebers, auf den ich mich mehr verlaſſen konnte, als auf mich ſelbſt oder auf die Künſtler. Dudley war mit mir in Florenz und in den meiſten Ateliers, die ich be⸗ ſuchte, Sein Geſchmack iſt vollkommen; ja, was noch mehr p 318 — 1 iſt, er ſchien ſich zu ſchmeicheln, auch Deinen Geſchmack gründlich zu kennen. Es war wirklich lächerliih, wie leb⸗ haft er in mich drang, dieſen Genius der Muſik mir ne 4 Hauſe zu nehmen; er erklärte, wir hätten auf allen unſern Reiſen nichts geſehen, was Deinem feinen und jugendlichen Geſchmack ſo entſpreche; und auch die Iris— ich mußte durchaus die zarte Schönheit um jeden Preis kaufen. Er verſicherte mir im Vertrauen, daß ſie in Deinen Augen einen ganz unbezahlbaren Werth haben würde. Ich ſehne mich danach, Dich mit Dudley bekannt zu machen; er iſt ein prächtiger Menſch. Mabel wendete ſich ab, gleichzeitig ein Erröthen über das als kein gewöhnliches Compliment v Lincoln Dudley anerkennen mußte. Obgleich einige Jahre zlter als ihr Bruder, war Dud⸗ ley nicht nur während einiger Monate, die ſie in Paris zubrachten, ſondern auh ſpäter auf einer ſehr intereſſanten Fußreiſe durch die Schweiz, Deutſchland und Italien, Harry's Begleiter geweſen. Daher war ſie ſchon ſeit Jah⸗ ren durch Harry's Briefe gewohnt worden, ihn loben zu hören; und dieſelbe Quelle hatte ihr auch die größte Ach⸗ tung vor ſeinen ungewöhnlichen Talenten und ein höchſt romantiſches Intereſſe für ſeinen etwas excentriſchen Cha⸗ rakter eingeflößt. Sie wußte recht gut, daß Dudley ſie durch ihren wöchentlichen Briefwechſel mit ihrem Bruder gewiſſermaßen kennen gelernt hatte; dennoch fühlte ſie ſich nicht wenig geſchmeichelt, daß er ihren Charakter ſo ſtudirt und ihren Geſchmack ſo errathen hatte, denn Begeiſterung für die Kunſt, obgleich noch wenig ausgebildet, war ein Zug ihrer Natur. „ Wann kehrt Mr. Dudley zurück?“ fragte ſie mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit. „In ein paar Wochen. 4 um das Bild zu beſehen und zu verbergen, was ſie on einem Mann wie Wir wären zuſammen ange⸗ und ſie wie dud⸗ aris nten lien, Jah⸗ n z Ach⸗ höchſt Cha⸗ ley ſie Zruder ſie ſich ſtudirt ſterung var ein ſie mit n ange⸗ — 359— kommen, aber es hielt ihn Etwas unerwartet in Paris auf. Du mußt anders als die meiſten Damen ſein, wenn Du Dudley nicht bewunderſt; er iſt, im Allgemeinen geſprochen, ſehr beliebt. Ich bin neugierig, was er zu den Pferden ſagt, die ich heute gekauft habe.“ „Iſt er auch ein Pferdekenner?“ fragte Mabel mit einigem Erſtaunen. „Nicht mehr als er alles Andere iſt. Ich bezweifle, ob er zu ſagen weiß, wo ein Pferd einen Fehler hat; aber er kann Dir auf einen Blick ſagen, ob eine Equipage iſt, wie ſie ſein ſoll, und ich würde mich unbedingt auf ſein Urtheil verlaſſen.“. Hier unterbrach aber die Nachhauſekunft des Vaters Harry's Lobrede auf ſeinen Freund. Er ſah nach der Uhr, entdeckte, wie ſpät es war, tadelte ſich laut, daß er Mabel ſo lange wach erhalten, und entfernte ſich trotz ihrer Ver⸗ ſicherung, daß ſie nicht im Mindeſten müde ſei. Wenige Augenblicke darauf blickte Mr. Vaughan, der ſie ſprechen gehört und Licht im Zimmer geſehen hatte, herein, um ihr ſanfte Vorwürfe zu machen, daß ſie noch nicht zu Bett ge⸗ gangen ſei, und ihr mit Wärme Gute Nacht zu ſagen; darauf war ſie ihren eigenen Gedanken überlaſſen. Aufregend genug waren ſie; und zwar in dem Grade, daß, wie man ſich wol denken kann, Mabel viele Stunden dieſer erſten Nacht in dem väterlichen Hauſe des Schlafs beraubt blieb. Welche Nachſicht, welche Liebe, welcher Stolz zeigten ſich in dem Benehmen jedes Mitglieds der Familie gegen ſie! Welche Pläne hatten ſie ſich ſchon ausgeſonnen, um ſie glücklich zu machen! Wie gütig war jedes Bedürfniß vorausgeſehen und für daſſelbe geſorgt worden. Jetzt be⸗ ſchäftigten ſich ihre Gedanken vor Allem mit der liebreichen Freigebigkeit ihres Vaters; dann dachte ſie an die ſchöne männliche Erſcheinung ihres Bruders, an den warmherzi⸗ — 60— gen Empfang, den ſie bei ihm gefunden, an die ſchönen Tage, die ſie in Zukunft mit ihm verleben würde; und dann ſtieg wieder das Bild ihrer anmuthvollen Schweſter empor, ein geeigneter Typus des gewählten und eleganten Kreiſes, in welchem Mabel bald eingeführt werden ſollte und wo ſie ſchon die zukünftigen Triumphe, die ihrer war⸗ teten, vorausſah. Aber es gab auch einige Dinge, an die ſie nicht dachte, gerade die Dinge, von welchen Mrs. Herbert geglaubt hatte, daß ſie dieſelben nicht vergeſſen würde, und welche ſie ſich bemüht hatte, ihrem Gedächtniß einzuprägen. Sie dachte nicht an die letzte Lehre und die letzte Warnung ihrer gü⸗ tigen Lehrerin. Sie vergaß ganz die Pflicht, die jede Seg⸗ nung auferlegt, die Verbindlichkeit, welche von jedem Vor⸗ recht unzertrennlich iſt, und während ihr Kelch über⸗ ſchäumte, dachte ſie nicht daran zu fragen, weſſen Hand ihn gefüllt hatte. Nicht etwa, daß ihr Herz kalt war, oder daß ſelbſtiſche Befriedigung ſeine edleren Bewegungen erſtickt hätte. Die innigſte Liebe glänzte in ihrem freundlichen Lächeln, das raſch ſich mit Thränen füllende Auge ſprach von Dankbarkeit, und das zuverſichtliche Vertrauen, mit welchem ihr junges Herz jede neue Zuſicherung von Liebe annahm, bewies die Tiefe ihrer treuen, vertrauensvollen Natur. Aber ach! ihre Liebe gehört nicht Dem, der ihr ein ſo gnädiges Loos beſchieden; ihr feuchtes Auge erhebt ſich nicht dankbar zu der Quelle, der alle dieſe Segnungen ent⸗ fließen; ihr inbrünſtiges Vertrauen ruht nicht auf Dem, ohne welchen alle Hoffnung vergebens iſt. Mabel hatte noch nicht die Heiligkeit ihres Berufs gelernt; ſie hatte ſich noch nicht ſeine Pflichten oder ſeine Schmerzen klar ge⸗ macht. Vor der Hand iſt es ihr Beruf, glücklich zu ſein, und ihre Freude, geliebt zu werden. Ein Glück für ſie, wenn, nachdem die Altäre der Freude — 61— zerbrochen ſind, die Selbſtliebe aus ihrem Traum erwacht und das Leben nicht länger ein Feſt iſt, ihr Geiſt ſich in beſcheidener Demuth beugen kann und das innerſte Heilig⸗ thum des Herzens dem Dienſte Desjenigen geweiht iſt, deſſen Liebe einem Leben voller Mühſal und Prüfungen einen Vorgeſchmack von himmliſchen Freuden geben kann. Fünftes Kapitel. So ging ſie froh und munter aus, Und traf Dame Faſhion vor dem Haus; Und gar freundlich war ihr Gruß Und herzlich ihr Kuß, Denn das weiß ja jedes Menſchenkind, Daß Faſhion und ſie ein Herz und eine Seele ſind. Mrs. Barbauld. Mrs. Leroy's Wohnung lag in dem zweiten Stockwerk eines modiſchen Hotels. Die Wirthſchaftspflichten waren Louiſen ſo läſtig und wurden von ihr ſo ſchlecht erfüllt, daß ihr Gemahl endlich ihren wiederholten Bitten nachgab, ihre Tage in der Unabhängigkeit und dem Luxus eines Hotellebens zubringen zu dürfen; und ſie war jetzt ſeit zwei Wintern die Bewohnerin einer eleganten Reihe Zim⸗ mer unmittelbar neben den Gemächern ihrer Freundin Mrs. Vannecker, deren Beiſpiel die unbeſtändige Louiſe zur Nach⸗ eiferung angeſtachelt und die ihr angeborene Liebe zur Ver⸗ änderung verſtärkt hatte. Mr. Leroy, der zuerſt gegen dieſe neue Einrichtung war, war jetzt ihr wärmſter Verehrer geworden; denn wäh⸗ rend ſeine natürliche Indolenz ihn verhindert hatte, dem unwirthſchaftlichen Treiben ſeiner Frau Schranken zu ſetzen, hatte er von der in ſeiner Häuslichkeit herrſchenden Anar⸗ chie und Verwirrung am meiſten gelitten; und wenn auch die gegenwärtige Einrichtung ſein häusliches Glück nicht — 63— vermehrte, ſo erſparte ſie ihm doch manchen kleinen Ver⸗ druß und verminderte ſehr beträchtlich ſeine Jahresaus⸗ gaben. Und was er in ſeiner neuen Häuslichkeit an ge⸗ ſeinem Club, wohnten Genüſſen entbehrte, das fand er in ſ wo er jetzt ein beſtändiger Gaſt war. Louiſe fand hier wie anderwärts beſtändige Veranlaſ⸗ ſung, unzufrieden zu ſein, und war oft ruhelos und miß⸗ vergnügt; vorzüglich klagte ſie über das eigenthümliche Mißgeſchick, welches ſie bei ihrer gegenwärtigen Lebensweiſe gewiſſer ſocialer Vorrechte beraubte, an die ſie in ihrem eignen Hauſe gewohnt geweſen war, und ſie hörte daher mit nicht geringer Freude die erſten Andeutungen von den Abſichten und Plänen ihres Vaters an. Das Empfangen von Gäſten unter ſeinem Dach war viel weniger läſtig und viel angenehmer, als wenn ſie ſelbſt Gäſte bewirthete. Da Mabel kaum der Schule entwachſen war, mußte ſie erſt in die Geſellſchaft eingeführt werden, und wer paßte ſich beſſer als ſie zur Beaufſichtigung der Feſtlichkeiten, welche ihren Eintritt ins faſhionable Leben feierten? Warum ſollten die Zimmer ihres reichen Vaters nicht der Sammelplatz der feinen Welt, der Mittelpunkt der faſhionablen und geſelligen Zuſammenkünfte werden, in denen als erſter Stern zu glänzen, Louiſe ſolchen Beruf fühlte? 3 Gewiß nicht in Folge eines Widerſpruchs von Seiten ihres Vaters— denn ſo wenig Mr. Vaughan wünſchte, daß Mabel eine bloße Weltdame oder Harry ein nichts⸗ thuender Stutzer würde, war er doch viel zu gutmüthig und nachgibig, um ſich Plänen zu widerſetzen, die ſeine ginder froh oder glücklich machten,— und was die Koſten trifft, ſo lag es weder in ſeinem Charakter noch in ſei⸗ ien Gewohnheiten, der Verſchwendung ſeiner Familie Schranken zu ſetzen. Ebenſowenig fehlte dazu die Energie von Seiten der Mrs. Leroy, deren Fähigkeiten nie ſo voll⸗ † — 4 —y— — 64— kommen zur Geltung kamen, als bei ſolchen Gelegenheiten, wie die gegenwärtige war, wo der dreifache Beweggrund, ihre junge Schweſter in die faſhionable Welt einzuführen, ſich ſelbſt Genuß und Unterhaltung zu verſchaffen, und in ihrem väterlichen Hauſe ihren Einfluß zu dermehren, ihre Handlungen beſtimmte. Auch ſollte ſie nicht getäuſcht werden. Es war nur Eine Stimme unter den faſhionablen Tonangebern, daß Mr. Vaughans Haus und Equipage an Geſchmack Alles übertreffe, daß der große Empfangtag, der zu Ehren Ma⸗ bels ſtattfand und bei dem Louiſe mit ſo würdevoller An⸗ muth präſidirte, alles Aehnliche weit hinter ſich gelaſſen habe, und daß Erſtere ohne Nebenbuhlerin die gefeierte Schöne der Saiſon ſein und Letztere eine ihrer auserleſen⸗ ſten Zierden bleiben werde. So erreichte die kaum den Kinderjahren entwachſene Jungfrau, getragen von der Strömung eines günſtigen Geſchicks und unter glückverheißenden Auſpizien in die feine Welt eingeführt, faſt ohne bewußte Anſtrengung die Stellung, für welche Natur und Verhältniſſe ſie beſtimmt zu haben ſchienen. „Wart einmal!“ rief Harry eines Morgens aus, wäh⸗ rend ſein Auge das Zeitungsblatt verließ und muthwillig auf Mabel ruhte,„es iſt heute eine Woche ſeit Deiner An⸗ kunft in dieſer großen Stadt verfloſſen— ja gerade eine Woche,“ ſetzte er hinzu,„und meine Vorausſagung iſt ſchon erfüllt!“ „Welche Vorausſagung?“ fragte Miß Sabiah, indem ſie von einer künſtlichen Stickarbeit aufblickte und faſt he⸗ ſorgt Harry anſah, der, mit einem ſpäten Frühſtück ſchäftigt, gleichgültig die Morgenzeitung durchflog. „Ein Beiſpiel von Vorausſicht meinerſeits, Ta welche mir ſagte, daß ſieben Tage und ſieben Nächte ge 8— gen würden, um eine Puppe in einen Schmetterling umzu⸗ geſtalten.“ Tante Sabiah, der Harry's unbeſtimmte und ironiſche Antworten oft unverſtändlich waren, fragte nicht weiter, ſondern beſchäftigte ſich mit der verdrießlichen und verletz⸗ ten Miene einer Perſon, die keine genügende Antwort er⸗ langt hat, wieder mit ihrer Arbeit. Mabel, welche die Anſpielung beſſer verſtand, fuhr ruhig fort, Harry's großen Hund zu füttern, über deſſen Kopf ſie die Leckerbiſſen hielt, die ſie von dem Tiſch ge⸗ nommen halte, und vermied hartnäckig, dem Auge ihres Bruders zu begegnen, das, wie ſie wol wußte, auf ihr ruhte. „Zwei Hochzeitsbeſuche und ein Abendconcert am Dienſtag,“ rechnete Harry an den Fingern nach;„faſhio⸗ nabl e Promenade, Oper und Ball am Mittwoch. 4 „Ich will Ihnen das Garn entwirren, Tante,“ rief Mabel aus, welche ſich immer noch ſtellte, als ob ſie ihn nicht hörte, und auf einem niedrigen Sitz neben Miß Vaughan Platz nahm. „Drei glänzende Geſellſchaften am Donnerstag,“ fuhr Harxy fort,„und der Hauptball der Saiſon am Freitag! Sehr gut, Mabel! Sehr gut! Ich ſagte, Eine Woche würde Dich zur faſhionablen Dame machen; wie ſchade, daß ich nicht auf Dich gewettet habe!“ „Ich leugne die Beſchuldigung,“ ſagte Mabel mit Wärme;„es iſt nicht wahr, nicht wahr, Tartar?“ ſetzte ſie hinzu und ſtreichelte den Hund;„faſhionable Damen ſpie⸗ len nicht mit großen Hunden und verſtehen auch nicht die Geheimniſſe des Strickens,“ und dabei zog ſie die Nadeln aus der halbvollendeten Arbeit, trennte ein Stück davon auf und nahm geduldig die Maſchen wieder auf. „O! aber ich habe die Beweiſe,“ ſagte Harry trium⸗ phirend und ſtand vom Tiſch auf;„hier habe ich es ſchwarz Mabel Vaughan. I..5 — A ——— ½ — 66— auf Weiß und was die Zeitung ſagt, muß wahr ſein.“ Und er legte ihr die Zeitung mit der fraglichen Stelle vor. Es war eine Beſchreibung des glänzenden Balles vom vorigen Abend und unter den Schönheiten, die eine her⸗ vorragende Rolle auf demſelben geſpielt hatten, ſtand Ma⸗ bels Name in erſter Reihe. Wie ſie die ſchmeichelhafte Be⸗ ſchreibung ihrer körperlichen und geiſtigen Reize las, über⸗ zog eine Röthe der Entrüſtung ihr Antlitz.„Eine unge⸗ zogene Notiz wie dieſe beweiſt Nichts!“ rief ſie mit Wärme aus. „Sie drückt nur ein Siegel auf die Thatſache,“ ent⸗ gegnete Harry,„daß das Schulmädchen von voriger Woche zu einer faſhionablen Weltdame geworden iſt,“ und er deu⸗ tete auf die Ueberſchrift des Artikels„unſere faſhionable Welt“. „Du meinteſt alſo Mabel,“ ſagte Miß Sabiah mit Schärfe,„als Du vorhin von der Puppe und dem Schmet⸗ terling ſprachſt? Gewiß ſehr höflich ausgedrückt, das muß ich ſagen. Du hältſt es vielleicht für ein Compliment, ſie jetzt einen Schmetterling zu nennen, aber ich wüßte nicht, wann ſie den Namen einer Puppe verdient hätte. Ich für meinen Theil habe ſie ebenſo lieb gehabt vor acht Tagen wie jetzt. Ihr werdet ſie wol unter Euch verderben,“ ſetzte ſie halblaut hinzu. „Was, Tante Sabiah,“ ſagte Harry mit Lebhaftigkeit und in einem Tone, deſſen Ironie Miß Sabiah verloren ging,„das kann Ihr Ernſt nicht ſein! Wollen Sie wirk⸗ lich behaupten, daß Sie Mabel ſo lieb gehabt hätten und ſo ſtolz auf ſie geweſen wären, wie ſie friſch aus Mrs. Herberts Schule kam, als jetzt, wo ſie ſich der Kleidung, der Politur und der Huldigung einer großen Stadt rüh⸗ men kann? Allerdings war ſie ein ſehr gutes Mädchen und gehörte zur Familie und wir hielten ſie natürlich hoch. Aber bedenken Sie nur, was ſie jetzt iſt. Die regierende — 67— Schönheit der Hauptſtadt, die Königin der Modewelt, auf deren leiſeſten Wink Dutzende von gehirnloſen Laffen her⸗ beieilen und von deren Lächeln ſich Hunderte von Herzens⸗ freundinnen nähren! Denken Sie ſich dieſe Umgeſtaltung, dieſen Sieg!“ „ Sei ſtill mit Deinem Geſchwätz, Harry,“ unterbrach ihn Mabel, die ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte, aber doch dabei fürchtete, ihre Tante möchte die Worte ihres Bruders ernſt nehmen oder, was noch ſchlimmer war, ſich von ſeinen muthwilligen Sarkasmen beleidigt fühlen; „wir Schmetterlinge, denn Du biſt ſo gut einer wie ich, wollen unſere Flügel für einige Zeit zuſammenlegen; dies ſcheint mein erſter Regentag in New⸗York werden zu wollen und wir wollen einen hübſchen gemüthlichen Tag zu Hauſe feiern, um die in Feſten verſchwendete Woche wieder gut zu machen.“ „Ein Regentag!“ rief Harry aus und trat an das Fenſter, um ſich beſorgt nach dem Wetter umzuſehen; „nein, ich hoffe nicht; wir wollen Nachmittag unſern Aus⸗ flug nach Jerſay machen und ſchönes Wetter können wir dazu nicht entbehren! Aber, Mabel, wie geht es zu, daß Du heute frei biſt? Wo iſt der Erzfeind?“. „Wie ſollte ich wiſſen, wen Du meinſt, Harry? Welche ſeltſame Namen Du den Leuten gibſt!“ „In dieſem Falle keinen ſeltſameren als ſie verdienen. Wer iſt der Hauptfeind unſers häuslichen Friedens, die Tonangeberin aller dieſer faſhionablen Complotte, die uns Deiner Geſellſchaft berauben und uns nach Belieben mit der ihrigen heimſuchen? Wenn Du nicht erräthſt, was ich meine, ſo wird es die Tante errathen können. Sie iſt ebenſowenig für den Einfluß der Vanneckers als ich.“ „O Harry,“ ſagte Mabel lachend,„wie undankbar, da Mrs. Vannecker und Victoria Dich alle Beide ſo ſehr bewundern!“ Harry zuckte die Achſeln.„Du biſt für 5* — 68— heute ſicher,“ fuhr Mabel fort;„Mrs. Vannecker und Louiſe ſind auf's Land gefahren, um einige Beſuche zu machen, und zum Glück habe ich keinen Dienſt. Wie ſchade, daß Du verſprochen biſt; wir hätten unſer Deutſch anfangen können!“ „Man höre ſie nur!“ rief Harry mit ſcherzendem Ernſte;„die lernbegierige Schülerin, die nur durch die un⸗ vermeidliche Abweſenheit ihres Lehrers genöthigt wird, ihre Begier nach geiſtiger Nahrung unbefriedigt zu laſſen!“ „Ich verſichere Dir, Harry,“ entgegnete Mabel,„ich habe ſchon mehr als einmal dieſe Bücher mit ſehnſüchtigen Augen angeblickt; aber ich kann keinen Augenblick für etwas Anderes als für die Anſprüche der Geſellſchaft fin⸗ den, wie ſich Mrs. Vannecker ausdrückt.“ „Ach, hängt Eure Mrs. Vannecker!“ entgegnete Harry mit Wärme. „Und auch ihre Mitſchuldigen?“ fragte Mabel ſchel⸗ miſch. „Nein, die Unſchuldigen ſollen verſchont bleiben,“ ſagte Harry gähnend;„unſerer kindlichen Louiſe ſoll ihre Jugend zur Entſchuldigung gereichen und unter einer an⸗ dern Führerin beſſert ſie ſich vielleicht; übrigens was für ein ſchmachtendes, leeres Püppchen“— doch er begegnete Mabels erſtauntem und vorwurfsvollem Blick, ſtockte, lachte und ſetzte hinzu:„ja ſo, es iſt ja unſere Schweſter! da müſſen wir wol ſchweigen.“ Mitß Sabiah gab mit einem nachdrücklichen Nicken ihres Kopfes zu verſtehen, daß ſie Harry in dem, was er halb ausgeſprochen, vollkommen beiſtimmte, und faſt leb⸗ haft ſetzte ſie halb vor ſich hin hinzu:„ſo werden wir denn endlich einen ruhigen Tag haben!“ „Ja,“ gab Mabel zur Antwort.„So werd' ich end⸗ lich einmal Gelegenheit finden, die alten Briefe von der Großmutter Vaughan zu leſen und die Schleifen Ihrer — — 69— neuen Mütze aufzuſtecken. Wir wollen unſer Nachfrühſtück oben eſſen, Tantchen, und erſt zum Diner wieder herunter⸗ kommen.“ Miß Sabiah's Geſicht hellte ſich mit nicht zu ver⸗ kennender Befriedigung über dieſen Vorſchlag auf, Enttäu⸗ ſchung aber überſchattete es gleich wieder, als einen Augen⸗ blick darauf die leicht bewegliche Mabel ausrief:„Harry, ich hätte große Luſt—“ „Nun, wozu haſt Du große Luſt?“ entgegnete er, in⸗ dem er mit ſeinem Ueberrock auf dem Arm aus dem Vor⸗ ſaal wieder hereintrat. Dich bis zum Hotel in die Stadt zu begleiten.“ Harry zog ausdrucksvoll die Augenbrauen in die Höhe und ſagte:„aber ich denke, die Königin der Mode iſt auf's Land gefahren?“ „Ich weiß es,“ ſagte Mabel;„aber ich möchte ſo gern die Kinder ſehen und ſie werden dieſen Vormittag zu Hauſe ſein.“ „Gut,“ ſagte Harry,„ich gehe gerade am Hotel vor⸗ bei und Deine Begleitung wird mir höͤchſt angenehm ſein; aber es regnet vielleicht; warum willſt Du nicht den Wa⸗ gen nehmen?“ „Louiſe hat unſern Wagen.“ „Unſern Wagen!“ rief er in halb ärgerlichem Tone aus;„das laß ich mir gefallen! Was iſt aus ihrem eige⸗ nen Wagen geworden?“ „Eins von den Pferden iſt lahm geworden, und Mr Leroy hat beide für den Winter auf's Land geſchickt.“ Harry pfiff ausdrucksvoll und Mabel erklärte mit un⸗ verſtelltem Eifer, daß ſie das Gehen vorziehe; denn ſie fürchte ſich gar nicht vor dem Regen, ſei gewohnt, jedem Wetter zu trotzen, und wünſche durchaus keine Gewächs⸗ hauspflanze zu werden. „Ich hoffe, Du wirſt Etwas für Deine Mühe haben,“ — 70— ſagte Miß Sabiah mit charakteriſtiſcher Schärfe;„es wird lange dauern, ehe ich wieder verſuche, mit dieſen Kindern zuſammenzukommen.“ „Wie ſo, Tante?“ erkundigte ſich Harry in einem Tone lebhafter Theilnahme. Harry machte ſich eine muth⸗ willige Freude daraus, Sabiah zu gelegentlichen Aus⸗ brüchen ihres Aergers und ihrer Abneigungen zu reizen. Mabel, die eben zum Zimmer hinausging, um ſich zum Spaziergang fertig zu machen, hörte nicht die Antwort ihrer Tante; aber als ſie zurückkehrte, fand ſie Harry kaum fähig, ſein Lachen zu unterdrücken, und er empfing ſie mit dem Ausrufe: „Ach, Mabel, ich hoffe, Du biſt auf ein Zuſammen⸗ treffen mit wilden Thieren gefaßt; eine gute Autorität ver⸗ ſichert, daß Du dieſen Vormittag einen Affen und einen Bären ſehen wirſt. Beide ſind gefährlich, aber der Eine iſt in ſeinen muthwilligen Angriffen offen und ohne Hinter⸗ halt, während der Andere an ſeinen Tatzen ſaugt und über tückiſchen Streichen brütet; das iſt eine unparteiiſche Dar⸗ ſtellung des Verhältniſſes, wie traurige Erfahrung beweiſt;“ und abermals lachte Harry unmäßig. Auf Miß Sabiah's Geſicht zeigte ſich der halbärger⸗ liche, halbverlegene Ausdruck, den Harry's Neckereien immer hervorriefen, und Mabel, die nie ohne Befürchtungen war, wenn er auf dieſe Weiſe wagte, ſeinen Witz an der lang⸗ ſamen Begriffsfähigkeit der Tante zu üben, trieb ihn fort mit der ſcherzenden Bemerkung, daß ſie, ſo gewarnt, gewiß auf der Hut ſein würde. Miß Sabiah nahm ihre Arbeit zuſammen und wollte ſich mit der gewöhnlichen Wolke auf ihrem Geſicht in die Einſamkeit ihres Zimmers zurückziehen, als Mabel an der Thür ſtehen blieb, um ihr zu verſichern, daß ſie bald wie⸗ derkommen und die Gelegenheit ihres Ausgehens benutzen werde, um ein paar Ellen Band für ihre Mütze zu kaufen. vird dern nem uth⸗ lus⸗ 1. ſich vort aum mit nen⸗ ver⸗ inen e iſt ter⸗ über Dar⸗ fl 4 ger⸗ imer var, ang⸗ fort wiß ollte die der wie⸗ tzen fen. — 71— Miß Sabiah machte ein freundliches Geſicht über die⸗ ſen Beweis von Mabels Rückſichtsnahme, und Letztere wartete gutmüthig, während die Tante aus einer altmodi⸗ ſchen Börſe die zu dem Ankaufe erforderliche Summe genau hinzählte und ihr die allerausführlichſten Anweiſungen über die Qualität und die Quantität des gewünſchten Arti⸗ kels gab. Unterdeſſen rüttelte Harry ungeduldig am Thürgriff. „Alſo Du haſt dieſe Wunderknaben noch nicht ge⸗ ſehen?“ ſagte Harry zu Mabel, als ſie die Straße hinab⸗ gingen. Mabel erzählte, wie ſie mehrmals in ihrer Erwartung, die kleinen Neffen zu ſehen, getäuſcht worden, und erklärte, ganz aufgeregt von Neugier zu ſein. „Sie müſſen geſtern einen böſen Sturm auf Tante Sabiah gemacht haben,“ ſagte Harry und fing abermals an zu lachen, wie er ſich an Mrs. Vaughan's Beſchreibung des Auftritts erinnerte.„Sie iſt heute nicht gut auf ſie zu ſprechen. Aber doch macht ſie es gar zu arg mit dem kleinen Murray. Er iſt ein prächtiger Burſche— der An⸗ dere freilich ſieht ziemlich tückiſch aus. 4 Ein Gegenſtand auf der Straße lenkte jetzt Harry's Aufmerkſamkeit ab, und mit andern Dingen beſchäftigt, hörte das jugendliche Paar ſehr bald auf, von den Kin⸗ dern zu ſprechen, oder nur an ſie zu denken. In der That waren Mabels Lebensgeiſter von der ſcharfen Morgenluft und den muntern Einfällen Harry's ſo gehoben, daß ſie über der Aufregung des Spaziergangs ſeinen Zweck halb vergaß und ganz erſtaunt war, als ſie auf einmal an der Thür des Hotels ſtand und ihr Beglei⸗ ter ſtehen blieb, um ihr guten Morgen zu ſagen. Die Bewegung hatte ihre Wangen lebhafter als gewöhnlich ge⸗ röthet und ihr Antlitz ſtrahlte von Leben, wie ſie einen Augenblick ſtehen blieb und Harry angelegentlich empfahl, — 72— ja bei Zeiten nach Hauſe zu kommen, um des Abends nicht in dem Familienkreis zu fehlen. Er verſprach es bereitwillig, und wie ſie in der Thür verſchwand, verrieth der liebevolle Blick, der ihr folgte, mit welcher Zärtlichkeit und welchem Stolz der Bruder an ihr hing. „Biſt Du zum Aſtronomen geworden, Vaughan?“ fragte eine wohlbekannte Stimme dicht neben ihm;„Du ſcheinſt das Verſchwinden eines Sternes erſter Größe zu beobachten.“ „O, mein lieber Dudley!“ rief Harry lebhaft und freudig aus, und über der herzlichen Begrüßung, die nun folgte, vergaß Letzterer, die erſte Frage ſeines Freundes zu beantworten. Nachdem Dudley die erſtaunten Erkundi⸗ gungen über die Urſache ſeiner unerwarteten Ankunft beant⸗ wortet hatte, wendete er abermals ſeinen Blick nach der Richtung, in welcher Mabel verſchwunden war, und fragte mit offenbarem Intereſſe:„wer war die glänzende Erſchei⸗ nung?“ „Ein neuer Ankömmling, faſt noch unbekannt in der Stadt,“ antwortete Harry mit verſtellter Gleichgültig⸗ keit;„Du wirſt ſie jedenfalls bald in ihrem Kreiſe kennen lernen.“ „Ich nicht,“ erwiderte Dudley gleichgültig;„ich reiſe Nachmittag nach Waſhington und wann ich wiederkehre, iſt noch höchſt ungewiß.“.— Dies war eine kleine Enttäuſchung für Harry, denn er hatte wirklich ſehr gewünſcht, ſeinen Freund Mabel vor⸗ zuſtellen. „Ich habe eine halbe Stunde übrig,“ ſagte Dudley, indem er nach der Uhr ſah,„und Dir Hunderterlei zu ſagen, Vaughan.“ So ſteckte er ſeinen Arm durch den Harry's und begleitete ihn Broadway hinunter. — ꝗ ͦ M—Y— Tre füh ein Ein auf die St zeit zu, legt Loc ſein war ſan auch gen fol die Ki Sechstes Anpitel. O, wenn ſie zürnt, iſt ſie gar ſcharf und bitter; Sie war'ne Zänk'rin ſchon in ihrer Schulzeit, Und wenn auch klein nur, iſt ſie doch gar giftig. Shakeſpeare. Als Mabel nach ihrem Abſchied von Harry die breite Treppe hinaufſtieg, die nach den Zimmern ihrer Schweſter führte, hörte ſie einen lauten L Lärm, als ob Jemand mit einem ſchweren Stock eben auf den Fußboden ſchlüge. Einen Augenblick ſpäter zeigte ſich ein kleiner Knabe, der auf einem ſtarken Stocke ritt. Er galloppirte, wobei er die Bewegungen eines Pferdes nachmachte, und bei jedem Schritt raſſelte der Stock auf der Flur hinter ihm. Gleich⸗ zeitig ſchrie er dem eingebildeten Pferde mit einer Stimme zu, die wenigſtens einen Beweis von geſunden Lungen ab⸗ legte. Es war ein ſchöner Knabe mit langen blonden Locken, die ihm bis auf die Schultern herabfloſſen, und ſein Anzug, obgleich unordentlich und etwas liederlich, war glänzend und phantaſtiſch. Daß er nicht an Gehor⸗ ſam gewöhnt war, zeigte ſich ganz deutlich dadurch, daß er auch nicht im Mindeſten auf die Stimme eines noch jun⸗ gen, abgeſpannt ausſehenden Mädchens achtete, das ihm folgte und ihm vergebens Halt zurief. Gerade als Mabel die oberſte Treppenſtufe erreichte, holte das Mädchen das Kind ein und verſuchte, es feſtzuhalten. In dieſem Augen⸗ —— — 74— blick, und als der lange Corridor von dem lauten Ge⸗ ſchrei des nun erboſten Knaben widerhallte, ging die Thür eines nahen Zimmers auf und ein Herr rief in ſtrengerm Tone aus:„Wahrhaftig, wenn Sie dieſem Kinde nicht Ruhe gebieten können, ſo muß ich mich bei dem Wirth be⸗ ſchweren— meine Frau iſt ſehr krank und dieſer Knabe hat uns den ganzen Morgen mit ſeinem Lärm beläſtigt.“ Das arme Mädchen ſah ganz verzweifelt aus, vorzuüglich da der kleine Reiter ſich unterdeſſen ihrem Arm entwunden hatte und ſeinen Ritt fortſetzte, ohne auf die ungeduldige Stimme und drohende Manier zu achten, mit welchen der Herr ihm jetzt zurief:„willſt Du ruhig ſein!“ Unterdeſſen hatte Mabel, die ein Lächeln über den Auf⸗ tritt nicht ganz unterdrücken konnte, ihren Weg nach den Zimmern ihrer Schweſter fortgeſetzt, die nach einer andern Richtung lagen, und nachdem ſie durch ein geräumiges Empfangzimmer und Schlafzimmer gegangen war, blieb ſie an der Thür eines dahinter liegenden Gemachs ſtehen, von dem ſie wußte, daß es die Kinderſtube war. Sie klopfte leiſe, da ſie aber jetzt bemerkte, daß die Thür offen ſtand, trat ſie ein. Grade ihr gegenüber ſaß an einem hohen Tiſch und auf einem hohen Stuhle, von dem die Füße des Knaben herunterbaumelten, einer der Beiden, die ſie beſuchen wollte. Er konnte höͤchſtens acht Jahre alt ſein, aber wie er daſaß, die Stirn auf beide Hände geſtützt und die Augen auf ein Buch geheftet, lag in ſeiner gebeug⸗ ten Haltung und dem ernſten und ſtau n Ausdruck ſeines Geſichts Etwas, was bei einem ſo jun Kinde unnatür⸗ lich und peinlich zu ſehen war. In ſeinen Zügen war nur wenig Lebendigkeit; die Geſichtsfarbe war dunkel und blaß und ſeine mageren Finger wühlten in dem langen Haare, ſo naß es in abgeſonderten und ſchweren Locken darüber fiel, und die ſonſt hohe und offene Stirn faſt ver⸗ deckte. Er veränderte bei Mabels Eintreten ſeine Ste Ge⸗ hür germ nicht be⸗ nabe 31. glich nden dige I der Auf⸗ den dern niges blieb ehen, Sie offen inem n die I, die ee alt ſtützt beug— eines atür⸗ t war l und ungen Locken t ver⸗ Ste — 75— lung nicht im Mindeſten, ſondern ſah ſie mit ganz gleich⸗ gültiger Miene unter ſeiner Hand hervor an und ſagte kurz:„Mutter iſt ausgegangen;“ und dann fuhr er fort zu leſen. Ehe Mabel noch antworten konnte, fühlte ſie ſich von demſelben kleinen Burſchen derb bei Seite geſtoßen, den ſie ſchon vorhin auf der Treppe geſehen hatte und der jetzt, immer noch auf dem Stock reitend, in das Zimmer ge⸗ ſprungen kam und daſſelbe zwei oder drei Mal umkreiſte, wobei er das Kinn einzog und den Mund auf⸗ und zu⸗ machte, wie wenn ein Pferd am Gebiß kaut. Endlich, wie er ſich dem Tiſche des Leſenden näherte, der ihm bis dahin nicht die mindeſte Beachtung geſchenkt hatte, fing er an, ſich zu bäumen und den Kopf in die Höhe zu werfen, als ob ihn ein zu feſt gehaltener Zaum genirte, und da⸗ durch gelang es ihm, das mit dem Rücken an einige andere Bücher gelehnte Buch vom Tiſche herunter zu werfen. Sein Bruder, denn die Beiden waren Mrs. Leroy's Kinder, nahm dieſen Scherz nicht geduldig hin, ſondern ſtreckte ſeinen Fuß unter dem Tiſch hervor und gab dem ungeber⸗ digen Urheber des kleinen Unfalls einen Tritt. Mabel, die immer noch in der Thür ſtand, ſah dem ganzen Auf⸗ tritt aufmerkſam zu. Alick, der dem Andern die Züch⸗ tigung hatte angedeihen laſſen, merkte recht gut, daß er beobachtet ward und ſah ſie mit einem halb gekränkten, halb mißtrauiſchen Blick an, welcher zu ſagen ſchien,„Du haſt's geſehen mir iſt es ganz einerlei;“ und dann hob er das Buch und ſtellte es wieder genau ſo wie vorhin auf den Tiſch. Das Geſchrei des jüngern Knaben, der, obgleich ihm der Stoß ſeines Bruders in Zirklichkeit nur wenig weh gethan, ſich auf den Fußboden hingeworfen hatt und mit der ganzen Kraft ſeiner Lungen ſchrie und ſchluchzte, ſchien nur wenig Eindruck auf ihn zu machen. — 76— Betroffen von Alicks Rauhheit und zurückgeſtoßen von dem mürriſchen Ausdruck ſeines Geſichts wendeten ſich Ma⸗ bels Sympathien jetzt ganz dem jüngern Knaben zu, der trotz ſeines muthwilligen und lärmenden Weſens ihr der Liebenswürdigere von Beiden zu ſein ſchien. Sie nahm ihn daher auf den Schooß, verſuchte ihn zu beruhigen und beeilte ſich, um dem Erſtaunen der Wärterin der Kinder ein Ende zu machen, die ſie verwundert anſah, ſich zu nennen. Als ſie ſagte,„ich bin Eure Tante Mabel,“ ſah Alick raſch von ſeinem Buche auf, warf einen ernſten und forſchenden Blick auf ſie und ſah dann wieder ins Buch. Murray jedoch, der Andere, ſchien es ziemlich gleichgültig aufzu⸗ nehmen, aber ließ ſich Mabels Liebkoſungen gefallen, und als er in ihren Taſchen das Zuckerwerk hatte ſuchen dür⸗ fen, welches, wie ſie ihm ſagte, ſich darin befand, hatte er ſeine Sch merzen bald vergeſſen und wurde wieder luſtig und guter Dinge. Mabel konnte ihn jedoch zu keiner Anerkennung ihrer Anſprüche auf ſeine Liebe bewegen. merkſamkeit und Liebkoſungen als die einem verzogenen Kinde ſchuldige Huldigung hin, ſchüttelte aber den Kopf, als ſie ihn fragte, ob er ſich der vielen Küſſe erinnere, die ihm Tante Mabel in ihren Briefen an Mama überſchickt, und der hübſchen Spielſachen, die zu Weihnachten in einer Kiſte angekommen. Durch ſein Benehmen überzeugt, daß ihr Name keine Erinnerung in erweckte, während ſie den forſchenden Blick, mit dem Aliche ſie eine Weile betrachtet hatte, gar nicht bemerkte, fühlte ſiar⸗ ſich einen Augenblick enttäuſcht bei dem Gedanken, daß died Kinder, nach deren Anblick ſie ſich ſo ſehr geſehnt hatte, ſün als eine Fremde betrachteten. Aufgabe, ſich die Neigung ihrer kleinen Neffen zu erwerben, ganz ihr zufiel, ihrerſeits keine Mübe zu ſparen. Er nahm ihre Auf⸗ dem Herzen des Knaben!“ Aber ihr liebreiches Gemüthe e ließ ſich nicht ſo leicht zurückweiſen und ſie beſchloß, da die dn Daher: 1 —— von that ſie ihr Mögliches, um den jüngern Knaben zu unter⸗ Ma⸗ halten und bemühte ſich zugleich, die Aufmerkſamkeit ſei⸗ der nes ſchweigſamen Bruders zu erwecken. Während der der halben Stunde, daß Murray auf ihrem Schooße ſaß, zeig⸗ ahm ten das zunehmende Intereſſe, mit welchem er in das Ge⸗ und ſicht ſeiner jungen, ſchönen Tante blickte, und die Aufmerk⸗ ein ſamkeit, mit der er ihren freundlichen Worten zuhörte, ge⸗ nen. nügend den Erfolg, der ſelten ihren Bemühungen fehlte, aſch das Ohr und das Herz von Kindern zu gewinnen. Mehr nden als einmal wendete ſie ſich mit einer Bemerkung an Alick, rray aber er antwortete entweder gar nicht oder in einem ſo ßzu⸗ mürriſchen Tone, daß ſie zuletzt von jedem fernern Ver⸗ und ſuche abſtand, mit ihm näher bekannt zu werden.. dür⸗ Aber es befand ſich noch eine Perſon im Zimmer, die, te er obgleich ſelbſt unberückſichtigt, Mabel mit nicht geringer iſtig Bewunderung und Neugier beobachtete. Dies war das 6 junge Mädchen, welches die Aufſicht über die Kinder hatte hrer und deſſen abgeſpannt ausſehendes Geſicht Mabels Mit⸗ luf⸗ leiden erregt hatte, als ſie die Treppe heraufgegangen war. Die Arme hatte allerdings eine ſchwere Aufgabe zu erfül⸗ unf. len— eine Aufgabe, welche unter den günſtigſten Verhält⸗ die niſſen die Kraft und die frohe Laune eines ſo jungen ickt, Mädchens erſchöpfen konnte und die hier doppelt ſchwierig iner war, weil ſie in Mrs. Leroy's D Dienſten mehreren Parteien daß zu gefallen hatte, von denen jede einzelne kaum zu be⸗ ben⸗ friedigen war. Außerdem war ſie in beſſern Verhältniſſen llicks zufgewachſen und ihr gegenwärtiger Beruf war ihr neu und ſiar⸗ eſchwerlich.„ dieat Den unruhigen Murray nur eine halbe Stunde lang ſünd ill und vergnügt zu ſehen, der Nothwendigkeit überhoben uüthen u ſein, ihm eine Zerſtreuung zu verſchaffen und dabei dem ſoen nuntern Geſpräch und den lebhaften Einfällen zuhören zu ürfen, die für ſie nicht weniger unterhaltend waren, als r den Knaben, war für ſie ein Genuß, der um ſo größer war, weil er ſo ſelten kam; und Mabel ahnte nicht, mit welchem befriedigten Lächeln ein anderes Paar Augen auf ihr ruhte, außer demjenigen, welches ihr ſo freudig aus dem Geſichte des Kindes entgegenſtrahlte. Endlich gaben ein plötzlicher Windſtoß und ſchwere Regentroöpfen, die gegen das Fenſter ſchlugen, Mabel die erſte Nachricht von dem Ausbruch des Unwetters, das ſchon gedroht hatte, als ſie von Hauſe weggegangen war. Auf dieſe Weiſe im Hotel gefangen gehalten und beſorgt, daß ihre Tante über ihre lange Abweſenheit ängſtlich werden würde, überlegte ſie, ob ſie wol einen Boten nach Hauſe ſchicken könnte, als ſie auf dem Corridor die Stimme der Mrs. Leroy und das laute Lachen der Mrs. Vannecker vernahm. Da ſie gleich vermuthete, daß das Ungewitter ſie nach Hauſe ge⸗ trieben, eilte ſie ihrer Schweſter entgegen in der Hoffnung, daß ſie noch zur rechten Zeit werde den Wagen beſtellen können. Aber es war ſchon zu ſpät; der Kutſcher war ſchon fortgefahren. Louiſe machte ihr jedoch ſcherzende Vorwürfe, daß ſie in dem Augenblick, wo ſie nach Hauſe gekommen, fortlaufen wolle.„Wem hat denn eigentlich Dein Beſuch gegolten?“ fragte ſie. „Den Kindern,“ entgegnete Mabel.„Ich habe ſie endlich geſehen.“ „Und wie gefallen ſie Dir? Iſt nicht mein prächtiger Murray ein lieber Engel? und Alick— nun ich hoffe, er war bei ſeiner gewöhnlichen guten Laune?“ Der Ton ihrer Stimme verrieth, daß das, was ſie von Murray ſagte, aufrichtig gemeint war, aber bei der letzten Hälfte ihrer Aeußerung wendete ſie ſich mit einem kurzen Lachen zu Mrs. Vannecker, und ſowol das Lachen, wie der Ton ihrer Stimme verriethen, daß ihre Worte Ironie waren. Mabel verſtand die Andeutung, und während ſie ſich wunderte, daß ihre Schweſter ſo leichtfertig über eine ſo ernſt Kind ihn ein 1 Loui nicht Wag Hau bens ihr Sie ſich fürcl klar Mal nach zimt ſpru chem ſchm verz bare Roſ ſant heit als auf der ſie! gen mac mit auf aus aben die von als im über legte unte, und a ſie e ge⸗ zung, tellen war as ſie ei der einem achen, Worte ſie ſich eine ſo ernſte Sache, wie die mürriſche Gemüthsart ihres eigenen Kindes, ſprechen konnte, ſagte ſie zu ſich ſelbſt:„ich habe ihn alſo in ſeiner gewöhnlichen Laune geſehen; was für ein unangenehmer Knabe er ſein muß!“ Sie wünſchte jetzt Mrs. Vannecker guten Morgen und Louiſe führte Mabel in ihre Zimmer, wobei jedoch Letztere nicht unterließ, ihre Schweſter zu bitten, Jemand nach dem Wagen zu ſchicken, da ſie ihrer Tante wegen gleich nach Hauſe fahren müſſe. Aber es war ihr unmöglich, den dringenden und lie⸗ benswürdigen Bitten zu widerſtehen, mit denen Louiſe auf ihr Bleiben, wenigſtens bis zum Nachfrühſtück, beſtand. Sie verſicherte ihr dabei, daß es die größte Thorheit ſei, ſich auf dieſe Weiſe zur Sklavin der Launen und der Be⸗ fürchtungen einer alten Dame zu machen, die, wie ganz klar zu ſehen ſei, die Tyrannin zu ſpielen wünſchte; und Mabel gab den Zureden ihrer Schweſter zu bereitwillig nach und blieb. Als ſie mit einander in das Geſellſchafts⸗ zimmer traten, kam Murray ſeiner Mutter entgegen ge⸗ ſprungen, und dieſe umarmte ihn, liebkoſte ihn mit man⸗ chem Schmeichelwort und warf ſich zuletzt in affectirter und ſchmachtender Haltung auf das Sopha, während ſie dem verzogenen Kind erlaubte, nach Belieben auf ihrem koſt⸗ baren Kleide herumzutrampeln und mit den künſtlichen Roſen zu ſpielen, welche ihren Hut ſchmückten. Wie Mabel ſie betrachtete, glaubte ſie nie ein intereſ⸗ ſanteres Bild mütterlicher Anmuth und kindlicher Schön⸗ heit geſehen zu haben; aber die Scene war eben ſo kurz, als effectvoll; denn da Louiſens Eitelkeit ſowol in Bezug auf ſich, wie auf ihr Kind, mit dieſem kurzen Schauſpiel der Zärtlichkeit vollkommen zufriedengeſtellt war, konnte ſie nicht länger die Ungeduld und die Reizbarkeit verber⸗ gen, welche ihr das Zuſammenſein mit dem Kinde läſtig machten, und nach wenigen Augenblicken, als die muth⸗ —— — 80— willige Hand des Knaben an den feinen Spitzen ihres Kragens herumzupfte, ſtieß ſie ihn haſtig bei Seite und hob ihn vom Sopha herunter. Dabei aber gelang es ihm, ſich des koſtbaren Hermelinmantels, der von, ihrer Schulter fiel, zu bemächtigen und ihn nach der andern Ecke des Zim⸗ mers mitzunehmen, wobei er den zarten weißen Pelz hinter ſich her auf dem Teppich ſchleppte. Louiſe, welche Mabel von einer dramatiſchen Vorſtel⸗ lung erzählte, welche dieſen Abend in einem der faſhiona⸗ belſten Häuſer ſtattfinden ſollte, ſchien Anfangs von die⸗ ſem neuen Streiche des Kindes gar Nichts zu merken; aber im nächſten Augenblick ſtand ſie plötzlich auf und näherte ſich, während ſie immer noch das Geſpräch mit Mabel in dem alten Tone fortſetzte, Murray, der nicht ſehr zart mit ſeiner Beute umging, und verſuchte, ihm den Mantel zu entreißen, indem ſie den einen Zipfel deſſelben anfaßte. Es war ihr mit ihrem Einſchreiten offenbar Ernſt, aber der Knabe ließ ſich dadurch nicht einſchüchtern. Er faßte ſein neues Spielzeug feſt an, entriß es durch eine plötzliche Anſtrengung den Händen der Mutter, packte es in ſeinen Armen zuſammen und flüchtete nach der entgegen⸗ geſetzten Ecke des Zimmers, während er der Mutter einen triumphirenden Blick zuwarf. Dieſe jedoch, weit entfernt, die Verfolgung fortzuſetzen oder ein tadelndes Wort hören zu laſſen, ſchien ſich vielmehr über den widerſpenſtigen Sinn des Knaben zu freuen; und ſie begleitete ihren fehl⸗ geſchlagenen Verſuch nur mit einem Lächeln über den Er⸗ folg, mit dem er ſeine unfolgſamkeit durchgeſetzt hatte. Auch beſchäftigte die Möglichkeit, daß ihr Mantel Schaden leiden könnte, weiter nicht ihre Gedanken, und ſie nahm wieder auf dem Sopha Platz und fuhr in der kaum unterbrochenen Schilderung der Muſik, der Anzüge und der Dekorationen, die der Abend bringen würde, B fort. der Sti ihn keit Sti jede wo gen mel ben eine vere wer den Aut und ſetz Ma gab imn obg ſtie daſ auf die der erh zu fiel wo bel ſch fres und hm, alter im⸗ nter ſtel⸗ ona⸗ die⸗ ken; und mit ſehr den elben nbar tern. eine te es egen⸗ einen fernt, hören ſtigen fehl⸗ 1 Er⸗ e. rantel und n der nzügt uürde, — 81— Während Mabel mit Lebhaftigkeit auf die Beſprechung der Feſtlichkeit einging, dachte ſie kaum an den kleinen Streit zwiſchen Mutter und Kind, außer inſoweit, als ſie ihn als einen Beweis von Sanftmuth und Liebenswürdig⸗ keit des Charakters betrachtete, welche Louiſen verboten, Strenge anzuwenden oder Gehorſam zu fordern. Wie ſie jedoch gerade gegenüber das Kind auf einem Stuhle ſah, wo es, wie gewöhnlich, den Reiter ſpielte und ſich der lan⸗ gen Zipfel des Mantels als Zügel bediente, fühlte ſie mehr als einmal Beſorgniſſe über die Sicherheit des Kna⸗ ben oder des Mantels rege werden. Als ſie einmal bei einer ſolchen Gelegenheit erſchrocken auffuhr, ſah ſich Louiſe veranlaßt, ebenfalls einen Blick nach dieſer Richtung zu werfen, aber um eine ſtürmiſche Auseinanderſetzung mit dem kleinen Rebellen zu vermeiden, verſchloß ſie lieber die Augen vor dem möglichen Schaden, der entſtehen konnte, und erlaubte ihn mit mattem Lächeln, ſein Spiel fortzu⸗ ſetzen. Endlich zerriß ein heftiges Zerren Murray's an dem Mantel den letzteren an dem einen Zipfel, ſo daß er nach⸗ gab und der Knabe vom Stuhle herunterfiel, wobei er aber immer noch das abgeriſſene Pelzſtück in der Hand behielt. Mabel ſprang auf, um ihm zu Hülfe zu eilen; denn obgleich er weder ſchwer, noch von großer Höhe herabfiel, ſtieß er doch ein lautes Geſchrei aus, und ſie befürchtete, daß er ernſtlich verletzt ſein könnte. Auch Louiſe ſprang auf, aber Mabel hatte den Knaben ſchon aufgehoben, ehe die Mutter die Stelle erreichte. Die angelegentliche Frage der Erſtern:„haſt Du Dir Schaden gethan, Kleiner?“ erhielt kaum eine Antwort, und er fuhr immer noch fort zu ſchluchzen, als Louiſens Blick auf den zerriſſenen Pelz fiel und ſie ihm zornig das Stück aus der Hand riß. Ach, wo war jetzt die Sanftmuth hin, die ſo Viele außer Ma⸗ bel oft bezaubert hatte! Sie war in einem Augenblick ver⸗ ſchwunden. Die klangvolle Stimme Louiſens ſchwoll zu Mabel Vaughan l. 6 — 82— lauten Tönen des Vorwurfs an; Worte jähen Zornes traten an die Stelle der gewöhnlich ſchmachtenden Klänge, und die kleine Hand, ſo vollkommen in ihren Umriſſen und ſo anmuthig in ihren Bewegungen, gab jetzt ihren Worten neuen Nachdruck, als ſie mit einem plötzlichen Schlag Mur⸗ ray's ſtrafbare Rechte traf. Aber der ungezogene Knabe nahm ihre Unzufriedenheit nicht als widerſtandsloſes Opfer hin; er wehrte ſich keck, und Mabel mußte ein lärmendes Gebalge mit anſehen, welches damit endigte, daß Mrs. Leroy unter Strampeln, Schreien und Drohungen, welche wahrſcheinlich das ganze Haus in Unruhe verſetzt hätten, wenn ſolche Scenen nicht faſt täglich vorgekommen wären, das Kind mit Gewalt hinausſteckte. Verletzt und ſchmerz⸗ lich berührt von dem Auftritt, erwartete Mabel, ihre Schwe⸗ ſter von einem ſo unnatürlichen Kampfe noch mehr ange⸗ griffen zu ſehen. Aber im Gegentheil wendete ſich Louiſe mit einem Lächeln zu ihr und lachte gerade weg, als ſie ihre halbverlegene und halbbetrübte Miene erblickte. „Ich fürchte, er hat ſich Schaden gethan,“ meinte Mabel,„er ſchrie ſo laut, als er zuerſt fiel.“ „Ach nein,“ entgegnete Louiſe im ſorgloſen Tone,„er ſchreit immer ſo,“ und dann fuhr ſie fort, ihren Mantel zu beſichtigen, indem ſie das abgeriſſene Stück an die Stelle paßte, wo es fehlte, und hinzuſetzte:„es iſt doch ſchänd⸗ lich! ich bin neugierig, ob Lefarge es ausbeſſern wird.“ So ſehr war ſie auf die Art bedacht, wie der Schaden wieder gutzumachen ſei, daß ſie mehrere Minuten lang Mabel gar nicht beachtete, die ſich allmälig von ihrem Er⸗ ſtaunen über die Widerſprüche in dem Charakter ihrer Schweſter erholte, zumal da ſie fand, daß dieſer Aus⸗ bruch mütterlichen Zorns keine dauernde Wirkung auf die Heiterkeit des Kindes hervorbrachte, das ſie bald darauf wieder in der benachbarten Kinderſtube ſpielen hörte, als ob nichts vorgefallen ſei. des von anfit ſchich ihn in d Mur Bede Vor zu l wiſſe ſpra koſu ſollt getre aus gleie mer chen derſt ſein eine gege mür ter ſchu ode und nes ie, und rten tur⸗ abe pfer ndes ers. elche ten, ren, derz⸗ hwe⸗ nge⸗ zuiſe § ſie einte w„ rr antel Stelle änd⸗ 4 zaden lang 1 Er⸗ ihrer Aus⸗ if die arauf ,als — 83— Zwei oder drei Stunden waren vergangen, die Zeit des Nachfrühſtücks war längſt vorüber, und da Mabel ſich von Neuem Vorwürfe über dieſes lange Bleiben zu machen anfing, hatte ſie Louiſen bewogen, nach dem Wagen zu ſchicken. Er war noch nicht angekommen und ſie erwartete ihn mit einiger Ungeduld, als man einen lauten Schrei in der Kinderſtube vernahm und einen Augenblick darauf Murray heulend in das Zimmer trat, offenbar in neuer Bedrängniß, und mit einem gänzlichen Vergeſſen des eben Vorgefallenen zur Mutter lief, um ſich von ihr bedauern zu laſſen. Sie empfing ihn mit offenen Armen, wollte wiſſen, was man ihrem Goldkind gethan habe, und ver⸗ ſprach ihm mit manchem zärtlichen und übertriebenen Lieb⸗ koſungswort, denjenigen, der ihm Etwas gethan haben ſollte, zu beſtrafen. Alick hatte ihm Etwas gethan, hatte ihn geſtoßen und getreten und er und Lydia hatten ihn geſchimpft. „Ich habe ihn nicht geſchimpft,“ rief die abgeſpannt ausſehende Kinderwärterin aus, die mit einem Geſicht, das gleich über und über roth ward, als ſie Miß Mabel be⸗ merkte, jetzt in die Thür trat. „Schweigen Sie!“ herrſchte Mrs. Leroy dem Mäd⸗ chen zu. Darauf ſtand ſie auf, öffnete die Thür der Kin⸗ derſtube und fragte Alick im ſtrengen Tone, was er wieder ſeinem Bruder zu Leide gethan habe, wobei ſie gleich in einem Athem hinzuſetzte:„ich weiß, daß Du immer garſtig gegen ihn biſt.“ „Er iſt garſtig gegen mich,“ antwortete der Knabe mürriſch. Ohne Worte und Drohungen zu ſparen, fuhr die Mut⸗ ter fort, ihn auszuſchelten, aber ohne ein Wort zur Ent⸗ ſchuldigung zu ſagen, nahm er ihre Vorwürfe gleichgültig, oder ſollten wir eigentlich ſagen, ohne ſie zu beachten, hin, und würdigte ihre Fragen über ſein Benehmen keiner Ant⸗ 6* —— ——————— 3 — 84— wort. Er fand jedoch eine Vertheidigerin in Lydia, die ſogleich anfing:„Alick trifft nicht die Schuld, Mrs. Leroy—“ „Sie brauchen mir Das nicht zu ſagen, Lydia,“ ent⸗ gegnete ihre Herrin;„ich weiß, wer immer ſchuld an die⸗ ſen Streitereien iſt.“ „Er hat mich geſchimpft,“ murrte Murray,„er hat mich geſchimpft. Er ſagte, ich wäre ein Bettler!“ „Das habe ich nicht geſagt!“ entgegnete Alick kurzweg. „Nein, Madam,“ beſtätigte Lydia angelegentlich.„Ich erzählte ihnen, was ich für ein gutes kleines Schweſterchen zu Hauſe habe; Alick ſagte, er möchte ſie wol gern einmal ſehen, Madam, und ich verſprach ihm, ihn mitzunehmen, wenn Sie es erlaubten. Murray ſelbſt hat zuerſt von Bettlern geſprochen. Roſy iſt gewiß keine Bettlerin, und wenn meine Mutter nicht reich iſt, ſo iſt ſie doch ſehr re⸗ ſpectabel.“ „Ich ſagte, ich wollte zu keinem Bettlermädchen gehen und ich mag es auch nicht,“ ſagte Murray,„und dann ſagte Alick, ich ſei ſelbſt weiter nichts, als ein Bettler. Nicht wahr, das bin ich nicht, Mutter?“ „Nein, gewiß nicht, liebes Kind. Alick, es iſt recht ungezogen von Dir, Deinem Bruder ſo Etwas zu ſagen — und Lydia, daß ich nicht wieder ſo Etwas höre. Na⸗ türlich dürfen Sie die Knaben nicht an gemeine Orte mit⸗ nehmen. Die Kinder, die Sie kennen, ſind vielleicht recht gute Kinder und vielleicht auch nicht, aber jedenfalls ſind ſie keine paſſende Geſellſchaft für meine Kinder.“ „Wahrhaftig, Mrs. Leroy,“ rief Lydia aus und ihr Geſicht überzog ſich mit ihrem dunkeln Roth und ihr Auge blitzte zornig, während das Zittern ihrer Lippen gleichzeitig eine tiefere Bewegung verrieth, als verletzten Stolz— „wahrhaftig, Madam, ich wünſchte nur, Sie könnten ſolch ihne ihren über fühl ders des ſie wen mit der mit lung gaß nur verſi zu g neue Lau Lou ſie i bin ande Ein gege wele hinz gehe mir die rs. nt⸗ die⸗ hat deg. Ich hen mal ien, von und re⸗ hen ann tler. recht agen Na⸗ mit⸗ recht ſind ihr Nuge eitig uten — 85— ſolche Kinder ſehen, wie ich ſie kenne; es ſind einige unter ihnen, die ſelbſt einer Dame Etwas lehren können.“ Wenn in dieſer Bemerkung eines jungen Mädchens zu ihrer Herrſchaft etwas Unhöfliches lag, ſah Mabel faſt dar⸗ über hinweg, ſo ſehr fiel ihr der tiefe Ernſt und das Ge⸗ fühl auf, die ſich in dem Tone Lydia's ausſprachen. An⸗ ders war es bei Louiſen. Sie betrachtete die Aeußerung des Mädchens lediglich als eine Impertinenz und beſtrafte ſie demgemäß. Es wäre gut für ihre Würde geweſen, wenn ſie ſich genug hätte beherrſchen können, um Lydia mit Ruhe den Abſchied zu geben. Aber dies war nicht der Fall. In der heftigen Sprache und den Scheltworten, mit welchen ſie bei dem Mädchen das Vergeſſen ſeiner Stel⸗ lung und der Vorgeſetzten ſchuldigen Achtung rügte, ver⸗ gaß ſie die Dame ganz und gar, und Mabel konnte ſich nur von der Härte verletzt fühlen, mit der ſie der Armen verſicherte, daß ſie ihr Monatskohn verwirkt habe, und ihr zu gleicher Zeit verbot, den Dienſt zu verlaſſen, ehe eine neue Wärterin an ihre Stelle getreten war. Es lag einiger Troſt darin, daß dieſe Anfälle übler Laune eben ſo raſch vorübergehend, als heftig waren. Als Louiſe die Thür der Kinderſtube hinter ſich zumachte, ſchien ſie ihren Aerger mit den Worten zu erſchöpfen:„ſo, nun bin ich fertig mit ihr— nun habe ich die Plage, eine andere Wärterin für die Kinder zu ſuchen— was ſie Einem zur Laſt ſind;“ und im nächſten Augenblick that ſie gegen Mabel eine gleichgültige Aeußerung über das Kleid, welches ſie dieſen Abend anziehen wollte, und ſetzte dann hinzu:„ich will nur gleich hinüber zu Mrs. Vannecker gehen und mir ihre Ohrringe borgen, um zu ſehen, wie mir Korallen ſtehen!“ 3 müh hört mer! war nähe gute er 1 zu Siebentes Aapitel. dich gen Nicht jede Blume, ſchön zu ſchau'n lich Entſendet ſüßen Duft; eine Gar mancher goldne Hoffnungstraum behe Verſchwimmt voll Trug in Luft. ehe Mrs. S. J. Hale. eini Wa Von dieſem neuen Plan zur Befriedigung ihrer Eitel⸗ ihr keit in Anſpruch genommen, eilte Louiſe ſogleich zu ihrer lege Freundin und blieb dort ſo lange, daß vor ihrer Rückkehr und der Wagen für Mabel kam, die ihre Schärpe nicht finden geſe konnte, und in der Meinung, daß ſie dieſelbe in der Kin⸗ raſe derſtube gelaſſen haben könnte, dorthin ging, um ſie zu ſuchen. Wie ſie die Thüre unbemerkt öffnete und ohne ge⸗ Leit ſehen zu werden, ins Zimmer trat, ſah ſie ein Schauſpiel, wel welches ſowol ihre Theilnahme, wie ihr Intereſſe erweckte. zen Die arme Lydia, von Schmerz überwältigt, hatte ſich auf ſchl das ſchmale Bett geworfen, in welchem für gewöhnlich eins mic der Kinder ſchlief, und ſchluchzte ſo heftig, daß ſie am ſich ganzen Körper krampfhaft zitterte. Ihre Augen blickten ſich ſtarr ins Leere und ein hyſteriſcher Krampf in der Kehle und ließ Mabel fürchten, daß das Mädchen von einer Bewegung, und die ſie offenbar nicht bemeiſtern konnte, erſticken könnte. Alick ſtand neben der armen Lydia und ſein Geſicht war Mu nicht länger ſtumpf und gleichgültig, ſondern ſprach deut⸗ lich Schmerz und Entrüſtung aus. Er ſchien ſich zu be⸗ nich raum le. itel⸗ ihrer kkehr nden Kin⸗ ie zu e ge⸗ ſpiel, eckte. auf eins e am ickten Kehle gung, nte. war deut⸗ u be⸗ — 87— mühen, ſie zu tröſten, und wie Mabel in das Zimmer trat, hörte ſie ihn ſagen:„ich würde mich nicht um ſie küm⸗ mern, Lydia— ſie zankt und ſchmählt immer.“ Anfangs war Murray nirgends zu erblicken; aber wie ſich Mabel näher umſah, entdeckte ſie, daß der Kleine, der wirklich von gutem Herzen war, und dem es aufrichtig leid that, daß er mit dazu beigetragen, der armen Lydia ſo viel Schmerz zu verurſachen, hinauf auf das Bett gekrochen war und ſich dicht an ſie angeſchmiegt und ſie mit einem Arm umſchlun⸗ gen hatte. Als Lydia Mabels Stimme hörte, die ihr freund⸗ lich zuſprach, fuhr ſie plötzlich auf, und da die Anweſenheit einer Fremden für ſie ein mächtiger Beweggrund, ſich zu beherrſchen, zu ſein ſchien, gelang es ihr, ihre Aufregung einigermaßen zu beſchwichtigen. Mabel nahm ein Glas Waſſer von dem Tiſch und ſprengte ein paar Tropfen in ihr Geſicht, wie ſie es von Mrs. Herbert bei ähnlichen Ge⸗ legenheiten geſehen hatte. Die Nervenerſchütterung half, und nachdem das Mädchen noch einige Male krampfhaft geſchluchzt hatte, fand es Erleichterung in natürlichen und raſch fließenden Thränen. Obgleich noch ein Neuling in der Behandlung ſolcher Leiden, ſprach doch Mabel einige tröſtende Worte zu ihr, welche die arme Lydia aufmunterten, ihrem gefüllten Her⸗ zen einigermaßen Luft zu machen.„Wahrhaftig, Miß,“ ſchluchzte ſie,„ich meinte es nicht böſe, aber es verletzte mich ſo, was ſie von den Kindern ſagte, und Sie würden ſich nicht wundern, wenn Sie wüßten“— hier verloren ſich ihre Worte in Thränen, aber ſie faßte ſich bald wieder und ſetzte hinzu:„ſo habe ich jetzt meine Stelle verloren und weiß nicht, was ich anfangen ſoll.“ „Ich will Mutter bitten, Dich zu behalten,“ ſagte Murray ſchmeichelnd. Lydia lächte das wetterwendiſche Kind an, ſagte aber nichts. Unterdeſſen hielt ſich Alick etwas im Hintergrund — 88 und ſah Mabel an, die aufrichtig an dem Mädchen theil⸗ nahm, aber nicht wußte, was ſie hier thun könnte. Als ſie darauf Anſtalt machte, das Zimmer zu verlaſſen, hemmte Alick ihre Schritte, welcher ausrief, wie um Lydia's Beneh⸗ men weiter zu erklären:„ſie kann ihr Geld nicht bekommen und das iſt zu ſchlecht; ſie braucht es für ihre Mutter und Roſy. Die Mutter ſagte, ſie wolle ſie nicht bezahlen und ſie thut es auch gewiß nicht, denn ſie iſt ſo bös.“ Mabels Geſicht verrieth, wie ſehr die unkindliche Sprache des Knaben ſie verletzte, aber er bemerkte es nicht; ſeine Augen folgten der Hand, mit der ſie jetzt ihre Börſe ſuchte. Die arme Lydia war unterdeſſen das Bild der Beſchämung und des Schmerzes. Worte bitterer Enttäu⸗ ſchung, die ſie geäußert, hatten dem ſcharf beobachtenden Alick das Geheimniß der Bedürftigkeit ihrer Familie ver⸗ rathen, aber trotz ihrer abhängigen Stellung beſaß ſie einen ¹ zartfühlenden Stolz, welcher ſie abgeneigt machte, Mabel ihre Lage anzuvertrauen. Kaum weniger verlegen, denn ſie war ein Neuling in ſolchen Verhältniſſen, erkundigte ſich Mabel nach dem Be⸗ trag, den das Mädchen für ſeine bisherigen Dienſte zu fordern hatte. „Sechs Dollars,“ ſagte Lydia ſtockend;„aber, ach! Miß, es hat nichts auf ſich.“ Die Summe lag in ihrer Hand, ehe ſie ausgeredet hatte.„Sprechen Sie nicht weiter davon,“ ſagte Mabel begütigend und indem ſie der Hand wehrte, welche das Geld zurückgeben wollte;„behalten Sie es— ich bitte Sie— ich werde die Sache mit Mrs. Leroy ſchon in Ordnung bringen.“ Dann eilte ſie hinaus, um ſich den halb hörbaren Dankſagungen Lydia's zu entziehen. Erſtaunt und be⸗ wundernd folgten ihr Alicks Augen und Murray gab ſeine Zufriedenheit auf gleich charakteriſtiſche Weiſe zu erkennen, inde ſchla zog das halb geht wie einn bei lung Faſſ Wei ung kon! trat ung Hac doch wer Loch neb eine aus wer Leu ich ſag ſpie letz Vo geh il⸗ lls nte eh⸗ nen ind ind iche ht; rſe der äu⸗ den ver⸗ nen abel in Be⸗ e zu ach! redet rabel das bitte n in daren be⸗ ſeine nnen, — — 89— indem er verſuchte, auf dem Bett einen Purzelbaum zu ſchlagen. Ein Erröthen der Ueberraſchung und Verlegenheit über⸗ zog raſch Mabels Geſicht, als ſie bei ihrem Eintreten in das Empfangzimmer ſah, daß Louiſe ganz dicht neben der halb offenen Thür der Kinderſtube ſtand, wo ſie jedes Wort gehört haben mußte. Sie verſuchte vor einem Spiegel, wie ihr die Korallenohrringe ſtanden und wendete nicht einmal den Kopf, als Mabel plötzlich eintrat. Wäre letztere bei einer niedrigen, anſtatt bei einer großmüthigen Hand⸗ lung ertappt worden, ſo hätte ſie ſchwerlich mehr aus der Faſſung kommen können als jetzt, wo ſie fühlte, in einer Weiſe aufgetreten zu ſein, welche ihre Schweſter für eine ungerechtfertigte Einmiſchung in eine Angelegenheit halten konnte, die ſie nichts anging. Ein verlegenes Schweigen trat ein, welches endlich Louiſe unterbrach, die, nachdem ſie ungeduldig einen der Ohrringe geſchüttelt und ihn im Haar verwickelt hatte, herriſch und ärgerlich ausrief:„Sieh doch zu, Mabel, was damit iſt; ich kann nicht damit fertig werden!“ Mabel beeilte ſich, das widerſpenſtige Kleinod aus der Locke loszumachen und im Ohr zu befeſtigen, und ſtand da neben der kleinen reizbaren Schönen, die, nachdem ſie ſich einen Augenblick mit nicht geringer Befriedigung beſchaut, ausrief:„wie hübſch ſie ſind! ich wollte, ſie wären mein! wenn ich Geld wegzuwerfen hätte, wie manche andere Leute,“ ſetzte ſie mit bedeutſamen Tone hinzu,„ſo kaufte ich mir noch ein Paar!“ „Ja, ſie ſind ſehr hübſch und ſtehen Dir ſehr gut,“ ſagte Mabel mit zerſtreuter Miene. Sie verſtand die An⸗ ſpielung ihrer Schweſter und in der Beſorgniß, ſie tief ver⸗ letzt zu haben, ſann ſie über eine Entſchuldigung für den Vorwitz nach, mit dem ſie der Noth der armen Lydia ab⸗ geholfen hatte. —— — — 8 — 90— „Ich hoffe,“ fügte nun noch Louiſe mit Schärfe und mit einem kurzen und verächtlichen Lachen hinzu,„daß Du mir nicht das Geld zur Laſt ſchreiben wirſt, das Du vor⸗ hin in der nächſten Stube weggeworfen haſt; Deine Börſe muß gefüllter ſein als die meinige, wenn Du Leute dafür bezahlen kannſt, daß ſie ſich Airs geben und Scenen auf⸗ führen.“ 3 Erſtaunt über die Niedrigkeit und Gefühlloſigkeit der Schweſter, wußte Mabel wirklich nicht, was ſie auf dieſen unerwarteten Ausbruch antworten ſollte; aber nachdem Louiſe in dieſer Weiſe ihrem Aerger Luft gemacht und zu gleicher Zeit eine Schuld abgeläugnet hatte, die ſie nie zu bezahlen meinte, ſchien ſie ſofort wieder guter Laune zu ſein, und indem ſie von der Sache mit derſelben Leichtigkeit ab⸗ ſprang, mit welcher ein Kind ſeine kleinen Schmerzen bei dem Anblick eines neuen Spielzeugs vergißt, fing ſie mit frivoler und lebhafter Heiterkeit von der ſie heute Abend erwartenden Unterhaltung zu ſprechen an. Mabel konnte nicht ſo leicht die Aufregung und Ver⸗ legenheit vergeſſen, in welche die Aeußerungen der Schweſter und ihre eigene unangenehme Lage ſie verſetzt hatten; aber froh, daß die Sache freundſchaftlich beigelegt war, obgleich auf Koſten ihrer Börſe und ihrer Gefühle, lieh ſie allen Bühneneinzelnheiten, welche Mrs. Leroy von Mrs. Van⸗ necker und von Victoria, welche mitſpielte, erfahren hatte, ein bereitwilliges Ohr. Es würde ein reizender Abend werden, aber hauptſächlich Mabels wegen freute ſich Mrs. Leroy auf die Unterhaltung; das Ganze würde ihr ſo neu 1 ſein und ſo intereſſant. Auch Harry würde es angenehm ſein, ſie zu begleiten. Mabel zögerte. Die lebendige Beſchreibung ihrer Schweſter von dem Schauſpiel, das ſie ſehen ſollten, von dem hübſchen kleinen Theater, den Decorationen ꝛc. reizte ſie ſehr; aber bei Harry's Namen fiel ihr die Verabredung ein, Aben Lout mals liche ſagte natü gehe ſchlo Wei ſie Ged gehe wele fend len jetzt ſind von dent gern und wele frie lieb dies ten, glü⸗ chen Jer⸗ eſter aber leich llen zan⸗ atte, bend Nrs. neu nehm ihrer von reizte dung — 91— ein, daß ſie mit ihrem Bruder und der Tante einen ſtillen Abend zu Hauſe verleben wollte. Sie erwähnte dies gegen Louiſen als einen Grund, den Plan aufzugeben und aber⸗ mals verſchwand von dem Geſicht der Letztern das freund⸗ liche Lächeln und ſie wendete ſich kalt von Mabel weg und ſagte im beleidigten Tone:„Nun gut— dann werde ich natürlich zu Hauſe bleiben; ich habe keine Luſt, allein zu gehen.“ Auf Mabels Antiitz zeigten ſich Zeichen der Unent⸗ ſchloſſenheit, als ſie den Eindruck beobachtete, den ihre Weigerung zu gehen auf ihre Schweſter machte. Sie hatte ſie ſchon einmal dieſen Morgen beleidigt; ſie konnte den Gedanken nicht ertragen, für unnachgiebig oder ungefällig gehalten zu werden; aber was würde Harry dazu ſagen? Gedanken dieſer und ähnlicher Art unterbrach Louiſe, welche die Haupturſache ihres Zögerns recht wohl begrei⸗ fend, verdrießlich ausrief:„es iſt Unſinn, um Harry's wil⸗ len zu Hauſe bleiben zu wollen, denn ich wette, er denkt jetzt ſchon ſelbſt daran, hinzugehen. Mehrere ſeiner Freunde ſind unter den Darſtellern; er wird im Laufe des Tages von der Vorſtellung hören und ganz begeiſtert davon ſein.“ Dieſe letzte Aeußerung beſeitigte Mabels letzte Be⸗ denken und im Augenblick des Fortgehens gab ſie ein zö⸗ gerndes Verſprechen, den Wagen nach dem Hotel zu ſchicken und ſelbſt zu einer verabredeten Stunde bereit zu ſein, welche gefällige Nachgiebigkeit die ausgeſöhnte und nun be⸗ friedigte Louiſe mit einem ſtrahlenden Lächeln und einem liebevollen Händedruck belohnte. Aber obgleich Louiſe zufriedengeſtellt war, ſo war dies doch keineswegs mit Mabel der Fall; und der Schat⸗ ten, der während ihrer Nachhauſefahrt ihr gewöhnlich ſo glückliches Geſicht trübte, entſtand durch ſich widerſpre⸗ chende, aber zu allen Zeiten ſchmerzliche Empfindungen. Ein achtzehnjähriges Mädchen von einem glücklichen — 92— Temperament und einem empfänglichen und warmen Her⸗ zen kann kaum ein ſtrenger Richter der Fehler und Schwä⸗ chen ſein, welche von einem angenehmen und gewinnenden Aeußern verdeckt und beſchönigt werden; aber Mabel beſaß neben aller Romantik, Empfänglichkeit und feurigen Phan⸗ taſie eines jugendlichen Herzens, eine tiefgewurzelte und ſtandhafte Liebe zur Gerechtigkeit, ein unverfälſchtes Gefühl für das Rechte und eine ehrliche Verachtung aller Niedrig⸗ keit und Doppelzüngigkeit. Sie konnte gegen die Züge in dem Charakter ihrer Schweſter, welche die Ereigniſſe des Morgens ſo unerwartet ans Licht gebracht hatten, nicht blind oder gleichgültig ſein und in dem Verhältniß, wie ihre Phantaſie bisher Louiſen mit geiſtiger und ſittlicher Anmuth ausgeſtattet hatte, wich ſie ſcheu vor der Wirklich⸗ keit zurück, die ſich ihr bei näherm Anblick darſtellte. Die Empfindungen, welche ſich in Mabels Seele regten, waren jedoch etwas unbeſtimmt und ſie verſuchte nicht einmal, ſie zu analyſiren. Sie fühlte, aber wußte ſich von dem Inhalt ihrer Empfindungen keine Rechenſchaft zu geben, und ſo hatte ihr zerſtreutes Denken keine andere Folge, als ein allgemeines Gefühl der Enttäuſchung und Unzufriedenheit. Die lange Reihe von unbeſtimmten Zweifeln, Schmerzen und Befürchtungen, welche in ihrem Geiſte ſich einander ver⸗ drängten, verſchwanden plötzlich, als der Wagen vor der Thür ihres Vaters hielt und eine unmittelbarere und dringendere Sorge in ihrer Seele aufſtieg.„Was wird Tante Sabiah zu meiner langen Abweſenheit ſagen?“ fragte ſie ſich innerlich, als ſie in das Haus trat. Die Uhr in der Vorhalle ſchlug vier, als ſie die Treppe hinaufging.„So ſpät!“ dachte ſie bei ſich,„iſt es möglich?“ und dann fiel ihr gar noch ein, daß ſie das verſprochene Band nicht mitgebracht hatte. „Wahrhaftig,“ ſagte ſie ſich,„das iſt einer von den Ta⸗ gen, wo Alles der Quere geht.“ Miß lebt wahr ſchla länd daß Taſſ bracl daß aus Müt heral verge gen fällig wach und für! ſich und nahn Einz das Hind die Vort Miß und Gege ren Allerdings war bis dahin Alles der Quere gegangen. Mab der⸗ vä⸗ den ſaß an⸗ und ühl rig⸗ üge des icht wie cher lich⸗ Die aren „ſie halt d ſo ein heit. rzen ver⸗ Thür ndere h zu lich, hlug achte noch atte. Ta⸗ nen. — 93— Miß Sabiah hatte einen langweiligen, einſamen Tag ver⸗ lebt und ihre Stimmung war demgemäß gedrückt. Mit wahrer Märtyrergeduld hatte ſie das Nachfrühſtück ausge⸗ ſchlagen, ein Mahl von nicht geringer Wichtigkeit für ihre ländlichen Sitten und nur ſehr ſchwer ließ ſie ſich einreden, daß es noch nicht zu ſpät für einen Zwieback und eine Taſſe Chokolade ſei, die ihr Mabel mit eigener Hand über⸗ brachte; ſie erklärte, daß es gar nichts zu bedeuten habe, daß Mabel das Band vergeſſen hatte— o nein— durch⸗ aus nicht; ſei es denn nicht ganz einerlei, ob ſie eine alte Mütze oder eine neue trüge? Sie aus dieſer hoffnungsloſen Niedergeſchlagenheit herauszureißen, wäre für jeden Andern als für Mabel ein vergeblicher Verſuch geweſen; aber in den parteiiſchen Au⸗ gen der Tante war die Lieblingsnichte nie die Hauptſtraf⸗ fällige, und nachdem ſie die nöthigen Strafreden über den wachſenden Einfluß Louiſens auf ihre Schweſter gehalten und erklärt hatte, auf den Verluſt von Mabels Geſellſchaft für die Zukunft ſchon ganz gefaßt zu ſein, ließ Miß Sabiah ſich durch das Vorleſen eines Packs alter Briefe aufheitern und tröſten, was Mabel bis Dunkelwerden in Anſpruch nahm, und wobei ſie eine freundliche Theilnahme an den Einzelnheiten der Schickſale ihrer Vorfahren zeigte, welche das Herz der Tante wahrhaft erwärmte. Sowol jetzt als ſpäter vermied Mabel ſorgfältig jede Hindeutung auf ihren Beſuch im Hotel, um nicht durch die Erzählung der ſtürmiſchen Vorgänge des Morgens den Vorurtheilen ihrer Tante neue Nahrung zu geben, und Miß Sabiah gab ſich ihrerſeits nicht die Mühe, nach Louiſe und ihrem Treiben zu fragen, denn hinſichtlich der beiden Gegenſtände trug ſie die größte Gleichgültigkeit zur Schau. Aber die Verlegenheiten dieſes unglücklichen Tags wa⸗ ren noch nicht zu Ende. Während des Eſſens erwartete Mabel vergebens, daß Harry, der ermüdet, aber ſehr heiter — 94— von ſeinem Ausflug zurückgekehrt war, von der dramati⸗ ſchen Vorſtellung anfangen würde; er ſchwieg hartnäckig über den Gegenſtand und als er nach dem Eſſen ſeine Haus⸗ ſchuhe ſich bringen ließ und vorſchlug, ſeine Flöte zu holen, ſah ſie ſich endlich genöthigt, das Louiſen gemachte Ver⸗ * ſprechen einzugeſtehen. Dabei erzählte ſie, wie ungern ſie auf den Vorſchlag eingegangen, bis die zuverſichtliche Be⸗ hauptung der Schweſter, daß er erfreut ſein würde, ſie be⸗ gleiten zu können, ſie überredet hatte. Sie wußte kaum, ob ſie über den Spott, den ihre Mit⸗ theilung hervorrief, verletzt ſein oder lachen ſollte.„Und alſo haſt Du wirklich den Schwindel geglaubt!“ rief Harry aus;„hier habe ich während der letzten zwei Tage alle Künſte eines Gauners erſchöpft, um mich den Schlingen dieſer Laffen zu entziehen, die mich durchaus mit zu ihrem unſinn haben wollten. vor ihnen zu zeigen ge Wahrhaftig, ich habe mich kaum wagt und habe mich faſt vor meinem eigenen Schatten gefürchtet, daß er ſich nicht etwa in einen Regiſſeur verwandelte; und Du unſchuldiges Lamm willſt mich gerade in das d ickſte Gewühl führen? Wahrhaftig, ſie würden mich ohne Barmherzigkeit verurtheilen, Julius Cäſar zu ſpielen oder, neckers Liebhaber; ich wahre Harpyien.“ Miß Sabiah fing fahren zu machen, d C... 2 Vaughan, beunruhigt ſeiner Zeitung auf, um zu außern, daß es ein ſehr naſſer Abend ſei und daß er hoffte, ſie denke nicht daran, auszu⸗ gehen. Geſpräch und ihre ca derſpruch. Mabel hä —— was noch ſchlimmer wäre, Vic Van⸗ verſichere Dir, meine Gute, ſie ſind nun an, Vorſtellungen über die Ge⸗ ie Mabels Geſundheit in Folge der ſpäten Stunden und des ſchlechten Wetters lief, und Mr. von dieſen Andeutungen, blickte von 4 Die Ankunft der Mrs. Leroy unterbrach jedoch das priziöſe Ausdauer beſiegte jeden Wi⸗ tte jetzt gern ihr Verſprechen zurückge⸗ — nor Ael pro Ha ihre glei frei mas Ku⸗ Val Rüc Har laut ſelb una die Vor gele ſchle und ſiren eine den ehe ließe trot rung als benn und Ged ſie z 8 — 95— ti⸗ nommen, aber Louiſe beſtand auf ſeiner Erfüllung und das ig Aeußerſte, was ſich in Frieden erreichen ließ, war ein Com⸗ 8⸗ promiß, durch welchen man übereinkam, frühzeitig nach —n, Hauſe zu gehen. Mabels ernſtliche Bitte, unterſtützt von er⸗ ihrem Vater, bewog Harry zu dem Verſprechen, ſie zu be⸗ ſie gleiten unter der ausdrücklichen Bedingung, daß es ihm Je⸗ freiſtehen ſollte, ſich zu entfernen, wenn man einen Verſuch be⸗ machte, ihn unter die Schauſpieler anzuwerben. Am Kutſchenſchlag begrüßten ſie jedoch die Stimmen der Mrs. eit⸗ Vannecker und ihrer Tochter, die ſich bequem auf dem ind Riücſitz untergebracht hatten. rry Ein unterdrückter Ausruf der Ungeduld entſchlüpfte alle Harry.„Ich gehe,“ flüſterte er Mabel zu; dann ſagte er gen lauter:„die Geſellſchaft iſt ja groß genug, daß ſie ſich rem ſelbſt ſchützen kann, wie ich ſehe— gute Nacht!“ um Wenn Mabel dieſer ſchlimme Anfang des Abends ſchon nem unangenehm war, verminderte ſich ihr Verdruß kaum durch nen die Ereigniſſe, welche noch folgten. Die viel gerühmte illſt Vorſtellung war blos eine Probe; die Rollen waren ſchlecht ftig, gelernt, die Bühne ſchlecht beleuchtet, die Schauſpieler bei lius ſchlechter Laune. Louiſe begab ſich hinter die Couliſſen Jan⸗ und miſchte ſich in die kleinlichen Streitigkeiten der rivali⸗ ſind ſirenden Nebenbuhler; während Mrs. Vannecker Mabel mit 3 einer aufgeregten Schilderung deſſen, was Victoria zu dul⸗ Ge⸗ den hatte, und ihrer gelungenen Rache langweilte. Lange der ehe Miß Vannecker und Louiſe ſich zum Aufbruch bewegen Mr. ließen, was erſt kurz vor Mitternacht geſchah, war Mabel von trootz ihrer Gutmüthigkeit zu der ſchmerzlichen Schlußfolge⸗ naſſer rung gekommen, daß ihre Schweſter und Freunde ſie nur lszu⸗ als Mittel, ihre eigene Vergnügungsſucht zu befriedigen, benutzten; und da ihr Intereſſe an den Theaterſtreitigkeiten das und ⸗Mißgeſchicken längſt erloſchen war, wendeten ſich ihre Wi⸗ Gedanken voll Trauer zu ihrer Tante und Harry, welche ückge⸗ ſie zu Hauſe erwarteten, und ſie mußte auch ihren müden — 96— Kutſcher und ihre Pferde bedauern, die draußen im winter⸗ lichen Regen ſtanden, gleich ihr die Opfer einer Vorſpie⸗ gelung. Aber die kleinen Leiden des Abends waren damit noch nicht zu Ende. Sie ſollte ſich noch empfindlich getäuſcht fühlen. 4 Es verrieth ſich ſchon halb in den triumphirenden Ge⸗ ſichtern, welche ſie zu Hauſe empfingen, und es ſchmerzte Mabel mehr als ſie gern eingeſtanden hätte, daß ſie erfuhr, daß faſt während der ganzen Zeit ihrer Abweſenheit Harry und Miß Sabiah den Genuß von Lincoln Dudley's Ge⸗ ſellſchaft gehabt, der ſie mit den Schätzen ſeiner reichen Lebenserfahrung, ſeines poetiſchen Geiſtes und ſeiner Ge⸗ lehrſamkeit den ganzen Abend unterhalten hatte— ein Genuß, den ſie ſich kaum groß genug vorſtellen konnte. In der Art, mit welcher Harry einige der glücklichen Einfälle ſeines Freundes anführte, ſchien ihr ſogar etwas Maliciö⸗ ſes zu liegen, und faſt herausfordernd klang die Verſiche⸗ rung ihrer ſonſt nicht leicht neuen Eindrücken zugänglichen Tante, daß ſie wahrſcheinlich keine Gelegenheit haben würde, während des Winters die Bekanntſchaft dieſes höchſt ange⸗ nehmen Mannes zu machen; denn er hatte blos zufällig Nachmittag den Dampfwagen verſäumt, ſeinen einzigen noch übrigen Abend ihnen gewidmet und beabſichtigte Sonntags mit dem Frühzug nach Philadelphia abzureiſen. So ſchloß ein Tag voller Verdrießlichkeiten; und Ma⸗ bels Woche voll Freuden, Aufregung und befriedigtem Stolz ſchloß mit einem verworrenen aber unzweifelhaften Gefühl der Abſpannung, der Unbefriedigtheit und der Ent⸗ täuſchung. Wie unméglich iſt es Jedermann zu gefallen, dachte ſie, wie ſie in der Einſamkeit ihres Zimmers die Ereigniſſe des Tages durchging und mit beſonderem Verdruß bei dem er⸗ ie⸗ och ſcht Ge⸗ rzte uhr, arry Ge⸗ ichen Ge⸗ ein In rfälle liciö⸗ ſiche⸗ lichen rürde, ange⸗ fällig azigen chtigte reiſen. d Ma⸗ digtem lhaften er Ent⸗ dachte eigniſſe bei dem — 92— Gipfelpunkt des Mißgeſchicks, dem verſäumten Beſuch Dudley's, verweilte. Und nachdem ſie ſo zu dem Schluß gekommen war, daß es unmöglich ſei, Jedermann zu gefallen, ſchlummerte ſie mit dem halbgefaßten Entſchluß ein, ſich von nun an zu bemühen, nur ſich ſelbſt zu gefallen. Zum Glück ſollte weder dieſer gefährliche Entſchluß, noch die peinlichen Empfindungen, aus denen er entſtanden war, die Nacht überleben, und die Sonntagsſonne ſchien ſtrahlender auf kein Geſicht als auf das Mabels und weckte in keiner jugendlichen Bruſt edlere Regungen. Eine dunklere Wolke kann dereinſt ihren Pfad über⸗ ſchatten und ihre frohe Seele zu einem härteren Kampfe herausfordern. Welch Glück dann für ſie, wenn die Mächte der Finſterniß vor dem Morgengrauen des Lichtes ent⸗ fliehen, während der Glaube ihrem ſchwer beladenen Herzen zuflüſtert, daß die Erde keine Macht des Kummers und der Verzweiflung kennt, über welche ſich die Sonne der Gerech⸗ tigkeit nicht endlich mit heilungſpendenden Schwingen er⸗ heben kann. Mabel Vaughan. I. 7 Ichtes Anpitel. Wie wunderbar ſind Gott's geheime Wege! Es hat des Schmerzes reinigendes Feuer Der Jungfrau Herz gelehrt, den Herrn zu preiſen In Pſalmen brünſtig heißer Dankbarkeit! Wol könnten Kummer, Armuth, Krankheitsſchmerz Dem irdiſch blöden Aug' den Himmelsſegen, Der auf ſie niederſtrömt, nicht ſchauen laſſen; Doch wird er wol dem gläub'gen Auge klar. E. L. Vigilien. Während wir Mabel dem beruhigenden Einfluß jugend⸗ lichen Schlummers überlaſſen, wollen wir einer Andern von gleichem Alter, aber ganz verſchiedenen Glücksumſtänden fol⸗ gen, die zu einer etwas frühern Stunde des Abends allein, unbeſchützt und zu Fuß eine benachbarte Straße hinabeilte. Nachdem die Obliegenheiten des Tags erfüllt, die Kin⸗ der eingeſchlafen waren und die Herrin für ihre Abendtoi⸗ lette keiner weitern Dienſte bedurfte, bewog die müde Ly⸗ dia die gutmüthige Zofe Mrs. Vanneckers, ihre Stelle in Mrs. Leroy's Kinderſtube zu vertreten, nahm einen vielbe⸗ nutzten Hut und Shayl, ſchlüpfte mit dem Verſprechen, in einer Stunde wieder zurück zu ſein, eine Hintertreppe hin⸗ unter und verließ ſchnellen Schritts das Hotel. Der Abend war dunkel und der Weg ſchlecht zu gehen, denn an manchen Stellen ſtanden Pfützen, an andern war „her ſchlüpfrig und glatt von halbgefrorenem Regen. Lydia hatte dünne Schuhe an und war noch nicht weit gegangen, —,;— ——— — 99— als ſie ſchon ganz naſſe Füße hatte und am ganzen Körper vor Kälte zitterte. Es flößte ihr auch Furcht ein, ſich zu einer ſo ſpäten Stunde auf der Straße zu befinden, und wie ſie in die ſchmälern Gäßchen und Straßen der Stadt kam, ſah ſie ſich mit immer banger werdenden Blicken um. Einmal glitt ſie in ihrer Haſt aus und wäre gefallen, wenn nicht eine rauhe aber freundliche Hand ſich ihr ent⸗ gegengeſtreckt hätte, und ehe ſie noch ſehen konnte, woher die rechtzeitige Hülfe kam, war ihr bettlerhaft ausſehender Wohlthäter weiter gegangen. Noch mehr beunruhigt von der Aufmerkſamkeit, welche dieſer kleine Zufall erregte, und von den flüchtigen und, wie das aufgeregte Mädchen ſich einbildete, neugierigen Blicken, welche einige der Vorüber⸗ gehenden auf ſie warfen, fing ſie jetzt an zu laufen und hatte eine Strecke zurückgelegt, ohne rechts oder links zu ſehen, als ſich an einer Straßenecke plötzlich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie fuhr erſchreckt zuſammen, blieb aber ſtehen, beruhigt von dem Tone eines bekannten Lachens, und rief noch ganz außer Athem, aber mit ſicht⸗ lich erleichtertem Tone aus:„Du biſt's, Jack? wie Du mich erſchreckt haſt!“ „Wovor fürchteſt Du Dich?“ fragte der Andere in raſchem, aber knabenhaftem Tone. „Ich fürchte mich vor Allem,“ ſagte Lydia.„Ich bin nicht gewohnt, Nachts auf der Straße zu ſein, und Du ſollteſt auch nicht hier ſein; wer iſt Dein Begleiter?“ ſetzte ſie halblaut hinzu, wie ſie eine nicht weit von ihm wartende Geſtalt erblickte. Jack zögerte und antwortete dann etwas ſtockend:„Bob Martin.“ „O Jack!“ war die einzige Antwort des Mädchens, aber der Ton ihrer Stimme klang vorwurfsvoll. Ihr Bruder, denn das war der Andere, ſchlug die 7* 3 — 100— Augen nieder, zog mit der Fußſpitze einen kleinen Kreis im Schnee und ſchwieg. „Komm,“ ſagte Lydia,„ich gehe nach Hauſe und habe Eile. Ich habe nur eine Stunde Zeit. Komm mit mir, Jack.“ Der Knabe machte eine zögernde Bewegung, ſie zu be⸗ gleiten, und pfiff zugleich bedeutſam ſeinem Begleiter, einem viel größeren Knaben als er war, der mit unbefangener und renommiſtiſcher Miene in der Richtung, welche der Bruder und die Schweſter einſchlugen, die Straße hinab⸗ geſchlendert war. „Still!“ flüſterte Lydia;„ruf' den Knaben nicht— ich mag ihn nicht.“ ⸗ „Nun, ſo komm,“ ſagte Jack rauh und ſchritt in der Richtung ihrer Wohnung weiter. Sie hatten jedoch noch keine große Strecke zurückgelegt, als ſie Bob Martin über⸗ holten, der vorſätzlich im Schatten eines Hauſes wartete, und wie ſie vorbeigingen, ſagte Jack halblaut, aber doch deutlich genug, daß es Lydia hören konnte, zu ihm:„warte hier, Bob— ich bin den Augenblick wieder da.“ Die Beiden gingen einige Augenblicke ſchweigend neben⸗ einander her, als Lydia in ziemlich gereiztem Tone aus⸗ rief:„ich möchte wol wiſſen, was die Mutter ſagte, Jack, wenn ſie erfährt, daß Du Dich in dieſer Stunde der Nacht mit Bob Martin auf der Straße umhertreibſt!“ 1. „Mutter kennt ihn gar nicht,“ entgegnete der Knabe, „und Du auch nicht. Bob iſt ein guter Kerl!“ „Wie kannſt Du das ſagen, Jack?“ rief Lydia aus. „Du weißt, daß er der nichtsnutzigſte Tagedieb in der gan⸗ zen Nachbarſchaft iſt; ich dächte, Du hätteſt Urſache genug, Dich von ihm fern zu halten.“ „Das iſt mir einerlei,“ ſagte Jack,„er iſt doch ein guter Kerl.“ „„Ich ſollte meinen, Du müßteſt Dich vor Dir ſelbſt ſchämen, Jack, einen ſolchen Menſchen zu vertheidigen,“ entgegnete Lydia heftig. „Hat er mich etwa nicht vertheidigt, möcht' ich wiſſen?“ gab Jack jetzt ebenfalls mit Leidenſchaft zurück. Ein ſtrafender Blick blitzte in Lydia's Augen, als ſie mit verachtungsvollem Tone antwortete:„nun, wenn ich an Deiner Stelle wäre, würde ich nicht viel Redens davon machen.“ „Warum nicht?“ fragte Jack faſt wild. „Weil ich wenigſtens nicht gern davon ſpreche,“ gab ſie ruhig zur Antwort. „Pah!“ rief Jack aus und verſuchte einen gleichgül⸗ tigen Ton anzunehmen trotz der offenbaren Beſchämung, die ſich bei den Worten ſeiner Schweſter auf ſeinem Geſicht malte. Ein langes Schweigen folgte, nur unterbrochen von einem gelegentlichen Pfiff des Knaben, der mit ſchlurfen⸗ dem Gang und erzwungener Gleichgültigkeit neben Lydia herging. Endlich fragte Letztere plötzlich:„was macht Roſy?“ Die Frage ſchien eine zauberiſche Wirkung auf den Knaben auszuüben. Er hörte auf zu pfeifen und der gleich⸗ gültige, renommiſtiſche Ton, in dem er vorbin geſprochen, wurde gedämpft und zitternd, als er zur Antwort gab:„ſie befindet ſich nicht beſſer; ich glaube gar nicht, Lyddy, daß ſie jemals beſſer werden wird.“ Lydia antwortete nichts und ſie erreichten ihre Beſtim⸗ mung, ohne weiter ein Wort mit einander zu wechſeln. Als Jack ſie bis an die Thür gebracht hatte, trat er zurück, als dächte er gar nicht daran, mit hinein zu gehen; aber ſie blieb ſtehen und ſah ihm forſchend ins Geſicht, während ſie ſagte:„Du willſt doch nicht wieder heute Nacht zu ihm gehen?“ „Warum nicht?“ war die trotzige Antwort. — 102— Lydia machte ihm mit rückſichtsloſer Wärme Vor⸗ ſtellungen, und ein kurzes und etwas heftiges Zwiegeſpräch zwiſchen den Beiden endigte zuletzt mit der Erbitterung beider Parteien und einem Entſchluß in der Seele des trotzigen Knaben, die Geſellſchaft ſeines Freundes ſo oft aufzuſuchen als es ihm gefiel, trotz der wohlgemeinten, aber nutzloſen Einmiſchung ſeiner Schweſter. Das wahre Sachverhältniß war folgendes: Die Fa⸗ milie Hope, zu der Lydia und Jack gehörten, war vor einigen Wochen durch die Nachricht erſchreckt worden, daß Jack mit einer Anzahl roher Geſellen bei einer Straßen⸗ ſchlägerei betheiligt geweſen und mit der Ausſicht, morgen ins Gefängniß geſchickt zu werden, für die Nacht eingeſteckt worden ſei; vor der längern Haft rettete ihn nur die Bezahlung einer ſchweren Geldſtrafe, welche die mit An⸗ ſtrengung verdienten Sparpfennige ſeiner Mutter verſchlang, und die bisher ſelbſtſtändige Schweſter nöthigte, einen Dienſt bei Mrs. Leroy anzunehmen. Die arme Wittwe, ohnedies ſchon vom Mißgeſchick faſt zu Boden gedrückt, neigte bei dieſem neuen Schlag ihr Haupt in Schweigen, ließ wenig Klagen laut werden, empfing ihren Sohn bei ſeiner Rückkehr kaum mit andern Vorwürfen, als denjenigen, welche ſich in jeder Furche ihres verzweifelten Antlitzes ausſprachen, und ging ihrer tägli⸗ chen Arbeit mit langſamen Schritten und apathiſcher Miene nach, die einen lebens- und kummermüden Körper und ein von Sorge und Gram alt gewordenes Herz verriethen. 4 Aber Lydia hatte noch nicht dieſe Stufe hoffnungsloſer Unterwürfigkeit unter das Schickſal erreicht und in der Schule des Unglücks und getäuſchter Hoffnungen noch nicht die demüthige Ergebung gelernt, welche ihre Quelle im Glauben des Chriſten hat. Außerdem konnte ſie ſich nicht ruhig die Kränkung und die Bedrängniß gefallen laſſen, in welche Jacks ſchlechte Aufführung ſie Alle gebracht hatte, — —ͤ—— — 103— und ſie ging weit über das Vorrecht einer ältern Schweſter in den herben Vorwürfen hinaus, die ſie ihm machte und in den bittern Bemerkungen, die ſie häufig über ſeine nichtsnutzigen Genoſſen und namentlich über Bob Martin, einem neuen und ſehr gefährlichen Kameraden, hören ließ. Jack konnte die Thatſache nicht leugnen, daß Bob ihn in eine ſchlimme Sache verwickelt hatte, aber er hob den⸗ noch mit dankbarer Wärme hervor, wie ſehr er ihm für die Geſchicklichkeit und Schlauheit verpflichtet ſei, mit der er ihre gemeinſchaftliche Vertheidigung geführt und nach einer einzigen, auf der Polizeiſtation zugebrachten Nacht ihre Befreiung erlangt hatte. Bei jeder Beſchuldigung, welche die Erzürnte gegen ſeinen neuen Freund vorbrachte, war er, wie wir ſehen, ſtets mit der Antwort bei der Hand:„jedenfalls iſt er ein guter Kerl und hat bei mir ausgehalten, während alle Uebrigen nur daran dachten, wie ſie ſich ſelbſt aus der Patſche helfen könnten.“ So trug dieſes unangenehme Abenteuer im Ganzen mehr dazu bei, den Einfluß, welchen der erfahrene Tauge⸗ nichts auf ſeinen jungen und noch unverdorbenen Ka⸗ meraden gewonnen hatte, eher zu verſtärken als zu ſchwä⸗ chen, und letzterer, der zwar längſt ſich von der Oberauf⸗ ſicht der Mutter befreit hatte und am allerwenigſten geneigt war, Lydia Gehorſam zu leiſten, ſchien jetzt keine andere Autorität als die der Polizeibebörde anzuerkennen, vor welcher er in Folge ſeiner vor Kurzem gemachten Erfahrung noch einige Ehrfurcht hatte. Aber ſo blind auch Jack gegen den ſtillen Schmerz war, der ſich auf dem Antlitz ſeiner Mutter malte, ſo taub er gegen die ſchonungsloſen Vorwürfe Lydia's blieb und ſo wenig Eindruck auf ihn die nachtheiligen Urtheile der Nach⸗ barn machten, ſo gab es doch einen ſanftern Einfluß, für welchen der trotzige Geiſt des Knaben nicht unempfänglich — 104— blieb. Ein Auge folgte ihm ſtets, ſelbſt wenn es ihn nicht ſah— eine Stimme ſchlug nie ungehört an ſein Ohr— eine ſchwache Hand hatte Macht genug, ihn auf ſeiner leichtſinnigen Laufbahn aufzuhalten. Sanft und geräuſch⸗ los hatte dieſer Zauber ihn umſponnen; aber die rohe Natur des Knaben wurde milder und ſein Herz demüthigte ſich mit einem Gefühl, das heiliger Ehrfurcht nahe kam, wenn er die zärtlichen Worte ſeiner kranken Schweſter Roſy hörte oder ihre hinwelkende Geſtalt anſah. Sie allein hatte ihn an jenem Tage in dem Geiſte empfangen, der allein dem zerknirſchten Herzen eine Ahnung von Schmerz, Verzeihung, Liebe und Hoffnung gibt. Sie hatte ihm ihre kleine zitternde Hand entgegengehalten und während eine Thräne ihr großes blaues Auge füllte, ſie an ihre fieberheiße Wange gedrückt und hatte ihm mit halb⸗ gebrochener Stimme zugeflüſtert:„Du bleibſt nicht wieder eine Nacht von Roſy weg?“ und er hatte ſein Haupt auf ihr Kiſſen gelegt und geweint, obgleich Niemand als Roſy dies wußte. Sein Herz kannte eine Saite, welche dieſes kranke Kind allein zu rühren verſtand. Oft klang mitten im Lärm und Streit dieſer eine klagende Ton in die Disharmonie hinein; und ſo geſchah es, daß an dem fraglichen Abend, als Lydia im Tumult ihrer aufgeregten Gefühle die Hand mit Ungeſtüm auf den Drücker der Thür der Mutter legen wollte, eine raſche und haſtige Warnung Jacks ſie hemmte, der mitten in ſeiner zornigen Heftigkeit in ſanfterem Tone ausrief:„ſtill! Lyddy— mach' keinen Lärm— Roſy ſchläft vielleicht, ſie ſchlief wenigſtens, als ich ging.“ Dieſe Thür, deren oberer Theil aus Glas war und die Stelle eines Fenſters vertrat, führte unmittelbar in einen niedrigen, trübe erhellten und ſchlecht ausgeſtatteten Laden; und obgleich ſich Lydia ſehr in Acht nahm, meldete doch eine kleine Klingel am Eingang laut ihre Ankunft. — 105— Sie blieb einen Augenblick ſtehen, bis das Klingeln aus⸗ getönt hatte, und wollte dann in ein dahinter liegendes Zimmer treten, als ihr die Mutter entgegen kam, deren ſcharfes Ohr den ſtets willkommenen Ton der Klingel ge⸗ hört hatte und die eilig heraustrat, um die vermeintlichen Kunden zu bedienen. „Ach Lyddy, Du biſt's?“ rief ſie aus und ihr ernſtes Geſicht erhellte ein trübes Lächeln, wie das mütterliche Ge⸗ fühl die Oberhand über das geſchäftliche erhielt, und ihre getäuſchte Hoffnung, einen Käufer für ihre Waaren zu finden, der Befriedigung des Anblicks ihres Kindes Platz machte. Aber wie ſie auf die Tochter einen aufmerkſamen Blick geworfen, ſetzte ſie mit beſorgter Stimme hinzu, während das Lächeln auf ihrem Geſicht erſtarb:„was gibt es, Kind? wie naß Du biſt! komm in das Hinterzimmer— ich habe eingeheizt.“ Sie trat in einen kleinen Raum hinter den Laden, wohin ihr Lydia mit mattem Schritt und zuckenden Lippen folgte. Es war ein kleiner Raum ohne Teppich, dürftig möblirt und eine dumpfige, ungeſunde Luft herrſchte in ihm. Das Feuer, welches in dem Ofen praſſelte, war offenbar erſt vor Kurzem angebrannt, denn der Inhalt eines großen, unmittelbar über ihm ſtehenden Keſſels kochte noch nicht und das Zimmer war noch nicht durchwärmt. Lydia warf ihren Hut auf einen Tiſch, ſetzte ſich auf einen Stuhl daneben, und blickte ſtarr und trübe nach dem Ofen. Die Mutter rührte den Inhalt des Keſſels um. Keine von Beiden ſprach. Endlich unterbrach ein tiefer Seufzer Lydia's das Schweigen.„Was iſt denn geſchehen?“ ſagte Mrs. Hope;„Etwas muß paſſirt ſein, und Du kannſt es eben jetzt ſo gut wie ſpäter ſagen;“ und während ſie ſprach, machte ſie ſanft die Thür zu, welche in ein kleines Schlaf⸗ zimmer nebenan führte. Da Lydia auch jetzt noch ſchwieg, ſetzte ſie hinzu:„haſt Du Deinen Dienſt verlaſſen?“ — 106— „Noch nicht,“ rief Lydia aus, ihre bisher kaum be⸗ hauptete Selbſtbeherrſchung vergeſſend und ihre Worte mit Schluchzen unterbrechend;„es iſt nichts ſo Schreckliches paſſirt und ich wollte, ich wäre heute Abend nicht herge⸗ kommen— nur— nur—“ und hier bedeckte ſie das Geſicht mit den Händen und fing an ſo bitterlich zu weinen, daß ſie kein Wort weiter hervorbringen konnte. Die arme Mutter ſah bekümmert zu und ſetzte zer⸗ ſtreut ihre Beſchäftigung am Ofen fort, während ihr Auge auf dem Kinde ruhte. Ein etwas proſaiſcher und praktiſcher Charakter und beſtändige Vertrautheit mit Unglück hielten ſie von einem deutlichen Ausſprechen ihres Schmerzes ab. Ihre Theilnahme war jedoch deshalb nicht weniger lebhaft und ſie verſuchte von Zeit zu Zeit in einzelnen Ausrufen die Tochter zu einer Erklärung der Urſachen ihres neuen Kummers zu bewegen und ihn zu mildern. Aber erſt, als das Mädchen eine Zeit lang ihren Thrä⸗ nen freien Lauf gelaſſen, beachtete ſie die tröſtende Zu⸗ ſprache der Mutter. Endlich aber richtete ſie ſich wieder in die Höhe, ſchüttelte den Kopf mit entſchloſſener Miene, wiſchte ſich die Thränen von den Wangen, rückte dem Ofen näher, zog die Schuhe aus und ſetzte die naſſen Füße auf den Heerd. Ermuthigt durch dieſe günſtigen Symptome, nahm Mrs. Hope auf einem Stuhl gegenüber Platz und hatte bald die Befriedigung, von der jetzt geſprächig ge⸗ wordenen Lydia Aufklärung über die Urſache ihrer Ge⸗ müthsaufregung zu empfangen. Sehr erleichtert fühlte ſie ſich auch, als ſie erfuhr, daß dieſer ungewöhnlichen Auf⸗ regung viel weniger ernſte Urſachen zu Grunde lagen, als ſich ihre Phantafie ausgemalt hatte. Dennoch konnte die arme Frau nicht unbewegt einer ausführlichen Schilderung der Ungerechtigkeit und Härte zuhören, womit ihr Kind behandelt worden; und ſich eben⸗ ſowenig von den ſchlimmen Befürchtungen befreien, welche ———-—4— —— n das eigenſinnige und trotzige Benehmen Jacks in Lydia's Gemüth erregt hatte, die jetzt der Mutter Alles ohne Rückhalt erzählte. Wäre Lydia ein heroiſcher Charakter geweſen, ſo wäre ſie mit dieſem langen Verzeichniß von Bekümmerniſſen nicht zu ihrer Mutter geflohen. Sie hätte entweder das Haus der Armuth und Krankheit ganz gemieden oder wäre dort mit heiterem Geſichte erſchienen. Sie hätte über ihre eigene Bedrängniß einen Schleier gedeckt und ernſtlich Jacks Hang zu ſchlechter Geſellſchaft in Erwägung gezo⸗ gen, ehe ſie durch Schelten darüber der Mutter das Herz ſchwer machte und ihr vielleicht eine ſchlafloſe Nacht verur⸗ ſachte. Aber Lydia war kein heroiſcher Charakter; ſie war nur ein von übermäßigen Anſtrengungen abgeſpanntes und überreiztes Dienſtmädchen, deſſen Stimmung verbittert und deſſen Zukunft umwölkt war; und ſo that ſie Daſſelbe, was Hunderte von uns ſchon gethan haben, ſie ſchüttete allen ihren Kummer vor ihrer Mutter aus und legte die Laſt ihrer Sorgen auf ein Herz, das bereits an der eige⸗ nen Bürde ſchwer genug zu tragen hatte. „Nun,“ ſagte Mrs. Hope mit einem tiefen Seufzer; „wenn Du Deine Stelle nicht behalten kannſt, ſo mußt Du wieder nach Hauſe kommen— weiter iſt's nichts. Wir können uns nicht viel ſchlimmer befinden als früher; und was Jack betrifft— wenn er ins Verderben rennen will, ſo mag er's thun, und es nützt Nichts, ſich darum zu grämen.“ Dieſe Philoſophie war nicht ſehr tröſtlich; aber Lydia kam jetzt ihre Sorgenlaſt leichter vor, wo ihre Mutter daran Theil hatte, und nun erinnerte ſie ſich an die eine glänzende Erſcheinung des heutigen Tags und erzählte der Mutter den Zwiſchenfall von Miß Mabels Einmiſchung, wobei ſie zugleich den Lohn für ihre ſchweren Dienſte, der — 108— ihr auf ſo unerwartete Weiſe vorgeſchoſſen worden, aus der Taſche zog. Aber groß war ihr Erſtaunen und ihr Schmerz, als ihre Mutter das Geld durchaus nicht anneh⸗ men wollte.„Du wirſt es ſelbſt gerade genug brauchen, ehe Du eine andere Stelle findeſt,“ ſagte die arme Wittwe, die es nicht übers Herz bringen konnte, den Lohn für Ly⸗ dia's tägliche Sklaverei ſich anzueignen.„Du haſt ja nicht einmal ein anſtändiges Paar Schuhe anzuziehen,“ ſetzte ſie mit einem Blick auf die abgenutzten und faſt untaug⸗ lichen Schuhe hinzu, welche jetzt am Ofen trockneten. „O, nimm es Mutter, nimm es!“ rief betrübt und reuevoll Lydia aus, die auf der Stelle die Wirkung ihrer ſelbſtſüchtigen Klagen bemerkte. „Still!“ ſagte Mrs. Hope leiſe, ohne, wie es ſchien, die gegen ſie ausgeſtreckte Hand zu beachten. Sie horchten Beide. Deutlich hörte man ein leiſes Geräuſch durch die geſchloſſene Thür des Schlafzimmers. Mrs. Hope wollte aufſtehen, und in demſelben Augenblick hörte man die Klingel an der Ladenthür. Lydia ſprang auf und ſagte voll Eifer:„ich will nachſehen, ob Roſy Etwas braucht; Mutter, geh Du in den Laden.“ Wir wollen Lydia in das Schlafzimmer folgen. Eine beſcheidene Kerze brennt dort, eine von dem kranken Kinde erbetene Vergünſtigung, welches, von Kiſſen in halbſitzender Stellung erhalten, auf dem Bett ruht. Das Alter der Kleinen zu errathen, wäre ſchwer geweſen; denn obgleich die ſchwachen, abgezehrten Arme und die magern kleinen Händchen die eines Kindes zu ſein ſchienen, war doch keine jugendliche Blüthe auf dem bleichen und hohlen Geſicht, das auf dem Kiſſen ruht. Das Haar iſt blond, mit einem goldigen Schimmer; dunkelblaue Adern ſchimmern durch die weiße Haut der Stirn; ein dunkler Kreis umzieht die Augen; die Geſichtszüge ſind ſpitz und ſchmerzverzogen; —,—, — —2 U —— — 109— die ſchmalen Lippen preſſen ſich aufeinander, als wären ſie daran gewöhnt, von langer und ausdauernder Anſtrengung jede Regung des Schmerzes zu unterdrücken, der demungeachtet ſein Siegel auf jede Linie ihres ausdrucksvollen Geſichts geprägt hat. Schön und verſprechend ſieht nichts aus auf dieſem zuſammengeſchrumpften Antlitz, auf welchem das Siechthum ſeit Jahren ſeinen Sitz aufgeſchlagen hat. Nur in den dunkelblauen Augen, die wie glänzende Edelſteine aus ihrer ärmlichen Umfaſſung hervorzutreten ſcheinen, kann man etwas von Hoffnung leſen; aber irdiſche Hoff⸗ nung iſt es nicht, mit welcher die Seele beſtändig aus die⸗ ſen hellen Fenſtern herauszublicken ſcheint— hinaus durch die Nebel der Zeit auf ein glückliches, obgleich unbekann⸗ tes Land, wo die arme kleine Dulderin Ruhe zu finden hoffen kann. Lydia hatte die Thür ſo geräuſchlos aufgemacht, daß ihre Schweſter ſie nicht hörte. Dieſe war mit einem Stöh⸗ nen aus dem Schlafe erwacht, das man im Nebenzimmer gehört hatte, aber hatte jetzt zu ſingen angefangen, wenn man das Geſang nennen kann, was nur ein halblautes Summen einiger wenigen ſich immer wiederholenden Worte nach einer Melodie ihrer eigenen Compoſition war. Ihre Augen hefteten ſich auf die Wand gegenüber und ſie be⸗ merkte Lydia's Eintritt nicht, bis Letztere neben ihr ſtand. Alsdann wendete ſie matt den Kopf, entfaltete ihre mage⸗ ren Händchen und legte eins derſelben auf die Hand ihrer Schweſter, indem ſie leiſe ſagte:„Lyddy!“ Lydia ſetzte ſich neben das Bette. Wer hätte geglaubt, wenn er das hübſche, gut gewachſene Mädchen und das ver⸗ kommene kranke Kind neben einander ſah, daß der Unter⸗ ſchied ihres Alters nur fünf Jahre betrug! Aber ſo war es, denn Roſy zählte bereits dreizehn Sommer. „Biſt Du heute ſehr krank geweſen, Roſy?“ fragte Ly⸗ dia mit leiſer Stimme. — 110— „Ach, Lyddy,“ ſagte das Kind,„ich habe beſtändig ſingen müſſen, ſo lange ich wache.“ Lydia ſeufzte, denn Roſy hatte ihr im Vertrauen ge⸗ ſagt, daß ſie nur bei großen Schmerzen ſinge. „Ach, arme Roſe!“ rief ſie in einem Tone tiefen Mit⸗ leids aus. „Nein, nicht arm,“ ſagte Roſy,„nicht arm;“ und die Augen auf die Wand gegenüber mit dem innigen Blick ge⸗ heftet, der weit in die Zukunft hinauszuſchauen ſchien, ſetzte ſie hinzu:„der kleine Pilger und ich haben den gan⸗ zen Tag über einander Geſellſchaft geleiſtet— der Pfad iſt dunkel, Lyddy, aber Gottes gute Engel halten Wacht über den Wolken und der Weg wird heller gegen das Ende.“ Während Roſy ſprach, ſuchten Lydia's Augen unwill⸗ kürlich den Gegenſtand, der die Aufmerkſamkeit des Kindes zu feſſeln ſchien, als beſtrebte ſie ſich, darin die Quelle der verzückten und ſeligen Freude zu erkennen, welche dem ab⸗ gezehrten Antlitz ihrer Schweſter einen vorübergehenden Glanz verlieh. Der ſchwache Schimmer der Kerze fiel gerade auf einen kleinen, aber ausgezeichneten Kupferſtich, der in ſeinem hübſchen und ſogar reichen Rahmen ſeltſam von dem ärmlichen Hausrath und den nachgedunkelten Wänden des Zimmers abſtach, denn es war der einzige Luxusgegenſtand, den man darin erblickte. Ein Theil des Kupferſtichs lag in tiefem Schatten, aber man erkannte die Geſtalt eines jugendlichen Wanderers im Vordergrunde, über deſſen Haupt manche ſchwarze und drohende Wolke ſchwebte, während der Pfad vor ſeinen Füßen finſter und ſchmal war. Er ging jedoch mit ſicherm Schritt einher und blickte hinauf nach einer Stelle, wo vom hellern Firmament drei Engelsköpfe hernieder von dem ſilbernen Gipfel derſelben Wolken ſchauten, deren untere Fläche ſo dunkel und grauſig war. -— 111— Es war nicht das erſte Mal, daß der kleine Pilger in dieſer Weiſe zu Roſy's Herzen ſprach— es war nicht die erſte Lehre der Ermuthigung und Hoffnung, die ſie aus dem Anblick der ſchützenden Engel herleitete, welche über dem ſchwierigen Pfade des Lebens wachen. Seit vielen Jahren hatte das Bild ſie aus einem Zimmer in das an⸗ dere begleitet und während der langen Wochen, wo die Krankheit ſie oft ans Bett gefeſſelt hielt, ſtets dieſem gegen⸗ über gehangen. Aber ſeine Beredſamkeit war noch nicht erſchöpft. Im Gegentheil verſenkte ſich ihr Geiſt täglich tiefer in ſeine himmliſche Lehre und ward mehr und mehr überzeugt von der Wahrheit ſeiner beſeligenden Verheißun⸗ gen; während es in ihren einſamen Schmerzensſtunden wie ein lindernder Balſam wirkte, deſſen Heilkraft durch die Häufigkeit ſeiner Anwendung nicht litt. Ein kurzer Blick auf das bekannte Bild genügte Lydia, deren Gemüth der Sprache der Kunſt nicht zugänglich war, vorzüglich bei Sachen, wo nur der Geiſt zur Erkenntniß verhelfen kann. Aber ſie konnte nicht blind ſein gegen ihre heiligen Wahrheiten, wie ſie ſich in der frommen Ge⸗ duld und dem ſtillen Frieden zu erkennen gaben, welche auf dem bleichen Geſichte Roſy's lagen; und ein tiefes und demüthiges Gefühl der Zerknirſchung fing an, das Herz Lydia's zu erfüllen, wie ſie ihr kleinliches Murren mit dem märtyrergleichen Dulden dieſes Kindes verglich.„Ach Roſy!“ rief ſie aus, indem ſich ihre Reue mit einer plötz⸗ lichen Leidenſchaft Luft machte, welche die Kranke erſchreckte —„Du beſchämſt mich wirklich! ich wollte, ich wäre ſo gut wie Du. Meine Leiden ſind Nichts gegen Deine und doch mache ich mir ſelbſt und Jedem um mich das Leben ſchwer; Du aber— Du machſt aus Allem das Beſte.“ Roſe ſah bekümmert ihre Schweſter an und gab dann tröſtend zur Antwort:„O Lyddy! Kein Wunder, daß Du den Muth verlierſt; Du haſt ſo viel zu thun und ſollſt es — 112— ſo Vielen recht machen, während ich nur mit mir ſelbſt Ge⸗ duld zu haben brauche. Ich habe an Dich die ganze Woche gedacht und gewünſcht— ach, wie ſehr habe ich es ge⸗ wünſcht— ich könnte Dich von Zeit zu Zeit ſehen und erfahren, wie es Dir ginge, und ob die Knaben unartig wären und ob Du jede Nacht bis ſpät auf Mrs. Leroy zu warten haſt. Du biſt wol ſehr müde, Lyddy?“ fuhr ſie fort, als ſie die matte und verzweifelnde Haltung be⸗ merkte, welche die Schweſter angenommen hatte.„Hier lege Dich ein paar Minuten neben mich und ruhe aus!“ Roſe umſchlang die Schweſter mit dem Arm, und wie die Leeztere ſich neben ſie legte, fuhr ſie mit leiſer und beſänf⸗ tigender Stimme fort:„erzähle mir Alles, meine gute Lyddy.“ „Was ſoll ich erzählen?“ fragte Lydia. „O, Alles; was Dir am meiſten Kummer macht.“ Aber das konnte Lydia nicht. Die kleinen Verdrieß⸗ lichkeiten der Woͤche waren bei dem Anblick von Roſe's ge⸗ duldigem Ausharren ganz in den Schatten getreten, und ebenſowenig konnte ſie der Kranken von der ihretwegen er⸗ littenen tiefen Wunde mit allen ihren unglücklichen Folgen erzählen. „Ich will Dir von Jemand erzählen,“ ſagte ſie nach einigem Zögern,„den ich heute geſehen habe und der ſo ſchön iſt wie—“ „Wie Mrs. Leroy?“ unterbrach ſie Roſe. „Jawol,“ antwortete Lydia in einem Tone, welcher den Vergleich zurückzuweiſen ſchien. „Aber Du hieltſt ſie doch Anfangs für ſo ſchön!“ „Wirklich? Nun, jetzt thu ich's nicht mehr; aber laſ⸗ ſen wir Das. Miß Mabel ſieht ihr ganz und gar nicht ähnlich, obgleich ſie ihre Schweſter iſt,“ und als ob Lydia Begeiſterung aus ihrem Thema ſchöpfte, erhob ſie das Haupt von dem Kiſſen, ſtützte ſich auf den Ellbogen und ———— begann, die Augen auf Roſy geheftet, eine feurige Lob⸗ rede auf ihre neue und gütige junge Freundin. Roſe ſchien allmälig von ihrer Begeiſterung angeſteckt zu werden und rief endlich, als Lydia eine Pauſe machte, mit lebendiger Theilnahme aus:„erzähle mehr; was ſagte ſie zu Alick? hat ſie ihm gefallen?“ Einmal bei dem Thema, erzählte Lydia getreulich alle Einzelnheiten von Mabels Beſuch mit Ausnahme von den⸗ jenigen, welche ſich auf ihren Streit mit Mrs. Leroy und ihre darauf folgende Entlaſſung bezogen. „Friſch, freundlich und ſchön! und eben erſt vom Lande hereingekommen,“ ſagte Roſe nachdenklich,„o wie gern ich ſie ſehen möchte.“ Lydia ſeufzte bei dem Gedanken, wie unwahrſcheinlich die Erfüllung dieſes Wunſches ſei. „Du wirſt ſie wiederſehen?“ fragte Roſe forſchend. „Vielleicht.“ „Und Du wirſt Alles behalten, was ſie ſagt und thut, ſo daß Du mir es erzählen kannſt?“ „Ich will es verſuchen. „Friſch vom Lande!“ ſetzte Roſe ihr Selbſtgeſpräch fort.„Wie gern ſähe ich Jemanden vom Lande.“ Die arme Roſy war nie in ihrem Leben aus der Stadt hinaus gekommen, und das Land draußen war für ihre Phantaſie ein irdiſches Paradies. 4 „Roſe,“ ſagte Lydia in hoffnungsvollem Tone,„Du mußt geſund werden, ſo daß wir nächſten Sommer zuſam⸗ men auf unſer altes Gut hinaus können.“ Roſy ſchüttelte den Kopf und ſagte dann, als ob ihr plötzlich ein anderer Gedanke eingefallen wäre, in ruhig flüſterndem Tone:„Lyddy, wo iſt Jack?“ „Er läuft mit Bob Martin herum,“ entgegnete Lydia, nicht ohne einige Bitterkeit in dem Tone ihrer Stimme; „und ich werde wol allein nach Hauſe gehen müſſen,“ fuhr Mabel Vaughan I. 8 — — ———*—— 2 8— 8 4 3 1 — 114— ſie fort, indem ſie aufzuſtehen Miene machte,„denn viel⸗ leicht kommt er gar nicht vor morgen früh nach Hauſe.“ „O doch,“ ſagte Roſe zuverſichtlich,„er kommt um zehn, um mir meine Tropfen zu geben; er hat das noch nie vergeſſen, ſeitdem Du aus dem Hauſe biſt. Es iſt wol bald ſo weit?“ „Ich glaube wol,“ ſagte Lydia.„Ich will meinen Hut holen und ſehen, ob meine Schuhe trocken ſind.“ In dieſem Augenblick vernahm man Jacks Stimme im Laden, und gerade wie die Uhr der nahen Kirche Zehn ſchlug, trat er auf den Zehen, eine Taſſe und ein Fläſch⸗ chen in der Hand, in Roſe's Zimmer. Lydia hatte es noch nicht verlaſſen, ſondern ſaß verſteckt hinter dem Bett, und Bob Martin ſelbſt hätte über den Anblick, der ſich ihr jetzt zeigte, kaum erſtaunter ſein können als ſie. Konnte das Jack ſein, der rohe und oft ruchloſe Knabe, der jetzt neben dem Lichte ſtand und ſorgſam die Tropfen zählte? konnte es ſeine rauhe Hand ſein, die zärtlich den Hals der Schweſter umfing, während er ſanft ihr Haupt an ſeine Schulter legte und ihr die Arzenei an die Lippen hielt? Vor Allem, konnte es ſeine rauhe Stimme ſein, die jetzt ſanft und liebevoll fragte:„befindeſt Du Dich beſſer, gute Roſy?“ Ja, es war Jack; daran konnte kein Zweifel ſein; denn wie Lydia ihm in die Küche folgte, nachdem er ſeine Obliegenheiten als Krankenpfleger erfüllt hatte, verrieth er wieder ſein gewöhnliches Ich durch die ſchroffe und kurze Frage, die er an ſie richtete:„nun Lyd! biſt Du immer noch da?“ „Natürlich,“ ſagte Lydia halb betrübt und halb ge⸗ reizt über ſein mürriſches Weſen gegen ſie;„glaubſt Du, ich wäre allein nach Hauſe gegangen?“ „Jack!“ rief Roſe aus dem nächſten Zimmer. Er war ſofort bei ihr. — — v — 115— „Du begleiteſt Lyddy nach Hauſe?“ „d.“ „Und kommſt dann wieder zurück zu mir?“ „Ig.“ „Du biſt ein guter Junge.“ „Gute Nacht, Roſy,“ ſagte Lydia und beugte ſich über ihr Bett, um ihr einen Kuß zu geben, während Jack ſeine Mütze holte.„Ich weiß nicht, wann ich wieder kommen kann; gib Dies der Mutter, wenn ich fort bin. Gute Nacht, liebe Roſy;“ und ſie ließ in Roſy's Hand die Banknoten zurück, welche die Mutter zurückgewieſen hatte. Es war ein anſtrengender Gang nach dem Hotel— es regnete immer noch und es war ſehr naß auf der Straße. Jack und Lydia verfolgten raſch und ſchweigend ihren Weg. Erſterer etwas voraus, während Letztere nicht ohne Mühe die Pfützen auf den Trottoirs vermied. Beide waren nach⸗ denklich; Beide ſchämten ſich vielleicht ein wenig über die Gereiztheit ihres frühern Geſprächs; jedenfalls fühlten ſie wenig Luſt, ſich zu unterhalten, und ein eiliges Gute Nacht von Lydia und eine mürriſche Antwort von ihrem Bruder war Alles, was ſie mit einander ſprachen. Vielleicht hinterließ der Gang mit den Gedanken, welche er anregte, einen Eindruck auf Lydia's Gemüth, denn ſie träumte dieſe Nacht von einem finſtern und müh⸗ ſeligen Wege, den ſie und Jack wanderten; manchmal ſchien Mabel, die ihre beiden kleinen Neffen an der Hand führte, bei ihnen zu ſein; und ſtets war der Pfad rauh und der Himmel von Wolken umdunkelt. Aber ſie träumte auch, daß ſie ungefährdet immer weiter gingen und daß der Weg immer heller und ſchöner wurde, während auf jeder Wolke ein frohlockender Engel ſchwebte und jeder Engel Roſy's Antlitz hatte. 8* Meuntes Anpitel. Und iſt auch Weisheit wach, ſo ſchläft das Mißtrau'n An ſeiner Thür, und überläßt die Wache Der Herzenseinfalt, und die Reinheit glaubt Nicht an das Böſe, wo es nicht erſcheint. Milton. Mehrere Wochen vergingen, während welchen Mabel fortfuhr, ſich in einem faſt ununterbrochenen Kreis von Zerſtreuungen zu bewegen. Eine gefeierte Schöne muß jedoch trotz aller vom modernen Luxus erfundenen Vor⸗ ſichtsmaßregeln eine Conſtitution beſitzen, welche jedem ſchädlichen Einfluß Trotz bietet; und Mabel konnte trotz ihrer gewöhnlich trefflichen Geſundheit nicht gegen die ver⸗ einigten Einwirkungen beſtändiger Aufregung, modiſcher Entblößung und allzugroßer Nervenanſpannung Stand halten. Eine plötzliche Erkältung, von fieberiſchen Symp⸗ tomen begleitet, zwang ſie endlich, ſich aus aller Geſellſchaft mit Ausnahme der des väterlichen Hauſes zurückzuziehen; und vielleicht jetzt zum erſten Male lernte ſie die volle Aus⸗ dehnung der fürſorglichen Liebe ſchätzen, deren Gegenſtand ſie war. Die liebevolle Sorge des Vaters, die angelegent⸗ liche und geduldige Pflege der Tante, und Harry's brüder⸗ liche Aufmerkſamkeit und Hingebung überwogen bei Wei⸗ tem die Befriedigung, welche ihr die zahlreichen, ihren Tiſch bedeckenden Sträuße und brieflichen Beileidsbezeigungen ¹ 4 8 1 1 8 n — 117— gewährten; und während einiger Tage wirklicher Krankheit und einer Woche der Genefung hatte ſie reichliche Gelegen⸗ heit, den Segen der häuslichen Freuden kennen zu lernen, welche die glänzenderen Genüſſe und Zerſtreuungen bis dahin in Schatten geſtellt hatten. Dieſe vorübergehende und gezwungene Entfernung aus der Geſellſchaft trat noch dazu in einer Zeit ein, wo Mabel ſich zuerſt der Eintönigkeit bewußt ward, welche in den glänzenden Kreiſen herrſchte, die für Louiſe die Welt wa⸗ ren. Ein gewiſſes Bedürfniß, bewundert zu werden, und eine natürliche Freude über die nicht geringe Bewunderung, die ihre Stellung und ihre Reize erweckten, hatten ſie eine Zeit lang die Dürftigkeit der Quellen, aus denen ſie her⸗ rührte, nicht bemerken laſſen; und die Anziehungskraft des Putzes, der Aufregung und der glänzenden Umgebung wirkte ſo lange auf ſie, als ſie ihr neu blieb. Aber ihr Gemüth beſaß zu viel Friſche, um dauernden Genuß in dem beſtän⸗ dig wiederkehrenden Kreislauf geſellſchaftlicher Vergnü⸗ gungen zu finden, zumal da ihr Geiſt gelegentlich über die beſtändige Wiederholung fader Ballredensarten, welche den Hauptunterhaltungsſtoff des um Mrs. Leroy ſich bewegen⸗ den Kreiſes bildeten, ſtutzig ward. Die Macht der Gewohnheit iſt jedoch ſtark, und ſie würde wahrſcheinlich nicht die Willenskraft gehabt haben, ſich aus dem Zauberkreis der Modewelt heraus zu reißen, wenn nicht die Nothwendigkeit ſie mit eiſerner Fauſt gefaßt hätte. Ihr heiteres und liebevolles Temperament fand jetzt Mittel, in ihrem Heimweſen ſich glücklich zu fühlen und Glück zu verbreiten, und ihr Gewiſſen machte ihr mehr als einmal Vorwürfe über ihre frühere Vernachläſſigung der Stelle, wo ihre Anweſenheit ſelbſt als Kranke Sonnen⸗ ſchein verbreitete. Tante Sabiah war jetzt, wo ſie den Genuß von Ma⸗ bels Geſellſchaft und die Beſchäftigung, ſie zu pflegen, hatte, — 118— wie umgewandelt. Mr. Vaughan ging des Morgens ſpäter auf ſein Comptoir und verbrachte den Abend mit ſeiner Familie in der Bibliothek, wo die zahlreichen Karten, die ihn für gewöhnlich ſo ſehr in Anſpruch nahmen, kein ein⸗ ziges Mal aufgerollt wurden. Was Harxy betrifft, ſo hatten die für gewöhnlich ſich überhäufenden Anſprüche ſei⸗ ner Kameraden an ſeine Zeit jetzt plötzlich faſt aufgehört und er fand Muße, ſeiner Tante und Mabel vorzuleſen, letzterer deutſche Gedichte zu überſetzen, und ſich zu unter⸗ halten und Sabiah zu peinigen mit Neckereien über die unförmlichen Strümpfe, die ſie meiſtens ſtrickte und die, wenn auch im Beſuchzimmer durch eine elegantere Beſchäf⸗ tigung erſetzt, in der Zurückgezogenheit des Krankenzim⸗ mers gern wieder vorgenommen wurden. Ihre mißge⸗ ſtalteten Waden und zuſammengeſchrumpften Aenkel be⸗ ſchäftigten Harry's Phantaſie beſtändig mit Vermuthungen über die Thierart, für die ſie wol beſtimmt ſein mochten; und obgleich er nie eine andere Antwort erhielt, als die ſprüchwörtliche, daß nur ein ſchlechtes Bein ſich ſeinen Strumpf nicht ſelbſt paſſend macht, ſchien er doch ganz zu⸗ frieden zu ſein, den witzigen Kampf ganz allein durchfüh⸗ ren zu können. So wohl und glücklich ſchien er ſich unter dieſer neuen Ordnung der Dinge zu befinden, daß er ſelten das Haus auf längere Zeit verließ, außer wenn ihn das Erſcheinen der Mrs. Leroy vertrieb, die ſich mit großem Geräuſch täglich einſtellte, und die mit dem Rauſchen ihres Kleides faſt regelmäßig dem Bruder das Signal gab, ſich, eine Opernmelodie trillernd, zu entfernen.. Louiſe ärgerte ſich faſt über die Befriedigung, mit wel⸗ cher Mabel ihre achttägige Zimmerhaft aufnahm; beſon⸗ ders da ſie ſich einigermaßen verpflichtet fühlte, ſie in ihrer Abgeſchiedenheit dann und wann mit ihrer Gegenwart auf⸗ zuheitern und ſie dieſes Opfer unausſtehlich langweilig fand. Sie wußte jedoch immer einen annehmbaren Vor⸗ — 1— — 119— wand für die Kürze ihrer Beſuche zu erfinden, und kam und ging mit ſo anmuthiger Unbefangenheit und ſo vielen liebevollen Erkundigungen und freundſchaftlichen Botſchaf⸗ ten, daß ihre Aufmerkſamkeit Mabel nur wohl thun konnte und daß ſie weit davon entfernt war, ihre Aufrichtigkeit zu bezweifeln. Aber derſelbe Umſtand, welcher Mrs. Leroy's Beſuche abkürzte, war eine neue Quelle des Glücks für ihre Kin⸗ der, die jetzt zum erſten Male anfingen, die Vortheile eines Aufenthalts im großräterlichen Hauſe zu genießen. Mabel ließ ſie während ihrer kurzen Unpäßlichkeit gelegentlich ho⸗ len; und obgleich es Harry langweilig fand, Alick in einer Ecke des Zimmers in ein Buch vertieft oder mürriſch zum Fenſter hinausblicken zu ſehen, und Tante Sabiah feſt überzeugt war, daß der Lärm, den Murray machte, Mabel einen Fieberanfall zuziehen müßte, ſo dienten dieſe Beſuche doch im Ganzen dazu, ein natürliches Verhältniß zwiſchen den Knaben und den verſchiedenen Mitgliedern der Familie herzuſtellen und den Keim zu dem Einfluß zu legen, den jeder derſelben für die Zukunft auf alle übrigen auszu⸗ üben beſtimmt war. Wie weit die ſtillen Genüſſe des häuslichen Kreiſes mit den Empfindungen und Gedanken, die ſie erwecken mußten, dazu beigetragen haben würden, Mabels Geiſt von den Zerſtreuungen der großen Welt ab⸗ zulenken und ſie zu einer ernſten und dauernden Erwägung ihrer Pflichten und Kräfte zu bewegen, läßt ſich unmöglich ſagen; aber als ſie wieder geneſen und dadurch der Geſell⸗ ſchaft zurückgegeben war, wurde die Waagſchale des Ein⸗ fluſſes, den die äußere Welt bisher auf ſie beſeſſen, noch durch ein neues Gewicht beſchwert und eine neue Empfin⸗ dung nahm in einem Maaße, daß ſie alle andern An⸗ ſprüche ausſchloß, ihren Geiſt und ihr Herz in Beſitz. Lincoln Dudley kehrte unerwartet nach der Stadt zu⸗ rück und Mabel traf mit ihm unter Verhältniſſen zuſam⸗ — 120— men, die ganz geeignet waren, das romantiſche Intereſſe zu ſteigern, das ſie ſeit langer Zeit ſchon für den Freund ihres Bruders gefühlt hatte. Eine ihrer jungen Freundinnen gab einen Geburts⸗ tagsball und kam, nicht zufrieden, Mabel brieflich einzu⸗ laden, auch noch perſönlich, um mit Lebhaftigkeit gegen jede abſchlägige Antwort zu proteſtiren. Mabel hatte ſich ſeit ihrer Unpäßlichkeit nicht an die Abendluft gewagt und nahm die Einladung nur mit dem von ihrem Vater geſtell⸗ ten Vorbehalt an, nicht zum Tanzen genöthigt zu werden. Louiſe erklärte, daß ſie unter ſolchen Bedingungen vor⸗ ziehen würde, zu Hauſe zu bleiben; aber Mabel war mit ihrer gewöhnlichen Gutherzigkeit froh, ihrer Freundin unter ſo billigen Bedingungen einen Gefallen thun zu können. Eine glänzende Gruppe von Verehrern umgab ſie, als ſie zuerſt einen Herrn erblickte, der, mit der unbefangenen Miene eines Weltmanns an einen Kamin gelehnt, die Ge⸗ ſellſchaft mit aller Muße zu durchmuſtern ſchien. Vielleicht beſaßen ſeine dunkeln träumeriſchen Augen eine magnetiſche Kraft, denn in dem Augenblick, wo Mabel nach der Stelle ſah, wo er ſtand, waren ſie auf ſie mit einem forſchenden und bewundernden Blick geheftet. Als ſie ihn jedoch das nächſte Mal beobachtete, war er in einem lebhaften Zwie⸗ geſpräch mit einer Dame, die offenbar großes Vergnügen an ſeiner Unterhaltung fand. Selbſt wenn er ſich Mabel als Kritiker weniger bemerklich gemacht hätte, würde er ihre Beachtung auf ſich gezogen haben, ſo ſehr unterſchied er ſich von allen Andern, denen ſie bis jetzt begegnet war. Seine perſönliche Erſcheinung fiel auf, denn obgleich kaum von mittler Größe, war er wohlgeſtaltet und wohlgebildet, während ſeine Haltung und ſeine Manieren eine Unab⸗ hängigkeit und Freiheit von conventionellem Zwang an den Tag legten, die ihn aus der Geſellſchaft als einen Fr Mann hervorhoben, der ſich von den kleinlichern Vorſchrif⸗ ten der Etikette losſagen kann. Dennoch lag in ſeinem Benehmen viel Courtoiſie, zumal gegen Damen und er beſaß offenbar die Fähigkeit, ſich allgemein angenehm zu machen— denn wie Mabel ihre Beobachtungen fortſetzte, konnte ſite nicht umhin, zu bemerken, wie zuvorkommend ſeine Höflichkeiten von Perſonen verſchiedenen Alters und verſchiedener Neigungen aufgenommen wurden. Er verſchwand jedoch bald in dem Gewühl, und die Gedanken der gefeierten Schönen wurden abermals von der kleinen Schaar von Verehrern in Anſpruch genommen, die ihr zu ihrem Wiedererſcheinen in der Geſellſchaft Glück wünſchten und trotz der Muſik und des Tanzes im Neben⸗ ſaal treu bei ihr aushielten. Sie wendete ſich daher mit einiger Ueberraſchung um, als ſie ſich von einem Fächer leiſe auf der Schulter berührt fühlte und erblickte Mrs. Leroy, begleitet von dem Frem⸗ den, der offenbar Louiſe zu dem Zweck aufgeſucht hatte, ſich ihrer Schweſter vorſtellen zu laſſen. Entweder ſprach Louiſe in ihrer Eile, zu dem Tanze zurückzukehren, den Namen nicht laut genug aus, oder einige Verwirrung von Mabels Seite hinderte dieſe, ihn deutlich zu verſtehen— jedenfalls blieb es ihr ganz unbe⸗ kannt, daß ſie die Bekanntſchaft Dudley's machte. Die heitere, ſelbſtbewußte Ruhe ſeines Weſens gab ihr jedoch bald ihre gewohnte Faſſung wieder; und ſie wußte nicht, wie es kam, daß ſie ſich, ehe viele Minuten vergangen waren, mitten in einem Geſpräche befand, welches gar nichts von dem Gezwungenen hatte, das meiſtens in Folge einer unerwarteten und haſtigen Vorſtellung ſich einzuſtellen pflegt. Auch verſuchte ſie nicht, ſich von der Thatſache Rechenſchaft zu geben, daß ſelbſt die kühnſten ihrer Ver⸗ ehrer ſich Einer nach dem Andern nach dem Ballſaal oder „ — 122— anderswohin zurückzogen und Dudley im vollen Beſitz des Schlachtfeldes ließen. Sie wußte nur, daß ſie einem Manne zuhörte, der, was Schönheit der Sprache, Originalität des Gedankens und lebendige Phantaſie betrifft, verglichen mit denen, welche ſie ſo eben verlaſſen hatten, einer andern Ordnung der Weſen anzugehören ſchien; und geſchmeichelt von der Entdeckung, Anziehungskraft auf einen überlegenen Geiſt ausgeübt zu haben und vielleicht begeiſtert durch den Blick aus Dudley's beredten Augen, fühlte ſie geiſtige Strebungen in ſich rege werden, welche ihr Verkehr mit der Geſellſchaft früher nie geweckt hatte. Da Dudley fand, daß ſie nicht tanzte, verſchaffte er ihr einen Sitzplatz und fuhr fort, indem er ſich in ſeiner gewohnten, unbefangenen und gleich⸗ gültigen Haltung an ein Fenſter lehnte, von ſeiner glän⸗ zenden Unterhaltungsgabe Gebrauch zu machen, während er ſie durch eine gewiſſe achtungsvolle Vertraulichkeit auf⸗ munterte, der angebornen Anmuth und geiſtigen Kraft, die ſie in ſo reichem Maaße beſaß, volle Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen. Erſt als Mr. Leroy, der ebenfalls in der Geſellſchaft anweſend war, ihr meldete, daß der Wagen warte, und daß auch Louiſe zum Aufbruch bereit ſei, wurde ſie ſich bewußt, wie lange Zeit ſie mit einer ſo angenehmen Unterhaltung zugebracht hatte; und obgleich die Bekanntſchaft nur einen Abend alt war, konnte ſie doch nicht die Befriedigung über Dudley's Verſicherung beim Abſchied verbergen, daß er bald das Vergnügen zu haben hoffe, ſie wieder zu ſehen. Harry hatte, ſich gegen ſein Verſprechen nicht einge⸗ funden, ſondern war von einigen Freunden abgehalten worden, die er im Club getroffen hatte. So kam es denn, daß Mabel erſt den folgenden Tag beim Diner Gelegenheit fand, mit ihm die Ereigniſſe des vergangenen Abends zu beſprechen. Ihre Mittheilungen waren aber einigermaßen unfreiwillig und wurden ihr nur durch beziehungsvolle Fragen von ſeiner Seite abgelockt. Er nöthigte ſie jedoch endlich, die neue Bekanntſchaft, die ſie gemacht hatte, anzu⸗ erkennen und bewog ſie ſogar, eine etwas ausführliche Be⸗ ſchreibung des Individuums zu geben. Nachdem er lächelnd ihre Vermuthungen über daſſelbe angehört und vornehmlich ihren Verdacht, daß es ein Dichter ſein müſſe, weil er dunkle Augen und langes Haar gehabt, und ſich durch einige kleine Excentritäten der Kleidung ausgezeichnet und außerdem ſehr angenehm geweſen ſei, ſetzte er ſie mit der plötzlichen Bemerkung in Erſtaunen:„Mit einem Worte — Du haſt Lincoln Dudley geſehen und die Befriedigung ſcheint gegenſeitig zu ſein.“ Ein Aufleuchten froher Ueberraſchung erhellte Mabels Geſicht bei dem erſten Theil von Harry's Rede, während ein raſch darauf folgendes Erröthen verrieth, welchen Werth ſie auf Dudley's gute Meinung legte. Tante Sabiah wurde ſogleich neugierig, Mabels Urtheil über eine Perſon zu vernehmen, die auf ſie einen ſo günſtigen Eindruck gemacht hatte. Auch Mr. Vaughan wünſchte Einiges über Harry's Freund zu erfahren und Harry ſelbſt war geneigt, mit weitern Fragen in Mabel zu dringen. Aber Mabel wich mit Conſequenz allen Fragen aus und wußte zuletzt den Gegenſtand der Unterhaltung zu än⸗ dern. Er beſchäftigte aber deshalb nicht minder ihre Ge⸗ danken. Für keine Schmeichelei iſt vielleicht ein junges Mädchen ſo empfänglich, als für die, zu entdecken, daß ſie das In⸗ tereſſe eines Mannes erweckt hat, der einige Jahre älter, von überlegenem Geiſte und außerdem eines der beliebteſten und einflußreichſten Mitglieder des geſellſchaftlichen Kreiſes iſt, in dem er ſich bewegt. Vorzüglich iſt dies der Fall, wo natürliche Verfeinerung des Geiſtes und Gefühls den weiblichen Theil befähigen, edlere und geiſtigere Freuden — 124— zu genießen, als diejenigen, welche die Modewelt meiſt dar⸗ bietet. Selbſt Louiſe und die frivole Schaar ihrer Gleich⸗ geſinnten fühlten die Ehre, welche Mr. Dudley's Aufmerk⸗ ſamkeiten brachten und ſtrebten mit Eifer danach; denn ſeine geſellſchaftliche Stellung war ebenſo ſehr wie ſeine Fähigkeiten anerkannt. Wie viel höher mußte nun Mabel den Mann ſtellen, der zu gleicher Zeit den Anforderungen der auserleſenſten Kreiſe genügte und die unwillkürliche Verehrung einflößte, welche die Jugend dem Genie zu zollen ſtets bereit iſt. Dudley's Genie war in der That ein faſt univerſelles. Meiſtens im Ausland erzogen, hatte er eine Schule der Kenntniß raſch nach der andern durchgemacht, die euro⸗ päiſche Geſellſchaft in allen ihren Phaſen kennen gelernt, Gelegenheiten benutzt, die nur Wenigen zu Gebote ſtehen und war auf dieſe Weiſe cosmopolitiſch in ſeinen Ge⸗ wohnheiten, künſtleriſch in ſeinen Geſchmacksneigungen, vollkommen vertraut mit der Geſellſchaft und der Welt und fähig geworden, überall zu glänzen. Diejenigen, welche ihn am beſten kannten, erklärten ihn des Erfolgs in jedem Beruf, für den er ſich beſtimmen würde, ſicher; aber ob⸗ gleich er faſt dreißig Jahre alt war, hatte er noch keine Wahl getroffen. So war er zu der Zeit, wo er ſich Mabel vorſtellen ließ, immer noch ein Gentleman, der ſeiner Muße lebte und ein mäßiges Einkommen beſaß, welches den Bedürf⸗ niſſen eines Mannes genügte, der zwar gewählt und glän⸗ zend zu leben gewohnt war, aber keine Neigung zu Aus⸗ ſchweifungen hatte und deſſen Gewicht und Einfluß in der Geſellſchaft merkwürdigerweiſe ganz unabhängig von Reich⸗ thum waren. Wir werden bald ſehen, welche Wirkung dieſer unge⸗ wöhnliche Einfluß auf die junge und begeiſterungsfähige Mabel ausübte. 5 — 125— Ihre Bekanntſchaft machte raſche Fortſchritte. Seine vertraute Freundſchaft mit Harry und die Gewißheit, in Mr. Vaughan's Haus einen herzlichen Empfang zu finden, hätten dies allein ſchon begünſtigt. Aber obgleich er häufig ein Mitglied des kleineren Familienkreiſes bei Tiſch war und zu allen Stunden mit der Ungenirtheit eines Hausfreunds erſchien, waren dies nicht die einzigen ſich ihm darbietenden Gelegenheiten, Mabels Intereſſe zu er⸗ regen, oder ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie traf ihn überall in der Geſellſchaft; und er übte ſeine merk⸗ würdige Fähigkeit, zu gefallen, nie mit mehr Erfolg aus, als wenn er mitten in den Zerſtreuungen einer zahl⸗ reichen Geſellſchaft ſie dann und wann aufſuchte und auf längere oder kürzere Zeit, wie die Gelegenheit es gab, ihre Gedanken feſſelte, ihre Phantaſie entzündete, oder ihre Hei⸗ terkeit erregte, indem er ſeinen ſcheinbar unerſchöpflichen Schatz von Kenntniſſen, Poeſie, Witz und Satyre vor ihr ausbreitete. Er tanzte nie; und von der Zeit an, wo er ſich Mabel hatte vorſtellen laſſen, ward auch ihre Lieb⸗ haberei für dieſe Zerſtreuung weniger ausſchließlich. Nicht, daß er je verſucht hätte, ſie durch den Reiz ſeiner Unter⸗ haltung von heiterern Zerſtreuungen abzuhalten, oder daß er bemüht geweſen wäre, einen beträchtlichen Theil ihrer Zeit für ſich allein in Anſpruch zu nehmen. Im Gegentheil beſaß er viel zu viel Zartgefühl und Takt, um ſeine Auf⸗ merkſamkeiten auffällig zu machen; und daß er ſie vorzog und bewunderte, ließ ſich nur aus dem Eifer und der Be⸗ friedigung ſchließen, mit denen er jede dieſer Gelegenheiten benutzte, die ihm Zufall oder Glück darboten. Aber während Mabels Beliebtheit bei der großen Maſſe der Geſellſchaft unvermindert fortdauerte und ſie immer noch die Zierde und das Leben des Ballſaals war, ſtrahlte ihr Antlitz nie glänzender, als wenn ſie in Folge einer Pauſe in der Muſik oder einer zufälligen Bewegung unter — — 126— der Geſellſchaft ſich von ihrem Tänzer befreit ſah und in den Bereich des magiſchen Einfluſſes kam, den Dudley's wohltönende Stimme und beredtes Auge nie verfehlten, auf ihren phantaſievollen Geiſt guszuüben. Alle andern Ereigniſſe des Abends konnten wol zur Befriedigung ihrer Eitelkeit und Selbſtliebe dienen, aber dieſe kleinen Zwiſchenfälle hatten eine tiefere Bedeutung und brachten einen tiefern und dauerndern Eindruck auf ihr Herz und ihr Leben hervor.. Ein neuer Ehrgeiz und ein neues Gefühl waren plötz⸗ lich in ihr wach geworden; und die Jungfrau, die noch 8 vor einem Monat kaum an den Sieg glauben konnte, der ſie ſofort über jede Nebenbuhlerſchaft unter ihren Mit⸗ bewerberinnen emporhob, fühlte ſich jetzt von einer tiefern Empfindung befriedigten Stolzes durchglüht, wie ſie ſich der edleren Gaben bewußt ward, die ihr die Anerkennung eines Mannes von ſeltener Bildung und verfeinertem Ge⸗ ſchmack verſchafften. So empfingen geiſtige Kräfte, die bis dahin geſchlum⸗ mert hatten, einen neuen Antrieb; und obgleich der Kreis⸗ lauf ihres täglichen Lebens wenig Veränderung erlitt, ſo hätte doch ein genauer Beobachter manche Andeutung der neuen Richtung entdecken können, welche ihre Beweggründe und Beſtrebungen erhalten hatten und des ungewohnten Intereſſes, welche jeder Auftritt, in dem Dudley eine Rolle ſpielte, erregte. Und während der Zauber, welchen ſeine Gegenwart auf die fröhlicheren Kreiſe ausübte, vollſtändig die Zö⸗ gerung überwand, mit der ſie wieder an den Zerſtreuungen der Welt theilnahm, war die Herrſchaft, welche er über ihre Gedanken ausübte, in den Augenblicken ihrer Zurückge⸗ zogenheit und ihres Nachdenkens nicht weniger bemerkbar. Die Gegenſtände, auf die er ihr Intereſſe gelenkt, beſchäf⸗ tigten ſie auch ſpäter noch, wie ſie allein war z die Bücher, aus denen er häufig Stellen anführte, lagen offen auf ihrem Toilettentiſch, und oft zog ſie ſich in das ſo ge⸗ ſchmackvoll von Harry möblirte Zimmerchen zuruͤck, um ſorgfältiger die Kunſtwerke zu ſtudiren, die das Verdienſt beſaßen, von Dudley ausgewählt worden zu ſein. Mr. Vaughan, den der Geſundheitszuſtand ſeiner Toch⸗ ter ſehr beſorgt gemacht hatte, fühlte ſich zu glücklich über ihre gänzliche Wiederherſtellung, um über das wieder ein⸗ ſam gewordene Heimweſen zu klagen und ſuchte wieder ge⸗ duldig die Unterhaltung auf, die ihm für gewöhnlich ſeine Papiere und Karten verſchafften. Harry, der ſich anfangs von der Bewunderung, mit der ſein Freund offenbar ſeine Schweſter betrachtete, geſchmeichelt fühlte, wurde zuletzt der untergeordneten Rolle müde, die er zwiſchen Beiden ſpielte und entfernte ſich gelegentlich ſowol im häuslichen Kreiſe, .„ 7 4: C. e wie in der Aſſemblée in aller Stille aus ihrer Geſellſchaft, ohne von Einem der Beiden ſehr vermißt zu werden. Miß Sabiah, die Dudley ganz für ſich gewonnen hatte, verlor kein Wort des Vorwurfs über die gedankenloſe und unab⸗ ſichtliche Vernachläſſigung, die ſie manchmal zu erdulden hatte, und nährte die aufkeimende Neigung ihrer Nichte durch die unbedingten Lobſprüche, die ſie ihrem Gegenſtand zu Theil werden ließ. War es dann ein Wunder, daß Mabel, ungefragt und ungewarnt, ſich ohne Bangen oder Zweifel den Empfin⸗ dungen der Stunde hingab? War es ein Wunder, wenn 4 er, den alle Welt als den Gelehrten, den Dichter und den 7 geiſtreichen Mann bewunderte, ihren Augen als der Edle, 1 Großherzige, der Wahre und der Selbſtloſe erſchien, der er hätte ſein ſollen— aber der er leider nicht war? Bei all ſeiner reichen Bildung, bei ſeinen Kenntniſſen, 8 ſeinem Geſchmack und ſeiner Verfeinerung— bei aller ſeiner einſichtigen Würdigung des Schönen in Kunſt und Natur und bei aller Unbeflecktheit ſeines Rufes, gegen den — 128— Niemand auftreten konnte, verbargen doch die geheimſten Tiefen ſeines Weſens ein heimliches, aber tödtliches Gift, das alle höhere Beſtrebungen in ihm zur Nichtigkeit und Hoffnungsloſigkeit verdammte. Vollkommen frei von ſichtbaren Laſtern, beſaß er den⸗ noch keine echte Liebe zur Tugend; ein Anbeter weiblicher Schönheit, war er doch ohne hohen Glauben an das edle Weibliche, und während er die Welt, in der er lebte, ver⸗ achtete, beſaß er nicht die Macht, ſich über ſie zu erheben. Frühzeitiges Mißtrauen in alles Gute hatten in ihm die edelſten Gaben der Natur unnütz gemacht; und das Leben, welches ein Segen für die Menſchheit hätte ſein können, war bis dahin in Sand verlaufen. Und ſoll Mabels vertrauendes Herz die Wirkung die⸗ ſes kältenden Einfluſſes erfahren? Soll das jungfräuliche Gemüth, das ſich nach Wahrheit und Kenntniß ſehnt, an den Sophiſtereien eines verkehrten Geiſtes theilnehmen? Soll die großen und dauernden Eindrücken offene Seele zuſehen, wie ihre edlen Strebungen von der kalten Vernünftelei trügeriſcher Lebenserfahrung erſtickt werden? Ehrgeiz, Selbſtliebe, Stolz, eine bethörte Phantaſie und eine Schaar weltgeſinnter Verbuͤndeter werden ſie vor⸗ wärts treiben auf dem gefährlichen Pfad, den zu wandeln ſie beſtimmt zu ſein ſcheint. Aber Eine wird ihr unter⸗ wegs begegnen— eine kindergleiche Geſtalt, in heiligen Glauben gekleidet— die Jenen mit der ſanften Macht eines demüthigen Herzens, eines reinen Wandels und eines inbrünſtigen Gebets entgegen treten wird. Ungleich er⸗ ſcheint der Kampf, aber Gott allein verleiht den Sieg. ift, und en⸗ her dle er⸗ 0%41.: Tehntes Aapitel. hm das 3 „; Mit neckiſchem Spiele wollen wir verſpotten ein Des grimmen Winters rauhe Tyrannei; Die welke Wange ihm mit Blumen ſchmücken, . Und um ſein glattes, kahles Greiſenhaupt die⸗ Phantaſtiſche Kränze winden. iche Mrs. Barbauld. an oll Ungefähr vierzehn Tage nach Dudley's Rückkehr in die en, Stadt wurde durch Mabels warmherzige, aber unüber⸗ lei legte Gaſtfreundſchaft die Geduld der Miß Vaughan und die Gutherzigkeit der ganzen Familie auf eine etwas harte aſie Probe geſtellt. or⸗ Einige in demſelben Hotel mit Mrs. Leroy wohnende eln Kinder wurden von einer herrſchenden Epidemie befallen, er⸗ und als Mabel ihre Schweſter über die Gefahren klagen gen hörte, welche dadurch die Geſundheit der Knaben lief, icht drang ſie in Louiſen angelegentlich, die Kinder zu dem es Großvater zu ſchicken, wo ſie bleiben könnten, bis die Ge⸗ 4 er⸗ fahr der Anſteckung vorüber ſei. Die kleinen Burſche waren hoch erfreut über die Ausſicht, die Beſchränkungen der Kinderſtube mit der Freiheit zu vertauſchen, die ihnen in Mr. Vaughans geräumigem Hauſe in Ausſicht ſtand, und ihre Mutter nahm nur zu bereitwillig ein Anerbieten an, wel⸗ ches ſie von einer höchſt unwillkommenen Verantwortlichkeit befreite. Die Knaben fanden ſich daher ſofort in dem Hotel Mabel Vaughan I. 9 4————— — 130— ein, begleitet von Lydia Hope, die trotz ihrer plötzlichen Entlaſſung immer noch in Mrs. Leroy's Dienſten ſtand. Da Louiſens Laune ſich immer nach ihren ſelbſtſüchtigen b 1 hal Bedürfniſſen richten mußte, waren Murray's Bitten kaum erforderlich geweſen, um ſie zu bewegen, ein Mädchen von ſo ausgezeichneten Fähigkeiten, wie Lydia war, zu behal⸗ iu ten; und obgleich Letztere ſich nur durch die größte Selbſt⸗ gri beherrſchung dazu bringen konnte, die Nachgiebigkeit ihrer I Herrin mit gehöriger Dankbarkeit und Demuth anzuerken⸗ au nen, ſo fühlte ſie ſich doch reichlich durch die ihr jetzt ge⸗ ſch währte Gelegenheit belohnt, einige Wochen in dem Hauſe Li ihrer jungen Wohlthäterin zuzubringen. ſch Dieſen Einbruch in den häuslichen Frieden ertrug anfangs der ganze Haushalt mit lobenswerther Geduld; m aber Murray's lärmendes Weſen und Alicks trotzige m Verſtocktheit gaben bald Anlaß zu Schwierigkeiten und ge Stoͤrungen. Mr. Vaughan entging den daraus entſtehen⸗ S den Beſchwerden dadurch, daß er ſich in ſeine Bibliothek K einſchloß, und Harry lief fort, nachdem er ſich eine Zeit 1 lang den Spaß gemacht hatte, an den lärmenden Spielen 4 3 der Knaben theilzunehmen, ſie zur Lebhaftigkeit aufzu⸗ 8 ſtacheln und ſie in kleine Streitigkeiten zu verwickeln, und T 1 ließ Andere die Früchte des Unheils einernten, das er erſt d geſäet hatte. Miß Sabiah und die vielgeplagte Diener⸗ d ſchaft hatten am meiſten von den ungehorſamen und wi⸗ · 6 derſpenſtigen neuen Bewohnern des Hauſes zu leiden; u denn Mabel ließ ſich, wenn nicht andere Gegenſtände ſie 5 G 7 in Anſpruch nahmen, ſelten eine Gelegenheit entgehen, p 7 8 ſich in der Geſellſchaft ihrer jungen Gäſte ein paar frohe 4 6 Stunden zu machen. Freilich ward ſie auch manchmal herbeigerufen, um Streitigkeiten beizulegen und entſtehende Zwietracht im Keime zu erſticken; aber ſie beſaß eine glück⸗ liche und leichte Manier, zur Befriedigung aller Parteien ſtreitige Fragen zu ſchlichten; und durch eine Vereinigung — 131— d von Güte und Autorität gelang es ihr, ihre kleinen Nef⸗ en fen bis zu einem gewiſſen Grade im Gehorſam zu er⸗ un halten. 7 1 3 Dieſen Gehorſam erzwingenden Einfluß verdankte ſie 5 zum Theil der Achtung, welche ihre conſequente Wahrhaf⸗ 11 tigkeit Kindern einflößte, welche bis dahin durch Kunſt⸗ . griffe und Beſtechungen regiert worden waren, und noch mehr der herzlichen Theilnahme, mit der ſie gelegentlich auf ihre Pläne und Vergnügungen einging; denn ſo be⸗ de ſchäftigt auch ihr Geiſt war, konnte doch Nichts ihre innige iſe Liebe zu Kindern und ihre Theilnahme an ihren Freuden ſchwächen. 13 So ſah einer lange beſprochenen Schlittenfahrt, auf ge welche ſich die Knaben ſeit Anfang des Winters gefaßt ge⸗ macht hatten, Mabel mit keiner geringern Begierde ent⸗ 3 gegen; und ſie begrüßte das baldigen Genuß verſprechende n. Schneewetter mit nicht minder lauter Befriedigung als die Kinder. Der Schnee fing an, mit Dunkelwerden zu fallen, und am nächſten Morgen war die ganze Stadt in eine reiche Hülle von fleckenreinem Weiß gekleidet, die ſicherlich den Vergnügungsluſtigen jedes Alters reichliche Verſuchung darbot. Ehe es noch Mittag war, waren Broadway und die vornehmſten Straßen mit Schlitten jeder Geſtalt und Farbe angefüllt, die mit ihrem heiter geſtimmten Inhalt und ihren feurigen Pferden dem Ganzen den Anſtrich eines Karnevals gaben; während unter den vielen reichen und prächtigen Equipagen keine ſo elegant und ſo vollſtändig in ihrer Ausſtattung war, als diejenige, in welcher die glückliche und blühende Mabel mit ihren frohlockenden und aufgeregten kleinen Neffen ſaß. Sie fuhren raſch die Hauptſtraßen auf und ab und ſuchten ſich behende ihren Weg unter dem Gewühl großer offener Omnibuſſe voller Verzierungen und angefüllt mit 9* — 132— Paſſagieren; von Equipagen nach der neueſten Mode, mit Livréebedienten und reicher Pelzausſchmückung; von Mi⸗ niaturbooten, gezogen von Vollblutpferden, welche die Jeuneſſe Dorée von New⸗York lenkte; mit einem Wort unter Fahrzeugen jeder Geſtalt und jeden Ranges, die plötzlich auf dem Schauplatz erſchienen waren und mit ein⸗ ander in Geſchmack, Seltſamkeit, Prunk oder Schnelligkeit wetteiferten. „Sieh!“ rief Murray aus, indem er in der Begeiſte⸗ rung ſeiner Freude aufſprang,„dort iſt Mama mit Miß Vannecker in Mr. Earles' neuem Schlitten. Fahr ſchneller, Donald!“ rief er dem Kutſcher zu.„Fahr ſchneller und ſieh, ob wir nicht die beiden Grauſchimmel vor uns über⸗ holen können!“ und wie ſie luſtig an Mrs. Leroy's Schlit⸗ ten vorbeijagten und einen Mitbewerber nach dem andern überholten, mußte Mabel das aufgeregte Kind am Arme feſthalten, damit es nicht in ſeiner Lebhaftigkeit das Gleich⸗ gewicht verlöre und aus dem Schlitten fiele. „Sieh, Tante Mabel,“ rief der eben ſo aufmerkſame aber ruhigere Alick aus,„ſieh dieſe ſchöne, kleine, weiße Seemuſchel, die ſich ihren Weg durch Schaum zu bahnen ſcheint; der Wolfspelz, das Pferd und ſelbſt das Geſchirr ſind ſo weiß, wie der Schnee ſelbſt. O, das iſt der ſchönſte Schlitten von allen! Mr. Dudley fährt ſelbſt und er ſieht uns— ja, ganz gewiß, er ſieht uns; er verſucht, uns zu überholen.“ „Aber das kann er nicht!“ rief Murray, deſſen Auf⸗ merkſamkeit dieſer neue Nebenbuhler auf ſich zog;„ich will wetten, er kann es nicht mit unſern Füchſen aufnehmen, nicht wahr, Tante Mabel?“ „Und doch!“ ſagte Alick, der mit dem Auge ſorgfältig die Möglichkeit abſchätzte. Das lebhafter gefärbte Antlitz und das funkelnde Auge — 133— Mabels verriethen, mit welcher Theilnahme ſie den Wett⸗ lauf beobachtete, aber ſie theilte durchaus nicht Murray's Verdruß, als das ſchneeweiße Roß ſie allmälig einzuholen anfing; und wenn ſie ſich von dem Bewußtſein einer be⸗ vorſtehenden Niederlage gekränkt fühlte, ſo zeigte ſich jeden⸗ falls nichts davon in dem ſtrahlenden Lächeln, mit welchem ſie Dudley bewillkommnete, als der kleine Schlitten ſie end⸗ lich erreicht hatte. Dudley ſchien ſeinerſeits abgeneigt zu ſein, ſeinen Sieg zur Schau zu tragen; zufrieden, ſie eingeholt zu haben, fuhr er trotz aller Hinderniſſe einige Minuten lang neben ihnen her— eine Schonung, die allerdings Mabel ſchmeichelhaft und angenehm ſein mochte, die aber durch⸗ aus nicht nach dem Geſchmack ihres ungeſtümen kleinen Neffen war, der, immer noch auf den Sieg erpicht, beſtän⸗ dig dem Kutſcher zurief:„Vorwärts, Donald! gib ihnen tüchtig die Peitſche!“ Der Kutſcher jedoch, der einen entgegengeſetzten Befehl in dem Geſicht ſeiner Herrin las, wie ſie Dudley's Bemer⸗ kungen über die Winterfreuden des Tages erwiderte, ent⸗ hielt ſich, ſeine Roſſe allzuſehr anzutreiben, was Murray ſehr bald merkte.„Sieh'mal her, Alick!“ rief er ſeinem Bruder zu, während er einen Schneeball mit den Händen verfertigte,„ich will ſie ſchon laufen machen!“ Dann wartete er eine Gelegenheit ab, wo Mabel ganz von einem Gegenſtand in Anſpruch genommen war, auf den Dudley ſie aufmerkſam gemacht hatte, richtete ſich auf den Vorder⸗ ſitz in die Höhe und warf den Ball nach dem Kopfe eines der Pferde. Er hatte richtig gezielt und die Wirkung war augenblicklich. Das feurige und erſchreckte Thier bäumte ſich hoch und machte dann einen plötzlichen Sprung vor⸗ wärts; und nachdem ſo auch das andere ſcheu geworden, jagte das Geſpann im nächſten Augenblick im wildeſteu Laufe die breite Straße hinab, während alle Fuhrwerke ihm 4 4 — 134— Platz machten, der Kutſcher aber ſich ganz außer Stand geſetzt ſah, die Roſſe zu zügeln. Unterdeſſen beobachteten in einem andern Theile der Stadt und unter ganz verſchiedenen Verhältniſſen ein paar aufmerkſame, gedankenvolle Augen die verſchiedenen Per⸗ ſonen und Auftritte, welche in ihren Geſichtsbereich kamen. Es war eine beſchränkte Ausſicht von nicht ſehr einladen⸗ der Natur; aber doch fand in ihr die kleine Roſa Hope manches lange Jahr hindurch Stoff zum Nachdenken und Studiren. Der dunkle Laden, welcher den Hauptunterhalt ihrer Mutter bildete, lag in einer engen Straße, und die Flur des eingeſunkenen Gebäudes lag beträchtlich tiefer als das Pflaſter. So fand die luſtige Sonne, die hinter dem Hauſe aufging und hinter der gegenüberliegenden Seite der Straße unterging, nie ihren Weg in den dum⸗ pfigen, kellerartigen Raum, wo die Wittwe Hope Nadeln, Band und verſchiedene andere Artikel von unbedeutendem Werth mit Einſchluß von Kandiszucker eigener Fabrik verkaufte. Dieſer Raum hatte zwei Fenſter, die auf die Straße hinausgingen. Das eine enthielt Muſter von dem arm⸗ ſeligen Waarenvorrath der Wittwe, viele Male des Jahres neu geordnet, um eine verlockendere Wirkung auf ihre Kun⸗ den hervorzubringen, aber ſelten durch lebendigen Abſatz vermindert oder durch Hülfe überſchüſſigen Kapitals ver⸗ mehrt. Einige Karten mit Knöpfen, von der Sonne ent⸗ färbt, oder von der Zeit fleckig geworden; ein paar Thon⸗ pfeifen in einem irdenen Kruge, dem ſeit langer Zeit der Henkel fehlte; endlich hie und da ein Papier mit Nadeln, ein Strehn grober Zwirn, oder ein Almanach von vorigem Jahre mußten genügen, um dem Publikum einen Begriff von dem Vorrath drinnen zu geben. Außer dieſen Artikeln von häuslicher Brauchbarkeit waren auch noch einige kleine Verſuche der Ausſchmückung ind der aar er⸗ ten. en⸗ ope und zalt die efer nter den um⸗ eln, dem brik raße rm⸗ hres un⸗ ſatz ver⸗ ent⸗ von⸗ der eln, gem griff rkeit ung zu bemerken, die hervorgehoben zu werden verdienen, da ſie eigentlich die unterſcheidenden Kennzeichen von Mrs. Hope's Kaufladen bildeten. Das waren zwei plump aus Holz geſchnitzte Figuren, wovon die eine einen prächtig grün und gelb angemalten Papagei vorſtellte, welcher mit ariſtokratiſcher und ſtolzer Verachtung wegen ſeiner unwür⸗ digen Umgebung die Vorübergehenden aufzufordern ſchien, ihn in eine paſſendere Sphäre zu verſetzen; das andere Bild war ein lachender, behäbiger, alter Matroſe, der die Hände in die Seite geſtemmt und mit den Füßen im Be⸗ griff, eine Hornpipe zu tanzen, ſich feſt entſchloſſen zeigte, trotz widerwärtiger Verhältniſſe fidel zu ſein. Aber der Papagei hatte ſeine Würde und der Matroſe ſeine Leichtblütigkeit. ſeit Jahren bewahrt, ohne daß dieſe lobenswerthe Ausdauer einem von beiden einen Käufer verſchafft hätte. Dieſe Ausſchmückungen ſollten dem großen Publikum als Symbole dienen; aber für die unmittelbare Nachbar⸗ ſchaft hatte das andere und unausgeſchmückte Fenſter eine tiefere und viel eindringlichere Bedeutung; denn hier ſah man ſtets den kleinen Lehnſtuhl des kranken Kindes, deſſen abgezehrtes Geſicht Jedem, der in der engen Straße hei⸗ miſch war, ſo vertraut war, wie der Tag. Wenige waren ſo gleichgültig, ſo gedankenlos oder ſo eilig, daß ſie an dem Laden vorübergegangen wären, ohne der Armen, die ein Gegenſtand allgemeiner Liebe und all⸗ gemeinen Mitleids war, einen freundlichen Blick zuzuwer⸗ fen. Die Kinder blieben auf ihrem Weg nach der Schule einen Augenblick ſtehen, um lächelnd nach dem wohlbe⸗ kannten Fenſter hinaufzuſchauen, denn ſie wußten, daß ein Lächeln ihnen antwortete; alte Frauen drückten ihr Geſicht gegen die Fenſterſcheibe, um eine freundliche Frage zu thun; und harte Männergeſichter nahmen ein ſanfte⸗ res Ausſehen an, während ſie mit Roſy ein Zeichen ver⸗ 3 4 — 136— wie es manchmal der Fall war, einen Tag Niemand in dem Lehnſtuhl ſaß, ſo vermißte manches Auge die kranke Kleine auf ihrem gewohnten Platz und blickte ängſtlich forſchend hinein in das Zimmer, um zu wiſſen, wie ſie ſich befinde. So hatte ſich ein gutes Einvernehmen zwiſchen Roſe und der ärmlichen Nachbarſchaft, unter der ſie wohnte, entwickelt; und wer kann den unſchätzbaren Werth dieſer Kette zärtlicher, obgleich oft unausgeſprochener Freund⸗ ſchaften ermeſſen, welche die Kraft menſchlicher Sympathie aus den ſpröden Stoff des Alltaglebens gewoben hat? Zahlreicher als gewöhnlich waren die freudigen Grüße, welche ſie am Morgen nach dem Schneewetter empfing. Ei⸗ nige Tage lang war ſie nicht am Fenſter geſehen worden, ſondern hatte in ihrem Bett in dem kleinen Zimmer hinter dem Laden bleiben müſſen; aber an dieſem ſchönen Mor⸗ gen befand ſie ſich beſſer und ihr Wiedererſcheinen ward mit allgemeiner Befriedigung bemerkt und begrüßt. Die Leute, welche den Schnee von dem Fußweg weg⸗ ſchafften, hielten dann und wann inne und blickten, auf ihre Schaufeln gelehnt, hinauf zu ihr, als wollten ſie ſie um Billigung ihrer Arbeit bitten; die Frauen, welche mit ihren Eimern heraus kamen, um den lärmenden Milch⸗ mann zu erwarten, nickten einen freundlichen Gutenmorgen, wie ſie das willkommene Antlitz erblickten; und der Milch⸗ mann ſelbſt enthielt ſich, trotz ſeines etwas ſauertöpfiſchen Geſichts, des gewöhnlichen gellenden Rufs, wie er vor der Ladenthür ſtehen blieb und wartete, eine beliebte Melodier pfeifend, und gutmüthig hinauf zu Roſy ſchauend, während er ſich mit den Armen ſchlug, um ſich warm zu erhalten, geduldig auf das Kommen der Wittwe. Dieſe und andere bekannte Begrüßungen erwiderte Roſe mit ihrem gewöͤhnlichen rührenden Lächeln; aber traulichen Einverſtändniſſes austauſchten. Oder wenn, dann tiefe vorz Tau Sch und ſtell kenn Hö Sti ſich klei und hat ſch ſpe To enn, d in anke tlich ſich Roſe ante, ieſer und⸗ ahie üße, Ei⸗ den, inter Nor⸗ vard weg⸗ auf e ſie mit ilch⸗ gen, ilch⸗ ſhen der odie rend lten, derte aber — 137— dann nnd wann diente ein einfacher Vorfall dazu, ein tieferes Erglühen der Theilnahme oder Freude in ihr her⸗ vorzurufen. Dazu gehörte das Erſcheinen eines kleinen Taubſtummen, der täglich an ihr Fenſter kam, an die Scheibe klopfte, um ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen und dann, als ſich Roſe über ſeinen Anblick überraſcht ſtellte, ſeine Freude durch die lebhafteſten Geberden zu er⸗ kennen gab. Sein Glück erreichte dieſen Morgen ſeinen Höhepunkt, als ſie ihn hereinkommen ließ, um ihm ein Stück ſchönen braunen Kandiszucker zu ſchenken, das ſie ſich von ihrer Mutter für ihn hatte geben laſſen. Der kleine Kerl war einer von den ergebenſten Freunden Roſy's; und unter denen, mit welchen ſie nie ein Wort getauſcht hatte, hatte er nur einen Nebenbuhler. Dies war ein ſchlanker, rothbäckiger Jüngling, der Kutſcher eines Ge⸗ ſpanns Zugpferde, die pünktlich, wie die beſte Uhr, jeden Tag aus einem gegenüberliegenden Thorweg herauskamen. Heute war die Straße ſo durch Schnee geſperrt, daß Roſy nicht ganz ohne Zweifel war, ob der junge Fuhr⸗ mann nicht vorziehen würde, zu Hauſe zu bleiben. Aber nein; gerade als die Uhr Acht ſchlug, erſchien das feurige Vorderpferd im Thorweg, das mit ſeinen Hufen den Schnee wie Puder in die Höhe warf und wie trotzig die dicke Mähne ſchüttelte. Die Sonne, die nie auf Roſy's Seite der Straße ſchien, blitzte in glänzenden Strahlen zurück von dem Meſ⸗ ſingwerk, welche das Kummet und den Zaum des ſchönen Thieres verzierten und die, auf das Sorgfältigſte polirt, wie die Uhrkette eines Dandy's herunterhing und glitzerte. Nicht weniger ſtolz war Schritt und Haltung des andern Pferdes, das auch ſonſt in Allem dem groß und ſchön ge⸗ formten Kameraden entſprach; und beide bildeten einen auffälligen Gegenſatz zu den abgelebten und halbverhun⸗ gerten Mähren, welche in der Stadt meiſtens als Zug⸗ pferde dienten. Roſe hatte ihr Erſcheinen ſeit ſo vielen — 138— Tagen und Monaten begrüßt, daß ſie ſich faſt wie die Be⸗ ſitzerin des ſchönen Geſpanns betrachtete; ein Gefühl, welches vielleicht ein Band der Sympathie zwiſchen ihr und dem ſchmucken, jungen Fuhrmann herſtellte, der auf die ſchöne Geſtalt, die glänzende Haut und die vollkom⸗ mene Schulung ſeiner beiden Roſſe nicht wenig ſtolz war. Es lag etwas Geſundes und Munteres in dem ganzen Ge⸗ ſpann mit ſeinem Zubehör und vorzüglich in dem blühen⸗ den Geſicht des Fuhrmanns, der in aufrechter Haltung und mit feſtem Schritt pünktlich unter dem Thorweg her⸗ vorkam, ein Bild ehrlicher Arbeit, die an ihr Tagewerk geht. Die Pferde kamen immer mit langſamem und ſtatt⸗ lichem Schritt heraus, aber in dem Augenblick, wo ſie auf die Straße traten, klatſchte der junge Burſche mit ſeiner langen Peitſche mit einem Klang, wovon die ganze Nach⸗ barſchaft widerhallte. Das war aber ein für Roſy's Ohr beſtimmtes Zeichen ſeines Kommens, wenn man nach ſei⸗ nem munteren Lachen und der Handbewegung, die er nach der Richtung des Fenſters machte, urtheilen wollte, wäh⸗ rend die Pferde, welche ſelten die Peitſche fühlten, die Ohren ſpitzten wie beim Klange von Muſik und in einen raſchen und freiwilligen Trab fielen. Für Roſy, welche nicht Gelegenheit hatte, die pracht⸗ vollen Equipagen zu ſehen, welche ſich in den großen Stra⸗ ßen der Stadt drängten, und die höflichen Begrüßungen, welche in der Modewelt ausgetauſcht wurden, gab es nichts Imponirenderes, als die Haltung dieſer Arbeitspferde, nichts Freundlicheres und Höflicheres als das Benehmen ihres treuen Freundes, des geſunden und kräftigen Fuhr⸗ manns. Das Vorüberfahren dieſes und mancher ähnlicher ſchwerer Fuhrwerke, die ſich trotz des Schnee's auf Rädern bewegten, hatte jedoch die Wirkung, die reine Decke des . Schne ſchmu mälig lichen Auge ſchlaf Schli geläu ſie al ſcheu hina ziert ſaßen Thie und drol ten, ten, weg Sei eine neb um All Zü⸗ Lat bel den auf iner ach⸗ Ohr ſei⸗ nach äh⸗ die nen ſcht⸗ tra⸗ gen, chts rde, men ihr⸗ cher dern des — 139— Schnee's in dieſem, dem Geſchäftsviertel der Stadt, zu be⸗ ſchmutzen und rauh zu machen, und der Anblick ward all⸗ mälig für das Auge ſogar weniger ſchön, als bei gewöhn⸗ lichen Gelegenheiten. Mittag war ſchon nahe und Roſy's Augen, geblendet von dem Schnee und müde von frühern ſchlafloſen Nächten, ſchloſſen ſich im augenblicklichen Schlummer, als im ſchnellſten Takt ertönendes Schellen⸗ geläute, ein ſauſender Lärm, und ein plötzlicher Aufſchrei ſie aufſchreckten. Im nächſten Augenblick ſah man ein paar ſcheu gewordene Pferde im wüthenden Laufe die Straße hinabjagen und hinter ſich her einen leichten, aber reich ver⸗ zierten Schlitten ſchleppen, in dem reichgekleidete Perſonen ſaßen. Vergebens bemühte ſich der geſchickte Kutſcher, die Thiere zu lenken, welche im wilden Schreck weiter ſtürzten und Allen, die im Schlitten ſaßen, Verderben zu bringen drohten. Wie die Pferde ſich dem Laden der Wittwe näher⸗ ten, machte der Kutſcher eine letzte Anſtrengung, ſie aufzuhal⸗ ten, indem er ſie plötzlich in den gegenüberliegenden Thor⸗ weg lenkte, aber der Verſuch ſchlug fehl; ſie ſprangen zur Seite, ſchleuderten eine der Kufen des Schlittens gegen einen Ziegelhaufen, der trügeriſch von Schnee zugedeckt neben dem Fußweg lag, und der Schlitten ſtürzte ſofort um. Zum Glück für die darin Sitzenden fielen ſie jedoch Alle, mit Ausnahme des Kutſchers, der immer noch die Zügel feſthielt, auf einen weichen Schneehaufen vor der Ladenthür, und kamen ſo ohne alle Beſchädigung davon. Eine junge Dame, die niemand Anders war, als Ma⸗ bel, war ſofort wieder auf den Füßen und eilte, ohne erſt den Schnee von ihren Kleidern zu ſchütteln, Murray bei⸗ zuſtehen, der, halb im Schnee begraben, aus vollem Halſe ſchrie, aber keine Anſtalt machte, aufzuſtehen. Alick aber, der von dem erſten Schreck an faſt den Muth und die Faſ⸗ ſung eines Mannes gezeigt hatte, hatte bereits den Schnee von ſeinen Kleidern abgeſtäubt und war fortgeſprungen, — 140— um Mabels Muff zu holen, der eine Strecke von ihnen lag, und die Straußfeder von Murray's Hut, die ein Windſtoß raſch die Straße hinabtrieb. 1 „Ei, wie köſtlich ſind wir gefallen und wie ſchön ſind wir in den Schnee gepurzelt, nicht wahr, Murray?“ rief Mabel im luſtigen Tone aus, um ihren kleinen Neffen zu ermuthigen, indem ſie ihn aus dem weichen Schnee empor⸗ hob und auf den Fußweg ſtellte; aber da er immer noch ſo laut zu ſchreien fortfuhr, daß er die Aufmerkſamkeit eines raſch ſich ſammelnden Haufens von Zuſchauern auf ſie zog, drückte ſie haſtig die Klinke an der Thür der Wittwe Hope auf, war aber noch im Zweifel, ob ſie dort drin Schutz ſuchen ſollte oder nicht. In dieſem Augenblick wurde ſie Roſy gewahr, die vom Fenſter ihr winkte, wie um ſie aufzufordern, herein zu kommen. Dieſe gaſtfreund⸗ liche Einladung machte ihrem Zweifel ein Ende; und Mur⸗ ray an die Hand nehmend und Alick zurufend, ihr zu fol⸗ gen, trat ſie raſch in den Laden— zu raſch eigentlich, denn in ihrer Eile bemerkte ſie nicht die kleine Stufe, die hinter der Thür noch hinabführte, und wäre gefallen, wenn ſie ſich nicht an die Thürklinke gehalten hätte, während Murray, erſchreckt von dem lauten Lärm der Ladenklingel, die Stufe verfehlte und der Länge lang in den Laden fiel. Dieſer lärmende Eintritt beſchleunigte die langſamen Be⸗ wegungen der Wittwe Hope, die jetzt im vordern Raum erſchien, wo ihre Anerbietungen, Beiſtand zu leiſten, ſich als ſehr annehmbar erwieſen. Die neuen Ankömmlinge waren in der That, obgleich der eigentlichen Gefahr ent⸗ gangen, in einer kläglichen Verfaſſung. Murray hatte ſich durch ſeinen zweiten Fall ein klein wenig aufgeſchla⸗ gen, und obgleich er kaum lauter ſchreien konnte, als er ſchon vorher geſchrien hatte, ſo machte er doch ſo viel Lärm als möglich und nahm die ganze Aufmerkſamkeit Mabels in Anſpruch. Faſt unbewußt ließ ſich daher Letz⸗ tere d zende berul die, gern daß loren den geſch keine Lade geme Zuſt End herb bald Sch nied Roſ deru Kut aber der dem wor — 141— tere den Mantel abnehmen, der jetzt von dem raſch ſchmel⸗ zenden Schnee triefte, und erſt als das Kind einigermaßen beruhigt war, dachte ſie daran, die Handſchuhe auszuziehen, die, ganz durchnäßt, ſich nicht von ihren halberſtarrten Fin⸗ gern trennen wollten. Auch ihr Hut war ſo zerquetſcht, daß er faſt formlos war; Murray hatte einen Schuh ver⸗ loren; und Alick klagte zwar nicht, hatte ſich aber durch den erſten Fall auf das Straßenpflaſter das Knie wund⸗ geſchlagen. Alle dieſe Unfälle, ſo unbedeutend ſie waren, brachten age Aufregung in den beſchränkten Grenzen des Ladens hervor; und einige Minuten lang herrſchte eine all⸗ gemeine Verwirrung, der Roſe ſchweigend zuſchaute, da ihr Zuſtand ihr verwehrte, irgendwie von Nutzen zu ſein. Endlich war ein Stuhl aus dem Hinterzimmer für Mabel herbeigeſchafft, die, ihres Huts und Mantels entledigt, ſich bald ganz heimiſch machte, während Murray auf ihrem Schooße ſaß und ſich allmälig beruhigte. Alick ſchlug einen niedrigen Sitz aus, der ihm angeboten wurde, und blieb Roſe gegenüber ſtehen, die er mit unverkennbarer Verwun⸗ derung und Neugierde betrachtete. Mabels einzige Sorge war jetzt die Sicherheit des Kutſchers, der jedoch bald in der Thür erſchien, unverletzt, aber mit betrübtem Geſicht, wie er ſie benachrichtigte, daß der Schlitten ſeines Herrn ganz zertrümmert draußen auf dem Fußweg liege. „Thut nichts, Donald,“ gab Mabel raſch zur Ant⸗ wort,„da wir Alle unbeſchädigt ſind.“ „Was ſoll nun geſchehen, Miß Mabel?“ fragte der Kutſcher;„wie ſollen Sie nach Hauſe kommen?“ „Was iſt aus den Pferden geworden?“ erkundigte ſich Mabel, die ſich kaum enthalten konnte, über das gar zu verlegene Geſicht des Mannes zu lachen. „Sie ſtehen am Ende der Straße in einem kleinen keine gerir Miethſtall, Miß, aber hier in der Nachbarſchaft iſt kein Schlitten zu haben— wenigſtens keiner, der für Sie und die jungen Herren paſſen würde. Ich fürchte, Mr. Harry wird ſich nicht wenig ärgern, Miß, wenn er hört, was uns mit dem Schlitten paſſirt iſt.“ „O, ſeien Sie nur ruhig, Donald!“ tröſtete ihn Ma⸗ bel;„Sie haben gethan, was Sie thun konnten. Mr. Harry wird nur zu froh ſein, uns unbeſchädigt wiederzu⸗ ſehen.“ Und als ſie erfahren, daß die Pferde unverletzt waren und ſich von ihrem Schrecken wieder vollſtändig er⸗ holt hatten, empfahl ſie Donald, ſie nach ihrem Stalle zurückzuführen, die Familie von dem Geſchehenen zu unter⸗ richten und ſie und die Knaben mit dem Wagen abzu⸗ holen. Der Kutſcher zögerte— ſprach die Beſorgniß aus, daß dies lange dauern würde, vorzüglich da Räder durch den hohen Schnee nicht gut fortkämen, und ſah ſich gleichzeitig in dem finſtern Laden um, als ob er ihn für einen ſeiner jungen Herrin ſehr unwürdigen Zufluchtsort hielt. Aber Mabel verſtand den Blick und erklärte, gern jede erforderliche Zeit in ihrem gegenwärtigen Aufenthalte verweilen zu wollen.„Das heißt,“ ſetzte ſie hinzu, in⸗ dem ſie ſich mit echter Höflichkeit an Mrs. Hope wendete, „wenn unſere gute Freundin uns Erlaubniß gibt, ſo lange hier zu bleiben.“ Das blaſſe, ſtrenge Geſicht der Wittwe nahm einen Ausdruck an, den man aufrichtig nennen konnte, wenn nicht geradezu herzlich, als ſie als Antwort darauf in wenigen Worten ihren Wunſch ausſprach, es ihnen an einem ſo ärmlichen Orte ſo behaglich als möglich zu machen. So beruhigt, entließ Mabel den Kutſcher und rief ihm noch nach, als er eben zum Laden hinaus wollte:„Donald, ſagen Sie Lydia, daß ſie im Wagen mit herkommen möchte; ſie ma meine die T Mabe größt 7 an ſie Roſe dem ſ verſich gut n Kiſſen S Roſe, „Alit von! iſt; die ſ dieſer tigun Kind ſeitig ungle ſehen wird 1 beeil den wan kein und darry uns Ma⸗ Mr. erzu⸗ erletzt ig er⸗ Stalle inter⸗ abzu⸗ aus, durch ſich n für ötsort gern thalte , in⸗ ndete, lange einen wenn luf in en an ich zu ef ihm onald, nchte; — 143— ſie mag auch ein Paar Schuhe für Murray mitbringen und meinen Tuchmantel.“ „Mutter,“ rief Roſe aus und holte tief Athem, wie die Thür zugemacht ward,„Mutter, ſie iſts! es iſt Miß Mabel!“ Mabel drehte ſich um und ſah das kranke Kind im größten Erſtaunen über dies unerwartete Erkennen an. „Tantchen,“ ſagte Alick halblaut zu Mabel, indem er an ſie herantrat,„es ſollte mich nicht wundern, wenn das Roſe wäre— Lydia's Schweſter Roſe.“ „Weshalb glaubſt Du das?“ fragte Mabel laut, in⸗ dem ſie nach dem kranken Kinde blickte.“ „Ich weiß es,“ gab Alick zur Antwort und nickte zu⸗ verſichtlich mit dem Kopfe;„ſie iſt gerade ſo klein und gut und ſitzt den ganzen Tag in einem Lehnſtuhle mit Kiſſen.“ Mabel ſtand auf und näherte ſich mit ihrem Stuhl Roſe, wobei ſie zugleich Murray von ihrem Schooße nahm. „Alick glaubt,“ ſagte ſie, indem ſie die Hand auf die Lehne von Roſe's Stuhl legte,„daß dies die kleine Roſe Hope iſt; und ich glaube es faſt auch,“ ſetzte ſie hinzu, als ſie die ſtrahlende Freude erblickte, welche Roſe's Antlitz bei dieſen Worten überzog. Die Thatſache bedurfte gewiß keiner andern Beſtä⸗ tigung, als derjenigen, welche auf dem Geſicht des kranken Kindes zu leſen war, als es ſah, daß das Erkennen gegen⸗ ſeitig war.„Denke nur,“ rief ſie ihrer Mutter zu, die ungläubig ihre Gäſte betrachtete,„daß ich Miß Mabel ſehen muß! Was wird Lyddy ſagen? Ach Mutter! was wird ſie ſagen, wenn ſie im Wagen kommt?“ Mabel, der die Begeiſterung des Kindes Freude machte, beeilte ſich, auszuſprechen, wie glücklich ſie ſich ſchätze, in den Laden der Mutter Lydia's gekommen zu ſein und ge⸗ wann das Herz der Mutter durch die freundliche Theil⸗ — 144— nahme, mit der ſie von der Tüchtigkeit und Dienſttreue der Tochter ſprach. Unterdeſſen hatte Alick gegen ſeine Gewohnheit bei Fremden ſich in ein eifriges Geſpräch mit Roſe eingelaſſen und verrieth durch eine raſche Reihenfolge von Fragen eine Kenntniß der Gewohnheiten, Neigungen und des Charakters des kranken Kindes, welche mit ſeiner ungewohnten Ge⸗ ſelligkeit Mabel in Erſtaunen ſetzte, denn ſie wußte nicht, welches Intereſſe die Erzählung Lydia's von ihrer Schweſter in dem nachdenklichen Knaben erweckt hatte. „Iſt das Deine Schiefertafel?“ fragte er, indem er auf eine Tafel zeigte, die auf dem breiten Fenſterbret lag, und deren abgegriffener Rahmen mit dem daneben liegenden kurzen Schieferſtift zeigte, wie häufig ſie ge⸗ braucht ward;„und das hier iſt heute verkauft worden?“ ſetzte er hinzu, indem er auf eine ſauber geſchriebene Zah⸗ lenreihe in einer Ecke wies. Alsdann fuhr er fort, nach⸗ dem beide Fragen bejaht worden waren,„und das iſt Deine große Bibel— ein altes Buch, nicht wahr? aber hier iſt ein hübſches Büchelchen,“ ſagte er und griff eifrig nach ihrer„Täglichen Speiſe“, die ſie ſelten verließ. Er ſchlug die erſte Seite auf und fing an zu leſen, ſchien ſich aber von dem Inhalt getäuſcht zu fühlen, denn er warf das Buch raſch wieder hin und ſah ſich nach andern in⸗ tereſſanteren Gegenſtänden um. „Beläſtige die Kleine nicht, Alick,“ ſagte jetzt Mabel, der Roſe's Bläſſe und offenbare Schwäche auffiel;„Du darfſt nicht vergeſſen, daß ſie krank iſt und daß Deine vielen Fragen ſie ermüden werden.“ „O nein, nein! ſie ermüden mich nicht,“ ſagte Roſe und wies eine ſolche Möglichkeit mit einem Eifer zurück, der Mabel zu bitten ſchien, ſeiner Neugier nichts in den Weg zu legen. Alicks Blick fiel nun auf eine hölzerne Schachtel und — 145— eider er griff mit einem Eifer danach, welcher verrieth, daß er bei ihren Inhalt kannte.„Das iſt das Geduldſpiel, nicht aſſen wahr?“ ſagte er mit einem forſchenden Blick in Roſe's Ge⸗ eine ſicht, während er vergeblich den Deckel zu entfernen ver⸗ kters ſuchte. Ge⸗ Roſe ſagte ihm, daß er richtig rathe, nahm ihm die icht, Schachtel aus der Hand, ſchob den ſinnreich feſtgemachten eſter Deckel bei Seite und ſchüttete die hübſchen kleinen Sächel⸗ chen auf das Fenſterbret, damit er ſie beſſer beſehen könnte.. t er Alick beſaß auch ein Geduldſpiel, aber die Artikel, aus bret denen es beſtand, waren weder ſo mannigfaltig, noch ſo ben zahlreich und ſauber gearbeitet, wie die in Roſy's Schach⸗ ge⸗ tel.„Hier iſt der Bogen!“ rief er aus, wie er einen be⸗ 12“ kannten Gegenſtand erkannte,„er iſt fertig und gar ſchön! ah⸗ aber wo iſt der Pfeil? hat Jack noch keinen Pfeil gemacht?“* ach⸗„Ja, er hat einen geſtern Abend geſchnitzt,“ gab Roſe iſt zur Antwort;„aber er war zu dünn und iſt zerbrochen; ber er wird wol heute Abend einen andern ſchnitzen.“ frig Murray's Aufmerkſamkeit war jetzt auch geweckt wor⸗ Er den. Er hatte ſich bis jetzt verdrießlich und ſtolz fern ge⸗ ſich halten, trat aber jetzt einige Schritte vor, ſtellte ſich, an arf Mabels Knie gelehnt, auf die Zehen und blickte über in⸗ Alicks Schulter weg begierig nach dem Spielzeug. Roſe bemerkte es und machte ihm bereitwillig Platz zwiſchen ſich el, und dem Fenſter. Alick hatte Luſt, ihn nicht heran zu* Du laſſen und ſich ganz allein an dem Geduldſpiel zu freuen, len aber er fügte ſich ſofort Roſe's ſanfter Vorſtellung.„Laß es Murray auch ſehen, Alick.“ ſe ick, en 4* nd Mabel Baughan 1. Elftes Vapitel. Kein Sterblicher weiß, Was er uns ſchenkt als Preis, Wie Licht und Kraft und Troſt ihm folgen immerdar; Ich gehe zu ihm ein, Und Chriſtus nur allein Kennt, wie der Pfad ſo ſchön, das Ziel ſo wunderbar. Gambold. Eine lebhafte Unterhaltung, die meiſtens aus Fragen und Antworten beſtand, entſpann ſich jetzt zwiſchen den drei Kindern; und Roſe warf dabei dann und wann einen ver⸗ ſtohlenen Blick auf Mabel, welche die kleine Gruppe mit offenbarer Theilnahme beobachtete. Mrs. Hope war wie⸗ der in die Küche zurückgekehrt, von wo die Ankunft der Gäſte ſie abgerufen hatte, und Mabel ſah ruhig der Entwickelung dieſes eigenthümlichen Verkehrs der Kinder zu und erwiderte Roſe's gelegentliche Blicke mit einem beifälligen und auf⸗ munternden Lächeln. Sie hätte gern an dem Geſpräch theilgenommen und in irgend einer Weiſe ihre Theilnahme an Roſy's hartem Geſchick ausgeſprochen, aber ſie blieb bei dem erſten Verſuche ſtecken, denn ſie wußte gar nicht, wie ſie ein Kind behandeln ſollte, deſſen frommer Ernſt eine Achtung einflößte, die ſeine Jahre kaum rechtfertigten, und das auch durch die zufriedene Duldermiene, die ſich auf dem Geſicht ausſprach, die Aeußerungen des Mitleids zu⸗ rückwies, das ſein körperlicher Zuſtand erregen mußte. So — 147— überließ ſie es den Knaben, die eigenthümlichen Charakter⸗ züge ihrer neuen Bekannten ans Licht zu ſtellen, und ſie zeigten ſich vollkommen fähig, dieſer Aufgabe zu genügen. Roſe ſetzte ihnen den Gebrauch verſchiedener Gegen⸗ ſtände auseinander, von denen ſich Modelle in dem Ge⸗ duldſpiele befanden, und wußte dabei die Knaben durch die Klarheit ihrer Beſchreibungen zu intereſſiren, während ſie Mabel durch den Verſtand, den ſie dabei zeigte, in Er⸗ ſtaunen ſetzte. Sachen, die das kranke Kind unmöglich jemals geſehen haben konnte— Gartenwerkzeuge, Hand⸗ werkszeug von Tiſchlern und Zimmerleuten, und ſogar zu⸗ ſammengeſetzte Maſchinenſtücke erklärte ſie ſowol hinſichtlich Adat. ihres Gebrauchs wie ihrer Einrichtung mit einer Deutlich⸗ erkar keit und Genauigkeit, welche Alicks Aufmerkſamkeit feſſel— d.. ten und ſelbſt Mabel manches Neue lehrten, während Mur⸗ ray aufmerkſam zuhörend an Roſe's Knie lehnte und ehr⸗ erbietig in das Geſicht der kleinen Lehrerin blickte, die ſeine 1 langen glänzenden Locken um ihre dünnen und abgezehrten ver⸗ Finger wickelte. mit Es war jedenfalls eine ſeltſame Gruppe, die in dem wie⸗ Laden der Wittwe verſammelt war. Die Söhne des rei⸗ Gäſte chen Mannes in koſtbarer Kleidung und von Geſundheit lung und Lebenskraft ſtrahlend, ſaßen lernbegierig und lernend derte zu den Füßen eines Kindes, das, in Armuth aufgewachſen, auf⸗ von Krankheit ausgemergelt und von der Welt iſolirt, räch durch die Ueberlegenheit ſeiner geiſtigen Kräfte einen nicht ahme weniger auffälligen Gegenſatz zu ſeinen jugendlichen Zu⸗ b bei hörern bildete. Vielleicht fühlte Mabel, wie viel in dieſer Hinſicht den dis ne Kindern ihrer Schweſter fehlte, denn ſie fragte ſich zum und erſten Male, wie es zuginge, daß die Knaben noch keine auf Schule beſuchten und in ſo beklagenswerther Unwiſſenheit zu⸗ geblieben waren. So Daß es ihnen jedoch nicht an Geiſt fehlte, offenbarte 8 40* M 7 6 — 148— ſich durch die Theilnahme, mit welcher ſie der Unterhaltung mit Roſy folgten; und die Gegenſtände, auf welche das Geduldſpiel die Rede gebracht hatte, hätte die ganze Zeit ihres Aufenthalts im Laden ausfüllen können, wenn nicht jetzt etwas Anderes ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch ge⸗ nommen hätte. Alick ſtieß durch eine plötzliche Bewegung zufällig mit dem Kopf gegen eine ſcharfe Ecke und wie er aufſchaute, erblickte er Roſy's Kupferſtich, der für heute ſeinen gewöhn⸗ lichen Platz im Schlafzimmer verlaſſen hatte und am Fen⸗ ſter hing. Er erkannte ihn ſogleich.„Dein Bild!“ rief er aus,„das Bild von dem kleinen Pilger und den Engeln! laß es mich ſehen— bitte! Lydia hat mir davon erzählt;“ und er ſtreckte die Hand aus, um es von ſeinem Nagel zu nehmen. Er konnte es jedoch nicht erreichen und Mabel half ihm, nachdem ſie⸗Roſe um Erlaubniß gebeten, es her⸗ unter zu nehmen und es auf das Fenſterbrett zu ſtellen. Sie bemerkte dabei den einfachen und geſchmackvollen Reichthum des ovalen Rahmens; und während ſie wieder auf ihrem Stuhl Platz nahm und zum erſten Male das Bild in einem guten Lichte ſah, fiel ihr die vollendete Kunſt des Kupferſtichs und die einfache Schönheit des Gegen⸗ ſtands auf. „Wo haſt Du das her?“ fragte Alick, dem, gleich Ma⸗ bel, ſofort die Disharmonie des koſtbaren Bildes mit der ganzen Umgebung auffiel. „Jemand brachte es in das Hoſpital, während ich dort in der Kur lag. Es gehörte einem jungen Herrn; und eine der Vorſteherinnen brachte es mir zum Anſehen. Sie ließ es eine Woche lang zu Füßen meines Bettes hängen, und dann ſagte der Arzt, ich würde nie geheilt werden und könnte eben ſo gut wieder nach Hauſe gehen. Ich hatte das Bild ſehr lieb gewonnen— es erzählte mir Geſchichten und leiſtete mir Geſellſchaft und ſo, weil ich es ter — 149— tun lieb hatte und weil ich nie geheilt werden konnte, ließ der 6 das Herr(ich glaube, es war der Sohn der Dame) mir ſagen, eeit ic ſollte es behalten.“ 1 „War er nicht gut?“ rief Alick mit Gefühl aus und h ge⸗ ſah geſpannt Roſy an, aus deren Augen, wie ſie an die — Vergangenheit zurück dachte, ſich eine oder zwei Thränen à mit drängten und langſam die Wange herabrollten. zaute,„Was erzählt Geſchichten?“ fragte Murray und zupfte vöhn⸗ Roſe am Aermel.„Kann das Bild ſprechen?“ en⸗„Es ſpricht zu mir,“ gab Roſe zur Antwort, lieblich rlej durch Thränen lächelnd.„Ich kann Dir nicht Alles erzäh⸗ geſie len, was es ſagt, aber einige von den Geſchichten ſind ganz bit; deutlich zu ſehen— meint ihr das nicht auch?“ eu ui„Ich ſehe nichts,“ gab Murray mit unbefriedigter 3 her⸗ Miene zur Antwort, während Alick aufmerkſam das Bild 5 betrachtete. 3 zollen„Nun ſeht ihr's,“ ſagte Roſe,„das iſt der kleine bieder Pilger, der eine Reiſe antritt, und dieſe drei Engel beglei⸗ das ten ihn.“ Hier hielt Roſe inne und ſah forſchend und Kunſt ſchüͤchtern Mabel an, als ſuche ſie bei ihr Aufmunterung, ſgen⸗ in der Geſchichte fortzufahren. Mabel beantwortete den Blick, indem ſie aufſtand, ſo daß ſie beſſer zuſehen konnte, ‚Ma⸗ während ſie ſelbſt Roſe's Beſchreibung des Bildes aufmerk⸗ it der ſam zuhörte. Roſe fuhr fort.„Das iſt die Hoffnung,“ ſagte ſie d ich und wies auf eine Engelsgeſtalt über den Wolken, welche die Hand ausſtreckte und den Blick auf eine helle Stelle in nun ddeer Ferne geheftet hielt, welche, wie es ſchien, die Gluth ettes eines ſchönen Sonnenuntergangs darſtellen ſollte. eheilt„Und was ſagt er?“ fragte Murray. ehen.„O, er ſagt: verliere den Muth nicht, kleiner Pilger.“ mir„Und wie heißt dieſer da?“ erkundigte ſich Alick wei⸗ ch es ter und wies auf eine andere Engelsgeſtalt rechts, die Antlitz und Augen in andächtiger Verzückung himmelwärts richtete. „Das iſt der Glaube,“ gab Roſe zur Antwort,„und er ſagt: vertraue auf Gott.“ „Aber das iſt der ſchönſte,“ ſagte Murray und wies voll Eifer auf die Geſtalt in der Mitte, deren Augen nie⸗ dergeſchlagen waren und deren Hand auf die Erde herab deutete, während das Antlitz von einem himmliſchen Lächeln reinſten Wohlwollens erglänzte. „Ja, das iſt der ſchönſte und der beſte,“ ſagte Roſe; 1* „das iſt die Barmherzigkeit oder die Liebe, denn er führt beide Namen.“ „So wollen wir ihn die Liebe nennen,“ ſagte Alick, „nicht wahr?“ „Ja,“ ſagte Roſe,„das iſt die Liebe.“ „Und was ſagt die Liebe zu dem Pilger?“ fragte Alick weiter. „O, gar viele, viele Sachen,“ gab Roſe zur Antwort. „Sie ſagt ihm, Allen, denen er begegnet, hilfreiche Hand zu leihen und Gutes zu thun, ſo viel er kann, und gedul— dig und ſanft und gut zu ſein.“ „Und iſt er's auch? thut er es auch?“ „Ja, gewiß.“ „Woher weißt Du das?“ „Siehſt Du es nicht?“ fragte Roſe;„es ſteht Alles auf dem Bilde geſchrieben.“ Die Knaben betrachteken es aufmerkſam— das that auch Mabel— aber Keiner von Allen entdeckte Etwas von⸗ dem, was Roſy ſo offenbar zu ſein ſchien. Mabel ſchwieg, aber die Knaben geſtanden ihre Unwiſſenheit ein. Nach einer Pauſe fing Roſe wieder an:„Seht ihr nicht die vielen Blumen, die hinter ihm aufſprießen, wo er ge⸗ gangen iſt? Der Pfad iſt dunkel und mit dichtem Gebüſch überwachſen, ſo daß er nicht einen Schritt vor ſich ſehen —— —„—.——,.— — 151— kann; aber ſeht nur hin, wo ſeine Füße den ſchmalen Pfad üwüns betreten haben, und ihr werdet neben ihm die Blumen ſehen, die er dort geſtreut hat. Einige haben Wurzel ge⸗ zund faßt und ſind in die Höhe gewachſen; da iſt eine Roſe, die d wies faſt bis zu dem Gipfel dieſes hohen Baums hinaufgeklettert un nie⸗ iſ. Wie ſüß wird ſie dem nächſten Wanderer auf dieſem berab Wege duften! Das ſind ſeine Tugenden,“ fuhr Roſe nach acheln einer neuen Pauſe fort, während ihre Zuhörer aufmerkſam die Gegenſtände betrachtet hatten, von denen ſie ſprach; Roſe; die Liebe begleitete ihn und half ihm die Blumen ſtreuen führt— ſeht ihr nicht, daß er einen Korb in der Hand trägt? darin hat er die Wurzeln und Samen, und die Liebe zeigt Alick, ihm die Stellen, wo er ſie pflanzen ſoll und wie ſie am 4 beſten fortkommen.“ „Er hat einen Stock,“ ſagte Murray—„wozu trägt Alick er den Stock?“. Roſe ſah Mabel an und lächelte.„Das iſt der Stab 3 des Glaubens,“ ſagte ſie;„er ſtützt ſich darauf, wenn er tworte müde iſt.“ Hand„Wo geht er hin?“ fragte Alick.„Iſt es eine lange gedul⸗ Reiſe?“ „Nicht ſehr lang; einige Leute finden ſie ſehr kurz. Er wandert nach dieſer Stadt in der Ferne; ſeht ihr nicht, wie das Licht auf ihren Mauern und Thürmen glänzt? Das Alles iſt die ewige Stadt, Alick— die Stadt unſeres Gottes,“ ſetzte ſie feierlich hinzu, indem ſie die abgezehrte Hand auf s that Alicks Arm legte; wir wandern Alle dieſelbe Straße, wie 1s voll der Pilger— und wir müſſen uns bemühen, Blumen zu wieg, ſtreuen, wie wir unſeres Weges ziehen.“ 4 Auf Kinder machen Allegorien ſtets einen ſtarken Ein⸗ rnicht druck. Sie verſtehen vollſtändig die wirkliche Geſchichte, er ge⸗ während ſie oft eine dunkle Ahnung von ihrer tiefern Be⸗ ebüſch deutung bekommen. Murray konnte nur erſtere verſtehen, ſehen aber Alice hatte eine Ahnung— allerdings eine ſchwache, 4 2* .— 152— aber doch nach ihrem Weſen eine eindringliche— von der wun Lehre, welche Roſe's Geſchichte zum Theil ſeiner noch un- eine geſchulten Seele vorgeführt hatte; und Mabel, die trotz gu⸗ 6 aus ter Grundſätze und hoher Strebungen in religiöſer Erfah⸗ hall rung ein Kind war, fühlte ſich mit Ehrfurcht erfüllt von den einfachen Lehren der Tugend und der erhabenen Macht ¹ erfr der Wahrheit. So hatte Roſe ſelbſt unbewußt Samen und neben der Heerſtraße ausgeſtreut; und wer kann wiſſen, wo ſie i und wie er zum ewigen Leben aufkeimen wird? kon Schweigen trat auf kurze Zeit unter der kleinen Ge⸗ Kna ſellſchaft ein, als Roſe geendet hatte; dann gähnte Murray, die wie Kinder zu gähnen pflegen, wenn ſie angenehm unter⸗ Ein, halten worden ſind und die Unterhaltung plötzlich aufhört. ſeltſ „Gehen wir bald nach Hauſe?“ fragte er Mabel.„Mich hungert.“ ware „Still!“ ſagte Mabel leiſe, denn ſie wollte nicht durch ob d die Andeutung neuer Bedürfniſſe weitere Anſprüche an die auf Gaſtfreundſchaft der Wittwe machen;„wir gehen bald, da ſ Donald muß gleich kommen;“ dann fiel ihr ein, wie ſie deſte am beſten die bereits empfangenen Aufmerkſamkeiten ver⸗ tiefe gelten könnte und ſchlug vor, unter dem Waarenvorrath die der Wittwe einige Einkäufe zu machen. Es hielt ſchwer, eine eine einigermaßen für ihre Lebensſtellung paſſende Aus⸗ daß wahl unter den Artikeln zu treffen, da Mrs. Hope's Vor⸗ Das räthe auf die Bedürfniſſe der unbemittelten Nachbarſchaft dooch berechnet waren. Mit dem Beiſtand der Kinder gelang es Wag ihr jedoch, alles Geld, was ſie in der Börſe hatte, in An⸗ unkl. käufen von Kleinigkeiten anzulegen, und Murray hatte enge gerade den prächtigen aber lange vernachläſſigten Papagei wage an ſich genommen, als die Ladenthür plötzlich aufging und Lydia mit geröthetem und aufgeregtem Geſicht eintrat. Schl Sie war mit Tüchern und Decken beladen, welche außer Pfer den Gegenſtänden, die Mabel verlangt hatts, die beſorgte auße Tante ſchickte, und war ſo athemlos vor Haſt und Vere Sucl wunderung, daß Mabel vergebens ſich bemühte, von ihr eine deutliche Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, was aus dem Kutſcher und den Pferden geworden ſei und wes⸗ halb ſie ſelbſt zu Fuß komme. Das halb lachende und halb weinende Mädchen, hoch⸗ erfreut, daß Mabel und die Kinder in Sicherheit waren, und im höchſten Grade aufgeregt durch den Umſtand, daß ſie in dem Laden der Mutter eine Zuflucht geſucht hatten, konnte weiter nichts thun, als abwechſelnd Roſe und die Knaben umarmen, wobei ſie abgeriſſene Worte hören ließ, die ihre und Miſ Sabiah's Beſorgniſſe und das ſchnelle Eingreifen Mr. Dudley's andeuteten, deſſen Name ſich in ſeltſamer Weiſe unter ihre Ausrufungen miſchte. Da alle Verſuche Mabels, ſie zu beruhigen, vergeblich waren, machte dieſe raſch die Ladenthüre auf, um zu ſehen, ob der Wagen warte oder nicht, und fand dabei Dudley auf der Schwelle ſtehen. Sie erröthete freudig überraſcht, da ſie Lydia's abgebrochene Mittheilungen nicht im Min⸗ deſten verſtanden hatte, und ihre Wangen färbten ſich noch tiefer, als er ihre Hand mit einer Wärme ergriff, welche die Sorge, die er ſich um ſie gemacht hatte, verrieth— eine Sorge, die offenbar durch die Verſicherung Donalds, daß ſie in Sicherheit ſei, nicht ganz beſeitigt worden war. Das Erblicken ihres lächelnden Geſichtes beſchwichtigte je⸗ doch alle ſeine Befürchtungen und ſie erfuhr jetzt, daß der Wagen an der Ecke auf ſie warte, da es Mr. Dudley für unklug gehalten hatte, ſich mit einem Räderfuhrwerk in die enge, belebte und mit tiefem Schnee angefüllte Straße zu wagen. Er erzählte ihr auch in kurzen Worten, daß er ihren Schlitten verfolgt habe, ſo lange er die ſcheu gewordenen Pferde im Auge hatte behalten können, und daß er dann, außer Stande, ihre Spur zu entdecken, nach vergeblichem Suchen nach Mr. Vaughan's Haus geeilt ſei in der Hoff⸗ ———ꝛ—;:O9— — 151— nung, daß, obgleich die Thiere nicht mehr in der Gewalt des Kutſchers waren, der Inſtinkt ſie dorthin führen würde. Er kam wenige Augenblicke vor Donald an und als er von ihm die willkommene Nachricht, daß ſie in Sicherheit wä⸗ ren, empfangen, beſchloß er, noch Gewiſſeres darüber zu erfahren, indem er ihn nach der Stelle begleitete, wo ſie Schutz gefunden hatte. „Welch armſeligen Zufluchtsort Sie haben aufſuchen müſſen!“ rief er aus, indem er in den niedrigen, dunkeln Laden hinabblickte und vor der denſelben füllenden dumpfen Atmoſphäre zurückzuſchrecken ſchien. „Wir ſind gaſtlich aufgenommen und angenehm unter⸗ halten worden,“ gab Mabel zur Antwort;„die Knaben und ich haben die Bekanntſchaft eines kranken Kindes ge⸗ macht, das die Schweſter ihrer Wärterin iſt; es iſt eine intereſſante Kleine— treten Sie ein und lernen Sie ſie kennen, Mr. Dudley.“ „Der Raum ſcheint im Verhältniß zu ſeiner Größe ſchon ziemlich voll zu ſein,“ gab Dudley lächelnd zur Ant⸗ wort,„vorzüglich da Sie ihn ein Krankenzimmer nennen; und in Betracht dieſes letztern Umſtandes, Miß Mabel, fühle ich mich in meinem Gewiſſen verpflichtet, Sie ſchleu⸗ nigſt von hier fortzubringen. Ich habe gegen Miß Vaughan die Verantwortlichkeit für Ihre ſichere Rückkehr übernom⸗ men und die heiße, ungeſunde Luft einer Krankenſtube kann manchmal ſo nachtheilig werden, wie ein paar durch⸗ gehende Pferde.“ Mabel wies dieſe Möglichkeit zurück, indem ſie Dudley verſicherte, daß die Krankheit des Kindes chroniſch und nicht anſteckend ſei, und daß die Luft im Zimmer wegen ſeiner niedrigen und feuchten Lage zwar dumpfig, daß es aber im Uebrigen behaglich und in jeder Hinſicht reinlich ſei. Er lächelte über die Wärme, mit welcher ſie ihren Zu⸗ fluchtsort gegen ungerechte Anſchuldigungen vertheidigte, ————, ley und gen es ſei. Zu⸗ gte, — 155— und als wollte er ihr zeigen, daß er ſich nicht um ſeiner ſelbſt willen fürchtete, trat er in die Thür hinein und war⸗ tete, ſie immer noch halb offen haltend, ihre fernere Ent⸗ ſchließung ab. Da kein Grund zum längeren Warten vorhanden war, brauchte die kleine Geſellſchaft nicht lange, um ſich zum Fortgehen bereit zu machen; vorzüglich da Mabel ſchon vorher den Mantel wieder umgenommen und den von Mrs. Hope wieder in ſeiner urſprünglichen Geſtalt herge⸗ ſtellten Hut aufgeſetzt und Lydia ihre Faſſung wieder er⸗ langt und zum Theil die Knaben für den Nachhauſeweg ausgerüſtet hatte. Mabel war ſehr gerührt von dem tie⸗ fen Gefühl, mit dem Roſe in einfachen Worten Abſchied nahm, ausſprach, wie glücklich der Beſuch ſie gemacht hatte, und mit einer Miſchung von Verehrung und Inbrunſt Ma⸗ bels Hand an ihre Lippen drückte. „Ich komme wieder, Roſe,“ ſagte Mabel leiſe zu ihr. Sie hätte gern mehr geſagt, denn es lag ihr ſehr am Herzen, auf irgend eine Art die zärtliche Theilnahme, welche ſie für die kleine Kranke fühlte, zu erkennen zu geben. Aber Dudley war bei ihr; er würde ſie innerlich der Affectation oder Gefühlsprahlerei anklagen, und ſo begnügte ſie ſich mit dem Verſprechen, ihren Beſuch zu wie⸗ derholen und einem kurzen Lebewohl, nahm den dargebo⸗ tenen Arm ihres Begleiters an und ließ die Knaben mit Lydia nachkommen. „Die friſche Luft iſt wirklich köſtlich,“ rief ſie aus, als der kühle Wind des hellen Wintertags, gemildert von der Wärme der Mittagsſonne, ihre Wange fächelte, welche die Aufregung des Morgens etwas fiebriſch gemacht hatte. „Wenn ich mir einen Rath erlauben darf— und Sie werden verzeihen, wenn etwas Selbſtſüchtiges darin liegen ſollte,“ ſagte ihr Begleiter,„ſo möchte ich behaupten, daß — 156— unter den gegenwärtigen Verhältniſſen es vorzuziehen wäre, nach Hauſe zu gehen, anſtatt zu fahren.“ Der Anblick des Wagens, den ſie jetzt erreicht hatten, gab Dudley's Rath neues Gewicht. So dick hatte ſich der Schnee an die Räder geballt, daß es offenbar war, daß ſie ſich nur langſam und ſchwerfällig durch die Stra⸗ ßen würden bewegen können; und da Alick auch lieber zu Fuß gehen wollte, ſo beſchloß man, Murray und Lydia fahren zu laſſen, während die Uebrigen nach Hauſe gingen. Obgleich die in der beſcheidenen Wohnung der Wittwe zugebrachte Stunde voll Intereſſe geweſen war, ſo übte doch der plötzliche Uebergang aus der dumpfen Atmoſphäre und dem engen Raum des Ladens in die erfriſchende Luft, die thätige Bewegung und das glänzende Schauſpiel, welche der gedrängt volle Broadway darbot, eine entſprechende Wirkung auf die Lebensgeiſter Alicks und Mabels aus. Erſterer, der in ſeinen Bewegungen gewöhnlich langſam und ſchlaff war, aing mit leichtem Schritt einher, als ob er ſich einer ungewohnten Freiheit erfreute, was allerdings der Fall war, da er nur ſelten zu Fuß ausging, außer wenn er einen kurzen und eintönigen Spaziergang mit Lydia machte. Den Mangel an Aufſicht bei der gegen⸗ wärtigen Gelegenheit benutzend, denn die beiden ihn be⸗ gleitenden Perſonen waren zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäf⸗ tigt, um ſehr auf ihn zu achten, blieb er dann und wann ſtehen, um mit Muße zu betrachten, was grade ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog, und ſprang den Vorausgegange⸗ nen dann wieder nach; doch machte er von dieſer Freiheit keinen ungehörigen Gebrauch. Mittlerweile erregte Mabel, geſchmeichelt durch das warme Intereſſe, welches Dudley an ihrer Sicherheit nahm, und ſich freudig dem Aufſchwung ihrer Lebensgeiſter hingebend, von Neuem die Bewunde⸗ rung ihres Begleiters durch die Mannigfaltigkeit ihrer Un terhaltung und die natürliche und warme Freude, mit der — — 157— re, ſie die heitere Winterſcene genoß. In Wahrheit hatte die einfache und unverdorbene Friſche dieſes Naturkindes n, den erfahrnen Weltmann gefangen genommen. Die ange⸗ ich borne Würde, Anmuth und lebendige Liebenswürdigkeit ar, ihres Weſens, die ſie ſofort geeignet gemacht hatten, eine ra⸗ ausgezeichnete Stellung in der Geſellſchaft einzunehmen, zu hätten unabhängig von dem kindlichen Enthuſiasmus vor⸗ dia handen ſein können, welcher vielleicht der intereſſanteſte en. Zug ihres Charakters war; aber dieſe letztere Eigenthüm⸗ ne lichkeit hatte Dudley ſogleich herausgefühlt, und ſo arg⸗ bte wöhniſch er gegen die erſten Eindrücke war, hatte ihn doch aͤre ihr Reiz vollſtändig bezaubert. So wahr iſt es, daß unter uft, entgegengeſetzten Charakteren oft eine gegenſeitige Anzieh⸗ lche ungskraft beſteht. nde Heiterkeit und Gelächter wurden vorzugsweiſe durch mis. die Zwiſchenfälle angeregt, die ſich ihnen während ihrer ſam Wanderung bemerklich machten; aber Mabel fand bald Ge⸗ 3 ob legenheit, ihr bereitwilliges und überall reges Mitgefühl ngs zu zeigen. Gerade auf der Stelle auf dem Broadway, wo ußer das Gewühl am dichteſten war und ſie ſich am eiligſten mit fortbewegten, begegneten unſere Wanderer plötzlich einem gen⸗ kleinen und zerlumpten, ſchmutzigen Knaben, den die Laſt be⸗ eines mit halbverbrannten Kohlen gefüllten alten Korbes chaͤf⸗ faſt zu Boden drückte. Der Kleine war mitten in dem vann Strom der Fußgänger, und während er ſich bemühte, Nie⸗ Auf⸗ mand zu ſtoßen, ſtolperte er und fiel auf ein Knie, wobei unge⸗ ſeine Laſt ſchwer auf das Pflaſter ſchlug. Der abgenutzte eiheit Korb hatte vorher kaum zuſammengehalten und jetzt, wo rabel, er ihn wieder aufheben wollte, um weiter zu gehen, fiel der udley Boden heraus und der ganze Inhalt verſtreute ſich in den wung tiefen Schnee, welcher neben dem Fußweg in die Höhe ge⸗ unde⸗ ſchaufelt war. Einige von den Vorübergehenden lachten, r un⸗ Andere blickten mitleidig zurück, und Einer oder Zwei blie⸗ it der ben einen Augenblick aus Neugierde ſtehen, um zu ſehen, — 158— ob der Knabe verſuchen würde, ſein Unglück wieder gut zu machen. „Ach, der arme Kleine!“ rief Mabel aus, die gerade vorüber ging und deren Mitgefühl ſofort von dem bleichen Schrecken in Anſpruch genommen ward, der ſich auf dem Geſicht des Knaben beim Anblick ſeines Verluſtes malte. Der Knabe, der eine mitleidige Stimme hörte und den Schatten einer Perſon ſah, die ihre Theilnahme durch Stehenbleiben zu erkennen gab, ſchaute auf und begegnete Mabels Augen mit einem ſo flehenden Blick, daß er ihr gleich zu Herzen ging. Es war ein unſchuldiges und be— kümmertes Geſicht, das von viel erduldetem Mangel und Mißgeſchick ſprach. „O, der Arme!“ ſagte Mabel, die vom Geſicht des Knaben auf die verſchütteten Kohlen und den zerriſſenen Korb ſah; und da die trauernden Augen, die ſich jetzt raſch mit Thränen füllten, ſie immer noch flehend anſchauten, fühlte ſie ſelbſt ihre Wimpern naß werden, und ihre Hand fuhr wie gewöhnlich nach der Taſche. Alick, der zurückgeblieben war, holte ſie jetzt ein, und da er mit dem raſchen Takt des Kindes gleich die ganze Geſchichte verſtand, rief er eifrig und zuverſichtlich aus: „ach Tante Mabel, ſchenke ihm Etwas!“ Aber ach, die Börſe war leer; das Geld war vollſtän⸗ dig im Laden der Wittwe verbraucht worden! Mabel ward ſich deſſen nicht eher bewußt, als bis ſie das kleine ſilberne Portemonnaie aus der Taſche gezogen und ſich durch den Augenſchein von ihrem gänzlichen Mangel an Geld über⸗ zeugt hatte. Hoffnungen des Kindes erregt, um ſie im nächſten Augen⸗ blick zu vernichten, wendete ſie ſich gegen Dudley in der Hoffnung, daß der Vorfall ſeine Aufmerkſamkeit erregt Vor Beſchämung und Verdruß, daß ſie die „ t zu rade chen dem te. den zurch anete rihr be⸗ und t des fenen raſch uten, Hand und ganze aus: lſtän⸗ ward berne h den über⸗ ſie die ugen⸗ in der erregt — 159— hätte und ihn bewegen würde, dem Mangel durch eine raſche Beiſteuer von ſeiner Seite abzuhelfen. Aber die Sache ſchien nicht ſeine Theilnahme erregt zu haben, we⸗ nigſtens nicht in dem Maße, um zum Vortheil des Knaben auszuſchlagen. Er ſtand einen oder zwei Schritte von ihr und ſchaute ruhig dem Auftritt mit intereſſirtem und lä⸗ chelndem Geſicht zu. Ueberhaupt ſchien er, ohne Ungeduld an den Tag zu legen, Mabels Verfahren als das eines launiſchen Kindes zu betrachten, das jeder vorübergehenden Regung nachgibt. Mabel war nicht ganz ſicher, ob er ihre Verlegenheit bemerkt hatte; aber da es offenbar war, daß er keine Nei⸗ gung fühlte, Almoſen zu geben, konnte ſie zu ihrem Leid⸗ weſen nichts Anderes thun, als ihre Börſe wieder in die Taſche ſtecken und das Kind, ohne ihm Hülfe zu leiſten, mit dem bloßen Troſte eines freundlichen Wortes zu ent— laſſen.„Ich habe all mein Geld ausgegeben,“ ſagte ſie; „es thut mir leid— vielleicht gibt eine andere Dame Dir einen Sixpence.“ Verlegenheit und Bedauern klang durch den Ton ihrer Stimme hindurch und ſie fühlte ſich wirklich ſchmerzlich berührt, als der Knabe mit bekümmerter Einfachheit ant⸗ wortete:„es hält ſehr ſchwer, eine Dame zu finden, die mir Sixpence geben will.“ So leid ihr der kleine Burſche that, war doch weiter Nichts zu thun, und im nächſten Augenblick ſetzte ſie ihren Weg fort und tauſchte lächelnde Grüße mit Bekannten und Bekanntinnen und hörte Dudley's Unterhaltung zu. Alick blieb eine Weile zurück, um mit ſeinen beſtändig neugierigen Augen forſchend das Geſicht des Knaben zu betrachten und ihn über ſeine Täuſchung ſo viel möglich mit den Worten zu tröſten:„Sie hat all ihr Geld aus⸗ gegeben— ich habe auch keins— es iſt zu garſtig.“ — 160— „Ihr Mitleid iſt rege geworden, wie ich ſehe, Miß die Vaughan, wie jedes andere liebenswürdige Gefühl,“ ſagte ker Dudley, während ſie weiter gingen.„Ihnen ſind Auf⸗ tritte wie dieſer neu, aber ich fürchte, Sie werden ſich bald er daran gewöhnen, wenn Sie häufig in New⸗York aus⸗ gehen.“ ſag Er „O, ich habe ſchon viel Elend geſehen,“ ſagte Mabel; „genug, um mir das Herz zu zerreißen; aber dieſer kleine un Burſche intereſſirte mich ganz beſonders; er machte ein ſo ful trauriges Geſicht;“ und Mabel ſeufzte, wie ſie wieder ſti an das ſtumme Flehen dachte, das ſie ſo mächtig gerührt ge⸗ hatte. ba „Der Knabe hatte eigentlich ein ſchönes Geſicht,“ lai ſagte Dudley;„er erinnerte mich an eine ausgezeichnete Gruppe, die ich vorigen Winter in Florenz ſah, an die St Bettler von Picciotti. Ich wollte, Sie hätten dieſes Kunſtwerk ſehen können, Miß Vaughan— ich bin über⸗ 1 zeugt, daß es Ihnen gefallen würde; es iſt ein Meiſterwerk dn — eine wunderbare Arbeit! mir fiel ſofort die Aehnlich⸗ ſel keit dieſes Knaben mit dem jüngern der beiden Bettler we auf.“ ich „Es war kein Bettler!“ rief Alick aus, der ſie unbe⸗ Fe merkt eingeholt hatte und nur Dudley's letztes Wort hörte. ſtec „Er hat Nichts verlangt!“ Fo „Es gibt verſchiedene Arten von Bettelei,“ fuhr Dud⸗ 1. ley in Beantwortung von Alicks Aeußerung fort, ohne ihn ein jedoch anzuſehen oder dem Anſchein nach zu bemerken, ver woher die Aeußerung gekommen war, denn er ſchenkte ſel⸗ gin ten Kindern viel Beachtung.„Das iſt jedenfalls die Be feinſte, die ſich an das Auge und nicht an das Ohr wen⸗ 4 det. Das Kunſtſtück war jedoch ausgezeichnet ausge⸗ führt,“ ſetzte er beifällig lachend hinzu;„es hätte einen Fe Schauſpieler Ehre gemacht. Es iſt erſtaunlich, wie raſch 8 2 Miß agte Auf⸗ bald nus⸗ bel; eine n ſo leder ührt ht,“ onete m die ieſes iber⸗ werk lich⸗ ettler unbe⸗ örte. Dud⸗ eihn rken, ſel⸗ 8 die wen⸗ usge⸗ inemn raſch — 161— dieſe kleinen Künſtler alle Geheimniſſe ihres Gewerbes kennen lernen.“ „Wahrhaftig, Sie glauben doch nicht“— rief Mabel erſtaunt aus. „Daß Dies ein abſichtlich herbeigeführter Zufall war?“ ſagte Dudley, ihre Frage fortſetzend und über ihr naives Erſtaunen lächelnd;„vielleicht— vielleicht auch nicht,“ und er zuckte bedeutungsvoll die Achſeln.„Jedenfalls,“ fuhr er fort, als ob er zögerte, ſich für diesmal ganz be⸗ ſtimmt auszuſprechen,„jedenfalls wollen wir nicht zu ſtreng gegen ihn ſein, da ſich Ihr Urtheil, Miß Vaughan, offen⸗ bar zu ſeinen Gunſten neigt; aber dieſe Kunſtgriffe, Mit⸗ leid zu erregen, kommen ohne allen Zweifel ſehr häufig vor. Die Inſtitutionen der Neuzeit ſind zum Theile da⸗ für verantwortlich; man eifert gegen Straßenbettelei, und Straßenbetrügerei tritt an ihre Stelle. O, ſie wiſſen das viel beſſer in Europa einzurichten. Ein paar Bajocchi zerſtreuen eine ganze Schaar von italieniſchen Bettlern und damit iſt die Sache abgemacht; aber bei uns ſoll die Ge⸗ ſellſchaft neu organiſirt, die Armuth abgeſchafft und wer weiß, was ſonſt noch Alles gethan werden. Sehr gut; ich für meinen Theil laſſe den Philanthropen gern ein freies Feld— aber wenn ſie unſerer Wohlthätigkeit Grenzen ſtecken wollen, ſo glaube ich, müſſen ſich die Armen die Folgen gefallen laſſen, wenn ſie verhungern.“ Und nachdem er auf dieſe Weiſe das, was früher eine einfache Frage des Mitleids geweſen zu ſein ſchien, in eine verwickelte Frage der Nationalökonomie verwandelt hatte, ging Dudley mit Anmuth und Leichtigkeit jeder weitern Beſprechung des ſchwierigen Falls aus dem Wege, indem er wieder von den Vorzügen der Bettler von Picciotti zu ſprechen anfing und Mabels Aufmerkſamkeit auf das weite Feld der Schönheit und Kunſt leitete. Hier war er voll⸗ kommen zu Hauſe; und mit ſeiner wunderbaren Fähigkeit, Mabel Vaughan I. 11 — 162— zu ſchildern, und ſeiner unerreichten und vielſeitigen Gabe, zu unterhalten, feſſelte er für den Reſt des Weges vollſtän⸗ dig ihre Aufmerkſamkeit. Als ſie jedoch am Abend vor einem hellen Feuer in dem Kamin des Speiſezimmers ſtand und den kalten Wind um die Ecke des Hauſes pfeifen hörte, dachte ſie wieder an den kleinen Knaben und die verſchütteten Kohlen. Er konnte ein Betrüger geweſen ſein— ein wahrer Erzſchelm — aber ihrem Verſtande zum Trotz flüſterte ihr ihr Ge⸗ fühl und ihr gutes Herz beſtändig das Gegentheil zu, und ſie mochte thun, was ſie wollte, beſtändig traten ihr unan⸗ genehme Bilder von dunkeln Dachkammern vor Augen, wo halbverhungerte Kinder und verzweifelte Mütter unter dürftigen Decken zuſammenkauerten und vor Kälte zitter⸗ ten und weinten. Mabels Erfahrungen und Kenntniſſe erlaubten ihr nicht, ſich ein urtheil über die gegenſeitigen Anſprüche von Bettlern und Philanthropen zu bilden; aber ſo viel war wenigſtens gewiß, daß, wenn der Knabe auch ihre Freigebigkeit mißbraucht hätte, ihre Ausübung doch wie ein Segen auf den Gebenden gewirkt hätte. Wie die Sache lag, konnte ſie nur mit einem Seufzer der Armuth gedenken, die gußer dem Bereich ihrer Hülfe war und ihr Bedauern mit dem ihr neu eingepflanzten Gedanken be⸗ ſchwichtigen, daß ein zu freigebiges Spenden von Geld ge⸗ fährlich iſt und die beſten Intereſſen der Geſellſchaft beein⸗ trächtigen kann. Nicht, daß ſie ſich hätte überreden können, daß es in dem gegenwärtigen Falle nachtheilig geweſen wäre, denn ſie fuͤhlte ſich von der Wahrheit ihrer erſten Eindrücke innig überzeugt. Wer kann aber wiſſen, ob ihr Herz ſo bereitwillig Mitleid mit dem nächſten unglücklichen Kinde fühlte, das ihr in den Weg trat? oder daß der in ihrem bisher vertrauenden Herzen erweckte Geiſt des Miß⸗ trauens ſich leicht beſchwichtigen laſſen würde? Roſy hatte Recht, als ſie ſagte, daß wir auf dem Pfade eines Engels — 163— bedürfen, der uns lehrt, die Blumen der Menſchenliebe zu pflanzen. Wehe den jugendlichen Pilgern der Erde, wenn kalte und ſelbſtſüchtige Berechnung den ſanften Geiſt der Menſchenliebe und des menſchlichen Mitgefühls verbannt! Noch unſeliger aber, wenn die Geſchwiſtergenien Glaube und Hoffnung von trüben Zweifeln und entmuthigendem Mißtrauen verdrängt werden! 11* wölftes Aapitel. Wer dieſer Sympathien ſpottet, Verhöhnt das Göttliche, das in ihm iſt; Noch fühlet er durch ſein Gemüth das Regen Des großen Weltgeiſts. R. H. Dana. Unter den Feſtlichkeiten der folgenden Woche war eine von etwas anderem Charakter als die faſhionablen Ver⸗ ſammlungen, welche den hauptſächlichſten geſellſchaftlichen Genuß des Kreiſes bildeten, in dem ſich Mabel bewegte. Dies war eine Geſellſchaft, die bei Gelegenheit eines Fa⸗ milienfeſttags einer Dame von hoher Stellung ſtattfinden ſollte, die durch ihren Reichthum und ihre ausgezeichnete Bildung ſowol in den Augen von Leuten von Bedeutung, wie in den Augen ſolcher, welche ſich dafür hielten, einen unbezweifelt hohen Rang einnahmen. Selbſt Mr. Vaughan ließ ſich bewegen, eine Einladung in ein Haus anzunehmen, wo er ſicher ſein konnte, viele Gäſte ſeines eigenen Alters und eine nicht geringe Zahl in der Literatur und Politik ausgezeichneter Männer an⸗ zutreffen. Louiſe mochte nicht der Ehre verluſtig gehen, bei einem Feſte anweſend zu ſein, an dem ohne allen Zweifel die gewählteſte Geſellſchaft der Stadt theilnehmen würde. Harry erklärte zwar dieſe alten Knickerbroker⸗ Geſchichten für ſchrecklich langweilig, aber zu gleicher Zeit, 4 8 —————.————.———————— —— H——„d+ — egen a. eine Jer⸗ hen gte. Fa⸗ den nete ing, inen ung viele Zahl an⸗ hen, allen men ker⸗ Zeit, — 165— daß es der Mühe werth ſei, ein Mal ein Feſt in wirklich gutem Styl zu ſehen; und Mabel erwartete aus allen dieſen Gründen zuſammen und vielleicht auch, weil ſie wußte, daß die Feſtgeberin eine nahe Verwandte Dudley's war, den Abend mit ungewöhnlichem Intereſſe. Miß Sabiah war ſelten in die zahlreichen Einladungen eingeſchloſſen, welche die Familie ihres Bruders empfing, nicht aus abſichtlicher Vernachläſſigung, ſondern weil ſie es ſyſtematiſch vermieden hatte, der Geſellſchaft als Mitglied der Familie bekannt zu werden und ſich an Empfang⸗ tagen von dem Salon ſcheu fern gehalten hatte. Sie hätte ſich jedoch nie träumen laſſen, in der Geſellſchaft zu er⸗ ſcheinen und begnügte ſich für ihren Theil mit dem ein⸗ fachen Genuß, den ihr der Anblick ihrer geliebten Mabel im reichen Anzug verſchaffte, wo dieſe dann den Augen ihrer Tante jedesmal ſchöner erſchien. Deshalb war es für ſie an dem fraglichen Abend keine geringe Befriedigung, den prachtvollen Anzug zu ſehen, den Mabel zum erſten Male trug, und ihre Freude erreichte ihren Höhepunkt, als ſie den ſchlecht verhehlten Neid bemerkte, welchen er in Louiſen hervorrief, die gerade in das Ankleidezimmer trat, als die Schweſter mit ihrer Toilette fertig war. Es war kein Wunder, daß die ſtets Partei ergreifende Tante froh⸗ lockte, denn Mabel übertraf ſich heute wirklich ſelbſt. Sie trug ein weißſeidnes Kleid mit breiten Volants, deren jeder mit einem Saum von zartgearbeiteten, grünen Blättern und halb aufgeblühten Roſenknospen eingefaßt war, und der reizende Blumenkranz in ihrem Haar ſtand in vollkommener Harmonie mit dem Pariſer Kunſtwerk. Das Kleid ſchloß knapp an den Hals an, wo ein Kragen von Brüſſeler Spitzen mit einer Diamantbroche befeſtigt war, und Aermel von demſelben koſtbaren Stoff, wie der Kragen, drapirten ſich leicht um die wohlgerundeten Arme. Louiſe, deren kleine elfengleiche Geſtalt ſich nie beſſer — 166— ausnahm, als in den leichten, florartigen Stoffen, in wel⸗ chen ſie die labyrinthiſchen Verſchlingungen des Tanzes durchflog, fühlte einen Stich der Eiferſucht, wie ſie die faſt königliche Geſtalt ihrer Schweſter erblickte, die noch her⸗ vorgehoben ward durch den eng anſchließenden und ſchwe⸗ ren Stoff, der einen weniger vollendeten Wuchs, als der Mabels war, auf eine harte Probe geſtellt haben würde. „Ich haſſe dieſe Geſellſchaften, die nicht kalt und nicht warm ſind,“ ſagte ſie in ſcharfem und gereiztem Tone, wie ſie ihrem Sammtkleid einen anmuthigeren Faltenwurf zu geben verſuchte und, vor dem Spiegel ſich gerade aufrich⸗ tend, ſich mit dem Gedanken ſchmeichelte, daß ſie gerade von der rechten Größe und Mabel ein wenig zu groß ſei. „Man muß ſich ankleiden, als ob man ſich vor einem Rheumatismus fürchtete und kein Wunder, denn wenn ſich überhaupt Leute erkälten, ſo iſt das Herumſtehen in Ecken daran ſchuld, wie wir es heute Abend machen werden. Es wird ſchrecklich langweilig ſein. Ich haͤtte faſt Luſt, nicht zu gehen;“ und obgleich ſich Louiſe nicht entſchließen konnte, von einer Geſellſchaft wegzubleiben, die jeder An⸗ dere des Beſuchens werth nannte, gelang es ihr doch, durch ihre üble Laune ſich und Andern ſo unangenehm zu wer⸗ den, daß ihre Verwandten froh waren, endlich an ihrem Beſtimmungsort anzulangen und ſie in einer der Ecken, von denen ſie geſprochen, untergebracht zu ſehen, wo ſie mit Victoria Vannecker und einem kleinen Kreis von Be⸗ kannten ſich damit amüſirte, Gloſſen über die Geſellſchaft zu machen. Die Geſellſchaft war nicht zahlreich und es war keine Muſik, aber wie Harry vorausgeſehen hatte, Alles war im beſten Geſchmack, und ſo geräumig und prachtvoll das Haus und das Meubleme r, verrieth nichts unge⸗ wöhnliche Ausſchmückung inen Verſuch, zu glänzen. Einige von der Geſell waren offenbar Mittags⸗ — 167— 3 gäſte des Hauſes geweſen und Kaffee ward zu einer ziemlich 8 ſpäten Stunde ohne Unterſchied herum gereicht. ſt Dieſer Umſtand und der andere, daß die Größe und ⸗ Zahl der Zimmer den Gäſten Gelegenheit gab, ſich in ⸗ kleine Gruppen zu zerſtreuen, gab der ganzen Geſellſchaft T das Ausſehen einer etwas zu groß gewordenen Theegeſell⸗ ſchaft. Einige ältliche Herren ſtanden zuſammen vor dem ht Kamin und hatten, die Kaffeetaſſe in der Hand, eine po⸗ ie litiſche Debatte in Gang gebracht; eine ähnliche Verſamm⸗ uu lung literariſcher Freunde lachte herzlich über eine Reihe h⸗ ergötzlicher Anekdoten, welche Einer von ihnen erzählte. de Eine vielgereiſte Dame und ein faſt noch im Knabenalter ei. ſtehender Künſtler muſterten gemeinſchaftlich einen Band mm Radirungen durch; und eine Gruppe Knaben und Mädchen, ch kaum über die Kinderjahre hinaus, hatten ſich in dem en Muſikſaal feſtgeſetzt und unterhielten ſich mit einem fröh⸗ Es lichen Tanz, wozu ein Mitglied der Geſellſchaft Pianoforte cht ſpielte. een Dieſe und verſchiedene andere geſellige Scenen deuteten n⸗ die verſchiedenen Lebensalter, Geſchmacksrichtungen und rch Charaktere an, welche ſich in der Abendgeſellſchaft zuſammen⸗ er⸗. gefunden hatten; und obgleich Gedankenleerheit, Klatſch⸗ em ſucht und boshafte Tadelſucht nicht ohne ihre Vertreter en, waren, ſo fühlten ſie ſich doch inſtinktmäßig außerhalb ſie ihrer Sphäre und hielten ſich im Hintergrund, während Be⸗ die Vereinigung als Ganzes ſich in hohem Grade durch aft Harmonie, Eleganz, guten Ton und feinen Geſchmack aus- zeichnete. ine Mabel fühlte vom erſten Augenblick ihres Eintritts an im den großen Unterſchied zwiſchen dieſer und den meiſten das faſhionablen Geſellſchaften, die ſie beſucht hatte; aber ſie ge⸗ war darin Louiſen unähnlich, daß ſie ſofort ihren höheren en. Werth anerkannte. Und obgleich der jugendliche Kreis, gs⸗ der ſie als ſeine Zierde betrachtete, hier nur eine kleine z 8 — 168— Zahl ſeiner Mitglieder vereinigen konnte, fand ſie dennoch Bekannte genug. Die Auszeichnung, mit der Dudley ſie behandelte, hatte nicht nur ihren Ehrgeiz geweckt, ſich in hochgebildeter Geſellſchaft zu bewegen, ſondern hatte auch einigermaßen dieſe Neigung begünſtigt und ſie war durch ſeine Vermit⸗ telung bereits in gelegentliche Berührung mit Perſonen ge⸗ kommen, die ſich durch Gelehrſamkeit, Geſchmack oder hohe Stellung auszeichneten. Staatsmänner, Künſtler, berühmte Reiſende, betitelte Ausländer und literariſche Löwen gehörten zu Lincoln Dudley's ausgedehntem Kreis von Freunden; und mehr als eine Perſon von Auszeichnung in der gegenwärtigen Geſellſchaft ergriff jetzt die Gelegenheit, ſeine Bekanntſchaft mit dem ſchönen Mädchen zu erneuern und zu benutzen, deſſen natürliches Weſen, friſche Empfindung und Reich⸗ thum an Gedanken und Phantaſie die Bewunderung er⸗ höhten, welche ihre perſönlichen Reize einflößten. Aber obgleich dieſe Art Huldigung ein unbezweifelter Triumph war, legte doch Mabels Benehmen keinen ge⸗ ſchmeichelten Stolz an den Tag, ſondern ihr lebhaftes Auge und geiſtvolles Lächeln verrieth nur eifrige Theilnahme an der Unterhaltung einer auserwählten Gruppe, deren Mit⸗ telpunkt ſie bildete. Ihrer Macht, zu gefallen, ſich bewußt, wie es gar nicht anders ſein konnte, wendete ſie dieſelbe doch ſtets ohne Affektation oder Kunſtgriff an; und mochte man auf ihre Siege einen Werth legen, welchen man woll⸗ te, immerhin mußte man anerkennen, daß ſie ehrlich ge⸗ wonnen waren. So ungern ſich Dudley vor einem einzigen Altare beugte und ſo oft er ihre Nähe verließ, um anderwärts ſeine Huldigungen darzubringen, ſo führte ihn doch eine unwiderſtehliche Anziehungskraft immer wieder zurück und ſehr bald hörte man wieder ſeine klare Stimme ſich in die — /———— — 4169— Unterhaltung der kleinen Gruppe miſchen, die ſeinen geiſt⸗ reichen und beredten und zuweilen ſchroffen oder ironiſchen Aeußerungen ſtets einen neuen Aufſchwung gaben; auch verfehlte das Bewußtſein, daß er in der Nähe ſei, nicht, Mabels Antlitz eine lebhaftere Farbe und ihren Augen einen erhöhten Glanz mitzutheilen. „Sehen Sie dieſes herrliche Mädchen dort?“ ſagte ein ältlicher Maler von Ruf zu einem ihm bekannten Kunſt⸗ liebhaber.„Ich muß ihr Bild malen, ehe der Winter vorbei iſt. Ich verſpreche Ihnen, nicht eher zu ruhen, als bis ſie mir ſitzt. Wie herrlich müßte ſie ſich ausnehmen als Corinna, im Tempel gekrönt!“ „Sie hat Talent,“ rief ein berühmter Advokat mit einem bedeutungsvollen Blick auf Mabel aus, mit der er ſich unterhalten hatte.„Sie hat mich ſo eben mit aller Freundlichkeit und ohne alle Pedanterie im Disputiren geſchlagen und noch dazu, ehe ichs merkte.“ „Ich möchte mich nicht als Gegenpartei mit ihr vor Geſchworne wagen, ganz abgeſehen von ihrer Logik,“ erwiderte der Angeredete. „Ihre Schweſter iſt eine junge Dame, auf die Sie ſtolz ſein müſſen,“ ſagte ein etwas wortkarger, ältlicher Hageſtolz, der neben Louiſen ſtand und ſchweigend Mabel beobachtet hatte.„Ich ſehe, daß ſie ebenſo liebenswürdig als angenehm iſt und den Sonnenſchein ihres Lächelns Allen mit gleicher Gunſt zuwendet.“ „Ich ſollte faſt meinen, ſie iſt damit zu verſchwenderiſch, nach einigen ihrer Freunde zu urtheilen,“ ſagte Louiſe mit einem kurzen Lachen.„Bitte, wer iſt dieſer Vater Noah, den ſie ſo intereſſant zu finden ſcheint?“ „Der hagere Herr in dem langen Rock? Ich habe ſeinen Namen vergeſſen— ein Geiſtlicher, glaube ich.“ Louiſe wendete ſich jetzt zu Miß Vannecker und ſagte ihr halblaut und im halbvertraulichen Tone:„es iſt ſehr —— — ,„, — 170— lächerlich von Mabel, ſich gerade in die Mitte des Zim⸗ mers zu ſtellen und mit Jedem zu ſprechen, dem es ein⸗ fällt, ſich ihr vorſtellen zu laſſen. Sie wird gewiß einige höchſt unpaſſende Bekanntſchaften machen!“ Zu einer etwas ſpäteren Stunde, als Mabel ehrerbietig den Worten des obenerwähnten Geiſtlichen zuhörte, blieben Louiſe und Miß Vannecker im Vorübergehen ſtehen und Erſtere ſagte zu ihr:„Du haſt Dir wenigſtens einen auf⸗ fälligen Platz aufgeſucht, um heute Abend Deine Audienzen zu geben, meine Gute; morgen werden die Zeitungen den Salon beſchreiben und erzählen, daß den Mittelpunkt ein Blumenſtück voll geſchmackvollſter Form, eine Pyramide von Roſen⸗Guirlanden mit einem Kranz darauf, geziert habe.“ 4 „Außerdem iſt es ſehr unſchicklich, ſich gerade unter das Gaslicht zu ſtellen,“ ſetzte Miß Vannecker hinzu, die es für ausgemacht annahm, daß Louiſe mit ihrer Be⸗ merkung einen Tadel beabſichtigte. Und nachdem ſie auf dieſe Weiſe Mabels Eitelkeit gerügt, gingen ſie weiter. Mabel erröthete und wurde etwas verlegen, behauptete aber, geſtärkt durch das Bewußtſein, kein Hervordrängen zu beabſichtigen, eine würdevolle Faſſung und verdeckte ihren Verdruß mit einem Lächeln, wodurch ſie ihren neuen Freund in der guten Meinung, die er ſich von ihr gebildet hatte, nur beſtärkte. Dudley ſtand zufällig in der Nähe und hörte die ver⸗ letzenden Aeußerungen Louiſens und ihrer Begleiterin mit an. Selbſt zu allen Zeiten höflich, konnte er das Gegen⸗ theil bei Andern nicht ertragen, beſonders wenn der Be⸗ weggrund ſo ſichtbar war wie hier; denn da er Louiſens Charakter kannte, errieth ſein Scharfblick auf der Stelle, daß nur Neid und Eiferſucht ihrer Handlungsweiſe zu Grunde lagen. Deshalb wünſchte er natürlich Mabel aus der kleinen ig en nd if⸗ een den ein ide hert ner die Be⸗ auf ötete igen eckte euen ildet ver⸗ mit egen⸗ Be⸗ iſens Stelle, leinen ſe zu — 171— Verlegenheit zu befreien, die ihm trotz ihrer angenommenen Ruhe nicht verborgen blieb und er benutzte die erſte Ge⸗ legenheit, um ſie zu einem Beſuch des Gewächshauſes ein⸗ zuladen, das eine auserleſene Sammlung von Pflanzen enthielt. Mabel, welche das rückſichtsvolle Zartgefühl dieſes Vorſchlags vollkommen zu würdigen wußte, nahm ger ſeinen Arm an. Dudley war gerade Pflanzen⸗ und Blumenkenner genug, um ſeine Bemerkungen über Blumen anziehend und unter⸗ haltend zu machen; er enthielt ſich des Gebrauchs von wiſſenſchaftlichen Ausdrücken, nannte die Pflanzen bei ihrem einfachen und ausdrucksvollen Namen und deutete ohne Sentimentalität die poetiſche und rührende Sprache, in der ſie zu uns reden. Zu manchen Gemüthern mochten dieſe Geſchenke der Natur mit tieferer Bedeutung ſprechen, aber Wenige konn⸗ ten anmuthiger dem Genuß Worte leihen, den ſie einem ausgebildeten Schönheitsgefühl verſchaffen. Während Mabel jedoch ſeine Kenntniß faſt jeder Pflanzenart einſchließlich der ſeltenſten exotiſchen bewun⸗ derte und meiſtens ſeine Liebhabereien theilte, erſtaunte ſie über die Gleichgültigkeit, mit der er viele ihrer Lieblinge betrachtete, vorzüglich unter den gewöhnlichen wilden Blu⸗ men unſerer Auen und Wälder. Sie konnte nicht umhin, ihrer Vorliebe für dieſe vertrauten Freunde Worte zu geben und erwiderte auf ſeine Fragen, welche von allen Som⸗ merblumen ſie vorzöge, ganz offen:„Wenn Sie mich fra⸗ gen, welche mir die liebſte iſt, ſo geſtehe ich, obgleich Sie ſich darüber wundern werden, daß es der Löwenzahn iſt— der freundliche gelbe Löwenzahn.“ Dudley lächelte ungläubig. „Es iſt wahrhaftig mein Ernſt,“ ſagte Mabel;„er kommt ſo frühzeitig und bleibt ſo lange da. Er iſt der goldene Verheißungsſtern der Erde, der an Wärme und 2 * ————— — 172— Sonnenſchein und Sommer erinnert. Und es knüpft ſich ſo manche ſchöne Erinnerung an die Blume. Wie, haben Sie nie im Graſe geſeſſen?“ rief ſie aus und vergaß für einen Augenblick, daß ſie zu dem abgeſchliffenen Weltmann ſprach—„haben Sie nie im Graſe geſeſſen und lange Ketten aus den hohlen Stengeln verfertigt und geſeufzt, daß ſie ſo zerbrechlich waren?“ „Nie,“ gab Dudley mit Entſchiedenheit zur Antwort. „Oder haben Sie ſie nie ſpielend zerzupft und in den Bach geworfen, um zu ſehen, wie ſie ſich kräuſeln? Oder beim Nachhauſeweg aus der Schule die feinen Federkronen des Samens herausgezogen und drei Mal darauf geblaſen, um zu ſehen, ob die Mutter Sie erwartet?“ „Nie,“ gab Dudley abermals in einem Tone zur Ant⸗ wort, welcher andeutete, daß ſeine Erinnerungen an die Kinderjahre nichts ſo Läppiſches in ſich ſchloſſen. „Dann können Sie ſich gar nicht vorſtellen, an wie viele glückliche Stunden mich ihre wohlbekannten Geſichter erinnern!“ ſagte Mabel, deren Begeiſterung durch ſeine Manier etwas gedämpft worden war. „Ich vermuthe, nicht; aber dennoch liebe ich Blumen, um der Erinnerungen willen, die ſich daran knüpfen,“ ſagte Dudley und dabei bückte er ſich und hob einen Zweig Reſeda auf, den ſie eben noch in der Hand gehabt und dann nachläſſig hatte fallen laſſen. 1 Mabel erröthete, als ſie es bemerkte, und wenn ſie ſich in dieſem Augenblick auch nicht unbedingt ihrer Vorliebe für den Löwenzahn ſchämte, ſo war ſie doch bereit, zuzu⸗ geben, daß es eine kindiſche Thorheit ſei, für die ſie kein Mitgefühl bei erwachſenen Leuten zu erwarten hatte. Kunſtkritiker war Dudley ſogar noch mehr als Blu⸗ menkenner; und er lenkte zunächſt Mabels Aufmerkſamkeit auf eine Anzahl Gemälde und Statuen, welche den an das Gewächshaus grenzenden geräumigen Saal ſchmückten. ſich ben für ann nge fzt, ort. den Dder nen ſen, Int⸗ die wie hter eine nen, 11, veig ann ſich liebe uzu⸗ kein Blu⸗ nkeit an kten. — 173— Unter ſeiner Anleitung hatte Mabel bereits einige Fertig⸗ keit in der Beurtheilung von Kunſtwerken erlangt und ſie bildete ſich faſt ein, die Arbeiten der verſchiedenen Schulen unterſcheiden zu können. Sie war jedoch noch ſo naiv, daß ſie immer zuerſt an den Gegenſtand und erſt dann an die Ausführung eines Kunſtwerks dachte; und auch jetzt nahm zu allererſt ihre Aufmerkſamkeit ein altes Bild in Anſpruch, das einen Engel darſtellte, welcher die Kunde von der Reue eines Sünders hinauf zum Himmel trägt. Die ſeraphiſche Schönheit des Geſichts, die ſelige Freude, die himmliſche Liebe und das heilige Frohlocken, die ſich darauf malten, erfüllten Mabel mit einer Empfindung frommen Schauers. Sie betrachtete es einen Augenblick ſchweigend und wendete ſich dann mit einem Blick, der ihre Bewunderung ausſprach, gegen ihren Gefährten. „Ein jämmerliches Ding!“ bemerkte er, ohne dem Anſchein nach das Gefühl zu beachten, welches das Bild in Mabel erweckt hatte.„Ich kann es nie anſehen, ohne über den albernen Streit zu lächeln, den es hervorgerufen hat. Sie müſſen wiſſen, daß mein guter Vetter“— er dämpfte hier ausdrucksvoll die Stimme und ſah ſich um, ob nicht Jemand von der Familie in der Nähe ſei— „eitel oder leichtgläubig genug iſt, dieſes Bild für die Arbeit eines der alten Meiſter zu halten. Niemand, wer nur die geringſte Kenntniß von Gemälden hat, kann dies nur für einen Augenblick glauben. Das Bild iſt un⸗ zweifelhaft falſch getauft oder iſt höchſtens eine bloße Copie.“ Dem mochte ſein, wie ihm wolle, jedenfalls hatte es ſeinen Werth, wie ſich durch die Empfindung zeigte, die es in Mabel erweckt hatte; aber ſie hatte weiter keine Gelegen⸗ heit, es näher zu betrachten. Nachdem das Seraphsgeſicht für das Werk eines betrügeriſchen Pinſels erklärt worden war, führte ſie Dudley mit der Verſicherung, daß es ein — 174— Geſchmier ſei, nichts als ein Betrug, der keines Blickes würdig wäre, weiter zu andern Gegenſtänden. Ganz eben ſo war er bei der Beurtheilung der Sta⸗ tuen. Zwei Geſtalten der Gnade und der Wahrheit nah⸗ men Mabels ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch und waren in vielen Hinſichten die ſchönſten in der ganzen Samm⸗ lung. Aber Dudley konnte an der erſten nichts ſehen, als eine höchſt merkwürdige Verkrümmung des kleinen Fingers; und bei der andern Geſtalt hatte ſich, wenn ihn ſein ſonſt ſo richtiges Auge nicht täuſchte, der Künſtler ein ganz klein wenig am Halſe verhauen. Dagegen konnte ihm Niemand den Scharfblick abſtrei⸗ ten, mit dem er auf die wunderbare Wahrheit und die bis ins kleinſte Detail ausgeführte Malerei in dem Bilde einer holländiſchen Küche, dem Werk eines berühmten Künſtlers, aufmerkſam machte, oder die Einſicht, mit der er das Schwebende eines Merkurs von Bronce, eines Lieblings⸗ ſtücks von ihm, hervorhob. Für den wahren Kunſtgenuß hielt es Dudley offenbar für eine Nothwendigkeit, das Kunſtwerk in ſeinen Einzelheiten zu begreifen. Er hatte keine Ahnung von der höchſten Macht, welche die Kunſt ausüben kann, ſondern beſchränkte ihren Einfluß auf die wenig zahlreiche Ariſtokratie der Gebildeten und wußte gar nicht, wie mächtig ſie zur Veredlung und Erhebung der Maſſen mitwirken kann. Die Unterhaltung wendete ſich ganz natürlich von der Kunſt auf die Künſtler; und da Dudley mit vielen derſel⸗ ben genau bekannt war, konnte er ihr vieles Intereſſante über die Arbeiten und das Ringen, über die Triumphe und Siege des Genies erzählen. Sie befanden ſich jetzt auf einem Platz, wo die Geſell⸗ ſchaft, die zum größten Theil in der Halle promenirte, in ihren einzelnen Mitgliedern an ihnen vorüber ging; und, abſtrakte Gegenſtände verlaſſend, begann er jetzt, ſie mit kes ta⸗ ah⸗ ren m⸗ als rs; nſt ein rei⸗ bis ner ers, das gs⸗ nuß das atte unſt die gar der der ſel⸗ ante und ſell⸗ , in und, mit — 175— Bemerkungen über verſchiedene Perſönlichkeiten, ihre Eigen⸗ thümlichkeiten, ihre Familiengeſchichte, oder ihre dem Ge⸗ meinweſen gewidmeten Dienſte zu unterhalten. Sie hörte mit Intereſſe und oft mit Heiterkeit zu, aber zuletzt ſchweifte ihr Auge nach dem andern Ende der Halle; und Dudley, der ihrem Blick folgte, bemerkte ſogleich, was ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Eine ältliche Dame, be⸗ gleitet von einem wohlbeleibten und ſtttlichen, militairiſch ausſehenden Herrn, war am andern Ende der Halle am Eingang erſchienen und näherte ſich jetzt langſam der Stelle, wo ſie ſtanden. Sie war beträchtlich größer, als Frauen gewöhnlich ſind, von imponirender Geſtalt und aufrechter Haltung, während ihr ganzes Weſen durch ihre ruhige und heitere Würde zur Achtung aufforderte. Es lag jedoch nichts Zurückſtoßendes in ihrem milden und wohlwollen⸗ den Geſicht, das von dem ſchneeweißen Gefältel einer Witt⸗ wenmütze umrahmt war, und ihre Züge ließen jetzt noch erkennen, daß ſie in der Jugend ausnehmend ſchön geweſen ſein mußte. Auch hatte die Zeit ihr nicht alle perſönlichen Reize rauben können, obgleich ſie faſt ſiebzig Jahre alt war. Ihr Teint war noch friſch, ihr Auge hell und ihr ſilbernes Haar, das auf der Stirn glatt geſcheitelt war, kam unter der Mütze in zwei weichen und glänzenden Locken hervor, welche an der Wange herabhingen. Auch trat ſie faſt elaſtiſch auf und ihre Hand ruhte leicht auf dem Arm des behäbigen Offiziers. Mabels Augen folgten ihr mit Neugier, die nicht un⸗ vermiſcht mit ehrerbietiger Bewunderung war, wie ſie, langſam durch die Halle gehend, die Begrüßungen zahl⸗ reicher Freunde erwiderte und ſich endlich der Stelle näherte, wo Dudley mit Mabel ſtand. „Hier kommt das Salz der Erde, Miß Vaughan,“ ſagte er in ironiſchem Tone;„ſie ſtützt ſich noch dazu auf einen Arm von der größten Reſpektabilität.“ — 176— „Es iſt ein ſchönes Paar,“ ſagte Mabel mit Wärme und ſah ihn zugleich fragend an, als wünſchte ſie gern mehr von den Beiden zu erfahren. „Dieſe Frau,“ fuhr Dudley fort,„iſt Generaliſſimus des Heeres zeitgemäßer Reform— die Führerin eines Ba⸗ taillons philanthropiſcher Amazonen, denen Alles weichen muß; ſie wird uns vor ein Kriegsgericht ſchleppen!“ rief er mit erkünſtelter Angſt aus, wie ſie näher kamen.„Wie ſollen wir entſchlüpfen? In weniger als fünf Minuten werden wir gefangen, vor Gericht geſtellt, überführt und verurtheilt ſein.“ „Sie ſcheint nur friedliche Waffen bei ſich zu führen,“ ſagte Mabel mit einem Lächeln;„und ſelbſt wenn es an⸗ ders wäre, ſo wüßte ich nicht, was wir gethan häͤtten, um einen Angriff erwarten zu müſſen.“ „Dem werden wir nicht entgehen,“ entgegnete Dudley; „am allerwenigſten Sie. Sehen Sie nicht, daß ſie auf Werbung iſt?“ Die ehrwürdige Dame, von der Dudley ſo leichtfertig zu ſprechen wagte, war eben mit einigen jungen Mädchen zuſammengetroffen, welche durch die Halle gingen, und wie ſie einen Augenblick ſtehen geblieben war, um mit der Leb⸗ hafteren von Beiden zu ſprechen, ruhte ihre Hand zärtlich auf dem Haupte der Andern, ein zartes, blondes Weſen, das ihre greiſe Freundin mit liebevoller Verehrung an⸗ blickte. Wie Mabel ſo klar ſah, daß die alte Dame überall Liebe einflößte, glaubte ſie, es könnte ſie nichts mehr freuen, als mit ihrer Freundſchaft beehrt zu werden; und obgleich Dudley's Aeußerungen ihre Begeiſterung einiger⸗ maßen gedämpft hatten, ſo konnte ſie doch ſich nicht ent⸗ halten, jede Bewegung einer Perſon zu beobachten, deren bloße Erſcheinung ſchon dem Spotte Schweigen zu gebieten ſchien. rme eern nus Ba⸗ hen rief Wie iten und n,“ an⸗ um ley; auf rtig chen wie Leb⸗ lich ſen, an⸗ rall nehr und ger⸗ ent⸗ eren eten —— — 177— „Sie ſehen,“ fuhr er fort,„Madame Percival iſt Allein⸗ herrſcherin unter ihren Anhängern. Ihre Energie iſt un⸗ vergleichlich und ihre Tapferkeit führt ſie ſtets in die vor⸗ derſte Reihe jedes Donquixotiſchen Unternehmens. Sie führt eine Courantmünze goldner Meinungen bei ſich und ihr Credit iſt unbeſchränkt. Es iſt erſtaunlich, was man heutzutage für Kapital aus dem Nothſtand der ärmern Klaſſen machen kann.“ Mabel ſchwieg immer noch, über die Worte ihres Ge⸗ fährten nachdenkend, und wartete, bis er fortfuhr.„Sie trägt ihre gewöhnliche Uniform, wie ich ſehe,“ ſagte Dudley nach einer Pauſe—„ſchwarzen Atlas und brüſſeler Spitzen, und hat ihre gewöhnliche militairiſche Eskorte bei ſich; ihr Begleiter iſt ihr Stiefſohn General Percival von der regu⸗ lairen Armee. Seit zwanzig Jahren erſcheinen ſie mit ein⸗ ander auf der Parade. Es ſpricht ſo laut und ſchön von Familieneintracht und Einmüthigkeit unter ſchwierigen Ver⸗ hältniſſen; ich habe jedoch gehört, daß es ſehr ſchwer hielt, über den Heimfall des Familienguts einig zu werden.“ Dudley dämpfte ſeine Stimme bei den letzten Worten, denn der Gegenſtand ſeiner Bemerkungen war jetzt nur noch wenige Schritte von ihnen, und blickte ihn wie einen Bekannten an, als wollte er ſeine Befürchtungen beſtätigen. „Wollen Sie ſich der Gefahr des Angriffs ausſetzen und als Opfer fallen?“ fragte Dudley leiſe und ſah ſich zugleich wie nach einem Verſteck um. „Ich fürchte mich nicht,“ gab Mabel zur Antwort; „ſie ſcheint es nicht auf mich abzuſehen.“ „So werden Sie mir erlauben,“ ſagte er mit raſchem Takt,„Ihnen eine Erfriſchung zu holen;“ und er eilte auf einen Bedienten zu, der mit einem Servirbrett mit Eis vorüber ging, und vermied auf dieſe Weiſe ein allem An⸗ ſchein nach gefürchtetes Zuſammentreffen. In dieſem ganzen Geſpräch hatten ſich Humor und Mabel Vaughan I. 12 — 178— Satyre ſo miteinander gemiſcht, daß Mabel ſich gar nicht ſagen konnte, ob ein einziges Wort ernſtlich gemeint ge⸗ weſen ſei; ebenſowenig war ſie überzeugt, daß die Ange⸗ legentlichkeit, mit welcher Dudley der Dame aus dem Wege ging, etwas Anderes als Verſtellung ſei. Dennoch verfehl⸗ ten ſeine Aeußerungen und ſein Benehmen nicht ihre Wir⸗ kung und ihre offene, vertrauende Stimmung ſtörten un⸗ angenehme Vermuthungen. Einen ſolchen Eindruck hatte die Schilderung von den Sonderbarkeiten der alten Dame auf ſie gemacht, daß ſie, als Letztere gerade vor ihr ſtehen blieb, darauf gefaßt war, ohne vorherige Vorſtellung ange⸗ redet zu werden, und daher einigermaßen verlegen ward, als eine hinter ihr ſitzende Perſon, vor die ſie, ohne es zu wiſſen, getreten war, eine Hand auf ihren Arm legte und mit ſanfter Stimme zu ihr ſagte:„ich glaube, dieſe Dame ſucht mich; wollen Sie wol die Güte haben, ein wenig bei Seite zu treten?“ Mabel trat ſogleich zur Seite und ſtieß dabei an ein paar Krücken, die umfielen und ihr die Hülf⸗ loſigkeit der Dame zeigten, gegen die ſie anſcheinend ſo un⸗ höflich geweſen war. Wie ſie ſich bückte und die Krücken ihrer Eigenthümerin hinreichte, wobei ſie zugleich wegen ihrer unabſichtlichen Ungeſchliffenheit um Verzeihung bat, rief die ungeſchminkte Anmuth ihres Weſens ein beifälliges Lächeln auf Madame Percival's Geſicht. Dieſe nahm jedoch keine weitere Notiz von ihr, ſondern begann ein Geſpräch mit der lahmen Dame und begleitete ſie und General Percival in ein an⸗ deres Zimmer, ehe noch Dudley mit dem Eisſorbet zurück⸗ kehrte.. In einer etwas ſpätern Abendſtunde nahm Mabel mit ihrer gewöhnlichen Gutherzigkeit eine Einladung an, ſich unter die jugendlichen Tänzer zu miſchen, die ſich in dem Muſikſaal verſammelt hatten und noch eine Tänzerin brauchten. So jung ſie war, waren ſie doch faſt Alle noch cht ge⸗ ge⸗ ege hl⸗ ir⸗ un⸗ atte me hen ge⸗ urd, zu und ame bei tieß ülf⸗ un⸗ erin chen nkte ame kotiz men an⸗ rück⸗ mit ſich dem zerin noch — 179— jünger als ſie und nur Theilnehmer an dem Feſte, weil es ein Familienjubiläum war, und ihr Tänzer war kaum ſo groß wie ſie. Sie ging jedoch bereitwillig auf ihre jugend⸗ liche Heiterkeit ein und gewann die Herzen der kleinen Ge⸗ ſellſchaft durch ihr Mitgefühl für ihre Freude. Es war ein altmodiſcher engliſcher Tanz und Mabel erreichte nach Be⸗ endigung ihrer Tour athemlos und lachend das Ende der Reihe. „Der Tanz macht ſich prächtig!“ rief ihr Tänzer aus, indem er munter in die offene Thür eines Nebenzimmers trat und ſich an Madame Percival wendete, welche dem Tanze mit offenbarem Vergnügen und Intereſſe zuſah, aber dabei auch eine lebhafte Unterhaltung mit dem Herrn im langen Rock fortführte, den Louiſe Vater Noah genannt hatte. Sie lächelte und nickte freundlich dem Knaben zu; und Mabel bemerkte, daß jedes neue Paar, wie es die Reihe herunter chaſſirte, mit ihr ähnliche Zeichen der Befriedigung austauſchte. „Wir geben dieſe Vorſtellung zum Benefiz der Groß⸗ mutter,“ ſagte Mabels Tänzer erklärend zu ihr.„Der Tanz wurde bei der Hochzeit unſrer Wirthin vor fünfund⸗ zwanzig Jahren getanzt. Meine Mutter war damals Brautjungfer, und die Großmutter ſchlug uns heute den Tanz vor zur Erinnerung an alte, gute Zeiten.“ Wie der Knabe ſeine Mutter nannte, heftete er einen liebevollen Blick auf die Dame, die am Piano ſaß, und Mabel wurde jetzt erſt gewahr, daß die Eigenthümerin der Krücken für die jugendliche Geſellſchaft muſicirt hatte. Durch welch herrliche Bande der Sympathie dieſe Leute unter einander verknüpft ſind, dachte ſie; und dieſe merk⸗ würdige alte Dame iſt offenbar das verbindende Glied. Kann ſich Heuchelei unter einem ſolchen Geſichte verbergen? Mr. Dudley mußte geſcherzt haben. In dieſer letztern neßerzeugung wurde ſie noch beſtärkt 12* — 180— in der Garderobe, wie ſie Gelegenheit hatte, die zärtliche Rückſicht zu bemerken, mit der Madame Percival für ihre lahme Freundin ſorgte und allen Beiſtand zurückwies, auf den ihre Jahre Anſpruch machen konnten, damit die Kranke nur nicht darunter leide.„Gib Deiner Mutter den Arm,“ ſagte ſie zu ihrem Enkel, der ihnen an der Treppe entgegen kam, um ſie nach dem Wagen zu geleiten; und da General Percival nicht bei der Hand war, folgte die ehrwürdige Dame unbegleitet. „Eine herrliche Frau! das muß ſie ſein,“ dachte Ma⸗ bel;„aber was kann Mr. Dudley gemeint haben?“ Das aufrichtig gezollte Lob und die zweifelnde Frage, die ſich daran hängte, legten beide Zeugniß von dem jeden Eindruck gleich aufnehmenden Charakter Mabels ab. In dem Erſteren ſprach ſich ihr Herz aus, in dem Letzteren konnte man den Einfluß eines künſtlich erregten Argwohns entdecken. Ach, wie leicht kann ein einziges geflüſtertes Wort von dem lauernden Dämon des Mißtrauens über das Schönſte und Reinſte einen Schatten werfen! Dreizehntes Aapitel. & Und wer biſt Du, der Du in kleinlich eitler Selbſtſucht in enge Schranken bannen möchteſt Den freien Strom großmüthig edeln Denkens Und Thuns, und ſeiner herrlichen Welle Stillſtand gebieten? Mrs. Hemans. Es war nicht zu verwundern, daß Mabel den ſchleichen⸗ den Einfluß der ironiſchen Andeutungen Dudley's fühlte, denn ſie beſaß einen raſch auffaſſenden und lebhaften Geiſt, der immer den Lehren derjenia zugänglich war, deren Kenntniſſe und Erfahrung ſie zu Lehrern der Jugend geeig⸗ net machten. Es war in der That eine ihrer liebenswür⸗ digſten und frauenhafteſten Eigenſchaften, welche ſie ſo der Ueberzeugung zugänglich machte; und groß war daher die Verantwortlichkeit Derjenigen, welche den wahren Re⸗ gungen ihrer Natur eine andere Richtung zu geben ſuchten. Nicht daß Mabel, ohne Charakter und Grundſätze, wie geſchmeidiges Wachs bereit geweſen wäre, ſich von jedem wechſelnden Ereigniß umbilden zu laſſen. Im Gegentheil erfüllte ſie ein hohes Pflichtgefühl, eine innige Verehrung der Tugend und ein edles Streben, beſſer zu werden, während gewiſſe feſtſtehende Grundſätze über Das, was recht und gut war, ihr als Vorpoſten dienten, welche die Citadelle ihres Gewiſſens bewachten. Aber die Pflicht macht ſich nicht immer mit einer Kraft geltend, welcher nicht auszuweichen iſt; der Maaßſtab von Dem, was gut und vortrefflich iſt, kann ſich verändern; und die Feſtung, welche einen offenen Angriff zurückweiſen würde, kann argliſtig unterminirt werden. So kam es denn, daß, wenn auch Mabels Gutmüthigkeit manchmal durch Louiſens offenbare Verletzungen der Wahrheit und Gerechtigkeit auf eine harte Probe geſtellt ward, ihr Cha⸗ rakter viel weniger Gefahr lief von dieſer Seite, als von den in verführeriſcher und glänzender Form vorgebrachten, aber ſchädlichen Meinungen und Grundſätzen, welche Dud⸗ ley mehr andeutete, als offen ausſprach. Der auf den vorbeſchriebenen Abend folgende Tag war derjenige, an welchem Mabel allwöchentlich Beſuche empfing und wo ihr, wie gewöhnlich, Louiſe beiſtand, die ſelten verſäumte, anweſend zu ſein, um an den Ehren und Verantwortlichkeiten des Tages theilzunehmen. Es war. ungewöhnlich viel Beſuch gekommen, aber blos Dudley war noch da. Mr. Vaughan gab gegen ſeine Gewohnheit dieſen Abend ein großes Diner, und Dudley, der unter den Gäſten ſein ſollte, war zeitig gekommen und hatte einige ſehr ſeltene und koſtbare Kupferſtiche mitgebracht. Sid ſtellten ausländiſche Trachten mit großer⸗Genauigkeit und Schönheit dar, und Dudley, Mrs. Leroy und Mabel durchmuſterten ſie mit großem Intereſſe, um ſich Rollen für einen bevorſtehenden koſtümirten Ball auszuſuchen, als man plötzlich die Straßenklingel hörte. Es war zu ſpät für Morgenbeſuche und zu zeitig für die Ankunft von Gäſten bei dem Diner des Abends. „Wer kann es zu dieſer Stunde ſein?“ fragte Mabel; und ſie trat mit mädchenhafter Neugier in den Schatten eines Erkerfenſters und blickte hinab auf die Straße.„Es iſt kein Wagen da,“ ſagte ſie;„es muß der Vater oder Harry ſein.“ — 183— Als ſie von dem Fenſter zurücktrat, ſah ſie jedoch, wie Mrs. Leroy gleichgültig mit einer Karte ſpielte und gleich⸗ zeitig dem Bedienten, der ihr dieſelbe gegeben hatte, haſtig ein paar Worte ſagte. Wie der Bediente wieder hinaus war, warf Louiſe die Karte auf den Tiſch und rief aus:„Kann man ſich etwas Lächerlicheres denken? nächſtens wird Vater Noah auch her⸗ kommen!“ ſetzte ſie mit einem vorwurfsvollen Blick auf Mabel hinzu. Leicht erröthend nahm Letztere die Karte und las: „Mrs. Abraham Percival.“ Aufrichtige Freude ſtrahlte auf ihrem Geſicht, wie ſie halblaut und mit einer Miene voller Erwartung ausrief: „o, die ſchöne alte Dame!“ Mit ſpöttiſcher Miene vertiefte ſich Louiſe wieder in die Kupferſtiche, während Mabel, die ihrer Schweſter eine Un⸗ höflichkeit zutraute, nach der Thür ging, um den Beſuch zu empfangen. Nachdem ſie jedoch einen Augenblick gewartet hatte, hörte ſie die Hausthür zumachen und den Bedienten wie⸗ der aus der Vorhalle zurückkommen. Ein neues Licht ſchien ihr bei dieſem bedeutſamen Anzeichen aufzugehen und ſie i libete ſich mit der plötzlichen Frage an Louiſe: „kann ic lieder gegangen ſein?“ „Wahrſcheinlich,“ entgegnete Louiſe, die ſich über die Frage erſtaunt ſtellte;„Du wollteſt doch nicht etwa ihren Beſuch annehmen!— obgleich man gar nicht wiſſen kann, weſſen Du fähig wärſt,“ ſetzte ſie mit einem verächtlichen Lächeln hinzu.„Du ſcheinſt eine ſolche Leidenſchaft für Antiquitäten zu haben.“ „Gewiß,“ ſagte Mabel entſchieden;„fragte ſie nach mir?“ 3 „Freilich,“ gab Louiſe zur Antwort mit einer etwas herausfordernden Miene, wie ſie Mabels Wange ſich röthen * = 181— ſah,„und ich habe Dir einen guten Dienſt geleiſtet und Dir eine unleidlich langweilige halbe Stunde erſpart, in⸗ dem ich ihr ſagen ließ, daß Miß Vaughan nicht zu Hauſe ſei— dafür, denke ich, ſollteſt Du mir wenigſtens danken.“ „Louiſe!“ rief Mabel aus, und in dieſer einfachen Nennung des Namens ihrer Schweſter ſprach ſich all das Erſtaunen, der Schmerz und die Kränkung aus, welche dieſe kaltblütige Erklärung in ihr erregte— denn da heute Mabels Empfangstag war, war nicht einmal die conven⸗ tionelle Entſchuldigung für dieſe Lüge vorhanden. Louiſe, die, ſo ſehr ſie im Unrecht ſein mochte, immer mit einer Erwiderung bei der Hand war, begegnete Mabels entrüſtetem Tadel mit der ſchneidenden Bemerkung:„Mach kein ſo böſes Geſicht, meine Gute, Mr. Dudley hält Dich ſonſt für eine Xantippe. Wenn Vater Noah kommt,“ ſetzte ſie in ſpöttiſch beſänftigendem Tone hinzu,„ſo ſollſt Du ſelbſt Alles anordnen und ſeine Geſellſchaft ganz für Dich allein haben, denn ich hoffe, nicht anweſend zu ſein, um an der Ehre theilnehmen zu können;“ und mit ihrem gewöhnlichen muntern Lachen und tanzenden Schritt trat ſie an das offene Piano und fing an, eine luſtige Melodie zu ſpielen, zu der ſie die Worte ſang:„o nein, ich werde nicht da ſein!“ Die gerechte Entrüſtung, welche ſich auf Mabels Ge⸗ ſicht gezeigt hatte, machte jetzt einem Ausdruck verletzten Gefühls Platz, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als ſie mit wahrhaft würdevoller Milde ſagte:„ich bin nicht böſe, Louiſe, aber es thut mir in jeder Hinſicht weh;“ und dann in Verlegenheit gebracht durch das Bewußtſein, daß Dudley's Auge auf ihr ruhte, ging ſie haſtig nach dem Erkerfenſter und ſah, halb verſteckt von dem Schatten der ſchweren Vorhänge, wie Madame Percival, ohne von der — 8ʃ☛ 8— 4 ——— Unehrerbietigkeit, mit der man ſie eben behandelte, das Mindeſte zu ahnen, langſam die Straße hinabging. Mabel war immer noch in ſchmerzliches Nachdenken verſunken, als ſie aus ihren Träumen des dicht neben ihr ſtehenden Dudley's Stimme weckte, der leiſe und in theil⸗ nehmendem Tone zu ihr ſagte:„auch mir thut es leid.“ „Was thut Ihnen leid?“ fragte Mabel verwirrt. „Daß Sie in dieſer Weiſe verletzt worden ſind. Es war ſehr unſchön von Louiſen, daran kann kein Zweifel ſein— es kann gar nicht in Frage kommen, wer hier Dame vom Hauſe iſt.“ „O, das war es nicht,“ ſagte Mabel raſch;„ich bitte Sie, mich nicht für ſo kindiſch zu halten;“ und ihr Auge folgte abermals Madame Percival—„aber ſie iſt ſo viel älter als ich und kam noch dazu zu Fuß; außerdem,“ ſetzte ſie mit Einfachheit hinzu,„bin ich zu Hauſe.“ „Sehr wahr,“ ſagte Dudley; und dann trat eine augenblickliche Pauſe ein; denn Louiſe zu verdammen, konnte kaum Mabel zufrieden ſtellen, und es ſchien ſchwie⸗ rig zu ſein, der Sache eine gute Wendung zu geben. Dudley fand jedoch Mittel, ſie in ein neues Licht zu ſetzen.„Jedenfalls eine höchſt unritterliche Weiſe, durch⸗ zuſchlüpfen,“ ſagte er nachdenklich;„einen ſolchen Kunſt⸗ griff würden Sie ſich geſchämt haben, anzuwenden, Miß Mabel; aber während ich die Mittel tadle, kann ich nicht umhin, Ihnen zu dem Reſultat Glück zu wünſchen.“ „Betrachten Sie es als ein glückliches Reſultat?“ fragte Mabel, indem ſie ihn mit einigem Erſtaunen anſah. „Dieſer Beſuch ſcheint mir eine eben ſo unverdiente wie unerwartete Ehre zu ſein.“ „Ihnen unerwartet,“ ſagte Dudley mit einem bedeut⸗ ſamen Lächeln und ſeinem eigenthümlichen und ausdrucks⸗ vollen Achſelzucken,„aber ich fühlte mich gleich überzeugt, daß Sie ein zu werthvoller Rekrut wären, um überſehen e—⅛⅛ — 186— zu werden. Ich habe für Sie gezittert ſeit dem erſten Au⸗ genblick, wo ich ſah, daß Sie die Aufmerkſamkeit des Herrn auf ſich zogen, den Mrs. Leroy Vater Noah nennt. Er iſt Geiſtlicher in beſonderem Dienſt, was ſo viel als Werbeunteroffizier heißt. Er hat ſich jedenfalls bei der Obergeneralin gemeldet, die ſchwerlich die Hülfstruppen überſehen wird, die Sie ins Feld ſtellen können.“ „Jilh! „Ja gewiß; haben Sie nicht Zeit, Einfluß und Geld zu Ihrer Verfügung?“ Ein Schatten trübte Mabels Geſicht. Alſo nicht ich habe ihr Intereſſe erweckt, dachte ſie, ſondern die Stellung und der Reichthum meines Vaters. „Allerdings,“ fuhr Dudley fort;„ich verſichere Ihnen, mein Geiſt fühlt ſich von vielen unangenehmen Viſionen befreit, welche die Karte dieſer Dame heraufbeſchwor. Ich dachte mir Sie ſchon im einfachen grauen Kleide einer Leh⸗ rerin in einer Findlingsſchule, wie Sie mit den Knöcheln der einen Hand die Köpfe der widerſpenſtigen Kinder klopfen und den Zeigefinger der andern Hand mahnend in die Höhe halten, während Sie rufen: Achtung!“ Mabel lächelte. „Oder in einer Schürze von ungebleichtem Baum⸗ wollenzeug und mit einer großen Scheere bewaffnet als Vicevorſteherin einer, auf wiſſenſchaftliche Principien ge⸗ gründeten Zuſchneide⸗ und Bekleidungsakademie zur Aus⸗ bildung hülfsbedürftiger Nähterinnen;— oder mit einer Feder hinter dem Ohre und einem dicken Contobuch unter dem Arme und die Stirn gerunzelt von den ſchweren Pflichten einer Schatzmeiſterin des Vereins zur Beförde⸗ rung der Auswanderung ausländiſcher Almoſenempfänger.“ Mabel lachte gerade heraus über das Lächerlich zund im Punkte des Geſchmacks abſtoßende Bild, das er dar⸗ ſtellte. „Komm!“ rief Louiſe aus, indem ſie vom Piano aufſtand.„Warum wählen wir uns nicht lieber unſere Rollen aus? Ich habe mich faſt für das Fach der Comö⸗ die entſchloſſen, wenn Du Tragödie ſpielen willſt, Mabel.“ „Ich habe Ihrer Schweſter einige tragiſche Rollen vorgeſchlagen,“ fiel Dudley raſch ein,„aber es ſcheint nicht, als ob eine derſelben ihren Wünſchen ganz ent⸗ ſpreche. In fünfzig Jahren vielleicht,“ ſetzte er halblaut zu Mabel hinzu,„können Sie daran denken, Ihr freund⸗ liches Geſicht unter der ſchwarzen Kapuze einer barmher⸗ zigen Schweſter zu verbergen. Unterdeſſen wollen wir uns mit Anziehenderem beſchäftigen.“ Und in der Beſchäftigung mit nichtigem Tand vergaß nun Mabel die ehrwürdige, chriſtliche Matrone und ihre ſchönen Pläne, der Menſchheit nützlich zu ſein; oder wenn ſie derſelben gedachte, ſo erſchien ſie ihr nur als eine Per⸗ ſon, die Mr. Vaughan'’s Reichthum zu ihren Donquixo⸗ tiſchen Unternehmungen hatte benutzen und ſeine Tochter verlocken wollen, ihre Jugend widerwärtigen und im beſten Falle unnützen Anſtrengungen zu opfern. Erſt faſt einen Monat nach Madame Percivals Beſuch dachte Mabel an die Nothwendigkeit, ihre Höflichkeit zu erwidern; und ſie begnügte ſich, eine Karte bei ihr abzu⸗ geben. So mächtig wirkt die Furcht, ſich lächerlich zu machen. Beim Beginn des Diners fand Louiſens Mangel an Wahrheitsliebe und Anſtand eine neue Gelegenheit, ſich zu zeigen, und auch hier trat Dudley als Vermittler auf. Ein ernſter, ältlicher Herr führte Miß Sabiah, die er natürlich für die Dame vom Hauſe hielt, zu Tiſch, als Louiſe am Arm eines jüngern Herrn an ihnen vorübereilte und den Vortritt nahm, wobei ſie, ſich halb umwendend, ſagte: „mit Ihrer Erlaubniß, Tante; der Vater wünſcht, daß ich heute den Vorſitz führe;“ und im nächſten Augenblick — 188— ſaß ſie an der Spitze der väterlichen Tafel und nahm an⸗ muthig und ohne zu erröthen den Platz ein, den bis dahin beſtändig Miß Sabiah beſetzt hatte. Wenn es nicht gar ſo ärgerlich geweſen wäre, hätte man ſich amüſiren können über die ungeſchminkte Keckheit dieſer Uſurpation. Die meiſten Gäſte, welche Fremde waren, merkten Nichts davon; aber Mabel, die dieſe zweite offenbare Unwahrheit mit anhörte und wie erſtarrt war über die Anmaßung ihrer Schweſter, konnte kaum ihre Aufregung und ihren Verdruß verbergen; während Har⸗ ry's Auge von dem ander Ende der Tafel zornig herüber⸗ blitzte und auf Mr. Vaughan's ſanften Zügen ſich unzu⸗ friedene Verlegenheit zeigte. Was Miß Sabiah betrifft, ſo hätte Jeder, der ſich in ihrer Nähe befand, bemerken müſſen, wie ſehr verletzt und gekränkt ſie war, wenn nicht Dudley, der zufällig neben ihr ſaß, ihr über ihre Verwirrung hinweg geholfen hätte, indem er ſie einige Minuten lang in ein Geſpräch zog, das er ganz allein führen mußte, wodurch er ihr aber Zeit gab, ihre gewöhnliche ſteife und förmliche Faſſung wieder zu ge⸗ winnen. Dieſe weltmänniſche Gewandtheit in ſeinem Auftreten als Gentleman, was Dudley ſtets etwas ausnehmend Ver⸗ bindliches gab, ward von Mäbel nie mehr gewürdigt, als bei dieſer Gelegenheit; denn ihrer Entrüſtung über das Benehmen Louiſens kam nur der Schmerz gleich, mit der ſie die Gefühle ihrer Tante ſo tief verletzt ſah. Sie konnte ihm nicht in Worten danken, aber ihr dankbares Lächeln zeigte genügend, wie ſehr ſie ſeine zarte Rückſicht. anerkannte. Er ſaß zwiſchen ihr und ihrer Tante, und wie er ſich von Letzterer wegwendete und Mabels billigen⸗ dem Blick begegnete, ſagte er leiſe zu ihr:„Miß Vaughan's Nerven ſind empfindlich.“ „Sehr,“ ſagte Mabel, mit einem beſorgten Blick auf . K4 — 189— Miß Sabiah, die jetzt verſuchte, ihrem nächſten Nachbar auf der andern Seite einſylbige Antworten zu geben. „Wir ſind Alle Geſchöpfe der Gewohnheit,“ bemerkte Dudley,„und ich ſehe, daß ältliche Damen die kleinen Ehren ihres Amtes lieben. Wenn man ihnen zumuthet, ihnen zu entſagen, ſo ſollten ſie wenigſtens die Befriedi⸗ gung haben, den rechtmäßigen Erben ihre Stelle vertreten zu ſehen.“ Sein Geſicht ſprach deutlich aus, daß ſeiner Meinung nach von den beiden Schweſtern Mabel den beſten Anſpruch habe, an der Tafel ihres Vaters den Vorſitz zu führen, und er ſprach Dies ſogar noch deutlicher in Worten aus. „Miß Vaughan,“ ſagte er,„iſt, ſo viel ich weiß, nur auf Beſuch hier und beſitzt kaum die nöthigen Eigenſchaften, um die Rolle einer Dame vom Hauſe zu übernehmen— aber Miß Mabel iſt ohne Zweifel Diejenige, die den erſten Anſpruch darauf hat, und wir erwarten natürlich, ſie auf dem Ehrenplatz zu ſehen.“ Er hat Recht, dachte Mabel; und zum erſten Mal fiel ihr das linkiſche Weſen ihrer Tante und ihre Unbekannt⸗ ſchaft mit den Gebräuchen der feineren Geſellſchaft auf. Zum erſten Mal fühlte ſie ſich berufen, in der Rolle zu glänzen, die Miß Vaughan bisher übernommen hatte, und zum erſten Mal bedauerte ſie die großmüthige und wie es ihr jetzt erſchien, unüberlegte Regung, die ſie bei ihrer erſten Ankunft im väterlichen Hauſe bewogen hatte, ohne Zögern ihren Anſpruch aufzugeben. Wer ſoll wagen, zu beſtimmen, wie weit ſich Eigen⸗ liebe in dies Bedauern miſchte und wie viel von ihrer natürlichen Ehrfurcht vor überkommenen Erinnerungen und gereifterem Alter über dieſen Berechnungen kalter Po⸗ litik vergeſſen ward! Das war jedoch nicht der einzige und auch nicht der wichtigſte Punkt, in welchem ihre Pietätsgefühle heute — 490— einen Angriff erdulden ſollten. Mabel war von einer aufrichtigen Liebe für ihr Vaterland durchglüht, von einem ſtarken Glauben an ſeine republikaniſchen Inſtitutionen und ſeine ihm von Gott vorgezeichnete Beſtimmung unter den Nationen, und als die Unterhaltung einiger begabter Mitglieder der Geſellſchaft eine politiſche Wendung nahm, wurden ihre Theilnahme und ihre Aufmerkſamkeit ſofort rege. Mehr als eine politiſche Partei war mit Gewicht ver⸗ treten, aber in der Debatte herrſchte ein freundſchaftlicher, obgleich ernſter Ton und Alle waren einig in der Auf⸗ richtigkeit ihres patriotiſchen Eifers für die Ehre und Wohlfahrt ihres Vaterlandes und einer tiefen Ueberzeu⸗ gung von dem Einfluſſe, den es auf die Durchführung freiſinniger Principien in der ganzen Welt auszuüben be⸗ ſtimmt war. Mabels Antlitz glühte und ihre Augen ſtrahlten, wie ſie den hoffnungsreichen und begeiſterten Prophezeihungen eines Mannes zuhörte, der, reich an Erfahrungen unter verſchiedenen Miniſterien, die praktiſche Wirkſamkeit des amerikaniſchen Regierungsſyſtems beobachtet hatte und, triumphirend auf das beſtändig zunehmende Gefühl für Wahrheit und Gerechtigkeit in der Nation hinweiſend, vorauszuſagen wagte, daß der Tag dereinſt kommen würde, wo Amerika, gereinigt von den Flecken überkommener Miß⸗ bräuche, ein vollkommenes Muſter für zukünftige Republiken werden würde. „Sie ſind eine Politikerin, wie ich ſehe, Miß Vaughan,“ ſagte Dudley, der ſie mit demſelben Intereſſe beobachtet hatte, wie ſie den Sprecher. „Ich!“ rief Mabel aus, indem ſie ſich plötzlich gegen ihn wendete und erröthete, wie ſtets, wenn ſie ſich bewußt ward, daß ſie ihren Enthuſiasmus verrathen hatte.„O nein!“ — 191— „Dann eine Patriotin?“ „Schwerlich das,“ entgegnete Mabel.„Ich fürchte, mir fehlt der Heroismus einer Patriotin, aber ich hoffe, dieſer uns prophezeite Tag des Ruhms wird endlich kom⸗ men und ich werde ihn noch mit meinen Augen ſehen.“ „Ich hoffe,“ ſagte Dudley in einem Tone, der be⸗ rechnet war, kaltes Waſſer auf ihre Begeiſterung zu gießen, „ich hoffe dagegen, daß Sie dieſen vielgeprieſenen Staa⸗ tenbund nicht ſo tief in der Reihe der Nationen werden ſinken ſehen, als meine Befürchtungen mir vorausſagen. Die Elemente des Berralls n unn des Untergangs ſind bereits thätig; man muß erſtaunen über das blinde Vertrauen, mit dem ſich dieſe ſogenannten Staatsmänner bemühen, mit hochtönenden Worten das wankende Gebäude der na⸗ tionalen Wohlfahrt zu ſtützen.“ Darauf wendete er ſich an Denjenigen, deſſen Beredtſamkeit Mabel ſo begeiſtert hatte und bat ihn um die Löſung einiger jener ſchwierigen und verwickelten Probleme in der zukünftigen Laufbahn der Republik, welche das große Publikum mit Bangigkeit erfüllen und die beſten Fähigkeiten der Weiſeſten zur Ver⸗ zweiflung bringen. Die Frage hatte eine Antwort zur Folge, welche ihrer⸗ ſeits wieder eine kurze, aber lebendige Debatte veranlaßte, die von beiden Seiten mit großem Geſchick geführt ward, in der Dudley aber ganz beſonders glänzte, denn ſein Gegner war ihm in Klarheit der Beweisführung und Kraft und Gewandtheit der Logik keineswegs gewachſen; und nicht blos Mabel, ſondern auch ältere und weiſere Perſonen als ſie ſahen ſich gezwungen, anzuerkennen, daß ſeine Beſorgniſſe begründet waren und fühlten faſt ſchon das ſociale Gebäude unter ſich wanken, wie er die großen Gefahren, die ihm drohten, ſchilderte. Es war jedoch weder nach ſeinem Geſchmack, noch lag es in ſeinem Plane, den Streit über den Austauſch einiger — 192— wenigen hervorſtechenden Ideen und Andeutungen hinaus zu ſpinnen und er ließ dann mit Gewandtheit und An⸗ muth einen für Zeit und Ort ſchlecht geeigneten Unterhal⸗ tungsſtoff fallen. Er geſtattete ſogar ſeinem Gegner den Vortheil des letzten Worts, welches dahin lautete, daß Niemand vorausſehen könnte, wie alle dieſe Dinge enden würden— daß man auf Mr. Dudley's Fragen allerdings keine Antwort zu geben wiſſe— aber daß er, wie er ſchon vorhin geſagt, Vertrauen auf die Nation im Ganzen und auf die allmächtige Vorſehung habe, die ſie ſo weit geſchützt Filte Der Herr ſetzt ein erſtaunliches Vertrauen auf die Clukante aus welchen dieſes Gemeinweſen zuſammengeſetzt iſt,“ ſagte Dudley zu Mabel, als die Unterhaltung um die Tafel wieder allgemein geworden war;„er ſcheint auch mit großer Zuverſicht auf die göttliche Einmiſchung zu hoffen. Glaubt er etwa, daß die amerikaniſche Republik an Intelli⸗ genz die Republiken des alten Griechenlands und des alten Roms übertrifft? Oder daß der erſteren ewige Dauer be⸗ ſtimmt iſt, während die anderen das Schickſal dem Unter⸗ gang weihte?“ Die Frage hatte viel für ſich und machte einen ſtarken Eindruck auf Mabel, denn Niemand war bei der Hand, der die Antwort hätte geben können— daß auf der Chriſtlichkeit der Nation die wahre Sicherheit ihrer Kinder und die Hoffnung auf ihre zukünftige Herrlichkeit beruht. Es war nicht wunderbar, daß Dudley düſtere Zweifel über einen Sieg hegte, deſſen Keim er vollſtändig überſah. Ach, wie viel überſah er in dieſer Welt, die ihm in ihren Künſten, in ihren Wiſſenſchaften, in ihrem Reichthum, in ihrer Kenntniß und in ihrem Stolze ſo herrlich erſchien! Wie armſelig ſind alle dieſe Schätze im Vergleich zu der koſtbaren Perle, welche er im vermeſſenen Stolze ſeines Ichs hochmüthig verachtet und, weil er ſie verachtet, nicht — 193— zaudert, Andern die kindergleiche Einfalt und das kindliche 1s 32 ſ⸗ Vertrauen zu rauben, welche die Erde mit himmliſchem l⸗ Glanze umgeben und die auserleſene Zier ihrer Frauen⸗ krone bilden! 1ß Und was wird er ihr dafür geben? Er mag immerhin die Schätze der Gelehrſamkeit und 1 des Wiſſens durchwühlen oder die Quellen der Phantaſie an und des Witzes bis auf den Grund erſchöpfen— niemals nd kann er ihr die heilige Freude zurückgeben, welche aus der 6t Liebe alltäglicher Dinge, der Pflege natürlicher Empfindung, 4 dem Glauben an menſchliche Tugend und die Vorſehung je Gottes entquillt. 6t Die Zeit wird kommen, wo ſie dieſe alle brauchen wird. Ach! was wird ihr alsdann dieſen ſchweren Verluſt erſetzen, wenn ihr Herz aufſchaut in ſeiner bittern Qual und keine Stimme ihr Antwort gibt? Mabel Vaughan l. 13 —* ä A, 2 3 —8ſſſſſſſ Vierzehntes Aapitel. Ach, wie ſchwer erträgt Das jugendliche hoffnungsvolle Herz Den erſten Schlag! Noch iſt ihm fremd die Rolle, Die ihm das Leben lehrt— zu dulden und zu ſchweigen. Mrs. Hemans. Noch einige Wochen vergehen. Die feine Welt iſt ſo heiter als je. Muſik, Lachen, Tanz, Faſhion und äußerer Glanz vergolden immer noch die Oberfläche derjenigen Phaſe der Menſchheit, welche ihr zuckendes Herz hinter dem Schleier conventionellen Brauchs verſteckt oder ſeine Seelen⸗ pein unter der Laſt angenommener Heiterkeit erdrückt. Noch vor kurzer Zeit gehörte Mabel zu denen, die einen ſolchen Schleier nicht trugen und ſich unter keiner ſolchen Laſt beugten. Ihre Bewegungen waren frei, ihr Lächeln echt und ihr Herz leicht. Aber jetzt iſt es anders geworden; Mabel iſt nicht länger eine Ausnahme und hat ſich verän⸗ dert. Nicht daß die Welt ihr ihre Gunſt entzogen hätte, obgleich ihre Bewunderung vielleicht etwas mit Neid ver⸗ miſcht iſt.“ Nicht daß ihre Geſundheit gelitten hätte, ob⸗ gleich die Roſen auf ihren Wangen ein wenig erbleicht ſind; es iſt auch nicht die Wirkung der Ueberſättigung, denn das neue Element, welches ein überlegener Geiſt ihrem täg⸗ lichen Leben mitgetheilt hat, hat nichts von ſeinem Reiz 1 5 u 1 4 7 — 195— verloren. Aber die einſt ſo heitere, glückliche und ſorgen⸗ loſe Mabel iſt plötzlich und ſeltſam verändert. Die kurzſichtige Welt ſieht es nicht; ſelbſt das Auge der Liebe bleibt blind gegen die Thatſache und kaum er⸗ kennt ihr eigenes Herz die ſchmerzliche, aber unſägliche Laſt an. Dennoch durchdringt ihr Einfluß jeden Antrieb zu handeln und verleiht jedem Gedanken eine andere Färbung; denn ſo ſehr es auch noch Andern verborgen geblieben iſt, ſo ſehr ſie auch ſelbſt dagegen ankämpft, hat Mabel, die bisher ſo ſorgenloſe Mabel, doch Etwas auf dem Herzen. Was es immer ſein mag, etwas Kummerbringendes iſt es; denn die Lebhaftigkeit, die früher ſo natürlich aus dem Herzen herauskam, iſt jetzt gezwungen und launenhaft; es muß etwas Beunruhigendes ſein, nach dem nervöſen Aufſchrecken und dem gelegentlichen Zittern zu urtheilen, welche Beſorgniß und Herzensangſt verrathen; es iſt etwas Geheimes, denn ſie ſagt es Niemand, behält ſelbſt eine angenommene Ruhe bei und prüft die Geſichter Anderer mit forſchender Neugier. Auch eine Aenderung in ihren Gewohnheiten verräth eine entſprechende Umwandlung in ihren Empfindungen, Beweggründen und Abſichten. Sie eilt nicht mehr, ein fröhliches Liedchen trällernd, nach dem Frühſtückszimmer, ſie geht nicht mehr leichten Fußes an die Thüre ihrer Tante, um ihr mit noch leichterem Sinne einen guten Morgen zu wünſchen, ſondern ſie bleibt in ihrem Zimmer, lauſcht auf die Schritte der übrigen Mitglieder der Familie, welche ſich zum Frühſtück verſammeln, und wenn ſie endlich erſcheint, ſieht ſie mit beunruhigter Miene und forſchendem Blick ſich unter den Anweſenden um. Und kehrt ſie Nachts von den glänzenden Zerſtreuungen zurück, denen ſie ſich jetzt noch eifriger hingibt, als früher, ſo ſcheint ſie den Schlaf ganz zu vergeſſen, den ihr jugendlicher Körper verlangt und 13* — 196— geht, nachdem ſie ihr Mädchen fortgeſchickt hat, mit un⸗ gleichen Schritten im Zimmer auf und ab, blickt zum Fenſter hinaus in die Nacht oder macht geräuſchlos die Thür zu und bewegt ſich wie ein Geſpenſt durch das Haus und horcht an Spalten und ſieht durch Schlüſſellöcher. Plötzlich dann von einem leichten Geräuſch erſchreckt, flieht ſie in ihr Zimmer zurück, wiſcht ſich vielleicht eine Thräne aus dem Auge und verſucht, die Lampe auf dem Tiſch brennen laſſend, zu ſchlummern. Auch in der Geſellſchaft verrathen, wenn auch Andern ungeſehen, viele und häufige Anzeichen wenigſtens einem beobachtenden Auge die geheime Furcht, die ſie nie verläßt. Das raſche Erglühen des Geſichts, das aufgeregte Sprechen von Gegenſtänden von unbedeutendem Intereſſe, das nervöſe Auffahren, wenn man ſie unerwartet anredet und eine ge⸗ legentliche Zerſtreutheit legen alle Zeugniß ab für die That⸗ ſache, die zu verbergen jetzt die Hauptſache ihres Lebens iſt. Ja ſogar ihr Pfad, ſo ſonnig er erſcheint, führt durch die öde Wüſtenei, welche die Menſchheit zu durch⸗ wandeln beſtimmt iſt. Auch ihr war gleich den Uebrigen ihre Bürde zugetheilt und ſie mußte ſie tragen ſo gut es ging. Es kam plötzlich über ſie. Allerdings hatte ein warnender Schatten, eine unbeſtimmte Beſorgniß ſich ein oder zwei Mal ihres Gemüths bemächtigt; aber der von grauſamen Händen geführte Schlag traf ohne Vorrede oder Warnung ins Herz. Es ereignete ſich in folgender Weiſe. Sie ſaß dem⸗ ſelben Portraitmaler, der in jener Abendgeſellſchaft ſo viel Eifer an den Tag gelegt hatte, Gelegenheit ſie zu malen zu bekommen und dem, da Dudley's Empfehlung ihn un⸗ terſtützte, Mr. Vaughan bereitwillig entgegenkam. Es war am Morgen nach dem bereits erwähnten coſtümirten Ball. Da die Feſtlichkeit ziemlich lange ge⸗ dauert hatte, koſtete es Mabel einige Anſtrengung, ſich dazu — — 197— zu bringen, ſich zur feſtgeſetzten Stunde bei dem Künſtler einzufinden; aber ſeine Zeit war koſtbar und ſie wollte ihn nicht vergeblich warten laſſen. Miß Sabiah be⸗ gleitete ſie gewoͤhnlich bei dieſen Gelegenheiten, aber da das ehrwürdige Alter und der Charakter des Portrait⸗ malers ihre Gegenwart überfluſſig machten, und der Kutſcher dieſen Morgen ſeine Pferde beſchlagen ließ, ſo ging Mabel diesmal allein und zu Fuß nach dem Atelier, nachdem ſie ihre Tante gebeten hatte, ſie zu einer beſtimmten Stunde im Wagen abholen zu laſſen. Mr. Geraldi, der für die Unterhaltung ebenſo viel Talent hatte, wie für die Malerei und dem es ſelten miß⸗ lang, die unvermeidliche Langeweile während des Sitzens durch ſeine angenehmen Geſpräche zu kürzen, hatte dieſen Morgen mit mehr als gewöhnlicher Begeiſterung ſich über Gegenſtände ſeiner Kunſt verbreitet und entweder zufällig oder mit bewußtem Takt durch eine warme Lobrede auf die Kenntniſſe und den Geſchmack ſeines Freundes Dudley auf Mabels Antlitz den lebendigen Ausdruck der Theil⸗ nahme gezaubert, den er auf ſeiner Leinwand darzuſtellen ſo angelegentlich wünſchte. Er hatte gerade ein entſchei⸗ dendes Stadium in ſeiner Arbeit erreicht und es zeigte ſich daher auf ſeinem Geſicht nicht geringer Verdruß, als die außere Thür ſeines Ateliers ohne Umſtände geöffnet ward und eine Geſellſchaft faſhionabler junger Damen eintrat, welche aus bloßer Neugier herkamen, um ſich einige ausge⸗ ſtellte Portraits zu beſehen. Ein breiter Schirm, welcher durch die ganze Länge des Zimmers ging, verbarg Mr. Geraldi und Mabel dem Auge der Ankömmlinge, aber ihre lauten Stimmen und ihre ausſchweifende Heiterkeit ſetzten den Künſtler kaum weniger in Verlegenheit, als ihr Eintritt in ſein eigentliches Ar⸗ beitszimmer gethan haben würde; vorzüglich da er, ſo gleichgültig er ſich gegen die Kritik uneingeweihter ſtellen — ——ᷣ—ᷣ—ꝛ—’:ryy-⸗ õõ — 198— mochte, nicht ganz unempfindlich für die ungeſchminkten Bemerkungen bleiben konnte, die ſie über ſeine Werke machten. „Seht nur,“ rief Eine,„da iſt Mrs. Leonard!“„Sieht ihr gerade ſo ähnlich wie mir,“ rief eine Zweite.„Ich hoffe, ſie hat es ihm gut bezahlt, daß er ſie zu einer Schönheit gemacht hat,“ ließ ſich von Neuem die erſte Sprecherin hö⸗ ren; während eine Dritte ein unvollendetes Portrait, das an die Wand gelehnt da ſtand, umdrehte und es ein ge⸗ naues Ebenbild der Miß Oldbelle ohne ihre Schminke und ihre gefärbten Haare nannte. Mr. Geraldi lächelte. Mabel erröthete, denn ſie er⸗ kannte die Stimmen einiger ihrer Freundinnen und befürch⸗ tete, bald einige ſchneidende Sarkasmen zu hören. Wol hatte ſie Urſache, zu zittern, aber nicht um des Künſtlers willen; die giftigen Pfeile dieſer böſen Zungen ſollten ein näheres Ziel wählen und ſie ſelbſt ins Herz treffen. „Wo iſt Mabel Vaughan?“ rief Victoria Vannecker aus.„Geraldi malt ſie; das iſt das einzige Bild, das ich wirklich ſehen möchte.“ „Du fühlſt ein ſchweſterliches Intereſſe, Vic,“ rief eine andere Stimme aus.„Kein Wunder!“ und dann folgten verſchiedene alberne und wenig feine Scherze in Bezug auf die angeblich in Ausſicht ſtehende nähere Verwandtſchaft zwiſchen Miß Vannecker und der Familie Vaughan. Mabels Lippen verzogen ſich zu einem Ausdruck leiſen Spottes, wie ſie dieſe unwillkommenen und anmaßenden Pläne anhörte. „Man muß den Hammerley's die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen,“ rief die Aelteſte und Lauteſte von Victoria's Begleiterinnen,„daß keine Feſtlichkeit dieſes Winters nur halb ſo gut und glänzend ausgefallen iſt als der geſtrige Ball. Alles war ſo prächtig eingerichtet und dieſer letzte Gnn— 199— Tanz war ſo aufregend— es iſt mir faſt, als ob ich noch ſchwebte!“ und ſie ſummte ein paar Noten des Lieblings⸗ walzers der Saiſon. „Es wird erzählt, ſie hätten gar nicht aufgehört, Cham⸗ pagner zu trinken,“ ſagte Victoria. „Ich ſollte es faſt meinen,“ ſagte eine andere und etwas ſanftere Stimme.„Saht ihr Mr. Van Roßberg und den jungen Kreolen, der als Spanier gekleidet ging? Ich fürchtete wahrhaftig, es würde zu einem Duell kommen. Ich bin überzeugt, ſie waren Beide vom Wein aufgeregt.“ „O, das iſt Nichts,“ rief abermals die Dame mit der lauten Stimme.„Ich weiß von guter Autorität, daß zwei oder drei von unſern Bekannten erſt nach Hellwerden nach Hauſe gekommen ſind und dann nicht ohne Hülfe. Dein Malteſer⸗Ritter, Vic, hatte mehr als jeder Andere ſeinen Antheil an dem Champagner gehabt.“ Miß Vannecker lachte. „Was machteſt Du im Speiſezimmer unmittelbar vor dem letzten Tanz? haſt Du Geſundheiten getrunken?“ „O, Robin Hood brachte den allerſpaßhafteſten Toaſt aus,“ ſagte Victoria.„Ich wollte, ich könnte mich ſeiner erinnern; es war darin von einem Horn die Rede; und der kleine John— Fred Earle, wie ihr wißt— antwor⸗ tete; und mein Malteſerritter hielt eine kleine Rede— Alles unter uns, wißt ihr, dort in der Ecke; aber ach, es war ſo drollig! Fanny und ich haben ſo gelacht! Fanny Broadhead, die Elfenkönigin, vergaß darüber ganz, ihre Florflügel in Acht zu nehmen, und die große dicke Mrs. Makeway ſtieß an ſie an und zerdrückte einen derſelben, daß es gar zu lächerlich ausſah. Fanny war ſchrecklich ärgerlich! Es geſchah ihr aber ganz recht, denn ſie hätte nie daran gedacht, dieſe Rolle zu übernehmen, wenn ſie nicht gewußt hätte, daß ich ſie gern gehabt hätte. Wie wüthend ſie war, als der Malteſerritter ihr zeigte, daß Dies ein Beweis ſei, —n——— — 200— daß ſie keine echte Elfe ſei. Das war gerade, als wir zum Tanz antreten wollten,“ ſetzte Victoria mit einer af⸗ fectirten und ſelbſtgenügſamen Miene hinzu,„und ich weiß wahrhaftig nicht, wie ſie den Schaden ausgebeſſert hat.“ „Dein treuer Ritter war um dieſe Zeit des Abends in mehr als einer Hinſicht ſehr lebhaft,“ ſagte ihre Freun⸗ din.„Sowol mein Tänzer, als Deiner, Vic, trug das Seinige dazu bei, den Tanz munter zu machen. Die Hammerley's und einige Andere, die es wiſſen können, behaupten jedoch,“ hier ließ ſie ihre Stimme genug ſinken, um ihren Worten eine verſteckte Bedeutung zu geben,„daß es nicht das erſte Mal iſt, wo der Malteſerritter die Unter⸗ ſtützung des Bedienten ſeines Vaters gebraucht hat. Aber mein Gott! das ſagen ſie von der Hälfte aller jungen Leute!“ „Ganz gewiß,“ ſagte Victoria, als die Geſellſchaft, die lange aufgehört hatte, die Gemälde zu betrachten, ſich zum Gehen bereit machte, und ehe noch die Thür ſich hinter ihnen ſchloß, hörte man noch von einer der Damen die Worte:. „Pah! wozu iſt der Champagner da, als zum Trin⸗ ken?“ Mr. Geraldi, der den Kopf über die Palette gebeugt, einige Farben gemiſcht hatte, während er ungeduldig auf das Fortgehen der geſchwätzigen Beſucher wartete, blickte jetzt wieder auf, um von Neuem die Arbeit an der Staffe⸗ lei zu beginnen, aber er konnte kaum glauben, daſſelbe Ge⸗ ſicht vor ſich zu ſehen, welches er vor wenigen Augenblicken ſtudirt hatte. Die beweglichen Züge waren ſtarr gewor⸗ den, die Lippen preßten ſich zuſammen, das Geſicht war faſt farblos, während die lebendige Intelligenz des Aus⸗ drucks, die er ſo gern auf die Leinwand hatte verpflanzen woollen, ganz verſchwunden und von der leeren und zer⸗ ſtreuten Miene erſetzt worden war, welche man oft auf Ge⸗ — . —— — — —— — 201— ſichtern bemerkt, wenn das Gemüth von peinigender Selbſt⸗ beſchauung in Anſpruch genommen iſt. Das Denken ſtand faſt ſtill in Mabel, aber Gedächt⸗ niß und Phantaſie hatten in lebhaften Farben eine lange Reihe von Thatſachen heraufbeſchworen, auf welche ſich ihr geiſtiges Auge heftete. Seltſame Zweifel und Ahnungen waren ſchon längſt in ihr aufgeſtiegen. Jetzt wurde ihr Alles deutlich. Die zwiſchen Dudley und Harry einge⸗ tretene Erkaltung— die übertriebene Weiſe, wie ihr Bru⸗ der Miß Vannecker den Hof machte— ſein ſcheues Aus⸗ weichen vor ihr— die einſame Nachhauſefahrt geſtern— und der ungewöhnliche Lärm auf der Treppe, der ihren Morgenſchlummer geſtört hatte ſ Alles dies hatten dieſe geſchwätzigen Zungen erklärt, denn Harry war der Malteſer⸗ ritter. Erſt als das laute Zuſchlagen der Straßenthür und das darauf folgende plötzliche Schweigen ſie wieder zu ſich ſelbſt brachte, erkannte ſie die Nothwendigkeit der Selbſt⸗ beherrſchung. Wie ſie aufblickte und Mr. Geraldi's Augen begegnete, überzog raſch ein brennendes Roth ihre Wangen und ihre Stirn und ſie ſtand haſtig auf, als wollte ſie jede weitere Prüfung ihres Geſichts und wo möglich ihrer Em⸗ pfindungen zurückweiſen. „Sie ſind müde, meine liebe junge Dame. Ich habe Sie zu lange in Anſpruch genommen!“ ſagte der gute alte Maler, der nur einen Theil des Geſprächs hinter dem Schirm angehört und darin Nichts gefunden hatte, was ſie in ſolche Aufregung hätte bringen können. „Ja,“ ſagte Mabel mit gebrochener Stimme und faſt ohne zu wiſſen, was ſie ſagte,„ich will jetzt gehen;“ und ſie ſtand auf, nahm mechaniſch Mantel und Hut und ging nach der Thür, wobei ſie faſt den gewöhnlichen Abſchieds⸗ gruß vergeſſen hätte, den ſie endlich faſt ſchon in der Thür — 202— dem überraſchten Künſtler in einer Weiſe bot, die ihre ge⸗ wöhnliche Grazie einigermaßen vermiſſen ließ. Sie hatte den Fußweg erreicht, ehe ſie nur an den Wagen dachte, aber als ſie nun bemerkte, daß er noch nicht da war, ging ſie langſam die Straße hinauf und kehrte dann wieder um— und Dies that ſie zu wiederholten Malen, ohne ſich der Beobachtung der Neugierigen bewußt zu ſein und nur froh, in der friſchen Luft und allein zu ſein. „Miß Mabel!“ rief Donald, als ſie an dem endlich eingetroffenen Wagen vorüber ging, ohne ihn zu bemer⸗ ken. Der Kutſcher mußte ſeiner jungen Herrin folgen und den Ruf wiederholen, ehe er ihre Aufmerkſamkeit auf ſich lenken konnte. „O Donald! ſind Sie's?“ rief ſie in plötzlicher Ueber⸗ raſchung aus; und dann kehrte ſie, ohne ein Wort über ihre eigenthümliche Zerſtreutheit zu verlieren, um, eilte nach dem Wagen, ſprang hinein, warf ſich mit einem ſicht⸗ baren Gefühl der Erleichterung auf den Rückſitz und befahl dem Kutſcher, fortzufahren. „Wohin?“ fragte er und wiederholte die Frage, da er keine Antwort empfing. „Nach Hauſe,“ rief ſie endlich und ſetzte ihn zum erſten Mal durch die Gereiztheit, mit der ſie ſprach, in Er⸗ ſtaunen. Zum Glück war es eine ſtille Straße und Niemand als Donald war da, um Verwunderung über ihre Auf⸗ regung zu fühlen oder auszuſprechen. Sie hatten erſt wenige Schritte zurückgelegt, als ſie plötzlich die Schnur zog.„Fahren Sie zu Mrs. Leroy,“ rief ſie etwas gebieteriſch aus, als ob der Kutſcher gegen ihren erſten Befehl wiſſentlich verſtoßen hätte. Die Arme! ſie wußte kaum, was ſie ſagte oder that. Louiſe war zu Hauſe und Mabel fand ſie in einem reichen 3 J r t d 8 7 8 8 4 * — 203— Morgenkleide auf einem Sopha ruhen, zu ſehr angegriffen von den Anſtrengungen des vorigen Abends, um Etwas thun zu können. Erſt als ſie ihrer Schweſter gegenüber ſaß und eine Pauſe nach dem gewöhnlichen Austauſch von Höflichkeiten eingetreten war, fragte ſich Mabel, weshalb ſie eigentlich hergekommen ſei. Gewiß nicht, um Mrs. Leroy den Ge⸗ genſtand zu verrathen, der alle andern in ihren Gedanken verdrängt hatte. Vielleicht— aber auch deſſen war ſie ſich nicht ganz gewiß— wollte ſie von Louiſen erfahren, ob ſie das traurige Geheimniß ſchon kenne, welches kein Geheimniß war, und in dieſem Falle wiſſen, was ſie dar⸗ über dächte. „Die ganze Zeit ſeit zehn Uhr bei Geraldi geweſen?“ unterbrach Mrs. Leroy das kurze Schweigen.„O, Ma⸗ bel,“ ſetzte ſie matt hinzu, und machte es ſich bequemer auf den Kiſſen,„was Du aushalten kannſt! Ich fühlte mich kaum im Stande, nach den Anſtrengungen der geſtrigen Nacht an den Frühſtückstiſch zu gehen.“ „Du haſt mehr getanzt, als ich,“ ſagte Mabel zer⸗ ſtreut und mit einem halb ſchüchternen und halb forſchen⸗ den Blick auf ihre Schweſter. „Ja, das iſt wahr,“ gab Louiſe mit der ſelbſtzufrie⸗ denen Miene einer jugendlichen Schönheit zurück;„ich weiß nicht, wie es zugeht, aber ich kann nie loskommen. Wie richteſt Du es ein, Mabel? Du tanzeſt freilich nicht ſo leidenſchaftlich, wie ich,“ fuhr ſie fort, ohne eine Ant⸗ wort abzuwarten;„ich bin von Kind auf daran gewöhnt. Ich habe vor Mama's Gäſten die Cracovienne mit Caſtag⸗ netten getanzt, als ich erſt vier Jahre alt war. Eines Abends ſah ein Graf zu— ich kann mich nicht auf ſeinen Namen beſinnen, aber ich weiß noch ganz genau, was er mir über mein Tanzen ſagte.“ Einmal bei dieſem Gegenſtand, hörte Louiſe nicht eher — 204— auf, als bis ſie ganz ausführlich die lange Reihe von Schmeicheleien, die erſt das Ohr des Kindes und dann das des Weibes bis zum heutigen Tage vergiftet hatten, Mabel zum Beſten gegeben; und Mabel, der dieſes klein⸗ liche Zurſchautragen ihrer Eitelkeit nichts Neues war, athmete freier auf, während ſie zuhörte. Sie könnte nicht an ſich und an ſolche Nichtigkeiten denken, wenn ſie wüßte, was ich weiß, dachte Mabel; und ſie fühlte ſich erleichtert bei dem Gedanken, daß es wenigſtens ein Mitglied der Familie gab, das noch Nichts von Harry's Fehltritt wußte. Endlich, nachdem Louiſe eine halbe Stunde lang von einem frivolen Redegegenſtand zum andern geſchweift war, ohne Mabels ungewöhnliches Stillſchweigen zu bemerken, ſtand Letztere auf, um zu gehen.„Bitte, reiche mir dieſe Eau de Cologne, Mabel,“ ſagte ihre Schweſter; und als ſie das Fläſchchen empfangen, goß ſie einige Tropfen auf ihr Taſchentuch und drückte es an die Stirn.„Ich glaube, ich habe Kopfſchmerz,“ ſagte ſie in ſchleppendem Ton; „jedenfalls iſt mir der Kopf ganz eingenommen; ich ver⸗ muthe, es iſt von dem Champagner, den wir geſtern Abend tranken. Mache die Laden zu, Mabel, bitte! Wenn Lydia nur die Kinder nicht herein läßt, kann ich vielleicht ein Schläfchen machen. War Harry heute beim Frühſtück?“ ſetzte ſie lachend hinzu. Mabels Hand zitterte, wie ſie, Louiſen den Rücken zu⸗ gekehrt, verſuchte, die Laden zuzumachen, und ihre Stimme verrieth keine geringe Aufregung, als ſie zur Antwort gab: „warum?“ „O, Nichts,“ entgegnete Louiſe,„ich glaube nur, daß er ziemlich ſpät nach Hauſe gekommen iſt und einen gehö⸗ rigen Rauſch gehabt hat.“ Mabel antwortete nicht, ſondern bemühte ſich vergeblich, die Wirbel des Ladens zuzudrehen. 4 — 205— „Es war zwei Uhr, als wir gingen,“ fuhr Louiſe fort,„und Mr. Leroy erzählte, daß einige der jungen Her⸗ ren im Hotel erſt drei oder vier Stunden ſpäter nach Hauſe gekommen ſind. Ich möchte wetten, daß Harry einer der letztern geweſen iſt, denn Niemand ſchien den Abend mehr zu genießen, als er. Ich habe ihn nie ſo munter geſehen — gewiß mehr in Folge des Soupers, als Victoria Van⸗ necker's Witz; obgleich Victoria mir für dieſe Aeußerung nicht danken würde,“ ſetzte ſie in etwas gleichgültigem Tone hinzu. Mabel drehte ſich langſam um und heftete ihre Augen feſt und verwundert auf das Geſicht ihrer Schweſter. Louiſe begegnete dieſem bekümmerten und vorwurfsvollen Blick mit ihrem gewöhnlichen leichtblütigen und ſpöttiſchen Lachen. „Sieh nur nicht gar ſo entrüſtet aus,“ rief ſie endlich aus, ein wenig gereizt von Mabels Schweigen, das viel ausdrucksvoller war, als alle Worte, die ſie hätte ſprechen können;„Du biſt gerade, wie Mr. Leroy. Er ſchwatzt immer, daß Harry in ſchlechte Geſellſchaft gerathen wäre, und lauter ſolchen Unſinn. Ich weiß doch, daß ſeine Be⸗ kannten die erſten jungen Leute der Stadt ſind. Ich für meinen Theil habe es gern, wenn junge Leute etwas Feuer und Leben haben; ich kann die Schlafmützen nicht aus⸗ ſtehen, die ſorgſam jeden ihrer Schritte abmeſſen und ſich fürchten, bei den Frommen anzuſtoßen; zuletzt zeigt es ſich, daß ſie nicht beſſer als die Andern ſind. Aber ich bitte Dich, Mabel, was machſt Du für ein feierliches Geſicht!“ ſagte Louiſe faſt zornig.„Ich wette, Du möchteſt einen Einſiedler aus Harry machen und mir rathen, eine Nonne zu werden und nächſten Monat mit Mr. Leroy in die Wü⸗ ſtenei zu gehen, wie er mir dieſen Morgen vorſchlug. Mein Motto iſt: zu genießen, ſo lange man kann, und das Leben leicht zu nehmen.“ Und mit dieſen Worten legte ſie ſich — 206— von Neuem auf dem Kiſſen zurecht und brachte ihr Motto in praktiſche Anwendung, indem ſie die Augen ſchloß, um zu ſchlummern. Mabel ſäumte nicht, den Wink zu benutzen, den ſie auf dieſe Weiſe erhielt, verließ eilig das Hotel und ertheilte dem Kutſcher Befehl, nach Hauſe zu fahren. Mit dem langen, ſtummen Blick, welchen ſie auf das Antlitz der Schweſter geheftet, hatte ſie bis in das Innerſte dieſes hohlen und weltgeſinnten Gemüths geſchaut— ſie hatte die breite Kluft ermeſſen, welche zwiſchen dem leiden⸗ ſchaftlichen Klopfen ihres Herzens und den ſchwachen Re⸗ gungen des Gefühls lag, die Louiſe allein kannte, und war ſich der traurigen Wahrheit bewußt geworden, daß ſie bei ſchweren Lebenserfahrungen vergeblich bei ihrer Schwe⸗ ſter Rath und Mitgefühl ſuchen würde. Bei wem ſollte ſie nun Troſt ſuchen in dieſer Stunde bittern Leides? Nicht bei ihrem Vater, dem, vertraute ſie zu Gott, die Verirrungen ſeines Sohnes lange verborgen bleiben möchten; nicht bei ihrer Tante, die ſich darüber mit einer Strenge äußern würde, an die Mabel gar nicht zu denken vermochte; und die höhere und himmliſche Hülfe, deren Macht ſie allerdings durchaus nicht leugnete, hatte ſie noch nicht gelernt in Anſpruch zu nehmen. So fühlte ſie ſich denn zum erſten Mal in ihrem Leben, wie ſie ihr einſames Zimmer aufſuchte, in Wahrheit allein— allein mit ihrem quälenden Schmerz. Mit welch zermalmender Gewalt drückte er ihr Herz nieder! Die Welt mochte den Fehltritt entſchuldigen, wor⸗ über ſie ſo leichtfertig lachte, die Frivolen mochten ihn be⸗ ſchönigen und die Schwachen ihm Beifall klatſchen, aber Mabel konnte nur zittern und weinen. Sie ſchaute nicht nach dem Ende, ſie ermaß nicht die ſchrecklichen Folgen, welche die Zukunft bringen konnte; ihre Empfindungen waren zu tödtlich verletzt worden, um — 207— ſich etwas Anderes bewußt zu ſein, als ein ſchweres und nicht wieder gut zu machendes Unglück. Harry, ihr herrlicher Bruder, ein Gegenſtand des Ge⸗ lächters und des Spotts! ſein glänzender Geiſt auf gleiche Stufe mit dem Thiere herabgeſunken! es war zu viel; und da die Nothwendigkeit der Selbſtbeherrſchung verſchwunden war, warf ſie ſich auf das Bett und machte ihrem Schmerz in heißen Thränen Luft. Wer ſoll die Qual des innerlichen Kampfes erzählen, den ſie durchmachen mußte? es genügt, daß ſie als ein neues und anderes Weſen wieder aufſtand. Die eiſerne Hand hatte ſie gefaßt, welche das Kind zu einem Weibe umbildet und ſie zuckte unter ihrer grauſamen Berührung zuſammen. Von jetzt an war ihre innere und ihre äußere Welt nicht länger in Uebereinſtimmung. Das Drama ihres Lebens war doppelt und ſie hatte zwei Rollen zu ſpielen. Füntzehntes Anpitel. O Gott! daß der Menſch einen Feind ſich in den Mund ſteckt, der ihm den Verſtand weaſtiehlt! Daß wir uns mit froher Luſt, gaſtlichem Gelag, Vergnügen und Beifall in Thiere verwandeln! Shakeſpeare. Harry war nicht mit Einem Schritt an dem Rand des dunkeln Abgrunds angelangt, vor dem er ſtand. Abweſen⸗ heit väterlicher Aufſicht, unbeſchränkte Verfügung über Geld und ein von Natur feuriger und das Vergnügen liebender Charakter hatten ihn ſchon frühzeitig den Verſuchungen ausgeſetzt, welche das Jünglingsalter begleiten. Die Luſt an muthwilligen Streichen, welche ſeine Entfernung von Weſtpoint nach ſich zog, war die Vorbereitung zu einem Leben voll wilder Zerſtreuungen geweſen, von dem ihm jedoch einigermaßen das ſtille und einfache Treiben ent⸗ wöhnte, das an der deutſchen Univerſität, die er zunächſt beſuchte, herrſchte, und das Intereſſe an literariſchen und wiſſenſchaftlichen Beſchäftigungen, das dort in ihm erweckt ward. Die darauf folgenden beiden Reiſejahre lehrten ihm Menſchen und Sitten kennen; und inmitten der verſchiede⸗ nen Prüfungen und Verſuchungen, denen die Jugend aus⸗ geſetzt iſt, hatte er doch manchmal die Grenzen der Klugheit und Rüchternheit überſchritten. Zum Glück gab die Auf⸗ regung des Reiſens und das Kplire Streben, das es erweckt, ———————— N— ce ſeinem feurigen und leidenſchaftlichen Temperament einige Beſchäftigung und ließ die Ausſchreitungen, die nicht ſelten waren, in einem mildern Lichte erſcheinen; aber in ſeinem Charakter trat allmälig ein gewiſſer Leichtſinn und eine Genußſüchtigkeit hervor, die Schlimmes für die Zukunft prophezeihten. Aber erſt nach ſeiner Rückkehr in ſeine Vaterſtadt gab er ſich ganz einem Leben voll Zerſtreuungen hin und ver⸗ gaß edlere Beſtrebungen über dem thörigten Genießen des Tags und der Stunde. Der Mangel an Beſchäftigung, die Schwierigkeit, ſich für einen beſtimmten Beruf zu ent⸗ ſcheiden, und die Ueberſättigung, welche ſeine gegenwärtige Lebensweiſe zur Folge hatte, trugen alle dazu bei, ſeine Willenskraft zu lähmen, während ſeine geſelligen Talente und ſeine gefüllte Börſe ihn zu einem gern geſehenen Gaſt machten und Diejenigen in ſeine Geſellſchaft lockten, welche gleichgeſchickt ſind, zu ſchmeicheln und das Herz zu ver⸗ derben. Der Zeitpunkt, wo ein Mann die Achtung vor ſich ſelbſt verliert, geht meiſtens demjenigen voraus, wo er die Achtung Anderer verliert. Mabel wurde ſich bewußt, daß eine Schranke zwiſchen ihr und ihrem Bruder aufgerichtet war, ehe ſie die Urſache ahnte. Hätte ſie ein neues Gefühl weniger in Anſpruch ge⸗ nommen, ſo hätte ſie vielleicht beſtimmter empfunden, daß Harry ihr allmälig ſein Vertrauen entzog, und hätte auf⸗ merkſamer das Geheimniß ſeiner ſcheinbar erkaltenden Liebe geprüft; wenigſtens hätte ſie ſich gefragt, wie es kam, daß ihre Vergnügungen, Intereſſen und Neigungen, die bisher in Einer Richtung gelegen hatten, nicht länger mit ein⸗ ander in Harmonie waren. Aber ſo verbot ihr die Ueberzeugung, daß Harry in einem gewiſſen Grade aus ihrem Herzen verdrängt war, Mabel Vaughan I. 14 — 210— allzugenau den Mangel an Hingebung von ſeiner Seite zu prüͤfen; und wenn ſie ſich manchmal darüber verletzt fühlte, daß er ihr weniger Vertrauen ſchenkte, als früher, ſo be⸗ zweifelte ſie, ein Recht zu haben, ſich über eine Zurückhal⸗ tung zu beklagen, die, wie ſie ſich eingeſtehen mußte, in einem gewiſſen Grade gegenſeitig war. Aber wenn das Bewußtſein der eigenen Unwürdigkeit Harry das prüfende Auge ſeiner Schweſter ſcheuen hieß, ſo wurde jetzt die Kluft noch größer durch den Umſtand, daß ſie ihr nicht länger verborgen war. Er brauchte nicht mehr das Auge zu vermeiden, das voll Unruhe dem ſeinigen auswich, oder einen Ausdruck des Argwohns von ihrer Seite zu befürchten, den ſie ſtets vor ihm zu verbergen bemüht war. Und dennoch, während Mabel nichts ſo ſehr am Herzen lag, als ihn nicht merken zu laſſen, daß ſie ſein trauriges Geheimniß wiſſe, war es gerade dieſe beſtändige Angſt, welche ſie verrieth; und in⸗ ſtinctmäßig wurde er ſich bewußt, daß ſeine unſchuldige Schweſter von ſeinen Verirrungen litt. Die Folge war eine peinliche und täglich zunehmende Entfremdung; nicht die Entfremdung, welche durch böſe Blicke, zornige Worte und gegenſeitige Anſchuldigungen entſteht; dieſe kamen nicht vor. Aber kaum weniger ſchmerzte Mabel der abgewendete oder verſtohlene Blick, die unerklärte Abweſenheit, das gezwungene Schweigen oder die unzeitige Heiterkeit, welche ein mit ſich zerfallenes Ge⸗ müth verriethen. In wie weit Mr. Vaughan und ſeine Schweſter an ihren Sorgen theilnahmen, läßt ſich ſchwer beſtimmen. Erſterer warf trotz ſeiner täglich zunehmenden Zerſtreuung auf ſeinen Sohn dann und wann einen Blick voll tiefen Kummers und forſchender Theilnahme; und die verlegene Miene, mit welcher Sabiah ihren Neffen zu betrachten pflegte, erhielt gelegentlich eine Abwechslung durch einen uu e, e= l⸗ in eit ſo aß as uck ets nd ken es in⸗ ige nde öſe gen ger die der Ge⸗ an ien. ung efen gene hten inen — 211— vorwurfsvollen Blick, mit dem ſie ſeine täglich zunehmende Gleichgültigkeit für das Glück und das Behagen des gan— zen Haushalts rügte. Beide gaben jedoch ihren Gedanken keinen andern Ausdruck und es war überhaupt kein be⸗ ſtimmter Beweis vorhanden, daß die Verirrungen Harry's ihnen bekannt waren. Dennoch ließ ſich nicht leugnen, daß ſich ein gewiſſes gezwungenes Weſen der Familie bemäch⸗ tigt hatte und daß, womit man ſich immer offen beſchäfti⸗ gen mochte, ſtets eine geheime Empfindung unter der Ober⸗ fläche in dem kleinen Kreiſe vorherrſchte. Mabel mied zuletzt die Geſellſchaft ihrer Tante und ihres Vaters faſt eben ſo ſehr, wie das Auge Harry's. Sie dachte keinen Augenblick daran, ſich zu fragen, ob es weiſe oder recht ſei, ſich zu ſcheuen, dem Unglück, dem ſie nicht vorzubeugen wußte, feſt ins Auge zu ſehen; ſondern ſie folgte blindlings dem natürlichen Inſtinct und verſuchte, vor der quälenden Angſt zu entfliehen, die ihr dennoch folgte, wie ein Schatten. So ſtürzte ſie ſich nun rückſichtsloſer als je in das aufgeregte Treiben der faſhionablen Welt, das in Wirk⸗ lichkeit für ſie ſeinen frühern Reiz verloren hatte, aber in deſſen Geräuſch ſie die ſchweren Sorgen und Ahnungen, die ſie zu Hauſe bedrückten, zu vergeſſen ſuchte. Man muß auch geſtehen, daß an die Stelle ihres erſten bittern Schmerzes über Harry's Verirrungen eine weniger unſelbſtſüchtige Regung getreten war, wie ſie an die Unan⸗ nehmlichkeiten dachte, die ſie ihr verurſachen würden; und indem ſie die Geſellſchaft ihres Bruders vermied, gab ſie faſt unbewußt den Feſtlichkeiten den Vorzug, wo ſie faſt ſicher ſein konnte, ihn nicht zu treffen. Es hatte eine Zeit gegeben, wo Mabel jede Ehre und jedes Vergnügen, an dem Harry nicht theilnehmen konnte, ausgeſchlagen und mit Entrüſtung jeden Gedanken zurück⸗ gewieſen hätte, in irgend Etwas ein beſonderes Intereſſe 14* —— ——— — 2412— 8 zu verfolgen. Vor ſechs Monaten noch hätte das damalige Schulmädchen kühn erklärt, daß der ganzen übrigen Welt gegenüber ſie und ihr Bruder mit einander ſinken oder ſtei⸗ gen würden. Aber man darf nicht vergeſſen, daß die heu⸗ tige Mabel nicht mehr die einfache Schülerin der Mrs. Herbert war. Sie hatte jetzt in einer andern Schule ge⸗ lernt und unbewußt andere Grundſätze angenommen. Es war nicht der Einfluß des faſhionablen Lebens; denn wenn dieſes auch ihre Zeit mit frivolen Zerſtreuungen ausfüllte, ſo war es ihnen doch nicht gelungen, die edlen Regungen ihres Herzens zu vergiften. Es war der tiefere, unmerklich um ſich greifende Einfluß eines Mannes, der, kein ſelbſt⸗ loſes Gefühl anerkennend und überzeugt, daß die übrige Welt ſo falſch und hohl wie er ſelbſt ſei, ihre unſchuldige und gemüthvolle Natur argliſtiger Weiſe mit dem verfeiner⸗ ten Egoismus angeſteckt hatte, welcher vor der Berührung mit den rauhen Seiten des Menſchenlebens zurückſchreckt und mit ſcheuem Bangen ſich auf irgend Etwas einzugehen hütet, das das behagliche Gleichgewicht ſeiner Seele ſtören könnte. Während ſie auf dieſe Weiſe bemüht war, die Folgen von Harry's Verrirrungen nicht auf ſich fallen zu laſſen, 3 7 5 wurde die Kluft, welche Bruder und Schweſter von einan⸗ der trennte, täglich breiter; und wenn Mabel das Sinken des irre geleiteten Jünglings auch nicht förderte, ſo bot ſie ihm doch auch nicht die Hand, um ihn vom Untergang zu retten. ihre Wange und das fröhliche Wort zitterte ihr auf der Lippe, wenn ſie ſich plötzlich ſeiner Anweſenheit bei einer Gelegenheit, wo ſie ihn am wenigſten erwartet hatte, be⸗ wußt war. Manchmal erſchien er noch zu einer ſpäten Stunde im Salon, das Geſicht von Wein geröthet und lau⸗ Auch wurden ihr nicht die Kränkungen erſpart, die zu vermeiden ſie ſich ſolche Mühe gab. Häufig erblaßte die mü ebe den tere noc Ge nac und zen An geiſ cken ihre hatt Abe die tete eifer ihm dure Em Er die an ige eelt ei⸗ eu⸗ rs. ge⸗ Es enn llte, gen klich lbſt⸗ rige dige ner⸗ rung reckt ehen ören olgen iſſen, nnan⸗ inken ot ſie ng zu , die blaßte if der einer , be⸗ ſpäten d lau⸗ — 213— ter als gewöhnlich ſprechend; anderemale traf ſie ihn auf ihren Spazierfahrten, wie er durch eine der Hauptſtraßen in einem offenen Gig, gezogen von einem auf der Rennbahn berühmten Pferd, galloppirte; und mehr als einmal hatte er durch die lärmende Unterhaltung und Heiterkeit, mit der er die übrige Geſellſchaft ſtörte, die Aufmerkſamkeit des Publikums auf ihre Theaterloge gelenkt. Einigen von den faſhionablen Bekannten Mabels mochte dies als ein Zeichen von Lebensluſt erſcheinen; aber— wir müſſen es zu ihrer Ehre ſagen— ihr geſunder Sinn fühlte eben ſo ſehr, wie ihre empfängliche Liebe, die Schmach und den Tadel, welche ſie verdienten. Derartige Erfahrungen und die Beſorgniſſe vor wei⸗ teren genügten, ihren Frieden zu ſtören. Aber das war noch nicht Alles. Sie hatten noch andere Uebel in ihrem Gefolge. Mabels leicht erregbares und allem Anſchein nach folgewidriges Benehmen ſetzte ſie der Mißdeutung aus und noch dazu auf einer Seite, wo es ihr ſehr am Her⸗ zen lag, daß ihr Benehmen günſtig gedeutet würde. Im Anfange ihrer Bekanntſchaft mit Dudley, als er nur einen geiſtigen Anreiz in dem Genuß ſuchte, ihren Geiſt zu we⸗ cken und zu entwickeln, hatte er keine Neigung gefühlt, ihren Zerſtreuungen ein⸗Hinderniß in den Weg zu legen und hatte jeden Mitbewerb mit gleichmüthigem Auge betrachtet. Aber in dem Maaße, wie er ſich der Macht bewußt ward, die er über ihren Geiſt und über ihr Herz ausübte, betrach⸗ tete er auch jede wirkliche oder eingebildete Störung mit eiferſüchtigen Augen. Das tiefere Intereſſe, welches ſie ihm eingeflößt hatte— ein Intereſſe, welches in ſeiner durch Ueberfeinerung erkalteten Seele Etwas wie eine echte Empfindung rege werden ließ, geſtand er nicht offen ein. Er wollte nicht einmal die Kraft der Gefühle anerkennen, die ihn erfüllten. Sie traten jedoch genau in der Weiſe an den Tag, wie man bei ſeinem mißtrauiſchen Charakter —— —õÿ— — erwarten mußte; und oft ſah Mabel ſich mit einer eifer⸗ ſüchtigen Tyrannei verfolgt, die ſie nicht verſtand, oder ſchmerzlich berührt von einer Kälte, die ſie ſich nicht erklä⸗ ren konnte. Es war jedoch leicht, ſich einer Tyrannei zu unterwerfen, welche gewöhnlich die Form einer beſorgten Ergebenheit annahm und eine Spannung zu beſeitigen, welche ſelten länger als Augenblicke dauerte; und bis zu dem Zeitpunkt, wo widerſtreitende Empfindungen Mabels Gemüth peinigten, war kein Anlaß zu einer ernſtlichen Entfremdung zwiſchen ihr und Dudley vorgekommen. Aber Erfahrung zeigte jetzt, daß Dudley, obgleich Niemand ſo wie er ſie die ſchmerzlichen Gedanken vergeſſen machen konnte, die ſie bedrückten, in Augenblicken plötz⸗ licher Aufregung ihr nicht die wirkſamſte Hülfe war. Ihre einzige Zuflucht war dann erkünſtelte Heiterkeit; und es trug ſich oft zu, daß ſich eine Perſon in ihrer Nähe befand, welche ſowol die Fähigkeit wie den Willen beſaß, ihre Bemühungen, heiter zu ſcheinen, zu unterſtützen und ihr die leichteſten und am nächſten zur Hand liegenden Mittel zu verſchaffen, ihren Kummer und Verdruß zu verbergen und zu überwinden. Dies war ein junger Mann von leb⸗ haftem Weſen, immer froher Laune und ſprichwörtlich gewordener Gutherzigkeit, der immer bereit war, ſich in einen ſcherzhaften Wortkampf einzulaſſen, über einen drol⸗ ligen Scherz zu lachen oder eine Hauptrolle in den belieb⸗ ten und faſhionablen Tänzen zu übernehmen, in denen er ein Meiſter war. Dieſe ſchätzbaren Eigenſchaften ſtanden immer zu Mabels Verfügung, denn Mr. Marſton war Einer von einer zahlreichen Schaar, welche mit Ausdauer der regierenden Schönheit der Saiſon den Hof machte. Nur beſtrebt, um jeden Preis äußerlich ihre Faſſung zu behalten, dachte Machel gar nicht, daß ſie ihrem Be⸗ wunderer eine ungehörige Aufmunterung zu Theil werden 70—= 0 — fer⸗ der klä⸗ zu sten gen, zu bels chen leich ſſen lötz⸗ Fhre es and, ihre ihr ittel rgen leb⸗ tllich h in rol⸗ lieb⸗ n er nden war auer ſung Be⸗ rden — 215— ließ, oder an die Strenge, mit welcher Dudley innerlich ihre Koketterie und Frivolität verurtheilte. Eines Abends jedoch, wo ihre Sorgen ſie mehr als gewöhnlich bedrückt hatten, hatte ſie verſucht, ihre Gefühle zu vergeſſen und die Beobachtung Anderer abzulenken, in⸗ dem ſie Mr. Marſtons Aufforderung zu einem raſchen und aufregenden Tanze angenommen hatte. Bei einer Pauſe ſah ſie plötzlich Dudley mit einem Ausdruck unverkennba⸗ rer ſpöttiſcher Verachtung auf dem Geſicht vor ſich ſtehen, während Harry gleichzeitig die Aufmerkſamkeit Aller da⸗ durch auf ſich lenkte, daß er Miß Vannecker ziemlich laut einen ganzen Schwall alberner Komplimente machte, die er nüchternen Muthes nie über die Lippen gebracht haben würde. Faſt ohnmächtig von dem Widerſtreit peinlicher Em⸗ pfindungen ſank ſie auf einen Stuhl, und ihre Aufregung erreichte ihren Höhepunkt, als Dudley an ſie heran trat und in dem ſarkaſtiſchen Tone, den er ſo gut anzunehmen wußte, zu ihr ſagte:„Miß Vaughan, es freut mich, Sie heute Abend in ſo guter Stimmung zu ſehen; die Erin⸗ nerung an den hohen Genuß, die Ihnen dieſe Scene ver⸗ ſchafft hat, wird mir während meiner Abweſenheit von der Stadt ſtets wohlthuend ſein.“ Und mit einer kalten Ver⸗ beugung verließ er das Zimmer. Er verachtet mich wegen meiner Frivolität und ſchein⸗ baren Gleichgültigkeit gegen Etwas, was Jedermann ſe⸗ hen muß, dachte Mabel. Aber zu ſtolz, um ſich unter dem Gewicht ſeiner Unzufriedenheit zu beugen, erwiderte ſie ſeinen Gruß mit vornehmer Kälte und nahm Mr. Mar⸗ ſtons Einladung zu einem neuen Tanze an. Peinlich, faſt herzzerreißend waren die Gedanken, mit denen ſich Mabel dieſe Nacht beſchäftigte. Zum erſten Male fing ſie an zu zweifeln an der Klugheit und ſelbſt Schicklichkeit des Verfahrens, das ſie gewählt hatte, um ihre — — — —— — 216— wirklichen Leiden den Augen der Welt zu verbergen. Selbſt Dudley, dachte ſie, hält mich für herzlos; denn ſie maß ihm einen beſſern Beweggrund bei, als denjenigen, wel⸗ cher ihn wirklich beſtimmte, und zweifelte keinen Augenblick, daß ſeine warme Freundſchaft für Harry die Urſache war, daß ihre anſcheinende Leichtfertigkeit ihn ſo verletzte; auch ahnte ſie nicht, daß es bei ihm übertriebene und unwill⸗ kürliche Eiferſucht war, die ihn zu ſeiner ſarkaſtiſchen Bemerkung über das Vergnügen, das ſie allem Anſchein nach in Mr. Marſtons Geſellſchaft fand, veranlaßte. Und da ſie auf dieſe Weiſe die Urſache ſeiner Mißbil⸗ ligung mißverſtand, ſchmerzte ſie nichts mehr, als daß ſie einen Freund beleidigt hatte, den ſie ſchon ſeit langer Zeit ſchätzte, der ihr aber nie ſo unentbehrlich erſchien, wie in dieſer Kriſis tiefen und niederdrückenden Kummers. Daß er ſie jetzt verließ, ſchien ihr faſt mehr zu ſein, als ſie ertragen konnte. In ihren Hoffnungen auf ihren Bruder getäuſcht, ge⸗ tadelt und aufgegeben von dem, deſſen Stimme ihr bis jetzt eine Rettung vor gänzlicher Entmuthigung geweſen war, und beſtändig von der Angſt erfüllt, der Vater und die Tante würden den wahren Grund ihres Kummers er⸗ kennen, wagte ſie gar nicht, bis auf den Grund ihres Seelenleids zu gehen, ſondern fuhr fort, an dem ge⸗ wöhnlichen Kreislauf von Zerſtreuungen theilzunehmen, ſpielte die ihr zufallende Rolle mit der Genauigkeit eines Automaten, hielt ihrem Geſicht eine lächelnde Maske vor und unterdrückte die Empfindungen, die zu äußern ſie nicht wagen durfte. Sechszehntes Kapitel. ... Demüthige Liebe, Nicht ſtolzes Wiſſen wacht am Himmelsthor; Die Liebe findet Einlaß, wo das ſtolze Wiſſen vergeblich hofft... Young. Während der vierzehn Tage, welche Dudley von der Stadt abweſend blieb, und über welche ſeine Entfremdung von Mabel nicht hinaus dauerte, war die einzige Geſell⸗ ſchaft, in der ſie einigen Troſt fand, die der Kinder ihrer Schweſter. Ihre Bemühungen, die Liebe der Knaben zu gewinnen, waren nicht ohne Erfolg geweſen; und Jeder gab in ſeiner Art Zeugniß von einer Kraft der Anhäng⸗ lichkeit an die junge Tante, die ſie mit aller Wärme eines liebenden Herzens erwiderte. Das laute Jauchzen, mit dem Murray ihr Kommen begrüßte, fand nur ſeines Glei⸗ chen in der Gluth ſtummer Freude, welche das Geſicht Alicks überzog, und der einzige Punkt, über welchen ſich die Bei⸗ den nie ſtritten, war ihre Bewunderung der Tante Mabel. Murray's Ruheloſigkeit wurde glückliche, unbefangene Se⸗ ligkeit, wenn ſie ihm erlaubte, in der Dämmerung auf ihren Schooß zu klettern und ihr in ſeiner kindlichen Weiſe die Ereigniſſe des Tags zu erzählen; und nie war er glück⸗ licher, als wenn er des Nachts mit ihrer Hand in der ſei⸗ nigen einſchlafen konnte. Oft, wenn er auf Beſuch bei ſei⸗ nem Großvater war, hatte ſich Mabel aus der glänzenden Abendgeſellſchaft entfernt, um dem kindlichen Geſchwätz zu⸗ zuhören, mit dem er ſie ſo gern unterhielt; und mehr als einmal war ſie im reichen Ballanzug neben ſeinem Bett nie⸗ dergekniet und hatte ihn in Schlummer geſungen. Charakter und Gewohnheit hatten bei Alick Liebkoſungen überflüſſig gemacht; aber der erfreute Blick, mit dem er von ſeinem Buche aufgeſchaut hatte, als ſie ſich zum erſten Male nach ſeiner Lectüre erkundigte, hatten ihr den Weg zu ſeinem Herzen gelehrt und der Knabe hatte nie wieder Urſache, zu klagen, daß Niemand an ſeinen Freuden oder an ſeiner Ausbildung theilnahm. Sie fand ihren Lohn. Die Liebe von Kindern iſt ein erquickender Balſam für das Herz; und nie fühlte ſie ſich ruhiger, als wenn Murray's Aermchen ſie umfingen oder wenn ſie die wackere Mannhaftigkeit bemerkte, mit der Alick bei allen Gelegenheiten ſich zu ihrem Begleiter und Lob⸗ redner aufwarf. Sie hatte außerdem bei ihrem Verkehr mit den Kindern nichts zu befürchten. Sie konnten weder ihren Kummer argwöhnen, noch neugierig nach ſeiner Urſache forſchen; und da Mabel bei ihnen ein Gefühl der Sicherheit em⸗ pfand, ſuchte ſie ihre Geſellſchaft bei jeder möglichen Ge⸗ legenheit auf. Eines Sonntags begleiteten ſie ſie nach dem Morgen⸗ gottesdienſt aus der Kirche nach Hauſe und folgten ihr nach dem frühzeitigen Diner, die Taſchen mit Nüſſen ge⸗ füllt, in das kleine Zimmer neben dem Salon, das ſie jetzt nie betreten konnte, ohne unausſprechliche Trauer zu fühlen. Die Knaben ſetzten ſich in das Fenſter und fingen an, ihre Rüſſe zu verzehren; während ſie zwecklos im Zim⸗ mer auf und ab ging, in ſeinen reichlichen Ausſchmückun⸗ gen die Beweiſe von Harry's Liebe las und ſich neugierig den zu⸗ als re⸗ kter ſſig tem ach em zu ner ein ſich der lick ob⸗ — 219— fragte, wo er wol den Sonntag zubringen möchte, denn ſie hatte ihn ſeit dem Morgen nicht geſehen. Sie blieb vor einem koſtbar eingelegten Schreibpult ſtehen, ſchlug es auf und nahm ein kleines Paket Briefe heraus, die ſie vor Kurzem von ihrer frühern Lehrerin und ihren frühern Schulgenoſſen empfangen hatte. Es waren die Antworten auf einige Briefe, die ſie vor eini⸗ gen Wochen im erſten Rauſch ihrer Freude geſchrieben und ſie ſtachen auf ſchmerzliche Weiſe von ihren gegenwärtigen Empfindungen ab. Die guten Mädchen wünſchten ihr Glück und beneideten ſie, und ihre geliebte Freundin Mrs. Herbert ſchrieb ihr in der Meinung, ſie ſei glücklich, nur ein paar kurze zärtliche Zeilen, in welchen ſie ihre Freude über ihr gegenwärtiges Loos ausſprach, ſie aber auch mit ſanften Worten warnte, nicht zu feſt auf die Fortdauer ihres Glücks zu vertrauen. Ach! die Warnung kam zu ſpät. Sie machte das Pult zu, nahm ein Buch, warf ſich auf das Sopha und verſuchte zu leſen; aber ihr Geiſt war nicht bei dem, was ſie las, und nachdem ſte lange Zeit in trauriges Nachdenken verſunken geweſen, ſtand ſie auf und trat ans Fenſter, wo die Kinder auf die belebte Straße hinab ſahen. Der Tag war kalt, aber hell und ſchön, und die Familiengruppen, die ſich auf der Straße bewegten, gaben ein angenehmes Bild ab. „Moͤchtet ihr wol einen Spaziergang machen?“ fragte ſie, von einem plötzlichen Verlangen ergriffen, ihren Ge⸗ danken zu entfliehen. Der Vorſchlag ward mit freudigem Beifall aufgenom⸗ men. Die Knaben eilten fort, um ihre Röcke und Hüte zu holen, während Mabel ſich für den Ausflug mit einer Gleichgültigkeit fertig machte, welche ſeltſam von ihren früher ſo elaſtiſchen Bewegungen abſtach. Sie waren eine Strecke eine der Straßen hinabgegangen, ohne eine beſon⸗ — 220 deres Ziel in Augen zu haben, als Alick plötzlich ausrief: „Ach, Tante Mabel, können wir nicht Roſy beſuchen?“ „Das können wir thun,“ ſagte Mabel,„wenn es für Murray nicht zu weit iſt.“— Murray proteſtirte dagegen mit Lebhaftigkeit und ſie ſchlugen ſogleich die Richtung nach Mrs. Hope's beſchei⸗ dener Wohnung ein. Das Quartier, in welchem ſie wohnte, war arm, aber reſpectabel und ordentlich und ſie erreichten das Haus ohne Abenteuer, obgleich nicht, ohne die Aufmerkſamkeit der Nachbarſchaft auf ſich zu ziehen, die ſelten Gelegenheit hatte, Mitglieder der reicheren Klaſſe in der Nähe zu ſehen. Als ſie den kleinen Laden erreichten, waren die Fenſter mit hölzernen Laden verſchloſſen und auch die Thür war zu, ſo daß Mabels wiederholtes Klo⸗ pfen ohne Antwort blieb. Auf dieſe Weiſe in ihrem Vor⸗ haben getäuſcht und von der Beſorgniß erfüllt, daß der Familie ein Unglück zugeſtoßen ſein könnte, ſah ſie ſich nach einem andern Zugang um und entdeckte endlich am Ende des Gebäudes einen niedrigen und dunkeln Durch⸗ gang, der nach der Rückſeite des halbverfallenen Hauſes zu führen ſchien. Sie zauderte etwas, dieſen unbekannten Eingang zu betreten, aber es lag nicht in ihrem Charakter, ſich durch leere Furcht von einem guten Vorſatz abwendig machen zu laſſen. Daher hieß ſie die Kinder ihr auf dem Fuße folgen und fand ſich, als ſie wieder aus dem Gange her⸗ auskam, in einem ſchmalen Hofe, eingeſchloſſen von al⸗ ten Ziegelmauern und mit Schutthaufen angefüllt, der ſich aber, wie ſie vermuthet hatte, hinter dem ganzen Ge⸗ bäude hinzog. Verſchiedene Thüren gingen auf dieſen ge⸗ meinſamen Hof heraus und ſie wußte nicht, wo ſie die zu Mrs. Hope führende ſuchen ſollte, als die Wittwe ſelbſt aus einer derſelben mit einem Waſſereimer in der Hand heraustrat, um nach dem Brunnen zu gehen, der an der — iſes zu urch n zu zuße her⸗ al⸗ der Ge⸗ nge⸗ ie zu ſelbſt Hand der 3— 221— Mauer ſtand. Aber wie ſie Mabel ſah und erkannte, fuhr ſie vor Ueberraſchung zuſammen, ſetzte den Eimer hin und kam mit einer Miene, in der ſich Freude und Verlegenheit miſchten, auf ſie zu. Die Verlegenheit ſchwand zum Theil, als Mabel ſich beeilte, wegen ihres unerwarteten Erſcheinens um Ent⸗ ſchuldigung zu bitten und ſich mit herzlicher Theilnahme nach Mrs. Hope's und Roſe's Befinden erkundigte. „Roſe befindet ſich jetzt grade leidlich wohl,“ ſagte die Wittwe.„Sie wird ſich freuen, Sie zu ſehen, Miß Vaug⸗ han. Sie hält ihre kleine Sonntagſchule in dem Hinter⸗ zimmer und vermuthlich hat uns ihr Singen Ihr Klopfen nicht hören laſſen; ſie haben recht laute Stimmen, ſo klein ſie ſind. Sie ſind faſt fertig; treten Sie ein, Miß Vaughan, es iſt ein recht hübſcher Anblick. Sie ſtören ſie nicht,“ ſetzte ſie hinzu, als ſie Mabels Zögern be⸗ merkte; darauf ging ſie voraus, öffnete die in die Küche führende Thür und winkte Mabel, bis an die Schwelle zu kommen. Mabel that Dies, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen, und gebot mit aufgehobenem Finger den Knaben, die ihr folgten und ebenfalls hineinguckten, Schweigen. Roſe ſaß in einem kleinen Lehnſtuhl in der Mitte des Zimmers, umgeben von etwa einem halben Dutzend Kin⸗ dern, von denen keins älter als ſieben oder acht Jahre war. Ihre Augen hefteten ſich auf Roſy's Geſicht, wie ſie langſam und deutlich den letzten Vers des Liedes wie⸗ derholte, das ſie ſangen. Es lautete: In jenem ſel'gen Land Glänzt jedes Aug' voll Licht; Genährt von Vaters Hand Stirbt Liebe nicht; — O, welche Seligkeit, Wenn ſünd⸗ und ſchmerzenlos, O, Herr, in Deinem Schooß Wir ruh'n in Ewigkeit! Als Roſe ausgeſprochen hatte, fingen die Kinder an zu ſingen. Es war lieblich und rührend, ihre Kinderſtim⸗ men ſich in der einfachen Melodie vereinigen zu hören, welche Roſe ihnen gelehrt hatte. Aber es war noch lieb⸗ licher und rührender, ſie nach der Beendigung des Liedes niederknien zu ſehen und zu hören, wie ſie die Worte des knrzen Gebetes wiederholten, womit ſie zu ſchließen pflegten. Thränen traten in Mabels Augen, und mit unwill⸗ kürlicher Ehrfurcht vor der Feierlichkeit des Gottesdienſtes trat ſie nach ſeiner Beendigung mit den Kindern zurück und machte die Thür geräuſchlos zu, damit die kleine Geſell⸗ ſchaft nicht vom Anblick von Fremden geſtört würde. „Es ſind meiſtens deutſche Kinder,“ ſagte Mrs. Hope zu Mabel;„es wohnen in der Nachbarſchaft hier viele Deutſche; ſie können in der Schule nicht viel lernen, weil ſie die Sprache nicht kennen. Roſy hat ihnen erſt Engliſch gelehrt; und dann Leſen und ihre Gebete herſagen; das Singen iſt ihnen von der Natur gegeben. Fünfzehnen hat ſie nun Unterricht gegeben und Einige waren größer als ſie, das arme Kind! Es iſt nicht viel,“ ſetzte die Mutter mit nachdenklicher Miene hinzu,„aber es iſt doch beſſer als Nichts uͤnd Roſe fühlt ſich ſo glücklich dabei.“ „Beſſer als Nichts!“ rief Mabel mit Wärme aus, „ja fürwahr, es iſt Alles.“ und Mabel fühlte, was ſie ſagte. In dieſem Augen⸗ blick erregten Gefühls erſchien ihr der Reichthum, die Ge⸗ lehrſamkeit und der Stolz dieſer Welt wie Nichts im Ver⸗ gleich mit dem reinen und kindlichen Glauben, der ſich an das ewige Leben anſchließt. we ehr rie leg her auf Rie Be in ihr gut ſich eber klei Rof Kin Wa mit „ab um ſe,“ fürch ihne gern von und erku an im⸗ ren, ieb⸗ des des ten. vill⸗ ſtes und ſell⸗ vope diele weil lſch das hat als tter eſſer aus, gen⸗ Ge⸗ Ver⸗ han — 223— Auf Alick und Murray hatte, was ſie geſehen, nicht weniger tiefen Eindruck gemacht, als auf Mabel, wie ihr ehrerbietiges Schweigen und ihre forſchenden Geſichter ver⸗ riethen; weiter darüber zu ſprechen war jedoch keine Ge⸗ legenheit, denn gleich darauf kam die kleine Kinderſchaar heraus und zerſtreute ſich nach einigen neugierigen Blicken auf Miß Mabel und ihre beiden Neffen nach verſchiedenen Richtungen, während Mrs. Hope den neu angekommenen Beſuch in ihre reinliche, obgleich beſcheidene Küche führte. Etwas erſchöpft von ihrer Anſtrengung, hatte ſich Roſe in ihren Stuhl zurückgelegt, aber der Anblick Mabels gab ihr neues Leben und ſie rief mit Innigkeit aus:„Ach, gute Miß Mabel, wie freut es mich, Sie zu ſehen!“ Mit einem Gefühl, das der Ehrfurcht nahe kam, ſetzte ſich Mabel neben Roſe auf einen niedrigen Stuhl, den eben noch eins der Kinder eingenommen hatte, ergriff ihre kleine, welke Hand und drückte ſie mit liebevoller Innigkeit. „Es freut mich, Dich ſo wohl ausſehend zu finden, Roſe,“ ſagte ſie und blickte mit warmer Theilnahme dem Kinde ins Geſicht.„Sie hat wirklich Farbe auf den Wangen,“ bemerkte ſie zu Mrs. Hope, die Roſe's Antlitz mit gemiſchter Freude und Beſorgniß betrachtete. „Ja,“ entgegnete die Wittwe nach einigem Zögern, „aber ich fürchte doch, es iſt nicht ganz natürlich; ſie fiebert um dieſe Zeit des Tages immer etwas.“. „Du biſt müde geworden vom Unterrichtgeben, Ro⸗ ſe,“ ſagte Mabel.„Du mutheſt Deiner Kraft zu viel zu, fürchte ich.“ „Ach nein!“ rief Roſe mit Eifer.„Es iſt ſo leicht, ihnen Unterricht zu geben— und ich thue es auch ſo gern.“ Und dann, als ob ſie wünſchte, die Unterhaltung von ſich abzulenken, richtete ſie zahlreiche Fragen an Alick und Murray, die ſich Beide an ſie herangedrängt hatten, erkundigte ſich bei ihnen nach Lydia, ihrer Mutter, und wie — — ſie hierher gekommen. Manchmal wendete ſie ihr lächelndes Geſicht mit inniger und bewundernder Zuneigung Mabel zu und ihr Blick ſprach dabei gewiſſermaßen die zwiefache Befriedigung aus, die ihr die Gegenwart eines Weſens verurſachte, in welchem ihr liebendes Herz einen verwandten Geiſt erkannte, während das Gefühl für das Schöne, wel⸗ ches der Kranken eingepflanzt war, in dieſer neuen Freun⸗ din das vollkommene und einzige Abbild ſeines Ideals fand.. Mit gemiſchten Empfindungen beobachtete Mabel den Einfluß, den ſie ausübte. Wie ſie dem bewundernden Blicke Roſe's begegnete, überzog eine Röthe der Selbſtbefriedigung ihr Geſicht, wie alle Schmeicheleien des Ballſaals ſie nicht hervorrufen konnten. Aber dieſe Empfindung befriedigter Eitelkeit wurde gedämpft durch ein ungewohntes Bewußt⸗ ſein der Unwürdigkeit, welches ſich ihr aufdrängte, wenn ſie ihr eigenes zielloſes Leben mit der Aufopferungsfähig⸗. keit dieſes kranken Kindes verglich. Dieſe letztere Empfindung machte ſich vor der Been⸗ digung des Beſuchs noch entſchiedener geltend. Die kleine Geſellſchaft ſah ſich diesmal in größerer Unbefangenheit und Vertraulichkeit vereinigt, als damals, wo ſie zuerſt mit einander bekannt wurden. Mabels unge⸗ ſchminkte Herzlichkeit machte jede Verlegenheit und Zurück⸗ haltung unmöglich, und ſelbſt die linkiſche Steifheit der Wittwe Hope konnte nicht Stand halten gegen die rück⸗ ſichtsvolle Güte ihres Benehmens. So wurde die Unter⸗ haltung lebendig und allgemein. Der Unterſchied der ſo⸗ cialen Stellung war faſt vergeſſen und das frühere gute Einvernehmen der Betheiligten verwandelte ſich allmälig in die Vertrautheit der Freundſchaft. Man ſprach von Mrs. Hope's früherer Geſchichte, friſchte einige ihrer Erinnerungen an beſſere Tage auf und berührte ihre Hoffnungen und Befürchtungen über ihre und 1 des abel ache kens dten vel⸗ bun⸗ eals den licke ung richt gter ußt⸗ denn hig⸗ 3 een⸗ zerer als, nge⸗ rück⸗ der rück⸗ nter⸗ ſo⸗ gute älig chte, und und — 225— ihrer Familie Zukunft. Roſe's Werkeltagsbeſchäftigungen und ihre Sonntagsarbeiten und-Freuden kamen dann an die Reihe und zum erſten Mal hörte jetzt Mabel etwas von Jack durch die häufige Erwähnung ſeines Namens und ſeines Treibens. Auf alles dieſes ging Mabel mit bereitwilliger Theil⸗ nahme ein, während ſich ſowol auf Roſe's, wie auf Mrs. Hope's Geſicht ein entſprechendes Mitgefühl ausſprach, wenn zufällig auf den Umſtand hingedeutet ward, daß ſie von frühſter Kindheit an mutterlos geweſen. Alick begnügte ſich, der Unterhaltung zuzuhören, aber Murray, nicht zufrieden mit der Rolle eines ſtummen Zu⸗ ſchauers, fing an, ſich nach Zerſtreuung umzuſehen; und als er auf dem Tiſch ein ſehr zerfetztes und ſchäbig aus⸗ ſehendes Buch entdeckte, warf er es herunter auf den Boden und fing an, es verächtlich von einem Ende der Küche bis zum andern zu ſchleudern. Mabel, von einem Blick aus Roſe's Auge aufmerkſam geworden, drehte ſich um, ſah, was er trieb, ſprang auf und hob das Buch auf, indem ſie in aller Güte zu dem Knaben ſagte: „Murray, wirf das arme alte Buch nicht herum. Ich fürchte, Du haſt keine Achtung vor dem Alter.“ Roſe lächelte.„Es hat gute Dienſte geleiſtet,“ ſagte ſie.„Vielleicht iſt es mir deshalb um ſo lieber.“ Mabel ſchlug das Buch auf, es war ein altes Exemplar von des Pilgrims Fahrt. Wie ſie darin blätterte, machte ſie Alick darauf aufmerkſam, daß es daſſelbe Buch ſei, das ſie ihm vor einigen Wochen auf ſeinen ausdrücklichen Wunſch gekauft hatte, als er ſie in einen Buchladen be⸗ gleitet hatte und Gefallen an dem reich eingebundenen und ſchön illuſtrirten Buche fand. „Meines ſieht nicht ſo aus,“ ſagte er voll Verachtung; „meins iſt ſchön— das iſt ein altes garſtiges Ding.“ Sein raſches Auge entdeckte aber ſogleich, wie gekränkt Mabel Vaughan IJ. 15 —-— 226— ſich Roſe über ſeine wenig ſchmeichelhafte Vergleichung fühlte; und ſeine Gedankenloſigkeit bereuend, bemühte er ſich ſofort, ſie wieder gut zu machen, indem er ausrief: „Roſe ſollte auch ſo eins haben wie ich, Tante Mabel.“ 2 „Sie ſoll eins bekommen,“ ſiel Mabel ſogleich ein. „Ich werde Dir recht gern eins herbringen, Roſe, wenn Du Gefallen daran findeſt.“ Roſe lächelte nachdenklich, aber mit ſichtbarer Befrie⸗ digung. Alicks Geſicht glänzte vor Wonne, wie er, ohne Roſe Zeit zur Antwort zu laſſen, anfing, den reichen Einband, den Goldſchnitt und die bunten Randzeichnungen des ihr beſtimmten Bandes zu beſchreiben. „Wird es Dir ſehr gefallen, Roſe?“ fragte er, als er mit der Beſchreibung fertig war. „Wird es viel koſten?“ fragte Roſe nachdenklich. „O gewiß!“ ſagte Alick zuverſichtlich. „So viel,“ ſagte Roſe mit einem Blick auf Mabel, während ſie zugleich ein ſichtlich viel benutztes Teſtament, das neben ihr lag und ein paar einzelne Blätter aus einem Abcbuch in die Höhe hielt,„ſo viel wie zwei neue wie dieſe hier koſten würden?“ „So viel wie ein halbes Dutzend von dieſen,“ ent⸗ gegnete Mabel, etwas verwundert über die Frage. „O!“ rief Roſe tief Athem holend aus,„ſo wären mir dieſe lieber.“ Dann ſetzte ſie in weniger aufgereg⸗ tem Tone und etwas zögernd hinzu:„Aber vielleicht kommt es mir nicht zu, zu wählen.“ „Ja, Du ſollſt wählen,“ ſagte Mabel, während Alick mit enttäuſchtem Geſicht zuſah.„Du ſollſt haben, welches Du willſt oder Beide.“ „O ja Beide!“ ſagte Alick, deſſen Geſicht gleich hei⸗ terer wurde. ang —=ſſſſ“ — 227— „Nein, nicht Beide!“ ſagte Roſe mit unverkennbarer Entſchiedenheit. Ihr in der Schule der Armuth erzogener praktiſcher Sinn hatte nichts Unpaſſendes darin geſehen, den Tauſch vorzuſchlagen, aber ihr tiefes Zartgefühl ſtand an, freiwillig ſich doppelt verpflichten zu laſſen. „Du ſollſt ganz Deinen Willen haben, Roſe,“ ſagte Mabel, welche ihr Geſicht mit geſpannter Theilnahme beob⸗ achtete. „Dann wäre mir das Teſtament und die ABC⸗Bücher am liebſten,“ ſagte Roſe.„Wir haben weiter keine, um Sonntags Nachmittags darin zu leſen als dieſe und ſie ſind faſt ganz zerleſen. Wegen der langen ſſ können die Kleinen nicht die Bibel meiner Mutter leſen; wie werden ſie ſich freuen, wenn jede ihr eigenes Teſtament hat— und wie gut ſie ſind, Miß Mabel.“ „Ich gut!“ rief Mabel mit der tiefſten Demuth aus; „für mich iſt es nichts, ihnen die Bücher zu liefern, aber wie viel verdanken ſie Dir, Roſe?“ und indem ſie von ihrem niedrigen Sitz aufſtand und ihren Pelzmantel zu⸗ ſammen nahm, als wollte ſie gehen, verbarg ſie damit zu⸗ gleich die Rührung, welche der Edelſinn des Kindes in ihr hervorgerufen hatte. „Kann ich Dir ſonſt noch etwas mitbringen?“ fragte ſie.„Kannſt Du dich auf gar nichts beſinnen, was Dir angenehm ſein würde— etwas, was Dich erquicken würde, wenn Du des Nachts Fieber haſt?“ „Orangen!“ rief Murray aus einer Ecke des Zimmers herüber, wo er rittlings auf einem der niedrigen Stühle ſaß. Nur an etwas Angenehmes erinnerten Murray die Worte Fieber und Krankenſtube, ⸗und das waren Orangen. Alle lächelten und Mabel benutzte den Rath. „Ich will ihr ein paar Orangen mitbringen,“ ſagte ſie mit einem Blick auf Mrs. Hope,„wenn Sie glauben, daß ſie ihr gut thun werden.“ 15* — 228— „Sie würden ſie wohl erquicken,“ ſagte Mrs. Hope; „gegen Morgen hat ſie immer ein böſes Fieber. Ich ſage immer, es würde beſſer ſein, wenn ſie zeitiger zu Bett ginge und ſich des Abends nicht aufregte; aber ſie bleibt auf und ſpielt Geduldsſpiel und Aehnliches, und manchmal noch im Bett ſchiebt ihr Jack Kiſſen unter und dann bleibt ſie wach, um Vexirſtücke zu errathen, bis ihr armer Rücken weh thut und ſie nicht einſchlafen kann.“ Roſe ſah ihre Mutter unruhig an, währeud ſie dies ſagte und Mabel warf auf Roſe einen forſchenden Blick, überraſcht über eine Anklage, die einen Mangel an Ein⸗ ſicht und Fügſamkeit bei dem kranken Kinde anzudeuten ſchien. „Du ſollteſt das nicht thun, Roſe,“ ſagte ſie und ſtrich mit ihren beiden Händen das blonde Haar von den durchſichtigen Schläfen der Kleinen zurück.„Liebſt Du Vexirſpiele ſo ſehr?“ „Jack hat ſie ſo gern,“ ſagte Roſe in leiſem, bedeu⸗ tungsvollem Geflüſter, das nur für Mabels Ohr beſtimmt war. Die Worte drangen in das Herz der Hörenden. Es ſprach ſich darin eine tiefe ſchweſterliche Liebe und eine Kraft der Opferbereitwilligkeit aus, die unausſprechlich rührend bei einem Kinde waren, deſſen körperliche Schwäche es von aller Verantwortlichkeit frei zu ſprechen ſchien. Mabel fühlte die ganze Macht des Beiſpiels, das für ſie zu gleicher Zeit eine Lehre und ein Vorwurf war. Eine Weile ruhte ihr Blick auf Roſen, als wollte ſie auf ihrem Geſicht das Geheimniß der göttlichen Kraft leſen, welche ſie über die Schwächen des Fleiſches ſiegen lehrte; dann eilte ſie, um Worte verlegen, und vielleicht befürchtend, ihre tiefe Rührung zu verrathen, ihr Lebewohl zu ſagen; und nachdem die Knaben ebenfalls von der kleinen Kranken Abſchied genommen, folgten ſie Alle Mrs. Hope in den pe; age Zett eibt mal eibt cken dies lick, Lin⸗ iten und den Du deu⸗ umt Es eine hlich äche für Eine prem elche dann ihre und nken den — 229— Laden, von wo dieſe, nachdem ſie die Vorderthüre aufge⸗ riegelt hatte, ſie auf die Straße ließ. Ehe Mabel noch Abſchied nahm, bat ſie, ihr durch Lydia beſtändig Nachricht von Roſe's Geſundheitszuſtand zukommen zu laſſen und forderte die Wittwe auf, ſich ohne Zurückhaltung an ſie zu wenden, wenn ſie Etwas für ſie thun könnte. Der Tag war ſeinem Ende nahe und nachdem Mabel ihre beiden kleinen Neffen nach dem Hotel gebracht, eilte ſie ſelbſt nach ihrer Wohnung. Welch eine Veränderung hatten zwei kurze Stunden in ihrem Ausſehen, ihrem Geſicht und ihren Gedanken hervorgebracht; ſie war aufgeregt, ruhelos und unglücklich von Hauſe weggegangen und kehrte auch ſo zurück; aber von wie ganz anderem Charakter waren au h dieſe Empfin⸗ dungen; als ſie fortging, war ſie aufgeregt von heftigem Schmerz, ruhelos von nichtiger Sehnſucht und unglücklich durch getäuſchte Hoffnungen. Jetzt war ihr Gemüth auf⸗ geregt, aber von einer neuen Offenbarung bisher unge⸗ ſehener Dinge; ſie war voller Unruhe, aber es beunruhigte ſie eine unbeſtimmte Sehnſucht, ſich über ihr früheres Ich zu erheben; ſie war unzufrieden, aber es war die Unzu⸗ friedenheit, deren Frucht Reue bis zum ewigen Leben iſt. Wie ſanft, wie wohlthuend klang die Stimme, welche ſo unbewußt ein ſchlummerndes Gewiſſen weckte! Es war keine aufſchreckende Warnung, kein lauter Lärmruf, der die zitternde Seele geängſtigt und verwirrt hatte. Es war nur das leiſe Athmen eines liebenden Herzens, das in den ſanfteſten Tönen ſprach; aber eine leiſe Stimme drinnen antwortete auf das geflüſterte Wort und ließ ſich von nun an nicht wieder zum Schweigen bringen. Sie konnte ihr widerſtehen— ſie widerſtand ihr— denn irdiſche Ver⸗ ſuchungen ſind ſtark und himmliſche Regungen kurz und vorübergehend. Aber ſie kam wieder, ein unwillkommener Eindringling in ihren heiteren Stunden; eine geduldig — 230— Bittende, die in ihrer Einſamkeit zu ihr ſprach. Wie ein Engel, der an der Pforte ſitzt, alle feindſeligen Einflüſſe fortweiſt und immer auf Gehör wartet, ſammelte ſie im Schweigen und im Geheimen Kraft für die Stunde, wo ihr Drommetenruf das Herz wecken würde, wo der Kampf geendet und der Sieg gewonnen iſt. — ein üſſe im wo npf Siebzehntes Aupitel. Aber deutlicher noch, Als durch der Wangen lodernde Glut Verräth' ſich die Liebe des Mädchens, Wenn ſein Name ihr Ohr trifft;— Wie bebt dann das junge Herz;— Vergißt ſich ſelbſt— und die Pflicht, Das dunkle Auge, es füllt ſich, Und voll Hoffnung klopft raſcher der Puls. Mrs. Osgood. Während der Beſuch bei Roſy und der dadurch ge⸗ weckte opfervolle Sinn in Mabel noch fortwirkte, machte ſie mehr als einen Verſuch, ihren früheren Einfluß auf Harry und ſein Vertrauen wieder zu gewinnen. Es gelang ihr nur zum Theil. Die kleinen, ſchwe⸗ ſterlichen Aufmerkſamkeiten, die ſie ihm in der letzten Zeit nur obenhin erwieſen, oder ganz unterlaſſen hatte, ſchienen ihn zu gleicher Zeit zu rühren und wehe zu thun. Gele⸗ gentlich zeigte er das alte Behagen in ihrer Geſellſchaft; aber zu andern Zeiten eilte er fort, als ob ihre Anweſen⸗ heit ihm einen unwillkommenen Zwang auferlege. Er vermied die leiſeſte Hindeutung auf ſeine neuerlichen Aus⸗ ſchreitungen, aber ſtand dabei nicht an, auszuſprechen, welch tiefen Ekel ihm das Newyorker Leben einflößte und wie überſättigt er davon war. Schweſterliches Mitgefühl und Ausdauer von Seiten — 232— Mabels hätten zur rechten Zeit viel zur Wiederherſtellung der frühern vertraulichen Beziehungen zwiſchen ihnen thun können; aber es darf nicht verhehlt werden, daß ſie in ih⸗ ren Bemühungen ſehr bald entmuthigt war. Sie war zu einer ſpäten Abendſtunde nach Hauſe ge⸗ kommen, hatte von dem Bedienten erfahren, daß Harry noch nicht da ſei, und hatte ſich, bedrückt von mehr als gewöhnlicher Beſorgniß, entſchloſſen, ihn zu erwarten, ehe ſie zu Bett ging. Die Jugend verlangte jedoch ihr Recht, Müdigkeit bemächtigte ſich allmälig ihrer Sinne und ſie ſchlummerte auf dem Sopha in ihrem Zimmer ein. Sie erwachte einige Stunden ſpäter von dem Geräuſch von Tritten, begleitet von einem verwirrten und lärmen⸗ den Streit. Zitternd und von plötzlicher Angſt aufgeregt, ſprang ſie auf und erkannte deutlich die Stimme des Be⸗ dienten ihres Vaters, der vergeblich Vorſtellungen machte, während Harry ihn mit rauher und heftiger Stimme mit den ſchonungsloſeſten Schimpfworten und Drohungen über⸗ häufte. Gleich darauf öffnete ſich plötzlich eine benachbarte Thür und eine dritte ebenſo bekannte Stimme miſchte ſich in den Streit, indem ſie Harry in ſtrengem, obgleich nur halblautem Tone des Befehls anredete. Noch einen Augen⸗ blick und man hörte den Schritt verſchiedener Füße auf der in das nächſte Stockwerk führenden Treppe; doch ſchien es nicht ohne einiges Sträuben von Seiten Harry's abzuge⸗ hen, allmälig aber verlor ſich das Geräuſch in die Ferne und erſtarb zuletzt ganz. Mehrere Minuten lang ſtand Mabel bleich und athem⸗ los mit dem Ohr am Schlüſſelloch da, aber da ſie kein Geräuſch mehr hörte, wagte ſie endlich die Thür aufzu⸗ machen und hinauszuſehen. Sie fuhr jedoch zurück, wie von einem Pfeil getroffen; denn obgleich ſie nur einen Blick hinaus that, hatte ſie doch die Geſtalt ihres Vaters geſehen, der im Schlafrock die Treppe herab kam und —,——,',—— — — 233— deſſen von der Lampe, die er in der Hand trug, hell be⸗ leuchtetes Geſicht zeigte, daß er das Schlimmſte wußte. Mabel hatte längſt dieſen oder einen ähnlichen Auf⸗ tritt vorausgeſehen; aber wie ihr Blick auf das tief be⸗ kümmerte Antlitz ihres Vaters fiel, wich das Mitleid mit Harry und die Gekränktheit, die ſie um ihrer ſelbſt willen fühlte, einer tiefen Entrüſtung über den Jüngling, der ſo das graue Haupt des Vaters mit Kummer in die Grube bringen konnte. Sie weinte nicht, ſie nahm keine verzwei⸗ felte Stellung an, ſondern ging langſam im Zimmer auf und ab, wobei ihr ſanftes braunes Auge von ungewohn⸗ ter Aufregung erglühte und die zartgeſchwungene Lippe von einem Gefühl zuckte, das der Verachtung nicht unähnlich war. Es dauerte lange, ehe ſie ihre erregten Gefühle beſchwichtigen konnte. Und als es ihr gelungen war, blieb ein dumpfes, ſchweres und verzweifelndes Be⸗ wußtſein, unglücklich zu ſein, wie ſie es noch nie empfun⸗ den hatte, in ihr zurück. Die Familiencalamität hatte ihre Kriſis erreicht; es war nicht länger ein geheimer bohren⸗ der Kummer, den ſie in ihrem Buſen verbarg; es war eine traurige, aber anerkannte Thatſache. Aber mit dieſem Gedanken, ſo traurig er auch war, vermiſchte ſich doch ein Gefühl der Erleichterung. Sie hatte gehofft, daß ihren Vater der Schlag lange verſcho⸗ nen würde. Aber da er gefallen war, kam es ihm zu, wo⸗ möglich Wiederholungen deſſelben zu verhüten. Entſchei⸗ dende Maßregeln mußten ergriffen werden, um den verirrten Jüngling zu retten, und der bekümmerte Vater würde ge⸗ wiß nicht verſäumen, die nothwendigen Schritte zu thun. Ob dieſe kräftigern Maßregeln die Unterſtützung ihres ſanftern Einfluſſes bedurften oder nicht, das erwog ſie jetzt nicht; ſondern zu leicht entmuthigt in ihren ſchwachen Bemühungen und zu bereit, ſich von weiterer Theilnahme an den Anſtrengungen zur Beſſerung ihres verirrten Bruders — 234— zu entſchuldigen, warf ſie mit Freuden ihren Antheil an der Laſt von ſich. So ſuchte ſie mit ſchwererem Herzen, aber mit einem erleichterten Gefühl perſönlicher Verant⸗ wortlichkeit zuletzt ihr Lager auf. In dieſer Kriſis kehrte Dudley in die Stadt zurück. Ein vierzehntägiger Aufenthalt in Canada, wohin ihn Geſchäftsangelegenheiten plötzlich gerufen hatten, hatte vollſtändig ſeine kleinliche Eiferſucht abgekühlt und er war jetzt angelegentlichſt beſtrebt, die Erinnerung an dieſelbe aus Mabels Seele zu verwiſchen. Das war nicht ſchwer. In dem raſchern Klopfen ihres Herzens in ſeiner Anweſen⸗ heit vergaß ſie ganz die frühere Entfremdung, während ihr ſtrahlendes Auge und ihre glühende Wange bewieſen, daß ſie durch keine peinliche Erinnerung ſich in ihrer Freude über ſeine Rückkehr ſtören ließ. Der März war jetzt gekommen. Die Winterfeſte in der Stadt waren zu Ende und die faſhionable Welt ſah bereits mit geſpannter Erwartung dem bevorſtehenden Som⸗ merfeldgug entgegen. In dieſer vergleichsmäßigen Wind⸗ ſtille zwiſchen den Zerſtreuungen der Hauptſtadt und des Badeorts fand Dudley Gelegenheit, mehr als je Geiſt und Herz Mabels in Beſitz zu nehmen. Die glänzenden Feſte der Faſhion forderten nicht länger die Anweſenheit ihrer Königin; das ausgezeichnete Opernperſonal war nach der Havanna geſegelt; Mabels Kreis von Bewunderern hatte zum größten Theil entweder die erfolgloſe Bewerbung kühn zur Kriſis gebracht oder ſich ſchüchtern zurückgezogen; das Wetter war ungünſtig zum Spazierengehen oder Fah⸗ ren, und jetzt, wenn jemals, war die Zeit, wo geiſtige Genüſſe, verfeinerter Geſchmack und künſtleriſches Streben leicht die Herrſchaft beanſpruchen konnten. Kaum ein Tag verging, wo Nabel nicht den Ge⸗ nuß von Dudley's Geſellſchaft hatte. Ein neues Buch, eine ſeltene Blume, die Anzeige von einer Ausſtellung 4 viel — 235— auserleſener Gemälde, die Entdeckung einer intereſſanten wiſſenſchafttichen Thatſache waren eben ſo viele Vorwände für einen Beſuch; oder wenn dieſe fehlten, war ſeine Ge— wandheit und ſein Takt ſo groß, daß er ſich bei jeder Partie, die ſie der Unterhaltung oder des Vergnügens wegen unternahm, unentbehrlich zu machen wußte. In Dudley's Geſellſchaft, im Zauberkreis ſeiner ſchmeicheln⸗ den Stimme und unter dem berückenden Einfluß ſeiner dunkeln träumeriſchen Augen fand Mabel für keine anderen Gedanken Muße, als diejenigen, welche ſeine Gegenwart erweckte; während wenn ſie mit ihm nach dem Schönen in der Poeſie, in der Natur und in der Kunſt forſchte, ſie vergaß, daß das Leben Gelegenheit zu höheren oder edle⸗ ren Beſtrebungen darbietet. Da ſein überwiegender Einfluß ſo ſchädlich auf ihre wahrſten und reinſten Strebungen einwirkte, kann man wol glauben, daß er nicht dazu beitrug, ſie in den Plä⸗ nen ſchweſterlichen Wohlwollens und Erbarmens zu beſtär⸗ ken, die ſie ſonſt vielleicht verfolgt hätte; denn Dudley war unter keinen Verhältniſſen der Mann, der ſeinen eig⸗ nen unbefleckten Ruf durch den Verſuch gefährdet hätte, einen ſinkenden Freund zu vertreten und zu halten. Mabel bemerkte bald, wie ſeine Freundſchaft für Harry allmälig erkaltete und ſo wirkte ſowol ſein Beiſpiel wie ſein Ein⸗ fluß darauf hin, ſie in ihren Bemühungen und Hoffnun⸗ gen in Bezug auf ihren Bruder zu entmuthigen; während die Herrſchaft, welche er über ihre Gedanken ausübte, ſo groß war, daß ſie das Gefühl der Kränkung, welches ſie über die Verirrungen des unglücklichen Jünglings empfand, und ihre Beſorgniſſe über ſein künftiges Schickſal be⸗ ſchwichtigte..— Was immer Dudley's Beweggrund ſein mochte— und vielleicht hatte er nicht einmal einen ernſthaften Beweggrund — er ſparte keine Anſtrengung, eine ausſchließliche Herr⸗ — 236— ſchaft über Mabels Herz und Leben zu gewinnen und in⸗ dem ſie ſich bereitwillig ſeiner Führung anheim gab, fügte ſie ſich ſenen Wünſchen und ſeinen Neigungen, ließ ſich von ſeinen Meinungen beeinfluſſen und nahm blindlings ſeine Grundſätze hin.. So war er befriedigt und ſie war glücklich. Wenigſtens hielt ſie ſich für glücklich. Es war ein ſelt— ſames launenhaftes Gemiſch von Regungen, unwürdig des Namens, welcher das ausdrückt, was ſo ſelten auf Erden gefunden wird: das Weſen aller Freude. Es war ein Glück, erkauft um den Preis von Vielem, was er⸗ träumt, erhofft und vergeſſen worden iſt. Es war blos das Erbeben eines jungen Herzens, das noch keinen Ruhe⸗ ort gefunden hat. Ach! gleich der Taube, die Noah aus der Arche fliegen ließ, würde es lange vergebens Ruhe ſuchen. So wie dieſes ſogenannte Glüͤck beſchaffen war, erlitt es viele Unterbrechungen. Wie alle ſelbſtſüchtige Naturen war Dudley ſogar in ſeiner Liebe ungroßmüthig. Er ver⸗ langte mehr als er gab. Er ging ängſtlich jeder andern Erklärung ſeiner Gefühle aus dem Wege, als derjenigen, die ſich in ſeinem ganzen Benehmen ausſprach; aber ob⸗ gleich er ſich Rechte anmaßte, auf die er ſich noch keinen Anſpruch erworben hatte, ſtand er doch nicht an, ſeinen Einfluß auf ihre Denk⸗ und Lebensgewohnheiten auszu⸗ üben und nahm ſich ſogar heraus, ihr Benehmen zu kriti⸗ ſiren und gelegentlich, wie wir geſehen haben, es übel zu nehmen. der er das, was in Wirklichkeit zudringlich war, mit einem Anſtrich gewinnenden Dienſteifers zu verdecken wußte und ſeine Excentrität entſchuldigte, was bei Andern anma⸗ ßend geweſen wäre; aber dennoch konnte Mabels ſelbſt⸗ Allerdings beſaß er eine Anmuth und einen Takt, mit bewußter Geiſt nicht immer ſeine Launen ertragen und — 237— ſie erwiderte gelegentlich ſeine plötzliche Kälte und Schweig⸗ ſamkeit mit einem Stolz, der ſeiner Miene verſteinerter Zurückhaltung vollkommen gleich kam. Dann kamen Zwiſchenzeiten nicht eingeſtandener, aber offenbarer Entfremdung, wo Mabel plötzlich auf ihre eig⸗ nen Hülfsmittel verwieſen, eine Reaction empfand, wel⸗ che ihr ihre frühere Gehobenheit der Stimmung wie Täu⸗ ſchung und Hohn erſcheinen ließ. In dieſen Pauſen ſtellten ſich alle Elemente der Unbe⸗ haglichkeit in ihrer Häuslichkeit mit verdoppelter Kraft ihr vor Augen. Die Klagen und Andeutungen der Tante, welche ſich ehedem auf das zunliebenswürdige Benehmen der Mrs. Leroy, und die Täuſchungen, mit denen ſie beſtändig ihre Verwandten hinterging, beſchränkt hatten, hatten jetzt einen neuen und unerſchöpflichen Gegenſtand in der viel größern Urſache zur Beſorgniß und Bekümmerniß gefunden, die ihr nicht hatte verborgen bleiben können. Louiſe war kecker als je in ihren Täuſchungen und ihrer Rückſichtslo⸗ ſigkeit gegen Andere, während die berzloſe Gleichgültigkeit der Schweſter gegen Alles, was Mabels Behagen betraf, die Gutmüthigkeit der Letztern unaufhörlich auf die Probe ſtellte. Eine gewiſſe Starrheit des Geſichtsausdrucks diente dazu, die Bewegungen von Mr. Vaughans Gemüth zu verbergen, aber ſeine bis dahin aufrechte Geſtalt hatte ſich gebeugt und die blaſſen Wangen waren hohl geworden, was ihn zu einem alten ſorgenbedrückten Mann ſtempelte. Und Harry! ach! der arme Harry! wo und was war er? Mabel wagte weder zu fragen, noch es auszudenken. Aber das Auge, das nicht länger furchtlos in das ſeines Neben⸗ menſchen blicken konnte; die Hand, welche zögerte, ehe ſie die Hand desjenigen ergriff, der früher ein Freund ge⸗ weſen war; das Antlitz, von dem Jugend und Schönheit — 238— raſch verſchwanden; alles dies waren ſtumme Zeugen einer traurigen Geſchichte. Aber dieſe Pauſen einſamen Nachdenkens beſchworen nicht nur in langem Zuge die Prüfungen herauf, welche das Schickſal Mabel auferlegte; ſondern mit dieſen kam auch noch eine andere Erinnerung, die aus ihren fröhliche⸗ ren und glücklicheren Stunden verbannt war— die Erinne⸗ rung an Eine, welche inmitten von Entbehrungen, Noth und Schmerz die heiligſte Lehre des Lebens gelernt hatte und in ihrem kleinen Kreis eine beſcheidene Aufgabe der Pflicht fand, die ſie mit dem Heldenmuth eines Märtyrers und der Geduld eines Heiligen eerfüllte. Sie konnte nicht blind gegen dieſes lebendige Beiſpiel, nicht taub gegen den heimlichen Mahner ſein, den es in ihrem Herzen erweckt hatte. Trügeriſche Theorieen und ſelbſtiſches Vernünfteln konnten ihren Glauben an abſtrakte Grundſätze erſchüttern, aber keine Sophiſtik konnte die heilige Wahrheit verdun⸗ keln, welche von dem Leben Roſy's ausſtrahlte. Der Gedanke an dieſe fromme kleine Pilgerin und ihren täglichen Gang mit Gott mußte in einer ſo offenen und eindrucksfähigen Natur, wie Mabel war, manche ſchmerzliche Selbſtbeſchauung und manche Reueempfindung veranlaſſen; aber dieſe heilſamen Gewiſſensbiſſe begleiteten andere und nicht weniger heilſame Einflüſſe, welche zu gleicher Zeit willkommen und wohlthuend waren. Das von Unfreundlichkeit, Mißdeutung und kalter Zu⸗ rückhaltung verwundete Herz fand Ruhe und Erquickung in dem Gedanken an Eine, deren Geiſt, in göttliche Liebe getaucht, ringsum den himmliſchen Thau wahren und zärt⸗ lichen Mitgefühls ausſtreute; während Hoffnungen, welche eine ſchwere Prüfung rauh zerknickte, neue Kraft erhielten durch die beſeligende Verſicherung, daß es ſelbſt hienieden einen Frieden gibt, der bei dem Volke Gottes bleibt. Mabels Aufregung beſchwichtigte und tröſtete unfehl⸗ lähr bun Ern wür Mrs ſchöt Auft Beſt mit ſorg dieſe Sie Wun ſeine erken ein ſ ehren ihrer den L L 2 Abwe ter en che am he⸗ ne⸗ oth ite der ers icht den eckt teln ern, un⸗ und enen nche dung teten e zu Zu⸗ kkung Liebe zärt⸗ velche ielten nieden nfehl⸗ — 239— bar ein Beſuch bei Roſy, und ihr Gemüth fühlte ſich zu⸗ gleich von Demuth und von Kraft erfüllt. Sie fühlte etwas von der Geduld, die von der Ergebung in Gottes Schickung herrührt; einen Strahl der Hoffnung, die der Glaube gibt. Sie ging ihres Wegs, wenn nicht geſtärkt durch ein heiliges Ziel, aber doch erfüllt mit einem de⸗ müthigen Verlangen, desgleichen zu thun, während das Ich eine Zeit lang vergeſſen war, erfüllt mit einem ſtarken und lebendigen Wunſche, Etwas für die Wohlfahrt und das Glück Anderer zu verrichten. Schwierigkeiten entmuthigten und Gleichgültigkeit lähmte oft dieſe uneigennützigen und edelmüthigen Stre⸗ bungen; aber gelegentlich ließ ſich ihr Einfluß in dem edlen Ernſt entdecken, mit dem ſie ein wohlwollendes oder preis⸗ würdiges Ziel zu erreichen ſuchte. Sie fuhr eines Tags durch eine von der Wohnung der Mrs. Hope nicht ſehr entfernte Straße, als ungewöhnlich ſchönes Obſt, das in dem Fenſter eines Ladens hing, ihre Aufmerkſamkeit erregte. Sie hatte bei einem neuerlichen Beſuch bei Roſy bemerkt, daß der Vorrath von Orangen, mit dem ſie in der letztern Zeit die Kleine beſtändig ver⸗ ſorgt hatte, faſt erſchöpft war, und es fiel ihr ein, daß ſie dieſe Gelegenheit benutzen könnte, den Vorrath zu erneuern. Sie zog haſtig an der Schnure und Donald hielt ihrem Wunſche gemäß mit dem Wagen vor dem Laden, während ſeine etwas geringſchätzige Miene ſeine Verwunderuug zu erkennen gab, daß ſeine junge Herrin Veranlaſſung fand, ein ſo unbedeutendes Geſchäft mit ihrer Gegenwart zu be⸗ ehren. Mabel aber, ohne zu ahnen, daß ſie etwas von ihrer Würde einbüßte, ſtieg ohne Beſinnen aus und trat in den Laden, um ihre Einkäufe zu machen. Während der junge Mann, der ſie bediente ,mit dem Abwägen einiger Trauben beſchäftigt war, zo gen zwei Kna⸗ — 240— ben, die vor dem Ladentiſch ſtanden, ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. „Ich will Dir was ſagen, Jack,“ ſagte der Größere von den Beiden,„wenn Du mir dieſe Ladung Auſterſchaa⸗ len zu Tattans unten am Fluß fährſt, ſo gebe ich Dir für heute Abend ein Billet für das Bowery⸗Theater. Was ſagſt Du dazu, Kamerad? Tom Ratlin ſpielt:„„der Teufel unter den Küchenjungen““— das iſt ein Spaß. Tom Ratlin iſt mein Mann! Na, ſchlag ein.“ „Ich mag nichts von Deinen alten Auſterſchaalen wiſ⸗ ſen,“ gab der ſo angeredete Knabe zur Antwort— ein kurzer, kräftiger Burſche mit Sommerſproſſen und dicken Lippen, deſſen Geſicht durch große hervortretende Zähne einen eigenthümlichen Ausdruck erhielt, der aber bei alle⸗ dem offen, ehrlich und im Ganzen einnehmend war. „Du willſt nicht?“ ſagte der Erſte wieder—„ein um ſo größerer Thor biſt Du dann. Es lohnt beſſer, als wenn Du Deiner Mutter Zuckerkand verkaufſt;“ und er blickte verächtlich auf ein mit dieſem Artikel beſetztes Brett, das an einem ledernen Riemen um den Hals des Andern hing. Letzterer, offenbar gekränkt und getroffen von dieſer Anſpielung auf ſeine Beſchäftigung, für die er allerdings eigentlich ſchon zu groß war, wurde ſehr roth im Geſicht und gab in einem halb beſchämten und halb zornigen Tone zurück:„Zuckerkand verkaufen iſt jedenfalls ein viel beſ⸗ ſeres Geſchäft, als für Leute arbeiten, die viel verſprechen und nie bezahlen. Erſt ſollten alte Rechnungen glatt ge⸗ macht werden, ehe von neuen die Rede ſein kann.“ „Ich bin Dir nichts ſchuldig,“ erwiderte mit Heftig⸗ keit der, welcher zuerſt geſprochen hatte. „Wirklich?“ rief Jack aus.„Ich möchte doch wiſſen, was ich für das Fortſchleppen der beiden Fäſſer Auſtern bekommen hätte, die ich von dem Keller Deines Alten nach der Jerſey⸗Fähre trug. Ein ſchönes Geſchäft, nicht wahr? ——„⸗f.. ſch tai wa eilt vol geb — — 241— Zu ſehen, wie Du mit Deinen Fäſſern in das Boot ſprangſt und mich in der Dinte ſitzen ließeſt. Ich habe es nicht vergeſſen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ Der größere Knabe lachte laut auf bei dieſer Erinne⸗ rung, denn er ſchien die ganze Geſchichte für einen ausge⸗ zeichneten Witz zu halten.„Nun, was konnte ich anderes thun?“ rief er aus.„Das Boot warten laſſen konnte ich nicht; den Kapitain zu beſtechen, hatte ich keine Ausſicht; mußte fort, wie der Wind. Aber laß doch mit Dir reden, Jack,“ fuhr er überredend fort,„Du fährſt mir die Schaa⸗ len hinunter zu Tattans und ich bezahle auf der Stelle— auf Ehre!“ „Du bezahlſt beide Geſchichten— das heutige und das neuliche?“ „Ich calculire, ja. Ich will ſehen,“ ſagte der große Knabe ausweichend. „Nein, mit Deinem Calculiren iſt es nichts, Bob; dasmal muß das Geſchäft glatt ſein.“. „Schon gut, ſchon gut,“ ſagte Bob,„ſo ſollſt Du wenigſtens eine Anwartſchaft auf's Theater haben.“ „Und auch den Cocktail?“ „Ich habe keinen Cocktail verſprochen,“ ſagte Bob. „Ja, einen Cocktail— nichts Anderes,“ entgegnete Jack mit Wärme. „Na, Jack, Du ſollſt's haben!“ rief Bob aus und ſchlug ihn auf die Schulter;„Tom Ratlin und einen Cock⸗ tail. Aber ſputen mußt Du Dich. Die Schaalen ſollen gleich da ſein. Der Karren ſteht an der nächſten Ecke; warte nur, bis ich wiederkomme;“ und mit dieſen Worten eilte Bob zu einer Seitenthür hinaus, um das Geſchäft vollends zum Abſchluß zu bringen. „Was meint er eigentlich? was will er dem Knaben geben?“ fragte Mabel den jungen Mann, der ihre Ein⸗ käufe zuſammenpackte.— Mabel Vaughan I. 16 — 242— Der Burſche blickte auf, begegnete ihrem angelegentlich fragenden Blick und verſuchte, indem er ſich bückte, um ein Stückchen Bindfaden abzubeißen, ein Lächeln zu verbergen. Mabel, die ſein Zögern bemerkte, wiederholte ihre Frage und der Burſche ſah wieder in die Höhe und ent⸗ gegnete, als er den unbeweglichen Ernſt ihrer Züge be⸗ merkte, auf die zweite Frage: „Womit meinen, Madame? mit einem Cocktail?“ „Ja.“ „Es iſt was zu trinken,“ antwortete der junge Mann; und außer Stande, länger zu verbergen, wie ſehr Mabels Neugier ihm Spaß machte, lachte er jetzt gerade heraus, während er zugleich ſeine Pakete zuſammen nahm, um ſie in den Wagen zu tragen. „Ich dachte mirs— ich fürchtete es,“ ſagte Mabel, deren Züge immer noch einen vorwurfsvollen und ernſten Ausdruck hatten,„es iſt eine Schande!“ Als darauf der junge Mann mit den Paketen hinausging, zögerte ſie eine Weile und trat dann an Jack heran, der von der Seite einen Blick auf ſie warf, als argwöhnte er, von ihr beobach⸗ tet zu werden. „Nimm es nicht an,“ ſagte ſie freundlich und eindring⸗ lich, indem ſie zugleich ihren Worten mehr Nachdruck mit der Hand gab, die ſie abmahnend auf Jacks Arm legte. Jack— Jack Hope, denn der war es, obgleich Mabel Nichts davon ahnte— ſchaute aufg begegnete ihrem mil⸗ den, ſtrafenden Blick, warf zu gleicher Zeit einen Blick auf ihre reiche Kleidung, ihr vornehmes Ausſehen und ihre edle Geſtalt, und ſchlug dann mit einer halb mißtrauiſchen, halb verdrießlichen Miene die Augen nieder, während er mit einem Fuß gegen den Ladentiſch ſtieß. „Was ſoll ich Dir geben, wenn Du es nicht an⸗ nimmſt?“ fragte Mabel nach einer Pauſe. Abermals begegnete Jacks Blick dem Auge, aber er — õ— — — 243— ſchlug es im nächſten Augenblick vor dem mitleidvollen und flehenden Ausdruck nieder, mit dem ſie ihn anſah. Wieder trat eine Pauſe ein, denn Jack beantwortete ihre Frage nicht. Mabel nahm jetzt einen Gold⸗Dollar aus ihrer Börſe und legte ihn auf den Ladentiſch. Jack ſah ihn mit einem ſehnſüchtigen Blick an, der nicht mißzuverſtehen war; aber diesmal wagte er nicht, Mabel anzuſehen. „Möchteſt Du den haben?“ ſagte ſie. „O, gewiß,“ ſagte der Knabe,„aber— aber“ „Aber was?“ Jack ſtockte und ſagte dann in einem Tone, als ob die Worte aus ihm herausgezwungen würden:„Ich möchte mir's nicht abkaufen laſſen— das iſt gemein.“ Mabel fiel das natürliche Ehrgefühl des Knaben auf; ſie wußte einen Augenblick nicht, was ſie thun ſollte, und ſagte dann:„Haſt Du Niemanden zu Hauſe, für den Du es ausgeben könnteſt? Haſt Du keine Mutter oder Schwe⸗ ſter? Es wäre nicht gemein, wenn Du ihnen Etwas kaufteſt.“ Unbewußt hatte ſie die empfängliche Saite ſeines Her⸗ zens angeſchlagen. Jack ſah ihr forſchend ins Geſicht und vergaß ſeine eben noch gefühlte Ehrerbietung über der leb⸗ haftern Neugier, zu wiſſen, wie ſie ſeine geheimen Gedan⸗ ken durchſchaut hätte. Mabel bemerkte ihren Vortheil und verfolgte ihn. „Nimm nicht an, was Dir der böſe Knabe verſprochen hat,“ ſagte ſie,„und gehe auch nicht ins Theater; meide ſo ſchlechte Geſellſchaft, oder Du kommſt zu Schaden. Dann ſollſt Du den Dollar haben, und ich gebe ihn Dir gern, wenn Du einen guten Gebrauch davon machſt; vielleicht fällt Dir etwas Gutes und Hübſches ein, was Du für Deine Familie zu Hauſe kaufen kannſt.“ „Ich brauche das Geld zu etwas ganz Beſonderem,“ 16* —öööööööͤ—— — 244— ſagte der Knabe;„es iſt nichts Schlechtes, ſo wahr ich hier ſtehe.“ „Nun, ſo nimm ihn,“ ſagte Mabel;„ich glaube Dir, denn Du ſiehſt aus, als ob Du die Wahrheit ſprächſt; hier, ſtecke ihn in die Taſche.“ „Was ſoll ich Bob ſagen?“ ſagte der Knabe halblaut vor ſich hin. „O, ſage ihm gar Nichts; lauf fort, ehe er wieder kommt; das iſt das Beſte.“ Jack lächelte über den angelegentlichen Eifer des ſchö⸗ nen Mädchens und nahm ſein Brett, das er in Erwartung des neuen Geſchäfts hingeſetzt hatte. In ihrem Eifer, ihn fortgehen zu ſehen, half ihm Mabel mit ihrer fein behandſchuhten Hand den ledernen Riemen um den Hals legen. „So, nun lauf,“ ſagte ſie mit einem vergnügten Lä⸗ cheln, daß es ihr gelungen war.„Leb wohl! vergiß nicht!“ und Jack trabte fort. Noch ein- oder zweimal ſah er ſich um, um ſie in den Wagen ſteigen zu ſehen, und dann beſchleunigte er, ihrer Empfehlung gehorſam, noch mehr ſeine Schritte. Als ungefähr eine halbe Stunde ſpäter Mabel in dem Laden der Wittwe Hope ſaß und mit Roſe ſprach, wäh⸗ rend Donald in einiger Entfernung von dem Hauſe mit dem Wagen auf⸗ und abfuhr, ward die Thür heftig aufge⸗ macht, die daran befeſtigte Klingel ſchellte laut und Jack ſtürzte herein, den Dollar hoch in die Höhe haltend, und mit dem Ausrufe:„Hurrah, Roſe! Ganz einerlei, wie ich dazu gekommen bin, aber hier iſt Geld genug für“— er war ſo weit gekommen, als er plötzlich Mabel erblickte, die bisher von der Thür, hinter der ſie ſaß, verſteckt geweſen war. Er brach mitten in der Rede ab, fuhr vor Erſtau⸗ nen zurück, wurde ſehr roth im Geſicht und ſchlug, ohne ein Wort der Frage oder der Entſchuldigung, ſich mit bei⸗ — 245— den Händen vor den Mund und ſchoß ſo haſtig hinaus, als er herein gekommen war. Sehr gekränkt über dieſes unmanierliche Benehmen bemühte ſich Roſe, ihn zu entſchuldigen, indem ſie ſagte: „das iſt Jack— er iſt nicht ſehr gewöhnt an Geſſell⸗ ſchaft.“ Aber Mabel, die nur an das Zuſammentreffen dachte, welches ihr in dem beſchenkten Knaben Roſy's Bruder ent⸗ decken ließ, ſchien ſie nicht zu hören, und Roſe, die aus ihrem Schweigen folgerte, daß ſie zürne, ſetzte zur weitern Entſchuldigung von Jacks Benehmen hinzu:„Er iſt nicht immer ſo ungeſchliffen, Miß Mabel.“ „Ungeſchliffen! ach nein!“ erwiderte Mabel, die ſich gleich wieder von ihrer Zerſtreuung erholte, und die Un⸗ ruhe auf Roſe's Geſicht bemerkte;„er wollte nicht unge⸗ ſchliffen ſein; er war überraſcht; weiter iſt's Nichts. Ich fühle ſehr viel Intereſſe für Jack, Roſe; er ſcheint ein gut⸗ herziger Knabe zu ſein.“ Dieſe Aeußerung rief auf Roſe's Geſicht einen Aus⸗ druck unausſprechlicher, freudiger Befriedigung hervor. „Das iſt er, das iſt er, Miß Mabel,“ rief ſie mit Wärme aus; und ſo ermuthigt, über den Gegenſtand zu ſprechen, hörte ſie nicht eher auf, als bis ſie von der Aufzählung ſeiner guten Eigenſchaften ganz erſchöpft war. Durch ihr Lob blickte jedoch, wie nicht ſchwer zu ent⸗ decken war, eine geheime Beſorgniß und ein mißtrauiſcher Zweifel hindurch, daß die böſen Einflüſſe, welchen ihn das Hauſiren auf den Straßen ausſetzen mußte, dieſe guten Eigenſchaften verderben könnten; und da Mabel ſelbſt durch die Ereigniſſe dieſes Morgens Zeugin von den Ver⸗ ſuchungen eines derartigen Lebens geweſen war, begriff ſie beſſer, als vorher, die Opferbereitwilligkeit und Ausdauer, mit welcher die kranke, kleine Schweſter beſtrebt war, ihn ſo viel als möglich in ihrer Nähe zu behalten. — 246— Dieſes kleine Ereigniß ließ einen ſtarken Eindruck auf Mabels Gemüth zurück. Es hatte ihr den Genuß ver⸗ ſchafft, ihr Wohlwollen zu bethätigen; es hatte ein neues Band der Sympathie zwiſchen ihr und Roſe geknüpft; vor Allem aber hatte es ihr einen neuen Beweis von der Schönheit und Macht der heiligen Liebe gegeben, welche ſelbſtſüchtige Zweifel nicht tödten können, ſondern die durch Leiden, Veränderung, Verfall und Tod fortlebend Alles trägt, Alles glaubt, Alles hofft und Alles erduldet. — Achtzehntes Knpitel. Und Manche, denen wir vertrauend glaubten, Sie bohrten uns den Stachel in das Herz; Das Leben ſchien uns nichts, als eitle Täuſchung, Von der wir uns abkehrten voller Schmerz. Mrs. Chandler. Der Vorfrühling war vorüber, die Natur war faſt zum Höhepunkt ihrer Entwickelung gelangt und der Sommer. war vor der Thür. Die Raſenteppiche in den Parks der Stadt waren glänzend grün und der Wind ſpielte mit den halboffenen Knospen und Blüthenquaſten der Ulmen, welche täglich ein dichteres Schattendach bildeten. Vögel ſangen in den Zweigen und ſetzten ſich dann und wann auf die Dachrinnen oder die offenen Fenſter der hohen Häuſer, während die linden Lüfte, die Wärme der Mittags⸗ ſonne, der muntere Klang von Kinderſtimmen und das friſchere Leben, das in allen Straßen und Gaſſen herrſchte, Zeugniß von der erneuernden und belebenden Kraft ab⸗ legten, welche Sommer und Sonnenſchein ſelbſt in dem Herzen der großen Hauptſtadt hervorbringen. Es war ein herrlicher Morgen gegen Ende Mai, als Mabel mit einem zierlichen Gießkännchen in der Hand an dem Fenſter ihres Toilettenzimmers ſtand und hinausſah auf den gegenüberliegenden, ſchönen, freien Square. Sie hatte einige Blumen begoſſen, die ihr Harry vor vielen — 248— Monaten geſchenkt hatte; aber ihr Geiſt war nicht bei ihrer Beſchäftigung geweſen, und obgleich ihr Auge ſich auf den ſonnenbeglänzten Raſen des kleinen Parks heftete, verrieth das träumeriſche Lächeln auf ihrem Antlitz, daß ſie weit hinweg in den lieblichen Gefilden der Phantaſie herum⸗ ſchweife. Ihre Häuslichkeit hatte immer noch ihre Sor⸗ gen; die Gegenwart ihren Kummer; die Zukunft ihre Be⸗ fürchtungen; aber dieſe hatten keinen Theil an ihren Träu⸗ men, denn jeden ſchmerzlichen Gedanken vergeſſend, ver⸗ weilte ihre Phantaſie mit vorausgenießender Wonne bei den Freuden und Herrlichkeiten, die ihr ihre erſte größere Reiſe verſprach. Selbſt als ſie noch in der Schule war, wo ſie die Ge⸗ nüſſe der Freiheit noch nicht gekoſtet hatte, hatte ihre ju⸗ gendliche Begeiſterung nichts ſo ſehr angeregt, als die zu⸗ verſichtliche Hoffnung, eines Tags die romantiſchen Fälle von Trenton, den erhabenen Waſſerſturz des Niagara und den St. Lorenzſtrom mit ſeinen tauſend Inſeln zu beſuchen — heimiſche Scenen der Schönheit und Größe, mit denen ſie mit Recht bekannt zu werden wünſchte, ehe ſie entlegenere Landſchaften aufſuchte, die ihr die Phantaſie noch glühen⸗ der ausmalte. Dies war jedoch nur ein unbeſtimmtes Sehnen in Vergleich mit den verlockenden Träumen, welche in ihrer jugendlichen und warmblütigen Natur neuerdings Einer erweckt hatte, der, ſelbſt vertraut mit den Schönheiten amerikaniſcher Landſchaft, die Macht beſaß, durch ſeine lebendigen Schilderungen ihre Phantaſie zu entzünden und ihre Empfindungen aufzuregen. Unnd wenn der beredte Mund Dudley's die Macht be⸗ ſaß, dieſe großartigen und maleriſchen Landſchaften mit einem neuen Glanz der Schönheit und Romantik auszu⸗ ſtatten, ſo kann man ſich wol denken, daß Mabel ſchon im Voraus nicht wenig in der Hoffnung ſchwelgte, dieſe ſchö⸗ —— ——— —— — 240— nen Stellen in ſeiner Begleitung zu beſuchen, ſich von ihm in die jeder derſelben eigenthümlichen Reize einweihen zu laſſen, und ſich mit dem Glauben ſchmeicheln zu dürfen, daß der Anblick ihrer friſchen Freude ihm einen ähnlichen, wenn nicht höhern Genuß verſchaffen würde, wie den, welchen er ſelbſt früher gehabt hatte. Zeitig im Frühjahr, als Mabels Freundinnen ihre Pläne für den Sommer beſprochen, hatte ſie mehrfach die Hoffnung geäußert, den Monat Juni zu einer Reiſe ver⸗ wenden zu können. Wie die Zeit jedoch herannahte und Mr. Vaughan erklärte, daß ihm ſeine Geſchäfte durchaus nicht erlaubten, an eine ſolche Reiſe zu denken, äußerte ſie ſich in ihrem kleinen Kreiſe unverholen über den Schmerz, den ihr das unerwartete Aufgeben eines ſo lange gehegten Plans verurſachte. „Warum können wir nicht einen Ausflug nach den Waſſerfällen machen?“ rief Dudley aus, als eines Abends eine kleine Geſellſchaft in Mrs. Leroy's Salon verſammelt war und der Gegenſtand zufällig zur Sprache kam. „Mrs. Leroy, Mrs. Broadhead, wie gefällt Ihnen der Gedanken? Mr. Earle, Sie geſtanden eben ein, daß Sie gar nicht wüßten, wie Sie den nächſten Monat ver— bringen ſollen—“ und indem er ſich an verſchiedene An⸗ dere von den Anweſenden wendete, wußte er Jedem der⸗ ſelben ſinnreich ſeinen Plan zu empfehlen. Er fand, obgleich ſcherzweiſe angeregt, allgemeine An⸗ nahme und Dudley hatte die Befriedigung, zu ſehen, daß man ſich ſofort mit den Vorbereitungen zur Ausführung deſſelben zu beſchäftigen anfing. Die meiſten Mitglieder der Geſellſchaft beſtanden aus Geſchäftsloſen— den aner— kannten Drohnen der Geſellſchaft, deren Zeit keine Pflicht in Anſpruch nahm, und einſtimmig genehmigte man die von Dudley vorgeſchlagene Reiſeroute. Mr. Leroy hatte New⸗York ſchon Anfang Mai ver⸗ —.250— laſſen, um wichtigen Geſchäften im Weſten nachzugehen, und Louiſe konnte ganz frei ihren eigenen Neigungen fol⸗ gen, während Mabel, die an der Zuſtimmung ihres nach⸗ ſichtigen Vaters keinen Augenblick zweifelte, bereitwillig einem Plane Gehör ſchenkte, der ganz beſonders für ſie entworfen zu ſein ſchien. So verabredete man eine Reiſe, die jeden Tag mehr Beifall fand und bald faſt der einzige Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs bei Mabel und ihren Bekannten ward; und wäh⸗ rend Alle darin eine willkommene Quelle des Genuſſes fanden, erzitterte Mabels Herz von träumeriſcher Wonne, wie ſie den halblauten Worten der Hoffnung und Erwar⸗ tung Gehör ſchenkte, mit denen Dudley von der verſpro⸗ chenen Reiſe ſprach, oder wie ſie im Geheimen über die unbeſtimmten Ausdrücke nachdachte, mit welcher er einge⸗ ſtand, daß ſein Glück in dieſen wie in allen andern Dingen von dem ihrigen abhinge. Die Reiſe ſollte jedoch erſt nach einer Hochzeitsreunion angetreten werden, die auf einem Landhaus wenige Meilen von der Stadt ſtattfinden ſollte und in Erwartung welcher die ganze faſhionable Welt ihren Aufbruch auf das Land länger aufgeſchoben hatte als gewöhnlich. Das Feſt ſollte binnen Kurzem ſein, und wie Mabel am Fenſter ſtand und die Tage zählte, die noch bis zum Beginn der kleinen Reiſe verſtreichen mußten, fiel ihr plötz⸗ lich ein, daß ſie noch keine Gelegenheit gefunden hatte, den Plan bei ihrem Vater zur Sprache zu bringen. Sie rechnete jedoch ſo zuverſichtlich darauf, daß er ihr auch diesmal keine Hinderniſſe in den Weg legen würde, daß ſie von dem Gedanken gleich wieder mit dem Entſchluß abſah, morgen ganz gewiß mit ihrem Vater darüber zu ſprechen, als der ungewohnte Schall ſeiner Schritte in ihrem Zimmer ihren Gedanken abermals eine neue Richtung —— — mi ſich rat gut on len her ind bel um ötz⸗ den Sie luch daß luß zu in ung — — 251— gab und wie ſie nun aufſchaute, ſah ſie ihn mit einem offenen Brief in der Hand vor ſich ſtehen. Auf ihre fragende Miene antwortete er ſogleich mit den Worten:„Ich habe Nachrichten von Deiner Tante Mar⸗ garet, liebe Mabel.“ Mabel fuhr zuſammen und ein Ausdruck plötzlicher Beunruhigung erſchien auf ihrem Geſicht, denn ihre Tante Sabiah hatte ſie vor einer Woche in Folge einer Einla⸗ dung ihrer vor Kurzem verwittweten Schweſter, den Som⸗ mer bei ihr zuzubringen, verlaſſen, und Mabel fürchtete, daß ihr ein Unglück zugeſtoßen ſein könnte.„Iſt Etwas vorgefallen?“ fragte ſie raſch.„Tante Sabiah—“ „Deine Tanten befinden ſich Beide wohl,“ unterbrach ſie ihr Vater;„dieſer Brief iſt die Antwort auf das, was ich ihr durch Deine Tante Sabiah vorige Woche ſagen ließ; er kommt ſehr zur rechten Zeit; es iſt ſehr freundlich von Deiner Tante Margaret; es freut mich ausnehmend;“ und er gab ihr den Brief zum Leſen hin. Auf Mabels Geſicht malten ſich während des Leſens gemiſchte Empfindungen, aber verlegene Ueberraſchung herrſchte vor; und als ſie fertig war, ſah ſie ihren Vater mit der abgebrochenen Bemerkung an:„was iſt mit Harry? Ich verſtehe das nicht.“ „Harry geht nächſte Woche nach L.“, ſagte Mr. Vaughan entſchieden, mit zuſammengepreßten Lippen und in einem Tone, der jede neugierige Frage zurückwies.„Er ſoll bei meinem alten Freunde, dem Richter Paradox, Prozeß ſtu⸗ diren und gleich damit anfangen.“ Mabel wollte ihre Verwunderung über dieſe plötzliche Wahl eines Berufs ausſprechen und weiter in ihren Vater mit Fragen dringen; aber wie ſie den Ausdruck ſeines Ge⸗ ſichts ſah, beſann ſie ſich eines Beſſern und fand es ge⸗ rathener, abzuwarten, was er weiter darüber zu ſagen für gut finden würde. ääãöqöqäqä,·—— Er gab ihr jedoch keine weitere Erklärung, ſondern wi fuhr, als ob er die Anzeige ſeiner Abſichten mit Harry für in genügend halte, in raſchen abgeriſſenen Sätzen und faſt als ob er mit ſich ſelbſt ſpräche, fort:„Deine Tante ſchlägt nicht nur vor, Harry, bis ſeine Zimmer fertig ſind, in ihr flu Haus aufzunehmen, ſondern fügt auch eine ſehr herzliche H Einladung für Dich bei, ihn zu begleiten. Das iſt mir tet ſehr angenehm— ich wünſche ſehr, daß Du die Bekannt⸗ Fr ſchaft Deiner Tante machſt— ich ſelbſt habe ſie ſeit fünf ha Jahren nicht geſehen; es wird Dir Freude machen, bei Harry zu ſein und der Plan iſt in jeder Hinſicht ein großer Ro Troſt für mich. Ich habe eben Nachricht von Mr. Leroy na bekommen und finde, daß meine Geſchäfte mir die Noth⸗ oh wendigkeit auferlegen, mich nach dem Weſten zu ihm zu da begeben; ſo werde ich das Haus ſchließen und Dich auf der Rückreiſe in L. abholen, worüber nur wenig Wochen dem vergehen werden. Mir iſt die Reiſe ſehr unangenehm, aber ich kann ſie nicht länger verſchieben.“ Mabels Geſicht trübte ſich, wie ſie dieſer Auseinander⸗ die ſetzung der Abſichten und Wünſche ihres Vaters zuhörte; ſelbſt der Anblick ſeines abgeſpannten und bekümmerten wi Geſichts verfehlte, ihre Gedanken von der Betrachtung des rec plötzlichen Schiffbruchs ihrer Pläne abzulenken. Sie ſtand ſtumm und nachdenklich da, ſah zum Fenſter hinaus, biß ſich auf die Lippe und gab keine Antwort. reg Mr. Vaughan, der langſam im Zimmer auf⸗ und ab-⸗ ab, ging, blickte endlich auf, als ob er eine Antwort erwartete und ſagte dann, nachdem er ihr Geſicht eine Weile beob⸗ ha achtet hatte, in dem Tone rückſichtsvoller Güte, in dem er liel ſtets zu ihr ſprach: na „Ich hoffe, Du findeſt Gefallen an dem Plane, meine ſol Tochter; allerdings kennſt Du Deine Tante Margaret noch nu nicht, aber Sabiah iſt ja dort.“ Schon hatte er entdeckt, Ta tand biß dab-⸗ artete beob⸗ em er neine noch deckt, — 253— wie unangenehm ihr dieſe Reiſe war, und bemühte ſich, ſie in das beſte Licht zu ſtellen. „Ja,“ ſagte Mabel zögernd,„aber ich hoffte—“ Ihre Stimme zitterte, wie ſie ſprach, aber ihr Vater flößte ihr neuen Muth ein, indem er an ſie herantrat, die Hände auf dem Rücken übereinanderſchlug und ruhig war⸗ tete, was ſie zu ſagen hatte, wobei er ſie noch mit der Frage unterſtützte—„was hoffteſt Du, meine Liebe? hatteſt Du einen andern Plan im Sinn?“ So ermuthigt, erzählte ſie ihm von der beabſichtigten Reiſe, die ſie ſo ungern aufgab, beſchrieb ihm den Weg, nannte die daran Theil nehmenden Perſonen und machte, ohne jedoch darüber dringlich zu werden, kein Geheimniß daraus, daß ihr dieſer Plan lieber wäre. „Louiſe geht mit?“ fragte Mr. Vaughan, wie er nach⸗ denklich ſeinen Spaziergang im Zimmer wieder begann. „Jad.“ „Und Harry?“ ſetzte er zoͤgernd hinzu,„dachte er auch die Reiſe mitzumachen?“ „Nein,“ gab Mabel mit einem Stich ins Herz, der wie ein Gewiſſensbiß war, zur Antwort, denn ſie wußte recht gut, daß Niemand Harry eingeladen hatte. „Und es liegt Dir ſehr viel an der Reiſe?“ „Ja,“ ſagte Mabel zögernd. Und in zitternder Auf⸗ regung las ſie die verwelkten Blätter von einem Geranium ab, während ſie die Entſcheidung ihres Vaters erwartete. Ihre Sache war in ſichern Händen. Mr. Vaughan hatte nicht den Muth, ihr eine Freude zu verderben; viel lieber gab er ſeine Lieblingspläne auf. Daher ſagte er nach einer kurzen Pauſe:„Gut, meine liebe Mabel, Du ſollſt es ganz nach Deinem Belieben einrichten; ich hoffe nur, Du wirſt im Laufe des Sommers Zeit finden, Deiner Tante wenigſtens einen kurzen Beſuch zu machen. Ich dächte, Du beantworteteſt den Brief und ſchriebſt ihr, daß Du im Juli oder Auguſt kommen würdeſt.“ Mabel verſprach dies und nachdem die Sache auf dieſe Weiſe abgemacht war, begab ſich Mr. Vaughan, der keine Zeit übrig hatte, eiligſt auf ſein Comptoir. Mabel ſah ihm nach, wie er über den kleinen Platz ging— ihr gütiger, nachſichtiger Vater, der ihr nichts ab⸗ ſchlagen konnte. Wie ſie ihm dankte und ihn ſegnete! Ihr greiſer und von Sorgen gedrückter Vater, der gebeugt und bekümmert einherging— flüſterte ihr dann das Gewiſſen zu. Verdiente ſie, von ihm geſegnet zu werden? Allerdings liegt ihr Pfad frei vor ihr. Sie kann gehen, wann und wohin ſie will; ſeine Hand legt ihr kein Hinderniß in den Weg, ſeine Liebe hat dem von ihr er⸗ ſehnten Glück jede Schranke aus dem Weg geräumt— jede Schranke außer einer. Welches dieſe Schranke war, wird die Zeit lehren! Unterdeſſen war beſtändig ein dumpfes ungeduldiges Klopfen in ihrem Herzen, ein ſich vordrängender Gedanke, eine ernſte und feierliche Mah⸗ nung, die Gehör verlangte. Sollte ſie den ſeltſamen, un⸗ willkommenen Gaſt einlaſſen? Dieſe Frage beantwortete das plötzliche Eintreten Loui⸗ ſens, welche von der bevorſtehenden Hochzeit und Ausfahrt voller Aufregung war, und deren geläufige Zunge bald jeden ernſten Gedanken, der ſich des Geiſtes ihrer Schweſter bemächtigt hatte, in Vergeſſenheit brachte. Sie machte ihre Bemerkungen über verſchiedene reiche Toilettenſtücke, welche zu Mabels Frühlingsgarderobe gehörten, als eine Geſtalt von ſtattlichen Verhältniſſen in der Thür des Zimmers er⸗ ſchien und eine laute Stimme ausrief:„Ah, hier ſeid ihr! Cäcilie ließ mich herein und ich wagte herauf zu kommen, ohne eine Aufforderung abzuwarten. Ach, Mabel, was für ein allerliebſter Hut! Ganz friſch von Paris, will ich aetten! und das iſt ihr Reiſekleid— einen Schatten dunk⸗ — 255— ler, als Victoria ihrs, aber der wunderſchöne Beſatz, nicht wahr, Louiſe?“ und die wohlbeleibte Mrs. Vannecker ſank erſchöpft und außer Athem auf das Sopha. „Legen Sie den Mantel ab und ſetzen Sie ſich hier an's offene Fenſter,“ ſagte Mabel, als ſie bemerkte, wie er⸗ hitzt ihr Beſuch war. „Nein, nein, ich danke Ihnen, laſſen Sie mich hier ſitzen,“ ſagte die Dame und wedelte ſich mit dem Fächer, den ihr Mabel hingereicht hatte, kräftig friſche Luft zu. „Ach, dieſe ſind köſtlich!“ bemerkte ſie, indem ſie ſich einige reiche ſeidene Roben betrachtete, welche die Putzmacherin ſoeben gebracht hatte und die jetzt über die Lehne des So⸗ phas hingen.„Dies Grün iſt aber ſehr zart und das Roth iſt etwas blaß. Doch muß es ſich bei Licht ganz gut ausnehmen. Eitelkeit aller Eitelkeiten!“ fuhr ſie in thea⸗ traliſchem Tone fort, während ſie verſuchte, zu Athem zu kommen; was würde Mr. Lincoln Dudley mit ſeiner Ver⸗ achtung für allen Putz ſagen, wenn er dieſe Ausſtellung der ſchönen Künſte ſähe, wie er es nennt?“ Mabel blickte raſch auf, als Mrs. Vannecker ſich in dieſer Weiſe auf ihren Freund bezog, aber die Zunge der geſchwätzigen Dame bedurfte nicht einmal dieſer Aufmun⸗ terung. „Ich muß geſtehen,“ rief ſie aus,„und ich habe ſchon heute Morgen zu meiner Victoria geſagt— ich wünſchte faſt, Mr. Dudley machte unſere Reiſe nicht mit. Ich könnte nicht ſagen, daß er eine ſehr angenehme Vermehrung un⸗ ſerer Geſellſchaft iſt; er iſt ein ſolcher Stoiker geworden— Cyniker, meine ich,“ ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu, wäh⸗ rend welcher ſie ihren Irrthum entdeckt hatte. Mabel wendete ſich abſeits und lächelte— nicht über den Irrthum, ſondern über den Wunſch Mrs. Vanneckers, Mr. Dudley von einer Partie auszuſchließen, die er ſelbſt — 256— arrangirt hatte und in die ſie und ihre Tochter ſich unein⸗ geladen eingedrängt hatten. „Iſt er ein Cyniker?“ fragte Louiſe zerſtreut.„Ma— bel, was haſt Du Detrou für dieſe Blumen bezahlt?“ „Allerdings iſt er das,“ ſagte Mrs. Vannecker in Ant⸗ wort auf die erſte Frage.„Ich weiß ihm keinen beſſern Namen zu geben. Sie hörten, wie er neulich Abends in Ihrem Hauſe Jedermann und jegliches Ding ſchlecht machte; und geſtern Abend traf ich ihn bei den Earles und⸗ wie er da über die New⸗Yorker ſchimpfte!— So viele Laffen unter den jungen Männern— ſo viele ſchöne, von der Faſhion verdorbene Mädchen! Ich verſichere euch, ich fühlte mich gedrungen, als ihr Vertheidiger aufzutreten, und glaube, es iſt mir ziemlich gelungen. Jedenfalls habe ich ihn durch mein Reden zum Schweigen gebracht— das war ein Troſt.“ „Es muß ein reicher Vorrath von Worten dazu gehört haben, eine ſo ſchwache Sache zu vertheidigen, ſollte ich meinen,“ ſagte Mabel, die in ihrem Weſen, wie in ihren Bemerkungen eine Neigung verrieth, Dudley's Strenge zu rechtfertigen. „Eine ſchwache Sache!“ rief Mrs. Vannecker aus. „Sie treten alſo auf Mylord Dudley's Seite, Mabel, und verdammen die Geſellſchaft in derſelben allgemeinen Weiſe? Freilich ſind Sie ſeine Schülerin.“ „Ich ſpreche nicht von der Geſellſchaft im Allgemei⸗ nen,“ entgegnete Mabel,„aber ein geiſtreicher Mann, wie Mr. Dudley, kann nicht viel Sympathie mit eitlen Frauen und gedankenleeren Stutzern haben.“ „Und wie Viele meinen Sie wol, ſchließt er von die⸗ ſer Liſte aus? Mich nicht, obgleich ich zu der bevorrechte⸗ ten Claſſe der anweſenden Damen gehörte und auch Sie nicht, meine Gute,“ ſetzte ſie mit ſchadenfrohem Lachen hinzu,„obgleich Sie ſo bereit ſind, ihn zu vertheidigen. — — 257— Auch Sie bekamen Ihren Theil, ſo gut wie die Andern; aber machen Sie kein ſo gedemüthigtes Geſicht,“ fuhr ſie fort, als Mabel plötzlich die Farbe wechſelte und die Au⸗ gen niederſchlug;„und wenn Niemand Sie tadelt als ein maliciöſer alter Junggeſell, wie Mr. Dudley, ſo brau⸗ chen Sie ſich nicht zu beſchweren, ſelbſt wenn er bei der Welt in dem Rufe ſteht, ein Genie und wer weiß was ſonſt noch zu ſein.“ „Alt!“ bemerkte Louiſe, welche verſuchte, wie ihr Mabels neuer Hut ſtände und nur dann und wann ein Wort von dem Geſpräch erhaſchte, das ihr ganz gleichgül⸗ tig war.„Ich kann Mr. Dudley nicht alt nennen; er kann nicht viel über dreißig ſein.“ „Ich weiß nicht, wie viel Jahre er zählt,“ gab Mrs. Vannecker mit Schärfe zur Antwort.„Ich weiß nur, daß er ſeine gute Laune überlebt hat. Denken Sie nur, als Mr. Earle neulich Theodor Marſtons Schönheit und Bil⸗ dung lobte und von dem glanzvollen Hauſe ſprach, in das er die Dame ſeiner Wahl einführen würde,“— dabei warf ſie einen bedeutungsvollen Blick auf Mabel—„wurde Mr. Dudley ſo giftig, als ob ihn Jemand auf die Zehen getreten hätte. Ich geſtehe, wenn man nicht immer erzählt hätte, daß er Niemand den Hof mache und daß er gar nicht beabſichtige zu heirathen, würde ich glauben, es hätte ihm vor Jahren eine regierende Schönheit der Sai⸗ ſon einen Korb gegeben und er hätte den Aerger darüber noch nicht vergeſſen. Ich glaube, er gehört unter die Klaſſe der Armen und Stolzen und deshalb bemäkelt er Alles.“ „Ich glaubte immer, Mr. Dudley gefiele ſich in der Geſellſchaft; man trifft ihn allerwärts.“ „Allerdings,“ ſagte Mrs. Vannecker,„und weshalb kommt er hin? um in der Geſellſchaft den Angenehmen zu ſpielen und dann die Leute hinter ihren Rücken ſchlecht zu Mabel Vaughan I. 17 — 258— machen. Das iſt, was ich einen Erzheuchler nenne. Zum Beiſpiel: wir wiſſen Alle, wie er Mabel dieſen Winter den Hof gemacht hat,— nur weil er es für eine Aus⸗ zeichnung hielt, in der erſten Reihe ihrer Verehrer zu ſte⸗ hen; und jetzt will ich euch erzählen, was er von ihr ſagte, nur um das Kind zu überzeugen, daß ich keine Worte verſchwendete, wie ſie es nannte, ohne Anlaß dazu zu haben.“ Mabel bückte ſich und ſtellte ſich eifrig beſchäftigt, Et⸗ was in einem Kaſten ihres Büreaus zu ſuchen, während Mrs. Vannecker fortfuhr: „Sie müſſen wiſſen, wir ſprachen wie jetzt alle Welt über Fanny Broadheads Heirath mit dem Oberſten, und Mrs. Earle bemerkte, daß ſie es für eine ausgezeichnete Partie halte.“ „„Ausgezeichnet!““ ſagte Mr. Dudley, Mrs. Earle's Worte wiederholend.„Eine ganz vollſtändige und befriedigende Uebereinſtimmung mit dem Brauche der Ge⸗ ſellſchaft. Schönheit, Jugend und Glanz der Bildung für ein Haus in der Stadt, eine Villa, eine Cottage in Newport und eine Equipage für jede Saiſon. Ausge⸗ zeichnet, auf mein Wort!“ „Sie können ſich gar nicht vorſtellen“ ſagte Mrs. Van⸗ necker,„wie bitter und ſarkaſtiſch ſein Ton war; und Mr. Earle, Fanny's Vetter, konnte nicht umhin, es zu be⸗ merken.“ „Sie meinen alſo, daß Liebe nicht viel mit der Par⸗ tie zu thun hat, Mr. Dudley,“ ſagie er. „Liebe?— bah!“ ſagte Mr. Dudley,„was hat ein faſhionables Mädchen mit der Liebe zu thun? Das Herz i*ſt das letzte, was eine New⸗Yorker Schönheit bei ihrer Verheirathung zu Rathe zieht.“ „Was,“ ſagte ich,„da haben Sie M Mr. Marſton—“ abel Vaughan und ——4 ————— — 259— „Mrs. Vannecker!“ rief Mabel aus und blickte mit geröthetem Geſicht und blitzenden Augen auf,„wie konnten Sie meinen Namen zuſammen mit—“ „Es geſchah nur des Argumentes wegen, meine Gute,“ gab Mrs. Vannecker zur Antwort. „Aber bei Ihren Beziehungen würde man denken—“ ſtotterte Mabel. „Nichts würde man denken, als was wahr iſt, oder ſeiner Zeit wahr werden wird; wenn es nicht der Fall iſt, ſo können Sie den Gerüchten, die im Umlauf ſind, wider⸗ ſprechen; aber laſſen Sie mich mit meiner Geſchichte fort⸗ fahren und Sie ſollen ſelbſt urtheilen, wie Mr. Lincoln Dudley von Ihnen denkt.“ „Da haben Sie Mabel Vaughan und Mr. Marſton,“ ſagte ich,„ſie ſind Beide jung und ſchön und gebildet; mei⸗ nen Sie, daß das eine Partie ohne Herzensneigung zwi⸗ ſchen den Betheiligten wäre?“ „Ja, das thue ich,“ ſagte er und ſah mich an, als ob ich ihn beleidigt hätte.„Miß Vaughan hat viel zu viel Verſtand, um ihre Neigung einem bloßen, mit Schnei⸗ derkunſtwerken behangenen Kleiderſtock zu ſchenken.“ „Und dennoch glauben Sie, daß ſie ihm ihre Hand ſchenken würde?“ ſagte ich. „Ich maße mir nicht an, das zu bezweifeln,“ ſagte er in ſeiner eniſchiedenen Weiſe.„Warum ſollte ſie nicht? alle faſhionablen Mädchen ſind ſich gleich; ſie leben für die Welt, heirathen, um der Welt zu gefallen und würden lieber ſter⸗ ben, als daß ſie dem Urtheil der Welt trotzten. An Liebe in einer Hätte wird nicht mehr gedacht. Ich wage ſogar zu ſagen, daß ich kein weibliches Weſen in ganz New⸗ York kenne, das ich für fähig halte, die Liebe zu äußerm Glanze einem höhern Gefühle aufzuopfern; und Miß Vaughan iſt die Letzte, von der ich erwartete, daß ſie eine 17* — 260— Ausnahme von der Regel bildete. Sie hat alle Phaſen einer faſhionablen Laufbahn durchgemacht, mit Ausnahme der ehelichen Phaſe— ſie wird ſchwerlich vor dieſem beſe⸗ ligenden Höhepunkt zurückſchrecken.“ „So, das war eine lange Rede, aber ich habe mir je⸗ des Wort davon gemerkt, Mabel, denn ich war entſchloſ⸗ ſen, Ihnen Alles zu erzählen. Ich verſichere Ihnen, ich war ganz entrüſtet, ihn reden zu hören, als hätten die Mädchen gar kein Herz heutzutage. Ich ſagte ihm auch meine Meinung ziemlich derb und er fühlte es auch, ob⸗ gleich er kein Wort antwortete, ſondern in ſeiner ruhigen, herausfordernden Weiſe ſich graciös gegen Jedermann ver⸗ beugte und ſo unbefangen fortging, als man nur denken konnte. Was halten Sie nun von der Gerechtigkeit von Mr. Dudley's Tadel, Mabel?“. Verletztes Selbſtgefühl, Stolz und Entrüſtung mal⸗ ten ſich auf Mabels Geſicht.„Meiner Meinung nach, Mrs. Vannecker,“ ſagte ſie, einer directen Antwort aus⸗ weichend,„iſt es ſehr unangenehm, der Gegenſtand einer Salonunterhaltung zu werden und in Zukunft muß ich bitten—“ „Ach, meine Gute,“ unterbrach ſie Mrs. Vannecker begütigend,„es iſt wirklich kein Anlaß vorhanden, ſich zu beſchweren. Es waren nur ein halb Dutzend Perſonen anweſend und ich erwähnte nur Sie und Mr. Marſton als ein Beiſpiel von ein paar jungen Leuten, die in jeder Hinſicht für einander paſſen.“ „Aber es war ein ſehr ſchlecht gewähltes Beiſpiel,“ ſagte Mabel.„Ich intereſſire mich nicht im mindeſten für Mr. Marſton und wünſche, daß man dies weiß.“ „O du mein Himmel! was für ein Gerede um ein Nichts!“ rief Louiſe aus.„Du weißt, May, wenn Du nicht mit Theodor Marſton verlobt biſt, ſo kann dies doch — 261— jeden Tag geſchehen— es iſt die beſte Partie in der gan⸗ zen Stadt.“ „Wahrhaftig, Louiſe, ich weiß nicht, wie Du ſo re⸗ den kannſt,“ rief Mabel aus, waͤhrend Thränen des Ver⸗ druſſes ihr in die Augen traten. Louiſe antwortete nur mit einem von einem ungläu⸗ bigen Lächeln begleiteten Blick auf Mrs. Vannecker, wäh⸗ rend ſie zugleich eine gerade beliebte Melodie vor ſich hin ſummte und vor dem Spiegel einige Pas eines neuen und ſchwierigen Tanzes verſuchte.„Es wird ſehr warm,“ ſetzte ſie in ſchmachtendem Tone hinzu;„ich muß ausgehen, ehe es gar zu heiß wird. Hole mich ja Donnerſtags früh bei Zeiten ab, May. Ich bin neugierig, ob Fanny Broad⸗ head ſich hübſch ausnimmt als Braut.“ „Warten Sie einen Augenblick, Louiſe,“ ſagte Mrs. Vannecker, indem ſie raſch ihren Sonnenſchirm nahm und ſich nach ähren Handſchuhen umſah.„Victoria wird ſich wundern, was aus mir geworden iſt. Alſo Ihre Verlo⸗ bung mit Mr. Marſton ſoll noch nicht bekannt werden, Herzchen?“ ſagte ſie und griff Mabel neckend unter das Kinn, wie dieſe ſich bückte, um einen der heruntergefal⸗ lenen Handſchuhe aufzuheben. „Nein, nie!“ ſagte Mabel mit einer bei ihr ſelten vorkommenden Heftigkeit. „O ſagen Sie das nicht,“ entgegnete Mrs. Vannecker ſchmeichelnd, wie ſie ſich durch die Thür drängte.„Sa⸗ gen Sie Harry, er möchte zu uns kommen und die Reiſe mit uns beſprechen. Victoria hat ihm zwanzig Fragen vorzulegen.“ „Harry macht die Reiſe nicht mit,“ ſagte Mabel raſch. „Nicht!“ rief Mrs. Vannecker mit offenbar ſchmerz⸗ licher Ueberraſchung aus.„Iſt das Ihr Ernſt? wahrhaf⸗ tig, Sie ſetzen mich in Erſtaunen. Ich nahm es für ganz 8 beſtimmt an, daß er mitkommen würde— und Victoria auch. Wie geht das zu?“ Mabel gab keine Antwort; und die in ihren Hoff⸗ nungen getäuſchte Dame verließ, nachdem ſie noch wieder⸗ holt ihre Betrübniß ausgeſprochen, das Zimmer mit den Worten:„es iſt mir ſehr unangenehm, daß Harry nicht mitkommt— was wird Victoria ſagen?“ — Mennzehntes Anpitel. O Kind, zur Jungfrau reifend, Du ahnteſt Nichts voraus! Sonſt hätte wol Dein treuer Blick, In's Auge tief ihm ſchauend, Die Nacht in ihm erkannt. Mrs. Browning. Mabel kehrte in ihr Toilettenzimmer zurück, warf ſich in einen Sitz am offenen Fenſter und verſank in tiefes Nachdenken, während ſie ihre Hände achtlos in dem Schooße ruhen ließ und mit leerem Blick in ein Stück blauen Himmel gegenüber ſchaute. Dudley hält mich alſo für eine vollſtändige Mode⸗ puppe, für ein blos nach rauſchenden Vergnügungen haſchendes Geſchöpf, dachte ſie vor ſich hin. Wer hat ſo viel Gelegenheit gehabt, mich zu kennen, als gerade er? Wem habe ich ſo offen und ohne Rückhalt meine Gedan⸗ ken, Hoffnungen und Strebungen anvertraut? und kann er mich ſo mißverſtanden haben? kann er mich wirklich für den kalten, berechnenden, ſelbſtſüchtigen Charakter halten, den er behauptet, zu verabſcheuen? Wie ungerecht! Wie grauſam! Iſt es mein Fehler, daß ich mich in einem Kreiſe der Modewelt bewege? Iſt es etwas Anderes, als der Zufall meines Schickſals, daß ich mich hier befinde? Sollen meine Anſichten, Bewegungen und Thaten alle nach dem Maaßſtabe meiner frivolen Bekannten bemeſſen werden? Ich habe mir ſie nicht ausgeſucht, ſie ſind für mich gewählt worden, und ich ſpiele nur meine Rolle in dem mir von der Natur angewieſenen Kreiſe. Brauche ich dieſe ſchönen Kleider? dachte ſie, wie ſie ungeduldig von dem Sitz aufſtand und ihr Auge dabei auf die reichen, ſeidenen Stoffe und die Spitzen fiel, die überall herum⸗ lagen. Dieſes Geſicht und dieſe Geſtalt, welche die Welt ſchön nennt, ſagte ſie, wie ſie vor dem Spiegel ſtehen blieb; ſehne ich mich etwa nach Schönheit, außer inſofern ſie mich anziehend in ſeinen Augen macht? Er muß wiſſen — er weiß es auch— daß meinetwegen alle Andern zür⸗ nen möchten, wenn Er nur lächelt. Er ſpricht von auf⸗ opfern und glaubt doch, daß ich lieber meinem Herzen Ge⸗ walt anthun, als die Ausſicht auf eine glänzende Häus⸗ lichkeit aufgeben würde. Ach, was würde das größere Opfer ſein? Er kennt nicht die Macht weiblicher Liebe. Ich wußte, daß er Andere verachtete, aber ich träumte nie, daß er auch nicht an mich glaubt. Ach, in der That war es ein bitterer Schmerz, daß er ſie ſo auf eine Stufe mit der thörigten Maſſe ſtellte, über die ſie ihn ſo oft hatte ſpotten hören. Die Arme! ſie hatte mit der ganzen Wärme hingebender Neigung auf Einen vertraut, der nicht wußte, was Vertrauen war. Die vergifteten Pfeile, mit denen ſie gedankenlos geſpielt hatte, hatten ihre Richtung auf ſie genommen und ihr Herz durch⸗ bohrt. Kein Wunder, daß ſie von der plötzlichen Wunde zuſammenzuckte. Aber ihr warmherziges Vertrauen war noch nicht müde, und wie der erſte Kampf mit verletztem Gefühl vorüber war, war ſie mit dem ganzen erfindſamen Mitleid eines echten Frauenherzens bereit, die That zu beſchönigen und den Thäter zu entſchuldigen und ihm zu verzeihen. Mrs. Vannecker haßt Mr. Dudley, dachte ſie, und hat —.— — jedenfalls ſeine Worte willkürlich verdreht;— Aeußerun⸗ gen klingen ſtets ganz anders, wenn ſie wiederholt werden; — außerdem ſagt ſie, er ſei arm— daran habe ich nie gedacht. Er kann Richt arm ſein, und ſeine Talente wären in jedem Berufe unbezahlbar; aber in Vergleich mit Mr. Marſton mögen allerdings ſeine gegenwärtigen Mittel be⸗ ſchränkt ſein. Und Mabels Herz wurde weicher, wie ſie über den Schmerz nachdachte, den ein fein fühlender Mann empfinden mußte, wenn er ſein beſchränktes Vermögen mit dem fürſtlichen Reichthum ſeines Nebenbuhlers verglich. Ich bin auch leichtſinnig und unvorſichtig geweſen, dachte 4 ſie; kein Wunder, daß es ihn verletzt, wenn ſich ſelbſt fer⸗ ner Stehende täuſchen laſſen. Und hier erinnerte ſich Mabel an die häufigen, bisher unerklärten Beiſpiele, wo Mr. Dudley ſich hei Mr. Marſton's Annäherung kalt weg⸗ gewendet oder mit ſchneidenden Sarkasmen den frivolen Geſchmack und das frivole Benehmen des liebenswürdigen und harmloſen jungen Mannes getadelt hatte. 8 Ich muß mich in Zukunft mehr in Acht nehmen, dachte ſie. Um meiner ſelbſt und um der Meinung der Welt willen, werde ich vorſichtiger ſein und er ſoll nie wieder Urſache haben, ſich in dieſem Punkte von mir verletzt zu fühlen. Und ſo hielt er mich für geblendet von der Ausſicht auf ein glänzendes Vermögen; und iſt das ſo wunderbar? Hat ſich nicht manches beſſere Mädchen, als ich bin, davon blenden laſſen? Mein wahres Selbſt! Was mir wirklich am Herzen liegt! Wie kann er wiſſen, daß ich Einfachheit am liebſten habe und an prunkendem Glanz keinen Ge⸗ ſchmack finde? Er hat mich nur inmitten eines Gedrän⸗ ges von Schmeichlern und in glänzenden Gemächern ge⸗ ſehen. Iſt es ihm möglich, ſich von mir eine Vorſtel⸗ lung zu machen in dem ländlichen Aufenthalt bei Mrs. Herbert? oder ſich zu denken, mit welcher Freude ich die Feſ⸗ — 1 — 266— ſeln dieſes erkünſtelten Lebens abſchütteln und mich ganz den angenehmen und willkommenen Beſchäftigungen wid⸗ men würde, welche die Häuslichkeit zu einem ſegensreichen Genuß machen? Ich bin ungerecht gegen mich und gegen ihn geweſen; ich habe mich ihm blos unter einem falſchen Charakter gezeigt und doch verlange ich von ihm, mich für wahr zu halten. Von nun an ſoll er mich in meiner wahren Geſtalt ſehen. .So war durch Folgerungen, bei welchen das Herz und nicht der Verſtand die Hauptrolle ſpielte, Mabel endlich zu einem Schluß gekommen, der ſie, wie ſie glaubte, immer. noch über ihr Schickſal beſtimmen ließ. Sie brauchte blos 8 1 mit der Offenheit, Einfachheit und Wahrheit aufzutreten, die ihr angeboren waren, und dann konnte es ihr nicht ſchwer werden, das durch Zartgefühl entſtandene Mißtrauen Dudley's zu beſeitigen. 2 4 Koſtbarer als je erſchien ihr jetzt die Gelegenheit, welche die bevorſtehende Reiſe darbot! Wir ſahen, mit welch' frohen und romantiſchen Hoffnungen ſie bereits der Erlöſung aus der Sclaverei des ſtädtiſchen Lebens, und dem genußvollen Verkehr mit der Natur, und noch dazu mit Einem, den ſie für den geeignetſten Verdollmetſcher ihrer Schönheiten hielt, entgegen ſah, aber jetzt hatte dieſer lange beſprochene Ausflug plötzlich eine neue Bedeutung, ein hochwichtiges Intereſſe gewonnen; er war gewiſſermaßen zur Kriſis ihres Lebens geworden. Allle dieſe ſchönen Sachen brauchen wir nicht, dachte 4 ſie, wie ſie haſtig die unſchuldigen Putzſachen zuſammen⸗ faltete und bei Seite legte, wobei das unruhige Zittern ihrer geſchäftigen Finger Takt hielt mit dem ungeduldigen Klopfen des jungen Herzens, das ſich nach einer Gelegen⸗ heit ſehnte, die Echtheit ſeiner Hingebung zu beweiſen. Auf der Reiſe braucht man nicht viel Putz, das iſt ein Troſt; ich kann alle Förmlichkeiten eines ſtädtiſchen Lebens — — — — —— — 267— vergeſſen und wenigſtens eine Weile ich ſelbſt und glücklich in der Art ſein, wie ich es am meiſten liebe. Und wie klangen dieſe Empfindungen in dem Manne wider, um deſſen willen ihr jugendliches Herz kein Opfer für zu groß gehalten hätte? Ward dieſe bereitwillige Hin⸗ gebung von einem entſprechenden Eifer erwidert? Ach! Mrs. Vannecker, ſo eitel, intriguant und klatſch⸗ ſüchtig ſie war, hatte doche einige Wahrheiten ausgeſpro⸗ chen. Der kalte, berechnende, ſelbſtſüchtige Dudley ver⸗ diente wol den Namen eines Heuchlers— denn wer iſt ein größerer Heuchler, als derjenige, welcher Andere des Mangels an Muth zeiht, während er ſelbſt bereit iſt, feig die Flucht zu ergreifen? Er hatte gewagt, Mabels Un⸗ eigennützigkeit und Opferfähigkeit anzuzweifeln; konnte er leugnen, daß er ſelbſt an den Schwächen litt, die er an Andern rügte? Mrs. Vannecker hatte ſeinen Mangel an Vertrauen in das Weib verkündet, das er zu lieben vor⸗ gab, aber das war nur halb die Wahrheit; denn was noch wahrer, trauriger und verhängnißvoller war— er hatte kein Vertrauen auf ſich ſelbſt, auf den Abgott, den er vor Allem liebte. Während er deutlicher als Mabel die ihrer Verbindung entgegenſtehenden Hinderniſſe erkannte, war ihm der edle Eifer, ſie mit einer Anſtrengung zu überwinden, fremd, von dem ſie erfüllt war. Allerdings war ſie ein koſtſpie⸗ liges Leben gewohnt, aber das war er auch und bei ihm war dazu noch die Gewohnheit ſchon alt. Sein ganges mäßiges Einkommen reichte gerade aus zur Befriedigung ſeiner ſelbſtſüchtigen Bedürfniſſe; wie ſollte er nun Etwas ſparen? Er wußte recht gut, daß er nur durch eine ange⸗ ſtrengte und mannhafte Anwendung ſeiner Talente und Gaben, nur indem er mit Herz und Hand auf den Kampf mit dem Schickſal einging, ſich eine Stellung verſchaffen konnte, die ihm Gewinn und Ehre genug einbrachte, um ——— —— — — 268— ihm die Unabhängigkeit zu verſchaffen, nach der er ſtrebte. Und dazu fehlte ihm ſowol die Energie, wie der Wille; und vor Allem der Glaube; der Glaube an ſeine eigene Fähigkeit— der Glaube an edles Streben und an die Vorſehung, welche zu allen Zeiten vernünftige Anſtrengun⸗ gen mit Erfolg belohnt. Was? er ſollte ſeine ungebundenen Reiſen, ſeine nach Geſchmack und Laune eingerichteten Studien und ſein künſtleriſches Behagen aufgeben und ſich in den Wirbel des Geſchäftslebens ſtürzen und alle ſeine Kräfte anſtren⸗ gen, um ſich einen Plaatz unter ernſt ſtrebenden Männern zu erwerben! Sein verweichlichtes Gefühl ſchrak vor dieſem Gedanken zurück. Die hochgebildeten Kreiſe der feinen Geſellſchaft aufgeben, ſich des Vorrechts geiſtigen Genie⸗ ßens in auserwählter Umgebung berauben und das üppige Behagen des Junggeſellenlebens aufgeben, um damit die Abgeſchiedenheit, die Entbehrungen und die alltäglichen Verantwortlichkeiten des Familienlebens zu vertauſchen! Seine ariſtokratiſche und überzartfühlende Natur wies den Gedanken zurück. „Noch ein paar Wochen länger im Zauberkreis der hüb⸗ ſchen Mabel!“ dachte er, wie er die warmen Stunden des Tags vertändelte, auf einem Sopha in ſeinem Club hin⸗ geſtreckt und nachläſſig den blauen, kräuſelnden Wolken zu⸗ ſehend, die er von ſeiner Cigarre in die Luft blies„— eine Reiſe nach den Fällen mit ihr— mit dem ſchönen Mäd⸗ chen und ihrer warmen Begeiſterung—“ er ſeufzte— denn er hätte Mabel geliebt, wenn in ſeinem Herzen für eine ſo uneigennüßige Regung Platz geweſen wäre.„Ja! jede Sai⸗ ſon bringt ihre Freuden und ihre Anſprüche mit ſich. Das nächſte Mal vielleicht einen Ausflug nach den Sandwich⸗ inſeln— das Klima ſoll unvergleichlich ſein.“ Hätte zwiſchen ſeinem Herzen und dem Mabels eine electriſche Verbindung beſtanden, ſo wären ihre ſchönen — —— — 269— Luftſchlöſſer wie von einem Blitzſtrahl zuſammengeſtürzt; aber dieſes Band fehlte und ſo träumte ſie weiter. Sie war immer noch mit ihren glühenden und pein⸗ lich aufregenden Träumen beſchäftigt, als ſie plötzlich von Jemandem geſtört ward, den ſie in der letzten Zeit ſelten bei ſich geſehen hatte. Es war Harry. Aufgeregt von Bewegung trat er ein und es war etwas von der Unbefangenheit und Freiheit ſeiner alten Weiſe in der Art, wie er ſich ohne Umſtände auf das bequeme Sopha ſeiner Schweſter hinſtreckte und ſich den Schweiß von der Stirn wiſchte. „Es iſt ſehr warm,“ ſagte Mabel. „Verwünſcht heiß,“ entgegnete Harry, indem er den Fächer nahm, den Mrs. Vannecker gebraucht hatte.„Ich wüßte nicht, wann wir ſo heißes Wetter im Mai gehabt hätten. Ich glaube, hier iſt noch der kühlſte Ort im Hauſe.“ Es trat eine Pauſe ein; nachdem man über das Wetter ſich ausgeſprochen, geriethen dieſer Bruder und dieſe Schwe⸗ ſter, die früher in einem ſo innigen Verhältniß zu einander geſtanden, in Verlegenheit, was ſie ſich ſagen ſollten. Nach wenigen Augenblicken unterbrach jedoch Harry das verlegene Schweigen mit der unerwarteten Bemerkung:„wir werden alſo eine Veränderung in unſerer Familie erleben.“ Ma⸗ bel verfärbte ſich und ein nervöſes Zittern erfaßte ſie; ſie fürchtete, die Bemerkung möge ſich auf ſie beziehen. Harry beruhigte ſie jedoch bald wieder über dieſen Punkt, als er in einem Tone halb ſcherzender und halb entrüſteter Ironie fortfuhr:„ja, wir ſollen auch einen Juriſten in der Fa⸗ milie haben— einen roſtigen, vermoderten Juriſten. Es iſt Alles fix und fertig, ohne daß man den Hauptbetheilig⸗ ten im Mindeſten gefragt hat; des alten Richters Paradox Expedition in L. iſt, wie ich höre, die Prägſtätte, wo ich 4 X————— — OQ——— ————— zu einem juriſtiſchen Schauſtück umgemünzt werden ſ oll;“ und Harry lachte bitter. Mabel gab ihm keine Antwort; ſie fühlte ſich abge⸗ neigt, Harry zu geſtehen, daß der Vater ihr bereits die Nachricht mitgetheilt hatte. Harry, offenbar mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, ließ von Zeit zu Zeit einen Ausruf zorniger Entrüſtung hören und machte endlich ſeinen Empfindungen mit dem plötz⸗ lichen Ausruf Luft:„eine ſchöne Geſchichte! eine lächer⸗ liche Comödie! einen Mann behandeln zu wollen, als ob er noch ein Knabe wäre! Aber ſelbſt ein Knabe würde, wenn er einiges Zeug in ſich hätte, nicht auf dieſe Weiſe über ſich verfügen laſſen!“ Mabel erfuhr jetzt, daß Mr. Vaughan ſeine Anord⸗ nungen getroffen, ohne Harry Etwas davon zu ſagen, oder die mindeſte Rückſicht auf ſeine Wünſche zu nehmen; und ſie erkannte mit raſcher Einſicht ſogleich die wahrſcheinlichen Folgen dieſes unüberlegten Schrittes. Sie wußte, wie nichtig die Hoffnung war, den Jüngling, der von Kind⸗ heit an ſich nie einem Zwang unterworfen, auf dieſe Weiſe leiten zu wollen. Aber dennoch bemerkte ſie:„aber, Harry, Du haſt ja immer dieſen Beruf vorgezogen; ich glaubte immer, Du würdeſt Dich dazu entſchließen.“ 3 „Und wenn das auch der Fall wäre?“ ſagte Harry mit Schärfe,„iſt dies die geeignete Jahreszeit, um ein trocknes Studium zu beginnen; und iſt die Luft von L. wol dazu geeignet, den Ehrgeiz eines Mannes zu wecken? Nein, mein Vater irrt ſich ſehr, wenn er glaubt, ich würde mich unter die Aufſicht eines vorſündfluthlichen Richters ſtellen, oder an die Schürze von zwei alten Weibern bin⸗ den laſſen. Du kannſt zu Deinen Tantchen ziehen, wenn Du Luſt haſt, und den ganzen Tag bei ihnen ſitzen und die Kunſt des Strumpfſtrickens lernen; aber was mich betrifft, —— rry ein . en? irde ters bin⸗ denn die efft, ſo verſichere ich Dir, daß ich Höheres im Sinne habe.“ und damit preßte er die Lippen zuſammen und warf den Kopf mit einem Trotz, der nicht mißzuverſtehen war, auf das Sophakiſſen zurück. „Aber, Harry,“ rief Mabel aus,„bedenke, wie ſehr ſich der Vater getäuſcht fühlen wird! Gewiß iſt Alles ſchon mit ſeinem alten Freunde abgemacht.“ Ihr Gewiſſen regte ſich, als ſie ſo ſprach. Kam es ihr zu, ihren Bruder an ſeine Pflicht zu erinnern? Hatten ſich die Pläne ihres Va⸗ ters nicht auch auf ſie ausgedehnt und hatte ſie ſich nicht eben ſo widerſpenſtig bewieſen? „Nun, dann kannſt Du Deine diplomatiſche Kunſt üben,“ ſagte Harry.„Ich werde Dir einen Auftrag an ſeinen alten Freund geben und verlaſſe mich auf Dich, daß Du ihn getreulich ausführen wirſt. Sage ihm, daß die Luft der Umgebung ſeiner Stadt nicht für meine Conſtitu⸗ tion paßt— daß ich wünſchte, es mit einem andern Klima zu verſuchen— daß ich große Abneigung habe, mich in L. begraben zu laſſen. Ich glaube, Du reiſeſt nächſte Woche ab, um Deinen beneidenswerthen Beſuch zu machen?“ „Ich?“ fragte Mabel mit offenbarer Verlegenheit. „Was, um Tante Margaret zu beſuchen?“ „Gewiß; iſt Dir Deine angenehme Beſtimmung noch nicht mitgetheilt worden?“ „Ja— nein,“ ſagte Mabel zögernd;„wenigſtens denke ich—“ „Du denkſt doch nicht daran, Dich zu weigern, hoffe ich,“ ſagte Harry mit einem ſpöttiſchen Verziehen des Mundes und einem eben ſolchen Tone des Tadels. Beſchämt ſtammelte Mabel:„nun ja— zufällig hatte ich gerade eine andere Reiſe im Sinn und ich meinte, daß — daß—7⸗ „Daß die Luft von L. nicht für Deine Conſtitution paßt,“ ſagte Harry mit Nachdruck und bedeutſamem Lachen; — 272— und dann machte er genau ihre Stimme nach, wie ſie vor⸗ hin geſagt hatte:„aber bedenke, wie ſehr ſich der Vater getäuſcht fühlen wird.“ „O, aber es iſt einerlei, wohin ich gehe,“ ſagte Mabel entſchuldigend. Harry wollte aber keine ſolche Entſchuldigung anneh⸗ men. Ihre Eigenwilligkeit und ihr Widerſtand gegen ihren Vater hatten ihr jetzt dieſelbe Stelle angewieſen, die er ein⸗ nahm. Er neckte ſie über ihren heuchleriſchen Verſuch, ſeine Sohnesgefühle zu wecken, wünſchte ihr Glück, ſich dem väterlichen Joch ent ogen zu haben und beanſpruchte, auf das neue Verhäl niß des gemeinſamen Widerſtands gegen die väterliche Autorität geſtützt, ſein brüderliches Recht auf ihr Vertrauen ſo weit, um ſich näher nach den von ihr beabſichtigten Ausflug und nach den Theilnehmern an dem⸗ ſelben zu erkundigen. Mabel gab ihm einen Abriß von dem Reiſeplan und zählte die Begleiter auf, wobei ſie mit dem Namen Lincoln Dudley's ſchloß. Die Nennung dieſes letztern Namens begleitete Harry blos mit einem hörbaren Bah! was Mabel recht gut ver⸗ ſtand; denn ſte hatte wol bemerkt, daß die früher zwiſchen ihrem Bruder und Dudley beſtehende Freundſchaft einem Gefühl Platz gemacht hatte, das weniger als Gleichgültig⸗ keit war. Harry war vom Sopha aufgeſtanden und betrachtete allem Anſchein nach ein an der Wand hängendes Bild; aber in dem Ausdruck ſeines Geſichts lag eine Bitterkeit, welche der auf der Leinwand dargeſtellte Gegenſtand kaum hervorrufen konnte. „Wenn Du nicht nach L. gehſt,“ ſagte Mabel ſchüch⸗ tern und verlegen zögernd,„ſo kannſt Du ja uns be⸗ gleiten.“ „Ich!“ rief Harry heftig aus und wendete ſich faſt —.— —.— — 273— zornig gegen ſie.„Ich gewiß nicht. Lieber würde ich gleich nach L. abreiſen, wenn die einzige Rettung der Anſchluß an dieſe Reiſegeſellſchaft wäre;“ und mit dieſen Worten drehte er ihr den Rücken und verließ raſch das Zimmer. Als Mabel ſich wieder allein befand, hätte ſie ſich gern von Neuem mit ihren Luftſchlöſſern beſchäftigt— aber es gelang nicht; ſchmeichelnde Träume konnten ſie blenden und verwirren, aber ſie wagte nicht länger, ihnen unbe⸗ dingt nachzuhängen. Es war ein Etwas, was ſie daran ſtörte. Nie hatte die einfache Stimme der Pflicht ſich mit ſolcher Kraft geltend gemacht. Sie ſchien in ernſten und feierlichen Tönen zu flüſtern: Erdenkind, nimm Dich in Acht! Dein Pfad theilt ſich hier; es ſteht Dir frei, Dich rechts oder links zu wenden, aber Du kannſt nicht für Dich allein handeln. Vielleicht entſcheidet Deine Wahl über den Seelenfrieden Deines greiſen Vaters, oder über den Unter⸗ gang oder die Beſſerung Deines Bruders. Daher hab Acht und wähle richtig. Die Stimme wich nicht von ihr, als es Nacht ward. Sie raubte ihr die erſten Stunden des Schlafs, miſchte ſich in ihre Morgenträume, begrüßte ſie mit dem jungen Tage— und immer noch weigerte ſie ſich, ihr Gehör zu ſchenken. Mabel Vaughan I. ——y— Lwunzigstts Papitel. Selt'ner Genuß gibt wahres Maß des Glücks; Den Frieden ſchützt nur, der gequält von Schmerzen; Und wer ſich ſelten nur am Kleinen freut, Der dankt dem Spender ſtets aus tiefſtem Herzen. Mrs. Norton. Der Sommer, der linde heilende Sommer hatte ſei⸗ nen Weg ſelbſt in den düſtern Stadttheil gefunden, wo Roſy wohnte. Er kam nicht in hellen Fluthen von Son⸗ nenſchein, im von Düften ſchweren Lufthauch oder in der Muſik fröhlich ſingender Vögel. Die engen dunkeln Häu⸗ ſerreihen verfinſterten den Tag und ſperrten die Ausſicht und den erfriſchenden Wind hinaus, während der rauhe und unharmoniſche Lärm der Straße allein noch das lau⸗ ſchende Ohr traf. Aber dennoch ſah Roſy, die gedul⸗ dig an ihrem offenen Fenſter ſaß, und deren Herz offen und dankbar für das war, was ſich ihr darbot, mehr von den Schöpfungen der Natur und las in ihr mehr von Gott als mancher gedankenloſe und kurzſichtige Reiſende, der umgeben von den herrlichſten Landſchaften der Erde ſein Auge vor ihrer Größe und Schönheit und ſein Ohr ihrem heiligenden Einfluſſe verſchließt. Die Grasbüſchelchen, welche an den Ecken des gegen⸗ überliegenden Thorwegs emporgeſproßt waren, hatte Roſy —, 75——— — æóæ f — 275— in ihrem Wachſen beobachtet, ſeitdem der erſte grüne Halm ſich zwiſchen dem unebenen Pflaſter und den Werkſtücken der Mauer hervorgedrängt hatte. Die Morgenſonne ſchien eine oder zwei Stunden auf ſie mit ihrem belebenden Strahle. Der Nachmittagsregen erquickte ſie mit ſeinem ſanften Naß, und Tag für Tag lernte das kranke Kind aus dieſem ſeinen beſcheidenen Garten neue Beweiſe der Liebe deſſen, der über Alle wacht. In dem engen Bereich ihres Geſichtskreiſes waren frühzeitige Gemüſe und Sommer⸗ früchte in verlockender Zuſammenſtellung ausgelegt und wetteiferten mit einander in Vollkommenheit und reicher Fülle; und jedes neue Geſchenk der Jahreszeit, wie es ſeiner Zeit ausgelegt war, weckte in Roſy's Herzen liebe⸗ volle und dankbare Gedanken an den, welcher der allge⸗ meine und allgütige Fürſorger iſt. Das ſchöne Geſpann, deſſen Erſcheinen im Thorweg ſie jeden Morgen mit einem bewillkommnenden Lächeln begrüßte, kehrte jetzt Mittags oder Abends ſelten zurück, ohne daß ein Eichen⸗, Weiden⸗ oder Birkenzweig den Kopf der Pferde ſchmückte, während das ſelbſtzufriedene Glück, welches auf dem Geſicht des jungen Fuhrmanns glänzte, ſo wie der Zweig von ſpani⸗ ſchem Hollunder, welcher gelegentlich ſeinen Hut ſchmückte, bewieſen, daß er mit erquickenderer Arbeit und in einer heiterern Umgebung, als ſie die Stadt darbot, beſchäftigt geweſen war. Die Grasbüſchelchen waren Alles, was die arme Roſy von grünen Feldern und Matten kannte; die frühzeitigen Gemüſe und Früchte, welche ſie ſah, aber ſelten koſtete, waren ihre ganze Wiſſenſchaft von dem Reichthum und der Fülle des Sommers; und die Zweige, welche die erhitz⸗ ten und müden Zugpferde abkühlten, gaben ihr allein eine Ahnung von der ſüßen und erquickenden Ruhe, die im Waldesſchatten zu finden iſt. Aber es war doch ſchon Etwas, zu wiſſen, daß irgend⸗ 18* — 276— wo außerhalb der Stadt die friſchen grünen Gefilde lagen, wie jenſeit dieſer Welt der Himmel mit ſeinen Hoffnun⸗ gen liegt; und die Phantaſie konnte ſich an den Freuden der einen erquicken, wie das ſehnſuchtsvolle Herz nach dem Ruhm, dem Frieden und der ewigen Ruhe des andern ſchmachtet. Wenn ſie das unter dem Thorweg hervorſproſſende Gras anſah, wanderte ſie in holden Träumen ihrer Phan⸗ taſie zwiſchen grünen Feldern und ſetzte ſich an den Rand plätſchernder Bäche; wie ſie die verlockende Ausſtellung in dem Laden des Gemüſehändlers betrachtete, war es ihr, als koſtete ſie köſtliche Früchte, deren Namen ſie kaum wußte; wie der ſanfte Windhauch die grünen Zweige über den Köpfen der Pferde bewegte, war es ihr, als hörte ſie das ſanfte Rauſchen des Sommerwinds, wie er durch die Bogengänge eines endloſen Waldes weht. Und wenn, um ihr Glück voll zu machen, der rothbäckige freundliche Fuhrmann luſtig den Hut ſchwenkte, den Hollunderzweig von demſelben abnahm und die blaue Blüthentraube der Ueberraſchten in den Schooß warf, da kam ihr Ceres mit allen ihren Schätzen nicht reicher beladen vor. Aber der Sommer hatte mit allen ſeinen koſtbaren Gaben den Wangen des kranken Mädchens nicht die Röthe der Geſundheit und ihren ſchwachen Gliedern keine Kraft wieder gebracht. Die enge Zimmerhaft des langen Win⸗ ters hatte ſie mehr geſchwächt als je; die rauhen Winde des Frühlingsanfangs hatten mit grauſamer Härte den Lebenskeim in ihrer Bruſt im Kern angegriffen; und jetzt diente die plötzliche Wärme, die mittlerweile eingetreten war, nur dazu, ihren hinfälligen Körper nur noch mehr zu entnerven. Heiter, ruhig und hoffnungsvoll wie immer forſchen die ſtillen blauen Augen mit ihrem ernſten ruhigen Blick in die Dinge, welche nicht ſind, aber bald ſein werden; +⏑— 856 g= en, un⸗ den ach ern nde an⸗ and in ihr, rum iber ſie urch nn, liche veig der mit aren oͤthe rraft Vin⸗ inde den jetzt reten nehr ſchen Blick den; — 277— — blicken in die Tiefen der Zukunft, die nicht mehr fern iſt, ſondern allem Anſchein nach in unmittelbarer Nähe. Wie der Pilger, der nach langen Wanderungen endlich vor den Mauern der Stadt der Verheißung ſteht, und nur noch auf das Morgenlicht wartet, das ihn in ihre Thore einlaſſen ſoll, ſo ſcheint ſie, an der Pforte des Himmels ſtehend, nur dem Tagen entgegen zu ſehen, das ſie hinein⸗ führen wird. Die Wittwe Hope bewegt ſich in ihrem kleinen Kreiſe mit demſelben gemeſſenen müden Schritt wie früher, ſteht hinter ihrem ſchmalen Ladentiſch und legt ihre beſcheidenen Waaren mit derſelben mechaniſchen, halbzerſtreuten Ruhe vor und zeigt in ihrem Benehmen eine ſtarre, unveränderte Apathie des Kummers und getäuſchter Hoffnungen. Aber dann und wann heftet ſich ihr trübes Auge mit einem tie⸗ fen, forſchenden Blick mütterlicher Beſorgniß und Angſt auf ihr Kind und wie ſie ſich wegwendet und ein häusliches Geſchäft beſorgt, beweiſt ein tiefer Seufzer oder ein halb⸗ unterdrücktes Geſtöhn, daß des armen Herzens Fähigkeit, zu dulden, noch nicht erſchöpft iſt. Auch die Erinnerung an früheres Glück iſt nicht ganz und gar verwiſcht. Der linde Hauch der Sommerluft, der Anblick von Roſy's Hollunderzweig, der wohlbekannte Duft ſeiner Blüthen erwecken alle in ihr die Erinnerung an vergangene Tage. Sie hebt den henkelloſen Krug, der die wohlriechenden Blumen enthält, empor und wie ſie den wohlbekannten Duft einſaugt, ſteigt ein Bild des väterli⸗ chen Hauſes vor ihr auf— der grüne Wieſenhang vor der Thür, die alte ſteinerne Thürſtufe, glatt getreten von Kinderfüßen, die Hollunderbüſche an beiden Seiten der Thür und die Rothkehlchen, welche alljährlich darin niſteten und ſangen. Sie hört ihre Brüder und Schweſtern beim Spiele jubeln, den Schritt der Mutter im Hauſe, des Vaters Stimme draußen und die Stimme von Roſy's — 278— Vater, die ihr in's Ohr flüſtert. Traurig mag es ſein, über für immer entſchwundene Freuden nachzudenken, aber dann war es ein wohlthuendes Trauern, denn immer und immer wieder drückt ſie ihr gramgefurchtes Geſicht in den einfachen Strauß, lieſt in ihm eine Geſchichte ihrer Jung— frauenzeit und wendet ſich weg, um darüber nachzuſinnen. „O Roſy!“ ruft ſie aus, als ihre Gedanken, nachdem ſie ſich eine Weile mit der Vergangenheit beſchäftigt, ſich wieder auf die ernſte Wirklichkeit der Gegenwart wendeten.„Ach Roſy, wie ſehr ich wünſchte, daß du die alte Farm beſuchen könnteſt, wenn es nur auf eine Woche wäre; dein Onkel James würde ſich freuen über dein Kommen, das weiß ich und ſchon der bloße Anblick des Orts würde dir gut thun!“ Und wie die arme Mutter über die Unmöglichkeit, dieſen Wunſch zu erfüllen, nachdachte, entwand ſich ein tiefer Seufzer ihrer Bruſt. Auch Roſy ſeufzte— ein leiſer, kaum hörbarer Seuf⸗ zer. Wenn das arme Kind einen ſelbſtſüchtigen Wunſch auf dieſer Erde hatte, ſo war es der, die alte Farm zu be⸗ ſuchen. Derſelbe ſchöne Morgen, welcher der Wittwe beküm⸗ merte Niedergeſchlagenheit und die Hoffnungsloſigkeit von Roſy's irdiſchen Wünſchen ſah, fand die faſhionable Welt von New⸗York in Aufregung von der Ausſicht auf ein Feſt, welches eben ſo glänzend als neu zu werden verſprach. Hente war die Hochzeit Fanny Broadheads mit dem Ober⸗ ſten, und nach der Trauung wollten die Neuvermählten nach dem Landhaus des jungen Ehemanns einige Meilen ſtrom⸗ aufwärts am Hudſon fahren, wo im Freien eine große Geſellſchaft gegeben werden ſollte, indem der zur Beſitzung gehörige ſchöne Park in einer Weiſe, welche unſer unbe⸗ ſtändiges und unfreundliches Klima ſelten erlaubt, ausge⸗ ſchmückt und hergerichtet worden war. Alles hing daher von dem Wetter ab; und wenn Sonnenſchein und milde —— A ——————— — 279— Luft hätten erſchmeichelt oder erkauft werden können, konnte kein vollkommenerer Tag die Herzen der zahlreichen Theil⸗ haber am Feſte erfreuen. Friſeure und Zofen waren ſchon mit Tagesanbruch beſchäftigt; Frühjahrshüte, deren koſt⸗ barer Schmuck von Knospen und Blüthen bis dahin ſorg⸗ fältig geheim gehalten worden war, ſtiegen aus ihren ver⸗ ſchiedenen Schachteln hervor; reiche Seidenkleider rauſch⸗ ten, als wollten ſie auch auf ihre Anſprüche aufmerkſam machen; und Kutſcher in weißen Handſchuhen auf dem Bock neu lackirter Wagen beſahen ihre eignen ſtattlichen Equipagen mit Stolz und warfen geringſchätzende Blicke auf die der Nachbarn ihres Herrn. Und nun rollten dieſe prunkvollen Equipagen, wie die darin Sitzenden von ſtolzem Gepränge glänzend, eine nach der andern, in verſchiedenen Richtungen von Straße zu Straße, und fuhren ſchließlich die breite Allee hinab, die aus der Stadt führte, beladen mit Allem, was ſchön, reich und modiſch in der Metropole war. „Wo in der Welt bleibt nur Donald, Mabel?“ rief Mrs. Leroy in heftigſter Ungeduld aus, die nicht dadurch vermindert ward, daß in Folge eines ärgerlichen Zupfens der gereizten Dame plötzlich ihr feiner Handſchuh zerriß. „Ich kann es mir nicht denken,“ entgegnete Mabel, aͤußerlich ruhiger als ihre Schweſter, aber doch auch ihren Verdruß dadurch zu erkennen gebend, daß ſie jetzt nach der Uhr über dem Kamin und dann wieder erwartungsvoll hinunter auf die Straße blickte. „Wir kommen gewiß zu ſpät,“ ſagte Louiſe vorwurfs⸗ voll;„alle Andern ſind ſchon vorüber. Ich wollte, ich wäre allein gefahren. Donald kommt immer zu ſpät.“ Mabel antwortete nicht, ſondern ſah immer noch zum Fenſter hinaus, nicht wenig geärgert von der Selbſtſucht, die ſich in den Klagen ihrer Schweſter ausſprach. Dieſer unvorhergeſehene Verzug war die Folge einer Entdeckung, — 280— welche Mabels Kutſcher machte, als ſie an dem Hotel ab⸗ ſtieg, wo ſie der Verabredung gemäß, Mrs. Leroy abho⸗ len wollte. Eins der Räder der neuen Barouche, eines Geburtstagsgeſchenks ihres Vaters, hatte einen Fehler und Donald erklärte, nicht weiter fahren zu können, ehe dem nicht abgeholfen ſei. Er erhielt daher unter der Be⸗ dingung, höchſtens eine halbe Stunde wegzubleiben, Er⸗ laubniß zum Wagner zu fahren. Die Zeit war jedoch längſt vorüber und er war immer noch nicht da. Mrs. Leroy's kindiſche und gereizte Unge⸗ duld nahm mit jedem Augenblick zu; und Mabel hatte nicht nur ihren eignen Aerger zu tragen, ſondern auch noch Louiſens unbezähmbare üble Laune und ſchonungsloſe Vorwürfe. Sie hätte bei einer ſo wichtigen Gelegenheit dieſen unzuverläſſigen Donald auch nicht einen Augenblick aus den Augen laſſen ſollen. Oder wenigſtens hätte ſie ihm doch ſagen können, den geſchloſſenen Wagen anſtatt der Barouche zu nehmen; der Umtauſch hätte nur halb ſo viel Zeit in Anſpruch genommen, als er ſie jetzt warten ließ— es wäre immer noch beſſer geweſen, in dieſem alten Kaſten zu fahren, als ganz zu Hauſe zu bleiben. Es ſei nicht mehr als billig, daß Mabel ſelbſt die Folgen ihrer Unüber⸗ legtheit trage.— Aber daß ſie auch darunter leiden ſolle, ſei hart, gewiß zu hart. Darauf rief ſie zornig nach Lydia, ihr ein paar neue Handſchuhe zu bringen, ſtieß heftig Murray zurück, der zufällig auf ihren Spitzenmantel trat, warf ſich verzweifelnd auf das Sopha und ſchmollte einige Minuten lang wie ein verzogenes Kind. „Horch!“ rief ſie endlich aus.„Iſt das nicht Mr. Earle's Stimme? Ja gewiß; er ſoll den jungen Van Roßberg abholen und der iſt ſchon fort. Er ſollte mit Brautführer ſein und iſt mit dem Brautpaar fortgefah⸗ ren.“ Und im nächſten Augenblick war ihre zierliche Ge⸗ ſtalt in der nach der Vorhalle führenden Thür verſchwun⸗ ·⅛· —r,—— 8— ,— —-—4—,——— — 281— den und Mabel hörte nicht einmal ihre letzten Worte, daß wahrſcheinlich ein Platz in Mr. Earle's Wagen leer ſein würde.„Das wäre ein Glück!“ Einen Augenblick ſpäter erſchien ein Kellner mit der Meldung, daß Mrs. Leroy mit Mrs. Earle nach Riverſide gefahren ſei und hoffe, daß Miß Vaughan ſie noch zur rechten Zeit unterwegs einholen werde. So charakteriſtiſch dieſes Manoeuvre für Mrs. Leroy war, fühlte Mabel ſich doch tief verletzt von der Selbſtſucht und der ſchweſterlichen Rückſichtsloſigkeit, welche ſich darin zeigten. Jedenfalls muß ich nun zu Hauſe bleiben, dachte ſie. Louiſe wußte recht gut, daß ich die Partie ganz auf⸗ geben würde, wenn ſie mich auf dieſe Weiſe im Stiche ließ. Und da ſie nun nicht länger die Ankunft der Kutſche mit Sehnſucht erwartete, ſetzte ſie ruhig ihren Hut ab und nahm Platz auf dem Sopha, um über ihr Mißgeſchick nachzudenken. Ohne daß ſie es wußte, hatte ſie dieſem Feſte mit einem Intereſſe entgegen geſehen, das ſie noch nie bei einer ähn— lichen Gelegenheit gefühlt hatte. Nicht weil Braut und Bräutigam den höchſten Kreiſen der Faſhion angehörten; nicht weil Alles, was ſich zur Welt rechnete, anweſend ſein würde, um ihnen eine Ehre zu erweiſen; nicht weil ſie auf eine neue Gelegenheit hoffte, Eroberungen und Triumphe zu feiern; ſolche Beweggründe und Gedanken hatten ihre Hoffnung nicht angefeuert und machten jetzt ihre Enttäu⸗ ſchung nicht ſchmerzlicher. Der einfache Gedanke ihres Herzens war geweſen, Dudley iſt der Neffe des Bräuti⸗ gams; Dudley wird dort ſein. Ich werde meinen Triumph in ſeiner Anweſenheit leſen und in ſeinem beifälligen Lä⸗ cheln die einzige Eroberung finden, die ich zu machen wünſche. Vielleicht, obgleich ſie es nicht wußte, erwartete ſie von ihm im Innerſten ihrer Seele, daß ſein Auge, ſeine 282— Stimme und ſein Lächeln die Herz und Nieren prüfenden Geiſter bannen würde, die in den letzten paar Tagen be⸗ ſtändig ihre Ruhe geſtört hatten; vielleicht traute ſie ſeinem magnetiſchen Einfluß die Kraft zu, die warnende Stimme zu beſchwichtigen, einen Vertrag mit ihrem Gewiſſen ab⸗ zuſchließen und ſie mit ihr ſelbſt auszuſöhnen. Wie verdrießlich war es daher, dieſe Gelegenheit zu verlieren, noch dazu die einzige, die ihr vor dem Antritt 7 ihrer Reiſe zu Gebote ſtand; denn es war Dudley's wohl⸗ bekannter Vorſatz, das junge Ehepaar nach Albany zu be⸗ gleiten, wo andere Feſtlichkeiten ſie erwarteten und ſich der Reiſegeſellſchaft erſt in dieſer Stadt anzuſchließen. Alle dieſe Hoffnungen waren jetzt plötzlich vernichtet und ſie fühlte ſich von einer peinlichen Empfindung der Vereinſamung und erlittenen Unrechts bedrückt. Sie hätte wol ihren Gefühlen durch Thränen Luft gemacht ohne die Anweſenheit der Kinder ihrer Schweſter, welche ihr einigen Zwang auferlegten, die aber auch zugleich ein kindliches Mitgefühl für ihr Mißgeſchick zu erkennen gaben, das ihr weiches Herz nur rühren konnte. „Iſt Mutter ohne Dich fortgefahren, Tantchen?“ rief Alick aus;„das iſt ſehr ſchäbig!“ während Murray auf einen Stuhl kletterte, den Kopf zum Fenſter hinausſteckte und jeden Augenblick voll Eifer, aber leider viel zu früh die Ankunft des Wagens meldete. „Thut nichts Murray, ich fahre nun nicht,“ ſagte Ma⸗ bel, nachdem faſt eine Stunde verfloſſen war;„es iſt zu ſpät.“ „Ach da iſt ſie wirklich,“ rief Murray aus;„Donald kommt ganz raſch heran gefahren! O was für eine ſchöne Barouche!“ und Alick, diesmal überzeugt, daß man ſich auf die Meldung ſeines Bruders verlaſſen könnte, eilte ans Fenſter und beſtätigte die gute Nachricht, indem er in Murray's lautes Lob der Equipage einſtimmte. —— — 283— „Und Sie wollen nun gar nicht fahren?“ fragte er in getäuſchtem Tone, als er bemerkte, daß Mabel hinter ihm ſtand und verdrießlich und gleichgültig auf die Straße hinab ſchaute ohne Anſtalt zu machen, ihren Hut wieder aufzuſetzen. „Nein, Alick.“ Der Knabe ließ den Kopf hängen, als ob einer ſeiner Lieblingspläne zu Waſſer geworden wäre, aber Murray kam auf einen neuen Einfall und rief voller Eifer aus: „Dann, Tantchen, nehmen Sie mich mit Spazierenfahren, o, bitte, bitte!“ „Warum nicht,“ ſagte Mabel gleichgültig;„laß Dir von Lydia Deinen Hut geben— und auch Du, Alick,“ und da ſie ſah, wie ſehr Murray ſich freute, verſuchte ſie auch einen heitern Ton anzunehmen und ſagte:„wir wol⸗ len ſehen, ob wir uns unter uns einen guten Tag machen können.“ Alicks Geſicht hellte ſich auf, als Mabel ſich auf dieſe Weiſe eine Entſchädigung für ihr Wegbleiben von dem Hochzeitsfeſt zu verſprechen ſchien, und als ſie in dem Wagen ſaßen, waren die Knaben wenigſtens in der fröh⸗ lichſten Stimmung. Donald, der ſogleich die Folgen ſeines langen Verzugs entdeckte, hatte eine langweilige Geſchichte über die Urſachen deſſelben zu erzählen; aber Mabel hörte ihn kaum an, ſon⸗ dern nahm ſeine Entſchuldigung ſtillſchweigend hin und befahl ihm, fortzufahren und die der Straße nach Riverſide entgegengeſetzte Richtung einzuſchlagen. Sie waren aber erſt eine kleine Strecke Broadway hinuntergefahren, als ſie plötzlich ihren Vorſatz änderte und dem Kutſcher befahl, umzuwenden und nach Hauſe zu fahren. Alick ſah ſie forſchend an; Murray traten ſchon Thränen in die Augen; aber ihr Lächeln beruhigte ſie Beide.„Nur einen Augenblick, liebes Herz,“ ſagte ſie 8 — — 284— beſänftigend zu Murray;„ich ſteige niche aus, ich will blos mit Cäcilie ſprechen. Ziehen Sie die Klingel, Donald,“ ſagte ſie, wie ſie vor dem väterlichen Hauſe hielten; und als der Bediente erſchien und die Stufen herab eilte, um ihre Befehle entgegenzunehmen, ſagte ſie zum Erſtaunen der Andern:„Sagen Sie Cäcilien, ſie ſoll mir meinen warmen ſchottiſchen Shawl und ein Kiſſen bringen— zwei Kiſſen, Robert,“ ſetzte ſie hinzu, als er gehen wollte, um ihre Befehle zu erfüllen. Die freundliche Cäcilie erſchien bald mit den Sachen, die im Wagen einen Platz fanden. 1 „Wollen wir denn die ganze Nacht fahren?“ fragte Murray etwas unruhig, während ſich in Alicks Geſicht die größte Wißbegier ausſprach. Aber Mabel antwortete nur mit einem Lächeln. „Lenken Sie hier links ein,“ ſagte ſie endlich zu Donald, wie ſie den Eingang einer ſchmalen Straße er⸗ reichten. „O, ich weiß, ich weiß!“ rief der für gewöhnlich ſtille Alick aus, wie er bemerkte, daß ſie die nach der Wittwe Hope's führende Richtung einſchlug. Mabel nickte beiſtimmend. Murray ſprang unruhig von ſeinem Sitz auf und ſetzte ſich wieder und klatſchte vor lauter Freude in die Hände. Alick betrachtete das Antlitz ſeiner Tante nachdenklich und bewundernd. Mabel vergaß faſt die kaum erlebte bittere Enttäuſchung über den Gedanken an die Freude, die ſie zu bereiten im Begriff ſtand. Aber wer ſoll die lebhafte Ueberraſchung, Aufregung und Wonne ſchildern, welche ſich in der Wohnung der Wittwe verbreiteten, als die ſtolzen Roſſe ſtampfend vor der Thür hielten, als der Zweck ihres Kommens gemeldet ward und die wohlüberlegten Vorkehrungen für die Be⸗ quemlichkeit der Kranken das Unglaubliche außer allen Zweifel ſtellten. Thränen floſſen über die Wangen des glücklichen, dankbaren Kindes, und die ſonſt ſo kalt er— ſcheinende Mutter vergaß ihre gewohnte Zurückhaltung ſo weit, daß ſie die Hand auf Mabels Schulter legte und aus⸗ rief:„Gott ſegne Ihr Herz. Sie ſehnte ſich gerade ſo ſehr einmal hinaus ins Freie zu kommen! Wahrhaftig, es wird ihr vorkommen, als ob ſie ins Paradies käme.“ Noch ein paar Augenblicke und Roſe, von Kiſſen ge⸗ ſtützt und Mabels Shawl über den Schooß gebreitet, rollte in dem bequemen Wagen mit ſeinen ſchwellenden Polſtern Broadway hinab, und ihr ſchmales bleiches Geſicht und ihre ſchwächliche abgezehrte Geſtalt bildeten einen ſchlagenden Gegenſatz zu der üppigen Schönheit und den anmuthigen Verhältniſſen Mabels, die über ſie gebeugt, die Kiſſen an ihren Füßen zurechtlegte und ſie mit ſanfter Stimme fragte, ob die Bewegung des Wagens ſie ermüde. Roſe's Augen ſchweiften die Straße auf und ab und erfaßten mit einem Blick tauſend intereſſante Gegenſtände, während Alick und Murray, die ſie von dem Sitze gegenüber beobachteten, ihre Aufmerkſamkeit bald auf Dies, bald auf Jenes lenkten, wobei ihre belebten Geſichter zu erkennen gaben, wie tief ſie ihre Freude mitfühlten. Aber mit dem, was in der Stadt zu ſehen und zu hören war, war Roſy verhältnißmäßig vertraut, und ob⸗ gleich die Fahrt ihre Kenntniſſe und ihre Erfahrungen ver⸗ mehrte, ſo hatte doch noch Nichts in ihr Empfindungen erwecken können, die ihr noch ganz neu waren. Wie ſie ſich jedoch der Batterie näherten und ſie durch die Bogen⸗ gänge der hohen Ulmen die dunkelblaue Waſſerfläche der Bucht, die weißen in der Sonne glänzenden Segel und die grünen Inſeln des Hintergrunds erblickte, da öffneten ſich ihre Augen weit, ihre kleine Geſtalt ſchien größer zu werden, ihre Bruſt hob ſich, ſie faltete die dünnen, durch⸗ ———— —— — 286— ſcheinenden Hände und ein langer Ausruf ſprach Staunen, Andacht und Ehrfurcht aus. Mabel und die Knaben ſchauten in ſtiller Befriedigung auf das entzückte und aufgeregte Kind, wie ſie in der Be⸗ trachtung dieſes Panorama's von Meer, Erde und Himmel verſunken, auf ihrem Antlitz und in ihren Geberden eine Seligkeit des Entzückens verrieth, das Worte nicht ſchil⸗ dern können. Mit halbgeöffneten Lippen und geſpanntem Auge fuhr Roſe fort zu ſchauen, als wäre jeder andere Sinn in dem des Geſichts aufgegangen, und erſt als einige hohe Ge⸗ bäude die verwirrende Ausſicht verſperrten, gewann ſie ihre gewohnte Faſſung wieder. Wie der Wagen kurze Zeit an der Ueberfahrt hielt, um auf das Boot, das ſie nach dem andern Ufer bringen ſollte, zu warten, wendete das Kind langſam das Haupt, begegnete Mabels mitfühlendem Blick, holte tief Atbem und ergriff mit einem Lächeln ſeliger Freude die Hand ihrer Freundin und drückte ſie mit dankbarer Innigkeit. Aber immer noch ſprach Roſy kein Wort, als fürchte ſie den Zauber zu löſen, der ſie um⸗ fing, ſondern warte mit geduldiger, obgleich zitternder Er⸗ wartung, bis der herrliche, entzückende Anblick ſich abermals ihrem Auge zeige. Bald ſchwammen ſie auf der durchſichtigen Waſſerfläche der Bucht, wo Nichts die Ausſicht unterbrach oder die Harmonie des Schauſpiels ſtörte, ſondern das Auge frei nach allen Richtungen bis an den Rand des fernen Ho⸗ rizonts ſchweifte. Mit vorgebeugtem Haupte, während der leichte Wind mit den Locken an ihren von blauen Adern durchzogenen Schläfen ſpielte und ihre Wangen ſich von dem ſchwachen Roth färbten, das Freude und Auf⸗ regung heraufbeſchworen, ſchien die kranke Kleine in eine neue Schöpfung getreten und von einem neuen Leben er⸗ füllt zu ſein. Als ob ein erdgeborner Sterblicher aus —— ————,—————— — 287— ſeiner Heimath ſich verirrt hätte und mit klopfendem Herzen an der Schwelle eines höhern Daſeins ſtände, ſo ſchien dieſe kleine Dulderin, hervorgetreten aus der Dunkel⸗ heit und Abgeſchiedenheit, in denen ſie bisher gelebt, zu erglühen vor Wonne, wie in der Anweſenheit Gottes. und ihre Empfindungen blieben von ihren Begleitern nicht ungetheilt. Mabels Herz ſchlug laut von unſelbſt⸗ ſüchtiger Freude, wie ſie das Licht ſah, das in Roſy's Auge glänzte, und die Wonne, die auf ihrem Antlitz ſtrahlte; während Alick ganz ſeine gewöhnliche Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Schiffe des Hafens vergaß, um ihrem inni⸗ gen Blick zu folgen, wie er ſich jetzt in die azurnen Tiefen des Himmels verſenkte, dann die Bewegung der vorüber⸗ rollenden Wogen beobachtete und endlich mit ſeligem Frie⸗ den auf dem üppigen Grün des Ufers ruhte. Selbſt Mur⸗ ray kniete dann und wann vor ihr nieder, ſah zu ihr auf und rief aus, wie er die Freude auf ihrem Geſicht las: „Roſy, es gefällt Dir, nicht wahr?“ und Roſy antwortete darauf mit einem ſo ausdrucksvollen Lächeln, daß er deſſen Bedeutung begriff und zufrieden war. Auch waren ſie nicht die einzigen Freunde, welche ihre Freude an dieſem Tage mitfühlen ſollten. Kaum hatten ſie die Straßen der Schweſterſtadt New⸗Yorks erreicht, als ein bekanntes Geräuſch Roſe's Ohr traf und ſie die wohl⸗ bekannten Fuhrmannspferde ſich entgegen kommen ſah, welche ſie dieſen Morgen ſo freudig begrüßt hatte, als ſie aus dem Thorweg traten. Nie hatten die meſſingenen Buckel des Geſchirrs ſo geglänzt, wie jetzt in dem Nach⸗ mittagsſonnenſchein, nie war ihr der Anſtrich des Wagens ſo ſchön blau vorgekommen, nie hatte ſie auf dem Geſicht des jungen Fuhrmanns einen ſo erſtaunten Ausdruck und eine ſo lebhafte Freude geſehen, als jetzt, wo er ſeine kleine, kranke Nachbarin erkannte. Mit einem einzigen raſchen Blick ſeines Auges überflog er die feurigen Pferde, ihr — 288— glänzendes Geſchirr, den ſchönen Wagen, die darin ſitzende Geſellſchaft und in ihrer Mitte Roſy. Es war zu Viel für ſeinen Gleichmuth. Wie er vorüber kam, lachte er, klatſchte mit ſeiner langen Peitſche, nahm den Hut ab, ſchwenkte ihn dreimal um den Kopf und warf ihr dann glückwün⸗ ſchend eine freundliche Kußhand zu. Dieſe frohlockende Begrüßung brachte eine entſpre⸗ chende Wirkung auf die Stimmung der kleinen Geſellſchaft hervor. Die Knaben wurden ganz aufgeregt davon; und Roſe, deren Befriedigung dieſer kleine Zwiſchenfall noch erhöht hatte, bog ſich aus dem Wagen und grüßte ihn froh⸗ lockend mit der Hand. „Er kennt Dich! er ſieht ſich nach Dir um! er freut ſich, daß Du ſpazieren fährſt!“ riefen Alick und Murray aus Einem Munde, während Mabel ſelbſt ſich nicht enthal⸗ ten konnte, ſich noch einmal nach dem ehrlichen Geſicht um⸗ zuſehen, das ſeine Theilnahme an Roſy's Freude ſo un⸗ zweideutig an den Tag legte. Wahrhaftig, es war ein großer Tag für Roſe— der eine große Feſttag ihres Lebens. Nicht nur die Natur, ſondern auch die Herzen der Menſchen ſchienen ſich der Ge⸗ legenheit mitfühlend zu freuen. Selbſt Donald, der ſtolze, ſchmucke Donald, der auf dem Kutſcherſitz thronte, zeigte eine gewiſſe Schonung für ihre Schwäche, fuhr vorſichtig über das Pflaſter und vermied jede holprige Stelle im Wege, als wollte er ihr unnöthige Erſchütterung oder Er⸗ müdung erſparen. Und jetzt ließen ſie allmälig die Stadt hinter ſich und gelangten hinaus ins Freie. Grüne Felder und lachende Gärten begegneten ihnen bei jeder Wendung des Wegs; hohe Ulmen überwölbten die Landſtraße und erquickten ſie mit ihrem Schatten; Vögel flatterten von Zweig zu Zweig und blühende Gebüſche erfreuten die Sinne mit ihrem Duft. Von Zeit zu Zeit erblickten ſie eins der ſchmucken hollän⸗ — 289— diſchen Farmhäuſer, deren jedes Roſe als das Ebenbild des Vaterhauſes ihrer Mutter erſchien. Gelegentlich auch erreichten ſie einen höhern Punkt, wo ſie dann mit einem Blick die weite Ausdehnung grüner Wieſen, fruchtbarer Obſtgärten und ſonniger Abhänge überſchauten, welche die Landſchaft von Long Island auszeichnen, während in der Ferne das Auge dann und wann den blauen Spiegel des Meeres erblickt. Bei dem Anblick der ländlichen Wohnſitze des friedlich weidenden oder im Schatten ruhenden Viehes und unzäh⸗ liger anderer Gegenſtände, mit welchen häufige Beſchrei⸗ bungen Roſe halb vertraut gemacht hatten, machte ſich ihre enthuſiaſtiſche und ungekünſtelte Freude in Worten Luft; und Mabel fühlte ſich von tiefer Rührung bewegt, wie das Kind in einfachen Worten die oftgehörte Geſchichte des glücklichen Lebens der Mutter auf der alten Farm erzählte, ein Beſuch auf welcher von jeher der Lieblingstraum ihrer in der Stadt gebornen Kinder geweſen war. „Du mußt einmal einen Beſuch dort machen, Roſe!“ rief Mabel mit Wärme aus, wie ſie die heiße und ſchlecht verborgene Sehnſucht des Kindes nach dieſem Genuß be⸗ merkte;„Du mußt in der nächſten Zeit mit Deiner Mutter hingehen und den alten, lieben Ort beſuchen.“ Roſy antwortete jedoch nur mit einem Kopfſchütteln voll trüber und nachdenklicher Entſagung und Mabel wollte nicht weiter in ſie dringen, denn ſie hatten jetzt die Spitze eines Hügels erreicht, den die Pferde langſam erſtiegen hatten und wo ſich ihnen jetzt eine von jenen lieblichen und ausgedehnten Ausſichten darbot, deren Anblick Roſy's Mund verſtummen machte, während ſich ſtille, heilige Andacht über ihr Geſicht verbreitete, in deſſen belebten Zügen ſich aber dennoch Unausſprechliches enthüllte. Wer kann ſagen, wie viel ſie von dem erkannte, was dem ſinnlichen Auge ver⸗ Mabel Vaughan I. 19 — 290— borgen iſt, wie viel ſie von dem hörte, was nur das Ohr des Geiſtes vernimmt. Bei dieſer Gelegenheit hatten Alick und Murray doch nicht ſo großen Genuß als Roſy. Gleich ihr war ihnen eine ſolche Ausfahrt eine ungewohnte Freude und der Eine legte ſeine Befriedigung durch den Eifer, mit dem er fragte und ſeinen Beobachtungen Worte gab, dar, und der Andere durch das Lachen und frohe Jauchzen des Kindes. Dann und wann an einer ſchattigen Stelle der Straße oder ſonſt an einem anmuthigen Fleck hielt der Wagen einige Augen⸗ blicke und die Knaben durften ausſteigen, um mit einander einen Wettlauf zu machen oder die wilden Blumen am Wege zu pflücken, mit denen ſie neckend ihre gütige Tante und ihre glückliche, kleine Gefährtin überſchütteten. Gelegentlich ſchweiften Mabeks Gedanken hinuͤber nach dem heitern Feſte in Riverſide; ein leiſes Gefühl des Nei⸗ des meldete ſich in ihrem Herzen, wenn ſie an das dort verſammelte fröhliche Gedränge dachte, und angelegentlich fragte ſie ſich: wird man mich dort vermiſſen? Aber ein Blick auf Roſy's ſeliges Geſicht oder der laute Jubel der beiden Knaben genügten, um jeden zudringlichen Kummer zu vertreiben und ſie mit dem Gedanken zu beruhigen, jedenfalls könnten dieſe hier mich nicht entbehren. Aber die Zeit iſt ein Tyrann und obgleich Mabel ihre Uhr zu Hauſe gelaſſen hatte, verrieth die langſam ſinkende Sonne doch den nahenden Abend. Trotz des oft wieder⸗ holten Aufenthalts hatten ſie mehr als zur Hälfte den vorausbeſtimmten Weg zurückgelegt und waren ſchon auf der Heimfahrt. Alick und Murray waren etwas müde von ungewohnter Bewegung und ein ſtilles, friedliches Gefühl des Genießens hatte ſich der kleinen Geſellſchaft bemächtigt, ſo daß Unterhaltung und laute Luſt ſchwiegen. Die Straße berührte jetzt dann und wann den Strand, an deſſen von Jbatten Steinen bedecktem Rand die leichten Wellen ſich mit y— — 291— einem ſanften und angenehmen Gemurmel brachen, und die ganze Natur trug den Charakter der Ruhe, der den Abend eines Sommertags auszeichnet. Roſe ruhte auf ihrem Kiſſen, während ſie den Kopf auf Mabels Schulter gelegt hatte, und ſah den leichten luftigen Wolken zu, die ſich all⸗ mälig in dichtere und reicher gefärbte Maſſen zuſammen⸗ drängten und den weſtlichen Horizont zu bedecken anfingen. So voll heiliger Stille war die Umgebung, ſo bewegungs⸗ los lag das Kind da, das ſtaunend dem Wunder der Schöpfung nachſann, daß Mabel hoffte und glaubte, es ſei eingeſchlafen, und vermied, es durch ein Wort zu ſtören. Als eine plötzliche Wendung des Wegs ihnen aber den vollen Anblick der Stadt darbot, erhob Roſe den Kopf und ſah wie Eine, die plötzlich aus einem angenehmen Traum aufwacht, mit einem langen und ſtarren Blick auf das La⸗ byrinth von Gebäuden, in dem ihr junges Leben bis da⸗ hin eingekerkert geweſen war. Mabel errieth ihre Gedanken.„New⸗York iſt kein ſchöner Aufenthalt in Vergleich mit dem Lande, nicht wahr, Roſy?“ fragte ſie. Roſy lächelte und ſchüttelte den Kopf. „Ich habe mir einen ſchönen Plan für Dich ausge⸗ dacht,“ fuhr Mabel fort,„der Dir gewiß auch gefallen wird. Du und Deine Mutter, Roſy, müſſen nach der alten Farm gehen und dort bleiben, bis Du wieder geſund und ſtark biſt. Dort kannſt Du Wälder und Felder und wilde Blumen und jeden Abend die Sonne untergehen ſehen. Es iſt keine lange Reiſe,“ ſetzte ſie, lebendiger werdend, hinzu, denn ihr Eifer für den Plan nahm zu, wie ſie den Strahl von Freude und Hoffnung bemerkte, der Roſy's Antlitz bei ihren Worten belebte,„es gehört nur Ein Tag dazu. Ich will dafür ſorgen, daß es Dir nichts koſtet, und Jack kann zu Hauſe bleiben und Haus und Laden unter ſeine Obhut 19* nehmen. Wir wollen es noch heute Abend mit Deiner Mutter beſprechen.“ Die Freude, welche ſich bei Mabels erſten Worten auf Roſy's Antlitz gezeigt hatte, machte bei der letzten Aeuße⸗ rung einem ſchmerzlichen und beſorgten Ausdruck Platz. Thränen traten ihr in die Augen und ſie beeilte ſich, die Hand auf Mabels Arm zu legen und die Freude, mit der ſie bei dieſer Ausſicht, ihre kleine Freundin glücklich und vielleicht wieder geſund zu machen, beglückt ward, mit den halbgeſtammelten Worten zu unterbrechen:„Liebe Miß Mabel! Sie ſind ſehr gut, aber ſagen Sie meiner Mutter nichts davon— bitte, thuen Sie es nicht; ich kann nicht fort— wahrhaftig, ich kann nicht!“ „Aber warum nicht, Roſy? Du fühlſt Dich doch kräf⸗ tig genug für die Reiſe? Du gehſt doch, wenn es Deine Mutter erlaubt?“ „Ja— nein— bitte, fragen Sie ſie nicht— wahr⸗ haftig, ich möchte lieber in New⸗York bleiben.“ Mabel war verlegen und in ihrer Erwartung getäuſcht; ſie konnte nicht den Eifer begreifen, mit dem das Kind ſich einen ſo großen Genuß verſagte. „Miß Mabel,“ ſetzte Roſe nach einigem Zögern hinzu, als ſie ſah, daß Mabel von ihr eine Erläuterung erwartete, „Sie werden nicht glauben, daß mich Jemand hier braucht, mich, ein armes krankes Mädchen, das ſein ganzes Leben lang eine Sorge und eine Laſt geweſen iſt, aber ich könnte mich nicht glücklich fühlen, wenn ich fortginge und meinen guten Jack zurückließe. Miß Mabel, er iſt vielleicht ein roher Knabe, aber er iſt nie roh gegen mich. Lyddy ſagt, er hätte böſe Worte gelernt, aber er hat für mich nur gute Worte; ſie ſagen mir, er liebe ſchlechte Geſellſchaft, aber ich weiß, daß er ſeine kleine Roſy liebt. Er hat ganze Nächte durchwacht, um mir meinen brennenden Kopf mit Waſſer abzukühlen— er hat mich den ganzen Tag lang ——— — 293— auf ſeinen Armen getragen. Er würde mich in meinem Stübchen vermiſſen; die böſen Buben würden ihm an der Ecke pfeifen und es wäre Niemand da, der ihm ſagte:„ach, Jack! bleibe bei Roſy!“ unſchuldige, argloſe Roſe! ſie ahnte nicht, daß jedes Wort ihrer einfachen Entſchuldigung wie ein Pfeil in Ma⸗ bels Herz fuhr; ſie begriff nicht den plötzlichen Gewiſſens⸗ biß, der das Blut ſo raſch ihr in das Geſicht zu ſtrömen, die Augen ſich zu ſenken und die Hand ſich unruhig ihr zu entziehen bewog. Sie glaubte, ſie hätte ihre Freundin be⸗ leidigt, und fuhr dringend fort:„wahrhaftig— wahrhaf⸗ tig, ich bin ſehr dankbar und Sie ſind zu gut; ich verdiene es nicht; aber Sie haben es nicht übel genommen?“ Und indem ſie ihre Hand auf Mabels Arm legte und ihre gro⸗ ßen Augen voll und forſchend auf ſie heftete, ſetzte ſie in rührendem flehendem Tone hinzu:„Ach, liebe Miß Mabel, haben Sie einen Bruder und lieben Sie ihn, wie ich Jack liebe?“ Der Blick und die Frage ſchienen in die geheimſten Tiefen von Mabels Herzen zu dringen; ſie konnte ſie nicht ertragen, ſondern ſuchte dem einen auszuweichen und die andere zu beantworten, indem ſie ihr Geſicht in den Falten von Roſe's Shawl verbarg und ſie in eine engere Umarmung ſchloß; und Roſy glaubte, ſie ſei verſtanden, und war zu⸗ frieden. Und jetzt haben ſie Abſchied genommen von der blauen Waſſerfläche der Bucht, den grünenden Inſeln, dem immer noch von dem letzten purpurnen Abendſchimmer ſtrahlenden Himmel und rollen abermals durch die Straßen der Stadt, gedrängt voll von Fuhrwerken und laut von verwirrendem Getöſe. Manches Auge folgt ihnen mit liebender und dankbarer Theilnahme, wie ſie durch die enge Straße fah⸗ ren, wo an der Thür ihrer beſcheidenen Wohnung die Wittwe Hope die Rückkehr ihres Kindes erwartet. Die — 294— ganze Nachbarſchaft hat Roſy vermißt, weiß, wo ſie ge⸗ weſen iſt, und fühlt ihre Freude mit. Die Mutter begrüßt ſie mit einem zärtlichen Lächeln; die alte Frau von gegen⸗ über humpelt an die Thür, traut ihren Augen nicht und ſetzt ſich die Brille zurecht, um zu ſehen, ob ſie ſich wirklich nicht irrt; der kleine Taubſtumme ſteht gerade an der Wand des Hauſes, ſtarr vor ſtummem Erſtaunen; und wie die feurigen Pferde, die ſich nach dem Stalle ſehnen, die ſtarke Hand Donalds in Anſpruch nehmen, kommt der muntere junge Fuhrmann aus dem Thorweg heraus, eilt an den Wagen, hebt Roſy ſanft auf ſeinem Arm heraus, trägt ſie in das Haus und ſetzt ſie in den Lehnſtuhl. Sie ſchaut noch einmal auf, lächelt Mabel und die Knaben an, em⸗ pfängt von ihnen einen Gegengruß und der Wagen rollt ſchnell von dannen. Manches edle Roß iſt an dieſem Tage warm, beſtaubt und müde nach der Stadt zurückgekehrt; aber wie viele von ihren frohen und faſhionablen Eigenthümern ſind in einem gleichen Liebeswerk beſchäftigt geweſen? Gewiß iſt es, daß in ſpätern Jahren und unter andern Umgebungen die Er⸗ innerung der New⸗Yorker Schönheit kein Feſt zurückrufen konnte, das für ſie ſo ſelig in ſeinen einfachen Freuden, ſo heiligend in ſeinen dauernden Folgen war, als dasjenige, welches für die kleine Roſe Hope der eine Glanzpunkt dies⸗ ſeit des Himmels war. — n Einundzwanzigstes Anpitel. Mit Glauben, Muth und edelherziger Beſtändigkeit iſt ſie gerüſtet wie Mit einem Harniſch... Mrs. Hemans. „Nun, ich glaube, ich habe Dir alles Wichtige erzählt, Alles, was erwähnenswerth iſt. Es war ein ausgezeich⸗ netes Feſt! Ich möchte um Alles in der Welt nicht dort geweſen ſein.“ So rief die nie verlegene Louiſe aus, die mit ihrer gewöhnlichen Taktik und ohne nur mit einem Worte ihres eigenen unſchweſterlichen Benehmens zu ge⸗ denken, zu Mabels Beſten alle ihre bemerkenswerth erſchei⸗ nenden Einzelheiten der Hochzeitsreunion erzählt hatte. Da dieſe hauptſächlich ſich auf die Complimente bezogen, die ihr geſagt worden waren, auf die Aufmerkſamkeiten, mit denen man ſie von verſchiedenen Seiten ausgezeichnet hatte, auf die Bewunderung und den Neid, den ihre neue Mantille erregt, auf den auffälligen Gegenſatz zwiſchen der ungeſchickten Drapirung von Fanny⸗ Broadhead's Schleier und dem bei ihrer Hochzeit gezeigten Geſchmack, ſo kann man ſich wol denken, daß Mabels Intereſſe an dem Gegen⸗ ſtand bald erſchöpft war, vornehmlich da Louiſe erklärte, ſie habe tauſend Beileidsäußerungen von den zahlreichen Bekannten ihrer Schweſter über ihr Nichterſcheinen zu über⸗ bringen, aber habe weder ein Wort davon behalten, noch wer nach ihr gefragt und wer nicht.„Aber eigentlich komme ich gar nicht her, um Dir von der Hochzeit zu er⸗ zählen,“ rief Louiſe aus.„Denke Dir nur, ſo müde ich bin und ſo viel mir im Kopf herumgeht, muß mich noch dieſe garſtige Lydia bis zum Tode ärgern! Kannſt Du Dir vorſtellen, daß ſie jetzt in der letzten Minute erklärt, ſie habe gar nicht daran gedacht, nach Ablauf von vorigen Monat in meinem Dienſte zu bleiben und habe vorausge— ſetzt, ich hätte ein anderes Mädchen für die Reiſe ge— miethet!“ „Hat ſie Dir nicht gekündigt?“ fragte Mabel er⸗ ſtaunt. „O, ja; ſie behauptet, ſie hätte mir mehrere Male ge⸗ ſagt, daß ſie nicht ſo weit reiſen könnte, und ſie hats auch gethan, aber ich habe ihr nicht geglaubt; Dienſtboten drohen immer auf dieſe Weiſe, nur um ihre Wichtigkeit fühlen zu laſſen. Sie ſagt, ihre Schweſter wäre dem Tode nahe; ihre Mutter brauchte ſie u. ſ. w.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Mabel ernſt.„Roſy kann nicht lange mehr leben. Es wundert mich nicht, daß Lydia ſie nicht verlaſſen möchte.“ „Roſy!“ rief Louiſe höhniſch aus.„Du ſprichſt von ihr, als ob ſie eine vertraute Bekannte wäre! Ich hörte, daß Du ſie geſtern ſpazieren gefahren haſt; meine Kinder können gar nicht aufhören, davon zu reden. Ich kann mir nichts Lächerlicheres denken.“ Mabel antwortete nicht; ſie wußte aus Erfahrung, daß es ein vergebliches Bemühen war, Louiſen zur Ver⸗ nunft zu bringen. „Dieſes Kind,“ ſetzte Letztere ärgerlich hinzu, als ob Roſe ihr abſichtlich Schaden gethan hätte,„hat beſtändig im Sterben gelegen, ſeitdem Lydia bei mir iſt; wenn ſie jetzt wirklich ſterben will, ſo kann Lydia ſie nicht am Leben 80 —.— —,— — 297— erhalten; und was für ein Unterſchied iſt es, ob ſie hier iſt oder in einer andern Stadt des Landes 29ℳ Mabel war ſichtlich ſchmerzlich berührt von der Herz⸗ loſigkeit ihrer Schweſter und bemerkte:„ein ſehr großer Unterſchied, ſollte ich meinen, Louiſe.“ Die geringe Theilnahme, welche ihre Schweſter für ihre Anſicht von der Sache an den Tag legte, reizte jedoch Mrs. Leroy nur noch mehr und ſie brach noch heftiger los; ſie glaubte nicht an die Krankheit des Kindes; es ſei Alles erheuchelt; Lydia wäre das undankbarſte Mädchen von der Welt und Mabel thörigt genug, ſich von dieſen ſchlechten Leuten hintergehen zu laſſen. Sie könnte gar nicht begrei⸗ fen, wie ihr das Wohlergehen der Knaben ſo gleichgültig ſein könnte; die armen Kinder, ſie wären ſo an Lydia ge⸗ wöhnt; wie ſchwer würde es ihnen fallen, fern von Hauſe und auf Reiſen zu ſein unter der Obhut einer ihnen ganz fremden Perſon?. So gedrängt, konnte Mabel nicht länger widerſtehen, und mit bereitwilligen Edelmuth rief ſie aus, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen,„nimm Cäcilie, Louiſe, ich kann ſie entbehren. Ich brauche gar keine Zofe; ſie iſt ein gutes Mädchen und die Knaben ſind an ſie gewöhnt.“ Mrs. Leroy ging ans Fenſter, um ihre Befriedigung über den Vorſchlag zu verbergen. Es war gerade das Ziel, das ihre ganze Diplomatie zu erreichen beſtrebt ge⸗ weſen war, denn wie gut oder ſchlecht auch Cäcilie Lydia's Stelle bei den Kindern vertreten mochte, ſo war ihre Ge⸗ ſchicklichkeit als Kammermädchen und Haarkünſtlerin ſo groß, daß die Mutter ſich längſt gewünſcht hatte, ſich ihre Dienſte zu ſichern. Es fiel ihr jedoch nicht ein, anzuerkennen, wie ſehr ſie ihrer Schweſter verpflichtet war, ſondern ſie fuhr fort, auf das Lebhafteſte zu klagen, erklärte, daß es Cäcilie an jeder Eigenſchaft fehle, um Lydia erſetzen zu können, und ſchloß 13 — 298— mit der unzufriedenen Erklärung, daß, wenn Letztere darauf beſtehe, zu gehen und ſie ſich nicht beſſer verſorgen könne, was bei der weit vorgerückten Zeit nicht ſehr wahrſcheinlich ſei, ſie wol einen Verſuch mit Cäcilie machen müßte und es jedenfalls gern ſehen würde, wenn ſie nach dem Hotel kommen und ihr mit packen helfen wollte. Die Folge war, daß in weniger als einer Stunde nach Mrs. Leroy's Ankunft zu Hauſe ein Bote bei Cäcilien mit der Bitte erſchien, ſie möchte ohne Verzug nach dem Hotel kommen, und Mabel, ſo ohne alle Umſtände ihrer geſchick⸗ ten Zofe beraubt, blieb es überlaſſen, perſönlich die Vor⸗ bereitungen zu der Reiſe zu machen, die ihr ſo unerwartet übertragen worden waren. Es war Nacht und ſie war allein in ihrem ſtillen Zim⸗ mer. Ihr Gemüth war unruhig; und während ſie ſich innerlich zu der Abweſenheit ihrer Zofe Glück wünſchte, deren Gegenwart ihr einen Zwang auferlegt hätte, war ſie bald mit fieberhafter Energie und bald mit ſtockendem Zö⸗ gern beſchäftigt, für die morgende Reiſe zu packen. Ver⸗ ſchiedene Garderobegegenſtände lagen auf dem Bett ausge⸗ breitet. Sie legte ſorgfältig ein reiches Kleid zuſammen, als wollte ſie es in den Koffer legen, vergaß dann wieder ihren Vorſatz und legte es in den Schrank. Jetzt ſchob ſie haſtig die Kaſten auf und zu, dann trat ſie ans Fenſter und ſchaute, das Haupt auf die Hand geſtützt, hinaus in den Mondenſchein. Der Verſucher, obgleich er nicht neben ihr ſtand, wollte nicht aus ihren Gedanken weichen; aber ſo oft ihr Herz bei ſeinen letzten überredenden Worten ver⸗ weilte, trat zwiſchen ſie und ſein berückendes Bild die Ge⸗ ſtalt ihres beſſern Engels— der kranken und frommen Roſe— deren milde, forſchende Augen ihr mit einem vor⸗ wurfsvollen Blick zu folgen ſchienen, deren kleine Hand ſich mit ſchüchterner, aber inbrünſtiger Bitte hob, und deren leiſe Kinderſtimme ihr beſtändig die einfachen Worte ins ☛Q — BD——— — — 299— Ohr flüſterte: Miß Mabel, haben Sie einen Bruder? Und lieben Sie ihn, wie ich Jack liebe? Ihr Herz ſagte ihr, daß ſie ihn nicht ſo geliebt habe, und ſie fühlte ſich gedemüthigt von dem großen Unterſchied zwiſchen ihrem zagenden und zweifelnden Wollen und der unbedenklichen Opferluſt des Kindes. Sie drückte ihre heiße Stirn an die kalte Fenſterſcheibe, und während ſie ſich die Freuden des morgenden Tags vorſtellte, verſuchte ſie, jeden Gedanken, der ihre Ruhe ſtörte, zu verbannen. Aber das Gewiſſen war geweckt und ließ ſich nicht ſo leicht beſchwichtigen und die nöthigen Vorbereitungen für die Reiſe waren vergeſſen, während in ihrem Herzen ſich wider⸗ ſtreitende Empfindungen bekämpften. Gerade jetzt hörte man raſche Schritte auf der Straße und wie ſie näher kamen, unterſchied man auch Stimmen. Mabel hielt den Athem an, um zu lauſchen, denn ſie er⸗ kannte die bekannte Stimme Harry's, der an der Hausthür ſtehen blieb und einem ſeiner Gefährten Lebewohl zu ſagen ſchien. „Die ganze Familie verläßt die Stadt! das Haus wird geſchloſſen. Ach!“ ließ ſich die Stimme eines Frem⸗ den in Beantwortung einer Bemerkung Harry's vernehmen, die ſie nicht gehört hatte.„Und was wird aus Ihnen, Vaughan? wo gedenken Sie den Sommer zuzubringen? Laſſen Sie mich Ihr Cicerone ſein,“ fuhr der Unbe⸗ kannte in einem rauhen und doch einſchmeichelnden Tone fort,„ich begleite Sie, wohin Sie wollen.“ „Das können Sie recht gut ſagen,“ entgegnete Harry in einem Tone bitterer Ironie;„ich gehe zum Teufel, wie Sie recht gut wiſſen, aber ich wette, daß Sie mir Geſell⸗ ſchaft leiſten werden;“ und der unglückliche Jüngling be⸗ gleitete dieſe verzweiflungsvolle Aeußerung mit einem hoh⸗ len und bittern Lachen, das ſein Bet er laut und lär⸗ — 300— mend erwiderte, als er die Straße hinab ging, während Harry ins Haus trat. So bitter Harry's Worte verzweifelnder Hoffnungs⸗ loſigkeit klangen, war ſein höhniſches Lachen doch noch bitterer. Es durchzuckte jede Fiber von Mabels Körper. Es ſchien das Todtengeläute jeder Hoffnung zu ſein, um ſein bevorſtehendes Loos zu beſiegeln. Und doch war es ſo unbeſchreiblich traurig, ſo herzzerreißend in ſeiner kum⸗ mervollen Bedeutſamkeit— es erzählte eine ſo lange Ge⸗ ſchichte vergeblicher Kämpfe, nutzloſer Reue und ſchließ⸗ licher Verzweiflung. Es klang wie der Aufſchrei eines gefallenen Engels, der ſich ſelbſt verhöhnt. Mabels mitfühlendes Herz konnte dem nicht wider⸗ ſtehen: Mein armer Bruder! mein armer Harry! rief ſie innerlich aus; iſt kein guter Engel vorhanden, der ihn noch retten könnte?. Sie lauſchte auf ſeinen ſchweren und abgemeſſenen Schritt, wie er langſam die Treppe herauf kam; er blieb einen Augenblick vor ihrer Thür ſtehen; ſie glaubte, er wollte eintreten und ihr Lebewohl ſagen, denn er wußte, daß ſie morgen frühzeitig abzureiſen beabſichtigte; aber nein— er ging vorüber und die nächſte Treppe hinauf in ſein eignes Zimmer, deſſen Thür er hinter ſich zumachte. Ich kann ihn ſo nicht verlaſſen, dachte Mabel, wie ſie ſich ihn vormalte, allein, zu Grunde gerichtet, von Nie⸗ mand behütet; und einem plötzlichen Impuls ihres Her⸗ zens nachgebend, beſchloß ſie, ihn aufzuſuchen, ein herz⸗ liches Wort mit ihm zu ſprechen und ihn ihrer Liebe zu verſichern. Sie wagte nicht, an ſeine Thür zu klopfen, aus Furcht, er möchte ſie zurückweiſen oder mit einem haſtigen Lebe⸗ wohl entlaſſen; daher öffnete ſie dieſelbe leiſe und erſchien unerwartet vor ihm. Er ging ruhelos im Zimmer auf und ab— ſchien faſt erzürnt zu ſein, ſo geſtört zu wer⸗ ——— — 361— den, als ob er ſie in Verdacht habe, ſie wolle ſeinen gehei⸗ men Gedanken nachſpüren und ſah ſie mit finſterer und gebieteriſcher Miene an, als verlange er zu wiſſen, zu wel⸗ chem Zweck ſie komme. „Harry,“ ſagte ſie, während ihre Lippe von dem Be⸗ mühen bebte, in unbefangenem Tone zu ſprechen,„ich konnte nicht den Gedanken ertragen, abzureiſen, ohne von Dir Abſchied zu nehmen;“ ſie legte dabei ſchmeichelnd ihren Arm in den ſeinigen und begleitete ihn ein paar Schritte im Zimmer auf und ab. Das Geſicht trotzig von ihr abwendend, gab er blos zur Antwort:„Du reiſeſt zeitig morgen früh ab?“ „Ja, und fürchtete, Du würdeſt nicht ſo früh auf ſein; aber Du ſchreibſt mir doch, Harry?“ „Ich weiß ja gar nicht, wo ich hinſchreiben ſoll,“ ant⸗ wortete er kurz. „Ich werde Dir die Adreſſe ſchicken.“ Immer noch verſprach er Nichts. „Ich werde Niemanden haben, der mir ſchreibt; der Vater verreiſt auch, und ich habe mich immer auf Dich verlaſſen, Harry,“ ſetzte ſie in einem Tone hinzu, der ihm zeigen ſollte, wie großen Werth ſie auf ſeine Briefe legte. „Bah!“ rief er mit einem unruhigen Auffahren aus, das ſie bewog, ſeinen Arm los zu laſſen,„ich werde Dir Nichts zu ſchreiben haben— es wird Dir an beſſerer Un⸗ terhaltung nicht fehlen.“ „Wo gedenkſt Du hinzugehen?“ fragte ſie ſchüchtern. „Ich? ich weiß es noch nicht. Ich habe mich noch nicht entſchloſſen.“ Sie wagte kaum, weiter in ihn zu dringen, ſo kurz war er in ſeinen Antworten. Sie trat an das Fenſter und ſah hinaus, ging dann an das Bureau und beſah ſich die verſchiedenen darauf liegenden Nippes in der Hoffnung, daß Harry ſelbſt wieder zu reden anfangen würde, aber er beobachtete ein hartnäckiges Schweigen. Sie wäre gern an ihn herangetreten, hätte ihn mit ihren Armen um⸗ ſchlungen und ihn gebeten, ihr von Neuem ſein Vertrauen zu ſchenken, aber er ermuthigte ſie in keiner Weiſe.„Es muß wol ſpät ſein,“ ſagte ſie endlich, als ſie ſah, daß er verwundert, wenn nicht ärgerlich über ihr Bleiben war. „So leb' wohl, Harry,“ ſagte ſie und legte ihre Hand auf ſeine Schulter. Er fuhr auf, als ob die Berührung ihm Schmerz ver⸗ urſache. Sie ſah ihm innig und flehend ins Geſicht; es zuckte in ſeinem Geſicht, und in ſeinem Benehmen gab ſich eine unruhige Verlegenheit zu erkennen, wie er ſorgſam ihrem Auge auswich, ſich bückte und ihren Scheidekuß und ihr Lebewohl erwiderte. Mit eilendem und zitterndem Schritt begab ſich Mabel auf ihr Zimmer, warf ſich auf einen niedrigen Sitz, dem leeren Koffer gegenüber, und brach in Thränen aus. Sie hatte ihren Bruder in der Abſicht aufgeſucht, ihr über⸗ volles Herz zu beruhigen und eine Schuld ihres Gewiſſens abzutragen, aber keinen dieſer Zwecke hatte dieſe kurze und unbefriedigende Zuſammenkunft erreicht. Konnte ſie ihn ſo verlaſſen, aufgegeben von ſeiner Schweſter und von ſeinem beſſern Selbſt? Ihr faſt krampfhaftes Schluchzen bewies, daß der Kampf der widerſtreitenden Gefühle jetzt ſeine Höhe er⸗ reicht hatte, und einige Minuten lang weinte ſie wie Kin⸗ der weinen, ohne den Verſuch zu machen, ſich zu beherr⸗ ſchen. Als ſich dieſer Schmerzensſturm legte und ſie eine Weile lang innerlich kämpfend daſaß, aber ſcheinbar in die Leere ſtarrte, ſtreckte ſie zerſtreut die Hand aus und öffnete den inwendigen Deckel ihres Koffers. Dabei fiel ihr Auge auf ein kleines Paket in einer Ecke, mit der be⸗ kannten Handſchrift der Mrs. Herbert an ſie adreſſirt. Bei ihrem Abgang von der Schule war es dorthin gepackt — 303— 2 worden, und Cäcilie hatte es in ihrer Sorgloſigkeit ver⸗ geſſen. Faſt überzeugt, daß es eine Botſchaft freundlichen Rathes ſei von derjenigen, die ihr immer zu Hülfe gekom⸗ men war, wo ſie der Leitung bedurfte, riß ſie haſtig das Papier auf und fand darin eine kleine Taſchenbibel. Ge⸗ 1 rührt von dieſem Beweis der Liebe und von der Natur des Geſchenks, ſchlug ſie mit Ehrfurcht das Buch bei der erſten Epiſtel St. Johannis auf, wo ein Zeichen darin lag, und ihr Auge fiel ſogleich auf die angeſtrichenen Worte: meine Kindlein, laſſet uns nicht lieben mit Wor⸗ ten, noch mit der Zunge, ſondern mit der That und mit der Wahrheit. Voll Ehrfurcht vor dieſer feierlichen Mahnung, die ihr mit der ganzen Kraft göttlicher Autorität ausgeſtattet er⸗ ſchien, ließ Mabel ihr Haupt auf den Deckel des Koffers ſinken und fiel, die Bibel in der Hand, auf die Knie nieder. Jetzt erſchien wieder vor ihr jene längſtvergeſſene Scene aus ihrer Kindheit, wo Mrs. Herbert zuerſt verſucht hatte, ihr dieſe große Lehre einzuprägen. Wie lebhaft ſtand noch vor ihrer Erinnerung jener letzte Abend ihres Schullebens, wo die getreue Lehrerin ſie gewarnt hatte, ſich vor jenem tückiſchen Feind zu hüten, deſſen Vorhandenſein in ihrem Herzen ſie ſo ſtolz geleugnet hatte— vor dem Dämon der Selbſtliebe, welcher die heiligſten Neigungen untergräbt und die verderbte Seele in Ketten legt. Sie konnte ſich nicht länger täuſchen; bei allen ihren Gelegenheiten, Gutes zu thun und zu wirken, bei all ihrem Selbſtvertrauen und ihrem Stolze, bei all ihrer gerühmten Liebe für Harry fühlte ſie, daß ſie gewogen und zu leicht befunden worden war— denn an Edelmuth hatte ſie ein ſchwaches, krankes Kind übertroffen— ſie hatte nicht ge⸗ liebt wie Roſy. Zerknirſcht, gedemüthigt, voll Eifer, ſich auf dem Pfad ————— — 304— 4 der Pflicht erleuchten zu laſſen, erhob ſie ihr gebeugtes Haupt und ſchlug abermals das heilige Buch auf; aber diesmal fielen ihre Augen auf die Worte: denn wenn unſere Herzen uns verdammen, ſo iſt Gott größer, als unſer Herz und kennet alle Dinge. Als würde ſie ſich plötzlich und zum erſten Mal in ihrem Leben der unſichtbaren Gegenwart Deſſen bewußt, der in alle Herzen ſieht und alle Wünſche kennt, hörte ſie nun auf, mit ſich zu ringen, ſah um Hülfe hinauf zu ihm und ſchüttete ihr Herz im Gebet aus. Die Form, die Stellung, die Worte waren, wenn auch nicht vertraut, aber doch wenigſtens nicht neu Einer, die einer frommen Fami⸗ lie angehörte und die Wohlthat religiöſen Unterrichts ge⸗ noſſen hatte. Aber noch nie vorher hatte ſie mit aller Unterwürfigkeit eines Kindes vor Gottes Thron das auf⸗ richtige Opfer eines demüthigen, zerknirſchten Herzens nie⸗ dergelegt; noch nie hatte ſie ſich ihm in dem Geiſte der Selbſtaufopferung genähert, welcher ausrief: doch nicht mein, ſondern Dein Wille geſchehe. Und mit dem Gebet kam die Kraft. Sie ſtand auf, ausgerüſtet mit einem chriſtlichen Entſchluß und geſtärkt mit einer chriſtlichen Hoffnung; mit dem Entſchluß, dem Böſen offen entgegen zu treten; mit der Hoffnung, zuletzt über die Sünde zu ſiegen. Nicht allein ihre eigne Sünde hatte ſie ſo zu bekämpfen; denn in dieſer Stunde tiefſter Einkehr in ſich ſelbſt hatte ſie ſich einer heiligen Sache ge⸗ widmet und ein hochverantwortliches Werk unternommen. Nicht blos mit dem Wort und mit der Zunge, ſondern mit der That und der Wahrheit wollte ſie ſchweſterliche Hingebung beweiſen und für eines Bruders Rettung ar⸗ beiten. Mit ihrer Loſung: Pflicht, und ihrem Banner: Liebe, wollte ſie ſich kühn neben Harry ſtellen und mit 4 Gottes Segen der gute Engel werden, der ihn noch rettete. Nicht mit blindem Eifer oder in unüberlegter Hitze ¹ 2 — — — beugtes ; aber wenn r, als kal in wußt, rte ſie t ihm „ die aber fami⸗ s ge⸗ aller auf⸗ nie⸗ der richt auf, ärkt dem etzt ude ſter ge⸗ en. 3 he — 305— übernahm ſie dieſe ihr von Gott eingegebene Rolle. Sie hatte das Lefe das ſie verlangte, vollkommen gewürdigt und verſtanden. Sie wußte, daß, indem ſie ſich ihrer Pflicht und Gott widmete, ſie das irdiſche Idol ihres jugendlichen Herzens entthronen, daß die ſelbſtiſche Liebe der ganz un⸗ eigennützigen, die menſchliche der göttlichen weichen mußte. Wäre es anders geweſen, ſo wäre ſie nicht ſo lange gegen den Ruf taub geblieben, der ſie jetzt zu ihres Herrn Dienſt berief. Berückt durch einen ſophiſtiſchen Verſtand, gefangen genommen von der Macht des Genies und bereitwillig die Ketten tragend, welche die Schmeichelei ſo trefflich zu ſchmieden verſteht, hatte ſie eine Zeit lang die blumigen Gefilde des Vergnügens durchwandelt, hatte den Gipfel ihres Ehrgeizes erreicht, hatte ſich in Träumen zukünftigen Glücks geſonnt; aber es kam eine Zeit, wo die einfachen Worte eines⸗Kindes das ſchlummernde Gewiſſen geweckt und wo ſie, geführt von einer Kinderhand, endlich zurück⸗ gekehrt war zu der getreuen Lehrerin ihrer Jugend, deren warnende Rathſchläge, wie ſie noch in ihrer Erinnerung lebten, und deren frommes Geſchenk ſie unterſtützen ſollten, von nun an den Pfad zu gehen, der zum Leben führt, nur den Ehrgeiz zu kennen, das ihr auferlegte Werk zu verrich⸗ ten, und nur von den Hoffnungen getröſtet zu ſein, die voller Unſterblichkeit ſind. In dieſer Stunde frommer Erhebung, im Bewußtſein dieſes Sieges des Geiſtes ſchien das Werk nicht ſchwer zu ſein. Bereits war die ſelbſtauferlegte Pflicht erleichtert worden durch das Gefühl, welches dem Arbeitenden nur die halbe Laſt fühlen läßt; denn in dem Augenblick, wo ſie mit Selbſtverleugnung und heiliger Kraft die Obhut über ihren Bruder übernahm, ſtrömte die ganze Flut der ſchwe⸗ ſterlichen Liebe in ihr Herz zurück, welche nur die Macht einer kivaliſirenden Leidenſchaft zum Schweigen gebracht Mabel Vaughan I. 20 2 — 306— und unterdrückt hatte. So beſchloß ſie, ſich Harry zu wid⸗ men, nicht blos, weil die Pflicht ihr dieſen Weg zeigte, ſondern auch, weil jede rührende Erinnerung an ihre Kind⸗ heit, jedes liebevolle Gedenken an ihre reifern Jahre ihrem Herzen verbot, ihn zu verlaſſen. Wie ſie ſich jetzt im Zimmer hin und her bewegte, be⸗ ſchäftigt mit Vorbereitungen, ihren Vorſatz zur Ausfüh⸗ rung zu bringen, zeigte ihr Geſicht die heitere Faſſung eines Gemüths, das ein hoher Entſchluß und ein heiliger Beruf erfüllt. Nicht länger verrieth ihr Benehmen Zögern oder Ungewißheit; und die Hände, welche noch vor einer Stunde vor unruhiger Unentſchloſſenheit gezittert hatten, verrichteten jetzt raſch und gut, was ſie zu thun hatten. Sie ſchrieb ein paar haſtige Zeilen an Louiſe, worin ſie derſelben ihre Sinnesänderung anzeigte, aber keinen an⸗ dern Grund angab, als die einfache Wahrheit, daß ſie im letzten Augenblick ſich überzeugt habe, daß ihre Anweſen⸗ heit zu Hauſe nöthig ſei. Sie bat ihre Schweſter, ihr oft zu ſchreiben, ließ die Knaben freundlich grüßen, hoffte, daß Cäcilie treulich Lydia's Stelle ausfüllen und daß Louiſe über den Zerſtreuungen anderer Geſellſchaft ſie wenig ver⸗ miſſen würde, eine Hoffnung, die ſie, beiläufig geſagt, wol hegen durfte, denn Mrs. Leroy war, wenn ſie in Geſell⸗ ſchaft war, ſehr gleichgültig gegen Familienbande. Es war faſt Mitternacht, als Cäcilie aus dem Hotel ganz ermüdet zurückkehrte und nun auch noch ihre eignen Reiſevorbereitungen vor ſich hatte. Sie war erſtaunt, Ma⸗ bels Koffer noch leer daſtehen zu ſehen, während jeder Garderobengegenſtand wieder ſeinen gewohnten Platz in den verſchiedenen Schränken eingenommen hatte. „Ich reiſe nicht, Cäcilie,“ antwortete Mabel ruhig auf ihren erſtaunten Blick.„Geben Sie dieſes Billet morgen früh meiner Schweſter, wenn Sie ſie morgen auf dem Boote treffen. Robert wird Ihr Gepäck beſorgen; vergeſſen Sie — 307— ja nicht, ein ſorgliches Auge auf die Knaben zu haben.“ Und ſie entließ ſie mit der Erinnerung, ſich ſo zeitig als möglich ins Bett zu legen, da ſie früh aufſtehen müßte. Erſt als ſie durch die That ihren heroiſchen Entſchluß beſiegelt hatte, wurde ſie ſich der auf Unruhe und Aufre⸗ gung folgenden Erſchöpfung bewußt; aber mit einem wohl⸗ thuenden Gefühl der Erleichterung von quälenden Zweifeln und einem demüthigen Vertrauen auf die Macht, die ſie um Kraft gebeten, ſuchte ſie jetzt gern die Ruhe, welche die müde Natur verlangt, und ſank in einen ſüßen und traum⸗ loſen Schlummer, wie ſie ihn ſeit vielen Wochen nicht ge— kannt hatte. 20* Sweinndzwanzigstes Kapitel. In ihrem tiefen, ſchwermuthvollen Auge Ruht länger nicht der heitere Glanz des Lebens; Und ſelbſt die Liebe, die ſo hold drin glänzte, Hat nur ſternloſe Nacht zurückgelaſſen. Nacht? Nein, ach, nein! Es iſt fruhzeitig Tagen— Die langen, dunkeln, hoffnungsleeren Stunden, Sie ſind vorüber, und des Glaubens Quelle, 4 Die gottgeſchenkte ſtrahlt aus ihrem Auge, Das ſich dem Himmel zukehrt. Mrs. Mayo. Wenn die gehobene Stimmung, in welcher ein großer Entſchluß gewöhnlich gefaßt wird, bis zur Ausführung deſſelben ungeſchwächt fortdauern könnte, ſo wäre der Sieg faſt ohne Anſtrengung zu erringen. Aber wer kennt nicht die Reaction, die Schwäche und das Mißtrauen in ſich ſelbſt, welche die natürliche Folge einer ungewohnten In⸗ anſpruchnahme der phyſiſchen und geiſtigen Kräfte ſind? Erſt dann erfahren wir, wie wenig wir uns auf unſre eignen ſchwachen Bemühungen verlaſſen können, wenn Hülfe und Leitung von oben ſie nicht unterſtützt und kräftigt. r So ging es auch Mabel, als ſie am Morgen nach ihrer vermeintlichen Selbſtüberwindung erwachte, bedrückt von einem peinlichen Gefühl der Ermattung und Nieder⸗ geſchlagenheit, das es ihr zu einer Sache der Anſtrengung 6 — 309— machte, aufzuſtehen und ſich anzukleiden und zu einer noch größern auf die Vergangenheit mit Faſſung zurück zu ſchauen und mit Heiterkeit in die Zukunft zu ſehen. Sie wurde ſich vollkommen der unerwarteten Wahrheit bewußt, daß die Seele nicht durch einen krampfhaften Verſuch die erhabnen Höhen ſelbſtverleugnender Tugend erreichen kann, ſondern nur durch beſtändiges und ausdauerndes Ringen und eine geduldige Zuverſicht auf den, der verſprochen hat: ich werde Dich nicht verlaſſen. Zum Glück lag ihre kleine Bibel neben ihr und nach⸗ dem ſie in ihr Rath, Troſt und Frieden geſucht und ſich dem Himmel im Gebet empfohlen hatte, fühlte ſie ſich einigermaßen fähig, den Ereigniſſen des Tages zu be⸗ gegnen. In dem Vorſaal vor dem Speiſezimmer traf ſie Robert, der die Abreiſe der Vergnügungspartie berichtete, deren Mitglieder alle, wie er erzählte, in beſter Stimmung geweſen waren, mit Ausnahme von Alick und Murray, die Beide vor Betrübniß über ihre Abweſenheit bitterlich geweint hatten. Auch Mabel war es faſt, als ob ſie weinen ſollte, wie ſie an den Schmerz der lieben Kinder und an die noch grö⸗ ßere Lücke dachte, welche ein Mitglied der Geſellſchaft, mit dem ſie zu Mittag zuſammen treffen ſollten, fühlen wür⸗ den, wenn er ſie vermißte und, erſtaunt über ihre Abwe⸗ ſenheit und deren Urſache vielleicht falſch deutend, vergeblich bei Louiſen Aufklärung des Geheimniſſes ſuchte. Ihre geſunkene Stimmung hob ſich jedoch wieder, als ſie ſah, mit welch unverkennbarer Befriedigung ſie ihr Vater nach ſeinem erſten verwunderten Blick empfing, wie ſie in das Speiſezimmer trat und ſich dem Tiſch näherte, wo er beim Frühſtück ſaß. Er hatte Robert nicht mit dem Wagen zu⸗ rückkommen ſehen und glaubte, ſie ſei ſchon nach Albany unterwegs; hörte aber mit offenbarem Vergnügen ihre Verſicherung, daß ſie ſich geſtern, nachdem er von ihr fort⸗ — 310— gegangen, entſchloſſen habe, von dem Plane ganz abzu⸗ ſehen. Da er dieſe Sinnesänderung irgend einer kleinen Ver⸗ uneinigung mit Louiſen oder einer Unzufriedenheit mit den vorgeſchlagenen Anordnungen zuſchrieb, ſo enthielt er ſich aller weitern Forſchungen nach der Urſache ihres anſchei⸗ nend wankelmüthigen Benehmens, ſprach ſich aber ganz zufrieden über das Reſultat mit mehr als gewöhnlicher Entſchiedenheit aus:„Es freut mich, meine Gute— es freut mich ſehr. Es war mir gleich nicht angenehm, daß Du in einer ſo zahlreichen Geſellſchaft reiſen wollteſt. Jetzt hoffe ich, wird nichts Deinem Beſuch bei Tante Mar⸗ gareth im Wege ſtehen.“ So befriedigt war er, daß, wie er aufſtand, um nach Beendigung ſeines zeitigen Früh⸗ ſtücks das Zimmer zu verlaſſen, er ihr liebreich und väter⸗ lich die Hand auf den Kopf legte, was bei ſeinem ſonſtigen kalten und zurückhaltenden Weſen faſt eine Liebkoſung ge⸗ nannt werden konnte und mindeſtens eine ganz beſondere Billigung bezeichnete. So leicht die Berührung war, lockte ſie doch Thränen in Mabels Auge und ließ einen Eindruck in ihrem Her⸗ zen zurück, der lange nachhielt. Es war, als ob der Se⸗ gen eines Vaters ihr Opfer belohnte. Harry's Anſichten und Empfindungen, als er einen Augenblick ſpäter eintrat, waren nicht ſo leicht zu be⸗ ſtimmen. „Du ſiehſt, ich bin nicht gereiſt,“ ſagte Mabel und ver⸗ ſuchte einen ſcherzenden Ton anzuſchlagen, wie er in der Thüre erſchien und ſtehen blieb, als er ſie erblickte. „Das ſehe ich,“ ſagte er, indem er vollends herein trat und ſich mit ſchlaffer Miene an den Tiſch ſetzte. „Wir Frauen haben ja ein Priuileg unn unſern Sinn zu ändern,“ ſetzte ſie in deunſelbmn Tone hinzu. „Ja, das ſollte ich meinen; Du ſcheinſt Dich ſo leicht — 311— umgedreht zu haben wie ein Wetterhahn. Es ſind noch nicht viele Stunden vorüber, als ich Dich zum Ausflug bereit ſah.“ „Muth und Kraft fehlte, als die Stunde des Auf⸗ bruchs ſchlug.“ „Biſt Du nicht wohl?“ fragte er raſch, während er ſie zugleich beſorgt und forſchend anſah. „O ich befinde mich ganz wohl; aber ich beſchloß, zu Hauſe zu bleiben und für den Vater und Dich Thee und Kaffee zu bereiten. Koſte und ſieh, ob er ſüß genug iſt,“ fuhr ſie fort, wie ſie ihm eine Taſſe dampfenden Mocca hinreichte, die ſie ihm eingeſchenkt hatte. Er nahm die Taſſe mit unſicherer Hand, rührte un⸗ ruhig mit dem Löffel darin herum, that zerſtreut noch einige Stücke Zucker hinein, löffelte ſie dann ſorgſam wieder in die Untertaſſe, nahm ein Steak von dem Teller, aß eine oder zwei Minuten lang gierig, legte dann plötzlich Meſ⸗ ſer und Gabel hin, ſchob den Stuhl zurück und griff nach der Zeitung, die neben ihm auf den Boden gefallen war. Mabel konnte nicht errathen, ob er ahnte, daß ſie ihre Reiſe ſeinetwegen aufgegeben hatte; aber die Verlegenheit, in die ihn offenbar ihre Anweſenheit und die Aufmerkſam⸗ keiten, die ſie ihm erwies, verſetzten, ſchmerzten ſie. So deutlich trat ſein Wunſch, ſich ihrer Beobachtung zu ent⸗ ziehen, an den Tag, daß ſie an das Fenſter trat und ſich mit der Fütterung des Canarienvogels in dem dort hän⸗ genden Käfig beſchäftigte, und als Harry raſch und unge⸗ duldig aufſprang und das Zimmer verließ, ſich wohl hü⸗ tete, ihn zu fragen oder ihm zu folgen. Sie wußte zu gut, daß ſie ihren Einfluß auf ihren Bruder nur durch Hülfe der Zeit und der Geduld wiedergewinnen könnte und daß er ſie zurückſtoßen würde, wenn ſie ihn beobachten oder ins Gebet nehmen wollte. So war dieſer Tag keine Ausnahme von der gewöhn⸗ — 312— lichen Regel, und er ging wie faſt immer bald nach dem Frühſtück aus, ohne ihr eine Andeutung zu geben, wohin er ginge oder wann er zurück zu kehren beabſichtigte. Es war hart, ihn ſo gleichgültig gegen eine neu er⸗ wachte Liebe, ihre Sorge und ihre Gebete für ihn wegge⸗ hen zu ſehen und allein zu Hauſe zu bleiben und über die ſcheinbare Nutzloſigkeit des von ihr gebrachten Opfers nach⸗ zudenken. Hätte dieſes Opfer thätige Arbeit oder be⸗ ſtändige Beſchäftigung für Kopf und Hände gefordert, ſo wäre es Mabels energiſchem Temperament verhältnißmä⸗ ßig leicht geworden. Aber geduldiges Harren und Warten, Hoffen, wo keine Hoffnung iſt, ſind zwar ſehr heroiſche Tugenden, ſtacheln aber den Entſchluß wenig an und ver⸗ langen die größte Anſtrengung ſelbſtverleugnender Kraft. So darf man ſich nicht wundern, daß ſie geiſtig ſich entmuthigt fühlte, wie ſie zwecklos von einem Zimmer ins andere wanderte; daß ihre Gedanken hinüberſchweiften zu der Vergnügungspartie, an der ſie theilzunehmen gehofft hatte; und daß wie die Erinnerung an eine noch theurere Hoffnung ihr Herz durchzitterte, ſie nicht dem ſich ihr auf⸗ drängenden Bedauern widerſtehen, nicht die emporquel⸗ lende Thräne hemmen konnte. Aber Mabel war von Natur weder ſchwach, noch leicht zu entmuthigen; Ungewißheit und Zweifel hatten aller⸗ dings in gewiſſem Grade ihre Kräfte gelähmt und während 8 ſie zwiſchen zwei Meinungen ſtillſtand, hatte ihr unentſchloſ⸗ ſenes Benehmen das Schwanken ihrer Entſchlüſſe ver⸗ rathen. 3 So wie ſie aber den Pfad des Rechten einmal klar erkannt und gewiſſenhaft eingeſchlagen hatte, war ihr eine Feſtigkeit, Stetigkeit und Selbſtachtung eigen, welche unter⸗ ſtützt von chriſtlichen Grundſätzen verſprachen, daß ſie ihn, 1 was es auch koſte, bis ans Ziel verfolgen würde. Meine Wahl iſt getroffen, dachte ſie, als ſie aus einer thatloſen 3 — — 313— und nachdenklichen Stellung ſich aufraffend zu gleicher Zeit die krankhaften und entmuthigenden Phantaſien von ſich zu ſchütteln ſchien, welche ſich allmälig ihrer Seele bemächtigt hatten. Wenn Dudley mich wahrhaft liebt, ſo kann er mir vertrauen; wenn nicht— aber ich will das nicht für möglich halten— ſo weiß er, wie viel mir an der Reiſe lag; er wird überzeugt ſein, daß mich keine geringfügige urſache hier zurückgehalten hat; er wird zurückkehren und ſich der Wahrheit verſichern. Unterdeſſen will ich meine Kraft nicht in nutzloſer Klage vergeuden. Getreu dieſem Vorſatz griff ſie zu dem wohlbekannten Mittel, das Mrs. Herbert ſtets bei Heimweh und andern krankhaften Stimmungen empfohlen hatte, ſuchte ſich eine Beſchäftigung und fing an, obgleich nicht ohne Zögern, zahl⸗ reiche Briefe ihrer ehemaligen Schulgenoſſen zu beantwor⸗ ten. Sie ſparte keine Mühe, um in einem heitern Tone zu ſchreiben und ihren jungen Freundinnen verrieth in ihren Mittheilungen nichts die Verhältniſſe, unter denen ſie ge⸗ ſchrieben waren; aber wie Mrs. Herbert, der ſie ebenfalls zu Geſicht kamen, ihre vorher ſo glühenden Beſchreibun⸗ gen des ſtädtiſchen Lebens bereits wieder von liebevollen und rührenden Erinnerungen aus ihrer Schulzeit erſetzt ſah, argwohnte ſie innerlich, daß ſie der erſtern ſchon über⸗ ſatt war und daß ſie ſich von Neuem nach den einfachen Freuden ihrer Kindheit und ihrer ländlichen Heimath ſehnte. 3 Mabel machte mehr als einmal den Verſuch, dieſer lang geprüften Freundin für das erſt vor Kurzem entdeckte koſtbare Geſchenk zu danken, ein Bewußtſein der gro⸗ ßen Erkenntlichkeit auszuſprechen, die ſie ihr für alle ihre Liebe und all ihren Rath ſchuldete und ihr Herz mit der Verſicherung zu erfreuen, daß das, was ſie ihr in ihrer Jugend ſo treulich gelehrt, im reifern Alter ihr Leitſtern ſein werde; aber jedesmal ſchrak ſie vor den mit dem Ver⸗ — 314— ſuch verbundenen Schwierigkeiten zurück und legte endlich die Feder hin, an der Hoffnung verzweifelnd, daß er ihr nach ihrem Wunſch gelingen würde. Sie wagte nicht, von Entſchließungen zu ſprechen, welche ſie noch nicht durch die That bewährt hatte; ſie fürchtete ſich, das Geheimniß ihrer Sorge und ihres Kummers zu verrathen, und eben ſo we⸗ nig konnte ſie Harry durſ gewiſſenhafte Beantwortung der vielen Erkundigungen nach ihm bloß ſtellen, welche der Mrs. Herbert ihr warmes Intereſſe an ſeinem Wohlergehen eingeflößt hatte. So blieb die ſchwierige Pflicht vor der Hand unerfüllt. Um zwei Uhr kam Mr. Vaughan zu einem frühzeitigen Mittagmahl nach Hauſe, wie er es ſeit Eintreten der grö⸗ ßeren Hitze eingeführt hatte. Harry erſchien jedoch nicht; und wie Mabel bei Tiſch ihrem Vater gegenüber ſaß, fiel ihr ſein von Sorgen bedrücktes und hohlwangiges Aus⸗ ſehen auf. Er war ſchweigſamer als gewöhnlich und kam während des ganzen Mahls nur einmal aus ſeiner Zerſtreuung heraus, wo er, ohne Etwas vorher zu ſagen, bemerkte:„Du biſt ganz allein, liebe Tochter— es iſt ſehr langweilig für Dich; ich hoffe, wir werden die Stadt ver⸗ laſſen, ehe viele Tage vergehen.“ Mabel erkärte ſich bereit, zu gehen oder zu bleiben, wie er es für am Beſten hielt und es wurde weiter nicht über dieſen Gegenſtand geſprochen; aber nach einem eilig ein⸗ genommenen Mahl erhob er ſich, um auf ſein Comptoir zu gehen. Die Witterung war verlockend, es war keine Ausſicht vorhanden, daß Harry während der nächſten Stunden nach Hauſe kommen würde und Mabel ſchlug dem Vater vor, ihn ein Stück zu begleiten. Er willigte in einer zerſtreuten Weiſe ein und ging ungeduldig im Saale auf und ab, bis ſie zum Spazieren⸗ gehen angekleidet erſchien. So ſchweigſam und von ſeinen ——,—„— Gedanken in Anſpruch genommen war er, daß Mabel lange Zeit neben ihm herging, ohne daß er eine einzige Sylbe zu ihr ſprach; und ſie konnte nicht umhin, mit Kummer zu bemerken, daß ſeine Geſtalt noch gebeugter und ſein Schritt noch unſicherer geworden war als früher. Sie ver⸗ ließ ihn an der Ecke der Straße, die zu der Wohnung der Wittwe Hope führte; und während ſie dort hinging, um ſich nach Roſe zu erkundigen, miſchte ſich unter ihre Be⸗ kümmerniß über dieſe Anzeige des Alterns und der Schwäche bei ihrem vor Kurzem noch ſo friſchen und kräftigen Vater ein neues Gefühl der Befriedigung, daß ſie nicht in un⸗ mittelbaren Widerſpruch gegen ſeine Wünſche gehandelt hatte. Roſy freute ſich außerordentlich, als ſie Mabel ſah, und Lydia, die hinter einem Ladentiſch ſtand und einen Kunden bediente, war ſo freudig aufgeregt, daß ſie kaum die einfache Rechnung fertig bringen konnte, mit der ſie eben beſchäftigt war. Niemand von der Familie hatte ſie geſehen ſeit Roſe's nie zu vergeſſender Spazierfahrt; und von allen Freund⸗ lichkeiten, die ſie ihnen erwieſen, hatte keine einen ſo war⸗ men Ausdruck des Dankes hervorgerufen. 1 8 „Sie iſt ſeit dem Tage heiterer geweſen und hat ſich beſſer befunden,“ rief die Mutter mit Thränen in den Au⸗ gen aus,„und ach, ſie iſt ſo glücklich!“ „Ach Miß Mabel, das war herrlich!“ rief die aufge⸗ regte Lydia aus;„wie ſind Sie nur auf den Einfall ge⸗ kommen? Es hat ſie halb geheilt! und die guten Knaben — ſie freuten ſich ſo ſehr darüber, als wären ſie nie vor⸗ her ſpazieren gefahren und nur um Roſy's willen— ſehen Sie ſie nur an, Miß Mabel, wie viel heiterer ſie gewor⸗ den iſt.“ Sdie ſah allerdings verändert aus; ihr Geſicht hatte einen Ausdruck, den ſie vorher nie dort geſehen: er ſchien — 316— innerliche Verzückung, einen Vorgeſchmack der zukünftigen Seligkeit zu verkünden. „Miß Mabel,“ ſagte Roſe in ihrer ſtillen Weiſe, als ihre Mutter hinaus war und Lydia wieder hinter dem Laden ſtand;„es kommt nicht daher, daß ich mich beſſer befinde, aber ich habe ſo ſchöne Gedanken den ganzen Tag und ſo ſchöne Träume die ganze Nacht gehabt. Ich weiß, daß ich nicht lange mehr hier bleiben werde, aber ich fürchte mich nicht, zu gehen. Ach, Miß Mabel, wenn Gottes Erde ſo herrlich iſt, wie muß dann erſt d er Himmel ſein!“ „Die Erde iſt doch nur ein Ort der Trauer, Roſy,“ ſagte Mabel mit einem Seufzer. Das Ohr des Kindes erkannte mit einem feinen Ge⸗ fühl für das klagende Moll, welche den Kummer des Her⸗ zens verräth, wie durch Ahnung die Stimmung von Ma⸗ bels Gemüth und ſagte zu ihr mit einer zärtlich beſorgten Miene: „Nennen Sie ſie traurig? ſind Sie auch eine müde Pilgerin? und iſt Ihr Pfad jemals umdunkelt? Ich glaubte, er wäre immer beleuchtet von Sonnenſchein.“ „Ach, Roſy,“ ſagte Mabel mit einem Blick nach dem Kupferſtich, von dem Roſy wie gewöhnlich ihr Gleichniß hernahm,„ich kann meinen Pfad gar nicht ſehen, es ſchwebt eine ſo dichte Wolke darüber.“ Sie hatte nicht auf die Wirkung dieſes Geſtändniſſes gerechnet, das ſie einem Weſen von minderer Herzensein⸗ falt und Unſchuld als Roſy war, gewiß nicht gemacht hätte. Es ſchien ſofort das einzige Band der Sympathie zu knüpfen, das noch zwiſchen ihr und dem leidenden Kinde fehlte, das ihre Hand ergriff, ſie an ſeine ſchmalen Lippen drückte und mit Inbrunſt ausrief:„Gott wird Ihnen den Weg zeigen, Miß Mabel: Er wird Ihren Pfad er⸗ leuchten, wie er meinen erleuchtet hat.“ Die feierliche und prophetiſche Zuſicherung himmliſcher — GꝘ/ te —————+ú˙ u „ ——— Führung, welche das Kind ausſprach, rührten und erſchüt⸗ terten die Seele, welche nach Ermuthigung und Stärkung lechzte. Mabel konnte nicht anders antworten, als durch die Thränen, welche ihre Augen füllten. Roſe fuhr fort: „Es hat lange Tage und Nächte gegeben, Miß Mabel, wo ich in großen Schmerzen auf meinem Bettchen lag, mir große Sorgen machte über dem Gedanken, wie ſehr ich zur Laſt war, wie arm wir waren und mehr als um alles Andere, um Jack, und was aus ihm werden würde. Da⸗ mals konnte ich Gott nicht immer ſehen. Ich verſtand nicht, wie ſo viel Kummer in Liebe auferlegt werden könnte. Ich verſuchte, Geduld zu haben. Ich verſuchte, hoffnungsvoll und gläubig zu ſein; aber ich konnte es nicht verſtehen. Jetzt aber ſehe ich Alles,“ ſetzte ſie hinzu, während ein Glanz ſich über ihr bleiches Geſicht verbreitete und die nicht länger hohlen Augen ruhig eine nahe und ſichtbare Freude zu betrachten ſchienen;„der Schmerz iſt ganz vorüber. Ich habe jetzt keine Sorge, nicht einmal mehr um Jack; das Bild hatte wahr geſprochen— das Ende iſt faſt da und das Licht, das ich ſehe, entſtrömt dem Paradieſe Gottes.“ Sie ſah in der That wie eine ſchon halb Selige aus, wie ſie auf den Schwingen des Glaubens getragen alle ihre vergangenen Leiden in der Fülle der ewigen Freude aufgehen ſah. Ein ſo klares Erkennen von Gottes Vorſehung von Seiten Einer, welche ſich ihren Weg durch ein Labyrinth von Leiden getaſtet hatte, war wie ein Licht an einem dunkeln Orte. Die Wolke ſchien vor Mabels Zukunft zu ſchwinden, wie ſie den feurigen Dank des Kindes für die Liebe hörte, die ſeine Tage gekrönt hatte. „Liebe Roſe, liebes Kind!“ ſagte ſie,„es thut mir gut, Dich ſo glücklich zu ſehen. Sicherlich haſt Du einen — 318— Himmel in Deinem Herzen— ich muß verſuchen, ob ich einige Deiner Geheimniſſe lernen kann.“ Das Kind lächelte bei den letzten Worten und flüſterte dann mit liebevollem Ernſte, wobei ſie Miß Mabel dicht an ſich zog:„Gott wird ſeine heiligen Engel ſenden, um Ihnen alle meine Geheimniſſe zu lehren und ich will jede Nacht zu ihm beten, daß er die Wolke von Ihnen nimmt.“ Von dieſer Stunde an war das bisher zwiſchen Mabel und Roſe beſtandene Verhältniß vollkommen umgedreht. Bis dahin war die Erſtere, als die ältere, ſtärkere und weiſere Freundin aufgetreten, aber in dieſer und in allen ihren ſpätern Zuſammenkünften traten die Kraft, die Weis⸗ heit und die reifern Jahre, welche ſie auf den erſten Platz geſtellt hatten, unbewußt zurück vor der Erfahrung in himmliſcher Wahrheit, der Kenntniß göttlicher Dinge, in welchen Roſe die hochbegabte Lehrerin und ſie nur die beſcheidene Schülerin war. Allerdings trat dies verän⸗ derte Verhältniß durch kein äußeres und ſichtbares Zeichen an den Tag. Schönheit, Reichthum und eine hohe Stellung auf der geſellſchaftlichen Stufenleiter wirkten alle zuſammen, um Mabel auch jetzt noch wie von jeher zu einem Gegen⸗ ſtand ehrerbietiger Bewunderung für das kranke Mädchen zu machen; und die Hinfälligkeit Roſe's erweckte mehr als je das zärtlichſte Mitleid auf der andern Seite: aber ein Schatten war auf den Pfad der Einen gefallen, während die Andere bereits den Punkt erreicht hatte, wo alle Schat⸗ ten verſchwinden; und die Jungfrau, die eben den erſten Kampf des Lebens begonnen hatte, griff gern nach den heiligen Waffen, mit welchen das Kind den Sieg erfochten hatte. So fühlte ſie ſich faſt täglich nach dieſem kleinen Tem⸗ pel heiliger Hoffnungen, frommer Betrachtungen und hei⸗ liger Freude hingezogen, wo nicht nur ſie, ſondern auch manches andere ſchwer beladene Herz von der unbewußten — 319— Gluth des Glaubens, welcher von dem Antlitz des hin⸗ ſterbenden Kindes ſtrahlte, eine wahre und dauernde Lehre lernten. Faſt bis zuletzt ſaß Roſe in dem kleinen Lehnſtuhl in dem Ladenfenſter, weil ſie ſich nicht von dem täglichen und liebevollen Verkehr mit den zahlreichen Freunden trennen konnte, die gewohnt waren, ſie hier zu ſehen; und ſo oft war Mabel in den letzten vierzehn Tagen ihres Lebens bei ihr, daß auch ihr Geſicht ein vertrautes für die Nach⸗ barſchaft wurde, welche dankbare Zuneigung für Roſy's ſchöne Freundin zu fühlen ſchien. Die Nachbarn wußten, wie unermüdlich ſie in Auf⸗ merkſamkeiten und wie freigebig mit Geſchenken ſie für das kranke Kind geweſen war; ſie hatten mit eigenen Augen manche Sendung Bücher, Früchte oder kräftige Speiſen ge⸗ ſehen, welche in der Wohnung der Wittwe angelangt war und ſie hatten ſich über Roſy's Freude an dem ereigniß⸗ reichen Tag der Ausfahrt mitgefreut. Aber ſie wußten nicht, welch herrliche Segnungen ſie dafür eingetauſcht hatte; ſie konnten nicht ermeſſen, welch erquickende Nahrung ihre Seele aus dieſer Quelle kindlicher Weisheit geſchöpft; ſie konnten ſich nicht mitfreuen über die in dieſem Herzen erweckten heiligen und bußfertigen Empfindungen— Empfindungen, welche Freude im Himmel hervorbringen. Erſt in ſpätern Jahren würdigte Mabel vollſtändig die Quelle, der ſie ihre meiſten frommen Strebungen ver⸗ dankte; erſt als ſie die Nichtigkeit anſpruchsvollerer Lehrer erkannt und gelernt hatte, daß die erhabenſten Wahrheiten oft diejenigen ſind, welche Gott den Klugen und Weiſen verborgen und den unſchuldigen Kindlein enthüllt hat. Am Tage des vorhin erzählten Geſprächs mit Roſe verließ ſie den Laden der Wittwe Hope, um mit einem wunderbar getröſteten und erleichterten Herzen nach Hauſe zu gehen. Es war faſt dunkel, als ſie durch den kleinen Park nach ihres Vaters Hauſe ging und dabei Harry ein⸗ holte. Er war von einer andern Seite gekommen und blieb ſtehen, um auf ſie zu warten, als er ſie kommen ſah. „Du biſt ſchnell gegangen,“ ſagte er, als ſie ihn er⸗ reichte. „Ja,“ ſagte ſie, ein wenig außer Athem,„ich ſah, daß es dunkel wurde.“ Er fragte ſie nicht, wo ſie geweſen war, ſondern ging ſchweigend neben ihr her und als ſie das Haus erreichten, begleitete er ſie die Stufen hinauf und zog an der Klingel. Als Robert aber die Thür öffnete, wendete er ſich um, um wieder fort zu gehen. 3 „O bitte, gehe nicht, Harry!“ rief ſie aus und ſetzte mit weiblichem Takt hinzu:„ich werde ganz allein ſein.“ Sie wußte, wie viel bereitwilliger er bei ſeiner gegenwär⸗ tigen Stimmung eine Gunſt gewähren, als annehmen würde.„Der Vater iſt noch nicht zu Hauſe, nicht wahr?“ fragte ſie raſch, zu Robert gewendet. „Nein, Miß.“ „Ach, ſo bleibe, Harry, und trinke Thee mit mir.“ „Thee,“ brummte er vor ſich hin, wie er ihr wider⸗ willig in die Vorhalle folgte,„wer mag bei ſo warmem Wetter Thee trinken.“ „Tante Sabiah behauptet, Thee kühlte im Sommer ab,“ gab ſie ſcherzend zur Antwort, indem ſie ihn in ihr kleines Boudoir führte. „Weil die Sonne alsdann untergegangen iſt,“ ant⸗ wortete er mit einem Lächeln, faſt mit einem Lachen. So weit entfernt es von einem echten, herzlichen Lachen war, betrachtete Mabel es doch als ein gutes Zeichen. Sie warf den Hut auf den Tiſch, öffnete weit die Jalouſien eines breiten, bis auf den Fußboden herab gehenden Fen⸗ ſters und ließ ſo dem Abendwind freien Zutritt und gab — dem kleinen Zimmer ein anziehendes Ausſehen. Harry zog einen Lehnſtuhl ans Fenſter, warf ſich hinein und blickte hinaus. Mabel nahm an dem Fenſter Platz und ließ die Füße auf einem kleinen Balkon draußen ruhen. Der Mond fing jetzt an über dem kleinen Park aufzugehen und die Bäume warfen lange Schatten. Es war ein lieblicher Anblick, den dieſer Juni⸗Abend ſelbſt in der Stadt bot. Er erinnerte Mabel an ähnliche Abende bei ihrer Groß⸗ mutter oder bei Mrs. Herbert, wo ſie und Harry ſtunden⸗ lang im Mondſchein vor der Hausthür geſeſſen hatten. Sie wagte eine Andeutung auf dieſe längſt vergangenen Tage fallen zu laſſen und Harry hörte ohne Ungeduld ihren Erinnerungen zu und rief ſogar Vorfälle aus ihrer Kindheit zurück, die ihrem Gedächtniß ganz entſchwunden waren. Voll ſchüchterner Freude über den Erfolg, der ihre Bemühungen begleitete, ſparte Mabel keine Mühe, ihm den Abend angenehm zu machen. Sie ließ den Thee herauf kommen, anſtatt ihn unten im Speiſezimmer zu trinken, und befahl Robert, die Alabaſterlampe anzuzünden, welche ein kaum weniger mildes und angenehmes Licht in dem Zimmer verbreitete, als der Mond draußen in der Land⸗ ſchaft. Dann und wann ſtand Harry auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab, wie im Begriff, ſie zu verlaſſen; dann ſchien ihm wieder der Gedanke zu kommen, daß ſie ſich einſam, vielleicht beängſtigt fühlen würde, denn es war ungewöhnlich laut auf der Straße und er ſetzte ſich wieder und ſo verging der Abend. Allerdings konnte es Mabel nicht verborgen bleiben, daß er ungern dablieb, aber es war kein geringer Triumph für ſie, daß er überhaupt ge⸗ blieben war, und es war ihr eine unausſprechliche Be⸗ friedigung, ihm gute Nacht zu ſagen und ihn wie den Harry von ehemals in ſein Zimmer hinaufgehen zu ſehen. Mabel Vaughan I. 21 — 322— Belehrt durch dieſen erſten Erfolg, wendete ſie ſich ſpäter öfters an ſein gutes Herz und ſein brüderliches Ge⸗ fühl und gelegentlich nicht umſonſt. Sie bedurfte der Bewegung— wollte er nicht mit ihr ſpazieren gehen? ſie ſehnte ſich nach der Landluft— wollte er ſie nicht aus⸗ fahren? ſelbſtiſche Forderungen, die ſie wol ſtellen durfte, denn ſie führte ein ungewöhnlich eingezogenes und ein⸗ förmiges Leben. Ihr beſtändiger Aufenthalt war jetzt ein Sitz in ihrem kleinen Zimmer, wo Harry faſt mit Sicher⸗ heit darauf rechnen konnte, ſie zu finden, ſo oft er Luſt hatte, ſie aufzuſuchen, und es war bald nicht mehr zu ver⸗ kennen, daß er ihre Geſellſchaft nicht mehr mit dem frühern Eifer vermied, da er oft auf einige Augenblicke zu ihr kam, entweder nach dem Frühſtück, oder wenn er einmal zu Mittag nach Hauſe kam. Aber obgleich er ſie nicht länger als Eine betrachtete, die Gelegenheit ſuchte, ihn zu beobachten und zu tadeln, und obgleich es ihr dann und wann gelang, ihn einige Zeit zu beſchäftigen, ſo waren doch dieſe Gründe zur Hoffnung ſchwach und ſelten, wäh⸗ rend die Urſachen zur Entmuthigung immer wiederkehrten. Jeden Tag verſchlimmerte ſich das Ausſehen ſeines Antlitzes, ſein Schritt wurde unſicherer und der Ausdruck nervöſer unruhe und tiefer Seelenpein prägte ſich immer deutlicher aus. Oft fanden die Mitternacht und die frühzeitigen Morgenſtunden Mabel an ihrem einſamen Fenſter, wie ſie auf ſeine Rückkehr wartete; und der Schmerz über ſein Nichtkommen war nicht geringer als der über die rohen Scherze, zornigen Flüche oder wilden und irren Blicke, die zuweilen ſeinen traurigen Zuſtand verriethen. Auch ihren Vater quälte offenbar mehr als eine Be⸗ ſorgniß. Dieſe unſeligen Karten, über welchen er den gan⸗ zen Winter gebrütet hatte, nahmen alle ſeine Zeit in An⸗ ſpruch, ſo oft er zu Hauſe war, und häufig, wann er aus⸗ ging, rollte er ſie zuſammen und nahm ſie unter den Arm, v — ——— — 4 4 1 — 323— während Mabel jedesmal, wo er kam oder ging, einen tiefern Schatten auf ſeinem Geſicht bemerkte. und noch auf einen Andern wartete ſie, der gar nicht kam; auf einen andern Schritt, deſſen eingebildeter Wider⸗ hall ſie manchmal auffahren machte; auf eine andere Ge⸗ ſtalt, welche ſie bei Tage nicht verließ und des Nachts ſich in ihre Träume ſtahl; aber der Schritt und die Geſtalt waren nur Erzeugniſſe ihrer Phantaſie. Wäre ein Brief oder nur eine Botſchaft gekommen, ſo wäre dies für ihr blutendes Herz einiger Troſt geweſen— hätte Louiſe nur geſchrieben und beiläufig von ihren Reiſegefährten geſpre⸗ chen; aber nein, es kam nichts und Mabel ſah ſich zu dem Schluß gezwungen: er vertraut mir nicht, er hat mich vielleicht nie geliebt. Sie bedurfte in der That ihres ganzen Glaubens, um ihren Muth in den vielen einſamen Stunden aufrecht zu erhalten, zu denen ſie jetzt verurtheilt war. Wie ſie durch die verlaſſenen Zimmer des geräumigen Hauſes wanderte, ſehnte ſie ſich manchmal nach dem leeren Geſchwätz Louiſens, den luſtigen Stimmen der Knaben und ſelbſt nach dem leichten Schritt und der plaudernden Zunge Cäciliens, damit ſie die traurige Stille und Einförmigkeit unter⸗ brechen möchten. Aber in dieſen Zeiten trüben und einſamen Nachden⸗ kens, wo kein menſchliches Herz mit ihr fühlte, fing Mabel an zu lernen, wie wohl es thut, ſich an den immer gegen⸗ wärtigen Freund zu wenden, der zu ſeinen Kindern geſagt hat, kommet her zu mir, die ihr beladen ſeid, denn ich werde eure Laſt tragen; und oft, wenn ſie ſich über ihre Bekümmerniſſe erhob und ihre Einſamkeit vergaß, war ſie bereit, auszurufen: ich bin nicht allein, weil der Vater bei mir iſt. Ende des erſten Bandes. 2 — 2 3 2 = 5 · 8 2 . 0 5 3 * S 2 8 ———— ———