4 7 36 ½. 3 3 — Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Oftmann in Gießen, pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von B jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 2 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 wird. 4 3 3 9 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und † eträgt: 8 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mek.— Pf. „ 3 4„ 3„— ⸗ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanzen verpflichtet. A 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 — 2 Leih- und JCeſebedingungen. 5 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 5. 8 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 n n — Edward Myers, oder Erinnerungen 2 aus dem Leben eines Feemannes. Herausgegeben von J. Fenimore Cooper. Deutſch bearbeitet von Erwin v. Moosthal. Starre Vergangenheit! Eng ſind die Schranken um dein düſteres Gebiet, Und ſich're, ſtarke Ketten binden Jeden, Den's in dein unbelebtes Weichbild zieht! Bryant. Vier Theile. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. Vorwort. Es iſt keine neue Bemerkung mehr, daß das Leben eines einzelnen Mannes, falls alle Ereigniſſe und Begebenheiten daraus der Wahrheit gemäß erzählt würden, nicht ohne Intereſſe und Be⸗ lehrung für die größere Mehrzahl der Leſer ſeyn würde. Die Ueberzeugung von der vollkommenen Wahrheit dieſer Behauptung hat den Verfaſſer bewogen, die Wechſelfälle, Ausflüge und Mei⸗ nungen eines ſeiner alten Schiffsgefährten zu Pa⸗ pier zu bringen, als ein ſicheres Mittel, dem größe⸗ ren Leſerkreiſe etliche wahrhafte, ſchlichte Notizen und Nachrichten über die Laufbahn eines ge⸗ wöhnlichen Matroſen zu geben. Außer dem Ver⸗ gnügen, das es Manchen unſerer Leſer bereiten könnte, einen„Bruder Theerjacke“ auf ſeinen Ge⸗ fahren und Reiſen zu verfolgen, dürfte noch nebenbei zu erwarten ſeyn, daß die Erfahrung und die moraliſche Veränderung, welche mit „ VMgyers vorging, einen heilſamen Einfluß auf 6 Vorwort. die Gemüther derjenigen ausübe, deren Schickſal eine Wendung genommen hat oder zu nehmen ſich anſtellt, wie das dieſes alten Seemanns. Da der Leſer nun ein natürliches und ge⸗ rechtfertigtes Verlangen tragen wird, zu erfahren, in wiefern der Herausgeber für die Wahrheit der von ihm erzählten Thatſachen ſich verbürgen kann, und über die Art der Umſtände belehrt zu werden, durch welche er mit dem Individuum bekannt wurde, deſſen Abenteuer und Erlebniſſe den Inhalt dieſes Werkes bilden, ſo ſoll er denn auch ſo viel erfahren, als zu genauem Verſtänd⸗ niß dieſer beiden Punkte erforderlich iſt. Was nun zunächſt den erſten Punkt, nämlich die Art und Weiſe anbelangt, wie der Verfaſſer mit der Lauf⸗ und Lebensbahn dieſes Individuums bekannt wurde, ſo diene hiefür Folgendes zu wiſſen. Im Jahr 1806 kam der Herausgeber dieſes, faſt noch als Knabe unmittelbar aus dem Erziehungs⸗Inſtitute entlaſſen, an Bord eines Kauffahrteiſchiffes und machte auf dieſem ſeine erſte Reiſe, um ſich, da er für das Seeweſen beſtimmt war, einige praktiſche Vorbildung und Kenntniſſe für ſeinen künftigen Beruf zu erwerben. ſie So war es nämlich zu jener Zeit Sitte und an n. Vorwort. 7 Brauch, obwohl es füglich in Frage geſtellt wer⸗ den kann, ob dies wirklich auch von Nutzen war. Die Reiſe dauerte ſehr lange, da ſie ſechs bis acht verſchiedene Ueberfahrten und Curſe in ſich begriff und ſich faſt bis zum Schluß des Jahres 1807 erſtreckte. An Bord jenes Kauffahrers be⸗ fand ſich auch Ned(Abkürzung für Edward) Myers, als Lehrling und Kajütenjunge des Kapitäns. Ned, wie man Myers allgemein nannte, war damals ebenfalls noch ein Knabe wie der Herausgeber dieſes, und es iſt daher ganz natür⸗ lich, daß ſich eine ganz innige Freundſchaft, wie ſie nur das Zuſammenleben auf einem Schiffe bedingen kann, zwiſchen Beiden ſich heranbildete. Ned war zudem noch der Jüngere und daher nicht gezwungen, alle Strapazen und Widerwär⸗ tigkeiten der Dienſtbarkeit zu beſtehen, wie ſie dem Schreiber dieſes zufielen. Nach Beendigung der Fahrt und Entlaſſung der Mannſchaft trafen Ned und der Verfaſſer nur noch ein einziges Mal mit einander zuſam⸗ men, und auch da nur für eine kurze Weile, näm⸗ lich im Jahr 1809.— Im Jahr 1833 waren ſie wiederum auf eine halbe Stunde zuſammen nd an Bord deſſelben Schiffes, ohne daß ſie damals 4 8 Vorwort. auch nur eine Ahnung davon hatten. Verfaſſer des„ Lootſen« könnte doch wohl gar ſein alter Schiffsgenoſſe ſeyn, und ſchrieb einen Brief an denſelben, um ſich hierüber Gewißheit zu verſchaffen; aus dieſer Correſpondenz entſprang ein perſönliches Zuſammentreffen, und aus dieſem endlich gar ein längerer Beſuch Ned's bei dem Herausgeber. Aus den Mittheilungen, welche er damals während ſeines Beſuches dem Verfaſſer dieſes machte, entwickelte ſich ſodann deſſen Ent⸗ ſchluß, ſich an das nachfolgende Werk zu machen. Der Verfaſſer ſetzt in alle Angaben Ned's, zumal was ihren inneren Gehalt, ihre Wahr⸗ heit ꝛc. anbelangt, das unbedingteſte Vertrauen. Wenn er ſich nicht in gewiſſen Punkten ſehr täu⸗ ſchen ſollte, ſo iſt er eine Ausnahme von der großen Regel, welche die Meinungen und Er⸗ innerungen des Reſtes der menſchlichen Familit bedingt. Auch hat der Herausgeber ſich wohl ge⸗ hütet, irgend etwas zu erzählen, in deſſen Wahr⸗ ſcheinlichkeit er ſelbſt begründetes Mißtrauen ſetzte. Nur bei ſehr wenigen Fällen hat er ſich bewogen gefunden, ſeine ausgedehntere Bekannt⸗ Vor ein paar Monaten gerieth Ned auf den Einfall, der ſchaft mit der Welt zu Gunſten der Erzählung der Jar ten 4 3 Vorwort. 9 an die Stelle von Ned's beſchränkterer Erfahrung zu ſetzen; auch hierin iſt er jedoch vorſichtig zu Werke gegangen, und hat dieß nur an Stellen gethan, wo faſt kein Zweifel obwalten konnte, daß ſich der Erzähler vom Schein trügen oder von Mangel an beſſerem Wiſſen irre führen ließ. Der Leſer möge hieraus durchaus nicht folgern, daß Ned keine beſſere Bildung genoſſen habe, als die Mehrzahl der Schiffsmannſchaft zu haben pflegt;— dieß iſt keineswegs der Fall. Als er mit dem Verfaſſer bekannt wurde, ſtand er in Be⸗ ziehung auf materielle Kenntniſſe weit über der Mehrzahl der jungen Leute unter ähnlichen Um⸗ ſtänden, und legte in Allem genugſam an den Tag, daß er im Umgang von Perſonen aufgewachſen war, die, wenn auch nicht eben von Stande, doch wenigſtens von einer Claſſe waren, die nicht unter ihm lag. Mit Einem Wort, ſeine Kenntniſſe waren nebſt ſeinem Verſtande im Allgemeinen von der Art, daß er ſich dadurch mit Recht vor einer ganzen Schiffsmannſchaft auszeichnete. Ob⸗ wohl Manches davon in ſeiner ſpätern Lebens⸗ bahn verloren ging, bildete ſich doch ein weſent⸗ licher Theil davon aus und vervollkommnete ſich, Edward Myers. 2 10 Vorwort. ſo daß Ned noch jetzt ein raſches Faſſungsver⸗ moögen, beträchtliche Kenntniſſe und ein äußerſt ſcharfſinniges Urtheilsvermögen beſitzt. Nimmt man dazu noch die geſunden und ehrenfeſten Grundſätze in ſittlichen Dingen, von welchen er ſich in Handlungen und Urtheilen leiten zu laſſen ſcheint, ſo lernt man ihn als einen Mann kennen, der in jeder Hinſicht befugt iſt, ſich ſelbſt zu ver⸗ treten, außer in dem Vermögen und der Gewohn⸗ heit, ſeine Gedanken der Oeffentlichkeit anzu⸗ vertrauen. Der Verfaſſer ließ es ſich in dieſem Werk⸗ chen angelegen ſeyn, die eigenthümliche Sprache ſeines Helden nach Erfund der Umſtände ſo genau wie möglich beizubehalten, und muß geſtehen, daß er an manchen Stellen verlegen wäre, ſie durch ſeine eigene Kunſt zu verbeſſern. Vermuthlich wird über die Perſon, welche Ned für einen ſeiner Pathen zu halten geneigt iſt, mehrfacher Streit und Zweifel entſtehen. Der Verfaſſer kann hier nur verſichern, daß die Schil⸗ derung, welche Myers von ihm und ſeinem Ver⸗ hältniſſe zu Myers ſelbſt gibt, ganz genau mit derjenigen übereinſtimmt, welche er dem Verfaſſer vor nahezu vierzig Jahren machte, und zwar damals —+———— 2 2288 SDX& — 2 8& „ Vorwort. 11 in einem Alter und unter Umſtänden, die den Ge⸗ danken an eine abſichtliche Täuſchung durchaus nicht zulaſſen. Dieſe Schilderung wird beſtätigt und erhärtet durch Ned's Schweſter, das ältere der beiden Kinder, die ſich der genannten fürſt⸗ lichen Perſon noch ebenſo deutlich erinnert, als Ned ſelbſt. Der Verfaſſer hegt die Vermuthung, dieſe beiden verlaſſenen Waiſen dürften wohl außerehelich geborene Kinder geweſen ſeyn— obwohl er keinerlei Beweis für dieſe ſeine Muth⸗ maßung beibringen kann,— und findet durchaus nichts Auffallendes in dem Umſtande, daß ein Mann vom höchſten Range nach dem des ſou⸗ veränen Fürſten, am Taufſtein des Kindes eines ſeiner Untergebenen erſcheint;— ja er iſt eher verſucht zu glauben, daß ein Mitglied der König⸗ lichen Familie lieber Jemanden, der durch Ge⸗ burt und Rang ſo weit von ihm geſchieden iſt, beehre, als ſich einen Mann von Stande dadurch verpflichte, der möglicherweiſe ſchon im Voraus auf dieſe Herablaſſung rechnen möchte. Es bedarf jetzt hier nur noch einmal der wiederholten Verſicherung, daß man jeden Theil dieſer Erzählung für wahr halten darf; Ned's 5 2* 12 Vorwort. Gedächtniß mag ihn zuweilen trügen, und ſeine Anſichten mögen zweifelsohne manchmal irrthüm⸗ lich ſeyn; allein der Verfaſſer hegt die vollſte Ueberzeugung, daß der alte Seemann durchaus nicht beabſichtigt, Etwas zu erzählen, an deſſen Wahrheit er nicht ſelber glaubt, oder irgend ein unrichtiges Urtheil abzugeben. Gerade hinſichtlich der mit ihm ſelbſt vorgegangenen Umwandlung zum Guten iſt er, da„man den Baum an ſeinen Früchten erkennen kann“, ſicherlich ganz aufrichtig. Sprache, Betragen, Sitten, Gewohnheiten und das ganze Weſen dieſer gutmüthigen„Theer⸗ jacke“ ſind die eines liebreichen, fröhlichen, gott⸗ ſeligen und vertrauenden Chriſten, ohne die ge⸗ ringſte Neigung zur Aufſchneiderei und Ueber⸗ treibung. In dieſer Beziehung iſt er ein leben⸗ diges Beiſpiel von der Kraft des Glaubens und der Macht des heiligen Geiſtes, auch das düſterſte umnachtetſte Gemüth zu erhellen und das gleich⸗ gültigſte Gewiſſen aus ſeiner Stumpfheit empor⸗ zuſchrecken.. Im October 1843. J. Fenimore Cooper. Edward Myers. Erſtes Kapitel. Wenn ich mich nun bereit finden laſſe, der größeren Menge das Leben und die Erfahrungen eines gemeinen Seemannes und— ich darf es wohl ſagen— eines Menſchen vorzuführen, der ein ſo großer Sünder war, als dieſer Beruf nur immer hervorzubringen im Stande iſt, verſichere ich im Voraus, daß kein Gefühl der Eitel⸗ keit einen ungebührlichen Einfluß oder Antrieb auf mich ausgeübt hat. Ich hänge mit ganzem Herzen an der See, und es gewährt mir ein beſonderes Vergnügen, über ſie und die Auftritte, denen ich anwohnte, und über die Drangſale zu reden, die ich in verſchiedenen Theilen unſeres Erdballs auf ihren Wogen erduldet habe. Ich traf mit einem alten Schiffsgefährten zuſammen, der ſich geneigt und bereit erklärte, die Thatſachen und Ereig⸗ niſſe, welche ich ihm an die Hand geben kann, in der entſprechenden Geſtalt herauszugeben, und da ich glaube, daß meine Erzählung Einigen von denen, welche demſelben Berufe ſich widmen, dem ich ſo lange angehört habe, Nutzen gewähren könnte, ſehe ich nicht nur kein Unrecht in dem Beginnen, dem ich mich nu widme, ſondern hoffe demüthig, es möge auf irgend eine Weiſe einiges Gute ſtiften. Der liebe Gott gebe, daß die Schilderung, welche ich von meiner frühern Verworfenheit und meinen manch⸗ fachen Fehltritten zu machen mich gedrungen fühle, ge⸗ 14 rade wegen des Kontraſtes, welchen ſie gegenüber von meiner gegenwärtigen Gemüthsruhe und Hoffnung bil⸗ den, wenigſtens Etliche meiner Leſer aus meinem Stande veranlaſſen mögen, die unter Seeleuten ſo gewöhnlichen Ausſchweifungen zu meiden, und ihr Auge vielmehr auf diejenigen großen Wahrheiten hinzulenken, welche eine Sinnesänderung ſo ſehr erleichtern, und ſo überzeugend wirken, wenn man ſie in Demuth und mit rechtem Ver⸗ ſtändniß unſerer eigenen Fehler und Schwächen betrachtet. Von meiner Familie iſt mir nur ſo viel bekannt, als mir meine Jugenderinnerungen und die Erzählungen kund thaten, mit welchen mich meine Schweſter zuweilen erfreute. Meines Vaters erinnere ich mich nur noch dunkel, und von meiner Mutter habe ich gar keinen deutlichen Eindruck bewahrt, weil ſie in meiner früheſten Jugend geſtorben ſeyn muß. Meinen Vateyhingegen ſah ich bis in mein fünftes oder ſechstes J häufig. Er war Soldat und diente im dreiundz fanterie⸗Regiment*) Seiner Majeſtät des Großbritannien. Der vierte Sohn des Mon Edward, wie er damals hieß, oder der Kent, wie man ihn ſpäter benannte, komm Truppenkorps und begleitete es in die britkiſch⸗ameri⸗ kaniſchen Kolonien, wo es längere Zeit ſtationirt war. Ich bin zwiſchen den Jahren 1792 und 1794, ver⸗ muthlich um das Jahr 1793, zu Quebeck geboren. Ueber den Rang meines Vaters im Regimente kann ich keine genaue Auskunft geben, obwohl ich feſt überzeugt ſeyn zu dürfen glaube, daß er ein Stabsoffizier oder Regi⸗ mentsbeamter war, denn er war oft um den Prinzen, und ich entſinne mich noch deutlich, daß ich ihn auf der Parade, wo ich ihn oft geſehen, ſtets zwiſchen dem Prinzen und den Truppen hin⸗ und hereilen ſah,— aus önigs von welchem Umſtande mein früherer Schiffsgenoſſe ſchließen 4 *) Der Verfaſſer ließ die Angabe dieſer Zahl anfänglich hin⸗ weg und ergänzt ſie nun aus dem Gedächtniſſe; weßhalb ſie mög⸗ licherweiſe auch unrichtig ſeyn könnte. .* —— 8u= — — 4 15 will, er müſſe ein Adjutant geweſen ſeyn. Mein Vater war, wie ich ſtets gehört habe, aus Hannover gebürtig und der Sohn eines Predigers; meine Mutter ſoll eben⸗ falls eine Deutſche geweſen ſeyn, obwohl Niemand von unſerer Familie etwas Näheres über ſie in Erfahrung gebracht hat. Sie ſoll, nach mehrfacher Schilderung, welche man mir von ihr gemacht hat, ſehr zurückgezogen gelebt und ſich mit Gegenſtänden beſchäftigt haben, welche von den Neigungen und der Lebensweiſe meines Vaters weſentlich verſchieden waren, da ihr das Leben eines Soldaten ſehr zuwider war. Nach dem Ritus der engliſchen Hochkirche ward ich getauft, und von früher Jugend an darüber belehrt, daß Seine Königliche Hoheit, Prinz Edward, der Vater der Königin Victoria, mich über die Taufe hielt, und Major Walker von demſelben Regiment und ſeine Gattin meise anderen Pathen bildeten. Meine eigentlichen Taufnamen waren Eduard Robert Meyers, indem man mir die Namen meiner beiden Pathen gab. Die Taufe fand, wie meine Geburt, in Quebeck ſtatt. Den Namen Ed⸗ ward oder Red Myers habe ich mir ſelbſt beigelegt, als ich mich dehr Seeweſen widmete Bevorich alt genug war, dauernde bleibende Eindrücke zu empfangen, ward das Regiment nach Halifar verſetzt; mein Vater begleitete es, und ſeine beiden Kinder, meine Schweſter Harriet(Henriette) und ich ſelbſt, wurden mit nach Neuſchottland hinüber genommen. Von derjenigen Zeit meines Lebens, die ich daſelbſt verbrachte, bewahre ich noch ziemlich deutliche Erinnerungen, beſonders aus den letzten Jahren. Der Prinz und mein Vater blieben beide noch beträchtliche Zeit beim Regimente, verließen indeß mehrere Jahre vor meiner Flucht Halifar. Des Prinzen Edward erinnere ich mich noch recht wohl; er bewohnte zuweilen ein Gebäude, die Loge(the Lodge) genannt, das unweit der Stadt lag und wohin mich der Vater häufig mitnahm, um meinen Pathen zu beſuchen. Doch beſaß er außerdem noch eine ſchöne Wohnung und 16 Reſtdenz in der Stadt. Für mich hatte er ſtets eine große Vorliebe, nahm mich gewöhnlich auf dem Arm und küßte und liebkoste mich. Ging er an unſerem Hauſe vorüber, ſo eilte ich ihm entgegen oder nach, und er führte mich dann gewoͤhnlich an der Hand durch die Straßen. Mehr als einmal nahm er mich mit ſich, und ſandte nach dem Regimentsſchneider, um für mich einen Anzug nach ſeinem eigenen Geſchmack zu beſtellen, womit er mich er⸗ freuen und beſchenken wollte. Er war ein hoch gewach⸗ ſener Mann von imponirendem Aeußern, und trug häufig einen Stern auf der Bruſt ſeines Fracks. Damals nannte man ihn noch nicht den Herzog von Kent, ſondern nur Prinz Edward oder kurzweg den Prinzen. Eine junge Dame wohnte bei ihm draußen auf der Lodge, allein wer ſie war, habe ich nie erfahren. Meine Mutter muß zu jener Zeit ſchon todt geweſen ſeyn, denn von ihr ſind mir keinerlei Erinnerungen gegen⸗ wärtig; mein Vater hat, wie mich's bedünken will, Hali⸗ farx ebenfalls vor dem Prinzen verlaſſen, und auch Major Walker verließ Neuſchottland, um nach England zurückzu⸗ kehren, obwohl ſeine Gemahlin noch eine Zeitlang bei uns zurückblieb. Ob mein Vater mit einem Theil des Regiments, zu welchem er gehörte, unſeren damaligen Aufenthaltsort verließ oder nicht, vermag ich ebenfalls nicht zu ſagen, obwohl ich mich noch beſtimmt einer Unterhaltung zwiſchen dem Prinzen, dem Major und Mrs. Walker erinnere, worin ſie über den Verluſt eines Trans⸗ ports ſprachen und erzählten, daß Meyers mehrere Leute gerettet habe. Dies muß etwa um die Zeit geweſen, wo mein Vater Neuſchottland verließ, wohin er, meiner Anſicht nach, wohl nie wieder zuruͤckgekehrt ſeyn kann. Weder meine Schweſter noch ich ſahen ihn nämlich nach⸗ her wieder, und erfuhren nur, daß er auf dem Schlacht⸗ felde geblieben ſey,— nie aber das Nähere über das Wann, Wo und Wie. Mein alter Schiffsgefährte, der Herausgeber, meint jedoch, dies müſſe in Kanada geweſen ſeyn, da ſpäter, als ich Neuſchottland ſchon verlaſſen 17 hatte, Briefe von einem Freunde in Quebeck einliefen, die ſich nach uns Kindern erkundigten und die Nachricht brachten, daß ein Theil der Effekten meines Vaters ſich in Quebeck befände und uns überantwortet werden ſollte. Aus dieſem Briefe erfuhr meine Schweſter zuerſt den Tod unſeres Vaters, obwohl er nicht au ſie, ſondern vielmehr an diejenigen Leute gerichtet war, welchen man ſie zur Erziehung und Verpflegung übergeben hatte. Dieſer 3 Nachlaß unſeres Vaters gelangte jedoch nie wieder in unſere Hände, und mein alter Schiffskamerad, der dieſe Erzählung verfaßt, ſchreibt dies geſetzlichen Schwierig⸗ keiten zu, die ſich dagegen erhoben haben könnten. Bevor er die Provinz Neuſchottland verlaſſen, hatte nämlich mein Vater mich und Harriet im Hauſe eines gewiſſen Herrn Marchinton in Koſt gegeben, der zwar ein Geiſtlicher, jedoch nicht im Beſitz einer regelmäßigen Pfründe war, ſondern in ſeiner eigenen Kapelle predigte. Dieſer Herr ſandte uns Beide zur Schule, und trug auch auf andere Weiſe Sorge für uns. Die Zeit, um welche der Prinz Halifar verließ, kann ich nicht mehr genau angeben, allein ich kann damals höoöchſtens fünf bis ſechs Jahre alt geweſen ſeyn— es war alſo vermuthlich um's Jahr 1798 oder 1799.*) Von dieſer Zeit an blieb ich im Hauſe des Herrn Marchinton, beſuchte die Schule und lebte, wie es Knaben meines Alters zu thun pflegen, bis zum Jahr 1805. Ich fürchte, daß ich von Natur aus ſehr zur Trägheit 5 und Behaglichkeit geneigt war, denn ich ward widerſpenſtig, hartnäckig und ungeduldig gegen das Joch, in welchem ich mich zu befinden glaubte, und gegen die Ermahnungen und —————j *) Prinz Edward, Herzog von Kent, war geboren am 2. No⸗ ¹ vember 1767, und am 23. April 1799 als Peer in’s Oberhaus be⸗ rufen, als er kaum etwas über einunddreißig Jahre alt war. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſe Ernennung bei ſeiner Rückkehr nach England ſtattfand, wohin er erſt nach ſechs⸗ oder achtjährigem Auf⸗ enthalt in Amerika und Weſtindien zurückkam. Er zeichnete ſich A während eines Aufenthalts in der weſtlichen Hemiſphäre und be⸗ ſonders in Weſtindien durch perſönliche Tapferkeit rühmlich aus. 3 1 1 18 Vorſtellungen des Schullehrers ſowohl als meines Pflegvaters. Ich kann nicht entſcheiden, ob ich wirklich gegründete Kla⸗ gen gegen Herrn Marchinton zu führen hatte; allein ſeine ſtrenge Zucht ward mir überläſtig, beſonders auch, wie ich jetzt zu glauben geneigt bin, weil es nicht angenehm für mich war, unter einer ſtreng ſittlichen Aufſicht zu ſtehen. Ich glaube nicht, daß ich ſchon damals verdorben und boshaft war, und bin überzeugt, daß ich nichts weniger als zankſüchtigen oder heimtückiſchen Sinnes war; allein ich wollte mein eigener Herr ſeyn und war beſonders ge⸗ gen jede religiöſe oder frömmelnde Aufſicht und Erziehung abgeneigt. Herr Marchinton ließ mich überdies faſt nie auf die Straße, während es doch in meiner Natur lag, gerne träge zu ſeyn und zu ſpielen oder den müßigen Gaffer abzugeben. Es iſt möglich, daß er für ein Weſen von meiner Gemüthsart etwas zu ſtrenge war, olgleich ich faſt ſelbſt glaube, daß ich einen unſtäten, Veränderung und Wechſel liebenden Geiſt beſaß. Zu jener Zeit ſchickten die engliſchen Kreuzer gar manche amerikaniſchen Schiffe als Priſen herein, und da unſer Haus nahe beim Waſſer ſtund und ich gerne auf den Hafendämmen und an den Löſchungsplätzen umherſchlen⸗ derte, in welchem Theile der Stadt Herr Marchinton an⸗ ſehnliche Grundſtücke inne hatte, benützte ich natürlich jede Gelegenheit, mich am Hafen umzuſehen. Auf der Fre⸗ gatte„Cambrian“ diente ein Midſhipman, der nur um wenig älter als ich und meine Schulgefährten geweſen war; dieſer Junge, Bowen mit Namen, war als Priſenmeiſter an Bord einer mit Kaffee befrachteten Brigg hereingeſandt worden, und ich hatte nicht ſobald dies erfahren, als ich ihm auch ſchon einen Beſuch abſtattete und ihm meine Wünſche mittheilte, Matroſe zu werden, wozu ich ſeit einiger Zeit beſondere Luſt fühlte. Bowen ermunterte und ermuthigte mich in meinem Vorhaben, und beſtärkte mich darin be⸗ ſonders durch die Erzählung ſeiner Abenteuer, bei welchen ich ganz Ohr war und den gewöhnlichen knabenhaften Drang zur Nacheiferung in mir verſpuͤrte. Herr Marchinton frei⸗ 8 nnN—õn*——— 888— u———e —-ℳ9——ͤ—— n— u 19 lich ſchien es durchaus nicht zu billigen, daß ich dieſem Berufe widmen wollte, und ich verdoppelte meine Beſuche bei Bowen, weil meine Wünſche vermuthlich in demſelben Maßſtabe wuchſen, in welchem ſich ihrer Erfüllung Schwie⸗ rigkeiten in den Weg zu legen ſchienen. Bald wagte ich es, im Takelwerk der Brigg herum⸗ zuklettern und bis zu den Maſtſpitzen eemvorzuklimmen. Herr Marchinton erblickte mich eines Tages, als ich gerade am Knopfe des Hauptflaggenſtocks war, rief mich herunter und züchtigte mich hart für meine Geſchicklichkeit und Kühnheit. Es pflegt gar häufig zu geſchehen, daß eine Strafe gerade die entgegengeſetzte Wirkung von derjenigen erzweckt, welche beabſichtigt ward, und ſo begab's ſich auch im gegenwärtigen Falle. In Folge dieſer harten Peitſchen⸗ ſtrafe nahm mein Wunſch, Matroſe zu werden, immer mehr zu, und ich begann nun in allem Ernſte auf Flucht zu denken, um mich auf ein Fahrzeug zu verdingen und einer Einſperrung und Beſchränkung meiner Freiheit am Lande zu entgehen, die mich ganz unvernünftig bedünken wollten. Eine andere Priſe, das„Amſterdamer Poſtſchiff,“ ein Fahrzeug, das Rhedern in Philadel⸗ phia gehörte, war, wie ich glaube, von der, Cleopatra,“ Kapitän Sir Robert Laurie, aufgebracht worden. An Bord dieſes Schiffes dienten zwei amerikaniſche Schiffsjungen, mit welchen ich bald ganz vertraut wurde, und ihre Schil⸗ derungen von der See, von den Vereinigten Staaten, ſo wie die Erinnerung an den Zwang, unter welchem ich zu leiden vermeinte, machten in mir den doppelten glühenden Wunſch rege, ſowohl ihr Vaterland zu beſuchen, als ſel⸗ ber ein Seemann zu werden. Sie hatten wenig zu thun, viel Muße und Freiheit, und konnten kommen und gehen, wie und wann es ihnen beliebte, und gerade dieſes un⸗ thätige, träge Leben war es ja, was mir der Gipfel uenſchlicher Glückſeligkeit zu ſeyn ſchien. Es koſtete mich nun wenig mehr, die Schule zu ſchwänzen, denn ſie war mir zum Ekel geworden und keine Strafe vermochte mich hierin abzuſchrecken. Soweit ich mich entſinne, muß dieſer willige, mich an Bord des Schooners zu verſtecken und mit ſich 20 Drang nach einem Wechſel meiner Lage nahezu oder über ein Jahr angedauert haben, und ward fortwährend genährt durch die Ankunft und Abreiſe von Schiffen unmittelbar vor meinen Augen, bevor ich mich ermuthigen konnte, einen ernſten Plan zur Flucht zu entwerfen. 1 Im Sommer 1805 endlich ſetzte ich die läugſt geheg⸗ ten Wünſche in's Werk, obwohl ich damals höchſtens eilf Jahre alt ſeyn mochte. Ich befand mich eben auf dem Markte und hörte etliche amerikaniſche Seeleute, welche ebenfalls mit einer Priſe aufgebracht worden waren, von einem Schooner reden, der gerade im Begriff ſtünde, von Halifar nach New⸗York abzuſegeln. Dieſes Fahrzeug ge⸗ hörte dem Staate Nord⸗Carolina, und war kurze Zeit zu⸗ vor von dem Schiffe„Driver“ weggenommen, durch eine Entſcheidung der Admiralität jedoch wieder freigegeben worden. Die Matroſen ſelbſt, welche ich reden hörte, be⸗ abſichtigten, ſich dieſes Fahrzeugs zu ihrer eigenen Heim⸗ reiſe zu bedienen, und da mir dies eine ausnehmend gün⸗ ſtige Gelegenheit ſchien, endlich einmal ſelber meine Wünſche zu verwirklichen, eilte ich vom Markte hinweg und nach dem Schooner hin. Zufällig befand ſich nur der Steuer⸗ mann an Bord, und ich raffte meinen ganzen Muth zuſammen, um ihn zu fragen: ob man keinen Schiffs⸗ jungen an Bord brauche? Meine Kleidung ſowohl als mein ganzes Aeußere ſprachen jedoch gegen mich, weil ich 4 an keinerlei Handarbeit gewöhnt, und wie ein Knabe der höhern Stände am Lande gekleidet war, und ſo kam es, daß der Steuermann mich auszulachen, und über meinen Wunſch, mich auf einem Schiffe zu verdingen, zu ſpotten begann, und mir über meine Befähigung hiezu auf den Zahn fühlte. Ich war zu Allem entſchloſſen; allein als ich inne ward, daß ich nur geringen Erfolg erweckte, beſchloß ich, meine Zuflucht zur Beſtechung zu nehmen. Prinz Edward hatte, kurz bevor er Halifax verließ, mir eine ſehr ſchöne kleine Vogelflinte zum Geſchenk gemacht, die ſtets zu meiner Verfü⸗ gung ſtand; ich bot ſie nun dem Steuermann an, falls er ein⸗ —— ⁸—— ONðmuA—— 21 nach New⸗York zu nehmen. Dieſer Köder zog ihn an, und er forderte mich auf, die Vogelflinte an Bord zu bringen und ihn ſehen zu laſſen. Noch am Abend brachte ich ver⸗ abredetermaßen das Beſtechungsmittel dem Steuermann an Bord, und wir wurden alsbald Handels eins, da ihm die zierliche Waffe ausnehmend wohl gefiel. Ich kehrte hier⸗ auf nach Hauſe zurück und raffte einige meiner Kleidungs⸗ ſtücke zuſammen, und da ich wußte, daß meine Schweſter Harriet mir eben etliche Hemden anfertige, ſchlich ich mich in ihr Zimmer und brachte zwei davon— die andern konnte ich nicht finden— auf die Seite. Meine Kleider⸗ vorrath, als ich das Haus verließ, war nicht bedeutend, und ich hatte die Vorſicht gebraucht, ſie einzeln aus dem Hauſe zu holen und einſtweilen auf dem Hofe in einer lee⸗ ren Tonne zu verſtecken. Als ich Kleider genug zu haben glaubte, chnürte ich ſie in ein Bündel zuſammen und brachte ſie nach dem Schooner. Der Steuermann räumte ſodann ein kleines Behältniß in der Kajüte aus, worin ſich Kartoffeln befanden, und eröffnete mir, daß ich mich bequemen müſſe, ein paar Stunden in dieſem engen, ſchma⸗ len Raume verſteckt zu bleiben. Zu unbeſonnen, um einen Widerſtand hiegegen zu erheben, willigte ich gutmüthig ein, und verabſchiedete mich von ihm mit dem Verſprechen, recht frühe am andern Morgen an Bord zu ſeyn. Ehe ich mich zu Bett verfügte, hatte ich noch einem ſchwarzen Diener in Herrn Marchinton's Hauſe den Auf⸗ trag gegeben, mich mit Tagesanbruch zu wecken, weil ich einen Spaziergang zu machen und Beeren zu pflücken be⸗ abſichtige. Dieſer folgte meinem Befehl pünktlich, und ich ſtund auf und kleidete mich an, bevor irgend ein anderes Mitglied der Familie auf den Beinen war. Ohne Säu⸗ men verließ ich das Haus und eilte entſchloſſen nach dem Schooner hin, woſelbſt noch Niemand wach war, weßhalb ich mich genöthigt ſah, dem Steuermann ein Signal zu geben. Dieſer ſchien ſeinen Handel nunmehr zu bereuen, aber zugleich keineswegs geneigt zu ſeyn, die Vogelflinte wieder herauszugeben, und es koſtete mich viele Mühe, * 22 bevor ich ihn beſtimmen konnte, ſeinem Worte treu zu bleiben; er hätte mich für bezahlt erachtet, hätte ich mich von ihm bereden laſſen, den Meinigen nicht zu entlaufen. Endlich gab er meiner beredten Vorſtellung nach und ſperrte mich in den Schrank ein, wo ich mit Kartoffeln überdeckt wurde. Ich mochte ſchon eine gute Weile in meinem unbe⸗ haglichen Käfige ſtecken, bevor ich bemerken konnte, daß das Fahrzeug vom Hafendamme abſtieß. Ich ward bald meiner Einſperrung herzlich müde, und der Drang nach Wechſel überkam mich unter einer neuen Form. Die Kar⸗ toffeln drückten ſchwer auf mich hernieder, und der Mangel an friſcher Luft machte mir mein Gefängniß faſt uner⸗ träglich. Schon ſtand ich auf dem Punkte, das Fahrzeug zu verlaſſen, als der Lärm auf dem Verdeck mir die tröſt⸗ liche Verſicherung gab, daß die Mannſchaft an Bord ge⸗ kommen und das Schiff jetzt nahezu ſegelfertig war. Ich konnte die Unterhaltung der Männer vernehmen und nach einiger Zeit, die mir ein Menſchenalter zu ſeyn ſchien, ward ich mit Vergnügen inne, daß der Schooner in die See geſtochen ſey. Ich hörte das Anrufen und Praien von einem der Forts aus, als wir den Hafen entlang ſteuerten, und nicht lange nachher traf unſer Fahrzeug mit dem„Driver“ zuſammen, derſelben Kriegſloop(Scha⸗ luppe, einmaſtiges Schiff), die den Schooner aufgebracht hatte, und ihn nun ebenfalls als ſeine alte Priſe anrief und anhielt. Dies Alles vernahm ich von meinem Ge⸗ fängniſſe aus, und es diente nicht wenig dazu, mir die Langeweile zu verkürzen und mich über meine Einſperrung zu tröſten. Als Alles in Ordnung war, hielt uns das Schiff nicht länger auf und wir durften auslaufen und unſere Fahrt fortſetzen. Es ward inzwiſchen Mittag, bevor ich befreit wurde, und als ich auf's Verdeck kam, fand ich, daß der Schooner bereits in See war. Von Halifarx war nichts mehr zu ſe⸗ hen, als ein paar Thürme, die für mich recht wohlbekannte Erſcheinungen waren. Ich muß geſtehen, daß ſich nun bei mir die Reue einſtellte über den Schritt, welchen ich mir — —/-— ,—,— — ,,——,—— — αᷣ ☛̈ᷣ xN8 —+ N8 RR R 8œ 8 X △——/ 8 744 2— 23 hatte zu Schulden kommen laſſen, und hätte ich landen kön⸗ nen, ſo würde vermuthlich meine Vorliebe für ein unſtätes umherſchweifendes Leben einen heilſamen Einhalt und Buße erlitten haben. Nun aber war es zu ſpät, und ich war nun genöthigt, auf dem dornenvollen ſchwierigen Pfade weiter fortzuſchreiten, welchen ich ſo leichtſinnig und tollkühn be⸗ treten hatte. Oft kehre ich in Gedanken noch zu jenem Au⸗ genblicke zurück, und ſuche mir zu vergegenwaäͤrtigen, was wohl mein Schickſal für eine Wendung genommen haben würde, falls ich nie dieſen unglückſeligen Schritt gethan. Was der Prinz für mich gethan haben würde, läßt ſich nicht beſtimmen, obwohl ich es für ſehr wahrſcheinlich er⸗ achte, daß er, nach Art ſolcher Herren, nach meines Vaters Tode mich vergeſſen haben würde, wie dies mit meiner Schweſter der Fall war; dieſe ſank nämlich aus der geach⸗ teten ehrenvollen Lage, in welcher ſie wie ein Glied des Hauſes in jener Familie behandelt worden war, bei ihren Pflegeeltern allmählig zu einer Art erſter Dienerin herab, und mußte ſich herben Demüthigungen ausſetzen. Später erfuhr ich noch, daß Herr Marchinton um meinetwillen große Nachforſchungen allum habe anſtellen laſſen, denn er vermuthete, ich ſey ertrunken, und ließ daher verſchiedene Orte um meines Leichnams willen mit Grundnetzen ausfiſchen. Derſelbe Wahn blieb in der gan⸗ zen Familie verbreitet, bis von New⸗York aus Nachrichten über meine Ankunft daſelbſt eingelaufen waren. Mein Erſcheinen auf dem Verdeck gab zu mancherlei Späſſen zwiſchen dem Kapitän des Schooners und ſeinem Steuermann Veranlaſſung, und ich ward tüchtig ausge⸗ lacht, wiewohl im Grunde nicht mißhandelt. Meine Thä⸗ tigkeit beſchränkte ſich auf Beſorgung der Küche, was keines⸗ wegs eine ſchwierige und anſtrengende Aufgabe war, da die ganze Küchenvorrichtung aus zwei, in Backſteinen ein⸗ gemauerten Keſſeln beſtund und die Gerichte äußerſt ein⸗ fach waren. Die Offtziere bedienten ſich eines Abſuds von Saſſafras anſtatt des Thees, und das ganze Mittagsbrod beſtund aus geſottenem Ochſen⸗ oder Schweinefleiſch. Am fer 4 3— 3 24 erſten Tage mußte man mich, meiner Seekrankheit wegelt, meiner Pflichten entbinden, allein ſchon am zweiten Mor⸗ gen machte ich mich mit regem Eifer an meinen Beruf. Wir brauchten lange zu unſerer Ueberfahrt, und meine Lage war nichts weniger als angenehm; der Schooner war leck, und die ſchweren, mächtigen Sturzſeeen, welche darüber hereinwogten, löſchten mir oft mein Feuer aus. Auf dem Verdeck hatten wir eine Ladung Schindeln, welche, wie ich bald ausfindig machte, ein äußerſt bequemes Holz zum Anfeuern waren; allein es war der Mannſchaft aufs ſchärfſte anbefohlen, nichts von der Schiffsladung zu verbrennen, und es koſtete mich wohl manchen Puff von Seiten mei⸗ nes Freundes, des Steuermanns, bevor ich mich an die Regel gewöhnen und einen Unterſchied machen lernte. Sonſt führte ich mich ſo ziemlich leidlich auf, und nach zehntä⸗ giger Fahrt liefen wir endlich in Sandy⸗Hook ein. Das war meine erſte Seefahrt oder vielmehr die erſte, deren ich mich erinnern kann, da ich natürlich wohl be⸗ greife, daß wir unſere Reiſe von Quebeck nach Halifar zu Waſſer zurückgelegt hatten. Ich ward von meinem Drange nach unſtätem Leben durch dieſen erſten Verſuch noch nicht geheilt, obwohl ſich in dieſem Alter Eindrücke ebenſo leicht verlieren, als empfangen werden. Wie unvernünftig und leichtſinnig ich in derartigen Dingen zu jener Zeit noch war, kann man am beſten aus dem Umſtande ſchließen, daß ich mich nicht entſinne, nur je nach dem Namen des Fahrzeugs zu fragen, auf welchem ich Neuſchottland ver⸗ laſſen hatte. Hang zu Veränderung und abenteuerlichem Leben waren meine einzigen Beweggründe, und es fiel mir niemals bei, mich nach einer Thatſache zu erkundigen, welche für einen Menſchen von meinem Temperament ſo unwe⸗ ſentlich war. Noch heutiges Tags weiß ich gar nichts Näheres über dieſen Gegenſtand.— Der Schooner lief endlich in den Hafen ein, und legte ſich Fly⸗Market gegenüber vor Anker; man konnte das Schiff nicht hart an's Quai bringen, ſondern mußte für die kurze Zeit unſeres Aufenthalts hinter zwei oder — — —— — 25 drei andern Fahrzeugen anlegen. Dies geſchah nicht lange vor der Frühſtückszeit; ich machte das Mittagsmahl fertig, das gewöhnlich um zwölf Uhr eingenommen wurde. Wäh⸗ rend die Mannſchaft ſich zum Eſſen ſetzte, hatte ich nichts zu thun, ging, da ich eine Schaar Knaben auf dem⸗ Quai ſpielen ſah, an's Land, und betrat zum Erſtenmal das von mir neu erwählte Heimathland. Ich hatte weder Hut, noch Rock, noch Schuhe an, und meine Füße waren von dem ewigen Gehen und Umherklettern auf den Schin⸗ deln ganz wund geworden. Die Knaben leckten Syrup aus großen Fäſſern, und ich half ihnen dabei auf's em⸗ ſigſte; ich mochte etwa eine Stunde oder drüber damit zu⸗ gebracht und mit den Knaben geplaudert und mich herum⸗ gebalgt haben, als mir plötzlich mein Dienſt an Bord des Schooners wieder auf's Gewiſſen fiel. Wie ich mich wie⸗ der nach dem Fahrzeug umſah, war es fort. Die Mann⸗ ſchaft hatte mich vermuthlich unten geglaubt und nicht vermißt, und darum den Anker aufgezogen und anders⸗ wohin geſteuert,— aber wohin? das wußte der liebe Gott! Ich konnte den Schooner nicht wieder auffinden, und ſah ihn in meinem ganzen Leben nicht wieder. Auf dieſe Weiſe ſah ich mich denn von Neuem in eine ganz andere Welt, auf einen neuen Schauplatz ver⸗ ſetzt; hätte ich Ortskenntniß genug beſeſſen, um die Kais und Magazine und Löſchungsplätze zu verfolgen, ſo hätte ich wahrſcheinlich mein Fahrzeug wieder aufgefunden; allein ſo kehrte ich nun, nach einer kurzen vergeblichen Spähe, wie⸗ der zu den Knaben und den Syrupfäſſern zurück. Daß ich mich ſehr beunruhigt fühlen mußte, als ich mich ohne einen Pfennig in meinen Taſchen, ohne Hut, Schuhe oder Rock an einem ganz fremden Orte erblickte, i*ſt ganz natürlich; allein ich muß mich ſelbſt darüber wun⸗ dern, wie kurz andauernd meine Verlegenheit war. Ich kannte noch nichts und fürchtete daher auch nichts. Wäh⸗ rend wir den Syrup ableckten, erzählte ich den Knaben meine Lage und fand ſie recht theilnehmend gegen mich. Edward Myers. 3 26. Sie flüſterten einander zu:„daß ein armer eugliſcher Knabe ſein Schiff verloren habe und nun nicht mehr wiſſe, wo er die Nacht verbringen ſollte.“ Der eine davon ver⸗ ſprach mir ein Abendeſſen, und wegen meines Unterkom⸗ mens ging die allgemeine Meinung dahin, daß ich unter einer der Fleiſcherbuden auf dem naheliegenden Markt gleich ein Obdach finden könne. Ich meines Theils hatte übrigens einige andere, von dieſen weſentlich verſchiedene Pläne. Es befand ſich nämlich damals eine Familie, Namens Clark, in New⸗York wohnhaft, die ich ſchon in Halifax kennen gelernt hatte; es fiel mir bei, daß kurz vor meiner Flucht aus Halifar meine Schweſter Harriet von dieſen Leuten geſprochen und beiläufig erwähnt habe, daß ſie auf oder nahe beim Fly⸗Market wohnten. Da ich nun erfah⸗ ren hatte, daß wir uns auf Fly⸗Market befanden„kam mir der Name jener Leute wieder in's Gedächtniß, und ich er⸗ kundigte mich daher bei vielen Leuten nach ihnen, war aber nicht im Stande, ihre Wohnung zu erfragen. Sie waren 1 fremd und daher Niemanden bekannt. Es war nahe an Sonnenuntergang, und ich beſchloß, mich nun ſelbſt nach dieſen Leuten umzuſehen, und durchſchritt in dieſer Abſicht mehrere Straßen; ſchon war ich den Markt ganz hinauf geſchritten und hatte Maidenlane erreicht und ſchlenderte eben die Straße hinauf, als auf einmal eine weibliche Stimme in den Ruf ausbrach:„Herr Gott! drunten läuft Edward Myers halb nackt in der Straße umher!“— Einen Augenblick darauf eilte Suſanne, Clark, eine der Töchter, auf die Straße herunter, und nahm mich hinauf in ihre Wohnung, wo mich alsbald die ganze Familie umringte.— Natürlich mußte ich nun ein ſtrenges Verhör beſtehen, worin ich indeß die ganze Wahrheit bekannte. Die Clarks benahmen ſich äußerſt liebevoll und gütig gegen mich, boten mir Kleider an und hätten mir wohl gerne ein Unterkommen bei ſich gegönnt, aber mir gefiel die Familie nicht, weil ich mit den Knaben noch alte Händel hatte* und einen gewiſſen Ernſt am Vater fürchtete, der früher einmal während ſeines Aufenthalts in Halifar mir Schuld XXRS 6 b 27 gegeben, daß ich ihm Obſt aus ſeinem Garten geſtohlen, und mir dadurch eine ſtrenge Züchtigung zugezogen hatte. Ich war damals unſchuldig geweſen, und die Strafe, welche über mich verhängt worden war, ließ mich in dem alten Herrn Clark ſtets eine Art Feind ſehen. Meine Haupt⸗ abſicht war, von dieſer Familie zu erfahren, wo ein ge⸗ wiſſer Doktor Heizer*) wohne. Dieſer Herr war ein Deut⸗ ſcher, der früher in der Armee gedient und nun, wie ich erfuhr, ſeinen Aufenthalt in New⸗York genommen hatte; zu ihm hatte ich mehr Vertrauen und ich beſchloß daher, ſein Wohlwollen in Anſpruch zu nehmen. Nachdem ich ihre verſchiedenen Anerbietungen abgelehnt und die Adreſſe des Doktor Heizer auf Umwegen erfahren hatte, machte ich mich ſelbſt auf den Weg, um, wie ich ging und ſtund, ſeine Wohnung aufzuſuchen. Der Mond ſchien helle, und mit knabenhafter Unbefangenheit ſchritt ich durch die Straßen hin. Mein Weg führte mich Broad⸗ way hinauf, denn das Ziel meiner Wanderung war eines der Eckhäuſer, die aus Heſterſtreet auf ihn einmündeten. Im Jahr 1805 lag dieſe faſt noch außer der Stadt, welche ſich mit Kanalſtreet endete. Man hatte mir gerathen, mich von Broadway ans nach einer Brücke umzuſehen, die mir auf meiner neuen Kreuzfahrt als Wegweiſer dienen ſollte. Ich fand die Brücke leicht auf, und als ich in einem Hauſe nach Doktor Heizer fragte, wies man mir das Nachbar⸗ haus als ſeine Wohnung an. Doktor Heizer und die Sei⸗ nigen waren natürlich nicht minder über mein Erſcheinen, als über meinen Aufzug betroffen; man befragte mich von Neuem und ich theilte ihnen unumwunden die lautere nackte Wahrheit mit. Ich wußte wohl, daß ein Verhehlen des geringſten Umſtandes hier unnütz ſeyn würde und war trotz der Unbeſonnenheit, die ich mir hatte zu Schulden .) So ſpricht Ned dieſen Namen aus, obwohl es wahrſchein⸗ lich iſt, daß er ihn nicht richtig buchſtabirt hat. Die Namen, welche Ned anführt, ſind häufig ſehr auf's Ungewiſſe genommen und ohne Zweifel oft nicht richtig buchſtabirt oder ausgeſprochen. . 3* 28 kommen laſſen, ebenſo freimüthig und offenherzig als von dem Bedürfniß überzeugt, mir Freunde zu gewinnen. Man reichte mir Speiſe und Trank, und noch am ſelben Abend führten mich Doktor Heizer und ſeine Gattin Broadway hinab und ließen mir eine hübſche Kleidung machen. Eine Woche ſpäter ward ich von ihnen zur Schule geſandt, die ich ſehr regelmäßig beſuchte. Was Dolktor Heizer hinſichtlich meiner Ankunft zu thun für gut hielt, habe ich nie in Erfahrung gebracht, indeß glaube ich annehmen zu dürfen, daß er Herrn Marchinton davon benachrichtigte, der ein genauer Bekannter von ihm war; meine Schweſter Harriet behauptete indeß noch im⸗ mer, die erſte Nachricht, welche ihnen von mir zukam, ſey von weit ſpäterem Datum und aus einer ganz anderen Quelle geweſen. Sey dem nun wie ihm wolle, ſo ward ich doch in dieſer Familie recht liebevoll aufgenommen und ſtets ſo behandelt, als wäre ich ein Glied derſelben geweſen. Der Doktor Heizer hatte keinen Sohn, und es ſchien nicht anders, als betrachte er mich für einen ſolchen. Ich blieb in dieſer Familie vom Herbſt 1805 bis zum Frühjahr 1806. Der Beſuch der Schule entleidete mir bald und ich begann ſie daher wiederum zu ſchwänzen, ſchlenderte gewöhnlich an den Löſchungsplätzen umher und gaffte nach den Schiffen. Doktor Heizer erfuhr dies bald und entdeckte, da er mich genau beobachtete, die no im⸗ mer bei mir vorwaltende Neigung für das Schifferleben, weßhalb er mich ich eines Tages bei Seite nahm und mir ſammt ſeiner Gatin einzureden ſuchte, ich ſolle nach Halifar zurückkehren; allein ich war inzwiſchen mehr und mehr abgeneigt geworden, dieſen Schritt zur Rücktehr zu thun. Die Wahrheit zu geſtehen, fürchtete ich mich noch immer vor der harten Peitſchenſtrafe und der ſtrengen Zucht, welcher ich in Zukunft unterliegen ſollte. Soviel iſt gewiß, daß, wenn auch manchmal ſtrenge Zucht für gewiſſe Na⸗ turen heilſam und unentbehrlich, ſie doch bei tal erfolglos iſt; zu den letztern gehörte auch denn ich bin überzeug i andern to⸗ die meinige, ü t, daß ich weit eher durch Milde, als 0 0 SSe bald im⸗ ben, und nach und r zu noch ucht, ewiß, Na⸗ n to⸗ inige, , als 29 durch Strenge mich hätte leiten laſſen. Auf jeden Fall hegte ich eine große Abneigung vor der Rückkehr und wei⸗ gerte mich auf's entſchiedenſte, dieſem Rathe zu folgen. Nach langem Hin⸗ und Herreden und vielen vergeblichen Verſuchen, mich zu überreden, willigte Doktor Heizer end⸗ lich ein oder ſchien wenigſtens einzuwilligen, mich von New⸗ Vork aus auf einem Schiffe unterzubringen und mich dem Seeweſen zu widmen, ohne daß er mir jedoch einen nähern Zeitraum beſtimmte. 3 Der„Leander,“ Miranda's Flaggenſchiff in ſeinem mißglückten Verſuche, eine Revolution im ſpaniſchen Amerika hervorzurufen, lag damals im Hudſon und Doktor Heizer, der mit einigen der Offtziere des Schiffes bekannt war, wirkte für mich einen Platz auf demſelben aus, damit ich unter ihnen eine Reiſe nach Holland machen könnte. Den Tag über befand ich mich an Bord des Schiffes und kehrte nur zur Tiſchzeit und um zu ſchlafen in das Haus mei⸗ nes neuen Rheders und Brodherrn zurück. Dieſe Lebens⸗ weiſe mochte etwa einen halben Monat gewährt haben, als ich ihrer herzlich müde war. Ich fand nun, daß ich nicht nur einen Gebieter, ſondern auch eine Gebieterin hatte, die mir zumuthete, daß ich das Tiſchgeräthe, Meſſer, Ga⸗ beln, Leuchter und ſo peiter reinigen, Stiefeln wichſen und eine lange Reihe ähn icher häuslicher Geſchäfte verrichten und mich gleichſam zu einer Art von Küchenjungen herge⸗ ben ſollte. Mein Stolz empörte ſich dagegen und es iſt mit ſeither oft der Gedanke gekommen, wie möglich es geweſen wäre, daß man mir dadurch Abneigung für den ſelbſtgewählten Stand habe einflößen und mich dadurch veranlaſſen wollen, wieder zu Herrn Marchinton zurück⸗ zukehren. Es hatte indeß gerade den entgegengeſetzten Er⸗ folg, denn mein einziges Streben ging nur dahin, Ma⸗ troſe zu werden. Eines Sonntags war ich an Bord des Schiffs geweſen, um dem Steuermann zu helfen, die verſchiedenen Flaggen⸗ tücher in Ordnung zu bringen, und kehrte nun nach dem Hauſe meines Rheders zurück, wo mir deſſen Gattin eine * 30 doppelte Anzahl von Meſſern zu reinigen aufgab. Ich ſperrte mich dagegen, mußte aber der Gewalt nachgeben und die ſämmtlichen Meſſer reinigen; wir hatten einen ern⸗ ſten Zank mit einander, in deſſen Folge ich die Hälfte der Meſſer reinigte, die übrigen aber über den Zaun in des Nachbars Hof warf, hierauf meinen Hut nahm, zum Doktor eilte und nie wieder weder meine Herrin, noch den„Lean⸗ der“ ſah. Zweites Kapitel. Wie ſich von ſelbſt verſteht, mußte ich über mein Betragen Rechenſchaft ablegen; Doktor Heizer und ſeine Gattin tadelten mich lebhaft über mein Benehmen, und machten wiederum den Verſuch, mich zur Rückkehr zu Herrn Marchinton zu bewegen. Man ſchwatzte mir alles Mögliche vor von den wohlwollenden Abſichten, welche dieſer Herr für mich hege und den glänzenden Ausſichten, die mir die Protektion und Gönnerſchaft meines Taufpathen, des Her⸗ zogs von Kent, eröffnen könne, und dies wie noch manche andere Umſtände, deren ich jetzt vergeſſen habe, bringen mich auf den Gedanken, daß ein großer Theil des Wohl⸗ wollens, welches man mir in meiner frühen Jugend von verſchiedenen Seiten her bezeugte, nur dem Umſtande zu⸗ zuſchreiben war, daß der Prinz eingewilligt hatte, mi aus der Taufe zu heben. Er hielt viel auf ſtrenge Disci⸗ plin— wahrlich ſoviel, daß ich mich oft gehört zu haben erinnere, wie er durch ſeine Strenge zu Meutereien Ver⸗ anlaſſung gegeben— und da mein Vater ein Deutſcher und ſomit einem Volke entſproſſen war, unter welchem mi⸗ litäriſche Subordination ſich ſtets in's Extrem erhoben hatte, vermuthe ich mit vielem Grunde, daß ich das Wohlwollen des Prinzen und ſeine ſichtliche Vorliebe für meinen Vater einer Sinnesähnlichkeit zwiſchen Beiden in dieſer Beziehung ver⸗ dankte. Dies kümmerte mich übrigens im Jahr 1805 ſehr wenig und ich rechnete weit weniger auf die Protektion eines Sͤ—— rein eine und errn liche Herr r die Her⸗ inche ngen zohl⸗ von zu⸗ mich isci⸗ haben Ver⸗ tſcher n mi⸗ hatte, en des einer ver⸗ ſehr eines Prinzen aus dem königlichen Hauſe als darauf, daß ich meiner Neigung zum Seeleben folgen und mich dadurch hauptſächlich der ſtrengen Zucht des Herrn Marchinton ent⸗ ziehen könne. Da Doktor Heizer vergebens alle Beweis⸗ gründe an mir erſchöpfte, brachte er mich wiederum in die Schule, welche ich nun noch etliche Monate beſuchte. Mein Hang zum Seemannsleben nahm unterdeſſen eher ab als zu. So oft ſich Gelegenheit bot, ſchlenderte ich auf den Quais und Löſchungsplätzen umher, betrach⸗ tete mir die verſchiedenen Schiffe und gab mir Mühe, ihr Takelwerk zu verſtehen und zu unterſcheiden. Eines Tages ſah ich die brittiſche Flagge von einem Schiffe wehen, und hörte mich, während ich mit einer Empfindung offenkundigſter Abneigung es anſtierte, bei meinem Namen rufen. Ein Blick ſagte mir, daß ein mir wohlbekannter Mann aus Halifar mich geſehen hatte, und⸗ ich entwich ihm ſo ſchnell wie möglich, weil ich befürch⸗ tete, er möchte mich durch irgend ein Mittel ergreifen und nach Halifar zurückbringen. Alle meine Befürchtungen in dieſer Beziehung wurden dadurch wieder wachgerufen, und noch am ſelben Tage hörte ich, wie eine der jungen Damen der Familie im Laufe des Geſprächs die Worte„Edouard“ und„Halifar“ in ſchwermüthigem Tone äußerte; da näm⸗ lich die jungen Mädchen auf Martinique geboren waren, ſprachen ſie nur ſehr ſelten und nicht ſehr fließend engliſch, und gerade an jenem Tage planderten ſie in franzöſiſcher Sprache lange mit einander, und warfen hie und da ſo bedeutſame Blicke auf mich, daß mir kein Zweifel darüber bleiben konnte, daß ich der Gegenſtand ihres Geſpräches ſey. Es iſt indeß nicht unwahrſcheinlich, daß nur die Stimme mei⸗ nes Gewiſſens mich auf die Vermuthung brachte; allein meine Angſt ward davon ſo lebhaft, daß ich mich ſelbſt nach einem Fahrzeuge umzuſehen und mich wieder davon zu machen beſchloß. In dieſer Abſicht verließ ich einen Neger, der mit mir auf dem Markt geſendet war, unter dem Vorwande, in die Schule zu gehen, ſchlenderte aber an den Quais umher, bis ich ein Schiff fand, das meinen 32 Wünſchen und Abſichten eniſprach. Es hieß der„Ster⸗ ling,“ und der Steuermann, den es an Bord hatte, ein gewiſſer Herr Irish, der aus Nantucket gebürtig war, geſiel mir wegen ſeines gutmüthigen, offenen Benehmens auf den erſten Anblick ſo gut, daß ich mich an ihn zu wenden beſchloß. Das Schiff war von dem Kapitän John Johnſton aus Wiseaſſet lim Staat Maine befehligt, und gehörte ihm und ſeinem Vater gemeinſchaftlich. Ich ging an Bord des„Sterling,“ ſah mich daſelbſt eine Weile um, und wagte es endlich, Herrn Irish meine Dienſte anzubieten, falls er die Ste lle eines Schiffsjungen noch nicht beſetzt habe; ich mußte nun natürlich ein Ver⸗ hör beſtehen, wußte aber jeder genaueren Auskunft geſchickt auszuweichen. Nach einigem Hin⸗ und Herreden zwiſchen uns Beiden kam Kapitän Johnſton an Bord und erfuhr von Herrn Irish meine Wünſche. Ich ward nun noch genauer ausgeforſcht und ſah mich, um meinen Zweck er⸗ reichen zu können, genöthigt, dem Kapitän ein Gewebe von Lüge und Wahrheit vorzuſpiegeln. Während meines Um⸗ gangs mit verſchiedenen Schiffsjungen von Halifar hatte ich von dieſen die näheren Umſtände der Eroberung der „Cleopatra,“ von zweiunddreißig Kanonen, durch die fran-⸗ zöſiſche Fregatte„Ville de Milan“ von achtunddreißig Kano⸗ nen, und ihre Wiedereroberung durch den„Leander,“ ein Schiff von fünfzig Kanonen, erfahren, welch letzteres da⸗ mals zugleich die„Ville de Milan“ a Ich gab nun vor, mein Vater ſey ls Priſe eingebracht hatte. Sergant von den Ma⸗ rineſoldaten geweſen, und bei jener Gelegenheit im Kampf geblieben, ich aber habe mich bald nach dem Einlaufen der Schiffe der Kriegsgefangenſchaft durch die Flucht entzogen, und wünſche nun nichts ſehnlicher, als mich an irgend einen amerikaniſchen Schiffsherrn zu verdingen, um mie unter ſeiner Leitung zu einem tüchtigen Seemann ordent⸗ lich heranzubilden. Kapitän Johnſton ließ ſich von dieſem Mährchen inſoweit täuſchen, daß hörte und theilweiſe darauf eingin mit der Verabre er meine Vorſchläge an⸗ g; denn er entließ mich dung, daß ich meine Kleider vom Lande r, ns zu hn nd bſt ine gen eer⸗ ickt hen uhr och er⸗ von am⸗ atte der ran⸗ ano⸗ ein da⸗ atte. Ma⸗ impf der ogen, gend mich dent⸗ ieſem e an⸗ mich Lande 33 holen und ſodann auf dem Schiff meinen Dienſt antreten ſolle.— Es war zwölf Uhr Mittags, als ich in Doktor Heizer's Haus zurückkehrte. Mein nächſter Zweck ging nun dahin, meine Kleider in den Hof herabzuſchaffen, was binnen Kurzem bewerkſtelligt war, und ich verzehrte dann mit anſcheinender Unbefangenheit noch mein Mittagsbrod an Doktor Heizer's Tiſche. Kaum aber waren wir vom Eſſen aufgeſtanden, ſo ſtahl ich mich mit meinem Kleiderbündel davon, und ließ die gütigen Leute auf dem Glauben, ich ſeye wieder in die Schule gegangen. Von jenem Augenblick an habe ich keines von ihnen wieder geſehen; als ich ein Paar Jahre ſpäter nach New⸗York zurückkehrte, erfuhr ich, daß ſie ſich alle nach Martinique übergeſtedelt hatten. Ich würde dieſe treffliche Familie ſicher nicht auf ſo argliſtige und verſtohlene Weiſe verlaſſen haben, hätte mich nicht ſtets die Befürchtung geſchreckt, daß ich nach Halifar zu⸗ rückgeſandt werden würde, gegen welchen Ort ich nun einen eigentlichen Haß empfand. Kapitän Johnſton empfieng mich liebevoll und gab mir in jener Nacht in ſeiner eigenen Wohnung im alten Kaffeehauſe, Old Slip, Imbiß und Dach und Fach. Err ſchien Gefallen an mir zu haben, und ich meinerſeits geſtel mir nicht minder in ſeiner Umgebung. Am andern Morgen nahm er mich mit ſich nach einer jener Kleider⸗ buden, wo das Koſtüm der Matroſen ſtets fertig gehalten wird, ließ mich nach ächter Seemannsweiſe auftakeln und brachte mich alsdann an Bord des Schiffs und in die Kajüte, wo ich nun meinen ordentlichen Dienſt beginnen ſollte. Außer mir befand ſich noch ein anderer Knabe auf dem Schiff, ein gewiſſer Daniel Mae Coy, der als Kajü⸗ tenjunge die letzte Fahrt nach Rußland mitgemacht hatte, und nun auf dem Vorderkaſtell verwendet werden ſollte; dieſem lag es ob, mich über meine neuen Verrichtungen und Pflichten zu belehren. Ich war nun verhältnißmäßig mit meiner Lage ſehr zufrieden und ſehnte mich recht ordentlich danach, einen Kontrakt mit Kapitän Johnſton einzugehen, und noch weit 34 mehr, je eher deſto lieber mit dem Schiffe auszulaufen. Der„Sterling“ hatte eine gute altväteriſche Kajüte, ſo bequem als dieſe nur immer im Jahr 1806 wa⸗ ren; und ich ſtolzirte in dieſer Kajüte umher, durch⸗ ſtöberte alle Schränke, Schubladen, und ſpazierte auf dem Companion*) einher, als bildete es einen weſent⸗ lichen Theil eines Palaſtes. Dan Mac Coy war jeden Tag an Bord, und wir hatten das ganze Fahrzeug zu unſerer Verfügung. Zwei oder drei Tage ſpäter nahm mich Kapitän Johnſton in die Kajüte und ging einen ſchriftlichen Kontrakt mit mir ein, wonach ich bis zum einundzwanzigſten Jahr unter ihm dienen ſollte. Nun verſöhnte ich mich noch mehrmit meiner Lage, und faßte mehr Vertrauen, da ich wohl wußte, daß Doktor Heizer keine geſetzliche Obmacht über mich hatte; auch verletzte es keineswegs meinen Stolz, daß ich mich zu derartigen Handreichungen bequemen mußte, wie ſie mein Beruf als Kajütenſunge mit ſich brachte, weil ich dadurch mei⸗ nen Wunſch erreicht hatte und mich an Bord des Schif⸗ fes befand. Bald darauf begann der„Sterling“ ſeinen Kargo einzunehmen, der in einer Fracht Mehl nach Cowes, einem kleinem Marktſlecken beſtimmt, beſtand; man füllte nicht allein den ganzen Schiffsraum damit an, ſondern auch noch das Staatszimmer und die Kajüte, und ließ kaum ſoviel Raum, daß man über die Fäſſer hinweg⸗ nach den Coyen und Verſchlägen der Mannſchaft klettern konnte. Nur im Innern der Kajüte, hart an der Thüre, ward ein kleiner Raum für den Tiſch übrig gelaſſen. Zu jener Zeit waren Paſſagiere nicht ſo gewoͤhnlich wie jetzt, obwohl der Handel in vollem Flor ſtund und jedes Schiff alsbald volle Ladung fand. Schon waren unſere Segel zur Abreiſe gerüſtet, als der Agent und Rheder unſeres Schiffes mit einem andern Kanfmann zu uns an .) Der Companion(Companion, Com anion way) iſt eine Art bedeckten Vorplatzes aus Holz vor der Kajüte des Kapitäns. en. te, da⸗ ch⸗ nuf nt⸗ den zu hm nen um kun eehr eine es gen eruf nei⸗ chif⸗ argo wes, ullte dern ließ nweg ttern hüre, aſſen. wie jedes unſere heder ns an ay) iſt pitäns. 3⁵ Bord kam und einen jungen Menſchen mitbrachte, der, wie wir erfuhren, ebenfalls unter die Schiffsmannſchaft aufgenommen zu werden wünſchte. Der junge Mann hieß Cooper, und hat an Bord nie einen andern Namen geführt; Kapitän Johnſton nahm ihn an, ſchloß einen Kontrakt mit ihm ab, und ſchon am andern Tage kam der Junge in untadelhafter Seemannstracht zu uns an Bord. Der Dienſt in der Kajüte ward ihm nie über⸗ tragen, ſondern man verwandte ihn gleich unter der Mann⸗ ſchaft des Schiffes zu ſolchen Verrichtungen, wozu ihn ſeine Kräfte befähigten, und wir erfuhren hinterher, daß er ſich der Marine widmen wolle. Der Tag, an welchem Cooper zu uns auß's Schiff kam, war einer der unangenehmſten und unheilvollſten für mich; man brachte nämlich die Lebensmittel für den Kapitän an Bord und Dan Mac Coy beredete mich, von einer Flaſche Kirſchenwaſſer zu koſten. Ich trank nicht viel, allein ſchon das Wenige, was ich genoß, verſetzte mich in einen Zuſtand vollſtändiger Betrunkenheit; es war das erſte Mal, daß ich mich in dieſem elenden und unheilvollen Zuſtande befand— wollte Gott, ich könnte verſichern, daß es auch das letzte Mal geweſen ſey!— Mein einziger Troſt iſt noch der, daß es wenigſtens für ein paar Jahre das letzte Mal war. Ich danke meinem himmliſchen Vater, daß ich noch die Zeit erlebt habe, wo berauſchende Getränke keinen Einfluß mehr über mich „haben und mir in der That gar nie mehr über die Lip⸗ pen kommen. Kapitän Johnſton verſchmähte es, mich für die jugendliche Thorheit nachdrücklich zu züchtigen, ſchüt⸗ telte mich nur ein wenig bei den Ohren und tadelte mich hart; er und Herr Irish ſchienen wohl zu begreifen, daß ich nur aus Unverſtand und jugendlicher Thorheit mich in einen ſolchen Zuſtand verſetzt habe. Dan mußte am meiſten darunter leiden, wie es in der That recht und billig war und bekam ein Tauende dafür zu koſten. Am andern Tag brachten wir das Schiff in die Stromung und die Mannſchaft kam allmählig an Bord; — 36 es war zu jener Zeit grauenhaft anzuſehen, wenn ſich die Bemannung eines Kauffartheiſchiſſes an Bord deſſel⸗ ben einfand. Die Leute trugen alle noch die Spuren von den Ausſchweifungen an ſich, deren ſie ſich während ihres Aufenthalts am Lande ſchuldig gemacht hatten. Die Einen fanden ſich ganz verdroſſen und wie blödſinnig ein, Andere hatten noch mit den Wirkungen des zu reichlich genoſſenen Getränkes zu kämpfen, und wieder andere befanden ſich in jenem abſcheulichen Zuſtande, den die Seeleute ſelbſt einen„Gräuel“ nennen. Unſere Mann⸗ ſchaft war in keiner Weiſe beſſer oder ſchlimmer als die anderer Schiffe, und bildete ein ſprechendes Beiſpiel zu der Babyloniſchen Verwirrung und Miſchung, die ſich unter der Bemannung amerikaniſcher Fahrzeuge zu jener Zeit geltend machten, da ihr neutraler Handel in ſeiner höchſten Blüthe ſtund. Der Kapitän, der erſte Steuer⸗ mann, der Koch und vier unſerer beſten Matroſen waren geborene Amerikaner, der zweite Steuermann dagegen ein Portugieſe; von den Schiffsjungen war der eine ein Schotte, der andere ein Canadier, und auf dem Vorder⸗ kaſtell des Schiffes diente noch ein Spanier, ein Preuße, ein Däne und ein Engländer. Außerdem hatten wir noch einen andern Engländer an Bord, der ſeine Ueber⸗ fahrt abverdiente und auf einem ſchiffbrüchigen Wallſiſch⸗ fänger als Böttcher gedient hatte. Da nun Dan Mac Coy zum Matroſen befördert worden war, betrug die Zahl jener, außer dem Koch, zehn Köpfe, die der übri⸗ gen Schiffsmannſchaft aber ihrer fünf, wobei ich noch den Kapitän eines andern ſchiffbrüchigen Fahrzeuges ein⸗ ſchließe, der ſich als Paſſagier bei uns an Bord befand. Noch am ſelben Nachmittag lichteten wir den Anker und ließen uns nach Governor's Island hinabtreiben, wo wir die Nacht über wiederum vor Anker lagen. Am an⸗ dern Tag mußte die ganze Schiffsmannſchaft Hände an⸗ legen und kaum war der Anker gelichtet, ſo gab der Steuermann mir und Cooper den Befehl, das Vortop⸗ ſegel auszuſetzen. Augenblicklich kletterten wir die Wan⸗ Mac 3 die übri⸗ noch ein⸗ fand. Anker 1, wo n an⸗ e an⸗ b der ortop⸗ Wan⸗ ten hinauf und ich erkletterte die eine Raanocke(Arm der Segelſtange), während Cooper die andere erſtieg; ein paar Minuten ſpäter kam der Unterſteuermann auf's Verdeck und rief uns ſein„Haltan, Genug!“ zu, wobei er tüchtig lachte. Cooper war emſig mit den Raabän⸗ dern beſchäftigt und hätte wohl ſeine Hälſte des Segels bald am Top oben gehabt, wäre er allein geweſen; wäh⸗ rend ich hingegen die Seiſinge von der Raae wegnahm und ſie ſorgfältig auf's Verdeck herunter bringen wollte, wo ſie, wie ich dachte, beſſer aufgehoben ſeyn würden. Glücklicherweiſe war die Mannſchaft beim Aufziehen des Ankers zu ſehr in Anſpruch genommen und zu gedanken⸗ los, um hierin kritiſch zu Werke zu gehen, und wir ent⸗ gingen wenigſtens einſtweilen ihrem Spott und Gelächter; eine Woche ſpäter wußten wir ſchon Beide beſſer damit umzugehen. Das Schiff fuhr an dieſem Tage nur noch bis zum Quarantainegrund, und erſt am Morgen darauf ſtachen wir in die See; unſere Ueberfahrt war lange und ſtürmiſch und das Schiff mußte faſt beſtändig eine Bogenlinie be⸗ ſchreiben, ſo daß wir vierzig Tage auf der ganzen Fahrt zubrachten. Es begab ſich gerade nichts Außerordentliches, und wir gelangten endlich auf die Höhe von Portland, wo wir mit dicken Nebeln zu kämpfen hatten; allein wir fanden endlich einen Lootſen und liefen in St. Helen's Roads ein, wo wir Anker warfen; der Kapitän ließ das Boot ausſetzen, nahm vier Mann mit ſich und fuhr an's Ufer, um in Cowes nach ſeiner Ordre ſich umzuſehen. Am ſelben Nachmittag hellte das Wetter ſich auf, und wir fanden, daß ein Lootſe nicht weit von uns in See lag; gegen Sonnenuntergang fuhr der Kutter eines Kriegsſchiffs an unſerer Langſeite an, und Herr Irish erhielt Befehl, die Mannſchaft zur Muſterung aufzu⸗ ſtellen. Der engliſche Lieutenant, der ziemlich leidlich aufgetakelt war, nahm ſeinen Sitz hinter dem Tiſch der Kajüte ein, während die Mannſchaft herabkam und ſich am Durchgange des Companion aufſtellte, um von ihm 38 gemuſtert zu werden. Die Meiſten unſerer Fremden wa⸗ ren im Boote mit dem Kapitän hinweggerudert; allein zwei der zurückgebliebenen Amerikaner waren ganz beſon⸗ ders ſaubere Burſche und tüchtige Seemänner. Der Eine davon, Thomas Cook mit Namen, war wohl ſeine ſechs Fuß lang und hatte ganz das Anſehen eines tüch⸗ tigen Seemanns; er ſtach dem Lieutenant beſonders in die Augen und Cook erhielt von ihm den Befehl, ſein Gepäck zuſammen zu thun, indem er als Matroſe für die Flotte Seiner Majeſtät des Königs von Großbrit⸗ tanien gepreßt werde. Cook berief ſich zwar auf ſeinen Paß, allein der Lieutenant entgegnete ihm:„Bah! Du Narr, ſolches Zeug gilt bei uns Nichts— wir wiſſen, daß Jedermann in New⸗York für zwei Dollars einen Paß bekommen kann! Du biſt ein Engländer und der König braucht jetzt Deine Dienſte.“. Cook zog nun ein Certificat aus der Taſche, das von Sir John Beresford unterzeichnet war und beſagte, daß Thomas Cook von Seiner Majeſtät Schiff„Cambrian“ entlaſſen worden ſey, weil er nach langen treuen Dien⸗ ſten auf demſelben zur Genüge dargethan habe, daß er ein geborener Amerikaner ſey. Der Lieutenant konnte natürlich eine ſolche Urkunde nicht Lügen ſtrafen oder umgehen, und ließ mit Widerſtreben von Cook ab, deſ⸗ ſen Paß er indeß für ſich behielt. Seine Wahl ſiel nun zunächſt auf Iſaak Gaines, aus New⸗York gebürtig, deſſen Vater und Verwandte mit dem Kapitän wohl bekannt waren. Gaines hatte indeß keinen Paß aufzuweiſen wie Cook, und ſo ſah ſich der arme Junge genöthigt, ſeinen Koffer zu packen und ſich nach dem Kutter hinunter zu begeben, was er denn endlich auch mit Thränen in den Augen und zum Leidweſen aller Leute an Bord that, die ihn ſämmtlich liebgewonnen hatten, weil er ein eben ſo gutmüthiger als geſchickter Burſche war. Wir befragten die Mannſchaft des Bootes nach dem Namen des Fahr⸗ zeuges, zu welchem ſie gehörten, und ſie nannten uns den eines Vierundſechszigpfünders, der vor uns in offener 39 See lag; allein wir bemerkten wohl, daß ſie, als ſie von uns hinweg ruderten, die Richtung nach einem an⸗ dern Schiff hin einſchlugen. Seither habe ich von Iſaak Gaines gar Nichts mehr geſehen, noch gehört. Cook blieb bei uns und ging während unſeres Aufenthalts in London eines Tages mit Cooper nach Somerſet⸗Houſe, um ſich eine Anweiſung auf Priſengeld zu holen, wozu er durch ſeine Entlaſſung vom„Cambrian“ berechtigt war. Der Schreiber auf der Admiralität hieß ihn ſein Doku⸗ ment zurücklaſſen und ein paar Tage ſpäter wieder an⸗ fragen, damit er inzwiſchen den Betrag der Priſengelder zu ermitteln vermöge; dies geſchab, und der Zufall wollte es, daß Cook, der weder Zeugniſſe noch Paß hatte, ſchon auf dem Rückweg nach dem Schiffe einem Preßgang in die Hände fiel und davongeſchleppt wurde; wir hörten nie wieder auch nur das Mindeſte von ihm. Das war das Loos von mehr als Einem braven Burſchen in jener Zeit, mit welchen man einen Tag zuſammenlebte und denen man alsdann auf immer entrückt war. Viexrund⸗ zwanzig Stunden vergingen, bevor Kapitän Johnſton an Bord zurückkehrte; er brachte uns den Befehl, nach Lon⸗ don zu gehen, und da das Wetter ſchön und der Wind friſch war, ſtachen wir von Neuem in die See und be⸗ ſchleunigten unſere Fahrt ſoviel wie möglich; ſchon am andern Morgen erreichten wir die Meerenge von Dover. Der Wind war ſchwach, aber immer friſch, und unſere Fahrt ſiel gerade in jene Zeit, wo ganz England unter Waffen war, weil man einen Einfall der Franzoſen fürchtete. Etliche und vierzig Segel von Kriegsſchiffen konn⸗ ten wir von unſerem Bord aus zählen, als der Tag an⸗ brach, welche ſämmtlich in dem ſchmalen Fahrwaſſer die Nacht hindurch gekreuzt hatten, um einem Ueberfalle zu begegnen. Mit der Fluth ſegelten wir nach London hinauf und ließen uns in die London⸗Docks bringen, wo wir unſere Ladung löſchten. Es war freilich das erſtemal, daß ich das moderne Babylon beſuchte; allein ich hatte wenig 40 Gelegenheit, viel zu ſehen. Nur ein oder zweimal an Sonntagen ließ ich mich von Cooper, der in dieſem Fahr⸗ waſſer, was die Parks und das Weſtende der Stadt an⸗ belangte, bald ein tüchtiger Lootſe wurde, auf ſolche Kreuzfahrten in's Schlepptau nehmen; allein ich war noch zu jung, um viel zu lernen und zu beobachten. Die Meiſten von uns begnügten ſich, das Monument, die Hauptkirche und die Löwen zu ſehen, und nur Cooper nahm ſich einmal einen Tag lang einen Lohnbedienten, und ließ ſich den Tower, die Arſenale, die Kronjuwelen und die Rüſtkammer zeigen; er hatte Zeit genug dazu und ſeine Seemannstracht kam ihm dabei ſehr zu Statten, und er machte auch in ſeiner Schilderung dieſer Kreuz⸗ fahrt des Langen und Breiten Aufhebens davon. Kapitän Johnſton erhielt bald eine Fracht für das Schiff, und wir legten uns nun den Docks gegenüber im Strome vor Anker und nahmen nur vinfachen Ballaſt ein. Der Preuße, der Däne, der Unterſteuermann, und der engliſche Küfer verließen uns ſämmtlich in London, und an ihre Stelle traten ein Matroſe aus Philadelphia, ein anderer aus dem Staat Maine, der kaum zuvor von einem engliſchen Kriegsſchiff entlaſſen worden war, und ein junger iriſcher Burſch. Im Januar ſtachen wir wieder in die See und ſteuerten rüſtig der Straße von Calais zu; die Ueberfahrt war ſtürmiſch und der bis⸗ caiſche Meerbuſen insbeſondere ließ uns ſeine berüch⸗ tigten Eigenſchaften vollauf kennen lernen. Doch waren es nur zwei ungewöhnliche Ereigniſſe, die uns auf der ganzen Fahrt aufſtießen: Als wir nämlich der portugie⸗ ſiſchen Küſte entlang ſegelten— wir hatten dabei nie das Land aus dem Geſicht verloren— kam windwärts eine bewaffnete Fetukte hinter uns her; das Fahrzeug machte Jagd auf uns und wir ſetzten, da der Kapitän⸗ ihrem Anſehen mißtraute, alle Segel bei, um ihr aus⸗ zuweichen. Das Wetter war neblicht und der Wind friſch, bisweilen ſogar ſtürmiſch. So oft der Wind ſchwächer ward, gewann die Felukke einen Vorſprung über uns, „ an hr⸗ an⸗ lche var ten. die pper und und und ten, euz⸗ das im llaſt und ndon, phia, von und wir von bis⸗ rüch⸗ varen if der tugie⸗ ei nie wärts rzeug pitän aus⸗ friſch, vächer uns, 41 da wir nur bei ſtarkem Winde raſcher ſegeln konnten. Am Ende begann die Felukke zu feuern, und da ihre Ku⸗ geln unſer Fahrzeug beinahe erreichten, und Kapitän Johnſton wohl wußte, daß er in Beziehung auf Segel⸗ fertigkeit im Nachtheile war, hielt er es für das Klügſte, beizulegen; kaum zehn Minuten, nachdem unſer großes Marsſegel maſtwärts gekehrt war, fuhr die Felukke hart unter unſerer Leeſeite an, rief uns an und gab uns den Befehl, ein Boot auszuſetzen und unſeren Papiere an ihren Bord zu bringen. Nie hat wohl ein verdächtiger ausſehendes Fahrzeug einem unbewaffneten Kauffahrer einen ähnlichen Befehl zugerufen; als eine Woge unſer Schiff hoch empor trug und die Felukke tief unter uns lag, konnten wir gerade auf ihr Verdeck herniederblicken, und uns einen Begriff davon machen, was aus Uns wer⸗ den würde, falls wir einer ſolchen Bemannung in die Hände ſielen. Die Burſche auf der Felukke trugen ſämmtlich rothe Mützen und rothe Hemden, und ſchienen aus dem ärgſten Abſchaum und Geſindel der in dieſer Be⸗ ziehung berüchtigten Seeplätze Gibraltar, Liſſabon und Cadix zuſammengeſetzt zu ſeyn; die Felukte führte zehn lange Kanonen und ihre Bemannung war mit Piſtolen, Piken und Flinten wohl verſehen. Auf dem Top jedes ihrer lateiniſchen Segelragen war ein Kerl als Lauer⸗ poſten aufgeſtellt, der von Zeit zu Zeit uns aufmerkſam beobachtete, als wolle er bereits im Voraus die Ernte muſtern, welche die Piraten auf unſerem Fahrzeuge be⸗ kommen würden. Jeder machte ſich darauf gefaßt, daß uns Plünderung bevorſtund, und es war nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß uns auch noch Mißhandlung widerfahre⸗ Sobald wir beigelegt hatten, händigte mir Kapitän John⸗ ſton das beſte unſerer Ferngläſer mit dem Befehl ein: es Cooper zum Verſtecken zu übergeben, der es guch wirklich unter den Singels*) verſteckte. Wir von der .¹⁷) Kleine runde Kieſelſteine, welche gewöhnlich von dem Senkloth mit in die Höhe gebracht und dann unter den Ballaſt geworfen werden. Edward Myers. 4 42² Kajüte dagegen verſteckten eine ſchwere Börſe mit Gui⸗ neen ſo gut, daß wir ſie nachher ſelbſt nicht wieder auf⸗ zufinden vermochten. Als wir die Jolle in die See laſſen wollten, mußten wir ſie zuerſt noch einmal ſtauen, da wir widrigenfalls befürchten mußten, von der hochgehenden See und dem Unwetter, das uns bevorſtund, verſchlagen zu werden; auch hatten wir erſt das Tauwerk beſeitigen müſſen, bevor wir ſie ausſetzen konnten. Dies erforderte einige Zeit, während welcher der Wind etwas nachließ; die Felukke, die uns auf dieſe Weiſe beſchäftigt ſah, wartete geduldig, bis wir das Boot an der Schiffsſeite herab und in's Waſſer gebracht hatten. Cooper, Daniel Mac Coy, der große Däne und der ſpaniſche Joe, ließen ſich hin⸗ uter, um die Schaluppe zu bemannen. Der Kapitän k 6 eben ſeine Schatulle in's Boot hinuntergelaſſen, und ſtand ſchon mit dem einen Beine auf der Schiffsleiter, als auf einmal eine tüchtige Boi(kräftiger unvermutheter Windſtoß) das Schiff erfaßte und hin⸗ und herſchleuderte. Man mußte die Leute wieder aus der Schaluppe herauf⸗ rufen, um die Topſegel aufzugeien, und wohl eine Viertel⸗ ſtunde ging darüber hin, daß man Sorge für das Schiff trug; inzwiſchen war die Boi vergangen und Wind und Wetter hellten ſich einigermaßen auf. Die Felukke lag uns noch immer gegenüber und wartete auf unſer Boot, in welches ſich die Mannſchaft ſo eben mit Widerſtreben wieder hinunterlaſſen wollte, als uns der Befehlshaber der Felukke mit der Hand zuwinkte, ſein Schiff beidrehte, plötzlich alle Segel beiſetzte und mit vollem Winde der Küſte zuſteuerte. eerwundert und betroffen ſahen wir ihm zu und wußten nicht, was wir aus dieſem Manöver machen ſollten, als auf einnal, Bum! ein lauter Kano⸗ nenſchuß hinter uns ertönte, die Kugel durch unſer Kielwaſſer hinſauste, Topſegel beigeſetzt und von Welle zu Welle hinter der Felukke hergeſetzt. Als wir uns in der Richtung des Knalles umwandten, ſahen wir eine Fregatte mit vollen denn wir hatten inzwiſchen unſer 1 Gui⸗ auf⸗ ußten rfalls dem rden; üſſen, inige z die artete b und Coy, hin⸗ pitän aſſen, eiter, heter derte. rauf⸗ ertel⸗ Schif b und e lag Boot, reben haber cehte, e der 1 wir növer dano⸗ unſer unſer r der g des ollen 43 Segeln auf die Felukke Jagd machen und ſo eilends d'rein⸗ ſegeln, daß der Schaum der Wogen bis über ihre Klüs⸗ gate emporſpritzte; als ſie an unſerem Hintertheil vor⸗ überfuhr, hißte ſie die engliſche Flagge auf, nahm aber keine weitere Notiz von uns, ſondern fuhr rüſtig hinter der Felucke her und maß gelegentlich die dazwiſchen lie⸗ gende Entfernung mit einem Schuſſe. Beide Fahrzeuge verſchwanden bald im Nebel, allein wir höͤrten noch lange von beiden Seiten Kanonenſchüſſe wechſeln. Wir ſelbſt aber ſetzten unſeren Kurs ungeſäumt fort und wünſchten dem engliſchen Fahrzeuge von Herzen Glück auf ſeiner Jagd. Der Furcht vor der Felukke, die den ganzen Tag über keine Flagge gezeigt hatte, waren wir nun glücklich ent⸗ hoben, und auch die Börſe mit den Guineen fand ſich einige Wochen ſpäter in einem Brodſchranke, als dieſer allmälig leer geſpeist worden war. Das andere Aben⸗ teuer begegnete uns kurz nach dieſem glücklichen Entrinnen aus ſo augenſcheinlicher Gefahr; es könnte zwar moͤglich geweſen ſeyn, daß die Felukke im Beſitz eines Kaper⸗ briefs war; allein eben ſo wahrſcheinlich oder vielleicht noch gewiſſer war es, daß ſie nicht nur dem Schein nach, ſondern auch in der That ein Piratenfahrzeug war. Der Weſtwind mit dem dichten Nebel hielt an, bis wir die Meer⸗ enge von Gibraltar hinter uns hatten. In einer Nacht, als wir eben dem Cap von Trafalgar gegenüber lagen, kam der Kapitän in der mittleren Wache auf's Verdeck, rief die Leute auf dem Vorderkaſtell an und gab Befehl, daß man ſorgſam umherſpähe, da wir jetzt Lord Col⸗ lingwood's Flotte treffen oder durch ſie hindurchſegeln mußten. Kaum war der Befehl verklungen, ſo rief der ſpaniſche Jve ſchon vom Mars herunter ſein lautes:„Segel ahoy!“ Es blieb kein Zweifel mehr, daß die Flotte nun vor uns lag und gerade auf uns zufuhr in einer Linie, die uns zwiſchen dem Fort und Hauptmaſt auf's Korn zu nehmen drohte. Der Kapitän befahl, das Steuer hart beizudrehen und rief Cooper den Befehl zu: die Laterne 4*† 44 aus der Kajüte herauf zu bringen; der Junge ſprang mit einem einzigen Satze die Leiter hinab, ohne auch nur mit den Ferſen die Treppenſtufen zu berühren und ſtand eine halbe Minute ſpäter mit dem Lichte an der Beſan⸗ marsverkleidung. Dies rettete uns, denn der Fremde war uns ſo nahe, daß wir den Ofſtzier auf dem Deck mit lauten Flüchen dem Quartiermeiſter den Befehl ge⸗ ben hörten: ſtraff nach Backbordſeite beizudrehen. Einen Augenblick ſpäter kam ein Zweidecker hart unter unſerem Wetterbaum daher gefahren und war uns ſo nahe, daß es uns nicht anders ſchien, als ob die Mündungen ſeiner Kanonen die Regelingen unſeres Schiffes zertrümmern ſollten. Der„Sterling“ befand ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit ſehr übel dran, da er plötzlich windwärts gierte und ne machte, dem engliſchen Kriegsſchiffe in die Rippen 3 ſchen, bevor dies nur mit ſeinem Steuer laufen konnte. Das Kriegsſchiff rief nun freilich uns an und als wir antworteten, machte der Offtzier die Schiffes die zeitige Bemerkung,„daß wir faſt Bord an Bord mit ihm ſeyen.“ Der Wind war indeß zu friſch, um Boote ausſetzen zu können, und man ließ uns vorüber fahren, ohne un⸗ ſere Papiere zu unterſuchen. Wir ſetzten nun die Reiſe nach Carthagena fort und liefen daſelbſt ein, wo wir ein paar Tage lang in Quarantäne geſteckt wurden; der Hafen war voll Kriegsſchiffe, unter welchen ſich meh⸗ rere Dreidecker befanden, und ein direkt von London kom⸗ mendes Schiff erregte einigermaßen Aufſehen unter ihnen. Die Offiziere von verſchiedenen Schiffen beſuchten uns hie und da, obwohl ich nicht begreifen konnte, worauf das Alles hinauslaufen ſollte. Von Carthagena aus wurden wir der Küſte entlang nach einem kleinen Hafen, Aquillas, geſandt, wo wir eine Ladung Weinfäſſer ein⸗ zunehmen hatten. zum Trotz unſeren kleinen Ballaſt in's Waſſer und nah⸗ men den Tag über unſere Ladung ein; das Waſſer war jedoch ſo klar, daß wir noch am andern Morgen unſer nächt⸗ 4 Zur Nachtzeit warfen wir dem Geſetz. mit nur and ſan⸗ mde Deck ge⸗ inen rem daß iner nern gen⸗ und ppen ufen und iffes Bord etzen un⸗ Reiſe ein der meh⸗ kom⸗ hnen. uns vrauf aus afen, ein⸗ Geſetz nah⸗ war nächt⸗ 45 liches Werk hart unter dem Schiffe liegen ſahen. Weil wir hier auf einer Rhede lagen und nur ſelten Fahr⸗ zeuge dieſen Hafen beſuchten, hatte dies Nichts zu ſagen. Während wir noch hier vor Anker lagen, verbreitete ſich das Gerücht und die Furcht vor dem Angriffe durch ein engliſches Kriegsſchiff, welches in offener See ſich zeigte und eine tüchtige Anzahl von Prieſtern und Pfaffen kamen zum Vorſchein in der Abſicht, die unbeſchützte Stadt zu vertheidigen. Wir nahmen etwa die Hälſte unſerer Fracht in die⸗ ſem kleinen Ort ein und ſegelten dann nach Almeria hinunter, einer alten mauriſchen Stadt, die dem Cap de Gata faſt gerade gegenüber liegt, um hier den Reſt der Ladung vollends einzunehmen. Hier lagen wir mehrere Wochen vor Anker und ſtauten vollends unſeren Cargo auf; faſt jeden Tag ging ich an's Ufer, um den Markt zu beſuchen und hatte mannigfache Gelegenheit, mich unter den Spaniern umzuſehen. Unſer Schiff lag ziem⸗ lich weit in See und wir mußten an einer Quarantäne⸗ ſtation, etwa eine halbe Meile von den Hafenſchleußen, anlegen, zu denen wir längs der Bucht zu gehen genö⸗ thigt waren. Auf einem meiner Gänge nach der Stadt ſtieß mir ein kleines Abenteuer auf; der Kapitän hatte Cooper den Befehl gegeben, in der Combüſe(Schiffsküche) einiges Pech zu ſchmelzen; durch irgend einen Zufall aber ward der Topf umgeworfen und das Schiff lief Gefahr, zu verbrennen. Wir ſorgten nun für einen neuen Topf, und Cooper und Daniel Mae Coy wurden an's Land geſandt und erhielten den Befehl, das Pech drüben an der Küſte zu kochen; weit und breit war kein Hafendamm und Loſchungsplatz zu ſehen, und rings um die Küſte her herrſchte eine ſtarke Brandung, ſo daß man nur durch eine heftige Widerſee hindurch die Küſte erreichen konnte. Die Bucht beſchreibt nahezu einen Ellbogen und faſt die Hälfte des Winds, der hereinbläst, kömmt aus der of⸗ fenen See, weshalb denn zuweilen auch das Landen — 46 eine ſehr kitzliche Sache iſt und viele Geſchicklichkeit erfordert. Ich ging nun mit dem Pech an's Ufer und begab mich, um einiger Ausgänge willen, in die Stadt, während die beiden Jungen ihr Feuer anzündeten und das Pech zu kochen begannen. Als Alles fertig war, merkten die Burſchen erſt, daß inzwiſchen ein friſcher Seewind ein⸗ getreten war, der die Brandung hoch aufwühlte; übri⸗ gens ging ihr Befehl dahin, bei jeder derartigen Ver⸗ anlaſſung in See zu ſtechen und nicht länger zu warten, da jeder Verzug die Sache nur ſchlimmer machte. Wir ſprangen daher in's Boot und ſtießen friſch vom Lande; eine Minute oder drüber ging Alles prächtig, bis auf einmal eine hohe Woge der Brandung den Bug der Jolle erfaßte, ſie am einen Ende emporhob und mit dem Kiel nach oben überſtürzte. Es läßt ſich kaum beſchreiben, auf welche Weiſe man ſich gewöhnlich aus einer ſolchen Verlegenheit hilft;— diesmal kamen wir alle kopfüber von der Fluth getrieben an's Land, Menſchen, Pechtopf, Boot und Ruder. Das Experiment ward nun wieder⸗ holt und hatte ganz genau denſelben Erfolg, nur daß das Pech und ein paar neue Schuhe, die mir gehörten, dabei zu Grunde gingen. Erſt bei einem dritten Verſuch gelang es uns, das Boot durch die Brandung zu bringen und das Schiff zu erreichen; derartige Auftritte ſind jedoch ganz geeignet, junge Leute abzuhärten und ihnen Freude an Gefahr und Wagniß beizubringen. Ich konnte keine Ruderlänge ſchwimmen und würde unfehlbar ertrunken ſeyn, hätte nicht das mittelländiſche Meer mich an's Ufer getrieben, als ob es verſchmähe, ſich eines Lebens zu bemächtigen, das für jeden Andern als mich ſelbſt von ſo geringem Werthe ſeyn mußte.— Nachdem wir mehrere Wochen lang vor Almeria gelegen hatten, ging das Schiff wieder nach England unter Segel; wir hatten friſchen Weſtwind und mußten eine Zeitlang zwiſchen Eu⸗ ropa und Afrika hin und her kreuzen, bis uns auf einmal friſcher Oſtwind über den Hals kam, der uns mit furcht⸗ barem Ungeſtüm in den atlantiſchen Ocean hinaustrieb. In ſchr algi zur Anl blie trei dert. nich, die ) zu die ein⸗ bri⸗ Ver⸗ ten, Wir nde; auf Volle Kiel ben, chen von topf, der⸗ daß abei lang und doch eude keine nken an's bens elbſt wir ging atten Eu⸗ nmal rcht⸗ rieb. 47 In der Straße von Gibraltar begegneten wir einem Ge⸗ ſchwader portugieſiſcher Fregatten, das eben gegen die algieriſchen Korſaren kreuzte; es ſchien bei dieſen Schiffen zur Gewohnheit geworden zu ſeyn, vor den Klippen vor Anker zu liegen, bis der Wind ſtark genug aus Oſten blies, um die Schiffe durch den engen Paß hindurchzu⸗ treiben, worauf ſie denn alle Segel beiſetzten und das offene Meer ſuchten, bis der Wind umſetzte. Auf dieſe Weiſe blockirten ſie den atlantiſchen Ocean gegen ihre Feinde und das mittelländiſche Meer gegen ihre eigenen Schiffe. Wir hatten eine lange Fahrt und wenig Vorrath an Salzfleiſch und andern Vorräthen, weßhalb wir auch, als wir im biscayiſchen Meerbuſen einem amerikaniſchen Schiffe begegneten, ein Tönnchen Ochſenfleiſch einhandelten, um unſeren Mundvorräthen aufzuhelfen. Als wir der Mündung des Kanals ziemlich nahe waren, entdeckten wir bei einem leichten Südwinde ein Segel in unſerem Kielwaſſer, das eilends und Hand über Hand*) auf uns zukam. Es ſegelte faſt noch einmal ſo raſch, als der „„Sterling,“ da die Fäſſer dieſen vorne tief in's Waſſer drückten, und ihn, beſonders bei leichtem Winde, ſehr ſchwerfällig machten. Als das fremde Fahrzeug nahe genug war, ſahen wir, daß es pumpen mußte und das Waſſer in Strömen aus ſeinen Speigatten(Rinnen) hervorſchoß; es blieb uns mehrere Stunden lang im Ge⸗ ſicht und pumpte inzwiſchen fortwährend. Dieſes Schiff zog in Kabellänge an uns vorüber, ohne ſich um uns mehr zu bekümmern, als wenn wir ein Meilenſtein geweſen wären; es war ein engliſcher Zweidecker, und wir konnten ſogar die Geſichter der Bemannung unterſcheiden, als Etliche davon auf dem Mittelverdeck ſtunden, anſcheinend um .») Dies iſt ein Seemannsausdruck, den man vom Aufhiſſen eines Taus gebraucht, wo, um die Kraft des Ziehens zu perſtär⸗ ken, ſtets Einer die Hand hart neben die des Andern legt. A. d. Ueberſ. 48 Es ließ einen der Kluͤſen⸗ Eimer fallen, welchen wir auf⸗ fingen, als es etwa eine Meile von uns entfernt und uns voran war; ein Aufſeher vom Zollhauſe, der ihn hernach ſah, wollte ihn für gute Priſe erklären uad uns wegnehmen. Den Namen dieſes Schiffes haben wir niemals er⸗ fahren, allein in ſeinem Aufzuge und Gang war noch jetzt, trotz des bedauerlichen Zuſtandes des Schiffes, etwas ſo Stolzes und Imponirendes, als es an uns vorüber⸗ fuhr, daß wir uns nicht wunderten, daß es uns nicht an⸗ rief. Wir hätten dem lecken Fahrzeuge freilich von keinerlei Nutzen ſeyn können, und ihm vermuthlich nur unnütze Verzögerung verurfacht, da es ſich vor Allem angelegen laſſen ſeyn mußte, ſobald wie möglich die Docks oder eine Würrfte zu erreichen. Einige von uns waren der Meinung, das Schiff ſey im Gefechte geweſen, und habe etliche Be⸗ ſchädigungen erlitten, welche in See nicht wohl verbeſſert und kurirt werden konnten. Kurz nachdem uns dieſes Fahrzeug wieder aus dem Geſicht gekommen war, beſtanden wir eine Probe Laden, wie ſchwer es ſey, die Größe eines Schiffes zur See beurtheilen. Wir entdeckten nämlich hart vor uns an Fahrzeug, das uns voran ſegelte, und von Herrn Irish für eine Kriegsſloop erklärt wurde. Eine halbe Stunde ſpäter war es ſchon zur Fregatte empor gewachſen, und als ſee gar mit uns in parallele Linie kam, zeigte ſie drei Lagen von Verdecken und Batterien über einander und erwies ſich als ein Linienſchiff von neunzig Kanonen. Auch dies Schiff fuhr an uns vorüber, ohne uns auch nur die geringſte Aufmerkſamkeit zu göndrn Mrätzes Kapitel. Bei ſchönem Wetter und friſchem Winde ſchifften wir am Cap Lands⸗End vorüber, und unſer Schif, anſtatt dem Kanal zu folgen, holte nach dem Lande zu. Cooper war am Steuer, und. der Kapitän fragte ihn, ob er Niemand auf⸗ uns nach ien. er⸗ loch vas ber⸗ an⸗ erlei ütze gen eine ing, Be⸗ ſſert dem von, zu ein rish inde und ſie und luch die wir dem war and 49 an Bord kenne, der je im Hafen von Falmouth eingelaufen ſey. Man ſagte ihm: Philadelphia⸗Bill habe vom Vor⸗ derkaſtell aus die verſchiedenen Landſpitzen benannt, und ſeiner eigenen Erzählung zufolge längere Zeit ſchon die⸗ ſen Hafen beſucht und ſein Fahrwaſſer genau ſtudiert. Dieſer Bill war ein Mann von etwa fünfzig Jahren, ein kräftiger, breitſchultriger, ruhiger und zuverläſſiger Mann, der bei der ganzen Schiffsmannſchaft ſehr beliebt war. Er hatte großes Gefallen an Cooper gefunden, den er Taue ſplieſen und knüpfen, und andere kleine Künſte unſeres Berufes lehrte; Cooper pflegte ihn oft mit au's Land zu nehmen und ihn mit hiſtoriſchen Anekdoten über die verſchiedenen Plätze, welche wir beſuchten, zu unterhalten. Kurzum, der vertraute Verkehr zwiſchen beiden war ſo groß, als er nur immer vermöge der Verſchiedenheit des Alters zwiſchen beiden ſeyn konnte. Selbſt gegen Cooper behaup⸗ tete Bill, aus Philadelphia gebürtig zu ſeyn, und dem Scheine nach hatte er auch die überraſchendſte Aehn⸗ lichkeit mit jenen Burſchen, welche wir in Amerika Yan⸗ kees zu nennen pflegen. Man ſandte nun nach Bill und befragte ihn, und er geſtand zögernd und nicht mit ſonderlichem guten Willen zu, daß er das Schiff nach Falmouth hinein zu lootſen vermöchte. Es ſtand uns nichts im Wege als ein Felſen⸗ riff, Pendennis⸗Caſtle gegenüber, dem wir indeß leicht aus⸗ zuweichen vermochten; wir erfuhren nun vom Kapitän, daß er ſich vorgenommen habe, in dieſen Hafen einzulaufen, und hier die Quarantäne abzuhalten, welcher alle aus dem mittelländiſchen Meere kommenden Schiffe unterworfen waren. Bill brachte uns unbeſchädigt in den Hafen, und unſer Fahr⸗ zeug erhielt den Befehl, ein paar Meilen oberhalb der Stadt in eine Bucht einzulaufen, wo die Fahrzeuge ge⸗ wöhnlich ihre Quarantänezeit verbrachten; am andern Tage ruderte ein Boot mit dem ärztlichen Perſonal zu uns an Bord heran, wir mußten uns inſpiziren laſſen und un⸗ ſere Glieder ſchwingen, um dadurch an den Tag zu legen, daß wir noch am Leben und wohl auf wären. Die vier 5⁰0. Männer, welche das Boot herangerudert hatten, erkannten, als ſie zu uns an Bord kamen, ſämmtlich unſeren Bill, der nur wenige Meilen von demſelben Fleck entfernt, wo jetzt unſer Schiff lag, gebürtig und daſelbſt verheirathet war, und den das Schickſal ſeinem Weihe nun näher geführt hatte, als ihm lieb ſeyn konnte. Sein Weib nämlich war es geweſen, wie dies nun öfters zu geſchehen pflegt, welches den armen Teufel ſchon vor zwanzig Jahren nach Amerika getrieben und ihm alle Luſt benommen hatte, in ſeiner Hei⸗ math zu leben; es gelang indeß Bill durch beſondere Mit⸗ tel, ſich mit den Männern im Boot zu verſtändigen, und ihnen das Verſprechen abzunehmen, daß ſie ihn nicht ver⸗ rathen wollten. Dies konnte jedoch von beiden Seiten nur durch Zeichen geſchehen, da jedes Wort für Bill doppelte Gefahr gebracht haben würde. Wir mochten etwa vierzehn Tage hier in Quarantäne gelegen haben, worauf wir unſer Schiff der Stadt gegenüber vor Anker legten; dies geſchah an einem Sonnabend, und am Sonntage darauf erhielt ein Theil der Mannſchaft Erlaubniß, an's Land zu gehen; Bill befand ſich auch unter ihnen und bekannte uns bei der Rückkehr, das Wiederſehen des alten wohlbekannten Platzes habe ſo begeiſternd und erfreulich auf ihn einge⸗ wirkt, daß er unwillkürlich der nöthigen Vorſicht und Be⸗ hutſamkeit vergeſſen habe. In der Nacht darauf war ihm gar nicht wohl zu Muthe, allein glücklicher Weiſe blieben wir ganz unbeläſtigt; am andern Morgen ſchien Bill alles vergeſſen zu haben, und wurde wieder ganz der Alte, nur wünſchte er ſich manchmal, daß der Anker bereits aufge⸗ wunden und das Schiff aus dem Hafen wäre. Bald darauf machten wir uns an's Werk und zogen das Schiff aus dem Hafen, wobei wir uns eine friſche Briſe ſehr zu Statten kam; hatten wir erſt die letzten Landſpitzen und Vorgebirge hinter uns, ſo konnten wir mit friſchem Winde den Kanal hinauf fahren. Wir fuhren rüſtig da⸗ hin und gerade unter Pendennis⸗Caſtle vorüber, und man hatte den Befehl gegeben, die Haupt⸗Raaen zu braſſen; Bill und Cooper zogen gerade an den Braſſen des Vormars⸗ en, ill, wo ar, tte, es hes ika ei⸗ lit⸗ ind er⸗ nur elte ehn wir dies auf zu uns iten nge⸗ Be⸗ ihm eben alles nur fge⸗ Bald chiff ſehr itzen chem da⸗ man ſſen; nars⸗ 51 ſegels, als ein Musketenſchuß ganz in der Nähe des Schiffes ertönte. Bill ließ die Braſſe fahren, wurde kreidenweiß und brach in den Ruf aus:„Ich bin verloren!“— Die Leute, die um ihn waren, glaubten anfangs, er ſey vom Schuß getroffen; allein ein Wink nach dem Boote hin, welches gefeuert hatte, erklärte uns bald den eigentlichen Zu⸗ ſammenhang der Dinge; der Kapitän gab den Befehl, die Hauptbraſſen beizulegen, und wir warteten ſtumm und geſpannt der Dinge, die da kommen ſollten. Der Preßgang kam bald darauf zu uns an Bord und der Offizier, welcher ihr befehligte, verlangte die Mann⸗ ſchaft zu muſtern. Wir mußten dieſem demüthigenden Be⸗ fehle folgen, und alle Hände wurden auf's Verdeck gerufen. Der Offizier ſchien ſich leicht befriedigen zu laſſen, bis er an Bill kam.—„Was für ein Landsmann bis Du?“ fragte er ihn.—„Ein Amerikaner— aus Philadelphia,“ gab Bill zur Antwort.—„Du biſt ein Engländer!“ rief der Offizier.—„Nein, Sir,“ erwiderte Bill,„mein Ge⸗ burtsort iſt——„Gleich da d'rüben, jenſeits der Bucht,“ fiel ihm der Offizier mit einem kalten Lächeln in's Wort; „Dein liebes Weibchen wohnt ja noch da drüben; Dein Name iſt—— und Du biſt in Falmouth wohl bekannt. Packe Deine ſteben Sachen zuſammen, und mache Dich bereit, uns in's Boot zu folgen.“ Damit war die Sache beigelegt; Kapitän Johnſton zahlte Bill ſeinen rückſtändigen Gehalt aus, man brachte ſeinen Koffer in's Boot hinunter, und Bill nahm von uns allen einen herzlichen liebevollen Abſchied; er geſtand ſeinen Schiffsgenoſſen offen, daß er nun ſeinem Ende ganz gewiß entgegen ſehe, weil er zu alt ſey, um einen Krieg zu überleben, deſſen Ende nicht abzuſehen war, und meinte im Voraus, man würde ihn nie wieder an's Land laſſen.— „Mein Fuß wird nie wieder das Land betreten,“ ſagte er zu Cooper, als er ſeinem jungen Freunde die Hand drückte, „ich bin fortan verdammt, auf einem Schiffe wie in einem Gefängniſſe zu leben und zu ſterben.“ Der Verluſt des armen Bill ging uns Allen nahe; 52 allein es ſtand nicht in unſerer Macht, ſein Geſchick zu ändern. Wir ſtachen in die offene See, und ſteuerten nun rüſtig der Themſe zu; als wir London erreichten, wurde das Schiff nach Limehouſe gebracht und dort gelöſcht, wo wir eine Zeitlang zwiſchen ein paar amerikaniſchen Schiffen vor Anker lagen. Wir nahmen hierauf unſern kleinen Ballaſt ein, und legten uns wiederum den Dockſchleußen gegenüber vor Anker; alsdann ward auf der Deptfordſeite unſer Schiff gereinigt und gedockt, und ſodann in den Binnenhafen gebracht, woſelbſt wir unſer Mehl ausluden. Hier lag das Schiff einen Theil des Mai, den ganzen Monat Juni und den größten Theil des Juli hindurch und nahm Fracht für Philadelphia ein, ſo oft ſich Gelegenheit bot; inzwiſchen gab's für unſere Leute manche müßige Zeit, und wir durften an's Land gehen, ſo oft wir keine Arbeit auf dem Schiffe hatten. Cooper nahm mich nun wiederum in's Schlepptau, und ich beſtand mit ihm und Daniel Mac Coy manche Fahrt nach der Sct. Paulskirche, den Parks, den Paläſten und der Weſtminſter⸗Abtei. Ein kleiner Unglücksfall, der mir um jene Zeit zuſtieß, machte mich noch anhänglicher an Cooper als zuvor, und rief mehr als je den Wunſch in mir wach, ihn als Schiffs⸗ gefährten zu behalten. Als ich nämlich eines Sonntags allein auf dem Ver⸗ deck war, ſah ich am Bord eines Fahrzeugs, das ſeitwärts von uns etwas weiter im Fluſſe lag, einen kleinen Hund umherlaufen, dem irgend Jemand an einem ſchmalen Bande ein Sechspfennigſtück um den Hals gehängt hatte. Mir däuchte, das Geldſtück würde beſſer verwandt ſeyn, wenn ich mir dafür Kirſchen kaufe, wornach mich ſehr gelüſtete, und ich machte deßhalb Jagd auf das Thier. Wie ich im Begriff war, mit dem Hund wieder an Bord unſeres ei⸗ genen Fahrzeugs zurückzukehren, ſiel ich jedoch zwiſchen zwei Fahrzeugen in's Waſſer, und mußte, da ich keine Arms⸗ länge weit ſchwimmen konnte, überlaut um Hülfe rufen. Zum guten Glück kam Cooper gerade in dieſem Augen⸗ blick auf's Verdeck, hörte mein Geſchrei, ſprang zwiſchen 53 den Fahrzeugen in die Themſe, und rettete mich vom Er⸗ trinken. Ich hatte mich ſchon für verloren erachtet, und meine Lage machte einen Eindruck auf mich, deſſen ich nie ver⸗ geſſen werde; wäre nicht Cooper noch gerade zu rechter Zeit erſchienen, ſo hätte Ned Myers's Lebensgeſchichte wohl mit dieſem Paragraphen ein Ende genommen. Zu alle dem muß ich noch hinzufügen, daß das Sechspfennig⸗ ſtück uns verloren ging, da der Hund luſtig davon ſchwamm. Außerdem entging ich noch ein andermal dem Er⸗ trinken, während wir noch in den Docks lagen, indem ich in der Jolle über Bord ſtürzte, als ich einen Verſuch machen wollte, mich zu wricken(d. h. das Boot mittelſt eines einzigen Ruders vorwärts zu bewegen); auf welche Weiſe ich damals gerettet wurde, habe ich einſtweilen ver⸗ geſſen, doch hatte ich damals Boot und Ruder, um mich daran zu halten. Man erſieht hieraus wenigſtens, durch was für entſetzliche Beiſpiele ich aufgefordert wurde, ſchwim⸗ men zu lernen. Eines Sonntags trieben wir uns in der Nähe von St. James⸗Palace umher, und ich erzählte damals Cooper, daß der Herzog von Kent mein Taufpathe ſey. Alsbald verſuchte er mich zu überreden, demſelben meinen Beſuch abzuſtatten, und ſagte mir, ich könne nicht umhin, dem Prinzen dieſen Beweis meiner Achtung zu verſagen; ich war ſchon halb geneigt, dieſe Viſite zu verſuchen, allein ich war zu blöde und fürchtete mich zu ſehr davor. Hätte ich vielleicht Coopers drängenden Bitten nachgegeben,— wer weiß, was für Folgen für mich daraus entſprungen, oder welche Veränderung dadurch mit meinem Schickſal vorgegangen wäre!*) Herr Irish war eines Tages über alle Maaßen luſtig, — *) Ich erinnere mich noch genau, daß ich mich damals dieſer Beweisgründe gegen Ned bediente, obwohl ich weit mehr daran zweifelte, daß der arme Schiffsjunge vorgelaſſen werden würde, als dieſer ſelbſt. Ich wollte mir eher einen Spaß mit ihm machen, indem ich ihn 3 bereden verſuchte, und hegte dabei namentlich noch den geheimen Wunſch, das Innere des Palaſtes zu ſehen. Anm. d. Herausgeb. weil er eine Botſchaft von unſerem Kapitän empfangen 54 hatte, aus welcher hervorging, daß Kapitän Johnſton ge⸗ preßt worden war.— Der Kapitän pflegte einen braunen Frack mit langen Schößen, graue kurze Kniehoſen und Stulpenſtiefel zu tragen, wenn er an's Land ging.—„Er wähnte, dadurch für irgend einen Herrn vom Lande gelten zu können!“ ſagte Herr Irish lachend,„allein die Burſchen vom Preßgang ſchmeckten dennoch den Theer hinter ſeinen Stiefeln!“— Cooper ward mit des Kapitäns Scha⸗ tulle und Papieren an den anberaumten Ort geſandt, und der Letztere ward freigegeben. Wir waren Alle dem Ka⸗ pitän recht von Herzen gut, weil er gegen Jedermann an Bord freundlich und gutmüthig war; allein es machte uns nicht wenig Spaß, daß der„alte Junge“ gepreßt worden war;— der„alte Junge“ war damals indeß kaum ſechs⸗ bis achtundzwanzig Jahre alt. Gegen Ende Juni verließen wir London und ſegelten heim; unter unſerer Mannſchaft war inzwiſchen einiger Wechſel vor ſich gegangen. Wir hatten einen neuen Unter⸗ ſteuermann, aus Neu⸗England gebürtig, an Bord; Jack Nuſſel war ausgetreten, Bill uns auf andere Weiſe ver⸗ loren gegangen, und der andere Bill, ein langweiliger Kerl von Irlander, der wieder nach Spanien wollte, verließ uns ebenfalls. Unſere ganze Bemannung beſtand nun ein⸗ fach nur aus dem„ſpaniſchen Joe,“ dem„großen Dänen,“ dem„kleinen Dänen,“ aus Stephan, dem Burſchen aus Kennebunk, Cvoper und einem Schweden, den wir in Lon⸗ don angenommen hatten,— einem Matroſen, deſſen Na⸗ men ich vergeſſen habe, und einem jungen Manne, unter dem vorgeblichen Namen Davis, der aber eigentlich Nie⸗ mand anders war als———, ein Sohn des Lootſen, der uns hereingebracht und wieder hinausgeführt hatte, ſo oft wir fußanzwärts oder ſtromabwärts fuhren. Dieſer Davis hatte ſeither in einem Küſtenfahrzeug geſegelt, das ſeinem Vater gehörte, und war für Sir Home Popham's ſüdamerikaniſches Geſchwader gepreßt worden. Dort war er zum Midſhipman gemacht worden, allein er fand gen ge⸗ nen und Er lten hen nen cha⸗ und Ka⸗ an uns den chs⸗ lten iger iter⸗ Jack ver⸗ Kerl rließ ein⸗ een,“ aus Lon⸗ Na⸗ 55 keinen Gefallen an der Marine, und hatte ſich entſchloſſen, nach Amerika zu gehen. Wir mußten ihn zum Lande hin⸗ ausſchmuggeln, damit er ferner dem Preßgang entgehe, und er kam unvermuthet und zur Nachtzeit zu uns an Bord, während wir noch im Fluſſe lagen. 24 Der„Sterling“ war auf dieſer Fahrt nur ſpärlich bemannt, und hatte kaum vier Mann für die Wache; trotzdem aber refften wir oft in Einer Wache alle Segel ein, obwohl Cooper und der kleine Däne faſt nur noch Knaben waren. Unſere Steuerleute pflegten ſtets auf dem Verdeck zu ſeyn, und waren Beide tüchtige, thätige und verſtändige Männer. Auch der Koch war ein tüchtiger Burſche, wenn's um's Ziehen und Schleppen und jede harte Arbeit ſich handelte. In unſerer jetzigen verzärtelten Zeit, wo zwei oder drei Tage anhaltenden Wachtdienſtes eine ganze Handvoll junger Männer zu Grunde richten würden, blickt man mit ſtolzem Selbſtbewußtſeyn auf eine ſolche Fahrt zurück, wo vierzehn Männer und Knaben— der letzteren waren es vier— ein Schiff von zientcher Größe ganz allein über den atlantiſchen Ocean hin⸗ überbrachten, in Einer Wache(wo alſo nur vier Mann im Dienſte waren) alle Segel einrefften, und friſchen Muthes und ohne ſonderliche Beſchwerde manchen Windſtoß aus⸗ hielten. Ja, ich möchte faſt annehmen, daß im Nothfalle die Hälſte unſerer Bemannung hinreichend geweſen wäre, den„Sterling“ zu bedienen. Einer der Knaben, deren ich Erwähnung that, hieß John Pugh, ein kleiner Burſch, den der Kapitän in London als Lehrling angenommen hatte, und der diesmal zum Erſtenmal in ſeinem Leben in See war. Wir hatten eine lange Ueberfahrt, und jeder Zoll⸗ breit unſerer Fahrt den Dunen(Sandhügeln an der Küſte der Grafſchaft Kent) entlang war harte Arbeit, weil wir mit Ebbe und Fluth zu kämpfen hatten. Hier mußten wir ein paar Tage lang liegen, weil wir auf Wind zu warten hatten. Den halben Sommer hindurch herrſchte anhal⸗ tender ſchar et Südweſtwind, und der Kapitän war nicht geneigt, mit konträrem Wind in die See zu ſtechen. Wir 56 waren rings von Kriegsſchiffen umgeben, da der größte Theil der Kanalflotte um uns her vor Anker lag. Dies gewährte uns ein luſtiges, lebendiges Schauſpiel, und an Muſik und Begrüßungsſalven fehlte es uns nicht. Eines Tags ſchienen ſich gar alle Schiffe mit der ganzen Mann⸗ ſchaft an's Feuern zu machen, und es krachte und knallte vom Steuerbord und Backbord, bis wir nur noch ein paar Maſtſpitzen ſehen konnten. Weßhalb es geſchah, habe ich nie erfahren, allein es machte einen hölliſchen Lärm und fürchterlichen Rauch. Auch eine Fregatte lief ein und ankerte gerade vor uns; ſie ſetzte ein Boot aus und ſandte einen Steuermann an unſere Langſeite, um uns zu benachrichtigen, daß ſie Seiner Majeſtät Kriegsſchiff—— ſey, alle Anker bis auf den Wurfanker verloren habe, und nun beinahe zum Spiel der Wellen geworden ſey, weßhalb ſie uns auffor⸗ derte, ihr aus dem Wege zu gehen. Der Kapitän blieb denſelben Tag noch auf dem alten Platze liegen; allein es war zu erwarten, daß ſie am andern Tag auf uns zu⸗ treibe; die Schiffe konnten einander nicht wohl ausweichen und ohne Mühe an einander vorüberkommen, und wir hielten es daher für das Gerathenſte, uns einen andern Ankerplatz zu ſuchen; als aber der Anker erſt einmal auf⸗ gewunden war, hielt es der Kapitän für das Beſte, aus den Dünen hinauszuſteuern, was wir denn auch thaten, indem wir uns durch die Straße von Calais durcharbei⸗ teten und mit eintretender Fluth am Kap Dungeneß An⸗ ker warfen. Hier lagen wir faſt bis Sonnenuntergang, und liefen dann wieder aus, um mit der Ebbe in See zu ſtechen. Ich glaube faſt, der Kapitän war geſonnen, lieber bis zum Kap Lands⸗End hinunterzufahren, als noch län⸗ ger müßig liegen zu bleiben. Etwa eine Meile ſeitwärts von uns nach dem Lande zu lag eine Kriegsſloop, welche in demſelben Augenblick, als wir mit vollen Segeln vom Lande wegfuhren, mit einer Signalſtation an der Küſte telegraphiſche Zeichen zu wechſeln begann. Bald darauf lichtete ſie die Anker, und ging ebenfalls in See. In ößte ‚Dies an ines nn⸗ ullte daar ich und vor ann ſie bis zum ffor⸗ blieb n es zu⸗ ichen wir dern auf⸗ aus aten, rbei⸗ An⸗ und ee zu leber län⸗ värts he in vom Küſte arauf In 57 der mittlern Wache fuhren wir faſt Bord an Bord an dieſem Fahrzeug vorüber und erfuhren, daß ein Embargo*) gelegt worden war, von welchem uns nur eine Entfernung von etwa zwölf bis fünfzehn Minuten vom Lande gerettet hatte. Dieſer Embargo ſollte verhindern, daß keine Nach⸗ richt von der Erpedition gegen Kopenhagen den Daͤnen zu Ohren komme.— Am gleichen Tage kamen wir noch an einem Geſchwader von Transportſchiffen vorüber, welche eine Brigade von Pendennis⸗Caſtle nach Yarmouth brach⸗ ten, welche zur Hauptflotte ſtoßen ſollte. Ein Kanonen⸗ boot nöthigte uns beizulegen, und hätte nahezu den Schweden gepreßt unter dem Vorgeben, daß, da ſein Landesherr ein Verbündeter des Königs ſey, England Anſprüche auf ſeine Dienſte habe. Hätte ſich der Burſche nicht gewehrt wie ein Bullochſe, und ſich auf's Beſtimmteſte geweigert, mitzugehen, ſo hätten wir ihn ſicherlich ebenfalls verloren. Wenigſtens ein Halbdutzendmal hieß man ihn in's Boot hinuntergehen; allein er rührte ſich nicht vom Fleck. Cooper hatte einen kleinen Wortwechſel mit dem Offizier des Ka⸗ nonenboots, wurde aber von Kapitän Johnſton zur Ruhe gewieſen.— Nach den Neuigkeiten, welche uns die Kriegs⸗ ſloop mitgetheilt hatte, wagten wir, wie ſich's leicht ab⸗ nehmen läßt, nicht ferner, auf engliſchem Gebiete vor Anker zu gehen(d. h. in Kanonenſchußweite von der engliſchen Küſte). Wir ſteuerten im Kanal fort, und kamen mehr⸗ mals an der Inſel Wight vorüber, weil uns die Fluth jedesmal wieder um die halbe Entfernung von unſerem Kurs abtrieb, die wir während der Ebbe zurückgelegt hatten. Endlich bekamen wir den Wind von der Seite und ſteuerten ») Embargo bezeichnet den Arreſt oder Beſchlag, welchen man im Kriege auf Schiffe legt, um ſich entweder ihrer zu bemächtigen, oder ſie für einige Zeit am Auslaufen zu verhindern, wie dies z. B. beim Ausbruch eines Kriegs mit den im Hafen liegenden feindlichen Schiffen geſchieht, oder welche man nur, wie dies im gegenwärti⸗ gen Falle geſchah, zurückbehält, um z. B. eine im Hafen vorge⸗ nommene Rüſtung oder ſonſtige wichtige Staatsgeheimniſſe und Anderes geheim zu halten. Anm. d. Ueberſ. à Edward Myers. 5 3 58 in den Atlantiſchen Ocean hinaus, indem wir gleichwohl immer ſüdlich hielten. Unſere Fahrt war lang, und ſelbſt nachdem wir beſſeres Wetter bekommen hatten, trug uns der Wind bis nach der Inſel Corvo*) herunter, welche wir umſegelten, um ſodann wieder nach Norden zu ſteuern. Wir hatten indeß einmal einen heftigen Stoßwind, der uns nöthigte, zu lenſſen(vor dem Winde zu laufen), da der „Sterling“ eines der leckſten Schiffe war, die je ſchwam⸗ men, ſobald er gegen eine heftige See anfahren mußte. Als wir uns der amerikaniſchen Küſte näherten, ſpra⸗ chen wir mit einer engliſchen Brigg, die uns eine Schil⸗ derung des Kampfes zwiſchen dem„Leopard“ und dem „Cheſapeake“ gab, obwohl ſie zugeſtand, daß ihre Lands⸗ leute im Nachtheil geweſen wären. Herr Irish brach in bittere Schmähungen aus, als der Lootſe uns den wahren Stand der Dinge meldete. Wie es der Zufall bei unſerem Schiffe ſtets fügte, mußten wir uns mit der Fluth in die Bucht und den Strom treiben laſſen, und legten uns endlich wohlbehalten längs der Löſchungsplätze von Phila⸗ delphia vor Anker. Hier ward natürlich unſere Beman⸗ nung wieder entlaſſen, und ich ſah, mit Ausnahme von Jack Pugh, meinem Lehrgenoſſen, und Cooper, ſpäter nie⸗ mals wieder auch nur Einen von dieſen Allen. Die Meiſten von ihnen begaben ſich von hier nach New⸗York, und wurden dort von dem großen Strudel der Seeleute verſchlungen. Herr Irish ſoll, wie ich ſpäter hörte, auf ſeiner nächſten Reiſe, als Oberſteuermann eines Oſtindien⸗ fahrers geſtorben ſeyn; er war ein ausnehmend tüchtiger und geſchickter Mann und ganz geeignet, ein Schiff zu befehligen.— Dies war unſere erſte Seereiſe, denn die einſtige Ueberfahrt von Halifar nach New⸗York laͤßt ſich für nichts rechnen. Ich war zwar nur in der Kajüte ge⸗ halten worden, allein unſer Leben war darum doch nicht minder ein ſehr thätiges geweſen. Der„Sterling“ mochte auf dieſer Fahrt wohl zwiſchen fünfzig und hundert Mal *) Eine kleine Inſel, zur Gruppe der Azoren gehörend. ohl bſt us che rn. ins der m⸗ ra⸗ hil⸗ dem ds⸗ in ren rem die uns ila⸗ an⸗ von nie⸗ Die dork, eute auf dien⸗ tiger f zu die ſich ge⸗ nicht ochte Mal 59 eingelaufen und wieder in See gegangen ſeyn, und des Lavirens, Auf⸗ und Abtakelns, Ein⸗ und Ausladens, Eu⸗ lenholens*), Halens, Luvhaltens c. war kein Ende gewe⸗ ſen, ſo daß das alte Fahrzeug unter den Händen der Loot⸗ ſen, beſonders im Kanal von Calais, gar nicht mehr wußte, was hinten oder vorne an ihm war. Zu jener Zeit ver⸗ mochte ein Schiff nicht ohne Mühe von den Forelands (den Vorgebirgen an der Themſe⸗Mündung) nach London hinaufzukommen, und wir beneideten die Kohlenſchiffe mit ihren ſchwerfälligen Rumpfen und ihrem leichten Takel⸗ werk nicht wenig um die geringe Mühe, welche ſie ihrer Bemannung zu machen ſchienen. Wir vereinfachten daher auch, als wir zum Zweitenmal die Themſe hinauffuhren, unſere Takelwerk nicht wenig, und verſchafften dadurch der Mannſchaft ziemlich Erleichterung. Eine Anzahl aus Gras gewundener Vorderſchoten, die wir in Spanien gekauft hatten, wurden dabei ſehr beliebt unter uns, obwohl ie am Ende dem Schiff das Leben eines ſehr werthvollen Mannes koſteten. Kapitän Johnſton entſchloß ſich nun, mich nach Wis⸗ caſſet zu ſenden, damit ich dort die Schule beſuche. Ein Schooner aus Wiscaſſet, die„Klariſſa“ genannt, war nit einer Fracht aus Weſtindien nach Philadelphia gekomnen, und nun auf der Heimreiſe nach Wiseaſſet begriffen. Ich ward als Paſſagier an ihrem Bord untergebracht, und ſe⸗ gelte ſchon in einer Woche nach unſerer Ankunft in Lon⸗ don dahin ab. Jack Pugh blieb zurück, weil der„Ster⸗ ling“ ſo eben eine Ladung nach Irland einnahm; an Bord der„Kla riſſa“ machte ich die Bekanntſchaft eines aus Phi⸗ ladelphia gebürtigen Mannes, Namens Jack Mallet, der bei dem Kapitän des Schooners als Lehrling diente; er war um weniges älter als ich, und wir wurden bald genau mit einander bekannt, und gleichſam auserſehen, ſeiner Zeit *) Eulen holen, heißt in der Schifferſprache den Wind von vorne bekommen.— 5* mancherlei ſeltſame Abenteuer und Ereigniſſe mit einander zu beſtehen. Die„Klariſſa“ lief durch den Vineyard⸗Sound und die Shools nach Boſton ein, landete hier eine kleine Ladung an geflochtenen Körben und ſegelte weiter nach Wiscaſſet, wo wir endlich nach ziemlich langer Ueberfahrt ankamen. Die Mutter und Familie des Kapitäns John⸗ ſton empfingen mich liebreich und ſandten mich alsbald in die Schule. Kurz darauf hörten wir von Embargo, und da auch die„Klariſſa“ zurückbehalten worden war, wurde Jack Mallet einer meiner Schulgenoſſen; bald darauf hör⸗ ten wir auch, daß der„Sterling“ nicht hatte in See ſte⸗ chen können, und es währte nicht lange, ſo ſtieß Jack Pugh ebenfalls zu unſerer Geſellſchaft. Wenige Wochen dorauf kam auch Kapitän Johnſton an, mit uns Anderen die kommerzielle Quarantäne zu beſtehen. Ddies war der ſogenannte lange Embargo, wie ihn die Matroſen nannten, weil er erſt im Jahr 1809 nach den Unterhandlungen mit Lord Erskine zu Ende ging. Diſſe ganze Zeit über blieb ich in Wiscaſſet in der Schule und wurde ſehr gut, ja wohl möglich viel zu nachſichtig behandelt. Kafitän Johnſton blieb ebenfalls die ganze Zeit über zu Hauſe, und ſah ſich, da er nichts Beſſeres zu thun wußte, nach einem Weibe um. Mein Umgang in der Schule beſchränkte ſich auf Jack Pugh, Jack Mallet und Bill Swett, welch letzterer ein Junge in meinem Alter und der Reffe meines Kapitäns war; ich war nun ſechszehn Jahrt alt und nahezu ausgewachſen. Soobald der Embargo aufgehoben war, reiste Kapi⸗ tän Johnſton mit Swett nach Philadelphia ab, um das Schiff nach New⸗York zu bringen. Von hier aus beſchloß er nach Liverpool zu ſegeln, wohin ihm Jack Pugh und ich in einem Schiff, die„Kolumbia“ genannt, folgen ſollten. Dieſer Plan erlitt indeß eine Aenderung, und wir wurden wieder zur See geſchickt, um in dem Hafen, wo ich ihn zuerſt gefunden hatte, mit dem„Sterling“ zuſaminenzutreffen. Da es nun ſchon drei Jahre her waren, ſeit ich auf ſo unartige Weiſe die Familie Heizer verlaſſen hatte, d U& 8S=S=— 61 ſuchte ich dieſe wieder auf, erfuhr jedoch von ihren alten Nachbarn, daß ſie ſchon zwölf Monate früher nach Mar⸗ tinique gegangen ſeyen. Dies war die letzte Nachricht, die ich je von ihnen erfuhr. Bill Swett war nun mit mei⸗ nem Dienſt in der Kajüte betraut, und Jack Pugh und ich mußten fortan den regelmäßigen Dienſt auf dem Schiffe⸗ beſorgen helfen; man wies uns eine Wohnung auf dem Vorplatz vor der Kajüte an, und gab uns Antheil an der Kajütenfracht, im Uebrigen aber wurden wir ganz gehal⸗ ten, wie die anderen Matroſen. Unſere Fracht beſtand in Weizen im Schiffsraum, Mehl im Zwiſchendeck, und Baumwolle auf dem Verdeck, und war ſo ſchwer, daß das Schiff tief in See ging; die Bemannung war gut, aber unſere beiden Steuerleute waren Ausländer. Es begegnete uns nichts beſonders, bis wir uns der iriſchen Küſte näherten, als auf einmal ein heftiger Wind aus Süden und Weſten ſich erhob, und das Schiff unter dicht gerefftem großem Marsſegel und Fockſegel auf fürch⸗ terlich hochgehender See dahinſchoß. Etwa mit Einbruch der Nacht kam ein gewiſſer Harry von ſeinem Abendeſſen auf's Verdeck herauf, um den Mann am Steuerrade ab⸗ zulöſen; da nun ein furchtbarer Windſtoß eben einbrach, als dieſer Matroſe über das Verdeck ging, ward er gegen feines unſerer Boote, und von hier wieder auf die aus Gras gewundene Fockſchoote geſchleudert, die einſt auf der Fahrt nach London bei uns ſo beliebt geweſen war. Man hatte dies Tau zu einer Art Verdeck oder vielmehr zum Firſt eines Zeltes über das auf dem Verdeck auf⸗ geſtaute Frachtgut ausgeſpannt; allein es war inzwiſchen vermodert, und brach plötzlich, als der arme Teufel da⸗ gegen geſchleudert wurde, ſo daß er in die See ſtürzte. Wir wußten nichts anderes zu thun, als ihm den hölzer⸗ nen Verſchlag über der Hauptluke, der ſehr groß war, in die See hinunter zu werfen, allein das Schiff ging auf hohler See mit vollen Segeln davon, und mußte den ar⸗ men Burſchen in der toſenden Waſſerfluth hülflos ſeinem Schickſal überlaſſen. Einige unſerer Leute glaubten zwar . 62 den armen Harty auf dem Verſchlage ſchwimmen zu ſehen, allein dies konnte bei der fürchterlich hohl gehenden See ihm wenig Ausſicht auf Rettung bieten, und es war uns eben ſo unmöglich das Schiff beizudrehen, als ein Boot auszuſetzen. Dies war das erſte Mal, daß ich einen Men⸗ ſchen im Meer umkommen ſah, und trotz des fürchterlichen Sturms und der Gefahr, in welcher das Schiff ſelbſt ſich befand, ging uns doch der Verluſt dieſes trefflichen Bur⸗ ſchen Allen ſehr nahe. Der Kapitän fühlte es ſchmerzlich, wie wir es aus ſeinem Betragen bemerkten, und doch war der Unfall unabwendbar und unvermeidlich. Wir hatten unſere Segel ſchon früh am Nachmittage zu verkürzen angefangen, und Harry's Tod ſiel in die erſte Abendwache, d. h. zwiſchen vier und ſechs Uhr Abends; kurz darauf flog die Fockſchote des Backbords über Bord, und eines der Segel zerriß. Die ganze Mannſchaft ward auf's Verdeck gerufen, jeder Fetzen Segeltuch auf⸗ gerollt und die Beſchlag⸗Seißinge umgebunden. Das Schiff ward nun ſo furchtbar umhergeſtoßen, daß es leck zu wer⸗ den begann; die Windſtöße waren ſo furchtbar, daß wir uns gar nicht in den Wind wagen durften, und Sturz⸗ ſeen brachen gerade über den Haupt⸗Puttingen herein, ſtürzten ſich auf's Verdeck und bahnten ſich im Bogen einen Weg, indem ſie Alles wegzuſchwimmen drohten, was nicht niet⸗ und nagelfeſt war. Wir Jungen wurden an die Pumpen gejagt, und uns eifrig zu pumpen anbefohlen, und um das Maas des Uebels voll zu machen, verlor ſich der Weizen jetzt gar bis in's Pumpenſod. Während ſich das Schiff in dieſem Zuſtande befand, zerriß nun gar auch das Hauptmarsſegel, und ließ das Schiff ohne einen Fetzen Segeltuch.— Der„Sterling“ ging auch bei mäßigem Wetter gerne tief in See, und manch liebes Mal ſah ich, wie das Waſſer ſogar zu den Speigatten des Quarter⸗ decks eintrat, und im Tauchen konnte keine Ente behender ſeyn, als unſer Schiff. Da es jetzt ſo tief ging, daß ſogar das Verdeckgut im Waſſer ſchwamm, war es hohe Zeit, daß wir darauf bedacht waren, das Schiff zu erleichtern. — 0————.— 63 Die Baumwolle ward ſo ſchnell wie möglich über Bord geworfen, und was die Männer nicht wegſchaffen konnten, wurde von der See fortgeſpült. Nach einer Weile hatten wir das Schiff merklich erleichtert, und das war wohlge⸗ than, denn der Weizen verſtopfte die Pumpen ſo oft, daß wir nur wenig Ausſicht hatten, das Waſſer aus dem Raume zu entfernen. Ich weiß nicht mehr, was für eine Stunde in die⸗ ſer fürchterlichen Nacht es war, als Kapitän Johnſton uns Allen laut den Befehl zurief, auf unſerer Hut zu ſeyn und auf ſein Kommandowort Acht zu haben; das Schiff wollte nämlich eben kentern. Es that dieß wirklich auch, und zwar im glücklichſten Momente, ſo daß wir, wenn wir auch ziemlich auf der Seite lagen und tüchtig naß wurden, nun doch das Verdeck vollends abräumen, und uns dadurch etwas aufhelfen konnten. Das Beſan⸗Stag⸗ Segel wurde nun beigeſetzt, um zu verhüten, daß es nicht vollends in den furchtbar aufgewühlten See umſchlage. Der Wind blies immer noch ſo furchtbar wie zuvor; ein Segel um das andere löste ſich, und es koſtete uns die furchtbarſte Mühe, um nur noch das Segeltuch an den Raagen zu halten. Alsdann ging die Fockſtenge mit ei⸗ nem ſchweren Windſtoße über Bord, welcher bald darauf der Mittelmaſt folate, der die Beſankreuzſtange mit ſich nahm. Wir ſchrieben dieß dem Embargo zu, da meines Erachtens das Takelwerk des Schiffes dadurch, daß es⸗ ſo lange trocken gelegen hatte, mürbe und ſchadhaft ge⸗ worden war. Wir brachten die ganze Nacht damit zu, das Wrack zu lichten, d. h. alles zu Schaden gegangene Holz und Tauwerk zu entfernen, und die Männer, welche die Aexte führten, behaupteten, der Wind fange ſich ſo heftig in ihren Werkzeugen, daß ſie manchmal mit dem Rucken ſtatt mit der Schneide zuſchlügen. Der Wind war ſo furchtbar, daß ſein Druck dem eines feſten Koͤrpers glich. Wir verbrachten eine fürchterliche Nacht, indem wir ſtets pumpten und uns Mühe gaben, für das Schiff Sorge zu tragen. Am andern Morgen ließ der Sturm nach, 64 und das Fahrzeug ward nun vor den Wind gebracht, der ſehr günſtig war; es konnte nur wenig Segel füh⸗ ren, obwohl wir Bramſtengen anſtatt den Topmaſten anbrachten, ſobald es die See erlaubte. Um vier Uhr etwa ſah ich Land und zeigte es dem Steuermann. Es war Kap Clear(die Südſpitze von Irland) und wir ſteuer⸗ ten ſo gerade wie möglich darauf zu, drehten dann bei und liefen in den St. Georgskanal ein. Eine große Flotte der verſchiedenſten Fahrzeuge hatte ſich in und um die Mündung des St. Georgskanal geſammelt, und berei⸗ tete ſich darauf vor, an einem beſtimmten Tage, der in dem Manifeſt, durch welches der Handel wieder eröffnet wurde, näher beſtimmt worden war, in den Hafen von Liverpool einzulaufen, und die Zerſtörung und Verhee⸗ rungen, welche der Sturm unter ihnen angerichtet hatte, waren keineswegs unbedeutend. Ich erinnere mich nicht mehr genau der Anzahl der Schiffe, die wir ſahen, allein es müſſen mehr als hundert geweſen ſeyn. Es ging hinterher das Gerücht, es haben mehr als fünfzig Fahrzeuge an der Iriſchen Küſte Schiffbruch ge⸗ litten. Faſt jedes Schiff, dem wir begegneten, war mehr oder weniger entmaſtet, und ein Fahrzeug, die„Freiheit“ genannt, ſollte gar mit Mann und Maus untergegan⸗ gen ſeyn. Das Wetter hellte ſich nun einigermaßen auf, und wir ſteuerten ſo gut wie möglich vollends nach Liverpool. Der „Sterling“ erreichte es in leidlichem Zuſtande, obwohl wir eine Zeitlang im Fluſſe liegen mußten, ehe wir in die Docks einlaufen konnten. Als wir unſern Kargo aus⸗ luden, fanden wir, daß er großen Schaden gelitten hatte, beſonders der Weizen; dieſer war ſo heiß, daß wir nicht mit den Füßen darin ſtehen konnten. Wir wurden ihn indeß in ein paar Tagen los, liefen in eine Werſte ein und ließen das Schiff wieder ausbeſſern. Dieſer Beſuch in Liverpool ſprengte unſere Beman⸗ nung aus einander, wie der Wind die Spreu; die meiſten unſerer Leute wurden gepreßt und diejenigen, welche ih⸗ 1- ht, üh⸗ ten Uhr Es er⸗ bei oße um rei⸗ in fnet von hee⸗ atte, icht lein als ge⸗ nehr eit“ gan⸗ wir Der vohl rin aus⸗ atte, nicht ihn ein nan-⸗ iſten ih⸗ 6⁵ rem Looſe entgingen, liefen davon. Außer uns Knaben blieb nur ein einziger Mann auf dem Schiffe. Der Ober⸗ ſteuermann— ein Ausländer, deſſen Heimath ich inzwiſchen nie entdecken konnte,— wohnte in einem Hauſe in der Nähe des Hafens, das eine ſehr hübſche Wirthin hielt; um ſich nun dieſe Dame gewogen zu machen, gab er William Swett und mir den Befehl, beſagter Dame einen Eimer voll Salz ins Haus zu bringen. Das Salz kam aus dem Faſſe, welches zu unſern Mundvorräthen gehörte, weshalb wir es auch offen an's Land trugen, allein auf dem Quai hielt uns ein Zolloffizier an, und drohte, un⸗ ſer Schiff mit Beſchlag zu belegen; dieſe Strafe ſtand nämlich darauf, wenn man zwei Eimer voll Salz, welche aus Liverpool kamen, in Liverpool landete. Kapitän Johnſton erfuhr dieß, ließ ſich die ganze Angelegenheit näher anseinander ſetzen und jagte den Steuermann fort. Am andern Tage wurde der Unter⸗ ſteuermann ſammt dem Entlaſſenen gepreßt und es gelang uns, den Erſteren, der ein geborener Schwede war, wie⸗ der in Freiheit geſetzt zu ſehen; der Oberſteuermann aber wußte ſich ſpäter ſeinem Schickſale durch die Flucht zu entziehen, und kehrte wieder nach New⸗York zurück.— Unter denjenigen unſerer Schiffsgenoſſen, welche gepreßt worden waren, befand ſich auch Jack Pugh, mein Ka⸗ merad, deſſen Papiere wir nicht zu zeigen wagen durf⸗ ten, da er früher einmal in London ſich auf einem Engliſchen Kriegsſchiff verdungen gehabt hatte; der Ka⸗ pitän gab ſich alle mögliche Mühe, dem armen Burſchen ſeine Freiheit wieder auszuwirken, allein es war Alles vergebens. Von jenem Augenblick an kam mir der arme Jack nie wieder zu Geſicht; ſpäter erfuhr ich indeß, daß er vom Markt⸗Boote eines Wachtſchiffs entflohen und nach Wiscaſſet zurückgekehrt ſey, wo er ſich einige Zeit aufhielt, alsdann wieder einſchiffte, und ſpäter auf der See ſeinen Tod fand. —— V b 66 Viertes Kapitel. Wir brachten allmählig eine neue Mannſchaft zuſam⸗ men, und ſegelten wieder nach Hauſe; dießmal hatten wir verſchiedene Paſſagiere an Bord— amertkaniſche Schiffs⸗ herrn, die ſelbſt nach Hauſe kehren, aber ihre Fahrzeuge nicht mitnehmen durften, weil ſie ſich gewiſſe Uebertretun⸗ gen der Geſetze hatten zu Schulden kommen laſſen. Dieſe Herren nannte man Embargo⸗Kapitäns. Einer derſelben, ein gewiſſer Kapitän B., that gewöhnlich für unſeyn Ka⸗ pitän den Wachtdienſt, und erwarb ſich ſein Zutrauen und ſeine Gunſt ſo ſehr, daß ihm am Ende die ganze Leitung des Schiffes anvertraut wurde. Die Heimfahrt war lange und ſtürmiſch und mit keinen beſonders merkwürdigen Er⸗ lebniſſen verknüpft.⸗ Während unſerer Adweſenheit war in⸗ deß ein Einfuhr⸗Verbot erlaſſen worden, dem zu Folge unſer Schiff in New⸗York mit Beſchlag belegt wurde, weil es eine Ladung von engliſchem Salz an Bord hatte. Wir hatten indeß die Vorſicht gebraucht, unſer Salz ſchon in Liverpool zu verzollen und es vor dem in dem Geſetz beſtimmten Tage an Bord gebracht, ſo daß man nach einem Beſchlag von zwei Monaten unſer Schiff und Ladung wieder frei gab. Das Salz war indeß ſo ſehr im Preis geſtiegen, daß der Beſchlag den Eigenthümern unſerer Ladung und des Schif⸗ fes nur baaren Gewinn brachte. Während das Schiff nach ſeiner Rückkehr von dieſer Reiſe unter der Batterie vor Anker lag, und ehe es noch in den Hafen eingelaufen war, kam ein junger Mann in Marine⸗Uniform in einem Boote zu uns an Bord. Es war Cooper, der auf dem Wege nach ſeinem eigenen Fahr⸗ zeuge im Vorbeiſchiffen unſere Maſtſpitzen erkannt hatte, und uns nun einen Beſuch abſtattete. Dieß war das letzte⸗ mal, daß ich mit ihm zuſammentraf, bis wir uns im Jahr 1843 nach vier und dreißig langen Jahren wieder ſahen. Wir nahmen nun wieder eine Ladung an Schiffsvor⸗ räthen ein und gingen nach Liverpool unter Segel. Bill am⸗ wir iffs⸗ euge tun⸗ Dieſe ben, Ka⸗ und ung unge Er⸗ in⸗ nſer eine tten pool Tage von gab. der chif⸗ jieſer noch 1 in Es ahr⸗ atte, tzte⸗ Fahr hen. vor⸗ Bill 67 Swett machte dieſe Reiſe nicht mit uns, und der Koch funk⸗ tionirte dießmal als Proviantmeiſter. Wir hatten auf dem Hin⸗ und Herwege glückliche Fahrt, und erfuhren weder Aufenthalt noch ſonſtige Unfälle.— Im Frühjahr 1810 übergab Kapitän Johnſton das Schiff an Kapitän B., der uns zum drittenmal nach Liverpool führte; auch auf dieſer Reiſe fiel nichts vor, was der Erwähnung werth wäre, da das Schiff noch in günſtiger Jahreszeit nach Hauſe kehrte. Wir nahmen nun eine Ladung Faßdauben nach Limerick ein; im Hook machte die Kriegsſloop„Indian“, einer der vor Halifar ſtationirten Kreuzer, Jagd auf uns und ein ganzes Schiffsgeſchwader von Kauffahrern. Mehrere Fahr⸗ zeuge liefen zur ſelben Zeit aus und darunter auch etliche der Clippers, welche zur franzöſiſchen Handelsmarine gehör⸗ ten. Der„Amiable,“ die„Mathilda“ und der„Colt“ fuh⸗ ren windwärts auf das engliſche Fahrzeug zu, als ob dieſes vor Anker gelegen wäre, aber der„Tameahmeah“ verwik⸗ kelte, als er dem Kriegsſchiffe am nächſten war, ſeine Raaen in die Stags und ward gefangen genommen. Wir wohn⸗ ten dieſer ganzen Scene an, und fühlten dabei, was nur Männer natürlicher Weiſe fühlen konnten, wenn ſie ſolche Unthaten unmittelbar vor der Mündung ihrer eigenen Häfen verübt werden ſahen. Hin⸗ und Herfahrt ging inzwiſchen bei uns luſtig von Statten, und es ſtieß uns gar nichts Ungewöhnliches zu. In Limerick fiel ich zwar einem Preß⸗ gang in die Hände, der mich entführt haben würde, allein ein Häufchen wackerer Irländer, welche dieß geſehen und vermuthlich mit meiner Jugend Erbarmen gefühlt hatten, ſetzten dem Preßgange ſo hart zu und brachten ihn ſo in die Manſchetten, daß er mich wieder freigab. Ich war ſchon früher einmal in Liverpool dieſem Geſindel in die Hände gefallen, allein Kapitän Johnſton hatte mich mittelſt meines Dienſtvertrags wieder aus ſeinen Krallen befreit. Ich machte dieſe Reiſe ſchon als Unterſteuermann mit. ¹ Auf dem Heimwege ſollte das Schiff kontraktlich Char⸗ leſton berühren, und eine Ladung gelbes Harz einnehmen. Kapitän B. führte noch immer das Kommando, da unſer 68 alter Herr und väͤterlicher Freund, Kapitän Johnſton, zu Hauſe und mit dem Bau eines neuen Schiffes beſchäftigt war. Ich ſah dieſen edlen, gutmüthigen, liebenswürdigen und nachſichtigen Seemann von da an nicht wieder bis zum Jahr 1842, wo ich eigens ihm zu Liebe eine Neiſe nach Wiscaſſet machte. Kapitän B. und ich ſtunden nie mit einander auf gutem Fuße, und ich begann allmählig ſeiner Strenge und Willkür überdrüſſig zu werden, blieb jedoch noch immer auf dem Schiffe. 3 Wir ſegelten nun gelegentlich und auf gewöhnlichem Wege nach Charleſton, und begannen uns zur Aufnahme unſeres Cargo zu rüſten. Zu jener Zeit kreuzten zwei franzöſiſche Caperſchiffe an der ſüdlichen Küſte, die unſerem Handel großen Abbruch thaten und Schaden zufügten. Das Eine davon ward nach Savannah verſchlagen und nach Ver⸗ dienſt verbrannt, das Andere kam nach Charleſton und ent⸗ ging nur mit Mühe einem ähnlichen Schickſale. Es hatte ſich nämlich ein Pöbelhaufen zuſammengethan, um einen Brander in Geſtalt eines Floſſes zu erbauen, und Etliche davon kamen auch an unſer Schiff, um ſich einigen Theer dazu zu erbetteln. Offen geſagt, war ich damals, obwohl ich mit der Würde eines„Dicky“*) betraut war, doch ein allzu großer Verehrer jeder Art von Spaß, als daß ich mich hätte dagegen ſperren ſollen. Bill Swett war kurz zuvor auf einem andern Fahrzeuge, die„Vereinigten Staaten“ ge⸗ nannt, eingelaufen und befand ſich eben zum Beſuche bei mir an Bord des„Sterling's.“ Wir Beide nun waren als⸗ bald damit einverſtanden, rollten ein Tönnchen Theer aufs Verdeck und überantworteten es den Verfertigern des Brand⸗ floſſes mit den beſten Wünſchen auf glücklichen Erfolg. Vom geſetzlichen Standpunkte aus war dieß freilich ſehr Unrecht, allein vom moraliſchen aus läßt es ſich hof⸗ fentlich am Ende doch rechtfertigen, zumal einem Steräu⸗ ber— denn dafür muß der Kauffahrer jeden Caper halten — gegenüber. Der Verſuch mißglückte übrigens leider, und *) Unterſteuermanns. zu tigt gen bis eiſe nie hlig lieb hem hme zei rem Das Ver⸗ ent⸗ datte inen liche heer vohl ein mich Uvor ge⸗ bei als⸗ aufs and⸗ folg. ſehr hof⸗ räu⸗ alten und 69 die ihn unternommen hatten, wurden nun in weit höherem Grade getadelt, als wenn ſie dem Franzoſen die Sohlen unter dem Fuße verbrannt hätten. Ein mißglückter Ver⸗ ſuch iſt ſchon bei einer geſetzmäßigen Unterhandlung fatal und verhängnißvoll, bei einer ungeſetzlichen aber iſt der Er⸗ folg unumgänglich nothwendig, wenn ſie verziehen werden ſoll. In der Nacht darauf ſielen Kapitän B— und der Oberſteuermann wie ein Orkan über mich her, weil ich den Theer weggegeben habe, und beſchloſſen ihren erbaulichen Ser⸗ mon mit der Androhung körperlicher Züchtigung. Bill Swett war dabei gegenwärtig und bekam auch ſein Theil da⸗ von ab. Als man uns wieder allein ließ, pflogen wir Kriegsrath mit einander, was ferner zu thun ſey. Unſere Schiffsmannſchaft war mit Ausnahme des, Kochs davon gelaufen, ſobald wir Charleſton erreicht hatten, wie es ge⸗ wöhnlich zu geſchehen pflegt, und wir zogen zu unſerer Be⸗ rathung auch den Koch bei. Dieſer Burſche nun warnte mich vor dem Kapitän und Steuermann und behauptete, er habe gehört, wie ſich Beide gegenſeitig das Wort gege⸗ ben, mich derb abzuprügeln, ſobald ſich Gelegenheit dazu biete oder wir in den Hafen eingelaufen ſeyen. Bill that mir nun offen den Vorſchlag, davonzulaufen, wozu er ſich ſelber mit erbötig zeigte, da er kurz zuvor ſein Fahrzeug ſchon verlaſſen hatte; und wir kamen bald über unſern Plan überein: Bill ging an's Land und brachte ein Boot hart unter den Bug des Schiffes, und ich ſelber warf über das Vorderverdeck hinweg mein Gepäck in daſſelbe hinunter, worauf ich denn den„Sterling“ verließ, um nie wieder einen Fuß auf ihn zu ſetzen. Später ſah ich ihn zwar ein⸗ oder zweimal aus der Entfernung, und fühlte mich ſtets wie von einer Art Heimath von ihm angezogen, allein ich wagte nicht wieder, ihn zu betreten. Er ſcheiterte ſpäter an der öſtlichen Küſte, und hatte damals Kapitän Johnſton an Bord, der zwar noch Beſitzer des Fahrzeugs, doch nur als Paſſagier auf demſelben anweſend war. Ich hatte wohl zwölf Fahrten von Welttheil zu Welttheil und Land zu Land dar⸗ auf beſtanden, einige andere kürzere Fahrten zwiſchen ver⸗ 70 8 ſchiedenen Häfen ungerechnet. Stets ſchien mir das Schiff eine Art Vaterhaus, und ich kannte jedes Brett und jeden Bal⸗ ken davon. Es ging mir näher, als ich das Schiff ver⸗ ließ, als damals wo ich von Halifar ſchied. Dieſe Ent⸗ weichung vom„Sterling“ war der dritte thörichte Streich, den ich mir vorzuwerfen hatte; der erſte war Der geweſen, daß ich der Pflege und Aufſicht der Leute entlief, welchen mein Vater mich anvertraut hatte,— der zweite, daß ich aus dem befreundeten Hauſe der gütigen Familie Heizer davonging, und dieſer nun der dritte und faſt der undank⸗ barſte. Wäre Kapitän Johnſton auf dem Schiff geweſen, ſo hätte ich es mir nie einfallen laſſen, zu entweichen, denn es bewies mir ſtets wahrhaft väterliche Güte, und wenn er je der Gerechtigkeit Abbruch that, ſo geſchah dies nur durch die allzu große Nachſicht, die er mir bewies. Wäre ich bei ihm geblieben, ſo bin ich überzeugt, daß mein Le⸗ benslauf und meine Laufbahn ſich ganz anders geſtaltet haben würden, als dieß ſeither geſchehen iſt, und ich fürchte, daß eines der hauptſächlichſten Laſter, welche ſpäter meinem Glücke hemmend entgegentraten, der Hang zur Trunkenheit nämlich, aus jener unbeſonnenen That entſprang. Doch muß man hiebei noch in Erwägung ziehen, daß ich erſt neun⸗ zehn Jahre alt, von einem unwiderſtehlichen Drang nach Abenteuern beſeelt nnd dem Kapitän B— perſönlich ver⸗ feindet war.— Nach dieſem Streiche hielten Swett und ich uns eine Woche lang am Lande verſteckt; er trat hierauf in ein Schiff, der„Präſident“ genannt, und ich in ein anderes, die„Tontine,“ welche beide nach New⸗York beſtimmt waren, wo wir wenige Tage hinter einander ankamen. Wir verding⸗ ten uns nun beide zuſammen auf einem andern Fahrzeug, der„Jane,“ das nach Limerick beſtimmt war; dieß geſchah etwa gegen das Ende des Jahres 1811. Unſre Ueberfahrt nach Limerick war höchſt ungünſtig, und unſerer Schiffs⸗ mannſchaft ſtießen ein paar ernſte Unfälle zu; wir waren nicht mehr weit von der Mündung des iriſchen Kanals entfernt, als das Schiff ſich auf die Seite legte, und unter dem Fockſegel und großen Marsſegel lenßte, als eben Bill t * „ deſſel n eindr englik 71 Swett am Steuerruder ſtund. Die Wache drunten eilte auf's Verdeck und halte das Fockſegel ohne Befehl, um zu verhüten, daß das Schiff das unterſte zu oberſt kehre, da die Raaen vierkant in's Kreuz gebraßt waren. Als das Schiff wieder in die Höhe kam und ſeine richtige Lage erreichte, ſtürzte von der Steuerbord⸗Seite her eine Woge über daſſelbe herein, die den armen Bill leewärts unter einige Waſſerfäſſer und Bretter ſchleuderte, daß er zwei ſeiner Rippen zerbrach. Auch unſre beiden Bootsmänner wurden beſchädigt, und wa⸗ ren davon mehrere Wochen lang dienſtunfähig. Das Schamp⸗ deck*) war vom Hintertheile des Schiffes bis in deſſen Mitte ſo ſauber losgetrennt, als ob es von einem Tiſchler abge⸗ riſſen worden wäre, und wir konnten in's Balkenwerk des Schiffs hinunter blicken, als ſtände es noch auf dem Stapel der Werfte.— Die Matroſen braßten die Hinterraaen ſcharf beim Winde, und nun ging das Schiff unter dichtgerefftem großem Marsſegel, worauf es ſich etwas beſſer befand. Wir beſichtigten und verſtopften nun den Schaden am Schiffs⸗ körper, legten getheertes Segeltuch über die Balkenköpfe (Mannshonſde, das heißt, die End⸗Balken, welche das Gerippe des Schiffes bilden), und legten tüchtig Hand an, um das Waſſer auszuſchöpfen und dem ferneren Eindrin⸗ gen deſſelben zu wehren. Am nächſten Tage ſteuerten wir wieder unſerem Hafen zu. Da der Wind zu ſtark war, als daß uns ein Lootſenboot hätte erreichen kön nen, liefen wir auf eine Rhede an der Mündung des Shannon ein, und warfen beide Tey⸗Anker aus; hier warteten wir das Ende des Sturmes ab und liefen alsdann in Limerick ein. Hier erholte ſich die Mannſchaft wieder und machte ſich rüſtig an's Werk; zu gehöriger Zeit ſegelten wir ohne Rückfracht wie⸗ der nach Hauſe, wurden, als wir in das Hook einliefen, von ) Die oberen dicken Planken am Schiffe, welche den Bord deſſelben in ſchräger Linie bedecken, um zu verhüten, daß das See⸗ und Regenwaſſer nicht zwiſchen die ſogenannte Haut und Innhölzer eindringe; auch Schanddeckel, Schamdeck, Schanddeck genannt, engliſch plankesheers, franzöſiſch accotard. Anm. d. Ueberſ. 72 einem Kanonenboot angerufen, und erfuhren die Neuigkeit von dem„kleinen Embargo.“ Billl und ich erwogen nun reiflich, was wir thun ſoll⸗ ten; ich war dafür, wir ſollten, wie einſt der verlorne Sohn, nach Wiscaſſet zurückkehren, unſern Fehler eingeſtehen und zu verbeſſern ſuchen, Bill aber war andrer Meinung. Nun uns das Schickſal arbeitslos aufs Trockene geſetzt hatte, hielt es es für männlicher, wenn wir forthin auf eigenen Füßen ſtünden und uns ſelbſt irgendwie durchſchlügen. Er hatte einen Oheim, der Artillerie⸗Hauptmann war, auf Governor's Eiland in Garniſon lag, und ihn hatten wir auserſehen, uns mit ſeinem Rathe an die Hand zu gehen. Dieſer Herr behandelte uns freundlich und behielt uns zwei Tage lang bei ſich auf der Inſel; ja er gab uns noch, als er ſeinen Neffen geneigt ſah, ſein Glück auf eigene Fauſt zu verſu⸗ chen, einen Brief an Lieutenant Trenchard von der Marine mit, welcher uns beide für den Dienſt warb. Swett erhielt einen Platz als Unterſchiffer und auch mir ward eine ſolche Stelle angeboten, allein ich war zu ängſtlich und zu miß⸗ trauiſch in meine Erfahrung und Kraft, um ſie anzuneh⸗ men, und trat denn nun zum Erſtenmal und zwar als gemeiner Matroſe in die Kriegsmarine. 3 Dieß geſchah kurz vor der Kriegserklärung, und für die Station New⸗York wurde eine ziemlich ſtarke Flotille von Kanonenbooten ausgerüſtet. Bill kam an Bord von Nro. 112, und ich fand einen Platz auf Nro. 107, unter dem Segelmeiſter Coſtigan. Bald darauf mußten wir Alle mitwirken, den„Eſſer“ zum Seedienſte auszurüſten, und die Kriegs⸗Erklärung lief gerade ein, als wir hiemit beſchäftigt waren. Bei dieſer Gelegenheit ward ich zum zweiten Mal in meinem Leben betrunken; man hatte nämlich ein tüch⸗ tiges Quantum Whiskey(Gerſtenbranntwein) in eine Kufe geleert und uns vorgeſetzt, damit wir auf gutes Glück im bevorſtehenden Kriege tränken; Alle tranken mir zu, allein ich ſperrte mich lange, da ſchon eine Kleinigkeit hinreichte, mich total betrunken zu machen, und erſt die Ueberredungs⸗ künſte einiger, die mir von Wiscaſſet her noch wohl bekannt keit oll⸗ hn, und tun ielt ßen atte or's jen, derr ang nen rſu⸗ rine jielt lche niß⸗ neh⸗ als für von tro. dem Alle die ftigt Mal üch⸗ Kufe im llein chte, ngs- unnt 8 74 waren und von welchen Mehrere ſich auf dem Schiffe be⸗ fanden, beſtimmten mich dazu. Ich gebe inzwiſchen allen jungen Männern, die ſich nicht zum Trinken geneigt fühlen, noch einen Hang dazu haben, den wohlgemeinten Rath, ihren eigenen Neigungen zu folgen, und ſich nicht mit Leib und Seele in das unbedachte Zureden Anderer zu fügen. Wirkliche gute Kameradſchaft und Brüderſchaft beſteht nicht darin, daß man Rum und Whisky mit einander trinkt, und hat man einmal Geſchmack daran gefunden, ſo iſt dieſer ſchwer zu heilen. Der Menge nach trank ich nie viel, aber ſchon ein geringes Quantum machte mich zankſüchtig und zu allerhand böſen Streichen geneigt, und das Wenige, das ich zu mir genommen, genügte, meine Laufbahn mir ſelbſt für lange Jahre zu verderben, und mich für die werthvolleren Jahre meines Lebens in den Schlamm zu verſenken; ja, werthvoll kann ich dieſe Jahre in ſofern nennen, als ſie mit der Aufbeſſerung meiner Lebensumſtände zuſammenhängen, wiewohl ich kaum ſagen darf, daß ich vor dem Jahr 1839 wirklich zu leben begonnen habe, nämlich ſo, wie ein ver⸗ nunftbegabtes Geſchöpf Gottes zu ſeiner Ehre und um ſei⸗ nes Namens würdig zu ſeyn, leben ſoll. Als der„Eſſer“ ausgerüſtet war, kreuzte die Flotille im Sound, und lag gewöhnlich in den Gewäſſern von New⸗ York auf der Lauer. Gegen das Ende des Jahres lag unſer Boot mit etlichen andern gerade dem Yard gegenüber, als uns der Befehl zukam, mit dem Kommandanten des Yard, Kapitän Chauncey, am Löſchungsplatze des Hafens zuſam⸗ menzutreffen. Hier hielt dieſer Offizier eine Anrede an uns, worin er uns kund that, daß er im Begriff ſtehe, nach dem Ontario⸗See abzureiſen und daſelbſt das Kommando zu übernehmen, und Freiwillige aufrief, die ſich ihm anſchlie⸗ ßen wollten. Dieß war eine angenehme Nachricht für uns, denn wir waren des Lebens auf den Kanonenbooten herzlich überdrüſſig, und wären überall hingegangen, um nur von ihnen loszukommen. Sämmtliche Matroſen und Schiffs⸗ jungen meldeten ſich als Freiwillige; wir bekamen ein paar Edward Myers. 6 74 Dollars Handgeld und vierundzwanzig Stunden Urlaub, und kehrten ſämmtlich, als der letztere vorüber war, zurück und wurden an Bord einer Sloop nach Albany eingeſchifft. Unſere Mannſchaft belief ſich auf nahezu hundert und vier⸗ zig Köpfe, und ſtand unter dem Befehl eines gewiſſen Herrn Mirx, der damals nur Segelmeiſter war, vor einigen Jah⸗ ren aber als Kommodore(Befehlshaber eines Schiffsge⸗ ſchwaders) geſtorben iſt. Die Herren Osgood und Mallaby und zwei Midſhipmen, nämlich die Herren Sands und Li⸗ vingſton, befanden ſich ebenfalls als Ofſiziere bei dem Zug; der Erſtere der beiden letztgenannten iſt nun ebenfalls Com⸗ modore: was jedoch aus Herrn Livingſton geworden iſt, weiß ich nicht. Außerdem hatten wir noch zwei Unterſchif⸗ fer in den Herren Bogardus und Emory. Als wir Albany erreichten, ſtatteten wir dem Gou⸗ verneur einen Beſuch ab, brachten ihm drei fröhliche Hur⸗ rah's aus, die er uns ebenſo erwiederte, und wurden, jede Tiſchgenoſſenſchaft zuſammen, vor ſeiner Thüre auf Wägen untergebracht, um nun landeinwäͤrts gebracht zu werden. So traten wir unſere Landreiſe an, die uns vielen Spaß verurſachte. Unſere erſte Tagereiſe ging bis zu einem Orte, Namens Schenectady, woſelbſt die Ofſiziere ein lee⸗ res Haus vorfanden, in welchem ſie uns Alle ſammt und ſonders einſperrten und die Thüren abſchloſſen. Dies ent⸗ ſprach jedoch unſern Begriffen von einer Landreiſe durch⸗ aus nicht, und ein einſtimmiges Murren erhob ſich unter uns. Wir hatten einen ſtarrköpfigen, abgefeimten Burſchen unter uns, einen Unterbootsmann, Namens Mae Nally, der lange gedient hatte, und Einer der beſten Marinema⸗ troſen war; dieſer ſammelte ſich ihrer Vierundzwanzig unter uns, die er ſeine„Schüler“ nannte(und ich geſtehe be⸗ ſchämt ein, daß auch ich mich unter ihnen befand), rief „alle Hände auf's Oberverdeck,“ wie er es nannte, will ſagen: auf den Dachboden, und hielt hier eine Anrede an uns, worin er auseinanderſetzte: dies ſey keine Art, Freiwillige zu behandeln, und uns den Vorſchlag that, die„alte Baracke abzutakeln.“ Wir ſahen einen köſtlichen Spaß 10 1 0——————ꝛ,——,— ——O A S 7⁵ darin, ſtimmten einen luſtigen Matroſenſang an, und war⸗ fen die eine Hälfte des Dachs auf die Straße, die andere aber in den Garten hinunter, und brachten drei Hurrah's auf den glücklichen Erfolg aus. Die Offiziere kamen nun herunter und hielten uns eine tüchtige Strafpredigt; allein wir wußten ihnen die Sache ſo auseinander zu ſetzen, daß ſie uns bis zum Morgen die unbedingteſte Freiheit ließen, wo ſich denn Alle wieder hübſch ordentlich einfanden und nach dem Appell in die Wagen vertheilten. Auf dieſe Weiſe durchzogen wir das Land, machten unſere Späſſe, und trieben die luſtigen Poſſen den ganzen Weg entlang. Wir brauchten, glaube ich, zehn oder zwölf Tage bis Oswego; am Onondago⸗See wurden wir auf Booten ein⸗ geſchifft, was uns beſſer behagte, als die Wägen. In einem Dorfe am Seeufer waren die Leute ſehr ungehalten auf uns und wir bekamen Händel mit Einigen; es ver⸗ lautete, ſie ſeyen Schotten aus Kanada, doch ihre eigent⸗ liche Heimath konnten wir nicht in Erfahrung bringen; am Morgen höorten wir, daß die meiſten unſerer Offiziere im Gefängniſſe ſäßen, und alsbald machten wir uns auf, ſtürmten den Hügel hinan und drohten, Alles mit Feuer und Schwert zu vernichten und dem Erdboden gleich zu machen, wenn man unſere Offiziere nicht freigäbe. Nur das Hinzukommen des Herrn Mix und der anderen Herren verhütete ein Unglück, und wir ſetzten unſere Reiſe fort, ohne daß es zu Schlägen gekommen wäre. Leider überkam uns ein tüchtiger Regen, und wir mußten an einem Hauſe mitten im Walde anhalten, wo wir um ein Unterkommen nachſuchten; dies ward uns inzwi⸗ ſchen verweigert und uns der Rath gegeben, uns ſelbſt ein ſolches anderwärts zu ſuchen, was wir denn auch in einer großen Scheune thaten, wo wir uns bis zum Morgen ſo gut wie möglich zuſammenzwängten. In der Nacht nah⸗ men wir den Eigenthümer der Scheune gefangen, der mit einer Laterne gekommen war, um das Haus in Brand zu ſtecken, peitſchten ihn derb ab, und brachten ihn geknebelt . 6* 4 - 76 in eines unſerer Boote, damit der Regen allen und jeden Brennſtoff aus ihm auswaſche. In demſelben Tag erreichten wir noch die Oswego⸗ Fälle, wo ein Theil von uns ſtationirt wurde, um den Verkehr mittelſt der Boote herzuſtellen und für den Trans⸗ port der Vorräthe Sorge zu tragen. 1 Als wir Oswego erreicht hatten, wurde die ganze Mannſchaft aufgeboten, um einige Fahrzeuge, wie ſie auf dem See gebräuchlich find, abzutakeln und zu bemannen; man hatte dieſe— es waren Schooner— kurz zuvor ge⸗ kauft, und jeder von ihnen führte etwa ſechszig bis achtzig Tonnen. Unſer ganzes Geſchäft in Oswego beſtand darin, daß wir dieſe Schiffe, etwa ſechs oder acht im Ganzen, beluden und in die See ließen; ich ward einem der erſten davon,„die ſchöne Amerikanerin,“ zugetheilt, und gefiel mir ſehr an Bord derſelben. Da wir kein grobes Geſchütz hatten, ſegelten wir nur bei Nacht, um die engliſchen Kreuzer zu vermeiden, von welchen mehrere im See lagen. Als wir nicht weit von Sackett's Harbour auf einige Inſeln ſtießen, trafen wir mit der Launch leine Art Wachtſchiff, welche auf den nordamerikaniſchen Binnen⸗Seen gewöhnlich gebraucht werden)„der Oneida⸗See“ zuſammen, welche bei Nacht ſtets unter Segeln oder mit Rudern in offener „See auf die Lauer liegen mußte. Bill Swett diente auf ihr, und wir trafen uns hier zum erſtenmal auf ſüßem Waſſer. Ich erfuhr nun, daß Jack Mallet ebenfalls auf der Station ſich befand, mit welchem ich ſeit meiner Ent⸗ fernung von Wiseaſſet, alſo ſeit drei Jahren, nicht mehr zuſammengetroffen war. Vierzehn Tage ſpäter fand ich ihn bereits als Boots⸗ mann am Bord der„Julia,“ Segelmeiſter Trant, ein Fahrzeug, das ich mein Leben lang nicht zu vergeſſen Ur⸗ ſache habe.— Am Tag, als wir Sacketts Hafen erreichten, wurde ich an Bord des Schiffs„Scrouge“(die Peitſche) verſetzt; dies war ein Fahrzeug von engliſcher Bauart, und ſchon vor Beginn des Kriegs genommen und mit Be⸗ ſchlag belegt worden, weil es ſich eine Verletzung der Zoll⸗ 77 geſetze hatte zu Schulden kommen laſſen; ſein früherer Name war„Lord Nelſon“, Nro. 16 der Oneida⸗Flotte, und ſtand unter dem Befehl des Lieutenant⸗Kommodore Woolſey. Dieſes Fahrzeug war bisher der einzige Kreuzer geweſen, den wir auf der See hatten, und befand ſich in ſehr verwahrlostem Zuſtande; da jedoch die Zeit drängte, und von Fahrzeugen kein beſonderer Ueberfluß war, hatte man es zum Dienſt zugezogen, mit Schanzverkleidungen ver⸗ ſehen, und es auf ſeinen Langſeiten mit acht Sechspfün⸗ dern montirt. Seine Bauart und Eintheilung waren gleich ſchlecht, und namentlich die erſte ſo zarter Natur, daß bei ſtarkem Winde mit der„Peitſche“ gar nichts zu begin⸗ nen war, und mehr als einmal unter uns die Muth⸗ maßung ausgeſprochen wurde, das Fahrzeug werde über kurz oder lang noch unſer Aller Sarg werden. Außer Herrn Osgood, dem man das Kommando dieſes Schiffes übertragen hatte, hatten wir noch die Herren Bogardus und Livingston als Offiziere an Bord; unſere ganze Mann⸗ ſchaft mochte zuſammen etwa fünfundvierzig Köpfe betra⸗ gen, doch liefen wir bei dieſer Jahreszeit noch nicht mit unſerem Schooner aus. Da der Kommodore bald anlangen ſollte und eine Erpedition nach Kingston im Werke war, ſo meldeten ſich etliche von uns an Bord der„Peitſche“ als Freiwillige auf die Oneida⸗Launch, damit wir an der Unternehmung Antheil nehmen könnten; dies geſchah im November, was freilich eine ſpäte Jahreszeit für den aktiven Dienſt auf dieſen Seen iſt. Die Brigg lief aus in Begleitung eines ganzen Geſchwaders, das aus dem„Conqueſt,“„Hamilton“,„Go⸗ vernor Tompkins,“„Julia“„und Growler“(Brumm⸗ bart), lauter Schoonern, beſtand; ſämmtliche letztge⸗ nannten Fahrzeuge waren Kauffahrteiſchiffe, meiſt ohne Schanzen, die kaum zu dem Zwecke, wozu ſie beſtimmt waren, ſich eigneten. Das Oneida⸗Wachtſchiff war eine kleine huͤbſche Brigg, welche ſechszehn Vierundzwanzig⸗ pfünder Caronnaden führte, jedoch ſo ſchwerfällig ging, als nur immer irgend ein Transportſchiff; man hatte es 78 neu erbaut, um es als Machtſchiff vor die amerikaniſchen Häfen zu legen, und es war ſomit auch durchaus nicht im Stande, windwärts zu halten. Wir liefen an den Falſe⸗Ducks hinauf, und ſtießen auf den„Royal⸗George,“ ein Fahrzeug, das die Eng⸗ länder ein paar Jahre früher ausdrücklich in der Abſicht gebaut hatten, damit unſerem Handel auf dem See ein Ziel zu ſetzen, und das groß genug geweſen wäre, uns alle aufzueſſen; ſeine Offiziere gehörten indeſſen nicht zur königlichen Marine und der Anblick unſerer Schooner im⸗ ponirte ihnen ſo ſehr, daß ſie, obwohl ſie mehrere Schiffe bei ſich hatten, doch keine Luſt zu haben ſchienen, auf uns zu warten. Wir verfolgten ſie in die Bay von Quinté, und verloren ſie hier in der Dunkelheit, ſahen ſie jedoch am andern Morgen in dem Kanal vor Anker liegen, der nach Kingſton hinaufführt. Nun ward von allen Seiten her Jagd auf die feindlichen Fahrzeuge gemacht, wir lie⸗ fen in die Bay ein, und eröffneten ein nachdrückliches Feuer auf die Schiffe ſowohl als die Batterien am Ufer. Das Feuern ward von beiden Seiten lebhaft und lange unterhalten, und machte mir beſonders viele Freude; ich war nämlich als zweiter Kapitän zur Bedienung einer Kanone beordert, und für meinen Theil viel zu ſehr be⸗ ſchäftigt, um auf unſere Umgebung ein genaues Augen⸗ merk zu haben, ſo viel aber weiß ich, daß wir unſerem Geſchütz unaufhörlich zuſprachen, und tüchtig auf die Eng⸗ länder einpfefferten. Wir vertrieben den„Royal⸗George“ zum Zweitenmal von einem Ankerplatz, welchen er gerade der Stadt gegenüber eingenommen hatte, und es hieß ſo⸗ gar einmal, ſeine ganze Mannſchaft ſey davon deſertirt; wir feuerten nun mit Kugeln aus unſerer Kanone, und thaten unſer Möglichſtes, um recht gut zu zielen; nur wenn wir an's Ufer zielten, ſetzten wir gelegentlich noch eine Kartätſchenbüchſe auf die Kugel. Ueber den Umfang des Schadens, den wir dem Feinde gethan hatten, iſt mir nichts Näheres bekannt worden, doch iſt es augenſcheinlich, daß wir Sieger waren, und ich denke, ————— 79 daß, wenn das Wetter uns nicht genöthigt hätte, uns wieder in die hohe See zurückzuziehen, unſer Handſtreich auf Kings⸗ ton und die feindlichen Fahrzeuge wohl den glücklichſten Er⸗ folg gehabt haben würde, ſo aber fuhren wir mit fliegenden Fahnen davon und legten unweit der Mündung des Kanals vor Anker.— Es war das erſtemal geweſen, daß ich einem ern⸗ ſten Feuer mit Kugeln angewohnt hatte; wir verloren einen Mann und hatten drei Verwundete an Bord der Brigg, die oben im Tauwerk ſelbſt Schaden gelitten hatte. Eine Kugel ſchlug nicht weit von meiner Kanone in Bord ein, überſchüttete uns mit Holzſplittern, und blieb endlich in den Hängematten ſtecken; dieß war jedoch auch die dro⸗ hendſte Gefahr, der wir damals ausgeſetzt waren, und wir kamen meines Bedünkens nachziemlich wohlfeilen Kaufs davon. Als wir in den Hafen zurückkehrten, verließen die zehn Mann von der„Peitſche“, welche die Fahrt als Freiwillige mitge⸗ macht hatten, das Wachtſchiff und kehrten wieder an Bord unſeres Schooners zurück. Keiner von uns wurde verletzt, obwohl wir alle halb erfroren waren, da das Waſſer ſich alsbald in Eis verwandelte, ſobald es irgendwo niederfiel. Bald darauf bezogen wir von beiden Seiten die Winter⸗ Quartiere, und begannen zu bauen; wir ließen damals ein Schiff, der„Madiſon“ genannt, vom Stapel, und legten den Kiel zu einem andern, welches man den„Hecht“ taufte. Was von engliſcher Seite her geſchah, kann ich nicht ſagen, obwohl es im nächſten Frühjahr klar an den Tag kam, daß auch ſie nicht müßig geweſen waren; die Schifffahrt war nicht gäͤnzlich aufgehoben, ſondern trotzdem noch bis zum Dezember fortgeſetzt. Unſere Schiffe wurden um den Hafen her vor Anker gelegt und verteut, wo ſie, wie zu erwarten ſteht, einfroren; inzwiſchen ward rund um jedes Fahrzeug her das Eis beſtändig aufgehauen, um eine Art Graben zu bilden, welcher verhindern ſollte, daß man vom Eiſe her an Bord des Schiffes gelangte. Auch wurden die Mann⸗ ſchaften in Wachten abgetheilt, welche bei Nacht den Dienſt auf dem„Madiſon“ thaten, und bei Tag in Ablöſungen die Auftakelung dieſes Fahrzeugs, ſo wie die des„Hechts“ * 8⁰ vornahmen. Unſere Backbord⸗Kanonen wurden ans Land gebracht und in einem Blockhaus aufgeſtellt, die des Steuer⸗ bords jedoch auf dem Schiffe gelaffen, und ich bei einem der zurückbleibenden Geſchützſtucke als Kapitän angeſtellt. Der Winter hielt mehr als vier Monate an, und ward von uns wohl genützt; wir holten oft Nutz⸗ und Bauholz aus den Waͤldern, und brachten gelegentlich Wildpret mit nach Hauſe. Auf dem See hatte man ebenfalls Scheiben aufgeſtellt, nach welchen wir ſchoßen, um uns in der Be⸗ dienung der Geſchütze noch mehr zu vervollkommnen; hie und da brachte uns der Feind durch einen blinden Lärmen auf die Beine; allein ich wüßte nicht, daß er je einen ernſt⸗ lichen Verſuch gemacht hätte, uns zu beläſtigen. Um die Mitte April etwa ward der See wieder zur Schiffahrt offen, und am neunundzwanzigſten begannen die Soldaten, tauſendundſiebenhundert Mann ſtark, ſich wieder einzuſchiffen; an Bord der„Peitſche“ wurde eine Kompag⸗ nie untergebracht, die unſer Fahrzeug ſo ſehr überfüllte, daß kein Apfel zur Erde fallen konnte. Als bald dar⸗ auf Unwetter eintrat, nöthigte uns die Ueberfüllung des Fahrzeugs, dieſe armen Teufel in Regen und Sturm faſt Tag und Nacht auf dem Verdeck unterzubringen, wo ſie halb erfroren. Am fünfundzwanzigſten liefen wir endlich aus und bildeten zuſammen eine ziemlich anſehnliche Streitmacht, obwohl es auf unſerem kleinen Fahrzeug nicht viel zu thun gab. Das Geſchwader der Erpedition beſtand in einem Dreimaſter, einer Brigg und zwölf Schoonern, im Ganzen alſo in vierzehn Segeln, und wir legten uns, da der Wind friſch war, ſchon am andern Morgen Little⸗York gegen⸗ über, etwa eine Meile von der Bucht entferni, vor Anker. Ich erbot mich freiwillig zur Bemannung eines der Boote, welche die Soldaten landeten: jedes unſerer Fahrzeuge hatte nämlich zwei dieſer Boote im Schlepptau über den See ge⸗ bracht, und nur unſer Schooner hatte eines der Seinigen verloren, das bei einer ſtarken Briſe ſich an Bord unſeres Schiffes zerſchellt hatte. Ich beſtieg das übriggebliebene, welches nun die Hälfte unſerer Soldaten aufnahm, mit denen 81 wir an's Land ruderten. Die Landung der Boote ging ſo ziemlich ohne alle Ordnung vor ſich, da jedes Boot ſich aus allen Kräften beeilte; die Engländer hatten ſich in einem Gehölz in Hinterhalt gelegt, und feuerten tüchtig auf uns, während unſere Leute von den Booten aus ihr Feuer er⸗ widerten. Die Soldaten machten einen ſehr unangenehmen Eindruck auf mich; ſie waren meiſt große, übelausſehende Dan⸗ kees, denen Krankheit und ſchlechtes Wetter ſo ſehr zuge⸗ ſetzt hatten, daß die Hälfte von ihnen nicht einmal ihren Grog zu ſich nehmen konnte, was nach meinen damaligen Begriffen ein ſchlechtes Zeichen war. Sobald ſie indeß in die Nähe des Feindes kamen, thauten ſie wieder auf, wieſen einander an, wohin ſie zielen ſollten, und manche von ihnen wurden ſo lebhaft, daß ſie alles Ernſtes ins Waſſer ſpran⸗ gen, um nur deſto früher an's Ufer zu kommen. Das war in der That ein tapferes Benehmen, denn ich muß geſtehen, daß mir die Sache gar nicht gefiel; es iſt kein Spaß für einen Mann, unter heftigem Feuer ants Land zu rudern, dem Feinde dabei den Rücken zu kehren und genöthigt zu ſeyn, ſich einzig nur mit ſeinem Ruder die Zeit zu vertrei⸗ ben. Die Kugeln pfiffen uns dicht um die Ohren, und zwei unſerer Ruder wurden davon zerſplittert; doch war es glücklicher Weiſe nur Kleingewehrfeuer, da man ſich an dieſem Orte des groben Geſchützes nicht bedienen konnte⸗ Ich landete zweimal auf dieſe Weiſe, allein nur die erſte Ueberfahrt war mit wirklicher Gefahr verbunden; am Ufer entſpann ſich alsbald ein Plänklerfeuer, das uns inzwiſchen keinerlei Beſchwerde machte. HerrLivingston befehligte beide⸗ male unſer Boot.— Als wir zum Schooner zurückkehrten, hatte er eben die Anker gelichtet, weil man etlichen der klei⸗ neren Fahrzeuge den Befehl ertheilt hatte, die Bucht hin⸗ aufzuſahren, um ihr Feuer auf die Batterieen in der Nähe der Stadt zu eröffnen. Unſer Fahrzeug bildete das dritte im Vordertreffen, und wir legten uns in Kartätſchenſchuß⸗ NM 7 41 gte... Weite vom Ufer vor Anker; während wir hier lagen, hörten wir ein Pulvermagazin auffliegen, und begrüßten dieſen Er⸗ folg mit drei froͤhlichen Hurrahs. Nun hatten wir einen 8² harten Stand gegen die Batterieen, da von⸗ beiden Seiten her ein lebhaftes wohlgezieltes Feuer unterhalten wurde. Der Schooner unmittelbar vor uns erlitt einigen Schaden, und mußte ſich ſeewärts von uns vor Anker legen; der vorderſte aber hielt wacker aus, und mitten im Kampfe hörten wir auf einmal die ganze Linie hinunter lautes Hur⸗ rahrufen, und ſahen den Kommodore in ſeinem Gig zu uns heran rudern; als er zu uns an Bord kam, begrüßten wir ihn ebenfalls mit drei Hurrahs. Während er auf dem DQuarterdeck ſtund, ſchlug eine glühende Kugel in den Obertheil der hintern Stückpforte, ſchlug alle Enterpicken vom Giekbaum hinweg in die See hinaus, und verwundete einen Mann, Namens Lemuel Bryant, der von ſeinem Po⸗ ſten herunter ſprang, und mir zu Füßen ſtürzte. Seine Kleider brannten bereits, als er neben mir hinfiel, und der Kommodore gab mir, als ich ſie ausgelöſcht hatte, ſelbſt den Befehl, den armen Burſchen hinunter zu ſchaffen. Der würdige Veteran hielt eine ermuthigende Anrede an uns und gleich darauf begab ſich ein Vorfall, der ſeine Aufmerkſamkeit auf die Bedienungs⸗Mannſchaft meines Geſchützes lenkte; zwei der Laffettenräder nämlich an un⸗ ſerem Geſchütz waren durch Kugeln zertrümmert worden, und ich gerieth auf den Einfall, die Kanone des gegenüber⸗ liegenden Bords an die Stelle der demontirten aufzufahren. Meine Mannſchaft beſtund aus fünf Negern, lauter vier⸗ ſchrötigen Burſchen, die ſo ſtark waren wie die Eſel; unſer Geſchütz aber hieß„Black Jocke“(ſchwarzer Spaß). Mit dieſen Burſchen nun ſchaffte ich das demontirte Geſchütz aus dem Wege, führte die Burſche über das Deck hinweg, ließ die Anhalttaue und Stücktaljen des gegenüber liegenden Ge⸗ ſchützes los machen, zog daſſelbe über das Verdeck hinweg, und ſiellte es in der leerſtehenden Stückpforte auf. Der Kommodore rühmte uns und rief fröhlich:„Recht ſo, meine Jungen! Das iſt wohl gethan! Nun fröhlich darauf los!“ — Nicht drei Minuten mochten vergangen ſeyn, ſo ließen wir ſchon das friſche Geſchütz auf den Feind ſpielen. Der würdige Veteran lief ſo kaltblütig im Feuer um⸗ 7 ——— ,——,—,—,—-—,—— ——-—“———,—— ten de. en, der pfe ur⸗ ins ten em den ken dete Po⸗ eine und tte, fen. an eine ines un⸗ den, ber⸗ ren. ier⸗ nſer Mit aus ließ Ge⸗ weg, Der neine os!“ eßen um⸗ 8³ her) als ob's nur ein Gefecht mit Schneeballen wäre, ob⸗ wohl mancher tüchtige Junge an dieſem Tage für immer ſeinen Platz an unſerem Tiſche verlor. Als er uns wieder verließ, brachten wir ihm abermals drei Hurrah's aus. Er mochte uns noch nicht lange verlaſſen haben, als wir eine fürchterliche Exploſion an der Küſte hörten, und Steine ſo groß wie meine beiden Fäuſte auf unſern Bord nieder⸗ ſtürzten, ohne indeß Jemanden zu verletzen. Wir brachen wieder in einſtimmigen Freudenruf aus, weil wir vermuthe⸗ ten, daß den Feind irgend ein bedenklicher Unfall betroffen habe; bald nach dieſer Exploſion hörte das Feuern auf, und nur noch ein einziges Stück Geſchütz, das hinter einem Erd⸗ walle lag, fuhr noch eine Zeit lang fort zu ſpielen. Fünftes Kapitel. Wir erfuhren die Urſache der letzten Exploſion erſt, als das Feuern aufgehort hatte. Ich hatte eine fürchterliche ſchwarze Rauchwolke wahrgenommen, und Gegenſtände in der Luft fliegen ſehen, die ich für Menſchen hielt, allein wir hatten keine Ahnung davon, daß uns die Exploſion ſo theuer zu ſtehen kommen ſollte. Unſer Schooner lag unweit des gewöhnlichen Landungsplatzes und wir hatten uns ſobald davon nicht überzeugt, daß der Sieg des Tages unſer war, als Herr Osgood die Bemannung ſeines Bootes zuſammen⸗ berief, und an's Land ſetzte; da ich zum Boot gehörte, hatte ich ſomit Gelegenheit, das Land recht frühe zu betreten. Wir fanden den Ort menſchenleer, und mit Ausnahme unſerer eigenen Leute nur ein einziges lebendiges Weſen darin; dies war nämlich ein altes Weib, das ſich im Regierungs⸗ Palaſte in einem Kartoffelſchrank verſteckt hatte, und von mir entdeckt worden war. Wir fanden die Tiſche gedeckt, und ſchon Eier in den Bechern, allein weit und breit keine Einwohner; unſere Verhaltungsmaßregeln waren äußerſt ſtreng, beſonders war uns Plünderung bei ſchwerer Strafe verboten, und wir berührten auch in der That nicht einmal 8⁴ einen Biſſen der Speiſen; das Getränke aber, das allem aufgeſtellt und zu ſinden war, wirkte allzu verführeriſch auf unſere armen Naturen, und ein Theil von unſerer Mann⸗ ſchaft, welche in einen Spezerei⸗Laden eingebrochen war, hatte bereits eine Breſche auf verſchiedenes Getränke ge⸗ offnet, als etliche Offiziere herein kamen und die Fäſſer wieder verſpundeten. Ich gab Ferſengeld und ließ meine Kameraden im Stich. Das Landheer hatte ſich zur Ver⸗ folgung des Feindes aufgemacht, und nur ein paar Scharf⸗ ſchützen, deren Reihen ſich jetzt aufgelöst hatten, waren in die Stadt gekommen. Ich muß mich ſchämen und thue es auch in der That, wenn ich an die Vorfälle jener Nacht denke, allein ich will ſie lieber noch erzählen, weil ich mich noch mehr darüber ſchämen müßte, wenn ich ſie verhehlen wollte. Wir hatten den ganzen Tag der Flaſche tüchtig zugeſprochen, und der Ausflug, welchen ich in den Keller jenes Spe⸗ zereihändlers gethan hatte, genügte, um mich in jene Stim⸗ mung von Muthwillen zu verſetzen, welche den Menſchen gewoͤhnlich zu jeder Unthat reif macht. Als wir wieder an Bord des Schooners kamen, fanden wir, daß ein Canot den Klüſen gegenüber angetrieben und hier befeſtigt wor⸗ den war, die Mannſchaft meiner Kanone, die ſchwarzen Spaßvögel, zeigten große Luſt, ein paar luſtige Streiche am Lande zu verüben, und machten mir den Vorſchlag, eine Kreuzfahrt an die Küſte zu unternehmen; da wir nur we⸗ nige Offiziere an Bord hatten, gab uns der Hochbootsmann, der eigentlich nur Unterbootsmann war, gerne Erlaubniß und Urlaub für die Nacht. So ruderten wir denn alle in dieſem Canot ans Ufer, und legten bald an einem der Lö⸗ ſchungsplätze an. Als wir das Land betraten, ſahen wir ein großes Magazin in der Nähe, gingen darauf zu und erblickten durch ein Fenſter einen Mann in demſelben, der im Stuhle ſitzend ſchlief und ein Gewehr im Arme hielt; ſein Kopf lag auf dem Ladentiſche, auf welchem hart neben ihm eine Lampe brannte. Einer der Neger ſprang durchs Fenſter und machte ſich augenblicklich über ihn her, wir 8³⁵ Uebrigen folgten und nahmen ihn gefangen. Der arme Burſche behauptete, nur hieher gekommen zu ſeyn, um nach ſeinem Eigenthum zu ſehen, weil man ihm geſagt habe, daß ihm kein Leid geſchehen würde. Meine Schwarzen be⸗ gannen ſich nun ein wenig umzuſehen und ſich ſelbſt ver⸗ ſchiedene Gegenſtände anzueignen, die ihnen gerade wohl an⸗ ſtanden; ich muß leider eingeſtehen, daß ich mich auch mit etwas Thee und Zucker verſah, und will nicht läugnen, daß ich in meinem damaligen Zuſtande das Ganze nur für einen luſtigen Streich hielt. Wir ſchafften an Bord, was unſer Canot nur immer zu faſſen vermochte, und kehrten ſogar zum zweitenmal ans Land zurück; wie ſich leicht denken läßt, konnte eine ſolche Unternehmung nicht vor ſich gehen, ohne daß ſich Alle bei der Unternehmung betheilig⸗ ten, und für die ganze Mannſchaft unſeres Schooners reichte natürlich eine Bootsladung nicht hin. Zudem begannen unſere Schwarzen ſich jetzt zu betrinken, und ich war noch ſo weit nüchtern, daß ich die Folgen davon ahnen konnte, wenn ich ſie noch länger am Ufer ließ; da nach und nach überdies auch einige der Scharfſchützen in die Stadt zurück⸗ kehrten, gelang es mir endlich, die ſchwarzen Spaßvögel zur Rückkehr an Bord zu bewegen. 3 Aus unſerem Betragen bei dieſer Gelegenheit iſt wohl die Sorgloſigkeit und der Leichtſinn der Matroſen am Beſten zu beurtheilen; unſere ganze Beute von dieſer Plünderung belief ſich auf acht oder zehn Gallonen Gerſtenbranntwein, als wir in den Hafen einliefen, und dies alles nur unter der Gefahr, daß wir durch die ganze Flotte gepeitſcht wür⸗ den! Wir befanden uns freilich in peinlicher Verlegenheit, waren von Allem entblößt, und dies ſchien uns hinrei⸗ chende Entſchuldigung dafür, daß wir unſere Verhaltungs⸗ maßregeln umgingen und uns ein Verbrechen zu Schulden kommen ließen. Mich ſelbſt beſtimmte mehr eine frevle Vorliebe für tolle Streiche, und ein thörichtes Gelüſte, mir dadurch einen gewiſſen Namen zu machen, zur Theilnahme an der ganzen Unternehmung, als irgend eine gewinnſüchtige Abſicht. Trotz der gemeſſenſten Befehle und mehrfacher kör⸗ 3 d 86 perlicher Züchtigungen, die der Kommodore als Warnungs⸗ beiſpiele vornehmen ließ, waren meine ſchwarzen Spaßvö⸗ gel doch nicht die Einzigen, welche in jener Nacht plünder⸗ ten oder ſich ſonſtige Vergehen am Land zu Schuld kommen ließen; ein Unterſchiffer wurde degradirt, weil er ein Feder⸗ bett geſtohlen hatte und mußte es überdieß noch an den Ort zurücktragen, von wo er es geholt; ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß er kein Unterſchiffer von der Marine war, ſondern nur während dieſes Kreuzzugs dieſen Rang begleitete. So lang das Geſchwader im Hafen blieb, beſuchte ich jeden Tag die Stadt; unſer Schooner wechſelte nie den Ankerplatz, den er ſchon im Gefecht eingenommen hatte, und da dieſer ſehr weit oben in der Bucht lag, waren wir der Küſte immer nahe. Ich ſtattete auch dem Geſchütz einen Beſuch ab, das ſo viel Schaden gethan und ſo lange Wi⸗ derſtand geleiſtet hatte, und ebenſowenig von uns hatte zum Schweigen gebracht werden können, weil es in der Nähe des Landungsplatzes hinter einem Erdwall ſicher gedeckt lag; es war ein langer⸗ franzöſiſcher Achtzehnpfünder und that an jenem⸗Tage beſſere Dienſte, als irdend ein anderes der engliſchen Geſchütze, ja ich bin ſogar der Meinung, daß es auch uns mehrmals ins Holz traf. Ich beſuchte auch die Stelle, wo die Exploſion ſtatt⸗ gefunden hatte, welche ein entſetzliches Schauſpiel gewährte. Die Todten, die umherlagen, waren ſo verſtümmelt, daß man ſie kaum erkennen oder ihre Farbe beſtimmen konnte, und gar manchen Flintenlauf ſah ich von der Gewalt des Feuers faſt bogenförmig zuſammengedrückt und breitge⸗ quetſcht. Mir iſt, als hätte ich Sir Roger Sheafe, den engliſchen General, kurz vor der Exploſion über dieſe Stelle hingaloppiren ſehen; jedenfalls war es ein Offizier zu Pferde geweſen, und wir hatten auf ihn gefeuert. Er galoppirte zum Regierungspalaſt hinan, ſtieg ab, trat hinein und warf ſich hernach, als er eine kleine Weile drinnen geblieben war, wieder zu. Pferde, um aus der Stadt zu galoppiren. Dies Alles hatte ich ſelbſt geſehen, und ſpäter von dem Weibe im Regierungsgebäude, welches ich in ihrem Kartoffelſchrank ——S,,——— 87 verſteckt gefunden, auch erfahren, daß der General kurz vor unſerer Landän mn Hauſe geweſen ſey. Ihre Schilderung ſtimmte ganz mit dem Aeußeren des Offiziers überein, den ich geſehen hatte, obwohl ich keineswegs mit unumſtößlicher Ueberzeugung behaupten will, daß es gewiß der General Sheafe geweſen ſey. Hier muß ich noch der liebevollen Fürſorge gedenken, mit welcher ſich unſer würdiger Kommodore der Armen von York annahm; da nämlich die meiſten der Einwohner am andern Tage wieder nach Hauſe zurückkehrten, begann es den Armen bald an Nahrungsmitteln zu fehlen. Nun er⸗ hielten wir vom Kommodore den Befehl, Fäſſer mit Pöckel⸗ und anderem Salzfleiſch und mit Brod aus den Regie⸗ rungs⸗Vorräthen, welche in unſere Hände gefallen waren, ihnen vor die Häuſer zu ſchaffen. Die Maſſe der Vorräthe, welche wir vorfanden und zum Theil mit hinwegführten, war ſehr bedeutend. Vieles Geſchütz wurde von uns ver⸗ nagelt im See verſenkt und die Pulvervorräthe hatten uns bereits ſelbſt die Mühe der Aufbewahrung und Zerſtörung erſpart. Unter andern Sachen, die uns in die Hände fielen, befand ſich auch der Leichnam jenes engliſchen Offiziers— des General Brock, wie man behauptete,— der in Rum aufbewahrt war. Ich war Augenzeuge, wie man das Faß aus dem„Herzog von Glouceſter“ der Kriegs⸗Brigg, die wir in Sacketts⸗Harbour gefangen genommen hatten, aus⸗ lud, und den Leichnam in ein friſches Faß legte, und muß mit Beſchämung eingeſtehen, daß einige unſerer Leute nicht übel Luſt zeigten, den Rum zu trinken, worin der Leich⸗ nam gelegen hatte. Wir ſteckten eine große Korvette in Brand, die nahezu vom Stapel gelaſſen werden konnte, und fügten dem Feinde noch anderweitig mancherlei Schaden zu. Die allmählig zurückkehrenden Einwohner bezeugten ſich ſehr unterwürfig und dankbar für das, was der Kommodore an ihnen that. Den Mann aus dem beſagten Magazin ſah ich nicht wie⸗ der ſeit der Nacht, wo wir ihn geplündert hatten, und der ganze Diebſtahl kam glücklicherweiſe niemals zur Sprache. . 2 7 88 Der Angriff auf York hatte uns beinahe dreihundert Mann gekoſtet, wenn wir die Verwundeten mit einrechne⸗ ten, und unſere Streitkräfte befanden ſich, da nun ein gro⸗ ßer Theil der jungen Mannſchaft in Folge der Strapazen dieſes Feldzugs erkrankt war, um ein Bedeutendes reducirt. Am erſten Mai nahmen wir die Truppen wieder an Bord, konnten aber wegen anhaltenden konträren Windes erſt am achten unter Segel gehen, was den Zuſtand unſerer Mann⸗ ſchaft noch um Vieles verſchlimmerte. Nun gingen wir wieder unter Segel, fuhren über den See und landeten die Soldaten ein paar Meilen öſtlich von dem Fort Niagara. Unſer Schooner lief nun in Sacketts⸗Harbour ein, wohin ſich auch der Kommodore begab, obwohl noch einige Fahrzeuge in der Nähe der Spitze des Sees ſtationirt blieben; im Hafen bekamen wir eine andere Abtheilung von Soldaten an Bord, nahmen zwei größere Flachboote ins Schlepptau und ſegelten wieder nach dem Kriegsſchauplatze hin. Hin⸗ und Herfahrt gingen glücklich von Statten und wurden binnen weniger Tage zurückgelegt. Während wir im Hafen vor Anker lagen, bekam ich eine Botſchaft von Bill Swett, der mich dringend um einen Beſuch bat, allein der gute Junge ſtarb, ohne daß es mir möglich geweſen wäre, ihn zu ſehen; ſo viel ich hörte, war er vor York verwundet worden, allein ich habe nie etwas Gewiſſes darüber erfah⸗ ren können. Am ſiebenundzwanzigſten Mai ſchiffte ſich das Land⸗ heer wieder in die Flachboote ein, theilte ſich in zwei Di⸗ viſtonen, und ſteuerte der Mündung des Niagarg zu. Am Morgen herrſchte ein dichter Nebel bei friſchem Winde: die Schiffe gingen unter Segel und leiſteten den Booten Ge⸗ ſellſchaft, indem ſie die Flanke nach der See hin deckten. Die Schooner lagen landeinwärts, und Einige von ihnen ſchoſſen auf das Fort George, während andere ſich längs der Küſte hin vertheilten, und dieſes unterwegs mit Traubenſchuſſen und Kartätſchen beſchoſſen. Die„Peitſche legte ſich in ge⸗ ringer Entfernung von der zum Landungsplatze beſtimmten 8 Stelle vor Anker, und richtete ihre Langſeite dem Ufer zu 8 89 wir unterhielten nun ein anhaltendes Feuer mit Trauben⸗ ſchüſſen und Kartätſchen, bis die Boote das Ufer erreicht und unſere Truppen mit dem Feind zu plänkeln begonnen hatten, worauf wir mit Kugeln über unſere Leute hinweg nach den Engländern ſchoſſen. Sobald Oberſt Scott ge⸗ landet war, richteten wir unſere Langſeite auf eine Batterie von zwei Kanonen am Ufer, die ſeither lebhaft auf uns gefeuert hatte, und brachten ſie bald durch unſere Kugeln in's Schweigen. Dieſes Gefecht war für unſer Fahrzeug nicht halb ſo ernſt wie das von York, obwohl ich hinter⸗ her erfuhr, daß die dem Ufer näher gelegenen Schiffe einen härteren Stand hatten, als wir; wir hatten nicht einmal einen Verwundeten, obwohl mehrere Kugeln ins Holz un⸗ ſeres Fahrzeugs ſchlugen. Das Tauwerk war zwar ein wenig zerſchoſſen, allein das war doch nur eine Kleinigkeit gegen das, was der alte Black⸗Joke vier Wochen früher ausgehalten hatte; das Gefecht an der Küſte war lebhaft, allein unſere Leute wurden bald des Feindes Meiſter, als ſie erſt feſten Fuß am Lande gefaßt hatten. Bald nachdem wir Anker geworfen hatten, ſtieg Herr Bogardus in den Marskorb empor, um den Feind am Ufer ein wenig zu recognosciren; erſt ſah er Niemanden, aber nach einer kleinen Weile rief er mir den Befehl zu, meine Kanone auf ein kleines Dickicht von Unterholz zu richten, das eine geneigte Fläche am Ufer überwucherte. Herr Osgood kam und richtete die Kanone, und ich feuerte ſie hernach ab; wir hatten inzwiſchen nach dem Blinken von Musketen geſpäht, welches das beſte Merkmal der An⸗ weſenheit von Soldaten war, und in dem Augenblick, wo wir unſere Ladung von Traubenſchüſſen und Kartätſchen in die Büſche ſandten, glänzte und funkelte es daſelbſt, als oh tauſend Musketen dort wären. Wir ſchickten nun den Burſchen die übrigen Schüſſe unſerer Langſeite zu, pfefferten tüchtig in das Gehölz und fügten dem daſelbſt aufgeſtellten Feinde vielen Schaden zu. Der Wind blies tüchtig auf's Ufer zu, und e immer Edward Myers. 90 heftiger, ſo daß der Kommodore nun durch Signale den Befehl für die Boote gab, zu landen und die Flachboote zu unterſtützen, die ſonſt in der Bucht auf die Küſte ge⸗ worfen worden wären, und ließ nachher auch der Mann⸗ ſchaft den Befehl zukommen, ſich in die Boote zu werfen, um den Verwundeten zu Hülfe zu eilen. Natürlich wurde auch mein Boot dazu auserſehen, und der Befehl darüber Herrn Bogardus übertragen: wir verließen den Schooner gerade ſo, wie wir von den Kanonen wegkamen, nämlich in Hemd und Beinkleidern und von Pulver geſchwärzt; doch brauchten wir zuvor noch die Vorſicht, unſere Entergürtel anzulegen, und ein paar Piſtolen und einen Hirſchfänger mitzunehmen. Beim Landen zogen wir erſt unſere Boote an's Ufer, nahmen alsdann einige Todte und Verwundete heraus, und legten ſie an den Strand. Wir erhielten hierauf den Beſehl, uns in kleine Grup⸗ pen von je drei Mann zu ordnen und über das Schlacht⸗ feld hin zu vertheilen, um die Verwundeten aufzuleſen, und nach einem großen Gebäude zu bringen, das zum Hoſpital auserſehen worden war. Die Abtheilung, zu⸗ welcher ich mich ſchlug, beſtand aus Bill Southard, Si⸗ meon Grant und mir, da wir Tiſchgenoſſen waren; der erſte Mann, auf den wir ſtießen, war ein junger engliſcher Soldat, der unweit des Waſſers zuſammengekauert am Strande ſaß; er war ſchwer verwundet, ſtützte den Kopf auf beide Hände, und bat flehentlich um etwas Waſſer; ich nahm nun ſeine Mütze an den See hinunter, füllte ſie, gab ihm zu trinken, und wuſch ihm hernach auch ſein Geſicht. Dies brachte ihn wieder zu ſich, und er bot uns ſeine Feldflaſche an, welche etwas trefflichen Ja⸗ maika⸗Rum enthielt; für uns arme Burſche, die nichts Beſſeres kannten, als Gerſtenbranntwein, war dies ein ſel⸗ tener Fund, und wir leerten den Reſt ſeiner Flaſche Schluck um Schluck. Nachdem wir den Rum ausgézapft hatten, trugen wir den armen Teufel nach den Gebäuden, und überantworteten ihn den Aerzten, die— Engländer wie den vote ge⸗* ann⸗ rfen,“ urde über oner nlich, doch ürtel nger Zoote ndete atten, und wie — 91 Amerikaner— alle Hände voll zu thun hatten, weil das ganze Haus ſchon mit Verwundeten überfüllt war. Als wir das Hoſpital verließen, kamen wir unter uns überein, uns je eine Feldflaſche aufzuſuchen, und ſie mit Jamaika⸗Rum zu füllen, wozu die Maſſe der todten Eng⸗ länder auf dem Wahlplatze Gelegenheit genug bot. Unſere Feldflaſchen mochten etwa zum dritten Theile gefüllt ſeyn, als wir auf einen jungen amerikaniſchen Scharfſchützen ſtießen, der halbtodt unter einem Apfelbaum lag, und ſehr gefährlich am Kopfe verwundet war. Der Zuſtand dieſes jungen Mannes rührte uns alle Drei tief, und noch jetzt erinnere ich mich genau, daß er einer der hübſcheſten Män⸗ ner war, die ich je geſehen; ſeine Wunde blutete nicht, obwohl ich der Anſicht war, ſein Gehirn fließe aus, und ich fühlte ſo viel Theilnahme für ihn, daß ich ſeine Wunde mit Rum wuſch. Ich fürchte faſt, daß ihm dies nicht wohl bekam, allein es war von meiner Seite ſehr gut gemeint; Bill Southard wollte einen Wundarzt herbeiholen, deren mehrere auf dem Wahlplatze herumliefen, allein der junge Mann beharrte darauf:„daß es nichts mehr helfe,“ und wiederholte mehrmals die Worte:„Vater und Mutter“ und„Vermont.“ Er nannte mir auch den Namen ſeiner Verwandten, allein der viele Rum hatte mir ſo ſehr zu⸗ geſetzt, daß ich ſie nicht zu behalten vermochte. Wir moch⸗ ten etwa eine halbe Stunde mit dem jungen Scharſſchützen verbracht, und ihm die beſtmöglichſte Pflege gewidmet haben, als er auf einmal ein paar Worte murmelte, mich ſo lieblich anlächelte, wie ich es nie zuvor von einem Mann geſehen, und alsdann kein Lebenszeichen mehr von ſich gab. Gleichwohl blieb ich bei ihm, bis Bill mit dem Doktor zurückkehrte, der den armen Burſchen oberflächlich betrach⸗ tete, für todt erklärte, und alsdann kaltblütig ſeines We⸗ ges weiter ging. Nicht weit davon befand ſich eine Brücke über eine Art von Moraſt, nach welcher wir eine Zeit lang gefeuert hatten; wir machten uns nun auf den Weg nach ihr, um — 7* 9² uns von dem Erfolg unſerer Bemühung zu überzeugen, fanden eine hübſche Anzahl von Todten, ſo wie mehrere Pferde in der Pfütze, allein nicht einen einzigen Verwun⸗ deten. Unterwegs hatten wir eifrig fortgefahren, unſere Feldflaſchen zu leeren, bis wir ſelbſt übervoll waren; auf dem Rückwege von der Brücke wandten wir uns einem Bächlein zu, wo wir uns etlichen Grog miſchen wollten, und hatten nun plötzlich die offene See im Geſicht. Wie erſchracken wir aber, als weit und breit kein Fahrzeug mehr zu ſehen war, und alle unſere Schiffe die Anker gelichtet und ſich davon gemacht hatten. Dieſe Entdeckung machte uns nicht wenig beſtürzt und unſchlüſſig über das, was wir weiter beginnen ſollten; doch beſchloſſen wir end⸗ lich, uns durch den Wald durchzuſchlagen und nach der Stadt zu begeben, da es ſchon ziemlich ſpät am Tage war; wir wußten nämlich, daß wir hier wenigſtens das Landheer finden, und auch über die Richtung, welche die Jlotte eingeſchlagen, Erkundigung einziehen konnten. Das Schlachtfeld war nun beinahe menſchenleer, wir aber— die Wahrheit zu geſtehen— alle drei wenigſtens zwei Kno⸗ ten im Wind, d. h. zu zwei Drittheilen betrunken; mir iſt noch alles lebhaft im Gedächtniß, denn mein Magen verſtattete nie, daß ich mich ſo thieriſch betrank, wie die Andern, und gab jedes Uebermaaß von Flüſſigkeit alsbald von ſich. Wie wir uns durch den Wald durcharbeiteten, der aus hohen Föhrenbäumen beſtand, ſtießen wir auf die Leiche eines Offiziers, der mit dem einen Bein unter dem Bauche ſeines ebenfalls todten Pferdes lag; ich ging auf die Leiche zu, und drehte ſie um, um eine Feldflaſche bei ihr zu finden, fand jedoch meine Erwartungennicht gerechtfertigt; nach ein paar plumpen Späſſen ſetzten wir unſeren Weg fort. Als wir dieſen Platz verließen, ſchritt ich den Uebri⸗ gen voran, bis wir in einem kleinen Dickicht weibliche Stimmen hörten; dies machte mich ein wenig betroffen, und ich erblickte, als ich mich näher umſah, ein weißes Frauenkleid, deſſen Eigenthümerin ſich augenſcheinlich Mühe gab, ſich vor uns zu verbergen. Ich ging ganz allein auf gen, rere un⸗ ſere auf nem ten, Wie eug nker ung das, nd⸗ der age das die Das no⸗ mir gen die ald der iche iche iche den, ein ri⸗ che en, Bes ihe auf 2 93³ ſie zu, und fand, ſtatt einer einzigen, ihrer zwei: eine Dame nämlich, wie ſich in ihrer Kleidung und Benehmen kund gab, und ein anderes Frauenzimmer, das ich für ihre Dienerin zu halten geneigt war; die erſtere war weiß, die andere aber in dunkeln Kattun gekleidet. Ihrem Aus⸗ ſehen nach waren beide noch nicht dreißig Jahre alt, und beſonders die Dame ausnehmend hübſch. Beide waren gewaltig erſchrocken und furchtſam, und als ich aufſte zukam, fragte mich die Dame, ob ich ihr etwas zu Leide thun wolle; dies verneinte ich natürlich und verſicherte ſie im Gegentheile, daß wir ſie gegen jede Unbill beſchützen wür⸗ den, falls ſie ſich uns anſchließen wolle. Dies ſchien ſie zu tröſten, und ſetzte ſie in den Stand, uns eine Schil⸗ derung von der vergeblichen Nachforſchung zu machen, die ſie auf dem ganzen Schlachtfelde angeſtellt hatte. Unſer Ausſehen— halb betrunken und von Pulverdampf ge⸗ ſchwärzt, wie wir waren— mochte in der That auch ganz geeignet ſeyn, ihr Befürchtungen einzuflößen; allein ich glaube kaum, daß einer von uns Dreien gezögert haben würde, ſich fuͤr eine arme Frau zu wehren, welche wir⸗ auf dieſe Weiſe weinend im offenen Felde fanden. Die Magd weinte ebenfalls. Simeon Grant und Southard Herlaubten ſich zwar anfangs etliche unziemliche Reden ge⸗ gen Beide, allein ich brachte ſie davon ab, indem ich ihnen den Kummer der Dame ſchilderte, und die Hoffnung aus⸗ ſprach, meine Kameraden würden ſich wohl geneigt finden laſſen, eine ſo arme und hülfloſe Frau zu beſchützen. Der Grund von dem unziemlichen Betragen der beiden Burſche war nur der, daß ſie geglaubt hatten, mit ein paar Weibs⸗ leuten zuſammengetroffen zu ſeyn, wie ſie gewöhnlich einem Lager folgen; allein ich hatte zu viel Offiziers⸗Frauen in meiner Jugend geſehen, um dieſe nicht alsbald ebenfalls für eine ſolche zu erkennen. Die Dame erzählte uns hierauf ihre Geſchichte; ſie war wenige Stunden zuvor aus Kingston ange⸗ langt, von woher ſis ihrem Gemahl gefolgt war, den ſie inzwiſchen noch nicht geſehen, ſondern vielmehr gehört 2 94 hatte, daß er verwundet auf dem Schlachtfelde geblieben; alsbald hatte ſie ſich in der Hoffnung aufgemacht, ihn aufzufinden, was ihr inzwiſchen noch nicht gelungen war. Sie beſchrieb uns denſelben hierauf als einen berittenen Offizier in ganz beſonderer Kleidung, und fragte uns, ob wir keine ſolche Perſon auf dem Schlachtfelde getröf⸗ fen hätten; wir erzählten ihr nun von dem Reiter, den wir kaum zuvor verlaſſen hatten, und führten ſie zu der angegebenen Stelle zurück. Sobald die Dame den Leich⸗ nam gewahr wurde, warf ſie ſich auf ihn, und begann auf herzzerreißende Weiſe zu weinen und zu wehklagen, und das Mädchen that's ihrer Gebieterin darin beinahe zuvor. Ich glaube, auch wir waren trotz des Rums von dieſem Anblick ſo ſehr ergriffen, daß wir Thränen ver⸗ goſſen; wir boten allem Möglichen auf, um ſie zu tröſten, und gelobten ihr hoch und theuer, bei ihr zu bleiben und ſie zu beſchützen, bis ſie wieder bei ihren Freunden in Sicherheit ſey.— Es koſtete indeß viele Mühe, die Dame zu überreden, daß ſie den Leichnam ihres Gatten verließ; ſie nahm ein Miniaturgemälde von ſeinem Halſe, und ich zog ihm Börſe und Uhr aus der Taſche, und händigte ſie ihr ein. Sie drang in mich, die Börſe zu behalten, allein wir wehrten uns alle Drei mit Nachdruck dagegen, denn wir hatten ja alle unſer Auskommen auf dem Schiff, und dachten nicht im mindeſten an Plündern; auch das Mädchen wollte uns überreden, das Geld zu behalten, allein wir wollten nichts damit zu thun haben. Ich be⸗ kenne gerne meine begangenen Fehler, hoffe aber auch, daß man mir glauben wird, wenn ich Thatſachen erzähle, welche beweiſen, daß ich doch nicht ganz ohne etwas beſſeres Gefühl bin. Der Offizier war in der Gegend der Lende getroffen worden, und das Pferd mußte von einer andern Kar⸗ tätſchenkugel deſſelben Schuſſes getödtet worden ſeyn; wir legten den Leichnam des Erſtern ſo auf den Boden nieder, daß er wenigſtens gut in die Augen ſiel, allein es gelang nns nicht, das Bein unter dem Pferd hervor⸗ 9⁵ zuziehen.*) Als es uns endlich gelungen war, die Dame Von dem Leichnam ihres Gatten hinwegzubringen, brachen wir nach der Stadt auf und richteten unſern Lauf nach dem Leuchtthurme; es gereichte uns drei„Theerjacken“ zu nicht geringem Vergnügen, die Maſtſpitzen unſerer Flotte im Fluſſe zu ſehen, als wir uns dem Ufer des Niagara näherten. Das Haus neben dem Leuchtthurme war leer, allein auf mein Rufen antwortete eine Weiber⸗ ſtimme aus dem Keller herauf; ſie kam von einem alten *) Als mir Myers dieſen Umſtand mittheilte, fiel mir bei, daß ein Oberſtlieutenant Meyers im Treffen beim Fort George faſt auf die oben erzählte Weiſe geblieben ſey. Ich zog nun die offi⸗ zielle Schilderung des Vorfalls in amerikaniſchen Tagblättern zu Rathe, und fand, daß mein Gedächtniß wenigſtens ſo weit treu geblieben war, als ein Oberſtlieutenant Meyers dort unter den Verwundeten und Gefangenen aufgeführt wurde. Es fiel mir hier⸗ auf bei, daß ich einſt einer Unterredung zwiſchen Generalmajor Lewis und Major Baker, ſeinem Adjutanten, angewohnt habe, worin der letztere— kurz nach jener Schlacht— die Frage erhob, ob nicht derſelbe Schuß, der das Pferd getödtet, auch den Obriſt⸗ lieutenant Meyers getroffen habe; General Lewis behauptete, dies ſey nicht der Fall geweſen, waͤhrend Major Baker darauf beſtand. Als ich mich auf die offizielle Erzählung des Vorfalls bezog, laut welcher Meyer nur verw undet worden ſeyn ſollte, erfuͤhr ich, daß dieſe Nachricht ein Irrthum und der Oberſtlieutenant wirklich geblieben ſey.— Nun konimme ich zu leeren Muthmaßungen; Ned und ſeine Schweſter behaupten oder glauben Beide, daß ihr Vater etwa um jene Zeit auf dem Schlachtfelde geblieben ſey; Ned meint, dies könnte etwa zu Waterloo geweſen ſeyn, ſeine Schweſter aber theilt dieſe Anſicht nicht; Keines aber wußte um den Grund und Gegenſtand meiner Nachfragen und Forſchungen. Die Schweſter ſpricht ja von Briefen, die aus Quebeck eingetroffen ſeyen und die Nachricht gebracht haben, daß die Effekten ihres Vaters dort ſeyen. Es wäre in der That eine ſeltſame wunderbare Fügung, wenn der Leichnam des Offiziers, welche Ned auf ſo außerordentliche Weiſe auf dem Schlachtfeld fand, der ſeines Vaters geweſen wäre! Ich bin weit entfernt, dieſes behaupten zu wollen, allein man muß doch zugeben, daß viele Wahrſcheinlichkeit dazu vorhanden iſt. Die Dame könnte ja eine Gattin geweſen ſeyn, die er zwiſchen den Jahren 1793 und 1813 geheirathet hätte, als Herr Meyers zu einer höheren Stufe avancirt war. Der Beifall aber ward mir von Ned erzählt, „ohne daß dieſer auch nur die mindeſte Ahnung von dem Schluß hatte, welchen ich hier daraus ziehe. 7 Anm. d. Verfaſſers. 96 Weibe, das vor dem hartnäckigen Feuern ein Obdach im Keller geſucht hatte, weil der Reſt der Familie entſprungen und davongelaufen war. Wir ließen uns nun einige Milch für die Dame geben, welche noch immer fortweinte, und von Zeit zu Zeit in lautes Schreien ausbrach, als ob ſie uns mißtraute; doch waren wir im Ganzen unter⸗ weges mit einander wohl zufrieden. Als wir etwa eine halbe Stunde am Leuchtthurme verweilt hatten, gingen wir weiter und ſchlugen den Weg nach der Stadt ein, und ich gab der Dame den Rath, ſich unter den Schutz von einigen unſerer Offiziere zu begeben: ich verſicherte ſie, daß wenn die Nachricht von dem Vorfalle dem Kommo⸗ dore zu Ohren käme, ſie überzeugt ſeyn dürfe, daß man ihren Gatten mit allen kriegeriſchen Ehren beerdige, und ſuchte ſte auf andere Weiſe zu tröſten, ſo gut es eben ein halbbetrunkener Matroſe zu thun vermochte.— Einen Theil unſeres Abenteuers habe ich zu erzählen vergeſſen: ehe wir den Wald noch ganz hinter uns hatten, ſtießen wir nämlich auf vier Soldaten vom Regimente Forſyth, g das bekanntermaßen das miſerabelſte Korps vom ganzen Landheer war; dieſe Burſche nahmen es ſich heraus, mit den Frauenzimmern ihre Späſſe treiben zu wollen, und es fehlte wenig, ſo hätten wir mit ihnen Händel bekom⸗ men. Als wir von unſern Piſtolen und der Bereitwillig⸗ keit ſprachen, uns ihrer zu bedienen, ehe wir unſere Schützlinge beleidigen ließen, verhöhnten dieſe Schufte uns wegen unſeren„Schluſſelbüchſen,“ und gaben uns zu bedenken, daß ſie Büchſen bei ſich hätten; dies war leider wahr, und ich zweifle nicht, daß, falls es zum Hand⸗ gemenge gekommen wäre, ſie uns zuſammengeſchoſſen haben würden, wie ebenſoviele Schnepfen. Ich begann ihnen Vorſtellungen zu machen, wie unſchicklich es ſey, ehrbare Frauenzimmer zu beleidigen, und einer der Burſche, der eine Art Korporal oder ſonſt etwas derartiges war, drückte mir die Hand, gab mir Recht, und bot mir ſeine Freundſchaft an; wir drückten einander die Hände und ſchieden, und Niemand war froher, als die Dame, ſo ——,,—.,— ,— r—--————-— - —- V—:ʒ⅜½łêò⁶“ͥ2—6——s Oo&£n n 97 3 3 leichten Kaufs davon gekommen zu ſeyn. Es ſchien, als wollte ſie bei dieſer drohenden Gefahr ihren ganzen Vorrath von Thränen vergießen, und kaum war dieſer vorüber, ſo fing ſie ſchon wieder von Neuem an. Als wir den Leuchtthurm verlaſſen hatten, ſuchten wir uns ſo gut wie möglich nach der Stadt durchzuſchla⸗ gen und hatten das Glück, gerade in dem Augenblicke, wo wir dieſelbe erreichten, mit etlichen Offizieren vom Landheere zuſammenzutreffen, deren Pflege wir die Dame und ihre Dienerin überantworteken. Dieſe Herren nun legten ein Wort zu unſern Gunſten ein, und wir ſchieden von unſern Schützlingen, von welchen ich ſpäter nichts mehr ſah oder hörte.— Inzwiſchen war es faſt dunkel geworden, und Bill Southard und ich begannen uns nach der„Peitſche“ umzuſehen; ſie lag im Fluſſe bei dem Reſt der Flotte vor Anker, und wir gingen auf einen der Löſchungsplätze hinab, um den Fahrzeug durch Zeichen zu verſtehen zu geben, daß man uns ein Boot herüber⸗ ſchickte. Unterwegs ſahen wir eine Frau laut weinend vor einem Uhrmacherladen ſtehen, welchen eine Abtheilung vom Regiment Forſyth gleichſam belagerte, und erfuhren auf unſer Befragen, daß dieſe Halunken gedroht hatten, den Laden zu plündern; wir waren ſolche Vertheidiger des ſchwächern ſchönen Geſchlechts geweſen, daß wir es nicht über uns gewinnen konnten, das arme Weib in ſeiner Verlegenheit zu verlaſſen, ſondern uns erboten, ihr Bei⸗ ſtand zu leiſten. Wahrſcheinlich hätten wir hier ein Schar⸗ mützel zu beſtehen gehabt, wären nicht gerade ein paar Offiziere der Scharfſchützen hinzugekommen, worauf die Burſche vom Regiment Forſyth nach allen Richtungen hin zerſtiebten. Wir wieſen die arme Frau an die Offiziere, die ſich darüber entrüſteten und Abhülfe verſprachen;— „Ja, ja,“ ſagte der eine,„da ſind wieder Etliche von unſern Halunken im Spiel!“ Ein anderer meinte, es wäre beſſer, die verſchiedenen Regimenter jetzt zuſammenzurufen, und ehe wir noch das Waſſer erreichten, hörten wir die Hörner und Trommeln die Truppen zum Sammeln auf⸗ „ 98 fordern.— Die Leute an Bord des Schooners hatten uns bereits für verloren gegeben; es hatte ſich nämlich ein Gerücht verbreitet, als ob etliche Indianerſtämme mit im Felde wären, und wir Drei galten bereits für ſo gut wie ſealpirt. Gott ſey Dank, aber ich habe bis jetzt noch alle meine Haare auf dem Kopfe behalten, und ſo zerſchlagen auch mein alter Körper iſt, ſo verwittert auch meine Knochen gegenwärtig ſeyn mögen, iſt es doch in dieſem Augenblicke noch ſo ſchwarz wie eine Rabenſchwinge. Dies ſoll— wie mein alter Schiffskamerad, der dieſe Geſchichte hier zu Papier bringt, meint— ein Beweis ſeyn, daß meine Mutter eine franzöſiſche Kanadierin war, obwohl dies nicht der Fall iſt, wie man mich oft verſichert hat.— Dieſe Scharfſchützen waren doch wahre Bengel; gerade als wir im Begriff waren, uns auf die Quai's zu begeben, ſahen wir Einen von ihnen als Schild⸗ wache vor einer Art Baracke ſtehen, traten deshalb näher hinzu, und fragten, was denn da drinnen vorgehe; der Burſche gab uns jedoch barſch zur Antwort, wir brauchten uns nicht um die tollen Streiche zu bekümmern, die ſie am Lande verübten, und könnten zwar durch's Fenſter hineinblicken, dürften jedoch die Baracke nicht betreten. Wir nahmen den Burſchen beim Wort, und ſahen drinnen gar ein luſtiges Schauſpiel; eine Abtheilung des Korps war nämlich über das eroberte Gepäck der engliſchen Offiziere hergefallen und ſtolzirte jetzt in Uniformfräcken und Federhüten umher. Wir hielten es für das Beſte, dieſen Teufelsburſchen den Platz zu räumen und ihr Vergnügen zu gönnen, und entfernten uns; die Burſche ſtahlen wie die Ratzen und auf dem Schlachtfelde galt ihnen Freund und Feind gleich, wenn er nur Etwas zu verlieren hatte.— Auf dem Ouai trafen wir auf eine ſtarke Abtheilung Marineſoldaten, die unter dem Befehl des Majors Smith au's Land geſetzt wurden, um die Einwohnerſchaft der Stadt gegen fernere Unbilden zu ſchützen. Herr Osgood war ganz erfreut, als er uns wieder ſah, und wir ernteten von allen Seiten her reiches 99 Lob für unſer Betragen gegen die Frauenzimmer. Nach⸗ dem wir nun die Mannſchaft des Bootes, die uns vom Ufer abgeholt hatte, aus unſern Feldflaſchen traktirt hatten, leerten wir dieſelben vollends mit unſern Kameraden, und ich betrat nach jener Nacht die Stadt nicht wieder. Wir lagen einige Zeit in Niagara, während der Kommodore wieder nach Sacketts⸗Harbour zurückkehrte, um den Bau des„Hechts“ zu vollenden; Kapitän Crane nahm den Reſt von uns mit nach Kingſton, wo uns der Kommodore wieder einholte, und von neuem nach Nia⸗ gara führte. Hier ſchiffte ſich Oberſt Scott mit einem ziemlich ſtarken Truppenkorps ein, und wir wurden nach der Burlington⸗Bai beordert, um daſelbſt die Höhe des Strandes zu unterſuchen; dieſer wurde jedoch zu hoch befunden, und die Mannſchaft kehrte nach dem Landungs⸗ verſuche wieder an Bord zurück. Wir ſegelten hierauf wiederum nach York, und bemächtigten uns zum zweiten⸗ mal dieſes Platzes, zerſtörten verſchiedene Boote und Vor⸗ räthe, legten Feuer in die Baracken der engliſchen Truppen und fügten dem Feind auch auf andere Weiſe vielen Schaden zu, worauf wir den Platz räumten. Zwei oder drei Tage ſpäter fuhren wir wieder über die See zurück, und landeten unſere Truppen wiederum im Fort Niagara. Im Anfang Auguſt, während wir noch im Fluß lagen, kam uns Sir James NYeo mit zwei Schiffen, zwei Briggs und zwei Schoonern zu Geſicht; wir hatten unſererſeits Alles in Allem dreizehn Segel, wie ſie nun auch waren, liefen unverweilt aus, und manoeuvrirten, um ſie luvwärts zu bekommen,(das heißt, den Vortheil des Windes über ſie zu erreichen.) Sämmtliche Fahr⸗ zeuge des Feindes hatten regelmäßige Schanzen und die Schiffe waren von ſtarker Bauart. Unſer Geſchwader ſegelte ganz ungleich, indem Etliche ſtei weit vorne wa⸗ ren, und Andere ſo ſchwerfällig gingen, wie Blockſchiffe; auch waren wir kaum halb ausgerüſtet. Das einzige viereckige Segel, das wir an Bord der„Peitſche“ hatten, war aus einem engliſchen Zelttuche verfertigt, das in 1⁰⁰ York uns in die Hände gefallen war, als wir zum Erſten⸗ mal dort waren. Auch habe ich bis jetzt noch unerwähnt gelaſſen, daß wir uns in York zwei kleine meſſingene Ka⸗ nonen— ich glauͤbe, es waren Vierpfünder— angeeignet hatten, welche Herr Osgood in die beiden vorderſten Stück⸗ pforten des Oberlaufs ſetzen ließ. Somit hatten wir nun im Ganzen zehn Kanonen, Vier⸗ und Sechspfünder, und ich erinnere mich noch recht gut, wie ſehr uns Jack Mallet auslachte, als wir von unſern Kanonen ſo viel Aufhebens machten, die er Schlüſſelbüchſen nannte, und von denen er gar behauptete, es wäre weit vernünftiger geweſen, wir hätten unſer Pulver geſpart, anſtatt es ſo nutzlos gegen die engliſchen Batterieen zu verſchwenden. Jack Mallet nämlich diente an Bord der„Julia,“ die auf dem Vordertheil einen langen Zweiunddreißigpfünder, die alte Sau genannt, und auf dem Hinterdeck einen derben Acht⸗ zehnpfünder führte; auf den beiden Langſeiten hatte ſie zwei Sechspfünder, welche indeß nie benützt wurden, da die Mannſchaft es gleichſam verſchmähte, ſich ihrer zu bedienen.— Während wir noch zum letztenmal im Ha⸗ fen lagen, nahm Herr Mix, der eine Schweſter des Herrn Osgood geheirathet hatte, eines Tages eine Anzahl von uns mit ſich in einem Boot, und fuhr mit uns den ſchwar⸗ zen Fluß hinauf, um zu jagen. Die beiden Herren gingen an's Land, und als wir wieder den Fluß hinunterfuhren, fahen wir etwas ſchwimmend vor uns hintreiben, das ſich bei näherer Betrachtung als ein Bär erwies. Wir hatten keine Waffen bei uns, allein wir ruderten auf das Thier zu, und griffen es an, und der Kampf dauerte faſt eine Stunde, ohne daß wir des Thieres Meiſter geworden wären, das faſt den Sieg über uns davon getragen hätte. Ich ſchlug ihm wohl fünfzigmal mit einer eiſernen Ruder⸗ pinne auf die Naſe, allein das Vieh parirte den Hieb wie der gewandteſte Boxer, brach unſern Bootshaken entzwei, und hätte uns beinahe ein paarmal geentert. Endlich borgten uns die Leute auf einem Holzboote eine Art, mit welcher wir ihm den Garaus machten; 1 N N N ●—— eͤ—— ͤ— u— S 1 101 Herr Osgood ließ den Bär abziehen, und ſagte, er wolle die Haut ſeiner Familie zuſenden; wenn er es wirklich gethan hat, ſo wird ſie wohl eines der letzten Angedenken geweſen ſeyn, das die Seinigen von ihm empfangen haben. lavirte er, und entfernte ſich nordwärts; wir lavirten nun ebenfalls, um ihn zu verfolgen, allein der Wind ließ bald nach, und um Sonnenuntergang etwa hatten wir vollkommene Windſtille. Den ganzen Tag hindurch hatte die„Peitſche“ ihr Möglichſtes zu thun, um nur der Flotille nahe zu blei⸗ ben; der alte„Oneida“ konnte kaum auf ſeinem eigenen Ankergrunde erhalten werden; wir mußten an jenem Tag unzählige Mal und Stunden lang einen Zirkel beſchrei⸗ ben, um uns nur auf unſerer Station zu halten. Gegen Abend mußten alle leichten Fahrzeuge daſſelbe thun, damit wir nur bei dem Schiff des Kommodore bleiben konnten. Unſere Hauptaufgabe war nämlich, auf einem Fleck bei⸗ ſammen zu bleiben, damit der Feind nicht bei Nacht etliche unſerer kleinen Fahrzeuge abſchneide. Che es dunkel ward, bildeten wir wieder unſere ganze Linie, mit Ausnahme des Oneida, der noch zurück war, 1⁰² allein im Schlepptau nachgeführt wurde; er hätte eigent⸗ lich in der Nähe des Kommodore bleiben ſollen, allein er war nicht dazu zu bringen. Kurz vor Sonnenunter⸗ gang gab uns Herr Osgood den Befehl, zu unſern breiten Nudern zu greifen, und uns in Ablöſungen zu vertheilen. Es war ein lieblicher Abend, kein Wölkchen ſichtbar, und der ganze See ſo glatt wie ein Spiegel. Die engliſche Flotte lag nur ein wenig nördlich von uns, allein ſo nahe, daß wir faſt ihre Stückpforten zählen konnten. Sie hatten ſich in die Laute gebracht(vor dem Winde geſchützt), wir wir, und ſich ein wenig von einander ent⸗ fernt. Wir nahmen unſere Ruder ein, wie man uns ge⸗ heißen hatte, und legten ſie quer über's Deck her, damit ſie zur Hand ſeyen, wenn wir ihrer bedürften. Die Schiffe vor und hinter uns waren nur ſo weit entfernt, daß wir uns noch mit einander unterhalten konnten. Ge⸗ rade als die Sonne hinter den Horizont hinunter ſank, kam Georg Turnblatt, ein Schwede, der unſer Stück⸗ meiſter an Bord war, auf mich zu, und meinte, es wäre wohl am gerathenſten, wenn wir unſere Kanonen jetzt feſtbinden würden, welche in Erwartung des Kampfes den ganzen Tag über frei, und von der nöthigen Bedien⸗ nungs⸗Mannſchaft umgeben geweſen waren; wir waren auch auf unſern Poſten, wenigſtens dem Namen nach, allein die Unteroffiziere durften frei umhergehen, und auch der Mannſchaft ward ſo viel Freiheit verſtattet, als ſich nur immer mit den gegenwärtigen Umſtänden vertrug. Ich erwiederte ihm, daß ich gerne mein Geſchütz feſtbin⸗ den werde, wenn er mir nur diesfalls einen Befehl brin⸗ gen wolle; ich war indeß der Anſicht, daß, weil wir ja doch noch auf dem Poſten wären, und dem Feind gegenüber lägen, wir in der Nacht leicht eine Schlappe von ihm bekommen möchten. Der Konſtabler ſagte hierauf, er wolle ſich zum Kapitän begeben, und ihm die Sache vor⸗ tragen; er that es auch wirklich, und fand den Kapitän, wie er Herrn Osgood ſtets zu nennen pflegte, an der Wand des Hinterdecks. Als Georg dem Kapitän ſeine 44 ³ 1⁰3 Meinung geſagt hatte, blickte dieſer nach dem Himmel und meinte: die Nacht ſey ja ſo ruhig, daß das Feſt⸗ binden der Kanonen unnöthig wäre, und die Engländer ſeyen ſo nahe, daß uns vermuthlich bald ein Angriff bevorſtehe, ſobald der Wind ſich erhebe; zugleich gab er den Befehl, die Mannſchaft ſollte deßhalb auch auf den Poſten ſchlafen, und bereit bleiben, jeden Augenblick ihre Geſchütze ſchußfertig zu machen; doch hielt er es nicht für unnöthig, die Seitentaljen des Fallreeps in einer ein⸗ fachen Schleife um die Trauben der Kanonen zu ſchlin⸗ gen, wodurch einem Unfall vorgebeugt würde. Hierauf gab er den Befehl, die ganze Mannſchat nach der Aus⸗ biegung des Quarterdecks zu berufen. Sobald ſich die Mannſchaft geſammelt hatte, redete Herr Osgood ſie an:„Ich denke, Ihr müßt wohl recht er⸗ müdet ſeyn, Leutchen,“ ſagte er;„ſicherlich ſteht uns noch eine harte Arbeit bevor, drum möchte ich Euch rathen, jetzt Euer Abendeſſen einzunehmen, und dann ſo viel möglich neben Euren Kanonen Euch durch Schlaf zu er⸗ holen!“— Der Befehl, den er hierauf dem Stewart des Zahlmeiſters gab, waren die letzten Worte, die ich von Herrn Osgood hörte. Sobald er den Befehl gegeben hatte, ging er in die Kajüte hinunter und überließ das Kommando auf dem Deck Herrn Bogardus. Wir hatten unſere ganze alte Mannſchaft an Bord, mit Ausnahme des Herrn Livingston, der uns verlaſſen hatte, und Si⸗ meon Grant's, einer meiner Begleiter bei dem Ausflug auf das Schlachtfeld von Fort⸗George, welcher jetzt im Spital lag, weil er ſich während unſers letzten Aufent⸗ halts in Sacketts⸗Harbour in einer Sägemühle die Hand abgeſchnitten hatte. Außerdem hatten wir einen Lootſen an Bord, welcher gelegentlich mit dem Hochbootsmann von der Wache ſich in den Marskorb begab, um daſelbſt den Lauexrpoſten zu beziehen. Der Schooner hatte inzwiſchen ſeine Giekſegel, Klü⸗ ver⸗ und Vormasſegel aufgehißt. Das Flockſegel war aufgegeit, das Grundſegel eingebunden; keines der Fall⸗ 104 reeps war gekreuzt, und auch die Schoten nicht eingebun⸗ den, welche Vorſicht wir ſtets gebrauchen mußten, weil un⸗ ſer Fahrzeug von ſo leichter Bauart war. Wir ſpliezten die Hauptbraſſen und hielten dann unſer Abendeſſen, das wir wie gewöhnlich neben den Kanonen einnahmen. Einer meiner Tiſchgenoſſen, Tom Goldſmith, war Kapitän bei dem Geſchütz neben dem mei⸗ nigen, und als wir nach dem Abendeſſen ſo neben ein⸗ ander ſaßen, ſagte ich zu ihm:„Wie wäͤr's, Tom, wenn Du die wollene Decke heraufholteſt, die Du bei Little⸗York Dir angeeignet haſt? es müßte nicht übel ſeyn, wenn wir uns heute Nacht darunter ſtaunen würden!“— Tom ging hinunter und holte die Decke, welche er aus dem Lager, das in unſere Hände fiel, als gute Priſe mitgenommen hatte, und wir machten uns eine prächtige Bettdecke daraus. Da die ganze Mannſchaft ſehr ermüdet war, legten wir uns alsbald nieder, bedienten uns der Geſchütz⸗ kaſten anſtatt der Kopfkiſſen und ſchliefen bald ein. Wenn ich vorhin von Segeln ſprach, die wir bei⸗ geſetzt hatten, muß ich nun auch etwas über den Zuſtand unſres Decks ſagen. Die Kanonen waren, wie ich vorhin erwähnte, mit den Seitentaljen feſtgebunden; bei jedem Ge⸗ ſchütz ſtand eine Kiſte mit Kartätſchen und eine andere mit Traubenſchüſſen, außerdem daß wir noch beſondere Vor⸗ räthe von beiden im Protzkarren hatten; auch ſtand bei je⸗ der Kanone noch ein Korb voll Kugeln, mit denen auch die Protzkäſten gut gefüllt waren. Die Mannſchaft jeder Ka⸗ none ſchlief bei ihrem Geſchütz und ihm gegenüber, ſo daß ſich die Leute auf beiden Seiten des Decks ziemlich gleich vertheilten. Wen ſein Dienſt unter dem Verdeck feſthielt, der ſchlief natürlich auch unten; es dünkt mir indeß ſehr wahr⸗ ſcheinlich, daß einige der Leute— weil die Nacht kalt zu werden verſprach, wie dieß ſtets auf den Süßwaſſer⸗Seen der Fall iſt,— ſich hinunter geſchlichen hatten, um drunten ein wärmeres Lager zu finden; dieß konnten ſie nämlich in unſerem Fahrzeuge leicht bewerkſtelligen, weil wir nur zwei eigentliche Offiziere an Bord hatten, und der gegenwärtige — 10⁵ Hochbootsmann und Stückmeiſter kaum mehr waren, als wir gemeinen Matroſen.— Ich ſchlummerte bald ein und ſchlief ſo geſund, als läge ich im Bette eines Königs; wie lange aber mein Schläfchen anhielt, oder was ſich in der Zwiſchenzeit zuge⸗ tragen habe, vermöchte ich unmöglich zu ſagen. Ein paar ſchwere Regentropfen, die mir aufs Geſicht gefallen waren, weckten mich auf, und zu gleicher Zeit wurde auch Tom Goldſmith munter. Als ich die Augen öffnete, war es ſo dunkel, daß man nicht einmal auf Decklänge einen Gegen⸗ ſtand unterſcheiden konnte; ich ſtand auf und ſprach mit Tom, indem ich ihm ſagte: daß es eben tüchtig zu regnen an⸗ fange, und daß ich geſonnen ſeye, hinunterzugehen und ei⸗ nen Schluck von dem Branntwein einzunehmen, den wir in unſerer Proviantküſte aufzubewahren pflegten; zugleich er⸗ bot ich mich, die Flaſche heraufzubringen, falls auch Tom Luſt zu einem Schluck Branntwein verſpürte.„Bah,“ ſagte Tom,„es iſt nicht der Mühe werth, und der Regen wird uns auch nicht viel anhaben!“ Einer meiner Schwarzen wachte nun auch auf und bat mich, die Flaſche herauf zu holen und ihm einen Schluck zukommen zu laſſen. Das Alles war das Werk einer halben Minute, und jetzt erinnere ich mich noch, ein ſeltſames rauſchendes Getöſe windwärts von uns gehört zu haben, als ich der Vorderluke zuſchritt, wiewohl es damals leinen Eindruck auf mich machte. Wir hatten zwiſchen den Steuerbord⸗Kanonen gelegen, was die Wetter⸗ ſeite des Fahrzeugs war, wenn überhaupt von einer Wetter⸗ ſeite die Rede ſeyn konnte, da kein Lüftchen und auch nicht die geringſte Bewegung im Waſſer zu verſpüren war; ich wandte mich nun der Backbordſeite zu, um die Leiter zu finden, welche in dieſer Richtung heraufführte. Die Luke war ſo ſchmal, daß kaum zwei Männer nebeneinander hin⸗ durch konnten, und ich erinnere mich noch wohl, daß ich ziemlich lange zubrachte, bevor ich den Weg fand. Schon hatte ich die eine Hand auf den Bätingshölzern, und einen Fuß auf der Leiter, als ein jäher Blitz mich faſt blendete; Edward Myers. 8 106 im nächſten Augenblick ertönte ein furchtbarer Donnerſchlag, und mit ihm ein ſolches hohles Sauſen des Windes, daß es beinahe den Donner übertönte. 3 Augenblicklich ward mir klar, daß wir einen tüchtigen Windſtoß zu befürchten hätten, und ich ſprang nach der Klüverſchote, die ich wohl zu finden wußte, da ich Kapitän des Vorder⸗Kaſtells war, und riß ſie mit einem einzigen Ruck los. Bei dieſem Beginnen ſtolperte ich über einen Mann, Namens Leonhard Lewis, und bat ihn, mir hülf⸗ reiche Hand zu leiſten; ich ließ nun zunächſt die Backbord⸗ oder Lee⸗Fockſegelſchote fliegen, packte die Geitaue des Marsſegels und zog dieſes damit halb in die Höhe. Un⸗ terdeſſen rief ich dem Mann am Steuerruder fortwährend zu, dieſes hart unter den Wind zu bringen. Das Waſſer ging mir nun ſchon bis um die Bruſt, und mir ahnte, daß der Schooner ſich überſtürzen müſſe. Lewis hatte nicht ein Wort geſagt; ich rief ihm nun zu, für ſich ſelbſt zu ſorgen, knüpfte das Geitau feſt, und arbeitete mich an dem⸗ ſelben nach dem Fockmaſt empor, wobei ich jedoch von der Klüverſchote einen Schlag auf den Arm bekam, der mir dieſen beinahe zerſchmetterte; damals freilich fühlte ich die Wirkung dieſes Schlags nicht, obwohl der Arm ſeither operirt werden mußte, um ein Geſchwür herauszuſchnei⸗ den, das ſich in Folge jener Verletzung gebildet hatte. All dieß erforderte kaum eine ganze Minute; der Blitz umzuckte uns unaufhörlich und blendete mich bei⸗ nahe; das ganze Verdeck ſchien unter Feuer geſetzt, und doch konnte ich nichts ſehen. Ich hörte kein Anrufen, keinen Befehl, kein Sammelwort; der ganze Schooner ertönte von Angſtgeſchrei und Geheul der Männer auf der Leeſeite, die halb zuſammengedrückt unter den Ka⸗ nonen, Munitionskäſten, Kugelkörben und andern ſchweren Gegenſtänden lagen, die dorthin gerollt waren, als das Fahrzeug ſich überſtürzte. Eine der Steuerbord⸗Kanonen, die zweite von vornen, war umgefallen und verſperrte gerade die Vorderluke, und mir war, als ſehe ich einen Mann, der ſich unter derſelben hindurchzuzwängen mühte. 107 Die Furcht vor dieſer Kanone war es geweſen, die mich veranlaßt hatte, mich ſelbſt über den Maſt hinaufzu⸗ ſchwingen, wobei ich den oben erwähnten Schlag em⸗ pfangen hatte.— Es gelang mir, mich nach der Wind⸗ ſeite empor zu arbeiten und die Vorderrinnen des Schif⸗ fes zu erreichen; hier traf ich auf William Deer, den Hochbootsmann, und einen ſchwarzen Knaben, Namens Philips, welcher Handlanger bei unſerem Geſchütze war. „Deer, der Schooner iſt verloren!“ rief ich dieſem zu, allein der Hochbootsmann gab mir keine Antwort, ſon⸗ dern flüchtete ſich in das Vordertackelwerk und nach der Maſtſpitze empor; der Bootsmann war vermuthlich der Anſicht, die Maſten des Schooners würden das Waſſer überragen, falls dieſer verſinke, und hielt daher jenen Weg für den ſicherſten zur Rettung; der Knabe aber war in den Puttingen, als ich ihn zum letztenmal ſah. Ich kletterte nun nach dem obern Theile der Schanz⸗ Verkteidung empor, während der Donner mit entſetzlicher, teufliſcher Wuth mich umtoste, unter dem Angſtgeſchrei der Mannſchaft gräßliche zuckende Blitze mich umſpielten, und der Wind inzwiſchen wie ein Orkan dreinſtürmte. Als ich die Stückpforte meiner eigenen Kanone erreichte, ſetzte ich einen Fuß hinein und gedachte auf die Mündung des Geſchützes zu treten; allein dieß war mit den Uebrigen bereits nach der Leeſeite hinübergerollt, und ich fiel bis unter die Arme in die Stückpforte hinein; mühſam ar⸗ beitete ich mich wieder empor und ſetzte kletternd meinen Weg nach dem Hinter⸗Kaſtell des Schiffes fort. Als ich mich dem Hauptmaſt gegenüber befand, ſah ich, daß Je⸗ mand die Fallreeps losgelaſſen hatte. Bald darauf er⸗ reichte ich den Rechen, woran unſere breite Ruder befe⸗ ſtigt waren, und fand noch vier derſelben darin; da ich nicht im mindeſten ſchwimmen konnte, kam mir der Ge⸗ danke, eines dieſer Ruder zu ergreifen, und mich mit dem⸗ ſelben über dem Waſſer zu erhalten. Wie ich mich nun abmühte, den Ruderrechen loszureißen, entglitt er mir 8* 108 plötzlich und die breiten Enden der vier Ruder rollten über den Schooner in's Waſſer herunter, wobei natürlich die ſchmäleren Enden aus den Schleifen des Tau's ent⸗ ſchlüpften, und die Ruder von mir hinweg in die See hin⸗ aus getrieben wurden. Nun kletterte ich immer weiter nach hinten, bis ich das Randſomholz erreichte; das Waſſer lief wie durch eine Schleuße durch die Kam⸗ panje in die Kajüte hinunter; wie ich nun für einen Au⸗ genblick auf dem Randſomholze ſtand, erblickte ich Herrn Osgood, der mit dem Kopf und einem Theil der Schul⸗ tern ſich zum Kajütenfenſter herausbog und augenſchein⸗ lich bemüht war, ſich hervorzuarbeiten. Wir mußten keine ſechs Fuß von einander entfernt geweſen ſehyn, allein ich ſah ihn in der grellen Beleuchtung eines Blitzſtrahls nur auf einen Augenblick, und ich denke, er muß auch mich geſehen haben. Zu gleicher Zeit war auch ein Mann auf dem Ende des Giek⸗Baumes zu erblicken, der ſich an dem Geitau des Segels hielt; ich weiß nicht, wer er war, allein er ſah mich vermuthlich ebenfalls und be⸗ merkte, daß ich im Begriff war, ins Waſſer zu ſpringen, denn er rief mir zu:„Springt nicht über Bord! nehmt Euch in Acht, der Schooner richtet ſich eben wieder auf.“ Mein Gemüthszuſtand war durchaus nicht geeignet, 4 mich lange über etwas nachdenken zu laſſen; meines Be⸗ dünkens waren höchſtens drei oder vier Minuten vergangen, ſeit der Windſtoß uns getroffen hatte, und da ſtand ich nun auf dem Quarterdeck des Schiffes und hatte meine Rettung mehr der Vorſehung als eigener Ueberlegung zu verdanken. Da ſchoß es mir plötzlich durch den Kopf, daß falls der Schooner ſich wieder aufrichten ſollte, er nothwendig unter⸗ ſinken müſſe, da er ſchon zu viel Waſſer gefaßt hatte, und daß ich alsdann durch die Saugekraft des unterſinkenden Schiffes nothwendig mit in die Tiefe gezogen werden müßte. Ich that deßhalb einen kecken Sprung, und fiel mehrere Fuß von dem Platze, wo ich zuvor geſtanden hatte, in's Waſ⸗ ſer, und ich glaube, daß der Schooner unmittelbar verſank, nachdem ich ihn verlaſſen hatte. Mein eigenes Gewicht zog 1⁰9 mich ein wenig in die Tiefe, und als ich wieder an die Oberfläche des Waſſers kam, verſuchte ich das Erſtemal in meinem Leben, mit Aufgebot aller meiner Kräfte zu ſchwim⸗ men. Mir däucht, ich muß mehrere Ellen weit geſchwom⸗ men ſeyn,— obwohl ich dieß natürlich nicht mit Gewißheit behaupten kann— bis meine Hand an einen harten Ge⸗ genſtand ſtieß; ich ſchwamm nun etwas weiter, und fühlte, wie meine Hand längs eines Gegenſtandes herunterglitt, wel⸗ chen ich auf einmal für ein klinkerweiſe erbautes Boot er⸗ kannte, zu welchem ich ſelbſt gehörte und das, wie ich mich nun auf einmal erinnerte, am Stern unſeres Schooners im Schlepptau angebracht geweſen war. Bis auf dieſen An⸗ genblick hatte ich ſeiner ganz vergeſſen, allein nun war ich auf einmal in der Dunkelheit auf das beſte Mittel geführt worden, mein Leben zu retten. Ich hielt mich nun am Schampdeck feſt, und ſchwang mich in die Spitzbänke hin⸗ ein. Wäre ich nur eine Elle weiter geſchwommen, ſo würde ich am Boot vorübergekommen ſeyn, und es verfehlt haben! Leicht ſprang ich vollends hinein, und war nun auf ein⸗ mal wieder vergnüͤgt und lebensmuthig. Mein erſter Blick, als ich im Boote war, ſuchte den Schooner auf— allein er war verſchwunden, und ver⸗ muthlich ſchon ganz im Waſſer verſunken. Es regnete, als ob alle Schleußen des Himmels geöffnet wären, und blitzte fürchterlich dazwiſchen; dabei wollte es mir ſcheinen, als ob ſich kein Lüftchen rege, und auch das Waſſer war ganz unbewegt, bis auf die Wirkung des niederſtürzenden Regens. Alles dieß ſah ich wo möglich auf einen einzigen Blick, allein mein Hauptaugenmerk ging zunächſt nur dahin, mein Leben zu retten. Ich war Befehlshaber dieſes Boots ge⸗ weſen, und hatte es am Nachmittage noch ſelbſt mit einem Rundknoten und zwei Timmerſtichen am Taffreel befeſtigt, und die dauerhafteſten Fangleinen dazu ausgewählt; im Boote lag überdieß noch ein Gangbord(eine zum Ausſchif⸗ fen dienende Planke), das von vorn nach hinten über dem Kiele lag; da ich kein Meſſer hatte, um die Fangleinen ab⸗ zuſchneiden, mußte ich natürlich gewärtig ſeyn, daß das fer⸗ 11⁰ nere Verſinken des Fahrzeugs auch das Boot mit ſich in die Tiefe ziehen würde. Ich hatte alſo nur noch die ſchwache Hoffnung, mich mittelſt dieſes Gangbords über dem Waſſer zu erhalten, falls das Boot mit verſinke, bis irgend ein Fahrzeug der Flotte mich bemerke und auffiſche; mein näͤch⸗ ſtes Bemuhen ging nun dahin, das Gangbord los zu machen, und in's Waſſer zu laſſen, weshalb ich denn auch nach dem Vordertheil des Bootes eilte, um den Knoten der Fangleine zu löſen, deren anderes Ende aufgerollt im Boote lag; bei dieſem Bemühen gerieth mir die Fangleine des Boots zu⸗ fällig in die Hand, und ein einziger Ruck belehrte mich, daß die Leine ledig und nicht mehr angebunden war! Irgend Jemand an Bord mußte die Fangleine abgeſchnitten, und dann durch irgend einen Unglücksfall die Hoffnung verloren haben ſich in's Boot zu retten. Auf jeden Fall war ich nun in Sicherheit, und durfte es wieder wagen mich umzu⸗ ſehen.— Die Blitze allein machten es möglich, daß ich etwas zu ſehen vermochte, wiewohl ſie mich zu gleicher Zeit beinahe blendeten; ich hatte den Gangbord in's Waſſer geworfen, und rief nun laut, um meine Kameraden zu ermuthigen, daß ich im Boote ſey. Ich konnte viele um mich her hören, und ſah von Zeit zu Zeit auch die Köpfe der armen Burſche, welche mit den Wellen kämpften. Da der Platz nicht ge⸗ eignet war, mich hier im Boote zu wricken, ſteckte ich eines der Ruder am Hintertheile des Boots ein, und fuhr auf dieſe Weiſe eine Zeitlang hin und her. Plötzlich ſah ich einen Mann in der Nähe des Boots, zog mein Ruder ein, ſprang in die Mitte des Fahrzeugs, und packte den armen Teufel am Kragen; er war ſchon halb todt, und es koſtete mich viele Mühe, ihn über das Schampdeck hereinzuziehen; unſer beiderſeitiges Gewicht neigte das Boot ſo tief auf die Seite, daß es ziemlich viel Waſſer ſchöpfte. Es erwieß ſich, daß der Gerettete Leonhard Lewis war— derſelbe Burſche, der mir das Vormars⸗Segel aufgeien geholfen hatte; er konnte nicht ſtehen und kaum mehr reden, und ich hieß ihn des⸗ 1—,——.—r—+———.,.————— o——, halb aus dem Waſſer heraus und nach dem Hintertheil ————.——.—— 111 des Bootes kriechen, was er denn auch that, um ſich auf die Spitzbänke des Bootes niederzulegen. Ich blickte mich nun um, und hörte noch einen Andern; über das Schampdeck mich hinausbeugend, ſah ich einen Mann in der Nähe des Boots, der ſich mühſam über dem Waſſer erhielt; auch äͤhn packte ich beim Kragen und half ihm in's Boot herein, indem ich ihn faſt mit derſelben Mühe über das Schampdeck hinweg hob, wie Lewis. Ich erkannte in ihm Lemuel Bryant, denſelben Mann, der vor Little⸗ York durch eine glühende Kugel verwundet worden war, ſo lange der Kommodore ſich an unſerem Bord befand; ſeine Wunde war zwar noch nicht geheilt, allein er war nicht ſo ſehr erſchöpft als Lewis, konnte mir jedoch keine Hülfe leiſten, ſondern ſtreckte ſich, ſobald er konnte, auf dem Boden des Bootes nieder. 4 1 Eine Weile lang hörte ich Niemanden mehr im Waſ⸗ ſer, und ruderte nun wieder friſch weiter; meiner eigenen Berechnung zufolge legte ich nur wenige Ellen zurück und fuhr vermuthlich gerade über die Stelle hinweg, wo der Schooner untergegangen war. Hier ſah ich nun beim zuckenden Licht der Blitze viele Köpfe, da die Leute in Ver⸗ wirrung und aufs Gerathewohl umherſchwammen. Wir wagten unterdeſſen wenig zu ſprechen, weil der ganze Auf⸗ tritt nur fürchterlichen Kampf der ſchwachen Menſchenkraft gegen das empörte Element und ein entſetzliches Schwei⸗ gen zeigte. Der Regen dauerte noch au, allein die Blitze wurden minder häufig und minder ſtark. Man erzählte mir hernach auf den andern Schiffen, es habe furchtbar gedonnert, allein ich hatte nicht einen einzigen Donnerſchlag gehört, ſeit ich in's Waſſer geſprungen war. Der nächſte Mann hatte ſelber das Boot erreicht; es war ein Mulatte aus Martinique und Herrn Osgood's Proviantmeiſter, und ich half ihm über Bord herein; obwohl er ein vorzüglicher Schwimmer war, mochte ſeine Kraft doch beinahe erſchöpft ſeyn, und die Aufregung lähmte faſt alle ſeine Körper⸗ thätigkeit. Er wiederholte unaufhörlich:„O! Maſſer Ned! — O! Maſſer Ned!“ und ſtreckte ſich wie die beiden An⸗ 112 dern auf dem Boden des Bootes nieder; ich aber packte ihn und ſchaffte ihn nach der Backbordſeite hinüber, um unſer kleines Fahrzeug im Gleichgewicht zu erhalten. Von Zeit zu Zeit rief ich wieder laut, um die Schwim⸗ mer zu ermuthigen, und hörte bald wieder eine Stimme, die mir zurief:„Hier bin ich, Ned! hier, hart neben Dir!“ — Dieß war Tom Goldſmith, mein Tiſchgenoſſe und der⸗ ſelbe, der am Abend ſeine wollene Decke mit mir getheilt hatte. Er hatte meine Hülfe ſo wenig nöthig, daß er ſich allein ins Boot ſchwingen konnte. Ich fragte ihn, ob er im Stande ſey, mir zu helfen, und er bejahte es.—„Freilich, Ned!“ ſagte er;—„ich will Dich gerne bis aufs Aeußerſte unterſtützen; was ſoll ich thun?“— Ich hieß ihn ſeine Breſſenning nehmen und das Boot ausſchöpfen, das inzwi⸗ ſchen ſchon faſt bis zum dritten Theil mit Waſſer gefüllt war; dieß that er, waͤhrend ich ein wenig vorwärts ru⸗ derte.—„Ned,“ ſagte Tom zu mir,„der Schooner iſt mit fliegenden Fahnen untergegangen, denn einer ſeiner Wimpel wickelte ſich mir beinahe um den Leib, und zog mich mit ſich in die Tiefe hinunter. Der Teufel hat einen guten Fang gethan und uns hart zugeſetzt, mich aber und Dich hat er doch nicht bekommen!“— Auf dieſe Weiſe äußerte ſich dieſer leichtſinnige Matroſe, ſobald er ſich den Krallen des Todes entriſſen ſah!— Als ich wieder etwas auf dem Waſſer ſah, bat ich Tom, mein Ruder zu nehmen, ſprang ans Schampdeck, und erfaßte Herrn Bogardus, den Unterſchiffer, der ſich an eines der Ruder angeklam⸗ mert hatte. Ich zog ihn herein und erfuhr von ihm, daß ſich noch Jemand anderes an das andere Ende des Ruders angeklammert hatte, allein es war ſo dunkel, daß wir nie t r⸗ einmal auf dieſe Entfernung etwas zu unterſcheiden ver⸗ mochten; ich zog das Ruder an mich, bis ich Ebenezar Duffy, einen Mulatten, welcher unſer Schiffskoch war, fand. Er hatte ebenfalls nicht ſchwimmen können, und war faſt ſchon halb todt; ich mußte ihn allein hereinziehen, da dom en mußte, damit das Boot, welches ſehr fortwährend ſchöpf klein war, nicht mit uns unterſinke. 1 22— n2s— o——. ——,— — 1202— 215 — — —— ————.—,—— 8 113 Wie nun das Boot ſo hinglitt, ſtieß es noch auf ei⸗ nen andern Mann, den ich ebenfalls beim Kragen packte; ich fürchtete mich indeß, dieſen Burſchen in der Mitte des Fahrzeugs hereinzuziehen, weil das kleine Boot nun ſehr tief ging; ſo ſchleppte ich ihn denn nach dem Vordertheil des Fahrzeugs und zerrte ihn über den Bug herein; es war der Lootſe, deſſen Namen ich nie hatte erfahren können. Er war am See geboren und aufgewachſen, und den gan⸗ zen Sommer bei uns an Bord geweſen; auch dieſer arme Teufel war halb todt und legte ſich, wie die Andern alle, mit Ausnahme Tom's, auf den Boden nieder, und ließ kein Wort mehr hören.. Wir hatten nun ſo viel Leute an Bord, als das Boot nur immer tragen konnte, und Tom und ich hielten es nicht für gerathen, noch mehr Leute aufzunehmen; wir ſahen frei⸗ lich auch Niemanden mehr, und um uns her herrſchte— — das Plätſchern des Regens ausgenommen— eine wahre Todtenſtille. Tom begann von Neuem auszuſchöpfen, und ich rief laut und fortwährend Halloh und ruderte noch etliche Minuten umher, um Andern ein Tau zuzuwerfen, oder noch Etliche mehr an Bord zu nehmen, falls wir das Waſſer aus dem Boote geſchöpft haben würden; allein wir fanden keine Seele mehr. Ich halte es für ſehr wahrſcheinlich, daß ich von der Stelle hinwegruderte, weil nichts vorhanden war, nach dem ich mich hätte richten mögen; doch iſt auch die Vermuthung nicht unbegründet, daß inzwiſchen alle Leute von der„Peitſche“ untergegangen waren, da man gar nichts mehr von ihnen hörte.. Tom Goldſmith und ich beriethen uns nun zuſam⸗ men, was wir weiter thun ſollten; wir fürchteten uns beide, dem Feinde in die Hände zu fallen, weil es mög⸗ lich geweſen wäre, daß dieſer den Wind ſich zu Nutze gemacht, und ſich uns genähert hätte. Wir dachten frei⸗ lich am Ende, die Entfernung zwiſchen den beiden Schiffs⸗ geſchwadern ſey hiefür zu groß, allein auf jeden Fall konnten wir doch unſerer Seits nicht unthätig bleiben. So begannen wir nun zu rudern, ohne ſelbſt zu wiſſen, 114 welche Richtung wir dabei einſchlugen. Es goß noch immer wie mit Kübeln herunter, und doch war nicht ein Lüftchen zu verſpüren; es blitzte nur in langen Zwiſchen⸗ räumen, und der Wind wandte ſich offenbar den breiteren Theilen des Seees zu. Während wir noch ſo ruderten, und über die Möglichkeit ſprachen, mit dem Feinde zuſammen⸗ zutreffen, rief mir Tom auf einmal zu, ich ſoll mit Rudern inne halten. Er hatte beim Blitze ein Fahrzeug geſehen, und ſchloß aus deſſen Größe, daß es ein engliſches ſeyn müſſe. Als er es jedoch für einen Schooner erklärte, meinte ich, es müſſe eines unſerer Fahrzeuge ſeyn, und befragte ihn um die Richtung deſſelben; beim nächſten Blitze ſah ich es ſelbſt, und bemerkte mit Vergnügen, daß es in der That eines der Unſrigen war. Ehe wir indeß weiter zu rudern begonnen hatten, wurden wir angerufen:„Boot ahoy!“— Sogleich gab ich Antwort.—„Wenn Ihr noch eine Ruderlänge weiter fahrt, werde ich nach Euch feuern!“ 1 tönte zurück;„weſſen Boot iſt dies? Legt Eure Ruder nieder oder ich laſſe auf Euch feuern!“— Es war offenbar, daß man uns irrthümlicher Weiſe für Feinde hielt, und ich fragte laut rufend nach dem Namen des Schooners, allein es erfolgte keine Antwort, oder man bedrohte uns vielmehr anſtatt einer ſolchen mit einem Kanonenſchuß, falls wir weiter zu fahren wagen würden. Ich wandte mich nun zu Tom und ſagte:„Dieſe Stimme iſt mir bekannt; es iſt der alte Trant!“— Tom meinte, wir ſeyen diesmal an den unrechten Mann gekommen. Ich rief nun:„Es iſt das Boot der„Peitſche!“ unſer Schooner iſt untergegangen, und wir wünſchten an Bord genommen zu werden!“— Da rief eine Stimme vom Schooner:„Biſt Du's, Ned?“ Ich erkannte in ihr die Stimme meines alten Schiffs⸗ und Schulgefährten Jack Mallet, der als Hochbootsmann an Bord der„Julia“ unter dem Befehl des Segelmeiſter Trant diente; Herr James Trant war einer der ſeltſamſten Kauze im Dienſte und ein Mann, bei welchem Wort und Schlag eins war. Sobald ich Trant's Stimme erkannt hatte, machte mich die Befürchtung, er werde auf uns feuern, 115 mehr beſorgt, als irgend einer der ſeitherigen Vorfälle dieſes Abends. Glücklicher Weiſe ſchien er ſich doch dieſes MNal anders beſonnen zu haben; denn er rief uns nun ſelbſt zu:„Oho, Jungens! rudert friſch und fahrt an un⸗ ſere Langſeite her!“— Dies thaten wir auch, und wenige Ruderſchläge brachten uns an Bord der„Julia,“ wo wir mit ausnehmender Herzensgüte empfangen wurden. Während ich Herrn Trant eine Schilderung von dem Vorfall machte, wurden die andern Burſchen aus dem Boot heraufgeſchafft, was binnen weniger Minuten geſchehen war. Herr Trant fragte nun, in welcher Richtung der Schooner untergegangen ſey, und ich hatte ihm dies nicht ſobald auf die beſtmögliche Weiſe auseinander geſetzt, als er unverweilt nach Jack Mallet rief:„Oho, Hochboots⸗ mann!“ ſchrie er,„nehmt vier Mann, ſetzt ein Boot aus, und ſeht, was Ihr thun könnt— nehmt eine Laterne mit, und ich will ein Licht am Waſſerſpiegel aushängen, da⸗ mit Ihr unſer Fahrzeug wieder erkennen könnt!“— Mallet that, wie ihm befohlen worden war, und ſtach kaum drei Minuten, nachdem wir an Bord gekommen waren, in See. Herr Trant, der heute ſehr gut aufgelegt war, hatte keinen Offizier an Bord der„Julia,“ wenn man nicht Mallet ſo nennen wollte; er war ein Irländer von Geburt, hatte aber ſchon ſeit der Revolution in der amerikaniſchen Marine gedient, und ſtarb als Lieutenant ein paar Jahre nach dieſem Krieg. Kein Mann in der Marine war viel⸗ leicht allgemeiner bekannt, oder erregte durch ſeine Sonder⸗ lingsſtreiche mehr Lachluſt und durch ſeinen Muth mehr Bewunderung als er. Er war mit dem Kommodore, von dem er ein beſonders Schooskind war, auf den See ge⸗ kommen, und hatte an allen Gefechten und Schlachten, welche ſeither ſtattgefunden hatten, lebhaften Antheil ge⸗ nommen; Haß gegen die Engländer war ihm zur Gewiſ⸗ ſensſache geworden. Herr Trant berief nun die ganze gerettete Mannſchaft der„Peitſche“ zu ſich, und erkundigte ſich näher nach den einzelnen Umſtänden unſeres Schiffbruchs; hierauf ließ er 116 uns Allen ein Glas Grog reichen, und empfahl uns drin⸗ gend ſeiner Schiffsmannſchaft an. Die Leute von der „Julia“ boten uns nun trockene Kleider an, und ich bekam „deren welche von Jack Reilly, einem meiner alten Tiſch⸗ genoſſen, mit dem ich ſtets in gutem Einvernehmen gelebt hatte. Der Regen hielt noch immer hartnäckig an; allein wir fluchteten uns hinunter an das Feuer der Schiffsküche. Nach kurzer Zeit ging ich wieder auf's Verdeck hinauf, und kam eben dazu, wie das ausgeſandte Boot zurückkehrte; es brachte noch vier weitere Männer zurück, die auf Nu⸗ dern und Röſterwerk ſich ſchwimmend erhalten hatten. Auf unſer Befragen ergah ſich's, daß ſie zur Mannſchaft des „Hamilton,“ unter dem Lieutenant Winter gehörten, welcher andere Schooner durch denſelben Windſtoß umgeworfen worden war, der den Unſerigen verſenkt hatte; auch dieſe Leute waren ſehr erſchöpft, und wir gingen Alle hinunter⸗ in die Kombüſe, wo man uns zu verweilen gebot. Während der ſämmtlichen Auftritte, die an mir vor⸗ übergegangen waren, hatte ich mich in einer ſolchen Auf⸗ regung befunden, die der genoſſene Grog noch erhöhte, daß ich ſelbſt jetzt noch nicht viel von der Schwermuth. und Entmuthigung verſpürte, welche bei ſolchen Ereigniſſen ge⸗ woöhnlich zu ſeyn pflegt; ich genoß dieſe Nacht einen recht geſunden Schlaf, und erwachte erſt um ſechs Uhr Morgens. Als ich wieder auf's Verdeck kam, blies ein friſcher Wind; der Tag war äußerſt lieblich, und der See voll⸗ kommen glatt. Unſere Flotte lag noch in einer Linie in dicht gedrängter Schlachtordnung, mit Ausnahme des„Go⸗ vernor Tompkins,“ unter dem Lieutenant Tom Brown, der ein wenig leewärts lag, allein alle Segel aufgeſetzt hatte, um ſich der Flotte wieder anzuſchließen. Als Herr Trant bemerkte, daß der Kommandant des„Tompkins“ im Vor⸗ beiſegeln mit uns zu ſprechen wünſche, ließ er das Fock⸗ ſegel aufgeien, und ihren Luv hart an unſere Leeſeite kommen.„Zwei unſerer Schooner, die„Peitſche“ und der „Hamilton,“ müſſen heute Nacht untergegangen ſeyn!“ rief uns Herrn Brown zu,—„denn ich habe vier von der —— 8 R N8R△N”R—5SgEAnRSER NE — R —IuðN— RK*— 117 Mannſchaft des„Hamilton“ aufgefiſcht!“—„Oho!“ gab Herr Trant zur Antwort,„das iſt mir nichts Neues mehr! Ich habe heute früh ihrer zwölf aufgefiſcht, nämlich acht von der„Peitſche“ und vier vom„Hamilton!“ 4 8 Dies waren Alle, welche von den beiden Schoonern gerettet worden waren, auf denen nahezu hundert Mann Equipage geweſen ſeyn mögen. Die beiden Befehlshaber, Lieutenant Winter und Herr Osgood, waren beide verloren gegangen, und mit Herrn Winter ſollen überdies noch ein paar andere junge Herren umgekommen ſeyn. Das Ge⸗ ſchwader konnte zwiſchen der Zeit, wo ſich das Unglück zutrug, und derjenigen, wo ich wieder auf's Deck kam, keine große Strecke zuruckgelegt haben, oder wir müßten nur zurückgetrieben worden, und wieder über daſſelbe Fahrwaſſer gekommen ſeyn; denn wir kamen an vielen Trümmern vorüber, welche von dem Unglücksfall herrühr⸗ ten, und noch im Waſſer umherſchwammen. Ich ſah Ge⸗ ſchützwiſcher, Röſterwerk, Ruder, Hüte u. ſ. w. zerſtreut auf dem Waſſer umhertreiben; als wir einen der Letzteren hart vor unſerem Spiegel hintreiben ſahen, behauptete Herr Trant, in dieſem den des Lieutenant Winter zu er⸗ kennen, und gab den Befehl, denſelben aufzufiſchen, was uns jedoch nicht gelang, wie überhaupt gar kein Gegen⸗ ſtand an Bord gebracht wurde. Von den Maſtſpitzen herab wurde auch eine eifrige Spähe nach Leuten gehalten, die etwa noch auf dem Waſſer umhertreiben würden; allein von keinem der Fahrzeuge aus konnte man einen derſelben mehr erblicken; der See mochte bereits den Reſt der beiden Mannſchaften verſchlungen haben, und die„Peitſche“ par nun, wie man oft prophezeiht hatte, für die Mehrheit ihrer Mannſchaft buchſtäblich ein Sarg geworden. Den ganzen Tag über wurde rüſtig zwiſchen beiden Flotten mannövrirt, und mancher Verſuch gemacht, ein Ge⸗ fecht zu eröffnen; allein ich muß in der That geſtehen, daß der Verluſt ſo mancher Kameraden mich ſo ſchwer⸗ müthig geſtimmt hatte, daß ich mich wenig um das küm⸗ merte, was um mich her vorging. Alle meine ſchwarzen Spaßvögel waren ertrunken, und von dem Fahrzeug und der Mannſchaft, an welche ich den ganzen Sommer über gewöhnt geweſen war, blieb nun gar nichts mehr übrig. Bill Southard befand ſich ebenfalls unter den Todten, und von allen meinen Tiſchgenoſſen waren nur noch Tom Goldſmith und Lemuel Bryant übrig geblieben. Meine Gedanken und Empfindungen von dieſem Augenblick an waren ſehr düſterer Natur; allein meine neuen Schiffs⸗ gefährten, von welchen ich einen großen Theil ſchon auf andern Fahrzeugen kennen gelernt hatte, ließen es ſich angelegen ſeyn, mich mit Grog wieder aufzuheitern. Auf dieſe Weiſe war mein Schmerz nicht von Dauer, und binnen Kurzem hatte ich den ganzen Unglücksfall beinahe vergeſſen. Ich habe in der That im Laufe der letzten fünf Jahre wahrſcheinlich mehr über die gnädige Fügung der Vorſehung nachgedacht, durch welche mein Leben verſchont wurde, als ich es in den fünfundzwanzig Jahren gethan, die unmittelbar auf jenen Unglücksfall folgten.. Ddie Flotte lief nun wieder in den Niagara ein, und legte ſich dort vor Anker. Herr Trant, der die Ueber⸗ bleibſel von der Mannſchaft der„Peitſche“ gemuſtert hatte, eröffnete uns nun, er brauche gerade ſo viel Köpfe für ſein eigenes Fahrzeug, und ſey deßhalb geſonnen, ſich einen Tagsbefehl auszuwirken, in Folge deſſen wir an Bord der„Julia“ bleiben ſollten; einſtweilen wollte er uns Be⸗ ſchäftigung und Unterkommen auf ſeinem Fahrzeuge geben. Ich ward bei den Braſſen angeſtellt, und dem langen Zwei⸗ unddreißigpfünder als zweiter Lader zugetheilt; die„Julia“ führte namlich einen langen Zweiunddreißigpfünder und einen Achtzehnpfünder als Drehbaſſen auf dem Verdeck, und zwei Sechspfünder auf den Langſeiten, welch letztere, wie ich bereits erwähnt, indeſſen nur ſelten gebraucht wur⸗ den. Sie war ein kleiner, aber dauerhafter Schooner, und hatte etwa vierzig Köpfe an Bord, war überhaupt ein beſſeres Fahrzeug als die„Peitſche,“ obwohl ſie keine Schan⸗ zen hatte, ſondern nur ein niederes Geländer mit einem Satbord, und weit weniger Geſchütz führte, 119 Siebentes Kapitel. Ich habe ſpäter nie erfahren, was aus den vier Bur⸗ ſchen wurde, welche das Boot der„Julia“ aufgefiſcht, hatte, und vermuthe nur, daß ſie ſammt ihren Schiffsgenoſſen auf irgend einem andern Fahrzeug untergebracht worden ſind; auch über die näheren Umſtaͤnde des Untergangs dieſes Schooners verlautete nie etwas mehr, als die That⸗ ſache, daß ihre Marsſegelſchoten befeſtigt, und die Fallen gekreuzt waren. Dies hatte ich von den Leuten erfahren, die an Bord der„Julia“ gebracht worden waren, und uns verſicherten, ihr Fahrzeug ſey in allen Theilen zum Kampf gerüſtet geweſen. Etliche Matroſen tadelten dies, und andere hinwiederum lobten es; allein meines Erach⸗ tens war dies ſo ziemlich von keiner Bedeutung in einem Orkan wie derjenige, welcher uns ereilt hatte. Die merk⸗ würdigſte Erſcheinung dabei war aber, daß die„Julia,“ welche im Augenblick, wo die„Peitſche“ unterging, nicht weit von uns entfernt ſeyn konnte, faſt gar keinen Wind verſpürte, da ſie blos luwärts zu halten(ihre Segel zu drehen) brauchte, um aller Gefahr zu entgehen. Wir lagen nur eine einzige Nacht in der Mündung des Niagara; ſchon am andern Morgen ging das Ge⸗ ſchwader wieder unter Segel, und machte ſich an die Verfolgung der Engländer. Das Wetter war ſehr ver⸗ änderlich, und wir konnten den ganzen Tag über Sir James Yoo nicht nahe kommen; das geſchah am neunten Auguſt. Ob die„Peitſche“ in der Nacht vom ſiebenten oder am Morgen des achten unterging, habe ich nicht erfahren können. Am Morgen des zehnten endlich ſahen wir uns in der Nähe der nördlichen Küſte des Sees und windwärts von den Engländern. Der Kommodore nahm nun die„Natter“, der Madiſon aber die„ſchöne Ameri⸗ kanerin“ in's Schlepptau, und wir Alle fuhren hinter⸗ drein und ſahen einem allgemeinen Gefecht entgegen; allein der Wind ſchlug um und brachte die Engländer 120 windwärts. Am Nachmittag hatten wir Windſtille oder veränderlichen Wind; gegen Sonnenuntergang legte ſich der Feind unter dem amerikaniſchen Ufer in die Laute, und wir bekamen einen friſchen Südwind. Nun drängten wir uns zuſammen und bildeten um ſechs Uhr unſere Linie, um das Gefecht zu beginnen; ſo lagen wir dicht gedrängt bis ſieben Uhr, als der Wind auf einmal wieder friſch aus Südweſten kam und die Engländer wiederum windwärts brachte. Was ſich nun zutrug, vermag ich kaum zu beſchrei⸗ ben, weil wir ſo oft manöuvrirten und unſern Anker⸗ grund wechſelten; beide Geſchwader lagen einander im See gegenüber, nur hatte der Feind die Windſeite und lag ein wenig hinter uns. Wie fuhren nun auf Hör⸗ weite am Kommodore vorüber, der uns Befehl gab, eine neue Schlachtlinie zu bilden, was wir denn auch auf folgende Weiſe thaten: die eine Linie, aus den kleinſten Schoonern beſtehend, dehnte ſich windwärts hin, während die Dreimaſter⸗Brigg und die beiden ſchwerfälligſten Schoo⸗ ner eine andere Linie nach der Leeſeite bildeten. Unſer Poſten lag am weiteſten windwärts, und unmittelbar hinter uns lag der„Brummbart“ unter dem Lieutenant Deacon. So viel konnte ich wenigſtens ſehen, obwohl ich nicht eben viel davon verſtand; nunmehr habe ich in Erfahrung gebracht, daß unſer Plan dahin ging, den Feind mit der Wetterlinie anzugreifen, ihn von der Küſte abzuſchneiden, und auf dieſe Weiſe auf unſere Leelinie hinzudrängen, woſelbſt wir unſere Hauptſtreitkräfte concentrirt hatten. Dem Befehl zu Folge hätten wir eher wegrücken ſollen, ſobald die Engländer ihr Feuer begannen, um ſie dadurch auf den Kommodore zu werfen; allein es wird aus dem Verlauf meiner Erzählung hervorgehen, daß unſer Schoo⸗ ner einen ganz andern Weg einſchlug. 5 Es mochte etwa nahezu an Mitternacht geweſen ſeyn, als der Feind auf die„ſchöne Amerikanerin“ zu feuern begann, die das hinterſte Fahrzeug unſerer Wet⸗ terlinie war. Wir waren ihr ziemlich weit voran, und 1 =ͤ8AͤOS=—=eeͤS— S —— SCe n= ᷣ& 121 zauderten eine Weile, mit dem Feuer zu beginnen; hinter uns war das Feuer ſchon ziemlich lebhaft; allein wir blieben ruhig, ohne anzugreifen, da uns der Feind noch nicht weit gennug voran war. Nach einer Weile wichen die vier hinterſten Schooner unſerer Linie dem Befehl zu Folge ſeitwärts ab, die„Julia“ aber und der„Brumm⸗ bart“ hielten noch ſeſten Stand. Ich vermuthe, daß die Engländer zu gleicher Zeit ebenfalls wichen, wie der Kom⸗ modore erwartet hatte, und auf einmal fanden wir uns dem Feind ſo günſtig gegenüber, daß Herr Trant, anſtatt ſich ihm zu nähern, mit der„Julia“ lavirte, und der „Brummbart“ raſch hinter uns herkam. Wir begannen nun auf die vorderſten Schiffe des Feindes zu feuern, welche auf uns zuſegelten; wir waren durch dieſes La⸗ viren im Stande geweſen, dem Feinde in den Rücken zu kommen und ihm den Wind abzugewinnen. Als wir uns einigermaßen auf der Wetterſeite der engliſchen Schiffe befanden, geiten wir das Fockſegel auf und ſandten ihm aus recht wirkſamer Entfernung einige Kugeln zu; der Feind erwiderte unſer Feuer und ſchien von dieſem Au⸗ genblick an alle Abſichten auf die Fahrzeuge in ſeiner Leeſeite aufzugeben, und ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf die„Julia“ und den„Brummbart“ zu richten. Die engliſche Flotte ſchlug dieſelbe Richtung ein, bis ſie zwiſchen uns und unſerer eigenen Linie lag, wor⸗ auf ſie denn alsbald Jagd auf uns machte. Wir mach⸗ ten nun kurze Gänge windwärts und die feindliche Linie löste ſich auf und zertheilte ſeine Schifſe in weiter Ent⸗ fernung von einander, um einen recht weiten Raum einzunehmen, wodurch ſie verhindern wollten, daß wir ihnen nicht wieder in den Rücken kämen, indem wir ihre Linie umgiengen und leewärts ſteuerten. Windwärts zu halten war für uns mit keiner Schwierigkeit verknüpft, da wir nur von Zeit zu Zeit unſere Fockſegel aufzugeien und wegzurücken brauchten, um gewiß zu ſeyn, daß un⸗ ſere Schüſſe tüchtig trafen. Bei mäßigem Winde war Edward Myers. 11 9 1 die„Julia“ das ſchnellſte Segel im amerikaniſchen Ge⸗ ſchwader, die„Dame vom See“ ausgenommen, und auch der„Brummbart“ war nichts weniger als ſchwerfällig. Wäre Raum genug vorhanden geweſen, ſo zweifle ich gar nicht, daß wir den Engländern auf die leichteſte Weiſe entgangen wären; zumal wenn wir ihnen von Zeit zu Zeit ein paar wohlgezielte Schüſſe aus unſern langen ſchweren Geſchützſtücken zugeſandt haben würden. Ich dachte oft, Herr Trant müſſe ganz vergeſſen haben, daß wir uns zwiſchen dem Land und dem Feind befanden, und der Meinung geweſen ſeyn, wir lägen in offener See; es war ein mondheller nebeliger Morgen, und wir ſahen doch nichts vom Feſtlande, obwohl es ſich ſpäter er⸗ gab, daß es uns näher lag, als uns eigentlich lieb war. Die Mannſchaft war nun bemüht, die Windſeite zu gewinnen, obwohl unſere Schooner von Zeit zu Zeit noch beidrehten und auf den Feind feuerten; die feindlichen Kugeln erreichten uns hie und da, ſlogen je⸗ doch meiſt über uns hinweg, und fügten uns nur geringen Schaden zu, wiewohl keinen ſo erheblichen, daß wir ihn nicht alsbald auszubeſſern im Stande geweſen wären. Die Hißtaue an der Micke des Hauptmaſtes an Bord der „Julia,“ ſowie das Geitau des Giekſegels wurden weg⸗ geſchoſſen. Mir däucht überdieß noch wahrſcheinlich, daß der Feind auf's letzte wegen des Landes ſeinen Luv nicht mehr einhielt.— 4 Unſere beiden Schooner blieben hart neben einander und hielten gleichen Kurs, indem bald der Eine, bald der Andere die Windſeite hielt; zufällig lag der„Brummbart“ gerade windwärts, als wir zum Erſtenmal unſerer kriti⸗ ſchen Lage inne wurden. Er war gerade unter den Wind gebracht worden und lief in Hörweite vor uns her, als Lieutenant Deacon Herrn Trant die Nachricht gab, daß er nur noch zwei Faden Fahrwaſſer habe, und Lichter an der Küſte ſehen könne. Er war der Anſicht, es ſeyen Indianer in großer Entfernung in unſerer Nähe, und hielt es für das Beſte, unter allen Umſtänden das Land zu vermeiden. . 123 „Was halten Sie für das Beſte?“ fragte Lieutenant Dea⸗ con.—„Geradezu durch die Engländer hindurch Spieß⸗ ruthen zu laufen!“ gab Trant zur Antwort.—„Recht ſo, Sir!“ rief Deacon herüber,„ich bin dabei,— doch wer ſoll voran gehen?“—„Ich will das Vordertreffen bilden!“ gab Herr Trant zu Antwort, und damit war die Sache abgemacht. Wir brachten nun beide Fahrzeuge unter den Wind und ſteuerten auf eine Lücke in der Schlachtlinie der Eng⸗ länder los. Der Feind ſchien uns zu erwarten, denn er hatte zwei Schlachtlinien gebildet und Raum genug gelaſ⸗ ſen, um zwiſchen Beide zu gerathen. Als wir nun das Fahrzeug unter den Wind brachten, hatte es ſelbſt noch unter) dieſen kritiſchen Umſtänden das Boomſegel, Vor⸗ marsſegel, beide Klüverſegel und das Fockſegel entfaltet. Die Ausrüſtung unſeres kleinen Fahrzeugs war ſo unvoll⸗ ſtändig, daß wir weder Raaſegel und Breefocken, noch Lee⸗ ſegel und Beiſegel an Bord hatten, und ich hatte, die „Peitſche“ ausgenommen, in keinem von all unſeren Schoo⸗ nern Leeſegel bemerkt. Die„Julia“ und der„Brummbart“ ſteuerten nun, die Erſtere voran, in halber Kabellänge auseinander liegend, auf den Feind zu. Als wir uns zwiſchen beiden feindlichen Linien befanden, waren wir von jeder nur etwa eine kurze Kartaͤtſchenſchußweite entfernt, und wurden nun von bei⸗ den Seiten her tüchtig beſchoſſen. Die beiden engliſchen Dreimaſter lagen leewärts, je an der Spitze einer Schlacht⸗ linie, und wir mußten an einer Brigg und drei ordent⸗ lichen Kriegsſchoonern vorüber, und hatten überdies die Gewißheit, auf den„Wolfe“ und„Royal George“ zu ſtoßen, falls es auch uns ſelbſt gelingen ſollte, dieſe vier Fahrzeuge los zu werden. Wir beide unterhielten ein anhaltendes Feuer und rückten unſere Kanonen häufig, um keines der feind⸗ lichen Schiffe zu vergeſſen. Als wir ihnen nahe genug kamen, begrüßten wir ſie damit, daß wir je nach Rang und Größe unſer ganzes grobes Geſchütz auf ſie ſpielen ließen. 9 . 12⁴ Ein paar Minuten lang fuhren wir ganz trefflich, allein kaum waren wir zwiſchen beide Linien gerathen, als wir einem furchtbaren Feuer ausgeſetzt waren. Das Takelwerk ſtürzte uns auf die Köpfe herunter, ein Schuß flog nur wenige Fuß über unſern Köpfen hin, zerriß beide Marsſegelſchoten und ſchlug ein Stück Holz von der Größe einer Zweiunddreißigpfünder⸗Kugel aus dem Fockmaſt. Ich ſtieg ſogleich hinauf, um eine dieſer Schoten wieder anzuknüpfen, und bemerkte im Hinauf⸗ klettern den Schaden, der uns in den Spieren zugefügt worden war. Kurz darauf fing die Talje des Boomſe⸗ gels von der Vorladung(dem Pfropf) eines feindlichen Schuſſes Feuer, weil wir in dieſem Augenblick faſt hart bei ihnen ſeyn mußten, und ich möchte faſt behaup⸗ ten, daß wir es nur der allzu großen Nähe des Feindes zu verdanken hatten, daß unſre Verdecke nicht ganz glatt abrafirt wurden. Die Traubenſchüſſe und Kartätſchen flogen wie Hagel über unſern Köpfen hinweg, und das Fockſegel flog buchſtäblich in Fetzen und Streifen davon. Da die Fallreepen ebenfalls zu Grunde gegangen waren, ſtürzte das Boomſegel bald darauf herab, und der Klü⸗ ver ſank ſo tief hernieder, als es uur immer möglich war. Die Marsſegelraa hing nun noch allein am Top⸗ maſt, und der Schooner kam nun vor den Wind. Wir ließen inzwiſchen unaufhörlich unſere Geſchütze ſpielen, und der alte Trant ging beſtändig vom einem zum andern und richtete ſie ſelbſt, ſobald ſie ſchußfertig waren. Er ſtand eben am Achtzehnpfünder, als unſre Lage auf dem kritiſcheſten Punkte ſtund, und er rief noch, bevor er ihm den Rücken wandte, ſeiner Bedienungs⸗ mannſchaft den Befehl zu:„das Stuck bis zur Mün⸗ dung voll zu laden.“ Nun kam er zu unſrem Geſchütz, das eben mit einer Kugel, einem Traubenſchuß und einer Kartätſchenbüchſe geladen wurde, wie ich am beſten wiſſen muß, da ich ſie ſämmtlich mit eigener Hand hineinge⸗ ſtopft hatte. Unterdeſſen war uns der„Melville,“ eine der feindlichen Briggs, ganz nahe gekommen und feuerte ich, een, Das juß eriß von dem eſer nuf⸗ ügt nſe⸗ hen faſt up⸗ des latt hen das von. ren, blu⸗ lich op⸗ ütze nem rtig nſre och, igs⸗ üͤn⸗ hütz, iner iſſen nge⸗ eine eerte 12⁵ aus ſeinem Fockmarskorbe herab auf unſer Deck; er legte faſt an der Backbordſeite unſeres Verdecks an, während ein großer Schooner ſich hart an unſer Steuerbord herandrängte. Hr. Trant richtete unſer Stück ſo, daß es gerade das Vorderkaſtell der Brigg beſtreichen mußte, und rief alsdann:„Nun, meine Jungen, feuert auf dieſe Beſtien! bohrt ſie Alle in den Grund!“ Allein nirgends war eine Lunte zu finden, da vermuthlich irgend Jemand Beide über Bord geworfen hatte. Im ſelben Augenblick ragte der Kluͤverbaum der Brigg über unſer Quarterdeck herein, und die Engländer kamen nun wirklich zu uns an Bord. Wir waren nun rings vom Feinde umgeben, und der„Wolf“ lag ebenfalls in Hörweite von uns und ließ ſein Geſchütz auf uns ſpielen. Das Letzte, was ich von unſern Leuten noch ſah, war, wie Mallet an mir vorüber nach dem Vorderkaſtell eilte; dann ſetzte ich mich auf die Protzkiſte unſres Zweiunddreißigpfünders nieder, und blickte ſo düſter drein, wie ein Bär. Zwei oder drei Engländer gingen an mir vorüber und ſchienen mich kaum zu bemerken. Sogar noch in dieſem Augenblick kam eine ſcharfe Salve von Kleingewehrfener vom Focktop der Brigg herüber, und ſchlug Alles um mich her zu Boden, und traf ſowohl in's Deck, als auf unſer Geſchütz. Zu gleicher Zeit näherte ſich mir ein engliſcher Offi⸗ zier und fragte:„Was machſt Du hier, Yankee?“— Das erbitterte mich nicht wenig, und höhniſch verſetzte ich ihm:„Ich ſehe zu, wie Eure Narren auf ihre eigenen Leute feuern.“—„Nimm das für Deinen Spott!“ ſagte er, und ſtieß bei dieſen Worten mit dem Degen nach mir; die Spitze der Klinge ſtreifte mein Hüftbein, und verur⸗ ſachte mir eine leichte Fleiſchwunde. Meine Bleſſur war nicht gefährlich, obwohl ſie heftig blutete und etliche Wochen zur Heilung brauchte. Ich ſtand nun auf, um unter Deck zu gehen, als ich ploͤtzlich einen Ruf von einem der Schiffe her— ich glaube es war der„Wolf“ — hoͤrte.„Habt ihr geſiegt?“ fragte Jemand. Der Of⸗ ſizier, der mich verwundet hatte, vief nun als Antwort: 126 „Feuert nicht auf uns, Sir, ich bin an Bord und habe Beſitz von dem Schiff genommen!“— Der Ofifizier des nächſten Schiffs fragte nun:„Iſt noch Jemand an Bord am Leben?“ worauf denn der Priſenoffizier zur Antwort gab:„Ich weiß nicht, Sir; ich habe bis jetzt nur einen einzigen Mann geſehen.“ Ich ging nun wirklich unter Deck, legte einen Ver⸗ band auf meine Wunde, um der Blutung Einhalt zu thun, und nahm die Gelegenheit wahr, mich unten ein wenig umzuſehen. Einige der Engländer waren bereits unten und ein Theil unſerer Schiffsmannſchaft hatte ſich ihnen angeſchloſſen, um die Spunten aus etlichen Fäſſern Gerſtenbranntwein auszuſchlagen; Brodſäcke und Proviant aller Art war herbeigeſchleppt worden, und die ganze Mannſchaft ohne Unterſchied des Standes that ſich mit Eſſen und Trinken ordentlich gütlich; etliche von ihnen ſtimmten gar ein Lied an, und alle tranken einander gute Kameradſchaft zu, wie ſie es bei einer Luſtparthie am Lande gethan haben würden. Ein paar Minuten ſpäter kam der Offizier, der mich verwundet hatte, ebenfalls herunter, und hatte nicht ſo⸗ bald geſehen, was wir hier anſtellten, als er lachend aus⸗ rief:„Halloh, ihr Jungen, das iſt ja die„große Welt unter der Treppe!““— Er rief hierauf einen andern Of⸗ fizier herbei, um ihm den Spaß zu zeigen und Etliche von den Unſrigen gaben gar den Rath, man ſolle den Bengel beohrfeigen; die Lichter wurden nun ausgelöſcht, und die beiden Offiziere warfen den Whiskey um. Wäh⸗ rend dieß geſchah, eilten die meiſten Engländer durch die Vorderluke hinauf und nur wir Leute von der„Julia“ blieben noch unten. Etwa eine Stunde ſpäter wurden wir an Bord der feindlichen Fahrzeuge gebracht; ich ſelbſt ward nach dem „Royal George“ gebracht, Herr Trant aber von dem „Wolf“ an Bord genommen. Der„Brummbart“ hatte ſein Bugſpriet verloren, und war nach mancherlei andern Beſchädigungen ebenfalls gezwungen worden, die Flagge — —=—.——————————————C»„———————+, — 127 zu ſtreichen; er hatte einen Todten, und wenn ich mich nicht irre, mehrere Verwundete an Bord.*) Auf unſerem Schiffe war außer mir auch nicht ein Mann verwundet worden! Ein wahres Wunder mußte uns beſchützt haben, denn jedes der feindlichen Fahrzeuge hatte eine Schlappe von uns erhalten, und wir waren eine Zeitlang kaum auf Piſtolenſchußweite vom Feinde entfernt geweſen; zu⸗ dem hatten wir gar keine Schanzverkleidungen, und waren alſo den Traubenſchüſſen und Kartätſchen vollkommen ausgeſetzt geweſen, der Feind mußte nur zu hoch gefeuert haben, ſonſt wäre ſicherlich kein Mann von uns davon gekommen.— Im Monat Juni, während ich noch auf der„Peitſche“ diente, war ich mit einer Bootsmannſchaft unter Herrn Bogardus an Bord eines engliſchen Parla⸗ mentärſchiffes geſandt worden, das uns einen Antrag auf Waffenſtillſtand in den Hafen gebracht hatte. Während wir an Bord dieſes Fahrzeugs waren, hatte unſere Boots⸗ mannſchaft mit den Engländern Brüderſchaft gemacht, und wir waren untereinander übereingekommen, einander brüderlich beizuſpringen, falls der eine oder der andere Theil von uns in Gefangenſchaft gerathen ſollte. Noch war ich nicht lange Zeit an Bord des„Royal⸗George“ geweſen, als zwei derſelben Burſchen mit etwas Grog und Imbiß auf mich zukamen, und mir auch am andern Morgen wiederum Nahrungsmittel brachten. Später ſah ich übrigens nichts mehr von ihnen, bis ſie, als wir das Schiff verließen, noch einmal zu uns an die Fall⸗ reepstreppe kamen, und uns die Hand drückten. Am nächſten Morgen ward einer von uns um den *) Kapitän Deacon ſtarb vermuthlich vor einigen Jahren an den Folgen einer Wunde, welche er in jener Nacht an Bord des „Brummbart“ erhalten hatte; ein Schuß hatte nämlich den Giek⸗ baum des Fahrzeugs getroffen, von welchem er nur wenige Schritte entfernt geweſen war, und er hatte ſeither ſich häuſig über den Schmerz im einen Ohr beklagt, welchen ihm jener Schuß verur⸗ ſacht habe. Bei ſeinem Tode war auch dieſe Seite ſeines Kopfes ſehr angeſchwollen und angegriffen. Anm d. Verfaſſers. 128 Andern nach der großen Kajüte hinuntergerufen, um von einem engliſchen Kriegsgericht in's Verhör genommen zu werden. Man ſetzte mir gewaltig zu, etwas Näheres über die Stärke der amerikaniſchen Streitmacht, die Namen der Fahrzeuge, die Anzahl der Mannſchaft und die Namen der Befehlshaber zu äußern; ich gab ihnen aber wenig oder gar keine Antwort und ward bald darauf wieder aus der Kajüte hinausgewieſen. Als ich den Platz päumen wollte, rief mich einer der Lieutenants zurück, deſſen Ausſehen mir auf den erſten Anblick gar nicht gefallen wollte; ob⸗ wohl es nun acht Jahre war ſeltdem ich Halifax verlaſſen hatte, und wir uns Beide ſehr geändert haben mochten, hielt ich die⸗ ſen Herrn für Herrn Bowen, den Midſhipman von der „Cleopatra,“ der einſt mein Schulgefährte geweſen war, und den ich ſpäter an Bord der bereits erwaͤhnten Priſen⸗ brigg getroffen hatte. 1 Dieſer Offizier befragte mich über meinen Geburts⸗ ort, als welchen ich New⸗York nannte; er meinte es aber⸗ beſſer zu wiſſen und fragte nach meinem Namen; darauf bezog ich mich auf den, der in der Schiffsliſte ſtund, und bei dem ich allgemein gerufen wurde. Auch hier behaup⸗ tete er, es wieder beſſer zu wiſſen, und meinte, ich ſolle ſpäter ſchon davon hören. Wenn es wirklich mein alter Schulgefährte geweſen war, ſo mußte er freilich wiſſen, daß ich früher Edward Robert Meyers geheißen, nun aber den mittleren Namen ausließ, und mich ſelbſt Myers nannte. Indeß mochte er wohl nicht die Perſon ſeyn, für welche ich ihn hielt, und er ſeinerſeits mochte ſich auch in mir geirrt haben; ich hatte ſpäter keine Gelegen⸗ heit, mich näher darüber zu erkundigen, und da der Um⸗ ſtand für mich keine Folgen hatte, vergaß ich ſeiner bald. Wir ſteuerten nun auf Little⸗York zu, und wurden noch an ſelbem Abend an's Land geſchickt; über unſer Geſchwader weiß ich nichts Weiteres zu ſagen, da ich die ganze Zeit uber, ſo lange wir an Bord des„Royal George“ waren, unter Deck gehalten wurde. Ob wir in der Nacht, wo ich gefangen genommen worden war, dem Feinde 129 einigen Schaden zufügten oder nicht, weiß ich ebenfalls nicht zu ſagen, obwohl ich mich noch erinnere, daß eine acht⸗ undſechszigpfünder Karonnade, welche neben der Fallreeps⸗ treppe des„Royal George“ ſtand, in der Nacht, wo ich an Bord des Schiffes kam, demontirt war; es ſchien mir beinahe, als ob die Laffetten zerbrochen geweſen waͤren. So viel erinnere ich mich noch genau, daß das Schiff mehr als gewöhnlich verwahrt geweſen iſt, allein aus was für einem Grunde, will ich mir nicht zu behaupten anmaßen.— In York wurden wir in’s Gefängniß ge⸗ ſteckt und drei Wochen lang gefangen gehalten; unſere Behandlung war in jeder Beziehung ſchlecht, und wir hatten nur den Vortheil, nicht dicht auf einander ge⸗ drängt zu werden. Was die Nahrung anbelangt, ſo wurden wir die ganze Zeit unſerer Gefangenſchaft über zu„ſechs auf vier“ gehalten, das heißt wir bekamen nur Zweidrittels⸗Rationen.*) Das Brod war ſehr ſchlecht, und das Schweinefleiſch kaum beſſer; während wir im Gefängniß lagen, ſandte uns eine Abtheilung betrunkener Indianer eine Salve zu, die uns indeß glücklicherweiſe⸗ keinen Schaden zufügte. Nach Verfluß von drei Wochen erhielt jeder von uns einen Querſack und zwei Tage Urlaub. Unſere Kleider wurden uns weggenommen, und geſagt:„man wolle ſie uns einſtweilen aufheben;“ eine Verlegenheit, welcher indeß nur Wenige von uns ausgeſetzt waren. Was mich anbelangt, ſo hatte ich glücklicherweiſe nichts mehr zu verlieren, da all mein Hab und Gut mit der„Peitſche“ untergegangen war; mein einziges Beſitzthum auf der weiten Erde beſtand noch in einem Hemd und zwei Taſchentüchern und einem alten Schlapphute, den ich gegen eine Mütze eingetauſcht, *) Ned will hiemit ſagen, ſechs Perſonen ſeyen angewieſen geweſen, mit derſelben Ration vorlieb zu, nehmen, welche gewöhn⸗ lich auf vier Mann gerechnet wird; alſo ſagen wir wohl am be⸗ ſten: ſie waren auf Zweidrittels⸗Rationen geſegt.— Mit Kriegs⸗ gefangenen macht man überhaupt gewöhnlich nicht viel Umſtände, ſondern läßt ſie ſich ſelber helfen, ſo gut ſie können. 8 Anm. d. Verf. 130 welche man mir auf der„Julia“ geſchenkt hatte. Ich hatte nicht einmal Schuhe und bekam auch nicht eher welche, als bis wir Halifax erreicht hatten. All dieß kümmerte mich aber wenig, da ich von Natur aus heiter und zähe gegen das Unglück war; mein einziger Kummer war die Furcht, in Folge der Erinnerungen des eben erwähnten Offiziers wieder erkannt zu werden. 5 Wir traten nun unſern Marſch nach Kingſton, unter der Aufſicht einer Kompagnie vom Regiment Glengarry und einer Abtheilung Indianer an, welch Letztere ſich ſtets auf den Flanken hielten, um, wie ſich's von ſelbſt verſteht, jeden Mann niederzuſchießen und zu ſkalpiren, ſobald er die Reihen verließe. Wir marſchirten zu Zwei und Zwei, und mochten im Ganzen etwa unſerer achtzig Gefangene ſeyn. Die beiden erſten Tage unſeres Marſches waren für uns mit fürchterlichen Strapazen verbunden, da wir keinen andern Weg hatten, als eine Indianerfährte, und unter freiem Himmel kampiren mußten; meine Füße wurden ganz mit Schwielen bedeckt, und in Beziehung auf Nahrung mußten wir mit rohem Schweinefleiſch vorlieb nehmen, da wir kein Geſchirr zum Kochen hatten. Die Soldaten wa⸗ ren nicht beſſer dran als wir ſelbſt, doch hatten ſie wenig⸗ ſtens hinreichende Nahrungsmittel; unſer Mundvorrath wurde, wie es ſcheint, zu Land herbeigeſchafft, und für uns an beſtimmten Plätzen zurückgelaſſen, denn alle zwei Tage berührten wir wieder das Seeufer und fanden ſie ſchon für uns hergerichtet; man hatte ſie ohne alle Wache und Aufſicht am Strande zurückgelaſſen, und auf dieſe Weiſe verſahen wir uns den ganzen Weg entlang mit unſern Vorräthen.— Im Depot fanden Herr Bogardus und der Lootſe ein Boot, und wußten ſich demſelben unvermerkt zu nähern, und damit in den See zu ſtechen; allein ſie waren kaum einen Tag und eine Nacht abweſend geweſen, als ſie ein Sturm wieder ans Land trieb, und in die Hände einer Abtheilung Dragoner fallen ließ, welche den Gouverneur, Sir George Prevoſt, am Seeufer entlang escortirten. Wir trafen an einer Art Wirthshaus wieder mit Beiden zu⸗ 131 ſammen, wo der engliſche Gouverneur uns ſeine Escorte ge⸗ rade Halt gemacht hatten; ſie wurden nun wieder zu uns geſteckt, und zugleich auch mit ihnen zwei Offiziere der ameri⸗ kaniſchen Armee, welche den Indianern in die Hände ge⸗ fallen und fürchterlich zugerichtet worden waren; der Eine von ihnen hatte eine ſchwere Wunde am Arm davon getragen. Am Abend deſſelben Tages, wo wir Sir George Pre⸗ voſt getroffen hatten, paſſirten wir ein kleines Dörſchen, und bivouacquirten unmittelbar außerhalb deſſelben; lals wir das Dörſchen betraten, ſpielte die Muſikbande un⸗ ſerer Escorte„Yankee⸗Doodle“ und unmittelbar darauf den Spitzbubenmarſch. Im Dörfchen hielt ich um Erlaubniß an, in ein Haus treten und um einen Trunk Milch bitten zu dürfen; die Frau vom Hauſe erzählte mir, daß ſie uns ſchon ſeit zwei Tagen erwartet und die Milch ausdrücklich aufgehoben habe, um ſie uns zu geben; ich durfte trinken ſo viel ich mochte, und bekam noch, wie mehrere Andere von uns, einen kleinen Brodlaib mit auf den Weg. Dieſe Leute ſchienen auf die Amerikaner ſehr gut zu ſprechen, und ſehr geneigt zu ſeyn, uns artig zu behandeln. Ich ſchlief in der Nachtdarauf auf dem blanken Erdboden in einer Scheune. Die Kränkung, daß man uns zum Hohn den Spitz⸗ bubenmarſch aufgeſpielt hatte, wurmte uns Allen tief, und Jack Neilly und ich verabredeten uns, für eine ähnliche Wiederholung dieſer Schmach Nache zu nehmen. Ein paar Tage ſpäter ſpielte man uns, als wir in ein anderes Dorf kamen, dieſelbe Melodie wieder auf; nun raffte ich ein paar große Steine auf, ſprang an die Spitze des Zugs, und ſchlug ſie durch beide Felle der Trommel, ehe. noch der kleine Trommler meine Abſicht durchſchauen konnte; Jack aber riß dem andern Knaben die Pfeife aus der Hand, und ließ ſie unter uns allen von einer Hand zur andern gehen, bis Einer, der Hinterſte im Zuge, ſie über das Ge⸗ länder einer Brücke hinunter ſchleuderte. Von nun an hat⸗ ten wir keine Muſik mehr, und niemand wagte uns auch darum zu tadeln, denn ich bin der Anſicht, daß die Offiziere unſerer Eskorte ſich ſelbſt ſchämten. 132 Nach einen Marſch von mehreren Tagen kamen wir unweit Kingſton wieder in ein Dörfchen, in deſſen Umge⸗ bung ich eine große Menge Gänſe ſah, und auf den Ein⸗ fall gerieth, mir eine zum Abendbrod zu verſchaffen. Ich that Mallet den Vorſchlag, eine der Gänſe zu fangen, falls er ſie braten wolle, und raffte, da er ſich dazu bereit er⸗ klärte, einen Prügel auf, ſchleuderte ihn unter eine Heerde und traf auch wirklich eine davon, daß ſie liegen blieb. Schon hatte ich die Gans erhaſcht, und wollte ſie herbei⸗ ſchleppen, als meine Mitgefangenen mir ängſtlich den Nath zuriefen, mich zu verſtecken, was ich denn auch alsbald that, da ich nicht wußte, von wo her mir Gefahr drohe. Ich hatte wahrlich wohl gethan, mich hinter einen Baum⸗ ſtumpf zu ducken, denn auf einmal feuerten zwei Indianer nach mir, und die Kugeyn des Einen ſchlug gerade in den Stumpf, während die des Andern über meinen Kopf hin⸗ pfiff. Ein Offizier von der Miliz ſprengte nun heran, und trieb die beiden Indianer zurück, die vermuthlich nach meinem Skalp hatten ſehen wollen. Der Offtzier ſchalt mit mir, war aber ſehr milde und ſogar gütig gegen mich. Ich entſchuldigte mich damit, daß ich hungrig und warmer Speiſen wohl bedürftig ſey.„Aber ihr begeht ja einen Raub, guter Freund?“ ſagte er zu mir.—„Wenn's das iſt,“ meinte ich,„ſo beraube ich ja nur einen Feind.“—„Das wißt Ihr nicht ſo gewiß!“ meinte er ſehr bedeutſam;„es könnte ja auch ein Freund von Euch ſeyn!“—„Wohlan denn!“ erwi⸗ derte ich lachend,“„ein Freund wird mir die Gans nicht mißgönnen.“ Wie der Offizier dieß hörte, lachte er ſelbſt mit, und fragte mich, wie ich denn die Gans zubereiten wolle; worauf ich ihm erwiederte, daß einer meiner Kamera⸗ den mir bereits verſprochen habe dieß für mich zu thun. Er hieß mich hierauf wieder ſammt der Gans in Reih und Glied zu treten, und ihn aufzuſuchen, ſobald wir am Abend Halt machen würden; dieß that ich denn auch, und erhielt von ihm eine Pfanne, einige Kartoffeln, Zwiebeln, u. ſ. w., woraus wir die einzige gute Mahlzeit bereiteten, 133 die uns auf dem ganzen Marſch zukam; ja ich kann wohl ſagen, daß dieß das letzte gern gereichte und wirklich ge⸗ nießbare Gericht war, das wir im Verlauf von mehreren Wochen einnahmen, bis ich Halifax erreichte. Während Jack Mallet die Gans briet, ging ich in Begleitung einer Schildwache hinter einen Haufen Bretter, und ſah hier ein Lineal von Ebenholz und fünfzehn Pence daneben auf einem Brette liegen; dieſe nahm ich natürlich als rechtmäßige Priſe, da ich mich ja in Feindesland befand. Das Geld wurde zum Ankauf von Brod verwendet, und das Lineal für eine halbe Gallone Rum verſchachert, wo⸗ mit wir uns einen heitern Abend machten. Wir hielten uns in Kingston nicht auf, obwohl uns die Indianer jetzt verließen; wir marſchirten nun durch lau⸗ ter angebautes Land, und wurden nur von einer Abtheilung Miliz eskortirt. Unſere Behandlung auf dieſem Wege war weit beſſer als zuvor, da die Leute der Gegend alle ſehr freundſchaftlich, freigebig und wohlwollend gegen uns waren. Als wir den tauſend Inſeln gegenüber waren, machten Herr Bogardus und der Lootſe abermals einen Verſuch zur Flucht, und kamen glücklich davon; dieß waren die beiden Einzigen, denen es gelang. Wie ſie es bewerkſtelligten, kann ich nicht ſagen, allein Beide entflohen glücklich, und ich habe von ihnen ſpäter nichts mehr gehört. 3. In der Nähe von Long⸗Sault wurden wir alle in Booten untergebracht, und hatten einen Kanadiſchen Lootſen an jedem Steuerruder; die Miliz blieb nun zurück, und wir fuhren auf dem St. Lorenz⸗Strom abwärts, und leg⸗ ten, wie man uns verſicherte, eine Strecke von neun eng⸗ liſchen Meilen in fünfzehn Minuten zurück. Am Fuße der Waſſerſtürze fanden wir eine neue Eskorte, was wohl nur in unſerem beiderſeitigen Intereſſe geſchehen war; wir dach⸗ ten damals freilich anders, denn es wollte uns bedünken, als ſetzten ſie uns einer Gefahr aus, die ſie ſelbſt nicht zu beſtehen wagten. Ich habe inzwiſchen freilich erfahren, daß auch reiſende Damen ſich auf dieſe Weiſe jene gefürchteten Ströme hinunterbringen ließen, was auch in der That, 13⁴ wenn man nur geſchickte Lootſen hat, mit wenig oder gar keiner Gefahr verbunden iſt. Als wir Montreal erreichten, wurden wir von Neuem in’s Gefängniß geſetzt, und drei Wochen lang darin behal⸗ ten; außer uns war auch noch eine amerikaniſche Dame hier eingeſperrt, obwohl ihr mehr Freiheit verſtattet war als uns, und von ihr empfingen wir mannigfache Unter⸗ ſtützung; ſie ſandte uns Seife und gab mir Verbandzeug ꝛc. für meine Wunde. Gelegentlich brachte ſie uns auch Eſſen. Ihren Namen konnte ich nie erfahren, ſondern hörte nur, daß ſie zwei Söhne in der amerikaniſchen Armee habe, mit welchen ſie in Brieſwechſel geſtanden zu haben über⸗ wieſen wurde.— Nach mehrwöchentlichem Aufenthalt in Montreal wurden wir nach Quebeck geſandt, und hier auf gefangenen Schiffen untergebracht. Ich und die Mehrzahl der Mannſchaft von der„Julia“ wurden auf den„Lord Catheart“ gebracht, wo unſere Lebensmittel ſehr ſchlecht, und die Sterblichkeit unter uns ſehr groß war. Das Brod war namentlich ganz ungenießbar. Herr Trant beſuchte uns einmal heimlich, und brachte uns etwas Salz mit, das uns ſehr Noth that; Jack Mallet bat ihn um Erlaubniß, ob wir nicht an Bord eines Transportſchiffs arbeiten dürf⸗ ten, das gerade hinter uns lag, damit wir nur etwas beſ⸗ ſere Koſt bekämen. Herr Trant genehmigte dies, und acht von uns gingen jeden Tag an Bord dieſes Fahrzeugs, und erhielten Lebensmittel und Grog an Zahlungsſtatt; mitt Sonnenuntergang kehrten wir regelmäßig auf den„Catheart“ zurück, und ich verſchaffte mir auf dieſe Weiſe ein zweites Hemd und ein paar Beinkleider. Etwa vierzehn Tage ſpäter liefen die„Surpriſe“ von zweiunddreißig Kanonen und eine Kriegsſloop in Quebeck ein, und ankerten etwas unterhalb der Stadt; beide Schiffe ſandten ihre Boote zu den Gefangenen⸗Schiffen herauf, um ſich hier nach friſcher Mannſchaft umzuſehen. Als ſie dieſe Fahrzeuge durchgemuſtert hatten, kamen ſie auch an Bord des Transportſchiffs, und hatten uns nicht ſobald für friſch, ge⸗ ſund, wohlgenährt und ziemlich wohlgemuth erkannt, als ———, ——— 1— — 2&☛ REK 8⏑ 8⏑— ☛— 13⁵ ſie uns Alle für geborne Engländer erklärten und an Bord der Fregatte brachten; man erlaubte uns nicht einmal, von unſern Schiffsgenoſſen Abſchied zu nehmen. Von den ſo gepreßten acht Matroſen waren fünf geborne Amerikaner, Einer aus Mozambique, und Einer vermuthlich ein gebor⸗ ner Engländer, allein lange in Amerika anſäßig; was aber mich, den achten aubelangt, ſo weiß ja der geneigte Leſer über meine Herkunft bereits ſo viel als ich ſelbſt. Man fragte uns, ob wir uns auf der„Surpriſe“ an⸗ werben laſſen wollten, allein wir verweigerten es ſämmtlich. Wir wurden nun in enge Haft in den Schiffsraum gebracht, und mit einer Schildwache verſehen. Ein paar Tage ſpäter ſegelte das Schiff wieder ab und in der Nähe des Cap Bre⸗ ton überkam uns ein tüchtiges Unwetter, während deſſen das Schiffsvolk viel mit Kälte und Schnee zu leiden hatte; man konnte das Schiff nur mit vieler Mühe vom Lande abhal⸗ ten. Am Ende waren es wir Gefangenen, die das Schiff retteten, obwohl es mir nicht unwahrſcheinlich dünkt, daß der erſte Schaden ſeine urſprüngliche Entſtehung einigen von⸗ uns verdankte. Die Anhalttaue von zwei Kanonen waren nämlich durchſchnitten worden, und die Geſchütze riſſen ſich gerade im höchſten Sturme los, und zerdrückten die Schanz⸗ verkleidung, indem ſie beinahe in See ſtürzten. Die ganze Mannſchaft war auf dem Deck, und als es die Schildwache erlaubte, gingen wir auch hinauf, und befeſtigten die Ka⸗ nonen wieder mit Hängematten. Wir erhielten nun die Erlaubniß, uns auf dem Verdeck aufzuhalten, allein dies währte nur kurze Zeit, und wir wurden wieder hinunter⸗ geſchickt, ſobald der Wind ſich legte. Als wir Halifar erreichten, wurden wir Alle an Bord des Transportſchiffes„Regulus“ gebracht, das nach den Ber⸗ mudas⸗Inſeln beſtimmt war. Hier wurden wir Alle in Ketten gelegt und beſchuldigt, engliſche Unterthanen zu ſeyn. Nach Verlauf von vierundzwanzig Stunden kam der Kapi⸗ tän übrigens zu uns herunter, und brt uns die Freiheit und Schiffstraktament an, falls wir bis zu den Bermudas⸗ Inſeln Dienſte an Bord nehmen wollten, und mir iſt ſeit⸗ 5 136 her ſchon oft der Gedanke gekommen, ob man uns wohl nicht ausſchließlich in der Abſicht in Ketten gelegt habe, uns dieſe Einwilligung abzunöthigen. Wir gingen nun mit einander zu Rathe und willigten endlich ein, weil wir hoff⸗ ten, eine günſtige Gelegenheit wahrzunehmen, den„Regulus“ durch einen kühnen Handſtreich wegzunehmen, der nur ein paar Kanadier an Bord hatte und von dem Schooner „Pictou“ begleitet werden ſollte. Wir wurden alsbald befreit und zur Arbeit verwendet und ich bekam wieder das erſte paar Schube, welches mir ſeit dem Untergang der„Peitſche“ an den Fuß gekommen war. Der Leſer wird ſich wohl einbilden können, daß ich nicht im Hafen von Halifar einlief, ohne eine gewaltige Sehnſucht nach näheren Nachrichten über alle die Freunde und Be⸗ kannten zu verſpüren, die ich in der Stadt zurückgelaſſen hatte. Doch fürchtete ich zugleich paniſchen Schreck vor der Möglichkeit einer Entdeckung neben dem heißen Wunſche, an's Land zu gehen. Die Art und Weiſe, wie ich dieſen meinen Wunſch erfüllte, und die Folgen, welche er mit ſich brachte, wird der weitere Verlauf dieſer Erzählung darthun. Achtes Kapitel. Jack Mallet war ſchon ſeit lange mit meiner Geſchichte vertraut; ich hatte ihn zu meinem Vertrauten gemacht, und er ging auf alle meine Gefühle ein, und nahm an meinem Schickſal den innigſten Antheil. In der Nacht, wo wir an Bord des Transportſchiffes in Pflicht genommen wur⸗ den, lag ein Boot an der Langſeite des Fahrzeugs und bot, da eben ein dichter Nebel herrſchte, die erwünſchteſte Gele⸗ genheit dar, meine Sehnſucht nach der Heimath zu befrie⸗ digen. Jack und ich berathſchlagten uns nicht lange dar⸗ über, ſondern beſtiegen es rüſtig und ſtahlen uns davon, ohne entdeckt zu werden. Ich fuhr geraden Wegs das Quai hinauf zu Herrn Marchintons Hauſe, und fand mich plötzlich wieder wie ganz daheim; ich maße mirnicht an, meine Ge⸗ fühle zu heſchreiben, allein ſie waren ein ſeltſames Gemiſch chte und nem wir zur⸗ bot, ele⸗ rie⸗ dar⸗ hne Wuai lich Ge⸗ iſch 137 von Furcht, Unruhe, Hoffnung und naturgemäßer inſtinkt⸗ mäßiger Anhänglichkeit; ich wünſchte lebhaft, meine Schwe⸗ ſter zu ſehen, allein ich wagte dieſen Schritt doch nicht. In der Nähe des Strandes wohnte eine Familie Na⸗ mens Fraſer, mit der ich früher ſehr gut bekannt geweſen war und zu deren Gliedern ich großes Vertrauen hegte. Sie nahmen eine geachtete Stellung ein, da das Haupt der Familie vertraut worden war, und ſtanden auf einem ganz vertrauten Fuße mit den Marchintons. Dieſe Familie Fra⸗ ſer nun beſuchte ich, und Jack Mallet begleitete mich zu ihnen; ich fürchtete, falls ich pochte, von den Dienern nicht eingelaſſen zu werden, da ich in der Kleidung eines gemei⸗ nen Matroſen erſchien, darum öffnete ich die Hausthüre ohne alle Umſtaͤnde und ging geradezu auf's Wohnzimmer los, das ich betrat, ehe mich noch Jemand anzuhalten vermochte; Jack wartete einſtweilen auf mich im Hausflur. Frau Fraſer und ihre Tochter ſaßen beiſammen auf dem Sopha, mit weiblichen Arbeiten beſchäftigt, wäh⸗ rend Herr Fraſer am Tiſche las. Meine plötzliche Er⸗ ſcheinung überraſchte ſie nicht wenig, und alle drei blick⸗ ten mich mit ſchweigender Verwunderung an, bis Herr Fraſer in die Worte ausbrach:„Ums Himmelswillen, Edward! wo kommen Sie jetzt her?“— Ich erzählte ihm nun, wie ich in amerikaniſchen Dienſten geweſen ſey, jetzt aber zu einem engliſchen Transportſchiffe gehöre, das am Morgen wieder abſegeln werde, und geſtand, ich ſey nur ans Land gekommen, um zu fragen, wie es Allen und insbeſondere meiner Schweſter gehe. Herr Fraſer erzählte mir nun ſeinerſeits, daß meine Schweſter noch am Leben und in Halifax verheirathet ſey— daß Herr Marchinton inzwiſchen geſtorben und ſich ſehr über mein Verſchwinden gekrämt habe, ſowie auch, daß man mich allgemein für todt halte; er gab mir hierauf noch manchen guten Rath hinſichtlich meiner zukünftigen Lebensbahun, und vergaß nicht, mir ins Gedächtniß zu rufen, wie viel ich durch meine ju⸗ gendlichen Irrthümer und meine Unbeſonnenheit eingebüßt Edward Myers. 10 138 habe. Er drang beſonders in mich, ich ſolle jmein ſelbſt⸗ gewähltes Vaterland verlaſſen, und konnte den Wunſch nicht unterdrücken, mich in Halifax zurückzubehalten; er machte mir ferner den Antrag, mir einen Dienſtboten mit⸗ zugeben, der mich zu meiner Schweſter hinführe, allein ich fürchtete mich, meine Anweſenheit ſo Vielen bekannt werden zu laſſen, und bat ihn vielmehr, meinen Beſuch geheim zu halten, da ich mich ſchame, unter ſo demüthigenden Um⸗ ſtänden geſehen zu werden. Jack Mallet und ich wurden hierauf ſehr liebreich aufgenommen, und mit Wein und Kuchen bewirthet u. ſ. w. Herr Fraſer beſchenkte mich mit einer Guinee und Frau Fraſer drückte mir beim Abſchied noch eine Pfund⸗Note in die Hand und flüſterte mir zu:„Ich weiß, wovor Ihnen bangt, Edward, allein ich werde dennoch Harriet von Ihrem Beſuche erzählen, und bin überzeugt, daß ſie verſchwiegen ſeyn wird.“ Ich blieb etwa eine Stunde bei ihnen und empfing die unzweideutigſten Beweiſe des Wohlwollens von dieſen trefflichen Menſchen, denen ich glauben machte, unſer Schiff ſteche ſchou am andern Morgen in die See. Als wir auf das Transportſchiff zurückkamen, hatte Niemand unſere Abweſenheit bemerkt, und Niemand ahnte, daß wir das Boot genommen hatten. Der„Regulus“ ſegelte erſt zwan⸗ zig Stunden ſpäter ab, allein ich hatte inzwiſchen keinen. Verkehr mehr mit dem Lande, und wir ſtachen endlich, un⸗ ſere zwei Transportſchiffe unter dem Convoy des Schoo⸗ ners„Pictou“ in die See. 1— Während der ganzen Ueberfahrt lauerten wir acht Gefangene geſpannt auf eine Gelegenheit, Beſchlag von. einem Schiffe zu nehmen. Wir wurden indeß genau be⸗ wacht, da außer dem Kapitän, Steuermann und den Kana⸗ diern, ſich noch ein Lieutenant mit ſeiner Mannſchaft an Bord befand, alle Waffen vor uns verſteckt und nichts in unſe⸗ rer Nähe gelaſſen wurde, was uns bei einem Aufſtand hätte Vorſchub leiſten können. Etwa auf halbem Wege bekamen wir friſchen Wind, und das Schiff ſegelte unter doppelt gerefften Topſegeln ban⸗ inen. un⸗ hoo⸗ acht von, be⸗ ana⸗ Bord mſe⸗ hätte eind, geln 139 dahin, als ich gerade am Steuerruder war, und einer der Kanadier ſich in meiner Nähe auf dem Lee befand. Mallet befand ſich auf der Backbord⸗ oder Wetterſeite in den Be⸗ ſan⸗Puttingen und wartete nur darauf, mir behülflich zu ſeyn. In dieſem Augenblick kam der Schooner„Pictou“ gerade unter unſere Leeſeite und rief uns den Befehl zu, die Nacht hindurch ein Licht an Bord zu führen; die Ma⸗ ſten des Schooners ſchwankten ſo ſehr, daß es ihnen un⸗ möglich wurde, ſelbſt ein Licht zu führen, und ſein Befehls⸗ haber wünſchte, daß wir unſer Toplicht führen ſollten, da⸗ mit er ſich nach uns richte, anſtatt daß wir uns nach ihm richten ſollten. Der Schooner kam uns ſehr nahe, und da nun ein heftiger Wind ging, rief mir Mallet plötzlich zu:„Nun iſt's Zeit für uns, Ned! bring' das Schiff unter den Wind, und ſteure auf ihn zu! Ein paar Wel⸗ len werden ihn in den Grund bohren!“— Er rief dieß laut genug, daß es auch die Andern hätten hören können, allein ihre Aufmerkſamkeit war einzig nur auf den Schoo⸗ ner gerichtet, und der Kanadier neben mir verſtand kein Wort Engliſch. Ich brachte nun mittelſt des Steuerruders das Schiff hart unter den Wind, und Mallet ſprang auf's Verdeck herab; das Schiff flog wie ein Pfeil dahin, allein der Lieutenant, der ſich als Agent bei uns an Bord befand, ſtand mit ſeiner Gattin in der Kampanſe, und hatte nicht ſobald geſehen, was ich thun wollte und gethan hatte, als er plotzlich zu mir herrannte, mir einen heftigen Schlag auf den Kopf verſetzte und das Steuerruder mit ſeiner eigenen Hand wieder in Ordnung brachte. Dieß rettete den„Pictou“, von deſſen Bord her ein allgemeiner Angſtſchrei ertölte. Des Lieutenants Frau kreiſchte überlaut, und eine Minute lang herrſchte allenthalben rings um uns her nur Beſtürzung. Als der„Regulus“ abgelenkt wurde, drang das Ende ſeines Klüverbaums gerade durch das Vordertackelwerk des„Pietou“ und ein Mann hätte beinahe von unſerem Schiff auf den Schoo⸗ ner hinüberſpringen können, als wir ſo neben einander hinfuh⸗ ren; eine Minute mehr, und wir wären über Seiner Majeſtät 10 14⁰ Schooner hingefahren, wie ein Ciſenbahnzug über einen Kürbis. Der Lieutenant gab uns nun an, und wir Gefangenen wur⸗ den aufs Neue ſämmtlich in Ketten gelegt; ich erzähle nur einfach den Hergang, und überlaſſe es Anderen, zu ent⸗ ſcheiden, wie weit wir dabei Recht hatten; doch muß ich dabei erwähnen, daß die Matroſen im Allgemeinen zu je⸗ ner Zeit einen tödtlichen Haß gegen alle engliſchen Kriegs⸗ ſchiffe hatten, welche damals nur allzubereitwillig und ge⸗ neigt waren, jeden Seemann, den ſte ſogar auf hoher See trafen, für ihren Dienſt zu preſſen. Strenge Sittenlehrer äönnten vielleicht behaupten, daß wir durch unſern Kon⸗ trakt mit dem Kapitän des„Regulus“ zugleich auch die Verpflichtung eingegangen haben, ihm nicht den Krieg zu erklären; allein darauf erwidere ich nur, daß es nicht un⸗ ſere Abſicht war, ihn, ſondern vielmehr den Schooner an⸗ zugreifen. Wir müſſen freilich zugeben, daß unſer Plan dahin ging, uns in der allgemeinen Verwirrung des„Re⸗ gulus“ zu bemächtigen; würden wir indeß als Gefangene beſſer behandelt worden ſeyn, ſo wäre unſere Stimmung wohl nicht ſo gereizt geweſen; allein wir erhielten nicht ein⸗ mal hinreichende und anſtändige Koſt, wenn wir ſie nicht durch Arbeit abverdienten, und wenn Seeleute auf dieſe Weiſe behandelt werden, überlaſſen ſie ſich gewöhnlich ohne alles Grübeln und Moraliſtren dem Affekte, und dem ſo natür⸗ lichen und vielleicht auch gerechtfertigten Verlangen nach Rache. Es wurde uns von nun an nicht mehr verſtat⸗ tet, im„Regulus“ wieder auf's Deck zu kommen, woran g 3 die Engläuher auch ſehr Recht thaten, da Jack Mallet ins⸗ beſondere der Mann dazu war, ſeine Gefährten auch zum gewagteſten Unternehmen zu veranlaſſen. Wir waren in Bermuda kaum vor Anker gegangen, als unſer Kapitän auch ſchon dem„Goliath,“ einem ra⸗ ſirten Schiffe, ein Signal gab, ein Boot zu uns an Bord zu ſenden, auf welchem wir nach dem„Goliath“ hin⸗ über gebracht wurden. Dieſer war ein Kreuzer, der ſchon am nächſten Morgen in die See ſtach; wir wurden nun auf zwi dem wir mit als war zug. ſper tru⸗ Wir reit alln Ma gut ſo geg. fall auch End dern nich möc tete Bar nen wöc kehr ſiebe hatt dare Tag aus ten, zuſa gen Sta 141 auf dem Schiffe vertheilt, und zur Arbeit an Bord ge⸗ zwungen. Man hatte augenſcheinlich die Abſicht, uns Alle dem rieſigen Wanſt der brittiſchen Marine einzuverleiben, wir weigerten uns jedoch Alle einſtimmig, einen Kontrakt mit dem Kapitän einzugehen, da die Meiſten von uns, als geborne Amerikaner, kühne, unerſchrockene Burſchen waren. Wir mochten ſchon vierzehn Tage in dieſer Lage zugebracht haben, und ſpielten noch immer die Wider⸗ ſpenſtigen, mußten dafür aber auch tüchtig faſten, und trugen unſere leeren Blechtöpfe um den Hals geſchlungen. Wir waren darin ſo hartnäckig, daß die Mannſchaſt be⸗ reits über uns zu lachen begann, und ſich über unſere allmählige Abmagerung luſtig machte; allein die alten Matroſen verſtanden dies beſſer, und unterſtützten uns, ſo gut ſie konnten, indem ſie uns Kleider, Extra⸗Grog und ſo weiter gaben, und ſich auch auf andere Weiſe gefällig gegen uns bezeigten. Die Offiziere behandelten uns eben⸗ falls ziemlich gut; Keiner von uns ward gepeitſcht und auch nicht einmal mit demüthigenden Strafen bedroht. Endlich ſchien der Plan in Beziehung auf uns eine Aen⸗ derung zu erleiden; man fragte den Bootsmann, ob er nicht Einige von uns zur Einwilligung zu verführen ver⸗ möchte, und da dieſer einen ungünſtigen Rapport abſtat⸗ tete, wurden wir mit einer Schildwache in die untere Batterie geſandt, und auf's Neue auf Zweidrittels⸗Ratio⸗ nen geſetzt; hier blieben wir, bis das Schiff nach ſechs⸗ woͤchentlicher Kreuzfahrt wieder nach Bermuda zurück⸗ kehrte. Dies Fahrzeug, eine alte Fregatte von vierund⸗ ſiebenzig Kanonen, deren Obertheil man abgenommen hatte, entſprach ſeinem Zwecke nicht, denn es wurde bald darauf nach England ſyrikgefandi. Ich hörte eines Tages von unſerm Verſchlag in der Nähe der Batterie aus, wie die Offiziere des Fahrzeugs den Wunſch äußer⸗ ten, mit dem„Preſident,“ unter Kommodore Rogers, zuſammenzutreffen, welches Fahrzeug ſie leicht überwälti⸗ gen zu können gedachten. Ich weiß nicht, ob ſie dies im Stande geweſen wären, allein ich hörte eines Tages einen 14² älteren Mann ſehr vernünftig hierüber ſprechen, der ſehr bezweifelte, ob ſte wohl in einem ſolchen Gefecht den Sieg davon tragen würden, und der Meinung war, er für ſeinen Theil wünſche nicht, mit einer ſo elenden Mann⸗ ſchaft, wie die des„Goliath“ zu jener Zeit war, mit einem ſolchen Schiffe zuſammenzutreffen. . Auf der Bermudaer Rhede fanden wir die„Rami⸗ lies,“ unter Kapitän Sir Thomas Hardy, vor Anker liegen; dieſes Schiff ſandte ein Boot zu uns herüber, auf welchem wir Gefangene an Bord der Fregatte„Ardent“ von vierundſechszig Kanonen gebracht wurden, welches damals als Gefangenen⸗Schiff benützt wurde. Etwa eine Woche bevor wir auf dieſes Fahrzeug kamen, hatte ein amerikaniſcher Midſhipman ſich ein Boot zu verſchaffen, und damit ſeine Flucht zu bewerkſtelligen gewußt, indem er in der That die ganze Ueberfahrt zwiſchen Bermuda und dem Kap Henry ganz allein bewerkſtelligte.“) In Folge dieſes ungewöhnlichen Vorfalls wurden alle Boote ſcharf beobachtet, und uns dadurch einer unſerer Pläne zu Nichte gemacht, der dahin ging, unſer Heil auf die⸗ ſelbe Weiſe zu verſuchen. Als wir auf den„Ardent“ kamen, fanden wir nur vier Amerikaner auf ihm, allein bevor eine Woche verging, ſtießen noch drei andere zu uns, die als geborne Amerikaner vom Bord eines eng⸗ liſchen Kriegsſchiffes hatten deſertiren wollen, allein ent⸗ deckt worden waren. Einer von ihnen, Namens Baily, hatte vierzehn Jahre in der engliſchen Marine gedient, in welche er gepreßt worden war, nachdem man ihm ſei⸗ nen Paß vor der Naſe zerriſſen hatte; er war aus Con⸗ necticut gebürtig, und war ſchon einmal beim Beginn des Krieges entflohen, worauf er mit drei Dutzend Peit⸗ ſchenhieben beſtraft worden war; als man ihn ſpäter zu der Station vor Halifax geſchickt hatte, verſuchte er wie⸗ ») Der Name dieſes jungen Offiziers war King, und er iſt inzwiſchen geſtorben, da er mit dem„Lynx“, Lieutenänt Madiſon, verloren oder unterging. Anm. d. Verf. 14³ derum zu deſertiren, erhielt von Neuem drei Dutzend Peitſchenhiebe, und ward dann unmittelbar zu uns ge⸗ ſandt. Ich ſah ſeinen furchtbar zerfleiſchten Rücken, den man ihm nicht einmal verbunden hatte, und ſein blutiges Hemd, das Baily behielt, um ſich, wie er ſagte, darin begraben zu laſſen. Bradbury und Patrick waren auf dieſelbe Weiſe behandelt worden, und ich ſah ihre Rücken ebenfalls, und erzähle hier ihre Geſchichte, wie ich ſie aus ihrem eigenen Munde hörte. Baily und Bradbury ſtahlen ſich noch zeitig genug davon, um an Bord der „Conſtitution“ zu kommen, und in dieſer die letzte Kreuz⸗ fahrt während dieſes Kriegs zu machen. Ich traf ſpäter mit Bradbury zuſammen, von dem ich dieſe näheren Umſtände erfuhr.— Es iſt gut, daß ſolche Ereigniſſe bekannt werden, da ich glaube, daß es durchaus nicht im Sinne der engliſchen Nation liegt, daß ihre Gefangenen ſo behandelt werden, und daß ſie ſich daran ſchämen würde, falls ſie nur Nachricht davon bekäme. Es iſt gewiß ſchon ſchlimm genug, gezwungener Weiſe für ein fremdes Land Schlachten fechten zu müſſen, auch ohne daß man gerade gepeitſcht wird, wenn man ſich für den Fall zu fechten weigert, wo man gegen ſeine eigenen Landsleute kämpfen ſoll. Ich ſelbſt war freilich von deutſchen Eltern auf engliſchem Grund und Boden geboren; Amerika aber war von jeher und bis auf dieſen Augenblick das Land meiner Wahl, und ich habe mich, faſt noch als Kind möchte ich ſagen, freiwillig entſchieden, unter amerikaniſcher Flagge zu ſegeln; und wenn mein Vater das Recht hatte, einen Engländer aus mir zu machen, indem er Dienſte unter der engliſchen Krone nahm, ſo ſtand mir meines Erach⸗ tens auch ein Recht zu, aus mir zu machen, was mir beliebte, als er mich ohne ſeinen Rath und Unterſtützung meinem eigenen Schickſale überlaſſen hatte.. Nachdem wir etwa drei Wochen auf dem„Ardent“ zugebracht hatten, wurden wir acht Gefangene an Bord des„Ramilies“ geſandt, damit man uns den Proceß mache als Engländern, die gegen ihren König gefochten 144 hätten. Der Proceß ward an Bord der„Aſta,“ eines Flaggenſchiffs von vierundſiebenzig Kanonen, geführt, wir aber blieben während des ganzen Verlaufs der Unter⸗ ſuchung an Bord des„Ramilies.“ Sir Thomas Hardy unterhielt ſich mehrmals mit mir auf dem Ofttzierdeck, und legte ſehr viel Wohlwollen gegen mich an den Tag; er fragte mich, ob ich wirklich ein Amerikaner ſey, allein ich vermied jede direkte Antwort, und ſagte ihm, ich ſey in New⸗York in den Dienſten eines Herrn Jakob Barker als Lehrling geweſen, was nicht einmal eine Lüge war, da Herr Jakob Barker der Rheder des„Sterlings“ war, und um meinen Vertrag mit Kapitän Johnſton wußte. Sir Thomas behauptete nun, mit Herrn Barker einiger⸗ maßen bekannt zu ſeyn, und war, wenn ich anders recht belehrt worden bin, ſogar ein Verwandter von dieſem. Dies hieß, wie ſich nachher herausſtellte, den Anker nach der Windſeite geworfen.— Wir waren Alle ſchon zwei Tage lang an Bord der„Aſta,“ um verhört oder ver⸗ urtheilt zu werden, bevor ich in die Kajüte hinunter⸗ berufen wurde. Mir war ungewöhnlich bang zu Muthe, und ich wußte kaum, was ich thun oder ſagen ſollte; es iſt eine wahre Grauſamkeit, die Matroſen in einem ſolchen Falle ohne Rath zu laſſen, obwohl die Offiziere in dieſem Falle mit mir und, uns Allen ſehr milde zu Werke gingen. Es ſaßen mehrere Offiziere in größter Galla um einen Tiſch in der Kajüte umher, und der Herr, der den Vorſitz führte, ſoll ein gewiſſer Sir Borlaſe Warren, der Admiral der Station, geweſen ſeyn;) die⸗ ſer Herr, wer er auch immer war, bemerkte vermuthlich meine Befangenheit und Furcht, denn er drehte ſich in ſeinem Stuhle um, und ſagte zu mir:„Du brauchſt keine — .*) Wenn dies wahr iſt, ſo kann die Verſammlung kaum ein Kriegsgericht geweſen ſeyn, ſondern nur eine einfache Unterſuchungs⸗ Kommiſſion, die ein Verhör zum Zwecke hatte, da Sir John Bor⸗ laſe Warren ja Oberbefehlshaber des Geſchwaders war und daher nicht in einem Kriegsgerichte ſitzen konnte, das er ſelbſt angeordnet hatte. Anm. d. Verf 145 Angſt zu haben, junger Mann; wir wiſſen, wer Du biſt, und was Du biſt, aber Dein Lehrvertrag wird Dir von großem Nutzen ſeyn!“— Er ſagte dies jedoch erſt, als Sir Thomas Hardy das Mährchen von meiner Lehrlings⸗ zeit in Jakob Barkers Dienſte wieder in ihrer aller Ge⸗ genwart in der Kajüte erzählt hatte. Man gab mir einen Wink, eine Kopie meines Lehrvertrags durch eines der doppelzüngigen partheigängeriſchen ſchwediſchen Fahrzeuge kommen zu laſſen, die zu jener Zeit zwiſchen Bermuda und New⸗York den Dienſt beſorgten, was ich auch noch am ſelben Tage that. Ich mochte etwa eine halbe Stunde in der Kajüte der„Aſia“ verbracht haben, und fühlte mich ſichtlich erleichtert, als ich daraus entlaſſen wurde. Es ward noch in meiner Gegenwart entſchieden, mich zu den Gefangenen an Bord des„Ardent“ zurückzuſchicken, und daſſelbe Urtheil traf uns alle acht, die wir an Bord der„Aſia“ gekommen waren. Als wir wieder auf den„Ramilies“ zurückgebracht wurden, unterhielt ſich Sir Thomas Hardy noch länger mit mir; ich muthmaßte immer, daß er mit nähern Um⸗ ſtänden meiner Geburt und der Thatſache bekannt geweſen ſey, daß ich ein Pathe des Prinzen Edward war. Er drang lebhaft in mich, in brittiſche Dienſte zu treten, und ermuthigte mich mit Hoffnung auf baldige Beförderung; allein ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, einzugeſtehen, daß ich gegen alle ſeine Vorſchläge taub blieb; ich glaube nicht, daß Amerika ein treueres Herz in ſeinem Dienſte hatte, und wage die Behauptung, daß ſelbſt ein engliſches Kriegs⸗Gericht mich nicht wankend gemacht haben würde. Dieß darf ich jetzt, wo ich alt und ein Krüppel bin, wohl ohne den Verdacht eigenſüchtiger Abſichten ausſprechen; da ich mir es aber einmal vorgenommen habe, nur reine Wahrheit zu erzählen, ſo muß ſie denn auch ausgeſpro⸗ chen werden, gleichdiel ob ſie für oder gegen mich ſpricht. Wiir wurden nun auf den„Ardent“ zurückgeſchickt, woſelbſt wir drei Wochen oder einen Monat blieben; in der Zwiſchenzeit erhielten wir unſere Papiere von New⸗ 146 York, und ich bekam eine Kopie meines Lehrvertrags nebſt der Summe von zehn Dollars, welche, wie ich ſpäter erfuhr, mir durch Sir Thomas Hardy zukamen. Keiner von uns acht Gefangenen galt nun ferner für einen Eng⸗ länder, und wir wurden vollkommen als Kriegsgefangene behandelt. Der Gefangenen langten täglich mehr an, bis wir unſerer vierhundert im„Ardent“ waren. Der„alte Rubin“, ein Zweidecker von vierundvierzig Kanonen, mußte nun auch einige davon aufnehmen. Die meiſten dieſer GSekfangenen kamen von Kaper⸗ und Kreuzer⸗Schiffen, ob⸗ woohl auch etliche Soldaten und Bürger dabei waren, die man in Cheſapeake⸗Bay aufgefangen hatte; ehe wir Ber⸗ muda verließen, wurde auch noch die Mannſchaft einer franzöſiſchen Fregatte von beinahe vierhundert Köpfen an Bord des„Ardent“ gebracht, ſo daß wir im Ganzen wohl achthundert Gefangene an Bord haben mußten, die ſämmt⸗ lich auf einem Deck untergebracht wurden; da ging es natürlich enge bei uns her, und ich ward herzlich froh, daß ich das Schiff verlaſſen durfte. gebracht, und ſegelten unter dem Convoy des„Ramilies“ nach Halifax. Wir waren kaum zwei Tage in See, als wir auf ein amerikaniſches Kaperſchiff ſtießen, das uns mehrere Tage lang umſchwärmte, und ein ſo kühner Burſche war, daß es häufig auf Kanonenſchußweite auf uns zukam; Sir Thomas Hardy ließ alle Segel beiſetzen und nahm uns ſämmtliche Gefangene in den„Ramilies“ auf, weil er ſich fürchtete, eines der vier Transportſchiffe möchte dem Feind in die Hände fallen; wir blieben auch den Reſt der Ueberfahrt hindurch auf der Fregatte, und dieſe lief ganz allein in Halifax ein, da die vier Transport⸗ ſchiffe inzwiſchen verſchwunden waren. Zwei von ihnen liefen ſpäter ein, die andern beiden waren aber vermuth⸗ lich dem kühnen Kaper in die Hände gefallen. Den Gefangenen war viele Freiheit an Bord des „Ramilies“ verſtattet worden, und Sir Thomas Hardy Bald nach der Ankunft der Franzoſen wurden vier⸗ hundert von uns Amerikanern auf etliche Transportſchiff * — ee—, ͤSAo S —— 2—„.„. dd——=o'——————— 147 behandelte bei jeder Gelegenheit die Amerikaner gut. Eine Abtheilung Marine⸗Soldaten war auf der Kampanje, und eine andere auf dem Vorder⸗Kaſtell aufgeſtellt, und die Schiffsmannſchaft ging bewaffnet; dieß waren jedoch auch die einzigen Vorſichtsmaßregeln, welche getroffen worden waren. Die günſtige Gelegenheit veranlaßte etliche un⸗ ſerer Leute, den Plan zu einem Aufruhr zu entwerfen, deſſen Zweck die Wegnahme des Schiffes ſeyn ſollte; Kaper⸗Offiziere ſtanden an der Spitze des Komplotts, in welches auch ich nebſt andern gleich im Anfange einge⸗ weiht worden war. Die Mehrzahl der Gefangenen wußte um das Komplott, und ſchien ſich von Herzen gerne bei der Unternehmung zu betheiligen; unſere Abſicht ging dahin, gegen das Ende der zweiten Abendwache uns plötzlich zu empören, die Mannſchaft zu überwältigen, und das Schiff unſerer eigenen Küſte zuzuführen; ſollten wir nicht im Stande ſeyn, das Blokade⸗Geſchwader zu paſſiren, ſo wollten wir das Schiff auf den Strand treiben laſſen. Die Mannſchaft des„Ramilies“ war uns freilich faſt um die Hälfte überlegen und bewaffnet, allein wir rechneten auf die Wirkung eines Ueberfalls, und einiges Theils auch auf die Geneigtheit der Mehrzahl der engliſchen Matro⸗ ſen, ihres eigenen Dienſtes ledig zu werden. So weit ich wenigſtens die Mannſchaft kannte, war ich der Anſicht, daß wir von ihr nicht viel zu befürchten haben, und den Hauptwiderſtand nur von Seiten der Offiziere und der Marine⸗Soldaten finden würden. Das Komplott kam je⸗ doch nicht zur Ausführung, weil uns einer unſerer Leute ſelbſt verrieth, und wir wurden plötzlich in den Raum unter die Reſervetaue und Waſſerfäſſer hinabgeſandt, und unter die Aufſicht von Schildwachen geſtellt, welche zu beiden Seiten des Schiffsraums aufgeſtellt worden waren. Von nun an durften wir nur einzeln, und ſelbſt dann nur unter der Aufſicht einer Schildwache, auf's Verdeck kommen. Als Sir Thomas uns dieſe nothgedrungene Veränderung in unſerer Behandlung mittheilte, tadelte er uns nicht einmal wegen unſeres Plans, ſondern war mild 6 148 und nachſichtig gegen uns, und rief uns nur in’s Ge⸗ dächtniß, daß wir ihn ſelbſt ſo zu handeln gezwungen hätten. Ich bin auch überzeugt, daß ihm nicht das ge⸗ ringſte Leid zugefügt worden wäre, wäre uns auch das Schiff in die Hände gefallen; denn alle unſere Leute liebten ihn, und lobten die Behandlung, die ihnen wider⸗ fuhr, ſo lange ſie auf ſeinem Fahrzeuge waren. Ehe wir in den Raum hinunter geſandt worden waren, redete mir Sir Thomas noch einmal zu, um mich für den engliſchen Dienſt zu gewinnen; dießmal ſprach er in allem Ernſte, und machte mir wahrhaft väterliche Vorſtellungen, allein ich war feſt entſchloſſen, nicht nachzugeben. Ich liebte England nicht, und hing mit ganzer Seele an Amerika. Daß ich in Quebeck zur Welt gekommen, war eine Thatſache, die ich nicht ändern konnte; da ich aber nun einmal aus freier Wahl mich dem Dienſte Amerika's gewidmet, und ſchon Jahre lang unter ſeiner Flagge gedient hatte, konnte ich es nicht über mich gewinnen, zum Feinde überzugehen. 4 In Halifar wurden fünfzehn oder zwanzig von uns als Erſatzmänner auf dem Wege der Retaliation an Bord des„alten Centurion“ von vierundvierzig Kano⸗ nen, Lord Anſon's Schiff, geſandt. Auch wir acht ge⸗ hörten natürlich dazu, und fanden noch etwa dreißig unſerer Landsleute auf dem Schiff, die alle wie wir ſelbſt Erſatzmänner waren. Die Leute, welche wir auf dem„Centurion“ fanden, ſchienen mir der Mehrzahl nach keine Matroſen, ſondern eher Bürger vom Lande zu ſeyn. Zudem wurden wir gut gehalten, und erlitten keine andere Einſperrung, als die Beſchränkung auf das Schiff; wir waren freilich auch wie andere Gefan⸗ gene auf Zweidrittels⸗Rationen geſetzt, allein unſer eigenes Vaterland verſah uns mit kleinem Proviant, und außerdem noch mit Brod und Fleiſch, ſo daß wir, was Küche und Keller anbelangt, faſt wie Könige ge⸗ halten waren. Nach Verfluß von drei Wochen wurden wir acht Matroſen vom Ontario⸗See zu der großen —— 8 ᷣ———89 149 Schaar der Gefangenen auf die Inſel Meloille ge⸗ bracht. Ich kann mir den Grund von dieſen ewigen Veränderungen und dem ſteten Wechſel unſers Wohn⸗ orts nicht erklären; ſo viel aber wußte ich, daß ſobald einmal unſer Fuß das Ufer erreicht, und das Thor ſich hinter uns verſchloſſen hatte, das Knarren des Riegels uns verkündete, daß wir eine Heimath erreicht hatten, die wir wohl vor Beendigung des Kriegs nicht mehr verlaſſen ſollten. Die Inſel Melville hat mehr als eine Meile im Umfange, und eine niedere felſige Küſte; ſie liegt etwa drei Meilen von der Stadt Halifax entfernt, iſt jedoch von dort aus nicht ſichtbar. Mit dem Feſtlande iſt ſie durch eine Brücke verbunden, welche über eine Meer⸗ enge von der Breite einer Viertel⸗Meile etwa geſchlagen iſt. Im Mittelpunkt der Inſel liegt eine Anhöhe, auf welcher die Garniſon nebſt einiger Artillerie in einem kleinen Fort untergebracht war, welches die ganze Inſel beherrſchte. Ein anderer Poſten am Strande beherrſchte die Baracken der Gefangenen— meiſt hölzerne Gebäude, die auf der Landſeite mit einer ſtarken hohen Stein⸗ mauer, auf der Strandſeite jedoch von hohen offenen Palliſaden umgeben waren, und ſorgfältig bewacht wurden. Der Militärpoſten, welcher auf der Inſel lag, war natürlich ſehr ſtark und mit Munition wohl ver⸗ ſehen. Als ich auf die Inſel gebracht wurde, ſollen ſich etwa zwölfhundert Amerikaner daſelbſt befunden haben; unter ihnen waren auch etliche Franzoſen, und darunter ein Theil der Mannſchaft von der„Ville de Milan“ einem Schiff, das genommen worden war, ehe ich nur Halifar das erſte Mal verlaſſen hatte, alſo beiläufig mehr als acht Jahre vor dieſem Zeitpunkte. Aus dieſem Grunde ſchien auch der Ort, für mehr als einen der armen Burſchen, eine Art zweiter Heimath geworden zu ſeyn, und gerade dieß wollte mir gar nicht gefallen. Da waren Soldaten, Matroſen, Küſtenſchiffer und Bür⸗ 1⁵⁰ ger durch einander gemiſcht, und auch in der Behandlung fand kein Unterſchied ſtatt, die für ein Gefängniß ziem⸗ lich gut war. Von den Engländern bekamen wir nur Zweidrittels⸗Rationen, allein unſer Heimathland deckte auch hier, wie am Bord des„Centurion“, den Unter⸗ ſchied aus eigenen Mitteln. Faſt ſämmtliche Gefangene trugen die Tracht von Sträflingen, nämlich ein Bein der Beinkleider gelb und das andere blau; wir aber legten dieſe Tracht nicht an, ſondern wußten es durch unſern Agenten zu vermitteln, daß wir Jacken und Bein⸗ kleider von der ächten alten blauen Farbe erhielten. Die armen Frarzoſen hatten in ihrer Tracht in der That das Ausſehen von Pfauen, allein wir beneideten ſie nicht um ihre Schönheit. Ich mochte etwa vierzehn Tage auf der Inſel ge⸗ weſen ſeyn, als ich von Jack Mallet erfuhr, daß ein Frauenzimmer, welche er für meine Schweſter hielt, am Thor ſey und nach mir frage. Jack kannte meine ganze Geſchichte, und ward auf dieſe Vermuthung geführt durch eine Aehnlichkeit, welche er zwiſchen mir und der Perſon, welche nach mir gefragt habe, bemerkt haben wollte. Ich weigerte mich, nach dem Thor zu gehen, um zu ſehen, wer da wäre, und ſandte Jack dorthin um dem Frauenzimmer glaubend zu machen, daß ich in Bermuda zurückgelaſſen worden ſey; ich hieß ihn zugleich meiner Schweſter gewiſſermaßen zu bedeuten, wie zweck⸗ mäßig es ſeyn wuͤrde, wenn ſie mich nicht mehr hier aufſuchen, und meinen Namen lieber gar nicht mehr nennen würde. Ich ſuchte hierauf eine Stelle auf, von wo aus ich unbemerkt das Frauenzimmer ſehen konnte; ich erkannte im Augenblick meine Schweſter wieder, ob⸗ wohl ſie verheirathet war und einen ihrer Knaben bei ſich hatte, und es hätte wenig gefehlt, ſo haͤtte mein Herz' mich verrathen, zumal als ich fie Thränen ver⸗ gießen ſah. Als ſie ſich indeß vom Thor entfernte, ſtieg ſie auf die Wälle empor, von denen ſie in den Gefäng⸗ nißhof hernieder ſehen konnte, und blieb hier eine Stunde 6 1⁵¹ lang, als wolle ſie ſich mit eigenen Augen überzeugen, ob Jack's Mährchen auch wirklich wahr ſey; natürlich hütete ich mich wohl, ihr zu Geſicht zu kommen. Da ich wohl wußte, daß an einen Austauſch von Gefangenen kaum zu denken war, fing ich nun an, mit mir über die Mittel, meine Flucht zu bewerkſtelligen, zu Rathe zu gehen. Jack Mallet durfte es nicht wagen, wegen des Rheumatismus und der Krämpfe, welchen er unterworfen war, einen Verſuch im Schwimmen zu machen, da er zu Bermuda kurz vorher nur mit Mühe dem Waſſertode entging; er konnte daher an unſerem Plan keinen Antheil nehmen. Was mich anbelangt, ſo wußte ich nun, ſeit die Gefahr in der Nacht vom Un⸗ tergang der„Peitſche“ mir dieſe wichtige Lehre beige⸗ bracht hatte, ſo gut zu ſchwimmen als irgend einer. Da das Gelo zur Förderung meiner Flucht unentbehrlich war, ſteckten Jack und ich unſere Köpfe zuſammen, und gingen darüber zu Rathe, wie wir uns welches ver⸗ ſchaffen wollten; ich hatts noch die zehn Dollars, welche mir Sir Thomas Hardy gegeben hatte, und begann nun Geldoperationen, indem ich mir Dividenden an einem Würfelbret, einer Pharaobank und einer Quino⸗Tafel*) kaufte. Jack Mallet und ich verwandten nun ein Ka⸗ pital von drei Dollars, um eine Bude zu eröffnen, in welcher wir geräucherte Häringe, Tabackspfeifen, Taback, Cigarren, Sproſſenbier und, da ſich uns zuweilen Ge⸗ legenheit bot, ihn einzuſchmuggeln, hie und da auch ein wenig Jamaika⸗Rum verkauften. Die Anzahl der Ge⸗ fangenen nahm indeſſen Tag für Tag zu, bis man am Ende, als unſer Gefängniß ganz vollgepropft war, an⸗ fing, einen Theil davon nach England zu ſenden; von der Mannſchaft der„Julia“ wurde übrigens nur Einer hinweggeſandt, und die übrigen blieben auf der Inſel Melville, ohne daß wir uns indeſſen den Grund davon zu erklären wußten. —* Ned ſcheint hier eher einen Lotto⸗Tiſch zu meinen. Anm. d. Verf. 1⁵² Ich darf wohl ſagen, daß wir unſer Geld ſauer genug verdienen mußten; von jedem Schilling, der im Würfel⸗ ſpiel gewonnen wurde, erhielten wir einen Penny, an der Pharotafel war unſer Antheil derſelbe, und auch bei den übrigen Spielen galten die gleichen Bedingungen. Nur bei neuen Karten war der Ertrag etwas höher. Ich weiß nun wohl, daß all dies nicht recht war, allein damals machte ich mir kein Gewiſſen daraus; ich bin überzeugt, daß ich mich nicht wieder auf eine derartige Gelegenheit einlaſſen würde, und gälte es auch wiederum meine Flucht von der Inſel Melville, allein Niemand vermag zu beſtimmen, wozu ihn der Mangel am Ende noch bewegen mag.— Einer der amerikaniſchen Ge⸗ fangenen— ein Soldat, ſo viel ich hörte— fing nun an, falſche ſpaniſche Dollars zu verbreiten, und ich fürchte faſt, daß die meiſten von uns ihm dazu behülflich waren, ſie in Umlauf zu ſetzen. Wir hielten es nicht für Unrecht, die Leute in den Schenken und Marketender⸗Zelten damit zu betrügen, da wir wußten, daß ſie Allem aufboten, auch uns zu prellen, wo ſie nur immer konnten. Dies war Gefängniß⸗Moral in Kriegszeiten, und ich bin weit entfernt, ſie entſchuldigen zu wollen, wiewohl ich für mei⸗ nen Theil gerne geſtehe, daß mich das Bewußtſeyn des Un⸗ rechts eher dafür peinigte, daß ich einen Antheil an den Spielanſtalten hatte, als dafür, daß ich falſche Dollars für ſchlechten verfälſchten Rum ausgab. Dem Falſchmün⸗ zer war indeß ſein Geſchäft niedergelegt, als zufällig einer der Dollars zerbrach, wie gerade etliche der Offiziere „Kopf oder Wappen“ damit ſpielten, und bei genauerer Unterſuchung ergab ſich, daß die Mehrzahl der Münze im Gefängniß ſchlecht war. Die Schenkwirthe und Mar⸗ ketender hatten etwa vierhundert Dollars eingenommen, als der Betrug entdeckt wurde, und eine faſt eben ſo bedeutende Anzahl mochte inzwiſchen nach Halifax ge⸗ kommen ſeyn.— Meinen Handel betrieb ich den ganzen Winter hindurch(nemlich den von 1813 auf 1814), und im März hatte ich ſchon die Summe von achtzig fran⸗ 1⁵5³ zoͤſiſchen Kronen gewonnen; mit Bollars mochte ich mich nicht verſehen, weil ich ſowohl von der falſchen Münze zu bekommen, als auch namentlich Das fürchtete, daß die Leute ſich ungern dazu bequemen würden, ſie anzu⸗ nehmen. Das Eis begann nun allmäaͤhlig zu ſchmelzen, und Etliche von uns, die die Sache den ganzen Winter über beſprochen hatten, faßten nun ernſtliche Pläne, zu entfliehen. Meine Gefährten waren ein gewiſſer Johnſon, der in dem Kaperſchiffe„Snap Dragon“, gefangen ge⸗ nommen worden war, und ein Engländer Namens Litile⸗ ſield; Barnet, aus Mozambique gebürtig, verband ſich ſpäter ebenfalls mit uns, ſo daß wir im Ganzen unſerer vier waren. Zu Anfange des Monats machten wir un⸗ ſern Verſuch; unſere Fenſter waren lang und mit ſenk⸗ rechten Stangen von Schmiedeeiſen verwahrt, allein nicht mit Querſtäben verſehen; ſie hatten kein Glas, ſondern nur Läden von Außen, die wir nach Belieben öffnen konnten; draußen vor den Fenſtern ſtanden Schildwachen, und zwiſchen uns und dem Ufer ſtanden zwei Reihen von Vorpoſten.— Mein Geld trug ich in einem Gürtel um den Leib; ein zweiter Gürtel oder Schlauch war mit Rum gefüllt, und zwar in der doppelten Abſicht, mich ſowohl im Waſſer flott zu erhalten, als mir ſpäter am Lande zur Labung zu gereichen. Zu jener Zeit war mir der Rum einer der größten Genüſſe, wie eines der unent⸗ behrlichſten Beduͤrfniſſe, wiewohl ich ihn jetzt für eines der größten Uebel betrachte. Meine Gefährten waren auf gleiche Weiſe mit Geld und Rum verſehen, obwohl. keiner von ihnen ſo reich war, wie ich. Mallet und Leonhard Lewis machte ich zu meinen geſetzlichen Erben, falls ich entkommen, und zu meinen Bevollmächtigten und Depoſitarien, falls ich wieder ergriffen werden ſollte. Lewis war ein junger Mann von beſſerer Herkunft, als die meiſten unſerer Mitgefangenen, und ich habe ſtets vermuthet, daß nur irgend ein Unfall ihn auf die See getrieben habe; er war ſtets kränklich, und ſchien kein Edward Myers. 11 154 langes Leben vor ſich zu haben; mit der größten Bereit⸗ willigkeit hätte er ſich uns angeſchloſſen, wäre ſeine Ge⸗ ſundheit von der Art geweſen, daß er die Strapazen hätte aushalten können, die uns ſicherlich bevorſtan⸗ den, ehe wir unſere Freiheit wieder vollſtändig erlangt hatten.— Die Nacht, welche wir zur Flucht wählten, war ſo kalt, dunkel und unheimlich, daß gewiß alle Schildwachen ſich in ihren Schilderhäuſern befanden; ſchon am Nachmittag hatte es tüchtig zu regnen ange⸗ fangen, wodurch unſer Plan nur gefördert werden. konnte. Um acht Uhr etwa, oder ſobald die Lichter ausgelöſcht. waren, ſchlangen wir die Taue unſerer Hängmatten um zwei der Fenſterſtangen, bedienten uns eines Scheites Holz als Hebels, und drückten ſie ohne viele Mühe zu⸗ ſammen; hiedurch entſtand eine Oeffnung, durch die wir ohne Schwierigkeit ſchlüpfen konnten. Jack Mallet und die andern Zurückgebliebenen bogen alsdann die Eiſen⸗ ſtäbe wieder gerade, ſo daß die Wächter ſich vergebens den Kopf zerbrachen, auf welche Weiſe wir uns davon gemacht hatten; die Paliſſaden entfernten wir leicht, da, wir ſie ſchon unter Tags durchſchnitten hatten, und trafen nun auf kein weiteres Hinderniß mehr zwiſchen dem Ge⸗ fängniß und dem Waſſer, ſo daß wir Vier ſämmtlich wenige Minuten nach unſerem Abſchiede von den Ge⸗ fährten die Küſte unſerer Inſel erreichten. Der ſchwie⸗ rigſte Theil lag nun noch vor uns; wir warfen uns . Alle zu gleicher Zeit in's Waſſer und begannen zu ſchwim⸗ men, allein kaum waren wir noch ein paar Klafter vom Landungsplatze entfernt, der ganz in der Nähe des Wacht⸗ hauſes auf dem Feſtlande lag, ſo rief uns Johnſon laut zu, daß er ertrinke; ich bat ihn ſtille zu ſeyn, allein es half nichts.— Die Wache auf dem Feſtlande hörte ihn und gab Feuer und wir ſchwammen nun natürlich nur deſto hartnäckiger und angeſtrengter. Wir andern Drei waren bald am Lande, und da ich mit Weg und Steg wohl bekannt war, führte ich ſie in einer Richtung davon, daß wir allen Poſten auswichen; wir ſchlugen uns nun 15⁵ in die Wälder und retteten uns dadurch, der arme John⸗ ſon aber fiel dem Feinde wieder in die Hände, wie er es wegen ſeines thörichten Geſchrei's verdient hatte, denn unter ſolchen Umſtänden iſt es ja die Pflicht eines Man⸗ nes, lieber ohne Murren zu ſterben, als durch unzeitige Angſt ſeine Gefährten zu verrathen. Neuntes Kapitel. Wir Drei, die wir glücklich davon gekommen waren, ſchlugen uns etwa noch eine Viertel⸗Meile weiter in den Wald und hielten dann ſtille, um uns durch einen Trunk zu erquicken; da wir keine Schüſſe noch ſonſtigen Lärm mehr hörten, beriethen wir uns zuſammen über den Weg, den wir ferner einſchlagen wollten. An der Spitze der Bucht, etwa vier Meilen vom Wachthauſe entfernt, befanden ſich einige Mühlen, zu welchen ich meinen Kameraden den Weg zeigte; wir erreichten den Platz gegen Morgen, und fanden in einer derſelben ein Ob⸗ dach, bevor noch Jemand auf den Beinen war. In einem alten Speicher verbargen wir uns und den ganzen folgenden Tag kam kein Menſch in unſere Nähe; wir hatten etwas Brod und ein paar Häringe in unſeren Hüten untergebracht, mit denen wir uns nun einſtweilen gütlich thaten; der Rum ermuthigte und erheiterte uns, und wenn uns der Rum je gut that, ſo mag es wohl diesmal geweſen ſeyn. Wir ſchliefen ruhig, während ſtets einer von uns Wache hielt, welche Vorſicht wir auf unſerer ganzen Flucht beobachteten. Im Laufe des Tages hörte der Regen auf, allein das Wetter war em pfind⸗ lich kalt. Mit Anbruch der Nacht machten wir uns wieder auf den Weg, und ſchlugen eine Richtung ein, welche uns in einer Entfernung von drei Meilen an der Stadt vorüber⸗ führte. Bei dieſer Gelegenheit kamen wir an der„Loge“ des Prinzen Edward vorüber, wo ich früher oft geweſen 11* = 2=ͤͤö— —-————— 15⁵6 war, und deren Anblick mich an die Heimath und an meine glückliche Jugendzeit erinnerte; Reue und Gewiſ⸗ ſensbiſſe halfen indeß zu Nichts, und wir eilten daher un⸗ geſäumt vorwärts; meine Gefährten bemerkten meine Schwermuth und befragten mich darüber, allein ich wich einer Antwort aus und ſuchte ſie zu beruhigen. Etwa eine Stunde von der Stadt entfernt lag eine Schenke, die ein gewiſſer Grant hielt; Littleſteld wagte ſich hinein, kaufte einen kleinen Käſe und einen Brodlaib, und kam glücklich, wiewohl nicht ohne Argwohn zu erregen, da⸗ von. Dies leiſtete uns tüchtig Vorſchub, und wir ſchrit⸗ ten ſo rüſtig wir konnten vorwärts; noch vor Tages⸗ Anbruch kamen wir an eine Brücke, bei welcher ſich eine Schildwache und ein Wachthaus befand. Um dieſer Ge⸗ fahr auszuweichen, vermieden wir das Wachthaus, und ſetzten oberhalb der Brücke über den Fluß; auf dem jen⸗ ſeitigen Ufer trafen wir auf zwei Indianer, und ließen uns mit ihnen in ein Geſpräch ein, in Folge deſſen wir ſte mit unſerm Rum binnen Kurzem für uns gewannen. Wir machten dieſen Burſchen glaublich, wir ſeyen De⸗ ſerteure von dem„Bulwark,“ einer Fregatte von vier⸗ undſiebenzig Kanonen, und baten ſie, uns weiter zu hel⸗ fen. Erſt hielten ſie uns für Amerikaner, denen ſie von ganzem Herzen abgeneigt ſchienen; allein das Mährchen von unſerer Deſertion gewann ſie für uns, und machte ſte geneigt, uns behülflich zu ſeyn. Die beiden Indianer fuͤhrten uns nun zum Flußbett hinab, und brachten uns auf der Seite des Fluſſes, wo das Wachthaus lag, unter der Brücke hindurch zu einem Schlupfwinkel im Walde, wo wir einen Trupp dieſer Rothhäute von etwa dreißig Köpfen, Männer, Weiber und Kinder fanden. Hier verweilten wir volle drei Tage, und befanden uns ausnehmend wohl bei den Leutchen, da ſte mit Fiſchen, Brod, Butter und andern Nahrungs⸗ mitteln wohl verſehen waren. Das Wetter war ſehr ſchlecht, und wir mochten in demſelben um ſo weniger unſern Weg ſortſetzen, als wir glaubten, die Spähe nach uns werde dan wiſ⸗ un⸗ neine wich eine die nein, kam da⸗ hrit⸗ iges⸗ eine Ge⸗ und jen⸗ eßen wir anen. De⸗ vier⸗ hel⸗ von rchen achte ßbett „wo inem dieſer eiber Tage, 1, da ngs⸗ lecht, Weg 157 nach ein paar Tagen nicht mehr ſo ſtreng ſeyn. Die ganze Zeit über waren wir nur wenige Schußweiten vom Wachthauſe entfernt, hörten die Poſten auf⸗ und abzie⸗ hen, und jede halbe Stunde ihren Ruf:„Alles gut!“ Wir waren freigebig mit unſerm Rum, und ſo weit es uns gerathen daͤuchte, auch mit unſerm Gelde; es fiel dieſen Leuten nicht im Mindeſten ein, uns zu verrathen. In der dritten Nacht verließen wir endlich unſere Schlupfwinkel unter der Führung eines jungen Indianers: er führte uns etwa zwei Meilen weit den Strom hinauf, zeigte uns in der Nacht den Weg durch die Stadt Maroon, und verließ uns alsdann; wir hätten ihn gerne noch länger bei uns behalten, allein er weigerte ſich beharrlich und ſchied gegen Morgen von uns. Wir wanderten nun weiter, bis wir am Ufer des Fluſſes zu einem verlaſſenen Blockhaus kamen, worin wir uns den Tag über ver⸗ ſteckten. Das Land war ſpärlich bevölkert, und die Häuſer, welche uns zu Geſicht kamen, armſelig und elend. Wir mußten nun etwa fünfundzwanzig Meilen von Halifax entfernt geweſen ſeyn. Unſer Plan war, die Landenge zu überſchreiten, welche zwiſchen dem atlantiſchen Ocean und der Bay von Fundy liegt, und Annapolis Royal zu erreichen, wo wir uns entweder durch Geld und gute Worte oder im Nothfall auch durch Diebſtahl ein Boot ver⸗ ſchaffen zu können hofften, in welchem wir an die ame⸗ rikaniſche Küſte überſetzen wollten. Wir hatten noch einen langen Marſch vor uns, und es war uns keines⸗ wegs leicht, den Weg zu finden; der Rath und die Nachrichten, welche wir von den Indianern erhalten hatten, leiſteten uns gute Dienſte, und wir legten in der Nacht ein tüchtiges Stück Weges zurück. Die Ge⸗ gend, worin wir uns am Morgen befanden, ſchien nun mehr bevölkert und angebaut, und ich argwöhnte faſt, wir ſeyen in die Nachbarſchaft von Horton gerathen, welches Städtchen wir unter allen Umſtänden paſſiren mußten. Es trat wiederum ſchlechtes Wetter ein, das 1⁵⁸ uns Halt zu machen nöthigte; als wir an ein Blockhaus kamen, ſandten wir Littleſteld voran, um einige Erkun⸗ digungen bei einer alten Frau einzuziehen, die es ganz allein zu bewohnen ſchien; bald darauf kehrte er zurück und brachte uns tröſtliche Nachrichten von dem Weibe, bei welchem er uns für Deſerteure von dem„Bulwark“ ausgegeben, und dem er eine anſtändige Bezahlung ver⸗ ſprochen hatte, falls es uns ſeinem Verſprechen gemäß den Tag über verſtecken und uns einige Nahrungsmittel reichen wollte. Das Weib hatte eingewilligt, uns in einem Nebengebäude zu verſtecken und die nöthigen Le⸗ bensmittel für uns einzukaufen; wir brachten uns nun in dem Nebengebäude unter, wo uns das Weib beſuchte und uns einiges Geld abverlangte, um den nöthigen Pro⸗ viant herbeizuſchaffen. Während ihrer Abweſenheit ward uns ganz unheimlich zu Muthe, allein ſie kam nach Ver⸗ lauf einer Stunde ſchon mit Fleiſch, Eiern, Brod und Butter zurück, und wir beruhigten uns darüber und hielten zwei tüchtige Mahlzeiten in dem Nebengebäude, wo wir bis gegen Abend blieben. Ich ſtand um die Mittagszeit auf der Wache und ſah auf einmal einen Mann in der Nähe des Hauſes umherſchleichen, der mir verdächtig zu ſeyn ſchien, weshalb ich denn auch alsbald Lärm machte. Der Mann blieb übrigens nicht lange und war nicht ſobald verſchwunden, als ich mich nieder⸗ legte, um noch ein wenig zu ſchlafen. Um vier Uhr etwa waren wir Alle wach, und als einer von uns ge⸗ legentlich aus dem Fenſter blickte, ſah er den nämlichen Mann in Begleitung von zwei andern in's Haus gehen. Das Weib hatte uns kaum zuvor erzählt, es ſey ein Trupp engliſcher Soldaten am Haus vorüber gegangen, um drei amerikaniſche Flüchtlinge zu verfolgen; ſie ſeyen ihrer Viere aus dem Gefängniſſe entwichen, und Einer davon wieder ergriffen worden, die übrigen jedoch noch auf der Flucht. Nun blieb uns kein Zweifel mehr, daß ſie wußte, wer wir waren, und wir hielten es für das Gerathenſte, uns ſo ſchnell als möglich davon zu ma ben ver der des die us un⸗ anz ück be, rt⸗ er⸗ näß ttel in Le⸗ nun chte gro⸗ dard Jer⸗ und und ude, die inen mir bald ange der⸗ Uhr ge⸗ ichen ehen. ein igen, ſeyen Einer noch daß für n zu V 159 machen, damit die Männer im Hauſe das Weib nicht bewegen möchten, uns für die gewöhnliche Belohnung zu verrathen, die, wie wir wohl wußten, vier Pfund fuͤr den Feii betrug. Das Nebengebäude lag in der Nähe des Fluſſes, deſſen beide Ufer ſo dicht mit Gebüſchen be⸗ wachſen waren, daß es uns leicht möglich wurde, uns ungeſehen davon zu machen. Wir folgten nun hart am Rande des Waſſers dem Flußufer ſtromabwärts und erreichten noch vor Einbruch der Nacht die Brücke, die das Ziel unſerer Reiſe geweſen war, ſeitdem wir die andere verlaſſen hatten. Wie un⸗ angenehm war indeß unſere Ueberraſchung, als wir eine Schildwache auf ihr bemerkten! Wir machten nun Halt, um uns zu berathſchlagen, und kamen zu dem Entſchluſſe, bis zu Einbruch der Nacht zu warten und uns alsdann wieder auf den Weg zu machen; dies thaten wir denn auch, indem wir unter der Brücke weggingen, wie unter der letzten, hatten aber diesmal leider keine Indianer, die uns Nahrung und Labung reichten. Ich hatte als Knabe den größten Theil dieſer Gegend kennen gelernt, da Herr Marchinton in der Nähe der Bucht und einer Stadt Cornwallis ein großes Landgut beſaß, woſelbſt ich mit der Familie ganze Sommer zu⸗ gebracht hatte. Dieſer Brücke erinnerte ich mich noch recht wohl, und es fiel mir bei, daß ſich nicht weit von ihr entfernt eine Furth im Fluſſe befinde, die zu paſſtren ſey, ſobald die Fluth vorüber war; die Fluth iſt nämlich an dieſer Küſte ſo furchtbar, daß wir nicht wagen durften, hier ein Boot zu ſtehlen, wollten wir nicht auf einer der zahlreichen Sand⸗ und Schlammbänke ſitzen bleiben, welche flott wurden, ſobald die Fluth abgelaufen war; es war nun halbe Ebbe und wir beſchloſſen, zu warten und uns der Furth zu bedienen. Als wir die Brücke verließen, war es ſchon ganz dunkel, und wir hatten ein kitzliches Stück Arbeit vor uns; die nackten Sandbänke waren ſehr groß und wir hatten auf unſerem Wege keinen andern Führer und Wegweiſer, 160 als die Brücke; manchmal ſank ich bis au die Mitte des Leibes in den Schlamm, allein das Waſſer war nicht ſehr tief. Wir mochten etwa eine Stunde darin zugebracht haben, da wir freilich nicht die richtige Furth erreicht hatten, und uns im Dunklen ſchlecht zurechtzufinden wußten, eben ſo wenig aber auch die Brücke aus dem Geſicht ver⸗ lieren durften, wenn wir uns nicht auf's Neue verirren wollten.— Endlich erreichten wir wieder feſten Grund, waren aber freilich am ganzen Leibe von Schmutz über⸗ deckt und von Käͤlte halb erſtarrt; wir fanden die Land⸗ ſtraße und das Städtchen Horton wieder auf, und ſtreiften in der Umgebung des letztern umher, bis wir es glücklich umgangen hatten. Hierauf ſchlugen wir die Landſtraße wieder ein und ſchritten die ganze Nacht tüchtig darauf los, verfehlten auch nicht, uns zu verbergen, ſo oft wir Jemanden ſahen, allein wir trafen nur wenig Leute unter⸗ wegs. Noch am Morgen ſetzten wir unſere Reiſe fort, bis wir an eine verlaſſene Sägmühle kamen, deren ich mich ebenfalls noch wohl erinnerte, und blieben hier den Tag über; Niemand ſtörte uns und kein Menſch ließ ſich ſehen, nur erzählte uns nachher Littleſteld, ein Mann habe eine Heerde Hornvieh vorüber getrieben, während er die Wache auf dem Deck gehabt habe. Am Abend ſagte ich meinen Gefährten, wir könnten, wenn wir rüſtig marſchirten, in dieſer Nacht noch Corn⸗ wallis erreichen, woſelbſt ich wie zu Hauſe ſeyn würde. Wir waren tüchtig ermüdet und der Ruhe bedürftig, denn die Matroſen ſind gewöhnlich keine große Fußreiſenden, und ich verſprach den Burſchen ein ſicheres, gutes Verſteck auf Herr Marchinton's Gute; wir ſteuerten daher friſch darauf los, und ich führte meine Kameraden mit dem dämmernden Morgen auf dem Gute ein. Ein großer Neufundländer Hund, Namens Hunter, empfing uns mit wildem Gebell, gab ſich aber zufrieden, als ich ihn beim Namen rief, und fing an, an mir emporzuſpringen und zu liebkoſen, ſo daß ich zu glauben geneigt war, das Thier kenne mich noch nach ſo vieljähriger Abweſenheit. R——' ð——8—2—2 —.2 n 161 Es war indeß keine Zeit mit dem Hund zu verlieren, und wir verſteckten uns alsbald in einer Scheune, waren in⸗ deß ſo vorſichtig, uns nicht in's Heu zu legen, ſondern uns in dem oberen Theil des Schuppens im Stroh zu verbergen, da jenes vermuthlich täglich gebraucht wurde; hier legten wir uns nun ſchlafen, während abwechslungs⸗ weiſe einer von uns Wache hielt. Es war das wärmſte und bequemſte Nachtlager, das wir gehabt hatten, ſeit wir die Inſel verlaſſen, von der wir nun acht oder neun Tage abweſend geweſen waren. 3 Wir blieben eine Nacht und zwei Tage in dieſer Scheune, welche die Tagelöhner oft betraten, um manch⸗ mal ſogar längere Zeit in der Tenne zu bleiben, wobei es jedoch keinem beiſiel, den oberen Theil unſeres Schup⸗ pens zu beſteigen. Der Hund blieb immer in der Nähe des Gebäudes, und mir war immer bange, er werde noch das Mittel werden, uns zu verrathen. Unſer Speiſe⸗ vorrath ſchmolz ſehr zuſammen, und in der folgenden Nacht, die wir auf dem Gute zubrachten, machte ich mit Barnet einen Angriff auf die Speiſekammer, wo wir einen Korb voll Brod, Milch, Käſe, Butter und Kabel⸗ jau fanden; wir ſättigten uns nun natürlich an der Milch und füllten auch unſere Schläuche damit; Barnet aber fiel ein Gefäß mit ſaurer Rahm in die Hände, und er brach beinahe in ein lautes Halloh aus, als er einen tüchtigen Schluck davon genommen hatte. Als wir wieder zur Scheune zurückkehrten, erhoben die Gänſe ein mör⸗ deriſches Geſchrei, und ich war heilfroh, als wir uns, ohne entdeckt worden zu ſeyn, glücklich wieder in den Schuppen geflüchtet hatten. Am andern Tage hörten wir nun freilich, wie die Männer in der Scheune von dem begangenen Diebſtahl ſprachen und über den Mangel an Wachſamkeit von Seiten des Hundes ſchalten; ich kannte keinen Einzigen von dieſen Leuten, obwohl an dieſem Tag ein junger Burſche ſich bei den Arbeitern befand, der möglicherweiſe ein Gefährte meiner Kinderſpiele ſeyn konnte, allein ich konnte weder ihm noch ſonſt Jemandem 162 mich anvertrauen, und der einzige Vortheil, den wir von dem Gute zogen, entſprang aus meiner Lokalkenntniß und der Bekanntſchaft mit der Lebensweiſe und den Gewohn⸗ heiten der Bewohner des Gutes. Ich war auf dem Wege zwiſchen Halifax und Anna⸗ polis nie weiter, als bis nach Cornwallis gekommen, und der Reſt des Weges war mir unbekannt, obwohl ich mich noch der Landſtraße erinnerte, die von Cornwallis aus⸗ lief, und die Annapolisſtraße hieß. Es war ein ſchöner ſternheller Abend, als wir uns wieder auf den Weg machten; wir fühlten uns ganz erfriſcht, und die gute Nahrung der letzten Tage hatte uns neue Kräfte zur Reiſe verliehen. Keine Seele begegnete uns, obwohl wir durch eine wohl angebaute und gut bevölkerte Gegend wan⸗ derten. Am andern Morgen war das Wetter ſchöͤn und warm geworden, und wir machten Halt in einem Walde, wo wir wie gewöhnlich ſchliefen und ausruhten, bis die Nacht wieder eingebrochen war. Littlefield hatte unter⸗ wegs drei Hühner geſtohlen und geſchworen, er wolle wenigſtens am andern Tage eine warme Mahlzeit haben, ohne deshalb gerade entdeckt zu werden. Gegen vier Uhr Morgens ſtießen wir auf einen Fluß, verließen nun die Landſtraße und folgten eine Zeitlang dem Ufer des Fluſſes. Es hub an, zu regnen und zu ſtürmen, und der Wind blies gerade auf's Ufer zu, ſo daß es uns bald klar wurde, daß wir bei ſolchem Wetter kein Boot erhalten und in See ſtechen könnten; in unſerer nächſten Nähe erhob ſich eine kleine Bergkette, von dichtem Wald über⸗ wachſen, und wir erkletterten einen der nächſten Hügel, um hier den Tag zu verbringen. Wir hatten zwei Männer in einem hübſchen, dauerhaft ſcheinenden Boot den Strom herabfahren ſehen, und faßten nun den Entſchluß, uns dieſes Bootes zu bemächtigen, und, ſobald das Unwetter ſich lege, in demſelben uns ſtromabwärts nach der Bucht zu arbeiten. Von dem Hügel aus konnten wir den Fluß und die umliegende Gegend überſchauen; wir ſahen nun, wie die beiden Fiſcher landeten, ihr Segel und Ruder — — — 163 aus dem Boote nahmen, dieſes an's Land zogen und umſtürzten, und Segel und Ruder darunter verſteckten; ſie hatten ein Tönnchen mit friſchem Waſſer bei ſich, ſo daß Alles unſern Zwecken zu entſprechen ſchien, denn das Fahrzeug geſiel uns, und an der Fahrt auf dem Fluſſe hatten wir eine größere Freude, als an dem langweiligen Marſch zu Lande.. Wir konnten die Stadt Annapolis nicht ſehen, und glaubten fie ein paar Meilen ſtromaufwärts von uns, obwohl es ſich nachher herausſtellte, daß wir ein paar Meilen unterhalb derſelben waren. Die Fiſcher ſchlugen die Richtung nach der Stadt ein und kamen uns bald aus dem Geſichte. Alles was wir nun wünſchten, war gutes Wetter und günſtiger, das heißt leichter Wind; das ſtürmiſche Wetter hatte die Fiſcher vertrieben, und wir hielten es für's Gerathenſte, ihrer Erfahrung zu vertrauen. Der Tag verging ohne einen beſondern Unfall, das Wetter blieb daſſelbe und wir waren ohne ein anderes Obdach, als ein paar blätterloſe Bäume dem anhaltenden heftigen Regen ausgeſetzt; nur ein paar Föhren, die ihre grüne Nadeln noch behalten hatten, gaben uns ein leid⸗ liches Obdach.— Mit Einbruch der Dämmerung zündete Littlefield ein Feuer an und begann ſeine Hühner zu braten; das Nachteſſen war bald fertig und wir verzehr⸗ ten es mit gutem Appetit, worauf wir uns ſchlafen leg⸗ ten und Barnet auf der Wache ließen. Ich hatte ſchon eine gute Weile im tiefen Schlaf gelegen, als mich auf einmal Hufſchlag von Pferden und das Geſchrei von mehreren Männern aufweckte; wie ich emporſprang, be⸗ merkte ich, daß eine Abtheilung von fünf Reitern auf uns zukam, deren Einer in den Nuf ausbrach:„Da ſind fie! wir haben ſie endlich erwiſcht!“— Nun konnte uns kein Zweifel mehr über ihre Abſicht bleiben und wir muß⸗ ten uns nothgedrungen ergeben; man band uns die Arme auf den Rücken und ſetzte uns hinter die Reiter auf's Pferd, und unſere Häſcher ritten mit uns nun auf dem⸗ ſelben Wege zurück, auf welchem wir hergekommen waren; 164 wir legten in dieſer Nacht nur noch wenige Meilen zu⸗ rück und machten bald darauf in einem Dörſchen Halt. Die ganze Reiſe bis nach Halifar zurück machten wir auf dieſe Weiſe, indem wir ohne Steigbügel auf den Mantelſäcken unſerer Reiter ſaßen, die ihre Pferde ſtets in einem ſcharfen Trab erhielten. Wir kamen nicht über Cornwallis, das nicht der nähere Weg zu ſeyn ſchien, ſondern berührten nur Horton und überſchritten die Brücke, unter welcher wir durch den Schlamm gewatet waren; zu Horton verbrachten wir die Nacht in einer Art Ge⸗ fängniß, das voll Schmutz und Koth war; da uns unſer Nachtlager nicht geſiel, durchſtöberten wir das Gebäude und fanden dabei, daß die Baumſtämme, woraus das Blockhaus erbaut war, faul und morſch geworden waren; alsbald ſchickten wir uns an, uns einen Weg durch die⸗ ſelben zu bahnen und gelangten auch glücklich in's Freie. Litleſteld aber, der mit einer ächt iriſchen Sorgloſigkeit begabt war, ſchwur, den ganzen Ort in Brand zu ſtecken, was er auch wirklich that, indem er durch das Loch, das wir gemacht hatten, zurückkehrte und oben auf dem Spei⸗ cher im dürren brennbaren Sparrenwerk Feuer anmachte. Hätte er dieſe Thorheit unterlaſſen, ſo wären wir viel⸗ leicht glücklich entkommen, weil wir den Reſt der Nacht hindurch tüchtig zuſchritten; allein am andern Morgen wurden wir in aller Frühe nahe bei der Brücke von Windſor ſchon wieder eingeholt.. Dießmal erfuhren wir eine weit härtere Vehandlung als zuvor; unſere Wache behielt uns ſcharf im Auge, und brachte uns ohne ferneres Abenteuer nach Halifar zurück. Wir waren ſehr ermüdet und mußten trotzdem die nächſten zehn Tage hindurch bei Waſſer und Brod in einem Kerker ſchmachten, was die gewöhnliche Strafe fuͤr ſolche Vergehen war. Nach Verlauf von zehn Tagen wurden wir wieder freigegeben und zu unſern Kamera⸗ den nach der Inſel Melville zurück geſchickt, woſelbſt unſere Rückkehr eine Menge Geſchwätz und nicht wenig Tadel über die Klugheit oder vielmehr Unvorſichtigkeit, 8 +-A-ͤ2— 165 die wir auf unſerer Flucht an den Tag gelegt hatten, 4 hervorrief. Wenn man dieſe Burſchen reden hörte, hätte man glauben ſollen, jeder von ihnen wäre in unſerer Lage glücklich davon gekommen, obwohl es keinem von den Andern beſſer erging, als uns; es hatten nämlich während unſerer Abweſenheit Mehrere den Verſuch ge⸗ macht, von der Inſel zu entfliehen, allein faſt Alle waren meiſt ſchon in den beiden erſten Tagen ihrer Flucht wie⸗ der ergriffen worden. Ich erinnere mich überhaupt nur, daß während meiner ganzen Gefangenſchaft nur ein Ein⸗ ziger ganz frei ausging und ſich zu retten vermochte; es war ein Burſche von einem Kaperſchiffe, aus Marble⸗ head gebürtig; ſechs Wochen ſpäter jedoch war er bereits wieder bei uns, da er den Engländern wieder in die Hände gefallen war, ehe er noch eine volle Woche auf der See verbracht hatte. Wir unglücklichen Abenteurer waren nicht wenig erzürnt über das Fehlſchlagen unſeres Planes, und be⸗ gannen ſchon wieder auf's Neue an die Flucht zu denken, als wir aus dem Kerker entlaſſen worden waren. Dies⸗ mal ſchritt ich zu einem andern Plane, und einem andern Ziele unſerer Flucht; wir wollten uns nämlich nach Li⸗ verpool begeben, das ſüdlich von Halifar an der Küſte lag; dies würde uns freilich von Neuem auf den atlan⸗ tiſchen Ocean geführt haben, allein unſer Plan ging da⸗ hin, uns in einem kleinen Kaperſchiffe, der„Liverpool“ genannt, zu bergen, und die Gelegenheit wahrzunehmen, wo wir von dieſem deſertiren könnten, das beſtändig zwi⸗ ſchen Neuſchottland und der amerikaniſchen Küſte kreuzte. Da dieſes Fahrzeug ſehr klein, und oft nur ſchlecht be⸗ mannt war, lag uns ſogar die Hoffnung nicht ferne, uns einmal deſſelben bemächtigen zu können. Auch war einige Wahrſcheinlichkeit vorhanden, zu Liverpool ei kommen auf einem Küſtenfahrzeuge zu finden deſſen ſich unſere Flucht leicht bewerkſtelligen ließe; auf jeden Fall ſchien uns auch die mindeſte Hoffnung noch beſſer, als die Ausſicht, lange Jahre bis zum Ende eines 166. unabſehbaren Krieges hier in der Gefangenſchaft ſchmach⸗ ten zu müſſen, bis wir einſtweilen faſt altersgrau wurden. Ich erinnerte mich noch aus meiner Knabenzeit des Ta⸗ ges, wo die„Ville de Milan“ nach Halifax eingebracht wurde; dies geſchah etwa ein Jahr oder zwei vor meiner erſten Flucht, und ein Theil ihrer Schiffsmannſchaft be⸗ fand ſich noch jetzt in der Gefangenſchaft auf der Inſel Melville!— Ich eröffnete meinen Handel wieder, ſobald ich aus dem Kerker entlaſſen war, gab jedoch den Gedanken an die Flucht nicht auf; Leonhard Lewis und Jack Mallet waren die Einzigen, denen wir unſer Geheimniß anvertrau⸗ ten, Beide aber ſchlugen es ab, ſich mit uns zu verbinden— Mallet, weil er ſich vor Erkältung in Acht nehmen mußte, und Lewis, weil er überzeugt war, die Strapazen einer ſolchen Flucht nicht überleben zu können; Beide aber wünſch⸗ ten uns alles mögliche Glück, und unterſtützten uns nach Kräften. Mit Johnſon wollten wir nichts mehr zu thun haben.— Unſere Wäͤchter hatten nie in Erfahrung brin⸗ gen können, auf welche Weiſe wir unſere Flucht bewerk⸗ ſtelligt hatten, vbwohl ſie natürlich die durchſchnittenen Paliſ⸗ ſaden ſehen mußten. Wir machten daher diesmal nicht den Verſuch, die Pfähle wieder zu durchſchneiden, ſondern be⸗ ſchloſſen, darüber hinwegzuklettern; die Engländer hatten nämlich inzwiſchen die Pfähle durch Querſtäbe befeſtigt, die uns von großem Nutzen waren, und ich konnte nicht um⸗ hin, ihnen für den unvermutheten Vorſchub, welchen ſie uns hiedurch leiſteten, innigſt zu danken. Wir warteten auf eine warme, aber dunkle und regneriſche Mainacht, ehe wir unſeren neuen Fluchtverſuch antraten; an Geld fehlte es uns nicht, da ich vierzig Kronen mit in's Ge⸗ fängniß zurückgebracht, und inzwiſchen mit meinem Handel noch manchen Thaler erübrigt hatte. Wir entwichen auch dießmal, wie früher, durch die Eiſenſtäbe deſſelben Fenſters, und gelangten glücklich in's Freie, da dies eine Kleinigkeit für uns war; als wir die Paliſſaden überkletterten, ſprang einer von meinen beiden Gefährten auf der äußeren Seite 167 etwas zu ſorglos herab, und wurde gehört; die Schild⸗ wache rief alsbald nach dem Korporal des Poſtens, allein wir waren bald im Waſſer, und ſchwammen in der Nähe der Brücke einem Punkte unfern des Wachhauſes auf dem Feſtlande zu. Während wir noch in Waſſer waren, ent⸗ ſtand Lärm auf der Inſel, allein wir landeten glücklich und ungeſehen. Wir ſchlugen uns nun in dieſelben Wälder wie frü⸗ her, richteten aber unſern Weg nach Süden, anſtatt nach Weſten; unſer Weg führte hart am Strande hin, und wir legten in dieſer, Nacht eine tüchtige Strecke zurück. Littlefteld wollte uns den Weg zeigen, allein wir verirrten uns, und blieben zwei Tage und zwei Nächte in den Wäl⸗ dern ſtecken, wo wir nicht einmal Nahrung und noch we⸗ niger den mindeſten Begriff von dem Wege hatten, den wir einſchlagen mußten. Endlich ſtießen wir am hellen Tage auf eine Landſtraße, wo uns unſer guter Stern einen alten iriſchen Matroſen, der hier als Fiſcher lebte, in den Weg führte. Nach kurzer Unterredung geſtanden wir dem Alten, wir ſeyen Deſerteure von einem Kriegsſchiffe, wo⸗ durch er uns nur noch mehr lieb zu gewinnen ſchien; er hatte nämlich ſelbſt in der Marine gedient, einer ſeiner Söhne war gepreßt worden, und ſo ſchien ſeine Abneigung gegen die engliſche Marine nicht minder lebhaft, als die unſere. Er nahm uns mit nach ſeiner Hütte am Strande, und bereitete uns aus Fiſchen, Kartoffeln und Branntwein ein recht nahrhaftes gerne gereichtes Mahl. Wir ver⸗ weilten bis Sonnenuntergang in ſeiner Hütte, erhielten manchen guten Rath von dem alten Manne, und verließen ihn alsdann. Diesmal gingen wir auf unſerer Neiſe vor⸗ ſichtiger zu Werke, ſchliefen nur in den Wäldern, und marſchirten Tag und Nacht rüſtig zu, um nur Halt zu machen, wenn wir ermüdet waren, oder ſich eine günſtige Stelle dazu bot. Mit Nahrungsmitteln waren wir freilich ſchlecht verſehen, obwohl wir einen kleinen Vorrath aus der Hütte des Fiſchers mitgenommen hatten, und viele Winterbeeren unterwegs fanden. * 168 Etwa um acht Uhr Abends gelangten wir nach Liver⸗ pool und begaben uns alsbald nach dem Stelldichein des Kaperſchiffs, wohin uns ein kleines Mädchen für einen Shilling den Weg zeigte. Der Wirth des Stelldicheins hieß uns freundlich willkommen, und engagirte uns gleich für das Kaperſchiff; wir erhielten nun natürlich Dach und Fach und Nahrung, bis der Schooner einlief, und je vier Pfund Handgeld auf den Kopf, und beide Theile ſchienen mit dem Handel zufrieden. Die Wahrheit zu geſtehen, begannen wir jetzt uns zu betrinken, und am anderen Tag befanden wir uns Alle in einem ſchmachvollen Zuſtande; am zweiten Tage nach dem Frühſtück kam der Wirth mit einer Zeitung in der Hand plötzlich in unſer Zimmer ge⸗ rannt, las uns tüchtig den Terxt, daß wir uns bei ihm für Deſerteure ausgegeben hätten, während wir doch nur flüchtige Amerikaner wären, und las uns eine Bekanntmachung mit einer ganzen Reihe von Namen vor. Es war dem Burſchen bang um ſeine zwölf Pfund, und er verlangte ſie zurück; allein wir lachten ihn aus, und meinten, er ſolle uns nur ſobald wie möglich an Bord des Kaperſchiffs bringen. Da wehklagte er nun plötzlich, daß es zu ſpäͤt ſeye, weil uns die Wache bereits auf den Ferſen ſitze, und ſo war es auch in der That; denn eine Stunde ſpäter hielten uns ein Offizier und ein Peloton Soldaten bereits in ſicherem Gewahrſam; es machte uns nicht wenig Spaß, zu hören, wie der Offizier unſern Wirth auslachte, der ſich wegen ſeiner zwölf Pfund noch immer nicht zufrieden geben wollte. Der Offizier erklärte ihm nämlich geradezu, dieſe Witzigung ſey ihm wohl zu gönnen, weil er es ſich habe beigehen laſſen, Deſerteure aus dem Lande ſchmuggeln zu wollen, und dies mochte wohl auch der Grund ſeyn, daß Niemand anders als mit Worten das Geld wieder von uns zurück zu erhalten verſuchte, und wir ungetrübt im Beſitz unſerer zwölf Pfund blieben. Wir wurden nun in einem Küſtenfahrzeug unterge⸗ bracht, und zu Waſſer nach Halifax zurückgeſandt; man legte uns zwar Feſſeln an, behandelte uns jedoch ſonſt ziem⸗ * —ͤͤͤͤͤZͤöͤſͤͤͤͤͤZͤZhͤhͤͤͤͤ f 169 lich gut. In Halifax wurden wir ein paar Stunden lang im Wachthauſe der Königlichen Schiffswerfte eingeſperrt, und während dieſer Zeit von einer großen Anzahl von Offi⸗ zieren beſucht; die Herren ſchienen ſehr begierig, unſere Geſchichte zu vernehmen, die wir ihnen dann auch offen erzählten; ſie lachten und meinten: man könne uns ei⸗ gentlich einen ſolchen Fluchtverſuch nicht übel nehmen, wenn die Aufſicht über die Gefangenen ſchlecht genug ſey, dieß zuzulaſſen; doch hielten wir ihnen abſichtlich die Art und Weiſe verſchwiegen, auf welche wir die Gefangenen⸗Ba⸗ racken verlaſſen hatten. Unter den Offtzieren, die uns be⸗ ſuchten und ſich mit uns unterhielten, befand ſich auch ein Admiral, Sir Iſak Coffin. Dieſer Herr war ein gebore⸗ ner Amerikaner und gerade in Halifax anweſend, um den Austauſch der Mannſchaft des„Nantuckett“ zu bewerkſtel⸗ ligen, unter welchen ſich ſein eigener Neffe befinden ſollte, dem er jedoch nicht behülflich ſeyn konnte, weil der junge Mann auf einem Kaperſchiff gedient hatte; wäre er am Bord eines Kriegs⸗ oder Kauffahrteiſchiffes gefangen ge⸗ nommen worden, ſo hätte er ihm ohne Weiteres zu ſeiner Freiheit verhelfen können, auf dieſe Weiſe aber konnte er es nur bewirken, daß man den jungen Mann, wie es ge⸗ wöhnlich im Gefängniſſe verlautete, nach Dartmoor entflie⸗ hen ließ. Der alte Herr erwies ſich ſehr nachſichtig gegen uns, und meinte, er könne uns nicht darüber tadeln, daß wir uns ſelbſt zur Freiheit hatten verhelfen wollen; ich glaube nicht, daß er von der Geſchichte mit den zwölf Pfund gehört hatte, und alle Offiziere von der Marine ſchienen es dem Miethsmanne des Kaperſchiffes zu gönnen, daß er fuͤr ſeinen Vorwitz und die Rückſichtsloſigkeit gegen ſein eigenes Vaterland geſtraft wurde. Was uns anbelangt ſo machten wir uns kein Gewiſſen daraus, ihn um das Geld zu bringen, da wir ihn als Feind betrachteten. Wir wurden nun wieder nach der Inſel zurückgeſandt, und auf's Neue, doch dießmal für zwanzig Tage, eingeſperrt. Als wir wieder in Freiheit geſetzt wurden, erfuhren wir, Edward Myers. 12 17⁰ daß irgend Jemand die Art und Weiſe verkathen hatte, auf welche wir entkommen waren, und fanden nun an al⸗ len Fenſtern Querſtangen angebracht, durch welche uns dieſer Abzugs⸗Kanal verſperrt und alle Hoffnung zur Flucht auf dieſem Wege benommen wurde. Nun bildete ſich eine große Verſchwörung, die der Männer, welche wir im Gefängniſſe hatten, ganz würdig war; der Plan bezweckte nichts Anderes, als einen Hand- ſtreich gegen Halifax ſelbſt zu wagen und uns alsdann im Triumphe auf freien Fuß zu ſetzen. Die Geſammt⸗ zahl der Gefangenen betrug achtzehuhundert Köpfe, ob⸗ wohl es darunter an tüchtigen Offtzieren fehlte. Wir waren etwa unſerer fünfzig, die zuerſt dieſen Entſchluß faßten, und nahmen ganze ſechs Wochen lang keinen wei⸗ tern Rekruten an. Ein gewiſſer Herr Crowninſhield aus Salem, der früher Offizier auf einem Kaperſchiffe geweſen war, wurde unſer Hauptmann; es war eine ziemliche An⸗ zahl Kaper⸗Offiziere im Gefängniſſe, allein ſie waren im obern Stockwerke untergebracht, um bei der Nacht von uns getrennt zu bleiben; indeß öffneten wir den Fußboden des obern Stockwerks und ſtellten auf dieſe Weiſe ein Kommn⸗ nikationsmittel her, auf welchem die Offiziere bei Nacht zu uns herunter kamen, und mit uns Hand an's Werk legten. Die Mittel zu unſerem Zweck waren ſehr einfach, ihre Ausführung aber keineswegs ohne alle Schwierigkeiten; die Gefängnißzellen befanden ſich nämlich unmittelbar un⸗ ter unſern Wohngemächern, und wir brachen von anſe⸗ rem Stockwerk aus zwiſchen zwei Balken ein Loch durch den Fußboden nach einer der Gefängnißzellen. Ein großer Speiſeſchrank verbarg den Tag über die Oeffnung; wir arbeiteten in Abtheilungen von je ſechs Mann, gruben uns tief in das Erdreich ein und ſchafften den ausgewühlten Boden in unſern Nachtfäſſern fort, die wir jeden Morgen während der Fluth am Strande ausleeren durften, ſo daß wir unbemerkt uns der ausgegrabenen Erde entledigen konn⸗ ten. Im Laufe von zwei Monaten hatten wir einen Gang 171 volt etwa dreißig Ellen aufgegraben, worin zwei Maͤnner neben einander gehen konnten, und waren faſt an die Erd⸗ oberfläche gelangt, mit deren endlicher Durchwühlung auch unſer Plan zur Ausführung kommen ſollte. Nun began⸗ nen wir Theilnehmer zu ſammeln und ließen einen Jeden, der ſich bei dem Werk der Befreiung betheiligte, einen ſchweren Eid leiſten; wir mochten etwa vierhundert Mann zuſammengebracht haben, als unſer Plan auf einmal an jenem großen, allgemeinen Feinde, der ſo viele ähnliche Pläne ſcheitern macht, an Verrath nämlich, zu Grunde ging, und es ſteht zu vermuthen, daß es einer der Unſri⸗ gen ſelbſt war, der uns verrieth. Wäre unſer Plan zur Reife gekommen, ſo würden wir die Anhöhen der Inſel erſtürmt und uns der Kano⸗ nen bemächtigt haben; wäͤre uns dieß geglückt, ſo würde es uns nicht ſchwer geweſen ſeyn, der ganzen Beſatzung Mei⸗ ſter zu werden; wir würden alsdann gegen Citadell Hill angerückt ſeyn, welcher Halifar beherrſcht, und hätten wir auch hier obgeſtegt, ſo möchte wohl für die Engländer eine tüchtige Schlappe daraus entſtanden ſeyn, obwohl Niemand behaupten kann, zu welchem Reſultate ſie zunächſt geführt haben würde. Wäre auch die Hauptunternehmung fehl⸗ geſchlagen, ſo hätten ſich doch Hunderte von uns ganz gewiß auf verſchiedenen Fahrzeugen in Freiheit zu ſetzen ge⸗ wußt; indeß war es uns nicht vergönnt, das Experiment in's Werk zu ſetzen, denn eines Tages wurden wir Alle ſammt und ſonders aus unſern Wohnungen vertrieben, und ein Trupp engliſcher Offiziere vom Heer und der Marine traten in die Baracken, und beſchauten ſich die von uns ausgewühlte Mine nach Muße. Eine Abtheilung von ſechshundert Mann etwa wurde noch an demſelben Tag aus dem Gefängniß geholt und nach Dartmoor eingeſchifft, und am Ende der Woche befand ſich unſere ganze Anzahl auf etwa drei⸗ bis vierhundert Köpfe reduzirt. Einer von der Mannſchaft der„Julia“ ging mit dem erſten Zuge nach Dartmvor ab, wir Andern aber blieben in Halifax 12* 1 172 zurück, und es entging uns nicht, daß die Englaͤnder fortan ein wachſames Augenmerk auf uns hatten. Ich gab nie die Hoffnung auf, unſere Flucht endlich noch bewerkſtelligen zu können, und die Aufregung und Span⸗ nung, worein mich dieſe Hoffnung verſetzte, war für Leib und Seele gleich zuträglich. Wir wurden übrigens Alle zu ſorgſam bewacht, und uns ſogar verboten, bei Nacht mit einander zu reden. Die meiſten unſerer Offiziere waren ebenfalls entfernt worden, dies brachte uns beinahe um die letzte Hülfe. Ich habe zu erwähnen vergeſſen, daß Lemuel Bryant, derſelbe, der vor Little⸗York von einer glühenden Kugel getroffen zu meinen Füßen niedergeſunken war, und den ich hernach beim Untergang der„Peitſche“ in mein Boot aufgenommen hatte, kurz nach unſerer zweiten Ankunft in Halifax zu entſpringen wußte; er war ſomit der Zweite nach dem Andern, deſſen ich bereits erwähnt, der ſich glücklich der Gefangenſchaft zu entziehen wußte. Bryant's Flucht war ſo geſchickt angelegt. daß ſie wohl beſonderer Erwäͤh⸗ nung werth ſeyn dürfte; eines Tags nämlich wurde eine Abtheilung von etwa dreißig Soldaten aufgerufen, um in Folge einer Kapitulation ausgewechſelt zu werden; unter den Namen befand ſich auch der eines andern Lemuel Bryant, der inzwiſchen geſtorben war, was unſer Bryant ſchon im Voraus erfahren hatte; er takelte ſich daher nach Solda⸗ tenart auf, und gab Antwort, wie ſein Name aufgerufen wurde. Vermuthlich konnte er, durch Verwandtſchaft oder freundſchaftliche Beziehungen mit ſeinem Namensbruder, die Identität mit dieſem herſtellen, machte ſich ohne Schwierig⸗ keiten frei und verſchwand mir von jener Zeit an ganz aus den Augen. Später erfuhr ich, daß er noch lebe und wegen der Wunde, die er vor York empfangen, eine kleine Penſion beziehe, die ihm auch recht wohl gebührt, denn ich wüßte keinen Menſchen, der größerer Lebensgefahr ausgeſetzt ge⸗ weſen wäre. Wir verbrachten nun, ohne ein ferneres merk⸗ oder denk⸗ würdiges Ereigniß, noch etliche Monate, bis wir eines Abends im März 1815 einen mächtigen Freudenlaͤrm in Halifar hör⸗ 173 ten und bald darauf Einer unſerer Schließer auf den Wällen erſchien und die Nachricht verkündete, daß England mit den Vereinigten Staaten von Amerika Frieden gemacht habe. Wir brachten drei Hurrah's aus und machten uns eine luſtige Nacht, wobei es nicht ohne einigen Zank und Hader mit den Schließern, die uns, welche uns unſerer neugewonnenen Freiheit mächtig freuten, noch einmal ein⸗ ſperren wollten, was wir uns nothgedrungen noch einmal gefallen laſſen mußten. Zehntes Kapitel. Am andern Morgen wurden acht von den Matroſen, welche oben auf der Gefangenen⸗Liſte ſtunden, aufgerufen und befragt, ob es ihnen angenehm und erwünſcht wäre, ihre Ueberfahrt nach New⸗York auf einer freigegebenen ſchwediſchen Brigg abzuverdienen. Jack Mallet, Barnet und ich gehörten glücklicherweiſe auch zu jenen acht Mann; Wilcor, einer von denen, welche mit uns nach Bermuda gegangen waren, war inzwiſchen geſtorben, und die Uebri⸗ gen waren auf der Inſel zurückgeblieben. Von dem Augen⸗ blick an, wo ich das Gefängniß verließ, traf ich nie wie⸗ der mit Leonhard Lewis, Littlefield oder irgend einem der Andern zuſammen; Lewis kann meines Erachtens ſeine Gefangenſchaft nicht lange überlebt haben, und von Little⸗ field hörte ich ſpäter, daß er auf dem Kriegsſchiff„Wa⸗ ſhington“ von vierundſiebenzig Kanonen diene. Die ſchwediſche Brigg, die„Venus“ genannt, lag am äußerſten Ende des Quai, an welchem Herr Marchinton gewohnt hatte, alſo an einem Platze, der mir von meinen Knabenjahren her noch ganz bekannt und vertraut war. Wir gingen ſämmtlich unverweilt an Bord, und waren ſehr zufrieden damit, daß unſer Fahrzeug ohne Säumen in den Strom auslief. Ich hatte insbeſondere eine Ab⸗ neigung für Halifax gefaßt, die ſeit meiner letzten Haft ſich nicht vermindert und in mir den Entſchluß rege ge⸗ macht hatte, keine Seele in der Stadt zu beſuchen, Jack 174 Mallet dagegen nahm es über ſich, meiner Schweſter einen Beſuch abzuſtatten und ihr mitzutheilen, wo ſie mich finden könne. Er handelte darin nicht nur ganz ohne mein Vorwiſſen, ſondern ſogar meinen Wünſchen entgegen, obwohl er mir vielleicht damit einen Gefallen zu thun glaubte. Am ſelben Tage nämlich, wo wir in den Strom eingelaufen waren, kam ein Boot an unſere Langſeite, und ein einziger Blick überzeugte mich, daß Harriet darin war; ich wechſelte nur ein paar Worte mit ihr, bat fie, nicht an Bord zu kommen, ſondern verſprach ihr vielmehr, ſie am Abend zu beſuchen, was ich auch that. Ich blieb mehrere Stunden bei meiner Schweſter, deren Gatten ich auf dieſe Weiſe zum Erſtenmal zu Ge⸗ ſichte bekam; ſie that übrigens den ganzen Abend hindurch meines Vaters mit keiner Sylbe Erwähnung, und erfuhr weder von meinen übrigen Freunden— wenn ich je noch deren in Halifar hatte— noch von meiner Familie etwas Näheres. Harriet's Gatte war ein Schneider, der ſich ſehr freundſchaftlich und wohlwollend gegen mich benahm und mir eine anſtändige Kleidung zum Geſchenk machte. Es ging mir ſehr nahe, daß das uubegreifliche lange Still⸗ ſchweigen unſeres Vaters gegen uns Kinder meine Schwe⸗ ſter in ihrer bürgerlichen Lage ſo ſehr zurückgebracht hatte, allein es war nicht meine Schuld, ging mich auch nichts an, und was mich ſelber anbelangt, ſo war ich bereits ſo ſehr abgeſtumpft worden, daß ich mich um kein Haar mehr um meinen Vater bekümmerte, als er ſich um mich. Nach⸗ dem ich den Abend im Kreiſe der Familie verbracht hatte, kehrte ich ſchnurſtracks an Bord zurück und ließ mir's nicht ein⸗ fallen, noch irgend Jemand mehr zu beſuchen. Selbſt die Fa⸗ milie Fraſer vernachläſſigte ich, ſo ſtark war meine Abneigung und mein Ekel vor Halifax und Allem, was dahin gehörte. Die„Venus“ nahm mehrere Paſſagiere an Bord, wor⸗ unter auch etliche Offiziere von der Marine waren. Lieutenant Rapp und ein gewiſſer Midſhipman Randolph, ſowie meh⸗ rere Kapitäne von Kauffahrern befanden ſich bei uns an Bord. Zwei Tage, nachdem ich auf die Brigg gekommen war, gingen 175⁵ wir unter Segel und brauchten eiwa zehn oder zwölf Tage zur Ueberfahrt. Sobald die„Venus“ an dem Quai von New⸗York angekommen war, verließen wir ſie alle und befanden uns nun auf's Neue wieder arbeitslos. Ich war neunzehn Monate lang in Gefangenſchaft geweſen und dieſe Friſt hatte hingereicht, mir die Freude daran auf meine ganze Lebenszeit zu verderben. Wir Matroſen von der Marine der Vereinigten Staa⸗ ten wandten uns zunächſt an Kapitän Evans, den Kom⸗ mandanten des„Brooklyn⸗Yard,“ gaben ihm unſere Namen an, und erhielten von ihm den Rath, uns an Bord des „Epervier“ zu begeben, der unter dem Befehl des Kapitän Downes ſich eben zu einer Fahrt nach dem mittelländiſchen Meere rüſtete. Zu dieſem Vorſchlage waren wir übrigens nicht ſehr geneigt, weil wir zuvor das Leben am Lande verko⸗ ſten wollten, ehe wir uns wieder zur See begaben. Wir durften uns übrigens ſpäter nur zu dieſem Entſchluſſe gratu⸗ liren, da der„Epervier“ ſchon nach ein paar Monaten auf der Heimfahrt von der Meerenge von Gibraltar Schiff⸗ bruch erlitt und mit Mann und Maus unterging. Kapitän Evans hieß uns nun, täglich bei ihm wieder vorzuſprechen, was wir denn auch thaten; allein der Con⸗ greß in Waſhington war ſo ſehr mit Geſchäften überladen, daß er unſere Angelegenheit nicht vornehmen konnte, und wir alſo vergebens auf Entſchädigung warteten; weil wir übrigens von allem Gelde entblößt, und ſämmtliche Lebens⸗ bedürfniſſe ſehr theuer waren, entſchloſſen wir uns mit der Beiſtimmung des Kapitän Evans, zuvor noch eine Fahrt auf einem Kauffahrteiſchiffe zu machen und erſt bei unſerer Rück⸗ kehr unſere Angelegenheit mit der Admiralität zu ordnen. Jack Mallet, Barnet und ich traten daher an Bord eines andern Fahrzeugs, der„Venus“, das zum Seehundsfange ausgerüſtet zu ſeyn ſchien, oder wenigſtens dafür gelten wollte, und nach irgend einem Theil der Welt beſtimmt war, wo man Seehunde in größerer Menge antreffen ſollte. Wir verſtanden noch nichts von dieſem Berufe, ſonſt hätten wir vermuthlich ſchon aus der Ladnng und Ausrüſtung des Schiffes geſchloſſen, daß hier eine Taͤuſchung beabſichtigt 176 werden ſollte; es war nämlich nicht einmal Salz an Bord, dafür aber eine Maſſe großer Klobſägen, eiſerner Klammern, Ketten, Aexte ꝛc. Die Brigg ging übrigens unter Segel und ſteuerte über den atlantiſchen Ocean hinüber, als ob es ihr mit ihrer Beſtimmung Ernſt geweſen wäre. Als wir aber in die Nähe der Inſeln des grünen Vorgebirgs kamen, beſchied uns der Kapitän Alle auf's Verdeck und eröffnete uns, daß die Jahreszeit leider ſchon zu weit vor⸗ gerückt ſey, um ſich günſtigen Erfolg vom Robbenfange verſprechen zu können, und daß er daher, falls wir einwil⸗ ligen ſollten, lieber nach St. Domingo ſteuern wolle, um dort auf Kontrakt mit etlichen Andern Mahagoniholz, Gelb⸗ holz und Lignum vitae(Franzoſenholz) zu hauen, in welch letzterem Falle er uns einen Antheil an der Ladung geben wolle. Nun war das Räthſel am Tage, allein was woll⸗ ten wir armen getäuſchten Matroſen beginnen? Die Arbeit, die man uns vorſchlug, war, wie ſich ſpäter ergab, eine äußerſt mühſame, und man hatte uns, wie es ſcheint, nur darum über die Beſtimmung des Fahrzeugs getäuſcht, weil es ſelbſt zu dieſer Zeit ſchwierig geweſen wäre, eine Schiffs⸗ mannſchaft zu dieſem Zweck zuſammenzubringen. Da la⸗ gen wir nun mitten im Ocean und mußten wohl oder uͤbel in den unwillkommenen Vorſchlag willigen. Die Brigg legte nun bei und ſteuerte nach St. Domingo, wo ſie zuerſt in der Stadt St. Domingo vor Anker ging, um die nöͤthigen Kontrakte abzuſchließen, und etliche Spanier zu dingen, die uns beim Schlagen des Holzes Beiſtand leiſten ſollten; alsdann ſegelten wir nach einer Bucht, deren Namen ich vergeſſen habe, und ankerten faſt hart unter der Küſte. Der Ort, wo wir die Bäume ſchlugen, war am Ufer eines Fluſſes, etwa zehn Meilen landeinwaͤrts, und das geſchlagene Holz wurde auf dem Fluſſe bis zu der Sandbank an deſſen: Mündung geflößt, über welche es durch Refftaue von Leeſegeln gezogen, und durch die Brandung geſchleppt werden mußte, indem Jeder von uns zwei Blöcke auf einmal, welche in eine Art Floß zuſammengefugt waren, 177 fortzog. Von Haifiſchen war in dieſen Gewäſſern eine erſtaunliche Menge vorhanden, und wir mußten uns wohl in Acht nehmen, daß ſie keinen von uns am Bein er⸗ wiſchten, während wir mit unſeren Blöcken zu thun hat⸗ ten. Schon während wir im Hafen von St. Domingo vor Anker gelegen waren, war ich Gefahr gelaufen, zweien davon in den Rachen zu gerathen; einer unſerer Leute war nämlich über Bord geſtürzt und ich ſprang ihm nach, und war glücklich genug geweſen, den armen Burſchen noch zu erhaſchen. Der Kapitän hatte nun ei⸗ ligſt ein Boot am Stern des Schiffes ausſetzen laſſen, um uns Beide aufzufiſchen, und kaum hatten wir den halbertrunkenen Mann hereingezogen, ſo zeigten ſich auch ſchon zwei mächtige Haifiſche zu beiden Seiten des Bootes. Unſer ſchwerer Beruf nöthigte mich beinahe, mir das Trinken wieder anzugewöhnen, und man geizte an Bord nicht mit geiſtigen Getränken, wie Punſch und Rum; dennoch konnte ich mich nicht mit dem Gedanken verſöhnen, länger an Bord des Schiffes zu bleiben, und ein paar Tage lang ging ich mit mir über die Mittel zu Rathe, das Schiff wieder zu verlaſſen; ein kleiner Schoo⸗ ner, der nach Amerika beſtimmt und ſchlecht bemannt war, lag in unſerer Nähe, und ich machte dem Kapitän den Vorſchlag, mich auf ſeinem Fahrzeuge zu verdingen, und noch in derſelben Nacht zu ihm an Bord zu kommen. Jack Mallet und die Uebrigen verſuchten vergebens, mir dieſen Plan auszureden, und baten mich, nicht hinzu⸗ gehen, allein ich hatte zu viel Punſch und Grog im Leibe, um vernünftigen Vorſtellungen Gehör zu ſchenken. Sobald daher die Mannſchaft im Schlafe lag, ließ ich mich ſachte an der Seite des Schiffs hernieder und ſchwamm etwa bis auf Kabellänge dem Schooner zu. Einer von der Mannſchaft war eigens aufgeſtellt worden, um auf mich zu warten; er hörte mich im Waſſer, und hatte ſich bereit gemacht, mich zu empfangen; ſowie ich mich nun dem Schooner genähert hatte, warf er mir ein Tau zu und zog mich an Bord empor. Sobald ich auf dem 178 Verdeck ſtund, meinte er, ich ſolle mich einmal umſehen, und ich hatte nicht ſobald einen Blick hinter mich ge⸗ worfen, als ich ein Ungethüm von einem Haifiſch, we⸗ nigſtens achtzehn Fuß lag, das Schiff umkreiſen ſah; er erzählte mir nun, wie der Haiſiſch mir Geſellſchaft ge⸗ leiſtet habe, ſeit ich dem Schooner zu Geſicht gekommen ſey, und ich vermag kaum zu beſchreiben, was für einen Eindruck dieſe Entdeckung auf mich machte. Als ich mich in’s Waſſer hinunter ließ, war ich nichts weniger als nuüchtern geweſen, allein die Entdeckung, die ich nun machte, brachte mich plötzlich wieder zur Beſinnung, ſo daß ich nun in allem Ernſte darauf beſtand, in einem Boote nach der Brigg zurückgebracht zu werden, was denn auch alsbald geſchah. Zu dieſem Schritt hatte mich indeß weniger die Reue, als vielmehr eine Art von Widerwillen bewogen, den man gegen mich gezeigt hatte, als ich an Bord des Schooners gekommen war. Unent⸗ deckt kam ich wieder an Bord der„Venus“ zurück und faßte nun den Entſchluß, auf dieſem Fahrzeuge zu blei⸗ ben, bis die Reiſe vorüber ſey. Wir füllten das Schiff mit Mahagoni und nahmen noch eine tüchtige Deckladung davon ein, was uns vier Monate der angeſtrengteſten und mühſamſten Arbeit ko⸗ ſtete; kaum hatten wir unſere Ladung geborgen, ſo gin⸗ gen wir nach New⸗York unter Segel. Wir erlebten einen heftigen Sturm, als wir kaum acht Tage in See waren, und verloren dabei nicht nur unſere Deckladung, ſondern auch die Bollwerke, Schanzverkleidungen und Alles, was die hochgehende See und die mächtigen Sturzwellen erreichen konnten. Gerade um dieſelbe Zeit erkrankten der Kapitän, der Supercargo, der Steuer⸗ mann, der Koch und drei von der Mannſchaft am Fieber, ſo daß nur noch Mallet, Barnet und ich übrig waren, um den Dienſt auf dem Schiff zu verſehen. Wir Drei brachten nun das Schiff bis nach Barnegat, wo wir nns Hülfsmannſchaft verſchafften, mittelſt deren wir die Brigg glücklich nach dem Quarantaͤne⸗Grund von New⸗York N G S—' 9o—— r——— N———=e— KN NK— —— ——B 8— 179 brachten.— Gobald wir wieder auffreien Fuß geſetzt wurden, ging ich mit Mallet und Barnet nach der Stadt, um dort unſere Angelegenheiten vollends in’s Reine zu bringen; wir hatten von unſern Schiffseigenthümern jeder 30 Dollars als Abſchlagszahlung erhalten, damit wir wenigſtens an's Land gehen konnten. Wir erfuhren nun, daß unſer Wirth bereits unſeren Gehalt von der Regierung eingenommen, und ihn, wie es bei Matroſen zu geſchehen pflegt, für uns bereit gelegt hatte. Mein Gehalt und Antheil an der Fracht der„Venus“ wurde mir nun ebenfalls ausbezahlt, und belief ſich auf nicht weniger als 120 Dollars, ſo daß ich im Ganzen etwa eine Summe von etwa 500 Dol⸗ lars in Händen hatte, die bereits nach nicht vollen fünf Wochen gänzlich verjubelt waren! Es iſt leider nur zu wahr,„daß die Matroſen ihr Geld wie Pferde verdienen müſſen, und es wie Eſel verbrauchen!“— Ich muß überdem noch geſtehen, daß dieſe unſinnige leichtfertige Verſchwendung meiner Geldmittel mir nicht einmal einen wirklichen Genuß gewährte! Ein einziger Tag, den ich auf eine meinem Gewiſſen angemeſſene Weiſe verbrachte, gewährte mir ein innigeres und bleibenderes Vergnügen, als alle die unbeſonnenen, unvernünftigen Thorheiten eines ganzen Lebens, mit denen ich mir die Zeit am Lande zu vertreiben pflegte. Die Art und Weiſe, in welcher ich dieſes ſauerverdiente Geld verſchwendete, möge wenigſtens Etlichen von meinen Mitbrüdern unter den Matroſrn als Beiſpiel der Warnung vor den Gefahren dienen, in welche ich mich ſtürzte, und dem Leſer das Verſtändniß von den wirklichen Bedürfniſſen einer ſo großen Anzahl ſeiner Mitgeſchöpfe eröffnen. Wenn ich früh Morgens erwachte und mich aus dem Bett erhob, befand ich mich faſt in demſelben Zuſtand, welchen die Matroſen den Gräuel nennen,*) und dieſe Stimmung dauerte an, bis ich erſt ein paar Gläſer Rum ) Horrors, denſelben Zuſtand, den man auf Uniyerſitäten ge⸗ wöhnlich den„moraliſchen und phyſiſchen Katzenjammer“ gennt⸗ 18⁰ verſchlungen hatte. Zum Frühſtück hatte ich gar keinen Appetit und friſtete mein Leben nur faſt ausſchließlich mit Getränke; etwa die Hälfte jener Zeit über nahm ich nicht einmal ein Mittagsbrod zu mir, und wenn ich es that, geſchah es faſt nur, um mich hernach faſt im Grog zu erſäufen. Zuweilen fuhr ich in einer Kutſche oder in einem Gig ſpazieren und mußte gewöhnlich noch extra für die Zerſtörung und Schaden bezahlen, welche ich in meiner brutalen Betrunkenheit anzurichten pflegte; eine dieſer Fahrten koſtete mich vierzig Dollars, und ich möchte faſt behaupten, daß es eigens darauf angelegt war, mich um mein Geld zu bringen. Abends ging ich gewöhnlich in's Theater und hielt mich dann für verpflichtet, den Wirth und ſeine ganze Familie mit den Eintrittskarten und Erfriſchungen zu regaliren; wir pflegten jedesmal in einer Kutſche hinzufahren, und es war ein noch recht beſcheidener Abend, an dem ich nur zehn Dollars ausgab. Im Anfang war ich wie ein König unter Bettelleuten, je mehr aber mein Geld zuſammenſchmolz, deſto tiefer ſank Ned's Einfluß, bis eines Tages, als ich zufälliger⸗ weiſe gerade nüchtern war, der wackere Wirth äußerte: es möchte wohl am beſten ſeyn, wenn wir jetzt unſere Rechnung mit einander abſchließen würden. Er begann nun ſeine Bücher herbeizuholen und mir daraus eine Vorleſung zu halten, worin es hieß: zehn Dollars für dieß, zwanzig Dollars für jenes und dreißig Dollars wieder für etwas Anderes, bis ich bald müde wurde und zu wiſſen verlangte, wie viel im Ganzen noch übrig bleibe. Wie ich hörte, daß nach Abzug ſeiner Rechnung und in Folge ſeiner Angaben noch fünfzig Dollars für mich übrig blieben, die, wenn ich haushälteriſch lebte, noch eine ganze Woche ausreichen konnten, verlangte ich keine nähere Erörterung mehr zu hören. Die ganze Zeit über war ich von meinen alten Schiffsgenoſſen getrennt geweſen, und dadurch ſo zu ſa⸗ gen gleichſam unter Fremden geblieben; Jack Mallet war nach Philadelphia gegangen, um daſelbſt ſeine Freunde 181 zu beſuchen, und Barnet ging, ich weiß nicht wohin, nach Süden. Niemals traf ich wieder mit Einem von beiden zuſammen, da es das Loos von Seeleuten zu ſeyn ſcheint, die größten Gefahren und Mühſale zuſammen zu beſtehen, und dann ohne viele Umſtände von einander getrennt zu werden, um nie wieder zuſammen zu treffen. Ich war noch jung, denn ich ſtand kaum im zweiund⸗ zwanzigſten Jahre, und hätte ich jetzt die Hörner ein⸗ gezogen, ſo wäre es mir wohl leicht möglich geworden, mich noch zum Offizier und Mann emporzuarbeiten. Als ich nun wußte, daß ich wieder in die See ſte⸗ chen müſſe, ſobald der Reſt meiner Baarſchaft drauf ge⸗ gangen ſeyn würde, begann ich etwas ernſter an meine Zukunft zu denken. Des Müßiagangs und der Verſchwen⸗ dung war ich nun ordentlich überdrüſſig geworden, und es war mein ernſter Vorſatz, eine größere Reiſe anzu⸗ treten, durch welche ich verhindert werden würde, wieder in das alte Leben von Thorheit und Laſter zurückzuver⸗ ſinken. Meine Aufführung machte mir oft bittere Ge⸗ danken und ich war keineswegs ganz frei von Reflexionen über das Eigenthümliche meiner Lage; man hätte wohl ſagen mögen, ich habe keinen einzigen Freund oder Ver⸗ wandten mehr auf der Welt; wenn ich meinen Hut auf dem Kopfe hatte, war mein Haus unter Dach. Von meinem Vater wußte ich nichts und habe erſt ſpäter er⸗ fahren, daß er um dieſe Zeit ſchon todt ſeyn mußte; meine Schweſter galt mir wenig und ich erwartete ſie nie wieder zu ſehen. Zudem bereitete mir immer noch die Trennung von allen meinen alten Kameraden vom Ontario⸗See her manchen Kummer, denn außer Tom Goldſmith und Jack Reilly, traf ich ſpäter niemals wieder mit einem von ihnen zuſammen, nachdem ich von Bar⸗ net und Mallet Abſchied genommen hatte. Tom und ich begegneten einander bei meiner Rückkehr von St. Domingo in den Straßen von New⸗York und plauderten ein paar Stündchen miteinander über die gute, alte Zeit; dieß war aber auch Alles, was ich je von Tom ſah. Er 182 hatte von den Engländern viel leiden müſſen, die ihn in Kingſton in Ober⸗Canada behalten hatten, bis ſie ihn beim Friedensſchluſſe mit den Uebrigen gehen laſſen muß⸗ ten. Mit Reilly bin ich in unſern alten Tagen zuſam⸗ men im Hafen gelegen und werde deßbalb wieder auf ihn zu ſprechen kommen. Unter den oben erwähnten Empfindungen, die keines⸗ wegs erfreulich waren, ſchiffte ich mich— ſobald das Be⸗ tragen meines Wirthes mir eröffnet hatte, daß kein Schuß mehr in der Protzkiſte ſey— auf einem nach der Südſee beſtimmten Wallfiſchfänger ein, der der„Edward“ hieß, und beinahe drei Jahre ausbleiben ſollte. Er war ein kleines Schiff und führte nur drei Boote. Mein Wirth verſchaffte mir eine ziemlich billige und genügende Aus⸗ rüſtung, obwohl die meiſten der Gegenſtände ſchon ge⸗ braucht waren; wir ſchieden indeß als gute Freunde, und ich kehrte noch öfter zu ihm zurück, um daſſelbe thörichte Spiel von Neuem zu beginnen; er war als Wirth nicht gerade ſchlimm, und ich bin überzeugt, daß er mein Geld beſſer aufzuheben wußte, als ich ſelbſt gethan haben würde. Dieſe Menſchenklaſſe iſt überhaupt nicht ſo ſchlecht, als ſie zu ſeyn ſcheint, obwohl es merkwürdige Schufte un⸗ ter ihr gibt; ein ehrenhafter Matroſenwirth iſt am Ende, wenn man eins in's andere rechnet, kein ſo unnützes Glied der bürgerlichen Geſellſchaft. Die Reiſe, die ich im„Edward“ machte, bietet im Ganzen nicht viel Intereſſe dar, obwohl das Schiff aus⸗ nehmend günſtigen Erfolg hatte; Behandlung und Lebens⸗ weiſe waren ebenfalls gut, ſonſt wären wir nicht ſo zeitig wieder zurückgekommen. Wir umſegelten das Kap Horn, und erlegten unſern erſten Wallfiſch zwiſchen der Küſte von Südamerika und der von Neuholland. Ich mag dem Erlegen von etwa dreißig Wallſiſchen angewohnt haben,. die ſämmtlich ohne einen Unfall abliefen; ich führte eines der Mittelruder, da ich ein Neuling in dieſem Berufe war, und hatte alſo nichts Anderes zu thun, als auf das Kommando Acht zu geben, und mein Ruder zu führen. — 98 8* NARSEFonR R — 183 Dieſe Reiſe iſt nun ſo gewöhnlich, und die Art des Wall⸗ ſiſchfangs ſo bekannt, daß ich nichts Näheres darüber zu ſagen weiß. Wir fuhren bis zur Küſte von Japan hinauf, hielten uns aber weislich weit genug vom Lande entfernt, und kamen auch an Neuholland vorüber, ohne dieſes jedoch zu berühren. Der Heimweg führte uns über das Kap der guten Hoffnung und St. Helena, und wir gingen nur einmal auf der ganzen Reiſe vor Anker, nämlich zu Puna, in der Mündung des Fluſſes Guayaquil, an der Küſte von Chili; hier lagen wir eine Woche vor Anker, allein mit Ausnahme dieſer kurzen Friſt war der„Edward“ die ganze Dauer ſeiner Reiſe hindurch, alſo achtzehn Monate lang, unter Segel. Wir hatten beabſichtigt, anf St. He⸗ lena vor Anker zu gehen, allein es ward uns verboten, weil Bonaparte gerade um jeue Zeit als Gefangener auf der Inſel war; wie wir auf die Inſel zuſegeln wollten, begegnete uns nämlich eine Kriegsbrigg, die uns das Verbot eröffnete, und ſich hart an unſerer Seite hielt, bis wir auf dem Rückwege die höchſten Spitzen der Inſel aus dem Geſicht verloren hatten; man hatte uns nicht einmal erlaubt, ein Boot um friſches Fleiſch und Gemüſe an's Land zu ſchicken. Meine Reiſe mit dem„Edward“ trug mir 250 Dol⸗ lars ein, die ich bald nach unſerer Rückkehr erhob, um zu meinem Wirth in Water⸗Street zurückzukehren. Natür⸗ lich war Jedermann hoch erfreut, mich wieder zu ſehen, da die Wichtigkeit eines Matroſen an ſolchen Orten nach der Dauer ſeiner Reiſe bemeſſen wird. Wie man in Wall⸗ Street(der City von New⸗York) einen„Mann von hundert⸗ tauſend Dollars“ als einen Mann von Einfluß nannte, ſo ſprach man in Water⸗Street nur von Leuten mit Achtung, die anderthalb bis zwei Jahre auf der Reiſe zugebracht hatten. Da nur Wallſiſchfänger, Oſtindien⸗ fahrer oder Matroſen von der Kriegsmarine es zu ſo langer Fahrt bringen konnten, ſo führten wir natürlich hier vierzehn Tage oder drei Wochen lang das große Wort; der Matroſe vom Kriegsſchiffe iſt gewöhnlich am 184 Meiſten geachtet, da ſeine Fahrt öfters drei Jahre dauert; auf ihn folgte der glückliche Wallfiſchfänger, und in dritter Reihe ſodann der Oſtindienfahrer oder der Matroſe von einem Theeſchiſſ, das zunächſt aus Canton kam. Da die Reiſe des„Edward“ glücklich geweſen war, wurde ich natürlich auch einer der Glücklichen und Geachteten; dießmal betrug ich mich indeß beſſer, als bei meiner Rück⸗ kehr von St. Domingo, lebte nüchterner, und warf auch mein Geld nicht ſo raſch und ſo thöricht zum Fenſter hinaus, ſondern ſah mich vielmehr noch nach neuer Be⸗ ſchäftigung um, ehe ich Gefahr lief, aus der Thüre ge⸗ worfen zu werden. Als ich mich aufs Neue einſchiffte, ließ ich ſogar noch hundert Dollars als Depoſitum bei meinem Wirth zurück— wohl ein ſeltenes Ereigniß bei einem Matroſen— und bekam ſie, was gewiß nicht min⸗ der merkwürdig iſt, bei meiner nächſten Rückkehr von der See wieder bei Heller und Pfennig zurückgeſtellt. Meine Beharrlichkeit war dem größten Theile nach folgenden Umſtänden zuzuſchreiben: ich war zwei alten Bekannten vom Gefängniſſe her, Namens Tibbets und Wilſon, begegnet. Dieſer Tibbets war nicht derſelbe, der mit mir nach Bermuda geſchickt worden war, ſondern ein Anderer, der nur den Namen mit ihm gemein hatte. Dieſe Leute waren auf dem Kaperſchiffe„Governor Tompkins“ geweſen und hatten bei ihrer Heimkehr eine bedeutende Summe an Priſengeldern empfangen, von welchen ſie einen vernünftigen Gebrauch machten, indem ſie damit um billigen Preis eine engliſche Priſenbrigg gekauft und ausgerüſtet hatten. Beide waren auf dem„Tompkins“ Segelmeiſter, und in der Gefangenſchaft unſere Zimmer⸗ und Tiſchgenoſſen geweſen, weshalb wir ſchon auf der Inſel Melville auf dem freundſchaftlichſten Fuße zu ein⸗ ander geſtanden hatten. Ihre erſte Reiſe nach Ausrüſtung der Brigg war nach Weſtindien gerichtet geweſen, und jetzt nach ihrer Rückkehr von derſelben ſtanden ſte im Be⸗ griff, nach Irland zu ſegeln; ſie drangen in mich, mit ihnen zu gehen, und gaben mir ſo manchen guten Rath ee A S ee en 185 hinfichtlich der Art und Weife, wie ich mein Geld ver⸗ wenden ſolle, daß es den vorerwähnten Erfolg auf mich ausübte.— Die Priſenbrigg hieß die„Suſanne,“ allein ich habe inzwiſchen vergeſſen, aus welchem kleineren Hafen Großbrittaniens ſie eigentlich ſtammte; ſie führte etwa zweihundert Tonnen Laſt, mochte aber alt und morſch ge⸗ weſen ſeyn. Tibbets war Kapitän, Wilſon Oberſteuer⸗ mann, und ich trat als eine Art von Unterſteuermann an Bord und befehligte eine Wachtmannſchaft, obwohl ich es aus eigenem Antriebe vorzog, unter der Mannſchaft zu wohnen und zu leben. Es mochte etwa im Januar 1818 geweſen ſeyn, als wir mit einer Ladung nach Bel⸗ forſt unter Segel gingen; wir waren unſerer vierzehn am Bord, lauter Amerikaner. Unſere Reiſe der Küſte entlang geſchah bei einem heftigen anhaltenden Nordweſt⸗ Sturme, der uns nöthigte, alle unſere Segel umzu⸗ binden, da die See zu hoch war, um zu buſſen; als wir fanden, daß unſer Fahrzeug furchtbar arbeitete, und an mehreren Stellen leck wurde, hielten wir wieder an, und achteten es für das Beſte, während der ferneren Dauer des Sturmes zu buſſen. Dießmal kamen wir im Gan⸗ zen noch leidlich aus der Verlegenheit davon. Auf der ganzen Fahrt nahmen wir nur zweimal die Höhe auf, allein am Nachmittag des dreiundzwanzigſten Tages un⸗ ferer Fahrt kamen wir bei neblichtem Wetter und einem Sturme, der uns gerade auf den Strand zutrieb, der iriſchen Küſte nahe. Die Brigg ging dieſen Augenblick unter dicht gerefften Marsſegeln und trieb ganz frei vor dem Winde, ſo daß wir es bald nöthig fanden, unſere Segel aufzugeien. Wir lernten nun erſt den Schaden kennen, den unſer altes Segel⸗ und Takelwerk genommen hatte, da das Vormarsſegel, Fockſegel und Vormars⸗ Topſegel zerriß und überdieß noch Schoten u. ſ. w. mit ſich fortnahm. Endlich gelang es uns, daß Fockſegel auf⸗ zugeien, und ich ſtieg nun auf die Raae hinauf und beſſerte es aus, ſo gut es ging, Es war nun faſt Nacht Ehward Myers, 13 186 „und blies nun auf eine Weiſe, daß man beinahe zwei Männer nöthig hätte, um ſich das Haar auf dem Kopfe feſthakten zu laſſen:“ Ich muß übrigens geſtehen, daß mich unſere Lage nicht ſehr zum Nachdenken brachte, da mein Hauptaugenmerk dahin ging, unter Deck zu gehen, und mich mit warmen Kleidungsſtücken zu verſehen. Nach der erſten halben Stunde ſahen wir nichts mehr vom Lande, um Mitternacht aber verkürzten wir das Takelwerk des Schiffs und lavirten nach der Backbordſeite zu; kaum war das Schiff gedreht, als das Geitau des Fockmaſts über Bord ging und das Fockſegel in Fetzen zerriß. Wir mußten es geſchehen laſſen, daß der Wind das Segel bis zum letzten Fetzen von der Raae herabriß. Inzwiſchen wurde nnſere Lage immer ernſter, obwohl ich aus mancherlei Grün⸗ den nicht gerade beſondere Unruhe fühlte. Ganz an⸗ ders verhielt es ſich mit Tibbets und Wilſon, die ſich ernſtlich vor dem Cap Clear fürchteten; ich hatte einen kleinen Wortwechſel mit Beiden in Betreff ihres Mangels an Vorſicht oder Achtſamkeit, weil ich für meinen Theil glaubte, wir ſeyen ſchon am Cap vorübergekommen, als wir nach Steuerbordſeite hin lavirt hatten. Dadurch wa⸗ ren ſie mir böſe geworden, daß ſie mir einſylbig begeg⸗ neten und wir nicht viel mit einander verkehrten. Mir kam nun— offen geſtanden— faſt die Reue darüber, daß ich mich in einem ſolchen Fahrzeug eingeſchifft hatte, deſ⸗ ſen Eigenthümer zu arm waren, um einem Schiffe die geeignete Ausrüſtung zu geben, und mir ihrer bürger⸗ lichen Lage nach zu nahe ſtanden, um mich in beſondern Reſpekt vor ihnen zu ſetzen. 4 Das Vormarsſegel war ausgebeſſert worden, wie das Flockſegel, und wurde nun neu aufgeſetzt; inzwiſchen gin⸗ gen etwa um zwei Uhr Morgens die Schooten über Bord, und das Segel flog vom Reffband hinweg, wie ein Stück Muſſelin, das der Kaufmann im Laden abreißt. Die Brigg hatte nun nichts ausgeſetzt, als ein dicht gerefftes, großes Marsſegel, und es ſtand zu erwarten, daß auch dieſes jeden Augenblick dem übrigen Segeltuche folgen ———————— 187 werde. Der Regen goß in Strömen, der Wind brüllte furchtbar, und die See unaufhörlich in entſetzlichen Springfluthen über uns hin. Die meiſten Leute der Mannſchaft waren total ermüdet, und Etliche gingen un⸗ ter Deck, während Andere, die oben blieben, nichts tha⸗ ten oder nichts zu thun vermochten! Zu gleicher Zeit herrſchte ſo entſetzliche Finſterniß, daß man kaum das Schiff entlang ſehen konnte. Ich ging nun auf's Hinterdeck, um mit Tibbets zu ſprechen und ihm zu verkünden, daß ich alle Hoffnung auf Rettung aufgegeben habe. Er hatte noch einige Hoff⸗ nung, weil die Bay tief war und er erwartete, der Tag werde hereinbrechen, bevor wir noch das Innere der Bucht erreicht hätten; ich war anderer Meinung und der An⸗ ſicht, daß das Schiff ſchon jetzt unter dem Einfluſſe der Grundwogen ſtehe, obwohl wir noch nicht im Bereiche der Branduug uns befanden; unſere Leute waren inzwi⸗ ſchen ganz ruhig, und hüteten ſich namentlich vor dem Getränke, und ich ſah in der That auch nicht einen Ein⸗ zigen wanken. Es war etwa eine Stunde nach meinem Geſpräche mit Tibbets, daß ich, am Geitau des Giek⸗ ſegels auf der Wetterſeite ſtehend, auf einmal eine Bran⸗ dung gewahr wurde, die ſich gerade unter unſerer Lee⸗ ſeite befand; alsbald rief ich:„hier iſt eine Brandung! ſorge Jeder nur für ſich ſelbſt!“— Im nächſten Augen⸗ blicke wurde die Brigg von einer Welle hoch emporge⸗ tragen, dann plötzlich wieder in den Abgrund hinunter⸗ geſchleudert, und ſcheiterte. Der heftige Stoß warf mich um, obwohl ich mich an dem Geitau gehalten hatte; ich hörte das Krachen des Fockmaſtes, als er leewaͤrts über Bord ging; die Brigg legte ſich auf die Balkenköpfe um, richtete ſich aber mit der nächſten See wieder empor, trieb eine kurze Strecke weiter hin und wurde alsdann wieder von einer furchtbaren See mit ſolcher Gewalt in die Tiefe geſchleudert, daß ſie gänzlich zu zerſchellen drohte. Mir bangte vor dem Hauptmaſt, und ich trug daher Sorge, 13* 188 mich bis zu den Bätingshölzern vorwärts zu retiriren, um wenigflens ihm aus dem Wege zu kommen; ich that daran wahrlich recht, denn auf einmal verſpürte ich eine Bewegung, als ob der Obertheil des Schiffes ſich von dem untern ablöſe; ich bemerkte gar Niemanden in mei⸗ ner Nähe, und die letzte Perſon, die ich überhaupt an Bord ſah, oder mit der ich ſprach, war Tibbets geweſen, der damals auf der Kampanje geſtanden hatte, was übrigens eine volle Stunde vor dem Scheitern des Schif⸗ fes geweſen war. Es lag keine halbe Minute Zwiſchenraum zwiſchen der Zeit, wo ich die Winde des Ankers erreichte, und der, in welcher ich eine fürchterliche, weißſchäumende See gegen das Fahrzeug heranſtürzen ſah; bei dieſem entſetzlichen Anblick griff ich inſtinktmäßig nach den Bä⸗ tingshölzern, um mich daran zu halten. Es ſchwebt mir 1 noch dunkel vor, daß das Waſſer auf mich herunter⸗ ſtürzte und ich durch eine Maſſe von Takelwerk hindurch getrieben wurde; allein dies iſt auch Alles, worauf ich mich beſinnen kann. Als ich wieder zur Beſinnung kam, befand ich mich in einer iriſchen Lehmhütte, und ſah mich von einem alten Weibe und ihrer Tochter umgeben, die es ſich angelegen ſeyn ließen, mich zu verpflegen; mein Kopf war mit Binden umwickelt, und faſt all' mein Haar über der Stirne war abgeſchnitten worden; mein ganzer Leib war wie gelähmt, geſchwollen und mit Beulen über⸗ deckt, doch hatte ich glücklicherweiſe keines meiner Glieder gebrochen.— Die Schilderung, welche mir meine gute Wirthin machte, war etwa folgende: Der alte Mann, dem die Hütte gehörte, ein Fiſcher ſeines Handwerks und der Gatte meiner Pflegerin, hatte nebſt zwei andern Per⸗ ſonen mich am Strande gefunden, wo ich auf meinem Geſichte in einer Felsplatte lag; gar nichts befand ſich in meiner Nähe, nicht einmal ein Ende Tau oder ein Stückchen Holz. Nicht weit von mir entfernt wurden noch die beiden Schiffsjungen gefunden, welche zwar beide noch am Leben, aber geſaͤhrlich verwundet waren, cS=—=—,—————,— ——.—.— — ich bei ihnen und konnte wegen der Wunden, die ich em⸗ 188 und deren einer den Schenkel gebrochen hatte. Von den übrigen vierzehn Mann, welche die Bemannung der Brigg bildeten, war auch keine Spur mehr aufzufinden, und ich hörte auch in der Folge nicht, daß ſogar ihre Leich⸗ name aufgefunden worden wären. Tibbets und Wilſon waren mit ihrer alten Priſe untergegangen, und nun ſelber eine Priſe des Todes geworden; ich verlor meine ganze Ausrüſtung, die vielleicht noch nie ſo gut und voll⸗ ſtändig geweſen war, wie damals, und befand mich nun, nachdem ich kaum drei Wochen lang der„Suſanne“ an⸗ gehöͤrt hatte, nackt und hülflos an der iriſchen Küſte. Ich muß leider geſtehen, daß mein Gemüth mehr voll Bitterkeit und Verdruß, als von Dank über meine Ret⸗ tung erfüllt war; von Religion hatte ich ohnedies kaum einen Begriff, und ich fürchte, daß jede Spur von dem, was man mir in meiner Jugend davon eingeprägt hatte, längſt verloren war. In einem ſolchen Gemüthszuſtande war ich natürlich mehr für die Drangſale empfindlich, die ich hatte erdulden müſſen, als für die ſichtbare Barm⸗ herzigkeit und Milde, welche die Vorſehung bei meiner Rettung an den Tag gelegt hatte. Voll Scham blicke ich auf die Verhärtung meines Herzens zurück, die mich unempfindlich machte für die mannigfache Gnade, welche mir der liebe Gott ſo oft erzeigte, indem er mich den mannigfachen Gefahren meines Beruss entriß. Es vergingen volle drei Wochen nach dem Schiff⸗ bruche, bevor ich mein Bett verlaſſen konnte. Ich kann mir keine liebevollere Behandlung denken als diejenige, welche mir dieſe armen iriſchen Fiſcher angedeihen ließen. Sie hatten keinen andern Lohn zu erwarten, als denjeni⸗ gen, welchen der Himmel den Barmherzigen gewährt, und dach hätten ſie mich nicht ſorgſamer verpflegen können, wenn ich auch ihr leibliches Kind geweſen wäre; ſie reich⸗ ten mir Nahrung, Obdach und Kleidung und heilten meine Wunden, ohne etwas mehr von mir zu empfangen, als meinen innigſten Dank. Volle drei Wochen lang blieb 4 190 pfangen hatte, ihnen nicht einmal bei ihrem Berufe oder Hausweſen hülfreich an die Hand gehen. Die„Suſanne“ hatte vollſtändig Schiffbruch gelitten, und man konnte nicht ſo viel mehr von ihr auffinden, um ein Boot daraus zu erbauen; ihre Ladung war ebenſo verloren wie der Rumpf des Schiffes, und die Wahrheit zu geſtehen, mir lag nicht einmal viel daran, mich über die Art und Weiſe ihres Untergangs näher aufzuklären. Auch die beiden Schiffs⸗ jungen konnte ich nicht beſuchen, da mir der Weg nach der Hütte, in welcher ſie untergebracht worden waren, zu weit war; dieſe lagen nämlich zwei bis drei Meilen weiter der Küſte entlang, und da ich keine Schuhe hatte, war es mir nicht möglich, eine ſo beträchtliche Strecke über die ſcharfen Steine hin zu gehen. Wir ſchickten uns zu wiederholtenmalen Boten zu, allein ich ſah von jenem Augenblicke an, wo ich mit Tibbets auf der Kampanje geſprochen hatte, auch nicht eine Seele mehr von der Mannſchaft der„Suſanne.“ Eines Tages fuhr ein Küſtenfahrzeug in der Nähe unſerer Hütte vorüber, und da das Wetter eben ruhig war, ruderte der Fiſcher in ſeinem Boote auf das Fahr⸗ zeug hinüber, erzählte dort meine Geſchichte und wirkte für mich freie Ueberfahrt nach Liverpool aus. Ich nahm nun Abſchied von dieſen wackern Leuten und gab ihnen alles, was ich zu geben hatte— nämlich meinen aufrichtig⸗ ſten innigſten Dank— und ging au Bord der Schaluppe, wo ich gut behandelt und von aller Arbeit entbunden wurde. Am zweiten Tage erreichten wir Liverpool, wo ich nun zunächſt Molly Hudſon aufſuchte— jene Wirthin, bei welcher die Mannſchaft des„Sterlings“ gewohnt hatte, als ſie Kapitän B. noch kommandirte. Die gute alte Frau verhalf mir zu einigen Kleidungsſtücken, nahm mich wohl auf, und ſchien von meinem Ünglück ſehr gerührt zu ſeyn. Da ich es nicht für gerathen hielt, länger müßig zu leben, ſchiffte ich mich an Bord des„Robert Burns“ ein, und ſegelte noch im Laufe der Woche nach New⸗York ab; ich erhielt freilich keinen Gehalt, allein da⸗ ——— —— — 191 für eine treffliche Behandlung, und hatte eine angenehme kurze Winterfahrt. Kaum drei Monate, nachdem ich meinen alten Wirth verlaſſen hatte, kehrte ich wieder arm wie ein Bettler zu ihm zurück, und erhielt von ihm meine hundert Dollars ohne Schwierigkeit ausgeliefert; wir waren beide auf dem„Sterling“ Schiffsgenoſſen geweſen, und er ſchien mir von jeher einen gewiſſen Vorzug vor andern Matroſen zu geben, und eine andere Meinung von mir zu hegen, als die Wirthe gewöhnlich vor uns Theer⸗ jacken haben.— Unter meinen Gefährten ward nun viel und häufig von den Vortheilen geſprochen, die eine Reiſe nach der Küſte von Irland zum Behuf des Taback⸗ ſchmuggelns gewähren ſollte, und ich entſchloß mich, nun ſelbſt auf einer ſolchen mein Glück zu verſuchen. Ueber den ſittlichen Werth des Schmuggelns brauche ich nichts zu ſagen, und ich würde, wenn ich mich anders recht kenne, nun auch keine ſolche Reiſe mehr machen; wir armen Matroſen ſind aber nicht im Stande, in ſolchen Dingen genauen Unterſchied zu machen, und die Kaufleute müſſen einen Theil der Schande, welche auf uns fällt, auf ſich nehmen; ich möchte jedoch faſt behaupten, daß es nur wenige Kaufleute und— Offiziere von Kriegs⸗ ſchiffen ausgenommen— noch weniger Seeleute gibt, die nicht eine beſondere Neigung zum Schmuggeln haben.*) Der größte Theil meiner hundert Dollars ging drauf, um mir eine neue Ausrüſtung zu verſchaffen, und ich ſchiffte mich nun in einem kleinen, nach Art eines Lootſen⸗Boots erbauten Schooner, Namens„Mac Donaugh“ ein, der nach Irland beſtimmt war, um ſolch ehrlichen Burſchen *) Ned hätte hierunter füglich auch die„Herzoginnen“ rechnen können. Das Gepäck der Geſandten in Europa könnte manche Geſchichte von Foulards ac. erzählen, die von einem Hofe zum andern wandern. Der Verfaſſer iſt der Anſicht, daß die höheren Stände in Amerika, ſowohl Herren als Damen, weniger ſchmug⸗ geln, als die eines jeden anderen Landes. Auch darf es nicht un⸗ erwähnt bleiben, daß kein Matroſe leicht in ein Schmuggelſchiff geht, wenn es nicht von Kaufleuten befrachtet und verſendet wird. Anm. des Verfaſſers. 192 3 wie meinen alten Viſcher, mit gutem wohlfeilem Taback zu verſehen. Unſer Kargo, aus dem rohen Material be⸗ ſtehend, war in kleine Ballen verpackt, um ohne beſondere Transportmittel unter dem Arme fortgeſchafft werden zu köunen. Wir waren unſere ſiebenzehn Mann auf dem Schiffe, führten aber kein Geſchütz, mit Ausnahme von Piſtolen u. ſ. w. Unſer Schooner ſegelte wie eine Nixe, und führte nur zwei Gaffmarsſegel; wir erreichten das Land in vierzehn Tagen, nachdem wir aus dem Hook ausgelaufen waren. Unſer Beſtimmungsort war die Inſel Torh an der nordweſtlichen Küſte von Irland(wiſchen dem Kap Horn und der Inſel Arron). Wir langten noch bei Tag Angeſichts der Inſel an und ſteckten eine Sig⸗ nalflagge auf, welche im Laufe des Tages durch einen von verſchiedenen Klippen aufſteigenden Rauch beantwortet wurde; bald darauf langte ein Boot an unſerem Schiffe an, das wir noch am ſelben Abende mit Taback füllten. Im Verlaufe der Nacht wurden noch mehrere Boote mit demſelben Kargo beladen, allein mit Tagesanbruch lichteten wir den Anker, und entfernten uns wieder vom Lande. In der Nacht darauf liefen wir wieder ein und trafen noch mehr Boote, um am fol⸗ genden Morgen wiederum in die See zu ſtechen. So oft wir ein Boot anſichtig wurden, riefen wir es durch's Sprachrohr an und fragken:„ob es ſich auf der Aus⸗ fahrt befinde?“ Fiel die Antwort bejahend aus, ſo wurde unſer Fockſegel aufgegeit und es auf dieſe Weiſe dem Boot möglich gemacht, an Bord zu kommen. Auf dieſe Weiſe ſchafften wir faſt eine Woche lang fortwährend einen Theil unſerer Ladung an's Land, wurden manch⸗ mal nur von einem einzigen Voot in einer Nacht, ein andermal aber von drei bis vier beſucht, wie es ſich eben fügte. Wir mochten etwa zwei Drittel unſeres Ta⸗ backs gelöſcht haben, und hatten kaum eines der Boote abgeſandt, als am Morgen des ſechsten oder ſiebenten Ta⸗ es plotzlich eine Kriegsbrigg um die Spitze der Inſel og und Jagd auf uns machte. Bei dieſem Anblick ———Bn—õnesn nnnm 8EOKASEAN* ᷣ8RR — 198 ſetzten wir plötzlich alle Segel bei und machten uns den friſchen Wind zu Nutzen, wozu es auch die höchſte Zeit war, da die Engländer auf dieſer Station die ſchnellſten Segler unter ihren Kreuzern zu verwenden pflegen. Die Brigg ſegelte ſchnell und war uns bei Weitem überlegen, allein unſer kleiner Schooner that ſein Möglichſtes; zwei Tage und eine Nacht war uns die Brigg ſtets auf den Ferſen und war uns unſtreitig überlegen, da unſer Fahrzeug nur ein eingebundenes Reffgigſegel, das Beyſegel über dem Fockſegel mit einem Reff eingebunden, und die Bonette über dem Klüver führte. Am zweiten Abend, gegen Sonnenuntergang, war uns die Brigg ſo nahe, daß wir die Mannſchaft ſehen konnten, als eben ein ungewöhn⸗ lich friſcher Wind blies; bei ſolchem Wetter ſegelten ſie gerade am ſchnellſten, während unſer Fahrzeug bei mäßigem Winde ſeine bedeutendſte Kraft entwickeln konnte. Unſe⸗ rem Schiffer wurde am Ende gar nicht mehr wohl zu Muthe, und er beſchloß, eine Kriegsliſt zu verſuchen; mit Einbruch der Dunkelheit begann es zu regnen, und wir hatten nicht ſobald die Brigg aus dem Geſicht ver⸗ loren, als wir zu laviren begannen, in kurzer Ent⸗ fernung aber anhielten, alle Segel ſtrichen, die Lichter auslöſchten und drei Stunden lang in dieſer Lage ver⸗ harrten. Nach Verlauf dieſer Friſt drehten wir bei und kehrten mit dem Fahrzeuge auf dem geradeſten Wege nach der Inſel Tory zuruck; was aus der Brigg geworden iſt, vermag ich nicht zu ſagen, vielleicht macht ſie jetzt noch Jagd auf uns, denn ich bekam ſie ſpäter nicht wieder zu Geſichte. Am nächſten morgen ſteckten wir wieder unſere Signalflagge auf und ſahen den Rauch von den⸗ ſelben Felſen wieder emporwirbeln, wie zuvor; wir ver⸗ brachten noch drei Tage länger damit, unſere ganze La⸗ dung von Taback vollends zu löſchen, weil einige Unruhen auf der Inſel vorſielen; es lief aber alles glücklich ab, und wir wurden unſere Ladung los bis auf wenige Bootslaſten. Der Kargo war nicht ſobald ausgeladen, als wir nach New⸗York abſegelten, das wir nach kurzer 194 Fahrt erreichten; wir waren nicht volle zwei Monate abweſend geweſen und mein Gehalt und Antheil am Gewinn belief ſich auf nahezu an hundert Dollars. Ich ließ mich jedoch ſpäter nicht wieder auf den Ta⸗ backshandel ein. Eilftes Kapitel. Ich blieb nun zwei Monate am Land, weil ich mich entſchloſſen hatte, die Steuermannskunſt zu ſtudiren, und mich ein bischen höher emporzuſchwingen, in welchem ver⸗ nünftigen Entſchluſſe mich mehrere vertraute Freunde ermuthigten. Ich hatte ein junges Mädchen von ehren⸗ werthem Charakter nnd angenehmer Perſönlichkeit kennen gelernt, die mich, offen geſtanden, vollkommen verliebt zu machen gewußt hatte. Ich glaube, eine Mutter iſt in ſolchen Dingen weit ſcharfſichtiger, als ein Vater, denn die alte Frau überrumpelte mich eines Tages mit Fra⸗ gen hinſichtlich meiner Abſichten auf Sara, wogegen ſich der Alte etwas gemäßigter und behutſamer zeigte. Ich geſtand ihr nun offen zu, daß es mein ſehnlichſter Wunſch ſey, ihre Tochter zu heirathen, allein die alte Frau meinte, ich ſey zu wild, welche Anſicht wohl Sara nicht theilen mochte. Wären wir uns ſelbſt überlaſſen geblieben, ſo würden wir uns vermuthlich geheirathet haben, wiewohl ich eigentlich wünſchte, mich zuvor zum Offizier zu machen, ehe ich einen ſo wichtigen Schritt that. Es iſt mir zu⸗ weilen der Argwohn gekommen, als ob Sara's Verwandte das Ihrige dazu beigetragen hätten, mich wieder einzu⸗ ſchiffen, da ſie auf vertrautem Fuße mit dem Kapitän ſtanden, der mich als Unterſteuermann annehmen wollte. Ich hatte nur mit einigem Widerſtreben eingewilligt, in See zu gehen, allein ich glaubte nachgerade, es ſey doch das Beſte, was ich thun könne. Mein Widerſtreben ent⸗ ſprang aus meinem Wunſche, bei Sara zu bleiben, als die Zeit herankam, obwohl ein Platz an Bord mir offen⸗ S=SSASSr SS,,= S=S + S==—=— —/ — te m 19 bar zu Bedürfniſſe ward, wenn ich dieſen Gegenſtand bei kälterem Blute in Erwägung zog. Ich nahm daher den Platz als Unterſteuermann auf einem Kauffahrteiſchiff, Namens„William und Jane“, an, das nach Holland und Kanton beſtimmt war. Von Sara nahm ich einen äußerſt zärtlichen Abſchied, und die Noth⸗ wendigkeit deſſelben ging uns, glaube ich, Beiden gleich nahe. Auf der Hinfahrt begegnete uns nichts, das der Erwähnung werth wäre, und ich kam meinen Pflichten leidlich nach, da ich ſchon auf dem„Sterling“ und et⸗ lichen andern Fahrzeugen mich darauf eingeübt hatte. Wir liefen in den Texel ein, allein es hielt für uns ſchwer, uns die benöthigte Summe von Dollars zu verſchaffen, deren wir nur zwanzigtauſend auftreiben konnten, weß⸗ halb wir auch, ohne andere Rückfahrt, als etwas Wach⸗ holderbranntwein, nach New⸗York zurückkehren mußten. Wir waren etwa fünf Monate abweſend geweſen, und ich fand Sara noch immer ſo hübſch und ſo treu wie zuvor. Ich verließ das Schiff überdies nicht, ſondern mußte nur, da meine Kenntniſſe in der Sternkunde noch etwas be⸗ ſchränkt waren, um einen Grad zurücktreten und dritter Steuermann werden. Wir blieben etwa einen Monat in New⸗York, und es hielt für mich ziemlich ſchwer, mich von Sara loszureißen, allein es blieb mir am Ende keine andere Wahl, und ſo fügte ich mich denn in das Unab⸗ wendbare; ich gab ihr einen ſilbernen Fingerhut und den Rath, ihn zu einem Silberſchmiede zu tragen, damit er die Anfangsbuchſtaben unſeres Namens verſchlungen hin⸗ eingrabe; dies that ſie denn auch, und wir werden ſpä⸗ ter noch auf die Folgen dieſer Handlung zurückkommen. Ehe wir wieder unter Segel gehen konnten, hatten wir noch einen Zwiſt an Bord unſeres Schiffes; die Mannſchaft weigerte ſich nämlich, mit einem neuen Steuer⸗ mann unter Segel zu gehen, den wir erhalten hatten, und das Ende vom Liede war, daß wir erſt einen an⸗ dern annehmen mußten, bevor wir in See ſtachen. Ich glaube nicht, daß je ein Fahrzeug auslief, das ſeiner 196 Mannſchaft ſo viele Vergünſtungen gewährte, als ſich die unſere ausbedungen hatte; die Leute hatten ſich näm⸗ lich drei Quart Waſſer täglich und die Erlaubniß vor⸗ behalten, die Vormittags⸗Wache unter Deck zubringen zu dürfen. All' dies war ſchwarz auf weiß feſtgeſetzt wor⸗ den, und die Urſache zu einem unangenehmen Auftritt, den wir erlebten, ehe wir noch unſern Beſtimmungsort erreichten.— Unſere Hinfahrt nach Kanton währte ſehr lange, nämlich zweihundert und zehn Tage. Bevor wir in die Region der Paffatwinde kamen, wurde einer un⸗ ſerer Maſten um den andern bis zum Jolltau abgetakelt; wir muſterten alles noch einmal durch, und verſahen ſämmtliche Maſtſpitzen mit neuem Takelwerk. Wir brach⸗ ten lange damit zu, hatten aber im Ganzen wenig Aufent⸗ halt davon, da das Schiff die ganze Zeit vor dem Winde ging und wir jeden Fetzen Leinwand auf denjenigen Maſten entfalteten, die noch aufgetakelt waren. Ehe wir uns an die Muſterung des Takelwerks gemacht hat⸗ ten, waren wir mit einem engliſchen Schiff dem„Gene⸗ ral Blücher“, zuſammengetroffen, und hatten beinahe vierzehn Tage lang gleichen Kurs mit ihm gehalten; während die beiden Schiffe zuſammenſegelten, machte eine fremde Brigg Jagd auf uns, und blieb uns mehrere Tage lang im Geſicht, wobei ſie augenſcheinlich bemüht war, uns aufzulauern. Beide Schiffe hielten ſie für einen Piraten; da wir aber ſechs Kanonen und einund⸗ dreißig Mann an Bord hatten, und der„Blücher“ minde⸗ ſtens ebenſo ſtark war, hielten ſich beide Kapitäne für Manns genug, durch gegenſeitige Unterſtützung uns des Burſchen zu erwehren, falls er uns je angreifen ſollte. Die Brigg kam uns häufig nahe genug, um uns gehörig zu muſtern, und hielt ſich faſt immer in unſerem Kiel⸗ waſſer. Die Jagd auf uns dauerte mehrer Tage an, bis uns das Fahrzeug auf einmal verließ und ſeinen Kurs änderte. Unſer Schiff wäre eine ausgezeichnete Priſe für den Piraten geweſen, da es nicht weniger als zweihunderttauſend ſpaniſche Dollars an Bord haben ſollte. 197 In einem heſtigen Sturme wurden wir von dem „General Blücher“ getreunt, und unſer Schiff ſegelte nun nach Rio De Janeiro; hier entledigten wir uns eines Theils unſeres Ballaſts, und tauchten unſere Ladung an Blockblei aus, wodurch unſer Schiff leichter wurde und nicht mehr ſo tief in See ging. Von hier an ſtieß uns nichts mehr auf, das der Erwähnung werth wäre, bis wir Van Diemens Land erreicht hatten. Etwa zwei Tage, nachdem wir das Land geſehen hatten, ſiel einer unſerer Schiffsjungen von der Raae des Vorbramſegels herab, während er eben die Fallreeps der Leeſegel ein⸗ reffen wollte. Ich hattte mich eben, nachdem ich mein Mittagbrod verzehrt hatte, weil ich dieſe Woche unter Deck hatte, zur Ruhe legen wollen, als der Ruf ertoͤnte: nein Mann über Bord!“— Schnell rannte ich, wie ich war, auf das Verdeck, ſprang mit vier Mann in eines der Boote, die an der Schanze hingen, und man ſetzte uns augenblicklich in See. Das Schiff ward plöͤtzlich beigedreht und ich hörte, wie der arme Burſche mich beim Namen rief, und mich aufforderte, ihn zu retten; während ich auf der Schanze ſtand, ſah ich ihn deutlich hinter uns in See, allein ich hatte ihn aus dem Geſicht verloren, ſobald das Boot im Waſſer war. Man hatte den Verſchlag der Hauptluke über Bord geworfen, der nun im Kielwaſſer des Schiffes hintrieb; wir ſteuerten auf dieſes zu, konnten aber von dem armen Burſchen nichts mehr ſehen oder hören, Wir fanden zwar ſeinen Hut, und fiſchten den Verſchlag der Luke auf, fanden aber von dem Knaben keine Spur mehr. Er war un⸗ zweifelhaft ſchon untergeſunken, ehe wir die Stelle er⸗ reichten, wo wir ihn ſchwimmen geſehen hatten, da uns ſein Hut die Stelle bezeichnen mußte. Wir hatten den Hut zuerſt aufgeſiſcht, und ſteuerten nun, als wir von dem Knaben keine Spur mehr ſahen, weiter in den See hinaus nach dem Verſchlage, welchen die Wellen ſchon weit von uns weggetrieben hatten. Während wir ihn eben in's Boot ziehen wollten, fuhr ein Windſtoß über dieſes hin, 198 der uns den Verſchlag beinahe aus den Händen riß und davon trug; es machte uns ſo viele Mühe, den Verſchlag auf dem Boote zu befeſtigen, daß Keiner von uns Zeit hatte, ſich näher umzuſehen— kaum aber waren wir mit unſerem Geſchäfte zu Ende, als einer der Männer er⸗ ſchrocken ausrief: man ſehe keine Spur mehr von dem Schiffe!— Ja es war leider nur zu wahr, unſer Schiff war verſchwunden, und da waren wir nun in einer ſechs⸗ ruderigen Pinaſſe mitten auf dem Ocean, ohne einen Biſſen Nahrung, und ich ſelbſt hatte nicht einmal einen Hut, Schuhe, Jacke oder Beinkleider am Leibe! Meine ganze Kleidung beſtand mit einem Wort nur in meinen Unterbeinkleidern und in einem flanellenen Hemde. Glück⸗ licherweiſe pflegte der Kapitän in jedem Boote ein Fäß⸗ chen mit ſüßem Waſſer zu halten, und wir hatten nun wenigſtens einen kleinen Vorrath von dieſem unentbehr⸗ lichſten Bedürfniſſe, der hinreichen mochte, uns fünf Männern zwei oder drei Tage lang das Leben zu friſten. Alle unſere Boote waren mit Segeln verſehen, die der Pinaſſe aber waren auf der Schanze zum Trocknen aufgehängt worden, und wir hatten nun nur noch die Schäfte derſelben an Bord Erſt ruderten wir leewärts, allein der Nebel war ſo dick, daß wir keine Kabellänge weit ſehen konnten, und unſer Nachſuchen nach dem Schiffe in dieſer Richtung erwies ſtch als erfolglos. Nach Ver⸗ lauf von ein paar Stunden hielten wir mit Rudern inne, und beriethen uns zuſammen. Mein Vorſchlag ging dahin, in der Richtung des Landes, alſo windwärts zu ſteuern, da es mir gewiß ſchien, daß das Schiff, falls es nach uns fahnde, jene Richtung einſchlagen werde; ſollte es uns aber trotzdem verfehlen, ſo beſtand unſere Hoffnung einzig darin, daß wir die Küſte erreichen könnten, wo wir doch etwas Nahrung finden mochten, wozu draußen auf offener See wenig Hoffnung vorhanden war. Den Männeru ſchien der Einfall, dieſen Ort zu verlaſſen, nicht einzuleuchten, und ſie gingen erſt nach einigem Hin⸗ und Herreden auf meinen Plan ein, —— — K—— ——— N NR N — 199 Der Nebel hielt den ganzen Nachmittag, die Nacht und den folgenden Tag bis zum Mittag an; wir hatten nicht einmal einen Compaß, ſondern richteten unſern Kurs nur nach Wind und Wellen. Hie und da ward das Wetter etwas heller, ſo daß wir einen Stern ſehen oder bei Tage uns etliche Meilen weit umſchauen konnten;— vom Schiff aber war weit und breit nichts zu ſehen. Der Wind war ſo heftig, daß wir nicht recht vom Flecke kamen, nnd unſeres Erachtens kaum mehr vermochten, als unſer Boot gegen die andringenden Wellen zu halten. Hätten wir zu Vieren rudern können, ſo wäre dies freilich nicht der Fall geweſen, allein wir wechſelten damit ab, ſo daß Zwei von uns ruderten, während die Andern ein wenig aus⸗ ruhten und ſich unter dem Verſchlage der Hauptluke vor Wind und Wetter ſchützten.— Ich ſteuerte die Pinaſſe, ſo lange ich konnte, war aber bald genöthigt, von Zeit zu Zeit zu rudern, um mich nur einigermaßen warm zu halten. Auf dieſe Weiſe verbrachten wir ſechsundzwanzig der widerwärtigſten Stun⸗ den unſeres Lebens, bis auf einmal Etliche von uns den fernen Donner eines Kanonenſchuſſes zu vernehmen glaub⸗ ten. Ich wollte es nicht glauben, als ich etwa eine Viertelſtunde gelauſcht hatte, hörte ich einen zweiten Schuß, der ohne alle Widerrede ziemlich weit von uns leewärts abgefeuert worden war. Dieſes Signal aͤußerte einen merkwürdigen Einfluß auf uns Alle; wir bemannten alle vier Ruder, und griffen, ſo raſch und ſtark wir nur immer konnten, rüſtig drein gegen Wind und See an, und ich ſteuerte der Richtung der Schüſſe zu, die von Viertelſtunde zu Viertelſtunde wieder abgefeuert wurden. Wir hörten ihrer vier bis fünf, und jeden wieder näher als den andern, was uns natürlich zur größten Freude gereichte, bis mir in einer Entfernung von etwa zwei Meilen das Schiff in's Auge fiel. Es lavirte eben auf Steuerbordſeite, und hatte faſt alle Segel eingebunden,— Beweis genug, daß ſie uns ſuchten; nur das Bramſegel und Fockſegel waren noch 200 ausgeſetzt. Es lief ſchräg an unferem Bug vorüber, und hätten wir den„William und Jane“ nicht glücklicherweiſe noch zeitig zu Geſicht bekommen; ſo wären wir wohl durch ſein Kielwaſſer gefahren, hätten uns leewärts verlauſen und wären unfehlbar verloren geweſen. Wir änderten nun unſern Kurs, ſobald wir des Schiffes anſichtig ge⸗ worden waren, allein was vermochte ein Boot in ſolcher See auszurichten, wenn es einem Schiffe nachrudern wollte, das faſt mit allen Segeln dahinſteuerte? Unſere Angſt und Beſorgniß war vielleicht größer, nachdem wir das Schiff erblickt hatten, als zuvor, weil wir nun alle Gefahr begriffen, der wir ausgeſetzt waren. Nie will ich die Gefühle vergeſſen, die meine Bruſt durchwogten, als ich ſah, wie unſer Schiff wieder eine gerade Ausfuhr einſchlug und das Segel ſtraff anzog. Das Flockſegel und Bramſegel folgten, und die große Rage wurde gedreht und legte das Marsſegel maſtwäͤrts; Alles am ganzen Schiff ſchien zu fliegen, und wir begriffen nun, daß wir gerettet ſeyen; ein paar Minuten ſpäter ward das Boot am Penterbalken, das Steuerruder ward wieder gedreht, und das alte Schiff ſteuerte weiter nach China. Wir im Boote waren Alle von Hunger, der An⸗ ſtrengung und dem Ungemach der Witterung ganz er⸗ ſchöpft; ich befand mich am ſchlechteſten, da es mir bei dem kalten Wetter an der nöthigſten Kleidung fehlte, und ich bin überzeugt, daß ein Tag weiter, auf offener See verbracht, uns Alle in's Verderben geſtürzt haben würde, wenn wir uns nicht hätten entſchließen wollen, zu der wohlbekannten fürchterlichen Alternative, wie ſie unter Seeleuten gang und gäbe iſt, unſere Zuflucht zu nehmen. Der Kapitan und die ganze Mannſchaft waren hocher⸗ freut, als ſie uns wieder zu Geſicht bekamen; ſie hatten ſich entſchloſſen, auf kurzen Gängen windwärts zu ſteuern, bis ſie das Land errreichten,— das Beſte, was ſie thun konnten, und der Kurs, der uns in der That auch ge⸗ rettet hatte.. Als wir die Breite von Port Jackſon erreichten, 201 wurde die Mannſchaft auf zwei Quart Waſſer per Kopf ge⸗ ſetzt, obwohl in den Kapitulationen täglich drei Quart aus⸗ bedungen geweſen waren. Dies veranlaßte eine Meuterei, indem die Mannſchaft ſich weigerte, ihrer Pflicht Genüge zu leiſten— freilich ein höchſt verwerflicher Eigenſinn in ſo entfernter See: Der Kapitännahm die Gelegenheit wahr, als faſt die ganze Mannſchaft unter Deck gegangen war, die Spriegluken zu verſchließen, und die Widerſpenſtigen ſo einzuſperren. Alsdann trat er auf uns andere, die noch auf dem Verdeck geblieben waren, zu,— wir waren unſerer ſechs Männer und drei Schiffsjungen— und legte uns die Frage vor:„Ob wir lieber das Schiff nach Kanton bringen, oder nach Port Jackſon einläufen, und Waſſer einnehmen wollten?“— Er gab zugleich zu, daß wir noch etwa fünfundſtebenzig Tagreiſen von Kanton entfernt ſeyen, und ſein Wunſch ſchien dahin zu gehen, lieber unſere Reiſe fortzuſetzen; wir Matroſen jedoch ſahen alle Schwierigkeiten einer ſolchen Fahrt voraus und ſperrten uns dagegen, indem wir ihm unſere Anſtände nicht verſchwiegen. Es waren ihrer zwanzig Matroſen unter Deck, und es wäre zum Allermindeſten ſehr mühſam geweſen, ſie acht⸗ bis zehntauſend Meilen weit in dieſer Lage mit uns fortzuſchaffen; ja es war ſogar einige Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß wir dadurch den Tod Einiger unter ihnen veranlaßten. Wir waren zwar bewaffnet, und fürchteten uns nicht vor ihnen, allein wir wollten nicht ein Schiff von fünfhundert Tonnen mit ſo geringer Mannſchaft, die noch zu einem Drittel aus Knaben beſtand, auf eine ſo große Entfernung allein fortbringen. Die Mannſchaft hatte überdem noch ziemlich viel Recht auf ihrer Seite, a es im Kontrakt beſtimmt war, daß ſie das genannte Quantum Waſſer täglich erhalten ſollte, und das Waſſer in einer ſo kurzen Entfernung windwärts zu haben war. Der Kapitän gab unſern Vernunftgründen nach und wir ſegelten nach Port Jackſon, wo wir in drei oder Edward Myers.—. 14 20⁰² vier Tagen anlangten. Die widerſpenſtige Mannſchaft wurde wegen Meuterei in's Gefängniß geſteckt und wir verſahen das Schiff mit Waſſer; dieſe Beſchäftigung und einige Ausbeſſerungen am Schiff hielten uns vierzehn Tage lang im Hafen feſt. Die ganze Zeit über blieb die Mannſchaft im Gefängniß; es war indeß keine andere zu haben, und es erhob ſich die Frage, ob wir den Widerſpenſtigen fortan trauen dürften; allein wir hatten keine andere Wahl, und als das Schiff wieder ſegel⸗ fertig war, nahmen wir die Leute alle wieder an Bord, und nahmen ſie von Neuem in Pflicht. Wir hatten indeß keine weitere Unannehmlichkeit mit ihnen, da ſich die Burſchen anſtändig aufführten, wie es gewoͤhnlich bei Männern zu ſeyn pflegt, denen der Kitzel durch ein paar Tage Arreſt genommen iſt. Eine Meuterei iſt nicht gefährlich, wenn die Offiziere von ihrem Vorhandenſeyn unterrichtet, und zeitig genug bei der Hand ſind, um ihr zu begegnen, denn der Name des Königs iſt eine feſte Burg.— Wir kamen zu gehöriger Zeit in Kanton an, und fanden unſern Kargo zur Ladung fertig. Wir nahmen ihn an Bord und ſegelten ſchon nach drei Wochen wieder nach dem Texel ab. Unſere Rückfahrt nach Enropa dauerte zweihundert und eilf Tage, und war mit keinem beſondern Unfalle verknüpft. In Texel fand ich zwei Briefe von New⸗York vor, deren einer von Sara und der andere von einer Freundin kam. Sara war nun an denſelben Silberſchmied verheirathet, der unſere beiden Namen auf den Fingerhut eingegraben hatte! Dieſer Mann hatte ſie zum Erſtenmal geſehen, als ſie den arm⸗ ſeligen Fingerhut zu ihm trug, hatte ſich in ſie verliebt und wußte, da er in günſtigen Umſtänden war, ihre Verwandten zu beſtimmen, daß ſie ſie ihm zur Frau gaben. Ihr Brief an mich meldete mir ihre ungünſtige Lage, und brachte mir das Geſtändniß ihres Unglüuͤcks; allein was war da zu ändern? Ich empfand ein ge⸗ wiſſes Mißbehagen bei dem Gedanken an eine Rückkehr nach New⸗York unter ſolchen Verhältniſſen, und beſchloß ——V—ÿ—ᷣ—ᷣ—˖— aft dir nd hn ieb ere den ten el⸗ rd, ten ſich ich ein icht eyn um ine ton Wir hen dpa nem wei und an den eſer rm⸗ iebt ihre rau tige cks; ge⸗ kehr Noß Schiffen kann ich nicht eigentlich ſagen, daß ich unter 14 3 2⁰3 das Schiff zu verlaſſen; ich nahm daher meine Entlaſſung von dem„William und Jane“ und verließ es, um das Schiff nie wieder zu Geſicht zu bekommen. Ein kleines Schiff aus Baltimore, der„Wabaſch“ genannt, lag eben im Terel, um ſich für Kanton aus⸗ zurüſten, und ich ließ mich wiederum als gemeiner Ma⸗ troſe auf ihm anwerben. Mein Plan ging dahin, es in China wieder zu verlaſſen und für immer jenſeits des Kaps zu bleiben; das Fehlſchlagen meiner Heirathspläne hatte mich unmuthig gemacht und mir das Leben ver⸗ bittert, und mein ſehnlichſter Wunſch ging nun dahin, mich ſo weit wie möglich von Amerika zu entfernen. Dies war der Wendepunkt meines Lebens, aus welchem allein die ſpätere Richtung entſprang, die mein Lebens⸗ lauf und meine Lage im Berufsleben genommen hatte. Ich war nun ſiebenundzwanzig Jahre alt, und wenn ein Mann in dieſem Alter in ſeinem Berufsleben den Krebs⸗ gang geht, muß er mit gutem Winde ſteuern, wenn er ſich wieder in ſeine vorige Stellung und den geeigneten Ankergrund hinein arbeiten will. Der„Wabaſch“ hatte eine gute Hinfahrt nach Kan⸗ ton und keinen einzigen Unfall auf dem ganzen Wege. Bei unſerer Ankunft in Kanton theilte ich dem Kapitän meine Pläne mit, und er entließ mich ohne Weiteres. Da befand ich mich nun auf einmal flott im himmliſchen Reich der Mitte, und im Beſitz eines Koffers voll guter Kleider und einiger hundert Dollars in meiner Taſche; ſo weit war nun Alles gut und ich fing nun an, mich nach einem neuen Unterkommen umzuſehen. Wir hatten zu Wchampoa ein engliſches Schiff getroffen, das Opium ſchmuggelte, und ich wurde wenige Tage nach meinem Abſchied vom„Wabaſch“ als dritter Steuermann auf dieſem Fahrzeuge angenommen. Dies war auch das Erſte⸗ und Einzigemal, daß ich unter engliſcher Flagge ſegelte, denn von meinen andern Fahrten auf engliſchen 204 der Flagge geſegelt ſey, obwohl ſie über meinem Kopfe wehte. Mein neues Schiff hieß„die Hoffnung“ aus obe Kalkutta, und wurde von einem gewiſſen Kapitän Kid oder Kyd kommandirt; das Fahrzeug war aus Teakholz erbaut, und war einſt als Fregatte der Portugieſiſchen Marine einverleibt geweſen; zwar ſo alt, daß Niemand genau die Zeit ſeiner Erbauung wußte, allein es ſegelte Zo wie eine Nixe. Die Mannſchaft beſtand hauptſächlich Lät aus Laskaren(einheimiſchen indiſchen Seeleuten) mit Bo etlichen Europäern und Negern, wie es bei dieſen Fahr⸗ tun zeugen herkömmlich iſt. Mein Gehalt belief ſich nicht Di hoch in Dollars, aber Alles war ſo wohlfeil, daß er und verhältnißmäßig nicht gering war; daneben hatte ich Sc noch„Nebeneinnahmen und Accidenzien,“ die ſich auf eine dar hübſche Summe beliefen, und die Koſt auf dem Schiffe 1 war ausnehmend gut. Die„Hoffnung“ hatte einen tüchtigen Vorrath an fert Opium, als ich an's Land kam und Alles mußte einge⸗ gez ſchmuggelt werden, ehe wir wieder abſegelten. Da dieſer Handel neulich großes Aufſehen erregt und wichtige gin Folgen gehabt hat, will ich nun die Art und Weiſe ſchil⸗ unſ dern, in welcher wir mit der Waare verfuhren; über pe den ſittlichen Werth dieſes Handelszweiges brauche ich zu ſeiner Vertheidigung nicht mehr zu ſagen, als von dem Tabacksſchmuggeln, obwohl ich frei bekenne, daß, wenn ſo man mir jetzt die Alternative ſtellte, mich in einem pfo „ dieſer beiden Berufszweige verſuchen zu müſſen, ich un⸗ maßgeblich vorziehen würde, den Landsleuten meines ehr⸗ lichen iriſchen Fiſchers Taback zu bringen, anſtatt die den Chineſen mit Opium betrunken zu machen. 4 boc Unſer Opium war in hölzernen Kiſten verpackt, deren e jede je vierzig Rollen enthielt; das Gewicht jeder Rolle betrug etwa zehn Pfund, ſo daß jede Kiſte gegen vier Centner wog. Unſer Hauptkargo war Baumwolle, Sal⸗ ſche peter und Ebenholz, nebenbei aber hatten wir vierhundert ſolcher Opiumkiſten an Bord. än Der Verkauf dieſes Artikels wurde von dem Kapitän Kä — =.= — 20 5 dufe oben an den Faktoreien beſorgt; er betrug ſelten mehr Kid als ſechs oder acht Kiſten auf einmal, und noch häufiger khol nur zwei oder drei. Der Käufer ſandte hierauf eine Ordre lähen zu Erhebung des Opiums an Bord des Schiffes und ſchaffte ebenſo die benöthigten Säcke dazu herbei. Die and Zollbeamten blieben nicht auf dem Schiff, wie in andern Hlich LLändern, ſondern waren an Bord eines großen bewaffneten hlich Boots, das an unſerem Stern hing und zu jener Gat⸗ tung Fahrzeuge gehörte, die man Heppooboote nennt. Dieſe Einrichtung ließ uns ganz freies Spiel an Bord, und wenn zufällig einer der Zollbeamten zu uns auf's Schiff kommen wollte, waren wir natürlich zeitig genug davon unterrichtet; meine Pflicht als dritter Steuermann brachte es mit ſich, daß ich darauf Acht hatte, wie die Kiſten aus dem Raum geholt und das Opium überlie⸗ fert wurde. Die Kiſte ward geöffnet, die Rollen nach⸗ gezählt und in die Säcke gepackt, die gerade groß genug waren, um geſchickt gehandhabt zu werden. All dieß ging in der Batterie vor ſich, da der Käufer an Bord unſeres Schiffes ſein Opium in Empfang nahm und ſelbſt den Verluſt tragen mußte, wenn das Schmuggeln nachher fehlſchlug. Hatte der Käufer ſein Opium in die Säcke gepackt, wenn ſo ſtellte er die Letzteren neben ein paar offenen Stück⸗ inem pforten in der Mitte des Schiffes auf, und ſteckte ein un⸗ Signal nach dem Lande hin aus. Dies Signal wurde bald ehr⸗ voom Lande her beantwortet, und nun galt es, uns nach die den Schmugglerbooten umzuſehen. Dieſe Schmuggler⸗ boote ſind lange, ſchmale und behende Fahrzeuge, die zwei Reihen von Ruderbänken und bis zu ſechzig Mann Equipage führen; ſie ſind bewaffnet und rudern mit der Geſchwindigkeit von Pfeilen. Iſt Alles fertig, ſo er⸗ ſcheinen ſie plötzlich auf dem Waſſer, gleiten blitzſchnell an die Langſeite des Fahrzeugs hin, für das ſie beſtimmt ſind, und an deſſen Stückpforten die Tagelöhner des Käufers ſtehen und die Säcke mit den Opium⸗Cylindern fertig halten. Die Säcke werden nun in's Boot hin⸗ 206 4 unter geworfen, der Käufer und die Seinigen ſpringen hin⸗ terdrein und das Boot rudert pfeilgeſchwind wieder davon, ſo daß die ganze Operation höchſtens zwei Minuten dauert. Sobald das Heppoo⸗Boot bemerkt, was hier vor⸗ * geht, werden Muſcheln geblaſen und dadurch Lärm ge⸗ macht, worauf denn eine Menge Zollboote, die ſtets hier herum ſtreifen, Jagd auf die flüchtigen Schmuggler machen. Mich wollte es immer bedünken, daß die Leute vom Zollhauſe ſich entweder vor den Schmugglern fürchten, oder durch Beſtechung zur Umgehung ihrer Pflicht ge⸗ wonnen werden, denn ich ſah niemals, daß ſie ſich ernſtlich mit einem der Boote einließen oder eines mit Beſchlag belegten, obwohl dies auch zuweilen geſchehen ſoll. Ver⸗ muthlich iſt's in China auch, wie in andern Theilen der Welt, daß die Leute zuweilen ihrer Pflicht vollſtändig nachkommen, dieſes aber noch öfter unterlaſſen. Wenn die Mitwirkung der Zollbeamten beim Schmuggelhandel dieſen rechtfertigen ſoll, ſo wird ſich dieſer Grundſatz auch auf London und ſogar auf New⸗York anwenden laſſen. Wir ſchmuggelten nicht nur Kargo in's„himmliſche Reich der Mitte“ ein, ſondern auch heraus. Der belieb⸗ teſte unter den zur Ausfuhr verbotenen Artikeln war eine Metallgattung, die in Platten, wie Blech oder Kupfer, im Handel vorkam, und von welcher wir große Quantitäten an Bord nahmen. Auch dieſe Waaren wurden uns von Schmugglerbooten zugebracht und ge⸗ rade ſo an Bord hereingeworfen, wie das Opium hinaus, und wir bargen es alsbald im Raum. Dies Alles ge⸗ ſchah bei hellem Tage, und ich hörte nie, daß irgend Jemand der Waare aufs Schiff gefolgt wäre. War es einmal hier untergebracht, ſo ſchien es vollkommen in Sicherheit. Wir erhielten auch Sycee⸗Silber, deſſen Aus⸗ führung ebenfalls verboten war. Alles dies wurde auf dieſelbe Weiſe an Bord gebracht. 3— Von jeder Kiſte Opium, welche wir verkauften, erhielt der Steuermann einen chineſiſchen Dollar als Trinkgeld oder Accidenz, und mein Antheil am Gewinn von dem hin⸗ von, ert. dor⸗ ge⸗ hier gler eute ten, Je tlich hlag Ver⸗ der ndig Jenn indel dſatz ſſen. liſche lieb⸗ war oder roße taren d.ge⸗ raus, 3 ge⸗ gend ar es en in Aus⸗ e auf rhielt akgeld dem 20⁰⁷ 4 Verkauf der vierhundert Kiſten Opium betrug daher nicht weniger als hundertdreiunddreißig chineſiſche. d. h. etwa hundertſechszehn amerikaniſche(ſpaniſche) Dollars. Ich geſtehe es leider mit Schaam, daß wir Alle recht geſliſſentlich auf's Prellen ausgingen, da jeder Theil den andern als Spitzbuben betrachtete, und, anſtatt„mit dem Maaße zu meſſen, damit ihr wollet, daß man euch meſſe,“ lieber ſo handelte, wie man ſelbſt behandelt wurde. Sobald das Opium verkauft war, das heißt etwa nach Monatsfriſt, ſo ſtach die„Hoffnung“ wieder in die See und hatte eine glückliche, angenehme Heimreiſe nach Caleutta. Ich lernte etwas bengaliſch und konnte, noch ehe ich dieſe Lebensweiſe verließ, das Schiff bereits in dieſer Sprache kommandiren. Die Laskaren kletterten im Takelwerk umher wie die Affen, obwohl es ihnen ſo ziemlich an Körperkraft fehlte; ein Marsſegel, das ſechs unſerer gewöhnlichen Matroſen leicht beſchlagen konnten, erforderte vielleicht zwanzig von ihnen; vielleicht geſchah dies von ihrer Seite gewiſſermaßen aus Gewohnheit, obwohl ihnen in allem Ernſte phyſiſche Stärke abgeht. Sie genießen auch faſt nichts Anderes als Reis, und ſind von kleinem ſchmächtigem Körperbau. Wir hatten eine ſeltſame Manier, ſie zu beſtrafen, wenn ſie im Ta⸗ kelwerk träge oder nachläſſig waren; unſer ſtehendes oder Maſttakelwerk war nämlich aus Gras gewunden, und ſtraff und ſcharf genug, um ſogar Hände abzuſchneiden, wenn man nicht daran gewöhnt war. Die Webelingen waren nicht, wie bei unſern Fahrzeugen, durch Augen vorne aufgefaßt und an den Wandtauen befeſtigt, ſondern durch Umwickeln der Backſtags und einen runden Knoten be⸗ feſtgt und die Enden davon eingeſchlagen. Nun pflegten wir zur Strafe die Webelingen Alle abzunehmen und die Schwarzen ſo in die Maſten hinaußzuſenden, was ſie dadurch bewerkſtelligten, daß ſie das Takelwerk mit den großen und zweiten Zehen packten und ſich hinaufſchwangen, anſtatt wie Chriſtenkinder die Taue zwi⸗ ſchen die Waden oder Schenkel zu nehmen und ſich auf .* 1 8 208 dieſe Weiſe darauf emporzuhiſſen. Davon bekamen ſie denn natürlich bald Eiterbeulen an die Zehen und baten fle⸗ hentlich, daß man die Webelingen wieder befeſtige. Sie waren jedoch im Ganzen ſehr folgſam und dienſtfertig. — Wir hatten beinahe hundert von dieſen Burſchen an Bord der„Hoffnung“ und hielten ſie mittelſt eines Bootsmannes und vier Steuerleuten in Ordnung, die ſämmtlich Landsleute von ihnen waren. Außer ihnen hatten wir etwa noch dreißig Köpfe an Bord, die Euro⸗ päer— Chriſten, wie man ſie nannte— mit eingerechnet. In Calcutta luden wir wieder Baumwolle und kehr⸗ ten von Neuem nach Kanton zurück, das wir nach kurzer Fahrt erreichten; wir hatten dießmal kein Opium an Bord, da es nicht die geeignete Jahreszeit dazu war, und unſer Hauptzweck beſtand darin, wieder mit Schmuggeln eine La⸗ dung für unſer Schiff zu erhalten. Ein paar Wochen lang lagen wir im Whampva vor Anker und kehrten hier⸗ auf nach Calcutta zurück. Die„Hoffnung“ ging dießmal vor Alter faſt zu Grunde, und Kapitän Kyd mochte wohl der Anſicht ſeyn, daß, wenn er ſie nicht begrabe, ſie ihn vermuthlich noch einmal begraben könnte; ihre Balken lie⸗ ßen in der That nach, als wir in Kanton die Baumwolle ausluden, obwohl ſie noch immer waſſerdicht blieb; doch wäre es ſicherlich ſehr gewagt geweſen, ſich bei ſchlechtem Wetter mit ihr in See zu wagen. Ein neues Schiff, das„hüpfende Schloß,“(the Hop- ping Castle) getauft, war von Kapitän Kyd's Schwie⸗ gervater ausdrücklich für ihn erbaut worden; es war ein großes ſtarkes Fahrzeug, das trefflich zu ſegeln verſprach. Die Offtziere wurden alle von der„Hoffnung“ auf das neue Fahrzeug herüberverſetzt, allein die meiſten unſerer alten Laska⸗ ren weigerten ſich, mit uns einzuſchiffen, weil ſie einen Zank mit dem Bootsmann gehabt hatten, wodurch wir genöthigt wurden, eine neue Truppe von ihnen an Bord zu nehmen, von denen die meiſten uns unbekannt waren. In Calcutta beſteht ein Geſetz, nach welchem die Mannſchaft eines Schiffes, dem ein Unglücksfall begegnet, 209 bevor es in die hohe See lief, die zweimonatliche Löhnung behalten darf, welche man ihnen meiſt vorſchußweiſe einzuhän⸗ digen pflegt. Dieſe Beſtimmung brachte uns in nicht unbeden⸗ tende Verlegenheit. Das„hüpfende Schloß“ lief mit einem leich⸗ ten Kargo nach Bombay aus; wir waren ſchon den Fluß hinuntergeſegelt und hatten unſern Lootſen entlaſſen, und wollten eben für unſern Kurs unter Segel gehen, als auf einmal aus der großen Vorderluke Feuer ausbrach. In jenem Theile des Schiffes befand ſich eine Anzahl Tauen⸗ den aus Gras und drei oder vier Kabeltaue vom ſelben Material, die ſämmtlich wie Zunder Feuer fingen und brannten. Ich machte mich nun mit den Offizieren und Etlichen von der Mannſchaft daran, das Pulver über Bord zu werfen, allein der Verſuch, die Flamme zu erſticken, war vergebens. Glücklicherweiſe befanden ſich noch ein paar Lootſenboote in unſerer Nähe, die nun herbeieilten und die Mannſchaft aufnahmen. Das„hüpfende Schloß“ brannte bis zum Waſſerrande hernieder und wir ſahen bald darauf ſein Wrack untergehen,— wahrlich eine kurze Laufbahn für ein ſo ſchönes Schiff und es that uns Allen, mit Aus⸗ nahme der verfluchten Schufte von Laskaren, recht leid da⸗ rum. Alles, was ich auf der ganzen Welt mein nennen konnte, bis auf einen kleinen Koffer mit Kleidungsſtücken, verlor ich mit ihm und an Geld litt ich gänzlich Mangel, da Caleutta kein Platz zum Sparen iſt. In einem Lande, wo es für eine Auszeichnung gilt, ein weißer Mann zu ſeyn und ein Chriſt zu heißen, muß man ja ſeine Wuͤrde durch einen lockern Lebenswandel einigermaßen aufrecht erhalten. . Kapitän Kyd war überzeugt, daß die Laskaren ſein Schiff in Brand geſteckt hatten, und ließ uns Alle auf der Tiger⸗Inſel landen. Hier nahm es nun der Serang oder Bootsmann über ſich, den Hergang näher zu unter⸗ ſuchen und die Schuldigen ausfindig zu machen; ich war bei dieſer Procedur als Zeuge gegenwärtig, und fand ſie ſo merkwürdig, daß ich ſie wohl der Erwähnung werth halte. Die Mannſchaft wurde nämlich in Kreiſe von je dreißig bis vierzig Mann aufgeſtellt, und der Bootsmann 21⁰ nahm die Mitte derſelben ein; hierauf ſchüttete er einem Jeden ein weißes Pulver in die Hand und hieß ihm darauf ſpucken. Der Begriff, welcher dieſem Verfahren zu Grunde lag, war: der Unſchuldige könnte offenbar unverweilt und ohne Schwierigkeit ausſpucken, während dem Schuldigen der Mund zutrockene und heiſer werden würde, um ſchnell den Speichel herbeizuſchaffen. Wie dem nun auch ſey, ſo viel iſt wenigſtens gewiß, daß der Serang zehn Männer als ſchuldig herausſuchte und ſie nach Caleutta ſandte, um ihnen dort den Prozeß machen zu laſſen. Ich erfuhr nachher, daß ſämmtliche zehn Burſche ſich nicht nur ſchul⸗ dig bekannt, ſondern noch zwei Andere als Mitſchuldige, angegeben hätten, und hierauf in der Nähe von Fort William in Ketten aufgehangen worden ſeyen. Der ge⸗ richtliche Prozeß und die Hinrichtung ſind mir nur durch Hö⸗ renſagen bekannt geworden; der Unterſuchung und dem Verhör mittelſt des Speichels aber habe ich ſelber an⸗ gewohnt und war Augenzeuge davon; auch kann ich ver⸗ ſichern, daß die Laskaren darin etwas höchſt Bedeutungs⸗ volles ſahen. Nie ſah ich Verbrecher vor dem Gerichtshofe mehr Unbehaglichkeit verrathen, als dieſe Burſchen, ſo lange der Serang mit ihnen zu thun hatte. Nun war ich wieder ohne Beſchäftigung und Kapitän Kyd bot mir eine Stelle auf einer Indigopflanzung gegen⸗ hohen Gehalt an; denn ich hatte mir ſein Vertrauen durch mein Betragen und beſonders dadurch erworben, daß ich auf dem Schiffe nie zu trinken pflegte, und er drang leb⸗ haft in mich, auf ſein Anerbieten einzugehen. Ich ſperrte mich übrigens hartnäͤckig, da ich das Dſchungelnfieber und den Tod daran fürchtete. Ein Schiff aus Philadelphia, der„Benjamin Rush,“ lag in Calcutta vor Anker, und ich entſchloß mich, um eine Stelle auf ihm mich zu be⸗ werben. Die Verſtimmung über das Fehlſchlagen meiner Heirathspläne hatte inzwiſchen bei mir nachgelaſſen, und ſich dafür eine Art Heimweh bei mir eingeſtellt, und ich verdingte mich daher auch an Bord dieſes Schiffes als gemeiner Matroſe. Kurz darauf gingen wir unter Segel, „————— ,/ 8 2 75— —— 8— —-&&— 18 KR SB R 8 8 211 und hatten eine glüchliche Fahrt bis zur Mündung und den Vorgebirgen des Delaware, den ich jetzt zum Erſten⸗ mal wieder erblickte ſeit meiner Rückkehr von der erſten Reiſe am Bord des„Sterling.“ 3 Sobald ich meine Rechnung mit dem Kapitän ab⸗ geſchloſſen hatte, ging ich nach New⸗York; es fehlte mir an baarem Gelde, und da mein alter Wirth inzwiſchen geſtorben war, mußte ich mich nach einem neuen Fahrzeuge umſehen. Diesmal trat ich an Bord einer Brigg, der „Borer“ genannt, die ein Clipper, Herrn Johann Jakob Aſtor gehörig und nach Canton beſtimmt war. Unſere Fahrt war glücklich und angenehm, ſoweit dabei unſer Fahrzeug in's Spiel kam, da wir ſchon acht Monate nach unſerem Auslaufen wieder in New⸗York ankamen; auch dieſe Reiſe hatte ich wieder als Matroſe mitgemacht. Mein Geld war bald verbraucht und ich gezwungen, mich wieder von Neuem nach einem Platze auf einem Schiffe umzuſehen. Ich fand eine Stelle als Unterſteuer⸗ mann auf einem Fahrzeuge„Trio,“ einer alten engliſchen Priſenbrigg, die Herrn David Dunham gehörte und nach Batavia beſtimmt war. Im Januar liefen wir aus, und waren noch nicht lange in See, als wir auf einmal fan⸗ den, daß unſer ganzer Waſſervorrath bis auf ein einziges Faß ausgelaufen war, weil das Waſſer gefroren und die Reife der Fäſſer geſprengt hatte. Wir wurden nun auf eine ſchmale Ration davon verwieſen, und litten nicht wenig in Folge der Entbehrung, die wir uns dabei auf⸗ erlegten. Unſer Superkargo, ein junger Mann, Namens Croes, wäre faſt in Folge der Entbehrung geſtorben. Inzwiſchen bequemten wir uns in das Unabänderliche, und beſchloſſen, auf einer der Inſeln des grünen Vorgebirgs anzulegen, beſſerten auch einſtweilen unſere Waſſerfäſſer wieder aus und rüſteten ſie her. Auf der Inſel Fuego, bei welcher wir anlegten, ergab es ſich inzwiſchen, daß wir gar kein Waſſer bekommen konnten; wir erhielten nur etwas friſches Obſt und einige Ziegen, und waren nun genöthigt, unſere Reiſe fortzuſetzen. Glücklicherweiſe trat 212 K bald darauf tüchtiges Regenwetter ein; wir verſtopften alle unſere Speigatten und füllten auf dieſe leichte Weiſe alle unſere Fäſſer. Wir begannen etwa um acht Uhr Abends und waren ſchon vor Tagesanbruch damit fertig; es war, wie ſich's ergab, präͤchtiges Waſſer und dauerte bis Ba⸗ tavia an, ja es hätte faſt eine Prämie daſelbſt verdient, da es weit beſſer war, als alles Waſſer, das wir in jenem Hafen finden konnten. Es ſtand zwar etliche Mal um, verſüßte ſich aber bald von ſelbſt wieder. Wir liefen nun zunächſt nach Batavia ein und löſch⸗ ten das Schiff, dann ſegelten wir nach einer Rhede, Na⸗ mens Terragall, um hier Reis einzunehmen; unſer Schiff führte nur Ballaſt und brachte bedeutende Summen in Baarem mit, um ſeine Einkäufe damit zu decken. Wir nahmen hier unſern Cargo mittelſt der Boote ein, und brachten ihn hierauf nach Batavia, um zu löſchen, und das Alles im Laufe von wenigen Wochen. In der zwei⸗ ten Nacht unſerer Ausfahrt war das Schiff beim ſchönſten Wetter und der mäßigſten See auf einer Sand⸗ und Schlammbank geſtrandet und hatte ſich hier feſtgerannt; wir gaben uns nun zunächſt Mühe, das Schiff mit Ge⸗ walt über die Bank hinwegzubugſiren, allein es gelang uns nicht, und mit dem Ahnehmen der Fluth fiel es auf die Seite, daß ſogar das Schampdeck noch unter Waſſer ſtund. Glücklicherweiſe lag es ganz ruhig, obwohl ziemlich viel Waſſer eingedrungen war. Der Kapitän nahm nun ein Boot und vier Mann, und ſtieß damit an's Land, um Pro⸗ wen(malayiſche Kähne) zu holen, die das Schiff wieder flott machen ſollten. Wir hatten nur acht Matroſen und ſechs andre Männer an Bord, ſo daß nur noch neun Köpfe an Bord zurückblieben. Die Nacht verging ohne einen wei⸗ teren Vorfall, allein mit dem frühen Morgen erſchienen zwei große Piratenboote und machten Miene, uns anzugrei⸗ fen. Herrn Croes hatten wir die Rettung unſres Schiffes zu danken; er ſteckte nämlich Hebebäume, Stangen ꝛc. auf dem Verdeck auf und ſetzte ihnen Hüte und Mützen auf, um unſerem Schiffe den Anſchein einer ſtarken Bemannung ——-—-8O9 8 K S.R NR 213 zu geben. Zu gleicher Zeit richketen wir ein paar Sechs⸗ pfünder auf die Prauen*) und erreichten damit unſern Zweck, ſie in gebührender Entfernung zu halten. Sie hielten ſich noch etwa bis Sonnenuntergang in unſerer Nähe auf, verließen uns alsdann und ruderten dem Lande zu. Gerade als ſie uns verließen, kamen uns etwa ſiebenundzwanzig Boote zu Geſichte, denen wir ein Signal gaben, welches jedoch nicht beantwortet wurde. Wir betrachteten ſie daher für Feinde, bemerkten jedoch, als ſte näher kamen, unſre eigenen Boote unter ihnen und wußten nun, daß der Ka⸗ pitän zurückkehrte. Wir luden nun Alles, was wir unter Deck hatten, noch in derſelben Nacht in die Boote und machten das Schiff noch vor dem Morgen flott. Wir kamen nun glück⸗ lich von der Sandbank los, ſtauten unſern Kargo von Neuem und gingen nach Batavia unter Segel; das Schiff hatte indeſſen einen tüchtigen Leck erhalten, und wir waren unaufhörlich bei den Pumpen beſchäftigt. Da es indeß nicht möglich war, die zur Ausbeſſerung des Schiffes nö⸗ thigen Hilfsmittel hier zu finden, beſchloſſen wir, einige Extra⸗Mannſchaft an Bord zu nehmen, ein paar Handpum⸗ pen einzunehmen und das Fahrzeug nach Isle de France zu bringen, um es dort ausbeſſern zu laſſen. Mir gefiel die Ausſicht auf eine ſolche Fahrt durchaus nicht, und ich geſtehe, daß ich zu einer Kriegsliſt meine Zuflucht nahm und den Invaliden ſpielte, um mich aus der Schlinge zu ziehen. Ich gab mir Mühe, mittelſt eines Krankheitszeug⸗ niſſes mir einen Platz im Hoſpital zu verſchaffen, und das Schiff ſegelte ohne mich ab. Auf Isle de France wurde der„Trio“ für ſeeunfähig erklärt, da ſein Rumpf in al⸗ lem Ernſte noch übler daran war, als der meinige, ſo kalfatert ich auch war. 2 *) Prau, vielleicht verketzert vom ſpaniſchen proa, Schnabel, Vordertheil, Bug eines Schiffes. p . Anm. d. Ueberſ. 214 Zwölftes Kapitel Sobald der„Trio“ abgereist war, genas ich wieder; ich hatte gar keine Ahnung von der großen Gefahr, der ich mich durch einen Aufenthalt am Lande ausſetzte, denn das kürzeſte Verweilen an der Küſte während dieſer Jah⸗ reszeit brachte einem Europäer faſt gewiſſen Tod. Ich mochte oder konnte noch weniger vorausſehen, was mir ſelbſt ein paar Jahre ſpäter in dem nämlichen Hoſpital begegnen, oder wie lange ich einer ſeiner eigentlichen Kran⸗ ken, und ich darf wohl ſagen: auch reumuͤthigen Inſaſſen ſeyn ſollte. Der Konſul eröffnete mir ohne viele Umſtände, daß ich ein falſches Spiel getrieben habe und ich pflichtete ſeiner Offenherzigkeit inſoweit bei, daß ich ihm ohne alle Um⸗ ſtände zugeſtand, er habe darin ganz recht. Ich war der An⸗ ſicht, man häͤtte den alten„Trio“ auf der Sandbank laſſen ſollen, wo ihn die Vorſehung untergebracht hatte. Da ſich aber Kapitän und Superkargo ein Vergnügen daraus mach⸗ ten, den Leichnam des armen Fahrzeugs zum Begräbniß nach Isle de France zu nehmen, war es mir wenigſtens nicht genehm, bei harter Arbeit an den Pumpen ſo weit zu gehen, um ſeinem Begräbniß anzuwohnen. Da der Konſul meine Löhnung urückbehielt und ſich weigerte, mir das Geld zu geben, 8 ich mich genothigt, ſobald wie möglich an Bord eines Fahrzeugs zu kommen. Batavia war kein geeigneter Ort für eine amerikaniſche Konſtitution und ich war heilfroh, als ich mich endlich aus dem Staube machen konnte. Ich ſchiffte mich daher als gemeiner Matroſe in dem„Clyde“ ein, einem kleinen guten Fahrzeug aus Salem, an deſſen Bord Behandlung und Koſt ſehr gut waren; wir ſegelten ungeſäumt ab, allein es war doch nicht mehr frühe genug, um dem Bataviaſieber zu entgehen; zwei von der Mannſchaft ſtarben, als wir etwa eine Woche in See waren und wurden in der Straße von Banka beerdigt. Noch am ſelben Tage, wo wir die Javaſpitze aus dem Geſicht ver⸗ — ————. —., — 122— — SOES n α — 8———A . 215 loren, erhob ſich ein friſcher Wind und wir mußten den Klüver einziehen und die Marsſegeln doppelt reffen; ein Mann Namens Day ließ ſich an den Bugſprietwanten hinab, um die Klüverſchoten loszubinden, als das Schiff plötzlich einen jähen Sprung machte und ihn in die See ſchleuderte. Der Unterſteuermann und ich ſprangen nun raſch in's Boot und wurden in See gelaſſen, ſobald das Schiff angehalten ward; die See ging hohl, allein es gelang uns doch, den armen Burſchen wieder außzufinden, der ſich mit Aufgebot aller Kraft ſchwimmend erhielt. Sein Geſicht ward dem Boote zugekehrt und als wir uns ihm näherten, erhob ich mich, ſtreckte ihm die Schaufel meines Ruders entgegen und rief ihm zu, guten Muthes zu ſeyn. In dieſem Augenblick ſchien Day faſt ſeiner ganzen Länge nach aus dem Waſſer zu ſpringen und ſank unmittelbar darauf unter; durch welchen Umſtand dieſe außerordentliche Anſtrengung bewirkt wurde und warum ihn ſeine Kraft ſo plötzlich verließ, habe ich nie zu er⸗ gründen vermocht; manchmal kam mir der Gedanke, ein Haifiſch möchte etwa den armen Teufel erhaſcht haben, allein ich hatte weder Blut noch einen Fiſch bemerkt. Der Mann war nun hoffnungslos verloren, und wir kehr⸗ ten unverrichteter Dinge und mit Gefühlen, die ſich jeder leicht ermeſſen kann, an Bord des Schiffs zurück. Ein paar Tage ſpäter ſtarb ein anderer Mann am Fieber, ſo daß wir nur noch unſerer fünf auf dem Vorderkaſtell blieben und noch einen weiten Weg öſtlich vom Kap der guten Hoffnung vor uns hatten. Ehe wir noch das Kap der guten Hoffnung erreicht hatten, wurde noch ein an⸗ derer Matroſe wahnſinnig, und verurſachte uns, anſtatt uns hülfreiche Hand zu leiſten, dadurch nur mancherlei Beſchwerden für den Reſt der Ueberfahrt, bis er am Ende im Wahnſinn ſtarb. Wir hatten nun nur noch drei Mann für eine Wache, die Offiziere mit eingeſchloſ⸗ ſen, und die Pinne des Steuerruders ging natürlich von eeiier Hand zur andern. Trotz all' dem waren wir doch wohlgemuth und hatten eine gute Fahrt bis in die Nähe 216 der Küſte, die wir im Monat Januar erreichten; hier erlebten wir ſtarken Nordweſtwind, der uns eine ganze Woche verfolgte und ſeewärts trieb; endlich aber brach⸗ ten wir doch das Schiff in das Hook und warfen wohl⸗ behalten im Eaſt⸗River den Anker aus. Der„Clyde“ mochte ein Schiff von etwa dreihun⸗ dert Tonnen geweſen ſeyn, und wurde, die ganze Be⸗ mannung des Schiffs eingeſchloſſen, durch neun Mann von der öſtlichen Seite des Kaps der guten Hoffnung ohne beſondere Schwierigkeiten in den Hafen gebracht. Dießmal hielt ich mich nicht lange am Lande auf, weil mein Geld gleichſam im Rauche aufging, ſondern verdingte mich an Bord einer Brigg, die„Margaretha“, die nach Belfaſt beſtimmt war; dieſes Fahrzeug ſcheiterte im iriſchen Kanal, wurde aber ohne viele Mühe wieder flott gemacht, und gelangte ſicher in den Hafen und die Heimfahrt war angenehm. Eine ſolche Reiſe brachte nicht viel Geld ein, und ich ward deßhalb bald wieder genöthigt, mich nach einem neuen Unterkommen umzuſehen. Dießmal trat ich als Steuermann an Bord einer Brigg, des„William Henry,“ die zum Schmuggel an der ſpaniſchen Küſte beſtimmt war; wir nahmen Taback, Cigarren und ſo weiter ein, und die Brigg fuhr einſtweilen bis nach Staten Island hinab; hier bekam ich mit dem Kapitän Wortwechſel wegen eetlicher baumwollener Dochte und gab meine Stellung wieder auf, denn ich wußte ja, daß es mehr Schiffe als Pfarrkirchen gebe und hatte nicht bange, droben in der Stadt leicht wieder einen Platz zu finden. Der Betrag meiner Vorſchüſſe wurde wieder zurückbe⸗ zahlt, ich verließ den Schmuggelhandel nun wie ein ehr⸗ licher Mann und ich wünſchte nur, meine Sinnesänderung wäre aus beſſeren Motiven entſprungen.. Das Loos, das mir nun zuſtel, war eine Matroſen⸗ ſtelle an Bord eines kleinen, hübſchen Fahrzeugs, die „Ida“ genannt, die nach Curacoa ſegeln ſollte, weil Hoffnung vorhanden war, daß der dortige Gouverneur —— — 217 den allerliebſten Schooner als Yacht für ſich erkaufte, und ich rechnete darauf, falls das Fahrzeug verkauft würde, meinen Weg nach dem ſpaniſchen Feſtlande zu ſinden. Unſere Fahrt ging glücklich von Statten, und wir liefen an einem Sonntag Morgen in den Hafen ein; noch am gleichen Morgen liefen auch eine engliſche Fre⸗ gatte und eine Kriegsſloop ein, ankerten in unſerer Nähe und ließen am ſelben Nachmittage ihre Mannſchaft noch frei an’'s Land. Wir lagen längs eines Quai, und unſere Mannſchaft unternahm Nachmittags einen Aus⸗ flug nach etlichen der öffentlichen Gärten von Wilhelms⸗ ſtadt, wo ſich ein Vorfall begab, der merkwürdig genug iſt, um Erwähnung zu verdienen. 4 Als ich in einem der Gärten ſaß, über meine Ver⸗ gangenheit grübelte und vermuthlich ſchwermüthig und zerſtreut dem Treiben der um mich tobenden Menge zuſah, bemerkte ich, daß ein Matroſe von den engliſchen Kriegsſchiffen mich feſt in's Auge faßte. Nach einer Weile trat er auf mich zu und ließ ſich in ein Geſpräch mit mir ein, und ſchon die paar erſten Worte, die er fallen ließ, machten mich ſo mißtrauiſch, daß ich ſehr vorſichtig gegen ihn zu Werke ging. Als er mich einige Zeit ausgeholt hatte, fragte er mich, ob ich bereits wieder eine Stelle habe, und auf meine verneinende Antwort ging er immer weiter, dis er aus meinen Reden allmählig Vertrauen zu mir faßte, und auf den eigentlichen Gegenſtand ſeines geheimen Zweckes zu ſprechen kam. Er theilte mir beiläufig mit, daß er zur Fregatte gehöre und bis zum kommenden Morgen Urlaub habe, und eröffnete mir nun, er und vier ſeiner Kameraden, die mit am Lande wären, hätten den Entſchluß gefaßt, ſich des hübſchen amerikaniſchen Schooners(unſers eigenen Fahr⸗ zeugs) zu bemächtigen, der am Quai neben dem„Telegraph“ vor Anker liege, und ihn nach Laguayra hinunter zu bringen, woſelbſt ſie ihre eigenen Pläne mit ihm hätten. Der ganze Anſchlag ſollte noch in derſelben Nacht ausgeführt werden, und er drang in mich, an der Unternehmung Theil zu neh⸗ Edward Myers. 15⁵ —— 218 men. Aus dem, was der Burſche mir mittheilte, ging es unzweifelhaft hervor, daß er entſchloſſen war, Seeräuberei zu treiben, nachdem er das Mehl verkauft hätte, welches wir an Bord der„Ida“ hatten; ich gab mir den Anſchein, als ob ich ſeinem Plane Beifall zollte, ermuthigte ihn, trank mit ihm, und ruhte nicht eher, bis er mir den ganzen An⸗ ſchlag mittheilte. Sein Plan ging dahin, an Bord des Schooners zu kommen, ſobald die Mannſchaft im Schlafe liege, dieſe zu knebeln, das Fockſegel und den Klüver aus⸗ zuſetzen, und mit dem Landwinde auszulaufen, was ſehr weil auf Kauffahrteiſchiffen, leicht zu bewerkſtelligen war, die vor den Löſchungsplätzen liegen, bei Nacht nicht einmal eine Wache gehalten wird. Nach langem Hin⸗ und Herreden ging ich endlich voll⸗ ſtändig auf den Plan ein, und verſprach, um neun Uhr an Bord des„Telegraph,“ eines Schiffs aus Philadelphia, zu ſeyn, auf deſſen Seeſeite unſer Schooner lag. Das genannte Fahrzeug hatte eine Mannſchaft von Schwarzen, deren größ⸗ ter Theil jetzt am Lande war und muthmaßlich kaum heute Nacht an Bord zurückkehren mochte. Der Burſche äußerte noch:„Die Yankees, welche zu dem Schooner gehören, ſind dort droben im Garten und jetzt ſchon halb betrunken, ſo daß ſie wahrſcheinlich heute Nacht im beſten Schlafe liegen und uns nicht viele Mühe machen werden!“— Ich erinnere mich noch ganz gut, unſerer Mannſchaft ein Leid anzuthun, ſondern nur mit uns entfliehen und uns das Fahrzeug ſo zu ſagen unter — daß er freilich keine Abſicht außerte, dem Leibe verkaufen wollte; wir ſchieden endlich, nachdem wir uns über die Verhaltungs⸗Maßregeln noch einmal förm⸗ lich beſprochen hatten. Ich weiß es mir nicht Gründen dieſer Burſche gerade mich zu ſeinem Spießgeſellen bei einem ſolchen Abentener wählte, als aus dem Umſtande, anders zu erklären, aus welchen daß ich zufällig allein war und vielleicht nicht ſehr aufge⸗ räumt erſcheinen mochte. Er hatte mich übrigens nicht ſobald verlaſſen, als ich mir Mühe gab, in die Nähe mei⸗ ner Schiffsgenoſſen zu kommen und ſie Alle einzeln und nach 3 219 einander aus dem Garten zu locken; im Heimwege theilte ich ihnen den ganzen Vorfall mit und wir legten nun einen Gegenplan an. Es war faſt Nacht, als wir den„Telegra⸗ phen“ erreichten und nur zwei von den Schwarzen an Bord fanden, die uns, als wir ihnen den ganzen Umſtand mit⸗ getheilt hatten, bereitwillig hülfreiche Hand leiſteten; wir ſchleppten nun, wie ſich's von ſelbſt verſteht, einiges Getränke herbei und verſuchten uns die Zeit ſo gut wie möglich zu vertreiben, bis die Stunde herannahte, wo die Mine ſprin⸗ gen ſollte.— Pünktlich zur anberaumten Zeit hörten wir Fußtritte auf dem Quai und ein paar Männer hielten längs des Schiffes; wir verſteckten uns hinter die Bollwerke, und alsbald kamen die ſauberen Herren nach einander an Bord. Unſere Neger waren indeß zu ungeduldig und ſtürzten etwas zu frühe auf ihre Beute los; drei von den Schuf⸗ ten fielen uns in die Hände, allein die andern Zwei ent⸗ kamen, indem ſie auf's Quai hinunter ſprangen und Fer⸗ ſengeld gaben. Da wir Alle an der Stelle unſerer Kapitäne handeln konnten, waren wir zu unſerem Verfahren ganz berechtigt.— Die drei Burſche waren Engländer und ge⸗ hörten ohne Zweifel zu der Fregatte, wie ſie vorgaben. Als ſie ſich tüchtig geknebelt ſahen und keinen Offizier unter uns bemerkten, legten ſie ſich auf's Bitten, behaupteten, ihr Leben ſey verfallen, falls wir ſie den Gerichten auslieferten, und drangen in uns, ſie in Freiheit zu ſetzen. Nachdem wir ſie etwa eine halbe Stunde geängſtigt hatten, gaben wir endlich ihren Bitten nach und ſetzten ſie auf freien Fuß. Sie waren ſehr dankbar dafür, zumal als ſie er⸗ fuhren, was zwiſchen mir und ihrem Spießgeſellen am Lande ſich zugetragen hatte; dieſer Burſche war einer der Ent⸗ ſprungenen und ſchien ganz zum Befehlshaber einer See⸗ räuberbande geeignet zu ſeyn. Am andern Tage ſtachen die beiden Kriegsſchiffe wieder in See, und nahmen wahrſcheinlich die zukünfti⸗ gen Seeräuber wieder mit ſich. Was uns Matroſen an⸗ belangt, ſo verſchwiegen wir die ganze Angelegenheit un⸗ 15* 220 ſeren Offizieren, da ich es hinterher faſt bereute, dieſe Schufte in Freiheit geſetzt zu haben. Man weiß kaum, was man in einem ſolchen Falle thun ſoll, da man wahrlich keine Freude daran haben kann, einen Mit⸗ menſchen an den Strang zu liefern, und doch auch nicht gerne einen Spitzbuben entſchlüpfen laſſen will; un⸗ ter allen Hallunken aber verdient ein Seeräuber am we⸗ nigſten Schonung, und doch iſt es für einen Matroſen wiederum kein angenehmer Gedanke, den Henker zu ſpie⸗ len. Käme ich jetzt wieder in einen ähnlichen Fall, ſo würde ich mich wahrſcheinlich durch keine Rückſicht ab⸗ halten laſſen, meine Gefangenen in feſten Gewahrſam zu bringen.. Wir luden unſern Cargo an Mehl aus, und da die Hoffnung, den Schooner zu verkaufen, fehl ſchlug, nahmen wir dürres Holz ein und kehrten nach New⸗York zurück. Ich machte nun einen ernſten Verſuch, meine Lebensweiſe und Laufbahn zu ändern, und gab mir viele Mühe, mich auf der Leiter der bürgerlichen Geſellſchaft um ein paar Sproſſen höher zu bringen; ſeither war es mir gleichgültig geweſen, ob ich als Offizier oder Ma⸗ troſe in See ging, und nur die Zeit, wo ich meine Hei⸗ rathspläne mit Sara vorhatte, machte davon eine Aus⸗ nahme. Nun war ich faſt dreißig Jahre alt und fühlte wohl, daß es die höchſte Zeit ſey, etwas zu meinen Gunſten zu thun. Als ich mich näher umſah, machte ich eine Brigg, den„Hippomenes,“ ausfindig, die nach Gibraltar und wieder zurück beſtimmt war; ich trat als Matroſe an Bord deſſelben, führte aber eine Giſſung*) und gab mir alle Mühe, mich ſo zu betragen, daß ich mich zum Offizier qualifizirte. Der Hinweg war eine ſtürmiſche Winterfahrt, die Heimreiſe aber deſto angenehmer, allein mit keinem der Erwähnung werthen Vorfälle verknüpft. Ich befleißigte mich fortwährend eines möglichſt muſter⸗ *) Giſſung, engliſch Reckoning, wird die muthmaßliche hatzuns des Weges genannt, den ein Fahrzeug zu- approximative S⸗ rückgelegt hat. 221 haften Betragens, und trat nach kurzem Aufenthalte am Lande an Bord der„Belle Sauvage,“ die einer der Ge⸗ fangenen von Halifar, welcher mit mir in Freiheit geſetzt worden und auf der ſchwediſchen Brigg nach Hauſe gekehrt war, kommandirte. Dieſer Bekannte aus alter Zeit zeigte ſich bereit, mich als Steuermann mitzunehmen und ſchloß auch einen Kontrakt mit mir ab; die„Belle Sauvage“ war einer der regelmäßig nach Curacoa fahrenden Kauf⸗ fahrer, und ging etwa zwölf Tage nach meiner Rückkehr an Bord des„Hippomenes“ bereits wieder unter Segel. Hin⸗ und Herfahrt waren glücklich und angenehm gewe⸗ ſen, und ich blieb auf dem Fahrzeuge, und beſtrebte mich fortan, eifrigſt meine frühere Gleichgültigkeit gegen mich ſelbſt und meinen Leichtſinn abzulegen; ich kann freilich nicht ſagen, daß ich ernſtlich geſonnen war, Erſparniſſe für die Zukunft zurückzulegen, da es mir beinahe zum Grundſatz geworden war, in den Tag hinein zu leben. Unſere zweite Reiſe nach Curacoa in der„Belle Sauvage,“ war wiederum äußerſt angenehm, allein ohne Abenteuer, die der Erwähnung werth wären. Zu Eu⸗ racva nahmen wir Mahagoniholz an Bord, und einer der Blöcke, den wir eben an Bord ziehen wollten, ent⸗ glitt dabei aus dem Krahn und ſchlug gegen die Seite des Schiffes an. Wir bemerkten unmittelbar darauf nicht, daß der Sturz uns Schaden gethan, fuhren fort, uns mit verſchiedenen Artikeln, hauptſächlich Farb⸗ holz, Kaffee, Kakao ꝛc. zu verſehen, und nahmen auch etliche Paſſagiere ein, unter welchen ſich ein jüdiſcher Kaufmann befand, der eine beträchtliche Summe baaren Geldes an Bord brachte. Als unſere Ladung geborgen war, gingen wir, gerade dreißig Köpfe ſtark, wenn wir Paſſa⸗ giere und Mannſchaft zuſammenrechneten, unter Segel. Die„Belle Sauvage“ hatte ſchon die Antillen hinter ſich und fuhr eines Tages bei ſchönem Wetter und einer Briſe von fünf bis ſechs Knoten auf ihrem Kurs dahin, hatte nur ein Vormars⸗Leeſegel aufgeſetzt, und Alles ſchien uns ganz erwünſcht zu gehen. Die Brigg mochte 222 etwa eine Tagereiſe ſüdlich von Bermuda entfernt ſeyn. Ich hatte die Wache unten, kam aber, weil ich eben gefrühſtückt hatte, auf's Verdeck, um mich ein Bischen umzuſehen, als ich auf einmal mit Ueberraſchung be⸗ merkte, daß das Schiff tiefer als gewöhnlich in See ging; ich machte einen Mann an den Vorderputtingen darauf aufmerkſam, und er beſtätigte meine Beſorgniß; der Matroſe lehnte ſich über Bord, um beſſer nachſehen zu können, und brach nun plötzlich voll Angſt in den Ruf aus: der Kopf einer Planke ſey abgeſprungen, und das Fahrzeug zeige ein weit klaffendes Leck. Ich lehnte mich nun ebenfalls über Bord und muſterte dieſen gefährlich ſcheinenden Schaden; es war leider nur allzu⸗ wahr, daß einer der Plankenköpfe hart unter den Put⸗ tingen ſich gelöst hatte, allein ſo tief unten nach dem Kiele zu lag, daß wir ihm gar nicht beikommen konn⸗ ten. Die Planke hatte ſich einen ganzen Zoll weit abge⸗ löst und war vornen und hinten abgeſprungen. Wir unterſuchten ſo ſchnell wie möglich den Pumpenſod, und fanden das Schiff halb voll Waſſer. Die ganze Mannſchaft wurde nun aufgeboten, um beide Boote auszuſetzen, und es war in der That auch keine Zeit damit zu verlieren, denn während wir noch da⸗ mit beſchäftigt waren, ſtieg das Waſſer ſchon über den Kajütenboden herauf; wir hielten uns nicht lange damit auf, die Taljen aufzubinden, ſondern hieben die Regelinge alsbald hinweg, und ſetzten das Langboot unverweilt in See. Die Paſſagiere, Männer, Weiber, Kinder und Dienſtboten, wurden nun ſchnell hinuntergebracht, und wir Andern folg⸗ ten ihnen. Glücklicherweiſe hatte eine Brigg eine Zeit lang gleichen Kurs mit uns gehalten, die uns jetzt kaum um zwei Meilen voran war, da ſie etwas ſchneller ſegelte, als die„Belle Sauvage;“ wir hißten nun unſere Flagge auf, und zwar die Nationalflagge nach unten, als Zeichen der Noth, da wir wohl wußten, daß es ihr nicht entgehen konnte, wie unſer Fahrzeug immer tiefer verſinke, falls ihr je unſere Nothflagge entginge. Die Brigg bemerkte indeß un⸗ ..(G.G.Gꝗ&(ꝗ⁊(8ꝗ-8ꝗ8.-ꝗ8-————=— 4 0 23 b ſer Signal, ſo wie es ihr auch nicht entgehen konnte, daß die„Belle Sauvage“ frei auf den Fluthen treibe, nachdem wir das Steuerruder Preis gegeben hatten, weßhalb ſie denn auch alsbald beilegte, ehe wir noch das Boot aus⸗ geſetzt hatten. Dadurch wurden wir der Mühe uberhoben, uns mit Nahrung oder Waſſer zu verſehen, und waren nun bald im Stande, davon zu rudern. Ich befand mich mit drei Matroſen in dem kleinen Boote, und wir ruder⸗ ten eine kurze Strecke weit weg, um ſtille zu liegen, bis wir unſer ſchönes Fahrzeug mit feuchten Augen hatten untergehen ſehen. Selbſt das Gold, der koſtbare Staub, der ſo viele Seelen in ewiges Verderben lockt, wurde im Stich gelaſſen, als Alle ſich beeilten, den Reſt des Lebens zu retten, den ſie noch auf der Erde zubringen ſollten. Die„Belle Sauvage“ ſank langſam in's Meer hinab, indem ein Segel um's andere verſchwand, und das Ober⸗ bramſegel war das letzte, was wir von ihr aus dem Ge⸗ ſichte verloren, als es wie das Sturmſegel von dem Boot eines Kriegsſchiffes noch über das Waſſer emporragte. Es iſt ein eigenthümlich erhabener, feierlicher Anblick, ein Fahr⸗ zeug auf dieſe Weiſe in den mächtigen Schlund des Oceans hinuntertauchen zu ſehen. Die Brigg, welche vor uns lag, erwies ſich als die„Mary“ aus New⸗York, die auf der Heimkehr von St. Thomas begriffen war; man nahm uns liebreich an Bord, und landete uns Alle ſechs Tage ſpäter nicht weit von Fulton Market. Als mein Fuß das Land wieder betrat, konnte ich all' mein Hab und Gut mit dem Hut überdecken, und meine Taſchen waren ſo leer, wie ein Fahrzeug mit friſch gekehrtem Raum. Auf dem Quai ſelbſt erblickte ich einen alten Bekannten, der einſt Unter⸗ ſteuermann in der„Tontine,“ dem kleinen Fahrzeug gewe⸗ ſen war, auf welchem ich gedient hatte, nachdem ich vom „Sterling“ entlaufen; er war nun Kapitän einer Brigg, „Mechanic“ genannt, die ganz in der Nähe nach Trinidad de Cuba in Ladung war. Ich erzählte ihm meine Ge⸗ ſchichte, und er nahm mich auf der Stelle als Matroſen gegen einen Monats⸗Gehalt von neun Dollars in Dienſten. 224 Ich war nun alles Ernſtes der Anſicht, daß ich nur zum Unglück geboren ſey, und kümmerte mich, da ich ohnedem halb nackt war, auch wenig darum, was in Zukunft aus mir werden würde. Ich beſaß nicht einmal die Mittel, mir die Ausrüſtung eines Steuermanns zu verſchaffen, obwohl ich möglicherwe iſe vielleicht Kredit gehabt hätte; allein ich hatte es mein Lebenlang vermieden, mich in Schulden zu ſtürzen. Hier ging mein Fahrzeug wieder den Krebs⸗ Gang, und ich hatte eine neue See vor mir, die ich über⸗ ſchiffen ſollte.— Der„Mechanic“ ſegelte vier oder fünf Tage nach der Ankunft der„Mary“ ab, und ich legte wieder den alten Weg zurück; wir hatten keinen ſonderli⸗ chen Unfall, bis wir die Südküſte von Cuba erreicht hat⸗ ten, und nun erwies ſich's, daß mein Mißgeſchick mich gerade in dem Augenblick auf einen Weſtindienfahrer ver⸗ ſchlagen hatte, als die Seeräuberei in dieſen Gewäſſern in ihrer höchſten Blüthe ſtund. Der Inſel Pinos gegen⸗ über erblickten wir nämlich eines Morgons landwärts von uns einen Schooner und eine Sloop, die beide alsbald Jagd auf uns machten; wir erkannten ſie für Piraten und ſetzten alle Segel aus, um ihnen zu entkommen. Der Ka⸗ pitän war entſchloſſen, nöthigenfalls ſogar bis nach Jamaika zu ſegeln, wo er auf etliche engliſche Kreuzer zu ſtoßen hoffte. Der Schvoner war ein Schnellſegler und hätte uns bald eingeholt, allein man beging an ſeinem Bord den Irr⸗ thum, Stutzſegeln aufzuſetzen, und von dieſem Augenblick an gewannen wir Vorſprung; wir waren in unſerer Brigg der Anſicht, daß das kleine Fahrzeug mit einem ſolchen Druck von oben zu tief im Waſſer ging. Die Jagd dauerte den ganzen Tag— einen Sonntag— und einen Theil der Nacht an, am folgenden Morgen aber war von unſern beiden Verfolgern keine Spur mehr zu ſehen. Unſer Kapitän, ein gewiſſer Ray, glaubte, den Befehlshaber des Piraten⸗Schooners zu kennen, einen Mann, der ihm Tod⸗ feindſchaft geſchworen hatte, und es ſchien auch, als ob unſere Brigg den Piraten bekannt ſey, da ſie regelmäßig den Handel nach Trinidad betrieb. Dieſe Gründe beſtimm⸗ ————„. ̈—— —— 1 ſ ten zu geſchehen pflegte. 225 ten den Kapitän, noch vorſichtiger zu ſeyn, und unſere Flucht noch eifriger zu betreiben, weil, wir von den Pira⸗ ten nur das Aeußerſte zu erwarten hatten. 3 Als wir die Küſte wieder rein fanden, kehrten wir auf unſern alten Kurs zurück und erreichten ohne fernere Belaͤſtigung unſern Hafen. Eine derartige Jagd war etwas ſo Gewöhnliches, daß man darüber nicht viele Worte verlor. Wir löſchten unſern alten und nahmen neuen Cargo ein, und ſegelten zu rechter Zeit wieder nach Hauſe. Wir hatten Sorge getragen, möglichſt frühe un⸗ ter Segel zu gehen und gebrauchten die Vorſicht, ein Boot voranzuſenden, um zu ſpähen, ob die Küſte ſicher ſey, ehe wir die hohe See ſuchten. Wir erfuhren indeß keinerlei Aufenthalt, ſondern liefen zu gehöriger Zeit in New⸗York ein.— Kapitän Ray drang in mich, auf der Brigg zu bleiben, allein ich fühlte eine Abneigung, über welche ich mir ſelbſt nicht genaue Rechenſchaft zu geben vermochte, gegen eine Rückkehr nach Trinidad. Das Fahrzeug gefiel mir und auch dem Kapitän war ich gewogen, und vor Seeräubern fürchtete ich mich nicht,— dennoch aber empfand ich ein unheimliches unbeſchreibliches Widerſtreben, mich nech einmal auf dieſem Fahrzeuge einzuſchiffen. Es war eine Ahnung, die mich nicht trügte, denn ich erfuhr ſpäter, daß der Schooner der Piraten die Brigg ſchon auf ihrer nächſten Fahrt einholte, die ganze Mannſchaft niedermachte und das Fahrzeug Angeſichts des Hafens in Brand ſteckte; — ich hetrachte ſeither dieſes Entrinnen aus der augen⸗ ſcheinlichſten Todesgefahr für eine der manchfachen un⸗ verdienten Gnadenbezeugungen, welche ich der Vorſehung zu danken hatte. Mein nächſter Dienſt war der eines Unterſteuer⸗ manns in einem ganz neuen Schiffe, dem„Franklin“, der den regelmäßigen Dienſt nach Charleſton beſorgte und dortigen Rhedern gehörte. Ich machte die Reiſe mit und lief, was etwas ganz Unerhörtes war, nicht in dem ſüdlichen Hafen ein, was an dieſem Orte nur ſel⸗ 226 Ich bekam als Unterſteuermann im„Franklin“ nur zwölf Dollars monatlich, und vertauſchte daher dieſe Stelle mit einer andern in gleicher Eigenſchaft, aber mit zwanzig Dollars Gehalt, an Bord eines andern Schiffes, Namens„Foſter“, unter dem Befehl deſſelben Kapitäns, der einſt auf meiner erſten Reiſe nach Ir⸗ land die„Jane“ commandirt hatte. Der„Foſter“ war nach Belfaſt beſtimmt, deſſen Hafen wir ohne einen Un⸗ fall erreichten. Wir nahmen Salz und ein paar Kiſten Leinwand, nach Norfolk beſtimmt, ein, gelangten glück⸗ lich ans Ziel unſerer Reiſe, löſchten die Ladung und liefen in den James⸗Fluß ein, um ſtromaufwärts nach City Point zu fahren und dort einen Cargo Taback ein⸗ zunehmen. Von hier aus ſegelten wir nach Rotterdam, und das Schiff brachte als Rückfracht ein Quantum Genever(Wachholderbranntwein) mit, der mir einigen Verdruß bereitete. Unſere Heimfahrt war ſehr ſtürmiſch — eine der unruhigſten und gefährlichſten, die ich zur See erlebte. Das Steuerruder ward abgeriſſen und konnte nur mit vieler Mühe wieder befeſtigt werden; auch mußten wir unſere drei Topmaſten ſämmtlich ein⸗ hohlen, um nur die Spieren zu retten, worauf wir denn nur doppelt gereffte Topſegel führen konnten. Es war mitten im Winter, und der Wind hielt lange aus Weſten an. Der Schiffskoch, ein grober mürriſcher Neger, verrichtete ſeine Pflicht nur ſäumig, und ſperrte ſich ſtets, uns Kartoffelmuß zu bereiten, obwohl wir Kartoffeln genug an Bord hatten. Unſere ſämmtliche Mannſchaft bis auf fünf Mann war dienſtunfähig, und die Wenigen, welche noch brauchbax waren, wurden nun natürlich doppelt in Anſpruch genommen. Wir beſchloſſen deßhalb am Ende, dem Schwarzen durch den Sinn zu fahren, und ich packte ihn und band ihn an die Schiffs⸗ winde. Die ganze Mannſchaft bis auf den Kapitän, zog an ihm vorüber und Jeder gab ihm drei Prell⸗ hiebe mit einem Holzſcheite, daß der Burſche nach See⸗ — ——— 227 mannsbrauch ordentlich gekobbt*) wurde,— eine ge⸗ rechte Strafe für unſern Koch. Dieſe Execution bewirkte, daß wir fortan unſer Kartoffelmuß ordentlich erhielten, allein man kann ſich's wohl denken, daß der Schwarze ſich den ganzen Handel hinter die Ohren ſchrieb. Er war insbeſondere auf mich erbost, weil ich der Anſtifter zu der Strafe des Kobbens geweſen war. Das ſchlimme Wetter hielt noch lange an, die Wachen waren ſehr ermüdet, und die Schiffs⸗ mannſchaft erhielt keinen Grog. Ich konnte, oder viel⸗ mehr ich wähnte, es nicht länger auf dieſe Weiſe er⸗ tragen zu können, ſchlich mich unter Deck, ſuchte tappend eines der Fäſſer mit dem Genever, zapfte es an, ſteckte das Mundſtück einer reinen Thonpfeiſe hinein und nahm nun einen herzhaften Schluck; meine ganze Wachmannſchaft machte ſich dieſe Gelegenheit zu Nutze, und ſchmauchte aus derſelben Pfeife, erſt am einen Faſſe, hernach an einem andern, bis wir in den Hafen eingelanfen waren. Die Backbordwache that gleicher⸗ maßen, und ich möchte faſt glauben, daß wir es nur dem ſtarken Getränke zu danken hatten, wenn wir glück⸗ lich davon kamen. Mein Unſtern hatte jedoch gewollt, daß das Holz des Kochs gerade zwiſchen jenen Fäſſern aufgeſtaut war, und als eines Morgens gerade der letzte kam uns der Krauskopf des gedachten Herrn Kochs zu Geſicht, der oben unter der Luke ſtand, durch welche wir herunterzugehen pflegten. Er ſchwieg indeß bis zu dem Augenblick, wo uns unſer Gehalt ausbezahlt wurde, wo denn auf einmal der Schwarze mit ſeiner Erzählung herausrückte. Ich geſtand Alles zu und beharrte zu⸗ gleich auf der Behauptung: wir hätten nie das Schiff *) Dies iſt eine Strafe, welche diejenigen Matroſen trifft, die ihren Nachtpoſten verlaſſen haben, und darin beſteht, daß die ganze Mannſchaft des Schiffs an ihnen vorüberzieht, und ſie mit einem flachen Holze derb auf den Rücken klopft. Anm, d. Ueberſ. von uns, um zu rauchen, das Faß aufgeſpundet hatte, — 228 zu regieren vermocht ohne den Gin, allein es half nichts, und obwohl Kapitän und Schiffseigenthümer vielleicht ſelbſt nicht gut dazu ſahen, daß man uns ver⸗ klagt hatte, durften ſie die Sache doch nicht in den Wind ſchlagen, und man zog mir fünfundzwanzig Dollars vor der Naſe weg. Ich verließ nun das Schiff; ich weiß, daß ich Unrecht und die Schiffsherren Recht hatten, allein ich glaube nichts deſtoweniger, daß, ſo ſchädlich der Gin bei reichlichem Genuſſe iſt, er dießmal uns nur heilſam war. Man jagte mich indeß nicht vom Schiffe, ſondern Kapitän und Schiffsherren drangen vielmehr in mich, bei ihnen zu bleiben; ich war jedoch ärgerlich auf ſie und trat aus ihren Dienſten. 4 Daß ich keine ungünſtigen Zeugniſſe von ihnen er⸗ hielt, erhellt wohl am beſten aus der Thatſache, daß ich noch am ſelben Tage als Unterſteuermann an Bord des„Washington,“ eines nach London beſtimmten Fahr⸗ zeugs, das hart neben dem„Foſter“ vor Anker lag, an⸗ genommen wurde, und hier ſogar noch höhern Gehalt erhielt. Auf dieſer Reiſe kam ich nun zum Erſtenmal wieder nach London, ſeit ich es an Bord des„Sterling“ beſucht hatte; es lag eine allzulange Strecke Zeit da⸗ zwiſchen, als daß ich noch alte Bekannte hätte treffen können, und ich war inzwiſchen aus einem Knaben ein reifer Mann geworden. Hier ward ich zum Erſten⸗ mal mit dem Transport von Paſſagieren bekannt ge⸗ macht, da unſer Schiff auf jeder Fahrt deren Mehrere an Bord hatte. Ich blieb ein ganzes Jahr an Bord des„Washington,“ machte aber nur drei Reiſen, die letzte in der Eigenſchaft eines erſten Steuermanns, auf ihm; in den vier erſten Fahrten über den atlantiſchen Ocean begegnete mir nichts, was der Erwähnung werth wäre, und nur die fünfte brachte etwas mehr Abwechs⸗ lung in mein Leben. Auf jeder Fahrt, die wir mit ihm machten, hatte der„Washington“ bewieſen, daß er zum Leckwerden ſehr geneigt ſey. In London hatten wir ihn zweimal kalfa⸗ — ——D ———— 229 tern laſſen, was ihm ſehr wohl bekommen war. In der erſten Woche unſerer fünften Fahrt hielt ſich das Schiff waſſerdicht, weil der Wind mäßig und das Wetter gün⸗ ſtig war; es trat aber auf einmal heftiger Wind und Sturm ein, als wir gerade der öſtlichen Seite der Banks uns näherten, und das Schiff, das unter dichtgerefftem Hauptmarsſegel und Fockſegel lenſſte, arbeitete und ſtieß ſo fürchterlich, daß mir ganz unheimlich zu Muthe wurde. Ich wußte, daß das Fahrzeug überladen war, und fürch⸗ tete mich vor der Wirkung eines jähen Windſtoßes. Ich hatte es ſtets in der Gewohnheit, eine der Pumpen fer⸗ tig zu halten, um den Pumpenſood zu unterſuchen, und vernachläſſigte dieſe Maßregel der Vorſicht nie, ſo oft ich die Wache hatte. Als der Sturm ſeinen höchſten Grad erreicht hatte— ich hatte eben die Vormittagswache unter Deck— ward mir ſo bang und unbehaglich zu Muthe, daß ich aus meiner Hängematte ſprang und mich auf's Verdeck begab, ohne andere Kleider, als meine Beinkleider, um die Pumpen wieder zu ſondiren, obwohl ich ſie kaum vor zwei Stunden unterſucht und das Waſſer nur bis zur Höhe des Saugeſchlauchs gehend erfunden hatte;— ſeit⸗ her war es, wie ich nun zu meinem größten Erſtaunen inne wurde, um drei Fuß geſtiegen! Dieſe Veränderung war ſo plötzlich und ſo namhaft, daß wir Alle wähnten, es walte hier ein Irrthum ob; ich nahm deßhalb die Senkruthe wieder hinunter, trock⸗ nete ſie und beſtreute ſie an ihrem unteren Theile mit Aſche. Noch hatte ich ſie nicht eine volle Viertelſtunde getrocknet, als wir ſie wieder hinunterließen, und es erfand ſich diesmal, daß das Waſſer unterdeſſen um mehrere Zolle geſtiegen war. 1 Nun gewann die Sache einen ernſteren Anſchein, und ich dachte nachgerade bereits, es werde wohl auch noch ein drittes Fahrzeug mir unter den Füßen unter⸗ gehen. Nach kurzer Berathung ward beſchloſſen, das Schiff zu erleichtern; man zog das Fockſegel zuſammen, die Mannſchaft ſtieg in's Takelwerk empor, um von den Wellen nicht mehr getroffen zu werden, und das Fahr⸗ zeug ward gewendet. Wir ſchlugen nun die Satborde in der Richtung der beiden Luken hinweg, und begannen die Terpentinfäſſer aufs Verdeck zu rollen. In meinem ganzen Leben fühlte ich mich nie ſo ſtark, oder verrich⸗ tete ſo viele Arbeit in ſo kurzer Zeit. Unter der Arbeit ging ich einmal unter Deck, um ein wenig auszuruhen, goß ein Unterſteuermanns⸗Schlückchen Branntwein in mein Glas und füllte es mit einem Stoffe auf, welchen ich für Waſſer gehalten hatte, der aber, wie ſich hernach ergab, nur Genever von der beſten Sorte war, und trank die Miſchung auf Einen Schluck aus. Dieſer Trunk würde mich zu anderer Zeit vollkommen, beſinnungs⸗ los gemacht haben, allein damals hatte er auf mich keine andere Wirkung, als eben ſo viel kaltes Waſſer. Wir ſchafften unſre ganze Ladung auf dieſe Weiſe aus dem Zwiſchendeck herauf auf's Verdeck, wo ſie als⸗ dann von ſelbſt in die See rollte, und wollten eben auch mit dem untern Raum beginnen, als uns der Kapitän Einhalt gebot, da die Pumpen uns Erleichterung ver⸗ ſchafften. Eine halbe Stunde ſpäter ſaugten ſie wieder und das waren erfreuliche Neuigkeiten für uns, da ich ſchon gefürchtet hatte, wir würden in die Boote getrie⸗ ben werden. Unter unſerem Cargo befanden ſich auch etliche eingeſalzene Kalbshäute; mitten im höchſten Sturm ſah ich, wie unſer Koch an einem Faſſe den Spunt aus⸗ ſchlug und etliche von den Häuten darin barg. Als ich ihn um den Grund davon befragte, meinte er, er wolle etliche von dieſen ſchönen Häuten mit nach Hauſe neh⸗ men, weil es doch ſchade wäre, wenn ſie verloren gingen. Sobald die Pumpen ſogen, ward das Fahrzeug wieder auf ſeinen früheren Kurs geſteuert, und erwies ſich ſo feſt und waſſerdicht, wie eine Flaſche. Acht oder zehn Tage ſpäter, als wir unter unſerm Leeſegel auf dem Kurſe hin⸗ ſteuerten, bemerkten wir vor uns ein großes Schiff, das wie das unſere vor dem Winde ging, allein gereffte Marsſegel mit Bramſegeln darüber und eine geſenkte und viele Segel zu Geſicht bekamen, drangen die 231 Flagge(ein Nothzeichen) führte. Wir ſteuerten natür⸗ lich raſch darauf zu, und ſahen bei unſerem Näher⸗ kommen, daß es voll Menſchen und die Mannſchaft mit Pumpen und Ausräumen des Schiffs beſchäftigt war. Die armen Burſche dauerten uns, und wir legten uns an ihre Langſeite und erkundigten uns nach ihrem Zu⸗ ſtande; ſie antworteten uns zunächſt mit drei Hurrahs und ließen uns hierauf ihr Leid vernehmen. Das Fahrzeug war ein engliſches Lichterſchiff, nach Neubraunſchweig beſtimmt und ganz mit Soldaten an⸗ gefüllt; es hatte, wie das unſrige, einen Leck bekommen, und konnte nur durch anhaltendes Pumpen und Erleichte⸗ rung noch flott erhalten werden; wegen des Windes und der weiten Entfernung von ſeinem Beſtimmungsorte jedoch hatte es der Kapitän für das Gerathenſte gehalten, nach England zurückzuſteuern; er bat nun den unſern, in der Nähe des Transportſchiffes zu bleiben, und wir verkürz⸗ ten deßhalb unſre Segel. Drei Tage und drei Nächte hielten wir gleichen Kurs mit dem Fahrzeuge, entfern⸗ ten uns nicht einmal um Hörweite von ihm, und unſre Paſſagiere und Offiziere ſpeisten und tranken häufig an Bord des Transportſchiffs und umgekehrt. Als wir am vierten Tage uns bei ſchönem Wetter und günſtigem Winde unſerer Berechnung nach in der Nähe des Kanals befinden mußten, erklärten wir den Engländern unſern Entſchluß, voranzuſegeln, das Land ausfindig zu machen, und ſodann wieder umzukehren. Wir blieben dabei ſo lange aus, daß uns die armen Burſche hinterher geſtan⸗ den, ſie hätten bereits gefürchtet, daß wir ihnen ent⸗ wiſcht ſeyen; dieß war jedoch keineswegs unſere Abſicht geweſen, denn wir hatten nicht ſobald das Land wahr⸗ genommen, als wir wieder umkehrten und ihnen die er⸗ freuliche Nachricht brachten. Sie brachten uns wiederum ein Hurrah aus, als wir zu ihnen zurückkehrten, und beide Schiffe fuhren nun vollends mit einander dahin. Als wir am andern Morgen das Land erblickten 32 Engländer in uns, nun unter Segel zu gehen, da ſie ihr Fahrzeug ganz leicht nach Falmouth hineinbringen konn⸗ ten. Wir folgten ihrem Rathe, und kamen zu gehöriger Zeit in London an. Bei unſerer Rückkehr nach New⸗ York wurde der„Washington“ verkauft, und ich verlor meine günſtige Anſtellung auf dieſem Fahrzeuge, obwohl ich mit einem guten Zeugniſſe auf ein anderes Fahrzeng kam, und die gleiche Stelle erhielt. Dreizehntes Kapitel. Mein nächſtes Fahrzeug war der„Kamillus“, ein Schiff, das über Charleſton nach Greenock beſtimmt war. Wir erreichten den letztern Hafen ohne beſondern Unfall und nahmen eine Ladung an Baumwolle ein. An einem Sonnabend lag das Schiff ſegelfertig, und der Kapitän war an's Land gegangen, nachdem er mir mitgetheilt, daß er früh Morgens an Bord kommen werde, um bei günſtigem Winde alsbald in See zu gehen. Ich gab der Mannſchaft ihren Sonnabend⸗Schlaftrunk, und ging in die Kajüte hinunter, um mir ſelbſt den Mund zu netzen. Ich trank nur ein paar Gläſer Branntwein, aber jedenfalls mehr, als dem Menſchen nütze iſt, obwohl ich es nichts weniger als betrunken war; kurzum, ich hatte zuviel im Kopfe, obwohl ich nöthigenfalls auch das Doppelte hätte ertragen können. Der Proviantmeiſter war eben⸗ falls an's Land gegangen, und ich befand mich, da wir keinen zweiten Steuermann an Bord hatten, ganz allein. f Unter ſolchen Umſtänden hörte ich plötzlich Lärm über mir und ging auf's Deck, um mich nach der Ur⸗ ſache deſſelben zu erkundigen; mein ehemaliges Fahrzeug der„Franklin,“ hatte ſeinen Ankergrund geändert und ſein Klüverbaum war gerade in unſer Taffreel gerathen. Nachdem ich ihn ein paarmal geprait, erſtieg ich das Taffreel, um unſern Nachbar fortzuweiſen, als ich auf einmal durch meinen eigenen Leichtſinn kopfüber hinunter⸗ ſtürzte, gegen das Schampdeck des Bootes ſtieß, das in 5 233 halber Höhe an den Penterbalken hing und in's Waſſer fiel. Die Fluth riß mich mit ſich fort und führte mich zwiſchen die Quais und den Rumpf des Schiffes, das hinter uns lag und zufälligerweiſe der„William Thomp⸗ ſon,“ Kapitän Thompſon, Schiffseigenthuͤmer Thompſon, Steuermann Thompſon, kurzum„lauter Thompſon“ war, wie Matthews zu ſagen pflegte. Kapitän Thompſon las in der Nähe der Kajütenfenſter, hörte glücklicherweiſe mein Stöhnen, machte Lärm und ſetzte ein Boot aus, das mich aufnahm. Da die Nacht dunkel war und ich nach dem Fall mein Bewußtſeyn gänzlich verlor, erſcheint mir dieſe Rettung aus ſo augenſcheinlicher Gefahr nicht minder merkwürdig, als die aus dem Rachen des Haifiſchs in Weſtindien und von der Kanone des alten Trant in der Nacht, wo die„Peitſche“ unterging. Ein paar Stun⸗ den lag ich ohne Bewußtſeyn da, und zwar nicht in Folge des vielen Getränks, ſondern des Falles, da ich mich noch deutlich aller, auch der unbedeutendſten Umſtände bis zu dem Augenblick erinnere, wo ich vom Taffreel herunter⸗ ſtürzte. Doch muß ich bekennen, daß der verdammte Branntwein allein Schuld iſt, da ich gerade ſo viel ge⸗ trunken hatte, als meine Sorgfalt und Vorſicht ein⸗ ſchläferte.— Am andern Morgen verſagte mir mein linker Arm allen Dienſt und ich wandte mich an einen Arzt, der mir jedoch eröffnete, daß er keinem Menſchen Beiſtand zu leiſten pflege, bevor man ihm nicht ſein Ho⸗ norar eingehändigt. Ich gab ihm einen Dollar und er löste mir nun das Räthſel: ich hatte das Schlüſſelbein gebrochen.—„Wenn Ihr mir nun noch einen Dollar gebt,“ ſetzte der würdige Herr hinzu,„ſo will ich Euch den Schaden einrichten!“ und er erfüllte ſein Verſpre⸗ chen, als ich ihm den andern Spanier eingehändigt hatte. Inzwiſchen war es außer allem Zweifel, daß ich nicht zu Schiffe gehen konnte, und ich wurde genöthigt, einen jungen Mann zu dingen, der meine Stelle an Bord des Edward Myers. 3 16 234 „Kamillus“ derſahe ſo daß ich um die Reiſe und um meinen Platz auf dem Fahrzeug kam. Da ſaß ich nun am Lande und hatte ein paar Mo⸗ nate ohne Arbeit vor mir; ſeit ich an Bord des„Wa⸗ ſhington gekommen war, hatten meine Umſtände ſich augen⸗ ſcheinlich gebeſſert, meine Ausſichten gewonnen und ich bin überzeugt, daß ich, falls es mir möglich geweſen wäre, auf dem„Kamillus“ zu bleiben, es noch zum Ka⸗ pitän gebracht haben würde. Ich hatte Erſparniſſe ge⸗ macht, hatte allmählig den Geſchmack an den Vergnü⸗ gungen der Matroſen verloren, da man mich während meines Aufenthalts im Hafen in beſſexe Geſellſchaft ge⸗ zogen, und batte mehr Selbſtachtung und Sel bſtgefühl gewonnen. Der Fall vom Taffreel herab eröffnete mir aber wiederum den Weg zum Krebsgang, und ich erholte mich nie wieder von der Schlappe, die meine Laufbahn dadurch erhielt. Ich verweilte mehr als zwei Monate am Lande und⸗ war um meines Armes willen genöthigt, mich anſtändig und vernunftgemäß aufzuführen. Nach Verfluß jener Friſt trat ich an Bord der„Sally,“ eines ebenfalls nach Greenock beſtimmten Fahrzeugs, als Unterſteuer⸗ mann. Das Schiff gehörte Rhedern in Charleſton und ſeiner Beſtimmung zufolge ſollte es wieder in ſeinen eige⸗ nen Hafen zurückkehren; die Reiſe ging glücklich von Statten, und mein Arm genaß wieder vollkommen. Als wir in Charleſton anlangten, verließ ich das Fahr⸗ zeug, das abgetakelt wurde, und ſchiffte mich als erſter Steuermann in dem Schooner gleiches Namens, der nach St. Domingo beſtimmt war; es war freilich kein großes Schiff, aber dafür ſehr feſt, waſſerdicht und ein tüchtiges Seeboot. Unſer Fahrt war ſehr günſtig und wir er⸗ reichten wohlbehalten Cap Henry. Nachdem wir unſere Ladung gelöſcht und eine Quantum Doublonen— vier⸗ hundertundachtzig Stück, wie man an Bord behauptete — auf's Schiff geſchmuggelt hatten, gingen wir wieder auf der Inſel Cuba unter Segel. Wir wollten in den 23⁵ Hafen von Matanzas einlauſen, und ſteuerten deshalb der Küſte entlang. Als wir Windward⸗Paſſage durchmeſſen hatten, erreichten wir endlich Cuba, und ſteuerten mit friſchem Winde und unter unſerem Raaſegel darauf los, bis wir am Morgen des dritten Tages unſrer Fahrt ein großes Boot anſichtig wurden, das unter zwei Segeln vom Ufer weglenkte und augenſcheinlich auf unſern Schoo⸗ ner Jagd zu machen geſonnen war. Wir waren unſerer acht Köpfe an Bord, nämlich der Schiffsherr— ein Franzoſe, der als Dragoner ſeinem Vaterlande gedient hatte, nun aber ein Mann zwiſchen ſiebenzig und achtzig war;— der Kapitän, ich, ein Schiffsjunge, der Koch und vier Mann Matroſen. Wir konnten von unſerem Bord aus ſehen, daß ſich in dem Boote nicht weniger als neun Mann befanden. Wir führten keinerlei Waffen an Bord, nicht einmal Piſtolen, und die Burſchen im Boote hatten Musketen, obwohl wir dies erſt ſpäter bemerkten. Ich hielt die Fremden alsbald für Piraten, als ich ſie vom Lande abſtoßen ſah, und obwohl der Ka⸗ pttän mir zum Trotze ſtets behauptete, es ſeyen harm⸗ loſe Schildkrötenfänger. Das Boot ruderte aus allen Kräften und hielt lange gleichen Kurs mit uns; als es nahe genug kam, eröffnete ſeine Mannſchaft ein lebhaf⸗ tes Musketenfeuer auf unſer Fahrzeug, um uns unter Deck zu treiben. Unſere Matroſen ſammt dem Koch eil⸗. ten in die Vorderkajüte hinunter, und nur der Franzoſe, der Kapitän und ich blieben auf dem Deck; der Schiffs⸗ junge aber flüchtete in die Kampanje. Was Andre an unſrer Stelle gethan hätten, als dieſe Herren an unſre Langſeite kamen und ein anhal⸗ tendes Musketenfeuer auf unſer Deck unterhielten, weiß ich nicht;— ich für meinen Theil duckte mich hinter den Fockmaſt. Es ſtand inzwiſchen nicht lange an, ſo kamen ſie an Bord und nahmen Beſitz vom Schiffe. Einige von ihnen eilten nach dem Vorderkaſtell und ſperrten dort die große Luke zu, um die Mannſchaft unter Deck 16 236 einzuſperren. Einer von den Burſchen zog ein ent⸗ ſetzliches Meſſer mit langer, dünner, ſcharfer und blin⸗ kender Klinge, und durchſchnitt damit die Hißtaue des Breefocks. Die ganze Bemannung des Bootes ſchien mir aus Amerikanern oder Engländern zu beſtehen, die ſich Mühe gaben, für Spanier zu gelten, allein der Unter⸗ ſchied in der Größe, Farbe und dem Anſehen der ge⸗ bornen Spanier überhaupt, gegenüber von den beiden andern genannten Nationen, iſt ſo bedeutend, daß man ſich auch ohne Rückſicht auf ihre Ausdrucksweiſe und Sprache kaum irren konnte. Sie hatten ſich freilich Alle die Geſichter geſchwärzt, um ſich zu entſtellen und zu vermummen, allein die eigentliche Hautfarbe kam an zu vielen Stellen zu Tage, als daß man ſich hätte in ihr täuſchen ſollen; es war auch kein einziger Neger unter ihnen.— Ich war überzeugt, daß der Schuft, der uns die Hißtaue des Breefocks entzweiſchnitt, nichts weniger als ein Spanier war; kaum lag das Segel auf dem Verdeck, als er ſein Meſſer in daſſelbe, gerade oben un⸗ ter dem Saumtau in das Segel ſtieß, als wolle er mit ſo wenig Mühe wie möglich das Segeltuch abtrennen. Da ich dabei ſtund, fragte ich ihn: warum er denn das Segel zerfetze und es nicht lieber unverſehrt mitnehme, wenn er ſeiner bedürfe?— Hierüber drehte er ſich nach mir um, ſprang auf mich zu, ſchwang den Arm und ſtieß mit aller Wucht ſein fürchterliches Meſſer nach mir;— die Spitze der tödtlichen Waffe traf mich gerade mitten auf's Bruſtbein, und ich ſtürzte, halb aus Politik und halb von der Wucht des Stoßes, zuſammen, denn ich hielt es auf jeden Fall für das Gerathenſte, mich auf den Rücken zu legen. Neben dem tüchtigen Stoß verabreichte er mir noch ein paar derbe Fußtritte unter etlichen ruchloſen Flüchen in gebrochenem Spaniſch. Ich ſprach natürlich engliſch, und es war ſowohl aus der Miene als aus dem Betragen des Burſchen erſichtlich, daß er dieſe Sprache verſtand. Die Wunde war unbedeutend, allein ſie blutete heftig und überdeckte mein Hemd und meine 237 Beinkleider ſo ſehr mit Blut, als ob ich mitten durch's Herz getroffen worden wäre. Ein paar Zoll in der Rich⸗ tung des Meſſers hätten mir ſicher den Garaus gemacht. Ich kann nicht ſagen, auf welche Weiſe dieſer Angriff für mich geendet haben würde, wäre nicht Einer der See⸗ räuber in dieſem kritiſchen Momente vorwärts gekommen, und hätte meinen Angreifer von mir hinweggetrieben, indem er ihm mit der Fauſt drohte. Ich bin überzeugt, daß ich dieſen Burſchen kannte; ſeinen Namen will ich hier zwar nicht nennen, weil möglicherweiſe doch noch ein Zweifel obwalten könnte, allein ich kann mir kaum denken, daß ich mich irre; wenn ich recht geſehen habe, war er ein junger Mann aus Connecticut, der mit mir auf dem„Sterling“ einſt eine Reiſe mitbeſtanden, und mit dem ich auf dem vertrauteſten Fuße gelebt hatte, und mit welchem ich öfter als mit irgend einem andern mei⸗ ner Schiffsgenoſſen an's Land gegangen war. Auch er hatte das Geſicht geſchwärzt, wie alle ſeine Spießgeſellen, was jedoch ſeine Miene, Geberden, Größe, Augen und Stimme nicht verändern konnte; ſeine Rede war ein Jar⸗ gon von gebrochenem Engliſch und Spaniſch, wie ſie kein Menſch, der von Jugend auf an eine der beiden Sprachen gewöhnt geweſen, geſprochen haben würde. Daſſelbe war auch mit den übrigen Piraten der Fall, bis auf einen einzigen alten Burſchen, auf welchen ich bald zurückkommen werde, und der die Wache im Boote hielt. Der Mann, welchen ich für meinen ehemaligen Schiffs⸗ gefährten hielt, ſchien mich ebenfalls zu kennen; ich war freilich kaum mehr als ein Knabe, als ich den„Ster⸗ ling“ verließ, aber man verſichert mich allgemein, daß ich mich nicht ſehr verändert haben ſoll. Noch jetzt iſt mein Haar ſchwarz, und da ich damals gerade im kräf⸗ tigſten Mannesalter und voller Jugendkraft ſtund, muß er mich leicht erkannt haben. Das Zuſammentreffen mit einem alten Bekannten machte damals einen ſo ſtarken Eindruck auf mich, daß ich faſt auf dem Punkte ſtand, ihn beim Namen zu nennen, als mir glücklicherweiſe noch 23 eine Ahnung durch den Kopf ſchoß, daß dies nicht rath⸗ ſam ſeyn moͤchte. Die Seeräuber mußten offenbar wün⸗ ſchen, unerkannt zu bleiben, und es war am vernünftigſten, ſie auf dieſem Glauben zu belaſſen. Uebrigens., ſchien mein muthmaßlicher früherer Schiffsgenoß mir gewo⸗ gen zu ſeyn;— mir widerfuhr keinerlei Mißhandlung mehr, nachdem er ſeinem Spießgeſellen abgewehrt hatte, und mir iſt ſchon oft der Gedanke gekommen, daß wir Alle vielleicht nur ihm allein unſer Leben verdankten. Er fragte mich, ob wir baares Geld an Bord hätten, und behauptete auf mein Verneinen, daß er vom Gegen⸗ theile überzeugt ſey.„Der Schooner führe nur Ballaſt,“ meinte er,„müſſe daher auch mit den Mitteln verſehen ſeyn, ſich einen Cargo zu verſchaffen.“ Ich weigerte mich indeß beharrlich, mehr zu ſagen, und er ſchickte mich in's Boot hinab, wohin der Kapitän ſchon vor mir gewieſen worden war. Als er mir dieſen Befehl gab, mühte er ſich, einen möglichſt ſtrengen Ausdruck in ſeine Züge zu legen.— Mit dem alten, armen Franzoſen gingen ſie grauſamer zu Werke, denn ſie ſchienen zu wiſſen, daß er der Schiffsherr war, und dachten vermuthlich, er könne die beſte Auskunft über das Geld geben; er wurde furcht⸗ bar gepeitſcht, hielt aber jede Mißhandlung ſtandhaft aus, und weigerte ſich beharrlich, das Verſteck ſeiner Doublo⸗ nen zu verrathen. Sie packten nun den Schiffsjungen, und drohten, ihn über Bord zu werfen, wenn er das Ver⸗ ſteck der Doublonen nicht verrathe. Die Angſt preßte dem Kleinen das Geheimniß aus, und ſo waren ſie bald entdeckt.— Der Kapitän und ich waren im Boote unter das Halbdeck geſteckt worden, allein der Spanier, der uns hier bewachte, erhielt, ſobald das Geld gefunden war, den Befehl, uns auf freien Fuß zu ſetzen, damit wir ſähen, wie ſich die Spanier auf unſre Koſten luſtig machten. Dieſe acht Schufte ſtolzirten nun auf dem Rumpf des Schooners umher, und vertheilten die Doublonen unter ſich; kaum war dies geſchehen, ſo rief man uns den Befehl zu, mit dem Boote wieder heranzufahren, — th⸗ ün⸗ ten, bien wo⸗ ung itte, wir ten. ten, gen⸗ iſt,“ ehen nich in's eſen e er e zu ſie ß er önne rcht⸗ aus, iblo⸗ gen, Ver⸗ reßte bald unter der nden amit uſtig impf onen uns jren, 239 worin wir uns an Bord des Seeräuberſchiffes hatten überſetzen müſſen. Der Kapitän ſtieg wieder an Bord der„Sally,“ und ich mußte die Hallunken Alle auf ein⸗ mal nach ihrem eigenen Fahrzeug hinüberrudern; ſie waren ſehr guter Dinge, und gaben auf unſere Koſten manchen Scherz zum Beſten, da ſie mit ihrer Beute ſehr zufrieden ſchienen, und vor lauter Freude über das Gold ſogar das Breefock zurückließen. Sie hatten die Kajüte geplündert, und mir ſelber einen Quadranten, eine Uhr und die Mehrzahl meiner Kleidungsſtücke mit fortgenommen. Die Vorkajüte hatten ſie nicht betreten, obwohl die Matroſen hier vierhundert Dollars unter einem Haufen Kehricht und alten Tauenden verſteckt hatten. Mein muthmaßlicher ehemaliger Schiffsgenoß ſchien mich am Ende noch an die Vergangenheit erinnern oder aufheitern zu wollen, denn als wir am Piratenſchiffe an⸗ kamen, ſchenkte er ein Glas Branntwein ein und brachte es mir; ich zögerte zu trinken, weil das Getränk mög⸗ licherweiſe vergiftet ſeyn konnte; er ſchien mich zu ver⸗ ſtehen, und goß es ſelbſt, mit bedeutſamem Winke, hin⸗ unter; dies ermuthigte mich, und ich leerte ohne Be⸗ denken das nächſte Glas, worauf er mir den Befehl gab, davonzurudern, was ich auch ungeſäumt that; zu gleicher Zeit entfernten ſich auch die Seeräuber. Wir bildeten eine trübſelige Geſellſchaft, als wir wieder beiſammen waren; der alte Franzoſe war ſehr übel dran, und wir bedauerten ihn Alle doppelt; indeß ließ er kein Wort der Klage hören, und tadelte ſogar nicht einmal den Schiffsjungen, und wir ſprachen nicht mehr viel über die Plünderung. Meine Wunde ergab ſich als unbedeutend, allein der alte Mann war ſo miß⸗ handelt und zerſchlagen, daß er kaum mehr gehen konnte. Mit dem erſten friſchen Winde ſteuerten wir nach Charleſton, da es uns an den Mitteln fehlte, eine neue Ladung zu kaufen, wie wir ſie in Matanzas hatten ein⸗ nehmen wollen. Dies war das Erſtemal geweſen, daß ich mit Seeräubern näher zuſammentraf, obwohl ich . 240 ſchon mehrmals nur mit Mühe entkommen war. Das Erſtemal drohte mir Gefahr von ihnen an Bord des „Sterling“, an der portugieſiſchen Küſte; ein andermal auf dem Schiff„William und Jane“, auf der Fahrt nach Canton; das Drittemal aber auf der Sandbank an der Küſte von Java im„Trio“, und ein Viertesmal an Bord der„Mechanic“ auf der entgegengeſetzten Küſte von Kuba. Diesmal war es übrigens nicht mein letztes Zuſammen⸗ treffen mit ihnen, wie die Folge erhellen wird. Ich lief nun zum Zweitenmale in der„Sally“ aus, und machte die Hin⸗ und Herreiſe nach Matanzas ohne beſondere Erlebniſſe oder Zufälle, die Erwähnung ver⸗ dienten. Ich wäre gerne länger an Bord des Schooners geblieben, da ich mich mit dem Kapitän auf's Freund⸗ ſchaftlichſte ſtellte, wäre ich nicht durch einen jener Un⸗ fälle von ihm vertrieben worden, von denen mich ſo manche aus meiner Lebensbahn verſchlagen und aus meinem Glück vertrieben haben. 3 Wir luden nämlich in Charleſton Zucker aus, der in ſehr ſchwere Fäſſer verpackt war. Da es eben die Zeit der Fluth war, lagen die Regelinge(Geländer) des Schiffes höher als das Quai, und wir wälzten die Fäſſer erſt an den Regelingen herauf, von wo ſie über etliche Planken an den Strand geſchafft wurden; auf dem Quai ſtanden zwei unſerer Neger, um die Fäſſer in Empfang zu nehmen und herunterzurollen. Einer dieſer Schlingel pflegte auf den Planken hinaufzulaufen, anſtatt an ihrer Seite ſtehen zu bleiben und am einen Ende der Fäſſer anzupacken. Ich machte ihn mehrmals tadelnd auf die Gefahr aufmerkſam, der er ſich ausſetzte, allein der Burſche achtete nicht auf meine Worte, die ſich leider am Ende bewährten: ein Faß entglitt nämlich den Hän⸗ den unſerer Leute, rollte gerade über den Neger hin und drückte ihn breit wie ein Stück Teig. Dies war offenbar ein Zufall, und es wäre ſicher⸗ lich keinem Menſchen eingefallen, mir eine Schuld davon zur Laſt zu legen; allein der Eigenthümer des Schwarzen 241 betrachtete ihn für eine Art Miethgaul, der buglahm oder todt geritten worden war, eilte ſogleich zum Schoo⸗ ner herab, als er hoͤrte, was für ein Unglücksfall mich betroffen hatte, und vermaß ſich hoch und theuer: ich müſſe ihm ſeinen Neger bezahlen. Den Werth eines ſo rieſt⸗ gen Negerſklaven zu erlegen, war jedoch für mich ebenſo unmöglich, als es für den großen Staat Pennſylvanien eine unlösbare Aufgabe wäre, die Intereſſen ſeiner Staats⸗ ſchuld zu bezahlen, und ich brachte deßhalb— einem Pro⸗ zeſſe auszuweichen— mein Gepäck noch am ſelben Nach⸗ mittag an Bord eines andern Schiffs und zeigte mich erbötig, meine Ueberfahrt nach New⸗York in der Eigen⸗ ſchaft als Unterſteuermann abzuverdienen. Das Fahrzeug, an deſſen Bord ich nun gerieth, war der„Commodore Rodgers“, ein regelmäßiges Pa⸗ ketboot zwiſchen beiden Häfen; wir gingen ſchon den andern Morgen unter Segel und ich zahlte den armen „Nigger“ mit— Ferſengeld. Der Eigenthümer des Schiffs— ein Mann, der dafür bekannt war, daß er alle ſeine Steuerleute plage,— befand ſich gerade an Bord des Schiffs, als wir ausliefen. Bei dieſer Ge⸗ legenheit band er mit unſerem Oberſteuermann an und mißhandelte dieſen auf eine Weiſe und mit ſolchem Un⸗ recht, daß ich den letztern über ſeine Geduld und Nach⸗ ſicht lebhaft tadelte. Es hatte keine weiteren Folgen, obwohl ich den Charakter eines Mannes, der eine ſolche Sprache führte, nicht vergeſſen konnte. Als wir New⸗ York erreichten, verließ uns der Steuermann und man that mir das Anerbieten, jene Stelle anzunehmen; es war zwar etwas gewagt, nach Charleſton zurückzukehren, allein der Handel ging ſchlecht, der Gehalt war unbe⸗ deutend und überdies herrſchte noch das gelbe Fieber in New⸗York; ich ſagte deßhalb zu, in der Hoffnung, durch etwas Vorſicht meinem Neger⸗Eigenthümer hinreichend aus dem Wege gehen zu können. Als wir nach Charleſton zurückkamen, legte ſich unſer Schiff an ſeinem eigenen Löſchungsplatze vor Anker, wo mir der Burſche nicht zu Geſicht kam; er arbeitete droben in der Stadt und wir lagen ganz unten am Ende der Vorſtadt. Allein nun ſtieß mir ein anderer Unfall zu, der noch zu ſchlimmeren Folgen führte; der Schiffs⸗ herr mit ſeinem ungewaſchenen Maule war wiederum auf's Neue bemüht, Scheltworte und Schimpfreden nach allen Seiten hin auszutheilen und alles zu tadeln. Unſer Cargo war beinahe gelöſcht, als ich mit dieſem Burſchen in einen Wortwechſel gerieth, wegen einiger Tönnchen Bleiweiß, die wir an Bord hatten, und er ließ es ſich im Verlauf des Wortwechſels beikommen, mich einen groben H— Sohn zu heißen. Das war mehr, als ich zu ertragen gewöhnt war, weßhalb ich ihn auch ohne viele Umſtände packte und die Kajütentreppe hinunterwarf. Der Fall war nicht bedeutend und unten im Lukengange lag eine Parthie Hanf, allein dennoch verrenkte ſich der Burſche das Schlüſſelbein und brüllte nun wie ein Singlehrer— ich aber ließ es mir natürlich nicht bei⸗ fallen, ihm zu accompagniren, holte vielmehr meine Sieben⸗ Sachen eiligſt aus dem Raum herauf, verließ das Schiff und ging an's Land. Auf dem Quai ſtieß ich mit dem Kapitän zuſammen, dem ich in Kürze mein Abenteuer mittheilte und der mir das Verſprechen gab, meine Klei⸗ der mir nachzuſenden; ich verſteckte mich nun und ein paar Stunden ſpäter machte ſchon die Hälfte der Kon⸗ ſtables von Charleſton Jagd auf mich, wiewohl ver⸗ gebens, denn ich hatte mich ſo gut verſteckt, daß ſie mich ein paar Tage laug nicht zu entdecken vermochten. Dieſer Stand der Dinge konnte jedoch nicht ewig fort⸗ währen, und die Conſtables waren nicht halb ſo dienſt⸗ eifrig, als es den Anſchein hatte, denn einer von ihnen legten ſelbſt mit Hand an, mich an Bord eines Küſten⸗ fahrzeugs, des„Governor Nuſſel,“ unterzubringen, auf dem ich Steuermann und Mannſchaft zugleich wurde. Der „Governor Ruſſel“ war nämlich ein Frachtſchiff aus Bu⸗ ford, das nie weiter als fünfzehn bis zwanzig Stunden auf einer Fahrt zurücklegte. Dies war mit Ausnahme eines ——S,———B'—,— ——-— ⸗— —,———,———,—,———- n 243 Kanonenboots die kürzeſte Fahrt und das kleinſte Fahr⸗ zeug, mit denen ich je zu thun hatte. Die Mannſchaft beſtand aus zwei Negern, welche beide Sklaven des Eigen⸗ thümers waren, dem Kapitän und mir. Ob es überhaupt einen Kapitän an Bord hatte, kann ich nicht einmal ſagen, da er mir nicht zu Geſicht kam, ſo lange ich auf demſel⸗ ben diente; der Schooner lag drei Meilen unterhalb der Stadt, und war inſofern ein günſtiges Fahrzeug für mich, als es ſich wohl kein Menſch einfallen ließ, den früheren Matroſen eines Oſtindienfahrers in einer ſolchen Nußſchaale aufzuſuchen. Wir ließen es uns nun zunächſt angelegen ſeyn, den Schooner wohl zu vertheeren und friſch aufzu⸗ takeln, während mein früherer Schiffsherr und ſeine Hand⸗ langer ſich Mühe gaben, mein Verſteck in der Stadt aus⸗ findig zu machen. Ich hatte kaum drei Tage an Bord des„Governor Nuſſel“ zugebracht, als es auf einmal tüchtig aus Süden und Weſten zu ſtürmen anhob. Der Wind tobte mit furcht⸗ barer Gewalt gegen uns an, und man behauptete allge⸗ mein, er ſey diesmal ſo heftig, wie man ihn ſeit Men⸗ ſchengedenken in dieſen Fahrwaſſern nicht erlebt habe; die meiſten Fahrzeuge wurden von ihren Ankerplaͤtzen an den Quai's losgeriſſen, und in See getrieben, und alle vor Anker liegenden Schiffe, mit Ansnahme eines Kriegs⸗ ſchiffs und eines Revenüe⸗Kutters(Fahrzeug der Zollſchutz⸗ wache) ſcheiterten entweder auf hoher See, oder wurden an's Land geworfen. Unſer Fahrzeug lag an einem ein⸗ zigen Anker, und wurde bald nach der Sandbank hinunter⸗ getrieben; ich ließ nun auch den Reſerveanker fallen, allein ſeine Kabeltaue riſſen ab, als ob ſie Bindfäden geweſen wären, und unſer Fahrzeug trieb nun leewärts. Unter Segel zu gehen, war rein unmöglich, wenn dieſe auch, was bei den unſerigen nicht der Fall war, an den Naaen be⸗ feſtigt geweſen wären, und es blieb nun nichts anderes zu thun übrig, als das Schiff geradezu vor Wind und Wet⸗ ter treiben zu laſſen. Dieſer Unfall betraf uns gerade zur Nachtzeit, und 244 es war ſo dunkel, daß man vor dem Sturme der ſpäten Stunde! und dem heftigen Seeſchaum nicht auf Schiffs⸗ länge weit ſehen konnte; ich fühlte bald, daß wir ſeewärts abgetrieben wurden, und der hauptſächlichſte Gegenſtand meiner Furcht war die Sandbank an der Mündung der Bucht. Uns nach dem Fahrwaſſer umzuſehen, war rein unmöglich, denn einmal war es mir gärzlich unbekannt, und zum andern wäre es— und wenn ich auch der ge⸗ übteſte Lootſen geweſen wäre— wegen der Dunkelheit un⸗ möglich geworden, daſſelbe ausfindig zu machen. Nie in meinem ganzen Leben hatte ich zu Lande oder zur See ſo vollſtändig den Kopf verloren, als gerade in dieſem Augen⸗ blick; wir verbrachten ein paar fürchterliche Stunden in größter Hülfloſigkeit, da unſer Schooner mit der Breit⸗ ſeite voran hinaus getrieben wurde, ohne daß wir wußten, welchem Geſchick er entgegen ſteuerte; die beiden Schwar⸗ zen hatten ebenfalls polländig den Kopf verloren und wa⸗ ren mir nichts nütze. Endlich verſpürte ich, wie der Kiel des Schooners über den Sand hin ſtreifte, und es blieb uns nun kein Zweifel mehr, daß wir auf die Sandbank geſtoßen waren. Dies geſchah gerade zu einer Zeit, als ein Wirbelwind die See zu fürchterlicher Brandung aufrührte, und wir nichts mehr erblickten, als den weißen giſchenden Schaum der Wellen und die furchtbaren Wogen der Brandung rings um uns her. Der erſte Windſtoß lockerte die Gang⸗ ſpillen unſerer beiden Maſte ſo ſehr auf, daß das ganze Fahrzeug zuſammenkrachte und das Verdeck auf eine be⸗ trächtliche Strecke weit losgeriſſen wurde; eine Minute ſpäter ſahen wir die blanken Balkenköpfe, und die See riß eine weite Lücke in unſern Bord; das Einzige, was wir thun konnten, war, uns feſt zu halten, was wir denn auch mit hartnäckiger Anſtrengung thaten. Ich flüchtete mich mit den beiden Schwarzen auf die Wetterſchanze des Schooners, und wir banden uns hier mit den Scho⸗ ten des großen Segels feſt; das Tau war ſo ſtark, daß das Fahrzeug zerſplittert werdeu mußte, bevor uns die 245 See wegſchwemmen konnte. Das Fahrzeug ſtieß nur zweimal auf der Barre(Sandbank) auf, und wurde dann plötzlich wieder flott. Ich wußte nun, daß wir in offener See waren, und ganz von der Küſte abtrieben; als wir in tieferes Waſſer geriethen, ſtürzten die Wellen nicht mehr ſo furchtbar über uns her, obwohl ſie noch immer über unſere Schanze hereinſpielten. Die Maſten zerbrachen und gingen über Bord, allein dies kümmerte mich wenig, da der Raum ſchon voll Waſſer war; verſinken konnten wir nicht, weil der Raum leer geweſen, und unſer Fahrzeug größtentheils aus Föhrenholz erbaut war. Wie der Schooner ſo dahin⸗ ſchwamm, überragte das Quarterdeck nur um etwa fünf Fuß den Waſſerſpiegel; der Bug des Schiffes war am tiefſten eingeſunken, und dies gab uns daher beſſere Hoff⸗ nung für den Stern des Schiffes, auf dem wir uns be⸗ fanden.— Der Sturm hatte glücklicherweiſe am furcht⸗ barſten getobt, als wir vom Lande abgetrieben wurden, und der Wind begann an Heftigkeit nachzulaſſen, als wir die Barre hinter uns hatten. Mit Tagesanbruch wehte nur noch eine friſche Briſe, und wir ſahen kein Land mehr, obwohl ich aus der Farbe des Waſſers be⸗ merkte, daß wir uns nicht weit von der Küſte befinden konnten. Der Schooner hatte ſich zur Zeit der Ebbe losgeriſſen, und dies war die Veranlaſſung geweſen, daß wir vom Lande abgetrieben worden waren, allein dieſe ganze ſüdliche Küſte iſt ſo niedrig, daß ſie ſelbſt in un⸗ bedeutender Entfernung von der See aus nicht zu er⸗ blicken war.— Der darauf folgende Tag ward für uns wahrlich ein trüber, unheimlicher; das Wetter war ſchön und die Sonne brannte heiß auf uns hernieder, allein der Wind blies noch immer friſch vom Lande weg, und wir wurden jeden Augenblick weiter in den Ocean hin⸗ eingetrieben. Unſere einzige Hoffnung beſtand noch darin, daß wir auf ein Küſtenfahrzeug ſtoßen möchten, und ich fürchtete nachgerade, wir möchten von dem Winde über das Fahrwaſſer jener Schiffe hinausgetrieben werden. 246 Wir hatten weder Nahrungsmittel noch Waſſer an Bord, und ſaßen halb auf dem Goländer und wurden halb von der großen Schote feſtgehalten. Keiner von uns machte den ganzen Tag über einen Verſuch, ſeine Lage zu än⸗ dern, und wir wechſelten nicht viel Worte, obwohl ich zuweilen die Neger zur Standhaftigkeit und Geduld er⸗ mahnte, und ihnen Muth gab, wir möchten in Bälde von irgend einem begegnenden Fahrzeuge aufgefiſcht wer⸗ den. Ich fühlte in dieſer Beziehung vielleicht mehr Zu⸗ verſicht, als vielleicht meiner Lage entſprechend war, allein mein ſanguiniſches Temperament machte mich ſtets etwas zu gleichgültig gegen die Zukunft und die möglichen Fol⸗ gen einer Handlung. Die Nacht brachte keinerlei Veränderung für uns, wenn man nicht etwa das Nachlaſſen des Windes dafür rechnen will. Kurz vor Sonnenuntergang rief mir einer der Neger zu:„Maſſer Ned! Joe fortgegangen!“— Ich befand mich etwas weiter vorne als die beiden Neger, und blickte gerade nicht auf ſie, ja es iſt möglich, daß ich auch ein wenig ſchlummerte; als ich mich umſah, bemerkte ich aber in der That, daß einer der Neger ver⸗ ſchwunden war. Wie dies zuging, kann ich nicht ſagen, obwohl er feſtgebunden geweſen zu ſeyn ſchien; doch ſcheint mir wahrſcheinlich, daß er ſelbſt ſeine Schlinge gelöst hatte, vor Erſchöpfung in's Waſſer ſtürzte und in der hohl⸗ gehenden See unterſank, bevor ich deſſen inne wurde. Jede Hoffnung auf Rettung des Unglücklichen wäre übri⸗ gens vergebens geweſen, und der Tod dieſes Mannes hatte keine andern Folgen, als daß mir unſere Lage nun weit ſchlimmer und hoffnungsloſer erſchien, als ſie zuvor geweſen war. Verſchiedene Leute, und namentlich alle guten Chriſten, wie ich hoffe, werden eine gewiſſe Neu⸗ gier empfinden, in Erfahrung zu bringen, ob ein Mann in meiner Lage ſich nicht gedrungen fühlte, ſeinen Zu⸗ ſtand vom Geſichtspunkt der Religion aus zu betrach⸗ ten, und ob ſein Gewiſſen nicht erwachte bei der Aus⸗ ſicht auf Verderben, die ihm ſo offenkundig vor Augen . 247 lag. Hierauf muß ich erwidern, daß mir keiner dieſer Gedanken in den Sinn kam, und daß ich mich über⸗ haupt nicht erinnere, unter allen Gefahren und Drang⸗ ſalen des Lebens meine Gedanken zu meinem Schöpfer erhoben zu haben. Ich empfand eine Furcht, ein ge⸗ wiſſes Bangen vor dem Tode, und einen inſtinktmäßigen Drang, mein Leben zu retten; niemals aber bemächtigte ſich meiner ein höherer Drang, irgend ein Weſen um die Rettung meiner Seele vor dem Verderben anzuflehen. Trotz des Unterrichts, den ich in meiner Jugnid em⸗ pfangen hatte, befand ich mich ſo ziemlich in der Lage eines Menſchen, der nie von dem Namen des Heilandes auch nur hat Erwähnung thun hören. Meine Refle⸗ rionen über ſolche Gegenſtände erſtreckten ſich nicht wei⸗ ter, als auf den Wahn und die Selbſttäuſchung, daß ich noch im Stande ſey, mich ſelbſt zu retten. Nach 1 ſeemänniſchen Begriffen hatte ich mir auch nie große Sünden zu Schulden kommen laſſen; ich hatte weder Raub noch Mord auf meinem Gewiſſen, war mir keines Vergehens gegen die Sittengeſetze eines Seemanns be⸗ wußt, ſo weit ich ſie wenigſtens kannte, und dies gab eine Art vermeintlicher Anſprüche auf das göttliche Erbarmen. Mit einem Wort: der zukünftige Zuſtand meiner Seele machte mir keinerlei Unruhe. Ich darf wohl ſagen, daß meine beiden Gefährten auf dieſem kleinen Wrack meine Gleichgültigkeit in dieſer Beziehung theilten, denn ich hörte kein Gebet, kein Fle⸗ hen zu Gott um Gnade und Erbarmen, und Keiner von uns ließ ſich's überhaupt beifallen, Beſorgniſſe in dieſer Beziehung zu zeigen. Der Hunger allein verurſachte mir einiges Unbehagen, und im Laufe der zweiten Nacht verſank ich in einen Halbſchlummer, aus dem mich der Traum erweckte, daß ich eben jetzt einige meiner beſon⸗ dern Lieblingsſpeiſen verzehre; derſelbe Umſtand war mir übrigens ſchon auch bei andern Gelegenheiten vorge⸗ kommen, wo ich auf ſchmale Koſt geſetzt geweſen war. Keiner der Schwarzen beklagte ſich über koͤrperliche Leiden, 248 und der Eine davon, der ſeinen Tod fand, mochte wohl ausgegangen ſeyn, wie das Licht einer Kerze. Klar und herrlich ging die Sonne am Morgen des zweiten Tages auf und der Wind legte ſich etwa um dieſelbe Zeit in eine leichte Briſe aus Süden und Oſten um. Dies ermuthigte uns ein wenig, weil es den Schooner wieder einigermaßen dem Ufer zutrieb, allein ſo weit ich mich auch umblickte, ließ ſich doch kein rettendes Fahrzeug erblicken. Die See ging noch immer hohl und wir lagen ſo tief im Waſſer, daß unſer Geſichtskreis ziemlich beſchränkt war. Es war ſchon ſpät am Vormittag, als der Neger plötzlich den Ruf vernehmen ließ:„Maſſa Ned, ein Fahrzeug!“ Faſt im ſelben Augenblick hörte ich Stim⸗ men, die uns zuriefen, und gewahrte, mich umblickend, ganz in unſerer Nähe einen kleinen Küſtenſchooner, der mit dem Wind auf uns zukam und, weil er uns augen⸗ ſcheinlich weit früher bemerkt hatte, als wir ihn, nun hart an unſere Leeſeite ſteuerte und beilegte. Alsbald ſetzte er ein Boot aus und nahm uns ungeſäumt an Bord. Wir konnten uns nur mühſam bewegen und meine Glie⸗ der waren ſo ſteif, daß ſie kaum meinem Willen folgten; der Schwarze war noch ſchlimmer daran als ich, und ich war überzeugt, daß wir zwölf Stunden ſpäter wahr⸗ ſcheinlich unſern Strapazen erlegen geweſen wären. Der Schooner, welcher uns aufgefiſcht hatte, war ganz mit Negern bemannt und nach Charleſton unter⸗ wegs; zur Zeit, als wir von ihm an Bord genommen wurden, mochten wir etwa noch zwanzig Meilen von der Barre entfernt geweſen ſeyn, die wir mit friſchem Winde ſchon gegen Abend erreichten. Wir gingen unter Deck, und ich entdeckte, als ich die Kajüte betrat, einen Keſſel mit gekochtem Reis, auf den ich mich mit der Gier eines Falken ſtürzte. Die Neger ſuchten mir ihn zu entreißen, weil ſie wähnten, ich könnte mir damit Scha⸗ den thun, allein ich ließ mir ihn nicht entwenden; dieſes Reis war das willkommenſte und ſchmackhafteſte Gerücht, * nen der nde eck, eſſel Bier zu ha⸗ ſes cht, 249. das ich je genoſſen, und ich theilte es brüderlich mit meinem Gefährten. Wir hatten nicht lange genug ge⸗ faſtet, um unſere Mägen wirklich zu entträften, und das reichlich haſtig genoſſene Mahl hatte keine üblen Folgen für uns. Als wir uns ſatt gegeſſen hatten, legten wir uns auf den Kaiütenboden nieder und ſchliefen bald ein. Um acht Uhr Abends etwa erreichten wir das Quai. Schon innerhalb der Barre ward der Schooner von einem Fahrzeug angeſprochen worden, welches auslief, um den„Governor Ruſſel“ zu ſuchen. Die Schwarzen belehrten die Mannſchaft nach der Richtung des Wracks und das Fahrzeug ſtach in die See.. Ich war ſtark genug, den Weg zu meinem Speiſe⸗ hauſe zu Fuß zurückzulegen, wo ich mich auf's Neue ver⸗ barg. Der„Governor Ruſſel“ wurde gefunden, im Schlepp⸗ tau in den Hafen gebracht und ausgebeſſert, und fuhr als⸗ dann wieder als Frachtſchiff zwiſchen Buford und Charleſton hin und her. Ich bekam nie wieder das Fahrzeug oder den Kapitäͤn zu Geſicht, und auch von dem Neger, welcher mit mir gerettet worden war und ſich auf dem Quai von mir getrennt hatte, hörte ich ſpäter nie wieder etwas. Das iſt nun einmal das Loos eines Matroſen! Ich fürchtete mich noch immerfort vor, den Konſtab⸗ les. Der Schaden, welchen größere Fahrzeuge erlitten und der Verluſt an Menſchenleben war indeß ſo bedeutend, daß die Rettung des„Governor Ruſſel“ nicht viel Aufſehen er⸗ regte; zudem war ich auf dem Fahrzeuge nur unter mei⸗ nem Vornamen bekannt. Als ich den Schiffsherrn in den Naum hinunterwarf, war ich noch Herr Myers, bei dem Schiffbruch in dem Küſtenfahrzeug aber ſchlechtweg Ned. Vierzehntes Kapitel. Trotzdem, daß ich eine verhältnißmäßig unbedeutende Perſon war, durfte ich mich um meiner Sicherheit willen doch nicht lange in Charleſton aufhalten, und ich hatte Edward Myers.. 17 2⁵⁰ daher keinen ſehnlicheren Wunſch, als dieſen Ort ſobald wie möglich zu verlaſſen. Da Bettler nicht waͤhlig ſeyn dürfen, war ich heilfroh, als gemeiner Matroſe an Bord des Schooners„Carpenter“ angenommen zu werden, der mit Schiffszimmerholz nach St. Mary und Philadelphia beladen war. Unentdeckt gelangte ich an Bord und wir ſe⸗ gelten noch denſelben Tag nach Philadelphia ab. Die Fahrt ging glücklich von Statten, bis uns wenige Tage nach un⸗ ſerem Auslaufen aus St. Mary ein ſeltſamer Unfall be⸗ gegnete. Wir hatten nämlich heftigen Sturm und unſere Deckladung drückte in Folge davon ſo ſtark auf die Bal⸗ ken, daß dieſe ſich ablösten und der Schooner ſich ſo weit mit Waſſer füllte, als die Ladung— gelbes Fichten⸗ holz— es erlaubte. Dieſer Uebelſtand rührte daher, daß die Neger, welche das Fahrzeug ſtauten, es vernachlaͤßigt hatten, die Deckbalken des Schiffes anzukeilen— eine Vor⸗ ſicht, die nie unterlaſſen werden ſollte, wenn man eine ſchwere Ladung an Bord hat. Es ergaben ſich indeß glück⸗ licherweiſe keine ungünſtigeren Folgen daraus, da es uns gelang, das Fahrzeug auf ſeinen Kurs zu bringen und wir es endlich mit ſeiner ganzen Ladung glücklich nach Phila⸗ delphia brachten. Wir verloren keinen Spahn, weil unſer Kapitän glücklicherweiſe ein zäher Burſche war und nicht gerne etwas fahren ließ, was er einmal in Händen hatte. Er war ein ächter Amerikaner und mit den Jonſtons und andern Familien in Wiscaſſet genau bekannt. Er machte mehrmals den Verſuch, mich zu überreden, daß ich als Steuermann auf ſeinem Fahrzeug bleibe, und ſtellte es mir in Ausſicht, mich zu meinen alten Freunden in Wiseaſſet zurückzubringen, allein er predigte dabei tauben Ohren. Offen geſtanden, ich fürchtete mich ein wenig, nach Wis⸗ caſſet zurückzukehren; meine eigene Deſertion vom„Ster⸗ ling“ war kaum zu entſchuldigen, und ich fürchtete noch überdieß, die Familie möchte mir auch noch die Entwei⸗ chung und den Tod des jungen Swett zur Laſt legen; er war freilich älter als ich und wohl fähig geweſen, denſel⸗ . 251 ben Einfluß über mich geltend zu machen, den ich über ihn hatte, allein um das Gewiſſen iſt es eine ſo kitzliche Sache, daß es bei einer böſen Handlung ſich leicht bereit finden läßt, die ganze Schuld uns ſelbſt zur Laſt zu legen. Ich verließ daher den„Carpenter“ in Philadelphia, wohnte eine Zeit lang in einem anſtändigen Koſthauſe und engagirte mich auf einer Brigg, der„Margaretha“, einſtwei⸗ len, bis ſie in See gehen konnte, an ihrem Bord als Ta⸗ kelmeiſter und Staffirer zu arbeiten; ſpäter ſollte ich als Steuermann auf dem Schiffe dienen. Der Eigenthümer des Schiffs war in ſeiner Art nicht minder beruͤchtigt als mein früherer Schiffsherr in Charleſton; ich hörte von ſeinen Tugenden und war entſchloſſen, ihm— falls er es verſuchen ſollte, mir zu begegnen, wie er es dem Verneh⸗ men nach ſchon manchem Kapitän und Steuermann ge⸗ than— hartnäckigen Widerſtand entgegen zu ſetzen. Was ich immer befürchtet hatte, ereignete ſich nun eines Tages; der Schiffsherr war bei mir auf dem Löſchungsplatze und goß einen ſolchen Strom von Schimpfworten über n ich aus, daß ich in meinem ganzen Leben nichts Aehnliches ge⸗ hört habe. Wie ſich nun gar eine Volksmenge um uns ſammelte, ſtieg mir endlich doch das Blut zum Kopfe,— ich packte den Kerl und warf ihn über das Quai in's Waſ⸗ ſer hinunter, worin eben ein paar Neifſtangen lagen, die, wie ich wohl wußte, ein Unglück unmöglich machen würden. Vor einem ſolchen bangte mir natürlich, ſo ſehr ich auch dem Flegel ſein kaltes Bad gönnte. Die Umſtehenden brach⸗ ten drei Hurrahs aus, woraus ich denn ſchloß, daß ich nicht ſo Unrecht gehabt haben mochte. Ich hörte nie, daß dieſe kühne That Folgen für mich gehabt hätte, machte mich jedoch aus dem Staube und ging an Bord eines Fahrzeugs, des „Koromandels,“ das ich ſchon ſeit mehreren Tagen mit nei⸗ diſchen Augen betrachtet hatte; ich wurde als Unterſteuer⸗ mann auf dem Schiff angeſtellt, und die beſte Empfehlung für mich war, daß ich dem berüchtigten——— ein kaltes Bad bereitet hatte. 3 K. 17* 2⁵². I Der„Koromandel“ war nach Kadix beſtimmt und ſollte hernach das Cap Horn umſegeln. Die Ladung für die Hinfahrt nach Kadir beſtand in Mehl und es war einſt⸗ weilen noch ein Geheimniß geblieben, was für Häfen in Südamerika das Ziel unſers Ausfluges dorthin waren. Unſere Mannſchaft beſtand mit Ausnahme der Ofſtziere ganz aus Negern. Wir hatten eine glückliche Reiſe, bis wir das Cap Trafalga hinter uns hatten, wo wir auf ein⸗ mal heftigen Sturm erlebten. Zwei Tage lang lagen wir dem Cap gegenüber und liefen endlich nach Gibraltar ein, wo wir vor Anker gingen. Hier lagen wir etwa vierzehn Tage, als von Neuem ein Sturm aus Südweſten ſich er⸗ hob, der furchtbare Sturzſeen vom atlantiſchen Ocean her⸗ einwälzte; der Sturm begann am Nachmittag und wüthete die ganze Nacht hindurch. Die Wuth des Windes verſtärkte ſich allmählig, bis ſich die Lage der Dinge für die Fahr⸗ zeuge, welche in großer Anzahl hier umherlagen, ſehr be⸗ denklich geſtaltete. Am zweiten Tage des Sturmes ſtürzte unſer Fahrzeug plötzlich auf den Bug, daß die Wellen bis zum Taffreel emporſchlugen und viele andere Fahrzeuge entweder auf hoher See ſcheiterten, oder auf ihren Anker⸗ plätzen unterſanken. Der„Koromandel“ hatte nur eine einzige Kabelkette, die wir mit dem Anker ausgeworfen hat⸗ ten und woran wir die erſten vierundzwanzig Stunden allein lagen; als aber der Sturm zunahm, wurde es für nöthig erachtet, auch noch den Pflicht⸗Anker auszuwerfen, der an einem hänfenen Kabeltau lag. Die Kabelkette war, wie jetzt verlautete zum erſtenmal außerhalb Philadelphia gebraucht worden, obwohl ſie ſich damals ſchon eine Zeit lang an Bord des Schiffs befunden und auf der vorigen Reiſe ihren Nutzen bewährt hatte. Unglücklicher Weiſe war der größte Theil der Kette ſchon über Bord, ehe wir den Pflichtanker auswarfen, und auf dieſe Weiſe war keine Möglichkeit vor⸗ handen, Raum für das hänfene Kabeltau zu gewinnen. Von dem Punkte aus, wo wir lagen, nach dem Lande zu⸗ zuſteuern, war eben ſo unmöglich, da der Grund ſich nach 8 und für nſt⸗ in ren. iere bis ein⸗ wir ein, ehn er⸗ her⸗ hete erkte ahr⸗ be⸗ arzte bis euge rker⸗ eine hat⸗ llein thig an jetzt nucht an hren ößte nker vor⸗ men. zu⸗ nach 25³3 innen abſchüſſig vertiefte, und unſer Anker, um an Bord gebracht zu werden, häͤtte bergan laufen müſſen*). Auf dieſe Weiſe ſtürmte der„Koromandel“ zwei Tage und zwei Nächte lang, auf der See umher, die immer ſtürmiſcher und drohender wurde, weil der Wind mit je⸗ dem Augenblick an Heftigkeit zunahm. Wir hatten die ganze Wucht deſſelben in Windſtößen zu koſten, von de⸗ nen einige wahrhaft fürchterlich waren. Die Bucht war inzwiſchen ganz von Fahrzeugen frei, da faſt alle ver⸗ ſunken oder an's Land getrieben worden waren. Ein eng⸗ liſches Packet-Boot lag etwa eine Kabellänge weit vor uns, und konnte, wie wir, ſich nur mit Mühe gegen den Sturm halten. Der„Governor Broaks,“ ein Boſtoner Fahrzeug, lag mehr nach Algeſiras hinüber, wo Wind und See ſich einigermaßen an den Felſen brachen, und kam daher beſſer davon als wlr. Um acht Uhr etwa in der dritten Nacht befand ich mich eben in der Kajüte, als die Leute auf dem Deck plötzlich die Meldung thaten, daß unſere Kabelkette zer⸗ riſſen ſey; zu gleicher Zeit ſtürzte das Fahrzeug vorne über ſo tief in's Waſſer, daß die Raae des Bugſpriets unter dem Waſſerſpiegel lag, und ein Windſtoß wie ein kleiner Orkan brach über uns herein. In einem Augen⸗ blick waren wir alle auf Deck und die ganze Mannſchaft griff in die Schoten: wir brachten das Schiff wieder em⸗ por, wiewohl es viele Muhe koſtete. Unglücklicher Weiſe waren wir in ſeichtes Waſſer gekommen, oder we⸗ »“) Einer meiner Freunde, der damals als amerikaniſcher Kon⸗ ſul in Gibraltar fungirte und früher in der Marine gedient hatte, belehrte mich jetzt, daß Ned über die Beſchaffenheit des Ankergrunds im Irrthum ſey. Das Schiff lag, ſeiner Anſicht zufolge, etwas zu weit in See, um günſtigen und ſichern Ankergrund zu finden. Mein Freund verſichert mich aber auch zugleich, daß Ned die Stärke und Heſtigkeit des Sturmes nicht übertrieben hat, indem jene Fahrzeuge ſämmtlich, mit Ausnahme weniger Fahrzenge der ver⸗ ſchiedenſten Größen und Arten wirklich verloren gingen, und zwar im Belaufe von der in jeder Beziehung außerordentlichen und ſeltſa⸗ men Summe von ul hencder und fünfundſechszig Stücken. Anm. d. Verf 8 254 nigſtens in ſolches, das durch den Wellenſchlag ſeicht ge⸗ worden war. Man ſagte mir hinterher, wir hätten da⸗ mals fünf Fäden Waſſer gehabt, allein ich möchte nicht dafür ſtehen; es ſchien mir zu viel Waſſer, für das, was ſich ſpäter ereignete. Unſer Anker lag übrigens wirklich in einer Tiefe von ſechszehn Faden. Wir hatten kaum unſerem Anker mehr Tau ausge⸗ ſtochen, als das Schiff bereits wieder gleichlaſtig und mit einer ſolchen Gewalt auf den Grund geſchleudert wurde, daß beinahe die Hälfte der Mannſchaft auf dem Verdeck davon zu Boden geſchleudert wurde. Dieſe Stöße wiederholten ſich von Zeit zu Zeit in Zwiſchen⸗ räumen von mehreren Minuten, und mit ungleicher Stärke. Das engliſche Packetboot mußte zu gleicher Zeit mit uns flott geworden ſeyn, denn es warf ſeinen Anker auf eine Weiſe aus, daß es damit unſer Kabel⸗ tau quer überlegte. Die Felſen und die Reibung dieſes Kabels des Packetboots zerriſſen vermuthlich unſer hänfenes Kabeltau, und wir ſahen uns auf einmal der Breite nach der Küſte zugetrieben. Als das Schiff land⸗ wärts trieb, fuhr es furt zu ſtoßen, doch ſtürzten dieß⸗ mal die Wellen glücklicher Weiſe nicht über uns herein. Der alte„Koromandel“ war ein ſtarkgebautes Schiff, und bahnte ſich unaufhaltſam ſeinen Weg nach der Küſte zu, bis er plötzlich faſt ohne Bewegung auf einem günſtigen tiefen Ankergrunde liegen blieb. Wir ließen nun die Pumpen ſpielen, und bemannten das Schiff vollſtändig, obwohl es noch immer bedeutend auf der Seite lag. Das engliſche Packetboot folgte uns land⸗ einwärts, trieb aber mehr in der Richtung der ſpani⸗ ſchen Linien an's Land; es erhielt mehrere Lecke und verlor einen Theil ſeiner Mannſchaft. Was uns anbe⸗ langt, ſo hatten wir in Betracht der Art und Weiſe, wie wir dazu gekommen waren, einen ziemlich bequemen Ankerplatz. Auch fürchteten wir nicht mehr für unſere 4 perſönliche Sicherheit und unſer Leben, und erhielten ſtrenge Ordnung an Bord; die Leute arbeiteten wie ge⸗ 255 wöhnlich, und verlangten nicht einmal einen Ertratrunk an Branntwein.— In dieſer Nacht brach ſich der Sturm, und noch vor Tage legte ſich das Unwetter um ein Bedeutendes. Man brachte Lichterfahrzeuge an unſern Bord, in welche wir unſer Mehl ausluden, bis der ganze Kargo gelöſcht war, und alles, ſo weit es wenigſtens das Waſſer an⸗ belangte, ſich in gehöriger Ordnung beſand, obwohl mehrere von den Kielſchwein⸗Bolzen ſich in die unterſte Lage der Fäſſer eingebohrt hatten. Ich fürchte mich faſt, dieſer Thatſache Erwähnung zu thun, obwohl ich ſie verbürgen kann, da ich die Fäſſer wieder mit eigenen Händen los machte. Als wir es gelichtet hatten, zogen wir bei einer hohen Fluth das Schiff in tieferes Waſſer, und fanden es ſo leck, daß es beſtändig eine Ablöſungs⸗ Mannſchaft an den Pumpen erforderte, um nur flott erhalten zu werden. Das Fahrzeug ward deshalb zum Beſten des Aſſekuranten verkauft, von dem neuen Käufer aber wieder kalfatert und wieder in See geſchickt. Dieſer Umſtand ſetzte natürlich unſerer Reiſe ein Ziel, und der Kapitän gab mir den Rath, eine Stelle als Unterſteuermann in dem„Governor Broaks“ anzu⸗ nehmen, dem einzigen amerikaniſchen Schiffe, das dem Sturme entgangen war, was ich denn auch that. Dieſes Fahrzeug war eine Brigg zu einer Reiſe um das Cap Horn ausgerüſtet, und ganz neu erbaut; außer ihm weiß ich kein anderes Fahrzeug, das den Felſen von Gibraltar gegenüber gelegen, und ſich aus dem Sturme gerettet hatte; es hatte nur zwei Anker an hänfenen Kabel⸗ tauen ausgeworfen, war übrigens durch einen guten Anker⸗ grund theilweiſe geſchützt worden. Am andern Tag zeigte ſich auch noch ein ſchwediſches Fahrzeug auf demſelben Ankergrund, das ſich durch irgend einen Kunſtgriff hinter die Klippen gelegt, und dadurch gerettet haben ſollte. Wie viel Menſchenleben bei dieſer Gelegenheit zu Grunde gin⸗ gen, weiß ich nicht; allein der Verluſt an Geldeswerth ſoll ſehr bedeutend geweſen ſeyn. 1 4 8 256 Drei Wochen nach dem Sturme ging der„Governor Broaks“ wieder unter Segel; die Fahrt um das Cap Horn machte uns viel zu ſchaffen, da widrige Winde uns vier⸗ zehn Tage lang zwiſchen den Falklands⸗Inſeln und dem Feſtlande umherwarfen. Wir waren hundertvierundvierzig Tage unterwegs geweſen, ohne einen Hafen zu berühren, als wir endlich in Callan landeten. Das Mehl, woraus unſer Cargo beſtand, koſtets damals ſieben Dollars ver Faß, und auf jedem ſtanden noch ſieben Dollars Zoll. Der „Franklin“ von vierundſiebenzig Kanonen und die engliſche Fregatte„Aurora“ lagen hier, da die Beſatzung der Cita⸗ delle mit der Einwohnerſchaft der Stadt und den Land⸗ bewohnern im kruſten. Kriege begriffen waren. Unſer Mehl wurde übrigens an's Land geſetzt, und ich kann nicht ſa⸗ gen, was hernach aus ihm geworden iſt. Wir nahmen nun Ball aſt ein, und ſteuerten weiter nach Guayaquil, wo mir ein Vorfall begegnete, der mir vielleicht auf Lebenszeit zu den peinlichſten Gewiſſensbiſſen hätte Anlaß geben können. Unſer Proviantmeiſter war ein vortugieſiſcher Neger, kin mürriſcher, äußerſt bösartiger Schuft, vor dem ſich die ganze Mannſchaft und Offiziere ordentlich fürchteten. Eines Abends, als der Kapitän und Steuermann gerade am Lande waren, ſaß ich müßig auf dem Deck, und verſpürte Luſt nach einem Glas Grog; ich rief daher dem Proviantmeiſter den Befehl hinunter, mir ein ſolches einzuſchenken, und auf's Deck herauf zu bringen. Der Burſche behauptete, der Kapitän habe die Schlüſſel mit fortgenommen und es ſeye kein Rum mehr zu haben; das däuchte mir doch ein wenig ſonderbar, und der Umſtand wurmte mir natürlich nicht wenig. Ich war nie an Bord des Fahrzeugs betrunken geweſen, und war überhaupt nichts weniger als ein Trunkenbold, indem ich, außer etwa in einer luſtigen Geſellſchaft am Lande, nie⸗ mals ſo viel zu trinken pflegte, daß es meine Verſtandes⸗ kräfte beeinträchtigte. Wie ich nun ſo da ſaß, und über der vermeintlichen Kränkung brütete, roch ich Num, und ſah, als ich durch „ 4 2⁵⁷ die große Luke hinunter blickte, den Proviantmeiſter ſelbſt mit einem Topf heißem Grog unter mir vorbeigehen. Zorn und Wuth verblendeten mich— mit einem einzigen Sprung war ich unten, packte den Burſchen als er gerade wieder aus der Kajüte zurückkam, und ſtellte ihn zur Rede; der Schwarze führte ein langes Meſſer in ſeinen Beinklei⸗ dern, welche Waffe ihm an Bord einigermaßen Reſpekt verſchafft hatte, und vor der ſich die Meiſten fürchteten; ſobald ich Hand an ihn gelegt hatte, griff er darnach, und wollte es ziehen. Ich ſah nun, daß hier keine Zeit zu verlieren war, hob ihn mit einem Nuck in die Höhe, und ſchmetterte ihn aus voller Kraft auf den Boden, daß er gerade auf den Kopf ſtürzte. Da lag nun der gefürchtete Schlingel wie ein Klotz, und alle meine Bemühungen, ihn mit Eſſig oder Weingeiſt wieder zur Beſinnung zu rufen, blieben erfolglos. Ich hielt nun den Burſchen für todt, weil ich kein Lebenszeichen mehr an ihm entdecken konnte, und eine Bangigkeit über die Folgen meiner That bemächtigte ſich jetzt meiner. Der Teufel mußte mir den Einfall ein⸗ gegeben haben, den Leichnam über Bord zu werfen, weil es das einfachſte Mittel war, meine That zu verbergen; zudem hatte der Proviantmeiſter ſchon zu verſchiedenen Malen gedroht, durch Schwimmen von unſerem Schiff zu entweichen, und war, glaube ich, ſchon einmal auf einem ſolchen Verſuche ertappt worden; mir däuchte, es werde, wenn ich den Leichnam zu einem der Kajüten⸗ fenſter hinauswerfe, den Anſchein haben, als ſeye der Schwarze auf einem ſeiner Fluchtverſuche ertrunken. Ich macht nun zuerſt alle mögliche Verſuche, den Proviant⸗ meiſter wieder zum Leben zu bringen; als dieſe jedoch ſämmtlich fehlſchlugen, ſchleppte ich ihn in der That nach hinten, um den Leichnam zu einem der Kajütenfenſter hinauszuwerfen. Der Schiffsſpiegel war jedoch hoch und der Burſche ſehr ſchwer, ſo daß ich tüchtig zerren mußte, bis ich ihn zu der erforderlichen Höhe emporbrachte; als ich ihn endlich ſo weit hatte, ſtieß der Burſche plötzlich 258 ein klägliches Gewinſel aus, ſo daß mir ein mächtiger Stein vom Herzen ſiel— es war nicht anders, als wenn ich noch unter dem Galgen begnadigt worden wäre. Ich ſetzte nun den Burſchen auf eines der untern Worpe des Sterns nieder, wo er ſich eine Weile halb bewußtlos in dem Kopf kratzte, während ich ihn ſchwei⸗ gend beobachtete. Endlich ſtand er auf und wankte zur Kajüte hinaus, um ſich zu Bett zu legen, und ich ſah ihn erſt am andern Tage wieder. Der Vorfall hatte, wie ſich nun erwies, nicht nur keine ſchlimmen, ſondern ſogar gute Folgen gehabt, und der Schwarze nahm ſich hinfort gewaltig vor mir in Acht; wenn ich ihm auch nicht den Hals brach, ſo benahm ich ihm doch den Kitzel, und brach ſeinen Eigenſinn, und der Kapitän drohte ihm ſtets, ſo oft er ſich ungebührlich aufführte, mich hinter ihn zu ſchicken. Ich erzählte nun den ganzen Vorfall vohne Hehl dem Kapitän und Steuermann, die herzlich darüber lachten, obwohl ich mich im innerſten Herzen darüber freute, daß die Sache keine gefährlichere Wen⸗ dung genommen hatte. Die Brigg nahm nun ihre ganze Ladung in Kakao zu Guayaquillina, und ſegelte nach Kadix. Die Reiſe war äußerſt günſtig, da wir gerade im hohen Sommer das Cap Horn umſegelten. Bei dieſer Gelegenheit umſchiff⸗ ten wir das Cap unter Bramſegeln. Das Wetter war ſo ſchön, daß wir, um uns die Strömung zu Nutze zu machen, nach kurzem Laviren kaum eine Meile vom Lande hin⸗ ſegelten. Unſere Ueberfahrt nach Kadix dauerte etwa hundertundzweiundvierzig Tage, alſo faſt eben ſo lange, als die Hinfahrt, obwohl ſie um Vieles angenehnfer und leichter war.— Die Franzpſen hatten gerade Kadix in Beſitz genommen, als wir einliefen, und die weiße Flagge wehte von allen Thürmen; nachdem wir hier einen Monat lang gelegen hatten, umſegelten wir die Riffe von Gibraltar, verbrachten hier eine Woche, um eine Anzahl Dollars einzunehmen, und ſegelten nun ohne Ladung nach New⸗Orleans. Da mein Gehalt zweiundzwanzig Dollars 259 monatlich betragen hatte, mußte mir nun ein hübſches Sümmchen zugute kommen, ſobald wir einen amerikani⸗ ſchen Hafen erreichten, und ich fühlte ein großes Ver⸗ langen, das Geld zu verbrauchen, bevor ich wieder in See ging. Kapitän und Schiffsherren wünſchten mich auf dem Fahrzeug zu behalten, das dieſelbe Reiſe wieder von Neuem antreten ſollte, allein ich konnte mich nicht dazu entſchließen, mit einer Taſche voll harter Thaler eine ſo lange Reiſe anzutreten; ich hatte ſo viele Jahre auf der See verlebt, daß mir ein kurzer Aufenthalt am Lande etwas Neues, und deshalb ein wahrer Genuß war. Das einzige Fahrzeug, an deſſen Bord ich in meine Heimath kommen konnte, um mir daſelbſt auf die alte Weiſe gute Tage zu machen, war ein kleiner europäiſcher Schooner, der„James“ genannt. Auf dieſem Fahrzeug ſchiffte ich mich nun als Steuermann nach Philadelphia ein; es war in Beziehung auf die Ausrüſtung das ſchlech⸗ teſte Fahrzeug, worin ich je in See gegangen war; ſein Boot war nicht einmal ſeefähig, und nicht einmal eine einzige Reſerve⸗Spiere an Bord. Auf dieſe Weiſe ſteuerten wir nun nordwärts, bis wir zwiſchen Bermuda und dem Cap Hatteras von einem Nordweſtſturme überfallen wurden, der uns vom Kurs abzulenken nöthigte; während dieſes Sturmes erhielt ich einen Beweis von der Wahrheit des alten Sprüchworts, daß:„wo der Schatz iſt, auch das Herz ſey.“— Ich ſtand nämlich an's Schiffgeländer ge⸗ lehnt, und blickte über die Schanze des Schooners hinab, als ich auf einmal zu bemerken glaubte, daß eine der Planken auf unſerer Langſeite losgegangen ſey. Der Gedanke, mich auf einem Fahrzeuge zu befinden, deſſen Boden buchſtäblich auszufallen drohte, war wahrlich kein angenehmer, und ich gab in Gedanken ſchon Alles ver⸗ loren. Ich weiß mir über das Thörichte meiner Hand⸗ lungsweiſe gar keine Rechenſchaft zu geben, außer etwa durch die Annahme, daß ich in Folge meiner mannigfachen glucklichen Rettung aus Gefahren aller Art zur See von der Vorſehung auserſehen ſey, ganz allein gerettet’ zu 260 werden, falls der übrigen Mannſchaft an Bord ein Unfall zuſtoße. Ohne mich lange zu befinnen, rannte ich unter Deck und brachte meine Dollars in Sicherheit, indem ich eine Bettdecke zerriß, einen Gürtel daraus machte, und mir ein Gewicht von etwa fünfundzwanzig Pfund Silber um den Leib band, obwohl ich nur die Ausſicht vor mir hatte, zwei⸗ bis dreihundert Meilen weit ſchwimmen zu müſſen, bevor ich das Land erreichen konnte. Was näm⸗ lich unſer Boot und die Spieren anbelangt, ſo war das erſtere nicht ſeefähig, und die letztern fehlten ganz an Bord. Wenn ich jetzt auf meine Handlungsweiſe von jenem Tage zurückblicke, erſcheint ſie mir wie ein unbe⸗ greifliches Wunder, denn ich ſchien an jenem Tage über dem Wunſche, die verwünſchten Dollars zu retten, meine ſonſtige Bekanntſchaft mit den Schiffen und dem See⸗ weſen ganz vergeſſen zu haben; zum erſten⸗ und einzigen⸗ mal in meinem Leben fühlte ich eine Regung von Geiz, und verlor über dem leidigen Gelde alles Andere aus dem Geſicht. 4 Meine Pflicht brachte es mit ſich, die Pumpe zu unter⸗ ſuchen, allein diesmal erſchien mir dies ganz unnöthig. Die Dollars waren nicht ſobald in Sicherheit gebracht, oder vielmehr in Stand geſetzt, mich auf den Grund des Oceans vor Anker zu legen, als mir der Kapitän wieder einfiel. Er ſchlief gerade unten, und ich weckte ihn auf, um ihn von dem Vorfall in Kenntniß zu ſetzen; der Alte, ein kaltblütiger, trockener, phlegmatiſcher Veteran, lachte mir in's Geſicht, als ich ihm meine Beſorgniß mittheilte, und meinte, das was ich für eine losgetrennte Planke an⸗ geſehen habe, werde wohl nichts anders ſeyn, als eine von den Verſchalungsplanken, die er in Kampeaichy⸗Bay am Schiffsboote habe anbringen laſſen, um das Fahrzeug vor den Würmern zu ſchützen, und gab mir den Rath, hin⸗ ſichtlich des Bodens des Schooners außer Sorge zu ſeyn. Dies war auch der einfache Stand der Sache, und ich hob meine Dollars wieder mit dem ärgerlichen Bewußt⸗ ſeyn auf, diesmal meine Pflicht ganz außer Augen gelaſ⸗ = O 88= 261— 5 fen zu haben. Alle Menſchen haben meines Erachtens Augenblicke, in welchen ſie ſich ſelbſt vergeſſen, und ganz anders handeln, als ſie es gewöhnlich zu thun pflegen. In dieſem Falle hegte ich dürchaus keine Beſorgniſſe für mich ſelbſt, ſondern erachtete meine Maßregeln nur zur Rettung jener Schlacken nöthig, die ſo manchen in Unglüͤck und Verderben ſtürzen. Der Geiz hatte mich ſo ſehr ver⸗ blendet, daß ich der Geheimniſſe und Kunſtgriffe meines eigenen Berufs ganz vergeſſen hatte. Ich hatte den ganzen Weg von New⸗Orleans nach Philadelphia mich mit dem Gedanken gequält, wie ich meine vierhundert Dollars zu meiner eigenen Zufrieden⸗ heit und zu meinem Vergnügen verwenden wolle. Hier führte ich nun zwei Monate lang ein anſtändiges Leben, und begann ſogar die Kirchen zu beſuchen; ich wohnte in keinem Koſthauſe, ſondern bei einer Privat⸗Familie. Meine Wirthin war eine gottſelige Frau, und ein Glied der deutſch⸗ reformirten Kirche, ihr Gatte aber ein Unitarier. Ich muß ſagen, daß mir die Glaubenslehre des Letztern beſſer gefiel, da es für mich ein ruhiges Fahrwaſſer für meinen ganzen Kreuzzug am Lande bildete; ich pflegte gewöhnlich Morgens mit dem Mann zur Kirche zu gehen, was mir freilich nicht anders vorkam, als ob ein armer Teufel, der ſich Mühe gab, in den Hafen zu gelangen, in Untiefen und auf Sandbänke gerathe. Meine Wirthin überhäufte mich mit guten Lehren, die wenigſtens den Einfluß hatten, daß ich mein Betragen darnach regelte, obwohl ich leider geſtehen muß, daß ſie mir nicht recht zu Herzen gingen. Ich wurde wenigſtens geſetzter, und nahm beſſere Sitten an, wenn ich auch nicht zur Reue über meine Sünden kam, und ich verbrachte dieſe beiden Monate vernünftiger, als irgend je einen andern Aufenthalt am Lande, ſeit ich vom„Sterling“ entlaufen war. Der„James“ lag noch immer in Philadelphia, weil er ausgebeſſert worden war und auf Fracht gewartet hatte; da er nun wieder ſeefertig war, trat ich wieder an Bord deſſelben, und machte mit ihm eine Reiſe nach Sanct 262 Thomas, wohin er eine Ladung Mehl brachte. Als wir unter Segel gingen, ließ ich faſt hundert Dollars zurück, und nahm noch Geld mit zur See, was ich ſämmtlich nur der guten Geſellſchaft verdankte, mit der ich während meines Aufenthalts am Lande Umgang gepflogen. In Sanct Thomas löſchten wir unſern Cargo und fuhren mit Ballaſt nach Burks⸗Island, wo wir eine Ladung Salz einnahmen, und damit nach Philadelphia zurückkehrten. Mein Betragen auf dieſem Schooner hatte mir das Vertrauen des Kapitäns, der zugleich Schiffseigenthümer und ſchon alt war, in dem Maße erworben, daß er mir den Vorſchlag that, auf dem Fahrzeug zu bleiben und deſſen Kapitän zu werden, ſobald wir in den Hafen ein⸗ gelaufen wären, da er ſelbſt ſich entſchloſſen hatte, nicht mehr in See zu gehen. Ich halte es jetzt für einen großen Irrthum, daß ich auf dieſen Vorſchlag damals nicht einging, obwohl ich eigentlich nur ein ehrliches Mißtrauen in mich ſelbſt in Betreff meiner Kenntniſſe hegte; ich hatte mich nie recht auf die Zeitrechnung ver⸗ ſtanden, obwohl ich mir alle Mühe gab, mir dieſelbe an⸗ zueignen. Freilich kamen zu jener Zeit Chronometer in größeren Fahrzeugen in allgemeinen Gebrauch und ich konnte die Zeit darnach leicht berechnen, allein ein Chro⸗ nometer war an Bord des„James“ ein ganz unerhörter Gegenſtand. Meine Vorliebe für größere Städte und eine Abneigung gegen kleinere Reiſen übten ebenfalls auf mich nicht unbedeutenden Einfluß aus. Beſcheiden lehnte ich das Anerbieten ab, das einzige, welches mir unmittel⸗ bar jemals gemacht worden war, irgend eine Art von Fahrzeug zu kommandiren, und ich blieb lieber, was ich zuvor geweſen war. Zudem ſah ich gewiſſermaßen gering⸗ ſchätzend und auf eine Weiſe auf Fahrzeuge von ſolcher Bauart und Ausrüſtung herab, die vermuthlich auch nicht ohne Einfluß auf mich war; reiche Schiffsherrn zog ich ärmeren unbedingt vor. 2 Bei meiner Rückkehr nach Philadelphia fand ich die Familie, in welcher ich zuletzt gelebt hatte, in Folge von 4 263 Krankheit unter ſehr zerrütteten Verhältniſſen; ich erhob mein Geld, war aber genöthigt, mich nach einer neuen Wohnung umzuſehen. Die achtungswerthen Leute bei welchen ich zuvor gewohnt hatte, gaben ſich nicht mit dem Vermiethen von Wohnungen ab, und ich ward ihr einziger Hausgenoſſe geweſen. Ich miethete mich nun in einem regelmäßigen Matroſenſpeiſehauſe ein, das frei⸗ lich nur von einer Art kleiner Ariſtokratie beſucht wurde, weil ſich hier meiſt nur Steuermänner, Unterſteuermänner und andere Offtziere einfanden; allein gerade dieſe Ge⸗ ſellſchaft war ein verderbliches Fahrwaſſer in Betreff der Moralität. Ich kehrte zu allen meinen alten Gewohn⸗ heiten zurück, vergeudete meine Dollars rechts und links mit vollen Händen, und ſchlug mir nicht nur die guten Lehren meiner Wirthin, ſondern ſogar die Glaubenslehre der Unitarier aus dem Sinne. Ein Monat in ſolcher Geſellſchaft verbracht, fegte mir die Taſchen ganz leer, und ich verſchleuderte mein Geld bis auf den letzten Cent, mit Ausnahme von etwa fünfzehn Dollars, die ich als Neſt⸗Eier und Hecke⸗Thaler zurückgelegt hatte. Ich ſchiffte mich hierauf als Unter⸗ ſteuermann in der„Rebekka Simms,“ einem Fahrzeuge ein, das mit einer Ladung Mehl nach St. Jago de Cuba abging. Die Reiſe dauerte vier Monate, ohne irgend einen merkwürdigen Zwiſchenfall, als ein kleines Aben⸗ teuer, das mich perſönlich anging und beinahe meinen ganzen Gehalt koſtete. Der Proviantmeiſter war ein Schwarzer, ein grober, mürriſcher und ungefälliger Kerl; bei ſchlechtem Wetter unterließ er es einmal, mir warmes Getränke zum Frühſtück zu verabreichen, und ich nahm die Gelegenheit wahr, ihm als heilſame Gedächtnißubung das Ende des Marsſegel⸗Geitaues zu koſten zu geben, womit die Sache beigelegt ſchien, ſo lange ich wenigſtens an Bord war. Jedermann ſchien ſich damit zu beruhigen, nur der Proviantmeiſter nicht, der ſich den Vorfall hinter die Ohren ſchrieb und einen ganzen Trupp Quäcker auf mich hezte, ſobald wir in den Hafen eingelaufen waren. * 1A 264 Man machte mir einen Prozeß, der mich ſechszig Dollars Schadenerſatz und nebenbei noch eine ſchöne Summe an Gerichtsſporteln koſtete. Nach Geſetz und Vorgang hatte der Burſche freilich Recht, allein ich bin überzeugt, daß es für den Proviantmeiſter ſehr heilſam geweſen wäre, hätte er jede Woche einmal eine ſolche Tracht Prügel erhalten. Wohlmeinende Menſchen thun hienieden manch⸗ mal ebenſo viel Unrecht als Bösartige; Philantropen von dieſer Schule ſollten nicht vergeſſen, daß die Hautfarbe ebenſo wenig ein hinreichender Grund dafür iſt, daß ein Menſch von Natur aus böſe, als dafür, daß er ſtets rrechtſchaffen und ehrlich iſt. 4 Der Prozeß jagte mich binnen Kurzem wieder auf die See; da ich keinen beſſern Platz fand, und über die Blindheit der Richter ſehr erbost war, ging ich als gemei⸗ ner Matroſe an Bord des„Superior,“ eines Oſtindienfah⸗ rers von vollen achthundert Tonnen Laſt, der nach Kanton beſtimmt war. Dieß war, was das Wetter, und ich darf wohl auch ſagen, die Lebensweiſe anbelangt, die ange⸗ nehmſte Seereiſe, die ich je auf einem Kauffartheiſchiffe machte. Wir verloren unſere Bramſtangen auf der Heimreiſe, allein dieß war auch der einzige Unfall, der uns betraf; das Schiff war neun Monate unterwegs geweſen, und wir hatten die Reiſe von Whampoa nach dem Cap der guten Hoffnung in vierundneunzig Tagen zurückgelegt. Als wir einliefen, hatten die Eigenthümer des Schiffs Bankerott gemacht und wir konnten für den Augenblick kein Geld bekommen. An Ort und Stelle zu bleiben und auf das Schiff zu ſchim⸗ pfen, wäre eben ſo thöricht als langweilig geweſen, weßhalb ich denn eine Vollmacht für einen Advokaten zurückließ und mich an Bord eines Schooners, der„Sophia,“ als Matroſe nach Vera⸗Cruz einſchiffte. Die„Sophia“ war ein Schnellſegler und legte die Hinreiſe in wenigen Tagen zurück. Wir liefen in Vera⸗ Cruz ein, fanden es aber faſt ganz verlaſſen. Unſer Kargo ward etwas unregelmäßig an's Land geſchafft, zum Theil bei Tage und zum Theil bei Nacht, da unſere Ladung aus im⸗ halb kließ als die era⸗ 265 den verſchiedenartigſten Gegenſtänden beſtand und an die verſchiedenſten Kunden und Abnehmer adreſſirt ward. So⸗ bald wir die Ladung vollſtändig gelöſcht hatten, ſegelten wir wieder nach Philadelphia ab, wo wir nach kaum zwei⸗ monatlicher Abweſenheit wieder eintrafen. Ich erhielt nun meinen Gehalt für die Reiſe nach Canton, war aber ſchon in vierzehn Tagen damit fertig! Ich mußte nun wiederum in See gehen, und ſchiffte mich nun an Bord der„Calledonia“ ein, die ebenfalls nach Can⸗ ton beſtimmt war. Dieſe Reiſe dauerte eilf Monate, war aber, wie die meiſten Reiſen nach China, mit keinen be⸗ ſondern Abenteuern verknüpft. Wir verloren auch dießmal unſere Bramſtengen, allein das iſt ja nichts Ungewöhnli⸗ ches jenſeits des Caps der guten Hoffnung. Ueber das Schiff oder die Behandlung auf demſelben kann ich nicht viel Rühmendes ſagen. 3 Als wir wieder nach Philadelphia zurückkamen, ver⸗ brauchte ich mein Geld wieder nach alter Weiſe. Gelegent⸗ lich beſuchte ich meine guten frommen Freunde, bei denen ich früher gewohnt hatte, allein ſie hatten keinen großen Einfluß mehr auf meinen Lebenswandel. Als das Geld fort und ich ſelbſt überſättigt war, ſchiffte ich mich in dem „Dellaware“ ein, der nach Savannah und Liverpool be⸗ ſtimmt war. Zu Folge der Sitte oder Unſitte, die in den ſüdlichen Provinzen herrſcht, entlief ich in Savannah von die⸗ ſem Fahrzeuge, das freilich keine Anſprüche an mich hatte, war jedoch genöthigt, meinen Paß im Stiche zu laſſen, den der Kapitän in Händen hatte. Ich hatte keinen an⸗ dern Grund, dieß Fahrzeug zu verlaſſen, als etwa Laune oder einen augenblicklichen thörichten Einfall; Behandlung und Lebensweiſe waren trefflich und der Gehalt hoch, aber dennoch entlief ich. So lange der„Dellaware“ im Hafen blieb, mußte ich mich natürlich verſtecken; kaum war er aber abgeſegelt, ſo kam ich wieder zum Vorſchein und ſtol⸗ zirte am Hafen umher, als wäre ich ein Schiffsherr. Nun ging ich an Bord eines Schiffes, das die„Ta⸗ Edward Myers. 18 1 266 backs⸗Pflanze“ hieß, und nach Livervool und Philadelphia beſtimmt war, bekam aber monatlich zwei Dollars weni⸗ ger Gehalt, ſchlechte Behandlung und keinen Grog. Das war die Sündenſchuld dafür, daß ich der Mode gehuldigt hatte! Die Reiſe ward ohne einen Vorfall von Bedeutung zurückgelegt.— Bei meiner Rückkehr nach Philadelphia, beſchloß ich, meine Lebensweiſe zu ändern, und einen neuen Kurs einzuſchlagen. Ich war nun vierunddreißig Jahre alt, und hatte nachgerade alle Hoffnung aufgegeben, in meinem Berufe empor zu kommen. Mein Glück war jedesmal, ſo oft ich vorwärts geſteuert hatte, wieder den Krebsgang gegangen, und dieß war ſo oft vorgekommen, und ich ſtand ſo vereinzelt und einſam in der Welt, daß ich ganz gleichgültig geworden, und entſchloſſen war, mich ge duldig und ergeben in mein Schickſal zu fügen. Was das Geld anbelangt, ſo war es mir längſt zum Grundſatz ge⸗ worden, es alsbald zu verbrauchen, wenn es mir unter die Hände gerieth, und nur wieder in See zu gehen, um mehr zu verdienen.„Falle ich je einmal über Bord,“ pflegte ich zu ſagen,„ſo iſt ja doch kein Menſch da, der mir nach⸗ weint, und darum mögen die Verhältniſſe immerhin ihren eigenen Kurs gehen.“ Die guten Vorſätze zur ſittlichen Beſſerung, welche in Philadelphia in mir rege geworden waren, waren mir längſt aus dem Sinn gekommen, und ich kümmerte mich ſo wenig um Kirche und Religion als je. Ich hatte mir freilich an Bord des„Superior“ eine Bibel gekauft, und pflegte von Zeit zu Zeit darin zu leſen, allein es war hauptſächlich das Geſchichtliche, z. B. die Erzählung von Simſon und Goliath, was Intereſſe für mich hatte. Die Erzählung von Jonas und dem Wal⸗ fiſche habe ich wenigſtens zwanzigmal geleſen, allein ich kann mich nicht entſinnen, daß je der ſittliche Gehalt oder der Sinn, oder die Gedankentiefe und religiöſe Erhabenheit einer einzelnen Stelle mich bei ſolchen Anlaſſen überraſchte. Mit einem Wort, ich las dieſes heilige Buch zur Unterhal⸗ tung und nicht zur Erleuchtung meines Gemüths. Mich verlangte nun nach Abwechſelung, und ich kam 1 phia eni⸗ Das digt ung hia, euen ahre , in war den nen, ich ge⸗ das ge⸗ die nehr ich ach⸗ fren chen den und — 267 auf den Einfall, der Neuigkeit wegen wieder unter die Marine zu treten. Ich hatte Eine Fahrt um die Welt zurückgelegt, war fünfmal in Canton geweſen und jedes⸗ mal das Cap der guten Hoffnung umſchifft, hatte Cap Horn ebenfalls zweimal umſegelt, war einmal in Ba⸗ tavia geweſen, hatte Weſtindien, die ſpaniſchen Beſitzungen auf dem amerikaniſchen Feſtland beſucht und war ſo oft über den Atlantiſchen Ocean geſetzt, daß ich alle Mei⸗ lenſteine davon kannte. Vom mittelländiſchen Meer aber war mir nur blutwenig zu Geſicht gekommen, und ich hegte die Hoffnung, eine Fahrt auf einem Kriegsſchiffe werde mich dorthin bringen. Der größere Theil der Mannſchaft von der„Tabackspflanze“ hatte ſich nach Phi⸗ ladelphia eingeſchifft, und ich beſchloß nun, mich eben⸗ falls dorthin zu begeben, um unter die Marine zu tre⸗ ten. Es herrſcht ja in allen Dingen eine gewiſſe Mode, und damals war es eben Mode, in die Marine zu treten. Ich ließ mich von Lieutenant Mac Kean, nunmehr Commodore Mac Kean, engagiren, der ein Enkel des großen Gouverneurs von Pennſylvanien geweſen ſeyn ſoll. Unſere ganze Mannſchaft wurde an Bord der „Cyane“, eines Priſenfahrzeugs von zwanzig Kanonen geſchickt, auf welchem wir etwa ſechs Wochen blieben. Man theilte uns hierauf in Detachements, und mehr als hundert von uns wurden in einer Kriegsſloop nach Nor⸗ folk geſchickt, wo wir an Bord des„Delaware“ von achtzig Kanonen kamen, der ſich' zu einer Fahrt nach dem Mittelländiſchen Meere ausrüſtete. Das Schiff lag an den Kai's der Marine⸗Schiffswerfte und wir wurden ſchon nach Verfluß einer Nacht, die wir an Bord des Auf⸗ nahme⸗Schiffs(das gleichſam anſtatt der Kaſerne dient) verbracht hatten, auf unſeren Zweidecker geſandt. Der „Delaware“ lief bald aus und wurde an Kapitän Downes übergeben, den nämlichen Offizier, der mich früher ſchon einmal beinahe überredet hatte, an Bord jener unglück⸗ 8 lichen Brigg„Epervier“ zu gehen. 18* 268 Ich wurde auf dem Vorderkaſtell des„Delaware“ verwendet und mir das Amt eines„Schiffsmaats“ über⸗ tragen. Unſere Lieutenants an Bord waren die Herren Ramage, als erſter Lieutenant, und die Herren Williamſon, Ton Eick, Shubbrick, Byrne, Chauncey, Harris und etliche Andere, deren Namen mir inzwiſchen entfallen ſind. Herr Ramage iſt ſeitdem kaſſirt worden, wie ich gehört habe; die Herren Ton Eick, Shubbrick, Chaun⸗ cey, Harris und Byrne ſind jedoch ſämmtlich jetzt Schiffs⸗ befehlshaber.— Das Schiff ging im Winter 1828 unter Segel— ich glaube gar, es war im Januar— und hatte den Prinzen von Muſignano und ſeine Familie an Bord, welche nach Italien reisten. Dieſer Herr war kein Anderer, als Karl Bonaparte, der älteſte Sohn von Lucian, dem Fürſten von Canino, wie man ſagte, und iſt inzwiſchen ſelbſt Fürſt von Canino geworden. Er hatte längere Zeit ſich in Amerika aufgehalten und ſich nur deßhalb an Bord unſeres Schiffs begeben, weil es für einen Mann von ſeiner Familie und ſeinem Na⸗ men ſehr ſchwierig geweſen ſeyn ſoll, nach und in En⸗ ropa zu reiſen; er war der erſte und einzige Fürſt, den ich je zum Schiffsgefährten gehabt habe. Fünfzehntes Kapitel. Die Hinfahrt im„Delaware“ war ſehr mühſam, da das Schiff furchtbar ſchlenkerte. Es befand ſich näm⸗ lich zum Erſtenmal auf der See und erforderte daher etliche Zeit, bis ſein Gleichgewicht(Unterlaſt) her⸗ geſtellt und die Segel in gehöriger Verfaſſung waren. Es ergab ſich übrigens, daß der„Delaware“ ein ſehr gutes Fahrzeug war, herrlich ſegelte, gut ſteuerte und Kurs hielt, und ſich als prächtiges Seeſchiff erwies. Wir liefen in Algeſtras ein, wo wir nur vierundzwanzig Stunden vor Anker lagen. Wir ſegelten ſofort nach Port Mahon, mußten aber auf Befehl des Gouverneurs den Hafen wieder verlaſſen, und ſteuerten nun nach Li⸗ are“ ber⸗ rren ſon, und llen ich lun⸗ iffs⸗ nter und an war ohn gte, den. und weil Na⸗ Eu⸗ den am, äm⸗ ier her⸗ ren. ſehr und ies. nzig 4 urs Li⸗ 269. vorno, wo wir unſre Paſſagiere an's Land ſetzen ſollten. Ich erfuhr hinterher, daß man uns nur deßhalb verbot, im Port Mahon zu landen, weil die Prinzeſſin von Muſignano eine Tochter des Exkönigs von Spanien war und man es nicht für zartſinnig erachtete, ſie auf das Gebiet des jetzt regierenden Königs zu bringen. Später ſagte man mir gar, dem Commodore ſey für dieſes Zart⸗ gefühl und die Rückſicht, welche er bei dieſer Gelegen⸗ heit an den Tag gelegt hatte, ein Ritterorden angeboten worden, den er jedoch natürlich ablehnte. Unſre Fahrt von Port Mahon nach Livorno, wo wir in der äußern Rhede vor Anker gingen, war ſehr glücklich. Schon am Nachmittag nach unſerer Ankunft landeten wir unſere Paſſagiere, und in der Nacht darauf erhob ſich ein tüchtiger Sturm aus Norden und Oſten, oder überhaupt vom Strande her, wenn ich mich recht erinnere. Dies war das Erſtemal, daß ich Augenzeuge da⸗ von war, wie man die unteren Raaen eines Fahrzeugs ab⸗ nahm, und die Topmaſten barg, da die Bemannung der Kauffahrteiſchiffe gewöhnlich zu gering iſt, um mit ihrem Geſtenge ſolche Luftſprünge und Kapriolen zu ſchneiden. Wir hatten drei oder vier Anker ausgeworfen, da das Schiff tüchtig arbeitete. Wir verloren einen Mann von dem Steuerborde⸗Vorderputtingen, der ſich in's Boyerreep verwickelte, als wir einen Pflichtanker auswarfen; der arme Teuſel konnte nicht wieder aufgefangen werden, weil die See zu hohl ging und die Dunkelheit zu dicht war, obwohl wir den Verſuch machten, ihn zu retten. Am andern Tage ließ der Sturm ein wenig nach, und wir gingen wieder nach Mahon unter Segel; die Fahrt war ſehr angenehm, und diesmal liefen wir in den Hafen ein. Kapitän Downes verließ uns nun und Com⸗ modore Crane hißte ſeinen Ständer*) auf unſerem Schiffe auf. Unſer Fahrzeug lag nun lange Zeit im Ha⸗ fen, da der Commodore in einer unſrer Schaluppen fort⸗ *) Ständer, Broad-pendant, iſt das Unterſcheidungszeichen, welches das Fahrzeug eines Geſchwaderführers der Commodore his Flagge führt. 270 ſegelte und ein paar Monate ausblieb. Es hieß, es ſey beauftragt, Frieden mit den Türken zu machen, aber das waren Dinge, von denen wir armen Matroſen nichts verſtanden. Bei ſeiner Rückkehr gab es einen tüchtigen Zank mit dem erſten Lieutenant, der das Schiff verließ und zwar, ſoviel mir bekannt, zu Niemandens Bedauern. An ſeine Stelle kam nun Herr Mix, der unſer Detachement im Jahre 1812 nach den Seen geführt und uns während des ganzen Feldzugs kommandirt hatte; er war zugleich Herrn Osgood's Schwager. Ich wurde nun zum Kapi⸗ tän des Vorderkaſtells(erſter Maat, Unteroffizier der Ma⸗ troſen) befördert, und behielt dieſe Stelle über die ganze Dauer unſerer Fahrt.— Die Behandlung auf dieſem Schiffe wartrefflich, und der Aufenthalt an Bord des„Delaware“ gehörte unter meine angenehmſten Erinnerungen und bil⸗ det die glücklichſte Zeit meines Lebens. Als Herr Mir die Ccharge des Herrn Ramage als erſter Lieutenant eingenom⸗ men, ſchien Jedermann zufrieden, und ich habe nie wieder ein vergnügteres Schiffsvolk getroffen. Im dritten Jahr un⸗ ſerer Fahrt kreuzten wir lange dem Cap de Gata(an der Südküſte Spaniens) gegenüber, und hielten unſer Schiff faſt drei Monate lang beſtändig unter Segeln. Wir nahmen in offener See unſre Proviantirung ein, da man uns auf dieſe Weiſe friſch im Dienſte erhalten wollte. Am vierten Juli hatten wir einen ordentlichen Feſttag; ſchon um vier Uhr Morgens lag das Schiff unter der nörd⸗ lichen Seite der Küſte dem Land gegenüber, und wir ver⸗ kürzten unſre Segel, worauf es Muſik, und ſodann Be⸗ grüßungſalven und Grog an Bord gab. Wir machten uns einen luſtigen Tag, und ich könnte mich nicht ent⸗ ſinnen, daß es Zank oder Händel an Bord gegeben hätte. Ich meldete mich als Freiwilliger zu einer Kreuzfahrt an Bord des„Warren,“ unter dem Befehl des Herrn Byrne; der nunmehrige Commodore Kearny befehligte jenes Fahrzeug, und lief mit uns nach dem Felſen von Gibraltar hinab. Zur Unternehmung dieſes Ausflugs als Freiwillige beſtimmte uns den Umſtand, daß die hollän⸗ ſey das ichts BZank und An nent rend leich api⸗ Ma⸗ anze hiffe are“ bil⸗ die om⸗ ein un⸗ (an nſer eln. da llte. hon örd⸗ ver⸗ Be⸗ dten ent⸗ tle. ihrt rrn gte von als än⸗ 271 diſchen und franzöſiſchen Kriegsſchiffe, ſowie die der Ver⸗ einigten Staaten in Port Mahon zuſammentreffen woll⸗ ten; unſre Leute hatten mehrmals mit den Franzoſen Raufhändel am Lande, und es war ſchwer zu beſtimmen, auf welcher Seite das Recht war, da von unſerer Seite nicht die Mannſchaft des„Delaware,“ ſondern die der „Java,“ bei dieſem Streit betheiligt war; Einer der Matroſen der„Java“ wurde durch und durch geſtoßen, und von franzöſiſcher Seite blieb ein Offizier auf dem Platze. Die Franzoſen ſollen uns im Verdacht gehabt haben, als hätten wir den Matroſen, der jenen Offizier erſchlagen hatte, entfliehen laſſen wollen, und ſollen Miene gemacht haben, den„Warren“ anzuhalten, worin ſie den Mörder geborgen meinten. Ich weiß jedoch nicht mehr von der Sache, als daß zwei franzöſiſche Briggs an der Mündung des Hafens Anker warfen, und man unter uns ein Aufgebot nach Freiwilligen that, die an Bord der Sloop„Warren“ gehen wollten, wozu ſich fünfundvierzig von uns meldeten, und auf die Kriegsſchaluppe kamen. Nachdem der„Warren“ unter Segel gegangen war, wurden wir auf die Schanzen deſſelben kommandirt und bemannten beide Batterien; ſo fuhren wir mit beſchla⸗ genen Bramſegeln und den untern Segeln in den Gei⸗ tauen auf die beiden franzöſiſchen Briggs zu, fuhren ge⸗ rade zwiſchen beiden hindurch und kehrten jeder derſelben eine unſrer Langſeiten zu, kamen jedoch unangerufen und unangefochten davon. Wir ankerten zuerſt unter dem „Felſen“ vor Gibraltar, fuhren aber am nächſten Tage nach der ſpaniſchen Küſte hinüber. Binnen Kurzem kehr⸗ ten wir wieder nach Mahon zurück, und wir Freiwillige vertauſchten den„Warren“ wieder mit dem„Delaware.“ Die beiden Briggs waren verſchwunden, allein noch immer lag eine beträchtliche franzöſiſche Kriegsmacht hier im Hafen. Jene Händel hatten, ſo viel ich weiß, keine weiteren Folgen gehabt.— Im Frühjahr 1830 langte die„Conſtellation,“ unter Commodore Biddle, auf unſerer Station an, und un⸗ ſer Schiff und Commodore wurden abgelöst. Wir kreuzten 272 üͤbrigens, bevor es ſo weit kam, noch einmal bis Sieilien hinüber und ſteuerten alsdann nach Tripoli. Hier ſah ich ein Wrak quer vor der Bucht hängen und hörte, es ſey die Ruine der armen Fregatte„Philadelphia.“ Auch in Livorno hielten wir uns etliche Wochen auf, da unſer Kommodore ſeiner Geſundheit wegen, die Bäder in der Nachbarſchaft beſuchte. Der„Delaware“ beſuchte unter andern auch die Häfen von Carthagena, Malta und Syracus, in welche letzterem wir vielleicht ſechs Wochen lang vor Anker lagen; es war etwa um die Zeit des Endes unſerer Ausfahrt geweſen. Hier hatten wir tüchtig exerciren müſſen, wo die Mann⸗ ſchaft an eine merkwürdige Pünktlichkeit und Diseiplin ge⸗ wöhnt wurde. Um vier Uhr Morgens mußten wir auf⸗ ſtehen und an unſere Beſtimmung gehen; alle die Hand⸗ griffe und Manöver des Ankerlichtens, Segel Aus⸗ und Einbindens, Reeffen, Aufgeien, Takelns, Pakens u. ſ. w., wurden ſo lange eingeübt und wiederholt, bis die Leute ſo gewöhnt waren, mit Einem Schlage und auf Kommando zuſammenzuwirken— das einzige Geheimniß und der Vor⸗ theil, worin die Wirkſamkeit und Stärke eines Kriegs⸗ ſchiffes beſteht,— daß der Offizier auf Deck ſchon ſeinen „Halt“ rufen mußte, ehe noch die Raaen einen einzigen Mann trugen, wenn die Leute nicht alle Spieren ſpran⸗ gen oder überſpringen ſollten. Als wir das Erercitium uͤberſtanden und eine Probe unſerer Geſchicklichkeit abgelegt hatten, bezeugte ſich der Kommodore mit uns zufrieden, und meinte: er brauche ſich nicht zu ſchämen, uns jedem Fahrzeuge, das nur immer ſchwimme, gegenüber zu zeigen. Ich kann es freilich nicht verbürgen, daß ich unſere Aus⸗ flüge und Erlebniſſe in ihrer geſchichtlichen Aufeinander⸗ folge gebe, und vermag ebenſowenig genau das Jahr an⸗ zugeben, in welchem der Kommodore ſeine Reiſe nach Smyrna machte; es wäre möglich, daß es in eine frühere oder ſpätere Zeit fiel, als ich es angegeben. Unſer Kreuzfahrt dem Kap de Gata gegenüber, war einer unſerer letzten Dienſte, und wir nahmen bei unſerer 273 Rückkehr nach Mahon Vorräthe und Mannſchaft nach Amerika ein. Unſere Heimfahrt ward über den ſogenannten „ſüdlichen Kurs“ gemacht, und wir warfen im Winter 1831 auf der Rhede von Hampton Anker. Ich möchte faſt ſagen, es that der ganzen Mannſchaft des„Delaware“ leid, als unſere Fahrt zu Ende war. Es gibt zwar ſtets eine Partie Neulinge auf Kriegsſchiffen, denen die ſtrenge, Disciplin und heilſame Zucht und Einſchränkung nicht behagt, allein wir alten Matroſen und Seehunde zollten dem„Delaware“ und ſeinen Offtzieren nur einſtimmiges Lob. Man hatte uns zuvor ſtets vor dem Kommodore bange gemacht, der als ein furchtbarer Hitzkopf und Kol⸗ lerhahn geſchildert wurde, und wir hatte uns eine harte Zeit unter ihm verſprochen; die Art und Weiſe, wie er von unſerem Schiffe Beſitz nahm, war auch wirklich von der Art, uns Beſorgniſſe einzuflößen. Man hatte die ganze Mannſchaft auf's Deck entboten, und ſeine erſten Worte, als er an Bord kam, waren geweſen:„Ruft alle Hände auf's Deck, daß ſie dem Kriegsgericht anwohnen.“— Dies klang uns ſo ſchauerlich in die Ohren, daß man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Es han⸗ delte ſich um eine Deſertion von der Brigg, da Kapitän Downes drei Mann auf ihr zurückgelaſſen hatte, die er abzulöſen vergaß, als er ſie verließ. Dieſer Frevel war ſehr ernſter Art, nnd konnte nicht nachgeſehen werden, weßhalb denn die drei Burſche auch zur Strafe gezogen wurden. Später wurde während unſeres ganzen Aufent⸗ halts an Bord des„Delaware“ nur noch ein Mann be⸗ ſtraft, und zwar Einer von„Warren,“ der von einem Kriegsgericht verurtheilt worden war. Sobald der Spruch gefällt war, redete der Kommodore uns an und verkün⸗ dete uns, wir ſollten ſtets ſo behandelt werden, wie wir durch unſer Betragen gegen Andere verdient, und miſchte ſich alsdann unter die Offiziere, mit denen er das Verdeck verließ. Schon am andern Tag fanden wir, daß wir unter einem gerechten Regimente ſtanden, und freuten uns darüber. Eine der Haupturſachen unſerer allgemeinen Zu⸗ 274 friedenheit, die an Bord des„Delaware“ herrſchte, waren die Ordnung auf dem Schiffe, und die Pünktlichkeit, wo⸗ mit die Stunden eingehalten wurden. Die Leute wußten ſich nun einzurichten, konnten bei gewöhnlichen Zeitläuften auf ihre Zeit rechnen, und waren ſo binnen gewiſſer Stun⸗ den ganz ihre eigenen Herren. Ich muß es wiederholen, ich habe auf dieſem Schiffe meine beſten, glücklichſten Tage verlebt, obwohl ich in der Marine ſtets gute Behandlung gefunden habe. Ich darf es mit gutem Gewiſſen ſagen, daß, falls ich meine Laufbahn von vorn an wieder beginnen ſollte, und mir keine Ausſicht auf einſtiges Kommando eines eigenen Schiffes bliebe, ich jedenfalls mir die Marine zum Wirkungskreis wählen würde. Die Koſt iſt beſſer, der Dienſt leichter, die Behandlung anſtändiger. Beträgt ſich ein Mann im Allgemeinen ordentlich, ſo ſorgt man für ſeine Beförderung; er hat ſtets Ausſichten auf Ver⸗ ſorgung im Fall eines Unglücks, hat einen guten, fort⸗ lanfenden Gehalt und die Ausſicht, ſtets pünktlich bezahlt zu werden. Geht ſein Schiff verloren, ſo läuft ſein Ge⸗ halt fort und iſt gerettet; wird er verwundet, ſo erhält er eine Penſion. Er iſt ferner ſtets gewiß, unter dem Befehl eines Mannes von Ehre und Bildung zu ſtehen. und das iſt ſchon viel für einen Mann. Sein Quartier unter Deck iſt gut, und dient er in einem Schiff von der Größe einer Fregatte, ſo hat er die Hälfte ſeiner Dienſt⸗ zeit über bedecktes Obdach gegen Wind und Wetter. Dieß iſt die offenherzige, aufrichtige Meinung eines Mannes, der in allen Arten von Fahrzeugen: Frachtſchiffen, Oſtin⸗ dienfahrern, Küſtenfahrzeugen, Schmugglern, Wallſiſch⸗ fängern und Privat⸗ und Kauffahrteiſchiffen gedient hat. Ich war in einem Linienſchiff, zwei Fregatten, drei Kriegs⸗ ſchaluppen und mehreren kleineren Fahrzeugen, und meine Erfahrungen und Erlebniſſe in der amerikaniſchen Marine haben mich zu dieſem Reſultate gebracht. Kein Menſch, der zur See geht, trifft immer auf Schönfahr⸗ wetter, allein er trifft auf einem Kriegsſchiffe kein Haar 275 mehr an Unannehmlichkeiten, als auf irgend einem an⸗ dern Fahrzeug, wenn er ſich gebührend aufführt. Ich glaube, daß der Gehalt auf amerikaniſchen Kauffahrern ſchon weit beſſer iſt, als in irgend einem andern Dienſte, und kann das als Regel aufſtellen, daß die amerikaniſchen Kriegsſchiffe noch beſſere Löhne und Behandlung gewäh⸗ ren, als die amerikaniſchen Kauffahrer, drum ſag' ich auch und ohne Furcht, deshalb gehangen zu werden:„Gott ſegne dieſe Flagge für und für!“ er„Delaware“ lag erſt ein paar Wochen auf der Rhede, bevor er nach der Werfte gebracht wurde. Hier begannen wir das Schiff abzutakeln, und erfuhren bei dieſer Beſchäftigung, daß fünfundſiebenzig von unſerer Mannſchaft, deren Dienſtzeit noch nicht ganz um war, nach dem„Brandywine,“ von vierundvierzig Kanonen ab⸗ geſchickt werden ſollten, die damals gerade in New⸗York zu einer kurzen Kreuzfahrt im Golf ausgerüſtet wurde. Das waren ſchlimme Nachrichten für uns, denn der Matroſe liebt es, nach langer Seefahrt ſich ein Weilchen gute Tage am Lande zu machen. Indeſſen mußten wir doch gehen und fügten uns in das Unabänderliche; wir wurden in einem Schooner nach New⸗York geſandt und fanden unſre Fregatte noch auf der Werfte liegen, wur⸗ den daher einſtweilen an Bord des„Hudſon“ unterge⸗ bracht, bis die Fregatte zu unſerer Aufnahme gerüſtet war, worauf wir ſie denn bezogen. Der„Brandywine“ ſtand unter dem Befehl des Kapitän Bollard und hatte Herrn Mac Kenny als erſten Lieutenant an Bord; es war ein herrliches Schiff und hatte ſeinen Namen von der Schlacht erhalten, worin La Fayette zum Erſtenmal in dieſem Lande verwundet worden war und war gerade ausgerüſtet worden, um dieſen Helden nach ſeinem letzten Beſuch in Amerika nach Frankreich zurückzubringen. Der „Brandywine“ iſt eine Fregatte erſter Gröͤße und führt dreißig lange Zweiunddreißigpfünder in ihren Batterien, und ich halte es für keine geringe Ehre für einen See⸗ mann, wenn er von ſich ſelber ſagen darf, daß er auf 276 einem ſolchen Schiff Kapitän des Vorderkaſtells geweſen, denn man hatte mich mit derſelben Charge, die ich an Bord des„Delaware“ bekleidet, auf den„Brandywine“ verſetzt— mit dem einzigen Unterſchiede jedoch, daß ich für meinen Dienſt auf dem„Brandywine“ eine regel⸗ mäßige monatliche Löhnung von achtzehn Dollars als Unteroffizier erhielt, wogegen meine Löhnung auf dem „Delaware,“ wo ich doch zwei volle Jahre lang Kapitän des Vorderkaſtells(Backs) und die übrige Zeit meines Aufenthalts an Bord zweiter Maat(Second⸗Kapitän des Back) geweſen war, nie höher als die der gemeinen Matro⸗ ſen, d. h. zwölf Dollars monatlich betrug. Wie dieß zuging, weiß ich nicht, obwohl ich vermuthe, daß es aus einem Irrthum in Folge des Umſtandes entſprang, daß der Zahlmeiſter der Fregatte meine rückſtändige Löhnung für den Dienſt auf dem Delaware auszahlte, und dieß alſo nur eine Folge der Verſetzung war. Der„Brandywine“ ging im März nach dem Golf von Mexiko unter Segel, und unſre ganze Reiſe dauerte etwa fünf Monate, waͤhrend deren wir Vera Cruz, Pen⸗ ſacola und die Havannah beſuchten. Es ſchien mir, daß unſer Schiff zu keiner Station gehöre, da wir nie im Geſchwader mitſegelten und eben ſo wenig die Commo⸗ dore⸗Flagge(Ständer) führten. Die Fahrt war angenehm und ging gluͤcklich und ohne einen Unglücksfall vorüber. Das Schiff kehrte nach Norfolk zurück, und fünfundzwanzig Mann von unſerem Schiffsvolke, meiſt Leute vom„De⸗ laware“ wurden hier ausgeſchifft und entlaſſen, weil unſere Dienſtzeit um war. Wir waren jedoch Alle ent⸗ ſchloſſen, nach kurzem Aufenthalt am Lande auf unſere Fregatte zurückzukehren, und mietheten einen Schooner, um uns insgeſammt nach Philadelphia überſetzen zu laſ⸗ ſen, da wir uns nicht trennen wollten. Am Morgen wo der Schooner abſegelte, zog ich an der Spitze meiner ganzen Mannſchaft durch eine der Straßen von Norfolk, als ich auf einmal einen Gegen⸗ ſtand mitten in der Straße, wo die Fuhrwerke paſſirten, 277 liegen ſah, und es begab ſich, daß der Unbekannte Nie⸗ mand anders war, als ein früherer Tiſchgenoſſe, Jack Dove, der drei Tage früher entlaſſen worden und ent⸗ ſchloſſen geweſen war, nach Philadelphia ſich einzuſchif⸗ fen, inzwiſchen aber ſich vom König Grog hatte aufbrin⸗ gen laſſen. Während wir den armen Burſchen, der nicht ſprechen konnte, auf die Beine brachten, kam ſeine Wirthin dazu und erzählte uns, daß er ſchon drei Tage lang nichts mehr gegeſſen und nur unaufhörlich getrunken habe. Sie drang in uns, wir möchten uns ſeiner annehmen, da er ihren Vorſtellungen kein Gehör mehr ſchenke; und das ehrliche Weib händigte uns überdem noch Jack's Löhnung bis auf den Cent ein, da ich wußte, wie viel auf ihn gekommen war. Wir ſchoſſen nun unter uns zehn Dol⸗ lars zuſammen, weil wir dachten, daß dieß etwa der Be⸗ trag der Zeche ſeyn mochte, die Jack in drei Tagen durch die Gurgel gejagt hatte. Jack aber nahmen wir mit Sack und Pack mit uns; die ganze Fahrt aber konnte er nichts eſſen, ſondern verlangte beſtändig zu trinken; wir gaben ihm ſo viel er wollte, in der Meinung, ihm damit aufzuhelfen, allein er wurde immer ſchlimmer und mußte bei unſerer Ankunft in Philadelphia ins Hoſpital gebracht werden, woſelbſt er nach Verfluß von etlichen Tagen ſtarb.— In meinem ganzen Leben habe ich mir, trotz aller meiner Thorheiten und Ausſchweifungen doch Niemand ſo viel Getränke zugemuthet, als während mei⸗ nes Aufenthalts in Philadelphia. Ich war kein ſolcher Säufer wie Jack Dove, allein ich verlor bald alle Eß⸗ luſt und lebte nur noch vom Getränke. Als uns Jack Dove's Tod zu Ohren kam, verabredeten wir uns unter einander, ihm ein Leichenbegängniß nach ächter Matroſen⸗ weiſe zu veranſtalten. Wir verſchafften uns daher ſämmt⸗ lich, etwa hundert Mann oder drüber an der Zahl, blaue Jacken und weiße weite Schifferhoſen, und gingen in Einem Zuge nach dem Hoſpital. Ich war einer der An⸗ führer und Urheber dieſes Zuges, und fühlte mich um ſo mehr dazu gezwungen, als Jack mein Tiſchgenoſſe war; 278 ſobald ich jedoch ſeines Sarges anſichtig wurde, bekam ich einen Anfall von„Gräuel,“(dießmal wahrſcheinlich nicht nur ein Katzenjammer, ſondern eine Art Säufer⸗ wahnſinn), und ich eilte von dem Platze fort und jagte die Straße hinunter, als ob eine Legion Teufel hinter mir losgelaſſen wäre. Zum Glück hielt ich gerade vor dem Gewölbe eines Apothekers an, der mich dienſtfertig her⸗ einnahm, mir Sodawaſſer und guten Rath gab. Als ich mich ein Wenig erholt hatte, wollte ich nach Hauſe gehen, wurde jedoch ſchon unter der Thüre wieder ohnmächtig. Dieſem Anfalle folgte eine ernſte Krankheit, die mich etwa vierzehn Tage lang im Bette hielt und mir einſtweilen Höllenpein bereitete. Ich habe während meines ganzen Lebens nur zwei oder drei Anfälle vom„Gräuel“ erlebt, allein keiner war ſo gefährlich wie dieſer. Es hätte wenig gefehlt, ſo wäre ich Jack Dove auf dem Fuße gefolgt, allein Gottes unend⸗ liche Gnade behütete mich vor einem ſolchen Ende. Wer nicht die Wirkungen und Folgen ſeiner Ausſchweifungen auf dieſe Weiſe erfahren hat, für den iſt es rein unmög⸗ lich, ſich einen richtigen Begriff von den Leiden und Qualen zu machen, die ich erduldete. Unter andern fixen Ideen, die mich erfaßt hatten, war auch die: die gelbe Farbe meiner Nägel, wie ſie bei allen Matroſen vom Theer herrährte, ſey ein Symptom, daß ich das gelbe Fieber habe. Dieſe Täuſchung ſchwebte mir Tag und Nacht vor, und machte mir nicht wenig bange; mit Einem Wort: ich glich in jeder Beziehung einem Manne, der über einem gähnenden Abgrund hängt und jeden Augen⸗ blick zu fallen und in Fetzen zerſchmettert zu werden wähnt, und doch nicht ſterben könnte. Cine geraume Zeit nach meiner Wiedergeneſung konnte ich nicht einmal den Geruch von Getränken vertragen; allein ſchlechte Geſellſchaft verlockte mich binnen Kurzem wieder zu meinen alten Gewohnheiten. Bald ging ich wie⸗ der auf ſchlimmen Wegen und hatte es nur der Nothwen⸗ digkeit, wieder in See ſtechen zu müſſen, zu danken, daß unte nich 279 ich keinen Rückfall in jene entſetzliche Krankheit erlebte. Als ich mich auf dem„Delaware“ einſchiffte, hatte ich meine Uhr, einen Quadrant und meine ſämmtliche beſſern Kleider, im Werth von nahezu zweihundert Dollars meinem damaligen Wirthe zur Aufbewahrung anvertraut, und er gab ſie mir ſämmtlich wieder wohlbehalten und unverküm⸗ mert zuruͤck; ich vergrößerte meinen Kleidervorrath um ein Namhaftes, und ließ, als ich mich wieder einſchiffte, dies Alles und noch mehr dazu wiederum in den Händen deſ⸗ ſelben Wirthes zurück.— Unſer Plan, wieder an Bord des „Brandywine“ zurückzukehren, erlitt in Folge verſchiedener Umſtände eine Aenderung, und ein Theil von uns ſchiffte ſich in Philadelphia auf dem„Monongahela,“ einem Frachtſchiff aus Liverpool ein. Die Kajüte dieſes Schiffes war diesmal von zwei Herren beſetzt, die eine Luſtreiſe in Europa machen wollten, den Herren Hare Powell und Edward Burd, und das Fahrzeug ging unter Segel, ſohald wir unſere Paſſagiere mit ihren Familien an Bord genommen hatten. Ich hatte inzwiſchen jede Hoffnung auf Beförderung aufgegeben, und kümmerte mich wenig darum, ob ich Matroſe oder Offi⸗ zier war. Ich trat daher an Bord des„Monongahela“ ebenſo vergnügt und zufrieden, als ob ich deſſen Steuer⸗ mann geweſen wäre. Wir verließen den„Delaware“ im Monat Auguſt, und waren noch nicht lange in See, als wir einen der heftigſten Stürme beſtanden, die ich je zur See erlebte. Er begann mit heftigem Oſtwinde, und würde uns an's Land getrieben haben, hätte der Wind nicht auf einmal nach Süden umgeſchlagen. Das Schiff lag bei nackten Tops bei, und wurde ſo furchtbar auf's Waſſer hernieder⸗ gedrückt, daß es faſt ſo feſt und regungslos dalag, wie in einem Fluſſe; auch verhinderte die furchtbare Wuth des Windes den Wellenſchlag. Eine Zeit lang hingen die un⸗ teren Raaenſpitzen auf unſeter Leeſeite ganz in's Waſſer; wir konnten Alle leicht in's Takelwerk hinauf, allein her⸗ unterzukommen, war faſt unmöglich, ja man konnte ſogar nicht einmal in die Wanten hinaufkommen. Ich verſuchte 280 es nun ſelbſt, und konnte nur mit Mühe meine Füße auf den Webelingen erhalten. Wahrſcheinlich hätte mich der Wind aus der Maſtſpitze fortgeſchleudert, falls ich ſie er⸗ reicht und meine Hände dazu gebraucht hätte, irgend einen Handgriff im Takelwerk zu machen. Wir hatten eine Zeit lang gleichen Kurs mit dem „Kenſington“ gehalten, eine Korvette, die das Kriegsſchiff „der Kaiſer von Rußland“ begleitete, und gewahrten nun während des Sturmes ein Fahrzeug, das wir für die Kor⸗ vette hielten. Der„Kenſington“ war entmaſtet und kehrte in den Hafen zurück, um ſich wieder ausbeſſern zu laſſen, allein wir konnten ihm nicht einmal ein Kabelgarn ab⸗ treten. Als ſich der Wind endlich umlegte, fanden wir Ankergrund, und ſetzten nun, da der Wind noch immer heftig andauerte, das große Marsſegel und das Fockſegel dicht gerefft bei, und entfernten nun mit der Schunelligkeit eines Dampfboots unſer Fahrzeug vom Lande. Von uun an hatten wir friſchen günſtigen Wind, und unſere Fahrt war ſehr kurz. In Liverpool verweilten wir uns nur wenige Tage, nahmen Paſſagiere ein, und kehrten nach einer Abweſenheit von mehr als zwei Monaten nach Phi⸗ ladelphia zurück. Die Schilderung, welche der„Kenſing⸗ ton“ von dem Sturme und unſerer Lage während deſſelben gemacht hatte, mußte natürlich in Liverpool viele, Be⸗ ſorgniſſe erregen, allein unſere beiden Fahrten waren ſo kurz, daß wir ſelber die Nachricht von unſerer Rettung überbringen konnten. Wir erkundigten uns nun nach dem„Brandywine,“ erfuhren aber, daß er nach dem mittelländiſchen Meere abgeſegelt war. Ich hatte beabſichtigt, wieder Dienſte auf ihm zu nehmen; weil ich aber dieſes Schiff verfehlte, deſſen Offiziere mir bekannt waren und in hoher Achtung bei mir ſtanden, ſah ich mich wieder nach jenen Kauffahrtei⸗ ſchiffen um. Diesmal machte ich eine Brigg, die„Amalia,“ ausfindig, welche nach Bordeaur in Ladung war und ſchiffte. mich auf ihr als Matroſe ein. Die Hinfahrt mit der„Amalia“ war ſehr ungünſtig, dung Lesge Ed auf der er⸗ nen dem hiff un or⸗ örte ſen, ab⸗ wir ner ꝛgel keit nun ihrt nur ach hi⸗ ng⸗ ben Be⸗ ſo ung ne,“ eere auf ſſen bei tei⸗ a, ſtig, ffte 281 denn es war Herbſtwetter, und die Brigg leckte ſehr. Dies machte, daß wir ſtark bei den Pumpen beſchäftigt waren, und dieß iſt eine Arbeit, die dem Seemann nichts weniger als willkommen iſt. Mir däucht, daß es die qualvollſte und undankbarſte Mühe iſt, ein leckes Fahrzeug durch Pumpen flott zu erhalten, und nur die Furcht vor dem Ertrinken kann einen Mann dazu bewegen, obwohl Manche auch pumpen mögen, um ihr Hab und Gut zu retten. Was mich anbelangt, ſo weiß ich nicht, ob ich zwanzig Stunden lang pumpen möchte, um irgend eine Summe zu retten, die ich mein eigen nennen konnte, oder in Zu⸗ kunft noch ſo nennen dürfte. 3 Nach langer Fahrt erreichten wir endlich die Inſel Cordun⸗); da jedoch der Wind heftig und anhaltend vom Lande her wehte, konnten wir vierzehn Tage lang nicht einlaufen. Kein Lootſe wollte herauskommen, ſie wür⸗ den uns, auch, wenn ſie herausgekommen wären, von keinem Nutzen geweſen ſeyn. Endlich legte ſich der Wind um und wir konnten in den Fluß und in den Hafen von Bordeaux einlaufen. Wir nahmen eine Rückfracht an Branntwein und ſegelten nach Philadelphia zurück. Die⸗ Heimfahrt war lange und ſtürmiſch, bis wir die Vor⸗ gebirge der Delaware⸗Bay hinter uns hatten; hier kam ein Lootſe zu uns an Bord und brachte die Nachricht, daß wir zu ſpät kamen, weil der Delaware⸗Fluß zuge⸗ froren war, und wir mußten nun mit einem friſchen Südoſtwind nach New⸗York ſegeln. Wir hatten bald darauf wieder ſchlimmes Wetter, da der Wind mit Ein⸗ bruch der Nacht ſich zum Sturme ſteigerte und gerade auf die Bucht hereintobte, daß wir uns nur unter dicht⸗ gerefften Marsſegeln und Fockſegel vom Lande entfernt halten konnten. Der Nebel war ſehr dicht, die Nacht finſter, und das Einzige, was wir thun konnten, war, *) Ein kleines Eiland mit einem Leuchtthurm vor der Mün⸗ dung der Garonne, zum franzöſiſchen Departement Gironde, Bezirk Lesparre, gehörig. Anm. d. Ueberſ, Edward Myers. 3 19 1 282 wieder umzukehren und beizulegen, ſobald uns die Nähe des Landes daran erinnerte, indem wir manchmal kaum fünf Faden Waſſer hatten. Wir mußten ſtets windvieren, da die Brigg mit ſo wenig Segeln nicht laviren konnte und daher nicht weit vom Flecke kam. Um drei Uhr Morgens bemerkten wir endlich, daß wir dem Verderben nahe waren, als wir das Senkloth ausſetzten, und wir drehten das Schiff nun wieder, um— wie uns däuchte — die„Amalia“ das Letztemal in See zu bringen. Al⸗ lein die Vorſehung nahm uns in Schutz, als wir uns längſt nicht mehr ſelbſt helfen konnten. Der Wind kam plötzlich wie auf Kommandowort aus Nordweſten, der Nebel klärte ſich auf und wir ſahen nun zum Erſtenmal Lichter hart neben unſerm Fahrzeug. Die Brigg wurde nun mit davon getrieben, allein wir drehten ſie wieder bei, verkürzten die Segel und brachten ſie wieder unter dichtgerefftem großem Marsſegel auf ihren Kurs. Der ſtarke Nordweſtwind ſteigerte ſich nun ebenfalls zum Sturme und ſetzte uns hart zu; wir mußten tüchtig leewärts verſchlagen worden ſeyn, denn wir brauchten vierzehn Tage, um uns wieder in den Hafen zu arbeiten. Die See war furchtbar, und eine lange Sturzſee ſtieß unſerm Boot den Boden aus und ſchwemmte uns faſt das Ver⸗ deck hinweg. Unſer Ochſen⸗ und Schweinefleiſch war zu Ende und auch das Feuerholz war größtentheils ausge⸗ gangen. Das Kompaßhäuschen ging ebenfalls zu Grunde. Unſer guter Stern fügte es jedoch, daß wir ein Meer⸗ ſchwein(delphinus phocaena) erlegten, als der Wind endlich nachließ, und von dieſem lebten wir größtentheils, indem wir es bald gekocht, bald auch— und zwar mei⸗ ſtens— roh verzehrten. Endlich drehte ſich der Wind, und wir konnten einlaufen. 1 Kaum war ich der einen Gefahr entronnen, als mein jähzorniges Temperament mich bereits wieder in eine neue ſtürzte. Während wir noch im Strome lagen, ſchalt mich ein triſcher Bootsmann ein„verfluchtes H— kind von Yankee,“ worauf ich ihm tuͤchtig den Bart ⸗ ähe rum ren, unte Uhr ben wir chte Al⸗ uns kam der mal irde eder nter Der rme irts ehn Die erm Ber⸗ r zu Sge⸗ nde. eer⸗ zind eils, nei⸗ ind, als in gen, Zart 283 3 zauste. Der Burſche verklagte mich, wußte meiner noch habhaft zu werden, bevor ich das Fahrzeug verließ, und ich wurde nun, zum erſten und einzigen Mal in meinem ganzen Leben, in's Gefängniß geſteckt. Es ergab ſich indeß, daß dies eine ganz neue und fürwahr empörende Buße für mich wurde, denn ich wurde unter eine Horde von Hallunken geſteckt, wie ſie nur New⸗York liefern kann. Ihre Unterhaltung war höchſt erbaulich; da er⸗ zählte zum Beiſpiel der Eine, wie er bei Feuersbrünſten die Schläuche von Feuerſpritzen mittelſt Rafirmeſſer⸗ Klingen abgeſchnitten habe, die er an ſeinen Schuhen befeſtigte; ein Anderer erwähnte rühmend, wie viele Brieftaſchen und Portefeuilles er und ſeine Kameraden bei dieſer oder jener Feuersbrunſt erbeutet; ein Dritter ſchilderte die zweckmäßigſten Mittel und Werkzeuge, mit welchen man Käſten, Pulte und Schubladen erbreche, oder die beſte Weiſe, um geſtohlenen Guts ledig zu wer⸗ den und ſo weiter. Die kaltblütige, freche und offen⸗ herzige Weiſe, in welcher ſich die Burſche ſolcher Thaten rühmten, ſetzte mich höchlich in Erſtaunen. Sie mochten vermuthlich mich für Einen der Ihrigen halten, oder glauben, ich habe durch eine ähnliche Handlung die Ker⸗ kerſtrafe verwirkt, ſonſt hätten ſie wahrlich nicht ſo un⸗ verhohlen vor einem Fremden reden können; dieſe Hallun⸗ ken ſchienen den Werth eines Menſchen nur nach dem Maß und der Menge ſeiner Unthaten zu beurtheilen. Der Kapitän und mein Wirth erfuhren endlich meinen gezwungenen Aufenthalt und bürgten mich alsbald wieder los; ich war ſeelenvergnügt, wieder aus dem Gefängniß befreit zu werden und noch mehr, der Geſellſchaft ledig zu ſeyn, die ich dort getroffen hatte, denn der Umgang mit ſolchem Geſindel genügt, binnen etlichen Wochen auch in einem Heiligen den Trieb der Sittlichkeit und Ehrlich⸗ keit zu erſticken. Und doch waren dieſe Burſche gut ge⸗ kleidet und ſchienen ſo anſtändig, daß ſie in den Augen voon Leuten, welche noch nicht viel ihres Gelichters ge⸗ 19.* 284 ſehen hatten, gar leicht für Männer von Stande gelten konnten.— Ich hatte an meinem Prozeß mehr als genug und wünſchte die Sache nicht weiter zu treiben, ließ deß⸗ halb den Irländer holen und verſtändigte mich mit ihm zur Stelle. Der ganze Spaß koſtete mich meine volle Löhnung, und ich mußte überdieß noch ein Handgelübde ablegen, binnen einer gewiſſen Zeit— ich weiß nicht mehr wie lange— mich des Friedens zu befleißigen und aller Rache zu enthalten. Dieſe bittere Erfahrung nö⸗ thigte mich dann auch, ſchon nach kurzer Friſt wieder die Anker zu lichten, denn das Leben ohne Geld in New⸗ York iſt keinen Schuß Pulver werth. Ich trat deßhalb an Bord des„Sully,“ eines Frachtſchiffs aus Havre de Grace, als ich mich kaum ein paar Tage aus der At⸗ moſphäre der City Hall(des Stadthauſes) befreit ſah. Man mag zwar über Batavia's ungeſunde, ja tödtliche Luft ſchimpfen, allein ſie iſt meines Erachtens doch noch geſunder, als die des Polizeigefängniſſes. Unſere Hin⸗ und Herfahrt brachte uns mit keinem Abenteuer in Berührung, das der Erwähnung werth wäre, und ich verließ nach der Ankunft in New⸗York das Schiff wieder. Meine Löhnung ging abermals in der alten Weiſe den Weg alles Fleiſches, und ich ſchiffte mich nun auf einem Schooner, die„Suſanne und Marie“ genannt, ein, welche in der Hoffnung nach Buenos Ayres ſegelte, dort ſeine Käufer zu finden. Das Fahrzeug war vorzüglich, obwohl wir auf der Hinfahrt etwas lange ver⸗ brachten. Als wir unſern Hafen erreichten, nahm ich meinen Abſchied, weil ich dachte, das Schiff werde ver⸗ kauft werden, und ich gerieth nun gar auf den Einfall, mein Glück unter der Marine von Buenos Ayres zu verſuchen, um wenigſtens auch einmal darüber ein Wört⸗ chen reden zu können. Es war mir zuvor bekannt, daß der Dienſt größtentheils nach engliſchem und amerikani⸗ ſchem Muſter eingerichtet war, und ich war inzwiſchen ſo leichtfertig und raſtlos geworden, wie mein eigenes Schickſal. Ich that zwar abſichtllich niemals etwas Böſes, 285 war aber zugleich auch unfähig, etwas Gutes aus Ueber⸗ zeugung zu thun.— Mein Geſtirn führte mich an Bord eines Schooners von acht oder zehn Kanonen, der„Su⸗ radaha“ genannt; ich ging keinen Contrakt ein, ſondern behielt mir vielmehr die Erlaubniß vor, nach eigenem Gutdünken zu beſtimmen, ob ich noch länger bleiben wolle oder nicht. Wiewohl das Fahrzeug vorzüglich war, hatte ich doch bald ihren Dienſt ſatt, ward ſeiner nach Verlauf einer Woche vollkommen überdrüſſig und verließ den Schooner. Ich that daran unbewußt ſehr wohl, denn ein paar Tage ſpäter entſtand eine„Revolution“ an Bord, in Folge deren der Schooner höher im La Plata⸗ Strome hinaufgebracht und verſenkt worden ſeyn ſollte. Mit ihm gingen alle meine Lorbeeren in dieſem Dienſt zu Grabe. Die„Suſanne und Mary“ wurde nicht verkauſt, ſondern nahm eine Rückfracht an Häuten für New⸗York ein, weßhalb ich wieder an ihren Bord zurückkehrte und auf ihr in gehöriger Zeit wieder heimfuhr. Die Reiſe war lange, aber erträglich, und wir mußten unterwegs noch in Pointe à Pitre auf der Inſel Quadeloupe ein⸗ laufen, um Lebensmittel und friſche Vorräthe einzuneh⸗ men. Der Reſt der Reiſe bis New⸗York ging hierauf glücklich von Statten.— Ich veränuderte jetzt nur die Stellung der Namen meines Fahrzeugs, indem ich mich auf eine halb aufgetakelte Brigg, die„Mary und Su⸗ ſanne“ genannt, anwerben ließ. Ich gewann bei dieſem . g Tauſche ſehr wenig, denn dieß Fahrzeug war das un⸗ ſcheinbarſte Laſtſchiff, worin ich je in See ging; indeß war es doch ſehr dauerhaft, ſtark gebaut und kein ſchlechter Segler. Das Aeußere freilich war— wer weiß aus was für Gründen— ſehr vernachlaͤßigt worden, und wir er⸗ ſchienen daher keineswegs im Feſttagsgewande zur See. Es war einſt eine Zeit geweſen, wo ich es mit Ent⸗ rüſtung von mir gewieſen haben würde, hätte man mir die Stelle als Steuermann in einem ſolchen Fahrzeuge angeboten, und nun begnügte ich mich mit der Stelle eines gemeinen Matroſen auf dieſem Fahrzeuge. 286 3 1 ⸗ Wir ſegelten nach Para, einem Hafen in Braftlien, der beinahe unter dem Aequator liegt, und hatten Schieß⸗ pulver, Stückgüter ꝛc. an Bord. Wir hatten gute, günſtige Fahrt, bis wir uns der Küſte von Südamerika näherten, und es ereignete ſich nichts, was der Erwähnung werth geweſen wäre. Als wir endlich unter die Linie kamen, gerieth uns eines Morgens ein ſehr verdächtig ausſehender Schooner, der zwei Marsſegel führte, zu Geſicht und machte Jagd auf uns. Wir machten keinen Verſuch, zu entfliehen, weil wir von der Nutzloſigkeit eines ſolchen im Voraus überzeugt waren; der Schooner führte die ſpaniſche Flagge und befahl uns endlich beizulegen. Nun erhielten wir die Weiſung, ein Boot auszuſetzen und an Bord des Schooners zu gehen, was wir denn auch tha⸗ ten. Ich befand mich zufällig am Steuer und blieb da⸗ her an Bord unſeres Fahrzeugs. Die Fremden hießen nun unſere Leute das Boot räumen und ſandten eine Abtheilung Bewaffneter auf die„Mary und Suſanne“ herüber, welche nun eine Zeit lang das ganze Schiff durch⸗ ſtöberten und ſodann unſere Leute von ihrem Schooner wieder zurückbeſchieden, um zu ſehen, ob unſer Ausſehen mehr verſpräche, als das des Schiffes. Unſer Ausſehen täuſchte den Hauptmann der Piraten, der gegen ſeine Leute äußerte: wir ſähen wahrlich ſehr arm aus. Nach der Aeußerung ließ ſich der Pirat mit ſeiner Mannſchaft wieder an Bord ſeines Fahrzeugs zurückbringen. Schon war unſer Boot wieder an Bord zurückgekehrt, als man uns von Neuem den Befehl zurief, es hinüberzuſenden, und eine zweite Abtheilung bewaffneter Mannſchaft uns heimſuchte; dießmal befragte man uns um Segeltuch, wir zogen uns jedoch dadurch aus der Schlinge, daß wir die Wahrheit verhehlten. Wir hatten dreißig Stücke davon an Bord, brachten aber nur ein einziges zum Vorſchein, das glücklicher Weiſe nicht für die Leute und ihren Be⸗ darf paßte, und die Fremden verließen uns wieder. Man band uns auf's Gewiſſen, nicht unter Segel zu gehen, als bis man uns ein Signal gebe, und der Schooner en, eß⸗ ige ten, rth en, der und zu hen die lun an ha⸗ da⸗ ßen eine ne“ rch⸗ ner hen hen eine ach zaft hon nan den, uns wir die von ein, Be⸗ dan jen, ner 287 entfaltete ſodann ſeine Segel dem Winde. Nachdem ſie eine Weile fortgeſegelt geweſen waren, ſchienen die ehren⸗ werthen Herren doch wieder eine Sehnſucht nach uns zu empfinden, kehrten wieder um und legten endlich an unſerer Luvſeite bei. Nun fragte man uns um unſere Länge und ob wir einen Chronometer beſäßen? Wir gaben die Erſtere an und zugleich die Auskunft ab, daß wir nichts Derar⸗ tiges an Bord hätten. Nun ſchärfte man uns noch ein⸗ mal die Warnung ein, nicht weiter zu ſegeln, bevor wir ein Signal erhalten hätten, und der Schooner ging von Neuem unter Segel, bis wir ihn aus dem Geſcchhte ver⸗ loren. Als endlich auch ihre Marsſegel am Horizonte niedertauchten, ſetzten auch wir unſern Kurs fort. Wir Alle bezweifel ten nicht, daß dieſe Burſchen Seerauber ſeyen; die zu uns an Bord gekommen waren, ſchienen elendes, aus aller Herren Ländern zuſammen⸗ gerafftes Geſindel zu ſeyn. Sie ſprachen zwar ſpaniſch, allein wir glaubten trotzdem, daß ſie ein Gemiſch aus verſchiedenen Nationen waren. Wir verdankten unſere Rettung vermuthlich nur unſerem wenig verſprechenden Ausſehen, das freilich nicht auf erträgliche Beute ſchlie⸗ ßen ließ. Unſere Stückgüter und das Schießpulver waren in Fäſſern unter dem Ballaſt verſteckt, und ich vermuthe, daß unſere Papiere abſichtlich nicht ganz in Ordnung waren, denn als wir in Para einliefen, wurde der größte Theil des Cargo heimlich gelöſcht und durch Lichterfahr⸗ zeuge an’s Land geſchafft. Ein Paſſagier, den wir an Bord hatten, und der ebenfalls heimlich gelandet werden mußte, galt für einen der Rädelsführer der Revolution. Er hatte ebenfalls nicht wenig Bangen vor den Seeräubern gezeigt und ſich ſorglich verſteckt gehalten, ſo lange ſie in unſerer Nähe waren. Sech szehntes Kapitel. Die Heimreiſe von Para ging günſtig von Statten, bis unſre Brigg die Höhe von Bermuda erreichte. Hier 288 durfte eines Morgens zum Erſtenmale mit Ausnahme der Sonntage an Bord dieſes Fahrzeugs die Vormittags⸗ wache unter Deck gehen. Ich machte mir dieſe Gelegen⸗ heit zu Nutzen, um ein Bischen für mich ſelber zu ar⸗ beiten, als der Steuermann, ein nnerfahrener junger Gelbſchnaben. der mit dem Schiffsherrn verwandt war, herunterkam und uns den Befehl gab, auf Deck zu kom⸗ men und die Segel vor den Maſt bringen zu helfen. Dieſe Arbeit war ſo leicht, daß die dienſtthuende Wache damit fertig werden konnte, allein er war anderer Mei⸗ nung; ich, als ein alter gewiegter Matroſe geſtehe un⸗ verhohlen, daß dieſer Befehl ebenſo unnütz als unbeſonnen war, ohne daß ich indeß hiedurch mein Betragen ent⸗ ſchuldigen oder rechtfertigen möchte.— Ein reizbares. Gemüth und eine gewiſſe Zankſucht ſind meine Haupt⸗ fehler, und zu jener Zeit hatten Rückſichten in geiſtiger Beziehung, die man in Rede oder Betragen mir gegen⸗ über an den Tag legte, nicht geringen Einfluß auf mich. Ueber die Beeinträchtigung unſrer Bequemlichkeit ſchändlich erbost, ſagte ich ohne Bedenken oder Säumen dem Steuermann meine Herzensmeinung über ſeinen Befehl, und wurde, da mich der Aerger und Affekt immer mehr erhitzten, bald entſetzlich grob, unverſchämt und vorlaut. Ich ſchleuderte die ruchloſeſten Flüche auf die Brigg und Alles, was zu ihr gehörte, hernieder, wünſchte ihr, daß ſie in tiefſter See verſinken und die ganze Mannſchaft im Schooß des Oceans begrabe. Mit Einem Worte, ich erging mich nach Herzensluſt in jenen frechen gottes⸗ läſterlichen Reden, von welchen ſo leicht der Mund Derer über⸗ quillt, die über dieſen Gegenſtand niemals mit ſich ſelbſt zu Rathe gehen und ſich im Zuſtande hoher Erbitterung be⸗ finden.— Ich glaube, daß die gräßliche Ruchloſigkeit der Flüche und Verwünſchungen, wo ich bei dieſer Ge⸗ legenheit entwickelte, ſogar die Offiziere mit Entſetzen erfüllte und ihnen vor mir bange machte; ſie verloren indeß, kein Wort, ſondern ließen mich nach Herzensluſt austo⸗ ben. Man wird einer ſo unfruchtbaren Arbeit ohnedies 289 bald von ſelbſt müde und der Sturm ging, wie Einer in der Luft, mit leichtem allmälig verhallendem Donner zu Ende. Ich ſelbſt vergaß der Sache bald, und die Dinge gingen bis Mittag ihren gewöhnlichen herkömmlichen Lauf. Während die Mannſchaft ihr Mittagsmahl einnahm, kam der Steuermann indeß wiederum auf Vorderdeck und hieß die ganze Mannſchaft die Segel kürzen. Wie ich auf's Deck kam, ſah ich hinter uns eine drohende unheilſchwan⸗ gere ſchwarze Wolke, und ging gutwillig an ein Geſchäft, das— wie Jedermann überzeugt war— diesmal von der Nothwendigkeit geboten wurde. Wir banden die Segel ein, ſo ſchnell wir nur immer konnten, allein noch ehe wir damit zu Ende kamen und während ich noch im Begriffe war, das Fockſegel einbin⸗ den zu helfen, erfaßte ein heftiger Windſtoß das Schiff; — ich nenne es einen„Windſtoß,“ allein es war in der That ein Theil von einem Orkan. Die meiſten unſerer Segel ſprengten die Beſchlagſeiſingen, und das Tuch flog in ſchmalen Fetzen davon. Es gelang uns zwar noch, das Fockſegel und Vormarsſegel zu retten, allein unſere leich⸗ teren Segel waren alle zerriſſen; ich war noch im Takel⸗ werk, als die Brigg auf einmal eine Eule fing(wider den Wind kam). Als ſie ſich wieder aufrichtete, ging der Fockmaſt leewärts über Bord, er war gerade am Eſelshaupt abgeknickt worden. Der ganze Marskorb und das ver⸗ wickelte Takelwerk kamen nun herunter und ſchlugen gegen die Backbord des untern Takelwerks an. Faſt im ſelben Augenblick ſchien eine mächtige Woge unter dem Raum zu erfaſſen, und beinahe auf die Balkenköpfe um⸗ zuwerfen.— Dies Alles däuchte mir das Werk einer einzigen Minute; ich war windwärts geklettert, um im Falle eines Schiffbruchs zum Sprunge bereit zu ſeyn und mich nicht zu verſtricken, und ſtand mit dem einen Fuß auf der oberen Seite der Bätingshölzer und hielt mich, um feſter zu ſtehen, an einem Theile des laufenden Ta⸗ kelwerks[der Schoten, Taljereeps ꝛc.. Wie ganz anders ſtand ich nun in dieſem Augenblick 8 290 auf derſelben Stelle, wo ich ein paar Stunden früher den Allmächtigen angerufen und beſchworen hatte, den ganzen Kelch ſeines Zornes auf mich, das Fahrzeug und ſeine ganze Bemannung auszugießen! In dieſem entſetzlichen Augen⸗ blicke regte ſich mein Gewiſſen, ich fühlte Beſchämung und Furcht über meine neulichen Reden. Es wollte mich be⸗ dünken, ich ſey erhört worden und meinen frevlen Bitten und Gebeten werde nun willfahrt. In der Angſt meines Herzens that ich das Gelübde— falls mein Leben verſchont bliebe— mich niemals wieder einer ſolchen Ruchloſigkeit ſchuldig zu machen.— Dieſe Empfindungen und Gedan⸗ ken beſchäftigten mich indeß nur einen Augenblick! Ich hatte zu viel von einem wahren Seehunde in mir, um in einem ſo kritiſchen Moment müßig zu bleiben. Es befand ſich nur ein einziger Matroſe an Bord, der mir unter ſol⸗ chen Umſtänden hülfreiche Hand leiſten konnte, ein Burſche aus New⸗York nämlich, Jack Neal mit Namen. Dieſer Mann nun befand ſich in meiner Nähe und ich vermuthe, daß er damit umging, das Fockmarsſtagſegel auszuſetzen, obwohl der Maſt über Bord gegangen war, weil er hoffte, wir würden anhaltenden, offenen Wind bekommen und da⸗ durch in den Stand geſetzt werden, den Bug des Schiffs zu drehen. Jack war ein anſtelliger gewandter Burſche und es glückte ihm, binnen Kurzem das Segel auszuſetzen, das uns meines Erachtens ſehr von Nutzen war. Ich that ihm nun den Vorſchlag, nach dem Hinterdeck zu klettern und den Verſuch zu machen, die Brigg unter den Wind zu bringen; dieß thaten wir denn auch und bemächtigten uns des Steuers, obwohl ich es ſehr in Zweifel ziehe, ob das Steuerruder in der Lage, worin ſich das Schiff befand, uns von ſo weſentlichem Nutzen hätte ſeyn können.. Sey es, daß wir es dem Fockmars⸗Stagſegel oder irgend einer von höherer Hand gelenkten Woge verdankten — das Schiff ſchlug auf einmal um, richtete ſich aber als⸗ bald wieder empor und ſtürzte aus aller Wucht und mit einem ſchweren, nachdrücklichen Wogenzuge windwärts. Ich bin überzeugt, daß das Stagſegel uns dießmal half, weil das 291, Stag ſich aufrecht in das Wrack befeſtigt und der Wind die hölzernen Laufringe mit fortgenommen hatte. Die Brigg gerieth nun hart unter den Wind, ſobald ſie ſich in Be⸗ wegung ſetzte und das Fahrzeug flog wie ein Kreiſel dahin, kam wider unſern Willen auf dem andern Gang plötzlich hoch auf dem Kamm einer Woge und ſtürzte alsdann wie⸗ der in die Tiefe hernieder, daß ich für einen Augenblick alle Hoffnung auf Rettung aufgab und uns ſchon für verloren erachtete.— Da ich nun die Möglichkeit ſah, das Schiff wieder in Bewegung zu ſetzen, eilte ich nach dem Vorder⸗ kaſtell und ſuchte das Wrack von dem über Bord gegan⸗ genen und ſchwimmenden Takelwerk zu befreien und die Zerſtörung auf die Bätingshölzer und das Tauwerk zu be⸗ ſchränken, was mir auch gelang. Zu gleicher Zeit fühlte das Schiff die Wirkung des Steners und ſchwankte heftig, bevor es ſich dem Willen des Steuermanns fügté. Zu recht gelegener Zeit löste ſich jetzt gerade die Spitze des Spencers oben von der Beſansbrohk ab, und wurde gegen unſer Wrack herab geweht, wo es, mit dem Knäuel des Tauwerk und der Segelreſte verwickelt, ſich zu einer Art Segel geſtaltete, das uns gute Dienſte leiſtete, das Fahrzeug dem Einfluſſe des Wellenſchlags zu entziehen. Durch gehörige Vorſicht in Behandlung des Steuerruders wurden wir in Stand geſetzt, das Fahrzeug diesmal vor dem Eulenholen zu ſchützen und es gelang uns, es ordentlich auf ſeinem Kiele zu erhalten. Gegen Sonnenuntergang etwa ließ das Unwetter nach und am Morgen darauf hatten wir wieder das ſchönſte Wetter. Nun machten wir uns rüſtig an's Werk und rich⸗ teten Nothmaſten auf, die wir auftakelten und unter denen wir nach etlichen Tagen New⸗York erreichten. Wäre dieſer Unfall unſerm Fahrzeuge bei Nacht be⸗ gegnet, wie damals der„Peitſche,“ ſo häͤtte ſich unſer Schick⸗ ſal ſicherlich binnen wenigen Minuten entſcheiden müſſen. Eine halbe Stunde Fahrt auf ſolcher See hätte es in ſei⸗ nem dermaligen Zuſtande unrettbar in's Verderben ſtürzen müſſen. Was meine Neue anbelangt, ſo kann ich freilich dieſen Ausdruck unter ſolchen Umſtänden oder bei ſolchen 292 Gefühlen nicht füglich anwenden, allein ich verſichere, daß . ſte dauernder war, als irgend je. Niemals war ich ſeither wieder ſo ruchlos und gar häufig erwachte in mir— wenn ich mich wieder geneigt fühlte, mich meiner Leidenſchaft und Heftigkeit empörender Weiſe anheim zu geben— die Er⸗ innerung an meine Gefühle in dem Augenblick, wo ich auf ſeinen Bätingshölzern ſtand;— dann trat mir alsbald mein gethanes Gelübde wieder vor die Seele und ich hoffe von jenem Gelübde wenigſtens bis zu jener Zeit Segen gehabt zu haben, wo mir die Augen meines Geiſtes über die Irrthümer meines Lebens eröffnet und ich von der Noth⸗ wendigkeit überzeugt wurde, alle meine Sünden der gnä⸗ digen und allbarmherzigen Vermittlung meines Heilandes anheimzuſtellen. Diesmal war mein Betragen im Hafen nicht mehr ſo leichtſinnig und ausſchweifend, als es in den letzten Jahren geweſen war, und ich verdingte mich, noch ehe mein Geld ganz verbraucht war, an Bord des„Henry Kneeland“ über New⸗Orleans nach Liverpool ein. Als wir den erſten Hafen erreichten, fielen wir Alle einer Ab⸗ theilung Landhaifiſche in der Geſtalt von Matroſen in die Hände, die uns unaufhörlich⸗ vorſpiegelten, wie unendlich mehr wir uns verbeſſern könnten, indem wir davon liefen, als wenn wir auf dem Schiffe blieben. Wir ließen uns durch dieſe Schilderungen verführen, und entwichen Alle insgeſammt. Der Schritt war um ſo verdammenswer⸗ ther und unſer Betragen um ſo ſchlechter, als ich zugeben muß, daß wir im„Henry Kneeland“ ſowohl gute Be⸗ handlung als gute Löhnung erhielten. Die Wirthe kanten zur Nachtzeit mit zwei Booten an Bord, wir ließen unſer Gepäcke hinunter und entwichen ſämmtlich bis auf einen einzigen Mann, der ſich beharrlich geweigert hatte, in unſer Vorhaben zu willigen. Schon am nächſten Tage wurden wir Alle an Bord der„Marion,“ eines Revenue⸗ Kutters(Jollwachtſchiffs) der Vereinigten Staaten, enga⸗ girt, und mir die Stelle eines Schiemanns mit lůnnzehn 293 Dellars Monatslöhnung übertragen, waͤhrend ich um die⸗ ſer Beförderung willen meinen Gehalt von ſiebenzehn Dol⸗ lars im Stich gelaſſen hatte. Wir erhielten wenigſtens ein hübſches Fahrzeug für unſer Geld. Die„Marion“ war ein großer geräumiger Schooner, mit etlichen leichten Kanonen verſehen, und unſer Dienſt nichts weniger als ſchwer. Die Behandlung war ebenfalls gut, ſo daß wir doch wenigſtens einigen Troſt für unſere Unbeſonnenheit zu erhalten ſchienen. Einer von dem früheren Schiffsvolke des„Henry Kneeland“ ſtarb am Säuferwahnſinn, bevor wir noch in See gegangen waren, und wir begruben ihn in der Nähe der unteren Barre, nicht weit von der Stelle, wo die Schiffe ihr Waſſer einzunehmen pflegen. Mein Aufenthalt und Dienſt am Bord der„Marion“ mag etwa vier Monate betragen haben, während welcher Zeit wir verſchiedene Landungs⸗ plätze beſuchten, und in Kay Weſt einliefen. In dieſem Hafen erkrankte ein Theil unſerer Mannſchaft, und wurde — auch ich befand mich darunter— unter Andern an's Land gebracht und in einem Wirthshaus in Pflege gegeben. Faſt ein ganzer Monat verging, bevor wir unſere Mann⸗ ſchaft wieder zuſammenbringen konnten, und wir ſegelten ſofort nach Norfolk. Hier wurden wir unſerer Sechſe rück⸗ fällig und mußten in's Hoſpital gebracht werden, während der Kutter ohne uns abſegelte; ich bekam dieſes Fahrzeug von da ab nie wieder zu Geſicht. Ich verbrachte kaum vierzehn Tage im Hoſpital, da meine Krankheit nur in Fieber und Kopfweh beſtand. Faſt um dieſelbe Zeit, wo ich aus dem Spital entlaſſen wurde, lief der„Alert,“ der Revenue⸗Kutter der Station New⸗York ein, und ich wurde nun auf ihm angeſtellt. Auf dieſe Weiſe wurde ich, mit Ausnahme eines Einzigen, einem würdigen Alten, von allen meine Gefährten vom „Henry Kneeland“ her getrennt. Der„Alert“ war nach dem Süden beſtimmt, und hatte, wenn ich mich nicht irre, einen Auftrag, der mit den Unruhen in Folge der 294 Zollgeſetze und der ſogenannten Nullifikation“) zu⸗ ſammenhing, und ging kurz nachdem ich an Bord gekom⸗ men war, nach Charleſton in Süd⸗Carolina unter Segel. *) Nullifikation= Nichtigkeitserklärung. Der Kon⸗ greß der Vereinigten Staaten hatte unter dem Präſidenten Jackſon kurz nach deſſen Erwählung im Jahr 1829 be⸗ ſchloſſen, zur Erhöhung der Staatseinnahmen und zur Förderung der inländiſchen Induſtrie eine Erhöhung der Zölle auf ſämmtliche ausländiſche Manufakturen anzu⸗ ordnen. Dadurch wurden dem Vortheil der nördlichen oder Manufakturſtaaten nicht unbedeutend Vorſchub geleiſtet, während die ſüdlichen oder ackerbautreibenden(Sklaven⸗) Staaten in nicht unbedeutenden Nachtheil kamen, indem durch Verminderung des Handels mit Europa, insbeſon⸗ dere ſeinen Stapelwaaren, wie Baumwolle, Reis ac. ein geringerer Abſatz drohte. Am erbittertſten über dieſe Maß⸗ regel zeigte ſich der Staat Süd⸗Carolina, und in Verbin⸗ dung mit etlichen andern drohten ſie dem Kongreß, ſich aus der Union auszuſcheiden, wenn er ihren gerechten Klagen nicht Gehör ſchenke und Abhülfe verſchaffe, indem er die nadiichen Staaten beſtimme, in die Herabſetzung der Zölle zu willigen. Der Kongreß nahm dieſe Angelegenheit end⸗ lich vor, aber mit ziemlich geringem Ernſte; und es kam ein Vergleich zu Stande, durch welchen die ſüdlichen Staa⸗ ten, welche unbedingte Handelsfreiheit begehrten, nicht zu⸗ frieden geſtellt wurden. Eine allgemeine Volksverſammlung (General Meeting) erklärte in Süd⸗Carolina die Be⸗ ſchlüſſe des Kongreſſes am Ende für null und nichtig— die Nullifikation, von welcher hier die Rede iſt— und bedrothe die Union mit gänzlicher Losſagung und bewaff⸗ netem Widerſtande, falls man Gewalt anwenden wolle. Eine Botſchaft des Präſidenten Jackſon an den Kongreß im Dezember 1832 und die Bemühungen der Freunde der Föderal⸗Regierung beruhigten die erbitterten Gemuther, 45 8 Achtung vor dem Geſetz ſiegte über die Stimme der denſchaft, und das Geſetz vom ſechsundzwanzigſten Februar 295 Hier war eine kleine Flotte von Kutters verſammelt, da . ihrer nicht weniger als ſieben an der Küſte des Staates Süd⸗Carolina vor Anker lagen, um jede Umgehung der Zollgeſetze zu verhüten. Ich mochte etwa einen Monat an Bord des„Alert“ verlebt haben, als ein neuer Reve⸗ nue⸗Kutter, der„Jackſon“ genannt, aus New⸗York ein⸗ traf; da er das ſchönſte Fahrzeug unſerer Station war, überſiedelten wir, Offiziere und Mannſchaft, mit Sack und Pack in ihn, da unſerem Kapitän als dem Senior aller Zollwachtſchiff⸗Kommandanten die Wahl über die Fahr⸗ zeuge frei ſtund. Ich mag wohl vollauf ſechs Monate mit ſolcher Beſchäftigung in den Gewäſſern von Südkarolina ver⸗ bracht haben. Wir ſtachen nie in See, ſondern fuhren höchſtens gelegentlich bis Rebellion⸗Roads(der Empö⸗ rungsrhede) hinunter. Es war uns nicht erlaubt, außer bei ſehr ſeltenen Veranlaſſungen, an's Land zu gehen, und der Stand der Dinge nahm am Ende eine ſo ernſte Wendung, daß wir uns allmählig ganz wie in Feindes⸗ land betrachteten. Commodore Elliot ſtieß in der Kriegs⸗ iſchaluppe„Natcheg“ zu unſerer Station, und außerdem wurden wir noch durch den Orloog⸗Schooner„Erperi⸗ ment“ verſtärkt, der ebenfalls bei uns blieb. Nach der Ankunft des„Natcheg“ übernahm der Commodore den Befehl über unſere ſämmtliche Mannſchaft, und wir wurden fortan im kriegsfähigſten Zuſtande unterhalten. Zuweilen ſtanden wir ſogar ganze Nächte hindurch un⸗ ter Waffen, ohne daß ich mir dies jedoch zu erklären vermochte; es wollte nur verlauten, man habe einen Anfall oder eine Ueberrumpelung gegen uns beabſichtigt. General Scott befand ſich im Fort, und der Stand der 1833, durch welches eine Herabſetzung der Zölle für die Zukunft in Ausſicht geſtellt wurde, vereinigte die Parteien und brachte den Anruhen im Süden ein Ende. Anmerkung des Ueberſetzers. 296 Dinge nahm mehrere Wochen lang den Anſchein, als ob ernſte Feindſeligkeiten ausbrechen wollten. Endlich erhielten wir die frohe Nachricht, daß die Nullifikation außer Wirkung geſetzt und aufgegeben wor⸗ den war, und daß alle Befürchtungen in Betreff der ſüdlichen Staaten und ihrer Losreißung ein Ende hatten. Mir ſchien, als ob die Bemannung der verſchiedenen Cutter einzig nur in Rückſicht auf dieſen Dienſt verſtärkt worden waren, denn nun der Streit geſchlichtet war, ſchienen mehr Leute im Dienſt zu ſeyn, als die Regie⸗ rung nöthig hatte, und man eröffnete uns demgemäß, daß diejenigen unter uns, welche ihre Entlaſſung wünſch⸗ ten, ſte auf Anſuchen erhalten könnten. Ich war lange genug in dieſem langweiligen Kü⸗ ſtenwachtdienſte geweſen, und befand mich unter den Er⸗ ſten, die von der Vergünſtigung Gebrauch machten und ihre Entlaſſung nachſuchten. Zudem war meine Kapi⸗ tulation ihrem Ablaufe nahe, ſo daß ich auch auf ge⸗ woͤhnlichem Wege in Bälde hätte entlaſſen werden müſſen. Ich begab mich nun an's Land nach Charleſton, und machte mir gute Tage, ſo lange mein Geld vor⸗ hielt. Um meinen früheren Schiffsherrn, den ich einſt die Schiffstreppe hinunterſpedirt, und dem ich das Schlüſſelbein zerbrochen, kümmerte ich mich wenig mehr; mich kümmerte es nicht einmal mehr, zu erfahren, ob er noch am Leben oder ſchon todt war. Ich lebte mit Einem Worte, nur dem Augenblick und der Gegenwart, und verhielt mich ganz gleichgültig gegen Vergangenheit und Zukunft. Mein fruherer Wirth war todt und ſo gerieth ich wieder in die Hände eines neuen Gelichters. Ich gebrauchte nie die Vorſicht, meinen Namen zu än⸗ dern, und bequemte mich einzig nur dazu, den Taufna⸗ men Robert auszulaſſen, wenn ich Dienſtkontrakte auf Fahrzeugen unterzeichnete. Freilich ſchrieb ich meinen Namen Myers anſtatt Meyers, was— wie ich ſpäter von meiner Schweſter erfuhr— die richtige Schreibart war; allein dies geſchah nicht abſichtlich, ſondern viel⸗ Edward Myers. 297 mehr aus Unkenntniß. Zu jeder Zeit, unter allen Um⸗ ſtänden, Längen⸗ und Breitengraden, in jedem Wetter und in jedem Dienſte ſegelte ich nur als Ned Myers, und nichts Anderes. Binnen Kurzem ſah ich mich wieder in die Noth⸗ wendigkeit verſetzt, zur See zu gehen, und trat an Bord der„Garriet und Jeſſe,“ die nach Havre de Grace in Ladung war. Wir hatten eine fröhliche günſtige Reiſe, und brachten auf dem Heimwege das ganze Schiff voll Paſſagiere mit, die man zwar Sweizer nannte, welche aber— wie ich ſpäter erfuhr— zum größten Theile aus Würtemberg, dem Elſaß und den Rheinlanden ſtammten. Nach unſerer Ankunft in New⸗York reiste ich ſchnell nach Philadelphia, um meine Effekten zu ho⸗ len, welche ich dort hinterlaſſen hatte, als ich an Bord der„Amelie“ in See gegangen war; allein mein Wirth war inzwiſchen geſtorben, ſeine Familie hatte ſich zerſtreut, und mein Eigenthum war für immer verſchwunden. Nie⸗ mals konnte ich in Erfahrung bringen, wer es ſich an⸗ geeignet oder wohin es gekommen war, und für mich gingen eine Uhr, ein Ouadrant und verſchiedene nagel⸗ neue Kleidungsſtücke in dieſem Schiffbruche verloren. Ich ward auf dieſe Weiſe mindeſtens um zweihundert Dol⸗ lars gebracht, allein das kümmerte mich wenig! Was lag am Ende auch daran? ſie wären ja doch in Grog draufgegangen, wenn ich ſie nicht auf dieſe Weiſe ein⸗ gebüßt hätte. Ich blieb nur kurze Zeit in Philadelphia, und trat ſodann an Bord einer Brigg, der„Topas,“ die nach der Havannah ſegelte. Nach kurzer Fahrt langten wir hier an, und ich erlebte eine ſtärkere Verſuchung zum Ver⸗ brechen, als wohl irgend je eine ähnliche einem armen Teufel aufſtieß. Eine allerliebſte, nach amerikaniſcher Art gebaute Brigg, zum Sklavenhandel nach Afrika beſtimmt, lag im Hafen; es war das niedlichſte Fahrzeug, das ich je geſehen, und ich empfand ſchon bei ihrem erſten An⸗ 3 20 298 blick ein Verlangen, darin in See zu gehen. Man bot der Mannſchaft je vierzig Dollars monatliche Löhnung per Kopf, und jedem Matroſen noch überdies den Erlös von anderthalb Sklaven. Ich ließ mich ſogar ſo weit verführen, daß ich einen Verſuch machte, an ihren Bord zu kommen, allein ich ſtieß auf Schwierigkeiten, weil meine Papiere und Effekten mit Beſchlag belegt wurden. Der Kapitän erfuhr es, ſetzte mir die Gefahr auseinander, welche ich dabei lief, und wußte meinen Entſchluß zu ändern. Ich will nicht läugnen, daß ich das Unrecht dieſes Handels kannte, allein beim Schleichhandel iſt ja derſelbe Fall, und ich betrachtete daher beide Sachen vom gleichen Geſichtspunkte aus. Inzwiſchen hat man mich belehrt, daß die Geſetze unſeres Landes jeden amerikaniſchen Staats⸗ bürger, der auf dem Sklavenſchiffe ertappt wird, dem Seeräuber gleichachten und wie einen ſolchen beſtrafen, worin ich einen höoöchſt ſeltſamen Widerſpruch ſehe. Ich begreife nicht, weßhalb einem Spanier das zu thun er⸗ laubt iſt, was einen Amerikaner zum Piraten macht, wenn er es ſich zu Schulden kommen läßt. Ich bin feſt über⸗ zeugt, daß es nur wenigen Matroſen verſtändlich iſt, von welchem Geſichtspunkte aus das Geſetz den Sklavenhandel betrachtet. Seeräuberei iſt ein Raub, ein Angriff auf fremdes Eigenthum auf offener See, und war von jeher ein Frevel und Unrecht, allein der Sklavenhandel wurde noch vor kurzer Zeit von verſchiedenen Nationen ermu⸗ thigt und begünſtigt, und wir armen Matroſen erblicken in der Sinnesänderung dieſer Mächte nur einen politiſchen Kunſtgriff. Was mich ſelber anbelangt, ſo wäre ich ohne Bedenken auf dieſer Brigg eingetreten, ohne die Gefahren, die ich lief, auch nur im Entfernteſten zu ahnen, und hätte mich ſelbſt, vom moraliſchen Geſichtspunkte aus, nicht für ſchuldiger gehalten, als wenn ich Taback nach der iriſchen Küſte oder Opium nach Canton eingeſchmug⸗ gelt hätte.*) *) So urtheilt Ned. Auch ich war ſtets der Anſicht, daß das amerikaniſche Geſetz über den Sklavenhandel dem bot ung lös veit ord eine Der der, ern. eſes elbe chen hrt, ats⸗ dem fen, Ich er⸗ denn ber⸗ von ndel auf eher urde mu⸗ cken chen ohne ren, und aus, nach nug⸗ icht, dem 299 Wie der„Topas“ auf dem Heimwege aus dem Ha⸗ fen von Havanna auslief, und gerade dem Noro gegen⸗ über lag, verlor die Brigg ihren Bugſprietſteg. Ich wollte eben das Stag ausſcheeren helfen, als ich mich von Grundſatze nach unrichtig und in Betreff der Strafe zu ſtreng iſt. Es iſt dem Grundſatze nach unrichtig, weil Piraterie ein Verbrechen gegen das Völkerrecht iſt, und keinem Staate die Befugniß zuſteht, die Thätigkeit und den Wirkungskreis des Völkerrechts auszudehnen oder zu beſchränken. Amerika befolgt aus beſonderen Gründen dieſe Politik, und beobachtet dieſen Grundſatz ſtrenge, ſeit es ſo manche Intereſſen hat, von welchen das Beſtehen ſeiner Union und das Wohl des Föderativſtaats abhängt. Die Todesſtrafe iſt offenbar zu ſtreng, wenn wir ermeſſen, daß es in den Vereinigten Staaten wahre Nabobs gibt, die den Grund zu ihrem unermeßlichen Wohlſtande als Sklavenhändler gelegt haben, ſo lange der Sklaven⸗ handel noch geſetzlich geſtattet war. Die Moral und das ſittliche Gefuͤhl laſſen ſich nicht durch einen Federſtrich andere Anſichten und Grundſätze aufnöthigen, und ſelbſt der öffentlichen Meinung kann man es kaum zumuthen, in einem Staate den Sklavenhandel als ein Verbrechen zu betrachten, während das Sklavenhalten geſetzlich er⸗ laubt iſt. Ja die Todesſtrafe könnte ſogar vollzogen werden, ohne daß dem Congreß die Verpflichtung auferlegt würde, zu beſtimmen: was Seeräuberei ſey und was nicht. Man wird mir vermuthlich einwenden, dies beruhe nur auf einem Sprachfehler, und die rechtliche Befugniß des Geſetzes ſey darum doch nicht minder klar, als ſeine Meinung. Iſt dies wahr? Kann der Congreß, nach dem gemeinen Rechtsgefühl wie nach Geſetzen und Konſtitu⸗ tion, Geſetze für amerikaniſche Bürger erlaſſen, ſo lange ſte ſich noch unlaugbar unter der Jurisdiktion fremder Staaten befinden? Man gebe dieſen Grundſatz zu, und wird ferner den Congreß abhalten, Handlungen zu be⸗ 20 3⁰0 plötzlichen ünd heftigen Krämpfen erfaßt fühlte. Der Anfall war ein Vorläufer der Cholera, der mich beinahe aufrieb; der Kapitän hatte mir ein Plätzchen in der Vor⸗ kajüte gegönnt, wo ich mit der größten Sorgfalt ver⸗ ſtrafen, welche fremde Staaten möglicherweiſe aus Politik durch ihre Unterthanen während deren zufälligem oder zeitweiligem Aufenthalt auf ſeinem Gebiete ausüben laſſen? — Wenn mich der Congreß dafür beſtrafen kann, daß ich unter einer fremden Flagge und in fremden Ländern Sklavenhandel treibe, dann kann er mich auch beſtrafen, wenn ich gegen alle Verbündete der Vereinigten Staaten die Waffen fuhre, und doch kann ein amerikaniſcher Staats⸗ bürger, der im Auslande lebt, unter gewiſſen Umſtän⸗ den zum Militärdienſte genöthigt werden. Dieſelbe Schwierigkeit läßt ſich dem Grundſatze nach auf die ganze Reihe von Staatsverbrechen ausdehnen. Der Congreß beſteht nur für beſondere Zwecke und für Thatſachen. Er kann Seeräuberei beſtrafen, allein es nicht entſcheiden, was Seeräuberei ſey und was nicht, weil dies eine Beeinträchtigung und Verletzung des Völker⸗ rechts wäre. Er kann keinerlei Befugniß hiezu aus der aligemeinen Berechtigung herleiten, Geſetze zu erlaſſen, die zur Beobachtung eines gewiſſen Syſtems erforderlich ſind, da im allgemeinen Völker⸗ Verbande keine legale Nothwendigkeit für eine ſo doppelzüngige Geſetzgebung vorhanden iſt. Man nehme zum Beiſpiel an, England würde den Sklavenhandel wieder geſetzlich erlauben. Könn⸗ ten alsdann die Vereinigten Staaten auf die Beſtim⸗ mungen des berühmten Ashburton⸗Vertrages hin die Auslieferung eines amerikaniſchen Staatsbürgers verlan⸗ gen, der auf einem engliſchen Fahrzeuge und von einem engliſchen Hafen aus Sklavenhandel getrieben hätte? Würde England einen ſolchen Mann aufgeben? Gewiß ebenſo wenig, als es den Sklaven aufgibt und ausliefert, der von einem amerikaniſchen Fahrzeuge entſprang⸗ welches Ungemach und Unwetter zur See genöthigt hat, in einem Der ahe vor⸗ der⸗ litik der en? daß ern fen, ten ats⸗ än⸗ elbe unze und lein icht, ker⸗ der ſen, llich gale ung land önn⸗ tim⸗ die lan⸗ nem tte? ewiß fert, lches inem 301 pflegt wurde. Gott vergelte ihm ſeine Barmherzigkeit, und ſey geprieſen für die Gnade, die er mir erwies! Ich genas wieder, war jedoch kaum im Stande, wieder im Dienſte thätig zu ſeyn, bevor wir in den Hafen einliefen. Eine kurze Fahrt ergibt auch nur wenig Löhnung, und ſo ſah ich mich denn binnen Kurzem veranlaßt, mich nach einem anderen Fahrzeuge umzuſehen. Diesmal kam ich am Bord des„Erie,“ Kapitän Funk, eines Fracht⸗ ſchiffs, das regelmäßig den Dienſt zwiſchen dieſem Hafen und Havre de Grace beſorgte, und bald darauf auslief. Es war ein prächtiges Schiff, und die Pflege darauf nicht minder vorzüglich. Unſre Hin⸗ und Herfahrt waren beide angenehm, und geben mir nichts Beſonderes zu er⸗ zählen. Während ich im Hafen von Havre im Raum arbeitete, ſtürzte eine arme Frau, die ſich nach einer Schiffsgelegenheit als Paſſagier hatte umſehen wollen, durch die große Luke in's Zwiſchendeck herunter und be⸗ ſchädigte ſich ſo ſehr, daß ſie zurückgelaſſen werden mußte. Ich erwähne dieſes Umſtandes nur aus dem Grunde, weil ich damit zeigen möchte, wie nahe es mir lag, mit meinem alten Schiffsgefährten zuſammenzutreffen, der dieſe mein Erlebniſſe nun niederſchreibt, und durch wel⸗ chen unglücklichen Zufall ich ihn verfehlte. Als ich ihm dieſen Vorfall mittheilte und wir die Zeit deſſelben ver⸗ glichen, ergab es ſich nämlich, daß er ſich auf dem Ver⸗ deck unſers Schiffes befand, während dieſer Unfall ſich zutrug, weil er nach etlichen Effekten ſehen wollte, die er mit unſerm Fahrzeuge nach New⸗York verſchiffte. Gerade dieſe Effekten gingen mir durch die Hände, und ich dachte, ſie gehörten einem der Paſſagiere, die an unſerem Bord nach der Heimath zurückkehrten; da ſie aber an eine dritte engliſchen Hafen einzulaufen. Es iſt einer der Fehler der Philanthropie, daß ſie ihre eigene Politik außer Acht läßt und ihr widerſpricht, indem ſie alle Nebenrückſichten und Intereſſen aus dem Geſichte verliert. 8 Anm. d. Verf. 302 Perſon adreſſirt waren, konnte ich ſie natürlich nicht er⸗ kennen. Herr Cooper legte die Heimreiſe nicht im„Erie“ zurück, ſondern ging über England, ſchiffte ſich erſt in London ein, und ſo kam es, daß wir uns verfehlten. Die Kapitäne dieſer Frachtſchiffe wünſchen denjenigen Theil ihrer Mannſchaft, der ſich zu ihrer Zufriedenheit aufführt, ſo lange wie möglich im Dienſte zu behalten. Das Fahrzeug und der Kapitän geſiel uns ſo gut, daß wir unſerer Acht oder Zehn auf dem Schiffe blieben und wie⸗ derum in ihm ausliefen. Diesmal war uns das Glück nicht ſo hold; die Hinfahrt war ziemlich günſtig, die Heimreiſe aber mit Strapatzen und Drangſalen aller Art verknüpft. Noch während wir in Havre vor Anker lagen, entgingen wir nur knapp der augenſcheinlichſten Gefahr. In der heiligen Weihnacht brach nämlich in der Kajüte Feuer aus, und hätte uns faſt Alle gebraten, bevor wir nur eine Ahnung davon hatten. Unſer Steuermann, Everdy*) mit Namen, rettete durch ſeine Erfahrung, Vorſicht und thatkräftige Hülfe das Fahrzeug, da der Kapitän erſt an Bord kam, als das Feuer bereits ſeinen höchſten Grad erreicht hatte. Wir hielten Alles feſt verſchloſſen, bis eine Feuerſpritze fertig und zur Hand war, hieben als⸗ dann das Verdeck hinweg, und lenkten den Schlauch in die Kajüte hinunter. Dieſes Hülfsmittel und der reich⸗ liche Gebrauch, den wir von dem Waſſer machten, rettete das Fahrzeug, allein wir konnten nie ermitteln, wie das Feuer entſtanden war. Wir erlitten beträchtlichen Scha⸗ den am Fahrzeug und verloren ziemlich viel Waaren von Werth.— Trotz dieſes Unfalles hatten wir unſer Fahr⸗ zeug doch ſchon im Anfang des Januar 1834 wieder ſee⸗ und ſegelfertig gemacht. Während der erſten Wochen unſerer Fahrt hatten wir mit ungünſtigem Wind und Wetter zu kämpfen, die es ſogar nicht gerathen erſcheinen 1 ) So ſpricht Ned dieſen Namen ausz; ich garantire nicht da⸗ für, daß er richtig geſchrieben iſt. Anm. d. Verfaſſers. 303 ließen, uns des Lootſen zu entledigen, der unſer Fahr⸗ zeug bis zum Leuchtthurm von Eddyſtone begleitete. Hier trafen wir den„Sully,“ der auf der Ausfahrt begriffen „war, wieder vor dem Winde den Kanal heraufkommen. Wir tauſchten erſt Signale mit ihm aus, und unſer Schiff, das ziemlich weit vom Lande weg war, ſteuerte auf den „Sully“ zu, und rief ihn an. Wir ſchickten ihm nun den Lootſen an Bord, was ihm ſichtlich ſehr wohl be⸗ kam. Der Nachmittag blieb ſehr ſchoͤn, und da der Wind nachließ, hieß uns der Kapitän mehr Segel ausſetzen und ſteuerte auf die Küſte zu, was wohl der beſte Gang ſeyn mochte. Gegen Abend jedoch ward der Wind ſtärker und blies zwiſchen Start Point und der Lizarde⸗Spitze tüch⸗ tig und anhaltend in die Bucht herein. Unſer erſtes Anliegen und die erſte Pflicht waren nun, uns von der Küſte entfernt zu halten, worauf wir genö⸗ thigt waren, alle unſere Segel einzureffen. Der Sturm nahm fortwährend zu, und die Nacht brach mit ungewöhn⸗ licher Finſterniß herein. Es befanden ſich freilich auf un⸗ ſerer Leeſeite Häfen genug, allein es war ein kitzliches Un⸗ ternehmen, einen Fuß breit Boden aufzugeben, wenn man nicht ganz genau wußte, wohin man getrieben wurde. Wir hatten keinen Lootſen mehr an Bord, und der Kapitän be⸗ ſchloß, hier auszuharren. Ich habe ſelten einen ſtärkeren Sturm und heftigeren Wind erlebt, als in jener Nacht, wo unſer Leben und Sicherheit ſtundenlang nur davon ab⸗ hing, daß unſer großes Marsſegel Stand hielt, das wir dicht gerefft beigeſetzt hatten. Wir hatten gar nichts An⸗ deres zum Wegzeiger, als den Kompaß, da nicht ein einzi⸗ ger Stern ſichtbar war, bis ich um zehn Uhr etwa einen Lichtſchein dicht auf der Leeſeite unſeres Bugs erblickte. Dieß war der Leuchtthurm von Eddyſtone, der faſt in ganz gerader Linie zwiſchen Start Point und dem Kap Lizard ſteht und mehr als drei Meilen vom Lande entfernt iſt. Hielt unſer Segel feſt und konnten wir an dem Leuchtthurm vorüberkommen, ſo waren wir gerettet; zerriß aber unſer Marsſegel, ſo mußten wir an jenen berüchtigten Felſen und 304 Klippen ſcheitern, wo ein Zweidecker in ſolchem Sturme binnen einer Stunde hätte in Trümmer gehen müſſen. Ich glaube, wir kamen in entſprechender und heilſa⸗ mer Entfernung am Leuchtthurm von Eddyſtone vorüber, ſonſt würde der Kapitän wohl nicht den Verſuch gemacht haben, windwärts von ihm zu ſegeln, obwohl es mich hie und da bedünken wollte, als ſeyen wir dem Leuchtthurm furchtbar nahe. Die Wogen brandeten ſo furchtbar, daß ſte bis über das Licht emporſchlugen, wie wir häufig ſehen konnten, wenn die Spiegelung des Lichts in den Wellen plötzlich wie ein Licht neben der Laterne aufflackerte. In⸗ deß kamen wir doch glücklich vorüber, und ſchritten lang⸗ ſam vorwärts, obwohl die Segelkraft unſeres Fahrzeugs bei ſolchem Winde ſehr bedeutend geweſen ſeyn muß. Nun waren noch die Starte⸗Spitze und das weſtlich von ihr gelegene ſpitze Vorgebirge zu umfahren. Sie wa⸗ ren freilich weit genug entfernt, aber leider etwas zu ſehr leewärts von uns, wenn wir das Fahrzeug eine gerade Li⸗ nie beſchreiben ließen; bei ruhiger See und günſtigem Winde, der alle Segel aufzuſetzen erlaubt hätte, wäre es uns eine leichte Sache geweſen, mit Südweſtwind an Start⸗Point vorüberzukommen, ſobald wir nur einmal am Eddyſtone⸗ Leuchtthurm waren; allein in einem Sturme und gerade um die Zeit der Fluth iſt dieß eine ſehr bedenkliche Sache. Ich bin überzeugt, daß unſer ganzes Schiffsvolk, Matro⸗ ſen und Offiziere, die Sache ſehr ernſt nahmen und ins⸗ geheim etwas bange hatten. Wir verbrachten ein paar unbehagliche Stunden, als wir Eddyſtone aus dem Geſicht verloren hatten, bis uns der anbrechende Morgen das Land hinter Start⸗Point zeigte. Als es mir zuerſt zu Geſichte kam, erſchienen uns die Höhen der Felſen wie eine unge⸗ heure ſchwarze Wolke, die über uns hereinhing, und ich glaubte zuverläßig, unſerem Fahrzeuge drohe jetzt der Un⸗ tergang. Gerade um dieſelbe Zeit berieth ſich der Kapitän mit dem Steuermann, welch letzterer ſodann auf uns zu⸗ trat und in ſeiner gewöhnlichen, unerſchütterlich feſten, ru⸗ higen Weiſe uns anredete.„Kommt, Jungens,“ ſagte er; — 8 30⁵ 2 —„wir können ebenſogut ohne Maſten an die Küſte trei⸗ ben, als mit denſelben, und unſere einzige Hoffnung be⸗ ſteht nur noch in der Möglichkeit, mehr Segel auszuſetzen! Wir müſſen vor dem Winde abkneifen und mehr Segel⸗ tuch auszuſetzen verſuchen.“ Dieſer Wink genügte, uns Alle auf die Beine zu bringen, und das Erſte, was wir thaten, war, die Fock⸗ halſe zu borden. Die Geitaue des Segels kamen her⸗ unter, als ob eben ſo viele Rieſen Halſe und Schoten ge⸗ halten hätten. Wir ſetzten nun das Fockſegel doppelt gerefft bei, da es nur ein ſchmaler Streiſen Segeltuch war, und dennoch verſpürte das Schiff ſeine Wirkung. Wir mochten nun den gleichen Verſuch mit dem Vor⸗ marsſegel, das wir dicht gerefft beiſetzten, und auch dieſes ſtand. Es war ſicher wohlgethan, daß wir dieß verſucht hatten, denn ich bin überzeugt, daß das Schiff ſich nun in den Grund⸗Deiningen(der Gegenbrandung, welche ſich in den Grundſchichten des Oceans bildet) befand. Der ſchwarze Hügel vor uns ſchien uns jetzt beinahe über die Köpfe hereinſtürzen zu wollen. Wir machten auch einen Verſuch mit dem Beſanmarsſegel, der uns jedoch nicht gelang, weßhalb wir es wieder ohne ſonderliche Mühe einbanden. Unſre Lage war noch immer bedenk⸗ lich, da uns das Land immer näher trat; und wir ver⸗ ſuchten noch einmal, das Giekſegel doppelt gerefft bei⸗ zuſetzen. Jeder von uns legte Hand an Halſe und Schote, und wir zerrten dieſe Spanne Segeltuch herun⸗ ter, als ob es Mouſſelin geweſen wäre. Unſer gutes Schiff zuckte und ſtolperte nun, wie ein überrittenes Pferd, allein an dieſen Frachtſchiffen iſt Alles dauerhaft und feſt, und das Schiff hielt aus. Nie ſah ich den Seeſchaum und das Flugwaſſer ſo hoch emporſpritzen, als es in dieſer Nacht vom Bug des Schiffes in die Luft ziſchte!— Eine Viertelſtunde lang wagte keiner von uns Allen an Bord zu athmen, nachdem wir das Giekſegel beigeſetzt hatten, und Jeder lauſchte nur ge⸗ ſpannt, welcher von unſern Segeln zuerſt mit dem Winde 306 davon gehen würde. Jedes Tau und jeder Bolzen am Schiffe war auf's Aeußerſte angeſpannt, allein Alles war feſt und rührte ſich nicht! Im entſcheidendſten Au⸗ genblick fiel uns ein Lichtſchein aus einem Hauſe in's Geſicht, das wir für daſſelbe erkannten, welches in der Nähe der Start⸗Spitze ſteht. Der Steuermann trat zu uns, wies uns daſſelbe und meinte: wenn es uns ge⸗ länge, an dieſem Lichtchen vorüberzukommen und es aus dem Geſichte zu verlieren, ſeyen wir Alle gerettet! Von nun an verlor ich das Lichtchen nicht mehr aus den Augen, und war nicht wenig erfreut, als es allmählig hinter uns hinuntertauchte, ſchwächer wurde und allmäh⸗ lig auf unſerer Leeſeite ganz verſchwand. Wir hatten ſes zuletzt nur noch über die Schanze hinweg geſehen, und wußten nun, daß wir aller Gefahr entronnen waren! Das düſterblickende Land verſchwand leewärts in einer tiefen breiten Bucht, die uns herrliches genügendes Fahr⸗ waſſer gab!— Wir verkürzten nun unſre Segel wieder, um das Schiff zu erleichtern. Das Giekſegel und Vor⸗ marsſegel wurden eingebunden, und unſer Fahrzeug ſe⸗ gelte nun unter dem großen Marsſegel, dem Fockſegel und Fockſtagſegel dahin. Ich ſehe auch in dieſer Ret⸗ tung aus dringender Gefahr einen der unverdienteſten Gnadenbeweiſe von Seiten meines Schöpfers, und ſchreibe ihn, neben dem göttlichen Erbarmen, hauptſächlich der Entſchloſſenheit und Beharrlichkeit unfrer Offiziere und der Güte des Schiffs und ſeiner Ausrüſtung zu. Es erſchien mir nicht anders, als ob man ein Pferd zur äußerſten Spannung und Aufgebot jeder Nerve und Sehne angetrieben und die Wette doch nur unter Peit⸗ ſche und Sporen gewonnen hätte. Tauwerk, Holz und Eiſen können kaum ſtärker in Anſpruch genommen wer⸗ den, als in jener Nacht. Am folgenden Morgen beim Frühſtück wurde der ganze Vorfall von der Mannſchaft wieder auf's Neue be⸗ ſprochen. Wir hatten eine tüchtige Mannſchaft an Bord, faſt lauter alte, erprobte Matroſen, allein von leicht⸗ 307 Innigem Temperament und lockern Sitten. Einige der Leichtfertigſten unter ihnen geſtanden aber dennoch, im Laufe der vergangenen Nacht insgeheim um ihre Rettung und göttlichen Beiſtand gefleht zu haben, und ich mei⸗ nerſeits bekannte offen und mit Gemüthsruhe, daß ich ebenfalls gebetet. Dieſe Bekenntniſſe wurden halb ſcherz⸗ weiſe abgelegt, allein wenn ich nach meinem eigenen Zu⸗ ſtande urtheile, ſo mag's den Burſchen mit dem Beten wohl Ernſt geweſen ſeyn. Thoren und Gottloſe mögen ein Gefallen daran und einen Ruhm darin finden, mit ihrer Gleichgültigkeit bei ſolchen Gelegenheiten zu prah⸗ len; allein meines Erachtens vermögen nur wenige Men⸗ ſchen dem Tode unter Umſtänden kühn in's Auge zu blicken, wie diejenigen, worin wir uns befanden, und ſie werden es ſich, wenn auch mit Widerſtreben, geſtehen müſſen, daß eine Macht über uns exiſtirte, an welche fie ſich ſowohl um Leibesſicherheit, als um der Seele Troſt und Aufrechthaltung willen wenden müſſen. Für die Matroſen der regelmäßigen Frachtſchiffe und Paket⸗ boote nach Havre de Grace hat man inzwiſchen ausneh⸗ mend viele Sorge getragen, indem man eine Kirche ei⸗ gens für Seeleute daſelbſt eingerichtet hat, welche unſer Kapitän und Steuermann ſtets beſuchten, und wohin ſie uns öfters zu bringen verſuchten. Es hatte jedenfalls eine gute Wirkung, indem ſich die Leute hernach meiſt anſtändiger aufführten und weniger häufig und viehiſch betranken.— Etliche Tage nach dieſer Rettung aus To⸗ desnoth legte ſich der Wind um und erfaßte uns von der Seite, daß wir bald über die Scilly⸗Inſeln hinaus und in den Atlantiſchen Ocean hineinſteuerten. Etwa vierzehn Tage nach unſerer Viſite beim Leuchtthurm von Eddyſtone verloren wir die Haken des Steuerruders, das nur durch die damals neue Erfindung gerettet wurde, wornach mittelſt des Decks das Vordertheil des Schiffes vor dem Spritzwaſſer geſchützt wird. Einer Beſchädi⸗ gung vorzubeugen und um den Gebrauch des Steuers nicht vollends ganz entbehren zu müſſen, ſahen wir uns 308 jedoch genöthigt, letzteres in Taue zu hängen und mik⸗ telſt Spillen an den Hinterſteven zu befeſtigen. Wir legten eine Spirre queer durch das Compaßhäuschen, gerade über die Steuerruder⸗Pinne, zwängten eine Kette durch das Loch des Helmſtocks und legten ſie dann über die Spirre. Man verwandte zu dieſem Zwecke die kleinſte Kabelkette, da das Steuerruder mit Winden vom Ver⸗ deck aus emporgebracht werden mußte. Alsdann nah⸗ men wir einen tuͤchtigen Bund Raaketten⸗Schoten, theer⸗ ten ſie ordentlich und legten ſie mit Timmerſtichen(einer beſondern Art Knoten) rund um die Hälfte der Ruder⸗ pinne. Die beiden Ende wurden durch jede Hauptmars⸗ puttinge gezogen und durch Taljen emporgezogen. Auf dieſe Weiſe leiſtete das Steuerruder noch leidlichen Dienſt, wiewohl wir noch immer bei ſchlimmem Wetter das Fahrzeug beiliegen laſſen mußten. Die Kettenſchoten hielten faſt einen ganzen Monat lang aus und fielen alsdann erſt ab. Bei näherer Un⸗ terſuchung ergab es ſich, daß die Schmarting(Verthee⸗ rung) unter dem Gilling des Schiffsſpiegels losgegan⸗ gen war und das Kupfer beinahe total das Eiſen auf⸗ gefreſſen hatte. Wir unterſuchten hierauf alle Puttingen des Schiffs von geeigneter Größe, legten eine tüchtige Schmarting darüber, befeſtigten dieſelbe wiederum mit Timmerſtichen an der Ruderpinne, zogen die Enden da⸗ von bis zu den Klüsgaten, und ließen den ſchlaffen Theil derſelben zu beiden Seiten bis zum Schiffskiele hinunter⸗ fallen. Die Enden wurden hierauf zunächſt nach der Winde gebracht und hier feſt gemacht. Dies entſprach ſeinem Zwecke vollkommen und hielt aus, bis wir in New⸗York eingelaufen waren. Unſere ganze Ueberfahrt war ſtürmiſch und dauerte ſiebenzig Tage, ſoviel ich mich noch erinnern kann. Das Schiff war bereits faſt auf⸗ gegeben worden, und erregte daher allgemeine Freude bei der endlichen Ankunft. Da der„Erie“ wegen der mannigfachen nöthig ge⸗ wordenen Ausbeſſerungen diesmal nicht in See gehen nif⸗ Vir en, ette ber aſte er⸗ ah⸗ Ler⸗ ner der⸗ rs⸗ Auf nſt, das nat Un⸗ hee⸗ an⸗ uf⸗ gen ige mit da⸗ heil ter⸗ der ach in ührt nich uf⸗ ude ge⸗ 3⁰9* konnte, traten wir vom Schiffsvolke meiſt an Bord des „Henry IV.,“ das ebenfalls ein regelmäßiges Fracht⸗ ſchiff nach Havre de Grace war. Dieſe Reiſe war be⸗ haglich und ſehr günſtig, da das Schiff ſehr ſchön und die Behandlung vortrefflich war. Bei unſerer Rückkehr nach New⸗York gingen die Meiſten von uns wieder auf den„Erie“ zurück, der inzwiſchen wieder ſeefertig ge⸗ worden war, weil uns Fahrzeug und Kapitän und un⸗ ſere Offiziere überhaupt gefielen. Ich ſchiffte an Bord des„Erie“ noch zweimal nach Havre und wieder zurück, ſo daß ich im Ganzen vier Fahrten auf ihm zurücklegte. Zu Ende der vierten Fahrt verließ uns der ſeitherige Steuermann, da er Geſchäfte am Lande hatte, und wir empfanden eine Abneigung gegen ſeinen Nachfolger, ohne es indeß mit ihm zu verſuchen. Wir hatten Alle unſern früheren Steuermann ſo lieb gewonnen, daß wir glaub⸗ ten, wir müßten nun auch das Fahrzeug verlaſſen, nun er fort ſey. So kam es, daß wir Alle faſt ſammt und ſonders an Bord der„Silvie de Graſſe“ gingen, wo wir ein anderes gutes Fahrzeug, gute Offiziere und an⸗ ſtändige Behandlung fanden. Die Frachtſchiffe nach Havre de Grace waren ſich faſt ſämmtlich unter einan⸗ der ähnlich, da die„Silvie de Graſſe“ das vierte war, worin ich zu ſegeln hatte, und ich meinte ſtets, ſie ge⸗ hörten Alle zu derſelben Familie. Ich machte zwei Fahrten nach Havre in dieſem Fahrzeuge, und verließ ſte alsdann, um auf die„Normandy,“ ein Frachtſchiff deſſelben Kurſes, zu gehen. Zu dieſer Veränderung hatte mich eine Verdrießlichkeit etlicher weniger Cigar⸗ ren in Havre bewogen, worin ich für einen Andern hätte die Kaſtanien aus dem Feuer holen und mir für ihn die Hände verbrennen ſollen. Der Kapitän behan⸗ delte mich ſtets ſehr artig und mit Wohlwollen, allein mein Temperament iſt von der Art, daß ich aus der Haut fahren möchte, wenn mir irgend Etwas wider Willen geht. Pure Laune verjagte mich von der„Sil⸗ vie de Graſſe,“ und brachte mich an Bord der„Nor⸗ 310 mandy.“— Dieſes Fahrzeug geſtel mir ebenſo gut, als die übrigen Frachtſchiffe, obwohl das Fahrzeug nicht ſehr gut Kurs hielt. Ich machte nur eine einzige Reiſe in ihr, wie aus dem nächſten Kapitel hervorgehen wird. Siebenzehntes Kapitel. Ich war nun ohne Unterbrechung auf verſchiedenen Fahrzeugen nicht weniger als achtmal in Havre geweſen, und meine Lebensweiſe und Beſchäftigung war ſo regel⸗ mäßig geworden, daß ich mich bald nur ſelbſt für ein Stück von dem Frachtſchiffe gehalten hätte. Die Be⸗ handlung, die Koſt, die Schiffe und ihre Offiziere gefie⸗ len mir, und ich arbeitete, ſo oft wir nach Hauſe kamen, im Taglohn auf dem Fahrzeuge, bis wir ausbezahlt wurden, worauf jedoch gewöhnlich von Ned Myers nicht eher wieder eine Spur zu ſehen war, als bis die Zeit herannahte, wo wir wieder unter Segel gingen. Als ich mit der„Normgndy“ wieder in New⸗York einlief, gingen die Dinge wieder ihren gewöhnlichen Lauf, mit der einzigen Ausnahme, daß mein Aufenthalt am Ende dießmal nur von ſehr kurzer Dauer war. Mr. Everdy, unſer früherer Steuermann im„Erie“, hatte inzwiſchen eine Art Commiſſtonsbureau für Seeleute errichtet, in dem er die gehörigen Trupps von Takelmeiſter, Steve⸗ doren und ſo weiter zuſammenbrachte; als ich zu ihm ging und mich an ihn wandte, um mich wieder an Bord der„Normandie“ zu melden, gab er mir die Nachricht, daß ihre Mannſchaft bereits beiſammen, daß er jedoch erbötig ſey, mich an Bord einer hübſchen Brigg unterzu⸗ bringen, falls ich mich am andern Morgen nach der Stadt begeren und auf der N“ſchen Werfte einfinden wolle. Ich machte mich nun demgemäß am folgenden Tage auf, nahm mein Mittagsmahl in einem Eimer mit, und ſchritt beſprochenermaßen nach der Werſte hinauf. Unterwegs traf ich mit einem Schiffsgenoſſen von der Marine zu⸗ ſammen, einem Bootsmannsmaat, Namens Benſon, der 311 mich befragte, wohin ich mit meinem Eimer ſteuern wollte. Ich gab ihm Beſcheid und er rieth mir ab. „Wie,“ ſagte er,„wozu nützt Dir's, daß Du Dich in dieſen Frachtſchiffen zu Tode zerren und ſchleppen willſt, ſo lange noch Kriegsſchiffe unter Deinem Lee liegen?“ — Er theilte mir ferner mit, daß er ebenfalls wieder an Bord eines Kriegsſchiffes zu gehen gedenke, und drang in mich, daſſelbe zu thun; wir leerten ein paar Flaſchen mit einander und ich fühlte mich halb veranlaßt, auf ſeinen Vorſchlag einzugehen, allein der Gedanke an die Brigg ſchoß mir noch zeitig genug durch den Kopf, und ich verließ ihn nun, um mich nach der Werfte zu begeben. Als ich hier ankam, war es bereits zu ſpaͤt, indem das Fahrzeug längſt aus den Schleußen ausgelaufen und ſchon unterwegs im Fluſſe lag. Mein Tagewerk war nun zu Ende, und ich beſchloß, mir einen ganzen Feſttag zu machen. Auf dem Rückwege jedoch begegnete ich Kapitän Mix; demſelben Offtzier, unter welchem ich zuerſt nach den Seen gegangen und der hernach auf dem„Delaware“ mein erſter Lieutenant geweſen war, und wir plauderten zuſammen über die Zeit, die wir in der Marine mit einander verlebt hat⸗ ten, worauf ich mich dann nach dem Werbhauſe der Marine begab. Der dienſtthuende Offizier war zufällig Herr Mae Kenay, mein früherer erſter Lieutenant an Bord des„Brandywine“, und ehe ich noch das Haus verließ, ſtand mein Name ſchon wieder auf der Liſte der Marine, ünd ich war wiederum Matroſe im Dienſte der Vereinigten Staaten. So habe ich mich faſt mein Leben⸗ lang vom Zufall in der ganzen Welt umherwerfen laſſen, und ließ mir am Morgen nicht träumen, was mir am Abend zuſtoßen ſollte. 3u gehöriger Zeit des Auslaufens ſtellte ich mich ein, und wurde an Bord des„Hudſon“ geſandt, welches Fahrzeug damals unter dem Befehl des Kapitän Mir ſtand. Ich kann mir wenigſtens zu meinem Troſte mit gutem Gewiſſen das Zeugniß geben, daß es mir nie 312 einfiel, von einem der eilf Kriegsſchiffe zu entlaufen, an deren Bord ich— Eines in's Andre gerechnet— Jahrelang gedient habe. Ich mußte indeß ſo lange im Aufnahmeſchiff warten, daß ich deſſelben herzlich müde wurde, und ich die erſte Gelegenheit abwartete, meinen Namen auf die Liſte der„Conſtellation“ von achtund⸗ dreißig Kanonen, ſetzen zu laſſen, welche damals gerade in Norfolk für die weſtindiſche Station ausgerüſtet wurde. Ein Trupp von uns wurde daher abgeſandt, um zu je⸗ nem Fahrzeug zu ſtoßen, das bei unſerer Ankunft die Werfte bereits verlaſſen und ſich zwiſchen die Forts ge⸗ legt hatte. Als ich an Bord kam, fand ich mit Ver⸗ gnügen, daß etwa fünfzig meiner früheren Schiffskame⸗ raden von den franzöſiſchen Frachtſchiffen ſich an Bord befanden, welche irgend ein gemeinſames Motiv bewogen haben mochte, Alle auf einmal Dienſte in der Marine zu nehmen. Was mich anbetrifft, ſo war ich auf die oben angegebene Weiſe wieder zur Marine gekommen, welche ich von jeher lieb gewonnen hatte, ſo daß ich ſtets bereit war, zu einer angenehmen Fahrt an Bord eines Kriegsſchiffs zu treten. Kommodore Dallas's Ständer wogte bereits vom Maſte der„Conſtellation,“ als ich ſie erreichte. Kurz darauf ſegelte das Schiff nach Weſtindien ab. Da mir auf dieſer Fahrt nichts Weſentliches begegnete, halte ich es für über⸗ flüſſig, die Begebenheiten in derjenigen Ordnung und Rei⸗ henfolge zu erzählen, in welcher ſie ſtattfanden. Das Schiff lief in Havannah, Trinidad, Kuracoa, Laguayra, Santa Cruz, Vera Eruz, Campeachy, Tampico und Key Weſt ꝛc. ein, und in allen dieſen Häfen lagen wir längere oder kürzere Zeit vor Anker, ja in Santa Cruz hatten wir ſo⸗ gar einen großen Ball an Bord. Nachdem wir auf dieſe Weiſe mehrere Monate verbracht hatten, liefen wir in Pen⸗ ſacola ein. Der„Sanct Louis“ war die meiſte Zeit über mit uns zur See, obwohl er nicht mit uns aus Norfolk ausgelaufen war. Im nächſten Frühjahre lief das ganze Geſchwader zuſammen wieder aus und ſteuerte nach Vera — 313 Cruz, im Ganzen unſerer ſieben oder acht Segel, und verſetzten dadurch— denke ich mir— die Merikaner in nicht geringe Beſtürzung. 2 Der Krieg in Florida gab uns nun vollauf zu thun, und ich lief in allen Arten von Aufträgen und Expedi⸗ tionen aus. Dennoch aber bekam ich niemals einen In⸗ dianer zu Geſicht, mit Ausnahme derer, die ſich freiwillig gefangen gegeben hatten. Ich betrat alle Arten von Fahrzeu⸗ gen: Dampfboote, Kutter, Schaluppen ac., und mußte ſogar auch am Lande Dienſte thun, und wie ein Soldat mit der Muskete auf der Schulter marſchiren. Das war ein müh⸗ ſames Geſchäft für einen Seemann. Da der„Saint Louis“ ſchlecht bemannt war, wurde ich auch zu einer Fahrt an ſeinen Bord kommandirt; wir mußten tuͤchtig exerciren, wie einſt auf der Fregatte, und waren gleichſam der Laufburſche für das übrige Geſchwa⸗ der, indem wir uns aller Orten hin verſenden laſſen mußten. Es war ein ſchönes Schiff, kommandirt von einem gewiſſen Kapitän Rouſſeau, einem allgemein ge⸗ ſchätzten und beliebten Offizier. Herr Byrne, mein frü⸗ herer Schiffsgefährte vom„Delaware“ her, lief an Bord der„Conſtellation“ als erſter Lieutenant mit uns aus, blieb aber nicht über die ganze Dauer der Kreuzfahrt bei uns. Alles zuſammengerechnet war ich auf der weſtindiſchen Station ganze drei Jahre lang, verbrachte aber mehrere Monate dieſer Zeit im Spitale, um einen. Beinbruch hei⸗ len zu laſſen, den ich mir im Dienſte geholt hatte. So lange ich im Spital lag, trat die Fregatte wieder eine Kreuzfahrt an und ließ mich am Lande. Bei der Rück⸗ kehr wurde ich als Invalide nach Hauſe geſandt und zwar an Bord des„Levant,“ Kapitän Paulding, welch letzterer ebenfalls ein vorzüglicher wackerer Offtzier war. Mit einem Worte: ich hatte das Glück, faſt ſtets auf wackere Offi⸗ ziere zu ſtoßen, und die Behandlung an Bord der Fre⸗ gatte war gut und gerecht. Die Arbeit auf der„Conſtel⸗ lation war ſehr hart, faſt eine Art Soldatendienſt, die Edward Myers. 1— 21 3 3 314 zwar recht gut für diejenigen ſeyn mag, welche daran ge⸗ wöhnt ſind, uns Blaujacken aber durchaus nicht behagen. Kapitän Mir, der Offtzier, unter welchem ich damals in die See gegangen war, befand ſich ebenfalls auf der Station als Befehlshaber der Kriegsſloop„Concord,“ und befehligte ſogar eine Zeitlang in Abweſenheit des Kommodore, Dal⸗ las deſſen Schiff. Auf ſolche Weiſe werden oft alte Schiffs⸗ gefährten nach jahrelanger Trennung wieder zuſammen⸗ geführt.— Im Spital wurde ich als Thürſteher angeſtellt, und ſtand unter den Befehlen der Kapitäne Bolton und Latimer, derer erſterer den Dienſt auf der Werfte hatte, und der Andere ihm beigeſellt war. Von dieſen beiden Herren empfing ich ſo viele Beweiſe von Freundſchaft und Wohlwollen, daß es undankbar wäre, ihrer nicht zu er⸗ wähnen. Doktor Terrill, der Wundarzr des Hoſpitals, erwies ſich auch während der ganzen Zeit, daß ich ſeiner Pflege anvertraut war, äußerſt gütig gegen mich. Da ich im Spital mehr freie Zeit hatte, übernahm ich die Pflege eines Gartens, und wurde nun gar eine Art Gärtner; ja man gab mir gar das Zeugniß: ich hätte den ſchönſten und wohlgepflegteſten Garten in ganz Penſacola und der Umgebung, was leicht möglich iſt, da ich außer dem meinigen nur noch Einen an Ort und Stelle fand. 8 Die wichtigſte Begebenheit jedoch, welche ich während meines Aufenthalts im Spital erlebte, war eine Neigung oder ein innerer Trieb, den ich plötzlich empfand, über meine Zukunft nachzudenken, und mit ernſterem Blicke Gegenſtände der Religion zu prüfen und zu ermeſſen. Dr. Terrill hatte ein paar Schwarze im Dienſte, welche kleine Verſammlungen und Conventikel nach Methodiſten⸗ Art zu halten pflegten, worin ſie geiſtliche Lieder ſangen, und ſich ernſtlich uͤber Glaubensſachen beſprachen. Ich ließ mich niemals mit dieſen Leuten ein, da ich— in Penſacola drunten wenigſtens— zu weiß dafür war, allein ich konnte von meinem Stübchen aus ihrer gan⸗ zen Unterhaltung zuhören. Ein Katholik im Spital be⸗ nem verl dan der zien Chr thol ande zwar nahr mich hatte ſicht, ich pitel ſager auch nicht lunge mein zu v ben anged Haus war. die B Deiſt wahre noch ge⸗ gen. die tion ligte Dal⸗ fffs⸗ nen⸗ ellt, und atte, iden und er⸗ als, iner rhm eine ich ganz da und tend ung ber icke ſen. lche en⸗ gen, 3 in dar, an⸗ be⸗ 313 ſaß ein engliſches Gebetbuch, das er mir borgte, und ich machte es mir nunmehr zur Gewohnheit, taͤglich ein Gebet darin zu leſen,, um auf dieſe Weiſe wenigſtens dem Allmächtigen mehr Andacht zu zollen. Dieß war der erſte Verſuch von meiner Seite, privatim wieder zu mei⸗ nem Gott zu beten, ſeit ich Herrn Marchintons Haus verlaſſen hatte, wenn ich die wenigen Stoßgebete in Ge⸗ danken ausnehme, welche die Angſt mir in Augenblicken der Gefahr abgedrungen hatte. Nach kurzer Zeit wollte es mich bedünken, es ge⸗ zieme ſich nicht für mich, der ich als proteſtantiſcher Chriſt geboren und getauft worden ſey, ein römiſch⸗ka⸗ tholiſches Gebetbuch zu leſen, und ich wußte endlich ein anderes ausfindig zu machen, das für Proteſtanten und zwar ausdrücklich für Seeleute geſchrieben war; dieß nahm ich nun mit mir auf mein Zimmer und bediente mich ſeiner anſtatt des katholiſchen Buchs. Dr. Terrill hatte einen hübſchen Vorrath Bibeln unter ſeiner Auf⸗ ſicht, und verſah mich gerne mit einer derſelben, worauf ich es mir zum Grundſatze machte, jede Nacht ein Ka⸗ pitel davon zu leſen und eines meiner Gebete herzu⸗ ſagen. Des Trinkens enthielt ich mich ganz, und ließ auch ſelten einen Fluch hören. Ich las die Bibel nun nicht mehr um des geſchichtlichen Theils und der Erzäh⸗ lungen willen, ſondern in der ernſten Abſicht, dadurch mein Gemüth und meinen Wandel zu verbeſſern und zu veredeln. Mein rechtlicher Lebenswandel und mein ernſtes Stre⸗ ben nach Beſſerung mochte ſchon mehrere Monate lang angedauert haben, als ich die Bekanntſchaft eines neuen Haushofmeiſters machte, der am Spitale angeſtellt worden war. Der Mann erwies ſich tauglich genug, mit mir über die Bibel zu reden z allein es zeigte ſich bald, daß er ein Deiſt war. Trotz meines Drangs, ernſter über meine wahre Lage mit mir zu Rathe zu gehen, hatte ich doch noch Zweifel darüber, ob der Heiland auch wirklich der —21 316 Sohn Gottes ſey; ich ſah darin gewiſſerntaßen eine Un⸗ wahrſcheinlichkeit und verſiel dadurch in die Gefahr, welcher Layen und Anfänger in Glaubensſachen ſo leicht ausge⸗ ſetzt ſind,— nämlich in Eigendünkel, Afterweisheit und Selbſtvertrauen, und wollte menſchlichen Verſtand an die Stelle des Glaubens ſetzen. Der Haushofmeiſter hatte dies bald ausgewittert, und brachte mir Tom Payne's Werke in der Abſicht, dadurch meinen Glauben, d. h. mich im Unglauben zu beſtärken. Ich las nun Tom Payne an⸗ ſtatt der Bibel, und gewann bald praktiſche Einſicht und Ueberzeugung von den ſchlimmen Wirkungen und Folgen ſeines elenden Syſtems. Mit meiner Beſſerung und Ver⸗ edlung ging es wieder den Krebsgang; ich begann wieder zu trinken wie zuvor, obwohl ich mich nur ſelten berauſchte, und wurde eben ſo gleichgültig gegen meine Bibel und Gebetbuch, als ſorglos in Betreff der Zukunft. Meine Anſichten änderten ſich nachgerade dahin: die Dinge dieſer Welt ſeyen nur um des Genuſſes willen da, und Derje⸗ nige handle am Vernünftigſten, der ſich ſeine Zeit hienie⸗ den am Beſten zu nutz mache. Zudem muß ich noch geſtehen, daß das ſchlimme Bei⸗ ſpiel, welches ich von ſolchen gegeben werden ſah, die ſich Chriſten nannten und dafür gelten wollten, mich un⸗ willkürlich gegen Glaubensſachen und Religion abgeneigt machten. Mein größter Irrthum war, daß ich annahm, es ſey bereits mit meinem Gemüthe eine wirkliche Aenderung vor ſich gegangen. Beſondere Umſtände erweckten in mir den Hang zum Nachdenken, dieſes machte mich ernſt, und das Nachdenken führte mich auf Gegenſtände, die ich ſeit⸗ her nur leichtſinnig behandelt hatte. Allein die Gnade Gottes war mir größtentheils noch vorenthalten, und ließ mich zur Spielball und zur Beute ſolcher Menſchen wer⸗ den, wie der Haushofmeiſter und ſein großer Herr und Pro⸗ phet, Tom Payne.. Es ergab ſich im Spital, und zumal an einem Orte wie Penſacola, nicht viel Gelegenheit für mich, wieder in meine alten üblen Gewohnheiten und Laſter zu ver⸗ Un⸗ lcher usge⸗ und 1 die hatte yne's mich an⸗ und olgen Ver⸗ ieder ſchte, und Neine dieſer errje⸗ tenie⸗ Bei⸗ ſich un⸗ neigt 1, es rung mir und ſeit⸗ nade ließ wer⸗ Pro⸗ Orte ieder 317 ſinken, obwohl ich mir auch hier zu verſchiedenen Malen Getränke zu verſchaffen wußte und mich dadurch bei mei⸗ nen Vorgeſetzten in Mißkredit ſetzte. Die ſtrenge Zucht, meine Lage und mein eigener Entſchluß ließen mich im Ganzen noch einen leidlichen Lebenswandel führen. Nur die ſtrenge Zucht auf einem Schiff iſt die Schuld, daß die Matroſen nicht früher ſterhen, als es bei ihnen der Fall iſt, denn ſo viel iſt gewiß, daß kein Mann lange zu leben vermöchte, der drei bis vier Monate im Jahre in jenen Ausſchweifungen verlebte, in welche ich mich oft ſtürzte, wenn ich von langen Reiſen zurückgekehrt war. Dieß iſt ſchon ein großer Vorzug, den die Marine hat; zwei bis drei Tage tollen Lebens ſind Alles, was ein Mann auf einer Fahrt von vollen drei Jahren ſich erlauben kann. Wer jemals, beſonders früher, auf einem Kriegsſchiffe gedient hat, wird ſich von der heilſamen Wirkung dieſes Syſtems und des regelmäßigen Lebens auf einem ſolchem Schiffe überzeugt haben. Als die Mannſchaft an Bord kam, waren die Leute in Folge der letzten Ausſchweifungen manchmal regungslos, mür⸗ riſch, halb ſiech, ja ſogar halb leblos, und Etliche davon litten vielleicht am Säuferwahnſinn; ein paar Wochen regelmäßigen Lebens genügte jedoch, das Schiffsvolk wie⸗ der geiſtig und körperlich zu kräftigen und wieder zur Ordnung zu bringen, ſo daß am Ende der Fahrt die Mehrzahl wieder mit friſch gekräftigter Geſundheit in den Hafen einlief und ausbezahlt wurde.— Jetzt aber haben ſich die Verhältniſſe geändert: die Leute ſchiffen ſich für den allgemeinen Dienſt ein, und verbringen gewöhnlich erſt eine kurze Lehrzeit an Bord eines Empfangſchiffs, ehe ſie auf das Fahrzeug verſetzt werden, mit welchem ſie in die See ſtechen. Auf dieſe Weiſe gelangen ſie ſchon in einem beſſern Zuſtande an Bord, als ſonſt der Fall zu ſeyn pflegte, und ein halbjähriger Aufenthalt an Bord eines Kriegsſchiffs iſt ſelbſt noch jetzt eine Art von wohl⸗ thätiger Geneſungszeit und eine heilſame Epoche im Leben eines Matroſen. 318 Ich erwähnte vorhin, daß ich mir ſelbſt in der Ach⸗ tung Anderer geſchadet habe, als ich im Hoſpital von Penſacola mir wieder unſer altes Laſter des Trinkens angewöhnte. Der Vorgang war folgender: denn ich bin durchaus nicht gewillt, vor der Welt meine eigenen Fehler entweder zu, verhehlen oder noch weniger zur Schau zu tragen, ſondern ich bekenne ſie in der Hoffnung, daß das Gemälde, welches ſie darbieten, auch einigen heilſamen Einfluß auf das Betragen Anderer habe. Der Doktor, der mir ſtets gewogen und gar oft ein trefflicher Rath⸗ geber geweſen war, machte eine Reiſe nach Norden, um ſeine Frau abzuholen und nach Penſacola zu bringen. Man war allgemein der Anſicht geweſen, daß ich für den Schaden, der mich in's Spital gebracht, Anſpruch auf eine Penſion habe, und der Doktor hatte mir verſprochen, während ſeines Aufenthalts in Washington ſich für mich in dieſer Beziehung zu verwenden. Dies unterließ er jedoch, weil ihn ſeine Reiſe nicht durch Washington führte, wie er erwartet und beabſichtigt gehabt hatte. Ich bin aber nun einmal von der Art, daß jeder Aerger, jede getäuſchte Hoffnung mich leichtſinnig machen und einen Wunſch in mir hervorrufen, mich an mir ſelber zu rächen, wenn ich ſo ſagen darf. Dieſe Empfindung war es ge⸗ weſen, welche mich zuerſt von Halifax vertrieben hatte, — dieſe Empfindung hatte mir den Entſchluß eingegeben, vom Sterling zu entlaufen, und hatte auf meinem ganzen Lebenswege meine Verhältniſſe und Ausſichten nicht nur oft geändert, ſondern häufig ſogar ganz verſperrt. So⸗ bald ich erfahren hatte, daß hinſichtlich meiner Penſion kein Schritt geſchehen war, überkam mich dieſes Gefühl wieder und ich wurde wieder leichtſinnig. Ich hatte Monate lang keinen Grog mehr getrunken und den Ge⸗ nuß geiſtiger Getränke überhaupt faſt ganz aufgegeben, — nun aber beſchloß ich bei der erſten beſten Gelegen⸗ heit, die ſich bot, mich wieder tüchtig zu betrinken. Ich wollte dadurch die Offtziere ärgern, indem ich eine ſchlimme Ach⸗ von nkens bin ehler u zu das men ktor, ath⸗ um gen. den auf hen, mich 3 er hrte, bin jede inen hen, ge⸗ atte, ben, nzen nur So⸗ ſion fühl atte Ge⸗ ben, gen⸗ Ich nme 319 That beging, an welcher ich mich doch nur ſelbſt hätte ſchämen ſollen. Die Schlüſſel zu dem Gewoͤlbe, wo die geiſtigen Getränke des Hoſpitals aufbewahrt wurden, befanden ſich in meinen Händen; das Erſte, was ich nun zu thun hatte, war, mir einen Bundesgenoſſen zu ſuchen, den ich denn auch in der Perſon eines Burſchen aus Balti⸗ more fand, der aus purer Liebe zu ſtarken Getränken auf meinen Plan einging. Ich ſchaffte nun zunächſt einen Vorrath Wein in mein Stübchen, und hier ſielen wir denn nun darüber her und ſtachen ihn aus; es war Sherry(Xeres⸗Wein, ein ſehr ſtarker brauner ſpaniſcher Wein) und es bedurfte neun Flaſchen, um uns Beide lee⸗ wärts zu bringen, und ſogar dieſes Quantum machte mich nicht einmal ſehr betrunken, ſondern nur frech und unverſchämt. Ich ſchimpfte den Doktor und ließ mir faſt einfallen, Raufhändel mit Kapitän Latimer anzu⸗ fangen, der ein Ofſizier von Ehre war und nicht lange mit ſich ſpaßen ließ. Dieſe Herren und auch Kapitän Bolton hatten indeß mehr Rückſicht für mich, als ich eigentlich werth war, und ich kam diesmal mit einem derben Verweis davon. Dieſer luſtigen Nacht hatte ich es indeß zuzuſchreiben, daß ich als Invalide„nach Hauſe“ geſandt wurde, wie ſie es hier nennen, als ob Penſacola nicht in den Vereinigten Staaten liege. Als der„Levant“ landete, wurde ich in's Marine⸗ hoſpital zu Brooklyn geſandt. Ich hielt mich hier nur zwei oder drei Tage auf. und beſchloß ſodann, nach dem Sitze der Regierung mich zu begeben, und mir die großen Kanonen, die daſelbſt ſtehen, Onkel Samuel und ſo weiter zu beſchauen. Die Löhnung vom„Levant“ wurde mir ausbezahlt und kaum hatte ich die Rechnung mit dem Zahlmeiſter der Werfte abgeſchloſſen, ſo trat ich auch ſchon, mit fünfzig Dollars in der Taſche— etwa gerade ſoviel, als ein Kongreßmitglied für eine ſolche Entfer⸗ nung Reiſegeld erhält, wie ich höre— meine Reiſe an. So mußte das alſo wohl ein hinreichendes Reiſegeld 320 ſeyn, wenn auch ein Kongreßmitglied, das ſich doch ge⸗ wiß keine Nothdurft abgehen ließ, damit ausreichte. Als ich an Bord des South⸗Amboy⸗Bootes kam, ſtieß ich auf eine Abtheilung Indianer, die gleich mir nach dem Hauptquartier gingen. Der Anblick dieſer Bur⸗ ſchen machte mich alsbald muthwillig, und ich fand mich zu jeder Art von Spaß fähig. Ich lud ſie gleich zu einem Frühſtück ein, und ſetzte Jedem von ihnen ſo viel Ge⸗ tränke vor, als er nur immer verſchlingen konnte. Wir wurden nun Alle luſtig und ausgelaſſen, und trieben nach der gewöhnlichen leichtſinnigen Seemannsweiſe unſern köſt⸗ lichſten Spaß. Das war freilich ein ſchlimmer Anfang, und da wir nunmehr an eine Schenke kamen, traf ich auch mit gutem Willen Anſtalten, hier vor Anker zu gehen. Wo dies war, könnte ich um alle Schätze der Welt nicht mehr ſagen, denn mein Zuſtand war nicht von der Art, daß ich eine genaue Giſſung hätte führen können. Ob mir hier Geld geſtohlen wurde oder nicht, vermag ich ebenſowenig zu ſagen, obwohl ich mich noch genau erin⸗ nere, daß mir Kleider entwendet wurden. Am, andern Tage gelangte ich nach Philadelphia, wo ich wieder eine lärmende luſtige Nacht verbrachte, und ging hierauf nach Washington, ohne unterwegs an⸗ zuhalten. Auf halbem Wege ſtieß ich mit einem Sol⸗ daten zuſammen, der keinen Heller Geld hatte und eben⸗ falls nach Washington ging, um eine Penſion zu holen, und ich theilte mit ihm Weg und Kaſſe. Als wir end⸗ lich Washington erreichten, waren meine Mittel bis auf drei und einen halben Dollar zuſammengeſchrumpft,— Alles in Folge des reichlichen Genuſſes in Branntwein und Thorheiten. Ich hatte in der That ſechsundvierzig und einen halben Dollar auf einer Reiſe verbraucht, die ich mit zehn Dollars ganz füglich und mit Anſtand hätte machen können.— Ich hieß nun meinen Reiſegefährten ſich nach einer Herberge für uns Beide umſehen, was er auch that; meine Ausſchweifungen in den letzten Tagen hatten mich unpäßlich gemacht und ich legte mich halb · an⸗ Sol⸗ ben⸗ len, end⸗ auf vein rzig die ätte rten vas gen alb 321 krank zu Bett. Am Morgen war der Reſt des Geldes verſchwunden, und da ich mich noch zu ſchwach fühlte, um noch an demſelben Tage auf die Kanzleien des Ma⸗ rine⸗Departements zu gehen, blieb ich zu Hauſe und verkürzte mir die Zeit mit Trinken— brachte aber den ganzen Tag nicht einen Biſſen Nahrung über die Lippen. Am andern Tage nahm ſich der Wirth die Mühe, ſich nach dem Zuſtand meiner Böorſe zu erkundigen, und ich ſagte ihm unverhohlen die Wahrheit, was denn eine offen⸗ herzige Erläuterung und Auseinanderſetzung zwiſchen uns Beiden veranlaßte, in welcher er mir zu verſtehen gab, daß ich die längſte Zeit hier Quartier gefunden. Ich erfuhr nachher, daß ich in eine Herberge für Soldaten von der Linie gerathen war, und ich konnte mich nun freilich nicht wundern, daß dieſe Leute einen alten wetter⸗ gefurchten Matroſen nicht zu behandeln verſtanden. Kapitän Mir hatte mir einen Brief an Kommodore Chauncey mitgegeben, der hier wohnte und einer der Marine⸗Kommiſſäre war. Ich war innig überzeugt, der alte Herr werde keinen von ſeinen alten Burſchen von der„Peitſche“ im Hauptquartier umkommen laſſen, und ſo hinkte ich denn halbſiech auf die Kanzlei des Marine⸗ Departements, und erhielt Zutritt zu ihm. Der Kommo⸗ dore ſchien erfreut, mich wiederzuſehen, befragte mich lange über die näheren Umſtände bei dem Untergang des Schoo⸗ ners, und gab mir ſchließlich noch Verhaltungsmaßregeln an die Hand. Ich erfuhr nun, daß mein Penſionsſchein bereits in Waſhington eingetroffen, aber wieder nach Pen⸗ ſacola zurückgeſandt worden war, um den Mangel an einer gewiſſen Förmlichkeit zu ergänzen. Dies nöthigte mich, eine Zeitlang in Waſhington zu verweilen, und da mir immer ſchlechter wurde, kehrte ich mit dieſer Bot⸗ ſchaft in mein Koſthaus zurück. Der Herr, welcher dieſe Schenke hielt, ſchien indeß mit der Nachricht nichts weni⸗ ger als zufrieden zu ſeyn, ſondern gab mir vielmehr einen Wink, der nun auf einmal die Thüre zwiſchen mich und ihn legte. Dies war das Erſtemal in meinem Leben, daß 322 mir die Thüre gewieſen wurde, und ich bin nur froh darüber, daß es mir in einem Soldatenkoſthauſe begeg⸗ nete. Ich gab dem Schufte meine beſten Kleider zum Pfande, und verließ ſein Haus, nachdem ich auf der Schwelle den Staub von den Füßen geſchüttelt. Ich hatte mir unzweifelhaft durch die Ausſchweifun⸗ gen der letzten Tage ſelber einen Anfall der„Gräuel“ zugezogen, der mich jetzt gräßlich peinigte. Wie ich ſo durch die Straßen hinwanderte, wähnte ich zu bemerken, daß mich Jedermann verhöhne, und fühlte einen qualvollen brennenden Durſt, obwohl ich nicht wagte, oder vielmehr mich ſchämte, in ein Haus zu gehen und um Waſſer zu bitten. Ein Neger zeigte mir den Weg nach der Schiffs⸗ werfte, den ich nun einſchlug, obwohl ich mich lieber auf dem nächſten Steine niedergelegt haben würde, um zu ſterben, als ſonſt etwas zu thun. Wie ich etwa auf halbem Wege nach der Schiffswerfte auf dem Streifen freien Landes zwiſchen jener und dem Kapitol ankam, ſetzte ich mich am Fuß eines hohen Paliſſaden⸗Zauns nie⸗ der, und der Teufel gab mir den frevlen Gedanken ein, es wäre wohl am beſten, wenn ich mich gerade hier an dieſem Zaune aufknüpfte, um endlich einmal den Leiden ein Ziel zu ſtecken, die mir unerträglich waren. Ich nahm nun ſogleich mein Halstuch vom Nacken, brachte eine lau⸗ fende Bowleine(Schleife) darin an und knüpfte noch eine andere ſtehende Schleife an's Ende des Tuches, um ſie an einer der Spitzen der Pfähle des Zauns zu befeſtigen. Nun ſtand ich auf und ſah mich nach einem geeig⸗ neten Pfahle um, die fertige Schlinge daran zu befeſtigen, als ich, mich umblickend, die Maſtſpitzen etlicher Fahr⸗ zeuge gewahr wurde, die drüben auf der Werfte ſich be⸗ fanden, und die Flagge erblickte, unter welcher ich ſo lange gedient hatte! Dies wirkte auf mich, wie der Anblick eines Leuchtthurmes auf einen unglücklichen Ma⸗ troſen auf ſtürmiſcher See, und mir ahnte, daß ich dort Freunde finden würde. Der unverhoffte Anblick gab mir wieder Muth und Kraft, und ich gelobte mir, keiner mei⸗ 323 ner alten Schiffsgefährten ſollte je vernehmen, daß eine „Blaujacke“ ſich in einem Anfall von trunkenem Elend an einem Zaunpfahle erhängt habe. Schnell löste ich daher beide Schlingen in meinem Taſchentuche auf, legte das Halstuch wieder um und machte mich auf den Weg nach jenen geſegneten Maſtſpitzen, die unter Gottes Gnade die Mittel geweſen waren, mich an der Ausfüh⸗ rung meiner Selbſtmordspläne zu hindern. Als ich mich dem Thor der Werfte näherte, rief der Seemann auf dem Poſten mir von Weitem zu:„Halloh, Myers! wo kommſt Du her? Du ſitehſt ja aus, als waͤrſt Du durch D— gezogen und mit einem Rußſack geprügelt worden!“— Dieſer Mann, der Erſte, den ich auf der Marine⸗Werfte traf, war drei Jahre lang mein Schhiffsgefährte an Bord des„Delaware“ geweſen, und hatte mich trotz meines elenden Ausſehens und Aufzugs erkannt. Er gab mir den Rath, an Bord des„Fulton“ zu gehen, der gerade vor der Werfte lag, weil ich dort noch mehr alte Kameraden vom„Delaware“ treffen würde, bei welchen ich ſicherlich gut verpflegt und aufgehoben wäre. Dies that ich denn auch und traf an Bord des Schiffs alte Bekannte in Menge, die mir Thee und Grog von allen Seiten herbeiſchleppten. Ich theilte ihnen meine Abenteuer und Erlebniſſe mit, und die Burſchen alle wollten nun gar ein Complott gegen den Wirth, der mich ſo mißhandelt hatte, anzetteln, in derſelben Nacht auf Urlaub an's Land gehen, und das ganze Haus, aus welchem ich verwieſen worden war, dem Erdboden gleich machen. Ich redete ihnen jedoch dieſen Plan aus, und der Wirth kam diesmal ungerupft davon.. Kurz darauf gaben ſie mir die Adreſſe einer Her⸗ berge in der Nähe der Werfte, und ich begab mich dort⸗ hin mit einer Botſchaft von Seiten meiner alten Schiffs⸗ gefährten, daß ſie ſich für den Betrag meiner Zeche ver⸗ bürgen wollten; der Wirth aber wollte davon gar nichts hören, und nahm mich auf eigene Rechnung und Gefahr auf, indem er meinte, ein wackerer Blaujacke in ſo be⸗ 324 trübten Umſtänden werde nie von ſeiner Schwelle ver⸗ wieſen. Hier blieb ich nun und bekam ein behagliches Nachtlager, ſo daß ich am andern Tage ein ganz anderer Mann war, mich ordentlich auftakelte und zum Zweiten⸗ male nach dem Marine⸗Departement ging. Die ſämmtlichen Herren in der Kanzlei ſchienen ge⸗ neigt, mir um die Wette mit Rath und That an die Hand zu gehen. Der Schreiber auf dem Penſtons⸗Bu⸗ reau gab mir einen Brief an Herrn Boyle, den erſten Sekretär, von welchem ich wieder einen andern Brief an den Kommodore Patterſon, den Kommandanten der Ma⸗ rine⸗Werfte, erhielt. Mir ſchien, als ob die Regierung eine Herberge für uns Matroſen in Waſhington unter⸗ hielt, damit wir dort Dach und Fach fänden, ſo lange wir unſere Anſprüche daſelbſt geltend machten. Dieſer Brief des Herrn Boyle verſchaffte mir ein Unterkommen in jenem Hauſe, wo ich ſechs Wochen Alles, ſelbſt Wa⸗ ſchen und Flicken, umſonſt hatte. Durch den Zahlmeiſter bezog ich eine Summe Geldes von dem Zahlmeiſter in New⸗York, und hub nun an, im Allgemeinen ein nüch⸗ ternes und anſtändiges Leben zu führen. Das Haus, worin ich wohnte, war ſozuſagen eine Art Hoſpital, worin wir etwa unſerer ſechs oder acht leben mochten. Mehrere von uns waren Krüppel in Folge von Wunden und Verletzungen, zum Beiſpiel ein gewiſſer Ruben James, ein gewiegter Veteran von der Kriegsflotte, der ſeit ſeinen Knabenjahren ſtets im Dienſte geweſen war. Er ſtand in dem Rufe, vor Tri⸗ poli Decatur's Leben gerettet zu haben, geſtand mir aber, daß er es nicht geweſen, dem man dieſe Heldenthat zu⸗ ſchreiben dürfe. Er war zwar in demſelben Gefecht und an demſelben Bord geweſen, wie Decatur, war es jedoch nicht geweſen, der ſeinem Kommandanten das Leben gerettet hatte. Oft war er verwundet worden, und man hatte ihm ſogar in Folge einer alten Bleſſur, die er, glaube ich, im Kriege von 1812 empfangen hatte, .——--—-— 325 ein Bein abnehmen müſſen, weil er mehr zu trinken pflegte, als für ſeine Geſundheit gut war. Der Leſer erinnert ſich vielleicht noch, daß ich in der Nacht, da die„Peitſche“ unterging, von den Blöcken der Klüverſchote einen ſchweren Streich auf den Arm erhalten hatte. Es hatte ſich auf derſelben Stelle, wo ich den Schlag empfangen, bald darauf ein Geſchwür ge⸗ bildet, einer kleinen Beule ähnlich, das mit der Zeit ſich immer mehr ausgebildet und vergrößert hatte, bis es jetzt den Umfang einer Fauſt und darüber erreichte. Ich hatte dieſe Geſchwulſt eines Tages James gezeigt; er erwähnte ihrer gegen den Doktor Foltz, den Wundarzt, welchem die Aufſicht über unſere Herberge zuſtand. Dieſer Herr beſichtigte meinen Arm und empfahl eine Operation als einzige Abhülfe, weil widrigenfalls die Geſchwulſt immer größer werden würde, obwohl ſie ſchon jetzt eine unverhältnißmäßige Größe habe. Ich verſpürte zwar nie Schmerzen daran, allein es war doch eine höchſt über⸗ flüſſige Bürde an der Schulter eines Mannes; die Aus⸗ ſicht auf das Meſſer des Chirurgen war mir keineswegs angenehm, und ich hätte mich vermuthlich der Operation nicht unterworfen, hätte mich nicht James ſtets damit geſchraubt, daß er um keinen Preis dieſen meinen Bun⸗ ker's Hill an ſeinem Arme tragen möchte und mich auf ſeinen eigenen verſtümmelten Koͤrper verwies. James ſchien der Anſicht zu ſeyn, ein hölzernes Bein oder etwas Derartiges ſey eine unerläßliche Bedingung für einen alten Seemann, der ein gewiſſes Alter erreicht habe. Auf jeden Fall war er es, der mich überredete, mich dem Doktor anzuvertrauen, und ich danke es ihm noch heute, daß er dieß gethan, da ſich Alles nach Wunſch ſchickte. Doktor Foltz operirte mich, nachdem er mich etwa eine Woche lang darauf vorbereitet hatte, ſo ſicher und raſch, als man es nur immer wünſchen konnte; er erzählte mir, die Geſchwulſt, welche er entfernte, habe Ein und drei⸗ viertel Pfund gewogen, und ich war nun Gottlob um ſo 1 viel leichter. Ich blieb noch etwa einen Monat lang unter ſeiner Kur, bis er mich wieder ſee⸗ und ſegelfähig erklärte. Ich bewarb mich hierauf eifrigſt um meine Penſion für die Wunde, die ich an Bord der„Conſtellation“ em⸗ pfangen hatte; es war freilich nur eine Kleinigkeit, nämlich nur drei Dollars monatlich, da ich nur eine der kleinen Penſionen empfing. Als jedoch die Sekre⸗ täre von der andern Bleſſur hörten, welche Dr. Foltz operirt hatte, riethen ſie mir, ein Zeugniß hierüber bei⸗ zubringen und auch hiefür eine Penſion zu verlangen. Ich ſprach den erſten Sekretär, Herrn Paulding, über dieſe Angelegenheit, welcher Herr die Güte hatte, ſich noch einmal zu Durchſuchung der Akten zu bequemen, um ſich zu überzeugen, ob nicht irgend ein Zeuge für jene Wunde aufzufinden ſeyn möchte. Man ſchrieb an Kapitän Deacon, denſelben Offizier, der damals den „Brummbart“ kommandirt hatte, allein er wußte nichts von mir, da ich nie anf ſeinem Fahrzeug gedient hatte, doch ſchrieb er ſelbſt an mich und lud mich ein, ihn zu beſuchen, was ich freilich nicht zu bewerkſtelligen wußte. Er ſoll nun todt ſeyn, wie ich höre. Herr Trant war ſchon vor vielen Jahren geſtorben, und was aus Herrn Bogardus geworden war, hahe ich bis auf den heutigen Tag noch nicht erfahren können. Er ſtand nicht auf der Beförderungsliſte und verließ die Marine vermuthlich nach dem Friedensſchluſſe. Als der Schreiber auf dem Penſionsbureau indeß die Namen noch einmal überſchlug, ſtieß er auf den Namen Lemuel Bryant, welcher eine Penſton für die Wunde empfing, die er damals vor Little York von einer glühenden Kugel erhalten hatte und den ich in der Nacht vom Schiffbruche der„Peitſche“ zu mir in's Boot gezogen hatte. Er lebte jetzt in ſeiner Hei⸗ math zu Portland im Staate Maine. Herr Paulding gab mir den Rath, mir ein Zeugniß von ihm zu ver⸗ ſchaffen, da alle die Herren im Departement mir eine Auf⸗ beſſerung meiner hoͤchſt unbedentenden Penſion von Her⸗ zen zu gönnen ſchienen. Ich verſprach, alsbald aufzu⸗ 327 brechen, Lemuel Bryant zu beſuchen und mir ſein Zeugniß zu verſchaffen. Nach meiner Abreiſe von Washington ging ich nach Alexandria und verdingte mich an Bord einer Brigg, die„Iſabella“ genannt, die nach New⸗York beſtimmt⸗ war, in welchem Hafen ich zu beſtimmter Zeit eintraf. Hier erhielt ich den Reſt meines Geldes, und hielt mich ziemlich ſolid, doch mehr wegen meiner Wunden, denke ich, als aus irgend einer andern Rückſicht. Indeß trank ich denn doch bald wieder zu viel, und mußte mich nach Sailor's Retreat(wörtlich: des Matroſen Zuflucht, ein Hoſpital für Seeleute) auf Staten Island begeben, um aus dem Bereich des Getränkes zu kommen, konnte mir indeß die Mittel zum Eintritt nur dadurch verſchaf⸗ fen, daß ich einen Sola⸗Wechſel auf mich ausſtellte. Hier blieb ich acht oder zehn Tage, bis meine Wunden heilten. Während ich noch im Hoſpitale lag— ich glaube, es war am letzten Tage meines Aufenthaltes daſelbſt und gerade an einem Sonntage— trat der Arzt herein und ſagte mir, daß ein Geiſtlicher von der deutſchen reformirten Kirche, Namens Müller, drunten im Erdgeſchoſſe Gottesdienſt halte, und forderte mich auf, hinunterzugehen. Auf dieſe Ermahnung, die ebenſo höflich als wohlgemeint gemacht worden war, erwiderte ich: ich habe ſo viel von der Handlungsweiſe und dem Lebenswandel ſolcher frommen Männer geſehen, daß ich ſatt daran habe, und darum der Anſicht ſey, eine Er⸗ zählung, welche ich ſo eben in einem Magazine leſe, werde mir eben ſo viel nütze ſeyn, als eine Predigt. Der Arzt tadelte mich milde über meine Gleichgültigkeit und Schroff⸗ heit und verließ mich alsdann. Sobald er uns den Rücken gewandt hatte, begannen etliche meiner Gefähr⸗ ten den Witz und Humor zu loben, den ich an den Tag gelegt haben ſollte, und ſchienen ganz entzückt über die Antwort, die ich dem Doktor gegeben. Ich aber waͤr keineswegs mit mir ſelber zufrieden; denn ich hegte ins⸗ geheim höhere Achtung vor ſolchen Dingen, als ich ſel⸗ 328 ber zu geſtehen Willens war, und mein Gewiſſen tadelte mich hart über die Art und Weiſe, womit ich einen ſo wohmeinenden Rath in den Wind geſchlagen. Auf ein⸗ mal verkündete ich den Leuten um mich her, daß ich meinen Entſchluß geändert, das ich nun hinunter gehen werde, um der Predigt anzuwohnen, und ſetzte dieſen Entſchluß auch unverweilt in’s Werk. Auf den Text, über welchen Herr Müller predigte, konnte ich mich nicht beſinnen, und es iſt möglich, daß ich ihn außer Acht ließ, als er genannt wurde. Die ganze Dauer der Predigt hindurch war es mir je⸗ doch nicht anders, als ob der Pfarrer ſich hauptſächlich an mich wende, und ſein Ange nicht von mir abkehre. So viel iſt gewiß, daß er mich im innerſten Gemüthe rührte, denn die Wirkung ſeiner Predigt iſt mir, wenn ſte gleich nicht ununterbrochen fortdauerte, noch heute getreulich im Gedächtniß. Ich erfaßte mancherlei treff⸗ liche Vorſätze und beſchloß, mich insgemein zu beſſern, und ein beſſeres Leben zu führen. Meine Gedanken be⸗ ſchäftigten ſich die ganze Nacht hindurch mit dem Ge⸗ hörten und mein Gewiſſen war ploͤtzlich aufgeſchreckt und in Thätigkeit geſetzt worden. G Am andern Morgen verließ ich„Sailor's Retreat“ und verlor für damals Herrn Müller aus dem Geſichte, nahm aber manchfache gute Entſchlüſſe mit mir, die höchſt löblich und bewundernswerth geweſen wären, wenn ich ſie befolgt hätte! Allein von welch kurzer Dauer ſie waren und wie ſehr ich mich zum Sklaven einer la⸗ ſterhaften Gewohnheit herabwürdigte, erhellt am beſten aus dem offenen Bekenntniß, das ich ablege— daß ich nämlich in New⸗York ſchlimmer anlangte als ich zuvor geweſen war, indem ich auf der Ueberfahrt über die Bucht in dem Dampfboote etliche Männer von der Miliz bewirthete und nahezu ein Dutzend Gläſer heißen Grogs zu mir nahm. Es fehlte mir nicht an Geld und noch weniger an dem acht ſeemänniſchen Verlangen, deſ⸗ ſelben los zu werden, indem ich es— großmüthig nach 329. meiner Anſicht— in der That aber auf die leichtſinnigſte Weiſe vergeudete. Es war gerade am Tag Mariä Rei⸗ nigung, bitterlich kalt, und das warme Getränke ſchmeckte deßhalb natürlich Jedermann. Damit war's aber noch nicht zu Ende; als ich über den Stapel vor Whitehall ging, ſah ich den erſten Kutter des Ohio hier vor Anker liegen, und es traf ſich, daß ich nicht allein den Offizier des Boots kannte, weil er einſt als Midſhip⸗ man an Bord der„Conſtellation“ geweſen war, ſon⸗ dern daß ich auch unter der Mannſchaft zahlreiche Freunde traf. Natürlich wurde ich nun angerufen, und ſuchte für die Burſchen um kurzen Urlaub an, um ſie traktiren zu dürfen, erhielt die Erlaubniß dazu, und dieſer zweite Akt der Freigebigkeit brachte mich in die Nothwendigkeit, an jenem Abend unter Führung eines Lootſen in den Hafen einlaufen zu müſſen. Doch hatte ich die Predigt des Geiſtlichen und meine manchfachen guten Entſchlüſſe noch nicht vergeſſen.— In der Herberge fand ich einen Preußen Namens Gottfried, einen geſetzten fleißigen Mann, und kam mit ihm überein, ihn nach Savannah zu begleiten, um mich dort für den Häringsfang(eigent⸗ lich den Fiſch des Maifiſches oder Mutterhärings, Clupea alosa) über die Dauer des Winters zu verdingen und ſodann im Frühjahr zuſammen wieder nach dem Norden zurückzukehren. Mein Wirth war nicht nur arm und ſiech, ſondern auch noch Vater von vielen Kindern, und es mag einigermaßen zum Beweis dienen, daß ich meine guten Vorſätze noch nicht ganz vergeſſen hatte, wenn ich hier anführe, daß ich nach dem Süden abzureiſen beſchloß, bevor noch all mein Geld zu Ende war, und beabſichtigte, in meiner Abweſenheit wenigſtens damit einiges Gute zu ſtiften. Ich hatte einen Wechſel von fünfzig Dollars noch unberührt, und dieſen gab ich dem Mann mit der Weiſung, das Geld zu erheben, damit ſeine eigenen Bedürfniſſe zu befriedigen, und es mir bei meiner Rückkehr wieder heimzuzahlen, falls ihm dieß Edward Myers. 22 33⁰ möglich wäre. Das Geld wurde nun zwar erhoben, allein der Mann ſtarb, und ich bekam nie wieder einen Heller davon zu ſehen.— Gottfried und ich ſchifften uns nun zuſammen an Bord eines regelmäßigen Sa⸗ vannah⸗Paket⸗Boots ein, und hatten dabei den gehei⸗ men Plan, es alsbald nach ſeinem Einlaufen— im Nothfall ſogar durch Entlaufen— zuel aſſen. Wir hatten eine ſchlimme Fahrt und liefen beinahe am Kap Hatteras Schiffbruch, und die Brigg wurde nur dadurch gerettet, daß wir bei dichtem Nebel und ſchwerer See plötzlich des Leuchtthurms anſichtig wurden. Wir legten nun unter dicht gerefften Marsſegeln bei,— das Ein⸗ zige, was wir thaten,— und hatten nun vollends eine ruhige Fahrt nach Savannah. Gottfried war von den Pocken befallen worden, noch ehe wir im Hafen an⸗ langten, und mußte alsbald nach unſerem Einlaufen ſo, ſchnell wie möglich in's Hoſpital gebracht werden. Um nicht gewaltſam meinen Kontrakt brechen und ebenfalls entlaufen zu müſſen, ſtellte ich mich nun gleichfalls krank und ward in ein anderes Spital gebracht, wo mich der Kapitän mehrmals beſuchte, allein mein Gewiſſen war ſo abgehärtet durch die ſeemänniſchen Kniffe und üblen Gewohnheiten, daß ich zauderte, ob ich noch länger krank bleiben ſolle, oder nicht. Endlich ſah ſich die Brigg genöthigt, ohne mich abzuſegeln, und faſt noch am hellen Tage genaß ich ſo ſchnell wieder, als ich erkrankt war. Ich ſchloß nunmehr ohne Säumen mit einem Fiſcher einen Kontrakt ab in Betreff des Häringsfanges, bei wel⸗ chem ich ihm hülfreich zur Hand gehen wollte. Die ganze Zeit über wohnte ich in einer Matroſenherberge und war von lauter Leuten umgeben, welche gleich mir die Fahrzeuge verlaſſen hatten, auf welchen ſie angekommen waren. Der Kapitän eines Schiffs, die„Hoffnung“ genannt, kam eines Nachts zu uns in unſer Koſthaus, um ſich nach einer gan⸗ zen Bemannung umzuſehen; er war nach Rotterdam in Ladung und ſein Fahrzeug lag drunten vor der zweiten Barre — 331 und war bereits ſeefertig. Nach einigem Hin⸗ und Herreden unterzeichnete Einer von uns den Kontrakt, dann folgte ein Zweiter, und ſo Einer um den Andern, bis das ganze Schiffsvolk bis auf einen einzigen Mann vollſtändig war. Man forderte auch mich auf, mich einzuſchiffen, und verhöhnte mich, als ich wieder zu meinem Häringsfänger zurückkehren wollte; mein Stolz kam nun in's Spiel und ich ließ mich ebenfalls anwerben, und den Fiſcher im Stiche. Es ergab ſich, daß die„Hoffnung“ ein gewöhnliches Kauffahrteiſchiff war, und ich war in meinem Leben in ſo vielen koſtbaren und ſchönen Fahrzeugen geweſen, daß ich, thöricht und unverſchämt genug war, über die ſparſame Ausrüſtung und die nüchterne Lebensweiſe an Bord zu lachen. Halb betrunken gelangte ich an Bord, und erweckte dadurch von der erſten Stunde an ein ſtetes Vorurtheil gegen mich. Der Kapitän war milde, ja ſogar wohlwollend und liebreich gegen mich, allein ich blieb den größeren Theil der Fahrt hindurch hartnäckig auf meiner Abneigung. Ich that mei⸗ nen Dienſt als Seemann, aber damit ließ ich mir auch genügen, und wiewohl ich niemals wieder den Zufall und die Stunde, wo ich an Bord gekommen war, auf ſo ruch⸗ loſe Weiſe verfluchte, wie damals, wo die„Suſanne und Marie“ faſt Schiffbruch erlitt, ſo kann ich doch nicht läug⸗ nen, daß ich auf der ganzen Fahrt über den atlantiſchen Ocean ſtets auf das Fahrzeug ſchalt und es verwünſchte. Bei alle dem waren aber Behandlung und Lebensweiſe an Bord ſehr gut.— In Rotterdam erhielten wir etwas Geld und Urlaub; als der letztere zu Ende war, hielt ich um Verlängerung deſſelben bei dem Kapitän an, erhielt jedoch eine abſchlägige Antwort. Dieß brachte meinen lang ge⸗ hegten Groll zum Ausbruch und ich erklärte ſchimpfend, daß ich das Fahrzeug zu verlaſſen gedenke. Nach kurzem Streit willigte der Kapitän ein, mich zu entlaſſen, hinter⸗ ließ mir meine Löhnung auf dem Kajütentiſch, wo ich ſie fand und ließ mir ſagen: ich ſollte wohl bald bereuen, was ich nun zu thun im Begriff ſey. Mir ſiel es nicht 22* mehr ſein ganzes Schiffsvolk aus Holländern zuſammen⸗ 332 entfernt ein, zu ahnen, wie bald ſeine Prophezeihungen ſich erfüllen würden.— Achtzehntes Kapitel. Ich hatte die„Hoffnung“ in einer Aufwallung kin⸗ diſchen Zornes verlaſſen; das Fahrzeug hatte mir niemals gefallen, und doch muß ich, wenn ich mich jetzt wieder in jene Zeit zurückverſetze, eingeſtehen, daß ſowohl der Kapitän als der Steuermann ehrenwerthe, tüchtige Männer waren, welche mein eigenes Wohl mehr im Auge hatten, als ich ſelber. Es lag ein amerikan iſches Schiff, der„Plato,“ in Rotterdam im Hafen, und ich gerieth halb und halb auf den Einfall, mein Glück in demſelben zu verſuchen. Der Kapitän des Schiffes ſollte übrigens noch ein Neuling in ſeinem Berufe ſeyn, und Etliche von uns erhoben Zweifel, ob es wohl gerathen ſey, ſich einem ſolchen Befehlshaber anzuvertrauen; wie wir indeß ihm unſern Beſuch abſtat⸗ teten, um ihm gleichſam auf den Zahn zu fühlen, fanden wir, daß er nichts mit uns zu ſchaffen haben, ſondern viel⸗ — ſetzen wollte. Das Schiff war erſt vor Kurzem aus Ba⸗ tavia zurückgekehrt und nun nach New⸗York in Ladung. Ob er geſetzlich ein Recht dazu hatte, oder aus welchen Gründen er einem holländiſchen Schiffsvolke den Vorzug gab, iſt mehr, als ich zu erklären vermag, und ich begnüge mich, über dieſen Gegenſtand nur zu ſagen, was ich ſel⸗ ber gehört habe. Zur ſelben Zeit lag ein ſchwerfälliger holländiſcher Oſtindienfahrer in Rotterdam vor Anker und rüſtete ſich aber zu einer Reiſe nach Java aus. Der Name dieſes! Fahrzeugs war der„Stadtdeel,“— der Ausſprache nach wenigſtens; wie es geſchrieben wurde, kann ich ſelbſt nicht ſagen,— und ich kam auf den Gedanken, eine Reiſe an Bord des Schiffes zu verſuchen. Ich war— wie es meiſt bei Leuten zu geſchehen pflegt, die allen Grund ſich — 333 hätten, mit ſich ſelbſt zumeiſt zu zürnen— auf die ganze Welt ſchlecht zu ſprechen; ich hielt mich nachgerade ſelbſt für einen Auswurf, für einen Verſtoßenen und Verbann⸗ ten der menſchlichen Geſellſchaft, und vergaß, daß ich ſelber und aus freiem Antriebe meine natürlichen Verwandten ver laſſen, meinem Herrn und Lehrer entlaufen, und viele wahre treue Freunde verſtoßen habe, die gerne erbötig ge⸗ weſen ſeyn würden, mir in jeder Beziehung von Nutzen zu ſeyn. Mein Temperament iſt von Natur aus frohlich und heiter, und ich zweifle nicht, daß die düſtere Stim⸗ mung, welche mir nunmehr alle Dinge in trübem Lichte erſcheinen ließ, nur von dem ewigen Trinken herrührte. Es wurde mir nun wieder Bedürfniß, zur See zu gehen, weil mich hier die Noth und die Disciplin von jeder Art von Exeeſſen ausſchloſſen. Nachdem wir uns überall umgeſehen und die Sache unter uns von allen Seiten her betrachtet hatten, ſchiffte ſich eine Abtheilung von fünf der Unſrigen auf dem „Stadtdeel“ ein. Was für Pläne die Andern hegten, weiß ich nicht; mein Entſchluß aber war, das Kap der guten Hoffnung zu umſegeln und nie wieder zurückzukehren. Jenſeits des Kaps mochten ſich Ausſichten genug bieten, eine behagliche Lage zu erſchwingen, und ich war ja in Betreff der Lebensweiſe jenes Welttheils kein Neuling mehr. Zwiſchen Bombay und Canton gab's zu thun genug für mich, und ſollte mich dieſe Hoffnung je trügen, ſo war ja noch der ganze ſtille Ocean mit ſeinen Tauſenden von In⸗ ſeln vor mir. Ich verſtand mich auf jeden Dienſt im See⸗ weſen, war leidlich kräftig und geſund, und wußte wohl, daß Leute von dieſem Schlage ſtets geſucht ſind. Wo nur immer Schiffe gehen, ſind auch Matroſen dazu nöthig, und Schiffe, Geld und Schweine ſind ja auf dem ganzen Erdenrund zu treffen.. Der„Stadtdeel“ lag zu Dort und wir fuhren nun dorthin, um an Bord zu gehen. Er war noch nicht ſee⸗ und ſegelfertig und da die Sache nach ächt holländiſcher Weiſe von Statten ging, nämlich langſam, gemaͤchlich —— ———— und ſicher, waren wir etwa ſechs Wochen lang zu Dort, bevor das Fahrzeug in See ging. Der„Stadtdeel“ war ein Schiff von der Größe einer Fregatte und führte zwölf Kanonen; die Mannſchaft war etwa vierzig Köpfe ſtark, was ſehr wenig für ein ſolches Fahrzeug war. Das Schiffs⸗ volk war ein ſeltſames Gemiſch von Matroſen aller Nationen, wiewohl die Mehrzahl von von ihnen aus dem Norden von Eu⸗ ropa ſtammte; da waren Ruſſen, Dänen, Schweden, Preußen, Engländer, Amerikaner, allein nur ſehr wenige Holländer. Einer der Steuerleute und zwei von den Unterofftzieren verſtan⸗ den etwas Engliſch, ſo daß wir unſerer Acht waren, die uns in dieſer Sprache unterhalten konnten. Wir legten uns in⸗ zwiſchen ſo viel möglich darauf, die holländiſche Sprache zu erlernen, und es ging ziemlich raſch damit, denn die Sprache iſt am Ende kaum etwas Anderes, als ein breit⸗ getretenes Engliſch.— So lange wir noch in Dort lagen, war die Behandlung an Bordziemlich gut. Die Koſt war zwar nie gut, aber doch wenigſtens genügend und ſelbſt reichlich. Die Arbeit war ſtrenge, und das Wetter ſehr kalt, allein das kümmerte mich nicht. Der Gehalt betrug acht Dollars monatlich, und um dieſes Vorzugs, dieſer Beförderung wil⸗ len hatte ich achtzehn Dollars und die Behandlung eines amerikaniſchen Schiffes aufgegeben. Ein unſteter Sinn und Zornmuth hatten mir dieſen ſchlechten Gefallen gethan. Der„Stadtdeel“ lief nicht ſobald in den Strom aus, als auf einmal eine allgemeine Veränderung in unſerer Behandlung vor ſich ging. Noch Angeſichts des Hafens, aus welchem wir ausliefen, wurden unſre Portionen an Waſ⸗ ſer und Nahrungsmitteln verkürzt, und die Mannſchaft— wir Fünf ausgenommen— wurde bereits mit dem Tauende an ihren Dienſt gewieſen. Aus Gründen, die ich mir ver⸗ gebens zu erklären verſuche, wurde Keiner von uns je ge⸗ ſchlagen. Man übergoß uns freilich, wie wir annehmen durf⸗ ten, mit Flüchen in plattdeutſcher Sprache, allein wir gaben ſie mit Wucherzinſen im beſten Engliſch wieder zurück. Der Ausdruck der Geſichter eröffnete alsdann gewöhnlich auch den Uebrigen das Verſtändniß des Vorfalls. — +₰+—— 9— ——, — S,——,—— 335 Ich brauche kaum zu ſagen, daß wir Engländer und Amerikaner gar bald den Schritt bereuten, den wir gethan hatten. Ich wünſchte mich ſehnlichſt wieder an Bord der „Hoffnung“ zurück und die Prophezeihung ihres Kapitäns trat nun ſchneller ein, als er vielleicht ſelber vermuthet hatte. Ich begreife, daß meine Abneigung dießmal voll⸗ kommen gerechtfertigt war, obwohl ich die Strafe, welche ich dadurch erlitt, wohl verdiente, weil ich ſo blindlings in einen Dienſt getreten war, der in jeder Beziehung ſo tief unter demjenigen ſtund, zu welchem ich zuvor gehört hatte. Das Brod, welches wir an Bord des Schiffes beka⸗ men, war vielleicht gut und geſund, aber ſo ſchwarz wie ein Ofen und von einer Beſchaffenheit, wie ich es nie zu⸗ vor geſehen. Trotz ſeiner geringeren Eigenſchaft erhielten wir zudem nur fünf Pfund wöchentlich auf den Kopf, während in der Marine der Vereinigten Staaten der Mann wöchentlich ſieben Pfund von einer Qualität erhielt, die man auf den Tiſch eines jeden Mannes von Stande brin⸗ gen dürfte. Das Fleiſch war an Güte wenig beſſer als das Brod, und der Menge nach ebenſo knapp. Wir be⸗ kamen überhaupt an Bord des„Stadtdeel's,“ nur eine ein⸗ zige gute Mahlzeit, und dieß war das Frühſtück, aus ge⸗ kochter Gerſte(Gerſtenſchleim) beſtehend, die mir ſehr be⸗ hagte, und die mich faſt allein mit der nöthigen Kraft zu Erfüllung meines harten Dienſtes verſah. Es war eines der beſten Gerichte, die ich je zur See erhielt, und ich dächte, man könnte es auch mit Vortheil an Bord der amerikaniſchen Schiffe einführen. Nur bei guter Nahrung kann der Menſch tüchtig arbeiten. Da wir in allen unſern Bewegungen mit ächt hol⸗ ländiſcher Bedächtigkeit und Pünktlichkeit zu Werke gin⸗ gen, mußte das Schiff volle drei Wochen lang vor Hel⸗ voetsluys liegen und auf Paſſagiere warten. Während dieſer Zeit berieth ſich unſre Truppe, aus drei Englän⸗ dern und zwei Amerikanern beſtehend, über einen Plan, das Schiff zu verlaſſen. Wir faßten den Entſchluß, uns eines Bootes zu bemächtigen, wenn wir die Meerenge 336. von Calais paſſirten und damit nach der engliſchen Küſte zu ſteuern;— wir wollten uns lieber allen Gefahren ei⸗ nes ſolchen Schrittes unterziehen, als bei ſolcher Koſt und Behandlung eine ſo lange Reiſe auf dieſem Schiffe machen, und unſre Unzufriedenheit hatte ſich inzwiſchen bis zum Ekel geſteigert. 1 Endlich hatten wir Alle unſre Paſſagiere an Bord genommen; ſie beſtanden aus der Familie und Dienerſchaft eines Herrn, der als Admiral in der holländiſchen Marine dienen oder gedient haben ſollte, und nun wieder nach Java abreiste, um dort zu bleiben. Dieſer Herr nahm ſeine Frau und mehrere Kinder, Dienſtboten und eine zweite Dame mit ſich, welche eine Art Geſellſchafterin ſeiner Gemahlin zu ſeyn ſchien. Dieſe Leute waren kaum an Bord untergebracht, als der Wind ſich wieder friſch er⸗ hob und wir unter Segel gingen. Der„Plato“ ſtach zu gleicher Zeit mit uns in See, und mir ahnte damals, als ich mich ſehnlichſt an ſeinen Bord wünſchte, wohl nicht im Entfernteſten, wie bald ich in daſſelbe Fahrzeng ge⸗ bracht werden ſollte— das letzte Schiff, in welchem ich zur See war. Ich warf eben das Loth, als wir an ihm vorüber fuhren; unſer Schiff, wiewohl ein bequemer be⸗ dächtiger Holländer, war dennoch ein prächtiger Schnell⸗ ſegler, trotz der Koſt und Behandlung, und war in Al⸗ lem, was die Sicherheit des Schiffes anbetraf, vorzüglich und dauerhaft. und es galt für das größte Schiff von Rotterdam. Der„Stadtdeel“ mußte im Mai 1839 von Helvoet⸗ ſluys aus unter Segel gegangen ſeyn, alſo gerade drei⸗ unddreißig Jahre nach meinem Auslaufen aus New⸗York zur erſten Reiſe auf dem„Sterling.“ Dieſen ganzen langen Zeitraum habe ich unter der unſäglichſten Mühe und Arbeit zur See verbracht, und auf die verſchiedenſte Weiſe Geſundheit und Leben auf's Spiel geſetzt, und was war mir nun dafür geworden? was war mir geblieben? Dies Schiff und die armſelige Stelle, welche ich auf demſelben bekleidete, waren Alles, was ich davon auf⸗ Es war dies die erſte Reiſe des Schiffs,. ͤ—ͤ— u 337 weiſen konnte. Dieſe Reiſe aber, welche im Anfange ſo wenig verſprach, erwies ſich, Gott ſey Dank!— am Ende als die Glücklichſte von allen, die ich jemals un⸗ ternommen.— Die Gelegenheit, unſern Plan in's Werk zu ſetzen, wenn wir den Kanal paſſirten, ſcheiterte in⸗ deß; der Wind war günſtig und ſo ſtark, daß es uns nicht leicht geweſen ware, ein Boot in's Waſſer zu ſetzen, und obendrein paſſirten wir die Straße von Dover noch am ſelben Tage und zwar Mittags, als wir unter Segel gegangen waren. Der Wind hielt auf demſelben Striche an, bis wir in die Zone der Nordweſt⸗Paſſatwinde gekom⸗ men waren, von wo aus unſere Fahrt raſch von Statten ging, bis wir in die Breiten der Windſtillen kamen. Dieſe ganze Zeit über war die Behandlung ſo ſchlecht wie zuvor, oder vielleicht gar noch ſchlimmer, und unſre Unzufriedenheit nahm täglich zu. Mit Ausnahme der Schiffsjungen waren vielleicht kaum zwei geborne Hollän⸗ der auf dem Vorderkaſtell, und unter ihnen Einer, der als gemeiner Matroſe ſich bei uns an Bord verdungen hatte. Er war, glaube ich, zuvor Soldat geweſen und hatte auf jeden Fall eine Medaille, die er, wenn ich nicht irre, in einem der letzten Kriege zwiſchen Holland und Amerika erhalten hatte. Der Mann war vermuth⸗ lich mit dem Seedienſte nicht ſehr vertvaut, und mag wohl auch, wie mir ſchien, hie und da getrunken haben, obwohl er mir gerade zu der Zeit, welche ich hier im Auge habe, ganz nüchtern erſchien. Der Kapitän ſchien eines Tags ſehr erbost über ihn zu ſeyn und prügelte ihn fürchterlich mit einem Tau; die Damen legten ſich in's Mittel, und der arme Burſche ward endlich losgelaſſen; der Kapitän ſtieß ihn von ſich, und hieß ihn ſich auf's Vorderkaſtell begeben; als der Matroſe dieſem Befehle folgte, traf er hier mit dem Oberſteuermann zuſammen, der ihn von Neuem angriff und ebenfalls noch fürchterlicher züchtigte. Der Burſche begab ſich nun unter Deck, und wollte ſich eben zu Bett begeben, wie man ihn geheißen hatte— woraus ich allein den Schluß ziehe, daß er 338 möglicherweiſe betrunken geweſen ſeyn könnte— als der Unterſteuermann ihn auf dem Deck vermißte und— ver⸗ muthlich ohne um die vorherigen Vorgänge zu wiſſen— hinunterging, um ihn mit Schlägen auf das Verdeck herauf⸗ zutreiben. Dieſe verſchiedenen Anfälle und Angriffe ſchienen den armen Burſchen vollkommen zur Verzweiflung ge⸗ bracht zu haben; er eilte über das Verdeck hinweg und ſprang gerade vor dem untern Leeſegelbaum auf der Steuer⸗ bordſeite des Schiffes in die See. Das Fahrzeug befand ſich gerade unter dem Strich der Nordoſt⸗Paſſatwinde, und lief auf acht bis neun Knoten in der Stunde; trotz⸗ dem wurde beigedreht und ein Boot ausgeſetzt— allein vergebens. Der Mann wurde nie wieder gefunden. Es liegt etwas Unheimliches, Empörendes darin, wenn man einen Mitmenſchen zu ſolchen Handlungen des Wahnſinns getrieben ſieht, und der Eindruck, welchen dieſer Auftritt auf uns Alle ausübte, war ebenſo tief und unvergeßlich, als düſter und zur Rache ſpornend. Ich will nicht behaupten, daß dieſer Mann gar keine Strafe verdient habe, oder daß beide Steuerleute des Vor⸗ falls mit dem Kapitän kundig geweſen ſeyn müßten, allein brutale Behandlung und Mißhandlung war an Bord die⸗ ſes Schiſſs ſo gewöhnlich, daß dieſes Ereigniß uns Fünf beinahe zum Wahnſinn brachte. Ich bin überzeugt: eine aus lauter Amerikanern beſtehende Schiffsmannſchaft, welche auf dieſe Weiſe behandelt worden wäre, hätte ſich der Offiziere bemächtigt und das Fahrzeug nach dem Hafen zurückgebracht. Es iſt leider wahr, daß die Peitſchenſtrafe und Schläge für gewiſſe Naturen nothwendig und unerläͤßt ſind, und ich will nicht geradezu behaupten, daß eine Mann⸗ ſchaft, wie die unſere, ohne körperliche Züchtigung hätte zum Gehorſam gebracht werden können. Wären wir aber zu⸗ weilen auch als Menſchen behandelt worden, ſo würde ſicher kein Unglück ſich daraus ergeben haben. Der Verluſt dieſes Mannes machte, wie geſagt, einen tiefen und unauslöſchlichen Eindruck auf die Mannſchaft im Allgemeinen, und ſelbſt die Paſſagiere ſchienen davon auf's Unangenehmſte berührt worden zu ſeyn. Ich denke, dem Kapitän insbeſondere that es um den Vorfall leid; man konnte ihm nicht gerade den herbſten Vorwurf machen, denn die Strafe, welche er verhängte, war von der Art, wie ſie Schiffsherren häufig eigenhändig an ihren Untergebenen vollziehen; allein die Mannſchaft war insbe⸗ ſondere gegen die beiden Steuermänner erbost, deren Einer namentlich uns Allen ein Dorn im Auge war. Unſre Tiſchgenoſſenſchaft fing nun wiederum an, ein Komplott anzuzetteln, das dahin ging, das Schiff zu verlaſſen und uns an ſeinen Offizieren zu rächen. Nach langer Ueber⸗ legung faßten wir endlich folgenden Entſchluß: Etwa ein Dutzend von uns traten zu einer Verſchwö⸗ rung zuſammen; wir beabſichtigten keine Piraterie, keinerlei Gewaltthat, die nicht um unſerer Selbſtvertheidigung wil⸗ len ſollte nöthig gemacht werden, auch nicht einmal eine Beraubung, mit Ausnahme deſſen, was unentbehrlich noth⸗ wendig war. Der Plan ging dahin: wenn wir die Sunda⸗ ſtraße paſſirten, wollten wir ſo viele Boote ausſetzen, als uns nothwendig waren, wollten uns bewaffnen, Mund⸗ vorräthe und Waſſer an Bord der Boote bringen, und ſodann das Schiff verlaſſen. Wir durften überzeugt ſeyn, daß wenn auch ein größerer Theil der Mannſchaft ſich uns nicht anſchließen, er uns doch keinen Widerſtand ent⸗ gegenſetzen würde. Ich kann nicht läugnen, daß es ein verzweifelter unverantwortlicher Entſchluß war, allein ich war ja an Bord des Schiffes zur Verzweiflung getrie⸗ ben worden, und wollte lieber mein Leben auf's Spiel ſetzen, als noch länger hier bleiben. Ich läugne nicht, daß ich Einer der Rädelsführer bei dem Komplotte war, allein ich bin überzeugt, daß es uns Allen um nichts An⸗ deres zu thun war, als um Flucht; es war freilich ein ganz offenkundiger Fall von Meuterei, aber auch der einzige, an welchem ich je Antheil genommen. Ich habe ſeither wohl tauſendmal Grund genug gehabt, mich darüber zu freuen, daß unſer Anſchlag ſcheiterte, da ich weiß, daß bei der furchtbaren Erbitterung und Todfeindſchaft des Schiffs⸗ 340 volkes gegen die Offiziere— die Steuerleute insbeſondere — eine entſetzliche Scene des Blutvergießens häͤtte folgen müſſen. Damals freilich bedachte ich dies nicht, und lullte mein Gewiſſen mit der Hoffnung in Schlaf, daß wir auf keinerlei Widerſtand ſtoßen würden;— wäre dies jedoch der Fall geweſen, was wäre aus einer Handvoll Matroſen geworden, die in Schiffsbooten in einem engliſchen Hafen gelandet wären?— Man hätte uns vermuthlich einen Proceß wegen Seeräuberei gemacht, und Etliche von uns, wenn nicht wir Alle, wären dem Strange nicht entgangen.— Das Schiff war bereits an der Inſel St. Paul vor⸗ übergekommen, und wir Alle warteten ungeduldig darauf, daß es in die Sundaſtraße einlaufe, als ein Zufall ſich begab, der der beabſichtigten Meuterei nicht nur ein Ziel ſetzte, ſondern auch— wie ich ergebungsvoll hoffe— auf den Verlauf meines ganzen folgenden Lebens eine heilſame Aenderung ausübte. In einer ſtürmiſchen Nacht, als man eben die mittlere Wache zum Dienſte rief und das Schiff unter dichtgerefften Marsſegeln und eingebundenem Boomſegel dahinſteuerte, ging ich wie gewöhnlich zum Dienſte auf's Deck. Wie ich ſo über das Verdeck hin⸗ ſchritt, mußte ich zwiſchen unſerer großen Schaluppe und der Kombüſe(Schiffsküche) über etliche Spieren ſteigen, die hier angeſorrt(feſtgebunden) waren; als ich eben auf dem Haufen der Spieren ſtund, legte ſich das Schiff plötz⸗ lich um, ich verlor das Gleichgewicht, und fiel der gan⸗ zen Länge nach und gerade auf meine Lende auf's Ver⸗ deck nieder. Nichts unterbrach den Fall, da ich die Arme emporgehalten hatte, um ein Tau über meinem Kopfe zu ergreifen, und ſo ſtürzte ich mit meinem ganzen Gewicht zu Boden, während die ſtärkſte Wucht des Falls gerade auf mein Hüftbein traf. Der Schmerz, woran ich litt, war furchtbar, und es verging längere Zeit, bevor ich ſelbſt meinen Schiffsgenoſſen erlaubte, die wunde Stelle zu berühren. Ich wurde nun in's Volkslogis(Vorkajüte oder Vor⸗ platz der Kajüte, wo die Matroſen wohnen, hinunterge⸗ —*²———* M N—9õ——————-—— — VN N 341 bracht, wo es nöthig erfunden wurde, mich auf ein Gitter zu binden, anſtatt in die Hängematte zu legen. Wir hatten zwar einen Arzt an Bord, allein er konnte nichts für mich thun. Man konnte mir nicht einmal die Kleider abnehmen, und da lag ich nun auf einem Schmerzenslager, das ich gar nicht beſchreiben kann. Ich befand mich nun in der That auf einem Bett der Reue; mein Körper war ganz hülflos, obwohl mein Geiſt thätiger und aufgeweckter zu ſeyn ſchien als je. Ich ließ nun mein ganzes Leben an meinem Geiſte vorüber⸗ ziehen, und begann mit der erſten Stunde, wo ich als Kajütenjunge an Bord des„Sterling“ zum erſten Male mich betrunken hatte, durchlief jedes Abenteuer, jeden Frevel, den ich in dieſer Skizze meines Lebens erwähnt, ja ſogar noch Manchen, den ich aus Vergeßlichkeit ausgelaſſen habe, und das Alles mit einer Treue und Wahrheit, daß ich überzeugt bin, Niemand könne ein genaueres Logbuch führen, als das ihm ſein Gewiſſen vorhält. Ich ſah nun, daß ich ſelber mein eigener ſchlimmſter Feind geweſen war, und überzählte, wie manche vortreffliche Gelegenheit, in der Welt vorwärts zu kom⸗ men, ich ſorgloſer Weiſe verſäumt habe. Der Trunk, zumal der Branntwein, war die Wurzel all' meines Uebels, meiner Unglücksfälle und ſchlimmen Aufführung geweſen, hatte mich in ſchlimme Geſellſchaft verſtrickt, meine Ge⸗ ſundheit und Kraft untergraben und alle meine Hoffnun⸗ gen ſcheitern gemacht. Ich machte den Verſuch, zu beten, allein ich wußte nicht, wie ich es angreifen ſollte, und es ſchien mir, als ob ich mit Leib und Seele und ohne Ausſicht auf Gnade und Erbarmen verloren ſey. Meine Schiffsgefährten beſuchten mich verſtohlen, und ich erläuterte ihnen nun, ſo gut und ſo deutlich ich es vermochte, die Thorheit und Vergeblichkeit, ſowie die Verworfenheit und den Frevel unſerer beabſichtigten Meu⸗ terei. Ich ſagte ihnen, wir ſeyen freiwillig an Bord des Schiffs gekommen und hätten kein Recht, Richter in unſrer eigenen Sache zu ſeyn; ich erklärte ihnen, wie grauſam und barbariſch es von uns wäre, wollten wir das Schiff mit den Frauen und Kindern auf hoher See verlaſſen, und wie es am Ende doch zu nichts Anderem führen würde, als daß die Malayen uns die Kehle abſchnitten und das Fahrzeug wahrſcheinlich einem Schiffbruch ausgeſetzt werde. All dieſes Unglück hätten alsdann wir zu verantworten, und dürften daher nur unſerem Schöpfer danken, wenn das Projekt ſcheitere. Die Leute horchten mir aufmerkſam zu und verſprachen mir, jeden Gedanken an Ausführung der Meuterei aufzugeben; ſie hielten auch wirklich ihr Wort, und es war nicht weiter von der Sache die Rede. Ueber meine Wunde und ihre Beſchaffenheit ließ ſich eigentlich gar nichts ſagen. Der Doktor zeigte ſich ſehr gütig und wohlwollend gegen mich, allein er konnte mir nur die Nahrung und ein paar lindernde Arzneien reichen. Was den Kapitän anlangt, ſo ſchien er ſich ganz von dem Steuermann bereden zu laſſen, welch letzterer der Anſicht war, daß ich mich nur krank ſtelle oder einen größern Scha⸗ den verſchütze, als ich eigentlich empfangen habe. An Bord des Schiffs befand ſich ein Knabe von guter Herkunft, der auf dem Schiffe ſich für den ſeemänniſchen Beruf vorbereiten ſollte, und als eine Art vornehmer Kajütenjunge bei uns fungirte; er konnte höchſtens eilf bis zwölf Jahre alt ge⸗ weſen ſeyn, wurde aber ein wahrer Rettungsengel für mich. Er trug mir Leckerbiſſen zu, zollte mir das aufrichtigſte Mitleid, und weinte manch liebes Mal mit mir. Die Da⸗ men und die Kinder des Admirals beſuchten mich ebenfalls zuweilen und legten ſo viel Mitgefühl und Theilnahme für mich und meine Lage an den Tag, daß mir mein Gewiſſen die heftigſten, bitterſten Vorwürfe machte über den Frevel oder die Gefahr, welchen ich ſie durch die beabſichtigte Meuterei hatte ausſetzen wollen. Kurzum, die Auftritte, welche ich täglich erlebte, und meine eigene Lage, erweichten mein Herz allmählig, und ich begann nun eine Einſicht in die ſittliche Verwahrloſung meines Gemüths zu erhalten, die nur heilſam und erſprießlich für mich war. Zwei Monate lang lag ich auf dieſem Gitter,— —— zwei fürchterliche ſchmerzenreiche Monate. Das Schiff war in Batavia angekommen, und der Kapitän und Steuermann beſuchten mich, um zu ſehen, was mit mir zu beginnen ſey. Ich verlangte nach dem Hoſpital ge⸗ ſandt zu werden, allein der Steuermann beharrte auf dem Wahn, ich heuchle nur meine Krankheit, und ver⸗ langte, daß ich auf dem Schiff zurückbehalten werde. Dies geſchah denn auch und ich machte auf ihm noch die Reiſe nach Terragall, wo wir unſere Paſſagiere landeten. Dieſe kamen nun Alle und verabſchiedeten ſich von mir, und der Admiral machte mir eine Jacke zum Geſchenk, die er ſelbſt getragen hatte, als er noch auf der See ge⸗ weſen war, und fügte derſelben noch ein Quantum Taback bei. Ich habe die Jacke bis auf den jetzigen Augenblick aufbewahrt. Auch die Damen trſteten mich noch mit freundlichem Zuſpruch und verurſachten dadurch meinem Gemüthe nur neue Schmerzen der Reue. 22 Von Terragall ſegelten wir nach Surabaya, wo i den Kapitän flehentlich um die Erlaubniß anging, in ein Spital gehen zu dürfen, obwohl der Steuermann noch immer behauptete, ich ſchütze nur Dienſtunfähigkeit vor, um des Dienſtes vor dem Maſte enthoben zu werden. Die Wundärzte in Surabaya, deren einer ein Schotte war, theilten die Meinung des Steuermanns, und nach Verlauf von zwanzig Tagen wurde ich wiederum an Bord des Schiffs genommen, das nun nach Samarang ging. In Surabaya traf ich fünf engliſche Matroſen im Ho⸗ ſpital, die eben ſo verlaſſen und übel daran waren, wie ich ſelbſt, und denen, wohin ſie ſich auch wendeten, nur der Tod in die Augen blickte. Die Leute, die am einen Tag in den Spital gebracht worden waren, ſtarben manchmal ſchon am andern, und Keiner von uns wußte, an wen zunächſt die Reihe kommen würde. Oft unter⸗ hielten wir uns mit einander in unſerer ſchlichten unge⸗ lehrten Weiſe über religiöſe Gegenſtände und trugen Alle ein großes Verlangen, eine engliſche Bibel zu bekommen, die leider hier ein ſeltenes Ding war. Damals fiel mir 344 oft die Predigt wieder auf's Gewiſſen, die ich in Sailor's Retreat gehoͤrt hatte, und ich gedachte mit Schmerzen, wie frevelhaft ich meinem Gelübde zur Beſſerung unge⸗ treu geworden war. Mehr als einmal ſchoß mir der Einfall durch den Kopf, ich wolle, falls Gott mich in ſeiner Gnade die Heimkehr in's Vaterland wieder erleben laſſe, jenen Geiſtlichen aufſuchen und ihn um ſein Gebet und ſeinen frommen Rath bitten. Bei unſerer Ankunft in Samarang holte der Steuer⸗ mann einen Arzt von einer holländiſchen Fregatte, um mich unterſuchen zu laſſen, und dieſer erklärte, es ſey nicht die mindeſte Spur von Krankheit bei mir vor⸗ handen. Durch dieſes Zeugniß wurde faſt die ganze Mannſchaft des Schiffes gegen mich aufgehetzt, mit Aus⸗ nahme meiner vier Gefährten und des jungen Knaben; die Leute meinten, ich ſeye ein Schalk und wolle nur meine Arbeit auf ſie abladen, und man hieß mich daher auf's Verdeck gehen, um mich dort zu beſchäftigen und zum Einbinden von Ringbolzen für das Geſchütz zu ver⸗ wenden. Da ich nicht gehen konnte, war ich buchſtäblich genöthigt, auf Händen und Füßen über das Verdeck hin⸗ zukriechen, und litt die raſendſten Schmerzen, ohne auch nur den Troſt zu haben, daß man an mein Leiden glaube oder Mitgefühl für mich an den Tag lege. Die Ar⸗ beit war freilich leicht genug für mich, wenn ich mich einmal niedergeſetzt hatte, allein jede Bewegung verur⸗ ſachte mir unſägliche Schmerzen. Zum Glück war ich nicht der Einzige, den man für einen Schalk hielt: auch unſer Arzt erkrankte und der Steuermann beſchuldigte ihn ebenfalls nicht minder als mich, daß ſeine Krankheit nur erheuchelt ſey; der arme Mann ſtrafte ihn unglück⸗ licherweiſe Lügen, indem er bald darauf ſtarb. Ich wurde nun fortwährend zu dieſer Arbeit ange⸗ halten, bis unſer Fahrzeug Batavia erreichte; hier kam ein Doktor von einem andern Schiff zu uns an Bord und man trug ihm auch meinen Fall vor: der Steuer⸗ mann hieß mich hierauf auf das Hinterdeck kommen, und . 345 ich kroch hinauf ſo gut ich konnte; ich wurde hierauf in die Kajüte beſchieden und dort von dem fremden Doktor unterſucht. Dieſer meinte nun, man müſſe meine Krank⸗ heit dadurch heilen, daß man mein Hüftbein mit glü⸗ henden Eiſen brenne, was er ſicher nur ſagte, um mich einzuſchüchtern und dadurch zum Dienſt wieder zurückzu⸗ jagen. Ich ſperrte mich aber dagegen, ging wieder in's Vorderkaſtell hinunter und erklärte auf das Beſtimmteſte, mich ferner nicht mehr zur Arbeit gebrauchen zu laſſen. So lag ich nun hier, von Allen außer meinen vier Freun⸗ den geſchmäht und verlaſſen; wiederholt erklärte ich dem Steuermann, ich wolle jetzt an's Land gebracht werden, weil auch die geringſte Arbeit mir hölliſche Schmerzen verurſachte. Die anhaltende Pein hatte mich faſt zur Ver⸗ zweiflung gebracht und ich kümmerte mich nun wenig darum, was für Folgen ein ſolcher Schritt haben werde. Zum Glück für mich erkrankten noch zwei Leute von unſerer Bemannung an heftigen Fiebern und Kopfſchmer⸗ zen, und da unſer eigener Arzt geſtorben war, mußte der des Admiralſchiffes zur Berathung der Kranken bei⸗ gezogen werden. Dem Steuermann ſchien viel daran zu liegen, durch das Zeugniß des Arztes ebenfalls einen Beweis gegen mich zu erhalten und ſo brachte er denn die⸗ ſen Arzt zu mir herab und bat ihn, mich zu unterſuchen. Im ſelben Augenblick, wo dieſer Herr mich näher in's Auge faßte, ſchlug er die Hände über dem Kopf zuſam⸗ men und machte dem Steuermann Vorwürfe, indem er ihn befragte, ob er mich abſichtlich tödten wolle; er ſah nun auf einmal, daß ich kein Betrüger war und bewies dieß, ſoviel ich wenigſtens davon verſtehen konnte, auf's Bündigſte. Der Steuermann ſchien hierüber ganz be⸗ ſchämt und betroffen zu ſeyn und ich glaube, daß jeder Mann an Bord nun die Härte und Ungerechtigkeit be⸗ dauerte, mit der ich behandelt worden war. Ich machte mir dieſe Gelegenheit zu Nutze, dem Steuermann unver⸗ holen meine Meinung zu ſagen, und beſtand nun darauf, Edward Myers.— 23 346 augenblicklich in's Hoſpital gebracht zu werden; darob verſprach mir der Burſche, meinen Fall dem Kapitän vorzutragen und ſchon am nächſten Tage wurde ich an's Land geſchafft.— Meine beiden ſehnlichſten Wünſche waren geweſen: einmal in den Spital gebracht zu werden, und dann, mir eine Bibel zu verſchaffen. Ich hegte nicht viel Hoffnung, mit dem Leben davon zu kommen, da eines meiner Beine ſchon um die Hälfte zuſammengeſchrumpft war und augenſcheinlich von Tag zu Tag ſchlimmer wurde; mein einziges Glück, das fühlte ich wohl, war nur: jetzt einige Ruhe für meinen Körper und Troſt für meine Seele zu finden. Ich hatte meinen amerikaniſchen Schiffsgenoſſen, der aus New⸗York und vom Hudſon⸗ fluſſe gebürtig war, ſchon ſagen hören, daß er eine Bibel beſitze, hatte ſie aber nie zu Geſicht bekommen, da ſie nach Matroſenweiſe tief unten in ſeinem Koffer lag. Ich bot dieſem Manne ein Hemd um die Bibel, allein er gab mir das Buch freiwillig und weigerte ſich beharrlich eine Bezahlung dafür anzunehmen, bis ich ihm das Hemd gleichſam zum Andenken an mich aufnöthigte. Nun befand ich mich zwar im Beſitze dieſes Buches, konnte es aber in Ermanglung einer Brille nicht leſen; ich war nachge⸗ rade in jene Zeit des Lebens eingerückt, wo das Geſicht blöde zu werden beginnt, und ich glaube, daß meine Augen ſchon in Florida Schaden gelitten hatten. Im Hoſpital von Surabaya hatte ich durch den Verkauf eines ſchwarz⸗ ſeidenen Halstuches etliche Rupien erlöst und es fehlte mir nun nur noch Weniges, um mir eine Brille kaufen zu können; ich verkaufte ein Paar Stiefeln, ſchlug die ge⸗ ringe Summe, welche ſie eingebracht hatten, zu derjenigen, welche ich bereits beſaß, und dünkte mich nun reich und glück⸗ lich in der Hoffnung, das Wort Gottes ſtudiren zu kön⸗ nen. Als ich das Schiff verließ, nahm Jedermann, Offi⸗ ziere und Schiffsvolk, noch herzlichen Abſchied von mir, da der Ausſpruch des Arztes vom Kriegsſchiffe plötzlich Aller Meinung über mich und meinen Zuſtand geändert hatte. 347 Der Kapitän ſchien nun ſelbſt den Hergang der Dinge zu bereuen, und zeigte ſich erbötig, Alles zu thun, um meine Lage behaglicher zu machen. Mein Gehalt wurde bei einem Kaufmanne niedergelegt, damit er mir über⸗ geben werde, ſobald ich im Stande ſey, die Inſel oder nur das Hoſpital zu verlaſſen. Im letztern Falle ſollte ich nach Holland zurückgeſandt werden, und Alles wurde nach Geſetz und Recht beſtimmt und verhandelt. Der Leſer möge indeß ja nicht glauben, daß ich mich inzwi⸗ ſchen für einen Märtyrer betrachtete; ich erinnerte mich im Gegentheile, ſo lange ich noch für einen Betrüger gehalten wurde, daß ich einſt auf derſelben Inſel mich krank geſtellt habe, und bei meinem Eintritt in's Spital traten mir plötzlich die Umſtände wieder in's Gedächtniß, unter welchen ich fuͤnſzehn oder zwanzig Jahre vorher einer ſeiner Inſaſſen geweſen war. Damals ſtand ich noch in voller Jugendbluthe und Kraft, und nun ward ich gleich⸗ ſam als Sündenſchuld für jene Täuſchung als armſeliger Krüppel in demſelben Bette untergebracht, das ich früher einmal inne gehabt hatte, als ich eine Krankheit nur erheuchelte. Unter ſolchen Umſtänden iſt das Gewiſſen ein ernſter Mahner, das einen Sünder keine ſeiner Miſſe⸗ thaten vergeſſen läßt.— Der Arzt des Hoſpitals ſetzte mich auf ſehr geringe Diät und verordnete mir eine Salbe, womit ich mich einſchmieren ſollte, ſo lange ich das Bett hütete. Durch einen der Aufwärter des Spitals ver⸗ ſchaffte ich mir eine Brille aus der Stadt, und zwar eine von ſolcher Größe und Geſtalt, daß ſie ſicherlich in Europa wie in Amerika für eine Curioſität gelten könnte. Inzwiſchen genügte ſie doch meinen Zweck und ſetzte mich in den Stand, das Buch aller Bücher leſen zu können, womit mich mein wackerer Landsmann verſehen hatte. Dieſes Buch war ein Exemplar aus der Druckerei der amerikaniſchen Bibelgeſellſchaft, und müßte als Ausnahme gelten, wenn auch kein anderes ihrer Bücher großen Nutzen geſtiftet hätte. Es iſt ſeither in der Bibliothek 23* 4 dieſer Geſellſchaft zum Andenken an den großen Nutzen, den es mir verſchafft hat, aufgeſtellt worden. 2 6 Ich verbrachte meine ganze Zeit mit Leſen und Nach⸗ J denken. Da lag ich denn nun auf einer entfernten Inſel g von Krankheit umgeben, unter Menſchen, deren Sprache 5 mir meiſtens unbekannt war, und hatte täglich, ja ſtünd⸗ lich den Tod vor Augen. Mehrere Wochen vergingen, bevor ich im Stande war, oder die Erlaubniß erhielt, h mein Bett verlaſſen zu dürfen. Noch ehe ich das Schiff 5 1 verließ, hatte ich zu beten angefangen, und übte dieſe d Gewohnheit faſt ſtündlich, bis es mir erlaubt war, aufzu⸗ d ſtehen. Im Spital befand ſich ein bekehrter Laskare, der 4 kaum meine Beſchäftigung bemerkt hatte, als er herzu⸗ kam und ſich in gebrochenem Engliſch mit mir unterhielt; dieſer Mann gab mir ein Geſangbuch, und eines der 9 erſten Lieder, welche ich darin las, gereichte mir ſchon zu großem Troſt. Es war von einem Manne geſchrie⸗ ben, der Matroſe geweſen war, wie ich, und deſſen Ver⸗ te worfenheit und Gottloſigkeit ſich einſt vielleicht mit der h. Meinigen meſſen konnte, der aber ſeither durch Lehre und er Beiſpiel unendlich viel Gutes gewirkt hat; dieſes Geſang⸗ 4 buch las ich nun gewoͤhnlich neben meiner Bibel, und ich vermag kaum das Vergnügen auszudrücken, das ich u empfand, als mir derſelben Laskare eiin Exemplar von wie ich, ſo könne auch ich mich durch Reue und Glauben 3 der Gnade meines Erlöſers theilhaftig machen. Die S ganze Zeit über ließ ich es mir eifrigſt angelegen ſeyn, Bunyan’s Pilgrim's Progress brachte, das er ſich irgend⸗ 8 wo zu verſchaffen gewußt hatte; dieſes Buch achte ich faſt ne ſo hoch, wie die Bibel ſelbſt, denn es ſetzte mich in den 64 Stand, einen großen Theil deſſen, was ich im Wort A Gottes fand, zu verſtehen und anzuwenden, und brachte ul mir ſo viele Gründe zu Troſt und Hoffnung vor die Augen, B daß ich von nun an glaubte, Chriſtus ſey auch für mich B ſo gut wie für die übrigen Menſchen geſtorben. Ich dachte, wenn der Schächer am Kreuz gerettet worden war, b! der vermuthlich ebenſo gottlos und verworfen geweſen nn nd nd on d⸗ aſt en hte en, ar, ben Die yn, 349 mich über religioſe Gegenſtände zu belehren und meine Gedanken kehrten ſtets zu der Predigt, die ich in Sailor's Retreat gehört, und zu dem Geiſtlichen zurück, der ſie gehalten hatte. Im Fieberſpital lag noch ein amerikaniſcher Zimmer⸗ mann, der kaum um meinen Zuſtand hörte, als er mir einige Traktätchen zuſchickte, die er mit von Hauſe gebracht hatte. Dieſer Mann war nicht eben fromm, allein die Umſtände hatten ihn ernſt gemacht, und da er eben auf dem Punkte ſtand, den Platz zu verlaſſen, willigte er gerne darein, dieſe kleinen Schriftchen mir als Geſchenk zu über⸗ laſſen. Ich erfuhr von ihm, daß noch etliche Amerikaner und Engländer in ſeinem Spital lägen, die ſämmtlich religiöſen Troſtes bedürftig wären, und er gab mir den Rath, zu ihnen hinüberzugehen und ſie damit zu verſehen, was ich denn auch that, ſobald es in meinen Kräften ſtund. Anfangs hatte ich mich ſelbſt für allzu gottlos gehal⸗ ten, um mit dieſen Leuten zu beten und mich zu unter⸗ halten, allein mein Gewiſſen ließ mir keine Ruhe, bis ich endlich dem innern Drange nachgab. Es ſchien mir, als ob die Bibel ebenſoſehr zu ihren Gunſten als zu meinem eigenen Gebrauche mir in die Hände gegeben worden ſey, und ich gab mich nicht eher zufrieden, als bis ich ihnen all den Troſt geboten hatte, welchen ich zu gewähren ver⸗ mochte. Drei oder vier Wochen lang las ich dieſen Män⸗ nern vor; Chapman, der Amerikaner, ward davon am meiſten ergriffen und betrachtete ſeine eigene moraliſche Lage als die hülfloſeſte von allen. So oft es mir ſelbſt unmöglich war, hinüberzugehen, ſandte ich ihnen meine Bücher zu, und wir benutzten wechſelsweiſe die Bibel und Bunyan's Pilgrim's Progress. Die ganze Zeit über waren wir gleichſam auf einem blutigen Schlachtfelde; die Leute ſtarben ſchaarenweiſe und in kürzeſter Friſt rings um uns her; es war gerade die ungeſundeſte Jahreszeit in Batavia, und obwohl die Stadt keineswegs ſo gefährlich war, als ſie es bei mei⸗ ner erſten Anweſenheit daſelbſt geweſen, war ſie doch buchſtäblich ein Golgatha oder Schädelſtätte zu nennen. Mehr als die Hälfte der Kranken, die in's Fieberſpital gebracht wurden, verließen dieſes nur wieder als Leichen. Unter unſern engliſchen Schickſalsgenoſſen, wie ich ſie nennen möchte, befand ſich auch ein junger Schotte von etwa fünfundzwanzig Jahren, der bei den meiſten unſerer Unterhaltungen und Vorleſungen gegenwärtig geweſen war, und doch, wie mir bedünken wollte, kaum halb ſoviel als die Uebrigen an innerem Drang empfand, für ſein Seelenheil beſorgt zu ſeyn. Eines Tages beſuchte er mich, um von mir Abſchied zu neh⸗ men, da er ſchon am darauf folgenden Morgen das Ho⸗ ſpital verlaſſen wollte; ich ſprach ihm nun wegen ſeiner Zukunft und ſeines künftigen Lebenswandels in's Gewiſ⸗ ſen und gab mir Mühe, in ihm noch einige Gefühle zu erwecken, die bleibend ſeyn dürſten. Er hörte mir auch mit beſonderer Andacht zu, obwohl ich hernach aus ſeinen Antworten bemerkte, daß ihm noch nicht das rechte Verſtändniß eröffnet ward, und ich zu der Ueber⸗ zeugung gelangte, daß er noch wie neun Zehntheile der Menſchheit urtheile, wenn man die Rede auf ſolche Gegen⸗ ſtände bringt.—„Was ſoll ich mich ſelbſt ſo frühe auf⸗ geben?“ ſagte er,„ich bin noch jung, geſund und ſtark, und habe Fahrwaſſer genug leewärts vor mir; ich kann mich ſchon noch beſſern, wenn die Zeit dazu da iſt. Wenn ein Menſch nicht lebt, ſo lange er kann, ſo genießt er ſein Leben niemals!“— Ich las ihm nun das Gleichniß von den weiſen und thörichten Jungfrauen vor, allein er verließ mich, ohne ſeine Meinung aufzugeben. Unſerm Spital gerade ge⸗ genüber lag das Todtenhaus, wohin die Leichname all' Derer, die in dem Spitale ſtarben, zum Seciren gebracht wurden. Kaum Einer von Allen blieb von dem Meſſer der Chirurgen verſchont. Das Todtenhaus mochte etwa achtzig bis hundert Schritte von dem Spital entfernt liegen, und war von demſelben durch einen freien Raum getrennt, auf dem ein paar große Bäume ſtanden. Als —+ ISAeS— ch 88 ‿n— 8S0 ̈— X X 8 er 3⁵¹ ich mich wieder ſoweit erholt hatte, daß ich ausgehen durfte, pflegte ich mich häufig bis unter einen dieſer Bäume heranzuſchleppen und hier ſtundenlang mit Leſen oder Nachdenken beſchäftigt ſitzen zu bleiben. Der Platz war ganz geeignet, in einem Menſchen Reflexionen über die Hinfälligkeit irdiſcher Dinge hervorzurufen, da man nur von Tod und Krankheit umgeben war; ich ſah manch⸗ mal ſechs bis acht Leichname über dieſen Platz wegtra⸗ gen, während ich hier ſaß, und viele davon wurden überdies noch bei Nacht nach dem Todtenhauſe geſchafft. Hunderte, ja Tauſende lagen in dem Spital, und die Mehrzahl davon ſtarb. Am Morgen des übernächſten Tages, nachdem ich von dem jungen Schotten Abſchied genommen hatte, ſaß ich, wie gewöhnlich, wieder unter dieſen Bäumen, als ich auf einmal ſah, wie etliche Kulies(Eingeborne des Sunda⸗ Archipels) einen Leichnam über den Platz trugen. Sie gingen nahe bei mir vorüber und einer der Kulies bedeu⸗ tete mir, daß es der Leichnam deſſelben jungen Mannes ſey, den auch ich gekannt habe. Er war kurze Zeit, nach⸗ dem er mich verlaſſen hatte, vom Fieber ergriffen worden, und nun war auf einmal all ſeinen Freuden und Hoffnun⸗ gen vom Leben ein Ziel geſteckt; wo waren nun ſeine Pläne auf zukünftige Neue?!— Solche Ereigniſſe ſind keine Sel⸗ tenheit auf dieſer Inſel, allein auf mich machte die Bege⸗ benheit einen tiefen Eindruck; ſie diente dazu, meinen eige⸗ nen Entſchluß zu beſtärken und ich bin überzeugt, daß ich und meine Gefährten, deren Leben noch verſchont blieb, gro⸗ ßen Nutzen aus dieſen Beiſpielen zogen. Die Engländer genaßen alle und wurden entlaſſen. Chapman aber, der Ame⸗ rikaner, blieb noch zurück, denn das Javafieber und das Heimweh hatten ſeine Geſundheit tief untergraben. Mit dieſem armen jungen Manne nun betete ich täglich ſo gut ich es verſtand, und ich glaube, daß er hieraus und aus unſerem Bibelleſen nicht geringen Troſt ſchöpfte. Der Leſer- mag ſich denken, wie innig ſich ein Mann, der in fremdem Lande und mitten unter Göotzendienern auf den Tod krank 35⁵²2 liegt, an den einzigen Landsmann anſchließen wird, den er hier trifft und der ihm Beiſtand zu leiſten geneigt iſt. Auf dieſe Weiſe ſchloß ſich Chapman an mich an und ich ließ mir keine Mühe zu groß ſeyn, um ihn im Glauben an ſeinen Heiland zu beſtärken. Er hielt ſich für einen allzu⸗ großen Sünder, um zu einiger Hoffnung berechtigt zu ſeyn, und mein eifrigſtes Bemühen war es, ihn auf einige jener Regungen des Gewiſſens hinzuweiſen, welche die göttliche Gnade auch in mir wach gerufen hatte. Eines Tages, das Letztemal, als ich ihn ſah, las ich ihm die Geſchichte des Schächers am Kreuze vor; er hörte mir aufmerkſam zu, und als ich geendet hatte, ließ er zum Erſtenmal einige An⸗ zeichen von Hoffnung und Freude bemerken. Als ich ihn verließ, nahm er Abſchied von mir, denn er meinte, wir würden uns wohl nie wieder treffen; er bat mich noch um ein Gebet und ich verſprach es ihm. Ich kehrte hierauf in meinen Spital zurück und war eben im Begriff, mein Ver⸗ ſprechen zu löſen, als man mir die Nachricht brachte, daß Rer entſchlafen ſey, und er ließ mir noch durch den Boten ſagen, daß er als ein glücklicher Mann geſtorben. Der arme Junge,— ich dürfte wohl eher ſagen: der glückliche Mann!— ſandte mir alle die Bücher zurück, die er von mir geborgt hatte, und es mag wohl zum Beweis des Gemüths⸗ zuſtandes dienen, in welchem wir uns in Beziehung auf irdiſche Güter befanden, wenn ich hinzufüge, daß er mir noch ſeine letzten Kupfermünzen ſandte und mich bitten ließ, ſie zur Unterſtützung ſeiner armen Landsleute zu verwenden. Neunzehntes Kapitel. Etwa drei Monate nach Chapman's Tod war ich wie⸗ der ſo weit geneſen, daß ich das Spital verlaſſen konnte. Ich konnte nun zwar an Krucken gehen, hatte aber keine Hoffnung mehr, je wieder geſund zu werden. Ich fühlte natürlicherweiſe ein ſehnliches Verlangen nach meiner Heimath, denn all meine Entſchlüſſe, miſanthropiſchen Em⸗ —,————— —,— — N—— △⏑ 2* —un—K———9 ¼ pfindungen und Gefühle waren in der Sinnesänderung untergegangen, die ich erlebt hatte. Nüchternheit, Enthalt⸗ ſamkeit und ein glücklicher Gemüthszuſtand hatten ſich bei mir als treffliche Aerzte erwieſen, und obwohl ich von den Folgen meines Falles noch nicht geneſen war und wohl auch nie geneſen werde, war ich jetzt doch in meiner Beſ⸗ ſerung ſo weit gekommen, daß ich von den„Gräueln“ nichts mehr zu fürchten hatte. Der letzte Anfall, welchen ich von ihnen empfand, beſtand in der tiefen Ueberzeugung von dem ruchloſen ſündhaften Zuſtande, worein ſie den Menſchen ver⸗ ſetzen. Mäßigkeitsvereine waren mir gänzlich unbekannt; ich hatte nie etwas von ſolchen Dingen gehört oder ſie we⸗ nigſtens vergeſſen, ſobald die Nachricht davon in meinen Ohren verklungen war; mir ſelbſt unbewußt hatte ich mich jetzt doch der wirkſamſten und dauerndſten von all dieſen Geſellſchaften angeſchloſſen. Seit meinem Falle habe ich keine geiſtigen Getränke mehr anders genoſſen, als in Ge⸗ ſtalt von Arzneien, und auch dann nur in ſehr geringen Quantitäten, denn ich fühle jetzt auch nicht das geringſte Verlangen mehr, mich zu betrinken. Durch Gottes Gnade iſt nun der größte Fluch meines Lebens beſeitigt, und ich habe wenigſtens in den letzten fünf Jahren als ein äußerſt nüchterner, enthaltſamer Mann gelebt. Geiſtige Getränke betrachte ich als eines der wirkſamſten Mittel, die der Teufel beſitzt, um das Seelenheil der Menſchen zu unter⸗ graben, und ich wende mich von ihnen ſo gerne ab, als ich es von der Sünde thun zu können wünſchte. Ich ſchrieb nun an den Kaufmann, bei welchem meine Löhnung niedergelegt war, und meldete ihm meinen Ent⸗ ſchluß, das Spital zu verlaſſen, allein ich erhielt keine Antwort. Darum beſchloß ich nun, ſelbſt nach Batavia zu gehen, und nahm daher meine Entlaſſung aus dem Spi⸗ tal. Ich kann füglich behaupten, daß ich als glücklicher Mann dieſen Ort verließ, den ich als Krüppel betreten. Ich beſaß gar nichts mehr, nicht einmal die Mittel, mir mein Leben friſten zu können, doch war ich von den ſchwerſten meiner Burden erleichtert, und fühlte nun, daß ich leicht 354 und vergnügt durch die Welt gehen könne, wenn auch buch⸗ ſtäblich an Krücken. Das Hoſpital liegt ſieben Meilen von der Stadt ent⸗ fernt und ich legte dieſe Strecke nach Hollaͤndiſcher Sitte in einem Kanalboote zurück. Es eriſtirt eine Unzahl von dieſen Kanälen in Java und ſie haben wenigſtens noch den guten Nebenzweck, daß ſie das Land gefünder machen, in⸗ dem ſie ſeine Sümpfe und Moräſte austrocknen. Ich er⸗ fuhr, daß der Kanal, auf welchem ich mich befand, fünfzig Meilen weit in's Innere ſich erſtrecke; er war von Einge⸗ borenen, jedoch auf Veranlaſſung und unter Leitung der Holländer ausgeführt worden. Als ich die Stadt erreichte, hinkte ich mühſam zu dem Kaufmann hin, dem mein Gehalt anvertraut worden war, wurde jedoch von ihm ſehr ſchlecht empfan⸗ gen. Er meinte, ich habe bereits zuviel gekoſtet und ſolle nur wieder nach dem Spital zurückkehren, bis ſich für mich eine Gelegenheit darbiete nach Holland geſandt zu werden; dagegen ſperrte ich mich jedoch, da ich wohl wußte, daß mir die Rückkehr in den Spital nichts nützen konnte und mein einziges Dichten und Trachten nur nach Amerika gerichtet war. Ich wandte mich hierauf an den amerikaniſchen Conſul, der mich liebreich aufnahm, mir jedoch eröſſnete, daß er nichts für mich zu thun vermöge, weil ich in einem holländiſchen Fahrzeuge gekommen ſey, falls ich nicht auf meine ſämmtlichen Anſprüche in Betreff des Gehaltes und auf das Recht des Schutzes von Seiten der holländiſchen Geſetze ver⸗ zichten wolle. Dazu war ich nun bald entſchloſſen, weil meine Löhnung nur wenig betrug und mir an dem Schutze der holländiſchen Geſetze nicht viel liegen konnte. Der Conſul beſuchte den holländiſchen Kaufmann und der Handel wurde zwiſchen beiden geſchlichtet. Der „Plato“, daſſelbe Schiff, das Helvoetsluys mit uns ver⸗ laſſen hatte, lag eben in Batavia und nahm eine Ladung nach Bremerhafen ein. Er hatte einen neuen Kapitän er⸗ halten, und dieſer verſtand ſich dazu, mich als einen vom QE. S=S5— —— u— O——,4 11e—— »— K— — Conſul empfohlenen Mann an Bord zu nehmen; die Sache ward noch denſelben Tag, wo ich in die Stadt gekommen war, in Richtigkeit gebracht, und ich ſollte ſchon am nächſten Morgen zu Schiffe und mit dieſem in See gehen.— Mit dem Conſul verkehrte ich nicht wei⸗ ter in Betreff meines Geldes, verließ ihn jedoch in der Erwartung, noch Einiges von dem holländiſchen Kauf⸗ mann zu empfangen. Ich hatte den ganzen Tag keinen Biſſen genoſſen und erreichte das Haus des Kaufmanns gerade in dem Augenblicke, wo er ſich auf's Land be⸗ geben wollte, da Niemand, der es nur irgend möglich zu machen weiß, um dieſe Jahreszeit eine Nacht in Ba⸗ tavia zubringt. Er ſchenkte mir indeß gar keine Auf⸗ merkſamkeit, und bequemte ſich noch weniger dazu, mich mit Geld zu verſehen, worauf ich vielleicht auch nicht einmal geſetzliche Anſprüche hatte. Wie dem nun auch ſey, ich ſetzte mich auf ein paar Kiſten nieder und ent⸗ ſchloß mich in Geduld, in Ermanglung eines andern Nachtlagers, auf der Stelle die Nacht zu verbringen. Vermuthlich wäre es mein Tod geweſen, hätte ich mit leerem Magen und in dieſem Klima eine Nacht im Freien verbringen wollen, falls es mir auch je möglich geweſen wäre, dem Dolche eines Malayen zu entrinnen, der mich ſchon um der Kleider willen, die ich auf dem Leibe trug, ermordet haben würde; allein die Vorſehung erbarmte ſich meiner. Der Commis des Kaufmanns, ein geborner Portugieſe, nahm ſich meiner an und führte mich zu dem Hauſe eines bekehrten Negers, wo es in⸗ deß anfangs ſchwer hielt, Zutritt für mich zu erhalten; der Schwarze meinte nämlich, die Engländer und Ame⸗ rikaner ſeyen ſo gottloſe Leute, daß er ſich vor ihnen mit Recht fürchte; als er jedoch aus der Unterredung mit mir fand, daß ich keiner jener chriſtlichen Heiden ſey, änderte er ſeinen Ton und nahm mich nun gerne in ſein Haus auf, reichte mir Nahrung und ſandte nach mei⸗ nem Koffer, der denn auch bald in Begleitung eines Bettes und dreier Decken eintraf, die mir der menſchen⸗ 356 freundliche Portugieſe zum Geſchenke machte. So waren denn meine Ausſichten für dieſe Nacht auf einmal ge⸗ waltig und zu meinen Gunſten geändert, und ich konnte Gott nur aus innerſtem Herzen für all' ſeine Gnade danken. Der alte Schwarze, der ebenfalls ziemlich bemittelt war, ſtand auch im Begriffe, die Stadt zu verlaſſen, be⸗ fragte mich jedoch noch vor ſeinem Scheiden, ob ich eine Bibel beſitze. Als ich ihm dieſe Frage bejaht hatte, ließ er mir dennoch keine Ruhe mehr, bis ich von ihm eine große Bibel in engliſcher Sprache angenommen hatte, welch' letztere er ſehr geläufig redete. Mit dem Buche waren noch Gebete für Seeleute zuſammengebunden, die gleich der Bibel ein ordentliches Gebetbuch bildeten; ich nahm ſein Geſchenk an und beſitze es noch. Der alte Mann ging endlich und ließ einſtweilen ſeinen Sohn bei mir zurück, und alsbald begann ich in meinem Pilgrim's Progress zu leſen; der junge Mann, der ebenfalls ſehr gut engliſch verſtand, trug ein Verlangen, in dieſem Buche zu leſen, und hatte kaum eine Weile darin geblättert, als er mich in allem Ernſte um das Buch bat und mir eröffnete, er habe noch zwei Schweſtern, denen es unend⸗ lich Freude machen würde, ein ſolches Werk zu beſitzen. Ich konnte es ihm nicht abſchlagen, und er verſprach mir, an ſeiner Statt ein anderes Buch zu ſchicken, das mir nicht minder gefallen ſollte. Er nahm hierauf Bunyan's Pilgrim's Progress mit ſich und verließ mich. Eine halbe Stunde ſpäter brachte mir ein Diener das verſprochene Buch, das kein anderes war, als Doddridge's Rise and Pprrogress; als ich darin blätterte, fand ich einen meri⸗ faaniſchen Doller zwiſchen zwei der Blätter geklebt. Ich ſah darin ein ſichtbares Eingreifen der Vorſehung und einen Beweis, daß der Herr mich nicht verlaſſen wollte, und meine Dankbarkeit war gewiß eben ſo aufrichtig, als gegründet. Sämmtliche Hausgenoſſen ſchienen mir gottes⸗ fürchtige Perſonen zu ſeyn, denn ich verbrachte die halbe Nacht im Geſpräch über Gegenſtände des chriſtlichen Glaubens mit den malayiſchen Dienern, welche davon — ⏑—— — ⏑—— 3⁵⁷ ſchon manchen richtigen Begriff zu haben ſchienen; ich wußte wohl, daß meine Lehren kaum mehr waren, als wenn ein Blinder den andern lehren will, allein es war doch wenigſtens das Verdienſt dabei, daß es von Gott kam, indem ich in einem, meinen demüthigen Anſprüchen auf ſeine Gnade entſprechenden Tone mit den Malayen verkehrte. Dieſe Diener reichten mir am andern Morgen ein Frühſtück und brachten meine Habſeligkeiten und Koffer zum Strande hinab, wo das Boot des„Pluto“ mich aufnahm. Wie glücklich war ich nicht, mich ſelbſt nun wieder unter den Sternen und Streifen der amerikani⸗ ſchen Flagge zu befinden, wo ich wohl aufgenommen und ſehr human behandelt wurde. Etwa zwanzig Tage, nach⸗ dem ich an Bord gekommen war, ging das Schiff nach Bremerhafen unter Segel. Ich konnte natürlich auf der Ueberfahrt mich kaum nützlich machen, denn ich mußte auf allen Vieren krie⸗ chen, wenn ich mich über das Verdeck hinwegbewegen wollte; nur Nadel und Spließhorn konnte ich ohne An⸗ ſtrengung führen. Wir mochten etwa vierzehn Tage un⸗ terwegs ſein, als der Schiffszimmermann, von New⸗ York gebürtig, ſtarb; ich machte den Verſuch, ihm aus der Bibel vorzuleſen und mit ihm zu beten, allein ich kann nicht ſagen, daß das Bewußtſeyn ſeiner wahren Lage in ihm erwachte. Wir berührten St. Helena, um Waſſer einzunehmen, und durften nun, da Napoleon längſt todt war, ungehindert landen; als wir unſere Waſſerfäſſer gefüllt hatten, gingen wir wieder unter Segel und erreichten unſern Hafen zu gehöriger Zeit. Ich war nun in Europa, einem Welttheile, den ich wieder zu ſehen zehn Monate zuvor kaum gehofft hätte; allein noch immer war es mein ſehnlichſter Wunſch, nach Amerika zurückzukehren, und ich erhielt daher Er⸗ laubniß, auf dem Schiffe zu bleiben. Kapitän Bunting und Herr Bowden, der Steuermann, behandelten mich 358 auf die liebreichſte Weiſe und verſahen mich mit allen Bedürfniſſen. Nach Verlauf von ein paar Wochen gin⸗ gen wir wieder nach New⸗York unter Segel, das wir im Monat Auguſt 1840 erreichten. Ich verließ den„Pluto“ im Quarantänegrund und begab mich nach Sailor's Retreat auf Staten⸗Island, wo mir der Arzt mittheilte, daß ich mich wohl nie ſo⸗ weit erholen werde, um den früheren Gebrauch meines Beines wieder zu erhalten, daß aber das Bein ſich all⸗ mählig erkräftigen und mich am Ende in den Stand ſetzen würde, ohne Krücken zu gehen. Die Folge lehrte, daß er vollkommen Recht batte; die Schmerzen hatten längſt ſchon aufgehört, und mein einziges Leiden war nur die ausnehmende Schwäche des Beins; das Hüftgelenke iſt auf eine Weiſe verletzt worden, daß ich noch jetzt ge⸗ nöthigt bin, mich beim Gehen auf einen Stock zu ſtützen. In Sallor's Retreat traf ich wieder auf Herrn Muͤller und empfing nun von ihm zum Erſtenmal regelmäßigen geiſtlichen Beiſtand und Rath, der ſehr wohlthätig auf mich einwirkte. Nachdem ich etwa einen Monatk in dem Spital verlebt hatte, beſchloß ich, mich mittelſt einer Bitt⸗ ſchrift um Aufnahme in Sailor's Snug Harbour(wört⸗ lich: den behaglichen Hafen der Matroſen), ein reich be⸗ gabtes Stift und Aſyl für Seeleute, zu melden. Zur Aufnahme in daſſelbe war erforderlich, daß man fünf Jahre unter der Flagge geſegelt und eine Charge erwor⸗ ben habe. Ich hatte mit zwei Ausnahmen vierunddreißig Jahre lang unter der Flagge der Union gedient, und glaube, daß ich in all dieſer Zeit— die neunzehn Mo⸗ nate meiner Gefangenſchaft ausgenommen,— zuſammen nicht zwei Jahre lang am Lande war. Ich meine faſt, daß ich, Alles zuſammengerechnet, mindeſtens ein Viertel⸗ jahrhundert lang gelebt ſabe. ohne auch nur einen Strei⸗ fen Lands zu ſehen.*) *) Wenn ich dieſe Papiere und Schilderungen überblicke, finde — = SͤSͤSSSSeͤSS—, O S= 359 Ich ging nun nach New⸗York hinauf und forſchte nach Kapitän Pell, unter dem ich auf dem„Sully“ und der„Normandy“ gedient hatte; dieſer Herr gab mir ein Zeugniß und drückte mir beim Abſchied noch einen Dollar in die Hand, der nun alle Münze war, die ich mein nennen konnte. Nächſtdem ſuchte ich nun den Kapitän Witheroudt von der„Silvie de Graſſe“ auf, der mich ganz auf dieſe Weiſe behandelte; ich ſagte ihm zwar, daß ich ſchon einen Dollar beſitze, allein er beſtand darauf, es müßten deren zwei ſeyn. Mit dieſen beiden Dollars in meiner Ta⸗ ſche ſchlenderte ich Wall⸗Street hinauf, als mir auf ein⸗ mal, wie ich mich umblickte, das Penſtonsbureau in die Augen fiel. Der Leſer erinnert ſich vielleicht noch, daß ich Waſhington in der Abſicht verließ, Lemuel Bryant auf⸗ zuſuchen und mir von ihm ein Zeugniß zu verſchaffen, mittelſt deſſen ich eine Penſion für die Wunde, die ich an Bord der„Peitſche“ erhalten, empfinge; mit dieſem Projekte hatte ich damals den Plan verbunden, nach Bo⸗ ſton zurückzukehren und mir eine Anſtellung auf der Ad⸗ miralitäts⸗Werfte zu verſchaffen, weshalb denn auch mein Penſionsbillet auf Boſton zahlbar gemacht worden war; meine Ankunft in New⸗York und der Auszug auf den Häringsfang hatten, damals dieſen Plan außer Wirkung geſetzt und ich hatte vor meiner Abreiſe nach Savannah ich, daß Ned mit Ausnahme aller Gefangenen⸗, Transport⸗ und anderer Fahrzeuge, in welchen er nur Ueberfahrten machte, regel⸗ mäßig auf zweiundſiebenzig verſchiedenen Schiffen gedient hat! In mehreren dieſer Fahrzeuge machte er mehrere Reiſen. Im„Ster⸗ ling“ z. B. machte er verſchiedene Reiſen mit dem Verfaſſer, und außerdem in ſpäterer Zeit noch vier Reiſen nach Europa. Im „Erie“ machte er vier verſchiedene Reiſen nach Havre, welche übri⸗ gens in obiger Liſte nur für Eins zählen. Im„Washington“ machte er ebenfalls drei Reiſen nach London ꝛc., und auch in an⸗ dern Fahrzeugen machte er oft zwei Fahrten. Mir däucht, daß Ned’s Berechnung— wonach er fünfundzwanzig Jahre lang kein Land mehr zu Geſicht bekommen— vermuthlich richtig iſt. Alles in Allem gerechnet, muß er auf beinahe hundert verſchiedenen Schif⸗ fen geſegelt ſeyn. Anm. des Verfaſſers. 360 mein Penſionsbillet zu dem Agenten deſſelben Bureau in der Wall⸗Street getragen und um ein anderes nachge⸗ ſucht, das in New⸗York zahlbar wäre. Dies war das Letztemal geweſen, daß ich mein Billet geſehen oder über⸗ haupt nur an meine Penſion gedacht hatte. Wie ich nun ſo plötzlich und durch den augenſcheinlichſten Zufall durch dieſe Straße geführt wurde, trat ich doch in das Bureau und ward augenblicklich erkannt. Alles war in Ordnung und ich verließ den Agenten mit ſechsundfünfzig blanken Thalern in meiner Taſche! Ich hatte keine Ahnung von dieſer Penſion gehabt, als ich nach der Stadt heraufge⸗ kommen war, und nun war auf einmal ein ſo reicher Vorrath an Geld auf die unerwartetſte Weiſe mir be⸗ ſchieden worden. Für einen Mann von meinen jetzigen Sitten, der den Trunk ganz aufgegeben hatte, war ich nun ſehr reich; anſtatt indeß in der Stadt zu bleiben, verfügte ich mich unmittelbar nach dem Aſyle für Matroſen und meldete mich bei ſeinem ehrenwerthen Vorſteher, Kapitän Whetten. Ich wurde ohne Schwierigkeiten in das In⸗ ſtitut aufgenommen und bin ſeither einer ſeiner Inſaſſen. Meine Aufnahme in Sailor's Snug Harbour fand am ſiebenzehnten September 1840, gerade einen Monat nach meinem Eintritte in Sallor's Retreat, ſtatt; das letztge⸗ nannte Inſtitut iſt ein Hoſpital der Seeleute, worin ſie blos behufs ihrer Kur aufgenommen werden, während das erſtere ein lebenslängliches Aſyl für. invalide See⸗ leute iſt. Den Grundſtock letzterer Anſtalt bildet eine Stiftung, die vor langen Jahren ein alter Kapitän ge⸗ macht hat, deſſen ſterbliche Ueberreſte dem Gebäude ge⸗ genüber begraben liegen. Da ich nun wußte, daß ich für den Reſt meiner Tage ein ſicheres Obdach habe, falls es mir hier gefiele, und ich durch meinen Lebenswandel würdig bliebe, mich der Wohlthat einer ſo vortrefflichen Stiftung theilhaftig zu machen, betrachtete ich mich nun wie einen Menſchen, S SeOG „ 1—.———.,————————r,———— — —2 2 3 1 3 — ——— — — 361 der mit der Welt abgeſchloſſen und auf ſie verzichtet hat. Eine meiner erſten Sorgen ging zunächſt dahin, mich ſelbſt öffentlich zu irgend einer chriſtlichen Gemeinſchaft oder Kirche zu bekennen und dadurch meine Dankbarkeit für die Erlöſung und Gnade Gottes an den Tag zu legen. Herr Müller, deſſen Predigten einen ſo tiefen Eindruck auf mein Herz und Gemüth gemacht hatten, wohnte nur ein und eine halbe Meile weit von dem Aſyl entfernt, und an ihn beſchloß ich mich zunächſt mit meinem Anliegen zu wenden. Durch meine Taufe ge⸗ hörte ich der biſchöflichen Kirche an,— ich bin noch immer dieſem Kultus mehr gewogen und fühle mich inni⸗ ger zu ihm hingezogen, als zu irgend einem andern der chriſtlichen Kirche; Sekten aber haben überhaupt wenig Einfluß auf mich, denn ich betrachte das Gemüth für die Hauptſache, wobei ich unter goͤttlicher Gnade nicht im Irrthum zu ſeyn glaube. Zwei von uns ſchlugen ſich daher zu der Kirche des Herrn Müller, deſſen Com⸗ munieanten wir ſeither ſtets geblieben ſind. Doch habe ich zugleich auch die Glaubensregel, in welcher ich ge⸗ tauft worden bin, nicht ganz verlaſſen, ſondern commu⸗ nicire noch von Zeit zu Zeit in der Kirche des Herrn Moore. Ich mache hierin keinen Unterſchied, obwohl ich vermuthe, daß gelehrtere Chriſten als ich in den unterſcheidenden Merkmalen dieſer beiden Kirchen— der engliſchen Hochkirche nämlich und der deutſch⸗reformirten— Grund genug zu religiöſen Streitigkeiten finden dürften; — was mich anbelangt, ſo glaube ich, es nimmermehr mit einer der beiden zu verderben. Kurz nachdem ich in dem Seemannsaſyl vor Anker gegangen war, erfuhr ich zu meiner größten Ueberraſchung, daß meine Schweſter voon Halifar nach New⸗York gezogen ſey und ſeither hier lebe. Jetzt hielt ich es für meine Pflicht, ſie aufzuſuchen und ſie zu beſuchen, was ich denn auch that, ſo daß wir nach fünfundzwanzigjähriger Trennung wieder mit Edward Myers. 24 362. einander zuſammentrafen. Ueber meine Familie wußte ſie mir wenig Neues zu ſagen, doch erfuhr ich von ihr zum erſten Male, daß mein Vater auf dem Schlacht⸗ felde geblieben ſey; wer oder was er geweſen war, habe ich ebenſowenig in Erfahrung bringen können, und meine Kenntniß von ihm geht nicht weiter als auf die Thatſachen, die ich zu Anfang dieſes Lebensabriſſes bereits erwähnt habe.. 4 Die Behandlung des Kapitän Johnſton war mir immer in freundlichem Andeuken geblieben, und ein Zu⸗ fall wollte es, daß ich mich nach ihm erkundigen konnte; der Vorſteher des Aſyls hatte mir nämlich die Bibliothek des Inſtituts zur Verwaltung anvertraut, und ich hörte eines Tages etliche der fremden Beſucher von Wiseaſſet reden. Dies gab mir den Muth, mich nach meinem frühern Kapi⸗ tän zu erkundigen, und ich erfuhr zu meinem Vergnügen, daß er nicht nur noch am Leben, ſondern in den beſten Umſtänden und bei voller Geſundheit war. Zu meiner Ueberraſchung erfuhr ich, daß einer ſeiner Neffen gegen⸗ wärtig kaum eine Meile von mir entfernt wohne. Im September 1842 ging ich nach Wiscaſſet, um Kapitän Johnſton zu beſuchen, und wurde von ihm aufgenommen, wie der reuige verlorne Sohn. Der alte Herr und ſeine Schweſter ſchienen höchſt erfreut, mich wieder zu ſehen, und ich erfuhr, daß Kapitän Johnſton jetzt die See verlaſſen, wiewohl noch Schiffs⸗Eigenthümer war und ein herrliches Fahrzeug von fünfhundert Tonnen beſaß, das in dieſem Augenblick noch zur See iſt, und nach unſerem alten Fahrzeug den Namen„Sterling“ führt. 3 Ich verblieb mehrere Wochen lang in Wiseaſſet, verplauderte natürlich einen hübſchen Theil dieſer Zeit mit dem Kapitän Johnſton über die gute alte Zeit, und erwähnte beiläufig, ich ſey der Anſicht, einer unſerer alten Schiffsgefährten ſeye noch am Leben. Als er mich nach demſelben fragte, erinnerte ich ihn an den jungen Mann, Namens Cooper, der einſt mit mir im„Sterling“ ge⸗ weſen war. Er gedachte dieſes Mannes noch ganz gut und ſagte zu mir, er halte ihn für denſelben Kapitän Cooper, der jetzt in der Marine diene. Dies war eben⸗ falls lange Zeit meine Meinung geweſen, allein als ich mich an Bord des„Hudſon“ befand, der damals in New⸗ York vor Anker lag, hörte ich eines Tags, daß ein Kapitän Cooper zum Beſuch zu uns an Bord gekom⸗ men ſey, eilte raſch auf's Verdeck, um ihn zu ſehen, und überzeugte mich bald, daß es nicht mein früherer Schiffs⸗ gefährte war. Es dienten zwei Kapitäne Cooper in der Marine— Vater und Sohn— allein keiner von ihnen hatte je auf dem„Sterling“ gedient. Nun blieb nur noch der Verfaſſer ſo mancher Seeromane und der„Ge⸗ ſchichte der Marine der Vereinigten Staaten“ übrig, der ſich zu Cooperstown im Staate von New⸗York aufhielt, und ich hatte es mir in den Kopf geſetzt, dieſes müſſe wohl derſelbe junge Mann ſeyn, der ſich einſt mit uns an Bord des„Sterling“ befunden. Kapitän Johnſton theilte dieſe Anſicht nicht, allein ich beſchloß, mir als⸗ bald nach meiner Rückkehr nach New⸗York Gewißheit darüber zu verſchaffen. 4 Von meinem Beſuche in Wiscaſſet kehrte ich im November 1842 nach dem Aſyl Sailor's Snug Harbour zurück. Ich darf hier nicht unerwähnt laſſen, daß die in dieſem Inſtitute aufgenommenen Männer, die ſich eines ordentlichen Lebenswandels befleißigen, jeden Augenblick Ur⸗ laub und die Erlaubniß erhalten können, jede beliebige Reiſe zu machen und zu jeder beliebigen Zeit wieder zu⸗ rrückzukehren. Es herrſcht hier nicht mehr Zwang, als zur Behaglichkeit der Aufgenommenen und zur Aufrecht⸗ haltung einer guten Ordnung nütze iſt, denn der einzige Zweck dieſes Aſyls iſt ja, alten Matroſen ein behagliches Lebensende zu bereiten. Bald nach meinem Rückkehr in's Aſyl ſchrieb ich an Herrn Fenimore Cooper und ſandte 24* 364 dieſen Brief an ſeinen Aufenthalt nach Cooperstown, um mich nur einfach zu erkundigen, ob er wirklich die Per⸗ ſon oder aus der Familie deſſelben jungen Mannes ge⸗ weſen, der einſt mit mir an Bord des„Sterlings“ geweſen war. Die Antwort, die ich erhielt, begann mit den Wor⸗ ten:„Ich bin Euer alter Schiffsgenoß, Ned!“— Herr Cooper gab mir zugleich die Nachricht, wann er wieder nach der Stadt kommen und wo er alsdann wohnen werde. Im Frühjahr erhielt ich einen Boten von Herrn Brancard, dem Eigenthümer des Globe⸗Hotels in New⸗ York und zugleich auch des Hotel⸗Brighton neben unſe⸗ rem Aſyl, wodurch er mich wiſſen ließ, daß Herr Cooper in der Stadt ſey und mich zu ſprechen wünſche. Am andern Tage machte ich mich nun nach der Stadt auf, fand ihn aber nicht; nach mehreren vergeblichen Ver⸗ ſuchen hinkte ich eben Broadway hinauf, um wieder nach dem Globe⸗Hotel zu gehen, als mein alter Befehlshaber zu Penſacola, Kommodore Bolton, Arm in Arm mit einem Fremden die Straße herabkam. Ich grüßte den Kommodore, der mir mit Kopfnicken meinen Gruß zurück⸗ gab und dadurch den Fremden veranlaßte, ſich umzublicken. Augenblicklich hörte ich, wie eine Stimme, die mir ſo⸗ gleich bekannt war, meinen Namen nannte, obwohl ich ſie ſeit ſtebenunddreißig Jahren nicht mehr gehört hatte. Es war mein alter Schiffsgenoß— derſelbe Herr, der nach meinen mündlichen Schilderungen dieſe Erzählung meiner Lebensbahn und meiner Erlebniſſe aufgezeichnet hat.— Herr Cooper bat mich nun, ihn auf ſeinem Land⸗ ſitze zu beſuchen und ein paar Wochen bei ihm zu ver⸗ bringen; mir war der Antrag ſo willkommen, daß ich gerne zuſagte, und wir langten zu Anfang Juni in Coo⸗ perstown an. Ich fand hier ein niedliches Dörfchen, einen hübſchen See, neun Meilen lang, und dabei noch eine wunderſchöne landſchaftliche Umgebung. Ich war ſeit der Zeit, wo ich auf dem Ontario⸗See gedient hatte, niemals ſo weit von der Seeküſte abgekommen, und be⸗ ———:——9 G au 2— △ K8—* αι— Rð& K — ☛⏑— R 8 ſo kann er nichts Beſſeres thun, a 365 fand mich nun in einer ganz neuen Region. Coopers⸗ town liegt in einem Thale, und dennoch verſichert mich Herr Cooper, daß es zwölfhundert Fuß hoch über der Fluthhöhe des Meeresſpiegels liege. Die Wolken erſchienen mir ſo niedrig, daß ich faſt wähnte, ich könne ihnen die Hand drücken, und Luft und Landſchaft waren ganz ver⸗ ſchieden von jeder andern, die ich ſeither geſehen oder eingeathmet hatte. Mein alter Schiffsgenoß nahm mich oft mit auf den See, den ich als ein trügeriſches Fahrwaſſer kennen ge⸗ lernt habe. Ich hatte ſtets geglaubt, ich habe alle Arten von Winden erlebt, bevor ich den Otſego geſehen, allein erſt auf dieſem See machte ich die Entdeckung, daß hier zuweilen zwei oder drei verſchiedene Winde auf einmal wehten. Während wir auf einem dauerhaften tüch⸗ tigen Boot auf dieſem See umherruderten, erzählte ich meinem alten Schiffsgenoſſen manche von den Vorfällen und Begebenheiten meines unſtäten Lebens, bis er eines Tags die Muthmaßung ausſprach, ſie möchten auch für einen größeren Kreis von Hörern und Leſern Intereſſe haben und des Drucks werth ſeyn. Ich war dazu erbö⸗ tig, wenn das Werk meinen Brüdern, den Matroſen, zu⸗ gänglich und nutzbringend gemacht und zu einer Lehre und Warnung für alle diejenigen gemacht werden konnte, die ſo manchfachen Verſuchungen unterliegen möchten, wie diejenigen waren, welche faſt alle meine Hoffnungen für dieſe Welt und die zukünftige Schiffbruch erleiden ließen. Wir machten uns nun Beide an's Werk und legen hiemit das Reſultat davon vor die Oefeentlichkeit. Ich ver⸗ ſichere dabei nochmals und moͤchte den Leſer noch beſon⸗ ders darauf aufmerkſam machen, daß es buchſtäblich nur meine Geſchichte iſt, die mein alter Schiffsgenoſſe nie⸗ dergeſchrieben hat. Es iſt nun Zeit, mein Tagbr zu ſchließen. Hat ein Mann einmal Alles geſagt, was er zu ſagen weiß, ſobald wie möglich ſchweigen. Ich glaube, daß jedes Wort, das ich hier er⸗ zahlt habe, wahr iſt; hätte ich indeß Unrecht, ſo trüge nur Unkenntniß oder Nachlaß meines Gedächtniſſes die Schuld davon. Es mögen ſich manche unbedeutende Irrthümer in Beziehung auf Daten und Perioden ein⸗ geſchlichen haben, allein auch dieſe dürften ſich bei nä⸗ herer Unterſuchung nur als ſelten ergeben. Bei manchen Anläſſen habe ich nur meine eigenen Empfindungen ge⸗ geben, die, gleich denen anderer Menſchen, bald recht, bald unrecht ſeyn mögen. Was übrigens die hauptſäch⸗ lichſten Thatſachen anbelangt, ſo betrachte ich ſie ſelber als wahr, und urtheile auch von der Mehrzahl der Ne⸗ benumſtände nicht anders.. Es iſt dies die glücklichſte Periode meines Lebens und dauert ſchon ſeit meiner Entlaſſung aus dem Hoſpi⸗ tal von Batavia auf dieſe Weiſe an. Ich wüßte nicht, daß ich je einen glücklicheren Sommer verbracht hätte, als den gegenwärtigen, und wäre noch weit glücklicher und zufriedener in meiner Lage, wenn ich nur nicht ſo viele müßige Zeit im Aſyle hätte. Mir fehlt eine Be⸗ ſchäftigung für meine Mußeſtunden, und ich zweifle nicht, daß ich noch im Stande ſeyn werde, eine Lebensweiſe ausfindig zu machen, die der Thätigkeit meiner früheren Lebensjahre mehr entſpricht. Ich habe Freunde genug — mehr als ich verdiene— und der Mann fühlt doch ein Bedürfniß nach Beſchäftigung, ſo lange er noch Kraft und guten Muth zur Arbeit hat. Was uber mich verhängt werden ſoll, liegt noch in der Hand der Vorſehung, und ich hege das demüthige Vertrauen, daß ſie auch bis zum Ende Sorge für mich tragen werde, wie ſie ſeither ge⸗ than, unter ſo mancher Begebenheit und in ſo mancher Stunde der Gefahr und Verſuchung. Mein ſehnlichſter Wunſch geht dahin; dieſes Gemälde Erlebniſſe und Drangſale eines Seemannes möge dazu beitragen, d e zahlreiche und nützliche Klaſſe der bürgerlichen Geſellſchaft zum Nachdenken uͤber ihren Beruf 2 E —-—-————,— .„——. ASͤ u ul K N=Ö E 367 und ihre Sitten zu bewegen. Ich zweifle nicht, daß das viele Geld, mit welchem ich ſo ſchlecht hausgehalten— ja, das ich weit ſchlimmer noch verwendet habe, als wenn ich es in die See geworfen hätte— das mich in jene ſittliche Hölle der„Gräuel“ verführte, und das bei einer gewiſſen Gelegenheit ſogar den Trieb zum Selbſtmord in mir entflammte— zu einer bedeutenden Summe ange⸗ wachſen wäre, hätte ich es ſorgſam angelegt,— und daß es mir nun zum Mittel geworden wäre, in meinen alten Tagen mir Behaglichkeit, Ruhe und eine geachtete Stel⸗ lung in der Geſellſchaft zu verſchaffen. Es iſt eine Seltenheit, daß ein Seemann nicht hundert Dollars in einem Jahre zurückzulegen vermöchte— gar häufig habe ich neben meinen nützlicheren Ausgaben noch mehr als das Doppelte dieſer Summe eingenommen,— und hun⸗ dert Dollars jährlich würden nach einem Verlauf von dreißig Jahren ſchon zu einem Betrage anſchwellen, der einem alten Manne eine ehrenhafte Unabhängigkeit ſichern würde. Dies wäre aber noch nicht der einzige Nutzen; der Beſitz dieſer Geldmittel würde ein Sporn, nach einem höhern Ziele im Berufsleben zu ſtreben, und Tauſende, die nur gemeine Matroſen bleiben, würden nun ſchon ſeit langer Zeit Offiziere geworden ſeyn, wenn ſie nur im Beſitz jener Selbſtachtung geweſen wären, welche Eigenthum ſo leicht gewährt. Hinſichtlich des Trunkes kann ich nichts ſagen, was nicht ſchon oft von Anderen und beredter geſagt worden wäre, als ich es zu thun vermöchte. Ich glaube nicht, daß ich in dieſer Beziehung ſo ſchlimm war, als vielleicht die Mehrzahl meiner Standesgenoſſen, allein meine Erzäh⸗ lung wird ja genugſam dargethan haben, wie oft Trunk⸗ ſucht oder leichtſinnige Berauſchung mein Vorwärtskommen in meinem Berufe wie meinen Aufſchwung zum Guten gehemmt hat. Der Trunk hat mich zuweilen zu einem tief unter dem Menſchen ſtehenden Weſen umgewandelt und möchte mich— ohne den Beiſtand der göttlichen Gnade— 368 1 die mich im nüchternen und vernünſtigen Zuſtande ſchon bei bloßer Erinnerung mit Schreck und Entſetzen erfüllen würden. Die Vergangenheit habe ich ſo getreulich erzählt, als ich es nur immer zu thun vermocht habe!— Die Zukunft ſteht bei Gott, denn ſein iſt die Kraft und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit!— Ende. manchmal zum Urheber von Verbrechen gemacht haben,