Leihbiblioth F deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 5 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird... 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: für 1lchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ¹ ——— auf 1 Monat: 4 WMet.— Pf. 1 Mer. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Meine beſteht in der Furcht vor dem möglichen Verluſt des theuer⸗ ſten Kleinodes, das ich auf Erden beſitze. Doch jetzt, wo Iſabella in Kürze Deine Gattin wird, darf ich als rechtlicher Mann nicht länger zögern, mein Geheimniß zu offenbaren. Du warſt noch nicht geboren, Theobald, als ich meine reiche Gattin heimführte. Es war dies eine liebeleere, aber ſonſt zufriedene Ehe. Die Schuld mei⸗ ner Gattin war es nicht, daß ſie mir nie mehr als Creſſieur, Die Kunſtreiterin. III. 1 2 3 7 1 5 jedee den 6 ine 5 eine treue Gehülfin im Leben wurde, denn ſie beſaß das vortrefflichſte beſte Herz, das mich wohl mehr liebte, als ich verdiente. Vielleicht hätte ſie jeden andern Mann recht glücklich gemacht. Ich hatte ſie aber nur aus Convenienz geheirathet, und unſere Charaktere paßten wenig für einander. Vielleicht trug auch der Umſtand, daß wir kinderlos blieben, zu meiner Gleich⸗ gültigkeit bei, möglich auch, daß er ſie noch ſteigerte. Bei dem Regimente, in welchem ich diente, hatte ich einen Jugendfreund, deſſen Eltern mit den meinen ſeit Jahren befreundet geweſen waren. Oskar Hör⸗ wald und ich liebten uns wie Brüder. Dein Vater, Theobald, ſtand mir ferner als Oskar, denn Zeit und Verhältniſſe hatten uns Brüder frühzeitig getrennt, uns einander entfremdet. Ich hörte jahrelang nichts von Deinem Vater, der nach Amerika gegangen war, um dort ein Glück zu ſuchen, das er weder hier noch dort fand. Oskar hingegen ſah ich täglich und ver⸗ kehrte durch Jahre mit ihm. Es gehört nicht hierher, Dir die näheren Details dieſer Freundſchaft auseinanderzuſetzen. Es ſei Dir genug, wenn ich Dir ſage, daß man uns im Regimente Oreſt und Pylades nannte, was wir auch waren. Auf Wunſch eines reichen Onkels in Baiern, den Oskar einſt beerben ſollte, quittirte er den Dienſt, um zu dem 5 reichen Grundbeſitzer zu ziehen. Wir mußten uns tren⸗ nen, aber unſere gegenſeitigen Briefe bildeten unſern Troſt. So verfloſſen die Jahre. Ich war in Wien in Garniſon und längſt verheirathet, als ich von Oskar einen Brief erhielt, in welchem er mir mittheilte, daß ſein Onkel geſtorben und er deſſen Univerſalerbe ge⸗ worden ſei. Zugleich gab er mir bekannt, daß er ſelbſt im Begriff ſtehe, ſich zu verheirathen. Trotzdem dieſer Brief meines Freundes die alte Herzlichkeit gegen mich athmete, entging mir doch ein Zug des Geheimnißvollen nicht, welcher denſelben durchwehte. Dies war auch der Fall mit allen nachfolgenden Briefen, die mir ſeine ſtattgehabte Vermählung und endlich die Geburt eines Kindes anzeigten. Den Familiennamen ſeiner Frau verſchwieg er, und theilte mir nur mit, daß er dieſelbe auf einer Reiſe kennen gelernt. Ich ſchrieb ihm hierüber, und erhielt zur Antwort, daß er mir vorläufig noch den Namen ſeiner Gattin verſchweigen müſſe, indem dieſelbe, als die Tochter eines ſtolzen Ariſtokraten, ihre Ehe mit einem Bürger⸗ lichen noch zu verheimlichen gezwungen ſei. Sobald Zeit und Umſtände eine Eröffnung geſtatten würden, ſchrieb Oskar, ſolle ich der Erſte ſein, dem Alles mit⸗ getheilt werde. Es war das erſte Geheimniß, das 1* mein Freund vor mir hatte, und ich kannte ihn zu ge⸗ nau, um nicht zu wiſſen, daß es von großer Wichtig⸗ keit ſein müſſe, wenn er es ſelbſt mir nicht anvertraute. Seine Briefe athmeten das Glück ſeiner Ehe. Den Grundbeſitz ſeines Onkels verkaufte er und lebte nun zurückgezogen in München. Er gab mir nach einiger Zeit bekannt, daß ſeine Frau zu ihren Angehörigen gereiſt ſei, da ihr Vater ſchwer erkrankt und daß er ihr dahin zu folgen beabſichtige, da nun Alles klar in ſeiner Ehe werden ſolle. Er bedauerte, mich nicht in der Nähe zu haben, um mir ſein kleines Mädchen an⸗ vertrauen zu können, das noch zu klein ſei, um eine Reiſe zu unternehmen und welches er während ſeiner kurzen Abweſenheit in einen ſicheren Koſtort geben wolle. Ich erwartete nun, längere Zeit keinerlei Nachrichten zu erhalten; wie ſtaunte ich daher, als ſchon in den nächſten Tagen ein Brief anlangte, deſſen an mich ge⸗ richtete Adreſſe zwar eine andere Handſchrift trug, in welchem aber von Oskar's Hand die wenigen Worte mit Anſtrengung geſchrieben ſtanden, die ich Dir bei⸗ lege und die alſo lauteten: „„Eile ſo ſchnell Du kannſt zu mir, ich bin ſchwer erkrankt; ich fürchte, meine Tage ſind gezählt. Mein armes Kind!— Sollte ich ein Opfer der giftigen Seuche werden, die hier ausgebrochen, dann nimm ——— —2 2 2 —— meine Kleine zu Dir, ſie iſt bei Frau Bard in Koſt, und bringe ſie zu ihrer armen Mutter, die ich grüße. Meine Gattin iſt die Tochter des....““*. Der fol⸗ gende Name iſt ſo undeutlich geſchrieben, wie Du ſelbſt ſehen wirſt, daß kein Menſch ihn enträthſeln konnte. Offenbar hatte den Schwerkranken die Kraft verlaſſen, die Feder ordentlich zu führen, und er ſtarb viellecht in dem frohen Bewußtſein, ſein Geheimniß mir vor dem Scheiden anvertraut zu haben. Ich ſtand vor einem unenthüllten Räthſel. Wie betäubt ſtarrte ich die Schriftzüge meines armen Freun⸗ des an. Die entſetzensvolle Thatſache, daß die Lebens⸗ thätigkeit Hörwald's gerade in dem Momente aufgehört, in welchem er mir ein Geheimniß hatte enthüllen wollen, das für ſein Kind ſo wichtig, lähmte für einen Mo⸗ ment meine moraliſchen Kräfte. Aber noch war nicht Alles verloren, er ſelbſt vielleicht noch am Leben, im ſchlimmſten Falle die Mutter des Kindes, die wohl zu erforſchen war und die ſich gewiß bald um ihr Kind bekümmern würde. Dieſe Erwägungen gaben mir meine Hoffnungen wieder. So raſch als möglich reiſte ich ab, indeß die Zeit, bis zu welcher mein Urlaub mir bewilligt wurde, war, obgleich ſehr kurz, doch zu lang. Bis ich in Mün⸗ chen ankam, war mein armer Freund bereits der — ——— Seuche erlegen, die damals in ſo furchtbarer Art dort wüthete. Ich fand in ſeiner Wohnung nur die Haus⸗ beſitzerin ſelbſt vor, alle andern Partheien waren vor der Cholera entflohen. Die Hausfrau war jene Frau Bard, welcher mein Freund ſein Kind anvertraut hatte. Sie wußte mir über die näheren Verhältniſſe meines Freundes, der mit ſeiner Frau erſt ſeit Kurzem bei ihr wohnte, nichts mitzutheilen, da ſie ſich nie über dieſelben erkundigt hatte. Sie erzählte mir nur, daß vor wenigen Tagen, gleich nach dem Tode Hörwald's, ein Stiefbruder des Verſtorbenen Namens Meier da⸗ geweſen ſei, der das Leichenbegängniß beſorgt und alle Familienpapiere an ſich genommen, auch verſprochen habe, in einigen Tagen wieder zu kommen, um die Kleine mitzunehmen. Ich ſtaunte nicht wenig über dieſe Nachricht, da ich genau wußte, daß Oskar nie⸗ mals einen Stiefbruder gehabt. Meine Vermuthung konnte aber nur die ſein, daß der pſeudonyme Stief⸗ bruder ein Abgeſandter von Hörwald's Gattin geweſen! Aber weshalb hatte er dann das Kind nicht gleich mit ſich genommen? Frau Bard wußte wer ich war, denn ſie war es geweſen, welche die Adreſſe auf meinen Brief geſchrie⸗ ben. Noch vor ſeinem Tode bat Oskar Frau Bard, mir das Kind zu übergeben, im Fall ich käme, damit A— 2 7 ich es zu ſeiner Mutter brächte. Er war mithin wirk⸗ lich in dem Glauben geſtorben, mir den Familiennamen ſeiner Gattin deutlich geſchrieben zu haben. Frau Bard zeigte mir das Kind. Es war ein Mädchen von ungefähr einem halben Jahre, das in einem reinlichen Bettchen lag. Es hob die Aermchen gegen mich und lächelte mir zusund fing an zu zap⸗ peln und zu ſchreien. Ich nahm das Kind in meine Arme, es jauchzte mir entgegen. Ich, der ich nie ein Kind gehabt hatte, in mir erwachte plötzlich die ganze Sehnſucht nach einem ſolchen. Wie! Wenn ich das Kind behielte? Hatte ſein Vater es mir nicht anver⸗ traut? Aber nein, das durfte ich ja nicht; meine Pflicht war, es zu ſeiner mir unbekannten Mutter zu bringen! Ich machte bei der Behörde von dem Geſchehenen Anzeige, bat um Auskunft über Hörwald's Gattin, wie deſſen Nachlaß; man konnte mir keine geben. Hör⸗ wald war nicht bei der Polizei eingeſchrieben. Ob aus Fahrläſſigkeit oder Abſicht, wer vermochte mir dies zu ſagen! Ich bat um Beiſtand in dieſer Angelegenheit. Man wies mich ab, denn man wollte ſich in dieſer Zeit des Schreckens und der Rathloſigkeit, die alle Gemüther bei Ausbruch der Cholera ergriffen zu haben ſchien, nicht auch noch mit fremden Angelegenheiten befaſſen, da Hörwald's Kind nicht nach München zuſtändig, dort nicht geboren war. Was ſollte ich thun? Der einzige Ausweg blieb mir, des räthſelhaften Stiefbru⸗ ders Rückkehr abzuwarten. Doch ſollte ich dies hier in der Stadt des Schreckens thun, in welcher täglich ſo viele Opfer der entſetzlichen Seuche fielen? Konnte nicht auch das zarte, meinem Schutze anvertraute Kind davon ergriffen werden, oder ich, der es zu ſeiner Mut⸗ ter bringen ſollte? Und überdies konnte jener Herr Meier nicht ebenſo gut ein Betrüger ſein, der die all⸗ gemeine Verwirrung nur benutzte! All' dieſe Ueber⸗ legungen beſtimmten mich zu dem Entſchluſſe, mit der Kleinen zu meiner Gattin heimzukehren, nachdem ich Frau Bard meine genaue Adreſſe zurückgelaſſen hatte für den räthſelhaften Stiefbruder, den ich ſelbſt ſehen, ſelbſt ſprechen wollte, bevor ich das arme Kind ſeinem Schutze anvertraute. So kehrte ich denn heim mit der Kleinen zu mei⸗ ner Gattin. Anfangs ängſtigte mich der Gedanke, daß ſie das Kind nicht aufnehmen würde; doch ich täuſchte mich. Mit wahrhaft weiblicher Milde und Güte nahm ſie ſich des vater⸗ und mutterloſen Kindes an. Von jener Zeit an knüpfte das kleine Weſen ein Band um mich und meine Gattin, das Band der Eintracht, des Vertrauens! Es galt nun die Erforſchung der Gattin meines Freundes! Aber wie, auf welchem Wege dies bewerk⸗ ſtelligen, da mir jeder Anhaltspunkt, jedes dazu gehörige Document fehlte? Ich ſcheute indeſſen weder Koſten noch Mühe, reiſte abermals nach München zurück, nach⸗ dem jener Meier weder kam, noch etwas von ſich hören ließ. Immer mehr beſtärkte ſich in mir der Verdacht, daß er einer jener routinirten Verbrecher war, welche ſich wichtiger Documente zur Ausführung ihrer Schlech⸗ tigkeiten bemächtigen, um gelegentlich Nutzen daraus zu ziehen und ich dankte Gott, daß ich das Kind in Sicherheit gebracht! In München angekommen, fand ich das Haus der Frau Bard leer und verſchloſſen. Auch ſie war ein Opfer der entſetzlichen Krankheit ge⸗ worden und Niemand konnte mir Auskunft geben, ob vor Frau Bard's Tode ein Herr Meier nochmals bei ihr geweſen. Noch blieben mir zwei Anhaltspunkte. Der eine war, den Ort zu beſuchen, wo die einſtige Beſitzung meines Freundes lag; der zweite, ein Aufruf in den Zeitungen, um die Mutter des Kindes aufmerk⸗ ſam zu machen, im Fall man ihr falſche Nachrichten hinterbracht habe. Auf dem früheren Landgute erinnerte man ſich wohl noch meines Freundes und ſeiner Gattin, welche er aus dem Auslande hierhergebracht. Doch er hatte gleich darauf die Beſitzung veräußert, war aus der dortigen Gegend fortgezogen, und man hatte ſich nicht weiter um ihn bekümmert. Der Aufruf in mehreren Zeitungen blieb ebenſo erfolglos; die Mutter des armen Kindes meldete ſich nicht. Entweder war ſie todt, oder ſie wollte ſich nicht um ihr Kind bekümmern, war viel⸗ leicht froh, dieſer Sorge enthoben zu ſein. Beide Fälle waren höchſt traurig; der letztere, welcher ein Zeugniß der Herzloſigkeit der Mutter war, noch mehr als der erſtere. Und doch, kamen ſolche Fälle nicht häufig vor? Ich kannte ja Hörwald's Gattin nicht, mußte daher auf Alles gefaßt ſein. Nach Oskars eigenem Ausſpruch war ihre beiderſeitige Trauung den Ange⸗ hörigen ſeiner Gattin verheimlicht worden; konnte ſie nicht dieſen Umſtand benutzen, um jetzt eine ihrem Stande ebenbürtige Parthie einzugehen, bei welcher das Kind ihr läſtig ſein mußte? Es meldeten ſich wohl Perſonen auf dieſe Zeitungsanzeige hin, jedoch bei keiner derſelben trafen die hier vorliegenden Umſtände zuſammen und mich ergriff durch dieſe Anfragen neuer⸗ dings die Furcht vor ſpeculativen, gewiſſenloſen Men⸗ ſchen, welche die myſteriöſe Angelegenheit zu ihren Zwecken auszubeuten trachten könnten. Ich unterließ daher von nun an jede fernere öffentliche Anzeige, aus Furcht gezwungen zu werden, das arme, unſchuldige 44. Weſen einem ungewiſſen Schickſal Preis zu geben. Nein, dazu hatten wir die Kleine bereits zu lieb und ſo blieb ſie vorläufig bei uns. Als gar kein Anhaltspunkt ſich mir für die arme Kleine zeigte, ſcheute ich weder Koſten noch Mühe, das Kind für mein eigenes auszugeben. Es galt als unſer Kind, ohne es zu ſein, und nach dem Tode meiner Gattin bildete es meine Stütze im Leben. Nach den in ihrer Wäſche vorgefundenen Merkbuchſtaben und nach dem gravirten J. in einem goldenen Kreuz⸗ chen, das ſie um ihren Hals getragen, als ich ſie fand, nannten wir ſie Iſabella. Das Kreuzchen enthielt die ferneren gravirten Worte:„„J. H. 1. Mai 1833.7 Vermuthlich iſt dies Iſabella's Geburtstag und wir feierten ihn von da ab auch an jenem Tage. Du warſt oft Zeuge, Theobald, wenn Iſabella mich befragte, bei welcher Gelegenheit ſie dieſes Kreuz⸗ chen erhalten. Ihre Fragen über ſolche Dinge ſetzten mich jedes Mal in unangenehme Verlegenheit. Vor ihrer Verbindung mit Dir ſoll ſie aber Alles erfahren. Das gute Kind! Gott ſegne ſie! Du weißt nun, weshalb ich Eure beiderſeitige Ver⸗ bindung wünſche. Mein Name, den Iſabella ſo lange unrechtmäßig geführt, ſoll ihr durch Dich in Wahrheit 12 zu Theil werden. Es iſt dies ein Wunſch, den ich ſeit Jahren hege. Mache ſie glücklich, Theobald, ſie verdient es. Möge es Dir gelingen, Licht in das Dunkel ihrer Abkunft zu bringen. Die hier beiliegen⸗ den Briefe meines Freundes ſollen Dir zum Anhalts⸗ punkte dienen. Auch biſt Du berechtigt, dieſe meine Zeilen nach Umſtänden zu benutzen. Karnſtein, am 10. April 18.. Franz Alſing.“ Es wäre ein intereſſantes Studium geweſen, die verſchiedenen Eindrücke zu erforſchen, welche dieſes Schreiben bei den Anweſenden hervorrief und die eiſerne Ruhe zu beobachten, welche Denjenigen beherrſchte, welcher dieſelben hervorgerufen. Kalt, anſcheinend theilnahmslos, aber in Wahrheit ſcharf beobachtend, überſah ſein ſchlauer Blick die hier Verſammelten, und feſte Entſchloſſenheit zeigte ſich um ſeine ſchmalen Lippen. „Nach all' dem ſo eben Vernommenen iſt es alſo an uns, Sie als den rechtmäßigen Erben ihres Onkels zu begrüßen“, unterbrach die ſchrille, ſcharfe Stimme des anweſenden Landrichters das momentane Schwei⸗ gen, indem er ſich dabei an Theobald Alſing wandte. Der Bann war mit dieſen Worten gelöſt, welchen das Schreiben hervorgebracht und der auf den An⸗ . —; 13 weſenden gelaſtet hatte. Man drängte ſich in über⸗ ſtürzender Haſt zu dem ſo plötzlich mit Glücksgütern Geſegneten, und man vergaß des armen, unglücklichen Mädchens, dem man bis jetzt gehuldigt! „Ich bin erbötig, Iſabella zu unterſtützen“, ſagte Alſing kalt,„obgleich ich ſelbſtverſtändlich jeder Ver⸗ bindlichkeit gegen ſie nach dem Geſetze enthoben bin.“ „Natürlich, natürlich. Ihrer Großmuth allein hat ſie von jetzt ab Alles zu verdanken“, riefen einſtimmig die Schmeichler. 1 Nur der Advocat des Verſtorbenen trachtete, ver⸗ ſuchsweiſe dem armen Mädchen beizuſtehen. „Sie vergeſſen, meine Herren“, ſagte er laut und deutlich,„daß hier allein eben nur das Geſetz zu ent⸗ ſcheiden hat und daß bis dahin die bisherige Erbin als erbberechtigt zu betrachten iſt. Uebrigens“, fügte er hinzu,„glaube ich, würde man vor allen Dingen am beſten thun, darüber nachzudenken, Fräulein Iſa⸗ bella ſo ſchonend als möglich den harten Schlag bei⸗ zubringen.“ Alſing biß ſich in die Lippen; ſein Blick ſtreifte mißmuthig den kühnen Sprecher und ſchon öffnete ſich ſein Mund zu einer Gegenantwort, als plötzlich die ſchwere Portière, welche die Thür in's Nebengemach deckte, ſich hob und einer ſchönen Statue gleich, mit todtbleichem Geſicht, Iſabella ſich zeigte. „Es bedarf keiner weiteren Mittheilung, ich habe hier im Nebenzimmer Alles mit angehört“, ſagte ſie mit feſter Stimme, zu welcher die flammenden Augen einen grellen Contraſt bildeten. Dieſes junge zarte Geſchöpf, ſo eigenartig gebil⸗ det, mit einer ſo lebhaften Empfindlichkeit, ſo tieffüh⸗ lend, wie ſchwer mußte es den harten Schlag empfin⸗ den, der es ſoeben getroffen! „Iſabella! Wie ſehr bedaure ich Dich“, ſagte der junge Arzt, trat ihr näher und wollte ihre Hand er⸗ greifen. Sie aber zog dieſelbe mit einem Schauder zurück, ihr Auge flammte in edler Entrüſtung, ihre Lippen zitterten aus Stolz und wie ſie ſo daſtand, die ſchlanke, hohe Geſtalt, die Spuren von Thränen noch auf den blaſſen Wangen, war ſie wunderbar ſchön und auf die Anweſenden wirkte ihr plötzliches Erſcheinen wahrhaft verwirrend. „Ich brauche kein Mitleid von Dir“, ſagte ſie, „denn von jetzt ab kann ich Dich nur noch verachten! Ich verſtehe nun das Gefühl, das Dich bewog, um meine Hand anzuhalten; jeder Verkehr zwiſchen uns iſt fortan gebrochen.“ —— 2 — ꝗͦ— „Iſabella, Du vergißt Dich“, rief zähneknirſchend Theobald. „Gut geſprochen für eine entthronte Königin“, — höhnte der Landrichter halblaut. ½„Erlauben Sie, mein Fräulein, Sie auf Ihr Zim⸗ mer zu führen, Sie ſind zu aufgeregt“, meinte mit⸗ leidsvoll der Advocat. „Ich weiche nicht eher von dieſer Stelle, mein Herr“, ſagte Iſabella mit wogendem Athem,„bis ich noch erklärt, von jenem Manne hier, der ſich bis jetzt meinen Vetter genannt, keinerlei Wohlthaten anzuneh⸗ men. Steht das Geſetz an ſeiner Seite, ſo möge er 4 den Reichthum hinnehmen, nach dem er ſo lange ge⸗ ſtrebt. Mir kann er nichts nützen, nachdem ich das mir Theuerſte, meinen von mir als Vater betrachteten Wohlthäter verloren! Ich bitte nur um das Eine, daß man mich ſo lange hier im Hauſe laſſe, bis ich mir ein anderes Unterkommen geſucht!“ Thränen erſtickten auf's Neue bei dieſen Worten ihre Stimme, und ſie fand kaum die Kraft ſich auf⸗ recht zu erhalten. „Der Aufenthalt hier im Hauſe darf Ihnen nicht vorenthalten werden, bis—“. „Bis Alles zwiſchen uns entſchieden iſt“, ſiel Theobald mit kalter Ruhe dem Advocaten in's Wort. 3 5 Statt aller Antwort bot der Rechtsgelehrte dem jungen Mädchen den Arm und willenlos, gebrochen folgte es ihm hinaus. Auf ihrem Zimmer angelangt, brach Iſabella aber zuſammen. Der ſchwache Körper hatte den Sieg über den willensſtarken Geiſt erlangt. Das junge Mädchen erkrankte, und einige Tage fürchtete man für ſein Leben; doch ſiegte die guie Na⸗ tur, es genas. Während dieſer Zeit war die Entſcheidung über 4 ihr Geſchick eingetroffen. Da jeder Anhaltspunkt fehlte, welcher Iſabella ein Anrecht auf das hinterlaſſene Ver⸗ mögen Alſing's gegeben hätte, wurde der Neffe des Kommandanten als Erbe eingeſetzt, wobei demſelben anheim geſtellt ward, Iſabella ein in einer ſehr gerin⸗ gen Summe beſtehende Ausſteuer bei ihrer Großjährig⸗ keit auszufolgen. Eine Anzahl von Schmarotzern, darunter vor Allem der Landrichter, drängten ſich um den reichen Erben. Man beglückwünſchte ihn und ſuchte ſeine Freundſchaft. In den nämlichen Räumen, wo noch vor ganz kurzer Zeit dieſelben Menſchen dem jungen Mädchen gehuldigt, höhnte und ſpottete man nun ihrer und der Kreuzesruf:„ſie hat kein Anrecht auf das — 47 Reich“ ertönte. Man drückte ihr die Dornenkrone der Armuth auf das junge Haupt, man läſterte und geißelte ſie durch die ſcharfen Geißeln der Verleumdung und mit Blitzesſchnelle verbreitete ſich ihr Sturz. Die Väter erzählten denſelben ihren Töchtern, die Brüder ihren Schweſtern, die Gatten ihren Frauen. Ueberall aber entwickelte ſich das nämliche, widerliche Bild menſch⸗ licher Bosheit, triumphirenden Neides! Wo aber viel⸗ leicht noch eine Funke Mitleid für das arme Mädchen vorhanden war, da wandte man Alles an, um es wohlweislich zu verbergen, denn man fürchtete, ſich mächtige Feinde zu machen. Selbſt der Advocat Doc⸗ tor Linker zog ſich nach und nach zurück, bei dem völligen Mangel irgend einer Anſpruchsberechtigung Iſabella's an das Vermögen des Verſtorbenen. Was ſollte er auch ſeine koſtbare Zeit unnütz' verlieren! So ward das junge Mädchen durch ihre plötzliche Armuth zur Paria der menſchlichen Geſellſchaft und ſelbſt der Reiz des Geheimnißvollen, welcher ihre Geburt um⸗ gab, ging unter in der Proſa der Armuth. Iſabella hatte ſich damals unter den Schutz des Gerichtes geſtellt. Die freundliche Abſicht deſſelben, das Loos der Aermſten zu erleichtern, hatte aber, von Alſing's Hinterliſt geleitet, ihr Unglück nur erhöht, in⸗ dem es Theobald zum Vormund des jungen Mädchens Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 18 ernannt hatte. So war denn Iſabella ganz in ſeine Gewalt gegeben, und nun war es an der Zeit, Die⸗ jenige, welche ihn einſt zu verſchmähen gewagt, einen Andern ihm vorgezogen, welche bis jetzt über ihn ge⸗ herrſcht hatte, zu demüthigen, ſie ihre jetzige abhängige Lage fühlen zu laſſen, die Maske des Edelmuthes nur noch vor der Welt beizubehalten. Als das junge Mädchen von der ſchweren Krank⸗ heit geneſen und von Allem während derſelben Vorge⸗ fallenen in Kenntniß geſetzt worden war, bemächtigte ſich Iſabella's anfänglich namenloſe Verzweiflung, und der Gedanke, in Theobald's Gewalt gegeben zu ſein, wirkte entſetzlich auf ſie ein. Dazu kam noch der nagende Schmerz um den verſtorbenen Pflegevater und das peinigende Bewußtſein, daß ſie ihm die ganze Zeit über nur eine Fremde geweſen, welche er aus reinem Erbarmen bei ſich aufgenommen, als ſelbſt ihre Mutter ſie verlaſſen hatte. Sie ſtand nun allein, ganz allein auf der Welt, ohne Namen, ohne Stütze, in der Ge⸗ walt Deſſen, den ſie einſt verſchmäht. Sie war ſchlim⸗ mer daran, als das ärmſte Kind auf der Straße, das wenigſtens den Namen ſeiner Mutter kannte. All' die ſchönen, vielfarbigen Träume von Glück waren wie bunte Seifenblaſen zerronnen in der Stunde der Ver⸗ laſſenheit, die über ſie hereingebrochen. Mit dem letzten 19 Hauche deſſen, den ſie einſt Vater genannt, war Alles ihr genommen worden! Wir können nicht verſchweigen, daß für das un⸗ glückliche aufgeregte Mädchen oft Augenblicke kamen, in denen ſie ihrer grauſamen Mutter, die ſie verlaſſen konnte, fluchte, in welchen ſelbſt das Andenken an ihren Pflegevater durch den Gedanken getrübt wurde, daß er ihrer Zukunft nicht beſſer gedacht habe! Doch ſolche Momente leidenſchaftlicher Aufregung waren nur vor⸗ übergehend, und eine noch namenloſere Trauer um den geliebten Herzenspapa, eine noch tiefere Sehnſucht nach der Mutter, die vielleicht noch lebte, folgte ihnen. Iſabella nahm ſich dann vor, ſelbſt nach ihr zu forſchen und ihr Muth erwachte wieder in dieſer Hoff⸗ nung. Noch eine Stütze war ihr ja im Leben geblie⸗ ben, die fernen Freunde. Sie ſchrieb an Martha und ebenſo an Breiten, den ſie aus Martha's letztem Briefe vor dem Tode ihres Vaters in Cairo wußte, wo er ſich zu längerem Aufenthalt niedergelaſſen hatte. Sie berichtete den Freunden die jüngſt verfloſſenen Vor⸗ fälle zu Karnſtein, ſie ſchilderte ihnen ihre gänzliche Verlaſſenheit und bat ſie, ihr beizuſtehen in den Tagen der Noth, ſowie ſie es Beide ihr ja verſprochen hatten. Es war ein langer, ausführlicher Brief, den ſie an Beide richtete. Dann ſiegelte ſie die Schreiben und 9*½ 20 übergab dieſelben dem einſtigen Diener ihres Pflege⸗ vaters, dem einzigen, der ihr auch nach den traurigen Ereigniſſen mit Ehrfurcht begegnete. Von der übrigen Dienerſchaft hatten Alle ſchon längſt aufgehört, in ihr die einſtige Herrin zu reſpectiren, und deren Unter⸗ würfigkeit verwandelte ſich jetzt in Hohn und Trotz. Was galt dieſen bezahlten Leuten jetzt das Mädchen, das binnen Kurzem vielleicht ſelbſt gezwungen war, ſich ihr Brod zu verdienen! Sie war ihnen nun gleich ge⸗ ſtellt durch die Bürde der Armuth, und man konnte ſie daher hiernach behandeln. Obwohl Iſabella im Allgemeinen eine ſehr gute Herrin geweſen war, ſo er⸗ innerte man ſich doch jetzt nicht mehr ihrer Güte, ſon⸗ dern nur ihrer zeitweiligen Launen, und vergalt die⸗ ſelben nun tauſendfach. Drei Monate waren ſeit des Kommandanten Tode verſtrichen. Seit ungefähr einer Woche war Marie Langer Herrin des Hauſes, in welchem einſt Iſabella geherrſcht hatte. Die Hochzeit war der Trauer halber ganz in aller Stille vor ſich gegangen. Narie hatte nun ihr Ziel erreicht, war Theobald's Gattin geworden, durch ihn in den Beſitz jener Reich⸗ thümer gelangt, die einſt Iſabella gehörten! O Jammer, o Clend! für das arme Weſen, das ſich einſt Iſabella Alſing genannt hatte! Dieſen Namen —.— —— 21 trug nun Jene, welche ſeit ihrer Kindheit ſie verfolgt mit ihrem Neid, ihrer Bosheit, und ſie, Iſabella, war jetzt ein vater⸗ und mutterloſes Mädchen! Als ſie von der Vermählung ihres Vormundes Nachricht bekam, bat ſie denſelben, aus dem Hauſe ſich entfernen, anderweitig ihr Brod ſuchen zu dürfen. Mit ſchnöden Worten ward ſie abgewieſen, und hart er⸗ klärte er ihr, daß ſie ein für alle Mal ſich ſeinen An⸗ ordnungen zu fügen habe, wenn ſie nicht ſich einer Klage an die Obervormundſchaft ausſetzen wolle, welche ſeine Rechte als Vormund gegen ſie wahren werde. Es blieb dem armen Weſen ſomit nichts Anderes übrig, als ſich zu unterwerfen. Die Zeit, welche jetzt hereinbrach, war für Iſa⸗ bella die ſchwerſte ihres an Kummer reichen Lebens. Einen offen geführten Krieg würde das willensſtarke Mädchen ehrenvoll beſtanden haben, aber gegen die Bosheiten und täglich geführten Nadelſtiche elender Rachſucht, mit welchen ihr Vormund und deſſen Gattin ſie überhäuften, drohte ſelbſt ihr entſchloſſenes„Sich⸗ fügen“ zu erlahmen. Es verging kein Tag, an wel⸗ chem ihr nicht tauſenderlei Demüthigungen und Qua⸗ len auferlegt wurden, anſcheinend zu gering und klein⸗ lich, um fremde Augen darauf zu lenken, und doch für das auserſehene Opfer kaum erträglich. Oder glaubt Ihr, verehrte Leſer, daß es für ein ſtolzes, an Unabhängigkeit gewöhntes Weſen wie Iſa⸗ bella eine Kleinigkeit war, ſich täglich, ſtündlich unter verhaßter Macht zu beugen, ſich in der Selbſtbeherrſchung zu üben und dabei nicht zu zeigen, wie tief die Nadel⸗ ſtiche menſchlicher Bosheit in das ſchmerzzuckende Herz eindrangen? Nach Theobald und deſſen Gattin war es nament⸗ lich Madame Blanchard, welche das arme Weſen quälte, und Demüthigungen aller Art für ihren einſtigen Zög⸗ ling herbeiführte. Sie konnte dies um ſo eher, als ſie es verſtanden hatte, ſich in die Gunſt der neuen Herrrin einzuſchleichen. MNoch gab es ja aber einen Ausweg aus dem La⸗ byrinth des Elends, der Abhängigkeit, das waren die fernen Freunde. Trotzdem, daß Iſabella bereits auf zwei ihrer Briefe an Martha und Breiten keine Ant⸗ wort erhalten hatte, gab ſie die Hoffnung doch nicht auf. Die fernen Freunde konnten ja vielleicht zufällig von Kairo abweſend ſein, und ihre Briefe erſt ſpäter erhalten haben. Aber wie? Wenn auch ſie der arm gewordenen Freundin überdrüſſig geworden wären? Wenn auch ſie ſich gleich allen Andern von ihr abwendeten? So ſtieg es plötzlich fragend vor ihrer Seele auf und der Athem — —— ſtockte bei dieſem Gedanken in ihrer Bruſt, das Blut drängte ſich ſtürmiſch zu dem gequälten Herzen! Aber nein! Noch konnte ja eine Antwort kommen, die Briefe mußten ſie ja erhalten haben, ſie hatte ja die Poſt⸗ ſcheine in Händen, folglich war gewiß nur ein Zufall Schuld an dem Schweigen der Freunde. Und Iſabella hoffte von Tag zu Tag auf Ant⸗ wort, denn ſie war nicht das Weſen, das ſich von Vorn⸗ herein ängſtlichen Befürchtungen Preis gab; erſt die volle Gewißheit konnte ſie übermannen. Iſabella brachte ihre Tage in einſamer Verlaſſenheit auf ihrem kleinen Zimmer zu, das man ihr angewieſen hatte. Niemand kümmerte ſich um ſie, außer um ſie zu quälen, ihr Ar⸗ beiten aller Art aufzuerlegen. Das junge Mädchen ſetzte allen Plackereien eine ſtolze Ruhe entgegen, die ihre Peiniger nur mehr reizten. Die übrige Welt aber kümmerte ſich nicht um ſie; für die Bewohner von Karn⸗ ſtein war Iſabella nicht mehr vorhanden, ſeit der Reiz des Reichthums von ihr genommen war. An einem wundervollen Sommerabend ſaß Iſabella allein auf ihrem Zimmer und ſah hinab in den duf⸗ tenden Garten, der ſo ſchön wie einſtmals grünte und blühte. Sie trug ein einfaches, ſchwarzes Wollenkleid von grobem Stoff, wie Theobald mit ſeiner Gattin es für ſie auserwählt hatten. Ihre Wange ſtützte ſich auf ihre Hand und große Thränen rollten ſchnell und glühend durch ihrs zarten Finger. Alles an ihr zeigte tiefen Kummer und noch niemals hatte ſie ihr Ver⸗ laſſenſein ſo ſehr gefühlt, wie an jenem Abende. Ihre ganze Vergangenheit drang auf ſie ein und das Da⸗ ſein lag vor ihr, wie ein wüſter, banger Traum. Von Tag zu Tag hatte ſie von Martha und Breiten ein Schreiben erhofft, von Tag zu Tag war ſie in ihren Erwartungen getäuſcht worden und mit immer größerer Klarheit trat der Gedanke vor ihre Seele, daß ſie ſelbſt von Martha, von Breiten, um ihrer Armuth willen verlaſſen worden ſei! Tiefes Weh bemächtigte ſich ihrer bei dieſer Mög⸗ lichkeit; doch Iſabella war ein ſtarkes Weſen. Nachdem der Ausbruch leidenſchaftlichen Schmerzes vorüber war, der ſich ihrer einen Augenblick bemächtigt, begann ſie in die Zukunft zu blicken und die wiedererlangte Wil⸗ lenskraft brach in ihrer jungen Seele mit erneuter Kraft hervor, ſie zu feſter Entſchloſſenheit gegen jedes Weh anſpornend. Das Oeffnen ihrer Thür weckte ſie aus ihren Träu⸗ mereien. Es war Marie mit ihrer Mutter, die bei ihr eintraten. „Du biſt hier, Iſabella“, ſagte die Erſtere in kal⸗ 25 tem, ſchroffem Tone,„erſuchte ich Dich denn nicht, mein Kleid zu meiner Schneiderin zu tragen?“ „Ich übergab es Liſette, dem Stubenmädchen, mit Deinem Auftrage“, erwiderte das junge Mädchen ruhig. „Das hätte ich ſelbſt thun können, aber ich wollte, daß Du das Kleid ſelbſt hintragen ſollteſt, und ich glaube, es paßt ſich wenig für Dich, Iſabella, unſere Wohlthaten mit Widerſetzlichkeit und Ungehorſam zu lohnen.“ Wohlthaten? Was für Wohlthaten waren ihr zu Theil geworden ſeit dem Tode ihres Pflegevaters! Es zuckte wie Hohn um des jungen Mädchens Lippen bei dieſen Worten. „Ein Mädchen in Ihren Verhältniſſen“, ſagte die Landrichterin,„muß in Allem gehorchen, überhaupt hübſch demüthig ſein, wie es ſich für Jemand geziemt, der von anderer Leute Gnade abhängt.“ Die Lippen des jungen Mädchens öffneten ſich zu einer Gegenantwort. Wie mußte ſie ſich aber in der Selbſtbeherrſchung geübt haben, da dieſelben ſich wie⸗ der ſchloſſen und ſie ruhig und ſchweigend in ihrer Arbeit fortfuhr. „Du nähſt, wie ich ſehe, noch immer an den Hals⸗ tüchern, welche ich Dir doch ſchon geſtern zum Fertig⸗ machen gab. Du mußt Dir das langſame Nähen 26 abgewöhnen, Iſabella“, ſagte Marie in befehlender Art. „Ich bin ungeübt in ſolcher Arbeit“, entgegnete das junge Mädchen ruhig. „Dann mußt Du Dich an die Arbeit gewöhnen und ſchneller und auch beſſer nähen. Hier dieſe großen Scticce, mein Gott, wie ſchlecht arbeiteſt Du. Mache Dich doch nützlicher hier im Hauſe; heute zum Beiſpiel wollteſt Du nicht einmal dem Stubenmädchen das bischen feine Wäſche mitwaſchen helfen! Dein Unter⸗ halt, Iſabella, koſtet deinem Vormunde ja ohnehin ge⸗ nug, gewöhne Dich daher an die Arbeit, denn wir haben beſchloſſen, das zweite Stubenmädchen zu ent⸗ laſſen und Du kannſt dann an ihre Stelle treten, mich friſiren und anziehen.“ Iſabella zuckte bei dieſen Worten zuſammen. Eine helle Röthe breitete ſich über ihr Geſicht und einen Augenblick hoben ſich die dunklen Augen zu den beiden Frauen mit einem Ausdrucke des tiefſten Haſſes em⸗ por. Aber trotzdem ſchwiegen die Lippen, ſenkten ſich die Augen wieder auf die Arbeit nieder. „Wie bös und erſchrocken haben Sie uns doch jetzt angeſehen“, meinte die Landrichterin mit einem 1 9 falſchen Lächeln,„faſt ſollte man glauben, der Vor⸗ ſchlag meiner Tochter gefiele Ihnen nicht und doch iſt 27 er ein ſo gutgemeinter. Tauſend Mädchen in Ihren Verhältniſſen, liebes Kind, würden einen ſolchen Vor⸗ ſchlag für ein großes Glück anſehen. Es iſt freilich hart, dienen zu müſſen, wo man früher im Ueberfluß ſchwelgte!“ „Wer kann denn aber dafür“, fiel Marie ein, „daß Deine Mutter Dich verließ, Dein Pflegevater nicht beſſer für Dich ſorgte? Sei daher nur hübſch demüthig, Iſabella, und ich will Dir gewiß eine gute Herrin ſein.“ Nach dieſen wohlgemeinten Worten rauſchten beide Damen lächelnd hinaus und Iſabella war wieder allein. Allein, mit dem tiefen Weh im Herzen, allein mit den Thränen, welche der Gedanke an das Brod der Abhängigkeit aus der innerſten Quelle ihres Herzens hervorrief. Sie faltete die Hände über ihr bleiches Geſicht, ein Zittern durchbebte ihre feine Geſtalt und ihr Haupt glitt einen Moment auf den Tiſch nieder, an welchem ſie ſaß. Doch ſchon nach einer kurzen Zeit hob ſie es wieder empor und trocknete die Thränen, welche ihre Wangen herabliefen. Als wollte ſie gleich handelnd eingreifen gegen die knechtiſchen Demüthigungen, welche man ihr ſchon ſo unzählige Male zugefügt, räunite ſie ihre Näharbeit zuſammen und eilte in den Garten hinab, 28 der freundlichen Einſiedelei zu. Dort wollte ſie ihre Gedanken ſammeln, einen Entſchluß faſſen. Ein wundervoller Frühabend lachte ihr entgegen. Tief aufathmend ſchlug ſie den ihr bekannten Weg ein, welcher an den Stallungen vorbeiführte. Einſamkeit und Schweigen lagen über den Garten gebreitet, we⸗ nigſtens kam dies Iſabella ſo vor, die überall des ge⸗ liebten Pflegevaters Geſicht, ſein gutes Lachen, ſeine heitere Stimme vermißte.— Die Thüren zu den Stallungen ſtanden weit ge⸗ öffnet und gewaltſam trieb es das junge Mädchen, in dieſelben einzutreten. Sie war lange nicht da geweſen, denn Theobald hatte ſeiner Mündel jedes Vergnügen unterſagt, daher auch das Ausreiten, ja ſelbſt das Be⸗ treten des Stalles ihr verboten. Aber heute konnte ſie nicht umhin, einzutreten. Im Stalle war von der Dienerſchaft Niemand zugegen. Die Pferde erkannten das junge Mädchen und wieherten freudig. Die klugen Thiere machten keinen Unterſchied, ihnen galt es gleichviel, ob Iſa⸗ bella reich oder arm war, ſie begrüßten ſie mit der alten Anhänglichkeit. Dort in der Ecke ſtand Miß, die braune Stute, die Iſabella einſt geritten und welche jetzt Marien ge⸗ hörte. Es war ſtets des jungen Mädchens Lieblings⸗ 29 pferd geweſen, und auch heute verweilte ſie am längſten 4 bei ihm. Iſabella ſchlang ihren Arm um Miß Hals, legte ihren Kopf auf denſelben und Thränen benetzten Miß dunkelbraunes Haar. Die auf ihrer Bruſt angehäufte Laſt des Wehes ſuchte ſich in unterdrücktem Schluch⸗ zen Luft zu machen. Miß ſchien das junge, arme Weſen zu verſtehen; das Thier wieherte leiſe, als wolle es tröſten, und die rauhe Zunge beleckte des Mädchens Hand. Der grauſame Menſch in ſeinem Egoismus hatte ſich abgewandt von Iſabella, als das Glück ſie ver⸗ ließ, das unvernünftige Thier beſchämte ihn, es blieb ſich gleich in ſeiner Treue. Ein Geräuſch ſchreckte das junge Mädchen aus ſeiner Ruhe empor. Einer der Stallknechte war ein⸗ getreten. Es war dies einer von Jenen, denen Iſa⸗ bella in ihrem Glücke unzählige Wohlthaten erwieſen hatte, der aber jetzt willenlos ſeinem neuen, reichge⸗ wordenen Herrn gehorchte. Als er das junge Mädchen da vorn an der Krippe des Pferdes bemerkte, verzog ſich ſein breiter Mund zu einem höhniſchen Grinſen. „Na, das muß ich ſagen“, meinte er,„was macht denn die Mamſell hier bei uns?“ Iſabella erröthete bei dieſer Anrede. Sie, welche 30 früher ſo gewöhnt war, von der Dienerſchaft achtungs⸗ voll behandelt zu werden, ſie mußte ſich jetzt um ſo mehr verletzt fühlen bei der Mißachtung, die man ihr erwies. Der verzogene Liebling der Vorſorge und Liebe ſah nun bei jedem Schritte die Dornen, welche der Eintritt in ihre veränderte Lebenslaufbahn unter ihren Füßen emporſchießen ließ. „Ich glaube nicht, daß ich etwas Unrechtes be⸗ gangen habe, Tom, indem ich hier eingetreten bin“, ſagte ſie in einem rührend milden Tone, der jedes andere Gemüth erweicht hätte. „Das haben Sie wohl, Mamſell“, antwortete der Diener rauh und roh,„denn hat nicht Herr Theobald Ihnen den Eintritt hier in den Stall verboten? Darum marſchiren Sie wieder gefälligſt heraus, wenn's be⸗ liebt, verſtehen Sie mich?“ „Tom, Du vergißt, daß ich Dich noch immer zwin⸗ gen könnte, mir achtungsvoll zu begegnen; ich habe es nicht nöthig, Deine Unverſchämtheiten zu dulden“, erwi⸗ derte Iſabella in leicht erklärlicher, aufwallender Hef⸗ tigkeit. Der Stallknecht ſah ſie einen Moment lang ge⸗ ringſchätzend an, als wolle er die Antwort erſt bei ſich überlegen. Dann nahm er die Pfeife aus dem 31 Munde, welche er ſich ſoeben mit einem ſtinkenden Tabak gefüllt und in Brand geſetzt hatte. „Wiſſen Sie was, Mamſell“, ſagte er dann, roh auflachend,„laſſen Sie Ihre hochmüthige Art bei Seit', ſie paßt nicht für ſo'n hergelaufenes Ding, wie Sie ſind, von der Niemand weiß, wer ſie in die Welt geſetzt und die ſo bettelarm wie'ne Kirchenmaus iſt.“ Das war zu viel für das ſtolze Mädchen. Die Niederlage ihres Selbſtgefühles durch einen unterge⸗ ordneten Diener trieb ihr alles Blut zum Herzen, ſie ward leichenblaß und bebend griff ſie nach einer neben⸗ liegenden Reitgerte, um den frechen Burſchen zu züch⸗ tigen, ſich ſelbſt Recht zu verſchaffen. Da trat Theobald in den Stall ein. Im Vor⸗ übergehen hatte er den Wortwechſel gehört. „Was geht hier vor?“ fragte er barſch. Der Reit⸗ knecht erzählte Alles, nur nicht ſeine eigene Unverſchämt⸗ heit. Iſabella fiel ihm in's Wort und mit vor Auf⸗ regung pochenden Schläfen erzählte ſie Theobald von der erlittenen Beleidigung, die ihr durch den Diener zu Theil geworden und forderte ihn auf, ſie vor ſolcher Roheit zu ſchützen. Mit kalter, überlegener Ruhe hörte der Arzt ihr zu. Als ſie ſchwieg, ſah er mit grauſamer Freude noch einen Augenblick in das bleiche Geſicht des armen 32 Mädchens, das mit vor Aufregung keuchendem Athem vor ihm ſtand. Er weidete ſich gleichſam an Iſa⸗ bella's Weh! „Ich ſehe in den Worten Tom's keine Beleidig⸗ ung“, ſagte er endlich mit ſeiner harten Stimme, welche ſchon ſo oft ſeit ihres Pflegevaters Tode das arme Mädchen in ihrer Kälte erbeben gemacht hatte,„der brave Burſche hat nur die Wahrheit geſprochen. Hier, Tom, mein ehrlicher Kerl, hier haſt Du ein Gulden⸗ ſtück, mach' Dir dafür einen vergnügten Tag.“ Nach dieſen Worten verließ er den Stall und das Hohnge⸗ lächter des frechen Reitknechtes ſchlug an des armen, verhöhnten Mädchens Ohr. Bebend an allen Gliedern verließ ſie den Ort, wo ſie ſo furchtbar gedemüthigt worden war. Ohne des Weges zu achten, verfolgte ſie denſelben gleichſam mechaniſch und ſchon nach wenigen Sekunden war ſie oben auf der Einſiedelei. Auf der Raſenbank dort ſetzte ſie ſich nieder, eine Schwäche befiel ſie, ſie zitterte am ganzen Körper. Sie bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ein Schluchzen drang aus ihrer Bruſt, ohne daß ſie weinte; die Thränen waren gleichſam er⸗ ſtarrt unter der Qual ihres armen Herzens. Wo war auf dem weiten Erdenrund ein Zufluchtsort für ſie, die von ihrem Vormund und deſſen Gattin gequält wurde? 33 Dort unten lag der Garten, der ihr einſt lieb geweſen, das Haus, das einſt ihre Heimath gebildet, und dort drüben war der ſtille graue Fürſtenthurm mit ſeinen ſcharfen Kanten, ſeiner glatten Mauer, der einſt ihn beherbergt, der in Undank ſich nun abgewandt von ihr, weil ſie arm geworden! Und weiter hinten lag der Friedhof, in welchem ihr Glück begraben lag mit den lieben, milden Augen, die ſich für ewig geſchloſſen, und ſie ſelbſt, ſie ſtand hier oben, einſam und verlaſſen von aller Welt, ver⸗ höhnt und mißachtet um ihrer Armuth halber. Er aber, der harte, kalte Mann da unten, der all' dies Elend herbeigeführt, lebte glücklich und geehrt. O, entſetzlicher Jammer! Noch niemals hatte Iſabella die rauhe Behand⸗ lung, der ſie ausgeſetzt war, ſo ſehr empfunden, wie an dieſem Abende, wo man ſie gleichſam zur Magd erniedrigt hatte. Sie fühlte ſich ſo einſam, ſo unglück⸗ lich, das arme Geſchöpf! Laut hinausſchreien hätte ſie mögen vor Herzleid und Pein in die kalte ſelbſtloſe Welt, die kein Erbar⸗ men kannte. Mit nie gekannter Macht drangen die Erinnerungen auf ihr gedrücktes Gemüth ein. Lieber todt ſein in dem ſtillen, kühlen Fluſſe da unten, der den Feſtungsberg beſpülte, als ſolch' ein Leben von Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 3 34 Bitterkeit weiterführen, rief es mächtig in Iſabella's Innerem und das arme, verlaſſene Geſchöpf lauſchte dieſer Stimme. Da ertönte durch die ſtille Abendluft von dem nahen Kirchthurm herab das Abendläuten, zum Frie⸗ den mahnend; das Abendroth webte einen purpurnen Schleier um das Firmament, die umliegenden Berge erglühten im ſchönſten Lichte und das ganze Land⸗ ſchaftsbild, der Hauch der Sommerlüfte, der Duft der Blumen, Alles trug das Symbol der Ruhe, des Frie⸗ dens in ſich. Konnte ſie denn nicht auch noch dem jungen Mäd⸗ chen da oben werden? Die Welt war ja ſo ſchön, und es lebten ja ſo Tauſende glücklicher Menſchen in ihr! Sterben, warum ſchon ſterben, wo vielleicht noch hei⸗ tere Stunden voll Sonnenſchein kommen konnten, wo vielleicht noch ein ſo langes an Wandlungen reiches Leben bevorſtand! Hatte Iſabella dies denn nicht auch ſchon kennen gelernt in ſeinem vollſten Glanze, in ſei⸗ nen Roſen der Freude? Konnte ſie denn nicht ihre Mutter wiederfinden und war dann nicht Alles, Alles gut? Und ſie ſank nieder auf die Kniee während des feierlichen Abendläutens und betete! Sie betete nicht das formloſe, mechaniſche Gebet der Uebung, ſondern —— 35 ein Schauer vor der Gegenwart der höchſten Macht ließ alle Fibern ihres Herzens erbeben; die Verzweiflung fiel von ihrer Seele, der Zorn erſtarb während des tiefen Naturfriedens ringsum. Iſabella mit ihrem angebornen Naturſinn bedurfte weniger als hundert andere Frauen der eingelernten Glaubenslehren, um an Gott zu glauben, ſeiner All⸗ macht zu vertrauen! Ein Baumblatt, eine Blume ge⸗ nügte, um des Schöpfers Macht in ihr anerkennend zu erwecken, ihn als die Stütze gegen die wandelbaren Leiden des Erdenlebens zu finden. Wieder gekräftigt und gefaßt erhob ſie ſich. Ein Entſchluß war in ihrer Seele gereift, ihre ſeltſame Lage hatte alles Gräßliche verloren. Als die Bewohner Karnſtein's in der darauffol⸗ genden Nacht im tiefen Schlafe lagen, huſchte ein blaſſes, einſames Mädchen durch die ſtillen, öden Laubgänge des Gartens, der einſt dem Kommandanten Alſing gehört hatte. Behutſam öffnete es mit einem Schlüſſel das Hinterpförtchen, welches in eine der ſtillen Gaſſen Karnſtein's führte und eilte dann immer raſcher vor⸗ wärts, bis endlich das Städtchen, vom Mondlicht be⸗ leuchtet, ſchon beinahe ihren Blicken entſchwand. Da blieb das junge Mädchen ſtehen, warf noch einen letz⸗ ten, thränenvollen Schmerzensblick auf den ſtillen Fried⸗ 0 hof, der in ſeiner heiligen Ruhe nur wenige Schritte vor ihr ausgebreitet lag und dann eilte ſie vorwärts, der nahen Landesgrenze zu. Als Karnſtein am Morgen nach dieſer Nacht er⸗ wachte, verbreitete ſich mit Blitzesſchnelligkeit eine ſchwere Neuigkeit auf dem fruchtbaren Boden der Klatſch⸗ ſucht und Bosheit und trieb dort zur ſchönſten Blüthe empor. Alſings Mündel nämlich war am Morgen vermißt worden und nirgends zu finden. Als Madame Blanchard wie gewöhnlich am frühen Morgen in Iſabella's Zimmer trat, um das junge Mädchen zu ſeiner Früharbeit, der Reinigung der Zim⸗ mer, zu wecken, fand ſie das Bett unberührt. Sie glaubte nun Iſabella ſchon bei der Arbeit zu finden, da ſie erſt am Vortage ihrer Saumſeligkeit halber geſcholten worden, weil das arme Mädchen um einige Minuten ſich verſpätet hatte. Madame Blanchard täuſchte ſich aber. Weder in ven Zimmern, noch im Garten war ſie zu finden. Man theilte Theobald und ſeiner Gattin den Vorfall mit und begann nun jenes emſige Forſchen und Suchen, welches mehr verwirrt als aufklärt, mehr ängſtigt als beruhigt. Da eilte Madame Blanchard ängſtlich herbei. Sie hatte in Iſabella's Zimmer einen an Theobald Alſing adreſſirten Brief gefunden, welcher des jungen Mädchens Handſchrift trug. 37 Der junge Arzt war ſonſt ein ruhiger Mann, dem jede Aufregung fremd war, allein ſeine Hand zit⸗ terte diesmal, als er das Siegel des Briefes löſte; ſeiner herzloſen Gattin Wange erbleichte. Der Gedanke, Iſabella habe Hand an ſich gelegt, überwältigte Beide. „Ich gehe aus einem Hauſe“, ſchrieb das junge Mädchen,„welches mir einſt eine glückliche Heimath war und jetzt zur Stätte meiner Leiden geworden iſt Du, Theobald, wie Deine Gattin, habt mich ſo weit gebracht durch Eure Herzloſigkeit, daß ich entfliehe, um fern von Euch ein weniger qualvolles Leben zu be⸗ ginnen. Möge Gott Euch Eure Härte gegen mich ver⸗ zeihen!“ „Iſt ſie todt, hat ſie ſich ein Leid angethan?“ fragte die Blanchard ängſtlich. „Nein, keines von Beiden, aber ſie iſt einer Land⸗ ſtreicherin gleich entflohen, und als ſolche ſoll ſie auch behandelt werden“, antwortete Alſing mit einem Seuf⸗ zer der Erleichterung und einem falſchen, böſen Lächeln. Eine Stunde ſpäter erſtattete er dem Gerichte die Anzeige von der Flucht ſeiner Mündel und bat um deren gerichtliche Erforſchung und Einlieferung. Zweites Kapitel. Eine neue Heimath. Das Wetter hatte ſich ſeit wenigen Tag en geän⸗ dert. In der deutſchen Reſidenz kämpfte der alldort cha⸗ rakteriſtiſch gewordene Wind ſeinen vergeblichen Kampf gegen den Regen, und tobte im Bewußtſein ſeines Un⸗ vermögens wild umher, Alles in dichte Staubwolken einhüllend. Man wußte eigentlich nicht, was es für ein Wetter war. Es regnete nicht, und doch ſchien auch keine Sonne, es war nicht kalt, und doch war es auch nicht warm. Es war ein Quodlibet aller Wetterſorten. Ganz beſonders rüttelte der kecke Wind an dem ſchmalen Hauſe der Praterſtraße, vormalige Jägerzeile und die ausgehängten Stoffe von Mancheſterhoſen und vielfarbigen Sacktüchern flatterten unten vor dem 5 Laden zu„den zwei brennenden Herzen“ gleich Wind⸗ mühlenflügeln umher. Die melancholiſch herabſehenden Rauchfänge dieſes Hauſes ließen ihren Unmuth über ſolch' ein Wetter, das eigentlich gar kein Wetter war, in dichten Rauch⸗ wolken aus, welche ihren ſchwarzen Schlünden immer wieder entſtrömten, trotzdem daß der feindlich geſinnte Wind ſie niederzudrücken ſich bemühte. Die ſchwarzen Ungethüme lieferten förmlich einen Wettkampf mit dem Winde, um den Rauch nach oben hinauszuſtoßen, mit immer erneuter Kraft. Daß ſie dieſe Kraft erlangten, darf uns aber nicht wundern, erhielten ſie doch immer wieder neue Nahrung, dieſe ſchwarzen Geſellen, aus der Eſchmüller'ſchen Küche unten, wo es an jenem Tage wie in Pluto's Unterwelt dampfte und kochte. Werfen wir einen Blick hinein in das Myſterium aller Hausfrauen, in dieſe feuerſpuckende Küche. Dort in jener Ecke kochte und dampfte es gar entſetzlich heraus aus einem großen, eingemauerten Waſchkeſſel, und ver⸗ ſchiedene Töpfe und Bratpfannen in und auf dem Heerde accompagnirten dazu in allen nur denkbaren Gratationen. Es war heute großer Waſchtag im Eſchmüller“ ſchen Hauſe, gelinde geſagt ein Märtyrertag für Herrn Euſe⸗ bius, der ſich auch an ſolchen, in ſeinen Kalender nicht — 40 mit Rothſtift bezeichneten Tagen in ſein Tuskulum zurückzog, um bei ſeinen gelehrten Büchern Schutz gegen Seifengeruch und feuchte Dämpfe zu ſuchen. An ſolchen Tagen regierte Frau Euphroſina dann ſelbſt in der Küche, und der Laden zu„den zwei bren⸗ nenden Herzen“ blieb dem Ladenjungen überlaſſen. Auch heute war dies der Fall, und die würdige Hausfrau beugte ſich ſoeben über einen rieſigen Waſch⸗ kübel, und rieb aus Leibeskräften an einem Hemde für Herrn Euſebius, das ſie um die Welt keinen andern Händen überlaſſen hätte, denn die Leinwand zu den Hemden war viel zu fein und koſtſpielig, um ſie der ungeſchickten Magd anzuvertrauen. Manchmal warf die emſige Frau einen Blick hinüber nach dem Waſch⸗ keſſel, in welchem die darin enthaltene Leinenwäſche ſich in den heißen Dämpfen wie ein Schiff bei hochgehender See hob. Manchmal aber auch trat ſie an den Heerd, und ſchob mit geheimnißvoller Miene die Ecke einer Serviette zurück, unter welcher in einem kupfernen Model ein rieſiger Kuchenteig verborgen lag, und unter der g eheimnißvollen Serviettendecke das Stadium des ſo⸗ genannten„Aufgehens“ durchmachte, ein Küchenkunſt⸗ ausdruck, den meine freundlichen Leſerinnen gewiß auch ohne Erklärung verſtehen. Dann und wann hob und wendete Frau Euphroſina auch ein rieſiges Stück Kalbs⸗ 41 braten in der Röhre um, um es ſchön braun und ſaftig werden zu laſſen, immer aber kehrte ſie wieder an's Waſchfaß zurück. Da trat die Magd in die Küche, in einer Hand einen rieſigen Blumenſtrauß, in der andern eine große verſiegelte Weinflaſche haltend. Sie war ſoeben von einem Ausgange zurückgekehrt. „Hier iſt der Wein und der Strauß, Frau“, mel⸗ dete ſie.„Hab' Beides bezahlt.“ „Nun, und die Kinder, die Du aus der Schule holen ſollteſt, wo ſind die?“ „Die waren ſchon fort, als ich hin kam.“ „Was, Babi? Die Kinder waren ſchon fort?“ „Ja, Frau, und ich glaubte, ſie wären ſchon hier; ich war einſtweilen noch beim Bäcker.“ „Gewiß ſind ſie wieder irgendwo hingelaufen, die Fratzen, aber wart,, ich will ihnen den Text leſen, wenn ſie heimkommen. Allein auf den Gaſſen herumzulaufen, wir leicht könnte ihnen was paſſiren!“ Mit dieſen Worten wiſchte die beſorgte Mutter ſich den Seifenſchaum von den Händen, und ging in's Wohnzimmer hinein, um vom Fenſter aus nach den Kindern auszuſehen, und die Magd folgte ihr. „Es wird heute im Sitzzimmer gegeſſen, Babi, decke dort den Tiſch, und ſtelle den Blumenſtrauß hübſch —— 42 in die Mitte. Der Kuchen, wenn er ausgebacken, kommt daneben, und die Flaſche Wein ſtelle vor den Platz, wo der„Herr“ ſitzt“, befahl die Hausfrau. Es mußte ein wichtiger Tag heute für Frau Euphroſina ſein, denn nachdem ſie ihren Hausanzug mit einem ſchwarzen Merinokleid vertauſcht, ſetzte ſie eine Haube mit grellrothen Bändern auf, was immer ein bedeutungsvolles Ereigniß kund gab. Herr Euſebius nannte das Auſſetzen einer ſolchen Haube,„das freudig bewegte Flaggenaufhiſſen.“ Mitten in dieſem wichtigen Geſchäfte polterte es an der Thür und die längſt erwarteten Fratzen ſtürmten herein. Es waren dies ein ſechsjähriger Knabe und ein achtjähriges Mädchen. „Iſt das ein Wetter, Mutter, der Wind bläſt Einem beinahe weg“, meinte das Mädchen. „Mutter, ich habe Hunger“, klagte der kleine Franz aus vollen rothen Backen. „Ich werd' Euch Wind und Hunger geben, wo war't Ihr nach der Schule, he? Seid Ihr wieder herumgelaufen auf der Straße?“ Dieſe Worte waren mit einem etwas unſanften an den Ohrenfaſſen ihrer Kinder von der würdigen Frau begleitet. „Ich bin nicht ſchuld, Mutter, der Franz iſt zum 4 —, 2„ 43 Zuckerbäcker gegangen, ich wollte ihn nicht allein gehen laſſen.“ „Und da iſt die Elsbeth mitgegangen“, ergänzte der kleine Burſche, der es bei außergewöhnlichen Ge⸗ legenheiten, ſowie jetzt zum Beiſpiel, ſehr liebte, den Finger in den Mund zu ſtecken. „Ich werde Euch naſchen lernen, wartet Ihr Fratzen!“ „Aber, Mutter, wir haben ja nichts gegeſſen.“ „Weil wir kein Geld hatten“, ergänzte Franz ſeine Schweſter. Dieſes große, auch für Erwachſene oft ſo inhalts⸗ ſchwere Wort beſänftigte der Mutter Unwillen, wenig⸗ ſtens ward der Befehl„Marſch! Ausgezogen jetzt?“ minder ſtrenge ertheilt. Es dauerte nicht lange, ſo öffnete Frau Euphroſina die Thüre des Heiligthums, und ihre freundliche Stimme rief hinein: „Euſebius, komm', die Suppe iſt auf dem Tiſche.“ Der kleine bewegliche Gatte der dicken großen Frau klappte beim Klange der ihm ſo wohlbekannten Stimme einen rieſigen Folianten zu, denn obgleich Herr Euſebius gerade nicht unter dem Pantoffel ſtand, gehorchte er ſeiner Frau doch ſehr. Er erſchien bald darauf im ſogenannten Staats⸗ ÿ———— —————— 44 zimmer, wo Kinder und Hunde zu gleicher Zeit auf ihn zu ſprangen, und ſelbſt der kleine Franz auf einen 6 Augenblick das Anſtaunen des rieſig großen Kuchens auf dem Tiſche vergaß, um ſeinem Vater einen herz⸗ haften Kuß zu geben. Auch Frau Euphroſina trat herzu und faßte herzinnig die Hand ihres Gatten, welcher ihr freundlich zunickte. Nach wenigen Sekunden ſaß die Familie in Ein⸗ tracht um den großen runden Tiſch, und Frau Euph⸗ roſina ſchob den Kuchen immer näher vor den Gatten, den Blumenſtrauß immer mehr vor ſeine Naſe. Herr Euſebius nickte ihr dafür freundlich lächelnd zu, that aber ſonſt nicht dergleichen, als ob Kuchen und Blumen außergewöhnliche Dinge ſeien. Der kleine Schreiber hatte das Unglück, außerordentlich zerſtreut zu ſein, und das kam von dem gelehrten Krieskram, wie Frau Euphroſina behauptete, und der nach ihrer Meinung ſein Lebtag zu nichts diente. Herr Euſebius liebte es, eine gewiſſe Würde zur Schau zu tragen, ſich einen gelehrten Anſtrich zu geben. Armer, vortrefflicher, kleiner Mann! Auch heute ſchien er offenbar in ſehr gelehrte Dinge vertieft, trotzdem aber aß er mit beſtem Appetit ſeinen delikaten Kalbs⸗ braten, und dazu einen ſaftig angemachten Salat. „Euſebius, willſt Du nicht mit mir anſtoßen?“ 45 ſagte endlich die dicke Frau, etwas unruhig darüber, daß er ſo gar nicht dergleichen that über den Kuchen und den Wein, und hob ihr Glas in die Höhe. „Gerne, liebes Weib, der Wein ſcheint gut“, und der würdige Schreiber nippte an ſeinem Glaſe. „Ja, der Wein iſt gut,'s iſt ein echter Gumpolds⸗ kirchner, auch der Kuchen iſt ſchön gebacken, Euſe⸗ bius!“ „Und ſo groß, Mutter“, meinte Franz. „Ja, auch der Kuchen iſt vortrefflich, Frau.“ „Und die Blumen, und der Kalbsbraten, Mann!“ „Ja, die Blumen und der Kalbsbraten riechen gut, Frau.“ „Herjeh Mann! begreifſt Du denn gar nichts?“ rief hier Frau Euphroſina endlich etwas weinerlich. „Was ſoll ich begreifen, liebes Weib“, meinte der Schreiber, und ſah verwundert in das gutmüthige, jetzt ſichtlich erregte Geſicht ſeiner Frau. „Daß ich den Kuchen ſelbſt gebacken habe, am 3 heutigen Waſchtag, an einem Tage, wo ich ſonſt vor Arbeit nicht ein noch aus weiß. Glaubſt Du, ich habe dies umſonſt gethan? Aber fahre nur ſo fort, Mann, vergiß auch Kuchen und Blumen, die ich an einem Waſchtag ſelbſt beſorgt, es verletzt mich nicht, o, nein, nicht im Geringſten, ich bin dies ja gewöhnt! Der — —————.————, — 5————-——,, ſchöne Kuchen! wie er gut aufging, wie ein Karpfen, o, ich armes Weib, es bricht mir das Herz!“ und Frau Euphroſina drückte ihr Taſchentuch vor die Augen, und warf mit Entrüſtung die grellrothen Haubenbänder zurück. Herr Euſebius ſtand erſchrocken auf, und verſuchte ihre Hand zu ergreifen. „In der That, Euphroſina, ich verſtehe Dich nicht.“ „Das iſt's ja eben, Mann, was mich kränkt, ich bin Dir ein ſo getreues Weib geweſen, ließ mir's an⸗ gelegen ſein im Laden und in der Küche, und Du weißt nicht einmal, was heute für ein Tag?“ Der kleine Schreiber war ſehr gerührt, ſehr er⸗ griffen über dieſen Gefühlsausbruch ſeiner Gattin, aber auch ſehr geängſtigt, denn noch immer wußte er nicht, was heute für ein beſonderer Tag ſei! Der Kuchen, gebacken am heutigen Waſchtag? wer doch ſeine Bedeutung dem armen Schreiber enträthſelt hätte! Und:„Wer doch den großen Kuchen eſſen dürfte“, tönte es gleichzeitig in des kleinen Franz be wegtem Gemüthe nach. „Vater, ich hab's“, rief da plötzlich Elsbeth,„'s iſt heute Dein Hochzeitstag!“ „Richtig! Wie konnt' ich das vergeſſen! Und 47 der Kuchen iſt unſer Hochzeitskuchen!“ rief Herr Euſe⸗ bius erleichtert auf, denn jetzt ward's endlich klar in ihm.„Mein treues, gutes Weib, wie konnte ich einen ſolchen Tag auch nur einen Augenblick vergeſſen. Aber verzeihe mir, es war wirklich nur ein Augenblick, ich hätte mich gewiß ſpäter auf dieſen ſchönen Tag von ſelbſt erinnert. Willſt Du mir verzeihen? komm',, gute Alte, Du biſt ein ſo gutes Weib!“ „O, Euſebius, und Düu ein ſo guter Mann, wenn Du nur Deinen gelehrten Unſinn laſſen wollteſt.“ „Haſt Du mir verziehen?“ „Wer kann Dir widerſtehen, Euſebius, Du weißt mich zu behandeln! Heute vor zwölf Jahren gabſt Du mir den erſten Kuß, und ich verkaufte den erſten Hä⸗ ring in meinem Laden, in meinem eigenen Laden, Euſebius!“ „Im eigenen Laden den erſten Häring! ja wohl Euphroſina!“ Und die beiden Gatten lächelten ſich zu, und der kleine Schreiber umarmte die große Frau, und ſie knüpfte wieder die grellrothen Haubenbänder unter ihrem Kinn zuſammen. Als ſo der Friede wieder hergeſtellt war, füllte Frau Euphroſina auf's Neue die Gläſer, und griff nach dem verhängnißvollen Kuchen. — ——ᷓ——ᷓ—— Aber wo war er denn auf einmal hingekommen, der große ſchöne Kuchen? Franz und ſeine Schweſter, vereint mit den beiden Hunden Caligula und Nero, hatten ſich die elegiſche Stimmung der Eltern zu Nutzen gemacht, und den Kuchen einſtweilen bis auf einen kleinen Reſt ver⸗ zehrt. Abermals drohten aufſteigende Gewitterwolken am Eheſtandshimmel, aber Herr Euſebius zerſtreute ſie mit ſeiner begütigenden Stimme, und manches Gläschen ward noch auf das Wohl der beiden Gatten geleert, die in Rückerinnerungen ſchwelgten. Wer weiß, wie lange dies nicht noch gedauert, wenn nicht die Magd die fleißige Hausfrau zur brodelnden Wäſche, die Kin⸗ der aber zu ihren Schularbeiten gerufen hätte. Aber es war im Reiche der Götter einmal beſchloſſen, daß die Wäſche für heute nicht beendet werden ſollte, denn kaum ſtand Frau Euphroſina wieder an ihrer Arbeit, als es draußen an der Wohnungsthüre, die zum Ausgange führte, heftig läutete. Babi, die Magd, war ſoeben mit einem Theile der Wäſche zum Brunnen gegangen, um dieſelbe aus⸗ zuſchwemmen, eine Manipulation, die, wie alle Haus⸗ frauen wiſſen, viel Zeit, namentlich zum Schwatzen mit andern Dienſtboten erfordert. 49 „Ich mache nicht auf“, ſagte Frau Eſchmüller zu ſich ſelbſt,„denn's iſt gewiß wieder die zudringliche Bäckerin von drüben, die jeden Waſchtag herläuft, um mit ihrer langen Naſe in meiner Wäſche herumzu⸗ ſtöbern.“ Mit dieſem Entſchluſſe ging die wackere Frau zu dem dampfenden Keſſel, ergriff die große hölzerne Wäſch⸗ kelle, und ſtieß damit kräftig in die kochen de Wäſche, als wolle ſie dadurch ihrem Aerger über die abermalige Unterbrechung Luft machen. Es läutete noch einmal, viel ſtärker als früher, und die kleine Elsbeth ſteckte vom Wohnzimmer aus ihren Kopf durch die Thüre. „Es läutet, Mutter, ſoll ich aufmachen?“ fragte ſie. „Ja, Elsbeth, aber iſt's die Bäckerin, ſo ſag, ich ſei nicht zu Haus'.“ Die Kleine gehorchte geſchäftig, und kehrte gleich wieder zurück. „Mutter, es iſt eine junge Dame draußen.“ „Eine junge Dame? Na, wahrſcheinlich hat wieder eine Luſt nach dem Zimmer drüben, ſag' ich vermieth' es an keine Damen. Das ging mir ab, habe ohnehin genug Pein mit den Herren, ſeit der arme Braun todt iſt, und jetzt erſt mit Frauen, die zu kochen, und zu waſchen, und zu ſchwatzen, und zu kritiſiren verlangen.“ Creſſieur, Die Kunſtreiterin. III. 4 50 Und Frau Eſchmüller hatte Recht. Seitdem der arme Braun todt und Breiten gefangen genommen worden war, bekam die wackere Frau keinen ordentlichen Zimmerherrn mehr. Der eine blies die Flöte bis ſpät in die Nacht, der Andere verlangte ſchon um vier Uhr Morgens warmes Raſirwaſſer, der Dritte aber zankte ſich fortwährend mit aller Welt herum. Jetzt ſtand das Zimmer leer, denn der letzte Miether hatte gar auf dem Clarinett geblaſen, wo dann Caligula und Nero jedes Mal ein jammervolles Geheul als Accompagment angeſtimmt. „Mutter, ſie will nicht das Zimmer miethen, ſie will nur mit Dir ſprechen“, berichtete Elsbeth wieder und meint, ſie wolle warten, wenn Du nicht Zeit hätteſt.“ „Na! Das nenne ich einmal höflich ſein“, meinte die dicke Frau,„paſſirt Einem ſelten, das Jemand warten will, da muß ich doch nachſehen, wer das iſt.“ Und Frau Eſchmüller ſpritzte den Seifenſchaum abermals von ihren Händen und trocknete ſich dieſelben mit einem Handtuch. Dann eilte ſie hinaus, und be⸗ fand ſich bald einem jungen Mädchen in tiefem Trauer⸗ anzug gegenüber, das einen Augenblick noch ſchüchtern auf der Schwelle ſtand, dann aber mit einem einzigen Ausruf des Wiedererkennens ſich in der wackeren Frau Arme warf, die ſich feſt um ſie ſchlangen.„Iſabella, mein liebes, gutes Kind, iſt's möglich! Biſt Du es wirklich?“ ſo rief Frau Eſchmüller ein über das andere Mal, während neue Küſſe der wackeren Dame des lieblichen Mädchens Mund bedeckten. „Ja, Mutter Euphroſina, Du täuſcht Dich nicht, es iſt Deine arme unglückliche Bella, die Du auf Deinen Armen getragen, die Du groß gezogen haſt im Hauſe ihres Vaters.“ „Aber, mein Gott, was bedeutet dieſer Anzug, Kind?“ fragte nun erſchrocken die biedere Frau weiter. „Er bedeutet den bitterſten Verluſt in meinem Leben, den Tod meines armen, armen, Pflegevaters.“ „Der Kommandant von Karnſtein todt!“ rief Frau Eſchmüller ſchmerzlich,„o, mein Gott, der arme Mann, und ich wußte nichts davon! Aber mein Kind, habe ich recht gehört, ſagteſt Du nicht Dein Pflegevater, was ſoll das bedeuten?“ „Du ſollſt Alles erfahren, Mutter Euphroſina Nur vor allem Andern bitte ich Dich, mich bei Dir aufzunehmen für kurze Zeit.“ „Kind, wie magſt Du nur ſo fragen! Dein Lebenlang kannſt Du bei uns bleiben, wenn Dir unſer Haus nicht zu gering iſt. War es denn nicht Dein armer Vater, der durch ſeine Großmuth meinen jetzigen 4* Wohlſtand gründete, dafür nur, daß ich Dich armes, kleines Ding herumgetragen habe, und glaubſt Du, die alte Eſchmüller ſei ein undankbares Geſchöpf? Biſt gewiß gekommen, Dich nach dem Tode Deines Vaters zu zerſtreuen? Sei nochmals herzlich willkommen! Aber, mein Gott, ich plauſche da, und laſſe Dich hier im Vor⸗ zimmer ſtehen, anſtatt Dich im Triumphe zu meinem Euſebius zu bringen, der ſich freuen wird, Dich wieder zu ſehen nach beinahe vier Jahren. Weißt Du, damals als Du aus dem Kloſter ausgetreten biſt, um für im mer in Karnſtein zu bleiben, da kam Dein Vater hier⸗ her in die Reſidenz, um Dir eine Freude zu machen, und Dir alle hieſigen Kunſtſchätze zu zeigen. Da kam er denn auch zu uns, der arme, vortreffliche Mann, Gott hab' ihn ſelig, und wir hatten eine ſolche Freude, Dich zu ſehen; Du trugſt damals noch kurze Kleider und biſt jetzt ein ſo ſchönes großes Mädchen geworden, das ich mich beinahe ſcheue, Dich wie ſonſt mit dem vertraulichen„Du“ noch ferner anzureden.“ „Thue es immerhin, Mutter Euphroſina, Du weißt nicht, wie dankbar ich Dir für Deine Herzlichkeit gegen mich bin“, ſagte Iſabella, und drückte die Hand der biederen Geſchäftsfrau. So plaudernd waren Beide in die Zimmer einge⸗ treten. A 53 „Mann, Kinder, ſeht wer da iſt!“ rief Euphroſina erfreut. Und der kleine Schreiber eilte ſchnell herbei, und begrüßte den willkommenen Gaſt herzlich, und die Kinder umſtanden neugierig das fremde ſchöne Mäd⸗ chen, während Caligula und Nero es nach allen Seiten beſchnüffelten, um nach ihrer Art klar zu wer⸗ den über den neuen Ankömmling. Frau Eſchmüller aber eilte in die Küche hinaus, um von dort her eine Magenſtärkung für ihren Lieb⸗ ling zu beſorgen, die nach ihrer Meinung jedes Leid beſſer ertragen laſſe, und Iſabella mußte tapfer den leckeren Biſſen zuſprechen, welche die wackere Dame ihr mit mütterlicher Sorgfalt auftiſchte. Dann erſt mußte das junge Mädchen Alles er⸗ zählen, und Frau Eſchmüller ſchlug vor Entſetzen über das Vernommene die Hände ineinander, und auch Herr Euſebius war ſichtlich ergriffen. „O, Du armes, armes Kind“, rief ein über das andere Mal die biedere Frau,„was haſt Du gelitten, und über die Grenze kamſt Du alſo glücklich? Gott ſei Dank, das wäre ſchrecklich geweſen, wenn ſie Dich angehalten und wieder nach Karnſtein gebracht hätten. Aber biſt Du denn wirklich mit dem wenigen Gelde, was Du aus Deinen Erſparniſſen von früher her hatteſt, ausgekommen? Mein Gott, vierzig Gulden, — ͦ— — — und die lange Reiſe, wie oft mußt Du gehungert haben!“ 8 „Das weniger, Mutter Euphroſina, aber die Füße thaten mir oft recht weh, denn oft geſchah es, daß ich keine Fahrgelegenheit fand, auch mußte ich mit dem Gelde ſparſam ſein. Aber, Gott ſei Dank, jetzt iſt Alles überſtanden, ich bin bei Euch, und Ihr habt mich freund⸗ lich aufgenommen bis ich mir ſelbſt ein Unterkommen ſuchen kann. Ich kann Euch nicht genug danken.“ „Davon wollen wir noch gar nicht reden, hörſt Du, Kind? Du bleibſt bei uns, ſo lange es Dich freut, und ich will Dich als meiner Schweſterkind aus⸗ geben bei den Leuten, iſt's Dir recht? „Ich kann Dir nicht genug danken, Mutter Euph⸗ roſina.“ „Larifari! danken! Du haſt nichts zu danken, wir müſſen Deinem guten Pflegevater danken für all' das Gute, das er uns gethan hat, nicht wahr, Euſebius?“ „Du haſt Recht, Frau, Oberſt Alſing war ein wackerer Mann, der uns unſern jetzigen Wohlſtand gründete, wir wollen ſeiner Güte uns jetzt dankbar er⸗ weiſen, indem wir Sie, Fräulein Iſabella, in unſerm einfachen Haushalt recht herzlich willkommen heißen, und Sie bitten, unſere Heimath als die Ihrige zu betrachten.“ „So iſt's Recht, Mann, haſt mir aus dem Herzen geſprochen, und nun noch Eines. Mußt' es ſchon er⸗ lauben, Bella, daß mein Alter Dich auch„Du“ nennt, ſonſt könnte es den Leuten auffallen, weil man ein Schweſterkind ſein Lebtag nicht„Sie“ nennt.“ „Aber Frau, was fällt Dir ein?“ „Etwas ganz Vernünftiges, mein lieber, guter Onkel“, fiel Iſabella ſchmeichelnd ein,„und ich bitte Dich recht herzlich, ihr zu folgen.“ 3 Beinahe ſchüchtern gehorchte der kleine Schreiber dieſer Nothwendigkeit. „Bei uns, Bella, ſo hoffe ich, ſoll kein Menſch Dir wehe thun“, meinte er dann. „Ich glaube auch, daß ich bei Euch am ſicherſten geborgen bin, denn Theobald dürfte meinen Aufenthalt bei Euch am wenigſten vermuthen. In Sacré Ange, wohin ich einen Moment mich zu flüchten dachte, wäre mein Aufenthalt bald entdeckt worden, und das war es, was mich bewog, dieſen Plan aufzugeben. Nicht um die Welt könnte ich wieder nach Karnſtein zurück. Gott weiß, wie ich ſelbſt am beſten fühle, daß ich mir mein Brod erwerben muß; aber iſt man unter ganz fremden Leuten, ſo wird es Einem nicht ſo hart, in der Abhängigkeit zu leben, wie dies bei Menſchen der Fall iſt, von denen man früher gewöhnt war, ſich ge⸗ 56 ſchmeichelt und geehrt zu wiſſen, um dann plötzlich in der Armuth auf's Tiefſte gedrückt zu werden. Mit der Zeit hoffe ich auch durch emſiges Forſchen nach meiner Mutter Licht in das geheimnißvolle Dunkel meiner Abkunft zu bringen, und dachte ich, daß Du, Mutter Euphroſina, mir irgend einen Anhaltspunkt aus meiner Kindheit würdeſt geben können.“ „Dies iſt leider nicht der Fall, mein armes Kind, ich wollte, ich wäre es im Stande“, ſagte Frau Eſch⸗ müller traurig.„Als ich als Kindermädchen in den Dienſt Deines Pflegevaters kam, warſt Du gerade zwei Jahre alt, und meine Herrſchaft betrachtete Dich in allen Dingen wie ihr eigenes Kind, ſo daß es mir noch keinen Moment einfallen konnte, Du ſeieſt es nicht. Ich weiß noch, als Du Dir eines Tages durch einen Fall eine kleine Kopfbeule ſchlugſt, wie ſehr erſchrocken war da die damalige Frau Oberſtlieutenant Alſing, und wie ſchickte man gleich nach dem Arzte, und wie war man beſorgt, und gar als Du das Scharlach hatteſt, das war ein Jammer und eine Angſt um Dich! Und ſo ging es bei allen Gelegenheiten. Als dann die Frau Oberſtlieutenant auf dem Todtenbette lag, da war ihr letztes Wort eine Bitte an den Gatten, Dich in ſeinen Schutz zu nehmen. Die arme Frau! Sie hatte Dich ſo lieb, wie ihr eigenes Kind, und ebenſo der — 57 Herr Oberſtlieutenant. Ich pflegte Dich dann bis Du in's Kloſter Sacré Ange in die Erziehung kamſt, und da erinnere ich mich noch, als man damals von dem Kloſter aus Dein Taufzeugniß begehrte, wie es ſonſt der Brauch zu ſein pflegt in Erziehungsanſtalten, da weigerte ſich Dein Vater und nannte das Begehren unnütze Dummheiten. Ich wunderte mich darüber wohl damals, aber als er ein Zeugniß ſeines Regiments⸗ kommandanten vorwies, welches Dich als Alſings Kind erklärte, da fiel jede weitere Aengſtlichkeit weg, und man nahm Dich in Sacré Ange auf. Jetzt erkläre ich mir freilich Alles; ich meine aber, beim damaligen Re⸗ gimente Deines Pflegevaters ſollte man doch mehr wiſſen.“ „Man hat ſich auch nach dem Tode meines Pflege⸗ vaters an daſſelbe gewendet, aber nur erfahren, daß er mich wirklich als ſein Kind ausgegeben. In dem hinterlaſſenen Schreiben meines Pflegevaters ſtand ja, daß er weder Mühe noch Geldopfer ſcheute, um mich als ſein Kind auszugeben, wie leicht kann daher ein Irrthum abſichtlich vorgefallen ſein. Mir wird oft ſo bange bei dem Gedanken, daß kein Licht dieſes Dunkel erhellen, daß ich am Ende nie erfahren werde, wer meine Mutter geweſen.“ „Nicht doch, mein liebes Kind“, meinte begütigend 8 1 —————O·ONO:Fe— der kleine Schreiber, als er die dunklen Augen ſeines Schützlings ſich mit neuen Thränen füllen ſah,„nicht doch, man muß niemals die Hoffnung auf Etwas auf⸗ geben, dann erreicht man auch ſein Ziel, und ich glaube zuverſichtlich, daß durch irgend einen Zufall ſich einmal, vielleicht erſt nach Jahren, Alles klären wird.“ „Und glaube nur meinem Alten, Bella, er iſt ein geſcheidter Mann“, ſagte Frau Euphroſina wichtig und zum erſtem Male erſchien ihr die Gelehrſamkeit ihres Gatten in einem beſſern Lichte, denn ſie konnte mit derſelben ihren Liebling tröſten. Noch lange ſprachen die wackeren Leute über ihres neuen Schützlings Zukunft, und der erſte friedliche „Abend nach langer, ſchmerzvoller Zeit ſenkte ſich auf das junge Mädchen nieder, und ſchloß ihr die ermüdeten Augen zum Schlafe. Nach wenigen Tagen ſchon war Iſabella heimiſ ch in dem kleinen Familienkreiſe, hatte ihre Tagesbeſchäf⸗ tigung einigermaßen geordnet, und erfreute ſich der Zu⸗ neigung aller Familienmitglieder. Selbſt Caligula und Nero ſuchten ihre Freundſchaft dem jungen Wmndehtn auf alle Art zu beweiſen. 8 Iſabella half Frau Euphroſinen in den häuslichen Beſchäftigungen ſo gut ſie es vermochte, und wünſchte auch im Laden beſchäftigt zu werden, was aber die 6 wackere Frau nicht duldete und behauptete, ihre feinen Hände ſeien zum Abwiegen von Seife und Käſe nicht geſchaffen. Dafür half nun Iſabella Herrn Euſebius in ſeinen Copirarbeiten und hielt die Oberaufſicht über die Schulübungen der Kleinen. Sie fand in dem klei⸗ nen Kreiſe bald jene Ruhe des Gemüthes wieder, die ein geſundes unverbildetes Menſchenherz ſo leicht im Umgange mit reinen Naturen wieder gewinnt. Wohl dachte ſie noch oftmals der unwürdigen Behandlung, welche ihr im Hauſe ihres Vormundes zu Theil ge⸗ worden und ihre lebhafte Einbildungskraft trug wenig dazu bei, ſie dieſelben vergeſſen zu machen; doch bei aller Bitterkeit ihrer Seele, welche ſich ihrer bei dieſen Rückerinnerungen bemächtigte, vermochte dieſelbe nicht, ihre wiedergewonnene Gemüthsruhe zu verdrängen. Dies war auch bei dem Andenken an Max von Breiten und Martha, ſowie deren Bruder der Fall. Iſabella gedachte derſelben, wie man ſich eines längſt entſchwundenen ſchönen Traumes erinnert; nur ihr Glauben, ihr Vertrauen in die einſtigen Freunde war dabei verloren gegangen. Dieſelben hatten ſie verlaſſen in der Zeit ihrer bitterſten Armuth und Noth und ſie ſuchte daher ſie zu vergeſſen. Obwohl ihr dies ſchwer ward und das Bild der fernen Freunde noch oft vor ihre Seele trat, ſo ſuchte ſie es zu verbannen, wie 60 man ein Gemälde entfernt, das einen entſtellenden, garſtigen Fleck erhalten hat, den man nimmer zu rei⸗ nigen vermag. Oft verſuchte es Frau Eſchmüller, welcher Iſabella ſchon längſt Alles miggetheilt, die fer⸗ nen Freunde zu vertheidigen, doch Iſabella ſchüttelte dann ſtets traurig das Köpfchen und meinte wehmüthig: „Ich zürne ihnen ja nicht, daß ſie mich vergeſſen konn⸗ ten in meiner ſchwerſten Prüfungszeit; mögen ſie glücklich werden; es thut mir nur leid, daß ich mich ſo bitter in ihnen getäuſcht.“ „Und ich ſage Dir, Kind, daß ich es nimmer glauben werde, Breiten könne ſo handeln, wenn viel⸗ leicht auch Deine Freundin und ihr Bruder dies ver⸗ mocht. Da muß etwas Außerordentliches paſſirt ſein, ſag' ich Dir!“ „Aber was denn, Mutter Euphroſina, den Brief haben Beide erhalten, ich reklamirte ja den Schein bei der Poſt.“ „Nun, kann Breiten nicht geſtorben ſein, nachdem er den Brief erhalten?“ „Mein Gott, Mutter Euphroſina, wie magſt Du nur ſo reden?“ ſagte erbleichend das junge Mädchen, denn ein ſolcher Gedanke war ihr noch niemals ge⸗ kommen. „Beſſer todt, als ſchlecht und undankbar!“ meinte energiſch die biedere Frau und ſtopfte dabei ein großes Loch in dem Strumpfe ihres Euſebius,„und weil Brei⸗ ten nach meiner Meinung nicht ſchlecht und undankbar ſein kann, ſo muß ihm etwas paſſirt ſein. Dort in den heißen Ländern giebt es Fieber aller Art, wie mein Euſebius ſagt und da kann er leicht eines davon erwiſcht haben.“ An demſelben Abend kniete das junge Mädchen in dem einſamen ſtillen Zimmer, das einſt Braun und Breiten beherbergt, vor ihrem Bette nieder und ein inniges Gebet entſtrömte ihrem Herzen. „Beſſer todt, als ſchlecht und undankbar!“ ſagte auch ſie. Des andern Tages waren am Abend einige Hausfreunde bei dem Eſchmüller'ſchen Ehepaar ver⸗ ſammelt. Frau Euphroſine liebte es, zur Zerſtreuung ihres kleinen gelehrten Euſebius hier und da eine kleine Tarokparthie zu veranſtalten. „Mein armer kleiner Mann muß ſich zerſtreuen, weißt Du“, ſagte ſie an jenem Tage zu Jaabella, 4„ deshalb lade ich hier und da einige gute Nachbarn ein. Da kommt auch heute Abend unſer Hausarzt, ein recht netter lieber Mann, hat freilich noch wenig Praxis, aber wird ſchon noch welche kriegen. Er be⸗ ſucht auch oben als Arzt die Schweſter des Herrn 62 Allen, die irrſinnig ſein ſoll, wie man ſagt, was ich aber mein Lebtag nicht recht glauben kann, denn ſie ſchreit und jammert nicht, wie Narren es ja ſonſt thun. Da wollen wir denn im Sitzzimmer die Wachs⸗ lichter auf den verſilberten Leuchtern anzünden und auf den länglichen Tiſch ſtellen, dazu Backhühner und Schinken hergeben mit echtem Pilſner Bier und da ſollſt Du einmal ſehen, wie wir uns Alle herrlich dabei unterhalten.“ Und Iſabella, der glänzende Stern im Salon ihres Pflegevaters, empfing in ihrem einfachen Trauer⸗ kleidchen die Gäſte ihrer Beſchützer, die großentheils aus Kleinbürgern beſtanden, mit der nämlichen Liebens⸗ würdigkeit, mit der ſie einſt zu Karnſtein durchreiſende Generäle und Miniſter empfangen hatte. Doktor Mohn, ein nicht hübſcher ſemmelblonder Mann mit gutmüthigen Zügen ward von der Haus⸗ frau und Herrn Euſebius als eine Art Standesperſon reſpectirt. Mit großem Intereſſe wandte er ſich mit der Frage an die Hausfrau, wer denn das hübſche junge Mädchen im Traueranzug ſei, das ſo freundlich mit der Frau des Kleinhändlers Leeb ſpreche. „Ach, ich vergaß, Ihnen mein Schweſterkind vor⸗ zuſtellen, Herr Doctor“, ſagte die dicke Frau ſo laut, daß auch alle übrigen Gäſte es vernehmen konnten. —— „Komm einmal her, Kind“, wandte ſie ſich an Iſabella, „daß ich Dich vorſtelle.“ Man umringte nun das junge Mädchen und be⸗ trachtete es von allen Seiten mit der Neugierde echter Klatſchbaſen; nur Doctor Mohn ſchien für Iſabella ein tieferes Intereſſe an den Tag zu legen; forſchend ſah er zu wiederholten Malen das junge Mädchen an. Nie in ſeinem Leben meinte Doctor Mohn ſo wunder⸗ ſchöne Augen geſehen zu haben, als dies bei Iſabella der Fall war; der Blick derſelben, in ihrem durch⸗ geiſtigten Ausdrucke, feſſelte ihn unwillkürlich. Dieſe Augen erweckten Erinnerungen in dem jungen Doctor, die er vergeblich in ein klares Licht zu bringen ſuchte. Es ſchien ihm eine unumſtößliche Gewißheit, daß er Iſabella's Augen ſchon irgendwo im Leben begegnet und ſelbſt des jungen Mädchens Stimme ſchien ihm bekannt, aber umſonſt verſuchte er es, ſich Klarheit über dieſen Punkt zu ſchaffen. Es erging ihm, wie ſo Vielen, die gewiß ſind, ſchon irgendwo einem Men⸗ ſchen begegnet, einer Gegend anſichtig geworden zu ſein, ſich aber umſonſt an das„wo“ zu erinnern ſuchen. „Iſt Ihre Nichte ſchon lange hier?“ fragte er über den Taroktiſch hinüber Frau Eſchmüller und ſandte dabei einen forſchenden Blick nach Iſabella, die ———— 64 mit einer Handarbeit beſchäftigt neben einem ältlichen Fräulein mit langer Habichtsnaſe ſaß, die im Geruche ſtand, Gedichte zu verfertigen, in Wahrheit aber nie weiter als zu Stammbuch⸗Knittelverſen kam, welche ſich in Mein und Dein, Liebe und Triebe, Hangen und Bangen ergingen und für gewöhnlich darin auch ihr ſeliges Ende fanden. Fräulein Diſtelholz' Gedichte boten aber auch noch das Vortreffliche, daß ſie der Verfaſſerin ſelbſt am beſten gefielen und daß außer ihr dieſelben Niemand las. „Seit einer Woche“, antwortete Frau Eſchmüller auf die Frage des Doctors. „Merkwürdig, Frau Nachbarin, daß Sie uns nie⸗ mals von dieſem Ihrem Geſchwiſterkind etwas erzählt haben“, meinte die dürre Bäckerin von drüben, die alle Waſchtage kam und verlor dabei einen angeſagten Ultimo. „Weil es überhaupt nicht meine Sache iſt, über meine Angelegenheiten immer zu plaudern“, entgegnete Frau Eſchmüller energiſch,„und was hätte ich auch reden ſollen über das arme Kind? Etwa, daß es ſei⸗ nen Vater und Mutter verloren, oder daß es blutarm und bildhübſch iſt? Ich glaube, Beides intereſſirt die Frau Nachbarin ſehr wenig.“ Damit war jede weitere Erörterung abgeſchnitten, —, 65 denn man kannte Frau Eſchmüller gar wohl, daß ſie nicht ſprach, wenn ſie nicht reden wollte. „Kennen Sie Schillers Gedichte?“ wandte ſich die Stammbuchdichterin an Iſabella. „Wie ſollte ich dieſe herrlichen Dichtungen nicht kennen?“ meinte das junge Mädchen einfach. „Sehen Sie, ich will Ihnen etwas anvertrauen. Bei allen meinen Gedichten nehme ich mir Schiller zum Vorbilde, ſo zum Beiſpiel bei dieſem hier“, und Fräulein Diſtelholz räuſperte ſich, nachdem ſie ein Pack Manunſcripte aus der Taſche gezogen, lehnte ſich ſchmach⸗ tend zurück in ihren Stuhl, und warf einen zärtlichen Blick hinüber nach dem jungen Doktor. Aber war es nun die etwas zu lange Naſe Fräuleins Diſtelholz', oder das Manuſcript in ihren Händen, daß der zärt⸗ liche Blick ſeine Wirkung verfehlte, gewiß iſt, daß Doctor Mohn für ſeine Treffle⸗Dame viel mehr Auf⸗ merkſamkeit beſaß als für Fräulein Diſtelholz, was die hagere Dame in eine Art von nervöſen dichteriſchen Krampfes verfallen ließ, in welchem das Herz und der Schmerz, das Leid und die Pein, die Gluth und die Wuth in entſetzenerregender Schnelligkeit einander folgten. „Nun, wie finden Sie meine Gedichte?“ fragte ſie endlich tief aufathmend,„nicht wahr, es hat Aehn⸗ lichkeit mit Schillers Taucher?“ Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 5 ————— 66 Iſabella ward die Antwort durch den Eintritt Babi's mit dem großen Präſentirteller erſpart und ſie beeilte ſich, die Delicateſſen auf einem nebenſtehenden Tiſche zu ordnen, welche ihr ungleich ſchmackhafter vor⸗ kamen, als Fräulein Diſtelholz⸗ Gedichte. „Wenn Sie mich näher kennen, ſo werden Sie auch eine moraliſche Aehnlichkeit zwiſchen mir und dem großen Schiller finden“, lispelte Fräulein Diſtelholz ihr nach und warf abermals einen zärtlichen Blick nach Doctor Mohn hinüber. Ja ſie ſtand ſogar auf und ſtellte ſich an ſeine Seite zum Taroktiſch. „Dieſe Pique⸗Dame mag jetzt ſchon der Kuckuck holen, ich werde ſie ſonſt nicht los“, ſagte Doctor Mohn ſoeben und ſpielte die überzählige Dame aus. „Sie haben mit den Damen Glück, Doctor, ſie verfolgen Sie“, meinte Herr Euſebius lächelnd, als die Pique⸗Dame glücklich durchging. „Ich danke Ihnen für dieſes Compliment“, ant⸗ wortete Mohn gutgelaunt. „Sie müſſen mir eine Medizin verſchreiben, Doc⸗ tor“, lispelte verſchämt Fräulein Diſtelholz,„mir iſt oft ſo weh im Herzen.“ „Beſſer im Herzen als im Magen, mein liebes Fräulein“, erwiderte der Arzt trocken.„Wenn Einem etwas im Herzen liegt, ſo gibt's tauſenderlei calmirende /—xxyjjyʃ 1 ——-— ——— — — 67 Mittel, wenn Einem aber etwas ſo recht im Magen liegt, brr, das iſt ſchlimm! Aber das Spiel iſt zu Ende und ich habe nur Vierunddreißig.“ Die Tarokparthie erhob ſich lächelnd und bald ſprach man dem guten Pilſner Bier und den Backhüh⸗ nern wacker zu. Nur Iſabella aß wenig und nippte blos an ihrem Glaſe. Ueberhaupt lag in der ganzen Art und Weiſe des jungen Mädchens etwas, was ſo gar nicht recht in dieſe einfache Geſellſchaft paßte. Iſabella war ſchön, ihr Weſen voll Anmuth und Leichtigkeit, ihre Bewe⸗ gungen graziös und wiederholt fragte ſich Doctor Mohn, wo das junge Mädchen, die Tochter einfacher Landwirthsleute, wie Frau Eſchmüller ſagte, dieſe un⸗ gewöhnliche Bildung bekommen habe. Die Unterhaltung war eine lebhafte und das Geſpräch drehte ſich um die verſchiedenſten Dinge. So kam man auch auf Herrn Allens Verwandte im obern Stocke zu ſprechen, welche der Arzt behandelte. „Sie iſt ſehr ſchwer erkrankt, wie ich gehört, wie geht es ihr heute?“ fragte eine behäbige Tiſchlersfrau der Nachbarſchaft, welche ſich um alle Geburts⸗, Hoch⸗ zeits⸗, Krankheits⸗ und Sterbefälle der Umgegend be⸗ kümmerte. „Es geht ihr ſchlecht,“ meinte Mohn theilnehmend 5* 6 6 . 6 68 und ich glaube kaum, daß es die Aermſte noch lange macht.“ „Was fehlt ihr denn eigentlich?“ fragte Frau Eſchmüller, begierig die günſtige Gelegenheit ergreifend, etwas über die ihr ſo intereſſante Fremde zu erfahren. „Sie iſt ſchwindſüchtig,“ antwortete der Arzt achſelzuckend. „Sagen Sie mir, iſt es denn wahr, daß ſie irr⸗ ſinnig iſt, man kennt ihr doch eigentlich gar nichts an“, fuhr Frau Eſchmüller fort. „Ihr Verſtand iſt etwas zerrüttet, obgleich man dies eigentlich noch keinen Wahnſinn nennen kann. Sie leidet an einer fixen Idee“, erklärte Mohn. „Und die beſteht?“ „Daß ſie fortwährend nach ihrem Gatten ruft, wo ſie doch niemals verheirathet war. Eine unglück⸗ Liebe iſt ſchuld an ihrem Unglücke, wenigſtens behaup⸗ tet dies ihr Bruder.“ „Eine unglückliche Liebe, welch' ein Schmerz für ein Herz“, recitirte Fräulein Diſtelholz elegiſch und fuhr mit ihrer dürren Hand durch die ebenſo dünnen Schmachtlocken. „Die Aermſte“, meinte die Tiſchlersfrau und ſtrich ſich ein dickes Butterbrod auf. „Sie wird auf das Sorgfältigſte von ihrem —— —— Bruder gepflegt und auch ſie iſt ihm ſehr anhänglich“, ſagte Mohn.„Ich hätte eine ſolche Sorgfalt nie bei Herrn Allen für möglich gehalten, der im Ganzen ein etwas rauher Patron iſt und durchwegs nicht viel Bildung hat, ganz der Gegenſatz ſeiner Schweſter, welche in früheren Zeiten ſehr verſtändig geweſen ſein, und namentlich viel geleſen haben muß. Herr Allen behauptet, das ſei eben ihr Unglück, ſie ſei viel zu ge⸗ gelehrt für ein Frauenzimmer geweſen.“ „Siehſt Du, Euſebius, daß Gelehrſamkeit zu nichts taugt,'s iſt ein unnützer Tandelkram, wie ich ja immer ſage“, meinte Frau Euphroſina. „Für Euch Frauenzimmer, ja“, erwiderte Herr Euſebius lächelnd. „Das finde ich nicht“, eiferte Fräulein Diſtelhol z. „Nun, ich für meinen Theil würde zum Beiſpiel niemals eine Dichterin heirathen“, ſagte Mohn trocken. „Und ich niemals einen Arzt, denn ich würde fürchten, er vergiftete mich“, ſchnarrte Fräulein Diſtel⸗ holz mit einem Blicke auf Mohn, der ärgeres Gift als alle bella donna der Welt enthielt. „Nun, nun, Fräulein, ſo war es ja nicht gemeint, oder dichten Sie etwa? Das würde mir leid thun, denn—“ Er vollendete den Satz nicht, aber ſein ſpöttiſcher —— Blick ſtreifte Fräulein Diſtelholz, indeſſen ein leiſer Seufzer ſeine Bruſt hob. „Ach, Sie ſind ein Tauſendſaſſa“, kicherte Fräulein Diſtelholz und warf einen neuen ſchmachtenden Blick auf Mohn, der ſich in die Fauſt lachte. Die hagere Bäckerin rief zu einer neuen Tarokparthie, denn ſie war eine leidenſchaftliche Spielerin. Mohn entſchul⸗ digte ſich, nicht von der Parthie ſein zu können, da er gezwungen ſei, heute noch mehrere Krankenbeſuche zu machen und alſo bald fortzugehen denke und ſo mußte Fräulein Diſtelholz denn ſeinen Platz ein⸗ nehmen. Doctor Mohn ging nun wohl nicht fort, ſondern als Iſabella wieder nach einer Weile aus dem Neben⸗ zimmer ins Spielzimmer trat und ſich mit einer feinen Stickerei zur Lampe an den Nebentiſch ſetzte, ergriff auch er einen Stuhl und ſetzte ſich neben ſie, was Fräulein Diſtelholz zu der Frage veranlaßte, ob denn das junge Mädchen nicht Karten ſpielen könne. „Nein, ich hatte leider nie die Geduld, ein Karten⸗ ſpiel zu erlernen“, antwortete Iſabella lächelnd. „Das ſoll und muß jedes junge Mädchen kennen“, meinte giftig die Diſtelholz. „Ich kenne Ihren Onkel und Ihre Tante ſchon lange“, ſagte in etwas leiſerem Tone Mohn zu Iſa⸗ ———— 71 bella,„aber ich geſtehe, daß ich niemals von einer Nichte derſelben ſprechen gehört. Meine Ueberraſchung, eine ſolche hier zu ſehen, war groß, aber ſehr ange⸗ genehm.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Doctor“, antwortete ſie erröthend. „Und werden Sie länger bei Ihren Verwandten bleiben?“ „Ich glaube kaum, denn ich will mich um eine Anſtellung als Erzieherin oder Geſellſchafterin umſehen.“ „Man verlangt aber von einer ſolchen heut' zu Tage leider ſehr viel; beſitzen Sie denn die nöthigen Kenntniſſe dazu?“ „Meine Kenntniſſe ſind freilich geringe“, meinte Iſabella ſchüchtern,„doch ich will es einmal verſuchen.“ „Vielleicht könnte ich Ihnen behülflich ſein, Fräu⸗ lein. Unter meinen Patienten zum Beiſpiel iſt eine Commerzienräthin, die jetzt auf einige Wochen in ein Bad reiſte auf meine Verordnung. Dieſelbe ſucht für ihr ſechsjähriges Töchterchen eine junge Lehrerin, und bat mich, im Falle mir etwas derart bekannt würde, es ihr mitzutheilen.“ „Sie ſind wirklich zu freundlich, Herr Doctor.“ „Mein Gott, das thue ich ja gerne, mein Fräu⸗ lein. Sprechen Sie fremde Sprachen?“ 72 „Ja, mein Herr. Ich ſpreche franzöſiſch, italieniſch und engliſch, zeichne und male, ſpiele Clavier und ſinge; ob ich aber Alles genügend verſtehe, weiß und kann ich nicht ſagen.“ „Ihre Eltern müſſen viel auf Ihre Ausbildung verwendet haben“, ſagte Mohn ſichtlich überraſcht. „Man bildete mich eben zur Erzieherin heran“, ſagte Iſabella raſch, indem eine tiefe Röthe ihr liebliches Geſicht bedeckte. Es ward nun beſchloſſen, daß Mohn ſich bei der Rückkehr der Commerzienräthin für das junge Mädchen verwenden ſolle. Man plauderte noch eine Zeitlang, und dann erhob ſich der Arzt, um fortzugehen. „Ich hoffe, wir ſehen uns von nun an öfter“, ſagte er gutmüthig, und reichte Iſabella ſeine Hand. Und von jenem Tage an ward er auch ein wirklich fleißiger Beſucher des Eſchmüller'ſchen Hauſes. Die ſchwar⸗ zen Augen Iſabella's zogen mit magnetiſcher Kraft an. Auch das junge Mädchen war ihm zugethan; ſein freund⸗ liches Benehmen that ihr wohl; Frau Euphroſina aber freute ſich der Zuneigung des jungen Arztes gar ge⸗ waltig, und ſchmiedete ſchon bei ſich einen ganz netten Heirathsplan, in welchem Iſabella in einem hübſchen weißen Mullkleidchen mit einem grünen Kranz im Haar die Hauptrolle ſpielte. Als daher nach Verlauf von vier 82 73 Wochen Mohn wirklich mit einem förmlichen Heiraths⸗ antrag herausrückte, da meinte ſie, er ſei ein ganz acht⸗ barer Mann, und werde auch noch einſt recht berühmt werden, wie ſie neulich deutlich aus den Karten geſehen habe; Iſabella ſolle daher zugreifen, denn Mohn ſei ein Mann in Amt und Brod, der ſeine Frau gewiß vor jeder Unbill ſchützen werde. Das junge Mädchen aber ſchüttelte verneinend das Köpfchen, und als Mohn mit ſchlichten Worten um ihre Hand anhielt, da dankte ſie ihm wohl gerührt für ſeine Freundlichkeit, gab ihm aber einen abſchlägigen Beſcheid. „Seien Sie mir deshalb nicht böſe, lieber Doctor, aber ich habe zum Heirathen ſo gar keine Luſt“, meinte ſie aufrichtig. „Wie ſoll ich Ihnen böſe ſein darüber, daß ſie mich garſtigen Pflaſterſchmierer nicht heirathen wollen“, antwortete der ehrliche Arzt, nachdem der erſte Schmerz, welchen der abſchlägige Beſcheid ihm verurſachte, vor⸗ über war.„Gott erbarme ſich nun aber meiner, jetzt bleibt mir wirklich nichts Anderes mehr übrig, als Fräulein Diſtelholz zu heirathen, denn bei jungen Damen habe ich wirklich kein Glück. Aber deshalb bleiben wir einander doch gut, nicht wahr?“ Und Jſabella ſchlug mit herzlichem Wohlwollen in die ihr dargereichte Hand ein. Drittes Kapitel. Im Süden. Wir wiſſen, daß Breiten auf ſeiner Kunſtreiſe auch in Cairo angelangt war. Das damals an Künſt⸗ lern noch nicht ſo reiche Land der Pharaonen bot dem jungen, ſtrebſamen Manne ein reiches Feld, ſeine Kunſt praktiſch verwerthen zu können, und ſo beſchloß er, für einige Zeit hier zu verweilen. Sein erſter Gang in Cairo galt Weimar und deſſen Schweſter und er wurde von Beiden auf das Herzlichſte bewillkommt. Weimar ging dem jungen Künſtler werkthätig an die Hand und ſo ſchlecht vor einigen Jahren damals ſeine Bilder in der Heimath gezahlt wurden, ſo viel Anerkennung fand Breiten jetzt im Süden. Der Zwang der neuen Verhältniſſe, die Nothwen⸗ digkeit, ſich eine Exiſtenz zu ſuchen, ſowie der Anblick der ſich vor ihm täglich mehr entfaltenden Reize dieſes Zauberlandes, reagirten in wohlthätiger Art auf des Künſtlers bedrücktes Gemüth, und wenn es auch noch längerer Zeit bedurfte, um den ſchweren Kampf des Entſagens ſiegreich durchzukämpfen, das geiſtige Auge abzuwenden von dem einzigen Weibe, das er geliebt und welches einem Andern beſtimmt war, ſo gelang es ihm doch nach und nach Herr zu werden über ſeine Gefühle. Er ſchrieb von Zeit zu Zeit nach Karnſtein, und jeder ſeiner Briefe ward von dem Kommandanten in herzlicher Art beantwortet. Iſabella's ward darin nie erwähnt und nur in ſeinem letzten Schreiben hatte der Kommandant an Breiten ſowohl, als auch an Martha's Bruder von der baldigſt bevor⸗ ſtehenden Hochzeit ſeiner Tochter geſprochen. Auch Iſabella's Brief an die Freundin enthielt, wie wir wiſ⸗ ſen, ähnliche Andeutungen. Weimar und Breiten ſpra⸗ chen wohl oft über die Tochter des Kommandanten zuſammen, aber Martha gegenüber ſchwieg der junge Künſtler und das junge Mädchen war zartfühlend genug, dieſes Schweigen zu ehren. Martha vermuthete wohl, daß Iſabella Breiten nicht gleichgültig geweſen, doch etwas Beſtimmtes erfuhr ſie niemals darüber, da der junge Künſtler in dieſem Punkte mehr als ver⸗ ſchloſſen war. Iſabella's Briefe blieben eine Zeitlang ganz aus, nachdem ſie von ihrer bevorſtehenden Hochzeit geſprochen hatte und ihre Freunde in Cairo wunderten ſich dar⸗ über eben deshalb nicht beſonders. „Sie wird mit den Vorbereitungen zu ihrer Hoch⸗ zeit beſchäftigt ſein, und keine Zeit zum Briefſchreiben übrig haben“, meinte Martha. Die innige Theilnahme, welche Weimar dem jun⸗ gen Künſtler neuerdings dadurch erwieſen, daß er ihm mit Rath und That in ſeinem Künſtlerwirken an die Hand ging, ſchloß das Band feſter, das Breiten an die liebenswürdigen Geſchwiſter feſſelte, und es ent⸗ ſtand aus dem freundſchaftlichen, täglichen Umgang ein herzlicher Verkehr. Martha lebte durch die Nähe deſſen, dem ihr Herz gehörte, neu auf und Weimar, dem im Leben nichts als ſeine Schweſter, die er zärt⸗ lich und aufopfernd liebte, geblieben war, entgingen die Eindrücke nicht, welche Martha's Gefühlsleben in ſich aufnahm, und es darf uns nicht wundern, wenn er wünſchte, die geliebte Schweſter glücklich zu wiſſen. Es war zu Ende des Monates April des näm⸗ lichen Jahres, in welchem der biedere Kommandant ſein Leben ausgehaucht. Während bei uns im Norden die Schneeglöckchen und Primmeln erſt ganz ſchüchtern ihre Köpfchen aus dem jungen Graſe erhoben, gleichſam 77 als wollten ſie erſt anfragen, ob die Luft auch ſchon milde genug für die jungen zarten Geſchöpfe ſei, blüh⸗ ten im Süden in üppigſter Pracht die Roſen und Myrthen. Und während man bei uns ſich noch an manchen recht kühlen Tagen fröſtelnd an den warmen Ofen ſtellte, wehte in Cairo eine laue milde Sommer⸗ luft. Die Orangen und Akazien dufteten und die Gra⸗ naten prangten in wunderbarer Friſche, und mengten ſich mit den herrlichſten Blumen des Frühlings. Etwas weiter entfernt von der eigentlichen Stadt, reizend in mauriſchem Style erbaut, lag das von Weimar gemiethete Häuschen, zwiſchen blühenden Gär⸗ ten gebettet, von Jasmin, Roſen und Lila⸗Akazien⸗ büſchen umgeben. Breiten hatte dies Häuschen einſt „Mon refuge“ genannt, und ſeit jener Zeit war dieſer Beiname ihm geblieben. Für ihn war es auch zu einem„refuge“ geworden, wohin er ſich nach des Ta⸗ ges Arbeit in den Kreis der ihm lieb gewordenen Freunde zurückzog, um mit ihnen den Abend entweder im heiteren Geſpräche, muſicirend oder mit noch an⸗ deren Bekannten aus der deutſchen Heimath plaudernd zu verleben. Hier war es, wo er mit Martha ſeine Anſichten über die Malerkunſt austauſchte, wo ſo man⸗ cher Gedanke von ihr dem Genie des Künſtlers An⸗ laß zu neuen Werken wurde. Wie faſt alle von der Natur Vernachläſſigten, beſaß Martha ſeltene Geiſtes⸗ gaben, welche ihre Nähe zu einer feſſelnden bildeten. Man vergaß ihrer kleinen unſcheinbaren Geſtalt, man lauſchte nur ihrer ſeltenen, verſtändigen Redegabe, ihren treffenden überzeugenden Bemerkungen, ihren vielfachen Kenntniſſen in jeder Richtung. Das junge Mädchen ſaß auf der Veranda des Landhauſes. Die Abendſonne ſpielte mit den gold⸗ blonden, ſchweren Flechten ihres Hauptes. Wie ein verzaubertes Feenland lag Cairo vor ihr mit ſeinen Kuppeln und Minarets, ſeinen zahlloſen Moſcheen, ſeinem Häuſermeer. In dunkelrothem Glanze ſank die Sonne hinter das lybiſche Gebirge, das Mokkatam⸗ Gebirge im Oſten erglühte im ſchönſten Lichte und das Waſſer des Nils färbte ſich in Sonnengluth, während die Inſel Rhoda wie ein kleines Paradies dalag. Alles war in tiefleuchtendes Orangegold getaucht und wie ein wundervolles Traumbild, phantaſtiſch über⸗ irdiſch erſchien die ganze Gegend. Wie in goldener Faſſung erglühten noch einmal die mächtigen Nilakazien und Sykomoren, deren dunkelgrüne breite Kronen die Stadt wie in einem Gürtel einrahmten und die flachen Dächer und Kuppeln Cairo's ſchimmerten nochmals leuchtend auf, um alsbald zum reizenden Märchentraum zu verflüchtigen. —— — — 79 Die Annäherung an die Tropen läßt auch in Cairo die nächtliche Dunkelheit faſt ohne alle Vermittlung hereinbrechen und eine empfindliche Kühle folgt oft der Tageshitze ohne Uebergang. Martha erhob ſich und trat in das Haus zurück. Dort begegnete ihr Weimar. Er trug ein rekommandirtes Schreiben in der Hand, welches auf ſeiner Adreſſe Iſabella's zierliche Schrift⸗ züge trug. „Endlich ein Schreiben meiner Freundin“, rief Martha erfreut und nahm den Brief entgegen. Breiten war an jenem Tage viel mit der Voll⸗ endung eines Gemäldes beſchäftigt geweſen. Sein Atelier lag in einer der belebteren Straßen Cairo's, in der Muskyſtraße. Es iſt dies eine ſchöne Straße, in der uns auch an heißen Tagen eine prächtige Kühle erfriſcht, denn oberhalb ſind die Häuſer, die hier alle ohne Dach ſind, mit Latten und Gitterwerk gedeckt, was eine ſchattige angenehme Kühle verbreitet. In der Muskyſtraße befinden ſich die vornehmeren Läden der Europäer, und Weimar war es, der Breiten veran⸗ laßte, hier ſein Maleratelier aufzuſchlagen. Wie aus einem Bienenkorbe ſummte das geſchäf⸗ tige Leben Cairo's herauf in das einſame, ſtille, kühle Maleratelier. Das Volk unten wogte und drängte ſich und ſchrie hinaus in die durchwärmte Sommer⸗ 80 luft; Breiten aber arbeitete ruhig weiter. Da pochte es an ſeiner Thüre, ſein kleiner Bote trat ein. Er kam vom Conſul, wohin er täglich zum Abholen etwaiger Briefe für ſeinen Herrn ging. Breiten ſah von ſeine Arbeit empor und warf einen faſt gleich⸗ gültigen Blick auf ein rekommandirtes Schreiben. Wer konnte ihm ſchreiben? Sein Vater war bereits ſeit mehr als einem halben Jahre todt, wie er während ſeines kurzen Aufenthaltes in der Reſidenz erfahren. Er war geſtorben ohne des Sohnes zu gedenken, ohne ihm zu verzeihen! Mit ſeiner Stiefmutter ſtand er in keinem brieflichen Verkehre und von dem Komman⸗ danten von Karnſtein hatte er erſt vor wenigen Tagen einen Brief erhalten; ſonſt aber beſaß er keine Freunde mehr in der Heimath, denn ſelbſt der alte Anton ruhte ſeit Jahr und Tag auf dem Breitenfelder Friedhofe. Mechaniſch griff er nach dem Briefe. Aber wie pochte plötzlich ſein Herz, wie ſtieg ihm die Freuden⸗ röthe in's Geſicht, als er auf dem Couvert Iſabella's ſchlanke, ihm ſo wohlbekannten Schriftzüge erblickte! Was war vorgefallen, daß ſie ſelbſt ihm ſchrieb? Der Brief war ſchwarz geſiegelt, mit der Namens⸗ chiffre des Kommandanten von Karnſtein verſehen! Wer war geſtorben? Heiliger Gott! Sollte die Vor⸗ ſehung ſelbſt eingegriffen haben in das Schickſal der —— —— — 81 beiden Liebenden, Iſabella durch den Tod Theobald's frei geworden ſein? So rief es mit wiedererwachter, ſtürmiſcher Hoffnung in ſeiner Bruſt belebend auf.⸗ Mit zitternder Hand löſte er das Siegel und ſein Blick fiel auf ihm unbekannte Schriftzüge. Armer Breiten! „Euer Hochwohlgeboren!“ lautete das Schreiben. „Ich weiß nicht, ob Sie bereits durch die Zeitungen von dem betrübenden Falle in Kenntniß geſetzt ſind, welcher Iſabella und mich betroffen. Oberſt Alſing, der tapfere Kommandant von Karnſtein iſt nicht mehr. Während eines Tumultes der Schanzſträflinge wurde er am dreizehnten dieſes Monats durch einen Stein⸗ wurf getödtet. Sie wiſſen, wie Iſabella ihn liebte und können daher ihren Schmerz ermeſſen. Sie wollte Ihnen ſowohl als Weimar's ſelbſt dieſe traurige Nach⸗ richt mittheilen, doch ich übernahm für ſie dieſe trau⸗ rige Pflicht, da ſie kaum im Stande war, die wenigen Zeilen der Adreſſe zu ſchreiben. Meine Hochzeit wird wegen des Todesfalles ſchon in wenigen Tagen in aller Stille ſtattfinden, denn meine Braut bedarf mei⸗ nes Schutzes jetzt um ſo mehr. Bis der Brief bei Ihnen anlangt, ſind wir bereits getraut, und wir wollen dann eine weitere Reiſe unternehmen, um durch fremde Umgebungen den ſchrecklichen Eindtüc zu lin⸗ Cr eſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 82 dern, welchen der Todesfall meines Onkels hervorge⸗ bracht. Ich verkannte ſie einſt, Herr Baron, bitte Sie aber, den Ausdruck der Hochverehrung jetzt entgegen zu nehmen, nachdem ich durch meinen armen Ontkel er⸗ fahren, wie Unrecht ich Ihnen that. Meine Braut bittet mich, Sie zu grüßen und ich verharre und ſo weiter Theobald Alſing.“ Ein ähnliches Schreiben hatte auch Martha an jenem Tage erhalten; das Schreiben, welches ihr Wei⸗ mar übergeben. Um dieſen, wie der Leſer ſieht, wohl überlegten, von der grauſamſten Bosheit diktirten Brief zu erklä⸗ ren, genügt es, zu ſagen, daß Theobald damals die von Iſabella an ihre fernen Freunde gerichteten Briefe, welche der beſtochene Diener ihm ausgefolgt, vor⸗ ſichtig erbrochen und mit dem Rechte des Vormundes geleſen. Er vernichtete alsdann des armen Mädchens wirkliche Schreiben und ſteckte in die mittelſt vor⸗ ſichtiger Auflöſung des Siegels gänzlich unbeſchädigten Couverts die von ihm ſelbſt geſchriebenen Zeilen, und ſchloß ſie mit dem Siegelringe des Verſtorbenen. Die Fälſchung war ſo gut gelungen, daß der Diener, als er die Briefe ſpäter zur Poſt tragen mußte, ſich eines leiſen Seufzers der Erleichterung nicht enthalten konnte, und leichten Herzens den ihm von Theobald ertheil⸗ 83 ten Befehl vollzog, die Briefe zur Poſt zu tragen und die darüber ausgeſtellten Recepiſſe Iſabella zu über⸗ geben. „Für das bloße Anſehen der Briefe“, meinte der Diener bei ſich,„kann ich mir ſchon erlauben, ein ſo einträgliches Geſchäft fortzuſetzen, und er beeilte ſich von da ab, alle Briefe Iſabella's zur Beſorgung ent⸗ gegen zu nehmen, um ſie vorerſt ſeinem Herrn zu übermitteln, eine Manipulation, welche er dahin aus⸗ dehnte, daß er alle für das junge Mädchen einlaufen⸗ den Briefe vorher deren Vormunde übergab. Daher kam es, daß Theobald die einlaufenden Beileidsſchrei⸗ ben der fernen Freunde, anſtatt ſie Iſabella auszu⸗ händigen, einfach vernichtete. Er erreichte ſeine Abſicht vollkommen. Iſabella glaubte ſich von den Freunden verlaſſen, während Jene ſie auf ihrer Hochzeitsreiſe vermutheten und da weder Weimar's noch Breiten in ſonſtiger näherer Verbindung mit Karnſtein ſtanden, ſo blieben ihnen auch die näheren Daten des traurigen Todesfalles unbekannt. „Der Traum iſt vorüber für immer“, murmelte Breiten bleich und mit bebenden Lippen. Lange ſaß er da, bewegungslos, den Kopf in beide Hände geſtützt; endlich aber ermannte er ſich und gedachte wieder der Wirklichkeit. S ————— 84 Nichts wirkt einſchneidender, aber auch heilſamer auf ein erregtes Gemüth, als die Gewißheit der Un⸗ wandelbarkeit einer vollendeten Thatſache, weil durch ſie jedes fernere Nachgrübeln völlig nutzlos wird. Auch bei Breiten trat dieſe Wirkung ein und als er hinaus⸗ kam in das bunt bewegte Straßenleben Cairo's, um den Freunden in„Mon refuge“ von dem erhaltenen Briefe Mittheilung zu machen, da legte ſich die Auf⸗ regung ſeines Gemüthes und das bunte Menſchen⸗ gewühl that ihm beinahe wohl. Er ging die lange, herrliche Muskyſtraße hinab und überall wogte das froh bewegte Menſchenleben um ihn. Das Geſchrei der Sais, welche als Vorläufer den Wagen voran⸗ laufen, mengte ſich mit den jammernden Tönen bet⸗ telnder Derwiſche in ihren ſeltſamen Mützen, und Tür⸗ ken, Griechen, Araber drängten an einander vorbei im dichten Gewühl. Manch' ſchönes Augenpaar blitzte dem jungen Franken aus der Höhlung des dichten weißen Schleiers entgegen, und Soldaten mit gelben Geſichtern und zweifelhaft weißen Jacken drängten ſich an ihm vorbei. Katholiſche Mönche, Mollah's in hohen Turbanen, Eſelsbuben in faſt adamitiſcher Kleidung, Verkäufer von Brotfladen erblickte ſein Auge und Rei⸗ ter zu Roß und Kameel, Karroſſen mit orientaliſchen Kutſchern, Karavanen langhalſiger Kameele mit ihrem ———— 85 eigenthümlich ſchwimmenden Schritte ſtreiften an Brei⸗ ten vorüber. Töne in allen Sprachen ſchlugen faſt betäubend an ſein Ohr; murmelnd, ſingend, zankend umſtand die Menge an den Straßenecken die Geld⸗ wechsler und es gehörte die Kunſt der Gewohnheit dazu, um ſich durch dieſes bunte Gewühl hindurchzu⸗ drängen. Wer zuerſt in Cairo anlangt, der begreift es nicht, wie es möglich ſei, in einem ſolchen Gedränge hin⸗ durchzukommen, doch bald gewöhnt man ſich an dieſes mannichfache reichbewegte orientaliſche Leben, ja man gewinnt es lieb. Daſſelbe Leben wie in der ſchmalen langen Muskyſtraße findet man auch in den übrigen kleineren Gäßchen. Breiten wand ſich durch dieſelben hindurch, immer weiter lenkte er ſeine Schritte. Er kam an der Inſel Rhoda vorüber, die mitten auf dem Nil wie ein klei⸗ nes Eden daliegt. Mit ihren Palmen, Datteln⸗ und Olivenbäumen, ihren Minarets und Kuppeln bildet ſie inmitten der Stadt ein lebendig gewordenes Paradies. Hier auf der Inſel Rhoda war es, wo der Sage nach einſt Pharao's Tochter den kleinen Moſes im Schilfe liegen ſah und rettete. Iinmer weiter vorwärts eilte unſer Künſtler, bis endlich im letzten Schimmer der untergehenden Sonne 86* das reizende„Mon refuge“ ſich ſeinen Blicken zeigte und in ſeiner wohlthuenden Ruhe ſeine brennenden Schläfe kühlte. Man wartete ſeiner dort mit banger Unruhe; wollte man ihm ja auch die traurige Nachricht von 8 dem Tode Alſings hinterbringen. Es war ein ſtiller bedeutungsvoller Abend, den die Freunde gemeinſam verlebten, und lange noch ſaß Breiten nach eingenom⸗ menem Mittagsmahle, das nach dortiger Landesſitte gewöhnlich erſt um acht Uhr ſervirt wird, bei den ihm lieb gewordenen Freunden, die, ohne daß ſie ſich ausſprachen, mit ihm fühlten. Seit jenem Abende fehlte er keinen Tag in„Mon refuge“. Glückſtrahlend empfing ihn dann jedes Mal Martha und es lag ein wunderſamer Ausdruck in ihren ſeelenvollen blauen Augen, wenn ſie auf ihm ruhten. 3 Welcher Mann vermag es wohl, ruhig und kalt die erwachte Liebe eines Weibes mit anzuſehen, ohne zum Wenigſten ſich geſchmeichelt zu fühlen? Wir wol⸗ len Breiten nicht verurtheilen, wenn nach und nach bei ihm ein Gefühl für Martha erwachte, welches ihn immer feſter an ſie zog. Nicht körperliche Schönheit war es, die den Künſtler an Martha feſſeln konnte, ein weit feſteres Band, die Achtung und Bewunderung 87 ihres Geiſtes, brachte dieſe Wirkung hervor. Dabei müſſen wir freilich zugeben, daß Breiten niemals dahin gekommen wäre, wenn er nicht getäuſcht worden, und Martha's anregendes, geiſtvolles Weſen nicht ſchon früher auf ihn eine gewiſſe Kraft ausgeübt hätte. Viertes Kapitel. Am Sarge einer Unbekannten. Die Commerzienräthin Riedland war früher von ihrer Badereiſe wiedergekehrt, als Doktor Mohn erwar⸗ tet. Der brave Arzt hielt ſein Wort und empfahl Iſa⸗ bella als Lehrerin für der reichen Dame Kind. So kam es, daß das junge Mädchen an einem Vormittage den ziemlich weiten Weg bis zur Wohnung der Com⸗ merzienräthin einſchlug, um ſich derſelben vorzuſtellen. „Gehe mit Gott, mein liebes Kind“, hatte Frau Eſchmüller vor dem ⸗Weggehen zu ihr geſagt,„und wenn die reiche Frau nur im Geringſten Dich unfreund⸗ lich empfängt, ſo nimmſt Du den Platz bei ihr nicht an, hörſt Du? Wo für Vier genug zu eſſen iſt, iſt's auch für Fünf.“ So ſprach die wackere Frau und Iſabella wußte, 89 daß es ihr Ernſt war, daß ſie es aufrichtig meinte. Aber das zartfühlende Mädchen machte ſich Sorgen darüber, den biederen Leuten ſo lange zur Laſt zu fallen und ihr Entſchluß, die Bedingungen der Commer⸗ zienräthin, wenn irgend möglich, anzunehmen, war ein reiflich überlegter. Der Gang zu der reichen Frau fiel Iſabella ſchwer. In allen Genüſſen des Reichthums und der Vorrechte eines ſolchen erzogen, hatte ſie niemals der Möglich⸗ keit gedacht, eine derartige Anſtellung einſt annehmen zu müſſen. Tapfer aber überwältigte ſie die auf ihr Gemüth einſtürmenden Rückerinnerungen und ſtieg muthig die teppichbelegte Treppe hinauf, welche in die Wohnung der reichen Frau führte. Ein elegant ge⸗ kleidetes Stubenmädchen öffnete ihr, und mit einem geringſchätzenden Blick auf das abgetragene, hier und da bereits geflickte ſchwarze Merinokleid Iſabella's, be⸗ deutete ſie derſelben, im Vorzimmer zu warten. Das junge Mädchen erröthete und Thränen traten ihr in die Augen. „Machen Sie ſich nichts daraus, wenn das Stu⸗ benmädchen Sie auch über die Achſel angeſehen hat, das that ſie bei mir auch“, hörte ſich Iſabella plötzlich von einem andern jungen Mädchen angeſprochen, das 90 gleich ihr im Vorzimmer ſich befand und offenbar auch auf die Commerzienräthin zu warten ſchien. „Bewerben Sie ſich auch um die Stelle einer Lehrerin hier?“ fragte Iſabella ſchüchtern. „Jawohl, denn was kann ich anderes thun“, meinte heiter die Angeſprochene,„meine Eltern ſind todt, ich habe kein Vermögen, mithin muß ich dienen, denn„dienen“ iſt doch das rechte Wort, mag man nun Geſellſchafterin oder Lehrerin ſein. Freilich wollte ich viel lieber Schauſpielerin oder auch ſelbſt Kunſtreiterin werden, aber zur Schauſpielerin habe ich kein Talent und zur Kunſtreiterin fehlt mir die Courage. Ich kann nicht einmal ein Pferd anrühren, geſchweige denn auf ein ſolches ſteigen.“ Und die Kleine lachte laut auf. Sie hatte ein hübſches rundes Geſicht und einen fröhlichen Ausdruck in demſelben. Ein neuer Gedanke war bei des jungen Mädchens Bemerkungen in Jſabella entſtanden. „Glauben Sie, daß es leicht ſei, in eine Kunſt⸗ reitergeſellſchaft aufgenommen zu werden?“ fragte ſie ſchüchtern.. „Das weiß ich nicht, denn ich habe mich nie darum bekümmert“, erwiderte die luſtige Kleine und ließ ihren fadenſcheinigen Sonnenſchirm auf der Spitze 91 ihres Fingers balaneiren.„Uebrigens glaube ich kaum, daß dies ſo leicht ſein dürfte, denn mein Bruder, wel⸗ cher ſelbſt Kunſtreiter und bei der hieſigen Kunſtreiter⸗ geſellſchaft des Monſieur Baptiſte angeſtellt iſt, ſagt immer, daß Mademoiſelle Vallier, die erſte Reiterin des Cirkus Baptiſte, die Erlernung ihrer Reifſprünge und ſonſtigen Künſte bereits als Kind anfing.“ Enttäuſcht ſeufzte Iſabella leiſe auf. Das junge, hübſche Mädchen ward nun zur Com⸗ merzienräthin hereingerufen, doch ſchon nach kurzer Zeit kehrte es in's Vorzimmer zurück. „Ich bin nicht angenommen“, meinte ſie lachend, „denn meine Ausſprache im Franzöſiſchen findet die Gnädige da drinnen abominable. Vielleicht haben Sie mehr Glück als ich.“ Iſabella beneidete beinahe das junge Mädchen um ſeinen heitern Humor. Sie ſelbſt war freilich auch einſtens heiter geweſen, aber damals hatte die Sonne des Glückes ihr junges Haupt beſchienen. be Bald ſtand auch ſie bebend vor der reichen Com⸗ merzienräthin, um die Schauprüfung zu beſtehen. Wer ſelbſt einmal in ähnlicher Lage war, wird des jungen Mädchens Befangenheit begreifen und viele der reichen angeſehenen Damen würden Mitleid mit ſolch' einer armen, ſchüchternen Competentin fühlen, 92 wenn ſie ſelbſt einmal das harte Loos einer ſolchen erprobt hätten. Die höhniſch bedauernden Worte, die Bittſtellerin ſei entweder zu alt oder zu jung, zu arm gekleidet oder zu geputzt, zu gelehrt oder zu einfältig, würden vielleicht dann bei einer ſolchen Schauſtellung wahrem, tiefgefühlten Mitleid weichen und die Be⸗ merkungen, man begreife überhaupt nicht, wie man nur in ähnliche Lagen kommen könne, man müſſe ja doch ſelbſt ſchuld daran ſein, würden vielleicht weg⸗ fallen, um ächtem, weiblichen Mitgefühle Platz zu machen. Mit vornehmer Herablaſſung, vom Kopf bis zu den Füßen ſie muſternd, empfing die Commerzienräthin Iſabella. „Doktor Mohn hat Sie mir empfohlen“, ſagte ſie, geringſchätzend in einem Buche weiter leſend.„Was für Kenntniſſe können Sie aufweiſen?“ Das junge Mädchen beantwortete dieſe Frage. „Das iſt nicht beſonders viel“, meinte die Dame. „Das leiſtet heut' zu Tage beinahe eine jede Kammer⸗ jungfer. Sind Sie ſonſt wohl erzogen?“ Iſabella verſtand dieſe Frage nicht ſogleich. „Ich hoffe es“, entgegnete ſie befangen. „Ich empfange Prinzen und Fürſten in meinem 4 großen Fabriketabliſſements, welches durchreiſende Für⸗ 93 Hauſe und bin daher ſehr difficile in der Auswahl meiner Umgebung.“ Der Commerzienrath war nämlich Beſitzer eines ſten zuweilen mit einer herablaſſenden Beſichtigung be⸗ ehrten, wo dann die Commerzienräthin in ſtrotzender Seide die hohen Gäſte am Eingang der Fabrik erwar⸗ tete und mit einem gnädigen Kopfnicken dafür belohnt wurde. Prunkend, frech und roh brüſtete ſich die Commer⸗ zienräthin deshalb bei jeder Gelegenheit mit ihren hohen Bekanntſchaften. „Haben Sie ſchon einmal gedient?“ fuhr ſie in ihrem Verhör fort. „Niemals“, antwortete Iſabella und ihre Augen verdunkelten ſich bei dieſer Frage mit aufſteigenden Thränen, der Rückerinnerung geweiht an die Tage ſonnigſten Glückes, welche ſie an der Seite ihres Pflege⸗ vaters verlebt. „Sie ſcheinen ſehr empfindlich zu ſein!“ bemerkte ſpitz die Commerzienräthin. Armes Mädchen! Man legte ihr die Trauer als Empfindlichkeit aus! „Wer waren Ihre Eltern?“ „Mein Vater war Militär“, antwortete Iſabella leiſe. 94 „Zeigen Sie mir Ihre Legitimationspapiere.“ Das junge Mädchen erſchrak. Zum erſten Male fiel es Iſabella ein, daß ſie ja ſolcher Papiere bedürfe, um in einem fremden Hauſe aufgenommen zu werden. Kalt und forſchend richteten ſich die Augen der Commerzienräthin auf das arme Weſen. „Nun! Sie ſcheinen mich nicht verſtanden zu haben?“ ſagte ſie ſcharf,„ich befragte Sie um Ihre Ausweispapiere.“ „Ich beſitze keine derartigen Papiere“, ſtammelte Iſabella in vernichtender Verlegenheit. „Sie haben keine Ausweispapiere?“ rief die Com⸗ merzienräthin auffahrend,„und da wagen Sie es, in mein Haus zu kommen?“ „Ich bin ein braves Mädchen, ich wohne bei meiner Tante“, ſagte bebend das arme Geſchöpf. „In mein Haus“, fuhr die Räthin ſchreiend fort, „in welches Prinzen und Fürſten kommen, wagt es eine ſolche Perſon, eintreten zu wollen? Wiſſen Sie, wie man ſolche Leute nennt, die keine Ausweispapiere beſitzen? Landſtreicher und Vagabunden!“ „Mein Gott, das iſt zu viel“, ſtammelte erbleichend Iſabella. „Zu viel meinen Sie? Zu wenig noch für ſolche Perſonen wie Sie ſind! Machen Sie, daß Sie fort⸗ 1———* — -— 3 ——— 8 — 95 kommen aus meinem Hauſe, ich dulde keine Minute Perſonen um mich, die ſich nicht ausweiſen können!“ Zitternd, entmuthigt, auf's Tiefſte niedergedrückt, verließ Iſabella die herzloſe Frau. Womit hatte ſie ein ſolches Loos verdient? War ſie denn wirklich eine Paria der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft ohne ihr Verſchulden geworden? Mit entſetzlicher Klarheit ſtieg vor Iſabella der Gedanke auf, daß ihrer überall ein ſolcher Empfang ohne die nöthigen Aus⸗ weiſe harre. Und woher ſollte ſie Legitimationspapiere nehmen, da ſie nicht einmal den Ort wußte, wo ſie das Licht der Welt erblickt? „Nun, was ſehen Sie denn gar ſo jammervoll d'rein“, hörte ſich Iſabella plötzlich unten auf der Straße angeſprochen. Es war das nämliche junge Mädchen von vor⸗ hin, das ſich den Schmerz über den abſchlägigen Be⸗ ſcheid der Commerzienräthin in einem nahegelegenen Kuchenbäckerladen vertrieben hatte und aus demſelben ſoeben heraustrat. „Wenn Sie auch nicht aufgenommen ſind, was ſchadet denn das! Es gibt noch hundert andere der⸗ artige Plätze“, tröſtete ſie. „Für mich nicht“, entgegnete leiſe Iſabella. „Warum nicht gar, kommen Sie mit mir, ich c—I8öb will Sie in ein Aufnahmebureau führen, in zwei Ta⸗ gen haben Sie dann einen andern Platz. Aber ich glaube wahrhaftig, da kommt mein Bruder, nun, der wird eine ſchöne Freude haben, wenn er geſehen hat, daß ich beim Kuchenbäcker geweſen bin, und dort ſein Geld vernaſcht habe.“ Ein noch ziemlich junger Mann erreichte in dieſem Moment die beiden jungen Mädchen und wich Iſabella auf dem etwas ſchmalen Trottoir aus, da ſie ſich ent⸗ fernen wollte. Es war dies der Bruder des jungen Mädchens. Durch eine jener Zufälligkeiten, wie ſie ſo häufig im Leben vorkommen, ſah er Iſabella in's Geſicht. „Fräulein Alſing!“ rief er ſichtlich überraſcht aus. Sie ſah empor und erkannte ihren einſtigen Reit⸗ lehrer aus Karnſtein, welcher ihr auf Wunſch ihres Vaters, als er dort als Mitglied einer Kunſtreiter⸗ geſellſchaft ſich aufhielt, Unterricht gab und von dem Kommandanten für die wenigen Reitlektionen, welche er ihr einſt ertheilt, reichlich belohnt worden war. Das Wiederſehen war ein ſchmerzlich bewegtes für Iſabella; welche mit Trauer der glücklichen Zeiten von einſtens gedachte. Sie forderte den einſtigen Reit⸗ lehrer und deſſen Schweſter auf, ſie zu beſuchen, was Beide freudig zuſagten. —— 97 „Es iſt eine alte giftige Wetterhere, dieſe Com⸗ merzienräthin“, meinte die ehrliche Frau Eſchmüller in ihrer einfachen Art, als Iſabella wieder zu Hauſe an⸗ gelangt, und dieſer ihren Mißerfolg mitgetheilt,„wegen welcher Du Dich nicht eine Minute kränken ſollſt. Du bleibſt bei uns und damit baſta! Eine Perſon, die alle Leute für ſchlecht erklärt, wenn ſie nicht ellenlange Zeugniſſe aufweiſen können, taugt ſelbſt ſein Lebtag zu nichts und hat einen Stein anſtatt ein Herz in der Bruſt.“ 3 Damit,Smeinte die würdige Frau, ſei nun Alles abgethan und ſie freute ſich beinahe darüber, daß ihr Schützling bei der Räthin nicht angenommen worden. „Aber weißt Du, was ich während Deiner Ab⸗ weſenheit Trauriges gehört habe?“ fuhr ſie fort Iſa⸗ bella zu erzählen. „Nun, was denn, Mutter Euphroſina?“ „Herrn Allens Schweſter oben iſt heute Nacht ge⸗ ſtorben.“ „Herrn Allens Schweſter? O, das thut mir leid“, erwiderte Iſabella bedauernd, denn ohne ſie zu kennen, hatte ſie ſtets inniges Mitleid mit der Verſtorbenen gefühlt, von der ſie ſo oft und vielfach während der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes im Hauſe ſprechen ge⸗ hört hatte. Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. — 4 ——;— ö „Ich bin gerade im Begriffe hinaufzugehen, und mir die bereits aufgebahrte Leiche anzuſehen“, ſagte die neugierige Euphroſina. „Ich begleite Dich“, meinte raſch entſchloſſen Iſabella. „Was nicht noch, Kind, Du wirſt mir am Ende nur traurig durch den Anblick der Todten!“ „Nein, Mutter Euphroſine, im Gegentheile, die Verſtorbene wird mich beruhigen. Hat Sie nicht aus⸗ gerungen von den Leiden der Welt, und iſt der An⸗ blick des Todes nicht beruhigend? Was iſt das Leben anders als ein bittterer Kampf und wohl dem, welcher ihn überſtanden.“ Die biedere Geſchäftsfrau ſchüttelte zu dieſen, nach ihrer Meinung etwas überſpannten Ideen bedenklich den Kopf und meinte dabei, ein ſo junges Mädchen ſolle ſich nicht ſo traurige Schrullen in den Kopf ſetzen; ſie wehrte aber Iſabella nicht länger, ſie zu be⸗ gleiten. Mit ſcheuer Ehrfurcht näherte ſich das junge Mädchen der Bahre, auf welcher die Verſtorbene lag und zu deren Füßen die alte Wärterin ſaß und nach der Art der Leute ihres Standes den Eintretenden die Güte und Geduld der Verſtorbenen lobte. Herr Allen 99 war nicht zugegen. Er war ausgegangen, die Vorbe⸗ reitungen zur Leichenfeier zu treffen. Iſabella warf einen haſtigen, beinahe ſcheuen Blick auf die Todte, deren bleiche Geſichtszüge den Ausdruck tiefer Ruhe, ſeligen Friedens trugen, und welche durch ein wehmüthiges Lächeln wie verklärt waren. War es nun die eigene gedrückte Gemüthsſtimmung oder die Erinnerung an ihren Pflegevater oder ihre ver⸗ ſchollene Mutter, kurz, gewiß war, daß Iſabella in leidenſchaftliches Weinen ausbrach. Noch niemals hatte ſie ſo lebhaft ihrer Mutter ſich erinnert, wie in dieſem Augenblicke, wo der Gedanke mächtig an ſie herantrat, daß auch ihre Mutter todt, für immer verloren ſein könnte für ſie. „Herjeh Kind! Ich wußte es ja, daß es Dich an⸗ greifen würde, komm, laß uns wieder gehen“, meinte die beſorgte Eſchmüller und willenlos folgte ihr Iſabella. Den ganzen übrigen Tag wirkte die Erinnerung an die Todte in dem leicht erregbaren, phantaſiereichen Gemüthe des jungen Mädchens nach und Frau Eſch⸗ müller war ordentlich froh, als die Verſtorbene beer⸗ digt war, denn dann erſt ward Iſabella wieder ruhiger. Die Zeit verſtrich. Bereits befand ſich das junge 7 —————— 100 Mädchen einen Monat in dem freundlichen Familien⸗ kreiſe, wo man ſie mit jedem Tage lieber gewann. Iſabella gab ſich der frohen Hoffnung hin, daß ihr Vormund ſich nicht mehr um ſie bekümmere und über⸗ haupt zufrieden wäre, der Sorge um ſie enthoben zu ſein. An einem heißen, ſchwülen Sommernachmittage, an welchem das junge Mädchen ausgegangen war, um einige kleine Einkäufe für den Hausbedarf zu beſorgen, ſaß Herr Euſebius in ſeinem Heiligthum, vertieft in eine Copirarbeit der römiſchen Geſchichte, aus welcher er hier und da Bruchſtücke ſeiner unweit von ihm auf dem Sopha ſitzenden Gattin mittheilte. Frau Euphroſina aber achtete ſehr wenig dieſer gelehrten Auseinanderſetzungen und war nur ganz und gar mit einem ihrer Lieblingshunde beſchäftigt, welchem ſie das Vorderpfötchen verband, da er ſich infolge einer Fehde mit Nachbars Pinſcher an demſelben eine Wunde zu⸗ gezogen. Sie ſchmeichelte dabei dem Thiere, welches neben ihr auf dem Sopha ſorgſam gebettet lag und trotz der Wunde ein ſaftiges Stück Fleiſch verſpeiſte. „Der arme Nero“, meinte die gutmüthige Frau bedauernd. „Ich weiß nicht, warum Du Nero bedauerſt, ſein Weib iſt viel eher zu beklagen“, entgegnete der 101 kleine Schreiber vom Tiſche herüber, ohne von ſeiner Arbeit aufzublicken. „Sein Weib? Aber er hatte ja noch keines.“ „Doch, Euphroſinchen! Erinnerſt Du Dich denn nicht, daß ich Dir erzählte, wie grauſam er mit ſei⸗ nem Weibe umgegangen, welches ihn doch ſo lieb hatte?“ „Grauſam mit ſeinem Weibchen, der Nero?“ fragte Frau Euphroſine ſehr ungläubig entgegen. „Nun ja, ließ er ſie denn nicht foltern, um von ihr das Geheimniß ihrer Liebe zu ihm zu erfahren?“ „Herjeh Mann, biſt Du rappelköpfig geworden, ich ſpreche ja von Nero, dem Hund!“ rief in komiſchem Schreck Frau Eſchmüller. „Von Nero, dem Hund!“ antwortete der kleine Schreiber, erſtaunt aufblickend und mit ſehr verlegener Miene fügte er hinzu:„Ich glaubte, Du ſprächeſt von Nero, dem römiſchen Kaiſer, von dem ich Dir ſoeben erzählte.“ Frau Euphroſina war ſehr empört und wahrhaft entrüſtet darüber, daß der arme kleine, zerſtreute Schrei⸗ ber ihren Lieblingshund mit einem nach ihrer Anſicht „dalketen Römer“ verwechſeln konnte. Sie ſtand ſehr indignirt vom Sopha auf und ging in's Nebenzimmer, um dort nach den zwiſchen den Fenſtern aufgeſtellten wohlverſchloſſenen, gefüllten Einſiedetöpfen zu ſehen, eine nach ihrer Anſicht ungleich praktiſchere Beſchäf⸗ tigung, als aller gelehrte Unſinn ihres kleinen Gatten. Aber welch' ein Anblick harrte hier der würdigen Frau? Ein Anblick, vielleicht eines Murillo würdig, für die praktiſche Geſchäſtsfrau aber geradezu entſetzenerregend. Auf einem hohen Seſſel, ganz nahe zum Bilde der Urahne gerückt, ſtand der kleine Franz und war ſoeben bemüht, in ein kreisrundes Loch, das er mit⸗ telſt einer Scheere an jener Stelle ausgeſchnitten, in welchem früher auf dem Bilde ſich die Naſe der Ur⸗ ahne befunden, eine große Kartoffel zu befeſtigen. Der kleine Schelm war offenbar ſo ſehr vertieft in ſeine geiſtreiche Arbeit, daß er das Nahen ſeiner Mutter nicht bemerkte. Frau Euphroſina's Urahne ohne Naſe, oder viel⸗ mehr mit einer Kartoffelnaſe? Das war zu viel für die würdige Frau! Uebergehen wir mit Stillſchweigen die Scene häuslicher Aufregung, die nun folgte und bei welcher die Thränen des kleinen Franz wie das Brünnlein der Wittwe zu Sarepta floſſen, ſeine herbei⸗ geeilte Schweſter aber der Geſellſchaft halber mitweinte und die Hunde im Nebenzimmer heulten. Mitten in dieſem Spektakel meldete Babi einen Herrn, welcher Frau Eſchmüller und deren Gatten 103 zu ſprechen wünſche. Der Eintretende, ein Polizei⸗ diener, hatte den Auftrag, das Ehepaar durch eine gerichtliche Vorladung für den kommenden Tag auf die Polizeidirection zu berufen. Der kommende Tag brach an und mit ihm die Gewißheit, daß Iſabella's Zufluchtsort entdeckt war. Um ihre biederen Beſchützer vor jeder Unannehm⸗ lichkeit zu ſchützen, ſelbſt aber der Gefahr zu entgehen, ihrem grauſamen Vormund abermals in die Hände zu fallen, blieb nur ein Ausweg, und den nämlichen Abend noch verließ Iſabella heimlich das ſtille traute Aſyl, um abermals in der weiten Welt ihr Glück zu verſuchen. —— utXX ͤ ,nnͤͤörn·⸗ Fünftes Kapitel. Ein Wiederſehen. In Breitens Verhältniſſen hatte ſich Manches ge⸗ ändert. Binnen kurzer Zeit war er durch ſeine Thätig⸗ keit, und durch den günſtigen Umſtand, daß es dem Land der Pharaonen an wirklichen Künſtlern mangelte, ein faſt vermögender Mann geworden. Mit der Ver⸗ gangenheit hatte er gebrochen; er lebte nur mehr der Zukunft. Durch Weimar's blieb er in zeitweiliger Ver⸗ bindung mit der deutſchen Heimath, und ſo war denn auch die Nachricht zu ihm gedrungen, daß ſeine Stief⸗ ſchweſter ein Jahr nach ſeines Vaters Tode den ein⸗ ſtigen Schloßarzt Brandt geheirathet hatte. Er ſtaunte wohl über dieſen Entſchluß ſeiner ſtolzen Stiefſchweſter, noch mehr jedoch über die Genehmigung zu demſelben 5 3 von Seite ſeiner ahnenſtolzen Stiefmutter. Im Ueb⸗ 105 rigen jedoch ließ ihn dieſe Nachricht kalt. Hatte er es ja doch ſeit Jahren verlernt, Diejenigen als Verwandte zu betrachten, die ihn von ſeinem Vater getrennt hatten! Aus Karnſtein kamen an Weimar's von Theobald Alſing noch einige Briefe, welche von ſeiner ſtattgehabten Heirath ſprachen, und jedes Mal die herzlichſten Grüße von Iſabella enthielten, mit dem Zuſatze, ſie würde demnächſt ſelbſt ſchreiben. Martha wunderte ſich wohl zuweilen über der Freundin langes Stillſchweigen, doch die neuen Verhältniſſe, in welchen ſie Iſabella als jung vermählte Frau wähnte, ließen ihr ſelbſt dieſes erklär⸗ lich ſcheinen. Wir finden unſere Freunde auf der Rückkehr von einem Ausfluge nach Theben, wohin Weimar einige ſeiner Bekannten geladen. Die Geſellſchaft hatte ſich nach dem eingenommenen Diner in der Cajüte des ſchönen und behaglichen Dampfbootes, welches Weimar gemiethet, vertheilt, und war theils oben auf dem Deck, theils auch unten geblieben. Martha hatte es vorge⸗ zogen, oben auf dem Deck dem Murmeln des heiligen Nils, deſſen Wogen das Schiff umſpülten, zu lauſchen, und zu träumen. Auf der ganzen Fahrt war Breiten 5 ihr ein aufmerkſamer Begleiter geweſen, und manches Wort war von ſeinen Lippen gefallen, welches ——— 106 das arme, kleine Herz Martha's höher ſchlagen ge⸗ macht. Wie angenehm war es, ſo fortgetragen zu werden mit ihm auf ſchaukelndem Schiffe, während des bal⸗ ſamiſchen Abends in ſo wundervoller Natur! Vorbei ſtrich das flinke Boot an Dörfern, in Pal⸗ menhainen verborgen, an Feldern mit Getreide und Zuckerrohr, an ſeltſam geformten Sandſteinen, und Inſeln, von denen ſich Schwärme roſenrother Flamingos erhoben, um einer purpurnen Wolke gleich in der Luft zu verſchwinden! Der weſtliche Horizont war in gol⸗ denen Duft gehüllt, und rieſige Tempel und Ruinen der Vorzeit zeigten ſich wunderbar beleuchtet! Martha ruhte auf einem orientaliſchen Kiſſen; ihre kleine Geſtalt umhüllte ein weiter Shwal, während Breiten neben ihr ſaß, und mit Anſiger Vorſorge ſich um ſie bemühtc. Von der Cajüte herauf ertönte heiteres Lachen der fröhlichen Freunde Weimar's, in welches die Ge⸗ ſänge der arabiſchen Matroſen in melancholiſcher Weiſe einfielen. Wer je eine ſolche Nilfahrt mitgemacht, wird nie⸗ mals deren Zauber vergeſſen. Man wähnt ſich in einer andern Welt, und vorbei glaubt man jedes Leid, jeden Erdenſchmerz! 107 Auch Martha und Breiten erlagen dieſem Zauber, und ſahen träumend hinaus in das wunderbare Schau⸗ ſpiel, das ſo reich und mannigfaltig ſich vor ihnen ent⸗ faltete, auf die Welt, die ſo ſchön war, und auf die Palmen, die ſo ſtolz den heiligen Strom begrenzten. Martha wünſchte nicht einmal, daß Breiten ſpräche, noch daß ſonſt ſich etwas ereigne, nur der jetzige Augen⸗ blick ſollte ewig währen können! In ſeiner Nähe ſein, ſich von Zeit zu Zeit überzeugen, daß ſie nicht träume, daß es Wirklichkeit war, wie ſie ſo beiſammen ſaßen, und ſie verlangte nichts Weiteres. Allmählig erſtarb das Purpurlicht am Horizonte, erblaßten die letzten Reflexe des Tages und die Nacht brach herein. Ein ſanfter, kühler Wind erhob ſich, und ſtreifte erquickend die Wellen, daß ſie ſich höher hoben, und faſt aufſchäumten, um dann ſpielend wieder zu⸗ ſammenzuſinken. Am Himmel glänzten die Sterne auf, groß, hell, in ſtrahlendem Lichte, und wölbten ſich in tauſend und aber tauſend Flammen über dem Schiffe, als wollten ſie wetteifern mit den bunten Lampen deſ⸗ ſelben, welche man angezündet. „Martha, wie ſchön, wie wunderbar iſt doch ein Abend in hieſiger Gegend“, ſagte Breiten. Es war das erſte Mal, daß er ſie bei ihrem Namen nannte, und ein freudiges, ſanftes Erröthen breitete ſich über ihre Wangen.„Ja, es iſt ſchön, wunderbar ſchön hier, und Alles, was ich bis jetzt ge⸗ ſehen, läßt mein Künſtlerherz aufjauchzen vor Wonne“, fuhr Breiten fort. Ich trage die Erinnerung in mir an die Pyramiden von Gizeh, den wunderbaren Koloß der Sphinne, den Obelisken von Heliopolis, aber alle Kunſtwerke Egyptens ſind nichts gegen die wunderbare Gottesnatur, die den Menſchen hier umgibt!“ Martha antwortete ihm, und während ſie mit einander ſprachen, und längſt vergangene Begebenheiten der Geſchichte im Gedankenaustauſch vereinten, empfand Breiten immer mehr, daß nur Martha mit ihrem Geiſt, dem Zauber ihrer geiſtreichen Unterhaltung, das Weib ſei, welches im Stande war, ihn Iſabella vergeſſen zu machen. Des jungen Mädchens künſtleriſcher Enthuſi⸗ asmus ſchien eine längſt empfundene Seite in ſeinem Weſen zu berühren, und die Macht des Verſtandes ſiegte über den ſcheinloſen Körper. Und als ſie wieder ſchwiegen, und das ſchaukelnde Schiff ſie immer näher und näher wieder Cairo brachte, da beugte ſich Breiten hernieder, und flüſterte in beredten Worten. Seine blonden Locken ſtreiften die dichten Flechten ihres goldenen Haares. Und von der Macht des Augenblicks bezwungen, ergriff er dieſe kleine 109 willenloſe Hand, und ſeinen Lippen entſtrömten die leiſen Worte: „Martha, ich habe noch niemals ein Weib ſo hochgeſchätzt wie Sie, werden Sie mein für das Leben.“ Und ſie ſah zu ihm empor mit ihren ſanften, lichtblauen Augen, und legte ihre Hand vertrauens⸗ voll in die ſeine für's Leben, mit glückſtrahlendem Blicke. Da iſt das Land, die Landungsbrücke, das Schiff iſt in Cairo angelangt. Martha verläßt es als glückliche Braut. Der Becher des höchſten Erdenglückes ſtreifte ihre Lippen, wohl nicht gefüllt mit dem perlen⸗ den Schaumwein der Liebe, aber mit dem Trank un⸗ verfälſchter Freundſchaft. Ein Vierteljahr ſpäter war ſie Breitens glückliche Gattin.. Wenden wir uns von den Pyramiden und Pal⸗ men, von den Akazien und Roſen eines ſüdlichen Himmelsſtriches zurück in unſer deutſches Heimathsland. Zwei Jahre ſind ſeit den letzten Ereigniſſen ver⸗ —=—ſ——, 2 floſſen, und in unſerm nordiſchen Klima fällt der erſte Schnee. Der erſte Schnee! Welche Welt voll heiterer Ab⸗ wechſelung, geſchäftigen Treibens liegt in dieſen wenigen Worten. So friſch und harmlos fallen ſie hernieder die netten, kleinen, gefrorenen Kügelchen! So glänzend weiß ſehen ſie in der Luft aus, und doch werden ſie zu Schmutz und Koth durch die Berührung mit der profanen Erde! Wie geſchäftig trippelt das alte Mütterchen mit dem großen baumwollenen Regenſchirm im erſten Schnee dahin, den keuchenden fetten Mops hinter ſich, um das traute Heim einer Obe'nuffſtube ihrer Freundin zu erreichen, wo ſie warmer Kaffee, und noch wärmerer Stadtklatſch erwartet! Der erſte Schneel jubeln die Conzert⸗Arrangeu re unnd Theaterdirektoren, und reiben ſich vor Freude die Hände. Vor ihrem Geiſt tauchen gelangweilte, ge⸗ ſchmückte Menſchenkinder auf, welche die Conzert⸗ und Theaterſäle, und die Geldſäcke der Conzert⸗ und Theater⸗ direktoren füllen. Der erſte Schnee! ruft die Dame im reichge⸗ ſchmückten Boudoir, und überlieſt die lange Liſte von Ein äduͤngen, welche ſie in der Saiſon zu Vergnügungen geleiten ſollen. 111 Der erſte Schnee! jammert im Dachſtübchen oben die verſchämte Arme, und ihr thränenfeuchter Blick ſtreift dabei die kahlen Wände ihres feuchten Stübchens, den dunklen, froſtigen Ofen in dem kein luſtiges Feuer brennt. Nirgends Hülfe, nirgends Erbarmen; ſie muß frieren, hungern, die verſchämte Armuth, die an's Bet⸗ teln nicht gewöhnt iſt. Der erſte Schneel ruft der privilegirte Straßenbettler, und ſchlüpft in ſein zu dieſem Zwecke ausgeſtattetes Kleid; er verläßt den trauten Schutz ſeines durch Betteln erkauften Hauſes, um heuchelnd Mitleid zu erregen, bettelnd zu heucheln, beim Herniederfallen des erſten Schnee's. 3 Vorbei ſind die Freuden und Leiden des Sommers; ſie kehren alle wieder, die während der heißen Jahres⸗ zeit ausgeflogenen Menſchenvögel, um weiter zu bauen an ihrem heimathlichen Neſt, um daſſelbe auszuſchmücken mit dem reichen Moos des Gewinnes, der Ehrenſtellen! Der erſte Schneel er bleichet die Felder, gleichwie das Alter das Haar. Sie bauen aber fort und fort, die menſchlichen Schwalben, ohne Raſt noch Ruhe. Sie bauen ſo lange, bis der eiſige Hauch des Todes ſie endlich niederwirft die luftig erbauten Kartenhäuſer von Glück, die ſie ſich mit raſtloſer Mühe erbaut, bis ſie das heimathliche Neſt vertauſchen mit der Scholle Erde, auf welche der erſte Schnee herniederfällt und mit ſeiner kalten Hülle alle Sorgen, alle Pläne zu⸗ deckt, verwiſcht! Aber fort mit dieſen trüben Bildern, welche uns zu überwältigen drohen beim Fallen des erſten Schnee's; fort zum heiteren Genuß des Lebens! Die Abenddämmerung verbreitete ſich über die große Reſidenz. Der erſte Schnee fiel in dichten weißen Flocken nieder, und in den Straßen herrſchte lebhafter Verkehr. Die Fußgänger drängten an einander vorbei auf den glatten, feuchten Trottoirs, die breiten Fahr⸗ wege waren angefüllt von dahinrollenden, glänzenden Equipagen mit geſchmückten Frauengeſtalten, von Lohn⸗ wagen aller Art, deren müde Pferde maſchinenmäßig in dem gewohnten Trabe dahinliefen. Die eiligen Fuß⸗ gänger, die nonchalanten Pflaſtertreter, müde heim⸗ kehrende Arbeiter, zu Vergnügungen eilende Damen mit dem Capuchon auf dem Kopfe und dem Operngucker in der Hand, hellerleuchtete Schauläden und Magazine mit handelnden Kunden, Alles bildete ein ſeltſames, buntes Gemiſch des alltäglichen Lebens mit ſeinen un⸗ befriedigenden Abwechſelungen und Aufregungen, ſeinen Feſſelnden, Bedrückenden und Langweiligen. Aus einem hellerleuchteten Hauſe einer belebten Straße traten zwei Männer, von welchen der Eine ſich 113 beim Anblick des erſten Schnee's feſter in ſeinen Mantel wickelte. „Es iſt hier doch ein verdammt kaltes Clima“, meinte er fröſtelnd. Es war Breiten, welcher ſeit Kurzem aus dem Orient wiedergekehrt war, um nach dem dort erfolgten Tode Weimar's, der einem hitzigen Fieber binnen kurzer Zeit erlegen, Breitenfeld perſön⸗ lich zu übernehmen. Martha hatte ſich von ihm nicht trennen wollen. Sie fühlte ſich kräftig genug zur weiten Reiſe; Glück und Zufriedenheit hatten ſie wunderbar geſtärkt. In die ſterbende Hand Weimar's hatte Breiten gelobt, ſein junges Weib zu ſchützen, und er hielt Wort. Man konnte ſich keinen aufmerkſameren Gatten denken als ihn, und Martha fühlte ſich an ſeiner Seite täg⸗ lich glücklicher. 1 Die jungen Gatten beſchloſſen, einen Theil des Winters in der Reſidenz zuzubringen, und mit Beginn des Frühjahres nach Breitenfeld überzuſiedeln. Der Reichthum, welcher Breiten jetzt umgab, ließ ihn der Welt begehrenswerth erſcheinen; es war ihm daher leicht, wieder Verbindungen anzuknüpfen, die vor Jahren begonnen. Man ſchmeichelte ihm nnd ſeiner reichen Gattin, und obgleich Breiten wußte, was von der Freundſchaft der Menſchen zu halten ſei, ſo war er Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 3 doch noch nicht alt genug, um ſchon allen Lebensfreuden zu entſagen. Sein Salon war bald ein geſuchter. Wer beſäße nicht ſcheinbare Freunde in den Tagen des Glückes? Die Menſchen ſind ja wie die Lämmer, was der Eine für gut findet, in deſſen Fußtapfen treten ſie nach. Breitens Heirath mit der Schweſter eines der angeſehendſten Männer der Handelswelt, ließ Alles vergeſſen, was man einſt an ihm tadelnswerth ge⸗ funden. „Ich weiß nicht“, ſagte Breiten an jenem Nach⸗ mittage im Club, den er täglich beſuchte, zu einem ſeiner neugewonnenen Freunde,„ich weiß nicht, was wir den heutigen Abend beginnen; meine Frau iſt zu einem Damenthee geladen, und der Conzerte und The⸗ ater bin ich überdrüſſig.“ „So gehen wir in den Cirkus“, meinte der ewig heitere, aber arme Freiherr von Düring, welcher Brei⸗ ten in ſeinem Reichthum als erwünſchte Beute aufge⸗ griffen hatte, und zu deſſen beſten Bekannten aus der Glanzzeit ſeiner ehemaligen Offizierslaufbahn zählte. „Gibt es dort Intereſſantes zu ſehen?“ fragte Breiten gelangweilt... „Das Volk ſtürmte geſtern die Caſſa; das ſei Dir genug, um zu wiſſen, daß es dort etwas Intereſſantes 115 zu ſehen gibt. Die Demars iſt ja von ihrer Rundreiſe zurückgekehrt.“ „Die Demars? Iſt das die erſte Reiterin?“ fragte Breiten gähnend. „Haſt Du denn die Demars noch nicht geſehen, von der ſeit zwei Jahren alle Welt ſpricht?“ fragte der junge Lebemann verwundert. „Nein, und Du ſiehſt, ich bin darüber noch nicht geſtorben“, antwortete Breiten lachend.„Uebrigens weißt Du ja, daß ich erſt kürzlich aus dem Orient zu⸗ rück gekehrt bin, und dorthin verirrte ſich die Demars meines Wiſſens nicht.“ „Woran ſie ſehr wohl that, denn bei Euerer ori⸗ entaliſchen Gleichgültigkeit wäre es jammerſchade um ihr Talent geweſen.“ Breiten lachte. „Mir ſcheint, Du biſt in die Demars verliebt?“ ſagte er. „Sowie alle Welt, Du nicht minder, wenn Du ſie nur einmal geſehen.“ „Bah!l ich laſſe mich nicht ſo leicht von Flitter⸗ gold täuſchen; wir Künſtler wollen nur gediegene, echte Werke. Aber Apropos! Haſt Du ſchon meinen neuen Rembrandt geſehen?“ „Was kümmert mich Dein Rembrandt, wenn ich 8* —õ—— 116 das göttlichſte Meiſterwerk der Schöpfung, die herrliche Demars lebend vor Augen habe. Uebrigens wette ich mit Dir, daß Du binnen einer Stunde bekehrt biſt, und die Demars für das reizendſte Geſchöpf er⸗ klärſt.“ „Eh bien, allons!“ meinte Breiten heiter,„laß uns das Phänomen des edlen Sports bewundern.“ Mit dieſen Worten verließen ſie den Club, und traten plaudernd auf die Straße. „Die Demars bezaubert ſeit zwei Jahren alle Welt“, fuhr Düring fort.„Ein ruſſiſcher Cavalier trug ihr in Petersburg ſogar ſeine Hand an, ſie wies ihn und ſeine Rubel ab, wie überhaupt ſich Niemand ¹ rühmen kann, ihre Gunſt zu beſitzen. In ihrem Vor⸗ zimmer wimmelt es täglich von Cavalieren, welche bei ihr wie bei einer regierenden Fürſtin antichambriren, denn ſie nimmt allen Enthuſiasmus als ſelbſtverſtändlichen Tribut mit der Gleichgültigkeit einer Prinzeſſin ent⸗ gegen. Man erzählt ſich ſogar, daß eine hieſige ſehr hoch geſtellte Perſönlichkeit ebenſo ſchnöde von ihr ab⸗ gewieſen wurde, wie alle Welt, aber trotzdem nicht auf⸗ hört, ſie zu bewundern. Ihre Gleichgültigkeit iſt zum raſend werden, ich glaube, ſie hat einmal unglücklich geliebt!“ „Wohl möglich, und ſie hat dann wahrſcheinlich ——— ———jyy— -—= 117 Urſache, alle Welt als Spielzeug zu betrachten. Aber wie wäre es, wenn wir einen Fiacker nehmen würden. Ich bin wirklich nicht lgeſonnen, wegen der herrlichen Demars mir einen noch herrlicheren Schnupfen zu holen. Das Clima hier iſt ſchon abſcheulich.“ Mit dieſen Worten beſtiegen ſie einen Wagen, und langten bald vor dem Cirkus an. Eine ungeheure Menſchenmenge drängte ſich hier an die Caſſa, und die beiden Freunde hatten Mühe, noch ihre Billets zu erorbern. Der Name Demars war in Aller Munde und Männer und Frauen, Arme und Reiche ſprachen mit der nämlichen Begeiſterung von der ſchönen Reiterin. Ihr außerordentlicher, künſtle⸗ riſcher Ruf, der von Paris aus zum erſten Mal er⸗ ſchollen war, und ſeit der Zeit in beinahe alle Länder des Continents drang, reizte die Neugierde, und die fabelhafteſten Gerüchte waren über ſie im Umlauf. Einige behaupteten, die ſchöne Reiterin ſei einſt ſehr reich geweſen, und wäre arm geworden und geblieben, bis zur Zeit ihres künſtleriſchen Triumphes. Deshalb ſei ſie auch ſo freigebig gegen die Armuth, weil ſie ſelbe ſelbſt gekannt. Man erzählte ſich, daß ſie Millionäre ruinirt, um gleich darauf in fürſtlicher Freigebigkeit die Noth Anderer zu lindern. Die ganze Männerwelt lag zu ihren Füßen, aber keiner konnte ſich einer Be⸗ vorzugung rühmen; ſie ſpottete Aller, und man ver⸗ götterte ſie dafür. Man trug Demarshüte und Locken à la Demars, und die Herren fuhren in Demarswagen, und trugen Cravatten à la Demars. Man erkaufte vor dem Cirkus Demarsſträußchen, und es fehlte nur noch, daß ſich die Herrn der Welt, ſich derſelben auch à la Demars reitend zu Pferde gezeigt hätten! Der Cirkus war zum Erdrücken voll, kaum daß noch ein Platz leer war in der erſten Sperrſitzreihe, wo Breiten ſaß. Er muſterte die dicht beſetzten Logen. Da erblickte er zu ſeinem Erſtaunen Martha in einer derſelben, welche ihm freundlich zugrüßte, und mit mehreren Damen plauderte. Er ging auf einen Augen⸗ blick zu ihr in die Loge, und erfuhr, daß man ſie be⸗ redet, in den Cirkus zu gehen. Die Muſik begann. Der Cirkus bot einen glän⸗ zenden Anblick, und ſtrahlte in einem Lichtmeer. Auch die Hofloge war beſetzt. Lautes Gelächter, kühne Be⸗ merkungen tönten von den Gallerien herab, und ver⸗ mengten ſich mit dem fröhlichen Geplauder in Logen und Sperrſitzen. Das Programm wies Mademoiſelle Demars in der vorletzten Nummer, in ihrer trefflichen Leiſtung auf einem neu dreſſirten Pferde. Der leuch⸗ tende Stern zeigte ſich den armen, ungeduldigen “ 119 Menſchenkindern erſt gegen Ende der Vorſtellung; der ſchlaue Cirkusbeſitzer wußte ſeinen Vortheil auszu⸗ beuten. Breiten kehrte zurück auf ſeinen Sperrſitz, wo er 1 mehrere Bekannte plaudernd beiſammen traf, zumeiſt dem Sport angehörend. „Die Demars iſt eine ganz närriſche Perſon“, hörte er ſoeben ſagen,„der alte reiche Fürſt Velidoff ſchenkte ihr heute ein diamantenes Armband im Werthe von mehreren tauſend Gulden. Sie ſandte es in der nächſten Minute zum Juwelier, ließ ſich das Geld da⸗ für auszahlen, und ſchickte daſſelbe an das ſtädtiſche Armenhaus. Wahrhaftig, man weiß nicht mehr, was mit der kleinen Perſon anfangen.“ „Sie könnte alle Welt um den Verſtand bringen!“ meinte ein Zweiter, der im Verdachte ſtand, ſehr wenig Verſtand zu beſitzen. „Und ſcheint bei Ihnen den Anfang gemacht zu haben“, ſagte Düring. Alles lachte, und Derjenige, welchem der Witz galt, lachte am Meiſten. „Ein pharaminöſer Gedanke, wirklich, das iſt köſt⸗ lich!“ ſagte er, und ſteckte ſeinen Zwicker in's Auge. Man plauderte weiter über das neueſte Theaterſtück, über Wettrennen, über Moden. —————— „Attention!“ hieß es plötzlich, und die Muſik ſchwieg. Eine junge Dame erſchien zu Pferde, und machte ihre graziöſen Sprünge durch Blumenquirlanden und Reife. Madame Amanda verſchwendete dabei ihre ſchmachtendſten Blicke; man applaudirte ihr wohl, aber kein Kranz ward ihr geſpendet. Nur von der Gallerie herab fiel ein einzelnes kleines Myrthenſträußchen, das in ſeiner Bedeutung das Gelächter der Herren und Madame Amanda's Zorn erregte. Es war offenbar, daß die bezahlte Claque diesmal das Sträußchen ver⸗ wechſelt hatte. Die Nummern folgten ſich; Breiten verließ ab und zu ſeinen Sperrſitz, um ſeine Frau in der Loge zu beſuchen. „Die Demars reitet ja zuletzt, wie ich jetzt erſt ſehe“, ſagte ärgerlich ein dicker Bürger zu ſeiner Che⸗ hälfte oben auf der erſten Gallerie. „Da hätten wir noch prächtig zu Hauſe unſern Kalbsbraten eſſen können“, antwortete dieſe. „Das heiße ich ja die Leute um ihr Geld prellen! Da ſchreiben ſie auf die Zettel, die Demars reitet, und dann kommt ſie erſt zu allerletzt! Frau, wir ünd rein um unſer Geld beſtohlen.“ „Wer iſt beſtohlen?“ fragte ein dienſtbefliſſener, geheimer Agent, mit etwas zu viel Eifer, welcher den 424 Beweis lieferte, daß er erſt kurze Zeit ſeinen Dienſt verſah. „Sie, um Ihren eigenen Verſtand, Sie Spitzel!⸗ brummte ärgerlich der Bürger, den es verdroß, daß er die Demars erſt zuletzt ſehen ſollte, und darüber ſeinen Kalbsbraten verſäumt hatte. „Keine Anzüglichkeiten, wenn ich bitten darf, mein Herr“, meinte der Polizeiagent. Eine dicke Frau in ſchwarzem Seidenkleide, bau⸗ melnden, langen Ohrgehängen, und bluthrothen Bän⸗ dern auf ihrer Haube, ſtieß ihren neben ihr ſitzenden kleinen Gatten leiſe mit dem Ellbogen an. „Mann! Da ſitzt dort in der Loge wahrhaftig und Gott der Baron Breiten“, flüſterte ſie,„und ich habe geglaubt, er ſei im Occident geſtorben.“ „Orient, Euphroſinchen“, verbeſſerte Herr Eſch⸗ müller. „Ach was, Occident oder Orient, kommt auf Eins heraus“, meinte ärgerlich unſere Freundin.„Die Hauptſache iſt, daß er lebt, Alles gewußt, und die arme Iſabella doch im Stich gelaſſen hat in ihrer Noth. Die Männer! Ich hätte meinen Kopf auf dieſen Brei⸗ ten zum Pfand gegeben, und nun ſeh' Einer einmal her! Bekümmert ſich nicht mehr um das arme Mädel, nachdem er geſchworen, ſein Lebtag ihr Freund zu blei⸗ ben, bloß deshalb, weil es kein Geld mehr hat. Pfui Tau⸗ ſend! Aber wer denn nur die elegante Frau in Trauer⸗ kleidung ſein muß, mit welcher er immer ſpricht. Her⸗ jeh! er hat ja auch einen Flor um den Hut, und ſchwarze Handſchuh' an, am Ende iſt's gar ſeine Frau.“ Und die gute, dicke Frau ſah mit wahrem Ingrimm nach Martha hinüber. Alle Nummern des Programms waren beendet, bis zur vorletzten. Die Herren und Damen der Geſellſchaft hatten meiſterhaft geritten, die Akrobaten die halsbre⸗ cheriſcheſten Kunſtſtücke gemacht, die Clowns ſich in Späßen überboten, aber die Aufmerkſamkeit des Pub⸗ likums war getheilt, und in ihrer Erwartung auf die Königin des Abends gerichtet, die endlich erſcheinen ſollte.. Das Orcheſter intonirte den der Künſtlerin ge⸗ widmeten Demars⸗Marſch, und eine beinahe fieberhafte Spannung hatte ſich des Publikums bemächtigt. Selbſt der Monarch in der Hofloge beugte ſich über die Brü⸗ ſtung derſelben, und hielt ſein Opernglas feſt auf den Eingang der Manege gerichtet. Er war ein großer Verehrer der edlen Reitkunſt, und beſchützte ſehr deren muthige Jüngerinnen. Die halbe Sperrſitzreihe vorn leerte ſich, und die Herren, welche Anſprüche machten, zum Sport und zu den —— 123 Tonangebern zu gehören, drängten ſich an den Eingang der Manege, um die ſchöne Reiterin in der Nähe zu bewundern, ein Lächeln ihres Mundes zu erhaſchen Umſonſt baten die Stallmeiſter, Platz für die Reiterin zu laſſen, Niemand achtete darauf, und die Demars⸗ enthuſiaſten hielten es gleich den Fanatikern Indiens wahrſcheinlich für ein Glück, von den Hufen des Thie⸗ res, welches die ſchöne Reiterin trug, geſtreift zu werden. Kopfſchüttelnd ließen die Stallmeiſter endlich in ihren Vorſtellungen nach, und begaben ſich hinter die Portière zurück, um die Reiterin dort auf die menſch⸗ liche Barrière aufmerkſam zu machen, und ſomit ein Unglück zu verhüten. Auf ein gegebenes Zeichen theilte ſich der bunte Vorhang, und Suleiman mit ſeiner ſchönen Herrin zeigte ſich. Eine Sekunde hielt die Künſtlerin ihr Roß zurück, offenbar in der Erwartung, man werde ihr Platz machen, und den Eingang in die Rotonde freigeben. Als dies aber nicht geſchah, man im Gegentheile ſich noch näher heran⸗ drängte, da ſpielte ein reizendes Lächeln des Ueber⸗ muthes um die vollen Lippen, ſie ſpornte ihr Roß, und mit einem Satz flog Suleiman über einen Theil der Köpfe hinweg in die Rotonde des Cirkus hinein. Das Reiterſtückchen war ſo kühn und raſch, mit —,—— 124 ſo vollendeter Sicherheit vollführt, daß es wirklich den raſenden Beifall verdiente, der nun folgte. Alles ſchrie, raſte, tobte! Feſt und ſicher ſaß die Demars im Sattel; die kleine Hand hielt den Zügel ſo ſtramm, daß Suleiman wie aus Erz gegoſſen da ſtand. Nur ſeine Flanken ſchlugen, und der weiße Schaum lief über ſein Gebiß hinab. Die Reiterin neigte ſich dankend. Man ſagte nicht zu viel, wenn man die Künſtlerin bezaubernd fand; ſie war hinreißend ſchön. Sie trug das reiche, gediegene Kleid der Damen der Renaiſſance. Die kirſchrothe Farbe deſſelben von ſchwerem Sammt hob das ſüdliche Internat ihres Teints, und unter der ſilbergeſtickten Kappe quoll eine Fülle rabenſchwarzer Locken hervor, die das griechiſch geformte Geſicht ein⸗ rahmten. Die ſchöne Edeldame des ſiebzehnten Jahr⸗ hunderts ritt unter den rauſchenden Klängen der Muſik langſam die Bahn entlang. Jetzt blieb ſie ſtehen, un⸗ weit der Loge Martha's, die erſt jetzt voll und klar der Kunſtreiterin Antlitz ſehen konnte. Ein leiſer Schrei der Ueberraſchung flog von ihren Lippen; ſie ergriff Breitens Hand und die Augen der Reiterin, bis jetzt geſenkt, hoben ſich unter den langen Wimpern zu der Loge empor, von woher ſie den Ruf vernommen. Iſa⸗ bella's wundervolle Augen begegneten Martha's und Breitens auf ſie gerichteten Blicken. Es war nur ein —— —— 4 125 kurzer Augenblick, in welchem die Kunſtreiterin zur Loge emporſah, aber in dem Blicke, den ſie auf die⸗ ſelbe richtete, lag eine Welt von Bitterkeit und Ent⸗ täuſchung. Der Kunſtreiterin Geſicht nahm einen Augen⸗ blick eine tödtliche Bläſſe an; ihre Lippen ſchloſſen ſich krampfhaft. „Was Teufel hat die Demars? Zum erſten Male ſehe ich ſie heute außer Faſſung?“ rief Düring ſeinen Freunden zu, und die Augen und Lorgnon's der Sportsmänner wandten ſich neugierig auf die Kunſt⸗ reiterin. Dieſe aber hatte bereits wieder ihre gewohnte Ruhe erlangt, und ihr Pferd mit ſicherer Hand in ſeinen Schulgang geleitet, deſſen Durchführung ihr den reichſten Beifall eintrug. Zum Schluſſe aber tanzte Suleiman im zierlichſten Pas eine Polka, nach deren Beendigung er auf den Hinterhufen ſtehend, mit den Vorderfüßen das Publikum grüßte. Es war dies eine für Reiterin und Roß gleich gefährliche Stellung, und neuer Applaus erdröhnte. Eine faſt unſichtbare Hilfe der Künſtlerin zwang das Thier gleichſam zu danken, indem es die ſchlanken Vorderfüße im Sande ausſtreckte, den ſtolzen Kopf tief zur Erde neigte, ſo daß ſeine Mähne wie ein Schleier herabfiel. Dann riß ſie es empor mit kräfti⸗ gem Ruck, und Suleiman tanzte im zierlichſten ſpaniſchen mit ſeiner ſchönen Bürde hinter dem bunten Vorhang zu verſchwinden, einen wahren Orkan von Beifall hinter ſich laſſend. Man rief, man ſchrie nach der⸗ ſchönen Reiterin, bis ſie endlich wieder erſchien, diesmal nicht mehr zu Pferde, die lange Schleppe ihres Kleides über den Arm geſchlungen, ſich graziös verneigend, und das koſtbare Roſenbouquet aufhebend, welches einer ihrer glühenden Verehrer ihr geworfen.. Von dem Direktor zurückgeleitet, verſchwand die große Künſtlerin zum zweiten Male hinter der Por⸗ tière, um erſchöpft, bleich vor Aufregung, ſich auf einen Moment in ihr kleines Künſtlerboudoir der Manege zurückzuziehen, und gleich darauf ſich in ihre Wohnung zu begeben.. Iſabella bewohnte während ihres zeitweiligen Aufenthaltes in der Reſidenz noch immer das Haus in der Praterſtraße, daß ſie käuflich an ſich gebracht. Sie bewohnte den erſten Stock, welchen Herr Allen einſt inne gehabt. Der Laden zu den„zwei brennenden Her⸗ zen“ unten war verſchwunden und das Eſchmüller'ſche Ehepaar bewohnte die untern Räumlichkeiten in gemüth⸗ licher Zurückgezogenheit, durch die Freigebigkeit ihres einſtigen Schützlings in reichlicher Weiſe bedacht. 427 Dort langte ſie nun an, begleitet von der biederen, treuen Frau Eſchmüller, müde und matt, im Herzen gebrochen, indeſſen das Publikum bei ihren Leiſtungen ſich trefflich amüſirt, für ſein Geld ſich zerſtreut hatte. Iſabella hatte die lächelnde Maske der Künſtlerin ab⸗ genommen, und ihr Herz erzitterte unter dem Bewußt⸗ ſein, von ihren beſten Freunden wirklich um ihrer Ar⸗ muth willen verlaſſen worden zu ſein. Die Kunſtreiterin war nicht allein; Frau Eſchmüller war bei ihr. Die tapfere Frau bemühte ſich umſonſt, alle ihre Ueberredungskraft aufzubieten, um Iſabella heiter zu ſtimmen, während ſie ſich doch auch gar gewaltig über die wortbrüchigen Freunde ihres Lieblings ärgerte. Iſabella ſaß auf einer niederen Ottomane. Sie hatte die prunkende Künſtlerkleidung gegen einen ein⸗ fachen weißen Schlafrock vertauſcht. Das ganze Gemach, in welchem ſie ſich befand, zeigte von dem einfachen, aber ſinnigen Geſchmack der Künſtlerin. Werthvolle Tapeten und Gemälde zierten die Wände, der Duft von Blumen durchzog die Luft. Ueberall ſah man die Bequemlichkeiten der bevorzugten Lebensſtellung, aber nirgends den überla⸗ denen Geſchmack eines Parvenue. Iſabella beugte ſich über einen kleinen Tiſch am Sopha; das ſchöne Haupt war gebeugt. Da trat das Kammermädchen ein, meldend, daß 7 128 eine Dame in Trauer das Fräulein zu ſprechen wünſche. „Ich kann Niemanden empfangen“, ſagte die Künſt⸗ lerin haſtig und mit wogendem Athem. „Doch, Iſabella, mich kannſt Du, und mußt Du 1 empfangen“, ſagte die eintretende Martha, welche dem Kammermädchen raſch gefolgt, und ebenſo ſchnell auch eingetreten war, während Frau Eſchmüller das Zimmer verließ. Iſabella hob das Haupt empor. Stolz und kalt erhob ſie ſich vom Divan. Umſonſt ſtreckte Martha der Freundin beide Hände entgegen, ſie beachtete es nicht, und bot ihr nur mit ceremoniöſer Bewegung einen Sitz an. „Iſabella, warum dieſer Empfang?“ rief Martha ſchmerzlich bewegt. Doch plötzlich bedeckte eine liebliche Röthe ihr Geſicht, und ſich der Freundin nähernd, flü⸗ ſterte ſie: „Verzeihe mir, Iſabella, daß Breiten mein Gatte geworden.“ „Das iſt es nicht, was mich verletzt“, antwortete ſtolz Iſabella, indem ſie der einſtigen Freundin beinahe heftig in's Wort fiel.„Es muß mir gleichgültig ſein, wem Du Deine Hand reichteſt, nachdem Du mich ver⸗ laſſen konnteſt in meiner bitterſten Noth, nachdem ich — 129 vergebens mich an Deine und Breitens Hülfe gewandt, in der ſchwerſten Zeit meines Lebens, nachdem Ihr, die einzigen Freunde, die ich nach dem Tode meines Vaters beſaß, mich um meiner Armuth halber ver⸗ laſſen.“ „Iſabella, was ſagſt Du? Unſerer Hilfe hätteſt Du bedurft, nachdem Theobald, Dein Gatte—?“* „Theobald, mein Gatte?“ fiel die Künſtlerin ihr aufgeregt in's Wort,„wer wagte es, eine ſolche Lüge zu behaupten?“ In fliegender Haſt erzählte nun Martha Alles, was unſere Leſer bereits wiſſen, und Angſt, Schrecken, namenloſe Beſtürzung über das Vernommene malte ſich in Iſabella's leicht beweglichen Geſichtszügen. Uebergehen wir die Momente der Freude, des Ent⸗ zückens, welche ſich Iſabella's bei der Gewißheit be⸗ mächtigten, daß nur entſetzliche Bosheit und Rachſucht ſie an die Schuld der Freunde glauben gemacht, daß dieſelben noch eben ſo treu fühlten wie einſt. Die Künſtlerin barg wie vor Jahren ihr Haupt an der Freundin Bruſt, und Martha ſtrich wie einſt über die ſchwarzen Locken mit ihrer weichen, zarten Hand, an welcher jetzt der Ehering Breitens ruhte. Lange blieben an jenem Abende die Freundinnen beiſammen, und auch Iſabella erzählte von Allem, von Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 9 130 dem Anfang ihrer Künſtlerlaufbahn, wie ſie durch ihren ehemaligen Reitlehrer die Stelle einer Reiterin im Cirkus Baptiſte bekommen, nachdem die erſte Rei⸗ terin mit einem reichen Engländer entflohen war; wie ſie von Stufe zu Stufe geſtiegen, und, um allen Nach⸗ forſchungen zu entgehen, den Namen Demars angenom⸗ men, immer aber das Weh im Herzen behalten habe über den ſcheinbaren Verrath der Freunde, um ihre verſchollene Mutter; wie ſie überall nachgeforſcht nach derſelben, immer vergebens, wie nur ein Lichtblick ſich ihr gezeigt, nachdem ſie bereits ihre Künſtlerlauf⸗ bahn begonnen. Frau Eſchmüller hatte nämlich nach der Abreiſe jenes Herr Allen, der hier im Hauſe ge⸗ wohnt, für eine Bekannte von ihr jene Zimmer ge⸗ miethet, und als ſie hinaufging, um ſelbe ſäubern und reinigen zu laſſen, fand ſie im Kehricht des Zimmers, welches Herr Allen ſelbſt bewohnt, einen Streifen Pa⸗ pier, wie man ſie zu Adreſſenſchleifen benutzt, und auf demſelben ſtanden die Worte:„Wichtige Documente, Frau Hörwald betreffend.“ „Du kannſt Dir meine Beſtürzung, meinen Schmerz denken“, fuhr Iſabella in ihrer Erzählung fort,„als ich durch meine wackere Eſchmüller dies Alles erfuhr, und dann die Gewißheit erlangte, jenen Herrn Allen nirgends mehr auffinden zu können. Ich wandte Alles 131 an, um ihn zu erforſchen, umſonſt! Er war ſpurlos verſchwunden, und Niemand kann mir nun die Gewiß⸗ heit verſchaffen, ob jene Dokumente meiner armen Mutter angehörten, oder ob nur ein tückiſcher Zufall mit mir ſein loſes Spiel getrieben hat; und ſo ſchwebt noch immer ein geheimnißvolles Duntel über meiner Ab⸗ kunft.“ Martha richtete theilnahmsvolle Worte an die Freundin. „Meine theure, arme Bella“, ſagte ſie,„was haſt Du gelitten bis Du Dich auf die Höhe der Kunſt empor⸗ geſchwungen, auf welcher Du nun ſtehſt, bis Du zur großen Künſtlerin geworden biſt!“ „Ja, Martha, das Unglück allein hat mich zu dem gemacht, was Du in Deiner freundlichen Nachſicht mich nennſt. Durch das Fegfeuer der Thränen und Schmerzen muß man gegangen ſein, um ſich ſelbſt vergeſſen, der Kunſt allein leben zu können, die mir nun lieb geworden iſt für's Leben.“ „Und möchteſt Du Deinem mühevollen Beruf nicht entſagen, Bella, bei uns wohnen und leben?“ fragte die Freundin zärtlich. „Nein, Martha, das vermag ich nicht“, erwiderte Iſabella trübe lächelnd.„Ich könnte einem Berufe 9*. nicht entſagen, der mir ſcheinbare Ruhe und Vergeſſen bringt!“ Iſabella hatte dieſe letzen Worte beinahe flüſternd geſprochen, und doch hatten ſie das ſcharfe Ohr der Freundin erreicht, ihr deren tief verborgenen Sinn offenbart. Die Sonne ſchien wieder hell und freundlich in die Zimmer Iſabella's am andern Tage. Der Sturm der Nacht hatte die Wolken vertrieben, und der Winter⸗ himmel blickte wieder heiter, als Martha der langent⸗ behrten Freundin ihren Gatten brachte. Sie reichten ſich die Hände wie einſtmals, und ein Blick tiefer, herzlicher Zuneigung, die weder Schick⸗ ſale noch Lebensverhältniſſe ſchwächen konnten, erfüllte Beide mit aufrichtiger wiedergewonnener Ruhe. Ob⸗ gleich Breiten ſchmerzlich den doppelten Verluſt Iſa⸗ bella's erkannte, ein Blick auf Martha gab ihm ſeine Faſſung wieder. „Und ſind Sie glücklich in Ihrem Berufe?“ fragte Breiten ſanft nach dem erſten Austauſch über die ver⸗ floſſenen Ereigniſſe. „Ich bin es als Künſtlerin, und ſuche in meinem Berufskreiſe ſoviel Glück als möglich um mich her zu verbreiten“, entgegnete ſie mit feſten, beſtimmten Wor⸗ „. 133 ten.„Mein einziges Beſtreben gilt nur noch der Kunſt, und dem Wiederauffinden meiner Mutter.“ „Laſſen Sie mich Ihnen in Letzterem behülflich ſein“, ſagte Breiten bittend. Mit dankbarem Vertrauen hob ſie ihre dunklen Augen zu ihm auf. „Wie gut, wie theilnehmend Ihr Beide ſeid“, ſagte ſie gerührt,„und ich konnte Euch verkennen? Verzeiht mir, ich litt am meiſten darunter; aber laſſen wir die Vergangenheit. Ich nehme dankbar das An⸗ erbieten an, mir in meinen Forſchungen nach meiner Mutter behülflich zu ſein, und gebe Gott, daß Ihnen dies beſſer als mir gelingt.“ Breiten hielt Wort. Er that ſein Möglichſtes, um Licht in das geheimnißvolle Dunkel der Abkunft Iſabella's zu bringen; er bereiſte ſelbſt alle jene Orte, in welchen ſich eine Spur vielleicht hätte zeigen können. Umſonſt! Was der Polizei nicht gelang, verſuchte auch er vergebens. Herr Allen war verſchwunden; entweder hatte er den Namen gewechſelt, oder er war außer Landes gegangen. Im Frühjahr ſiedelte Breiten mit ſeiner jungen Gattin nach Breitenfeld über. Iſabella, die auf einige Zeit Urlaub von Monſieur Baptiſte ſich erwirkt, be⸗ gleitete die Freundin, um auf dem Lande ſich von — 8 134 ihrer angeſtrengten Thätigkeit zu erholen. Sie ſollte dieſes jedoch nicht finden, denn Martha, an das milde wohlthuende Klima Egyptens gewöhnt, fing wieder an zu kränkeln und Iſabella war es, welche ſie auf's Sorgſamſte pflegte. Die Kunſtreiterin erſchien niemals aufopfernder, ſelbſtverleugnender, als am Krankenbette Martha's. Kein noch ſo leiſer Hauch von Mißtrauen trübte das Wiederfinden der Beiden und die Künſt⸗ lerin erkannte die Pflichten ihrer Stellung der Freun⸗ din und deren Gatten gegenüber beſſer, als manche ehrbar ſcheinende und mit dieſem Schein prunkende Frau, welche ſo oft leichtfertig das Leben einer Künſt⸗ lerin in den Staub zu treten ſucht und bei einer ſol⸗ chen keinerlei weibliche Tugenden vorausſetzt, noch zu⸗ läßt. Es war ein eigenes Gefühl für Breiten, als aber⸗ maliger Schloßherr von Breitenfeld ſich zu wiſſen, um⸗ geben von den beiden Frauen, welche für ihn im Leben eine ſo bedeutungsreiche Rolle geſpielt hatten. Oft wenn er bei Martha ſaß und Iſabella ab und zu der Freundin ſelbſt die geringſte Handreichung leiſtete, glaubte er ſich in einem frohen und glücklichen Traume zu befinden. Seine Pflichten gegen Martha hatten nach und nach jeden ſelbſtſüchtigen Gedanken aus ſeiner edelmüthigen Bruſt verbannt, ſeine einzige Beſorgniß beſtand nur darin, daß er vielleicht nicht dazu geſchaffen ſei, ſeine Gattin ſo glücklich zu machen, wie ſie, das hingebende ſanfte Weſen es verdiente, und obgleich Iſabella ihm noch theuer war, ſo trübte 24 doch kein Augenblick des Mißverſtehens das Leben bei⸗ der Gatten, deſſen eingegangene Pflichten Breiten mehr als zu ehren verſtand. 5 Sechstes Kapitel. Die Bekenntuiſſe eines Sterbenden. Die Ehe Johanna's von Breiten mit dem einſtigen Schloßverwalter Brandt war eine ſehr unglückliche; das Aergſte, was die Freiherrin in ihrem Leben treffen konnte, geſchah. Sie wußte ihr eigenes Kind unglück⸗ lich, den Schwiegerſohn als Verſchwender. Sie lebten meiſtentheils getrennt und führten Beide ein Leben voll üppigen Genuſſes. Adelhaide, welche kein Mittel geſcheut hatte, um zu Reichthum zu gelangen, die mit gierigen Händen Schätze auf Schätze gehäuft, die nun geglaubt hatte auszuruhen auf den Lorbeeren, welche ſie durch Intriguen errungen, ſah nun das künſtlich erbaute Gerüſte aller ihrer Pläne zerſtört; vernichtet, von der eigenen Hand ihres Kindes und deren Gatten. Sie war es, die Johanna zu dieſer Ehe gezwungen. als Brandt deren Hand bei ihr begehrte; das junge Mädchen hatte widerſtrebend eingewilligt und ſuchte ihre verlorene Freiheit nun in anderer Art wiederzu⸗ gewinnen. Seit einigen Tagen verweilte Brandt auf Adler⸗ berg. Er war gekommen, um neue Geldforderungen an die verwittwete Freiherrin zu richten, in ſeinem und im Namen ſeiner Frau. In dem großen Eckzimmer, wo wir die Freiherrin Adelhaid zum erſten Male erblickt, finden wir ſie auch jetzt in der hereingebrochenen Dämmerung eines Früh⸗ jahrabends. Nachläſſig zurückgelehnt in dem etwas ſteifen, mit rothem Sammt überzogenen Lehnſtuhl, ſtarrt ihr Blick gedankenlos in's Leere. Aus den Zügen des gealterten Geſichtes ſpricht eine Müdigkeit, die an Apathie ſtreift. Die abgemagerte Geſtalt umfließt ein weites Trauergewand, denn die Freiherrin gibt ihr ganzes übriges Leben eine Trauer in ihrer äußeren Erſcheinung um den verſtorbenen Gatten kund, welche ſie im Herzen niemals empfunden. Die Freiherrin blickt hinaus in den duftenden Garten, deſſen grüne Blätter und vielfarbige Blumen von Lenzesblühen, von Auferſtehen ſprechen. In ihren Augen liegt etwas wie ein unendlicher Schmerz, ein Stöhnen entringt ſich ihrer Bruſt und aufſtehend durch⸗ eilt ſie mit haſtigen Schritten das düſter gewordene Gemach. Da öffnet ſich die Thür. Hinter einem eintreten⸗ den Diener, welcher eine Lampe bringt, wird eine kleine gedrungene Männergeſtalt ſichtbar; borſtige, wirre Haare bedecken den Kopf, der große, weite Mund zwingt ſich zu einem Lächeln und eine Atmosphäre von Schnupf⸗ tabak und Branntwein ſtrömt von ihm aus, als er den Diener rückſichtslos bei Seite ſchiebt und die Thür hinter ihm wieder zumacht. Inſtinktmäßig wich die Freiherrin zurück; es war weniger Furcht, als namenloſer Ekel, der ſich ihrer bemächtigte. Einen Augenblick ſtanden ſie ſich gegen⸗ über, die zwei ſo verſchiedenen Menſchen, und beinahe wie im Flüſtern drang von der Freiherrin der Name „Brandt“ über ihre Lippen. „Ich bin's, Frau Baronin, ja“, ſagte Derjenige, welcher mit ſeiner verſchliffenen Cravatte, ſeinem ab⸗ getragenen, aber modiſch gearbeiteten Rocke einem Aben⸗ teurer ähnlich ſieht.„Ich bin's, der wiedergekommen aus Braſilien; es litt mich nicht dort, iſt wenig zu machen mit ſo'em Lumpengeld, wie Sie mir zur Reiſe gegeben haben und komme deshalb, mir Neues zu holen.“ Err ſprach in einem frechen übermüthigen Tone. „Alſo neue Forderungen an mich bringen Euch wieder hierher?“ „Habt Ihr geglaubt, die Liebe zu meinem Bruder, Eurem liebenswürdigen Schwiegerſohn, hätte mich die weite Reiſe aus einem entfernten Lande machen laſſen?“ Der Abenteurer lachte frech auf. „Und das Geld, das viele Geld, was ich an Euch verſchwendet, was geſchah damit?“ fragte die Frei⸗ herrin mit bebenden Lippen zurück. „Ich ſagt' Euch ja ſchon, daß es nicht reichte.“ „Aber Ihr verſpracht mir, in Braſilien Euch käuf⸗ lich niederzulaſſen.“ „Das hatte ich auch im Sinne, aber das Schick⸗ ſal, oder der Teufel, wenn Ihr wollt, ließ es nicht zu. Ich hatte die hieſige Gegend kaum verlaſſen, als ich mit einigen alten Freunden aus früherer Zeit zu⸗ ſammentraf; kecke, luſtige Burſchen, die ich nach dem Tode Eurer armen, lieben, geduldigen Schweſter— nun, nun, erſchreckt nicht, ſoll ich mich des Geſtändniſſes nicht rühmen, daß ich ſie gepflegt, Eure Verwandte, die Zeit über— und darüber meine früheren Freunde vergeſſen hatte? Nach dem dumpfen, einförmigen Leben, das ich die Zeit über geführt, that mir's wohl, mich mit meinen wackeren Geſellen von einſtmals wieder zuſammenzufinden, an den Spieltiſchen mein Geld zu vergeuden, und das luſtige Leben von einſtmals wie⸗ der anzufangen. Und ſo iſt denn das viele, ſchöne Geld, wie Ihr's nennt, fort in alle Winde verſtreut und bin nun gekommen, mir Neues zu holen.“ „Um neue Schurkenſtreiche auszuführen, nicht wahr?“ fiel plötzlich die Stimme des einſtigen Schloß⸗ arztes vom Adlerberg ein, welcher aus einem Neben⸗ zimmer eingetreten war. „Ah! Sieh da, mein netter, lieber Bruder! Freut mich, Dich zu ſehen“, meinte der Erſtere kaltblütig und ein neues grinſendes Lachen verzog ſeinen Mund,„aber Schurkenſtreiche“, ſetzte er im Tone tückiſcher Empfind⸗ lichkeit hinzu,„ſolche Worte ſollten nicht aus Deinem Munde kommen; ſiehſt Du, Deine Schwiegermutter ver⸗ ſteht's beſſer. Freunde, die auf ſolchem Fuße mit ein⸗ ander ſtehen, wie wir Drei, müſſen ſich nicht mit ſo häßlichen Redensarten traktiren. „Sprecht nicht von der Vergangenheit“, verſetzte die Freiherrin mit bleich gewordenen Lippen,„und nennt Diejenigen, welche ein augenblicklicher Irrthum in Eure Hände gab, nicht Eure Freunde.“ „Ihr ſprecht ſehr gelehrt“, antwortete der Fremde grinſend,„aber wißt Ihr, daß ich mich wenig darum ſcheere, Euer Freund oder Feind zu heißen und daß ich nur glaube, es wäre thöricht von Euch Beiden, 141 mich jetzt zum Feinde zu haben, jetzt wo nur ein Wort von mir Alles—“. „Und was verlangt Ihr an Geld?“ fiel mit einem Tone, der von einem feſtgefaßten Entſchluß zeugte, die Freiherrin ihm in's Wort. „Bah!'ne Kleinigkeit, achttauſend Gulden ſogleich und eine Anweiſung auf dieſelbe Summe für ſpäter.“ „Und wenn es nun der Fall wäre, daß ich Euch jene Summe gewährte“; die Freiherrin machte eine ab⸗ wehrende Bewegung gegen ihren Schwiegerſohn, der ihr in's Wort fallen wollte;„ſeid Ihr dann Willens, mich nicht weiter zu beläſtigen?“ „Da müßte ich ein Narr ſein“, meinte der F Fremde lachend.„Nein, dazu verpflichte ich mich nicht. Ic war darauf vorbereitet, von Euch ſolche Anerbietungen zu hören, ich weiß, daß Ihr mich Beide haßt; das iſt natürlich, auf ſolche Art verbundene Menſchen, wie wir, lieben einander ſelten, hahaha, nicht wahr? Alſo Aug' um Auge, Zahn um Zahn, ſag' ich. Wollt' Ihr nicht, nun gut, ſo iſt unſere Unterredung zu Ende!“ „Es iſt nicht Dein Vortheil, uns zu verrathen“, ſagte ſein Bruder jetzt mit unſicherer Stimme,„unſer Untergang wäre auch der Deine.“ „Bah! Was liegt mir daran, ob ich am Galgen baumle, oder als ehrlicher Chriſt in einem Bette ſterbe; ſterben muß ich ja doch'n mal. Für Euch hochgeborne Seelen iſt das freilich was Anderes.“ Und er lachte abermals höhniſch auf. Die Freiherrin erbebte ſichtlich, ihr Geſicht ward aſchfahl und einen Augenblick verlor ſie ihre Faſſung. „Ihr ſollt Alles haben, was Ihr verlangt“, ſagte ſie endlich in bebendem Tone, und ging zu ihrem Sec⸗ retär, welchen ſie öffnete. Dann entnahm ſie demſelben mit zitternder Hand die bedungene Summe, ſchrieb ebenſo die verlangte Anweiſung und übergab Beides dem Fremden. „Seht Ihr's, daß es eine gefälligere flottere Art gibt, ſeine Geſchäfte abzumachen“, grinſte Jener,„als durch Drohungen und Verdruß? Und nun will ich Euch'ne Güte thun“, fuhr er fort, indem er das Geld und die Anweiſung in ſeine Bruſteaſche ſteckte, „und Euch ſagen, daß ich die Gegend wieder verlaſſen will, morgen ſchon vielleicht. Ihr haltet mich Beide für ein ſchlechtes Subjekt, aber es iſt nicht ſo arg mit mir, wie Ihr meint. Hab' auch'n Gefühl in meiner Bruſt; hatt' ſogar einmal Jemand recht lieb und das warſt Du, Bruder!'s iſt freilich ſchon eine lange Zeit her ſeitdem, aber Du weißt, ich hing immer an Dir bis zur Zeit, wo Du und Deine jetzige Schwieger⸗ mutter mich zu dem gemacht, was ich bin. Nun, ich will 143 die alte Geſchichte nicht wieder aufwärmen, gehabt Euch wohl, Beide!“ Mit dieſen Worten verließ er grinſend das Zimmer. Die Freiherrin ſah ihm nach, bleich, mit zuſam⸗ mengepreßten Lippen und funkelnden Augen. „O, daß ich ein Mann wäre, um da eingreifen zu können“, flüſterte ſie wie für ſich; doch der Gatte ihrer Tochter hatte ihre Worte gehört. Er näherte ſich ihr und wie er ſo neben ihr ſtand, ſeine Stimme gedämpft zu ihr ſprach und ſie zu ihm emporſah mit dem flammenden haßglühenden Blick, da hatten ſie ſich verſtanden! In unheimlichem Glanz leuchteten Beider Augenpaare und ein beinahe teufliſcher Zug legte ſich um der Freiherrin ſchmale Lippen, die vor der Welt gewöhnt waren, ſich nur im frommen Gebete zu be⸗ wegen. Der Abend war hereingebrochen. Der Lärm der Welt verſtummte allmälig; die Menſchen ruhten aus von des Tages Laſten und Sorgen; das blaſſe Mond⸗ licht, das ſoeben aufgegangen, webte ſeltſame Geſtalten und geſpenſterhafte Schatten um die Ruine des Adler⸗ berg; die Stämme des nahegelegenen Waldes wurden zu Rieſen und die eintönigen Rufe der Nachtvögel miſchten ſich in das geheimnißvolle Rauſchen des nahen See's. 144 Die Geſtalt eines Mannes wurde im Walde ſicht⸗ bar. Es war der Fremde aus dem Schloſſe, welcher den Waldweg nach dem Dorfe eingeſchlagen hatte. Er blieb einen Augenblick ſtehen. Es war ihm, als habe er hinter ſich ein Geräuſch vernommen. Die Zweige raſchelten, als würden ſie auseinander gebogen; der Fremde nahm ein Piſtol aus ſeiner Bruſttaſche und war offenbar auf einen Angriff gefaßt.. Beruhigt ſteckte er daſſelbe jedoch gleich darauf wieder ein. Der Kopf eines Rehes zeigte ſich. Das kluge Thier ſah ſich ringsum, lauſchend hob es den Kopf empor, dann beugte es ſich zu einem nahen Ge⸗ ſträuche nieder und fraß ruhig die Blätter deſſelben. Da, plötzlich erhob es wieder den Kopf und wen⸗ dete denſelben nach der Richtung, in welcher der Fremde fortgegangen war. In wilden Sätzen flog es von dan⸗ nen, die mögliche Gefahr, die Nähe von Menſchen witternd. Der Inſtinkt bewahrte das kluge Thier; der mit Vernunft begabte Menſch, keine zwanzig Schritte davon, ahnte nicht, daß die Gefahr für ihn hinter den Bäu⸗ men lauere. Plötzlich, wie aus der Erde gezaubert, ſtand die Geſtalt des einſtigen Schloßarztes jener des Fremden — 145 gegenüber. Einen Augenblick ſchien der Letztere vom Schrecken überwältigt, doch ſchon im nächſten hatte er ſeine Geiſtesgegenwart wieder erlangt. Er blieb ſtehen. „Was willſt Du von mir“, ſprach er ruhig,„daß Du mir hierher folgſt in den Wald.“ „Was ich will? Dein Verſprechen, daß Du dieſe Gegend für immer verläßt.“ Ein wildes Lachen ertönte durch die Stille des Waldes aus dem Munde des Fremden. Dann ward es wieder ſtill, ſie ſtanden ſich gegenüber, ſchweigend, und doch lag in dieſem Schweigen etwas Entſetzliches. „Fürchteſt Du Dich ſo ſehr vor meinen Geſtänd⸗ niſſen?“ fragte der Fremde endlich höhnend. „Nein, ich fürchte ſie nicht, denn ich werde Dich unſchädlich zu machen wiſſen“, ziſchte der Andere und packte ſeinen Gefährten plötzlich und unvermuthet an der Kehle. Ein kurzes Ringen entſtand; der Fremde, obwohl ein Mann von großer Kraft, verſuchte vergebens Wi⸗ derſtand zu leiſten, die Piſtole in ſeiner Hand ward ihm entwunden, ein Blitz, ein Knall, und ſtöhnend brach der Fremde zuſammen. Dann ward Alles wieder ſtill. „Man wird ihn für einen Selbſtmörder halten“, murmelte Brandt, durchwühlte die Taſchen ſeines Geg⸗ Creſſieur, Die Kunſtreiterin. III... 10 146 ners, nahm aus denſelben Alles an ſich, und entfloh in der Richtung des Schloſſes. Ein leiſer Wind bewegte die Zweige der Bäume im Walde. Geheimnißvoll neigten ſie ſich gegeneinan⸗ der, als wollten ſie ſich von dem ſtillen, blaſſen Manne da unten erzählen, welcher durch die Hand des Bru⸗ ders gefallen. Die Nacht verſtrich; ſchon dämmerte im fernen Oſten der Morgen, als ein leiſes Beben die regungs⸗ loſe Geſtalt durchdrang, das Leben kehrte wieder. Da nahten Schritte vom Walde her, Stimmen wurden laut. „Mir ſcheint, wir haben den Weg verfehlt und ſind im Adlerberger Forſt“, ſagte die Stimme des Schloß⸗ herrn von Breitenfeld, der am frühen Morgen aufge⸗ brochen war, um zu jagen. „Der Frühnebel hat uns irregeführt“, meinte ſein Begleiter, der Förſter auf Breitenfeld.„Aber jetzt zer⸗ theilt ſich der Nebel und der Frühmorgen bricht in vollſter Klarheit an. Doch ſehen Sie nur, Herr Ba⸗ ron, da in's Gebüſch. Was mag Diana nur ankom⸗ men? Das Thier ſchnuppert ja hier herum, als ob⸗ irgend wo'ne verſprengte Schnepfe herumläge“, meinte der Förſter und zeigte auf einen goldbraunen Hühner⸗ hund, der ſchnuppernd die Waldwege durchſtöberte. 147 Die Beiden bogen ſeitwärts ein, um den verlorenen Weg wieder zu gewinnen. Ein leiſes Stöhnen ſchlug an ihr Ohr. „Was war das, gnädiger Herr? Es ſchien mir wie der Laut einer Menſchenſtimme!“ ſagte der Förſter erſchrocken. In dieſem Augenblick ſtieß Diana ein kurzes Ge⸗ heul aus, wie es Hunde zu thun pflegen, wenn ſie den Menſchen auf etwas Beſonderes aufmerkſam machen wollen. Dann kroch ſie winſelnd und ſchnuppernd in den nahegelegenen Büſchen herum. „Gnädiger Herr, hier muß etwas geſchehen ſein, ſehen Sie nur einmal den Hund an.“ „Dann dem Hunde nach, ſo raſch als möglich, das kluge Thier leitet uns ſicher auf die richtige Spur“, ſagte Breiten entſchloſſen. Beide folgten nun der emſig ſuchenden Diana und ſchon nach wenigen Augenblicken entdeckten ſie etwas ſeitwärts gelegen den ſchwer Verwundeten auf dem thaufeuchten Erdboden. „Heiliger Gott, hier iſt ein Unglück geſchehen!“ rief Breiten erſchrocken. „Es wird irgend ein Wilddieb ſein, gnädiger Herr, der Eins auf's Kerbholz gekriegt hat, für's Wilderern.“ 10* 148 „Und ſollen wir ihn deshalb zu Grunde gehen laſſen? Schnell zurück in das Breitenfelder Forſthaus und beſtellt von dort eine Tragbahre.“ Der Förſter entfernte ſich eilig; Breiten aber beugte ſich über den Verwundeten herab, welcher, ſchwer ſtöh⸗ nend, ſcheinbar beſinnungslos dalag. Mit einem leiſen Aufruf des Erſtaunens fuhr indeß Breiten raſch zu⸗ rück; er hatte in den verzerrten Geſichtszügen deſſelben jenen Herrn Allen wiedererkannt, mit dem er vor Jah⸗ ren in ein und demſelben Hauſe gewohnt, deſſen Phi⸗ ſiognomie ſchon damals einen ſo merkwürdigen Ein⸗ druck auf ihn hervorgebracht. Leute aus dem Forſthauſe erſchienen, man brachte den Schwerverwundeten nach Breitenfeld. Der herbei⸗ gerufene Arzt erklärte die Wunde noch als ſehr ſchwer, jedoch nicht lebensgefährlich,„er hoffe den Kranken zu veiten.“ Mit welchen Gefühlen Breiten in's Schloß zurück⸗ kehrte und Martha und Iſabella Alles mittheilte, wollen wir übergehen und nur ſo viel ſagen, daß Iſabella der Vorſehung dankte, denn jetzt endlich war ihr die Möglichkeit gegeben, wenigſtens theilweiſe etwas über Herrn Allen's Vergangenheit zu erfahren; über jene Adreſſenſchleife ſich Aufklärung zu verſchaffen. Sie eilte hinab in's Förſterhaus mit wiedererwachter Hoffnung. 149 Dort war der Kranke nach einigen Stunden wieder zum Bewußtſein erwacht und fühlte ſich nach den An⸗ ordnungen des Arztes bedeutend beſſer. Nach lange anhaltendem Schlummer öffnete er die Augen und ſein erſter Blick fiel auf Iſabella, welche an ſeinem Lager ſaß, während Breiten nach⸗ denkend neben ihr ſtand, den Arm auf die Bettlehne geſtützt. Des Verwundeten Augen ruhten lange auf Iſa⸗ bella, oder vielmehr ſie hefteten ſich in ſtarrem Blicke auf das goldne Kreuzchen, das ſie an einem ſchwarzen Sammtbande gewöhnt war täglich zu tragen. Seine Hand erhob ſich und deutete auf dieſes Kleinod, und mit leiſer Stimme fragte er, zitternd vor Aufregung, wer dieſes Kreuz ihr gegeben. „Es iſt von meiner Mutter“, antwortete Iſabella. Der Verwundete ſah die Kunſtreiterin an, mit Augen, die aus ihren Kreiſen zu treten ſchienen. „Und Ihre Mutter war? O, reden Sie, o, reden Sie! Zeigen Sie mir das Kreuz!“ ſagte er aufgeregt, ſich im Bette aufrichtend. Zitternd löſte Iſabella daſſelbe von ihrem Halſe und reichte es ihm hin. „Ich weiß den Namen meiner Mutter nicht“, 150 ſtammelte ſie,„habe ſie nie gekannt, ſie ſchon als Kind verloren; mein Vater hieß Hörwald.“ „Aber ich— ich kann Ihnen denſelben nennen“, rief der Verwundete in heiſerem Tone mit neuerlangter Kraft, welche die Aufregung ihm verlieh, nachdem er das Kleinod beſehen, die Worte auf demſelben geleſen hatte. „Ja! Sie ſind Joſefa, die Tochter Oskar Hör⸗ wald's und Joſefa's vom Adlerberg!“ Todtenblaß warf ſich Iſabella zu den Füßen des Bettes nieder, auf welches der Verwundete, durch die momentane Aufregung auf's Aeußerſte erſchöpft, kraft⸗ los zurückgeſunken war. Nach wenigen Minuten erholte ſich der Unbekannte wieder und jedes Bemühen um ihn abweiſend, ſagte er:„O kümmern Sie ſich nicht um mich jetzt, wer weiß wie lange ich noch zu leben habe, mich drängt's, ein Geſtändniß abzulegen, das mir im Grabe keine Ruhe laſſen würde.“ Der Ausdruck der krankhaften Züge des Verwun⸗ deten war bei dieſen Worten ein tiefſchmerzlicher. Breiten und Iſabella traten beſorgt an ſein Bett heran und während er Iſabella's Hand faßte, bat er ſie und Breiten, ihn anzuhören, ſo lange er noch Kraft habe Allles erzählen zu können. 151 „Ich war in meiner Jugend ein ſchlechtes, ver⸗ kommenes Subjekt“, fing er an,„und will von jener Zeit nicht viel Anderes ſagen, als daß es Jemanden ſchwer wird, zu Brod und Anſtellung zu kommen, der einmal wegen Liederlichkeit im Gefängniß geſeſſen. Die Menſchen treten einem Gefallenen ja ſo gern feindlich entgegen, ſtatt ehrlich zu helfen und verleiden es Einem ſo, wieder rechtlich zu werden.„Wir brauchen Leute, die von jeher ehrlich und brav geweſen ſind“, heißt es faſt immer und der beſte Wille ſcheitert an ſolchem Abweis. So ging's auch mir, bis ich in die Gegend von Adlerberg kam, wo ich einen Bruder hatte, dem es beſſer im Leben gegangen als mir, welcher Schloß⸗ arzt auf dem Adlerberg war und der es verſtanden hatte, den Namen Brandt vor der Welt als ehrlicher Mann zu führen.“ Breiten fuhr bei dieſen Worten jäh zuſammen; ein leiſes Erſtaunen bemächtigte ſich ſeiner. „Ich bat ihn, ſich meiner anzunehmen. Er ver⸗ ſchaffte mir eine Stelle als Aufſeher der Ruine vom Adlerberg, wo ich zu viel zum Verhungern, zu wenig zum Leben hatte, da ich nur von den Trinkgeldern der Fremden lebte, welche die Ruine anſahen, aber ich war ihm doch dankbar dafür und that Alles, was er ver⸗ langte. 452 Da erkrankte der Freiherr auf Adlerberg; ſeine älteſte Tochter Joſefa eilte vom Auslande an ſein Krankenlager; doch ſchon nach dem erſten Tage ihrer Ankunft erkrankte ſie ſelbſt an der Cholera, die ſie vermuthlich ſchon im Auslande davongetragen, und welche nur jetzt erſt zum Ausbruch gekommen war. Man brachte ſie der Anſteckung halber auf die Ruine hinauf und Niemand wollte ſie pflegen, denn Alles fürchtete ſich vor der Krankheit. Da machte mein Bruder mir den Vorſchlag, dies zu thun und ich willigte gern ein. Meine Bereitwilligkeit nutzte aber wenig, ſchon am andern Tage ſtarb die Freiherrin in meinen Armen, faſt zu gleicher Zeit mit ihrem Vater. Ihre Schweſter war nun Erbherrin auf Adlerberg. Joſefa war in ihren letzten Stunden bei vollem Be⸗ wußtſein geweſen und verlangte wiederholt nach ihrer Schweſter, welche ſie ſehnlichſt zu ſprechen wünſchte. Die Freiherrin Adelhaide jedoch verweigerte ihre Bitte; ſie hatte zu viel Furcht vor der Krankheit und zu wenig Liebe zu der Schweſter. Da wandte ſich Joſefa an mich, und ließ mich ſchwören, ihrer Schweſter das wich⸗ tige Geſtändniß zu hinterbringen, daß Joſefa ſich im Auslande heimlich vermählt und nach ihrem Tode die Zukunft ihres Gatten, ihres Kindes ſicher geſtellt wiſſen wolle. Ich that nach ihrem Wunſche. Meine Mit⸗ 153 theilungen wirkten erſchütternd auf die Freiherrin ein, nicht ſowohl des Gatten Joſefa's halber, als wegen des hinterbliebenen, nach dem Geſetze erbbefähigten Kindes. Mein Bruder ſowohl als die Freiherrin boten mir eine bedeutende Summe für mein vorläufiges Stillſchweigen. Ich ging den Handel ein. In der Stille der Nacht ſollte die Verſtorbene oben auf der Ruine beerdigt werden; mir allein wurde dieſes Amt überlaſſen. Aber wer beſchreibt mein Ent⸗ ſetzen, als ich in der Nacht bei der Todten eintretend, die als verſtorben Geglaubte aufrecht im Sarge ſitzend fand, mit ſcheuem, entſetzensvollen Blicke die Hände flehend nach mir gerichtet. Das volle Verſtändniß ihres Scheintodes wirkte im erſten Augenblick auf mich betäubend.“ Ein leiſer Schauer durchbebte bei dieſer Erzählung Iſabella und mit athemloſer Spannung folgte ſie der⸗ ſelben. „Die vom Starrkrampf gefeſſelte Lebenskraft“, fuhr der Verwundete fort,„kehrte unter meinen Hülfe⸗ leiſtungen raſch wieder. Mit Tagesanbruch eilte ich in's Schloß hinab, der Freiherrin Alles mitzutheilen, die ärztliche Hülfe meines Bruders für die auf's Aeußerſte Geſchwächte in Anſpruch zu nehmen. Entſetzt vernahm die Freiherrin das Geſchehene; ——— 2 mein Bruder jedoch gebot mir bis zum Abend Ver⸗ ſchwiegenheit, indem er mir erklärte, daß in den meiſten ſolchen Fällen niemals die völlige Lebenskraft wieder⸗ kehre und der wirkliche Tod in einigen Stunden den⸗ noch erfolge. Die vorzeitige Enthüllung der Wahrheit, meinte er, würde nur abermalige namenloſe Beſtürzung unter der geängſtigten Bevölkerung hervorrufen, ohne in dem Verlaufe der Dinge etwas zu ändern. Ich glaubte ſeinen Worten. Als Abenteurer war ich noch ehrlich genug, an die Tadelloſigkeit meines Bruders zu glauben, der ſich bis jetzt der Welt gegenüber als ordentlicher Mann benommen hatte. Im Laufe des Tages kam die Freiherrin auf die Ruine herauf, in ihrer Begleitung mein Bruder, der mir ein in Papier gewickeltes weißes Pulver übergab, um daſſelbe der Leidenden in's Getränk zu miſchen. Es würde ihre Kräfte heben, meinte er. Nach ſeinem und der Frei⸗ herrin Fortgehen erfaßte mich indeſſen plötzlich ein unerklärliches Mißtrauen gegen Beide, und ohne eigent⸗ lich recht zu wiſſen weshalb, ſtreute ich von dem weißen Pulver einem Hänfling vor, der hungrig am Fenſter⸗ geſims auf und ab hüpfte. Kaum hatte der Vogel an dem Pulver gepickt, als er auch ſchon todt vom Ge⸗ ſims herabſtürzte; meine Vermuthung war alſo gerecht⸗ fertigt, das Pulver enthielt Gift.“ 155 „Heiliger Gott“, rief ſchaudernd Iſabella und barg ihr erbleichendes Geſicht in beide Hände, während Breiten nur mühſam ſeine Aufregung über das Ver⸗ nommene verbarg. „Erſchrecken Sie nicht, armes Fräulein“, fuhr der Verwundete fort,„ich war in meinem Leben ein arger Lump, aber ein Mörder bin ich niemals geweſen. Ich rettete die Freiherrin Joſefa, indem ich mich zum ſchein⸗ baren Mitſchuldigen ihrer Schweſter und meines Bru⸗ ders machte, und die Unglückliche heimlich aus der Ruine entfernte, während ihre Mörder glaubten, ihr Opfer im kühlen Grabe zu wiſſen. Es galt nun, das Kind Joſefa's von dem Vater zu entfernen und es in die Gewalt der Beiden zu brin⸗ gen. Mein Bruder und die Freiherrin beehrten mich mit ihrem Vertrauen, und ich ward dazu auserſehen, die Kleine unter dem Vorwande verwandtſchaftlicher Theilnahme von deren Vater zu der Tante zu bringen. Was die Freiherrin mit dem Kinde vorhatte, theilte ſie mir natürlich nicht mit, daß es aber nichts Gutes war, konnt' ich mir nach dem Vorgefallenen an den Fingern abzählen. Ich beſchloß daher, auch die Kleine zu retten, ſie zu ihrer Mutter zu bringen. Nicht aus Edelmuth that ich das, aber aus Eigennutz. Ich wollte auch für ſpätere Zeiten eine Handhabe gegen die Frei⸗ 156 herrin haben, um die reiche Frau in meiner Gewalt zu behalten. Ich reiſte nach München ab und über⸗ gab einſtweilen die unglückliche Joſefa einer Heilan⸗ ſtalt für Irrſinnige, denn inſofern hatte mein Bruder Recht behalten, die volle Lebenskraft war nicht mehr wiedergekehrt bei der Aermſten, ihr Verſtand hatte in etwas gelitten. In München war die Cholera im höchſten Grade ausgebrochen und der Gatte Joſefa's, Oskar Hörwald, derſelben erlegen. Es war mir ein Leichtes, die Pa⸗ piere deſſelben mir anzueignen, indem ich mich für deſſen Stiefbruder ausgab. Das Taufzeugniß des Kin⸗ des jedoch fehlte unter denſelben und befand ſich, wie ich aus den Schriften erſah, in einem kleinen Orte der Schweiz, wo das Kind geboren war. Dieſes wich⸗ tige Dokument jedoch mußt' ich haben zu meinen Plä⸗ nen. Ich überließ das Kind einer Frau, bei welcher ich es in Pflege gefunden und reiſte nach der Schweiz, indem ich Frau Bard verſprach, bei meiner Rückkehr das Kind mit mir zu nehmen, es zu ſeiner Mutter zu bringen. Doch meine Pläne ſollten durchkreuzt werden. Bei meiner Rückkehr war Frau Bard ebenfalls ein Opfer der böſen Seuche geworden, das Kind aber verſchwunden und Niemand konnte mir ſagen, was 157 aus demſelben geworden ſei. Ich kehrte zurück und mein Verdacht ſiel auf die Freiherrin und meinen Bruder. Ich glaubte, ſie hätten das Kind heimlich be⸗ ſeitigt. Ich täuſchte mich. Beide wußten von nichts und waren nur froh, die kleine Erbin vom Adlerberg verſchwunden zu wiſſen. Da las ich eine Zeitungs⸗ anzeige, in welcher ein gewiſſer Meier aufgefordert wurde, ſich bezüglich eines von Oskar Hörwald hinter⸗ laſſenen Kindes zu melden. Mit dieſer Zeitungsanzeige trat ich vor die Freiherrin und drohte ihr, der recht⸗ mäßigen Erbin vom Adlerberg zu ihrem Recht zu ver⸗ helfen. Eine große Summe Geldes erkaufte mein Schweigen. Von jener Zeit an erfaßte mich das Goldfieber und die Freiherrin von Breiten ward mir zur Gold⸗ quelle. Um in etwas mein begangenes Unrecht zu vergüten, nahm ich Hörwald's Gattin zu mir und pflegte ſie ſo gut ich konnte. Sie ſtarb nach Jahren in meinen Armen und ihre letzten Worte, die ſie bei wieder erlangtem kurzen Bewußtſein an mich, den Be⸗ trüger richtete, waren heißer Dank für meine Pflege, ſowie die Bitte, ihr Kind zu mir zu nehmen, im Fall es noch am Leben ſei. Ich würde es an einem gol⸗ denen Kreuzchen wiedererkennen, welches ſie mir auf das Genaueſte beſchrieb. Sie iſt auf dem Matzleins⸗ — dorfer Friedhof unter dem Namen„Allen“ begraben, während ihr Sarg auf der Adlerberger Ruine blos einen Stein enthält. Meine Geſchichte iſt nun zu Ende; es bleibt mir nur noch übrig zu ſagen, daß meine ſchlechten Thaten mir keinen Segen gebracht, da es die Hand meines eigenen Bruders iſt, welche ſich gegen mich erhoben. Aber Gott iſt gerecht, er ſelbſt führte mich dadurch der Tochter Joſefa's vom Adlerberg ent⸗ gegen. Leichenblaß und erſchöpft ſank der Verwundete nach dieſen Worten in die Kiſſen zurück. Seine Er⸗ zählung hatte einen erſchütternden Eindruck auf die beiden Zuhörer hervorgebracht. Ein verzweifelter Aus⸗ druck tiefer Niedergeſchlagenheit bemächtigte ſich Brei⸗ tens, während Iſabella's Augen heiße Thränen ent⸗ ſtürzten. Breiten wandte ſich endlich nach einem Augen⸗ blicke tiefen Schweigens an das junge Mädchen. Er faßte die kleine bebende Hand und mit vor Aufregung zitternder Stimme flüſterte er: „Iſabella können Sie verzeihen, jemals meiner Stiefmutter vergeben? So wahr Gott lebt, es ſoll Ihnen Gerechtigkeit werden.“ Mit einem unausſprechlich milden Blicke richtete ſie ihre thränenſchweren Augen auf den vor ihr Stehenden. „Max von Breiten“, ſagte ſie,„glauben Sie wirklich, ich wäre im Stande auf ein Erbtheil Anſprüche zu erheben, das meiner armen Mutter ſo namenloſes Elend brachte? Laſſen wir alles Vergangene vergeſſen ſein, niemals werde ich den Namen Breiten mit Schande überhäufen; meine Mutter möge mir im Grabe ver⸗ zeihen, daß ich ſie nicht zu rächen im Stande bin!“ Tief erſchüttert beugte ſich der junge Mann über die kleine ſchmale Hand, aber ſein Entſchuß war den⸗ noch gefaßt; er ſelbſt wollte die Rechte des edlen Mäd⸗ chens vertreten. „Ihnen aber“, wandte ſich Iſabella an den Ver⸗ wundeten,„Ihnen danke ich für die Rettung meiner armen Mutter, von nun an ſoll die Dankbarkeit der Tochter Ihnen gewidmet ſein.“ „O, mein liebes Fräulein, danken Sie mir nur um Gotteswillen nicht, ſondern verzeihen Sie mir lie⸗ ber meinen argen Betrug. Ich kann nur ſagen, was ich vorher ſchon ſagte, daß derſelbe mir keinen Segen brachte. Ich bereue aufrichtig Alles und was an mir liegt, will ich meinen Fehler gut machen, Ihnen ge⸗ wiß zu Ihrem Rechte verhelfen, die wahren Verbrecher entlarven.“ 1 Abwehrend winkte Iſabella mit der Hand und ſchluch⸗ zend warf ſie ſich am Bette des Verwundeten nieder. 160 Und ſie hielt Wort. Nichts brachte ſie dazu, ihre Rechte als Erbin vom Adlerberg geltend zu machen. Nichts deſtoweniger hielt ſich Breiten für verpflichtet, in dieſer Angelegenheit handelnd einzugreifen und ſchon am folgenden Tage begab er ſich nach Adlerberg, um ſeine Stiefmutter von Allem in Kenntniß zu ſetzen. So ſchwer es ihm auch fiel, der Gattin ſeines Vaters gegenüber in ſo ernſter Art auftreten zu müſſen, ſo gebot ihm doch ſein Gewiſſen, die Angelegenheit dem Gerichte zu übergeben, damit Iſabella Gerechtigkeit werde. Der perſönliche Schritt bei ſeiner Stiefmutter ſollte dieſe aber womöglich veranlaſſen, den unfehlbaren Folgen einer ſo ſchweren Anklage rechtzeitig auszu⸗ weichen.. Es war ein trüber nebliger Tag, an welchem er zum erſten Male wieder ſeit ſo langen Jahren nach Adlerberg hinüberging. Die feuchten Dünſte fielen ringsum in das kaum erſtandene Gras des Schloß⸗ gartens und das Schloß ſelbſt zeigte ſich ſeinen Blicken nur in verſchwommener, unklarer, ja faſt düſterer Be⸗ ſtalt. Er ſtieg die nämlichen Treppen empor, durch⸗ ſchritt die nämlichen langen Corridore, die er vor Jahren als heimathloſer, verſtoßener Sohn durcheilt. Damals verließ er dieſe Räume als Verbannter und heute kam er als Ankläger. 161 Ein Diener führte ihn in das Arbeitszimmer Adel⸗ haide's. Mit dem Rücken gegen die Thüre gewendet, ſah er die hohe, magere Geſtalt ſeiner Stiefmutter vor dem Schreibtiſche ſitzen, von welchem mehrere Schub⸗ laden geöffnet waren. Sie rührte ſich nicht bei ſeinem Eintritt. Er trat näher an ſie heran, um ſie zu begrüßen, aber ein Blick genügte, ihn mit einem Ausrufe des Entſetzens zurücktaumeln zu machen. Seine Stiefmutter ſaß todt auf igran Lehnſtuhle; die verglaſten ſtarren Augen ſtierten aus den Höhlen, während ihre rechte Hand krampfhaft ein Blatt Papier umfaßt hielt. „Du machteſt mich, Deinen Schwiegerſohn, zum doppelten Mörder“, las Breiten auf demſelben,„ich habe Dich dafür zur Bettlerin gemacht!“ Der Tod des Gatten, das Unglück der Tochter, ihr eigenes ſchuldbeladenes Gewiſſen konnten dieſe Frau mit dem ſteinernen Herzen nicht beugen, der Verluſt alles Deſſen, wonach ſie allein im Leben getrachtet, ließ ſie zuſammenbrechen. Ein Schlaganfall hatte ihrem Daſein ein raſches Ende gemacht. Wie konnte ſie leben, da ſie ja nur gelebt, um Schätze aufzuhäufen? Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 11 ————— Die Diener waren auf Breiten's Schreckensruf herbeigeeilt, während dieſer das verhängnißvolle Schrei⸗ ben Brandt's, welches gegen die Gattin ſeines Vaters eine ſo ſchwere Anklage erhob, raſch verbarg. Sein Zartgefühl gebot ihm, vor der Welt wenigſtens dieſen Makel der Gattin ſeines Vaters zu beſeitigen. Alle Hilfe war vergebens; die Freiherrin war ſchon vor der Ankunft ihres Stiefſohnes verſchieden. Das jähe Ende Adelhaid's, die Flucht Brandt's verbreiteten ſich mit raſender Schnelligkeit ſelbſt bis in die Reſidenz. Die Schaaren der Gläubiger, welche durch das Verfahren Brandt's ihre Intereſſen bedroht ſahen, eilten herbei und bald ſtellte es ſich heraus, daß die Beſitzung derart verſchuldet war, daß deren Revenüen auf zwanzig Jahre verpfändet erſchienen. So kam es denn, daß dieſe Vorfälle mehr der Oeffentlichkeit anheim fielen, als es den Ueberlebenden angenehm war, da der über die Beſitzung nothwendig gewordene Sequeſter mit der Erbnachfolge in nächſter Beziehung ſtand. Das Recht Iſabella's zu der Letztern war nach den vorliegenden Beweiſen nicht anzuzwei⸗ feln; ihren Grundſätzen getreu verzichtete ſie indeſſen auf die vielleicht daraus hervorgehenden Vortheile und verlangte nur von der nunmehrigen Erbin, Johanna, die Ausfolgung des lebensgroßen Bildes ihrer Mutter, 163 ſowie jene Andenken, welche Joſefa vom Adlerberg einſt werth gehalten. Trotz dieſer beobachteten Rückſichten auf ihre Fa⸗ milie verbreiteten ſich dennoch bald die abenteuerlichſten Gerüchte über die beliebte Künſtlerin; wenn dieſelben aber auch hier und da ein Korn Wahrheit enthielten, ſo gelang es doch ſelbſt den oft ſpaltenlangen Be⸗ ſprechungen der öffentlichen Blätter nie, das Richtige zu treffen. Eines nur gelang ihnen, der faſt vergöt⸗ terten Künſtlerin einen neuen geheimnißvollen Reiz zu verleihen. 11* Siebentes Kapitel. Der Lorbeerkranz. Zwei Jahre ſind ſeit jener Zeit verfloſſen und ſeit faſt zwölf Monaten ruht auch Martha in der ſtillen Gruft auf Breitenfeld, neben ihres Gatten ſowie Iſa⸗ bella's Mutter, deren Leiche aus der Reſidenz hierher übertragen worden war. Martha war in den Armen Iſabella's verſchieden, mit Dank auf den Lippen für die Aufopferung der Freundin, für die Liebe und Sorge des Gatten. Sie hatte bis zu ihr em letzten Augenblicke das reinſte Glück genoſſen, ein Glück, das ſie einſt nie erhofft. Iſabella, welche täglich, ja ſtündlich ſah, mit welcher liebevollen, ja aufopfernden Sorgfalt Breiten ſich der Pflege der dahinſchwindenden Gattin widmete, wie er mit dem ganzen Aufgebot ſeiner Kräfte bemüht 165 war, der Leidenden Beruhigung zu geben, ihre Nie⸗ dergeſchlagenheit zu bannen und alle Hebel in Beweg⸗ ung zu ſetzen, ihr Troſt und Stütze zu ſein, fühlte täglich mehr, wie ſehr Breiten in ihrer Achtung ſteige und wie ſehr ſein Charakter das gehalten, was er einſt zu werden verſprochen. Sie ſchien nach dem Tode der Freundin gleichſam das Bedürfniß zu fühlen, durch andere Umgebungen den mächtig auf ſie einwirkenden Eindruck abzuſchwächen. Sie kehrte deshalb bald hernach zu ihrem ſchweren Be⸗ rufe zurück, gleichſam als ſei es ihr Bedürfniß, durch denſelben die Rückerinnerungen zu bannen, welche mächtig in ihr erwachten, mit dem Lorbeer die brennende Stirn zu kühlen und ihrem heißen Blute die Herrſchaft zu entwinden durch ruhige Erkenntniß. So finden wir ſie nach längerer Abweſenheit wieder in der deutſchen Reſidenz, Triumphe feiernd und neuen Auszeichnungen entgegengehend. Iſabella, die Kunſtreiterin, ſitzt in ihrem einſamen aber traulichen Zimmer, in demſelben, welches einſt ihre arme Mutter bewohnt. In einem Nebengemach befinden ſich die Kinder der Frau Eſchmüller in hei⸗ terem Spielen; die Künſtlerin hat in ihrem von Glanz erfüllten Leben ſich die Dankbarkeit bewahrt, welche ſie an die biedere Familie feſſelt, die ihr einſt in trüben 166 Tagen ſo treu zur Seite geſtanden und ſie hatte es dahin gebracht, ein herzerfriſchendes Band inniger Freundſchaft um dieſe guten Leute zu ſchlingen. Heute feiert ſie ihren Geburtstag und ein glän⸗ zendes Diner, welches ſie einigen Freunden giübt, ſoll daſſelbe verherrlichen. Ein ganzer Garten von Bouquets und Kränzen ſchmückt das Gemach, aber ihre dunklen Augen verweilen ſinnend allein auf einem Veilchenbouquet in ihrer Hand, welches Breiten ihr am Morgen geſendet. Er iſt vor wenigen Tagen von einer längern Reiſe zurückgekehrt. Die Gedanken der Künſtlerin ſchienen angenehm; dazu fiel der helle Sonnenſchein ſo lieblich und heiter in den Raum und ſpielte gleichſam wie zufrieden mit den ſchwarzen Locken Iſabella's, als wolle er neidiſch ſie abziehen von ihrem Nachdenken und von dem Veilchen⸗ bouquet, deſſen duftende zarte Blüthen ihr ganzes Sin⸗ nen in Anſpruch zu nehmen ſchienen.. Welches ſind die Gedanken, welche unſere Künſtlerin beſchäftigen? Welche Gefühle durchwogen ihr Inneres, daß nichts vermag ſie abzuziehen von dem einen ſie beſchäftigenden Gegenſtande? Der Freund hatte ihr ja mit dem Bouquet zu⸗ gleich geſchrieben, ihr mitgetheilt, daß er im Laufe des Vormittags ſie beſuchen, ſie nach einer Trennung von — 167 faſt einem Jahre wieder begrüßen wolle. Seine Sprache war die Sprache der Hoffnung, ſo leicht verſtändlich für Diejenigen, denen ſie gilt. „Nein, es kann, es wird nicht ſein“, murmelten jetzt die Lippen der Künſtlerin; aber während ſie ſo ſprach breitete ſich dennoch eine liebliche Morgenröthe hoffnungs⸗ vollen Erwartens über das ſchöne Geſicht. Da trat ihre Kammerfrau ein. „Ich bitte um Verzeihung, Fräulein, ein Herr bit⸗ tet Sie beſuchen zu dürfen“, ſagte die Dienerin, während ſie die Karte des Baron Breiten der Herrin über⸗ reichte. Weder die Worte, noch die Stimme der Sprech⸗ enden hatten etwas Liebliches oder gar Wohlklingendes, aber es ſchien Iſabella, als ob ſie nie eine größere Freude empfunden, als bei dieſen wenigen Worten; ihre Augen glänzten, ihr Antlitz ſtrahlte, ihr Puls⸗ ſchlag ſchien zu ſtocken. „Laſſen Sie den Herrn Baron eintreten, er iſt willkommen!“ ſagte ſie nach einer Pauſe mit pochendem Herzen und ſchwer errungener Faſſung. Wenige Augenblicke ſpäter verdunkelte der Schatten eines Eintretenden die Schwelle. Iſabella erhob die Augen und im nächſten Moment war Breiten an ihrer Seite, zu ihren Füßen. 168 „Iſabella“, ſagte er in einem Tone, der vor Auf⸗ regung zitterte,„Iſabella, das Schickſal hat uns einſt mit harter Hand getrennt, aber unſere Herzen haben nie aufgehört, ſich zu verſtehen. Reden Sie zu mir, ſagen Sie mir, ob ich mich täuſchte, Iſabella, nur ein Wort!“ Ueberwältigt ſtand ſie da, für den Augenblick kei⸗ nes Wortes mächtig und eine reizende Verwirrung breitete ſich über ihr Geſicht. „Sie wiſſen nicht, was ich gelitten“, fuhr dann Max fort,„als ich durch Oberſt Alſing erfahren, daß meine Neigung zu Ihnen eine zielloſe ſei, daß Sie für Ihren Vetter beſtimmt wären! Sie wiſſen nicht, welche Qualen mir ſpäter der Gedanke bereitete, Sie rerheirathet zu glauben! Eine lange bange Zeit der Hoffnungsloſigkeit folgte, dann ſahen wir uns wieder; aber eine Andere hatte durch Gefühle inniger Freund⸗ ſchaft Anrechte auf mich erworben, von denen ich einſt geträumt, daß Sie allein Ihnen gehören ſollten! Jetzt ſind die trennenden Hinderniſſe beſeitigt, ſo wie einſt gehört auch heute noch Ihnen mein ganzes Sein, und jetzt ſagen Sie mir, Iſabella, ob ich mein Herz der Hoffnung öffnen darf! Sie erröthen? Sie weinen? O, ſagen Sie mir nur mit einem Worte, daß ich mich nicht getäuſcht!“ 169 Was ſollen wir noch weiter hinzufügen? Ein ſüßes Bekenntniß wurde gegeben, tiefgefühlte Gelübde wurden ausgetauſcht! Die Verlobung des ſchönen Paares erweckte die mannichfachſten Empfindungen; ernſte, treu gemeinte Theilnahme, ſowie Neid und Mißgunſt traten ihr ent⸗ gegen; die ſociale Stellung Breitens erlitt ſo manche Aenderung bei den Schwachen, welche nicht begreifen wollten, daß man eine Kunſtreiterin heirathen wolle, daß eine ſolche einer ehrenvollen Verbindung werth ſein könne. Noch nie hatte Iſabella ſo wenig an die Anſichten der Welt gedacht, noch nie hatte ſie ſo wenig das qu'en dira-t-on beachtet, ſo wenig wie ſie heute an ihre Schönheit dachte und doch ſchien ſie nie ſo bezaubernd geweſen zu ſein, wie an dieſem glücklichen Maitage. Sechs Monate gingen dahin, von Iſabella benutzt, die Vorbereitungen zu ihrer Hochzeit zu treffen. Ihr Contrakt mit Monſieur Baptiſte war ſeit wenigen Ta⸗ gen abgelaufen, ſie hatte ihn ſelbſtredend nicht erneuert, trotzdem Herr Baptiſte ſie beſchworen, ihr betheuert, ſein Unternehmen werde ohne ſie ruinirt ſein. Lächelnd hatte Iſabella den Verzweifelnden mit einer glänzenden Abſchiedsvorſtellung getröſtet; eine Abſchiedsvorſtellung nicht blos ſeiner Geſellſchaft von der deutſchen Reſidenz, 170 ſondern mehr noch ihr Abſchied von der Künſtlerlauf⸗ bahn, welche für ſie ſo reich geweſen an Freud' und Leid, an Ruhm und EChre, um dem erwählten Gatten zu folgen zu reinerer Freude, treu zu ihm zu halten ſelbſt im Leide bis an's Ende. Freudeſtrahlend hatte ihr Mr. Baptiſte gedankt; alle Vorbereitungen wurden raſch getroffen und nun ſtand eine Vorſtellung bevor, welche durch ihre Leiſtun⸗ gen alles bisher Geſehene übertreffen ſollte. „Und Du willſt wirklich heute noch einmal Dich Deinem einſtigen Berufe widmen?“ hatte Breiten ſie am Morgen dieſer Vorſtellung zärtlich gefragt. Sie ſaßen allein in dem Beiden ſo denkwürdig und liebgewordenen, kleinen Zimmer, in welchem Martha einſt die Freundin wieder zum erſten Male nach lan⸗ gen Jahren begrüßt, in welchem ſpäter ſich ihre Ge⸗ ſchicke entſchieden durch Breitens Werbung. Die roſenrothen Vorhänge warfen einen köſtlichen Schein auf die Glücklichen und während Breiten in den Augen der Geliebten zu leſen ſuchte, ſchienen dieſe, ihres ſüßen Geheimniſſes ſich bewußt, gleichſam ſich vor ihm zu verſchleiern. Er hielt die ſchmale weiße Hand feſt in der ſeinigen; dieſe Hand, deren Beſitz er ſo lange er⸗ ſtrebt und welche nun in wenigen Wochen ihm gehören ſollte für das Leben. Die Kluft, welche ſie ſo lange 171 geſchieden, war ausgefüllt, alle Hinderniſſe beſeitigt; der Himmel ihrer Zukunft lachte ihnen entgegen, die Sonne ihres Glückes ſchien auf ſie hernieder. „Willſt Du wirklich noch einmal mitwirken, muß es ſein?“ hatte er zum zweiten Male gefragt. „Baptiſte bat mich ſo ſehr, ich konnte es ihm nicht abſchlagen, es iſt ein Akt der Dankbarkeit von mir“, hatte Iſabella wie entſchuldigend entgegnet.„Es fällt ihm ſchwer, mich zu verlieren, ſchwerer mich zu erſetzen und da ich faſt ihm allein meinen Ruf ver⸗ danke—“ „Nicht ihm, Theure, Dir ſelbſt verdankſt Du den⸗ ſelben. Dein eigenes Talent, Dein Muth hoben Dich auf dieſe Höhe! Was ſind dagegen ſeine Anleitungen, ſein Bemühen, Dir einen Namen zu machen? Trach⸗ tete er doch in erſter Linie nur ſich ſelbſt zu nützen. Es kränkt mich faſt, Dich ſo beharrlich an dieſer letzten Idee feſthalten zu ſehen; man könnte ja faſt glauben, es reue Dich, eine Laufbahn aufzugeben—“ „Wie Du nur ſo reden magſt, Undankbarer“, war ihm Iſabella in die Rede gefallen.„Weißt Du doch, daß mein Künſtler⸗Ehrgeiz erſtorben iſt und daß ich“, fügte ſie mit einem glücklichen Lächeln hinzu, „an dem Tage, als ich Dich wiedergefunden, mir ge⸗ lobt, nur mit Dir und in Dir mein Glück zu ſuchen.“ 172 Und ſie beugte ſich zu ihm, ihre Locken ſtreiften ſein Haar, während er liebevoll die zarte Geſtalt um⸗ ſchlang und ſeine Lippen die ihrigen, wie den Sammt ihrer Wangen ſtreiften. Glückliche Zeit wahrer, keuſcher Zärtlichkeit! Ihre Erinnerung verſüßt ſo manche dornenvolle Stunde ſpäterer Zeit, ermuthigt zu treuem Ausharren, gibt Stärke und Ausdauer im Leide! „Ich glaube es“, hatte dann Breiten zärtlich ge⸗ antwortet,„ich glaube es ſo gern, denn ich hätte we⸗ nig zum Gatten einer nach Erfolgen ſtrebenden Künſt⸗ lerin getaugt. Bin ich doch ſchon jetzt auf den heu⸗ tigen Abend eiferſüchtig und möchte ich doch jeden Deiner Blicke, jedes Deiner Worte für mich allein in Anſpruch nehmen.“ „ Sage das nicht, mein Freund“, entgegnete Iſa⸗ bella geſchmeichelt,„denn welches Weib fühlt ſich nicht durch einen gewiſſen Grad von Eiferſucht Deſſen ge⸗ wonnen, welchen ſie liebt.„Sage das nicht. Unſere Neigung iſt ja auf unbedingtes gegenſeitiges Vertrauen begründet. Was Du von mir heute zum letzten Male ſiehſt, thut die Künſtlerin in ihrem Berufe, ohne daß ihr Herz daran Antheil hat. Von Morgen an lebt ſie nur ihrem Herzen und die uns vergönnten Stunden ſollen Dir reiche Entſchädigung bieten für die kurze — 173 Spanne Zeit, welche ich noch der Oeffentlichkeit ange⸗ höre.“ So plauderten ſie lange zuſammen an dieſem Sonnentage des Glücks; das Bild Joſefa's vom Adler⸗ berg ſchien aber auf die Beiden hernieder zu ſehen und es war, als ruheten die ſchwarzen Augen der Mutter, ſo ähnlich denen Iſabella's, wie ſegnend auf der Toch⸗ ter und als ob ihre Lippen zufrieden lächelten über das Glück des Kindes. So hatte auch einſt Joſefa im alten Schloſſe ihrer Tante den Worten Hörwald's gelauſcht, den Schwüren des jungen Mannes vertraut, in ſeiner Liebe nur ihr Glück geſucht! Der Cirkus war an dieſem Abende zum Erdrücken voll. Alle Welt wollte die Künſtlerin zum letzten Male ſehen und bewundern. Monſieur Baptiſte rieb ſich ver⸗ gnügt die magern Hände und ſeine lange, hagere Ge⸗ ſtalt ſchien an Höhe zu gewinnen, als er ſich überzeugte, wie richtig er calculirt, wie rieſig die Einnahme ſein werde, welche er durch dies letzte Auftreten der Demars erziele. Iſabella ſollte Almanſor in der hohen Schule produciren und zum Schluſſe ein hier noch nie ge⸗ ſehenes Forceſtück ausführen, indem ſie eine mehr als 174 fünf Fuß hohe, feſte Barriéère mit dem Pferde nehmen würde. Es war dies eines jener an ſich ſchweren Reiterſtücke, welches ſelbſt dem gewandteſten, eiſenher⸗ zigſten Fuchsjäger ſtille Bedenken zu erregen geeignet ſchien, das aber von Iſabella trotz der ſichtlichen Le⸗ bensgefahr ſchon mehrfach an andern Qrten ausgeführt worden war. Es iſt daher begreiflich, daß das nach Nervenaufregungen ſo begierige Publikum der großen Reſidenz heute mehr als ſonſt noch die Räume des Cirkus füllte und der Weg von den Stallungen zur Arena von der Blüthe der Sportliebhaber aller Stände verſperrt war. Die Gallerien erdröhnten vom Lachen des Publi⸗ kums bei den Witzen und grotesken Körperverdrehungen der Clowns; nervöſe Frauen zitterten bei den Luft⸗ ſprüngen der Madame Louiſon und ſchrieen laut auf vor Entſetzen bei den gymnaſtiſchen Exercitien der Geſchwiſter Denis; aber im Allgemeinen war doch die Aufmerkſamkeit des Publikums mehr dem gedruckten Programme als der heute wahrhaft glänzenden Vor⸗ ſtellung zugewendet. Die Spannung wuchs von Mi⸗ nute zu Minute und es ſchien, als ob man kaum den Augenblick erwarten könne, bis die vielbewunderte Demars erſcheine und die Nerven der Anweſenden in jene wohlthätige Spannung verſetze, nach welcher man ö228— ——— 3— 4 175 lechzte. Man wußte, daß die ſo ſchöne wie kühne Reiterin jeden Augenblick erſcheinen könne und die Augen Aller ruhten auf der großen Portidre, welche den Eingang zu den Stallungen verdeckte. Da ertönt endlich ein kriegeriſcher Marſch. Iſabella erſcheint auf Almanſor, dem feurigen Araber. Sie trug das Koſtüm einer Andaluſierin, in mattgelben von Perlen und Silbergewinden durch⸗ flochtenem Stoffe von ſchwerer Seide. Ein Barett mit einer Agraffe von mit Diamanten umgebenen Topaſen vollendete den Anzug. Die Sattelung und Zäumung des von ihr gerittenen Goldfuchs entſprach dem Uebrigen. Die Bewegungen des kraftvollen Thieres, voll Feuer und Elaſticität, erregten die Bewunderung der Kenner und theilten den Enthuſiasmus zwiſchen Almanſor und ſeiner Herrin, welche die hohe Schule in ſelten ge⸗ ſehener Reinheit und Präciſion durchführte. Die Reiterin war wieder mitten in der Arena angelangt und hielt nun dort das muthige, im Gebiſſe ſchäumende Thier feſt in der Hand, während ſie nach allen Seiten dem ſtürmiſch applaudirenden Publikum, dankte. Die Barrière wurde aufgeſtellt und befeſtigt. Eine wilde Muſik ertönte vom Orcheſter, Almanſor ſcharrte ungeduldig den Sand mit den Hufen und als ob er ſich ſeiner ſchwierigen Aufgabe freue, 176 entwand ſich ein leiſes unterdrücktes Wiehern ſeiner Bruſt. 3 Es war todtenſtill in dem großen menſchenerfüllten Raume. Die Reiterin ſetzte ihr Pferd in Galopp, welcher ſich verſtärkte, während ſie den freien Theil der Arena durchritt; jetzt erfolgte eine kaum ſichtbare Hülfe— Almanſor hebt ſich zu kühnem Sprunge— das Reiter⸗ ſtück war geglückt! Nicht enden wollender Beifallsſturm durchhallte den Cirkus, während die ſchöne Reiterin mit blitzenden Augen und mit vor Aufregung glühenden Wangen mit der klei⸗ nen Hand ſchmeichelnd den Hals des treuen Pferdes ſtreichelte und nach allen Seiten dankte, Almanſor aber mit zitternden Flanken und blähenden Nüſtern ſeine Gebieterin im Schritt durch die Arena dem Ausgange entgegentrug, wo ſie der Freund erwartete. „Gott ſei Dank, daß das überſtanden iſt!“ meinte Breiten tief aufathmend, als er hinter der zugezogenen Portière ſeiner Verlobten beim Ausſteigen behülf⸗ lich war. Ein Druck der kleinen Hand antwortete ihm. Das Toben und der Applaus des Publikums fand kein Ende. Die Künſtlerin erſchien mehrmals zu Fuße am Arme des Directors; ſie dankte herzlich mit 177 der Hand nach rechts und links und zog ſich wieder zurück. Aber die Rückſichtsloſigkeit der Maſſen forderte mehr, ſie forderte eine Wiederholung des gefährlichen Experimentes, achtete nicht der Müdigkeit der Künſtlerin, dachte nicht an Gefahr und glaubte ihr am Ende durch ſolches Verlangen nur den größten Beweis allgemeiner Sympathie zu geben. Es iſt ein eigenthümliches Schauſpiel, dieſe Menge in ſolchen Momenten der Nervenaufregung zu be⸗ obachten. Je gefährlicher eine Situation iſt, deſto an⸗ regender wirkt ſie auf das Publikum. Der Menſch in ſeiner incarnirten Grauſamkeit, in der fiebernden Er⸗ wartung eines ungewohnten CEreigniſſes, ſcheint das Menſchliche im Menſchen dann ganz zu vergeſſen und er achtet nicht der Gefahr wie der Ermüdung, in wel⸗ cher ſich ein Mitgeſchöpf befindet, welches ihm dieſes Schauſpiel bieten ſoll. Mit Abſcheu ſehen wir zurück auf jene Zeiten, als das römiſche Volk mit barbariſcher Freude die blutgetränkte Arena füllte, um dem ſterbenden Fechter nach empfangener Todeswunde zu applaudiren, um den wilden Thieren der Wüſte zuzujubeln, unter deren Tatzen ſich die Bekenner einer reineren Gotteslehre wanden, mit Entſetzen gedenken wir der Torquemadas' Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 4 42 178 und der Scheiterhaufen, Zeiten in welchen ein bar⸗ bariſcher Glaubenseifer ſich„zur Ehre Gottes“ mit dem Fluche ſpäterer Jahrhunderte bedeckte! Und doch, hat nicht auch unſere ſich ſo hoher Civiliſation rüh⸗ mende Zeit ähnliche Beiſpiele aufzuweiſen, die ſich von jenen nur dadurch unterſcheiden, daß ſie deren blut⸗ getränkte Außenſeite theilweiſe zu verhüllen verſtehen? Was ſind die nervenaufregenden, blutigen Stier⸗ gefechte Spaniens Anderes, als ein grauſames Schau⸗ ſpiel, erdacht von der Herzloſigkeit des Menſchen, von der nur in unſerem Geſchlechte ſchlummernden Blut⸗ gier, Schauſpiele, in denen man dem armen zu Tode gehetzten Thiere zujubelt und dem tödtlich verletzten Matador mit den brechenden Augen Verwünſchungen und Flüche zuruft? Was ſind die Produktionen der Thierbändiger, Kunſtreiter und Akrobaten Anderes? Und wie drängt ſich da das Publikum hinzu, wie ſind es namentlich die Frauen, welche mit wahrer Gier ſich zu derartigen Schauſtellungen drängen, ohne nur im Geringſten ächter Weiblichkeit Rechnung zu tragen, ohne nur das geringſte Mitgefühl zu hegen? Wer aber von all dieſen überciviliſirten Beſuchern ſolcher ſogenannter Vergnügen würde aus Rückſichten der Menſchlichkeit eine Unterbrechung des Schauſpieles zugeben? Gilt es doch, die erſchlafften Nerven in 179 Spannung zu verſetzen, ſei es ſelbſt auf die Gefahr hin, ein Menſchenleben zu opfern? Dies war auch heute der Fall. Man wußte, welcher Gefahr gegenüber ſich die Reiterin wie auch das Pferd befunden und doch be⸗ gnügte man ſich nicht mit dem ſo reich von Beiden verdienten Beifalle; die Nerven waren erregt, man ver⸗ langte mehr, tobend wurde die Wiederholung des ge⸗ fahrdrohenden Schauſpieles verlangt! Man hatte ja ſein Geld bezahlt, man hatte ein Anrecht gewonnen, ſich zu amüſiren, dieſes Anrecht tyranniſch durchzuführen war man entſchloſſen, gleichviel ob die Künſtlerin wollte oder nicht, gleichviel ob dies Verlangen die Kräfte der Ausübenden überſtieg oder nicht? „Solche Leute müſſen ſich dadurch nur geehrt füh⸗ len“, war der heimliche Gedanke der großen Mehrzahl der Zuſchauer. Wie verſchwindend klein war leider unter dieſen die Zahl der ruhig Denkenden, welche ſich tapfer dem Verlangen der gleichſam von Wahnſinn bethörten Menge entgegenſtemmten! Breiten bot Alles auf, ſeine Bekannten und Freunde in dieſen Weg zu leiten, Iſabella ſelbſt aber zu beſtimmen, dem unſinnigen Verlangen nicht nachzugeben. Schon hoffte er ſeine Braut zu einer feſten Haltung gegenüber ungerechtfertiger Anfor⸗ 12* derungen beſtimmt zu haben; ſchon rechnete er auf die ſich durch ſeine Freunde vermehrende Zahl Derjenigen, welche ſich einer Wiederholung widerſetzten, als im Neide und in geheimer Freundſchaft ſeinen Gegnern Alliirte erwuchſen, welche ihm den Sieg unwideruflich ent⸗ riſſen. 3 Man verzieh Breiten nicht, daß er der Einzige ge⸗ weſen, welchen die Künſtlerin öffentlich begünſtigt, daß er ihr jetzt ſeine Hand angeboten. Seinen Einfluß zu untergraben, ihm eine Niederlage zu bereiten, hieß ja der Armſeligkeit und Kleinlichkeit eine Genugthuung geben! Und dieſe erbärmliche Intrigue ward von Standesgenoſſen, von den angeſehenſten Sportsmen, unter Führung des Herzog von Innerberg, geleitet und leider durchgeführt. „Iſt es wahr, daß Sie uns neidiſch dieſe kleine Bitte abſchlagen wollen?“ „Hören Sie, wie die Menge ihren vergötterten Liebling ſtürmiſch verlangt?“. „Der Lorbeer winkt, wollen Sie demſelben zum letzten Male entſagen?“ So riefen die ſich ſo eben an die Künſtlerin her⸗ andrängenden Mitglieder des Jokey⸗Club, an ſeiner Spitze der Herzog von Innerberg, und die Bitten⸗ den drängten ſich mehr und mehr an die Kunſtrei⸗ — 1 181 terin, ihr mit tauſend faden Schmeicheleien beweiſend, daß es faſt ihre Pflicht ſei, nachzugeben. Iſabella aber erinnerte ſich in dieſem Momente jener Worte, welche ſie einſt in Bezug auf die Acker⸗ mann geſchrieben. Die Feinde Breitens wie der Künſtlerin hatten einen Sieg errungen! Auch Iſabella glaubte für ſich den großen Augen⸗ blick größten Triumphes gekommen, ja auch ihr winkte der Lorbeer! Ein ſeliges Lächeln umſpielte ihre vollen Lippen, wie das Brauſen der Meereswellen ſchlug der Ruf der Menge an ihr Ohr und mit blitzenden Augen befahl ſie, Almanſor wieder vorzuführen! Umſonſt ſtemmte ſich Breiten dagegen, der Ehrgeiz der Künſt⸗ lerin war erwacht! Wie ſchön ſah ſie aus, als ſie nun wieder zu Pferde ſaß; wie heiter, wie zuverſichtlich blitzten die ſchwarzen Augen und wie liebevoll und zärtlich blick⸗ ten ſie den Freund an, als ſie ihm noch ein Mal die kleine Hand reichte und ihn bat, ſich zu beruhigen. „En avant, mon brave!“ rief ſie dann; die Por⸗ tière öffnete ſich und das edle Thier, ſtolz auf ſeine ſchöne Bürde, betrat zum zweiten Male die Arena. Ein orkanartiger Beifallsſturm begrüßte die Reiterin⸗ Schmetternd ſtimmte die Muſik ein. 182 Gleichſam als ob ſie die Kraft und Gefügigkeit ihres Pferdes prüfen wolle, durchritt Iſabella mehrfach den freigelaſſenen Theil der Arena und zierliche An⸗ muth, gepaart mit männlicher Kraft ließen ſie auch jetzt als vollendete Reiterin erſcheinen. Nahe vorwärts der Barrière blieb ſie ſtehen; die blitzenden Augen hoben ſich, eine leichte Hülfe und Al⸗ manſor flog dahin im raſenden Galopp. Jetzt nahte er dem drohenden Hinderniß; ſchon hob er ſich zum kräftigen entſcheidenden Sprunge, da flog ein großer Lorbeerkranz— offenbar zu früh geworfen— gegen ſeinen Hals! Das erſchreckte Pferd erhob ſich faſt ſenkrecht auf den Sprunggelenken, ſo daß dieſe faſt die Erde berührten, dann folgte ein mächtiger Sprung, unterſtützt durch eine entſchiedene Hülfe der Reiterin—— Ein furchtbarer Schreckensruf ertönte durch das Haus; Roß und Reiterin rollten jenſeit der Barrière in den Sand! Durch das Aufbäumen des erſchreckten Pferdes hatte die Schnellkraft ſeiner Sprunggelenke im ent⸗ ſcheidenden Momente verſagt, die Hinterhufe ſtreiften heftig die Barrière, das ſchwerverletzte Pferd ſtürzte voorn zuſammen, ſchleuderte ſeine Reiterin vorwärts in die Arena und bedeckte dieſelbe im eigenen Sturze 183. mit ſeinem Körper.— Die Aufregung im Publikum war entſetzlich; jede Ordnung war gelöſt, die Arena 4 füllte ſich mit Herbeiſtürzenden. Die Stallmeiſter ver⸗ ſuchten, die bewußtloſe Reiterin von dem auf ihr liegenden Pferde zu befreien. Breiten, ſchreckensbleich, war einer der Erſten ge⸗ weſen bei der Unglücklichen und unter ſeiner Leitung trug man Iſabella aus der Arena. Der Volkszorn aber wendete ſich gegen den un⸗ geſchickten Werfer des Kranzes, bedachte aber nicht, daß das Verlangen nach Wiederholung der Forcetour die erſte Veranlaſſung zu dem Unglücksfalle geweſen. Die Vorſtellung war zu Ende, doch dachte Nie⸗ mand an's Fortgehen. Sowie man vorher getobt, um die Künſtlerin zu neuem Ritt zu veranlaſſen, ſo ver⸗ langte man jetzt ungeſtüm Nachricht über ihr Befinden. Iſabella ſchlug die Augen auf. Man hatte ſie in ihr Ankleidekabinet getragen, wo ſie jetzt in Breitens Armen auf dem Divan lag. Doctor Mohn, der Haus⸗ arzt, ſtand zur Seite. Ein mattes und doch ſeliges Lächeln überflog ihre bleichen Züge, als ſie den Freund ſo beſorgt an ihrer Seite knieend ſah und ſie tröſtete ihn mit leiſer Stimme, ſich nicht zu ängſtigen, ſie ſpüre keinen Schmerz. Doctor Mohn, welcher ſie unterſuchte, fand keine —— äußere Verletzung, doch ruhte ſein Auge lange und forſchend auf ihren Zügen, während der Ausdruck ſei⸗ ner Phyſiognomie ein immer ernſterer wurde. Man theilte dem aufgeregten Publikum mit, daß die Künſtlerin nicht verletzt ſei, daß ſie der Sturz nur bewußtlos gemacht und das große, leichtgläubige Kind ging beruhigt nach Hauſe, um eine neue Nervenauf⸗ regung reicher. Iſabella wurde in ihre Wohnung gebracht. „Doctor Mohn, es iſt doch keine Gefahr?“ fragte dort angelangt Breiten den mit ernſter Miene anord⸗ nenden Arzt und Breiten's ganzes Herz lag in dieſer Frage.. „Das ſteht in Gottes Hand!“ antwortete Mohn in faſt weichem Tone. Achtes Kapitel. Shlveſter. Das Jahr neigte ſich ſeinem Ende zu. Alle Träume, alle Wünſche, welche während deſſelben die Menſchenbruſt beengt, ob erfüllt oder unerfüllt, wälz⸗ ten ſich hinüber mit aller Luſt und Laſt in das junge, kommende Jahr. Was wird es bringen? Wird es reicher ſein an Freuden als das verfloſſene, oder, dieſem gleich, nur Enttäuſchungen bieten? So fragen ſich Tauſende in den letzten Stunden eines ablaufenden Jahres und ein banger Schauer durchrieſelt die Menſchenbruſt; bebt doch die Mehrzahl der Sterblichen vor dem Unbeſtimmten, Geheimnißvollen zurück. Aber eben deshalb feiert der Menſch ſo gern mit Jubel den Uebertritt in ein neues Jahr, gleichſam um alles Trübe von ſich abzuſchütteln, der bangen Furcht Herr zu werden vor dem Kommenden! Sylveſter! Die Gläſer klingen, die Augen leuchten und der Mund lächelt beim fröhlichen Rufe:„Neu⸗ jahr!“ Derſelbe Mund, der vielleicht grade in dieſem Jahre ſich für immer ſchließt, ſcherzt und lacht; die⸗ ſelbe Hand, welche vielleicht in dieſem Jahre für ewig erkaltet, führt den perlenden Schaumwein der Freude ſorglos zu den Lippen. „Proſit Neujahr!“ ertönt es mit aller Hoffnung und Zuverſicht und wenige Monde nur reichen hin, alle Hoffnungsblüthen im Keime zu knicken. Der Unglückliche erwartet eine günſtige Schickſals⸗ wendung, der Glückliche neue günſtige Erfolge und die Tage vergehen, die Jahre ſchwinden wie Woge ſich auf Woge ſtürzt, um unaufhaltſam weiter zu eilen, der Ewigkeit entgegen. Der Lebenslauf der Menſchen verinnt und„Syl⸗ veſter“ tönt es nach Jahren und abermals Jahren in wechſelnden Generationen, nur Eines beſteht: die Beſtändigkeit im Wechſel! „Sylveſter!“ ſagt auch leiſe und mit ernſtem Blicke Frau Eſchmüller zu ſich ſelbſt, als ſie an dieſem Abende am geſchloſſenen Fenſter ihrer Wohnung ſteht und hinausblickt auf die bereits von Gaslaternen hell erleuchtete Straße, welche in ihrem Scheine das vor dem Hauſe tief geſtreute Stroh beleuchten, das für die Schwerkranke oben im erſten Stockwerk gelegt worden, um das Raſſeln der Wagen auf der hartgefrorenen Straße abzuſchwächen. Sie faltet die Hände und Thränen rinnen ihr dabei über die Wangen. Im ganzen Hauſe iſt eigenthümlich ſtille, ſelbſt die Kinder Frau Eſchmüllers, Elsbeth und Franz, zei⸗ gen ſich nur flüſternd die Bilder in einem großen Buche. Da öffnet ſich die Thüre; Doktor Mohn tritt ein. Lebhaft geht Frau Euphroſina ihm entgegen. „Wie geht es oben?“ fragte ſie ängſtlich. „Beſſer; die Kranke ſchläft jetzt, aber es wäre gut, wenn ſie hinaufgingen, ich komme in einer Stunde wieder.“ Der Arzt ſagt dies in theilnehmendem Tond Er beſitzt jene weiche, milde Stimme, die jeder Arzt haben ſollte, jene Stimme, welche zum Herzen dringt, dem Patienten Muth verleiht und deſſen Angehörige tröſtet. Schon längſt iſt er ein geſuchter Arzt. Frau Eſchmüller geht nach ſeinem Hinweggehen raſch die Treppe hinauf, in Iſabella's Wohnuͤng. Dort liegt die Künſtlerin ſeit drei Tagen zu Bette und Breiten weicht kaum von ihrem Lager. Bis zu 188 jener Zeit hat ſich Iſabella wunderbar aufrecht er⸗ halten und mit der Eigenthümlichkeit, welche Bruſt⸗ leidenden gewöhnlich eigen, ſtets behauptet, ihr fehle nichts. Aber in dem Glanz der ſammtſchwarzen Augen, der Durchſichtigkeit der charakteriſtiſchen Wangenblüthe, mußte jeder Erfahrene den Keim einer ſchleichenden Krankheit in ihr entdecken. Mohn hatte bei ihrem Sturze vom Pferde nicht mit Unrecht es als ein böſes Wahrzeichen angeſehen, daß keine äußere Verletzung vorhanden geweſen war. Seit ihrer Krankheit kannte Breiten nur einen Zweck, den, das theuere Leben des geliebten Weibes zu erhalten. Er hatte die Hochzeit beſchleunigt und ſchon in den nächſten Tagen ſollte ſie ſtattfinden. Iſabella war während der letzten Stunden in tiefen Schlaf verfallen; Breiten ſaß an ihrem Lager. Die Vergangenheit drang in jenem Augenblicke mächtig auf ihn ein mit den letzten Stunden des alten Jahres. Er gedachte jenes Sylveſters wieder, an welchem er zu Karnſtein Iſabella auf der Höhe ihres Glückes ver⸗ laſſen hatte und jetzt; war dieſe abgezehrte Geſtalt mit den fiebernden Wangen denn wirklich die ſtolze, die glückliche, vielumworbene Künſtlerin? Wie plötzlich, wie furchtbar plötzlich war Alles eingetreten! „Hoffen wir das Beſte“, hatte Mohn vor ſeinem 189 Hinweggehen zu ihm geſagt,„noch iſt nicht alle Hoffnung auf Geneſung aufzugeben“, und Breiten klammerte ſich an dieſe Worte des Arztes, wie der Ertrinkende ſich an einen Strohhalm klammert. „Elsbeth“, ſagte unten im Zimmer der kleine dicke Franz zu ſeiner Schweſter, indem er in ſeinem Bilder⸗ buch auf das ſchlafende Dornröschen im verzauberten Schloſſe wies. „Das Dornröschen hier gleicht unſerer Bella oben, findeſt Du nicht auch?“ „Nein, Franz, denn Dornröschen hier iſt geſund, wohingegen Iſabella oben krank, recht krank iſt.“ 3 „Aber Breiten knieete doch früher gerade ſo an ihrem Bette, wie es hier der Mann mit dem Federhut am Bette Dornröschens thut, und ſie hatte ebenſo die Augen geſchloſſen wie Bella und Du ſagſt ja, daß der Ritter hier das Dornröschen wieder erwecken wird zu einem neuen Leben, kann denn da Jſabella nicht eben ſo wieder geſund werden?“ Elsbeth ſchüttelte altklug das Köpfchen. „Weißt Du, Franz“, meinte ſie flüſternd,„was Babi geſtern zu mir ſagte?“ „Nun, was denn, Elsbeth?“ „Daß Bella oben vermuthlich nie mehr geſund wird.“ „Was weiß denn die dumme Babi?, War ich 190 denn nicht auch ſchon krank und bin doch wieder ge⸗ ſund geworden. Iſabella hat uns ja erſt geſtern zu ihrem Hochzeitstage Lebkuchen und Torten in Menge verſprochen und übermorgen ſoll ſie ja ſchon heirathen! Wie ſoll ſie da nicht geſund werden?“ „Pfui, Franz, wie kannſt Du jetzt an Lebkuchen und Torten denken“, meinte ärgerlich das gefühlvollere kleine Mädchen, welches mit rührender Zärtlichkeit der Künſtlerin ergeben war und ſie gleich einer Schweſter liebte.„Die arme Iſabella wird am Ende gar ſterben!“ „Sterben?“ antwortete Franz und vergaß auch Lebkuchen und Torte. „Ja, Franz, und dann tragen ſie ſie hinaus in einem Sarge, wie geſtern den todten Wirth von drü⸗ ben“, ſagte weinend Elsbeth. „Aber der Wirth war ja alt, hatte ganz weiße Haare und Bella iſt jung“, meinte der kleine Ungläu⸗ bige„und dann, warum weinſt Du deshalb, Elsbeth? Iſt denn das nicht etwas Schönes, wenn man ſo be⸗ graben wird mit den vielen Lichtern, der Muſik und den vielen ſchönen Blumen?“. „Das ſchon Franz“, antwortete Elsbeth,„aber! Ich will Dir etwas ſagen, hörſt Du, Du darfſt mich aber bei der Mutter nicht verrathen.“ 191 Der kleine Burſche ſchüttelte verneinend den Kopf, und ſah erwartungsvoll zu der klugen Schweſter em⸗ vor, welche mit wichtiger Miene ſich zu ihm beugte. „Weißt Du, Franz, in der Schule bei uns da haben ſie viel von dem todten Wirth geſprochen, und da bin ich neugierig geworden und bin mit Kaufmanns Liſe hinüber in die Stube zum todten Wirth gegangen. Es war gerade Niemand im Zimmer außer uns, und Liſe meinte, ich ſolle den Wirth anfühlen, vielleicht würde er dann lebendig, und das habe ich denn auch gethan. Aber, Franz, der todte Wirth war eiskalt, viel kälter als ein Froſch und ganz gelb im Geſicht und den Mund hatte er offen, als wollte er ſprechen und trotz der vielen Blumen und Lichter war er ſo garſtig, daß ich mich zu fürchten anfing und davon⸗ lief und ſeit der Zeit gefallen mir die todten Leut' nimmer.“ „Und da meinſt Du, Iſabella würde dann auch ſo ausſehen?“ fragte ängſtlich der Knabe. „Ich glaube wohl, Franz!“ „Aber Elsbeth, das wäre ja ſchrecklich!“ Und der kleine Burſche ſchmiegte ſich an ſeine Schweſter und die hellen Thränen rannen ihm über die friſchen Backen und Caligula und Nero kamen herbei zu den geängſtigten Kindern und legten ihre — 192 feuchten Schnauzen in die dicht in einander geſchmiegten Händchen, als wollten ſie die Kleinen tröſten. Herr Euſebius trat ins Zimmer, heimgekehrt von einem Ausgange. Die Kinder flüchteten zu ihm und beſtürmten ihn mit Fragen um die Kranke oben. Er beſchwichtigte ſie mit milden Worten und legte ſie dann zu Bette, denn Euphroſina war noch immer bei der Kranken, welche ſie ſorgſam überwachte. Die Uhr auf der Pendüle ſchlug die zehnte Stunde. Die Kranke erwachte nach langem ſtärkenden Schlummer. „Mein theuerer, geliebter Freund“, ſagte ſie matt und legte ihre ſchmale Hand in die Breitens,„wie ſorgſt und ängſtigſt Du Dich um mich. Mir iſt ja doch jetzt viel wohler und ich glaube, bis übermorgen bin ich wieder ganz geſund. Dann wollen wir nach unſerer Trauung nach Breitenfeld und dort— glücklich ſein.⸗ „Ja, meine geliebte Iſabella, das wollen wir“, ſprach er und beugte ſich herab über die ſchneeweiße magere Hand und Thränen fielen aus ſeinen Augen auf dieſelbe. „Du weinſt, theurer Freund? Warum das 2“ ſagte ſie, ſich im Bette aufrichtend und blickte ihn an mit einem Lächeln bemitleidender Liebe.„Weine nicht, es wird ja Alles gut werden; hat der Schöpfer uns denn 193 nicht wunderbar nach langen Leiden wieder zuſammen⸗ geführt? Du biſt ſo gütig gegen mich geweſen, mein theurer Freund, Gott ſegne Dich dafür! Und auch Du, Mutter Euphroſina“, wandte ſie ſich an Jene, welche mit einer Arznei an ihr Bett trat;„Du warſt mir ſeit Jahren eine treue Rathgeberin und Freundin, o, wie glücklich bin ich doch, Menſchen gefunden zu haben, die mich ſo lieben!“ 3 Sie nahm dann die Arznei und ſank zurück in die Kiſſen, von Neuem in Schlaf verfallend. Doch dieſes Mal währte derſelbe nicht lange, die Kranke erwachte bald wieder. Sie richtete ſich abermals auf im Bette, den Blick auf Breiten gerichtet. Etwas Starres, Angſtvolles leuchtete aus den Augen, welche einſt alle Welt bezaubert. „Hört, wie Almanſor keucht“, flüſterte ſie,„das arme Thier— es ſetzt zum Sprunge an— ach!— der Lorbeer!— Er ruft— ich komme!“ „Iſabella, um Gottes Barmherzigkeit willen, was iſt Dir?“ rief Breiten tödtlich erſchrocken und fing die kraftlos zurückſinkende Geſtalt in ſeinen Armen auf. „Geſchwind nach dem Arzte“, rief er der herbei⸗ eilenden Eſchmüller zu, welche ſeinen Befehl in fliegen⸗ der Haſt dem Kammermädchen mittheilte und ſodann ans Krankenlager zurückeilte. 8 Creſſieux, Die Kunſtreiterin. III. 13 Iſabella's bleiche Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiße. Angſtvoll klammerte ſie ſich an Breiten. „Max, wo biſt Du, ich ſehe Dich nicht!“ rief ſie wildaufzuckend. „Hülfe— Luft— ich erſticke Max!“ „Iſabella, mein theures Mädchen, ich bin ja hier bei Dir“, rief Breiten entſetzt. Frau Euphroſina eilte nach Eſſig und Waſſer, beſprengte damit das Geſicht der Leidenden, deren Haupt auf Breitens Bruſt lag. „s iſt blos eine Ohnmacht, fürchten Sie nichts“, meinte ſie beruhigend. Iſabella ſchlug nochmals die Augen nach wenigen Sekunden auf und Breiten ſeußzte erleichtert. „Verlaſſe mich nicht, Max, mir iſt ſehr unwohl!“ Das waren die letzten, deutlich geſprochenen Worte, es war das letzte Aufflackern der erlöſchenden Lebens⸗ lampe. Wie eine gelbe Maske legte es ſich über die ſchönen Geſichtszüge, der Blick der Augen ſuchte ver⸗ gebens nach dem geliebten Antlitz, das ſich über ſie beugte, ihre Lippen bewegten ſich, der Körper ward ſchwerer. „Heiliger Gott! das iſt keine Ohnmacht, der Arzt mein Gott, ſie ſſtirbt!“ rief Breiten in wahnſinnigem Schmerz und umfaßte das theure Weib in leidenſchaft⸗ ————— — 195 licher Angſt, als wolle er durch die Kraft ſeiner Liebe das entfliehende Leben zurückhalten. Aber das Geſicht Iſabella's ward länger, die prächtigen ſchwarzen Augen umflorten ſich, das Kinn fiel herab, noch ein letztes Aufröcheln— und Alles war vorüber! Iſabella, die Künſtlerin war todt, der Lorbeer hatte ſie getödtet. Breiten warf ſich ſchluchzend über die Leiche. Vom nahen Kirchthurm aber ſchlug es in zwölf mächtigen Schlägen die Mitternachtsſtunde! Das alte Jahr war vollendet, mit ihm, einem leuchtenden Meteor gleich, das Leben der Künſtlerin erloſchen. Das Schickſal hatte durch den Tod die letzte Hand auf eine Verbindung gelegt, welche ſolange zu verhin⸗ dern es verſtanden. So hatte das alte Jahr geendet, das Neue begonnen und„Proſit Neujahr“ ertönte es herauf von der Straße, aus dem Munde jubelnder heimkehrender Neujahrszecher, in ſchneidendem Contraſte zu der ſtillen Todten da oben. Nach zwei Tagen trugen ſie die bleiche Künſtlerin hinaus, um ſie in die kühle Erde zu betten und nach Jahr und Tag war die Gefeierte vergeſſen. Nur in einem Herzen lebte ſie fort, in jenem Breitens. 196 Schluß. Wir ſind nun am Ende unſerer, dem Leben ent⸗ nommenen Erzählung. Dank Euch, meine freundlichen Leſer, die Ihr mir bis hierher gefolgt. Der Abſchluß iſt ein ſolcher, wie er wohl ſeltener in Romanen, deſto häufiger aber im wirklichen Leben vorkommt und unſere Aufgabe war es, zu beweiſen, daß oft die reichbegab⸗ teſten Menſchen zu keinem reinen Glücke geboren ſind, daß ihr Schickſalsſtern nur zu oft, in ſeltſamer Ver⸗ kettung früherer, von Andern begangener Fehler, trübe auf ſie herniederſcheint. Unſere Erzählung enthält, wie ſo oft im Leben, den ſcheinbaren Sieg des Böſen, Grundſatzloſen, denn Theobald Alſing ſchwelgt im Ueberfluß, Johanna Brandt in ſcheinbarem Glücke, wo⸗ hingegen Breiten als einſamer Wanderer, nur ſeiner Kunſt ſich widmend, lebt. Aber wer vermag zu ſagen, ob Alſing jene wahre Ruhe in ſich trägt, welche zu ächtem Glücke erforderlich iſt? Wer vermag mit Be⸗ ſtimmtheit zu verſichern, daß nicht unter der geputzten, geſchminkten, hohläugigen Hülle Johanna's ihr Herz in marternder Pein ſchlägt? In raſtloſer Unruhe jagt ſie von einem Spiel⸗ und Vergnügungsorte zum andern und auf den erſten Blick erkennt man in ihr eine jener armen, rettungslos Verlorenen, die durch Flittergold 197 ihre marternde Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt zu ver⸗ bergen trachten. Ihr Mann ſtarb im größten Elend in einem Armenhauſe zu New⸗York, nachdem er ſein ge⸗ ſtohlenes Gut verſpielt hatte. Sein Bruder iſt von ſeinen Wunden geneſen und hat auf Breitenfeld eine dauernde Verſorgung gefunden; das Eſchmüller'ſche Ehepaar lebt nach wie vor in Liebe und Eintracht und die einzige, trübe Wolke ihres einfachen Lebens iſt Iſabella's früher Tod. Was aber ihn betrifft, den ſchwergeprüften Mann, deſſen Schickſale wir uns bemühten, Euch vor Augen zu führen, ſo wundert Euch nun nicht mehr, Ihr freundlichen Leſer dieſer Erzählung, wenn Ihr in den Gemälden, welche er in ſeinem Schöpfungsdrange ſchafft, den tief ſchwermüthigen Zug vorfindet, der peinlichen Kritikern ſchon ſo oft zum Gegenſtande des Tadels geworden iſt. Ihr wißt nun, warum dieſe Schwermuth ihn beſeelt, denn iſt er auch mit den Jah⸗ ren ruhiger, gefaßter geworden, umſpielt ſogar auch zeitweiſe wieder ein heiteres Lächeln ſeinen Mund, Iſabella, die Kunſtreiterin, hat er nicht vergeſſen. Ende. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Ueue Romane aus dem Verlage von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Mann und Weib. Roman von 7 Wilkie Collins. Aus dem Engliſchen von Dr. Lehmann. Autoriſirte Ausgabe. 6 Bde. 8 Eleg. geh. Preis 4 Thlr. 20 Ngr. Fräulein oder Frau? Erzählung von Wilkie Collins. 1 Band. 80. Eleg. geh. Preis 25 Ngr. Die Lovels auf Arden Roman. 3 von 3 M. E. Braddon. Aus dem Engliſchen von Marie Scott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. len⸗ geh. Preis 3 Thlr. 15 Ngr. K