——.—= 4 ——————= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franz! öſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahins und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: e Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Wr 2 Mt.— Pf. 3. Auswärt ige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —— J. f. Cooper's Amerikaniſche Romane, 4 neu aus dem Engliſchen übertragen. * Neunter Band. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 4 2 Zweite Auflage. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1851. Die Beweinte von Wiſh-Con-Wiſh oder die Puritaner in Connecticut. Von J. F. Cooper. Aus dem Engliſchen von Dr. Gottfr. Friedenberg. Doch Ihm und Allen Sie entſchwand— * 5 Stumm hängt die Laute an der Wand! Der Hallen Räume, todt und leer, Durchſchwebt ihr Elfentritt nicht mehr. Rogers. Zweite Auflage. 8 Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1851. Schnellpreſſendruck von 3. Kreuzer in Stuttgart. — Vorrede des Aleberſetzers. Der unerſchöpfliche Verfaſſer hat mit dem Werke, deſſen Uebertragung wir hier dem deutſchen Publikum vorlegen, zunächſt ſeinen nordamerikaniſchen Landsleuten ein Geſchenk machen wollen, und gewiß wird es von dieſen als ein ſehr willkommenes angeſehen werden, da es ſo vielfach in die frühere Geſchichte Nordamerika's eingreift, und aufgeklärte Völker alles dankbar aufzunehmen pflegen, was zur Erläu⸗ terung ſelbſt eines einzigen Blattes ihrer Annalen beiträgt. Dieſe Betrachtung allein würde uns jedoch nicht den Muth zu einer deutſchen Ueberſetzung eingeflößt haben, wäre nicht eine zweite noch hinzugetreten. Wenn nämlich der Verfaſſer in ſeinem Red Rover die Leſer auf die See verſetzte, einen Schauplatz, den in Binnenländern von Hunderten ur Einer aus eigener Anſchauung kennt, ſo führt er uns jetzt in eine Scene ein, die wohl unter Zehntauſenden kaum Einer betreten hat, in die koloſſalen Urwälder der neuen Welt. Die Natur in ihrem eignen, noch unentweihten Gebiet zu belauſchen, wen könnte dies gleichgültig laſſen? Die unſophiſticirten Söhne der Natur handeln zu ſehen und ſprechen zu hören, wen ſollte das nicht anziehen? Aber gerade die Schilderung * VI der Indianer in allen ihren äußerlichen und inneren Be⸗ ziehungen iſt es, die dem Verfaſſer in hohem Grade gelungen zu ſeyn ſcheint; er darf ſich ſchmeicheln, den Europäern, und— ſofern wir als Ueberſetzer die Aufgabe nur einiger⸗ maßen genügend lösten— auch den Deutſchen, einen Blick in den Charakter der Urbewohner ſeines Vaterlandes gewährt zu haben, der eben ſo belehrend für den Pſychologen, als ergötzlich für den allgemeineren Leſer ſeyn dürfte. Nicht unbegreiflich wird man es nach Leſung ſeines Conanchet mehr finden, wie die Indianer ſo raſch aus dem wilden Zuſtande in den der Geſittung überzugehen fähig ſind. Andrerſeits aber darf nicht unberührt bleiben, daß Herr Cooper, mitten im Dunkel der Urwälder Connecticuts, Erinnerungen an große europäiſche ECreigniſſe lebhaft anzuregen gewußt hat, die für jeden Gebildeten ein hohes Intereſſe haben; wir meinen den Kampf der ächten Religioſität mit dem Fana⸗ tismus und dem Indifferentismus,— ein Kampf, der in allen Ländern und Zeitaltern, vorzüglich aber im Mutterlande Amerika's, von Cromwell's Zeit an bis auf die Carls II., die eigenthümlichſten politiſchen und pſychiſchen Erſcheinungen zur Folge hatte. Einlteitun g. Nach Verfluß einer ſo langen Zeit, wo wir die Ueber⸗ lieferungen über die Indianer mit keinem andern Intereſſe hören als dem, welches die Ereigniſſe einer fernen finſtern Zeit zu erregen geeignet ſind, iſt es nicht leicht, ein lebendiges Bild zu geben von den Gefahren und Entbehrniſſen, denen unſere Voreltern trotzten, als ſie vorbereitend für die jetzige Sicherheit und Fülle unſres ſchönen Vaterlandes wirkten. Das beſcheidene Ziel, ſo wir uns bei der in den folgenden Blättern enthaltenen Erzählung vorgeſteckt haben, iſt, die Erinnerung an einige, den früheren Tagen unſrer Geſchichte eigenthümliche Sitten und Thatſachen der Nachwelt mitzutheilen. Im Allgemeinen iſt die Art von Krieg, wie ihn die Ein⸗ gebornen zu führen pflegten, zu bekannt, als daß es vorerin⸗ nernder Bemerkungen bedürfte; um ſo rathſamer dürfte es in⸗ deſſen ſeyn, die Aufmerkſamkeit unſrer Leſer einige Augenblicke auf mehrere Hauptmerkmale der Geſchichte jener Zeit zu lenken, die in engerm oder weiterm Zuſammenhange mit dem Inhalt der folgenden Legende ſtehen. Das Gebiet, welches heutiges Tages die drei Staaten der Union, Maſeſachuſetts, Connecticut und Rhode⸗Island einneh⸗ men, ſoll, dem Unterrichtetſten unſrer Annaliſten zufolge, früher VIII von vier großen indianiſchen Völkerſchaften bewohnt geweſen ſeyn, die, wie gewöhnlich, wieder in zahlloſe abhängige Stämme zerfielen. Dieſe beſaßen in Maſſachuſetts einen großen Theil des Landes, welches gegenwärtig den Staat gleiches Namens ausmacht; die Wompanoags bewohnten die ehemals ſoge⸗ nannte Kolonie von Plymouth, und die nördlichen Gegenden der Plantagen in Providence; die Narraganſetts nahmen die ſüdlicheren Bezirke der Plantagen und die wohlbekannten Inſeln der ſchönen Bat ein, deren Name von dieſer Völkerſchaft entlehnt iſt; die Pequots endlich, oder, wie man gewöhnlich ſchreibt und ausſpricht, Pequods, waren Herrn eines breiten Länderrandes längs der weſtlichen Grenzen der drei übrigen Diſtrikte. Die Staatsverfaſſung der Indianer, die urſprünglich das der See zunächſt gelegene Land bewohnten, iſt in große Dunkel⸗ heit gehüllt. An deſpotiſcher Regierungen gewöhnt, war es wohl eine ſehr natürliche Vermuthung der Europäer, daß die im Machtbeſitz angetroffenen Häuptlinge Monarchen wären, ihre Macht durch die Rechte der Geburt beſäßen. Man gab ihnen daher den Namen: Könige. Inwiefern dieſe Anſicht von der Regierung der Urbewohner die richtige ſey, muß freilich dahingeſtellt bleiben, obgleich Grund für die Meinung vorhanden iſt, daß ſie in Beziehung auf die Völkerſchaften in den Staaten am atlantiſchen Meere der Wahrheit näher komme, als auf diejenigen, welche ſeitdem mehr im Weſten angetroffen wurden, unter denen, wie hinläng⸗ lich bekannt iſt, Einrichtungen beſtehen, die mehr das Gepräge * Bei unſerem nordamerikaniſchen Verfaſſer wohl gleichgeltend mit mo⸗ narchiſchen. D. U. —— IX von Freiſtaaten als von Monarchieen an ſich tragen.* Deſſen⸗ ungeachtet kann es ſich aber doch leicht zugetragen haben, daß der Sohn, die Vortheile ſeiner Stellung benutzend, durch Einfluß oft Nachfolger der Autorität des Vaters wurde, wenn die herkömm⸗ lichen Sitten des Volks auch keinen auf Erbfolge gegründeten Anſpruch gelten ließen. Mag nun aber das Nachfolgerecht ge⸗ weſen ſeyn, welches es wolle, aus der Erfahrung unſerer Vor⸗ eltern geht mindeſtens ſo viel unleugbar hervor, daß in ſehr vielen Fällen das Kind den früher vom Vater behaupteten Rang einnahm, und daß meiſtentheils in unruhigen Zeiten, die bei Völkerſchaften von ſo heftiger Gemüthsbeſchaffenheit nothwen⸗ dig nicht ſelten wiederkehrten, die von dem Häuptling ausge⸗ übte Gewalt, nicht weniger dem intenſiven Gehalt, als der räumlichen Ausdehnung nach, eine allgemeine war. Die Be⸗ nennung: Uncas ward mit der Zeit, gleich der von Cäſar oder Pharao, eine Art von Synonym mit Häuptling bei den Mohigans, einem Stamme der Pequods, über welche verſchie⸗ dene Krieger dieſes Namens nach einander regierten. Der be⸗ rühmte Metacom, oder König Philip, unter welchem Titel er den Weißen beſſer bekannt iſt, war ohne Zweifel Sohn von Maſſaſſoit, dem Sachem der Wompanoags, den die Emigranten mit der Herrſchergewalt bekleidet fanden, als ſte auf dem Felſen von Plymouth landeten. Miantonimoh, der kühne, aber unglückliche Nebenbuhler dieſes die ganze Völkerſchaft der Pe⸗ quods beherrſchenden Uncas, hatte unter den Narraganſetts ſeinen nicht minder heldenmüthigen und unternehmenden Sohn, * So haben z. B. die Cricks und Tſcherokeſen(Cherokees), die faſt zur Cioiliſation heraufgetaucht ſind, ſich kürzlich als einen Freiſtaat erklärt und ſich eine Verfa ſſung gegeben. D. U. X Conanchet, zum Nachfolger; und ſelbſt in einer weit ſpäteren Periode finden wir noch Fälle von dieſer Uebertragung der Ge⸗ walt, welche ſtarken Grund liefern, zu glauben, daß die Nach⸗ folge in der geraden Linie der Abſtammung blieb. Den frühen Annalen unſerer Geſchichte fehlt es nicht an rührenden Beiſpielen edlen Heldenmuths unter den Wilden. Virginien hat ſeine Sage von dem mächtigen Powhattan und ſeiner großherzigen Tochter, der ſchlechtbelohnten Pocahontas; und die Chroniken von Neu⸗England ſind voll von den kühnen Plänen und heroiſchen Thaten des Miantonimoh, des Metacom und des Conanchet. Sämmtliche letztgenannte Krieger zeigten ſich eines beſſern Schickſals würdig, da die Sache, für die ſie ſtarben, und die Art ihres Todes ihre Namen gewiß zu denen der großen Menſchen der Geſchichte hinzugefügt haben würde, wäre ihnen beſchieden geweſen, einem geſellſchaftlichen Verband anzugehören, der auf einem höhern Grad der Bildung ge⸗ ſtanden hätte. Der erſte Krieg von Bedeutung, den die Siedler Neu⸗ Englands zu führen hatten, war der mit den Pequods. Erſt nach einem wilden und blutigen Kampf ward dieſes Volk unterjocht, und Alle, die nicht umgekommen, oder fern weg in die Sklaverei geſchickt wurden, waren froh, ihre Feindſchaft gegen die Aufnahme als Hülfstruppen ihrer Sieger vertauſchen zu können. Dieſer Kampf fand ſtatt, als die Puritaner noch nicht zwanzig Jahre nach Amerika geflüchtet waren.. Man iſt zu glauben berechtigt, daß der gedemüthigte Zu⸗ ſtand der Pequods den Metacom das Schickſal ſeines eigenen Volkes vorausſehen ließ. War auch ſein Vater der früheſte und der beſtändige Freund der Weißen, ſo iſt es doch wahr⸗ 4 XI ſcheinlich, daß die Puritaner dieſe Freundſchaft großentheils der furchtbaren Nothwendigkeit verdankten. Es ſoll nämlich nicht lange vor der Ankunft der Emigranten unter den Wompanoags eine ſchreckliche Krankheit gewüthet und eine ungeheure Anzahl derſelben hinweggerafft haben. Einige Autoren glauben, daß dieſe Krankheit nichts anderes als das gelbe Fieber war, das bekanntlich in unbeſtimmten und, wie es ſcheint, nach ſehr langen Zwiſchenräumen verheerend wiederkehrt. Was aber auch immer die Urſache der ungeheuren Sterblichkeit unter dieſer Nation geweſen ſeyn mag, ihr König Maſeaſſoit ſah ſich durch die Wir⸗ kung veranlaßt, mit den Weißen ein Bündniß zu ſchließen, um ſich den Angriffen ſeiner alten, minder heimgeſuchten Feinde nicht ſchutzlos bloßgeſtellt zu ſehen. Allein der Sohn, ſcheint es, betrachtete den wachſenden Einfluß der Fremdlinge mit miß⸗ günſtigerem Blicke als der Vater. Seinen großen Plan zur Ausrottung der ausländiſchen Race zur Reife zu bringen, damit brachte er den Morgen ſeines Lebens zu, und erfolgloſe Ver⸗ ſuche, dieſen Plan in Ausführung zu ſetzen, füllten deſſen ſpätere Jahre aus. Seine raſtloſe Thätigkeit, um eine Conföderation gegen die Engländer zu Stande zu bringen, ſeine wilde, ſcho⸗ nungsloſe Kriegesweiſe, ſeine Niederlage und ſein Tod ſind zu wohl bekannt, um hier erwähnt zu werden. Nicht minder anziehend und romantiſch iſt die dunkle Ge⸗ ſchichte eines Franzoſen jener Zeit. Dieſer ſoll ein Offizier von hohem Rang in der Armee ſeines Königs geweſen ſeyn, und jener privilegirten Klaſſe der Geſellſchaft angehört haben, welche ſich damals im ausſchließlichen Beſitz aller Würden und ein⸗ träglichen Aemter des franzöſiſchen Königreichs ſah. Die Ueber⸗ lieferungen, und ſelbſt die geſchriebenen Annalen des erſten Jahrhunderts unſerer Beſitznahme Amerika's bringen den Baron de la Caſtine mit den Jeſuiten in Verbindung, von welchen es hieß, daß ſie, bei dem heimlichen Verlangen, eine weltliche Herrſchaft in dem Gebiete der Wilden zu gründen, die Bekeh⸗ rung derſelben zum Chriſtenthume im Schilde führten. Es läßt ſich indeſſen nicht leicht ausmitteln, ob es Geſchmack oder Re⸗ ligioſität, Politik oder Nothwendigkeit geweſen, was dieſen Edelmann veranlaßte, die Salons von Paris mit den Einöden des Penobſcot zu vertauſchen. Was man mit Beſtimmtheit weiß, beſchränkt ſich darauf, daß er den größern Theil ſeines Lebens in einer am Ufer jenes Fluſſes gelegenen roherbauten Feſtung, damals Schloß genannt, zugebracht, viele Weiber und eine zahlreiche Nachkommenſchaft gehabt und einen großen Ein⸗ fluß auf die meiſten in ſeiner Nachbarſchaft vorhandenen Wilden⸗ ſtämme behauptet hat. Auch ſoll er es geweſen ſeyn, der die⸗ jenigen Wilden, welche feindlich gegen die Engländer geſinnt waren, mit Kriegsvorrath verſah, und namentlich mit Waffen von tödtlicherer Art, als die, deren ſie ſich in früheren Kriegen bedient hatten. Welchen Antheil er aber auch an dem Plan zur Vertilgung der Puritaner gehabt haben mochte, ſo verhin⸗ derte ihn der Tod, dem Metacom in ſeinen letzten Anſtrengun⸗ gen beizuſtehen. Es geſchieht in dieſen Blättern auch oft der Narraganſetts Erwähnung. Wenig Jahre vor der Zeit, wo unſre Erzählung anhebt, hatte Miantonimoh einen blutigen Krieg mit Uncas, dem Häuptling der Pequods oder Mohigans, geführt. Das Glück begünſtigte den Letztern, dem es, von ſeinen civiliſtrten Bundesgenoſſen unterſtützt, nicht allein gelang, die Rotten ſeines Feindes zu ſchlagen, ſondern auch dieſen ſelbſt gefangen XIII zu nehmen. Das Haupt der Narraganſetts verlor auf Anſtiften der Weißen ſein Leben an dem Orte, den man jetzt unter dem Namen:„die Häuptlings⸗Ebne“* kennt. Nur noch einige Worte zur Erläuterung weniger Hauptmomente in dem Krieg des ſogenannten Königs Philip(Metacom). Der erſte Aus⸗ bruch fand ſtatt im Juni 1675, etwas über ein halbes Jahr⸗ hundert, nachdem die Engländer zuerſt in Neu⸗England gelandet hatten, und gerade ein Jahrhundert ehe Blut in dem wichtigen Kampfe vergoſſen wurde, welcher mit der Trennung der Kolo⸗ nien vom Mutterlande endigte. Der Schauplatz jenes Aus⸗ bruchs war eine Anſiedelung unweit des berühmten Mount Hope in Rhode⸗Island, wo Metacom und ſein Vater lange Zeit ihre Verſammlungen gehalten hatten. Von dieſem Punkte an dehnte ſich das Blutvergießen und Gemetzel längs der ganzen Grenze von Neu⸗England aus. Haufen zu Fuß und zu Pferde wurden angeworben, um dem Feind entgegen zu gehen, Städte wurden niedergebrannt, Menſchen von beiden Seiten gemordet mit wenig, oft mit gar keiner Rückſicht auf Alter, Stand oder Geſchlecht. Bei keinem Kriege mit den eingebornen Urbeſitzern des Bodens war die wachſende Macht der Weißen ſo ſehr gefährdet, als in dieſem mit König Philip. Der ehrwürdige Geſchicht⸗ ſchreiber Connecticuts ſchätzt den Verluſt an Leuten auf faſt den zehnten Theil von der ganzen Anzahl der Bewaffneten, und nimmt ein gleiches Verhältniß für die im Verlaufe der Feind⸗ ſeligkeiten zerſtörten Häuſer und anderen Gebäude an. Unter eilf Familien in Neu⸗England war durchgängig eine gänzlich abgebrannt. Da die Koloniſten, welche der See am nächſten * The Sachem's plain. XIV angeſtedelt waren, ungefährdet blieben, ſo kann man ſich aus dieſer Berechnung eine Vorſtellung von der Gefahr und den Leiden derjenigen machen, die an entblößteren Orten wohnten. Die Indianer entgingen jedoch der Wiedervergeltung nicht. Die ſchon genannten Hauptvölkerſchaften wurden ſo ſehr geſchwächt, daß ſie ſeit dem nie wieder im Stande geweſen ſind, den Weißen bedeutenden Widerſtand zu leiſten, und die Wälder, wo ſie ſonſt ungeſtört ihre Jagden hielten, ſind von der Zeit an in Aufent⸗ haltsorte eines geſttteten Volkes umgeſchaffen worden. Meta⸗ com, Miantonimoh und Conanchet nebſt ihren Kriegern leben noch als Helden in Geſängen und Volksſagen, während die Nachkommen Derer, welche ihr Gebiet verheert und ihr Volk vertilgt haben, ihrer hochherzigen Kühnheit und der wilden Größe ihrer Charaktere ein ſpätes, aber wohlverdientes Lob zollen. Die Beweinte von Wiſy-Con-Wiſh. Sg Sg 6— Erſtes Kapitel. Der Hand kann ich entſagen, dem Glauben nie. Shakſpeare. Die Ereigniſſe in dieſer Erzählung ſind in einer längſt vor⸗ übergegangenen Periode der Annalen Amerika's zu ſuchen. Unge⸗ 1 fähr ein halb Jahrhundert vor der Zeit, mit welcher unſre Geſchichte * 4 anhebt, hatte eine Kolonie frommer Auswanderer, ſich ſelbſt aus keiem Vaterlande verbannend, in dem fie wegen ihrer religiöſen 6 Anſichten verfolgt wurden, zuerſt Fuß auf den kahlen Felſen von Plymouth geſetzt; und gar manche große Strecke dieſer Wuſte hatte ſich ſeitdem unter ihren und ihrer Kinder Händen in lachende Gefilde und anmuthige Dörfer umgewandelt. Doch bearbeiteten die Emigranten faſt nur die an der Küſte belegenen Ländereien, weil hier die Gewäſſer zwiſchen ihnen und Europa eine Art von Ver⸗ bindung mit den fernen Wohnungen der Civiliſation, mit dem Lande ihrer Väter, herzuſtellen ſchienen. Allein der Unternehmungsgeiſt, das Verlangen, noch fruchtbarere Gebiete ausfindig zu machen, und der Reiz, den die ungeheuren unbekannten Regionen längs des weſtlichen und nördlichen Saumes ihrer Kolonie hatten, ver⸗ aulaßten viele wagehalſige Abenteurer unter ihnen, tiefer in die Urwälder einzudringen. Eine dieſer Siedelungen nun, die, bei dem Vorrücken der Cioiliſation durch das Land, nicht unpaſſend die verlornen Schildwachen genannt werden können, iſt gerade der Fleck, wohin wir die Einbildungskraft unſerer Leſer zu verpflanzen wünſchen. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 1 So wenig kannte man zu jener Zeit die großen Umriſſe des amerikaniſchen Feſtlandes, daß, als die Lords Say, Seal und Brooke, mit noch einigen Gefährten verbunden, ſich die Schen⸗ kung des Gebiets, welches jetzt den Staat von Connecticut aus⸗ macht, erwirkten, der König von England ſeinen Namen einer Urkunde anhängte, die ſie zu Eigenthümern keiner geringern Länder⸗ ſtrecke machte, als der von den Küſten des atlantiſchen Meeres bis zu denen der Südſee. Trotz der offenbaren Unmöglichkeit, ein⸗ ſolches Gebiet jemals zu unterjochen, oder auch nur auszufüllen, fanden ſich doch Emigranten aus der Stammkolonie von Maſſachu⸗ ſetts zu dem herkuliſchen Unternehmen bereit, und zwar ehe noch drei Luſtra ſeit dem Tage, wo ſie den genannten Felſen zuerſt be⸗ treten hatten, verfloſſen waren. Bald waren das Fort Say⸗Brooke, die Staͤdte Windſor und New⸗Haven in's Daſeyn gerufen, und die kleine damals entſtandene Kolonie iſt ſeit jener Zeit bis zum heu⸗ tigen Tage, ſtetigen, ruhigen Schrittes, gedeihlich in ihrer Lauf⸗ bahn vorwärts geſchritten, ein Muſter der Ordnung und der Ver⸗ ſtändigkeit, ein Bienenkorb, aus welchem Schwärme arbeitſamer, kräftiger und aufgeklärter freier Landbauer ſich über eine ſo uner⸗ meßliche Strecke verbreitet haben, daß man wirklich glauben ſollte, die Beſitznahme der in ihrer urſprünglichen Schenkungsurkunde bezeichneten ungeheuren Regionen werde noch von ihnen angeſtrebt. Unter den Religionsbekennern, die theils der Unwille, theils die Verfolgungen bald zu einer freiwilligen Verbannung in die Anſiedelungen gezwungen, befand ſich eine mehr als verhältniß⸗ mäßige Anzahl Leute von Stande und Erziehung. Sorgloſe und lebensluſtige jüngere Familienſöhne, Militärs außer Dienſt, und junge Rechtsgelehrte ſuchten früh Beförderung und Abenteuer in den ſüdlicheren Provinzen, wo das Daſeyn von Sclaven ſie der Nothwendigkeit überhob, ſelbſt zu arbeiten, und wo Krieg und eine kühnere, regere Politik lebhafte, ihren Fähigkeiten, Gewohn⸗ heiten und Neigungen zuſagende Auftritte häufiger herbeiführten. 1, * 4 * 3 Die Ernſteren, die religiös Geſtimmten fanden in den Anſiedelun⸗ gen von Neu⸗England eine Zuflucht. Dorthin verpflanzten denn auch viele Privatleute ihr Vermögen und ihre Familien, und gaben dem Lande einen Schwung der Verſtandesbildung und der Sitt⸗ lichkeit, den es ſich edel bis auf die jetzige Stunde zu erhalten gewußt hat. Die Bürgerkriege in England waren von einer Beſchaffenheit, die viele Männer von großer und aufrichtiger Frömmigkeit für das Kriegshandwerk gewann. Davon hatten einige ſich in die Kolonie zurückgezogen, ehe die Unruhen im Mutterlande ihre Kriſis er⸗ reichten. Während der ganzen Dauer derſelben gingen die Aus⸗ wanderungen ebenfalls vor ſich, und als endlich die Reſtauration der Stuarte eintrat, ſuchten ganze Haufen von denen, die mit jenem Hauſe unzufrieden waren, Sicherheit in dieſen entfernten Gebieten. Ein Militär, Namens Heatheote, ein finſterer Fanatiker, war einer der erſten ſeines Standes, die das Schwert mit den dem Anbau einer jungen Anſiedelung eigenthümlichen Feldwerkzeu⸗ gen vertauſchten. Es gehört nicht zu unſerm gegenwärtigen Vor⸗ haben, den Einfluß darzuthun, welchen der Beſitz eines jungen, ſchönen Weibes auf ſeinen Entſchluß ausübte; aber die Documente, denen wir den Stoff unſerer Erzählung verdanken, laſſen ſtark vermuthen, daß er der Meinung geweſen, ſeine häusliche Eintracht würde in den Wildniſſen der neuen Welt nicht weniger geſichert ſeyn, als unter den Gefährten, mit denen ſeine früheren Verbin⸗ dungen ihn natürlich zuſammenführen mußten. Seine Gemahlin war, wie er, einer derjenigen Familien entſproſſen, die von den Freiſaſſen der Zeiten der Eduard und der Heinrich herſtammten, und daher Erbbeſitzer von Landgütern wurden, durch deren all⸗ mählich ſteigenden Werth ſie ſelbſt den Rang kleiner Landgutsbe⸗ ſitzer erſtiegen. Bei den meiſten europäiſchen Nationen würden ſte zur Klaſſe des niedern Adels gezählt worden ſeyn. Das Familienglück des Kapitäns Heatheote ſollte einen herben Stoß erleiden, und zwar von einer Seite, wo die Umſtände ihn nur wenig Gefahr befürchten ließen. Noch an dem Tage, an dem er das langerſehnte Aſyl erreichte, machte ihn ſeine Gattin zum Vater eines tüchtigen Knaben, ein Geſchenk, das ſie mit dem traurigen Preiſe ihres eigenen Lebens erkaufte. Um zwanzig Jahre älter als das Weib, das ſein Loos zu theilen ihm in dieſe entfernte Küſten gefolgt war, hatte der abgedankte Krieger es ſtets als etwas betrachtet, das ſich ganz von ſelbſt verſtehe, daß er der erſte ſeyn werde, die Schuld der Natur abzuzahlen. Waren auch die Ausſichten, ſo der Kapitän ſich von einer zu⸗ 6 künftigen Welt gebildet hatte, ſattſam glanz⸗ und lebensreich, ſo ſchien er ſie doch allem Vermuthen nach durch eine lange Viſta ruhigen und ſüßen Genuſſes in der gegenwärtigen ſich angeſchaut zu haben. Aber ſein Naturell gehörte nicht zu denen, die durch menſchliche Glückswechſel ihre Faſſung verlieren können; nur ins Düſtere färbte das Unglück ſeinen Charakter, den die Subtilitäten der Sectirerlehren ſchon ernſt geſtimmt hatten. Unveränderlich in den einmal angenommenen Gewohnheiten lebte er nützlich, eine ſtarke Säule des Rathes und des Muthes für ſeine unmittelbare Umgebung, aber abgeneigt ſowohl von Natur als durch ſeine Stim⸗ mung, die frühdahingewelktes Glück getrübt hatte, diejenige Rolle in den Angelegenheiten des kleinen Staates zu übernehmen, auf die er theils wegen ſeines Vermögens, theils wegen ſeines frühern Geſchäftskreiſes, mit Recht hätte Anſpruch machen können. Seinem Sohne gab er eine Erziehung, wie ſie ſeine eigene Bildungsſtufe und die der jungen Kolonie von Maſſachuſetts mög⸗ lich machte. Aus einer gewiſſen frommen Täuſchung, deren Ver⸗ dienſtlichkeit wir nicht unterſuchen wollen, glaubte er dadurch einen lobenswerthen Beweis von ſeiner eigenen unbedingten Hingebung in den Willen der Vorſehung abgelegt zu haben, daß er ihm in der Taufe den Namen: Zufriedenheit“ geben ließ. Sein „ Wir werden uns im Verfolg die Freiheit nehmen, den jungen Herrn 4 5 eigner Taufname war Marcus, ein Name, den ſeine Ahnen ſeit zwei oder drei Jahrhunderten zu führen pflegten. Wenn die Welt in ſeinen Gedanken ein wenig vorherrſchte, wie das denn wohl zu⸗ weilen auch den größten Selbſtverleugnern begegnet, ſo erzählte er ſogar von einem Sir Mareus in ſeiner Familie, der ſich im Gefolge eines der kriegeriſchen Könige ſeines Vaterlandes den Rittertitel erritten hatte. Es iſt einiger Grund vorhanden, zu glauben, daß der große Vater alles Uebels ſchon früh mit einem böswilligen Auge das ſchöne Beiſpiel der Verträglichkeit und ſtrengen Sittlichkeit an⸗ blickte, das die Anſiedler Neu⸗Englands der übrigen Chriſtenheit gaben; auf jeden Fall, mögen ſie nun hergekommen ſeyn, woher ſie wollen, Schismen und Lehrſtreitigkeiten erhoben ſich unter den Emigranten, und nicht lange dauerte es, ſo ſah man, wie Menſchen, die den Heerd ihrer Vorväter gemeinſchaftlich verlaſſen hatten, um in Frieden ihrer Religion leben zu können, ſich von einander trennten, damit ſie unbeläſtigt ihre eigenthümliche Glaubensanſicht genießen könn⸗ ten, ohne welche, nach ihrem eben ſo vermeſſenen als thörichten Da⸗ fürhalten, die Huld des allmächtigen und gnädigen Vaters des Uni⸗ verſums nicht zu gewinnen war. Hätten wir uns eine theologiſche Aufgabe geſtellt, ſo wäre hier der Ort für eine heilſame Abſchwei⸗ fung über die Eitelkeit und Verkehrtheit unſeres Geſchlechtes. Als Marcus Heatheote der Gemeinde, in deren Mitte er nun ſchon über zwanzig Jahre gewohnt hatte, ſeinen Entſchluß kund⸗ machte, zum zweiten Male ſeinen Familienaltar in der Wildniß aufzurichten, damit er und die Seinigen Gott auf die Weiſe, die ſie für die richtigſte hielten, anbeten könnten, ſo erregte die Nach⸗ richt allgemein ein dem Schrecken und der Ehrfurcht verwandtes Gefühl. Für den Augenblick war der Eifer für Lehrverſchieden⸗ heiten vergeſſen, und nur die Achtung und die Anhänglichkeit herrſchte, Zufriedenheit, der beliebten Kürze halber, bei ſeinem engliſchen Namen zu nennen, nämlich: Content. D. U. die ihm nach und nach ſeine ſtrenge Haltung und unleugbare prak⸗ tiſche Tugenden erworben hatten. Die Aelteſten der Anſiedelung hielten lange und liebevolle Unterredungen mit ihm; allein die Stimme der Verſöhnung und Verträglichkeit kam zu ſpät. Mit einem achtungsvollen aber düſtern Blick gab er den Gründen der von allen angrenzenden Communen herbeigekommenen Seelſorger Gehör; mit der tiefen Ehrfurcht, die ihn ſtets durchdrang, wenn er ſich dem Fußſchemel des Allmächtigen näherte, vexeinigte er ſich mit ihnen in den Gebeten um Erleuchtung und Belehrung; allein er brachte zu beiden ein von Selbſtgenügſamkeit und geiſtlichem Stolze zu erfülltes Gemüth, um ſein Herz dem Mitgefühl und der Liebe zu öffnen, deren ſich die Bekenner der milden Hhriſtlichen Sittenlehre doch ſo ſehr befleißigen ſollten. Alles was der An⸗ ſtand gebot, alles was das Herkommen eingab, geſchah, doch un⸗ veränderlich blieb der halsſtarrige Sectirer. Sein Schlußbeſcheid verdient aufgezeichnet zu werden; er lautete: „Meine Jugend wurde in Weltſinn und in Unwiſſenheit ver⸗ geudet, doch in meinem männlichen Alter lernte ich den Herrn kennen. An zwanzig Jahren habe ich für die Wahrheit gearbeitet, und dieſe ganze kummervolle Zeit damit zugebracht, meine Lampe in Ordnung zu halten, damit ich nicht, den thörichten Jungfrauen gleich, unvorbereitet überraſcht werden möchte; und nun meine Lenden gegürtet ſind, nun meine Laufbahn faſt vollendet iſt, ſoll ich noch ein Abfälliger, ein Verfälſcher des Wortes werden! Viel habe ich gelitten, wie Ihr wißt, als ich das irdiſche Haus meiner Väter verließ, und den Gefahren zur See und zu Lande trotzte um des Glaubens willen; und lieber als ihn fahren zu laſſen, will ich freudig noch einmal der heulenden Wildniß Alles opfern, Ruhe, Nachkommen und, ſo es der Wille der Vorſehung iſt, das Leben ſelbſt.“ Der Abſchiedstag war ein Tag ungeheuchelten und allgemeinen Schmerzes. Denn trotz des Herben in dem Charakter des alten Mannes, trotz ſeines ſtets ſtrengen Blickes, ſloß doch die Milch 7 menſchlichen Wohlwollens unverkennbar in ſeinen Handlungen. Es gab kaum einen jungen Anfänger in der mühſeligen und wenig dankbaren Landwirthſchaft des Städtchens, deſſen Umgegend nie den Ruf der Fruchtbarkeit hatte, der ſich nicht einer geheimen Un⸗ terſtützung erinnern konnte, aus einer Hand kommend, die vor der Welt mit vorſichtiger und zurückhaltender Sparſamkeit geſchloſſen ſchien; und kein Pärchen unter den Gläubigen ſeiner Nachbarſchaft that ſich zuſammen, das nicht Beweiſe von ſeiner durch mehr als bloße Worte bethätigten Theilnahme an ihrem zeitlichen Glück erhalten hätte. An dem Morgen, als die unter den Haushaltsgeräthen des Kapitäns ſtöhnenden Wagen von ſeiner Thüre abfuhren, und den nach der Küſte führenden Weg einſchlugen, war von den Erwach⸗ ſenen innerhalb vieler Meilen in der Runde auch nicht eine Seele abweſend; alle wollten Theil an dem rührenden Auftritt nehmen. Wie bei allen ernſteren Anläſſen ging dem Abſchiednehmen geiſt⸗ licher Geſang und Gebet vorher, darauf umarmte der unbeugſame Abendtheurer ſeine Nachbarn mit einem Blicke, der den harten und ſeltſamen Kampf ſeines beherrſchten Aeußern verrieth, gegen innere Gefühle, die mehr als einmal die ſtarren Schranken des ihm eigen gewordenen Weſens zu durchbrechen drohten. Die Be⸗ wohner jedes an der Straße belegenen Hauſes harreten im Freien, um den ſegnenden Scheidegruß zu empfangen und zu erwiedern. Mehr als einmal mußten die Wagenführer Halt machen, und alle, denen menſchliche Sehnſucht und menſchliches Rechenſchaftsgefühl inwohnte, drängten ſich heran, um für den Abreiſenden und für die Zurückbleibenden Segen zu erflehen. Leicht und flüchtig ward in dieſen Gebeten ſterblicher Güter Erwähnung gethan, dagegen um ſo länger und feuriger bei denen um geiſtiges Licht verweilt. Auf dieſe charakteriſtiſche Weiſe trat einer der früheſten Auswan⸗ derer in die neue Welt ſeine zweite Wanderung an, um von Neuem körperlichen Leiden, Entbehrungen und Gefahren zu trotzen. Um die Mitte des ſtebzehnten Jahrhunderts konnten in dieſem Lande weder Perſonen noch Eigenthum mit der Schnelligkeit und den Erleichterungen der jetzigen Zeit von einem Ort nach einem andern geſchafft werden. Der Straßen waren nothwendig wenige, und dieſe nur auf kurze Strecken; und zu Waſſer war die Com⸗ munication unregelmäßig, langſam und nichts weniger als bequem. Zwiſchen dem Theile der Maſſachuſetts⸗Bay, den Herr Heatheote eben verließ, und dem Fleck am Fluſſe Connecticut, wohin er ſich begeben wollte, dehnte ſich ein ſehr dichter Wald aus, weshalb er denn auch dem Waſſerwege den Vorzug gab. Aber nicht gering war die Zeit, welche die kleine Reiſe nach der Küſte, bis die Stunde der Einſchiffung ſchlug, koſtete. Während dieſes Aufenthalts kehrte er mit ſeinen Leuten bei den Frommgeſinnten ein; denn auf dieſer Halbinſel, wo jetzt die Thürme einer edeln und maleriſchen Stadt ſo viele Tauſend Wohnungen überragen, lagen ſchon damals die Keime des einſtigen Flors umhergeſtreut. Der Sohn verließ ſeine Geburtskolonie und die Stätten ſeiner Jugendjahre nicht mit demſelben wankenloſen Gehorſam gegen den Ruf der Pflicht, wie der Vater. In dem neuangelegten Städt⸗ chen Boſton lebte ein ſchönes, jugendliches, ſanftes Weſen, deſſen Alter, Stand, Geſinnung, Vermögen und, was noch weit wichtiger iſt, Gefühle, mit den ſeinigen übereinſtimmten. Bald floß ihre Geſtalt mit jenen heiligen Gebilden zuſammen, die ſeine ſtrenge Erziehung dem Spiegel ſeiner Gedanken am häufigſten vorüberge⸗ führt hatte. Es iſt daher nicht zu wundern, daß der Jüngling ſich über den, ſeinen Wünſchen ſo günſtigen, Verzug freute, und daß er denjenigen Nutzen daraus zog, den eine ſo reine Liebe natürlich eingeben mußte. Er feierte ſeine Verbindung mit der ſanften Ruth Harding, nur eine Woche, ehe ſein Vater ſich zu ſeiner zweiten Pilgerfahrt einſchiffte. Bei den Vorfällen dieſer Seereiſe zu verweilen, iſt nicht unſere Abſicht. Wenn auch der Geiſt eines außerordentlichen Mannes die ——,..,“-———„»„— 9 Welt entdeckt hatte, die ſich jetzt mit civiliſtrten Menſchen anzufüllen begann, ſo hatte doch die Seefahrerkunſt jener Tage keine glänzende Ausbildung aufzuweiſen. Die Sandbänke Nantucket's zu paſſiren, mußte ein eben ſo gefahr⸗ als ſchreckenvolles Unternehmen ſeyn, und die Fahrt zu Berg auf dem Connecticut war nun gar eine denkwürdige Heldenthat. Zur gehörigen Zeit landeten unſere Aben⸗ teurer bei dem engliſchen Fort Hartford, wo ſie eine Zeit lang blie⸗ ben, leiblicher und geiſtiger Erfriſchung halber. Das Eigenthüm⸗ liche der Lehre jedoch, worauf der Kapitän ſo viel Nachdruck legte, ließ es ihn rathſam finden, ſich noch weiter von den Wohnungen der Menſchen zu entfernen. Von einigen ſeiner Leute begleitet, trat er nun eine Entdeckungsreiſe an, und am Ende des Sommers ſah er ſich von Neuem auf einem Gute anſäſſig, das unter den einfachen in den Kolonien üblichen Formen ſein Eigenthum gewor⸗ den war, um den geringen Preis, womit damals ausgedehnte Län⸗ derſtrecken als Privatgut erkauft werden konnten. Liebe zu den Gütern dieſes Lebens war unſerm Puritaner zwar kein fremdes Gefühl, allein es war nichts weniger als ein vorherrſchendes in ſeinem Geiſte. Er war ſparſam, aber mehr aus Gewohnheit und Grundſatz als aus einer ungebührlichen Gier nach zeitlicher Habe. Aus dieſem Grunde hatte er ſich ein Gut angeſchafft, deſſen Werth nicht ſo ſehr in ſeiner Größe, als in ſeiner Güte und Schönheit zu ſuchen war. Zwiſchen den Wea⸗ thersſielder und Hartforder Siedelungen und der imaginären Grenz⸗ linie, die das Eigenthum der eben von ihm verlaſſenen Kolonie von derjenigen trennte, in die er zog, gab es dieſer ſchönen Oerter viele. Er wählte ſeine Stelle, wie es in der Landesſprache genannt wird, unweit der nördlichen Grenze der letztgenannten Ko⸗ lonie. Mit Hülfe einer Auslage, die für jene Regionen und Zeiten als verſchwenderiſch groß gelten konnte, und theils durch einen Ueberreſt von Geſchmack, den ſogar die Selbſtverleugnung, welche * Loeation. 10 er in ſeinem ſpätern Leben ſo ſtreng übte, nicht zu erſticken ver⸗ mochte, theils aber auch durch die natürliche Schönheit in der Vertheilung der Land⸗, Waſſer⸗ und Waldparthien unterſtützt, war es dem Emigranten gelungen, dieſen Fleck in einen Wohnplatz zu verwandeln, der wegen ſeiner ländlichen Reize eben ſo wünſchens⸗ werth war, als wegen ſeiner Abgeſchiedenheit von den Ver⸗ ſuchungen der Welt. Nach dieſer denkwürdigen Handlung unbeſchränkter Hingabe in die Vorſchriften des Gewiſſens floſſen Jahre von Ruhe und einer Art negativen Glückes dahin. Die in der alten Welt circulirenden Gerüchte erreichten die Ohren der Bewohner dieſer abgelegenen Niederlaſſung, nachdem die Ereigniſſe, auf welche ſie ſich bezogen, anderswo ſchon viele Monate vergeſſen waren, und nur in langen, ſäumenden Zwiſchenräumen erfuhren ſie die Tumulte und Kriege der Schweſter⸗Kolonien. Mittlerweile dehnten ſich die Grenzen der Kolonial⸗Niederlaſſungen allmählich aus, und die Lichtung der Thal⸗ gründe rückte dem ihrigen immer näher. Das Alter begann nun auch einen ſichtbaren Eindruck auf die eiſerne Geſtalt des Kapitäns zu machen, und was ſeinen Sohn betrifft, ſo wich nachgerade die friſche geſunde Jugendfarbe, mit welcher er in die Waldung eingezogen war, dem bräunlichen An⸗ fluge, den beſtändige ſchwere Arbeit im Freien erzeugt. Wir ſagen, ſchwere Arbeit; denn abgeſehen von den Sitten und Anſichten des Landes, nach welchen ſelbſt die Begütertſten nicht ohne Tadel ſich dem Nichtsthun hingeben durften, ſo können die täglichen Schwierig⸗ keiten ihrer Lage, die Jagd und die langen und verwickelten Züge in den umherliegenden Wald, die der Veteran ſelbſt wagen mußte, wohl nicht paſſender benannt werden. Ruth blieb jugendlich und blühend, obgleich ſich zu den anderen Sorgen noch die der Mutter bald geſellten. Es fiel jedoch eine geraume Zeit durchaus nichts vor, was ihnen ſonderliche Reue wegen des gethanen Schrittes, oder Angſt wegen der Zukunft einflößen konnte. Im Verlaufe 11 dieſer Zeit hörten die Grenzbewohner— denn das waren ſie in Wahrheit durch ihre Lage an der Länderſcheide geworden— die ſeltſame und ſchreckliche Kunde von der Entthronung eines Königs, von dem Interregnum, wie man eine ungewöhnlich kräftige und glückliche Regierung benannte, und von der Reſtauration des Sohnes deſſen, der, ſeltſam genug, ein Märtyrer“ genannt wird. Alle dieſe ereignißreiche und ſeltene Glückswechſel der Könige hörte Marecus Heathceote an mit tiefer und ehrfurchtsvoller Unterwerfung unter den Willen desjenigen, in deſſen Augen Kronen und Herrſcher⸗ ſtäbe blos koſtbarere Spielzeuge der Welt ſind. Gleich den meiſten ſeiner Zeitgenoſſen, die in der weſtlichen Hemiſphäre Schutz geſucht, hatten ſeine politiſchen Meinungen, wenn ſie nicht ganz und gar republikaniſch waren, eine Vorneigung zur Freiheit, die im ſtarken Gegenſatz zu den göͤttlichen Rechten des Monarchen ſtanden. Da⸗ gegen hatte er aber auch zu entfernt von den aufgeregten Leiden⸗ ſchaften gelebt, welche den dem Throne näher Lebenden die Achtung für deſſen Unverletzbarkeit raubten, und ſie vermochten, den Glanz derſelben mit Blut zu beſudeln. Wenn die hin und wieder, nach langen Zwiſchenräumen, auf kurze Zeit in ſeine Niederlaſſung einkehrenden Wanderer vom Pro⸗ tector““ erzählten, der ſo viele Jahre lang England mit eiſerner Hand beherrſchte, da pflegte wohl in den Augen des Alten plötzlich eine ganz eigenthümliche Theilnahme aufzuglänzen; und einmal, als er nach dem Abendgebet ſich tadelnd über die Eitelkeit und das Vergängliche dieſes Lebens verbreitete, geſtand er, daß der außer⸗ ordentliche Mann, der, wenn nicht dem Namen, ſo doch der Sache nach, auf dem Throne der Plantagenets ſaß, der luſtige Gefährte, der gottloſe Genoſſe vieler ſeiner Jugendſtunden geweſen wäre. * Karl I. wird in der engliſchen Liturgie, wo auf ſeinen Todestag ein beſonderer Gottesdienſt feſtgeſetzt iſt, mit dieſem Namen beehrt. O. U. *s Der von Cromwell angenommene Titel. Hierauf pflegte dann eine lange, erbauliche, aus dem Stegreif ge⸗ haltene Homilie zu folgen über das Unnütze, ſeine Liebe an die Dinge dieſes Lebens zu hängen, und ein halb verſtecktes, aber deßhalb nicht minder verſtändliches Lob des weiſern Verfahrens, das ihn ſeine Hütte in der Wildniß aufſchlagen ließ, ſtatt die Erlangung ewiger Herrlichkeit durch zu heißes Streben nach dem Beſitz der trügeriſchen Nichtswürdigkeiten dieſer Welt zu gefährden. Selbſt der ſanften, in der Regel wenig beobachtenden Ruth entging der funkelnde Blick nicht, die zuſammengezogenen Augen⸗ brauen und das Erglühen ſeiner blaſſen, durchfurchten Wange, wenn der alte Soldat von den mörderiſchen Kämpfen der Bürger⸗ kriege erzählte. Es gab Augenblicke, wo religiöſe Selbſtbeherrſchung, ja wir hätten faſt geſagt, religiöſe Vorſchriften zum Theil vergeſſen wurden, wenn er ſeinem aufmerkſamen Sohn und lauſchenden Enkel die Beſchaffenheit eines Angriffs oder die Eigenthümlichkeiten eines würdevollen Rückzugs erklärte. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte er mit dem noch immer nervigen Arm ſogar ein Schwert zu ſchwingen, um den Knaben in dem verſchiedenen Gebrauch deſſelben zu unterrichten, und manchen langen Winterabend brachte er damit zu, auf dieſe Weiſe eine Kunſt zu lehren, die mit den Geboten ſeines göttlichen Meiſters in ſo geringem Einklange ſtand. Der fromme Militär vergaß jedoch nie am Ende ſeiner Unterweiſungen in einem Extra⸗Gebet, als Anhang zu dem gewöhnlichen, darum zu bitten, daß von ſeinen Nachkommen keiner je einem zum Tode nicht vorbereiteten Weſen das Leben nehmen möge, es wäre denn in der gerechten Vertheidigung ſeines Glaubens, ſeiner Perſon oder ſeiner geſetzmäßigen Rechte. Man kann nicht leugnen, daß eine liberale Auslegung dieſer vorbehaltenen Privilegien jedem kriegs⸗ luſtigen Subjecte Spielraum genug zu Spitzfindigkeiten übrig ließ. Zur Ausübung dieſer in ſo zahlreichen Lectionen vorgetragenen Theorie hoten ſich jedoch, bei ihrem entlegenen Wohnplatze und ihren friedlichen Lebensgewohnheiten, der Gelegenheiten nur wenige dar. ge⸗ die iber das ung der tuth gen⸗ nge, ger⸗ ing, ſſen nkel ines egte zu ben mit oten Der igen rum ode enn der eine gs⸗ ieß. enen Fren dar. 13 Sogenannte Indianiſche Alarmrufe waren freilich nicht ſelten, allein bis jetzt hatten dieſe, außer dem Schrecken der ſanften Ruth und ihrer Kleinen, keine weitere Folgen. Zwar hörten ſie von Zeit zu Zeit Geſchichten von ermordeten Reiſenden und durch Sklaverei getrennten Familien; war es nun aber das gute Glück, oder die mehr als gewöhnliche Vorſicht der, längs dieſer unmittelbaren Länderſcheide wohnenden, Siedler, genug, in der Kolonie von Connecticut hatte das Meſſer und der Tomahawk der Indianer nur noch wenig Beſchäftigung gefunden. Einen bedrohlichen und ge⸗ fährlichen Kampf mit den Holländern in der angrenzenden Provinz: die Neue Niederlande, hatten die Baherrſcher der jungen Plantagen durch Behutſamkeit und Mäßigung abzuwenden gewußt, und obgleich ein kriegeriſcher, mächtiger Häuptling der Eingebornen die nahen Kolonien von Maſſachuſetts und Rhode⸗Island zwang, beſtändig auf ihrer Hut zu ſeyn, ſo war doch aus den angeführten Gründen die Furcht vor Gefahr nur gering in den Gemüthern der ſo entfernt wohnenden Individuen, welche die Familie unſeres Emigranten ausmachten. In dieſer Ungeſtörtheit gleiteten Jahre vorüber, während welcher die umherliegende Wildniß ſich allmählich immer weiter von dem Aufenthalt der Heatheotes entfernte, bis ſie ſich im Beſitz aller der Lebensgenüſſe ſahen, auf die ſie bei einer ſo gänzlichen Abgeſchie den⸗ heit von der Welt nur immer Anſpruch machen konnten. Nach dieſen vorläufigen Erläuterungen erlauben wir uns, den Leſer auf die nun folgende Erzählung zu verweiſen. Sie enthält eine ausführlichere, und hoffentlich anziehendere, Beſchreibung der Ereigniſſe einer Legende, obſchon ſie nicht unwahrſcheinlich zu einfach für den Geſchmack von Perſonen iſt, deren Einbildungskraft nur lebendigere, einem weniger natürlichen Zuſtand der Geſellſchaft eigene Auftritte aufregen köoͤnnen. ₰— Zweites Kapitel. Sir, ich kenn' euch wohl; Und darf, von meiner Kunſt dazu ermächtigt, Ein ſelten Gut euch anempfehlen. König Lear. Gerade gegen Ende einer eben ſo ſchönen als ergiebigen Jah⸗ reszeit hebt die Handlung unſrer Geſchichte an. Schon lange war das Heu und kleinere Getreide eingebracht, und der jüngere Heath⸗ cote hatte mit ſeinen Arbeitern einen Tag damit zugebracht, den üppig emporgeſchoſſenen Mais oben abzuſchneiden, um aus dem nahrhaften Stengel ein gutes Futter zu gewinnen, und damit Sonne und Luft eindringen könnten, eine Getreideart zu härten, welche faſt als das Stapelerzeugniß dieſer Gegenden betrachtet werden kann. Der Veteran Heatheote war unter den Arbeitern während ihrer wenig mühſeligen Beſchäftigung herumgeritten, theils um eines Anblicks zu genießen, der für ſeine Schaf⸗ und Rinderheerden Ueber⸗ fluß verſprach, theils aber auch um gelegentlich eine oder die andere heilſame geiſtliche Lehre einzuſtreuen, in welcher weit mehr dogma⸗ tiſche Spitzfindigkeit als praktiſche Anwendbarkeit zu erkennen war. Die Miethlinge ſeines Sohnes, dem er ſchon längſt die Bewirth⸗ ſchaftung ſeines Gutes übertragen hatte, waren alle ohne Ausnahme junge Leute, die im Lande geboren und durch lange Sitte und Ein⸗ ſchärfung daran gewöhnt waren, die meiſten Lebensbeſchäftigungen mit religiöſen Uebungen zu vermiſchen. Sie hörten daher achtungs⸗ voll zu, und ſelbſt dem Leichtfertigſten unter ihnen entwiſchte bei des Alten Ermahnungen kein frivoles Lächeln, kein ungeduldiger Blick, obgleich das Anhören jener langen Homilien ſelten durch Originalität erleichtert ward. Allein die Andacht gegen den großen Urheber ihres Daſeyns, ſtrenge Sitten und beſtändige Nahrung der Flamme des Eifers, welche, in der einen Hemiſphäre angezündet, in der ihrigen am längſten und glänzendſten fortlodern ſollte, hatte faſt 2 4 △—O E&ᷣ 2 — 15 allen Anſichten und Vergnügungen dieſes metaphyſiſchen und doch ein⸗ fältigen Völkchens eine religiöſe Färbung gegeben. Die Arbeit ging wegen des außerordentlichen Accompagnements nicht wenig raſch von Statten, und Content ſelbſt überredete der Funke von Aberglaube, welcher übermäßigen Religionseifer ſtets begleitet, daß die Sonne die Arbeit heiterer umglänzte, die Erde ihren Schooß ſegensreicher aufthäte, während dieſe heiligen Worte den Lippen eines Vaters entſtrömten, den er eben ſo innig liebte als tief verehrte. Als nun aber die Sonne, zu jener Jahreszeit im Klima von Connecticut in der Regel eine glänzende, wolkenloſe Scheibe, ſich gegen die Baumwipfel herabneigte, die den weſtlichen Horizont be⸗ grenzten, da ward der Alte endlich durch ſeine eigene fromme An⸗ ſtrengung müde. Nachdem er daher ſeiner Predigt an die Jünglinge noch die erbauliche Nutzanwendung hinzugefügt hatte, daß ſie ihr Tagewerk hübſch vollenden möchten, ehe ſie das Feld verließen, wendete er den Kopf ſeines Rößleins, und trat langſam und mit nachdenkendem Blicke den Heimritt an. Höchſt wahrſcheinlich waren des Kapitäns Gedanken in den geiſtigen Dingen vertieft, die er während des Tages ſo kräftig behandelt hatte, doch wichen ſie dem Eindrucke weltlicher und ſinnlicherer Gegenſtände, als auf einer kleinen Anhöhe, über die der krumme von ihm eingeſchlagene Kuh⸗ pfad führte, ſein kleiner Klepper von ſelbſt ſtill ſtand. Da die Scene, die ſeine Betrachtungen von ſo vielen abſtracten Theorien auf die äußere Wirklichkeit hinzog, eine dem Lande eigenthümliche war, und mehr oder weniger mit unſerer Erzählung zuſammenhängt, ſo wollen wir eine kurze Schilderung derſelben verſuchen. Ein kleiner, dem Connecticut ſeinen Tribut zuführender Fluß theilte die Ausſicht in zwei, faſt gleiche, Hälften. Die fruchtbaren Ebenen, die ſich von deſſen beiden Ufern mehr als eine Meile* ausdehnten, waren ſchon früh ihrer Waldwucht entladen worden, und lagen jetzt da als freundliche Wieſen und Felder, aus denen * Etwas mehr als vier engliſche Meilen machen eine deutſche. 16 erſt vor Kurzem das Getreide der Jahreszeit verſchwunden war, und über die ſich die neuen Furchen der Pflugſchaar, Reih an Reihe, hinzogen. Die ganze, ſanft vom Flüßchen nach dem Wald hin an⸗ ſchwellende Fläche theilten zahlloſe Einzäunungen in Gehege ab. Dieſe Einzäunungen waren rohgezimmert, aber nach Landesſitte um ſo maſſiver; Leichtigkeit und Holzerſparung war offenbar bei An⸗ legung derſelben nicht Zweck geweſen, denn im Zickzack, den Appro⸗ chen gleich, welche Belagerer bei ihrer vorſichtigen Annäherung an die feindliche Feſtung anlegen, lagen dicke Holzſcheite auf einander gehäuft, ſo daß ſie ſieben bis acht Fuß hohe Barrieren gegen das Eindringen des wilden Viehes bildeten. An einer Stelle hatte man einen großen viereckigen Raum vom Wald gelichtet, und obgleich noch zahlloſe Baumſtümpfe die Fläche beſchatteten,— wie das denn bei den Feldern auf der Ebene ſelbſt auch der Fall war,— ſo entſproßte doch dem reichen, jungfräulichen Boden überall in größter Ueppigkeit das junge Korn in hellglänzend grünen Halmen. Hoch an der Seite eines anliegenden Hügels, der auf den Namen eines kleinen Felsberges Anſpruch machen durfte, war ein ähnlicher An⸗ griff auf das Baumgebiet geſchehen; doch, war es Laune oder Scheu vor der Mühe, die Lichtung war wieder aufgegeben worden, und eine einzige Erndte war der ganze Lohn für die ſo bedeutende Arbeit des Fällens. Hätten zerſtreut umherſtehende, eingeſchnittene und daher abgeſtorbene Bäume, Holzſtöße und ſchwarze verkohlte Stümpfe dieſen Fleck nicht verunſtaltet, ſo würde er wegen ſeiner tief in den Wald eindringenden Lage von ungem einer Schönheit geweſen ſeyn. Ein großer Flächenraum dieſer Oeffnung war in dieſem Augenblick auch noch von dem Gebüſch des ſogenannten Nachwuchſes bedeckt, obgleich hier und da Stellen waren, wo der im Lande heimiſche weiße Klee faſt unmittelbar hinter den dicht abweidenden Heerden üppig aufſprang. Auf dieſe Lichtung, welche nach einer ungefähren Schätzung eine halbe Meile von der Stelle, wo des Kapitäns Klepper ſtill ſtand, entfernt ſeyn mochte, richteten ⁸½— ſich forſchend die Augen des Reiters, denn aus den Büſchen kamen die Töne von einem Dutzend harmoniſch geſtimmter Kuhglocken, von der ſtillen Abendluft einhergetragen. Am unzweideutigſten waren jedoch die Spuren der Civiliſation auf einer natürlichen Anhöhe und in deren unmittelbaren Umgebung zu bemerken; dieſe Anhöhe ſtieg gleich vom Ufer des Flüßchens ſo ſchroff in die Höhe, daß ſie den Schein einer künſtlichen Anlage gewann. Ob dieſe Erhebungen des Bodens einſt überall auf der Erdoberfläche zu finden waren, und nur dem oft wiederkehrenden Pfluge endlich gewichen ſind, wollen wir ununterſucht laſſen; jedoch haben wir Urſache zu glauben, daß ſie in gewiſſen Theilen unſeres Landes viel häufiger anzutreffen ſind, als in irgend einem andern von gewöhnlichen Reiſenden beſuchten, außer vielleicht in einigen Schweizerthälern. Der erfahrene Veteran hatte den Gipfel dieſes abgeflachten Kegels gewählt, um darauf eine Art von militäriſchem Ver⸗ theidigungsplatz zu bauen, wie ſie durch die Beſchaffenheit der Gegend ſowohl, als des abzuhaltenden Feindes rathſam und herkömmlich war. Das Wohnhaus beſtand aus dem gewöhnlichen Fachwerk von Holz, mit dünnen Brettern bedeckt. Lang, niedrig und unregelmäßig, konnte man deutlich bemerken, daß es zu verſchiedenen Zeiten an⸗ gebaut worden war, ſo wie die Bedürfniſſe einer anwachſenden Familie geräumigere Behauſung heiſchten. Es ſtand nahe am Rande des natürlichen Abhangs, und zwar auf der Seite deſſelben, deren Fuß von dem Flüßchen beſpült wurde. Ein roh gezimmerter Balcon lief, über den Strom herüberragend, längs der ganzen Vorderſeite des Gebäudes. Aus verſchiedenen Theilen der Dächer ſtiegen mehrere große, unregelmäßige und plumpe Schornſteine em⸗ por, ein fernerer Beweis, daß man bei Anlage der Gebäude den Geſchmack weniger als die Bequemlichkeit zu Rathe gezogen hatte. Nahe an den Wohngebäuden und ebenfalls auf dem Gipfel des Hü⸗ gels ſtanden noch zwei oder drei Außengebäude. Sie waren nicht bloß ſo vertheilt, daß ſie ihren verſchiedenen Zwecken am beſten Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 2 L 18 entſprachen, ſondern bildeten auch, wie ſelbſt ein Fremder gleich bemerken mußte, in ihrer Ausdehnung die verſchiedenen Seiten eines hohlen Vierecks. Aber dieſe wünſchenswerthe Geſtaltung würde, ungeachtet der großen Länge des Hauptgebäudes und der Stellung der kleineren und einzeln ſtehenden, doch nicht erlangt worden ſeyn, wenn die fehlenden Theile nicht durch zwei rohe Einhegungen er⸗ gänzt worden wären, aus Holzblöcken beſtehend, von denen die Baumrinde nicht einmal abgeſtreift war. Dieſe einfachen Gebäude dienten theils zur Aufbewahrung verſchiedener Haushaltungsgeräthe und Victualien, theils zur Wohnung für die zahlreichen Arbeiter und die Dienerſchaft des Gutes. Diejenigen Theile der Gebäude, die mit dem urſprünglichen Bau nicht genau zuſammenhingen, wurden durch einige ſtarke und hohe Thore von gehauenem Zimmerholz hinlänglich verbunden, um dem Zutritt zum innern Raum ſo viele Schranken entgegenzuſetzen. Die Structur aber, die ſowohl durch ihre Lage als durch ihre Bauart die Aufmerkſamkeit am ſtärkſten auf ſich zog, ſtand auf einer aufgeworfenen kleinen Erhöhung im Mittelpunkt des Vier⸗ ecks. Hoch, ſechseckig der Form nach, war ſie mit einem zu⸗ laufenden Dache bedeckt, auf deſſen⸗ Spitze ein langer Flaggenſtock angebracht war. Dies Fundament war von Stein bis Mannshöhe von der Erde, von wo an die Seiten aus maſſiven, viereckigen Blöcken beſtanden, die ſowohl unter einander durch künſtliche Fugen, als durch ſenkrechte, genauanſchließende Stützen feſt zuſammmen⸗ hielten. In dieſem Fort, oder wie es wegen ſeiner Beſtandtheile techniſch genannt wurde, Blockhaus, waren zwei verſchiedene Reihen länglicher, enger Luglöcher, aber keine ordentliche Fenſter. Die Strahlen der Abendſonne glänzten jedoch auf einer oder zwei Oeffnungen im Dache, in welche Glas eingeſetzt war, ein Beweis, daß der Obertheil des Gebäudes zuweilen noch zu anderen Zwecken als bloß zur Vertheidigung benutzt ward. Ungefähr halbwegs hinauf lief um die Anhöhe, auf welcher das aus eiſer war wur des daß beka und umg Obd Die Wie entfe weit dem Obſt das ſtark faſt ſpree Win gerif Min unge auf loſen Bode Men erfind leich eines ürde, Llung ſeyn, er⸗ die bäude räthe beiter äude, urden erholz viele ihre d auf Vier⸗ n zu⸗ enſtock shöhe ꝛckigen fugen, nmen⸗ dheile hiedene enſter. oder c, ein nderen velcher 19 das Wohnhaus errichtet war, eine ununterbrochene Reihe hoher, aus jungen Baumſtämmen beſtehender Palliſaden, die durch Band⸗ eiſen und horizontal anliegende Holzſtücke dicht aneinander befeſtigt waren und offenbar mit großer Sorgfalt in gutem Zuſtande erhalten wurden. Das Ganze dieſer Grenzfeſtung machte einen Eindruck des Abgerundeten und Bequemen, ja, wenn man in Anſchlag bringt, daß der Gebrauch des Schießgewehrs in dieſen Wäldern noch un⸗ bekannt war, des Militäriſchen. Nicht weit von dem Fuß des Hügels ſtanden die Scheunen und Ställe, im weiten Umkreiſe von rohen aber warmen Schobern umgeben, unter welchen die Ninder⸗ und Schafheerden gewöhnlich Obdach gegen die Stürme der ſtrengen Winter des Klimas fanden. Die Oberfläche der unmittelbar um die Außengebäude umherliegenden Wieſen hatte einen weichern und üppigern Schmelz, als die, welche entfernter belegen waren, ſo wie auch die Einhegungen nach einem weit künſtlichern, vielleicht auch dauerhaftern, obgleich ſchwerlich dem Zweck entſprechendern, Plan verfertigt waren. Ein großer Obſtgarten, vor zehn bis fünfzehn Jahre angepflanzt, erhöhte noch das cultivirte Ausſehen dieſes lachenden Thales, wodurch es in ſo ſtarkem und angenehmem Contraſt ſtand mit dem unabſehbaren und faſt unbewohnten Wald rund umbt. Von dieſem unbegrenzten Wald ſelbſt iſt es nicht nöthig zu ſprechen. Mit der einzigen Ausnahme der Bergſeite und einiger Windreihen hier und da, denen entlang die Bäume aus der Wurzel geriſſen waren, durch jene wüthenden Luftſtöße, die zuweilen in einer Minute ganze Morgen Waldung zu Boden legen, konnte in dieſem ungeheuern Hintergrunde des ſtillen ländlichen Gemäldes das Auge auf keinem andern Gegenſtande verweilen, als dem ſcheinbar end⸗ loſen Labyrinth der Wildniß. Die oft unterbrochene Oberfläche des Bodens ließ jedoch den Blick in einem begrenztern Horizont ruhen. Menſchliche Kunſt konnte ſchwerlich ſo lebendige, heitere Farben erfinden, als die, welche das glaͤnzende Laub der Wälder zeigte. 20 Die ſcharfen, beißenden Fröſte, welche ſo gewöhnlich gegen Ende eines Herbſtes in Neu⸗England eintreten, hatten ſchon die breiten, gezackten Blätter der Ahornbäume berührt, ſo wie auch der eben ſo plötzliche als geheime Prozeß an allen anderen Pflanzen des Waldes ſchon bemerkbar war. Die hierdurch hervorgebrachte Wirkung war von ſo zauberiſcher Art, wie man ſie ausſchließlich nur in dieſen Regionen zu ſehen bekommt, wo die Natur im Sommer ſo gütig und üppig, und im Wechſel der Jahreszeit plötz⸗ lich ſo ſtrenge iſt. Ueber dies Gemälde des Gedeihens und des Friedens nun ſchweifte das Auge des alten Heatheothe mit keinem geringen Grade weltlicher Klugheit. Die ſchwermutherregenden Töne der zum Accord geſtimmten Glocken, dumpf und klagend unter den Gewölben des Gezweiges wiederhallend, ließen ihn vermuthen, daß die Heerden der Maierei auf ihrem freiwilligen Rückweg von ihrer unbeſchränkten Waldweide begriffen wären. Schon kam ſein Enkel, ein hübſcher, muthiger Knabe von ungefähr vierzehn Jahren, über das Gefilde daher, eine nicht zahlreiche Schafheerde vor ſich her treibend, welche die Familie wegen häuslicher Bedürfniſſe halten mußte, und zwar nicht ohne häufigen großen Verluſt und mit großem Aufwand von Zeit und Mühe, wodurch allein die Schafe gegen die Verheerung der Raubthiere geſchützt werden konnten. Ein etwas blödſinniger Knabe, den der Alte aus Mitleid in die Zahl ſeiner Dienſtboten aufgenommen hatte, kam zu gleicher Zeit aus einem Theil des Waldes hervor, welcher mit der obenerwähnten aufgegebenen Lich⸗ tung auf der Bergſeite faſt in einer Richtung lag. Der Junge ſchritt vorwärts, indem er durch immerwährendes Schreien und Rufen einen Haufen junger Pferde antrieb, die eben ſo ruppig, eben ſo eigenſinnig, und faſt eben ſo wild waren als er ſelber. „Wie nun, Schwachſinniger,“ ſagte der Puritaner mit einem ſtrengen Blick, als die beiden Knaben mit ihren verſchiedenen Heerden, faſt zu gleicher Zeit, auf ihn zu kamen;„wie nun, Junge; hetze der willſ ſchrif ſinnit Ich ſeyn als e ſonder mürr wiede verwa bringe haftes ſonſt nicht kennen Groß ſtets Mutte und d Schaf meiner verſich ſiebenu zu tra den H Hamm gegen die auch nzen achte ßlich im lötz⸗ nun zrade ceord n des erden nkten ſcher, efilde velche zwar d von erung niger boten des Lich⸗ funge und ppig, einem denen unge; 21 hetzeſt das Vieh auf dieſe tolle Weiſe hin und her, wenn das Auge der Verſtändigen von Dir abgewendet iſt? Thue Anderen, wie Du willſt, daß man Dir thue, das iſt eine gerechte und heilſame Vor⸗ ſchrift, an die ſich Alle, die Gelehrten wie die Laien, die Schwach⸗ ſinnigen wie die Verſtändigen erinnern und darnach handeln ſollten. Ich wüßte nicht, daß ein gehetztes Füllen im Geringſten geneigter ſeyn wird, mit der Zeit ein ſanftes und nutzbares Thier abzugeben als eines, ſo mit Güte und Sorgfalt behandelt worden iſt.“ „Ich glaube, der Gottſeybeiuns iſt in die Kühe ſammt und ſonders gefahren, und in die Füllen nicht weniger,“ erwiederte mürriſch der Junge;„hab' ihnen zornig zugerufen, hab' dann wieder mit ihnen geſprochen, als wären ſie meine natürlichen An⸗ verwandten; aber weder gute noch böſe Worte können ſie dazu bringen, vernünftigen Rath anzunehmen. Es muß was Schreck⸗ haftes in der heutigen Abendzeit in den Wäldern geben, Herr; ſonſt wären Füllen, die ich den Sommer hindurch geweidet habe, nicht ſo erpicht darauf, einem, den ſie als ihren beſten Freund kennen ſollten, eine ſo unbillige Behandlung widerfahren zu laſſen.“ „Deine Schafe ſind doch gezählt, mein Mareus?“ nahm der Großvater wieder auf, indem er mit einer minder ſtrengen, doch ſtets gebieteriſchen Miene ſich gegen ſeinen Enkel wandte;„Deine Mutter kann die Schur keines Schafes entbehren, wenn ſie Dich und deines Gleichen mit Kleidung verſorgen ſoll; du weißt, Kind, der Schafe ſind nur wenige, und unſere Winter langwierig und kalt.“ „Wenn es von meiner Umſichtigkeit allein abhängt, ſo ſoll meiner Mutter Webſtuhl immer Arbeit haben,“ erwiederte der zu⸗ verſichtliche Knabe;„aber Zählen und Wünſchen bringen da keine ſiebenunddreißig Vließe heraus, wo nur ſechsunddreißig Rücken ſie zu tragen da ſind. Habe ich mich doch eine ganze Stunde mit den Hecken und Gebüſchen herumgeſchlagen, und den verlornen Hammel geſucht, aber weder Wolle, Klaue, Haut noch Horn konnt' 22 ich finden, das einen Fingerzeig gäbe von dem, was dem Thiere widerfahren ſeyn mag.“ 1 „So haſt Du ein Schaf verloren!— Dieſe Nachläſſigkeit wird Deiner Mutter wehe thun!“ „Großvater, ich bin nicht träge geweſen. Seit der letzten Jagd durfte die Heerde im Holze herum weiden, denn in der ganzen Woche hat Niemand einen Wolf, Panther oder Bären geſehen, obgleich die ganze Umgegend, vom großen Fluß an bis zu den äußerſten Siedelungen der Kolonie, auf den Beinen war. Das größte, vierfüßige Thier, ſo in der Durchſuchung ſeine Haut ließ, war ein dünnrippiges Reh, und das hartnäckigſte Gefecht, das vor⸗ fiel, war zwiſchen dem wilden Whittal Ring da, und einem Bock, der faſt einen ganzen Nachmittag lang ihn eine Armslänge hinter ſich behielt.“ „Das kann alles recht wahr ſeyn, findet aber weder das Ver⸗ lorne wieder, noch macht es Deiner Mutter Heerde vollzählig. Haſt Du denn auch die ganze Lichtung ſorgfältig durchritten? ich ſah doch die Thiere noch vor einem Weilchen dort graſen. Was dreheſt⸗ Du denn da ſo verſchwenderiſcher und unnützer Weiſe in Deinen Fingern, Witthal?“ „Was eine Winterdecke abgeben würde, wenn nur genug davon da wäre! Wolle! und zwar Wolle, die von der Keule des alten Gradhorns herrührt, wenn ich nicht ganz vergeſſen habe, welches Schafbein das längſte und gröbſte Haar liefert.“ „Ja, ja, das Büſchel ſcheint wirklich von dem vermißten Thiere zu ſeyn,“ rief der andere Knabe.„In der ganzen Heerde giebt es kein zweites Schaf, welches ein ſo rauhes, zottliches Vließ trüge. Wo fandeſt Du denn die Handvoll, Whittal Ring?“ „Auf dem Zweige eines Dornbuſches wachſen. Kurioſe Frucht iſt's, Herr, an einem Ort, wo junge Pflaumen reifen ſollten.“ „Geh, geh,“ unterbrach ihn der Alte,„mit Deinem leeren Ge⸗ wäſche; Du vergeudeſt die Zeit mit unfruchtbarem Geſchwätze. Thiere it wird letzten ganzen eſehen, u den Das tt ließ, 1s vor⸗ Bock, hinter s Ver⸗ Haſt ch ſah dreheſt Deinen davon jalten welches Thiere 2 giebt trüge. Frucht 1.“ ten Ge⸗ hwätze. 23 Bring' Deine Heerde in die Pferche, Marcus, und Du, Schwach⸗ ſinniger, ſchaff die Deine unter Obdach mit weniger Geräuſch, als Du pflegſt. Wir ſollten nicht vergeſſen, daß dem Menſchen die Stimme gegeben iſt, erſtens, damit er den Segen zu Dankſagung und Gebet benütze; zweitens, damit er die Gaben, ſo ihm etwa verliehen worden, und deren Weiterverbreitung ſeine heilige Pflicht iſt, Anderen mittheile; und dann drittens, damit er ſeine natür⸗ lichen Bedürfniſſe und Wünſche äußere.“ Nach dieſer Ermahnung, wahrſcheinlich entſprungen aus dem geheimen Bewußtſeyn des Puritaners, daß er den Glanz ſeines Glaubens auf einen Augenblick von einer Wolke der Selbſtſucht hatte truͤben laſſen, gingen ſie auseinander; der Enkel und der Dienſtjunge ſchlugen den Weg nach ihren verſchiedenen Hürden ein, während der alte Mann den ſeinigen, dem Wohnhaus zu, gemäch⸗ lich fortſetzte. Die finſteren Stunden der Nacht waren wohl nahe genug, um die Vorſicht der erwähnten Vorkehrungen zu rechtfer⸗ tigen; doch gab es nichts, was dem Alten bei ſeiner Rückkehr zum Obdach und Schutz ſeiner bequemen und ſichern Wohnung beſon⸗ dere Eile vonnöthen gemacht hätte. Daher ſchlenderte er den Pfad entlang, und hielt dann und wann ſtill, um zu ſehen, was für Ausſicht die jungen Keime, welche bereitwillig der Ernte des naͤchſten Jahres entgegen kamen, darboten, oder auch um den Blick an dem begrenzten Horizont umherſchweifen zu laſſen, gleich Einem, der an ungewöhnliche und anhaltende Wachſamkeit gewöhnt iſt. Eine unter dieſen zahlreichen Pauſen fiel weit länger aus als die anderen. Statt das prüfende Auge auf das Korn zu richten, war der Blick des Alten, wie durch Zauber, auf einen entfern⸗ ten, dunkeln Gegenſtand geheftet. Sein Anſchauen ſchien mehrere Minnten lang mit Zweifel und Ungewißheit vermiſcht. Endlich war ſein Schwanken verſchwunden und unwillkührlich öffnete er den Mund und gab ſeinen Gedanken Worte. „Es iſt keine Täuſchung,“ ſagte er leiſe,„ſondern ein lebendiges 24 und der Verantwortung fähiges Geſchöpf des Herrn. Mancher Tag iſt verfloſſen, ſeit ein ſolcher Anblick ſich dieſem Thale darbot; aber mein Auge trügt mich ſehr, oder es kommt dort Jemand, der unſere Gaſtfreundſchaft, und vielleicht chriſtliche und brüderliche Mittheilung verlangt:“ Den Emigranten hatte ſein Geſicht nicht getäuſcht. Es kam allerdings ein Reiſender, abgematteten und müden Ausſehens, zum Walde herausgeritten, an einem Punkte, wo ein Pfad, mehr an den angebrannten, längs deſſelben ſtehenden Baumſtümpfen, als an Spuren auf dem Boden ſelbſt erkennbar, in das gelichtete Gefilde führte. Das Fortſchreiten des Fremden war anfangs ſo umſichtig und langſam, daß es einen Menſchen bezeichnete, der auf ſeiner Hut war, um unbeobachtef zu bleiben. Der breite Weg, auf dem er lange und ſcharf geritten ſeyn mußte, wenn die Nacht ihn nicht im Gehöͤlze überfallen ſollte, führte nach einer der entfernten Sie⸗ delungen an den fruchtbaren Ufern des Connecticut. Wenige folgten je ſeinen Krümmungen, außer denen, welche beſonders dringende Geſchäfte hatten, oder deren religiöſe Verbindung mit den Eigen⸗ thümern des Wiſh⸗Ton⸗Wiſh, wie das Thal der Heatheotes zum Andenken des erſten Vogels, den die Emigranten erblickt, ge⸗ nannt ward, ſie, Behufs außergewöhnlicher Erbauung, hierherführte. Einmal in's Freie angelangt, verſchwand dem Fremden jeder Zweifel oder Verdacht, den er etwa gehabt haben mochte. Dreiſt und ſtetig ritt er vorwärts, bis er innerhalb einiger Fuß vom Herrn des Thales, der von dem Moment an, wo er den Andern entdeckte, unabgewendeten Blickes deſſen Bewegungen bewacht hatte, den Zügel anzog, dem ſein abgemergeltes, müdes Thier willig Ge⸗ horſam leiſtete. Ehe der Fremde, ein Mann, deſſen Haupt eben grau zu werden begann, offenbar nicht weniger von Strapazen, als vor Alter, und deſſen kräftige Geſtalt bei einem langen Ritt ſelbſt einem ſtärkern Thier, als ſeiner magern Roſinante aus der Provinz, ſchwer genug geworden wäre, den Mund zum Sprechen 8 25 offnete, ſtieg er ab und warf den Zaum loſe auf den niederhängen⸗ den Hals des Thiers, das unverzüglich und mit einer Gier, die auf langen Mangel deutete, ſeine Freiheit dazu benutzte, da wo es ſtand zu graſen. „Ich irre mich wohl nicht in der Vorausſetzung, daß ich end⸗ lich das Thal Wiſh⸗Ton⸗Wiſh erreicht habe,“ ſagte der Kommende, indem er einen beſchmutzten, breiträndigen Biberhut, der ſein Geſicht über die Hälfte bedeckte,“grüßend und mit der Hand berührte. Die Frage geſchah in einem Engliſch, das eine Abkunft von den Bewohnern der inneren Provinzen des Mutterlan⸗ des bezeichnete und nicht in dem Accent der weſtlichen Theile Eng⸗ lands, deſſen Spuren ſich in den öſtlichen Theilen der Vereinigten Staaten wiederfinden. Aber ungeachtet der Reinheit ſeiner Aus⸗ ſprache war doch die Form, in die er ſeine Rede einkleidete, hin⸗ reichend, um zu erkennen, daß er der Disciplin der Frommen jener Zeiten auf's ſtrengſte zugethan war. Er bediente ſich jenes abge⸗ meſſenen, methodiſchen Tons, der, ſeltſam genug, als das Zeichen einer gänzlichen Ungeziertheit im Sprechen galt. „Du haſt die Wohnung deſſen, den Du ſucheſt erreicht; deſſen, der ſich unterwürfigen Sinnes in dieſer weltöden Wildniß auf⸗ hält, ein demüthiger Knecht in dem Vorhof des Tempels.“ „Ihr ſeyd dann Marcus Heathceote!“ rief der Fremde meh⸗ reremale angelegentlich, indem er auf dem Andern einen, nicht ganz von Verdacht freien, Blick lange weilen ließ. „Den Namen führe ich. Viele Leiden und ein geziemendes Ver⸗ trauen in Den, der ſo gut verſteht, die Wüſte in eine menſchliche Wohnung umzuſchaffen, haben mich zum Herrn deſſen, was Du ſieheſt, gemacht. Magſt Du nun kommen, um eine Nacht, eine Woche, einen Monat oder eine noch längere Zeit zu bleiben, ich heiße Dich als einen Bruder in der Sorgfalt, und als einen, der, wie ich nicht zweifle, für das Rechte kämpft, willkommen.“ Der Fremde dankte ſeinem Wirth mit einem langſamen 26 Kopfnicken, war aber noch immer zu ernſtlich und ausſchließlich im Anſchauen und in dem Streben, den Alten wiederzuerkennen, ein Streben, das ihm eben gelingen zu wollen ſchien, begriffen, um ſeiner Antwort Laute geben zu können. Beim Alten hingegen, ob⸗ gleich er den breiten, alten Hut, die grobe und abgetragene Jacke, die ſchweren Stiefel, kurz den ganzen Anzug ſeines Gaſtes, an dem er keine eitle Nachahmung unnützer Mode zu verdammen fand, mit den Augen maß, war es doch klar, daß perſönliches Wiederer⸗ kennen nicht den geringſten Einfluß auf Belebung ſeiner Gaſtfreund⸗ ſchaft hatte. „Du biſt zur rechten Zeit angekommen,“ fuhr der Puritaner fort;„hätte Dich die Nacht im Walde überfallen, ſo würden, wenn Du in den Künſten unſerer jungen Forſtmänner nicht beſonders er⸗ fahren biſt, Hunger, Kälte und ein kahles Lager im Gebüſch, Dir Veranlaſſung gegeben haben mehr an den Körper zu denken, als weder nützlich noch geziemend iſt.“ Nicht unwahrſcheinlich war der Fremde mit dem Unangeneh⸗ men dieſer verſchiedenen Entbehrungen ſchon vertraut, denn der ſchnelle verſtohlene Blick, den er unwillkührlich auf ſeine beſchmutzte Kleidung warf, verrieth einige Bekanntſchaft mit den Beſchwer⸗ niſſen, auf die ſein Wirth angeſpielt hatte. Da jedoch keiner von Beiden geneigt ſchien, mehr Zeit auf dergleichen unbedeutende An⸗ gelegenheiten zu verſchwenden, ſo ſchob der Reiſende den Arm durch den Zaum ſeines Pferdes, und nahm mit dem Beſitzer des Hauſes, der ihn einlud, ihm zu folgen, ſeinen Weg nach dem befeſtigten, auf dem natürlichen Hügel belegenen Gebäude. Whittal Ring beſorgte Streu und Futter für das abgemattete Thier, doch nicht ohne daß deſſen Herr und der alte Kapitän von Zeit zu Zeit nachgeſehen, und dies und jenes dabei angeordnet hätten; denn beide trugen eine gütige und löbliche Sorge für die Bequemlichkeit eines treuen Gauls, der offenbar im Dienſte ſeines Herrn viel und lang gelitten hatte. Nach Vollziehung dieſer Pflicht — · 2ͤͤ*& 2 27 traten der Alte und ſein Gaſt zuſammen in das Haus. Die offen⸗ herzige und anſpruchloſe Gaſtfreundſchaft eines Landes wie das ihrige, machte Verdacht oder Zaudern zu Eigenſchaften, welche man bei dem Empfang eines Weißen nicht kannte; zumal wenn er die Sprache der Inſel redete, die damals erſt anfing, ihre Schwärme auszuſchicken, um von einem Continente, der faſt die eine Hälfte unſeres Erdballs ausmacht, einen ſo großen Theil zu unterwerfen und in Beſitz zu nehmen. Drittes Kapitel. Höchſt ſonderbar iſt dies: der Leidenſchaften eine Wirkt ſtark auf euern Vater. Der Sturm. Ein paar Stunden bewirkten eine große Veränderung in den Beſchäftigungen der verſchiedenen Mitglieder unſrer einfachen Ein⸗ ſiedlerfamilie. Die Kühe hatten ihren nächtlichen Tribut gebracht; die Ochſen, von ihren Jochen befreit, ſtanden ſicher unter ihren Schoppen; eben ſo gegen die Angriffe des beuteſuchenden Wolfes geſchützt, befanden ſich die Schafheerden in ihren Pferchen; kurz, alles Lebendige war mit der äußerſten Sorgfalt in die für jede Thierart beſtimmte Hut geſammelt und that ſich gütlich. Doch während lebenden Gegenſtänden ſo viel Vorſicht geſchenkt wurde, herrſchte die größte Gleichgültigkeit in Beziehung auf die Gattung von beweglichem Eigenthum, die anderswo mit wenigſtens gleicher Vorſicht in Sicherheit gebracht worden wäre. Die Hausleinwand der Frau Ruth lag auf der Bleiche, um den Nachtthau einzuſaugen, und Pflüge, Eggen, Karren, Sättel und andere ähnliche Feldge⸗ räthe, ließ man im Freien, was einen Beweis lieferte, daß die Menſchen ſo zahlreiche und dringende Arbeiten hatten, daß ſie jede nicht durchaus nöthige unterlaſſen mußten. 28 Content ſelbſt war der letzte, der die Felder und die Außen⸗ et gebäude verließ. Als er an die in den Palliſaden angebrachte e Pforte kam, blieb er ſtehen und rief denen, die ſchon oben ſtanden, g zu, um zu hören ob ſich noch irgend ein Nachzügler außerhalb der g hölzernen Barrieren befände. Nachdem ihm verneinend geantwortet a worden war, trat er ein, zog das kleine aber maſſive Thor hinter T ſich zu, und verſchloß es höchſt ſorgſam mit doppeltem Riegel und h) Schloß. Da dieſe nöthige Vorſichtsmaßregel jeden Abend getroffen C wurde, ſo veranlaßte ſie in den häuslichen Verrichtungen keine Un⸗ d terbrechung. Das Abendbrod war bald verzehrt, und nun folgte d. Unterhaltung bei denjenigen leichten Arbeiten, die den an der Grenze§ wohnenden Familien, in den langen Herbſt⸗ und Winterabenden, als paſſender Schluß zu den ſchwereren Mühen eines wohlzugebrachten di 1 Tages, eigenthümlich ſind. n Ungeachtet der vollkommenen Einfachheit in den Meinungen h und Sitten der Koloniſten zu jener Zeit, und der großen Gleichheit u der Stände, die noch heutigen Tages die beſondere Klaſſe von li V Menſchen, von denen wir ſchreiben, auszeichnet, ſo hatte doch Wahl ſt und Neigung einige natürliche Unterſcheidungen in dem gewöhnlichen Verkehr der Hausgenoſſen der Heathcoteſchen Familie gebildet. Auf d. einem ungeheuren Heerde in einer Art von Küche auf gleicher g 3 Erde“ brannte ein ſo helles und freundliches Feuer, daß Lichter d oder Fackeln durchaus überflüſſig waren. Rund um daſſelbe her h G hatten ſechs bis ſieben kräftige, athletiſche junge Männer Platz C genommen, von denen einige höͤchſt betriebſam an Ochſenjochen E A ſchnitzelten, andere theils Stöcke zu Stielen an Aerten glätteten, 0 theils Birkenſtäbe für die im Hausweſen ſo bequemen Beſen. Ein b ernſtes Frauenzimmer hielt, das Auge nie aufſchlagend, ihr Spinn⸗ . rad in beſtändiger Bewegung, während ein paar andere mit der a regen Geſchäftigkeit ſorgſamer Hausmädchen bald hier bald dort 9 8* Die Küchen in England und Amerika ſind in der Regel in das Souterrain n 3 verwieſen.* T . 29 etwas zu thun hatten. An dieſes größere Gemach ſtieß unmittelbar ein kleineres, beſſer eingerichtetes. In dieſem flackerte ein nicht ſo großes aber eben ſo freundliches Feuer; der Fußboden war rein gekehrt, während der im äußern Zimmer mit Flußſand beſtreut war; auf einem Tiſch aus Kirſchbaumholz brannten Talglichter; die Wände waren mit dem ſchwarzen, im Lande einheimiſchen, Eichen⸗ holz getäfelt, und einige andere Möbel ſtanden umher, deren antike Geſtalt ſowohl, als ihre künſtliche und reiche Verzierungen anzeigten, daß ſte von jenſeits des atlantiſchen Oceans herſtammten. Ueber dem Kamingeſimſe hingen die Wappen der Heathcotes und der Hardings, kunſtreich nach der Manier gewürkter Tapeten ausgearbeitet. Die vornehmſten Mitglieder der Familie ſaßen um den Heerd dieſes kleinern Gemachs, obgleich auch einer aus dem andern Zimmer, neugieriger als ſeine Kameraden, in ihrer Nähe Platz genommen hatte. Daß er dem Stande, oder vielmehr der Lage nach, eine untergeordnete Perſon war, erkannte man bloß an der außerordent⸗ lichen Sorgfalt, mit der er die Späne des Stieles, den er glättete, ſtets wieder von dem reinen eichenen Fußboden auflas. Bis jetzt hatten theils die Pflichten der Gaſtfreundſchaft, theils die häuslichen Andachtsübungen die Familie beſchäftigt, und der geſelligen Unterhaltung keinen Raum gelaſſen. Doch die Geſchäfte der Hausfrau waren nun für den Abend beendigt, die Mädchen hatten ſich alle an ihre Spinnräder begeben, und die auf das Geräuſch der häuslichen Wirthſchaft folgende kalte und gezwungene Stille, welche nur durch entfernte und kurze Höflichkeitsausdrücke, oder fromme Hindeutungen auf die Prüfungszeit hinieden unter⸗ brochen wurde, ſchien zu einer allgemeinern Unterhaltung aufzufordern. „Sie betraten meine Lichtung auf dem ſüdlichen Pfade,“ hob jetzt der alte Heatheote an, indem er ſich, ziemlich höflich, an ſeinen Gaſt wendete, „und bringen daher nothwendig Neuigkeiten aus den Küſtenſtädten mit. Haben unſere Sachwalter zu Hauſe in der Sache, die das Wohl dieſer Kolonie ſo nahe angeht, irgend etwas gethan?“ 30 „Sie meinen, ob der, welcher jetzt auf dem Throne Englands ſitzet, den Bitten ſeiner Unterthanen in dieſer Provinz Gehör ge⸗ geben, und ihnen Schutz gegen die Mißbräuche verliehen habe, die ſo leicht aus ſeinem eigenen ſchlecht berathenen Willen, oder aus der Heftigkeit und Ungerechtigkeit ſeiner Nachfolger entſpringen könnten?“ „Wir wollen dem Kaiſer geben, was des Kaiſers iſt, und von denen, welche in Gewalt ſind, mit Ehrfurcht ſprechen. Ich wünſchte zu wiſſen, ob es dem von unſeren Leuten abgeſandten Geſchäfts⸗ träger gelungen iſt, ſich bei den Räthen des Fürſten Gehör zu verſchaffen, und das Gewünſchte zu erlangen?“ „Er hat mehr gethan,“ erwiederte der Fremde mit auffallender Härte;„er hat ſich ſogar bei dem Geſalbten des Herrn ſelbſt Gehör zu verſchaffen gewußt.“ „So hat alſo Karl eine beſſere Geſinnung und mehr Gerech⸗ tigkeit, als das Gerücht ihm zuſchreibt. Uns hatte man geſagt, daß loſe Sitten und unnütze Geſellſchafter ihn verleiteten, mehr an die Eitelkeiten der Welt, und weniger an die Bedürfniſſe derjenigen, über welche zu herrſchen er von der Vorſehung berufen iſt, zu denken, als ſich für Einen geziemt, der ſo hoch geſtellt iſt. Freude macht es mir, daß die Worte unſeres Abgeſandten über ſchlechte Rathſchläge geſtegt haben, und daß Friede und Gewiſſensfreiheit die Früchte dieſes Unternehmens zu werden verſprechen. Welche Geſtaltung hat es ihm beliebt, der künftigen Regierung dieſes Volkes zu geben?“ „So ziemlich die bisherige; ſte ſollen nach ihren eigenen Religionsgebräuchen regiert werden. Winthrop iſt zurück als Ueberbringer eines Königlichen Freibriefs, in welchem alle längſt geforderte und ausgeübte Rechte bewilligt ſind. Es leben jetzt keine Unterthanen unter der Krone Britaniens, deren Gewiſſen weniger Anſtößiges zugemuthet würde, deren bürgerliche Pflichten leichter zu erfüllen wären, als die Bewohner von Connecticut.“ „Es gebührt ſich, daß Dem hierfür Dank abgeſtattet werde, unds ge⸗ die der n?“ von ſchte fts⸗ zu nder elbſt ech⸗ agt, an gen, zu eude chte heit lche eſes enen als ngſt eine iger zu rde, 31 dem wir ihn am erſten ſchuldig ſind,“ ſagte der Puritaner, faltete die Hände auf der Bruſt, und ſaß einen Augenblick mit geſchloſſenen Augen, gleich Jemand, der ſich mit einem unſichtbaren Weſen unterhält.„Weiß man, durch welche Beweisgründe der Herr das Herz des Fürſten gerührt hat, um unſeren Bedürfniſſen ſein Ohr zu ſchenken; oder that er es aus freier und offenbarer Macht⸗ vollkommenheit?“ 3 „Es muß wohl, glaube ich, das letztere geweſen ſeyn;“ ver⸗ ſetzte der Andere mit einer noch beißendern und nachdrucksvollern Miene.„Der äußere Sachwalter, dieſes Spielzeug, wog wohl nicht ſchwer in der Wage deſſen, der ſo ſtolzen Rang vor den Augen der Menſchen einnimmt.“ Bis zu dieſem Punkt der Unterhaltung hatten Content und Ruth, nebſt ihren Kindern und noch zwei oder drei andern Indi⸗ viduen, aus denen die Zuhörer beſtanden, mit dem regloſen Ernſte zugehört, der ihre Landesſitte ſo ſehr bezeichnete. Die Sprache, verbunden mit der nur zur Hälfte unterdrückten Ironie im Geſichte, endlich die Emphaſe des Redenden, machten, daß ſie jetzt wie von einem gemeinſchaftlichen Gefühl angeregt, die Augen erhoben. Das Wort ‚Spielzeuge ward deutlich und neugierig wiederholt. Doch der kalte, ſarkaſtiſche Blick war ſchon von den Zügen des Fremden gewichen, und deſſen Stelle hatte eine finſtre und ſtarre Strenge eingenommen, die ſeinem rauhen ſonnverbrannten Geſicht den Aus⸗ druck des Grauſamen gaben. Deſſenungeachtet aber zeigte er keine Neigung, der Sache auszuweichen, ſondern fuhr, nachdem er die Umherſitzenden mit einem halb ſtolzen, halb verdachtvollen Auge angeſchaut, in ſeiner Rede fort. „Es iſt bekannt, daß der Großvater des Mannes, dem die guten Leute dieſer Anſiedelungen den Auftrag gaben, ihre Bedürf⸗ niſſe vor den Thron Englands zu bringen, in der Gunſt Deſſen geſtanden hatte, der zuletzt auf jenem Throne ſaß, und es verbreitet 32 ſich ein Gerücht, daß der Stuart einſt, in einem Augenblick fürſt⸗ licher Herablaſſung, den Finger ſeines Unterthanen mit einem Ring von ſeltſamer Arbeit geſchmückt habe. Es war das Zeichen von der Liebe, die ein Fürſt gegen einen Menſchen haben mag.“ „Dergleichen Gaben ſind Andenken der Freundſchaft, müſſen aber nicht als weltliche und fündliche Zierrathen gebraucht werden,“ bemerkte Marcus, während der Andere länger inne hielt, gleich⸗ ſam damit nichts von der Bitterkeit ſeiner Anſpielungen verloren gehen möge. „Wenig verſchlägt es, ob das Spielzeug in den Koffern des Winthrops lag, oder lange vor den Augen der Gläubigen in der Bay geglänzt hat, ſintemal es ſich endlich als einen Juwel von Werth ausgewieſen hat,“ ſetzte der Fremde hinzu.„Heimlich erzählt man ſich, daß dieſer Ring wieder zu den Fingern eines Stuart zurückgekommen ſey, und laut verkündet man, Connecticut hat einen Freibrief.“ Content und ſein Weib ſahen ſich mit traurigem Erſtaunen an. Ein ſolcher Beweis von muthwilligem Leichtſinn und Unwür⸗ digkeit des Beweggrundes, bei Einem, dem das Geſchenk irdiſcher Regierung anvertraut war, ſchmerzte ihre von Einfalt und Redlich⸗ keit erfüllten Gemüther. Der alte Marcus, ein Mann von noch entſchiedeneren und übertriebeneren Begriffen von geiſtlicher Voll⸗ kommenheit, ſeufzte ſogar laut auf. Dieſe Darlegung ihres Ab⸗ ſcheues über eine ſo grobe und unwürdige Beſtechlichkeit machte dem Fremden, wie deutlich zu ſehen war, nicht wenig Vergnügen, obgleich er nicht für gut hielt, jenes Gefühl durch Weiterreden noch zu ſteigern. Als ſein Wirth ſich erhob, und mit einer an Gehor⸗ ſam gewöhnten Stimme, ſeine Familie aufforderte, in einem Gebet zu Dem, der allein die Herzen der Fürſten zu lenken vermag, zu Gunſten des leichtſinnigen Beherrſchers des Landes ihrer Väter, ſich mit ihm zu vereinigen, da ſtand auch der Fremde von ſeinem Sitze auf; doch ſeine Miene zeigte, daß er dieſe Handlung der Andacht fürſt⸗ Ring von üſſen den,“ eich⸗ oren 3³ mehr um ſeinem Wirth zu Gefallen zu leben, verrichtete, als um Erhörung des Gebetes zu erlangen. Das Gebet war kurz, aber innig, voll ſcharfer, perſönlicher Beziehungen. Die Räder im äußern Zimmer hörten auf zu ſummen, und eine allgemeine Bewegung deutete an, daß alle Dienſtboten aufgeſtanden waren um mitzubeten, während einer oder zwei ſich der zwiſchen beiden Gemächern befindlichen Thür genähert hatten, um zu hören, worum es ſich dabei im Gebete handelte. Mit dieſer ſonderbaren und doch eigenthümlichen Unterbrechung endete, der Theil des Geſprächs, der dieſelbe herbeigeführt hatte. „Iſt vielleicht Grund vorhanden, einen Aufſtand der Wilden an der Grenze zu befürchten?“ fragte Content, als er gewahrte, daß der aufgeregte Geiſt ſeines Vaters noch nicht hinlängliche Ruhe gewonnen hatte, um zu Fragen über zeitliche Angelegenheiten zurückzukehren;„vor einigen Monaten war Jemand aus den Städten im niedern Lande bei uns, der uns mehr als einen Umſtand anführte, der eine Bewegung unter den kupferrothen Leuten befürchten läßt.“ Der Gegenſtand hatte nicht Intereſſe genug, um des Fremden Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Er war taub, oder ſtellte ſich wenigſtens als wenn er taub für eine ſolche Frage wäre. Seine zwei großen, verwitterten, obgleich noch immer kräftigen Hände an ein Geſicht legend, das offenbar ſchon manchem Sturme getrotzt hatte, ſchien er ſich den Dingen dieſer Welt verſchließen zu wollen, um tiefen, und, wie eine leiſe Erſchütterung ſeines ganzen, gewaltigen Körpers verkündete, fürchterlichen Gedanken nachzuhängen. „Wir haben Viele, an denen unfre Herzen ſo innig hängen, daß uns das leiſeſte Zeichen der Gefahr von der Seite her ſchon großen Schrecken macht,“ fügte die zärtliche und ſorgenvolle Mutter hinzu, indem ſie das Auge auf die zu ihr aufſchauenden zwei kleinen Mädchen ſenkte, die, mit leichter Nadelarbeit beſchäftigt, auf Schemeln vor ihr ſaßen.„Es freut mich indeſſen zu ſehen, daß Jemand, der von einer Gegend herkommt, wo man die Stimmung Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 3 der Wilden genauer kennen muß, ſich nicht gefürchtet hat, die Reiſe unbewaffnet zu machen.“ Der Reiſende nahm langſam die Hände vom Geſicht, und warf einen Blick auf die zuletzt Redende, dem ein ſanfter und theilnehmender Ausdruck nicht fehlte. Sein gelaſſenes Weſen kehrte ſogleich zurück, und ſich nach dem doppelten Lederſack wendend, der vorher hinter ihm auf dem Pferde gepackt war, und jetzt nicht weit von ſeinem Stuhle lag, zog er ein paar Kavalleriſtenpiſtolen aus zwei am Sack geſchickt angenähten Taſchen hervor, und legte ſie bedächtig auf den Tiſch. „Obgleich wenig geneigt einen Kampf mit irgend einem Weſen, das des Menſchen Ebenbild trägt, aufzuſuchen,“ ſagte er,„ſo habe ich doch die gewöhnlichen Vorſichtsmaßregeln derjenigen nicht ver⸗ nachläſſigt, welche in der Wildniß reiſen. Hier ſind Waffen, die in feſten Händen, leicht ein Leben nehmen, oder, wenn es Noth thut, erhalten können.“ Der junge Mareus kam hier mit knabenhafter Neugier näher, berührte muthig das Schloß, zu gleicher Zeit jedoch halb beſchämt wegen bewußter Schuld die Mutter anblickend, und ſagte, nicht ohne in ſeinen Ausdruck ſo viel Wegwerfendes hineinzulegen, als ſeine Erziehung erlaubte: „Ein indianiſcher Pfeil würde ſicherer zielen, als ſo ein kurzer Lauf wie der da! Als der Exercirmeiſter aus der Stadt Hartford auf dem gelichteten Hügel die wilde Katze ſchoß, da jagte er die Kugel aus einer fünf Fuß langen Flinte; überdies, was für eine ſtumpfe Waffe würde dieſes kurzſichtige Flintchen abgeben in einem Kampfe gegen das ſcharfe Meſſer, welches der böſe Wam⸗ 3 panoag führt.“. „Knabe, Deiner Jahre ſind wenig, und die Dreiſtigkeit Deiner Rede erſtaunlich groß,“ unterbrach ihn ſtreng ſein Ahne im zweiten Grad. Der Fremde bezeugte kein Mißbehagen an der zuverſichtlichen Red lich ling oder häng hätt Sch erlie mir Reiſe und und kehrte d, der weit n aus te ſie Zeſen, habe ver⸗ „ die Noth äher, hämt nicht als urzer tford r die eine inem zam⸗ einer im ichen 35 Rede des Knaben. Er ſchaute ihn mit einem Blicke an, der deut⸗ lich verkündete, daß kriegeriſche Eigenſchaften den angehenden Jüng⸗ ling keineswegs in ſeiner Gunſt herabſetzten, und fügte hinzu: „Die Jugend, die nicht erſchrickt, an den Kampf zu denken, oder deſſen Ausgang zu erwägen, führt zu einem muthigen, unab⸗ hängigen Mannesalter. Hunderttauſend Jünglinge wie dieſer da⸗ hätten Winthrop's Juwel unnöthig gemacht, und dem Stuart die Schande erſpart, einer ſo eitlen und erbärmlichen Beſtechung zu erliegen. Uebrigens, Kind, will ich Dir zeigen, daß wenn es mit mir und dem böſen Wampanoag zum Todeskampf gekommen wäre, dieſer eine nicht minder ſcharfe Klinge als die ſeinige gefunden hätte.“ Beim Sprechen löſ'te der Fremde einige Schnüre ſeiner Jacke und ſteckte die Hand in die Bruſt. Während dieſer Handlung zeigte ſich auf einen Augenblick mehr als einem Auge eine Waffe von derſelben Gattung, obgleich von weit geringerer Größe als die, welche er bereits ſo rückhaltslos vorgewieſen hatte. Da er die Hand ſogleich wieder herauszog und das Kleid zumachte, ſo wagte es Niemand des Umſtandes zu erwähnen, ſondern Alle lenk⸗ ten ihre Aufmerkſamkeit auf das lange Jagdmeſſer, welches er nun neben die Piſtolen auf den Tiſch legte. Marcus war ſo dreiſt, es aus der Scheide zu ziehen, wendete ſich aber betroffen plötzlich weg, als er fand, daß einige Haare rauher, ſtarrer Wolle, aus der Fuge der Scheide gezogen, ihm an den Fingern klebten. „Gradhorn iſt gegen einen Buſch gekommen, der ſchärfer war als der Dornſtrauch!“ rief Whittal Ring, der herangekommen war, und mit kindiſchem Verwundern auf alles, was die verſchiedenen Perſonen im Zimmer ſagten oder thaten, Acht gegeben hatte. „Ein Stahl zum Rücken dieſer Klinge, einiges trockene Laub und Reiſer, mit ſo einem Vorlegemeſſer, würden freilich bald aus dem alten Leithammel ſelbſt einen durch und durch gahren Braten machen. Ich weiß, daß das Haar aller meiner Füllen fuchsroth iſt, und ich zählte fünf beim Sonnenuntergang, juſt ſo viel wie 36 heute Morgen, als ich ihnen die Fußſtricke abnahm, in's Gehölz hineingaloppirten; aber ſechsunddreißig Rücken können nie ſieben⸗ unddreißig wachſende Vließe ungeſchorner Wolle tragen. Der junge Herr weiß das, denn er iſt gelehrt und kann bis Hundert zählen.“ Die Anſpielung auf das Schickſal des vermißten Schafes war ſo deutlich, daß der Sinn dieſer Worte des blödſinnigen Dienſt⸗ jungen durchaus nicht mißverſtanden werden konnte. Dieſe Gat⸗ tung Thiere waren für den Wohlſtand der Settler von erſter Wichtigkeit, daher wußten gleich alle, die Whittal Ring hörten, was er eigentlich ſagen wollte. In der That, das triumphirende Gekicher des Jungen, und die freie, höhnende Weiſe, mit welcher er dem jungen Marcus die paar Wollhaare wegſchnappte und in die Hoͤhe hielt, machten eine Unterdrückung der Sache unmöglich, wenn man ſie auch gewünſcht hätte. „Dieſer ſchwach begabte Junge will eigentlich ſagen, daß Dein Meſſer ſeine Schneide an einem Hammel bewährt habe, den wir in unſrer Heerde vermiſſen, ſeit ſie dieſen Morgen auf ihre Bergweide ausgezogen,“ ſagte der Wirth gelaſſen, obgleich nicht ohne ſein Auge auf den Boden zu heften, in Erwartung einer Ant⸗ wort auf eine Rede, die ihm ſein Sinn für Gerechtigkeit und rück⸗ haltsloſe Liebe zur Gradheit eingegeben hatte. Mit einer eben ſo männlichen als feſten Stimme wie vorher. fragte der Fremde: „Iſt der Hunger ein Verbrechen, daß die, welche ſo fern von dem Aufenthalt der Selbſtſucht wohnen, ihn mit ihrem Un⸗ willen belegen?“ „Noch nie hat ſich der Fuß eines Chriſtenmenſchen den Thoren von Wiſh⸗Ton⸗Wiſßh genähert, der lieblos zurückgewieſen worden wäre; aber das, was freiwillig mitgetheilt wird, ſollte nie aus eigener Anmaßung weggenommen werden. Von dem Berg, wo meine Heerde zu weiden pflegt, läßt ſich leicht durch mehr als eine Oeffnung des Waldes dieſes Gebäude erblicken, und beſſer 37 wäre es geweſen, den Körper eine Zeit lang ſchmachten zu laſſen, als die Seele mit einer ſchweren Sünde mehr zu belaſten, die un⸗ ſterbliche Seele, die ohnedies ſchon viel zu tragen hat, oder Du müßteſt denn glücklicher ſeyn, als andere von dem gefallenen Geſchlecht Adams.“ „Marcus Heathcote,“ ſagte der Angeſchuldigte, und zwar mit derſelben unerſchütterten Stimme;„ſieh Dir dieſe Waffen, die, wäre ich ein Schuldiger, ich unbehutſam in Deine Gewalt gegeben habe, etwas genauer an. Du wirſt mehr daran finden, was Dich Wun⸗ der nehmen wird, als ein paar loſe Haare, die eine Spinnerin als zu rauh wegwerfen würde.“ „Es iſt lange her, ſeit ich ein Vergnügen daran fand, Streit⸗ waffen zu handhaben, und ich hoffe, es wird noch lange hin ſeyn, ehe ſie in dieſem Wohnort des Friedens vonnöthen ſeyn werden. Die Werkzeuge des Todes, die da vor mir liegen, ähneln denen, welche in meiner Jugend die Cavaliere gebrauchten, die in der Armee des erſten Karl und ſeines kleinmüthigen Vaters dienten. In den Kriegen, meine Kinder, die ich geſehen habe, gab es welt⸗ lichen Stolz, große Eitelkeit und noch viele andere verdammniß⸗ bringende Gottloſigkeiten; und doch machten die Unruhen jener Gnade⸗entblößten Tage dem fſleiſchlichen Menſchen Vergnügen! Komm her, Junker; haſt ja ſchon oft wiſſen wollen, wie die Reiterei zum Gefecht zu ziehen pflege, nachdem die weitmäulige Artillerie und der Bleiregen einen Weg gebahnt haben zum Angriff von Pferd gegen Pferd und Mann gegen Mann. In wiefern ſolche Gefechte zu rechtfertigen ſeyen, das hängt größtentheils von dem innern Geiſte ab, von dem Gemüthe Deſſen, der nach dem Leben eines Mitſündigen zielet; aber hat ja doch der gerechte Joſua ſich einen übernatürlich langen Tag mit den Heiden herumgeſchlagen, daher will ich in der demüthigen Zuverſicht, daß unſere Sache ſtets die gerechte ſeyn werde, Deinem jungen Verſtande den Gebrauch einer 38 Waffe lehren, die bis jetzt in dieſen Wäldern noch nicht geſehen worden iſt.“ „Ich habe wohl ſchon manch ein ſchwexeres Stück geſchwungen, als dieſes,“ ſagte der junge Marcus, das ſchwere Inſtrument mit einer Hand haltend, und dabei theils aus Anſtrengung, theils durch die Aufregung ſeines ſtrebenden Muthes etwas barſch werdend; „wir haben Flinten, welche einen Wolf ſicherer zahm machen, als irgend eine Waffe, deren Lauf nicht ſo hoch iſt als ich. Bitte, Großpapa, in welcher Entfernung faſſen die berittenen Krieger, von denen Ihr ſo oft ſprecht, ihr Ziel?“ Alllein das Sprachvermögen ſchien plötzlich den Alten verlaſſen zu haben. Er unterbrach ſeine eigne Rede, und ſtatt auf die Frage des Knaben zu antworten, glitt ſein Auge langſam und mit einem Blicke ſchmerzlichen Zweifels von dem noch immer ihm vorgehaltenen Piſtol auf das Antlitz des Fremden. Dieſer blieb aufrecht ſitzen, gleich Einem, dem eine ſtrenge und erkennende Prüfung ſeiner Perſon willkommen iſt. Dieſer ſtumme Auftritt konnte der Bemer⸗ kung Content's unmöglich entgehen. Mit jener ruhigen aber gebie⸗ teriſchen Weiſe, die bei den Leuten in der Gegend, die er bewohnte, in ihrem Hausregimente noch heute zu bemerken iſt, erhob er ſich von ſeinem Sitze, und winkte allen Gegenwärtigen das Gemach zu verlaſſen. Ruth und ihre Töchter, die Dienſtboten, der blöd⸗ ſinnige Whittal, und ſelbſt der zaudernde Marcus gingen ihm voran nach der Thüre, die er mit ehrerbietiger Genauigkeit hinter ſich zumachte, und nun geſellte ſich dieſer überraſchte Theil der Haus⸗ bewohner zu dem im größern Vorgemach befindlichen, und über⸗ ließ das innere dem alleinigen Beſitz des greiſen Häuptlings der Siedelung und ſeines noch immer unbekannten und geheimniß⸗ vollen Gaſtes. Viele angſtvolle und den Ausgeſchloſſenen endlos vorkommende 9 Minuten vergingen, und das Ende der geheimen Unterredung ſchien noch immer eben ſo fern zu ſeyn wie vorher. Jene tiefe Ehrfurcht, ſehen ien, mit durch end; als Zitte, eger, aſſen die und ihm blieb fung mer⸗ bie⸗ onte, ſich nach löd⸗ pran ſich aus⸗ ber⸗ der niß⸗ ende hien ſcht, 39 welche das Alter, das patriarchaliſche Weſen und der ſonſtige Cha⸗ rakter des Großvaters eingeflößt hatten, erlaubte Niemanden, ſich dem Theil des Gemaches zu nahen, der dem innern Zimmer zu⸗ nächſt war; das einzige Mittel, wodurch ſie ſich über eine Ange⸗ legenheit von ſo allgemeinem Intereſſe einige Aufklärung zu ver⸗ ſchaffen ſuchten, war eine durchgängige Stille, tief wie die des Grabes. Sie konnten wohl hören, wie ein jeder der Beiden in ſeiner leiſen halbunterdrückten Rede feſt und ſtetig ſeinen Gegen⸗ ſtand verfolgte; allein die neidiſchen Wände ließen keinen einzelnen Ton deutlich genug hindurch, um daraus auf den Inhalt jener Reden ſchließen zu können. Endlich ward die Stimme des alten Heatheote hörbarer als bisher, und nun erhob ſich Content mit einer Geberde, die die Anderen aufforderte, ſeinem Beiſpiel zu fol⸗ gen. Die jungen Männer ſtellten die Hoͤlzer, an denen ſie ſchnitz⸗ ten, bei Seite; ein Gleiches thaten die Mädchen mit ihren Spinn⸗ rädern, die ſie ohnedies ſchon ſeit mehreren Minuten zu drehen vergeſſen hatten, und die ganze Geſellſchaft nahm die ungekünſtelte Stellung von Betenden an. Zum dritten Mal an dieſem Abend ertönte die Stimme des Puritaners in einem Geiſteserguß an das Weſen, dem er alle ſeine zeitlichen Angelegenheiten anheimzuſtellen gewohnt war. Wie ver⸗ traut aber auch Content und ſeine aufmerkſame Lebensgefährtin mit allen den eigenthümlichen Phraſen längſt ſchon waren, in die ihr Vater ſeine frommen Gefühle einzukleiden pflegte, ſo verhalf ihnen dies doch zu keiner Kenntniß desjenigen Gefühls, welches jetzt in ihm vorherrſchte. Bald ſchien es die Sprache des Dankes, bald waren es mehr die flehenden Toͤne der Abbitte und des Gebets; kurz, es war ſo abwechſelnd und bei vollkommener Ruhe doch ſo zweideutig, wenn ein ſolcher Ausdruck für einen ſo ernſten Gegen⸗ ſtand paſſend wäre, daß alle Künſte des Errathens daran ſcheiterten. Als alles wieder ſtill ward, vergingen abermals viele lang⸗ wierige Minuten, und doch erhielt die erwartende Familie noch keine Aufforderung, noch ließ ſich irgend ein Ton im innern Zimmer 40 vernehmen, welchen der ehrerbietige Sohn gewagt hätte, als eine Erlaubniß zum Eintreten auszulegen. Endlich miſchten ſich Be⸗ ſorgniſſe in ihre Vermuthungen, und beide Eheleute fingen heim⸗ lich mit einander zu flüſtern an. Die Ahnungen und Zweifel Content's äußerten ſich bald auf noch unzweideutigere Weiſe. Er ſtand auf, ging mit langen Schritten im Zimmer auf und ab, und zwar ſo, daß er der Wand, welche beide Gemächer abtheilte, jedes Mal etwas näher kam, wobei man nicht undeutlich ſah, daß er ge⸗ faßt war ſich wieder zu entfernen, ſobald er ſich überzeugt haben würde, daß ſeine Unruhe nicht hinlänglich begründet wäre. Noch immer kein Ton vom innern Zimmer. Die athemloſe Stille, die vor einigen Minuten in dem größern Gemach geherrſcht hatte, war nun plötzlich dorthin verpflanzt, wo Content ſich vergeblich bemühte, die kleinſte Spur menſchlichen Daſeyns zu erhorchen. Abermals kehrte er zu Ruth zurück, und abermals beriethen ſie ſich leiſe über das, was kindliche Pflicht ihnen jetzt vorſchriebe. „Er hatte nicht geboten, daß wir uns entfernen ſollten,“ ſagte ſein ſanftes Weib;„warum nicht wieder zum Vater hinein⸗ gehen, jetzt, da wir lange genug weggeblieben ſind, um ihm Zeit zu laſſen, ſich über den beunruhigenden Punkt zu verſtändigen.“ Content gab dieſer Meinung endlich nach. Mit jener klugen Vorſicht, wodurch ſich dieſe Leute auszeichnen, winkte er den Sei⸗ nigen ihm zu folgen, damit keine unnöthige Ausſchließung Vermu⸗ thungen veranlaſſen oder Verdacht erregen möchte, den am Ende die Umſtände nicht rechtfertigen dürften. Trotz der gelaſſenen Weiſe, die dem Zeitalter und dem Lande eignete, war doch die Neugier, und vielleicht ein beſſerer Beweggrund, bis zu ſolchem Punkte ge⸗ ſtiegen, daß Alle, dem ſchweigenden Befehl gehorchend, ſich ſo ſchnell, nach der geöffneten Thüre zu, vorwärts bewegten, als ſich nur immer mit dem unwandelbaren Anſtand des Betragens vertrug. Der alte Marcus Heathceote ſaß noch in dem Seſſel wie vor⸗ her; in ſeinem Auge, auf ſeinen Zügen ruhte der gelaſſene, ſtets eine Be⸗ eim⸗ eifel Er und edes ge⸗ aben Noch die atte, blich hen. ſich en, ein⸗ Zeit 1 igen Sei⸗ mu⸗ 41 ſich gleiche Ernſt, der damals für unzertrennlich von einem wohl⸗⸗ geordneten Geiſte gehalten wurde. Allein der Fremde war ver⸗ ſchwunden. Man konnte das Zimmer und ſogar das Haus durch zwei oder drei Oeffnungen verlaſſen, ohne daß es Diejenigen, die ſo lange auf Erlaubniß zum Wiedereintritt gewartet hatten, ge⸗ wahren konnten, und der erſte Eindruck war der, daß der Fremde durch einen dieſer Ausgänge wieder hereintreten würde. Content las indeſſen in dem beſondern Blicke ſeines Vaters, daß die Stunde der Entwickelung, wenn ſie überhaupt je kommen würde, noch nicht gekommen ſey; und ſo bewunderungswürdig war die häusliche Dis⸗ ciplin dieſer Familie, daß die Fragen, welche der Sohn zu thun nicht geeignet fand, von keinem Untergeordneten oder Jüngern ge⸗ wagt wurden. Mit der Perſon des Fremden war auch jede andere Spur ſeines ſo neuen Beſuches verſchwunden. Der junge Marcus vermißte die Waffe, die ſeine Verwun⸗ derung erregt hatte; Whittal ſah ſich vergeblich nach dem Jagd⸗ meſſer um, wodurch das Schickſal des Hammels verrathen wurde; Madame Heathcote, welche ſchon daran gedacht hatte, den ledernen Doppelſack nach dem Schlafzimmer ihres Gaſtes ſchaffen zu laſſen, entdeckte ſchnellen Blickes, daß nichts mehr wegzuſchaffen da war, und die kleine, ſanfte, ſpielluſtige Ruth, die mit dem Namen auch die Züge der Mutter beſaß, welche dieſer in ihrer Jugend ſo unge⸗ meine Reize gaben, ſuchte ohne Erfolg einen maſſiven, ſilbernen Sporen, von ſeltener, antiker Arbeit, mit dem ſie bis zu dem Augenblick, wo die Familie das Zimmer verlaſſen mußte, hatte ſpielen dürfen. Es war bereits ſpäter geworden, als die Stunde, in welcher Leute von ſo einfacher Lebensart ihre Lager noch nicht geſucht haben. Der Großvater zündete ein Nachtlicht an, und bereitete ſich, nachdem er den ihn Umgebenden den gewöhnlichen Abendſegen geſpendet hatte, in ſein Zimmer zu gehen. Und doch ſchien er noch eine Angelegenheit auf dem Herzen zu haben. Schon an der 42 Thürſchwelle angekommen, wendete er ſich um, und einen Augenblick hofften Alle, die Aufklärung eines Vorfalls zu hören, der nachgerade anfing, ſchmerzlich geheimnißvoll zu werden. Allein ihre Hoffnung wurde getäuſcht. „Meine Gedanken haben mit dem Fortrücken der Zeit nicht Schritt gehalten,“ ſagte der Alte.„In welcher Stunde der Nacht befinden wir uns, mein Sohn?“ Man berichtete ihm, daß es über die gewöhnliche Schlafen⸗ gehenszeit hinaus wäre. „Schadet nicht; das was die Vorſehung zu unſrer Erquickung und Erhaltung hergibt, muß nicht leichtſinnig und undankbar ver⸗ nachläſſigt werden. Nimm das Thier, das ich zu reiten pflege, Content, und folge dem Pfad, der zu der Lichtung auf dem Berge führt; ſchaff' das nach Hauſe, was Du bei der erſten Krümmung des nach den Küſtenſtädten führenden Weges antreffen wirſt. Wir ſind im letzten Quartal des Jahres; damit alſo die Feldarbeit keine Unterbrechung leide und alles mit Sonnenaufgang wieder munter ſey, ſo laß die Uebrigen alle zur Ruhe gehen.“ An der Weiſe ſeines Vaters bei dieſem Befehl erkannte Con⸗ tent wohl, daß er nicht die geringſte Abweichung von demſelben geſtatten würde. Er ſchloß hinter dem ſich zur Ruhe begebenden Alten die Thüre, und gab darauf durch einen ſchweigenden Wink ſeinen Leuten zu verſtehen, daß ſie ſich entfernen möchten. Die Dienſtmägde der Ruth brachten die Kinder auf ihre Zimmer, und nach einigen Minuten befand ſich Niemand mehr in dem ſo oft erwähnten äußern Zimmer außer dem gehorſamen Sohn und ſeiner angſterfüllten, liebenden Gattin. „Ich will Dich begleiten, lieber Mann,“ begann Ruth halb flüſternd, als ſie mit den kleinen häuslichen Sicherheits⸗Vorkehrungen an Heerd und Thüren fertig war.„Ich laſſe Dich nicht gern in einer ſo ſpäten Stunde der Nacht allein in den Wald gehen.“ „Einer wird dort bei mir ſeyn, der Diejenigen, welche Zuverſicht lick ade ung icht acht fen⸗ ung er⸗ ege, rge ung Wir eine iter on⸗ ben den sink Die und oft ner alb gen in 43 in ſeinen Schutz haben, nimmermehr verläßt. Und was wäre denn auch in einer Wildniß, wie dieſer, zu befürchten, meine Ruth? Die Thiere ſind erſt kürzlich von den Bergen verjagt worden, und außer denen, welche unter unſerm eigenen Dache ruhen, findet ſich innerhalb einer langen Tagereiſe auch kein einziges. „Das können wir nicht wiſſen! wo iſt der Fremde, der gegen Abend bei uns einkehrte?“ „Wie Du ſagſt, das können wir nicht wiſſen. Mein Vater will nun einmal über dieſen Reiſenden den Mund nicht öffnen, und gewiß, wir dürfen doch nicht erſt jetzt lernen, was Gehorſam und Selbſtverleugnung ſey.“ „Es wäre indeſſen eine große Herzenserleichterung, wenigſtens den Namen Deſſen zu kennen, der mit uns gegeſſen und gebetet hat, und wenn er uns auch niemals wieder vor Geſicht kommen ſollte.“ Das kann nicht ſeyn!“ erwiederte ihr der nicht ſo neugierige „D und mehr ſelbſtbeherrſchte Gatte.„Mein Vater will nicht, daß wir darnach forſchen.“ „Und doch kann es nicht ſo ſündig ſeyn, die Lage eines Men⸗ ſchen zu erfahren, deſſen Schickſale und Thaten weder Neid noch Uneinigkeit unter uns erregen können. Ich wünſchte, wir wären geblieben, um mehr Theil an dem Gebet nehmen zu können; es geziemte ſich nicht, einen Gaſt zu verlaſſen, für den, wie es ſcheint, eine beſondere Fürbitte ſo nöthig war.“ „Im Geiſte beteten wir mit, wenn wir auch nichts von ſeinen beſonderen Bedürfniſſen hörten. Doch ich muß morgen mit den jungen Leuten wieder auf ſeyn, und bis zu der Krümmung des Pfades nach den Küſtenſtädten iſt's eine gute Meile. Komm mit bis zur Pforte, und ſieh zu, daß Du ſie hinter mir wieder ver⸗ ſchließeſt; ich werde Dich nicht lange auf Deinem Wachtpoſten halten.“ Content und ſein Weib verließen die Wohnung jetzt durch die einzige noch nicht verriegelte Thür. Der etwas bewölkte Vollmond leuchtete ihnen, als ſie den zwiſchen zwei Außengebäuden befindlichen Thorweg paſſirten und zu den Palliſaden hinabſtiegen. Die Riegel der kleinen Pforte wurden weggeſchoben, und nach einigen Minuten jagte Content, auf ſeines Vaters Pferd, den Pfad entlang, der in den ihm bezeichneten Theil des Waldes führte. Während er auf dieſe Weiſe dem Befehl Deſſen nachkam, dem er ſtets auf's Unbedingteſte zu gehorchen pflegte, zog ſein treues Weib ſich innerhalb der hölzernen Vertheidigungsmauer zurück, legte einen Riegel vor, mehr weil dieſe Vorſicht ihr zur Gewohn⸗ heit geworden war, als aus irgend einem gegenwärtigen Grunde des Verdachtes, und harrte ängſtlich dem Ausgange eines Vorfalls entgegen, der eben ſo unerklärlich als außerordentlich war. Viertes Kapitel. Im Namen alles deſſen, was heilig iſt, Sir, warum ſteht Ihr ſo ſtarr dorthinblickend? Der Sturm. Als Mädchen war Ruth Harding eines der holdeſten, ſanfteſten Weſen des menſchlichen Geſchlechts. Ihr liebendes Gemüth hatte durch die Bande einer Gattin und Mutter neue Eindrücke bekom⸗ men; im Ganzen aber war ihr ſchönes Naturell im ehelichen Stande daſſelbe geblieben. Uneigennützig, gehorſam und denen, die ſie liebte, ergeben, wie ihre Eltern ſie ſtets gefunden hatten, ſo lernte ſie auch Content in einer Reihe glücklicher Jahre kennen. Bei dem äußerſten Gleichmuth ihres Innern und ihres Betragens, ſchlummerte ihre wachſame Sorgfalt für die Wenigen, auf die ihr kleiner Wirkungskreis ſich erſtreckte, nie, ſondern wohnte, als große und erſte Triebfeder ihres Lebens, anſpruchslos aber thätig in ihrer Bruſt. Hatten die Umſtände ſie auch an eine ferne und entblößte Grenze verſetzt, wo ſich die verzweigte, herkömmliche Vertheilung der Arbeit noch nicht hatte entwickeln können, ſo 45 aͤußerte dies doch keinen ändernden Einfluß auf ihre Gewohnheiten, Gefühle oder ihren Charakter. Der Reichthum ihres Mannes überhob ſie der Nothwendigkeit, ſchwere Arbeiten zu verrichten; wenn ſie daher auch den Gefahren der Wildniß trotzte, und keine der Pflichten ihrer, die Thätigkeit ſo ſehr in Anſpruch nehmenden, Stellung unerfüllt ließ, ſo war ſie andrerſeits doch den meiſten der für die weibliche Schönheit ſo nachtheiligen Wirkungen ent⸗ gangen; ungeachtet der Beſchwerlichkeiten eines Lebens an der äußerſten Landgrenze, verlor ſie daher die Weiblichkeit und ihre jugendlichen Reize nicht. Der Leſer mag ſich nun die Gefühle einer ſolchen Frau, während ihr Gatte in der Ausführung eines Geſchäfts wie das beſchriebene begriffen war, und ihr Streben denken, ſeine ferne Geſtalt nicht aus den Augen zu verlieren. Bei allem Einfluſſe, den lange Gewohnheit übt, gab es doch keinen, wenn auch noch ſo kühnen Jäger, der ſich nach Eintritt der Nacht dem Walde ohne das Bewußtſeyn näherte, daß er einer beſtimmten Gefahr entgegenginge. Es war die Stunde, wo bekanntlich die wandern⸗ den, hungrigen Bewohner der Wälder am meiſten in Bewegung ſind, und es bedurfte nur des Kniſterns eines Blattes, des Bre⸗ chens eines dürren Reiſes unter dem leichten Tritt des kleinſten Thieres, um das Bild des gierigen, feueräugigen Panthers herauf⸗ zubeſchwören; vielleicht auch das eines auflauernden Zweifüßlers, der bei nicht geringerer Wildheit mehr Schlauheit beſaß. Zwar empfanden Hunderte das Peinliche dieſer Vorſtellungen, deren Loos es nie war, die Wirklichkeit der grauſenhaften Bilder an ſich ſelbſt zu erfahren; doch um Beſorgniſſe hinlänglich zu rechtfertigen, fehlte es keineswegs an Thatſachen. Geſchichten von Kämpfen mit Raubthieren, und Ermordungen durch herumſtreifende, jedes Geſetz verſchmähende Indianer verübt— das waren die Legenden, welche in dieſen Grenzgegenden am mei⸗ ſten Theilnahme erregten. Mochten im entfernten Europa Throne 46 umgeſtürzt, Königreiche gewonnen oder verloren werden, von ſolchen Ereigniſſen würden die Bewohner dieſer Forſte weniger geſprochen haben, als von einem einzigen, eigenthümlichen, auffallenden Ereigniß im Walde, das den hohen Muth oder die Liſt und Gewandtheit eines Settlers in Anſpruch nahm. Eine ſolche Sage ging von Mund zu Mund mit der Gier, welche mächtiges, perſönliches Intereſſe ſtets begleitet, und viele der Art waren ſchon in der Geſtalt der Tradition von Vater auf Sohn überliefert worden, bis— ſo wie in künſtlicheren Menſchenvereinen ernſtlichere Unwahrſcheinlichkeiten das Blatt der Geſchichte zweifelhaft machen— die Uebertreibung zu ſehr mit der Wahrheit in Eins zuſammenſchmolz, um je wieder davon getrennt werden zu können. Der Einfluß dieſer Gefühle, vielleicht aber auch ſeine nie ſchlummernde Behutſamkeit, veranlaßte Content, eine wohlbewährte Büchſe über die Schulter zu werfen. Als er die Anhöhe hinan⸗ kam, auf der ſein Vater dem Fremden begegnet war, konnte Ruth ſeine Geſtalt erblicken, wie ſie, über den Rücken des Pferdes ſich hinbeugend, durch das Nebellicht der Nacht geleitete, einem jener erdichteten Bilder von eigenſinnigen und ſcharf reitenden Geiſtern gleich, von denen die Sagen des öſtlichen Continents ſo gern erzählen. Jetzt folgten einige angſtvolle Augenblicke, während welcher weder das Geſicht noch das Gehör die Vermuthungen der aufmerk⸗ ſamen Gattin im Mindeſten unterſtützen konnten. Athemlos lauſchte ſie, und ein⸗ oder zweimal bedünkte ihr, als könne ſie unterſchei⸗ den, wie die Hufſchläge härter auf die Erde fielen und ſchneller auf einander folgten, wie gewöhnlich; allein erſt als Content den jähen Gipfel des Hügels erreichte, ward er auf einen kurzen Augenblick ſichtbar, wie er ſchnell in das Dickicht hineinjagte. Obgleich Ruth mit den dem Aufenthalte an der Länderſcheide eigenthümlichen Sorgen vertraut war, ſo hatte ſie vielleicht doch nie einen ſo bangen Moment erlebt, als den jetzigen, wo die Geſtalt ihres Gatten ſich unter den finſtern Baumſtämmen verlor. chen chen gniß ines G zu ſtets der wie iten ung eder nie hrte nan⸗ duth ſich ener ſtern len. lcher ꝛerk⸗ ſchte chei⸗ eller den rzen heide doch die 47 Die Zeit dehnte ſich ihrer Ungeduld unendlich in die Länge, und getrieben von einer fieberhaften Unruhe, die ſich keinen beſtimmten Grund anzugeben vermochte, zog ſie den Riegel, welcher die Pforte bis jetzt verſchloſſen gehalten, zurück und trat aus der Barriere gänzlich hervor. Ihren umnebelten Sinnen ſchien es, als ob die Palliſaden ihren Geſichtskreis verengten. Aber noch immer ſchlich Minute nach Minute dahin, ohne Erleichterung zu bringen. Wäh⸗ rend dieſer ängſtlichen Augenblicke ſiel ihr, ſtärker als je vorher, die verlaſſene Lage auf's Herz, in welcher ſie und alle, die ihr theuer waren, ſich befanden. Die Gefühle der Gattin gewannen die Oberhand, und die Seite der Anhöhe, auf der ſie ſtand, ver⸗ laſſend, wandelte ſie den Pfad entlang, den ihr Mann genommen, anfangs langſamer, aber nach und nach, unwillkührlich von Furcht hingezogen, raſcheren Schrittes. Erſt dann ſtand ſie ſtill, als ſie faſt den Mittelpunkt des gelichteten Hügels erreicht hatte, wo ihr Vater am Abend Halt gemacht hatte, um das wachſende Gedeihen ſeiner Beſitzungen in Augenſchein zu nehmen. Was ihre Schritte feſtbannte, war eine Geſtalt, die aus dem Walde, gerade an dem Punkte, der ihre Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen hatte, daß ſie ihn unabgewandt im Auge behielt, hervorzukommen ſchien. Aber es war weiter nichts als der dahingleitende Schatten einer dichtern Wolke, die ihre finſtern Umriſſe auf die Bäume und einen Theil des Waldrandes abmalte. In dieſem Moment nun blitzte ihr die Erinnerung in die Seele, daß ſie die Pforte unvorſichtigerweiſe habe offen ſtehen laſſen, und mit Gefühlen, die zwiſchen Gatten und Kindern getheilt waren, kehrte ſie um, einen Fehler wieder gut zu machen, der um ſo größer erſchien, als Vorſicht und Gewohnheit ihn gleich ſehr in's Schwarze zu malen geeignet waren. Die Augen der Mutter— denn es waren die heiligen Muttergefühle, die jetzt in ihr vor⸗ herrſchten— waren an den Boden geheftet, wie ſie haſtig auf der holperigen Fläche ihren Rückweg ſuchte; und ſo ganz war ihre ſie ſich bittere Vorwürfe machte, daß die Gegenſtände, ſo ihren Blick berührten, ihrem Geiſte nur trübe, verworrene Bilder vorführten. Aber ungeachtet des einen, alles verdrängenden Gedankens, traf ein Etwas ihr Auge, welches ſelbſt den nichts beſtimmt auf⸗ faſſenden Blick zurückſchrecken und jede Nerve ihres Körpers er⸗ zittern machte. Einen Augenblick lang ſteigerte das Delirium ihren Schrecken faſt bis zum Wahnſinn. Die Denkkraft kam nicht eher zurück, als bis Ruth eine gewiſſe Entfernung von dem Fleck ge⸗ wonnen hatte, wo jener aufſchreckende Gegenſtand ihr, halb be⸗ wußtlos, quer vor das Geſicht gekommen war. Jetzt erſt hielt ſie einen einzigen und bangen Augenblick inne, wie Jemand, der überlegt, was nun zu thun ſey. Die mütterliche Liebe ſiegte, und das Reh ihrer eigenen Wälder flieht kaum mit größerer Schnellig⸗ keit, als die Mutter der ſchlafenden, unbewachten Familie jetzt dem Wohnhauſe entgegeneilte. Erſchöpft und athemlos erreichte ſie die Pforte, die ſie mehr unwillkührlich, als einem Vorſatze folgend, ſchloß und zwei⸗ ja dreifach verriegelte. Jetzt erſt, nach mehreren Minuten, athmete ſie wieder tief und ohne Schmerz. Sie bemühte ſich, ihre Gedanken zu ſammeln, um den Weg auszufinden, den einerſeits die Klugheit, andrerſeits ihre Pflicht gegen ihren noch immer der Gefahr, der ſie entgan⸗ gen, ausgeſetzten Gatten, ihr vorſchrieben. Zuerſt fiel ihr ein, das Signal zu geben, welches eingeführt war, um die Arbeiter von dem Felde zu rufen, oder den Schlafenden als Alarmzeichen zu dienen; doch reiferes Nachdenken ſagte ihr, daß ein ſolcher Schritt für Den, der in ihrer Liebe die ganze übrige Welt auf⸗ wog, verhängnißvoll werden dürfte. Der Kampf in ihrer Seele endete erſt, als ſie deutlich und unzweidentig ihren Mann erblickte, wie er aus dem Walde hervorkam, genau an derſelben Stelle, wo er hineingeritten war. Unglücklicherweiſe führte der Rückweg ge⸗ Seele mit der Vernachläſſigung einer Pflicht erfüllt, wegen welcher 3 rade über den Fleck, wo ſie von einem ſo plötzlichen Schrecken war befal ſie e Eink von Die war ſchw eine welch ausg die reite lieb Deir eilig eines Rutt ſie e würd wenn weit Gru ihr beſch daß elcher Blick örten. ckens, auf⸗ s er⸗ ihren eher k ge⸗ 5be⸗ lt ſie der und ellig⸗ jetzt eichte rſatze r tief meln, rſeits tgan⸗ ein, beiter eichen olcher auf⸗ Seele lickte, 2, wo g ge⸗ war 49 befallen worden. Welten häͤtte ſie d'rum gegeben, zu wiſſen, wie ſie es anfangen müſſe, ihn von einer Gefahr, von der ihre eigene Einbildungskraft voll war, zu unterrichten, ohne daß die Warnung von einem andern, ihr fürchterlichen Weſen vernommen würde. Die Nacht war ſo ſtill, und die Entfernung, obgleich bedeutend, war es doch nicht in dem Grade, daß alle Hoffnung des Erfolges ſchwinden mußte. Kaum wiſſend, was ſie that, und doch, durch eine Art von inſtinktmäßiger Klugheit, die Vorſicht nicht vergeſſend, welche ſich mit unſerm Thun verwebt, wenn wir lange der Gefahr ausgeſetzt ſind, machte das zitternde Weib den Verſuch. „Mann! Mann!“ rief ſie, anfangs in klagenden Tönen, durch die Energie der innern Aufregung aber dann lauter.„Mann, reite raſch; unſere kleine Ruth liegt in den letzten Zügen. So lieb Dir ihr Leben, ſo lieb Dir das Deine iſt, reite ſo ſchnell als Dein Pferd nur laufen kann. Nicht auf den Stall, ſondern eilig, eilig auf die Pforte zu; ich öffne ſie Dir.“ Das war freilich eine dringende Aufforderung für das Ohr eines Vaters, die, wenn es den ſchwachen Kräften der armen Ruth möglich geweſen wäre, ſie ſo weit hörbar zu machen, als ſie es wünſchte, der erſehnten Wirkung gewiß nicht verfehlt haben würde. Doch fruchtlos blieb ihr Rufen; ihre ſchwachen Töne, wenn auch durch die regſte Furcht geſteigert, konnten einen ſo weiten Raum nicht durchdringen. Aber dennoch, dennoch hatte ſie Grund zu glauben, daß ſie nicht gänzlich verloren waren, denn ihr Mann hielt einmal inne, und ſchien aufzuhorchen, und dann beſchleunigte er den Schritt ſeines Thiers; allein dieſen Beweiſen, daß er etwas vernommen habe, folgten keine weitere Zeichen, daß er den Alarmruf auch begriffen. Content befand ſich nun auf der Hügelſpitze. Wenn Ruth überhaupt während ſeines Herankommens athmete, ſo muß es un⸗ bemerkbarer als das ſanfteſte Athmen eines ſchlafenden Säuglings geſchehen ſeyn. Als ſie aber ſah, wie er mit bewußtloſer Sicherheit Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 4 50 den, den Gebäuden zunächſt liegenden, Pfad einhertrabte, da brach ihre Ungeduld durch alle Bande; ſie riß die Pforte auf und ſchrie mit einer Stimme, die nicht länger vergeblich war. Das Getrappel des nicht beſchlagenen Pferdehufs ward abermals raſcher — noch eine Minute, und ihr Gatte galoppirte zu ihr heran. „Tritt ein!“ rief die halb ſchwindelnde Gattin, indem ſie den Zügel faßte, und das Pferd innerhalb der Palliſaden führte.„Tritt ein, Mann, bei allem was Dir theuer, tritt ein und ſey dankbar.“ „Was ſoll dieſes Entſetzen, Ruth?“ fragte Content, mit allem dem Unwillen vielleicht, den er gegen ein ſo zärtliches Weſen über eine aus Liebe zu ihm hervortretende Schwäche zu äußern im Stande war;„haſt Du Dein Vertrauen zu Dem, deſſen Auge ſich nimmer ſchließt, und der über Menſchenleben und den fallenden Sperling gleich väterlich wacht, verloren?“ Ruth blieb taub. Mit haſtigen Händen zog ſie die Pforte an, ſchob die Riegel vor, und erſt als ſie den Schlüſſel, ſo oft er um⸗ gedreht werden konnte, dreimal, umgedreht hatte, fühlte ſie ſich ſicher, kam ihr das Vermögen, Dank für die Sicherheit deſſen aufzuopfern, über deſſen Gefahr ſie ſo kurz vorher mit Todesangſt gewacht hatte. „Warum dieſe Sorge? haſt Du vergeſſen, daß das Pferd ſo fern von ſeiner Raufe und ſeiner Krippe hungern muß?“ „Mag es lieber Hungers ſterben, als daß Dir ein Haar gekrümmt werde.“ „Nein, nein, Ruth; weißt Du denn nicht mehr, daß das Thier der Liebling meines Vaters iſt, dem es ſchlecht gefallen wird, wenn er erfährt, daß es die Nacht innerhalb der Palliſaden hat zubringen müſſen.“ „Mann, Du irrſt; in den Feldern iſt Einer!“ „Und giebt es einen Raum, wo Einer nicht iſt?“ „Ich habe aber ein Geſchöpf, von Menſchen geboren, geſehen und z hat, Fried meine überf auf d Jagd ben l der E währ erwät von lenkt nicht verm den ſo z1 An. 8α ☛ 51 und zwar ein Geſchöpf, das mit Dir oder den Deinigen nichts zu thun hat, und welches dadurch, daß es an jenem Punkte lauert, unſern Frieden ſtört, unſre natürlichen Rechte verletzt.“ „Geh, Du biſt nicht gewohnt, ſo ſpät von Deinen Kiſſen zu ſeyn, meine arme Ruth; der Schlaf hat Dich auf Deinem Wachtpoſten überfallen. Eine oder die andere Wolke warf ihren Schatten auf die Felder, oder es kann auch recht gut ſeyn, daß die letzte Jagd die wilden Thiere nicht ſo weit von unſrer Lichtung vertrie⸗ ben hat als wir geglaubt. Komm, da Du einmal mir nicht von der Seite weichen willſt, ſo ergreife Du den Zügel des Pferdes, während ich ihm ſeine Bürde abnehme.“ Wie Content ſich ruhig an die Arbeit begab, die er ſo eben erwähnt, wurden die Gedanken ſeines Weibes auf einen Augenblick von dem, was ſie beunruhigte, weg⸗ und auf den Gegenſtand ge⸗ lenkt, der auf der Kruppe des Kleppers lag, und den ſie bis jetzt nicht gewahr geworden. „Hier iſt in der That das Thier, das wir heute in der Heerde vermißten!“ rief ſie, als der Leichnam eines Schafes ſchwer auf den Boden fiel. „Ja wohl, und zwar außerordentlich geſchickt geſchlachtet, faſt ſo zubereitet, daß wir gar keine Mühe damit mehr haben dürfen. An Hammelfleiſch wird es uns nun zum Eichelfeſt nicht fehlen, und das eingeſtellte Thier, deſſen Tage ſchon gezählt waren, mag nun bis zum nächſten Jahre leben.“ „Und wo fandeſt Du das geſchlachtete Thier?“ „An dem Aſt eines Wallnußbaumes aufgehängt. Eben Dudley, bei all' ſeiner Kunſt im Schlachten und vortheilhaften Ausſtellung des Fleiſches, hätte kein Thier mit größerer Kenntniß ſeines Handwerks an den Zweig eines jungen Baumes aufhängen können. Wie Du ſiehſt, fehlt nur ſo viel von Leichnam, als zu einem Mittagmahl hinreichte, und Dein Vließ iſt unverletzt geblieben.“ „Das iſt nicht die Arbeit eines Indianers aus dem Stamme 52 der Pequods!“ ſagte Ruth, überraſcht, als auch ſie die Sache ſo fand;„die kupferrothen Leute verüben ihr Unheil mit weniger Umſicht.“ „Eben ſo wenig war es der Zahn eines Wolfs, der dem armen Gradhorn die Adern öffnete. Hier hat nicht bloß Urtheils⸗ kraft beim Schlachten obgewaltet, ſondern auch Vorſicht bei'm Verzehren des Fleiſches. Die Hand, die mit ſolcher Leichtigkeit abſchnitt, hatte es gewiß auf einen zweiten Beſuch angelegt.“ „Und unſer Vater hieß Dich das Thier da ſuchen, wo Du es wirklich gefunden! Mann, ich fürchte, ein oder das andere ſchwere Gericht, wegen der Sünden der Väter, wird ieahrſcbeiilich die Kinder heimſuchen.“ „Die Kleinen ſchlummern ruhig und ſanft, bis jetzt alſo iſt uns noch nichts Arges widerfahren. Ich will noch das eingeſtellte Thier von ſeinem Strick losmachen, und Gradhorn ſoll uns beim Eichelfeſt genügen. Unſer Hammelfleiſch wird vielleicht dieſes üblen Zufalls wegen etwas weniger ſchmackhaft ausfallen, dagegen bleibt aber auch die Zahl Deiner Heerde unverringert.“ „Und wo iſt nun der, der ſich bei'm Gebet mit uns vereinigt, von unſerm Brod mit uns genoſſen hat; der ſo lange mit dem Vater heimlich Rath pflog, und jetzt aus unſerer Mitte, gleich einer Erſcheinung, verſchwunden iſt!“ „Nicht leicht, fürwahr, läßt ſolche Frage ſich beantworten,“ erwiederte Content, der bis jetzt, um in der Bruſt ſeiner Lebens⸗ gefährtin den grundloſen Schreck— denn er wollte nicht glauben, daß es was anderes wäre— zu beſchwichtigen, eine heitere Miene behalten hatte, und bei dieſer Frage das Haupt ſinken ließ, wie Jemand, der in ſeinen Gedanken einen oder den andern Grund aufzufinden ſucht.„Es hat nichts zu bedeuten, Ruth Heatheote; ein Mann von ſo vielen Jahren und ſo großer Erfahrung wird ſchon wiſſen, was er zu thun hat; aber wenn auch ſeine Klugheit irren ſollte, wiſſen wir ja doch, daß ein noch Weiſerer als ſelbſt er, U Raufe Ewigf ſeinen bloß! Beſitz ſind T iſt er Appe⸗ ſo ſel böſe theile Arbei Dank dieſe ich n der F Wirk komm Wild Wach doch wäre 5³3 er, uns beſchützet! Laß mich nun zunächſt das Thier nach ſeiner Raufe zurückbringen, dann bitten wir zuſammen um die Gunſt des Ewigſehenden, und gehen vertrauensvoll zur Ruhe.“ „Mann, du verläſſeſt dieſe Nacht die Palliſaden nicht noch ein⸗ mal,“ ſagte Ruth, und hielt ihm, ehe ſie ſprach, die Hand, die ſchon einen Riegel zurückgezogen hatte.„Mir ahnet nichts Gutes.“ „Freilich wünſchte auch ich,“ erwiederte ihr Gatte,„daß der Fremde ein anderes Obdach für ſeine kurze Raſt gefunden hätte. Daß er ſich mit meiner Heerde eine Freiheit herausgenommen, und ſeinen Hunger auf eine ziemlich koſtbare Weiſe geſtillt hat, wo er bloß hätte fordern dürfen, um freudig das Allerbeſte, worüber der Beſitzer von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh gebietet, gereicht zu bekommen, das ſtnd Wahrheiten, die ſich nicht leugnen laſſen. Allein bei dem allen iſt er ein Menſch mit Fleiſch und Blut, wie das ſein wackerer Appetit bewieſen hat, wenn auch unſer Glaube an die Vorſehung ſo ſehr wanken ſollte, daß wir Zweifeln Raum gäben, ob ſie auch böſe Weſen verhindre, in unſerer Geſtalt und in unſeren Beſtand⸗ theilen umherzuwandeln. Der Klepper, Ruth, wird morgen zur Arbeit gebraucht, und, noch einmal, unſer Vater wird uns ſchlechten Dank dafür wiſſen, geben wir dem Thier kein beſſeres Bett als dieſe kahle Hügelſeite. Gehe beten und ruhen, theure Zitternde; ich will ſchon die Pforte ſorgfältig verſchließen. Fürchte nichts; der Fremde hat menſchliche Bedürfniſſe, mithin kann ſich auch ſeine Wirkſamkeit nicht weiter erſtrecken als menſchliche Kraft geht.“ „Ich fürchte keinen Weißen, keinen der von chriſtlichen Eltern kommt; der mordſüchtige Heide iſt in unſern Feldern!“ „Du träumſt, Ruth!“ „Es iſt kein Traum. Ich habe die glühenden Augäpfel eines Wilden geſehen. Wie hätte ich wohl ſchlafen ſollen bei einer Wache wie dieſe. Ich dachte mir, daß Dein Geſchäft im Walde doch von ſo unbekannter Art, und daß unſer Vater gar zu alt wäre, und daß ſeine Sinne leicht getäuſcht werden könnten; und 54 wie ein gehorſamer Sohn der Gefahr nicht ausgeſetzt werden müßte. Du weißt, Heatheote, daß ich nichts, was den Vater meiner Kinder bedroht, mit Gleichgültigkeit anſehen kann— ich folgte Dir bis zum Wallnuß⸗Hügel.“ „Bis zum Wallnuß⸗Hügel! das war nicht vorſichtig— aber die Pforte?“ „Sie war offen; denn war der Schlüſſel umgedreht, wer ſollte ſchnell genug einlaſſen, wenn Schnelligkeit vonnöthen war?“ erwiederte Ruth, indem ſie das Geſicht abwendete, um das durch ſelbſtbewußte Schuld erzeugte Erröthen zu verbergen.„Wenn ich auch gegen die Klugheit handelte, ſo war es doch um Deiner Sicherheit willen, Heatheote. Aber auf den Hügel dort und in der Vertiefung, die ein umgefallener Baum gemacht hat, liegt ein Heide verborgen!“ „Ich ritt durch das Wallnußgehöͤlz auf dem Hinwege zu den Fleiſchſcharren unſers fremden Schlächters, und war dicht dabei, als ich auf dem Heimwege den Zügel anzog, um den belaſteten Pferde einen Augenblick Ruhe zu geben. Es kann nicht ſeyn; irgend ein Geſchöpf aus dem Wald hat Dich in Schrecken geſetzt.“ „Ja wohl Geſchöpf! mit derſelben Bildung, derſelben Geſtalt, denſelben Gaben wie wir, nur von anderer Farbe und ohne den Segen des Glaubens.“ „Das iſt doch eine ſeltſame Täuſchung! Wären die ſchlauen Feinde in der Nähe, die Du fürchteſt, würden ſie den Herrn der Wohnung— der, ich darf es ohne Eitelkeit ſagen, ſo muthig als jeder andere das Seinige vertheidigen kann— haben entwiſchen laſſen, da ein zur Unzeit gemachter Beſuch im Wald ihn faſt ohne Widerſtand ihren Händen überlieferte. Geh, geh, gute Ruth, haſt vielleicht einen verbrannten Klotz geſehen— vielleicht haben die Fröſte ein Johanniswürmchen verſchont— kann auch ſeyn, das ein ſpürnäſiger Bär die Süßigkeit Deines kürzlich geſammelten Honigs ausgewittert hat.“ den ater ich aber wer r?“ urch ich einer nder ein den abei, teten gend ſtalt, den auen n der g als ſchen ohne Ruth, jaben ſeyn, nelten 5⁵ Abermals faßte Ruth ihren Mann ſtark beim Arm, als er nun den zweiten Riegel zurückſchob. Mit Feſtigkeit ihm in's Auge ſchauend, antwortete ſie feierlich und mit rührender Erhabenheit: „Glaubſt Du, ein Mutterauge könne trügen, Mann 24 Mochte es nun ſeyn, daß die Anſpielung auf die Weſen, deren Loos ſeiner Sorgfalt anvertraut war, oder daß der tiefe Ernſt, verbunden mit der milden Sanftmuth in dem Benehmen ſeiner Gattin, einen friſchern Eindruck auf den Geiſt Content's machte; ſo viel iſt gewiß, ſtatt, wie er beabſichtigte, die Pforte vollends aufzumachen, verriegelte er ſie wohlbedächtig wieder, und ſtand nachſinnend da. „Iſt der Nutzen auch nur der, daß Deine Furcht beſchwichtigt wird, gute Ruth,“ ſagte er nach einigem Bedenken, ſo iſt dadurch meine Vorſicht ſchon hinlänglich belohnt. Verweile Du alſo hier, wo Du den Hügel beobachten kannſt, unterdeſſen gehe ich, um ein paar junge Leute zu wecken. Mit dem handfeſten Eben Dudley und dem erfahrnen Ruben Ring zur Seite, kann das Pferd meines Vaters wohl mit Sicherheit in den Stall geſchafft werden.“ Ruth übernahm den Auftrag willig; auch war ſie demſelben in jeder Beziehung gewachſen.„Eile nach den Zimmern der Ar⸗ beiter, denn ich ſehe die Beiden, welche Du ſuchſt, haben noch ein Licht in dem ihrigen brennen,“ antwortete ſie auf einen Vorſchlag, der die Heftigkeit ihrer Beſorgniſſe für Den, um welchen ſie ſo kürzlich bis zur Todesangſt geſteigert waren, einigermaßen milderte. „Das ſoll bald geſchehen ſeyn. Nicht doch, ſtehe nicht ſo frei zwiſchen den Pfoſten, mein Weib. Du kannſt Dich hierher ſtellen, wo das Holz in einander gefugt iſt, unter dem Lugloch, wo Dir nichts geſchehen kann, ſelbſt wenn ein Kanonenſchuß das Holz⸗ werk zertrümmern ſollte.“ Mit dieſer Ermahnung, ſich vor Gefahr in Acht zu nehmen, waͤhrend er doch nicht lange vorher gethan hatte, als verachte er ſie, ging Content weg. Die beiden Arbeiter, die er namhaft — gemacht hatte, waren ſtämmige, kräftige, junge Kerle, und abgehärtet nicht bloß gegen Mühen, ſondern auch gegen die eigenthümlichen Gefahren und Entbehrniſſe eines Lebens an der Länderſcheide. Gleich den meiſten Leuten von ihren Jahren und ihrer Lage, waren ſte in den Winkelzügen indianiſcher Hinterliſt wohl erfahren, und obgleich die Provinz Connecticut, im Verhältniß zu anderen Sie⸗ delungen, nur wenig von dieſer Gattung mörderiſcher Kriegsfüh⸗ rung gelitten hatte, ſo fehlte es ihnen doch Beiden nicht an ſelbſt⸗ ausgeführten Heldenthaten und ſelbſtbeſtandenen Gefahren, die ſie während der langen Winterabende bei den leichten Arbeiten ihren Mitdienenden zum Beſten gaben. Content ging beſchleunigten Schrittes über den Hofraum weg, denn ungeachtet ſeines unerſchütterlichen Unglaubens, gab doch das Bild ſeines theuren Weibes, wie ſie auf ihrem Außenpoſten Wache hielt, ſeinen Bewegungen Flügel; und als er an dem Gemach der jungen Leute, die er wecken wollte, ankam, klopfte er ſtark und plötzlich an. „Wer ruft?“ fragte eine rauhe, feſte Stimme drinnen, gleich nach dem erſten Schlage der Fauſt auf die Thüre. „Verlaß geſchwinde Dein Bett, komm' und bring' die zum Angriff beſtimmten Waffen mit heraus.“ „Das iſt gleich geſchehen, antwortete der handfeſte Jäger, riß die Thüre auf und ſtand da vor Content in den Kleidern, die er am Tage anhatte.„Uns träumte eben, daß die Nacht wohl nicht ohne einen Ruf nach den Luglöchern vorübergehen würde.“ „Haſt Du denn was geſehen?“ „Wir hatten unſre Augen ſo gut wie die Anderen; Niemand hat Den, welcher eingekehrt war, wieder fortgehen ſehen.“ „Ei was, Burſche; Whittal Ring könnte kaum eine weiſere Rede halten, als dieſe Deine ſcharfſinnige Antwort. Meine Frau iſt an der Pforte, und wir müſſen ſie alſo ablöſen. Vergiß die Pulverhöͤrner nicht; wenig würde es uns Ehre machen, wenn wir — ie jl 57 kein Futter für eine zweite Ladung hätten, ſollten unſere Flinten etwas zu thun vorfinden.“ Die Arbeiter gehorchten, und da die Bewaffnung von Leuten, welche nie ſchliefen, ohne Waffen und Munition nahe bei der Hand zu haben, wenig Zeit erforderte, ſo folgten die Diener ihrem Herrn bald nach. Ruth war noch auf ihrem Poſten, mußte aber, als ihr Mann ſie fragte, was während ſeiner Abweſenheit vorge⸗ fallen ſey, geſtehen, daß, obgleich der Mond wolkenfreier und glän⸗ zender in der Zwiſchenzeit geworden wäre, ſie doch nichts entdeckt habe, was ihre Furcht vermehren könnte. „So wollen wir denn das Thier in ſeinen Schoppen führen und unſere Pflicht damit vollenden, daß wir für den Reſt der Nacht einen Mann Schildwacht ſtellen,“ ſagte ihr Gatte.„Ruben mag an der Pforte bleiben, während Eben und ich dafür ſorgen, daß ſowohl der geſchlachtete Hammel, der zum Eichelfeſte auf⸗ bewahret werden ſoll, als das Pferd meines Vaters, unter Ob⸗ dach kommen.“ „Hier hat kein gewöhnlicher Arbeiter mein Amt verrichtet,“ ſagte der ſchlichte Eben, der, obgleich ein Feldarbeiter wie die übrigen, doch, wie das noch heutiges Tages allgemeine Sitte auf dem Lande iſt, außerdem ſich auch vorzüglich auf das Schlächter⸗ handwerk verſtand.„Ich habe gar manchem Hammel den Garaus gemacht; dies iſt aber in meiner ganzen Erfahrung das erſte Schaf, deſſen Vließ ganz geblieben wäre, während ein Theil ſeines Leichnams im Kochtopfe lag. Lieg' du da, armer Gradhorn, wenn du anders, nach ſo ſeltſamer Schlächterei, ruhig liegen kannſt. Ruben, ich zahlte Dir doch beim letzten Sonnenaufgange ein ſpa⸗ niſches Silberſtück, als Berichtigung meiner kleinen Schuld dafür, daß Du mir meine Schuhe ausbeſſerteſt, die bei der letzten Jagd etwas ſtark mitgenommen waren. Haſt Du vielleicht die Pi⸗ ſtarine bei Dir?“ 58 Dieſe Frage geſchah mit leiſerer Stimme, ſo daß nur der Gefragte ſie hören konnte, der ſie bejahend beantwortete. „So gieb ſie mir, Junge; am Morgen ſollſt Du ſie mit Wucherzins wieder haben.“ Ein zweiter Ruf von Content, der nunmehr das Pferd mit dem geſchlachteten Schaf auf deſſen Rücken zur Pforte hinausge⸗ führt hatte, kürzte dieſe geheime Unterredung ab; Eben Dudley ſteckte die empfangene Münze zu ſich und folgte. Die Entfernung bis zum Außengebäude war indeß lang genug, um ihn in Stand zu ſetzen, ſein geheimnißvolles Verfahren, ohne entdeckt zu werden, auszuführen. Wäͤhrend Content ſich bemühte, die Beſorgniſſe ſeines Weibes zu beſchwichtigen, welche noch immer darauf beſtand, die Gefahr mit ihm zu theilen, und alle Gründe herzählte, die ihm für den Augenblick einſielen, nahm der leichtgläubige Dudley das dünne Silberſtück in den Mund, und gab demſelben mit den Zähnen eine zuſammengerollte Form, was der Kraft ſeiner Kinnladen viel Ehre machte. Schlau ließ er das zuſammengedrückte Silberſtück in den Lauf fallen, und damit es darin bliebe, bis er es als ent⸗ zaubernden Boten ausſchickte, ſo befeſtigte er es mit einem Pfropfen, den er ſich aus einem Stück Futter von ſeiner Jacke gemacht. Un⸗ terſtützt durch dieſe achtunggebietende Verſtärkung, trabte der eben ſo abergläubige als muthige Grenzbewohner hinter ſeinem Herrn einher, indem er ſich ein halbmelancholiſches Lied vorpfiff, das eben ſo ſehr andeutete, wie gleichgültig er Gefahren von gewöhnlicher Beſchaffenheit entgegenging, und wie empfänglich er andrerſeits für Eindrücke war, die einen minder irdiſchen Urſprung hatten. Diejenigen, welche Gegenden in Amerika bewohnen, die ſchon längſt angebaut ſind, und wo alſo ſeit vielen Generationen die Kunſt und die Arbeit vereint die urſprünglichen Unebenheiten der Erde und die Spuren des Naturzuſtandes weggeſchafft haben, können ſich ſchwerlich eine Idee von den tauſend, auf einer Lichtung ſich befindenden Gegenſtänden machen, die eine einmal aufgeſchreckte t △ ᷣ 8 R 8&☛ 8& 8 8&&☛ℛ— 7 35—8—s 8 N n 3 r n 5 2 59 Einbildungskraft beunruhigen, wenn ſie der Mond beleuchtet, deſſen Licht, ſelbſt wenn er unumwölkt, eine gewiſſe Unſicherheit um ſich her wirft. Noch weniger aber vermögen Die, welche die alte Welt nie verlaſſen haben, und nur Gefilde kennen, glatt wie ein ſtiller Teich, ſich ein Bild von der Wirkung zu denken, welche jene Ueberreſte, ſo vielen modernden Grabmälern des geſunkenen Waldes gleich, auf den Geiſt machen, wenn ſie ihm zu ſolcher Stunde, über eine ſo weite Oberfläche offenen Landes umhergeſtreut, erſcheinen. Selbſt Content und ſeine Gattin, wie gewohnt ihnen auch der An⸗ blick war, ließ doch ihre Furcht in jedem fernen Baumſtumpf einen Wilden erblicken, und bei jedem Winkel der hohen und ſchwerfälli⸗ gen Einzäunungen ſahen ſie ſich eifrig um, ob nicht etwa ſein Schatten irgend einen Feind berge. Es erhob ſich indeſſen kein neuer Grund zur Furcht, und die beiden Abenteurer beeilten ſich, das Thier des Puritaners in ſo kurzer Zeit als möglich unterzubringen. Das Geſchäft war voll⸗ bracht, auch das geſchlachtete Schaf ſchon in Sicherheit, und Ruth drang ſchon in ihren Mann, zurückzukehren, als die Stellung und die Miene ihres Begleiters ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. „Der Mann hat ſich weggemacht, wie er gekommen iſt,“ ſagte Eben Dudley, indem er kopfſchüttelnd und im offenbaren Zweifel vor einem leeren Schoppen ſtand;„hier iſt kein Thier mehr, und doch hab' ich mit dieſen Augen den Narren ein gutge⸗ fülltes Maaß gemiſchten Hafers bringen ſehen, um den Klepper zu füttern. Der Gaſt, welcher uns bei'm Abendeſſen und Dankgebet mit ſeiner Gegenwart beehrte, iſt ſeiner Geſellſchaft noch vor Schlafengehen müde geworden.“ „Das Pferd fehlt in der That,“ ſagte Content:„der Mann muß nothwendig in erſchrecklicher Eile ſeyn, daß er gerade wie die Nacht noch mehr vorgerückt war, in den Wald ritt, und doch würde er kaum am längſten Sommertage, ſelbſt mit einem beſſern Pferde, wie das ſeinige, eine andere Chriſtenwohnung erreichen. Grund zu dieſer Haſt mag wohl vordanden ſeyn, aber es iſt ge⸗ nug, daß uns die Sache nicht angeht. Wir wollen nun zur Ruhe, überzeugt, daß Einer über unſern Schlummer wacht, deſſen Huth ſtets zuverläſſig iſt.“. Menſchen konnten in jenen Gegenden ſich allerdings, ohne die Sicherheit von Schloß und Riegel, dem Schlafe nicht anver⸗ trauen; um ſo geringer war dagegen, wie wir ſchon zu bemerken Gelegenheit hatten, die Vorſicht, welche man auf Hab' und Gut verwendete. Nachdem daher der Holzriegel vor der Stallthüre loſe vorgeſchoben war, kehrten die Drei von dieſem kurzen Ausfall aus ihrer Feſtung wieder zurück. Schneller als gewöhnlich waren die Schritte eines Jeden von ihnen, wenn auch die Unruhe, die ſie beſchleunigte, in jedem eine ſeinem Charakter eigenthümliche Geſtalt angenommen hatte. Doch Schutz war nahe und mit Leich⸗ tigkeit erreicht. „Haſt Du etwas geſehen?“ ſagte Content zu Ruben Ring, welcher zu dem Wa chtpoſten erwählt worden war, weil er ein gutes Auge hatte, und eben ſo ſcharf⸗ als ſein Bruder ſchwachſinnig war;„haſt Du etwas während Deiner Wache geſehen?“ „Nichts Beſonderes; und doch will mir der Holzſtumpf dort, nicht weit von dem Gehege an dem Hügelrücken nicht gefallen. Wenn man nicht ſo deutlich ſähe, daß es nur ein halb verbrann⸗ tes Holz iſt, ſo ſollte man faſt glauben, es wär! lebendig. Doch man glaubt Manches zu ſehen, wenn die Einbildungskraft einmal aufgeregt iſt. Ein⸗ oder zweimal glaubte ich, es rolle dem Bache näher; und ich will ſogar jetzt nicht dafür ſtehen, daß es nicht ein acht oder zehn Fuß höher hinauf vom Bache lag, in dem Augen⸗ blick, wo ich es zuerſt anſichtig ward.“ „Es mag vielleicht was Lebendiges ſeyn.“ „Bei der Treue eines Jägerblicks, das mag es!“ ſagte Eben Dudley;„aber ſollte auch eine ganze Legion von böſen Geiſtern es umſpuken, ſo kann man's doch von der Schießſcharte des erſten ——— u 2 61 „ Winkels aus zur Ruhe bringen. Stellen Sie ſich etwas aus dem Wege, Madame Heathceote,(der Rang und das Vermögen der Eigenthümer des Thales gab Ruth einen Anſpruch auf dieſen Titel der Ehrerbietung bei den Arbeitern) ich lege die Flinte an das—— doch nein, in dem Gewehr iſt ein beſondrer Talisman, den man vielleicht nicht ohne Sünde an ſo einem Geſchöpf ver⸗ geudet. Am Ende iſt's nichts weiter, als ein leckermäuliger Bär. Ich will den Schuß auf eigene Verantwortlichkeit thun, wenn Du mir Deine Muskete leihen willſt, Ruben Ring.“ „Es ſoll nicht geſchehen,“ ſagte ſein Herr;„Jemand, den mein Vater kennt, hat dieſe Nacht unſere Wohnung betreten, und an unſerm Tiſche gegeſſen; iſt er auf eine Weiſe wieder fortge⸗ gangen, die in dieſer Kolonie etwas ungewöhnlich iſt, ſo hat er doch kein beſonderes Unrecht gethan. Wir könnten irren und wagen zu viel, d'rum will ich lieber hinangehen und unterſuchen.“ Dieſer Vorſchlag war zu ſehr im Geiſte jener Gradheit, die alle Bewohner dieſer einfachen Landſchaften beſeelte, als daß er ernſtlichen Widerſtand hätte finden können. Von Eben Dudley begleitet, verließ Content abermals die Pforte, und ſchritt gerades Weges, obgleich nicht ohne gehörige Vorſicht, auf den Punkt los, wo der verdächtige Gegenſtand lag, den ein Bug in der Einhegung zuerſt hatte erblicken laſſen, denn ehe man an denſelben kam, konnte die Annäherung an den Gegenſtand unter dem Schutz des Schattens geſchehen, den die Palliſaden warfen, die an dem Punkt, wo das Ding geſehen wurde, plötzlich mit dem Blick des Beobachtenden eine und dieſelbe Richtung nahmen. Es ſchien, als ob die Bewe⸗ gungen der Herannahenden bewacht würden; denn als ſie die Ein⸗ zaͤunungen verließen, war der dunkle Gegenſtand ganz gewiß re⸗ gungslos, ſo daß ſelbſt Ruben Ring mit ſeinen ſcharfen Augen zu zweifeln begann, daß es am Ende etwas mehr als ein Trug des Geſichts geweſen wäre, der ihn ein Holzſcheit für ein leben⸗ diges Geſchöpf halten ließ. 3 Content und ſein Gefährte hingegen ließen ſich dadurch nicht von ihrem Vorſatze abbringen. Schon waren ſie dem Dinge auf fünfzig Schritte nah, und doch ſcheiterten alle ihre Vermuthungen, was es wohl ſeyn möge, obgleich der Vollmond ein helles Licht rund umher verbreitete. Der eine behauptete, es ſey die Fläche eines verkohlten Klotzes, wie ihrer ſo viele im Felde noch um⸗ her zerſtreut lagen; der Andere glaubte, es ſey ein zuſammenge⸗ kauertes Thier des Waldes. Zweimal erhob Content ſeine Flinte um anzulegen, und eben ſo oft ſenkte er ſie wieder aus Abneigung ſelbſt einem Thiere, ſo lange er nicht wußte, daß es ein reißendes ſey, Leids zuzufügen. Hoͤchſt wahrſcheinlich aber würde ſein minder beſonnener und nur halb gehorchender Gefährte die Sache ſchon, als ſie noch nicht weit von der Pforte waren, entſchieden haben, hätte er nicht geglaubt, die eigenthümliche Ladung ſeines Gewehrs auf eine ganz außerordentliche Gelegenheit verſparen zu müſſen. „Halte Deine Waffen in Bereitſchaft,“ ſagte der Erſtere, indem er ſein eigenes Jagdmeſſer locker in der Scheide machte. „Wir wollen herankommen, und unſerm Zweifel durch den Augen⸗ ſchein ein Ende machen.“ Das thaten ſie, und Dudley ſtieß mit ſeiner Flinte dem Ge⸗ genſtande ihres Mißtrauens, noch ehe derſelbe Zeichen des Lebens oder der Bewegung von ſich gab, derb in die Seite. Jetzt freilich, als ob fernere Verſtellung fruchtlos wäre, erhob ſich mit Gelaſ⸗ ſenheit ein indianiſcher Knabe, und ſtand in der düſtern Würde eines gefangengenommenen Kriegers vor ihnen da. Content faßte den Aufſchößling haſtig beim Arm, Eben folgte hintennach, von Zeit zu Zeit die Schritte des Gefangenen mit einer Mahnung durch den Flintenkolben beſchleunigend, und ſo kehrten ſie haſtig innerhalb der Vertheidigungsmauer zurück. „Mein Leben gegen Gradhorn ſeines, das ohnedies jetzt nicht viel mehr werth iſt,“ ſagte Dudley, als er den letzten Riegel an der Pforte vorſtieß,„dieſe Nacht hören wir nichts mehr von den ε—— 63 Gefährten dieſes Rothen. Es iſt mir noch nie vorgekommen, daß ein Indianer ſein Geſchrei erhoben hätte, wenn erſt ſein Spion dem Feinde in die Hände gefallen war.“ „Das mag wahr ſeyn,“ erwiederte der Andere,„und doch muß die Familie während ihres Schlafes bewacht werden. Wenden wir die Mittel, die uns als Menſchen zu Gebote ſtehen, bis Son⸗ nenaufgang an, ſo dürfen wir im Uebrigen uns auf die bewachende Gunſt der Vorſehung verlaſſen.“ Content war ein Mann von wenig Worten; bei'm Drang des Augenblicks hingegen von außerordentlicher Ausdauer und Ent⸗ ſchloſſenheit. Ihm war vollkommen klar, daß ein indianiſcher Jüngling wie der, den er gefangengenommen, an dem Orte und unter den Umſtänden, in denen er wirklich ergriffen wurde, nicht gefunden worden wäre, ohne daß ein Plan exiſtirte, von hinläng⸗ licher Bedeutung, um ein ſolches Wageſtück zu rechtfertigen. Ueber⸗ dieß ließ das zarte Alter des Aufſchößlings den Glauben nicht zu, daß er ohne Gefährten ſey. Indeß war er ſchweigend der⸗ ſelben Meinung wie ſeine Arbeiter, nämlich, daß die Gefangenneh⸗ mung des Jünglings wahrſcheinlich einen Aufſchub des Angriffs, wenn wirklich ein ſolcher war beabſichtigt worden, zur Folge haben würde. Daher gab er ſeiner Frau die Weiſung, ſich in ihr Zimmer zurückzuziehen, während er Maßregeln traf, die Wohnung auf den äußerſten Nothfall in Vertheidigungszuſtand zu ſetzen. Ohne unnö⸗ thige Lärmzeichen zu geben, ein Schritt, der auf einen etwa außen lauernden Feind weniger Wirkung geäußert hätte, als die imponi⸗ rende Stille, die jetzt überall im Hauſe herrſchte, ließ er noch zwei oder drei von den ſtärkſten ſeiner Diener an die Palliſaden rufen. Nun ward der Zuſtand aller der verſchiedenen Ausgänge des Platzes genau unterſucht; die Flinten ſorgfältig geprüft; die ſtrengſte Wachſamkeit anempfohlen, und regelmäßige Schildwachen im Schatten der Gebäude ausgeſtellt, an Punkten, wo ſie unge⸗ ſehen und ſicher die Felder überſchauen konnten. 64 Sodann nahm Content ſeinen Gefangenen, mit dem er noch keine Sylbe zu ſprechen verſucht hatte, und brachte ihn in's Blockhaus. Die Thüre, welche in den untern Theil dieſes Bau's führte, blieb ſtets offen, um im Falle eines plötzlichen Alarms deſto ſchneller eine Zuflucht zu gewähren. Er trat ein, ließ den Knaben auf einer Leiter zur erſten Etage hinaufſteigen, zog dann dieſes Mittel zur Flucht unten hinweg, und drehte außen den Schlüſſel um, vollkommen überzeugt, daß ſein Gefangener nunmehr ſicher bewahrt ſey. Bei all' dieſen Vorkehrungen brach der Tag faſt an, ehe der vorſichtige Vater und Gatte ſein Lager ſuchte. Seine Beſonnen⸗ heit hatte jedoch verhindert, daß die Beſorgniſſe, welche ſeine und ſeiner ſanften Gattin Augen ſo lange wach hielten, ſich von den Wenigen, deren Dienſte bei einem ſo dringenden Fall für unent⸗ behrlich erachtet wurden, auf die übrigen Hausbewohner verbrei⸗ teten. Erſt gegen die letzten Wachen der Nacht fingen die Bilder der eben vorgefallenen Auftritte an, undeutlich zu werden und ineinanderzufließen, und dann fielen beide Eheleute in einen tiefen durch nichts unterbrochenen Schlaf. Fünftes Kapitel. Seyd Ihr ſo tapfer? wohl, bald ſoll mit Euch Geſprochen werden. Coriolanus. Früh hatte ſich unmittelbar um die Wohnung der Heatheotes die Axt und das Feuer als wirkſam bewährt. Dadurch, daß aus der Umgebung der Gebäude faſt alle Spuren ehemaliger Waldung weggeſchafft worden, hatte man den doppelten Zweck erreicht, die nöthigen Verbeſſerungen mit mehr Leichtig t ausführen zu können, 65 und— was von nicht geringer Wichtigkeit war— die Schlupfwinkel, welche der amerikaniſche Wilde bei ſeinen Angriffen bekanntlich ſucht, wurden auf eine ſolche Entfernung beſchränkt, daß die Gefahr einer Ueberraſchung ſich dadurch um ein Beträchtliches verminderte. So begünſtigt von dem durch dieſe Vorſicht erlangten Vor⸗ theil, und von der Helle einer Nacht, die bald mit dem Glanz des Tages wetteiferte, war die Aufgabe Eben Dudley's und ſeiner Wachtgefährten leicht auszuführen. Ja gegen Morgen wurden ſie ſo ſicher, namentlich durch die Gefangennehmung des indianiſchen Knaben, daß ihre Augen, ſtatt einen ganz andern Dienſt zu thun, der Stunde des Schlafes und der Gewohnheit nachgaben, und ſich höchſtens nur dann und wann öffneten, ſo daß ſie ungewiß wurden, um wie viel die Zeit vorgerückt ſey. Kaum aber naheten die Zei⸗ chen des Tages, ſo ſuchten die Wachen, ihren Inſtructionen gemäß, ihre Betten und ſchliefen eine oder zwei Stunden tief und furchtlos. Nachdem der Vater das Morgengebet vollendet hatte, erzählte Content der verſammelten Familie von dem Vorfalle der verfloſ⸗ ſenen Nacht ſo viel, als er für nothwendig erachtete. Seine Klugheit beſchränkte die Erzählung auf die Gefangennahme des eingebornen Jünglings, und auf die Weiſe, wie er die zur Sicher⸗ heit der Familie ausgeſtellten Wachen angeordnet hatte. Was ſeine eigne Ausflucht in den Wald und alles damit Zuſammenhängende anbetraf, ſo beobachtete er abſichtlich ein tiefes Stillſchweigen darüber. Es iſt nicht nöthig zu beſchreiben, wie dieſe beunruhigenden Nachrichten aufgenommen wurden. Die kalte und zurückhaltende Miene des Puritaners ward noch gedankenvoller; die jungen Maͤnner ſahen ernſt aber entſchloſſen aus; das weibliche Geſinde ward blaß, ſchauderte und ziſchelte haſtig untereinander; während die kleine Ruth und ein Kind von ungefähr demſelben Alter, Na⸗ mens Martha, ſich dicht an die Seite der Hausfrau drängten, die da ſie ſchon alles wußte, ſich ein Ausſehen der Entſchloſſenheit gab, die ſte keineswegs fühlte. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 5 66 Das erſte, womit die Zuhörenden heimgeſucht wurden, nachdem ſie aufmerkſam der bündigen Erzählung Content's gelauſcht hatten, war eine Erneuerung des geiſtlichen Kampfes des Altvaters in der Geſtalt eines friſchen Gebets. Er flehte beſonders um Licht über das Verfahren, das ſie nun zu befolgen hätten, um Gnade für alle Menſchen, um einen beſſern Geiſt für die, welche, Opfer ihres Zornes zu ſuchen, die Wildniß durchziehen, um die Gaben der Gnade für die Heiden, und endlich um Sieg über alle ſonſtige fleiſchliche Feinde, woher ſie auch immer kommen, was für Aus⸗ ſehen ſie auch immer haben möchten. Durch dieſe neue Andachtsübung geſtärkt, hielt der alte Marcus zunächſt eine ſtrengere und mehr in’s Einzelne gehende Nachfrage nach den äußeren Umſtänden, welche die Gefangennehmung des jungen Wilden begleiteten, um ſich dadurch eine klare Kenntniß aller Zeichen und Beweiſe von der Annäherung der Gefahr zu verſchaffen. Content fand eine ſo wohlverdiente als angenehme Belohnung ſeiner Klugheit in dem Beifall eines Mannes, den er noch immer mit einer innern Anhängigkeit verehrte, die der wenig nachſtand, mit welcher er in den Tagen ſeiner Kindheit ſich auf die Weisheit ſeines Vaters geſtützt hatte. „Du haſt gut und weislich gehandelt,“ ſagte ſein Vater; „doch bleibt Deiner Weisheit und Tapferkeit noch mehr zu thun übrig. Wir haben die Kunde erhalten, daß die Heiden un⸗ weit der Plantagen von Providence unruhig werden, und gott⸗ loſen Rathgebern Gehör ſchenken. Wir dürfen nicht glauben, daß wir ſo ganz ſicher ſchlafen können, weil ein Wald von einigen Tagereiſen zwiſchen ihren Doͤrfern und unſerer Lichtung liegt. Bring' mir den Gefangenen her; ich will ihn über ſeinen Beſuch ausfragen.“ Bis jetzt war die Furcht Aller ſo ſehr auf die Feinde gerichtet, welche in der Nähe lauern möchten, daß man wenig an den Ge⸗ fangenen im Blockhauſe dachte. Content, der die unbeſiegbare Ent⸗ ſchloſſenheit und die Liſt eines Indianers wohl kannte, hatte es 67 abſichtlich unterlaſſen, ihm, als er ihn fing, Fragen zu ſtellen, theils weil der Charakter des Knaben ſie wahrſcheinlich nutzlos ge⸗ macht hätte, theils weil er den Augenblick zu wachſamer Thätigkeit für geeigneter hielt. Jetzt hingegen, wo die Umſtände ein wenig Neugierde minder unpaſſend machten, eilte er mit um ſo ſchnelleren Schritten zu ſeinem Gefangenen, um ihn vor das Inquiſttions⸗ Tribunal ſeines Vaters zu führen. Der Schlüſſel der untern Thüre des Blockhauſes hing noch an der gewohnten Stelle; Content legte die Leiter an, und ſtieg ruhig in das Gemach hinauf, wohin er den jungen Indianer ge⸗ bracht hatte. Es war von unten das erſte der drei im Gebäude enthaltenen Zimmer, die über einander auf einer unterſten Baſis ruhten. Dieſer ſechseckige Raum war unerleuchtet, da er außer der Thüre keine weitere Oeffnung hatte, und größtentheils mit Gegen⸗ ſtänden angefüllt, welche bei einem etwaigen Alarm vonnöthen ſeyn möchten, die aber zu gleicher Zeit häufig zu häuslichen Bedürf⸗ niſſen benutzt wurden. Im Mittelpunkte dieſes Raumes befand ſich ein ummauerter Brunnen, der ſo eingerichtet war, daß man das Waſſer daraus in die oberen Zimmer hinaufziehen konnte. Die Eingangsthüre beſtand aus ſchwerem, gehauenem Zimmerholz. Die viereckigen Holzblöcke der oberen Etagen gingen etwas über das ſteinerne Mauerwerk der Baſis hinaus, indem die zweite Bal⸗ kenreihe einige Oeffnungen enthielt, von denen Wurfwaffen auf Angreifende, die etwa näher kämen, als für die Baſis ſicher ge⸗ halten würde, herabgeſchleudert werden konnten. Es iſt ſchon ge⸗ ſagt worden, daß das Zimmerwerk in den beiden Hauptetagen durch längliche, enge Scharten durchbrochen war, die zugleich zu Fenſtern und zu Schießſcharten dienten. Wenn aber die Gemächer auch offenbar zur Vertheidigung eingerichtet waren, ſo war doch auch durch die einfachen Geräthe, die ſie enthielten, für die Bedürfniſſe der Familie hinlänglich geſorgt, im Falle ſie ſich gezwungen ſah, Zuflucht in das Gebäude zu nehmen. Gerade unter dem Dach 68 war, wie ebenfalls ſchon erwähnt worden, noch ein Gemach, das aber nicht unmittelbar mit dem wichtigern Zweck des Blockhauſes zuſammenhing, obgleich der Nutzen, welchen deſſen höhere Lage darbot, nicht überſehen wurde. Eine kleine Kanone, eine ſoge⸗ nannte Heuſchrecke, eine damals ſtark benutzte Waffengattung, war in dieſes Dachzimmer hinaufgebracht worden, und es hatte eine Zeit gegeben, wo man dieſe Heuſchrecke mit Recht als von der erſten Wichtigkeit für die Sicherheit der Bewohner von Wiſh⸗Ton⸗ Wiſh betrachtete. Mehrere Jahre lang konnten alle nachzügleriſche Eingeborne, die in das Thal kamen, den dunklen Kanonenſchlund durch eine jener Oeffnungen klaffen ſehen, die jetzt in Glasfenſter umgeſchaffen waren; und es iſt Grund zu vermuthen da, daß der Ruf, den dieſes kleine Stück Geſchütz auf ſo ſtille Weiſe ſich erwarb, mächtig dazu beigetragen hatte, den Frieden des Thales ungeſtört zu erhalten. Das Wort, ‚ungeſtört’ ſagt vielleicht zu viel; denn in der That hatte mehr als ein Alarm ſtattgefunden, obgleich wirkliche Handlungen der Gewalt niemals innerhalb der Grenzen, die der Puritaner ſein Eigenthum nannte, begangen worden waren. Bei einer einzigen Gelegenheit jedoch kam es ſo weit, daß der Veteran ſich bewogen fühlte, ſeinen Poſten in dieſer Batterie einzunehmen, wo er ohne Zweifel, wäre ſein Dienſt noch weiter nöthig geworden, ſeine Kenntniſſe als Kanonier auf eine wirkſame Weiſe entwickelt haben würde. Aber die einfache Geſchichte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh lieferte einen Beweis mehr für jene politiſche Wahrheit, die wir unſern Landsleuten nicht oft genug wiederholen können, nämlich, daß ſtets auf Krieg vorbereitet ſeyn, das beſte Erhaltungsmittel des Friedens iſt. Im vorliegenden Fall bewirkte die feindliche Stellung, welche der Alte und ſeine Dienſtboten einnahmen, das Gewünſchte vollſtändig, ohne zu dem Aeußerſten, zum Blutver⸗ gießen, ſchreiten zu müſſen. Dergleichen unblutige Siege waren weit mehr mit den gegenwärtigen Grundſätzen des Puritaners im Einklange, als ſie es mit dem leichtſinnigen Geiſte, der ihn 69 in ſeiner Jugend beherrſcht hatte, geweſen ſeyn mochten. Der halb drolligen, halb fanatiſchen Laune der Zeit gemäß, ließ er bei jener Gelegenheit die Familie ſich um das Werkzeug ihrer Sicher⸗ heit verſammeln, um ein Dankgebet zu halten, und von jenem Augenblicke an ward das Zimmer ſelbſt der Lieblingsaufenthalt des alten Kriegers. Dort hinauf ſtieg er oft, ſelbſt in den Stunden tiefer Nacht, um ſich in jenen geheimen, geiſtlichen An⸗ dachtsübungen zu ergehen, die den vorzüglichſten Troſt, und, wie in der That der Anſchein lehrte, die Einen große Beſchäftigung ſeines Lebens bildeten. Eine Folge dieſer Gewohnheit war, daß der oberſte Stock des Blockhauſes, mit der Zeit, als dem aus⸗ ſchließlichen Gebrauch des Herrn des Thales geheiligt, betrachtet wurde. Durch die ſorgende und nachdenkende Liebe Content's waren gar manche Dinge hingeſchafft worden, welche es dem alten Vater leiblich bequem machen ſollten, während ſein Geiſt im über⸗ irdiſchen Kampfe begriffen war. Am Ende war es keinem in der Familie ein Geheimniß mehr, daß der Alte von der Matraze in jenem Oberzimmer oft Gebrauch machte, und daß er die Stunden zwiſchen dem Untergang und Aufgang der Sonne dort oben in der Einſamkeit verlebte. Die urſprünglich für die Heuſchrecke ein⸗ geſchnittene Oeffnung war mit Glas verſehen worden, und kein bequemes Geräthe, das mit vieler Mühe die Leiter hinauf in's Zimmer geſchafft worden war, ſah man je wieder herunterbringen. In der ungemilderten Heiligkeit des alten Marcus Heatheote war etwas mit den Uebungen eines Eremiten ſehr Uebereinſtimmendes. Die Jünglinge, die ſich auf dem Gute befanden, betrachteten ſeine ſtets gefurchte Stirn und den unerſchütterlichen Ernſt des von der⸗ ſelben beſchatteten Auges mit einer Ehrerbietung, die an Furcht grenzte. Hätte er weniger Proben von ſeiner ächten Menſchen⸗ liebe gegeben, oder hätte er ſich im ſpätern Alter im Kreiſe des thätigen Lebens bewegt, ſo konnte es leicht ſein Loos werden, die Verfolgungen zu theilen, mit welchen ſeine Landsleute Diejenigen 70 quälten, von denen man glaubte, daß ſie ſich mit Einflüſſen ab⸗ gaben, welche zu üben für gottlos gehalten wurde. Unter den wirklichen Umſtänden hingegen flößte er nur eine tiefe und allge⸗ meine Ehrfurcht ein, die ihren Gegenſtand, ſammt dem vernach⸗ läſſigten kleinen Stück Geſchütz, im ruhigen Beſitze eines Gemaches ließ, in welches einzudringen für eine an Kirchenraub grenzende Handlung gegolten hätte. Das Geſchäft, welches Content's jetzigen Beſuch in dem Ge⸗ bäude veranlaßte, deſſen Geſchichte und Beſchreibung wir etwas weitläufig zu geben für nöthig befunden haben, führte ihn nur in das unterſte der befeſtigten Gemächer deſſelben. Als er die Fallthüre in die Höhe hob, da beſchlich ihn zuerſt der beunruhigende Zweifel, ob es auch recht gethan war, den Knaben ſo lange ohne den Troſt eines gütigen Wortes, einer liebreichen Handlung ge⸗ laſſen zu haben. Aber bald konnte er ſich darüber zufrieden geben; denn er bemerkte, daß er Einen bemitleidete, deſſen Seele noch viel größeren Beſchwerden gewachſen war. Vor einer der E hien ſtand der junge Indianer, hinaus⸗ ſchauend in den Wald, er noch ſo kürzlich frei durchwandelt hatte; und ſo feſtgebannt war ſein Blick, daß das Geräuſch, durch das Hineinſteigen ſeines Gefangennehmers verurſacht, nicht ver⸗ mochte, ihn auf ſich zu ziehen. „Komm' aus Deinem Gefängniß, Knabe,“ ſagte Content in Tönen der Milde;„was Du auch immer vorhaben mochteſt, als Du dieſe Wohnung belauerteſt, ſo biſt Du doch ein Menſch und mußt menſchliche Bedürfniſſe kennen; komm heraus und nimm Speiſe zu Dir; hier wird Niemand Dir ein Leids zufügen.“ Die Sprache des Mitgefühls iſt allgemein verſtändlich. Waren auch offenbar die Worte des Sprechenden für Den, deſſen Ohr ſte galten, verloren, ſo machte ſich ihr Inhalt doch durch die gütigen Töne klar. Langſam wendete der Knabe das Auge vom Walde ab, und ſchaute ſeinem Gefangennehmer lange und feſt in's +———,.,—— ↄ——,—+, ͤͤ— 8 71 Angeſicht. Jetzt konnte der jüngere Heathcote freilich ſehen, daß er ſeinen Gefangenen in einer demſelben unbekannten Sprache ange⸗ redet hatte; daher ſuchte er dem Knaben die Einladung durch ſanfte Geberden deutlich zu machen. Schweigend und ruhig ward ihm gehorcht. Als ſie jedoch in den Hofraum kamen, überwältigte die Vorſicht eines an der Grenze anſäßigen Eigenthümers einiger⸗ maßen die Gefühle des Mitleids. „Bring' das Haltſeil dort mir her,“ ſagte er zu Whittal Ring, der gerade nach dem Stalle gehen wollte;„hier iſt ein Geſchöpf, das ſo wild iſt, wie nur das ungezähmteſte Deiner Füllen ſeyn kann. Der Menſch, mit welcher Farbe auch immer die Vor⸗ ſehung es für gut gefunden haben mag, ihn zu ſtempeln, iſt gleicher Natur, gleichen Geiſtes mit uns; allein, wer einen jungen Wilden bis morgen in ſeinem Gewahrſam behalten will, der muß heute ein ſcharfes Auge auf ſeine Bewegungen haben.“ Der Knabe ließ, ohne ſich zu ſträuben, ſich mit einer Schlinge des Seils den einen Arm binden; als nun aber Content gern auch den andern Arm in denſelben Zuſtand der Sklaverei bringen, und ſo das Werk vollenden wollte, da entglitt der Knabe ſeinem Griffe, und warf mit Verachtung die Feſſel von ſich. Doch folgte dieſer Handlung entſchiedenen Widerſtandes kein Verſuch zu entfliehen. Sobald er ſeine Perſon von einer Hemmung befreit ſah, die er wahrſcheinlich als ein Zeichen betrachtete, daß man ihm nicht die Fähigkeit zutraue, Schmerz mit der Standhaftigkeit eines Kriegers zu ertragen, kehrte er ſich gelaſſen und würdevoll gegen ſeinen Gefangennehmer, mit einem von Stolz und Verachtung glühenden Auge, als wolle er des Andern höchſten Zorn trotzend herausfordern. „Mag es denn ſo ſeyn,“ fing der gleichmüthige Content wie⸗ der an,„wenn Dir die Bande zuwider, die, bei allem Stolze des Menſchen, dem Körper oft heilſam ſind, ſo behalte den freien Ge⸗ brauch Deiner Glieder, und ſieh' nur zu, daß Du kein Unheil da⸗ mit anrichteſt. Whittal, hab' Acht auf die Pforte, und vergiß nicht, daß es verboten iſt, in's Feld hinauszugehen, bis mein Vater dieſen Heiden unterſucht hat. Das Junge wird ſelten ge⸗ funden, wo nicht der alte ſchlaue Bär in der Nähe iſt.“ Hierauf winkte er dem Knaben, zu folgen, und ſchritt nun auf das Wohnzimmer zu, wo ſein Vater, von dem groͤßern Theil der Familie umgeben, ſein Kommen erwartete. Unbedingte, häusliche Disciplin war eines der hervorſtechendſten Kennzeichen der Puritaner⸗Herrſchaft. Früh ſchon ward Allen jene Herbe der Sitten eingeſchärft, welche als ein Bewußtſeyn des gefallenen Zu⸗ ſtandes des Menſchen und ſeiner Prüfungszeit hienieden galt; denn bei einem Volke, das alle Fröhlichkeit für ſündlichen Leichtſinn hielt, mußte die Ausübung der Selbſtbeherrſchung bald als die Grundlage aller Tugend betrachtet werden. Mochte aber das Verdienſt von Marcus Heatheote und ſeinem Haushalt in dieſer Beziehung noch ſo groß ſeyn, ſo ſtand es in Gefahr, durch die Aeußerung derſelben Eigenſchaft in dem Jüngling, der ſo ſonder⸗ barer Weiſe in ihre Hände gefallen war, übertroffen zu werden. Es iſt ſchon geſagt worden, daß dieſer Sohn der Wälder un⸗ gefähr fünfzehn Jahre ali ehn mochte. Aufgeſchoſſen gleich einer kräftigen, treibenden Pflanze, und frei wie ein der Sonne entge⸗ genſtrebender Sprößling in ſeinen heimathlichen Wäldern, hatte er doch die Höhe des Mannes noch nicht erreicht. Er war an Groͤße, Geſtalt und Geberde ein Muſter des thätigen, natürlichen und reizenden Knabenalters. Während aber ſeine Glieder ein ſo ſchönes Ebenmaß zeigten, ging ihnen das Muskelhafte noch ab; jede Be⸗ wegung bekundete eine Freiheit und Leichtigkeit, welche, ohne das Mindeſte von jenem Zwang, den unſer Weſen unwillkührlich an⸗ nimmt, ſo wie die künſtlichen Gefühle des ſpätern Lebens ihre Macht auszuüben beginnen, die ganze Armuth der Kindheit dar⸗ ſtellte. Der glatte, runde Stamm der Bergeſche iſt nicht gerader, nicht makelfreier, als die Geſtalt des Knaben war, der in den neu⸗ gierigen, ſich öffnenden und hinter ihm, fluchtverhindernd, ſich 1 fahren, was der Zweck ſeines verdächtigen Beſuches geweſen, 73 wieder ſchließenden Kreis mit der Unerſchrockenheit eines Menſchen eintrat, der ein Urtheil zu fällen im Begriff iſt, nicht aber er⸗ ſcheint, um das ſeinige zu empfangen. „Ich will ihn unterſuchen,“ ſagte der alte Marcus, und be⸗ trachtete aufmerkſam das helle, ruhige Auge, das ſeinen langen Richterblick aushielt, ſo ausdauernd, wie ein minder vernünftiges Weſen des Waldes dem Menſchenblicke begegnen würde. „Ich will ihn unterſuchen; und vielleicht preßt ihm die Furcht ein Geſtändniß von dem Uebel ab, das er und die Seinigen mir und den Meinigen zugedacht hatten.“ „Ich glaube, unſere Sprachweiſe iſt ihm unbekannt,“ erwie⸗ derte Content;„denn weder gütige noch zornige Rede erzwingt die mindeſte Veränderung in ſeinen Zügen.“ „Dann geziemt es ſich, daß wir damit anfangen, Den zu bitten, der das Geheimniß beſitzt, alle Herzen zu öffnen, daß ſie uns entgegenkommen.“ Hiermit erhob der Puritaner ſeine Stimme in einem kurzen und, äußerſt ſonderbaren Gebet, worin er den Beherrſcher des Weltalls anflehte, er lle doch bei der bevor⸗ ſtehenden Inquiſition den Sinn teen re dem Verſtande des Knaben klar machen; ſo daß, wäre ſein Gebet erhört worden, die Erhörung vom Charakter des Wunderbaren nicht ſehr entfernt geweſen ſeyn würde. Nach dieſer Vorbereitung ſchritt er ſogleich zu ſeiner Aufgabe. Allein weder Fragen, Zeichen noch Gebet brachten die geringſte ſichtbare Wirkung hervor. Der Knabe ſtierte das unwandelbar ſtrenge Geſicht ſeines Inquirenten an, ſo lange deſſen Lippen die Worte entſtrömten; kaum aber hörten dieſe auf, ſo rollte ſein forſchendes und ſchnelles Auge über die ver⸗ ſchiedenen, neugierigen, ihn einſchließenden Geſichter hin, als hoffe er durch den Sinn des Geſichts und nicht durch den des Gehörs, ſich über ſein künftiges Loos zu unterrichten. Man überzeugte ſich von der Unmöglichkeit, durch Laut oder Geberde von ihm zu er⸗ welchen Namen er, oder welchen der Stamm führte, dem er angehörte. „Ich bin ſchon unter den Kupferrothen der Plantagen von Providence geweſen,“ wagte endlich Eben Dudley zu bemerken; „und ihre Sprache, obgleich nur ein holperiger, unvernünftiger Jargon, iſt mir nicht unbekannt. Mit der Erlaubniß aller hier Gegenwärtigen,“ fuhr er fort, indem er den Puritaner auf eine Weiſe anſah, die verrieth, daß ſein Wort:„aller,“ nur dem Letz⸗ tern galt;„mit der Erlaubniß aller Gegenwärtigen, will ich's dem Junker dergeſtalt vortragen, daß er froh ſeyn ſoll, zu antworten.“ Nachdem er einen beifälligen Blick erhalten hatte, ſtieß der Grenzſiedler gewiſſe, ungeſchlachte Kehllaute heraus, von denen er, ungeachtet ſie ihren Zweck gänzlich verfehlten, hoch und theuer behauptete, daß es der gewöhnliche Ausdruck ſey, mit welchem das Volk, dem der Gefangene muthmaßlich angehöre, ſich begrüßte. „Ich weiß, er iſt ein Narranganſett,“ fügte Eben hinzu, in⸗ dem er immer nee ſein Mißlingen ward, und einen nicht ſonderlich freundlichen auf den Jüngling warf, der ſeinen Anſpruch auf die Kenntniß der Indianerſprache ſo handgreiflich zu nichte machte;„Sie ſehen, wie in den Kranz um ſeinen Moccaſin die Seeſtrandmuſcheln eingewoben ſind; dieſes Kennzeichen iſt ſo gewiß als die Nacht ihre Sterne hat; aber zum Ueberfluß ſieht er auch einem Häuptling ähnlich, der auf Wunſch von uns Chriſten durch die Pequods erſchlagen wurde, nach einer Affaire, in welcher, war's nun recht oder ſchlecht von mir, ich ſelbſt einigen Antheil gehabt habe.“ „Und wie nennſt Du jenen Häuptling?“ fragte Marcus. „Ci nun, er führte verſchiedene Namen, je nach dem Geſchaͤft, das er gerade vor hatte. Einige kannten ihn als den, pringenden Panther', denn er war ein Mann, der außerordentlich gut ſpringen konnte; Andere wieder nannten ihn„Gepfefferter“, da die Sage — 2„— S+ 8SA 80—— „ 75 ging, daß weder Kugel noch Schwert in ſeinen Körper einzudringen vermöchten; was nun freilich ein Irrthum muß geweſen ſeyn, wie ſein Tod zur Genüge bewieſen hat. Sein wahrer Name aber, nach den Gebräuchen und Tönen ſeines Volkes, war My Anthony Moh.“* „Mein Anton Moh!“ „Ja wohl; My(mein) ſollte ſo viel ſagen, daß er ihr Häupt⸗ ling war, Anthony war der Vorname, und Moh der des Ge⸗ ſchlechts, von dem er abſtammte;“ erwiederte Eben zuverſichtlich, ſich vollkommen überzeugt haltend, daß er endlich einen hinläng lich klangreichen Namen angegeben hätte, und eine einleuchtende Ablei⸗ tung deſſelben noch oben drein. Allein der Kritik blieb keine Zeit übrig, Bemerkungen darüber zu machen, ſo auffallend war der Eindruck, welchen dieſe zweideutigen Töne auf den Gefangenen machten. Ruth fuhr zuſammen, und preßte ihre gleichnamige Kleine inniger an ſich, als ſie den blendenden Glanz ſeiner glühenden Augen, und das plötzliche und ausdrucksvolle Anſchwellen ſeiner Naſenlöcher gewahrte. Einen Augenblick drückte er mit mehr der gewöhnlichen Kraft indianiſcher Gravität die Lippen— öffnete er ſie leiſe. Ein tiefer, weicher, und, wie ſelbſt die erſchrockene Matrone geſtehen mußte, klagender Ton, kam aus ihnen hervor, der trauernd wiederholte: „Miantonimoh!“** Dies Wort ſprach er deutlich, obgleich mit einem tiefen Kehl⸗ laut aus. „Das Kind trauert um ſeinen Vater,“ rief die empfindſame Mutter.„Die Hand, die den Krieger erſchlug, mag damit eine ſchlechte That verübt haben.“ —„Hierin erkenne ich den offenbaren, vorherbeſtimmenden Willen * Auszuſprechen faſt wie: Mejantonymoh. ** Da das erſte i in dieſem Worte wie ein Deutſches ei geleſen wird, ſo klingt der Name ziemlich wie die drei Worte, die der gelehrte Ebeh Dudley darin unterſchied: mei-antoni-moh. 76 der Vorſehung,“ ſagte Marcus Heatheote feierlich.„Der Jüng⸗ ling iſt eines Menſchen beraubt worden, der ihn noch mehr in die heidniſchen Bande verwickelt hätte, und hierher mußte er kommen, um auf den geraden und engen Pfad gebracht zu werden. Er ſoll unter den Meinigen wohnen, und alle wollen wir im Gebete gegen das Böſe in ſeinem Geiſte kämpfen, bis die Belehrung ſiege. Er ſoll genährt und gepflegt werden, ſowohl mit den Dingen des Lebens als denen dieſer Welt; denn wer weiß, was für ihn noch aufbewahrt iſt.“. Wenn mehr Glauben, als vernünftige Folgerichtigkeit in dieſer Meinuug des alten Puritaners lag, ſo waren wenigſtens keine äußere Beweiſe da, um dieſelbe zu widerlegen. Während inner⸗ halb der Wohnung die Befragung des Knaben vor ſich ging, fand in den Außengebäuden und angrenzenden Feldern eine genaue Nachſuchung ſtatt. Doch bald kehrten Die, welche dieſes Geſchäft auszuführen beauftragt waren, mit der Nachricht zurück, daß auch nicht die geringſte Spur von einem angelegten Hinterhalte in der Nähe zu entdecken ſey, und da der Gefangene ſelbſt keine feind⸗ ſelige Waffen trug, ſo feu Ruth zu hoffen an, daß die from⸗ men, geheimnißvollen Vermuthungen ihres Vaters über den Gegen⸗ ſtand nicht ganz grundlos ſeyn möchten. Der Gefangene hatte nun Nahrung zu ſich genommen, und der alte Marcus war eben im Begriff, das Bekehrungsgeſchäft, das er ſo freudig unternommen, durch ein Dankgebet gehörig einzuleiten, als Whittal Ring lär⸗ mend ins Zimmer hereinſtürzte, und durch ſein plötzliches Geſchrei der feierlichen Vorbereitung ein Ende machte. „Weg mit der Senſe und der Sichel,“ rief der Witzling;„es ſſt ſchon lange her, ſeit die Felder von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh von Rei⸗ tern in ledernen Wämſern zertreten worden ſind, oder ſchleichende Wampanoags Hinterhalte darin machten.“ „So iſt doch Gefahr vorhanden!“ ſchrie die leichtaufgeregte Ruth.„Mann, die Warnung kam noch zur rechten Zeit.“ 77 „Da kommen wirklich einige den Wald heraus geritten, ge⸗ rade auf unſer Haus los; allein da es dem Anſcheine nach Leute unſrer Farbe und unſres Glaubens ſind, ſo dürfen wir nicht er⸗ ſchrecken, ſollten uns vielmehr freuen. Sie ſehen aus wie Boten von der Flußgegend.“ Mit Ueberraſchung, vielleicht auch nicht ohne eine augenblick⸗ liche Unruhe, hörte der Alte zu; doch verſchwand jede Spur innerer Bewegung bald; denn weſſen Geiſt unter ſolcher Selbſtbeherrſchung ſteht, der geſtattet ſeinen geheimen Gedanken ſelten, ſich zu ver⸗ rathen. Gelaſſen gab er den Befehl, den Gefangenen nach dem Blockhauſe zurückzubringen, und zwar wies er die oberſte der bei⸗ den Hauptetagen zum Gefängniß an; ſodann bereitete er ſich zum Empfang von Gäſten, welche die Ruhe ſeines abgelegenen Thales nicht oft zu ſtören pflegten. Er war noch im Austheilen der nö⸗ thigen Befehle begriffen, als ſchon das Getrappel der Pferde im Hofe hörbar ward, und er die Aufforderung erhielt, an die Thür zu kommen, um ſeinen Fremden⸗Beſuch zu empfangen. „Wir ſind doch in Wiſh⸗Ton⸗Wiſh und in der Wohnung des Kapitäns Marcus Heatheote?“ fragte einer, deſſen Miene und beſſere Uniform ihn als den Vornehmſten der vier Angekommenen bezeichnete. „Durch die Güte der Vorſehung nenne ich mich den unwür⸗ digen Eigner dieſes Zufluchtsortes.“ „Nun dann, ſo wird ein ſo loyaler Unterthan und ein Mann, der ſich ſo lange in der Wildniß treu bewieſen hat, den Boten ſeines geſalbten Herrn nicht die Thüre weiſen.“ „Es giebt Einen, größer als Alle auf Erden, der uns gelehrt hat, die Thüre nicht zu verſchließen. Ich bitte Euch, abzuſteigen, und mit dem, was wir anbieten können, vorlieb zu nehmen.“ Nach dieſer höflichen aber ſeltſamen Erklärung ſtiegen die Reiter ab, gaben ihre Thiere den Arbeitsleuten der Meierei und traten in's Haus. Während Ruth's Dienſtmägde ein Mahl, der 78 Tageszeit und dem Range der Gäſte entſprechend, zubereiteten, hatten Mareus und ſein Sohn Gelegenheit genug, über das Aeuſ⸗ ſere der Fremden ihre Betrachtungen anzuſtellen. Es waren Leute, welche ſich darauf verſtanden, ihre Geſichter dem Charakter ihrer Wirthe anzupaſſen; denn in der That hatten ſie alle ein ſo düſte⸗ res, ernſtes Weſen, daß man ſie faſt im Verdacht haben konnte, neubekehrte Zeloten der ſtreng religiöſen Formen der Kolonie zu ſeyn. Aber ungeachtet ihrer außerordentlichen Gravität trugen ſie, der Sitte jener Gegenden zuwider, zuverläſſige Keunzeichen an und um ſich, daß ſie an die Tracht und Mode der andern Hemiſphäre gewöhnt waren. Die Piſtolen an ihren Sattelbogen nebſt anderm Zeuge von kriegeriſchem Ausſehen würden vielleicht keine Aufmerkſamkeit erregt haben, wenn nicht zugleich ihre Wämſer, Hüte und Stiefel einen Schnitt gehabt hätten, der auf einen lebendigern Verkehr mit dem Mutterlande hindeutete, als unter den weniger ſophiſticirten Bewohnern der Kolonie üblich war. Niemand reiſte wohl ohne Vertheidigungsmittel durch die Wälder, dagegen aber trugen Wenige die feindlichen Waffen mit einer ſo weltlichen Miene, oder mit ſo vielen kleinlichen, von irgend einer neuen Modecaprice erfundenen, Sonderbarkeiten. Da ſie ſich indeſſen als Boten des Königs angekündigt hatten, ſo warteten die, welche natürlich in dem Zweck ihres Beſuches am meiſten betheiligt ſeyn mußten, es ruhig ab, bis es den Fremden belieben würde, ſie in Kenntniß zu ſetzen, warum der Dienſt ſie in eine ſolche Ferne von den gewöhnlichen Wohnplätzen der Men⸗ ſchen hinrufe. Denn gleich den eingebornen Beſitzern des Bodens zählten bekanntlich auch die ſich ſelbſt beherrſchenden Frommen vorſchnelle Haſt bei irgend einer Sache zu den Schwächen, die eines Mannes unwürdig ſind. Offenbar in ihrem gegenwärtigen Dienſt wohl erfahrene Leute, entkam den behutſamen Lippen der Fremden während der erſten halben Stunde ihres Beſuchs nichts, was zu einem Aufſchluß über den Zweck deſſelben hätte führen MNM 482 +&—njõ 8 e it 79 können. Das Frühſtück ward, faſt ohne daß ein Wort geſprochen worden wäre, verzehrt, und einer von ihnen hatte ſich bereits von ſeinem Sitze erhoben, angeblich, um nach den Pferden zu ſehen, als der, welcher ihr Anführer zu ſeyn ſchien, die Unterhaltung auf einen Gegenſtand leitete, der, ſeiner politiſchen Tendenz nach, einigermaßen vermuthen ließ, mit dem Hauptbeweggrund ihrer Reiſe nach dieſem einſamen Thale in mittelbarem Zuſammen⸗ hang zu ſtehen. „Iſt die Kunde von dem gnädigen Geſchenk, das kürzlich der Gunſt des Königs entfloß, bis zu dieſer entfernten Anſiedelung ge⸗ kommen?“ fragte die Hauptperſon, die bei weitem nicht ſo mili⸗ täriſch ausſah, als ein jüngerer Kamerad, der Zweite, wie es ſchien, im Commando. „Auf welches Geſchenk ſpielen Deine Worte an?“ fragte der Puritaner, ſeinen Sohn und ſeine Schwiegertochter, ſo wie die übrigen Umſtehenden mit einem flüchtigen Blick anſehend, der ſie ermahnte, auf ihrer Hut zu ſeyn. „Ich ſpreche von dem königlichen Freibrief, laut welchem die Bewohner der Ufer des Connecticut, und die der Kolonie New Haven ſich in Zukunft unter einer Regierung vereinen, und Gewiſſensfrei⸗ heit ſo wie ihre eigenen Statuten ausüben dürfen.“ „Ein ſolches Geſchenk wäre eines Königs würdig! Hat Karl das gethan?“ „Das hat er, und noch weit mehr, was der Grohherzigkeit eines Königs ziemt. Das Reich iſt endlich von den Mißbräuchen eines Haufens von Anmaßlingen befreit, und die Macht ruht jetzt in den Händen eines Geſchlechts, das längſt die Vorrechte der⸗ ſelben beſaß.“ „Es iſt zu wünſchen, daß die Uebung es geſchickt und weiſe in dem Gebrauch derſelben mache,“ verſetzte Marcus etwas kurz. „Es iſt ein luſtiger Fürſt! er findet keinen ſonderlichen Ge⸗ ſchmack an den Studien und Uebungen ſeines zum Märtyrer 80 gewordenen Vaters; dagegen beſitzt er große Unterhaltungsgaben, und Wenige in ſeiner erhabenen Umgebung können ſich eines ſchärfern Witzes, oder einer geläufigeren Zunge rühmen.“ Marcus nickte ſchweigend mit dem Kopfe, wenig geneigt, die Erwägung der Eigenſchaften ſeines irdiſchen Herrn bis auf einen Punkt zu treiben, der einem ſo loyalen Bewunderer anſtößig werden dürfte. Wer leicht Verdacht ſchöpfte, der würde geſehen, oder doch zu ſehen geglaubt haben, wie der Fremde, während er die aufge⸗ räumte Laune des wiedereingeſetzten Monarchen ſo herausſtrich, gewiſſe zweideutige Blicke verſtohlen umherwarf, als ob er gern entdecken möchte, inwiefern das Panegyricum ſeinem Wirthe ange⸗ nehm ſey. Er fügte ſich indeſſen dem Wunſche des Puritaners, obgleich es dahingeſtellt bleiben muß, ob er denſelben errathen hatte, oder unwillkührlich einwilligte, von etwas anderm zu ſprechen. „Aus Deiner Gegenwart läßt ſich ſchließen, daß die Kolonien Nach⸗ richten von Hauſe erhalten haben,“ ſagte Content, der an dem düſtern und zurückhaltenden Ausdruck in ſeines Vaters Zügen wohl merkte, eine Einmiſchung in das Geſpräch von ſeiner Seite käme gerade gelegen. „Auf einer königlichen Fregatte iſt Jemand in der Bay, inner⸗ halb des letzten Monats, angekommen; aber noch hat, außer dem Schiff, das jährlich die Reiſe zwiſchen Briſtol und Boſton macht, kein Kauffahrer zwiſchen beiden Ländern verkehrt.“ „Und der Angekommene, iſt er ein Bevollmächtigter?“ fragte Marceus;„oder iſt es bloß noch ein Diener des Herrn, der ſeine Hütte in der Wildniß aufzuſchlagen beabſichtigt?“ „Die Abſicht ſeines Kommens ſollſt Du ſchon erfahren,“ er⸗ wiederte der Fremde, indem er, mit einem geheimen Blick boshaften Einverſtändniſſes auf ſeine Kameraden, aufſtand, und ſeinem Wirth eine Schrift überreichte, von der das Staatsſiegel herabhing. „Man erwartet, daß dem Ueberbringer dieſer Vollmacht jede Art von Beiſtand werde geleiſtet werden durch einen Unterthan von einer ſo bewährten Treue, wie die des Kapitäns Mareus Heathcote.“ 81 Sechſtes Kapitel. Doch mit Vergunſt, Ich bin ein Staatsbeamter, und geſandt Zu ſprechen mit— Corialanus. Vngeachtet des ſcharfen Blickes, den der Bote der Krone ab⸗ fichtlich und nun nicht mehr verſtohlen auf den Beſitzer von Wiſh⸗ Ton⸗Wiſſh heftete, während dieſer die ihm überreichte Urkunde las, war doch in deſſen unbewegten Zügen auch nicht die leiſeſte Spur von Unruhe zu entdecken. Marcus Heathcote hatte ſeine Leiden⸗ ſchaften zu lange in Zucht gehalten, um eine ungeziemende Ueber⸗ raſchung ſich abmerken zu laſſen; auch war er von Natur ein Mann von bedeutender Nervenſtärke, dem geringe Anzeichen von Gefahr keinen Schrecken verurſachen konnten. Er gab das Per⸗ gament dem Boten zurück, und ſagte dabei mit unerſchitterhicher Gelaſſenheit zu ſeinem Sohne: „Wir werden die Thüren von Wih⸗Ton⸗Wiſh weit aufthun müſſen. Wir ſehen hier Jemand vor uns, der die Vollmacht hat, die Geheimniſſe aller Wohnungen der Kolonie in Augenſchein zu nehmen.“ Hierauf, ſich mit Würde an den Agenten der Krone wendend, fügte er hinzu:„Du wirſt wohl daran thun, Dein Amt zeitig zu beginnen, denn unſer ſind viele, und wir nehmen daher einen großen Raum ein.“ Das Antlitz des Fremden überflog eine leiſe Gluth, vielleicht aus Scham über die Beſchaffenheit des Berufs, der ihn in dieſe entfernte Gegend führte, vielleicht aber auch aus Unwillen über einen ſo deutlichen Wink, daß je eher ſein unangenehmes Geſchäft beendigt wäre, je lieber es ſeinem Wirth ſeyn würde. Bei dem allen aber verrieth er nicht die Abſicht, von der Ausführung deſ⸗ ſelben abzuſtehen. Im Gegentheil, er gab jetzt großentheils jenes gemäßigte Weſen auf, das er bei der Sondirung der Anſichten Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 82² eines ſo Strenggeſinnten anzunehmen wahrſcheinlich für klug er⸗ achtet hatte, und brach etwas plötzlich in einen Ton aus, der mit dem Geſchmack Deſſen, dem er diente, in größerm Einklange ſtehen mochte. „Kommt denn,“ rief er ſeinen Gefährten zuwinkend,„da die Thüren aufgethan werden, ſo müſſen wir wohl eintreten, wenn wir nicht für unhoͤflich gelten wollen. Kapitän Heathcote iſt Soldat geweſen, und kennt die Nachſicht, die man der Freiheit eines Reiſenden muß widerfahren laſſen. Fürwahr, wer die Luſt eines Lagerlebens geſchmeckt hat, der muß dieſes Waldlebens dann und wann überdrüſſig werden.“ 8 „Die im Glauben feſt ſind, werden nicht überdrüſſig, ob auch der Weg lang und die Wallfahrt beſchwerlich ſey.“ 6 „Hm— Schade, daß die Reiſe zwiſchen dem luſtigen England und dieſen Kolonien nicht raſcher geht. Ich will mir nicht heraus⸗ nehmen, einen Herrn, der älter, und, kann ſeyn, vornehmer iſt als ich, zu belehren, allein die Gelegenheit iſt doch alles, wenn einer ſein Glück machen will. Es iſt nicht mehr als eine ſchuldige Ge⸗ fälligkeit, Sie zu benachrichtigen, würdiger Sir, daß die Meinungen zu Hauſe einen ſtarken Wechſel erlitten haben. Es mag wohl über ein Jahr ſeyn, ſeit ich eine Zeile aus den Pſalmen, oder einen Vers aus dem Apoſtel Paulus im Geſpräch habe anführen hören; wenigſtens nicht von Leuten, die in einigem Ruf der Klugheit ſtehen.“ „Dieſer Wechſel in der Form der Rede dürfte mehr im Geiſte Deines irdiſchen Herrn ſeyn, als in dem Deines himmliſchen,“ ſagte der Alte verweiſend. „Schon gut, ſchon gut; damit Friede zwiſchen uns beſtehe, ſo ſoll es uns auf einen Text mehr oder weniger nicht ankommen, wenn wir nur der Predigt entgehen,“ verſetzte der Fremde, der nun allen Zwang abwarf, und mit ziemlicher Ausgelaſſenheit ſeinen eigenen Einfall laut belachte; eine Art Genuß, an dem ſeine Kameraden mit vieler Gutwilligkeit Theil nahmen, ohne die 5 8³ Stimmung der Menſchen, unter deren Obdach ſie ſich befanden, ſonderlich zu berückſichtigen. Ein kleiner Gluthpunkt zeigte ſich auf der blaſſen Wange des Puritaners, verſchwand aber wieder, gleich einer vorübergehenden, durch den Bruch der Lichtſtrahlen hervor⸗ gebrachten Täuſchung. Selbſt Content's ſanftes Auge entflammte bei der Beleidigung; doch, ſeinem Vater gleich, unterdrückte die Gewohnheit an Selbſtverleugnung und das nie ſchlummernde Bewußt⸗ ſeyn ſeiner eignen Unvollkommenheiten dieſe ſchnelle Zornaufwallung. „Wenn Du Vollmacht haſt, die geheimen Plätze unſrer Woh⸗ nungen zu durchſuchen, ſo thue, was Deines Amtes iſt,“ ſagte er mit einer gewiſſen Eigenthümlichkeit im Ausdruck, die dazu diente, den Andern zu erinnern, daß er, obgleich mit einem Auftrag des Stuart in Händen, ſich an einem entlegenen Punkte ſeines Reiches befände, wo ſelbſt die Autorität eines Königs etwas von ihrem Gewichte verlor. 4 Sich ſtellend, als ſähe er ſeine Raſchheit ein, möglich auch, ſie wirklich einſehend, ſchickte er ſich an, zur Vollziehung ſeines Dienſtes zu ſchreiten. „Es würde eine bedeutende und Mühe erſparende Evolution ſeyn,“ ſagte er,„wenn wir den ganzen Haushalt in einem und demſelben Raum verſammelten. Die Regierung zu Hauſe möchte gern über die Qualität ihrer Lehnspflichtigen in dieſer entfernten Gegend etwas näher unterrichtet ſeyn. Du haſt gewiß eine Glocke, um die Heerde zu beſtimmten Stunden zuſammenzuläuten.“ „Unſere Leute ſind noch in der Nähe,“ erwiederte Content; „ſo Du es für gut findeſt, ſoll keiner bei Deiner Unterſuchung fehlen.“ Als er am Blick des Andern merkte, daß es wirklich ſein Wunſch war, ging der ruhige Content an's Thor, und ſtieß mit einer an den Mund angeſetzten Muſchel einen jener Töne hervor, die man ſo oft in den Wäldern vernimmt, als Signale, daß die Leute herein kommen ſollen, und die ſowohl zum friedlichen Ruf, als zum Alarmzeichen dienen. 4 84 Der Ton brachte bald alle, welche im Bereich ſeines Schalles waren, in den Hofraum, wohin ſich nun auch der Puritaner mit ſeinen unwillkommenen Gäſten begab, als auf den ihrem Zweck entſprechendſten Platz. 3 „Hallam,“ ſagte die Hauptperſon der vier Beſuchenden, indem ſie ſich an Einen richtete, der einſt einen Subaltern⸗Poſten in der Armee der Krone bekleidet haben mochte, wenn das nicht noch jetzt der Fall war, da ſein Anzug den Dragoner nur zur Hälfte verbarg,„ich laſſe Dich zurück, um dieſe ſtattliche Verſammlung zu unterhalten. Du magſt die Zeit zu einer Predigt über die Nichtigkeit der Welt benutzen, worüber, wie ich glaube, Wenige ſo geeignet ſind, mit Verſtand zu ſprechen als Du, oder auch dürften einige Worte der Ermahnung, feſt am Glauben zu halten, nicht ohne gehöriges Gewicht Deinen Lippen entſtrömen. Vor Allem aber gieb Acht, daß von Deiner Heerde keiner wegwandere; denn hier müſſen ſie ſammt und ſonders bleiben, regungslos wie das unvorſichtige Weib Lot's, bis ich alle ihre ſchlauen Schlupfwinkel in Augenſchein genommen habe. Biete alſo Deinen Witz auf und zeig', daß Du Erziehung genug haſt, eine Unterhaltung zu leiten.“ Nach dieſem wenig ehrerbietigen Befehl an ſeinen Unterge⸗ benen gab der Sprechende dem Alten und deſſen Sohn zu erkennen, daß er und noch einer ſeines Gefolges zu einer genaueren Haus⸗ ſuchung zu ſchreiten bereit ſeyen. Als der alte Kapitän ſah, daß der, welcher das friedliche Walten in ſeiner Familie ſo rückſichtslos getrübt hatte, ſich zum Gehen fertig hielt, trat er vor ihm einher, wie Einer, der eine ſtrenge Unterſuchung nicht ſcheut, und winkte ihm ernſt, zu folgen. Der Fremde, muſterte noch frechen Blickes, vielleicht eben ſo ſehr aus Gewohnheit als abſichtlich, den Haufen beunruhigter Mdchen, ja beäugelte ſelbſt die ſchamhafte und ſanftblickende Ruth, und ſchlug dann den Weg ein, den ihm Der, welcher ſo ohne Zaudern das Führeramt übernommen hatte, andeutete. S— ⏑α⏑————— G— 85⁵ Der Zweck dieſer Unterſuchung blieb noch immer Allen ein Geheimniß, außer denen, die ſie anſtellten, und dem Puritaner, dem derſelbe aus der ihm vorgelegten Vollmacht wohl bekannt ſeyn mochte. Daß der Auftrag von befugter Autorität her⸗ rührte, konnte Niemand bezweifeln, und daß er irgendwie mit den Ereigniſſen zuſammenhing, die, wie Jedermann wußte, in der Re⸗ gierung des Mutterlandes einen ſo großen Wechſel bewirkt hatten, hielten Alle für wahrſcheinlich. Dem ſo augenſcheinlich Geheim⸗ nißvollen des Verfahrens ſtand die Strenge der Unterſuchung kei⸗ neswegs nach. Wenig größere oder auf Bedeutung Anſpruch machende Wohnungen wurden in jenen Zeiten errichtet, die nicht gewiſſe, geheime Oerter enthielten, wo Dinge von Werth, und ſogar Perſonen, wenn die Nothwendigkeit es gebot, geborgen werden konnten. Die Fremden entwickelten eine große Bekannt⸗ ſchaft mit der Beſchaffenheit und gewöhnlichen Lage dieſer geheimen Schlupfwinkel. Kein Kabinet, keine Kiſte, ja keine größere Schub⸗ lade entging ihrer Wachſamkeit, und gab eine Diele einen etwas hohlen Ton von ſich, ſo mußte der Herr des Thals die Urſache davon erklären. Ein oder zwei Mal riſſen ſie die Bretter los, und durchſtöberten die dahinter befindliche Höhlung mit einer Um⸗ ſicht, die in dem Verhältniß ſtärker ward, als die fortgeſetzte Haus⸗ ſuchung ohne Erfolg zu bleiben drohte. Die Fremden ſchien dies Fehlſchlagen aufzubringen. Eine Stunde war bei der unſichtigſten Durchforſchung vergangen und noch immer nichts ausgemittelt, das ſie ihrem Zwecke näher gebracht hätte. Daß ſie mit ungewöhnlich zuverſichtlicher Vorausſetzung eines günſtigen Reſultats ſich an's Werk gegeben hatten, ließ ſich aus dem kuͤhnen Tone ſchließen, den der Befehlhabende annahm, und aus den unumwundenen, perſönlichen Beziehungen, die er ſich von Zeit zu Zeit, oft mit vieler Frechheit, und immer mehr oder we⸗ niger auf Koſten der Loyalität der Heatheotes, erlaubte. Als er nun aber die Gebäude alle durchgeſehen, überall von den Kellern 86 bis hinauf in die Dachſtuben, da ward ſein Mißmuth ſo ſtark, daß dieſer einigermaßen den Sieg über ein gewiſſes Beſcheidenthun davontrug, das er bis jetzt, ungeachtet aller ſeiner leichtſinnigen Anzüglichkeiten, beizubehalten gewußt hatte. „Haſt nichts geſehen, Hallam?“ fragte er das Individuum, das er zur Beaufſichtigung der Bewohner zurückgelaſſen hatte, als er, aus dem letzten der Außengebäude kommend, mit ſeiner Beglei⸗ tung über den Hof ging;„oder ſollten jene Spuren, die uns in dieſe entfernte Anſiedelung geführt haben, uns getäuſcht haben? Kapitän Heatheote, Ihr habt geſehen, daß wir nicht ohne hinläng⸗ liche Vollmacht gekommen ſind, und ich bin im Stande, noch hin⸗ zuzufügen, daß wir nicht ohne hinlänglichen“—— Sich ſelbſt unterbrechend, gleichſam als wenn er mehr, als klug geweſen wäre, hätte äußern wollen, richtete er plötzlich das Auge auf das Blockhaus und fragte: wozu es benutzt würde. „Es iſt, wie Du ſiehſt, ein zur Vertheidigung errichtetes Ge⸗ bäude,“ erwiederte Marcus;„ein Zufluchtsort, wo, im Fall einer Invaſion von Seiten der Wilden, die Familie ſich bergen kann.“ „Aha! dieſe Citadellen kennen wir. Es ſind mir ſchon deren auf meiner Reiſe vorgekommen, doch keine ſo militäriſch als dieſe. Sie hat einen Soldaten zum Kommandanten, und würde alſo eine vernünftige Belagerung ſchon aushalten. Da der Platz auf den Titel Feſtung Anſpruch machen darf, ſo wollen wir ſeine Geheimniſſe etwas näher in Augenſchein nehmen.“ Hierauf gab er die Abſicht zu erkennen, mit Durchſuchung dieſes Gebäudes ſein Geſchäft zu vollenden. Content öffnete, ohne anzuſtehen, die Thür, und lud ihn zum Eintreten ein. „Auf mein Wort, der ich zu meiner Zeit manchen Feldzug mitgemacht habe, wenn ich auch jetzt ein friedlicheres Amt bekleide, dieſe Thüren ohne Artillerie zu nehmen, wäre kein Kinderſpiel. Wenn Deine Kundſchafter Dich von unſrer Annäherung in Kenntniß geſetzt hätten, Kapitän Heatheote, ſo dürften wir den Zutritt 87 ſchwieriger gefunden haben, als der Fall war. Eine Leiter hier! nun, wo ſich Mittel zum Steigen ſinden, da muß es auch etwas geben, was die Mühe des Steigens lohnt. Ich muß doch ſehen, wie eure Waldluft da droben im obern Stock ſchmecken mag.“ „Ihr werdet im obern Gemach, wie in dieſem hier unten, finden, daß die Einrichtung blos auf die Sicherheit der harmlofen Einwohner des Hauſes berechnet iſt,“ ſagte Content, indem er zu gleicher Zeit gelaſſen die Leiter an die Fallthüre anlehnte und dann voran hinaufſtieg. „Seht da, Oeffnungen für Kurzflinten,“ rief der Fremde, ſich kennermäßig umſchauend, und„ſtattlicher Schutz gegen Kugeln vön außen. Haſt Dein Handwerk nicht vergeſſen, Kapitän, und glücklich ſchätze ich mich, in Deine Feſtung durch Ueberrumpelung gekommen zu ſeyn, oder vielmehr als Freund, da der Friede zwi⸗ ſchen uns noch nicht gebrochen iſt. Aber warum ſo viel Wirthſchafts⸗ geräthe an einem Ort, der ſo ausdrücklich zum Krieg gerüſtet iſt?“ „Du vergißt, daß auch Frauen und Kinder ſich genöthigt ſehen können, hier Obdach zu ſuchen,“ erwiederte Content. Wenig klug wär's, nicht alles herbeizuſchaffen, was zur Befriedigung ihrer Bedürfniſſe dienen könnte.“ „Habt Ihr Unruhen mit den Wilden?“ fragte der Fremde, etwas haſtig;„die Schwätzer in der Kolonie haben uns doch ge⸗ ſagt, wir hätten von der Seite nichts zu fürchten.“— „Man kann nicht wiſſen, zu welcher Stunde es Geſchöpfen von ſo wilder Natur einfällt, einen Aufſtand zu machen, und des⸗ wegen laſſen es die Grenzbewohner auch nicht an einer entſpre⸗ chenden Vorſicht fehlen.“ „Still!“ unterbrach ihn der Fremde;„oben hör' ich Fußtritte. Aha! ſo hat mich der Geruch doch nicht irre geführt! Holla, Meiſter Hallam!“ rief er durch eine der Oeffnungen;„laß Deine Salzbildſäͤulen ſich auflöſen, und komm' zu mir auf den Thurm. 88 Ein ganzes Regiment findet hier Arbeit; denn wir wiſſen recht gut, mit wem wir es zu thun haben.“ Die Schildwache im Hofraum gab dem Gefährten im Stalle ein Zeichen durch einen Schrei, und beide ſtürzten dem Blockhauſe entgegen mit lärmendem Triumphrufen darüber, daß eine Durch⸗ ſuchung, die manchen langen Ritt gekoſtet, manchen langen Tag ſie vergeblich beſchäftigt hatte, doch endlich zu einem Reſultat zu führen verſprach. „Nun, ihr würdigen Lehnsträger eines gnädigen Gebieters,“ ſagte der Anführer, als er ſich im Schutze ſeiner ganzen bewaffne⸗ ten Macht ſah, mit der Miene eines von Erfolg trunkenen Menſchen; „jetzt macht, daß wir unverzüglich in das obere Stockwerk gelangen. Ich habe dreimal Menſchenfußtritte, ſich quer über den Boden be⸗ wegend, gehört; ſie waren leicht und behutſam, aber die Dielen ſind Plauderer, und haben ihre Lection nicht gelernt.“ Die Aufforderung, ſo ziemlich im Tone eines Befehls gegeben, brachte den jüngern Heatheote nicht aus ſeiner gewöhnlichen Ge⸗ laſſenheit, und ohne Zaudern oder Beſorgniß zu verrathen, ſchickte er ſich an, demſelben nachzukommen. Nachdem er die nicht ſchwere Leiter durch die untere Fallthüre nach ſich heraufgezogen, lehnte er ſte gegen die obere, ſtieg hinauf und hob dieſe in die Höhe. Als⸗ dann kehrte er zurück, und gab ein ruhiges Zeichen, daß, wer Luſt hätte, hinaufſteigen könne. Allein die Fremden ſahen mit unver⸗ kennbarem Zweifel einander an. Keiner der Untergeordneten ſchien geneigt, ſeinem Vorgeſetzten voranzugehen, und Letzterer war offenbar, hinſichts der Ordnung, in welcher die unumgängliche Approche geſchehen ſollte, mit ſich noch nicht auf's Reine gekommen. „Giebt es keinen andern Weg hinauf als dieſen engen da?“ fragte er. „Keinen. Du wirſt finden, daß die Leiter ſicher iſt, und die Höhe nicht unbequem. Sie iſt ja auf den Gebrauch von Weibern und Kindern berechnet.“ 89 „Ganz gut,“ brummte der Offizier,„aber Eure Weiber und Kinder werden auch nicht aufgefordert, dem Teufel in Menſchen⸗ geſtalt entgegenzutreten. Fellows, ſind Eure Waffen in gutem, dienſtfähigen Stande? Hier könnte Muth vonnöthen ſeyn, ehe wir fangen, was—— St! So wahr unſer Herr von Gottes Guaden König iſt, da droben rührt ſich Jemand. Hör' einmal, Freundchen, Du kennſt den Weg ſo gut, wir wollen lieber Dir folgen.“ Content, der nicht leicht durch gewöhnliche Vorfälle ſeinen Gleichmuth trüben ließ, willigte gern ein, und ſtieg auf der Leiter voran, wie Einer, der in der Sache keinen Grund zur Beunruhi⸗ gung ſah. Der königliche Bevollmächtigte, ſorgſam, der Perſon ſeines Führers ſo nahe als möglich zu bleiben, ſprang ihm nach, indem er ſeinen Untergebenen zurief, mit Nachbringung ihrer Verſtärkung keine Zeit zu verlieren. Das ganze Corps ſtieg mit einem Eifer durch die Fallthüre, als wenn es durch eine gefährliche Breſche dringen wollte, und keiner der Vier nahm ſich Zeit, das gewonnene Terrain zu recognosciren, bis die ganze Schaar in Reih und Glied ſtand, die Hände theils an ihren Piſtolen, theils inſtinktmäßig die Griffe ihrer Säbel ſuchend. „Beim finſtern Geſicht des Stuart!“ rief der Vornehmſte der Fremden, nachdem er ſich durch ein langes und getäuſchtes Umher⸗ ſchauen überzeugt hatte, daß er ſich nicht irre,„hier findet ſich weiter nichts als ein waffenloſer, indianiſcher Knabe.“ „Haſt Du noch ſonſt etwas zu finden erwartet?“ fragte der unerſchütterliche Content. „Hm— dem alten Kauz unten und unſrem eigenen guten Verſtand iſt, was wir zu finden erwarteten, zur Genüge bekannt. So Du an unſerm Recht, Dir ſelbſt bis in's Innerſte zu ſchauen zweifelſt, ſollſt Du Dich nicht vergebens nach unſerer Befugniß er⸗ kundigen. König Karl hat nur wenig Urſache, fein ſäuberlich ge⸗ gen die Koloniſten dieſer Gegenden zu verfahren; denn ſie haben dem Geweine und den Heucheleien der Wolfe in Schafspelzen, von 90 denen das Land nun endlich glücklich befreit iſt, ein nur zu bereit⸗ williges Ohr geliehen. Deine Gebäude ſollen nochmals durchſtö⸗ bert werden, von dem Mauerwerk des Schornſteins an bis zum Eckſtein in Deinen Kellern, wenn Betrug und rebellenmäßige Hin⸗ terliſt nicht aufgegeben, und die Wahrheit nicht mit der Offenherzigkeit und Geradheit keck herausſprechender Engländer eingeſtanden wird.“ „Ich weiß nicht, was Ihr mit der Geradheit keck herausſpre⸗ chender Engländer ſagen wollt, da gerade Rede nicht die Eigen⸗ ſchaft nur eines Volkes oder nur eines Landes iſt; aber das weiß ich recht gut, daß Betrug ſündlich iſt, und daß, wie ich demüthi hoffe, nur wenig davon in dieſer Anſtedelung ausgeübt wird. Da mir das, was Ihr ſuchet, unbekannt iſt, ſo kann ich auch keinen Verrath im Schilde führen.“ „Du höͤrſt es, Hallam: er raiſonnirt über einen Gegenſtand, der den Frieden und die Sicherheit des Königs betrifft!“ ſchrie der Andere, zornig durch getäuſchte Erwartung und mit ſteigen⸗ der Unverſchämtheit.„Aber weshalb iſt denn dieſer dunkelhäutige Knabe ein Gefangener? wagſt Du es, Dich zum Souverän über die Eingebornen dieſes Eontinents aufzuwerfen, und großzuthun mit Feſſeln und Kerkern gegen Die, welche Dir mißfällig ſind?“ „Der Junge iſt allerdings ein Gefangener, allein wir fingen ihn aus Selbſtvertheidigung, und er hat ſich, den Verluſt der Freiheit abgerechnet, über wenig ſonſt zu beklagen.“ „Ich will dieſes Verfahren auf's Genaueſte unterſuchen. Hat auch mein Auftrag Bezug auf eine ganz andere Angelegenheit, ſo übernehme ich, als Einer, dem ein wichtiges Geſchäft anvertraut iſt, das Amt, jedem unterdrückten Unterthan der Krone Schutz zu gewähren. Dieſe Handlung führt vielleicht zu Entdeckungen, Hallam, wichtig genug, um dem Conſeil ſelbſt vorgelegt zu werden.“ „Du wirſt hier nur wenig finden, was der Zeit und Aufmerk⸗ ſamkeit von Männern würdig wäre, auf denen die Sorge für eine 91 ganze Nation laſtet,“ erwiederte Content.„Der junge Heide ward vergangene Nacht, nahe bei unſerer Wohnung lauernd, gefunden, und er wird in ſeinem gegenwärtigen Gewahrſam gehalten, damit er die Kunde von unſerer Lage nicht ſeinen Stammgenoſſen über⸗ bringe, die im Walde einen Hinterhalt haben, wo ſie den paſſenden Augenblick abwarten, ihr böſes Vorhaben in’s Werk zu richten.“ „Wie,“ rief der Andere haſtig, Du willſt doch nicht etwa ſagen, daß ſie nahe ſind, dort im Walde; wie!“ „Es läßt ſich nicht bezweifeln. Ein ſo junger Burſch wie dieſer würde wohl ſchwerlich fern von den Kriegern ſeines Stam⸗ mes anzutreffen ſeyn, um ſo weniger, da er in der Handlung des Auflauerns begriffen war, als er gefangen wurde.“ „Ich hoffe, Deine Leute ſind nicht ohne guten Vorrath an Waffen und anderen werkdienlichen Widerſtandsmitteln. Die Palli⸗ ſaden ſind doch hoffentlich feſt, und die Ausgänge in weiſem Ver⸗ theidigungszuſtand?“ „Wir haben ein fleißiges Auge auf unſere Sicherheit, denn wir Gränzſtedler wiſſen gar wohl, daß in unermüdlicher Wachſam⸗ keit unſer einziger Schutz beſteht. Die jungen Männer befanden ſich bis zum Morgen an den Thoren, und wir beabſichtigten, nach⸗ dem der Tag angebrochen ſeyn würde, die Wälder ſcharf zu recog⸗ nosciren, um Kennzeichen auszumitteln, durch die wir auf die An⸗ zahl und den Plan der uns Umzingelnden ſchließen könnten, als Dein Beſuch uns zu andern Pflichten rief.“ .„Und warum ſo ſpät von dieſer Abſicht geſprochen?“ fragte der Geſchäftsträger des Königs, indem er mit verdachtvoller Eile die Leiter zuerſt hinunterſtieg.„Es iſt eine löbliche Klugheit, und ſie muß nicht aufgeſchoben werden. Die Verantwortlichkeit des Kommandos, daß alle gehörige Sorgfalt zum Schutze der hier verſammelten Unterthanen des Königs angewendet werde, nehme ich auf mich. Sind unſere Reiſepferde tüchtig gefüttert, Hallam? Wie Du ſagſt, der Dienſt iſt ein gebieteriſcher Herr; er ruft uns mehr nach dem Mittelpunkt der Kolonie. Wollte Gott, er winkte uns bald nach Europa zurück!“ murmelte er, unten angelangt, vor ſich hin.„Geht, Burſchen, ſeht nach unſeren Thieren, haltet ſie bereit, daß wir ſchnell auffitzen können.“ Seine Leute, obgleich nicht ohne hinlänglichen Muth im offenen Krieg, oder wenn er auf eine Weiſe, an die ſie gewöhnt waren, in Anſpruch genommen wurde, hatten, gleich anderen Sterb⸗ lichen, eine heilige Scheu vor unverſuchter und ſchreckbar ausſehen⸗ der Gefahr. Es iſt eine wohlbekannte und durch die Erfahrung von zwei Jahrhunderten beſtätigte Wahrheit, daß, ſo wie der europäiſche Soldat ſich ſtets am bereitwilligſten zeigte, ſich des Beiſtandes des fürchterlichen Kriegers der amerikaniſchen Waͤl⸗ der zu bedienen, er auch bei jeder Gelegenheit, wo Repreſſalien oder der Zufall ihn zum Gegenſtand ſtatt zum Zuſchauer dieſer ſchonungsloſen Kriegesart machte, die für die Nordamerikaner er⸗ ſprießlichſte, aber oft auch zugleich die feigſte und lächerlichſte Furcht vor der Tapferkeit ſeiner Bundesgenoſſen an den Tag legte. Während daher Content, zwar mit Ernſt, aber doch unerſchrocken, die beſon⸗ dere Gefahr, in der er ſich befand, in's Auge faßte, zeigte ſie ſich, wie der Augenſchein lehrte, den Fremden in allen ihren Schreck⸗ niſſen, und entblößt von allen den üblichen Mitteln, ihr zu entgehen. Ihr Befehlhabender ließ eiligſt die Unverſchämtheit des Amtes fahren; an die Stelle des gereizten Tons trat der Schein größerer Artigkeit, und— wie denn die Klugheit oft die Geſinnung ſelbſt anſpruchsvollerer Perſonen zu ändern pflegt, wenn die Dinge eine neue Wendung nehmen— ſeine Sprache ward mit einem Male eine verſöhnliche und höfliche. Nicht mehr wurden die Dienſtmägde beäugelt; der Herrin des Hauſes ward mit gefliſſentlicher Achtung begegnet, und die Miene, mit welcher Ah e wauh des Haufens den alten Puritaner e anredete, grenzte an den Ausdruck lobenswerther Ehrerbietung. uns inkte angt, zaltet im böhnt terb⸗ ehen⸗ prung der des Wäl⸗ ſalien dieſer r er⸗ Furcht hrend beſon⸗ ſich, hreck⸗ gehen. Amtes ößerer ſelbſt e eine Male n des Niene, itaner etung. 93 Man brachte als Entſchuldigung vor, daß der Dienſt ſeine läſtigen Pflichten habe; daß, wenn gewiſſe geheime Zwecke erreicht werden ſollen, das Betragen ein ganz anderes werde als das, welches die Natur und der Sinn für Recht vorſchrieben; allein weder Marcus noch ſein Sohn ſchienen Antheil genug an den Beweggründen zu nehmen, durch die ſich ihre Gäſte leiten ließen, um eine Wieder⸗ holung von peinlichen Erklärungen, eben ſo linkiſch für Die, welche ſie machten, als überflüſſig für Die, denen ſie galten, zu ver⸗ anlaſſen. Weit entfernt, den Bewegungen der Familie noch mehr Hin⸗ derniſſe in den Weg zu legen, drang man nun alles Ernſtes in die Grenzler, ihren frühern Vorſatz, den Wald gründlich zu unter⸗ ſuchen, doch auszuführen. Demgemäß vertraute man die Be⸗ wachung des Hauſes ungefähr der Hälfte der Arbeiter, unter dem Oberbefehl des Puritaners und dem Beiſtand der Europäer, die mit einer Art von Inſtinkt ſich in dem Beſitz des Blockhauſes be⸗ haupteten, da ihr Anführer mehrmals und richtig genug erklärte, daß er zwar zu jeder Zeit bereit ſey, ſein Leben in einer Ebene auf's Spiel zu ſetzen, hingegen einen unüberwindlichen Widerwillen fühle, es im Dickicht in Gefahr zu wiſſen. 4 Begleitet von Eben Dudley, Ruben Ring und noch zwei ſtämmigen Burſchen, ſämmtlich leicht aber gut bewaffnet, zog Content jetzt aus ſeiner Feſtung in den Wald hinein. Sie wählten den nächſtgelegenen Punkt deſſelben zum Eintritt, und beobachteten bei'm Weiterſchreiten jene unabläſſige Vor⸗ und Umſicht, die nur eine Kenntniß der wahren Gefahr, in die ſie ſich begaben, ihnen einfloͤßen, und deren gehörige Anwendung nur viele Uebung ſie lehren konnte. Die Methode bei dieſem Auskundſchaften war eben ſo einfach als zweckmäßig. Die Späher begannen einen Kreis um die Lich⸗ tung zu beſchreiben, den ſie ſo weit ausdehnten, als nur immer ohne Gefahr, ſich Hülfe abzuſchneiden, thunlich war; dabei ſtrengte 94 jeder ſeine Aufmerkſamkeit an, die Spuren des Ganges oder der Lauerplätze der Feinde aufzufinden, von deren nahem Hinterhalt ſie einen ſo ſtarken Beweis hatten. Doch eine geraume Zeit blieb ihr Spüren eben ſo erfolglos, als die kurz zuvor von den Fremden geſchehene Hausſuchung. Viele langwierige Meilen hatten ſie behutſam durchmeſſen, und ihr Geſchäft war über die Hälfte zu Ende, und noch war ihnen kein Zeichen von einem lebendigen Weſen aufgeſtoßen, ausgenommen die ſehr ſichtbare Hufſpur ihrer vier Gäſte, und die Tritte eines einzelnen Pferdes längs einem Pfade, der von da, woher der Beſuch in voriger Nacht auf das Haus zukam, nach den Siedelungen führte. Keinem von ihnen, ſo wie ſie nach einander, und doch faſt zu gleicher Zeit, dieſen Pfad einſchlugen und ihn kreuzten, ent⸗ ſchlüpfte eine laute Bemerkung; bald nachher aber ertönte ein lei⸗ ſer Ruf des Ruben Ring, der ſie an dem Punkt, von wo die Aufforderung ausgegangen war, in Maſſe zuſammenbrachte. „Hier ſind Spuren von Jemand, der zum Thal herausge⸗ ritten iſt,“ ſagte der ſcharfäugige Forſtmann,„und zwar von Je⸗ mand, der nicht zur Familie von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh gehört, da ſein Thier beſchlagene Hufe hatte, ein Merkzeichen, das ſich an keinem unſrer Pferde findet.“ 3 „Laßt uns folgen,“ ſagte Content, und ſchlug ſogleich einen Zickzack⸗Pfad ein, den, wie an vielen unzweideutigen Zeichen zu erkennen war, ein Pferd vor wenig Stunden erſt gebildet hatte. Allein ihrem Forſchen wurde bald ein Ziel geſetzt. Sie waren noch nicht weit gekommen, ſo ſtießen ſie auf den ſchon halbver⸗ zehrten Leichnam eines Gauls. Es war unmöglich, den Eigen⸗ thümer dieſes unglücklichen Thiers nicht zu errathen. Ein Raubthier, oder vielleicht mehrere, hatten reichlich von dem friſchen, faſt noch blutenden, Leichnam geſpeiſt; das verhinderte indeß nicht, an dem zerriſſen umherliegenden Reitzeug ſowohl, als an der Farbe und Größe des Thiers den Gaul wiederzuerkennen, den der ungekannte, der ſie jeb den ſie de, ſen ier de, aus faſt nt⸗ lei⸗ die ge⸗ Je⸗ jier ſrer nen zu tte. ren ver⸗ hen⸗ ier, och dem 95 geheimnißvolle Gaſt geritten, welcher, nachdem er an dem Abend⸗ gottesdienſt und dem Abendmahl der Familie des Gutes Theil ge⸗ nommen hatte, auf eine ſo ſeltſame und plötzliche Weiſe wieder verſchwunden war. Der lederne Mantelſack, die Waffen, die den Blick des alten Marcus ſo ſehr gefeſſelt hatten, kurz alles, außer dem verbrauchten Sattel und dem Leichnam des Thiers, war fort; aber, wie geſagt, was blieb, reichte hin, um über die Identität des Pferdes Gewißheit zu geben. „Hier iſt der Zahn des Wolfs an der Arbeit geweſen,“ ſagte Eben Dudley, indem er ſich niederbeugte, um die Beſchaffenheit einer zerfleiſchten Wunde am Halſe zu unterſuchen;„und hier wieder iſt auch mit einem Meſſer geſchnitten worden; aber zu be⸗ ſtimmen, ob es durch die Hand einer Rothhaut geſchehen, das übertrifft den Bereich meiner Kunſt.“ Jeder Einzelne von den Auskundſchaftern bog ſich nun neu⸗ gierig über die Wunde her; ihr Schauen lieferte jedoch, außer der feſten Ueberzeugung, daß es das Pferd des Fremden ſey, welches ſein Leben eingebüßt, kein weiteres Reſultat— nicht den geringſten Aufſchluß über das Schickſal ſeines Herrn. Nach einem langen und vergeblichen Umherſtreifen gaben ſie jetzt die Durchſuchung auf und machten ſich daran, den noch nicht beſichtigten Theil des Thales flüchtig zu durchlaufen. Die Nacht war da, ehe ſie ihre ermüdende Aufgabe vollendet hatten. Wie Ruth in ängſtlicher Erwartung ihrer Rückkunft an der Pforte ſtand, da konnte ſie an dem Antlitze ihres Mannes merken, daß man zwar nichts aufge⸗ funden, was neuen Grund zum Schrecken geben könnte, daß ſich hingegen eben ſo wenig eine genügende Auflöſung der ſchmerzlichen Zweifel dargeboten habe, die ſie, die zärtliche und beſorgte Mutter, den Tag über gequält hatten. Siebentes Kapitel. Habt ihr nicht Zeit, wenn es zum Melken geht, Zu Bette, oder in die Kalkrüſen, Dieſe Heimlichkeiten auszuplaudern: daß ihr Im Beiſeyn aller Gäſte her ſie ſchnattern müſſet? Wintermährchen. Lange Erfahrung hat gezeigt, daß, wenn ein Weißer in die Lage geſetzt wird, welche der Erlangung der dem nordamerikaniſchen Indianer ſo eigenthümlichen Gewandtheit günſtig iſt, er dieſe leicht erlernt, und ſich unter anderm die Faͤhigkeit aneignet, die Kenn⸗ zeichen einer Waldſpur mit einer faſt an Inſtinkt grenzenden Schnelligkeit und Sicherheit aufzufinden. Als daher die Kundſchafter die übereinſtimmende Meinung abgaben, daß in der Nähe keine Abtheilung von Wilden läge, die ſich nur im Geringſten meſſen könnte mit der Macht, welche Wiſh⸗Ton⸗Wiſh aufzubieten vermöge, ſo reichte dies hin, die Furcht der Familie größtentheils zu be⸗ ſchwichtigen. Einige von ihnen— und der lauteſte darunter war der ſtämmige Eben Dudley— gingen ſogar ſo weit, daß ſie ſich erboten, mit ihrem Leben für die Sicherheit der ihrer Wachſamkeit anvertrauten Perſonen zu haften. Wie beruhigend nun aber auch ohne Zweifel dieſe Betheurungen auf Ruth und die weiblichen Dienſtboten wirkten, ſo äußerte ſich doch dieſer wohlthätige Einfluß minder bei den unwillkommenen Gäſten, die Wiſh⸗Ton⸗Wiſh noch immer mit ihrer Gegenwart beläſtigten. Von allen mit dem ur⸗ ſprünglichen Zweck ihres Beſuchs im Zuſammenhang ſtehenden Proceduren war freilich die Rede nicht mehr, eben ſo wenig aber auch von ihrem Abzuge; im Gegentheil⸗ wie die Nacht herannahte, hielt ihr Anführer mit dem alten Mareus Heatheote einen förmlichen Kriegsrath, in welchem er beſtimmte Vorſchläge machte, auf welche Weiſe die Wohnung am beſten zu decken wäre. Der alte Puritaner ſah keinen Grund, ſich denſelben zu widerſetzen. 97 Demnach ward ein regelmäßiger Wachtpoſten an den Palliſaden ausgeſtellt und bis zum Morgen unterhalten. Die verſchiedenen Mit⸗ glieder der Familie, beruhigt, wo nicht aus vollkommener Ueberzeugung, doch durch den Schein des Friedens, zogen ſich in ihre gewöhnlichen Ruheſtätten zurück, und die Militär⸗Boten faßten in dem untern der beiden Kriegsgemächer der Citadelle Poſten. Dieſe einfachen Vorkeh⸗ rungen hatten ſich der beſondern Zufriedenheit der Fremden zu er⸗ freuen. Die Stunden der Nacht vergingen ruhig, und der Morgen kehrte in das abgelegene Thal, wie er bis jetzt ſo oft gethan, mit ſeiner weder durch Gewalt noch Aufruhr getrübten Lieblichkeit wieder. Auf die nämliche friedliche Weiſe ging die Sonne ihnen drei Abende hintereinander unter, drei Morgen hintereinander wieder auf— es zeigte ſich keine Spur von Gefahr, kein Grund zum Schrecken. So wie die Zeit ſich hinzog, gewannen die Bevollmäch⸗ tigten des Stuart allmählig ihre Zuverſicht wieder. Dabei unter⸗ ließen ſie aber nie, ſich mit dem ſcheidenden Lichte in das ſchützende Blockhaus zurückzuziehen. Denn, wie der Subalterne, Namens Hallam, mehr als einmal ernſtlich bemerkte, ihre Diseiplin und ſonſtige kriegeriſche Eigenſchaften machten ſie abſonderlich geeignet, dieſen Standort zu behaupten. Den Puritaner verdroß innerlich dieſer ſich in die Länge ziehende Aufenthalt; doch ſetzte ihn die zur Gewohnheit gewordene Selbſtverleugnung, die längſt errungene Herrſchaft über ſeine Leidenſchaften, in den Stand, ſeinen Unwil⸗ len zu verbergen. Die zwei erſten Tage nach dem Alarm war die Aufführung ſeiner Gäſte tadellos. Ihr ſcharfes und ängſtliches Beobachten des Waldes mußte alle ihre Seelenthätigkeit in An⸗ ſpruch nehmen; denn ſie ſchienen jeden Augenblick zu erwarten, daß ein Haufe grauſamer und ſchonungsloſer Wilden vom Walde herausſtürzen würde. Als nun aber die Stunden ungetrübt dahin⸗ floſſen, da kehrte mit dem wachſenden Muthe und dem ſteigenden Selbſtgefühl auch der Leichtſinn der Fremden zurück, von deſſen Daſeyn es nicht an Symptomen fehlte. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 7 * Am Abend des dritten Tages nach ihrer erſten Erſcheinung in der Siedelung ſah man, wie Hallam zum erſten Male zu der oftgenannten Pforte hinausſchlenderte und den Weg einſchlug, welcher nach den Außengebäuden führte. Seit mancher Stunde war ſein Ausſehen nicht ſo kühn geweſen; verhältnißmäßig ſtolz und anmaßend war denn auch jetzt ſein Einhertreten. Statt, wie bisher, ein paar ſchwere Kavalleriſtenpiſtolen am Gürtel zu tragen, hatte er ſogar auch ſei nen Säbel abgelegt; das gewichtige Kriegs⸗ rüſtzeug, welches er und ſeine Kameraden bis zu dieſer Stunde aus Vorſicht am Leibe behalten hatten, war verſchwunden, und er erſchien in dem Anzug eines Menſchen, der es ſich bequem ge⸗ macht hat. Er ließ das Auge flüchtig über die am ſanften Lichte der untergehenden Sonne erglühten Felder der Heatheotes hin⸗ ſchweifen, und ſchrack ſelbſt dann nicht zurück, als es unwillkühr⸗ lich den Umriß des Waldes berührte, den ſeine Einbildungskraft noch ſo kürzlich mit Weſen von blutgieriger, erbarmungsloſer Na⸗ tur bevölkert hatte. Es war die Stunde, wo, nach der landlichen Einrichtung, die Arbeiten des Tages beendigt werden, und daher ein regeres Treiben unter den Knechten und Mägden zu vemerken iſt. Emſiger als Andere, war in dieſer Stunde eine Dienſtmagd der Ruth be⸗ ſchäftigt. In einer der Einhegangen zog ſie aus einer Lieblings⸗ Kuh reichliche Libationen als nächtlichen Tribut für die Milchkam⸗ mer ihrer Herrin, und ſang dazu mit angenehmer Stimme ein geiſtliches Lied, deſſen Melodie bald zu den hellſten Tönen ſtieg, bald in ein faſt unhörbares Summen niederſank. Mit einer Miene, als geſchehe es ganz unwillkührlich, ſchlenderte Hallam, gleich⸗ gültig thuend, auf dieſe Einhegung zu, gleichſam als zöge ihn die Bewunderung des glatthaarigen Viehes eben ſo ſehr an, wie irgend ein anderes hübſches Weſen darin. „Bei welcher Droſſel biſt Du ſo brav in die Schule gegangen, meine hübſche Dirne, daß ich Deine Stimme für die des lieblichſten ng der ug, nde olz wie een, gs⸗ nde er ge⸗ chte jin⸗ ihr⸗ raft Na⸗ ing, eres iger be⸗ igs⸗ am⸗ ein ieg, jene, eich⸗ ihn wie gen, hſten 99 Sängers der Gehölze hielt?“ fragte er, indem er ſich nachläſſig und vornehm gegen den Pfeiler am Eingang des Geheges lehnte. „Man ſollte glauben, es wäre ein Rothkehlchen oder ein Zaun⸗ könig, der ſein Abendlied trillert, und nicht eine auf⸗ und nieder⸗ fallende Pſalmodei, von einem Menſchen geſungen.“ „Die Vögel in unſerm Walde ſprechen ſelten,“ erwiederte die Magd,„und der eine darunter, der am meiſten ſchwatzt, thut's auf die Weiſe, wie die ſogenannten Herren, wenn ſie ſich den Kopf zerbrechen, wie ſie dem Ohr einfältiger Landdirnen ſchmei⸗ cheln mögen.“ „Und was iſt denn das für eine Weiſe?“ „Spötterei.“ „Aha! von der Geſchicklichkeit dieſes Vogels habe ich gehört. Sein Geſang ſoll ein Extract der Harmonie aller übrigen Wald⸗ muſikanten ſeyn; aber doch kann ich in ſeiner Ausdrucksweiſe keine Aehnlichkeit mit der ehrlichen Rede eines Soldaten erkennen.“ „Der Vogel ſpricht und denkt ſich nichts dabei, und oft mehr um das Ohr zu täuſchen, als in ehrlichem Ernſt.“ „Du vergißt, Kind, was ich Dir dieſen Morgen ſagte. Es. ſcheint, als ob Die, welche Dir Deinen Namen gaben, nicht ſehr Urſache hätten, ſich ihrer Menſchenkenntniß zu rühmen: Dein Ge⸗ müth iſt von der Art, daß Unglaube weit eher zum Namen für Dich paſſen würde, als Dein wirklicher, Glaube.“ „Mag ſeyn, daß Die, welche mich über die Taufe hielten, wenig wußten, wie groß die Leichtgläubigkeit ſeyn muß, die allem, was von mir zu glauben gefordert worden, ein williges Ohr ſchenkte.“ „Es kann Dir doch nicht ſchwer fallen, zuzugeben, daß Du hübſch biſt; ſchon Dein Auge muß Dir bei dieſem Glauben zu Hülfe kommen; und wenn ein Mädchen ſo fertig in der Rede iſt wie Du, ſo weiß es wohl auch, daß es mehr als gewöhnlich viel Verſtand beſitzt, und in der Beziehung will ich ſchon zugeben, daß der Name Glaube Deinen Charakter nicht Lüge ſtrafe.“ „Wenn Eben Dudley Dich ſolche eitelmachende Sprache führen hörte,“ erwiederte das halb geſchmeichelte Mädchen,„ſo würde er Dir vielleicht weniger Verſtand zutrauen, als Du Anderen zuzu⸗ trauen geneigt biſt. Schon höre ich ſeinen ſchwerfälligen Fußtritt unter der Heerde, und es dauert nicht lange, ſo ſehen wir ein Geſicht, das ſich nicht rühmen kann, ein viel leichteres Aus⸗ ſehen zu haben.“ „Dieſer Eben Dudley, finde ich, iſt eine Perſon von nicht geringer Wichtigkeit!“ brummte Hallam vor ſich hin, und ſetzte ſeinen Spaziergang, ſo wie der Grenzler an dem andern Eingang des Geheges ſeine Erſcheinung machte, mürriſch fort. Der Forſt⸗ mann ließ ihn, ohne einen Laut des Mißfallens zu äußern, an ſich vorübergehen; aber die Blicke, die ſie wechſelten, gehoͤrten nicht zu den freundlichſten. „Die ſcheue Kuh fängt endlich an zahm zu werden, Jungfer Glaube Ring,“* ſagte Eben, indem er den Kolben ſeiner Mus⸗ kete ſo heftig in den Boden ſtieß, daß derſelbe eine ſtarke Vertie⸗ fung in die verwelkte Heuſchwade machte.„Der ſchecke Ochs, der alte Logger, kommt ja nicht williger in ſein Joch, als die Vier⸗ jährige da ihre Milch hergibt.“ „Das Thier iſt immer geduldiger geworden, ſeit Ihr gelehrt habt, wie man ihm die wilde Laune vertreiben muß,“ erwiederte die Milchmagd mit einer Stimme, welche, trotz aller Anſtrengung des jüngferlichen Stolzes, trotz dem, daß ſie ſich nun mit verdop⸗ peltem Eifer an's Melken gab, ihre Aufregung deutlich genug er⸗ kennen ließ. 9. „So! ich wünſche, daß manches Andere, was ich gelehrt habe, eben ſo gut im Gedächtniß bleibe; doch Dir macht das Lernen keine Mühe, Glaube, das ſieht man an der Schnelligkeit, mit » Der Leſer muß ſich ſchon an die Härte gewöhnen, den Namen einer oder der andern cbriſtlichen Tugend als Taufname von Perſonen zu finden; es war dieß eine beliebte Sitte der Puritaner. D. U. 101 welcher Du Dir die Gewohnheit angeeignet haſt, Dich mit einem Menſchen zu unterhalten, der ſo eine gelöſ'te Zunge hat, wie der Weltling dort, von jenſeits der See hergeritten gekommen.“ „Ich hoffe, Eben Dudley, durch hofliches Redeſtehen gebe ich, die ich an Züchtigkeit der Sprache von Jugend auf gewöhnt bin, kein Beiſpiel ungeziemender Unterhaltung. Du haſt ja oft geſagt, daß, wenn ein Mädchen angeredet wird, ſie zuhören müſſe, damit man ihr nicht nachſage, daß ſie ſpöttiſch ſey, und daß ſie eher wegen Hochmuth als wegen Gutmüthigkeit einen Ruf verdiene.“ „Ich ſehe, daß Du doch mehr von meinem Unterricht behalten haſt, als ich erwartet hatte. Alſo, Glaube, Du hörſt deswegen ſo gern zu, weil es ſich ſchickt, daß eine Dirne nicht ſpöttiſch ſey, nicht wahr?“ „Da haſt Du Recht. Was man auch immer mit Grund an mir tadeln mag, haſt Du doch keine Urſache, Spott als einen meiner Fehler aufzuführeu.“ „Wenn ich das thue, ſo will ich“—— Eben Dudley biß ſich in die Lippen, einen Ausruf unterdrückend, der ſeiner Ge⸗ fährtin, die nicht minder ſtrenger Sitte war als er ſelbſt, höchſt anſtößig geweſen ſeyn würde.„Aber viel Erbauliches mußt Du wohl heute gehört haben, Glaube Ring,“ fuhr er wieder fort, „fintemal Dein Ohr ſo zugänglich iſt, und es Dir an Gelegenheit gar nicht gefehlt hat.“. „Ich weiß nicht, was Du mit Gelegenheit ſagen willſt,“ er⸗ wiederte das Mädchen, indem ſie ſich noch tiefer unter das Thier, das ſie melkte, hinabbeugte, um die Gluth zu verbergen, die an⸗ ſchuldigend und ihr wohl bewußt, ihre Wange färbte. „Ich will ſagen, daß es eine lange Erzählung ſeyn muß, die vier verſchiedene Beſuche geheimer Unterredung braucht, um zu Ende gebracht zu werden.“ „Vier! ſo wahr ich hoffe, als ein Maͤdchen von Aufrichtigkeit in Wort und That zu gelten, dieß iſt erſt das dritte Mal, daß der Fremde mich ſeit Sonnenaufgang allein geſprochen hat.“ * „Wenn ich die Finger an meiner Hand noch zählen kann, ſo iſt es das vierte Mal!“ „Ei, wie kannſt denn Du, Eben Dudley, der Du ſeit dem erſten Hahnenſchrei heute im Felde geweſen biſt, wiſſen, was um die Wohnung herum vorgegangen iſt? Aus Dir ſpricht offenbar der Neid oder eine andere böſe Leidenſchaft ſo verdrießlich.“ „Wie ich's wiſſen kann? Du glaubſt etwa, Dirne, daß Dein Bruder Ruben allein die Gabe beſitze, ſcharf zu ſehen.“ „Fürwahr, die Arbeit muß mit großem Nutzen für die Herr⸗ ſchaft vor ſich gegangen ſeyn, während die Augen auf andere Dinge gerichtet waren! Doch, man hat vielleicht heute einmal die ſchwachſichtigen Starkarmigen als Späher, und die weniger kraftvollen Scharfäugigen als Arbeiter benutzt.“ „Ich war nicht ſo unbeſorgt um Dein Leben, daß ich ver⸗ geſſen hätte, in den Zwiſchenpauſen um mich her zu ſchauen, Du Schnippiſche. Du magſt es nun für nöthig halten oder nicht, kämen die Wampanoags in's Thal, und wäre Niemand da, den Alarmruf zeitig genug zu blaſen, ſo würde es ein allerliebſtes Ge⸗ ſchrei in den Butter⸗ und Käſekammern geben.“ „In der That, Eben, Deine Furcht vor dem Kinde dort im Blockhauſe muß für Einen von Deiner Männlichkeit ganz entſetzlich ſeyn, ſonſt würdeſt Du die Gebäude nicht ſo ſcharf bewachen,“ replicirte lachend das Mädchen; denn die Schlauheit, die ihrem Geſchlechte ſo eigen iſt, ließ ſie bald die Ueberlegenheit merken, die ſie nach und nach im Geſpräche über ihren Gegner gewann. „Aber Du denkſt nicht daran, daß wir tapfere Soldaten aus Alt⸗ England hier haben, um den Junker abzuhalten, uns Harm zuzu⸗— ſügen. Da kommt übrigens der wackere Krieger ſelber her: am beſten, Du bitteſt ihn um Wachſamkeit, ſonſt dürften wir dieſe Nacht im Schlafe mit dem Tomahawk Bekanntſchaft machen!“ „Du ſprichſt da von der Waffe der Wilden! ſagte der Bote, der wieder herankam mit dem ſichtbaren Verlangen, Theil an einem — △ ☛ „——. — 103 Geſpräch zu nehmen, das, während er deſſen Fortgang von einer geringen Entfernung aus bewacht hatte, nachgerade anziehende zu werden anfing.„Hoffentlich iſt doch aller Grund, von dem Viertel* her etwas zu befürchten, verſchwunden.“ „Wie Ihr bemerkt, für dieſes Viertel,“ ſagte Eben, indem er mit ſpitzem Mund leiſe pfiff, und dabei gelaſſen prüfend zu dem Himmelskörper hinaufſchaute, dem ſeine Anſpielung galt. „Das nächſte Viertel aber kann uns ein hübſches Muſter von india⸗ niſchen Scharmützeln mitbringen.“ „Was hat denn der Mond mit einem Einfall der Wilden gemein? Gibt es Leute unter ihnen, welche die Geheimniſſe der Sterne ſtudiren?“ „Sie ſtudiren Teufeleien und andere Gottloſigkeiten, mehr als irgend etwas Anderes. Der Geiſt des Menſchen kann ſich nicht leicht Schreckniſſe erdenken, die denen gleich kämen, welche ſie ausfindig machen, wenn die Vorſehung ihnen eine Ueberrum⸗ pelung gelingen läßt.“ „Aber Du ſprachſt ja doch vom Monde! Auf welche Weiſe ſteht denn der im Bunde mit ihren blutigen Plänen?“ „Der Mond iſt jetzt im vollen Viertel, da gibt es wenig Augenblicke in der Nacht, wo das Auge der Wache eine Rothhaut im Thale nicht entdecken könnte; werden aber dieſe Wälder erſt von einer oder zwei Stunden Finſterniß verhüllt, ſo können wir ein ganz anderes Mährchen zu erzählen kriegen. Einen Wechſel gibt es bald; es ziemt uns daher, auf unſerer Hut zu ſeyn.“ „Du glaubſt alſo ganz gewiß, daß ein Hinterhalt vorhanden iſt, und daß man nur den rechten Augenblick abwartet,“ ſagte der Subalterne mit einem ſo gewaltigen Nachdruck, daß ſelbſt die nur halb beſänftigte Jungfer Glaube aufſchaute, und ihrem Gefährten * Wir ſehen uns genöthigt, hier Viertel ſtatt Seite zu ſetzen, um das folgende Wortſpiel beibehalten zu können. Der Ausdruck quarter im Original heißt Seite, Gegend und auch Viertel. D. U. 104 einen Schelmblick zuwarf, obgleich ihm ein gewiſſes, muthwilliges Ekwas, das in ihren Augenwinkeln lauernd ſaß und jeden Augen⸗ blick drohte, ſeinem Bericht über die Unglück verkündenden Zeichen zu widerſprechen, noch einigen Grund zum Mißtrauen gab. „Es können ſich Wilde bei den Hügeln, etwa eine Tagereiſe hinein im Walde, aufhalten, aber ſte kennen die Schußweite des Gewehrs eines Weißen viel zu gut, um innerhalb ihres Bereichs Raſt zu halten. Es liegt in der Natur eines Indianes, zu eſſen und zu ſchlafen, ſo lange er Zeit zur Ruhe hat, und zu faſten und zu morden, wenn die Stunde des Metzelns gekommen iſt.“ „Und wie weit rechnet man denn von hier bis nach der näch⸗ ſten Niederlaſſung am Connecticut?“ fragte der Andere mit einer ſo gezwungen gleichgültigen Miene, daß man daraus ohne Mühe auf die Beſchaffenheit deſſen ſchließen konnte, was in ſeinem Innern vorging. „Etliche und zwanzig Stunden würden einen raſchen Renner bis an die äußeren Kolonien bringen, einſchließlich der Zeit für Fütterung und Ruhe. Wer indeſſen klug iſt, wird ſich nur wenig von der letztern goͤnnen, bis ſein Kopf innerhalb eines etwa dem Blockhauſe dort ähnlichen Gebäudes hübſch geſchirmt iſt, oder we⸗ nigſtens, bis ſich zwiſchen ihm und dem Walde eine ſtattliche Reihe eichener Stacketen befindet.“ „Es gibt wohl keinen Reitpfad, auf dem Reiſende während der Dunkelheit den Wald umgehen könnten?“ „Ich kenne keinen. Wer von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh nach den Städten in den Niederungen reiſet, der muß entweder die Erde zu ſeinem Kiſſen machen, oder ſich bequemen, ſo lange zu reiten, als nur immer das Thier es auszuhalten vermag.“ „Wahrlich, daß dieß Noth thue, haben wir bei'm Herreiſen zur Genüge erfahren. Du biſt der Meinung, Freund, daß die Wilden jetzt ihre Raſtzeit halten und das künftige Mondviertel abwarten?“— 1 r e n ie —,.,— 105 „Meines Dafürhaltens bekommen wir ſie nicht früher,“ erwie⸗ derte Cben Dudley, und verwahrte ſich dabei, ſeine wahre Anſicht zu verbergen, indem er ſich aus Allem, worin er etwa von der geäußerten abweichend dachte, ſorgfäaͤltig einen geheimen Vor⸗ behalt machte.. „Und welche Zeit pflegt man in der Regel zum Aufſitzen zu wählen, wenn man Geſchäfte in den Kolonien unten hat?“ „Wir verfehlen nie, die Reiſe gerade um die Zeit anzutreten, wo die Sonne die Spitze der hohen Pinie dort auf dem Berg⸗ gipfel berührt. Viele Erfahrung hat uns gelehrt, daß es die ſicherſte Stunde iſt; kein Uhrzeiger zuverläſſiger als jener Baum.“ „Mir gefällt die Nacht,“ ſagte der Andere und ſchaute um ſich her, als wenn ihm mit einem Male das Wetter ein ſehr ver⸗ ſprechendes Ausſehen anzunehmen ſchiene.„Die ſchwarze Fin⸗ ſterniß weilt nicht mehr über dem Walde, und der Augenblick ſcheint günſtig, um die Angelegenheit unſrer Botſchaft ihrem Ziele näher zu führen.“ Mit dieſen Worten und wahrſcheinlich im Wahn, daß er den Beweggrund zu ſeinem Entſchluſſe hinlänglich geheim gehalten habe, ging der beunruhigte Dragoner, ein ſoldatenmäßiges Sang- froid heuchelnd, auf die Wohnung zu, und winkte zugleich einem ſeiner Kameraden, der von ferne auf ihn wartete, zu ihm zu ſtoßen. „Jetzt glaubſt Du gewiß, unvernünftiger Dudley, daß die vier Finger Deiner groben Fauſt die volle Anzahl aller meiner Zu⸗ hörungen, wie Du es nennſt, angegeben haben!“ fagte Jungfer Glaube, nachdem ſie ſo lange gewartet hatte, bis ſie glauben konnte, daß kein Driiter ſie belauſche, und lachte dabei herzlich unter ihrer jungen Milchkuh, obgleich im Ton ihrer Worte noch einiger Ver⸗ druß lag, den ſie nicht ganz unterdrücken konnte. „Habe ich ihm was anders als Wahrheit geſagt? Meines Gleichen hat nicht nöthig, einen Kerl, der das ehrliche Handwerk eines Menſchenjägers treibt, zu unterrichten, wie er reiſen muß. 106 Ich habe nichts geſagt, als was Alle, die dieſe Gegenden bewohnen, für vernünftig halten.“ 3 „Ganz gewiß, nichts weiter. Aber Deine Hand macht eine ſo ſtarke Miſchung aus der Wahrheit, daß man ſie gleich einer bittern, heilſamen Arznei, nur mit geſchloſſenem Auge, und mehrere Male anſetzend, nehmen kann. Wer zu reichlich davon trinkt, erſtickt faſt daran. Es iſt aber doch ſonderbar, daß der, welcher ſo munter iſt, wenn es gilt, für die Bedürfniſſe Anderer zu ſorgen, ſich ſo wenig um die bekümmert, über die er zu wachen beauf⸗ tragt wird.“ „Ich verſtehe den Sinn Deiner Worte nicht, Glaube. Wann bedrohte Gefahr das Thal, wo mein Gewehr gefehlt hätte?“ „Die gute Flinte iſt treuer im Dienſt, als ihr Herr. Du biſt viel⸗ leicht von Rechts wegen befugt geweſen, auf Deinem Poſten zu ſchlafen, denn wir Maägde wiſſen nichts von dem Willen des Kapitäns in dergleichen Dingen; wenn Du aber wieder einmal in derſelben Stunde zugleich zu wachen und zu ſchlafen haſt, ſo wäre es viel⸗ leicht eben ſo anſtändig, wo nicht eben ſo ſoldatenmäßig, wenn Du Deine Waffe an die Pforte poſtirteſt, und Dich ſelber in Dein Bett.“ Dudley ſah ſo verblüfft aus, wie ein Menſch von ſeinem Weſen und ſeinem unbeugſamen Naturell nur immer ausſehen kann, obgleich er ſich hartnäckig weigerte, die Anſpielung ſeiner belei⸗ digten Gefährtin zu verſtehen. „Du haſt Dich mit dem Kavalleriſten von jenſeits der See nicht vergebens unterhalten,“ ſagte er,„da Du ſo gelehrt von Wachen und Waffen ſchwatzeſt.“ „Ganz recht; er hat mich viel in dem Gegenſtande unterwieſen.“ „So! und was haſt Du denn durch ſeine Unterweiſungen gelernt?“ „Daß der, welcher an einer Pforte ſchläft, weder zu vorlaut vom Feinde ſprechen, noch erwarten müſſe, daß Maͤdchen ein zu großes Vertrauen ſetzen in—“ „——— 107 „Worin, Glaube?“ „Nun, Du weißt ja, in ſeine Wachſamkeit. Bei meinem Leben wollt' ich wetten, wenn Jemand zufällig zu einer etwas ungewöhn⸗ lichen, ſpäten Stunde bei dem Nachtpoſten beſagten vortrefflichen Kriegers vorübergezogen wäre, ſo würde er denſelben nicht ſo ge⸗ funden haben, wie eine gewiſſe Schildwacht aus dieſer Familie in der zweiten Abtheilung der letzten Nacht, nämlich im Traume die Leckerbiſſen der Milchkammer meiner Herrin rühmend.“ „Dann kamſt Du wirklich zu jener Zeit, Mädchen;“ ſagte Eben, mit gedämpfter, halb Freude, halb Scham verrathender Stimme.„Aber Du weißt, Glaube, daß die Arbeit des Auskund⸗ ſchaftens noch vor uns lag, und daß die Mühen des geſtrigen Tages unſere gewöhnliche Tageslaſt übertraf. Aber deſſenunge⸗ achtet, heute Abend von acht bis zwölf, ſtehe ich wieder Schildwacht an der Pforte und“—— „Werde mich wacker ausruhen, ohne Zweifel. Ja wohl, wer den Tag über ſo wachſam geweſen iſt, muß nothwendig der Sache überdrüſſig werden, wenn die Nacht herankommt. Fahre wohl, wachſamer Dudley, und wenn ſich Deine Augen bei Tagesanbruch öffnen ſollten, ſo ſey dankbar, wenn Dir die Mägde den Rock nicht an die Palliſaden angenäht haben!“ 3 „Der junge Mann ſtrebte vergebens, ſie noch zurückzuhalten; das leichtfüßige Mädchen entglitt ſeinem Arm und trippelte mit ihrer Ausbeute den Pfad nach der Milchkammer hin, während in ihrem, ihm halb zugewendeten Geſicht, Triumph und Reue ſich um den Beſitz ſtritten.. Der Anführer der Boten und ſein militäriſcher Untergebener hatten unterdeſſen eine lange und ſehr lebhafte Unterredung mit einander. Als ſie beendigt war, nahm der erſtere den Weg nach dem Gemache, wo der alte Kapitän den Theil ſeiner Zeit zuzu⸗ bringen pflegte, den ihm einerſeits ſeine geheimen Glaubenskämpfe und anderſeits ſein Umherreiten in den Feldern, um die Arbeiter 108 zu beaufſichtigen, übrig ließen. Nach einigen Umſchweifen, die ſeinen wahren Beweggrund verdecken ſollten, kündigte der königliche Bevoll⸗ mächtigte ſeine Abſicht an, noch in dieſer Nacht abzureiſen. „Als Einer, der in den Kriegen Europa's einige Erfahrung in den Waffen geſammelt hat, hielt ich es für meine Pflicht, ſagte er,„in Deiner Wohnung ſo lange zu bleiben, als Euch durch die lauernden Wilden Gefahr drohte. Es würde Soldaten übel ſtehen, von dem zu ſprechen, was ſie thun wollten; aber wäre der Lärm auch wirklich erſchollen, ſo wirſt Du mir glauben, wenn ich ſage, daß wir dem Feinde die Einnahme des Blockhauſes nicht leicht gemacht hätten! Ich werde Denen, die mich geſandt haben, berichten, daß König Karl im Kapitän Heatheote einen loyalen Unterthanen und die Verfaſſung einen feſten Anhänger habe. Die offenbar falſchen Gerüchte, die unſre Reiſe hierher veranlaßt haben, ſollen widerlegt werden, und ich zweifle nicht, man wird finden, daß der Irrthum durch irgend einen Zufall entſtanden iſt. Sollte ſich eine Gelegenheit darbieten, über die Vorfälle des dieſer Tage ſtatt⸗ gehabten Alarms zu ſprechen, ſo hege ich das Vertrauen, daß man die Bereitwilligkeit meiner Leute, einem Unterthanen des Königs ihre guten Dienſte zu leiſten, nicht mit Stillſchweigen übergehen werde.“ „Das Streben eines demüthigen Geiſtes iſt, ſeinen Mitweſen kein Uebles nachzureden, und das Gute nicht zu verbergen,“ erwie⸗ derte der zurückhaltende Puritaner.„Wenn Dir der Aufenthalt in meiner Wohnung gefällt, ſo bleibe, ſo lange Dir es gutdünkt; ruft Pflicht oder eigenes Belieben Dich weg, ſo gehe in Frieden. Es wird nützlich ſeyn, ſo Du Dich mit uns im Gebete vereinigſt, daß Dein Ritt durch die Wildniß ohne Harm bleibe; daß Der, welcher über das niedrigſte ſeiner Geſchöpfe wacht, Dich in ſeine beſondere Obhut nehme, und daß der wilde Heide——“ „Haben die Wilden ihre Dörfer verlaſſen? wie?“ fragte der Bote, und unterbrach dadurch, mit einer wenig ehrerbietigen Haſt, 109 die Aufzählung der beſondern Bitten und Gefahren, welche ſein Wirth im Abſchiedsgebet erwähnt wiſſen wollte. „Du wenigſtens biſt nicht bei uns geblieben, um uns in der Vertheidigung beizuſtehen, und dennoch zweifle ich, ob uns Dein Dienſt von Nutzen ſeyn würde!“ erwiederte Mareus Heatheote trocken. „Daß der Fürſt der Finſterniß Dich und alle die anderen Teufelskerle dieſer Wälder in ſeiner feſten Fauſt hätte!“ murmelte der Bote zwiſchen den Zähnen, und mit einer wilden, ihm natür⸗ lichen Miene, wie Einer, deſſen Geiſt ſich nicht lange bändigen läßt, lehnte er es frech ab, an dem Gebete Theil zu nehmen, indem er vorſchützte, Eile zu haben und perſönlich die Bewegungen ſeines Gefolges leiten zu müſſen.„Laß Dich aber, würdiger Kapitän, deßhalb nicht abhalten, für uns zu beten, während wir im Sattel ſitzen,“ endigte er;„was uns ſelbſt betrifft, ſo haben wir noch genug an der uns reichlich von Dir geſpendeten frommen Speiſe zu verdauen, zweifeln aber darum doch nicht, daß, ſollte Deine Stimme ſich zu unſern Gunſten erheben, während wir die erſten paar Stunden im Walde reiſen, der Tritt der Klepper dadurch nicht ſchwerfälliger werden würde, und uns ſelbſt könnte dieſe Gunſt gewiß auch nicht ſchaden.“* Jetzt kam einer ſeiner Leute, um anzukündigen, daß die Pferde bereit ſtünden. In dem Blicke, womit der Anführer dieſen Beſcheid ertheilte, brach der verhaltene Leichtſinn deutlich genug hervor, und als er nun den Abſchiedsgruß gab, ſo war es ſeltſam, in ſeinem Weſen den Kampf zu bemerken, welchen die zur Gewohnheit gewordene Ver⸗ achtung von Dingen ernſter Art gegen die Achtung zu beſtehen hatte, die der Charakter des Puritaners ſelbſt ſolchen Menſchen abzwang. Die Bewohner von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh, herab bis zum unterſten Dienſtboten, ſahen dieſe Fremden mit großer innerer Zufriedenheit abreiſen. Selbſt die Mägde, deren natürlicher Leichtſinn in ſchwä⸗ cheren Augenblicken ſie den Worten der Fremden ein williges Ohr leihen ließ, waren froh, Verehrer los zu werden, die keine glatte Schmeichelei ſagen konnten, ohne ſie mit loſen und ungezügelten Anſpielungen zu begleiten, auf Dinge, welche ſie gewohnt waren, nicht anders als mit Achtung erwähnen zu hören. Eben Dudley konnte, als er den Haufen in den Wald einreiten ſah, kaum vor Freude das Lachen unterdrücken, zumal da Alle, welche in dieſer Beziehung einige Erfahrung beſaßen, mit ihm der Meinung waren, daß der ſchnelle Entſchluß der Fremden ſie keiner ſonderlichen Ge⸗ fahr entgegenführte. Die Meinung der Auskundſchafter bewährte ſich als eine wohlbegründete. Jene Nacht ſowohl, als viele darauffolgende, ging ohne Beunruhigung vorüber. Die Jahreszeit rückte vorwärts, und die Leute des Kapitäns ſetzten bis zu Ende derſelben ihre Arbeiten fort, ohne daß ihr Muth eine zweite Aufforderung erhalten, oder ſich neuer Grund zur Wachſamkeit gezeigt hätte. Whittal Ring folgte ſeinen Füllen ungeſtraft in die abgelegenſten Theile der um⸗ gebenden Waldung, und die Heerden der Familie zogen aus und kamen heim, ſo lange das Wetter ihnen die freie Weide im Ge⸗ hölz geſtattete, ohne die mindeſte Unterbrechung oder Beunruhigung. Mit der Zeit war der erlebte Schreck, ſo wie der Beſuch der königlichen Boten, zum Stoff der Tradition verarbeitet, und während des nächſten Winters lieferte der erſtere beſonders Vieles, das den, um das angenehme, ſlackernde Feuer ſitzenden Knechten und Mägden zur Beluſtigung diente. Es blieb inzwiſchen noch immer ein lebendes Andenken an die außerordentlichen Auftritte jener Nacht in der Familie. Der Ge⸗ fangene befand ſich, lange nachdem ſchon die Ereigniſſe, welche ihn der Gewalt der Heathcotes überliefert hatten, der Vergeſſenheit anheim zu fallen anfingen, in ihrer Mitte. Da der alte Mann ſich überzeugt hielt, daß der Samen geiſt⸗ licher Wiedergeburt, wie wenig deſſen Daſeyn ſich auch äußerlich bekunden moͤchte, in die Bruſt eines jeglichen Sterblichen, und mit⸗ hin auch in die des jungen Heiden gelegt ſey, ſo ward das 111 Verlangen, dieſen in dem Jüngling ruhenden Keim ins Leben zu rufen, gewiſſermaßen die herrſchende Leidenſchaft des Puritaners. Die Sitten⸗ und Geſinnungsweiſe der Zeit neigten ſich ſtark zum Aberglauben hin, und einem Manne von ſeinem ascetiſchen Leben und ſeinen überſpannten Lehrbegriffen mußte es nichts weniger als ſchwer werden, den Glauben zu nähren, daß eine beſondere Da⸗ zwiſchenkunft der Vorſehung den Knaben zu einem verborgenen, aber großen Zweck, der ſeiner Zeit gewiß an's Licht treten würde, ihm zugeführt habe. Aber ungeachtet des ſtarken Anfluges von Schwärmerei, wel⸗ cher den Charakter der Pietiſten jener Periode färbte, ſo ging ihnen doch dabei Weltklugheit nicht ab, und die Werkzeuge, welche ſte wählten, um die geheimeren Abſichten des Himmels zu fördern, waren in der Regel nützlich und vernunftgemäß. So zum Beiſpiel vergaß der Kapitän zwar nie, den Knaben herbeiholen zu laſſen, wenn die Betſtunde kam, oder wenn er ein außerordentliches Gebet für die Erleuchtung der Heiden, und namentlich dieſes auserwählten Knaben, darbringen wollte; allein deßhalb gab er doch der Erwartung, als werde ein offenbares Wunder zu deſſen Gunſten geſchehen, keinen Raum in ſeinem Gemüthe. Auf daß er ſich alſo keiner Vernach⸗ läſſigung in den ſeinen menſchlichen Bemühungen überlaſſenen Wir⸗ kungen ſchuldig machen möchte, verſuchte er alle Mittel, die gütiger Behandlung und unabläſſiger Sorgfalt zu Gebote ſtanden. Doch alle Verſuche, dem Knaben die Sitten eines civiliſirten Menſchen anzuſchmeicheln, blieben durchaus ohne Erfolg. Als die Strenge der Witterung zunahm, bemühte ſich die mitleidsvolle und ſinnige Ruth, ihn zur Annahme der Kleidung zu bewegen, welche ſelbſt Menſchen, ihm an Strapazen und Körperkraft ſo ſehr überlegen, nöthig fanden, um ſich behaglich zu fühlen. Mit gutem Vorbedacht ver⸗ gaß man an den ihm angebotenen Kleidern die dem Geſchmack eines Indianers zuſagenden Zierrathen nicht, und wendete vieles Bitten, ja manche Drohung an, um ihn zu bewegen, daß er ſie 112 trüge. Einmal ward er ſogar mit Gewalt von Eben Dudley an⸗ gekleidet und in dieſem ungewohnten Anzuge in die Gegenwart des alten Marcus gebracht; dieſem entſtrömte ſogleich ein beſon⸗ deres Gebet, daß der Jüngling gehörig fühlen lerne, wie viel er durch dieſes Sichfügen in die Gebräuche des gebildeten und unter⸗ richteten Menſchen gewonnen habe. Es dauerte indeß keine Stunde, ſo berichtete der kräftige Forſtmann, der bei dieſer Gelegenheit ein ſo thätiges Werkzeug der Bildung abgegeben hatte, der er⸗ ſtaunten Jungfer Glaube Ring, daß der Verſuch mißlungen ſey, oder, wie Eben die außerordentliche Anſtrengung des Puritaners etwas leichtſinnig beſchrieb:„Der Heide hat ſchon wieder ſeine eigene Haut als Strümpfe und ſeine tätowirte Bruſt als Jacke angelegt, obgleich der Kapitän darum gerungen hat, ihm beſſere Kleidung umzuhängen, und zwar in einem Gebet, das der Blöße eines ganzen Stammes geſteuert haben würde.“ Kurz, der Erfolg be⸗ wies bei dieſem Knaben, wie ähnliche, ſeitdem angeſtellte Verſuche ſo oft bewieſen haben, daß es äußerſt ſchwer iſt, den in der Frei⸗ heit und Ungebundenheit eines Wilden erzogenen Menſchen dahin zu bringen, ſich die Bande einer Lebensweiſe anlegen zu laſſen, die man für ſo weit vorzüglicher zu halten pflegt. Ueberall, wo dem jugendlichen Gefangenen die freie Wahl gelaſſen war, verwarf er die Gebräuche der Weißen mit Verachtung, und hielt ſich mit aus⸗ gezeichneter, faſt heldenmüthiger Ausdauer an denen ſeines Volkes und ſeines wilden Zuſtandes feſt. Der Bewachung des gefangenen Knaben ward übrigens kein geringer Grad von Aufmerkſamkeit gewidmet. Einſt, als man es wagte, ihn in's Freie zu laſſen, machte er einen unverhohlenen Verſuch zu entfliehen, und um ſich ſeiner Perſon wieder zu be⸗ mächtigen, mußte man die flinken Füße Eben Dudley's und Ru⸗ ben Ring's auf eine Probe ſtellen, welche, wie die jungen athle⸗ tiſchen Grenzler ſelbſt zugaben, ſchwieriger ausſiel, als irgend eine, die ſie noch beſtanden. Von dem Augenblicke an durfte er nicht N G u— AN N — 113 mehr zu den Palliſaden hinaus. Rief die Arbeit die Leute in's Feld, ſo ward der Indianer regelmäßig in ſein Gefängniß einge⸗ ſchloſſen, und man troͤſtete ſich bei dieſer Nothwendigkeit mit der Vorausſetzung, daß, da der Alte viele Stunden jedes Tages, ja auch der Nacht, in dem einſamen Blockhauſe zuzubringen pflegte, er dort aus deſſen langem und vertrautem Umgange ganz beſon⸗ dern Nutzen ziehen würde. Nur zur Zeit, wo die Thore verſchloſ⸗ ſen waren, oder irgend Jemand von hinreichender Stärke und Ge⸗ wandtheit, um ſeine Bewegungen zu beherrſchen, bei der Hand war, erlaubte man dem Knaben, nach Gefallen zwiſchen den Ge⸗ bäuden der Grenzfeſtung herumzuwandeln; eine Erlaubniß, von der er nie verfehlte, Gebrauch zu machen, und oft auf eine Weiſe, welche die Gefühle der menſchenfreundlichen Ruth auf's ſchmerz⸗ lichſte berührte. Statt an den Spielen der anderen Kinder Theil zu nehmen, ſtand der junge Gefangene in der Ferne und ſchaute ſtieren Blickes hin; weit häufiger aber näherte er ſich den Palliſaden, und ließ den ſehnſuchtsvollen Blick auf jenen endloſen Waͤldern ruhen, wo er zuerſt Athem geholt, und die wahrſcheinlich Alles enthielten, was ſein einfältig Urtheil als das Theuerſte ſchätzte. Bis in's Innerſte durch dieſe ſtumme aber ausdrucksvolle Darlegung ſeines Leidens gerührt, bemühte ſich Ruth vergebens, ſein Vertrauen zu gewinnen, in der Abſicht, ihm Beſchäftigungen lieb zu machen, die zur Linderung ſeines Schmerzens beitragen könnten. Der ent⸗ ſchloſſene, aber dennoch ruhige Knabe wollte ſich nicht in ein Ver⸗ geſſen ſeiner Abſtammung verlocken laſſen. Er verſtand offenbar die gütigen Abſichten ſeiner ſanftmüthigen Gebieterin, und nicht ſelten ließ er ſich von der Mutter in den Kreis ihrer froh umher⸗ jauchzenden Kleinen führen, allein nur, um ihre Erholungen mit ſeinem frühern, theilnahmloſen Blick anzuſtarren, und, ſobald ſich Gelegenheit dazu darbot, ſich wieder an ſeinen Lieblingsort, die Palliſaden, hinzubegeben. Bei dem Allem aber fehlte es nicht an Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 8 ſeltſamen, ja ſogar geheimnißvollen Beweiſen, daß er ein immer ſtärker werdendes Bewußtſeyn von dem Gehalt des Geſprächs be⸗ kam, dem er dann und wann beiwohnte; was zu der Voraus⸗ ſetzung führen konnte, daß er doch vertrauter mit der Sprache und den Anſichten der Bewohner des Thales ſeyn müſſe, als ſeine bekannte Abſtammung und ſeine gänzliche Enthaltung von aller Mittheilung zu erwarten berechtigten. Dieſe eben ſo wichtige als unbegreifliche Thatſache offenbarte ſich durch die häufigen, vielſa⸗ genden Blicke ſeines dunkeln Auges, wenn er irgend etwas, ſeinen Zuſtand auch auf noch ſo entfernte Weiſe Berührendes, ſprechen hörte, und ein ⸗paar Male dadurch, daß ſeinem Blicke ein ſtolzer, wilder Blitz entfuhr, als er Eben Dudley die Tapferkeit der Weißen in ihren Kämpfen gegen die urſprünglichen Beſitzer des Landes herausſtreichen hörte. Dem Puritaner entgingen dieſe Symptome eines wachſenden Verſtandes nicht, und ſie waren ihm willkommen als Unterpfand einer Frucht, die ſeine frommen Mühen mehr als belohnen würde. In der That diente ſie auch als Mil⸗ derung eines gewiſſen Widerſtrebens, das ſich ihm, trotz alles Religionseifers, den er anwandte es niederzukämpfen, von Zeit zu Zeit aufdrang, daß er einem Weſen, welches, bei'm Lichte beſehen, ihm kein wirkliches Uebel zugefügt hatte, ſo viele Lei⸗ den verurſache. Zu der Zeit, von der wir jetzt ſchreiben, war das Klima dieſer Staaten weſentlich von dem verſchieden, welches den gegen⸗ wärtigen Bewohnern derſelben bekannt iſt. Ein Winter in der Provinz Connectieut war von vielen ſchnell aufeinanderfolgenden Schneefällen begleitet, ſo daß der Boden endlich mit feſtgedrückten Maſſen des gefrornen Elements bedeckt wurde. Gelegentliches Thauwetter und Regenſtürme, die nicht lange anhielten, da die klare und ſchneidende Kälte der Nordweſtwinde ſie bald wieder ver⸗ trieben, überzog oft die Erde mit einer dichten Cisdecke, ſo daß Menſchen, und nicht ſelten Thiere, bisweilen aber auch Schlilten —— 8 2— 115 ſich, wie über dem zugefrornen Bette eines Sees, auf ihrer Ober⸗ fläche bewegten. So lange dieſe ſtrenge Jahreszeit anhielt, pfleg⸗ ten die abgehärteten Bewohner an der Länderſcheide, in ihren gewöhnlichen Beſchäftigungen unterbrochen, die Wälder zu durch⸗ irren, um Wild aufzuſuchen, das, gezwungen ſeine Nahrung an bekannten Stellen im Gehölze aufzuſuchen, ſo erfahrenen und ge⸗ wandten Kerlen, wie Eben Dudley und Ruben Ring waren, eine leichte Beute wurde. Dieſe junge Männer nun zogen nie von der Wohnung auf die Jagd, ohne daß ihre Bewegungen in dem indianiſchen Knaben die lebhafteſte Theilnghme erregten. Er pflegte dann unfehlbar den ganzen Tag hindurch an den Luglöchern ſeines Kerkers ſtehen zu bleiben, und auf den fernen Knall der Gewehre, wiedergegeben von dem vieltönigen Echo des Waldes, zu lauſchen. Während einer Gefangenſchaft von ſo vielen Monaten ſah man ihn nie lächeln, außer einem einzigen Male, und das war, als er den grimmen Blick und die muskelreichen Tatzen eines Pantherthiers unterſuchte, das bei einem jener Ausflüge in die Berge der ſcharfzielende Dudley erlegt hatte. Mächtig war das Mitgefühl aller Hausgenoſſen rege für den geduldigen Jüngling, der ſeine Leiden mit ſo vieler Würde trug, und freudig hätte man ihm das Vergnügen, an der Jagd Antheil zu nehmen, gegönnt, wenn dies nicht ein Unternehmen geweſen wäre, deſſen Ausfüͤhrung nichts weniger war als leicht. Der ebengenannte Eben Dudley hatte ſich ſogar aus eigen em Antriebe dazu angeboten, ihn gleich einem Windſpiele an einem Riemen zu führen; allein gegen dieſe Art von Entwürdigung würde der junge Indianer, ehrgeizig auf den Charakter eines Kriegers, und ängſtlich die Würde eines ſolchen behauptend, ſicherlich in offene Empörung ausgebrochen ſeyn. Die ſtillbeobachtende Ruth, die ſich ſo ſehr um den Knaben bekümmerte, hatte, wie unſre Leſer bereits geſehen, früh einen wachſenden Verſtand in demſelben entdeckt. Die Mittel, wodurch 116 an den Beſchäftigungen der Familie nahm Jemand, der nie Theil und ſelten den Geſprächen derſelben ſein Ohr zu leihen ſchien, es ſo weit bringen konnte, eine Sprache zu verſtehen, die ſelbſt Un⸗ terrichtete ziemlich ſchwierig finden, blieben freilich ihr nicht weniger ein Geheimniß als ihrer Umgebung, obgleich jener inſtinktmäßige Takt, der ſo oft bei Frauen mehr thut, als die Philoſophie bei Männern, ihr die feſte Ueberzeugung gegeben hatte, daß ſie ſich über die Thatſache ſelbſt nicht irre. Dieſer Ueberzeugung nun vertrauend, übernahm ſie die Aufgabe, ſich von ihrem Schützling eine Art von Ehrenwort zu verſchaffen, daß, wenn man ihm ge⸗ ſtatte, mit den Jägern in's Freie zu ziehen, er am Abend wieder in's Thal zurückkehren wolle. Sanft wie ihr wohlwollendes Ge⸗ müth, waren ihre Worte, angelegentlich und wiederholt ihr Bitten, daß er doch irgend ein Zeichen von ſich geben wolle, ihren Sinn begriffen zu haben: allein es gelang ihr diesmal nicht, ihrem Zögling auch nur das leiſeſte Symptom des Verſtehens abzuge⸗ winnen. Schmerzlich getäuſcht, hatte Ruth ſchon ihre menſchen⸗ freundliche Abſicht in Verzweiflung aufgegeben, als der alte Pu⸗ ritaner, bis jetzt ein ſtummer Zuſchauer ihre fruchtloſen Bemühun⸗ gen, plöͤtzlich erklärte, daß er der Redlichkeit des Knaben vollkom⸗ men vertraue, und daß er beabſichtige, ihn ſchon an der nächſt⸗ vorzunehmenden Waldparthie Theil nehmen zu laſſen. Die Urſache des unerwarteten Wechſels in dem bis jetzt un⸗ nachläßlichen Aufpaſſen des alten Kapitäns war, gleich ſo vielen anderen ſeiner inneren Bewegungen, das Geheimniß ſeiner eigenen Bruſt. Wir haben eben bemerkt, daß er bei dem wohlgemeinten⸗ vergeblichen Verſuch der Ruth, dem Knaben ein Zeichen des Ver⸗ ſtehens abzugewinnen, einen ſtummen, aber um ſo ſchärfer beobach⸗ tenden Zuſchauer abgegeben habe. Ihm ging offenbar ihre ge⸗ täuſchte Hoffnung nahe; doch das Heil jener unbekehrten Horden, die vermittelſt dieſes Jünglings aus der Finſterniß ihrer Wege herausgeleitet werden ſollten, war ein viel zu wichtiger Gegenſtand, 117 als daß er dem raſchen Gedanken hätte Raum geben können, den durch die allmählig wachſenden Verſtandeskräfte gewonnenen Vor⸗ theil dadurch auf's Spiel zu ſetzen, daß er es auf das Gerathewohl ankommen ließe, ob der Knabe entfliehen werde oder nicht. Allem äußern Anſcheine nach war daher an eine Erlaubniß, die Ver⸗ theidigungslinie zu verlaſſen, gar nicht mehr zu denken, als der alte Marcus die plötzliche Aenderung ſeines Beſchluſſes ankündigte. Auch waren die Vermuthungen, welche über dieſen unbegreiflichen Wechſel angeſtellt wurden, ſehr von einander verſchieden. Einige glaubten, der Puritaner habe geheimnißvoll von dem, was die Vorſehung in der Sache beſchloſſen habe, Kunde erhalten; Andere waren der Meinung, daß er an dem Erfolg ſeines Unternehmens zu zweifeln beginne, und den Knaben nur deßwegen den Eingebungen ſeines eigenen Willens überlaſſe, um dadurch eine deutlichere Offenba⸗ rung deſſen herbeizuführen, was die Vorſehung eigentlich mit ihm vor⸗ habe. Darin aber ſtimmten Alle überein, daß wenn der Knabe wirklich zurückkehre, dieſer Umſtand nur der Dazwiſchenkunft eines Wun⸗ ders zuzuſchreiben ſey. Der einmal gefaßte Entſchluß des Kapitäns blieb inzwiſchen unerſchütterlich feſt, was er der Familie eines Tages, nachdem er ſich, wie das oft zu geſchehen pflegte, lange allein im Blockhauſe aufgehalten, und daſelbſt wahrſcheinlich ſtark im Gebet gerungen hatte, feierlich kund that; und da das Wetter zu einem neuen Ausfluge ungemein günſtig war, ſo befahl er den Leuten, ſich auf den nächſten Morgen zu einem ſolchen be⸗ reit zu halten. Ein plötzliches und unwiderſtehliches Aufblitzen der Wonne durchzuckte die dunkeln Züge des Gefangenen, als Ruth im Be⸗ griffe ſtand, ihm den Bogen ihres eigenen Sohnes zu reichen, und ihm durch Worte und Zeichen zu verſtehen gab, daß ihm die Erlaubniß ertheilt ſey, ſelbigen in der freien Luft der Wälder zu gebrauchen. Aber die Aeußerung von Freude verſchwand eben ſo ſchnell wieder, als ſie zum Vorſchein gekommen. Als der Knabe 118 die Waffen in Empfang nahm, that er es mehr in der Weiſe eines an ihren Gebrauch gewöhnten Jägers, als eines Menſchen, deſſen Händen ſie ſo lange fremd geblieben. Um die Stunde, wo er die Thore von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh verließ, drängten ſich die Dienſt⸗ mägde der Ruth verwundernd theilnehmend um ihn herum; denn es war allerdings anziehend, einen ſo lange ſtrengbewachten jungen Wilden einmal frei ſich ſelbſt überlaſſen zu ſehen. Ungeachtet ſie ſonſt ſich in Allem auf die geheime Erleuchtung und Weisheit des Puritaners unbedingt verließen, ſo glaubte doch diesmal ein jedes, daß der Knabe, deſſen Gegenwart mit ſo manchem zuſammenhing, was theils räthſelhaft erſchien, theils ihre Sicherheit ſo nahe anging, nun zum letzten Male zu⸗ ſehen wäre. Der Knabe ſelbſt blieb bis zu Ende ungerührt; und doch, ſchon mit dem einen Fuß die Schwelle des Thores betretend, hielt er inne, und ſchaute auf einen Augenblick Ruth und ihre Kleinen theilnehmend an; aber bald nahm er die ruhige Haltung eines indianiſchen Kriegers an, ſein Blick ward kalt und ſtier, und flüchtigen Fußes folgte er den ſchon draußen ſeiner harrenden Jägern. Achtes Kapitel. Wohlan, ich bin nun einmal Eure Zielſcheibe: Ihr habt mir den Vorſprung abgewonnen: ich bin niedergeſchlagen; ich bin es nicht im Stande, dem welſchen Schaf zu antworten; die Unwiſſenheit ſelbſt drückt mich wie ein Bleigewicht darnieder; macht was Ihr wollt mit mir. Die luſtigen Weiber von Windſor. Die Dichter, von der allgemeinen Sehnſucht der menſchlichen Natur unterſtützt, haben dem Frühling einen Ruf verſchafft, den er ſelten verdient. Trotz allem, was dieſe einbildungsreiche Klaſſe — 119 von Schriftſtellern über ſeine balſamiſchen Lüfte, ſeine Wohlgeruch verbreitenden Düfte geſagt hat, zeigt er ſich überall als die zu⸗ rückbleibendſte, verdrießlichſte und unbeſtändigſte der vier Jahres⸗ zeiten. Er iſt des Jahres Jugendzeit, und gleich jenem Prüfungs⸗ alter des Lebens, nur dazu dienlich, Verſprechungen einer beſſern Zukunft zu liefern. Dieſe ganze, langſam vorwärtsſchreitende und verrätheriſche Periode hindurch dauert der unausgeſetzte Kampf zwiſchen Hoffnung und Wirklichkeit, dem die Tendenz zu täuſchen nothwendig inwohnt. Alles, was man von des Frühlings ange⸗ nehmen Erzeugniſſen ſchwatzt, iſt trügeriſch; denn die Erde vermag eben ſo wenig ein edles Gewächs herzugeben, ohne den belebenden Einfluß der Sommerhitze, als der Menſch lobenswerthe Früchte hervorzubringen pflegt, ohne die Einwirkung einer moraliſchen Kraft, die höher iſt als jede, welche ihm vermöge ſeiner angebo⸗ renen Neigungen eigen iſt. Auf der andern Seite beſitzt der Jah⸗ resausgang eine Süßigkeit, eine Ruhe, eine Beſtändigkeit, die mit Recht dem ſpäten Alter eines wohlzugebrachten Lebens verglichen werden mag. In allen Ländern, in jeglichem Klima iſt er die Periode, wo natürliche und geiſtige Urſachen ſich zur Erzeugung der reichſten Quellen der Freude vereinigen. Wenn der Frühling die Zeit der Hoffnung iſt, ſo iſt der Herbſt die des Genuſſes. Er hat gerade ſo viel Abwechſelung, als hinreicht, dem wechſelnden Daſeyn Würze zu verleihen, und nicht genug Veränderlichkeit, um die Hoffnung ſtets zu täuſchen. Auf den kahlen Winter folgend, erhält der Frühling ſeine Annehmlichkeit durch den Gegenſatz; während die herrlichen Genüſſe des Herbſtes dadurch nichts ver⸗ lieren, daß ihnen der an verſchwenderiſchen Gaben ſo mächtige Sommer vorangegangen iſt. Mögen alſo die Poeten ſingen und erfinden, was ſie wollen, der Frühling und der Herbſt in Amerika, jenem großen Geſetze unſter Erde gehorſam, tragen ſcharf gezeichnet die allgemein unter⸗ ſcheidenden Kennzeichen der nebenbuhleriſchen Jahreszeiten an ſich. 120 Was die Natur auf dieſem Continent gethan hat, hat ſie nicht kärglich gethan; wir dürfen uns eines Herbſtes rühmen, der den Schönheiten der meiſten Klimate der alten Welt ſicherlich gleich⸗ kommt, ja mit wenigen Ausnahmen ſie übertrifft; dagegen aber verfehlen auch die das Jahr eröffnenden Monate ſelten, durch die Entwickelung aller ihnen eigenthümlichen Unannehmlichkeiten jenen Gaben der Vorſehung das Gleichgewicht zu halten. Mehr als ein halbes Jahr war verſtrichen von der Zeit an, wo man den indianiſchen Knaben in dem Thale Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. auflauernd gefunden hatte, bis auf den Tag, an welchem er zuerſt die Erlaubniß erhielt, in den Wald zu gehen, frei von jeder andern Feſſel als der moraliſchen⸗ welche, wie der Herr des Thales ent⸗ weder wußte oder ſich einbildete, ihn nothwendig veranlaſſen mußte, zu einer Sklaverei zurückzukehren, die er ſo läſtig geſunden hatte. Es war der April; aber ein April, wie man ihn vor einem Jahr⸗ hundert in Connecticut kannte, und wie er auch noch heutiges Tages ſich zuweilen bewährt, nämlich ein Monat, der alle Forde⸗ rungen, die man an die launenhafte Jahreszeit etwa gethan hat, zu Schanden macht. Plötzlich und heftig hatten die Tage die ganze Strenge des Winters wieder angenommen. Einem Thau⸗ wetter war ein Schnee⸗ und Hagelſturm gefolgt, und das Zwiſchen⸗ ſpiel des Blüthenfrühlings endigte ſich mit einem bitterkalten Nord⸗ weſt, der der zaudernden Dauer eines zweiten Februars ein ewiges Siegel aufdrücken zu wollen ſchien. An dem Morgen, wo Content ſeine Leute in den Wald führte, ſah man ſie alle in Pelzröcken die Pforte verlaſſen. Sie trugen an den Beinen dieſelbe rauhe Bekleidung, welche ſie bei ſo vielen früheren Jagden während des vergangenen Winters angehabt, wenn ein Winter vergangen genannt werden kann, der mit wenig gemilderter Strenge und mit allen äußeren Zeichen des Januars wieder zurückgekehrt war. Der Letzte im Zuge und der Schwerſte von allen, Eben Dudley, — 8dA 2* ——— ·———— ₰ 121 trat auf die Schneekruſte, ſo feſten, ſo ſichern Schrittes, als wenn es der gefrorne Boden ſelbſt geweſen wäre. Mehr als eine der Maͤgde verſicherte, daß, ob ſie gleich verſucht hätten, die Fußtritte der Jäger von den Palliſaden an auszuſpüren, es doch ſelbſt der Klugheit eines indianiſchen Auges unmöglich geweſen wäre, die Stuur längs dem eiſigen Pfad, den ſie genommen, aufzufinden. Stunde folgte auf Stunde, ohne Nachricht von der Jagd mitzubringen. Der Knall der Feuergewehre ward zwar hin und wieder vernommen, wie er in des Waldes Wölbungen erſcholl, und einige Stunden lang hörte man das gebrochene Echo von keinem Hügelbug in den andern zurückprallen. Aber auch dieſe Zeichen von dem Daſeyn der Jäger zogen ſich mit dem Vorrücken des Tages mehr und mehr in die Ferne, und lange ehe die Sonne den Meridian gewonnen, und ihre, um jene Zeit ſchon nicht mehr kraftlofen Strahlen in das Thal geſenkt hatte, lag die ganze Reihe des nahen Waldes in ihrer gewöhnlichen, dumpfen und feierlichen Stille da. Das Ereigniß einer Jagd, abgeſehen davon, daß der india⸗ niſche Knabe daran Theil nahm, war ein zu häufig wiederkehrendes, als daß es beſondere Erregung hätte veranlaſſen ſollen. Ruth wandelte ruhig unter den Mägden herum, häusliche Geſchäfte beſorgend, und wenn ſie an die den nahen Wald Durchſtreifenden dachte, ſo reihte ſich der Gedanke nur an die Sorgfalt, welche ſie trug, daß Alle, nach den mehr als gewöhnlichen Anſtrengungen während des Tages, ſich zu Hauſe möchten recht gütlich thun können. Dieſe Pflicht wurde nie mit Nachläſſigkeit ausgeführt. Ihre Lage war auf eine ausgezeichnete Weiſe dazu geeignet, die beſten weiblichen Gefühle zu bethätigen und auszubilden, da die⸗ ſelbe ſelten Verſuchungen darbot, anderen als den natürlichſten Regungen Raum zu geben; daher übte ſie bei allen Gelegenheiten ihre Pflichten mit der ihrem Geſchlechte eigenthümlichen Hingebung. „Dein Vater und ſeine Gefährten werden Vergnügen an unſrer 122 Vorſorge haben,“ ſagte die beſonnene Matrone zu ihrem jugendli⸗ lichen Ebenbilde, als ſie anordnete, daß eine mehr als gewöhnliche Portion aus ihrer Speiſekammer für die Jäger in Bereitſchaft gehalten werden möchte;„man fühlt ſich nie glücklicher in ſeinen vier Wänden, als nachdem man entfernt vom Hauſe ſchwer gearbeitet hat.“ „Bruder Marcus wird faſt ohnmächtig werden bei ſo einem ermüdenden Gang,“ ſagte die Kleine, welche bei unſern Leſern ſchon unter dem Namen Martha eingeführt iſt;„er iſt zu jung, um in den Wald zu gehen mit ſo großen Männern, wie der große Dudley.“ „Und der Heide,“ ſetzte die etwas aͤltere Ruth hinzu,„er iſt auch jung, ſo gut wie Marcus, nur mehr an die Strapazen gewöhnt. Vielleicht kömmt er nie wieder zu uns zurück, Mutter.“ „Das würde unſerm ehrwürdigen Papa wehe thun; denn Du weißt, Ruth, er hofft, auf den Geiſt des Knaben einzuwirken, bis ſeine wilde Natur der geheimen Macht nicht mehr widerſtrebe. Doch die Sonne ſenkt ſich ſchon hinter den Hügel und der Abend ſtellt ſich ein, kalt wie im Winter; geh' an die Pforte, und ſchaut in die Felder hinaus. Ich möchte gern wiſſen, ob ſich ſchon eine Spur von Deinem Vater und ſeiner Geſellſchaft zeige.“ Obgleich Ruth ihrer Tochter dieſen Auftrag gab, ſo unterließ ſie darum doch nicht, ihre eigenen Sinneswerkzeuge zu dem nämli⸗ chen ſüßen Geſchäft zu gebrauchen. Während die Kinder, dem Befehle gemäß, nach dem äußern Thore gingen, ſtieg die Matrone ſelbſt in das untere Gemach des Blockhauſes, und ſchaute in die begrenzte Ausſicht durch die verſchiedenen Luglöcher nach allen Richtungen hin. Die Schatten der Bäume, welche nach Weſten hin die Grenzlinie des Geſichtskreiſes bildeten, lagen ſchon verfinſternd auf der breiten, gefrornen Schneefläche, und der plötzliche Froſt, der nach dem Verſchwinden der Sonne eintrat, kündigte das ſchnelle Heranrücken einer Nacht an, welche dem herben Tage in nichts nachgeben zu wollen ſchien. Der gefrierende Wind jedoch, welcher .„———S 0—,—— U— 123 die kalten Lüfte der großen Seen mit ſich geführt und über die natürlichen Einwirkungen einer Aprilſonne geſiegt hatte, war ge⸗ wichen, ſo daß die Temperatur der nicht unähnlich war, welche man in den milderen Jahreszeiten auf den Gletſchern der höheren Alpen antrifft. Ruth war zu lange an ſolche Waldſcenen, an ſolches ‚Aus⸗ ruhen des Winters in dem Schooße des Mai'se gewöhnt, um da⸗ durch geſteigerte Unruhe zu fühlen. Allein die Stunde war nun da, wo ſie die Rückkunft der Jäger mit Grund erwarten konnte; und mit dieſer Erwartung, ihre Geſtalten aus dem Walde heraus⸗ kommen zu ſehen, ſtellte ſich auch die Angſt, dieſe ſtete Begleiterin getäuſchter Hoffnung, bei ihr ein. Schwärzer und ſchwärzer färbten ſich die Schatten im Thale, bis endlich das Düſtre in die Fin⸗ ſterniß der Nacht übergegangen war, ohne daß Nachricht von den Außenbleibenden gekommen wäre. Ein Zögern, nicht gewöhnlich bei den Mitgliedern einer Fa⸗ milie in ſolcher Lage wie die der unſrigen, verbunden mit verſchie⸗ denen, kleinen Umſtänden, die man im Laufe des Tages bemerkt hatte, ließ die mit jedem Augenblick ſich ſteigernde Beſorgniß nur immer gegründeter erſcheinen. Schon in einer frühen Stunde hatte man von entgegengeſetzten Punkten in den Anhöhen Schüſſe fallen hören, und zwar zu deutlich, als daß man glauben konnte, es ſey vielleicht das Echo geweſen; alſo ein zuverläſſiger Beweis, daß die Jägergeſellſchaft ſich im Walde getrennt hatte. Bei ſolchen Umſtänden fiel es der Einbildungskraft einer Gattin und Mutter, einer Schweſter oder eines Mädchens, das ſich vielleicht eine noch zärtlichere Theilnahme an einem der Jäger geſtand, nicht ſchwer, die zahlloſen Gefahren heraufzubeſchwören, denen die in ſolchen Ausflügen Begriffenen ausgeſetzt waren. „Ich fürchte, die Jagd hat ſie weiter weg vom Thale gezogen, als ſich mit der ſpäten Stunde und der Jahreszeit verträgt,“ bemerkte Ruth gegen ihre Mägde, die ſich an einer Stelle, wo 124 man von dem gelichteten Lande an den Gebäuden ſo viel, als nur immer die Dunkelheit erlauben wollte, ſehen konnte, in eine Gruppe um ſie her verſammelt hatten;„der geſetzteſte Mann wird gedan⸗ kenlos wie das unbeſonnene Kind, iſt er einmal in der Hitze des Verfolgens. Es iſt die Pflicht älterer Köpfe, für die zu denken, denen es an Erfahrung gebricht— doch zu welchen unbeſcheidenen Klagen führt mich die Furcht! Mein Mann bemüht ſich vielleicht in dieſem Augenblick, die Leute zum Rückzug zuſammenzubringen. Hat nicht zufällig eine unter Euch ſeine Muſchel das Zeichen geben hören?“ „Der Wald iſt ſo ſtill, wie an dem Tage, wo der Wiederhall der Axt zum erſtenmal unter den Bäumen erſchallte,“ erwiederte Glaube Ring.„Ich habe etwas gehört, das klang wie eine Me⸗ lodie von den Liedern des Schreihalſes Dudley, aber am Ende war's nichts als das Brüllen eines ſeiner Ochſen. Kann leicht ſeyn, daß das Thier nach der Pflege ſeines Wärters verlangt.“ „Whittal Ning hat das Vieh ja verſorgt, und wird gewiß unter den übrigen nicht vergeſſen haben, Dudley's Thiere zu füttern. Du biſt in Betreff dieſes jungen Mannes zum Leichtſinn geneigt, Glaube. Es ſchickt ſich nicht, daß ein Mädchen von Deinen Jahren ſo viel Unwillen äußere, wenn man einen Jüngling nennt, der, hat er auch nichts Gefälliges für das Auge, noch was ihn bei einem Mädchen von Deiner Geſinnung in Gunſt ſetzen kann, doch in ſeinem Gemüth rechtſchaffen, in ſeinen Sitten ordentlich iſt.“ „Ich habe den Menſchen nicht gemodelt,“ ſagte Glaube, ſich in die Lippe beißend und den Kopf in die Höhe werfend,„mich geht es auch nichts an, ob er dem Auge gefällig iſt oder nicht. Was meine Gunſt betrifft, ſo ſoll er, falls er ſie verlangt, nicht lange auf eine Antwort warten. Aber iſt nicht die Geſtalt dort gerade der Burſche, Madame Heatheote? Hier vom öſtlichen Hügel herab, längs dem Pfad des Obſtgartens einherkommend. Sehen Sie denn nicht, gerade hier iſt ja die Geſtalt, die ich meine; jetzt lenkt ſie am Buge, den der Bach macht, ein: ſehen Sie ſie?“ —— ———, -—— — GC N= 125 „Es iſt allerdings Jemand und muß wohl einer von unſern Jägern ſeyn; und doch ſcheint er nicht die Größe oder die Haltung von Eben Dudley zu haben. Du ſollteſt Deine Verwandten beſſer kennen, Mädchen; mir ſcheint es Dein Bruder zu ſeyn.“ „In der That, es kann Ruben Ring ſeyn; und doch hat die Geſtalt ſo viel von dem Geſchlender des Andern; ihre Statur freilich iſt faſt gleich... die Manier ihre Gewehre zu tragen, iſt ohnedies bei allen Grenzlern faſt dieſelbe... auch läßt ſich bei dieſer Beleuchtung kaum ein Baumſtumpf von einem Menſchen un⸗ terſcheiden und... doch glaube ich noch immer, es wird kein anderer ſeyn als der zaudernde Dudley.“ „Zauderer oder nicht, er iſt der Erſte, der von dieſer langen, beunruhigenden Jagd zurückkehrt,“ ſagte Ruth, ſchwer aufathmend, wie aus Kummer, daß es ſich nicht anders verhalte.„Geh' nach der Pforte und laſſ' ihn ein, Mädchen. Ich habe die Riegel vor⸗ ſchieben laſſen, denn ich mag nicht zu dieſer Stunde eine Feſtung bei offenen Thoren der Vertheidigung einer weiblichen Beſatzung überlaſſen. Ich eile in die Wohnung, um zu ſehen, daß zur Be⸗ friedigung der Hungrigen alles in Bereitſchaft ſey, da es nicht lange dauern wird, ehe wir mehrere von ihnen ankommen ſehen werden.“ 5 Glaube Ring gehorchte mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit, und nicht eher, als bis ſie glaubte, lange genug gezögert zu haben. Wie ſie den Eingangspunkt erreichte, ſah man eine Geſtalt die Anhöhe heranſteigen und nach demſelben Punkt ihre Richtung nehmen. Eine Minute darauf kündigte ein hartes Anklopfen an, daß Jemand draußen ſtehe. „Sachtchen, Meiſter Dudley,“ ſagte das ſtrudelköpfige Mäd⸗ chen, die Hand am Riegel, obgleich boshaft zaudernd, denſelben zurückzuſchieben. Wir wiſſen, daß Du einen ſtarken Arm haſt, und doch fallen wohl die Palliſaden ſchwerlich ein durch Dein Klopfen. Hier giebt's keine Simſons, die die Säulen herunterreißen, daß uns das Gebäude auf die Kopfe zuſammenſtürzt. Wer weiß, ob wir gewillt ſind, denen, die ſo unvernünftig lange wegbleiben, Eingang zu geſtatten?“ „Oeffne die Pforte, Dirne,“ ſagte Eben Dudley;„dann wer⸗ den wir aufgelegter ſeyn, Dir Rede zu ſtehen, wenn Du etwas vorzubringen haſt.“ „Kann ſeyn, Deine Unterhaltung iſt am angenehmſten, wenn eine Thür zwiſchen uns iſt. Gib Rechenſchaft von Deinen heim⸗ lichen Schlichen während dieſes Tages, reuiger Dudley, damit ich Deine Müdigkeit bemitleiden möge. Da aber der Hunger vielleicht Dein Gedächtniß übertäubt, ſo will ich Dir helfen, Dich an die Einzelheiten zu erinnern. Erſtlich haſt Du daran geſündigt, daß Du von den kalten Speiſen mehr verzehrteſt, als auf Deine Portion kam; zweitens, ließeſt Du Ruben Ring das Reh ſchießen, und haſt Dich nachher mit fremden Federn herausgeputzt; drittens endlich haſt Du die Gewohnheit, Deiner eigenen Stimme ſo oft zuzuhören, daß ſelbſt das Wild aus Mißfallen über das Gebrüll Dich floh.“ „Du ſcherzeſt zur Unzeit, Glaube, ich muß mit dem Kapitän ſprechen, unverzüglich.“ „Möglich, daß er zu gut beſchäftigt iſt, um nach ſolcher Ge⸗ ſellſchaft ein Verlangen zu tragen. Biſt Du doch bei weitem nicht das einzige kurioſe Thier, das an dem Thore von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh ein Gebrüll erhoben.“ „Iſt vielleicht Jemand im Laufe des Tages angekommen?“ fragte der Grenzler abſichtlich, weil ein ſolches Ereigniß bei Men⸗ ſchen, die in ſo großer Zurückgezogenheit zu leben gewohnt ſind, nothwendig die Aufmerkſamkeit ſpannen muß. „Was meinſt Du von einem zweiten Beſuch des galanten Fremden; von dem, der uns im verfloſſenen Herbſt mit ſo vielen luſtigen Geſprächen unterhalten hat. So einen Gaſt zu empfangen lohnt doch noch die Mühe! Traun, der ſollte mir nicht zweimal an⸗ zuklopfen nöthig haben.“ — ☛ S + —-———— 127 „Der Schwätzer thäte beſſer daran, ſich vor dem Mond in Acht zu nehmen!“ rief Dudley, und ſtampfte den Kolben ſeiner Muskete ſo gewaltig gegen das Eis, daß das ſchalkhafte Mädchen etwas zuſammenſchrack.„Welche Narrenbotſchaft hat ihn denn wieder ſeinen Klepper ſo tief in den Wald vorwärtsſtacheln laſſen?“ „Nun, nun, Dein Witz iſt immer, gleich dem unzugerittenen Füllen, ein halsſtarriger Ausreißer. Ich ſagte ja nicht im Ernſt, daß der Mann angekommen wäre; ich wollte bloß Deine Meinung wiſſen, im Falle, daß er unerwarteterweiſe einmal ankäme, wenn ich auch übrigens gar nicht ſicher bin, ob irgend Jemand hier ſein Geſicht je wieder zu ſehen erwartet.“ „Thörichtes Geſchwätz!“ erwiederte der junge Mann, über ſich ſelbſt aufgebracht, daß er unvorſichtigerweiſe Eiferſucht verrathen hatte.„Ich ſage Dir, ſchieb den Riegel weg, denn ich muß ganz nothwendig mit dem Kapitän ſprechen, oder mit ſeinem Sohn.“ „Dem Erſtern kannſt Du Dein Herz ausſchütten, wenn er dem, was Du zu ſagen haſt, zuhören will,“ erwiederte das Madchen, indem ſie das, was ſeinen Eintritt verhinderte, beſeitigte,„aber Gehör beim Andern erlangſt Du eher, wenn Du hier am Thore ſtehen bleibſt, da er noch nicht vom Walde zurückgekommen iſt.“ Dudley trat vor Schreck einen Tritt zurück, und wiederholte ihre Worte mit nicht weniger Befremden als Schrecken. „Noch nicht vom Walde zurück!— es befindet ſich doch ganz gewiß Niemand jetzt mehr draußen, nun ich zu Hauſe bin!“ „Was ſagſt Du da? Dudley, ich habe Dich mehr aus Wie⸗ dervergeltung für vergangene Miſſethaten, als wegen irgend eines gegenwärtigen Vergehens ein wenig geneckt. Aber weit entfernt, daß Du der Letzte wäreſt, ſo wiſſe, wir haben von den Jägern dieſen Abend, außer Dir, noch keinen einzigen geſehen. Geh' hinein zur Herrin, gleich, und berichte ihr die Gefahr, wenn eine ſolche wirklich vorhanden iſt, damit wir ſchleunig Maßregeln zu unſerer Sicherheit treffen.“ „Fürwahr, das würde wenig helfen,“ murmelte der Grenzler nachdenkend.„Bleib' Du hier und bewache die Pforte, Glaube; ich will zurück ins Gehölz; denn ein Wort zu rechter Zeit oder ein Signal aus meiner Muſchel dürfte ihre Schritte beflügeln.“ „Welcher Wahnſinn hat Dich befallen, Dudley! Du willſt doch nicht wirklich wieder in den Wald, zu dieſer Stunde, und ganz allein, wenn in der That Grund zur Furcht da iſt. Komm' mehr herein innerhalb des Thores, Menſch, daß ich den Riegel vor⸗ ſchiebe; die Herrin wird ſich ohnedies wundern, daß wir ſo lange hier verweilen.“ 4 „Ha! ich höre Füße ſich auf der Flur bewegen; ich merl's am Kniſtern des Schnees; ſie kommen ſchon.“ Statt nun aber ſeinen Freunden entgegen zu gehen, zog ſich der junge Mann ungeachtet ſeiner ſcheinbaren Gewißheit einen Schritt weiter zurück, und zog mit eigener Hand den Riegel vor, welchen das Mädchen vorher befeſtigen wollte, ja ließ zu gleicher Zeit den Schwungbalken fallen, um die Pforte noch ſicherer zu verſchließen. Seine Furcht jedoch, wenn wirklich Furcht ihn zu dieſer Vorſicht bewog, war überflüſſig, denn ehe er einen ferneren Schritt thun, oder darüber auch nur nachdenken konnte, ließ ſich die wohlbekannte Stimme vom Sohne des Gutsbeſitzers, Einlaß verlangend, hören. Der Lärm der Ankommenden— denn mit Con⸗ tent trat der ganze, mit Wildpret beladene Haufe der Jäger ein, machte dem Geſpräch ein Ende. Glaube ergriff die Gelegenheit, in der Dunkelheit wegzugleiten, um ihre Gebieterin die Rück⸗ kunft der Leute anzuzeigen, ein Geſchäft, das ſie ausführte, doch ohne ſich auf das Nähere ihres eigenen Geſprächs mit Eben Dudley einzulaſſen. Es iſt nicht nöthig zu beſchreiben, wie groß nach der ſo eben ausgeſtandenen Angſt die Freude war, mit welcher Ruth ihrem Gatten und Sohn entgegenging. Obgleich die ſtrengen Sitten der Provinz jeden heftigen Ausdruck vorübergehender Leidenſchaften 129 verboten, ſo las man doch in den milden Augen der herrlichen Frau, in der Glut ihrer Wangen, die geheime Freude ihres Innern, während ſie beim Abendbrod perſönlich die verſchiedenen Dienſte verrichtete. Die zurückgekehrte Geſellſchaft ſchien keineswegs von außer⸗ gewöhnlichen Vorfällen zu ſtrotzen, noch bewölkte irgend einen von ihnen jene ernſte Miene, womit das Betragen ihres Vorläufers ſo unverkennbar bezeichnet war. Im Gegentheil, jeder hatte ſeine eigene ruhige Geſchichte zu erzählen, bald auf Koſten eines minder glücklichen Gefährten, bald damit kein Theil ſeiner perſönlichen Jägerkunſt unbekannt bleiben möge. Die Entſchuldigungsgründe für das lange Ausbleiben waren die, welche bei ähnlichen Gele⸗ genheiten gewöhnlich zum Vorſchein kommen; theils trugen Ent⸗ fernung, theils die Verſuchungen einer ungemein ausbeutereichen Jagd die Schuld. Der Appetit der Leute, die den Tag in der aufregenden Arbeit zugebracht hatten, war nicht minder ſcharf, als die Speiſen lockend; daher verfloß die erſte halbe Stunde raſch, wie dergleichen halbe Stunden ſtets zu verfließen pflegen, nämlich mit der geſchwätzigen Herzählung von kühnen Heldenthaten, und wie nur eine Haarbreite daran fehlte, daß dies oder jenes Reh erlegt wurde, und wie dies oder jenes Wild, wäre das Glück nicht unbeſtändig geweſen, jetzt da wäre, als Triump hzeichen der Ge⸗ ſchicklichkeit desjenigen, der es erbeutete. Erſt nachdem perſönliche Eitelkeit hinlänglich befriedigt war, und ſelbſt der Hunger eines Grenzlers nichts mehr zu leiſten vermochte, fingen die Jäger an, mit etwas mehr Mäßigung um ſich zu ſchauen und die Ereigniſſe des Tages mit gehöriger Ruhe, und einer ihrer gewöhnlichen Selbſtbeherrſchung mehr entſprechenden Beſonnenheit durchzugehen. „Wir vermißten den Ton Deiner Muſchel, nachzügleriſcher Dudley, als wir in den Hohlweg des Gebirges kamen,“ ſagte Content, wie in dem Geſpräch eine Pauſe eintrat;„ſeitdem konnte keiner von uns weder mit Auge noch Ohr eine Spur von Deinen Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 9 bis wir Dich an der Pforte antrafen, Spion auf ſeinem Lauerplatz.“ Der Angeredete hatte überhaupt an dem aufgeräumten Ge⸗ ſpräch dieſes Abends keinen Theil genommen. Während die An⸗ deren reichlich ſpeiſten, oder ſich auf die harmloſen Scherze ein⸗ ließen, welche zu machen ſelbſt ſo geſetzte Menſchen, wie ſeine Ge⸗ fährten waren, nicht für unerlaubt hielten, rührte Dudley nur wenig von den Speiſen an, und nicht ein einziges Mal ſänftigte ein Lächeln die Muskeln ſeiner harten Geſichtszüge. Ein Ernſt und eine Schweigſamkeit, ſo ungewöhnlich bei Einem, der ſelten weder die eine noch die andere Eigenſchaft an den Tag legte, mußten nothwendig Aufmerkſamkeit erregen. Alle ſchrieben aber die Sache dem Umſtand zu, daß er mit leerer Hand von der Jagd zurückgekehrt war, und da nun einmal ein Vorgeſetzter nichts Arges darin gefunden hatte, dem Geſpräch dieſe Rich⸗ tung zu geben, ſo ließ man den vermeintlichen Strafbaren nicht ungeneckt davon. „Der Fleiſcher h ſchaffen,“ ſagte einer der jungen Abweſenheit bei'm Halali müßte er nach dem Berg geſchickt wer⸗ den, um die zwei Rehböcke zu holen, die er an einem jungen Ahornbaum, unweit vom Brunnenquell, wird hangen finden. Auf eine oder die andere Weiſe muß nun einmal unſer Fleiſch durch ſeine Hände gehen, wenn es ſchmecken ſoll.“ „Seitdem der verirrte Gradhorn todt iſt, will's mit Eben's Handwerk gar nicht mehr ſo recht fort,“ ſetzte ein zweiter hinzu; nder muthloſe junge Menſch iſt gerade wie einer, der bereit iſt, ſeinen Beruf an den erſten Beſten, der denſelben ver⸗ langt, abzugeben.“ „Der Fremde hat es gewiß auf die frei umherlaufenden Thiere abgeſehen, weil dieſe am Ende beſſeres Fleiſch haben, als ein gemäſteter Hammel;“ fuhr ein Dritter fort,„daher hat ſich auch Bewegungen ausfinden, poſtirt gleich einem atte wenig mit der heutigen Schlächterei zu Leute;„zur Strafe für ſeine 131 vor der heutigen Jagd gar nichts mehr finden wollen. Ohne Zweifel hat er einen reichen Vorrath für Alle, welche ſich in ſeinem Stalle etwa nach Wildpret umſehen.“ Ruth bemerkte, daß das Geſicht ihres Mannes ernſt wurde, da die letzteren Anſpielungen an ein Ereigniß erinnerten, das er lieber vergeſſen wiſſen wollte; um daher die Gedanken der Zuhörer auf einen paſſenderen Gegenſtand zurückzubringen, miſchte ſie ſich in das Geſpräch mit folgenden Worten ein: „Verſteh' ich recht!“ rief ſie haſtig;„nimmt der wackere Dudley ab in ſeiner Kunſt? Habe ich doch nie mit mehr Ge⸗ wißheit auf Vorrath für den Tiſch gezählt, als wenn er nach den Bergen geſchickt wurde, fette Rehe oder zartſchmeckende Puter⸗ hähne zu erlegen. Es ſollte mir doch leid thun, zu hören, daß er ſeine Jagdgeſchicklichkeit zu verlieren anfange.“ „Der Menſch wird ſchwermüthig vom vielen Eſſen,“ mur⸗ melte eine Muthwillige vor ſich hin, die in einem entfernten Theil des Gemachs mit dem Geſchirr beſchäftigt war.„Er macht ſeine Ausflüge gern allein, damit Niemand ſehe, wie er verloren hat; ich glaube, er hat große Luſt über's Meer zu gehen, um Soldat zu werden.“ Bis jetzt hatte der Gegenſtand dieſer ſcherzhaften Anariffe, zu ſehr von ſeinem feſten Rufe überzeugt, um ſich von denſelben getroffen zu fühlen, ſchweigend zugehört; doch beim Ton der Stimme der letzten Sprecherin faßte er einen ganzen buſchigen Backenbart mit der Hand und warf einen vorwurfsvollen und ge⸗ reizten Blick auf das ſchon halb reuige Auge der Jungfer Ring: ſeine ganze natürliche Lebendigkeit kehrte zurück. „Es mag immer ſeyn, daß meine Fertigkeit mich verlaſſen hat,“ ſagte er,„und daß ich lieber allein bin, als mich lang⸗ weilen laſſe in der Geſellſchaft gewiſſer Leute, die ich wohl nennen könnte,— von den Courmachern gar nicht zu ſprechen, die in der Kolonie umherreiten und den Töchtern ehrlicher Leute ſchlimme Gedanken in den Kopf ſetzen;— aber warum ſoll denn ich ganz allein das Kleingewehrfeuer Eurer Luſtigkeit aushalten, da es doch noch einen gibt, der ſich, wie es ſcheint, noch weiter aus Eurer Spur verlaufen hat, als Eben Dudley?“— Ein Auge ſuchte jetzt das andere, und jeder junge Mann durchlief mit flüchtigen Blicken die Geſichter aller Uebrigen, um zu erfahren, wer denn der Abweſende ſey. Die Grenzler ſchüttelten die Köpfe, als ſie die Züge jedes wohlbekannten Geſichtes wieder⸗ fanden, und eben wollten ſie faſt alle auf einmal laut bemerken, daß Niemand fehle, als Ruth ausrief: „In der That, der Indianer fehlt!“ So bleibend war die Furcht vor Gefahr durch die Wilden in der Bruſt Derjenigen, welche jene entblößte Grenze bewohnten, daß bei dieſen Worten Alle wie durch eine plötzliche und ge⸗ meinſchaftliche Einwirkung aufſprangen, und einander mit einem Befremden anſahen, das mit Schrecken nicht wenig Aehn⸗ lichkeit hatte. „Der Knabe war bei uns, als wir aus dem Wald kamen,“ ſagte Content nach einer todtenſtillen, minutenlangen Pauſe.„Ich lobte ihn wegen ſeiner Thätigkeit und der Kenntniß, welche er im Auswittern der Schlupfwinkel des Wildes entwickelte, obgleich er meine Worte höchſt wahrſcheinlich nicht verſtanden hat.“ „Und wenn es nicht ſündlich wäre, wegen ſo einer Kleinig keit eine feierliche Betheuerung zu machen, ſo wollte ich mich auf das Evangelium ſelbſt vereiden laſſen, daß er, als wir in den Obſt⸗ garten eintraten, mir noch dicht an der Seite war,“ fügte Ruben RNing hinzu, ein Mann, der in der kleinen Anſiedelung wegen der Genauigkeit ſeines Geſichtsorgans berühmt war. „Und ich will jede Art von geſetzmäßigem oder gewiſſenhaftem Schwur oder Erkläͤrung ablegen, daß er nicht zur Pforte herein⸗ gekommen iſt, als ich ſie mit eigener Hand öffnete,“ erwiederte Eben Dudley.—„Ich zählte die Anzahl der Eintretenden, als 4 133 Ihr bei mir vorüberginget und weiß ganz gewiß, daß keine Rothhaut ſich darunter befand.“ „Kannſt Du uns irgend eine Auskunft über den Knaben geben?“ fragte Ruth, deren Beſorgniſſe um ſo leichter erregt wurden, da der Gegenſtand ſchon ſo lange ihrem Gemüth Unruhe, ihrer Einbildungskraft Beſchäftigung gegeben hatte. „Keine. Mit mir iſt er ſeit Mittag nicht geweſen. Ich habe von jenem Augenblick an das Geſicht keines lebenden Menſchen geſehen, man müßte denn etwa ein gewiſſes und geheimnißvolles Weſen, das mir im Walde aufſtieß, ſo benennen dürfen.“ Die Art, wie der Forſtmann ſprach, war zu geſetzt und zu natürlich, um in ſeinen Zuhörern nicht etwas von ſeinem eignen Ernſt hervorzurufen. Vielleicht auch trug der Puritaner, der in dieſem Augenblick eintrat, einiges dazu bei, den Leichtſinn zu ver⸗ ſcheuchen, der bis jetzt in den Gemüthern der jungen Leute geherrſcht hatte; denn es leidet keinen Zweifel, daß mit ſeinem Erſcheinen ſich eine größere Spannung auf Aller Geſichter abmalte. Eine Minute wartete Content in ehrerbietiger Stille, bis ſein Vater, langſam durch den Kreis ſchreitend, ſeinen Sitz erreicht hatte; dann aber ſchritt er dazu, ſich über eine Sache genauer zu unterrichten, die nachgerade das Anſehen gewann, nähere Unterſuchung zu verdienen. Neuntes Kapitel. Die allerletzte Nacht, Als eben jener Stern, vom Pol gen Weſten, In ſeinem Lauf den Theil des Himmels hellte, Wo jetzt er glüht; da ſah'n Marcell und ich, Indem die Glocke eins ſchlug— O ſtill! halt ein! Sieh', wie's da wieder kommt: Hamlet. Als treue Berichterſtatter der in dieſer einfachen Sage vor⸗ kommenden Ereigniſſe, iſt es unſere Pflicht, keinen Umſtand zu verſchweigen, welcher den zum Verſtändniß derſelben nöthigen Grad von Licht über ſie verbreite, und keine Anſicht zu verbergen, welche den Leſer fähig mache, tiefer in die Charaktere der verſchiedenen, handelnden Perſonen einzudringen. Um aber unſer Amt mit hin⸗ 4 länglicher Klarheit und Genauigkeit zu verrichten, iſt es nunmehr nöthig, die Handlung der Geſchichte auf einige Augenblicke zu un⸗ terbrechen, und eine kleine Abſchweifung zu machen. Das bisher Geſagte beweiſet zur Genüge, daß die Heath⸗ cotes zu einer Zeit und in einem Lande lebten, wo ſeltſame und eigenthümliche religiöſe Dogmen an der Tagesordnung waren. In den Tagen, wo ſichtbare Offenbarungen von der Güte der Vor⸗ ſehung, nicht bloß in geiſtlichen, ſondern auch in zeitlichen Gaben, mit Zuverſicht erwartet und laut verkündigt wurden, iſt es kei⸗ neswegs befremdend, daß man viele Böſes wirkende Mächte ſich dachte, welche ihre Gewalt auf eine, der Erfahrung unſres eig⸗ nen Zeitalters etwas widerſprechende, Weiſe ausübten. Da wir indeſſen die Abſicht nicht haben, in dieſen Blättern einem theo⸗ logiſchen oder metaphyſiſchen Streite Raum zu geben, ſo werden wir mit gewiſſen, wichtigen Ereigniſſen glimpflich verfahren, welche nach der Verſicherung der meiſten, mit dieſen Thatſachen gleich⸗ zeitigen Schriftſteller, um die Zeit, von der wir ſchreiben, in den Kolonien Neu⸗Englands ſtattgefunden haben. Es iſt hinlänglich bekannt, daß man damals geglaubt hat, die Kunſt der Zauberei, ja eine noch weit unmittelbarer vom Teufel entſpringende, blühe in dieſer Weltgegend bis zu einem Grade, der wahrſcheinlich in 3 einem ſehr richtigen Verhältniß zu der Läſſigkeit ſtand, mit welcher die meiſten anderen Künſte des Lebens getrieben wurden. Es gibt ſo viel gewichtige und achtungswerthe Autoritäten, welche das Daſeyn dieſer böſen Einwirkungen erhärten, daß es einer kühnern Feder als der, die wir führen, bedarf, um ſie ohne entſprechenden Grund in Zweifel zu ziehen.„Neumodiſch Volk,“ ſagt der gelehrte und fromme Cotton Mather, Doctor der 135 Gottesgelahrtheit und Mitglied der königlichen Akademie,„macht ſich vielleicht über derlei Dinge luſtig; wenn aber in einem Lande, wo man gewiß eben ſo viel Mutterwitz beſitzet, als das übrige Menſchengeſchlecht, Hunderte der beſonnenſten Leute wiſſen, daß ſie wahr ſind, ſo kann nichts als der abgeſchmackte und vor⸗ ſchnelle Geiſt des Sadducäismus ſelbige in Frage ſtellen wollen.“ Gegen dieſen ernſten und glaubwürdigen Verfaſſer maßen wir uns nicht an, ſkeptiſche Erörterungen zu erheben. Wir beugen uns vor dem Zeugniß eines ſolchen Schriftſtellers, als einem entſchei⸗ denden, obgleich es— da der Glaube zuweilen von geographiſchen Linien begrenzt wird und ſeine Färbung von dem Volkscharakter annimmt— der Klugheit angemeſſen ſeyn dürfte, gewiſſe, die an⸗ dere Hemiſphäre bewohnende Leſer in dieſer Beziehung auf das ge⸗ meine Recht Englands zu verweiſen, wie Keeble es geiſtreich ausgelegt und die zwolf Richter jenes hoch civiliſirten und aufge⸗ klärten Landes es gebilligt haben. Nach dieſer bündigen Be⸗ rufung auf ſo ehrenhafte Zeugen, um dem, was wir nunmehr vor⸗ zubringen haben, Glauben zu verſchaffen, kehren wir zum Inhalt der Erzählung zurück, vollkommen überzeugt, daß die Vorfälle darin noch einiges Licht über einen Gegenſtand von ſo hoher und allgemeiner Bedeutung verbreiten werden.— Content wartete achtungsvoll, wie geſagt, bis ſein Vater ſeinen Sitz eingenommen hatte; und nachdem er verſichert war, daß der ehrwürdige Puritaner nicht die Abſicht hege, ſelbſt in der Sache den Anfang zu machen, ſo begann er die Unterſuchung ſeines Dieners, welche er mit einem Ernſt einleitete, den die Wichtigkeit des Ge⸗ genſtandes durchaus rechtfertigte. „Du haſt geſagt, Du wäreſt im Walde Einem begegnet,“ ſagte er;„fahre fort, das Nähere dieſes Zuſammentreffens mitzutheilen, und erzähle uns, was für ein Mann es geweſen.“ Als Eben Dudley ſich ſo unmittelbar zur Rede geſtellt ſah, ſchickte er ſich an, eine vollſtändige und genügende Antwort zu geben. Doch zuerſt warf er einen Blick auf alle die von Neugier geſpannten Geſichter um ſich her, ließ ihn aber etwas länger als gewöhnlich auf einem halb theilnehmenden, halb ungläubigen und etwas ironiſchen, dunklen Auge weilen, welches von einem äußerſten Winkel des Zimmers wieder auf das ſeinige geheftet war. Dann fing er an, wie folgt: „Ihr alle wiſſet, daß, als wir den Berggipfel erreicht hatten, wir ſämmtlich ſo vertheilt wurden, daß jeder ſeinen eignen Wald⸗ bezirk durchſtreifen ſollte, damit weder Dammhirſchen, Rehen noch Bären eine erkleckliche Wahrſcheinlichkeit zu entkommen übrig bliebe. Da Ruben Ring groß gebaut iſt und im Rufe ſteht, ſchnellfüßiger zu ſeyn als Viele, ſo fand unſer Herr, der junge Kapitän, für gut, ihm zu befehlen, daß er an dem einen Ende der Baumreihe die Flanke bilde, wie er einem Andern, der Ruben weder in Schnell⸗ füßigkeit noch Kraft etwas nachgibt, auftrug, denſelben Dienſt an dem andern Ende zu verrichten. Während der erſten zwei Stunden nun fiel auf der Flanke, die ich einnahm, nichts vor, das beſon⸗ derer Erwähnung werth wäre, außer daß ich zu verſchiedenen Malen auf ein Gewirre von wohlgebahnten Rehſpuren ſtieß, die aber eben ſo oft auf nichts hinausliefen....“ 5 „Das ſind Zeichen, die in den Wäldern gewöhnlich ſind,“ und nichts weiter als ein Beweis, daß die Rehe eben ſo gut wie jedes * Audubon, ein amerikaniſcher Naturforſcher, bemerkt in ſeiner Beſchrei⸗ bung eines Ausflugs an den Miſſiſippi, daß es ihm bei einer Excurſion, die er von dem Lager ſeiner Reiſegeſellſchaft aus machen wollte, begeg⸗ nete, nach einem langen und mühſamen Marſch, gerade an demſelben Punkt wieder anzulangen, von wo er ausgegangen war. Er ſetzt dann hinzu:„unſer Abenteuer wird nur Denen außerordentlich ſcheinen, die noch keine Streifereien in einer Waldung gemacht haben, wenn der Winter ſeinen gleichmäßigen Schleier darüber gedeckt hat. Der Jäger geht aus, beſchreibt, ohne daß er es gewahr wird, einen Kreis, und trifft auf dem⸗ ſelben Punkte wieder ein, von welchem er ausgegangen iſt.“ S. des Ueberſetzers Journal für die neueſten Land⸗ und Seereiſen, Maiheft, 1829. ⸗ 2 82— N n ie 137 andere luſtige Geſchöpf ihre Spiele haben, wenn ſie nicht durch Hunger oder Gefahr bedrängt ſind,“ bemerkte Content ruhig. „Ich lege auch keine beſondere Wichtigkeit auf jene täuſchenden Spuren,“ hob Dudley wieder an;„aber nicht lange, nachdem ich den Schall der Muſcheltrompeten verloren hatte, ſtörte ich einen edlen Rehbock von ſeinem Lager unter einem Schierlingsdickicht auf, und, mit dem Wild vor mir, führte mich die Jagd weit weg in den Wald hinein, es mochte eine Entfernung von zwei Stunden betragen.“ „Und während dieſer ganzen Zeit fandeſt Du keinen geeigneten Augenblick, das Thier zu treffen?“ „Durchaus keinen; auch will ich mir gar nicht herausnehmen zu ſagen, daß, wenn ſich eine Gelegenheit wirklich dargeboten hätte, meine Hand kühn genug geweſen wäre, es auf ſein Leben anzulegen.“ „Sahſt Du etwas an dem Wild, das einem Jäger den Wunſch einflößt, es zu verſchonen?“ „Ich ſah das an dem Wild, was einen Chriſtenmenſchen zu ernſtlichen Betrachtungen führen kann.“ „Sprich doch mehr geradezu von der Beſchaffenheit und dem Ausſehen des Thiers,“ ſagte Content ein wenig ungeduldig, während die jungen Leute beiderlei Geſchlechts Stellungen annahmen, die eine noch geſpanntere Aufmerkſamkeit verriethen. Dudley pauſirte einen Augenblick, und begann hierauf das, was er für wunderbar in ſeinem Bericht hielt, auf eine weniger räthſelhafte Weiſe zu erzählen. „Erſtlich,“ ſagte er,„war keine Wegſpur zu bemerken, weder nach, noch von dem Fleck, den das Geſchöpf zu ſeinem Ruheplatz gemacht hatte; zweitens, als es aufgeſtört war, erſchrack es nicht, ſondern ſprang wie ſpielend vorwärts auf mich zu, doch wohlbedacht ſo, daß es, ohne je dem Auge zu verſchwinden, ſtets außer dem Bereiche der Flinte blieb; endlich war auch die Art, wie es ver⸗ ſchwand, eben ſo merkwürdig als ſeine Bewegungen.“ „Und auf welche Weiſe kam es Dir denn aus dem Geſichte?“ „Ich hatte es auf die Spitze eines Hügels gejagt, wo ein ſicheres Auge und eine feſte Hand ſich eines Bocks von viel gerin⸗ gerer Geſtalt bemächtigen konnten, da..... Hat keiner von Euch etwas vernommen, was in einer Jahreszeit, wo der Schnee noch auf der Erde liegt, für wunderbar gehalten werden kann?“ Die Zuhörer ſahen einander neugierig an; jeder ſtrengte ſich an, ſich irgend eines ungewöhnlichen Tons zu erinnern, um für eine Erzählung, welche immer mehr des Anziehenden und Ueber⸗ natürlichen zu gewinnen begann, noch mehr Wahrſcheinlichkeit herbeizuſchaffen.. „Biſt Du auch gewiß, Barmherzigkeit,“ daß das Geheul, welches wir vom Walde herkommend vernahmen, vom geprügelten Jagdhund herrührte?“ fragte eine Dienſtmagd der Ruth eine blauäugige Gefährtin, die gleich ſehr geneigt ſchien, zu dem Zeugniß für die Wahrheit eines Wundermährchens das Ihrige beizutragen. „Es kann auch etwas Anderes geweſen ſeyn,“ war die Ant⸗ wort;„die Jäger haben freilich geſagt, ſie hätten das junge Wind⸗ ſpiel geſchlagen, weil es unruhig war.“ „Das vielfache Echo bildete ein Tongewirre, das klang wie das Geräuſch eines niederſtürzenden Baumes,“ ſagte Ruth gedan⸗ kenvoll.„Ich fragte noch, wie ich mich erinnere, ob es nicht viel⸗ leicht ein wildes Thier wäre, das ein allgemeines Abfeuern der Gewehre veranlaßte; allein mein Vater war der Meinung, daß der Tod die Wurzeln einer ſchweren Eiche untergraben hätte.“ „Um welche Stunde mag das geweſen ſeyn?“ „Mittag war vorüber; denn ich dachte gerade in dem Augen⸗ blick nach, wie ſehr die Leute, die ſchon ſeit Tagesanbruch arbeiteten, nach Speiſe verlangen müßten.“ * Zufriedenheit und Glaube ſind Perſonen in dieſer Kolonie, mit denen unſre Leſer ſchon vertraut ſind; Barmherzigkeit oder Liebe(Charity) iſt der Name eines ihnen noch unbekannten Dienſtmädchens der Frau Ruth. D. U. ich für er⸗ keit eul, lten eine miß gen. Int⸗ ind⸗ wie dan⸗ viel⸗ der daß gen⸗ eten, denen y) iſt Nuth. 139 „Nun, das war der Ton, von dem ich ſpreche. Er kam von keinem fallenden Baume, ſondern entſtand weit über dem Walde weg, hoch in der Luft. Hätte einer denſelben gehört, der mehr in die Geheimniſſe der Natur eingeweiht iſt..... 4 „So würde er ſagen, es habe gedonnert;“ unterbrach ihn Glaube Ring, welche abweichend von den meiſten der übrigen Zu⸗ hörer, wenig von der durch ihren Namen bezeichneten Eigenſchaft zu beſitzen ſchien.„Fürwahr, der Eben hat in dieſer Jagd Wunder verrichtet; er iſt mit einem Donnerkeil im Kopfe, ſtatt mit einem fetten Bock auf der Schulter, heimgekehrt!“ „Sprich ehrerbietig, Dirne, von dem, was Du nicht verſtehſt,“ ſagte der alte Marcus Heatheote mit gebieteriſchem Ernſte. „Wunder offenbaren ſich den Unwiſſenden wie den Gelehrten; und wenn auch aufgeblaſene, ſich für Philoſophen ausgebende Menſchen behaupten, daß der Krieg der Elemente weiter nichts ſey, als die ihre eigene Reinigung bewirkende Natur, ſo wiſſen wir doch aus allen Zeugniſſen des Alterthums, daß derſelbe andere Dinge verkündiget. Beelzebub darf über die Vorrathskammern der Lüfte gebieten; ihm iſt geſtattet, das Geſchütz des Himmels abzufeuern. Daß der Fürſt der Gewalten der Finſterniß eben ſo viel Antheil an der Chemie hat, als nöthig iſt, um das aurum fulminans hervorzu⸗ bringen, wird von einem der weiſeſten Schriftſteller unſres Zeit⸗ alters behauptet.“ Von dieſer Erklärung, und namentlich von der in des Puri⸗ taners Rede entwickelten Gelehrſamkeit abweichend zu denken, war mehr, als irgend Jemand in der Verſammlung ſich herausnahm. Jungfer Glaube war froh, ſich unter den Haufen der von einem Schauer der Ehrfurcht durchdrungenen Mädchen verſtecken zu können, und Content lud, nachdem er aus Achtung eine ziemlich lange Pauſe gemacht hatte, den mit dem wichtigſten Abſchnitt ſeiner Mittheilung noch erfüllten Forſtmann zum Fortfahren ein. „Während mein Auge ſich nach dem Schimmer des Blitzes umſah, welcher dieſem Donner, wäre er ein natürlicher geweſen, hätte vorangehen müſſen, war der Rehbock verſchwunden; und als ich den Hügel vollends hinanſtürzte, um das Wild im Auge zu behalten, kam von der andern Seite ſo plötzlich ein Mann herauf⸗ geſtiegen, daß wir uns gegenſeitig mit den Flinten die Bruſt berührten, ehe der Eine oder der Andere Zeit hatte, ein Wort hervorzubringen.“ „Was für eine Art von Mann war es?“ „So viel menſchliche Beurtheilung ſchließen kann, ſchien es ein Reiſender, bemüht, auf ſeinem Wege von den Städten im Un⸗ terlande nach den entfernten Siedlungen in der Bay Providence durch die Wildniß zu dringen; ich halte es aber für ausnehmend wunderbar, daß die Spur eines ſpringenden Bocks uns auf eine ſo außerordentliche Weiſe zuſammenbringen ſollte!“ „Und ſahſt Du noch etwas vom Wilde nach jenem Zuſammen⸗ treffen?“ „Gleich zuerſt, ſo lange ich noch von der Ueberraſchung ver⸗ blüfft war, ſchien es mir allerdings, als wenn ein Thier das Ge⸗ hölz entlang in ein entferntes Dickicht ſetzte; allein man weiß ja, wie leicht der verführeriſche Schein zu einem falſchen Schluſſe führt, daher ich auch glaube, daß jener Blick in die Ferne mich getauſcht habe. Es leidet keinen Zweifel, daß das Thier, nach⸗ dem es das ausgerichtet hatte, was es hatte ausrichten ſollen, in dem Augenblick und an der Stelle auf die erwähnte Weiſe verſchwunden iſt.“ 3 „Es mag ſo geweſen ſeyn. Und der Fremde, hattet Ihr kein Geſpräch miteinader, ehe Ihr Euch trenntet?“ „Wir blieben eine kleine Stunde beiſammen. Er erzählte viel Seltſames von den Dingen, welche die Leute, die an der See wohnen, erfahren haben. Nach der Ausſage des Fremden, haben ſich in den Provinzen die Gewalten der Finſterniß auf eine Grau⸗ ſen erregende Weiſe offenbart. Zahlloſe Gläubige ſind von den 141 Unſichtbaren verfolgt worden, und höͤchlich haben ſie gelitten an Leib und Seele.“ 3 „Von dem allen habe ich in meiner Zeit merkwürdige Bei⸗ ſpiele erlebt,“ ſagte Marcus Heatheote, mit ſeiner tiefen und Auf⸗ merkſamkeit erregenden Stimme die Furcht erfüllte Stille unter⸗ brechend, welche auf die Nachricht einer ſo ſchweren Heimſuchung der friedlichen Koloniſten eingetreten war.„Hat der Mann, mit welchem Du ſprachſt, Dir nichts Näheres von den Verſuchungen berichtet?“ „Er ſprach noch von anderen Zeichen, welche die Herannahung von Trübſalen vorher verkünden ſollten. Als ich ihm von meiner unheimlichen Jagd erzählte, und von dem Geräuſch, das aus der Luft herabkam, da ſagte er: dergleichen würde man in den Städten an der Bay für Kleinigkeiten halten; dort hätten die Gewitter und die Blitze letzten Sommer gar viel Unglück angerichtet, indem Beelzebub ſeine Bosheit beſonders dadurch geäußert habe, daß er ſte in den Häuſern des Herrn viel Schaden ſtiften ließ.“ „Es iſt ſchon lange Grund zur Vermuthung vorhanden ge⸗ weſen,“ ſagte der Alte,„daß die Pilgerfahrt der Gerechten nach dieſen Wildniſſen durch irgend eine heftige Feindſeligkeitsbezeigung dieſer neidiſchen Weſen heimgeſucht werden würde; denn da ſie ſelbſt das Böſe in ſich nähren, ſo verdrießt es ſie, Menſchen zu ſehen, welche kämpfen, um nicht von dem engen Pfad abzukommen. Wir wollen jetzt zu der einzigen Waffe greifen, die uns in dieſem Kriege zu führen erlaubt iſt, die aber auch, wird ſie mit Fleiß und Eifer geführt, unfehlbar den Sieg erringet.“. Ohne abzuwarten, bis Eben Dudley ſeine Geſchichte vollen⸗ det hätte, erhob ſich nach dieſen Worten der Alte, und in der aufrechten Stellung, die unter dieſen Sectirern üblich war, ſchickte er ſich zum Gebete an. Die erſte, eingeſchüchterte, aber zu gleicher Zeit kindlich vertrauende Verſammlung folgte ſeinem Beiſpiel, und ſchon hatten ſich die Lippen des Puritaners zum Reden geöffnet, als ein leiſer, bebender Ton, wie von einem Blaſeinſtrument, ſich draußen vernehmen ließ und bis an den Ort drang, wo die Fa⸗ milie beiſammen war. Es hing nänlich ſtets eine Seemuſchel an der Pforte, deren ſich jeder in der Familie, den ein Zufall oder die Arbeit etwa nöthigen könnte, über die Zeit des Thorſchluſſes außerhalb der Palliſaden zu bleiben, bediente; man konnte daher ſowohl aus der Richtung als der Beſchaffenheit des Schalles ſchließen, daß Jemand an der Thüre ſtand, der eingelaſſen zu wer⸗ den wünſchte. Allgemein und ſchnell, wie der Augenblick, war die auf die Hörenden hervorgebrachte Wirkung. Das ſo eben vorge⸗ fallene Geſpräch verhinderte nicht, daß die jungen Männer unwill⸗ kührlich ſich nach ihren Waffen umſahen, waͤhrend die erſchreckten Frauenzimmer ſich gleich einer Heerde furchtſamer, zitternder Schafe aneinanderdrängten. „Es iſt ganz gewiß ein Signal von außerhalb!“ bemerkte Content endlich, nachdem er gewartet hatte, bis die Töne in den verſchiedenen Biegungen der Gebäude verklungen waren. „Irgend ein Jäger, der ſeinen Weg verloren hat, fordert unſre Gaſtfreundſchaft.“ Eben Dudley ſchüttelte den Kopf, gleichſam als wenn er anderer Meinung wäre, ſtand aber mit der Flinte in der Hand, wie alle übrigen jungen Männer, da, eben ſo unentſchloſſen wie ſie, was nunmehr das Rathſamſte ſey. Es läßt ſich nicht ſagen, wie lange dieſe unſchlüſſigkeit würde gedauert haben, wenn kein fer⸗ nerer Aufruf ergangen wäre; allein der draußen Stehende ſchien zu ungeduldig über den Aufſchub, um lange vergeblich warten zu können. Noch einmal ertönte die Muſchel, und zwar mit weit mehr Nachdruck als vorher. Der Schall war anhaltender, heller und kühner als der, welcher zuerſt in die Mauern der Wohnung gedrungen war, ſo volltönig und klangreich, daß der, welcher die Lip⸗ pen an das Inſtrument geſetzt hatte, äußerſt geübt darauf ſeyn mußte. Schwerlich würde Content ſelbſt dann einem Befehl ſeines Vaters Gehorſam verweigert haben, wenn ſolcher auch wenig mit ——— fa⸗ an der ſes her les er⸗ die ge⸗ ill⸗ ten der rkte in ren. nſre er and, ſie, wie fer⸗ hien rten weit eller nung Lip⸗ ußte. eines mit 143 ſeinem eigenen Vorhaben übereingeſtimmt hätte. Nun hieß aber der Puritaner ſeinen Sohn die Sache genau unterſuchen, als dieſer, durch reifliche Ueberlegung von der Nothwendigkeit eines beſtimm⸗ ten Entſchluſſes überzeugt, ſchon im Begriffe war, Dudley und Ruben Ring zuzuwinken, daß ſie ihm folgen möchten. Jetzt gab er den Uebrigen nur noch ein Zeichen, im Zimmer zu bleiben, nahm eine Flinte, deren Zielrichtigkeit ſich während des Tages mehr als einmal bewährt hatte, und ſchritt dann den Beiden voran nach der ofterwähnten Pforte. „Wer erhebt dieſen Ton an meinem Thor?“ fragte Content, als er und ſeine Begleiter hinter einer Erdanhöhe, welche aus⸗ drücklich errichtet war, um den Eingang zu beherrſchen, Poſten gefaßt hatten;„wer ruft eine ruhige Familie, zu dieſer Stunde der Nacht, nach ihren Außenwerken der Vertheidigung?“ „Jemand, der deſſen, warum er bittet, bedarf, und der ſonſt Deine Ruhe nicht ſtören würde,“ war die Antwort.„Oeffne unbe⸗ ſorgt nur Deine Pforte, Heathcote Sohn; es iſt ein Bruder im Glauben, denſelben Geſetzen wie Du unterthan, der dieſe Gunſt von Dir verlangt.“ „Hier iſt in der That ein Chriſt draußen,“ ſagte Content, indem er an die Pforte eilte, ſie unverzüglich weit aufriß und da⸗ bei fortfuhr:„tritt ein, in Gottes Namen tritt ein, ich heiße Dich zu allem, was wir geben können, von Herzen willkommen.“ Eingehüllt in einen Reitermantel, erwiederte ein hoher Mann, nach ſeinem Tritt zu urtheilen, von ſchwerem Körperbau— den Gruß mit einer Verbeugung und trat dann ſogleich über die Schwelle der Pforte. Jedes Auge war ſcharf auf den Fremden gerichtet, der, nachdem er einige Schritte den Hügel hinauf gethan hatte, ſtehen blieb, während die jungen Leute, unter Anführung ihres Herrn, das Thor ſorgfältig und genau wieder verſchloſſen. Als Bolzen, Schloß und Riegel in Ordnung waren, geſellte ſich Content zu ſeinem Gaſte. Nach einem zweiten, vergeblichen Verſuch, ſeine 144 Perſon bei'm ſchwachen Sternenlicht zu prüfen, redete er ihn in der ihm eigenen, ſanften und ruhigen Weiſe alſo an: „Dir thut gewiß Erwärmung und Speiſe recht ſehr Noth. Die Entfernung dieſes Thales bis zum nächſten bewohnten Orte iſt ermüdend, und wer ſie in einer Jahreszeit, wie die gegenwär⸗ tige, durchreiſet iſt, mag wohl dem Verſchmachten nahe ſeyn. Folge und verfahre mit dem, was wir Dir anbieten können, ſo frei, als wäre es Dein Eigenthum.“ 4 Der Fremde offenbarte freilich nichts von der Ungeduld, welche, wie der Erbe von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh dafür zu halten ſchien, Jemand in ſeiner Lage mit gutem Grunde fühlen mußte; inzwiſchen entſprach er doch der Einladung mit Bereitwilligkeit. Sein Wirth zog voran, er folgte gemeſſenen und würdevollen Schrittes nach, und als der erſtere ein⸗ oder zweimal inne hielt, um einige Worte der Hoͤflichkeit an ihn zu richten, zeigte er kein unbeſcheidenes Ver⸗ langen nach jenen Erfriſchungen des Koͤrpers, die doch in Wahr⸗ heit einem Menſchen höͤchſt erwünſcht ſeyn mußten, der bei rauhem Wetter und auf einem Pfade, wo weder Wohnung noch Sicherheit Ruhe vergönnten, weit gereiſ't war. 3 „Hier findeſt Du Erwärmung und einen friedlichen Willkom⸗ men,“ mit dieſen Worten führte Content ihn zu einer Gruppe von ängſtlich harrenden Menſchen ein.„Binnen wenig Minuten ſoll alles Andere da ſeyn, was zu Deiner Erholung nothwendig iſt.“ Als der Fremde ſich der Helle eines ſo ſtarken Lichtes und dem Blicke ſo vieler von Neugier und Verwunderung erfüllten Augen ausgeſetzt ſah, hielt er inne, aber nur einen kurzen Augen⸗ blick. Ruhig trat er dann vorwärts, warf den ſpaniſchen Reiter⸗ mantel, welcher ſein Geſicht bis jetzt verborgen gehalten hatte, von den Schultern, und enthüllt ſahen Alle das ſtrenge Auge, die har⸗ ten Züge und die athletiſche Geſtalt Deſſen, der ſchon einmal, mit nicht vieler Ceremonie, in Wiſh⸗Ton⸗Wiſh⸗ eingetreten war und es ſo geheimnißvoll wieder verlaſſen hatte.B 145 Der Puritaner war mit gelaſſener und ernſter Höflichkeit auf⸗ geſtanden, um ſeinen Beſuch zu empfangen; allein, als das Antlitz des Andern ſich dem Blicke darbot, und er die Perſon des Herannahenden wiedererkannte, da durchzuckte offenbar ſeine in der Regel beherrſchten Geſichtslinien eine mächtige und außerordent⸗ liche Aufregung. „Marcus Heathcote,“ ſagte der Fremde,„Dir gilt mein Be⸗ ſuch. Er wird länger oder kürzer als der letzte ausfallen, je nach⸗ dem Du das aufnimmſt, was ich Dir auszurichten habe. Ange⸗ legenheiten von der erſten Wichtigkeit heiſchen, daß ſo wenig Ver⸗ zug als möglich ſtattfinde, bis Du meine Nachricht anhöreſt.“ Es läßt ſich nicht läugnen, daß der Veteran außerordentlich und auf ganz eigene Art überraſcht war; allein es bedurfte auch ſolcher geſpannten, alles was vorging verſchlingen den Blicke, um dieſe Blöße, die er gab, zu entdecken— ſo kurz war ihre Dauer. Schnell kehrte die ihn durchgängig bezeichnende Beherrſchung ſeines Ausſehens wieder, und mit einer ruhigen Geberde, der gleich, deren Freunde ſich im Augenblicke des Vertrauens und der Sicherheit bedienen, winkte er dem Andern, ihm in ein inneres Gemach zu folgen. Der Fremde machte, als er bei Ruth vorüber⸗ ging, derſelben eine leiſe Verbeugung, und trat dann in das zur geheimen Unterredung gewählte Zimmer. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 146 Zehntes Kapitel. Marcellus. Soll ich nach ihm mit der Hellbarte ſchlagen? Horatio. Thu's, wenn's nicht ſtehen will. Bernardo. iſt hier. Horatio. s iſt hier. Marcellus. s iſt fort. Hamlet. Es war nicht viel länger als eine Minute, daß dieſer uner⸗ wartete Gaſt, ohne Mantel und dem Wiedererkennen ausgeſetzt, vor den Augen der neugierigen Gruppen im äußern Zimmer ge⸗ ſtanden hatte. Doch war dies für Menſchen, denen ſelten die ge⸗ ringſte Eigenthümlichkeit in Kleidung oder Ausſehen entging, lange genug, um einige der hervorſtechendſten Dinge in ſeinem Anzuge zu bemerken. Die ſchweren Kavaleriſtenpiſtolen, die er früher ein⸗ mal vorgewieſen, waren in ſeinem Gurt, und der jüngere Marcus erhaſchte noch einen Anblick des Dolches mit dem ſilbernen Griff, der ſchon vor dieſer Nacht ſeinem Auge gefallen hatte. Da in⸗ deſſen ſein Großvater und der Fremde das Zimmer ſo ſchnell ver⸗ ließen, ſo konnte der Knabe nicht beſtimmen, ob der Dolch genau von derſelben Form war, wie der, welcher über dem Bette des Erſtern hing, mehr als ein Andenken längſt verfloſſener Scenen, als zum gegenwärtigen Gebrauche. „Der Mann hat ſich von ſeinen Waffen noch nicht getrennt!“ rief der geſchwindſehende Knabe, als er ſah, daß jede andere Zunge ſchwieg.„Wenn er ſie doch jetzt bei Großpapa laſſen wollte, damit ich den ſchleichenden Wampanoag verfolgen könnte, bis in ſeine tiefſten Schlupf...... 4 „Strudelköpfiger Junge! Du haſt einen viel zu leichtfertigen Mund,“ ſagte Ruth, die ſich nicht bloß wieder geſetzt, ſondern auch die leichte Beſchäftigung, welche der Ruf vom Thore her unter⸗ brochen, wieder vorgenommen hatte, und zwar mit einem ſo — ₰‿„ ———,-—, e—,—, — ₰——ℳ en? ner⸗ ſetzt, ge⸗ ge⸗ ange zuge ein⸗ rcus Briff, 1 in⸗ ver⸗ enau 2 des enen, int!“ zunge damit ſeine ttigen auch unter⸗ m ſo gelaſſenen Aeußern, daß dies ſeine beruhigende Wirkung auf ihre Mägde nicht verfehlte.„Statt die Lehren des Friedens, die Du er⸗ hältſt, zu Herzen zu nehmen, neigt Deine ungebändigte Seele ſich ſtets zum Kampfe hin.“ „Iſt denn Harm dabei, daß ich wünſche meinen Jahren ge⸗ mäß bewaffnet zu ſeyn, damit ich in der Beſiegung der Macht unſerer Feinde von Nutzen ſeyn und vielleicht auch dazu beitragen könne, meiner Mutter Sicherheit zu verſchaffen?“ „Deine Mutter hegt keine Furcht,“ erwiederte die Matrone ernſt, während jedoch die Rede des hochherzigen, wenn auch bis⸗ weilen vorſchnellen Knaben ihrer Liebe ſo wohlthat, daß ſie einen gütigen obgleich verſtohlenen Blick auf ihn warf.„Die Vernunft hat mich nunmehr gelehrt, wie thöricht es ſey, ſo zu erſchrecken, wenn Jemand Nachts an unſrem Thor anklopft. Legt Eure Waffen nur weg, Leute; Ihr ſeht ja, daß auch mein Mann ſeine Flinte bei Seite geſtellt hat. Iſt wirklich Gefahr vorhanden, ſo wird ſein Auge uns ſchon die Warnung geben; verlaßt Euch darauf.“ Die einfache Rede der herrlichen Frau hatte nichts übertrieben, als ſie von der Sorgloſigkeit ihres Gatten ſprach: dieſe war augen⸗ ſcheinlich; Content hatte nicht allein ſeine Waffe weggeſtellt, ſon⸗ dern auch ſeinen Sitz am Feuer wieder eingenommen; dabei war ſein Blick eben ſo ruhig, eben ſo zuverſichtlich und, wie ein auf⸗ merkſamer Beobachter wohl ſehen konnte, eben ſo bedeutſam als der ihrige. Bis jetzt hatte der ſtämmige Dudley, auf ſein Gewehr ſich ſtützend, ſo unbeweglich und dem Scheine nach ſo bewußtlos da⸗ geſtanden, wie eine Bildſäule. Da er indeß gewohnt war, ſeiner Gebieterin ſtreng zu gehorchen, ſo lehnte er ſeine Muskete ſorgſam, nach Jägerſitte, gegen die Wand; dann aber kratzte er das ſtruppige Haar, als wenn dieſe Bewegung ſeinen, ohnedies nie zu ſchnellen Gedankengang beſchleunigen ſollte, und brach barſch in die Worte aus: „Eine bewaffnete Hand iſt nicht übel in dieſen Waldungen; 148 wer aber am Morgen vom Ufer des Connecticut wegreitet, und noch am ſelben Abend in Wiſh⸗Ton⸗Wiſh ankommen will, dem thut eine bewaffnete Ferſe nicht minder Noth! Der Fremde reiſet nicht mehr im Sattel, das iſt klar; denn er trägt keinen Sporn an den Stiefeln. Als er mittelſt tüchtiger Seitenſtiche den elenden Gaul, welcher eine Speiſe der Wölfe geworden iſt, durch den Wald ſtachelte, da war er beſſer ausgerüſtet. Ich habe erſt heute die Knochen des Thieres geſehen. Der Froſt und die Raubvögel haben ſo lange daran polirt, daß ſie an Weiße dem getriebenen Berg⸗ ſchnee nicht nachſtehen!“ Vielſagende und ängſtliche Blicke wurden zwiſchen Content und ſeiner Gattin flüchtig gewechſelt, während Eben Dudley auf obige Weiſe den, durch die unerwartete Zurückkunft des Fremden ſich auf⸗ drängenden Gedanken Laute gab. „Geh' Du nach der Abendſeite der Palliſaden und ſchau' dort umher,“ ſagte die Letztere;„ſteh' zu, ob ſich der Indianer nicht etwa in der Naͤhe der Wohnung aus Scham, daß er ſo lange wegblieb, heimlich aufhalte, und nur vielleicht aus Furcht kein Zeichen gibt, um eingelaſſen zu werden. Ich kann mir nicht denken, daß das Kind im Sinne habe, ohne Beweis des Wohlwollens, ohne Abſchied uns zu verlaſſen.“ „Ich will mir nicht herausnehmen zu beſtimmen, wie viel oder wie wenig Höflichkeit der Gelbſchnabel glauben mag, dem Herrn des Thales und deſſen Angehörigen ſchuldig zu ſeyn; wenn er aber nicht ſchon fort iſt, ſo ſchmilzt doch der Schnee nicht ſo unverſehens im Thauwetter, als der Knabe früh oder ſpät einmal verſchwindet; Ruben Ring, Du kannſt ja im Finſtern ſo gut ſehen, wie bei hellem Tage: komm mit, auf daß keine Spur unbemerkt bleibe. Sollte Deine Schweſter, die Glaube, von der Parthie ſeyn, ſo dürfte die Rothhaut nicht leicht in die Lichtung gerathen, ohne angerufen zu werden.“ „Warum nicht gar,“ erwiederte ſchnippiſch das Mädchen; 149 „meiner weiblichen Pflicht kommt es mehr zu, daß ich für die Bedürfniſſe des Mannes ſorge, der ſeit Sonnenaufgang eine ſo weite und ſchwere Reiſe gemacht hat. Entgeht der Knabe Deinem Aufpaſſer⸗Blick, wachſamer Dudley, ſo kann er von dem eines jeden Andern ſicher ſeyn.“ Der Bruder der Jungfer Glaube zeigte um ſo weniger Ab⸗ geneigtheit, der Aufforderung Dudley's nachzukommen, und die beiden jungen Männer waren im Begriff, ſich zuſammen wegzube⸗ geben, als die Klinke, auf welche Dudley ſchon die Hand gelegt hatte, ſich, ohne daß er ſie drückte, langſam hob, die Thür ſich leiſe öffnete und der Gegenſtand ihrer beabſichtigten Entdeckungs⸗ reiſe bei ihnen vorüberglitt, und ſeinen alten Platz, in einer der entlegeneren Zimmerecken einnahm. In dieſem Hereinſchlüpfen des jugendlichen Gefangenen lag ſo viel von ſeiner gewöhnlichen, ge⸗ räuſchloſen Manier, daß es denen, welche zuſahen, wie ſeine dunkle Geſtalt ſich quer durch's Zimmer bewegte, einen Augenblick faſt vorkam, als ſey dies nur der Beſuch, der ihm immer um dieſe Zeit war geſtattet worden. Allein bald kehrte die Erinnerung wie⸗ der, und mit ihr nicht bloß Verdacht über den Umſtand ſeines Ver⸗ ſchwindens im Walde, ſondern auch Erſtaunen über die unerklär⸗ liche Weiſe, wie er am Thore Einlaß gefunden haben mochte. „Es muß nach den Staketen geſehen werden!“ rief Dudley, gleich nachdem er ſich durch einen zweiten Blick überzeugt hatte, daß ſeine Augen auch wirklich Den ſahen, welcher vermißt worden war.„Da, wo ein ſolcher Aufſchößling hereinſteigen kann, iſt es auch einem ganzen Haufen möglich, zu folgen.“ „Wahrlich,“ ſagte Content,„das erfordert eine Aufklärung. Iſt der Knabe vielleicht hereingekommen, als dem Fremden das Thor geöffnet wurde? Hier kommt Jemand, der darüber Auskunft zu geben vermag!“ „So iſt's,“ ſagte das bezeichnete Individuum, das zeitig genug aus dem innern Gemache wieder heraustrat, um die Frage mit 150 anzuhören.„Ich fand dieſes Kind der Eingebornen nahe an Deinem Thore, und übernahm den chriſtlichen Dienſt, es willkommen zu heißen. Ich halte mich überzeugt, daß eine ſo von Herzen gute und ſanftmüthige Frau, wie die Herrin dieſes Hauſes, ihm nicht unwillig die Thüre weiſen werde.“ „Er iſt kein Fremder an unſrem Heerd noch an unſrem Tiſch,“ ſagte Ruth;„aber wenn dem auch nicht ſo wäre, ſo würdeſt Du doch wohl gethan haben.“ Eben Dudley ſah ungläubig aus; ſeine Seele war an dieſem Tage ſo gewaltig mit Geſichten des Wunderbaren beſchäftigt ge⸗ weſen. Indeſſen war allerdings einiger Grund vorhanden über die Weiſe, wie der Jüngling ſeine Wiedererſcheinung machte, Mißtrauen zu ſchöpfen. „Es könnte nicht ſchaden, nach den Thürſchlöſſern zu ſehen,“ brummte er;„damit nicht Andere, mit denen man nicht ſo leicht fertig werden dürfte, nachkommen. Nun einmal unſichtbare Kräfte in der Kolonie ihr Weſen treiben, läßt ſich's nicht gar ruhig ſchlafen!“ „So übernimm denn ſelbſt das Amt des Umherſpähens, und verſieh die Wache, bis die Mitternachtsglocke ſchlägt:“ ſagte der Puritaner mit einem Nachdruck in ſeinen Worten, welcher zeigte, daß er zu ſeinem Befehl wirklich triftigere Beweggründe hatte, als die auf bloße Ahnungen ſich gründenden Beſorgniſſe ſeines Dieners. „Noch ehe der Schlaf Dich übermannt, ſoll ein Anderer Dich abzulöſen bereit ſeyn.“ Marcus Heatheote erhob ſelten die Stimme, wo nicht ehrer⸗ bietiges Schweigen auch das leiſeſte ſeiner Worte vernehmbar machte. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit aber verbreitete ſich gleich, wie er den Mund öffnete, eine ſolche Stille im Zimmer, daß faſt kein Athem der Lauſchenden zu merken war, als er ſeinen Befehl endigte. Während dieſer ſecundenlangen, todtenähnlichen Pauſe nun war es, wo ein Ton von der am Thore hängenden Muſchel durch die Lüfte drang, der faſt klang wie ein Echo von dem, welcher erſt 4 151 ſo kürzlich die ohnedies aufgeregten Hausgenoſſen in Schrecken ge⸗ ſetzt hatte. Bei der Wiederholung ſo ungewohnter Klänge ſprangen Alle auf, doch ohne daß auch ein Einziger ein Wort von ſich ge⸗ geben hätte. Content warf einen haſtigen und fragenden Blick auf ſeinen Vater, der aber ſeinerſeits ängſtlich das Auge des Fremden ſuchte. Feſt und unbewegt ſtand dieſer da, krampfhaft mit der einen Hand ſich an der Lehne des Stuhles, von dem er eben aufgeſtanden war, haltend, und mit der andern, vielleicht unwillkührlich, den Griff einer jener Waffen erfaſſend, welche die Aufmerkſamkeit des jungen Mareus ſo ſehr auf ſich gezogen hatten, und die ſich noch immer in dem breiten, ledernen Gurt befanden, der ſeinen Wamms umſchloß. „Der Ton klingt, als käme er von einem Weſen, das wenig mit irdiſchen Inſtrumenten umzugehen gewohnt iſt;“ ſprach leiſe einer von denen, deren Geiſt durch die Erzählung Dudley's geſtimmt worden, allem Wunderbaren unbedingten Glauben zu ſchenken. „Der Ruf komme her, von wannen er wolle, erwiedert muß er werden, entgegnete Content. Dudley, nimm Dein Gewehr; dieſer Beſuch iſt ſo außergewöhnlich, daß mehr als eine Hand das Thürſteheramt verrichten muß.“ Der Forſtmann gehorchte augenblicklich, ſchüttelte die Ladung tiefer in den Flintenlauf und brummte dabei zwiſchen den Zähnen: „Eure üherſeeiſchen Herren Militärs finden ja gar ſchnell die Spur dieſe Nacht!“ Mit dieſen Worten warf er ſich die Muskete in den gebogenen Arm, blickte unzufrieden und vorwurfsvoll Glaube Ring an, und wollte ſeinem Gebieter eben die Thüre öffnen, als die Stille draußen „durch einen zweiten Ton unterbrochen ward, der feſter, anhaltender, heller und reiner klang, als der unmittelbar vorhergehende. „Sollte man doch glauben, die Muſchel töne aus Spott,“ bemerkte Content, indem er einen vielſagenden Blick auf den Gaſt that.„Nie glichen Töne einander mehr als die beiden eben gehörten 152 denen, welche Du durch die Muſchel blieſeſt, da Du hereingelaſſen zu werden verlangteſt.“ 4 Dem Verſtande des Fremden ſchien ein plötzliches Licht aufzu⸗ gehen. Mehr mit dem Freimuth langer Vertraulichkeit als der Scheu eines erſt angekommenen Gaſtes, trat er in den Kreis, winkte zum Schweigen und ſagte: „Bleibet alle hier, außer dem Sohne des Kapitäns, dieſem jungen Forſtmanne, und mir. Wir wollen hinaus; zweifelt nicht, daß die Sicherheit der Zurückbleibenden unſer feſtes Augenmerk ſeyn werde.“ ungeachtet der Seltſamkeit dieſes Vorſchlags, widerſetzte ſich demſelben doch Niemand aus der Familie, da der Puritaner weder ſein Befremden darüber noch Abgeneigtheit dagegen zu äußern ſchien. Der Fremde hatte kaum ausgeſprochen, als er ſich der Fackel näherte, und ſeine Piſtolen genau unterſuchte. Dann wen⸗ dete er ſich gegen den Alten, und fuhr, etwas leiſer als vorher fort: „Leicht dürfte es mehr des leiblichen Kampfes geben, als aus den Einwirkungen, welche jetzt die unruhigen Gemüther der Kolonien aufregen, hervorgehen kann. Bei ſolchem Nothfall dürfte die Vorſicht eines Soldaten am rechten Orte ſeyn.“ „Mir will der Hohn nicht gefallen, der in den Tönen zu liegen ſcheint,“ erwiederte der Puritaner;„er läßt eine boshafte, ſataniſche Stimmung des Feindes erkennen. Wir haben in dieſer Kolonie ſeit Kurzem traurige Beiſpiele erlebt von dem, was die Tücke Aſaſel's zu verſuchen vermag, und es wäre eitel, der Hoff⸗ nung Raum zu geben, daß der Anblick meines Bethels die böſen Mächte nicht zum Zorne reizte.“ Obgleich der Fremde den Worten ſeines Wirthes achtungsvoll zuhörte, ſo war es doch klar, daß er an Gefahren von ganz ver⸗ ſchiedener Art dachte. Die Hand, welche noch immer auf dem Griff ſeiner Waffe ruhte, ballte ſich feſter zuſammen, und um ſeinen Mund lagerte ſich ein kampfluſtiger, obgleich trauriger Ausdruck; ☛— ½ ᷣ ſen zu⸗ der eis, ſem cht, nerk ſich der hern der den⸗ ort: als der rfte zu fte, leſer die off⸗ öſen voll ver⸗ dem um 153 die Entſchloſſenheit des Mannes war unleugbar, allein ihr Ge⸗ genſtand ſchien kein übernatürlicher Feind zu ſeyn, ſondern einer von Fleiſch und Blut. Er gab ſeinen von ihm ausgewählten zwei Gefährten ein Zeichen, und ging voran nach dem Hofraum. Die Schatten der Nacht waren nunmehr ſchon bedeutend dunkler geworden; die Finſterniß, welche trotz der noch nicht ſpäten Stunde über dem Thale lag, machte es ſchwer, nur einigermaßen dem Auge ferner liegende Gegenſtände zu unterſcheiden. Um ſich daher nicht der einen oder andern lauernden Gefahr, deren Daſeyn zu erſpähen die Dunkelheit ihnen unmöglich machte, bloszuſtellen, konnten die, welche jetzt zur Thüre heraustraten, nur mit der größten Umſicht ihren Weg verfolgen. Nachdem aber alle drei 4 ſicher hinter der dicken aus Balken und Erde gebildeten Cour⸗ tine, welche den Eingang beherrſchte, angelangt waren, und ihre Perſonen alſo von den Schultern abwärts gegen Kugeln und Pfeile gleich geſchützt ſahen, fragte Content laut, wer zum Thore hereingelaſſen zu werden verlange, zu einer Stunde, wo es bis zum Tagesanbruche verſchloſſen zu ſeyn pflege? Statt, wie vorher, ſogleich eine Antwort zu erhalten, war das Schweigen ſo tief, daß ſich, wie das zu dieſer ſtillen Stunde nicht ungewöhnlich war, ſeine eigenen Worte in den Vertiefungen des nahen Waldes ganz deutlich wiederholten. Nach gehoͤriger Pauſe, flüſterte der Fremde:„Sey's nun vom Teufel, oder von Menſchen, hier iſt Verrath im Spiel! Laß uns der Liſt mit Liſt begegnen; übrigens biſt Du in Wald⸗ ſchlichen erfahrner und zum Rathgeber alſo geeigneter als Einer, der, wie ich, in den minder ſchlauen Verſtellungskünſten des Krieges von Chriſten gegen Chriſten erzogen worden.“ „Was meinſt Du, Dudley?“ fragte Content.„Iſt es rathſam, ſogleich einen Ausfall zu thun, oder ſollen wir noch ein Signal der Muſchel abwarten?“ „Es kommt viel darauf an, welche Art von Gäſten wir 154 eigentlich erwarten,“ erwiederte der ſo Befragte.„Sind es blos die Prahlhänſe von Soldaten, welche ſo übermüthig tapfer ſind, wenn ſie ſich unter Frauenzimmern befinden, und ſo ſchweren Her⸗ zens bei'm Gekreiſch einer Elſter, weil ſie es für das Kriegsge⸗ ſchrei des Indianers halten, ſo mögt Ihr meinetwegen die Sta⸗ keten niederhauen, und die Herren auffordern, in vollem Galopp hereinzureiten. Ich kenne das Geheimniß, ſie in's oberſte Zimmer des Blockhauſes hinauf zu ſchicken, das welſche Huhn kluckſ't ſeine Jungen nicht leichter zuſammen; aber...“ „Beſcheidenheit der Rede geziemt ſich in einem Augenblick von ſo. bedenklicher Ungewißheit.— Soldaten der Art erwarten wir nicht.“ „So will ich Euch einen Einfall ſagen, wodurch wir vielleicht dahinter kommen, wer die Muſtkanten ſind, die ſich auf dieſer Mu⸗ ſchel hören laſſen. Geht Ihr Beide in's Haus zurück, und redet unterwegs laut und viel, ſo daß man es draußen vernehmen könne. Nachdem Ihr im Hauſe ſeyn werdet, ſey es mein Geſchäft, mir nahe am Thore einen ſolchen Poſten auszuſuchen, daß Niemand wieder anklopfen ſoll, ohne einen Thürſteher bei der Hand zu finden, der ihn nach ſeinem Geſchäft frage.“ „Das läßt ſich hören,“ ſagte Content;„und damit es mit um ſo größerer Sicherheit ausgeführt werde, ſollen einige von den jungen Leuten, welche mit dieſer Liſt ſchon vertraut ſind, zur ge⸗ heimen Thüre aus dem Hauſe kommen und hinter den Gebäuden aufpaſſen, damit es Dir nicht, im Fall eines Angriffs, an Hülfe fehle. Was Du aber auch thuſt, Dudley, vergiß nicht, daß die Pforte unter keiner Bedingung aufgemacht werden darf.“ „Sorget nur für die Verſtärkung,“ erwiederte der Forſtmann; „damit ich mich einer ſichern Deckung für recht gewiß halten könne, dürfte es gut ſeyn, den ſcharfäugigen Ruben Ring zu wählen. Die Rings ſind überhaupt eine geſcheite und erfindungsreiche Familie, wenn wir etwa den armen Wicht ausnehmen, der die Geſtalt eines Menſchen, aber keine Menſchenvernunft erhalten hat.“ ͤ„-⸗ ͤ2ͤE H 155 „Dir ſoll Ruben und ſonſt Niemand aus deſſen Verwandtſchaft beigegeben werden,“ ſagte Content.„Laß Dir's noch einmal geſagt ſeyn, daß alles verſchloſſen bleibe; und hiermit wünſche ich Dir allen möglichen Erfolg bei einer Liſt, die nicht ſündlich ſeyn kann, da ſie nur unſre Sicherheit bezweckt.“ Mit dieſer Einſchärfung überließen Content und der Fremde den Dudley den Eingebungen ſeines eignen Scharfſinns. Der Erſtere beobachtete auf dem Rückwege die Vorſicht, laut zu ſprechen, damit, wenn ja Lauſcher ſich draußen befänden, ſie auf die Vermuthung kommen möͤchten, daß die Auskundſchafter drinnen, überzeugt von der Fruchtloſigkeit ihres Geſchäfts, ſich ſämmtlich zurückgezogen hätten. Mittlerweile ſchickte ſich der, unweit der Pforte zurückgelaſſene junge Mann vollen Ernſtes an, das übernommene Amt auszufüh⸗ ren. Statt in gerader Linie nach den Palliſaden hinabzugehen, ſtieg er ebenfalls den Hügel hinan, und nahm am Rande der obern Anhöhe den Umweg zwiſchen den Außengebäuden. Hierauf bückte er ſich ſo tief zur Erde, daß ſeine Geſtalt von anderen auf dem Schnee liegenden Gegenſtänden nicht zu unterſcheiden war. In dieſer Stellung erreichte er einen Winkel der Palliſaden, an einem, von dem Fleck, den er in's Auge zu faſſen beabſichtigte, entfernten Punkte, wo ihn, wie er hoffte, die dunkle Stunde der Nacht und die Schatten des Hügels jedem Späherauge unſichtbar machten. Dicht unter den Palliſaden angekommen, legte er ſich auf alle Viere, und kroch mit der äußerſten Vorſicht auf dem unterſten Horizontal⸗Balken vorwärts, bis er an eine Art von Schilderhaus ankam, welches zu dem nämlichen Zweck, zu dem er es eben be⸗ nutzen wollte, dort angebracht war. Einmal innerhalb des Ob⸗ daches dieſes kleinen Schlupfwinkels, nahm der ſtämmige Burſche eine ſo bequeme Lage an, als ſich nur immer mit ſeiner mächtigen Geſtalt und mit der Sicherheit vertragen wollte, und hielt ſich gefaßt, daß er wohl eine geraume Zeit darin verbleiben könne, ehe ſeine Dienſte anderwärts vonnöthen ſeyn würden. e — u 156 Dem Leſer wird es nicht ſchwer ankommen zu glauben, daß ein Menſch von den Anſichten unſers Grenzlers ſeine ſtille Wache nicht antrat, ohne ſich über die Beſchaffenheit der Gäſte, die er zu empfangen haben dürfte, gar manche Gedanken zu machen. Es geht aus dem bisher Erzählten genugſam hervor, wie der in ſeiner Seele vorherrſchende Verdacht kein anderer war als der, daß die unwillkommnen Boten des Stuart dem Fremden auf den Ferſen folgten; wie aber auch, bei aller eingebildeten Wahrſcheinlichkeit dieſer Vermuthung, ſeine Seele nicht ganz frei von geheimen Ahnungen war, daß die zwei letzten Töne der Muſchel von anderen als irdiſchen Weſen herrührten. Allle Legenden, die glaubwürdigſten Zeugenausſagen über Fälle von übernatürlichen Einwirkungen, wie ſie ſich in den Kolonien Neu⸗Englands offenbarten, bewieſen einſtimmig, daß die gefallenen Geiſter ein boshaftes Vergnügen daran fanden, mit ihren hölliſchen Neckereien Diejenigen zu verfolgen und ſonſt auf alle Weiſe zu quälen, welche an einem Glauben feſthielten, der, wie angenom⸗ men wurde, ihren undankbaren, von Gott verlaſſenen Naturen ſo zuwider war. Noch waren die Eindrücke, welche die Zuſammen⸗ kunft mit dem Reiſenden in dem Walde auf Eben Dudley's Geiſt natürlich machen mußte, friſch; und ſo ſchwankte er denn jeden Augenblick zwiſchen der Erwartung, einerſeits, daß von den Leuten, welche er mit ſo wenig Umſtänden veranlaßt hatte, das Thal zu verlaſſen, Einer, um heimlich Eingang zu erlangen, zurückkehren, und andrerſeits, daß ſich vor ſeinen widerſtrebenden Augen irgend etwas ereignen würde, was die den Unſichtbaren auf eine Zeit eingeräumte Gewalt fürchterlich bekundete. Ihm war jedoch be⸗ ſchieden, die Erfüllung weder der einen noch der andern Erwar⸗ tung zu erfahren. Unſer abergläubiſcher Wachtthuender hatte zwar einen ſtarken Hang zum Ueberfinnlichen; in ſeiner Zuſammenſetzung befand ſich jedoch zu viel von den Schlacken irdiſcher Dinge, als daß er über die menſchlichen Schwächen erhaben geweſen wäre. ——4,— ½ ced Einen ſo belaſteten Geiſt mußten ſeine eigenen Betrachtungen end⸗ lich ermüden, und in dem Verhältniß, wie ſeine ungeheuren An⸗ ſtrengungen ihn abſpannten, wuchs allmählich die urſprüngliche Herrſchaft der Materie. Die Gedanken, ſtatt, wie der Drang des Augenblicks zu heiſchen ſchien, klar und thätig zu ſeyn, fingen an zu verſchwimmen. Ein⸗ oder zweimal erhob ſich der Grenzler zur Hälfte, und ſchien ſich ſpähend umzuſchauen; aber dann fiel ſeine ſchwere Wucht wieder in ihre vorige, halb liegende Stellung zurück, und regte ſich nicht. Dieſe Bewegung wiederholte ſich, in immer längeren Zwiſchenräumen, einige Male, bis nach Ver⸗ fluß einer Stunde der junge Mann den im Tage ausgeſtandenen Strapazen unterlag, und Alles, Jagd, Soldaten und böſe Geiſter ganz und gar vergeſſen war. Nicht unbeweglicher ſtanden die hohen Eichen des nahen Waldes in der windſtillen Nacht, als ſeine Ge⸗ ſtalt jetzt gegen die Wand ſeiner engen Behauſung ſich lehnte. Wie viel Zeit auf dieſe Weiſe in Unthätigkeit verloren ge⸗ gangen ſey, hat Eben Dudley nie genau beſtimmen können. Er blieb indeß immer ſteif und feſt dabei, es könne nicht ſehr lange geweſen ſeyn, da ſeine Wache von keinem jener Töne aus dem Walde geſtört worden wäre, welche dann und wann in der Stille der Nacht vernehmbar werden, und die man verſucht wird, als das Athmen des Waldes in ſeinem Schlafe zu betrachten. Des jungen Mannes erſte, deutliche Erinnerung war, daß er ſeine Hand feſtgehalten fühlte. Aufſpringend, ſtreckte er den einen Arm aus, und rief noch halb im Schlafe: „Wenn der Bock durch einen Schuß im Kopfe gefallen iſt, gut, ſo iſt er Dein, Ruben; iſt aber die Wunde in der Hüfte oder an den Weichen, ſo hat eine feſtere Hand das Wild erlegt.“ „Fürwahr, eine ſehr gerechte Eintheilung der Beute,“ erwiederte Jemand im verhaltenen Tone, als wenn zu lautes Sprechen gefahr⸗ bringend wäre. Du gibſt den Kopf des Rehes dem Ruben Ring zum Schild, und behältſt den Reſt des Thiers für Dich zum Privatgebrauch.“ 158 „Wer hat denn Dich zu dieſer Stunde nach der Pforte ge⸗ ſchickt? Weißt Du nicht, daß Fremde draußen in den Feldern liegen ſollen?“ „Ich weiß, daß gewiſſe Leute, die nicht Fremde ſind, hier drinnen auf ihrem Wachtpoſten liegen!“ ſagte Glaube Ring.„Was für Schande würde über Dich kommen, Dudley, wenn der Kapitän und die Uebrigen im Hauſe, welche ſo eifrig bei'm Gebet waren, nur im entfernteſten vermutheten, wie wenig Du Dich derweilen um ihre Sicherheit kümmerteſt!“ „Iſt ihnen Leids widerfahren? Wenn der Kapitän ſie mit geiſtlichen Uebungen beſchäftigt hat, ſo wird er hoffentlich einge⸗ ſtehen, daß nichts Irdiſches durch die Pforte eingegangen ſey, was ſeine Andacht unterbrochen hätte. So wahr ich hoffe, in Allem, was meinen Ruf betrifft, billig behandelt zu werden, ich bin nicht ein einziges Mal vom Thore geweſen, ſeit ich hier auf der Wache bin.“ „Sonſt wäreſt Du auch der berühmteſte Nachtwandler in der ganzen Kolonie von Connecticut! Glaube mir, Schläfriger, keine Muſchel kann einen hellern Schall von ſich geben, als Du heraus⸗ trompeteſt, wenn Du erſt ſo recht die Augen geſchloſſen haſt. Das mag, ſo wie Du das Wort verſtehſt, wachen heißen; gewiß weiß ein Säugling in ſeiner Wiege noch einmal ſo viel von dem, was um ihn her vorgeht, als Du von der letzten Stunde.“ „Mich will bedünken, Glaube Ring, daß Du Dir das Wider⸗ bellen und Freunden Uebles Nachſagen ſtark angewöhnt haſt, ſeit dem Beſuch der überſeeiſchen Windbeutel.“ „Ich kümmere mich nicht um die überſeeiſchen Windbeutel, und auch nicht um Dich, Menſch! Ein Mädchen wie ich braucht ſich nicht von Einem, der gar nicht weiß ob er ſchlafe oder wache, mit hochfahrender Rede aufziehen zu laſſen. Ich ſage Dir, Dein guter Name in der Familie wäre hin, käme es dem Kapitän zu Ohren, oder, ganz beſonders, wenn der ſoldatiſche Fremde im Hauſe, mit dem die Herrin ſo viele Umſtände macht, erführe, wie Du mit 2S8ͤ ——— 159 muſikaliſcher Naſe, offnem Mund und geſchloſſenen Augen ge⸗ wacht haſt.“ „Wenn iemand anderes als Du, mir ſolchen Leumund nach⸗ ſagte, Mädchen, ſo würde nicht viel fehlen, daß es harte Worte zwiſchen uns ſetzte! Dein Bruder Ruben Ring würde mich nicht durch ſolche falſche Anklage reizen; dazu iſt er viel zu verſtändig.“ „Du verfährſt ſo großmüthig gegen ihn, daß er Deine Miſſethaten gern vergißt. Du ſprichſt wahr: er hat das Haupt des Bockes, während Du Dich mit den Kaldaunen und den ſchlechteren Theilen begnügeſt! Geh', Dudley, Du haſt ſchwer geträumt, als ich Dich weckte.“ „Schöne Zeiten, in denen wir leben, wo nicht bärtige, ſtark⸗ bewaffnete Männer, ſondern Mädchen mit Pantöffelchen, die Runde machen, um zu berichten, wer da ſchläft, und wer da munter iſt! Was hat Dich denn ſo weit weg von den Andachtsübungen und ſo nahe an das Thor geführt, Jungfer Glaube, jetzt, wo es keine überſeeiſche ſchmucke Dragoner gibt, die Deinem Ohre ſchmeicheln, und Dir Lügen und leichtfinnige Erklärungen vorſchwatzen?“ „Traun, wenn Reden, die keinen Glauben verdienen, das ſind was ich ſuche,“ erwiederte das Mädchen,„ſo bin ich gewiß nicht umſonſt gegangen. Was mich hergeführt hat, ei! je nun, die Madam braucht Sachen aus der Butterkammer draußen.... und da.... nun ja.... da haben mich denn meine Ohren hierher ge⸗ führt. Du weißt ja, tonkünſtleriſcher Dudley, daß ich ſchon ehe⸗ dem Gelegenheit hatte zu hören, wie Dein Wachtgeſpräch klingt. Doch meine Zeit iſt zu koſtbar, als daß ich ſie hier müßig zubringen ſollte; jetzt biſt Du wach, und kannſt Derjenigen immer Dank wiſſen, die, ohne den Wunſch, damit groß zu thun, den Dienſt ge⸗ leiſtet hat, daß ein Schwarzbärtiger nicht bei allen jungen Männern in der Familie zum Gelächter wird. Wenn Du Dich nicht ſelbſt verplauderſt, ſo kann der Kapitän Dich noch immer als eine 160 wachſame Schildwacht loben; obgleich ihm dann der Himmel das Unrecht verzeihen mag, das er der Wahrheit anthut.“ „Na, na, kann ſeyn, daß ein wenig Verdruß über Deinen un⸗ gegründeten Verdacht mich mehr ſagen ließ, Glaube Ring, als nöthig war, da ich Dir den Vorwurf machte, daß Du gern wider⸗ belleſt; und ich widerrufe jetzt dieſes Wort. Aber das werde ich ſtets leugnen, daß meine Gedanken etwas mehr beſchlichen hätte, als eine, gewiſſermaßen, traumartige Erinnerung an die heutige Jagd, wodurch ich denn vielleicht vergeſſen haben mag, daß ich an der Pforte nicht laut werden durfte; daher will ich Dir, ſo wahr ich ein Chriſtenmenſch bin, verzeihen, daß..... 4 Glaube Ring war aber ſchon außer Geſich ts⸗ und Gehörkreis. Dudley fing jetzt doch an, einige Gewiſſensbiſſe zu fühlen wegen der Undankbarkeit, die er einem Mädchen bewies, das ſich ſeinen Ruf ſo angelegen hatte ſeyn laſſen, und dachte nun reiflich darüber nach, was ihm jetzt zu thun obliege. Er hatte ſtarken Grund zu vermuthen, die Nacht ſey weiter vorgerückt, als er anfangs glauben wollte; daher leuchtete ihm die Nothwendigkeit mehr und mehr ein, daß er denn doch über ſeine Wache Bericht abſtatten müſſe. Demgemäß warf er einen prüfenden Blick um ſich her, damit er ſich überzeuge, daß der Thatbeſtand auch ſeine Ausſage nicht Lügen ſtrafe; ſodann unterſuchte er Schloß, Riegel und Balken an der Pforte; worauf er bergan ſtieg und in's Wohnzimmer der Familie trat. Da die Hausgenoſſen in der That den größten Theil der Zeit ſeiner Abweſenheit in Andachtsübungen und religiöſem Geſpräch zugebracht hatten, ſo wurden ſie ſeines langen Ausblei⸗ bens weniger inne, als ſonſt vielleicht der Fall geweſen wäre. „Was für Kunde bringſt Du uns von draußen?“ ſagte Con⸗ tent, ſobald die ſich ſelbſt ablöſende Schildwacht ihre Erſcheinung machte.„Haſt Du irgend Jemand geſehen oder etwas Verdacht Erregendes gehört?“ Ehe Dudley ſich zu einer Antwort entſchließen mochte, konnte 161 er nicht umhin, einen fragenden Blick auf Diejenige zu werfen, die mit einem halb boshaften Ausdruck im Geſichte, ſeinem Stand⸗ punkt gerade gegenüber ſich etwas zu thun machte. Da er indeſſen nichts weiter als einen Schimmer von muthwilligem aber verhal⸗ tenem Scherz an ihr gewahrte, ſo nahm er ſich zuſammen, und berichtete wie folgt: „Die Wache iſt ruhig abgelaufen,— und es iſt wenig Grund vorhanden, die Schläfrigen von ihren Betten fern zu halten. Wenn einige muntere Augen, wie Ruben Ring ſeine, und die mei⸗ nigen, bis zum Morgen ungeſchloſſen bleiben, ſo kann's freilich nicht ſchaden; doch, wie geſagt, daß Mehrere den Schlaf ent⸗ behren, iſt unnöthig.“ Der Grenzler würde ſich wahrſcheinlich ſelbſtgefällig noch weitläufiger über ſeine Bereitwilligkeit ausgelaſſen haben, den Reſt der Ruheſtunden für die Sicherheit der Schlafenden zu ſorgen, hätte ein zweiter Schelmblick aus dem lachenden Auge des Mäd⸗ chens, welche von ihrem Platze aus ſeine Züge ſo gut beobachten konnte, ihn nicht gemahnt, daß es nicht klug ſeyn dürfte, zu frei⸗ gebig mit ſeinen Anerbietungen zu ſeyn. „Dieſer Schreck wäre denn glücklich vorüber,“ ſagte der Puri⸗ taner aufſtehend.„Laſſet uns jetzt dankbar und in Frieden zu Bette gehen. Dein Dienſt ſoll nicht vergeſſen werden, Dudley; Du haſt Dich, uns zu lieb, der Gefahr ausgeſetzt, wenn auch nur einer ſcheinbaren.“ 3 „Das hat er!“ flüſterte Glaube vor ſich hin;„und ich weiß gewiß, daß wir Mädchen ſeine Gutwilligkeit nicht vergeſſen werden, die Süßigkeit des Schlafes hinzugeben, auf daß die Schwachen kein Harm treffe.“ „Sprecht nicht von der Kleinigkeit;“ erwiederte der Andere befan⸗ gen.„Es muß irgend eine Täuſchung mit den Tönen geweſen ſeyn, denn jetzt glaube ich, daß die Muſchel, außer dem einen Mal, wo der Fremde hier Einlaß begehrte, dieſe Nacht gar nicht berührt worden iſt.“ Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 11 162 „War's eine Täuſchung, ſo wiederholt ſie ſich eben jetzt!“ rief Content, indem er vom Stuhle aufſprang. Ein ſchwacher, zitternder Ruf aus der Seemuſchel, dem ähnlich, welcher zuerſt ihren Gaſt angekündigt hatte, wand ſich abermals durch die Ge⸗ bäude, bis jeder im Hauſe ihn vernahm. „Hier iſt eine Warnung, nicht minder geheimnißvoll als ſie Unglück bringend ſeyn kann!“ ſagte der alte Heatheote, nachdem die allgemeine Ueberraſchung, oder vielmehr Beſtürzung, etwas nachgelaſſen hatte.„Haſt Du denn nichts geſehen, was ſo etwas erwarten ließ?“ Eben Dudley aber war, wie die meiſten Anderen, zu ſehr außer Faſſung, um antworten zu können. Alle ſchienen ängſtlich zu lauſchen, ob nicht der zweite, ſtärkere Ton, der die Nachahmung des Rufs, mit welchem der Fremde ſich angekündigt hatte, vervoll⸗ ſtändigte, nicht folgen würde. Nicht lange durften ſte harren, denn nach einem Zwiſchenraum, dem, welcher zwiſchen den zwei früheren Tönen des Horns verſtrich, an Dauer gleich, folgte der zweite, und wieder ſo feſt und anhaltend, daß er vollkommen klang wie ein Echo.— Eilftes Kapitel. Ich will heut wachen; Vielleicht wird's wieder kommen. Hamlet. „Sollte das nicht ein aus Gnade gegebenes Warnungszeichen ſeyn?“ fragte mit einer Feierlichkeit, welche nicht verfehlte, auf die meiſten Zuhörer einen entſprechenden Eindruck zu machen, der Puritaner, der ohnedies ſtets geneigt war, an übernatürliche Offen⸗ barungen der fürwaltenden Vorſehnng zu glauben.„Iſt ja doch die Geſchichte unſrer Kolonien voll von Beweiſen ſolcher gnädigen Dazwiſchenkunft.“ tt. ichen auf der pffen⸗ doch digen 163 „Wir wollen es als eine ſolche betrachten;“ erwiederte der Fremde, an den die Frage beſonders gerichtet ſchien.„Unſer erſter Schritt ſey, die Gefahr, vor der wir gewarnt werden, ausfindig zu machen. Der junge Mann, der den Namen Dudley führt, beſitzt eine große Körperkraft und männlichen Muthz; ſeinen Beiſtand bitte ich mir aus, und hiermit überlaſſet es mir, zu entdecken, was dieſe wiederholten Rufe der Muſchel ſagen wollen.“ „Du wirſt doch nicht wieder der Erſte ſeyn wollen, der der Gefahr die Stirn bietet, Unterwerfung!“* rief Marcus mit einer Ueberraſchung, welche Content und Ruth theilten, da die letztere ihr kleines Ebenbild an ſich drückte, als ob der bloße Vor⸗ ſchlag ſchon ihr ein kräftiges Bild von übernatürlicher Gefahr vor die Seele führte.„Du wirſt wohl daran thun, den Schritt erſt reiflich zu überlegen, ehe Du wagehalſig einem ſolchen Aben⸗ teuer entgegengehſt.“ „Es iſt beſſer, wenn ich ihn thue,“ ſagte Content,„da ich an die Erſcheinungen im Walde ſchon gewöhnt bin, und mit allen den Zeichen, woran die Nähe Derjenigen, die uns ſchaden wollen, zu erkennen iſt, vertraut bin.“ „Nein,“ ſagte der, deſſen Name: Unterwerfung— jetzt zum erſten Mal genannt worden war, ein Name, welcher an die reli⸗ giöſe Schwärmerei der Zeit erinnert, und den wahrſcheinlich der Fremde angenommen hatte, als ein öffentliches Bekenntniß ſeiner Bereitwilligkeit, ſich irgend einer beſondern Fügung der Vor⸗ ſehung zu unterwerfen;—„mir ſteht dieſer Dienſt zu. Du biſt Gatte und Vater, und Viele ſchauen auf zu Dir, da Deine Sicher⸗ heit der Fels iſt, auf dem ihr irdiſcher Unterhalt und Genuß ruht, während keine Familie, kein.... doch laß uns nicht von Dingen ſprechen, die nicht zur Sache gehören. Du, Marcus Heatheote, weißt es, Gefahr und ich ſind einander nicht fremd. Auch iſt es ziemlich überflüſſig, mir Vorſicht anzurathen. Komm, Forſtmann, * Herr Unterwerfung iſt alſo der Name des Fremden. ——————— 164 nimm Dein Gewehr, und halte Dich bereit, Deiner Männlichkeit, ſollte ſie auf die Probe geſtellt werden, Ehre zu machen.“ „Und warum nicht Ruben Ring?“ ſagte eine haſtige, weib⸗ liche Stimme, die Alle ſogleich für die der Schweſter des namhaft gemachten Jünglings erkannten.„Er iſt ſcharfſichtig und kampf⸗ fertig bei dergleichen Nothfällen; wäre es nicht gut, wenn Du Dich durch ſolche Hülfe verſtärkteſt?“ „Sey ruhig, Mädchen,“ bemerkte Ruth mit Sanftmuth.„Es hat ein Mann die Sache in die Hand genommen, dem das Anfüh⸗ reramt nichts Fremdes iſt; er bedarf keines Raths von Deiner kurzen Erfahrung.“ Glaube ſchrack beſchämt zurück, indem die Röthe, welche ihre braune Wange überzog, ſich bis zur Blutfarbe ſteigerte. Unterwerfung— wiy bedienen uns dieſer Benennung aus Mangel an einer andern— blickte feſt und prüfend das Geſicht des Mäd⸗ chens auf einen Augenblick an, und ruhig, als ob ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von dem Hauptgegenſtand nicht abgelenkt worden wäre, verſetzte er: „Wir gehen, um das auszuſpähen und zu beobachten, was in Zukunft die ſchnelle Hülfe dieſes Jünglings nöthig machen kann; allein jetzt würde eine ſtärkere Anzahl nur machen, daß wir um ſo leichter beobachtet werden würden, ohne daß wir mehr dadurch ausrichteten.... und doch,“ fügte er, nachdem er ſchon nach der Thür zugegangen war, plötzlich ſtillſtehend, und lang und ernſt den indianiſchen Knaben anſehend hinzu,„hier ſteht vielleicht Einer, der uns viel Aufſchluß zu geben im Stande wäre, wollte er nur ſprechen!“* Dieſe Bemerkung zog jedes Auge auf die Perſon des Gefan⸗ genen. Der Knabe hielt das allgemeine Prüfen mit der uner⸗ ſchütterlichen, unbeweglichen Gelaſſenheit aus, die ſeiner Race ſo eigenthümlich iſt; allein obgleich ſein Auge den Blick der ihn Um⸗ gebenden ſtolz und würdevoll erwiederte, ſo war doch kein Schimmer vollte hefan⸗ uner⸗ ace ſo Um⸗ mmer 165 von jenem düſtern Trotz darin, der ſo oft aus demſelben her⸗ vorblitzte, wenn er Urſache hatte zu glauben, daß ſein Schickſal oder ſeine Perſon den beſondern Gegenſtand der Unterhaltung Derjenigen, unter denen er wohnte, bildete. Im Gegentheil, der Ausdruck ſeines dunklen Geſichts deutete eher auf Freundſchaft als auf Haß; ja der flüchtige Blick, welchen er auf Ruth und ihre Kinder warf, war ſichtbar ein mitleidsvoller. Daß ein ſolches Ge⸗ fühl der ſcharfſichtigen Wachſamkeit einer Mutter nicht unbemerkt blieb, iſt natürlich. „Das Kind hat ſich des Vertrauens würdig gezeigt,“ ſagte ſte;„im Namen Deſſen, der alle Herzen prüft und kennt, gebt ihm noch einmal die Freiheit.“ „Sie verſtummte plötzlich; denn abermals gab die Muſchel ein Zeichen, als wenn man draußen ungeduldig harrete, eingelaſſen zu werden. Gleich dem Schalle, welcher die Nähe irgend eines großen und furchtbaren Gerichts verkündet, durchbebten die vollen Töne die Nerven der beſtürzten Hörer. Umwallt von dieſen ſchauerlichen und geheimnißvollen Lauten, war der Fremde der Einzige, welcher ruhig und unbewegt zu bleiben ſchien. Bis der letzte Ton im Gebäude verklungen war, blickte er den Knaben an; jetzt ließ dieſer das Haupt auf die Bruſt fallen, da gab der Fremde dem Dudley einen füüchtigen Wink und verſchwand. Die einſame Lage des Thales, die dunkle Stunde und die Beſchaf⸗ fenheit der mehrmaligen Unterbrechungen hatten zuſammen in der That etwas höchſt Beunruhigendes, ſelbſt für die Bruſt ſo uner⸗ ſchrockener Menſchen als Die waren, die jetzt in's Freie traten, um die Auflöſung von Zweifeln zu ſuchen, welche anfingen, äußerſt peinlich zu werden. Der Fremde, oder ‚Unterwerfung,“ wie wir in Zukunft ihn oft zu nennen Gelegenheit haben werden, ging ſchweigend voran nach einem Punkte auf der Anhöhe außerhalb der Gebäude, von wo aus das Auge die den Hügel einhegenden 166 Palliſaden überſchauen konnte und der auch von Allem jenſeits, ſo weit das düſtre und unvollkommene Leicht es geſtattete, eine beherr⸗ ſchende Ausſicht darbot. Der Anblick war von der Art, daß er für den an ein Leben auf der Länderſcheide nicht Gewöhnten, zu jeder Zeit etwas Schauer⸗ liches hatte. Breit, unüberſehbar und dem Scheine nach pfadlos, lag der Wald um ſie her, den Blick auf die engen Grenzen des Thales einhemmend, ſo daß man ſich in eine ägyptiſche, von einem Ocean von Wüſteneien eingeengte, Oaſe verſetzt wähnen konnte. Etwas weniger undeutlich waren die innerhalb der Grenzen des gelichteten Bodens befindlichen Gegenſtände, obgleich ſelbſt die nächſten und bekannteſten nur in den ſchillernden und dunkeln Um⸗ riſſen der Nacht unterſchieden werden mußten. Ueber dieſe düſtre Scene hin ſchweifte nun lange der vorſich⸗ tige Blick von Unterwerfung und ſeinem Gefährten. „Hier gibt's nichts als regungsloſe Baumſtümpfe und ſchnee⸗ beladene Zäune zu ſehen,“ ſagte der Erſtere, nachdem ſein Auge den ganzen Umkreis der auf jener Seite des Thals ſich darbieten⸗ den Ausſicht überblickt hatte.„Wir müſſen hinaus, um näher in die Felder hinabſchauen zu können.“ „Hier geht der Weg nach der Pforte,“ ſagte Dudley, als er bemerkte, daß der Andere eine demſelben entgegengeſetzte Richtung einſchlug. Allein auf einen gebieteriſchen Wink, den er erhielt, verſtummte er plötzlich und folgte gehorſam dem Anführenden. Dieſer ging faſt die Hälfte der Anhöhe herum, ehe er an einem Platz, wo große Holzſtöße, zum Feuerungsbedarf der Fa⸗ milie, aufgehäuft lagen, zu den Palliſaden hinabſtieg. Der Fleck lag an der ſteilſten Seite des Hügels, welcher an dieſem Punkt ſo ſchwer zu erſteigen war, daß die Stacketen hier weit weniger nöthig waren, als an den minder abſchüſſigen Hügelwänden. Doch ſelbſt an dieſem günſtigen Punkte der Befeſtigungen war kein zur Sicherſtellung der Familie dienliches Mittel vernachläſſigt worden. ſo ſerr⸗ leben auer⸗ dlos, des inem unte. des t die Um⸗ rſich⸗ chnee⸗ Auge bieten⸗ her in als er ichtung erhielt, n. er an ſer Fa⸗ r Fleck Punkt weniger Doch ein zur worden. 167 Die Holzſtöße waren in ſolcher Entfernung von den Pfählen ange⸗ legt, daß ſie Außenſtehenden das Erſteigen nicht erleichterten, wäh⸗ rend ſie andrerſeits Wall und Bruſtwehr bildeten, die zur Sicher⸗ heit Derjenigen, welche ſich hinter dieſem Theil der Feſtung hätten vertheidigen müſſen, nicht wenig würden beigetragen haben. Der Fremde ging raſch zwiſchen dem Labyrinth der parallel aufgeſchich⸗ teten Holzſtöße hindurch, bis er den zwiſchen den äußerſten Reihen und den Palliſaden befindlichen Raum erreichte, der mit gutem Vorbedacht zu breit war, als daß ein Mann ihn hätte überſprin⸗ gen können. „s iſt eine liebe Zeit, ſeitdem ich dieſen Platz mit einem Fuß betreten habe,“ ſagte Eben Dudley, indem er dabei den Weg unſicher vorwärts tappte, den der Vorangehende, ohne ein einziges Mal innezuhalten, verfolgte.„Hab' ich doch dieſe äußeren Schichten vor einigen Wintern mit eigenen Händen gelegt, und bin gewiß, daß von jener Stunde an kein Menſch ein Scheit von dieſem Holze auch nur berührt hat.... Und dennoch kommt mir's vor, daß für Jemand, der von jenſeits der See herkommt, Du Dich gewaltig leicht durch dieſe engen Gänge zu⸗ rechtzufinden weißt.“— „Wer ſein Geſicht hat, wird doch wohl zwiſchen Luft und büchenen Klötzen unterſcheiden können,“ erwiederte der Andere. Hier blieb er vor den Palliſaden plötzlich ſtehen, an einem Ort, der durch drei⸗ ja vierfache Holzreihen vor jedem ſpähenden Auge innerhalb der Feſtung geſchützt war. Er fühlte nach etwas in ſeinem Gürtel, und Dudley entdeckte bald, daß er einen Schlüſ⸗ ſel hervorzog. Während der Letztere, bei'm geringen Licht, welches der Nachthimmel darbot, ſeine Augen ſo ſehr als möglich zu ihrem Dienſt anſtrengte, ſteckte Unterwerfung den Schlüſſel in ein Schloß, das künſtlich, in der Höhe einer Mannsbruſt vom Boden, in eines der Holzſtücke eingeſenkt war, und nachdem er einigemal recht tüchtig umgedreht, gab ein ungefähr 3 Fuß langes Stück der 168 Palliſadeneinhegung, das ſich in einer horizontalen Angel bewegte, nach, fiel und ließ eine Oeffnung, durch welche ein menſchlicher Körper bequem hindurchgehen konnte. „Hier finden wir einen Raum bereitet zu unſerm Ausfall,“ bemerfte kaltblütig der Fremde, indem er dem Andern einen Wink gab, vorauszugehen. Nachdem Dudley durchgegangen war, folgte ſein Begleiter und verſchloß die Oeffnung wieder ſorgfältig hinter ſich. „Nunmehr iſt alles wieder feſt und wir befinden uns im Freien, ohne daß irgend Jemand, wenigſtens von ſterblicher Geburt, uns bemerkt hätte,“ fuhr der Wegweiſer fort. Dabei ſuchte er mit der Hand in den Falten ſeines Wamſes, wie nach einer Waffe, und ſchickte ſich an, den ſchwierigen Abſturz, welcher noch zwiſchen ihm und den Füßen des Hügels lag, hinabzuſteigen. Eben Dudley nahm Anſtand, ihm zu folgen. Seiner erhitzten Einbildungskraft ſtellte ſich das Zuſammentreffen mit dem Reiſenden im Walde vor, und die Geſichte von übernatürlichen Einwirkungen lebten wieder in ihrer ganzen urſprünglichen Stärke in ihm auf. Die Weiſe aber und der geheimnißvolle Charakter ſeines Gefährten waren wenig geeignet, einem von dergleichen Bildern getrübten Gemüth die Faſſung wiederzugeben. „Es läuft ein Gerücht in der Kolonie,“ flüſterte der Grenzler dem Andern zu,„daß den Unſichtbaren eine Zeit lang geſtattet iſt⸗ ihre Bosheit auszuüben; und es kann ſich wohl zutragen, daß einige aus ihrer gottloſen Mitte, aus Mangel an beſſerer Beſchäf⸗ tigung, nach Wiſh⸗Ton⸗Wiſh gekommen ſind.“ „Ganz richtig,“ erwiederte der Fremde;„doch die Macht, die ihre boshaften OQuzlereien zuläßt, kann auch für gut befunden haben, ſich einen eigenen Diener zu erkieſen, der jene verſchmitzten An⸗ ſchläge zu Schanden mache. Wir wollen uns jetzt näher heran ans Thor machen, um ihr tückiſches Beginnen zu bewachen.“ Dieſe Worte ſprach Unterwerfung mit Ernſt, ſogar mit einem Grade von Feierlichkeit. Dudley fügte ſich ſeiner Willensmeinung, inem ung, 169 obgleich nur mit getheiltem und beunruhigtem Geiſte. Die Umſicht, mit welcher er den Fußtapfen des Fremden folgte, war ſo groß, daß ſie jedem noch ſo ſcharf beobachtenden Weſen hätte unbemerkt bleiben können, es müßte denn dieſes ein ſolches ſeyn, deſſen Ent⸗ deckungsmittel außerhalb des Bereichs menſchlicher Kräfte liegen. Nachdem die beiden Aufpaſſer einen geheimen, ihrem Zweck entſprechenden Platz unweit der Pforte ausgemittelt hatten, nahmen ſte eine bequeme Stellung an, um ſchweigend den Erfolg abzuwar⸗ ten. Die Außengebäude lagen in tiefer Ruhe vor ihnen; von allen den vielen Bewohnern, die ſie enthielten, ließ ſich auch nicht der mindeſte Ton hören. Die Linien der rohen Feld⸗Einzäunungen; die ſchwärzlichen Baumſtümpfe mit kleinen Schneepyramiden gekrönt; die höheren und hin und wieder verdächtig ausſehenden gekappten Stämme; ein einzeln ſtehender Baum und endlich die unabſehbare Waldreihe— Alles war auf gleiche Weiſe regungslos, düſter und in die zweideutigen Geſtalten der Nacht eingehüllt. Der Raum jedoch, unmittelbar vor der wohlverſchloſſenen, dreifach verriegelten Pforte, war frei, und eine breite Lage fleckenloſen Schnees diente als Hintergrund, der das Daſeyn jedes ſich über demſelben weg bewegenden Weſens unfehlbar verrathen haben würde. Selbſt die Muſchel konnten ſie an einem der Pfähle hangen ſehen, ſo ſtumm und harmlos wie zu der Stunde, wo die Wellen ſie an den Strand geſpült hatten.. „Hier wollen wir auf die Ankunft des Fremden Acht geben, habe er nun ſeinen Auftrag von den Gewalten in den Lüften, oder ſey ſein Geſchäft ein irdiſches,“ ſprach Unterwerfung leiſe, und hielt ſeine Waffe zum fertigen Gebrauch in Bereitſchaft, während er zugleich ſeiner Perſon eine Stellung gab, in welcher das Er⸗ müdende einer langen Wache am wenigſten läſtig fällt. „Ich wollte, mein Gewiſſen wäre damit auf dem Reinen, ob es auch recht iſt, Jemanden bloß deßwegen Leids zuzufügen, weil er die Ruhe einer Grenzlerfamilie ſtört,“ ſagte Dudley mit einer 170 aus Vorſicht ziemlich gedämpften Stimme;„bei dem allem aber dürfte es doch rathſam ſeyn, den erſten Streich zu führen, ſollte etwa ein überſeeiſcher Soldat ſich geneigt zeigen, uns zu dieſer Stunde zu beunruhigen.“ „In dem Fall wirſt Du wohl thun, wenn Du die Ordnung des Angriffs nicht ſonderlich beachteſt,“ erwiederte der Andere mür⸗ riſch.„Sollte noch ein Bote aus England erſcheinen... 2 Er hielt inne, denn ein Ton aus der Muſchel erhob ſich lang⸗ ſam in die Lüfte, bis das Thal in ſeiner ganzen Ausdehnung von deſſen vollem und traurigem Schall erfüllt war. „Von einem Menſchen iſt keine Lippe an der Muſchel!“ ſchrie der Fremde, der, ſo wie Dudley, ſich vorwärts nach der Pforte zu gebogen hatte, ſobald der Windſtoß ſein Ohr erreichte, und auch ſo wie Dudley zurückſchrack, und zwar mit einer Beſtürzung, die ſelbſt ſeine geübte Selbſtbeherrſchung ihn nicht zu verbergen be⸗ fähigte, als er ſich vollkommen von der Wahrheit ſeiner Behaup⸗ tung überzeugt hatte.„Dies überſteigt alle früheren Beiſpiele überſinnlicher Heimſuchungen!“ „Es iſt vergeblich, daß die ſchwache Menſchennatur Dingen trotzen will, ſo aus der unſichtbaren Welt kommen,“ erwiederte der Forſtmann an ſeiner Seite.„Bei ſolchem Nothfall geziemt es ſich, daß der ſündliche Menſch ſich in die Wohnung zurückziehe, wo das geiſtliche Ringen des Kapitäns uns Kraft gibt, daß wir unſrer Schwäche nicht unterliegen.“ Gegen dieſen beſcheidenen Vorſchlag hatte der Fremde nichts einzuwenden. Ohne ſich ſo viel Zeit zu nehmen, als nöthig war, um ihren Rückzug mit der Vorſicht zu bewirken, welche ſie bei'm Vorwärtsgehen beobachtet hatten, ſahen ſich die beiden Abenteurer bald an dem geheimen Eingang, aus dem ſie vor wenig Augen⸗ blicken herausgeſchlüpft waren. „Hinein,“ ſagte der Fremde, indem er den bereits erwähnten Theil der Palliſaden niederfallen ließ, um ſeinen Begleiter durchzulaſſen. 7171 „Um's Himmels willen hinein! denn führwahr, es iſt an der Zeit, daß wir alle unſre geiſtlichen Kräfte vereinigen.“ Dudley war im Begriff, der Aufforderung nachzukommen, als eine dunkle Linie, von einem leiſen Pfeifen begleitet, zwiſchen ſeinem Kopfe und dem des Fremden die Luft durchſchnitt. In der näch⸗ ſten Secunde bebte ein Pfeil mit ſteinerner Spitze im Pfahle. „Der Heide!“ ſchrie der Grenzler, und mit dem Erſcheinen einer ihm ſchon vertraut gewordenen Gefahr, kam ihm auch ſein ganzer Muth wieder, und ein Feuerſtrahl ſchoß nach der Richtung hin, von woher die verrätheriſche Wurfwaffe hergeflogen kam. „An die Palliſaden, Leute! der blutige Heide iſt da!“ „Der Heide!“ wiederhallte es vom Fremden, in einer tiefen, feſten Befehlshaber⸗Stimme, die offenbar ſchon unter drangvolleren Umſtänden das Warnungswort mußte gegeben haben, und zugleich drückte er ein Piſtol ab, was eine über den Schnee gleitende Ge⸗ ſtalt darniederſtreckte.„Der Heide! der blutige Heide iſt da!“ Als wenn beide, die Angreifenden und die Angegriffenen, Athem holen wollten, folgte ein Augenblick tiefer Stille auf dieſe jähe Unterbrechung der Ruhe der Nacht. Jetzt aber ward das Geſchrei der beiden Abenteurer durch einen Ausbruch von Geheul erwiedert, hervorſchallend aus einem weiten, den Hügel faſt um⸗ zingelnden Kreiſe. Im nämlichen Augenblicke entſtieg jedem in den Feldern befindlichen, dunklen Gegenſtande eine menſchliche Geſtalt. Dem Geheul folgte eine ganze Wolke von Pfeilen, welche ein längeres Bleiben außerhalb der Stacketen im höchſten Grade ge⸗ fährlich machten. Dudley kam hinein; doch der Fremde würde durch eine dicht auf ihn zuſpringende, heulende Rotte abgeſchnitten wor⸗ den ſeyn, wenn nicht ein breiter Feuerſtrom vom Hügel gerade in ihre ſchwärzlichen, grimmen Geſichter blitzend, die Angreifenden den⸗ ſelben Weg zurückgetrieben hätte. Noch ein Augenblick, und die Riegel des Schloſſes waren vorgeſchoben und die beiden Flüchtlinge— ſicher hinter den mächtigen Holzſtößen. 172 Zwölftes Kapitel. Es braucht kein Geiſt vom Grabe herzukommen, Um das zu ſagen. Hamlet. Wenn in jener Nacht die Gemüuther der meiſten, wo nicht aller Hausgenoſſen von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. mächtig von dem Glau⸗ ben ergriffen geweſen, daß die Gewalten der unſichtbaren Welt ihre Wuth an ihnen auszulaſſen bereit wären, ſo zeigte ſich die Gefahr ihnen jetzt auf eine zu augenſcheinliche Weiſe, um fer⸗ nerer Ungewißheit Raum zu geſtatten. Jede Lippe rief:„der Heide!! ſelbſt die Tochter und die Pflegetochter Ruth's wiederholten das Geſchrei, indem ſie weinend die Gemächer durchliefen, und auf einen Augenblick hatten Schrecken und Ueberraſchung die Angegriffenen offenbar in unaufloͤsliche Verwirrung gebracht. Doch die Ge⸗ ſchwindigkeit, mit welcher die jungen Leute zur Abwehr ſtürzten, und die Beſonnenheit Content's ſtellten die Ordnung bald wieder her. Die Frauenzimmer ſogar nahmen, wenigſtens dem Scheine nach, einen Grad von Gelaſſenheit an; denn die Familie war zu lange auf eine ſolche bedrängte Lage vorbereitet, um auf längere Zeit, als die erſten und ſchrecklichſten Augenblicke der Ueberraſchung, außer Faſſung zu bleiben. Als der Feind plötzlich zurückgeſchlagen war, ſo entſprach die Wirkung ganz der bisher von den Anſiedlern in ihren indianiſchen Der Angriffslärm hörte eben Feldzügen gemachten Erfahrung. ſo im Nu auf, als er entſtanden war, und eine ſo tiefe Stille, eine ſo regungsloſe Ruhe folgte, daß, wenn Jemand zum erſtenmal Zeuge eines ſolchen Auftritts geweſen wäre, er ihn leicht für die Täuſchung einer entſetzten Einbildungstraft gehalten hätte. Die beiden Abenteurer, durch deren Rückzug der Angriff wahrſcheinlich beſchleunigt wurde, indem derſelbe die Lockung eines & ᷣ 173 leichten Eindringens in die Feſtung darbot, verließen während dieſer Minute des allgemeinen, tiefen Schweigens ihren Platz hinter den Holzſtößen, und ſtiegen den Hügel hinan dem Orte zu, wo Content, wie Dudley wußte, im Falle eines Aufrufs zur Vertheidigung, ſeinen Poſten hatte. 5 „Wenn mich nicht alles trügt, was ich von der Liſt der Heiden gehört habe,“ ſagte der Fremde,„ſo werden wir eine kleine Zeit Ruhe haben, ehe der Angriff erneuert wird. Ich habe einige Er⸗ fahrung als Soldat; glaubt mir daher, wenn ich ſage, daß nichts jetzt dringender iſt, als die Anzahl und die Stellung unſrer Feinde auszumitteln, damit wir unſere Vertheidigung nach genauer Kenntniß ihrer Macht einrichten.“ 3 4 „Wie ſoll das geſchehen! Du ſiehſt, uns umgibt nichts als die Stille und die Dunkelheit der Nacht. Von der Anzahl unſrer Feinde zu ſprechen, ſind wir nicht im Stande, und einen Ausfall dürfen wir nicht thun, ohne den gewiſſen Untergang Aller, welche die Palliſaden verlaſſen.“ „Du vergiſſeſt, daß wir in dem Knaben eine Geißel haben; er kann uns von einigem Nutzen ſeyn, wenn wir unſere Gewalt über ſeine Perſon mit Klugheit gebrauchen.“ 1 „Ich fürchte, wir täuſchen uns mit einer leeren Hoffnung,“ erwiederte Content, indem er jedoch während des Geſprächs auf den mit dem Hauptgebäude in Verbindung ſtehenden Hofraum zuging.„Seit ſeinem unerklärbaren Wiedereinkehren in die Woh⸗ nung habe ich genau auf das Auge des Knaben Acht gegeben, und nur wenig leſe ich darin, was uns zum Vertrauen berechtigte. Glücklich, wenn kein geheimes Einverſtändniß mit denen draußen ihm bei'm Hereinkommen behülflich geweſen iſt, und er nicht einen Spion unſrer Macht und Bewegungen abgibt.“ „Was ſein Hereinkommen in die Wohnung betrifft, ohne die Muſchel zu blaſen, oder die Pforte aufgemacht zu bekommen, ſo laſſ' Dich das nicht beunruhigen;“ verſetzte der Fremde gelaſſen. „Wäre es an der Zeit, ſo dürfte es nicht ſchwer ſeyn, das Ge⸗ heimniß zu löſen; wohl aber mag es den Scharfſinn von uns Allen erfordern, um zu entdecken, ob er irgendwo mit unſeren Feinden in Verbindung ſtehe. Die Seele eines Eingebornen gibt ihre Geheimniſſe nicht her, wie die Oberfläche eines eitelmachen⸗ den Spiegels.“ Der Fremde ſprach wie ein Mann, der einen Theil ſeiner Gedanken für ſich behält, und ſein Gefährte hörte zu, wie einer, welcher mehr begreift, als klug oder geziemend iſt, ſich merken zu laſſen. Mit dieſem geheimen und doch zweideutigen, gegenſeitigen Begreifen und Begriffenwerden traten ſie in das Haus, wo ſie ſich bald in Gegenwart Derer ſahen, die ſie aufſuchten. Die beſtändige Gefahr ihrer Lage hatte die Familie gezwungen, ſich an eine ſyſtematiſche und ſtreng geordnete Vertheidigungsweiſe zu gewöhnen. Auf den Fall eines Lärmrufs hatten ſelbſt Die, welche am wenigſten Körperkraft und Muth beſaßen, ihr beſtimmtes Geſchäft, und während der paar Augenblicke vor dem Eintritt ihres Gatten hatte Ruth ſich bemüht, ihren weiblichen Unterge⸗ benen die verſchiedenen Aufträge zu ertheilen, welche der Gebrauch mit ſich brachte, und der Drang der Umſtände gebieteriſch verlangte. „Du, Barmherzigkeit, eilſt nach dem Blockhauſe,“ ſagte ſie; „und ſiehſt, daß die Eimer und Leitern in gutem Stande ſeyen, damit, wenn die Heiden uns zwingen ſollten, dort Zuflucht zu nehmen, es uns in unſrer Noth an Waſſervorrath und den Mit⸗ teln, uns in die Höhe zu flüchten, nicht fehle; und, Glaube, gehe Du raſch in die oberen Zimmer und ſorge, daß kein Licht dort brenne, damit man nicht nach irgend Jemand in den Näumen ziele. Iſt der Pfeil erſt vom Bogen, die Kugel aus dem Lauf, ſo kommen Gedanken zu ſpät! Und nun, da der erſte Sturm vorüber iſt, Marcus, und wir hoffen dürfen, daß wir der Liſt des Feindes mit unſerer Vorſicht wirkſam entgegentreten werden, magſt Du hinaus zu Deinem Vater gehen. Hätteſt Du Dich ungeheißen „—— 2=— — u— 175 und unbelehrt in das erſte gefährliche Gedränge geſtürzt, ſo würde das die Vorſehung blindlings verſuchen heißen. Komm her, mein Kind und nimm den Segen und das Gebet Deiner Mutter mit Dir; mit größerer Zuverſicht und Siegeshoffnung wirſt Du Dich dann unter die Kämpfenden ſtellen. Jüngling! ſey eingedenk, daß Du jetzt von einem Alter biſt, um Deines Namens und Deiner Herkunft würdig handeln zu können, aber doch noch von zu wenig Jahren, um in einer Nacht, wie dieſer, den Wortführer abzugeben, und weit weniger noch, in den vorderſten Reihen zu kämpfen.“ Ein flüchtiges Roth, welches die darauf folgende Bläſſe nur noch mehr hervorhob, überzog die mütterliche Wange. Sich über den ungeduldigen Knaben hinbeugend, drückte ſie einen Kuß auf ſeine Stirn. Sie hatte aber kaum dieſes Zeichen ihrer Liebe gegeben, ſo eilte Marcus ſchon, ſich in die Reihen der Verthei⸗ diger zu ſtellen. 3 „Jetzt,“ fuhr Ruth, das Auge langſam von der Thüre, durch welche der Knabe verſchwunden war, abwendend, mit einer Art erzwungener Gelaſſenheit zu ſprechen fort,„jetzt laſſet uns für die Sicherheit Derer ſorgen, die ſich zu keinem wichtigern Geſchäft eignen, als aufzupaſſen und Lärm zu rufen. Wenn Du Dich überzeugt haſt, Glaube, daß in den oberen Zimmern kein Licht aus Verſehen gelaſſen iſt, ſo führe die Kinder in das geheime Gemach; außer Gefahr, von einem ziellos abgedrückten Pfeil der Feinde getroffen zu werden, können ſie von dort aus in die Felder hinabſchauen. Du weißt, meine Ruth, was ich in dieſer Bezie⸗ hung ſo oft wiederholt habe; laſſ' Dich kein Lärmrufen, kein ſchreckliches Kriegsgeſchrei verleiten, Deinen Ort zu verlaſſen; denn dort biſt n ſicherer, als ſogar im Blockhauſe, weil dieſes, ſeines in die Augen fallenden befeſtigten Ausſehens halber, ohne Zweifel der Zielpunkt vieler Wurfwaffen ſeyn wird. Sollten wir uns aber dennoch gezwungen ſehen, dort unſre Sicherheit zu ſuchen, ſo werde ich Dir es ſchon zur rechten Zeit ſagen laſſen. Komm alſo ja nicht herunter, bis Du an der Seite, welche den Strom überragt, den Feind die Palliſaden erſtürmen ſiehſt; denn an jenem Punkt haben wir die wenigſten Augen, ihre Bewegungen zu bewachen, indem unſere meiſten Leute da aufgeſtellt ſind, wo die Außengebäude und die daranſtoßenden Felder im Geſicht ſind; um ſo weniger braucht Ihr alſo Euer Leben dadurch in Gefahr zu bringen, daß Ihr neugierig ſehen wollt, was dort in den Fel⸗ dern geſchieht. Geht, meine Kinder, und die himmliſche Vorſehung nehme Euch in ihren Schutz!“ Ruth beugte ſich nieder, die dargebotene Wange ihrer Tochter ſte auch das andere Kind, das in ger theurer war, da es die das ſie gleich einer Schweſter welchen ſie der Stirn ihres zu küſſen. Dann umarmte Wahrheit ihrem Herzen kaum weni verwaiſ'te Tochter eines Weſens war, geliebt hatte. Ungleich dem Kuſſe aber, Sohnes aufgedrückt hatte, waren die gegenwärtigen Umarmungen flüchtiger, und die Rührung dabei minder heftig. Den Knaben hatte ſie einer offenbaren und beſtimmten Gefahr entgegengeſchickt; die beiden Mädchen aber wurden an einen Ort gebracht, wo ſie von einigem Nutzen ſeyn konnten, und dennoch, ſo lange der Feind nicht in die Feſtung eindrang, weniger gefährdet waren, als in der Ci⸗ tadelle ſelbſt. Tieſe mütterliche Zäͤrtlichkeit ließ ſich jedoch nicht und wie die Tochter ſich entfernen wollte, ſo gab die unterdrücken, ihr Kind noch einmal zu Mutter dem mächtigen Gefühle nach, rief ſich und ſagte feierlich: „Bete das Gebet um beſondern Schutz vor den Gefahren der Wildniß, und vergiß nicht, in Deinem Flehen Dich an Den zu er⸗ innern, welchem Du das Daſeyn verdankſt, und der jetzt zu unſerer Rettung ſein theures Leben wagt. Du kennſt den Fels der Chriſten; auf ſeinem Grund laß Deinen Glauben ruhen.“ „Und Die, welche uns tödten wollen, richtete Kind;„gehören auch ſie zu der welche er ſtarb?“ Anzahl Derjenigen, für „ fragte das wohlunter⸗ ——= 177 „Wir dürfen nicht daran zweifeln, wenn auch die Fügung ſo geheimnißvoll iſt! Barbaren in ihrer Gewohnheit und ſchonungs⸗ los in ihrer Feindſchaft, ſind ſie doch Geſchöpfe von unſerer Natur und Gegenſtände Seiner Obhut.“ Blonde Locken, welche eine von den zarteſten Adern durchzo⸗ gene Stirn und das Geſicht zur Hälfte bedeckten, erhöhten den Glanz einer Haut, deren fleckenloſe Durchſichtigkeit es nicht ver⸗ muthen ließ, daß das Mädchen je von den heißen Lüften jener Breite angefächelt worden. Durch dieſes Locken⸗Labyrinth hindurch wendete das Kind ſeine vollen, hellen, blauen Augen verwundert und erſchreckt auf das dunkle Geſicht des gefangenen indianiſchen Jünglings, der ihr in dieſem Augenblick ein Gegenſtand verborgenen Abſcheu's wurde. Ohne zu ahnen, welches Gefühl er erregte, ſtand der Knabe da, ruhig, ſtolz und ſcheinbar achtlos, einzig darauf be⸗ dacht, inmitten dieſes Auftritts weiblicher Gemüthsbewegung kein Zeichen von Schwäche oder Rührung zu verrathen. „Mutter,“ flüſterte das noch immer verwunderte Mädchen; „können wir ihn denn nicht in den Wald gehen laſſen? Ich liebe nicht, zu...“ „Dies iſt keine Zeit zum Reden. Geh⸗ an Deinen verborgenen Ort, mein Kind, und denk' an Dein Gebet und an die Vorſichts⸗ maßregeln, die ich Dir anempfohlen. Geh, und des Himmels Schutz bewache Dein unſchuldiges Haupt!“ Noch einmal beugte ſich Ruth über das Haupt ihrer Tochter, und verbarg ihr Geſicht in deren reiche Locken— es war ein Augenblick beredter Stille! Als ſie ſich erhob, glänzte eine Thräne auf der Wange des Kindes. Dieſes verhielt ſich bei der Umarmung mehr leidend als thätig, und indem es ſich jetzt von der Mutter trennte, um der Magd in das geheime Gemach zu folgen, blieb ſein Auge unabwendbar auf die Geſichtszüge des jungen Indianers gerichtet, bis die dazwiſchentretenden Wände denſelben ihrem Blicke entzogen. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 12 In dieſem Augenblicke trat Content mit dem Fremden in das Gemach, und ſeiner Gattin Selbſtbeherrſchung mit einem Auge voll Zärtlichkeit und Beifall belohnend, redete er ſie folgender⸗ maßen an: „Du biſt beſonnen und Dir ſelbſt gleich zu Werk gegangen, meine gute Ruth. Die Jünglinge haben dem Feinde mit nicht größerer Bereitwilligkeit an den Stacketen die Stirn geboten, als Deine Mägde ihre minder ſchwierigen Pflichten verſehen haben. Draußen iſt nun alles wieder ruhig, und wir kommen jetzt, mehr um Rath zu pflegen, als um den Kampf fortzuſetzen.“ „So müſſen wir alſo unſern Vater von ſeinem Poſten an der Kanone im Blockhauſe abrufen?“ „Es iſt nicht nöthig,“ unterbrach der Fremde.„Die Zeit drängt; denn auf die gegenwärtige Ruhe dürfte nur zu bald ein Sturm folgen, den wir vielleicht mit allen uns zu Gebote ſtehen⸗ den Mitteln nicht zu beſchwichtigen vermögen. Bringet den Ge⸗ fangenen her.“„ e Content winkte dem Knaben, nähe zu treten, und als er ihn mit der Hand erfaſſen konnte, ſtellte er ihn dicht vor Unterwerfung hin. „Ich kenne Deinen Namen nicht, ja nicht einmal den Deines Volkes,“ hob dieſer nach einer langen Pauſe, während welcher er das Geſicht des Knaben ſcharf prüfend betrachtete, endlich an;„ich weiß aber ganz gewiß, daß ein großmüthiges Gefühl Deiner Bruſt nicht fremd iſt, obgleich ein minder guter Geiſt in Deinem un⸗ gebändigten Gemüth noch um die Oberherrſchaft ringen mag. Sprich, haſt Du nichts in Beziehung auf die dieſe Familie umge⸗ bende Gefahr mitzutheilen? Viel habe ich dieſen Abend aus Dei⸗ nem ſtummen Weſen entnommen; es iſt aber Zeit, daß ich Dich deutlicher verſtehe; ſprich daher in Worten.“ Der Jüngling ſah den Sprechenden ſtarr an, bis dieſer ge⸗ endigt hatte; dann wendete er langſam den Blick von ihm ab, und ließ ihn ſcharf beobachtend auf dem geängſteten Geſicht Ruth's 179 weilen. Es ſchien, als ſchwanke er zwiſchen ſeinem Stolze und ſeiner Menſchlichkeit. Die letztere ſiegte! Den tiefen Widerwillen eines Indianers überwältigend, redete er zum erſten Mal ſeit ſeiner Gefangenſchaft in der Sprache der verhaßten Race. „Ich höre das Geſchrei der Krieger,“ war ſeine gelaſſene Antwort.„Sind die Ohren der bleichen Männer verſchloſſen?“ „Haſt Du nicht mit den jungen Männern aus Deinem Stamme im Walde geſprochen, oder hatteſt Du keine Kunde von dieſem Angriff?“ 3 Der Jüngling antwortete nicht; dem ſcharfen Blick des Fra⸗ genden aber begegnete der ſeinige unverzagt und furchtlos. Da Unterwerfung merkte, daß er mehr gefragt hatte, als der Jüngling zu beantworten geneigt war, ſo änderte er den Ton ſeiner Unter⸗ ſuchung, oder vielmehr verſchleierte ſie mit etwas mehr Liſt. „Es kann nicht ſeyn,“ ſagte er,„daß ein großer Volksſtamm ſich auf blutigem Pfade befinde! Aechte Krieger würden über das Bretterwerk an den Palliſaden ſo leicht wie über biegſames Schilf dahingewandelt ſeyn! Es iſt ein Pequot, der ſein Wort gegen einen Chriſten gebrochen hat und nun aus ſeiner Höhle geſchlichen iſt, wie der heulende Wolf in der Nacht.“ Plötzlich durchzuckte ein Ausdruck unbändiger Wildheit die ſchwärzlichen Züge des Knaben. Seine Lippen bebten, und die Worte, welche ihnen entſtrömten, waren von bitterem Hohn begleitet; doch murmelte er ſie mehr, als daß er ſie laut ausſprach. „Der Pequot iſt ein Hund!“ „Dacht' ich mir's doch; die Schurken ſind aus ihren Dörfern gekommen, um bei den Yengihs* ihre Ranzen zu füllen; aber ein Naraganſett oder ein Wampanoag iſt ein Mann; er verſchmäht es, in der Finſterniß aufzulauern. Wenn er kommt, ſo beleuchtet die Sonne ſeinen Pfad. Der Pequot hingegen ſtiehlt ſich in der Stille einher, denn er fürchtet, die Krieger möchten ſeine Tritte hören.“ * Die Weißen. man erkennen konnte, ob das Es war nicht leicht, irgend ein Zeichen aufzufinden, woran Anhören des Lobes und des Tadels entſprechende Gefühle in dem Gefangenen anregte, ſo marmorkalt und unbewegt blieben deſſen Geſichtsmuskeln. Vergeblich bemühte ſich der Fremde den Sinn in ſeinen Zügen zu entziffern; er näherte ſich ihm daher, und die Hände auf ſeine Schulter legend, fuhr er fort: „Knabe, Du haſt Vieles und Wichtiges, unſern chriſtlichen Glauben Betreffendes mit angehört, biſt ſelbſt Gegenſtand manches heißen Gebetes geweſen; unmöglich kann ſo viel guter Same umſonſt vergeudet auf des Weges Seite gefallen und zertreten worden ſeyn! Sprich, darf ich Dir wieder trauen?“ „Mein Vater, ſchaue auf den Schnee. caſin geht hinwärts und auch herwärts.“ „Es iſt wahr. Bis jetzt haſt Du Dich redlich gezeigt; allein, wenn das Kriegsgeſchrei Deine jungen Adern ſchwellt, könnte die Verſuchung, Dich zu den Kriegern zu geſellen, zu ſtark werden. Haſt Du kein Unterpfand, keine Bürgſchaft, welche uns ermuthige, Dich ziehen zu laſſen?? Der Knabe ſah den Fremden mit einem Blicke an, welcher offenbar zeigte, daß er den Sinn der Frage nicht begriffen hatte. „Ich wünſche zu wiſſen, was Du mir zurücklaſſen kannſt als Zeichen, daß unſere Augen Dein Antlitz wieder ſehen werden, wenn wir das Thor geöffnet haben, um Dich in die Felder hinauszulaſſen.“ Noch immer blieb der Blick des Andern ſtier, verwundert und verwirrt. „Wenn der weiße Mann den Kriegespfad betritt und in ſeinen Feind Vertrauen ſetzen will, ſo verſichert er ſich der Treue deſſel⸗ ben dadurch, daß er das Leben von Einem, der dem Feinde theuer iſt, zurückbehält, als Bürgſchaft, daß die Treue aufrichtig iſt. Was kannſt Du anbieten, daß ich ſicher ſey, Du werdeſt von der Botſchaft, mit der ich Dich auszuſchicken wünſche, wiederkehren?“ Der Tritt des Mo⸗ ——— ge, her tte. als enn 181 „Iſt der Pfad denn nicht offen?“ „Wohl; aber ob Du Dich deſſen bedienen wirſt, iſt ungewiß. Furcht läßt Dich vielleicht vergeſſen, wohin er führt.“ Nunmehr verſtand der Gefangene, was für Zweiſel der An⸗ dere hegte; allein, gleichſam als verſchmähte er zu antworten, blickte er ſeitwärts, und ſtand in einer jener regungsloſen Stellungen da, welche ihn ſo oft ausſehen ließen, wie ein dunkles Gebilde des Meißels. Content und ſeine Gattin benahmen ſich als Zuhörer bei die⸗ ſem kurzen Geſpräche auf eine Weiſe, welche verrieth, daß ſie bis zu gewiſſem Grade von einer zwiſchen den Sprechenden offenbar beſtehenden geheimen Bekanntſchaft ſchon unterrichtet ſeyn mußten, da ſie ſonſt eine größere Verwunderung zu erkennen gegeben haben würden. Allerdings aber erregte es das hohe Erſtaunen Beider, als ſie zuerſt engliſche Worte aus den Lippen des Knaben hervor⸗ tönen hörten. Wenigſtens einen Schein von Hoffnung gewährte die Vermittlung eines Indianers, dem ſo viele Güte von Ruth widerfahren war, und zwar nicht ohne ſeine Erkenntlichkeit zu er⸗ regen. Mütterliche Sorgfalt kam nun noch hinzu, um der freudi⸗ gen Erwartung bei Ruth Eingang zu verſchaffen. „Laſſet den Knaben ziehen,“ ſagte ſie.„Ich will für ihn Geißel ſeyn; und ſollte er treulos werden, ſo iſt ſeine Abweſenheit weniger gefährlich als ſeine Gegenwart.“ Die einleuchtende Wahrheit der letztern Bemerkung der Haus⸗ frau hatte wahrſcheinlich mehr Gewicht bei dem Fremden, als ihre nichts entſcheidende Verbürgung. „Dies iſt gegründet,“ erwiederte er. So begieb Dich denn in die Felder, und ſag' Deinen Landsleuten, daß ſie auf unrichtigen Pfad gerathen ſind; der, auf welchem ſie ſich befinden, hat ſie an die Wohnung eines Freundes geführt— keines Pequot, noch eines von den Männern der Manhattos, ſondern chriſtlicher Yengihs, die den Indianer ſtets behandelt haben, wie ein rechtſchaffener Menſch 182 den andern behandelt. Geh', und wenn Dein Signal am Thore erſchallt, ſo ſoll es Dir zum Wiedereinlaß geoffnet werden.“ Mit dieſen Worten winkte der Fremde dem Knaben, ihm zu folgen, und unterrichtete ihn noch angelegentlich bei'm Hinausgehen aus dem Zimmer in allen den minder wichtigen Einzelnheiten, die dazu beitragen könnten, den Friedenszweck der Botſchaft, die der Knabe übernahm, um ſo ſicherer zu erreichen. Einige Minuten des Zweifels und peinlicher Ungewißheit folgten auf dieſen Verſuch. Der Fremde war, nachdem er dafür geſorgt hatte, daß ſein Bote hinausgelaſſen wurde, wieder in das Gemach zu ſeinen Gefährten zurückgekehrt. Hier ging er mit großen Schritten auf und ab, wie Jemand, der innerlich tief bewegt iſt. Hin und wieder hielt ſein ſchwerer, ſchallender Tritt inne, und dann lauſchten Alle ängſtlich, damit ihnen kein Ton entginge, der ſie über das, was draußen ſich zutrug, unterrichten könnte. Während einer dieſer Pauſen erhob ſich auf den Feldern ein Wonnegeſchrei der Wilden. Dann trat wieder jene todtenähnliche, unglückbedeutende Stille ein, welche der ſeit dem augenblicklichen Angriffe verfloſſenen Zeit ein gewiſſes Etwas verlieh, das die vorangegangene, beſtimmt und deutlich ſich zeigende Gefahr an Schrecken bei weitem überbot. In⸗ deſſen vermochte die angeſtrengteſte, ängſtlichſte Aufmerkſamkeit nicht, ſich über die weiteren Bewegungen des Feindes Aufſchluß zu er⸗ horchen. Viele Minuten lang herrſchte inner⸗ und außerhalb der Feſtungswerke mitternächtliche Stille. Mitten in dieſer Spannung der Gemüther hob ſich die Klinke der Thüre, und mit jenem ge⸗ räuſchloſen Tritt und jener geſammelten Miene, Eigenthümlichkeiten der Leute aus ſeiner Race, erſchien der Abgeſandte wieder. „Biſt Du bei den Kriegern Deines Stammes geweſen?“ fragte der Fremde haſtig. „Der Lärm hat die Yengihs nicht getäuſcht. Es war kein Mädchen, das im Walde lachte.“ „Und haſt Du Deinen Landsleuten geſagt, daß wir Freunde ſind?“ 183 „Meines Vaters Worte wurden geſprochen.“ „Und angehört?— waren ſie laut genug, bei den jungen Männern Eingang zu finden?“ Der Knabe blieb ſtill.— „Sprich,“ fuhr der Fremde ſort, ſeine Geſtalt erhebend, ſtolz gleich Jemand, der einem herbern Streich die Bruſt zu bieten bereit iſt.„Es ſind Männer, die Dir zuhören. Iſt die Pfeife des Wilden gefüllt; will er ſie in Frieden mit uns rauchen, oder hält er den Tomahawk in geballter Fauſt?“ Das Antlitz des Knaben bewegte ein Gefühl, welches ein In⸗ dianer nicht leicht verräth. Er heſtete mit Theilnahme den Blick auf die milden Augen der ſchmerzlich ergriffenen Ruth; dann zog er langſam unter dem leichten Gewand, das ſeinen Körper zum Theil bedeckte, eine Handvoll mit der gleißenden, geſtreiften Haut der Klapperſchlange zuſammengebundener Pfeile hervor, und warf ſie dem Fremden vor die Füße. „Dies iſt ein nicht zu verkennendes Warnungszeichen!“ ſagte Content, indem er das ihm wohlbekannte Sinnbild unbedingter Feindſeligkeit in die Höhe hob und es ſeiner minder erfahrnen Gefährtin vorhielt.„Knabe, was haben die Leute meiner Race gethan, daß Deine Krieger nach ihrem Blute ſo ſehr verlangt?“ Nachdem der Knabe ſich ſeines Auftrags entledigt hatte, ging er auf die Seite, und ſchien nicht Zeuge ſeyn zu wollen von der Wirkung, welche ſeine Botſchaft auf die mit ihm im Zimmer An⸗ weſenden hervorbringen würde. So befragt jedoch, war die plötzliche Macht des Zorns faſt Herrin über ſeine ſanfteren Gefühle geworden. Ein raſcher Blick auf Ruth dämpfte die Aufregung,— er blieb ruhig wie vorher und ſchwieg. „Knabe,“ wiederholte Content,„ich frage Dich, warum Deine Leute unſer Blut ſuchen?“. Nicht jäher iſt der Flug des elektriſchen Funkens, ja kaum glänzender ſein Licht, als der Blick war, mit welchem der finſtre Indianer auf ſeine Umgebung hinblitzte. Strahlen ſchienen aus ſeinem Auge zu ſchießen, feurig wie Schlangenblicke. Seine Geſtalt ſchwoll offenbar durch den heftigen Kampf in ſeinem Innern, und einen Augenblick lang traten alle Anzeichen eines wilden, unzähm⸗ baren Ausbruchs grauſamen Zorns hervor. Doch nur vorüber⸗ gehend war dieſer Sieg der Empfindung; durch eine erſtaunliche Willensanſtrengung gewann er ſeine Selbſtbeherrſchung wieder, und ſich Dem, welcher die kühne Frage gethan hatte, ſo ſehr nähernd, daß er mit dem Finger deſſen Bruſt berühren konnte, ſagte er in dieſer ſtolzen Stellung: „Sieh! dieſe Welt iſt ſehr groß. Es haben der Panther und das Reh Raum darauf. Warum trafen die Yengihs und die rothen Leute aufeinander?“ „Wir vergenden die koſtbaren Augenblicke mit der Erprobung der unnachgiebigen Natur eines Heiden,“ ſagte der Fremde.„Was ſeine Landsleute wollen, iſt nun klar; mit Hülfe des Stabes der Chriſten wollen wir ihre Macht zurückſchlagen. Die Klugheit ver⸗ langt, daß wir den Knaben in Sicherheit bringen; ſodann laßt uns zu den Stacketen eilen, und zeigen, daß wir Männer ſind.“ Gegen dieſen Vorſchlag ließ ſich nichts Vernünftiges einwenden. Content war im Begriff, ſeinen Gefangenen abzuführen, um ihn in einen Keller einzuſperren, als eine Bemerkung ſeiner Gattin ihn bewog, ſein Vorhaben zu ändern. Trotz der auffahrenden, wilden Miene des Jünglings, hatten Blicke der Güte und der Theilnahme ein ſolches Verſtändniß zwiſchen ihm und der ſanften Mutter her⸗ geſtellt, daß dieſe noch immer nicht alle Hoffnung auf ſeinen Beiſtand aufgab. „Miantonimoh!“ ſagte ſie,„wenn auch Andere Dich in Ver⸗ dacht haben, daß Du nichts Gutes im Sinne führeſt, ſo will doch ich Dir vertrauen. Komm daher mit mirz ich verſpreche Dir Sicherheit für Deine Perſon, ſey Du dafür der Beſchützer meiner Kleinen.“ Der Knabe gab keine Antwort, ſondern ließ ſt eduldig von 185 6 Ruth wegführen; dieſe glaubte jedoch die Betheurung ſeiner Treue t in dem Ausdruck ſeines beredten Auges zu leſen. Zu gleicher Zeit verließen auch ihr Gatte und Unterwerfung das Haus, um an den 5 Palliſaden ihre Poſten einzunehmen. 2.—— d 1 Dreizehntes Kapitel. M Du biſt mein, guter Jüngling, mein Diener. Ich will dein Herr ſeyn: komm’ mit mir, ſprich frei. d. Cymbeline. n 6 Das Gemach, wohin die Kinder auf Ruth's Anordnung ge⸗ 4 g bracht worden waren, war im oberſten Stockwerk, und, wie bereits 6 16. erwähnt, auf der dem Strome, am Fuße des Hügels, zugekehrten er Seite des Gebäudes. Es hatte ein einziges, etwas vorſtehendes r⸗ Fenſter, durch welches man auf den Theil des Forſtes und der 1s Felder, der jenſeits des Fluſſes lag, ſehen konnte. Kleinere Oeff⸗ 3 nungen in den Wänden geſtatteten auch einen Blick auf die mehr n. nach der Rückſeite liegenden Gründe. Außer der Zimmerdecke und in dem maſſiven Gebälk des Hauſes wurde dieſes Gemach auch noch ön durch eine innere Reihe Balken gegen das Eindringen jeder damals en in der Kriegführung dieſer Gegenden gekannten Wurfwaffe hin⸗ ne länglich geſchützt. Während ihrer erſten Kinderjahre war dies das r⸗ Schlafzimmer der beiden Kleinen geweſen, und würde es auch ſpäter en geblieben ſeyn, wenn, mit dem Anwachſen der nach und nach rund umher aufgeführten Außengebäude, die dreiſter gewordene Familie r⸗ ſich in bequemeren Zimmern nicht für eben ſo ſicher gehalten hätte. ch„Ich weiß,“ ſagte Ruth zu dem ihr folgenden indianiſchen eit Jüngling, nachdem ſie ſich in dem beſchriebenen Gemach befanden, .„ich weiß, Du kennſt die Pflichten eines Kriegers. Du wirſt mich nicht täuſchen; das Leben dieſer zarten Kinder iſt Deiner Obhut 7 anvertraut. So bewache ſie denn, Miantonimoh, und der Chriſten Gott wird Deiner eingedenk ſeyn, in der Stunde Deiner Noth!“ Antwort gab der Knabe keine, allein die Mutter glaubte in dem ſanften Ausdruck, der in ſeinem dunklen Geſichte ſich zeigte, das gewünſchte Unterpfand zu finden. Mit dem ſeiner Race ange⸗ bornen Zartgefühl ging er jetzt auf die Seite, damit die durch ſo enge Bande zu einander Gehörigen ihren Gefühlen freien Lauf laſſen könnten, ohne durch die Gegenwart eines Fremden geſtört zu ſeyn. Ruth aber, in deren Augen die ganze Zärtlichkeit einer Mutter ſtrahlte, näherte ſich nun ihrer Tochter. „Noch einmal,“ ſagte ſie,„empfehle ich Dir, nicht zu emſig dem furchtbaren Kampfe zuzuſchauen, der ſich vielleicht vor unſerer Wohnung erheben wird. Der Heide iſt wirklich da, und blutig iſt ſein Vorhaben; Jung wie Alt muß jetzt den Glauben an den Schutz unſers Herrn und Meiſters, ſo wie den Muth bethätigen, der Gläubigen geziemt.“ „Und wie kommt es, Mutter,“ fragte das Kind,„daß ſie uns Leid zufügen wollen? Haben wir ihnen jemals Uebles gethan?“ „Ich weiß es nicht. Der die Erde gemacht hat, gab ſie uns zu unſerm Gebrauche, und die Vernunft ſcheint freilich zu lehren, daß, wenn irgend ein Theil ihrer Oberfläche unbeſetzt iſt, der wahrhaft Bedürftige denſelben einnehmen dürfe.“ „Der Wildel!“ flüſterte das Kind, ſich an der Bruſt ſeiner ſich niederbeugenden Mutter verbergend.„Sein Auge blitzt wie der Stern, welcher über den Bäumen hängt.“ 2„Ruhig, Tochter; ſein ungebändigtes Gemüth brütet über Beleidigung, die er erlitten zu haben meint.“ „Gewiß, wir haben ein Recht, hier zu ſeyn. Ich habe meinen Vater ſagen hoͤren, daß, wie er mich zuerſt als ein Geſchenk des Herrn in den Armen wiegte, unſer Thal noch voller Waldung und Geſtrüppe war, und daß nur viele Mühe es zu dem gemacht, was es iſt.“ 187 „Ich hoffe, was wir genießen, genießen wir mit Befugniß! Und doch ſcheint es, daß die Heiden unſre Anſprüche nicht wollen gelten laſſen.“ „Und wo wohnen denn dieſe blutigen Feinde? Haben ſie auch Thaͤler wie unſeres, und brechen die Chriſten dort in der Nacht ein, um Blut zu vergießen?“ „Sie ſind wilder und ungezähmter Natur, Ruth, und wenig wiſſen ſie von unſrer Lebensweiſe. Das Weib wird bei ihnen nicht geehrt, wie bei den Leuten von derſelben Abkunft mit Deinem Vater: denn Körperſtärké gilt ihnen mehr als die Bande der Liebe.“ * Die kleine Zuhörerin ſchauderte zuſammen und verbarg ihr Antlitz noch tiefer in den Buſen ihrer Mutter. Noch nie hatte ihren kindlichen Geiſt ein ſo lebendiges Gefühl von dem, was Mutterliebe, von dem was Zärtlichkeit der Verwandtſchaft ſey, durchdrungen, wie in dieſem Augenblick. Die Matrone drückte, nachdem ſie Obiges geſagt hatte, noch einen Abſchiedskuß auf die Stirn der beiden Kleinen, und beteke dann laut, daß Gott ſie ſeg⸗ nen möchte. Hierauf wandte ſie ſich, um zu gehen, denn es riefen ſie Pflichten hinweg, deren Erfuͤllung andere Eigenſchaften, als die ſo eben gezeigten, in Anſpruch nahmen. Ehe ſie jedoch das Zim⸗ mer verließ, näherte ſie ſich noch einmal dem Knaben, hielt ihm das Licht vor das zagloſe Auge und ſprach feierlich: „Ich überlaſſe meine geliebten Kinder der Obhut eines⸗ Kriegers!“ Der Blick, mit dem er erwiederte, glich den übrigen; er war kalt, aber nicht zurückſchreckend. Ein mehrere Augenblicke langes Anſchauen zog keine andere Antwort aus ihm hervor; Ruth ſchickte ſich daher an, das Gemach zu verlaſſen, ungeachtet Ungewißheit über die Abſicht des Hüters, den ſie bei den Mädchen ließ, ſie quälte. Sie konnte nicht glauben, daß er die vielen Beweiſe von Güte, welche ſie ihm während ſeiner Gefangenſchaft erzeigt hatte, unbelohnt laſſen würde. Unentſchloſſen ſtand ſie da, mit der Hand auf dem Thürſchloſſe. Der Augenblick war dem Charakter des 188 Jünglings günſtig, denn ſie erinnerte ſich an die Art ſeiner Rück⸗ kehr an jenem Abend, an ſeine früheren, Treue bekundenden Hand⸗ lungen; daher war ſie im Begriff fortzugehen, ohne die Thüre zu verſchließen, als plötzlich ein Lärm entſtand, der das Thal mit alle dem gräulichen Geſchrei und Geheul erfüllte, welches einen Angriff der Wilden zu begleiten pflegt. Nun warf die entſetzte Frau den Riegel vor, und eilte ohne weiteres Nachdenken hinab an ihren Poſten, nur zu wohl wiſſend, wie nothwendig ihre Ge⸗ genwart an einem ſehr verſchiedenen Schauplatze ſeyn würde. „Steh feſt an den Palliſaden, Ruben Ring! Werft die ſchlei⸗ chenden Meuchelmörder auf ihre blutigen Gefährten zurück! Die Piken! Hier, Dudley, iſt Spielraum für Deine Tapferkeit. Der Herr ſey den Seelen der rohen Heiden gnädig!“ Dies, und die Schüſſe der Musketen, das Heho der indianiſchen Krieger, das Pfeifen der Pfeile, Sauſen der Kugeln und alle das andere wogende Getriebe eines ſolchen Kampfes, waren die ſchrecklichen Töne, welche die Sinne Ruth's begrüßten, als ſie in den Hofraum hinaustrat. Sie war Zeuge, wie bald das Losdrücken der Feuer⸗ gewehre eine Blitzeshelle rund umher verbreitete, bald wieder der fürchterliche Lärm mitten in tiefer Finſterniß zerreißend forttoſete. Glücklicherweiſe blieben die jungen Leute bei aller dieſer Verwirrung, bei allen dieſen heftigen Auftritten, ihrer Pflichten eingedenk. Schon hatten ſie einen ſehr ernſtlich gemeinten Verſuch der Wilden, die Stacketen zu erſtürmen, glücklich vereitelt, ſchon waren zwei oder drei verſtellte Angriffe des Feindes errathen, und die Haupt⸗ macht der Beſatzung thätig dabei, den wirklichen zurückzuſchlagen. „Im Namen Deſſen, der bei uns iſt in jeglicher Gefahr!“ ſchrie Ruth, indem ſie auf zwei Geſtalten zuſchritt, die aber ſo mit ſich ſelbſt beſchäftigt waren, daß ſie ihr Herankommen nicht merk⸗ ten,„ſagt mir, wie ſteht der Kampf? Wo iſt mein Gatte und mein Sohn? Hat es der Vorſehung gefallen, daß irgend einer der Unſrigen getroffen wurde?“ — ————* N S88E*& N 2 die wetterwendiſche Laune ſeiner Auserwäͤhlten innerlich verwünſchen; 189 „Dem Teufel hat's gefallen,“ erwiederte Eben Dudley, etwas frei für Einen aus jener an Ehrfurcht ſo gewöhnten Schule,„einen indianiſchen Pfeil durch Jacke und Haut hier in dieſen meinen Arm zu jagen! Sachte, Glaube; meinſt Du, Mädchen, die Haut eines Menſchen ſey einem Schafpelz gleich, dem man die Wolle nach Be⸗ lieben abzupfen kann? Ich bin kein Vogel in der Rauhe, und dieſer Pfeil iſt keine Feder in meinen Fittig. Der Herr verzeih, dem Schelm den üblen Streich, den er meinem Fleiſch geſpielt hat, ſage ich, und Amen dazu, wie's chriſtlich iſt! er wird ohnedies Gnade ſehr vonnöthen haben, denn in dieſer Welt hat er nicht mehr viel zu hoffen. Na, Glaube, ich bekenne mich als einen Schuldner gegen Deine Güte; laß uns hinführo keine beißende Reden mehr wechſeln. Dein Zünglein ſticht oft ſchmerzlicher als des Indianers Pfeil.“ „Weſſen Fehler iſt's, wenn alte Bekanntſchaft bisweilen in neuerlichen Geſprächen außer Acht gelaſſen wurde? Du weißt, werde ich angeredet, wie ſich's gehört, ſo pflegt keine Dirne in der Ko⸗ lonie eine ſanftmüthigere Antwort zu geben. Fühlſt Du noch Schmerz im Arm, Dudley?“ „Ein Pfeil mit feuerſteinerner Spitze bis in den Knochen ge⸗ trieben, iſt freilich was anderes als wenn Jemand mit einem Stroh⸗ halm gekitzelt wird! Ich vergebe Dir den Fehler, daß Du zu viel Geſpräche mit dem Soldaten geführt haſt, und alle die Seitenſtiche Deiner flinken Zunge, unter der Bedingung, daß...“ „Pfui über Dich, Zänker! möchteſt gern die ganze Nacht hier ſtehen und ſchwatzen, unter dem Vorwand einer geritzten Haut, während die Wilden an unſerm Thore ſind! Ein ſchönes Zeugniß wird die Herrin von Deinen Thaten ablegen, wenn die anderen Jünglinge die Indianer zurückgeſchlagen haben, und Du unterdeſſen am Hauſe herumlungerteſt!“ Eben wollte der aus ſeinem ſüßen Wahn geriſſene Grenzler 190 da zeigte ihm ein Seitenblick, daß ein Ohr, welches die Sache nichts anging, faſt mit dem ganzen Inhalte ihres Geſprächs vertraut gemacht worden war. Schnell griff er nach der Waffe, welche er an die Mauer des Blockhauſes angelehnt hatte, huſchte eiligſt bei der Hausfrau vorüber, und in der nächſten Minute machten ſich ſchon ſeine Stimme und Muskete durch das allgemeine Getümmel hindurch vernehmbar. „Bringt er Kunde von den Palliſaden her?“ wiederholte Ruth, zu ſehr darauf bedacht, daß der junge Mann nicht länger von ſeinem Poſten entfernt bleiben möge, um ihn bei'm Wegeilen auf⸗ zuhalten.„Was hat er vom Angriff erzählt?“ „Die Wilden haben für ihre Kühnheit gebüßt, und die Unſ⸗ rigen ſind noch wenig zu Schaden gekommen. Mit der einzigen Ausnahme dieſes Klotzes von einem Menſchen, der ſo geſchickt geweſen iſt, ſeinen Arm in die Bahn eines Pfeils zu ſtrecken, weiß ich Niemand⸗ der verwundet worden wäre.“ „Horch! ſie ziehen ſich zurück, Glaube. Das Geheul iſt nicht mehr ſo nahe, unſre jungen Leute ſiegen! Geh' Du— verſieh Deinen Dienſt bei den Holzſtößen, und berichte mir, ob dort kein Laurer weile, Unheil anzurichten. Der Herr hat in Gnaden an uns gedacht; es kann noch geſchehen, daß dieſes Unglück an uns vorübergeht!“ 1 Das ſchnelle Ohr Ruth's hatte ſie nicht getäuſcht. Der Tu⸗ mult des Sturms entfernte ſich allmählich von den Befeſtigungs⸗ werken, und obgleich das Blitzen der Gewehre und der heulende Wiederhall aus dem umgebenden Forſt noch eben ſo häufig war wie zuvor, ſo ließ ſich doch nicht bezweifeln, daß der entſcheidende Moment des Angriffs glücklich vorüber war. Statt des jähen Verſuchs, den Platz durch Sturm einzunehmen, nahmen die Wilden nunmehr zu überdachteren Mitteln ihre Zuflucht, die, obgleich min⸗ der ſchrecklich dem Scheine nach, vielleicht um ſo ſicherer zum Ziele führten. Ruth benutzte indeſſen den eingetretenen Augenblick — 191 der Ruhe dazu, Diejenigen aufzuſuchen, deren Wohl ihre theuerſte Angelegenheit war. „Hat außer dem tapfern Dudley noch ſonſt Jemand in dieſem Kampfe gelitten?“ fragte die ängſtliche Gattin, als ſie an eine Gruppe düſtrer, auf der Spitze der Anhöhe zur Berathung ver⸗ ſammelter Geſtalten kam;„bedarf irgend Einer der Pflege, die eine weibliche Hand ihm geben kann? Du biſt es, Heatheote, Du haſt doch keine Wunde erhalten?“ „Fürwahr, ein ſehr gnädiger Gott hat mich behütet, denn uns ſelbſt zu behüten, dazu war uns nur wenig Zeit gegönnt. Ich fürchte, einige unſerer jungen Leute haben ſich der Schutzmittel nicht ſo ſehr bedient, als die Vorſicht es erforderte.“ „Der unbeſonnene Markus hat doch meine Ermahnungen nicht vergeſſen? Knabe, ich hoffe, Du verlorſt Deine Pflicht nicht aus den Augen und bliebſt Deinem Vater ſtets im Rücken?“ „Mutter, wenn das Kriegsgeſchrei der Wilden von den Palli⸗ ſaden her Einem in die Ohren gellt, da ſieht man keine Rothhaut, und denkt auch nicht an ſie,“ erwiederte der Knabe, indem er mit der Hand über die Stirn fuhr, damit ſie die Blutstropfen, die aus einer durch einen vorüberfliegenden Pfeil erhaltenen Streifwunde herabtröpfelten, nicht ſehen möchte.„Ich habe mich in der Nähe meines Vaters gehalten, ob aber hinter ihm oder vor ihm, das weiß ich nicht; es war finſter um uns her.“ „Der Knabe hat ſich tapfer und würdig betragen,“ ſagte der Fremde;„und gezeigt, daß das Feuer des Geſchlechts ſeines Ahn⸗ herrn in ſeinen Adern fließt— Ha! was iſt das für ein Schim⸗ mer unter den Schuppen! Ein Ausfall dürfte nöthig ſeyn, um Deine Fruchtſpeicher und Deine Heerden vom Untergang zu retten!“ „Zu den Scheunen! zu den Scheunen!“ riefen zwei junge Männer von ihrem Wachtpoſten her.„Der Feuerbrand iſt in den Gebäuden!“ ſchrie eine Magd, die einen ähnlichen Dienſt, nur unter dem Schutz des Wohnhauſes, zu verſehen hatte. Jetzt folgte eine —— 192 Entladung aller Musketen, ſämmtlich nach dem ſchimmerden Lichte gerichtet, deſſen fahler Schein ſchon fürchterlich nahe den brennbaren Stoffen zuckte, womit die meiſten der Außengebäude ange⸗ füllt waren. Ein ſchaudererregender Schrei und das plötzliche Er⸗„ löſchen des flackernden Brandes bewieſen, daß das Zielen richtig und Verderben verbreitend geweſen. „Dieſer Moment muß nicht vernachläſſigt werden!“ rief Con⸗ tent, durch die Größe der Gefahr im höchſten Grade aufgeregt. „Vater!“ ſchrie er laut,„es iſt an der Zeit, unſere äußerſte Macht zu zeigen.“ Nach dieſer Aufforderung folgte ein Augenblick geſpannter Stille. Nun ward das Thal ſo plötzlich erleuchtet, als wenn ein Strom der elektriſchen Materie deſſen finſtres Bett durchzuckt hätte; dann kam ein Feuerguß aus dem oberſten Gemach des Blockhauſes, und gleich darauf das Gebrüll des kleinen Stückes Geſchütz, das* ſo lange dort in Ruhe geſtanden hatte; den Schluß machte ein 2 Geknatter, welches der Schuß unter den Schuppen verurſachte, deren Balken er auseinanderriß. Fünfzig dunkle Geſtalten ſah man bei'm ſchnellverſchwindenden Blitz aus den Schuppen gleiten, mit einem Schrecken, der bei ihrer Unwiſſenheit erklärlich genug war, und mit einer dieſem Schrecken angemeſſenen Geſchwindigkeit. Der Augenblick war günſtig. Content gab Ruben Ring einen ſtummen Wink; zuſammen drangen ſie durch die Pforte, und ver⸗ ſchwanden in der Richtung nach den Scheunen hin. Die Dauer ihrer Abweſenheit verfloß nicht ohne die bängſte Angſt von Seiten Ruth's, ja nicht ohne die Beſorgniſſe Derer, welche geſtähltere Nerven hatten. Sie verfloß indeß bald; und die Beängſtigten athmeten auf, als die Abenteurer wohlbehalten und ſo ſtill, wie ſie die Einhegung verlaſſen hatten, nun wieder zurückkamen. Das Getrap⸗ pel auf der gefrornen Schneekruſte, das Wiehern der Pferde und Ge⸗ brülle des erſchreckten, in den Feldern ſich zerſtreuenden Rindviehs, verkündeten bald den Zweck, weshalb man dieſe Gefahr gelaufen war. ,— e ͤ—e 193 „Komm herein,“ flüſterte Ruth, welche die Pforte mit eigner Hand ſo lange gehalten hatte.„Komm herein, um Gottes willen! Du haſt jeden Huf freigelaſſen, damit kein lebendiges Geſchöpf in den Flammen umkomme, nicht wahr?“ „Alle; und wahrlich nicht zu ſchnell— ſieh: der Feuerbrand iſt ſchon wieder khätig!“ Content hatte viel Urſache, ſich wegen ſeines Wagniſſes Glück zu wünſchen; denn er hatte noch nicht zu ſprechen geendigt, ſo ſah man ſchon wieder halb verborgen gehaltene Brände, wie gewöhnlich aus zuſammengebundenen, angezündeten Kienbündeln beſtehend, quer über die Felder getragen, den Außengebäuden immer näher kommend, aber offenbar auf Umwegen und bedeckten Pfaden, um Die, welche ſie trugen, gegen den Schuß der Beſatzung zu ſichern. Dieſe ver⸗ ſuchte eine letzte und allgemeine Anſtrengung, der Gefahr Einhalt zu thun. Die jungen Leute ließen ihre Musketen nicht ruhen, und mehr als einmal ſprühte aus der Citadelle des ernſten, alten Puri⸗ taners ein Feuerſtrom hervor, um die gefährlichen Beſucher zurück⸗ zuweiſen. Die Salve that allerdings ihre Wirkung; dies verkündeten die Wilden ſelbſt durch verſchiedene Schreie, welche theils körper⸗ licher Schmerz, theils die Bitterkeit, ihren Zweck aufgeben zu müſſen, ihnen abrangen; allein obgleich die meiſten von Denen, welche ſich den Scheunen näherten, zurückgeſcheucht wurden, oder für ihre Verwegenheit büßen mußten, ſo machte doch Einer, umſichtiger oder erfahrener als ſeine Gefährten, es möglich, ſein Vorhaben in's Werk zu ſetzen. Das Feuern hatte aufgehört, und die Belagerten wünſchten ſich ſchon ob des gelungenen Werkes Glück, als auf einmal eine Helle über die Felder kam, und in demſelben Augenblick eine breite Flamme vom Weizenſchuppen heraus bis zu deſſen Spitze hinanwirbelte, mit unbeſchreiblicher Geſchwindigkeit das leicht ent⸗ zündbare Getreide in ihren praſſelnden Strom verhüllend. Gegen dieſe Verheerung gab es kein Rettungsmittel. Scheunen und Ein⸗ zäunungen, die noch ſo kürzlich in tiefer Finſterniß lagen, wurden Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 194 im Nu hell umleuchtet, und wer von der einen wie der andern Par⸗ thei ſeine Perſon innerhalb des hellen Scheins gewagt hätte, würde ſeine Vermeſſenheit mit dem Leben bezahlt haben. Die Grenzler wurden bald gezwungen, ſich bis in die Schatten ihres Hügels zurückzuziehen und innerhalb der Stacketen Bergungsorte vor den in Maſſe geſchoſ⸗ ſenen Pfeilen zu ſuchen. „Ein trauriger Anblick für Den, welcher in Frieden mit aller Welt ſeine Ernte eingebracht hat!“ ſagte Content zu der Bebenden, die ihn krampfhaft am Arm hielt, während die Flammen in der erhitzten Luft wirbelten, und, nachdem ſie ein⸗ oder zweimal das Dach eines Schup⸗ pens umkreiſet hatten, einen Theil von ſich daran ließen, der tückiſch an dem Gebälk züngelte.„Der Ertrag einer geſegneten Jahreszeit ſchmilzt nun in Aſche dahin vor dem Feuerbrand dieſer verfl...“ „Still, Heatheote! Was iſt Wohlhabenheit oder die Fülle Deiner Speicher gegen das, was uns bleibt! Laß dieſem innern Murren nicht freien Lauf, und danke Gott, daß er uns unſre ge⸗ liebten Kleinen läßt, und Sicherheit in unſerer Wohnung.“ „Du ſprichſt Wahrheit,“ erwiederte ihr Gatte, und bemühte ſich, die ſanftmüthige Gottergebenheit ſeines Weibes nachzuahmen. „Was ſind auch die Güter der Welt im Vergleich gegen den Frieden der Seele— Hal dieſer böſe Windzug vollendet die Zerſtörung unſerer Ernte! das wilde Element iſt ſchon im Herzen unſerer Speicher.“ Ruth erwiederte nichts; denn war ſie auch weniger von welt⸗ lichen Sorgen bewegt als ihr Gatte, ſo erfüllte doch das Ueber⸗ handnehmen des Feuers ihre Seele mit dem Gefühl von perſönlicher Gefahr. Die Flammen verbreiteten ſich von Dach zu Dach, und da ſie überall Nahrung von der entzündbarſten Art vorfanden, ſo brach längs der ganzen ungeheuren Reihe von Scheunen, Schuppen⸗ Speichern, Raufen und ſonſtigen Außengebäuden, die Helle eines zuſammenhangenden Feuerſtroms hervor. Bis jetzt hatte die Unge⸗ wißheit der Hoffnung von der einen, und die der Furcht von der — 195 andern Seite, beide Partheien zu ſtummen Zuſchauern der Scene gemacht. Doch nunmehr verkündigte ein lautes Aufjauchzen des Triumphs die Frende, mit welcher die Indianer ihren grauſamen Plan in Erfüllung gehen ſahen. Dieſem Freudenausbruch folgte bald ein Kriegsgeſchrei und ein dritter Angriff. Den Kämpfenden leuchtete Mittagshelle, obgleich keine natür⸗ liche. Angeſpornt durch die Ausſicht auf Erfolg, ſtürmten die Wilden gegen die Stacketen mit mehr Kühnheit an, als ſie in ihrer ſchlauen Kriegesweiſe an den Tag zu legen pflegten. Der Seite, wo die Flammen wütheten, gegenüber, warfen der Hügel und die darauf ſtehenden Gebäude einen breiten Schatten quer über das Gefilde hin, und hier, über dieſen Streifen verhältnißmäßiger Dunkelheit, bahnten die Wildeſten der Notte ſich ungeſtraft einen Weg bis an die Palliſaden. Erſt durch ihre Freudenrufe erregte ihre Gegenwart an dieſem Punkte die Aufmerkſamkeit, welche nur zu allgemein auf das furchtbar ſchöne Schauſpiel des großen Brandes gelenkt war: ſo daß der Angriff auf dieſer engegengeſetzten Seite nahe daran war zu gelingen. Doch jetzt ſtürzte alles pfeilſchnell nach dieſem Theil der Feſtungswerke hin. Musketenfeuer wie Pfeileſchießen wäre vergeblich geweſen, denn die Pfähle boten den Angreifenden wie den Angegriffenen gleiche Sicherheit dar. Es war ein Kampf von Mann gegen Mann, in welchem die Minderzahl ſicherlich den Kürzern gezogen haben würde, wenn ſie nicht glücklicherweiſe bloß vertheidigend zu Werke zu gehen gehabt hätte. Durch die Stacketen hindurch wurden Meſſerſtiche raſch gewechſelt, hin und wieder hörte man bald das Ab⸗ feuern einer Flinte, bald das Aechzen des geſpannten Bogens. „Wacker bei den Palliſaden geblieben, Burſchen!“ rief der Fremde mitten im grauſamen Kampfe in tiefen Tönen und mit jener gebietenden, Muth einflößenden Munterkeit, welche nur durch ein großes Vertrautſeyn mit Gefahren gewonnen wird.„Weichet Ihr nur nicht von den Bruſtwehren, ſo bleiben ſie dem Feinde undurchdringlich. Ha! Du haſt's gut gemeint, Freund Wilder,“ 196 brummte er zwiſchen den Zaͤhnen, und bog, nicht ohne einige Gefahr für die eine Hand, einem nach ſeinem Hals gezielten Stoße aus, während er mit der andern den Krieger, der den Stoß geführt hatte, bei der Bruſt ergriff, ihn mit Rieſenkraft in die Höhe bis an die Oeffnung zwiſchen den Pfählen hob, und ſeine ſcharfe Klinge bis zum Griff in deſſen Leib begrub. Entſetzlich war es zu ſehen, wie die Augen ſeines Opfers rollten, und als die eiſerne Hand, die es mit Schraubengewalt in die Hoͤhe gehalten hatte, losließ, da fiel es regungslos auf die Erde. Dieſem Tod folgte der ſchon gekannte Schrei der Wehmuth, und die Angreifenden verſchwanden eben ſo ſchnell als ſie ſich genähert hatten. „Gott ſey gelobt, daß wir uns über dieſen Vortheil freuen dürfen!“ ſagte Content, mit Angſt im Auge ſeine Leute überzählend, nachdem ſie abermals ſämmtlich oben auf dem Hügel verſammelt waren, wo ſie bei'm hellen Scheine, und mit mehr Sicherheit als anderswo, die entblößteren Theile ihrer Feſtungswerke überſchauen konnten.„Die Unſrigen ſind vollzählig, obgleich ich glaube, daß viele darunter verwundet ſind.“ Das Schweigen und die Beſchäftigung der Umſtehenden, von denen die meiſten ſich das Blut abtrockneten, waren eine mehr als hinreichende Antwort. „St, Vater!“ ſagte der ſchnellſehende und aufmerkſame junge Marcus;„dort an der Palliſade, dem Pförtchen zunächſt, weilt noch Einer. Es iſt ein Wilder; oder ſehe ich nur einen Baumſtumpf im jenſeits liegenden Felde?“ Aller Augen folgten der Richtung von Marcus Hand, und allerdings erblickten ſie etwas Schwebendes an der inneren Seite des Pfahls, das entſchieden einer menſchlichen Geſtalt aͤhnlich ſah. Der Theil der Stacketen jedoch, wo die ſcheinbare Geſtalt hing, lag mehr im Dunkeln als die übrige Einhegung, weßhalb der Zweifel, ob es ein Menſch ſey, ſich nicht bloß auf den ſcharfäugigen Knaben, der es zuerſt entdeckt hatte, beſchränkte. —s—,»„»——— „Wer hängt an unſern Palliſaden?“ ſchrie Eben Dudley. „Sprich, damit wir keinen Freund verletzen!“ Der Pfahl ſelbſt war nicht unbeweglicher, als der dunkle Gegenſtand, bis der Schuß aus des Grenzlers Flinte gehört wurde, denn nun fiel er, einer todten Maſſe gleich, zur Erde. „Vom Baum gefallen wie ein getroffener Bär! Leben muß es gehabt haben; ſonſt würde keine Kugel, die ich ſchießen kann, haben machen können, daß es ſeinen Halt fahren ließ!“ rief Dudley, etwas ſelbſtgefällig über ſein richtiges Ziel. „Ich will hin und ſehen, ob's aus mit...“ Der Fremde hielt dem jungen Marceus die Hand vor den Mund, und bemerkte gelaſſen: „Ich will ſelbſt ſehen, was aus dem Heiden geworden iſt.“ Er war im Begriff, ſich hin nach dem Fleck zu begeben, da ſprang der vermeintliche Todte oder Verwundete auf die Füße, gab einen Schrei von ſich, der von dem ganzen Waldrande wiederhallte, und ſetzte dann in hohen, munteren Sprüngen hinein in das Wohnge⸗ bäude. Die Flammenſtreifen von zwei oder drei abgedrückten Flinten durchkreuzten ſeinen Pfad, doch, wie es ſchien, ohne Erfolg. Die Sprünge des unverletzten Wilden waren ſo beſchaffen, daß ſie das Ziel des Feuergewehrs unſicher machten, und unverletzt erhob er einen Siegesſchrei und verſchwand um die Ecke des Hauſes. Sein Schrei ward verſtanden; denn erwiederndes Heho ließ ſich nun auch in den Feldern vernehmen, und der Feind draußen ver⸗ ſammelte ſich von Neuem zum Angriff. „Hier darf kein Augenblick verloren werden,“ ſagte Der, welcher mehr durch ſeine Geiſtesgegenwart und Befehlshabermiene, als durch irgend ein Recht, unmerklich die Anführung in dem wichtigen Geſchäft während jener Nacht übernommen hatte.„Ein Indianer innerhalb unſerer Mauern kaun bald der ganzen Be⸗ ſatzung den Untergang bereiten, kann dem Feinde die Pforte öffnen....⸗ 198 „Die iſt durch ein dreifaches Schloß geſichert,“ unterbrach ihn Content,„und der Schlüſſel liegt an einem Ort, wo Niemand außer den Unſrigen ihn finden kann.“ „Und glücklicherweiſe ſind die Mittel, das geheime Pförtchen zu öffnen, in meinem eignen Beſitz,“ ſagte der Andere mit leiſer Stimme.„So weit iſt alles gut; aber der Feuerbrand! der Feuer⸗ brand! die Mägde müſſen nach den Heerden und Lichtern ſehen, die jungen Männer aber die Stacketen behaupten, denn der gegen⸗ wärtige Sturm leidet keinen Aufſchub.“ Nach dieſen Worten gab er ſelbſt den Anderen das Beiſpiel, indem er ſich ſogleich an die Stacketen begab, die er, von den Uebrigen unterſtützt, gegen das Herannahen des Feindes vertheidigte, unter Pfeilregen, zwar aus größerer Ferne geſchoſſen, doch nicht minder gefährlich für die Leute, welche auf dieſer Seite des Hügels ſtanden, als der, welchen der Feind vorher gegen die Be⸗ ſatzung geſchleudert hatte. Mittlerweile rief Ruth ihre Gehülfinnen herbei, und beeilte ſich, mit ihnen die oben gegebene Anordnung auszuführen. Alle Feuerplätze im Hauſe übergoſſen ſie reichlich mit Waſſer, und da der Brand draußen fortwüthete, und alſo mehr Licht vorhanden war, als man brauchte oder wünſchte, ſo löſchten ſie ſorgfältig jede ausgebrannte Fackel oder Licht längs der ganzen langen Reihe des Wohnhauſes und der Wirthſchaftsgebäude vollends aus. —— Vierzehntes Kapitel. Du milde, traur'ge Mutter— 3— Verlaß ihn nicht ſo bald! r Kannſt, Güt'ge, du, o kannſt du von ihm ſcheiden, 3 Jetzt, wo Verzweiflung ſich ihm naht und Tod, e Und keinen Blick, den Mutterliebe bot—— 1 Um's Himmels willen, bleib. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen waren, kehrten die l, Mägde an die ihnen angewieſenen Lugöffnungen zurück, und Ruth, n deren Amt in Augenblicken der Gefahr in einer allgemeinen Ober⸗ e, aufſicht beſtand, blieb allein, ihren Betrachtungen und der Wach⸗ ht ſamkeit, zu welcher die Furcht ſie antrieb, überlaſſen. Es ließ ſie es nicht mehr ruhen in den inneren Gemächern, daher näherte ſie ſich e⸗ der in den Hofraum führenden Thüre, und verſunken in dem hehren Anblick des ſie umgebenden Schauſpiels, vergaß ſie auf einen lte F Augenblick, an ihre unmittelbaren Pflichten zu denken. lle Jetzt war das Feuer ſchon ſo weit gediehen, daß das Ganze da der ausgedehnten Flucht, gebildet durch die, wie gewöhnlich aus den den brennbarſten Stoffen beſtehenden Schuppen und Stallungen, in de einem wogenden Flammenmeere ſtand. Trotz der dazwiſchenliegenden des Gebäude kamen doch beſtändig breite Lichtſtreifen bis in den Hof, während der Himmel mit einem düſtern, ſchillernden Roth überzogen war, ſo daß ſie rund um ſich her den kleinſten Gegenſtand genau, unterſcheiden konnte. Durch die freieren Stellen hindurch, welche die viereckige Feſtung an den Punkten zwiſchen den Gebäuden dar⸗ bot, konnte ſie in's Feld hinüberſchauen, und da machte ſie die * traurige Entdeckung, daß die Wilden, feſt bei ihrem Entſchluſſe beharrend, ohne vollſtändige Erreichung ihres Zwecks nicht von dannen weichen würden. Finſtere, grimmig ausſehende, faſt nackte Geſtalten ſah ſie von einem Bergungsort zum andern ſchlüpfen, und kein Baumſtumpf, kein Klotz war innerhalb Pfeilſchußweite, 200 welcher nicht der Perſon eines trotzigen, unermüdlichen Feindes Schutz verlieh. Es waren unverkennbar mehrere Hunderte von ihnen da, und da ſie, nach einer vereitelten Ueberrumpelung den Angriff nicht aufgaben, ſo war es eben ſo klar, daß ſte ſich vor⸗ genommen hatten, ſich den Sieg etwas koſten zu laſſen. Dabei vernachläſſigten ſie keines der üblichen Mittel, die Schrecken der Scene zu ſteigern. Kriegs⸗ und Triumphgeſchrei dröhnte rund umher, und laut und häufig brach kreiſchend der Muſchelton hindurch, nur zu deutlich die Liſt verrathend, mittelſt welcher die Wilden ſich am Anfang der Nacht bemüht hatten, die Beſatzung aus den Palliſaden herauaten locken. Einige einzelne Schüſſe, mit Ueberlegung und nach ſcharfem Zielen aus jedem entblößteren Punkt innerhalb der Befeſtigun abgedrückt, bewieſen, daß die Belagerten ſich mit eben ſo iss Wachſamkeit ais Beſonnenheit vertheidigten. Die kleine Kändüs im Blockhauſe ſchwieg, denn der Puritaner wußte zu gut, worin ihre wahre Stärke beſtand, um ihrem Rufe durch zu häufigen Gebrauch zu ſchaden; er verſparte dieſen für Augenblicke dringen⸗ derer Gefahr, von denen er nur zu gewiß war, daß ſie nicht ausbleiben würden. So war die Scene beſchaffen, welche Ruth's furchtſam trau⸗ rigen Blick feſſelte. Die lang erhaltene, ländliche Sicherheit ihres Aufenthaltes war gewaltſam zerſtört, und an die Stelle einer Ruhe, die jenem Frieden, nach welchem ihr Geiſt ſtrebte, ſo nahe kam, als auf Erden nur immer moglich iſt, traten ihr und Allen, die ihr theuer waren, jetzt plötzlich irdiſche Greuelſcenen in ihren ent⸗ ſetzlichſten Geſtalten entgegen. Ein ſolcher Augenblick war wohl geeignet, die Gefühle einer Mutter anzuregen, und unwillkührlich eilte die Matrone beim Lichte des Brandes durch das Labyrinth von Gaͤngen nach dem Zimmer hin, wo ſie ihre Theuern geborgen glaubte. „Ihr ſeyd doch des Gebots, nicht in die Felder hinauszu⸗ ſchauen, eingedenk geweſen, meine Kinder,“ ſagte ſie, faſt athemlos hereintretend.„O ſeyd dankbar, ihr Lieben; bis jetzt bleibt die Mühe der Wilden noch vergeblich, noch find wir Herren unſerer Wohnung.“ „Was macht denn die Nacht ſo roth? Sieh einmal hier, Mutter; Du kannſt in den Wald ſchauen, als wenn die Sonne ſchiene!“ „Die Heiden haben unſere Scheunen angezündet, und was Du ſiehſt, iſt der Schein der Flammen. Glücklicherweiſe aber können ſie den Feuerbrand nicht in die Wohnung bringen, ſo lange Dein Vater und die jungen Männer unter Waffen ſtehen. Wir müſſen für dieſen Schutz, wie gebrechlich er auch iſt, dankbar ſeyn. Ge⸗ dis meine Ruth, Du warſt auf Deinen Knieen, und gedachteſt in Deinem Gebete Deines Vaters und Deines Bruders, nicht wahr?“ „Ich will es wieder thun, Mutter,“ flüſterte das Kind, indem die Kniee beugte, und ſeine jugendlichen Geſichtszüge in die Gewander der Matrone verbarg. „Warum Dein Antlitz verbergen? Wer ſo jung und unſchuldig iſt wie Du, darf immer mit Zuverſicht die Augen gen Himmel emporheben.“ „Mutter, ich ſehe den Indianer, wenn ich das Geſicht nicht verberge. Ich fürchte, er ſchaut mich mit dem Wunſche an, uns ein Leid zuzufügen.“ „Du biſt ungerecht gegen Miantonimoh, Kind,“ antwortete Ruth, indem ſie ſich ſchnell nach dem Knaben umſah, der ſich be⸗ ſcheiden in einen entfernten und beſchatteten Winkel des Zimmers zurückgezogen hatte.„Ich ließ ihn als Deinen Beſchützer bei Dir, nicht als einen, der da wünſcht zu ſchaden. Wohlan, denk' an Deinen Gott, mein Kind,“— hier drückte ſie einen Kuß auf die marmorkalte Stirne ihrer Tochter,—„und vertraue ſeiner Güte. Miantonimoh, ich gehe, und laſſe Dich auch jetzt wieder als ihren Beſchützer zurück.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie, ihre Tochter verlaſſend, auf den Jüngling zu. „Mutter!“ ſchrie das Kind,„komm zu mir, ſonſt ſterbe ich!“ 202 Mit der Schnelligkeit des Inſtinkts wandte Ruth ſich von dem ihr zuhörenden Gefangenen, und ein Blick reichte hin, ihr die ganze Gefahr zu zeigen, in welcher ihr Kind ſchwebte. Ein nackter Wilder, von dunkler Farbe, mächtigem Körperbau, und ſchrecklich anzuſehen in der grauſenerregenden, durch Farben hervorgebrachten Entſtellung eines indianiſchen Kriegers, ſtand da und wand das ſeidene Haar des Mädchens mit der einen Hand, während er mit der andern ſchon die blitzende Streitaxt über ein Haupt ſchwang, das unausweichlich dem Untergange geweihet ſchien. „Gnade! o Gnade!“ kreiſchte Ruth, heiſer vor Entſetzen, und auf die Knie fallend, nicht weniger aus Unfähigkeit, ſich aufrecht zu erhalten, als um das Erbarmen des Wilden anzuflehen.„Un⸗ geheuer, erſchlage mich, und ſchone das Kind!“ Des Indianers Augen rollten über die Perſon der Sprechenden weg mit einem Ausdruck, der mehr die Anzahl der vorgefundenen Opfer flüchtig zu überzählen ſchien, als die mindeſte Aenderung ſeines Vorhabens andeutete. Mit einer teufliſchen Kaltblütigkeit, welche verrieth, daß er in das ſchonungsloſe Handwerk tief einge⸗ weiht war, ſchleuderte er noch einmal das bebende aber ſprachloſe Kind in die Luft, und mit einer entſetzlichen Sicherheit des Ziels ſchwang er die Waffe, um zu treffen. Schon hatte der Tomahawk den letzten Kreis beſchrieben, und eine Sekunde würde das Loos des Opfers entſchieden haben, da ſtand der gefangene Jüngling plötzlich vor dem Scheußlichen, der dieſe herzzerreißende Scene herbeiführte. Eine ſchnell vorwärts gerichtete Bewegung des Armes that dem geführten Streiche Einhalt. Der Bruſt des Wilden entſtieg jener tiefe Kehllaut, deſſen die Indiauer ſich als Ausdruck des Erſtaunens bedienen; er ließ die Hand herabſinken, und die bis jetzt ſchwebend gehaltene Geſtalt des Kindes wieder den Boden berühren. Der Blick und die Geberde, mit welcher der Knabe ſich dazwiſchengelegt hatte, drückte indeſſen nicht Unwillen oder Entſetzen aus, ſondern war bloß gebieteriſch. Ruhig und l⏑ ³- geſammelt war ſein Ausſehen, und, wie die Wirkung zeigte, Ge⸗ horſam erzwingend. „Geh,“ ſagte er in der Sprache der unzähmbaren Race, von der er abſtammte;„die Krieger der blaſſen Männer rufen Dich bei'm Namen.“ „Roth iſt der Schnee mit dem Blute unſrer jungen Männer,“ erwiederte der Andere grimmig;„und noch hängt kein Schädel an dem Gürtel der Unſrigen.“ 4 „Dieſe gehoͤren mir,“ verſetzte mit Würde der Knabe, indem er bei'm Sprechen mit dem Arm einen Kreis beſchrieb, auf eine Weiſe, welche zeigte, daß alle Gegenwärtigen Theil an ſeinem Schutze hätten. Grimmig und nur halb überzeugt, ſchaute der Indianer⸗Krieger um ſich her. Zu furchtbar war die Gefahr, welche er bei Ueber⸗ ſteigung der Stacketen gelaufen war, als daß er ſich ſo leicht hätte von ſeinem Vorſatze abbringen laſſen ſollen. „Horch nun!“ fuhr er nach einer kurzen Pauſe, waͤhrend welcher das Geſchütz des Puritaners im allgemeinen Aufruhr draußen abermals brüllte, fort.„Der Donner iſt auf der Seite der Yengihs. Unſere jungen Mädchen werden das Geſicht von uns abwenden, und uns Pequots nennen, wenn unſere Stange keine Hirnſchädel trägt.“ Einen Augenblick lang wechſelte der Knabe die Geſichtsfarbe, ſein Entſchluß ſchien zu wanken, und der Andere, welcher ſeine Augen mit verſchlingender Gier beobachtete, erfaßte ſchon ſein Opfer bei den Haaren. Da ſchrie Ruth in dem Tone der Verzweiflung: „Knabe! Knabe! wenn Du nicht mit uns biſt, ſo hat Gott uns verlaſſen!“ „Sie iſt mein!“ rief endlich der Jüngling wild.„Vernimm meine Worte, Wompahwiſſet; das Blut meines Vaters fließt ſehr heiß in mir.“ Der Andere hielt inne, und abermals unterblieb der Todesſtreich. 204 Die blitzenden Augäpfel des Wilden hafteten ſeſt an der ſtolzen Geſtalt und dem ſtrengen Geſichte des jungen Helden, deſſen er⸗ hobene Hand zu drohen ſchien, daß ſie die Nichtberückſichtigung ſeiner Vermittlung auf der Stelle ahnden würde. Die Lippen des Kriegers öffneten ſich, und das Wort ‚Miantonimoh' entfloß ihnen ſo weich, als wenn es an ein Gefühl tiefen Schmerzes erinnerte. Sodann, als plötzlich ein Gebrüll von Indianerſtimmen das Flammen⸗ gepraſſel übertäubte, ließ der wilde Krieger das zitternde, faſt be⸗ wußtloſe Kind fahren, kehrte um und ſprang fort, gleich einem Bluthund, der eine friſche Fährte ausgewittert. „Knabe! o Knabe!“ ſtammelte die Mutter,„ſey Du Heide oder Mit raſcher Bewegung der Hand unterbrach er den Ausdruck ihres Dankes, wies auf die Geſtalt des ſich entfernenden Wilden und führte dann einen Finger um ſein eigenes Haupt. Schon dieſes Zeichen war deutlich genug, allein unerſchüttert und mit dem ernſten Nachdruck eines Indianers ſprach er dabei die entſetzlichen Worte aus: „Das junge, bleiche Geſicht hat einen Schädel!“ Mehr hörte Ruth nicht. Mit inſtinktmäßiger Schnelligkeit, jedes Gefühl ihrer Seele bis zur Todesangſt geſteigert, ſtürzte ſie hinab, ihren Marcus gegen die Hinterliſt eines ſo überlegenen Feindes zu warnen. Als ihr Tritt nach einem Augenblick in den leeren Ge⸗ mächern verhallt war, nahm der indianiſche Knabe, der ſo eben ſeine Feſtigkeit und ſein Anſehen auf eine ſo merkwürdige Art zu Gunſten der Kinder benutzt hatte, ruhig, als wenn er an den ſchauderhaften Ereigniſſen der Nacht keinen weitern Antheil nehme, ſeine nachſinnende Stellung wieder ein. Kritiſch in der That bis zum letzten Grade, war nunmehr die Lage der Beſatzuug geworden. Von dem entferntern Ende der Außengebäude hatte ſich ein Feuerſtrom einhergewälzt, und das den Vertheidigungswerken zunächſt ſtehende erreicht; unter ſeiner wüthenden 205 Gewalt war ein Gebäude nach dem andern hingeſchmolzen, und das allmählige Heißwerden der Stacketen ſtieg nun faſt bis zur Entzündung. Der durch dieſe dringende Gefahr verurſachte Lärm⸗ ruf erſcholl, und als Ruth in den Hofraum kam, wollte eben eine der Mägde, offenbar mit einem Geſchäft von der letzten Nothwen⸗ digkeit beauftragt, an ihr vorüberſtürzen. „Haſt Du ihn geſehen?“ fragte die athemloſe Mutter, das forteilende Mädchen feſthaltend. „Nicht ſeit die Wilden ihren letzten An griff machten, doch ich ſtehe dafür, er iſt nicht weit von den weſtlichen Luglöchern zu finden, um die Feſtungswerke gegen den Feind zu vertheidigen.“ „Er wird ſich doch nicht in die vorderſten Reihen der Streiter gewagt haben! Wen meinſt Du denn, Glaube? Meine Frage be⸗ trifft Marcus; es wüthet in dieſem Augenblick Einer innerhalb der Palliſaden und ſucht ein Opfer.“ 3 „Ich hatte wirklich geglaubt, Sie fragten nach.... Der Knabe iſt bei ſeinem Vater und dem fremden Krieger, der zu unſerm Wohl ſolche tapfere Thaten thut. Ich habe keinen Feind innerhalb der Palliſaden geſehen, Madam Heatheote, ſeit der Mann herein⸗ gekommen, der mit Hülfe der finſtern Mächte dem Flintenſchuſſe Eben Dudley's entwiſcht iſt.“ „Sollte dies Unglück doch noch an uns vorübergehen?“ ver⸗ ſetzte Ruth, etwas freier athmend, da ſie nun wußte, daß ihr Sohn ſicher war;„oder verhüllt die Vorſehung ihr Antlitz im Zorne?“ „Wir behalten bis jetzt noch immer die Unſrigen, obgleich die Wilden unſern jungen Leuten auf's Aeußerſte zugeſetzt haben. O, es erfreute das Herz, zu ſehen, welche brave Schaar Ruben Ring und die Anderen in ſeiner Nähe zu unſerm Schutze bildeten. Ich glaube, Madam Heatheote, der Zänker Dudley hat am Ende doch wahre Maͤnnlichkeit in ſich! Sie hätten ſehen ſollen, welchen Wider⸗ ſtand er geleiſtet, wie er der Gefahr getrotzt; wahrlich! der Junge hat Wunder gethan; zwanzigmal ſchon glaubte ich dieſe Nacht, er würde getödtet werden.“ 8 „Und der dort liegt?“ ſprach die entſetzte Nuth mit halb er⸗ ſtickter Stimme, indem ſie auf eine nahe Stelle hinzeigte, wo ge⸗ trennt von Denen, die noch im lärmenden Kampfe begriffen waren, Jemand auf dem Boden ausgeſtreckt lag;„wer iſt gefallen?“ Bleich wie das Tuch— welches die Hand irgend eines zart⸗ fühlenden Freundes, trotz der allgemeinen Verwirrung und Trauer, Zeit gefunden hatte, über die Geſtalt zu breiten— ward des Mädchens Wange. 1 „Der!“ ſagte ſie mit bebender Stimme;„mein Bruder Ruben iſt zwar verwundet und blutet, aber ich weiß gewiß, daß er bei der Schießſcharte am weſtlichen Winkel ſteht; und Whittal fehlt es auch nicht an hinreichendem Verſtand, um ſich vor Gefahr in Acht zu nehmen.... Der Fremde kann es auch nicht ſeyn; denn er ſteht unter der Bruſtwehr an der Pforte, in Berathung mit dem jungen Kapitän begriffen.“ „Weißt Du das gewiß, Mädchen?“ „Noch in dieſer Minute ſah ich ſte Beide. Wollte Gott, wir könnten den Ruf des lärmenden Dudley hoͤren, Madam Heatheote: in einem ſo angſtvollen Augenblick, wie der gegenwärtige, erleichtert ſein Geſchrei das Herz.“ „Nimm das Tuch weg,“ ſagte Ruth gelaſſen und feierlich, „damit wir erfahren, wer von unſeren Freunden zur hehren Rechen⸗ ſchaft abgerufen iſt.“— Glaube zauderte, und als ſie nach einer gewaltigen Selbſt⸗ überwindung, an welcher geheime Neigung einen eben ſo großen Antheil hatte als Folgſamkeit, endlich gehorchte, ſo geſchah es mit einer Art von entſchloſſener Verzweiflung. Nachdem die Leinwand aufgehoben war, ruhten die Augen der beiden Frauenzimmer auf dem erblaßten Geſicht eines Menſchen, den ein eiſengeſpitzter Pfeil durchbohrt hatte. Das Mädchen ließ das Tuch wieder . . r 207 fallen, und rief mit einer, mehr einem hyſteriſchen Kreiſchen äͤhn⸗ lichen Stimme: „Es iſt blos der junge Mann, der vor nicht langer Zeit zu uns kam! Wir ſind mit dem Verluſte alter Freunde noch verſchont.“ „Er iſt um unſre Sicherheit geſtorben. Viel von den Gütern dieſer Welt wollte ich drum geben, wenn dieſes Unglück nicht ge⸗ ſchehen, oder auch nur, wenn ihm zur letzten furchtbaren Abrech⸗ nung mehr Zeit vergönnt worden wäre. Doch wir dürfen die Augenblicke nicht mit Trauer zubringen. Geſchwind, Mädchen, gib den Lärmruf, daß ein Wilder innerhalb unſerer Mauern laure, umherſpürend um einen heimlichen Streich zu führen. Heiße alle vorſichtig ſeyn. Sollte Dir der junge Marcus begegnen, ſchärfe ihm das Daſeyn von Gefahr mehr als einmal ein: das Kind iſt raſch, und hört vielleicht nicht auf zu flüchtig geſprochene Worte.“ Mit dieſem Auftrage verließ Ruth ihre Magd, und während dieſe fortſtürzte, um die nöthige Warnung zu ertheilen, ging jene auf die Stelle zu, wo ſie, nach der eben eingezogenen Erkundigung, Grund hatte zu glauben, daß ihr Gatte ſich beſinde. Es war in der That ſo; Content und der Fremde ſtanden beiſammen und beriethen ſich, was bei der Gefahr, welche ihren wichtigſten Vertheidigungswerken den Untergang drohte, zu thun ſey. Die Wilden ſelbſt ſchienen ein Bewußtſeyn davon zu haben, daß die Flammen ihnen in die Hände arbeiteten, denn ihre Anſtren⸗ gungen ließen allmählig nach, und da ſie in ihren verſchiedenen Verſuchen, der Beſatzung zu ſchaden, arg mitgenommen worden waren, ſo hatten ſie ſich in ihre verdeckten Plätze zurückgezogen, wo ſie den Augenblick abwarteten, der ihnen ſagen würde, daß ihr verſchmitzter Anſchlag hinlänglich gediehen ſey, um einem erneuten Angriffe beſſern Erfolg zu verheißen. Es bedurfte nur weniger Worte, um Ruth mit dem ganzen Umfang der dringenden Gefahr bekannt zu machen, Das Gefühl größerer Schrecken ließ ſie ver⸗ geſſen, weshalb ſie eigentlich gekommen war, und mit einem 208 zuſammengezogenen, trauernden Auge ſtand ſie da wie ihre Gefähr⸗ ten, ohnmächtig, hülflos, eine halb träumende Zuſchauerin der Fortſchritte der allumgebenden Verheerung. „Ein Soldat ſollte mit nutzloſen Klagen die Zeit nicht ver⸗ geuden,“ bemerkte der Fremde, indem er, gleich Einem, der ſich geſtand, daß menſchliche Anſtrengung hier nichts mehr nützen konnte, fortfuhr:„ſonſt würde ich ſagen, es ſey zu bedauern, daß Der, welcher jene Stacketenlinie pflanzte, nicht an den Nutzen eines Grabens gedacht habe.“ „Ich will die Mägde rufen,“ ſagte Ruth,„daß ſie zum Brun⸗ nen...“ „Es wird uns nichts helfen. Die Pfeile würden ſie dort er⸗ reichen; auch kann kein Sterblicher lange die Glut jenes Brandes aushalten. Du ſiehſt, die Pfähle rauchen ſchon und ſchwärzen ſich unter ſeiner Wuth.“ Noch ſprach der Fremde, als eine kleine zitternde Flamme an dem Winkel der Palliſaden, die dem brennenden Gebäude zunächſt ſtanden, zu ſpielen begann. Das Element hüpfte, wie ſo viele be⸗ wegte Punkte, von einer Spitze des heißgewordenen Holzes zur andern, dann aber breitete es ſich über die ganze Oberfläͤche der Pfähle, von ihrer breitern Baſis bis zur zuſammenlaufenden Spitze aus. Als wäͤre dies jedoch bloß das Signal zu einer allgemeinen Verheerung geweſen, zündeten jetzt die Flammen an fünfzig Stellen in demſelben Nu, und die ganze Flucht der dem Brande zugekehr⸗ zen Stacketen ſtand im Feuer. Ein Triumphgeſchrei erſchallte in den Feldern, und ein Pfeilhagel ergoß ſich herein, der die wilde Ungeduld Derjenigen verkündete, die auf das Zunehmen des Bran⸗ des warteten. „Wir werden in unſer Blockhaus getrieben werden,“ ſagte Content.„Laß Deine Mädchen zuſammenkommen, und beſorge ſchnell alles Nothige zu unſerm letzten Rückzuge.“ „Ich gehe, doch wage Dein Leben nicht in vergeblichen —— ☛ 10 12= 180— e 12—— — &„. 209 Bemühungen, die Flammen aufzuhalten. Noch iſt Zeit zu allem was wir zu unſerer Sicherheit bedürfen.“ „Das iſt nicht ſo ganz ausgemacht,“ bemerkte der Fremde mit einiger Unruhe.„Hier zeigt ſich der Angriff in einer neuen Geſtalt!“ Ruth blieb wie verſteinert ſtehen. Als ſie aufwärts ſchaute, erblickte ſie den Gegenſtand, welcher die Bemerkung des zuletzt Sprechenden veranlaßt hatte. Ein kleiner, glänzender Feuerball war den Feldern entſtiegen, und ſenkte ſich, nachdem er in der Luft über ihren Haͤuptern einen Bogen beſchrieben hatte, auf die Dachſchindeln eines Gebäudes, welches einen Theil des im innern Hofraum befindlichen Vierecks bildete. Es war dieſelbe Bewegung wie die, welche der von einem Bogen in die Ferne geſchoſſene Pfeil macht, und ein langer Lichtſchweif, der, gleich einer feurigen Lufterſcheinung, dem Laufe des Balls folgte, bezeichnete ſeine Bahn. Dieſer brennende Pfeil mußte mit ganz beſonders ruhiger und geübter Berechnung abgedrückt worden ſeyn; denn er ſiel auf einen Vorrath von Stoffen, die eben ſo entzündbar waren wie Schießpulver, und dem Auge war es kaum gelungen, dem Falle bis zu ſeinem Zielpunkte zu folgen, ſo ſah es auch zugleich, wie über das ſchon vorher in Hitze geſetzte Dach ſich die helle Flamme hinſtahl. Noch einen Kampf um unſern Heerd!“ ſchrie Content, allein der Fremde hielt ihn feſt bei der Schulter. In demſelben Mo⸗ ment ſchoſſen ein Dutzend ähnlicher meteorgleicher Bälle in die Luft empor, und ſtürzten auf eben ſo viele verſchiedene Stellen des bereits halb in Brand ſtehenden Gebäudes hernieder. Jetzt würden fernere Anſtrengungen nichts mehr gefrommt haben, und die Hoffnung aufgebend, ſein Eigenthum zu retten, war jeder Ge⸗ danke nunmehr der perſönlichen Sicherheit zugewendet. Von ihrem kurzen Außerſichſeyn zurückgekommen, eilte Ruth mit beflügelten Schritten, um die ihr wohlbekannten Pflichten zu erfüllen. Jetzt folgten einige Minuten ſchwerer Arbeit, indem die Mäaͤgde alles zum Unterhalt Nöthige, was nicht ſchon früher in Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. das Blockhans geſchafft worden war, in dieſe ihre kleine Citadelle trugen. Das glühende, die dunkelſten Gänge der Wohnung durch⸗ dringende Licht verhinderte, daß dieſes Geſchäft unentdeckt vollzo⸗ gen wurde. Kriegesruf verſammelte ihre Feinde zum erneuten Angriff. Immer dichter wurde der Pfeilhagel, und nicht ohne Gefahr führten die geängſtigten Bewohnerinnen von Wiſh⸗ Ton⸗ Wiſh ihre wichtige Pflicht aus, da ſie alle bis zu gewiſſem Grade, während ſie, mit den verſchiedenſten Bedürfniſſen beladen, den Weg nach dem Blockhauſe hin⸗ und zurückmachten, ihre Perſon der Ge⸗ fahr ausſetzen mußten. Jedoch diente der ſich ſammelnde Rauch eeinigermaßen als Schirm, und es dauerte daher nicht gar lange, ſo erhielt Content die erwünſchte Nachricht, daß er ſeiner jungen Mannſchaft den Befehl zum Rückzug von den Palliſaden geben könne. Das gehörige Zeichen ward nun mit der Muſchel gegeben, und ehe noch der Feind Zeit hatte, deſſen Sinn zu errathen, oder aus dem entblößten Zuſtand der Vertheidigungswerke Vortheil zu ziehen, hatte ſchon jedes darin befindliche Individuum wohlbehalten den Eingang des Blockhauſes ereicht, obgleich ſie ihren Rückzug mit mehr Eile und Verwirrung bewirkten, als ſich mit ihrer Si⸗ cherheit wohl vertrug. Jedoch ſtiegen Diejenigen, welche nach den Schießſcharten beordert wurden, gierig zu dieſem Poſten hinan, wo ſie bereit ſtanden, Feuer auf Jeglichen zu geben, der es wagen würde, zu nahe heran zu kommen. Einige zögerten noch im Hofe, um nachzuſehen, ob auch nichts, was zum Widerſtand oder zur Sicher⸗ heit nöthig ſeyn könnte, vergeſſen worden wäre. Ruth, die bisher in den Vorderreihen der Geſchäftigen geweſen, ſtand jetzt, die Hände an die Schläfe drückend, als wollte ſie ſich auf dieſe Weiſe die Be⸗ ſinnung zurückrufen. „Unſer gefallener Freund!“ ſagte ſie.„Sollen wir ſeine Ueberreſte liegen laſſen, daß die Wilden ſte verſtümmeln?“ „Nein, gewiß nicht; Dudley, komm und hilf; wir wollen die Leiche in den untern... ha! der Tod hat noch einen der Unſrigen getroffen.“ ₰ 1 elle Der Schrei, den Content bei dieſer Entdeckung hervorſtieß, rch⸗ erreichte ſchnell alle im Gehörkreis Befindlichen. Die Falten der lo⸗ Leinwand machten es nur zu augenſcheinlich, daß zwei Körper aten unter derſelben lagen. Angſtvoll und raſch blickte jeder von Ge⸗ hne ſicht zu Geſicht, um zu erfahren, wer noch fehle; doch Content, Lon⸗ wohl wiſſend, welche Gefahr mit fernerm Aufſchub verbunden war, ade, hob das Tuch ſchnell in die Höhe, um allem Zweifeln durch die Weg Anſchauung ein Ende zu machen. Die Geſtalt des jungen Grenz⸗ Ge⸗ lers, von dem man wußte, daß er gefallen war, ward zuerſt lang⸗ auch ſam und feierlich aufgedeckt; aber auch der Gefaßteſte unter den nge, Zuſchauern prallte mit Entſetzen zurück, als das geſtohlene Haupt ngen und der noch rauchende Rumpf darthaten, daß die Hand eines Wilden eben ihr ſchauderhaufes Werk an der widerſtandloſen Leiche verübt hatte. eben,„Der Andere!“ brachte Ruth mit Mühe hervor, und erſt als oder ihr Gatte das Tuch halb weggenommen hatte, gelang es ihr noch il zu hinzuzufügen:„O nehmt euch in Acht vor dem Andern!“ alten* 6 Nicht überflüſſig war die Warnung, denn heftig bewegte ſich ckzug die Leinwand, wie Content ſie in die Höhe hob, und ein grimmiger, Si⸗ 33 4 blutbeſchmierter Indianer ſprang auf die Füße und mitten in die den* 4 3 auseinander ſtiebende Gruppe. Weit ausholend mit ſeinem bewaff⸗ „ wo* 3 neten Arm, durchbrach der Wilde den weichenden Kreis, und mit agen—. dem entſetzlichen Kriegs⸗Heho ſeines Stammes ſetzte er in die um— offene Thür des eigentlichen Wohnhauſes ſo jähe, daß er jeden icher⸗ Entſchluß, ihn zu verfolgen, vereitelte. Wie von Sinnen, breitete isher Ruth die Arme nach der Stelle aus, wo er verſchwunden war, ande und ſie wollte ſchon wahnfinnig hineinſtürzen, als die Hand ihres Be⸗ Mannes ſie feſthielt. „Willſt Du Dein Leben auf's Spiel ſetzen, um eine oder die ſeine andere Kleinigkeit zu retten!“ „Mann, laß mich!“ erwiederte das Weib, faſt erſtickend vor Leiche Todesangſt;„die Natur war eingeſchlafen in mir!“ ffen.“„Furcht raubt Dir den Verſtand!“ H 212 Ruth's Gliedmaßen ſträubten ſich nun nicht mehr. All' der Wahnſinn, der wild ihr aus den Augen ſtierte, verſchwand, und an ſeine Stelle trat eine faſt übernatürliche Ruhe. Ihre ganze Geiſteskraft ſammelnd, ſchien ſelbſt die Verzweiflung ihr die Fähig⸗ keit der Selbſtbeherrſchung noch einmal zu leihen. Das Entſetzen, das ihr faſt die Sprache raubte, hob ihren Buſen fürchterlich, und ſo ſich gegen ihren Mann wendend, ſagte ſie mit einer Stimme, deren Ruhe ſchaudernd machte: „Wenn Du ein Vaterherz haſt, ſo laß mich!.... Unſere Kleinen ſind vergeſſen worden!“ Content ließ die Hand ſinken, und im nächſten Augenblick war die Geſtalt ſeines Weibes aus dem Geſichte, in derſelben Richtung, die der glücklich entwiſchte Wilde genommen hatte. Und dies war der verhängnißvolle Moment, den die Feinde gewählt hatten, um ihren Vortheil zu benutzen. Ein wilder Ausbruch des Gebrülls ver⸗ kündete die Thätigkeit der Angreifenden, und ein allgemeines Feuern aus den Schußlöchern des Blockhauſes ſetzte die noch im Hofraume Stehenden hinlänglich davon in Kenntniß, daß der ſtürmende Feind in's Herz der Feſtung gedrungen ſey. Alle waren oben, mit Aus⸗ nahme der Wenigen, welche zurückgeblieben waren, um an dem Todten die letzte traurige Pflicht zu erfüllen. Ihre Anzahl war zu gering, um Widerſtand rathſam zu machen, und zu groß, als daß ſte dem Gedanken Raum geben konnten, die halbwahnſinnige Mutter und ihre Kleinen ohne Rettungsverſuch zurückzulaſſen. „Geht Ihr hinein,“ ſagte Content, nach der Thür des Block⸗ hauſes hinzeigend;„meine Pflicht iſt es, das Loos Derer zu thei⸗ len, die meinem Blute am nächſten ſtehen.“ Antwort gab der Fremde nicht. Seine gewaltigen Hände auf den faſt betäubten Gatten und Vater legend, ſchleuderte er denſel⸗ ben unwiderſtehlich in den untern Raum der Citadelle, und dann winkte er mit ſchneller Geberde allen Uebrigen, denſelben Weg zu nehmen. Nachdem die letzte Geſtalt hineingegangen war, befahl 4 ——.,—— 0 ☛— er, die Thüre feſt zu verſchließen, in dem Glauben, daß er der einzig Draußenbleibende wäre. Im nächſten Moment lehrte ihn freilich ein flüchtiger Blick, daß noch Jemand ausgeſchloſſen blieb,— dort ſtand er, im dumpfen Staunen die Leiche des Gefallenen betrach⸗ tend— allein es war zu ſpät, den Irrthum wieder gut zu machen; Geſchrei ſtieg ſchon aus dem ſchwarzen Rauch, welcher dick und ſchnell aus den brennenden Gebäuden herauswirbelte, es unterlag alſo keinem Zweifel mehr, daß nur wenig Schritte ſie von ihren Verfolgern trennten. Der kühne Soldat gab dem Menſchen, welcher aus dem Blockhauſe ausgeſchloſſen blieb, ein Zeichen, ihm zu folgen, und ſtürzte ſodann in das nur noch wenig vom Feuer erfaßte Hauptgebäude. Mehr vom Zufall als von einer Bekannt⸗ ſchaft mit den Windungen der Gänge im Hauſe geleitet, ſah er ſich zwar bald in den Gemächern, aber wohin nun? Das wußte er nicht. In dieſem Augenblick übernahm ſein Gefährte, kein an⸗ derer als Whittal Ring, die Führung, und im nächſten befanden ſie ſich an der Thüre des geheimen Zimmers. „St!“ ſagte Unterwerfung, indem er eintretend mit aufge⸗ hobener Hand Schweigen gebot.„uUnſere Hoffnung hängt vom Schweigen ab.“ „Und wie ſollen wir unentdeckt entkommen?“ fragte die Mutter, und zeigte auf die Gegenſtände rund umher, die ein Licht erleuchtete, das ſo ſtark war, daß es jede Ritze des nicht ſehr vor⸗ ſichtig angelegten Gebäudes durchdrang.„Kaum iſt die Mittags⸗ ſonne glänzender als dieſes ſchreckliche Feuer!“ 2 „Gott iſt auch in den Elementen! Seine Führerhänd ſoll uns den Weg zeigen. Aber hier dürfen wir nicht weilen, denn die Flammen haben die Schindeln ſchon ergriffen. Folgen Sie, ohne zu ſprechen.“ Ruth drückte die Kinder dicht an ſich, und ſo verließen ſie das Dachzimmer zuſammen. Schnell und unentdeckt bewerkſtellig⸗ ten ſie ihre Flucht bis hinab in ein Gemach auf gleicher Erde. 214 Hier angelangt jedoch, ſtand ihr Führer ſtill, denn die Lage der Dinge draußen verlangte den hoͤchſten Grad von Unerſchrockenheit und Ueberlegung. Die Indianer waren nunmehr Herren vom ganzen Umfange der Beſitzungen Marcus Heatheote's, das Blockhaus ausgenom⸗ men; und da es ſtets ihr Erſtes war, den Feuerbrand überall, wo er den Stoff zum Zerſtören vorfand, hinzutragen, ſo erhob ſich jetzt das betäubende Gekrache des Brandes von allen Seiten. Die Flintenſchüſſe und das ‚Hehot der indianiſchen Krieger ver⸗ mehrten freilich das grauſenvolle Geräuſch der Scene, verkündeten aber auch den unbeugſamen Entſchluß der Beſatzung der Citadelle. Der Fremde konnte aus einem Fenſter des Gemachs eine genaue neberſicht von dem, was draußen vorging, nehmen. Der Hof, wie von Tagesglanz erleuchtet, war leer; denn ſowohl die immer ſtärker werdende Gluth als das Feuern aus den Schußloͤchern hielt die vorſichtigen Wilden noch in ihren Schlupfwinkeln. Es blieb daher ein matter Hoffnungsſchimmer übrig, daß der Raum zwiſchen der Wohnung und dem Blockhauſe noch mit Sicherheit zurückge⸗ legt werden könne. „Ich wollte, ich hätte anempfohlen, die Thüre des Block⸗ hauſes zum Aufmachen bereit zu halten,“ brummte Unterwerfung vor ſich hin;„einen Augenblick in dieſer wilden Hitze verweilen, wäre Tod; auch haben wir keine Art von... 4 Er fühlte ſeinen Arm berührt, und als er nach der Seite ſchaute, ſah der Sprechende das dunkle, ihm feſt in's Angeſicht ſchauende Auge des gefangenen Knaben. „Willſt Du es thun?“ fragte der Andere mit halb hoffen⸗ der, halb zweifelnder Miene. Eine ſprechende, einwilligende Geberde war die Antwort; hierauf glitt die Geſtalt des Knaben in aller Stille aus dem Zimmer. Im nächſten Augenblick erſchien Miantonimoh im Hofe. Er 2n⸗ ſchritt mit derjenigen Gelaſſenheit einher, wie man ſie nur zur Zeit der vollkommenſten Sicherheit beſitzen kann. Die eine Hand hob er zu den Schießſcharten empor, gleichſam als Zeichen der Freundſchaft; dann ließ er ſie finken, und begab ſich mit demſelben ruhigen Schritt in die volle Mitte des Platzes. Hier ſtand der Knabe vom hellſten Lichte des Brandes umglüht, und wandte langſam das Geſicht nach allen Seiten,— eine Handlung, welche zeigte, daß er von allen Augen erkannt zu werden wünſchte. Sogleich hörte das Geſchrei in den umgebenden Schlupfwinkeln auf, ein Beweis ſowohl von dem Gemeingefühl, das ſeine Erſcheinung bei den Wil⸗ den erregte, als von der Gefahr, die jeder Andere gelaufen wäre, wenn er ſich in den ſchrecklichen Schauplatz hinausgewagt hätte. Nach dieſer von unbeſchreiblich großer Zuverſicht zeugenden Hand⸗ lung, näherte ſich der Knabe dem Eingange des Blockhauſes um einen Schritt. „Kommſt Du in Frieden, oder iſt dies wieder eine Erfindung indianiſcher Verrätherei?“ fragte eine Stimme durch eine zum Behuf der Unterhandlung mit dem Feinde angebrachte Oeffnung in der Thüre. Der Knabe hob gegen den Sprecher die eine flache Hand in die Höhe, während er die andere ſtill betheuernd auf die nackte Bruſt legte. „Haſt Du ein Anerbieten zu Gunſten meines Weibes und meiner Kleinen zu machen? Wenn Gold ſie auslöſen kann, ſo nenne den Preis.“ Miantonimoh begriff recht gut, was der Andere ſagen wollte. Mit der Unbefangenheit eines Menſchen, deſſen Verſtand in früher Jugend ſchon auf die Erforderniſſe dringender Umſtände eingeübt worden, begleitete er ſeine Bilderſprache mit einer noch ſprechen⸗ deren Geberde. „Kann eine Frau der bleichen Geſichter durch Holz hindurch⸗ gehen? Ein indianiſcher Pfeil iſt ſchneller als der Fuß meiner Mutter.“ 4 „Knabe, ich traue Dir,“ erwiederte. die Stimme drinnen. „Wenn Du ſo ſchwache und unſchuldige Weſen hintergeheſt, ſo wird Dir der Himmel das Unrecht gedenken.“ Miantonimoh machte abermals ein Zeichen, um anzudeuten, daß Vorſicht gebraucht werden müſſe, und zog ſich dann mit einem eben ſo gelaſſenen und gemeſſenen Schritte, wie bei ſeinem Heran⸗ nahen, wieder zurück. Eine zweite Pauſe des Geſchrei's verkuͤndete die Theinahme Derer, die mit Flammenblicken aus der Entfernung ſeine Bewegungen beobachteten. Der junge Indianer begab ſich nun zu den im Wohnhauſe Harrenden, und führte ſte, ohne in dem Rauche der umgebenden Gebäude bemerkt zu werden, an eine Stelle, von welcher aus ihr kurzer aber gefahrvoller Pfad deutlich vor ihnen lag. In dieſem Augenblick ward die Thür des Blockhauſes zur Hälfte geöffnet und alsbald auch wieder geſchloſſen. Aber der Fremde zauderte noch, denn ihm leuchtete einerſeits die große Unwahrſcheinlichkeit ein, daß Alle unverſehrt über den Hof kommen würden, und andrerſeits die Unmög⸗ lichkeit, den Uebergang in wiederholten Verſuchen zu bewerkſtelligen. „Knabe,“ ſagte er,„Du haſt viel gethan; Dir iſt es daher auch möglich, noch mehr zu thun. Gib auf irgend eine Weiſe, die das Herz Deines Volkes rühre, die Bitte um Gnade für dieſe Kinder zu erkennen.“ Miantonimoh ſchüttelte mit dem Kopfe, und, auf die ſcheußlich verſtümmelte Leiche im Hofe hinzeigend, antwortete er kalt: „Der rothe Mann hat Blut gekoſtet.“ „Wohlan, ſo muß der verzweiflungsvolle Verſuch gemacht werden! Denke nicht an Deine Kinder, unglückliche, heldenmüthige Mutter, ſondern wahre Du nur Deine eigene Sicherheit. Dieſer blödſinnige Junge und ich wollen die Sorge für die holden Unſchul⸗ digen über uns nehmen.“ 3 Ruth drückte ihre ſprachloſe, zitternde Tochter an's Herz, und machte mit der Hand eine ablehnende Geberde, welche zu erkennen ₰ A————.,———=— — Aatn——— gab, daß ihr Entſchluß gefaßt war. Der Fremde gab nach, und wendete ſich gegen Whittal, der neben ihm ſtand, offenbar eben ſo ſehr mit leerem Anſtieren des brennenden Gebäudes beſchäftigt, als mit der Sorge wegen ſeiner perſönlichen Gefahr. Dieſem trug Unterwerfung auf, das andere Kind in Schutz zu nehmen, und begab ſich eben nach vorn, um Ruth den etwa erforderlichen Bei⸗ ſtand zu leiſten, als ein Fenſter an der Rückſeite des Hauſes einge⸗ ſchlagen wurde; ein Beweis, daß der Feind eindrang, und hohe Gefahr vorhanden ſey, in ihrer Flucht abgeſchnitten zu werden. Keine Zeit war mehr zu verlieren; denn augenſcheinlich lag nur noch ein Zimmer zwiſchen ihnen und ihren Verfolgern. Ruth's edles Gemüth erwachte jetzt, und Martha aus den Armen Whittal Ring's reißend, verſuchte ſie mit verzweifelter Kraftanſtrengung, an der das Gefühl mehr Theil hatte, als irgend ein ihr bewußter Be⸗ weggrund, beide Kinder in ihrem Gewande zu verhüllen. „Ich bin bei euch!“ flüſterte das bewegte Weib;„ruhig, ruhig, meine Lieblinge, Deine Mutter iſt Dir nahe, meine Ruth!“ Sehr verſchieden war der Fremde beſchäftigt. Kaum hatte er das Glas klirren gehört, ſo ſtürzte er fort, um den Rücken zu decken, und gerieth auch ſogleich in Kampf mit dem ſo oft erwähnten Wilden, der einem Dutzend unbändiger, brüllender Geſellen als Wegweiſer diente. „In’s Blockhaus!“ rief der beſonnene Krieger, während er mit gewaltigem Arme ſeinen Feind am Ausgange des engen Cor⸗ ridors feſthielt und ſo mit dem Koͤrper ſeines Feindes verhinderte, daß die in deſſen Rücken Wartenden herauskamen.„So lieb Dir Leben und Kinder ſind, Weib, in's Blockhaus!“ Furchtbar gellte der Ruf den Ohren Ruth's, doch ach! in dieſem Moment der dringendſten Gefahr war ihre Geiſtesgegenwart dahin. Noch einmal ſchrie der Fremde, und jetzt erſt riß die außer Faſſung gerathene Mutter ihre Tochter von der Erde an ſich. Die Augen noch auf das in ihrem Rücken ſtattfindende ſchreckliche Ringen ge⸗ richtet, preßte ſie das Kind an ihr Herz und floh, indem ſie Whittal⸗ 218 Ring ihr folgen hieß. Der Junge gehorchte. Noch hatte ſie den Hofraum nicht halb durchſchnitten, ſo ſah man den Fremden, noch immer den Wilden gleich einem Schild ſeinen Feinden entgegen⸗ ſtreckend, dieſelbe Richtung zu nehmen bemüht. Den ganzen Um⸗ fang der Gefahr bewieſen das nun ſich erhebende Kriegsgeſchrei und der Pfeilregen von Seiten der Indianer, und die vollen La⸗ dungen von Seiten der Beſatzung. Die Furcht verlieh indeſſen den Gliedmaßen Ruth's mehr als natürliche Kräfte. Kaum durch⸗ flogen die Pfeile ſelbſt mit größerer Geſchwindigkeit die erhitzte Luft, als ſie in die geöffnete Thüre des Blockhauſes hineinſchoß. Nicht ſo glücklich war Whittal Ring; wie er, das ihm anvertraute Kind auf dem Arme, über den Hof einherſchritt, flog ihm ein Pfeil in's Fleiſch. Vom Schmerz ergriffen, drehte ſich der Junge ärgerlich um, als wollte er die Hand ſchmählen, welche ihm den⸗ ſelben verurſachte. 4„Vorwärts, thörichter Knabe!“ rief der Fremde, als er bei ihm vorüberkam, noch immer mit dem Körper des ſich wie ein Wurm krümmenden Wilden in der Rieſenfauſt.„Vorwärts, um Dein und des Kindes Leben willen!“ Die Aufforderung kam zu ſpät. Schon hatte ein Indianer die Hand auf dem unſchuldigen Opfer, und im nächſten Augenblick darauf hielt er es ſchwebend in der Luſt, und ſchwang mit einem grellen, kurzen Schrei die Streitaxt über ſein Haupt. Ein Schuß aus dem Blockhauſe ſtreckte das Ungeheuer auf der Stelle todt darnieder. Allein im Nu ward das Mädchen von einer andern Hand erfaßt, und da der Wilde mit ſeiner Beute unverletzt in die Wohnung eilte, ſo erhob ſich im Blockhauſe der allgemeine Ruf: „Miantonimoh!“ Zwei andere Wilden benutzten die nun folgende Pauſe des Schreckens, legten Hand an den verwundeten Whittal und ſchleppten auch ihn in das brennende Gebäude. In demſelben Augenblick ſchleuderte der Fremde den nicht mehr ſich ſträubenden Wilden den Pfeilen ſeiner Gefährten entgegen; den blutenden und d— ——— halberwürgten Indianer trafen die Streiche, welche dem Leben des Weißen gegolten hatten, und während jener anfangs wankte und dann zuſammenſtürzte, verſchwand ſein ſtarker Beſieger hinter der Thür der Citadelle, die ſchnell wieder verſchloſſen wurde, ſo daß die Wilden, welche ſich wüthend dem Eingange entgegenſtürzten, das Vorſchieben der Riegel hören konnten, welche die Bewohner gegen ihren Angriff ſicher ſtellten. Der Ruf zum Rückzug erſcholl, und im nächſten Augenblick war der Hofraum dem alleinigen Beſitz der Todten überlaſſen. Fünfzehntes Kapitel. Und konnteſt du das anſehn, Gott! und kein Erbarmen haben!— Geb' ihnen Gott nun ſeines Himmels Frieden! Maebeth. „Laß uns für dieſe Gnade dankbar ſeyn,“ ſagte Content, indem er der halb Bewußtloſen die Leiter erklimmen half, und ſich dabei einem natürlichen Gefühle überließ, welches ſeiner Männlichkeit nicht zur Unehre gereichte.„Haben wir Eine, die wir liebten, verloren, ſo hat Gott doch unſer eignes Kind verſchont.“ Sein athemloſes Weib warf ſich in einen Sitz, drückte den Liebling an den Buſen, und ſprach mehr flüſternd als laut: „Ich bin dankbar, Heatheote, vom Grunde meiner Seele!“ „Du verhüllſt ja das theure Kind vor meinem Anblick,“ er⸗ wiederte der Vater, ſich uüͤber ſie hinbeugend, unter dem Vorwande, das Kind umarmen zu wollen, in Wahrheit aber, um eine Thräne zu verbergen, welche ſich ſeiner braunen Wange entlang ſtahl; doch plötzlich zurückfahrend, rief er entſetzt aus:„Ruth!“ Erſchreckt durch den Ton, mit welchem ihr Gatte ihren Namen ausſprach, warf die Mutter die Falten des Gewandes auseinander, in welche ſie das Mädchen bis jetzt eingehüllt hatte, hielt es eine 220 Armlänge von ſich ab und ſah, daß ſie in der Verwirrung des Schreckensauftritts die Kinder verwechſelt, und, ſtatt ihrer Tochter, der kleinen Martha das Leben gerettet hatte. Trotz des edlen Gemüthes der vortrefflichen Frau, überwältigte ſie doch bei dieſer Entdeckung ihres Mißgriffs das Gefühl getäuſchter Erwartung. Die Natur behielt anfangs die Oberherrſchaft, und zwar in einem furchtbar mächtigen Grade. „Es iſt nicht unſer Kind!“ kreiſchte die Mutter, das Mädchen noch immer in derſelben Stellung von ſich abhaltend, und ihm in's unſchuldige, erſchreckte Antlitz ſchauend, mit einem Ausdruck, den Martha nie aus Augen kommen ſah, die gewöhnlich nur Sanftmuth und Nachſicht ſtrahlten. „Ich bin ja Dein! ich bin ja Dein!“ lispelte die kleine Zitternde, vergebens ſtrebend, den Buſen zu erreichen, an dem ſie ſo oft gelegen.„Wenn ich nicht Dein bin, wem gehöre ich denn an?“ Ruth's Blick war noch immer ſtier, und das Arbeiten ihrer Züge hyſteriſch. „Madam..... Frau Heathcote..... Mutter!“ ſprach furchtſam und abgebrochen die verlaſſene Waiſe. Jetzt ward das Herz Ruth's wieder weich. Sie ſchloß die Tochter ihrer Freundin an die Bruſt, und die Natur fand auf einen Augenblick Erholung durch einen jener ſchrecklichen Ausbrüche der Wehmuth, die das Band zwiſchen Seele und Leib aufzulöſen drohen. „Komm, Du Tochter John Harding's,“ ſagte Content mit der angenommenen Gelaſſenheit eines gebeugten Mannes, während der Kampf der Natur in ſeinem Innern fortdauerte.„Es iſt Gottes Wille geweſen, und wir ſollen ſeine Vaterhand küſſen. Laß uns dankbar ſeyn,“ fügte er mit bebender Lippe aber feſtem Auge hinzu,„daß ſelbſt dieſe Gnade uns zu Theil geworden. unſer Liebling iſt bei den Indianern, aber unſer Hoffen iſt weit über dem Bereich wilder Bosheit erhaben. Wir haben nicht Schätze geſammelt, ‚wo fie Motten und der Roſt freſſen, und wo die Diebe nachgraben und ——, G SG S= ᷣ 38 221 ſtehlen können“. Vielleicht bringt der Morgen uns die Mittel zu unterhandeln, und zugleich Gelegenheit der Auslöſung.“ Dieſer Einfall lieh einen Schimmer von Hoffnung und ſchien den Gedanken Ruth's eine neue Richtung zu geben; ein Wechſel, welcher es der langen Gewohnheit der Selbſtbeherrſchung möglich machte, einen gewiſſen Grad des frühern Einfluſſes wieder zu ge⸗ winnen. Die Quellen ihrer Thränen vertrockneten, und nach einem kurzen und heftigen Kampfe war ſie wieder fähig, ergeben zu ſcheinen. Doch während der noch übrigen Fortdauer dieſes ſchreck⸗ lichen Verheerungskrieges war Ruth Heathcote nicht mehr dieſelbe bereitwillige, nützlich thätige Anordnerin, die ſie bei den früheren Ereigniſſen der Nacht geweſen war. Es iſt wohl überflüſſig, dem Leſer zu ſagen, daß der eben beſchriebene kurze Ausbruch elterlichen Schmerzes zwiſchen dem Gattenpaar auf einem Schauplatze ſtattfand, auf welchem die anderen Handelnden zu ſehr beſchäftigt waren, um Kenntniß davon zu nehmen. Das Schickſal der im Blockhauſe Befindlichen näherte ſich zu offenbar ſeiner Entſcheidung, als daß eine Zwiſchenhandlung in dem großen Haupttrauerſpiel irgend eine Theilnahme hätte erregen können. Die Beſchaffenheit des Streites war gewiſſermaßen eine andere geworden. Zwar hatte man von den Wurfwaffen der Angreifenden nichts mehr unmittelbar zu befürchten, allein die Gefahr umdrängte die Belagerten in einer neuen, und ſogar furchtbareren Geſtalt. Freilich ſah man auch dann und wann die Schwingungen eines in die Scharten geſchoſſenen Pfeiles, und einmal war Dudley nahe daran, von einer Wurfkugel getroffen zu werden, die vom Zufall geleitet, oder von einer ungewöhnlich ſicheren Hand geſchleudert, durch eine der engen Oeffnungen fuhr, und dem Leben des Grenzlers ein Ziel geſetzt hätte, wäre der Kopf, den ſie ſtreifte, ſelbſt für eine ſolche Berührung nicht zu feſt geweſen. Was indeſſen die Aufmerkſamfeit der Beſatzung hauptſächlich in Anſpruch nahm, war die aus dem allumgebenden Feuer entſtehende dringende Ge⸗ fahr. War auch die Wahrſcheinlichkeit eines Nothfalls, wie der, in welchem ſich die Familie verſetzt fah, allerdings vorher berück⸗ ſichtigt worden; waren bis zu einem gewiſſen Grade im untern Raume und im ganzen Bau des Blockhauſes auch Vorbereitungen dagegen getroffen, ſo zeigte es ſich doch, daß die Gefahr alle vor⸗ herige Berechnung weit übertraf. 1 Was das untere Stockwerk anbe Grund zur Beſorgniß. Es beſtand aus Stein, und der Stoff ſowohl wie die Dicke deſſelben trotzten jeder Liſt, welche der Feind auszufinnen Zeit finden konnte. Sogar die beiden obern Stock⸗ werke waren verhältnißmäßig ſicher, da ſie, wie ſchon erwähnt, aus ſo maſſiven Blöcken beſtanden, daß es Zeit erforderte, bis ſie heiß wurden; ſie boten daher dem Verbrennen ſo viel Widerſtand dar, als es Holz nur immer konnte. Dagegen beſtand das Dach, wie in Amerika alle Dächer jener, ja wie die meiſten unſerer Zeit, aus entzündbaren Fichtenſchindeln. Einigen Schutz verlieh freilich auch die größere Hoͤhe des Thurmes; allein da die Flammen praſſelnd über die Hofgebäude ſtiegen, und in großen Schwingungen den erhitzten Raum umwogten, ſo geſchah es oft, daß die ganze gebrechliche Decke des Blockhauſes in Flammen eingehüllt wurde. Die Wirkung davon ließ ſich vorausſehen; auch war das Erſte, was Content von ſeinem bittern Vaterſchmerz abrief⸗ ein die ganze Beſatzung durchlaufender Schrei, daß das Dach der kleinen Citadelle in Flammen ſtehe. Einer der gewöhnlichen Brunnen der Familie befand ſich mitten im untern Raume des Gebäudes; ein Glück, daß keine Vorſicht, denſelben bei ſolcher drangvollen Lage wie die, welche jetzt herannahte, brauchbar zu machen⸗ vernachläſſigt worden war. Vom untern Gemach bis zum erſten Stockwerk hinauf erhob ſich eine wohlverwahrte Rundmauer. Dieſe glückliche Vorkehrung be⸗ nutzend, handhabten Ruth's Mägde die Eimer fleißig, während die Fenſtern des oberſten Gemaches das Dach langte, ſo lieferte es keinen kurzen, jungen Leute aus den = S. D—— o— 223 reichlich mit Waſſer beſpritzten. Dieſer letztere Dienſt ward, wie ſich leicht denken läßt, nicht ohne großes Wagniß verrichtet. Schaaren von Pfeilen wurden auf die Arbeiter geſchoffen, und mehrere von ihnen erhielten, während ſie dieſer Beunruhigung ausgeſetzt waren, mehr oder weniger bedeutende Wunden. In der That blieb es einige Minuten lang eine ernſte hochwichtige Frage, ob und inwiefern die Gefahr, welche ſie liefen, durch Erfolg belohnt werden würde. Die unausſtehliche Hitze ſo vieler Brände, und die häufige Berührung der den Platz umkreiſenden Flamme, fingen „ an, es zweifelhaft zu machen, ob menſchliche Mühe dem Uebel 1 überhaupt Einhalt thun könne. Selbſt die angefeuchteten, maſ⸗ 3 ſiven Blöͤcke der Wände begannen zu rauchen, und Verſuche 3 zeigten, daß die Hand das Berühren ihrer Oberfläche nicht länger . als einen Augenblick aushalten konnte. e 8 So lange dieſer Zwiſchenraum der Ungewißheit dauerte, wurden alle jungen Leute von den Schießſcharten abgerufen, um löſchen h zu helfen. Die Ausführung eines unentbehrlicheren Dienſtes ließ n allen andern Widerſtand vergeſſen. Sogar Ruth ſchreckte die n Beſchaffenheit des Uebels aus ihrem Hinbrüten auf, und alle ze Hände und alle Gedanken beſchäftigte unausgeſetzt eine Arbeit, 5. welche die Aufmerkſamkeit von Vorfällen abzog, die ſich weniger e, wichtig zeigten, weil ſie minder und nicht ſo unmittelbar verderben⸗ ze ſchwanger waren. Man weiß, wie die Gefahr ihre Schreckniſſe lle durch Bekanntſchaft mit ihr verliert: die jungen Grenzler berück⸗ lie ſichtigten bei der Hitze der Anſtrengung ihre Perſonen nicht mehr, aß und wie erſt Erfolg ihre Mühe zu krönen verſprach, gewann be ſogar ein Bischen von dem Leichtſinn glücklicherer Stunden die ar. Oberhand über ihre Leiden. Als ſie fanden, daß die Flamme ſich 3 unterdrückt und der allernächſte Drang abgewendet war, ſchielten be⸗ ſie verſtohlen und neugierig an einem Ort umher, welcher ſo die lange der geheimen Benutzung des Puritaners ausſchließlich geweiht geweſen. Hell ſchien das Licht durch mehrere Oeffnungen der 224 Schindeln ſowohl, als durch die Fenſter herein, und jedes Auge konnte deutlich den Inhalt eines Gemachs erblicken, welches Alle längſt zu ſehen gewünſcht hatten, obgleich Niemand bis jetzt es gewagt. „Der Kapitän ſorgt denn doch auch ziemlich für den Leib,“ flüſterte Ruben Ring, während er ſich das Erzeugniß der Arbeit von der ſonnverbrannten Stirn wiſchte, einem ſeiner Kameraden zu.„Sieh einmal, Hiram, hier iſt guter Vorrath an Lebensmitteln.“ „Nicht die Milchkammer iſt reichlicher verſehen!“ erwiederte der Andere mit der Schlauheit und Beobachtungsgabe eines Grenzlers.„Du weißt, er rührt nichts an, was von der Kuh kommt, wenn es nicht mehr in ſeinem natürlichen Zuſtand iſt, und hier finden wir vom Beſten, was die Gpeiſekumumer der Madam aufzuweiſen hat!“ „Traun, das Lederwams dort iſt wohl ſo eins, wie die putz⸗ ſüchtigen Kavaliers in der Heimath tragen! Es muß lange her ſeyn, denk ich, ſeit der Kapitän in dem Aufzug da ausgeritten iſt.“ „Das mag vor Alters ſo Sitte geweſen ſeyn; denn das Stück Stahl, welches Du dort ſiehſt, iſt auch eine Reliquie von den Moden der engliſchen Infanteriſten; wahrſcheinlich liefern ihm die Eitelkeiten ſeiner Jugend, wenn er ſich an die Zeiten erinnert, wo er dieſe Dinge trug, viel Stoff zu Andachtsübungen.“ Dieſe Vermuthung ſchien dem Andern zu genügen, obgleich es nicht unwahrſcheinlich iſt, daß das Erblicken eines friſchen Vorraths von leiblichen Dingen, den man wegräumen mußte, um an das Dach gelangen zu können, zu ferneren Schlüſſen geführt haben würde, wenn ihnen zu Schlüſſen und Vermuthungen Zeit übrig ge⸗ blieben wäre. Allein ein neues Klagegeſchrei erhob ſich in dieſem Au⸗ genblick von den Mägden, die unten mit den Eimern beſchäftigt waren. „An die Lugen! an die Lugen, oder wir ſind verloren!“ war ein Ruf, welchem auf der Stelle nachgekommen werden mußte. Den Fremden an ihrer Spitze ſtürzten die jungen Männer hinab, wo ſie allerdings ihre ganze Thätigkeit und Geiſtesgegenwart in ———— 10 2f O 8doͤS&& A8 AOOdͤeͤ 2dD— 8A-—n 8 — 225 Anſpruch genommen fanden. Den Indianern fehlte es nicht an dem Scharffinn, der dieſer ſchlauen Race, in ihrer Weiſe Krieg zu führen, ſo eigenthümlich iſt. Während die Familie emſig damit beſchäftigt war, den Flammen Einhalt zu thun, waren ihre Ver⸗ folger nicht müßig geblieben. Da ſie ſahen, daß die Weißen ſich ausſchließlich dem Löſchen widmeten, ſo hatten ſie unterdeſſen Mittel ausfindig gemacht, brennende Fackeln bis an die Thüre des Block⸗ hauſes zu bringen, gegen welche ſie vorher einen Haufen leicht entzündbarer, und ſchon halb entzündeter Materialien angelehnt hatten; eine Vorrichtung, die nur zu bald den Weg in den untern Raum der Citadelle zu öffnen drohte. Um dieſen Plan verſteckt zu halten und ihre Approchen zu decken, hatten die Wilden mit Erfolg Bündel Stroh und andere Stoffe an den Fuß des Gebäudes herangeſchleppt, denen ſich das Feuer bald mittheilte, und was alſo dem doppelten Zwecke entſprach, die wirkliche Gefahr der Citadelle zu vermehren, und die Aufmerkſamkeit Derer, die ſie vertheidigten, zu zerſplittern. Wenn das vom Dach herabtriefende Waſſer dazu diente, den Fortſchritt dieſer Flammen langſamer zu machen, ſo verſtärkte es andrerſeits eine Wirkung, welche den Wilden erwünſchter als alles Andere war. Durch die dicken, dem halb gedämpften Feuer entſteigenden Rauchwolken wurde der weibliche Theil der Bewohner zuerſt gewarnt, daß ein neues Unglück ſie bedrohe. Als Content und der Fremde die Hinterthür der Citadelle erreicht hatten, er⸗ forderte es einige Zeit und keinen geringen Grad von kaltblütiger Beſonnenheit, um ſich von der Lage, in die ſie nunmehr geſetzt waren, einen klaren Begriff zu machen. Schon war der aus dem feuchten Stroh und Heu emporſteigende Dampf in das Gemach gedrungen, und nicht ohne Schwierigkeit konnten die darin Befind⸗ lichen die Gegenſtände unterſcheiden, oder auch nur Athem holen. „Hier iſt Stoff, an dem wir unſere ganze Tapferkeit erproben können,“ ſagte der Fremde zu ſeinem ſteten Gefährten.„Wir müſſen dieſer neuen Liſt ſteuern, ſonſt finden wir im Feuer unſern Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 15 226 Tod. Fordere die unerſchrockendſten Deiner jungen Leute auf, und ich will zu einem Ausfall anführen, ehe dem Uebel nicht mehr ab⸗ zuhelfen iſt.“ „Das hieße, den Heiden den Sieg entgegenführen. Du hörſt durch ihr Geſchrei, daß es nicht ein kleiner Haufe Kundſchafter iſt, der uns umlagert; ein ganzer Stamm hat ſeine beſten Krieger geſchickt, um das ſchnöde Werk zu vollführen. Beſſer, wir ſtrengen uns wacker an, ſie von der Thüre wegzutreiben und dieſe Rauch⸗ wolke zu verhindern, daß ſie uns noch mehr beläſtige; unter den jetzigen Umſtänden einen Ausfall aus dem Blockhauſe machen, wäre nichts anderes, als unſere Häupter dem Tomahawk darbieten; denn um Gnade bitten, iſt eben ſo vergeblich als die Hoffnung, einen Stein zu Thränen zu bewegen.“ „Wie aber mögen wir dieſes dringende Geſchäft ausführen?“ „Mittelſt dieſer niederwärts gehenden Schießſcharten können unſere Gewehre noch immer den Eingang beherrſchen, und durch dieſelben Oeffnungen hindurch läßt ſich auch Waſſer gießen. Eine Noth dieſer Art iſt bei'm Erbauen des Platzes nicht unberück⸗ ſichtigt geblieben.“ „Wohlan denn! So laßt uns um's Himmels willen keinen Augenblick verlieren.“ Die nöthigen Maaßregeln wurden unverzüglich getroffen, e Eben Dudley ſteckte die Mündung ſeines Flintenlaufs durch eine der Scharten in der Richtung des gefährdeten Eingangs und feuerte. Allein die Dunkelheit machte es unmöglich zu zielen; daher blieb der Schuß erfolglos, wie das triumphirende Hohngelächter draußen nur zu deutlich verkündete. Hierauf folgte ein Waſſerſtrom, der aber kaum mehr ausrichtete, da die Wilden dieſes Mittel voraus⸗ geſehen und ſeiner Wirkung vorgebeugt hatten, indem ſie Bretter und allerhand in der Wohnung zerſtreut umherliegende Gefäße dergeſtalt über das Feuer gelegt hatten, daß der größte Theil des Waſſers ohnmächtig nebenbeiſloß. 227 „Komm hieher mit Deiner Flinte, Ruben Ring,“ ſagte Content haſtig;„der Wind bringt den Rauch hier in Bewegung; die Wil⸗ den häufen noch mehr Brennſtoff gegen die Mauer.“ Der Grenzler gehorchte. In der That konnte man von Zeit zu Zeit dunkle, menſchliche Geſtalten unterſcheiden, wie ſie ſprach⸗ los das Gebäude umglitten, obgleich die Dichtigkeit des Dampfes nicht geſtattete, die Geſtalten und deren Bewegung genau zu er⸗ kennen. Mit beſonnenem und geübtem Blicke ſuchte der Jüngling ſein Opfer; doch in dem Augenblick, wo er abdrückte, ſtreifte bei ſeinem eignen Geſicht etwas vorbei, als wenn die Kugel, der er eine ganz andere Botſchaft zugedacht hatte, auf ihn ſelbſt zurück⸗ geprallt wäre. Ein wenig befangen rückwärts tretend, ſah er den Fremden durch den Rauch auf einen Pfeil hinzeigen, der in die Decke gefahren und noch in Schwingungen begriffen war. „Lange können wir dieſen Angriffen nicht mehr widerſtehen,“ murmelte der Krieger;„wir müſſen ſchnell ein Mittel erſinnen, oder wir unterliegen.“ Er verſtummte; denn ein Schrei, welcher den Boden, auf dem er ſtand, in die Höhe zu ſprengen ſchien, verkündigte die Zerſtörung der Thüre und die Gegenwart der Wilden im untern Raume des Thurms. Bei dieſem unerwarteten Erfolg ſtanden beide Parteien einen Augenblick lang regungslos da; der einen raubte Erſtaunen und Furcht, der andern die Plötzlichkeit des Triumphs alle Bewe⸗ gung. Allein dieſe Pauſe endete ſchnell; von Neuem begann das Gefecht, von Seiten der Angreifenden mit der Zuverſicht des Sieges, von Seiten der Belagerten mit allen den ſchrecklichen Zeichen der Verzweiflung. Einige Gewehre wurden von oben, einige Pfeile von unten auf die Zwiſchendecke abgedrückt; die Dicke der Bohlen verhinderte indeſſen, daß die Geſchoſſe Wirkung thaten. Jetzt erhob ſich ein Kampf, bei welchem die Eigenſchaften der beiderſeitigen Streiter ſich auf eine äußerſt charakteriſtiſche Weiſe zeigten. Wäh⸗ rend die Indianer unten alle Künſte ihrer Kriegsweiſe anwendeten, 228 um ihren Vortheil zu benutzen, leiſtete die junge Mannſchaft der Weißen einen Widerſtand, welcher die ganze Zweckmäßigkeit der Hülfsmittel und jene Schnelligkeit der Ausführung, wodurch der amerikaniſche Grenzbewohner ſich auszeichnet, an den Tag legte. Das erſte, was die Stürmenden unternahmen, war der Ver⸗ ſuch, den Fußboden des untern Gemachs in Brand zu ſtecken. Um dies zu bewerkſtelligen, warfen ſie große Bündel Stroh in den Eingangsraum. Allein ehe dieſe durch die Fackeln angezündet wer⸗ den konnten, hatte das Waſſer einen ſchwarzen feuchten Haufen daraus gemacht. Der Rauch jedoch hätte faſt den Sieg bewirkt, deſſen Erlangung durch das Feuer vereitelt worden war. So er⸗ ſtickend nämlich waren die Dampfwolken, welche durch die Ritzen drangen, daß die Frauenzimmer ſich genöthigt ſahen, in's oberſte Gemach zu flüchten, wo theils die Oeffnungen im Dache, theils ein ſtarker Luftzug ſie einigermaßen von der Beläſtigung befreite. Als die Wilden ausmittelten, daß die Beherrſchnng des Brun⸗ nens es war, was es den Belagerten möglich machte, das innere Holzwerk gegen die Flammen zu vertheidigen, ſo machten ſie einen Verſuch, durch Erſtürmung eines Weges nach dem hohlen, ſteiner⸗ nen Schaft, in welchem die Eimer ſicher auf⸗ und abgelaſſen wur⸗ den, die Verbindung mit dem Waſſer abzuſchneiden; ein Verſuch, welcher an der Schnelligkeit der Beſatzung ſcheiterte; denn im Nu waren Löcher in den Fußboden geſchnitten, aus denen gewiſſer Tod auf Alle unten Befindliche herniederblitzte. Vielleicht war zu keiner Zeit der Streit mit mehr Hartnäckigkeit geführt worden als wäh⸗ rend dieſes Sturmes; zu keiner Zeit wenigſtens hatte weder der angreifende noch der angegriffene Theil mehr perſönlich auszuſtehen. Lange dauerte der wilde Kampf; endlich neigte ſich der Sieg auf die Seite der Vertheidiger, aber die Indianer nahmen zu neuen Anſchlägen ihre Zuflucht, um ihr unmenſchliches Vorhaben durchzuſetzen. Gleich nachdein ſie in das Wohngebäude eingedrungen waren, — 229 hatten die Indianer den größten Theil des Hausgeräthes auf den Hügel umher zerſtreut, in der Abſicht, die Früchte ihres Triumphs zu ernten, wenn erſt die Weißen vollſtändig beſiegt ſeyn würden. Unter anderen Dingen hatten ſie auch ſechs bis ſieben Betten aus den Schlafzimmern in den Hof geworfen. Dieſe nun gebrauchten ſie jetzt als mächtige Angriffswerkzeuge. Stück für Stück ſchleu⸗ derten ſie ſie auf das fortglimmende, obgleich unterdrückte, Feuer im untern Geſchoß des Blockhauſes, von wo nunmehr eine Wolke der unerträglichſten Ausdünſtung in die Höhe ſtieg. Gerade jetzt, in dieſem Augenblick des Jammers, erſcholl der Schreckensſchrei in der Citadelle, daß der Brunnen verſiegt ſey! Die Eimer ſtie⸗ gen eben ſo leer wieder auf als ſie hinabgelaſſen worden waren, und mußten als unnütz bei Seite geworfen werden. Dieſen Vor⸗ theil ſchienen die Wilden einzuſehen, denn ſie benutzten die auf die⸗ ſes Unglück erfolgende Verwirrung der Belagerten dazu, die ſchlum⸗ mernde Flamme anzuſchüren und zu nähren. Wild praſeelte ſie jetzt auf, urd in weniger als einer Minute war ſie zu heftig, um wieder gedämpft werden zu können. Bald ſpielte ſie an den Boh⸗ len der Decke des untern Gemachs. Das allesdurchdringende Element züngelte ſich von Punkt zu Punkt vorwärts, und nicht lange, ſo ſtahl es ſich auch an der Außenſeite des Blockhauſes hinan. Jetzt wußten die Wilden, daß der Sieg ihnen nicht entgehen konnte, und ihr lautes, feindſeliges Geheul verkündete die grau⸗ ſame Freude, mit welcher ſie dieſe Gewißheit begrüßten. Inzwi⸗ ſchen lag in der todtenähnlichen Stille, mit welcher die Opfer in dem Blockhauſe ihr Loos erwarteten, etwas Schauerliches. Schon ſtand das ganze Aeußere des Baues in Flammen eingehüllt, und doch war kein Anzeichen fortgeſetzten Widerſtands zu ſehen, kein Flehen um Gnade tönte heraus. Dieſe unnatürliche, fürchterliche Stille theilte ſich allmählig Denen draußen mit, und ein hehres, allgemeines Schweigen umwebte das Flammengepraſſel und das Krachen des Gebälkes. Endlich ward eine einzelne Stimme im — 230 Flammenthurme vernehmbar. Tief, feierlich und flehend waren ihre Töne. Die unbändigen Weſen, die den glühenden Holzſtoß um⸗ ſtanden, beugten ſich ſchnell vorwärts, denn ihren feinen Sinnes⸗ werkzeugen entging auch der leiſe Ton nicht, womit die Stimme ihr Flehen anhob. Es war Marcus Heathcote, deſſen Geiſt ſich in der Andacht ergoß. Heiß war das Gebet, aber voller Zuverſicht, und obgleich in Worte gekleidet, welche den Draußenſtehenden un⸗ verſtändlich blieben, ſo waren dieſe doch ſchon hinlänglich mit den Sitten der Koloniſten vertraut, um zu merken, daß es der Oberſte der ‚Bleichgeſichtery war, der ſich mit ſeinem Gott unterhielt. Theils aus Ehrfurcht, theils aus Zweifel, welche Folgen auf ein ſo geheimnißvolles Beten eintreten könnten, zog die düſtre Rotte ſich auf eine geringe Strecke zurück und bewachte ſchweigend die Fortſchritte des verheerenden Elements. Seltſame Sagen hatten ſie gehört von dem, was die Gottheit der Menſchen, die ihnen ihr Land genommen, vermöge, und da ihre Opfer auf einmal jedes be⸗ kannte Mittel zur Rettung aufzugeben begannen, ſchienen ſie zu erwarten, oder erwarteten vielleicht wirklich, daß die Macht des ‚großen Geiſtes“, den der Fremde anbetete, ſich auf eine unver⸗ kennbare Weiſe offenbaren würde. Bei dem allen aber gab keiner der Feinde das entfernteſte Zeichen des Mitleids, des Zurückkommens von der erbarmungsloſen Grauſamkeit ihrer Kriegesweiſe. Wenn ſie an das zeitliche Schickſal Derer, die innerhalb des brennenden Gebäudes vielleicht noch lebten, überhaupt dachten, ſo geſchah das nur, indem ſie einem flüch⸗ tigen Bedauern Raum gaben, nicht mit den gewöhnlichen, blutigen Zeichen des Sieges im Triumph in ihre Dörfer einziehen zu können; ein Ruhm, deſſen ſie ſich durch die hartnäckige Vertheidigung beraubt ſahen. Doch ſelbſt dies eigenthümliche, tief eingewurzelte Gefühl ward vergeſſen, als die überhandnehmenden Flammen die Hoffnung, es zu befriedigen, unmöglich machten. Das Feuer gewann das Dach des Blockhauſes wieder, und bei ihre um⸗ mnes⸗ mme ſich ſicht, un⸗ den verſte jielt. fein kotte die atten ihr be⸗ 2 zu ver⸗ iteſte loſen ickſal bten, lüch⸗ tigen nen; aubt efühl ung, dbei 231 dem Licht, welches durch die Luglöcher glänzte, ließ ſich nur zu klar erkennen, daß nunmehr auch das Innere in Brand gerathen war. Ein⸗ oder zweimal wurden halb unterdrückte Laute aus dem Hauſe vernehmbar, wie das erſtickte Gekreiſch von Frauen; doch brach dies ſo plötzlich ab, daß die Lauſchenden in Zweifel blieben, ob es etwas mehr als die Täuſchung ihrer eignen aufgeregten Einbildungskraft geweſen wäre. Von gar manch' einer ähnlichen Scene menſchlichen Leidens waren die Wilden ſchon Zeugen geweſen, doch nie von einer, wo dem Tode mit ſolcher Unerſchütterlichkeit entgegen gegangen wurde. Bei der Ruhe, welche in dem brennenden Blockhauſe herrſchte, ergriff ſie ein Gefühl heiligen Schreckens, und wie der wankende Thurm nun als eine verkohlte Maſſe von Trümmern krachend zur Erde ſtürzte, da mieden ſie den Platz, gleich als fürchteten ſie die Rache einer Gottheit, die der Bruſt ihrer Anbeter ein ſo tiefes Gefühl der Hingebung einzuflößen wußte. Ließ ſich auch noch während jener Nacht das Siegsgeſchrei mehr als einmal hören, waren die Sieger auch noch auf dem Hügel als ſchon die Sonne aufging, ſo hatten doch wenige aus der Rotte die Entſchloſſenheit, dem rauchenden Stoß, in deſſen Nähe Chriſten ihnen ein ſo eindringliches Beiſpiel von Seelenſtärke gegeben hatten, nahe zu kommen. Die Wenigen aber, welche es thaten, umſtanden den Fleck mehr mit der Ehrfurcht von Indianern bei den Gräbern der Gerechten, als mit ihrer grauſamen Freude bei Stillung des Rachedurſtes an einem gefallenen Feind. ——— 232 Sechszehntes Kapitel. Wer ſind dieſe da, So ausgedorrt und ſchrecklich angethan? Sie ſehen keinen Erdbewohnern gleich, Und ſteh'n doch d'rauf. Maebeth. Vie Strenge der Jahreszeit, deren ſchon in dieſen Blättern Erwähnung geſchah, iſt im Aprilmonat nie von langer Dauer. Die Jäger hatten ſchon, bevor ſie von ihrem Streifzug zwiſchen den Hügeln zurückgekehrt waren, eine Veränderung des Windes wahrgenommen, und wenn auch ihre nachherigen Beſchäftigungen zu wichtig waren, um ihnen eine genauere Beobachtung des heran⸗ nahenden Thauwetters zu geſtatten, ſo drängte ſich doch mehr als einem der jungen Leute im Verlaufe der Nacht die Ueberzeugung auf, daß der Winter wirklich zu ſcheiden im Begriffe ſtand. Die in dem vorhergehenden Kapitel vorgeführte Scene hatte noch lange nicht ihren Gipfelpunkt erreicht, als die Südwinde ſich ſchon in die wogenden Flammen zu miſchen begannen. Warme Lüfte, dem Laufe des Golfſtroms folgend, waren landeinwärts getrieben worden, und da ſie das enge Eiland, welches hier gleichſam das Vorwerk des Feſtlandes bildet, durchwehten, ſo hatten ſie die geringſte Spur der Herrſchaft des Winters vertilgt, ehe wenig Stunden verfloſſen waren. Warm, weich, ſchnell und in Maſſen durchzogen die alles⸗ durchdringenden Luftſtröme den Forſt; die Schneemaſſen auf den Feldern ſchmolzen dahin; Allem theilte ſich der liebliche Eindruck mit, und Menſchen und Thiere fühlten ein erneuertes Daſeyn. Mit dem Morgen bot ſich daher in dem Thale Wiſh⸗Ton⸗Wiſß eine Landſchaft dar, welche mit der zuletzt unſeren Leſern geſchilderten in ſtarkem Widerſpruch ſtand. Der Winter war gänzlich verſchwunden, und da der Frühling ſchon einige warme Tage gehabt und bie Knospen angeſchwellt 233 hatte, ſo wuͤrde Niemand, der ſich plötzlich in die gegenwärtige Scene verſetzt ſah, geglaubt haben, daß die Jahreszeit in ihrem Vorrücken einer ſo herben Unterbrechung ausgeſetzt geweſen ſey. Deſſenunge⸗ achtet aber boten die durch Menſchenhand entſtandenen Theile der Landſchaft den größeſten und zugleich traurigſten Wechſel dar. Statt jener einfachen Wohnungen friedlichen Glückes, welche die kleine Anhöhe gekrönt hatten, erblickte man nur einen ſchwarzen ver⸗ kohlten Trümmerhaufen. Auf der Seite des Hügels lagen einige gemißbrauchte und halb zerſtörte Hausgeräthſchaften, und hin und wieder ſtanden, vom Zufall begünſtigt, ein Dutzend Palliſaden, gleichſam als ſo viele Flüchtlinge aus den Flammen. Acht bis zehn maſſive, öde ausſehende Schafte von Schornſteinen hoben ſich über die rauchenden Trümmer hervor. Inmitten der Zerſtörung ſtand auch noch das ſteinerne, untere Geſchoß des Blockhauſes, mit einigen dunklen, kohlenähnlichen Balken darauf. Der nackte, freiſtehende Brunnenſchaft ragte aus dem Mittelpunkt hervor, gleich einem fin⸗ ſtern Denkmal der Vergangenheit. Weit umher überzogen die Ruinen der Außengebäude die eine Seite des gelichteten Thales mit einer ſchwarzen Decke, und an verſchiedenen Stellen hatten die Pfähle, wie ſo viele Linien von einem und demſelben Brennpunkt der Zerſtörung auslaufend, die Flammen auch nach den Feldern ge⸗ leitet. Einige Hausthiere lagen wiederkäuend im Hintergrunde, und ſelbſt die gefiederten Bewohner der Scheunen hielten ſich in der Ferne, als wenn ihr Inſtinkt ſie warnte, daß der Ort, wo früher ihr Obdach geſtanden, von Gefahr umlauert ſey. In jeder andern Beziehung hingegen war die Anſicht ſo ruhig, ſo lieblich wie je. Die Sonne glänzte an einem wolkenloſen Himmel. Das Sanfte in der Luft und der helle, ſchöne Tag verliehen ſelbſt dem blätterloſen Wald einen Schein von Leben, und der weiße Dampf, der noch immer dem glimmenden Aſchenhaufen entſtieg, ſegelte hoch üͤber den Hügeln dahin, nicht anders wie der Heerdrauch, der ſich über dem Dach der friedlichen Hütte kräuſelt. 234 Die ſchonungsloſe Rotte, die Urſache dieſes jähen Wechſels, befand ſich ſchon weit entfernt auf dem Wege nach ihren Dörfern, oder ſuchte vielleicht eine andere Blutſcene. Einem geübten Auge wäre es ein Leichtes geweſen, die Spur des Pfades zu verfolgen, welchen dieſe wilden Geſchöpfe eingeſchlagen hatten, theils an den aus ihren Plätzen geriſſenen Pfählen, theils an einigen Leichnamen von Thieren, denen der abziehende Feind in ſeinem Siegesübermuth zum Abſchied noch den Todesſtreich gab. Von allen dieſen unge⸗ zähmten Weſen war nur Einer zurückgeblieben, und er ſchien an der Stelle zu weilen, in Gefühlen verſunken, welche von Leidenſchaften wie die, ſo kürzlich die Gemüther ſeiner Landsleute bewegt hatten, himmelweit entfernt waren. Mit leiſem, geräuſchloſen Tritt wandelte der einſam Zuruͤckge⸗ bliebene unter den Schutthaufen und Trümmern einher. Zuerſt ſah man ihn mit einem ſinnenden Blick zwiſchen den Ruinen der Ge⸗ bäude, die das Viereck gebildet hatten, und dann, gleichſam von Theilnahme an dem Schickſal der ſo elendiglich Umgekommenen un⸗ willkührlich gezogen, näherte er ſich dem im Mittelpunkt befindlichen Steinhaufen. Das feinſte, aufmerkſamſte Ohr würde des Indianers Fuß nicht auftreten gehört haben, wie er mit demſelben die öde Stelle in dem verfallenen Mauerwerk berührte, und leiſer denn das Athmen eines Kindes war das ſeinige, als er mitten auf dem Platze ſtand, den vor wenigen Stunden die Todesangſt und das Märtyrer⸗ thum einer chriſtlichen Familie geheiligt hatten. Es war der Knabe, der den Namen Miantonimoh führte; er ſuchte einige Ueberreſte Derjenigen, mit denen er ſo lange friedlich, ja zutrauensvoll, unter einem Obdach gewohnt hatte. Wem die Geſchichte der Leidenſchaften der Wilden nicht fremd iſt, der würde in dem Spiel der ſprechenden Züge des Jünglings einen Schlüſſel zu dem gefunden haben, was in ſeiner Seele vor⸗ ging. Sein dunkelglänzendes Auge rollte über adie glimmenden Bruchſtücke des Gebäudes dahin und ſchien gierig nach einem oder ſels, fern, Auge gen, den men nuth nge⸗ der fften tten, kge⸗ ſah Ge⸗ von un⸗ chen ners öde das latze rer⸗ abe, reſte nter emd ngs vor⸗ aden oder 235 dem andern Ueberreſt einer menſchlichen Geſtalt umherzuſuchen. Zu gefräßig jedoch hatte das Element ſein Werk ausgeführt, als daß viele ſichtbare Denkzeichen von der Wuth deſſelben ſich hätten vorfinden können. Indeſſen zog etwas, dem, was er ſuchte, ähn⸗ liches, ſein Auge auf ſich; leichten Fußes eilte er an die Stelle, wo es lag, und hob den Knochen eines kräftigen Armes aus dem glimmenden Schutt. Als auf dieſen traurigen Gegenſtand ſein Blick traf, war das Blitzen deſſelben wild und triumphirend, wie es nur das des Wilden ſeyn konnte, wenn ihn zuerſt die grauſe Freude geſättigter Rache durchſchauert; allein je länger er blickte, je mehr füllten ſanftere Erinnerungen ſeine Seele, und man konnte ſehen, wie menſchlichere Gefühle an die Stelle des Haſſes traten, welcher ihm von Jugend auf gegen eine Race, die ſeine Landsleute ſo ſchnell von der Erde wegtilgte, eingeprägt worden war. Das Gebein entſank ſeiner Hand, und wäre Ruth zugegen geweſen, den wehmuthsvollen vergebenden Schatten zu ſehen, der trübend über ſeine ſchwärzlichen Züge glitt, ſo würde die Gewißheit, daß ihre Güte nicht ganz vergeblich verſchwendet worden ſey, ihr Genug⸗ thuung gegeben haben. Bedauern wich bald einer Art von heiliger Furcht. Der Ein⸗ bildungskraft des Indianers kam es vor, als wenn eine ſäuſelnde Stimme, wie die, welche den Gräbern entſteigen ſoll, ſich an dem Orte hören ließe. Den Körper vorgebogen, lauſchte er mit der Geſpanntheit und Schärfe eines Wilden. Ihm däuchte, die ge⸗ dämpften Töne des Alten, wie er ſich mit ſeinem Gott unterhielt, würden wieder hörbar. Einen Griechen würde es gefreut haben, die Stellungen und Bewegungen mit dem Meißel nachzubilden, die der verwunderte Knabe annahm, als er langſam und ehrerbietig ſich von dem Platze wegbegab. Seinen aufwärts gerichteten Blick feſſelte die leere Luft des Raums, wo früher die oberen Gemächer des Blockhauſes geſtanden hatten, und wo er zuletzt die Familie ihre Gottheit in ihrer Noth um Hülfe anrufen gehört hatte. Die 236 Einbildungskraft fuhr noch immer fort, ihm die Opfer in ihrem lodernden Thurm vorzumalen. Noch eine Minute zauderte der junge Indianer, vielleicht nicht ohne den Glauben, daß ihm während dieſes geringen Zeitraums eine Erſcheinung der ‚blaſſen Geſichter⸗ werden würde; hierauf betrat er, faſt ſchwebenden Fußes, nach⸗ denkend und erweicht, den Pfad, welcher auf die Spur ſeiner Lands⸗ leute führte. Als ſeine ſchlanke Geſtalt die Grenzlinie des Waldes erreichte, ſah man ſie abermals ſtill ſtehen, und einen Scheideblick auf einen Platz werfen, wo das Schickſal gewollt hatte, daß er Zeuge von ſo viel häuslichem Frieden, von ſo vielem plötzlichen Jammer ſeyn ſollte— dann verſchwand ſie ſchnell in dem Düſter ſeiner heimathlichen Wälder. Das Werk der Wilden ſchien nunmehr gethan. Dem fernern Anbau des Thales von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh hatte das demſelben wider⸗ fahrene Geſchick, allem Anſcheine nach, ein kräftigwirkendes demmuiß angelegt. Wäre die Natur ſich ſelbſt überlaſſen geblieben, ſo würden wenige Jahre hingereicht haben, die verödete Lichtung wieder mit ihrem ehemaligen Waldgeſtrüppe zu überſäen; und nach einem halben Jahrhundert ſchon lagen die ſtillen Gründe in den tiefen Schatten des Forſtes begraben. Allein es ſollte nicht ſo ſeyn. Die Sonne hatte den Meridian erreicht, und die feindſelige Rotte war bereits ſeit mehreren Stun⸗ den fort, ehe ſich irgend etwas zutrug, was es wahrſcheinlich machte, daß dieß wirklich der Beſchluß der Vorſehung wäre. Wer von den neulich hier vorgefallenen Greueln wußte, konnte leicht das Wehen der Luft über den Ruinen für das Flüſtern der hingeſchiedenen Geiſter halten. Kurz, es hatte das Anſehen, als ob das Schweigen der Wüſte ſeine Herrſchaft wieder gewinnen ſollte. Plötzlich, ob⸗ gleich leiſe, ward es unterbrochen. Innerhalb der Trümmer des Blockhauſes geſchah eine Bewegung. Es klang, als wenn Holz⸗ ſcheite, eines nach dem andern, vorſichtig weggehoben würden, und dann hob ſich aus dem Brunnen⸗Schaft empor, langſam und mit 8 220 237 Verdacht im ganzen Ausdruck, ein menſchlicher Kopf. Die hagere, unirdiſche Miene dieſes ſcheinbaren Geſpenſtes war ganz im Ein⸗ klang mit der Umgebung. Ein Geſicht, von Rauch geſchwärzt und von Blut beſchmiert; ein Haupt, umwickelt mit dem ſchmutzigen Fetzen eines Kleides; Augen, unbeweglich, gleichſam wie ein ſtarr gewordener Schreck— dies war wohl ein Anblick, der den grauſen⸗ vollen Gegenſtänden, welche der Ort darbot, nichts von ihrem un⸗ heimlichen Charakter raubte. „Was ſiehſt Du?“ fragte eine rauhe Stimme innerhalb des Gemäuers.„Müſſen wir wieder zu den Waffen greifen, oder ſind die Werkzeuge Moloch's abgezogen? Sprich, komm zur Faſſung, Jüngling; was erblickſt Du?“ „Einen Anblick, der einen Wolf zum Weinen bringen könnte!“ erwiederte Eben Dudley und hob ſich, ſo daß er auf den Schaft zu ſtehen kam, von wo aus er in einer Vogelperſpektive den größten Theil des verheerten Thales überſchaute.„Schlimm wie es auch iſt, ſo können wir doch nicht ſagen, daß warnende Vorzeichen uns nicht gegeben worden wären. Aber was iſt der klügſte Menſch mit ſeiner ſterblichen Weisheit, wenn in der andern Wagſchale die Liſt von Teufeln liegt! Kommt nur heraus; Belial hat ſin Müthchen gekühlt, und wir werden wohl friſche Luft ſchöpfen konnen.“ Die Töne, welche nach dieſer Rede noch tiefer vom Brunnen her⸗ aufkamen, bewieſen die Freude, die ſeine Nachricht verbreitete, und die Begier, mit welcher ſeiner Aufforderung nachgekommen ward. Mehrere Holzblöcke und kurze Bretter wurden zuerſt ſorgfältig dem Dudley hinaufgereicht, der ſie, als ſo viele unnütze Stücke, unter das übrige Trümmerwerk des Gebäudes warf. Dann ſtieg er vom Mauerwerk hinab, um den anderen Herauskommenden Platz zu machen. Der Erſte, welcher nun hervorſtieg, war der Fremde, ihm folgte Content, der alte Puritaner, Ruben Ring, kurz, ſämmtliche Jünglinge, die nicht während des Kampfes verunglückt waren. Nachdem dieſe nacheinander den Schaſt beſtiegen hatten, und auf 238 den Boden hinabgeſprungen waren, hatten ſie eine kleine Vorrich⸗ tung bald fertig, um den ſchwächern Theil der Geſellſchaft aus ſeiner Gefangenſchaft zu befreien. Die erforderlichen Mittel, Ketten und Eimer, waren durch die Geſchicklichkeit und Erfindſamkeit der Grenzler ſchnell herbeigeſchafft, und mit dieſen wurden dann Ruth, die kleine Martha, Glaube und alle andere Mägde, ohne eine einzige Ausnahme, eine nach der andern aus den Eingeweiden der Erde heraufgezogen und dem Tageslichte wiedergegeben. Den⸗ jenigen, welche auch nur einigermaßen ähnliche Erfahrungen ge⸗ macht haben, und daher am beſten ein ſolches Stück Arbeit zu beurtheilen im Stande ſind, darf nicht erſt geſagt werden, daß ihre Ausführung weder an Zeit noch an Mühe einen großen Aufwand erforderte. Es liegt unſerer Abſicht fern, die Gefühle des Leſers peinlich aufzuregen, wenn ſolches nicht durch die einfache Erzählung der Vorfälle dieſer Geſchichte unvermeidlich wird. Schweigend über⸗ gehen wir daher alle die Schmerzen des Körpers und die Schrecken der Gemüther, von welchen die Bewirkung dieſes ſinnreichen Rück⸗ zugs vor den Flammen und dem Tomahayk begleitet geweſen. Hauptſächlich jedoch beſtand das Leiden der Bewohner nur in der Furcht; denn nicht blos war das Hinabſteigen leicht an ſich, die ſchnelle Erfindſamkeit der jungen Männer lieferte anch, indem ſie verſchiedene Hausgeräthe vorher in die Tiefe hinabwarfen, und die Bretterſtücke der Fußböden gehörig feſt quer darüberlegten, die Mittel, den Frauenzimmern und Kindern ihre Lage minder ſchmerzlich zu machen als anfangs gefürchtet wurde, und ſie wirkſam gegen die zuſammenſtürzende Maſſe des Blockhauſes zu ſchützen. Zudem hatte die Geſtalt des Gebäudes ſelbſt nicht wenig zu ihrer Sicher⸗ heit beigetragen, da ſie ſo beſchaffen war, daß die ſchereren Theile davon nicht auf die Erde ſtürzen konnten. Trotz dem erleichternden Bewußtſeyn, einem entſetzlichern L33 1 entgangen zu ſeyn, verſammelte ſich die Familie doch mit Gefühlen, — — 239 die bei einer ſolchen Scene allumgebender Zerſtoͤrung ſich leichter denken als beſchreiben laſſen. Die erſte Handlung war ein kurzer aber warmer Erguß des Dankes für ihre Rettung; hierauf arbeiteten ſie mit aller der Unverdroſſenheit, welche dem in Strapazen erzo⸗ genen Menſchen eigen iſt, an den Vorkehrungen, die die Klugheit ihnen als nöthig vorſchrieb.— Einige der thätigeren und erfahreneren Jünglinge wurden aus⸗ geſchickt, um die von den Indianern genommene Richtung auszu⸗ mitteln, und über ihre künftigen Bewegungen ſo viele Erkundigungen als möglich einzuziehen. Die Mägde beeilten ſich, die Kühe zu⸗ ſammenzubringen, während Andere ſchweren Herzens, unter dem Schutt nach Nahrungsmitteln und ſonſtigen Gegenſtänden ſuchten, welche zur Befriedigung der dringendſten Bedürfniſſe der Natur dienen könnten. In zwei Stunden war Alles, was ſich in dieſen verſchiedenen Beſchäftigungen unmittelbar thun ließ, geſchehen. Die jungen Männer kehrten mit der Verſicherung zurück, daß die Wegeſpur der Wilden auf deren gewiſſen und letzten Abzug zu ſchließen berechtige. Die Kühe hatten ihren Beitrag an Nahrung hergegeben, und dem Hunger war, ſo ſehr als die Umſtände es geſtatteten, geſteuert. Auch die Waffen wurden geprüft und zum augenblicklichen Dienſt in Bereitſchaft geſetzt, obgleich mit Ausnahme von einigen, welche zu ſtarke Beſchädigung erlitten hatten. Eben ſo wenig ward vergeſſen, in aller Eile einige Vorbereitungen zu machen, um den weiblichen Theil der Dulder gegen die kühle Luft der nächſten Nacht zu ſchützen; kurz, es unterblieb nichts von dem, was die Einſicht eines Grenzlers angeben, und ſeine überaus große Erfind⸗ ſamkeit in Auskunftsmitteln herbeiſchaffen konnte. Die beſchriebenen Vorkehrungen warefk noch nicht vollendet, als die Sonne ſchon anfieng, den Gipfeln der Buchen, welche die weſtliche Linie der Ausſicht begrenzten, entgegenzuſinken. Erſt jetzt ſtellte ſich Ruben Ring, von einem andern eben ſo kräftigen und muth⸗ 240 vollen Jüngling begleitet, vor den Puritaner hin, zu einer Reiſe durch den Wald ſo gut gerüſtet, als es Leuten in ihrer Lage möglich war. „Geht,“ ſagte der alte Religionsbekenner zu den auf ſeinen Auftrag harrenden jungen Männern;„geht; verbreitet die Kunde von dieſer Heimſuchung, daß die Menſchen uns zu Hülfe kommen. Ich verlange keine Rache an den bethörten, heidniſchen Nachahmern der Moloch⸗Anbeter; ſie haben dieſes Unglück in ihrer Unwiſſenheit angerichtet. Keiner wappne ſich, um Unrecht wieder zu vergelten, das ſündigende, fehlende Sterbliche verübt haben. Möge Jeder lieber in die verborgenen Greuel ſeines eigenen Herzens ſchauen; möoge Jeder lieber den Wurm zu tödten trachten, der an dem Keime der Hoffnung des Heils in ſeiner Seele nagt, und dort die Frucht der Verheißung zerſtören kann. Mein Verlangen iſt, daß dieſes Beiſpiel des göttlichen Mißfallens Nutzen ſtifte. Geht; durchreiſet die Niederlaſſungen fünfzig Meilen in der Runde, und fordert die⸗ jenigen unſerer Nachbarn, welche abkommen können, auf, uns zu Hülfe zu eilen; ſie werden ſehr willkommen ſeyn, und mögen ſie lang keine Veranlaſſung haben, mich oder die Meinigen zu gleicher traurigen Dienſtleiſtung nach ihren Wohnungen zu entbieten. So reiſet denn, und vergeſſet nicht, daß Ihr Boten des Friedens ſeyd, daß Eure Sendung nichts mit racheluſtigen Gefühlen zu ſchaffen hat, daß ich die Brüder nicht bitte, ſich zu waffnen, um die Wilden in ihre Schlupfwinkel zu jagen, ſondern um Hülfe in meiner Noth.“ Nach dieſer letzten Ermahnung nahmen die jungen Männer ihren Abſchied. Bei dem allen aber ließ ſich an ihrer zürnenden Stirn, an ihren zuſammengedrückten Lippen ſehen, daß ſie den verſöhnenden Theil der Ermahnung leicht vergeſſen dürften, wenn der Zufall ihnen auf der Reiſe einen im Forſt herumſtreifendeng Wilden in den Wurf bringen ſollte. Nach wenigen Minuten ſah man ſie mit ſchnellen Schritten aus den Feldern dem Düſter des Waldes entgegeneilen und den Pfad einſchlagen, der nach den tiefer am Connectieut gelegenen Ortſchaften führte. —— H₰ 0— efer 241 Eine andere Aufgabe blieb noch zu löſen übrig. Als man ſich daran machte, ein vorläͤufiges Obdach für die Familie zu bauen, zog das Blockhaus die Aufmerkſamkeit ſogleich auf ſich. Die Wände des unteren Geſchoſſes dieſes Gebäudes ſtanden noch, und es zeigte ſich, daß es nicht ſchwer fallen würde, mittelſt halb ver⸗ brannter Balken und hin und wieder eines den Flammen entgangenen Brettes, eine Decke darüber zu legen, welche eine Zeit lang Schutz gegen das Wetter gewährte. Dieſes rohe, in aller Haſt gezimmerte Obdach, nebſt einer noch weniger künſtlichen Kuͤche, um das Mauerwerk eines Schornſteins her errichtet, bildete das Ganze, was, bis ſie mit dem Beiſtand Anderer ſich eine neue Wohnung erbauten, ſie herzuſtellen vermochten. Beim Hinwegſchaffen des Schuttes aus dem bedeckten Raume des kleinen Thurmes wurden die Ueberreſte der in dem Kampfe Umgekommenen mit Pietät geſammelt. Den Koͤrper des Jünglings, der in den früheren Stunden des Angriffs das Leben verlor, fand man, nur halb von den Flammen verzehrt, im Hofe, und die Gebeine von zwei anderen, die innerhalb des Blockhauſes ihren Tod gefunden, mußten aus dem Getrümmer herausgeleſen werden. Den Ueberlebenden lag nunmehr die traurige Pflicht ob, ſie ſämmtlich mit feierlichem Anſtand zur Erde zu beſtatten. Es war die Zeit, wo der weſtliche Horizont erglühte von dem Pomp, der den Tag, wie einer unſrer Dichter ſingt, „begleitet, wenn er kommt und wenn er geht;“ dieſe Stunde war's, die zum Trauerdienſt beſtimmt worden. Die Sonne durchſchimmerte die Baumwipfel, und ein weicheres und ſtilleres Licht hätte man nicht leicht für eine ſolche Feierlichkeit wählen können. Die meiſten Felder lagen noch im milden Tages⸗ glanz, während der Forſt mehr und mehr das dunklere Ausſehen der Nacht gewann. Von der Waldgrenze her dehnte ſich ein breiter Schattenrand; und auch außer ſeinem Bereich, auf den Wieſen, warfen die hie und da einſam ſtehenden Bäume in kühnem Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 6 242 Umriß eine rauhe, dunkle Linie quer über das röthliche Sonnen⸗ licht. Eine dieſer Linien war das finſtere Bild einer hohen, nickenden Fichte, deren Säule aus unverwelklichem Dunkelgrün, faſt hundert Fuß über die beſcheidenere Höhe der Buchen emporragte; bis an die Seite des Blockhauſes reichte dieſer Rieſenſchatten, deſſen ſpitzes Ende ſich langſam nach dem geöffneten Grabe hinſtahl, ein Sinnbild jenes Dunkels der Vergeſſenheit, welche die anſpruch⸗ loſen Bewohner deſſelben ſo bald umhüllen ſollte. An dieſem Fleck hatten Marcus Heatheote und der Reſt ſeiner Gefährten ſich verſammelt. Ein eichener Stuhl, den die Flammen verſchont hatten, war der Sitz des Altvaters; auf zwei parallelen Bänken, oder von Steinen geſtützten Brettern, ſaßen die übrigen Mitglieder des Haushalts. Das Grab lag zwiſchen ihnen. An dem einen Ende deſſelben hatte der Patriarch Platz genommen, während der in dieſen Blättern ſo oft genannte Fremde mit ge⸗ falteten Händen und gedankenſchwerer Stirn am andern ſtand. Ein Pferdezaum, zu einem mangelhaften, den beſchränkten Mitteln der Grenzlerfamilie angemeſſenen Geſchirre gehörig, hing an einer der halbverkohlten Palliſaden im Hintergrunde. „Eine gerechte, aber dennoch gnädige Hand hat meinen Haus⸗ halt heimgeſucht;“ hob der alte Puritaner an, gelaſſen wie Einer, der längſt gewohnt iſt, Leiden mit Demuth zu ertragen.„Der, welcher reichlich gegeben, hat wieder genommen; der lange mit meiner Schwäche Nachſicht getragen, hat jetzt ſein Antlitz verhüllt in Zorn. Ich habe ſeine ſegnende Macht kennen gelernt; es ge⸗ ziemte ſich, daß ich auch ſein Mißfallen fühlte. Ein Herz, welches anfing, zu ſicher zu werden, würde der Stolz verhärtet haben. Es murre daher Niemand über das, was uns geſchehen iſt. Nie⸗ mand ahme die Sprache des thörichten Weibes Hiob's nach. Wie, ſollten wir das Gute aus der Hand Gottes empfangen, und das Böſe nicht? Daß doch die ſchwachen Gemüther der Weltlinge, die da ihre Seele der Eitelkeit zu Liebe auf's Spiel ſetzen, die 243 verächtlich auf die äußerliche Dürftigkeit herabſchauen, ſehen möchten, wie reich der im Glauben Befeſtigte iſt! Daß ſie doch den Troſt der Gerechten kennten! Es erſchalle die Stimme des Dankes in der Wüſte! Oeffnet euren Mund mit Lobpreiſungen, daß das dank⸗ bare Herz der Reuigen nicht verborgen bleibe!“ Als die tiefen Töne des Redenden aufhörten, fiel ſein ernſtes Auge auf das Geſicht des ihm zunächſt ſitzenden Jünglings, und ſchien eine laute Antwort auf dieſen erhabenen Ausdruck der Hin⸗ gebung zu fordern. Allein für die Seelenſtärke des Individuums, an welches dieſe ſchweigende, aber hinlänglich verſtändliche Auf⸗ forderung gemacht wurde, war das Opfer zu groß. Der junge Mann ſah erſt die zu ſeinen Füßen liegenden Ueberreſte ſeiner einſtigen Gefährten an, und warf dann einen irrenden Blick auf die Verheerung, die über einen Platz gezogen war, welchen ſeine eigene Hand hatte ausſchmücken helfen; ein ſtechender Schmerz von ſeinen Wunden erinnerte ihn vollends an ſeine eignen körperlichen Leiden, und den Blick wegwendend, ſchien ihm eine erzwungene Aeußerung der Er⸗ gebung zu ſchwer zu werden. Mareus bemerkte dies und fuhr fort: „Hat denn keiner eine Stimme, den Herrn zu preiſen? Die Rotten der Heiden ſind über meine Heerden hergefallen; in meiner Wohnung hat der Feuerbrand gewüthet; meine Leute fielen unter den Streichen der Unerleuchteten, und Niemand iſt hier, der da ſagt, daß der Herr gerecht iſt! Ich wünſche, daß ſich Laute des Dankes in meinen Feldern erheben; ich wünſche, daß der Lobge⸗ ſang lauter werde als das Heho der Wilden, und daß das ganze Land von Freudentönen wiederhalle!“ Es folgte ein langes, tiefes und erwartungsvolles Schweigen. Dann erwiederte Content mit ruhiger, feſter Stimme, und mit der ihn nie verlaſſenden Beſcheidenheit: „Die Hand, welche die Wagſchaale gehalten hat, iſt gerecht, wir aber ſind zu leicht befunden worden. Der die Wildniß er⸗ blühen läßt, hat diesmal die Unwiſſenden und Grauſamen zu 244 Werkzeugen ſeines Willens gemacht. Er hat den Fortgang unſeres Gedeihens gehemmt, auf daß wir erkennen, Er ſey der Herr. Er hat durch den Sturmwind zu uns geſprochen, aber ſeiner Gnade verdanken wir es, daß wir ſeine Stimme nicht verkennen.“ Ein Schimmer der Freude ergoß ſich bei dieſen Worten ſeines Sohnes über das Antlitz des Altvaters. Hierauf wandte ſich ſein forſchendes Auge auf Ruth, die unter ihren Mägden daſaß, ein Bild weiblichen Schmerzes. Als jetzt ein Jeder von der kleinen Verſammlung ſich einen verſtohlenen Blick auf ihr mildes aber bleiches Geſicht erlaubte, herrſchte eine athemloſe Stille; denn es war nicht ſo ſehr die Neugier als die gemeinſchaftliche Theilnahme, das Mitleid eines Jeden mit ihrem Kummer, was den Blicken dieſe Richtung gab. Das Auge der Mutter ſchaute ernſt, aber thränenlos, auf den traurigen Anblick vor ihr; es ſuchte unwill⸗ kührlich unter den vertrockneten, zuſammengeſchrumpften, ſterblichen Ueberreſten eine Reliquie des Engels, den ſie verloren hatte. Ein Schaudern verrieth den Kampf, der in ihrer Seele vorging. End⸗ lich hauchte ſie mit ſanfter Stimme, ſo leiſe, daß ſie kaum ihrer unmittelbaren Umgebung vernehmlich ward, die Worte: „SDer Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; geſegnet ſey ſein heiliger Name.“ „Jetzt weiß ich, daß Der, welcher mich ſchlug, gnädig iſt, denn er züchtiget Die, welche er liebt,“ ſagte Marcus Heathcote, indem er ſich mit Würde von ſeinem Sitze erhob, um die Seinigen anzureden.„Unſer Leben iſt ein Leben des Stolzes. In der Jugend werden wir leicht aufgeblaſen, und find wir alt geworden, ſo ſagen wir in unſerm Herzen: es iſt gut hier ſeyn. Aber furcht⸗ bar und unergründlich iſt Der, welcher ſitzet in der Höhe. Der Himmel iſt ſein Thron, und die Erde hat er geſchaffen zu ſeinem Fußſchemel. Daß nicht die Eitelkeit ſchwacher Geiſter es ergrü⸗ beln zu wollen wage; denn wer von den Athmenden hat gelebt, ehe denn die Hügel waren! Die Bande des Böſen, des Satans 245 und der Söhne Belial's ſind locker gemacht worden, damit der Glaube der Auserwählten geläutert werde, und die Namen Derer, welche eingeſchrieben, ſeit die Grundveſten der Erde gelegt ſind, in Buchſtaben reinen Goldes geleſen werden. Die Dauer der Men⸗ ſchenkinder iſt nur ein Augenblick in Deſſen Schätzung, deſſen Leben die Ewigkeit iſt; die Erde nur eine Wohnung auf kurze Zeit! Die Gebeine der Kühnen, der Jugendlichen und der Starken von Geſtern liegen hier zu unſeren Füßen. Niemand weiß, was eine Stunde erzeugen mag. In einer einzigen Nacht, meine Kinder, iſt dies geſchehen. Menſchen, deren Stimmen in meinen Hallen gehört wurden, ſind nun ſprachlos, und die ſich ſo kürzlich freueten, trauern jetzt. Und dennoch war dies ſcheinbare Uebel nur ange⸗ ordnet, daß Gutes daraus entſpringen möchte. Wir wohnen in einem wüſten, fernen Lande,“ fuhr er fort, indem er unwillkührlich ſeine Gedanken auf den trübſten Theil ihrer Leiden richtete; unſere irdiſche Heimath iſt fern von hier. Die Flammenſäule der Wahr⸗ heit hat uns hierher geleitet, aber die Bosheit der Verfolger iſt nicht zurückgeblieben. Hauslos und geſcheucht wie das gejagte Reh, ſind wir abermals genöthigt zu fliehen. Die Sternendecke iſt unſer Obdach und Niemand kann nun in unſeren Mauern ſeine Andacht im Geheimen mehr verrichten. Aber, ob auch dornen⸗ voll, führt der Pfad der Gläubigen zum Frieden, und die endliche Ruhe des Rechtſchaffenen kann nie geſtört werden. Der, welcher um der Wahrheit willen Hunger und Durſt und die Schmerzen des Fleiſches erduldet hat, verſteht es ſchon, ſich zu begnügen; und wer den Frieden der Gerechten zum Ziele hat, der wird die längſte Stunde leiblicher Trübſal nicht zu lange finden.“ Die ſtarken Geſichtszüge des Fremden nahmen bei den letzten Worten eine wo möglich noch rauhere Form an, und ſeine auf dem Griff eines Piſtols ruhende Hand umklammerte es, als der Alte ſeine Rede fortſetzte, mit ſolcher Gewalt, daß es ausſah, als wären ſeine Finger im Holze eingelegt. Jedoch blieb er ſchweigend, und 246 verbeugte ſich bloß bei der auf ſeine Perſon gemachten Anſpielung. Der Puritaner fuhr fort: 8 3 „Wenn irgend Eine den frühen Tod Desjenigen beweint, der im erlaubten Kampfe um Leben und Obdach den Geiſt aufgab“— hier ſah er ein nicht weit von ihm ſitzendes Mädchen an—„ſo ſoll ſie ſich erinnern, daß vom Anbeginn der Welt her ſeine Tage bereits gezählt waren, und daß kein Sperling zur Erde fällt, ohne den Zwecken ewiger Weisheit zu entſprechen. Laſſet vielmehr das Geſchehene uns an die Nichtigkeit des Lebens erinnern, damit wir lernen, wie leicht es iſt, in die Unſterblichkeit einzugehen. Iſt der Jüngling niedergemäht worden gleich unreifem Graſe, ſo führte Einer die Sichel, der am beſten weiß, wann er mit dem Ein⸗ ſammeln der Ernte in ſeine ewigen Vorrathskammern anzufangen hat. Eine mit ihm verbundene Seele— wie denn das ſchwächere Geſchlecht ſich gern auf Mannesſtärke ſtützet— beweint ſeinen Tod: ihre Trauer ſey aber die einer Chriſtin, nicht ungemiſcht mit heiliger Freude.“ Ein krampfhaftes Schluchzen brach aus der Bruſt desjenigen Mädchens, das, wie Alle wußten, dem einen der Gebliebenen ver⸗ ſprochen war. Die Rede des Alten ward dadurch unterbrochen; als aber alles wieder ſchwieg, da kam er, mittelſt eines ſehr na⸗ türlichen Uebergangs, auf ſeine eigenen Leiden zu ſprechen, und fuhr folgendermaßen fort: „Der Tod war kein Fremdling in meinem Hauſe.—Sein Pfeil ſchmerzte am meiſten, indem er ſie traf, als ſie, den hier Gefallenen gleich, im Stolze ihrer Jugend war, und ihre Seele über die Erſtgeburt eines männlichen Kindes vor Freuden jauchzte. Du, auf dem Throne droben!“ hier richtete ſich ſein ſtarres, thrä⸗ nenloſes Auge in die Höhe;„Du weißt, wie ſchwer jener Schlag war. Du haſt das Ringen eines gebeugten Geiſtes in Dein Ge⸗ denkbuch niedergeſchrieben. Nicht zu ſchwer zum Ertragen iſt die Laſt befunden worden. Das Opfer war nicht zureichend; die Welt ——+——— 247 gewann abermals die Oberherrſchaft in meinem Herzen. Du hatteſt uns ein Bild jener Unſchuldigen und Lieblichen geſchenkt, die im Himmel wohnet, und haſt es nun dahingenommen, auf daß wir Deine Macht erführen. Wir beugen uns vor Deinem Gericht. Wenn Du unſer Kind in die Wohnungen der Seligkeit gerufen haſt, ſo iſt es ganz Dein, und fern ſey es, daß wir klagen; läſſeſt Du es aber noch ferner auf der Pilgerfahrt des Lebens wandern, ol ſo vertrauen wir Deiner Güte. Sie ſtammt von einer Dulder⸗ familie, und Du wirſt ſie nicht der Blindheit der Heiden preisgeben. Dein iſt ſie, gänzlich Dein, König des Himmels! und doch geſtatteſt Du, daß unſere Herzen ſich mit all' der Zärtlichkeit irdiſcher Liebe ſchmerzlich nach ihr ſehnen. Wir wollen eine weitere Offenbarung Deines Willens abwarten, damit wir wiſſen, ob die Quellen unſerer ſehnſüchtigen Thränen, durch die Gewißheit ihrer Verklärung, ver⸗ ſiegen ſollen,....“(brennende Tropfen rieſelten hier von der Wange der todtenbleichen, regungsloſen Ruth)„oder ob die Hoff⸗ nung, ja die Pflicht gegen Dich, ihre Blutsverwandten zu Nach⸗ forſchungen auffordert. Als Deine Hand am ſchwerſten ruhte auf dem zerknirſchten Geiſt eines einſamen, verlaſſenen Pilgers in einem fremden und öden Lande, da würde er ohne Murren Dir auch ſein Kind hingegeben haben; es war Dein Wille, es ihm an der Stelle Derjenigen, die Du zu Dir berufen, zu laſſen; es ward ein Mann; und nun ſteht auch er hier, und bringt, wie einſt Abra⸗ ham, das Kind ſeiner Liebe Dir zum Opfer dar. Verfahre mit ihm, wie es Deiner nie irrenden Weisheit am beſten dünkt....“ Hier brach ein ſchwerer Seufzer aus der Bruſt Content's laut hervor, ſo daß der Alte ſprachlos daſtand. Eine tiefe Stille folgte, doch als die Verſammlung ſchüchtern einen Blick des Mitgefühls und der Ehrerbietung auf den kindesberaubten Vater warf, hatte er ſich ſchon von ſeinem Sitz erhoben, und ſah den Redner ſtarr an, gleichſam als wenn er ſich eben ſo ſehr wie die Anderen wun⸗ derte, daß er ſich einen ſolchen Schmerzenston geſtattet. Der 248 Puritaner wollte ſeinen Gegenſtand wieder aufnehmen, allein die Stimme bebte und verſagte ihm zuſehends mehr und mehr, und einen h en laang bot er ſeinen Zuhörern das ſchmerzhafte Schauſpiel eines durch Leiden erſchütterten, würdevollen Greiſes dar. Er ward ſeine Schwäche indeß bald inne, und ſtatt die er⸗ mahnende Rede fortzuſetzen, ging er zum Gebet über. So be⸗ ſchäftigt, wurden ſeine Töne wieder rein, feſt und deutlich, und er endete die Andacht mit der tiefen Gelaſſenheit eines Heiligen. Nach dieſer Leichenrede war denn auch der Reſt der Cere⸗ monie bald vorüber. Mit feierlicher Stille wurden die Leiche und die Gebeine hinabgelaſſen in das offene Grab, das von den jungen Männern bald mit Erde bedeckt war. Darauf ſprach Marcus Heatheote laut den Segen über die Familie aus, beugte ſich äußerlich, wie er es im Geiſte vor dem Willen des Himmels ſchon gethan, und winkte dann den Seinigen, ſich zurückzuziehen. Ueber der Ruheſtätte der Entſchlafenen weilten nun der Puri⸗ taner und der Fremde zu ihrer letzten Unterredung. Der Erſtere hielt des Letztern Hand feſt in der ſeinigen, und Beider ſtrenge Selbſtbeherrſchung ſchien zu weichen vor dem Schmerz einer durch ſo viele Trübſale bewährten Freundſchaft. „Du weißt es, daß ich nicht bleiben darf,“ ſagte der Fremde, wahrſcheinlich einen vom Alten geäußerten Wunſch beantwortend. „Sie möchten mich dem Moloch ihrer Eitelkeiten zum Opfer bringen; und doch bliebe ich ſo gern bei Dir, bis das erſte herbe Gefühl dieſes großen Unglücks etwas nachgelaſſen. Ich fand Dich im Frieden, und muß nun beim Scheiden Dich im tiefſten Leide ſehen!“ „Du mißtraueſt mir, oder thuſt Deinem eignen Glauben Un⸗ recht,“ unterbrach ihn der Puritaner mit einem Lächeln, das auf ſeinem hagern und ſtarren Geſicht glänzte, wie die Strahlen der untergehenden Sonne auf einer winterlichen Wolke.„Wie Deine Hand die eines geliebten Weibes in die meinige legte, ſchien ich da glücklicher, als Du mich jetzt in der Wildniß ſiehſt, ohne Haus eine Weiſſagung gekleideten Offenbarung. 249 und Vermögen, und, Gott verzeihe mir den undank, ich hätte faſt geſagt, kinderlos? Nein, Du darfſt in der That nicht bleiben, denn die Bluthunde der Tyrannei ſind auf ihrer Fährte; hiengiſt kein Schutz mehr für Dich.“ Beider Augen wandten ſich, wie von gleichem traurigen Gefühle bewegt, nach der Ruine des Blockhauſes. Dann nahm der Fremde die Hand ſeines Freundes in die ſeinigen, drückte ſie und ſagte mit bewegter Stimme: „Marcus Heatheote, leb' wohl; wer ein Obdach für den ver⸗ folgten Wanderer hatte, wird nicht lange ſelbſt ohne eines bleiben und der Gottergebene nicht immer Trübſal kennen.“ Seine Worte klangen dem Ohre des Patriarchen gleich der in Noch einmal drückten ſie ſich die Hände, und ſahen ſich mit einem Blicke an, in welchem die Liebe über das Herbe in ihren angeeigneten Mienen ſiegte; dann ſchieden ſie. Langſam wankte der Alte dem bedeckten Raume ent⸗ gegen, welcher den Seinigen Schutz verlieh; den Fremden aber ſah man bald darauf quer über die Wieſe, in der Richtung eines der unbeſuchteſten Pfade der Wüſte, eilend fortreiten. Siebenzehntes Kapitel. Dann ging's dem Dorfe zu, und mit Behagen Sprach jeder von den längſtverfloſſ'nen Tagen: Der reiſte fort; den hat der Tod ereilt; Ein dritter noch im Vaterhauſe weilt. Wir überlaſſen es der Einbildungskraft des Leſers, einen Zeit⸗ raum von mehreren Jahren auszufüllen. Ehe wir aber den Faden unſerer Erzählung wieder aufnehmen, iſt es nöthig, einen zweiten fluͤchtigen Blick auf die Lage der Gegend zu thun, wo die Begeben⸗ heiten unſrer Legende ſtattfanden. Nicht mehr beſchränkten ſich die Bewohner der Provinz in ihren 250 Anſtrengungen auf die erſten Verſuche eines Kolonial⸗Lebens. Die Niederlaſſungen von Neu⸗ England waren bereits durch die Feuerprobe des bloßen Verſuchs gegangen und bleibend geworden. Mafahfeus war bereits ſehr bevölkert, und Connecticut, die Ko⸗ lonie, welche mit unſerer Erzählung in näherm Zuſammenhange ſteht, war es genug, um etwas von dem unternehmenden Geiſt ſchon blicken zu laſſen, wodurch ſich deſſen thätige Bewohner ſeitdem ſo ſehr hervorgethan haben. Solche Anſtrengungen verwandelten zuſehends immer größere Strecken der Wildniß in angebautes Land, und eine dieſer Verwandlungen iſt es, die wir jetzt, ſo deutlich als es unſere geringen Kräfte vermögen, den Leſern dieſer Blätter ſchildern wollen. Vergleicht man das, was in Amerika eine neue Anſiedelung genannt wird, mit dem Gang der Geſellſchaft auf der andern Halb⸗ kugel ſo ergiebt ſich daraus eine Abweichung von der Regel. Europa ſind die Künſte des Lebens das Ergebniß eines Verſtan der allmählig mit dem Fortſchritte der Civiliſation erſt erſtarken mußte; in Amerika hingegen wurden Verbeſſerungen großentheils von einer anderwärts erworbenen Erfahrung eingeführt, oder mit anderen Worten, dieſe Verbeſſerungen, die eine Wüſte in den Auf⸗ enthalt des Ueberflußes und der Sicherheit umgewandelt haben, und zwar mit einer an das Zauberhafte grenzenden Schnelligkeit— dieſe Verbeſſerungen ſind das Erzeugniß der Nothwendigkeit, der eine klare Einſicht deſſen, was Bedürfniß war, Förderung, der ein lobenswerther Wetteifer Betriebſamkeit, und der endlich die Freiheit Aufmunterung verlieh. Der Fleiß hat mit derjenigen Zuverſicht gearbeitet, welche die Wiſſenſchaft einflößt, und die Wirkung war nicht minder eigenthümlich als ihre Urſache. Daß in einem Lande, wo die Geſetze jedes erlaubte Unternehmen begünſtigen, wo man keine unnöthige, künſtliche Beſchränkung kennt, und wo der Menſchenhand noch ſo viel zu thun übrig gelaſſen iſt, dem Abenteurer die ungebundenſte Wahl des Raums, wo er ſeine Thätigkeit zu entwickeln geſonnen iſt, freiſtehe, darf wohl kaum erſt In des, 251 erwähnt werden. Der Feldbauer läͤßt die Haiden und die Sand⸗ wüſten liegen, und ſiedelt ſich am Flußboden an; der Händler be⸗ rückſichtigt mehr den Ort, wo die Nachfrage am ſtärkſten und die Zufuhr am leichteſten iſt; und der Handwerker verläßt ſein heimiſches Dorf, um an Plätzen Beſchäftigung zu finden, wo die Arbeit am beſten bezahlt wird. Eine Folge dieſes der Wahl überlaſſenen, außer⸗ ordentlichen Spielraums iſt, daß das große Gemälde des geſelligen Verbandes in Amerika zwar der Skizze nach kühn entworfen daſteht, daß aber auch an die genauere Ausführung eines großen Theils deſſelben noch nicht hat gedacht werden können. Der Emigrant ging nur mit ſeinem eigenen unmittelbaren In⸗ tereſſe zu Rathe! daher kommt es denn einerſeits, daß kein bedeu⸗ tender und nutzbarer Länderſtrich, im ganzen Bereich unſeres uner⸗ meßlichen Gebiets, gänzlich vernachläſſigt liegen geblieben iſt, daß aber andrerſeits auch kein beſonderer Diſtrikt ſich der letzten Hand der Politur rühmen kann. Noch heutiges Tages ſieht man eine Stadt mitten in der Wildniß, und die Wildniß grenzt oft an die Städte, deren überfließende Bevölkerung ſich zur Entfaltung ihrer Induſtrie lieber entferntere Stellen erkieſet. Nach einem Verlauf von dreißig Jahren fördernder Sorgfalt von Seiten der Regierung, hat die Hauptſtadt ſelbſt noch immer nichts aufzuweiſen, als ihre unzuſammenhängenden, kränkelnden Dörfer im Schooße der verlaſſenen „‚Alten Felder: Marylands, während zahlloſe, jüngere Nebenbuhle⸗ rinnen an den weſtlichen Gewäſſern blühen, an Stellen, wo der Bär ſich erging und der Wolf ſein Geheul erhob, als die Erſtere ſich ſchon längſt den Namen einer Stadt beigelegt hatte. Aus dieſem Grunde alſo berührt ſich ſo oft innerhalb der Grenzen dieſes Freiſtaates ein hoher Zuſtand der Geſittung mit dem einer erſt entſtehenden Geſellſchaft, ja mit dem der offenbaren Wildheit. Der Reiſende, welcher die Nacht in einem Gaſthof zu⸗ gebracht hat, der dem älteſten Lande Europa's keine Schande machen würde, kann leicht in die Nothwendigkeit gerathen, ſein Mittagsmahl 252 in dem Schantih eines Jägers einzunehmen.⸗ gebaute Straße endigt oft in einen, Sumpf; die Thurmſpitzen der Stadt ſind oft in den Zweigen des Waldgeſtrüpps verborgen, und der Kanal führt zu einem ſcheinbar kahlen, unfruchtbaren Berg. Wer nicht wiederkehrt, um zu ſehen, was das folgende Jahr geſchaffen haben mag, der nimmt in der Regel Erinnerungen aus dieſen Oertern mit ſich, die zu Irrthümern verleiten. Um Amerika mit dem Auge der Wahrheit zu ſehen, muß man es öͤfter ſehen, und wer ſich einen richtigen Begriff von dem gegenwärtigen Zuſtand dieſer Staaten bilden will, darf eben ſo wenig glauben, daß alle Zwiſchenpunkte gleiche Vervollkommnung mit gewiſſen Plätzen beſitzen, als aus einigen ungünſtigen, im Herzen des Landes geſam⸗ melten Thatſachen ſchließen, daß die entfernteren Niederlaſſungen ſich keiner größeren Civiliſation erfreuen. Ein zufälliger Zuſammen⸗ fluß moraliſcher und phyſiſcher Urſachen läßt dem Fortſchreiten der Geſellſchaft durch das ganze Land hindurch eine Gleichmäßigkeit angedeihen, welche mit der, die unſere Inſtitutionen auszeichnet, vieles gemein hat. 8 War auch zu den Zeiten de Die ebene, mit Kies jedem Durchgang wehrenden s Mareus Heatheote der Antrieb zu Verbeſſerungen nicht ſo ſtark als in unſeren Tagen, ſo wirkte das Princip ſeiner Stärke doch auch damals ſchon kräftig genug. Von dieſer Thatſache werden wir einen Beweis liefern, indem wir nunmehr der ſchon angedeuteten Abſicht: eine jener mit der Zeit entſtehenden Verwandlungen zu beſchreiben, näher treten. Der Leſer erinnert ſich, daß das Zeitalter, von dem wir * Schantih(Shanty oder Shantee) iſt in den neueren Niederlaſſungen ein ſehr übliches Wort. Im engern Sinne bezeichnet es eine rohe, aus Baumrinde und Geſtrüpp zuſammengeſetzte Hütte, wie ſie oft zum vor⸗ übergehenden Gebrauch im Walde errichtet werden. Sonderbarerweiſe jedoch geben die Grenzler ihren eigenen Wohnungen häufig dieſe Benen⸗ nung. Die einzige Ableitung, welche dem Verfaſſer zur Kenntniß gekommen iſt, iſt die von Chiente(lies Schente), ein Ausdruck, welcher bei den Be⸗ wohnern von Canada Hundeſtall bedeuten ſoll. D. Verf. 253 ſchreiben, in das letzte Viertel des ſiebzehnten Jahrhunderts vor⸗ gerückt war. Der Moment, mit welchem die Handlung der Ge⸗ ſchichte wieder anhebt, iſt genau diejenige Tageszeit, wo das graue Dämmerlicht anfängt, der tiefen Dunkelheit einer amerikaniſchen Nacht die Gegenſtände wieder zu entreißen. Es war Junimonat, und die Umgebung von der Art, daß ſie eine ausführlichere Dar⸗ ſtellung nöthig macht. Wäre die Beleuchtung hell und die Stellung günſtig genug geweſen, um eine Vogelperſpektive des Platzes genießen zu können, ſo würde ſich dem Auge zunächſt ein breites, wellenförmiges Feld dargeboten haben, überſäet theils mit dem blaſſern Grün verſchie⸗ dener Baumgattungen Neu⸗Englands, theils mit Maſſen von üppigen, immergrünen Waldhölzern. Im Mittelpunkte dieſes ſchwellenden und faſt unüberſehbaren Forſtumriſſes, zwiſchen drei niedrigen Bergen, dehnte ſich eine, mehrere Meilen lange Ebene aus, welche, über ihre ganze Oberfläche hin, alle Merkmale einer im glücklichen Gedeihen ſchnell vorſchreitenden Anſiedelung an ſich trug. Zwiſchen Ufern, die mit Weiden⸗ und Sumachbäumen bekränzt waren, ſchlängelte ſich ein tiefer, reißender Bach durch die Wieſengründe, der in der öſtlichen Hemiſphäre für einen Fluß gegolten hätte. An einem Punkt, ungefähr in der Mitte des Thales, wurde das Waſſer durch einen kleinen Damm aufgehalten, und auf einer aufgeworfenen Anhöhe ſah man eine Mühle, deren Rad aber in dieſer frühen Stunde ſtill ſtand. Nicht weit davon lag ein Neu⸗engliſcher Weiler. Die Anzahl der Dorfgebäude mochte ſich auf vierzig belaufen. Sie waren, wie gewöhnlich, von ſtarkem Gebälk gezimmert, und die Seiten mit glatten Brettern nett überzogen. Die Häuſer hatten alle ein auffallend gleiches Aeußere, und wenn von irgend einem andern Lande als dem unſrigen die Rede wäre, ſo dürſte man hin⸗ zufügen, daß auch das beſcheidenſte darunter den Anblick von ungewöhnlich viel Bequemlichkeit und Ueberfluß darbot. Größten⸗ theils beſtanden ſie aus zwei Stockwerken, von denen das obere 254 einen oder zwei Fuß über die Fronte des untern hervorragte, eine Bauart, die in den früheren Tagen der öſtlichen Kolonien ſehr üblich war. Da zu jener Zeit die Häuſer ſelten angeſtrichen wurden, ſo zeigte keines derſelben eine andere Farbe als die, welche das Holz, nachdem es einige Jahre dem Wetter ausgeſetzt geweſen iſt, anzunehmen pflegt. Jedes Haus hatte ſeinen einzelnen Schorn⸗ ſtein im Mittelpunkte des Daches, und nur zwei oder drei konnten mehr als ein Fenſter auf jeder Seite des Haupt⸗ oder Vorderein⸗ gangs aufweiſen. Vor jeder Wohnung befand ſich ein reinlicher, mit Gras bewachſener Hof, den eine bretterne Einzäunung von der öffentlichen Straße trennte. Dieſe war breit, und von beiden Seiten mit Doppelreihen von jungen, kräftigen Ulmen eingefaßt. Von dem in der Mitte des Dörfchens befindlichen Platz aber nahm ein ungeheurer Maulbeerfeigenbaum Beſitz, der ſchon zur Zeit, als die Weißen in den Forſt kamen, dageſtanden hatte. Unter dieſes Baumes Schatten pflegten die Einwohner ſich oft zu verſammeln, um von dem Befinden einer jeden Familie Kunde zu erhalten, oder eine und die andere intereſſante, durch das Gerücht verbreitete, Nachricht aus den dem Meere näher gelegenen Städten ausführ⸗ licher erzählen zu hören. Eine ſchmale, wenig benutzte Wagenſpur zog ſich, in anmuthigen Wellenlinien, mitten durch die breite, gras⸗ reiche Dorfgaſſe, und ſetzte ſich, außerhalb des Dorfes, zwiſchen hohen, hölzernen Feldgehegen fort, bis ſie ſich, dem Anſehen nach zu einem bloßen Reitpfad verringert, da, wo der Forſt anfing, dem Auge entzog. Hin und wieder drangen Roſen durch die Oeffnungen der umzäunten Höfe, deren äußerſte Enden mit Gebüſchen von wohlriechendem, ſpaniſchem Flieder geſchmückt waren. Die Wohnungen waren getrennt von einander; jede ſtand auf einem abgeſonderten Grundſtück, und hatte einen an das Haus ſtoßenden Garten. Die Außengebäude hingegen lagen ziemlich ent⸗ fernt; die geringen Preiſe des Bodens machten dies eben ſo möglich, als es, wegen groͤßerer Sicherheit bei etwaigem Feuer, rathſam war. 25⁵ Mitten in der Fahrſtraße, und faſt am Ende des Doͤrfchens, ſtand die Kirche. Bei dem Aeußern und den Verzierungen dieſes wichtigen Gebäudes war dem Zeitgeſchmack auf's ängſtlichſte ge⸗ huldigt worden, und die Geſtalt und Einfachheit deſſelben lieferte eine auffallende Aehnlichkeit mit der Selbſtverläugnungslehre und den ſeltſamen Einfällen der Religionsbekenner, die ihren Gottes⸗ dienſt darin hielten. In Uebereinſtimmung mit allen übrigen war das Gebäude von Holz und ſah aus, als wenn es zwei Stockwerke hätte. Ein Thurm ſtand zwar darauf, allein er hatte keine Spitze, und ſollte bloß dazu dienen, den geheiligten Zweck des Gebäudes anzudeuten. Ganz beſondere Sorgfalt war bei Errichtung deſſelben darauf verwendet worden, daß nichts zum Vorſchein käme, was von geraden Linien und rechten Winkeln abwiche. Von jenen engge⸗ wölbten Oeffnungen zum Einlaſſen des Lichtes, die anderswo ſo häufig angetroffen werden, glaubten die damaligen überſtrengen Sittenlehrer Neu⸗Englands, daß zwiſchen denſelben und dem mit ‚Scharlach bekleideten Weibe’s irgend ein geheimer Zuſammen⸗ hang beſtehe. Dem Geiſtlichen würde eben ſo leicht in den Sinn gekommen ſeyn, vor ſeiner Heerde im eitlen Schmucke des Meß⸗ gewandes zu erſcheinen, als der Gemeinde, jene verwerfliche Zier⸗ rathen in ihre keuſche Architektur aufzunehmen, und wenn der ‚Genius der Lampe“ ſich herausgenommen hätte, plötzlich die Fenſter des gottesdienſtlichen Gebaͤudes mit denen des faſt gerade gegenüberſtehenden Wirthshauſes zu verwechſeln, ſo würde auch der ſchärfſte Kritiker in der Anſiedelung dieſe Freiheit nicht gemerkt haben, ſo wenig Unterſchied war zwiſchen beider Geſtalt, Dimen⸗ ſionen und Styl. Nicht ſehr weit von der Kirche, auf der einen Seite der Dorf⸗ ſtraße, befand ſich ein kleiner, eingefriedigter Raum zum Ruheplatz * Offenb. Joh. XVII. 4. Die Auslegung, welche dieſes Bild auf die Kirche Rom's bezieht, iſt eine ſehr alte, und auch in den Inhaltsangaben der Canſteiniſchen Bibelausgaben angenommen. D. U. für Diejenigen beſtimmt, die ihre Laufbahn hienieden beſchloſſen hatten. Es war erſt ein einziges Grab darin. Das Wirthshaus unterſchied ſich von den umgebenden Gebäuden durch ſeine Größe, durch ein Vordach zum Unterſtellen der Pferde, und durch ein gewiſſes anmaßendes Ausſehen, das ihm ſeine aus der Reihe der übrigen Häuſer vorſpringende, den Reiſenden gleichſam zum Eintreten auffordernde Stellung gab. Vor der Thüre hing ein Schild ſchwebend an einem galgenähnlichen Pfoſten, der ſchon von der lothrechten Linie abzuweichen begann, eine Folge der froſti⸗ gen Nächte und warmen Tage; der Witz auf dem Schilde würde einem Naturforſcher beim erſten Anblick keine geringe Freude ge⸗ macht haben! er mußte glauben, die Entdeckung einer unbekannten Vogelgattung gemacht zu haben. Der Künſtler hatte jedoch den Folgen eines ſo verwirrenden Irrthums hinlänglich vorgebeugt, in⸗ dem er dem Erzeugniß ſeines Pinſels klüglich die Unterſchrift hin⸗ zufügte:„dies iſt das Schild zum Whip⸗Poor⸗Will“; ein Name, welcher, wie dem ungelehrteſten Reiſenden in jenen Gegenden be⸗ kannt war, im gemeinen Leben dem Wiſh⸗Ton⸗Wiſh, das heißt der amerikaniſchen Nachteule, beigelegt wurde. Nur wenige Ueberbleibſel der Waldung waren in der unmittel⸗ baren Umgebung des Dörfchens zu bemerken. Seit der urſprünglichen Fällung der Bäume war eine hinlängliche Zeit verfloſſen, um auch jede Spur ihres früheren Daſeyns zu vertilgen. Je weiter aber der Blick ſich von der Häuſergruppe entfernte, je deutlicher ſah man noch die Zeichen ſpäterer Eingriffe in das Waldgebiet, und die Ausſicht endigte mit angefan genen Einſchnitten, wo Holzhaufen und Reihen gefällter Bäume anzeigten, daß die Art erſt ganz kürzlich dort thätig geweſen ſey.— In jener frühen Zeit wohnte der amerikaniſche Feldarbeiter, wie der größte Theil der europäiſchen Landbauern, in ſeinem Dorfe. Die Furcht vor einem Angriff der Wilden hatte nämlich hier die⸗ ſelbe Sitte zur Folge, welche die Ueberfälle von minder genügſamen oſſen uden erde, aus ſam hing chon oſti⸗ erde ge⸗ nten den in⸗ hin⸗ me, be⸗ eißt tel⸗ hen uch ber ſah und fen anz ter, re. ie⸗ ten 257 Barbaren auf der andern Halbkugel ſchon mehrere Jahrhunderte zuvor erzeugt— eine Sitte, wodurch ländliche Scenerie eines Reizes beraubt wurde, den, wie es ſcheint, die Zeit und ein mehr geregelter Zuſtand der Geſellſchaft nur ſehr langſam wiederherſtellen. Als Beweis, wie alt ſie iſt, diene die Thatſache, daß in dem Theil der vereinigten Staaten, wo der Schauplatz unſerer Erzählung liegt, Pächter die Mühe, ſich ſtets vom Hauſe zu entfernen, einer Wohnung mitten in ihren Feldern noch heutzutage vorziehen. Da indeſſen die Menſchen in Amerika niemals einem allgemeinen Syſtem unterworfen wurden, ſondern jeglicher die Freiheit hatte, ſeinem eigenen Hange zu folgen, ſo fanden ſich auch ſchon früher kühnere Geiſter, die einen Gebrauch verſchmähten, bei welchem an Bequem⸗ lichkeit wenigſtens eben ſo viel verloren, als an Sicherheit gewonnen ward. Selbſt in dem eben beſchriebenen Thale lagen zehn bis zwölf beſcheidene Hütten auf den Bergabhängen zerſtreut, auf gelichteten Stellen, die erſt kürzlich dem Walde abgewonnen und zu weit vom Dorfe entfernt waren, um gegen einen plötzlichen Ueberfall des gemeinſchaftlichen Feindes abſonderlich geſichert zu ſeyn. Gegen äußerſte Nothfälle jedoch war zum Schutze aller Thal⸗ bewohner ein mit Stacketen umgebenes Gebäude, demjenigen ziemlich ähnlich, das wir in dieſen Blättern ſchon zu beſchreiben Gelegenheit hatten, an einer paſſenden Stelle bei'm Dorfe errichtet worden. Die Vertheidigungswerke daran waren feſter und durch⸗ dachter als gewöhnlich, da man beide Flanken der Palliſaden mit Blockhäuſern verſehen hatte; kurz, das Gebäude durfte in allen Beziehungen eine Feſtung genannt werden, die jedem in der Kriegs⸗ führung jener Gegenden erforderlichen Widerſtand gewachſen war. Sie diente dem Geiſtlichen als Pfarrwohnung, und wenn Jemand von der Gemeinde erkrankte, ſo ward er ſogleich hieher gebracht, um der Nothwendigkeit vorzubeugen, ihn erſt in einem Augenblicke hinzuſchaffen, wo es nicht ohne Gefahr geſchehen konnte. Für den Amerikaner braucht kaum noch hinzugefügt, zu werden, Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. daß das ganze dieſer kleinen Landſchaft in Einhegungen abgetheilt war. Die von ſchwerfälligen, hölzernen Zäunen eingefaßten Felder mochten dreißig bis vierzig Geviertruthen im Umfang haben. Hier und da graſeten, ohne Hirten und Schäfer, Rinder und Schaf⸗ heerden. Während die den Wohnungen zunächſt liegenden Felder immer mehr das Ausſehen von verbeſſertem Anbau gewannen, nahm die Sorgfalt in demſelben Verhältniß ab, als die Felder dem Walde näher lagen, ſo daß die an den Forſt grenzenden Stellen nur halb gelichtet und voller verkohlter Baumſtümpfe und abgerindeter Stämme, ſich mit dem Düſter des lebendigen Waldes verwebten. Das alles ſind Erſcheinungen, die jede Landſchaft dar⸗ bietet in Landesgegenden, deren Anbau noch nicht die zwei erſten Culturſtufen überſchritten hat. In der Entfernung einer kleinen Viertelſtunde von dem befe⸗ ſtigten Bau, oder der ‚Garniſon“, wie durch eine ſeltſame Wort⸗ verwechslung das mit Stacketen umkränzte Haus genannt wurde, ſtand ein Wohngebäude, das allen im Dorfe befindlichen bei Weitem überlegen war. Eben ſo einfach wie dieſe, war es bedeutend größer, und obgleich jeder bemittelte Landwirth auf eine nicht minder geräumige Wohnung Anſpruch machen durfte, ſo waren doch Bequemlichkeiten, wie die Zeit allein ſie anhäufen konnte, und von denen einige für eine Koloniſtenfamilie faſt an Luxus grenzten, etwas Merkwürdiges. Kurz, die Anordnung der Außengebäude, die vorzügliche Ausführung, die beſſeren Materialien und zahlloſe andere Umſtände, alles wies darauf hin, daß das ganze Etab⸗ liſſement ein von Neuem aufgeführtes ſeyn müſſe. Die um dieſe Wohnung herumliegenden Felder zeigten eine glättere Ober⸗ fläche als die entfernteren; die Zäune waren minder ſchwerfällig und roh; man erblickte durchaus keine Baumſtümpfe mehr, und die Gärten wie der Platz am Hauſe waren mit blühenden Obſt⸗ bäumen bepflanzt. Nicht weit hinter dem Hauptgebäude erhob ſich eine kegelförmige Anhöhe, gekrönt von jener ſchönen, ameri⸗ 14 Feilt lder Hier haf⸗ elder nen, der nden und aldes dar⸗ rſten befe⸗ Jort⸗ urde, eitem ößer, inder doch von zten, iude, llloſe Ftab⸗ 2 um ber⸗ fällig und Obſt⸗ erhob meri⸗ 259 kaniſchen Pächtereien eigenthümlichen Zierde, nämlich von einer Gruppe regelmäßig und üppig wachſender Aepfelbäume, die aber, da die Pflanzung erſt ein Wachsthum von acht bis zehn Jahren hatte, ihre volle Schönheit vom Alter erſt erwarteten. Ein ſchwarzer, ſteinerner Thurm, verkohltes Gebälk tragend, ragte, obgleich an ſich nicht ſehr hoch, über die höchſten Bäume hinweg, und ſtand da, ein leicht erkennbares Denkmal eines in der kurzen Geſchichte des Thales vorgefallenen, heftigen Auftritts. Auch ein kleines Blockhaus machte ſich unweit der Wohnung bemerkbar, doch herrſchte ein ſolcher Ton der Vernachläſſigung rund um daſſelbe, der deutlich zeigte, daß die kleine Befeſtigung in der Eile aufgeführt war, und nur einem vorübergehenden Zwecke entſprochen hatte. Auch an verſchiedenen anderen Stellen im Thale boten ſich dem Blicke Obſt⸗ pflanzungen dar, wie denn das Ganze von einem ausgebildeten Ackerbau⸗Zuſtande zeugte. Alle die geſchilderten Umwandlungen trugen, ſo weit ſie reichten, ein engliſches Gepräge an ſich; allein es war England, gleich frei von dem Luxus und von der Armuth jenes Reiches; ein Ueberfluß an Boden gab auch der niedrigſten Hütte in dem Anblick des Beſchauers ein Ausſehen von Fülle und Bequemlichkeit, das oft den Wohnungen der verhältnißmäßig Reichern abgeht in Ländern, wo der Menſch in weit bedeutenderem numeriſchen Ver⸗ hältniß zum Boden ſteht, als damals der Fall war, oder auch noch er es heutzutage in den Gegenden iſt, von denen wir ſchreiben. Achtzehntes Kapitel. Kommt her, Nachbar Steinkohle!— Gott hat euch mit einem ſtattlichen Namen geſegnet: hübſch ſeyn iſt eine Glücks⸗ gabe; leſen und ſchreiben aber kommt von Natur. Es iſt bereits eerwähnt worden, daß die Stunde, an die ſich der Faden unſerer Erzählung wieder anknüpft, eine ſehr frühe iſt. 260 Die in waldigen Ländern ſo gewöhnliche Nachtkühle war gewichen; die Sommermorgenwärme jener niedrigen Breitegegend hob eben die auf den Wieſen liegenden, lichten Dunſtſtreifen über die Bäume hinweg, wo ſie zuſammenfloſſen, und in Geſtalt von Wolken nach dem Gipfel eines entfernten Berges zogen, der, wie es ſchien, der gemeinſame Sammelpunkt aller in der vergangenen Nacht erzeugten Nebel war. Der feuervergoldete öſtliche Himmel kündigte die nahe, obgleich noch nicht ſichtbar werdende Sonne an. Ungeachtet es noch ſo frühe war, ſo ſah man doch ſchon auf der Straße, unweit dem ſüdlichen Ende des Dörfchens, einen Mann eine mäßige Anhöhe erſteigen, von wo er alle die im vorhergehenden Kapitel beſchrie⸗ benen Gegenſtände überſchauen konnte. Er war entweder auf der Jagd, oder auf einem kurzen Ausflug von noch kriegeriſcherer Art geweſen, wie man an ſeiner über die linke Schulter geworfenen Flinte, dem Horn und der Taſche an der Seite, und dem kleinen Ranzen auf dem Rücken ſehen konnte. Nimmt man einen kurzen, breiten, durch den ledernen Leibgurt geſteckten Säbel aus, ſo ſah man ſonſt nichts Bemerkenswerthes in ſeinem Anzuge; Stoff und Schnitt waren ſo, wie ſie damals in dieſer Kolonie üblich, und es war offenbar ein Bewohner des Dörfchens, den der Dienſt oder das Vergnügen auf eine kurze Zeit von ſeiner Hütte weg⸗ gerufen hatte. Wenige, gleichviel ob hier zu Hauſe oder fremd, ſchritten über die erwähnte Anhöhe, ohne anzuhalten, um die ſtille Lieb⸗ lichkeit der Häuſergruppe, welche der Blick hier beherrſchte, zu bewundern. Auch unſer Dörfler ſäumte wie gewöhnlich, doch ſchaute er nicht in der Richtung des Pfades vor ſich, ſondern ſuchte mit dem Auge einen Gegenſtand in den ſeitwärts liegenden Feldern. Langſam ſchritt er auf die nächſte Einhegung zu, nahm von den zwiſchen zwei Pfählen befindlichen Querhölzern die oberſten her⸗ unter, und winkte einem Reiter, welcher ſich auf einem holperigen 8 hen; eben ume lken ien, acht eich ſo dem öhe rie⸗ auf erer nen nen zen, ſah und es enſt eg⸗ 261 Stück Weidegrund behutſam näherte, durch die ſo gemachte Oeff⸗ nung in die Hauptſtraße einzulenken. „Setzt den Sporn Eurem Klepper tüchtig in die Flanken,“ ſagte der höfliche Anſiedler, wie er den Andern anſtehen ſah, ſein Thier anzuſtacheln, um über die auseinander und etwas unregel⸗ mäßig liegenden Hölzer wegzuſetzen;„ich gebe Euch mein Wort, die Mähre überſpringt ſie alle, ohne mit mehr als drei von ihren vier Füßen anzuſtoßen. Pfui, Doktor! keine Kuh gibts im Wiſh⸗ Ton⸗Wiſh⸗Thale, die den Satz nicht macht, wenn es gilt, die erſte bei'm Melkkübel zu ſeyn.“ „Sachtchen, Fahnrich,““ erwiederte der furchtſame Reiter in dem eigenthümlichen, ſeltſamen Dialekt der Kolonie;„Dein Muth taugt wohl für Einen, der zu tapfern Thaten beſtimmt iſt; es wäre aber ein trauriger Tag, wenn ich an einem zerbrochenen Glied dar⸗ niederläge, und die Kranken alſo vergebens nach Hülfe zu mir ſchickten. Gib Dir nur keine Mühe, Freund; die Mähre hat Schule gehabt, ſo gut wie ihr Herr. Ich habe das Thierlein an Methode gewöhnt, und bin nun ſo weit mit ihm gekommen, daß es Dir ſchon eine eingewurzelte Abneigung gegen alle unregelmäßige Bewegungen hat. Hör' alſo auf, am Zügel zu zerren, als wollteſt Du es, trotz ſeiner Zähne, zwingen, über den Zaun zu ſchreiten; es thut's nun einmal nicht; nimm Du lieber vollends das unterſte Querholz heraus.“ „In dieſer holperigen Gegend ſollte ein Doktor einen jener trottenden Vögel, von denen wir leſen, zum Reiten haben,“ ſagte der Dörfler, indem er das, was ſeinem Freund im Weg lag, ge⸗ horchend hinwegräumte;„denn fürwahr, in unſeren Lichtungen ſind die Pfade bei einer Nachtreiſe nicht überall ſo ſicher zu paſſiren, wie ſie in den Anſiedelungen an der Küſte ſeyn ſollen.“ „Und wo haſt Du denn von einem Vogel geleſen, der ſo groß und ſchnell iſt, daß er die Wucht eines Menſchen tragen kann?“ * Die Amerikaner ſprechen das Wort Ensign(Fähnrich) nicht wie die Eng⸗ länder Enſein, ſondern Inſein aus. D. U. fragte der Reiter etwas warm und nicht ohne Eiferſucht, ſein Monopol der Gelehrſamkeit ſo verletzt zu ſehen.„Ich meinte doch, daß ſich im Thale, außerhalb meines Studirzimmers, kein Buch befände, das von dergleichen ſchwierigen Dingen handelt!“ „Glaubſt Du, daß die Bibel uns fremd ſey? Da,— nun biſt Du auf der Hauptſtraße, und kannſt ohne Fährlichkeit vorwärts. Viele in der Kolonie können es ſich gar nicht erklären, wie Du zwiſchen heraus⸗ ſtehenden Baumwurzeln, Löchern, Klötzen und Baumſtümpfen in dunkler Nacht herumzureiten vermagſt, und doch nicht vom Pferde fällſt.“ „Fahnrich, ich hab' Dir ja ſchon geſagt, das kommt von der guten Erziehung, die ich dem Thier gegeben. Ich weiß ganz ge⸗ wiß, daß weder Peitſche noch Sporn im Stande iſt, das Roß zu zwingen, die Grenzen der Klugheit zu überſchreiten. Gar oft bin ich dieſen Reitpfad paſſirt zu Zeiten, wo der Sinn des Geſichts nicht mehr von Nutzen war als der des Geruchs, ich bin deſſenun⸗ geachtet ohne Gefahr geweſen, und hab' mich auch nicht gefürchtet.“ „Ich hätte faſt geſagt, da wir gerade vom Fallen ſprechen, daß in Deine Hände fallen, am Ende ein eben ſo bedenklicher Sturz ſeyn dürfte, als der der böſen Geiſter.“ Der Prieſter des Aesculap erzwang ein Lachen über den Scherz ſeines Reiſegefährten; ihm ſiel jedoch bald die ſeinem Beruf geziemende Würde ein, weshalb er mit Gravität fortfuhr: „Dergleichen Dinge mögen Denen, ſo von den Beſchwerden, welche die Praris in den Kolonien mit ſich führt, wenig wiſſen, Stoff zu leichtfertigen Scherzen liefern. Da bin ich eben dort auf der Anhöhe geweſen, ohne weitern Wegweiſer als den Inſtinkt meines Roſſes.“ „Aha, habt Ihr einen Beſuch im Hauſe meines Schwagers Ring gemacht?“ fragte der Fußgänger, als er an der Richtung, die des Andern Auge nahm, erkannte, daß er von dorther käme. „Fürwahr, das hab' ich; und zwar, wie nur zu oft in meiner ſchweren Praxis zu geſchehen pflegt, zu recht ungelegener Stunde.“ 4 ſein och, uch auf der us⸗ kler ſt. 44 der ge⸗ zu bin hts un⸗ f. een, urz den ruf en, en, ort nkt ers ng, ne. ner 6.2 263 „Und ſo zaͤhlt Ruben noch einen Knaben zu den vieren, die er geſtern aufweiſen konnte?“ Der Arzt winkte beifällig, hielt aber bedeutſam drei Finger in die Höhe. „Da bleibt Glaube freilich etwas zurück,“ erwiederte der Fähnrich, der Niemand anderes war, als der zu dieſer Charge in der Miliz des Thales erhobene alte Bekannte unſerer Leſer, Eben Dudley.„Na, Bruder Ruben wird ſich herzlich freuen, wenn er von ſeinem Späherausflug heimkehrt und dieſe Nachricht hört.“ „Er wird Urſache haben, dankbar zu ſeyn, ſintemal er unter einem Dache, wo er vier verließ, ſieben vorfinden wird.“ „Noch heute will ich mit dem jungen Kapitän den Kauf des Ackerlands auf dem Berg in Nichtigkeit bringen!“ brummte Dudley, wie Einer, der endlich über eine lang erwogene Angelegenheit mit ſich auf's Reine gekommen iſt.„Sieben Pfund Kolonialgeld iſt am Ende denn doch kein Wucherpreis für hundert Morgen gutge⸗ lichteten Bodens, und noch dazu, da ſie dicht bei einer Siedelung liegen, wo Knaben vierteldutzendweiſe zur Welt kommen.“ Der Reiter hielt ſein Pferd inne, ſah ſeinen Gefährten ſcharf und vielſagend an, und antwortete: „Da biſt Du einem wichtigen Geheimniß auf die Spur ge⸗ kommen, Fahnrich Dudley. Dieſer Welttheil wurde mit einer be⸗ ſondern Abſicht geſchaffen. Das läßt ſich abnehmen aus ſeinen Reichthümern, ſeinem Klima, ſeiner Größe, ſeiner bequemen Schif⸗ fahrt, und ganz abſonderlich daraus, daß er unentdeckt gebliehen iſt, bis der geförderte Zuſtand der Geſellſchaft Leuten von einem gewiſſen Grade von Verdienſt Gelegenheit und Aufmunterung ge⸗ geben hat, ſich hierher zu wagen. Bedenke einmal, Nachbar, den ungeheuern Fortſchritt, den dieſer Kontinent nun ſchon in den Künſten, in der Gelehrſamkeit, in der Reputation und in ſeinen Hülfsquellen gemacht hat, und Du wirſt mit mir daraus den Schluß ziehen, daß das alles mit beſonderer Abſicht geſchehen ſeyn muß.“ „ 264 „Es leugnen wollen, wäre ein Frevel; denn Der hat in der That ein kurzes Gedächtniß, den man erſt an die Zeit erinnern muß, wo dieſes Thal hier wenig mehr als eine Höhle von Raubthieren, und dieſe gebahnte Straße vor uns ein Pfad des Wildes war. Glaubt Ihr, daß Ruben die drei ihm jetzt geſchenkten Kinder auf⸗ erziehen werde?“ „Mit dem Segen der Vorſehung, und wenn er vernünftig zu Werke geht, warum nicht. Der Geiſt iſt thätig, Fahnrich Dudley, wenn der Leib mit Reiſen im Walde beſchäftigt iſt, und gar ſehr viel hab' ich über dieſen Gegenſtand nachgedacht, während Du und Andere in euren Betten ſchliefet. Die Kolonien ſind noch in ihrem erſten Jahrhundert, und welche Höhe der Verbeſſerung haben ſie nicht ſchon erreicht! Ich habe mir ſagen laſſen, daß die Anſtedelung Hartfort nahe daran ſey, einer der Städte Mutter Englands gleich⸗ geſtellt zu werden; daß Grund zu glauben vorhanden ſey, der Tag werde kommen, wenn die Provinzen ſich einer Macht, einer Leichtigkeit des Anbaus und gegenſeitigen Verkehrs erfreuen werden, welche der nicht nachſtehen dürfte, die einige Gedenden der verehrungswürdigen Inſel ſelbſt beſitzen.“ „Geht, geht, Doktor Ergot,“ erwiederte der Andere mit einem ungläubigen Lächeln;„das heißt, die Grenzen einer beſcheidentlichen Erwartung überſchreiten.“ „Du mußt nicht vergeſſen, daß ich geſagt habe, gewiſſe Ge⸗ genden. Ich denke, wir dürfen mit Recht uns vorſtellen, wie nicht viele Jahrhunderte verfließen werden, bevor man die Bevölkerung dieſes Landes nach Millionen zählen wird, und zwar noch obendrein in Gegenden, wo jetzt nichts zu ſehen iſt, als wilde Menſchen und wilde Thiere.“ „Ich will in dieſer Sache gern Jedem glauben, wenn er nicht weiter geht, als die Vernunft rechtfertigt; aber Ihr habt ganz gewiß in den Büchern der überſeeiſchen Schriftſteller geleſen: die Dinge, die darin ſtehen, betreffen den Zuſtand jener Länder; wir —+= ed ——=—, 8—— + 8 8☛ 8 8 N 265 aber dürfen niemals hoffen, die erhabene Vortrefflichkeit zu erreichen, deren jene ſich rühmen können.“ „Nachbar Dudley, Du ſcheinſt Dich nun einmal an einem nicht ganz genauen Ausdruck ſtoßen zu wollen. Ich ſagte, daß wir ge⸗ wiſſen Gegenden nicht nachſtehen werden, immer mit dem Vorbehalt, in gewiſſen Dingen. Nun iſt aber jedem Philoſophen bekannt, daß die Höhe des Menſchen in dieſen Regionen abgenommen hat, und feſten Naturgeſetzen gemäß, nothwendig abnehmen muß; es verſteht ſich alſo, daß ich eine Mangelhaftigkeit in minder weſent⸗ lichen Dingen zugeſtehe.“ „Wahrſcheinlich alſo iſt die beſſere Klaſſe der Menſchen jenſeit der See nicht geneigt, ihr Vaterland zu verlaſſen,“ erwiederte der Fähnrich ironiſch, indem er einen Blick auf die ebenmäßigen Pro⸗ portionen ſeiner eigenen nervigen Geſtalt warf.„Wir haben nicht weniger als drei in unſerm Dorfe, die aus der alten Welt herüber gekommen; ich finde denn doch nicht, daß es Leute ſind, die man unter den Erbauern des Thurmes von Babylon ſuchen würde.“ „Ein paar unbedeutende Ausnahmen können bei ſo einem ſchwierigen Punkt der Gelehrſamkeit nichts beweiſen. Kurz, ich ſage Dir, Fahnrich, daß die Wiſſenſchaft, Weisheit und Philoſophie Europa's ſich beſonders viel mit dieſer Materie abgegeben, und ſich klar überzeugt, was eben ſo viel ſagen will, als unwiderleglich dar⸗ gethan, daß Menſchen und Thiere, Kräuter und Bäume, Hügel und Thäler, Teiche und Seen, Sonne, Luft, Feuer und Waſſer, Alles in der neuen Welt minder vollkommen ſey, als in der alten. Ich ehre vaterländiſche Geſinnungen, und bin ſo geneigt, als irgend Jemand es ſeyn kann, die aus den Händen eines gütigen Schöpfers empfangenen Gaben hochzuſchätzen: was aber einmal durch die Wiſſenſchaft bewieſen iſt, oder von der Gelehrſamkeit aufgeſtellt wird, das können leichtſinnige Zweifler mit ihren Einwänden nicht umſtoßen; ernſten Denkern iſt es ſonnenklare Wahrheit.“ „Nun gut; Dinge, die einmal ausgemacht ſind, mag ich nicht in Zweifel ziehen,“ antwortete Dudley, der im geiſtigen Streit eben ſo nachgiebig war, als thätig und kraͤftig im leiblichen;„freilich muß bei den Leuten im Mutterlande die Gelehrſamkeit, kraft des Alters derſelben, weit vortrefflicher ſeyn, als die unſrige. Es wäre doch ein denkwürdiger Beſuch, wenn einige dieſer Weiſen zu uns kämen, und in unſeren jungen Kolonien ihr Licht leuchten ließen.“ „Sind denn unſere geiſtigen Bedürfniſſe vergeſſen worden? iſt denn bei uns die Nacktheit des Geiſtes ohne ihre ſchmückende Bekleidung geblieben, Nachbar Dudley? Mir wenigſtens ſcheint es, daß wir hierin ungemein viel Urſache haben, uns zu freuen, und daß das natürliche Gleichgewicht durch die heilſame Wirkung der Kunſt gewiſſermaßen wiederhergeſtellt iſt. In einem aufge⸗ klärten Lande geziemt es ſich nicht, auf Eigenſchaften zu beharren, die man erwieſenermaßen nun einmal nicht hat; die Gelehrſamkeit aber gehört zu den beweglichen Gütern des Lebens; ſie iſt über⸗ tragbar und auch hier iſt ſie— das muß in aller Billigkeit zuge⸗ ſtanden werden— in einem, den Bedürfniſſen der Kolonie entſpre⸗ chenden Maaße anzutreffen.“ „Ich will es nicht leugnen; denn da ich mich ſtets mehr im Walde herumzutummeln pflegte, und nicht viel weiß von dem, was es in den Kolonien an der Kuſte zu ſehen und zu hören gibt, ſo kann es leicht ſeyn, daß dort manches vorhanden iſt, wovon meine geringen Fähigkeiten keine Ahnung haben.“ „Aber, Fahnrich, ſind denn wir, in dieſem entfernten Thale, ſo ganz ohne alle Aufklärung?“ Dieſe Worte ſprach der Heilkünſtler, vorwärts gebogen nach der Mähne ſeines Pferdes zu, in einem milden einſchmeichelnden Tone, den er ſich wahrſcheinlich während ſeiner ausgedehnten Praxis unter den weiblichen Bewohnern der Kolonie angeeignet hatte.„Sind wir denn, in Beziehung auf Wiſſen, gleichzuſtellen mit den Heiden, oder mit den Ununterrichteten, die weiter nichts gelernt haben, als die Jagd in dieſen Wäldern zu betreiben? Ich will mir keine Unfehlbarkeit des Urtheils oder — 8dpn oͤ 8ͤboͤ 267 ausnehmende Kenntniſſe anmaßen, aber meinem mäßigen Verſtande, Herr Dudley, will es nicht ſcheinen, als ob das Gedeihen der Anſiedelung jemals wegen Mangels an der nöthigen Ein⸗ und Vorſicht gehemmt, oder das Wachsthum der Vernunft wegen Abgangs der geiſtigen Nahrung verkrüppelt worden wäre. Unſeren Berathungen gebricht es nicht ſo ganz und gar an Weisheit, Fahnrich, auch iſt es nicht oft vorgekommen, daß tiefſinnige Punkte auf's Tapet gebracht worden, an denen wenigſtens Ein Geiſt— mehr wollen wir zu unſern Gunſten nicht ſagen— ſich nicht mit Glück verſucht hätte.“ „J nun, daß es Männer, oder, wie ich vielleicht mich aus⸗ drücken ſollte, daß es im Thale einen Mann gebe, der, was geiſtige Kenntniß anbetrifft, vielen Wunderdingen gewachſen iſt....“ „Wußte ich es doch, daß wir uns endlich verſtändigen würden, Fahnrich Dudley,“ unterbrach der Andere, indem er, mit der Miene beruhigter Würde, ſich wieder gerade in den Sattel ſetzte;„ich habe immer gefunden, daß Ihr ein geſchickter, folge⸗ richtiger Disputirer ſeyd, der niemals der Ueberzeugung widerſteht, wenn ihm die Wahrheit nur verſtändig vorgetragen wird. Daß die Leute in den überſeeiſchen Ländern nicht oft ſo begabt ſind, wie gewiſſe— Beiſpiels halber wollen wir ſagen, wie Ihr, Fahnrich— das kann durchaus nicht beſtritten werden, da uns ſchon die Augen belehren, daß kein allgemeines und bezeichnendes Naturgeſetz ohne zahlloſe Ausnahmen zu finden ſey. Wir ſind alſo über dieſen Punkt ganz einerlei Meinung, nicht wahr?“ „Gegen Jemand, dem die Wiſſenſchaft ſo zu Gebote ſteht, läßt ſich unmöglich aufkommen,“ verſetzte der Andere, der ſich's gern gefallen ließ, in ſeiner eignen Perſon ein Beiſpiel der Ueber⸗ legenheit über ſo Viele ſeines Gleichen zu ſeyn;„freilich dünkt mich, daß mein Bruder Ring füglich ein zweites Beiſpiel von einem ziemlich ſtattlichen Wuchs abgeben könnte; ſieh ihn nur ein⸗ mal an, Doktor, da kommt er die Wieſe entlang, gerade auf uns zu. Er iſt, wie ich, in den Bergen geweſen⸗ des Auskund⸗ ſchaftens halber.“ „Unter euren Angehörigen, Herr Dudley, finden ſich viele, die ſich körperlich auszeichnen,“ erwiederte der Arzt, dem es auf etwas Lob mehr nicht ankam.„Inzwiſchen ſcheint der Reiſegefährte Deines Bruders nicht aus ihrer Anzahl gewählt zu ſeyn. Ihn begleitet ein ungeſtalteter, ja, wie ich jetzt ſehen kann, ein häßlicher Kerl,⸗ den ich nicht kenne.“ „Ha! es ſcheint beinahe, als ob Ruben auf die Spur der Wilden gekommen wäre! Wenigſtens iſt der Menſch, der mit Ruben kommt, bunt wie ein Indianer angemalt und mit einem Fell umhangen. Wenn wir dort an der Oeffnung des Geheges angelangt ſind, wollen wir ſtill ſtehen, bis ſie näher kommen.“ Da dieſer Vorſchlag gerade nichts Unbequemes hatte, ſo war der Doktor damit zufrieden, und ſie näherten ſich daher dem Platz, wo die aus dem Felde daher Kommenden auf die Hauptſtraße ſtoßen mußten. Sie brauchten nicht lange zu warten; denn nach einigen Minuten kam Ruben Ring in derſelben Waffenrüſtung wie der ſchon in dieſem Kapitel eingeführte Grenzler, bei der geöffneten Einhegung an, und hinter ihm ſchritt der Fremde einher, deſſen Erſcheinung den beiden Erſteren ſo ſehr aufgefallen war. Als Ruben ſo nahe gekommen, daß er hören konnte, was von der Straße aus geſprochen ward, rief ihm Dudley ein wenig in dem Tone eines Menſchen, der ein Recht auf das erſte Wort hat, die Frage entgegen:„Wie nun, Sergeant, biſt Du auf eine Indianerſpur geſtoßen und haſt einen Gefangenen gemacht; oder fiel Dir aus einem Eulenneſt ein junges in den Fußſteig?“ „Ich glaube, das Geſchöpf gehört dem Menſchengeſchlecht an,“ erwiederte der glückliche Kundſchafter, ſtieß den Flintenkolben auf den Boden, ſtützte ſich auf den langen Lauf, und ſchaute dem Gefangenen feſt ins halbbemalte, nichtsſagende und zugleich äußerſt ☛ ———,—,—O e 8 269 zweideutige Geſicht.„Er hat die Farbe eines Narraganſett an Stirn und Augen, allein Geſtalt und Geberden ſtimmen wenig damit überein.“ „Es gibt Anomalien in der Körperlichkeit eines Indianers, nicht weniger als in der anderer Menſchen,“ unterbrach ihn Doktor Ergot, einen bedeutſamen Blick auf Dudley werfend.„Die Folge⸗ rung unſeres Nachbars Ring könnte leicht zu raſch ſeyn, ſintemal Farbe die Frucht der Kunſt iſt, und jedes Geſicht nach einer oder der andern herkömmlichen Sitte bemalt werden kann; die Merkmale der Natur aber ſind weit weniger zweideutig. Im Laufe meiner Studien habe ich mich viel mit den Unterſcheidungszeichen der verſchiedenen Menſchenracen beſchäftigt, und für ein Auge, das in dergleichen abſtracten Dingen geübt iſt, gibt es nichts Leichteres, als einen dem Narraganſett⸗Stamme angehörigen Eingebornen zu erkennen. Stellet mir den Menſchen etwas mehr in's Licht, ihr Nachbarn, damit ich ihn unterſuchen könne; es ſoll ſich dann ſchon zeigen. Uebrigens, Fahnrich, mag Euch die Geläufigkeit des bevorſtehenden Examens zum deutlichen Beleg alles deſſen dienen, was dieſen Morgen von uns beſprochen worden iſt. Spricht der Patient Engliſch?“ „Das habe ich nicht ſo recht ausmitteln können,“ gab Ruben, oder, wie er jetzt gebührend titulirt wurde, Sergeant Ruben, zur Antwort.„Er iſt nicht bloß in der Sprache eines Heiden, ſondern auch in der eines Chriſten angeredet worden: bis jetzt hat er aber weder in der einen noch in der andern einen Laut von ſich gegeben, uungeachtet er meinen Befehlen, gleichviel in welcher Sprache gegeben, gehorcht.“ „Es hat nichts zu bedeuten,“ ſagte Ergot, indem er abſtieg, ſich ſeinem Subjecte nahte, und dabei Dudley ſo anſah, als wenn eer ihn zur Bewunderung auffordern wollte.„Glücklicherweiſe kommt es bei der gegenwärtigen Prüfung nur wenig auf die Feinheiten der Sprache an. Laſſet den Mann eine Stellung der 270 Ruhe annehmen, daß die Natur, vom Zwang entfeſſelt, beſſer hervortrete. Die ganze Conformation des Hauptes deutet aus⸗ nehmend auf Herkunft von den Eingebornen; welches Stammes er indeſſen ſey, das läßt ſich aus dieſen allgemeinen Kennzeichen nicht entnehmen. Die Stirn iſt, wie Ihr ſeht, Nachbaren, zurück⸗ gebogen, ſchmal; die Backenknochen, wie gewöhnlich, hervorſtechend, und das Geruchsorgan, wie bei allen Eingebornen, nach der römi⸗ ſchen Form hinneigend.“ „Mir wenigſtens kommt es vor, als wenn die Naſe des Menſchen mehr eine Stutznaſe wäre,“ erlaubte ſich Dudley zu bemerken bei des Doktors geläufiger Herzählung der wohlbekannten Hauptmerkmale des indianiſchen Körperbaus. „Zugegeben, als eine Ausnahme! Du ſiehſt, Dudley, an dieſer Erhöhung des Naſenknochens, und an der größern Stärke der fleiſchigen Theile, daß der Umſtand nur eine Ausnahme bildet. Ich hatte eigentlich ſagen ſollen: die Naſe hat ſich urſprünglich nach der römiſchen Form hingeneigt; daß ſie ihre Regelmäßigkeit verloren, rührt von einem oder dem andern Kriegszufall her; ſie iſt von einer Art getroffen, oder mit dem Meſſer verwundet worden — ahal! hier kannſt Du noch die Narbe ſehen, die die Waffe zurück⸗ gelaſſen! ſie iſt etwas übertüncht von der Farbe, waſche die nur ab, ſo wird die Narbe die Richtung zeigen, welche die Waffe genommen. Ja, ja, wenn dieſe Abweichungen von der Regel nicht wären, käme man nie hinter den Unterſchied zwiſchen einem gründ⸗ lichen Gelehrten und einem bloßen Pfuſcher. Gebt dem Subject eine gerade Haltung, damit wir das natürliche Muskelſpiel ſehen können. Da haben wir's! die großen, abgeplatteten Füße beweiſen vielen Umgang mit dem Gewäſſer,“ wodurch alſo unſere erſte Vermuthung beſtätigt wird. Es geht doch nichts über den Scharf⸗ blick der Praxis und der Diagnoſtik! Vernunftſchlüſſe erreichen „ Die Narraganſetts, als Inſelbewohner, waren gute Schwimmer. . D. U. 271 daſſelbe Ziel, aber ſpäter! Ich erkläre den Menſchen für einen Narraganſett⸗Indianer. 3 „Wenn's einer iſt, ſo hat er einen Fuß, an dem man irre werden muß,“ bemerkte Eben Dudley, der die Bewegungen und Stellungen des Gefangenen mit eben ſo großer Genauigkeit, und mit etwas mehr Sachkenntniß als der Medicus beobachtet hatte. „Bruder Ring, haſt Du je einen Indianer geſehen, deſſen Fußtapfen eine ſolche auswärtsgehende Spur im Pfade zurückgelaſſen?“ „Fahnrich, ich wundere mich, daß ein Mann von Deiner Klug⸗ heit ſo viel Nachdruck auf eine geringfügige Verſchiedenheit der Bewegung legt, da doch der Caſus ſo beſchaffen iſt, daß wir den Naturgeſetzen bis zu ihren Quellen nachſpüren können. Du biſt in den indianiſchen Unruhen groß geworden, daher Deine haarſcharfe Kritik über Fußſtellungen. Ich habe geſagt, der Kerl iſt ein Narra⸗ ganſett, und zwar nicht ohne guten Grund. Hier iſt die eigenthümliche Geſtaltung des Fußes, die der Menſch nur in ſeinen erſten Kinder⸗ jahren erlangen kann; eine Fülle der Bruſt⸗ und Schultermuskeln, die man nur durch ſehr viel Uebung in einem Elemente gewinnt, das mehr Dichtigkeit hat als die Luft, ferner ein fernerer Bau des... 4 Der Arzt verſtummte, denn Dudley, der ſich ruhig dem Ge⸗ fangenen genähert hatte, lüftete nun die dünne Thierdecke, die über ſeinen obern Körper geworfen war, und enthüllte die unzweideutige Haut eines Weißen. Dies würde nun freilich für Jemand, der ſich Meinungsſtreit gefallen laſſen muß, eine beſchämende Widerle⸗ gung geweſen ſeyn; nicht ſo bei Doktor Ergot: er hatte in ge⸗ wiſſen Zweigen des Wiſſens ein Monopol, das ihm, wie es bei Ariſtokratien aller Art zu gehen pflegt, eine ſo unumſchränkte Ueberlegenheit ſicherte, daß widerſtreitende Anſichten gar kein Ge⸗ hör fanden. Seine Ueberzeugung ward zwar eine andere, allein ſeine Miene blieb die nämliche, und mit derſelben Erfindungsgabe, die den glückſeligen Verfaſſungen, auf die wir angeſpielt haben, zu Gebote ſteht, und welche es weit in der Geſchicklichkeit gebracht hat, die Vernunft dem Schlendrian anzupaſſen, ſtatt die Praxis nach der Vernunft zu regeln, hob er Hände und Augen voller Verwunderung in die Höhe und rief aus: „Da haben wir einen Beweis mehr von der wunderbaren Kraft, welche Veränderung in der Natur hervorbringt! Das ſehen wir nun an dieſem Narraganſett...“ „Aber es iſt ja doch ein Weißer!“ rief Dudley, ungeduldig unterbrechend, indem er auf die entblößte Schulter des Menſchen klopfte. „Weiß, aber nicht um ein Jota weniger ein Narraganſett. Euer Gefangener ſtammt von chriſtlichen Eltern her, das läßt ſich nicht leugnen; allein der Zufall hat ihn früh unter die Eingebor⸗ nen geführt, und alle die Körpertheile, welche einer Veränderung fähig ſind, nahmen ſchnell die Eigenthümlichkeit des Wildenſtamms an. Er iſt eines jener ſchönen Verbindungsglieder in der Kette des Wiſſens, welche die Wiſſenſchaft in Stand ſetzen, ihre Schlüſſe bis zur Anſchauung klar zu machen.“ „Ich meinestheils habe wenig Luſt, wegen Gewalithat an einem Unterthan des Königs in ungelegenheit zu kommen,“ agte Ruben Ring, ein biederſinniger Freiſaſſe, der ſich wenig um die Grübeleien des Naturforſchers kümmerte und nur bedacht war, ſeinen geſelligen Pflichten, wie es einem ruhigen, anſtändigen Bürger geziemt, zu genügen.„Wir haben ſeit einiger Zeit ſo viel beunruhigende Nachrichten von der Kriegsweiſe der Wilden, daß es Leuten, die einen verantwortlichen Poſten bekleiden, obliegt, wachſam zu ſeyn; denn,“(nach der Ruine des entfernten Blockhauſes ſchauend)„Du weißt, Bruder Dudley, daß wir in einer ſo tief im Walde liegenden Niederlaſſung Grund haben, auf unſerer Hut zu ſeyn.“ „Ich nehme die Verantwortlichkeit auf mich, Sergeant Ring,“ ſagte der Angeredete mit einer Amtsmiene.„Der Gefangene bleibe in meinem Gewahrſam, bis ich ihn zur gehörigen Zeit vor die geſetzmäßige Behörde geſtellt habe. Inzwiſchen hat der Dienſt uns 273 vergeſſen laſſen, Dich, wie es ſich gebührt, von den wichtigen Neuigkeiten in Kenntniß zu ſetzen, die ſich in Deinem Hauſe zuge⸗ tragen haben. Fruchtbarkeit' hat, während Du vom Hauſe warſt, ſich Deiner Familienangelegenheiten recht wacker angenommen.“ „Wie!“ fragte der Gatte mit etwas aufgeregterer Stimme, als ſich mit der ſtrengen Zurückhaltung der Puritaner vertrug;„hat das Weib während meiner Abweſenheit die Nachbarn rufen laſſen?“ Dudley nickte bejahend. „Und werde ich unter meinem Obdach einen Knaben mehr finden!“ Doktor Ergot nickte dreimal mit einem Ernſt, der ſelbſt für eine wichtigere Mittheilung als die, welche er zu machen hatte, groß genug geweſen wäre. „Deine Frau bleibt ſelten bei einem guten Diug halben Weges ſtehen, Ruben. Du wirſt finden, daß ſie für einen Nach⸗ folger unſeres wackern Nachbars Ergot geſorgt hat, da ſie Dir einen ſiebenten Sohn“ gebracht.“ Das offene, redliche Geſicht des Vaters erglühte vor Freude; doch dieſe wich bald einem minder ſelbſtſüchtigen Gefühle. Mit einem leiſen Zittern in der Stimme, das in einem ſo rüſtigen und handfeſten Manne doppelt rührend war, fragte er: „Und die Frau—? wie hält ſich mein Weib bei dieſer ſegens⸗ reichen Gabe?“ „Wacker,“ erwiederte der Arzt;„geh' in Dein Haus, Sergeant Ring, und preiſe Gott, daß es Dir nie an Solchen fehlen wird, welche für das Haus Sorge tragen, wenn Du es verlaſſen mußt. Wer in fünf Jahren ſieben Söhne geſchenkt bekommt, braucht in einem Lande, wie dieſes, weder Armuth noch Abhängigkeit zu be⸗ fürchten. Sieben Meiereien, und das hübſche Eigenthum von Bergland dazu, das Du jetzt bebaueſt, werden Dich in Deinem * Es ſcheint ein Aberglaube geweſen zu ſeyn, daß jeder ſiebente Sohn mit natürlichen Anlagen zum Arzt geboren werde. D. U. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 18 Alter zu einem Patriarchen machen, und den Namen der Rings auf künftige Jahrhunderte übertragen, wenn dieſe Kolonien bevöl⸗ kert und mächtig, und— ich ſage es kühn, und kümmere mich nicht, wer mich einen Prahlhans nennen mag,— gleich ſeyn werden einigen der ſtolzen, ſich ſelbſt preiſenden Königreiche Europa's, ja, vielleicht gar der mächtigen Souveränität Portugals ſelbſt! Ich habe Deine künſtigen Meiereien auf ſieben geſchätzt, denn die An⸗ ſpielung des Fahnrichs auf Menſchen, die mit natürlichen Anlagen zur Heilkunde auf die Welt kommen, muß wohl nur Scherz gewe⸗ ſen ſeyn, und iſt nur alter Weiber Geſchwätz, wie denn auch ſolche Menſchen hier ganz überflüſſig wären, da jedes Amt dieſer Art ſchon gehörig beſetzt iſt. Geh' Du zu Deiner Frau, Sergeant, und ſpende ihr alles mögliche Lob; denn ſie hat ſich, Dir und dem Lande einen guten Dienſt gethan, und zwar ohne ſich mit Dingen zu befaſſen, welche ihr Verſtand nicht erreichen kann.“ Der rüſtige Freiſaſſe, den die Vorſehung ſo reichlich beſchenkt hatte, nahm den Hut ab, hielt ihn andächtig vor das Geſicht, und opferte ein ſtummes Dankgebet für den ihm widerfahrenen Segen. Hierauf übergab er ſeinen Gefangenen dem Gewahrſam ſeines Vor⸗ geſetzten und Verwandten, und ſchritt dann, mit ſchwerem Tritte aber leichtem Herzen, querfeldein auf ſeine hochgelegene Wohnung zu. Mittlerweile gaben ſich Dudley und der Doktor viel Mühe mit dem ſprach⸗ und regungsloſen Gegenſtand ihrer Neugierde, der, obgleich längſt über die Knabenjahre hinaus, im Auge keinen Ausdruck, in ſeinem Ausſehen etwas Furchtſames und Ungewiſſes, Geſtalt hatte: alles Dinge, welche den und eine kriechende, widrige wohlbekannten Merkmalen eines eingebornen Kriegers widerſprachen. den Aufſchluß ge⸗ Ruben Ring hatte noch, ehe er wegging, geben, daß er im Walde, wohin ihn der, dem Zuſtande der Kolo⸗ nie überhaupt nöthige, und durch neuerliche verdächtige Zeichen ge⸗ ſchärfte Wachtdienſt gerufen, dieſem Herumzügler begegnet ſey, und ihn, wie es die Sicherheit des Dorfes zu erfordern ſchien, zum 275 Gefangenen gemacht habe: übrigens ſey der Gefangene weder ab⸗ ſichtlich auf ihn zugekommen, noch geflohen; nur konnte er, befragt über ſeinen Stamm und über das, was er in den Waldhügeln wolle und ſonſt vorhabe, keine zufriedenſtellende Auskunft geben. In der That habe er den Mund noch kaum geöffnet, und das Wenige, was er geſagt, ſey ein aus dem Engliſchen und dem Dia⸗ lekt irgend eines Indianervolks gemiſchtes Kauderwelſch. Daher wiſſe er, Ruben, ſo gut wie nichts von der Geſchichte des Gefan⸗ genen, oder von dem, was ſelbigen in die Nähe des Thales geführt; die gegenwärtige Lage der Kolonie hätte ihn jedoch bewogen, einen in ſo verdächtigen Umſtänden angetroffenen Menſchen zu verhaften. Von dieſen dürftigen Nachrichten geleitet, verſuchte Dudley und ſein Gefährte, waͤhrend ſie, den Gefangenen in ihrer Mitte, ſich auf das Dorf zu bewegten, dieſem durch Fragen ein Bekennt⸗ niß ſeines gehabten Plans abzulocken, bei welcher Gelegenheit ſie jene Schlauheit an den Tag legten, die der Menſch in abgelegenen Gegenden, wo Noth und Gefahr ſeine angebornen Seelenkräfte ſtets in Thätigkeit erhalten, zu erlangen pflegt. Indeß erhielten ſie nur wenig zuſammenhängende oder verſtändliche Antworten, in denen ſich bald die tiefe Verſchlagenheit eines Indianers, bald die geiſtige Unfähigkeit eines Blödſinnigen zu bekunden ſchien. Neunzehntes Kapitel. 1 Ich weine nicht ſo leicht, wie mein Geſchlecht Wohl pflegt;— doch ruht In meiner Bruſt ein ehrenvoller Schmerz, Der heißer brennt denn Thränenfluthen. Beſäͤße die Feder eines zuſammentragenden Annaliſten die me⸗ chaniſche Macht der Bühne, leicht könnten wir dann die Scenen dieſer Legende ſo ſchnell und wirkſam wechſeln laſſen, als nöthig iſt, um den richtigen Geſichtspunkt im Auge und das Intereſſe lebendig 276 zu erhalten. In Ermanglung dieſer magiſchen Gewalt müſſen wir das Ziel durch minder glänzende, minder effektreiche Mittel zu er⸗ reichen verſuchen. In derſelben frühen Stunde und nicht weit von der Stelle, wo Dudley ſeinen Schwager mit ſo angenehmer Nachricht über⸗ raſchte, fand auch in einer andern Koloniſtenfamilie eine anziehende Morgenzuſammenkunft ſtatt. Kaum war das Dämmerlicht, welches dem hellen Morgen vorangeht, am Himmel erſchienen, ſo ſah man ſchon, wie in dem anſehnlichen Gebäude auf der andern Seite des Thales alle Fenſterladen und Thüren geöffnet wurden. Die Sonne hatte das öſtliche Gewölk noch nicht mit Purpur geſäͤumt, ſo gaben alle Dorf⸗ und Hügelbewohner ein gleiches Beiſpiel häuslicher In⸗ duſtrie und Betriebſamkeit, und als der Feuerball über den Bäumen ſichtbar ward, befand ſich in der ganzen Niederlaſſung kein er⸗ wachſener und geſunder Menſch, der nicht ſchon in voller Thätig⸗ keit begriffen geweſen wäre.. Unſere Leſer haben ſchon errathen, daß das mehrerwähnte größere Gebäude die gegenwärtige Wohnung der Familie des alten Heathcote war. Der ehrwürdige, fromme Greis lebte noch, obgleich das Alter ſeinen Lebensſtrom faſt ausgetrocknet, ſeine feſte Geſtalt zum Wanken gebracht hatte. Aber wenn ſeine körperlichen Kräfte dem gewöhnlichen Verfalle der Natur unterlagen, ſo blieb ſein innerer Menſch ſo ziemlich derſelbe wie ehemals; ja, es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß ſeine Blicke in die Ewigkeit klarer geworden waren, weil die Nebel irdiſcher Angelegenheiten ſie minder trübten als früher, und daß ein Theil der Kräfte, die der Leib allerdings verloren hatte, dem Geiſte zu gute kamen. Zu der ſchon erwähn⸗ ten Stunde ſaß der Puritaner in der Vorhalle, die ſich längs der ganzen Fronte des Hauſes hinzog: eine Proportion, die dem architektoniſchen Schönheitsſinn der Heatheotes vielleicht wenig Ehre machte, ihnen aber durch geräumige Bequemlichkeit einen mehr als hinlänglichen Erſatz dafür gewährte. Um ſich ein getreues ten ich alt ifte ſein icht den bten ings ühn⸗ ings dem denig einen reues 277 Bild von dem mit unſerer Geſchichte ſo innig verwebten Alten zu machen, ſtelle ſich der Leſer ihn als einen Neunziger vor, auf deſſen Geſicht ſchwere und beſtändige geiſtige Kämpfe bedeutſame Furchen gegraben hatten; deſſen zitternde Geſtalt noch immer die früheren, kräftigen und gewandten Gliedmaſſen erkennen ließ; deſſen Blick, ſtreng geworden durch ein ascetiſch zugebrachtes Leben, gemildert ward durch eine angeborne Gutmüthigkeit, die keine me⸗ taphyſiſchen Grübeleien, noch angenommenen Gewohnheiten ganz zu verbannen im Stande geweſen. Auf dies Bild ehrwürdigen, ſelbſtverleugnenden Alters warf jetzt die Sonne ihre erſten Strah⸗ len, und auf dem matten Auge und durchfurchten Antlitz ruhten Glanz und Friede. Vielleicht hatte der Contraſt, den das rege Getriebe der Frühſtunde damit bildete, einen eben ſo großen An⸗ theil als der Charakter des Alten an der Wirkung, die ſeine ruhende Geſtalt auf den Beſchauenden machte. Vielleicht auch rührte die⸗ ſer erhöhte Ausdruck der Verklärung mit davon her, daß er ſo eben die Morgenandacht in dem Kreiſe der Seinigen abgehalten hatte, die gewohnt waren, ſich nach den Stunden der Ruhe um ihn her zu verſammeln, um der Vorſehung für die genoſſene Sicher⸗ heit zu danken. Keines von den eigentlichen, dem Leſer ſchon be⸗ kannten, Mitgliedern der Familie fehlte, und auch die Zahl der Dienerſchaft war wieder eben ſo ſtark, als vor der Zerſtörung des Hauſes durch die Wilden, was die reichlichen Zubereitungen zum Morgenimbiß, welche eben im Gange waren, anſchaulich genug bewieſen. 3 In dem Aeußern Content's hatte die Zeit keine ſehr merkliche Veränderung hervorgebracht. Denn, war auch ſein Geſicht etwas gebräunter, hatte auch die Elaſticität des Körpers den abgemeſſenen Bewegungen des mittlern Alters Platz gemacht, ſo trat dies des⸗ halb wenig hervor, weil der junge Kapitän von jeher in ſeinem äußern Thun und Laſſen eine würdevolle Gelaſſenheit zeigte, die man mehr zu den Eigenſchaften des Alters als der Jugend zu rechnen gewöhnt iſt, was ſeine früheren Jahre bezeichnet hatte, war nicht ſo ſehr die Bethätigung als der Beſitz jugendlicher Ge⸗ wandtheit und Regſamkeit. Dies geſetzte Weſen ſtand in vollem Einklang mit dem früh eingeſogenen, an das Düſtre grenzenden Ernſt. Die Zeit hatte, um uns der Malerſprache zu bedienen, nichts an der Geſtalt und den Verhältniſſen berührt, nur dem Ganzen eine weichere Färbung gegeben. Wenn ſich ia einiges Grau hier und da in ſeinem Haar blicken ließ, ſo erinnerte es mehr an bewährte Feſtigkeit, als an Symptome des Verfalls, wie feſt eingewurzelte Steine ſich am erſten mit Moos bedecken. So ſtand es aber mit ſeiner ſanften, unglücklichen Lebensge⸗ fährtin nicht. Das Zarte und Liebliche in ihr, das ihren Gelieb⸗ ten zuerſt angezogen hatte, war noch da, allein umdüſtert von einem unausgeſetzt nagenden Kummer. Dahin war die jugendliche Friſche; die dauerndere und, in ihrer Lage, weit mehr rührende Schönheit des geiſtigen Ausdrucks hatte deren Stelle eingenommen. Ruth's Auge hatte ſeine ganze eigenthümliche Milde, ſo wie ihr Lächeln den unausſprechlichen Liebreiz behalten; nur daß das erſtere oft etwas ſchmerzlich Starres annahm, gleichſam als ſchaue es einwärts auf die verzehrende, nimmerverſiegende Schmerzensquelle, die tief und heimlich in ihrem Herzen floß; nur daß ihr Lächeln dem kalten Glanze des Geſtirnes glich, das die Gegenſtände erleuch⸗ tet, indem es den erborgten Schein von ſeiner eigenen Oberfläche zurückwirft. Ihre Matronengeſtalt, ihre weibliche Freundlichkeit, ihre melodiſche Stimme waren noch da: doch die erſte war bis zum Rande frühzeitigen Dahinwelkens erſchüttert; die zweite zeigte ſich, ſelbſt bei Regungen der höchſten Theilnahme, nie ohne eine Beimiſchung verborgenen Grams; und die letzte ertönte ſelten, ohne daß man jenes wehmüthige Beben zwiſchendurch hörte, wel⸗ ches darum ſo ſehr ergreift, weil es oft mit den Worten des Ge⸗ ſangs in grellem Widerſpruch ſteht. Alle dieſe Spuren aber waren nur leiſe angedeutet; theilnahmloſe oder oberflächliche Beobachtung 279 würde in der verwelkten Schönheit, in der abgeblühten Reife der Matrone nur das Alltägliche, die Ebbe menſchlichen Daſeyns, er⸗ blickt haben; zart, wie Ruth's ganzes Weſen, war auch das Ko⸗ lorit des Schmerzes an ihr, profanen Augen blieb er verſchleiert; denn, ſo wie die höchſten Leiſtungen der Kunſt für Die nicht vor⸗ handen ſind, denen es an dem Sinn für das Vortreffliche gebricht, ſo konnten Menſchen, deren Gefühle durch die ſinnliche Gegenwart bedingt ſind, für ihren Schmerz keine Theilnahme empfinden, ihn nicht faſſen, nicht errathen. Man glaube aber nicht, daß Ruth's Mitgefühl für die Freuden und Leiden Anderer abgeſtumpft war. Wenn Gram an einem Herzen nagt, welches wirkliche Zärtlichkeit beſitzt, ſo offenbart er ſich nur durch Zerſtörung der eigenen Ge⸗ nüſſe, vermag aber nicht, das Herz gegen die Anderer zu erkälten, und wie ſtark auch die Selbſtſucht ſey, wahre Menſchenfreundlichkeit iſt ſtärker. Wem dürfen wir noch ſagen, daß die Trauer der vortreff⸗ lichen Frau ihrem verlornen Kinde galt?— Hätte ſie mit Beſtimmtheit gewußt, daß ihre Tochter aufge⸗ hört habe zu leben, ſo würde es einem Glauben wie dem ihrigen nicht ſchwer geworden ſeyn, den Schmerz da ruhen zu laſſen, wo ihre ſo ſehr zu rechtfertigende Hoffnung ruhte— im Grabe. Aber was ewig ihren Gedanken vorſchwebte, war der lebendige Tod, zu dem das Schickſal ihr Kind vielleicht verurtheilt hatte. Wenn die Lippen Deſſen, den ſie liebte, von der Pflicht der Ergebung ſpra⸗ chen, ſo hörte ſie zu mit der Zärtlichkeit eines Weibes, mit dem Dulderſinn der Chriſtin; aber ach! noch während die heilige Lehre ihr in den Ohren tönte, führte die unbeſiegbare Natur ſie unver⸗ ſehens zum Schmerz der Mutter zurück. Die Einbildungkraft dieſer unglücklichen Frau hatte nie über ihre Vernunft eine ungehörige Herrſchaft ausgeübt. Ihre Träume von irdiſchem Glück an der Seite des Mannes, der eben ſo ſehr die Wahl ihres Verſtandes als ihres Herzens war, hatte die Ver⸗ nunft gebilligt, die Erfahrung bewährt. Doch ihr Schickſal wollte, daß ſie jetzt erfahren ſolle, wie ſchauerlich erhaben die Poeſie des Schmerzes ſey, da ſelbſt die Liebe ihre phantaſtiſchen Gebilde nicht mit ſo unerreichbarem Reiz zu umgeben vermag. In der Sommer⸗ lüfte Geflüſter hörte ſie das ſanfte Athmen ihres ſchlummernden Kindes, im Windesſauſen ſeine weinende Klage, im alltäglichen Um⸗ gang mit den Ihrigen ſeine neugierigen Fragen, ſeine naiven Ant⸗ worten. Wenn Abends bei ſtiller Luft das fröhliche Gelärme und Gelächter der Dorfjugend zu ihr herüberſchallte, ſo glaubte ſie Trauertöne zu vernehmen, und kein kindiſches Spiel begegnete ihrem Auge, das ihr nicht einen Stich in's Herz gegeben hätte. Zwei⸗ mal war ſie Mutter geworden ſeit der Schreckenszeit jenes Ueber⸗ falls; allein, gleichſam als wenn ein giftiger Hauch all' ihre Hoff⸗ nungen zerſtoren ſollte,— die kleinen Weſen, die ſie geboren, ſchliefen Seite an Seite unweit der Thurmruine. Dorthin wandten ſich oft ihre Schritte, nicht in der Abſicht, an der Ruheſtätte über die Entſchlafenen zu trauern, nein, um dem ſüßen Bilde ihrer Ein⸗ bildungskraft nachzuhängen, und die ganze Macht des Schmerzes in ihrer Bruſt walten zu laſſen. Der Gedanke an die Todten brachte ihr ſtets Ruhe und Troſt; doch ſo oft ſie den geſchiedenen Lieben in den Wohnungen der Seligen Geſtalten zu geben ſich bemühte, ſo geſchah es weniger um dieſer willen, als um auch ihre Einzige unter ihnen zu finden— ach! ſie fand ſie nicht darunter. Aber wie ſehr dieſes geiſtige Hinbrüten auch ihre Geſundheit untergrub, ſo brachten doch Vorſtellungen, die mehr der Erde angehörten, und daher grobere, aber auch zugleich deutlichere Umriſſe hatten, ihr noch herbere Pein. Im Thale herrſchte unter den Koloniſten der allgemeine, und vielleicht nicht ungegründete Glaube, daß der Tod bald das Schickſal Derzenigen beſiegelt habe, die bei dem neberfall in die Hände der Wilden gefallen waren. Wenigſtens war ein ſolches Loos ganz in Uebereinſtimmung mit den grauſamen Gebräuchen, mit der Blutſucht indianiſcher Sieger, die im Kriege ſel⸗ ten das Leben verſchonen, es müßte denn ſeyn, um eine ausgedachtere 6 d d 8 f NNw 281 Rache zu nehmen, oder einer Mutter, die ihren Sohn verloren, den Gefangenen als Sühnopfer zu bringen. Für Ruth lag Mil⸗ derung in dem Gedanken, daß ihr Engel dort oben ſchwebe; gern gab ſie ſich auch der ſchmerzlichen Täuſchung hin, als höre ſie ſeinen leichten Tritt in den leeren Räumen ihres Hauſes— be⸗ ſchränkte ſich ja doch das Leiden alsdann nur auf ihre eigene Bruſt. Wenn aber die ſchonungsloſe Wirklichkeit an die Stelle der Phan⸗ taſie trat; wenn ſie ihre lebende Tochter ſah, wie ſie im Winterfroſt bebte, wie ſie im heißen Strahle der Sommerſonne zuſammenſank, eine troſtloſe, aller Theilnahme beraubte Sklavin, unter einem grauſamen Herrn das Loos körperlicher Schwäche mit himmliſcher Geduld tragend,— dann, dann ſog der Schmerz in fürchterlichen Zügen an ihren Lebensgeiſtern. Was den Vater des verlornen Kindes betrifft, ſo umlagerte ihn der Schmerz nicht ſo unausgeſetzt, wenn er auch nicht ganz frei davon war. Er verſtand es, gegen Gemüthsbewegungen jeder Art männlich anzukämpfen, und hatte überdies nichts vernachläſſigt, was Zärtlichkeit gegen ſeine trauernde Gattin, väterliche Liebe oder chriſtliche Pflicht von ihm verlangen konnten, obgleich er für ſeine Perſon ſich überzeugt hielt, daß die Gefangene ſich längſt außerhalb des Bereichs irdiſcher Leiden befinde. Die Spur der ſchlauen Wilden ausfindig zu machen, war Sache der Unmöglichkeit; ſie hatten ſich auf dem gefrornen Schnee zurückge⸗ zogen, mit deſſen Aufthauen alſo jedes Zeichen, wohin ſie ſich ge⸗ wandt haben möchten, verſchwand. Daher blieb es ſogar ungewiß⸗ zu welchem Stamme, ja zu welcher Nation der Streifzug gehörte. Noch war der Friede der Kolonie nicht öffentlich verletzt worden, ſo daß der Ueberfall von Wiſh⸗Ton⸗Wiſßh nicht ſo ſehr ein wirkliches Beginnen der Feindſeligkeiten bildete, die nachher längs der Länder⸗ ſcheide ausbrachen, als ein heftiges und furchtbares Symptom des heranziehenden Uebels. Einen Krieg anzufangen, das verbot den Koloniſten die Klugheit; dagegen hatte die Familienanhänglichkeit kein vernünftiges Mittel unterlaſſen, um die Dulder, falls ſie ver⸗ ſchont worden, zu erlöſen. Kundſchafter waren unter die, der Siedelung zunächſt wohnenden kl verſchworenen, und ſchon ſo ziemlich feindſelig geſinnten Stämme 1 b. geſchickt worden; man hatte es weder an Belohnungen noch an u Drohungen fehlen laſſen, um die Wilden, die das Thal verheert 8 hatten, auszumitteln, ganz beſonders aber, um das Schickſal der 4 unglücklichen Gefangenen zu erfahren. Allein jeder Verſuch, die G Wahrheit zu entdecken, blieb erfolglos. Die Narraganſetts behaup⸗ 9 teten, ſte wären die beſten Freunde der Engländer, dagegen lebten ſe ſie mit den Mohigans in beſtändiger Feindſchaft, die, ihrer bekannten ſe Verrätherei gemäß, wahrſcheinlich den Frevel an den Weißen be⸗ ſ gangen hätten. Die Mohigans ihrerſeits wieſen die Anſchuldigung u mit Unwillen von ſich, und bezeichneten die Narraganſetts als die Urheber der Plünderung. Zuweilen auch gaben die Indianer halb n zu verſtehen, daß jene ſtreitbaren Wilden, die man unter dem j Namen der„Fünf Nationen’ kennt, und die innerhalb der Grenzen e der holländiſchen Kolonie: die Neuen Niederlande“ wohnten, äußerſt a feindſelig geſtimmt ſeyen; ferner, die Bleichgeſichter der letztgenannten ei Kolonie, die eine verſchiedene Sprache von der der Yengihs ſprächen, ſ ebenfalls neidiſch auf die Engländer wären; unſchwer dürfte alſo n der Ueberfall von dieſen herrühren. Mit einem Wort, Content u blieb über das Schickſal ſeines Kindes ſo ununterrichtet wie zuvor, C und wenn er ſich ja erlaubte, es noch am Leben zu glauben, ſo mußte er ſich zugleich geſtehen, daß es, aller Wahrſcheinlichkeit e nach, in unermeßlicher Ferne in den endloſen Wäldern, die damals G den größten Theil dieſes Feſtlandes bedeckten, umherirre. i Eines Tages indeſſen kam der Familie ein Gerücht zu Ohren, das Hoffnung zu erregen geeignet war. Ein wandernder Händler langte auf ſeiner Reiſe nach einem an der Küſte belegenen Han⸗( delsort, aus den Wildniſſen des Binnenlandes in dem Thale an. ſ Er wollte gehört haben, daß ein Kind, welches in einigen Beziehungen i * X— ZYB=R 8ᷣ——— 8— 8 5F ☛ 283 der äußeren Erſcheinung der Verlornen, wie man ſie ſich jetzt denken mußte, entſpräche, unter den Wilden an den Ufern der kleineren Seen der angrenzenden Kolonie lebte. Die Entfernung bis dorthin war groß, der Weg mit tauſend Fährlichkeiten beſetzt und der Erfolg nichts weniger als gewiß: deſſenungeachtet lebten Hoffnungen auf, die lange geſchlummert hatten. Ruth beſtand nie auf einer Bitte, deren Gewährung mit wirklicher Gefahr für ihren Gatten verknüpft war, und dieſer hatte ſeit vielen Monden ſich in Acht genommen, den Gegenſtand auch nur leiſe zu berühren. Um ſo mächtiger arbeitete jedoch die Natur in ſeinem Innern: obgleich ſein Blick ſtets Beſonnenheit und Ruhe andeutete, ſo war er doch nie ſo tiefſinnig; die Schwermuth ſammelte Falten auf ſeiner Stirn und bemächtigte ſich endlich ſeines ganzen ſonſt ſo ungetrübten Antlitzes. Um dieſe Zeit war es gerade, wo Eben Dudley, der ſeine Be⸗ werbung um Jungfer Glaube Ring zwar nie aufgegeben, aber bis jetzt mit der ihm eigenen abſpringenden Weiſe betrieben hatte, endlich in das Mädchen drang, ſich zu entſcheiden. Dies that er, als einer jener glücklichen Zufälle, die ihm von Zeit zu Zeit zu einer Unterredung unter vier Augen mit ihr verhalfen, ihn begün⸗ ſtigte, mit ziemlicher Ausführlichkeit. Glaube fuhr ihm nicht, wie wohl ſonſt, ſchnippiſch in die Rede, hörte ihm vielmehr ruhig zu, und antwortete ihm, als er fertig war, mit einer dem wichtigen Gegenſtand angemeſſenen Offenherzigkeit. „Das iſt recht gut, Eben Dudley, und nicht mehr als ein ehrliches Mädchen von Einem, der ſich ſo ſehr wie Du um ihre Gunſt bemüht hat, zu erwarten berechtigt iſt. Allein wer geſonnen iſt, ſich ſein Leben hindurch von mir quälen zu laſſen, der hat eine feierliche Pflicht zu erfüllen, ehe ich ſeinen Bitten Gehör gebe.“ Der Bewerber glaubte, es ſey nun an ihm, ſeine männlichen Eigenſchaften und Handlungen herauszuſtreichen, damit das Mädchen ſähe, er ſey zu einem ſo bedenklichen Unternehmen, wie die Che iſt, wohl Füsgerüſtet. 2 „Ich bin,“ ſagte er,„in den Niederſtädten geweſen, um Lebens⸗ art von den Bewohnern zu lernen, auch haben meine Dienſte als Kundſchafter in der Kolonie dazu beigetragen, die Indianer in ihren Wigwams zu halten. Der Handel mit dem jungen Kapitän um das Stück Land auf dem Hügel und einen Bauplatz im Dorfe, wird nun auch bald abgeſchloſſen ſeyn, und da die Nachbarn mir ihre Hülfe bei der Grundlegung und bei dem Aufſetzen des Dach⸗ ſtuhls gewiß nicht verſagen werden, ſo ſehe ich nicht, was..... 4 „Scharfſinniger Dudley, Du irrſt, wenn Du glaubſt, daß Du im Stande ſeyeſt, das zu errathen, was Du ſuchen mußt, ehe ich mein Loos an das Deine knüpfe. Haſt Du nicht bemerkt, Eben, wie die Wange der Herrin blaſſer geworden, und ihr Auge tiefer eingeſunken iſt, ſeit der Rauchwaarenhändler in der Woche, wo der große Sturm wüthete, bei uns einkehrte?“ „Ich könnte nicht ſagen, daß das Ausſehen der Madam, ſo lange ich mich zu entſinnen vermag, ſich ſonderlich verändert hätte,“ erwiederte Dudley, der, wie ſcharf ſein Blick auch in Dingen ſeyn mochte, die zu ſeinen täglichen Beſchäftigungen gehörten, ſich nie durch ſeine Charakterbeobachtung auszeichnete.„Sie iſt nicht jung und blühend wie Du, Glaube; auch ſieht man nicht oft...“ „Menſch, ich ſage Dir, der Gram nagt an ihrer Geſtalt, und ihr ganzes Leben iſt in den Gedanken an ihr verlornes Kind verſunken.“ „Das heißt man aber die Trauer unvernünftig weit treiben. Das Kind iſt im Frieden, ſo wie auch Dein Bruder Whittal, das iſt eine ausgemachte Sache. Daß wir ihre Gebeine nicht haben finden können, kommt vom Feuer her, das nur wenig unverſehrt ließ, ſo daß.... „Dein Kopf iſt ein Beinhaus, dummer Dudley; aber dieſe Deine Schilderung ein treues Abbild Deines Kopfes, ſoll nicht im Stande ſeyn, mich zu beruhigen. Der Mann, der mich heim⸗ führen will, muß ein Gefühl für die Schmerzen einer Mutter haben.“ ——„—, 285 „Was kommt Dir denn nun wieder für eine Grille, Glaube! Bin ich der Mann, der die Todten in's Leben rufen, oder ein Kind, das ſeit ſo vielen Jahren verloren gegangen, wieder in ſeiner Eltern Arme zurückführen kann?“ „Ja, der biſt Du! Sperre Du nur immer die Augen auf, gleichſam als wenn jetzt erſt Licht in Dein dunkles, wolkenreiches Hirn eindränge; ich wiederhole es: der biſt Du!“ „Nun denn, ſo bin ich froh, daß Du Dich endlich einmal deutlich erklärſt, und daß ich weiß, woran ich bin; ich habe ohne⸗ dies ſchon zu viel von meinem Leben mit dieſer ungewiſſen Bewer⸗ bung verſchwendet, und die Klugheit ſowohl, als das Beiſpiel Aller um mich her, ſagt mir, daß wenn ich eine Familie gründen, und als ein wohlhabender Koloniſt zu Achtnng gelangen wolle, es ſchon vor mehreren Jahren hohe Zeit zum Hausbauen und zum Heirathen war. Ich handle jedoch gern gerecht gegen Jedermann, und da ich Dir einmal Urſache gegeben habe, zu glauben, daß wir eines Tages mit einander leben würden, wie es ſich für Leute unſeres Standes geziemt, ſo hielt ich es für meine Pflicht, Dich zu bitten, Ein Loos mit mir theilen zu wollen; nun Du aber mit Unmöglichkeiten herausrückſt, ſo muß ich mich ſchon anderswo umſehen.“ „Das iſt immer ſo Deine Sitte geweſen, wenn wir auf gutem Fuße mit einander ſtanden. Dein Gemüth gattert ſich ſtets Gründe zur Unzufriedenheit aus, und dann muß Diejenige, die in der That ſelten etwas thut, was Dich beleidigen könnte, daran ſchuld ſeyn, und dafür getadelt werden. Welche Tollheit gibt Dir den Wahn, daß ich Unmöglichkeiten verlange? Nein, Dudley, Du kannſt nicht bemerkt haben, wie die Geſundheit der Herrin von dem verzehrenden Feuer ihres Kummers aufgerieben wird; Du kannſt nicht in den Schmerz eines Weibes ſchauen, ſonſt würdeſt Du nicht ſo unge⸗ duldig werden, wenn man Dir zumuihet, auf eine kurze Zeit in die Wäͤlder zu reiſen, um zu erforſchen, ob das Mädchen, von 286 welchem der Händler erzählte, ‚die Betrauerte von Wiſh⸗Ton⸗ Wiſh' ſey, oder das Kind eines Fremden.“ Es lag zwar Verdruß im Ton ihrer Worte, vorherrſchend darin war jedoch das Gefühl. Ihr dunkles Auge ſchwamm in Thränen, und immer glühender ward die Farbe ihrer gebräunten Wange, ſo daß ihr Liebhaber endlich, ergriffen von einer Rührung, deren er keinesweges unfähig war, allen Unwillen vergaß. „Wenn eine Reiſe von einigen hundert Meilen alles iſt, was Du verlangſt, Mädchen,“— antwortete er gutmüthig,—„warum ſagſt Du das nicht gleich, warum in Räthſeln ſprechen! Ein gütiges Wort iſt genug, um mich zu ſolcher Aufſuchung zu ver⸗ mögen. Sonntag heirathen wir, und Mittwoch, ſo Gott will, ſpäteſtens Sonnabend, trete ich den Weg an, von woher der Reiſende aus dem Weſten gekommen war.“ „Keinen Aufſchub. Mit Sonnenaufgang reiſeſt Du. Je ſchneller Du die Reiſe zurücklegſt, je eher wird es in Deiner Gewalt ſtehen, mich eine thörichte Handlung bereuen zu machen.“ Jungfer Glaube hatte ſich jedoch ſpäter überreden laſſen, ihre Strenge um ein Geringes zu mildern. Das Pärchen ward am Sonntage getraut, und den Tag darauf verließen Content und Dudley das Thal, um den entfernten Wildenſtamm außzuſuchen, auf den ein Sprößling von einem fremden Boden ſo gewaltſamer⸗ weiſe eingepfropft ſeyn ſollte. Wir übergehen die Gefahren und Entbehrungen, die ein Un⸗ ternehmen dieſer Art mit ſich brachte. Der Hudſon, der Delaware und der Susquehannah, Flüſſe, welche die Einwohner Neu⸗Eng⸗ lands damals mehr aus Mährchen als aus eigener Anſchauung kannten, wurden paſſirt, und nach einer mühevollen, wagehalſigen Reiſe kamen die Abenteurer bei der erſten Gruppe jener Binnen⸗ ſeen an, deren Ufer heute von ſo manchen ſchönen D en und Maierhöfen umgrenzt ſind. Hier, mitten unter wilden Horden, jeder Gefahr des Bodens und der Fluten ausgeſetzt, ohne andere u u R 8 287 Unterſtützung als die, welche die Hoffnung und ein allen Strapazen und Gefahren trotzender Gefährte ihm gewähren konnten, ſuchte der Vater emſig nach ſeinem Kinde. Endlich mittelten ſie eine Horde aus, die eine Gefangene, der von dem Händler beſchriebenen ähnlich, beſaßen. Der Leſer erlaſſe uns die Beſchreibung der Gefühle, mit welchen Content ſich dem Dorfe näherte, welches dieſen kleinen Sprößling einer weißen Menſchenrace enthalten ſollte. Er hatte aus der Veranlaſſung ſeiner Reiſe den Wilden kein Geheimniß gemacht, und die heilige Eigenſchaft, in welcher er kam, erregte ſelbſt bei den barbariſchen Bewohnern der Wüſte Mitleid und Achtung. Eine Deputation ihrer Aelteſten empfing ihn am Eingange ihrer Gehege. Von da ward er in einen Wigwam geleitet, wo ein Berathungsfeuer bald loderte. Ein Dollmetſcher eröffnete die Verhandlung, indem er den Betrag des angebotenen Löſegeldes, und die Friedensbetheue⸗ rungen der Fremden ſeinen Zuhörern im günſtigſten Lichte vortrug. Der amerikaniſche Wilde pflegt nicht leicht den in ſeinem Stamme eingebürgerten Fremden auszuliefern. Allein das ſanfte Aeußere und edle Vertrauen Content's hatte die beſſeren Gefühle, welche in jenen rauhen Söhnen der Wälder nicht fehlen, ſondern nur ſchlum⸗ mern, aufgeweckt. Das Kind ward entboten, vor dem Rath der Aelteſten der Nation zu erſcheinen. Keine Sprache ſchildert die Empfindung, mit welcher Content den erſten Blick auf dieſe angenommene Tochter der Wilden warf. Jahre und Geſchlecht ſtimmten freilich mit ſeinen Wünſchen über⸗ ein, doch ſtatt des goldgelben Haares und der azurnen Augen des Engels, den er verloren, erblickte er ein Mädchen, deſſen raben⸗ ſchwarze Locken, und faſt eben ſo dunkle Augäpfel, eher auf eine Abſtammung von den in den Canadas wohnenden Franzoſen zu ſchließen berechtigte, als von dem angelſächſiſchen Geſchlecht der Heatheotes. Content war bei Alltagsangelegenheiten des Lebens wohl etwas langſam, allein die Natur war jetzt mächtig in ihm, 288 und der Vater bedurfte keines zweiten Blickes, um ſich zu ſagen, daß er ſich in ſeiner Hoffnung ſchrecklich getäuſcht habe. Ein unterdrückter Seufzer rang ſich aus ſeiner Bruſt hervor; dann kehrte ſeine Selbſtbeherrſchung wieder, und es zeigte ſich in ihm die Ehrfurcht gebietende Größe chriſtlicher Ergebung. Er erhob ſich, dankte den Aelteſten für die Gewährung ſeiner Bitte, und verhehlte ihnen nicht, daß die Vermuthungen, welche ihn zu ihnen geführt, ſich nicht beſtätigt hätten. Noch im Sprechen begriffen, ſah er an den Winkeſt und Geberden Dudley's, daß dieſer ihm etwas Wich⸗ tiges mitzutheilen habe. Er trat zu ihm auf die Seite, wo denn i edenken hieß) daß es beſſer ſeyn dürfte, die Wahrheit igen, um, ſtatt des geſuchten Kindes, das, welches ſie fuſiden, aus den Händen ſeiner rohen Herren zu erlöſen. kin ü⸗ wahrſcheinlich ihren Zweck bei den Wilden rreicht haben;, allein wenn ſie ſich auch mit den ſtrengfittlichen wPothe Gamme vertragen hätte, ſo war es doch jetzt zu ſpät, Indeß, auf die Tochter eines unbekannten Vaters, der höchſt wahrſcheinlich, gleich ihm, über das ungewiſſe Schickſal ſeines Kindes trauerte, etwas von der Theilnahme übertragend, die er für ſeine aigefe Tochter fühlte, bot Content den Wilden das Geld, womit er die kleine Ruth auszulöſen gehofft, nunmehr für die Gefangene an. Es ward verworfen. Mit doppelt verfehltem Ziele mußten die Abenteurer, müden Fußes und noch ſchwereren Herzens das Dorf verlaſſen. Diejenigen unſerer Leſerinnen, welche jemals die Angſt der Ungewißheit über eine Angelegenheit gefühlt haben, wobei die innigſte der menſchlichen Regungen betheiligt iſt, können allein ſich einen Begriff von dem machen, was die Mutter während der vierwöchentlichen Abweſenheit ihres Gatten gelitten. Bisweilen ging in ihrem Herzen der Hoffnungsglanz auf, und dann zeigte ſich auch bald in der erglühenden Wange, in dem Strahl des Auges, die keimende Freude. So war die erſte Woche der ——„-——=——.——r' r—,————— 289 Abweſenheit ihres Gatten faſt gänzlich eine glückliche für ſie. Die Gefahren der Reiſe vergaß ſie über den erwarteten Erfolg; zwar ſchlug dann und wann ihr Puls heftiger, wie denn ihr Aeußeres nur zu unmittelbar durch ihre Gemüthsbewegung angeregt ward; allein die Hoffnung war doch in allen ihren Erwartungen das vorherrſchende Gefühl. Ihre Mägde erfreute wieder einmal der Anblick der Herrin, denn ſie ſahen auf ihrem Angeſicht die Freude durch die gedämpfteren Züge der Ergebung hindurchſchimmern; ſie ſahen, wie ihr Lächeln wieder von wirklich empfundenem Glücke zeugte. Bis zu ſeinen letzten Tagen erinnerte ſich der Greis an die unbeſchreibliche Wirkung, die es auf ihn machte, als bei einer Gelegenheit ein ſanftes Lachen ſeiner Schwiegertochter ſein Ohr berührte. Jahre lagen zwiſchen dieſem Moment und dem, bis wohin wir jetzt in der Erzählung gekommen ſind, allein nie hörte er in dieſem langen Zwiſchenraum eine Wiederho lung dieſes will⸗ kommenen Tones. Was die damalige Stimmung Ruth's noch ſteigern mußte, war der Umſtand, daß Content, als er noch eine Tagereiſe von dem Ziele ſeines Weges entfernt war, Mittel ge⸗ funden hatte, ihr Kunde von ſeinen vielverſprechenden Ausſichten zukommen zu laſſen. Ach, alle dieſe erneuten Wünſche ſollten an dem Froſte der Nichtgewährung erkalten; alle dieſe wiederauf⸗ lebende Liebe welken unter dem giftigſten aller Hauche, dem der getäuſchten Hoffnung. Die Stunde des Sonnenuntergangs war nicht mehr fern, als Content und Dudley auf ihrem Heimwege bei der Stelle eintrafen, wo einſt die Wohngebäude geſtanden. Ihr Pfad führte durch dieſe Oeffnung nach dem Abhange, und an einem Punkte konnte man durch das Gebüſch deutlich die Gebäude erblicken, die ſich aus der Aſche des Brandes emporhoben. Bis jetzt hatte der Gatte und Vater ſich jeder Anſtrengung gewachſen geglaubt, welche die Pflicht im ganzen Verlaufe ſeiner traurigen Unternehmung von ihm ver⸗ langen ſollte. Aber hier angelangt, konnte er nicht weiter, und Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 9 290 äußerte gegen ſeinen Gefährten den Wunſch, daß er vorausgehen und Aufſchluß über das geben möchte, was zu der Täuſchung und zu der fruchtloſen, weiten Reiſe Veranlaſſung gegeben hätte. Viel⸗ leicht war dem gebeugten Gatten ſelbſt nicht klar bewußt, was er eigentlich mit dieſer Sendung bezwecke, oder welchen ungeſchickten Händen er einen Auftrag anvertraut, der mehr als gewöhnliches Zartgefühl vorausſetzte. Was er fühlte, war bloß ſein eignes Un⸗ vermögen, und ſein Gemüthszuſtand mag allerdings einige Entſchul⸗ digung liefern, daß er ſchwach genug war, Dudley fortgehen zu laſſen, ohne andre Anweiſung als die, welche deſſen gutmüthiges, aber ungebildetes Gemüth einzugeben vermochte. Obgleich Glaube während der Abweſenheit der Reiſenden ſich keine beſondere Unruhe hatte abmerken laſſen, ſo war dennoch ihr ſchnelles Auge das erſte, welches ihren Mann erblickte, wie er mit müdem Tritte quer über die Felder auf die Wohnung zu einher⸗ ſchritt. Lange bevor Dudley das Haus erreichte, hatten ſich ſchon alle Genoſſen deſſelben in der Vorhalle verſammelt. Es war keine Heimkehr voller lärmender Freude, oder geräuſchvoller Bewillkomm⸗ nungen. So drückend war die Stille, mit welcher der Abenteurer empfangen ward, daß an ihr der ganze Plan ſcheiterte, den er ſich unterwegs, als den zur Eroͤffnung ſeiner Botſchaft tauglichſten, überdacht hatte. Seine Hand berührte die Schwelle der Vorhofs⸗ thüre, Niemand ſprach; ſein Fuß ſtand auf der untern Stufe zur Halle, und noch immer rief ihm keine Stimme ein Willkommen zu. Sogar die Blicke der kleinen Verſammlung waren nicht ſo ſehr auf den Herannahenden als auf Ruth's Geſichtszüge gerichtet. Todtenbeich war ihr Geſicht, das Auge von der Angſt zuſammengezogen, bekun⸗ dete den ganzen Kraftaufwand, den das Aufrechtſtehen ihr koſtete; und kaum bebend war die Lippe, als ſie, in Folge eines noch ſtaͤrkern Gefühls denn das, was ihren Gram ausmachte, dem Kommenden entgegenrief: „Eben Dudley, wo haſt Du meinen Mann gelaſſen!“ 291 „Der junge Kapitän war fußmüde, und blieb im Kleenachwuchs auf dem Hügel droben etwas zurück; er iſt ein braver Fußgänger und kann alſo nicht weit zurück ſeyn. Wir werden ihn gleich ſehen, dort an der Oeffnung bei der abgeſtorbenen Buche; und dort iſt es, wo ich der Madam rathen möchte....“ „Es war beſonnen von Heathcote, und ſieht ſeiner gewohnten Güte ähnlich, dieſe wohlgemeinte Vorſicht zu gebrauchen,“ ſagte Ruth, und ein Lächeln erglänzte auf ihrem Antlitz, das ihr den Ausdruck gab, mit dem wir uns das Wohlwollen eines Engels ver⸗ ſinnlichen.„Indeſſen war ſie überflüſſig; er weiß ja, daß der „Felſen der Jahrhunderte“ unſere Stärke iſt. Sag' mir, wie hat mein Kleinod die ſo ſehr ermüdende und beſchwerliche Reiſe ertragen?“ Der unſtete Blick des Boten wanderte von Geſicht zu Geſicht, bis er ſtarr und nichtsſagend, auf das ſeiner Frau geheftet blieb. „Du zürnſt doch etwa Deinem Weibe nicht, Dudley? ſie hat ſich als ſolche ſo wie als meine Gehülfin gut betragen; Du ſiehſt, ſie iſt noch ſo hübſch wie zuvor.— Und ſank die Kleine nicht um, auf dem langen Wege her? hat ſie euch nicht durch ein wenig Eigenſinn aufgehalten? Doch ich kenne Deine Gutmüthigkeit, Eben; Dein kräftiger Arm hat ſie gewiß manche Meile über hügelige Strecken und verrätheriſchen Sumpfgrund getragen.... Du antworteſt ja nicht, Dudley!“ rief Ruth. Erſt jetzt ahnte ſie die Wahrheit; mit einem Arm, dem der Schmerz Kräfte gab, faßte ſie ihn bei der Schulter, und zwang ihn, ihr in's Geſicht zu ſehen, um in ſeinen Augen die Antwort zu leſen. Die Muskeln des ſonnverbrannten, rohen Geſichts des Grenz⸗ lers wurden unwillkührlich bewegt; ſeine gewaltige Bruſt ſchwoll bis zu ihrer äußerſten Spannung, und dicke, heiße Tropfen rollten ihm die braunen Wangen herab. Mit einer ſeiner mächtigen Hände faßte er Ruth's Arm, zwang ſie mit ehrerbietiger, aber ſtarker Bewegung, ihn gehen zu laſſen, ſchob ſeine eigene Frau ohne Umſtände bei Seite, und nahm ſeinen Weg mitten durch die 292 Gruppe hindurch nach dem Innern des Hauſes mit dem Tritte eines Rieſen. Ruth's Haupt ſank auf ihre Bruſt; die frühere Bläſſe be⸗ mächtigte ſich ihrer Wangen, und in jenem Moment zeigte ſich zuerſt das einwärts gekehrte Blicken des Auges, das nachher ein ſo beſtändiger und ſo peinlicher Ausdruck ihres Geſichtes wurde. Von jener Stunde an bis zu der Zeit, wo die Familie von Wiſh⸗ Ton⸗Wiſh dem Leſer ſogleich wieder vorgeführt werden wird, ver⸗ lautete nichts mehr, was den zerſtörenden Kummer in ihrer Bruſt vermindert oder vermehrt hätte. Zwanzigſtes Kapitel.* Gelehrte Leckerbiſſen, Herr, hat er nie gekoſtet; er hat nicht, ſo zu ſagen, Pavier gegeſſen, aus Tinte ſeinen Trank gemacht: ſein Verſtand iſt vorrathleer; er iſt ein bloßes Thier, mit Sinnen nur für gröb're Dinge. „Hier kommt Glaube mit Nachrichten aus dem Dorfe,“ ſagte der Gatte des nach unſern geringen Kräften ſo eben geſchilderten Weibes, indem er zu der ſchon erwähnten Frühſtunde und in der ebenfalls berührten Gruppe, ſeinen Platz in der Vorhalle einnahm. „Der Fähnrich iſt die Nacht über mit einem ausgewählten Trupp unſerer Leute in den Bergen geweſen; da iſt ſie vielleicht abge⸗ ſchickt, uns zu hinterbringen, was die Leute, in Betreff der ver⸗ dächtigen Spur im Walde, ausgekundſchaftet haben.“ „Der ſchwerfüßige Dudley hat kaum den Berg bis zu dem trennenden Abhang erſtiegen, wo die Abdrücke der Indianerſtiefel ſollen geſehen worden ſeyn,“ bemerkte ein junger Mann, der in ſeiner Perſon alle Zeichen der Thätigkeit und Geſundheit vereinigte. „Was nützt ein Auskundſchaften, wenn der Anführer zu leicht ermüdet und nicht weit genug vordringt!“ 293 „Wenn Du glaubſt, Knabe, daß Dein junger Fuß es mit der Sehnenkraft Eben Dudley's aufzunehmen vermag, ſo dürfte ſich leicht, ehe noch die Gefahr dieſes Einbruchs der Indianer vorüber gegangen ſeyn wird, die Gelegenheit finden, Dir zu zeigen, wie ſehr Du irreſt. Du biſt noch viel zu eigenſinnig, Marcus, als daß man Dir die Anführung von Haufen anvertrauen könnte, auf denen vielleicht die Sicherheit aller Thalbewohner beruht.“ Der Jüngling ſah mißvergnügt aus; doch fürchtend, daß ſein Vater dies bemerken, und als einen Mangel an perſönlicher Achtung auslegen möchte, wendete er ſich weg, und ſein zürnendes Auge traf auf den furchtſamen und verſtohlenen Blick eines Mädchens, deren Wange wie der öſtliche Himmel erglühte, während ſie mit den Vorbereitungen zum Früßhſtück beſchäftigt war. „Was für gute Neuigkeiten bringſt Du uns aus Deinem Gaſt⸗ hof zur Nachteule?“ fragte Content die Frau, als ſie jetzt an der kleinen Vorhofthüre ſtand.„Haſt Du Fähnrich Dudley geſehen, ſeit er mit den Leuten auf den Streifzug ausgegangen; oder iſt es ein Reiſender, der Dich ſo früh mit einem Auftrage herüberſchickt?“ „Meinen Mann habe ich, ſeit er den Amtsſäbel anlegte, mit keinem Auge geſehen,“ erwiederte Glaube, in die Vorhalle tretend, und alle Gegenwärtigen mit freundlichem Nicken begrüßend;„und was Reiſende betrifft, ſo wird es heute um Mittag gerade ein Monat her ſeyn, daß mein Haus den letzten beherbergte. Ich mache mir übrigens nicht viel aus der Kundſchaft, da der Fähnrich nie von der Schenke und den fremden Schwätzern wegzubringen iſt, um nach ſeinem Ackerland auf dem Berge zu ſehen, ſo lange es nur von den Wundern der alten Länder, oder auch nur von den Unruhen unſerer eigenen Kolonien was zu hören gibt.“ „Du ſprichſt leichtfertig, Glaube, von Dem, welcher Deine Achtung und Deine Dienſte verdient.“ Die junge Wirthsfrau ſah mit prüfendem Auge in das milde Antlitz Ruth's, von welcher dieſer ſanfte Verweis gekommen war; 294 die Anſtrengung und die Wehmuth, mit der ſie es that, zeigte, daß ſie an andere Dinge dachte; indeß fuhr ſie, wie Jemand, der ſeine wandernden Gedanken plötzlich zu dem Gegenſtande der Unterredung zurückrufen muß, nach einer kleinen Pauſe fort: „Fürwahr, Madam Heathcote, meine Dienſte als Ehefrau, und die Achtung, ſo ich meinem Mann, als einem Offizier der Kolonie, zu erweiſen habe, machen zuſammen eine eben nicht leicht zu löſende Aufgabe aus. Der königliche Statthalter hätte meinem Bruder Ruben die Fahne anvertrauen, und dem Dudley ſeine Hellebarde laſſen ſollen; das wäre Erhöhung genug für ſeine Ta⸗ lente geweſen, und die Kolonie hätte nur dabei gewinnen können.“ „Der Gouverneur hat bei Vertheilung ſeiner Gunſtbezeugun⸗ gen Männer zu Rathe gezogen, die Verdienſt zu würdigen ver⸗ ſtehen,“ ſagte Content.„Bei der blutigen Schlacht unter den Bewohnern der Plantagen befand ſich Eben in den Vorderreihen, und ſtellte der ganzen Compagnie durch ſeine männliche Aufführung ein nachahmungswerthes Beiſpiel hin. Wenn er in ſeiner Treue und Tapferkeit ſo fortfährt, ſo erlebſt Du es noch, die Frau eines Kapitäns genannt zu werden.“ „Nicht, wenn er keine größeren Heldenthaten ausführt, als den Marſch der letzten Nacht; denn ſeht, da kommt er eben ange⸗ ſtiegen mit heilem Körper, und wahrſcheinlich mit dem Magen eines Cäſars, ja, ich ſtehe dafür, eines ganzen Regiments! Es iſt kein Kinderſpiel, ihn ſatt zu füttern, wenn er von dergleichen Streif⸗ zügen heim..... ach! Gott gebe, daß der gute Junge nicht verwundet ſey..... ja wahrlich, Nachbar Ergot, der Arzt, begleitet ihn.“ „Auch noch ein Dritter,“ bemerkte Content;„hinter Beiden ſchreitet Einer, deſſen Gang und Ausſehen mir unbekannt.... Aha, Dudley iſt den Wilden auf die Spur gekommen, und bringt einen Gefangenen!... In der That ein Wilder, ſeinem bemalten Geſichte und dem umhangenden Fell nach zu urtheilen.“ 295 Bei der letzten Bemerkung ſprangen Alle auf, denn in jener abgelegenen Gegend erregte die Beſorgniß eines Ueberfalls die Theilnahme von Groß und Klein, Männern und Weibern. Keine Sylbe fiel mehr vor, bis die Vedette mit ihrem Begleiter herankam. Glaube hatte ſich durch einen prüfenden Blick auf ihres Mannes Geſtalt überzeugt, daß er unverletzt ſey, gewann alsbald ihre na⸗ türliche Munterkeit wieder, und war die Erſte, die ihn mit den Worten begrüßte: 3 „Wie nun, Fähnrich Dudley,“ ſagte die Schlaue, höchſt wahr⸗ ſcheinlich ein wenig ärgerlich, daß ſte unbehutſam mehr Theilnahme an ſeinem Befinden hatte durchblicken laſſen, als ihr der Klugheit angemeſſen dünkte:„Wie nun, Fähnrich, ſind das alle die Tro⸗ phäen, die Du vom Feldzug mitbringſt?“ „Der Kerl hier iſt kein Häuptling, ſelbſt nicht einmal ein Krieger, wie ſein Gang und ſtumpfer Blick beweiſen; allein er ward in der Nähe der Anſiedelung auflauernd gefunden, und da iſt es für rathſam erachtet worden, ihn aufzubringen.“ Dieſe Worte richtete der Sergeant nicht etwa an ſeine ihn anredende Ehehälfte, die er vielmehr mit einer ziemlich kurzen Grußbewegung abfertigte, ſondern an ſeinen Oberen, Content. Er fuhr fort: „Mein eigenes Umherſpähen hat nichts zu Tage gefördert, es iſt mein Schwager Ring, dem der Kerl da in's Gehege gekommen. Die Sondirung, wie der gute Doktor Ergot es zu nennen pflegt⸗ die Sondirung deſſen, was der Menſch vorhatte und worauf er aus war, hat uns nicht gelingen wollen; wir können nichts aus ihm herauskriegen.“ „Was für einem Stamme gehört denn der Wilde an?“ „Darüber iſt viel zwiſchen uns disputirt worden,“ erwiederte Dudley mit einem Seitenblick auf den Arzt.„Die eine Parthei von uns ſagt: es iſt ein Narraganſett; die andere hingegen glaubt, er ſtamme etwas weiter öſtlich her.“ „Bei jener Meinungsabgabe ſprach ich bloß von den ſecundären, * * das heißt, hinzugetretenen Eigenſchaften,“ fiel Ergot dem Fähnrich in's Wort;„denn in Beziehung auf ſeine urſprünglichen iſt der Menſch freilich ein Weißer.“ „Ein Weißer!“ riefen Alle. „Unleugbar; wie aus verſchiedentlichen Zeichen in ſeiner äußern Conformation oder Geſtaltung erhellt, als da ſind, die Form des Kopfes, die Arm⸗ und Beinmuskeln, das Ausſehen und die Haltung, anderer Symptome nicht zu erwähnen, die nur für ſolche er⸗ kennbar ſind, welche die phyſiſchen Eigenthümlichkeiten beider Racen zu ihrem beſondern Studium gemacht haben.“ „Einer dieſer ‚ſimpeln Töne“ z. B. iſt dieſer!“ unter⸗ brach ihn der ungeduldig werdende Dudley, indem er die Beklei⸗ dung des Gefangenen auseinanderwarf, und den Gegenwärtigen zu demſelben augenſcheinlichen Beweiſe verhalf, der ſeine eigenen Zweifel ſo wirkſam beſeitigt hatte.„Zwar,“ fuhr er fort,„iſt die Hautfarbe vielleicht kein ſo ſchlagender Beweis, wie der von Nach⸗ bar Ergot angeführte, inzwiſchen iſt's immer Etwas, wodurch un⸗ gelehrte Leute in Stand geſetzt werden, auch eine Meinung über dergleichen Dinge zu haben.“ „Madam!“ ſchrie Glaube ſo plötzlich, daß die Angeredete zu⸗ ſammenſchrack;„um des Himmels willen, laſſen Sie die Mägde Waſſer und Seife herbeibringen, daß das Geſicht dieſes Menſchen damit abgewaſchen werde.“ „Was fällt Dir wieder für eine Thorheit ein,“ verſetzte der Fähnrich, der ſeit Kurzem eine Miene vornehmen Ernſtes annahm, wie er ſie ſeinem neuen Amte für angemeſſen hielt.„Wir ſind jetzt nicht unter dem Obdach von Whip⸗Poor⸗Will, Frau, ſondern in Gegenwart Derjenigen, welche Deines Rathes nicht bedürfen, wenn es gilt, eine amtliche Unterſuchung mit dem gehörigen Anſtand vorzunehmen.“ Glaube achtete auf keinen Verweis. Statt zu warten, ob Andere das, was ſie verlangte, ausführen würden, machte ſie ſich ———— „85& — ☛ ☛ 8 —— 2 æ— —, — — 297 ſelbſt an die Arbeit, und zwar, nicht bloß mit einer durch viel Uebung erlangten Gewandtheit, ſondern auch mit einem Eifer, der irgend eine außergewöhnliche Gemüthsbewegung zu bethätigen ſchien. Noch eine Minute, ſo waren die Farben aus dem Geſichte des Gefangenen weggewiſcht, das, wie ſehr es auch durch eine amerikaniſche Sonne und ſchwüle Luft eingegerbt war, doch un⸗ zweideutig auf eine europäiſche Abſtammung hinwies. Keiner war zugegen, der nicht mit neugieriger Theilnahme der ſeltſamen Hand⸗ habung zugeſehen hätte; bald war die eifrige Glaube fertig, und kaum war ſie es, als ein gleichzeitiger Ausruf des Erſtaunens aus jeder Lippe hervorbrach. „Dieſe Maske iſt nicht ohne Abſicht angelegt,“ bemerkte Con⸗ tent, nachdem er das geiſtloſe, abſtoßende Geſicht, wie es ſich jetzt dem Blicke entblößt darbot, lang und ſcharf betrachtet hatte.„Ich habe von Chriſten erzählen hören, die ſich dem ſchnöden Gewinnſte verſchacherten, und, uneingedenk ihrer Religion und der natürlichen Anhänglichkeit an ihrer Race, mit den Wilden in ein Bündniß ge⸗ treten ſind, um ſich in den Kolonien ein Vermögen zu erplündern. Aus dem Auge dieſes Unglücklichen hier blitzt etwas von der Ver⸗ ſchmitztheit der Franzoſen in den Canada's.“ „Hinweg! hinweg!“ kreiſchte Glaube, drängte ſich hervor, ſo daß ſie dem Sprechenden gegenüber zu ſtehen kam, legte beide Hände auf das geſchorne Haupt des Gefangenen, eine Beſchattung, durch welche die Umriſſe ſeiner Züge deutlicher hervortraten.„Hin⸗ weg mit allem thörichten Gerede von den Franzmännern und gott⸗ loſen Bündniſſen! dies iſt kein ränkeſchmiedender Abtrünniger, wohl aber ein unglücklicher Blödſinniger! Witthal, mein Bruder Witthal, kennſt Du mich?“ Thränen floſſen der eigenwilligen Frau die Wange herab, wie ſte ihrem vernunftberaubten Bruder in's Angeſicht ſchaute. Im Auge des Letztern zeigte ſich, wie das von Zeit zu Zeit geſchah⸗ ein Schimmer von Verſtand, und nachdem er zuerſt ein breites, 298 nichtsſagendes Gelächter arigeworſen„antwortete er auf ihre ängſtliche Frage: „Einige ſprechen wie die Menſchen von jenſeits der See, und einige ſprechen wie die Menſchen von den Wäldern. Gibt's im Wigwam ſo was wie Bärenfleiſch, oder ein Maulvoll Honig?“ Wenn die Stimme eines längſt im Grabe Gewußten ſich plötz⸗ lich den Ohren der Heathcoteſchen Familie vernehmbar gemacht hätte, ſo würde ſie kaum eine gewaltigere Wirkung hervorgebracht, oder das Blut in raſchere Strömung nach dem Herzen geſetzt haben, als dieſe plötzliche und durchaus unerwartete Entdeckung, wer ihr Gefangener war. Eine Zeit lang feſſelte Verwunderung und Schrecken ihnen die Zungen, dann trat Ruth vor den Wieder⸗ gefundenen hin, mit gefalteten Händen, das Auge flehend, in ihrer ganzen Perſon den Ausdruck der Ungewißheit und des Tumultes aller lang ſchlummernden, jetzt bis zur Pein aufgeregten Gefühle. „Sag' mir,“ ſprach ſie mit einer bebenden Stimme, die ſelbſt ein ſtumpfſinnigeres Weſen, als das angeredete, zur Beſinnung zurückrufen mußte,„wenn Mitleid in Deinem Herzen wohnt, o ſag' mir, ob mein Kleines noch lebe?“ „'s iſt ein gutes Kleines,“ gab er zur Antwort, lachte wieder ſo ſtarr und ſinnlos wie zuvor, und wendete die Augen voll dum⸗ mer Verwunderung abermals auf Glaube, deren Aeußeres weit weniger verändert war, als das ſprechende, aber eingeſunkene Ant⸗ litz Derjenigen, die unmittelbar vor ihm ſtand. „Erlauben Sie mir, theuerſte Madam,“ ſprach begütigend die Schweſter:„ich kenne die Natur des Jungen, und richtete ſtets mehr als jeder Andere bei ihm aus.“ Dieſe Bitte war indeſſen überflüſfig. Die Mutter unterlag der ſchrecklichen, inneren Aufregung, und ſank ohnmächtig in die Arme ihres ſie beobachtenden Gatten, der ſie wegtrug. Eine Minute lang blieb nur der männliche Theil der Verſammlung in der Vorhalle, da die ängſtlichen Frauenzimmer ihrer weggetragenen Herrin folgten. —————— ———— .„.— —— 299 0 „Whittal! mein alter Spielkamerad, Whittal Ring!“ ſagte Content's Sohn, auf den Gefangenen zu vortretend, um deſſen Hand zu ergreifen.„Menſch, haſt Du den Gefährten Deiner früheren Tage vergeſſen? Es iſt der junge Marcus Heathcote, welcher ſpricht.“ Der Andere ſchaute ihm in's Angeſicht, und zwar einen Augen⸗ blick lang mit auflebender Erinnerung; dann aber ſchüttelte er den Kopf, trat mit Erboßung einen Schritt zurück und brummte: „Was doch ein Bleichgeſicht für ein falſcher Lügner iſt! Das iſt einer von den erwachſenen Spitzbuben, der ſich gern für einen Indianiſchen Hirtenjungen ausgeben möchte!“ Mehr konnten ſeine Zuhörenden nicht verſtehen, denn nun ging er in den Dialekt eines der eingebornen Völkerſtämme über. „Vernachläſſigung und die Gebräuche eines. Wildenlebens haben den Geiſt des unglücklichen Jünglings noch ſtumpfſinniger gemacht, als er es von Natur ſchon war,“ ſagte Content, der mit den meiſten Uebrigen unterdeſſen zurückgekehrt war, angezogen durch eine Unterſuchung, welche zu ſo wichtigen Aufſchlüſſen führen konnte. „Laßt nur die Schweſter ſanft mit dem Jungen umgehen, ſo wer⸗ den wir die Wahrheit, ſo früh als es Gott gefällt, erfahren.“ Das innige Vatergefühl verlieh ſeinen Worten etwas Gebie⸗ tendes. Das neugierige Gedränge zertheilte ſich, und auf die ſchnell hintereinander und verworren vorgelegten Fragen, womit man an⸗ fangs den Blödſinn des Zurückgebrachten beſtürmt hatte, folgte eine Art von regelmäßig feierlichem Verhör. Die Diener ſtellten ſich in einen Halbzirkel um den Seſſel des Patriarchen. Content ſtand an deſſen Seite, und der zu Unter⸗ ſuchende ward durch ſeine Schweſter bewogen, ſich auf die Stufe der Vorhalle niederzuſetzen, ſo daß Alle ihn hören konnten. Da⸗ mit der Blödſinnige durch dieſe formellen Anordnungen nicht ver⸗ dutzt werden möchte, hatte Glaube ihm Speiſe in die Hand gegeben. „Und nun, Wbhittal, wünſchte ich zu wiſſen,“ hob das 300 gewandte Weib an, als ein tiefes Schweigen die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit bekundete,„nun wünſchte ich zu wiſſen, ob Du Dich noch an den Tag erinnerſt, wo Du das Kleid von überſeeiſchem Tuch von mir bekamſt; und wie Du Dich in den bunten Farben ſo gern unter den Kühen ſehen ließeſt?“ Die Art, wie der Junge ſie anſah, verrieth wohl, daß der Ton ihrer Stimme für ihn eine behagliche Empfindung ſey; allein ſtatt zu antworten, ſah er zufrieden das große Brod an, das ſie ihm gegeben, um ihn zur ehemaligen Vertraulichkeit zurückzulocken, biß ein ſtattliches Stück ab und käute. „Knabe, Du kannſt unmöglich ſo bald mein Geſchenk vergeſſen haben; das Geld dazu hatte ich mir durch Spinnen bei Nacht ſauer verdienen müſſen, Du weißt es ja. Der Schweif des Pfau's dort iſt nicht ſchöner, als Du dazumal warſt. Na, ich mache Dir wieder ein eben ſo ſchönes, dann nehmen Dich die Crxerciermeiſter jede Woche nach der Muſterung mit.“ Hier ließ der Junge das Fell, welches ſeinen Oberkörper be⸗ deckte, fallen, bog ſich vorwärts, ahmte die Gravität eines India⸗ ners nach und ſprach: „Whittal iſt ein Krieger, im Marſch begriffen; er hat nicht Zeit, mit Weibsbildern zu ſchwatzen.“ „Du vergiſſeſt, Bruder, wie ich Dich zu ſpeiſen pflegte, wenn Dich an den kalten Morgen fror und Du zu den Kühen hinaus⸗ mußteſt; ſonſt würdeſt Du mich nicht Weibsbild nennen.“ 6„Haſt Du denn ſchon die Pequods verfolgt? Kannſt Du das Heho mit anſtimmen, wenn die Männer beiſammen ſind?“ „Was iſt das indianiſche Heho gegen das Blöcken Deiner Schafe oder das Rindergebrülle im Gebüſche! Denkſt Du nicht mehr an den Ton der Kuhglocken, wenn ſie Abends im Felde, wo der Nachwuchs des Klees ſtand, heimwärts läuteten?“ Der ehemalige Hirt drehte ſich halb um, und ſchien, gleich einem Hunde, der einen nahenden Tritt merkt, aufzuhorchen. Allein 0 ρ S 8 ͤe 8 2 49 8 301 der Schimmer von Erinnerung war ſchnell wieder verblichen, und im nächſten Moment folgte er dem beſtimmtern, unmittelbarern Drange des Hungers. „So haſt Du denn alles Gehör verloren; ſonſt würdeſt Du nicht ſagen, daß Du den Ton der Kuhglocken nicht kennſt.“ „Haſt je einen Wolf heulen hören!“ rief der Schwächling. „Das iſt ein Ton für einen Jäger! Ich war dabei, als der große Häuptling den geſtreiften Panther darniederſtreckte; kein Krieger im Stamme ſo kühn, der nicht blaß, wie ein hungriges Bleichgeſicht ward, bei den großen Sprüngen des Thiers!“ „Ich will nichts wiſſen von Deinen reißenden Thieren und großen Häuptlingen; laß uns lieber die Tage in's Gedächtniß zu⸗ rückrufen, wo wir jung waren, und Du Vergnügen fandſt an den Spielen eines Chriſtenkindes. Weißt Du nicht mehr, wie die Mutter uns zu erlauben pflegte, in den Freiſtunden im Schnee zu ſpielen?“ „Nipſet's Mutter iſt zu Hauſe im Wigwam, aber er bittet ſie nicht erſt um Erlaubniß, wenn er auf die Jagd will: er iſt ein Mann; kommt der nächſte Schnee, gehört er zu den Kriegern.“ „Alberner Knabe! der verrätheriſche Indianer hat Dir's an⸗ gethan, hat Deiner Schwäche die Feſſeln ſeiner Argliſt umgewor⸗ fen. Deine Mutter, Witthal, war eine chriſtliche Frau und eine Weiße; und ach, gar manchmal trauerte die Gute über Deinen Schwachſinn! Erinnerſt Du Dich denn gar nicht mehr, Undank⸗ barer, wie ſie Dich in Deinen Knabenjahren bei Krankheiten pflegte, Deinen körperlichen Bedürfniſſen entgegenkam? Wer war es, die Dir zu eſſen gab, als Dich hungerte, oder Mitleid mit Deinem Eigenſinn, und Geduld mit Deinen Unarten hatte, während Du Anderen durch Deinen Blödſinn zum Ueberdruſſe wurdeſt?“ Der Halbwilde ſah das erhitzte Geſicht ſeiner Schweſter einen Augenblick an, und man konnte wahrnehmen, daß ſeine innere Anſchauung ein matter Schein vergangener Zeiten durchkreuzte; 30² doch der thieriſche Theil behielt die Dberhand; er fuhr fort, ſeinen Hunger zu ſtillen. „Das geht über menſchliche Geduld!“ rief die ärgerlich wer⸗ dende Glaube.„Sieh mich genau an, Schwächling, und ſag' mir, ob Du Die noch kennſt, welche ſpäter Mutterſtelle bei Dir vertrat; welche es ſich ſauer werden ließ, daß Dir nichts fehle, und bei der alle Deine Klage ein williges Ohr, alle Deine Leiden ein Herz voll Theilnahme fanden. Sieh mich an und ſprich; kennſt Du mich noch?“ 3 „Freilich!“ rief er, und ſein gleichzeitiges Lachen zeigte, daß er ſie wirklich zum Theil wiedererkenne;„es iſt eine Frau der Bleichgeſichter, und ohne Zweifel eine, die nicht eher raſtet, bis ſie alle Pelze in Amerika auf dem Rücken, und alles Wildpret der Wälder in der Küche hat. Haſt Du die Sage erzählen hören, wie's kam, daß jene böſe Race in die Jagdgehege eindrang und die Krieger des Landes ausplünderte?“ Glaube, in ihren Erwartungen getäuſcht, war viel zu ver⸗ drießlich, um dem Narren geduldig zuzuhören; jetzt aber ſtellte ſich Eine an die Seite, die ihr mit ſchweigender Geberde befahl, ſich gutwillig in die Laune des Unglücklichen zu fügen. Es war Ruth, deren Wangenbläße und bewegtes Auge den höchſt ergreifenden Anblick der Sehnſucht und des Schmerzes einer Mutter darbot. Obgleich ſie vor wenigen Minuten erſt unter der Laſt ihrer Leiden ohnmächtig und hülflos niedergeſunken, ſo war es doch gerade dieſer heilige Schmerz, der ihr jetzt wieder Stärke gab, und die Unterſtützung Anderer ſo überflüſſig machte, daß ſelbſt Content, als ſie leiſe bei den Leuten vorüberging, es nicht für nöthig hielt, ihr beizuſtehen, oder ſte zu warnen. Ihr ſtummer Wink ſchien der Schweſter zu ſagen:„Fahre fort, doch habe Nachſicht mit der Gemüthsſchwäche des jungen Menſchen.“ An Verehrung und Folgſamkeit gegen die Herrin ge⸗ wöhnt, gehorchte Glaube, kämpfte ihren ſteigenden Mißmuth nieder, 303 und lenkte, ehe Whittal's träger Ideengang eine andere Richtung nehmen konnte, folgendermaßen ein: „Nun, und was berichten denn die albernen Sagen, von denen Du ſprichſt!“ „Folgendes erzählen die Greiſe in den Dörfern, und was ſie ſagen, iſt heilige Wahrheit: Rund umher ſiehſt Du das Land in Thäler und Hügel ſich ausdehnen, die einſt Bäume erzeugten, ohne die Axt zu fürchten, und auf welchen Wild mit reichlicher Hand ausgebreitet war. In unſerm Stamme gibt's gute Fuß⸗ gänger und Jäger, die gerades Weges vorwärts der untergehenden Sonne zugezogen ſind, bis ihnen die Füße weh thaten, und ihre Augen die Wolken, die über dem Salzſee hängen, nicht mehr ſehen konnten; und dieſe ſagen aus, es ſey überall ſo ſchön wie dort auf dem grünen Berge. Hohe Bäume und ſchattenreiche Wälder, Flüſſe und ſiſchreiche Seen, und Rothwild und Biber in Hülle und Fülle, wie Sand am Merresſtrande. All' dieſes Land und Waſſer nun gab der Große Geiſt den Leuten von rother Haut, denn dieſe liebte er, weil ſie in ihrem Stamme die Wahrheit ſprachen, ihren Freunden treu waren, ihre Feinde haßten, und ſich darauf verſtanden, Hirnhäute zu ſcalpiren. Gut; tauſend Schnee⸗ fälle kamen und ſchmolzen, ſeit ſie dieß Geſchenk empfingen,“ fuhr Whittal in feierlichem Tone fort, wie Jemand, der ſich eines hoch⸗ wichtigen Auftrags entledigt, obgleich er wahrſcheinlich nur wieder⸗ gab, was ſeinem trägen Geiſt durch häufige Wiederholung geläufig geworden war,„und doch ſah man nur Rothhäute das Mooſethier jagen und in den Krieg ziehen. Endlich aber zürnte der Große Geiſt, er verbarg ſein Antlitz vor ſeinen Kindern, weil ſie uneinig unter einander wurden. Da kamen gewaltige Canots von der auf⸗ gehenden Sonne her, und brachten ein ausgehungertes, übelthätiges Volk in's Land. Anfänglich ſprachen die Fremdlinge weich und klagend wie Weiber. Sie baten um Raum für einige Wigwams und ſagten, daß wenn die Krieger ihnen Boden zu Pflanzungen geben wollten, ſo würden ſie ihren Gott bitten, daß er die rothen Leute wieder gütig anſehe. Aber als ſie ſtark wurden, da vergaßen ſie ihre Worte, und bewieſen ſich als Lügenhafte. O! es ſind Dir bübiſche Halunken! Ein Bleichgeſicht iſt ein Panther. Wenn ihn hungert, da kann man im Gebüſch ihn flennen hören, wie ein Kind, das ſich verirrt hat; kommt man ihm aber nahe, ſo nehme man. ſich vor Zahn und Tatze in Acht!“ „Dieſe böswillige Race alſo hat den rothen Kriegern ihr Land weggeraubt?“ „So iſt's! Sie ſprachen wie kranke Weiber, bis ſie Kraft gewonnen hatten; dann aber thaten ſie's an Teufelei und Bosheit den Pequods ſelbſt zuvor, indem ſie den Kriegern brennende Milch zu trinken gaben, und ſie mit feurigen Erfindungen, die ſie aus gelbem Mehl machten, todtſchlugen.“ „Und die Pequods! War ihr großer Krieger nicht mehr am Leben, als die überſeeiſchen Leute ankamen?“ „Ihr ſeyd ein Weib, das nie eine Sage gehört hat, ſonſt müßtet Ihr das beſſer wiſſen! Ein Pequod iſt ein ſchwacher kriechender junger Bär.“ „Aber Du— Du biſt wohl ein Narraganſett?“ „Seh' ich etwa nicht wie ein Menſch aus, daß Du noch frägſt?“ „Ich hatte Dich für einen nähern Nachbar gehalten, für einen mohiganiſchen Pequod. „Die Mohiganer ſind Korbmacher der Yengihs; der Narra⸗ ganſett hingegen ſpringt durch den Wald wie ein Wolf, wenn er das Reh verfolgt.“ „Das iſt ſehr billig, und da Du die Gerechtigkeit Deines Stammes ſo deutlich beſchrieben haſt, ſo leuchtet ſi ſie mir nun auch ein. Wir möchten aber gern mehr von dem großen Stamme er⸗ fahren. Haſt Du je, Witthal, von einem Deiner Landsleute, genannt Miantonimoh, ſprechen hören; es iſt ein ziemlich be⸗ rühmter Häuptling.“ —— ꝙ 305 Während des Verlaufs des vorhergehenden Geſprächs, fuhr der Narr, mit wenig Unterbrechung, zu eſſen fort; allein beim Anhören der letzten Frage ſchien er plötzlich ſeinen Hunger zu vergeſſen, ſchaute einen Augenblick zur Erde und antwortete dann langſam und nicht ohne Feierlichkeit: „Ein Menſch kann nicht ewig leben.“ „Wie!“ ſagte Glaube, indem ſie den auf's Aeußerſte geſpann⸗ ten Zuhörern einen Wink gab, ihre Ungeduld zu bändigen;„Wie! hat er ſein Volk ſchon verlaſſen, und haſt Du mit ihm gelebt, Whit⸗ tal, ehe er ſeinen Tod fand?“ 4 „Er hat Nipſet nie geſehen, noch Nipſet ihn.“— „Ich will nichts von dieſem Nipſet; Du ſollſt mir vom großen Miantonimoh erzählen.“ „Muß man Dir es zweimal ſagen! Der Sachem iſt in das ferne Land gereiſet, und Nipſet wird mit dem nächſten Schneefall ein Krieger.“. Dieſes Abſpringen täuſchte die geſpannte Erwartung Aller, und verurſachte daher eine allgemeine Betrübniß; der Hoffnungs⸗ ſtrahl, der in Ruth's Augen aufgegangen war, eeloſch, und ſie ſah wieder, wie zuvor, einem Schmerzensbilde ähnlich. Indeß wußte Glaube ſämmtliche Umſtehende vom Sprechen zurückzuhalten, und obgleich ſie ſelbſt vor Verdruß ſich genöthigt ſah, eine kleine Pauſe zu machen, ſo ſammelte ſie ſich bald wieder und fuhr fort: „Ich glaubte, der Krieger Miantonimoh befinde ſich noch immer in ſeinem Stamme; in welcher Schlacht iſt er denn gefallen?“ „Mohigan Uncas beging jene böſe That. Die Bleichmänner gaben ihm großen Reichthum als Lohn, daß er den Sachem ermorde.“ „Ach ſo, Du ſprichſt vom Vater; es gab aber noch einen Miantonimoh, ich meine den, welcher als Knabe unter den weißen Leuten gewohnt hat.“ Whittal lauſchte aufmerkſam, ſammelte mit vieler Mühe ſeine Gedanken, ſchüttelte den Kopf, und ſagte: Die Beweinte von Wiſt⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 20 306 „Es hat nie mehr als Einen dieſes Namens gegeben, und wird auch nie einen Zweiten geben. Zwei Adler horſten nicht auf einem und demſelben Baume.“ Hierauf aß er wieder. „Da haſt Du ganz recht,“ verſetzte Glaube; denn ſe wußte recht gut, daß dem widerſprechen, was ihr blödſinniger Bruder vorbrachte, ſo viel hieße, als ihm den Mund ſchließen.„Jetzt erzähle mir etwas von Conanchet, dem gegenwärtigen Sachem der Narraganſetts; demſelben, der kürzlich mit Metacom ein Bündniß geſchloſſen hat, und vor nicht langer Zeit aus ſeinem Wohnort an der See vertrieben wurde, lebt er noch?“ Zum zweitenmale gewahrte man eine Veränderung in des Halbwilden Zügen. Es war nicht mehr der kindiſche Ernſt, mit welchem er die bisherigen Antworten gegeben hatte, ſondern ein Ausdruck überliſtender Verſchlagenheit, der ſich um die Winkel ſeines in der Regel todten Auges ſammelte. Langſam, umſichtig ließ er den Blick umherſchleichen, als erwartete er, den Ver⸗ dacht, den er offenbar zu ſchöpfen begann, durch irgend ein ſichtbares Zeichen in ſeiner Umgebung beſtätigt zu finden. Statt zu antworten, ſetzte er ſein Mahl fort, aber nicht wie ein Hung⸗ riger, ſondern wie Einer, der entſchloſſen iſt, ſich durch keine fer⸗ neren Mittheilungen zu verwickeln. Dieſe Veränderung blieb weder von Glaube noch von Denen unbemerkt, die ſo aufmerkſam dem Gang folgten, den die Frau genommen, um wo möglich eine Lichtſpur zu erſpähen in dem Ideengewirr eines Blödſinnigen, dem es aber, wie ſich jetzt zeigte, nöthigenfalls nicht an der Verſchmitzt⸗ heit eines Wilden fehlte. Klüglich verſuchte ſie daher, ſeine Ge⸗ danken auf andere Dinge zu lenken, indem ſie ihre bisherige Un⸗ terſuchungsmethode änderte. „Ich wette,“ ſagte ſie,„Du fängſt jetzt an, Dich der Zeiten zu entſinnen, wo Du das Vieh in's Gebüſch führteſt, und wie Du damals gewohnt warſt, Glaube zuzurufen, daß ſie Dir zu eſſen 307 gebe, wenn Du, müde vom vielen Umherlaufen nach den zerſtreuten Kühen, heimkehrteſt. Biſt Du wohl einmal ſelbſt von den Narra⸗ ganſetts überfallen worden, Whittal, als Du noch im Hauſe eines Bleichgeſichts wohnteſt?“ Er hörte wieder auf zu eſſen, und ſchien abermals nachzu⸗ denken, ſo angeſtrengt, als es einem Menſchen von ſo ſchwachem Ver⸗ ſtande nur möglich. Bald indeſſen ſchüttelte er verneinend den Kopf, und machte ſich ſchweigend wieder an das behagliche Kaugeſchäft. „Wie! biſt zum Krieger herangewachſen, und haſt nie eine Hirnhaut ſcalpiren, nie an einem Wigwam Feuer anlegen ſehen?“ Hier legte er das Brod bei Seite, und wendete ſich gegen die Sprechende. Immer wilder und grimmiger ward der Ausdruck ſeines Geſichts, bis er ſich einem brüllenden Hohn⸗ und Triumph⸗ gelächter überließ. Dann beliebte ihm endlich zu antworten: „Verſteht ſich. Wir zogen Nachts gegen die lügneriſchen Yengihs, und kein Waldbrand hat je die Erde ſo ausgedorrt, wie wir ihre Felder verſengten. Aus allen ihren ſtolzen Häuſern haben wir Kohlenhaufen gemacht.“ „Wo und wann habt ihr denn dieſe Handlung tapfrer Rache ausgeführt?“ „Ha, ha, den Platz hatten ſie nach dem Nachtvogel benannt; als wenn ein Indianiſcher Name ſie ſchützen könnte gegen ein Indianiſches Niedermetzeln!“ 1 „Aha! Du ſprichſt jetzt von dem Vogel Wiſh⸗Ton⸗Wiſh! Aber bei dem unbarmherzigen Brand gehörteſt Du ja zu der Parthei der Beſiegten, nicht der Sieger.“ „Das lügſt Du, wie ein ſpitzbübiſches Weib der Bleichgeſichter, weißt Du das! Nipſet war freilich nur ein Knabe bei jenem Kriegszuge, aber er ging mit den Seinigen. Ich ſag’' Dir, wir verſengten Alles bis auf die Erde, und nicht ein einziges Haupt von der ganzen Siedelung hat ſich je wieder aus der Aſche erhoben.“ Trotz ihrer großen Selbſtbeherrſchung und des Ziels, auf das ſie unverwandten Strebens hinarbeitete, ſchauderte ſte, wie ihr Bruder mit ſo blutgierigem Behagen ſich an der allumfangenden Rache erging, die er, in ſeinem Wahn ein Indianer, an den Weißen genommen zu haben glaubte. Beſorgt indeſſen, einen Wahn nicht zu zerſtören, welcher ihr vielleicht zu der erſehnten, ſo lange vereitelten Entdeckung von Nutzen ſeyn dürfte, hatte ſie Geiſtesgegenwart genug ihren Abſcheu zu unterdrücken, und fuhr fort: „Das iſt wahr... Einige ſind gewiß verſchont worden... Die Krieger werden ja wohl Gefangene mit in ihre Dörfer geführt haben. Du haſt doch nicht Alle todtgeſchlagen?“ „Alle.“ „Nun ja... Du ſprichſt jetzt von den Elenden, die in dem bren⸗ nenden Thurm eingeſperrt waren; aber... aber Einige draußen, ſind Dir vielleicht in die Hände gefallen, ehe die Belagerten ſich in das Blockhaus retteten. Gewiß... Du haſt nicht Alle erſchlagen.“ Das ſchwere Athmen Ruth's feſſelte Whittal's Ohr; er kehrte ſich nach ihr hin und ſah ſie einen Augenblick ſtier und verwundert an. Dann aber ſchüttelte er wieder den Kopf, und antwortete dumpf und mit Beſtimmtheit: „Alle; ja, da half den Weibern kein Gekreiſch, den Kindern kein Gewinſel!“ „Aber es gibt ja ein Kind... ich wollte ſagen eine Frau in Deinem Stamm, die eine hellere Haut und eine andere Geſtalt hat, als die meiſten Frauen Deiner Landsleute. Iſt die nicht vor dem Brand in Wiſh⸗Ton⸗Wiſh gefangen weggeführt worden?“ „Meinſt Du, das Reh kann mit dem Wolf zuſammen leben, oder haſt Du jemals die feigherzige Taube in einem Falkenneſt gefunden?“ „Biſt Du ja doch ſelbſt von einer andern Farbe, Whittal, und warum ſollteſt denn Du der einzige ſeyn?“ Der jnnge Mann ſah ſeine Schweſter lange mit merklichem Miß⸗ fallen an, hierauf drehte er ſich plötzlich nach ſeinem Brod um und murmelte vor ſich hin: 309 „Der lügende Yengihs hat nicht mehr Wahrheit im Leibe, als Feuer im Schnee iſt.“ „Vielleicht, daß eine ſpätere Unterſuchung ein glücklicheres Reſultat herbeiführt,“ ſagte ſchweraufſeufzend Content;„für jetzt müſſen wir ſie abbrechen, denn dort kommt Jemand aus den Ufer⸗ ſtädten auf das Haus zugeritten, der einen beſondern Auftrag zu haben ſcheint, indem er an dieſem heiligen Tage reiſet und ſo ge⸗ ſchäftig ausſieht.“ Da der vom Dorfe her Kommende von Jeglichem geſehen werden konnte, ſo zog ſein plötzliches Erſcheinen das Intereſſe, welches ein Ereigniß, allbekannt im Thale, bis jetzt auf Whittal vereinigt hatte, nunmehr von dieſem ab. Die frühe Stunde, die Eile, mit welcher der Fremde ſein Pferd anſpornte, und der Umſtand, daß er bei der offnen und zum Einkehren einladenden Thüre des Wirthshauſes vorüberritt, ver⸗ kündeten ihn als einen Boten der Colonial⸗Regierung, der wahr⸗ ſcheinlich dem jungen Heatheote, der höchſten Autorität in dieſer entfernten Niederlaſſung, eine wichtige Mittheilung überbrachte. Dieſe und ähnliche Bemerkungen liefen von Mund zu Mund, und der Fremde ritt noch nicht zum Hofthor herein, als ſchon Jeder⸗ manns Neugierde hochgeſpannt war. Unmittelbar nachdem er vom Pferde geſtiegen, trat er, vom Staube ganz bedeckt und mit dem Ausſehn eines Menſchen, der die ganze Nacht durch geritten, in die Halle, ſich dem Mann, an den ſeine Botſchaft gerichtet war, vorzuſtellen. „Ich habe Ordres für Kapitän Content Heathcote,“ ſagte er mit der ſteifen und wenig freundlichen Verbeugung gegen die An⸗ weſenden, die ſeiner Klaſſe eigenthümlich war. „Er iſt hier, um ſte zu empfangen und denſelben Folge zu leiſten,“ war die Antwort. Der Reiſende hatte etwas von der Geheimthuerei an ſich, welche gewiſſen Leuten ſo wohlthut, die, unfähig, durch andere 310 Mittel Achtung zu gebieten, aus Dingen gern Geheimniſſe machen, welche ohne Gefahr laut verkündet werden können. Dies Gefühl mochte es denn auch ſeyn, das ihn den Wunſch ausſprechen ließ⸗ ſeine Mittheilung unter vier Augen zu machen. Content machte eine gelaſſene Geberde, daß er ihm folgen möchte, und ging voran in ein inneres Gemach des Hauſes. Da dieſe Unterbrechung nun einmal den Gedanken der Zuſchauer des vorangegangenen Auftrittes eine neue Richtung gab, ſo wollen wir die Gelegenheit benutzen, um eine Abſchweifung zu machen, und den Leſer mit einigen, zum Verſtändniß des Folgenden nöthigen, allgemeinen Erörterungen unterhalten. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ueberleget wohl, was Ihr thut, Herr, damit ihr nicht Gewalt übt ſtatt Gerechtigkeit. Winter⸗Mährchen. Die Pläne des berühmten Metacom waren durch die Treu⸗ loſigkeit eines ſubalternen Kriegers, Namens Sauſaman, den Ko⸗ loniſten verrathen worden. Die Beſtrafung dieſes Verraths führte zur Unterſuchung, und dieſe endigte mit einer ſchweren Anklage gegen den großen Sachem der Wompanoags. Zu ſtolz, ſich vor verhaßten Feinden zu vertheidigen, vielleicht auch nicht viel Ver⸗ trauen auf ihre Milde ſetzend, machte Metacom jetzt aus ſeinen Intriguen kein Geheimniß mehr, ſondern warf die Friedenszeichen bei Seite, und erſchien öffentlich mit bewaffneter Hand. Das Trauerſpiel hatte ungefähr ein Jahr vor der Zeit be⸗ gonnen, bei der wir in unſrer Erzählung angelangt ſind. Eine Scene, nicht unähnlich der früher in dieſen Blättern geſchilderten, hatte ſtattgefunden; ſchonungslos, ohne Gewiſſensbiſſe ließen die Wilden den Feuerbrand, das Scalpirmeſſer und die Streitaxt zerſtörend wüthen. Aber nicht einzeln, wie der Ueberfall in Wiſh⸗ 311 Ton⸗Wiſh, blieb dieſer Schreckensauftritt; ihm folgten ähnliche Schlag auf Schlag, bis ganz Neu⸗England von dem früher bereits erwähnten Kriege überzogen war. Die Geſammtbevölkerung der Weißen in den Kolonien Neu⸗ Englands war nicht lange vorher auf hundert und zwanzig tauſend Seelen geſchätzt worden, und die Streitfähigen in dieſer Anzahl auf ſechszehn tauſend. Wäre dem Metacom Zeit vergönnt geweſen, ſeine Pläne zur Reife zu bringen, unſchwer würden Kriegerhaufen von ihm geſammelt worden ſeyn, die, unterſtützt durch ihre Bekannt⸗ ſchaft mit den Wäldern, und an die Entbehrungen eines Krieges dieſer Art gewöhnt, der zunehmenden Stärke der Weißen ernſtliche Gefahr bringen konnten. Der unermüdliche Metacom hatte, gleich dem Indianiſchen Helden unſerer eigenen Tage, Tecumthe, manches Jahr damit zugebracht, alle Zwiſte zu beſchwichtigen, die Eiferſüch⸗ teleien der Stämme einzuſchläfern, damit alle rothen Leute ſich vereinigen möchten, einen Feind zu vertilgen, welcher, blieb er länger ungeſtört in ſeinem Fortſchreiten zur Macht, bald zu furcht⸗ bar für ihre vereinten Kräfte zu werden drohte. Der zu ſchnelle Ausbruch wendete gewiſſermaßen die Gefahr ab. Durch ihn ge⸗ wannen die Engländer Zeit, dem Stamm ihres Hauptfeindes mehrere herbe Niederlagen beizubringen, ehe deſſen Bundesgenoſſen ſich ent⸗ ſchieden hatten, gemeinſchaftliche Sache mit ihm zu machen. Der Sommer und Herbſt des Jahres 1675 vergingen unter lebhaften Feindſeligkeiten zwiſchen den engliſchen Koloniſten und den Wom⸗ panoags, ohne daß ein anderer Wildenſtamm daran Theil genommen haͤtte. Ein Theil der Pequods, nebſt einigen ihnen unterworfenen Stämmen, ſchlug ſich ſogar zu den Weißen, und die geſchichtliche Ueberlieferung erzählt, daß die Mohiganer mit Vortheil benutzt wurden, den Sachem zu beläſtigen, als er ſeinen wohlbekannten Rückzug aus jener Landenge machte, wo die Engländer ihn einge⸗ klemmt hielten, in der Hoffnung, ihn durch Hunger zur Unter⸗ werfung zu zwingen. Der Krieg während des erſten Sommers war, wie zu erwarten ſtand, in ſeinen Erfolgen ſehr ſchwankend, da das Glück den Kupfer⸗ farbenen, in ihren abgebrochenen, aber oft wiederholten Ausfällen eben ſo oft günſtig war, als ihren mehr diseiplinirten Feinden. Statt ſeine Operationen auf ſein eigenes kleines Gebiet zu be⸗ ſchränken, das leicht umzingelt werden konnte, hatte Metacom ſeine Krieger in die entfernten, am Connectieut gelegenen Siedelungen geführt, und im Verlauf der in dieſem Feldzuge vorgefallenen Feindſeligkeiten geſchah es zuerſt, daß mehrere Städte an dieſen Flüſſen angegriffen und in Brand geſteckt wurden. Mit der kalten Witterung trat eine Art von Waffenſtillſtand zwiſchen den Wom⸗ panvags und den Engländern ein, indem die Kolonial⸗Truppen großentheils in ihre Heimath zurückkehrten, und die Indianer ihrer⸗ ſeits eine Pauſe machten, um vor ihrer letzten Anſtrengung Kräfte zu ſammeln. „Noch vor dieſer Einſtellung der thätigen Feindſeligkeiten jedoch hatten die ſogenannten„Kommiſſarien“ der vereinigten Kolonien eine Zuſammenkunft, um über die Mittel zu einem planmäßigen Widerſtande zu berathen. Die Thatſache, daß ſich ein feindſeliges Gefühl an allen Grenzen zu verbreiten begann, ließ ſie einſehen, daß ſie es nicht wie früher mit vereinzelten Feinden zu thun hätten, indem ein Anführergeiſt ſo viele Einheit des Plans in die Bewe⸗ gungen der Feinde brachte, als wahrſcheinlich jemals bei einem Volke bewirkt werden konnte, das ſo entfernt von einander wohnt und in ſo viele Unterabtheilungen zerſplittert iſt. Die Koloniſten entſchieden,— ob mit Recht oder Unrecht, laſſen wir dahin ge⸗ ſtellt,— daß der Krieg von ihrer Seite ein rechtmäßiger ſey. Demgemäß wurden große Anſtalten gemacht, denſelben folgenden Sommer auf eine, den gegenwärtigen Kräften und Bedürfniſſen angemeſſenere Weiſe fortzuführen. Zu dieſen Vorkehrungen gehörte die Anordnung, daß ein Theil der Koloniſten von Connecticut in's Feld rücken ſollte; daher treten denn auch die Haupt⸗Charaktere — 1 — ͤ—————,— P⸗pd 2 313 unſerer Erzählung dem Leſer in der beſchriebenen kriegeriſchen Ver⸗ faſſung entgegen. Die Narraganſetts hatten zwar Anfangs an den feindlichen Ueberfällen in den engliſchen Anſiedelungen keinen öffentlichen Antheil genommen; allein den Koloniſten kamen bald Thatſachen zu Ohren, welche ihnen über die feindliche Stimmung dieſer Nation keinen Zweifel übrig ließen. Von der jungen Mannſchaft dieſer Wilden hatte ein großer Theil ſich den Kriegern Metacom's angeſchloſſen, und in ihren Dörfern fanden ſich Waffen vor, die ſie den bei ver⸗ ſchiedenen Gefechten gefallenen Weißen abgenommen hatten. Eine der erſten Maaßregeln der Kommiſſarien daher war, einem ernſt⸗ lichern Angriffe von der Seite her durch einen kräftigen Streich gegen dieſe Nation zuvorzukommen. Die zu dieſem Zweck zuſammen⸗ gebrachten Streitmaſſen waren vielleicht die bedeutendſten, welche die Engländer bis dahin jemals in den Kolonien verſammelt hatten. Sie beſtanden aus tauſend Mann, davon ein anſehnlicher Theil Kavallerie, eine Truppengattung, welche, wie ſpätere Erfahrung bewährt hat, bei Kriegen gegen einen ſo ſchnellfüßigen und ver⸗ ſchlagenen Feind ſich als ganz vorzüglich brauchbar bewies. Die Ueberrumpelung fand mitten im Winter ſtatt, und war entſetzlich verheerend für die Angegriffenen. Nicht als ob der Sieg der Koloniſten ohne merklichen Verluſt erkauft worden wäre; denn die Gegenwehr, welche ſie von Conanchet erfuhren, war in jeder Beziehung des Rufes würdig, welchen dieſer Fürſt der Narragan⸗ ſetts wegen ſeines Muthes und ſeiner großen Geiſtesgaben genoß. Der junge Sachem hatte den ſtreitbaren Theil ſeines Volks um ſich her verſammelt, und mit demſelben auf einem Stück feſten Bodens, das in der Mitte eines mit dichtem Geſtrüpp überwach⸗ ſenen Sumpfs belegen war, Poſten gefaßt. Alle ſeine Vorberei⸗ tungen zur Vertheidigung zeugten von einer ungewöhnlichen Be⸗ kanntſchaft mit den militäriſchen Hülfsmitteln der Europäer. Das Dorf war befeſtigt, und die Koloniſten ſahen ſich in die unerwartete Nothwendigkeit verſetzt, eine mit Palliſaden verſehene Bruſtwehr eine Art von Redoute, und ein regelmäßiges Blockhaus einzuneh⸗ men, ehe ſie in das Dorf ſelbſt eindringen konnten. Der erſte Sturm wurde mit Verluſt für die Europäer von den Indianern abgeſchlagen; der Erſteren beſſere Waffen und größere Uebereinſtimmung im Angriff ſicherten ihnen indeſſen nach einem mehrſtündigen Kampfe, und nachdem die Wilden faſt gänzlich um⸗ zingelt waren, den Sieg. 4 Die Begebenheiten jenes denkwürdigen Tages machten einen um ſo tieferen Eindruck auf die Weißen in jenen Gegenden, als ihre Gemüther, ſelten durch großartige Vorfälle bewegt, ſich nur mit den alltäglichen Angelegenheiten des Lebens beſchäftigten. Die Schlacht war noch immer der Gegenſtand des angelegentlichen und nicht ſelten nieder ſchlagenden Geſprächen der Koloniſten, wenn ſie traulich am häuslichen Heerde ſaßen; wir ſagen„nieder⸗ ſchlagend,“ denn dem erfochtenen Siege ſpielte ſo Manches mit bei⸗ was, wie unvermeidlich es auch ſeyn mochte, nur zu ſehr geeignet war, bei gewiſſenhaften Religionsbekennern Zweifel über die Recht⸗ mäßigkeit ihrer Sache zu erregen. Wenn die Ueberlieferung Wahr⸗ heit ſpricht, ſo wurde bei jener Affaire ein Dorf von nicht weniger denn ſechshundert Hütten eingeäſchert, und Hunderte von Todten und Verwundeten vom ſchrecklichen Feuer verzehrt. Man ſchätzte die Zahl der gebliebenen Indianer auf Tauſend, und da dieſe ge⸗ rade den Kern der Nation ausmachten, ſo hat ſie ſich von dieſem Schlage nie wieder erholt. Inzwiſchen waren auch der Umgekom⸗ menen von Seiten der Koloniſten nicht wenig, und die Zeitung des Sieges war für unzählige Familien eine Botſchaft der Trauer. Eine ausgezeichnete Rolle bei dieſer tragiſchen Scene ſpielten die Bewohner des Wiſh⸗Ton⸗Wiſh⸗Thales, unter der Anführung von Content. Auch ſie zählten ihre Todten. Um ſo zuverſichtlicher war bei dieſen guten Menſchen die Hoffnung, in einer langen Dauer — 315 des, in ihrer abgelegenen und entblößten Lage doppelt wünſchens⸗ werthen Friedens, Entſchädigung zu finden. . Die Narraganſetts waren aber nichts weniger als gänzlich zur Ruhe verwieſen. Während der Monate der trüben Jahreszeit ſetzten ſie bald dieſe, bald jene Gränzgegend in Schrecken, und ein paar⸗ mal fand ihr heroiſcher Fürſt, Conanchet, Gelegenheit, ſich für die ſeinem Volke ſo verhängnißvolle Niederlage auf eine ausgezeichnete Weiſe zu rächen. Mit dem Eintritt des Frühlings wurden auch die Ueberfälle häufiger, und die Vorzeichen der Gefahr ſo zahlreich, daß ein abermaliger Ruf zu den Waffen unausweichlich blieb. Der am Ende des letzten Abſchnittes auftretende Regierungs⸗ bote brachte Aufträge, die mit dieſen Kriegsangelegenheiten in enger Beziehung ſtanden, und wirklich war die ſpecielle Mittheilung, ſo er dem Oberhaupte der Militärmacht des Thales zu machen hatte, und wozu er ſich eine Privataudienz ausgebeten, von dringender Natur. „Euch ſtehen hochwichtige Geſchäfte bevor, Kapitän,“ ſagte der eilige Courier, als er ſich mit Content allein ſah.„Die Ordres Sr. Herrlichkeit lauten: weder Peitſche„noch Sporn zu ſchonen, bis alle Angeſeheneren unter den Gränzbewohnern in Kenntniß ge⸗ ſetzt find, wie gefährlich es um die Lage der Koloniſten ſtehe.“ „Iſt irgend was Bedeutendes vorgefallen, daß der Gouverneur eine mehr als gewöhnliche Wachſamkeit für nöthig erachtet? Wir gaben der Hoffnung Raum, daß die Gebete der Frommen nicht vergeblich ſeyn, und eine friedliche Zeit folgen würde auf jene Gräͤuelſcenen, denen wir, durch unſern geſelligen Vertrag gebun⸗ den, zwar beiwohnen mußten, die uns aber deſſenungeachtet mit Abſcheu und Gram erfüllten. Nicht anders, Freund, der blutige Sturm des Dorfes Pettyquamſcott hat uns aufs Tieſſte erſchüttert, ja hat ſogar Zweifel erregt, ob wir auch zu Allem, was geſchehen, Befugniß hatten.“ „Eure Verſöhnlichkeit verdient Anerkennung, Kapitän Heath⸗ cote; doch ſolltet Ihr Euch nicht noch eines andern Auftritts 316 entſinnen, als desjenigen, welcher einen ſo erbarmungsloſen Feind beſtrafte? Am Geſtade wenigſtens will man wiſſen, das Wiſh⸗ Ton⸗Wiſh⸗Thal habe auch ſchon ſeinen Tag der Heimſuchung er⸗ lebt, und die Leute erzählen ſich wunderliche Dinge von dem, was die Bewohner in jener grauſamen Nacht gelitten haben ſollen.“ „Was wahr iſt, darf nicht geleugnet werden, ſelbſt nicht wenn Leugnen Nutzen ſtiften würde. Allerdings haben ich und die Mei⸗ nigen bei dem in Rede ſtehenden Ueberfall ſchwer gelitten; nichts⸗ deſtoweniger aber war es ſeitdem unſer beſtändiges Streben, das Geſchehene als eine Züchtigung der Söttlichen Gnade anzuſehen, als eine Heimſuchung wegen mannigfacher Sünden, und nicht als ein Gedenkzeichen zu Aufregungen und Leidenſchaften, die, wie die Vernunft und die chriſtliche Liebe gebieten, ruhen ſollen, ſo ſehr als bei der Schwäche der menſchlichen Natur möglich iſt.“ 1 „Das iſt recht ſchön, Kapitän Heatheote, und ganz der be⸗ liebteſten Kirchenlehre gemäß,“ erwiederte der Fremde, und— ſey es nun, weil das Reiſen während der letzten Nacht ihn ſchläfrig, oder weil die ernſthafte Materie ihm Langeweile machte— gähnte ein wenig;„hat aber mit unſern jetzigen Pflichten nichts zu ſchaffen. Mein Auftrag betrifft ganz vorzüglich die gründlichere Ausrottung der Indianer, nicht aber die innere Prüfung der Beſchaffenheit unſerer Gemüthszweifel, inwiefern es recht oder geſetzmäßig ſeyn dürfte, Selbſtvertheidigung auszuüben. Es gibt keinen unwür⸗ digen Einwohner in der Kolonie von Connectieut, mein Herr, der ſich der Sorgfalt, aufrichtige Gewiſſenhaftigkeit zu bewahren, eif⸗ riger befleißigt hätte, als der ſchuldbeladene Sünder, welcher hier vor Euch ſteht; denn ich habe das ausnehmende Glück, unter den Ausgüſſen eines Geiſtes zu ſitzen, der, was köſtliche Gnadengaben anbelangt, von wenig Sterblichen übertroffen wird. Ich ſpreche nämlich von Dr. Calvin Pabſt, einem höchſt würdigen, ſeelenbe⸗ ruhigenden Geiſtlichen, der freigebig mit dem Sporn umgeht, wenn das Gewiſſen angeſtachelt ſeyn will; aber auch nicht anſteht, —— reichlichen Troſt Denjenigen zu ſpenden, welche ein Erkenntniß von ihrer gefallenen Natur erlangt haben; unermüdlich in ſeinen Anpreiſungen der Liebe, der Demuth, der Nachſicht mit den Schwächen der Freunde und der Vergebung gegen Feinde, als der Hauptmerkmale eines wiedergebornen geiſtigen Lebens. Es kann mithin nur wenig Grund vorhanden ſeyn, der Geiſtes⸗Recht⸗ ſchaffenheit Derer zu mißtrauen, unter welchen der reiche Schatz ſolcher Predigt ausgetheilt wird. Wenn es ſich aber um Leben und Tod handelt, wenn es die Beherrſchung und das Beſitzthum dieſer ſchönen Gebiete betrifft, ſo der HErr gegeben— ei nun, Herr, dann ſage ich, daß es uns, wie den Iſraeliten, als ſie mit den gottloſen Bewohnern Canaans kämpften, gezieme, feſt an einander zu halten, und ein Auge voll Mißtrauen auf die Heiden zu werfen.“ „Deine Rede mag Wahres enthalten,“ bemerkte Content mit Niedergeſchlagenheit:„es bleibt aber nichtsdeſtoweniger erlaubt, die Nothwendigkeit dieſes ganzen Streites zu bedauern. Ich hegte die Hoffnung, daß die an der Spize unſrer Angelegenheiten Stehenden, um die Wilden zur Vernunft zurückzuführen, lieber die minder ge⸗ waltſamen Mittel der Ueberredung verſuchen würden, als zu den Waffen greifen. Von welcher Art iſt Dein beſonderer Auftrag?“ „Von äußerſt dringender, Herr, wie Ihr aus meiner Dar⸗ ſtellung ſehen werdet,“ verſetzte der Redner mit gedämpfter Stimme, wodurch er verrieth, daß er ſich beſſer auf die dramatiſchen Künſte der Diplomatik verſtand, als auf die geiſtigeren Erforderniſſe der⸗ ſelben.„Ihr waret Zeuge der Züchtigung von Pettyquamſcott, und bedürfet daher keiner Schilderung der Art, wie der HErr an jenem gnadenreichen Tage mit unſeren Feinden verfuhr; da Ihr aber von den täglich vorfallenden Unruhen in der Chriſtenheit ſo entfernt lebet, ſo wiſſet Ihr vielleicht nicht, wie die Wilden jene Züchtigung aufgenommen haben. Der raſtloſe und noch unbe⸗ zwungene Conanchet hat ſeine Flecken verlaſſen und ſich in die 318 offenen Wälder geflüchtet; dort ſtets die Stellung und die Streit⸗ kräfte des Feindes ausmitteln, geht über die Geſchicklichkeit und Erfahrung unſerer disciplinirten Leute. Die Folgen laſſen ſich leicht errathen. Die Wilden haben überfallen und theils gänzlich, theils in großen Maſſen verheert: erſtlich, Lancaſter am 10ten vergangenen Monats(an den Fingern zählend), wo Viele gefangen abgeführt wurden; zweitens, Marlborough am 12ten; am 13ten Groton; Warwick am 17ten, und Rehoboth, Chelmsford, Andover, Wey⸗ mouth, nebſt verſchiedentlichen anderen Orten, zwiſchen dem letzt⸗ angeführten Tage und dem, wo ich vom Aufenthaltsort Sr. Herr⸗ lichkeit abreiſ'te. Pierce von Scituate, ein wackerer Kriegsmann, und zwar von großer Erfahrung in der Indianiſchen Kriegesliſt, iſt mit ſeiner ganzen Kompagnie zuſammengehauen worden, und Wadsworth und Brocklebank, Männer von verdientem Ruf wegen ihres Muthes und ihrer Fähigkeit, haben ihre Gebeine in den Wäldern gelaſſen und ſchlafen mit ihren unglücklichen Gefährten auf gemeinſamer Stätte.“ 2 „Dies iſt in der That eine Kunde, bei der man die gottver⸗ laſſene Beſchaffenheit der menſchlichen Natur beweinen muß,“ ſagte Content, deſſen mildes Gemüth eine ſolche Nachricht allerdings in die aufrichtigſte Trauer verſetzen mußte.„Leicht iſt es freilich nicht abzuſehen, wie dem Uebel anders geſteuert werden könne, als durch eine Schlacht!“ „Dieſer Meinung iſt Se. Herrlichkeit auch, ſo wie alle ſeine Räthe. Wir haben genug von den Handlungen der Feinde in Kenntniß gebracht, um uns überzeugt zu halten, daß der Fürſt alles Böſen, in der Perſon des ſogenannten Philip, überall längs der ganzen Linie unſerer Gränzen wüthend hauſe, indem er die Wildenſtämme aufwiegelt, ihnen die Nothwendigkeit des Wider⸗ ſtandes gegen weitere Eingriffe vorſpiegelnd, und alle Mittel ſchlauer Teufelsliſt aufbietend, um ſie zur Rache anzuſtacheln.“ εʃ 8———— 319 „Und welche Verfahrungsart bei dieſer drangvollen Lage hat die Weisheit unſerer Regierung für gut geheißen?“ „Vor Allem iſt ein Faſten anbefohlen worden, damit wir den Dienſt antreten als Menſchen, die ſich durch geiſtigen Kampf und tiefe Selbſtprüfung gereinigt haben; ſodann wird den Gemeinden der Rath ertheilt, gegen alle Abtrünnige und Uebelthäter mit mehr als gewöhnlicher Strenge zu verfahren, auf daß unſre Oerter nicht das göttliche Mißfallen auf ſich herniederziehen, wie Denen geſchah, die in den zum Verderben beſtimmten Städten Kanaans wohnten; drittens iſt beſchloſſen worden, den Fügungen der Vorſehung unſern ſchwachen Beiſtand dadurch zu bringen, daß wir das Kontingent der Milizen in activen Dienſt rufen; endlich beabſichtigt man, der Ausſaat der Rache entgegenzuwirken, indem man eine angemeſſene Belohnung für die Köpfe unſerer Feinde anbietet.“ „Mit den drei erſten dieſer Maaßregeln bin ich einverſtanden; es ſind die herkömmlichen und erlaubten Mittel chriſtlicher Völker,“ ſagte Content;„die letzte Maaßregel aber erfordert viel Umſicht in der Ausführung, und ſetzt unlautere Abſichten in Thätigkeit.“ „Seyd unbeſorgt; unſere Regierung iſt ſo ökonomiſch zu Werke gegangen, als unſere Umſtände nur heiſchen können; ſie hat einen ſo hochwichtigen Punkt nicht beſchloſſen ohne vorherige reifliche Ueberlegung. Der Plan iſt, als Belohnung nur die Hälfte von dem aufzuſtellen, was die ältere und reichere Schweſter⸗Kolonie an der Bai anbietet, und ob für Feinde zarteren Alters überhaupt ein Preis angeſetzt werden ſolle, oder nicht, iſt eine noch nicht ent⸗ ſchiedene, ſchwierigen Berathungen noch vorliegende Frage. Und nun, Kapitän Heatheote, mit der gütigen Erlaubniß eines ſo acht⸗ baren Unterthans, ſchreite ich zur Auseinanderſetzung der Stärke und Beſchaffenheit der Truppenmacht, welche Ihr, wie man er⸗ wartet, im nächſten Feldzug ſtellen und perſönlich anführen werdet.“ Das Reſultat deſſen, was der Bote vorbrachte, wird ſich aus dem Verfolg der Erzählung ergeben; es iſt daher unnöthig, den 320 Leſer ferner mit ſeiner Auseinanderſetzung zu unterhalten; wir laſſen nun Content mit ſeiner ernſtlichen Conferenz beſchäftigt, und begeben uns zu den anderen, in der Handlung auftretenden Perſonen. Als die Ankunft des Fremden Glaube in ihrer Unterſuchung unterbrach, hatte ſie eben, wie erzählt worden, einen neuen Weg eingeſchlagen, um dem verworrenen Geiſte ihres Bruders Funken einer richtigern Befinnung zu entlocken. Von dem größten Theil der Hausgenoſſen begleitet, führte ſie ihn nun auf den Gipfel der wohl⸗ bekannten Anhöhe, jetzt gekrönt mit dem Grün eines jungen, herr⸗ lich aufſprießenden Obſtgartens. Hier ſtellte ſie ihn an den Fuß der Ruine, in der Hoffnung, in ihm eine Reihe von Erinnerungen anzuregen, die ſich an lebendigere Eindrücke knüpften, und dadurch vielleicht jenen wichtigen Umſtand auszumitteln, nach deſſen Auf⸗ klärung ſich alle ſo ſehr ſehnten. Der Verſuch mißlang. Der Platz, wie überhaupt das ganze Thal, war ſo durchgängig umgeſtaltet worden, daß ſelbſt ein von der Natur reichlicher bedachter Menſch hätte anſtehen können, zu glauben, daß der eine und das andere dieſelben wären, die wir früher in dieſen Blättern geſchildert haben. Dieſe raſche Verän⸗ derung von Gegenſtänden, welche anderswo eine lange Reihe von Jahren daſſelbe Ausſehen behalten, iſt allen Bewohnern der jün⸗ geren Gegenden der Union eine wohlbekannte Thatſache, und den ſchnell ſich folgenden Verbeſſerungen zuzuſchreiben, welche in einer Anſiedelung während ihrer erſten Anfänge natürlich vorgenommen werden. Schon die bloße Fällung eines Waldes gibt der Ausſicht einen weſentlich verſchiedenen Charakter; in einem Dorfe und in angebauten Feldern aber die Spuren eines Platzes wiederzufinden, den man lange vorher als den Aufenthalt wilder Thiere kannte, iſt, wie jung auch das Dorf, wie unvollkommen auch der Anbau noch ſeyn mag, nichts weniger als leicht. Längſt ſchlummernde Erinnerungen hatten die Züge, ganz be⸗ ſonders aber das Auge der Glaube, im Geiſte Whittal Ring's 1 321 geweckt, und wie unzuſammenhängend und trübe ſie auch waren, reichten ſie doch hin, jenes ehemalige Vertrauen von Neuem zu beleben, welches er beim Eröffnen der Unterſuchung nur in ſehr geringem Grade zu erkennen gegeben hatte. Sich aber auf Dinge beſinnen können, die in keiner ſeiner lebendigeren Empfindungen einen Anklang fanden, und die auch an ſich eine ſo bedeutende Um⸗ wälzung erlitten hatten, das war mehr, als ſeine ſchwachen Seelenkräfte vermochten. Und dennoch, ganz ohne Regungen ſeines Innern ließ ſelbſt dieſen blödſinnigen Menſchen der Blick auf die Ruine nicht. Obgleich das Gras um die Baſis des Thurmes im vollen Schmelz und Glanz des Frühſommers ſtand, obgleich ſein Geruchsſinn von dem köſtlichen Duft des wilden Klee's in Anſpruch genommen war; die ſchwarzen, zerriſſenen Mauern, die Stellung der Ruine, die Ausſicht auf die Berge rund herum, die freilich jetzt großentheils vom ehemaligen Gebüſch gelichtet waren: das alles hatte offenbar etwas, was ſeine früheſten Eindrücke leiſe be⸗ rührte. Er ſah den Platz an, wie etwa ein Hund ſeinen Herrn, nachdem er ihn ſo lange verloren, daß ſelbſt der Naturinſtinkt er⸗ ſchlafft iſt; hin und wieder verſuchten der Eine oder der Andere von den Umſtehenden, die matten Umriſſe des ſich geſtaltenden Bildes zu ſchärfen, und dann ſchien's wirklich, als würde das Ge⸗ dächtniß den Sieg davon tragen, als würden die Wahnbilder, womit Gewohnheit und Indianerſchlauheit ſeinen trägen Geiſt um⸗ nebelt hatten, vor dem Lichte der Wirklichkeit ſchwinden. Allein die Reize eines Lebens, das, bei vollkommener Entbundenheit der Natur, die bezaubernden Freuden der Jagd und der Wälder dar⸗ bot, gaben nicht ſo leicht ihre Gewalt über ein ſolches Weſen auf. Wenn Glaube mit ſeelenkünſtleriſcher Feinheit ihn auf die körper⸗ lichen Genüſſe zurückbrachte, denen er im Knabenalter ſo vielen Werth beizulegen pflegte, da ſchwankte, wie auf einem Balancir⸗ brett, die Einbildungskraft ihres Bruders mehr nach der Seite der Wahrheit; ſobald er aber gewahrte, daß er die Würde eines Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 21 322 Kriegers und alle die friſcheren und lockenderen Freuden ſeines ſpäteren Lebens aufgeben müſſe, ehe er wieder zu dem früheren Seyn zurückkehrte, widerſtrebte ſein ſtumpfes Geiſtesvermögen hart⸗ näckig, ſich einem Wechſel hinzugeben, der, in ſeiner Lage, einer wahren Seelenwanderung gleichgekommen wäre. Mit dieſen angelegentlichen und, von Seiten der Glaube in ärgerlicher Stimmung gemachten Anſtrengungen, um einige An⸗ klänge an das Leben hervorzurufen, welches er früher geführt, verging eine Stunde; der Verſuch ward für diesmal aufgegeben. Zuweilen hatte es den Anſchein, als würde Glaube ſiegen. Er nannte ſich oft Whittal, allein er blieb fortwährend dabei, daß er auch Nipſet wäre, ein Narraganſett, daß er eine Mutter in ſeinem Wigwam hätte, und daß er noch vor dem nächſten Schneefall unter den Kriegern ſeines Stammes gezählt zu werden hoffte. Zu derſelben Zeit ging an dem Platz, wo die Unterſuchung zuerſt gehalten worden, und den die Meiſten, gleich nach der An⸗ kunft des Fremden, verlaſſen hatten, eine Scene ganz verſchiedener Art vor ſich. Nur ein einziges Individuum blieb an dem langen Tiſch ſitzen, auf dem das Morgeneſſen aufgetragen war, ſowohl für die Herrſchaft als ihre Bedienung, hinab bis zum Niedrigſten. Dieſer Einſame hatte ſich in einen Stuhl geworfen, nicht mit der Haltung eines Menſchen, der den Forderungen des Appetits ge⸗ nügen will, ſondern wie Einer, der zu ſehr in Gedanken verſunken iſt, um ſich an Stellung oder Beſchäftigung ſeines Körpers viel zu kehren. Sein Haupt ruhte auf den Armen, ſo daß ſein Geſicht ganz bedeckt war; die Arme lagen ausgebreitet auf dem einfachen, aber ausgeſucht netten Tiſch von Kirſchbaumholz, der die Verlän⸗ gerung eines andern, minder koſtbaren Tiſches, und die einzige Auszeichnung zwiſchen Herrſchaft und Geſinde bildete, ſo wie in früheren Zeiten und anderen Ländern an der gemeinſchaftlichen Familientafel das Salz den Platz der höheren Stände bezeichnete. „Marcus,“ ſprach eine furchtſame Stimme dicht an ſeiner Seite;„Du biſt müde, weil Du die Nacht durch gewacht haſt und auf den Bergen umhergeſtreift biſt. Willſt Du nicht erſt eſſen, ehe Du Dich ausruhen gehſt?“ 3 „Ich ſchlafe nicht,“ erwiederte der Jüngling, indem er den Kopf in die Höhe richtete, und ſanft die Schüſſel mit dem einfach zubereiteten Gericht bei Seite ſchob. Das Auge des Mädchens, das ſie ihm dargeboten hatte, ſah ſeine aufgeregten Züge theil⸗ nehmend an, und erröthete dabei, gleichſam als ſagte ihr eine ge⸗ heime Stimme, daß ihr Blick mehr Wohlwollen verrathe, als ſich mit jungfräulicher Zurückhaltung vertrage.„Ich ſchlafe nicht, Martha, und glaube, ich werde nie wieder ſchlafen.“ „Du erſchreckſt mich mit Deinen wilden, kummervollen Augen. Iſt Dir etwas bei Deinem Zug auf den Bergen begegnet?“ „Glaubſt Du, wer ſo alt und ſtark iſt wie ich, mache ſich aus einem paar im Wald verwachten Stunden viel! Der Leib iſt geſund, aber der Geiſt leidet, bitterlich.“ „Und willſt Du nicht ſagen, was Dir Verdruß macht? Du weißt, Mareus, es iſt Keiner in dieſem Hauſe, ja ich darf gewiß hinzuſetzen, Keiner in dieſem Thale, der nicht wünſcht, daß Du glücklich ſeyn mögſt.“ “ „Es iſt wohlthuend, das zu hören, gute Martha, doch... 4 Du haſt nie eine Schweſter gehabt!“. „Ich bin freilich allein von meinem Geſchlecht übrig, allein 4 ich denke mir, daß keine Blutsverwandtſchaft ein engeres Band knüpfen könne, als die Liebe, ſo ich zu der Verlornen im Herzen trug.“ 4 „Auch keine Mutter! Du haſt nie erfahren, was lindliche Ehrfurcht heißt.“ „Iſt Deine Mutter nicht auch die meine,“ ſagte ſie ſo bewegt und doch ſo weich, daß es dem jungen Mann auffiel, und er einen langen, rührenden Blick auf ſie heftete, ehe er begütigend und mit Haſt erwiederte: „Sehr wahr, ſehr wahr; Du liebſt und mußt nothwendig Die 324 lieben, ſo Deine Kindheit gepflegt, und Dich mit Sorgfalt und Zärtlichkeit aufgezogen, daß Du jetzt ein ſchönes, glückliches Mäd⸗ chen geworden biſt.“ Martha's Auge erglänzte, die geſunde Farbe hhrer Wange ward erhöht bei dieſem Lobe, das Marcus ihrer Schönheit unwill⸗ kührlich ſpendete; ihm entging indeß, wie ſeine Bemerkung auch ihre ganze weibliche Scheu erregte, und er fuhr fort: „Du ſiehſt, wie meine Mutter ſtündlich mehr ihrem Gram wegen unſerer kleinen Ruth erliegt, und wer kann ſagen, was ein ſo lange anhaltender Kummer für ein Ende nehmen werde!“ „Es iſt wahr, ſie gab viel Grund zu Beſorgniſſen; ſeit Kurzem indeſſen hat die Hoffnung über die Furcht den Sieg davongetragen. Du thuſt nicht wohl daran, ja ich weiß nicht, ob es nicht ſogar unrecht von Dir iſt, daß Du Dir erlaubſt, gegen die Vorſehung zu murren, weil Deine Mutter in dieſem Augenblick, wegen der unerwarteten Zurückkunft eines Menſchen, welcher daſſelbe Loos mit der Verlornen theilte, ihrer Trauer etwas mehr als ſonſt nachhängt.“ „Darum iſt es nicht, Mädchen, darum nicht!“ „Wenn Du mir die Quelle Deines Schmerzes nicht anver⸗ trauen magſt, ſo kann ich weiter nichts thun, als um Dich weinen.“ „So hör, ich will Dir's ſagen. Es iſt jetzt viele Jahre her, ſeit die Wilden, ich weiß nicht, ob Mohawks, Narraganſetts, Pe⸗ quods oder Wompanoags, in unſere Siedelung einbrachen und ihre Rache kühlten. Dazumal, Martha, waren wir Kinder, und in die Jahre der Kindheit verſetzt es mich ſtets, wenn ich an jenes erbarmungsloſe Feuer gedenke. Unſere kleine Ruth war, wie Du, ein blühendes Kind von ſieben bis acht Jahren und, ich weiß nicht, wie's kommt, aber meiner Einbildungskraft ſchwebt meine Schweſter ſeitdem nur ſo vor, wie ſie geraubt wurde, nämlich als ein unſchuldsvolles Kind.“ Aber Du weißt ja, daß die Zeit nicht ſtehen bleibt; um ſo mehr müſſen wir alſo darauf bedacht ſeyn, beſſer zu....“ 325 „So lehrt uns die Pflicht. Glaub' mir, Martha, wenn ich Nachts träume, wie das zuweilen geſchieht, ſo ſehe ich unſere Ruth im Walde herumirren, aber nie anders als in der Geſtalt eines ſpieleriſchen, lachenden Kindes, wie wir ſie kannten; und ſelbſt wachend kommt mir's oft vor, als ſtehe ſie an meinem Knie, was ſie zu thun pflegte, wenn ſie den Kindermährchen zuhörte, mit denen wir uns die Zeit zu vertreiben pflegten.“ „Wir ſind ja in demſelben Jahr und Monat zur Welt ge⸗ kommen: denkſt Du denn an mich auch nur wie an ein Weſen im Kindesalter, Marcus?“ „An Dich! das iſt nicht leicht möglich. Sehe ich denn nicht, daß Du zu einem Weibe herangewachſen biſt, daß Deine kleinen braunen Locken ſich in ein rabenſchwarzes Haar, wie es Deinen Jahren ſteht, umgewandelt haben, daß Du ſo groß biſt wie eine Jungfrau, und— ich ſage es wahrlich nicht aus Leichtfertigkeit, Martha, denn Du weißt, daß meine Zunge keine leeren Schmei⸗ cheleien liebt— ſehe ich nicht, daß Du mit dem Wuchſe auch alle übrige Vortrefflichkeiten einer ſchönen Jungfrau beſitzeſt! So iſt's aber nicht, oder vielmehr, ſo war's nicht mit der Betrauerten: bis zur jetzigen Stunde habe ich mir meine Schweſter als die kleine Unſchuld vorgemalt, mit der wir zuſammen ſpielten, ehe jene düſtere Nacht kam, wo die grauſamen Wilden ſie unſeren Armen entriſſen.“ „Nun, was hat dieſes ſchöne Bild unſerer Ruth verändert?“ fragte Martha, und verhüllte zum Theil das Geſicht, um nicht ſehen zu laſſen, wie das Vergnügen, ſo ihr die eben gehörten Worte machten, ihre Wange hochroth färbte.„Auch mir ſchwebt ſie in der eben von Dir geſchilderten Geſtalt vor, und warum ſollten wir nicht noch immer glauben, daß ſie jetzt noch, wenn ſie lebt, ſo ſey, wie wir ſie zu ſehen wünſchen könnten.“ „Das kann nicht ſeyn.... Hin iſt die Täuſchung, und an ihrer Stelle erſcheint mir jetzt die entſetzliche Wahrheit. Sieh den ————— 326 Whittal Ring an; auch er war ein Knabe als er geraubt ward: ſieh ihn an; ein Mann, ein Wilder iſt aus ihm geworden! O nein, meine Schweſter iſt das Kind nicht mehr, das ſie in meinen ſehn⸗ ſuchtsvollen Gedanken blieb; ſie iſt ein Weib geworden.“ 3 „Du thuſt ihr Unrecht, während Du in Deiner Schätzung Andere, weniger von der Natur Begünſtigte zu hoch ſtellſt; ver⸗ giſſeſt Du denn, Marcus, daß ſie ſtets ſchöner war, als alle die wir kannten?“ „Das wüßt' ich nicht... das will ich nicht behaupten... ich bin nicht dieſer Meinung. Allein mögen Mühen und Entbeh⸗ rungen aus ihr gemacht haben was ſie wollen, Ruth Heathcote iſt immer noch viel zu gut für einen indianiſchen Wigwam! Hul es iſt entſetzlich, ſie ſich als die Sklavin, die Aufwärterin, das Weib eines Wilden zu denken!“ Martha fuhr zurück und eine ganze Minute verfloß, ehe ſie wieder Faſſung genug gewann, um zu antworten. Offenbar durch⸗ kreuzte jetzt zum erſten Mal der empörende Gedanke ihre Seele, und das türliche Gefühl des Mädchens: geſchmeichelter Stolz, ſchwand vör jenem reinern der Weiblichkeit, vor der innigen Theilnahme. „Das kann nicht ſeyn,“ ſagte ſie endlich halb für ſich;„nim⸗ mermehr! Unſere Ruth kann unmöglich die Lehren vergeſſen haben, ſo ſie in ihrsr früheſten Kindheit erhalten. Sie weiß, daß ſie von chriſtlichen Eltern herkommt, von einer guten Familie, deren Hoff⸗ nungen ſo erhaben, der ſo glorreiche Verheißungen geworden.“ „Whittal war älter als er gefangen ward, dennoch lehrt ſein Beiſpiel, das die in der Jugend erhaltenen Lehren den Kunſtgriffen der Wilden weichen.“ „Aber dem Whittal fehlt es auch an natürlichen Gaben; er ſtand immer auf der niedrigſten Stufe des menſchlichen Verſtandes.“ „Und doch hat er, in Beziehung auf indianiſche Verſchlagen⸗ heit, eine ſo hohe erreicht!“ 327 „Bedenke, Marcus,“ verſetzte ſeine Gefährtin mit Schüchtern⸗ heit, indem ſie wohl einſah, daß er im Grunde nicht Unrecht haben mochte, und es nur aus Rückſicht auf das verletzte Gefühl eines Bruders nicht eingeſtehen wollte;„bedenke, wir ſind von gleichem Alter, warum ſollte Ruth nicht daſſelbe Schickſal zu Theil gewor⸗ den ſeyn, wie mir?“ „Willſt Du damit ſagen, daß, weil Du noch unverheirathet biſt, und bis jetzt ein freies Herz behalten haſt, auch meine Schwe⸗ ſter dem Fluche entgangen ſeyn könne, das Weib eines India⸗ ners, oder, was nicht minder ſchrecklich iſt, die Sklavin ſeiner Launen zu werden?“ „Nun ja, das erſtere iſt's ungefähr, was ich meine.“ „Und nicht das letztere?“ fügte der Jüngling ſo haſtig hinzu, daß man merken konnte, wie ſeine Gedanken plötzlich eine andere Richtung nahmen.„Aber glaub' nur, Martha, wenn Du auch, ungeachtet Deines entſchiedenen Urtheils und des Vorzugs, den Du dem Einzigbegünſtigten einräumſt, noch immer Anſtand nimmſt; ſo iſt es doch nicht wahrſcheinlich, daß ein Mädchen, ſich der Knechtſchaft des Wildenlebens preisgegeben ſieht, ſo lange zaudern werde. Sind ja doch ſelbſt bei uns in den Kolonien nicht alle Maͤdchen ſo ſchwierig in ihrer Wahl.“. Dem Mädchen bebten die langen Augenwimpern über ihrem dunklen Auge, und es ſchien während einer Minute, als wenn ſie gar keine Antwort geben wollte. Sie änderte jedoch ihren Ent⸗ ſchluß; denn mit abgekehrtem, ſchüchternen Blicke erwiederte ſie ſo leiſe, daß Marcus kaum den Inhalt ihrer Worte vernehmen konnte: „Ich weiß nicht, wodurch ich mir von meinen Bekannten dieſe Meinung ſollte zugezogen haben; mir kommt es immer vor, als wenn das, was ich fühle und denke, nur zu leicht er⸗ rathen werden könnte.“ „Nun denn, ſo iſt der ſchmucke Burſch aus Hartford, der die weite Reiſe von ſeines Vaters Haus hierher ſo häufig macht, ſeiner Sache gewiſſer, als ich mir es dachte. Er wird nun wohl den Weg nicht oft mehr allein zurücklegen dürfen.“ „Du biſt böſe auf mich, Marcus, ſonſt würdeſt Du nicht mit ſo kaltem Blicke mich anſehen, die ich immer in Freundſchaft mit Dir gelebt hatte.“ „Ich bin nicht böſe; es wäre eben ſo unbillig als unmännlich, einem Mädchen freie Wahl nicht erlauben zu wollen; deſſenunge⸗ achtet aber ſcheint es unerklärlich, welcher Beweggrund zum Schwei⸗ gen noch übrig bleiben könne, wenn der Geſchmack einmal gewählt und die Vernunft der Wahl ihre Billigung gegeben hat.“ „Soll denn ein Mädchen in meinen Jahren ſo raſch ſeyn, zu glauben, daß man ſich um ihre Gunſt bewerbe? zumal da Derjenige, von dem Du ſprichſt, vielleicht nichts weiter ſucht als Deine Ge⸗ ſellſchaft und Freundſchaft.“ „In dem Falle könnte er ſich viel Mühe und körperliche An⸗ ſtrengung erſparen, wenn er nicht etwa ein ſonderliches Behagen findet, ſtets im Sattel zu ſeyn; denn in der ganzen Kolonie von Connectieut gibt's keinen jungen Mann, den ich weniger achtete. Mögen Andere was an ihm finden; ich meines Theils, ſehe weiter nichts, als daß er eine prahlende Zunge, ein abſtoßendes Weſen hat und ein unangenehmer Geſellſchafter iſt.“ „So finde ich endlich zu meiner Freude, daß Du mit mir einerlei Urtheil haſt, da ich den jungen Mann ſchon längſt als ſol⸗ chen betrachte, wie Du ihn geſchildert.“ „Du? Du denkſt das von dem Stutzer! Nun, warum gibſt Du denn ſeiner Bewerbung Gehör? Ich hätte Dich zu ſolchem feinen Betrug für ein zu aufrichtiges Mädchen gehalten, Martha. Wenn Du aber von ſeinem Charakter keine andere Meinung hegſt⸗ warum verbieteſt Du ihm Deine Geſellſchaft nicht?“ „Darf denn ein Maͤdchen zu ſchnell ihren Gedanken Laute geben?“ „Und wenn er hier wäre, und um Deine Gunſt bäte, Deine Antwort würde ſeyn....—“ „Nein,“ ſagte das Mädchen mit Feſtigkeit, obgleich ihr empor⸗ blickendes Auge ſchüchtern dem feurigen des Jünglings begegnete. Marcus war ganz verwirrt. Ein völlig neuer, nie geahnter Gedanke bemächtigte ſich ſeiner ganzen Seele. Der plötzliche Wechſel ſprach ſich in ſeinen veränderten Zügen, in ſeiner hocher⸗ glühenden Wange aus. Was er nun geſagt haben würde, können die meiſten unſerer Leſer, die das fünfzehnte Jahr zurückgelegt haben, allenfalls errathen; allein gerade in dieſem Moment hoͤrte man die Leute, welche nach der Ruine gegangen waren, um der Unterſuchung des Whittal beizuwohnen, zurückkommen; Martha glitt ſo ſachte hinweg, daß der Jüngling es gar nicht merkte. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Wenn vom Geräuſch der hohlen Freude Das Herz erkrankt, wie gern wir dann Uns wenden von der kalten Erde, Und ſchau'n in dein Azurgewölbe, Nach Ruh' und Unſchuldſitzen hin! Bryant's Sterne. Es war Sonntag. Die heilige Feier, welche bis auf den heutigen Tag in den meiſten Staaten der Union mit einer Genauigkeit begangen wird, worauf man in der übrigen Chriſtenheit nur noch wenig bedacht iſt, wurde damals mit einer Strenge beobachtet, welche mit den überſtrengen Gewohnheiten der Koloniſten übereinſtimmte. Der Umſtand, daß Jemand an einem Sonntage eine Reiſe vornahm, hatte die Aufmerkſamkeit aller Dorfbewohner auf ſich gezogen; doch als man ſah, daß der Fremde ſeine Richtung nach der Behau⸗ ſung der Heatheotes nahm, und dabei bedachte, daß man in Zeit⸗ läuften lebte, welche mit mehr als gewöhnlichen Intereſſen der Provinz ſchwanger gingen; ſo glaubte man, daß der Reiſende in dem Geſetze der Nothwendigkeit ſeine Rechtfertigung finden könnte. 330 Indeſſen verſuchte Niemand dem„Motive des außerordentlichen Beſuches tiefer auf den Grund zu kommen. Nach Ablauf einer Stunde ſah man den Reiter forttraben, wie man ihn hatte ankom⸗ men ſehen, dem Anſchein nach, von einem dringenden Umſtand getrieben. In der That war er mit der Mittheilung ſeiner Nach⸗ richten weiter geeilt. Die Befugniß, ihn von den gebieteriſchen Pflichten der Sonntage loszuſprechen, hatte der Rath derjenigen, die ihn ausgeſchickt hatten, lange und gewichtig erwogen. Zum Glück hatte man gefunden— oder glapbte, gefunden zu haben— daß in der heiligen Schrift ähnliche Fälle zu dergleichen Verſen⸗ dungen, als ein früheres Vorkommniß, zu hinreichender Beruhigung dienen könnten. Inzwiſchen begann die ungewohnte Aufregung, die ſo uner⸗ wartet im Hauſe der Heatheotes ſtatt gefunden, ſich zu legen und in den Ruheſtand überzugehen, welcher mit dem heiligen Charakter des Tages in ſchönem Einklang iſt. Glänzend und wolkenlos ging die Sonne über Hügelſpitzen auf; Dünſte der vergangenen Nacht ſchmolzen vor der belebenden Wärme, und zerſtoben in das unſicht⸗ bare Element. Das Thal lag in jener heiligen Ruhe, welche ſo ſüß und unaufhaltſam zum Herzen ſpricht. Die Welt ſtellte ein Gemälde der herrlichen Werke Desjenigen auf, der ſeine Geſchöpfe zur Dankbarkeit und Anbetung einzuladen ſcheint. Für das noch reine unverdorbene Gemüth liegt in einem Schauſpiel dieſer Art ein unausſprechlicher Reiz, eine gottgleiche Ruhe. Die allgemeine Stille verſtattet die ſanfteſten Töne der Natur zu hören; das Summen einer Biene, der leiſe Flügelſchlag des Colibri dringt in das Ohr, wie die lauten Noten eines allgemeinen Lobgeſangs. Nichts iſt ſo ſinnvoll als ſolch' eine Ruhepauſe. Sie lehrt uns— oder ſollte es— wie viel von den ſchönen Genüſſen dieſer Welt, wie viel vom Frieden derſelben, wie viel von der Holdſeligkeit der Natur ſelbſt, von dem Geiſte abhängt, der in uns webt und wirkt. Wenn der Menſch ruht, ſcheint alles um ihn geſchäftig, zu ſeiner Ruhe —— 8S 8AGU⏑8SHLEUe»”SͤA& »—— 331 beizutragen: und wenn er in den groͤberen Anſtrengungen des Lebens nachläßt, um ſeinen Geiſt zu heben, ſo ſcheinen alle leben⸗ dige Weſen ſich zu einem Gottesdienſt um ihn zu ſammeln. Dieſe anſcheinende Mitfeier der Natur liegt vielleicht weniger in der Wirklichkeit als in der Einbildung; gleichwohl bleibt die daraus abgezogene Lehre und Moral nicht minder in ihrem vollen Werth, denn es iſt erwieſen, daß was der Menſch in dieſer Welt für gut hält, gut iſt, und daß ein großer Theil der in ihr befind⸗ lichen Widerwärtigkeiten und Unbilden von der menſchlichen Ver⸗ kehrtheit ausgeht. Die Bewohner des Thales von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh waren allem, was die Sabbathsruhe ſtören konnte, wenig zugethan. Vielmehr verfielen ſie in das entgegengeſetzte Ertrem, machten ſich das Leben dadurch lieb⸗ und freudenlos, daß ſie ſtrebten, den Menſchen über die Schwächen ſeiner Natur zu erheben. Sie ſetzten die wider⸗ wärtige Form einer aufs höͤchſte getriebenen Lebensſtrenge an die Stelle eines freundlichen, dabei geregelten Aeußern, wodurch ſich Hoffnungen am beſten ausſprechen, und Dankbarkeit ſich am deut⸗ lichſten kund gibt. Dieſe beſondere Weiſe und Haltung wurde durch den Irrthum der Zeiten und des Landes überhaupt erzeugt, obſchon etwas von dem ſtarren, ſtrengen, ſonderbar kalten Charakter der Kolonie, auf die Rechnung der Lehre und des Beiſpiels des Mannes kommen mochte, der die geiſtlichen Angelegenheiten des Kirchſpieles leitete. Da dieſer Mann bald mit unſerer Geſchichte in engere Verbinduug treten wird, ſo müſſen wir unſere Leſer näher mit ihm bekannt machen. Sr. Ehrwürden, der Pfarrer Meek Wolfe, war, was ſeinen Geiſt betrifft, eine ſeltſame Miſchung von demüthiger Selbſther⸗ abwürdigung und ſtolzem geiſtlichen Auftreten. Gleich ſo vielen Anderen ſeines heiligen Berufs, war er der Abkömmling einer langen Prieſterfolge, und ſeine größte Hoffnung auf Erden beſtand darin, daß er der Erzeuger eines Geſchlechts ſeyn würde, in welchem ſein Stand ſich eben ſo ſtreng und unabänderlich fortpflanzen ſollte, als das Prieſterthum in Aaron's Nachkommenſchaft. Er war im unlängſt errichteten Harvard⸗College erzogen, einer Anſtalt, welche von der Weisheit und dem Unternehmungsgeiſt der Emigranten aus England, in den erſten fünfundzwanzig Jahren ihrer Anſie⸗ delung geſtiftet worden. In dieſer Schule hatte dieſes Reis des frommen und orthodoren Stammes ſich demſelben für ſein gan⸗ zes Leben überſchwänglich angeſogen, d. h. eine Folgereihe von Meinungen ſo feſt und ſtandhaft in die Augen gefaßt, daß von ihm nicht zu erwarten war, er werde je das kleinſte Außenwerk des Glaubens dem Feinde überlaſſen. Nie hat wohl eine Feſtung dem Belagerer einen unüberſteiglicheren Wall entgegengeſtellt, als dieſer Zelot ſeinen Sinn den Angriffen der Opponenten; ſo ſehr hatte er dafür geſorgt, daß jeder Zugang geſperrt war, und jeder Anfall an dem Bollwerk einer unbezwinglichen Hartnäckigkeit ſcheitern mußte. Es ſchien mit ihm ſo weit gekommen zu ſeyn, daß er glaubte, die kleineren Beweiſe und Vernunftgründe ſeyen längſt von ſeinen Vorgängern aufgeſtellt; ihm bleibe nichts übrig als die Vertheidigungspunkte zu behaupten, ſich dahinter zu verſchan⸗ zen, und nur ab und zu, durch einen ungeſtümen Ausfall, die dog⸗ matiſchen Plänkler, die es gelegentlich wagten, ſich ſeinem Kirchſpiel zu nähern, in die Flucht zu ſchlagen. In dieſem Diener der Reli⸗ gion befand ſich ein beſonderer Charakterzug, welcher, indem er ſeine Bigotterie einigermaßen verehrungswürdig machte, bedeutend dazu beitrug, den verwickelten Gegenſtand, mit dem er ſich befaßte, von dem, was ihn noch verwickelter hätte machen können, zu In ſeinen Augen war der ‚ſchmale Weg“ von der Art, nur wenig Andere faſſen konnte. Er wei oder drei benachbarten Kirchſpielen, beim Abhalten der Predigten ben ſo oͤffnete er wohl auch jenem Heiligen in der andern befreien. daß er, außer ſeiner Heerde, nahm zwar hier und da, in zu mit deren Seelſorgern er gewohnt war, zu wechſeln, einige Ausnahmen an; e die ‚enge Pforte“ dieſem oder — —,y—y—-r9—— O—— 82 àA 1 r d 2, 333 Hemiſphäre, oder in den weit abliegenden Städten der Kolonien, deren Glaubenslicht in ſeinen Augen dadurch gewann, daß es von fern leuchtete, wie etwa unſere Erdkugel Denen, die ihren Trabanten, den Mond, bewohnen, ein gewaltiger Lichtball ſcheinen mag. Kurz in ihm lag ein Gemiſch von offenbarer Liebe mit abſtoßender Härte, von lebhafter Anſtrengung mit äußerer Kälte, von Unachtſamkeit auf ſich ſelbſt mit der ſelbſtgefälligſten Sicherheit, von ſtummer Unterwürfigkeit bei irdiſchen Uebeln mit den höchſten geiſtlichen Anſprüchen; welches alles einen Mann aus ihm machte, der eben ſo ſchwer zu begreifen als zu beſchreiben war. Vormittags, in der Frühſtunde, rief eine kleine Glocke, von ihrem plumpen Gerüſt auf dem Dache des Bethauſes, die Gemeinde zum Gottesdienſte. Dem Rufe wurde gehorcht; noch ehe die Hügel den Widerhall der erſten Töne zurückgegeben, ſah man ſchon die weite graſige Straße mit Familiengruppen bedeckt. Vorn an der Spitze jedes Haͤufleins ging der ernſte Vater, der auch wohl einen Säugling oder ein Kind im Arme trug, zu jung, ſich auf den Beinen zu erhalten. In einer anſtändigen Entfernung folgte die ehrwürdige Matrone, ihre Blicke ſeitwärts und ſtreng auf die kleine umgebende Schaar richtend, in welcher ſchon ältere Gewohnheiten mit leiſen Anflügen inneren Leichtſinns im Streit lagen. In den Gruppen, wo kein ſchwaches Kind zu tragen war, oder wo die Mutter es für Pflicht hielt, das Amt ſelbſt zu übernehmen, ſah man den Hausvater mit einer ſchweren Mufkete, wie ſie damals beſchaffen waren, auf der Schulter; oder wenn er Hände und Arme zu obigem Behuf gebrauchte, war's der ſtärkſte ſeiner Knaben, der ihm zum Waffenträger diente. In keinem Fall durfte dieſe nothwendige Vorſicht aus der Acht gelaſſen werden, denn die Lage der Provinz und die Handlungsweiſe des Feindes war von der Art, daß die Pflicht der Wachſamkeit ſelbſt bei gehaltenem Gottesdienſte nicht vernachläſſigt werden durfte. Unterwegs kein Nachzügeln, keine weltliche leichtſinnige Unterhaltung; nicht einmal Grüße, außer dem ernſthaften Hutabnehmen und Kopfnicken, welches als das äußerſte Merkmal der ſonntägigen Höoflichkeit eingeführt war und geduldet wurde. Bei einem zweiten Geläute trat Meek aus der Thüre des befeſtigten Forts, welches er als Kaſtellan und in Folge ſeines Amts aus dem Grunde bewohnte, weil er dieſen Dienſt bei ſeiner ſitzenden Lebensweiſe leichter verſehen konnte, als Einer, deſſen Feldarbeit darunter gelitten hätte. Ihm folgte ſeine Hausfrau in etwas weiterer Entfernung, als wollte ſie durch dieſe ehrerbietige Sitte zu erkennen geben, welch' ein heiliges Amt ihr Gatte bekleide. Neun Kinder verſchiedenen Alters, und eine weibliche Hülfsperſon, zu jung, ſelbſt Weib und Mutter zu ſeyn, machten den Hausſtand des Pfarrers aus. Es diente zum Beweis, wie geſund die Luft im Thale ſey, daß ſie alle Zehne der Pfarrfrau folgten, denn nur Krankheit durfte für einen hinlänglichen Grund gelten, dem Gottes⸗ dienſt nicht beizuwohnen. Als die kleine Heerde die Palliſaden ver⸗ laſſen hatte, zeigte ſich ein Frauenzimmer, auf deſſen blaſſen Wangen die Spuren einer kaum überſtandenen Krankheit ſichtbar waren, im Thore, um Ruben Ring und einen ſtarken jungen Mann einzulaſſen, der die fruchtbare Gattin des erſtern, mit ihrem kleinen Kinde, in das Haus, wie in einen Zufluchtsort trug, von dem die unerſchrockene Frau vor ihrer Entbindung nicht Beſitz genommen, obgleich über die Hälfte der Kinder des Thales in dieſem ſichern Gehege das Tageslicht erblickt hatten. Meek ließ ſeine Familie vor ſich in die Kirche treten und ihre Sitze einnehmen. Er folgte, und als ſeine Füße die Schwelle des Heiligthums berührten, war keine menſchliche Seele außerhalb der Mauern ſichtbar; der Glocke eintöniges Geläute verhallte; die hohe, hagere Geſtalt des Geiſtlichen bewegte ſich längs des Chorgangs zu ihrer gewöhnlichen Stelle, mit einem Ausdruck auf dem Geſichte, der zu erkennen gab, er habe bereits die Laſt der irdiſchen Be⸗ ſchwerden halb abgelegt. Rund um ſich warf er den forſchenden +——— —&— 33⁵ ernſten Blick, als beſitze er eine inſtinktartige Kraft, alles fehlende zu bemerken; dann ließ er ſich nieder, und nun herrſchte jene tiefe Stille, welche der heiligen Handlung vorausging. Das auffallend ſtrenge Antlitz, welches der Geiſtliche jetzt der aufmerkſamen Gemeine zeigte, hatte nicht ſo ſehr zur Abſicht, ſie von irdiſchen Dingen abzuziehen, und auf das Gebet vorzubereiten, welches ſie ihrem Schöpfer näher bringen ſollte, als ihren Geiſt auf einen Gegenſtand weltlicher Wichtigkeit zu lenken. „Kapitän Content Heatheote,“ ſagte er mit ſtrenger Gravität und machte hier eine Pauſe, um die Achtſamkeit und ihm ſchuldige Ehrerbietung zu ſteigern,„es iſt Jemand am Tage des Herrn durch dieſes Thal geritten, und hat Deine Wohnung zum Abſteigen 4 gewählt. Kann der Reiſende für dieſe Nichtachtung des Sabbaths die gehörige Gewähr leiſten; und haſt Du in ſeinen Motiven hin⸗ reichenden Grund gefunden, ihm, dem Reiſenden, Eingang bei Dir zu geſtatten? Kannſt Du eine Entſchuldigung für ihn angeben, daß er den göttlichen Befehl, der vom heiligen Berge ausgegangen, außer Acht gelaſſen?“ „Er ritt in beſonderm Auftrag,“ erwiederte Content, welcher ſich, als er ſeinen Namen hatte nennen hören, ehrerbietig von ſeinem Sitze erhoben hatte,„ſeiner Reiſe liegt ein Gegenſtand wichtigen Intereſſes, das Wohl der Kolonie betreffend, zum Grunde.“ „Mit dem Wohl des Menſchen, er lebe in dieſer Kolonie oder in ſtattlicheren Reichen, kann nichts inniger und enger verbunden ſeyn, als die ehrerbietige Beachtung des ausdrücklich erklärten Willens der Gottheit,“ erwiederte Meek, mit der Schutzrede nur halb zufrieden.„Für Jemand, der nicht allein ſelbſt ein ſo gutes Beiſpiel gibt, ſondern noch überdieß mit dem Gewande des öffent⸗ lichen Anſehens bekleidet iſt, würde es ſchicklich geweſen ſeyn, in die Gründe einer vorgeſchützten Nothwendigkeit, welche vielleicht nur ſcheinbar ſeyn können, Mißtrauen geſetzt zu haben.“ „Die Gründe ſollen dem Volke in einem paſſendern Zeitpunkt 336 vorgelegt werden; es ſcheint der Weisheit gemäßer, das Weſen der Reiſe, und die Abſicht, weswegen ſie der Reiter übernommen, bis zur Beendigung des Gottesdienſtes aufzuſchieben, um das Geiſtliche nicht durch den Zuſatz des Weltlichen zu ſchwächen.“ „Hierin haſt Du beſonnen gehandelt; ein getheiltes Gemüth findet dort oben nur wenig Freude. Ich will aber hoffen, daß ſich eben ſo gute Gründe angeben laſſen, warum nicht alle Glieder Deiner Familie mit Dir im Gotteshauſe verſammelt ſind.“ So ſehr es bei Content zur Gewohnheit geworden, ſich zu beherrſchen, war es ihm doch unmöglich, ohne Rührung auf dieſen Gegenſtand zurückgeführt zu werden. Er warf einen halb unter⸗ drückten Blick auf die leere Stelle, auf welcher ſie, die er ſo innig liebte, neben ihm zu ſitzen pflegte: dann ſagte er, mit einer Stimme, welche hörbar mit ſich kämpfte, um den gewohnten Gleich⸗ muth nicht zu verlieren: „Es iſt heute ein mächtiges Gefühl unter meinem Dache von neuem erweckt worden, ſo daß es wohl möglich iſt, daß bei ſo auf⸗ geregten Gemüthern die Pflicht des Sabbaths überſehen ward. Haben wir hierin geſündigt, ſo will ich jedoch hoffen, daß Der, welcher von oben herab auf die Reuigen ſchaut, uns verzeihen werde! Die, von welcher Du ſprichſt, hat auf's Neue gewaltſamer Gram erſchüttert; obſchon willig an Geiſt, iſt ihr ſchwacher dahin⸗ ſinkender Bau nicht vermögend geweſen, das Angreifende des Weges bis hieher zu ertragen, wenn er gleich zum Gotteshauſe führt.“ Dieſe Ausübung prieſterlichen Anſehens blieb von Seiten der kaum athmenden Gemeine ununterbrochen. Jeder Auftritt, ſobald er einen ungewöhnlichen Charakter an ſich trug, hatte für die Be⸗ wohner des abgelegenen Dorfs viel Anziehendes; und hier vollends galt es ein hohes häusliches Intereſſe, verbunden mit der Verletzung der Gebräuche, und ſogar eines eingeführten Geſetzes. Dabei wurde die Aufmerkſamkeit durch jenen geheimen Reiz geſteigert, der uns antreibt, beſonders auf Gemüthsbewegungen Anderer zu achten, — —— N— der Be⸗ ung bei der ten, 337 wenn wir glauben, daß ihnen daran gelegen iſt, ſie zu verbergen. Nicht eine Sylbe von dem, was den Lippen des Seelſorgers oder Content's entfiel; nicht ein einziger Ton der Strenge vom Erſtern; nicht ein einziger ſich ſträubender Laut in des Andern Stimme, entging ſelbſt dem ſtumpfſten Ohre der ganzen Verſammlung. Des ernſten, geſetzten, geregelten Weſens ungeachtet, welches darin vor⸗ waltete, bedarf es kaum der Erwähnung, daß dieſe leichte Unter⸗ brechung des gewohnten Ganges nicht unangenehm war; zumal in einer Gemeinde, welche des Glaubens war, daß geiſtliches Anſehen ſich über Familien⸗Angelegenheiten erſtrecke, und daß es wenig häus⸗ liche Geheimniſſe und individuelle Gefühle gebe, wovon nicht ein großer Theil der Mitglieder ein Recht habe, ſich Kenntniß zu verſchaffen. Der ehrwürdige Herr Wolfe beruhigte ſich indeſſen bei der Erklärung, und nachdem er eine hinreichende Friſt zur Sammlung der Gemeinde ablaufen laſſen, fuhr er mit dem Mor⸗ gendienſte fort. Es iſt unnöthig, die bekannte Weiſe der religiöſen Andachts⸗ übungen der Bewohner auseinander zu ſetzen. Von der Form und dem Weſen derſelben iſt ſchon ſo viel zu uns gelangt, daß beides, Lehre und Vortrag, den meiſten unſerer Leſer geläuſig ſeyn muß. Wir beſchränken unſere Pflicht auf die Beſchreibung ſolcher Theile der Ceremonie— in ſo fern eine ängſtliche Entfernung von allem, was das Gepräge von Formen trägt, dieſe Benennung zuläßt,— welche mit den Ereigniſſen unſerer Erzählung in unmittelbarer Be⸗ rührung ſtehen. 4 Der Geiſtliche hatte das kurze Einleitungsgebet geſprochen, den Spruch aus der heiligen Schrift vorgeleſen, die Verſe des Pſalms angegeben, und ſeine eigne Stimme in die auffallenden Naſentöne ſeiner Heerde einfallen laſſen, womit dieſe ihren Geſang dem Himmel doppelt annehmbar zu machen ſich beſtrebte. Er hatte unter Mitwirkung des Geiſtes ein vierzig Minuten langes Gebet beendigt, und in dieſe ſeine Zwieſprache nicht nur unmittelbar den Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 22 338 Gegenſtand ſeines Geſprächs mit Content eingeflochten, ſondern auch verſchiedene Privatintereſſen ſeiner Pfarrkinder berührt; beides, ohne daß weder er ſelbſt von ſeinem gewöhnlichen Eifer, noch die Gemeinde von ihrer Aufmerkſamkeit und dem ernſten De⸗ corum nachgelaſſen hätten. Als er ſich aber anſchickte, den zwei⸗ ten Geſang der Anbetung und Dankſagung anzuheben, zeigte ſich im Mittelpunkt der Kirche, im Hauptgange, eine Geſtalt, welche ſowohl durch Anzug und Ausſehen, als auch durch das Ungewöhn⸗ liche und Unehrerbietige des ſpaͤtern Eintreffens, Aller Augen auf ſich zog. Unterbrechungen ſolcher Art waren ſelten; ſelbſt der an Abgezogenheit mehr gewöhnte Pfarrer hielt einen Augenblick inne, ehe er den Hymnus anſtimmen ließ, ungeachtet das heilige Lied, — wie die Unterrichtetſten der Gemeinde es wiſſen wollten,— eine Ergießung ſeiner begeiſterten Muſe war. Der Eindringling war kein anderer, als Whittal Ring. Der blödſinnige junge Mann hatte ſich von der Wohnung ſeiner Schwe⸗ ſter heimlich entfernt, und ſeinen Weg in den Verſammlungsort genommen, worin ſich der größte Theil der Gemeinde befand. Während ſeines frühern Aufenthalts im Thale ſtand die Kirche noch nicht; das Gebäude, die innere Einrichtung, die Verſammlung, das Geſchäft, welches ſie berufen: alles war ihm fremd. Nur als das Volk ſeine Stimme zum Lobgeſang rſchallen ließ, entwickelten ſich ſchwache Spuren Ehinalipes Geinnteunge in ſeinen antheil⸗ twas von dem angenehmen t der Töne, ſelbſt in un⸗ das ſeinige, hervorzubringen druck vergnügt, an einer ent⸗ blieb, mit ſtumpfer Verwun⸗ ah ſelbſt der ernſte Fähnrich loſen Zügen. Jetzt erſt fing er an, Gefühl zu verrathen, welches die glücklichen verwahrloſeten Weſen vermag. Und da er, mit dieſem fernten Stelle des Chorganges derung dem Geſange zuhorchend Dudley, deſſen Blick anfangs ein paarmal auf Mißfallen zu deuten ſchien, keinen Grund ab, ihn zu hindern. Meek hatte zu ſeinem Vortrag aus dem Buche der Richter — —— 351 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Hector. Iſt dies Achilles? Achilles. Ich bin Achilles. 3 Hector. Bleib' ſtehen, ich bitte Dich, daß ich Dich betrachte. Troilus und Ereſſida. 1 Es ſcheint nothwendig, einen ſchnellen Ueberblick des Schlacht⸗ feldes und der verſchiedenen Gefechte auf demſelben zu geben. Der Haufe, welchen Dudley anführte und Meek angefeuert hatte, hatte ſeine Ordnung aufgegeben, nachdem er die Wieſen hinter dem Fort erreicht hatte, wo er im Schutze der Sümpfe und des Buſchwerks Gelegenheit fand, auf die ohne Reih' und Glied im offenen Felde heranſtürmenden Indianer mit Vortheil Feuer zu geben. Die Salve hemmte den Andrang; der Feind eilte in's Buſchwerk, und das Gefecht nahm den abſpringenden gefährlichen Charakter an, wobei Feſtigkeit und Erfahrung des Einzelnen nicht immer ausreichen. Der Erfolg ſchien zu ſchwanken; bald legten die Weißen einen größern Raum zwiſchen ſich und den Wohnungen; bald zogen ſie ſich näher an das Dorf, als wollten ſie Schutz hinter den Palli⸗ ſaden des Forts ſuchen. Die Indianer waren an Zahl überlegen, wogegen ihre Feinde den Vortheil der Waffen und der Kriegskunſt hatten. Es war offenbar die Abſicht Jener, ſich durch den kleinen Haufen, der ihnen entgegen ſtand, Bahn zu brechen, zumal da ſie von Weitem Zeugen des im vorigen Kapitel beſchriebenen Treibens mit Geräthſchaͤften in und nach dem Dorfe geweſen waren,— ein Schauſpiel, das wenig geeignet war, das Feuer der Indianer beim Ueberfall abzukühlen. Aber die Art, wie Dudley ſeine Mannſchaft anführte, machte ihnen den Verſuch ſtreitig und gefährlich. So wenig Geiſt der Fähnrich bei anderen Gelegenheiten zeigte, ſo ſehr konnten ſich hier ſeine beſten mannhaften Eigenſchaften ent⸗ wickeln. Bei ſeinem ſtattlichen Körperbau fühlte er, wenn es galt, 35² ein Vertrauen zu ſich, welches mit dem Maaße ſeiner phyſiſchen Kräfte im Gleichgewicht ſtand. Mit dieſer Zuverſicht verband er keinen geringen Theil der Begeiſterung, deren auch die ſchläfrigſten Gemüther fähig ſind, und die, gleich dem Zorn des Phlegmatikers, um ſo furchtbarer iſt, als ſie mit ihrer gewöhnlichen Ruhe im Gegenſatz ſteht. Ueberdieß war dieſe nicht die erſte von Fähnrich Dudley's Waffenthaten. Wir haben ihn ſchon als muthigen Krieger bei dem früher geſchilderten Ueberfall geſehen. Auch in anderen Kriegszügen gegen die Urbewohner hatte er ſich ausgezeichnet, und bei jeder Gelegenheit kaltes Blut und einen unternehmenden Geiſt gezeigt. Hier thaten ihm beide Eigenſchaften Noth, in der wirklich be⸗ drängten und bedenklichen Lage, worin er ſich befand. Es kam darauf an, ſeine kleine Macht bald auszudehnen, bald zuſammen⸗ zuziehen, den Feind in beſtändiger Entfernung zu halten, das Buſch⸗ werk bedächtig zu prüfen, bald in Linie zu bleiben, bald ſie zu brechen, zu rechter Zeit Feuer zu geben und es zu mäßigen. Auf dieſe Weiſe gelang es ihm auch, die Wilden zurückzutreiben, von Sumpf zu Sumpf, von Hügel zu Hügel, von Gehege zu Gehege, bis ſie den Saum des Waldes erreicht hatten. Sie weiter zu drängen, ließ Klugheit und Erfahrung nicht zu. Er ſah manche von ſeinen Leuten bluten, ſah ihre Wunden fließen, ihre Kräfte abnehmen. Der Schutz der Bäume gab der Maſſe der Indianer einen zu großen Vortheil; es wäre tollkühn geweſen, ſie in ihrer Stellung anzugreifen; die unvermeidliche Folge war ein ungleicher Kampf, und zuletzt die Aufreibung ſeines kleinen Haufens. In dieſer Lage warf Dudley einen ängſtlichen Blick hinter ſich. Er ſah, daß keine Verſtärkung zu hoffen war, ſah mit Kummer, daß Weiber und Kinder noch immer die nothwendigſten Geräthe aus dem Dorfe in die Citadelle ſchafften. Demzufolge zog er ſich für's Erſte hinter ein dichteres Buſchwerk zuruck, welches die Gefahr vor den Pfeilen, der Waffengattung des größten Theils der Feinde, —½— — 8———18 ½ — 8— — &☛ 35³ bedeutend verminderte, und wartete dort den günſtigen Augenblick ab, ſeinen weiteren Rückzug anzutreten. Waͤhrend der Haufe, den Dudley anführte, ſich in dieſer Noth befand, ertöͤnte plötzlich aus dem Waldgewölbe ein wildes Geſchrei, der Ausdruck des Jubels, wie ihn die Indianer auf ihre rohe Weiſe zu äußern pflegen, das Kennzeichen einer plötzlichen allge⸗ meinen freudigen Anregung. Die aneinander gedrängten Dorf⸗ bewohner blickten ſich verlegen und ängſtlich an; als aber auf dem Geſichte ihres Anführers keine Spur von Schwanken und Unruhe zu leſen war, blieb jeder unbeweglich, in ſtiller Erwartung des feindlichen Vorhabens. Vor Ablauf einer Minute zeigten ſich zwei Krieger am Rande des Gehölzes, anſcheinend in Beobachtung der Auftritte im Thal begriffen. Mehr als eine Muskete wurde auf ſie angelegt; aber ein von Dudley gegebenes Zeichen verhinderte das Abfeuern. Ohnehin würden, bei der bekannten Wachſamkeit der Indianer von Nordamerika, die Schützen ihr Ziel wahrſchein⸗ lich verfehlt haben. Dabei lag aber auch etwas in der Miene und Haltung der Beiden, was den Fähnrich zu jenem Winke vermocht hatte. Es waren augenſcheinlich zwei Häuptlinge, und zwar von der höhern Klaſſe, obſchon ſie ihre befehlende, ſtattliche Figur auch mit gerin⸗ geren indianiſchen Kriegern gemein hatten. Von Weitem geſehen, erſchien der eine wie ein Krieger, der den Meridian ſeines Lebens erreicht hat; des andern leichtere Bewegungen und ſchlankerer Bau verriethen ein geringeres Alter. Beide waren gut und nach Kriegs⸗ ſitte bewaffnet, und nur mit Wamms und Schenkelbedeckung be⸗ kleidet. Das Wamms Scharlach, die Beinhülle mit Franzen und bunten Verzierungen. Der ältere trug eine Art von Turban um den Kopf gerollt; des jüngeren Scheitel war geſchoren und mit der gewohnten ritterlichen Skalpir⸗Locke verſehen. Ihre Berathſchlagung dauerte, wie überhaupt Alles, was vorhergegangen war, nur wenig Minuten, worauf Jener Dieſem Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 23 354 einen Befehl zu ertheilen ſchien, deſſen Sinn Dudley zu errathen ängſtlich bemüht war, um der Ausführung, wo möglich, zuvorzu⸗ kommen. Hierauf verſchwanden Beide, und Dudley würde ſich wahrſcheinlich lange vergebens gequält haben, hätte ihm der Er⸗ folg nicht bald den Aufſchluß gegeben. So aber erſcholl ein lauter allgemeiner Schrei ihm zur Rechten; und als er im Begriff ſtand, dieſen Flügel mit drei oder vier der beſten Schützen zu verſtärken⸗ ſah er ſchon den jüngern Häuptling in großen Sätzen voran queer durch die Wieſen ſtürmen; ihm folgte mit lautem„Heho“ ein ſtarker Haufe. Sie eilten dem jenſeitigen Gebüſch durch einen Umweg zu, umgingen ſo Dudley's Stellung, und drohten ihm den Rückzug abzuſchneiden. Dieſe gefährliche Lage erforderte ſchnellen Entſchluß. Dudley ſammelte ſeine Mannſchaft, ehe der Feind ſeinen Vortheil benutzen konnte, und eilte dem Fort zu. Ihm war glücklicher Weiſe der Boden günſtig; ein Umſtand, den er ſchon beim Vor⸗ rücken in Anſchlag gebracht hatte, ſo daß er nur wenig Minuten brauchte, mit ſeiner Schaar ſich unverletzt in den Schutz des Mus⸗ ketenfeuers der Palliſaden zu begeben, die dem Anlauf der Indianer Widerſtand entgegenſetzten und die weitere Verfolgung hemmten. Vor der Feſtung wurde erſt Halt gemacht, um dem Feinde zu zeigen, daß dieſer Rückzug keine Flucht ſey; dann zogen ſich die Verwundeten in die Außenwerke, ſo daß Dudley's kleines Com⸗ mando beinahe auf die Hälfte zuſammengeſchmolzen war. Mit dieſer geringen Macht entſchloß er ſich ſchnell, Denen, welche am jen⸗ ſeitigen Ende des Dorfs im Gefecht begriffen waren, zu Hülfe zu eilen. Wir haben ſchon erwähnt, daß im Anfang der Kolonial⸗ Niederlaſſungen die Häuſer einer neuen Anſiedelung nahe an ein⸗ ander zuſammenhingen. Zu dem gewöhnlichen Grunde, welche dieſe unzweckmäßige, unmaleriſche Bauart in neun Zehntel des Feſtlandes von Europa eingeführt hat, kam für unſre Koloniſten ein zweiter, aus ihrer Religion entlehnter: In einer der puritaniſchen Verfü⸗ gungen nämlich hieß es:„Niemand darf ſein Wohnhaus weiter als 35⁵ eine halbe, höchſtens eine ganze(engliſche) Meile von dem Bet⸗ hauſe der Gemeinde bauen, wo er ſeine Andacht hält.“ Der ‚ge⸗ meinſame Gottesdienſt' wurde als einziger Grund zu dem will⸗ kührlichen Geſetze angegeben; gleichwohl iſt es wahrſcheinlich, daß der Einrichtung ein zweiter, mehr weltlicher, mehr politiſcher, zur Veranlaſſung diente, nämlich die gemeinſame Unterſtützung in Ge⸗ fahr und gegen Angriff. Daher waren auch im Fort Einige der Meinung, die Zerſtörung der hier und da in den Auslichtungen der Waldhügel rauchenden Gebäude ſey eine Folge, daß die Beſitzer dem Schutze entſagt hätten, welchen nur Diejenigen zu erwarten hätten, die, auch in irdiſchen Angelegenheiten, ſich der allſehenden und alles leitenden Vorſehung überließen. Unter dieſer Anzahl be⸗ fand ſich Ruben Ring, der den Verluſt ſeiner Wohnung als eine verdiente Strafe für den Leichtſinn anſah, der ihn vermocht hatte, ſich auf der äußerſten Grenze der vorgeſchriebenen Strecke anzubauen. Als Dudley's Haufe ſich zurückzog, ſtand Ruben am Fenſter des Zimmers, worin ſein Weib mit den kurz vorher geborenen Kindern glücklich geborgen war; in dem allgemeinen Aufſtande mußte der Vater die Stelle der Wärterin vertreten, und zugleich Schild⸗ wachendienſt thun. So eben hatte er ſein Gewehr auf die gegen die Seinigen andrängenden Indianer, und, wie er mit Recht glaubte, nicht ohne Erfolg abgefeuert, und ſtand im Begriff, wieder zu laden, als er ſein melancholiſches Auge auf den Haufen rauchender Aſche warf, welcher die Stelle einnahm, auf der ſein bequemes Haus noch geſtern geſtanden.„Ich fürchte ſehr, Fruchtbarkeit,“ ſagte er, mit Kopfſchütteln und Seufzer,„daß bei der Vermeſſung des Raumes zwiſchen der Kirche und unſerem Lichtungsplatze ein Verſehen vorgefallen. Damals erhoben ſich in mir Ahnungen und Zweifel, ob ich keinen geſetzwidrigen Fehler begangen, als ich die Meßkette über die Niederungen hinausdehnte; aber das Hügelchen, worauf die Wohnung ſtand, warin meinen Augen ſo geſund und bequem, daß, wenn es eine Sünde geweſen, etwas über die Grenze 356 Vergebung zu erhalten. hinaus gegangen zu ſeyn, ich hoffen darf, cht zu Aſche herunter Ach! dort iſt auch kein Stock übrig, der ni gebrannt wäre!“. „Mann, hilf mir auf,“ erwiederte die ſchwache Woͤchnerin, „nimm mich in Deinen Arm, damit ich die Stelle ſehe, wo meine Kleinen das Licht der Welt zuerſt ſahen!“ Es geſchah, und eine Minute lang ſtarrte die Frau ſtumm und in tiefem Schmerz auf die rauchende Brandſtätte. Dann aber, als neues Geſchrei von außen die Luft erfüllte, bebte ſie zurück, und wendete ſich mit mütterlicher Herzensſorge zu den unſchuldigen Weſen, die neben ihr ſchlummerten und von keiner Gefahr wußten. „Dein Bruder iſt von den Heiden bis an die Palliſaden zu⸗ rückgedrängt,“ bemerkte Jener, ſein Weib einen Augenblick mit großer Zärtlichkeit betrachtend,„und hat ſeinen Haufen durch den Abgang der Verwundeten bedeutend geſchwächt.“ Eine kurze beredte Pauſe erfolgte. Fruchtbarkeit ſchlug die thränenſchweren Augen zu ihm in die Höhe, reichte ihm ihre matte Hand und gab zur Antwort: „Ich weiß, was Du thun möchteſt. Es geziemt ſich nicht, daß der Sergeant Ring eine Krankenwärterin ſey, wenn der In⸗ dianer als Feind in den Gefilden ſeiner Nachbarn hauſet! Geh', wohin die Pflicht Dich ruft, und vollbringe als Mann, was Dir zu thun obliegt! Dabei aber laß mich Dir an's Herz legen, wie viele Deren ſind, die ein Recht an Deinem Leben, an Deinen Vaterſorgen haben!“— Erſt warf Ring einen behutſamen Blick um ſich, wie es die ſittſamen ernſten Gewohnheiten der Puritaner erheiſchten; dann, als er ſich überzeugt hatte, das Mädchen, welches früher einge⸗ treten war, die Wöchnerin zu pflegen, ſey wieder hinausgegangen, trat er näher, drückte ſeine Lippen auf die Wange ſeines Weibes, heftete einen gerührten Blick allf die S Muskete über die Schulter und eilte in den Hof. aͤuglinge, warf dann die en. ⸗ nit den die atte icht, In⸗ zeh', Dir wie einen 3 die dann, inge⸗ ngen, eibes, n die 357 Als Ruben Ring ſich Dudley und deſſen Schaar anſchloß, hatte Dieſer eben Befehl gegeben, ſich in Marſch zu ſetzen, um zu Denen zu ſtoßen, welche den ſüdlichen Eingang des Dorfs mann⸗ haft vertheidigten. Noch war das Geſchäft des Ausräumens und Wegſchaffens nach der Feſtung nicht vollendet, und es kam vor allen Dingen darauf an, das Dorf gegen den Feind zu ſchützen. Jedoch war die ſchwere Aufgabe nicht ganz ſo ſchwer, als es die große Ueberzahl der Indianer hatte befürchten laſſen. Das Gefecht mit dem Haufen, welchen Content anführte, war begonnen, und die Indianer gezwungen worden, ihre Macht zu theilen. Die Häuſer mit ihren Einfaſſungen und Außengebäuden gaben eben ſo viel Bollwerke ab; die angreifenden Feinde gingen mit einer Behutſam⸗ keit und einer Uebereinſtimmung zu Werke, welche zu erkennen gab, daß ſie unter der Leitung eines mehr als gewöhnlichen Geiſtes ſtanden. Dudley hatte den anfänglich ſchweren Stand nicht mehr, ſeit⸗ dem der Feind ihn weniger drängte, weil dieſer es vorzog, die Bewegungen der Beſatzung in dem befeſtigten Hauſe zu beobachten, deren Stärke ihm unbekannt war, und deren Ausfall ihn offenbar beſorgt machte. Sobald Dudley's Haufe den Lieutenant, dem die Vertheidigung des Dorſs zugefallen, verſtärkt hatte, gab dieſer das Zeichen zum Angriff, und ſeine Mannſchaft rückte mit Krieges⸗ geſchrei vor; Einige ſangen geiſtliche Lieder, Andere erhoben ihre Stimmen im Gebet, während eine geringe Anzahl furchtbare gräß⸗ liche Töne erhob, wodurch ſie den Zweck vielleicht nicht minder wirkſam erreichten, dem Feinde Furcht einzujagen, und da das Ganze von einem kräftigen Flintenfeuer begleitet wurde, ſo ver⸗ fehlten ſie das Gewünſchte nicht. In wenigen Minuten floh der Feind, und befreite für den gegenwärtigen Augenblick dieſen Theil des Thales von aller Gefahr. Verfolgung wäre Thorheit geweſen. Es wurden nur an ver⸗ borgenen ſicheren Orten zwiſchen den Behauſungen Vorpoſten aus⸗ geſtellt, und der übrige Haufe kehrte um, in der Abſicht, den nach dem For Feind abzuſchneiden, welcher noch immer die Wieſen, die der Feſtung nahe lagen, beſetzt hielt. Doch dieſes gelang nicht, denn im Augenblick, wo die Indianer ſich gedraͤngt ſahen, eilten ſie, den Schutz des Waldes zu erreichen, und als die Weißen ſich wieder t begaben, folgten ſie ihnen auf den Ferſen nach, daß jene keinen Schritt vorwärts thun könnten, ohne Angriff auszuſetzen. So mußten denn ſowohl die ris, als die Mannſchaft, die ſich davor geſammelt Zuſchauer der Auftritte ſeyn, welche bei„‚Heath⸗ ſo wurde des alten Marcus Wohnung insge⸗ zum Beweis, ſich einem neuen Beſatzung des Fo hatte, unthätige cotehouſe“,— denn mein genannt,— ſtattfinden ſollten. Das befeſtigte Gebäude war zum Schutz des Dorfs und ſeiner Bewohner aufgeführt, eignete ſich auch durch ſeine Lage vorzüglich dazu; konnte aber denen, welche außerhalb Schußweite davon lagen, von keiner Hülfe ſeyn. Das einzige Geſchütz, ‚die Heuſchrecke“, hatte ihren Dienſt geleiſtet, und für den Augenblick das weitere Vorrücken des Feindes gehindert. Aber der Zuruf des Fremden an ſeine Mannſchaft, womit das vorige Kapitel ſchloß, und die gleich darauf folgende Bewegung waren Beweiſes genug, daß der vom Hauſe abgewendete Angriff einen gefährlichen Charakter an⸗ nehmen würde. Der das Heatheotehaus umgebende Boden war mehr zu ge⸗ drängtem und tödtlichem Gefechte geeignet, als irgend einer der übrigen Stellen auf dem beſchriebenen Schauplatz. Die Obſtbäume waren mit den Jahren ſtark angewachſen, die Gärten durch Fleiß und Wohlſtand ſtark verzäunt, die übrigen Außengebäude feſt und in guten Stand geſetzt. In dem Obſtgarten nun war es, wo die feindlichen Parteien auf einander ſtießen, und wo es zu dem Aus⸗ gang kam, welchen der kriegserfahrene Fremde vorausgeſehen hatte. Content theilte, wie Dudley ſeine Mannſchaft. Sie mußte mit eben dem Rückhalt feuern, wie es bei der Schaar in den Wieſen geſchehen war. Auch hier krönte der Erfolg die geübtere ner lich gen, cke“, tere nden die der an⸗ u ge⸗ r der bäume Fleiß ſt und wo die Aus⸗ hatte. mußte in den geübtere 359 Kriegszucht: die Weißen trieben den Feind Schritt vor Schritt zurück, bis es das Anſehen gewann, als werde er in's offene Feld zurückgedrängt und ein glänzender Sieg davongetragen werden. Aber mit einemmale wurde in dieſem vielverſprechenden Augenblick das Indianiſche Heho! gehört, und zwiſchen Rauchſäulen ſtürzte, wie finſtere bösartige Geſpenſter, die verſtärkte Bande von Neuem hervor. Voran zeigte ſich, das Haupt turbanartig umwunden, der rieſenhohe Häuptling mit ſeiner Donnerſtimme an der Spitze; ihm folgte die vorher ſchwankende Reihe feſtgedrängt vorwärts. Das Kriegsgeſchrei verdoppelte ſich; denn auf der Flanke rückte ein zweiter Anführer, den Tomahawk in hoher Hand ſchwenkend, vor. Beide Haufen floßen in einen dichten Phalanx zuſammen und drohten die Weißen mit ſich fortzureißen, wie der hervorbrechende Wald⸗ ſtrom alles in ſeinem Laufe zerſtört und vernichtet. „Leute, in's Quarré!“ rief der Fremde, des eigenen Schutzes und Lebens uneingedenk und nur die äußerſte Noth beachtend. „In's Quarré, Chriſten, und ſteht wie die Säulen!“ Content wiederholte den Befehl; er lief von Mund zu Mund. Doch ehe noch die Flanken ſich dem Centrum anſchließen konnten, war der Stoß erfolgt und die Schlachtordnung geſprengt. Jetzt wurde Alles handgemein, Mann gegen Mann, Kopf gegen Kopf; der eine Theil kämpfte um den Sieg, der andere um das Leben. Nach dem erſten Losbrennen der Musketen, nach dem erſten An⸗ klang der Bogen und Abſchnellen der Pfeile begann das mörderiſche Handgemenge. Meſſerſtiche, Tomahawkhiebe wurden von ge⸗ ſchwenkten und zermalmenden Kolben oder von würgenden Händen erwiedert, die ſich im Todeskrampf um die Kehlen der Wilden athemrau⸗ bend ſchnürten. Zu hohen Haufen fielen Menſchen auf Menſchen, und wenn der Sieger ſich erhob, um die zu ſeinen Füßen Schnaufenden abzuſchütteln, fiel ſein Auge gleich finſter auf Feind und Freund. Der Obſtgarten erſcholl vom Geſchrei der Indianer; die Koloniſten kämpften in ſtummer Verzweiflung. Der Widerſtand wich nur mit dem Leben, und dieſer furchtbare Tag lieferte mehr als ein Bei⸗ ſpiel, daß das bekannte warmdampfende Siegeszeichen des Indianers vom Ueberwinder vor den noch offenen Augen des zerfetzten Opfers, von deſſen Haupt es ſealpirt worden, im Triumphe geſchwungen wurde. Während der entſetzlichen Scene wilder Wuth und blutigen Gemetzels waren die Hauptperſonen unſerer Geſchichte nicht un⸗ thätig. In ſchweigender, aber tiefgedachter Uebereinſtimmung, Rücken an Rücken gelehnt, hatten der Fremde, Content und ſein Sohn ihre Kraft vereinigt, dem Feinde und ihrem weichenden Glücksſtern tapfern Widerſtand zu leiſten. Der Erſtere, kein Parade⸗ krieger, und wohl wiſſend, daß da, wo das Leben im Spiel iſt, keine Ordnung, kein Befehl in Anſchlag kommt, ließ ohne einen Laut von ſich zu geben, Streich auf Streich fallen. Seinem Bei⸗ ſpiele folgte Content im edlen Wetteifer; der junge Marcus kämpfte in voller Muskel⸗ und Gliederkraft, und mit der ganzen Aufregung ſeines jugendlichen Alters. So wurde ein erſter Anfall der Wilden zurückgeſchlagen, und ein Augenblick ſchien der Weg zum Rückzug in's Haus offen. Auf des Fremden Vorſchlag richtete ſich ſchon das wandelnde Dreieck dahin, in der Abſicht, ſich, dem Gedränge entzogen, ſeiner eigenen Kräfte beſſer bedienen zu können, als in dem kurzen Augenblicke der Wahrſcheinlichkeit, das Ziel zu errei⸗ chen, ein Indianiſcher Häuptling aus dem dichten Haufen hervor⸗ ſtürzte, mit aufgehobener Streitart von allen Seiten nach einem Opfer ſich umſchauend. Ihm folgte eine ganze Schaar auf dem Fuße, und nun ſchien der letzte entſcheidende Moment unvermeidlich. Als ſie die mächtigſten und ausgezeichnetſten ihrer Feinde und ihr Leben ſchon in ihrer Gewalt glaubten, und ſie als gewiſſe Opfer anſahen, erhob ſich von den Lippen der Indianer ein fürch⸗ terliches Triumphgeſchrei. Ihr Anführer, ſcheinbar über die nie⸗ deren Ausbrüche ſeiner Begleiter erhoben, nahte ſich allein ſchwei⸗ gend, während ſeine Schaar einen Kreis bildete, um die dem Tode Geweihten zu umzingeln. Der Zufall führte ihn dem jungen .,— 361 Marcus gegenuber. Beide Krieger waren in der vollen Friſche und Kraft des jugendlichen Alters. Sie ſchienen an Wuchs, Jahren und Gewandtheit einander gleich; und da die Indianer, in der Ueberzeugung, ihr Anführer bedürfe ihres Beiſtandes nicht, ſich nur mit Content und dem Fremdling beſchäftigten, mußte es zu einem verzweifelten Zweikampf kommen. Gleichwohl hatte es einen Augenblick das Anſehen, als wolle keiner der beiden Streiter der angreifende Theil ſeyn, obſchon keiner den Angriff des andern zu ſcheuen ſchien. Für einen Maler, und noch mehr für einen Bild⸗ hauer, wären ihre Stellungen das reichſte Modell einer herrlichen Kunſtdarſtellung geweſen. Marcus hatte, wie die meiſten der Seinigen, ehe er in den Kampf ging, alle überflüſſige Stücke ſeiner Bekleidung abgeworfen. Der Obertheil war bis auf's Hemd nackt, und ſelbſt dieſes während der Gefechte zerſtückt. Seine volle gewölbte Bruſt war ſichtbar, mit ihrer weißen Haut und den blauen Adern eines Jünglings, deſſen Vater aus dem Oſten herſtammten. Seine blühende Geſtalt ruhte auf einem Fuß, welcher wie in den Boden eingewurzelt ſchien, während der andere gleich einem Hebel nach vorn ausgeſtreckt war, um ſich nach allen Bewegungen des Feindes richten zu können. Die Arme nach hinten gebogen— die Hände den Lauf der Mus⸗ kete umklammernd, um mit einem Umſchwung alles niederzuſchmet⸗ tern, was ſich in den Bereich derſelben wagen würde. Das Haupt mit dem kurzen gelockten blonden Haar ſächſiſcher Abkunft bedeckt, ſenkte ſich nach der linken Schulter hin, um das Gleichgewicht zu erhalten. Die Stirn erhitzt, die Lippen feſt angedrückt, die Adern an den Schläfen und am Halſe bis zum Zerſpringen geſchwollen. Die Augen zuſammengezogen, und im Blick zugleich das Gefühl verzweifelnden Entſchluſſes und des höchſten Erſtaunens. Von der andern Seite erregte der indianiſche Krieger noch mehr Aufmerkſamkeit. Der Gewohnheit ſeiner Väter getreu, war er, halb nackt in das Feld gezogen. In ſeiner leichten geſtreckten 362 Stellung fah man den augenblicklichen Sprung, und poetiſch hätte man ſie füglich mit der eines lauernden Panthers vergleichen mögen. Der vorgeſchobene Schenkel trug den Körper, und ſchien mehr durch Muskel⸗ und Sehnenkraft gebogen, als von der Laſt gedrückt, die auf ihm ruhte. Sein ſtolz in die Höhe gerichtetes Haupt ſchob ſich etwas aus der ſenkrechten Lage vor. Mit der einen Hand hatte er den Stiel der Streitaxt gepackt, welche der Hüfte anlag, während die andere den bockshörnenen Griff eines Meſſers umklam⸗ merte, das noch im Gürtel ſteckte. Der Ausdruck des Geſichts war ernſt, düſter, und etwas grauſam, dabei aber von jener unbe⸗ weglichen würdevollen Ruhe gemildert, welche dem hohen indiani⸗ ſchen Häuptling eigen iſt. Das ſtarre Auge ſchien wie verſteinert; nur daß, eben wie bei Jenem, den es bedrohte, der ſeltſam zu⸗ ſammengezogene Apfel einen hohen Grad des Erſtaunens verrieth. Die kurze Pauſe, die nach der erſten Bewegung eingetreten war, welche beide Krieger in die oben beſchriebenen Stellungen gebracht, war höchſt vielſagend. Keiner ſprach, keiner machte ſicht⸗ baren Gebrauch von ſeinen Muskeln, keiner ſchien zu athmen. Es war kein zur Vorbereitung erforderlicher Aufſchub; beide ſtan⸗ den fertig, den Todesſtreich auszuführen; noch weniger war, in der feſten gepreßten Haltung des jungen Marcus, ſo wie in dem höhern, freiern, geübtern Ausdruck in Stirn und Auge des Indianers, das geringſte Schwanken in der Kampfluſt zu leſen. Es war ein fremd⸗ artiges Gefühl, welches ſich Beider bemeiſtert hatte, und während ihr Körper nur den Augenblick erwartete, wo das blutige Geſchäft beginnen ſollte, hielt ſie ein unbekanntes Etwas in dem alles ent⸗ ſcheidenden Augenblick zurück. Ein Todesſchrei, dem Munde eines Wilden entfahren, den der Arm des Fremden zu den Füßen des Häuptlings geſchleudert hatte, und ein kurzer Ruf des Letztern zur Ermuthigung, unterbrachen den ſchwebenden Augenblick. Jetzt ſenkten ſich ſchon die Kniee des Indianers; die Spitze des Tomahawks hob ſich in gleichem Maaße; & AN—— —· 8 ⏑— 363 die Meſſerklinge ſchimmerte aus ihrer Scheide hervor; der Kolben von Marcus Muſkete war mit äußerſter Spannung der Sehnen zum Aushohlen geſchwungen— als ein Schrei, ein Gekreiſch, ver⸗ ſchieden von allen, welche an dem Tage gehoͤrt worden, ganz in der Nähe erſcholl, und von beiden Theilen zugleich den ſchon im Fallen begriffenen Streich plötzlich hemmte. Marcus nämlich fühlte ſich von Armen umſpannt, kräftig ge⸗ nug ihn zu binden, nicht ihn zu überwältigen, während ſein Ohr die bekannte Stimme Whittal Ring's und ſeine Worte vernahm. „Schlagt ſie todt, die Lug und Trug treibenden blaſſen Hunger⸗Geſichter! die uns keine Nahrung gönnen als die Luft, kein Getränk als das Waſſer!“ Der andre Krieger fühlte ſich ebenfalls aufgehalten, und als er ſich entrüſtet umſah, den Verwegenen zu ſtrafen, ſah er zu ſei⸗ nen Füßen die knieende Geſtalt, die in die Höhe gehobenen Arme und Hände, die wie von Todeskampf ergriffenen Züge Martha's. Er gewann kaum ſo viel Zeit, vom Haupte der Bittenden den Streich abzuwenden, den einer der Untergebenen im Begriff war auszuführen, rief ein paar Worte in den ſchnellſten Tönen ſeiner Sprache, und zeigte mit dem Finger auf den ſich ſträubenden Mar⸗ cus; ſchnell warfen ſich einige Indianer auf den ſchon halb be⸗ zwungenen Jüngling. Ein hundertfaches Freuden⸗Heho! erſcholl auf dem Schlachtfelde, und auf dieſes folgte im ganzen Obſtgarten eine tiefe Stille, faſt eben ſo grauſenvoll, als der ihr vorausge⸗ gangene Tumult. Bald nachher ließ ſich das langgezogene, furcht⸗ bare, ſprechende Geſchrei hören, womit der amerikaniſche Krieger ſeinen Triumph verkündet. Mit dem Kampf im Obſtgarten hörten alle Gefechte des heißen Tages auf. Durch die grellen Töne von dem Siege ihrer Feinde unterrichtet, ſah die Beſatzung des Forts, wenn ſie einen Ausfall wagte, ihr eigenes Verderben und zugleich den Untergang der Schwachen voraus, die ſich in die Werke geborgen hatten. 364 Die Entfernung vom Heatheotehauſe war zu groß, um den Ent⸗ ſatz verſuchen zu können; unthätig und unfähig zur Hülfe, mußten ſich die Krieger im Fort begnügen, Zeuge eines Unglücks zu ſeyn, welchem zu ſteuern nicht in ihren Kräften ſtand. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Und trug ſich wirklich zu, wovon wir reden? Sagt, oder haben Tollwurz wir gegeſſen, Die den Verſtand befängt? Maebeth. Eine Stunde ſpäter, und es eröffnete ſich eine Scene ver⸗ ſchiedener Art. Feindliche Rotten, welche man in der geſitteten Kriegskunſt: Beobachtungspoſten nennen würde, ſtellten ſich in den Einſchnitten des Waldes, die dem Dorfe am nächſten lagen, auf. Die Siedler ihrerſeits, blieben an den Gebäuden unter Waffen, oder ſtanden in Reih und Glied vor den Palliſaden des Forts. Zwar wurde mit dem Bergen der Geräthe noch immer fortgefah⸗ ren; gleichwohl war der erſte Allarm größtentheils verſchwunden, die Eigenthümer gewannen neues Vertrauen, ſich und ihre Habe gegen den Angriff zu behaupten. Selbſt die Weiber zeigten in ihren Bewegungen auf der graſigen Dorfſtraße weniger ängſtliche Eile, während die Bewaffneten eine Ordnung und Planmäßigkeit an den Tag legten, welche geeignet war, dem wilden zuchtloſen Feinde Achtung einzuflößen. Aber Wohnhaus, Außengebäude, Hausrath, kurz alles was den bisherigen Wohlſtand der Heatheotes ausgemacht hatte, war völlig und ohne Ausnahme in der Gewalt der Indianer. Die offenen Fenſterläden und Thüren, das zerſtreute halb zerſtörte Ge⸗ räthe, Spuren übermüthiger Verheerung, und das von allem Schutze entblößte, verlaſſene, preisgegebene Eigenthum, zeugte von der — — 365 zügelloſen Unordnung eines gelungenen Ueberfalls. Jedoch wurde das Werk der Zerſtörung und des Plünderns nicht weiter getrieben; nur daß mancher Krieger, nach Eingebung ſeines Nationaltriebes, Vergnügen fand, ſich mit einzelnen Theilen der vorgefundenen Habe zu ſchmücken. Dagegen hörte alle Gewaltthätigkeit auf; die Wuth des Eroberers war gebändigt, kurz die eintretende Beſchwichtigung ſchien von einem geheimwirkenden außerordentlichen Machthaber herzurühren. Die Männer, welche noch kurz vorher von den wil⸗ deſten Leidenſchaften ihrer Natur getrieben waren, ließen ſich, wo nicht ganz beſänftigen, doch zurückhalten; und anſtatt ſich einer triumphirenden Rache, der gewöhnlichen Folge indianiſcher Siege, ſchonungslos zu überlaſſen, ſchweiften die Krieger in den Gebäu⸗ den und Umgebungen mit einer Stille umher, welche, obgleich mür⸗ riſch und finſter, die charakteriſtiſche Unterwürfigkeit des Indianers bezeichnete. Sowohl die Hauptanführer des Ueberfalls als die Beſiegten, die ihn überlebt hatten, waren zugleich in der Vorhalle des Hauſes verſammelt. Die blaſſe, abgehärmte, mehr um Andere als um ſich ſelbſt trauernde Ruth, ſtand abſeits; neben ihr Martha und das junge Mädchen, deren Mißgeſchick es war, an dieſem unglück⸗ ſchwangern Tage in Heatheotehaus zu ſeyn. Content, der Fremde und Mareus ſtanden weiter im Vorgrunde, überwältigt, gebunden, die einzigen Uebriggebliebenen der Schaar, welche ſie noch vor einer Stunde angeführt hätten. Das graue Haar und die Hinfälligkeit des alten Puritaners erſparte ihm die Demüthigung der Feſſeln. Der einzige von Europäiſchem Blute, der die Gruppe vollendete, war Whittal Ring. Das blödſinnige Weſen ſchlich langſam zwiſchen den Gefangenen umher; ab und zu blickten in ſeiner Einfalt ältere Erinnerungen und Sympathien auf, wurden aber bald von den Vorwürfen verdrängt, womit er den Unglücklichen die ungerechtigkeit ihres Landbeſitzes und die Rechte der von ihnen verdrängten Urbewohner vorhielt, des Volkes, dem er anzugehören wähnte. 366 Die Haupter der ſiegenden Partei, die den Mittelplatz einnahmen, ſchienen in einer tiefen, ernſten Berathſchlagung begriffen. Da ihrer nur wenige waren, ſo ließ ſich ſchließen, daß es die vor⸗ nehmſten des Stammes ſeyn mußten. Andere Unteranführer, ob⸗ ſchon Männer von Ruf und Namen nach den beſchränkten Begriffen dieſer Stämme, bildeten Gruppen unter den Bäumen, oder gingen im Hofe auf und ab, ſich in ehrerbietiger Entfernung von den berathſchlagenden Häuptern haltend. Dem ununnterrichtetſten Auge hätte es nicht entgehen können, wer das höchſte Anſehen bekleidete. Der Krieger mit dem Turban, deſſen in dieſen Blättern bereits Erwähnung geſchehen, nahm die Mitte der Gruppe ein, in der ruhigen würdevollen Stellung eines Indianiſchen Häuptlings, wenn er anderen Meinungen Gehöor gibt, oder die eigene vorträgt. Seine Muſkete hatte er einer Art von Ordonnanz übergeben, Meſſer und Tomahawk ſteckten wieder im Gürtel. Ueber der linken Schulter hing, in gefällige Falten gelegt, ein leichtes Gewand von Scharlachtuch, und ließ den nackten Arm frei, die Bruſt halb unbedeckt. Von dieſer Bekleidung träu⸗ felte langſam Blut herab und befeuchtete den Boden, worauf er ſtand. Die Geſichtszüge des Kriegers bezeichneten Ruhe; nur gab ſein Auge, in ſteter ſchneller Bewegung, die Thätigkeit ſeines Geiſtes und die Unruhe des in ihm wohnenden Argwohns zu er⸗ kennen. Der Tiefblick des Phyſtognomikers würde vielleicht auf ſeinen Zügen auch den Kampf des unterdrückten Unwillens mit dem über ſeine Natur gewonnenen Siege der Gelaſſenheit geleſen haben. Zwei ihm zur Seite ſtehende Häuptlinge waren, wie er ſelbſt, über die reiferen Jahre hinaus; ſie trugen in ihren Zügen den Geiſt und Ausdruck des Erſteren, nur nicht ganz ſo ausgeſprochen und deutlich; auch entfuhren ihnen nicht die Zeichen des Mißmuthes, welche ſich bisweilen, trotz aller Gewalt, die Jener ſich anthat, in ihm offenbarten. Einer von ihnen war im Sprechen begriffen, und ſein Blick verrieth den Gegenſtand ſeines Geſprächs, indem er auf ———— 22 367 den vierten Häuptling ſiel, der aber weit genug von den dreien abſtand, um nicht hören zu können, wovon die Rede war. In dieſem Vierten wird der Leſer den jungen Krieger wieder erkennen, der ſo nahe daran geweſen, ſich mit Marcus in Zwei⸗ kampf einzulaſſen, und deſſen frühere Flankenbewegung Dudley und ſeinen Haufen gezwungen hatte, die Wieſen zu räumen. Die Muskel⸗ und Sehnenkraft, der feſte beredte körperliche Ausdruck, den wir oben in ihm bewunderten, hatte der auffallenden Ruhe Platz gemacht, die den Indianiſchen Streiter im Stande der Un⸗ thätigkeit eben ſo bezeichnet, wie den geſitteten Europäer, welcher in der Schule der Erziehung gelernt hat, ſich dieſen Anſtand anzu⸗ eignen. Mit der einen Hand lehnte er ſich leicht an die Muſkete; am Gelenk der andern hing ſein Tomahawk, von welchem einzelne Blutstropfen herabfielen. Arm und Hand in loſer, nachläſſiger Lage. Sein Leib, nicht anders bedeckt als im Kampfe, war ohne Wunde geblieben; nicht ſo der ſeines ältern Mithauptmanns. An Geſtalt und Zügen war der junge Krieger das Muſter eines ſchönen Indianiſchen Mannes⸗ Seine Glieder rund, voll, fehlerlos gereckt; keine ſtark hervorragende Muskeln, und doch dabei alle Kennzeichen unbeſchreiblicher Kraft und Biegſamkeit. In dieſer letztern Hinſicht, in der herrlichen Stellung, im ſcharfen edeln Blick, wenn er die Stirn erhob, zeigte ſich eine treffende Aehnlichkeit mit der Statue des Pythiſchen Apolls, während die volle, fleiſchige, etwas an das Weibiſche grenzende Bruſt an die Sinnlichkeit, die uns in den Zügen des jungen Bachus dargeſtellt wird, erinnerte. Doch war dieſes Zuſammentreffen mit einer Gottheit, die ſo wenig geeignet iſt, in dem Geiſte des Beſchauers höhere Gefühle zu erregen, nicht eben unangenehm, weil ſie eini⸗ germaßen den Ernſt eines Auges milderte, aus welchem Adlerblicke ſchoſſen, und deſſen Feuer ſonſt einen Eindruck hinterlaſſen hätte, der ſich zu ſehr von dem Begriff der menſchlichen Schwäche entfernt haben würde. Inzwiſchen fiel dieſe Fülle der Bruſt, eine gewöhnliche * 2 8* 368 Folge der Unthätigkeit, der befriedigten Bedürfniſſe der Natur, und eines von aller Beſchwerde freien Lebens, nicht ſo ſehr bei dem jungen Krieger auf, als bei den Häuptlingen, die nicht weit von ihm in heimlichen Berathſchlagungen begriffen waren, oder bei denen, welche in den Feldern und Gebäuden zerſtreut umher⸗ gingen. Sie war eher an ihm ein Lob als ein Tadel, denn ſie ſchien zu ſagen, daß trotz des ſtrengen Aeußern, welches Gewohn⸗ heit, vielleicht auch Charakter und Rang, ſeinen Zügen eingedrückt, in dieſer Bruſt ein Herz ſchlug, welches den Gefühlen der Men⸗ ſchenliebe Eingang verſtattete. Den Beweis lieferte die Gegenwart. Der Blick ſeines umherſchweifenden Auges, obſchon forſchend und vielſagend, verrieth offenbar eine weichere Empfindung, und eine ſeltſame ungewohnte Seelenunruhe. Jetzt nach beendigter Beſprechung der drei Hauptleute, trat der Haͤuptling mit dem Turban zu den Gefangenen. Gang und Miene deuteten auf einen gefaßten Entſchluß. Als Whittal das furchtbare Oberhaupt ſich nähern ſah, ſtellte er ſich dem jungen Krieger auf eine Art zur Seite, aus welcher ſich auf Vertraulichkeit und größeres Vertrauen zu demſelben ſchließen ließ. Plötzlich ſtieg in dieſem ein lichter Gedanke auf. Er führte den Schwächling an das äußerſte Ende der Vorhalle, ſprach leiſe und ernſt mit ihm, zeigte mit dem Finger auf den Wald, und als er ſah, daß ſein Bote ſchon ein gutes Stück querfeldein zurückgelegt, kehrte er ſelbſt langſam und mit Würde in die Mitte zurück, ſeinem Freunde ſo nahe, daß er mit dem Ellbogen die Falten des Scharlachmantels berührte. Kein Wort begleitete jenen Vorgang. Nur als der Oberhäuptling ihn ſah, warf er einen zaudernden Blick auf ſeinen Gefährten, nahm aber gleich wieder die geſetzte Miene an, und wandte ſich zu Heatheote: „Mann ſo vieler Winter,“ begann er in verſtändlichem Eng⸗ liſch, wobei er die Ausdrücke mühſam ſuchte und Wendungen gebrauchte, die wir hier nicht beibehalten:„Mann, der ſo viele 369 Winter erlebt, warum hat der große Geiſt Dein Geſchlecht hung⸗ rigen Wölfen gleich gemacht? warum hat ein Bleichgeſicht den Magen eines Bußaars, den Schlund eines Hundes, das Herz eines Rothwildes? Du haſt das Verrinnen ſo manchen Schnees geſehen. Du erinnerſt Dich der Zeit, als der Baum ein Bäumchen war. Woher kommt es, ſage mir, daß der Yengihs ſo unerſättlich iſt, daß er alles haben will, was zwiſchen der aufgehenden und der untergehenden Sonne liegt? Sprich; wir möchten wiſſen, weswegen ſo lange Arme an ſo kleinem Leib ſitzen?“ Durch die Vorfälle des Tages waren alle ſchlummernden Kräfte des alten Puritaners aufgeregt. Schon mit anbrechendem Morgen hatte ſich ſein Geiſt, wie immer am Tage des Herrn, mit Wärme zu Gott erhoben; dann folgte der Ueberfall, und fand ihn gegen irdiſches Unglück gerüſtet; zwar waren in ihm, im Kriegs⸗ getümmel auferzogen, Gefühle erwacht, die nie ganz erſterben; doch ſiegte Gelaſſenheit, Unterwürfigkeit und Ausdauer über Trotz und Widerſtand. So geſtimmt, antwortete er mit Ernſt und ruhiger Würde: „Der Herr hat uns in die Bande der Heiden gegeben— den⸗ noch ſey ſein Name unter meinem Dache gebenedeit! Aus dem Böſen kommt das Gute; aus dem Triumph der Unwiſſenden ent⸗ ſpringt unſer Sieg!— immerwährender Sieg!“ Der Häuptling ſah unverwandten Blicks den Sprechenden an, dem ſeine lange hagere Geſtalt, ſein ehrwürdiges Antlitz, ſeine dünnen Haarlocken, ſein gläͤſernes tiefliegendes Auge, um welches die hektiſche Röthe der Begeiſterung ſich ergoß, ein Etwas ver⸗ liehen, das ſich über die menſchliche Schwäche zu erheben ſchien. Mit halb abgöttiſcher Verehrung neigte er ſein Haupt, und wendete ſich dann zu Denen, welche mehr der irdiſchen Natur anhingen, weil er hoffte, ſeine Abſichten bei ihnen leichter zu erreichen. „Der Geiſt meines Vaters iſt ſtark, aber ſein Leib iſt wie ein Zweig der verdorrten Schierlingstanne!“ Mit dieſer kräftigen Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 24 370 Erklaͤrung leitete er die gleich darauf folgende Bemerkung ein. „Wie kommt dies?“ fuhr er fort, einen ſcharfen Blick auf das Kleeblatt werfend, das ihm unlängſt im tödtlichen Kampf Wider⸗ ſtand geleiſtet.„Hier ſtehen Männer, deren Haupt weiß iſt, wie die Blüthe der Cornelle, und deren Hände ſo ſchwarz ſind, daß ich ſte kaum ſehen kann!“ „Arbeit und die brennende Sonne haben ſte geſchwärzt,“ erwiederte Content, welcher ſich auf die Bilderſprache des Volks verſtand, in deſſen Gewalt er war.„Wir haben gearbeitet, damit unſere Weiber und Kinder zu eſſen hätten.“ „Nicht alſo; das Blut der rothen Männer hat euren Händen die dunkle Farbe gegeben.“ „Haben wir zu den Waffen gegriffen, ſo geſchah es, damit das Land, welches der Große Geiſt uns gegeben, unſer bliebe, und unſre Scheitelhaut nicht in den Wigwams mit Rauch überzogen würde. Wo iſt der Narraganſett, der ſeine Waffen verbergen und ſeine Hände binden wollte, wenn das Kriegsgeſchrei in ſeine Ohren ſchallt?“ Als auf das Eigenthumsrecht des Thals hingedeutet wurde, ſchoß das Blut in die Wangen des Indianers mit ſolcher Stärke, daß die von Natur ſchwarzbraune Farbe noch dunkler erſchien; krampfhaft faßte ſeine Hand den Stiel des Tomahawks; dennoch, Herr über ſeine Bewegungen, erlaubte er ſich bei der Rede des Weißen keine Unterbrechung. „Was ein Rother vermag, könnt ihr ſehen,“ ſagte er, und zeigte mit dem Finger nach dem Obſtgarten hin; zugleich ſchlug ſich, als er den Arm erhob, der Zipfel des Mantels zurück, und ent⸗ blößte zwei noch dampfende Trophäen ſeines neuerlichen Sieges. „Unſere Ohren ſtehen weit offen. Wir ſind begierig zu erfahren, auf welche Weiſe aus den Jagdrevieren der Indianer geflügter Acker der Yengihs geworden iſt. Nur laßt meine weiſen Männer aufhorchen, damit ſte klüger werden, wenn der Schnee ſich auf 4 371 ihren Häuptern häuft. Die blaſſen Männer beſitzen das Geheimniß was ſchwarz iſt, weiß ſcheinen zu laſſen!“ „Narraganſett...“ „Wompanoag!“ erwiederte der Anführer, mit dem ſtolzen Blick, womit der Indianer den Ruhm ſeines Stammes mit ſeinem perſönlichen zu verweben pflegt.— Dann aber dieſen Blick mildernd, als er ihn auf den jüngern Krieger warf, der ihm zunächſt ſtand, ſetzte er ſchnell und im freundlichſten Tone hinzu:„'s iſt gut, ſehr gut... Narraganſett, oder Wompanoag... Wompanoag, oder Narraganſett. Die rothen Männer ſind Brüder und Freunde. Sie haben die Gehege zwiſchen ihren Jagdplätzen abgebrochen; ſie haben die Pfade, die zu ihren Dörfern führen, von Strauchwerk geſäubert. Was haſt Du dem Narraganſett zu ſagen; ſein Ohr iſt Dir noch nicht verſchloſſen.“ „Vernimm, Wompanoag, wenn dieſes Dein Stamm iſt,“ nahm Content wieder das Wort,„was mein Gewiſſen Dir zu ſagen befiehlt. Der Gott eines Engländers iſt der Gott aller Menſchen, von jedem Stande, von jeder Zeit.“ Mit Ausnahme des jüngſten Häuptlings, deſſen Auge keinen Augenblick vom Munde des Redenden wich, und der jedes Wort begierig einzuſaugen und tief in's Gemüth einzugraben ſchien, ſchüttelten die übrigen Zuhörer ihre Häupter, zum Zeichen des Zweifels. Content fuhr fort:„Ich biete euren Zeichen des Unglaubens und der Läſterung Trotz, und verkünde auf's Neue die Macht deſſen, den ich anbete!“ Nach kurzer Pauſe ſetzte er hinzu:„Mein Gott iſt Dein Gott; er ſieht in dieſem Augenblick ohne Unterſchied auf uns, auf unſer Thun herab, und ſchaut mit unerforſchlicher Weisheit in unſre beiderſeitigen Herzen. Dieſe Erde iſt der Schemel ſeiner Füße; der Himmel dort ſein Thron. Ich erfreche mich nicht, in ſeine heiligen Geheimniſſe ein⸗ zudringen, oder den Grund anzugeben, weswegen er die eine Hälfte des ſchönen Werks ſeiner Hände ſo lange in dem Sumpfe der Unwiſſenheit und heidniſchen Greuels gelaſſen, worin meine Väter ſie 372 gefunden; ich wage es nicht zu forſchen, warum dieſe Hügel die Lob⸗ und Preislieder der Gottheit ſo lange Zeit nicht wiedergehallt haben, warum dieſe Thäler ſo lange ſtumm geblieben ſind. Dies ſind Wahrheiten, welche ſich hinter den geheimen Rathſchlüſſen ſeines heiligen Willens verbergen, und nicht vor der Erfüllung aller Dinge bekannt werden dürfen. Aber ſo viel iſt gewiß: ein großer gerechter Geiſt hat Männer in dieſe Gegenden geführt, erfüllt mit der Liebe zur Wahrheit, und befruchtet mit dem Eifer eines hartbedrängten Glaubens, bedrängt, weil ihr Verlangen nach dem hinauf ſtrebt, was rein iſt, während das Bewußtſeyn ihrer Ueber⸗ tretungen, im Gefühle tiefer Demuth, ſie in den Staub der Erde hinabdrückt. Du beſchuldigſt uns, daß wir Deine Ländereien begeh⸗ ren, und unſer Gemüth der Verderbtheit des Reichthums hingeben. Dies kommt daher, weil Dir nicht bewußt iſt, was wir hinter uns gelaſſen haben, um dem Geiſte der göttlichen Wahrheit treu zu bleiben. Als der Yengihs in dieſe Wildniſſe kam, ließ er in ſei⸗ nem Vaterlande alles hinter ſich, was dem Auge gefallen, den Sinnen ſchmeicheln, und die Bedürfniſſe des verlangenden Herzens befriedigen konnte; denn ſo ſchön auch das Werk des Herrn in allen Ländern iſt, ſo iſt doch keines derſelben ſo herrlich als das, woraus dieſe Pilger in die Wüſte gewallfahrtet ſind. In jenem begün⸗ ſtigten Eiland ſeufzt die Erde unter der Laſt ihrer Erzeugniſſe; der Duft ihrer Wohlgerüche ſteigt lieblich den Bewohnern entgegen, und das Auge ermüdet nicht, ihre Neize einzuſaugen. Nein, die Männer mit den bleichen Geſichtern haben ihr Vaterland und alles, was das Leben ſüß und angenehm macht, verlaſſen, um Gott zu dienen, nicht auf Antrieb unerſättlicher Habſucht oder ſünd⸗ hafter Eitelkeit!“ Content hielt inne, denn er fühlte, daß er ſich, von der Wärme hingeriſſen, die ſeinen Geiſt aufregte, unmerklich von ſeinem Hauptgegenſtand entfernte. Die Sieger beobachteten den ernſten Anſtand, mit welchem der Indianer allezeit die Rede eines Andern bis zuletzt, ohne Unterbrechung anhoͤrt. Dann legte das Oberhaupt, oder der Wompanoag, wie er ſich ſelbſt benannt hatte, den Finger leicht auf die Schulter des Gefangenen, und fragte dabei: „Warum hat das Volk der Yengihs ſich auf einen blinden Pfad verirrt? Iſt das Land, welches ſie bewohnten, heiter und lieblich, warum kann ihr Gott, von den Wigwams ihrer Väter aus, ſie nicht hören? Sieh, wenn unſere Bäume nichts ſind als Gebüſch, ſo laß ſie den rothen Männern, ſie werden ihren Raum finden unter den Zweigen, und im Schatten des Laubes ruhen können. Sind unſre Bäche klein; ſind wir es doch auch. Sind unſre Hügel niedrig, unſere Thäler ſchmal; wohlan, die Füße meines Volkes, ermüdet von der Jagd, werden ſie deſto bequemer durchſtreifen. Nun aber, was der Große Geiſt für den rothen Mann gemacht, ſollte es der rothe Mann nicht behalten? Sollten die, deren Haut weiß iſt, wie der Morgen, nicht dahin zurückkehren, wo die Morgenſonne aufgeht, und von wannen ſie gekommen ſind, uns Unbill zu thun?“ 2 Der Häuptling ſprach mit Ruhe, doch mit einem Nachdruck, welcher zeigte, daß er gewohnt war, einen ſpitzfindigen Streit nach Art des Volkes, dem er angehörte, geſchickt zu führen. „Gott hat es anders beſchloſſen,“ ſagte Content.„Er hat ſeine Diener hieher gebracht, damit der Weihrauch des Preiſes aus der Wildniß zu ihm ſteige.“ „Euer Geiſt iſt ein böſer Geiſt. Eure Ohren ſind betrogen. Der Rath, der eure jungen Männer ſo weit herziehen ließ, kam nicht aus dem Munde des Manitu; er kam von den Lippen Eines, den es freut, das Wild ſelten, und die Frauen hungrig zu ſehen. Geht, ihr gebt dem Spottgeiſt Gehör, ſonſt wären eure Hände nicht ſo ſchwarz.“ e „Ich kann nicht wiſſen,“ erwiederte Content—„welches Unrecht von boshaften Menſchen den Wompanoags angethan worden, denn boshafte Menſchen gibt es überall, ſelbſt in den Wohnungen der 374 Guten; aber von mir und meinem Hauſe iſt nie Einem von Euch Unrecht widerfahren. Den Boden, den Du hier ſiehſt, haben wir rechtmäßig bezahlt; den Ueberfluß und Wohlſtand des Thales um den Preis unſers Schweißes und vieler Arbeit erkauft. Du, als Wompanoag, mußt wiſſen, daß die Jagdreviere Deines Stammes von unſerm Volke heilig und unverletzt gehalten worden. Stehen die Gehege nicht da, die unſere Hände aufgerichtet, damit der Huf des Pferdes Euer Korn nicht zertrete; und wo iſt der Fall, daß ein Indianer über einen Stier, der in ſeinem Gehege Schaden angerichtet, bei uns Klage führte, ohne Gehör gefunden zu haben?“ „Das Mooſethier* nagt nicht das Gras an der Wurzel, es lebt vom Laube des Baumes! Es iſt zu ſtolz, ſich von dem Raſen zu nähren, den es mit Füßen tritt! Schaut der Habicht auf das Musquitogeſchmeiß? Sein Auge verſchmäht es; und kann ſich Vögel erſpähen. Geh' nur! wenn das Wild ihm fehlt, bricht der Wom⸗ panoag in die Gehege und zerſtört ſie mit eigner Hand. Der Arm des Hungrigen iſt ſtark. Der kluge Bleiche hat das Gehege gemacht; es ſchließt das Füllen aus, und den Indianer ein. Aber der Geiſt eines Kriegers iſt zu ſtolz, und will nicht Gras freſſen wie ſein Stier.“ Ein leiſes, aber ausdrucksvolles beifälliges Gemurmel ließ ſich, bei dieſer Gegenrede ihres Häuptlings, von Seiten der grauſen Umgebung hören. „Das Gebiet Deines Stammes liegt weit entfernt,“ verſetzte Content.„Ich will meine Seele mit keiner Unwahrheit beladen, indem ich entſcheide, ob Deinen Landsleuten, bei Vertheilung des Bodens, Recht oder Unrecht geſchehen. Wenigſtens aber iſt ſolches in dieſem Thale nie der Fall geweſen. Hat je ein Indianer Speiſe verlangt, und ſie nicht erhalten? War er durſtig, wir reichten ihm unſern Cider; fror ihn, der beſte Platz am Heerde war ſein; und wer iſt ſchuld, wenn meine Hand ſchon vordem zu den Waffen griff, und mein Fuß den Kriegspfad einſchlug? So * Der amerikaniſche Hirſch. 375 manches Jahr lebten wir friedlich auf dem Boden, welcher theils von Weißen, theils von Rothen erkauft worden. Aber nach langem Sonnenſchein kam eine Zeit der Wolken. Wompanoag, eine finſtre Nacht ſank über dieſes Thal herab. Tod und Brand ſtürmten zugleich in meine Hütte ein. Unſere jungen Männer wurden er⸗ ſchlagen und.... unſere Seelen auf eine harte Probe geſtellt...“ Content hielt inne, denn die Stimme verſagte ihm; ſeine Augen verfinſterten ſich, als er zufällig einen Blick auf die bleiche, harmvolle Geſtalt warf, die ſich an den ſtützenden Arm des noch immer aufgeregten zornvollen Marcus lehnte. Der junge Häupt⸗ ling hatte die ganze Zeit mit gierigem Ohr zugehört, und wäh⸗ rend Content ſprach, durch die vorgebogene Stellung, die man unwillkührlich annimmt, wenn man geſpannt aufhorcht, ſeine innere Theilnahme zu erkennen gegeben. „Aber die Sonne iſt doch auf's Neue aufgegangen,“ erwie⸗ derte der Oberhäuptling, indem er auf den blühenden Zuſtand der Pflanzungen hinzeigte, zugleich aber auch einen unruhigen, verdäch⸗ tigen Blick auf den jungen Krieger warf.„Der Morgen war heiter, obſchon die Nacht ſo dunkel geweſen. Der kunſterfahrene Bleiche iſt vermögend, Korn auf einem Felſen zu ziehen. Der thoͤrichte Indianer begnügt ſich mit Wurzeln, wenn die Ernte mißlingt und die Jagd verſagt.“ „Gott hatte zu zürnen aufgehört,“ erwiederte Content mit weicher Stimme, und ſchlug dabei die Arme über's Kreuz, wie Einer, der nicht weiter zu reden wünſcht. Der oberſte Krieger war im Begriff zu antworten, als ſein junger Gefährte einen Finger auf ſeine nackte Schulter legte, und durch ein Zeichen zu erkennen gab, er habe ihm etwas insgeheim mitzutheilen. Jener fügte ſich dem Verlangen mit Ehrerbietung, ob man es ihm gleich anmerkte, daß ihm der Ausdruck auf dem Geſicht des Andern nicht geſiel, und daß er ungern, wohl gar mit Widerwillen, nachgab. Aber die Miene des jungen Mannes zeigte 376 ſo viel Feſtigkeit, daß eine mehr als gewöhnliche Entſchloſſenheit dazu gehört hätte, einer Aufforderung, welche die Augen ſo nach⸗ drücklich ausſprachen, nicht nachzukommen. Vorher jedoch ſprach er einige Worte zum Krieger, der neben ihm ſtand, und redete ihn mit dem Namen Annawon an. Dann, mit einer ſo natürlichen und würdevollen Geberde, daß ſie einem Hofmann Ehre gemacht haben würde, gab er ſeinem jungen Freunde zu erkennen, er ſey bereit, ihm zu folgen. Wie ſehr die Indianer das Alter verehren, iſt allgemein bekannt; in dieſem Fall indeſſen zogen ſich die Häupt⸗ linge vor dem jungen Mann auf eine Art zurück, woraus man abnehmen konnte, daß Verdienſt, Geburt, oder beides zugleich, ihn dieſer beſondern Auszeichnung würdig machten, welche ſelten Männern ſeines Alters zu Theil ward. Beide verließen nun die Vorhalle mit dem geräuſchloſen Schritt, der das Auftreten der Moccaſins kaum bemerkbar macht. Es iſt der Mühe werth, ihren Gang nach der Gegend hinter dem Hauſe näher zu beſchreiben. Er war charakteriſtiſch, wie alle Gewohnheiten der Indianer es ſind. Keiner ſprach ein Wort; keiner äußerte die weibiſche Neugier und Ungeduld, in des Andern Gedanken und Abſichten einzudringen; keiner ließ es an den kleinen zuvorkommenden Höflichkeiten fehlen, welche das Gehen leichter und bequemer machen. Auf dieſe Weiſe hatten ſie die oft erwähnte Anhöhe erreicht, und erſt jetzt glaubten ſie ſich weit genug, um ein Geſpräch anzuknüpfen, welches ſie vor den Ohren Nichtberufener geheim halten wollten. Im Schatten und unter den Wohlgerüchen des blühenden Gartens auf dem Hügel ſtand der Aeltere ſtill, einen der ſchnellen, faſt unmerklichen, bedächtigen Blicke um ſich werfend, welche einen Indianer von ſeiner Lage, wie durch einen angebornen Inſtinkt, unterrichten; dann begann er die Unterredung. Sie wurde in der Landesſprache geführt; da wir aber gewiß keinem unſerer Leſer einen Gefallen erzeigen würden, wenn wir ſie in der Urſprache vortrügen, wie wir ſie überkommen, ſo ziehen wir es —— ——- 88 x& ₰η — 377 vor, ſie, dem Sinn und dem Genius unſerer Sprache gemäß, in dieſe zu übertragen. „Was wünſcht mein Bruder?“ begann der Krieger mit dem Turban, indem er die tieferen Kehllaute ſeiner Sprache bis zur Freundſchaft, ja bis zur Herzlichkeit ſanft herabſtimmte.„Was be⸗ ſchäftigt den großen Sachem der Narraganſett's? Seine Gedanken ſcheinen getrübt. Mich dünkt, ſeine Augen ſehen etwas mehr als die meinigen, die matt zu werden beginnen. Sieht er vielleicht den Geiſt des tapfern Miantonimoh, welcher wie ein Hund unter den Streichen der feigherzigen Pequods und der falſchzüngigen Yengihs ſiel? Oder ſchwillt ihm das Herz in der Bruſt vor Ver⸗ langen, die Kopfhäute der verrätheriſchen Bleichmänner an ſeinem Gürtel hängen zu ſehen? Längſt iſt die Streitart auf dem Pfade, der unſere Dörfer ſcheidet, verſcharrt; und Deine Worte gelangen zum Ohre eines Freundes.“ „Ich ſehe nicht den Geiſt meines Vaters,“ erwiederte der junge Sachem.„Er iſt weit ab von hier, in den Jagdgründen der vollendeten⸗Krieger. Meine Augen ſind zu ſchwach, ſie reichen nicht über ſo viele Berge hinaus; ſie ſchwimmen nicht über ſo viele Ströme hinweg. Mein Vater jagt das Mooſethier in Gründen, wo es kein Dornengeſtrüppe gibt; er bedarf nicht des Geſichts eines jungen Mannes, nicht ſeiner Leitung, die Spur aufzufinden. Warum ſollte ich nach der Stelle hinſchauen, wo ihm die Pequods und die bleichen Männer das Leben raubten? Das Feuer, das dieſen Hügel verſengt, hat die Stelle geſchwärzt; ich finde keine Spur mehr des Bluts.“ „Mein Sohn iſt weiſe, iſt erfahren und klug über ſeine Jahre! Was gerächt worden, iſt vergeſſen. Mein Sohn ſchaut nicht über ſechs Monate hinaus. Er ſieht nicht, wie die Yengihs in ſein Dorf dringen, wie ſie die alten Mütter morden, die Töchter der Narraganſetts erſchlagen; wie ſie ſeine Krieger von hinten erlegen, und mit den Knochen der Rothen ihr Feuer anzünden. Ich will 378 mir die Ohren verſtopfen, denn die Seufzer der Erſchlagenen machen meine Seele weich und feige.“ „Wompanoag,“ erwiederte Jener mit flammendem Adlerblick, und die Hand auf die Bruſt legend,„die Nacht, welche den Schnee mit dem Blute meines Volkes röthete, iſt hier eingekehrt! Von meinem Geſchlecht hat Niemand ſeitdem die Stelle geſehen, wo die Hütten der Narraganſetts geſtanden; aber nie iſt dieſe Stelle von meinen Augen gewichen. Seit dieſer Zeit haben wir in den Wäͤl⸗ dern gehauſet, auf unſerm Rücken tragend, was uns geblieben, mit Ausnahme unſers Kummers, den tragen wir im Herzen.“ „Warum iſt denn mein Bruder bewegt? Es gibt der Schädel⸗ häute viel unter ſeinem Volke, und ſieh, ſein eigener Tomahawk iſt roth von Blut! Er beſchwichtige ſeinen Zorn, wann die Nacht eintritt; dann wird ſeine Streitaxt mit tieferem Roth überzogen ſeyn. Ich weiß, mein Bruder iſt ungeduldig; aber in unſerem Rath hieß es, es ſey beſſer, das Dunkel abzuwarten; die Ver⸗ ſchlagenheit der Bleichen iſt zu groß für die Zahl unſerer jungen Leute.“ „Blieb je ein Narraganſett zurück, ſobald das Heho! ſich hören ließ? war er je unwillig, inne zu halten, ſobald ein Mann im grauen Haar ſprach: ‚es iſt beſſer“? Ich liebe Deinen Rath; er iſt voller Weisheit. Aber ein Indianer iſt doch nur ein Menſch! Kann er mit dem Gotte der Yengihs in den Kampf gehen? Er iſt zu ſchwach. Ein Indianer iſt nur ein Menſch, iſt gleich ſeine Haut roth!“ „Ich blicke in die Wolken, in die Baͤume hinauf, in die Hütten umher,“ ſagte der Andere, und that zugleich, als ſähe er neu⸗ gierig nach den Gegenſtänden, ſo wie er ſie nannte;„aber den weißen Manitu kann ich nicht erblicken. Die bleichen Männer redeten zu ihm, als wir in ihren Gefilden das Kriegsgeſchrei er⸗ hoben, aber er hat ſie nicht gehört. Nein, mein Sohn hat mit ſtarker Hand ihre Krieger geſchlagen; hat er zu zaͤhlen vergeſſen, wie viel ihrer unter den wohlriechenden Blüthen der Bäume aus⸗ geſtreckt liegen?“ 379 „Metacom,“ verſetzte der Sachem der Narraganſetts, indem er ſeinem Freunde behutſam näher trat und leiſer ſprach, als fürchte er ſich vor einem unſichtbaren Zuhörer,—„Metacom, Du haſt die Bruſt der rothen Männer mit Haß erfüllt; kannſt Du ſie aber klüger und verſchlagener machen als die Geiſter? Der Haß iſt ſtark, ſehr ſtark; und doch hat Verſchlagenheit einen längeren Arm. Sieh,“ ſetzte er hinzu und hielt die Finger ſeiner beiden Hände dem auf⸗ merkſamen Gefährten entgegen: Zehnmal iſt der Schnee gefallen und geſchmolzen, als auf dieſem Hügel eine Wohnung der Bleichen ſtand. Conanchet war damals ein Knabe. Sein Arm hatte nichts erlegt, als die Thiere des Waldes. Seine Bruſt ſehnte ſich nach Mehrerem. Am Tage dachte er an die Kopfhaut der Pequods; zur Nachtzeit hörte er die ſterbenden Worte Miantonimoh's. Ob⸗ ſchon von den feigherzigen Pequods, von den lügenhaften Yengih's erſchlagen, kam jede Nacht ſein Vater in ſeinen Wigwam, ſich mit ihm zu unterhalten. ‚Iſt das Kind ſo vieler Sachems heran⸗ gewachſen“? pflegte er zu fragen: ‚Fängt ſein Arm an ſtark zu werden, ſein Fuß leicht, ſein Auge ſchnell, ſein Herz muthvoll? Wird Conanchet ſeinen Vätern gleichen? Wann wird der junge Sachem der Narraganſetts zum Manne gedeihen“? Doch was ſoll ich meinem Bruder von dieſen nächtlichen Beſuchen erzählen! Hat Metacom nicht oft die lange Reihe der Häupter der Wompanoags in ſeinem Schlafe geſehen? Es pflegen ja die tapfern Sachems in das Herz ihrer Söhne einzukehren.“ Der ſtolzerfüllte, ſchlaue Philip“ ſchlug mit der Hand kräftig an die Bruſt, als er zur Antwort gab: „Allezeit ſind ſie hier. Metacom hat keine andere Seele als den Geiſt ſeiner Väter!“ 3 Conanchet beobachtete die Pauſe, die nach indianiſcher Ge⸗ wohnheit und Sitte auf den emphatiſchen Ausruf ſeines Gefährten erfolgen mußte, und fuhr dann weiter fort: * Metacom. 380 „Als der gemordete Miantonimoh des Schweigens müde war, ließ er ſeine Stimme hören. Er hieß ſeinen Sohn ſich erheben, unter die Yengihs gehen, damit er mit Hirnhäuten beladen, in ſeinen Wigwam zurückkehre; denn die Augen des todten Häuptlings ſahen die leeren Stellen ungern. Damals war die Stimme des jungen Conanchet noch zu ſchwach, ſich am Feuer der berathenden Verſammlungen hören zu laſſen; er ſprach nicht, er zog allein fort. Ein böſer Geiſt gab ihn in die Hände der Bleichen. Er ward ihr Gefangener mehrere Monde. Sie ſchloſſen ihn in einen Käfig, wie einen gezähmten Panther! Hier war ſein Käfig. Die Kunde ſeines Unglücks gelangte aus dem Munde der jungen Yengihs zu den Ohren der Jäger, von den Jägern zu den Ohren der Narra⸗ ganſetts. Mein Volk hatte ſeinen Sachem verloren, und kam, ihn aufzuſuchen. Metacom, der Knabe hatte die Macht des Gottes der Yengihs empfunden! ſein Gemüth fing an ſchwach zu werden; er dachte weniger an Rache; der Geiſt ſeines Vaters erſchien ihm nicht mehr bei Nacht. Es wurde viel mit dem unbekannten Gott geſprochen, und mild und freundlich waren die Worte ſeiner Feinde. Er jagte mit ihnen. Als er auf die Spur ſeiner Krieger in den Wäldern ſtieß, verwirrte ſich ſein Geiſt, denn er erkannte ihre Ab⸗ ſicht. Dann ſah er wieder den Geiſt ſeines Vaters und harrte. In der Nacht wurde das Kriegsgeſchrei gehört; Manche fielen, und die Narraganſetts ſealpirten Kopfhäute. Du ſiehſt hier das Ge⸗ bäude von Stein, worüber das Feuer weggegangen. Es hatte ein oberes Geſchoß, mit großer Kunſt angelegt, wo ſich die Bleich⸗ männer auf Tod und Leben wehrten. Aber es wurde in Brand geſteckt, und nun war für ſie keine Hoffnung mehr, ſich zu retten. Bei dieſem Anblick wurde Conanchet's Geiſt gerührt, denn die Leute drinnen hatten ſich mit Güte gegen ihn benommen. Obſchon ihre Haut weiß, waren ſie es nicht geweſen, die ſeinen Vater erſchlu⸗ gen. Aber die Flammen wollten ſich nicht beſprechen laſſen, und die Stätte glich bald den Kohlen eines verlaſſenen Rathfeuers. 8 ₰½ ——— 381 Freute ſich Mianto⸗ nimoh's Geiſt darüber, ſo that er recht; aber der Geiſt ſeines Sohnes war bekümmert. Schwäche übernahm ſein Gemüth; er dachte nicht mehr daran, ſeine Kriegsthaten laut zu verkünden.“ Alles im Thurme wurde zu Aſche gebrannt. „Jenes Feuer dorrte den Blutfleck auf der Ebene des Sachem aus!“ „Das that es. Seit der Zeit ſah ich nicht mehr die Zeichen von meines Vaters Blut. Graue Häupter, Jünglinge und Knaben ſtanden in jenem Feuer, und als das Gebälk zuſammenſtürzte, blieb nichts übrig als Kohlen. Nun aber ſtehen dort, dort, die mitten in den Flammen ſtanden!“ Der aufmerkſame Metacom ſtaunte und warf einen haſtigen Blick auf die Ruine. „Sieht mein Sohn Geiſter in der Luft?“ fragte er eben ſo haſtig. „Nein, ſie leben, ſie ſind gebunden und zu Qualen aufbewahrt. Der mit den weißen Haaren iſt der Greis, der ſo viel mit ſeinem Gott ſprach. Der ältere Anführer da, der unſern jungen Männern ſo hart zuſetzte, war damals ebenfalls ein Gefangener in dem⸗ ſelben Raume. Der da ſo eben die Redé hielt, und das Weib,⸗ bläſſer als ihre Race, ſtarben in jener Nacht, und doch ſind ſie hier und leben! Selbſt der tapfere Jüngling, deſſen habhaft zu werden es ſo viel Mühe koſtete, gleicht dem Knaben, der damals im Feuer umkam. Die Yengih's haben es mit unbekannten Göttern zu thun; ſie ſind für einen Indianer zu verſchlagen!“ Philip hörte der ſeltſamen Erzählung zu, wie Jemand, der im Glauben an abergläubige Legenden erzogen worden; dennoch neigte ſich etwas in ihm zum Unglauben, eine Folge des ſtolzen und unbezwinglichen Triebes, das verhaßte Geſchlecht auszurotten. Schon oft hatte in den Rathsverſammlungen ſeiner Nation, wenn ähnliche übernatürliche Ereigniſſe zu Gunſten ſeiner Feinde ange⸗ führt wurden, ſeine Stimme die Oberhand behalten; nie aber ſprachen Thatſachen ſo deutlich als jetzt; nie wurden ſie von einem ſo Hochgeſtellten vorgetragen⸗ Selbſt den ſtolzen Starrſinn, den 382 weiſen Scharfblick des liſtigen Fürſten, erſchütterte ein ſolches Zeugniß. Einen Augenblick gewann ſogar der Gedanke Eingang bei ihm, eine Verſchwörung aufzulöſen, deren Erfolg ſo zweifelhaft ſchien. Doch der zweite Augenblick und ein zweiter Gedanke be⸗ feſtigten ihn in dem Entſchluß, ſich ſelbſt und der Sache, für die er ſtritt, treu zu bleiben, obſchon ſich ſeine Zweifel nicht beſeitigen ließen. „Was wünſcht Conanchet?“ ſagte er.„Zweimal ſind ſeine Krieger in dieſes Thal gedrungen; zweimal ſind die Tomahawks ſeiner jungen Männer blutrother geworden, als der Kopf eines Baumhackers. Das Feuer hat ſeine Schuldigkeit nicht gethan. Der Tomhayk iſt zuverläßiger.„Hätte mein Bruder nicht zu ſeinen jungen Leuten geſagt:„Laßt den Gefangenen ihre Kopfhaut,“ er könnte jetzt nicht ſagen:„Dort ſtehen ſie!“ „Freund meines Vaters, mein Gemüth iſt trübe. Wollen wir ein künſtliches Verhör mit ihnen anſtellen, um hinter die Wahrheit zu kommen?“ Metacom ſann einen Augenblick; dann, ſeinen jungen bewegten Begleiter freundlich anlächelnd, winkte er einem ſeiner Leute zu, welcher einzeln auf dem Felde umherging, näher zu kommen, und gab ihm den Auftrag, die Gefangenen auf den Hügel zu geleiten. Hierauf ſchritten beide Häuptlinge ſchweigend den Platz auf und nieder, in tiefem Nachdenken über einen Vorgang, den ſich Jeder nach Maaßgabe ſeines Charakters und ſeiner Gefühle erklärte. ⸗ — —— —y— —— 383 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Hier ſieht man nicht verſchrumpfte Hexen; Kein Kobold führt ſein nächtlich Heer; Nur Feen, ſpuckend auf dem Anger, Beſtreu'n dein Grab mit Perlenthau. Collins. Es iſt nur ſelten der Fall, daß die Philoſophie des höher ſtehenden Indianers ſich aus ihrem Gleichmuth bringen läßt. Als Content und die Familie der Heatheotes den Hügel erreicht hatten, fanden ſie die beiden Häuptlinge im Garten auf und nieder gehen, mit unerſchütterlicher Ruhe und dem würdigen Anſtand ihres Ranges. Annawon, der die Gefangenen geführt hatte, ließ ſie am Fuße der Ruine eine Reihe bilden, und erwartete mit Geduld den Augenblick, wo die Oberen das Verhör fortſetzen würden. Sein ehrerbietiges Schweigen hatte aber nichts von Aſiens kriechender Unterwürfigkeit. Es war nur eine Folge der Selbſtbeherrſchung, welche den Indianer in Stand ſetzt, ſeine natürlichen Empfindungen in Schranken zu halten. In denen, welche ihr Schickſal in die Hände des Feindes gegeben, brachte religiöſe Ergebung eine ähnliche Wirkung hervor. Es würde für den, der ſich die Vergleichung der Sitten unſers Geſchlechts zum Studium macht, ein anziehendes Geſchäft geweſen ſeyn, den Unterſchied aufzufinden zwiſchen der ruhigen phyſiſchen Selbſtgewalt der wilden Waldbewohner und den Gefangenen in ihrer aſcetiſchen, durch den Geiſt getragenen, ſanften Unterwürfig⸗ keit in den Willen der Vorſehung. Wenn wir ſagen:„den Ge⸗ fangenen,“ ſo fand hier eine Ausnahme ſtatt. Die Stirn des jungen Marcus blieb finſter und zürnend; der unwillige Blick ſeines düſtern Auges verlor ſich nur, wenn er zuweilen auf die harmvolle bleiche Geſtalt ſeiner Mutter ſiel. Den Kennzeichen und Ausdrücken der verſchiedenen Gemüthsbewegungen beider Theile wurde Zeit gelaſſen, ſich zu entwickeln; denn einige Minuten vergingen, ehe einer der * 8* 384 1 Sachems geneigt ſchien, das Geſpräch anzuknüpfen. Endlich trat Philip— oder Metacom, denn er führte beide Namen— näͤher heran und ſprach: „Dieſe Erde iſt eine gute Erde; ſie iſt mehrfarbig, um den Augen Deß zu gefallen, der ſie gemacht hat. An einigen Stellen iſt ſie dunkel, und wie der Wurm die Farbe des Blattes annimmt, von dem er ſich nährt, ſo ſind die Jäger auf denſelben ſchwarz; an anderen Orten iſt ſie weiß, und ſolche Orte ſind das Vaterland der Weißen, wo ſie geboren ſind und wo ſie ſterben ſollen, wollen ſie nicht den Pfad verfehlen, welcher zu ihren glücklichen Jagdgründen jenſeits führt. Manche vollendete Krieger, auf entferntem Schlacht⸗ felde erſchlagen, irren noch in den Wäldern umher, weil die Spur verwiſcht und ihr Auge trübe iſt. Es iſt nicht gut, ſich zu ver⸗ laſſen auf die Verſchmitztheit der....“— „Elender, blinder Anbeter des Apolyon!“ unterbrach ihn der Puritaner,„wir gehören nicht zu den Götzendienern und Thoren im Geiſte! Uns iſt gegeben, den Herrn zu kennen; ſeinen auser⸗ wählten Anbetern ſind alle Gegenden gleich. Der Geiſt kann ſich gleichmäßig erheben aus Schnee und Wirbelwind, in Sturm und Windſtille, vom Sonnengebiet und von Eisländern, aus den Tiefen des Oceans, aus Feuer, aus Wald....“ Hier wurde er auch ſeinerſeits unterbrochen. Bei dem Worte „Feuer,“ ſiel Metacom's Finger bedeutſam auf ſeine Schulter; und als er von ſelbſt ſchwieg,— denn der Indianer läßt Jeden aus⸗ reden— fragte ihn Jener mit ernſter Miene: „Und wenn Jemand, wenn ein Weißer im Feuer umgekommen iſt, kann er wieder auf der Erde einhergehen? Iſt der Strom zwiſchen dieſer Waldlichtung und den dereinſtigen Gefilden eines Yengihs ſo ſchmal, daß die vollendeten Männer ihn überſchreiten können, ſobald es ihnen gefällt?“ „Dies kann ſich nur Derjenige einbilden, der in dem Sumpf heidniſcher Greuel herumwatet! Kind der Unwiſſenheit! wiſſe, daß 385 die Schranken, welche den Himmel von der Erde ſcheiden, nie überſchritten werden können; denn wie könnte ein geläutertes Weſen die Sündlichkeit des Fleiſches ertragen?“ „Hier haben wir die Bleichgeſichter auf einer Lüge ertappt,“ rief der verſchlagene Philip,„ſie wollen nämlich nicht, daß der Indianer ihre Künſte lerne und ſtärker werde denn ein Yengihs! Eine Lüge, ſage ich, denn einſt wurdeſt Du, mein Vater, und die neben Dir, in jenem Bau verbrannt, und jetzt ſtehſt Du hier, lebendig und fähig, den Tomahawk zu führen!“ „Ueber eine Verläſterung dieſer Art zu zürnen, hieße dem Mitleid, das ich fühle, ſchlecht entſprechen,“ ſagte der alte Marcus, durch dieſe Beſchuldigung der Schwarzkunſt mehr entrüſtet, als er es merken laſſen wollte,„doch einen ſo ſchändlichen Irrthum ſich unter die betrogenen Opfer Satans verbreiten laſſen, geht wider meine Pflicht. Mann der Wompanoags, Du haſt in Deinem wilden Volke von einer umgehenden Sage gehört, welche doppeltes Ver⸗ derben auf Deine Seele häufen würde, wenn Du nicht zum Glück aus den Krallen des Vaters der Lügen gerettet wirſt. Es iſt wahr, ich und die um mich Stehenden haben in dieſem Thurm in größter Lebensgefahr geſchwebt, ſo daß die Männer außerhalb nicht anders glauben konnten, als daß wir ein Raub der Flammen ge⸗ worden; aber der Herr gab unſerm Geiſt ein, Rettung zu ſuchen, wo uns das Feuer nicht beikommen konnte. Der Brunn en ward zum Werkzeuge unſerer Erhaltung, auf daß der unerforſchliche Rath des Herrn an uns erfüllt würde.“ So geübt die Zuhörer dieſes Vortrags in der Kunſt waren, ihren Bewegungen zu gebieten, und ihr Inneres nicht zu verrathen, war es ihnen doch nicht moͤglich, das Erſtaunen über dieſe einfache Auseinanderſetzung eines Ereigniſſes, welches ſie für ein Wunder gehalten, zu verbergen. Offenbar war das erſte allgemeine Ge⸗ fühl, welches in ihnen erregt ward, Bewunderung über die Art des Rettungsmittels; dann ſuchten ſie aber auch, ehe ſie dem Ge⸗ Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 25 386 ſagten Glauben ſchenkten, ſich zu überzeugen, ob die Wirklichkeit das Gehörte beſtätige. Sie unterſuchten den Brunnen. Die kleine eiſerne Thür, welche zum Deckel der Oeffnung und zum häuslichen Gebrauch bei'm Waſſerſchöpfen gedient hatte, war noch vorhanden; beide fanden nun durch die Beſichtigung des tiefen Schafts, daß die Sache keine Unmöglichkeit war. Jetzt glänzte ein triumphiren⸗ der Blick in den Augen Philip's, während die Geſichtszüge ſeines Verbündeten zugleich Befriedigung und Leidweſen zu erkennen gaben. Sie gingen Beide abſeits, mit dem, was ſie gehört und geſehen, beſchäftigt, und als ſie wieder zu reden anfingen, war's in der Sprache ihres Volks. „Meines Sohnes Zunge kann nicht lügen,“ bemerkte Metacom mit ſanftem ſchmeichelndem Ton.„Er berichtet, was er geſehen, und was er berichtet, iſt wahr. Conanchet iſt kein Knabe mehr; er iſt ein Haͤuptling, deſſen Weisheit grau iſt, wenn gleich ſeine Gliedmaßen jung. Wohlan, ſein Volk trenne die Haut von den Köpfen dieſer Yengihs, damit ſie ſich nicht wieder in Löcher und Höhlen verkriechen, wie liſtige Füchſe!“ „Der Sachem hat einen Blutſinn,“ verſetzte der junge Anfüh⸗ rer mit ungewöhnlicher Wärme.„Laß die Arme der jungen Leute ruhen, bis ſte den bewaffneten Armen der Yengihs begegnen; ſonſt werden ſie zu müde ſeyn, um kräftige Streiche zu führen. Meine jungen Leute haben Hirnhäute getrennt, ſeit die Sonne über die Bäume aufgegangen; ſie ſind befriedigt.... Wohin ſchaut Me⸗ catom's Blick ſo ſtarr? Was ſieht mein Vater?“ „Er ſieht einen ſchwarzen Fleck mitten auf der weiten Ebene. Das Gras iſt nicht grün; es iſt roth wie Blut. Dunkelroth, nicht wie das Blut eines Bleichen. Es iſt das reiche Blut eines großen Kriegers. Kein Regen kann es verwiſchen; mit jeder Sonne wird es dunkler. Kein Schnee kann es weiß tünchen; viele Winter iſt es ſichtbar geweſen. Die Vögel ſchreien, ſo oft ſie darüber wegfliegen; die Woͤlfe heulen; die Eidechſen nehmen einen Umweg.“ keit eine hen en; daß en⸗ nes Hen. jen, der vom hen, ehr; eine den und füh⸗ eute ſonſt teine die Me⸗ dene. roth, eines jeder viele über 387 „Deine Augen werden alt; Feuer hat die Stelle geſchwärzt, und was Du ſieheſt, ſind Kohlen.“ „Das Feuer ward in einem Waſſerbrunnen angelegt; es brannte nicht hell. Was ich ſehe, iſt Blut.“ „Wompanoag,“ verſetzte Conanchet ſtolz,„ich habe den Boden mit den Wohnungen der Yengihs verſengt. Das Grab meines Vaters iſt mit Hirnhäuten bedeckt, die ſein Sohn abgezogen.... Wohin blickt Metacom auf's Neue? Was ſieht der Häuptling wieder?“ „Einen Flecken der Indianer, der mitten im Schnee brennt. Die jungen Männer rücklings erſchlagen; die ſchreienden Jungfrauen; die Kinder bratend über Kohlen; und die Alten verendend wie die Hunde! Es iſt das Dorf der feigherzigen Pequods.... Nicht doch, jetzt ſeh' ich's beſſer; die Yengihs ſind in das Land des großen Narraganſett eingebrochen; der brave Sachem iſt an der Spitze der Seinen, im Gefecht mit ihnen! Ich drücke die Augen zu, denn der Rauch macht ſie blind!“ Conanchet hörte dieſer Anſpielung auf das neuere beweinens⸗ werthe Schickſal des Hauptortes ſeines Stammes mit finſterm Schweigen zu; denn der Rachedurſt, welcher ſo furchtbar geweckt worden, ſchien nun durch die Wirkung eines geheimen mächtigen Gefühls in ihm zu ſchlummern, wo nicht ganz zu erloſchen. Düſter rollte er die Augen von der geſchloſſenen Geſtalt ſeines Gefährten ab, und richtete ſie auf die Gefangenen, deren Schickſal von ſeiner Entſcheidung abhing, indem die Rotte, welche am Morgen in Wiſh⸗Ton⸗Wiſh eingebrochen war, mehrentheils aus den übrigge⸗ bliebenen Kriegern ſeines mächtigen Stammes beſtand. Doch wenn ſein Blick durch Unwillen auch getrübt war, ſo hatte er doch zu ausgebildete Sinneswerkzeuge, als daß das Geringſte um ihn her ſeiner Bemerkung hätte entgehen können. „Was ſieht mein Vater weiter?“ fragte er aus einem Antriebe, deſſen er nicht Herr werden konnte, als er einen zweiten Wechſel in Metacom's Geſichtszügen entdeckte. „Ich ſehe ein Weſen, weder weiß noch roth; ein junges flatterndes Weib, dem hüpfenden Reh gleich. Sie hat in einer Indianer⸗Hütte gelebt, ohne etwas zu betreiben; ſie ſpricht mit zwei Zungen; ſie hält mit beiden Händen die Augen eines Kriegers bedeckt, daß er Blind wird, wie die Eule im Sonnenſchein. Ich fehe ſie.... Hier hielt Metacom inne, denn im ſelben Augenblick zeigte ſich ihm ein Weſen, ſeiner Beſchreibung auf's treffendſte ähnlich, und das Original zu dem Gemälde der Einbildung liefernd, wel⸗ ches er mit ſo viel Ironie und Liſt eben entworfen hatte. Die Bewegungen des ſchüchternen Rehes ſind kaum raſcher, unentſchiedener als die des jungen Weſens, welches ſich ſo plötzlich den Blicken der Krieger darbot. Der zagende, halb zurücktretende Schritt, der auf den leichten Sprung folgte, womit ſie herange⸗ ſchoſſen war, erklärte, daß ſie Bedenken trug, vorzugehen, und doch nicht recht wußte, wie weit ſie ſich zurückziehen müſſe. Im erſten Moment blieb ſie in einer ſchwebenden ungewiſſen Stellung, wie man ſich ein aus Nebel gewobenes Geſchöpf denken möchte, eben in Begriff in Luft zu zerfließen; dann aber, als ſte Conanchet's Blicken begegnete, ſetzte ſie den aufgehobenen Fuß wieder auf die Erde; und nun nahm ihre ganze Geſtalt die beſcheidene, in ſich zurückgezogene Stellung eines indianiſchen Mädchens an, wenn es einem Sachem ihres Stammes gegenüber ſteht. Da dieſe weib⸗ liche Erſcheinung, in dem, was folgen wird, eine Hauptrolle zu ſpielen hat, ſo wird der Leſer uns vielleicht Dank wiſſen, daß wir ihre Perſon hier näher beſchreiben. Ihr Alter war unter zwanzig Jahren. Höheren Wuchſes als der gewöhnliche bei indianiſchen Mädchen, waren gleichwohl alle Theile ihres Körpers ſo ebenmäßig leicht, daß ſte im vollkommen⸗ ſten Verhältniß mit der ihrem Alter natürlichen Fülle und weichen Rundung ſtanden. Ihre Gliedmaßen abwärts von den Falten einer Schürze aus glänzendem Schallach, waren von den feinſten ——r-,—4——————.,—.—,. dH L2L.Sͤ2S — Umriſſen, und in genaueſter Harmonie mit den Forderungen klaſſiſcher Schönheit; nie zierte ein Fuß von zarterer Biegung und ſanfterer Rundung den mit Federn geſchmückten Moccaſin. Obſchon vom Hals bis zum Knie in ein eng anſchließendes Gewand von Callicot und in den kurzen Schurz gelleidet, verrieth ſich doch ſo viel von den Umriſſen ihrer Geſtalt, daß man ſich überzeugen mußte, ſie habe weder von den Mißgriffen der Mode, noch von den ſchädlichen Folgen zu harter Arbeit gelitten. Die Hautfarbe war nur an den Händen, im Geſicht und am Halſe ſichtbar. Der Luft ausgeſetzt, hatte ſie etwas von der Politur verloren; ein hohes Roſenroth erſetzte die urſprüngliche blendende Weiße. Das Auge war voll, ſanft von einem Blau, welches mit dem Abendhimmel wetteiferte; die Brauen gewölbt und fein gezeichnet; die Naſe gerade, edel, etwas griechiſch geformt; die Stirn vorragender als gewöhnlich bei Mäd⸗ chen der Narraganſetts, regelmäßig, zart und glänzend; das Haar, anſtatt in langen geraden Flechten von ſchwarzem Schmelz herab⸗ zuhangen, brach in reichen goldgelben Ringeln aus einer mit Per⸗ len geſchmückten Schnur hervor. Was dieſes Mädchen von den übrigen ihres Stammes unter⸗ ſchied, beſchränkte ſich keineswegs auf die unvertilgbaren Merkzeichen der Natur. Ihr Tritt war elaſtiſcher, ihr Gang gerader, gefälliger; ihr Fuß weniger einwärts gebogen; alle Bewegungen freier, ent⸗ ſchiedener als bei der von Kindheit auf an Unterwürfigkeit und grobe Arbeit gewöhnten Indianerin. Obgleich geſchmückt mit eini⸗ gen der geprieſenen Kleinodien der verhaßten Race, welcher ſie, der Geburt nach, offenbar angehörte, hatte ſie dennoch den wilden, ſchüchternen Blick Derer, unter denen ſie zum mannbaren Alter herangewachſen war. Sie würde in allen Gegenden und Theilen der Erde für eine Schönheit anerkannt worden ſeyn, aber das Spiel der Muskeln, der unbefangene offene Blick, die freie Bewegung und Haltung ihrer Gliedmaßen waren von der Art, wie ſie ſich ſelten über die Jahre der Kindheit hinaus bei Voͤlkern zeigen, welche bei dem Verſuche, der Natur nachzuhelfen, oft nur ihr Werk verderben. Die Farbe ihres Augapfels war verſchieden von der eines indianiſchen Mädchens; dagegen hatte die raſche, forſchende Be⸗ weglichkeit deſſelben, der halb erſchreckte und doch beſonnene Blick, wodurch ſie ſich unterrichtete, in welche Art von Verſammlung ſie zu erſcheinen aufgefordert worden ſey— ganz das Inſtinktartige, das die Eingebornen durch beſtändige und angeſtrengte Uebung der Sinneswerkzeuge zu erlangen pflegen. Sie zeigte mit dem Finger auf Whittal Ring, der etwas im Hintergrunde ſtehen geblieben, und fragte dann mit leiſer ſanfter Stimme, in der Sprache der Indianer: „Warum hat Conanchet ſein Weib aus den Wäldern zu ſich entboten?“ Der junge Sachem gab keine Antwort. Ein gewöhnlicher Zuſchauer würde es ihm nicht einmal angemerkt haben, daß ihm die Nähe der Sprechenden bewußt ſey. Im Gegentheil; er be⸗ hauptete ganz die ſtolze Zurückhaltung eines in Geſchäften vertief⸗ ten Obern. So tief die Erſcheinung auf ihn eingewirkt haben mochte, ſo ſchwer war es, den Zuſtand ſeines Innern in den ruhi⸗ gen Zügen zu leſen, welche ſich, der indianiſchen Gewohnheit gemäß, ſcheinbar unbeweglich zeigten. Nur ein einziger kurzer Moment verrieth ihn; ein ſanfter gütiger Blick entging dem blöden aber aufmerkſamen Mädchen nicht; dann warf er den noch immer blut⸗ triefenden Tomahawk in die eine Armhöhle, ſchlug die feſte Hand um den Stiel, und ſtand wieder da, ſo unverändert in den Zügen, als unbeweglich in der Stellung. Nicht ſo Philip. Bei'm erſten Erſcheinen der Unwillkommenen, ſammelte ſich um ſeine Brauen der ſchwarze trübe Ausdruck der Unzufriedenheit, der aber bald in einen Blick ſarkaſtiſchen beißenden Hohns überging. „Wünſcht mein Bruder wieder zu wiſſen, was ich ſehe?“ fragte er, nachdem er ſich durch eine lange Pauſe nach der Frage 391 des Mädchens überzeugt hatte, daß ſein Gefährte nicht gewilliget war, ſie zu beantworten. „Was ſieht der Sachem der Wompanvags jetzt?“ erwiederte mit Stolz der junge Conanchet, der nicht gern merken ließ, daß ein ihre Unterredung unterbrechender Umſtand eingetreten war. „Er ſieht, was ſeine Augen nicht glauben mögen. Er ſieht einen großen Stamm auf dem Kriegspfade. Es ſind viel Tapfere darunter; und ein Haupt, deſſen Väter aus den Wolken gekommen. Ihre Hände ſind in der Luft, ſie führen ſchwere Streiche; der Bogen iſt ſchnell; wo nur die Kugel eindringt, da tödtet ſie auch. Blut fließt aus den Wunden, waſſerfarbig.... Nun ſieht er nicht mehr; er hört! Es iſt das Scalpir⸗Geſchrei; die Krieger freuen ſich des Sieges. Die Häupter in den glückſeligen Jadgründen kommen den erſchlagenen Brüdern froh entgegen, denn ſie erkennen den Scalpirjubel ihrer Kinder.“ Das ausdrucksvolle Geſicht des jüngern Sachem gab unwill⸗ kührlich zu erkennen, wie ſehr ihm die Beſchreibung der Scene, durch welche er ſo eben gegangen, behagte; bei der Erziehung, ſo er erhalten hatte, war es nicht möglich, daß ihm dabei das Blut nicht raſcher nach dem ruhmdurſtigen Herzen ſtrömen ſollte. „Was ſieht mein Vater weiter,“ fragte er mit einer Stimme, in welche ſich unvermerkt der Siegeston miſchte. „Einen Boten— dann hört er— die Moccaſins von Frauen.“ „Genug!— Metacom, die Weiber der Narraganſetts haben keine Hütten. Ihre Dörfer liegen in Aſche; ſie folgen den jungen Männern, um Nahrung zu finden.“ „Ich ſehe kein Wild. Der Jäger wird kein Wildpret finden in einer Lichtung der Bleich⸗Geſichter. Aber das Korn hat auch Nahrung; Conanchet hungert ſehr; er hat zu ſeinem Weib geſchickt, damit er eſſen könne!“ Hier ſchienen die Finger, welche den Stiel des Tomahawks umklammerten, ſich in das Holz einzugraben; die blitzende Streitart 392 ſelbſt hob ſich leicht; aber der wilde Zornblick erloſch, ſo wie der Unwille des jungen Sachem ſich legte, und würdevolle Ruhe zeich⸗ nete ſich von Neuem auf ſeinen Zügen. „Geh', Wompanoag,“ ſagte er, die Hand ſtolz hin und her bewegend, zum Zeichen, er ſey entſchloſſen, nicht länger der Rede ſeines argliſtigen Gefäͤhrten ſein Ohr zu leihen.„Geh'! meine jungen Leute werden ihr Heho! erheben, ſobald ſie meine Stimme hören; dann werden ſie Wild für ihre Weiber erlegen. Sachem, mein Wille iſt mein eigen.“ Philip erwiederte den Blick, der dieſe Worte begleitete, mit einem andern, rachedrohenden; doch ſeinen Grimm mit gewohnter Weisheit beſchwichtigend, verließ er den Hügel, und nahm im Gehen abſichtlich mehr die Miene des Mitleids, als der Em⸗ pfindlichkeit an. „Warum hat Conanchet nach einem Weibe aus den Wäldern geſchickt?“ wiederholte dieſelbe ſanfte Stimme, der Seite des jungen Sachem näher tretend, und mit nicht ſo großer Schüchternheit ſprechend, jetzt, da der Geiſt, welcher unter den Indianern jener Gegenden Unruhen anfachte, verſchwunden war. „Narra⸗Mattah,“ tritt näher,“ erwiederte der junge Haͤupt⸗ ling. Es waren nicht mehr die tiefen ſtolzen Töne, womit er ſeinen aufwiegleriſchen, kühnen Waffenbruder angeredet hatte; es waren weichere, mehr für das Ohr des angeredeten Weſens geſchaffene. „Fürchte nicht, Tochter des Morgens; denn die uns umgeben, ſind von einer Race, die es gewohnt iſt, Weiber bei den Berathungs⸗ feuern zu ſehen. Schau umher mit offenem Auge; ſiehſt Du etwas unter dieſen Bäumen, das alte Sagen in Dir weckt? Haſt Du je ſolch' Thal in Deinen Träumen geſehen? Sind jene Bleich⸗Geſichter, die der Tomahawk meiner jungen Männer verſchont hat, je in dunkler Nacht vom großen Geiſte Dir vorgeführt worden?“ Mit der größten Spannung horchte das junge Weib auf. Ihr * Friſchgefallener Schnee. Blick war wild und unſtät, aber nicht ganz ohne Funken halb wieder aufwachender Erinnerung. Bis dahin war ſie zu ſehr mit den Muthmaßungen über den Gegenſtand ihrer Herberufung be⸗ ſchäftigt geweſen, um die ſie umgebenden Naturgegenſtände beob⸗ achtet zu haben; ſo wie aber ihre Aufmerkſamkeit auf dieſelben gelenkt ward, umfaßten ihre Augen Einzelnes und Geſammtes ſo vollſtändig, wie es nur Die können, deren Sinneswerkzeuge durch Gefahr und Nothwendigkeit geſchärft worden. Sie wendete ſich nach allen Richtungen hin; durchlief mit ſchnellen Blicken den weiter ab liegenden Weiler mit dem kleinen Fort; dann die Gebäude in deren näherer Umgebung; den Schmelz der grünenden Gefilde; den blühenden Obſtgarten, unter deſſen ſchattigen Lauben ſie ſtand; den berauchten Thurm, der ſich in der Mitte erhob, wie ein finſteres Denkmal, das den Beſchauer warnt, ſich nicht zu ſehr auf den Frieden und die Lieblichkeit zu verlaſſen, die alles um ihn herum zu athmen ſcheint. Die Locken, womit die Luft ihre Schläfe um⸗ wehte, wieder von der Stirn ſtreichend, kehrte das verwunderte Maͤdchen nachdenkend und ſchweigend auf ihren vorigen Platz zurück. „Dies iſt ein Dorf der Yengih's!“ ſagte ſie nach einer langen, ausdrucksvollen Pauſe.„Ein Narraganſett⸗ Weib ſchaut ungern nach den Wohnungen des verhaßten Geſchlechts hin.“ „Gib Acht. Nie ſind Lügen in Narra⸗Mattah'’s Ohr gedrun⸗ gen.— Meine Zunge hat geſprochen wie eines Häuptlings Zunge. Du biſt nicht vom Gerberbaum gekommen, ſondern vom Schnee. Dieſe Deine Hand iſt nicht wie die Hände der Weiber meines Stammes; ſie iſt klein, denn der große Geiſt hat ſie nicht zur Arbeit geſchaffen; ſie iſt von der Farbe des Morgenhimmels; denn Deine Väter ſind in der Gegend geboren, wo die Sonne aufgeht. Dein Blut iſt wie Quellwaſſer. Alles dieſes weißt Du, denn Nie⸗ mand hat falſch zu Dir geſprochen. Sag' an, ſiehſt Du nie den Wigwam Deines Vaters? Liſpelt ſeine Stimme nie in Dein Ohr Toͤne der Sprache ſeines Volks?“ 394 Das weibliche Weſen ſtand in einer Stellung da, in welcher man ſich eine Sibylle denken kann, wenn ſie den geheimen Auf⸗ trägen des myſtiſchen Orakels lauſcht und die Verzuckung alle ihre Seelenkräfte umfangen hält. „Warum läßt Conanchet ſolche Fragen an ſein Weib gelangen? Er weiß, was ſie weiß; er ſieht, was ſie ſiehet; ſeine Seele iſt ihre Seele. Machte der große Geiſt ihre Haut von verſchiedener Farbe, ſo machte er doch ihr Herz dem ſeinen gleich. Narra⸗ Mattah gibt dem Lügenworte kein Gehör; ſie verſchließt ihr Ohr, denn Betrug liegt in ſeinen Tönen. Ihr iſt daran gelegen, es zu vergeſſen. Eine Zunge reicht hin, alles, was ſie wünſcht, Conan⸗ chet zu ſagen; warum ſollte ſie auf Träume achten, wenn ein großer Häuptling ihr Mann iſt?“ Als hier das Auge des Kriegers auf das unbefangene ver⸗ trauliche Geſicht der Redenden blickte, war es bis zur Zaͤrtlichkeit milde. Die rauhe Feſtigkeit war verſchwunden, und an deren Stelle die anziehende Sanftmuth der Liebe getreten, welche als ein Werk der Natur, zuweilen im Auge des Indianers glänzt, ſo wie ſie die ſelbſt dem geſittigteren Geſellſchaftszuſtand noch anklebenden Schroff⸗ heiten abzuſchleifen pflegt. „Mädchen,“ ſagte er emphatiſch, nach einiger Ueberlegung, als wolle er ſie und ſich ſelbſt auf höhere Pflichten vorbereiten, „dieſes hier iſt ein Kriegspfad; die ſich darauf befinden, ſind alle nur Menſchen. Du warſt wie die Taube, eh' ihre Flügel ſich ent⸗ falten, als ich Dich vom Neſte wegtrug; doch hatten die Winde manchen Winter über Dich geweht. Denkſt Du nie an die Waͤrme, an die Nahrung der Hütte, in welcher Du ſo manche Jahreszeit zugebracht?“ „Conanchet's Wigwam iſt warm; kein Weib ſeines Stammes hat ſo viel Pelzbedeckung als Narra⸗Mattah!“ „Er iſt ein großer Jäger! Wenn die Biber den Tritt ſeiner Moccaſins hoͤren, liegen ſie am Boden, daß er ſie erlege. Aber ———— ——— 395 die Bleichmänner führen den Pflug. Denkt der Friſchgefallene Schneet nicht an die Männer, welche den Wigwam ihres Vaters gegen den Froſt ſchützten? denkt ſie nicht an die Art, wie die Yen⸗ gih's leben?“ Sein junges aufmerkſames Weib ſchien nachzudenken; dann aber, mit einem Ausdruck der Zufriedenheit, der ſich nicht erkünſteln läßt, erhob ſie ihr Angeſicht und ſchüttelte verneinend das Haupt. „Sieht ſie nie eine Feuersbrunſt in den Gebäuden? hört ſie nie die Hehos der Krieger, wenn ſie in eine Einſiedelung einbrechen?“ „Manches Feuer hat ſie lodern ſehen. Die Aſche des Narra⸗ ganſett⸗Dorfes iſt noch nicht kalt.“ „Hört Narra⸗Mattah nicht ihren Vater mit dem Gott der Yengihs reden? Horch! er fleht um Gunſt und Gnade für ſein Kind!“ „Der große Geiſt der Narraganſetts hat Ohren für ſein Volk.“ „Aber ich höre eine ſanftere Stimme! Es iſt die Stimme eines Weibes der bleichen Geſichter mitten unter ihren Kindern; kann die Tochter ſie nicht hören?“ Narra⸗Mattah legte ihre Hand leicht auf den Arm des Häupt⸗ lings, ſah ihm ſehnſuchtsvoll und lange, ohne zu antworten, in's Geſicht. Der Blick ſchien den Zorn abbitten zu wollen, den das, was ſie zu antworten hätte, entzünden dürfte. „Haupt meines Volks,“ ſagte ſie hierauf, durch ſeine ruhige freie Stirn ermuthigt, die zu ſagen ſchien: Fahre fort!—„was ein Mädchen der Lichtung in ihren Träumen fieht, ſoll nicht verborgen bleiben. Nicht die Wohnungen ihrer Race, denn der Wigwam ihres Mannes iſt wärmer;— nicht die Speiſe und Kleidung eines ſchlauen Volks, denn wer iſt reicher, als das Weib eines Großen Ober⸗ hauptes!— nicht ihren Vater, wie er ſich mit dem Geiſt ſeines Landes beſpricht, denn Keiner iſt mächtiger denn Manitu: Narra⸗ Mattah hat Alles vergeſſen; ſie mag nicht an ſolche Dinge denken. Sie kann ein hungriges, unerſättliches Geſchlecht haſſen.— Aber ſie ſieht Eine, welche die Weiber der Narraganſetts nicht ſehen. 396 Sie ſieht ein Weib mit weißer Haut; ſieht es im Traume, ſanft und milde auf ihr ſchlafendes Kind herabblicken. Ihr Auge iſt kein Auge, es iſt eine Zunge. Es ſpricht: Was wünſcht Conanchet's Weib?— Friert Dich? hier ſind Felle.— Hungert Dich? hier iſt Wildpret.— Biſt Du müde? hier öffnen ſich Dir die Arme einer weißen Mutter; ſie öffnen ſich, damit das indianiſche Mädchen ruhe und ſchlafe. Wenn alles ſtill iſt in den Hütten, wenn Conan⸗ chet und die jungen Männer ſchlafen, dann läßt das bleiche Weib ſich hören. Sachem, ſie ſpricht nicht von den Schlachten meines Volkes, nicht von den Kopfhäuten, die meine Krieger abſtreifen, nicht davon, daß die Pequods und die Mohigans meinen Stamm fürchten. Sie ſagt nicht, wie ein junges Weib der Narraganſetts ihrem Hausherrn zu gehorchen hat, nicht wie die Weiber die Speiſe in den Hütten bereiten müſſen für die müden heimkehrenden Jäger; ihre Zunge führt ſeltſame Rede. Sie nennt einen mächtigen und gerechten Geiſt; ſie erzählt vom Frieden, nicht vom Kriege; ihre Zunge tönt wie Tn disu den Wolken ſpricht; ſie iſt gleich dem Waſſergerieſel zwiſchen Felſen. Narra⸗Mattah hört ihr gern zu, denn ihre Worte tönen ihr wie die Worte des Wiſh⸗Ton⸗Wiſh, wenn er in den Wäldern pfeift.“ Während ſie ſprach, hielt Conanchet den Blick tiefer, liebevoller Theilnahme auf das wilde, ſüße Weſen geheftet, das vor ihm ſtand. Sie hatte mit dem Ausdruck ernſter natürlicher Beredſamkeit ge⸗ ſprochen, welchen keine Kunſt erreicht. Als ſie geendet, legte er mit herzlicher, wehmüthiger Zärtlichkeit ſeine Hand auf ihr halb geſenktes, bewegungsloſes Haupt und antwortete: „Wiſh⸗Ton⸗Wiſh iſt der Vogel der Nacht, der ſeinen Jungen ſingt; der Große Geiſt Deiner Väter zürnt, daß Du in der Wohnung eines Narraganſetts lebſt. Sein Blick iſt zu ſcharf; man kann ihn nicht täuſchen. Er weiß, daß der Moccaſin, der Leibgurt und die rauhe Fellbekleidung eitel Lügen ſind; er ſteht die weiße Farbe durchſcheinen—“ ——— 397 „Nein, Conanchet, nein;“ verſetzte das junge Weib haſtig und in einem entſchiedenen Ton, den man von ihrer Blödigkeit nicht erwartet hätte,„ſein Blick dringt auch durch die Farbe der Haut hindurch; er kennt die Farbe des Geiſtes. Er hat vergeſſen, daß eines ſeiner Mädchen fehle.“ „Nicht alſo. Auch meinem Volke ward in den Gehegen der Bleichen ſein Adler gefangen. Er war jung, und ſie lehrten ihn mit fremder Zunge ſingen. Die Farbe ſeines Gefieders veränderte ſich, und ſie glaubten, den Manitu betrügen zu können. Aber als die Thüre des Käfigs offen ſtand, breitete er ſeine Fittige aus und flog zurück in ſein Neſt.— So iſt es nicht, wie Du denkſt. Was geſchehen iſt, das iſt gut; was geſchehen wird, beſſer. Komm, hier liegt ein gerader Pfad vor uns.“ Mit dieſen Worten winkte Conanchet ſeinem Weibe, ihm zu der Gruppe der Gefangenen zu folgen. Das bisherige Geſpräch hatte an einer Stelle ſtattgefunden, wo die Thurmruine beide Theile dem gegenſeitigen Erblicken entzog; docas der Zwiſchenraum nur klein war, ſtanden der Sachem und ſeine Begleiterin bald den Andern gegenüber. Er ließ ſie einige Schritte hinter ſich zurück, trat in den Kreis, nahm die, alles Widerſtandes unfähige, faſt bewußtloſe Ruth unter den Arm, führte ſie etwas vorwärts und ſtellte beide Frauenzimmer ſo, daß ihre Blicke ſich begegnen mußten. Dies ge⸗ ſchah ſeinerſeits mit einem innern Kampf des Gefühls, der, trotz des Anſtriches ſeines nach Kriegerſitte gemalten Geſich ts, auf ſeinen Zügen ſichtbar ward. „Seht,“ ſagte er in Engliſcher Mundart, abwechſelnd von der Einen auf die Andere blickend,„ſeht, der Gute Geiſt ſchämt ſich ſeines Werkes nicht. Was er gethan, hat er gethan; kein Narra⸗ ganſett, kein Yengihs kann es ändern. Dieſe hier,“ ſetzte er hinzu, Ruth's Schulter leicht mit dem Finger berührend,„dieſe hier iſt der weiße Vogel, der über die See hergeflogen, und dieſe,“ auf 398 die Andere hinweiſend,„das Junge, welches er unter ſeinen Flügeln erwäͤrmt hat.“ Jetzt faltete er ſeine Arme um die nackte Bruſt, als wollte er ſich ſo mit ſeiner ganzen Kraft gegen den Auftritt rüſten, welcher, wie er wohl wußte, nun folgen würde, damit er Allem Widerſtand leiſte, was ihn zu einem Ausdruck verleiten könnte, der ſeines Kriegernamens unwürdig wäre. Für die Gefangenen war der Sinn des Auftritts, deſſen Zeugen ſie waren, ein Geheimniß. So viele ſeltſame, wilde Ge⸗ ſtalten hatten ſich ihren Blicken abwechſelnd gezeigt und wieder entzogen, daß eine mehr oder weniger ihre Aufmerkſamkeit nicht feſſeln konnte; daher war auch von Ruth bis auf den Augenblick, wo ſie ſich in ihrer Mutterſprache von Conanchet anreden hörte, ſein Zuſammentreffen mit einem Frauenzimmer unbemerkt geblieben. Nun aber weckte die gleich ſehr auffallende Bilder⸗ und Geber⸗ den⸗Sprache des Indianers ſie eben ſo plötzlich als heftig aus ihrer Traurigkeit. Den Augen der mütterlichen Ruth Heathcote konnte ſich kein zartes Kind unvermuthet zeigen, ohne in ihr das ſchmerzhafte Andenken an den Cherub, den ſie verloren, aufzuregen. Nie traf die tändelnde Stimme der Kindheit ihr Ohr, ohne daß der Klang ihr einen Stich durch's Herz gegeben hätte. Jede Beziehung, ſo entfernt ſie auch ſeyn mochte, auf Perſonen oder Ereigniſſe, welche mit den traurigen Begebenheiten ihres Lebens einige Aehnlichkeit hatten, brachte die nie ruhenden Pulſe der mütterlichen Liebe in ſchnellere Bewegung. Kein Wunder alſo, daß in ihrer Lage und in den gegenwärtigen Umſtänden die Natur mächtig in ihr wurde, und in ihrem Gemüth dunkele Ahnungen einer Wahrheit aufſtiegen, die der Leſer vorausſieht. Doch fehlte es ihr noch an einem un⸗ trüglichen Leitfaden. In ihre Einbildungskraft hatte ſich das Bild des zarten unſchuldigen Kindes eingegraben, wie es ihr aus den Armen geriſſen ward; und hier, wo ſo Vieles einer Berechnung des Verſtandes entſprach, ſtimmte doch ſo weniges zu dem Bilde, welches die lange hingehaltene Sehnſucht für das Herz entworfen hatte. Die Täuſchung— wenn man einem ſo heiligen Natur⸗ gefühle dieſen Namen geben darf— war zu tief eingeäzt, als daß ſie dem erſten Blicke hätte weichen können. Ruth richtete ihre Augen lange, ernſt, und mit einem Ausdruck, der mit jedem wech⸗ ſelnden Gefühl wechſelte, auf die Fremde, hielt ſie mit beiden Armen von ſich, ungewiß, ob ſie ſie fahren laſſen, oder ſie einem Herzen näher bringen ſollte, welches vielleicht einer Andern Ei⸗ genthum ſey. „Wer biſt Du?“ fragte ſie mit einer Stimme, in deren zit⸗ terndem Ton ſich alle Gefühle einer Mutter ausſprachen:„Sprich, geheimnißvolles, liebliches Weſen; wer biſt Du?“ Narra⸗Mattah hatte inzwoiſchen einen erſchrockenen, flehenden Blick auf den unbeweglich und ruhig daſtehenden Conanchet gerichtet, als ſuche ſie Schutz bei dem, aus deſſen Händen ſie ihn zu em⸗ pfangen gewohnt war. Aber eine neue Empfindung bemächtigte ſich ihrer, als ſie die Töne einer Stimme höorte, welche ſie zu oft in ihrer Kindheit vernommen hatte, um ſte jemals vergeſſen zu können. Alles Widerſtreben hatte ein Ende; ſte neigte ſich in der Stellung der geſpannteſten Aufmerkſamkeit vorn über, bog den Kopf auf die Seite, damit der ſüße ſich wiederholende Ton deſto leichter in das Ohr dringe, während ihr Auge, verwirrt und ent⸗ zückt, ſich noch immer auf den Gatten heftete. „Erſcheinung aus den Wäldern! willſt Du nicht Antwort geben?“ fuhr Ruth fort.„Fühlt Dein Herz Verehrung für den Heiligen in Iſrael, ſo gieb Antwort, damit ich Dich kenne!“ „Pſt! Conanchet!“ flüſterte das junge Weib, in deren Zügen ſich der Strahl froher und unerklärlicher Befremdung immer tiefer färbte.— Komm näher, Sachem; der Geiſt, welcher mit Narra⸗Mattah in ihren Träumen ſprach, iſt nahe.“ „Weib der Yengihs!“ ſagte Conanchet, ſich mit Wurde der 400 Stelle nähernd, wo Beide ſtanden:„laß ſich die Wolken von Deiner Stirn zerſtreuen! Weib eines Narraganſetts! ſiehe klar. Der Manitu eures Geſchlechts ſpricht mächtig. Er heißt eine Mutter ihr Kind erkennen!“ Länger konnte Ruth nicht zweifeln; ihr entfuhr kein Laut, kein Ausruf; aber als ſie die nachgiebige Geſtalt ihrer wieder⸗ gefundenen Tochter an ihr Herz drückte, ſchien es, als ſtrebe ſie, beide Körper in einander zu fügen und einzuverleiben. Ein Auf⸗ ſchrei von Freude und Erſtaunen zog Alle um ſie herbei. Jetzt offenbarte ſich die ganze Gewalt, welche die Natur ausübt, wenn ſte im Innerſten aufgeregt wird, an Alt und Jung: reines Ent⸗ zücken des Augenblicks ließ alle ſo kürzlich ausgeſtandenen Leiden verſinken. Selbſt der Geiſt des ſtarkmüthigen Conanchet wurde erſchüttert. Er hob die Hand, an deren Gelenk noch der blutige Tomahawk hing, bedeckte das Antlitz, wendete ſich ſeitwärts ab, damit Niemand die Schwäche eines großen Kriegers ſähe, und— weinte. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Man ſieht der Teufel mehr, denn Höllenräume faſſen: Das heißt, ein Toller:—* Sommernachtstraum. Nachdem Philip vom Hügel herabgekommen war, ließ er ſeine Wompanoags ſich verſammeln, und unterſtützt von dem eben ſo gehorſamen, als kriegeriſchen Annawon, einem Wilden, der, unter günſtigeren Umſtänden, einen würdigen Adjutanten Cäſar's abge⸗ geben hätte, verließ er die Felder von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. An dieſe plötzlichen Zornausbrüche ihrer Anführer gewöhnt, ſahen ihn die Leute Conanchet's, deren Gleichmuth unter weit mißlicheren Ver⸗ hältniſſen unerſchütterlich geblieben wäre, ohne Zeichen der Neugierde und des Schreckens von ſich zu geben, aus dem Thale ziehen. Als 401 1 aber ihr eigner Häuptling auf dem noch mit dem Blute der Käm⸗ pfenden gefärbten Platze auftrat, und ihnen ſeinen Entſchluß 2 verkündete: einen mehr als zur Hälfte ſchon gewonnenen Sieg auf⸗. . zugeben, da ließ ſich hie und da ein Murren vernehmen. Die . Herrſchergewalt eines Indianiſchen Fürſten iſt nichts weniger als 3 unumſchränkt; darf man auch annehmen, daß Geburt und Herkunft dieſelbe verſtärken, wo nicht gar erzeugen, ſo verdankt ſie doch ihre 6 Aufrechterhaltung hauptſächlich nur den perſönlichen Eigenſchaften t des Anführers. Zum Glück für den Häuptling der Narraganſetts, 1 war der Ruf wegen Weisheit und Muth, den ſich ſein Vater, der 2 berühmte, unglückliche Miantonimoh erworben hatte, in keiner 1” 1 Beziehung größer, als der, welchen ſein jugendlicher Sohn ver⸗ 1 2 3 dientermaßen beſaß. Kein Subalterner ſo kühn, deſſen unbändige Aufwallung, deſſen verborgener Durſt nach Rache nicht der Zorn⸗ S 8 blick eines Auges, das nie drohte, ohne Verderben zu bringen, in die Schranken zurückgewieſen hätte; kein einziger darunter, der, herausgefordert, dem Unwillen ſeines Obern zu trotzen, oder ſich ſeiner Beredſamkeit zu widerſetzen, nicht vor einem Zweikampf zurückſchauderte, den die angewöhnte Achtung ihn für zu ungleich halten ließ, um Erfolg zu verſprechen. In weniger als einer Stunde, nachdem Ruth ihr Kind an ihr Herz gedrückt hatte, waren die Ueberfallenden ſämmtlich verſchwunden. Zuvor jedoch trugen ſie, ihrer Sitte gemäß, Sorgfalt, ihre Todten vom Schlacht⸗ r felde zu entfernen und zu verbergen, damit kein Scalp eines 1 Kriegers in den Händen ihrer Feinde bliebe. Es war nichts Seltenes bei den Indianern, ſich, zufrieden mit dem Gelingen des erſten Schlages, wieder zurückzuziehen. Der Erfolg ihrer militäriſchen Unternehmungen hing ſo ſehr von der Ueberraſchung ab, daß ſie weit öfter beim Mißlingen derſelben die Flucht ergriffen, als ſich durch Beharrlichkeit den Sieg zu verſchaffen ſuchten. So lange die Schlacht wüthete, war keine der Gefahren Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 26 1 —,&« uu—— 40²2 derſelben zu groß für ihren Muth; es kann aber bei einem Volke, das ſo vielen Werth auf Schlauheit legte, nicht befremden, wenn es ſelten mehr auf's Spiel zu ſetzen wagte, als die am ſtrengſten abwägende Berechnung billigte. Wie ſich daher die Nachricht im Dorfe verbreitete, daß der Feind in den Wald verſchwunden, ſahen die guten Leute dieſe Bewegung als das Reſultat ihres eignen männlichen Widerſtandes an, und dachten nicht daran, daß ein minder ſchmeichelhafter Beweggrund dieſen Ausgang herbeigeführt haben könne. Im Gegentheil, man betrachtete die Retirade ganz wie etwas, das ſich von ſelbſt verſtehe; zwar verbot die Klugheit, den Feind zu verfolgen, doch wollte man es nicht an einigen De⸗ monſtrationen fehlen laſſen; daher wurden mehrere gewandte, hand⸗ feſte Männer zum Auskundſchaften der Spur, die der Feind genommen, abgeſchickt, theils um vor einem wiederholten Ueberfall zu warnen, theils um auszumitteln, welcher Wildenſtamm es geweſen. Jetzt erfolgte ein Auftritt von eben ſo erhabener Feier, als tiefer Trauer. Die von Dudley und dem Milizen⸗Lieutenant angeführten Haufen hatten das Glück gehabt, mit einigen leichten Wunden davonzukommen; nicht ſo die Soldaten, an deren Spitze Content geſtanden; mit Ausnahme der ſchon Genannten, waren ſie alle bis auf den letzten gefallen. Zwanzig der kräftigſten Männer dieſer iſolirten Gemeinde hatte der Tod mit Einem Schlage hin⸗ weggerafft. Bei einem Siege, der wie dieſer, keinen Vortheil brachte, mußte die Freude bei weitem geringer ſeyn, als der Schmerz über die Gebliebenen. Der Jubel nahm die Geſtalt der Demuth an, und das Selbſtbewußtſeyn der Leute, ſich tapfer benommen zu haben, verlor ſich im Abhängigkeitsgefühle, da ſie ſich von einer Macht heimgeſucht ſahen, die ſie eben ſo wenig erforſchen als erreichen konnten. Die Wirkung war eine Steigerung der, ohne⸗ dies ſchon ſo exaltirten Anſichten, wodurch dieſe Religionsbekenner ſich auszeichneten; und war der Anfang des Tages, wegen ſeiner Schreckens⸗ und Blutſcenen merkwürdig, ſo war es der Schluß u — 403 deſſelben nicht minder, wo ſich die religiöſen Meinungen der Koloniſten in ihrer ganzen Ueberſpanntheit entfalteten. Nachdem einer der ſchnellfüßigſten Auskundſchafter mit der Kunde zurückgekehrt war: erſtlich, daß die Indianer eine breite Spur hinter ſich gelaſſen,— ein zuverläſſiges Zeichen, daß ſie kein Auflauern in der Nähe des Thales mehr im Schild führten, und zweitens, daß man ihren Rückzug ſchon mehrere Meilen“ weit verfolgen könne; ſo kehrten die Dorfbewohner in ihre Wohnungen zurück. Hierauf wurden die Todten unter diejenigen vertheilt, welche auf die Erweiſung der letzten Liebesbezeugung ein Recht hatten, und mit Wahrheit konnte man behaupten, daß die Trauer ihren Platz in faſt jeder Hütte aufgeſchlagen. Die Blutverwandt⸗ ſchaft umſchlingt in einer ſo engbegrenzten Geſellſchaft faſt jedes Individuum mit einem und demſelben Band; wenigſtens hängen Alle mit innigerer und natürlicherer Liebe zuſammen als anderswo; daher zählte unſer Weiler keinen einzigen Menſchen, dem die Ereig⸗ niſſe dieſes Tages nicht auf ewig einen geliebten Menſchen, von dem ſein Glück oder ſein Fortkommen abgehangen, entriſſen hätten. Gegen Abend ertönte die Kirchglocke wieder, die Gemeinde zum Gottesdienſt einladend. Wenige von den Uebriggebliebenen fehlten bei dieſer feierlichen Gelegenheit. Ergreifend und allgemein war die Rührung, als Meek ſich erhob im Gebete. Die ſo kürzlich von den im Gefecht Gefallenen beſetzten Plätze blieben jetzt leer, gleich⸗ ſam wie ſo viele unbeſchriebene Stellen in der Schilderung des Geſchehenen, die aber weit eindringlicher ſprachen als die lebendige Rede. Das Gebet des Geiſtlichen trug das Gepräge ſeiner über⸗ ſpannten Religioſität; ſeltſam miſchte ſich das myſtiſche Erkennengg wollen der verborgenen Abſichten der Vorſehung mit der verſtänd⸗ lichen Darlegung menſchlicher Bedürfniſſe und Empfindungen. Dem Himmel ſchrieb er den Ruhm des Sieges zu; aber die Demuth, mit welcher er von den Werkzeugen ſprach, deren ſich der * Engliſche. 404 Himmel zur Entfaltung ſeiner Macht bedient habe, ließ nichts deſtoweniger Stolz und Anmaßung durchblicken. Seinen Pfarr⸗ kindern ſagte er es auf den Kopf zu, daß ſie den Schlag, der ſie ſo ſchwer getroffen, über und über verdient; aber heftiger Unwille gegen Die, welchen den Streich ausgeführt, erfüllte nichtsdeſtowe⸗ niger ſein Inneres. Die Grundſätze des Sectirers waren auf eine ſo bizarre Weiſe durch die Gefühle des Grenzlers bedingt und ge⸗ modelt, daß es einem ſcharfſichtigen Unbefangenen wohl leicht ge⸗ worden ſeyn würde, das Falſche in den Schluſſen des Eiferers herauszufinden; allein der metaphyſiſche Nebel, welcher ſeine Worte umhüllte, und die hin und wieder eingeſtreuten Allgemeinheiten der Kirchenlehre, hatten die Wirkung, daß jeglicher ſeiner Zuhörer etwas für ſich in dem Gebet fand, und ſomit Alle höchſt befriedigt Amen ſagten. Aus dem Stegreif, wie das Gebet, war auch die Predigt,— wenn aus einem Geiſt, deſſen Anſichten ſo ſtarr und unveränderlich geworden ſind, irgend etwas aus dem Stegreif kommen kann. Ihr Inhalt war ſo ziemlich derſelbe, nur weniger in die Form einer Anrede gekleidet. Er richtete die gebeugte Gemeinde mit dem Glauben einigermaßen auf, daß ſie aus Gefäßen beſtände, welche die Vorſehung zu großen und herrlichen Zwecken ausgewählt habe; aber gleich darauf erklärte er ihnen rund heraus, daß die Trübſale, die ſie ſo eben erfahren, noch weit zu gering für ihre Sünden wären; ferner, daß es eigentlich ihre Pflicht forderte, die ewige Verdammniß ſelbſt zu wünſchen, wenn Dies zur Verherrlichung Deſſen beitragen könnte, der Himmel und Erde gemacht! Hierauf folgten wieder beruhigendere Stellen: wenn auch, an und für ſich genommen, dies die Pflichten des wahren Chriſten wären, gleichwohl hätte man guten Grund zu der Erwartung, daß Aller, welche ſolcher lauteren Lehre zuhörten, in beſonderer Gnade gedacht werden würde. Daß ein ſo thätiger Diener des Tempels wie Meek Wolfe — die praktiſche Nutzanwendung zu ſeiner Materie wegließ, wird keiner unſerer Leſer erwarten. Zwar wurde kein ſichtbares Crucifix vor⸗ gewieſen, um die Zuhörer aufzuregen; auch reizte er ſie nicht an, Bluthunde auf die Spur ihrer Feinde loszulaſſen: um ſo lebendiger ward das Kreuz durch unaufhörliches Hinweiſen auf deſſen Verdienſt dem Innern der Gemeinde vorgehalten; um ſo deutlicher wurden die Indianer als die Werkzeuge des Satans aufgeſtellt, welche der große Vater alles Uebels benutzte, um zu verhindern,„daß die Wildniß erblühe gleich einer Roſe“ und„dufte vom ſüßen Geruche der Gottſeligkeit.“ Philip und Conanchet nannte er ausdrücklich bei Namen; nicht ganz ſo geradezu ward zu verſtehen gegeben, daß die Perſon des Erſtern nichts anderes wäre, als die Lieblings⸗ reſidenz Molochs; welche unter den übrigen in der Bibel vorkom⸗ menden böſen Mächten ſich die Beherrſchung der phyſiſchen Kräfte des letztern Häuptlings auserkieſet habe, das blieb der Einbildungs⸗ kraft und Beleſenheit der Zuhörer überlaſſen. Zweifel über die Rechtmäßigkeit des Kampfes, von denen der Eine oder der andere ſich beunruhigt fühlen mochte, wurden kühn und kurz abgefertigt, nicht etwa durch einen Verſuch, das Bezweifelte zu beweiſen, ſon⸗ dern, wie alle Schwierigkeiten dieſer Art, durch Beziehung auf die rückſichtsloſe Pflicht. Einige nicht ungewandte Anſpielungen auf die Weiſe, wie die Iſraeliten den Bewohnern Judäa's ihr Beſitzthum nahmen, waren in dieſem Theile der Rede von guter Wirkung: bei Menſchen von ſolcher Zugänglichkeit für religiöſe Aufregung konnte es nicht ſchwer fallen, die Parallele durchzuführen, und ihnen dadurch die Ueberzeugung beizubringen, daß ihre Sache eine gott⸗ gefällige ſey. Auf dieſen Vortheil fußend, machte der Redner, als er an den Hauptpunkt kam, durchaus nicht Miene, denſelben zu umgehen; er behauptete vielmehr ohne Weiteres, daß wenn die Herrſchaft des wahren Glaubens auf keine andere Art eingeführt und errichtet werden könne— und daß ſie es nicht könne, müſſe jeglichem Verſtande einleuchten— als durch Heimſuchung der 406 Urbeſitzer des Landes mit dem Zorne eines beleidigten Gottes— ſo nannte er die Sache,— ſo ſey es Pflicht von Jung und Alt, Starken und Schwachen, dies einzige Mittel anzuwenden. Des grauen⸗ vollen Gemetzels vom vorhergehenden Winter, bei welchem weder Alter noch Geſchlecht verſchont wurde, erwähnte er als eines Triumphs der gerechten Sache und als Aufmunterung zur Aus⸗ dauer. Der Uebergang am Schluſſe zu der milden Lehre, die ſo durchgängig im Evangelium vorherrſcht, war freilich weniger ein Uebergang, als ein Sprung; allein in einem Zeitalter voller reli⸗ giöſen Spitzfindigkeit gelten Sprünge oft für Uebergänge. Mit der Ermahnung, ein Leben voll Demuth und Liebe zu führen, und mit dem Schlußſegen wurden die Gemeindekinder nach Hauſe entlaſſen. Die guten Leute verließen die Kirche in der vollkommenen Ueberzeugung, daß ſie in einem außerordentlichen und ganz beſon⸗ ders innigen Verhältniß zu der Quelle aller Wahrheit ſtänden, und die Armeen des Islam ſelbſt konnten unter keinem unmittelbareren Einfluß des Fanatismus ſtehen, als dieſe Zeloten. Es lag für die menſchliche Schwäche ſo viel Angenehmes in dieſer Vereinbarung ihres Unwillens und ihrer zeitlichen Angelegenheiten mit den For⸗ derungen der Religion, daß es den Leſer nicht Wunder nehmen darf, wenn wir noch hinzuzufügen haben, wie die meiſten darunter vollkommen bereit waren, ſich vom erſten beſten muthigen Anführer als Diener der Rache gebrauchen zu laſſen. Während die Ein⸗ wohner des Dorfes auf dieſe Weiſe mit den widerſtrebendſten Ge⸗ müthsbewegungen im Kampfe lagen, ſenkte ſich allmählig der Abend hernieder, und dem Sonnenuntergang folgte ſchnell, wie es in einem ſo niedern Breitegrad natürlich iſt, die ſchwärzeſte Finſterniß. Nicht lange vor der Stunde, wo die Schatten der Bäume die barocken Zerrbilder darſtellen, die dem letzten Sonnenſtrahl voran⸗ gehen, und während das Volk noch der Predigt ſeines Seelſorgers zuhörte, nahm ein einzelner Menſch auf ſchwindelnder Höhe, wie ſo ken ten⸗ der nes us⸗ ſo ein eli⸗ der mit ſen. nen on⸗ und eren die ung For⸗ nen nter hrer Lin⸗ Ge⸗ der es niß. die ran⸗ gers wie 407 in einem Adlerhorſt, einen Punkt ein, von wo aus er die Bewe⸗ gungen der Dorfbewohner beobachten konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Der Berg bildete oben eine Art von Schnabel, welcher von der Seite, wo das Haus der Heatheotes ſtand, in das Thal hinüberragte. In den Felſenſchooß dieſes Berges hatte ein kleiner, zwiſchen zerriſſenen Blöcken ſich hindurchwindender Bach, den der ſchmelzende Schnee und die ſtarken Regenſchauer des Klima's zu beſtimmten Zeiten in einen reißenden Strom verwandelten, eine tiefe Schlucht gefreſſen. An vielen Stellen trugen die Wände dieſer Bergſchlucht das Anſehen rohaufgeführten Gemäuers, gleich⸗ ſam wie von Menſchenwohnungen. Die Zeit und die Wirkung der von Winter⸗ und Herbſtſtürmen gepeitſchten Fluthen waren die Bildner deſſelben. Eine beſondere Stelle gab es freilich, um welche her eine genauere Beſichtigung als die, welche von den entfernten Dorfhutten aus angeſtellt werden konnte, außer den Aehnlichkeiten phantaſtiſcher ſcharfer Winkel und zufälliger Gebilde, einige minder zweideutige Spuren der thätigen Menſchenhand entdeckt haben würde. Genau an dem Punkte, wo die Flucht des Bergabhangs ſo abſchweifte, daß ſie die Ausſicht in das Thal am freieſten ließ, gewann das Geſtein das zerriſſendſte, grauſenerregendſte und folglich günſtigſte Ausſehen zur Wahl eines Aufenthalts, der den neugie⸗ rigen Augen der Koloniſten entzogen bleiben und zugleich den Vor⸗ theil gewähren ſollte, alle ihre Bewegungen überſchauen zu können. Ein Eremit konnte hier den doppelten Hang befriedigen, die Welt aus der Entfernung ungeſtört zu beobachten, und in aſcetiſcher An⸗ dacht den Blick gen Himmel zu richten. Wer durch die engen, ausgehöhlten Weinberge und Wieſengründe gereist iſt, welche von der Rhone beſpült werden, ehe ſie ihren Waſſertribut in den Genferſee ergießt, hat wohl einen ſolchen Punkt geſehen; er über⸗ ragt das Dorf St. Maurice im Kanton Le Valais, und gewährt einem Menſchen, deſſen Leben der Abgeſchiedenheit und dem Altar geweiht iſt, den gewünſchten Aufenthalt. Allein die Schweizer 408 Einſiedelei hat etwas Aufdringliches in ihrem Aeußern,— ein Tadel, von dem der Ort, den wir beſchreiben, frei war. Jene hängt vom hohen, ſchmalen Bergrand, gleich als wollte ſie zeigen, daß Gott auch an dem gefährlichſten, haarbreit vom Abgrund ent⸗ fernten Punkt angebetet werden könne; dieſe ſchien zu ſtreben, die abſolute Einſamkeit zu vermeiden, und lud doch in anderer Be⸗ ziehung zu einer, jedem Auge unzugänglichen Heimlichkeit ein. An die Felſenſeite lehnte ſich eine kleine Hütte ſo, daß ſie einen ſpitzen Winkel nach Außen kehrte, und dieſer Vorſprung war ſorgfältig mit rohen Naturgegenſtänden umgeben, welche es unmöglich mach⸗ ten, daß deſſen wahre Beſchaffenheit Jemand, der das ſteile Berg⸗ geſimſe nicht bis hinauf erklommen, errathen konnte. Licht erhielt dieſer beſcheidene Aufenthalt durch ein in die Schlucht ſchauendes Fenſter. Die niedrige Thüre war an der dem Thale ſich zuwen⸗ denden Seite angebracht. Uebrigens beſtand das einfache Gebäude theils aus Stein, theils aus Holzblöcken, mit einem Dach aus Baumrinde, und einem Schornſtein von mit Lehm verklebten Stäben. Ein Menſch, deſſen gefurchte finſtre Stirn ihn als paſſenden Beſitzer einer ſo abgeſchiedenen Zelle bezeichnete, ſaß zu der ge⸗ nannten Stunde auf einem an dem vorſpringendſten Winkel des Berges befindlichen Stein, da wo das Auge die weiteſte und freieſte Ausſicht in die Ferne auf die Wohnungen der Menſchen herab be⸗ herrſchte. Steine waren rund um den Punkt herangewälzt und bildeten eine Art von kleiner Bruſtwehr vor ihm. Ein ſchweifender Blick von unten, der zufällig dieſe Seite des Berges beſtrichen hätte, würde ſchwerlich entdeckt haben, daß droben ſich ein Menſch befinde, da, mit Ausnahme der obern Körpertheile, die ganze übrige Geſtalt unſichtbar blieb. Angeben, was dies einſame Weſen hierher geführt habe, ob die Gewohnheit, ſich mit der kleinen Welt im Thale unten in der Einbildung zu unterhalten, ob die Abſicht, etwas zu bewachen, wäre keine leichte Sache geweſen. Seine Miene begünſtigte die 409 eine Vermuthung wie die andere; bald war ſein Blick weich und niedergeſchlagen, als erginge ſich ſein Geiſt in der dem Menſchen⸗ herzen ſo natürlichen Anhänglichkeit an menſchliche Weſen; bald zogen ſich ſeine buſchigen Brauen zuſammen, drückten ſich die Lippen feſt an einander, wie bei einem Manne, der keine andere Stütze kennt als die ſeiner angebornen Entſchloſſenheit. Die Einſamkeit der Stelle, das allgemeine hier oben herrſchende Schweigen, der gränzenloſe Blätterteppich, den das Auge von dieſer Höhe überſchaute, und die hehre Stille, die die Wälder athmeten, gaben der Scene eine unausſprechliche Erhabenheit. Regungslos, wie alle Naturgegenſtände der Ausſicht, war auch die Geſtalt des Schluchtbewohners; Ausdruck und Farbe ausgenommen, ſchien ſie von Stein. Den Ellbogen auf der kleinen Bruſtwehr, ſtützte er das Haupt auf die eine Hand. Von Pfeilſchußweite aus würde der Blick leicht auch dieſen Theil für eine der zufälligen Nachbil⸗ dungen gehalten haben, welche der Meißel der Jahrhunderte an dem Felſen ausgehauen. Eine Stunde verfloß, und kaum regte ſich ein Glied, verzog ſich eine Muskel. Tiefſinnige Betrachtung, oder geduldiges Abwarten eines vorausgewußten Begegniſſes ſchien die gewöhnlichen Funktionen des Lebens aufgehoben zu haben. Ein Kniſtern, nicht lauter, als es von dem Sprung eines Eichhörnchens erzeugt wird, ließ ſich zuerſt oben im Gebüſche hören; ihm folgte das Knittern brechenden Gezweiges, und dann ſtürzte ein Felſen⸗ bruchſtück ſprungweiſe den ſteilen Abhang hinunter, ſchoß über den Kopf des noch immer regungsloſen Eremiten hinweg, und fiel mit einem Schall, den der Wiederhall aus hundert Höhlen zurückgab, hinab in die Schlucht. ungeachtet des Plötzlichen in dieſer Unterbrechung, und des außer⸗ ordentlichen, ſie begleitenden Geräuſches, gab der am meiſten davon Bedrohte kein Zeichen der Furcht oder der Ueberraſchung von ſich. Wohl lauſchte er geſpannt, bis der letzte Ton verſcholl; allein es war das Lauſchen der Erwartung, nicht das der Furcht. 410 Gemach erhob er ſich nun, ſchaute behutſam um ſich, eilte dann raſchen Schrittes längs dem Bergſaum ſeiner Zelle zu und verſchwand durch die Thüre. Es dauerte indeß keine Minute, ſo war er wieder auf ſeinem bisherigen Poſten zu ſehen, mit einem kurzen Karabiner, wie ſie damals berittene Krieger führten, quer über's Knie gelegt. Wenn Zweifel oder Verlegenheit über einen ſo unzweideutigen Beweis, daß die Einſamkeit, die er ſuchte, in Gefahr war, geſtört zu werden, überhaupt eine Gemüthsbewegung in ihm hervorbrachten, ſo muß ſie ſehr gering geweſen ſeyn, da ſein gelaſſenes Ausſehen daſſelbe blieb, wie bisher. Die Blätter raſchelten zum zweiten Mal, und zwar kamen die Töne von einer niedrigeren Stelle des Geklüftes, andeutend, daß der Fuß, welcher das Geräuſch machte, im Herabſteigen begriffen ſey. Ward auch Niemand ſichtbar, ſo ließ ſich die Urſache der Bewegung nicht lange verkennen. Es war offenbar der Tritt eines menſchlichen Fußes, da ein Thier, ſchwer genug, um ſo ſtark außzutreten, ſich nicht an eine Stelle gewagt hätte, wo ſelbſt der Menſch nicht ſicher ging, ohne ſich der Hände eben ſo unausgeſetzt wie der Füße zu bedienen. „Komm nur hervor!“ ſagte der, welchen wir fortfahren wür⸗ den, Eremit zu nennen, wenn ſeine kriegeriſche Waffe die Benen⸗ nung noch zuließe.„Ich bin ſchon hier.“ Die Worte waren nicht zur Luft geſprochen; denn plötzlich zeigte ſich Jemand auf dem der Kolonie zugekehrten Bergrande, fünfzehn bis zwanzig Schritte vom Sprechenden. Als Beider Blicke aufeinander trafen, war die Ueberraſchung, die ſich augen⸗ fällig des Eindringlings bemächtigte, ſo wie des Andern, welcher Anſpruch auf ein beſſeres Recht zu machen ſchien, ſich hier zu be⸗ finden, gegenſeitig. Des Letztern Karabiner, und eine Flinte, die der Erſtere führte, kamen in ein und demſelben Augenblicke in die gefährliche Ziellinie zu liegen, und eben ſo gleichzeitig und ſchnell wieder in eine gerade, als ob ein gemeinſchaftlicher Impuls Beider Bewegungen geleitet hätte. Der Ortsinhaber winkte dem Andern ———— —— 411 näher zu treten, worauf jeder Schein von Feindſeligkeit ſich verlor, und an deren Stelle diejenige Freundlichkeit trat, die Vertrauen zu erwecken nie verfehlt. „Wie haſt Du es angeſtellt, dieſen heimlichen Ort ausfindig zu machen,“ fragte der Erſtere ſeinen Gaſt, nachdem Beide ruhig hinter der kleinen Bruſtwehr Sitze eingenommen hatten. Eines Fremden Fuß hat nicht oft dieſe Schluchten betreten, und nie iſt ein Menſch die ſteile Felswand dort herabgekommen.“ „Ein Moccaſin geht ſicher,“ erwiederte der Andere mit india⸗ niſcher Bündigkeit.„Mein Vater hat ein gutes Auge. Es kann ſehr weit von der Thüre ſeiner Hütte ſehen.“ „Du weißt, daß die Leute von meiner Farbe oft mit ihrem guten Geiſte reden; ſie beten nicht gern um ſeine Gunſt auf den öffentlichen Straßen. Dieſer Fleck iſt ſeinem heiligen Namen geweihet.“ Der Eindringling war der junge Sachem der Narraganſetts, und der, welcher, trotz dieſer plauſiblen Ausweichung, offenbar nicht um einſam, ſondern um verborgen zu ſeyn, ſich hier befand, war der Menſch, welcher in dieſen Blättern ſo oft, in ein geheimniß⸗ volles Dunkel gehüllt, auftritt. Das augenblickliche Wiedererkennen, und das darauf erfolgte gegenſeitige Zutrauen bedürfen keiner weiteren Erklärung, indem aus dem bisherigen Verlauf unſerer Er⸗ zählung ſchon deutlich genug erhellt, daß Beide einander nicht fremd waren. Deſſenungeachtet hatte das Zuſammentreffen nicht ſtattgefun⸗ den ohne Aengſtlichkeit von der einen Seite, und großes, obgleich auf bewundernswürdige Weiſe verhaltenes Erſtaunen von der andern. Conanchet, ſeiner hohen Stellung und erhabenem Charakter gemäß⸗ verrieth in ſeinem Betragen durchaus nichts von jener kleinlichen Neugierde, welche gemeinen Seelen ſo eigen iſt. Er begegnete ſeinem alten Bekannten mit der ihm angemeſſenen Würde; und dem ſchärfſten Forſcherauge würde es ſchwer geworden ſeyn, einen abſchweifenden Seitenblick, eine einzige unterſuchende Augenbewegung, 412 oder irgend ein anderes Zeichen zu entdecken, welches einen Beweis hätte abgeben können, daß ihm der Ort des Zuſammentreffens als ein etwas außergewöhnlicher vorkomme. Er hörte die kleinliche ausweichende Erklärung des Andern mit ernſter Höflichkeit an, und ließ ſeiner Antwort eine Pauſe vorangehen. 1 „Der Manitu der Bleichmenſchen,“ ſprach er jetzt,„muß mit meinem Vater ſehr zufrieden ſeyn. Seine Worte ertönen oft dem Ohre ſeines Großen Geiſtes! Die Bäume und die Felſen ſind damit vertraut.“ „Gleich jedem ſündiggeborenen Sterblichen,“ erwiederte der Fremde, nach der ſtrengen Weiſe jenes Zeitalters,„bedarf auch ich des Gebetes ſehr; doch warum glaubſt Du, daß meine Stimme an dieſem heimlichen Orte hier ſo oft ertöne?“ Conanchet wies mit dem Finger auf den ausgehöhlten Felſen zu ihren Füßen, und warf einen verſtohlenen Blick auf den aus⸗ getretenen Pfad, welcher zwiſchen der Höhle und der Zellen⸗ thüre vorbeiführte. „Ein Yengihs hat eine harte Ferſe, aber härter iſt doch der Stein. Der Huf des Rehes müßte viele Male vorübergehen, um ſolchen Pfad zu machen.“ 4 „Du haſt ein ſcharfes Auge, Narraganſett; allein Du duürfteſt Dich doch irren. Meine Zunge iſt nicht die einzige, die zu dem Gotte meines Volkes ſpricht.“ Der Sachem nickte leiſe beiſtimmend mit dem Kopfe, als wollte er den Gegenſtand nicht weiter verfolgen. Sein Gefährte war indeß nicht ſo leicht zufriedengeſtellt; er war ſich eines fehl⸗ geſchlagenen Verſuchs zu täuſchen bewußt, und dies ſtachelte ihn an, irgend ein Glauben erregendes Mittel zu finden, um den Ver⸗ dacht des Indianers zu beſchwichtigen. „Daß ich in dieſem Augenblicke allein war, mag Wahl, mag Zufall ſeyn,“ fuhr er fort;„Du weißt, heute gab es einen blutigen und geſchäftigen Tag unter den bleichen Männern, und ihre Wohnungen 413 beherbergen Todte und Sterbende. Einen eigenen Wigwam habe ich nicht; hier fand ich Muße, allein zu beten.“ „Die Seele iſt ſehr kunſtreich,“ erwiederte Conanchet:„ſie kann hören, wo das Ohr taub iſt; ſie kann ſehen, wo das Auge ge⸗ ſchloſſen iſt. Mein Vater hat zu dem Guten Geiſt geſprochen, zu gleicher Zeit mit den Uebrigen ſeines Stammes.“ Bei dieſen letzten Worten zeigte der Häuptling auf die ent⸗ fernte Kirche, aus welcher die begeiſterte Gemeinde, die wir be⸗ ſchrieben haben, in dieſem Augenblicke in die graſige, wenig betretene Dorfgaſſe herausſtrömte. Der Andere ſchien zu begreifen, was der Indianer ſagen wollte, und zugleich einzuſehen, wie thöricht und vergeblich es ſey, Jemand, dem ſchon ſo viel von ſeiner frühern Lebensweiſe bekannt war, länger täuſchen zu wollen. „Indianer, Du redeſt die Wahrheit,“ verſetzte er trübſinnig: „Die Seele ſieht weit, und ſiehet oft, wenn ſie mit bitterem Gram erfüllt iſt. Als Dein Tritt zuerſt hörbar ward, hielt mein Geiſt Gemeinſchaft mit den Geiſtern Derer, die Du dort gehen ſiehſt; außer Dir hat noch Niemand dieſen Platz erſtiegen, ausgenommen die Menſchen, welche mir herbeitragen, was des Leibes Bedürfniſſe ſtillt. Ja, Du redeſt die Wahrheit; das innere Auge iſt ſcharf; und weit über jene entfernte Berge hinweg, auf denen jetzt die Strahlen der untergehenden Sonne ſich verklären, trägt mich oft das meine im Geiſte. Du haſt einſt mit mir zuſammengewohnt, junger Mann, und viele Freude machte mir die Mühe, Deine jugendliche Seele für die Wahrheiten, die mein Volk bekennt, zu öffnen, und Dich eine Chriſtenſprache zu lehren; allein Jahre ſind verfloſſen.... horch! Es kommt Jemand den Pfad herauf. Fürch⸗ teſt Du Dich vielleicht vor einen Yengihs?“ Die gelaſſene Miene, mit der Conanchet zugehört hatte, ver⸗ wandelte ſich in ein kaltes Lächeln. Schon eine Weile, ehe ſein Gefährte zu erkennen gab, daß er Fußtritte ſich nahen hoͤre, hatte 414 er mit der Hand nach dem Flintenſchloſſe gefühlt, ohne dabei aber die Geſichtszüge im Mindeſten zu verändern, bis jetzt, wo obige Frage an ihn gerichtet ward. „Fürchtet mein Vater für ſeinen Freund?“ fragte er ſeinerſeits, und ſtreckte die Finger nach der Gegend hin, von woher der Dritte herannahte.„Iſt es ein bewaffneter Krieger?“ „Nein; er kommt mit Mitteln, mich unter einer Bürde zu ſtärken, die getragen werden muß, bis es Dem, welcher weiß, was für alle ſeine Geſchöpfe gut iſt, gefällt, ſie mir abzunehmen. Viel⸗ leicht iſt's der Vater derjenigen, die Du heute den Ihrigen wieder gegeben haſt, vielleicht auch ihr Bruder; denn dieſe Güte wird mir abwechſelnd von verſchiedenen Mitgliedern jener würdigen Familie erzeigt.“ 6 Dem Häuptling ſchien plötzlich ein Gedanke die Seele zu durchzucken, dies bewieſen ſeine lebendig bewegten Züge. Sein Entſchluß war bald gefaßt. Er ſtand auf, ließ ſeine Waffe zu Füßen ſeines Gefährten liegen und bewegte ſich raſch längs dem Bergrand, als wenn er dem Kommenden entgegengehen wollte. Im nächſten Augenblick jedoch war er wieder zurück, mit einem kleinen Bündel, eng eingewickelt in reich mit Muſcheln verzierten Streifen aus Schlangenhäuten. Dies Bündel legte er ſanft hin neben den Alten— denn die Zeit hatte die Haarfarbe des Einſam⸗ lebenden grau geſprenkelt— wies mit Nachdruck darauf und ſagte in einer leiſen, bewegten Stimme: „Der Bote wird nicht mit leerer Hand zurückkehren. Mein Vater iſt weiſe; er wird ſagen, was gut iſt.“ Es war keine Zeit zu ferneren Erklärungen mehr übrig. Die Thüre der Zelle war kaum hinter Conanchet geſchloſſen, als der junge Marcus Heatheote an dem Punkte des Pfades erſchien, wo ſich derſelbe um die Ecke der ſteilen Felswand bog. „Du weißt, was geſchehen iſt, und wirſt mir erlauben, ohne viel zu ſprechen, wieder umzukehren;“ ſagte der junge Mann, indem —j.,—— er die Speiſen vor Den, um deſſenwillen er gekommen, hinſetzte: „Ha! was ſeh' ich hier?... haſt Du dies im Gefechte heute morgen gewonnen?“ „Es iſt Beute, die ich gern Dir ſchenke; nimm ſie hin in's Haus Deines Vaters. Dazu iſt ſie mir überlaſſen worden. Nun erzähle mir aber auch, wie der Tod mit den Unſrigen ver⸗ fahren iſt; denn Du weißt, kaum ward uns die Freiheit geſchenkt, ſo trieb mich die Nothwendigkeit aus eurer Mitte.“ Marcus bezeigte keine Luſt, dem ausgeſprochenen Wunſche zu genügen. Er ſtarrte das von Conanchet gebrachte Bündel an, als hätte er nie einen ähnlichen Gegenſtand geſehen; und furchtbar ſich bekämpfende Leidenſchaften zogen über ſeine Stirn, in der ſich überhaupt nie jene Gelaſſenheit, jene Selbſtverläugnung wieder⸗ ſpiegelte, welche damals in ſeinem Vaterlande gefunden ward. Es ſoll geſchehen, Narraganſett!“ ſagte er zähneknirſchend; „es ſoll geſchehen!“ Mit dieſen Worten kehrte er auf der Zehe um und eilte längs dem Pfade am Abgrunde mit ſchnellen Schritten entlang; der Andere blieb in zitternder Ungewißheit, ob der Jüng⸗ ling nicht von der ſchwindelnden Höhe hinabſtürzen würde, bis er ihn aus den Augen verlor. Jetzt erhob er ſich und ſuchte den in der Nähe Verborgenen. „Komm hervor⸗“ ſagte er, und öffnete zugleich dem Häuptling die Thüre.„Der Jüngling iſt fort und hat das Bündel mitge⸗ nommen; Du biſt jetzt wieder allein mit Deinem ehemaligen Geſellſchafter.“ Auf dieſe Einladung erſchien Conanchet wieder; aber ſein Auge war matter, ſeine Züge weicher, als bei ſeinem erſten Eintritt in die Hütte. Langſam bewegte er ſich nach dem Steine hin, welchen er vorher eingenommen hatte, hielt aber unterwegs ploͤtzlich auf einen Augenblick inne und warf einen Blick ſchmerzlichen Be⸗ dauerns nach dem Fleck, wo er das Bündel hingelegt hatte. Bald jedoch unterdrückte er, mit der gewohnten Selbſtbeherrſchung eines 416 Indianers, ſeine Gefühle, und als er daſaß und ſeinen Wirth an⸗ ſchaute, war nur ſein natürlicher Ernſt ſichtbar; keine Spur davon, daß ſein bewundernswürdiger Gleichmuth ihm A nſtrengung koſtete. Nach einer langen, tieffinnigen Stille hob der Einſamlebende alſo an: „Wir haben alſo den Fürſten der Narraganſetts zum Freund; und das Bündniß mit Philip iſt aufgelöſ't?“ „Yenghis,“ erwiederte der Andere,„mich erfüllt das Blut der Sachems.“ „Warum ſollten ſich auch der Indianer und der Weiße ſo bekriegen! Die Erde iſt groß, und ihre Oberfläche hat Raum für Menſchen von allen Farben und Nationen.“ „Mein Vater, Dir iſt nur wenig von dieſem Raum vergönnt,“ ſagte der Andere mit einem ſo ſeelenvollen Blick auf die enge Wohnung ſeines Wirthes, daß man darin neben der ſarkaſtiſchen Anſpielung zugleich die Höflichkeit des Herzens leſen konnte. „Ein leichtfertiger, eitler Fürſt ſitzt auf dem Throne eines einſtmals frommen Volkes, Häuptling, und Finſterniß hat ein Land von Neuem überzogen, das noch vor Kurzem im Glanze des herr⸗ lichſten Lichtes dalag! Die Gerechten müſſen aus den Wohnungen ihrer Jugend fliehen, und die Tempel der Auserwählten ſind den Gräueln der Abgötterei preisgegeben. O England! England! wann wird dein bitterer Kelch geleert ſeyn... wann wird dieſe Heimſuchung an dir vorübergegangen ſeyn... mein Geiſt erſeufzt über deinen Fall... ja meine Innerſte Seele trauert beim Anblick deines Jammers!“ Conanchet hatte zu großes Zartgefühl, um das verglaſete Auge und die erhitzte Stirn des Redenden anzuſchauen, aber Stau⸗ nen und der Wunſch, das Geſagte zu verſtehen, machten ihn zum aufmerkſamen Zuhörer. Dergleichen Ausrufungen hatte ſein Ohr wohl früher ſchon vernommen, und obgleich ſie jetzt, wo er Mann geworden, eine größere Wirkung auf ihn machten, als damals auf ſeine Kindesſeele, ſo war der Sinn der Worte ihm doch immer 417 noch ein Geheimniß. Mit etwas Haſt berührte er leiſe das Knie ſeines Gefährten und ſagte: „Der Arm meines Vaters erhob ſich heute an der Seite der Yengihs; doch geben ſie ihm keinen Raum an ihrem Berathungsfeuer!“ „Der ſündige Mann, welcher in dem Eiland herrſcht, von woher mein Volk gekommen, hat einen eben ſo weitreichenden Arm als leichtſinnigen Geiſt. Iſt auch meine Stimme ausgeſchloſſen aus den Berathungen dieſes kleinen Thales, Häuptling, gleichwohl hat es eine Zeit gegeben, wo ſie ſich in Rathsverſammlungen hören ließ, die ſeine Familie ſchwer heimſuchten. Dieſe meine Augen waren Zeugen bei der Vollziehung des gerechten Urtheils an Dem, welcher dem zweizüngigen Werkzeug Belials, das jetzt ein reiches, herrliches Land regiert, Daſeyn gegeben.“ „Mein Vater hat den Hirnſchädel eines großen Häuptlings genommen!“ 2 „Mein Hirnſchädel war behülflich, daß er um ſeinen Kopf kam!“ erwiederte der Einſame, und ein Strahl bittern Triumphs durchzuckte ſeine in der Regel herben Geſichtszüge. „So komm. Der Adler fliegt über den Wolken, daß er ſeine Fittige frei bewegen könne; der Panther macht größere Sprünge, wenn die Ebene recht weit iſt; und im tiefen Waſſer ſchwimmen die größeſten Fiſche. Mein Vater kann ſich, zwiſchen dieſen Felſen eingehemmt, nicht ſtrecken; er iſt zu groß, um ſich in einem kleinen Wigwam niederzulegen. Die Wälder haben Raum; er wechsle die Farbe ſeiner Haut und werde ein Grauhaupt am Berathungs⸗ feuer meines Volks. Die Krieger werden ſeinen Worten zuhören, denn er hat eine ſtarke That gethan!“ „Das kann nicht geſchehen.... kann nicht geſchehen, Narra⸗ ganſett. Was im Geiſte erzeugt worden, muß bleiben, und leichter wär's, daß der Mohr weiß würde, oder der Leopard ſeine Flecken verlöret, als daß Der, welcher einmal erfahren hat, wie mächtig der HErr iſt, ſeine geiſtigen Gaben verleugnete. Doch ich nehme Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 27 418 Dein freundſchaftliches Anerbieten mit dem Geiſte der Liebe und der Vergebung auf. Meine Seele bleibt ewig meinem Volke zugethan; nichts deſtoweniger hat ſie Raum für die Freundſchaft anderer. So brich denn dieſes Bündniß mit dem böswilligen, unruhigen Philip, und laß die Streitart auf immer vergraben bleiben in dem Pfade zwiſchen Deinem Dorfe und den Wohnörtern der Yengihs.“ „Wo iſt mein Dorf! Nahe bei den Inſeln, an den Ufern des großen Sees iſt ein ſchwarzer Platz, aber ich ſehe keine Wohnungen.“ „Wir wollen Deine Flecken neu aufbauen und ſie bevölkern. Laß Friede ſeyn zwiſchen uns.“ „Meine Seele bleibt ewig meinem Volke zugethan;“ erwiederte der Indianer, indem er mit einem unzweideutigen Nachdruck des Andern Worte wiederholte. Eine lange, niederſchlagende Stille. Als die Unterredung wieder aufgenommen ward, bezog ſich ihr Gegenſtand auf Ereigniſſe, welche ſie erlebt ſeit der Zeit, wo das Blockhaus, welches mitten in dem ehemaligen Wohnplatze der Heatheotes ſtand, Beiden zum Aufenthalt gedient hatte. Jeder beſaß eine zu genaue Kenntniß von dem Charakter des Andern, um fernere Verſuche zu machen, eine Aenderung des Vorhabens zu bewirken. So ſaßen ſie bei⸗ ſammen, als die Finſterniß ſich ſchon längſt um ſie her gelagert hatte; endlich erhoben ſie ſich und traten beide in die Hütte. 1 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Entſchlaf'; du biſt mein Ahn“, den Vater haſt Du mir gegeben; ſchufeſt noch zudem Der Brüder zwei und eine Mutter.— Cymbeline. Vie kurze Abenddämmerung war ſchon vorüber, als der greiſe Mareus Heathcote das Abendgebet beendigte. Der gemiſchte —, Charakter der merkwürdigen Vorfälle des vergangenen Tages hatte ein Gefühl erzeugt, deſſen Drang durch nichts Erleichterung fand, als durch den heißen, zuverſichtlichen und erhabenen Erguß der Andacht. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte der Alte ſogar noch ein außerordentliches Mittel zu Hülfe gerufen, um das Be⸗ dürfniß des andächtigen Dankes und Preiſes zu befriedigen; ein Mittel, welches man, bei einem geringern Grad von Religioſität, ſupererogatoriſch zu nennen ſich verſucht fühlen dürfte. Nachdem nämlich das Geſinde entlaſſen war, hatte er ſich, auf den Arm ſeines Sohnes geſtützt, in ein inneres Gemach begeben. Hier, wo nur Diejenigen zugegen waren, welche ſeinem Herzen am nächſten ſtanden, erhob der Patriarch abermals ſeine Stimme im Lobe des Weſens, das, inmitten ſo großer, allgemeiner Leiden, auf die Familie Heatheote den Blick des Erbarmens und der Gnade zu richten geruhet. Seiner wiedergeſchenkten Enkelin erwähnte er mit Namen, und behandelte den ganzen Verlauf ihrer Gefangenſchaft unter den Heiden und ihrer Rückkehr zum Fuße des Altars mit der frommen Innigkeit, welche im Ausgange der Ereiguiſſe die weiſen Beſchlüſſe der Vorſehung erkennt und verehrt, und mit einem Zart⸗ gefühl, deſſen das Alter ihn keineswegs beraubt hatte. Gerade beim Schluß dieſer geheimen und beſondern Andacht iſt es, wo wir den Leſer in den Kreis dieſer Familie wiedereinführen. Der Reformationsgeiſt hatte Die, welche von demſelben ſo heftig angetrieben wurden, zu manchen Gebräuchen verleitet, welche, um uns keines härteren Ausdrucks zu bedienen, für die Einbildungs⸗ kraft eben ſo anmuthslos, als die Formen, die ſie mit dem Namen der Abgötterei belegten, für ihre unbeugſamen Theorien anſtößig waren. Die erſten Proteſtanten hatten ſchon ſo Vieles aus dem Gottesdienſt verwieſen, daß dem Puritaner wenig zum Niederreißen übrig blieb, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, den Altar von ſeinem letzten Schmucke zu entblößen. Vermittelſt einer bizbarren Verwechſelung der Spitzfindigkeit für die Demuth, ward das Knien 420 beim öffentlichen Gottesdienſte als phariſäiſcher Gebrauch verworfen; man meinte, das, worauf es weſentlich bei der Andacht ankäme, könnte leicht durch das leichter zu erreichende Verdienſt der Ceremonie in den Hintergrund verdrängt werden. Während auf ein kopf⸗ häͤngeriſches Weſen und ein vorgeſchriebenes Betragen von eigen⸗ thümlicher Erfindung mit wahrem Proſelyteneifer gehalten wurde, ver⸗ dammte man alte, ſogar weit natürlichere Gebräuche, wovon der Grund, wie wir glauben, hauptſächlich in jenem Trieb zu Neuerun⸗ gen lag, welcher allen Umwälzungen, zum Beſſern wie zum Schlechtern, weſentlich beizuwohnen ſcheint. Wenn aber auch die Puritaner, ſobald Menſchenaugen ſie ſahen, ſich weigerten, das ſteife Knie ſelbſt dann zu beugen, wenn ſie um Gaben baten, die zu ihrem exaltirten Glaubensbekenntniß ſtimmten, ſo betrachteten ſie es gleich⸗ wohl als etwas Erlaubtes, im Geheimen eine Lage anzunehmen, die ſie für einen groben Mißbrauch erklärten, weil ſie, beim Scheine einer größern religiöſen Erregung, die Seele nur ſicher mache, durch den Wahn, eine höhere Stufe ſittlicher Vollkommenheit erklommen zu haben. Bei der in Rede ſtehenden Gelegenheit hatten die im Geheimen Betenden die Lage der gebeugteſten, demuthvollſten Andacht ange⸗ nommen. Als Ruth Heatheote ſich von ihren Knien erhob, lag die Hand ihres Kindes noch feſt in der ihrigen; denn was der Greis in ſeiner freudigen Begeiſterung geſprochen, war ganz ge⸗ eignet, ſte glauben zu machen, der Zuſtand, aus dem ihr Liebling befreit worden, ſey weit düſterer als das Grab. Sie hatte das halbverblüffte Weſen neben ſich ſanft gezwungen, in der äußern Geberde wenigſtens an dem Gebet Theil zu nehmen. Nun es vorüber war, ſuchte ſie im Antlitze ihrer Tochter den Eindruck zu leſen, den es auf deren Seele gemacht, mit einem Auge, in welchem die Beſorgtheit der Chriſtin eine eigenthümliche Steigerung erhielt durch die zärtliche Liebe der Mutter. 2 Narra⸗Mattah— ſo werden wir fortfahren ſie zu nennen— ————„— e8 „,—. glich in Miene, Ausdruck und Stellung einem Menſchen, dem die Gaukelbilder eines lebhaften Traums ein fremdes Daſeyn geben. Ihrem Ohr waren wohl Töne nicht fremd, die ſie in ihrer Kindheit ſo oft wiederholen hörte; auch rief das Gedächtniß ihr verworrene Erinnerungen zurück an die meiſten der ſo plötzlich wieder vor ſie hintretenden Gegenſtände und Gebräuche: allein die erſteren führten ihren geiſtigen Inhalt einer Seele zu, deren Kräfte unter einem ſehr verſchiedenen theologiſchen Syſtem ſich entfaltet hatten, und die letzteren kamen zu ſpät, als daß ſie vermocht hätten, eine Denkweiſe zum Weichen zu bringen, die ſich auf Anhänglichkeit gründete, und erſtarkt war durch alle jene wilden, verführeriſchen Sitten, denen Menſchen, die ihrem Einfluß lange ausgeſetzt waren, bekanntlich nicht leicht mehr widerſtehen. Sie ſtand daher im ernſten verſchloſſenen Kreiſe ihrer nächſten Anverwandten wie eine Fremde da, gleich einem ſcheuen nur halbzahmen Bewohner der Lüfte: aus dem die menſchliche Kunſt dadurch, daß ſie ihn mit dem ruhigern und zuthunlichern Geflügel des Hühnerhofes vergeſellſchaftet, einen Hausvogel ziehen möchte. Waren auch die Gefühle der Ruth Heatheote tief und ſtark, und lebte ſie auch ganz in den natürlichen Pflichten ihrer Stellung in der Welt, ſo hatte ſie doch längſt gelernt, jeden heftigern Aus⸗ bruch der erſteren zu dämpfen. Nachdem ſie ſich daher von der erſten Ueberraſchung der Freude erholt, nachdem ihr Herz ſeinen Dank gegen Gott ausgeſtrömt hatte, bemerkte man an ihr nur jene unermüdliche, ſie ganz beſchäftigende, aber doch geregelte Aufmerkſamkeit, welche das Vorgefallene ſo natürlich hervorrufen mußte. Die Zweifel, Ahnungen, ja nicht einmal die Beſorgniſſe ihres Innern konnten aufkommen, ſo ſehr verbreitete ſich die Zu⸗ friedenheit über ihre ganze Erſcheinung; und ſelbſt das Schimmern der Freude ſpielte wieder auf einer Stirn, welche ſtiller aber zerſtörender Kummer ſo lange in Wolken verhüllte. „Und Du erinnerſt Dich Deiner Kindheit wieder, meine Ruth?“ fragte die Mutter, als die ehrfurchtsvolle Pauſe, welche in dieſer Familie ſtets auf das Gebet folgte, vorüber war;„nein, wir ſind Deinen Gedanken nicht gänzlich fremd geworden; die Natur hat ihren Platz in Deinem Herzen behalten. Erzähle uns, mein Kind, von Deinem Herumirren im Walde, wie von den Leiden, die ein ſo junges weibliches Weſen, wie Du, im Umgange mit einem wilden Volke erdulden mußte. Nun wir wiſſen, daß das Unglück ſeine Endſchaft erreicht hat, iſt es eine Genugthuung, zu hören, was Du geſehen, was Du erfahren haſt.“ Sie ſprach zu einem für ſolche Sprache tauben Ohre. Es war augenſcheinlich, daß Narrah⸗Mattah die Wörter einzeln verſtand, allein den Geſammtſinn verhüllte ihr eine Dunkelheit, die ſie nicht durchdringen konnte, noch auch Luſt dazu bezeugte. Ihr Blick, worin ſich Vergnügen und Verwunderung gleich kräftig ausſprachen, ruhte unverwandt auf dem milden Auge der Mutter, das von Liebe ſtrahlte. Plötzlich fuhr ſie haſtig mit der Hand in die Falten ihres Gewandes, zog nach einigem Suchen einen bunt geſchmückten, nach der vornehmſten Mode ihres angenommenen Volkes gearbeiteten Gürtel hervor, näherte ſich ihrer halb freudig, halb ſchmerzlich bewegten Mutter, und mit einer Hand, die gleich ſehr vor Wonne und Schüchternheit zitterte, legte ſie ihr denſelben um den Leib, nicht ohne dafür zu ſorgen, daß der Reichthum des Schmuckes recht in die Augen fiele. Die Handlung machte dem einfachen Weſen Freude, und es blickte nun gierig um ſich her, um Beifall in den Augen der Anweſenden zu leſen; begegnete aber nichts als niedergeſchlagenen traurigen Blicken. Erſchrocken über einen Ausdruck, den ſie ſich nicht zu erklären vermochte, irrte ihr Auge umher, als ſuchte es Schutz gegen eine ihr fremdgebliebene Empfindung. Die gewohnte Umgebung der theuer gewordenen Heimath vermiſſend, blieb der Blick des ſcheuen Geſchöpfes auf dem Geſichte des blödſinnigen Herumzüglers haften, der ſich unver⸗ merkt in's Zimmer geſchlichen hatte. Eifrig zeigte ſie auf ihre 4²2³ Arbeit hin, und mit beredter ungekünſtelter Geberde berief ſie ſich auf Whittal's Geſchmack, der ja wiſſen müſſe, ob ſie ihre Sache gut gemacht. „Trefflich!“ erwiederte Whittal, und trat dem Gegenſtande ſeiner Bewunderung näher;„'s iſt ein trefflicher Gürtel, und Niemand außer der Frau eines Sachem, kann ſo ein Geſchenk verfertigen.“ „Das Mädchen faltete beſcheiden die Arme über der Bruſt und ſchien nun wieder mit ſich und der Welt zufrieden. „Hier iſt die Hand Deſſen unverkennbar, der bei allem Böſen geſchäftig iſt,“ ſagte der Puritaner.„Das Herz durch Eiielkeit zu verderben, und die Neigungen durch die Lockungen der Dinge dieſes Lebens irre zu führen, iſt ſeine liebſte Argliſt. Die gefallene Natur kömmt ihm nur zu bereitwillig entgegen. Wir müſſen feuriges Gebet und Wachſamkeit bei dem Kinde anwenden, ſonſt wäre es beſſer, daß ſeine Gebeine neben den holden Kleinen ruhten, die bereits das Erbe der Verheißung beſitzen.“ Achtung gebot der Ruth Schweigen, allein bei allem Schmerz uͤber das verwilderte Gemüth ihres Kindes, verleugnete ſich die Staͤrke natürlicher Gefühle nicht. Daß Strenge nicht das Mittel ſey, die gewünſchte Beſſerung zu bewirken, ſagte ihr der weibliche Takt, beſtätigte das zärtliche Mutterherz. Sie nahm einen Sitz ein, zog ihr Kind an ſich heran, und nachdem ſie mit einem ſtummen Blick gebeten, daß die Umſtehenden ſich ſtill verhalten möchten, ergriff ſie, um ihrer Tochter bis in das Innerſte der Seele zu dringen, das Mittel, welches das unerforſchliche Wirken der Natur vorſchrieb. „Komm näher, Narra⸗Mattah,“ ſagte ſie, ſich des Namens bedienend, auf den die Tochter allein hören wollte.„Du biſt noch in Deiner Jugend, mein Kind, dennoch hat es Dem, deſſen Wille Geſetz iſt, gut gedünkt, Dich in dieſem wechſelreichen Leben viele Veränderuugen erfahren zu laſſen. Sag' mir, ob Du Dich der Tage Deiner Kindheit entſinneſt, und ob Deine Gedanken während der 424 langwierigen Jahre, wo Du unſeren Blicken entzogen bliebſt, ſich jemals dem Hauſe Deines Vaters zuwendeten? Ruth wandte bei dieſen Worten ſanfte Gewalt an, um ihre Tochter zu ſich heranzuziehen, und dieſe ſank in die nämliche Lage, von der ſie ſich eben aufgerichtet hatte, vor der Mutter hinknieend, wie ſie es oft als Kind zu thun pflegte. Dieſe Körper⸗ haltung war zu voll von ſüßen Erinnerungen, als daß ſie ihr nicht hätte Vergnügen machen ſollen, und man ließ das halb erſchrockene Weſen bei dem nun erfolgenden Geſpräch dieſelbe beibehalten. Doch ungeachtet dieſer äußern Folgſamkeit, zeigte Narra⸗Mattah durch das Vorſichhinſtarren, oder vielmehr durch das Staunen eines Auges, welches ſonſt Empfindungen und Ideen, deren ſie Herrin war, mit ſo vieler Beredſamkeit auszudrücken vermochte, daß ſie wenig mehr begriff, als die Zärtlichkeit, welche ſich im Ton und in der Weiſe ihrer Mutter ausſprach. Ruth begriff den Sinn ihres Hinſtarrens. Den Schmerz, den ihr daſſelbe verurſachte, unterdrückend, verſuchte ſie ihre Worte dem Verſtande eines ſo aufrichtigen Geſchöpfes gemäß einzurichten. „Selbſt die grauen Häupter Deines Volkes waren einſt jung,“ hob ſie wieder an;„und ſie erinnern ſich an die Hütten ihrer Väter. Denkt meine Tochter bisweilen an die Zeit, wo ſie mit den Kindern der Bleichgeſichter ſpielte?“ Das aufhorchende Weſen an Ruth's Schooß gerieth in Span⸗ nung. Die Kenntniß der Sprache ihrer Kindheit hatte tief genug Wurzel geſchlagen, ehe ſie in Gefangenſchaft gerieth, und war auch ſeitdem im gelegentlichen Verkehr mit Weißen, beſonders aber mit Whittal Ring, hinlänglich in Uebung erhalten worden, um ſie in Stand zu ſetzen, das jetzt Geſprochene vollkommen zu begreifen. Verſtohlen und furchtſam ſuchte ſie, über die Schulter blickend, Martha's Antlitz, ſah tief ſinnend deren Züge faſt eine Minute lang an, und brach dann, mit der anſteckenden Fröhlichkeit eines Indianermädchens, in ein helles Gelächter aus. — 8 SdD— X— d—ℳ — 20. d 8●—— u 425 „Nein, Du haſt uns nicht vergeſſen! Dieſer Blick auf die Gefährtin Deiner Kindheit gibt mir die Verſicherung davon, und bald werden wir die Liebe unſerer Ruth wieder ſo ganz beſitzen, als jetzt ihren Körper. Ich will Dir nichts ſagen von jener ſchrecklichen Nacht, wo die Grauſamkeit der Wilden Dich von uns hinwegnahm; nichts von dem bittern Schmerz, mit welchem Dein Verluſt unſere Herzen erfüllte; aber Einen gibt es, der Dir noch bekannt ſeyn muß: Der über den Wolken ſitzet, der die Erde in ſeiner Hand hält, der in Gnade auf Alle herniederſchauet, welche auf dem Pfade wandeln, wohin ſein Fingerzeig deutet: hat er noch einen Raum in Deinen Gedanken? Erinnerſt Du Dich noch ſeines heiligen Namens? Denkſt Du noch an ſeine Allmacht?“ Die Lauſchende neigte das Haupt nach der Seite hin, gleichſam als wollte ſie den ganzen Sinn des Gehörten erfaſſen; dabei überzog der Ernſt tiefer Ehrfurcht ein Geſicht, auf dem vor einer Minute noch jede Muskellinie lachte. Nach einer Pauſe murmelte ſie hörbar das Wort: „Manitu.“. „Manitu oder Jehova; Gott, oder König der Könige und Herr der Herren! Wenig kommt darauf an, welcher Name ge⸗ gebraucht wird, um ſeine Macht zu bezeichnen. Du kennſt ihn alſo, und haſt nie aufgehört, ſeinen Namen anzurufen?“ „Narra⸗Mattah iſt ein Weib. Sie fürchtet ſich, zu dem Manitu laut zu ſprechen. Er kennt die Stimme der Häuptlinge, und öffnet ſein Ohr, wenn ſie um Beiſtand bitten.“ Der Puritaner ſtöhnte; doch der Ruth gelang es, ihr Weh zu unterdrücken, damit das wiederauflebende Vertrauen ihrer Tochter nicht wieder irre mache. „Dies mag der Manitu eines Indianers ſeyn,“ ſagte ſie, „aber der Chriſtengott iſt es nicht. Du ſtammſt von einem Ge⸗ ſchlechte ab, das auf eine andere Weiſe anbetet; es geziemt ſich, daß Du den Namen des Gottes Deiner Väter anrufeſt. Selbſt 42²6 der Narraganſett erkennt dieſes als Wahrheit an! Deine Haut iſt weiß, und Dein Ohr ſollte ſich den Ueberlieferungen der Menſchen, die eines Blutes ſind mit Dir, nicht verſchließen.“ Bei dieſer Anſpielung auf ihre Farbe ließ die Halbwilde das Haupt auf die Bruſt ſinken, als wenn ſie die demüthigende Wahr⸗ heit gern vor jedem Auge verbergen möchte. Che ſie noch ant⸗ worten konnte, trat Whittal Ring zu ihr heran, wies auf die brennende Farbe ihrer Wangen, an deren Gluth Beſchämung eben ſo viel Antheil hatte, als die heißen Strahlen einer amerikaniſchen Sonne, und ſagte: „Die Frau des Sachem hat ſich ſchon bedeutend verändert. Sie wird bald dem Nipſet gleich ſeyn, ganz roth.... Schau',“ fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf einen Theil ſeines Armes hinzeigte, wo Sonne und Wind die urſprüngliche Farbe noch nicht ganz vertilgt hatten;„der Böſe Geiſt hat auch in Niſpet's Blut Waſſer gegoſſen, aber es ſoll wieder heraus. Sobald er erſt ſo dunkel iſt, daß der Boͤſe Geiſt ihn nicht wieder erkennt, zieht er in den Krieg; und dann mögen die Bleichgeſichter nur immer ſich gefaßt halten, die Gebeine ihrer Väter auszugraben, und damit nach Sonnenaufgang zu reiſen; denn Niſpet mag nicht ſeine Hütte mit rehfarbenem Haar ausgeſchlagen ſehen!“ „Und Du, meine Tochter, kannſt dieſe Drohung gegen die Menſchen Deines Volkes, Deines Blutes, Deines Gottes, ohne Schaudern mitanhören?“ Narra⸗Mattha's Auge verrieth ein inneres Schwanken; jedoch fuhr ſie fort, Whittal beifällig anzuſehen. Der natürliche Narr, von ſeinem eingebildeten Siege erfüllt, erhob jubelnd die Hand, und ſtellte mit unzweideutiger Mimik die Weiſe dar, wie er ſeinen Schlachtopfern die entſetzliche Trophäe abnehmen wolle. Bei dieſer eben ſo ausdrucksvollen als widerlichen Darſtellung bewachte Ruth mit faſt athemloſer Angſt das Angeſicht ihres Kindes. Ihr würde es Troſt gewaͤhrt haben, wenn auch nur ein entfernter Schimmer — der Mißbilligung, das leiſeſte unwillkührliche Verziehen einer Muskel, kurz, das geringſte Zeichen ihr angedeutet hätte, daß die zarte Natur eines ſo lieblichen, in jeder andern Beziehung ſo weichen Weſens dieſe treue Nachahmung der barbariſchen Sitten, die in ihrem gewäͤhnten Volke herrſchten, nicht ohne innere Empörung anſehen könne. Eine Kaiſerin Roms konnte mit Gleichgültigkeit dem Todeskampf des beſiegten Gladiators zuſehen, die Gemahlin eines Fürſten der neuern Zeit kann unbewegt das blutige Verzeichniß der Opfer leſen, welche ihres Gatten Triumphe koſteten. Eine Braut hört mit Ruhe die mörderiſchen Großthaten Deſſen erzählen, den ihre Einbildungskraft ihr als einen Helden vormalt: allein die Gleichgültigkeit, Unbewegtheit und Ruhe Aller vereinigte in ſich die Frau des Sachem, während ſie der mimiſchen Darſtellung von Kriegsthaten zuſah, die ihrem Manne einen ihr uͤber Alles gehen⸗ den Ruf erworben hatten. Nur zu klar zeigte ſich's, daß die Scene, wie roh und grauſam ſie auch war, ihrer Seele keine an⸗ dere Bilder vorführte, als ſolche, die in der auserwählten Lebens⸗ gefährtin eines Kriegers nur angenehme Empfindungen erregen. Ja, das abwechſelnde Spiel der Geſichtszüge, die der Handlung entſprechenden Blicke verkündeten unzweideutig, daß ſie mit fühlte, und ſomit nicht vergeblich unterwieſen worden war, ſich über den Sieg der Kämpfenden zu freuen. Noch mehr: als Whittal, durch ſeine eigene Anſtrengung angefeuert und erhitzt, in wüthenden Ge⸗ berden ſich ſelbſt übertraf, ſo belohnte ſie ihn mit einem zweiten Beifallslachen. Die Töne dieſes unwillkührlichen Hervorbrechens der Freude waren an ſich weich, und wie ſte der ſchönſten Weib⸗ lichkeit geziemen würden; allein die Veranlaſſung zu denſelben ließ ſie in dem verletzten Ohre der Mutter nur wie die Todtenglocke klingen, welche die ſittliche Schönheit ihres Kindes zu Grabe läu⸗ tetete. Tiefſinnig hielt ſie, ihre Gefühle noch immer beherrſchend, die Hand an die blaſſe Stirn, blieb lange ſo, und ſchien ſich in 428 die Zerrüttung einer Seele hineindenken zu wollen, die einſt ſo rein zu werden verſprach. Jene Bande der Natur, durch welche die Koloniſten mit der öſtlichen Hemiſphäre zuſammenhingen, waren keineswegs ſchon alle aufgelöst. Ihre Legenden, ihr Stolz und, in vielen Fällen, ihre Familiendenkmäler trugen dazu bei, daß ſie nicht aufhörten, das Land ihrer Ahnen zu lieben, daß ſie— ihren Glauben daran nicht fahren ließen. Einige ihrer Nachkommen können, ſelbſt bis zur heutigen Stunde, das Ideal alles Vortrefflichen in menſchlicher Tugend und menſchlichem Glücke nicht von dem Bilde des Landes trennen, von dem ſie herſtammen. Man weiß ja, wie die Ferne nicht bloß dem leiblichen, ſondern auch dem geiſtigen Auge die Gegenſtände in weicheren Umriſſen zeigt. Die blauen Wellenlinien des Berges, an dem glühenden Horizont halb zerfließend, thun dem Auge wohlz; allein ſo wie der getäuſchte Reiſende näher kommt, findet er nur zu häufig kahle Mißgeſtalten, wo er Schönheit zu finden wähnte. Eben ſo ſchmeichelnd nun und eben ſo täuſchend ſind oft die Gemälde, welche die Einbildungskraft von minder ſinn⸗ lichen Dingen entwirft. Nicht darf es uns daher Wunder nehmen, daß die Bewohner der ſchmuckloſen Provinzen Neu⸗Englands in alle ihre poetiſchen Lebensbilder Erinnerungen an das Land einwebten, welches ſie noch immer ihr Vaterland nannten. Sie hatten noch die Sprache, die Bücher und großentheils auch die Sitten der Engländer. Nachgerade jedoch ſingen getrennte Lgge, getrenntes Intereſſe und eigenthümliche Meinungen ſchon damals an, jene Kluft zu öffnen, welche die Zeit ſeitdem erweitert hat, und die, aller Wahrſcheinlichkeit nach, bald nichts mehr übrig laſſen wird, was beide Völker gemeinſchaftlich beſäßen, außer einer und derſelben Sprache“ und Abkunft: moge chriſtliche Liebe dieſen zwei letzten Banden einige Haltbarkeit verleihen. * Wer weiß, ob ein Cooper des nächſten Ja hrhunderts das Nämliche von der Sprache beider Völker wird ſagen können; kann doch ſchon jetzt der ——— 429 Die auffallende Sittenſtrenge der Religioͤſen in ſämmtlichen brittiſchen Kolonien ſtand im grellſten Gegenſatze zu Allem, was 4 das Leben ſchöner macht. Von der Kunſt ward nur ſo viel zuge⸗ laſſen, als die nützlichſten und unmittelbarſten Bedürfniſſe erforder⸗ ten. Die Muſik war bei ihnen rein auf den Gottesdienſt beſchränkt, und noch lange nach der Zeit der urſprünglichen Niederlaſſungen hatte man kein Beiſpiel, daß der Geſang die Gemüther von dem entfernt hätte, was einmal als der ausſchließliche große Zweck des Daſeyns galt. Kein Vers ward geſungen, der nicht einen heiligen Gedanken mit dem Angenehmen der Melodie verknüpfte, und die Töne der Trinkgelage blieben aus allen ihren Grenzen ver⸗ bannt. Deſſenungeachtet kamen Worte, die zu ihrer beſondern Lage paßten, allmählich in Gebrauch; die Poeſte war freilich bei einem Volke von ſo ſtrengaſcetiſcher Disciplin weder häufig noch ausge⸗ zeichnet; dennoch ließ ihre Allgewalt ſich auchehier nicht lange unter⸗ drücken: es kamen ſeltſamliche Lieder zum Vorſchein, deren Ziel: Verherrlichung der Gottheit, vielleicht nicht immer erreicht ward, aber doch immer lobenswerth war. Es kann nur als eine natür⸗ liche Ausdehnung dieſer frommen Sitte betrachtet werden, daß man einige dieſer erbaulichen Geſänge zu Wiegenliedern benutzte. Waͤhrend Ruth Heathcote die Hand tiefſinnig an die Stirn drückte, durchdrang ſie die traurige Ueberzeugung, daß ihr Einfluß auf die Seele ihres Kindes auf eine beweinenswürdige Weiſe ge⸗ ſchwächt, wo nicht gar auf immer vernichtet war. Allein mütter⸗ liche Liebe ſteht nicht ſo leicht von ihren Bemühungen ab. Ein Gedanke blitzte in ihrer Seele auf, und ſofort verſuchte ſie die Wirkſamkeit des Mittels, das er vorſchrieb. Die Natur hatte ihr eine angenehme Stimme gegeben, und ein Ohr, das ſie lehrte, in ihre Töne ein Etwas zu legen, was nie vergeblich zum Herzen ſprach. Sie beſaß den Geiſt der Muſik: Melodie, ungeſchwächt Amerikaner kaum zwei Gedanken ausſprechen, ohne daß der Engländer drei Amerikanismen darin findet, oder zu finden glaubt. D. u. 430 von den Zierereien und Ueberladungen, die ſich oft den Namen der Wiſſenſchaft anmaßen. Nachdem Ruth ihr Kind näher an ſich herangezogen hatte, begann ſie eins der damals von den Müttern in der Kolonie übli⸗ chen Lieder. Ihre Stimme erhob ſich Anfangs kaum über das Flüſtern eines Abendlüftchens, gewann aber allmählich, wie ſie fortfuhr, den ganzen Reichthum und Umfang, welchen eine ſo un⸗ gekünſtelte Weiſe in Anſpruch nahm. Gleich bei den erſten leiſen Tönen dieſes Ammenliedchens ward Narra⸗Mattah regungslos; es war, als ſähe man die gerundete, zwangloſe Geſtalt eines Marmorbildes daſitzen. Nur das Auge lebte; die Freude erglänzte darin mehr und mehr mit jedem Tone, und ehe noch die zweite Stanze beendigt war, ſteigerte ſie ſich zur Wonne und verbreitete Beredſamkeit über jede Muskel ihres offenen Geſichtes, über ihre ganze Stellung. Ruth wagte den Verſuch nicht, ohne zitternd an den Erfolg zu denken; dieſe Rührung ver⸗ lieh ihrem Geſange etwas unausſprechlich Seelenvolles, und als ſie ſich bei'm dritten Vers gegen ihr Kind wendete, begegneten ihr die blauen Augen in Thränen der Sehnſucht ſchwimmend. Durch dieſes unverkennbare Zeichen des Gelingens ermuntert, gewann die Natur neue Stärke zu ihrer Anſtrengung, und die Mutter ſang den Schlußvers einem Ohre vor, das ſich dicht an ihr Herz lehnte, wie Narra⸗Mattah in den Jahren ihrer Kindheit oft that, wenn ſie dieſer ſchwermüthig⸗ſüßen Melodie lauſchte. Dieſem Beweiſe eines wiederauflebenden Verſtändniſſes zwiſchen ſeinem Weibe und ſeinem Kinde wohnte Content ſtill, aber mit innerſter Bewegung bei. Er verſtand am beſten den Blick, der in dem Auge der Mutter ſtrahlte, während ſie mit der ängſtlichſten Vorſicht,— gleichſam aus Furcht, daß ein ſo ſcheues Weſen durch eine plötzliche oder ungewöhnliche Bewegung im Zimmer aus ſeinem Sicherheitsgefühl aufgeſchreckt werden könne— um die an ihrem Herzen Ruhende die Arme ſchlang. So, in tieſſter Stille, verfloß —.— 431 eine Minute, ſelbſt Whittal Ring war zur Ruhe gelullt. Lang⸗ wierige und kummervolle Jahre waren dahingegangen, ſeit Ruth ſo reine, ſo ungetrübte und ſelige Augenblicke genoſſen. Das Schweigen unterbrach ein ſchwerer Tritt im Vorzimmer; mit un⸗ gewöhnlicher Heftigkeit riß eine Hand die Thüre auf, worauf der junge Mareus erſchien, das Geſicht hochroth von ſtarkem Gehen, an der Stirn offenbar noch daſſelbe Zürnen, wie des Morgens im Gefecht, und im Schritte etwas Unwilliges, was auf eine wilde, unwillkommene Gemüthsbewegung, die ihn anſtachelte, hinwies. Er trug das Bündel Conanchet's im Arme. Jetzt legte er es auf den Tiſch, wies ſo darauf, daß man Aufmerkſamkeit nicht leicht verſagen konnte, drehte ſich um, und verließ das Gemach eben ſo barſch, als er hineingetreten war. Kaum erblickte Narra⸗Mattah die muſchelbeſetzten Schnüre am Bündel, ſo brach ein lauter Schrei der Freude aus ihrer Bruſt. Ueberraſcht hielt Ruth ſie minder feſt umſchlungen, und ehe noch ihr Staunen zuſammenhängenderen Gedanken weichen konnte, war das wilde Geſchöpf aus ihren Armen nach dem Tiſch geflogen, hatte ſie, zurückgekehrt, ihre vorige Stellung wieder ein⸗ genommen, die Falten des Bündels auseinandergeriſſen, und hielt dem verwirrten Blicke ihrer Mutter das geduldige Antlitz eines Indianiſchen Säuglings entgegen. Es überſteigt die Kräfte der wenig ehrgeizigen Feder, die wir führen, dem Leſer einen anſchaulichen Begriff von den entgegen⸗ geſetzten Empfindungen zu machen, welche in den Geſichtsausdrücken Ruth's um die Oberherrſchaft rangen. Das angeborne, nie er⸗ ſterbende Gefühl mütterlicher Freude hatte jenen ganzen Stolz gegen ſich, welcher ſelbſt im Buſen eines ſo ſanften Weibes, von Vorurtheil genährt, auffeimen mußte. Ihr durfte nicht erſt die Geſchichte der Herkunft des Kleinen, der gleichſam flehend zu ihr aufſchaute, erzählt werden; es hatte bereits jenen Zug der Ge⸗ laſſenheit, der ſeine Race ſo ſehr auszeichnet. Selbſt das Matte und Unbeſtimmte der Kindheit verhinderte nicht, das dunkel⸗blitzende Auge Conanchet's wieder zu erkennen; eben ſo zeigte es die zurück⸗ tretende Stirn, die zuſammengepreßten Lippen des Vaters. Aber alle dieſe Merkmale ſeiner Abſtammung milderte ein Anſtrich derje⸗ nigen Schönheit, wodurch Ruth's Tochter als Kind ſo merkwürdig war. „Sieh!“ ſagte Narra⸗Mattah, indem ſie das Kind den be⸗ fangenen Blicken Ruth's noch näher entgegen hielt:„'s iſt ein Sachem der rothen Leute! Der kleine Adler hat ſein Neſt zu früh verlaſſen.“ Der Aufforderung des geliebten Weſens keine Folge zu leiſten, ſtand nicht in Ruth's Vermögen. Sie beugte das Haupt ſo tief, daß ſich ihr aufgeregtes Geſicht ganz verbarg, und drückte einen Kuß auf die Stirn des indianiſchen Knaben. Allein das eifer⸗ ſüchtige Auge der jungen Mutter zu tauſchen, war unmoͤglich. Narra⸗Mattah entdeckte den Unterſchied zwiſchen dem kalten Kuſſe und der heißen Umarmung, die ihr ſelbſt zu Theil geworden; ihr Herz erſtarrte bei der getäuſchten Erwartung. Mit ruhiger Würde die Falten der Decke wieder zuſammen legend, erhob ſie ſich, und zog ſich traurig in eine entfernte Ecke des Gemaches zurück. Dort ſetzte ſie ſich hin, und mit faſt vorwurfsvollem Seitenblick begann ſte, ihrem Kinde leiſe ein indianiſches Lied vorzuſingen. „Die Weisheit der Vorſehung iſt in dieſen, wie in allen ihren Fügungen zu ſehen;“ flüſterte Content ſeiner halb bewußtloſen Gattin zu, indem er ſich über ihre Schultern hinbeugte:„Wäre ſie uns ſo, wie wir ſie verloren, wiedergegeben worden, leicht dürfte die Gunſt für unſer Verdienſt zu groß geweſen ſeyn. Unſere Tochter iſt betrübt, daß Du ihr Kleinod kalt angeſehen haſt.“ Dieſer Aufruf reichte hin. Ruth's Liebe war nur verletzt, nicht erkaltet. Jetzt kam ſie wieder zur vollen Beſinnung, und das war genug, um mit einem Male die Wolken des Verdruſſes zu zerſtreuen, welche ſich unwillkührlich auf ihrer Stirn geſammelt hatten. Der Unwille, oder wie mit mehr Wahrheit geſagt werden 43³ ſollte, der Kummer der jungen Mutter war bald beſchwichtigt. Sie ſah ihr Kind angelächelt, und dies brachte das erſtarrte Blut bald wieder mit ſchnellem Aufruhr nach dem Herzen zurück. Was Ruth anbelangt, ſo ließ das unſchuldige Vergnügen, womit ihre Tochter ſich jetzt haſtig beeiferte, die körperliche Vollkommenheit des Knaben im beſten Lichte zu zeigen, ſie bald vergeſſen, daß ſie überhaupt Urſache habe, Verdruß zu hegen. Für Content kam nur zu früh eine Abrufung von dieſem herzerhebenden Auftritt; er erhielt die Botſchaft, daß Jemand draußen warte, um über eine Angelegenheit vom höchſten Belange für das Wohl der Kolonie mit ihm zu ſprechen. Achtundzwanzigſtes Kapitel. „Es ſchreit nach Blut; die Menſchen ſagen: Blut Verlange wieder Blut—“ Maebeth. Der Beſuch beſtand aus Doktor Ergot, dem Prediger Meek Wolfe, dem Fähnrich Dudley und Ruben Ring. Content fand ſie im Vorzimmer ſo ernſt und verſchloſſen daſitzen, daß ſie der düſtern Würde einer indianiſchen Berathung Ehre gemacht hätten. Sie empfingen ihn mit der ſteifen, gehaltenen Begrüßung, die noch jetzt bei den Bewohnern der öſtlichen Gegenden dieſes Freiſtaates im Umgange ſo üblich iſt, und ihnen da, wo man ſie nicht genau kennt, den Ruf zugezogen hat, daß es ihnen an lebendiger Herz⸗ lichkeit fehle. Allein jenes Zeitalter war vorzugsweiſe das Zeitalter der hochgeſchraubten Lehren, der Selbſt⸗Ertödtung und der ſtreng⸗ ſten geiſtlichen Zucht, ſo daß die Meiſten ein Verdienſt darin ſuchten, bei allen Gelegenheiten eine Beherrſchung der thieriſchen Impulſe durch die Macht des Geiſtes an den Tag zu legen. Was Anfangs ein aus überſpannten Ideen von geiſtiger Vollkommenheit entſtan⸗ dener Gebrauch war, iſt ſeitdem zu einer Gemohnhen geworden, Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 434 welche, obgleich durch den verſchiedenen Geiſt des jetzigen Zeitalters um etwas gemildert, doch noch in einem Grade vorhanden iſt, der häufig zu falſchen Urtheilen veranlaßt. Auf die Erſcheinung des Hausherrn folgte eine Anſtandsſtille, der ungefähr ähnlich, welche bekanntlich den Verhandlungen der Urbewohner voranzugehen pflegt. Endlich äußerte Fähnrich Dudley, bei dem der irdiſche Stoff— höchſt wahrſcheinlich wegen ſeiner größern Körpermaſſe— in etwas ungewöhnlichem Verhältniß zu ſeinem minder materiellen Theile ſtand, denn doch einige Ungeduld, daß der Geiſtliche zur Eröffnung der Sache ſchreiten möge. Nach dieſer Anmuthung,— moglich auch, weil er ſelbſt glaubte, die Pauſe ſey ſattſam lang, um der menſchlichen Würde ein Ge⸗ nüge zu thun— öffnete Meek den Mund und ſprach: „Kapitän Content Heatheote,“ hob er mit jenem myſtiſchen Weitausholen an, welches lange Gewohnheit zum faſt unzertrenn⸗ lichen Merkmal aller ſeiner Reden gemacht hatte;„Kapitän Con⸗ tent Heatheote, der heutige Tag iſt ein Tag ſchwerer Heimſuchung und gnädiger zeitlicher Gaben geweſen. Der Heide iſt empfindlich gezüchtigt worden durch die Hand des Gläubigen, und die Grau⸗ ſamkeit des Wilden iſt das Werkzeug geweſen, um den Gläubigen wegen ſeiner Mangelhaftigkeit im Glauben zu beſtrafen. Aſaſel iſt auf unſer Volk losgelaſſen worden; die Legionen der Bosheit ſind frei in unſern Feldern umhergeſtreift; dennoch hat der Herr an ſein Volk ge⸗ dacht und hat es durch eine Blutprobe getragen, die eben ſo gefährlich war, als der Durchgang ſeines auserwählten Volkes durch die Wellen des rothen Meeres. Grund zur Trauer und Grund zur Freude liefert uns dieſe Offenbarung ſeines Willens: zum Schmerz, daß wir ſeinen Zorn verdient haben; und zur Freudigkeit, daß er⸗ löſende Gnade genug vorgefunden ward, das Zoar unſerer Herzen vom Untergang zu retten.“ Doch ich ſpreche mit Einem, der in * Anſpielung auf die Stelle im erſten Buch Moſis, wo Abraham um Gnade für die der Zerſtörung geweiheten fünf Städte Canaans bittet, aus —— 43⁵ geiſtlicher Zucht groß geworden, und wohlerfahren iſt in den wech⸗ ſelnden Ereigniſſen der Welt; es bedarf nicht der ferneren Rede, um ſeinen Verſtand zu erleuchten. Deßhalb laſſet uns nun zu den unmittelbaren zeitlichen Geſchäften unſere Blicke wenden. Sind die Mitglieder Deines Haushalts im Verlaufe der Kämpfe dieſes Tages alle unverletzt davongekommen?“ „Wir preiſen den Herrn, daß dies ſein Wohlgefallen geweſen iſt,“ erwiederte Content;„abgeſehen davon, daß die Trauer von Freunden unſere Herzen betrübt hat, haben ich und die Meinigen den fallenden Schlag nur leicht gefühlt.“ „Du haſt Deinen Tag ſchon früher gehabt; der Vater hält mit der Züchtigung ein, ſo lange frühere Beſtrafung nicht vergeſſen wird. Doch Sergeant Ring hier hat Dir Dinge mitzutheilen, welche Deinen Muth und Deine Weisheit noch ferner in Anſpruch nehmen dürften.“ Content wendete nun den ruhigen Blick auf den Miliz⸗Offtzier, in Erwartung deſſen, was er zu ſagen hätte. Ruben Ring, ein Mann von vielen weſentlichen und ſchätzenswerthen Eigenſchaften, würde ohne Zweifel die Militär⸗Charge ſeines Schwagers bekleidet haben, wenn er deſſen Gabe der Redſeligkeit beſeſſen hätte. Da aber ſeine Stärke mehr im Thun lag als im Sprechen, ſo ſtrömte die Fluth der Volksgunſt ihm nicht ſo ſtark zu, als ſonſt der Fall geweſen ſeyn würde. Indeſſen war die gegenwärtige Veranlaſſung von einer Art, die ihn aufforderte, ſeiner Abneigung zum Sprechen Gewalt anzuthun, und er ließ den fragenden Blick ſeines militäri⸗ ſchen Vorgeſetzten nicht lange auf Antwort warten. „Dem Kapitän iſt bereits bekannt, daß wir den Wilden am Süd⸗Ende des Thals tüchtige Hiebe beigebracht,“ hob der derbe Freiſaſſe zu reden an,„und es iſt überflüſſig, lange bei'm Ausfuhrlichern ſtehen zu bleiben. Es ſind ſechs und zwanzig Schonung gegen die etwa darin befindlichen Gerechten; eine dieſer Städte, Zoar, ward verſchont. D. U. 436 niedergemachte Rothhäute in der Wieſe vorgefunden, eben ſo viele find von den Ihrigen fortgetragen worden. Was die Mannſchaft betrifft, ſo erhielten wir einige Wunden, doch kam jeder auf eignen Füßen nach Haus.“ „Das iſt ſo ziemlich daſſelbe, was mir ſchon berichtet wurde.“ „Sodann ward eine Abtheilung abgeſchickt, um den Wald in der Richtung, welche die Indianer genommen, zu durchſtreifen,“ nahm Nuben, ohne ſich ſonderlich an die Unterbrechung zu kehren, wieder auf.„Die Kundſchafter traten den Dienſt paarweiſe an, endeten aber damit, daß jeder allein den Wald durchſuchte; ich war einer darunter. Die beiden Kerle, von denen die Rede iſt...“ „Von was für Leuten ſprichſt Du denn?“ fragte Content. „Die beiden Leute, von denen die Rede iſt,“ erwiederte der Andere, indem er in dem vorwärtsgehenden Laufe ſeiner Weiſe, Ge⸗ ſchehenes zu berichten, fortfuhr, ohne einzuſehen, daß es nothwen⸗ dig ſey, zwei abgeriſſene Fäden in der Erzählung zuſammenzuknüpfen; „die zwei Kerle, von denen ich ſchon mit dem Prediger und dem Fähnrich geſprochen habe...“ „Fahre fort,“ ſagte Content, der ſeinen Mann ſchon kannte. „Nachdem der eine dieſer Leute zu ſeinem Ende gebracht war, ſah ich nicht ab, wozu der Tag noch blutiger zu machen wäre, als er es ſchon war, um ſo weniger, da der Herr ihn mit einer gnä⸗ digen Hand, welche ihre Gaben reichlich über meine eigene Woh⸗ nung ausgeſchüttet, hatte beginnen laſſen. Da ich alſo glaubte, recht zu handeln, ſo wurde der andere gebunden in die Lichtung mit zurück genommen.“ „Du haſt alſo einen Gefangenen gemacht?“ Ruben brummte mit kaum geöffnetem Munde eine kurze be⸗ jahende Antwort; mehr hinzuzufügen war nicht ſeine Sache. Da⸗ her übernahm es Dudley, dem Fragenden fernere Aufſchlüſſe zu geben, was er um ſo beſſer thun konnte, als der Theil des Hergangs, von dem er nicht ſelbſt Zeuge geweſen, ſchon von Ruben erzählt war. — 2.— 437 „Wie mein Schwager ſagte,“ knüpfte Dudley ſeine Worte an die des Ruben;„einer von den Heiden fiel, und der andere ſteht jetzt draußen und erwartet eine Entſcheidung über ſein Schickſal.“ „Es hat doch hoffentlich Niemand den Wunſch, daß ihm ein Leid zugefügt werde,“— ſagte Content, indem er die Geſellſchaft einen nach dem andern anſah.—„Der Hader hat, dächte ich, genug des Jammers heute angerichtet. Der Sergeant hat ein Recht, das Kopfgeld für den Getödteten zu verlangen; dem Lebenden aber widerfahre Gnade!“ „Die Gnade iſt eine Eigenſchaft himmliſcher Abkunft,“ verſetzte Meek Wolfe,„und ſollte daher nicht gemißbraucht werden, um durch ſie die Zwecke himmliſcher Weisheit zu vereiteln. Aſaſel muß nicht triumphiren, und wenn der ganze Stamm der Narra⸗ ganſetts mit dem Beſen der Vertilgung von der Erde weggekehrt werden ſollte. Fürwahr, wir ſind ein ſündiges und fehlendes Geſchlecht, Kapitän Heathcote; um ſo größer iſt daher die Noth⸗ wendigkeit, uns ohne Murren dem innern Mahner zu unterwerfen, welchen die Gnade in unſer Herz einpflanzte, um uns den Weg der Pflicht zu lehren....“ „Ich kann meine Beiſtimmung zu fernerem Blutvergießen nicht hergeben,“ fiel ihm Content etwas hitzig in's Wort.„Dank ſey der Vorſehung, wir ſind Sieger! es iſt nun Zeit, milden Rathſchlägen Gehör zu ſchenken.“ „Dies iſt der Wahn kurzſichtiger Weisheit!“ erwiederte der Geiſtliche, und aus ſeinem matten, eingefallenen Auge blitzte der Fanatismus eines überſpannten ſophiſtiſchen Geiſtes.„Der Zweck des Ganzen iſt ein guter, und wenn wir uns nicht der Gefahr der Verdammniß bloßſtellen wollen, ſo dürfen wir nicht die Anmaßung haben, die Eingebungen himmliſcher Gnadengaben in Zweifel zu ziehen. Uebrigens aber handelt es ſich jetzt nicht um die Hinrich⸗ tung des Gefangenen, zumal, da er das Anerbieten macht, uns in weit größeren Dingen nützlich zu werden, als welche von ſeinem 438 Leben oder Tode abhangen. Der Heide hat ſeine Freiheit auf⸗ gegeben, ohne ſich viel zu wehren, und ſeine Vorſchläge ſind von der Art, daß ſie ein vortheilhaftes Reſultat der heutigen bittern Erfahrung herbeiführen können.“ „Wenn er zu irgend etwas behüflich ſeyn kann, was die Gefahren und die Lebensvergeudung dieſes ſchonungsloſen Krieges abkürzt, ſo wird er Niemand geneigter finden als mich, ſeinen Anträgen Gehör zu ſchenken.“ „Er behauptet, dieß zu können.“ „Nun dann, ſo laßt ihn in Gottes Namen hereintreten, damit wir ſeinen Rath hören und erwägen.“ Meek gab dem Sergeant Ring einen Wink, worauf dieſer hinausging, und einen Augenblick nachher den Gefangenen herein⸗ führte. Der Indianer war einer jener finſter und boshaft aus⸗ ſehenden Wilden, welche, bei den meiſten unheimlichen Eigenſchaften des Waldmenſchen, wenig oder keine von den guten beſitzen, die eine Art von Erſatz für die erſteren bilden. Sein Auge war ſcheu und mißtrauiſch, Furcht und Rache ſpiegelten ſich darin; eine Geſtalt von jener mittelmäßigen Ausbildung, die nichts zu bewun⸗ dern, nichts zu tadeln darbietet, und der Anzug bezeichnete einen Krieger der untergeordneten Klaſſe. Bei dem allen jedoch ent⸗ wickelte er in ſeiner gelaſſenen Miene, ſeinem gemeſſenen Schritt, in der Beherrſchung aller ſeiner Bewegungen jene ſtolze Haltung, die ſeinen Landsleuten ſelten fehlt, ſo lange ein zu ſtarker Verkehr mit den Weißen ihre Eigenthümlichkeiten nicht abzuſchleifen beginnt. „Hier iſt der Narraganſett,“ ſagte Ruben Ring, indem er ſeinen Gefangenen bis in die Mitte des Zimmers vortreten ließ; „daß er kein Häuptling iſt, beweiſet das Schwanken in ſeinem Blicke.“ „Weß Standes er ſey, iſt eine ziemlich gleichgültige Sache, wenn er nur das ausführt, wovon die Rede iſt. Unſer Streben iſt, die Blutſtröme zu verſtopfen, die in dieſer unglücklichen Kolonie wie Waſſer fließen.“ — 439 „Das will er bewirken,“ verſetzte der Geiſtliche;„wo nicht, ſo mag er für den Bruch ſeines Verſprechens büßen.“ „Und auf welche Weiſe meint er behülflich ſeyn zu können, und dem Werke des Todes ein Ziel und Maaß zu ſetzen?“ „Dadurch, daß er den blutigen Metacom und ſeinen eben ſo grauſamen Bundesgenoſſen Conanchet dem Todesurtheile ausliefert. Sind erſt dieſe Häuptlinge hingerichtet, ſo können wir unſere Tempel wieder in Frieden betreten, und die Stimme des Dankes kann ſich dann wieder in unſerm Bethel erheben, ohne von dem profanen Wildengeſchrei unterbrochen zu werden.“ Content erſchrack, und trat ſogar ſchaudernd einen Schritt rückwärts, als er hörte, von welcher Beſchaffenheit das Sühn⸗ opfer ſeyn ſollte. „Und wenn nun dieſer Menſch ſein Wort wirklich hält, ſind wir zu dieſem Schritt denn auch bevollmächtigt?“ fragte er in einem Tone, der hinlänglich ſeine eigenen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Vorhabens ausdrückte. „Das Geſetz, die Bedürfniſſe der leidenden Natur, und die Verherrlichung Gottes rechtfertigen uns,“ erwiederte der Geiſt⸗ liche trocken. „Dies überſchreitet die beſcheidene Ausübung eines anvertrauten Amtes. Ich übernehme ungern eine ſo große Gewalt, ohne geſchriebene Vollmacht zur Ausführung.“ „Dieſe Einwendung hat auch in mir Scrupel erregt,“ bemerkte Eben Dudley;„ich habe mir die Sache überlegt, und da iſt mir ein Mittelweg eingefallen, der vielleicht die Billigung des Kapitäns erhält.“ Content kannte ſeinen ehemaligen Diener als einen Mann, der zwar eine rauhe Außenſeite, aber im Grunde ein menſchlich⸗ fühlendes Herz hatte. Andererſeits konnte er ſich nicht, wie gern er es wollte, der geheimen Furcht erwehren, daß ſein geiſtlicher Führer, wegen ſeiner eraltirten Stimmung, ein unſicherer Rathgeber 440 fey. Aus dieſem Grunde freute er ſich über die von Dudley gemachte Unterbrechung, und beſtrebte ſich nicht ſehr, dieſe Freude zu verbergen. „Sprich nur frei heraus,“ ſagte er;„wenn Männer ſich über einen Gegenſtand von ſolcher Wichtigkeit berathen, iſt jeder verantwortlich, nach den ihm gewordenen Gaben ſeine Mei⸗ nung zu ſagen.“ „Wohlan! Mich dünkt, das vorliegende Geſchäft kann aus⸗ gerichtet, und die Schwierigkeit, die den Kapitän beſorgt macht, dennoch vermieden werden. Hier iſt der Indianer, gut; er verſpricht, eine Abtheilung unſerer Leute durch den Wald zu fuͤhren, und uns nach den Schlupfwinkeln der blutigen Häuptlinge zu bringen, gut; haben wir nun aber erſt dieſe Schlupfwinkel gefunden, ſo kommt die Entſcheidung auf unſere eigne Klugheit und Tapferkeit an.“ „Und worin weicht Dein Vorſchlag von den bereits gegebenen Winken ab?“ 1 Dudley war nicht zum Amte eines Fähnrichs avancirt, ohne ſich etwas von jener Zurückhaltung angeeignet zu haben, mit welcher Angeſtellte ihren Begutachtungen eine gewiſſe Würde zu geben pflegen. Nachdem er es gewagt, den Zuhörenden ſein Dafürhalten,— freilich nicht mit ſonderlicher Klarheit— vorzulegen, machte er eine Amtspauſe, als wartete er die Wirkung ab, welche ſeine Worte auf ſeinen Vorgeſetzten machen würden. Jetzt aber zeigten die geſpannten, nichts ahnenden Geſichtszüge des Letztern, ſo wie auch deſſen oben mitgetheilte Frage, daß er in Beziehung auf das Mittel, welches ſein Subaltern wollte ausgefunden haben, ſich noch eben ſo im Dunkel befinde als vorher. „Ich meine, es wird überflüſſig ſeyn, noch mehr Gefangene zu machen,“ fuhr Dudley nunmehr fort,„da ſchon der eine, den wir haben, uns in der Berathung ſo viel Verlegenheit macht. Wenn es in der Kolonie ein Geſetz geben ſollte, welches ſagt, daß die Leute in offener Schlacht nur ſanft zuſchlagen dürfen, ſo iſt n—— 441 das ein Geſetz, von dem man im gemeinen Leben nichts höoͤrt; ich wenigſtens kenne kein ſolches Statut, und obgleich ich mir nicht die Weisheit eines Geſetzgebers anmaße, ſo nehme ich mir heraus, zu behaupten, es könne, ſollte ja ein Geſetz der Art beſtehen, nichts ſchaden, wenn man thäte, als beſtände es nicht, zum wenigſten ſo lange, bis dieſer ausgebrochene Krieg mit den Wilden gedämpft ſeyn wird.“ „Wir haben es mit einem Feinde zu thun, der nie auf den Ruf um Gnade ſeiner Hand Einhalt thut,“ bemerkte Meek Wolfe. „Die Barmherzigkeit iſt freilich nur die Frucht chriſtlicher Eigen⸗ ſchaften; es gibt aber eine viel größere Pflicht als alle, welche wir gegen den Nächſten haben. Wir ſind nichts weiter als ſchwache, ohnmächtige Werkzeuge in der Hand der Vorſehung, und als ſolche dürfen wir uns nicht gegen die innere Stimme abhärten. Wenn ſich in den Handlungen der Heiden eine Hinneigung zum Guten bekundete, ſo dürften wir hoffen, die Verheißung an ihnen erfüllt zu ſehen; allein noch wüthen die Mächte der Finſterniß in ihren Herzen, und das Cvangelium lehrt uns, daß wir den Baum an ſeinen Früchten erkennen ſollen.“ Content winkte den Umſtehenden, ſeine Rückkunft abzuwarten und ging hinaus. Bald erſchien er wieder mit ſeiner Tochter an der Hand, die er in die Mitte des Kreiſes hinſtellte. Die halb⸗ entſetzte junge Frau preßte ihren eingewickelten Knaben feſt an die Bruſt, während ſie ſchüchtern die düſteren Geſichter der Grenzler anſchaute, und als ihr haſtiger Blick auf Sr. Hochwürden einge⸗ fallenes, verglaſetes, begeiſtertes und doch zweideutiges Auge fiel, prallte das ihrige aus Schreck zurück. „Du haſt geſagt, der Wilde gebe niemals der Stimme des Erbarmens Gehör,“ fuhr nun Content fort;„hier iſt ein leben⸗ diges Beiſpiel, daß Du Dich im Irrthum befindeſt. Das Unglück, welches vor vielen Jahren meine Familie betroffen, iſt Keinem in dieſer Niederlaſſung unbekannt; in dieſem zitternden Geſchöpfe nun 442 ſiehſt Du die Tochter unſerer Liebe, dieſelbe, die wir ſo lange be⸗ weinten. Die Betrauerte meines Hauſes iſt wieder unter uns; unſere Herzen ſind betrübt geweſen, jetzt ſind ſie wieder fröhlich. Gott hat uns unſer Kind wiedergeſchenkt.“ Es lag etwas unendlich Eindrucksvolles in den Tönen des Vaters, was die meiſten ſeiner Zuhörer innig rührte, obgleich das Ergriffenſeyn ſich bei Jedem auf verſchiedene, ſeinem Temperamente entſprechende Weiſe äußerte. Das Gefühl des Geiſtlichen regte ſich, und er bedurfte der ganzen Energie ſeiner herben Grundſätze, um nicht eine Schwäche zu verrathen, von welcher er wahrſcheinlich glaubte, daß ſie für die Erhabenheit ſeines geiſtlichen Charakters herabwürdigend ſey. Verſtummt ſaß er da, mit den Händen die Kniee umklammernd, und der Kampf ſeines erwachenden Mitgefühls ward ſichtbar an dem krampfhaften Zuſammenpreſſen der ineinander verflochtenen Finger, und dann und wann an dem unwillkührlichen Zucken der ſtärkeren Geſichtsmuskeln. Dudley wehrte einem Lächeln der Freude nicht, das ſein breites, offenes Antlitz erhellte, und der Arzt, welcher bisher einen bloßen Zuhörer abgegeben hatte, über⸗ raſcht durch die körperliche Vollkommenheit der unerwarteten Er⸗ ſcheinung, murmelte einige leiſe Töne, die vorzüglich Bewunderung, jedoch auch einige Gutmüthigkeit ausdrückten. Ruben Ring war der Einzige, welcher der Aeußerung ſeiner ganzen Theilnahme an der Rückkehr des verlornen Mädchens keinen Zwang anlegte. Der kräftige Freiſaſſe erhob ſich von ſeinem Sitze, ging auf die beſtürzte Narra⸗Mattah zu und nahm das Kleine in die nervigen Arme. Einen Augenblick lang ſchaute er den India⸗ niſchen Knaben mit einem ſehnſüchtigen und ſanften Auge an, ſo⸗ dann hob er deſſen Geſichtchen an ſein männliches, kräftiges An⸗ tlitz, berührte die kleine Wange mit ſeinen Lippen, und gab dann das Kind ſeiner Mutter zurück, der bei dem ganzen Verfahren un⸗ gefähr zu Muthe war, wie dem erſchreckten Zaunkönig, wenn er den Fuß des Igels ſeinem Neſte zu nahe kommen ſieht. ——— ͤ N N K 88 A**ð&** F E 8& x&& —2 Ad S8* α 8— u RN 1 —— 443 Auf dieſe kleine Zwiſchenhandlung folgte eine tiefe Stille; dann nahm Content wieder das Wort: „Du ſiehſt, der Narraganſett hat ſeiner Hand Einhalt ge⸗ than,“ ſagte er, ſchon halb triumphirend. „Die Wege der Vorſehung ſind geheimnißvoll,“ antwortete Meek.„Bringen ſie dem Herzen Troſt, ſo iſt es recht, daß wir uns dankbar zeigen; find ſie für die Gegenwart mit Trübſal er⸗ füllt, ſo iſt es geziemend, ſich demuthsvoll in die höhere Schickung zu fügen. Allein die Heimſuchungen, welche Familien bet....“ Er hielt inne, denn in dieſem Moment ging die Thüre auf, und mehrere Männer trugen eine Bürde herein, bis in die Mitte des Zimmers, wo ſie dieſelbe mit Anſtand und ernſter Achtung auf die Erde niederließen. Die wenig ceremoniöſe Art ihres Eintritts, die Zuverſicht und der Ernſt, der Aller Ausſehen bezeichnete, ließ ſich nur dadurch erklären, daß ſie in der Veranlaſſung ihres Ein⸗ tretens eine hinlängliche Entſchuldigung fänden für die plötzliche Art, wie es geſchah. Wenn die Vorfälle des verfloſſenen Tages nicht ſchon an und für ſich der Vermuthung, daß es ein menſchlicher Körper ſey, als der natürlichſten— Entſtehung gegeben hätten, ſo würde das Ausſehen und die Haltung der Träger darauf hingeführt haben. „Ich hatte geglaubt, daß in dem heutigen Kampfe außer Denen, welche in der Nähe meiner Wohnung ihren Tod fanden, Niemand gefallen wäre,“ ſagte Content nach einer langen Pauſe der Ehrerbietung und der Trauer.„Nehmt das Tuch vom Ge⸗ ſichte, damit wir ſehen, wen der Streich getroffen.“ Einer der jungen Leute vollzog den Befehl. Nicht leicht war es, bei der Verſtümmelung wilder Rachſucht den Unglücklichen an den Zügen auszumitteln. Ein zweiter, längerer Blick indeſſen ließ in dem blutbeſchmierten, noch vom Todeskampf verzogenen Antlitz den Mann erkennen, welcher am Morgen mit einer Botſchaft der Kolonial⸗Behörde vom Wiſh⸗Ton⸗Wiſh⸗Thale abgereist war. Un⸗ geachtet alle Gegenwärtigen nur zu genau mit den abſcheulichen 444 Erfindungen Indianiſcher Grauſamkeit vertraut waren, ſo wendeten ſie ſich doch mit Ekel von einem Anblicke ab, der jedem, nicht gegen Menſchenelend Abgehärteten das Blut mußte erſtarren machen. Content gab einen Wink, das Tuch über die verſtümmelten Ueber⸗ reſte der Sterblichkeit wieder fallen zu laſſen, und verhüllte ſich ſchaudernd das Geſicht. Den nun folgenden Auftritt ausführlicher zu beſchreiben, wäre überflüſſig. Wolf Sanftmuth- benutzte dieſen unerwarteten Vorfall, um die Aufmerkſamkeit des militäriſchen Oberbefehlshabers der Niederlaſſung für ſeinen Plan zu gewinnen; und in der That war dieſer jetzt, nachdem ſich ein ſo ſchlagender Beweis von dem mordluſtigen Charakter des Feindes ſeinem empörten Blicke ent⸗ gegendrängte, weit mehr geneigt, den Vorſchlägen des Geiſtlichen Gehör zu geben, als vorher. Nicht ohne Widerwillen indeſſen, nicht ohne die heimliche Abſicht, ſich einen letzten Beſchluß in dieſer Angelegenheit vorzubehalten, willigte er endlich ein, den Befehl zu erlaſſen, daß ein Haufe ſich mit dem Anbruch des Morgens zum Marſch fertig halten ſolle. Da ein großer Theil des Geſpräches in jenen halb verſtandenen Anſpielungen eingekleidet war, welche Leuten dieſer Schule eigen iſt, ſo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß jedes Individuum im Zimmer die Sache aus einem andern, ſeinem Naturell zuſagenden Geſichtspunkte betrachtete. Allen gemeinſchaft⸗ lich war nur der Glaube, daß ihr einziger Beweggrund kein an⸗ derer ſey, als die Rückſicht auf ihre zeitlichen Intereſſen— etwas * Wir bitten den Leſer um Verzeihung, daß wir ihn erſt jetzt mit dem Deutſchen Namen des Geiſtlichen bekannt machen; daß es nicht früher ge⸗ ſchehen, rührt von Umſtänden her, die ihn nicht intereſſiren. Der Ver⸗ faſſer hat in dem Namen des Geiſtlichen den Charakter deſſelben, ſo wie auch das unzuſammenhängende Syſtem, das er predigte, andeuten wollen. Dieſelbe Abſicht ſcheint er zu haben, wenn er oben Seite 316 dem ſal⸗ bungsvollen Geiſtlichen des Kolonial⸗Couriers den Namen: Calvin Pabſt beilegt. D. U. 445 an und für ſich Erlaubtes und, durch ſeine Beziehung auf den Dienſt ihres göttlichen Meiſters, ſogar Lobenswerthes. Als die Leute fortgingen, zögerte Dudley einen Augenblick, um mit ſeinem ehemaligen Herrn allein zu ſprechen. Das Geſicht des redlichen Fähnrichs hatte einen vielſagendern Ausdruck, als in der Regel. Alle waren ſchon entfernt genug, um nichts hören zu können, und noch immer zaunderte er, gleichſam als müſſe er erſt alle ſeine Entſchloſſenheit ſammeln, um das vorbringen zu können, was ihn ſo ſehr beſchäftigte. „Kapitän Heatheote,“ hob er endlich an,„Böſes wie Gutes kommt in dieſem Leben ſelten allein. Du haſt Diejenige gefunden, die wir mit ſo vieler Mühe und Gefahr aufſuchten, aber Du haſt mit ihr mehr gefunden, als einem chriſtlichen Herrn lieb ſeyn kann. Ich bin zwar nur ein geringer Mann; ich darf mir jedoch zutrauen, zu wiſſen, von wel lcher Art das Gefühl des Vaters ſeyn muß, deſſen Kind ihm mit einer ſo überreichen Zugabe wieder⸗ geſchenkt worden!“ „Sprich deutlicher,“ ſagte Content mit Feſtigkeit. „Nun, ich wollte ſagen, daß es einem Manne, welcher zu den Vornehmſten in der Kolonie gehört, nicht angenehm ſeyn könne, einen Nachkommen zu haben, in deſſen Adern eine Beimiſchung Indianiſchen Blutes fließt, und deſſen Geburt die Weihe einer chriſt⸗ lichen Trauung nicht vorangegangen iſt. Ruben's Weib, die Fruchtbarkeit, eine Frau von außerordentlichem Nutzen in einer neuen Anſiedelung, hat ihn noch dieſen Morgen mit drei wackern Knaben beſchenkt. Von dieſem Anwachs wiſſen Wenige, und We⸗ nigere ſprechen davon; erſtlich weil man dieſe Freigebigkeit an der guten Frau ſchon gewohnt iſt, und zweitens weil an dieſem Tage weit wichtigere Dinge geſchehen ſind. Ob nun eine ſolche Frau ein Kind mehr oder weniger habe, das kann kein Gerede unter den Nachbarn verurſachen, am Ende auch der Familie ſelbſt ziem⸗ lich gleichgultig ſeyn. Mein Bruder Ring würde ſich ein Vergnügen 446 daraus machen, den Knaben zu ſeinem Vorrath hinzuzufügen, und wenn in Zukunft des Junkers Farbe Bemerkungen veranlaſſen ſollte, ſo wär's ja nicht zu wundern, wenn an einem Tage, wo ein ſolcher Ueberfall ſtattgefunden, alle viere ſo roth auf die Welt gekommen wären, wie der leibhaftige Metacom!“ Content ließ ſeinen Gefährten bis zu Ende reden, ohne ihn zu unterbrechen. Ein einziges Mal, als das, was der Fähnrich ſagen wollte, klar ward, bewegte ihn ein Gefühl, das ihm lange fremd geblieben, und das Blut ſtieg ihm zu Kopfe. Doch nur vorübergehend war der Ausdruck, der ihm ſelbſt weh that, und an deſſen Stelle herrſchte bald wieder die ſanfte Ergebung in den Willen der Vorſehung, die man ſtets in ſeiner Miene zu leſen gewohnt war. „Daß der eitle Gedanke mir Unruhe gemacht hat, will ich nicht leugnen,“ antwortete er;„allein der Herr hat mir Kraft gegeben, ihm zu widerſtehen. Es iſt ſein Wille, daß ein Nach⸗ komme heidniſcher Abkunft unter meinem Obdach wohne; ſein Wille geſchehe! Meine Tochter und Alle, die ihr angehören, ſind mir willkommen.“ Fähnrich Dudley beſtand nun nicht länger auf ſeinem Vorſchlag, und ſo gingen ſie auseinander. Neunundzwanzigſtes Kapitel. „Verzieh' ein wenig; von was anderm noch—“ Kaufmann von Venedig. Wir wechſeln den Schauplatz. Der Leſer verſetze ſich durch ſeine Einbildungskraft aus dem Wiſh⸗Ton⸗Wiſh⸗Thale in das Herz eines tiefen, dunkeln Forſtes. Vielleicht glaubt man, daß die Schilderung ſolcher Scenen ſchon zu oft gemacht worden, um einer neuen zu bedürfen. Da es S 447 indeſſen möglich iſt, daß dieſe Blätter auch von Solchen geleſen werden, die nie die älteren Gegenden der vereinigten Staaten ver⸗ laſſen haben,“ ſo wollen wir verſuchen, ihnen ein ſchwaches Bild von einem Orte zu geben, wohin wir jetzt die Handlung der Er⸗ zählung verlegen müſſen. Wenn gleich es keinem Zweiſel unterliegen kann, daß die unbelebte Natur nicht weniger ihr beſtimmtes Zeitmaaß habe, als die belebte, ſo laſſen ſich doch für den Baum keine feſten und gemeinſchaftli⸗ chen Grenzen aufſtellen. Die Eiche, die Ulme und die Linde, die ſchnellwachſende Maulbeerfeige und die hohe Fichte, jeder Baum hat ſeine beſondern Geſetze, nach denen ſich ſein Wachsthum richtet, ſeine Höhe und ſeine Dauer. Durch dieſe Vorſicht der Natur bleibt der Wald, trotz des unaufhörlichen Wechſels in ſeinem Schooße, ſtets derſelben Vollkommenheit gleich nahe, da der Nach⸗ wuchs gerade mäßig und allmählich genug iſt, um in deſſen Cha⸗ rakter keine Aenderung hervorzubringen. Die Erhabenheit der Ruhe iſt nirgends in ſo hohem Grade entfaltet, als im amerikaniſchen Forſt. Da die Natur nie ihre eignen Geſetze verletzt, ſo erzeugt der Boden nur ſolche Pflanzen, zu deren Ernährung er am meiſten tauglich iſt, und das Auge wird nicht oft durch eine kränkliche Vegetation unangenehm berührt. Hier ſcheint ſtets ein edler Wetteifer unter den Bäumen zu herrſchen, der unter denen anderer Gattungen, ſelbſt wenn ſie ihr ruhiges Daſeyn in der Einſamkeit der Felder genießen dürfen, nicht anzu⸗ treffen iſt. Hier ſtrebt jeder Baum mächtig dem Lichte entgegen, wodurch eine Gleichheit der Höhe und eine Aehnlichkeit der Geſtalt entſtehen, die mit der Gattungsverſchiedenheit faſt einen Widerſpruch bilden. Die Wirkung läßt ſich leicht denken. Die gewölbten Bogen werden durch Tauſende von hohen, geraden Säulen geſtützt, die * Wenn die Leſer in den älteren Theilen der Union ſich mit dieſer Apologie begnügen müſſen, ſo iſt zu hoffen, daß die in dem älteren Welttheil ſich gar nicht erſt beigehen laſſen werden, unzufrieden zu ſeyn. D. U. 448 einen einzigen, koloſſalen, bewegten Blätterbaldachin den Wolken entgegenbreiten. Unten walten ein einladendes Düſter und ein zur Ehrfurcht aufforderndes Schweigen in ihrem unabſehbaren Reiche, das nichts gemein zu haben ſcheint mit der Atmoſphäre, die über den Laubgewölben ruht. Während das Licht auf der wechſelnden Oberfläche der Wipfel ſpielt und gaukelt, herrſcht auf der Fläche des Bodens ein und derſelbe düſtere Farbenton. Abgeſtorbne, moosbedeckte Baum⸗ ſtümpfe; hügelige Stellen, bedeckt mit vermoderten Pflanzenſtoffen, gleichſam die Grabmäler längſt dahingeſchiedener Baumgenerationen; Rinnen, vom Fall entwurzelter Bäume gebildet; wuchernde Schwamm⸗ gewächſe um die verfaulten Wurzeln der vom Sinken nicht mehr entfernten Stämme, nebſt einigen ſchlanken zarten Pflanzen von kleinerer Geſtalt, die ihr Fortkommen am beſten im Schatten finden— dieſe bilden die Decoration der untern Scene. Das Ganze iſt durchweht von einer, beſonders im Sommer lieblichen Friſche, welche das Angenehme unterirdiſcher Gewölbe hat, aber nicht deren erkältende Feuchtigkeit. Im Schooße dieſer dunkeln Einöden iſt ſelten der Tritt des Menſchen zu hören. Dann und wann ein vorüberhüpfendes Reh, ein trottendes Mooſethier, iſt faſt die einzige lebendigere Bewegung auf dem Boden; den ſchwer⸗ fälligen Bär hingegen, oder das ſpringende Pantherthier trifft man in langen Zwiſchenräumen auf den Zweigen alter ehrwürdiger Bäume ſitzend an. Bisweilen zieht auch wohl ein Trupp Wölfe, dem Rehe auf die Fährte gekommen, über die Fläche; doch ſind dieſe vielmehr Ausnahmen, welche den allgemeinen Charakter dieſes Stilllebens ſelten unterbrechen. Sogar die Vögel ſind in der Regel ſtumm; brechen ſie ja das Schweigen, ſo ſind es Mißtöne, aber Mißtöne ſtehen im Einklang mit der allgemeinen Oede ihres Aufenthalts. Harmonie in dieſer Umgebung wäre der grellſte Mißton. Ein Platz dieſer Art nun war's, durch welchen, den Tag nach dem zuletzt geſchilderten Ueberfall, zwei friſch vorwärtsſchreitende 449 ken Männer hindurchreiſeten. Einer hinter dem Andern, wie gewöhnlich, ein der Jüngere, Thätigere voran, wanderten ſie durch den einförmigen ren 8 Rieſenwald mit ſolchem Gleichmaaß, mit ſolcher Stetigkeit, wie der re, 3 Matroſe, unterſtützt durch die Magnetnadel, ſeinen Lauf durch die ungeheure Wüſte der Gewäſſer. Der Vorderſte war von leichtem fel Körperbau, behende und offenbar nicht ermüdet; dagegen Der, 1 ind welcher folgte, von ſchwerfälliger Geſtalt, und einem Schritt, der 1 m⸗ keine große Geübtheit in ſolchen Fußreiſen vorausſetzen ließ, und en, dem man anſah, daß die körperlichen Kräfte ermatten wollten. n;„Nach Deinem Auge, Narraganſett, läßt ſich ſteuern, wie m⸗ nach einem unfehlbaren Compaß, und Dein Fuß iſt ein nie müde hr werdendes Roß;“ ſagte der Letztere, ſtieß den Kolben ſeiner Muskete on auf ein Stück faulendes Holz und lehnte ſich auf den Lauf.„Wenn ten Du Dich mit derſelben Ausdauer auf dem Kriegspfade bewegeſt,. as wie jetzt auf unſerm Friedensgang, ſo haben die Koloniſten Urſache den genug, Dich als Feind zu fürchten.“ ber Der Andere drehte ſich um, und ohne das gegen die Schulter eln gelehnte Gewehr nur abzuſtellen, geſchweige ſich darauf zu ſtützen, wies er auf die verſchiedenen Gegenſtände, die er in ſeiner Antwort nannte, mit dem Finger: „Vater, Du biſt dieſer alte Maulbeerfeigenbaum; er lehnt 4 ſich an die junge Eiche. Conanchet iſt die gerade Fichte. Es iſt 1 viel Erfahrung in grauen Haaren,“ ſetzte der Häuptling hinzu, 2 8 —Q—Q—OO——O———— fe, indem er noch näher auf, Unterwerfung zutrat und mit dem Finger nd deſſen Arm berührte;„kann die Deinige mir ſagen, wann wir wie es ein todter Schierling unter dem Mooſe liegen werden?“ er„Das geht über Menſchenwiſſen hinaus. Genug, Sachem, ie, wenn wir, ſobald die Zeit des Umfallens kommt, mit Wahrheit es ſagen können, daß das Land durch den Schatten, den unſere Ge⸗ n. ſtalten warfen, nicht magerer geworden. Deine Gebeine werden ch in der Erde liegen, auf die Deine Väter traten, aber die meinigen de bleichen vielleicht einſt unter'm Gewölbe irgend eines finſtern Waldes.“ Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 29 45⁰ Die Ruhe im Geſichte des Indianers ward geſtört. Sein dunkles Auge zog ſich zuſammen, ſeine Naſenlöcher dehnten ſich aus, und die volle Bruſt hob ſich mächtig;— doch bald kehrte alles wieder zum ruhigen Zuſtande zurück, gleich dem trägen Ocean, wenn er mitten in einer herrſchenden Windſtille vergeblich verſucht, ſein Gewäſſer zu einer thürmenden Woge anzuſchwellen. „Feuer hat die Eindrücke der Moccaſins meines Vaters ſengend von der Erde verwiſcht,“ ſagte er mit einem ruhigen, aber bittern Lächeln;„meine Augen können ſie nicht wieder finden. Ich werde unter jener Decke ſterben;“(durch eine Oeffnung im Gezweige auf den blauen Aether hinzeigend)„die fallenden Blätter werden meine Gebeine vergraben.“ „So hat der Herr uns mit noch einem Bande der Freundſchaft umſchlungen. Es ſteht ein Eibenbaum und ein ſtiller Friedhof in einem fernen Lande, wo ganze Generationen meines Geſchlechts in ihren Grüften ſchlafen. Der Ort iſt weiß von Steinen, mit dem Namen der..... 4 Unterwerfung hielt ſchnell im Sprechen inne, und ſein empor⸗ gehobenes Auge begegnete gerade noch zur rechten Zeit dem ſeines Gefährten, um den plötzlichen Uebergang in deſſen Innern zu be⸗ merken, vom hingebenden Zuhören zur kalten Zurückhaltung, von reger Theilnahme zu dem Ausdruck vornehmer Höflichkeit, mit welcher er dem Geſpräch eine andere Richtung gab. „Jenſeits des kleinen Hügels dort iſt eine Quelle,“ ſagte er. „Mein Vater trinke daraus, daß er wieder ſtark werde und es er⸗ lebe, in ſeiner Heimath das Haupt niederzulegen.“ Der Andere verbeugte ſich und ſchweigend gingen ſie auf die Stelle zu. Die geraume Zeit, welche die Reiſenden jetzt bei der nöthigen Erholung zubrachten, berechtigte zu der Vermuthung, daß ſie ſchon lange auf dem Wege waren und eine weite Strecke bereits zurückgelegt hatten. Der Narraganſett nahm jedoch nicht ſo reich⸗ lich Erfriſchungen zu ſich als der Fremde; ofſenbar laſtete eine — daß reits & weit empfindlichere Bürde auf ſeiner Seele als die Müdigkeit des Körpers. Bei dem allen aber behielt er ſeine Faſſung, und während des ſtillen Mahles behauptete ſein Aeußeres die würdevolle Haltung eines Kriegers und verrieth nichts von innerer ſchmerzlicher Be⸗ wegung. Nachdem die Natur befriedigt war, erhoben ſich Beide, und ſetzten ihren Weg durch den pfadloſen Wald fort. Eine ganze Stunde, nachdem ſie die Quelle verlaſſen hatten, entfiel während ihres ſchnellen Fortſchreitens den beiden Abenteurern nicht die flüchtigſte Bemerkung, machten ſie nicht einen Augenblick Halt. Nach Ablauf derſelben aber nahm Conanchet einen minder raſchen Schritt an, und ſein Auge, ſtatt den ſtets vorwärts ge⸗ richteten Blick zu behalten, irrte mit einem Schimmer von Unent⸗ ſchloſſenheit ſeitwärts. „Du haſt die geheimen Kennzeichen verloren, welche uns bis hierher durch den wirren Wald zur Leitſchnur dienten,“ bemerkte ſein Gefährte;„ein Baum gleicht dem andern; ich kann in dieſer Wildniß der Natur keinen Unterſchied feſt halten; wenn Du Dich verirrt haſt, ſo müſſen wir an der Erreichung des Ziels verzweifeln.“ „Hier iſt der Horſt des Adlers,“ erwiederte Conanchet, indem er auf das im weißlichen Wipfel einer abgeſtandenen Pinie ſchwebende Neſt hinwies;„und in dieſer Eiche ſieht mein Vater den Be⸗ rathungsbaum.... allein hier ſind keine Wompanoags!“ „Recht; aber manchen Adler beherbergt der Wald, und die Eiche da iſt wahrſcheinlich nicht ohne ihres Gleichen. Dich hat Dein Auge getäuſcht, Sachem, wir ſind auf falſche Spur gerathen.“ Conanchet ſah ſeinen Reiſegefährten aufmerkſam an. Nach einer Pauſe fragte er gelaſſen: „Hat mein Vater jemals ſeinen Pfad verfehlt, wenn er ſeinen Wigwam verließ, um nach dem Orte zu gehen, wo er das Haus ſeines Großen Geiſtes ſehen konnte?“ „Mit jenem vielbetretenen Pfade, Narraganſett, hatte es eine andere Bewandtniß. Mein Fuß hatte durch vieles Gehen auf den 452 Steinen ſeine Spur darauf zurückgelaſſen, und die Entfernung war nur eine Spanne. Wir aber ſind viele Meilen durch den Wald gereiſ't und unſer Weg lag über Buſch und Bach, über Berge und Sümpfe, wo kein ſterblich Auge das geringſte Zeichen von menſchlichem Daſeyn zu entdecken vermochte.“ „Mein Vater iſt alt,“ ſagte der Indianer mit Ehrerbietung. „Sein Auge iſt nicht mehr ſo ſcharf als damals, wo er die Stirn⸗ haut des großen Hänptlings nahm, ſonſt würde er den Druck eines Moccaſins erkennen.... ſieh“— hier machte er Unterwerfung auf die Spur eines menſchlichen Fußes aufmerkſam, der jedoch nur mit vieler Mühe an der Art, wie das welke Geblätter auseinander lag, zu unterſcheiden war;„der Stein Deines Pfades hatte wohl Kenn⸗ zeichen, aber dieſer Boden iſt doch weicher. War doch mein Vater nicht im Stande, zu ſagen, wer über ſeinen Stein gegangen und wann.“ „Ich ſehe freilich etwas, was ſich die Einbildung als den Druck eines menſchlichen Fußes vorſtellen kann; aber es iſt nur ein einzelner, und kann ein zufälliges Wühlen des Windes ſeyn.“ „Mein Vater ſchaue etwas mehr um ſich; er wird ſehen, daß ein ganzer Stamm hier vorbeigegangen iſt.“ „Du magſt die Wahrheit ſprechen, wenn auch mein Geſicht nicht ſtark genug iſt, ſich von dem, worauf Du es hinleiteſt, zu überzeugen. Hat aber ein Stamm dieſen Weg genommen, nun warum wollen wir denn nicht vorwärts gehen?“ Conanchet ſchüttelte den Kopf und ſpreizte die Finger in Ge⸗ ſtalt der Radien eines Zirkels aus. „Huh!“ ſchrie er auffahrend, als wenn ſeiner innern Bewegung die bedeutſame Geberde noch nicht genug wäre,„es kommt ein Moccaſin!“ Der Fremdo, welcher ſo oft, und erſt vor ſo kurzer Zeit, den Wilden die Stirn geboten, griff unwillkührlich nach dem Flinten⸗ ſchloß. Blick und Stellung waren drohend, obgleich ſein ſuchendes Auge nichts Verdächtiges erſpähen konnte. dr nung den über ichen ung. tirn⸗ ines f die mit lag, enn⸗ ater ngen den nur yn.“ daß ſicht zu nun 45³3 Nicht ſo Conanchet. Sein ſchärferes, geübteres Geſicht hatte, durch ſein feines Ohr zuerſt auf ein Gekniſter unter den verdorrten Blättern aufmerkſam gemacht, den Krieger erſchaut, wie er, bald hinter Bäumen verſchwindend, bald wieder hervorkommend, ſich ihnen näherte. In gefaßter, würdevoller Stellung die gefalteten Arme kreuzweiſe über die Bruſt gelegt, erwartete der Häuptling der Narraganſetts des Andern Ankunft. Kein Wort entkam ſeinen Lippen, keine Muskel verzog ſich, bis die Hand des Herangekom⸗ menen ſeinen Arm berührte, und ihn freundlich und mit Achtung alſo anredete: „Iſt der junge Sachem gekommen, ſeinen Bruder zu beſuchen?“ „Wompanoag, ich bin eurer Spur nachgegangen, auf daß eure Ohren der Rede eines bleichen Mannes lauſchen.“. Die dritte Perſon in dieſer Unterredung war Metacom. Er ſchoß einen ſtolzen, grimmigen Blick auf den Fremden, und wandte ſich ſodann mit wiederangenommener Ruhe an ſeinen Waffengefährten. „Hat Conanchet ſeine junge Mannſchaft überzählt, ſeit ſie das Kriegsgeſchrei erhoben?“ fragte er, und bediente ſich dabei der Sprache der Eingebornen.„Ich ſah Viele in's Feld ziehen, welche nie zurückkamen. Der weiße Mann ſterbe.“ „Wompanoag, er hat das Geleit eines Sachem. Meine Mannſchaft habe ich nicht überzählt; ich weiß aber, ſie iſt ſtark genug, zu ſagen, daß was ihr Oberhaupt verſprochen, gehalten werden muß.“ 4 „Wenn der Nengihs ein Freund meines Bruders iſt, ſo iſt eer willkommen. Metacoms Wigwam ſteht ihm offen; er mag eintreten.“ Philip gab ein Zeichen, daß die Beiven ihm folgen möchten, und ging voran, auf ſeinen gegenwärtigen Aufenthalt zu. Die Stelle, welche er zu ſeinem zeitweiligen Lager gewählt hatte, entſprach ſeinen Abſichten vollkommen. Die eine Seite deſſelben lehnte an ein ungewöhnlich dichtes Geſtrüppe, und den Rücken deckte und ſchützte ein hoher, ſteiler Felſen; ein ſchneller, breiter Waldbach ſchäumte über Bruchgeſtein, welches die Zeit von der an ſeinem jenſeitigen Ufer ſich erhebenden Felswand abgelöſet hatte; nach der untergehenden Sonne öffnete ſich, vom fällenden Sturmwind gelichtet, der Wald, und bildete eine lange, düſtere Allee. Angelehnt an den Fuß der Anhöhe, ſah man einige aus Strauchwerk errichtete Hütten, in welchen die wenigen Wirthſchafts⸗ geräthe der Wildenfamilien zerſtreut umherlagen. Das ganze Lager zählte jedoch keine zwanzig Mann, indem, wie bereits er⸗ wähnt, das Oberhaupt der Wompanoags ſeit Kurzem wenig durch ſeine unmittelbaren Streitkräfte, um ſo mehr aber mittelſt ſeiner Bundesgenoſſen wirkte. Die Drei hatten bald auf einem Felſen, deſſen Fuß der raſche Strom des toſenden Gewäſſers beſpülte, Platz genommen. Einige finſterausſehende, grimmige Indianer hielten im Hintergrunde des Conferenz⸗Platzes die Wache. Nachdem Philip, um den Schein der Neugierde zu vermeiden, eine geraume Zeit gewartet hatte, hob er an: „Mein Bruder iſt meiner Spur gefolgt, damit ich die Worte eines Yengihs anhöre: er mag ſprechen.“ „Ich bin unbegleitet einem Löwen in den Rachen gegangen, unruhiger, grauſamer Anführer der Wilden,“ erwiederte der kühne Flüchtling,„damit ich den Worten des Friedens bei Dir Gehör verſchaffe. Warum hat der Sohn die Handlungen der Engländer ſo ganz anders angeſehen, als der Vater? Maſſaſſoit war ein Freund der verfolgten, geduldigen Pilger, welche hier in dieſem Bethel der Gläubigen einen Ruhe⸗ und Zufluchtsort ſuchten; Du aber haſt Dein Herz gegen ihre Bitten abgehärtet, und ſucheſt das Blut von Menſchen, welche Dir nichts Böſes wünſchen. Ganz gewiß haſt Du ein Naturell voller Stolz und falſchberechnender Eitelkeit, wie Deine ganze Nation; und der kleinlichen Sucht, Deinen Namen und Stamm in Ruf zu bringen, iſt es Bedürfniß ·˖— geworden, mit Menſchen anderer Herkunft Krieg zu führen. Aber wiſſe, es gibt Einen, welcher herrſcht über Alle auf Erden hier unten, gleichwie er König iſt des Himmels dort oben! Sein Wille iſt es, daß der angenehme Wohlgeruch ſeines Dienſtes aus der Wüſte zu ihm emporſteige. Sein Wille iſt Geſetz, und Die dem⸗ ſelben widerſtehen möchten, glecken bloß wider den Stachel’.* So gib denn friedlichen Rathſchlägen Gehör, damit der Boden nach Billigkeit ſo vertheilt werde, daß Aller Bedürfniß befriedigt und das Land vorbereitet ſey zum weihrauchduftenden Altare.“ Dieſe ermahnende Einleitung wurde mit einer tiefen, faſt geſpenſtiſchen Stimme, und mit einer Begeiſterung geſprochen, welche theils durch ſein angeſtrengtes metaphyſiſches Brüten in ſeiner einſamen Zelle, theils aber durch die furchtbaren neulichen Auftritte, in denen er eine ſo thätige Rolle ſpielte, höchſt wahr⸗ ſcheinlich nicht wenig geſteigert war. Philip ſeinerſeits hörte mit der vornehmen, höflichen Miene eines Indianiſchen Fürſten zu. Obgleich er den Sinn des Redenden mehr errathen mußte, als wirklich verſtand, ſo kam dennoch kein Schimmer von Ungeduld auf ſeinem Geſicht, kein ſpötteludes Lächeln auf ſeinen Lippen zum Vorſchein; vielmehr herrſchte in jedem ſeiner Züge ein edler, erhabener Ernſt, und ſein aufmerkſames Auge und vorgebogener Kopf deuteten an, daß, wenn er des Andern Worte nicht verſtand, er doch wenigſtens den Wunſch hatte, ſie zu verſtehen. „Mein Bleicher Freund hat ſehr weiſe geſprochen,“ ſagte er, als dieſer aufhörte.„Allein er ſieht nicht klar in dieſen Wäldern! er ſitzt zu ſehr im Schatten. Sein Auge taugt beſſer für die Lichtungen der Weißen. Metacom iſt kein reißendes Thier. Seine Tatzen ſind ausgeſtochen vom Alter, ſeine Füße vom vielen Reiſen müde. Er kann nicht weit ſpringen. Mein Bleicher Freund will den Boden vertheilen, warum den Großen Geiſt bemühen, das * Worte aus der Apoſtelgeſchichte, Kap. IX, V. 5. D. U. 456 was er ſchon gethan, noch einmal zu thun? Den Wompanoags hat er ihre Jagdgründe gegeben, und Stellen an dem Salzſee, wo ſie ihre Fiſche und Muſcheln fangen; gleichfalls ſind auch ſeine Kinder, die Narraganſetts bedacht worden; ihnen hat er die Plätze mitten im Waſſer zugetheilt, weil er ſah, daß ſie ſich auf's Schwimmen verſtanden. Sind die Yengihs vergeſſen worden? oder hat er ſie in einen Sumpf gethan, wo Froſche und Eidechſen aus ihnen würden?“ „Heide, meine Stimme ſoll nie die reiche Milde der Hand meines Gottes verleugnen! Sie hat meine Väter in ein frucht⸗ bares Land geſetzt, reich an den guten Dingen der Welt, von günſtiger Lage, umgürtet von der See und uneinnehmbar. Glücklich, wem ſein Gewiſſen erlaubt, in deſſen Grenzen wohnen zu bleiben!“ Auf dem Felſen neben Metacom lag ein hohler Kürbiß. Sich über den Strom beugend, füllte er dieſen bis zum Rande mit Waſſer und zeigte ſeinen Gefährten das volle Gefäß mit dieſen Worten: „Schau! ſo viel ſagte der Große Geiſt, ſoll es halten. Nun (mit der andern hohlen Hand Waſſer aus dem Bache ſchöpfend und es in die Kürbißflaſche gießend) kann mein Bruder ſehen, daß welches abfließen muß. So iſt's mit ſeinem Land. Es hat keinen Raum mehr für meinen Bleichen Freund.“ „Verſuchte ich, Dein Ohr mit meiner Erzählung zu täuſchen, ſo würde ich meine Seele mit einer Unwahrheit belaſten. Es iſt wahr, unſer ſind Viele, ja leid thut mir's, geſtehen zu müſſen, daß ſich einige unter uns befinden, die denen gleichen, welche „Legion’ heißen; aber behaupten, daß nicht noch immer Platz für Alle vorhanden ſey, da zu ſterben, wo ſie geboren ſind, heißt eine verdammungswürdige Lüge ausſprechen.“ „Das Land der Nengihs iſt alſo ein gutes, ein ſehr gutes,“ verſetzte Philip;„allein ihre Jugend zieht eines vor, das noch beſſer iſt.“ „Dein Gemüth, Wompanoag, iſt nicht im Stande, die ————————. Beweggründe zu faſſen, welche uns hierher geführt haben, und unſer Geſpräch fängt an, ſich bei Dingen aufzuhalten, die zu nichts führen.“ „Mein Bruder Conanchet iſt ein Sachem. Die Blätter, welche in der Jahreszeit der Fröſte von den Bäumen ſeines Landes herab⸗ fallen, weht der Wind in meine Jagdgehege. Wir ſind Nachbarn und Freunde“(mit dem Kopf ſanft nickend gegen den Narragan⸗ ſett).—„Wenn ein nichtstaugender Indianer von den Inſeln ent⸗ läuft, und in die Wigwams meiner Leute kommt, wird er gepeitſcht und zurückgeſchickt. Wir halten den Pfad zwiſchen uns nur für ehrliche rothe Männer offen.“ Philip ſprach mit einem höhniſchen Ausdruck, welcher ſeine gewöhnliche hochfahrende Miene zwar nicht ſeinem Standesgenoſſen verbarg, der aber ſo leiſe angedeutet war, daß er dem Gegenſtande ſeines Sarkasmes, dem Fremden, völlig entging. Conanchet fühlte die Aufforderung, ſich in’s Mittel zu legen, und brach zum erſtenmale ſeit dem Anfang der Unterredung ſein Schweigen. „Mein Bleicher Vater iſt ein tapferer Krieger,“ ſagte der junge Sachem der Narraganſetts.„Seine Hand hat die Stirn⸗ haut des großen Sagamor ſeiner Nation genommen!“ Augenblicklich wechſelte der Ausdruck in Metacom's Antlitz. An die Stelle des ironiſchen Spottes, der um ſeinen Mund ſaß, trat ernſte Hochachtung. Feſt ſchaute er die ſchroffen, verwitterten Züge ſeines Gaſtes an, und wahrſcheinlich würde er jetzt ſich höf⸗ licherer Worte als bisher bedient haben, wenn nicht in dieſem Augenblick der Indianer, welcher als Schildwache auf dem Gipfel des Felſens ausgeſtellt war, ein Zeichen gegeben hätte, daß ſich Jemand nähere. Sowohl Metacom als Conanchet ſchienen durch deſſen Schrei in ihrer Faſſung etwas geſtört zu werden; doch ſtand keiner von Beiden auf, und ihre Aeußerung der Unruhe war keines⸗ wegs ſo ſtark, daß die Verhältniſſe ſie nicht ſehr natürlich gemacht 458 hätten. Es dauerte nicht lange, ſo ſah man von der Gegend des Waldes, welche in der Richtung des Wiſh⸗Ton⸗Wiſh⸗CThales lag, einen Krieger in das Lager treten. Sobald Conanchet ſich überzeugt hatte, wer der Stoͤrende war, gewannen ſein Auge und ſeine Haltung ihre vorige Ruhe wieder; Metacom's Blick aber blieb düſter und mißtrauiſch. Dieſer Unterſchied in dem Weſen der beiden Häuptlinge trat jedoch nicht deutlich genug hervor, um von Unterwerfung bemerkt zu werden, und er wollte eben das Geſpräch wieder aufnehmen, als der Neu⸗ angekommene bei dem Kriegerhaufen im Lager vorüberging, und ſich nicht weit von der Gruppe der Sprechenden auf einen Stein ſetzte, der ſo niedrig lag, daß die Füße des Menſchen in's Waſſer hinabhingen. Da die Ankunft dieſes Vierten keine unerwartete zu ſeyn ſchien, ſo erfolgte, nach Indianerſitte, während der erſten paar Augenblicke keine Begrüßung. Metacom war indeſſen zu aufgeregt, um das Ende der herkömmlichen Anſtandspauſe abwarten zu können. 2 „Mohtucket,“ fing er in der Sprache des Stammes an,„hat die Spur ſeiner Freunde verloren. Wir glaubten ſchon, die Krähen der Bleichgeſichter pickten an ſeinen Knochen!“ „Mohtucket hatte kein Scalp am Gürtel aufzuweiſen, und da ſchämte er ſich, unter den jungen Männern mit leerer Hand auf⸗ zutreten.“ „Er wußte, daß er ſchon zu oft zurückgekommen war, ohne einen todten Feind zu verletzen,“ erwiederte Metacom, deſſen zu⸗ ſammengepreßte Lippe die in ſeinem Innern wohnende Verachtung nur ſchlecht verbarg.„Hat er jetzt einen Krieger berührt?“ Der Indianer, ein Mann der untergeordneten Klaſſe, hielt die an ſeinem Gürtel hängende Trophäe ſeinem Oberhaupte entgegen. Metacom ſah das ekelhafte Siegeszeichen mit der Ruhe, ja faſt mit der brennenden Gier an, welche ein Alterthumsforſcher an dem antiken Denkmal eines Triumphs längſt verfloſſener Zeit verſchwenden α— 8—A‚S —,— würde. Er ſtieß den Finger durch eine in der Haut befindliche Oeffnung, nahm ſeinen Sitz wieder ein, und bemerkte trocken: „Eine Kugel hat den Kopf getroffen. Mohtucket's Pfeil thut wenig Harm.“ „Metacom hat ſeinen jungen Mann nie freundlich angeſehen, ſeit Mohtucket's Bruder getödtet worden.“ Der Blick, welchen Philip auf ſeinen Untergebenen ſchoß, ſprach die ſtechende Verachtung eines Wildenfürſten aus, doch nicht ohne eine Beimiſchung von Verdacht und Beſorgniß. Der Weiße, wel⸗ cher dieſem Geſpraͤch zuhörte, verſtand zwar die Worte nicht, konnte aber aus den zornigen Blicken, welche Beide wechſelten, leicht ent⸗ nehmen, daß jene nichts weniger als freundſchaftlichen Inhalts waren. Dieſe Bemerkung auf den Zweck ſeines Gegenſtandes an⸗ wendend, fuhr er nun fort: „Der Sachem hadert mit ſeinem jungen Soldaten: dies kann ihm einigermaßen die Veranlaſſung begreiflich machen, weshalb Viele ihr Vaterland an der aufgehenden Sonne verlaſſen, und nach dieſer Wüſtenei im Weſten fliehen. Wenn er mir jetzt Gehoͤr geben will, ſo bin ich bereit, das Geſchäft, welches mich herführt, und von dem ich bis jetzt nur oberflächlich geſprochen habe, ihm ausführlicher darzulegen.“ Philip ſtellte ſich aufmerkſam; ein Lächeln gegen den Gaſt und ein Kopfnicken ſollten ſeine Einwilligung in den Vorſchlag ausdrücken; inzwiſchen haftete ſein Falkenauge auf ſeinem Unterge⸗ benen, und ſchien durch den Schleier des dunkeln Geſichts in deſſen Seele leſen zu wollen. Er ließ den Arm von der Bruſt an die Seite niederſinken, und das Spiel der Finger war, als wenn ſie juckten, ein nicht weit davon liegendes Meſſer mit hörnernem Stiel zu faſſen. Trotz dieſer Bewegung aber blieb ſeine Miene gegen den Weißen gelaſſen und würdevoll, und der Letztere ſchickte ſich daher an, zu ſprechen. In dieſem Moment erdroͤhnte das Wald⸗ gewölbe von dem Wiederhall eines Flintenſchuſſes. Alle innerhalb 460 des Lagers und in deſſen Nähe befindliche Wilden ſprangen bei dieſem wohlbekannten Schalle auf, und ſtanden da ſo regungslos, als wenn es ſo viele dunkle, athmende Bildſäulen wären. Nicht lange, ſo hörte man ein Kniſtern im Laube, und faſt in demſelben Nu rollte der Körper des jungen Indianers, welcher oben auf dem Felſen die Wache hatte, an den Rand des Abgrundes und ſiel⸗ gleich einem Holzklotze, herab auf eine Hütte, deren ſchwaches Dach, der Wucht nicht gewachſen, zuſammenſtürzte, und die Hütte mit darniederriß. Aus dem Walde rückwärts erfolgte ein Schuß, und gleich darauf wälzte ſich der Donner einer vollen Ladung durch die Bäume, und ſtatt der Waſſerentladung bei natürlichem Gewitter, raſſelte ein wahrer Zweigregen hernieder, während das blitzende Blei pfeifend die Lüfte durchſauſete. Noch zwei Wompanoags ſah man bald ſich auf der Erde im Todeskampfe wälzen. Jetzt erſcholl ein lauter Kommando⸗Ruf Annawon's, und im nächſten Augenblicke war der Platz menſchenleer. Die vier Individuen nahe an dem Bache blieben während dieſes Schreckenmoments unthätig. Conanchet und ſein Freund, der Chriſt, hielten ſich ſchlagfertig, doch nicht zum Angriff, ſondern nur wie Menſchen, die im Augenblicke großer Geſahr ſich auf das Aeußerſte vorbereiten. Metacom ſchien unentſchloſſen. Eben ſo ſehr daran gewöhnt, überrumpelt zu werden, als Andere zu über⸗ rumpeln, konnte ein Krieger von ſolcher Erfahrung unmöglich die Faſſung verloren haben; deſſenungeachtet zauderte er, ungewiß, wo⸗ zu er ſich entſchließen ſolle. Als aber jetzt Annawon, dem Kampf⸗ platze näher, das Signal zum Rückzuge blies, ſprang Mecatom, wie ein Tiger auf den zurückgekehrten Marodeur, und ſßpaltete mit einem einzigen Streiche ſeines Tomahawk deſſen Hirnſchale. Einen Blick unauslöſchlichen unterliegenden Haſſes ſchoß das ſtür⸗ zende röchelnde Opfer auf den Häuptling; einen andern voll grim⸗ miger Rache gab dieſer zurück, dann wendete er ſich und ſchwang die bluttriefende Waffe über das Haupt des Weißen. 461 „Nicht alſo, Wompanoag!“ donnerte ihm Conanchet entgegen: unſer Beider Leben iſt eines.“ Philip ſtutzte. Wilde, verderbliche Leidenſchaften durchwühlten ſeine Bruſt; die Gewalt über ſich indeſſen, welche der ſchlaue Po⸗ litiker dieſer Wälder ſich zu eigen gemacht hatte, trug den Sieg davon. Selbſt mitten in dieſem blutigen Auftritt, wo Lärmrufen von allen Seiten erſcholl, vermochte er es über ſich, ſeinen mäch⸗ tigen, furchtloſen jungen Bundesgenoſſen anzulächeln, und mit aus⸗ geſtrecktem Arme ſeine Richtung angebend, ſetzte er, gleich dem ſchnellfüßigen Hirſch, dem dunkelſten Schatten des Waldes entgegen. Dreißigſtes Kapitel. „Doch Friede ſey mit ihm! Der Tod, enthoben aller Todesfurcht. Iſt Leben; furchterfülltes Leben, Tod.“ Maaß für Maaß. Der Muth iſt eine Tugend, deren Werth und Ausbildung durch die Verhältniſſe bedingt iſt. Iſt die Furcht vor dem Tode wirklich eine dem ganzen Menſchengeſchlecht angeborne Schwäche, ſo iſt ſie wenigſtens eine ſolche, die durch häufige Gefahren an Stärke ver⸗ lieren, ja durch Nachdenken endlich ganz erlöͤſchen kann. Daher kam es, daß die beiden nunmehr nach dem Rückzuge Philip's ſich ſelbſt überlaſſenen Individuen, als ſie ſich von der Beſchaffenheit der herannahenden Gefahr überzeugt hatten, von ganz neuen Em⸗ pfindungen erfüllt wurden. Der Ort, wo ſie ſtanden, nahe am Bach, hatte ihnen bis jetzt Schutz gegen die Kugeln der Angrei⸗ fenden gewährt; allein Beiden leuchtete ein, daß es keine zwei Minuten mehr dauern könnte, bevor die Koloniſten in das bereits verlaſſene Lager eindringen würden. Die Folge war, daß jeder von ihnen den verſchiedenen Anſichten gemäß handelte, die ſich in ihnen durch verſchiedene Erziehung befeſtigt hatten. 3 Da Conanchet's Gemüth nicht wie das des Metacom durch einen Vorſatz unmittelbarer Rache getrübt war, ſo ſah er ſich gleich beim erſten Lärmruf im Stande, die Beſchaffenheit des drohenden Angriffs mit ungetheilter Aufmerkſamkeit zu prüfen. Eine einzige Minute reichte hin, ihn vollkommen über die Lage der Dinge zu belehren, und nach einer zweiten war er ſich ſeines Ent⸗ ſchluſſes ſchon bewußt.. „Komm,“ ſagte er haſtig, aber durchaus gefaßt, indem er beim Sprechen auf den ſchnellen Fluß vor ſich hinwies:„wir wollen den Lauf des Waſſers nehmen; die Spuren unſeres Weges mögen uns vorangehen und hinter uns verſchwinden.“ Unterwerfung zauderte. Die unerſchütterliche Entſchloſſenheit ſeines Auges hatte etwas von dem Kriegerſtolze an ſich, der ihn die Schande eines ſo unzweideutigen Ausreißens verſchmähen ließ. Er glaubte ſeinem Charakter durch eine ſolche That etwas zu ver⸗ geben; daher antwortete er: „Nein, Narraganſett; fliehe, wenn Dir Dein Leben lieb iſt, mich aber laß die Frucht meiner Thaten ernten. Sie koͤnnen höch⸗ ſtens mich tödten und meine Gebeine neben denen dieſes Verräthers liegen laſſen.“ Conanchet ſah weder aufgeregt noch unwillig aus. Still warf er ſich das leichte Gewand wieder über die Schulter, und wollte ſeinen Sitz auf dem Fels, von welchem er eben erſt aufgeſtanden war, wieder einnehmen, als ſein Gefährte noch einmal in ihn drang, zu fliehen. „Die Feinde eines Häuptlings ſollen nicht ſagen, er habe ſeinen Freund in eine Falle gelockt, und als er denſelben gefangen ſah, ſey er davongelaufen, gleich einem entkommenen Fuchs. Weilt mein Bruder, um ſich tödten zu laſſen, ſo wird man Conanchet neben ihm finden.“ „O Heide!“ erwiederte der Andere, von der unverbrüchlichen Treue ſeines Führers faſt bis zu Thränen gerührt;„manch ein A 46³ Chriſt könnte ſich an Deiner Wahrhaftigkeit ein Beiſpiel nehmen. Geh voran; ich folge Dir, ſo ſchnell mich meine Füße nur tragen.“ Der Narraganſett ſprang in den Bach und folgte dem Strome abwärts, eine Richtung, welche der von Philip genommenen ent⸗ gegengeſetzt war. Dies war eine weiſe Vorſicht, da die Verfol⸗ genden dadurch über den Weg, welchen die Flüchtlinge eingeſchlagen, in Unſicherheit blieben, ſelbſt wenn auch das getrübte Waſſer ihnen auffiel. Conanchet hatte ſich dieſen kleinen Vortheil gleich Anfangs gemerkt, und, der inſtinktmäßigen Geſchwindigkeit ſeiner Race ge⸗ treu, verfehlte er jetzt nicht, ſich deſſen zu bedienen. Metacom hingegen konnte ſich nur nach der Felshöhle oberhalb des Baches wenden, indem ſeine Krieger ſich dorthin zurückgezogen hatten. Die Flüchtlinge waren noch nicht weit gegangen, als ſie das Gelärm des Feindes im Lager hörten, und bald darauf kündigte ein Schießen aus verſchiedenen Richtungen an, daß Philip ſeine Leute ſchon zum Widerſtande geſammelt hatte, ein Umſtand, der ſie etwas ſicherer machte, ſo daß ſie die Flucht mit weniger Eile fortſetzten. „Mein Fuß iſt nicht mehr ſo gelenkig als in vergangenen Tagen,“ ſagte Unterwerfung;„laß uns lieber jetzt Athem ſchöpfen, ſo lange uns Ruhe vergönnt iſt; wenn der Feind dann drängt, haben wir wieder Kräfte zum Fliehen. Narraganſett, Du haſt ſtets Dein Wort gegen mich gehalten; ich werde es Dir nie ver⸗ geſſen, ſey Deine Race und Deine Weiſe, Gott anzubeten, von welcher Art ſie wolle.“ „Mein Vater ſah mit dem Auge eines Freundes auf den Indianerknaben, als man ihn wie einen jungen Bär in einen Käſig eingeſperrt hielt. Er lehrte ihn in der Sprache eines Yengihs reden.“ „Wir brachten langwierige Monde zuſammen in unſerm Ge⸗ fängniß zu, Häuptling, und Apollyon mußte ein Herz ſehr feſt gehalten haben, das in ſolcher Lage dem Einfluſſe der Freundſchaft zu widerſtehen vermochte. Doch ſelbſt damals lohnteſt Du mein 464 Vertrauen und meine Sorgfalt; denn ohne Deine geheimnißvollen Winke, welche zu geben, Deine Beobachtungen während der Jagd Dich fähig machten, hätte es nie in meiner Macht geſtanden, meine Freunde zu warnen, daß Deine Landsleute in jener unglücklichen Nacht, wo das Blockhaus in Flammen aufging, einen Angriff beab⸗ ſichtigten. Ja, Narraganſett, wir haben einander, jeder auf die ihm eigenthümliche Weiſe, manchen Beweis der Freundſchaft ge⸗ geben, und freudig geſtehe ich, daß der zuletzt genannte nicht zu Deinen geringſten gehört. Bin ich auch von weißem Blut und von chriſtlicher Herkunft, ſo kann ich doch faſt mit Wahrheit ſagen: mein Herz iſt Indianiſch.“ „So ſtirb den Tod eines Indianers!“ erſcholl eine Stimme, innerhalb zwanzig Fuß von dem Fleck, wo ſie im Strome wateten. Auf die Drohung, oder vielmehr gleichzeitig mit derſelben, er⸗ folgte ein Schuß und Unterwerfung ſiel. Conanchet warf ſein Ge⸗ wehr in's Waſſer, und kehrte ſich um, ſeinen Gefährten aufzuheben. „Alte Füße, die es mit den ſchluͤpfrigen Steinen auf dem Bette des Stroms zu thun haben, weiter nichts;“ ſagte der Letz⸗ tere, nachdem er wieder aufrecht ſtand.„Der Schuß war nahe daran, mir den Tod zu bringen! aber Gott hat, aus ihm allein bekanntem Grunde, den Streich noch abgewendet.“ Conanchet ſprach nicht. Er hob ſein Gewehr aus dem Bette des Fluſſes, zog ſeinen Freund nach ſich an's Ufer, und vergrub ſich in das, längs demſelben ſich hinziehende Gebüſch. Hier ſahen ſie ſich gegen Wurfwaffen gedeckt, doch nur auf einen Augenblick. Das Kriegsgeſchrei der Weißen, welches ſie vorher bei dem Ab⸗ feuern des Gewehrs allein gehört, erſcholl jetzt wieder, aber unter⸗ miſcht mit dem Heho der Pequods und Mohigans, Stämme, die in tödtlicher Feindſchaft mit den Narraganſetts lebten. Der Hoff⸗ nung, ſolchen Verfolgern verborgen zu bleiben, konnten ſie keinen Raum geben, und durch ſchnelle Flucht entkommen, war für den Weißen eine Unmöglichkeit; das wußte Conanchet. Auch war keine =„. Zeit mehr zu verlieren. In ſolchen dringenden Fällen iſt beim Indianer Gedanke und unfehlbarer Inſtinkt eins und daſſelbe. Die Flüchtlinge ſtanden dicht an einem jungen Baume, deſſen Stamm vom laubreichen Gebüſch ſo ſehr umwachſen war, daß ſein Wipfel durchaus nicht geſehen werden konnte. Dieſen Baum half der In⸗ dianer ſeinem Freund erklimmen, machte ſich dann, ohne ſeinen Plan erſt zu erklären, ſchnell von der Stelle hinweg, und ſchlug im Laufen das Gebüſch an den Seiten zur Erde, um die Spur recht breit und erkennbar zu machen. Dieſe Liſt des treuen Narraganſett gelang nach Wunſch. Er war noch nicht viel über hundert Schritte vom Bergungsorte ſeines Freundes entfernt, ſo hatten die Vorderſten der feindlichen Indianer ſeine Fußtapfen entdeckt, und ſetzten gleich Bluthunden hinter ihm her. Abſichtlich lief er nicht ſchnell, bis er ſah, daß die Verſol⸗ gung nur ihm galt, und ſämmtliche Feinde ſchon beim Baume vor⸗ über waren: dann aber flog er über den Boden dahin mit einer Schnelligkeit, die faſt der des vom Bogen abgedrückten Pfeils gleichkam. Jetzt war die Verfolgung einer Indianiſchen Jagd ähnlich, eben ſo aufregend, eben ſo voll erfinderiſcher Liſt. Conanchet ſah ſich bald aus dem Gebüſch vertrieben, und genöthigt, über den entblößteren Theil des Waldes zu ſetzen. So ging's meilenweit über Hügel und Fels, durch Sümpfe und Flüſſe und Hohlwege; den vollkommenen Indianiſchen Krieger verließ ſein Selbſtvertrauen nicht, und faſt noch ſo friſch wie beim Anfang hielt er im Laufe aus. Das Verdienſt eines Wilden in dergleichen Fällen beſteht nicht ſo ſehr in ſeiner Leichtfüßigkeit, als in ſeiner unglaublichen Aus⸗ dauer. Zu dem Haufen, welcher abgeſchickt war, den mit dem Strome Fliehenden den Weg abzuſchneiden, gehörten auch drei bis vier Weiße; allein ſie waren bald weit zurückgelaſſen, und der Flüchtling hatte nur Verfolger hinter ſich, die es ihm an körperlicher Ge⸗ wandtheit, an Ausdauer und erſchladenhei faſt gleich thaten. Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 30 466 Den Pequods ſicherte die überlegene Anzahl einen bedeutenden Vortheil. Des Fliehenden häufige Wendungen machten, daß die Jagd eine Kreisbahn von ungefähr einer Meile“ im Durchmeſſer beſchrieb; dies machte es den ermüdeten Feinden möglich, ſich aus⸗ zuruhen, während andere mit friſchen Gliedern die Jagd unter⸗ hielten. Bei ſo ungleichen Kräften konnte der Ausgang nicht lange zweifelhaft bleiben. Zwei Stunden lang hatte Conanchet ſeine Verfolger beſchäftigt; jetzt aber fingen ſeine Füße an zu ermüden, und immer merklicher war die abnehmende Schnelligkeit, bis er endlich, erſchöpft durch faſt übernatürliche Kraftanſtrengungen, ſich flach auf den Boden warf, und mehrere Minuten wie todt dalag. Dieſe Zeit reichte aber auch hin; der Pulsſchlag und das Pochen des Herzens verloren die Heftigkeit, und der Blutumlauf gewann die im Zuſtande der Ruhe natürliche Regelmäßigkeit wieder. Kaum fühlte er aber ſeine Kräfte zunehmen, ſo hörte er den Tritt von Moccaſins hinter ſich. Aufſpringen und die Strecke überſchauen, die er mit ſo vieler Anſtrengung zuletzt durchmeſſen hatte, war das Werk einer Sekunde. Nur ein einziger Krieger war zu ſehen; Hoffnung gewann auf einen Augenblick das Ueber⸗ gewicht, und er nahm das Gewehr auf, um den herannahenden Gegner niederzuſtrecken. Kalt und langſam zielte er, und wehe dem Andern, wenn das Pulver in der Pfanne in ſo gutem Stande ge⸗ weſen wäre, als das Ziel richtig war. Conanchet entſann ſich jetzt erſt, daß die Waffe im Waſſer gelegen hatte, warf ſie als nutzlos von ſich und ergriff ſeine Streitaxt; doch in hellen Haufen ſtürzten nunmehr die Pequods herbei; längerer Widerſtand wäre Wahnſinn geweſen. Der aller Hoffnung beraubte Narraganſett⸗Häuptling ließ daher auch den Tomahawk der Hand entſinken, loöſete den Gürtel ab und ging mit edler Reſignation unbewaffnet ſeinen Feinden entgegen. Im nächſten Augenblicke war er ihr Gefangener. Als der Indianerpöbel, in deſſen Hände er gefallen war, * Engliſche. 467 Miene machte, ihm über ſein und ſeiner Gefäͤhrten Schickſal neu⸗ gierig Fragen zu thun, ſagte der Gefangene mit Stolz: „Bringt mich zu Eurem Häuptling. Meine Zunge iſt gewohnt, nur mit Sachems zu ſprechen.“ Ihm ward gehorcht, und es dauerte keine Stunde, ſo ſah ſich der berühmte Conanchet ſeinem tödtlichſten Feinde gegenüber. Das von dem Kriegerhaufen Metacom's verlaſſene Lager war der Ort der Zuſammenkunft. Zugegen waren die meiſten Indianer⸗ bereits von der Verfolgung wieder zurückgekehrt, und ſämmtliche Koloniſten, die zu dem Zuge beordert waren, Wolf Sanftmuth, Fähnrich Dudley, Sergeant Ring und ein Dutzend Gemeine aus dem Dorfe. Jedermann war bereits unterrichtet, daß derjenige, dem die Unternehmung ganz beſonders galt, Metacom, entkommen, dagegen der Sachem der Narraganſetts gefangen wäre, ein Ausgang, wel⸗ cher allgemein zufriedenſtellend war, indem Jeder den Fang als einen überreichlichen Erſatz für ſeine Mühe und ausgeſtandene Ge⸗ fahr betrachtete. Die Mohigans erheuchelten Gleichgültigkeit: ein lautes Triumphiren hätte dem Stolze ihres Feindes geſchmeichelt, da er in demſelben die Wichtigkeit erkannt haben würde, welche ſie auf ſeine Gefangennehmung legten. Die Weißen aber, denen ein ſolcher Beweggrund fremd war, gaben ſich keine Mühe, ihre Freude zu verbergen, und drängten ſich angelegentlich heran, um den Häuptling in der Nähe zu ſehen. Nicht, als ob ſie auf das Recht, über ſein Schickſal zu entſcheiden, Anſpruch gemacht hätten; viel⸗ mehr wußten ſie ſich etwas darum, ihn der Gnade der Indianer, welche ihn zum Gefangenen gemacht hatten, zu überlaſſen, und nicht unwahrſcheinlich iſt es, daß dieſe Handlung ſcheinbarer Ge⸗ rechtigkeit nichts anderes war, als das Reſaltat einer tiefberech⸗ nenden Politik. Conanchet, von einem Kreiſe Neugieriger umringt, ſtand jetzt dem Oberhaupte des Mohiganerſtammes unmittelbar gegenüber. Es war Uncas, der Sohn des gleichnamigen Fürſten, der, von den Weißen unterſtützt, einſt den unglücklichen Vater des Gefangenen, den edlen Miantonimoh, beſiegte. Das Schickſal wollte; daß der nämliche böſe Stern, welcher die Geſchicke des Ahnherrn regierte, auch dem Nachkommen verderbenbringend werden ſollte. Das Geſchlecht der Uncas war einſt wegen ſeiner Macht und Größe ausgezeichnet, und obgleich ſeine unnatürliche Verbindung mit den Engländern es bedeutend geſchwächt hatte, ſo beſaß es doch noch immer die ſchönen Eigenſchaften des Indianiſchen Heroismus. Der, welcher jetzt in die Mitte des Kreiſes vor ſeinen Gefangenen trat, war ein Krieger mittlern Alters, von vielem körperlichen Ebenmaaß, und deſſen Auge ſowohl Ernſt als Grauſamkeit verrieth; kurz, er war ein Wilder mit allen jenen widerſprechenden Zügen, die den Indianer⸗Häuptling gleich ſehr bewundernswürdig und ent⸗ ſetzlich machen. Bis dieſen Augenblick waren die beiden Fürſten ſich nie anderswo, als im Kriegsgetümmel begegnet. Sprachlos ſtanden ſie mehrere Minuten lang da, in gegenſeitigem Anſchauen verſunken; offenbar bewunderte jeder die ſchönen Umriſſe, das Adler⸗ auge, die ſtolze Haltung und den würdevollen Ernſt des Andern, obgleich ihre unerſchütterliche äußere Ruhe dieſe innere Bewegung dem gemeinen Blicke entzog. Nach und nach indeſſen nahmen ſie jeder denjenigen Geſichtsausdruck an, welcher ſich zu ſeiner Rolle in dem folgenden Auftritt ſchickte, Uneas' Züge gewannen mehr Ironie und Hohn, die des Gefangenen mehr Kälte und Gleichgültigkeit. „Meine jungen Leute,“ ſagte der Erſtere,„haben einen in den Büſchen umherſchleichenden Fuchs gefangen. Seine Füße waren lang genug; aber er hatte kein Herz, ſie zu brauchen.“ Conanchet legte die Arme gefaltet auf die Bruſt, und der Blick des ruhigen Auges ſchien ſeinem Feinde zu ſagen, daß der⸗ gleichen gemeiner Hohn ihrer Beider unwürdig ſey. Der Andere, entweder auf den Wink eingehend, oder wirklich von ſtolzeren Ge⸗ fühlen durchdrungen, fuhr im beſſern Tone fort: — — 469 „Iſt Conanchet ſeines Lebens überdrüſſig, daß er in die Nähe meiner Unterthanen kommt?“ „Mohiganer,“ ſagte nun der Narraganſett⸗Fürſt,„er iſt ſchon früher in ſolcher Nähe geweſen! Wenn Uncas ſeine Krieger über⸗ zählen will, ſo wird er einige vermiſſen.“ „Unter den Indianern auf den Inſeln gibt es keine Sagen!“ erwiederte der Andere, indem er ironiſch that, als redete er ſeine Unterhäuptlinge an.„Sie haben nie von Miantonimoh gehört; ihnen iſt ein ſolches Feld, wie die ‚Sachem's Ebene’ ganz unbekannt. Hier veränderte ſich das Ausſehen des Gefangenen, ein dunkler Schatten ſchien über ſein Antlitz zu ziehen; im nächſten Augenblick jedoch war ſolcher verſchwunden, und würdevolle Ruhe beherrſchte wieder jede Geſichtsmuskel. Dem ſcharf beobachtenden Sieger ent⸗ ging dieſe Bewegung nicht, und ſie brachte in ihm eine entſprechen⸗ dere hervor: als er glaubte, das natürliche Gefühl werde den Sohn überwältigen, glänzte Triumph in ſeinem wilden Blicke; allein kaum gewahrte er die zurückkehrende Selbſtbeherrſchung des Gefange⸗ nen, ſo nahm auch er eine gleichgültige Miene an, und ſetzte hinzu: „Wenn die Leute auf den Inſeln ſich an nichts erinnern, ſo machen es die Mohiganer anders. Einſt hatten die Narraganſetts einen großen Sachem; er war weiſer als der Biber, ſchneller als der Hirſch, liſtiger als der rothe Fuchs. Allein er konnte nicht in die Zukunft ſchauen. Thörichte Rathgeber ſagten ihm, er ſolle auf den Kriegspfad gegen die Pequods und die Mohiganer ziehen: da verlor er ſein Sealp; es hängt im Rauche meines Wigwams. Wir wollen ſehen, ob es das ſeines Sohnes an den Haaren wieder⸗ erkennen wird. Narraganſett, hier ſind weiſe Leute von den Bleich⸗ geſichtern; ſie werden mit Dir ſprechen. Bieten ſie Dir die Pfeife, ſo rauche; denn Taback iſt nicht in Ueberfluß bei Deinem Stamme zu finden.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich, und überließ den Gefange⸗ nen dem Verhör ſeiner weißen Verbündeten. 470 „Dieß iſt ganz der Blick des Miantonimoh, Sergeant Ring,“ bemerkte der Fähnrich Dudley gegen ſeinen Schwager, nachdem er den Narraganſett⸗Häuptling ziemlich lange und ſcharf betrachtet hatte.„Ich ſehe das Auge und das Auftreten des Vaters in dieſem jungen Sachem. Noch mehr, Sergeant: dieſer Häuptling hat un⸗ gemein viel Aehnlichkeit mit dem Knaben, den wir vor etwa einem Dutzend Jahre in den Feldern auflaſen, und im Blockhauſe mehrere Monde eingeſperrt hielten, wie einen jungen Panther im Käfig. Haſt doch nicht jene Nacht vergeſſen, Ruben, ſammt dem Knaben und dem Blockhauſe? Ein feuriger Ofen iſt nicht heißer denn der Thurm ſchon war, als wir uns unter die Erde duckten. Wenn unſer guter Prediger ſo ergreifend von den Strafen der Gottloſen handelt, und von dem Feuerofen Tophet, denke ich immer an jene Nacht!“ Der wackere Milize erwiederte nichts, obgleich er die unzu⸗ ſammenhängende Anſpielung ſeines Verwandten begreifen und ver⸗ binden konnte; eben ſo entdeckte er auch augenblicklich die auffallende Aehnlichkeit zwiſchen dem Gefangenen und der, ſeinem Auge einſt ſo wohlbekannten Perſon des Indianerknaben. Bewunderung und Ueberraſchung miſchten ſich auf ſeinem redlichen Geſicht; am leſer⸗ lichſten aber war der Ausdruck tiefen Bedauerns. Indeſſen waren er und Dudley nicht die Hauptperſonen unter den Abgeſchickten; ſie nahmen daher an dem, was folgte, aufmerkſam, aber ohne ſelbſt zu ſprechen, Theil. „Anbeter des Baal!“ ertönte die Grabesſtimme des Geiſtlichen; „es hat dem Könige des Himmels und der Erde gefallen, ſein Volk zu beſchützen! Der Triumph Deines ſündhaften Gemüthes war nur kurz: jetzt kommt das Gericht.“ Der Angeredete ſtellte ſich, als wenn er das Geſagte nicht verſtände. Seinem tödtlichſten Feinde als Gefangener gegenüber, war Conanchet nicht der Mann, deſſen Entſchluß zum Wanken ge⸗ bracht werden konnte. Kalt ſtierte er den Redenden an, und kein Auge, mochte Argwohn oder lange Uebung es ſchärfen, konnte an ſeinen Mienen erkennen, daß er das Engliſche verſtand. Auch der Geiſtliche ward von dem Stoicismus des Gefangenen getäuſcht, brach ſeine Rede ab, und murmelte an deren Statt ein kurzes Gebet, in welchem ſich, der Bizarrerie und Ueberſpanntheit des Zeitalters gemäß, Anſchuldigung und Flehen um Gnade auf die ſeltſamſte Weiſe aneinander reiheten. Nach Beendigung dieſes Aktes trat Wolf Sanſtmuth zurück, um Diejenigen, welche mit dem Ur⸗ theil über den Indianer beauftragt waren, gewähren zu laſſen. Eben Dudley führte zwar in dieſem kleinen kriegeriſchen Aus⸗ fluge den militäriſchen Oberbefehl, hatte aber keine entſcheidende Stimme in Dingen, welche nicht ſtreng zu dem vollziehenden Theil der Unternehmung gehörten. Die Kolonial⸗Regierung hatte Kom⸗ miſſarien mitgeſchickt, mit der Vollmacht, über Philip, deſſen Er⸗ greifung man mit Zuverſicht erwartete, zu verfügen. Dem Richter⸗ ſpruch dieſer Mäͤnner wurde Conanchet jetzt überwieſen. Wir wollen den Lauf der Erzählung nicht aufhalten, und übergehen daher die Einzelnheiten der ernſten Berathung. Strenge Gewiſſenhaftigkeit und ein lebendiges Bewußtſeyn ihrer verantwort⸗ lichen Stellung beſeelte die Richter bei ihrer Entſcheidung, die erſt nach mehreren Stunden reiflicher Erwägung gegeben ward. Hierauf kündigte der Geiſtliche, welcher die Berathung mit Gebet eröffnet und geſchloſſen hatte, dem Uncas das Urtheil an: „Die Weiſen meines Volkes,“ ſagte er,„haben über dieſen Narraganſett Rath gehalten, und ihr Geiſt hat dem Gegenſtand ſtrenge Prüfung angedeihen laſſen. Der Schluß, zu welchem ſie führte, könnte für Manche den Schein haben, als wenn nur zeitliche Zwecke demſelben zum Grunde lägen; aber die himmliſche Vor⸗ ſehung hat— das vergeſſe Niemand— die menſchlichen Angelegen⸗ heiten dermaßen mit ihren eigenen, heiligen Abſichten verflochten, daß ſie dem fleiſchlichen Auge unzertrennlich vorkommen. Was wir in der vorliegenden Sache thun, geſchieht im Einklang mit unſerm Hauptgrundſatz, welcher iſt, Dir und Allen, welche in dieſer Wüſte 472 den Altar beſchützen helfen, unſer gegebenes Wort zu halten. Unſer Beſchluß aber iſt dieſer: Wir übergeben den Narraganſett Deiner Gerechtigkeit, ſintemal es klar iſt, daß, ſo lange er die Freiheit behält, Niemand Sicherheit genießt, weder Du, als ſchwache Stütze der Kirche in dieſen Regionen, noch wir, als demüthige und un⸗ würdige Diener derſelben. Darum nimm ihn hin, und verfahre mit ihm nach Deiner Einſicht. Nur in zwei Dingen wollen wir Deiner Gewalt über ihn Schranken ſetzen. Es geziemt ſich nicht, daß ein Menſchgeborner, ein Weſen mit menſchlicher Empfindung, im Fleiſche mehr erdulde, als nöthig iſt, um den Anforderungen der Pflicht zu genügen; deßhalb beſtimmen wir; daß dein Gefan⸗ gener nicht durch Martern ſterbe; und ſollen zwei von den Unſrigen Dich und ihn nach dem Richtplatz begleiten, auf daß ſie dieſen unſern barmherzigen Entſchluß ſtreng in Erfüllung gebracht ſehen. Unſere zweite Bedingung bei dieſer Fügung in die vorherbeſtimmende Nothwendigkeit iſt, daß ein chriſtlicher Geiſtlicher zugegen ſey, damit der Verurtheilte nicht dahinſcheide, ohne das Gebet eines Menſchen, der gewohnt iſt, ſeine Stimme flehend zu dem Fußſchemel des All⸗ mächtigen zu erheben. Alles dieſes jedoch unter der beſtändigen Vorausſetzung, daß es Deine Abſicht ſey, den Gefangenen mit dem Tode zu beſtrafen.“ Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hörte der Mohiganer zu; eine Wolke des Unmuths zog über ſein finſteres Geſicht, als er fand, daß ihm die Genugthuung verſagt war, die Feſtigkeit ſeines Feindes auf die äußerſte Probe zu ſtellen, ja ſie vielleicht zu beſtegen. Allein die Macht ſeines Stammes war längſt gebrochen, und Widerſtand wäre eben ſo nutzlos geweſen, als Murren erniedrigend. Der Häuptling fügte ſich alſo in die Beſchränkungen, und ſeine Indianer machten Anſtalt zur Vollſtreckung des Urtheils. Bei dieſem Volke gab es wenig widerſtreitende Meinungen auszugleichen, und die Silbenſtechereien, wodurch in geſitteten Staaten die Entſcheidung hingehalten wird, waren ihnen gänzlich —9 8 8„SAaed SͤA — unbekannt. Geradezu, rückſichtslos und einfach in allen ihren Ge⸗ bräuchen, hatten ſie im vorliegenden Fall wenig oder nichts weiter zu thun, als die Stimmen der vornehmſten Krieger zu ſammeln und ihrem Gefangenen das Reſultat mitzutheilen. Ihre Beſtimmungs⸗ gründe waren die Thatſache, daß das Glück einen unverſöhnlichen Feind in ihre Gewalt gegeben hatte, und der Glaube, daß Selbſt⸗ erhaltung ſeinen Tod verlange. Ob er mit Pfeilen in der Hand ergriffen wurde, oder ſich ihnen waffenlos auslieferte, wog nichts in ihrer Wagſchale. Der unglückliche Häuptling wußte recht gut, was ihm bevorſtand, als er die Waffen von ſich warf; daß er es deſſenungeachtet that, geſchah nicht etwa, weil er ſeine Feinde ſchonen wollte, ſondern weil er ſolch Verfahren ſeinem Charakter für angemeſſener hielt. Wenn ſie ihn daher blos zum Tode ohne vorherige Martern verurtheilten, ſo hatte er dieß nur dem Befehl der Weißen zu verdanken. Sobald die Kommiſſarien der Kolonie von dem Beſchluß der Indianer unterrichtet waren, eilten ſie von dem Orte hinweg mit einem Innern, das der ganzen Sophiſterei ihrer Lehren bedurfte, um nicht von Gewiſſensbiſſen beunruhigt zu werden. Ihrer haar⸗ ſcharfen Caſuiſtik gelang es jedoch noch unterwegs, die beſchwichtigende Entdeckung zu machen, daß, weit entfernt davon, eine wirklich grauſame That begangen zu haben, ſie eigentlich durch ihre mildernde Dazwi⸗ ſchenkunft eine Handlung chriſtlicher Barmherzigkeit ausgeübt hätten. Conanchet ſaß während der zwei oder drei Stunden, welche mit dieſen feierlichen Vorbereitungen zugebracht wurden, auf einem Stein, ein aufmerkſamer, aber augenſcheinlich unbewegter Zuſchauer alles deſſen, was in ſeiner Gegenwart vorging. In ſeinem Auge lag ein Ausdruck der Milde, dann und wann der Traurigkeit; aber nie verlor es den Glanz und den feſten Blick, der ihn ſo vortheilhaft aus⸗ zeichnete. Unverändert hörte er ſein Urtheil an; ruhig, wie beim ganzen Verlauf, ſah er die Weißen abziehen. Erſt als Uncas mit ſeinen Indianern und den beiden als Zeugen der Hinrichtung zurückge⸗ 474 bliebenen Koloniſten ſich ihm näherten, ſchien er aus ſeinem Hin⸗ brüten zu erwachen. „Meine Leute haben geſagt, es ſoll keine Wölfe mehr in den Wäldern geben,“ ſprach Uncas:„und haben unſern jungen Maͤnnern befohlen, den hungrigſten aller Wölfe zu tödten.“ „Es iſt gut;“ erwiederte kalt der Andere. Ein Schimmer der Bewunderung, vielleicht der Menſchlichkeit, überflog das grimmige Geſicht des Uncas, als er die Ruhe an⸗ ſtaunte, welche die männlichen Züge des Schlachtopfers verklärten. Sein Entſchluß ward auf einen Augenblick ſchwankend, und er fügte hinzu: „Die Mohigans ſind ein großer Stamm! das Geſchlecht der Uncas nimmt ab. Unſer Bruder bemale ſein Geſicht, ſo werden die lügenden Narraganſetts ihn nicht wieder erkennen, und er wird ein Krieger auf dem Feſtlande ſeyn.“ In Conanchet's edlem Gemüth bewirkte dieſe mildere Stimmung ſeines Feindes ein gleichartiges Gefühl. Aus ſeinem Auge ſchwand der unbeugſame Stolz, und weicher, menſchlicher ward ſein Blick. Eine ganze Minute lang ſchien er angeſtrengt nachzudenken, während welcher ein leiſes, kaum ſichtbar werdendes Beben um ſeine Lippen ſpielte, dann ſprach er: „Mohiganer, warum ſollten Deine jungen Leute Eile haben! Mein Sealp bleibt morgen noch das Scalp eines Großen Häupt⸗ lings, und zwei werden nicht daraus, wenn ſie es auch jetzt nehmen.“ „Hat Conanchet etwas vergeſſen, daß er nicht bereit iſt?“ „Sachem, er iſt ſtets bereit..... Aber.....“ er hielt inne, und ſprach die nächſten Worte mit bebender Stimme:„lebt ein Mohigan unbeweibt?“ „Wie viele Sonnen verlangt der Narraganſett?“ „Eine; wann die Fichte dort mit der Spitze ihres Schattens den Bach berührt, iſt Conanchet bereit. Er wird dann in ihrem Schatten ſtehen mit nackten Händen.“ ——— —.— 475 „Geh,“ ſagte Uncas mit Würde:„Ich habe das Wort eines Sagamor vernommen.“ Conanchet wendete ſich, ſchritt eilig durch den ſchweigenden Haufen, und war bald in dem umgebenden Wald verſchwunden. Einunddreiß igſtes Kapitel. Darum entblöße deine Bruſt. Kaufmann von Venedig. Wild und trüb war die Nacht. Des Mondes faſt volle Scheibe erſchien nur, wenn hin und wieder durch eine Oeffnung in den Dunſtmaſſen, welche durch die Lüfte zogen, ſein zuckender Lichtſtrahl auf einen Augenblick ſich auf die Erde ſenkte. Ein Süd⸗Weſt⸗Wind ſeufzte durch den Wald, und wurde ſtoßweiſe ſo heftig, daß die niedrigſte Pflanze mit allen ihren Blättern, wie mit ſo vielen Zungen, die Klagen des Windes zu wiederholen ſchien. Dieſe ergreifenden Naturtöne waren das einzige Geräuſch, welches die Feierſtille in dem Dorfe Wiſh⸗Ton⸗Wiſh und deſſen Umgebung angenehm unterbrach. Eine Stunde vor dem Moment, an welchen wir die Handlung der Erzählung wieder anknüpfen, war die Sonne in den nahen Wald geſunken, und die meiſten der einfachen, arbeit⸗ ſamen Einwohner ſchon zur Ruhe gegangen. Indeß glänzte noch Licht durch viele Fenſter des Heatheote⸗ Hauſes, wie die Landleute die Wohnung des Puritaners zu nennen pflegten. In den Außengebäuden und dem Hofe verrichteten die Knechte und Mägde die ländlichen Abendgeſchäfte, und nur in dem obern Theile der Wohnung herrſchte die gewöhnliche Ruhe. Einſam ging in der Vorhalle ein Menſch auf und ab, heftig, als wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet wäre. Es war der junge Marcus. Nach einigen Minuten ward er in dieſer unruhigen Bewegung unterbrochen; es ging eine Thür auf, und zwei leichte Geſtalten gleiteten furchtſam aus dem Hauſe. „Du biſt nicht allein gekommen, Martha,“ ſagte der Jüngling, halb unwillig.„Ich ſagte Dir, daß meine Mittheilung nur für Dein Ohr beſtimmt ſey.“. „Es iſt unſere Ruth. Du weißt, Marcus, ſie darf nicht allein gelaſſen werden, weil wir fürchten, ſie moͤchte wieder in den Wald entweichen. Sie gleicht einem ſchlechtgezähmten Rehe, das bei jedem wohlbekannten Waldgeräuſch fortſpringen will. Ich glaube ſogar, daß ich ſie jetzt ſchon zu weit von mir gelaſſen.“ „Sey unbeſorgt; meine Schweſter tändelt mit ihrem Kinde und denkt nicht an die Flucht; ich bin ja auch hier, und will ſie ſchon aufhalten, wenn ihr ſo etwas beikommen ſollte. Jetzt aber ſprich aufrichtig, Martha; ſag' mir, ob es wirklich Deine innerſte Meinung war, als Du mir verſicherteſt, daß die Beſuche des Bewerbers aus Hartfort weniger nach Deinem Geſchmacke wären, als deine Bekannten größtentheils glaubten?“ „Was ich verſichert habe, kann ich nicht zurücknehmen.“ „Aber bereuen.“ „Mein Mißfallen an dem jungen Manne zähle ich nicht zu den Fehlern, die ich zu bereuen hätte. Ich füͤhle mich zu glücklich in dieſer Familie, um zu wünſchen, ſie jemals zu verlaſſen. Und nun, da unſere Schweſter.... es ſpricht ja Jemand mit ihr, Marcus!“— Der junge Mann richtete den Blick nach dem andern Ende der Vorhalle und antwortete dann: „Es iſt nur der Narr. Sie ſprechen oft mit einander. Whittal iſt eben vom Wald zurückgekommen, wo er jeden Abend gern eine oder zwei Stunden herumirrt. Doch fahre fort: nun, da unſere Schweſter....“ Aufenthalt zu verändern.“ „Nun wohl, warum willſt Du denn nicht immer bei uns bleiben, Martha?“ .. hier iſt, habe ich noch weniger Neigung, meinen ☛ „O 10—— ——„—,——— ——— in, ten ns „Pſt!“ unterbrach ihn ſeine Gefährtin, die ſo ziemlich errathen konnte, was ſie hören würde, aber mit dem, der weiblichen Natur eigenthümlichen Eigenſinn gerade vor der Erklärung, nach welcher ſie ſich ſehnte, zurückſchrack.„Pſt!.... ich hörte ſich etwas bewegen. Ach, unſere Ruth und Whittal ſind entflohen!“ „Sie ſuchen ein Spielzeug für das Kind... dort ſiehſt Du ſie an den Außengebäuden. Nun ſo ſprich, warum willſt Du nicht das Recht, immer dazubleiben, annehmen und....“ „Es kann nicht ſeyn, Marcus,“ ſchrie das Mädchen, ihre Hand aus der ſeinigen loswindend;„ſie ſind entflohen!“ Marcus ließ, obgleich ungern, ihre Hand fahren, und folgte ihr an die Stelle, wo ſeine Schweſter geſeſſen hatte. Sie war in der That fort. In den erſten paar Minuten wollte ſogar Martha es ſich nicht geſtehen, daß Ruth mit der Abſicht, nicht wieder zurück⸗ zukehren, entſchwunden ſey. Sie waren Beide zu aufgeregt, um mit Beſonnenheit und auf dem rechten Wege zu ſuchen; und wahrſcheinlich war das geheime Vergnügen, welches ſelbſt dieſe ſtumme Fortdauer ihres Beiſammenſeyns ihnen machte, die Urſache, daß ſie nicht eher daran dachten, Lärm zu machen, als bis es zu ſpät war. Die Felder, die Gärten und Außengebäude wurden nun durchſucht, allein keine Spur der Flüchtlinge war aufzufinden. In der Finſterniß in den Wald zu gehen, wäre vergeblich geweſen; es blieb durchaus nichts anderes übrig, als während der Nacht eine Wache auszuſtellen, und ſich auf eine thätigere und regelmäßigere Nachſuchung am nächſten Morgen vorzubereiten. Aber lange, ehe die Sonne aufging, reiſeten die traurigen Flüchtlinge ſchon in einer ſolchen Entfernung vom Thale durch den Wald, daß die Anſtalten der Familie gänzlich nutzlos bleiben mußten. Conanchet voran, hinter ihm ſchweigend ſein Weib, Whittal Ring, mit dem Kinde auf dem Rücken, im unverdroſſenen Trabe den Zug beſchließend, ſo ging die Flucht vorwärts, über tauſend ſchroffe Wegeſtellen, quer durch Strombetten, und längs holpriger Hohlwege, 478 mit einer Schnelligkeit, welche ſelbſt den Eifer der Suchenden zu Schanden gemacht hätte. Stunden vergingen auf dieſe Weiſe, und keinem von den Dreien entfiel auch nur eine Sylbe. Ein paarmal machten ſie an Punkten Halt, wo kryſtallhelles Waſſer den Felſen herabfloß, tranken mit der hohlen Hand, und ſetzten dann ihre Reiſe fort, ſchweigend und anhaltend wie zuvor. Endlich blieb Conanchet ſtehen. Ernſt ſchaute er nach der Stellung der Sonne, und dann lang und angelegentlich nach den Merkzeichen im Walde, um ſich zu überzeugen, daß er ſich in ſeiner Beobachtung nicht täuſche. Einem ungeübten Auge würden die Bogengänge unter den Bäumen, die mit Blättern bedeckte Erde und die faulen Baumſtümpfe nirgends Unterſcheidungszeichen dar⸗ geboten haben. Aber Conanchet, in Wäldern groß geworden⸗ konnte ſich nicht täuſchen. Gleich zufrieden mit der Entfernung, die er gewonnen hatte, und mit der noch frühen Stunde, gab er ſeinen Reiſegefährten einen Wink, ſich neben ihn zu ſetzen, indem er ſelbſt auf einem niedrigen Fels, deſſen kahles Haupt aus einem Hügelabhang hervorragte, Platz nahm. So ſaßen ſie lange beiſammen, und brachen noch immer das Schweigen nicht. Narra⸗Mattah's Auge ſah prüfend ihrem Gatten in's Antlitz, wie es wohl dem Blicke des Weibes natürlich iſt, Be⸗ lehrung im Ausdruck der Züge zu ſuchen, die ſie gewohnt iſt, mit Verehrung anzuſchauen. Der Narr legte das fromme Kind zu den Füßen der Mutter, und ahmte der Anderen Schweigen nach. „Iſt die Luft der Wälder dem Geißblatt noch lieblich, nachdem es in dem Wigwam ſeines Stammes gelebt hat?“ ſo brach endlich Conanchet die lange Stille.„Kann einer Sonnenblume der Schat⸗ ten lieb werden?“ „Ein Weib der Narraganſetts iſt nirgends glücklicher als in der Hütte ihres Mannes.“ Das Auge des Häuptlings begegnete liebevoll ihrem zutrau⸗ lichen Blicke, und fiel dann ſanft und voller Vatergüte auf die — 7 5 S — ͤ——S—j E Sg „ 479 Züge des zu ihren Füßen liegenden Kindes; der Ausdruck bittern Schmerzes umwölkte ſeine Stirn. „Der Geiſt, welcher die Erde gemacht hat,“ fuhr er fort, „iſt ſehr klug. Er hat gewußt, wohin der Schierling gehört, und wo die Eiche gedeiht. Er hat den Hirſch und das Reh dem In⸗ dianiſchen Jäger gelaſſen, und dem Bleichgeſichte das Pferd und den Ochſen gegeben. Jeglicher Stamm hat ſeine eigenen Jagd⸗ gründe und ſein eigen Wild. Die Narraganſetts wiſſen, wie der Klammfſiſch ſchmeckt, die Mohawks aber eſſen die Beeren des Ber⸗ ges. Du haſt den ſchönen Bogen geſehen, welcher im Himmel glänzt, Narra⸗Mattah, und weißt, wie eine Farbe in die andere verfließt, gleich der Malerei auf dem Geſichte eines Kriegers. Das Blatt des Schierlings ſieht dem Blatte des Gerberbaums ähnlich; das des Gerberbaums dem der Eſche; das der Eſche dem des Kaſtanienbaums; das des Kaſtanienbaums dem der Linde; und das Blatt der Linde gleicht dem breiten Blatte des Baumes, welcher in den Lichtungen der Yengihs die rothen Früchte trägt; und doch hat der Baum mit den rothen Früchten keine Aehnlichkeit mit dem Schier⸗ ling! Conanchet iſt eine hohe, gerade Schierlingstanne, und Narra⸗ Mattah's Vater der Baum in den Lichtungen mit den rothen Früchten. Der Große Geiſt zürnte, als ſie ſo dicht nebeneinander wuchſen.“ Das ſinnige Weib konnte nur zu gut dem Gedankengange des Häuptlings folgen; aber ſie liebte, und wenn ein Weib liebt, da wird es ihrer Einbildungskraft nicht ſchwer, dem Geliebten den Schmerz zu verbergen. „Was Conanchet geſagt hat,“ antwortete ſie,„iſt wahr. Aber die Yengihs haben die Aepfel ihres Landes auf den Dorn unſerer Wälder geſetzt, und die Frucht iſt gut!“ „Sie iſt wie der Knabe da,“ ſagte der Häuptling, auf ſeinen Sohn hinzeigend;„nicht roth, nicht bleich. Nein, Narra⸗Mattah, wenn der Große Geiſt etwas befohlen hat, muß ſelbſt ein Sachem gehorchen.“ 480 1 „Will denn Conanchet ſagen, dieſe Frucht ſey nicht gut?“ fragte ſein Weib, indem ſie mit der Freude einer Mutter ihm den lächelnden Knaben entgegenhob. Des Kriegers Herz wurde gerührt; er beugte das Haupt und küßte das Kleine ſo zärtlich, wie nur immer Eltern von min⸗ der wilden Sitten ihre Kinder küſſen können. Einen Augenblick lang ſchien es ihm Freude zu gewähren, das vielverſprechende Kind anzuſchauen. Doch wie er das Haupt wieder emporhob, und ſein Auge unwillkührlich der Sonne begegnete, da veränderte ſich der Ausdruck in ſeinem Geſichte nur allzubald. Er winkte ſeinem Weibe, das Kind wieder auf die Erde zu legen, wendete ſich feier⸗ lich zu ihr hin und fuhr fort: „Die Zunge Narra⸗Mattah's ſpreche ohne Furcht. Sie iſt in der Hütte ihres Vaters geweſen, und hat von dem Ueberfluß darin gekoſtet. Iſt ihr Herz fröhlich?“ Das junge Weib zögerte zu antworten. Ihr brachte dieſe Frage plötzlich die Erinnerung zurück an alle jene wiederauflebende Gefühle ihrer Kindheit, an jene zärtliche Beſorgtheit, an jenes wohlthuende Mitgefühl, deſſen Gegenſtand ſie ſo kürzlich noch ge⸗ weſen. Doch alle dieſe Empfindungen wichen bald einer mächtigern. Ohne zu wagen, das Auge emporzuheben, und dem prüfenden Blick des aufmerkſamen Häuptlings zu begegnen, antwortete ſie mit feſtem Sinn, obgleich mit zagender Stimme: „Narra⸗Mattah iſt eine Gattin.“ „Nun, ſo wird ſie auf die Worte ihres Gatten hören. Co⸗ nanchet iſt kein Häuptling mehr. Er iſt ein Gefangener der Mohigans. Uncas erwartet ihn in dem Walde.“ Trotz der Erklärung, die das junge Weib ſo eben gemacht hatte, legte ſie bei dieſer Trauerkunde wenig von der Ruhe einer Indianerin an den Tag. Zunächſt ſchien es, als ſträubte ſich ihre Seele, den Sinn ſeiner Worte zu faſſen. Verwunderung, Zweifel, Schrecken und entſetzliche Gewißheit bemächtigten ſich nach einander ihres Bewußtſeyns; denn zu ſehr war ſie vertraut mit allen Ge⸗ bräuchen und Anſichten des Volkes, unter welchem ſie gelebt, als daß ſie nicht die ganze Gefahr, in der ihr Gatte ſchwebte, hätte begreifen ſollen. „Der Sachem der Narraganſetts Gefangener des Uncas der Mohiganer!“ wiederholte ſie für ſich, gleichſam als wenn ſie mit dem Tone ihrer Stimme irgend ein ſchreckliches Wahnbild von ſich ſcheuchen wollte.„Nein, Uncas iſt kein Krieger, der Conanchet tödten kann!“— „Höre auf meine Worte,“ ſagte der Häuptling, indem er den Arm ſeines Weibes berührte, wie man einen Freund aus einem tiefen Schlaf zu wecken pflegt.„In dieſem Walde hält ſich ein Bleicher Mann auf, ein in Höhlen ſich verkriechender Fuchs. Er verbirgt ſein Haupt vor den Yengihs. Als ſein Volk uns auf die Spur kam, heulend wie hungrige Wölfe, da traute dieſer Mann einem Sagamor. Es war eine flinke Jagd, und mein Vater fängt an, alt zu werden. Er beſtieg einen jungen Wallnußbaum gleich einem Bär, und Conanchet lockte die lügneriſchen Weißen von der Stelle hinweg. Aber Conanchet iſt kein Mooſethier. Sein Fuß kann nicht gehen wie ſließend Waſſer, in einem fort!“ „Und warum hat der große Narraganſett ſein Leben für einen Fremdling hingegeben?“ „Der Weiße iſt ein Tapferer;“ erwiederte der Sachem ſtolz: „Er hat das Scalp eines Sagamor genommen!“ Narra⸗Mattah ſchwieg wieder. Dumpf brütete ihre Seele über der ſchreckvollen Gewißheit. „Der Große Geiſt ſieht, daß der Mann und ſein Weib von verſchiedenen Stämmen ſind,“ antwortete ſie zagend.„Er will, daß ſie zu einem und demſelben Volke gehören. Conanchet verlaſſe die Wälder und gehe mit der Mutter ſeines Knaben in die Lichtung. Ihr weißer Vater wird ſich freuen, und der Mohiganer Uncas wird es nicht wagen, dem Häuptling dahin zu folgen.“ Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl. 31 482 „Weib, ich bin ein Sachem und ein Krieger meines Volks!“ Es lag eine Strenge und ein kalter Unwille in der Stimme Conanchet's, wie ſeine Gefährtin ſie noch nie gehört hatte. Er ſprach wie ein Häuptling zu ſeiner Sklavin, nicht mit jener männlichen Schonung, die er ſich in ſeinem Umgange mit einem Sprößling der Bleichgeſichter angewöhnt hatte. Die Worte wirkten auf ihr Herz wie ein tödtlicher Froſt, und der Schmerz machte ſie ver⸗ ſtummen. Der Häuptling ſelbſt blieb noch einen Augenblick in düſtrer Verſchloſſenheit ſitzen, ſtand alsdann mißmuthig auf, zeigte nach der Sonne, und winkte ſofort den Beiden zum Aufbruch. In⸗ nerhalb einer Zeit, welche Derjenigen, die mit hochſchlagendem Herzen ſeinen raſchen Schritten folgte, nur eine Sekunde lang ſchien, kamen ſie um eine kleine Anhöhe, und in der nächſten Mi⸗ nute ſahen ſie ſich in der Gegenwart einer Anzahl Menſchen, welche offenbar ſie erwartet hatten. Dieſe ernſte Gruppe beſtand aus Uncas, zweien ſeiner grauſamſten und kräftigſten Krieger, dem Geiſtlichen und Eben Dudley. Conanchet ging ſchnell auf die Stelle zu, wo ſein Feind ſtand, und faßte Poſten am Fuße des verhängnißvollen Baumes. Nachdem er auf den Schatten hingewieſen hatte, welcher noch nicht nach Oſten gekehrt war, kreuzte er ſeine Arme auf der nackten Bruſt, und blickte ſtolz und gleichgultig vor ſich hin. Todtenſtille herrſchte rings um ihn her. Die Gelaſſenheit auf dem dunklen Geſicht des Uncas war eine Maske, welche den Kampf der getäuſchten Erwartung, der abge⸗ zwungenen Bewunderung und des Mißtrauens in ſeinen Zügen nur ſchlecht verbarg. Er betrachtete ſeinen langgehaßten, furchtbaren Feind mit einem auflauernden Auge, damit ihm keine zum Vor⸗ ſchein kommende Schwäche entginge. Es war nicht leicht, zu ſagen, ob Verdruß oder Achtung das vorherrſchende Gefühl in ihm war, als er den Narraganſett ſo ſtreng Wort halten ſah. Von ſeinen zwei grimmigen Kriegern begleitet, ging der Häͤuptling, um die und dem nach ruſt, ſchte eine bge⸗ nur arren Vor⸗ agen, war, einen n die 483 Stellung des Schattens zu unterſuchen, und als ſie die genaue Pünktlichkeit ihres Gefangenen nicht länger leugnen oder bezweifeln konnten, entfuhr jeglichem von ihnen ein unwillkührlicher Ausruf des Beifalls. Wie ein umſichtiger Richter, deſſen Spruch durch frühere Rechtsfälle bedingt iſt, ſich freut, wenn er endlich die Ueber⸗ zeugung gewonnen hat, daß im Prozeßgange kein Fehler vorge⸗ fallen; ſo zufrieden winkte jetzt der Mohiganer den beiden Weißen, näher zu treten. „Du Menſch von wilder und unzähmbarer Natur!“ hob Wolf Sanftmuth in ſeinem gewohnten, aſcetiſchen Ermahnungston au; „die Stunde Deines Daſeyns nähert ſich ihrem Ende! Die Ge⸗ rechtigkeit iſt zufriedengeſtellt; Du biſt in der Wagſchale gewogen und zu leicht befunden worden. Allein die chriſtliche Liebe ermüdet nie. Wir können uns zwar den Anordnungen der Vorſehung nicht widerſetzen, aber wir dürfen dem Sünder den Streich minder ſchmerz⸗ lich machen. Daß Du hier biſt, um zu ſterben, iſt ein Befehl, welchen die Gerechtigkeit beſchloſſen hat, und die unerforſchlichen Geheimniſſe des Himmels ſollen wir mit Unterwerfung verehren; mehr aber verlangt ſein Wille nicht von uns. Heide! Du haſt eine Seele, und ſie iſt im Begriff, ihre irdiſche Wohnung zu ver⸗ laſſen, und eine unbekannte Welt zu....“ Bis jetzt hatte der Gefangene höflich, wie ein Indianer, wenn die Leidenſchaften in ihm ſchweigen, zu ſeyn pflegt, zugehört. Noch mehr, des Geiſtlichen innere Glut der Begeiſterung, der ſeltſame Kampf widerſtrebender Gefühle, den ſeine Züge verriethen, erregten in dem Häuptling etwas von der beſtechenden Ehrfurcht, mit wel⸗ cher er einem Propheten ſeines eignen Stammes zugehört haben würde, der ihm angebliche Offenbarungen des Manitu verkündet hätte. Als aber der Geiſtliche auf ſeine Lage nach dem Tode zu ſprechen kam, zerſtob jener Nebel; der Indianer glaubte die Wahr⸗ heit klar und unſehlbar zu kennen und ſiel daher dem Redner 484 plötzlich in's Wort. Sanftmuth's Schulter mit dem Finger be⸗ rührend, ſagte er:* „Mein Vater vergißt, daß die Haut ſeines Sohnes roth iſt. Der Pfad zu den glücklichen Jagdgründen gerechter Indianer liegt vor ihm.“ „Heide, in Deinen Worten äußert der oberſte Geiſt des Wahns und der Sünde ſeine Gottesläſterung!“ „St!... Hat mein Vater geſehen, was im Gebüſch ſich regte?“ „Es war der unſichtbare Wind, Du abgöttiſches, ſpieleri⸗ ſches Kind in Mannesgeſtalt!“ „Und dennoch hat es mein Vater angeredet,“ erwiederte der Indianer, mit der ruhigen und doch beißenden Ironie ſeiner Lands⸗ leute.„Sieh,“ ſetzte er mit Stolz, ja mit Wildheit hinzu;„der Schatten iſt ſchon bei der Wurzel des Baumes vorüber. Der kluge Mann der Bleichgeſichter trete zurück; ein Sachem iſt be⸗ reit zu ſterben!“ Sanftmuth ſeufzte laut auf, und zwar aus wirklicher Be⸗ kümmerniß; denn trotz der überſpannten Theorien und dogmatiſchen Sophiſtereien, welche ſein Urtheil trübten, waren ſeine Gefühle als Menſch ungeheuchelt. Sich dem, was er einen unerforſchlichen Rathſchluß des Himmels nannte, fügend, zog er ſich in eine kurze V Entfernung zurück, kniete dort auf einen Stein nieder, und während „ der noch übrigen Vorbereitungen hörte man ihn laut und brünſtig für die Seele des Verurtheilten beten. Kaum hatte der Geiſtliche ſich entfernt, ſo winkte Uncas dem Dudley heranzutreten. Wie redlich und gutmüthig dieſer Grenzler es auch meinte, ſo war er, ſeinen Anſichten und Vorurtheilen nach, doch immer nur ein Geſchöpf ſeiner Zeit. Wenn er zu dem Urtheil⸗ welches den Gefangenen ſeinem tödtlichen Feinde überlieferte, ſeine Stimme gab, ſo hatte er wenigſtens das Verdienſt, zuerſt dazu gerathen zu haben, daß der Unglückliche gegen jene ausgedachten 8 9U RN ☛& Grauſamkeiten geſchützt werde, welche die Wilden nur zu gern an ihren Opfern begehen. Er hatte ſich ſogar freiwillig angeboten, bei der Urtheilsvollſtreckung mit zugegen zu ſeyn, um das, wozu er gerathen, genau befolgt zu ſehen, obgleich er hierbei ſeinen natür⸗ lichen Gefühlen Gewalt anthat. Der Leſer beurtheile daher ſein Betragen in dieſem Falle mit der Milde, die eine billige Erwägung des Zuſtandes des Landes und der damaligen Sitten heiſcht. Aber ſelbſt bei allen Vorurtheilen konnte Dudley den menſchlicheren An⸗ muthungen ſeines Innern nicht widerſtehen, und als er jetzt den Uncas anredete, geſchah es nicht ohne Schwanken des Entſchluſſes, nicht ohne den Wunſch, den Gefangenen noch zu retten. „Ein glücklicher Zufall, Mohiganer,“ ſagte er,„und einige Unterſtützung von Seiten der Weißen, hat dieſen Narragenſett in Deine Hände geliefert. Es iſt nicht zu leugnen, daß die Commiſſa⸗ rien der Kolonie Dir erlaubt haben, mit ſeinem Leben nach Deinem Gutdünken zu verfahren; aber in jeder Menſchenbruſt iſt eine Stimme, welche lauter ſprechen ſollte, als die Stimme der Rache: es iſt die Stimme des Erbarmens. Noch iſt es nicht zu ſpät, ihr zu folgen. Nimm das Verſprechen des Narraganſett für ſeine Treue . nimm mehr, nimm dieſes Kind als Geißel, das nebſt ſeiner Mutter von den Engländern bewacht werden ſoll, und laß den Ge⸗ fangenen gehen.“ „Mein Bruder fordert mit weitem Munde!“ ſagte Uncas trocken. „Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich dieſe Bitte ſo ange⸗ legentlich thue,“ fuhr Dudley fort,„allein das Geſicht und Weſen dieſes Indianers rufen mir alte Erinnerungen und einſt erfahrene Gefälligkeiten in's Gedächtniß. Und auch an dieſes Weib hier knüpft ſich das Andenken von ſo mancher Stunde; ſie hängt mit einer Familie der Kolonie zuſammen, mit einem ſtärkern Bande, als das der gewöhnlichen Menſchenliebe..... Mohiganer, ich will noch ein ſtattliches Geſchenk an Pulver und Gewehren hinzu⸗ 486 thun, wenn Du der Barmherzigkeit Gehör geben, und mit dem Verſprechen des Narraganſett's zufrieden ſeyn willſt.“ Uncas wies mit kalter Ironie auf den Gefangenen hin und ſagte: „Conanchet ſpreche ſelbſt!“ „Du hörſt es, Narraganſett. Biſt Du wirklich Derſelbe, für den ich Dich zu halten anfange, ſo ſind Dir die Sitten der Weißen nicht ganz fremd. Sprich, willſt Du den Mohiganern ſchwören, daß Friede zwiſchen euch ſey, und daß Du die Streitaxt in dem Pfade zwiſchen euren Dörfern begraben willſt?“ „Das Feuer, welches die Hütten meines Volkes verbrannte, hat Conanchet's Herz in Stein verwandelt,“ war die feſte Antwort. „So kann ich weiter nichts thun, als ſorgen, daß der Ver⸗ trag nicht gebrochen werde,“ erwiederte der in ſeiner Erwartung getäuſchte Dudley. Du haſt Deinen eigenen Charakter, und der will ſeinen eigenen Weg gehen. Der HErr ſey Dir gnädig, In⸗ dianer, und berückſichtige im Gericht, daß Du als Wilder keine Gelegenheit hatteſt, Dich von der Wahrheit zu unterrichten.“ Schweigend gab er dem Uncas zu verſtehen, daß er fertig ſey⸗ und zog ſich einige Schritte vom Baume zurück. In ſeinen red⸗ lichen Geſichtszügen ſprach ſich die innigſte Theilnahme aus, ohne daß er jedoch den ihm gewordenen Auftrag, jede Bewegung der feindſeligen Parteien ſtreng zu bewachen, aus dem Auge verloren hätte. Jetzt nahmen die grimmigen Diener des Mohiganer⸗Häupt⸗ lings auf ein von dieſem gegebenes Zeichen ihre Plätze auf beiden Seiten des Gefangenen ein, offenbar das letzte todbringende Sig⸗ nal abwartend, um ihr unbeugſames Vorhaben zu verwirklichen. In dieſem ernſten Moment trat eine Pauſe ein, während welcher beide Hauptperſonen der Handlung ſich in ihrem Innerſten mit wichtigen Dingen beſchäftigten. Der Narraganſett hat nicht mit ſeiner Frau geſprochen, 4 ſagte Uncas, noch immer in der geheimen Hoffnung, daß ſein —, 487 Feind bei einer ſo ſchweren Probe eine unmännliche Schwäche zeigen würde.„Sie iſt in der Nähe.“ „Ich ſagte, mein Herz iſt Stein,“ erwiederte kalt der Narraganſett. „Schau hin; das Mädchen kriecht wie ein geſcheuchtes Reb⸗ huhn unter den Blättern. Wenn mein Bruder Conanchet auſ⸗ ſchauen will, wird er ſeine Geliebte ſehen.“ Das Geſicht Conanchet's verfinſterte ſich, verieth aber kein Schwanken. „Wenn der Sachem ſich fürchtet, in Gegenwart eines Mohiganers mit ſeiner Frau zu ſprechen, ſo wollen wir in's Gebüſch gehen. Ein Krieger iſt kein neugieriges Mädchen, daß er wünſchen ſollte, den Kummer eines Häuptlings anzuſehen.“ Conanchet fuhr haſtig mit der Hand an ſeine Seite, als ſuchte er eine Waffe, um ſeinen Feind zu Boden zu ſtrecken. In dieſem Augenblick aber ſtahl ſich ein leiſer, klagender Ton von einer nahe Hinzugetretenen in ſein Ohr, der plötzlich dem Sturme der Leidenſchaft eine andere Richtung gab. „Will ein Sachem ſeinen Knaben nicht ſehen?“ fragte ſie flehend.„Es iſt der Sohn eines großen Kriegers; warum blickt ſein Vater ihn ſo düſter an?“ Narra⸗Mattah war nahe genug, um ihn mit der Hand erreichen zu können, und hielt ihm zugleich das Pfand ihres frühern Glückes hin, als wollte ſie um einen letzten Liebes⸗ und Erkennungs⸗ Blick bitten. „Will der große Narragenſett ſeinen Knaben nicht ſehen?“ wiederholte ſie in Tönen, welche wie ein kaum hörbares Trauerlied klangen.„Warum blickt er ein Weib ſeines Stammes ſo düſter an?“ Selbſt die herben Züge des Sagamors der Mohiganer zeugten von Rührung. Er winkte ſeinen grimmigen Bluthunden, hinter den Baum zurückzutreten, und ging ſelbſt mit der edlen Miene, die der Wilde gewinnt, wenn ſeine beſſeren Gefühle vorherrſchen, bei 488 Seite. Jetzt hellte ſich ſchnell Conanchet's bewölktes Antlitz auf. Er ſah ſich plötzlich nach ſeiner vom Schmerz gebeugten Gattin um, vom Schmerz, weniger über ſeine Gefahr, als wegen ſeiner letzten zornigen Anrede an ſie. Er empfing den Knaben aus ihrer Hand, und ſchaute ihn feſt und lange an. Hierauf winkte er Dudley, dem einzigen Zeugen des Auftrittes, näher zu treten, und legte das Kind in deſſen Arme. „Sieh,“ ſagte er, indem er auf daſſelbe zeigte:„es iſt eine Blüthe aus den Lichtungen. Es wird im Schatten nicht gedeihen.“ Hierauf heftete er das Auge auf ſeine zitternde Lebensgefährtin. Eines Gatten Liebe lag in dem Blicke.„Blume des freien Landes!“ ſagte er;„der Manitu Deiner Race will Dich in die Felder Deiner Väter verſetzen. Die Sonne wird über Dir glänzen, und die Winde von jenſeit des ſalzigen See's werden die Wolken in die Wälder treiben. Ein gerechter und großer Fürſt kann ſein Ohr dem Guten Geiſte ſeines Volkes nicht verſchließen. Der meinige ruft ſeinem Sohn, zu jagen unter den Tapfern, welche die weite Reiſe ſchon gemacht haben; der Deinige ruft Dich nach einem andern Wege. Geh', hör' auf ſeine Stimme und gehorche. Deine Seele ſey wie ein weitum gelichtetes Feld; all' ihre Schatten ſeyen fern am Rande des Waldes; ſie vergeſſe den Traum, den ſie unter Bäumen träumte. Es iſt der Wille des Manitu!“ „Conanchet verlangt viel von ſeinem Weibe; ihre Seele iſt nur die Seele einer Frau!“ „Einer Frau der Bleichgeſichter; ſie gehe jetzt zu ihrem Stamme zurück. Narra⸗Mattah, Deine Landsleute haben ſeltſame Sagen. Sie erzählen, daß ein gerechter Mann für Menſchen von allen Farben geſtorben ſey. Ich weiß es nicht. Conanchet iſt ein Kind unter Weiſen, und ein Mann unter Kriegern. Wenn es wahr iſt, ſo wird er ſich in den glücklichen Jagdgründen nach ſeiner Frau und ſeinem Knaben umſehen, und ſie werden zu ihm kommen. Es gibt keinen Jäger unter den Yengihs, der ſo viele Rehe tödten ka unl he ei tr T V S Se —„—— o O d¼—, —,—— 489 kann. Narra⸗Mattah vergeſſe ihren Häuptling bis zu jener Zeit, und dann, wenn ſie ihn bei Namen ruft, ſpreche ſie laut, denn herzlich froh wird er ſeyn, ihre Stimme wieder zu hören. Geh'; ein Sagamor bereitet ſich zum langen Wege. Er nimmt mit traurigem Geiſte von ſeinem Weibe Abſchied. Sie wird die kleine Blume von zwei Farben vor ſich ſetzen, und ihr Glück in deren Wachsthum finden. Sie gehe jetzt. Ein Sagamor will ſterben!“ Das aufmerkſame Weib ſog die langſam und gemeſſen aus⸗ geſprochenen Worte, Sylbe für Sylbe, ein, wie ein in abergläubiſchen Legenden Erzogener die Ausſprüche eines Orakels. An Folgſamkeit gewöhnt, obgleich verwirrt durch ihren Schmerz, zauderte ſie nicht. Mit tiefgeſenktem Haupte, das Antlitz ganz verhüllt in ihrem Gewande, verließ ſie ihn. Sie ging bei Uncas vorbei: ihren Schritt hörte er nicht, als er aber ihre wankende Geſtalt ſah, wandte er ſich ſchnell und ſtreckte den Arm hoch in die Luft. Die ſchrecklichen Stummen erſchienen hinter dem Baum und verſchwanden auch wieder im Nu. Conanchet fuhr auf, und es hatte den Anſchein, als würde er auf das Geſicht fallen; allein mit einer entſetzlichen Anſtrengung ermannte er ſich, taumelte zurück gegen den Baum, und ſank in der Stellung eines Häuptlings im Rathe. Ein Lächeln wilden Triumphs ſaß auf ſeinem Antlitz, und ſeine Lippen bewegten ſich ſichtbar. Uncas bog ſich vorwärts, athem⸗ los lauſchend. „Mohiganer, ich ſterbe, aber mein Herz iſt Stein!“ das waren die im Todeskampf, aber feſt ausgeſprochenen Worte, die er zu hören bekam. Jetzt folgten zwei lange ſchwere Hauche. Der eine war der bis jetzt verhaltene Athem des Uncas; der andere der Todesſeufzer des letzten Fürſten des auf immer geſchwächten und zerſtreuten Stammes der Narraganſetts. 490 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Wo Schweigen herrſcht, da ſtirbſt Du nicht; Da fließt der Thräne Zoll herab; Geliebt, bis reizlos wird das Licht; Betrau'rt, bis Mitleid ſinkt in’'s Grab. Collins. Eine Stunde ſpäter, und die Haupthandelnden der vorher⸗ gehenden Scene waren verſchwunden. Es blieben nur des Häupt⸗ lings Wittwe, Dudley, der Geiſtliche und Whittal Ring. Conanchet's Leiche ſaß noch fortwährend an dem Platze, wo er verſchieden, gleich einem Indianerfürſten im Rathe. Die Tochter von Content und Ruth hatte ſich an die Leiche ihres Gatten herangeſtohlen, und ſaß ihr zur Seite, in jenen dumpfen Schmerz verſunken, welcher der ſtete Begleiter plötzlicher, darniederſchmet⸗ ternder Unglücksfälle zu ſeyn ſcheint. Sie ſprach nicht, ſchluchzte nicht, jammerte nicht; das Daſeyn des Schmerzes offenbarte ſich nicht an ihr anf die gewohnte Weiſe. Alle Regungen der Seele ſchienen gelähmt, das Bewußtſeyn von dem geſchehenen Streiche ſaß erſtarrend in jeder Linie ihrer ſo ſprechenden Phyſiognomie. Entflohen war die Farbe von ihren Wangen, das Blut von ihren Lippen, welche in Pauſen unwillkührlich bebten, wie an einem ſchlummernden Kinde, und ihr Buſen hob ſich nach längeren Zwi⸗ ſchenräumen, als kämpfte der Geiſt drinnen, ſein Gefängniß zu durchbrechen. Unbeachtet lag das Kind neben ihr. Whittal Ring hatte auf der andern Seite der Leiche Platz genommen. Die beiden Männer, die von der Kolonie beauftragt waren, der Hinrichtung beizuwohnen, ſtanden unweit von dem Baume, und ſtarrten trauernd auf die Jammerſcene hin. Sobald der Verur⸗ theilte den Geiſt aufgegeben hatte, hörte der Geiſtliche zu beten auf; denn ſeinem Glauben nach, ſtand die Seele nun vor dem Richterſtuhle des Ewigen. Aber ſein Ausſehen zeugte jetzt mehr — von allgemeiner Menſchenliebe, und weniger von übertriebener Strenge, als gewöhnlich in den tiefen Furchen ſeines ſchroffen Geſichtes zu leſen war. Nun die That geſchehen war, und der von ſeinen exaltirten Theorien zuwege gebrachte Aufruhr ſich vor der enthüllten Erſcheinung des Reſultats gelegt hatte, mochten ihn vielleicht Augenblicke des Zweifels quälen, ob die Handlung denn auch wirklich eine geſetzmäßige geweſen, zu deren Vertheidigung ihm die Formen einer regelmäßigen und unumgänglichen Gerechtig⸗ keitspflege bisher als Schleier gedient hatten. Dudley wußte weniger von den Sophismen der Jurisprudenz und der Theologie, daher blieb auch jetzt ſeiner Seele dieſes Hinundherſchwanken fremd. So wie ſeine urſprüngliche Meinung über die Nothwen⸗ digkeit des Verfahrens nicht auf überſpannten Begriffen beruhte, ſo konnte er jetzt mit weniger Zagen an die geſchehene Befolgung jenes Verfahrens denken. Eine ſehr verſchiedene Empfindung, oder vielmehr Rührung, beunruhigte dieſen entſchloſſenen aber redlichgeſinnten Grenzler. „Dies iſt eine traurige Heimſuchung der Nothwendigkeit, und eine ſtrenge Offenbarung des vorherbeſtimmenden Willens geweſen,“ ſagte der Fähnrich, indem er auf die niederſchlagende, vor ihm befind⸗ liche Gruppe hinblickte.„Vater und Sohn ſtarben beide, gleichſam in meiner Gegenwart, und beide ſind auf eine Weiſe in die Geiſter⸗ welt hinübergegangen, welche beweiſet, wie unerforſchlich die Wege der Vorſehung ſind. Aber gewahrſt Du in der Phyſiognomie dieſer, wie eine Marmorbildſäule daſitzenden Geſtalt, nicht Spuren eines bekannten Geſichtes?“ „Du machſt Anſpielung auf die Ehefrau des Kapitäns Content Heatheote, nicht wahr?“ „Fürwahr, auf Niemand ſonſt. Du wohnſt nicht lange genug in Wiſh⸗Ton⸗Wiſh, um wiſſen zu können, wie jene Frau in ihrer Jugend ausgeſehen habe. Mir aber kommt die Stunde, wo der Kapitän die Seinigen in die Wildniß führte, vor, als wenn ſie an 492 einem Morgen im vergangenen Jahre geweſen wäre. Ich war damals ein gewandter Burſch, aber etwas leichtſinnig und vorſchnell in der Rede. Auf jener Reiſe lernte ich Die zuerſt kennen, die jetzt die Mutter meiner Kinder iſt. Auch viele andere hübſche Frauenzimmer habe ich zu meiner Zeit geſehen, aber niemals eines, das dem Auge ſo gefallen hätte, als die Ehefrau des Kapitäns, bis zu der Nacht, wo das Blockhaus abbrannte. Du haſt von dem Verluſt gehört, welchen ſie damals erlitt; ſeit jener Stunde war ihre Schönheit die des Herbſtblattes, und nicht mehr die der Frühlingsblume. Nun ſieh' das Geſicht der Trauernden hier an, und ſprich, ob es der Mutter nicht gleiche, wie der Buſch im Bache dem am Ufer. In Wahrheit, ich könnte beinahe glauben, es ſey das kummervolle Auge und der verwaiſete Blick der Mutter ſelbſt!“ „Der Schmerz hat ſeinen Streich ſchwer fallen laſſen auf dies unſchuldige Opfer,“ ſprach Sanftmuth ſehr weich und gerührt. „Wir müſſen für ſie die Stimme des Gebetes erheben, ſonſt...“ „St!— Es ſind Leute in der Nähe; ich hoͤre die Bläͤtter kniſtern.“ „Die Stimme Deß, der die Erde gemacht, flüſtert im Winde; ſein Athem gibt der Natur Bewegung!“ „Es ſind lebende Menſchen!— doch, gottlob, es ſind Freunde, und wir werden uns nicht noch mehr ſchlagen dürfen. Vaterherz iſt ſicherer denn das ſchärfſte Auge und der ſchnellſte Fuß.“ Dudley ließ ſein Gewehr wieder zur Erde, und er und ſein Gefährte ſtanden in ruhiger, ehrerbietiger Stellung da, die Ankunft der Herannahenden erwartend. Die Seite des Baumes, wo Conanchet ſeinen Tod fand, war der herannahenden Geſellſchaft abgekehrt, ſo daß die am Fuße des Baumes ſitzende Gruppe durch deſſen Rieſen⸗ ſtamm und gewaltig hervorragende Wurzeln verborgen blieb, und nur Sanftmuth's und Dudley's Perſonen geſehen wurden. Der Anführende der Neuankommenden nahm nun ſogleich ſeine Richtung nach dem Fleck, wo Jene ſtanden. „Wenn, wie Du glaubſt, der Narraganſett Die, welche Du ſo lang betrauert haſt, wirklich wieder in den Wald geführt hat,“ ſagte Unterwerfung, der den Anderen als Führer diente,„ſo ſind wir hier in keiner großen Entfernung von ſeinem Aufenthalsort. Nicht weit von dem Felſen dort veranſtaltete er die Zuſammenkunft mit dem blutdürſtigen Philip, und der Ort, wo ſeine Sorgfalt mein nutzloſes, kummervolles Leben rettete, befindet ſich im Schooße jenes Gebüſches längs dem Bache. Dieſer Diener des Herrn, und unſer wackerer Freund, der Fähnrich, können uns vielleicht weitere Auskunft über ſeine Bewegungen geben.“ Der Sprechende ſtand innerhalb einer geringen Strecke von den beiden Genannten, aber noch immer jenſeit des Baumes, ſtille, indem Content, mit welchem er eben redete, auch ſtehen geblieben war, um auf Ruth zu warten, welche, auf ihren Sohn ſich ſtützend, und begleitet von Glaube und dem Arzt, die mitg ekommen waren, um die Wiederverlorne zu ſuchen, den Zug beſchloß. Das mütter⸗ liche Herz hatte der ſchwächlichen Frau Kraft gegeben, manche langwierige Meile“ auszudauern; allein kurz vorher, ehe ſie, nicht weit von der Stelle, wo ſie jetzt den beiden Agenten der Kolonie begegneten, ſo glücklich waren, auf Spuren menſchlichen Daſeyns zu ſtoßen, hatten ihre Füße angefangen, ihr den Dienſt zu verſagen. Obgleich der Grund, welcher jedes Mitglied in beiden Gruppen hierher gebracht hatte, von der Art war, daß er wohl lebendige Theilnahme veranlaſſen konnte, ſo war doch Niemand weder von der einen, noch von der andern Geſellſchaft ſonderlich über das unerwartete Begegnen im Walde erſtaunt. Das Reiſen im Walde war für dieſe Leute etwas Gewöͤhnliches, und wenn ſie nach tage⸗ langem Herumirren in den Baumlabyrinthen auf einen oder den andern Freund ſtießen, ſo war ihre gegenſeitige Begrüßung nicht anders, als wenn Leute in angebauten Ländern ſich auf einer viel⸗ beſuchten Straße begegnen. Selbſt die Erſcheinung des Fremden * Engliſche. 494 an der Spitze der Herankommenden ſchien Die, welche ihn kommen ſahen, nicht zu befremden; ihre Züge blieben ruhig wie zuvor. Und in der That darf man aus dieſer Ruhe ihrerſeits, die ſie ihn doch mehr als einmal in auffallenden und geheimnißvollen Verhält⸗ niſſen geſehen hatten, und aus der Gelaſſenheit, mit welcher er, der ſo lange Verborgene, ihnen entgegentrat, den Schluß ziehen, daß das Geheimniß ſeines Aufenthaltes in der Nähe von Wiſh⸗ Ton⸗Wiſh der Familie Heathceote nicht allein bekannt war; eine Vermuthung, die viel Wahrſcheinlichkeit enthält, wenn man das Amt des Einen und die Redlichkeit des Andern in Erwägung zieht. „Wir folgen der Spur eines Weſens, das entflohen iſt, wie ein frei herumgehendes zahmes Reh das vermißte Dickicht wieder ſucht,“ ſagte Content.„Unſer Suchen war ungewiß, und ſo viele Füße ſind kürzlich durch den Wald gegangen, daß es leicht ganz vergeblich ausgefallen wäre, wenn die Vorſehung uns nicht mit unſerm Freunde hier hätte zuſammentreffen laſſen, der Gelegenheit gehabt hat, die ungefähre Lage des Indianiſchen Lagers kennen zu lernen. Haſt Du was geſehen oder gehört von dem Sachem der Narraganſetts, Dudley? Wo ſind denn die Leute, die Du gegen den ſchlauen Philip anführteſt? Daß Du auf die Seinigen geſtoßen biſt, wiſſen wir ſchon; aber außer dieſem allgemeinen Erfolg haben wir noch nichts weiter in Erfahrung gebracht. Der Wompanoag iſt Dir alſo entwiſcht?“ „Die böſen Mächte, welche dem grauſamen Indianer in ſeinen Plänen beiſtehen, haben ihm auch aus dieſer Klemme geholfen. Sonſt wäre ihm das widerfahren, was, wie ich beſorge, ein weit Würdigerer zu erleiden verurtheilt wurde.“ „Von wem ſprichſt Du?.... Doch genug hievon: wir ſuchen unſer Kind; die Du gekannt und ſo kürzlich erſt geſehen haſt, iſt uns wieder entflohen. Wir ſuchen ſie in dem Lager ihres..... Dudley, haſt Du was vom Sachem der Narraganſetts geſehen?“ Der Blick, welchen der Fähnrich jetzt auf Ruth warf, glich vollkommen dem bei einer früheren, eben ſo ſchmerzlichen Veran⸗ laſſung, und ſo wie er damals kein Wort hervorbringen konnte, —— 495 erging es ihm auch jetzt. Sanftmuth faltete die Hände über der Bruſt, und ſchien innerlich zu beten. Indeſſen war Einer in der Näͤhe, der das Schweigen brach, obgleich ſeine drohenden Worte mehr gemurmelt als geſprochen wurden. „'s war eine blutige That!“ brummte der Narr;„der falſche Mohiganer hat einen großen Häuptling rücklings gemordet. Er ſorge nur, die Eindrücke ſeiner Moccaſins auf die Erde mit ſeinen Nägeln zu zerkratzen, wie ein wühlender Fuchs; denn es wird ihm Jemand auf der Spur ſeyn, ehe er ſein Haupt verbergen kann. Nipſet wird ein Krieger, kommt der nächſte Schnee!“ „Dort hoͤr' ich meinen verſtandesberaubten Bruder reden!“ rief Glaube, und ſtürzte hervor— ſchnell taumelte ſie zurück, be⸗ deckte ihr Geſicht mit beiden Händen und ſank zur Erde, ſo heftig ward ſie von dem, was ſie geſehen, ergriffen. Die Zeit behielt ihren gewöhnlichen Lauf, allein Denjenigen, welche Zeugen des neuen folgenden Auftritts waren, kam es vor, als enthielte der geringe Umfang weniger Minuten die Ideenzahl ſo vieler Tage. Es bedurfte keiner halben Stunde, um Allen den Zuſammen⸗ hang zu erklären. Die erſten ſchmerzlichen Momente der entſetzlichen Entdeckung waren ſo aufregend, daß wir es vorziehen, den Schleier der Schweigens über dieſe halbe Stunde zu werfen, und die Er⸗ zählung wieder da anzuknüpfen, wo der erſte Paroxysmus vorüber war. Die Leiche Conanchet's ſah man noch in der ſitzenden, an den Baum lehnenden Stellung. Seine Augen waren offen, obgleich verglaſet, ſeine Lippen zuſammengepreßt, ſeine Naſenloͤcher ange⸗ ſchwollen, und das ganze Geſicht drückte noch den ſtolzen Starkmuth aus, der ihn ſiegreich durch den letzten Kampf des Lebens geführt hatte. Schlaff zwar hingen die Arme an den Seiten, doch war die eine Hand zur Fauſt geballt, als wenn ſie noch die oft 496 geſchwungene Streitart hielte; an der andern ließ ſich noch erkennen, daß ſie während des Todeskampfes ſich vergeblich abgemüht hatte, den Platz im Gürtel zu finden, wo das Meſſer gewöhnlich ſtack. Dieſe zwei Bewegungen mußten jedoch unwillkürlich geweſen ſeyn, denn in jeder andern Beziehung lag Würde und Ruhe, und nicht Wuth in der Geſtalt des Dahingeſchieden en. Der Leiche zur Seite blieb der ſich für Nipſet ausgebende Narr unbeweglich ſitzen; in ſeinen in der Regel von ſtillem Wahn⸗ ſinn abgeſtumpften Zügen ſaß drohender Unwille. Alle Uebrigen, die zugegen waren, ſtanden um die Mutter und ihre gebeugte Tochter. Beſorgniß um die Letztere ſchien für den Augenblick jede andere Empfindung verdrängt zu haben. Es war nur zu viel Grund vorhanden, zu befürchten, daß der Todesſtreich, der ihren Gatten getroffen, auch ſie tödtlich berührt habe. Dieſe ſchreckliche Wirkung äußerte ſich indeſſen mehr durch eine gewiſſe Apathie nnd allgemeine Abſpannung ihres Aeußern, als durch heftige, unmittet⸗ bare Symptome. Die Pulſe ſchlugen noch, aber ſchwer und unregelmäßig, wie die Flügel der Mühle, wenn der hinſterbende Wind ſie immer ſchwächer treibt, bis ſie ſtille ſtehen. Der Ausdruck von Schmerz ruhte unbeweglich auf ihrem erblaßten Antlitz. Von Farbe nicht der leiſeſte Ton; ſelbſt die Lippen hatten das, wodurch Wachsbilder einen ſo unnatürlichen Eindruck machen. Regungslos wie die Züge, waren auch ihre Glieder; doch nein, pauſenweiſe bekundete eine krampfhafte Bewegung des Körpers, daß die Unglückliche nicht blos lebte, ſondern auch ein lebendiges, ſchmerzliches Bewußtſeyn von der Wirklichkeit ihrer Lage beſitze. „Dies macht meine Kunſt zu Schanden,“ ſagte Doktor Ergot, indem er ſich nach einer langen, ſtummen Unterſuchung des Pulſes, wieder in die Höhe richtete:„es gibt ein Myſterium im Körperbau, welches das menſchliche Wiſſen noch nicht zu entſchleiern vermochte. Die Ströme des Lebens gerathen zuweilen in eine unbegreifliche * 497 Erſtarrung, und der gegenwärtige Fall ſcheint mir einer von denen, welche die gelehrteſten Aerzte, ſelbſt in den älteſten Ländern der Erde, in Verwirrung ſetzen. In meiner Praxis habe ich Viele in dieſe lärmende Welt eintreten, und nur Wenige aus ihr ſcheiden ſehen; nichtsdeſtoweniger getraue ich mir vorauszuſagen, daß wir hier Eine vor uns ſehen, die das Leben verlaſſen wird, ehe das natürliche Maaß ihrer Tage erfüllt iſt.“ „Laſſet uns zum Heile ihres nimmer ſterbenden Theils uns an Den wenden, der das Ereigniß von Anbeginn der Zeit an geordnet hat,“ ſagte Sanftmuth, und winkte den Umſtehenden, ſich mit ihm im Gebet zu vereinigen. Der Geiſtliche erhob jetzt ſeine Stimme unter dem Waldge⸗ wölbe, in einem frommen, inbrünſtigen und beredten Gebet. Als dieſe feierliche Pflicht ausgeführt war, lenkte ſich Aller Aufmerkſam⸗ keit abermals auf die Dulderin. Zum allgemeinen Erſtaunen war das Blut wieder in die Wangen zurückgekehrt, und in dem ſtrahlen⸗ den Auge leuchtete Glanz und Friede. Sie machte ſogar eine Geberde, daß man ſie mehr empor richte, damit ſie die Umher⸗ ſtehenden beſſer ſehen könne. „Kennſt Du mich?“ fragte die zitternde Mutter.„Sieh Deine Freunde an, mein langbetrauertes, unglückliches Kind! Ich bin es, die Dich darum bittet, ich, die bei den Leiden Deiner Kindheit litt, bei Deinen Freuden ſich freute, und die über Deinen Verluſt ſo viele bittere Thränen vergoß. O, ruf in dieſem ſchreck⸗ lichen Augenblick die Lehren Deiner Jugend in's Gedächtniß zurück. Gewiß, der Gott, der Dich uns in Gnaden wiedergeſchenkt, hat er Dich auch auf wunderbarem Pfade geführt, wird Dich zuletzt nicht verlaſſen. Denk' an Deinen früheren Unterricht, Kind meiner Liebe; richte Deinen ermatteten Geiſt auf; der Same kann immer noch aufkeimen, iſt er auch an einem Ort ausgeſtreut worden, wo die herrliche Verheißung ſo lange verhüllt geblieben!“ „Mutter!“ erwiederte eine kindliche, ringende Stimme. Jedes Die Beweinte von Wiſh⸗Ton⸗Wiſh. 2. Aufl.⸗ 3² 498 Ohr vernahm den leiſen und doch hellen Laut, der eine allgemeine und athemloſe Aufmerkſamkeit verurſachte.„Mutter, warum ſind wir denn im Walde?“ ſetzte die Sprechende hinzu.„Hat man uns unſrer Heimath beraubt, daß wir unter den Bäumen wohnen?“ Ruth winkte bittend mit der Hand, daß Niemand den Wahn verſcheuche. „Die Natur,“ flüſterte ſie,„führt ihre Jugend ihr wieder vor die Seele. Ihr Geiſt ſcheide— wenn dies ſein heiliger Wille iſt— in der Seligkeit der Kindesunſchuld.“ „Warum weilen Marcus und Martha?“ fuhr die Andere fort. „Du weißt, Mutter, es iſt unſicher, weit in den Wald zu gehen; die Heiden könnten aus ihren Oertern ſeyn, und man kann nicht wiſſen, was dem Unvorſichtigen für Unfall begegnen könnte.“ Ein ſchwerer Seufzer entwand ſich der Bruſt des Vaters, und die nervige Hand Dudley's, welche auf der Schulter ſeiner Frau ruhte, zog ſich nach und nach feſt zuſammen, was ſie, trotz ihrer auf's Höchſte geſpannten Aufmerkſamkeit, unwillkührlich zwang, ſich ſeinem Rieſengriff zu entziehen. „Ich habe es dem Mareus ſchon geſagt; er iſt nicht immer Deiner Verbote eingedenk, Mutter, und die beiden Kinder gehen ſo gern zuſammen! doch Marcus iſt in der Regel gut; ſchmähle nicht, Mutter, wenn er ſich zu weit verirrt hat; nein, liebe Mutter, ſchmähle nicht.“ Der Jüngling wendete ſich ab; denn ſelbſt in ſolchem Augen⸗ blick ſträubte ſich der Stolz des Jünglings, von ſeiner eigenen Schwäche erzählen zu hören. „Haſt Du auch heute ſchon gebetet, meine Tochter 2“ ſagte Ruth, Faſſung erzwingend.„Du ſollteſt Deine Pflicht gegen Seinen gebenedeiten Namen nicht vergeſſen, wenn wir auch in dem Walde und ohne Obdach ſind.“ „Ich will jetzt beten, Mutter,“ ſagte die in den unbegreif⸗ lichen Wahn Verſunkene, und bemühte ſich, ihr Antlitz in Nuth's 499 Schooß zu verhüllen. Man kam ihrem Wunſche nach, und nun wiederholte ſie deutlich, und faſt mit derſelben Stimme wie in ihren Kinderjahren, ein Gebet, das für dieſes frühe Lebensalter paßte. Wie ſchwach auch die Laute waren, ſo entging dennoch kein ein⸗ ziger den Lauſchenden, bis gegen das Ende, wo die Ausſprache immer leiſer wurde, und endlich in eine hehre Stille überging. Ruth hob ihre Tochter empor, und ſah, daß ihre Züge den ſanften Anblick eines ſchlummernden Kindes darboten. Das Leben ſpielte noch auf ihnen, wie das zögernde Licht an der erlöſchenden Fackel bebt. Ihre Taubenaugen blickten Ruth an, und den Schmerz der Mutter milderte ein verſtehendes, ein liebendes Lächeln. Dann wanderten ihre ſanften Augen wiedererkennend und zufrieden von einem Angeſicht zum andern. Bei Whittal wurden ſie verwirrt und zweifelnd; als ſie aber auf das ſtarre, zürnende und noch immer gebieteriſche Auge des todten Häuptlings trafen, da hatte ihr Wandern ein Ende auf ewig. Während einer ganzen Minute kämpften Furcht, Zweifel und Verwilderung mit früheren Erinne⸗ rungen um den Sieg. Ihre Hände zitterten, und krampfhaft um⸗ klammerte ſie Ruth's Gewand. „Mutter!.... Mutter!....“ lispelte das von ſo vielen Ge⸗ müthserſchütterungen erſchöpfte Opfer.„Ich will noch einmal beten.... ein böſer Geiſt will mich faſſen.“ Ruth fühlte, wie ſie ſich mit aller Gewalt an ihr feſthielt, und hörte ſie einige Worte des Gebets hervorathmen, worauf ihre Stimme verſtummte und ihre Hände erſchlafften.— Als die halb⸗ ohnmächtige Mutter weggebracht war, ſchienen die Todten mit einem geheimnißvollen, geſpenſtiſchen, gegenſeitigen Verſtändniß einander anzuſchauen. Der Blick des Narraganſett⸗Fürſten war fortwährend, wie in ſeinen blühendſten Stunden, ſtolz, unbeugſam und voller Trotz; während das Auge des Weſens, das ſo lange von ihm ge⸗ liebt wurde, Verwirrung und Furcht, aber auch Hoffnung ausdrückte. Es folgte eine feierliche Stille; dann erhob ſich abermals Sanftmuth's 500 Stimme im Walde, den allmächtigen Beherrſcher des Himmels und der Erde bittend, daß ſeine Schickung den Ueberlebenden zur Heili⸗ gung gereichen möge. Wunderbar ſind die Veränderungen, welche auf dieſem Feſt⸗ land in weniger als anderthalb Jahrhunderten hervorgebracht worden ſind. Städte ſind emporgeſtiegen, wo ehedem das üppige Wald⸗ geſtrüpp den Boden bedeckte, und es iſt viel Grund zur Vermuthung vorhanden, daß ein blühender Ort jetzt auf oder dicht bei dem Fleck ſtehe, wo Conanchet ſeinen Tod gefunden. Allein ungeachtet dieſer allgemeinen Betriebſamkeit des Landes, iſt das Thal dieſer Legende noch bis zum heutigen Tage ziemlich unverändert geblieben. Der Weiler iſt zum Dorf angewachſen; die Meiereien haben ein ange⸗ bauteres Ausſehen gewonnen; die Wohnungen ſind geräumiger und etwas bequemer gemacht; die Zahl der Kirchen iſt auf drei geſtie⸗ gen; und längſt verſchwunden ſind die befeſtigten Gebäude nebſt allen andern Zeichen der Furcht vor Ueberfällen: aber immer noch iſt der Ort abgelegen, wenig bekannt und trägt das deutliche Ge⸗ präge ſeiner urſprünglichen Waldnatur. Ein Nachkomme des Marcus und der Martha iſt in dieſem Augenblicke Eigenthümer des Gutes, auf dem ſich ſo viele der er⸗ greifenden Vorfälle unſerer ungekünſtelten Erzählung zugetragen haben. Sogar das Gebäude, welches die zweite Wohnſtelle ſeines Ahnherrn geweſen, ſteht noch zum Theil, obgleich durch Anbauten und Verbeſſerungen bedeutend verändert. Die Obſtgärten, welche im Jahre 1675 jung und blühend waren, ſind jetzt alt und ab⸗ ſterbend. Die Bäume haben ihren Ruf wegen Vortrefflichkeit an jene mannigfaltigen Fruchtarten abgetreten, mit welchen der Boden und das Klima die Bewohner ſeitdem vertraut gemacht haben. Aber ihren Platz behaupten ſie noch, weil man weiß, daß unter ihrem Schatten gewaltige Thaten geſchehen find, und das ſittliche In⸗ tereſſe daher ihr Daſeyn unverletzbar erhält. —+Aæ— ———, Auch die Ruine des Blockhauſes iſt, freilich in ſehr verfallenem und ſtets mehr verfallendem Zuſtande, noch immer zu ſehen. An ihrem Fuß ſteht das letzte Wohnhaus der ganzen Familie Heath⸗ cote, deren Mitglieder nun ſchon ſeit zwei Jahrhunderten in jener Gegend lebten und ſtarben. Die Gräber der ſpäter Geſtorbenen ſind an Marmorſteinen erkennbar; der Ruine näher indeſſen gibt es viele, deren halb vom Graſe bedeckte Denkmäler aus dem ge⸗ meinen, grobkörnigen, einheimiſchen Sandſtein gehauen find. Jemand, dem die Erinnerungen an längſt dahingeſchwundene Tage theuer ſind, hatte vor einigen Jahren Veranlaſſung, den Fleck zu beſuchen. Die Zeit der Geburt und des Todes ganzer Generationen aufzufinden, ward ihm leicht durch die leſerliche In⸗ ſchrift auf den ſich mehr dem Blick entgegendrängenden Denkmälern Derer, die innerhalb der letzten hundert Jahre geſtorben waren. Weiter zurück aber war die Nachforſchung nicht ohne mühſame Schwierigkeiten; allein ſeinem Eifer gelang es, ſie alle zu überwinden. Jeder kleine Erdhügel, mit einer einzigen Ausnahme, hatte einen Stein, auf welchem eine, freilich ſehr ſchwer zu entwirrende Inſchrift ſtand. Ein nicht bezeichnetes Grab enthielt— ſo muth⸗ maßte man wegen ſeiner Größe und Lage— die Gebeine Der⸗ jenigen, welche in der Nacht des großen Brandes fielen. Auf einem andern las man, in tiefen Buchſtaben, den Namen des Pu⸗ ritaners. Er ſtarb im Jahr 1680. Dicht daneben befand ſich ein niedriger Stein; man entzifferte mit vieler Mühe das einzige darauf ſtehende Wort:„Unterwerfung.“ Ob das Datum 1680 oder 1690 war, ließ ſich nicht mehr ermitteln. Daſſelbe Geheimniß, welches einen ſo großen Theil des Lebens dieſes Mannes bewölkt hatte, umhüllte ſeinen Tod. Außer dem, was aus dieſen Blättern über ſeinen Namen, ſeine Familie und ſeinen Stand hervorgeht, hat nie Jemand ein Weiteres davon erfahren. Doch bewahrt die Fa⸗ milie der Heatheotes noch ein Parolebuch eines Corps Cavallerie, welches, der Ueberlieferung zufol ge, in einem oder dem andern 1 Zuſammenhang mit ſeinen Schickſalen geſtanden haben ſoll. Dieſer verwiſchten und unvollkommenen Urkunde iſt das Bruchſtück eines Tagebuchs beigefügt, welches Bezug auf Carl I. hat, von dem Tage ſeiner Verurtheilung an bis zu dem, wo er das Schaffot beſtieg. Content's Ueberreſte ruhten neben denen ſeiner früh geſtorbenen Kinder; es ſcheint, daß er im erſten Viertel des letzten Jahrhun⸗ derts noch gelebt habe. Vor einiger Zeit war noch ein Greis im Dorfe vorhanden, der ſich erinnerte, ihn als einen weißlockigen Patriarchen, ehrwürdig durch ſeine Jahre, und hochgeachtet wegen ſeiner Demuth und Gerechtigkeit, geſehen zu haben. Er hatte bei⸗ nahe, wo nicht völlig, ein halbes Jahrhundert als Wittwer gelebt. Dieſe niederſchlagende Thatſache wurde hinlänglich durch das Datum auf dem Stein des nächſten Grabhügels bewieſen; die Inſchrift lautete:„Das Grab Ruth's, Tochter von Georg Harding aus der Kolonie in Maſſachuſetts, und Frau des Kapitäns Content Heath⸗ cote.“ Sie ſtarb im Herbſt des Jahres 1675, und zwar, wie der Stein weiter berichtet:„An einem gebrochenen Herzen, wegen irdiſcher Angelegenheiten, durch viel Familienunglück, obgleich mit einer, auf den neuen Bund gegründeten Hoffnung und im Glauben an den HErrn.“ Der Geiſtliche, welcher vor einigen Jahren dem Gottesdienſte in der Hauptkirche des Ortes vorſtand, und vielleicht in dieſem Augenblicke noch vorſteht, heißt Lamm S anftmuth. Zwar ſtammt er von Demjenigen ab, welcher zu der Periode unſerer Legende Diener des Tempels war, allein Zeit und Zwiſchenheirathen haben den Namen, und glücklicherweiſe auch die dogmatiſche Aus⸗ legung deſſen, was Chriſtenpflicht ſey, verändert. Als dieſer wür⸗ dige Knecht Gottes bemerkte, daß der aus einer andern Provinz Gebürtige ebenfalls von Religionsbekennern abſtammte, die das ge⸗ meinſchaftliche Vaterland verlaſſen hatten, um Gott auf die ihnen eigenthümliche Weiſe anzubeten, und daß der Zweck, welcher den⸗ ſelben nach dem Orte geführt, in Verbindung mit den Schickſalen „—ͤ—————..—,—=— 503³ der erſten Bewohner des Thales ſtand, machte er ſich ein Ver⸗ gnügen daraus, dem Fremden in ſeinen Nachforſchungen behülflich zu ſeyn. Die Familien der Dudley's und der Ring's waren ſowohl im Dorfe als in deſſen Umgebung zahlreich. Er führte ihn an eine Stelle, wo in der Mitte vieler mit dieſen Namen bezeichneter Grabſteine ſich ein älterer erhob, auf welchem dieſe Worte zu leſen waren:„Ich bin Nipſet, ein Narraganſett; nächſten Schneefall werde ich ein Krieger!“ Ein Gerücht geht, daß der unglückliche Bruder der Glaube nach und nach zu den Gebräuchen des geſitteten Lebens zurückkehrte, jedoch häufig ſich in der Einbildung an den verführeriſchen Freuden zu ergehen pflegte, die er einſt in den freien Wäldern genoſſen hatte. In ihrer Wanderung durch dieſe teaurigen Ueberreſte ehema⸗ liger Scenen fragte der Fremde, wo Conanchet begraben liege? Der Geiſtliche war ſogleich bereitwillig, den Ort zu zeigen. Das Grab befand ſich auf dem Hügel, und war nur an einem Stein zu Häupten bemerkbar, den der Fremde bei ſeiner erſten Nach⸗ ſuchung, wegen des üppigen Graſes, überſehen hatte. Es waren nur die Worte zu leſen:„der Narraganſett.“ 3 „Und dieſer daneben?“ fragte der Forſcher.„Hier iſt ja noch einer, den ich vorher nicht bemerkte.“ Der Geiſtliche beugte ſich zur Erde und ſäuberte das beſchei⸗ dene Grabmal von dem darauf wuchernden Mooſe. Dann zeigte er auf eine, mit mehr als gewöhnlicher Sorgfalt gegrabene Zeile. Die Inſchrift lautete einfach: „Die Betrauerte des Thales.“ *06 0— “““