2 0. A 0 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von.. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von⸗ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 1.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3* —„ 2——„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 8. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird † von. C. Creſſieux. Zweiter Band. ——88— Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. mengeballt. Dem Grollen der Revolution, welches Erſtes Kapitel. Politiſche Sturnfluth. Die Wolken am politiſchen Horizonte hatten ſich zu immer ſchwärzeren und drohenderen Maſſen zuſam⸗ anfänglich nur aus den Nachbarſtaaten herü ergedröhnt, war ein unerwarteter und deshalb n heftigerer Ausbruch in dem Staate gefolgt, in welchem unſere Erzählung ſpielt. Das Vorſpiel der großen Volkstragödie hatte durch die Volksbewegung des dreizehnten März begonnen und ein Syſtem in der Reſidenz unaufhaltſam fort⸗ geſchwemmt, welches noch vor wenigen Tagen einer Ewigkeit trotzen zu wollen ſchien. Die Entlaſſung wie die Flucht des ſeit mehreren Dezennien allmächtigen Mi⸗ niſters, die Zerſtörung ſeines Palaſtes, die Gewährung 1 Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. genügender Sorgfalt errichtete Volksvehr, mehr aber der Bürgerbewaffnung, die Einberufung eines aus direkten Wahlen hervorgegangenen conſtituirenden Reichs⸗ tages aus allen Theilen der Monarchie, ſowie die Be⸗ freiuung der Preſſe von den ſeitherigen Feſſeln, leg⸗ ten Zeugniß ab von der Unwiderſtehlichkeit der That⸗ ſachen, welche die Gemüther in ihrer Tiefe aufwühlten. Das neugebildete Miniſterium zeigte ſich bald ſeiner Aufgabe nicht gewachſen und war nicht im Stande, die immer wilder aufſchäumende Gährung der im Grunde ſonſt ſo gutmüthigen, durch zu lange Be⸗ vormundung bis dahin indolenten Bevölkerung zu hem⸗ men. Das Gravitiren der deutſchen Bewohner nach dem gemeinſamen Stammlande, die Aufreizungen na⸗ tionalfeindlich geſinnter Partheien und die politiſche Un⸗ reife des Pöltes thaten dabei das Ihrige, die Beweg⸗ ung mehr und mehr offener Empörung entgegenzu⸗ trriben. In allen Provinzen wuchs die Aufregung; alle Stände wurden von der künſtlich genährten Erbitterung der Nationalität berührt; nirgends aber zeigte ſich ge⸗ nügende Entſchiedenheit, um dem Ueberſprudeln poli⸗ tiſcher Leidenſchaften einen kräftigen Damm entgegen⸗ zuſtellen oder beſſer, ſie in richtiges Fahrwaſſer zu lei⸗ ten. So bildete ſich denn nach und nach die nicht mit 3 noch die Studentenlegion zu einer Macht heran, welche mit der Zeit nicht mehr Anſtand nahm, den geſetzlichen Behörden ſelbſt den Handſchuh hinzuwerfen und den Kampf der Revolution durch Schandthaten zu provo⸗ ciren, welche dem Lande zu ewiger Schmach gereichen mußten. Wenige Tage nach den März⸗Ereigniſſen war ein junger Mann in Wien aufgetreten, deſſen äußere Erſcheinung es kaum glaublich gemacht hätte, daß er berufen ſein werde, in dem großen Drama eine der Hauptrollen zu ſpielen. Auch war ſein erſtes Auftreten keineswegs der Art, daß man darauf hätte ſchließen können, er wolle ſich mit ganzer Seele einer Revolu⸗ tion widmen, welche ihn einſt verſchlingen ſollte. Bis⸗ her Offizier, hatte ihn ſein poetiſches Gemüth und ſein Streben nach literariſchen Ehren weiter geführt, als er vielleicht ſelbſt gewollt. Mit der ſogenannten Stan⸗ desehre in Conflict gerathen, trat er aus den Reihen der Armee, lebte nun als Literat in der Reſidenz und ſchloß ſich allen Jenen näher an, welche noch an ideale Freiheit glaubten. So kam es, daß er bald der Stu⸗ dentenlegion nahe ſtand und den Knoten ſelbſt ſchürzte, welcher ihn unlösbar an die Revolution kettete und ihn mit ihr in den Abgrund ſtürzte. Die hochtrabenden Tiraden der meiſt aus Fremden 1* 4. rekrutirten radikalen Parthei hatten in bürgerlichen Kreiſen leider nur zu ſehr Eingang gefunden und die politiſche Unmündigkeit beugte ſich in Demuth vor die⸗ ſen Verfechtern einer Freiheit und Gleichberechtigung, deren Endziele unklar ſich dem Auge des Bürgers dar⸗ ſtellten. Daß ſchwärmeriſche Gemüther ſolchen poli⸗ tiſchen Schnapphähnen aber noch leichter zum Opfer fielen, beweiſt aber nur, wie groß die politiſche Nulli⸗ tät war, deren ſich die Bevölkerung eben jenes Staa⸗ tes damals erfreute. 1 Hatte Braun in ſeiner Leichtlebigkeit nun ſchon freudig die neue Zeit begrüßt, hatte ſelbſt Breiten in ihr das Anbrechen einer neuen Aera, trotz ſo manchen in ihm erwachenden Zweifels, erkennen wollen, wie⸗ viel mehr mußte nicht der ſchwärmeriſche Meſſenhauſer, welcher ſeine Lebensſtellung ſeinen Anſichten zum Opfer gebracht, das Anbrechen einer Morgenröthe der Frei⸗ heit— eines Völkerfrühlings— in ihr ſehen. So kam es denn, daß die drei Freunde ſich ſeit der Begegnung im„Rothen Igel“ mehr und mehr aneinander ſchloſſen, daß ſie für die Ausſchreitun⸗ gen des Pöbels manche Entſchuldigung in den frühern wie jetzigen ſo veränderten Verhältniſſen ſuchten, und wenn ſie die Mai⸗ und Auguſttage tief beklagten, ſich noch imnier nicht davon überzeugen wollten, daß weder 5 der Reichstag, noch das Miniſterium und ebenſowenig die öffentliche Macht den Ereigniſſen mehr gewachſen war. Mehr und mehr traten die Losreißungsgelüſte einer großen Nachbarprovinz in den Vordergrund; größer wurde täglich deren Einmiſchung in den poli⸗ tiſchen Gang der Dinge in der Reſidenz und das weite Reich wurde zum Schauplatze einer wüſten Aufregung, welche nur den Moment zu erwarten ſchien, um durch Verbrechen daſſelbe an den Rand des Abgrundes zu drängen. Hatten die Freunde bisher zum Theil ſorglos, zum Theil ſelbſt hoffend dem Weiterſchreiten der Re⸗ volution gelauſcht, ſo war doch nicht zu verkennen, daß beſonders Breiten mit ausgeſprochenem Mißtrauen die Einmiſchungsgelüſte der Nachbarn aufnahm und daß er es für Pflicht hielt, die Freunde zur Vorſicht zu mahnen. Leider kam dieſe Mahnung zu ſpät; Meſ⸗ ſenhauſer ſowohl wie Braun, hatten nicht jene Nüch⸗ ternheit des Urtheils, welches Breiten ſo ſehr vor den jungen Männern ſeines Alters auszeichnete; dagegen aber war ihr leichterer⸗Sinn ſchon lange Einflüſſen zugänglich, welche Beide dem Treiben der radikalen Parthei der Alau endlich ganz in die Arme lieferte, ohne ihnen jedoch klar zu machen, wohin jene ſteuere. Ruhiger Denkende hatten ſchon lange erkannt, daß 6 es das Ziel der nach Selbſtſtändigkeit ringenden Nach⸗ barprovinz war, ſich in der Reſidenz einen Mitſchul⸗ digen und ſomit Alliirten zu ſichern. Imponirende Deputationen, abgeſendet um von dem Monarchen bit⸗ tend zu ertrotzen, was das Ziel ihrer Wünſche, maſſenhaftes Vorkommen fremden Geldes und damit gelockertere Achtung vor dem Geſetze, Verleitung von Soldaten zum Treubruche— dieſes Alles mußte zu den gerechteſten Befürchtungen Anlaß geben. Da erſchallte die ſonſt ſo heitere Reſidenz am ſechſten October im Lärme wilder Leidenſchaften, zu welchem Ausbruche der Ausmarſch eines Grenadier⸗ bataillons den Vorwand bieten mußte— und alles bisher heilig Gehaltene wurde in grauenhaftem Morde und Treubruche mit Füßen getreten. Die Revolution ſtand für einen Moment ſiegreich gegenüber Geſetz und Ordnung und fühlte in ihrem Jubel nicht die Schmach, welche ſie durch ihre Verbre⸗ chen auf ſich geladen, hörte nicht den Schrei der Ent⸗ rüſtung, welcher durch das weite Reich erſchallte, ſo⸗ wie ſie nicht erkennen wollte, daß die eingetretene De⸗ ſertion der Beſitzenden ihr die letzte Stütze raubte, zum Wiedereinlenken in geſetzliche Bahnen. MNit tiefem Schmerze hatte Breiten dieſen Ereig⸗ niſſen gegenüber geſtanden; alle Illuſionen ſeiner Seele waren zerſtört und der Entſchluß war in ihm gereift, ſich von nun an fern von jeder politiſchen Thätigkeit zu halten, ſeinen ganzen Einfluß aber aufzubieten, die Freunde zu gleichem Handeln zu bewegen. Leider ſcheiterte dieſer Entſchluß ſowohl an der Macht der Ereigniſſe, als auch an der Anſicht der Freunde ſelbſt, welche grade dieſen Zeitpunkt für ge⸗ eignet hielten, mit Hilfe des demokratiſchen Clubs, welchem ſie angehörten, kräftig und conſolidirend auf den Gang der Dinge einzuwirken. Daß nicht alle Welt ſo dachte, zeigte ſich in den nächſten Tagen, indem ſich ſowohl die Reihen der Bür⸗ gerwehr, als auch ſelbſt der Studentenlegion auffallend lichteten und binnen weniger als acht Tagen hinter⸗ einander drei ehrenwerthe Männer den Oberbefehl über die erſtere niederlegten. Die Garniſon der Reſidenz, welche ſich in Folge der Verbrechen des ſechſten und ſiebenten Octobers in einer Vorſtadt concentrirt hatte, bezog nach wenigen Tagen außerhalb ein Lager, welches den Truppen⸗ Führern geſtattete, ſow ſenüber der Hauptſtadt eine beobachtende Stellung einzunehmen, als auch mit jenem Heere in direkte Verbindung zu treten, welches auf die Nachricht jener grauenvollen Ereigniſſe gegen die Reſidenz herangezogen war. 8 Dies war der Moment, welchen die kleine, den Reichstag terroriſirende Parthei erwartet zu haben ſchien, um jede Ausſicht auf ein Compromiß abzuſchneiden. Das Proletariat wurde bewaffnet mit den Waffen der geplünderten Zeughäuſer; fremde Emiſſäre traten mehr in den Vordergrund, und Polen, ſowie andere Sturmvögel der Revolution drängten ſich zu militä⸗ riſchen Aemtern. Man hatte ſich der Männer verſichert, denen man die militäriſche Action übertragen zu können meinte und man ſuchte nur noch nach einem ehrlichen, aber exaltirten Manne für den Titel eines Oberbefehlshabers, wenn er nur geneigt wäre, ſich fremder Leitung zu überlaſſen. Dieſen Mann glaubte man nicht ganz mit Un⸗ recht in dem früheren Offizier Meſſenhauſer gefunden zu haben, umſomehr als er ſich bisher von jeder Theil⸗ nahme an den jüngſten Verbrechen rein gehalten, welche die Hauptſtadt entehrt hatten. So kam es, daß di chende Reichsrathsparthei die Bezirkschefs der Büt ehr 3 leichſam zwang, Meſ⸗ ſenhauſer zum Oberbefeh r zu erwählen und dieſe Wahl von dem Gemeinderath beſtätigen zu laſſen. Meſſenhauſer, bisher gar nicht oder doch kaum in der Oeffentlichkeit genannt, trat am zwölften October den für die Hauptſtadt, mehr noch aber für ihn ſelbſt verhängnißvollen Poſten eines Kommandanten der ge⸗ ſammten Wehrkraft der Reſidenz an. Mit ihm betrat ein neuer unheilſchwangerer Geiſt die Räume jenes Ge⸗ bäudes, welches ſeit Monaten zum Hauptquartiere der Bürgerwehr diente. In der neueingerichteten Abthei⸗ lung für den Generalſtab und die Adjutantur fanden nur polniſche und ſolche deutſche Namen Aufnahme, welche durch ihre weitgehenden Anſichten der verfaſſungs⸗ mäßigen Monarchie feindlich gegenüber ſtanden. Braun wurde, durch direkte Bitten Meſſenhauſer's bewogen, zum perſönlichen Adjutanten deſſelben ernannt; eine Ernennung, welche wohl mehr darin wurzelte, daß der neue Oberkommandant ſich einen aufrichtigen Freund in ſeiner Umgebung ſichern wollte, als daß man auf die Arbeitskraft des jungen Mannes großen Werth gelegt hätte. Alle Bemühungen, auch Breiten in ſeine Nähe zu ziehen, ſcheiterten an der entſchiedenen Wei⸗ gerung dieſes Letztern— eine Weigerung, welche in⸗ deſſen in dem freundſchaftlichen Verhältniß der Män⸗ ner keine Aenderung beierach Thätigen Antheil an den kommenden Ereig iſſen zu nehmen, widerſtrebte den Gefühlen des ritterlichen jungen Mannes aber umſomehr, als er ſchon jetzt erkannte, wohin die ganze Bewegung führen müſſe. 10 Dieſe Erkenntniß hielt indeſſen, wie geſagt, Brei⸗ ten nicht ab, fortwährend mit Meſſenhauſer und den edleren Männern der Bewegung in freundſchaftlichem Contakt zu bleiben, mit ihnen ſeine Anſichten auszu⸗ tauſchen und wo es ging, ſeinen Rath nicht zu ver⸗ hehlen. Die enge Verbindung der Führer des irregeleiteten Volkes mit den Leitern der Bewegung in der rebel⸗ liſchen Nachbarprovinz trat täglich klarer zu Tage, damit aber auch die Gewißheit, daß die Stimme der Gemäßigten von nun an ungehört verhallen werde. Die Phyſiognomie der Stadt gewann eine täglich leb⸗ haftere und kriegeriſche Färbung; beſonders ſeit Bem, ein als Condottier bei allen politiſchen Bewegungen mehrfach genannter Pole, mit dem Range als General die Organiſirung und Führung der ſo eben geworbe⸗ nen Mobiltruppen übernahm. Man ſah Bewaffnete in ungewöhnlicher Zahl durch die Straßen eilen und Couriere ſprengten durch die Stadt, überallhin Befehle und Anordnungen bringend. So gediehen die Verhültniſſe bis zu einem Punkte, welcher erkennen ließ, daß Verſöhnung und Friede wohl in den Proklamationen des in Permanenz erklär⸗ ten Reichstages athme, daß aber ſelbſt der redlichſte Wille des zum Idealen hinneigenden Meſſenhauſer h 11 ohnmächtig ſei, gegenüber den eigentlichen Leitern der ganzen Bewegung. Beide Erſtern, vom demokratiſchen Club terroriſirt, beugten ſich unter den Willen der revolutionären Regierung Ungarns, welche wieder dieſem Club Geſetze vorſchrieb. Eine wahre Panik hatte ſich der ruhigeren Bür⸗ gerſchaft bemächtigt; Tauſende verließen Eigenthum und Heimath, um außer den Mauern der Reſidenz Schutz zu ſuchen. Mit ihnen verließen viele Abgeord⸗ miete des Reichstages und auch ſelbſt Gemeinderäthe die Stadt, theils in Folge von Drohungen, theils überzeugt, daß ihre Wirkſamkeit durch den herrſchenden Terrorismus gelähmt ſei. Die Sprengung des Gemeinderathes war auf die Tagesordnung geſetzt und der Pöbel zu dieſem Zwecke zu willkürlichen Hausſuchungen, Raub und Plünderung unter dem Vorwande aufgeſtachelt, daß ſich Bürger der Vertheidigung der Stadt entzögen und verſteckt hielten. Das planmäßig demoraliſirte Volk ſollte für die Sophismen der Volksbeglücker empfänglich gemacht werden. Die Ankunft dreier Mitglieder der äußerſten Linken des in der Paulskirche zu Frankfurt tagenden Parla⸗ mentes, goß leider Oel in das Feuer; die ſchwäch⸗ ——ꝛ—— 412 lichen Vermittlungsverſuche der ebenfalls von dort ab⸗ geordneten Reichs⸗Commiſſäre aber erregten nur den Spott und Hohn der Umſturzpartei. Der von ſeinem Luſtſchloſſe in eine benachbarte Feſtung geflüchtete Monarch hatte ſich endlich zu Zwangs⸗ maßregeln beſtimmen laſſen, mit welchen der zum Feld⸗ marſchall ernannte und mit faſt unbegrenzten Voll⸗ machten verſehene Fürſt Windiſchgrätz beauftragt wurde. Truppen zogen von allen Seiten heran; die Reſidenz wurde am dreiundzwanzigſten October in Belagerungs⸗ zuſtand erklärt und zur unbedingten lnnenerfuus auf⸗ gefordert. Jetzt zeigte es ſich, daß nicht Meſſenhauſer und die Gemäßigten mehr die Gewalt in Händen hatten, daß die Terroriſten allein noch herrſchten. Jeder waf⸗ fenfähige Mann wurde bei Androhung des Standrech⸗ tes aufgefordert, in Waffen zur Vertheidigung der Stadt zu erſcheinen oder doch wenigſtens an der Er⸗ bauung von Barrikaden mitzuwirken. Breiten, ſeinen Grundſätzen getreu, entzog ſich der erſten Eventualität, indem er ſich der Letzteren unterwarf, während Braun ehrlich und, geſtehen wir es nur, begeiſtert ſich an der aufreibenden Thätigkeit ſeines Chefs und Freundes er⸗ probte. Dafür zog ihn aber auch Meſſenhauſer gern in den Stunden der Erholung in ſeine intimere Um⸗ 13 gebung, welcher denn auch Breiten ſich zeitweiſe an⸗ ſchloß. Solcher Abende gab es aber zweierlei; wir möchten ſagen, offizielle und intime. Entziehen ſich die Letzteren, welche im Hauſe eines befreundeten reichen Weinhändlers verlebt wurden und gleich einem Opium⸗ rauſche beſtimmt waren, augenblickliches Vergeſſen her⸗ vorzuzaubern, unſerer näheren Beachtung, ſo werden wir doch Gelegenheit haben, durch die Beſchreibung eines ſolchen als offiziell bezeichneten Abends ein nicht unwichtiges Streiflicht auf die Urſache der ſchreck⸗ lichen Kataſtrophe zu werfen, welche den Schluß dieſes Volksdrama's bildete. Die Feindſeligkeiten hatten begonnen; von allen Linien der Vorſtädte ertönte Gewehrfeuer und Kano⸗ nendonner; die Vertheidigung war hartnäckig, doch das Endreſultat vorauszuſehen. Nach und nach fielen die von der Stadt durch einen glacisartigen Gürtel ge⸗ trennten Vorſtädte in die Hände der Truppen und die ſogenannte innere, durch Baſtionen geſchützte Stadt ſah nur noch in einem Entſatze durch das ungariſche Heer eine Ausſicht auf Rettung. Die gemäßigte Par⸗ tei, und man darf wohl ſagen, daß Meſſenhauſer zu derſelben gehörte, ſtimmte für die Uebergabe der Stadt, während die Exaltirten für Fortführung des Kampfes eiferten. Unter den Letztern ſahen wir Fenner von —jy—— — 14 Fenneberg vorzüglich hervorragen, wobei nicht verſchwie⸗ gen werden kann, daß nicht Begeiſterung für die Sache, ſondern Chrgeiz allein— der Wunſch, den Oberbefehl an ſich zu reißen— ihn dazu beſtimmten. 7* Zweites Kapitel. Ein Abend im„Rothen Igel.“ Die Ephemeriden der Tagespolitik, welche in ihrer Selbſtüberhebung ſich angemaßt, Weltgeſchichte zu ma⸗ chen, erkannten nun, daß ſie es nur dahin gebracht, eine auf ſie ſelbſt zurückfallende Kataſtrophe vorzube⸗ reiten, ſogar die Mitglieder des Central⸗Ausſchuſſes der demokratiſchen Vereine erbebten vor der Tragweite der von ihnen proklamirten„Principien“ und ſelbſt die ſtoiſche Ruhe einiger Leiter einer„ſonnambulen Po⸗ litik“— wie man, ſich ſelbſt beſpöttelnd, ſchon damals dieſe Richtung des vielgenannten Becher bezeichnete— vermochte kaum die Verzagenden aufrecht zu erhalten, ſo daß es der Intervention des Apoſtels dieſer Politik der Nachtwandler ſelbſt bedurfte, um durch ideale und wiſſenſchaftliche Deductionen ſeiner Lehre den inten⸗ 16 ſiven Charakter zu wahren, welcher allein ſeine Jünger vor Kleinmuth bewahren konnte. Julius Fröbel— wer kennt nicht den tiefen Denker, dabei aber ruheloſen Politiker— war mit Robert Blum ohne weiteres Mandat von der Paulskirche herbeigeeilt auf die erſte Nachricht von den ernſten October⸗Ereigniſſen, und es konnte nicht fehlen, daß ſeine Stimme im Rathe idealer Schwärmer bald eine große Bedeutung erlangte. Der intereſſante, ſchöne, tiefgebildete Mann mußte ſelbſtredend auch auf Brei⸗ ten umſomehr Einfluß gewinnen und ſich deſſen Sym⸗ pathien erwerben, als er, fern von jeder Ueberſtürzung, ſich ſchon damals jenem Doktorinarismus näherte, welcher in ſeinen ſpäteren Schriften zu ſo großer Blüthe gedieh. Auch Braun, in welchem die Jugend, gleich jungem gährenden Weine, ſo leicht überſchäumte, ſah nur zu gern in Fröbel einen von Gott geſandten Apo⸗ ſtel jener Freiheit, von welcher er das Heil der Menſch⸗ heit erwartete. Der ihm innewohnende natürliche Enthuſiasmus, welcher ihm ja— in dem Gedanken ſich einen Namen als Schriftſteller zu machen— bis jetzt ſeine Laufbahn vorgezeichnet, hatte ihn die Sache eeiner Freiheit ergreifen, wir möchten ſagen, mit ganzer Seele umfaſſen laſſen, welche, wie es ihm ſchien, keine Asceten wollte, ja mit dem Lebensgenuß, welchen ſeine 14 überſchwellende Jugend erſehnte, Hand in Hand zu gehen ſchien. Daß dieſe Freiheit von Fröbel in das Gewand einer Glaubenslehre geſchlagen war, daß dieſe Lehre ſelbſt ihm oft ſich in myſtiſches Dunkel hüllte, dies Alles ſchreckte ihn nicht, zog ihn vielmehr an, ſobald er nur den Worten des Meiſters zu lauſchen Gelegenheit fand. Auch Meſſenhauſer fühlte ſich von den beiden Frankfurtern ſympathiſch berührt; ſtimmten doch ihre Weltanſchauungen mehr mit den ſeinigen überein, ſo daß er ſich oft aus dem Wirrniß unklarer Köpfe gleichſam in den Kreis flüchtete, wo er gewiß war, jene Beiden und ſeine Freunde Braun und Breiten zu finden. Es war Ende October. Die Uebergabe der Stadt war am vorigen Tage beſchloſſen, nachdem Meſſen⸗ hauſer dem Reichsrathe wie dem Gemeinderathe deren Nothwendigkeit in glänzenden Reden nachgewieſen hatte. Die Unterhandlungen mit dem Fürſt⸗Feldmarſchall waren einem guten Ende zugeführt; da ertönte von der Schwechat der Donner der Kanonen und der mit unzulänglichen Kräften unternommene Verſuch eines Entſatzes ſeitens der Ungarn, diente nur dazu, Alles wieder in Frage zu ſtellen, den völligen Ausbruch der Anarchie zu ermöglichen und Meſſenhauſer durch Ueber⸗ Creſſieur, Die Kunſtreiterin. II 2 18 zu veranlaſſen. Der ausſichtsloſe Kampf hatte von Neuem den ganzen Tag gewüthet; ein großer Theil der alten Stadt ſtand in Flammen. Ein Tag großer Beunruhigung war vorüber. In einem damals vielgenannten Gaſthauſe, welches wir ſchon vorübergehend kennen lernten, hatte ſich eine kleine Geſellſchaft zuſammengefunden, um vielleicht mehr im gegenſeitigen Ideenaustauſche als im Genuſſe neue Kräfte zu ſammeln. Es war eine eigenthümliche Erſcheinung, dieſe ſo weit vorgeſchrittenen Politiker faſt allabendlich in den Räumen des„Rothen Igel“ verſammelt zu finden. Der Wirth hatte ſtets im Rufe ultramonarchiſcher Geſin⸗ nung geſtanden, auch hatte er nach dem Octoberaus⸗ bruche mit vielen ſeiner Geſinnungsgenoſſen Haus und Geſchäft im Stiche gelaſſen, ſeinen Kellnern, ſo⸗ wie den blut⸗ und weindurſtigen Demagogen vom reinſten Waſſer die Sorge für ſein ir diſches Beſitzthum anheimſtellend. Zur Ehre der Herren von der Ser⸗ viette muß geſagt werden, daß ſie äußerlich noch ſehr wenig von den Alles beglückenden Errungenſchaften jener Tage beleckt waren; ihnen galt der Gaſt vor wie nach als„Herr“ und alle Bemühungen mancher De⸗ raſchung und Drohungen zum Bruche der Kapitulation ——,———„ 19 magogen, dieſe eleganten, ſchwarzbefrackten Jünglinge nach den Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüder⸗ lichkeit zu modeln, ſcheiterten an dem Rechtlichkeits⸗ ſinn und der Anhänglichkeit derſelben an ihren Brod⸗ herrn. So kam es, daß nach und nach das Lokal ſich von all' den catilinariſchen Exiſtenzen befreit ſah, welche in der Gütergemeinſchaft den höchſten Ausdruck der Freiheit erblickten, und daß nur noch eine ausgewähl⸗ tere Geſellſchaft ſich faſt täglich in einem kleinen Sa⸗ lon zur Beſprechung über die öffentlichen Angelegen⸗ heiten zuſammenfand. Es waren dieſes die offiziellen Erholungsabende, deren wir im vorigen Kapitel ge⸗ dacht und welchen manche Proklamation des leider etwas zu ſchreibſeligen Meſſenhauſer ihr Entſtehen ver⸗ dankte. Auch an dieſem Abende hatte ſich eine kleine Ge⸗ ſellſchaft an dem großen runden Tiſche dieſes Gemaches verſammelt, wo ſie mit Ungeduld der Ankunft Meſſen⸗ hauſer's harrten. Der Salon ſelbſt bot allen Comfort der beſſern Reſtaurationen damaliger Zeit; das hell⸗ lodernde Feuer in dem runden Porzellanofen breitete ſowohl über den Raum, als auch über die etwas ab⸗ geſpannten Geſichter jenen eigenthümlichen Schein der Wärme und faſt der Gemüthlichkeit, welchem wir uns * 2 20 an feuchten Herbſtabenden im heleuleuchi,ten Zimmer ſo gern hingeben. Die Gäſte, welche hier neben des Leibes Nahrung auch ernſten politiſchen Zwecken nachkamen, bildeten eine nicht unangenehme Gruppe weiblicher und männ⸗ licher Geſtalten mit meiſt geiſtreichen Geſichtern, wel⸗ chen ein gewiſſer Grad von Spaunung einen eigen⸗ thümlichen Ausdruck verlieh. Dcer Hunger war geſtillt, der goldperlende Wein funkelte in den Kelchen, die Stühle waren etwas zurückgeſchoben und der Dampf der Cigarren ſtieg in bläulichen Wolken gegen den Plafond. „Wo nur Meſſenhauſer und mein Mann heute bleiben?“ bemerkte ſoeben eine kleine rundliche Dame mit hellblickenden blauen Augen und einem gewiſſen vornehmen Geſichtsausdruck zu ihrem Nachbar, welcher, wie müde von den Anſtrengungen des Tages, träume⸗ riſch die ſchwärmeriſchen Augen gegen den Plafond richtete, während er in ſeinem Fauteuil lehnte. Man hätte glauben können, er ſuche dort oben die Löſung eines jener Probleme, welche er der Welt in ſeinem „Syſteme der reinen Demokratie“ keinesweges vorzu⸗ enthalten beabſichtigte. Der Interpellirte war Julius Fröbel, eine hohe, achtunggebietende, dunkle Geſtalt, welche durch den ſchwarzen Sammtrock und den neben ———— 21 ihm am Boden liegenden Calabreſerhut mit wallender Feder noch mehr gehoben wurde.„ „Wo ſollen ſie bleiben?“ gegenfragte derſelbe. „Wo ſollen ſie anders ſein, als im Hofſtallgebäude. Vielleicht verfaſſen ſie Beide ſoeben noch eine jener end⸗ loſen Kundmachungen, welche Niemand mehr beachtet und welche durch unſere jetzige Lage doppelt nutzlos erſcheinen. Oder meinen Sie“, fügte er mit einem liebenswürdig ſpöttelnden Blicke hinzu,„daß der Mag⸗ net im Hauſe ihres Freundes Giabalotti in ſo ernſter Stunde ſtärker ſei, als der Wunſch, ſich mit den letz⸗ ten Freunden über unſere Lage zu berathen?“ „Sie thun Beiden, beſonders Meſſenhauſer Un⸗ recht“, miſchte ſich rückhaltlos ein junger Mann in der Legionsuniform, mit einer breiten weißen Ordo⸗ nanzbinde über der einen Schulter, in das Geſpräch. „Ich halte Beide nicht für fähig, ihre Pflicht dem Vergnügen zu opfern. Ich bin mehr als ein Anderer in der Lage, Meſſenhauſer zu beurtheilen; meine Stel⸗ 4 lung zu ihm als ſein perſönlicher Adjutant ließ mich tiefere Blicke in ſein Inneres thun, als es Andern möglich iſt.“ „Was wollen Sie, lieber Braun“, fiel von jen⸗ ſeits des Tiſches Robert Blum ein, ein Mann in den beſten Jahren, von impoſanter breitſchultriger Figur 22 und jovialem, kräftigem, auf Energie deutendem Ge⸗ ſichtsausdrucke.„Meſſenhauſer iſt und bleibt ein ide⸗ aler Träumer, welcher beſſer gethan hätte, eine Laſt nicht auf ſeine Schultern zu laden, der er nicht ge⸗ wachſen iſt, ſo wenig wie Ihr Wiener überhaupt zur Löſung der Aufgabe befähigt ſeid, welche Euch die Revolution auferlegte.“*) Ihr werdet mich nie als Feigling finden, wo noch ein Gedanke an Erfolg exi⸗ ſtirt; dieſer aber fehlt hier, ſelbſt Bem gibt unſere Sache verloren.“ „Nicht das iſt es, lieber Freund“, verſetzte der von der Gattin Fenneberg's zuerſt Interpellirte,„worauf es hier ankommt. Es handelt ſich in Sachen der Freiheit in erſter Linie um den Geiſt, welcher deren Vorkämpfer beſeelt, jenen Geiſt, der gleichſam durch Intuition die Maſſen in jene Wege leitet, welche zur einzig wahren Offenbarung führen. Eine Nichtbe⸗ fähigung da von vornherein anzunehmen, wo nur die Be⸗ geiſterung das letzte Wort hat, dürfte ſchwer zu be⸗ weiſen ſein. Aber dies war auch nicht unſer Thema; es handelte ſich einfach um die Frage, ob die Führer einer ſo heiligen Sache in ſo ernſter Zeit ſich erlauben können, von ihrer Pflicht für die Allgemeinheit abzu⸗ *) Hiſtoriſch. A. d. V. — 23 lenken, um ſich der Beſonderheit, Genüſſen und Zer⸗ ſtreuungen hinzugeben. Doch mißverſtehen Sie mich nicht— ſo wenig wie mich hier die Gattin unſeres Fenneberg mißverſtanden hat. Ich dachte ſelbſt ſoeben nicht ſo Arges, und was ich erwähnte, ſollte uns nur momentan abführen von dem Ernſte der Lage, welchen zu verkennen nur Geiſtigblinden möglich iſt. Die Vor⸗ ſtädte ſind verloren, der abgeſchloſſene Vertrag iſt durch uns bis jetzt unbekannte Vorfälle und Entſchlüſſe ge⸗ brochen; wir ſind nur noch auf die innere Stadt be⸗ ſchränkt, ein Entſatz nach der heutigen Erfahrung nicht zu erwarten. Wie wollen Sie, daß wir den hundert⸗ tauſend Bajonetten des ſchroffen fürſtlichen Heerführers noch lange Widerſtand leiſten, da es uns an Lebens⸗ mitteln, Munition, ja ſelbſt an Kämpfern für die hei⸗ liche Sache fehlt? Um dieſe unſere Lage genau zu prüfen, ſprach ich mein Bedauern aus über die Ab⸗ weſenheit unſeres Obercommandanten und ſeines Ge⸗ neraladjutanten, da ich es für doppelt geboten halte, im kleinen Comité die Maßregeln zu berathen, welche noch heute ergriffen werden müſſen.“ „Zum Kuckuck!“ fiel eine abenteuerlich⸗roman⸗ tiſche Figur, mit einem langen Stoßdegen an der Seite und durch ſeinen rothen Bocksbart an den Ritter von der Mancha erinnernd, fluchend ein, während eine der ———————— 24 mit hohen ſchwarzen Stülphandſchuhen bewaffneten Hände kräftig auf den Tiſch auffiel.„Was brauchen wir dazu den Meſſenhauſer? Die Revolution verbraucht ihre Männer ſo raſch, daß es doch Niemand wundern kann, wenn der feige Patron ſich ſchon nach vierzehn Tagen abgenutzt hat. Zum Teufel, wir brauchen ihn nicht! Gebt uns neue Männer, Männer von der Energie eines Fenneberg, den ſchafft hierher, den macht zum Commandanten, ehe der Meſſenhauſer uns Alle verräth! Die Reaction im Innern iſt es, was uns zu Falle bringt! Schlagen wir dieſer Hydra den Kopf ab— und dann hinaus, unſern Freunden zu Hilfe und vernichten wir, vereint mit ihnen, die heute ſchon ſo ruhmvoll für uns kämpften, dieſe verthierte Sol⸗ dateska!“ Die Verſammlung war durch dieſe bramarbaſirende Rede in einige Aufregung gerathen und wenn man auch den Werth der Worte des unter dem Namen „der tolle Baron“ bekannten Sprechers zu würdigen wußte, ſo war doch nicht zu verkennen, daß er einiger⸗ maßen dem Geiſte Ausdruck geliehen, welcher im Cen⸗ tral⸗Ausſchuſſe allein noch Geltung hatte. Breiten, welcher dieſen Abend, wie ſchon öfter, angezogen durch Fröbel's ſtets gehaltvolle Weiſe, mit der er die Unter⸗ haltung zu leiten wußte, ſeinen Freund Braun hierher 25 begleitet hatte, fühlte nicht blos das Gefährliche eines ſo excentriſchen Vorgehens, ſondern ſah ſich in ſeiner Ehre ſelbſt gekränkt, wenn er die ſo rückſichtslos wie ungerecht angegriffene Ehre ſeines früheren Kameraden ſolchen politiſchen Klopffechtern bloszugeben geſtatte. „Sie vergeſſen, Herr Baron“, ſagte er, ſich ernſt an den Don Quixote der Republik wendend,„daß Sie einen Abweſenden beſchimpfen; Sie vergeſſen, daß die Macht der Ereigniſſe größer als die Kraft der Menſchen iſt!“ Und während er den Blicken der Zu⸗ ſtimmung der beiden Frankfurter begegnete, fügte er hinzu:„Uebrigens denkt Meſſenhauſer, wie ich von ihm ſelbſt weiß, ſeit heute Mittag ſchon daran, eine Bürde von ſich abzuwälzen, welche nicht mehr mit ſeinen Ueberzeugungen in Einklang zu bringen iſt.“ „Hat er ſchon abgedankt?“ fragte Fröbel in ruhi⸗ gem Tone. „„Noch nicht“, antwortete ein anderer junger Le⸗ gionär, welcher gegenüber, neben Frau Perin, der Prä⸗ ſidentin des demokratiſchen Frauenvereins ſitzend, zu dieſer kleinen, hagern Geſtalt von ſehr verblühten Reizen in nicht zweifelhaften Beziehungen zu ſtehen ſchien und von dieſer ſo in Anſpruch genommen war, daß er bis jetzt kaum auf das lebhaft geführte Geſpräch geachtet hatte.„Noch nicht, wie ich glaube, wenngleich 26 * wir ihn die Abdankung heute Abend auf dem Thurme der Kathedrale zu unterſchreiben veranlaßten. Von da aber bis zum Niederlegen ſeines Mandates in die Hände des Gemeinderathes iſt noch ein weiter Schritt. Gewiß iſt, daß wir im Zuſtande des Proviſoriums leben und daß Fenneberg da facto ſchon das Com⸗ mando in Händen hat.“ „Ihr jungen Helden macht da“, fiel Blum's ſo⸗ nore Stimme ſpöttelnd ein,„ganz artige Palaſtrevo⸗ lutionen, und da wollt Ihr noch, daß man an die Möglichkeit einer längeren Vertheidigung der Stadt glaube?“ „Nein, nein!“ bemerkte Breiten und Fröbel gleich⸗ zeitig und Erſterer fuhr fort:„Wer vermöchte, ſelbſt alles Andere als günſtig vorausgeſetzt, an eine ſolche noch zu glauben, angeſichts ſolcher Zwinnratzt und Intriguen.“ Dieſe energiſch betonten Worte fielen wie der zündende Funke in ein Pulverfaß. Polternd und pro⸗ teſtirend erhoben ſich die Anhänger Fenneberg's und des Studentencomité's dagegen, während ſie von den Pflichten gegen das Vaterland, von energiſcher activer Vertheidigung und der Unterſtützung durch die ſieg⸗ reichen Ungarn ſprachen. Eine peinliche Pauſe trat ein, welche ſelbſt die 27 Redſeligkeit der Präſidentin des Frauenvereins nicht auszufüllen vermochte. Da trat ein zartgebauter Mann ein, mit einem feingeſchnittenem Geſichte, deſſen größter Theil unter einem großen dunkelbraunen Barte ver⸗ ſchwand. Er näherte ſich langſam, wie ermattet, dem Tiſche, während die kleine runde Frau ihm mit herz⸗ lichem Willkomm entgegenflog. Fenneberg, dies war der Ankömmling, reichte ſeiner Frau die Hand und trat mit melancholiſchem Ausdrucke zu der Geſellſchaft, welche mit der Frage auf ihn einſtürmte, ob man ihn als Oberbefehlshaber begrüßen könne. „Ja“, antwortete er beſcheiden und die Augen wie ſchwermüthig niederſchlagend,„ich war vor einer halben Stunde Obercommandant, nachdem ich meinem Freunde Meſſenhauſer, ſo ſchwer es mir wurde, ſchrift⸗ lich und mündlich erklärt hatte, daß meine Ehre mir verbiete, ferner unter ihm zu dienen“, und ſeine Na⸗ tionalgardedienſtmütze auf den Tiſch werfend, fügte er hinzu:„Der Herr Obercommandant hat meine Ent⸗ laſſung angenommen.“ „Da kann ich ihm nur vollkommen beipflichten“, ſagte Breiten trocken. „Beruhigen Sie ſich“, fuhr Fenner fort.„Wenige Minuten ſpäter war Meſſenhauſer auf dem Obſerva⸗ utorium genöthigt, ſelbſt und ſchriftlich abzdanken. Die 2 Deputation, welche ihn zum Wohle der Freiheit hierzu zwang, betraute mich dann mit dem Obercommando.“ 28 „Ja, aber das iſt ja ganz ungeſetzlich!“ fiel Braun heftig ein. „Junger Mann, das Wohl der Geſammtheit fragt nicht in ſolchen Fällen nach der Geſetzlichkeit eines Schrittes. Das Geſetz der Nothwendigkeit allein bleibt da maßgebend“, miſchte ſich der„tolle Baron“ ein. „Und doch ſtützte ſich Meſſenhauſer“, fuhr Fenne⸗ berg fort,„auf dieſe ſcheinbare Geſetzlichkeit. Er be⸗ rief die Bezirkscommandanten der Volkswehr und ließ ſich von ihnen abermals in ſeiner Würde beſtätigen. Der Gemeinderath hat zugeſtimmt, denn die Stellung eines ad latus oder Mitcommandanten, welche man mir zuſprach, kann und mag ich nicht annehmen.“ „Nichts da“, riefen heftig ſeine Anhanger, wäh⸗ rend Fröbel, Blum und Breiten ſich mit ernſten Ge⸗ ſichtern gegenſeitig anſahen.„Nichts da! Sie müſſen annehmen! Für das Uebrige laſſen Sie uns ſorgen! Weſenganſe muß fort! Was kümmert uns dieſer Mann und ſeine verſchrobenen Anſichten; will er den Kampf aufgeben, ſo mag er gehen. Das Volk iſt kampfluſtig, die Ungarn ſchlagen ſich ſchon für uns, ein Ausfall unſrerſeits muß uns den Sieg ſichern.“ „Mäßigen Sie ſich, meine Freunde“, übertönte * 29 Fröbels Stimme den Tumult,„laſſen Sie uns in Ruhe alle Chancen erwägen.“ „Mäßigung in ſolchem Momente?“ rief der tolle Baron entgegen.„Sagen Sir mir, wo Sie dieſe Ruhe hernehmen?“ In dieſem Augenblicke ſtürzte ein junger Legionär in höchſter Aufregung und athemlos herein. „Wir ſind verloren!“ ruft er.„Das Volk wird ſchwierig, es ruft nach einem Manne, zu dem es Ver⸗ trauen hat. Der Name Fenneberg iſt in Aller Munde, opfern Sie ſich für das Vaterland!“ „Gehen Sie zum Teufel mit Ihrem Opfer“, ruft Braun im höchſten Zorn.„Dieſe Komödie wird Nie⸗. mand irre machen, der es gut mit der Stadt meint. Meſſenhauſer iſt ein Ehrenmann und hat das Ver⸗ trauen aller Rechtlichen!“ Die Scene wilder Aufregung zu beſchreiben, welche folgte und an der ſich beſonders die beiden anweſenden Frauen betheiligten, möchte ſelbſt der gewandteſten Feder ſchwer gelingen und mit Schmerz erkannten die Gemäßigten, daß entweder Meſſenhauſer ſich zurück⸗ ziehen müſſe und dadurch der Anarchie Thor und Thüre geöffnet werde, oder daß er durch Conceſſionen genöthigt ſein werde, ſeine Chre preiszugeben. Ein Drittes, der Hydra den Kopf zu zertreten, gab es nicht * 6 8 ————— 8 —— ——————————— — 8 30 mehr, die Intrigue war zu feſt geſchürzt, das Loos Meſſenhauſer's war beſiegelt! So verſchieden an ſich Breiten's wie Braun's Naturen angelegt waren, ſo ſehr ſtimmten beim Ver⸗ laſſen des Locales Beide doch überein, daß wenn bis jetzt das Wohl des Ganzen allein ins Auge zu faſſen geweſen, von nun an die Pflicht der Freundſchaft ge⸗ biete, möglichſt über Meſſenhauſer zu wachen. Daß dieſe Wachſamkeit bei der Verſchiedenheit der Tempe⸗ ramente und politiſchen Anſchauungen der Freunde auch verſchiedenen Ausdruck fand, bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß ſie aber, in ihren Reſultaten gleich erfolglos für Meſſenhauſer, beiden Freunden nur Gefahr brachten, ihrem redlichen Streben trau⸗ rigen, wenn auch verſchiedenen Ausgang bereiteten, werden wir im nächſten Kapitel zeigen. —-- Drittes Kapitel. Das Ende der Empörung. Nach dem geſtrigen Bruche der Capitulation hatte der Fürſt⸗Feldmarſchall den gewaltſamen Angriff auf die innere Stadt angeordnet Es war ein trüber nebeliger Morgen, als gegen zehn Uhr eine furchtbare Kanonade gegen dieſelbe eröffnet wurde und ein wahrer Eiſenhagel auf ſie niederſchmetterte und ſich mit dem Raſſeln der Allarmtrommel in den Straßen vermiſchte. In Kurzem brannte es an ſechs verſchiedenen Orten und die Feuersbrunſt in der Hofbibliothek ſetzte ſelbſt die Reſidenz des Monarchen, die Burg, in Gefahr. In der Stadt herrſchte die größte Verwirrung und Plünderung wie offener Raub waren deren Folge. Die Verzagenden warfen ihre Waffen fort und berei⸗ teten ihre Flucht vor, während die ächten Catilinarier, der Verzweiflung kämpften. welche nichts mehr zu verlieren hatten, mit dem Muthe Umſonſt! Hatten doch die Leiter der geſtrigen Intriguen wie der heutigen Vertheidigung ſelbſt keinen Glauben mehr an irgend welchen Erfolg und dachten ſie doch Alle, voran Fenneberg, an die Mittel, ihre Flucht zu ſichern. Alle? Nicht doch! Weder Blum, noch Meſſenhauſer waren ſolcher Feigheit fähig und ſo wie einſt in den Leipziger Tagen der deutſche Buchhändler groß und achtunggebietend dageſtanden, ſo harrte Robert Blum als Mann aus auf dem Poſten der Gefahr, im Verein mit Fröbel, wohl wiſſend, daß ſeine Gegner kaum in ihm den unverletzlichen Abgeordneten des großen deut⸗ ſchen Parlamentes reſpectiren würden. Sowie er, fühlte auch Meſſenhauſer die volle Schwere des Augenblickes, war aber doch mehr nieder⸗ gedrückt von dem Gedanken, was ſeine Schwäche der letzten Tage verſchuldet. Niedergeſchlagen, wie im ſtillen Wahnſinn vor ſich hinſtarrend, wandelte er im Saale des leerſtehenden Reichstages umher bis es dunkel wurde, dann verließ er auf Braun's Zureden durch einen rückwärtigen Ausgang das Gebäude. &+”,/D — 2,— de 33 Die Revolte war niedergeworfen, die Truppen hatten die Stadt beſetzt und lagerten auf den öffent⸗ lichen Plätzen. Der Belagerungszuſtand wurde prokla⸗ mirt, die Arreturen in Maſſe begannen und in deren Folge die Thätigkeit der Militärgerichte! Stolzer als je erhob die Reaction ihr Haupt und verlangte ihre Opfer. Eines der erſten war Robert Blum. Er ſtarb am Vor⸗ tage ſeines Geburtstages— ein Märtyrer ſeiner Ueber⸗ zeugung, nachdem die rauhe Wirklichkeit ihm den letzten Glauben an die Unverletzlichkeit ſeiner Perſon als Mitglied des deutſchen Parlaments geraubt. „Ich ſterbe für die Freiheit!“ waren ſeine letzten Worte, ehe in der Brigitten⸗Aue ihn ſechs Jägerkugeln niederſtreckten,„es iſt Sache des Vaterlandes, für die Meinen zu ſorgen!“*) Das Vaterland übernahm dieſe Sorge, der Schrei der Entrüſtung, welcher weithin bei der Nachricht von Blum's Tode ertönte, gab Zeugniß von dem Werthe des Mannes, welcher ſein Leben für die Freiheit freu⸗ dig dahingab. Die Reaction ließ das Mandat Blum's nicht *) Hiſtoriſch. A. d. V. Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 3 34 gelten. Er habe ſich ſelbſt außer dem Geſetze geſtellt, da er ohne Auftrag die Reiſe unternommen, ſich frei⸗ willig, ſelbſt noch nach dem Bruche der Capitulation, an der Spitze ſeiner Compagnie an der Vertheidigung der Hauptſtadt betheiligt. Waren dieſes die wahren Gründe ſeiner Hin⸗ richtung? Waren ſie es nicht? Wer vermag dies zu entſcheiden, nachdem der in gleicher Lage befindliche Fröbel noch heute unter den Lebenden weilt! Wollen doch Stimmen behaupten, daß die katholiſche Kirche dem freiſinnigen Deutſchen, dem Vorredner der Reve⸗ lution des Jahres 1848, nie ſeine Haltung verziehen habe, als Führer der Maſſen in Leipzigs Tagen; daß ſie ihm ſeine Hinneigung zu den Reformatoren Ronge und Czerski als todteswürdiges Verbrechen anrechnete. Der ſomnambüle Muſiker Doctor Becher, wie der intriguante Fenner konnten ſich, Letzterer verſteckt in einem Backtroge, retten. Braun, der ſorgloſe, nur etwas zu enthuſiaſtiſch ſeinem Freunde Meſſenhauſer ergebene Jüngling, wurde wenige Tage nach Blum’s Tode verhaftet und infolge ſtandrechtlichen Urtheils erſchoſſen. Andere Opfer ſollten ihm folgen. Breiten, welchen man vergeſſen zu haben ſchien, traf dieſer Verluſt auf's Schmerzlichſte. Am ſpäten Abend dieſes unheilvollen Tages ſaß 35 Breiten in dem von ihm nun allein bewohnten kleinen freundlichen Zimmer, welches ſo oft Zeuge heitern Scherzes, fröhlichſten Gelächters geweſen. Frau Eſch⸗ müller und deren Gatte hatten ihn ſoeben verlaſſen, die biedere Frau ſchluchzte jammervoll über das tragiſche Ende des lebensluſtigen jungen Mannes und war gar nicht zu beruhigen. „Wer hätte das gedacht?“ klagte ſie ein über das andere Mal.„Die ſchreckliche Revolution! Der arme junge Menſch! Was er für ſchöne Augen hatte und was für ein gutes Herz und jetzt iſt Alles hin! Nicht einmal einen Leichenſtein kann man ihm ſetzen! Aber ſiehſt Du“, fügte ſie zu dem kleinen Schreiber gewen⸗ det hinzu, welcher, neben ihr ſtehend, mit kläglicher Miene dreinſchaute,„ſo geht's, wenn man nicht bei ſeinem Handwerk bleibt. Wäre der arme junge Menſch bei ſeiner Schriftſtellerei geblieben, ſtatt ſich in die Politik zu miſchen, ſo wäre er jetzt nicht erſchoſſen!“ „Alſo iſt das Schreiben doch zu etwas gut“, lächelte Herr Euſebius trübe, in dem Bemühen ſeiner Gattin Gedanken von dem traurigen Ereigniſſe abzu⸗ lenken. „Daß Gott erbarm'! So hab' ich's nicht gemeint“, ſchluchzte die Aermſte.„Schreiben und Schreiben iſt ein Unterſchied.“ *½ „Komm, Frau, laß uns zu Bett gehen; Du wirſt mir noch krank vor lauter Aufregung“, ſagte begütigend der ebenſo ſehr ergriffene Gatte. „Ach, ich kann doch nicht ſchlafen! Der arme junge Menſch! Aber horch', was war das? Hat nicht Jemand draußen an ein Fenſter geklopft?“ „Ach nein, Euphroſine, es war nichts. Du biſt zu aufgeregt; es wird der Wind an den Fenſtern ge⸗ rüttelt haben.“— Auch Breiten hatte das leiſe Klopfen an dem ihm zunächſt liegenden Fenſter vernommen, während er nachdenklich über ſeine Papiere gebeugt an dem Tiſche ſaß. Das Klopfen wiederholte ſich. Wer konnte in ſo ſpäter Stunde noch mit ihm verkehren wollen, wo es ſchon gefährlich war, ſich nur allein auf der Straße ſehen zu laſſen. Ein Feind konnte es unmöglich ſein, einen Unglücklichen, Hülfsbedürftigen aber in dieſer Zeit warten zu laſſen, hielt Breiten für ein Verbrechen. Raſch und leiſe öffnete er das Fenſter und neigte ſich vorſichtig hinaus. Ein Mann, in einen weiten dunklen Mantel ge⸗ hüllt, ſtand dicht vor ihm. „Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr?“ rief Breiten halblaut den Einlaßbegehrenden an, deſſen Geſicht von dem Mantel verdeckt war. 37 „Ich bin es“, tönte ihm ebenſo eine nur zu be⸗ kannte Stimme entgegen.„Verbergen Sie mich aus alter Freundſchaft nur dieſe Nacht. Als alter Ka⸗ merad bitte ich Sie um dieſen Dienſt!“ „Gerechter Gott! Sie ſind es, Meſſ—— 2* Das Wort erſtarb auf den Lippen. Schnell war das Fenſter völlig geöffnet, vorſichtig und wie es ſchien, unbeobachtet ſchwang ſich der Fremde über deſſen Brüſtung. „Ja, lieber Breiten“, ſagte der Fremde, als das Fenſter raſch geſchloſſen und die Vorhänge zugezogen waren,„ich bin es wirklich. Ich— ein Geächteter— ein Flüchtling. Das Spiel iſt verloren, verloren durch meine Schwäche gegenüber meinen ſogenannten Freunden! Der Volksmann, der Befehlshaber all' der Tauſende kämpft, verlaſſen von Allen, um das nackte Leben!“ Im Tone des Sprechenden lag wilde Verzweif⸗ lung, in der ſchreckensbleichen Miene drückte ſich Selbſt⸗ vorwurf und troſtloſe Rathloſigkeit aus. Statt aller Antwort ſchloß Breiten beide Aus⸗ gangsthüren des Zimmers ab und verriegelte ſie. „Verzeihen Sie mir“, fuhr der Flüchtling haſtig fort,„daß ich bei Ihnen Zuflucht ſuche. Vergebens pochte ich heute Abend bei allen früheren Freunden 38 an, als ich erfahren, daß mein ſeitheriges Verſteck ver⸗ rathen worden. Seit dem Dunkelwerden irre ich umher, um mich womöglich dem mir von Fenn eberg und ſei⸗ nen Genoſſen bereiteten Schickſal zu entziehen. Ein Theil meiner Freunde iſt geflüchtet, Andere fürchteten die Verantwortung, und doch habe ich Hoffnung, mich dieſem ſchrecklichen Looſe zu entziehen, wenn ich heute Nacht unentdeckt bleibe. General Matauſcheck, der frühere Platzcommandant, hat mir auf Morgen in dieſem Sinne eine Unterredung zugeſagt. So blieb mir nur der gute alte Kamerad, deſſen Rath ich leider nicht immer befolgte. Gleich einem Wilde gehetzt, be⸗ argwohnt und von Militärpatrouillen verfolgt, gelangte ich hierher, wo ich ſicher war, Sie zu treffen. Ich fand das Hausthor halb geöffnet, ich ſchlüpfte hinein und über den Hof, ich hoffe ungeſehen. Ich würde den Vorwurf nicht ertragen, Ihnen durch meine An⸗ weſenheit Gefahr gebracht zu haben.“ „Fürchten Sie das nicht“, entgegnete Breiten ruhig.„Es müßte ein ſonderbarer Zufall ſein, wenn ſich die Späher hier blicken ließen, nachdem ſie das eine Opfer, unſern Braun, ſchon von hier fortgeholt.“ „Alſo darf ich auf Sie bauen, Breiten!“ entgeg⸗ nete der Flüchtling faſt freudig ſeine Hand hinreichend. „Sie werden mich nicht zurückweiſen?“ 39 „Beim Himmel! Sie kennen mich doch nicht erſt von heute; ein ſolcher Verdacht allein Ihrerſeits wäre unter anderen Umſtänden beleidigend“, rief Breiten faſt heftig. „Stille, ſtille! Man könnte uns hören. Verzeihen Sie meine Worte, ſie waren ja nur der Ausdruck vie⸗ les jüngſt Erlebten. Ich weiß ja, daß ich mich in Ihnen nicht getäuſcht!“ antwortete der Flüchtling mit dem Ausdrucke innigſter Dankbarkeit. „Sie werden müde und hungrig ſein! Sie müſſen ſich ſtärken.“ Mit dieſen Worten ſuchte Breiten die gewiß trübe Gedankenreihe des Flüchtlings abzulenken. Er holte aus einem Schranke eine Flaſche Wein und etwas Zwieback und ſtellte dies auf den Tiſch, an welchem der Ermattete auf einem Sopha Platz genommen hatte. Meſſenhauſer, dies war, wie unſere Leſer wohl ſchon errathen haben dürften, der Flüchtling, hatte ſeit Mit⸗ tag nichts gegeſſen, dazu kam die körperliche wie gei⸗ ſtige Aufregung, er bedurfte daher der Stärkung. Dankbar nahm er das Gebotene an und lehnte es auch nicht ab, als ihm Breiten ſein Bett zur Dispo⸗ ſition ſtellte. Vollſtändig berleidet fiel er alsbald in einen tiefen und wohlthätigen Schlummer, während Breiten an ſeinem Lager wachte. ——;—ᷣ——— Dieſer empfand das innigſte Mitleid mit dem Manne, welcher noch vor Kurzem die blendende, aber mehr als undankbare Rolle des Anführers eines auf⸗ rühreriſchen Volkes geſpielt hatte und nun, von Allen verlaſſen, bei ihm eine Zuflucht ſuchte. In dem edlen Charakter des jungen Mannes lag es, daß er nun bereit war, den größten Gefahren zu trotzen, um die von ihm erbetene Gaſtfreundſchaft, den von ihm be⸗ gehrten Schutz zu gewähren. Sein Schützling mochte kaum eine Stunde ruhig wie ein Kind geſchlafen haben, als an der Hausthüre mächtige Schläge erdröhnten. Meſſenhauſer fuhr aus dem Schlafe empor, auch Breiten war erſchrocken auf⸗ geſprungen und lauſchte. Was konnte das ſein? Dem Oeffnen des Hausthores war ein Geſpräch mit dem Hausbeſorger gefolgt, dann näherten ſich ſchwere Schritte der Eſchmüller'ſchen Wohnung. Das Oeffnen derſelben wurde im Namen des Geſetzes und in barſchem Tone verlangt. Gleichzeitig vernahm man das Aufſtoßen von Gewehrkolben auf den Steinplatten vor der Thüre. Es war dies einer jener Vorfälle, welche ſeit der Einnahme der Stadt leider nur zu oft vorkamen, in⸗ dem oft mitten in der Nacht der Mann von ſeiner Frau, der Vater von ſeinem Kinde geriſſen wurde, 41 um über eine gegen ihn gemachte Denunciation Rede zu ſtehen; und wehe ihm, wenn er es nicht ver⸗ mochte, dieſe auf's Bündigſte zu entkräften! „Heiliger Gott!“ rief der junge Cavalier entſetzt, „das gilt Ihnen, vielleicht auch uns Beiden! Man muß Sie doch geſehen haben. Eilen Sie oder Sie ſind verloren!“ Meſſenhauſer ſprach nichts— eine fahle Bläſſe überzog ſeine Züge und leiſe, faſt unmerklich, zitterte ſeine Hand als ſie den Mantel ergriff. b„Hier hinaus“, rief Breiten, auf das Fenſter zei⸗ gend,„über den Hof in den Garten, deſſen Planken Sie leicht überſteigen werden, nur ſo iſt——“ Er konnte den Satz nicht vollenden, als ſchon heftig an ſeine Thüre geklopft wurde. ) Herr Euſebius hatte umſonſt verſucht, dem Führer der Patrouille zu beweiſen, daß in ſeiner Wohnung kein Verdächtiger ſich aufhalte. Er war mit roher Ge⸗ g walt zurückgeſtoßen worden, man ſchien nur zu gut f unterrichtet. Breiten hatte nur Zeit, das Fenſter zu öffnen, ein 80 r Sprung und Meſſenhauſer war im Freien. ⸗ Breiten öffnete die Thüre, nachdem er das Licht er raſch und vorſichtig verlöſcht. Ein Officier trat in Begleitung eines Polizei⸗ 42 commiſſärs ein. Ihr erſter Blick fiel auf das geöffnete Fenſter. „Es iſt hier Jemand zum Fenſter hinausgeſtiegen“, ſagte der Letztere.„Wir haben die Anzeige erhalten, daß Sie einen Verdächtigen hier verſteckt gehalten; ich verhafte Sie im Namen des Geſetzes. Herr Lieute⸗ nant, laſſen Sie ſogleich dem Flüchtigen auf demſelben Wege nachſetzen“, fügte er ſich an den Officier wen⸗ dend hinzu, bei welchen Worten ſich Breiten mit dem Rücken gegen das offene Fenſter ſtellte, um die Aus⸗ führung dieſes Befehis zu hindern und ſo dem Ge⸗ flüchteten einen Vorſprung zu ſichern. „Um Gotteswillen! Was will man von Ihnen, Sie ſind ja unſchuldig wie ein Lamm“, rief hände⸗ ringend die hinter den Soldaten eingetretene Frau Euphroſine. „Beruhigen Sie ſich, liebe Frau, hier kann nur ein Mißverſtändniß obwalten“, entgegnete Breiten, dann ſich an den Commiſſär wendend, fügte er hinzu: „Mein Herr, es ſcheint mir, daß man Sie getäuſcht hat, denn die gegen mich gerichtete Anſchuldigung iſt völlig unmotivirt.“ „Darüber zu entſcheiden, iſt nicht meine Sache“, entgegnete der Beamte,„und vor Gericht wird es ſich zeigen, ob Sie wirklich unſchuldig ſind, nachdem es ⏑̈0ũ— BdK 43 erwieſen iſt, daß bei Ihnen während des Belagerungs⸗ zuſtandes Perſonen nächtlicher Weile zum Fenſter ein⸗ und ausſteigen.“ „Das ſollte Sie doch bei einem jungen Manne nicht wundern“, eiferte gutmüthig Frau Euphroſine. Breiten lächelte bei dieſen Worten, während der Com⸗ miſſär ſie bedeutete, das Zimmer zu verlaſſen. Während dieſer Zeit war ein Unterofficier mit drei Mann zur Verfolgung des Flüchtlings demſelben durch das Fenſter nachgefolgt; der Beamte aber durch⸗ ſuchte alle Möbel, nahm alle Papiere an ſich und be⸗ deutete Breiten, ihm zu folgen. „Ich muß natürlich der Gewalt weichen, doch vorher muß ich Sie bitten, mir den Grund der Ver⸗ haftung zu nennen. Der von Ihnen genannte iſt nicht ſtichhaltig, wäre ungeſetzlich. Ich bitte daher, mir den Verhaftsbefehl zu zeigen.“ „Hier, mein Herr“, ſagte der Commiſſär, ein amtliches Schreiben aus der Taſche ziehend.„Man verhaftet Sie, weil Sie in naher Verbindung mit den Führern der Revolution geſtanden und an deren Be⸗ rathungen eifrig Theil genommen haben.“ „Muß ich, weil ich dieſe Männer von früher kannte, auch nothwendig mich an der Revolution be⸗ —— ͦ—= theiligt haben? bloß deshalb, weil ich öfters mit Freun⸗ den verkehrte, ſchuldig befunden werden?“ „Das geht mich nichts an, das wird höheren Ortes unterſucht werden.“ Die verfolgenden Soldaten kehrten ſoeben zurück. Sie hatten Niemand gefunden und meldeten dieſes ihrem Officier. Die rückwärts des Hauſes liegenden Gärten und Bauſtellen hatten Meſſenhauſer ſeinen Verfolgern entzogen. „Glauben Sie denn, daß meine Geliebte ſo leicht zu fangen iſt“, bemerkte Breiten ſpöttiſch und auf Frau Eſchmüller's Eingebung eingehend. „Junger Mann, ich warne Sie vor jeder Ver⸗ höhnung der geſetzlichen Organe“, entgegnete drohend der Beamte. „Ich kenne unſere Geſetze ſo gut wie Sie, bedarf daher Ihrer Belehrung nicht“, lautete die Entgegnung, im ſtolzen Gefühle, den Verfolgten gerettet zu wiſſen. Breiten wurde verhaftet und abgeführt. Es war dies ein Loos, daß er mit vielen Andern theilte; ver⸗ ſchlang doch jene Zeit der Reaction Schuldige wie Unſchuldige und die Feſtungen des Reiches füllten ſich mit Sträflingen, deren Wahn vielleicht zu ſchön war, um erfüllt zu werden. Aber auch der Tod hielt reiche Ernte. Unter ſeinen Opfern war auch Meſſenhauſer, nachdem Blum und Braun ihm vorangegangen. Wenige Tage nach Breiten's Verhaftung hatte er ſich dem Fürſten Feld⸗ marſchall ſelbſt geſtellt. Er ſtarb am ſechszehnten No⸗ vember 1848 einen echten Soldatentod, offenen Blickes dem Todesgeſchoſſe entgegenſehend. Es war ein neb⸗ liger, feuchter Morgen, als er umgeben von den Sol⸗ daten des Regimentes, in dem er früher ſelbſt gedient, ſeinen letzten Weg antrat. Ein trübes Lächeln ſpielte um die Lippen des Verurtheilten; mochte er daran denken, daß ihn die Regierung jetzt verurtheile, welche ihm vor kaum vier Wochen ſelbſt den Oberbefehl über die Stadt ertheilt? Mochte er denken an das„Hoſian⸗ nah“ und das„Kreuziget ihn?“ Am Stadtgraben angelangt, ward dem Verur⸗ theilten noch einmal das Urtheil vorgeleſen, der Stab über ihn gebrochen, worauf die zur Execution beſtimm⸗ ten Jäger vortraten. Meſſenhauſer ſtand mit dem Rücken gegen die Mauer der Baſtion gelehnt, jetzt trat er nochmals vor, den Seelſorger zur Seite, an den commandirenden Major heran. „Als alter Soldat“, ſagte er zu dieſem,„als früherer Officier Ihres Regimentes, bitte ich Sie, dem Tode mit unverbundenen Augen in's Angeſicht ſehen, meine letzte Todesſalve ſelbſt commandiren zu dürfen.“ Dieſe Worte waren mit ruhiger und feſter Stimme geſprochen. Der Major zuckte mit den Achſeln, ſagte aber weder Ja noch Nein; Meſſenhauſer aber ſtellte ſich nahe vor die Jäger. „Jäger, treffet gut! Ich ſterbe für die Sache des Vaterlandes“, ſagte er mit feſter Stimme und ebenſo fügte er hinzu:„Peloton— fertig— an— Feuer!“ und von den Kugeln hingeſtreckt, ſank er todt zu Boden.*) Die Sonne durchbrach auf einen Augenblick den Nebel, als wolle ſie dem Volksmanne den letzten Gruß ſenden.„ *) Hiſtoriſch. Anmerk. d. Verf. —— Viertes Kapitel. Der neue Gefangene. An den hohen Bergwänden, welche das Grenz⸗ ſtädtchen Karnſtein umgeben, lag tiefer Schnee. Aber trotzdem ſtrich die Sonne milde über das Städtchen, und beleuchtete die Häuſer mit ihrem roſigen Schimmer. An einen ſteilen Bergrücken gelehnt, am jenſeitigen Ende des Städtchens, befindet ſich die Feſtung Karn⸗ ſtein, ein mächtiges breites Gebäude, der einſtige Sitz eines alten Grafengeſchlechtes. In ihrer impoſanten Größe ſah ſie ſtolz herab, die felſige Burg, auf das kleine Städtchen zu ihren Füßen. Ein ziemlich breiter Fluß ſchied das Feſtungsgebäude von den Häuſern des Ortes. Karnſtein war eine ſtrenge Feſte für politiſche Gefangene ſowohl, als auch für ſonſtige Verbrecher. Die Natur ſelbſt ſchien hier jeden Fluchtverſuch ver⸗ 48 eiteln zu wollen, denn in ſchroffer, aufſteigender Klippe bildete der Felſen, auf welchem die Feſtung erbaut war, ein beinahe unüberſteigbares Hinderniß, das überdies der ziemlich tiefe und reißende Fluß, der den Felſen beſpielte, in unheimlicher Art noch erhöhte. Und doch war es ſchon geſchehen, daß ſich Gefangene na⸗ mentlich unter den Vorgängern Alſing's an Betttüchern herabgelaſſen und durch den Strom ſchwimmend ent⸗ flohen waren, um der Tyrannei ihrer Aufſeher zu entgehen Freilich kamen ſie nie weit und büßten als⸗ dann den Trieb nach Freiheit nur um ſo härter. Unter Alſings Leitung, der Karnſtein bereits ſeit einer Reihe von Jahren als Commandant vorſtand, waren vielerlei Verbeſſerungen in der Feſtung einge⸗ führt und namentlich auf die Pflege und Koſt der Ge⸗ fangenen Rückſicht genommen worden. Zu dieſem Zwecke war der Commandant auch um die Begün⸗ ſtigung eingeſchritten, unten im Städtchen wohnen zu dürfen, da die Räumlichkeiten oben ſich etwas beſchränkt herausſtellten. Die oberſte Behörde gab dieſer Bitte gern nach, indem ſie ſelber keine Koſten, wohl aber Vortheile dadurch gewann, daß Alſing ſich ein eigenes Haus kaufte, in welchem er nun wohnte, und die Räumlichkeiten der Commandantenwohnung humanen Zwecken für die Feſtung überließ. 882—— 3 49 Den Abſchluß des Feſtungsfünfecks oben bildete der ſo ſogenannte Fürſtenthurm, ein impoſantes Gebäude und ſpeciell der Aufenthalt für politiſche Sträflinge. Auf jenen vorſpringenden Erkerthurm ſchien die Sonne am hellſten und ſtahl ſich in jede Fuge, jede Ritze hinein, und glitt immer höher und höher hinauf, bis endlich die felſige Stirne des mächtigen Gebäudes wie in helles Gold getaucht dalag, und die weißgetünchten Zellen der Gefangenen mit dem freundlichſten Lichte überſtrahlt waren. Es war, als wolle die liebe Sonne die Gefangenen tröſten und ihnen zurufen, auszuharren mit frohem Muthe und nicht zu ver⸗ zagen. An einem ſolch' heiteren kalten, ſonnigen Decem⸗ bertage des Jahres 1848 war ein neuer Gefangener auf Karnſtein angelangt, um dort eine Strafzeit von fünf Jahren zu verbringen. Es war dies eine lange Zeit, aber gefaßt ging er ſeinem Looſe entgegen. Der neue Gefangene war angeklagt, mit den Rädelsführern der kaum bewältigten Revolution in freundſchaftlichem, engeren Verkehr geſtanden und an deren Berathungen Theil genommen zu haben. Unſere Leſer werden errathen, daß Breiten der neue Staatsgefangene war, den ein günſtiges Geſchick gerade nach Karnſtein gebracht. Er war nicht vom Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 4 50 Standgericht, ſondern von dem ſogenannten ordent⸗ lichen Gerichtshofe verurtheilt worden. Die Aufregungen der jüngſten Zeit waren nun vorüber, und die Ruhe des Gefängniſſes umgab ihn. Seine Zelle, in die man ihn gebracht, war reinlich. Eine eiſerne Bettſtelle mit einem reinlichen Bettzeug, eine Kommode und ein Tiſch, auf welchem ſich ſogar Schreibgeräthſchaften befanden, eine kleine Bibliothek nebſt ein paar hölzernen Stühlen bildeten das Mobi⸗ liar. Das einzige vergitterte, aber nicht gar zu hohe Fenſter wies auf eine herrliche Feruſicht über das Städtchen Karnſtein hinweg nach der wundervollen Waldeinſamkeit, der langgedehnten Gebirgskette hinüber, die jetzt in ihrer ſchneeigen Pracht mit den tauſend und tauſend Sonnenſtrahlen, die darin glitzerten, wie ein diamantenbeſäetes weißes Kleid ausſah. Gleich bei ſeiner Ankunft war der Gefangene zu dem Commandanten gebracht worden, der ihn im Bei⸗ ſein ſeines militäriſchen Stabes ſtrenge, mit ſchroffen Worten empfangen hatte. Mit krampfhaftem Weh zog ſich des jungen Man⸗ nes Herz zuſammen bei dieſem Empfang und wie be⸗ täubt ſah er auf den Mann, welchen Iſabella ihm einſt als ſo engelsgut geſchildert, und deſſen Lippen jetzt ſo harte Worte von abſoluter Pflicht, ſtrengem 5 † Gehorſam und ſo weiter entfielen. Stolz war er von dem Commandanten entlaſſen und unter ſtrenger Es⸗ korte in ſeine Zelle gebracht worden. Dort ſtand er nun in der hereingebrochenen Däm⸗ merungsſtunde des erſten Abends von fünf langen Jahren. Mit unbeſchreiblichem Weh ſah er hinüber in das Städtchen auf das freundliche Haus, welches die Strahlen der untergehenden Sonne ſo lieblich um⸗ ſpielten und das unter den übrigen Häuſern Karn⸗ ſteins ſich durch ſeinen Geſchmack, den wohlangelegten Garten, der es umgab, durch einen gewiſſen Luxus vortheilhaft unterſchied. 3 „Die Leute, welche das Haus dort beherbergte, ſie waren gewiß glücklicher als er“, dachte Breiten. Was hatte er denn eigentlich gethan, daß man ihn hier der Freiheit beraubte? War denn der Umgang mit geſcheid⸗ ten Menſchen, die nur den einen Fehler an ſich hatten, ſich eine eigene Lebensanſchauung gebildet zu haben, ein Verbrechen? Was hatte er gethan, um von ſeinem Vater enterbt zu werden? Er war nur den Weg der Offenheit gewandelt ſein junges Leben lang— und das war ſein Ver⸗ brechen!„Die Welt will getäuſcht ſein, nur dann kannſt Du in ihr leben“, rief es mit tauſend Stimmen in ibm, und er ſah die Wahrheit jener Worte ein. Fünf Jahre! Welch' kurze Zeit im Glücke! Welch' lange, bange Zeit im Unglück! Welche Ewigkeit für einen ſtrebſamen Geiſt, der verurtheilt iſt, ſie in troſt⸗ loſer Leere zu verbringen! Wird der Gefangene die⸗ ſelbe beſtehen, oder wird Verzweiflung ſich ſeiner be⸗ mächtigen und ihn dort hinabſtürzen laſſen über jenen Felſen, um dem umnachteten Leben mit einem Male ein Ende zu machen? Ein Geräuſch entzog Breiten ſeinen trüben Ge⸗ danken. Seine Kerkerzelle war geöffnet worden; der Schließer hatte einen Mann hindurch gelaſſen und die Thüre wieder geſchloſſen. Der Gefangene wendete ſich um. Es war der Commandant von Karnſtein, der Breiten gegenüber ſtand. Verſchwunden war aus Al⸗ ſing's Geſicht der ſtrenge harte Zug vom Morgen, herzliche Theilnahme blickte aus den kleinen hellen Augen und mit wohlthuender Herzlichkeit näherte er ſich ſeinem Gefangenen, legte die weiße ſtarke Hand auf ſeine Schulter. „So alſo müſſen wir uns kennen lernen, armer junger Mann?“ ſprach er. Breiten trat einen Schritt zurück; in dienſtge⸗ wohnter Subordination ſtand er ſeinem Vorgeſetzten 53 gegenüber, ganz ſo wie Alſing es am Morgen ſo ſtrenge gefordert. Ein bitterer Zug hatte ſich über ſein offenes jun⸗ ges Geſicht gelagert und ſeine Stimme zitterte, als er die Worte ſprach: „Herr Oberſt ſprechen zu einem Gefangenen, ein ſolcher iſt der Theilnahme nicht werth, die Sie ſo gü⸗ tig ſind, ihm erweiſen zu wollen.“ „Ich ſehe, daß die rauhe Hülle von heute Mor⸗ gen ihre Wirkung gethan“, meinte Alſing wehmüthig, „daß Sie in mir den harten Vorgeſetzten, nicht aber den theilnehmenden Freund ſuchen. Sowie Ihnen, erging es vielen von meinen Gefangenen, und erſt die Zeit belehrte ſie, daß mein Amt mich wohl Strenge lehrt, aber die Theilnahme für das Unglück in meiner Bruſt nicht erkalten läßt. Mein heutiges Verfahren bei Ihrem Kommen war freilich geeignet, einen üblen Eindruck bei Ihnen hervorzubringen, aber es wird eine Zeit kommen, wo Sie einſehen werden, daß ich ſo handeln muß, will ich mir von meinen Neidern nicht Parteilichkeit zum Vorwurf machen laſſen. Ich muß ſcheinbar ſtrenge ſcheinen, um nicht den Verdacht einer Bevorzugung hervorzurufen. Schon einmal machte man mir ja den Vorwurf, daß ich für meine politiſchen Sträflinge beſſer ſorge, als es mir, dem Soldaten, dem Commandanten, zuſtehe. Man thut mir vielleicht nicht Unrecht, denn ich geſtehe gern, daß ich nur zu ſehr fühle, welch' ein Unterſchied zwiſchen den poli⸗ tiſchen Gefangenen und den Schanzſträflingen beſteht. Man verlangt aber von mir, daß ich keinen Unter⸗ ſchied mache; man will, daß ich die Individualität der Erſteren jener der Letzteren gleichſtelle, daß ich Beide gleich behandle! Muß ich da nicht, wenn ich meiner Ueberzeugung treu bleiben will, ſo handeln, wie ich es thue?“ „Ich danke Ihnen, Herr Oberſt, für die freund⸗ lichen, herzlichen Worte, die Sie an mich richten“, ſagte Breiten ſichtlich bewegt,„ſie thun mir wohl nach all' dem Elend, das ich erlitten.“ „Es iſt ein hartes Loos, das Sie getroffen hat“, erwiderte der Commandant,„aber den Muth nicht verloren, Kopf oben behalten, junger Freund, und nicht verzagt! Das Leben iſt ein Kampf, bitterer und heißer als jener in offener Feldſchlacht. Aber wenn auch die Kugeln des Schickſales uns umſauſen, der Heer⸗ führer„Verſtand“ ruft uns zu, auszuharren in jeder Lage, mit Muth Allem zu trotzen, um ſich nicht ſelbſt zum Feigling zu ſtempeln, welcher vor den Kugeln eines böſen Geſchickes zurückweicht.“ „Sie haben Recht, Herr Oberſt, ich will muthig ausharren, mag mein Schickſal auch noch ſo hart ſcheinen.“ „Thun Sie dies, junger Freund, und die Gegen⸗ wart wird ſich für Sie auch freundlicher geſtalten. Jeder Unglückliche, der unter meine Obhut kommt, darf meiner Theilnahme gewiß ſein, um wie viel mehr aber Sie, an dem meine kleine Tochter mit herzlicher Freundſchaft hängt, der meinem Goldkinde einſt viel⸗ leicht das Leben rettete.“ „Herr Oberſt ſehen den kleinen Dienſt, den ich einſtmals Fräulein Iſabella erwies, als ich die Natter tödtete, die ſie bedrohte, für zu groß an. Ein Jeder an meiner Stelle würde, glaube ich, daſſelbe gethan haben.“ „Das iſt wohl möglich, aber deshalb iſt der er⸗ wieſene Dienſt in meinen Augen nicht geringer. Schon längſt wollte ich Ihnen danken, aber Sie waren für uns und Ihre Freunde auf Breitenfeld wie verſchollen.“ „Ich wußte nicht, daß man ſich meiner noch er⸗ innerte.“ „Nicht als Vorgeſetzter, als Freund kam ich heute hierher, um Ihnen für Ihre damalige Vorſorge für meine Tochter zu danken.“ „Herr Oberſt beſchämen mich!“ „Und als Freund frage ich Sie auch, ob Sie irgend einen Wunſch haben, den zu erfüllen in meiner Macht ſteht.“ „Ja, Herr Oberſt, den Wunſch, daß Sie mich für weniger ſchuldig halten, als es den Anſchein hat“, antwortete Breiten erregt. „Wie kommen Sie zu dieſem Wunſche?“ „Aus dem Beſtreben, in Ihrer Achtung nicht zu verlieren?“ „In meinen Augen haben Sie nichts verloren an der Achtung, die ich jedem ehrlichen Menſchen ſchulde.“ „Auch dann nicht, Herr Oberſt, wenn ich Ihnen ſage, daß ich es keinen Moment bereue, die Freund⸗ ſchaft für Männer nicht verleugnet zu haben, die, wenn auch der jetzigen Strömung feindlich, doch durch und durch ehrenhaft waren?“ „Auch dann nicht, junger Freund, denn ich ehre jede feſte Geſinnung.“ „Ich beklage nur das Eine, Herr Oberſt“, fuhr Breiten erregt fort,„daß ich durch meine Freundſchaft eben jene Männer nicht zu retten im Stande war. Mag der Schein auch wider mich ſein, und mag die Welt mich auch verdammen, ich werde meine Geſinn⸗ ungen nicht ändern, die Freundſchaft nicht verleugnen, welche mich mit den Männern der Revolution verband. f f Mag man mir auch nicht glauben, daß ich ſie oft gewarnt, mag man auch mich ſelbſt für einen Rebellen erklären, ich tröſte mich mit den Worten des großen Freiherrn von Stein, welcher ſagte:„Zu den mäch⸗ tigſten Künſten gehört jene des Verleumders. Iſt man einmal als Opfer der Verleumdung bezeichnet, iſt es feſtgeſtellt, man müſſe verleumdet werden, dann kommt es nicht auf verfloſſenes Leben, behaupteten Charakter, Wahrſcheinlichkeit der Beſchuldigungen an, ſondern nur darauf, ob die Anklagen dem Zwecke entſprechen. Dann läßt man die Maſchine ſpielen. Es bedarf dann nur dreiſter Verſicherungen, unverſchämter Behauptungen, und in kurzer Zeit iſt die Meinung allgemein ver breitet. Die Feinde ſind thätig, der große Haufen boshaft, leichtgläubig; die Freunde aber unter dem Scheine der Unparteilichkeit niederträchtig, denn ſie ſchweigen, wo ſie reden ſollten. Zuletzt geht einer nach dem andern zu der Gegenpartei über, aus lauter rei⸗ nem Eifer für das Gute, Pflicht und Zartgefühl. Alle Leidenſchaft, die man in ſeinem Leben beleidigt, alle Anmaßung, die man gekränkt, treten dann plötzlich auf, als wollten ſie den Tag der Rache feiern, von dem Fett des Opfers ſchmauſen. So, Herr Oberſt, iſt es Meſſenhauſer und meinem Freunde Braun er⸗ gangen, die das Gute gewollt und nur den richtigen 58 Weg verfehlten. So erging es Robert Blum, ſo auch mir in meinem Leben, ſo ergeht es allen Jenen, die offen ihren Weg gehen!“ Mit wachſendem Intereſſe hatte der Commandant ſeinem ſichtbar erregten Gefangenen zugehört. Jetzt blickte er ihn mit ſeinen guten Augen freundlich an, und ergriff ſeine Hand.. „Es ſind dies gar harte Anklagen“, ſagte er milde,„die ich ſoeben gehört, aber es ſind auch bittere Erfahrungen, die aus Ihnen geſprochen. Sie müſſen bereits viel gelitten haben, armer junger Freund, um zu ſolchen Anſichten zu gelangen. Laſſen wir aber jetzt die Vergangenheit ruhen, gedenken wir der Gegen⸗ wart. Ich kam hierher, Sie zu fragen, ſagte ich ſchon früher, ob Sie einen Wunſch hätten. Es iſt leider nicht viel, was ich thun kann, aber es ſoll gern ge⸗ ſchehen, wenn es in meiner Macht ſteht. Von meiner Bella weiß ich, daß Sie zeichnen; gerne will ich die Verfügung treffen, daß Malerrequiſiten Ihnen gebracht werden. Es iſt dies eine Begünſtigung, die ich meinen Gefangenen hier oben auf dem Fürſtenthurm erwirkt, damit ſie in der Thätigkeit den erſten Hebel finden, allen düſteren Gedanken zu entgehen. Auch will ich trachten, Ihnen zeitweiſe den Verkehr mit meiner Familie zu verſchaffen. Es iſt mir dies zwar von Rechtswegen nicht „— 8 „ 8 59 geſtattet, aber mit Ihnen will ich eine Ausnahme machen. Meine kleine Bella freut ſich, Sie wiederzu⸗ ſehen nach ſo langer Zeit, und bat mich, Sie ſchon morgen zu ihr zu führen. Sie werden bei mir auch Weimar's finden, die zu Beſuch bei uns ſind. Martha und ihr Bruder nehmen den innigſten Antheil an Ihnen, junger Freund. Daher Kopf oben, nicht ver⸗ zagt! Noch giebt es Menſchen, die mit Ihnen fühlen, was es heißt, allein dazuſtehen in der Welt! Und nun gute Nacht, junger Freund, ich muß die Runde machen bei meinen anderen armen Schützlingen.“ Nochmals reichte Alſing nach dieſen Worten ſei⸗ nem Gefangenen die Hand und verließ die Zelle. Wie betäubt ſah Breiten ihm nach. War denn das wirklich der nämliche Mann, der am Morgen ſo hart von Pflicht und Schuld zu ihm geſprochen? Alſo auch er mußte täuſchen, um nicht ſelbſt getäuſcht zu werden? Mußte jene Theilnahme verbergen, die ſein Herz fühlte, ſo ſchwer ihm dies auch ward?⸗ Von Fremden, von dem Commandanten einer Feſtung, den ſein Amt verhärtet haben ſollte, war Breiten jener Antheil geworden, den er im Elternhaus ſo oft entbehrte? Die Bande des Blutes hatten ſich ihm verſchloſſen, die Theilnahme der Fremden ſich ihm zugewandt. —— —— MNiit innigem Danke pries er ſein günſtiges Ge⸗ ſchick, das ihn nach Karnſtein geführt und beruhigter, als er es noch vor einer Stunde je für möglich ge⸗ halten, entſchlief er auf dem reinlichen Feldbette, und verbrachte die erſte Nacht ſeiner Gefangenſchaft in friedlichem Schlummer. Ja, der Commandant von Karnſtein war ein hu⸗ maner, theilnehmender Mann. Obwohl er bei ſeinen Untergebenen ſtreng auf Disciplin und Ordnung hielt und namentlich in der Ueberwachung ſeiner Gefangenen Erſtaunliches leiſtete, ſo war er dabei milde und be⸗ handelte dieſelben mit der ihm angeborenen Herzens⸗ güte, die ihm leider nur zu oft von ſeinen Feinden als Schwäche gedeutet wurde. „Barbariſche Strenge verhärtet das Gemüth, Milde hingegen richtet es wieder auf“, pflegte Alſing zu ſagen, und nach dieſen Grundſätzen handelte er, obgleich er ein guter Patriot und ſeinem Fürſtenhauſe treu ergeben war. Der Commandant von Karnſtein war reich; er hätte es nicht nöthig gehabt, noch ferner zu dienen, aber Thätigkeit war ihm Bedürfniß. Ein großer Freund der Landwirthſchaft, gediehen unter ſeinen Händen die zur Feſtung gehörenden Gartenanlagen ſowohl!, als ſeine eigenen neben ſeinem Hauſe angelegten —. —. gar prächtig. Er ſcheute keine Koſten, von weither fremde Blumen und Früchte zu beziehen, deren Samen er ſodann probirte und wenn ſie gediehen, unent⸗ geldlich an bekanute Freunde der Hortikultur vertheilte. Sein einziges Kind liebte der biedere Soldat über Alles; aber ſeine von Dienſtgeſchäften vielfach in Anſpruch genommene Zeit erlaubte ihm nicht, Iſa⸗ bella's Erziehung nach ihrem Kloſteraustritte ſo zu übernehmen, wie es in ihrem Alter nöthig geweſen wäre. Des jungen Mädchen lebhaftes Temperament, ſein natürliches Feuer, das lebhafte Mitempfinden aller äußeren Eindrücke des Lebens, ja ſelbſt der Umgang mit dem Vater, deſſen Vertraute Iſabella wurde, gaben nach und nach ihrer ganzen Gefühlsrichtung eine andere Wendung, als es ſonſt in jenem Alter der Fall zu ſein pflegt. Ein eigenthümlich ſcharf ausgeprägter Hang zur Selbſtſtändigkeit bildete ſich in ihr, und Alſing hielt es auch für ganz natürlich, daß Alles, von ihm angefangen, ſich dem jugendfriſchen, faſt zu leb⸗ haftem Mädchen unterwarf. So wie viele Väter, die Wittwer ſind, hielt der Commandant ſein Kind für ſehr gelehrt, da es einige Sprachen redete, leidlich Clavier ſpielte und etwas zu zeichnen verſtand. Ob Iſabella alle dieſe Kenntniſſe gründlich erlernt habe, oder die eigentlichen weiblichen 62 Kenntniſſe, wie Handarbeit und Wirthſchaftsübung beſitze, bekümmerte ihn nicht. Der alte Soldat freute ſich aber kindiſch darüber, wenn Iſabella mit ihm in tollkühnem Ritt durch die Felder und Auen jagte oder ein Viergeſpann zu lenken verſtand. „Ich wollte, Du wäreſt ein Knabe geworden“, pflegte er dann oft zu ſagen, und Iſabella ſtimmte ihm bei, indem ſie mit einer ganz jammervollen Miene auf ihre langen, faltigen Kleider herabſah, und die⸗ ſelben ſogar oft mit einer kecken Knabentracht ver⸗ tauſchte. Dabei aber blieb ihr die weibliche Herzensgüte eigen. Ihr Herzenspapa galt ihr über Alles, und jede Selbſtſucht löſte ſich bei dem jungen Mädchen auf, ſobald es galt, ihm eine Freude zu machen, einen ſei⸗ ner Wünſche zu erfüllen. Daher kam es auch, daß Iſabella erſt kürzlich auf eine Frage ihres Vaters, ob ſie Theobald's Gattin werden wolle, der um ihre Hand geworben, mit heiterer Zuverſicht antwortete: „Gewiß, Papa, wenn Du es wünſcheſt.“ „Ich wünſche es von ganzem Herzen, mein Kind, und würde mich glücklich fühlen, wenn der Name Dir erhalten bliebe, den ich Dir gegeben“, entgegnete der Commandant. „Dann, Papa, will ich meinen Vetter gewiß hei⸗ 63 rathen“, ſagte Iſabella mit heiterem Lachen, und von dieſem Tage an hielt ſie ſich für Theobald's Verlobte, ohne ihr Benehmen gegen ihn im Geringſten zu ändern. Bis vor wenigen Jahren gewöhnt, ihren Vetter als ihren großen Spielkameraden zu betrachten, ge⸗ dachte ſie noch immer jener Zeit, in welcher er ihr Obſt und Zuckerwerk in's Kloſter gebracht, und achtete nicht darauf, daß ſie mittlerweile groß geworden war, weil ſie eben nur ſchweſterliche Gefühle für Theobald hegte, und nur durch die Macht der Gewohnheit ſich zu ihm hingezogen fühlte. Es war dem jungen Mäd⸗ chen daher auch ganz recht, daß der Commandant ihre beiderſeitige Verbindung noch auf ein Jahr hinaus⸗ ſchob, und ihre Verlobung ſelbſt vor den beſten Freun⸗ den geheim hielt, kannte ſie doch nicht das zaghafte Hoffen einer liebenden Braut.— Als Theobald Alſing vor Jahren in das Haus ſein Onkels kam, geſchah dies in dem feſten Glauben, dort als der einſtige Erbe ſeines Verwandten einzu⸗ ziehen. Seit ſeiner Kindheit hatte er von dem reichen, kinderloſen Onkel durch ſeinen Vater ſprechen gehört, und bei dem erfolgten Tode des Letzteren waren des Ster⸗ benden letzte Worte, der Knabe möge ſich in die Gunſt des reichen Verwandten in Deutſchland zu ſetzen trachten. Theobald's Vater, der ſeit Jahren in Amerika gelebt, wohin er ſich nach verunglückten Spekulationen geflüchtet, war aus allem Verkehr mit ſeinen in Deutſchland lebenden Verwandten getreten, und gleichſam auf dem Sterbe⸗ bette erſt hatte er ſich des Bruders erinnert, ſeinen vater⸗ und mutterloſen Knaben ihm empfehlend. Durch die mißlichen Vermögensumſtände ſeiner Eltern hatte der Knabe frühzeitig den Werth des Be⸗ ſitzes von weltlichen Gütern kennen gelernt, und der Gedanke, den reichen Onkel einſtens zu beerben, hatte für ihn viel Verlockendes. Wie arg war daher ſeine Enttäuſchung, als ihm zu Karnſtein im Hauſe eben dieſes Onkels, der ihn liebevoll bei ſich aufgenommen, ein kleines ſchwarzgelocktes Mädchen entgegenſprang, das als Tochter des Commandanten die rechtmäßige Erbin der von ihm erträumten Reichthümer war! Die Klugheit lehrte den Knaben wohl bald, ſich in die Verhältniſſe zu fügen, ſcheinbar für Iſabella und deren Vater eine Zuneigung zu heucheln, die er nicht empfand; doch in ſeinem Gemüthe hatte der Neid Platz gegriffen, und machte ihn zum jugendlichen Heuchler. Mit den Jahren war ſein Plan gefaßt. Jſabella ſelbſt ſollte ihm den Weg zum Reichthum ebnen, durch ihre kleine Hand ihm denſelben ſichern. Theobald Alſing war ein geſchickter Schauſpieler auf der Bühne des Lebens, und verſtand es, die edel⸗ 65 ſten Gefühle mit ergreifender Wahrheit darzuſtellen, wenn auch ſein Gemüth dabei kalt blieb, oder blos die Erregung des Augenblicks mit empfand, zu welcher den Künſtler die Größe ſeiner eigenen Schöpfung be⸗ geiſtert. Eine weniger verderbte Natur wie die ſeine, hätte nicht dieſes Syſtems der Täuſchung bedurft, und die Freundſchaft zweier edlen Herzen würde die Dank⸗ barkeit als freies Ergebniß in ihm haben entſtehen laſſen; doch Theobald in ſeiner Sucht nach Reichthum achtete ſo naheliegender Gründe nicht, die ſeiner Na⸗ tur fern ſtanden. Alſing, dem der Neffe mit der Zeit lieb wurde, ließ ſich täuſchen und hielt Heuchelei für Wahrheit; er ging endlich in den Plan ein, ſein kleines Mädchen für den großen Neffen zu beſtimmen, ein Plan, der bald ſelbſt einen ſeiner Lieblingswünſche bildete. Begeben wir uns nach dieſer kleinen Abſchweifung in des Commandanten Wohnung, und in das näm⸗ liche Haus, welches Breiten am Tage ſeiner Ankunft zu Karnſtein zum Gegenſtande ſeiner Betrachtungen gedient hatte. Es war wenige Tage darauf. Das Wetter hatte ſich ſeit jener Zeit geändert, und der goldene Sonnenſchein war einem Schneefall und Winde gewichen. Neben dem großen, reich und gemächlich eingerichteten Salon der Commandantenwohnung be⸗ Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 5 66 fand ſich ein kleines, ſorgſam eingerichtetes Gewächs⸗ haus, das zur Winterszeit Alſing und ſeiner Familie zum gemüthlichen Aufenthalt diente. Man konnte ſich nichts Reizenderes denken, als dieſes kleine Blumen⸗ zimmer, in welchem die Blüthen und Blätter der hei⸗ miſchen und fernen Länder mit einander blühten und dufteten. Namentlich bei naßkaltem, windigen Wetter war es das lauſchigſte Plätzchen der Welt, wo in wohlthuender Wärme vom Boden bis an die Decke empor die Pflanzen ſtill dahinlebten, und durch die Zweige und Blätter hindurch die Blumengeiſter der duftigen Kinder der Tropen und des Oſtens wie des Weſtens flüſterten. In dieſem Gewächshauſe nun ſaßen an jenem Vormittage unter dem grünen Dache einer prachtvollen Gitterpflanze zwei junge Mädchen, mit Leſen eifrig be⸗ ſchäftigt. Es waren dies Iſabella und Martha, welch' Letztere, wir wir wiſſen, bei der Freundin auf einige Wochen zum Beſuche vor ihrer Reiſe nach Egypten verweilte. Die Aerzte hatten Martha ein milderes Klima anempfohlen, und Weimar, der ſich nach der Revolte der Hauptſtadt in's Privatleben zurückgezogen hatte, wollte die Schweſter dahin begleiten. Die Bäume im Garten draußen waren entblättert, die Natur ſah öde und traurig aus und ein melancholiſcher 5 1 — L 4 1 r 4 67 Wind durchſtreifte ſie. Der Himmel hatte eine ein⸗ tönige graue Farbe angenommen, kein Sonnenſtrahl zeigte ſich, aber im Gewächshaus innen war es trotz⸗ dem hell und freundlich. Die Thür zum Salon ſtand weit geöffnet und in dem breiten marmornen Kamin deſſelben brannte ein luſtiges Feuer. Aller Luxus des Lebens bot ſich hier dem Auge dar, und die zwei jungen Mädchen ſelbſt in ihrer eleganten Kleidung und der bequemen, halb ruhenden Haltung vervollſtändigten dieſes Bild. Kaum würden wir in dem großen erwachſenen Mädchen dort mit dem blauen Seidenkleide die heftige, kleine Penſionärin von einſtmals wieder erkennen. Und doch, der ſeelenvolle Aufſchlag der herrlichen dunklen Augen, welche ſich jetzt vom Buche erhoben, war ſich gleich geblieben. Ja! das waren die nämlichen wun⸗ derbaren Augen mit den langen, ſchwarzen Wimpern, die gleichſam einen leiſen Schatten auf das ſanfte Roth ihrer runden Wangen warfen. Martha finden wir nur wenig verändert, nur, daß das ſchmale Geſichtchen noch ſchmäler und durch⸗ ſichtiger geworden war. Sie lieſt in einer Reiſe⸗ beſchreibung Egyptens, dem Lande, welches ihr die verlorenen Kräfte wiedergeben ſoll, wohingegen Iſabella Bulwers„Nacht und Morgen“ faſt verſchlingt. So⸗ . 5* 68 eben iſt ſie mit dem Buche zu Ende gekommen und hat jedes Wort deſſelben behalten. Mit knapper Noth war ſie der Demüthigung entgangen, bei manchen Stellen zu weinen. Morton's Schickſal geht ihr ſehr zu Herzen, ſeine männliche Entſchiedenheit flößte ihr Bewunderung ein. „Armer Philipp“, ſagte ſie träumeriſch,„er brachte ſeinem Bruder ein großes Opfer, indem er Camilla's Hand entſagte! Weißt Du aber, Martha, daß ich es von Sidney ſehr egoiſtiſch finde, ein ſolches Opfer an⸗ zunehmen?“ „Ich glaube, jede Neigung macht mehr oder min⸗ der ſelbſtſüchtig“, antwortete Martha. „Dieſer Meinung bin ich nun nicht, denn ich, zum Beiſpiel, bin meinem Vetter gewiß von Herzen gut, aber wenn ich wüßte, daß eine Andere ihn liebte, würde ich ihr denſelben recht gerne überlaſſen, und ich glaube kaum, daß es mich ein ſo großes Opfer koſtete, als dem armen Philipp.“ „Dann liebſt Du Deinen Vetter auch nicht ſo, wie es ſein ſoll! Ich fürchte überhaupt, Bella, daß Du Dir in Deinen Gefühlen über Theobald ſelbſt nicht klar biſt“, entgegnete die Freundin. „Was ſoll ich denn weiter, als meinem Vetter noch, d herzlich gut ſein“, erwiderte Iſabella lachend.„Er gleicht freilich nicht im Mindeſten dem edlen aufopfern⸗ den Morton, noch weniger dem ſchwärmeriſchen Sidney. Denn Sidney war blond und gewiß viel hübſcher, aber deshalb bin ich Theobald doch herzlich gut. Wir ſind zuſammen aufgewachſen, ſpielten ſchon als Kinder Braut und Bräutigam, und nun, da aus dem Scherze Ernſt geworden iſt, fühle ich mich ſo zufrieden dar⸗ über wie früher. Ich glaube, dies beweiſt doch, daß ich mir in meinen Gefühlen über ihn klar bin?“ „Wenn Du ihm wirklich gut biſt, ihn als Den⸗ jenigen anerkennſt, der Dein Gatte werden ſoll, wes⸗ halb widerſprichſt Du ihm aber, Bella, bei jeder Ge⸗ legenheit, ſo wie zum Beiſpiel g tern wieder l er Dich bat, von Deinem Wunſche, 3, ichnenunterricht bei dem armen Breiten zu nehmen, abzuſtehen, beſtandeſt Du erſt recht darauf. Warum das, Bella, wenn Du ihm ſo von Herzen gut biſt? Sollteſt Du ihm da nicht nachgeben?“ „Warum gibt er mir nicht nach?“ fragte Iſabella entgegen und warf etwas trotzig ihren ſchönen Kopf zurück.„Sonſt that er es ja doch immer, warum jetzt nicht? e nicht auch, daß er mich nicht ſo lieb ſollte? In jedem Romane las ich a der e Bräutigan ſich in Allem nach den Wün⸗ 70 ſchen der Braut richtet; warum ſollte alſo dieſes nicht bei uns der Fall ſein?“ „Weil die Romane, theure Bella, nur zu oft dem praktiſchen wirklichen Leben widerſprechen. Ich bin der feſten Meinung, daß das Weib dem Emahilen Manne in Allem nachgeben ſollte.“ „Weil Du ein nachgiebiges, ſanftes Geſchöpf biſt, das immer nur andern Leuten zu Gefallen lebt“, meinte zärtlich Iſabella, und ſchlang ihren Arm um den Hals der Freundin.„Aber ich kann nun einmal nicht ſo unwandelbar gut ſein wie Du, und Theobald muß mich nehmen, wie er mich findet. Ich weiß ſelbſt, daß ich ein leine⸗ Eihen wiſaes Geſchöpf bin, den qußerordentlich unſchuldes Veranigen genießen ſoll von unſerem Gefangenen Zeichnenunterricht zu nehmen! Dieſe Zeichnenſtunden ſollen ja zumeiſt doch nur dazu die⸗ nen, um dem armen Breiten ſeine traurige Kerkerhaft wenigſtens auf Stunden vergeſſen zu machen, weshalb ſollte man denn da einer bloßen Laune Theobald's halber nachgeben?“ „Es handelt ſich hier rehige andd den armen Ge⸗ fangenen, als nur um den Beweis, Theobald einmal nachgegeben zu haben“, meinte Martha mid„ihm zu — 71 beſtätigen, daß ſeine künftige kleine Frau ihm auch Opfer zu bringen vermag, und Lieblingswünſ 5 ſeinet⸗ wegen aufgibt.“ „Und Anderen dadurch eine unſchuldige Freude entzieht, nicht wahr?— Nein, nein, daraus wird nichts, und übrigens in dem bloßen Nachgeben beweiſe ich Theobald noch gar nichts. Im Gegentheile. Ich meine, es müßte unter verheiratheten Leuten entſetzlich langweilig ausſehen, wenn ſie ſich in Allem und Jedem immer nur nachgeben wollten. Das müßte zum herr⸗ lichſten Spleen der Engländer führen, und noch mehr Selbſtmorde zur Folge haben, als es jetzt ſchon deren auf der Welt gibt. Glaubſt Du nicht auch, Martha?“ Die Freundin lächelte bei Iſabellas kecken, friſchen Einfällen, und doch fiel es ihr ſchwer auf's He 4 das junge Mädchen ſo gar nicht ihre Stellung u dem Verlobten zu berückſichtigen verſtand. „Sage mir, meine theure, gute Bella“, ſagte ſie nach einer langen Pauſe,„haſt Du denn eigentlich ſchon recht darüber nachgedacht, was es bedeutet, ſich einem Manne verlobt zu haben?“ rnie wund lich Du henn biſt, Martha, rief ſt antworten. Meiner Anſicht 72 nach muß eine Verlobung voller Sonnenſchein und Freude ſein, und keine Schatten von Nachgiebigkeit, Unterwerfung oder gar Duldung nach ſich führen, denn dann wird ſie langweilig. Weiter jedoch, liebe Martha, muß ich Dir aufrichtig geſtehen, bin ich in meinen Reflexionen über eine Verlobung noch nicht gekommen. Ich finde es unnütz, mich mit ernſten Fragen und Nach⸗ denken zu quälen! Ach, Martha, Nachdenken iſt ſchreck⸗ lich für mich!— Geh'! Bitte, gib mir doch die letzte Modezeitung dort vom Tiſche, ich will mir die neuen Hüte anſehen. Ich glaube, man trägt dieſen Herbſt ſehr kleine, und runde Facon, was das Geſicht auch viel beſſer kleidet.“ Martha reichte der Freundin beinahe traurig das Verlangte, und Iſabella lehnte ſich an den Stamm der Gitterpflanze zurück, den vollen, weißen Arm um den Kopf gebogen, und ſtudirte die neueſte Modenzei⸗ tung. „Unſere Anſichten ſind dann freilich ſehr weit auseinander“, ſagte Martha nach einer Pauſe in einem beinahe wehmüthigen Ausdruck.„Wenn ich mich ein⸗ ſtens verlobe, ſo geſchähe dies nur nach reiflicher, ernſter Ueberlegane und demn Manne meiner Wahl würde ſch das meine, und ſein Wunſch Der ich wünſchte.“ 4 3 * 73 Iſabella ſah von ihrer Modenzeitung empor nach der Freundin hinüber. Der Ausdruck in den Worten derſelben war ein ſo tief empfundener, daß er auf das junge, ſorgloſe Mädchen befremdend einwirkte. „Martha, faſt ſollte man meinen, Du ſprächeſt aus Erfahrung“, ſagte ſie dann heiter. Ueber das zarte Geſicht der Verkrüppelten flog ein leiſes Roth, und die ſchmalen, bleichen Lippen theilten ſich zu einem ſonnigen Lächeln. Iſabella war ſchön, wenn ſie lächelte, Martha aber war bezaubernd, denn ſie lächelte erſt dann, wenn dieſes Lächeln zum Abdruck ihrer Seele wurde. „Martha, liebſt Du?“ fragte Iſabella leiſe, und ſchwang auf's Neue den Arm um die Freundin. Einen Augenblick lag der kleine Kopf derſelben mit den ſchweren, goldblonden Flechten auf der Schulter Iſa⸗ bella's, und die blauen, milden Augen ſenkten ſich in holder Verwirrung nieder. „Es wäre doch nichts Böſes?“ ſagte ſie dann mit einem reizenden Lächeln. „Nein, meine ſüße, theure Martha, es wäre gewiß nichts Böſes, und ich würde mich ſo ſehr darüber freuen, wenn Du mir den Namen deſſen nennteſt, der es gewagt hat, ſich in Dein kleines Herz einzuſchleichen, das doch eigentlich mir gehört“, ſcherzte Iſabella. 85— 74 Martha aber erhob plötzlich ihr Köpfchen von der Bruſt der Freundin, und in einen fröhlichen, heitern Ton einſtimmend, ſagte ſie freundlich:„Es iſt gefähr⸗ lich, mit einer Verlobten über den Brautſtand zu ſprechen, man verfällt da gar zu leicht auf Gedanken, die in der Wirklichkeit doch nur Hirngeſpinnſte ſind; laß uns daher lieber von etwas Anderm plaudern.“ Martha ward durch dieſe Worte ein Räthſel für die Freundin, und als ſie erſt gar wieder nach ihrem Buche griff, und ſcheinbar ruhig darin weiter las, wußte Iſabella nicht, was ſie dazu ſagen ſollte. Freunde, die uns genau kennen, verſtehen die ſtumme Sprache unſerer Geberden und Mienen. So erging es auch Iſabella bei Martha, und im Gedanken ging ſie all' die jungen Männer der Reihe nach durch, von welchen ſie wußte, daß ſie Weimar's geſelligen Verkehr zu Innsbruck gebildet hatten, und kam zu dem Schluß⸗ reſultate, daß ein dortiger junger Kaufmann Martha's Herz gewonnen haben müſſe. Sie blätterte dabei wieder in ihrer Modenzeitung, und während das neu erſchienene Coſtüm Victoria ſie entzückte, eine prachtvolle Robe à la bergère ihr außerordentlich gefiel, ein Kopfputz nach der letzten Mode mit rothen Mohnblumen ſie in Extaſe gerathen ließ, erging ſie ſich in Gedanken be⸗ bezüglich Martha's und deren Herzensneigung. 75 Der Schlag der Pendüle im Nebenſalon machte endlich ihren Reflexionen ein Ende. „Schon zwölf Uhr!“ meinte ſie, wo Papa nur heute bleiben mag?“ „Sagte er nicht, es ſei heute große Viſitation im Fürſtenthurme oben“, fragte Martha. „Ja, aber die dauert ja doch niemals ſo lange! Gerade heute, wo er uns doch verſprach, Breiten zu uns zu bringen, zögert er ſo lange, der gute, böſe Papa.“ „Warum biſt Du ſo ungeduldig, Bella, einen, durch die Verhältniſſe gewiß recht unglücklich Gewor⸗ denen zu ſehen?“ „Und woher nimmſt Du dieſe Geduld, möchte ich entgegenfragen? Du fühlſt doch auch herzlichen Antheil an Breiten's Schickſal, wie ich weiß, daher iſt mir Deine geringe Spannung, ihn zu ſehen, unbegreiflich. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu begrüßen, ihm zu ſagen, wie leid mir um ihn iſt! Wie er nur ausſehen mag! Gewiß recht leidend. So eine Kerkerluft macht ſo elend ausſehen! Der Arme! Aber weißt Du, Martha, daß Papa ihm oben die beſte Zelle des Für⸗ ſtenthurms gab? Der gute, liebe Papa, er iſt immer ſo beſorgt um ſeine armen Gefangenen.“ „Ich glaube nicht, daß es je einen vortrefflicheren, —— —— edleren Menſchen in ſeiner Stellung gab“, meinte Martha.„Mit welcher Theilnahme behandelt er zum Beiſpiel die Gefangenen, welche als Geißel aus Mai⸗ land nach Karnſtein gebracht wurden.“ „Und die verdienen es doch gewiß am wenigſten, nicht wahr? Mit nichts ſind ſie zufrieden. Papa kann ihnen noch ſo viele Vortheile verſchaffen, nichts iſt ihnen recht. Ich ſage Papa immer, ſie müſſen alle zuſammen an der Gallſucht leiden. Aber horch', ich höre Papa's Stimme im Vorſaal, wahrhaftig, das iſt er.“ Und er war es wirklich, der biedere Commandant, an ſeiner Seite Breiten. Mit freudigem Ausruf eilte Iſabella ihm entgegen, reichte Breiten beide Hände zum Gruße dar, während Martha erbleichend, zitternd, hinter einer Palme halb verborgen ſtehen blieb. Ueberraſcht, befremdet ſah Breiten in das ſchöne Geſicht des in ſeiner vollſten Pracht erblühten Mäd⸗ chens. Iſabella war ihm fremd geworden, und ſo ſchön hatte er ſie ſich nicht gedacht. Vergebens ſuchte er nach dem entſchwundenen Kinderantlitz des kleinen, furchtſamen Mädchens, das ſich oben auf der Ruine zu Adlerberg ſo ſorglos ſeinem Schutze anvertraut hatte, welches er in ſpäterer Zeit ſo oft ermahnend be⸗ lehrte? „Nicht wahr, mein kleines Mädchen hat ſich ver⸗ . 77 ändert, iſt groß und ſtark geworden, Sie hätten ſie kaum wieder erkannt?“ ſcherzte der Commandant, als er Breiten's Erſtaunen wahrnahm.„Ja, ſo ein paar Jahre machen viel“, fuhr er fort; das wächſt empor, daß man es oft ſelbſt nicht begreift. Meine Bella wett⸗ eifert darin mit meinen Blumen; kaum ſieht man die Knospe, ſo hat ſie ſich ſchon entfaltet. Aber hier“, fuhr er fort,„iſt noch eine kleine gute Freundin von Ihnen, welche Sie auch begrüßen möchte, Martha Weimar.“ Breiten hatte wie im Traume den Worten des alten Herrn gelauſcht— jetzt, ſich von ſeinem Erſtaunen zuſammenraffend, begrüßte er Martha herzlich, welche ihm ſchweigend die Hand bot. Aber dieſe kleine, durchſichtige Hand zitterte in der ſeinigen. Auch Weimar und Theobald ſchloſſen ſich bald darauf an; Erſterer begrüßte in herzlicher Weiſe den früher ſchon liebgewordenen Bekannten. Theobald wurde Breiten durch den Commandanten vorgeſtellt. Das Geſpräch kam bald wieder auf Breiten und ſeine Verurtheilung. „Wie grauſam ſind doch die Menſchen“, meinte Iſabella zu ihrem Vater gewendet,„wie grauſam 78 verfuhr man grade in dieſem Falle mit unſerem Freunde.“ „Sagen Sie das nicht“, fiel Breiten ein,„danke ich doch gerade dieſem Verfahren gegen mich den Glauben an die Menſchheit und eine allwaltende Vor⸗ ſehung. Nach all' der Härte, welcher ich in der letzten Zeit begegnete, konnten meine Richter es nicht verhin⸗ dern, daß mir hier, durch Ihre und Ihres Vaters Theilnahme ſo raſch ein reicher Erſatz geboten werde.“ Auf den Orient übergehend, wußte Weimar durch ſeine Fragen unſern Freund über die letzten Schwierig⸗ keiten dieſes erſten Zuſammentreffens bald hinauszu⸗ führen, ſo daß die Zeit angenehm verſtrich. Nach dem Diner, bei welchem der lebensfriſche, heitere Sinn des Commandanten den freundlichen Hausherrn bekundete, leitete ein Geſpräch über Kunſt und Literatur von ſelbſt hinüber zu dem von Iſabella ausgedrückten Wunſche, von Breiten Unterricht im Zeichnen zu erhalten. Ohne Rückhalt ſtimmte der Com⸗ mandant bei; denn wann hätte der biedere Soldat einen Wunſch ſeines Kindes unbeachtet gelaſſen, wann je eine ihrer Launen beſchränkt? Breiten war freudig überraſcht und wurde der Beginn des Unterrichtes ſchon für die nächſten Tage feſtgeſetzt. 79 Wir haben bereits Gelegenheit gehabt, zu erwähnen, daß Theobald mit dieſem Plane ſich wenig einverſtan⸗ den zeigte und daß dieſe Unzufriedenheit ſich in der vermehrten Kälte gegen Breiten ausſprach, als dieſer am Abende aus dem heitern Kreiſe ſchied, um in ſeine einſame Zelle zurückzukehren. Mit welchen Gefühlen aber der Gefangene ſich dieſer zuwendete, nachdem er die ſchöne Tochter des Commandanten wieder geſehen, wer vermöchte es zu ſagen! Dies war das Wiederſehen Breiten's und Iſabella's nach drei kurzen Jahren! Fünftes Kapitel. Der Unterricht. Martha hatte wohl Recht. Iſabella war nicht ſo, wie es ihrem Verhältniſſe zu Theobald entſprochen hätte. Ein jäher Wechſel ihrer Gefühle, wenn man ihre frühere Art ſo bezeichnen darf, gab ſich in ihrem ganzen Be— nehmen gegen ihn kund; tagelang gab ſie ſich jeder Art Zerſtreuungen hin und die Unterrichtsſtunden im Zeichnen nahmen ihr ganzes Denken in Anſpruch. Dafür aber entſprachen die Reſultate auch völlig den Erwartungen ihres Vaters. Wenn der Gefangene ſo hinter ihrem Stuhle ſtand, das Auge auf ihre Zeichnung gerichtet— ſie bald belehrend oder die Bewegung ihrer Hand leitend, ver⸗ gaß er auf Augenblicke die Wirklichkeit und eine ſonnige, heitere Zukunft trat wohl dann vor ſeinen Blick und 81 ſeine Gedanken ſchweiften weit ab in eine Zeit, welche wohl nie kommen ſollte. Aber ſeine Willensſtärke ver⸗ ließ ihn trotzdem nicht— er vermochte Kreide und Stift mit gewohnter Kraft zu führen und ſein Inneres verſchloß die Gefühle, welche in ſolchen Momenten ihn zu überfluthen drohten. Iſabella war glücklich während dieſer Stunden und ſie ſog dieſes Glück ein, unbekümmert um deſſen Quelle, ohne Nachdenken, woher es ſtamme, wie lange es währen dürfte. Sie, welche nie gewohnt geweſen, ſtundenlang ruhig zu ſitzen, vermochte es jetzt— mit Ausdauer befolgte ſie Breiten's Rathſchläge und gegen ſeine Ausſprüche hatte ſie nie eine Entgegnung. Blind⸗ lings folgte ſie ſeiner Leitung. Martha, welche dem Unterricht für gewöhn ich beiwohnte, ließ ihr Auge oft forſchend auf Iſabella ruhen, aber je mehr ſie dieſelbe beobachtete, deſto mehr überzeugte ſie ſich, daß nicht die leiſeſte Spur einer beängſtigenden Gemüthserregung ſich bei dem jungen Mädchen zeige. Bei Allem und jeder Gelegenheit trat die ſeeliſche Unbefangenheit Iſabella's zu Tage und wenn ſie ihren Lehrer über Dies oder Jenes befragte, ruhten die großen ſchwarzen Augen ſo unbefangen auf demſelben, daß Martha ſich geſtehen mußte, auch der leiſeſte Argwohn gegen die Freundin ſei ungerecht. Nicht 6 Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 82 ſo ruhig war ſie aber in Bezug auf Breiten— ſie ſah wohl deſſen muthiges Ankämpfen— aber ein Blick von ihm auf Iſabella hatte genügt, ihr eigenes Herz in bitterem Weh aufzucken zu machen. Das Herz Iſabella's war noch nicht erwacht. Ihr Benehmen blieb ſich gleich gegen Breiten, dem ſie in gleicher Freundſchaft zugethan blieb. Gegen ihren Verlobten dagegen war ſie voll der wunderlichſten Launen, und hinreißende Liebenswürdigkeit wechſelte mit an Schroffheit ſtreifender Gleichgültigkeit. Sie war nicht gern allein mit Theobald; ſie hatte ihm gegenüber den Ton der Unbefangenheit verloren— war er doch oft ſo eigenthümlich gegen ſie in neuerer Zeit! Wir glauben erwähnt zu haben, daß Iſabella eine leidenſchaftliche Reiterin war und daß ſie es liebte, allein oder in Geſellſchaft von Theobald oder ihrem Vater weite Ritte hinaus zu machen in die herrliche Gebirgslandſchaft. Dazu kam ihre angeborene Furcht⸗ loſigkeit, welche ihr bald den Stempel der Kühnheit als Reiterin aufdrückte. Sie hatte ſich ſo ſehr auf das beginnende Frühjahr gefreut, um ihre Gewohnheit wie⸗ der aufzunehmen— und nun zögerte ſie von Tag zu Tag, ſo oft man ihr vorſchlug, mit Theobald auszu⸗ reiten. Theobald empfand dieſe Sonderlichkeiten Iſabella's 85 803 3 auf das Schmerzlichſte und äußerte darüber feine Be⸗ trübniß gegen ſeinen Onkel. „Sie iſt wunderlich wie das Glück, mein lieber Theobald, aber auch ebenſo begehrenswerth. Laſſen wir ihr dieſe kleinen Launen.“ „Ich fürchte, lieber Onkel,“ antwortete der Neffe auf das Lächeln des Commandanten,„daß ich dann ſpäter um ſo härtere Kämpfe gegen das wilde Blut zu beſtehen habe.“ „Da irrſt Du ſehr. Iſabella iſt leicht zu lenken, denn ſie hat das beſte Herz von der Welt, geſtützt von Verſtand. Was ſchaden da ein paar kleine Mädchen⸗ launen? Wie ſie ſeit Jahren ihrem Vater nur Glück und Freude brachte, wie ſie der Troſt meines Lebens wurde, wird ſie auch der Deinige werden und Dein Glück begründen, mein lieber Theobald.“ So tröſtete der Onkel und Niemand wehrte den Launen des lieblichen Mädchens, welches in jeder Be⸗ ziehung ſeinen eigenen Weg ging. Wir haben ſchon erwähnt, daß die kleine Grenz⸗ feſtung Karnſtein ein kleines Landſtädtchen umſchloß, welches in Sitten und Gebräuchen, in ſeinen geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtänden und Vergnügungen jeder andern Landſtadt glich, wie ein Ei dem andern. Es war daher gewiß nicht auffallend für jeden denkenden Men⸗ 6* 84 ſchen, daß Iſabella ſich gern fern hielt von näherer Berührung mit den Bewohnern derſelben. Ihr leb⸗ hafter, nach Ausbildung ringender Geiſt ſchreckte zurück vor dem Umgange der ehrlichen, aber langweiligen Spießbürger, und ſelbſt der ſeltene Verkehr mit der Familie des Landrichter Langer war ihr wenig ſym⸗ pathiſch. Dem offenen Gemüthe des jungen Mädchens widerſtrebte die heuchleriſche Art, mit welcher dieſe Familie ihren Vater zu umgarnen ſtrebte, und wenn Iſabella für die älteſte Tochter Marie von jeher wenig Zuneigung gefühlt, ſo hatte ſich ſogar mit den Jahren eine gewiſſe Antipathie gegen die einſtige Spielgenoſſin bei der Tochter des Commandanten herausgebildet. So kam es denn, daß Oberſt Alſing ſeinem Lieb⸗ ling vergebens vorſchlug, an dieſem oder jenen Ver⸗ gnügen der Karnſteiner Geſellſchaft theilzunehmen. „Laß mich lieber zu Hauſe, Herzenspapa“— pflegte dann Iſabella zu antworten—„dieſe kleinſtädtiſchen Vergnügen mit ihrer Tombola und den ewigen Vor⸗ trägen des„Liederkranzes“ ſind mir ordentlich zuwider. Ich fühle mich ja glücklich zu Hauſe bei Dir, mein lieber Papa, und ich ziehe Deine liebe Geſellſchaft jeder andern vor. Was ſoll ich überhaupt bei all dieſen tapiſſerienähenden, ſtrickenden und waſchenden Frauen und Mädchen anfangen, welche es mir zum Verbrechen 85⁵ anrechnen, daß ich Martha's und Breiten's Geſellſchaft der ihrigen vorziehe, daß ich reite und zeitweiſe ſogar mit Piſtolen nach der Scheibe ſchieße? Laß mir Deine liebe Geſellſchaft, wie die geiſtige Anregung, welche mir das Zuſammenſein mit Weimar's und unſerem Freunde Breiten gewähren und ſetze mich nicht ſolchen Foltern aus, den guten Spießbürgern nicht in's Geſicht lachen zu dürfen, wenn eine oder die andere dieſer Damen Bulwer's Werke für ein neues Kochbuch und Liſt's Etüden für eine pikante Sauce hält? Fragte mich doch neulich die alte Generalin Rajakowska, welche, wie Du weißt, die Tochter eines Lederhändlers aus Prag iſt, als ich Shakeſpeare erwähnte:„„Aber ſagen Sie mir doch, meine Liebe, was iſt das für ein Bier?““ Alſing lachte dann herzlich über dieſe kecken, wun⸗ derlichen Bemerkungen ſeiner Tochter. Er fühlte ſelbſt, daß ſein Kind nicht in dieſe kleinbürgerlichen Verhält⸗ niſſe paſſe uud ließ von ſeinem Begehren ab. Aber es ſchmeichelte ihm auch, daß das geiſtvolle Mädchen ſeinen Umgang allem anderen vorzog. „Was kümmert mich die ganze Welt“— pflegte ſie ferner zu ſagen—„wenn ich Dich nur habe. Ich brauche keine Zerſtreuungen; ich habe meine Pferde, meine Hunde, die Vögel und meine Bücher, dann meiner 86 guten Martha Beſuche— was ſoll mir da noch der Umgang mit dieſen langweiligen Kleinſtädtern?“ Der alte Herr lächelte ſeelenvergnügt und überſah bei der Freude über ſein Kind, welches ſich zu Hauſe ſo glücklich fühlte, daß Iſabella im Aufzählen der ihrem Herzen nahe ſtehenden Dinge ganz ihren Ver⸗ lobten vergeſſen hatte. Etwas eigenthümlich Anziehendes lag trotz aller Launen in der Offenheit und rückhaltloſen Freimüthig⸗ keit, wodurch ſie faſt mehr noch als durch ihre Schön⸗ heit alle Herzen gewann. Sie war groß und ſchlank in ihrer Erſcheinung, von auffallender Elaſticität der Bewegungen, was der Entſchiedenheit ihres Weſens noch größern Ausdruck verlieh. Der zierliche Kopf, von rabenſchwarzen Locken umfloſſen, hatte den Typus der Zuverſicht, worin ſie ſo ſehr mit ihrem Vater harmonirte— ganz im Gegen⸗ ſatze zu der Aehnlichkeit der Geſichtszüge, welche ſelbſt der feinſte Phyſionomiſt nicht herauszufinden im Stande geweſen wäre. Zu früh der Kloſtererziehung entriſſen, hatte ſie ſich durch die unumſchränkte Freiheit im Vaterhauſe faſt den Gewohnheiten eines früh ſelbſtſtändigen Knaben zugewendet. War ihr ſchon im Penſionat das Still⸗ ſitzen bei einer weiblichen Arbeit ſtets eine Pein geweſen, ſo war es kein Wunder, wenn ſie ſpäter Madame Blanchard durch ihre entſchiedene Abneigung gegen Tapiſſerie⸗ und Näh⸗Arbeiten zur Verzweiflung brachte. Dieſe würdige Dame ſuchte nun wohl ihre Autorität über den Zögling zu wahren, allein nur zu bald er⸗ kannte ſie, daß alle Mühe vergeblich, Iſabella zu einem ſittſam nähenden und ſtickenden Menſchenkinde umzu⸗ bilden. Gelang ihr dieſes dann wohl auf eine Viertel⸗ ſtunde, ſo ſprang Iſabella gewiß ſchon in der nächſten Minute plötzlich auf, warf ihre Arbeit unachtſam von ſich und eilte davon. Die Frucht tagelanger Ermahnungen war verloren, Iſabella war dann hinausgeeilt in den friſchen duften⸗ den Wald, um mit der ſonnigen Himmelsluft alle die der Natur entſtrömenden Wohlgerüche einzuathmen, den goldenen Sonnenſchein gleichſam zu trinken und den von Lebensluſt ſtrotzenden Körper freier, ungebun⸗ dener Bewegung hinzugeben. Oder, auch ihrer ſo reichen Phantaſie freien Lauf laſſend, in einem lauſchigen Win⸗ kel beim Leſen elegiſcher Poeſien Erholung zu ſuchen. Dadurch bildete ſie ſich leider dann eine ideale Welt, in deren Träumen ſie ſich ſtets als die Heldin ſah, eine Heldin, erhaben über die gewöhnliche Sphäre, welche die Sitte dem Weibe angewieſen! Sie ſah ſich in ſolchen Momenten als große bewunderte Künſtlerin — 9†— und ihre Einbildungskraft durchbrach alle Schranken der Wirklichkeit, bis es Madame Blanchard mit ihren nüchternen Weltanſchauungen gelungen war, den Flücht⸗ ling in ſeinem Verſteck aufzufinden und zur Proſa des Lebens zurückzuleiten. Nach alledem erſcheint es natürlich, daß dem jun⸗ gen Mädchen das kleinbürgerliche Treiben in Karnſtein nicht behagte, daß ſie ſich von demſelben zurückhielt. Allein ſie wurde auch nach und nach den Bewohnern des Städtchens entfremdet, welche ſie nur bei außer⸗ gewöhnlichen Gelegenheiten, wo es die Stellung ihres Vaters erheiſchte, als Repräſentantin des Hauſes ſahen. War ſie nun dann wohl von bezaubernder Liebens⸗ würdigkeit bei ſolchen feſtlichen Gelegenheiten, ſo weckte ſie doch auch vielleicht gerade deshalb doppelt den Neid ihrer Gegner und war es beſonders die landrichterliche Familie, welche in den nachmittägigen Café⸗Viſiten die Waage des Wohlwollens oft zu Uungunſten des jungen Mädchens ſteigen machte. „Sie war wirklich allerliebſt“— pflegte dann dieſe oder jene Dame das Plänklergefecht zu eröffnen— „viermal bot ſie mir Thee an und den Faſan prä⸗ ſentirte ſie mir eigenhändig.“ „Und mir verſprach ſie eine neue Haube aus der Reſidenz mitzubringen“. 89 „Mir aber“, fiel eine Dritte ein„trug ſie an, die Gemüſe aus dem Garten ihres Vaters täglich bringen zu laſſen.“ „Mein Sohn ſagt, ſie ſei die beſte Tänzerin. Er iſt entzückt von Iſabella“, meinte eine Vierte. „Aber die Damen wiſſen nicht“, fiel endlich die Landrichterin mit ſchneidender Stimme ein,„wie wenig entzückt ſie von uns iſt, was für ein Opfer es ihr jedes Mal koſtet, mit uns Landpommeranzen zu verkehren.“ „Wie?— Was nennt ſie uns?“ brauſte es im Chor auf. „Ja, ja, Landpommeranzen, meine Damen, nicht anders!“— lächelte die Landrichterin grimmig.„Meine Tochter Marie wird es Ihnen bezeugen. Nicht wahr, mein Kind?“ „Gewiß, Mama! Und ich ſah auch, wie ſie auf dem geſtrigen Balle die gelbe Farbe Ihres Kleides be⸗ lächelte, liebe Doktorin, und hörte, wie ſie zu Martha Weimar ſpöttiſch meinte: Ganz wie ihr Kanarien⸗ vogel!“ „Was? Wie mein Kanarienvogel?“— fuhr die Doktorin auf, wobei ſie ſo gelb im Geſicht wurde, daß Jedermann den Vergleich treffend finden mußte. „Ja, ja—“, vervollſtändigte dann die Landrichterin, — 90 man muß nicht Alles für baare Münze nehmen, was ſie den Leuten in's Geſicht ſagt. Wenn ich wollte, ich könnte Ihnen, meine Damen, ſo Manches aus des Kommandanten Hauſe mittheilen“ Aber ſie ſprach es nicht aus; genügte dies ja ſchon, um ihres Erfolges ſicher zu ſein. Der Eindruck blieb, was brauchte es da Details. Auch der Herr Landrichter entwickelte, wenn auch feiner, in dieſer Richtung eine nicht zu verkennende Thätigkeit. Da gab es ſo viele Gelegenheiten, unter guten Freunden der Begünſtigungen zu erwähnen, welche die politiſchen Gefangenen ſeitens des Herrn Oberſten er⸗ fuhren. Das geſchah dann mit ſo viel Rückſicht, mit faſt liebevoller Beſorgniß, daß am Ende gar die ober⸗ ſten Behörden davon Notiz nehmen würden, daß Jeder⸗ mann überzeugt war, ein beſorgter Freund des Kom⸗ mandanten rede zu den Verſammelten und nicht Haß und Mißgunſt. Dabei aber lauerte er mit faſt eiſerner Geduld auf eine Gelegenheit, ſeinem Feinde zu ſchaden — ihn womöglich von ſeinem Poſten zu verdrängen. Dazu kam, daß die„Landrichteriſchen“ weder dem Vater noch der Tochter verziehen, daß Theobald, welcher früher Marie ſeine Aufmerkſamkeiten erwieſen, ſeit einiger, Zeit nur Augen für Iſabella hatte. Unbekümmert um dieſe kleinſtädtiſchen Intriguen 91 ſtreifte indeſſen das junge Mädchen durch Wald und Feld oder jagte in Begleitung ihres Vetters in wildem Ritte an den ehrlichen Spießbürgern vorüber, welche dann, die weiſen Häupter ſchüttelnd, meinten, die Tochter des Kommandanten führe doch eigentlich ein recht wildes Leben. Sah man dann Iſabella im Umgange mit ihrem Vater, ſo war ſie eine völlig Andere. Ihre kindliche Liebe zu ihm ließ ſie all' die romantiſchen und excentriſchen Ideen vergeſſen, die ſich noch vor Kurzem ihres Geiſtes bemeiſtert hatten. War ſie mit ihrem Vater allein, ſo war ſie das weiblichſte Weſen, die liebevollſte und zärtlichſte Tochter; dann kannte ſie keinen andern Gedanken, als an ihn, und die Sorge, wie ſie ihm das Leben erheitern und ihm ſein Daheim nach des Tages Mühen zu einem angenehmen mache. So verfloß die Zeit und der Tag nahete heran, an welchem Martha Weimar von Karnſtein abreiſen ſollte. Breiten, welchem, wie wir wiſſen, das Haus des Kom⸗ mandanten ſtets gaſtfreundlich geöffnet war, hatte auch heute an dem kleinen Abſchiedsfeſte Theil genommen, welches der Oberſt an dieſem Abende Martha und deren Bruder gegeben. Der Abend war unter anregen⸗ den, harmloſen Geſprächen verfloſſen und Weimar hatte auch heute, wie ſeither, ſeine theilnehmende Freundſchaft⸗ 92 für Breiten nicht verleugnet, wie denn auch der Oberſt gleichwie Iſabella und Martha darin wetteiferten, dem jungen Gefangenen das Trübe ſeiner Lage vergeſſen zu machen. Dieſem ſchien ſich der Neffe des Komman⸗ danten durch eine ſtets ausgeſuchte Höflichkeit anzu⸗ ſchließen, doch konnte es einem ſcharfen Beobachter nicht entgehen, daß ein ſtechender, auf Uebelwollen deutender Blick, welcher zeitweiſe auf Breiten ruhete, dieſe Höflichkeiten der Lüge zieh. Theobald Alſing war ein junger, hübſcher Mann von glatten und gefälligen Manieren, welche jedoch jede Herzlichkeit ausſchloſſen. Dadurch gelang es ihm denn, leichter ſeine Gefühle vor der Welt zu verſchleiern und erſt der Verlauf unſerer Erzählung dürfte uns nähere Aufklärungen über ſeinen Charakter bieten. Die kleine Geſellſchaft befand ſich im Salon. Die Thurmuhr ſchlug ſo eben die achte Stunde. Breiten erhob ſich, denn ſo ungern er auch aus dem freundlichen Kreiſe ſchied, ſo verſäumte er doch auch heute nicht, die ihm gegönnte freie Zeit genau einzuhalten und trat den Rückweg in ſeine Zelle an. Herzlich nahm er von den Geſchwiſtern Abſchied. „Zum Wiederſehen— auf freiem Fuße!“— ſagte Martha beengt und Breiten dankte ihr mit herzlichem Händedrucke. ————————Bᷓ—*— ————⸗— 93 „Ich begleite Sie“, ſagte Weimar ſich erhebend. Gefolgt von der beigegebenen Wache traten Beide den Weg nach der Feſtung an, denn ſo human der Oberſt gegen die politiſchen Gefangenen war, wollte und konnte er nichts an den äußeren Vorſchriften än⸗ dern, welche eine militäriſche Begleitung dieſer Un⸗ glücklichen bedingten, ſobald ſie ſich außerhalb ihres Gefängniſſes befanden. „Was halten Sie von dem Neffen des Komman⸗ danten?“— fragte Weimar plötzlich, als ſie eine kurze Strecke gegangen waren. „Ich kenne ihn zu wenig, um mir über ihn eine Meinung gebildet zu haben.“ „Ich ſage, er iſt keine paſſende Parthie für Iſa⸗ bella— denn Sie wiſſen doch, daß ſie gleichſam ſchon miteinander verlobt ſind?“ „Seine Braut?—— Alſo wurde Ernſt aus dem früheren Scherze?“ gegenfragte Breiten in eigenthümlich gedehntem Tone und gleichſam nach Faſſung ringend. „Es war ſeit Langem die Lieblingsidee des Oberſten; ich halte ſie aber nicht für ſeine klügſte. In⸗ deſſen ſoll die Verlobung noch bis zum Herbſte geheim bleiben.“ „Wie aber kommen Sie nun dazu, gerade mir davon Mittheilung zu machen?“ 94 „Weil ich Sie gern davor bewahren möchte, ſich trübe Stunden, ja vielleicht Enttäuſchungen zu bereiten, durch unwillkürliche zu große Bewunderung des intereſ⸗ ſanten jungen Mädchens. Ich würde es ſo gern ver⸗ hüten, Ihre Stellung zum Hauſe des Kommandanten getrübt zu ſehen, da das jetzige Verhältniß ſo wohl⸗ thuend auf Ihr gedrücktes Gemüth zu wirken ſcheint. Deshalb aber eben kann und darf ich Ihnen nicht verhehlen, daß, ſo ſehr Ihnen der Oberſt auch zugethan iſt, der Neffe dagegen Ihnen keineswegs wohl will.“ „Meinen herzlichſten Dank für Ihre offene Mit⸗ theilung. Es iſt ſtets beſſer, klar zu ſehen, als im Dunkeln zu tappen und ſo ohne Willen Verſtöße zu machen—“ erwiderte Breiten leiſe, indem er Weimar die Hand reichte. An Erdulden gewöhnt und in der Kunſt, Erregungen zu verbergen, geſchickt, ſagte Breiten dieſe Worte ruhig. „Das iſt es eben, was auch ich dachte. Sie haben Iſabella als Kind gekannt und lieb gewonnen. Das offene Mädchen hat den vertraulichen Ton beibehalten, der einſt zwiſchen Ihnen Beiden auf Breitenfeld herrſchte; derſelbe bietet aber unter den jetzigen Verhältniſſen leicht Anlaß zu irgend welchen, wenn auch vielleicht unbegründeten Weiterungen. Sie daher in dieſer Beziehung klar ſehen zu machen, hielt ich für meine —— 95 Pflicht, und ich hoffe, daß Sie mir darüber nicht zürnen.“ „Im Gegentheil, ich bin Ihnen dankbar, denn ich geſtehe, daß ich bis jetzt nicht daran dachte, daß aus meinem offenen Benehmen Iſabella gegenüber Miß⸗ verſtändniſſe entſtehen könnten. Auch glaubte ich nicht, daß aus dem einſtigen Kinderſcherz Ernſt geworden, daß Iſabella wirklich die Verlobte ihres Vetters ſei.“ Er ſagte das ruhig, mit dem Beſtreben zu lächeln, aber ſeine Lippen zuckten, und die Hand, die er Weimar zum Abſchied reichte, war heiß. „Leben Sie wohl“ ſagte Weimar, indem er Breiten's Hand länger und feſter umſchloß, als es nöthig war. „Es iſt eine bittere Minute, die ich Ihnen bereitet, ich weiß es, aber zürnen Sie dem Freunde nicht, der es aufrichtig mit Ihnen meint, der herzlichen Antheil an Ihnen nimmt, der Ihnen eine noch bitterere Stunde erſparen wollte, eine Stunde, welche er erſt unlängſt ſelbſt erlebte, diejenige nämlich, der freundlich feſten Abweiſung des Kommandanten, der ſein Kind nur für den Sohn ſeines Bruders beſtimmt hat. Leben Sie wohl und vergeſſen Sie nicht, daß Ihnen in mir ein wahrer Freund lebt. Auf Wiederſehen— Gott be⸗ hüte Sie!“ Sie ſchieden. Breiten trat in ſeine Zelle. Weimar's 96 letzte Worte hatten ihn tief erſchüttert; er ſah nun klar. Auch Weimar hatte Iſabella geliebt und war von dem Kommandanten abgewieſen worden! Stand ihm nicht ein gleiches Loos bevor, wenn er es nicht ver⸗ ſtand, ſeine erwachten Gefühle für das ſchöne Mädchen zu bemeiſtern? Ihm, dem wohl ſtrebſamen, aber ver⸗ mögensloſen Künſtler gegenüber, würde der Kommandant ſich noch weniger ſcheuen, die harte Wahrheit zu ſagen, nachdem er es bei dem wohlhabenden Kaufmann ver⸗ mocht!. 3 Weimar fand bei ſeiner Rückkehr in den Salon die Geſellſchaft um noch einige Gäſte vermehrt. Man war fröhlich und heiter, nur Martha war einſilbig. Mit Breiten's Fortgehen ſchien ihre heitere Stimmung geſchwunden. Sie zog ſich auch bald, Ermüdung vor⸗ ſchützend, auf das mit Iſabella gemeinſchaftlich bewohnte Zimmer zurück. Es war dies ein trauliches, mit allem Luxus des Lebens ausgeſtattetes Gemach. Vernichtet, wie von einer großen Laſt beinahe erdrückt, ſank Martha in die weichen Polſter eines Fauteuils. Ihre zarten feinen Hände preßten ſich in einander, aus ihren ſanften, blauen Augen entſtürzten plötzlich Thränen.. „Mein Gott“, flüſterten ihre bebenden Lippen, „warum haſt Du mir dieſe Neigung in's Herz gelegt, 3 97 mir, dem armen von der Natur ſo vernachläßigten Geſchöpf! Kann ich denn je hoffen, daß dieſelbe er⸗ widert werde? Ich will nicht zum Geſpötte der Welt werden— Niemand ſoll ahnen, was in mir vorgeht — Niemand ſoll erfahren, daß das arme verkrüppelte Weſen ebenſo fühlt wie andere Mädchen!“ Sie trocknete die heißen Thränen, und ſagte ſich— ſelbſt, daß es Thorheit ſei, Anſprüche auf Glück zu machen, und doch verlangte ihr armes gequältes Herz jenes Glück mit allen Faſern ſeines Selbſt! Mit aller Kraft ſuchte das arme Geſchöpf gegen eine Neigung zu kämpfen, die in ihrer Bruſt für Breiten erwacht war. Das demüthigende Bewußtſein ihres körperlichen Gebrechens erdrückte ſie beinahe, und ſie ſuchte tapfer den Gram ihres Innern niederzukäm⸗ pfen; nur manchesmal überwältigte ſie die erwachte Leidenſchaft und ſie drohte zu erliegen. Dies war in dieſem Augenblicke der Fall. Das ganze Weh der bevorſtehenden Trennung ſtand vor ihr, und lange ſaß ſie ſo da in Träume verloren, die Hände gegen die Schläfe gedrückt, wie geiſtesabweſend in den lodernden offenen Kamin ſtarrend. Die leichten Schritte Iſabella's gaben ihr ihre Faſſung wieder. Das junge Mädchen trat in's Zimmer, nach⸗ A Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 7 5 98 dem es ſich von den fortgehenden Gäſten empfohlen hatte. Schon im Kloſter hatten die beiden Freundinnen die Gewohnheit angenommen, wenn ſie Abends in ihr gemeinſchaftliches Schlafzimmer kamen, noch eine kleine Weile zu plaudern. Dieſe Gewohnheit hatten ſie bei⸗ behalten, ſo oft der Zufall ſie zuſammen führte, und wie es im Kloſter die Zeit ihrer kleinen, ihnen aber ſo wichtig ſcheinenden Geſtändniſſe geweſen, ſo bildete dieſelbe jetzt die Ergüſſe ihrer Hoffnungen und Zukunfts⸗ pläne. 5 Es giebt wohl kaum etwas Lieblicheres, als ſolche Geſtändniſſe zweier jungen ſchuldloſen Herzen, und noch als Matrone blickt das weibliche Gemüth gerne auf dieſe entſchwundene Mädchenzeit zurück. An jenem Abende waren beide noch weniger als ſonſt zum Schlafen geneigt. Sie hatten das Kammer⸗ mädchen fortgeſchickt, und waren ſich nun gegenſeitig bei der Nachttoilette behülflich. Martha ſaß an dem kleinen, aber hellen Kamine des Zimmers, und Iſabella war damit beſchäftigt, ihr die langen, goldblonden, ſchweren Flechten zu löſen und für die Nacht zu ordnen, welche in reicher Fülle die armen, ent⸗ ſtellten Schultern wie mit einem goldenen Mantel überflutheten. —— 99 „ Es gab gewiß nie ſo ſchönes Haar“, ſagte Iſabella bewundernd. „Das Deine ausgenommen, theure Bella“, entgeg⸗ nete Martha mit lieblichem Lächeln. „Ach, nein, Martha, das Meine iſt ſo wild wie das meiner braunen Selma unten im Stalle,“ ſagte ſie ſcherzend. „Welcher Vergleich!“ meinte Martha lächelnd. „Wenn ich denke, daß ich Dein Haar heute zum letzten Male vielleicht für Jahre ordne, dann wird mir recht wehe dabei zu Muthe, Martha.“ „Nicht doch, Bella, die Zeit unſerer beiderſeitigen Trennung wird raſch vergehen; verſprachſt Du mir denn nicht, nächſten Winter zu uns zu kommen, in das ſonnige, heitere Cairo?“ „Gewiß, Martha, und doch iſt mir zu Muthe, als müſſe während jener Zeit ſich gar Vieles noch ereignen, was unſer Wiederſehen trübt, und ich wollte, Du bliebeſt hier bei uns.“ „Bella! Woher ſolch' düſtere Vermuthungen?“ erwiderte Martha beinahe erſchrocken über den tief⸗ traurigen Ton, den ſie an Iſabella ſo wenig gewöhnt war. „Ich weiß ſelbſt nicht, was mich zeitweiſe über⸗ fällt, aber mir iſt zuweilen, als könne es nicht ſo bleiben, wie es jetzt iſt.“ 100 „Das wird es auch nicht, mein ſüßes gutes Mädchen“, erwiderte Martha ſich umdrehend und beide Arme um die Freundin ſchlingend.„So wie es jetzt iſt, wird es freilich nicht bleiben. Ueber kurz oder lang wirſt Du als Theobald's Gattin ein neues Leben beginnen, und gewiß ein recht glückliches. Dann kommſt Du als junge Frau zu uns und wir wollen recht heiter mit einander ſein! Auch Dein Vater muß mitkommen und ſoll ſich von all' den Strapazen ſeines Dienſtes dann erholen. Weine daher nicht, meine theuere Bella“, fuhr Martha fort, ſelbſt beinahe weinend und zog die Freundin an ſich„die Trennung wird uns ja dadurch doppelt ſchwer, und Du weißt ja, daß ich fort muß, daß die Aerzte mir das milde Klima verordnet haben und daß ich ſonſt gewiß nicht fortginge.“ „Es iſt wahr, Du haſt Recht, Martha“, antwor⸗ tete die Tochter Alſing's mit der gewohnten raſch erwachenden Lebhaftigkeit, die ihr eigen war, ſich wie⸗ der ermunternd.„Es iſt thöricht von mir, ſolchen Gedanken nachzuhängen. Wir ſehen uns ja bald wieder und Du wirſt gewiß meine beſte Freundin auch in der Ferne bleiben, nicht wahr?“ „Wie magſt Du nur ſo fragen, Bella! Nichts kann meine Gefühle gegen Dich ändern. Daher fort mit allen düſtern Gedanken, die einer glücklichen Ver⸗ —4,— 8 —,— hüllen kann. Der Myrthenkranz muß von ächten wirk⸗ lobten ſo wenig zuſtehen. Wenn die Zeit herannaht, in welcher Du Theobald's Gattin wirſt, meine ſüße kleine Bella, dann werde ich trachten, zu Dir kommen zu können, werde Dir behülflich ſein bei Deiner Toilette, als Deine Brautjungfer.“ „Und wirſt mir den Myrthenkranz aufſetzen, nicht wahr, theuere Martha?“ unterbrach ſie hier Iſabella wieder heiterer werdend. „Du freuſt Dich auf dieſen Tag, nicht wahr, mein liebes Mädchen?“ ſagte Martha und ſtrich wehmuths⸗ voll mit ihrer weißen Hand über das dunkle glänzende Haar der Freundin, welche ſich auf ein kleines Kiſſen zu ihren Füßen niedergeſetzt hatte. „Wie ſollte ich nicht, Martha!“ rief Iſabella halb⸗ lachend.„Es muß ja wunderhübſch ſein, ſo im Braut⸗ anzuge dazuſtehen, mit dem wallenden Schleier im Haar, um welches der Myrthenkranz ſich ſchlingt. Schon tauſendmal habe ich mir überlegt, was für einen Stoff ich zu meinem Brautkleide wählen ſoll. Ob ſchwere weiße Seide, oder duftige Illuſion. Ich glaube Seide, und Papa muß mir einen ſchönen, ſchweren Stoff kaufen, den ich mit einer langen Schleppe tragen will. Der Schleier aber, der muß ſo lang und weit ſein, daß ich mich darin förmlich ein⸗ 102 lichen Myrthen ſein, dazu einige Blüthen von Orangen, die einen ſo herrlichen Geruch geben, und eben ein ſolches Bruſtbouquet. Meinſt Du nicht, Herzensmartha, daß ich in dieſem Anzuge ganz hübſch ausſehen werde?“ „Gewiß, mein theueres Mädchen“, ſagte Martha die Freundin liebkoſend,„nur wünſchte ich, daß Du über den Brautanzug nicht ganz auch den Bräutigam ſelbſt vergißt. Er iſt ja doch wohl die Hauptperſon, der Anzug die Nebenſache“. „Hu! wie altklug wieder!“ ſcherzte Iſabella,„aber warſt nicht gerade Du diejenige, die mich noch vor wenigen Minuten ermahnte, alle düſtern Gedanken bei Seite zu laſſen?“ „Sind denn die Gedanken an Deinen Bräutigam für Dich ſo düſterer Art?“ fragte Martha beſorgt. „Du haſt Recht, theuere Martha, es war ein un⸗ richtiger Ausdruck, den ich da gebrauchte, ich wollte mit dem Namen ‚düſter: nur etwas recht Ernſtes bezeichnen“, entgegnete Iſabella lachend. Noch lange plauderten ſie ſo zuſammen, bis ſie ſich endlich zu Bette begaben. Iſabella ſchlief bald ein, ungeachtet des Trennungsſchmerzes, der im Laufe des Abends ſie überwältigt hatte. Martha hingegen lag lange wach. Die Zukunft —— 103 ſtieg in trüben Bildern vor ihr auf, und das Loos der Entſagung laſtete ſchwer auf ihr. Wie wenig ahnte ſie damals, daß die drohende Wolke eines tra⸗ giſchen Geſchickes an die ſorgloſe Iſabella heranrückte, . deren Lebenshimmel noch ſo heiter glänzte, während ſie an ihr vorübergehen ſollte. Am folgenden Tage ſchieden die Freundinnen von einander. Kurz, aber ſchmerzlich war der Abſchied der Geſchwiſter von Karnſtein; ließen doch Beide dort ihr Lebensglück zurück! Sechstes Kapitel. Mädchenbriefe. Die Zeit ſchwand dahin, und bereits waren fünf Monate ſeit der Abreiſe Martha's und ihres Bruders nach Cairo verfloſſen. Die beiden Freundinnen ſchrie⸗ ben ſich häufig und namentlich Iſabella's Briefe ent⸗ hüllten deren ganzes Herz. „Ich wollte, Du wäreſt hier“, ſchrieb ſie in ihrem letzten Briefe,„und ich hätte nicht nöthig, ſo viel Pa⸗ pier zu verſchreiben. Es ſchreibt ſich nicht halb ſo gut als es ſich plaudern läßt. Daß Dir die milde Luft Egyptens ſo wohl thut, war mir lieb zu hören. Auch Papa freute ſich darüber und Breiten nimmt ſo viel Antheil an Dir, daß ich ſchon beinahe eiferſüchtig auf Dich Abweſende werde. Eiferſüchtig! Welch' komiſches Wort ich da geſchrieben habe, als ob ich ein Recht — 105 darauf hätte, auf Das eiferſüchtig zu ſein, was Breiten liebt. Ich bin und bleibe ein recht kindiſches Geſchöpf, trotzdem ich bereits verlobt bin. Theobald iſt in der Reſidenz, um für die Anſtellung als Feſtungsarzt auf Karnſtein den oberſten Behörden zu danken. Du glaubſt nicht, wie froh ich bin, daß Theobald nun in Karnſtein bleibt und ich mich von Papa nun nicht zu trennen brauche, wenn ich heirathe.“ „Mein Zeichnenunterricht bei Breiten nimmt ſeinen regelmäßigen Fortgang und ich habe ſchon viel durch ſeine Hilfe gelernt. Seit dem Beginn der wärmeren Jahreszeit zeichnen wir oben in der luftigen, kühlen Eremitage unſeres Gartens. Du erinnerſt Dich doch noch derſelben, mit ihrer netten kleinen Einrichtung aus Baumrinde? Ach! es zeichnet ſich ſo köſtlich da oben in der reinen, friſchen Luft, die zu den geöffneten Fenſtern hereinzieht, und wir plaudern ſo gemüthlich zu⸗ ſammen, daß wir ſelbſt kaum begreifen, wie die Stunde ſo ſchnell ſchon vorüber ſein kann, wenn Madame Blanchard ihr näſelndes„Mademoiselle, il rient de sonner cing heures— il est temps de finir pour aujourd'hui“ ertönen läßt. Ich glaube, ſo eine Gou⸗ vernante rückt den ganzen Tag an allen Uhren herum, damit die Zeit ſchneller verrinnt. Wir plaudern auch häufig von Dir, Martha, und Breiten thut dies ſehr 106 gern. Weißt Du, daß ich Papa zu Weihnachten über⸗ raſchen will, indem ich von Breiten mein Bild malen laſſe? Wie wird Papa ſich darüber freuen. Schon nächſte Woche während der Zeichnenſtunde ſoll meine erſte Sitzung gehalten werden, denn Breiten muß mich na⸗ türlich heimlich malen, daß Papa nichts erfährt, und das kann nur während der Zeichenſtunde der Fall ſein.“ „Du fragſt mich in Deinem letzten Schreiben, ob ich viel leſe? Mehr als jemals. Da habe ich zufällig neulich in Papa's Arbeitszimmer ein ganz neu erſchie⸗ nenes Buch gefunden, welches der Buchhändler Papa geſchickt hat. Es lag noch unaufgeſchnitten auf dem Tiſch; ich blätterte darin und fand gleich eine Stelle, die mir ausnehmend gut gefiel, und ſeit jener Zeit bildet das Buch meine Lieblingslectüre, wie dies früher mit Anderſen's Mährchen der Fall war, die Breiten mir ſandte. Es heißt:„Charlotte Ackermann“ und behandelt das Leben dieſer einſt ſo geiſtreichen wie lie⸗ benswürdigen Schauſpielerin. Wie ſchön muß doch das Leben einer großen Künſtlerin ſein, welche das Publikum zu ſolchem Enthuſiasmus hinzureißen ver⸗ ſteht, wie dieſe Charlotte Ackermann es gethan hat! Dabei blieb ſie aber trotz ihrer Kunſt die liebende zärt⸗ liche Tochter gegen ihre Mutter. Ich glaube, ſo würde 4 3 107 ich auch ſein, wäre ich Künſtlerin. Mein Herzenspapa und Du, liebe Martha, Ihr bliebet mir die Liebſten auf der Welt. Schade, daß meine Stimme weder zum Singen, noch zum Declamiren taugt, ich fürchte bei⸗ nahe, ich wäre ſonſt Schauſpielerin oder Sängerin, anſtatt meines Vetters Frau geworden!“ „Wer Breiten nur meine Verlobung mit Theobald mitgetheilt haben mag? Erſt neulich ſprach er davon, und ich muß recht einfältig dabei ausgeſehen haben, denn es war mir gar nicht recht, daß er es wußte. Wenn Papa ſchon wünſcht, daß unſere Verlobung ge⸗ heim bleibt, ſo ſoll ſte es auch ganz bleiben! Ob er 3 es wohl bemerkt haben mag, daß ich mich geärgert? Ich trug an jenem Tage gerade mein blaues Kleid, das mir ſonſt recht gut ſteht, aber ich war ſo ärger⸗ lich, daß ich kaum glaube hübſch ausgeſehen zu haben. Aber da ſchlägt es vier Uhr, ich muß in die Eremitage hinauf; ſpäter mehr.“ Und Iſabella flog hinauf in die ſonnige kühle Einſiedelei, in welcher Breiten auf ſeine Schülerin be⸗ 3 reits wartete, da er vom Feſtungsberg herab den naäheren Weg in den Garten des Kommandanten ein⸗ geſchlagen hatte. In einiger Entfernung ſtand ſeine Wache und mahnte ihn ſelbſt hier oben, daß er nichts Anderes als ein armer Staatsgefangener ſei, dem es 21 108 nicht erlaubt war, auch nur eine kleine, kurze Stunde ſich als freier Mann zu fühlen. Der Umgang mit den„freien Männern“ war es ja, den er hier büßte und die mißverſtandene Freiheit hielt zu Karnſtein ſo Viele unter Schloß und Riegel. 3 Gelangweilt, mit aufgepflanztem Bajonett machte die Schildwache ihre Promenade an der Langſeite der Eremitage und ſah zuweilen hinüber nach dem Feſtungs⸗ berg, als wolle ſie von dorther Erlöſung ihres lang⸗ weiligen Poſtens ſuchen. Es iſt ein ſonniger warmer Sommertag und die hohen Bäume rings um die Einſiedelei ſpenden kühle erfriſchende Schatten. 4 Breiten ordnet die Bleiſtifte und Kreiden, und rückt das Papier zurecht. In dieſem Augenblicke tritt Iſa⸗ bella ein, erhitzt vom raſchen Laufen und außer Athem. Sie hatte gefürchtet, auch nur eine Minute von ihrer koſtbaren Zeichenſtunde zu verlieren, von jener Stunde, welche den Wendepunkt ihres jungen Lebens bildete, das Erwachen eines Herzens in ſich barg, das bis jetzt ſich ſelbſt noch unbewußt geblieben in ſeinen 3 3 Träumen! „Sie warten gewiß ſchon lange“, ſagte ſie freund⸗ lich, indem ſie ſich ſetzte und Breiten ihr die Bleiſtifte reichte,„ich ſchrieb an Martha und verſäumte dadurch 109 die Zeit. Wiſſen Sie, daß ich auch über Sie geſchrie⸗ ben habe?“ „Ueber mich?“ fragte Breiten, und fühlte wie das Blut ihm bei dieſer Frage heiß aufwallte. „Nun, wundert Sie denn das? Ich nehme ja doch innigen Antheil an Ihnen, und Martha thut dies auch, weshalb ſollten wir nicht über Sie in unſern Briefen reden.“ „Sie ſind zu gütig, ich verdiene nicht ſo viel Theil⸗ nahme. Aber ſehen Sie, hier die Blätter dieſes Bau⸗ mes, an welchem Sie ſoeben zeichnen, ſind zu ſcharf ſtraffirt.“ „Dann ſind Sie wohl ſo freundlich und beſſern ſie aus, nicht wahr?“ ſagte ſie. Breiten beugte ſich über des jungen Mädchens Stuhl nahe an die Staffelei hin, an welcher ſie zeich⸗ nete. Sein Haar berührte beinahe das ihre, ihr reiner Athem ſtreifte ſeine Wange. Eine nie gekannte Angſt und Qual preßte ihm das Herz zuſammen, und er fühlte es, er müſſe Abſchied nehmen von dem namen⸗ loſen Reiz dieſer friedlichen Zeichnenſtunden, wenn er ſich nicht ſelbſt verachten wolle. „Wo iſt heute Madame Blanchard?“ fragte er, ſich wieder aufrichtend, mit beinahe beklommener Stimme. Dem jungen, ehrlichen Mann entging es nicht, daß im Alleinſein mit dem ſchönen Mädchen er unmöglich ſich für die Länge der Zeit werde beherrſchen, ihr ſeine Gefühle nicht völlig werde verbergen können. „Vermiſſen Sie Madame Blanchard's ſchiefen Scheitel?“ ſagte Iſabella lachend,„das geſchieht mir nun niemals. Aber, da iſt ſie ja ſchon.“ Wirklich zeigte ſich die dicke Geſtalt der Gouver⸗ nante unter der Thür; ſie hatte ſich bei ihrem Nach⸗ mittagsſchläfchen etwas verſpätet. Erleichtert athmete Breiten auf, und die Zeichenſtunde nahm ihren Fort⸗ gang. Aber jede Woche brachte die ſonnigen Tage unge⸗ ſtörten Beiſammenſeins, und vergebens ſuchte Breiten nach einem Vorwande, ihnen zu entgehen; leider immer vergebens. Wo der Pulsſchlag des Herzens gebieteriſch klopft, da predigt die kalte Vernunft umſonſt! Er malte ihr Bild heimlich für den Vater. Er ſaß ihr gegenüber, er durfte ſie betrachten ſo lange er wollte, durfte jeden Zug ihres feinen Geſichtes wieder⸗ geben. Und je klarer ihr Bild auf der Leinwand her⸗ vortrat, deſto tiefer und inniger drang es in das un⸗ verdorbene Herz des jungen Mannes. Verlockend und bethörend wirkten die dunklen Augenſterne Iſabella's auf ihn ein, und wenn ihr rother Mund von Dieſem 414. V und Jenem plauderte, ihm in ihrer ſorgloſen Art er⸗ zählte, dann ſprang er manchmal wohl plötzlich auf von ſeiner Staffelei, denn ein Wort genügte meiſtens, . ihn in die Wirklichkeit zurückzurufen, ihn zu erinnern, daß Iſabella die verlobte Braut eines Andern ſei. Und er ward dann kalt und einſilbig, während ihr kleines unſchuldiges Herz in ungekanntem Weh pochte und ihre Briefe an Martha nach ſolchen Tagen trau⸗ riger und kürzer wurden. Aber es kamen dann wie⸗ der ſonnige Tag voll Glück, und ohne daß noch ein Wort des Geſtändniſſes über ihre Lippen gekommen, fühlten Beide, daß ſie einander unſäglich theuerer wur⸗ — den mit jeder Stunde ihres jungen Lebens. Ihr großes Bild war beinahe vollendet. Im Für⸗ ſtenthurm oben malte er kleinere Skizzen für ihr Al⸗ bum, um einen dankbaren Blick, ein Lächeln ihres Mundes zu erhaſchen. Wie in einem fröhlichen, heiteren Traume lebte Iſabella dahin. Die Abweſenheit ihres Bräutigams, die ſich auf Wochen ausdehnte, ließ dem jungen Mädchen die wich⸗ tigſte Periode ihres Lebens, ihre Verlobung mit Theo⸗ bald nur als eine Fortſetzung der Freuden ihres Mäd⸗ chenlebens betrachten. Iſabella ſah in der Ehe ja nur — 112 das Mittel, dem entſetzlichſten Uebel, das junge Mädchen kennen, dem Unverheirathetbleiben zu entgehen. Eine alte Jungfrau war für ſie etwas Schauerliches, Un⸗ begreifliches, und voll tiefen Mitleids ſah ſie ſolch' bleichen, ſtillen Geſtalten nach, und konnte deren hei⸗ teres Lachen kaum begreifen. Was ihr Verhältniß zu ihrem Vetter betraf, ſo war Iſabella noch niemals zum eigentlichen Nachdenken über daſſelbe gekommen. Die beſte Rathgeberin, die Mutter, fehlte ja dem jun⸗ gen Mädchen, das ſich ſelbſt nicht klar wurde. „Seit meinem letzten Briefe an Dich“, ſchrieb Iſabella in ſpäterer Zeit an die ferne Freundin,„hat ſich Manches verändert, und Madame Blanchard ſagt ſelbſt, ich ſei eine Andere geworden. Ich fühle das auch, weiß Dir den Grund dafür jedoch nicht anzu⸗ geben Ich meine, ich werde geſetzter, und die garſtige alte Blanchard ſagt, es ſei dies die höchſte Zeit. Theo⸗ bald ſchreibt mir ſehr oft, und bevor er Karnſtein ver⸗ ließ, denke Dir nur, Martha, wollte er mich zum Ab⸗ ſchied küſſen. Als ob ich Theobald mit ſeinem gar⸗ ſtigen Barte je küſſen könnte! So etwas lieſt ſich in Romanen wohl recht hübſch, aber in der Wirklichkeit? Nein, ich könnte meinen Vetter nicht küſſen! Ich weiß ſelbſt nicht, woher es kommt, daß ich ſo oft gar nicht mit einen Anſicht en übereinſtimme, und oft frage ich mich, 113 ob Theobald mich auch lieben würde, wenn ich ein vermögensloſes Mädchen wäre.“ „Mein Bild für Papa ſoll morgen vollendet wer⸗ den. Du würdeſt über die wunderbare Aehnlichkeit deſſelben ſtaunen. Breiten muß wohl ein großer Künſt⸗ ler ſein, daß er meine unbedeutenden Geſichtszüge ſo ähnlich wiederzugeben vermochte! Mein Vetter kehrt bald nach Karnſtein zurück und wird alsdann ſeine neue Anſtellung als Gefängnißarzt antreten. Weißt Du, Martha, daß ich niemals auf den Gedanken ver⸗ fallen wäre, Theobald zu heirathen, wenn Papa dies nicht für mich gethan haben würde? Aber wie viel Thörichtes ſchreibe ich heute wieder. Verzeihe mir und behalte lieb Deine Iſabella.“ Am folgenden Nachmittag kam Breiten nach der Eremitage, um an Iſabella's Bild die letzte Hand an⸗ zulegen. Madame Blanchard war dieſes Mal nicht zugegen. Ein nervöſer Kopfſchmerz hatte die liebens⸗ würdige D Dame bereits den ganzen Tag gepeinigt, und ſie genöthigt, ſich zu Bett zu legen. Die Luft draußen war drückend heiß und ein Gewitter im Anzuge. In der Einſiedelei hingegen war es lauſchig und kühl. Der Duft von Roſen und Jas⸗ min drang durch die geöffneten Fenſter herein, indeſſen ſchwere bleigraue Wolken am Himmel hingen, von reSß; 8 Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 8 114 blendend weißen Rändern umſäumt. Ein glühend brennender Sonnenſtrahl ſtahl ſich ſoeben durch das Gewölk und fiel auf Iſabella's Bild, an welchem Breiten die Roſe im ſchwarzen Haare malte. Er ſah das Bild an, es war beinahe vollendet. Voll unſagbaren ſchel⸗ miſchen Liebreizes blickte ihm das geliebte Antlitz ent⸗ gegen, und eine niemals gekannte Angſt und Qual preßte ihm das Herz zuſammen, und wie ſchon unzäh⸗ lige Male, ſagte er ſich auch jetzt, daß er Abſchied neh⸗ men müſſe von dieſen Stunden ſeligen Beiſammenſeins! Dumpf grollte der Donner in der Ferne und ſie ſprachen miteinander, herzlich, gefühlvoll. Iſabella ſprach von Breitenfeld und nannte Breiten's Heimath ſchön. Obwohl er ſeiner Heimath fremd geworden war, vermochte er es doch nie, ſeine Gedanken ganz loszureißen von dem Fleckchen Erde, auf dem er das Licht der Welt erblickt, an das ſich die erſten ſchwa⸗ chen Erinnerungen ſeiner Kindheit knüpften. „Erinnern Sie ſich jenes Tages vor jetzt vier Jahren, wo ich oben auf der Ruine mich ſo ſehr vor dem Gewitter fürchtete?“ meinte Iſabella lächelnd. Und ob er ſich jenes Tages erinnerte, mit jeder Faſer ſeines Herzens! Wie viel hatte ſich ſeit jener Zeit verändert! „Papa fand in ſpäterer Zeit in einer Kunſtaus⸗ ————— ———¼ yÿ— — 415 ſtellung zu Innsbruck ein Gemälde,„Die Furcht vor dem Gewitter“ und behauptete damals, ſo müſſe ich oben auf der Ruine ausgeſehen haben. Das Gemälde ge⸗ fiel ihm ſo gut, daß er es kaufte. Es hängt oben in ſeinem Arbeitszimmer. Ein gewiſſer Reinhold hat es gemalt.“ „Dann beſitzt ja der Herr Oberſt bereits ein Bild von Ihnen“, meinte Breiten lächelnd. „Von mir? Wie wäre das möglich?“ fragte er⸗ ſtaunt Iſabella. „Weil Sie das kleine Mädchen ſind, das auf dem hohen Berge oben ſich vor dem Gewitter fürchtet.“ „Ich? Sie ſcherzen, ich bin dem Maler Reinhold ja doch niemals zu dieſem Gemälde geſeſſen; kenne ihn ja gar nicht!“ antwortete lachend das junge Mädchen. „Doch, Sie kennen den Maler Reinhold, denn, ich ſelbſt bin es“, ſagte Breiten, von ſeinen Rücker⸗ innerungen mit fortgeriſſen. „Sie?— Sie— malten das Bild und ich— ich bin wirklich das kleine Mädchen?“ fragte Iſabella mit holdem Zweifel und das Erröthen der Freude breitete ſich über ihr liebliches Geſicht. „Zürnen Sie mir deshalb, Iſabella?“ fragte er in weichem flehendem Tone, und noch beredter flehten die dunkelblauen flammenden Augen. 8* *₰ 1 ——— —————— y—— 8 116 „Ihnen zürnen? Wie könnte ich das!“ erwiderte ſie einfach und offen, und erhob ihre großen Augen zu ihm, während ein ſanftes Erröthen ihre Wangen bedeckte.—. Sie ſchwiegen. Aber es war ein Schweigen, un⸗ endlich beredter als tauſend Zungen. „Aber wie konnten Sie mein Bild ſo aus dem Gedächtniß malen?“ fragte ſie endlich. „Wie? Weil das kleine Mädchen von damals ſich feſt in mein Gedächtniß eingeprägt hatte, Fräulein Iſabella.“ „Wiſſen Sie, daß ich Ihnen jetzt beinahe zürnen könnte“, ſagte ſie in holdem Trotz,„weshalb nennen Sie mich denn in letzter Zeit ſo oft Fräulein Iſabella, und nicht wie ſonſt blos Iſabella. Er ſtand auf, denn das Bild war nun vollendet und trat zu ihr heran. „Weil unſer gegenſeitiger vertrauensvoller Ver⸗ kehr von nun an ein anderer werden muß“, ſagte er ernſt, „und wir deshalb auch die äußeren Formen ſtrenger beobachten müſſen. Ihre Freundſchaft, Fräulein Iſa⸗ bella, war mir ſtets ein köſtliches Gut, aber Sie ſind die Verlobte Ihres Vetters und dieſer gegenüber ſteht es mir nicht zu, die vertrauliche Anrede von einſtmals beizubehalten.“ „Sie wollen alſo unſere Freundſchaft verleugnen, vergeſſen und mich auffordern, ein Gleiches zu thun? Aber ich werde Ihnen nicht gehorchen, wiſſen Sie das?“ ſagte das junge Mädchen, und die großen ſchwarzen Augen, mit welchen es zu dem Jugendfreunde empor⸗ blickte, ſtanden voll Thränen.. 3 „Nein, Iſabella, das iſt es nicht, was ich fordere“, erwiderte der junge Mann, ſeiner Gefühle kaum mehr mächtig.„Im Gegentheil, nie im Leben ſollen Sie einen treueren Freund haben als mich“, fuhr er fort, und drückte die kleine, weiße Hand innig an ſeine brennenden Lippen. Einen Moment war es ihm, als müſſe er ſeinen Arm um die zarte, weiche Geſtalt ſchlin⸗ gen und ſie an ſein Herz drücken. Aber ſein Pflichtgefühl gegen die verlobte Braut eines Andern erwachte. Er ließ die kleine Hand wieder los; im nächſten Augen⸗ blick war Iſabella allein, er hatte die Eremitage ver⸗ laſſen. Iſabella trat an's Fenſter und ſah hinaus nach dem blühenden, grünenden Garten. Ihre Gedanken trugen ſie weit hinweg und doch wieder ſo nahe, zu dem geliebten Jugendfreund, welcher ſie ſoeben ver⸗ laſſen. An die Fenſterbrüſtung gelehnt, die Wange in die Hand geſtützt, zog es plötzlich wie ein lichter Traum durch ihre unbefangene junge Seele. Ihr Herz war erfüllt von dem Gedanken an ihn, von dem ſie fühlte, daß er ihr unſäglich theuer geworden war, daß ihre gegenſeitige Freundſchaft eine wärmere, tiefere Empfin⸗ dung angenommen. Eine Welt voll Sonnenſchein er⸗ öffnete ſich ihr und ein Glück, eben ſo rein als voll⸗ kommen, that ſich ihr auf. Ihr junges Herz war er⸗ wacht— ſie liebte! Glückliches Mädchenherz, dem in ſeiner Unerfahren⸗ heit die erſte Liebe als der Begriff eines dauernden Glückes erſcheint! Wie lange ſie ſo dageſtanden, wußte ſie nicht. Zum erſten Male in ihrem Leben hatte Iſabella ihrer Umgebung nicht geachtet. Da öffnete ſich hinter ihr leiſe die Thür. Bei dem Winde, welcher ſich ſeit einigen Minuten erhoben, traf dabei ein ſcharfer Luftzug die Stirn des jungen Mädchens, und klirrend fielen die buntbemalten Glas⸗ ſcheiben des Fenſterflügels, an welchem Iſabella geſtan⸗ den, zu Boden. Mit erſchrecktem Ausdruck ſah das junge Mädchen ſich um, und ſchauerte leicht zuſammen, als ſie die Geſtalt ihres von der Reiſe ſo eben zurück⸗ ggekehrten Verlobten neben ſich erblickte. Aus dem Traume des Glückes erwachte Iſabella zur nackten Wirklichkeit. 119 ρ „Theobald, Du biſt zurück von Deiner Reiſe?“ ſtammelte ſie beſtürzt. „Ja, meine theuere Iſabella, und ich hoffe, Du freuſt Dich doch meiner unerwarteten Rückkunft?“ „Gewiß“, antwortete ſie und legte ihren Arm in den ſeinen, um mit ihm die Eremitage zu verlaſſen. An jenem Abende lag jedoch wenig in dem Be⸗ nehmen des jungen Mädchens, was dieſe Worte ge⸗ rechtfertigt hätte. Als Theobald nach dem eingenom⸗ menen Familienthee ſeinen Stuhl zu dem ihren rückte, um mit ihr jene flüſternde, für Verlobte ſonſt ſo be⸗ deutungsreiche Unterhaltung zu beginnen, blieb Iſa⸗ bella ruhig und kalt, und mit deutlichen, klaren Wor⸗ ten gab ſie ihm Antwort, um gleichſam ſeinem leiſen Flüſtern zu widerſprechen. Aber auch in ſeinem Be⸗ nehmen lag etwas, was eine beſorgte Mutter ängſtlich gemacht haben würde. Eine Wolke lag auf des jungen Arztes Stirn; ſeine Lippen erbebten zeitweiſe wie im Hohn, oder ſie preßten ſich aufeinander wie in unter⸗ drückter Leidenſchaft. Selbſt in dem Ausdruck der Freude, mit welchem er ihrer Verbindung gedachte, lag Erregung, die ebenſowenig der wahren Leidenſchaft eines Liebenden glich, als Iſabella's unbewußte Kälte der Stimmung einer glücklichen Braut. Der Kommandant, der unweit von den Beiden ſaß, und über ſeine Zeitung zeitweiſe hinüber nach ihnen blickte, bemerkte nichts. Dem biederen Soldaten täuſchte die Oberfläche des Benehmens Beider, und er gab ſich gern dieſer Täuſchung hin. Mit Spannung hatte er ſeit Jahren das vorwärts ſchreitende Einver⸗ nehmen der Beiden verfolgt und freute ſich nun des ſcheinbar ſicheren Erfolges. Seit jenem Tage war Iſabella eine Andere. Das Kind war zur Jungfrau erwacht, die in dem vollen Glanze ihres Glückes an kein Hinderniß denkt, und ſich der Gegenliebe deſſen vollſtändig ſicher wähnt, dem ſie ihr junges Herz geſchenkt. Mit der vollen Gewalt eines jungen unverdorbenen Gemüthes liebte ſie den jungen Gefangenen. Das junge Mädchen war ſtets ein wunderliches Kind geweſen, voll räthſelhafter Launen und Einfälle, und man hatte ihr in Allem den Willen gelaſſen. Sie dachte daher nicht im Entfernteſten daran, daß dies je anders werden könnte und freute ſich des Augen⸗ blickes, in welchem ſie, Breiten's Gegenliebe ſicher, dem Vater ſich eröffnen wolle. Ihre kindliche Ausgelaſſen⸗ heit machte einem ſtillen, träumeriſchen Weſen Platz, und ihr keckes, unbefangenes Auftreten verwandelte ſich in Güte und Nachſicht gegen Andere. Gegen Theo⸗ bald bemühte ſie ſich ſogar ſo licbevoll als möglich 1241 zu erſcheinen, als wolle ſie ihm von vornherein den Schmerz vergüten, den ſie ihm über kurz oder lang zufügen müſſe. Niemand war aber glücklicher als der Komman⸗ dant. Er war niemals nachſichtiger gegen ſein Kind geweſen als jetzt, wo es ja im Begriff ſtand, ſeinen Lieblingswunſch zu erfüllen, Theobald's Gattin zu wer⸗ den. Den Vätern fehlt namentlich in Herzensange⸗ legenheiten der Scharfblick der Mütter, und ſo erging es auch Alſing. Seines Kindes verändertes Benehmen hielt er für die Folgen ihrer Verlobung und freute ſich derſelben. Nicht ſo Theobald! Seinem Auge entging das träumeriſche Hinſtarren Iſabella's nicht, wenn ſie ſich unbeoachtet glaubte, und er wußte nur zu genau, daß ihre Gedanken mit andern Dingen als mit ſeiner Ge⸗ genwart beſchäftigt waren. Wenn ſein Blick in ſolchen Momenten dem ihrigen begegnete, ſo erröthete ſie und bemühte ſich ſichtlich, ihre Zerſtreutheit zu verbergen, und nie war ſie dann liebenswürdiger gegen den Ver⸗ lobten. Es war Theobald auch nicht entgangen, wie Iſabella erblaßte, als man ihr eines Tages erzählte, Breiten ſei an einer leichten Erkältung erkrankt, und noch niemals war ſie beſorgter um einen Gefangenen ihres Vaters geweſen als in jener Zeit, wo ſie beinahe dem Schickſal zürnte, kein kleines Mädchen mehr zu ſein, um, wie einſtmals, den Vater in die Zellen der Gefangenen begleiten zu dürfen. Noch vor kurzer Zeit konnte ſie ſich keine Rechen⸗ ſchaft geben von der Veränderung ihres Weſens, jetzt wußte ſie dieſelbe zu deuten. Sie liebte den Gefange⸗ nen ihres Vaters heiß und innig, und ihre lebhafte Phantaſie gab ihr eine um ſo mächtigere Anregung in dem Umſtande und den eigenthümlichen Verhält⸗ niſſen, unter denen ſie nach Jahren ihm wieder begeg⸗ net war. „Ach, Martha“, ſchrieb ſie unter Anderm eines Tages an die Freundin,„Du beklagſt Dich, daß ich Dir in letzterer Zeit weniger ſchreibe, und Du glaubſt meine Nachläſſigkeit Vergnügungen zuſchieben zu müſſen. Du hätteſt etwas Beſſeres für mich ausſinnen ſollen. Aber wie kannſt Du es c, da Du nicht hier biſt und nicht weißt, wie mein ganzes Weſen nur von einem Gegenſtande erfüllt iſt! Ich ſagte Dir in einem meiner Briefe, ich ſei in letzter Zeit eine Andere geworden, es ſei eine Veränderung mit mir vorgegangen! Nun wohlan, Du ſollſt die Urſache dieſer Veränderung er⸗ fahren, obgleich ich ſie mir kaum ſelbſt einzugeſtehen wage. Nicht Dich habe ich vergeſſen, meine theuere Martha, noch die glücklichen Stunden, die wir zuſam⸗ men verlebt, und eben weil ich Dich nicht vergaß, ſo wollte ich, Du wäreſt hier und ich könnte mein Geſicht an Deiner Bruſt verbergen und Dir leiſe, ganz leiſe ſagen, daß— daß ich— ich meine, daß Breiten ſehr anziehend für mich geworden iſt, und daß ich erröthe und einfältig ausſehe, wenn er zugegen iſt, was jetzt lange, lange, volle vier Wochen nicht der Fall war, da er krank zu Bette lag. Ich war darüber ſehr trau⸗ rig, und in der ganzen Zeit dachte ich darüber nach, daß, wenn er es für gut finden ſollte, um mich bei Papa anzuhalten, es mir viel, viel lieber wäre, als wenn ich Theobald's Gattin werden müßte. Der arme Theobald! Wie wird er erſchrecken, wenn er erfährt, daß Breiten um mich angehalten hat!“ „Aber wann wird er um mich anhalten? Dieſe Frage, theuerſte Martha, ſtelle ich mir unzählige Male, ohne ſie mir beantworten zu können. Um Dir die volle Wahrheit zu ſagen, Breiten hat noch durch kein Wort angedeutet, daß er mich liebt und doch glaube ich es, muß es glauben, wenn nicht ſeine Blicke lügen. Papa, der beſſer als je ausſieht und täglich jünger wird, iſt ſehr freundlich gegen mich. Ich weiß nicht, ob er etwas ahnt, aber ſo viel iſt gewiß, daß ich mich keinen Augen⸗ blick fürchte, Papa für mich zu gewinnen, wenn nur— wenn nur Breiten ſich erklärt. Siehſt Du, daß Du +— 124 jetzt Unrecht gehabt haſt, Dich über meine Correſpon⸗ denz zu beklagen! Gott ſegne Dich und behüte Dich, theuere Martha; es küßt Dich Deine Iſabella.“ Eine trübe gewitterſchwere Wolke hatte ſich über das Haus des Kommandanten gelagert, eine Wolke, gefüllt mit den Giftdünſten der menſchlichen Bosheit. Wie aus heiterem Himmel war ſie plötzlich niederge⸗ fahren, ohne daß man ihr Entſtehen enträthſeln konnte. Eine Woche nach Iſabella's letztem Schreiben an Mar⸗ tha erhielt der Kommandant von Karnſtein ein Schrei⸗ ben von der oberſten Militärbehörde zu Innsbruck, in welchem ihm in harten, kalten Worten angedeutet wurde, ſein bisheriges Verhalten gegen die politiſchen Sträflinge ſei ein gänzlich ungerechtfertigtes, von der oberſten Behörde auf's Strengſte mißbilligtes, und er habe daſſelbe zu ändern, die zeitweiligen Privatbeſuche der politiſchen Sträflinge in ſeinem Hauſe einzuſtellen, und ſich überhaupt nach Innsbruck zu begeben, um dort Rechenſchaft über ſeine ſeitherige Handlungsweiſe ab⸗ zulegen. So lautete der ſtrenge, gemeſſene Befehl, dem un⸗ verzüglich gehorcht werden mußte. Alſing reiſte daher ſogleich ab, mit ſchwererem Herzen als dies ſeit Jahren 3 bei ihm der Fall geweſen. Mit einer gewiſſen Beklom 125 menheit fragte der biedere Soldat ſich immer wieder und wieder, wem er dieſe Denunciation zu danken habe. Er hatte bis jetzt noch ſtets ſeiner Pflicht Ge⸗ nüge geleiſtet; es mußte daher mehr als kränkend für ihn ſein, einem Schulknaben gleich behandelt zu werden. In der Provinzialhauptſtadt angelangt, war es ihm freilich ein Leichtes, ſich zu rechtfertigen, ſeinen Feinden gegenüber zu triumphiren, und gerechtfertigt kehrte er denn auch zurück. Leider war es ihm nicht gelungen, den heimtückiſchen Denuncianten zu erforſchen, und nur ein Anhaltspunkt blieb ihm, nämlich des Landrichters von Karnſtein mißliebige Aeußerungen über ihn, die Alſing ſchon in früherer Zeit zu Ohren gekommen waren. Obgleich es dem Kommandanten von Karnſtein nun ein Leichtes geweſen wäre, ſich zu rächen, ſo lag dies nicht in dem ehrenhaften, biederen Charakter des alten Soldaten. Durch dieſen Vorfall ward er indeſſen ſeiner Stellung überdrüſſig und er beſchloß, mit Beginn des kommenden Jahres ſeine Entlaſſung aus dem Dienſte einzureichen und ſich in's Privatleben zurückzuziehen. Bis dahin aber galt es, der Pflicht Genüge zu leiſten und wenn auch die trübe Wolke, welche Böswilligkeit der Menſchen heraufbeſchworen, ſich wieder geklärt hatte, galt es doch, ihr Wiedererſcheinen hintenan zu halten. Dazu bedurfte es vor Allem der Befolgung der ſtren⸗ geren Maßregeln, die ihm in Behandlung ſeiner poli⸗ tiſchen Sträflinge anbefohlen worden, und mit ſchwe⸗ rem Herzen ging der biedere, gute Kommandant an's Werk. Die Einrichtung der Zellen ward verringert, ver⸗ einfacht, die Wache vor denſelben verdoppelt, wie um ein Entrinnen unter der Leitung des guten, warmfüh⸗ lenden Kommandanten für immer unmöglich zu machen. Was aber die Hauptſache war, das humane Verfahren Alſing's mußte aufhören. Mit ſchwerem Herzen eröff⸗ nete der Kommandant Breiten, daß ſeine Beſuche in ſeinem Hauſe aufhören müßten. Es war an einem Abende nach der üblichen Kerkerviſitation, daß Alſing bei ſeinem Gefangenen eintrat, und ihm mit milden Worten den ihm gewordenen, ſtrengen Befehl mittheilte. Obgleich der junge Mann ſich täglich während ſeiner fortſchreitenden Geneſung ſelbſt geſagt hatte, daß er Iſabella, das Haus ihres Vaters meiden müſſe, wenn er ſich der Güte ſeines Kommandanten nicht un⸗ werth zeigen wolle und ſogar auf Mittel und Wege ſann, dies ohne Verſtoß gegen das freundliche, zuvor⸗ kommende Benehmen dieſer beiden vortrefflichen Men⸗ ſchen zu thun, ſo kam ihm die unerwartete Eröffnung doch wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel und ſelbſt 127 die Milde Alſing's konnte ſie ihm nicht in günſtigerem Lichte erſcheinen laſſen. Zum erſten Male nach langer Zeit fühlte er ſich wieder als Gefangener, als die einzigen Lichtblicke, die ſeine Haft ihm erleichtert hatten, nun geſchwunden waren. Das Raſſeln der Schlöſſer an ſeiner Thür erſchien ihm unheimlicher als je, und der monotone, auf dem Steinpflaſter des Corridors doppelt hörbare Schritt der Schildwache regte ihn auf. Die Schläge der Thurmglocke des Gefangenhauſes trafen von nun an ſein Ohr mit entſetzlicher Klarheit, um ihn ſtünd⸗ lich daran zu mahnen, daß die Zeit für den Gefange⸗ nen nur auf Krücken gehe. In ſeiner fieberhaft aufge⸗ regten Phantaſie ſuchte er nur nach Einem, nach dem Namen des Denuncianten, der ihm dies neue Leid zugezogen. Und er glaubte ihn gefunden zu haben in Theo⸗ bald Alſing, dem Neffen des Kommandanten! Ohne es eigentlich ſelbſt zu wollen, waltete von jeher in Breiten eine ungünſtige Stimmung gegen den Neffen Alſing's vor, und Weimar's Aeußerungen über Theobald's Charakter, den er nicht als offen und auf⸗ richtig erklärte, gaben dieſer Stimmung neue Nahrung. Ueberdies war das Geheimniß ſeines Herzens, ſeine Liebe zu Iſabella, Breiten erſt recht klar und deut⸗ 128 lich geworden, als peinigende Eiferſucht auf den Ver⸗ lobten ſich ſeiner bemeiſterte. Und hatte nicht Weimar ihn damals gewarnt vor Theobald, ihm nicht geſagt, daß der Neffe des Kom⸗ mandanten ihm nicht wohl wolle? Ja! nur er konnte es ſein, dem ſeine Beſuche im Hauſe des Onkels zum Anſtoß wurden, der auf geheimen Wegen die Denun⸗ ciation eingeleitet. Düſter und trübe ſchlich nun die Zeit dahin. Selbſt das Wetter hatte ſich geändert und einem nebligen Herbſte Platz gemacht. Auch für Iſabella verging die Zeit nicht in gewohnter Schnelle, auch auf ihr laſtete durch die Anklage ihres geliebten Vaters ein peinigender Druck, und ſie freute ſich der Zeit, wo er dieſen Dienſt auf⸗ geben und ſich in das Privatleben zurückziehen werde. In dieſer Stimmung kamen auch ihre Briefe an Martha zum Ausdruck. 1 „Martha, ich bin traurig“, ſchrieb ſie.„Mir iſt der Kopf ſchwer, und meine Pulſe klopfen. Sowie ich Dir ſchon neulich ſchrieb, iſt eine abſcheuliche Denun⸗ ciation gegen Papa angezettelt worden, gegen meinen guten, armen Herzenspapa, der es mit aller Welt ſo gut meint! Seit jener Zeit darf Breiten nicht mehr zu uns kommen, und auch ich bleibe ſeit jener Zeit zu Hauſe, oder gehe hinauf in die Eremitage, von welcher 129 aus man nach dem Fürſtenthurm hinüberſehen kann, und dort ſitze ich, und zeichne ſein Bild aus dem Ge⸗ dächtniß. Ach, Martha! ich kann Dir nicht ſagen, wie theuer jeder Zug in ſeinem Geſichte mir iſt. Aber ich ſchäme mich, Dir dies Alles wieder zu ſagen, denn noch weiß ich ja nicht, ob er meine Gefühle erwidert, und iſt dies auch der Grund, weshalb ich mich Papa noch nicht eröffnete. Papa will mit Beginn des kommenden Jahres um ſeine Entlaſſ ung aus dem Dienſte einkommen, und Du glaubſt nicht, wie glücklich ich darüber bin. Wir wollen dann zu Dir kommen, theuere Martha, und wer weiß, was bis dahin nicht ſchon Alles geſchehen iſt. Du haſt Recht gehabt in Deinem letzten Briefe, als Du ſagteſt, meine Befürchtungen bei Deiner Ab⸗ reiſe ſeien thörichte geweſen. Jetzt ſehe ich es ein. Es hat ſich freilich ſeit Deiner Abreiſe Vieles verändert und ich ſelbſt bin eine Andere geworden, aber ich meine, es wird ſich noch mehr, und dann Glückliches ereignen. Bis dahin aber behalte mich lieb.“ Wir haben dieſe Bruchſtücke aus Briefen dem Leſer vor Augen geführt, um den kindlichen, zärtlichen, gefühlvollen Ton der Schreiberin darzulegen und gehen nun zu einem neuen Kapitel über. Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. Siebentes Kapitel. Liebesqualen. Die Tage verſtrichen, ſie wurden zu Wochen und Monaten. Ein Jahr war bereits ſeit Breiten’s An⸗ kunft auf Karnſtein verfloſſen; und eine lange Zeit war es, ſeit er Iſabella zum letzten Male geſprochen hatte. Es war dies oben in der Feſtung der Fall geweſen, als ſie eines Tages mit ihrem Vater wäh⸗ rend der täglichen Promenade der politiſchen Sträf⸗ linge auf dem Feſtungswalle erſchienen war und mit jedem der Gefangenen ein freundliches Wort gewechſelt. Seit jenem Tage hatte ſich das Bild des herrlichen Mädchens noch feſter ſeinem Gedächtniſſe eingeprägt, und der Gedanke, das geliebte Mädchen an einen An⸗ dern gefeſſelt zu wiſſen, marterte ihn. Und gab es denn wirklich keinen Ausweg, mußte 131 er denn wirklich ein Band löſen, das ihm unbeſchreib⸗ liches Glück in dieſem Erdenleben voll Kummer gebracht hätte? Konnte und durfte er ihr denn keine Heimath bieten nach Verlauf ſeiner Kerkerzeit, durch ſeinen Fleiß, ſein künſtleriſches Wirken ihr dann kein glück⸗ liches Daheim bereiten? Ob ſie ihn liebte! Bei aller Beſcheidenheit ſeines Charakters fühlte er, daß dies der Fall war. Er fühlte es aus dem Lächeln ihres Mundes, aus dem träumeriſchen Sinnen, in welches ſie während der glücklichen Zeichnenſtunden, während dem Malen an ihrem Bilde, ſo oft verfallen war. Und doch mußte er ſeine ganze Kraft aufbieten, ſie zu vergeſſen. Erſt neulich ſprach der Kommandant in gar ern⸗ ſten Worten mit ihm von ſeiner Tochter geheimer Ver⸗ lobung mit ihrem Vetter; und theilte ihm mit, daß die⸗ ſelbe ſeit Jahren ſein Lieblingswunſch geweſen. Dabei hatte der alte biedere Soldat ihn ſo eigenthümlich forſchend angeſehen, als wolle er ſagen,„ich weiß und kenne Deine Gefühle für mein Kind, aber ich will Dich warnen, nicht unnütz auf etwas zu hoffen.“ Ja, ja! Weimar hatte Recht gehabt; der Kommandant wünſchte ſeine Tochter nur als die Gattin ſeines Neffen ſein Haus verlaſſen zu ſehen. Sollte er ſich daher der Güte und bewieſenen Nachſicht ſeines Vorgeſetzten unwerth 9* 432 zeigen, indem er ihm eine Hoffnung raubte, auf die dieſer ſchon ſeit Jahren gebaut? Nein! Nimmermehr und ſollte er auch auf alles Glück verzichten müſſen! Der December war in ſeiner ganzen ſchroffen Kälte angebrochen, und nahte ſich ſeinem Ende. Schon die vorhergehende Nacht, den Morgen und den Tag hindurch war eine unglaubliche Menge Schnee in Karn⸗ ſtein gefallen. Ein eiſiger Wind fegte durch die Straßen, umbrauſte das hochgelegene Felſenbollwerk und die ſpitzen Schneeflocken ſenkten ſich trübe hernieder. Breiten ſtand am vergitterten Fenſter und ſah in die fernen Berge hinüber, die heute einen ſo ganz andern Anblick boten, als damals am erſten Tage ſeiner Haft. Mehr als an jedem andern Tage erwachte in Breiten der Drang nach Freiheit; mit unwiderſtehlicher Gewalt zog der Wunſch in ſeiner Bruſt ein, den Ort verlaſſen zu können, welcher Zeuge von dem Siege ſeines Neben⸗ buhlers werden ſollte, und ein faſt fieberhaftes Ver⸗ langen, von dem Orte hinwegzukommen, an welchem jede Stunde ſeines Bleibens ihm zur eiferſüchtigen Qual wurde, hatte ihn befallen. Seitdem die ſüße Stimme Iſabella's für ihn verloren war, klang in ſeinem Geiſte nur noch der Ton des Nebenbuhlers wider, der mit dem Vorrechte des Begünſtigten ſich 133 ihr nähern durfte und er wünſchte ſich viele Meilen hinweg, um dieſer Pein zu entgehen. Man muß die ſchöne goldene Freiheit nur einmal verloren haben, um ihren Werth zu begreifen, wie man einmal krank, einmal arm geweſen ſein muß, um Ge⸗ ſundheit und Vermögen zu würdigen! Das Schloß an ſeiner Thür raſſelte, der Aufſeher mit einer Ordonnanz trat ein. „Kommen Sie mit mir, ich habe Befehl, Sie zum Herrn Kommandanten zu führen“, ſagte die Ordonnanz einſilbig. Breiten folgt derſelben; ſeine Schildwache ſchließt ſich mit geſchultertem Gewehr an, ihm in der Entfernung von ſechs Schritten folgend. Beklommen, mißtrauiſch ſchreitet der Gefangene über die halbdunklen Gänge hinaus über den beſchneiten Gefängnißhof, hinüber nach der Kanzlei des Kommandanten. Was war es, das ihn zu dem Kommandanten be⸗ orderte? Hatte er etwas verbrochen, war eine neue Denunciation erfolgt? Sein Puls ſchlägt raſcher bei dieſem Gedanken. Der Weg führt in die Privatkanz lei Alſing's. Dort bleibt die Schildwache vor der Thüre ſtehen, die Ordonnanz öffnet die Thüre, Breiten tritt ein Alſing ſteht an ſeinem Schreibpulte in voller Uni⸗ 134 form, ihm zur Seite Officiere ſeines Stabes, und der Gefängnißarzt. Alſing's Verhalten iſt ſtbeng militäriſch wie ſtets im Dienſt. Ein Officiergwinkt Breiten, näher zu treten. Der Kommandant nimmt ein Blatt Papier vom Tiſche, ein einziger milder Blick ſeiner kleinen blauen Augen fliegt hinüber zu ſeinem Gefangenen. Er richtet die üblichen Fragen an den Gefangenen über ſeine Perſon und erklärt in einem kurzen Abriß die Urſache ſeiner Verhaftung. Die Officiere hören ſchwei⸗ gend zu. Endlich wendet ſich der Kommandant an ſie mit der Frage, ob ſie die Identität des Gefangenen anerkennen. Sie bejahen es. Der Kommandant öffnet nun das Papier, welches er bis jetzt in ſeinen Händen gehalten, und ſeine Stimme wird weich in ihrem Klange, als er zu leſen beginnt, denn— ſie giebt dem Gefan⸗ genen— ſeine Freiheit wieder! Freiheit! Goldenes, bedeutungsreiches Wort! Welch, ein Füllhorn von Glück, langentbehrter Wonne birgt ſich für den Gefangenen in dieſen acht Buchſtaben! Auch Breiten fühlte dies, er erblaßte, ſeine Sinne ſchwindeln ihm, kaum vermag er ſich zu halten. Doch er faßt ſich wieder bei des Kommandanten Stimme, die ihm erklärt, daß ein außerordentlicher Gnadenakt des Monarchen es ſei, welcher ihm die Freiheit wieder⸗ gebe. Die üblichen Ermahnungen folgen nun von Seite —— —— — — des Feſtungskommandanten, und wie im Traume hört Breiten die milde, ihm jetzt ſo wohlbekannte Stimme von Pflicht und Unterthanengehorſam ſprechen. End⸗ lich iſt die Ceremonie beendet; der Gefängnißarzt er⸗ klärt noch, daß Breiten aus ſeiner Haft geſund ent⸗ laſſen werde, Alſing übergibt ihm Geld und wichtigere Documente, die ihm bei ſeiner Verhaftung genommen worden waren, und die Thüre öffnet ſich für einen freien Mann. Die Schildwache vor der Thüre iſt verſchwunden, und mit einem beinahe ſcheuen Blick ſieht Breiten ſich vergebens nach ihr um. Es iſt ihm ja noch ſo neu, ſich wieder frei zu fühlen! Draußen im Hofe bleibt er ſtehen; zum erſten Male athmet er wieder die Luft als freier Mann. Seine Bruſt dehnt ſich, ein ungekanntes Wonnegefühl beſchleicht ihn, und er hätte hinknieen mögen auf den hartgefrorenen Schnee und den Schöpfer laut preiſen für die wiedergefundene Freiheit! Da legt ſich ihm eine Hand auf ſeine Schulter; der Kommandant ſteht neben ihm, und ſeine milden, guten Augen ruhen wohlwollend auf ihm. „Gott ſegne Sie in Ihrer neuen jungen Freiheit“, ſagte er milde. Die feuchten Augen des jungen Mannes dankten N dem gütigen Vorgeſetzten mehr als die beredteſten Worte. „Ich konnte nicht viel für Sie thun“, fuhr Alſing leiſe fort,„aber was ich that, geſchah aus gutem Her⸗ zen. Und was gedenken Sie nun zu beginnen, junger Freund?“ „Das Leben eines Künſtlers winkt mir wieder in all' ſeinen glücklichen Geſtaltungen.“ „Und werden Sie im Lande bleiben?“ „Noch weiß ich es nicht beſtimmt.“ „Wenn es der Fall iſt, ſo bleiben Sie bei uns in Karnſtein. Auch hier findet der Künſtler reiche Aus⸗ beute, und was an mir liegt, Ihnen meine Theilnahme zu beweiſen, ſoll gewiß geſchehen.“ „Es wird mir ſchwerer, Karnſtein zu verlaſſen, als ich ſelbſt geglaubt“, antwortete Breiten beinahe zögernd. „Nun, dann bleiben Sie hier, junger Freund!“ „Das iſt unmöglich, Herr Oberſt“, erwiderte der junge Mann mit pochendem Herzen; war doch jetzt der Augenblick gekommen, wo er klar ſehen mußte um jeden Preis! Er durfte von Karnſtein nicht ſcheiden, ohne zu wiſſen, ob ſein gebrachtes Opfer eine Noth⸗ wendigkeit, ob jede Hoffnung auf Iſabella's Hand ver⸗ loren. — „Warum?“ fragte Alſing betroffen. „Weil ich Ihre Tochter liebe“, ſagte Breiten mit leiſe zitternder Stimme. 3 Der Kommandant ſah den jungen Mann einen Moment ſtarr an, ohne ein Wort hervorzubringen. „Haben Sie mit meiner Tochter jemals davon geſprochen?“ fragte er endlich nach einer Pauſe. „Nein, Herr Oberſt! Als Mann von Ehre mußte ich ſchweigen, da ich Fräulein Iſabella verlobt wußte.“ „Sie ſind ein biederer junger Mann“, ſagte Alſing, ihm die Hand reichend,„und Ihre Handlungsweiſe erleichtert mir die Antwort. Jeder Mann betrachtet es als ein Glück, ſeinen Namen ſich fortpflanzen zu ſehen. Mir war es verſagt, da ich nur ein Mädchen habe, welches ich mein Kind nenne. Durch die Ver⸗ bindung mit Theobald bleibt aber Iſabella der Name erhalten, den ich ihr gegeben, wird mein eigener Name fortbeſtehen. Sie wuchs mit dieſem Lieblingswunſche von mir auf; dieſer aber entſtammt weniger der Sorge um das leibliche Wohl meiner Tochter, ein triftigerer tieferer Grund iſt es, welcher mich dabei leitet. Mit einem Worte: Familienverhältniſſe beſtimmen mich, Iſabella zur Gattin meines Neffen zu machen! Es thut mir innig leid, grade Ihnen dieſes ſagen zu müſſen, denn ich habe Sie wahrhaft lieb gewonnen und weiß, — wie ſchmerzlich meine Offenheit Ihr Herz berühren muß. Wenn aber Etwas meine für Sie ſo bitteren Worte zu lindern vermag, ſo glaube ich, daß es meine Verſicherung iſt, der Freund leidet unter dem Entſchluß des Vaters.“ „Herr Oberſt, Sie ſollen ſich in mir nicht getäuſcht ſehen. Ich werde ſo handeln, wie es ein xechtlicher Mann thun ſoll und Ihre Tochter zu vergeſſen ſtreben.“ „Dank, mein junger Freund. Ich bin gewiß, daß Sie Iſabella nicht in ihrer Ruhe ſtören werden. Ich vertraue Ihnen vollkommen.“ „Morgen ſchon will ich Karnſtein verlaſſen.“ „Das thun Sie nicht, mein Freund. Es könnte Iſabella auffallen, ſie zum Nachdenken anregen. Brin⸗ gen Sie uns ein letztes Opfer und feiern Sie morgen den Vorabend des Neujahrfeſtes in meinem Hauſe. Es wird meinem Kinde auch ohnedem ſchwer genug fallen, von Ihnen, dem Freunde und Lehrer, zu ſchei⸗ den, und gehen Sie nicht in Groll von mir. Vielleicht kommt bald eine Zeit, wo Sie mich beſſer beurtheilen werden, Ihnen Alles klar erſcheint.“ Während dieſes Geſpräches waren beide Männer bis an den Zugang zum Fürſtenthurme gekommen, in welchem Breiten die letzte Nacht zubringen wollte. Hier verabſchiedete ſich der Kommandant von dem jungen ——— 139 Freunde, welcher die dargereichte Hand herzlich, wenn auch tieferſchüttert ergriff. Gleich darauf betrat Breiten zum letzten Male ſeine Zelle, um für die baldige Abreiſe Alles zu ordnen. Iſabella hatte mit herzlicher Freude die Nachricht von Breiten's Freilaſſung begrüßt. Doppelt, weil ſie jetzt den Zeitpunkt gekommen wähnte, wo er von ſei⸗ ner Liebe zu ihr ſprechen werde. Jetzt, als freier Mann durfte er ja vor den Vater hintreten, mit ihm reden. Es war ihr, als müßten jetzt alle Feſſeln bre⸗ chen, die eigenen wie die ſeinigen! Und ſie wartete 1 auf dieſen Augenblick mit der frohen Zuverſicht der glücklichen Jugend. Der Sylveſterabend war angebrochen und ver⸗ ſammelte im gaſtfreien Hauſe des Feſtungskomman⸗ danten eine zahlreiche Geſellſchaft, welche gekommen war, die letzten Stunden des alten Jahres in Freude und Frohſinn zu verbringen. Die Feſte im Hauſe Alſing's gehörten ſtets zu den bevorzugten, denn die ſ Pracht des Reichthums ſtand in völligem Einklange mit der Liebenswürdigkeit und dem herzlichen Ent⸗ V gegenkommen des Feſtgebers und mochte Alſing auch Manche zu Feinden haben, welche ihn beneideten, von ſeinen Feſten hielt ſich Niemand zurück. V 4 V 140 Iſabella ſaß in ihrem Ankleidezimmer; ihr Kam⸗ mermädchen hatte ſie ſoeben verlaſſen, nachdem es die letzte Hand an die Toilette der Herrin gelegt. Wann ſtrahlte ein Spiegel je eine anmuthigere, glücklichere Geſtalt wieder, als heute jene Iſabella's? Ihre edle Geſtalt, in eine roſafarbene Wolke von Tar⸗ latan und Spitzen gehüllt, verlieh ihren jugendlichen Reizen einen noch höheren Werth. Niemals hatte ein wärmerer Purpur ihre Wangen geröthet, als an die⸗ ſem Abende, an welchem, wie ſie von ihrem Vater wußte, ſie den geliebten Freund nach ſo langer Zeit wiederſehen ſollte. Ueber der weißen Stirne theilte ſich das ſchüne ſchwarze Haar zu unzähligen Locken, die auf den blendenden vollen Nacken herniederfielen; die großen ſammetſchwarzen Augen zeigten einen wunder⸗ baren Glanz, den Freudenſchimmer froher Erwartung! Noch ein Blick überflog ihr Spiegelbild und ein zu⸗ friedenes Lächeln theilte ihre rothen Lippen. Sie mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß ſie ſchön ſei, daß ſie gefallen müſſe und ſie war glücklich bei dieſem Ge⸗ danken; liebte ſie doch mit der ganzen Innigkeit eines jugendfriſchen Herzens. Noch einmal rückte die ſchmale Hand einen widerſpenſtigen Roſenzweig des elegauten Kranzes zurecht, welcher das ſchwarze Lockenhaupt um⸗ rahmte, und fuhr dann an dem ſchneeigem Halſe zu der —„—— —,—— .nſ „—— 141 mattweißen ächten Perlenſchnur hinab, um auch da noch mit faſt peinlicher Eitelkeit zu ordnen und zu richten. Dann erhob ſie ſich und ging in den Salon ihres Vaters. Am Eingange deſſelben empfing ſie bereits Theo⸗ bald; an ſeinem Arme durchſchritt ſie die Reihen der ſchon eingetroffenen Gäſte, überall hin Worte des Will⸗ komm's, herzlicher Begrüßung richtend. Auch bei Marie Langer blieb ſie ſtehen und reichte ihr freundlich die Hand; ſie begrüßend. Iſabella's Erſcheinung blendete, aber ſie ſelbſt bemerkte die Bewunderung nicht, welche ihren Schritten folgte, ſie hörte nicht den ſchwerunter⸗ drückten Seufzer des Neides, welcher ſich Marien's Bruſt entwand, als ſie dieſe verließ. Theobald bemühte ſich vergebens, die Aufmerkſam⸗ keit ſeiner Couſine zu feſſeln, ſie in eine lebhafte Unter⸗ haltung zu ziehen. Iſabella war offenbar von an⸗ deren Gedanken abſorbirt, denn ihre Blicke irrten un⸗ ruhig in dem großen Saale umher. Dal jetzt endlich hatte ſie gefunden, was ſie längſt geſucht und allein vermißt. Breiten ſtand dort an einen Pfeiler gelehnt. Beider Augen begegneten ſich; die ganze Seele des jungen Mannes lag in dem einen Blicke, der auf das ſchöne Mädchen fiel, ein Blick wie des Entzückens, ſo der tiefſten Wehmuth! 142 Sie erröthete; hochklopfenden Herzens ſtand ſie da, ihn erwartend, der ihr jetzt näher trat. Mit welcher Freude reichte ſie ihm jetzt die Hand, wie klang der Glückwunſch zu ſeiner Freilaſſung doch aus vollem Herzen! „Sie werden aber doch noch einige Tage bei uns bleiben, nicht wahr?“ fuhr ſie leuchtenden Blickes fort. „Das wird kaum möglich ſein“, antwortete er ausweichend. „O doch, thun Sie es uns zu Liebe“, bat ſie ſchmeichelnd. „Wie gerne thät' ich es, Fräulein Iſabella, wenn nicht eine eiſerne Nothwendigkeit mich zwänge, meine eigenen Wünſche zu unterdrücken.“ Das junge Mädchen erhob ihre Augen wie fragend zu ihm. „Iſabella, meine Liebe“, bemerkte ſoeben Theobald, vielleicht ſeiner etwas ungünſtigen Rolle müde,„Lieute⸗ nant Bernd wünſcht ſich Dir vorzuſtellen.“ Erröthend wandte ſich Iſabella gegen ihren Vetter. Vorbei war der Zauber des Augenblickes; die rauhe Wirklichkeit entrückte die Liebenden einem ſchönen, aber für Breiten gefährlichem Traume. „Ich finde den Lieutenant Bernd gar nicht unter⸗ haltend“, bemerkte Iſabella etwas ſpäter gegen Theobald. 143 „Nicht unterhaltend? Nun, dann ſtellſt Du eigen⸗ thümliche Anforderungen.“ Breiten unterhielt ſich ſoeben mit einer vollen Blondine, mit hübſchen aber nichtsſagenden Geſichts⸗ zügen. Es war Marie Langer, die alte Gegnerin Iſabella's aus Beider Kinderjahren, die neue Gegnerin aus Neid und aus dem Wunſche, Theobald der Feindin zu entreißen. Breiten tanzte nicht; es widerſtrebte ſeiner Stimmung. Iſabella war umdrängt, ſo daß ſie kaum zu Athem kam. Er wollte ſich nicht dem Schwarme von Herren anſchließen, welcher ſie umgab. Noch nie war Iſabella ſo bezaubernd liebenswür⸗ dig geweſen, wie an dieſem Abende, wo ſie ſich ſagte, daß ihr Vater ſie gewiß nicht zwingen werde, Theo⸗ bald's Gattin zu werden, ſobald ſie der Gegenliebe Breiten's verſichert ſei. Aber auch Theobald gegen⸗ über wollte ſie offen ſein, er ſollte erfahren, was in ihrem Innern vorging. Sie war ihm volle Aufrichtig⸗ keit ſchuldig, und hielt ſie ſich überzeugt, daß ihr jetziger Verlobter ihr dieſelbe danken, und abſtehen werde, ſie als Gattin heimzuführen, wenn er höre, daß ihr Herz für einen Andern ſchlage. „Iſabella“, ſagte Theobald in einer Pauſe de 144 Tanzes zu ihr, in welcher ſie vergebens Breiten im Saale mit ihren Blicken geſucht hatte;„Du biſt heute hinreißend ſchön, und von bezaubernder Liebenswürdig⸗ keit, und doch muß ich Dich fragen, was Dir heute fehlt, weshalb Du zeitweiſe von einer ſo nervöſen Un⸗ ruhe befallen wirſt? Jedermann ſieht Dir die Spannung, die Erwartung an; was iſt Dir mein ſüßes Mädchen?“ Iſabella in Gedanken ſoeben damit beſchäftigt, Theobald ihren Gemüthszuſtand zu eröffnen, hielt dieſe Frage für einen Fingerzeig des Schickſals, dies jetzt zu thun, und in ihrer lebhaften Weiſe gewöhnt, raſch zu handeln, ſagte ſie: „Theobald, willſt Du mich einige Minuten ruhig anhören?“. „Gewiß, meine theuere Iſabella, Deine Wünſche ſind mir ja Befehle“, antwortete er lächelnd. „Dann laß uns in das blaue Cabinet gehen, dort können wir ungeſtört ſprechen.“ Er reichte ihr den Arm, und führte ſie durch die glänzenden Räume in ein etwas entfernter gelegenes Seitenzimmer, welches gleichſam den Abſchluß der feſt⸗ lich geſchmückten Räumlichkeiten bildete. Der entfeſſelte Genius der Freude durchranſchte das Gewühl der Gäſte; die Unterhaltung war eine lebhafte und hinter manchem Fächer leuchtete ein ſchönes 145 Augenpaar in ungebundener Heiterkeit. Die erſten Klänge einer Polka ertönten ſoeben vom Orcheſter, und Niemand achtete darauf, daß die Tochter des Hauſes ſich für kurze Zeit nicht an dem Tanze betheiligte. Nur ein Augenpaar war Iſabella mit Spannung ge⸗ folgt, als ſie ſich mit Theobald aus dem Tanzſaale entfernte; es war Marie Langer, die Tochter des Land⸗ richters, welche mit brennendem Blicke den Beiden nachſah und ein falſcher Zug lagerte ſich um ihren Mund, und verlieh dem jungen Mädchen etwas Hartes, an Gehäſſigkeit Grenzendes. „Vor einem halben Jahre hat er mich geliebt und jetzt denkt er nur an ſie. Ol daß ich mich an ihr rächen könnte“, flüſterten ihre bebenden Lippen hinter dem ſpitzenbeſetzten Fächer. Die Landrichterin trat zu ihrer Tochter. Sie war eine kleine corpulente Frau, mit hochmüthigen Mienen in ihrem welken nichtsſagenden Geſichte und ſchneidend kalter Bosheit um die zuſammengekniffenen Lippen.. „Marie, mein Kind, ich wünſchte, Du könnteſt Dich beſſer beherrſchen“, flüſterte ſie matt und klanglos. Ihre Tochter zuckte ſtatt aller Antwort die Achſeln und bewegte den Fächer mit nervöſer Heftigkeit. „Du weißt, wir haben Theobald in der Gewalt; Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 10 146 ein Wort von uns genügt, ihm die reiche Erbin wie⸗ der zu entreißen“, fuhr die Landrichterin fort. „Du wirſt dieſes Wort aber nicht ſprechen, Mut⸗ ter, denn Dein eigener Vortheil gebietet Schweigen“, antwortete Marie in geringſchätzendem Tone. „Und doch werde ich es thun, ſobald er es wagt, eine Andere Dir vorzuziehen. Nur die Gewißheit, daß er dieſes thut, fehlt mir bis jetzt. Daher beherrſche Dich bis dahin!“ Abermals zuckte Marie nur geringſchätzend die Achſeln. Eine Freundin der Landrichterin trat zu dieſer heran und forderte ſie auf, an einer Whiſtparthie Theil zu nehmen und mit verbindlichem Lächeln auf den Lippen, entfernten ſich Beide. Iſabella und ihr Vetter hatten ſich in dem blauen Zimmer, das ſeinen Namen von den blauen Seiden⸗ tapeten erhielt, welche die Wände zierten, niedergelaſſen. Eine reizende Verlegenheit hatte ſich des jungen Mäd⸗ chens bemeiſtert, als es auf der Cauſeuſe ſaß und mit dem prachtvollen Handbouquet ſpielte, offenbar bemüht, die Beklommenheit zu beſiegen und das ihr unange⸗ nehme Geſpräch zu beginnen. Theobald kam ihr zu Hülfe. „Was iſt es, Iſabella, was Du mir ſagen willſt“, meinte er. 2——.. 147 „Es wird mir ſchwer, es Dir mitzutheilen, und doch fühle ich, daß es ſein muß“, antwortete ſie zögernd. Obgleich der junge Arzt genau wußte, was ſie ihm ſagen wolle und dieſen peinlichen Augenblick ſchon längſt voraus geahnt hatte, ſo lag es doch in ſeinem Vortheil, ſich unwiſſend zu ſtellen. „Du machteſt mir ſchon öfters den Vorwurf, Theobald“, fuhr das junge Mädchen fort und barg ſein erglühendes Geſicht in den Strauß von Treib⸗ hausblüthen, den es in der Hand hielt,„daß ich in jüngſter Zeit eine Andere geworden, mein Benehmen ein verändertes ſei, und Du haſt Recht! Ich ſelbſt fühle, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen, daß meine Gefühle gegen Dich andere geworden ſind, als früher.“ „Das iſt erklärlich, meine ſüße kleine Bella, denn biſt Du mir nicht jetzt verlobt?“ meinte Theobald zärt⸗ lich, und ſchlang ſeinen Arm um das liebliche Weſen. „Nein, nein, ſo habe ich es nicht gemeint, ich habe mich falſch ausgedrückt“, ſagte Iſabella in ängſt⸗ lichem Tone, indem ſie Theobald's Liebkoſungen von ſich abwehrte. M„Jſabella, ich verſtehe Dich nicht. Wie können Deine Gefühle gegen mich ſich in anderer Art verän⸗ 10* 148 dert haben, da ich doch nichts that, was Dich kränken, verletzen konnte!“ antwortete Theobald mit dem voll⸗ endeten Talente eines guten Schauſpielers. „Du haſt auch nichts gethan, Theobald, womit meine Achtung Dir entzogen worden wäre, aber eben weil ich Dich noch achte, fühle ich mich verpflichtet, gegen Dich aufrichtig zu ſein.“ Iſabella ſagte dies Alles ruhig, aber ihr Geſicht hatte ſich mit einer leichten Bläſſe überzogen und man ſah, wie peinlich ihr dieſe Unterredung wurde. „Noch vor ganz kurzer Zeit, Theobald, lebte in mir ein Gefühl für Dich, das ich für Liebe hielt und in dieſem Gefühle verſprach ich, den Wunſch meines guten Vaters zu erfüllen, Deine Gattin zu werden.“ „Und jetzt, Iſabella, jetzt iſt dieſer Entſchluß Dir peinlich, Du willſt eidbrüchig an mir und Deinem Vater werden?“ ſtieß der junge Arzt mit faſt ſchroffem Ausdrucke hervor und über ſeine Lippen zuckte es in verbiſſenem Grimme. „Nein, Theobald, Du irrſt Dich, auch jetzt will ich noch mein Wort halten, wenn Du nicht ſelbſt von unſerer Verbindung abſtehſt, nachdem Du mich zu Ende gehört haſt.“ Die geſpannten Geſichtszüge des jungen Mannes 149 ließen bei dieſen Worten nach, ein erleichternder Seuf⸗ zer entwand ſich ſeiner beklemmten Bruſt. „Du ſprichſt in Räthſeln, Iſabella, was ver⸗ möchte mich zu beſtimmen, einem langgehegten Wunſche plötzlich zu entſagen?“ „Dein Rechtlichkeitsgefühl, Deine Ehre, Theobald“, ſagte Iſabella ſchwärmeriſch.„Laß mich offen gegen Dich ſein, und Dir ſagen, daß es nicht Liebe war, die ich bis jetzt für Dich fühlte. Nein, es war das Band der Freundſchaft, der ſchweſterlichen Zuneigung, das mich zu Dir hinzog, und jene Freundſchaft, jene ſchweſterliche Zuneigung ſoll Dir auch ferner von mir zu Theil werden, aber die Liebe einer Braut, einer Gattin, kann ich Dir nicht geben!“ Sie ſchwieg nach dieſen Worten, wie um neue Kraft zu ſammeln zu dem peinlichen Geſpräch. „Woher kommt es, Iſabella, daß Du jetzt erſt den Unterſchied zwiſchen Liebe und Freundſchaft kennen gelernt haſt?“ fragte Theobald leiſe und ſeine dunklen Augen leuchteten in unheimlicher Gluth. „Woher es kommt?“ entgegnete das junge Mäd⸗ chen in unſchuldsvollem Erröthen und entzückender Verwirrung,„weil ich mich ſelbſt nicht kannte, Theo⸗ bald, weil erſt vor kurzer Zeit—“ „Es ein Anderer verſtand, die reiche Erbin zu 150 bethören, und da Liebe zu heucheln, wo er keine fühlte“, fiel Theobald ihr aufgeregt in's Wort.„Ohne daß Du mir den Namen Desjenigen nennſt, der Deine Neigung, Iſabella, gewonnen, weiß ich, daß Breiten Derjenige iſt, der es verſtand, Dich von Deinem Pflicht⸗ gefühl gegen Deinen Vater abwendig zu machen—“. „Du thuſt ihm Unrecht, Theobald“, fiel Iſabella ſchmerzlich bewegt ihm in's Wort,„denn noch nie⸗ niemals hat Breiten es gewagt, ein Wort der Art gegen mich, die er als die Verlobte eines Andern weiß, zu äußern. Nur ich hielt es für meine Pflicht, Dir Alles zu ſagen, Dir meine Gefühle, vielleicht meine Thorheit einzugeſtehen. Ich glaubte, ein ſolches Ge⸗ ſtändniß genüge, Dich von Deinem Vorhaben abzu⸗ bringen, mich als Gattin heimzuführen.“ „Du nennſt Deine Neigung ſelbſt eine Thorheit, mein armes Mädchen“, antwortete der junge Mann in trefflich gewähltem Ausdruck des Mitleids,„und faſt fürchte ich, Dir Recht geben zu müſſen, denn Du weißt noch nicht, ob Breiten Dich liebt, da Du ja ſelbſt ſagſt, daß er noch niemals ein Wort geäußert, welches ſeine Neigung verrathen hätte.“ „Er mußte ſo handeln, Theobald; hielt er mich doch für Deine verlobte Braut.“ „Und glaubſt Du wirklich, Iſabella, daß ein ——— — 151 Mann im Stande iſt, ſeine Gefühle für das geliebte Mädchen derart zu beherrſchen, daß er niemals ein Wort der Liebe gegen daſſelbe äußert, wenn es auch zehnmal die verlobte Braut eines Andern iſt? Nein! Iſabella, der Mann, welcher wirklich liebt, den hindert kein feſſelndes Band, ſeine Neigung wenigſtens einzu⸗ geſtehen, es wenigſtens zu verſuchen, die Hinderniſſe zu beſeitigen, welche ihn von dem geliebten Weſen trennen! Sagt nicht ſchon Shakeſpeare, der große Menſchen⸗ kenner und Dein Lieblingsdichter,„daß die Liebe alle Schranken durchbricht, welche die Außenwelt ihr ent⸗ gegenſetzt“ und iſt heute die Welt etwa eine andere ge⸗ worden?“ Iſabella hörte ihres Vetters Worte mit jeder Faſer ihres Herzens an, und wie ein Echo klang es in ihrer Seele nach,„die Liebe durchbricht alle Schran⸗ ken, welche die Außenwelt ihr entgegenſtellt.“ „Laß uns deshalb, Iſabella“, fuhr der junge Arzt kühner fort, als er die Wirkung ſah, welche ſeine Worte hervorbrachten,„laß uns ein Band nicht vor der Zeit löſen, das Dein Vater ſo ſehnlichſt geknüpft wünſcht; prüfe zuerſt Breiten's Gefühle. Jetzt, heute oder morgen muß es ſich ja entſcheiden, muß er ſich Dir ja vor ſeiner Abreiſe erklären, wenn es wirklich wahre Neigung iſt, die er für Dich fühlt, und ob Du, Iſabella, Dich in ſeinen Gefühlen nicht ebenſo täuſcheſt, wie in den Deinen gegen mich, und das für Liebe an⸗ ſiehſt, was bloße Freundſchaft bei ihm iſt! Täuſche ich mich aber, Iſabella, und liebt Breiten Dich wirklich, dann will ich zurücktreten, Dich glücklich an ſeiner Seite wiſſen.“ Tief ergriffen hob das junge Mädchen den Blick⸗ zu ihrem Verlobten empor. Ihr ehrliches Gemüth er⸗ kannte die ſcheinbar edle Handlungsweiſe deſſelben an; verſtand ſie doch noch nicht, Heuchelei von Wahrheit zu⸗ unterſcheiden, um ſo mehr als ſie ſelbſt wahr und offen, und dies auch bei andern Menſchen ſtets vor⸗ ausſetzte. „Ich danke Dir, Theobald, für Deine guten, ehr⸗ lich gemeinten Worte“, ſagte Iſabella leiſe, indem ſie dem jungen Manne die Hand reichte,„ich will thun, wie Du geſagt, will prüfen und darnach handeln.“ Theobald drückte ſeine Lippen auf ihre Hand. Sie erhob ſich raſch und kehrte in den Tangſaal zurück. „Sie wollte das reiche Erbe mit einem Andern theilen; dieſe Stunde ſoll ſie einſt büßen“, flüſterte Theobald. Da legte ſich im Nebenzimmer, das er durchſchritt, eine weiche Hand auf ſeinen Arm; vor ihm ſtand Marie Langer, die ſich aus einer dunklen Ecke des 8 153 Zimmers, in welchem ſie bis jetzt unbemerkt geſeſſen, erhoben hatte. „Marie“, rief der junge Arzt beinahe erſchrocken aus,„Du hier?“ Sie ſtand kalt und bleich ihm gegenüber, in eiſiger Ruhe. Wenige Secunden genügten, um den Neffen des Kommandanten zu überzeugen, daß ihm hier, wenn nicht ein überlegenerer, doch ein an Schlauheit eben ſo ebenbürtiger Geiſt gegenüberſtand, und er richtete darnach ſein Benehmen. „Weshalb iſt Dir mein Begegnen hier unange⸗ nehm?“ fragte ſie kalt entgegen. „Wer ſagt Dir, daß es mir unangenehm! Im Gegentheile, ich bin froh, Dich einmal ungeſtört ſprechen zu können“, antwortete er raſch. „Du ſcheinſt ungeſtörte Geſpräche zu lieben, dies bewies ſoeben Deine Unterredung mit Iſabella, Deiner heimlich Dir verlobten Braut“, ſagte das junge Mäd⸗ chen in höhniſchem Tone. „Du haſt alſo unſere Unterredung mit angehört?“ „Ich war ſo glücklich, Deine Gefühlsphraſen mit anzuhören, welche in dem nämlichen Tone gehalten waren, wie diejenigen, welche Du ſo freundlich warſt mir vor ſechs Monaten vorzuſagen.“ „Dann wirſt Du auch dieſelben zu würdigen ver⸗ 154 ſtehen, und wiſſen, wie ſie gemeint waren“, fuhr Theo⸗ bald mit cyniſchem Gleichmuth fort,„und ich erſpare mir daher die Mühe, Dir zu ſagen, daß unſere geheime Verlobung auf Wunſch meines Onkels geſchah, und daß wir Beide im Begriffe ſtehen dieſelbe wieder zu löſen.“ „Das heißt, wenn Dein erklärter Nebenbuhler ſo⸗ freundlich iſt, die reiche Braut anſtatt Deiner zu neh⸗ men“, antwortete die Tochter des Landrichters mit. ſcharfem, höhniſchen Auflachen. „Wer ſagt Dir aber, daß er es thun wird? Und iſt dies nun nicht der Fall, wird die ſchöne, glänzende Iſabella nun verſchmäht, was dann?— Das Band wird dann geknüpft werden, welches Dir das reiche Erbe ſichert, wenn nicht ein gewiſſer Umſtand daſſelbe wieder zerreißt, und der Kommandant von Karnſtein erfährt, wem er die damalige Denunciation zu danken gehabt!— Ol jetzt erkläre ich mir Deine damalige Theilnahme, Deine Verbindung mit meinem Vater, gegen Deinen Onkel! Du machteſt mir vor, daß es geſchehe, um meines Vaters Gunſt zu gewinnen! Vor⸗ trefflich! Du haſt Deine Rolle gut geſpielt, nur ſchade, daß Du dabei die mitcbirkenden Schauſpieler ver⸗ geſſen haſt, die leicht ihre Rolle ändern, und zu der Gegenpartei übertreten könnten!“ 155 „Marie, genug des Hohnes, der böſen Worte“, fiel Theobald ihr ängſtlich in's Wort,„Du haſt Urſache, Dich gekränkt zu fühlen, ich geſtehe es zu, da der Schein gegen mich iſt. Aber was zwang mich ſo zu handeln, von Dir ſcheinbar abzulaſſen?— Unſere beiderſeitige Armuth, jene Bürde, welche ſelbſt die innigſte Liebe zu untergraben geeignet iſt. Ich verlobte mich auf den ausdrücklichen Wunſch meines Onkels mit JIſabella ohne Neigung für ſie zu fühlen, und brachte das größte Opfer, indem ich Dir entſagte. Wie die Sachen ſich aber nun geſtaltet haben, tritt Iſabella wahrſcheinlich ſelbſt zurück, und mit dieſem ihrem Entſchluß winkt die Freiheit wieder für uns Beide. Mein Onkel wird mich für den ſcheinbaren Verluſt, den ich erleide, zu entſchädigen trachten, ich werde ihm unſere beiderſeitige Neigung eingeſtehen, er wird unſere pekuniären Ver⸗ hältniſſe großmüthig heben, und wir werden glücklich werden, Maria! Zürne alſo nicht meiner ſcheinbaren Untreue, die grade vielleicht unſer Glück herbeiführt. Habe ich ja doch niemals aufgehört, Dich zu lieben, und das Einzige, um was ich Dich bitte, iſt, nur noch kurze Zeit Geduld zu haben, mir Deine Neigung nicht zu entziehen.“ Theobald führte ſein doppeltes Spiel vortrefflich. Mit meiſterhafter Vollendung verſtand er es, auf einer — 156 Seite zu täuſchen, auf der andern die Klugheit in ſeine Berechnung zu ziehen. Marie Langer aber war ein viel zu kluges, verſchlagenes Geſchöpf, um nicht ſchein⸗ bar in dieſe Sophismen einzugehen und das„Für und Wider“ abzuwägen, vor Allem aber ſich nicht gänzlich Theobalds Neigung zu verſcherzen, da ſich ihm noch reiche Chancen von Glück und Reichthum zu bieten ſchienen. Einige Minuten ſpäter flog ſie, von ſeinem Arm umſchlungen, im Tanze dahin. Breiten hatte die ganze Zeit über an einem Whiſt⸗ tiſche Platz genommen. Er that dies, um der qualvollen Eiferſucht zu entgehen, die ſein Inneres durchwühlte. Der Aufbruch zum Souper erfolgte und nur noch eine kurze Stunde fehlte bis zum Anbruch des neuen Jahres, nach welchem er ſich ohne Aufſehen von dem Feſte zurückziehen konnte, welches ihm nur zur Qual wurde. Iſabella machte die Wirthin des Hauſes mit hin⸗ reißender Liebenswürdigkeit. Durch das Geſpräch mit ihrem Vetter war von ihrem Herzen eine große Laſt ge⸗ nommen, und ſie athmete erleichtert auf. Breiten ſaß ihr gegenüber, und ſie hörte, wenn das Summen der allge⸗ meinen Unterhaltung auf einige Augenblicke aufhörte, ſeine volle, angenehme Stimme, mit welcher er ſich an ſeine 15⁰ Umgebung wandte und mit welcher er auch an ſie Worte der Herzlichkeit richtete. Schon der Blick des Mannes, den ſie liebte, machte ſie unſäglich glücklich, und der reiche Schatz ihrer jungen, ſelbſtloſen Liebe wandte ſich ihm ganz zu. Mit tiefem, mächtigen Schlage ertönte plötzlich in zwölf Klängen der Ton einer Uhr. Das Orcheſter ſtimmte jubelnd ein, die Gläſer hoben ſich,„Neujahr!“ ertönte es von allen Lippen. Auch der roſige Mund Iſabella's ſprach das be⸗ deutungsreiche Wort, und ihr Glas hob ſich hier und dort hin zu hellem, fröhlichen Klange. Auch mit ihrem Vater und Breiten hatte ſie angeſtoßen mit fröhlichem Ausdruck, hellem Klange. Da nahte ſich ihr Theobald mit dem perlenden Schaumwein in dem Glaſe, und ein„Glückliches neues Jahr“ tönte von ſeinen Lippen. Da unterbrach ein leiſer Schrei der umſtehenden Damen das heitere Geplauder. Iſabella's Glas war geſprungen, und die perlende Flüſſigkeit ergoß ſich über das duftige Gewebe ihres Kleides. Allgemeines Bedauern begleitete dieſen Unfall; die umſtehenden Frauen und Mädchen ſuchten den Schaden möglichſt raſch gut zu machen, und wunderten ſich über Iſabella's Gleichgiltigkeit dabei; ja ſie konnten es kaum 158 begreifen, daß ſie mit fröhlichem Scherze auf den Lippen, die durch dieſen Zwiſchenfall unterbrochene Heiterkeit wieder herzuſtellen ſich bemühte. Mit bedeutungsreichen Kopfſchütteln hob die herbeigeeilte Dienerſchaft die Glas⸗ ſcherben vom Boden auf; galt ja doch das Zerbrechen eines Glaſes in der Neujahrsnacht nach altem Volks⸗ glauben für das Vorzeichen kommenden Unglückes in dem eben begonnenen Jahre. Aber Iſabella, das liebliche Kind des Glückes, kannte dieſen Aberglauben nicht, und ſchüttelte in um⸗ gebundener Heiterkeit die ſchwarzen Locken aus der Stirne, welche wie das Gefieder eines ſchwarzen Schwa⸗ nes auf den ſchlanken Hals herniederfielen. Auch ſie deutete das Zerbrechen ihres Glaſes, aber in ihrer Weiſe; für ſie galt es als ein gutes Vor⸗ zeichen für den Bruch der ihrem Herzen widerſtrebenden Verlobung mit ihrem Vetter. Der Morgen dämmerte bereits, als Breiten ſich von dem Kommandanten und ſeiner Tochter mit dem Ver⸗ ſprechen verabſchiedete, ſie vor ſeiner Abreiſe nochmals zu ſehen. Breiten, für den das Vergnügen des Abends zur ermüdenden Pein geworden, warf noch einen letzten Blick auf Iſabella, welche in ihrer verbindlichen Weiſe heiter mit andern Gäſten ſprach, denn ſeit ihrem Ge⸗ 159 ſpräche mit Theobald hatte ſie ſich noch nie ſo glücklich, ſo erleichtert gefühlt, wie an dieſem Abende. Mit dem Ausdruck des Kummers in ſeinem Ge⸗ ſichte, wandte er ſich ab, und als er dem Vorſaale zu⸗ ſchritt, waren ſeine Augen voll Thränen, ſeine Gedanken voll Verzweiflung und Eiferſucht. Draußen begegnete ihm der junge Arzt, der einen der Gäſte beim Weggehen begleitet hatte. Er blieb bei Breiten ſtehen, der mit höflicher aber kalter Verbeugung vorübereilen wollte. „Ich beeile mich, Ihnen meine Gratulation zu Ihrer Freilaſſung auszudrücken“, ſagte er in faſt höh⸗ niſchem Tone.„Ich höre, Sie wollen uns verlaſſen?“ „Ja, bereits morgen“, antwortete Breiten kalt. „Wirklich! Das höre ich mit Bedauern.“ Dieſe Antwort klang mißtönend in die gereizten Nerven Breiten's. „Sie erweiſen mir durch Ihre Theilnahme mehr Ehre, als ich verlange“, ſprach er hochmüthig. „Ich wünſche nur, daß Ihre Zukunft ſich glück⸗ licher geſtalten möge als bisher, und namentlich, daß Ihre Beſtrebungen auf einen dankbareren Boden fallen, als dies hier zu Karnſtein der Fall war“, fuhr der junge Arzt in ſcharfem, ſpöttiſch gehaltenem Tone fort.. 160 „Mein Herr“, ſagte Breiten erröthend, wie ſoll ich das verſtehen?“ Er war mehr noch durch Theobald's Lächeln als durch ſeine Worte gereizt. „So wie es gemeint iſt und ich bedauere, daß Sie mich noch fragen!“ „Ich weiß nicht, mit welchem Rechte Sie ſich gegen mich dieſen Ton anmaßen“, erwiderte Breiten in hef⸗ tigſter Erregung. „Mit dem Rechte eines Verlobten, der ſich in den heiligſten Gefühlen verletzt ſieht, dem es nicht entgan⸗ gen iſt, daß Sie auf hinterliſtigem Wege ſich die Gunſt ſeiner Brant zu erwerben trachten, um das reiche Erbe derſelben an ſich zu ziehen. Der Vorzug, welchen mein Onkel Ihnen zu Theil werden ließ, machte Sie zu kühn und Sie vergaßen darüber Ihre Vergangenheit.“ Breiten war bei dieſen Worten erblaßt, ſeine Unter⸗ lippe bebte in unterdrückter Aufregung, aber ſo groß auch die Beleidigung war, die ihm angethan worden, ſo vergaß er doch keinen Augenblick, was er dieſem 5 Hauſe, in welchem er ſich noch befand, ſchulde. Es war daher nicht Mangel an Muth, als er dem jungen Arzte, finſter und drohend die Stirne runzelnd, feſt in's Geſicht ſah und nach einem kurzen Schweigen antwortete: —— ₰⸗n, 161 „Da Sie es einmal auf ſich genommen haben, ſich in Irrthümern zu ergehen, ſo liegt es an mir, Ihnen zu erklären, daß Sie ſich in mir getäuſcht haben, daß ich nicht von jenem Intriguengeiſte beſeelt bin, den Sie mir zumuthen, und es daher ferne von mir lag, Ihnen die Hand der reichen Erbin zu rauben. Was aber meine Vergangenheit anbetrifft, ſo hoffe ich dieſe ſchon vor der Welt im richtigen Lichte darſtellen zu können und will indeß nur wünſchen, daß Sie ein ebenſo reines Gewiſſen, einen ebenſo unangetaſteten Charakter beſitzen, als ich, der niemals im Stande ſein wird, gegen ſeine größten Wohlthäter feindſelig und heimlich aufzutreten!“ Noch einen Moment ſtanden ſich die beiden Neben⸗ buhler nach dieſen Worten gegenüber. Die kräftige Geſtalt des jungen Arztes ſchien einen Augenblick ſich auf Breiten werfen zu wollen, und ſeine geballten Hände widerſtrebten nur mühſam dem Gehorſam, wel⸗ chen Vernunft und Vorſicht gerade in dieſem Momente geboten. Nichts von Schwäche und Unentſchloſſenheit war hingegen in Breiten's Geſtalt, in ſeinen edlen Zügen zu bemerken. Er ſchien ruhig, obgleich das Herz ihm wild in der Bruſt ſchlug, nur ſeine bleiche Wange verrieth die innere Aufregung. Feſt und unverwandt Creſſieur, Die Kunſtreiterin. II 11 d waren die Augen auf den jungen Arzt gerichtet, bevor er ſich von demſelben entfernte, und von dieſem Mo⸗ ment an ward ſein ſeitheriger Argwohn zur Gewihheit, daß Theobald allein Schuld an der Denunciation gegen ſeinen Onkel trage. Und einem ſolchen Manne war Iſabella verlobt! Sein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen bei dieſem Gedanken und doch, wer vermöchte hier handelnd ein⸗ zugreifen, wo jeder andere Anhaltspunkt, als die mo⸗ raliſche Ueberzeugung fehlte?. 8 * 4— Achtes Kapitel. Ein Abſchied. Der Neujahrsmorgen war angebrochen, in ſeiner vollſten, ſonnigſten Klarheit, denn das bisher ſtürmiſche Wetter hatte ſich geklärt, war freundlich geworden. Schon am frühen Morgen war Iſabella in das Zim⸗ mer ihres Vater geeilt, um die Erſte zu ſein, welche ihn im neuen Jahre begrüßte, ihm ihre Wünſche noch⸗ mals darbrachte. Mit herzlichem Wohlwollen empfing der alte Soldat ſein Kind. Das junge Mädchen fand den Vater bereits am frühen Morgen beſchäftigt. Mehr⸗ ten ſich ja doch die Geſchäfte, je näher der Zeitpunkt heranrückte, wo der Commandant ſeine Thätigkeit auf⸗ geben wollte. Er war bereits um ſeine Entlaſſung eingekommen, und harrte nun des diesfälligen Be⸗ ſcheides. 11* —— Alſing rückte jedoch alle Papiere bei Seite als ſein Kind kam, und hatte nur Aufmerkſamkeit für ſein ſchönes, liebliches Mädchen.„Mein theurer, mein guter Herzenspapa, möchte das neue Jahr für Dich doch ein vecht glückliches werden“, ſagte Iſabella, und ihre Stimme ward weich. „Wollen wir es hoffen, mein ſüßes, liebes Kind. Was an Dir liegt, ſo bin ich überzeugt, daß Alles geſchieht, um mir das Leben zu verſüßen.“ Der Kommandant ſah ſeine Tochter lächelnd an, und ſtrich zärtlich über das glänzende Haar derſelben. „Gebe Gott, Papa, daß ich Dir nur ſtets Freude mache!“. „Das thuſt Du auch, mein Herzenskind, bis jett, und ich glaube, niemals hat es eine dankbarere, zärt⸗ lichere Tochter gegeben wie Du.“ „Wenigſtens lag es nie in meiner Abſicht, Dir wehe zu thun, und auch heute, Papa, iſt dieſes gewiß nicht der Fall, wenn ich Dich bitte, mir eine Frage zu beantworten.“ Iſabella machte hier eine Pauſe. Der Komman⸗ dant ſah ſie erwartungsvoll an. „Eine Frage, mein Kind? Nun ich hoffe, dieſelbe wird ja leicht zu beantworten ſein“, ſagte er milde. „Papa, mein lieber, einziger Papa, würde es 165 Dich ſehr ſchmerzen, wenn ich Theobald nicht heirathen würde“, ſtieß Iſabella mühſam und furchtſam hervor. Der freundliche Zug aus dem Geſichte Alſing's ſchwand. Ein tiefer Ernſt lagerte ſich auf daſſelbe. „Was veranlaßt Dich zu dieſer Frage, Iſabella?“ „Umſtände, Papa, die ich Dir erſt ſpäter eröffnen werde“, antwortete das junge Mädchen ausweichend mit holdem Erröthen. Der Kommandant ſchwieg einen Augenblick, und ſah beſorgt in das liebliche Antlitz ſeines Kindes. „Mein lieber, einziger Papa, Du biſt doch nicht böſe über mich, daß ich's über's Herz bringen konnte, eine ſolche Frage an Dich zu richten?“ „Nein, mein Herzenskind, ich wünſchte nur, daß Du aufrichtiger gegen mich wäreſt, und mir ſagteſt, was Dich zu dieſer Frage veranlaßt.“ „Später, Papa, ſpäter, Du ſollſt es gewiß erfah⸗ ren, ich verſpreche es Dir.“ „Und willſt Du, daß ich Deine Frage aufrichtig beantworte?“ „Ja, Papa, ich bitte Dich ſogar darum.“ „Dann, mein Herzenskind, will ich Dir ſagen, daß es mich ſehr ſchmerzen würde, wenn Deine Ver⸗ bindung mit Theobald ſich löſen müßte, denn ſie bil⸗ dete ſeit Jahren einen meiner liebſten Wünſche. Müßte 166 es jedoch ſein, und wollteſt Du durchaus nicht ſeine Frau werden, dann, mein Herzenskind, würde ich mich in das Unabänderliche fügen, denn weit ſei es von mir, Dich unglücklich machen zu wollen. Ich bitte Dich vorher nur um das Eine, mein theures, liebes Kind, prüfe Dich ernſtlich und wahr, bevor Du eine Verbindung wieder löſeſt, welche Du freiwillig, ohne Zwang einge⸗ gangen biſt; opfere nicht einer bloßen Mädchenlaune den lang erwogenen Wunſch Deines Vater.“ „Wie gut Du gegen mich biſt, mein lieber Papa, wie ſoll ich Dir für all' Deine Liebe danken! Ja! Du haſt Recht, Papa, mir zu ſagen, daß es keine bloße Laune ſein ſoll, die mich von meinem Worte ab⸗ bringt, und ich hoffe binnen Kurzem es Dir auch zu beweiſen, daß ein ernſter Grund mich zu dieſer Frage veranlaßte. Sei dem aber wie immer, Papa, ſo werde ich nicht aufhören, Dir für all Deine Güte und Nach⸗ ſicht ewig dankbar zu ſein, und bitte Dich nur, mir nicht zu zürnen.“ „Nein, mein Herzenskind, das thue ich gewiß nicht. Möge kommen, was da wolle, ich weiß, daß Du dann nicht anders handeln konnteſt.“ Der Kommandant drückte nach dieſen Worten einen Kuß auf die weiße Stirn des Mädchens, und 167 wandte ſich an's Fenſter, um ſeine aufkeimende Gemüths⸗ bewegung zu verbergen. Erleichtert verließ Iſabella das Zimmer. Die ſchreckliche Ungewißheit war nun von ihr genommen; offen und frei durfte ſie nun Breiten's Geſtändniſſen entgegen ſehen, wo ſie ja von Theobald und dem Vater nichts mehr zu fürchten hatte. Ihr Herz war voll von dem Frühling ihres jungen Mädchenlebens, daß es ſie hinaus trieb in die freie Gottesnatur, hinauf nach der ſonnigen, lauſchigen Einſiedelei, jenem Orte, wo zum erſten Mal ihr junges Herz erwachte unter dem Strahle einer reinen Liebe. Jeder Zweig der Bäume des großen Gartens hing voll glitzernder Schneetropfen, die im Lichte der Sonne wie Smaragden und Rubinen erglänzten. Es war ein kalter, froſtiger, aber ſchöner Tag, deſſen friſche Kälte die Nerven ſtählte, das Blut ſchneller und freier kreiſen ließ. Auch Breiten war frühzeitig aus dem Gaſthauſe fortgegangen, in welchem er die letzte Nacht in Karn⸗ ſtein zugebracht hatte. Unwillkürlich lenkte er ſeine Schritte dem Garten des Kommandanten zu, deſſen äußere Mauer bis zu einer kleinen Quergaſſe führte und an welcher hier ein kleines Pförtchen in den 168 Garten angebracht war. Er wußte, daß daſſelbe nur des Nachts geſchloſſen wurde. Der Kommandant hatte ihm dies ſelbſt einſt mitgetheilt, als er ihm bedeutete, von hier aus den Weg nach dem Feſtungsberg einzu⸗ ſchlagen, nach Beendigung der für ihn ſo bedeutungs⸗ voll gewrodenen Zeichnenſtunden. Auch heute trat er dort ein. Es war noch zu früh, um ſchon jetzt den zugeſagten Abſchiedsbeſuch bei Alſing zu machen, und ſo wollte er denn bis dahin Abſchied nehmen von der Einſiedelei, die auch ihm ſo theuer geworden war und dieſelbe zum letzten Male ſehen. Seine Blicke hingen mit banger Trauer an jedem Baume, an jedem Strauche des großen Gartens. Dort ſtand ſie, die freundliche Einſiedelei, und die Sonne beſchien ſie hell und warm. Sie war ſo einladend wie ſonſt, und doch wie fremd, wie traurig war für den jungen Mann die Stätte geworden, die Zeuge war ſeiner erwachten Neigung. Noch vor wenigen Tagen hatte er den Abſchied von Karnſtein herbeigeſehnt, und jetzt wurde ihm derſelbe ſo namenlos ſchwer! Was hätte er darum gegeben, auf dieſem kleinen Fleck der großen, ſchönen Welt bleiben zu dürfen, mit ihr vereint für's Leben! In ſolche Gedanken vertieft näherte er ſich dem 169 Hauptwege, welcher zur Einſiedelei führte. Da war es ihm, als hörte er auf dem feſtgefrorenen Schnee leichte Tritte hinter ſich. Er ſah ſich raſch um, Iſabella ſtand vor ihm, die zarte Geſtalt in einen Sammetmantel ge⸗ hüllt, den ſchönen Kopf umgeben von einem niedlichen Sammetcapuchon, ihre Wangen von der friſchen Luft geröthet, ihre Augen glänzend und friſch! Die durch das Feſt geſtörte Nachtruhe hatte ihren Zügen nicht den Ausdruck von Abſpannung und Ermüdung aufzu⸗ drücken vermocht, der ſonſt nach einer durchtanzten Nacht die gewöhnliche Folge iſt. Eine leichte Verlegenheit lagerte ſich über ihr Weſen und ſie fürchtete jetzt die Erklärung von Seite Breiten's, auf welche ſie noch wenige Minuten zuvor ſo ſehnlich gehofft. So iſt und bleibt, das Herz des Weibes; es bangt vor dem, was es wünſcht, ſobald es ihm nahe tritt. Gleichwohl nahm Iſabella zuerſt das Wort. „Welch' ſchöner Tag“, ſagte ſie nach der erſten Begrüßung,„das neue Jahr beginnt hell und lih Ein gutes Zeichen!“ „Glauben Sie an Vorbedeutungen?“ fragte er lächelnd. 170 „Wenn dieſelben etwas Gutes bedeuten, gewiß“, antwortete ſie heiter. Sie gingen neben einander her. Das Herz war ihm ſo ſchwer, wie noch niemals. „Ich kam, um den letzten Abſchied von Ihnen und Ihrem Vater zu nehmen, doch fürchte ich, daß es noch zu früh und Ihr Herr Vater noch beſchäftigt ſein möchte. Ich wollte aber dem Gros der Gratulanten entgehen, die wahrſcheinlich heute das Haus des Herrn Oberſten beſuchen werden, und wählte deshalb eine frühere Stunde. „Papa iſt bereits zu ſprechen. Aber wie! Sie wollen uns doch nicht heute ſchon verlaſſen?“ „Ich muß, Fräulein Iſabella.“ „Und weshalb beeilen Sie Ihre Abreiſe von Karn⸗ ſtein ſo ſehr?“ fragte ſie erbleichend,„haben wir es denn nicht vermocht, all' das Trübe hier Ihnen zu lindern?— O! das thut mir leid!“ „Fräulein Iſabella, wenn je einem Unglücklichen Mitleid geſpendet worden, ſo geſchah dies mir, und niemals werde ich Ihres Vaters Milde gegen den armen Gefangenen, Ihre Freundſchaft für den Unglücklichen vergeſſen. Wo ich auch ſei, was mir auch begegnen mag, immer werde ich mir in dankbarer Erinnerung Karnſtein in's Gedächtniß zurückrufen!“ l ſe 80 4 171 „Und doch treibt es Sie, daſſelbe ſo bald zu ver⸗ laſſen?“ „Es muß ja doch einmal ſein, alſo beſſer, früher als zu ſpät.“ „Warum können Sie nicht bei uns bleiben, warum wollen Sie uns verlaſſen; findet der Künſtler nicht überall ſein Brod?“ ſtieß das junge Mädchen in faſt leidenſchaftlicher Erregung hervor. All' ihre Selbſtbeherrſchung verließ ſie bei dem Gedanken, ſich von ihm trennen zu müſſen. Ihre er⸗ regte Phantaſie, das Bewußtſein ihrer bis jetzt noch ungebrochenen Macht über Andere ließ ſie Breiten's ſcheinbaren Widerſtand in nie gekannter Höhe fühlen. „Sein Brod findet der Künſtler überall, nicht ſo ſeine Ruhe.“ Iſabella's Geſicht überzog ſich mit einer flammen⸗ den Röthe. Jetzt glaubte ſie den Augenblick gekommen, wo er zu ihr ſprechen würde, und ihr Herz ſchlug in banger Erwartung. Breiten bemerkte ihre Erregung. An ihm war es daher, das liebliche Mädchen auch keinen Augenblick in Ungewißheit über ſeinen einmal gefaßten Entſchluß zu laſſen, und ſo ſchwer es ihm auch wurde, ſeine Rechtlichkeit, ſein dem Kommandanten gegebenes Wort ſiegten. 172 „Und ich habe meine Ruhe hier verloren, Fräulein Iſabella“, fuhr er fort,„jeder Stein, jeder Baum in Karnſtein würde mich an mein Elend mahnen, mir meine Gefangenſchaft in's Gedächtniß zurückrufen. Nur Entfernung von dem Orte, der uns Bitteres gebracht, kann Heilung bringen.“ Alſo das war es, was ſeine Ruhe ihm geraubt hatte, und ſie war ſo thöricht geweſen, an ſeine Liebe zu glauben?— Und er ſprach mit ruhigen kalten Worten von dem Schmerze ſeiner Kerkerhaft! O! wie das Herz aufzuckte in tödtlich verletztem Mädchenſtolz in der jungen, noch eben ſo vertrauensreichen Bruſt. Aber ſie wollte Alles— Alles wiſſen, mit deutlichen Worten hören, daß er ſie nicht liebte. Sie wollte Gewißheit haben, um ruhig zu werden. „Mithin iſt kein Band, kein noch ſo leiſer Mahn⸗ ruf da, der Sie an Karnſtein feſſelt?“ fragte ſie leiſe mit bebenden Lippen.— Eine kleine, kleine Pauſe verſtrich. Breiten fand nicht gleich die Kraft, die Antwort zu geben, die er geben mußte. „Kein Band, Iſabella, außer dem der Freundſchaft, der Dankbarkeit gegen Sie, gegen Ihren Vater“, ſagte er endlich mit wahrhaft männlichem Muthe. Tcodtenbleich war das arme Mädchen einen kurzen ‧ 173 Augenblick geworden, und ſchmerzlich zuckte es um ihren feſtgeſchloſſenen Mund, der noch vor wenigen Sekunden ſo glücklich gelächelt hatte. „Und iſt dies Alles, was Sie mir zu ſagen haben“, ſagte ſie bebend. „Alles, Iſabella, außer daß ich Sie bitte, ſollten Sie im Leben je eines wahren Freundes bedürfen, dann wenden Sie ſich an mich, der Ihnen aufrichtig ergeben iſt“, antwortete der junge Mann mit beinahe unnatür⸗ licher Selbſtbeherrſchung. „Ich danke Ihnen, Herr Baron, für Ihr gütiges Anerbieten“, ſagte Iſabella endlich mit wogendem Athem, indem ſie ſich vergeblich bemühte, ihrer Schwäche Herr zu werden.„Ich danke Ihnen, aber ich war nie ehr⸗ ggeizig genug, nach ſolch' hohem Gute zu ſtreben wie es Ihre Freundſchaft iſt, und noch bin ich ſo glücklich dieſelbe entbehren zu können.— O, ich kann Alles— auf Alles Verzicht leiſten— ich will Sie nicht zwingen hier zu bleiben, gehen Sie nur— ich will— ich kann—“. Hier brach das leidenſchaftlich erregte Mädchen ab, Thränen erſtickten ihre Stimme. „Iſabella— um Alles in der Welt faſſen Sie ſich— erſchweren Sie uns nicht den peinlichen Abſchied 174 durch für uns Beide ſo ſchmerzliche Worte“, rief der junge Mann im tiefſten Seelenkampfe. „Sie haben Recht, vollkommen Recht“, ſagte das junge Mädchen in Bitterkeit nach einer Pauſe.„Es iſt unnütz, den Abſchied peinlich zu machen, und Sie ſehen, meine nervöſe Aufregung hat ſich bereits wieder gelegt. Leben Sie wohl, Herr Baron.“ Sie wandte ſich ab und wollte weiter gehen. „Iſabella, ſcheiden Sie nicht im Grolle von mir, wer weiß ob wir uns je wiederſehen!“ Sie ſah zurück nach ihm mit ihren dunklen, thränen⸗ feuchten Augen; ſie reichte ihm die kleine Hand, die er zum letzten Male an ſeine Lippen drückte. „Leben Sie wohl“, hauchte ſie nochmals. Dann trat ſie hinein in die ſtille einſame Einſiedelei, während Breiten dem Wohngebäude zuſchritt, Verzweif⸗ lung im Herzen. Mehr als ein Mal war er im Begriffe umzukehren, den vergeblichen Kampf zwiſchen Pflicht und Liebe aufzugeben! Aber auch jetzt ſiegte ſeine Rechtlichkeit über ſeine ſtürmiſch bewegten Gefühle, und er ſchied von Karnſtein in dem Bewußtſein, den ſchwer⸗ ſten Kampf ſeines Lebens ſiegreich gekämpft zu haben und der Achtung des Kommandanten gewiß zu ſein, mit welchem er noch eine letzte Unterredung hatte. „Hoffen Sie viel von der Zeit, von der Trennung“, GGG 175 hatte derſelbe zu ihm geſagt, und das war auch ſein einziger Troſt. Iſabella aber kniete oben in der Einſiedelei, und barg das Haupt tief in die weichen Kiſſen des Divans, welcher einen Theil der freundlich eingerichteten Eremi⸗ tage bildete. „Verlaſſen, aufgegeben von ihm!— O— daß ich ſterben könnte!“ flüſterten ihre bebenden Lippen, und Thränen des tiefſten Schmerzes, jenes einer getäuſchten Liebe ſtürzten über ihre bleichen Wangen. 1. —— 3 Neuntes Kapitel. Am Geburtstage. Eine ſtille, ſtile Zeit brach für Iſabella nach Breitens Abreiſe von Karnſtein herein. Ihr heiteres Lachen, ihre muntere Laune war dahin; nur in ihres Vaters Gegenwart gab ſie ſich alle Mühe, ſo ſorglos zu ſcheinen wie früher. Aber trotzdem entging Alſing ihre trübe Gemüthsſtimmung nicht. „Mein theueres, liebes Mädchen“, ſprach er einſt zu ihr, nachdem er ſie durch längere Zeit be⸗ obachtet hatte.„Ich ſehe, Dir liegt etwas auf dem Herzen, und ſo ſehr es mein Wunſch einſt war, Dich mit Deinem Vetter verbunden zu ſehen, ſo möchte ich um Alles in der Welt nicht, daß Du mir zu Liebe gezwungen meinem Willen folgteſt. Haſt Du daher keine Neigung?“ — ———— —+½—— ne 46¼ „Ich habe in die Verbindung mit Theobald ge⸗ willigt, Papa“, antwortete das junge Mädchen ſanft—„und was ich am Neujahrsmorgen zu Dir geſagt, war unrecht von mir. Aus eigenem, freien Willen will ich Deinen Wunſch erfüllen, Theobald's Gattin werden. Das Einzige, um was ich Dich bitte, iſt, unſere Verlobung noch für einige Zeit geheim zu halten.“ Alſing drückte die Hand ſeiner Tochter, ſeufzte und gab ſich zufrieden.„Noch ſcheint ihre Empfindung für Breiten nicht ſo leidenſchaftlicher Natur zu ſein“ dachte er„als daß ſie nur mit brechendem Herzen Theobald's Gattin würde.“ Der biedere, alte Soldat, der ſich wohl auf das militäriſche Dienſtreglement, nicht aber auf Herzens⸗ regungen verſtand, täuſchte ſich in B ezug auf die Ge⸗ fühle ſeiner Tochter. Er wußte nicht, daß der größte Seelenſchmerz ſich tief im Inneren birgt. Hätte er ſein Kind mit rothgeweinten Augen geſehen, dann würde er ihren Gemüthszuſtand erkannt haben, aber ihre ruhige Faſſung machte ihn irre. Und ſo kam es, daß er beruhigt der Zukunft entgegenſah und ſeinen Beſchäf⸗ tigungen nachging. Das junge Mädchen gab ſich alle Mühe, den fer⸗ nen Freund zu vergeſſen, um ſo mehr, als ſein erſter Creſſieur, Die Kunſtreiterin. II 12 2 178 Brief an den Kommandanten jene verſtändige Ruhe athmete, nach der ſie bisher vergebens rang. Wir wollen damit nicht ſagen, daß Breiten Iſabella wirk⸗ lich ſo ſchnell vergeſſen; im Gegentheil!— Aber er kämpfte tapfer gegen den tief empfundenen Schmerz des Entſagens, und ſein kräftiger, feſter Wille ließ ihn in ſeinem Künſtlerberufe den erſten Hebel gegen jede Bitterkeit finden. In dieſer Stimmung hatte er auch nach Karnſtein von der deutſchen Reſidenz aus geſchrieben, und Iſabella hatte den Brief geleſen. Am Abend jenes Tages, an welchem dieſer Brief ankam, ſaß Iſabella in dem wohnlich eingerichteten Salon, der an das Treibhaus ſtieß, in welchem wir damals Iſabella und Martha wieder ſahen. Die Dämmerung war bereits eingebrochen; der Kommandant war noch in ſeiner Kanzlei beſchäftigt, und Madame Blanchard mit häuslichen Anordnungen, die ihr von der jungen Herrin des Hauſes gern über⸗ laſſen wurden, in Anſpruch genommen. So ſaß denn das junge Mädchen allein am Fenſter; und blickte ge⸗ dankenvoll anf die hartgefrorenen Straßen hinab. Da trat der junge Arzt in's Zimmer. Als er das junge Mädchen ſah, näherte er ſich ihr. Es war das erſte Mal, daß Iſabella ſeit Breiten's Abreiſe ſich Theobald allein gegenüber befand. Bis jetzt hatte ſie ———— r 82 8 ͤ * 479 es verſtanden, ihm auszuweichen. Dieſes Mal ſchien ſie entſchloſſen es nicht zu thun. Eine feſte, kampfbe⸗ reite Ruhe gab ſich bei ihr kund. „Jſabella, ich ſtöre Dich doch nicht?“ fragte der Arzt achtungsvoll. „Nein, Theobald, und ich erſuche Dich ſogar, eine kurze Zeit bei mir zu bleiben, mich anzuhören.“ Der Gefängnißarzt ſchob einen Stuhl in die Nähe ſeiner Couſine. Er leitete das Geſpräch mit ein paar gleichgültigen Worten ein, ſie aber unterbrach ihn, in⸗ dem ſie mit leiſer, aber feſter Stimme ſprach. „Es muß klar werden zwiſchen uns, Theobald!“ „Gewiß und ich wünſche dies ſchon längſt herbei.“ „Du hielteſt einſt um meine Hand an.“ „Ja, Iſabella.“ „Vor kurzer Zeit eröffnete ich Dir, daß ich einen Andern liebe, daß ich für Dich nur Freundſchaft fühle, — und ich frage Dich nun, Theobald, ob dieſes mein Geſtändniß Dich nicht andern Sinnes machte, ob Du nicht lieber auf meine Hand verzichteſt, die ich Dir nur in Freundſchaft reichen könnte.“ „Theuerſte Iſabella, wenn Du die Entſcheidung mir überläßt, dann fürchte ich, nicht genug Selbſt⸗ überwindung zu beſitzen, um dem Glücke, Dich als meine Frau heimzuführen, zu entſagen!“ 8 —— 180 Das junge Mädchen ſeufte ſchwer. „Du beſtehſt daher auf meinem einſt Dir gegebenen Worte, trotzdem Du weißt, daß meine Neigung einem Andern gehört?“ „Trotzdem ich weiß, daß Deine Neigung einen Unwürdigen gehört, der Deine reine, ſelbſtloſe Liebe verſchmähte!— Ja, Jſabella, trotzdem, und meine Aufgabe ſoll es ſein, Dir meine Neigung zu beweiſen, das heißt, wenn Du nicht gezwungen dieſelbe entgegen⸗ nimmſt.“ Er ſprach dieſe Worte mit großer Empfindung, welche ihre Wirkung anf das zartfühlende Mädchen nicht verfehlten. „Theobald— Du beiſtzeſt nicht meine Liebe, wohl aber die Achtung meines Vaters—“ ſagte ſie leiſer.„Du weißt, daß ich nur Freundſchaft für Dich fühle— ich habe es Dir geſagt, es kann mir daher nie der Vorwurf gemacht werden, ich hätte Dich ge⸗ täuſcht—“ „Niemals, Iſabella— und ich will mich mit Deiner Freundſchaft begnügen, bis es mir gelingt Deine Neigung zu gewinnen.— Mein ganzes Leben ſoll dieſer Aufgabe geweiht ſein, ſobald Du den Lieb⸗ lingswunſch Deines Vaters erfüllſt und meine Gattin wirſt.“ ————— 4 181 „Unter dieſen Umſtänden bleibt mir alſo nichts übrig—“ ſagte das junge Mädchen, und ihre Bruſt hob ſich unter den ſchnellen Athemzügen der Erregung, —„als mein Wort zu halten. Du begehrſt trotz Allem meine Hand, ſie ſoll Dir werden, Theobald, wenn Du bis zum Tage unſerer Vermählung Deinen Entſchluß nicht noch freiwillig ſelbſt änderſt. Noch haben wir eine ziemlich lange Zeit bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, welchen Termin Papa für unſere Verbindung feſtſetzte. Bereuſt Du während dieſer Zeit Deinen Entſchluß, dann ſteht es Dir frei noch bis zur letzten Stunde zurückzutreten, ich werde Dich nicht hindern. Deshalb bat ich Papa auch unſere Verlobung noch geheim zu halten, Du ſollſt nicht ge⸗ bunden ſein— Zeit zur Ueberlegung haben. Denkſt Du jedoch nach dieſer Friſt noch ſo wie heute, be⸗ gnügſt Du Dich auch dann noch mit meiner blößen Freundſchaft— dann, Theobald, will auch ich mich für gebunden halten— meines Vaters Lieblingswunſch erfüllen.—“ „Dank Iſabella!— Dank für die hoffnungsvollen Worte!“— ſagte ſcheinbar tief ergriffen Theobald, und drückte die Hand des jungen Mädchens. Iſabella wehrte ihm nicht, aber ſchwer und kalt lag ihre Hand in der Seinigen.— „Laß mich jetzt allein“— bat ſie leiſe mit thränen⸗ feuchten Blicken. Theobald erhob ſich und erfüllte ihren Wunſch. Sie barg das heiße Geſicht in ihre Hände, und weinte die letzten Thränen um ihr verlorenes Glück. Von jener Zeit an wurde ſie ruhiger, gefaßter. Ihre Gemüthsſtimmung gegen Theobald ward mild, weich wie nie zuvor, ſo ganz verſchieden von der launenhaften früheren Art. Der Kommandant freute ſich herzlich über dieſe Gefügigkeit ſeines Kindes, und war voll Zärtlichkeit gegen daſſelbe. Iſabella verſuchte es, den fernen Freund nur als ſolchen zu betrachten. Und es kam endlich die Zeit, wo ihr dies gelang. 8 Oft, wenn ſie oben in der Eremitage ſaß, die in ihrer angenehmen Einrichtung auch im Winter ihr Zufluchtsplätzchen bildete, und in welcher ſie ſich eine kleine Welt von Blumen und Büchern gebildet hatte, ließ ſie die jüngſte Vergangenheit ihrer Seele vorüberſtreifen. „Er hatte mich lieb“, ſagte ſie ſich dann ſelbſt, „ſo lieb wie man gute eine Freundin liebt. Nur aus Mangel an Erfahrung, und weil ich ſelbſt ihn ſo ſehr 3 liebte, glaubte ich an ein gleiches Gefühl in ſeinem Herzen. Ich werde deshalb aber nie aufhören ihn für den beſten der Menſchen zu halten. Gott ſegne ihn auf ſeinem ferneren Lebenswege.“ hr us ehr em ihn gne 183 Oft und viel weinte Iſabella noch bei dieſen Be⸗ trachtungen, doch die Zeit linderte ihren Kummer, ließ ſie wieder froher aufathmen. So verging der Winter, und der Frühling kam mit ſeiner Regenflut, mit ſeiner vorſchreitenden Wärme. Der Schnee ſchmolz unter dem ſonnigen Lichte, und es begann zu rieſeln und lebendig zu werden in den Schluchten und Thälern, und der erſte grünſchimmernde Schleier legte ſich über die Wieſen. Himmelſchlüſſeln blühten wieder, und lieblich duftende Veilchen erhoben ſchüchtern aus der tiefen Waldeinſamkeit ihre kleinen Köpfchen. Früh⸗ tulpen ſtreckten ihre rothen Näschen aus dem Erdreich der Gartenbeete, und der Kommandant ſtand in ſeinem grünen Reiche, umgeben von ſeinen Gärtnern. Sein Geſicht war heiter und ſeine kleinen blauen Augen glänzten vor Freude, wenn er von Beet zu Beet, von Baum zu Baum wanderte, jeder neuangekommener Blüthe ein Willkommen zurief und von den rieſigen Spargelbeeten die winterliche Decke abräumen ließ. Auch Iſabella trieb es hinaus in die würzige Frühlingsluft, auch ſie betrat gerne den grünenden Garten. Neben ihr blühten dann die Sträucher, ſummten die Bienen, über ihr ſchien die Sonne ſo hell und warm, die Lerchen wirbelten in der blauen Luft.— Und ihr Herz ward ruhiger, ihr heiteres Lachen ertönte wieder, je weiter der Frühling in ſei⸗ nem Schaffen vorwärts ſchritt. Nach und nach fand ſie wieder Intereſſe an Allem. Wenn die Tauben ihr auf die Schultern flogen, und das Federvieh ſich mit dreiſter Zutraulichkeit um ihre niedlichen Füße ſchaarte, um die von ihrer Hand ge⸗ ſtreuten Brodkrumen zu erhaſchen, lachte ſie wieder ſo fröhlich wie einſtmals, und wenn die Pferde im Stalle bei ihrem Kommen aufwieherten vor Luſt und ihre Köpfe ſchmeichelnd auf ihre Schultern legten, dann plauderte ſie mit den klugen Thieren ſo heiter wie früher, ſtreichelte ſie ſo herelich wie ſonſt und reichte ihnen ſo gern wie einſtmals Brod, Zucker und andere Leckerbiſſen. Iſabella entwickelte eine eigene Fähigkeit in der Behandlung von Thieren, und es erwies ſich an ihr die Wahrheit von der Dankbarkeit dieſer Ge⸗ ſchöpfe Gottes. Trotz des Entfliehens ihrer ſüßen Träume fühlte ſich Iſabella wieder glücklich, ja es hatte ſie ſogar ge⸗ beſſert, gegen ihre Umgebung nachgiebiger, ſanfter ge⸗ macht. Ihre Briefe an Martha athmeten wieder Ruhe, und wenn auch manchmal noch ein leiſer Anflug von Trauer dieſelben durchwehte, ſo waren ſie doch zumeiſt ruhig gefaßt. 185 So ſchrieb ſie in ihrem letzten Briefe unter An⸗ derem: „Seit meinem letzten Briefe, Martha, iſt mir die Zeit mit ſchweren aber heilenden Flügeln vergangen. Du irrſt, wenn Du vielleicht denkſt, ich habe Breiten ſo ſchnell vergeſſen. Nein, er iſt und wird mir ſtets ein lieber, treuer Freund bleiben, aber nach langem Kampfe bin ich wieder ruhiger geworden. Ich ſchäme mich jetzt meiner Thorheit und bitte Dich nie mehr über dieſelbe zu reden. Es ſoll zwiſchen uns ſein, als hätte ſie nie beſtanden. Papa hofft jeden Tag ſeine Entlaſſung aus dem Dienſte zu erhalten und dann wollen wir zu Euch, für einige Zeit in Euer ſonniges Land kommen und glücklich ſein. Ich bin ungeduldig Dich wieder zu ſehen, theure Martha! Ich danke Dir für Deine Zartheit, mit welcher Du in Deinem letzten Briefe meiner bevorſtehenden Verbindung mit Theobald erwähnteſt. Du kannſt freilich mir gegenüber nicht ſo ſchreiben, wie dies vielleicht an eine andere Braut der Fall wäre. Aber beruhige Dich, Martha, ich bin zufrieden mit meinem Looſe, weil ich weiß, wie glück⸗ lich Papa darüber iſt. Du erwähnſt, daß Breiten Euch geſchrieben, er wolle ſich an einer von Künſtlern unternommenen Kunſt⸗ reiſe betheiligen und dabei auch Kairo berühren. Uns 186 ſchrieb er daſſelbe. Vielleicht ſehen wir ihn dann bei Euch. Bis zu jener Zeit bin ich wohl ſchon Theobald's Gattin, denn Papa ſprach davon unſere Hochzeit noch vor der Abreiſe nach dem Süden zu feiern und ich füge mich in Alles, denn ich will trachten glücklich zu werden. Es liegt ja doch nur zumeiſt an uns Men⸗ ſchen ſelbſt, ſich glücklich zu fühlen. Glaubſt Du nicht auch? Wäre Papa weniger freundlich, und Theobald rückſichtsloſer gegen mich geweſen, ich weiß nicht, ob ich dann ſo bald ruhig geworden wäre, wie ich jetzt wirklich bin. Was Theobald betrifft, ſo ſcheint er mich zu lie⸗ ben. Trotzdem, daß oft eine recht künſtliche Glätte in ſeinem Benehmen liegt und manchmal ein Ausdruck in ſeinen Augen iſt, der mich beinahe ängſtigen könnte, ſo muß ich mir doch ſagen, daß zehn Andere an ſeiner Stelle, ihre Bewerbungen um meine Hand nicht ſort⸗ geſetzt haben würden, nach dem was ich ihm eröffnet. Es gehört viel Muth und noch mehr Liebe dazu, ein Mädchen zu heirathen, von dem man weiß, daß es aus bloßer Freundſchaft ſeine Hand am Altar reicht. Aber nun ein herzliches Adieu Martha, bald, ſo hoffe ich, ſollſt Du Deine Iſabella wieder ſehen.“ Die Tochter des Kommandanten hatte. Recht. Wäre ihr Vater weniger freundlich, Theobald rückſichts⸗ *☛ . oooſſſſſſ————— * 187 loſer geweſen, ſo hätte nichts ſie beſtimmt in dieſe Heirath zu willigen. Dazu kam noch, daß ſie ſich von Breiten verſchmäht, von Theobald aber geliebt wähnte. Mädchenhafte Scham bei dem Gedanken, Lliebe für einen Mann empfunden zu haben, der ihre Nei⸗ gung nicht erwiderte, bemächtigte ſich ihrer und ſo war es Theobald ein Leichtes, ſein Spiel zu gewin⸗ nen. Ueberdies war der junge Arzt in ſeinem Plane ſyſtematiſch vorgegangen und verſtand es, ſeit Jahren andere Bewerber um Iſabella's Hand fern zu halten, durch ſeine Klugheit den Oheim für ſich zu gewinnen. Wie er ſich aus der Angelegenheit mit Marie Langer herauswinden ſollte, wußte er bis jetzt freilich noch ſelbſt nicht, aber das Schickſal kam ihm zu Hülfe. Der dreizehnte April, des Kommandanten von Karnſtein fünfundſechszigſter Geburtstag war ange⸗ brochen. Es war ein ſchöner, freundlicher, milder Tag und Iſabella flog ſchon am frühen Morgen zu ihrem Herzenspapa, um ihm ihre Glückwünſche auszuſprechen, ihm für all' ſeine Liebe zu danken. Sie brachte ihm ein Bouquet von ſelbſtgezogenen Blumen, da ſie wußte daß ihm, dem großen Blumenfreund, dieſe Aufmerk⸗ ſamkeit am meiſten Freude machen würde. Noch hatte ſie ihm ein ſchönes Ruhekiſſen geſtickt, für das Nachmittagsſchläfchen, welches er täglich hielt. Ihr 188 Kopf lag an ſeiner Bruſt und beide Arme ſchlangen ſich um den theuren Papa. „Möge Gott Dich mir noch lange erhalten“, flü⸗ ſterte ſie weich. „Das wollen wir hoffen, mein Herzenskind“,* meinte gerührt der biedere Soldat,„iſt mir das Leben ja doch erſt recht theuer geworden, ſeitdem ich Dich beſitze, mein Liebling, und Gott ſegne Dich für all' Deine Liebe zu Deinem alten Vater.“ 5 „Papa, es war immer mein Beſtreben Dir meine ſo früh verlorene Mutter zu erſetzen, ſage mir, ob ich dies im Stande war, ob Du niemals die Verſtorbene entbehrt?“ 4 Ueber das Geſicht des Kommandanten zog bei dieſen Worten eine leiſe Verlegenheit, wie dies jedes Mal der Fall war, ſobald Iſabella ihrer verſtorbenen Mutter erwähnte. Das junge Mädchen hatte dies oft ſchon ſtaunend bemerkt und ſich gefragt, ob das gegen⸗ ſeitige Verhältniß ihrer Eltern kein glückliches geweſen ſei? Doch des Kommandanten Worte zerſtörten dnna jedes Mal die aufkeimenden Zweifel, und ſo ſagte er auch heute nach einer kurzen Pauſe. „Die Frau, welche ich meine Gattin nennen durfte, Iſabella, war eines jener engelgleichen Weſen, die für dieſe Welt zu gut ſind. Mit ihrer Liebe zu Dir, hat e—·—·— F— 189 ſie auch ein Theil ihres Weſens auf Dich übertragen, mein theures Kind, und Duſ warſt daher vollſtändig im Stande ſie mir zu erſetzen.“ „Wie gern hätte ich ſie gekannt, Papa. Ich glaube, ich würde ſie recht lieb gehabt haben.“ „Gewiß, mein theures Kind, hätteſt Du das.“ „Du erzählſt mir ſo wenig von ihr, Papa.“ „Bald, mein Kind, wird die Zeit kommen, wo Du ſo Manches über die Frau erfahren ſollſt, welche Dich ſehr lieb gehabt“, fiel der Commandant in ſicht⸗ licher Verlegenheit ſeiner Tochter in's Wort,„bis da⸗ hin genüge Dir zu wiſſen, daß ſie die edelſte, beſte Frau der Welt war, in deren Fußſtapfen Du treten mußt, um Theobald ebenſo glücklich zu machen, wie ich ſeit Deiner Geburt war. Aber wahrhaftig, mein liebes Kind, ich glaube, wir werden Beide ganz weh⸗ müthig bei all' dieſen Reden; das darf nicht ſein, an dem heutigen ſo frohen Tage müſſen wir heiter bleiben.“ Der alte Soldat ſtemmte ſich mit Tapferkeit ge⸗ gen die aufſteigende Rührung, welche ihn zu bewältigen drohte. Später kam Theobald, um ſeinen Oheim zu gra⸗ tuliren. Er fand denſelben allein, in ſeinem Arbeits⸗ zimmer. „Du haſt ein dankbares Herz, Theobald“, ſagte 190 der gute, alte Mann, indem er die Hand ſeines Neffen drückte,„ich danke Dir für Deine Wünſche. Du haſt Alles gethan, um mich für das Wenige, das ich für Dich that, zu belohnen. Komm, ſetze Dich hierher zu mir. Am heutigen Tage ſcheint es mir an der Zeit zu ſein, Dir etwas zu enthüllen, was Du doch binnen Kurzem erfahren ſollſt.“ Der junge Arzt war von den letzten Worten ſei⸗ nes Oheims betroffen und that, wie ihm derſelbe ge⸗ heißen. Lange und angelegentlich ſprach nun der Kom⸗ mandant zu ſeinem Neffen, und ſeine Rede ſchien einen großen Eindruck auf den Zuhörenden hervorzu⸗ rufen, der mit geſpannter Aufmerkſamkeit jedem Worte lauſchte. „Du weißt nun Alles, Theobald“, ſchloß endlich der Kommandant,„was mir ſchon lange am Herzen lag. Ich glaube, es iſt nicht nöthig Dir erſt die Mittel und Wege anzugeben, um zum Ziele zu gelangen. Ich ſtelle es Deinem Scharfſinn anheim, die Spur aufzu⸗ finden, welche zur Entdeckung führt.“ „Mein theurer Oheim, Du warſt mir ſtets ein liebevoller Freund“, verſetzte Theobald tiefaufathmend, und die Hand des Oheims an ſeine Lippen drückend, „glaube mir, ich bin nicht undankbar und was an mir 191 liegt, ſoll gewiß geſchehen, um Dein heutiges Ver⸗ trauen zu rechtfertigen.“ „Es iſt dies eine ſeltſame Geſchichte, nicht wahr?“ ſagte der alte Soldat,„aber ich hoffe, Du wirſt mein keines Mädchen deshalb nicht weniger lieben!“ „Du haſt es nicht nöthig, theurer Oheim, mir erſt meine Pflicht in's Gedächtniß zurückzurufen, und nur einen Moment meine Gefühle für Iſabella in Zweifel zu ziehen, die nach wie vor die gleich treuen bleiben.“ „Wer weiß“, fuhr der Kommandant lächelnd fort, „ob Du bei Deinen Nachforſchungen nicht auf große Reichthümer ſtoßeſt, welche Dir dann zufallen. Uebri⸗ gens haſt Du das nicht nöthig, mein Junge, mit dem Vermögen Deiner künftigen Frau haſt Du bei zehn⸗ tauſend Gulden jährlicher Einkünfte, und nach meinem Tode erhält Iſabella das Doppelte an ihrem jähr⸗ lichen Einkommen. Auch Du ſollſt in meinem Teſta⸗ mente reichlich bedacht werden. Sogleich nach der Rückkehr meines Advokaten will ich daran denken.“ „Haſt Du noch kein Teſtament gemacht, Oheim?“ fragte der Neffe erſtaunt. „Bis jetzt noch nicht. Das heißt, ich habe das erſte wieder nach Eurer Verlobung vernichtet, um gün⸗ ſtigere Bedingungen in einem zweiten zu machen. Doch 192 jetzt will ich nicht länger mehr ſäumen, und ſobald Doktor Linker zurückkehrt—“ „Du ſiehſt ſo rüſtig aus lieber Oheim“, fiel Theo⸗ bald hier ein, mit dem ſichtlichen Bemühen, den alten Mann von dieſem Vorſatz abzubringen,„daß ein Teſta⸗ ment eigentlich noch ganz überflüſſig iſt.“ Geſchmeichelt lächelte der Kommandant. Er liebte es, über ſein noch rüſtiges Aeußere gelobt zu werden. „Ich fühle mich auch ſo wohl und rüſtig“ meinte er,„als ob ich ewig leben ſollte. Trotz meiner fünf⸗ undſechzig Jahre war ich noch niemals ernſtlich er⸗ krankt. Außer meiner Schußwunde am linken Arm peinigt mich keinerlei Gebrechen und ich könnte es noch mit jedem Lieutenant aufnehmen.“ „Trotz Deiner fünfund ſechzig Jahre, ſagſt Du, Oheim! Wer wird an der Zeitrechnung ſo pünktlich feſthalten. Jung iſt, wer ſich jung fühlt, und alt wer gebrechlich und leidend iſt, mag er nun nach der Jahres⸗ zahl alt oder jung ſein.“ Abermals lächelte der Kommandant. „Nun, trotz meiner Rüſtigkeit kann ein Teſtament nicht ſchaden“, meinte er,„und nach einem ſolchen brauche ich ja auch nicht gleich zu ſterben. Aber um auf unſer voriges Geſpräch zurückzukommen, ſo wünſche ich, daß Du vorläufig meine Mittheilungen Iſabella —————— 193 noch verſchweigſt. An Eurem Hochzeitstage ſoll ſie Alles erfahren, es wird ihr dann die Trennung von dem Vaterhauſe leichter machen. In einem erläutern⸗ den Briefe habe ich bereits Alles zuſammengeſtellt. Ich übergebe Dir denſelben zur nochmaligen gründlichen . Durchſicht, und mit großer Spannung werde ich ſeiner Zeit dem hoffentlich glücklichen Erfolg Deiner Nach⸗ forſchungen entgegenſehen.“ „Ich fühle mich durch Dein Vertrauen wahrhaft geehrt, lieber Oheim“, antwortete Theobald, indem er aus der Hand ſeines Onkels ein Packet Schriften ent⸗ gegennahm, welche Jener aus ſeinem Schreibtiſche hervorgeſucht. „Nach gepflogener Durchſicht übergibſt Du mir die Papiere wieder, da ich dieſelben zu meinem Teſta⸗ mente benöthige.“ „Ich richte mich ganz nach Deinen Befehlen, lieber Oheim.“ „Und nun laſſen wir die Vergangenheit, freuen wir uns der Gegenwart. Sieh' nur, was für einen Prachttag wir heute haben. Faſt iſt es, als hätte ſich der Himmel ſelbſt zu meinem Geburtsfeſte geſchmückt.“ Im Hauſe des Kommandanten drängten ſich die Glückwünſchenden aller Art; für Jeden hatte der vor⸗ treffliche biedere Soldat ein freundliches Dankwort. Creſſieur, Die Kunſtreiterin. II. 13 —-⸗éc— 194 Freunde ſollten an dieſem Tage ſeiner wirklichen Freund⸗ ſchaft denken und Feinde ſollten keinerlei Groll in ihm finden. Iſabella, der kleine Maitre de plaisir, wie ihr Vater ſie nannte, hatte Alles gethan um dieſen Titel zu rechtfertigen. Nach dem großen, feſtlich veranſtal⸗ teten Diner folgte ein Ausflug nach einem nahe gelegenen Vergnügungsorte, und Iſabella hatte zu demſelben das halbe Städtchen eingeladen. Als man von der Fahrt abends zurückkehrte, fand man den großen Garten des Kommandanten feſtlich mit Guirlanden geſchmückt, und mit farbigen Ballons beleuchtet. Ein hübſches Feuer⸗ werk ward abgebrannt, deſſen Glanzpunkt ein großer Strahlenkranz mit der transparenten Inſchrift„Heil und Segen zum glücklichen Geburtsfeſte bildete. Erſt ſpät trennte mun ſich, heiter und vergnügt. Iſabella begleitete ihren Vater noch in ſein Zim⸗ mer, wo ſie, wie ſtets, für ſeine Bequemlichkeit mit all' der Sorgfalt einer liebenden Tochter ſich bemühte. „Weißt Du, mein Kind“, ſagte Alſing,„daß ich auch meinen Gefangenen oben den heutigen Tag feſt⸗ lich feiern ließ, die Schanzſträflinge erhielten eine Ration Wein.“ „Wie gut Du biſt; aber wie haſt Du Dich unter⸗ halten, Papa?“ fragte ſie freundlich und zärtlich. 195 „Vortrefflich, mein Herzenskind, Du haſt ja Alles gethan, um mir den Tag zu einem feſtlichen zu ge⸗ ſtalten. Aber weißt Du, meine theure Bella, daß es mir beinahe noch lieber geweſen wäre, wir hätten die⸗ ſen Tag einſam, nur für uns verlebt? Nun, meine Stellung erlaubt dies freilich nicht, aber nächſtes Jahr wollen wir meinen Geburtstag nur für uns feiern, nicht wahr, Bella? Du biſt dann wahrſcheinlich ſchon eine zufriedene, kleine Frau.“ „Bei der Du wohnen wirſt, mein theurer Herzens⸗ papa“, unterbrach ſie ihn zärtlich, ſeine Hand ſtreichelnd. „Oder meinſt Du, ich hätte je eingewilligt, Theobald's Gattin zu werden, wenn ich mich dabei von Dir tren⸗ müßte?“ „Ja, mein theures Kind, wir wollen beiſammen bleiben. Was für ſchöne Tage werden wir dann in Ruhe verleben! Keine Verantwortung wird dann mehr auf meinen Schultern laſten! Meine Haushaltung ſoll die Eure ſein, und Du wirſt mir nach wie vor an den langen Winterabenden vorleſen.“ „Oder Du, Papa, wirſt mir mit Deiner guten, lieben Stimme Geſchichten aus Deinem Soldatenleben erzählen, wie Du ſo oft gethan haſt.“ „Und bei welchen mein phantaſievolles, lebhaftes 13* 196 Mädchen ſich gewiß recht oft gelangweilt haben mag“, antwortete Alſing weich und milde. „Wie kann etwas mich langweilen, mein theurer Papa, was Du thuſt. Ich habe ja nur Sinn und Gedanken für Dich allein, und habe Dich ſo unendlich lieb.“ Sie ſchlang bei dieſen Worten ihren Arm um ſeinen Hals, und barg ihr Geſicht für einen Moment an ihrer Bruſt. Der Kommandant hielt das theure Kind mit zärtlicher Rührung umfangen. „Mein Herzenskind, auch ich habe Dich ſo lieb, wie ich noch niemals Jemand im Leben lieb hatte“, ſagte er ſie küſſend.„Aber nun geh' zu Bette, mein Liebling, es iſt bereits elf Uhr, und ich möchte nicht, daß Du Dich morgen ermüdet fühlteſt.“ Der Kommandant ſegnete ſein Kind, wie er es allabendlich zu thun gewohnt war, und Iſabella ver⸗ ließ das Zimmer. Sie konnte aber noch nicht ſchlafen. Sie zog daher die Ronleaux in die Höhe und blickte hinaus in die ſternenklare mondhelle Nacht. Gleich ihr wachte Theobald, der junge Arzt oben in ſeinem Zimmer am Feſtungsberge. Auch er fand die Ruhe noch nicht, und wilde Gedanken durchtobten ſein Hirn, die immer und immer wieder ihren Endpunkt in den Worten fanden: 197 „Und er hat kein Teſtament gemacht. Das erſte vernichtet!“ Theobald's Licht erloſch, und das tiefe Schweigen der Nacht umgab die Bewohner Karnſteins. Der volle Mond ſtand am Himmel und verbreitete ein mildes Licht. Die Umriſſe der Feſtung traten oben am Berge klar und deutlich hervor. Iſabella ſtand noch immer am Fenſter, die Blicke auf den Fürſtenthurm gerichtet, der einſt ihr ſtilles Glück beherbergt. Sie ſchickte ein Gebet zum Himmel für den fernen Freund, von wel⸗ chem Martha ihr erſt unlängſt geſchrieben, daß er nun auf ſeiner Kunſtreiſe in Kairo angelangt ſei, und dort längere Zeit verweilen wolle. Es war ein Gebet, das in ſtiller ergebungsvoller Weihe zum Himmel ſtieg und ihr Gemüth erleichterte. Sie fühlte ſich heiter und ruhig, und als ſie ſich zu Bette legte, fiel ſie bald in den tiefen, geſunden Schlaf der Jugend. Die glückliche Zeit des ſorgenloſen Schla⸗ fes, wie bald vergeht ſie, und wie bald naht der fin⸗ ſtere Zeitabſchnitt heran, wo der Schlaf den Menſchen in Kummer und Sorge verläßt, wo man ſich hin und her wirft auf dem Lager, welches uns keine Erholung bringt, und uns beweiſt, wie vergeblich es iſt, die Ge⸗ danken zum Schweigen bringen zu wollen! Ungefähr eine Stunde mochte Iſabella geſchlafen 198 haben, als plötzlich durch die Stille der Nacht ein Schuß ertönte. Entſetzt richtete ſie ſich beinahe noch im Halbſchlafe empor. Da fiel ein zweiter, ein dritter Schuß. 4 „Heiliger Gott, ein Aufſtand in der Feſtung!“ rief ſie mit bebenden Lippen, das gegebene Zeichen er⸗ kennend, und ſchon war ſie auch angekleidet, als ihr Kammermädchen hereintrat und blaß und zitternd einen ausgebrochenen Tumult unter den Schanzſträflingen meldete, ſowie, daß der Kommandant bereits benach⸗ richtigt ſei. Iſabella warf noch ein Tuch um die Schultern, und eilte in das Zimmer ihres Vaters, den ſie bereits zum Fortgehen bereit fand. Papa“, ſagte ſie, ſich ängſtlich an ihn anklammernd, „ich bitte Dich, ſei vorſichtig.“ „Kindiſches Mädchen“, entgegnete Alſing begütigend. „Iſt denn das der erſte Tumult, den Du erlebteſt? Erinnerſt Du Dich nicht jener Nacht vor zwei Jahren, wo ein Wort von mir allein genügte, um die Meu⸗ terer zu beſänftigen? Auch heute hoffe ich, ſoll dies der Fall ſein, denn meine Gefangenen lieben mich. Was habe ich da zu fürchten? Ich muß eilen, hinauf⸗ zukommen.“ n „Papa, mich ergreift eine ſolche Angſt! Ich weiß nicht weshalb.“ „Nicht doch, mein Herzenskind, ſei ruhig, ſei mein muthiges Mädchen. Biſt Du nicht das Kind eines Soldaten? In einer Viertelſtunde bin ich wieder zu⸗ rück, lege Dich wieder zu Bette.“ Er zog ſie an ſich, er beugte ſich herab und küßte ſie, umſchloß ſie nochmals feſt und innig und dann eilte er fort, den Feſtungsberg hinan, der Pflicht ent⸗ gegen. Iſabella aber litt es nicht in den dumpfen Zim⸗ 1 mern. Sie warf ſchnell noch einen Mantel über ihre Schultern, und flog durch die matt erleuchteten Straßen den Feſtungsberg hinauf. Sie konnte nicht unten bleiben, wo ihr Herzensvater in Gefahr ſchwebte, ſie wollte dieſe wenigſtens mit ihm theilen. Athemlos kam ſie oben an. Da man ſie kannte, wurde ſie leicht eingelaſſen. Sie durcheilte die ihr ſo wohlbekannten Gänge von Abtheilung zu Abtheilung 4 und bog endlich, dem ihr entgegentönenden Lärmen folgend, in einen ſchmalen Gang ein. Am Ende deſ⸗ ſelben ſah ſie aus einem großen vergitterten Doppel⸗ fenſter ein helles Licht ſchimmern, welches aus einem der Schlafſäle der Schanzſträflinge drang. Von da her tönte Iſabella jener unbeſchreibliche Lärm eines 200 meuternden Haufens entgegen, von da ſah ſie einen faſt unentwirrbaren Knäuel ſchreiender und tobender Geſtalten, welche ſich wüthend gegen eine Gitterthüre drängten, die zu dem gegenüberliegenden Ausgang führte. Eine hoch über den Köpfen der Meuterer auf⸗ gehängte Gefängnißlaterne beleuchtete matt das wüſte Schauſpiel und drückte der grauſen Wirklichkeit den Stempel des Geheimnißvollen auf. „Wir wollen den Kommandanten, er ſoll kommen der alte Fuchs!“ tönte es aus rauhen Kehlen.„Her mit ihm, daß wir ihn niederſchlagen wie einen Hund, da er uns unſer Nachtmahl verweigert! Sind wir ſchlechter als die Politiſchen, die heute Wein und Bra⸗ ten bekommen haben?“ So tönte es wirr durcheinander. „Hier bin ich, Ihr Leute, was wollt Ihr“, hörte dann Iſabella, die dicht bis an's Fenſter herangetreten war, plötzlich ihren Vater ſprechen, und ſie ſah ſeine hohe breite Geſtalt mit den kurzgeſchnittenen weißen Haaren dicht vor das Gitter treten, hinter ihm die wachthabenden Officiere und Soldaten. War es nun der Laut ſeiner milden guten Stimme, oder war es die raſche Erfüllung ihres Wunſches, die Meuterer verſtummten für einen Augenblick und nur ein Gemurmel war unter ihnen vernehmbar, wie das Brauſen eines angeſchwollenen Gebirgsbaches. ——ÿÿÿ „— ꝙ—— E —— lr„ 20¹ „Sprecht! Was wünſcht Ihr von mir?“ fragte er nochmals. 3 Ein wildes Durcheinander brach nun los, welches ſelbſt der milde Ton von Alſing's Stimme nicht mehr zu bewältigen vermochte, und zwiſchendurch hörte man nur die Rufe:„Wir wollen nicht hungern, wir ſind ebenſo viel werth wie die Politiſchen.“ Es war offenbar, daß die Schanzſträflinge durch irgend einen böſen Einfluß zur Meuterei getrieben worden waren; es galt daher, dies zu erforſchen. „Macht Platz, Ihr Leute, ich will ſelbſt zu Euch hineinkommen, Euch anhören“, ſagte Alſing mit feſter muthiger Stimme, und befahl, das ſchwere Eiſengitter zu öffnen. Einige ſeiner Umgebung widerriethen ihm dies, doch er winkte ungeduldig mit der Hand. Der alte Soldat empfand keine Furcht; Iſabella aber ergriff in dieſem Augenblicke eine Todesangſt. Bleich, am ganzen Körper bebend, lehnte ſie am Fenſter und ſah hinüber nach ihrem Vater. Ihre Angſt ſchien jedoch unbegründet, denn der Tumult verſtummte bei Alſing's Eintritt, und die Schanzſträflinge wichen ſogar mit einer Art ſcheuer Ehrfurcht vor der hohen Geſtalt ihres Kommandanten zurück, der ſich ſo furchtlos unter ſie wagte. „Nun ſprecht, was begehrt Ihr?“ fragte er milde. 202 „Unſere tägliche Abendration, die wir ſchon ſeit drei Tagen nicht haben“, wurden einige Stimmen laut. „Wie! Ihr habt Eure Abendration nicht erhalten?“ „Nein, das haben wir nicht, wir ſind nicht krank, wie der Gefängnißarzt uns weißmachen will. Auf Euren und ſeinen Befehl müſſen wir hungern, während die Politiſchen Wein erhielten!“ „Ihr Leute, da muß ein Irrthum vorliegen“, antwortete der Kommandant überraſcht,„ich gab nie⸗ mals Befehl, Euch Euere Abendration zu entziehen, im Gegentheil heute ſogar ließ ich auch Euch eine Ration Wein verabfolgen.“ „Wein?— Seht Ihr wie er lügt?“ riefen hier einige Stimmen,„wir haben keinen Wein bekommen, die Politiſchen wohl, wir aber nicht, wir haben es vom Arzte gehört. „Beruhigt Euch, Ihr Leute! Ihr wißt, daß Ihr mir glauben dürft, hier muß ein entſetzlicher Irrthum vorliegen. Mein Neffe kann dies nicht geſagt haben oder er hat ſich geirrt. Ihr ſeid ebenſo wie die Uebrigen bedacht worden.“ „Nein, nein, der Doctor hat Recht, Ihr ſorgt nur für die Politiſchen! Wir ſind Euch zu ſchlecht.“ Und auf's Neue begann jenes unheimliche Gemurr⸗ 203 mel, jenes Ausſtoßen von Droh⸗ und Scheltworten, das einem neuen Ausbruche vorherzugehen pflegte. Der Kommandant ſah, daß hier mit Güte nichts auszurichten ſei, nur Strenge konnte die Ordnung herſtellen, ſpätere Unterſuchung den Irrthum aufklären. Er trat daher einige Schritte zurück gegen die Oeffnung der Gitterthüre, und befahl den Soldaten vorzu⸗ treten. „Zurück, jetzt Ihr Leute“, rief er dann mit heller klarer Stimme,„ich ſehe, Ihr wollt nicht hören. So leid es mir auch thut, ſo muß ich mit Strenge Euch zur Pflicht führen. Zurück an Euere Schlafſtellen, wenn Ihr nicht wollt, daß ich ſtrenge Maßregeln gegen Euch ergreife. Euere Klagen ſollen morgen geprüft werden!“ Es entſtand nun unter den Meuterern jenes Vor⸗ und Rückwärtsdrängen, welches ſich ſtets bei empörten Maſſen kund gibt, und das wir mit den Wellen eines aufgeregten Meeres vergleichen möchten. Die Soldaten drangen mit dem Bajonett ein. Iſabella in namenloſer Angſt eilte von ihrem Beobachtungsplatze hinweg nach der gegenüber liegen⸗ den Seite des Ganges. Sie wollte den geliebten Vater ſchützen, und mit entſetzensbleichem Geſichte drängte ſie ſich durch die Soldaten und Officiere hindurch zu dem Kommandanten. Schon hatte ſie ihn faſt erreicht; 204 noch eine Sekunde und er ſtand hinter dem ſchützenden Gitter. Da flog aus der Mitte der Meuterer von ſicherer Hand geſchleudert ein ſchwerer Stein, der Kom⸗ mandant ſtürzte mit einem leiſen Aufſchrei zu Boden. Der Stein hatte ſeine rechte Schläfe getroffen! Mit dem Falle Alſing's verſtummte der Tumult. Die noch vor wenigen Minuten tobende Horde wich zurück vor der Ruchloſigkeit der eigenen That, vor der Majeſtät des Todes! Iſabella's Traum im Kloſter aber war erfüllt, der Vater war vom Feſtungsberg oben geſtürzt.*) Habt Ihr ſie kennen gelernt, verehrte Leſer, jene Tage und Minuten banger Trauer, verzweiflungsvollen Schmerzes bei dem plötzlichen Tode geliebter Angehöri⸗ gen? Jene Stunden, in welchen der Schritt des Menſchen im Todeshauſe ſich unwillkürlich dämpft, als ſcheue er ſich die Ruhe zu ſtören? Dann werdet Ihr auch jenen gewaltigen Schauer empfunden haben, der beim plötzlichen Stillſtand eines menſchlichen Lebens ſelbſt den Herzloſeſten ergreift. Mit einem einzigen, herzzerreißenden Schrei warf ſich Iſabella über den geliebten Vater, ſtürzte ſie be⸗ wußtlos zu Boden. (»Der Traum des jungen Mädchens iſt nicht Erfindung der Verfaſſerin ſondern wirtliche Thatſache. A. d. Verf. 205 Man brachte ſie nach der Wohnung des Verſtorbenen. Auch den Kommandanten legte man auf eine Bahre, und trug ihn hinab, auf Befehl Theobald's, der endlich auf dem Schauplatze der unſeligen That, aber zu ſpät, erſchienen war. „Gebt Acht“, ſagte er leiſe zu den Dienern, als er ihnen und der Bahre folgte,„mein armer, armer Onkel!“ Aber ſeine bleiche Wange röthete ſich, und die Lippen murmelten:„Er hat kein Teſtament gemacht! das Erſte vernichtet!“ Es war zwei Tage nach dem Tode des Komman⸗ danten. In dem großen Saale, bei geſchloſſenen Fen⸗ ſtern, umgeben von ſeinen geliebten Blumen, lag die Leiche im Sarge; der Deckel war noch offen. Am Kopfende deſſelben lag thränenlos die un⸗ glückliche Iſabella, und ſah ſtumm auf das kalte er⸗ ſtarrte Geſicht, welches nie einen finſteren Blick für ſie gehabt hatte. Umſonſt hatte ſie es in den zwei Tagen verſucht durch ihre Thränen das entflohene Leben zu⸗ rückzurufen. Sie befand ſich in einem krankhaft erregten Zuſtand, die geiſtige Aufregung allein hielt ſie aufrecht, denn ſeit den zwei Tagen hatte ſie jede Nahrung ver⸗ weigert. Theobald Alſing trat in das Sterbezimmer. Alles an dieſem Manne ſtand ſo vollkommen mit den Formen — — 206 und dem Scheine im Einklange. Es lag beinahe etwas Moraliſches in ſeinem Auftreten. Auf ſeiner Stirn lag tiefe Trauer, um ſeine Lippen zuckte es wehmüthig, ud doch war Alles bloß Maske, äußerer Schein, der die Welt ſo leicht täuſcht. Er näherte ſich dem jungen Mädchen, und faßte deſſen Hand mit einem Anflug wirklicher Theilnahme, denn ihr tiefer Schmerz ſchien ſelbſt auf ſein kaltes Herz einzuwirken. „Rühre mich nicht an, Du haſt ihn getödtet!“ rief ſie mit einer Stimme, in der ſich Leidenſchaft mit Ver⸗ achtung paarte,„Du haſt durch tückiſche Hinterliſt den Aufſtand herbeigeführt!“. Dann wandte ſie ihr bleiches Geſicht mit den unheimlich glühenden Augen wieder dem Todten zu. „Iſabella“, ſagte Theobald mit ſeiner ruhigen kalten Stimme, ſeiner feſten Entſchloſſenheit,„höre mich an. Seit zwei Tagen ſuche ich vergebens Dir begreiflich zu machen, daß nur ein unglücklicher Zufall mich meines Onkels Befehl mißverſtehen ließ, mich glauben machte, die Raͤtion an Wein ſei den politiſchen Sträflingen allein zu verabreichen, die er doch ſonſt ja bei jeder Gelegenheit bevorzugte. Aber deshalb kam ich nicht hierher. Mein Zweck war, Dir am Sarge meines guten Oheims Deine Freiheit wiederzugeben, *☛ N 4 —q—— 4 207 die Du einſt von mir begehrteſt. Ich will Deinen Wünſchen Rechnung tragen, damit Du ſiehſt, daß ich es gut mit Dir meine. Von heute an betrachte unſere Verlobung als gelöſt.“ „Wohl Dir, daß Du endlich zur Einſicht kommſt, daß eine Ehe ohne Neigung nie zum Glücke führt. Ich nehme die Löſung unſerer Verbindung an, obgleich es mich ſchmerzt, den Lieblingswunſch des Todten hier nicht erfüllen zu können.“ Das junge Mädchen ſprach dieſe Worte mit mat⸗ ter, klangloſer Stimme und verſank dann wieder in ihr trauriges Dahinbrüten. Ein furchtbarer herzdurchſchneidender Ton machte demſelben ein Ende, und Iſabella klammerte ſich mit ihren kalten Händen an das Holz des Sarges, mit der vollen Kraft der Verzweiflung. Es waren die Glocken die vom Kirchthurme herab den Beginn der Leichen⸗ feierlichkeit meldeten. Die Träger traten ein, um mit jener Rückſichtsloſigkeit und der ſtumpfen Geeichgültig⸗ keit ihres Standes den Sarg zu ſchließen. Tröſtend, er⸗ munternd umſtanden Theilnehmende das junge Mädchen. „Die Aermſte“, hörte man unter der Menge flüſtern,„ſie hat ihren Vater ſehr lieb gehabt.“ „Er war aber auch ein guter Vater.“ „Der wohl für ſein Kind geſorgt haben mag.“ 208 „Er war ſehr reich; es wird ein hübſches Erbtheil abſetzen.“ Noch einen letzten Blick warf Iſabella auf die blumengeſchmückte Leiche, noch einmal warf ſie ſich auf dieſelbe in herzzerreißendem Leid, dann ward der Sarg geſchloſſen, der ihr Theuerſtes barg, und unten auf den Wagen gehoben, um den Verſtorbenen mit allem mili⸗ täriſchen Pomp zu ſeiner letzten Ruheſtätte zu geleiten. Eine große Anzahl Leidtragender hatten ſich ein⸗ gefunden. Der machtloſen Hülle wurden die letzten Schüſſe in's Grab nachgeſandt, und die unglückliche Iſabella erzitterte bei demſelben im tiefſten Weh! Mit klingendem Spiele zogen alsdann die Truppen heimwärts, gleichſam als wären ſie froh, der läſtigen Cere⸗ monie überhoben zu ſein, und die ſchauluſtige Menge ſtob auseinander. Was ſollte ſie noch bei dem Todten, der nicht mehr die Macht beſaß, zu helfen oder zu ſchaden, deſſen Anſehen mit einer Scholle Erde für alle Zeit bedeckt war? Auch die Leidtragenden waren nach Hauſe zurückgekehrt, und Theobald als Neffe, hatte ſich mit der Gerichtscommiſſion in das Arbeitszimmer des Verſtorbenen begeben, um dort die Verhandlungen wegen der Verlaſſenſchaft vorzunehmen. Iſabella, ein Bild des Jammers und des Schmer⸗ ——— —y—— 209 zes irrte in ruheloſer Aufregung von einem Zimmer in's andere. Es war, als ob ſie ihrer tödtlichen Pein entfliehen wolle; überall aber begegnete ſie dem An⸗ denken an den Verſtorbenen, bis ſie endlich in ſein Schlafzimmer eintrat, welches hart an ſein Arbeits⸗ zimmer grenzte. Die Thüre zu letzterem war nur an⸗ gelehnt, und klar und deutlich klangen die Stimmen der im Arbeitszimmer Anweſenden zu ihr. Sie ſah ſich um in dem kleinen ſo wohnlich ein⸗ gerichteten Gemache mit einem Blicke voll unſäglicher Trauer. Hier hatte ſie an jenem letzten Abende ge⸗ ſtanden, ihren Kopf an ſeine Bruſt gelegt; auf dem Nachttiſche lag noch ein aufgeſchlagenes Buch, in wel⸗ chem er vermuthlich nach ihrem Hinweggehen noch ge⸗ leſen, wie es ſtets ſeine Gewohnheit war; dort ſtand die Cigarrenkiſte, aus welcher der Kommandant täg⸗ lich ſeinen Bedarf an Cigarren entnommen, und hier hing über dem Stuhl noch ſein Mantel, den er auf ſeinem letzten Gange getragen, wie man ihn der Leiche ab⸗ genommen hatte. Und dort über dem Bette war ihr Bild, von Breiten gemalt, das ihm ſo viel Freude ge⸗ macht hatte! Es war mit den nämlichen Blumen ge⸗ ſchmückt, die ſie ihm zum Geburtsfeſt geſchenkt; die Blumen waren noch friſch, er ſelbſt aber lag todt un⸗ ten in kalter Erde! Auf einem kleinen Tiſchchen ſtand Creſſieux, Die Kunſtreiterin. II. 14 240 dort ſeine Lieblingsuhr, ein kleines Meiſterwerk in Bronce gearbeitet. Napoleon I. befand ſich als Statue auf derſelben, und die Hand des großen Korſen zeigte auf das Zifferblatt der Uhr, als wolle er die Welt aufmerkſam machen, wie ſchwer es ſei, ſeine Zeit rich⸗ tig zu erkennen., Der Kommandant hatte alle Schlachten ſeines Vaterlandes gegen den Beſieger von halb Europa mit⸗ gemacht, und es bildete ſeinen größten Stolz, von dem Einzug der Allirten in Paris zu ſprechen, bei welchem auch er zugegen geweſen. Dieſe Uhr nun ſtand ſtill, denn die Hand, welche ſie täglich aufgezogen, war im Tode erkaltet. Das ſtille Zimmer, die ſtummen Gemälde, das geſtickte Haus⸗ käppchen, welches dort über dem Pflock von Nuß⸗ baumholz hing, und das der Verſtorbene täglich ge⸗ tragen, Alles ſchien eine Stimme zu bekommen, und das arme Mädchen an ſeinen ſchweren Verluſt zu er⸗ innern! Iſabella ſetzte ſich hin zu den Füßen des Bettes, auf welchem ihr armer Vater die letzten Stunden ſeines Lebens geruht hatte, und weinte bitterlich. Deutlich drangen die Stimmen aus dem Neben⸗ zimmer zu ihr. Nach geraumer Zeit feſſelten ſie des jungen Mädchens Aufmerkſamkeit, lenkten es auf kurze 211 Zeit von den traurigen Gedanken ab; ſie hörte von ihrem Vater, von ſich ſelbſt ſprechen. „Mein Oheim“, hörte ſie ihren Vetter ſagen, „wartete auf Ihre Rückkunft von der Reiſe, Herr Doktor.“ „Es thut mir leid, daß dieſelbe ſich verſpätet“, ent⸗ gegnete der Rechtsgelehrte, welcher dem Verſtorbenen alle Geſchäfte geführt. „Es iſt dies um ſo bedauerlicher, als der Tod meinen Oheim unvorbereitet traf.“ „Sie wollen damit doch nicht ſagen, daß kein Te⸗ ſtament vorhanden?“ „Leider iſt dem ſo! Mein armer Oheim ſagte mir erſt an ſeinem letzten Geburtstage, daß er auf die Rück⸗ kehr ſeines Rechtsfreundes warte, um fofort ein neues zu machen, indem er das erſte vor einiger Zeit ver⸗ nichtet habe, wie Sie wohl vielleicht ſelbſt wiſſen werden.“ „Ganz richtig, der Herr Oberſt theilte mir mit, daß er bereits ein Teſtament verfaßt, daſſelbe aber wieder vernichtet habe, um anderweitige Verfügungen zu treffen. Uebrigens, wenn auch kein letztwilliges Ver⸗ mächtniß vorhanden, ſo iſt der Fall doch ein einfacher, die Tochter beerbt den Vater.“ „Gewiß“, antwortete Alſing in einem eigenthümlichen Tone,„aber bevor wir zu dieſer Entſchließung ſchreiten, 14* 212 bitte ich die geehrte Commiſſion, welche ſich bezüglich dieſes Todesfalles auf meine Veranlaſſung hier einge⸗ funden, früher noch ein an mich gerichtetes, vor wenigen Tagen verfaßtes, und mir an ſeinem Todestage eigen⸗ händig übergebenes Schreiben meines Oheims zu prü⸗ fen und mir deshalb erlauben, daſſelbe vorzuleſen.“ Betroffen ſahen die Anweſenden in das ruhige, in ſeinem Ausdruck ſo überlegene Geſicht des jungen Arztes, der mit dem Gleichmuth eines Stoikers ver⸗ ſchiedene Papiere aus der Bruſttaſche zog und vor ſich ordnete. 4 Auch Iſabella erhob ihr bleiches Geſicht aus den Kiſſen, wo es bis jetzt geruht hatte. Alle ihre Sinne waren auf's Lebhafteſte durch dieſe Eröffnung angeregt, und mit ganzer Seele lauſchte ſie den deutlichen ruhigen Worten ihres Vetters, welcher zu leſen begann. Ende des zweiten Bandes. Druck von Richard Schmidt in Reudnitz⸗Leipzig. Q*