———ä—„ Leihbibliothek 1236 9 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 Eduard Ofkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. G 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Pnterlegen. welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 f8; Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſ eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ 4„„ e auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 7„— 1—, 11—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. V C. Crefſieux. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1873. Erſtes Kapitel. Eine Rückkehr. Wir ſind im Sommer des Jahres 1846 und ſtehen auf allemanniſchem Boden, in dem herrlichen Allgäu, jenem reizenden Hügellande, welches die Ver⸗ bindung, gleichſam den Uebergang des großartigen Alpenlandes mit deutſchem Boden vermittelt. Ueber fruchtbare Thäler und weite Hochebenen hinweg, über Weiler, Städte und ſaftgrüne Waldungen ſchweift der Blick, und einem geheimnißvollen Räthſel gleichend blicken uns mitten im Sommer der Tödi, Glärniſch, ſowie der hohe Säntis, jene Giganten der Alpen, in ihrer eiſigen Pracht entgegen, öſtlich uns die waldesgrünen Höhen nd meh⸗ dhnrrelberne Ludes anheimeln und der Vorder⸗ —. grund von dem herrliche Bodenſee erfüllt iſt. 1 Creiſenr. Die Kunſtreiterin. T —— 2 Wer aber erblickte einmal das„ſchwäbiſche Meer“, ohne daß ihm der überwältigende Eindruck für alle Zeit unvergeßlich geblieben, welchen dieſe größte und reizendſte Waſſerfläche auf deutſchem Boden hervorruft? Von den Ortſchaften Bregenz, Rorſchach und Romanshorn, an ſeinem ſtrahlenförmig das ganze Panorama der Schweizer Alpen und zieht uns gleichſam mit magiſcher Gewalt hinüber in das Wunderland, deſſen Bewohner es ſo früh verſtanden, ſeinem Boden den Reichehum, ſeinen Herren die Freiheit abzutrotzen. Dies ſchien auch der junge Reiſende zu fühlen, welcher es vorgezogen, den Weg gegen Lindau anſtatt mit dem Poſtwagen, mittels der zwar unbequemen, aber für den Touriſten lohnenderen Art eines Lohn⸗ fuhrwerkes zurückzulegen. Jetzt, wo der Wald, durch welchen die Chauſſee führte, ſich lichtete und der herrliche See immer mehr heraustrat, beugte er ſich geſchlagenen Wagen und ein unwi des Entzückens entflog ſeinen Lippen. Der Wagen lenkte nach geraumer nach Lindau führenden Chauſſee ab un ver id in Ffili. 2d vertiefte ſich bald in öſtlicher Richtung in Allen jener denitnen Veldwege, welche das Fahrer, ſelbſt in dem beſten n⸗ ſüdlichen Ufer, öffnet ſich weit heraus aus dem nieder⸗ illkürlicher Ausruf eit von der 3 liſchen Wagen, geſchweige in einer Lohnkutſche des Jahres 1846, zur Pein machen. Der Reiſende befahl 3 daher dem Kutſcher zu halten und nachdem der Erſtere 3 ausgeſtiegen, ließ er ſein Gefährte den Weg nach Lochau allein fortſetzen, während er, wie es ſchien mit det Gegend bekannt, einen Seitenpfad einſchlug. „Erwartet mich im Wirthshauſe zu Lochau“, war die einzige Inſtruction an den Roſſelenker, bevor ſich der Fremde von dieſem trennte und rüſtig den Weg durch kühlenden Waldesſchatten verfolgte. Am Wirthshauſe zu Lochau fand der Reiſende ſeine Fahrgelegenheit ſchon vor und während er ſich beeilte, den Fuhrmann auszuzahlen, fragte er den her⸗ beieilenden Wirth, ob er keinen Führer erha lten könne welcher das Gepäck nach Schloß Adlerberg trage. „Gewiß, gnädiger Herr, aber ſoll ich nicht lieber einen Wagen beſorgen?“ „Iſt nicht nöthig. Sie ſehen ja, ich lohnte ſoeben den meinigen ab, da ich zu Fuße gehen will. Vorher wünſche ich aber etwas zu eſſen, denn obwohl es erſt ehn Uhr Vormittags iſt, ſo ſpüre ich doch einen recht geſunden Appetit. Die Luft hier zehrt, wenn man ſie nicht gewöhnt iſt,“ Der Wirth eilte, dem Befehle nachzukommen. Der Reiſende mochte im Alter von fünfundzwun⸗ zig Jahren ſtehen, ſein Benehmen, ſeine Haltung, die fein geſchnittenen, obwohl arg von der Sonne gebräunten Geſichtszüge, ſowie die ſchmalen, wohl gepflegten Hände deuteten an, daß er der beſſeren Geſellſchaft angehöre, ſowie der Blick ſeiner blauen Augen Verſtand und Ent⸗ ſchloſſenheit ausdrückte. „Der gnädige Herr ſollten aber doch einen Wagen nehmen nach Adlerberg“, meinte der rückkehrende Wirth, „die Hitze iſt groß heute.“ „Das empfand ich am beſten im Wagen“, ent⸗ gegnete lächelnd der Fremde,„und eben deshalb möchte ich mich kein zweites Mal einem ſolchen Schwitzbade ausſetzen. Uebrigens führt der Weg nach Adlerberg, wenn ich nicht irre, durch den Wald.“ „Das wohl, gnädiger Herr, aber die Strecke iſt doch ziemlich weit.“ „Deshalb will ich mich eben vorher ſtärken“, ent⸗ gegnete heiter der Reiſende und that den landesüblichen Gerichten alle Ehre an, während der redſelige, zuvor⸗ kommende Wirth mit Aug' und Ohr ſeinen Wünſchen lauſchte. „Haben Sie ſchon viele Fremde hier zu Lande?“ fragte der Reiſende. „Ja wohl, gnädiger Herr, Bregenz ſowohl wie Lindau wimmeln ſchon von Reiſenden, die alle in den herrlichen Bregenzer Wald gehen. Unſer Dorf hier hat freilich nicht ſo Viele aufzuweiſen, weil es etwas abſeits liegt, aber ſelbſt hier haben wir Tage, wo es recht lebhaft zugeht. Es ſind dann beſonders die Reiſenden, welche, anſtatt das Dampfſchiff zu benutzen, es vorziehen, den Landweg zu nehmen, um die ſchönen Punkte unſerer Umgebung auch zu beſichtigen.“ „Nun, zu denen dürfen Sie mich auch zählen, lieber Wirth, denn auch ich ziehe es vor, hie und da Raſt zu machen, ſo recht die Natur zu genießen. Dampfſchiffe und Eiſenbahnen ſind für Leute, welche Eile haben; ſucht man aber mit Behagen einen Natur⸗ genuß, ſo verläßt man ſich beſſer auf die eigenen Füße.“ „Werden der gnädige Herr länger in unſerer Gegend verweilen?“ fragte der Wirth mit der leicht verzeihlichen Neugierde eines auf Verdienſt Hoffenden. „Das iſt wohl möglich.“ „Und Sie werden auf Adlerberg wohnen?“ „Ich hoffe es.“ „Dann ſind der gnädige Herr wohl gar der neue Muſiklehrer, welcher für Fräulein Johanna aus der Reſidenz verſchrieben iſt? O, da bedauere ich Sie, denn bei dem jungen Fräulein hält es Niemand lange aus.“ „Das bin ich wohl nicht“, entgegnete der Fremde, über die faſt zudringlich werdende Wißbegierde des Wirthes lächelnd—„indeſſen—“. Er unterbrach ſeine Rede; war es nun, daß er es vorzog, ſeinen Namen noch nicht zu nennen, oder war es, weil ſoeben ein neuer Gaſt die Aufmerkſamkeit des Wirthes in Anſpruch nahm. Der Neuangekommene ſchien ein genauer Bekannter des geſprächigen Wirthes zu ſein. „Guten Tag, Herr Weil, womit kann ich dienen?“ „Mit einem Glas Rothen, lieber Wirth, der das Herz ſtärkt und die Nerven ins Gleichgewicht bringt, ich hab' es nöthig“, meinte der Angeredete, während er ſich erſchöpft niederſetzte. „Ja, ja, heißer. Tag das, heute, Herr Weil, nicht wahr?“ ſagte der Wirth, das Verlangte dem Gaſte vorſetzend. Der Fremde hatte beim Anblick des Neuangekom⸗ es ihn nicht angenehm zu berühren, nun von demſelben mit faſt forſchenden Blicken betrachtet zu werden und eine ſichtbare Unbehaglichkeit überkam ihn, welcher er vergeblich Herr zu werden ſuchte. „Heißer Tag, ja wohl, heute“, hatte Herr Weil, die Blicke auf den Fremden gerichtet, faſt achtlos ge⸗ menen ſichtlich überraſcht zuſammengezuckt. Auch ſchien 7 antwortet,„es iſt der Föhn; wir werden bald ein Ge⸗ witter haben.“ „Nun, bei ſo heißem Tage ſchmeckt der friſche Wein doppelt“, ſagte der Wirth pfiffig ſchmunzelnd. „Das wohl, aber ich glaube kaum, daß ich mehr viel Wein hier trinken werde.“ „Was Sie da für Reden führen, Herr Pfleger“, fuhr der Wirth auf.„Einem ſo rüſtigen Manne wie Sie, hoffe ich noch manches Glas vorzuſetzen. Oder wollen der Herr Pfleger mir am Ende gar untren werden und bei dem Schwaben in der Krone zu Bregenz künftig einſprechen? Das würde mich freilich kränken.“ „So iſt's nicht gemeint, lieber Wirth; darüber können Sie ruhig ſein. Ihr Wein iſt der reinſte und beſte, weit und breit; der iſt aber ein Narr, der weit ſucht, was er in der Nähe Gutes hat. Ich habe nur gemeint, daß ich in dieſer Gegend hier überhaupt nicht mehr viel Wein trinken werde, weil ich heute meine Transferirung in's Tyrol erhalim Die Pflegerſtelle hier bekommt ein Anderer.“ „Was Tauſend? Sie ſind verſetzt, Herr Weil? Was Sie nicht ſagen!“ rief auf's Höchſte überraſcht der Wirth und ſetzte ſich neben den Gaſt, wahrſchein⸗ lich, um Ausführlicheres über das hochwichtige Ereig⸗ niß zu erfahren. „Ja, ja, lieber Wirth. Hier iſt's aus mit uns. Freilich, ich konnte ja nicht katzebuckeln und ſcherwen⸗ zeln vor der Frau Gerichtspatronin, ſagte meine An⸗ ſicht immer frei und offen heraus, friſch von der Leber weg; das verträgt man halt da oben nicht auf dem Adlerberg!“ „Wohl wahr, Herr, aber wie kam es denn gar ſo ſchnell?“ „Hab's ſchon lange verſpürt, daß ich von der Frei⸗ herrin ſcheel angeſehen werde, weil ich mir Vorſtellun⸗ gen zu machen erlaubte gegen allerlei Bedrückungen und Härte gegenüber den Bauern, und meinte, daß das ein ſchlechtes Mittel ſei, ſich die Liebe und Arbeitsluſt der armen Leute zu ſichern. Das Beten und Fromm⸗ thun hilft da nichts, wenn man ſeine Leute ſchindet und plagt, daß ſie kaum zu Athem kommen vor Arbeit und ihnen keine Zeit bleibt für ihre eigene Sach'. Ich hätt' freilich da nichts dreinreden ſollen und nur die Klagen als Pfleger anhören; aber da ſoll nun einer ruhig bleiben, wenn er ein Herz im Leib hat und kei⸗ nen Stein. Geſchunden, keine Zeit fürs tägliche Brot und wie ſie muckſen, noch abgeſtraft dazu— das kann zu nichts Gutem führen. Die Robott, wie ſie urſprüng⸗ lich war, laß ich mir ſchon gefallen; es war halt ein Pachtzins für den übergebenen Grund und Boden in Leiſtungen und Giebigkeiten— Geld gab's damals noch nicht ſoviel— aber wie ſie jetzt iſt, das iſt un⸗ natürlich und muß auch über kurz oder lang biegen — oder brechen, um ſo mehr, wenn die Herrſchaften ſo hartherzig ſind. Da hilft kein Bibelleſen und ſich an öffentlichen Armen⸗Collekten betheiligen, wenn's auch noch ſo ſehr in den Zeitungen gerühmt wird. Recht thun und ſeinem Nächſten ſein Recht gönnen, das iſt ächte Gottesfurcht! Alles Andere iſt Scheinheiligkeit.— Nun alſo, kurz und gut, ich hab' den Mund nicht ge⸗ halten; der Gerichtspräſident in Innsbruck iſt der Herr Vetter von der Freiherrin und da kommt natürlich ein anderer Pfleger hierher.“ „Aber das iſt ja ein Biſſel gar ſtark“, flocht der Wirth ein. „Wohl wahr, aber mir ſoll's recht ſein. Mein Nachfolger mag nur zuſehen, wie er d'raus kommt. Aber weh' thut mir's doch, von hier fort zu müſſen, nachdem ich an die achtzehn Jahre hier gelebt und 4 hier alt geworden bin! Na, vor drei Wochen traf's den alten Anton, heute mich. Freilich, die Alten müſſen fort, die haben zu geſunde Augen, um ſich blind ma⸗ chen zu laſſen.“ „Anton, ſagen Sie?“ fiel der junge Fremde hier 10 in's Geſpräch;„Sie meinen doch nicht den Kammerdiener des Baron?“ Der junge Mann that dieſe Fragen haſtig und 4 in ſichtlicher Beſtürzung; dann aber ſchien er ſeine Einmiſchung in das Geſpräch der Beiden zu bereuen, beſonders als der Pfleger abermals ihn forſchend an⸗ blickte. „Freilich, mein' ich den“, entgegnete Weil, fügte aber faſt mißtrauiſch hinzu:„Der Herr ſcheint ja auf Adlerberg bekannt zu ſein?“ „Ich habe vor Jahren einige Zeit dort zugebracht“, lautete die gefaßte Antwort.„Ich bin der Neffe von der Frau Grünlein, der Beſchließerin“, fügte er er⸗ läuternd hinzu. „So, ſo! Und gehen wahrſcheinlich wieder auf Beſuch zur Frau Tante?“ meinte der Wirth.„Eine Kapitalfrau dieſe Grünlein, auch keine Freundin der Schloßherrin, wie mir ſcheint.“ „Wie ſollte ſie auch“, meinte Herr Weil,„hat ſie doch der erſten Gemahlin des Herrn Baron ſo lange gedient und hängt noch heute mit Leib und Seele an der Verſtorbenen. Das war aber auch eine Dame! Ich hab' ſie recht gut gekannt, wenn ich auch nur ſel⸗ ten hinauf ins Breitenfelder Schloß kam. Eine ſolche Frau gibt's nicht bald wieder. Die beſte Gattin und —— 2 8— Mutter, ſowie ſeelengut gegen die Unterthanen. Da merkte man nichts von Zwang; Alles ſchaffte, als ob Jeder für ſich ſelbſt arbeite. Und als gar der alte Freiherr auf Adlerberg den Baron auf Breitenfeld be⸗ reden wollte, er möge als ſein Nachbar die gleichen Einführungen von Arbeitstagewerk und dergleichen, wie ſie auf Adlerberg ſchon damals beſtanden, anord⸗ nen, da war es die Freiherrin von Breiten, welche ſich aus allen Kräften dagegen wehrte und die armen Leute in Schutz nahm. Sie war aber überhaupt den Apdlerbergern nicht ſehr zugethan; es ſind ſo ganz an⸗ dere Naturen, wie es die Hochſelige war; und dann war es auch, als ob ſie geahnt hätte, daß die zweite Tochter des Adlerbergers ihre Nachfolgerin werden würde.— Nun, aber geben Sie mir noch einen Schop⸗ pen von dem Rothen, Herr Wirth“, ſchloß der Spre⸗ chende, indem er ſein großes leeres Henkelglas hinüber⸗ reichte.„Es wird Einem ganz heiß bei all' den Rück⸗ erinnerungen.“ Der Wirth ging, das Verlangte zu holen. „Sagen Sie einmal, Herr Pfleger, weswegen wurde denn der alte Anton eigentlich ſeines Dienſtes entlaſſen?“ fragte nach dem Fortgehen des Wirthes der junge Fremde und ſeine Miene drückte ſichtliche Theilnahme aus. 42 „Ja, das weiß recht eigentlich Niemand. Es gab einen argen Streit zwiſchen Herr und Diener; und des anderen Tages war der Anton, der an dreißig Jahr auf Breitenfeld gedient, Knall und Fall entlaſſen. Einige vom Schloß wollten behaupten, es ſei wegen der Freiherrin ſo ſcharf hergegangen; Andere meinten, es wäre über den abweſenden Sohn aus erſter Ehe. Gewiß iſt, daß Anton fort mußte.“ „Der Sohn des Freiherrn iſt ja ſchon lange auf Reiſen, nicht wahr?“ ſagte der ſoeben mit dem friſchen Weine zurückkehrende Wirth. „Bereits einige Jahre“, erwiderte Weil.„Noch lange vor der Zeit, als Sie das hieſige Gaſthaus übernahmen, ſchickte man ihn fort nach dem Orient. Man brauchte dazumal gerade bei der dortigen Ge⸗ ſandtſchaft einen jungen ſprachbewanderten Menſchen, und da bewarb ſich denn der alte Freiherr um dieſen Poſten für ſeinen Sohn. Eigentlich war es die Stief⸗ mutter, welche dabei die Hand mit im Spiele hatte, denn ein Verwandter von ihr hatte den Poſten zu vergeben.“ „Ja, aber wie kam's, daß man gerade den jungen Freiherrn dorthin ſendete? War denn der Poſten ein ſo einträglicher?“ „J, bewahre!“ lachte der Pfleger.„Ja, wenn 13 der Poſten ein einträglicher geweſen wäre, hätte ſich die Freiherrin gehütet, den Stiefſohn vorzuſchlagen. Aber weil es eben ein beſchwerlicher, mit vielen Reiſen und Strapazen verbundener war, und ſie aber zu gleicher Zeit den Stiefſohn los ſein wollte, der ihr mit ſeinem hellen Blick zu ſehr in die Karten ſchaute, die ſie für ihren Gatten ſo geſchickt zu miſchen ver⸗ ſteht, ſo benutzte die kluge Frau einen ausgebrochenen Unfrieden zwiſchen Vater und Sohn wegen des Letz⸗ teren Schulden, und verſchaffte ihm den oſten als Militärattaché im Orient.“ „Nun, und ging's dem alten Herrn nicht nahe, ſeinen einzigen Sohn ſo weit zu wiſſen?“ fragte der Wirth. „Ja, freilich that's ihm leid, aber zeigen durft' und wollte er es nicht, denn ſie müſſen nur wiſſen, Herr Wirth, daß die Freiherrin ſeit Jahren ja Alles thut, um Vater und Sohn einander zu entfremden. S' iſt ja auch natürlich, ſie hat ja ſelbſt eine Tochter, welcher der reiche Stiefſohn im Wege ſteht.“ „Und hörte man ſeit dieſer Zeit nie mehr etwas von dem jungen Freiherrn?“ „O ja, das glaube ich. War ſelbſt einmal Zeuge, als ein Brief ankam, da ich zufällig im Schloſſe zu thun hatte. Wir ſaßen gerade beim Frühſtück, zu welchem der alte Herr mich eingeladen, als das Schrei⸗ ben anlangte und die traurige Nachricht enthielt, daß der arme junge Freiherr auf einer ſeiner Reiſen im Innern des Landes an einem hitzigen Fieber ſchwer erkrankt ſei. Der alte Herr erſchrak darüber auf's Heftigſte, das ſah ich ihm an, obwohl er es zu ver⸗ bergen wußte; der Freiherrin Geſicht zog ſich freilich auch in betrübte Falten, aber in den ſonſt ſo kalten grauen Augen blitzte es doch einen Augenblick gar ſon⸗ derbar auf. Der Blick der Augen läßt ſich nicht ſo leicht beherrſchen, wenn auch das Geſicht ſich in trau⸗ rige Falten legt und der Mund betrübte Worte der Theilnahme lispelt. Das Auge aber iſt der Spiegel der Seele, und von jener Zeit an wußt' ich, daß der junge Freiherr an ſeiner Stiefmutter keine Freundin hat, mag ſie ihm auch in's Geſicht ſchmeicheln und ſchön thun.“ „Aber der junge Freiherr ward doch wieder ge⸗ ſund?“ fragte theilnehmend der Wirth. „J, das glaube ich. Friſch und geſund, zum Aerger ſeiner Stiefmutter. Wär' mir auch leid geweſen um ihn, war ein lieber junger Mann, ſah ihn oft als Knabe. Er ſoll ſo ziemlich gern fortgegangen ſein. Ja, mein Gott, ein rechtes Daheim hatte er doch ſeit dem Tode ſeiner rechten Mutter nicht mehr; ſeine Charge als Officier mußte er der Schulden halber quittiren, es war ihm alſo vermuthlich ſo ziemlich einerlei, wo er lebte bis zu ſeiner Majoritätserklärung.“ „Er war beliebt hier in der Gegend, nicht wahr?“ „Das will ich meinen, lieber Wirth. Aber er iſt auch ein prächtiger junger Mann, vielleicht etwas leicht⸗ ſinnig, aber herzensgut, gerade wie ſeine Mutter. Der wird ſchauen, wenn er einmal wiederkommt und hier Alles ſo verändert findet. Selbſt ſeinen einzigen Jugend⸗ freund, den jungen Hermann Braun findet er hier nicht wieder. Der iſt auch in die weite Welt hinaus ſeit dem Tode ſeines Vaters, des alten Schloßverwal⸗ ters Braun, der aus Gram ſtarb, als man ihn ſeines Poſtens als Verwalter entſetzte.“ Abermals zuckte der junge Reiſende merklich zu⸗ ſammen. Aber er blieb ſtill und war bemüht, ſeine Aufregung zu beherrſchen. „Ja, ja, der alte Braun hatte es gut mit Breiten⸗ feld und deſſen Herrn gemeint“, fuhr Weil fort.„Seit er abgeſetzt und der Schloßverwalter vom Adlerberg ſein Nachfolger geworden, ging es ſichtlich abwärts mit der Herrſchaft. Sie wurde mehr und mehr ver⸗ nachläſſigt, denn die Gutsherrſchaft lebte zumeiſt auf Adlerberg und der einſtige Schloßarzt von Adlerberg that, als neugebackener Gutsverwalter, was er wollte.“ „Aber ſagen Sie mir nur, Herr Weil“, ſagte der Wirth,„wie konnte der alte Freiherr als vernünftiger Mann nur zugeben, daß ein ehemaliger Arzt, der doch gewiß nicht viel von einer Gutsverwaltung verſteht, einen ſolchen Poſten kriegen konnte.“ „Ja, da fragen Sie mich zu viel, lieber Wirth“, entgegnete lachend Herr Weil.„Aus was für einem Teig machte denn unſer Herrgott den Menſchen? Aus einem Klumpen Erde, ſagen die Einen, und wieder Andere ſagen, der Menſch entſtand aus Gottes Willen und ſo ſage auch ich. Der Verwalter entſtand aus der Freiherrin Willen, und ihre Allmacht reicht ſo weit, ſelbſt aus einem Schloßarzt einen Schloßverwal⸗ ter zu fabriciren. Was hilft da alles Gegenreden. Wenn Ihnen Jemand weiß macht, daß Sie durch einen ſo gewaltig erfahrenen Mann, der beide Poſten, den eines Arztes und Verwalters verſehen kann, viele Aus⸗ lagen erſparen und Ihnen Tag für Tag das Schwarze weiß, und das Weiße ſchwarz gemacht wird, ſo gehen Sie endlich auf den Leim und glauben Alles, wenn noch obendrein die Perſon, die Ihnen all' das ſagt, Ihr vollſtes Vertrauen genießt, und Sie dieſelbe ſehr lieb haben. So geht es denn auch dem alten Freiherrn; er glaubt Alles und thut Alles, was ſeine Frau will, da ſie ihn zu behandeln verſteht, und ihn ſcheinbar 1 — 17 nie merken läßt, daß Alles doch nur nach ihrem eigenen Willen geht. Ja, ja, nur klug muß man ſein! Herr von Brandt, der Schloßverwalter, wird ſchon wiſſen, wie er zu dieſen beiden Poſten kam. Man munkelt da ſo Manches aus alter vergangener Zeit.“ Der Eintritt eines neuen Gaſtes in die Gaſtſtube machte hier dem Geſpräche ein Ende. Der junge Rei⸗ ſende aber ſtand auf, bezahlte ſeine Rechnung, nahm ſeinen Hut und bat den Wirth, ihm den Führer zu beſorgen, der ihm ſein Gepäck nach Adlerberg bringen ſollte. Mit einem freundlichen Gruße an Herrn Weil verließ er das Zimmer, gefolgt von dem Wirthe. Draußen in der Hausflur traf er auf das ſchmucke Schenkmädchen, das ihn bei ſeinem frugalen Mahle bedient hatte, ließ ein Silberſtück in ihre Hand gleiten, und verließ dann elaſtiſchen Schrittes das Gaſthaus. „Ein ſonderbarer junger Mann“, dachte halblaut das Schenkmädchen, während ſie das Silberſtück be⸗ trachtete, und alsdann, die Hand vor die Augen legend, um ſich vor der Sonne zu ſchützen, dem Reiſenden von der Hausthüre aus neugierig nachſah. „Das ſoll der Neffe der Madame Grünlein ſein? Na, das glaub' ich mein Lebtag nicht. Der ſchöne Siegelring am Finger ſeiner rechten Hand ſchaut gar nicht darnach aus, als ob er dem Neffen der Madame Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. 2 Grünlein gehörte. Und das Silberſtück hier ebenſo. Aber ein ſchöner Herr iſt’s, was er für'n mächtigen, blonden Vollbart hat, viel ſchöner als unſerm Herrn ſeiner.“ „Was plauſcht Du da wieder in Dich hinein?“ fragte der hinzutretende Wirth und klopfte zärtlich den vollen Nacken des Schenkmädchens. „Na, ich meinte gerade, daß der Herr dort ſo gewiß nicht der Madame Grünlein ihr Neffe iſt, als ich des Kaiſers Nichte bin“, lachte das Schenkmädchen und verſteckte den Silbergulden. „Meinſt wohl, weil er Deine neue Schürze nicht bewundert hat, die Du ſeinetwegen eigens angelegt, he?—⸗ „Was ſich der Herr nicht Alles wieder einbildet“, antwortete erröthend das friſche, ſchöne Mädchen,„ich hatte ja doch ſchon früher'ne Schürze.“ „Ja, aber eine blaue und keine blüthenweiße, wie jetzt.“ „Na, das muß ich ſagen, merkt ſich der Herr ſo⸗ gar, was für Vortücher ich trag'! Mir ſcheint wahr⸗ haftig, der Herr iſt eiferſüchtig auf den ſchönen, jungen Fremden?“ Mit dieſen Worten eilte das junge Mädchen la⸗ chend davon. Unterdeſſen ſchritt der junge Fremde tüchtig vor⸗ wärts. Die körperliche Bewegung that ihm wohl. Der Weg führte auf einem bequemen Fußpfade durch ſchat⸗ tige Schluchten und Wälder etwas bergan, an friſchen, waſſerreichen Bächen vorbei, welche den Reiſenden an⸗ heimelnd zu begrüßen ſchienen. Er war in tiefe Ge⸗ danken verſunken, und ſein Geiſt ſchweifte fernab in eine längſt entſchwundene Zeit. So mochte er mit ſeinem Führer eine gute Strecke ſtillſchweigend zurück⸗ gelegt haben, als Beide an eine Stelle gelangten, wo der Weg eine Gabel bildete. Der junge Mann blieb ſtehen, unſchlüſſig, ob er rechts oder links weitergehen ſolle. „Da dürfen wir nicht gehen“, meinte der Bauern⸗ junge, der auf einem Handkarren des Reiſenden Gepäck fuhr,„denn hier führt der Weg nach Schloß Breiten⸗ feld.“ „Ich weiß es, aber ich habe mich anders beſon⸗ nen“, antwortete der Reiſende,„ich will früher nach Breitenfeld gehen. Fahre Du indeſſen das Gepäck nach Ablerberg und laſſe es einſtweilen beim Thorhüter ſtehen, bis ich ſelbſt nachkomme. Hier haſt Du Dein Trinkgeld.“ 3 „Ja, aber Herr, die Herrſchaft, die Sie ſuchen, wohnt ja auf Adlerberg“, ſagte ganz betroffen der Junge⸗ 20 „Ich weiß, ich weiß“, entgegnete ungeduldig der Fremde,„aber das ſchadet nichts, mach' daß Du fort⸗ kommſt.“ Kopfſchüttelnd entfernte ſich der Bauernjunge mit dem Gepäck. „Der weiß auch nicht, was er will“, brummte er nach Art der Landleute vor ſich hin. Der Reiſende ſchritt rüſtig den Seitenweg entlang. Der Charakter der Landſchaft veränderte ſich immer mehr und mehr; es ging wieder etwas bergab, die Ausſicht wurde immer freier, bis endlich vor ſeinem Blick eine weite Wieſe lag, deren friſches Gras ſoeben gemäht worden war, während zu ſeiner Linken ein endloſer Wald begann, welcher ſeine knorrigen Bäume weithin erſtreckte. Hinter der Wieſe wurden Obſt⸗ bäume ſichtbar, die ſich auf der einen Seite den Eichen⸗ bäumen des Waldes anſchloſſen. Auf einer anſteigen⸗ den Terraſſe aber hinter den Obſtbäumen, und theil⸗ weiſe hinter Erlengebüſchen halb verſteckt, erhoben ſich die vier Eckthürme eines ſchönen alten Schloſſes, das wie eine friedliche Idylle halb verborgen dalag. Ueber all' dem breitete ſich der blaue reine Aether, die leuchtende Sonne.— Ein Bild des heiligſten Frie⸗ dens lag über der ganzen Landſchaft und wirkte mäch⸗ tig auf den Fremden ein, der ſeinen ſinnenden Blick 21 auf das Schloß gerichtet hielt, und wie in Träumen verloren daſtand. „Heimath! glückliches, bedeutungsvolles Wort!“ flüſterten ſeine Lippen, und ein Seußzer entrang ſich ſeiner Bruſt.„Jahre ſind verrauſcht und doch iſt mir Alles noch ſo traut und bekannt, als läge nur eine Nacht zwiſchen dem Abſchied von damals und jetzt. Wie Manches hat ſich in dieſer Zeit verändert! Der alte Anton entlaſſen, Braun todt, der arme Hermann in der weiten Welt! Und was erwartet mich hier?“ Ein düſterer Schatten lagerte ſich bei dieſer Frage über des jungen Mannes Stirne. Eine Sommerwolke hatte auf kurze Zeit den blauen Aether verdunkelt und dieſen Schatten hervorgebracht. War dies eine Ant⸗ wort auf die Frage an die Zukunft, welche der junge Mann ſich ſoeben ſelbſt geſtellt hatte? Noch einen Blick warf er hinüber nach dem Schloſſe und ſchritt dann rüſtig ſeitwärts dem Walde zu, der ihn bald mit ſeiner wohlthuenden Kühle um⸗ fing. Ein bequemer, ſorgfältig gehegter Waldpfad führte hindurch. Mächtige Eichen⸗ und Buchenbäume ſtreckten ihre grünen Arme verlangend in den reinen Aether hinauf, als könnten ſie nicht genug bekommen . von der ſonnig durchwärmten Luft. Ein leiſer Wind⸗ 1 hauch hatte ſich erhoben und bewegte die dichten Blätter⸗ die Rückerinnerung an eine längſt entſ kronen, Eidechſen ſchlüpften behend durch das Moos und Eichhörnchen kletterten geſchmeidig an den breiten knorrigen Stämmen entlang. In dem Laub aber zwitſcherte und jubelte es aus kleinen Kehlen in die goldene Sommerluft in einem endloſen Jubellied auf den Schöpfer, der ſo Herrliches, ſo Allgewaltiges er⸗ ſchaffen. Immer tiefer wurden die Schatten der Bäume, die Stille ringsum immer feierlicher, bis plötzlich, zwi⸗ ſchen Baumſtämmen hervortretend, auf einem kleinen, von Hochwald umgebenen Platze ein weißes monumen⸗ tales Gebäude ſich zeigte. Hatte die Stille des Waldes, die feierliche Natur, ſchwundene glück⸗ liche Kinderzeit ergreifend auf das Gemüth des jungen Mannes eingewirkt, ſo ſchien dies noch mehr der Fall beim Anblick jenes Gebäudes, das die ſchmerzlichſten 3 Erinnerungen ſeines noch jungen Lebens in ſich barg. Je näher er dem geheimnißvoll ſchimmernden Dache kam, deſto wehmüthiger wurden ſeine Empfin⸗ dungen. Unwillkürlich blieb er ſtehen, als wolle er ſich ſammeln, bevor er näher trat, und nahm wie in hei⸗ liger Scheu den breitrandigen Hut ab, den er bis jetzt getragen. 23 Er näherte ſich der Stätte des Todes. Hier, in⸗ mitten des friſchen Waldesgrün, im tieff ſchattigen Walde, der mit ſeinen hochſtämmigen Eichen, ſeinen ehrwür⸗ digen Baumgruppen an die alten Waldungen der Ger⸗ manen erinnerte, erhob ſich in einem kunſtvollen Mau⸗ ſoleum die letzte Ruheſtätte der erſten Gattin des Frei⸗ herrn von Breiten. Das Rauſchen naher Waſſerfälle, die gedehnt klagenden Laute des einſamen Waldvogels erhöhten noch den geheimnißvollen Eindruck des Ganzen und es hätte nur geringer Einbildungskraft bedurft, um ſich dieſe Stätte als den Schauplatz heiliger Opfer weihe der Verehrer Wodans zu denken. Immer näher trat unſer Reiſende, bis er endlich dicht vor dem Mauſoleum ſtand, das in ſeiner ganzen Breite vor 9 ſich ausdehnte. Es war ein prachtvolles Monument, das ſich da erhob, ein Meiſterwerk architektoniſcher Bauart. In glücklicher Vollendung auf einem niedern Sockel zeigte ſich in demſelben dem Beſchauer eine aus Marmor gebildete, ruhende Frauengeſtalt, über welche ein trauern⸗ der Engel einen Cypreſſenkranz hernieder neigte. Die Züge der ruhenden Frauengeſtalt gaben diejenigen der verſtorbenen Freiherrin wieder, dem Abdruck einer Todtenmaske entnommen. Der alte Freiherr hatte ſeine erſte Gattin ſehr geliebt, weshalb er auch kein Mittel geſcheut hatte, ihr Andenken zu verherrlichen, Als Pro⸗ teſtantin war es ihr in damaliger Zeit in dem katho⸗ liſchen Lande, in welchem unſere dem Leben entnom⸗ mene Erzählung ſpielt, nicht gegönnt, in dem katho⸗ liſchen Friedhofe anders zu ruhen, als in einem ganz entlegenen Winkel deſſelben. Ein Mißbrauch, der ſeit jener Zeit humaneren Anſichten wohl gewichen, doch leider noch nicht ganz beſeitigt iſt, wenngleich die theil⸗ weiſe Errichtung von eigenen proteſtantiſchen Fried⸗ höfen darin bedeutende Aenderungen angebahnt. Der Freiherr, in der Liebe zu ſeiner Gattin, wollte ſich dieſem barbariſchen Geſetze nicht fügen, das ſelbſt nach dem Tode dem Religionsunterſchiede auf ſo herbe Art entgegentritt, und deshalb war es, daß er die Gebeine ſeiner geliebten Gattin in ſu ihen Waldes⸗ grün, unter den Schutz rauſchender Bäume bettete, um da den Frieden für ſie zu finden, den vorurtheils⸗ volle Menſchen ihr mißgönnten. Am Sockel des Monumentes, dem jungen Reiſen⸗ den halb zugekehrt, ſaß ein alter Mann mit ſchnee⸗ weißem Haar, das der leiſe Lufthauch ſanft durch wehte. Seine Hände waren wie im Gebet gefaltet Nur dann und wann fuhr eine derſelben über die tief⸗ gefurchte Stirn, ſowie über die alten Augen, aus denen unaufhörlich Thränen rollten. 8 25 „Der alte, brave Anton!“ flüſterte leiſe der junge Reiſende vor ſich hin.„Die Jahre ſind leicht über ihn hinweggegangen, noch immer das treue, gute Ge⸗ ſicht; wie wird er ſich freuen, mich wiederzuſehen.“ Der feine Kiesſand knirrſchte unter den leichten Tritten des jungen Mannes; ein Vogel, der am Rande des Mauſoleums, unbehindert um die Nähe des Todes, an einem Blatte luſtig gepickt hatte, flog erſchreckt zu dem ſchützenden Baume empor und Anton, aus ſeinen Gedanken aufgeſchreckt, drehte ſich um. Einen Augen⸗ blick ſah er wie betäubt in des jungen Reiſenden Ge⸗ ſicht, der ihm, mit einem herzgewinnenden Ausdruck in den blauen Augen, beide Hände zum Willkommengruß darbot. „Anton, alter Freund, kennſt Du mich denn nicht mehr?“ rief er herzlich. Ueber des Alten Geſicht flog ein heller Freuden⸗ ſchimmer, und mit einem überwältigenden Ausdruck tiefer Rührung ſtand er auf und ergriff die beiden Hände des vor ihm Stehenden und preßte ſie wieder⸗ holt innig an ſeine welken Lippen. „Mein lieber, theurer, junger Herr! Sie hier? O, wie iſt's möglich, daß mir noch eine ſolche Freude zu Theil wird!“ rief er mit bebender Stimme und drückte neuerdings heiße Küſſe auf die Hände des Reiſenden. „Nun, nun, Anton, einmal mußte ich ja doch wiederkehren“, meinte fröhlich der junge Freiherr von Breiten, denn er war es, der ſich drüben im Wirths⸗ haus für den Neffen der Madame Grünlein ausge⸗ geben hatte.. „O, geſegnet ſei die Stunde, welche Sie uns wie⸗ derbringt“, rief der Diener,„wie habe ich dieſen Tag herbeigeſehnt und gewünſcht.“ 4 „Und doch erkannteſt Du mich kaum?“ „Die Ueberraſchung, junger Herr, die Ueberraſchung hat einen Augenblick auf mein armes altes Hirn ein⸗ gewirkt! Aber wie ſollt' ich den nicht wiedererkennen, den ich auf meinen Armen getragen, den ich großge⸗ zogen habe, der immer ſo gut gegen mich war?“ „Mein garſtiger Bart und meinengebräunte Ge⸗ ſichtsfarbe mögen Dir im erſten Augenblick wohl recht fremd vorgekommen ſein, das glaube ich, aber ſonſt, Anton, bin ich der Gleiche geblieben; nur gebeſſert und als Mann geläutert bin ich wiedergekehrt von meiner langen Reiſe. Mein erſter Gang in der Heimath galt hier der armen Verſtorbenen, an die ich in der Fremde, ach, wie oft zurückgedacht. Ich hoffe, daß jetzt Alles gut werden ſoll, und alle Disharmonien, die zwiſchen meinem Vater und mir beſtanden, ſollen jetzt aufhören, denn meine Abweſenheit hat aus dem leichtſinnigen 8 t 8 n , en Lieutenant einen nachdenkenden Mann gereift, der ſich bemühen wird, ein recht ordentlicher Menſch zu werden. Und nun laß uns nach einer kurzen Raſt hier zum Schloſſe gehen, denn ich ſehne mich, die alten lieben Räume wiederzuſehen, in denen ich meine glückliche Kindheit verlebt. Bei der Waldhöhe oben habe ich ein kurzes Ständchen gehalten, Anton, und einen in⸗ nigen Gruß hinübergeſandt nach meiner theuern Hei⸗ math, meinem lieben Breitenfeld. Es iſt Alles in gu⸗ tem Stand, Anton, beinahe ſchöner als damals! Mein Vater muß viel verbeſſert haben! Aber was macht der alte Herr, iſt er wohl und munter?“ So plauderte der junge Mann, indem er ſich zur kurzen Raſt auf den Sockel des Monumentes ſetzte, Anton bedeutend, das Gleiche zu thun. In ſeiner freudigen Aufregung bemerkte er nicht, wie der alte Diener bei den letzten Worten ſichtlich zuſammenfuhr und ſchreckenvolles Erſtaunen ſich in ſeinen verwitter⸗ ten Geſichtszügen ausſprach. 4 „Du weißt, Anton“, fuhr er unbehindert fort, „daß mein Vater vor meiner Abreiſe mir verſprach, nach meiner Rückkehr meinem Lieblingswunſche nicht länger im Wege zu ſtehen, und mir die Verwaltung von Breitenfeld zu überlaſſen, wenn anders ich vom Auslande, von meinem Leichtſinn gebeſſert, wiederkehre. Ich that nun Alles, um mir die Zufriedenheit meiner jeweiligen Vorgeſetzten zu erwerben, ein fleißiger, ſtreb⸗ ſamer Mann zu werden. So hoffe ich denn, daß jetzt Alles gut werden ſoll, und verwalte ich einmal das Gut, dann, Anton, wird es auch Dir gut gehen. Du wirſt mir als treuer Freund und Rathgeber zur Seite ſtehen, und ich werde mich beſtreben, meinen Unter⸗ thanen ein recht guter Herr zu werden.“ Der alte Diener bemühte ſich ſichtlich, die Worte ſeines jungen Herrn zu unterbrechen, doch die Stimme verſagte ihm, ein convulſiviſches Zittern hatte ſich ſei⸗ nes ganzen Körpers bemächtigt und namenloſe Angſt zeigte ſich in ſeinem Geſichte. Das beſtändige Schwei⸗ gen fiel ſeinem jungen Herrn endlich auf. Er ſah den alten Diener an und bemerkte jetzt erſt deſſen verän⸗ derten Gemüthszuſtand. „Anton, um Gotteswillen, was iſt Dir?“ rief er, entſetzt in das bleiche Geſicht des Dieners blickend. Dit Du krank?“ Dcer Alte ſchüttelte verneinend den Kopf. „Oder freuſt Du Dich nicht meiner Wiederkehr?“ „Gott weiß, wie ſehr ich dieſe gewünſcht, Herr“, ſagte der Diener endlich mit heiſerer Stimme. „Nun und doch biſt Du ſo entſetzt? Wie ſoll ich mir das deuten? Doch ja, da fällt mir ja ein, mein 29 Gott, wie konnt' ich das auch nur einen Moment ver⸗ geſſen. Man hat Dich ja aus dem Dienſte entlaſſen, mein armer, alter Freund, und das iſt's vermuthlich, was Dich ſo unglücklich macht. Doch ſei ruhig, An⸗ ton, ſo lange ich lebe, ſoll Dir ferner kein Haar ge⸗ krümmt werden. Ich nehme Dich in meine Dienſte, was ich mir gleich vornahm, als ich Deine Entlaſſung unten im Gaſthauſe erfuhr. Du ſollſt hier auf Breiten⸗ feld bei mir leben, nicht als mein Diener, nein, als mein Freund.“ „Herr, Herr, reden Sie nicht ſo, es bricht mir das Herz“, unterbrach ihn hier Anton, in Schluchzen ausbrechend. Theilnehmend faßte der junge Mann des Alten runzliche Hände;z ein tiefes Mitleid lagerte ſich auf ſeinen hellen freundlichen Geſichtszügen und mit herzgewinnendem Tone ſagte er: „Komm, Anton, ſchütte Dein Herz aus; ſprich, was haben ſie Dir denn gethan, ſind ſie denn ſo hart mit Dir umgegangen, daß ſelbſt meine Rückkehn Dich nicht zu tröſten vermag? Bei dem Andenken 2 meine Mutter, rede, Anton!“ „Es iſt ja nicht meine Entlaſſung, um die ich 7 mich gräme“, ſagte endlich nach einer Pauſe Anton. „Möge man mich in Gottesnamen aus dem Hauſe jagen, in dem ich vierzig Jahre gedient, ich bin ja ———— 30 nur ein Diener, der ſich ⸗ſo etwas gefallen laſſen muß, aber—“ „Nun— aber?—“. „Gnädiger Herr, iſt's denn möglich, daß man Ihnen unten im Wirthshaus gar nichts von den Veränderun⸗ gen geſagt hat, die ſeit Kurzem hier vorgefallen ſind?“ „Man erkannte mich dort nicht, mein guter Alter, und man erzählte mir wohl, daß einige Veränderungen vorfielen, namentlich Deine Entlaſſung, den Tod des alten Braun, ſeines Sohnes Wegziehen aus hieſiger Gegend; aber Du ſagſt ja ſelbſt, daß nicht Deine Ent⸗ laſſung die Urſache Deines Kummers ſei. Das Uebrige kann doch wahrhaftig nicht die Quelle Deiner trüben Stimmung ſein?— Alſo, was iſt es, was Dir immer und immer wieder die Thränen in die alten Augen treibt? Anton, ſprich! Mein Gott, iſt mein Vater am Ende gar krank— oder— komme ich zu ſpät— iſt er todt?“ 4 Der junge Mann ſprach dieſe letzten Worte im gſchütternden Tone der Angſt und des Entſetzens. „Nein, armer junger Herr, beruhigen Sie ſich“, beeilte ſich Anton zu ſagen,„Ihr Herr Vater lebt und iſt leidlich wohl. Aber ſchrieb er Ihnen denn gar nicht die letzte Zeit über?“ Traurig ſchüttelte Breiten verneinend bden Kopf. 34 „Nein, Anton, er ſchrieb mir in dieſen langen Jahren nur ein einziges Mal, und dies war nach me⸗ ner Geneſung vom hitzigen Fieber, das mich damals dem Tode nahe brachte. Sonſt ſchrieb mir ſtets die Stiefmutter in ſeinem Namen ein paar höfliche Worte, wenn ſie mir meine kleine Zulage ſandte, die ich halb⸗ jährlich vom Vater erhielt. Da dies nun vor einem halben Jahre das letzte Mal der Fall war, ſo erhielt ich ſeit jener Zeit keinerlei Mittheilungen mehr. Als ich erfuhr, daß man meiner nicht mehr im Orient be⸗ nöthigte, was jetzt vor zwei Monaten war, ſchrieb ich dem Vater und zeigte ihm meine Rückkehr an. Die Zeit derſelben konnte ich freilich nicht beſtimmen, da ich noch mehrere Geſchäfte zu ordnen hatte, und meine Abreiſe auch von den dortigen Fahrgelegenheiten ab⸗ hing. Ich erhielt aber keine Antwort, trotzdem ich herzlich um eine ſolche bat. Nun, wie geſagt, jetzt hoffe ich, ſoll Alles anders werden und die Reibungen in der Familie aufhören. Wenigſtens was an mir liegt, ſo will ich ſelbſt meiner Stiefmutter gegenüber beweiſen, was ich ihr als der Sohn ihres Gatten ſchulde. Ich will ja gern anerkennen, daß ſie damals es gut mit mir meinte, als ſie die leidige Geldange⸗ legenheit durch ihre Vermittlung zur Ordnung brachte und mir den Poſten im Orient verſchaffte. Freilich —— — 32 meinen die Leute hier, ſie habe mich damals nur aus dem Wege haben wollen, aber das kann und wilt ich nicht glauben; für ſo falſch kann ich ſie nicht halten.“ „Weil Sie ſelbſt ein ehrliches Gemüth ſind, jun⸗ ger Herr, in dem nichts Hinterliſtiges Platz hat“, fuhr hier Anton aufgeregt dazwiſchen,„aber die Frau Ba⸗ ronin verdient nicht Ihre dankbaren Geſinnungen, jun⸗ ger Herr, nein.— Die Leute haben Recht, ſie wollte Sie nur aus dem Wege haben, um— wenn's denn heraus muß, was mir beinahe das Herz abdrückt ſeit ich's weiß, und was man Ihnen verſchwiegen hat— um— bei dem Verkaufe von Breitenfeld freies Spiel zu haben.“ Wenn wir auf blumenumkränzter Wieſe wandeln und vor unſerm ſinnenden Auge der helle Glanz einer frohen Zukunft auftaucht, ein lichter Traum von freu⸗ digen Erwartungen durch unſere Bruſt zieht, der Zau⸗ ber eines lieblichen Märchens uns umſtrickt, und dann plötzlich ſich vor uns, wie aus den Regionen der Hölle heraufbeſchworen, ein Abgrund dicht zu unſern Füßen zeigt, der uns unrettbar zu verſchlingen droht, um all' unſere Träume von Glück mit einem Schlag zu ver⸗ nichten, da erbebt unſer Herz bis in ſein innerſtes Mark hinein, und wir können es kaum faſſen, daß unter den duftendſten Blumen ein ſolcher Abgrund ſich barg. 33 In ähnlicher Lage befand ſich Breiten, als die letzten Worte aus dem Munde des Dieners verklungen waren. Der Zauber des lieblichen Märchens, das jahrelang ſeine Sinne umgaukelt, war plötzlich durch die rauhe Wirklichkeit abgeſtreift, ein Moment hatte genügt, das Luftſchloß ſeines Glückes, ſeiner Zukunft zuſammenbrechen zu laſſen, nur wenige Worte hatten den Bau ſeiner ſchönſten Hoffnungen zerſtört Bleich, faſſungslos hatte er ſich erhoben und ſtützte die Hand auf den Sockel des Grabdenkmales. So ſtand er einen Augenblick; Weh und Unrecht hatten ihm die Faſſungsgabe beinahe geraubt, und nur ſeine Lippen murmelten tonlos mechaniſch die Worte:„Brei⸗ tenfeld verkauft, mein rechtmäßiges Erbe veräußert, ohne daß ich darum gewußt?“ Eine tiefe Pauſe entſtand, in welcher Anton ein⸗ mal um das andere ſich aus den heißen Augen die Thränen trocknete, die auf ſeine eingeſunkenen Wangen herabſielen. Max von Breiten's Auge aber blieb trocken, keine wohlthuende erleichternde Thräne netzte daſſelbe, erleichterte ſein gepreßtes Gemüth; doch auch ſeine Lippen blieben geſchloſſen, kein Laut kam über die⸗ ſelben. Herr und Diener ſchwiegen; nur ihr Schmerz ſprach laut und mächtig! Creſſieur, Die Kunſtreiterin. I. 3 34 Ueber Beiden wölbte ſich das grüne Laubdach in tiefem Frieden; der kleine auf den Baum geflüchtete Sänger zwitſcherte ſein ſchönſtes Lied und Amſeln, Finken und Rothkehlchen antworteten ihm um die Wette und freuten ſich ihres Lebens. Die ganze Natur feierte den Sabbath der Ruhe; nur der Menſch, das reichbe⸗ gabteſte Geſchöpf in ihr, kämpfte ſeinen ewigen, allezeit vergeblichen Kampf gegen das Erdenweh! .„Herr, o ſprechen Sie doch“, ſagte endlich der alte Diener, dem die ſtarre Ruhe des jungen Mannes unheimlich wurde. Max von Breiten erhob ſein bleiches Geſicht wie⸗ der, ſeine willenskräftige Natur hatte den Sieg über das Leid davongerragen, ſeine Vernunft den moraliſchen Schlag überwunden. „Ich bin gefaßt, um Alles anzuhören“, ſagte er leiſe,„erzähle mir, Anton.“ Mit dieſen Worten ließ er ſich auf der Stufe des Sockels nieder, Anton bedeutend, ein Gleiches zu thun. Beide waren ſo ſehr in ſchmerzliche Gedanken ver⸗ tieft, das ſie das leiſe Geräuſch nicht vernahmen, wel⸗ ches auf der andern Seite des Mauſoleums ſoeben vernehmbar wurde. Die Geſtalt eines jungen Mäd⸗ chens näherte ſich demſelben vom Walde her. Als ſie 1 35 die Stimmen der Beiden vernahm, blieb ſie überraſcht ſtehen. Mit leicht verzeihlicher Neugierde bog ſie ſich etwas vor, um die Ecke des Monumentes herüber, und erſtaunte nicht wenig, in Geſellſchaft des alten Anton einen Fremden zu erblicken, welcher den beſſeren Stän⸗ den anzugehören ſchien, und deſſen ganze Haltung tiefe Trauer ausdrückte. Es iſt eigenthümlich und liegt in der Natur des Menſchen, daß beim Anblick eines Geſichtes, das uns in ſeinem Ausdruck als tief bekümmert erſcheint, das Verlangen in uns erwacht, die Geheimniſſe zu erfor⸗ ſchen, welche ſich hinter jener gedankenſchweren Stirne bergen. Dies war auch hier der Fall. Die Neugierde des faſt ſechszehnjährigen Mädchens erwachte. Sie ſah den Fremden nochmals an und wendete ſich dann raſch, aber ungeſehen von den Beiden ab, und kauerte ſich auf der entgegengeſetzten Seite des Denkmales auf dem Sockel deſſelben nieder. Die Geſtalt dieſes jungen Mädchens war klein und unſcheinbar. Eine wenig bemerkbare Verſchiebung des Rückgrades verunſtaltete ſie; aber der Kopf, wel⸗ cher zwiſchen den mißgeſtalteten Schultern ruhte, war reizend und das ſchmächtige bleiche Geſicht hatte einen lieblichen Ausdruck von Herzensgüte. Goldblonde, dichte Flechten umrahmten es gleich einem Heiligen⸗ 9 36 6 ſchein und zwei dunkelblaue Augen leuchteten in jenem warmen Glanze, der jedem auch noch ſo bleichem Ge⸗ ſichte einen Anflug innerer Lebenswärme verleiht. „Es mögen nun ohngefähr vier Monate ſein“, begann Anton zu erzählen,„als ich eines Morgens in dem kleinen Zimmer zu Adlerberg war, welches an den großen Speiſeſalon des Schloſſes ſtößt, und dort mich mit dem Ordnen der Bücher beſchäftigte, ſowie der Herr Baron es mir aufgetragen hatte. Die Herr⸗ ſchaften wußten nichts von meiner Gegenwart und ſaßen im Nebenzimmer noch beim Frühſtück. Die Thür zu meinem Zimmer war nur angelehnt und ich hörte, was d'rinnen geſprochen wurde.“ „Die Herrſchaften ſprachen ſoeben von Breiten⸗ feld, und da hörte ich ganz deutlich und klar, wie die Frau Baronin in den Herrn Vater drang, das Gut zu verkaufen. Es hatte damals gerade einige Verdrieß⸗ lichkeiten mit den Bauern auf Breitenfeld gegeben, da ſich dieſelben gegen die neu errichteten, nach Schloß Adlerberg eingeführten Arbeits⸗ und Lohngebräuche auf⸗ lehnten, und die alte Ordnung wieder begehrten. Es war nicht bedeutend, aber die Frau Baronin wußte dem Herrn Vater die Lage der Dinge in ſo grellem Lichte darzuſtellen, und ſtellte ſich ſo beſorgt um das Leben des Herrn Barons, das ſie bei den renitenten ——— — —— 37 Bauern als für gefährdet erklärte, daß mir ſelbſt im Nebenzimmer ganz angſt und bang wurde. Auch Fräu⸗ lein Johanna miſchte ſich in's Geſpräch, und half ihrer Mutter. Der ſo in die Enge getriebene alte Herr ſträubte ſich anfänglich gegen den Verkauf, indem er meinte, daß die Beſitzung ſeines Sohnes Erbe ſei. Aber auch darauf wußte die Frau Baronin ihm zu erwidern und ſtellte ihm mit beredten Worten vor, wie vortheilhaft der Verkauf von Breitenfeld auch in dieſer Beziehung ſein würde, und wie leicht man das aus dem Erlös gezogene Kapital durch Ankauf von Staatspapieren vielleicht um das Doppelte erhöhen und vermehren könne, dadurch aber dem Erben von Breitenfeld nur ein großer Gewinn erwachſe. Die Herrſchaften ſprachen noch Vieles für und wieder, was mir entfallen, woraus ich aber immer deutlicher erſah, daß die Frau Baronin ſchon längſt den Plan gefaßt gehabt, auf den Verkauf von Breitenfeld einzuwirken.“ „„Dein Sohn“, ſagte ſie unter Anderem auch, „iſt, wie ich ſehr fürchte, auch wenig zum Gutsbe⸗ ſitzer geeignet. Seine ganze Erziehung iſt eine der Landwirthſchaft entgegengeſetzte, und es wäre jammer⸗ ſchade, wenn die ſo einträgliche Beſitzung, welche jetzt ein ſo ſchönes Kapital repräſentirt, einſtmals ſchlecht geführt, oder gar durch ſorgloſe Leitung zu Grunde Bi eten 38 gerichtet würde. Dein Sohn würde dann an ſeinem Erbe mehr als durch einen Verkauf verlieren. Uebrigens ſei es ferne von mir, Dich zu etwas beſtimmen zu wollen, Du mußt am beſten wiſſen, was Du zu thun haſt, und wenn Du glaubſt, Dein Sohn wäre mit dem Verkaufe von Breitenfeld nicht einverſtanden, ſo wollen wir über dieſen Punkt nicht weiter ſprechen, welchen ich überhaupt nur deshalb berührte, weil ich hier in dieſer Zeitung eine Annonce las über eine größere Herrſchaft, die Jemand hier in der Gegend zu kaufen beabſichtigt.““— „Dieſe Worte zündeten; denn, verzeihen Sie mir, junger Herr, Sie wiſſen aber vielleicht am beſten, daß der Herr Vater von Niemandem in der Welt einen Widerſpruch leidet, und die Worte, daß Sie viel⸗ leicht mit dem Verkaufe nicht einverſtanden wären, ge⸗ nügte, um den Starrſinn des alten Herrn zu erwecken, und ſchienen daher von der Frau Baronin wohl über⸗ legt.“ „„Mein Sohn hat ſich mir in Allem zu fügen; ich kann thun und laſſen, was ich will“, brauſte der Herr Baron auf. Nun, daß ich es kurz mache, der Schluß dieſer Unterredung war, daß der Herr Baron nach jener, von der Freiherrin bezeichneten Zeitung griff und die Anzeige durchlas. Einige Wochen ſpäter war 39 Breitenſeld mit ſammt dem Mauſoleum hier verkauft, und ich dachte, ſie wüßten dies, junger Herr!“ „Das Mauſoleum hier iſt mit verkauft?“ rief Max von Breiten mit einem Ausruf des Schreckens. „Ja, junger Herr, und das iſt's, was mich am meiſten kränkte. Ich bin nur ein Diener, aber ſelbſt als ſolcher thut es mir weh, daß die Frau Baronin, welche den ganzen Verkauf leitete, ſelbſt mit dem Hei⸗ ligſten Schacher trieb.“ „Aber die Gebeine meiner Mutter, Anton?“ rief beinahe ſchluchzend der junge Mann. „Die ruhen auf dem Ortsfriedhof von Breiten⸗ feld, im äußerſten Winkel rechts“, antwortete tief er⸗ griffen der Diener. Abermals entſtand nun eine bedeutungsreiche Pauſe. „Das hat mich hart getroffen, Anton, bis in's innerſte Herz hinein“, ſagte endlich tiefaufathmend der junge Freiherr,„aber ich hätte es vorausſehen, darauf vorbereitet ſein ſollen.“ „Siehſt Du nun, Anton“, fuhr er dann traurig fort,„wie ich damals als Knabe Recht gehabt, daß meine Stiefmutter mich ebenſo haßt, ſowie ſie meine arme Mutter nicht leiden konnte! Nur Jemand mit abſichtlichem Vorurtheil kann ſo herzlos handeln, den eigenen Sohn dem Vater entfremden! Aber was hilft 40 jetzt alles Klagen“, ſagte er mit wiedergewonnener Feſtigkeit,„handelnd eingreifen muß ich als Sohn und das Andenken meiner armen Mutter wieder herſtellen.“ „Was wollen Sie thun, junger Herr?“ fragte er⸗ ſchrocken Anton. „An das Gemüth meines Vaters mich wenden, ihn bitten, das Mauſoleum hier zurückzukaufen.— Ich weiß wohl, daß der todte Stein hier die Erinnerung in mir und in jenen Leuten, welche meine Mutter ge⸗ kannt, nicht erſt wachzurufen braucht, jedoch ich will nicht dulden, daß jene Stätte, welche dem Andenken meiner armen Mutter durch Jahre gedient hat, in fremde Hände übergeht. Mein ganzes Weſen ſträubt ſich dagegen.“ „Sprechen Sie darüber nicht mehr mit dem Herrn Vater, es iſt vergebliche Mühe“, meinte bekümmert der Diener.„Ich ſelbſt habe dies bereits verſucht, und den Herrn Vater gebeten, das Mauſoleum zurückzu⸗ kaufen. Es war dies vielleicht unrecht von mir; icht s ſehe es ein. Dem Diener gebührt es nicht, ſich in Dinge zu miſchen, die ihn nichts angehen. Aber ich habe Sie als Kind gekannt, junger Herr, Sie auf meinen Armen herumgetragen, und ich wußte daher auch, um wie Vieles ſchmerzlicher noch, als der Ver⸗ kauf der Beſitzung, Sie der Verkauf des Mauſoleums 4 55 41 treffen würde, bei Ihrem Zartgefühl, Ihrer Pietät für die Verſtorbene. Deshalb nahm ich mir auch ein Herz, und bat zuerſt, als Breitenfeld noch in der Schwebe bezüglich des Verkaufes ſtand, den Herrn Vater, Ihnen das rechtmäßige Erbe zu erhalten. Es half nichts. Dann bat ich zum zweiten Male, das Andenken an die Todte zu ſchonen, das Mauſoleum zurückzukaufen; da griff der Herr Baron in wild aufbrauſendem Jäh⸗ zorn nach einem Stocke und wollte mich für mein freches Einmiſchen in Dinge, die mich nichts kümmer⸗ ten, züchtigen, und denſelben Tag noch war ich meines Dienſtes, den ich durch beinahe vierzig Jahre inne ge⸗ habt, entlaſſen. Bei Herrn Weimar hier, dem neuen Beſitzer von Breitenfeld, fand ich wieder ein gutes Unterkommen. Ich bitte Sie daher, junger Herr, thun Sie nichts mehr in dieſer Sache; es wäre vergebens, und könnte, weiß Gott, nur zu neuen Unannehmlich⸗ keiten zwiſchen Ihnen und dem Herrn Vater führen.“ „Ich danke Dir, treue gute Seele, für Alles, was Du für mich gethan und gelitten haſt“, ſagte der junge Mann gerührt, indem er dem Diener ſeine Hand reichte und welche Jener ehrerbietig an ſeine Lippen drückte.„Was an mir liegt, Anton, ſoll Deine Treue und Ehrlichkeit einſt noch belohnt werden. Du haſt mir bewieſen, daß es ſich noch auf Menſchen bauen läßt. 42 Verſuche jedoch nicht, mich von meinem Vorſatze abzu⸗ bringen. Ich halte es für meine unumgängliche Pflicht, mit meinem Vater über das Mauſoleum hier zu ſpre⸗ chen, das Andenken meiner armen Mutter völlig wie⸗ der herzuſtellen. Vielleicht gelingt es dem Sohne, das Herz des Mannes zu rühren, der einſtens ſeine erſte Gattin ſo ſehr liebte, und nur durch die Heimtücke ihrer Nachfolgerin ſie vergeſſen lernte.“ „Der Herr Vater iſt heftig, leicht aufbrauſend“, meinte ängſtlich beſorgt der treue Anton. „Fürchte nichts, ehrliche Seele. Was von mir abhängt, ſoll jeder heftige Auftritt zwiſchen meinem Vater und mir vermieden werden. Jener Erſchütterung, welche die erſte Nachricht hervorbrachte, iſt nun ruhige Ueberlegung gefolgt, und mit ihr will ich meinem Vater, und meiner Stiefmutter gegenübertreten. Unvorbereitet, wäre ich vielleicht nicht im Stande geweſen, ruhig zu bleiben, und ich danke daher meinem gütigen Schickſal, das mich hier her geleitet, mich Dich hier finden ließ, aus deſſen Munde ich nun das Schwerſte gehört, er⸗ fahren habe.“ „Aber, wie war es möglich, junger Herr, daß man Ihnen Alles ve ſchwieg?“ „Meine Stiefmutter wird wohl dafür geſorgt ha⸗ ben, daß der Schlag mich erſt dann treffe, wenn jedes 43 Abwenden deſſelben zu ſpät iſt“, antwortete der junge Mann bitter. 3 „Und erkannte Sie der Pfleger Weil unten im Gaſthaus wirklich nicht?“ „Nein, Anton, und iſt dies auch leicht zu erklären. Trotz der eigentlich nur wenigen Jahre meiner Abwefen⸗ heit, habe ich mich doch ſichtlich verändert. Die Einwirkung des heißen Clima, und der Umſtand daß, als ich mich von der Heimath trennte, ich in jenem Alter war, wo die größte Veränderung im Menſchen vorgeht, trugen wohl dazu bei, mich weniger erkennbar zu machen. Und nun lebewohl, mein guter Anton; was auch vorgeht, Du ſollſt von Allem erfahren,! Der junge Mann reichte dem alten Diener nochmals die Hand, und bald war ſeine kräftige Geſtalt hinter den Bäumen verſchwunden. Anton war wieder allein, doch nicht für lange. Das junge, hinter dem Denkmal verſteckte Mädchen war aufgeſtanden, und näherte ſich nun dem alten Manne. „Fräulein Martha!“ rief er überraſcht. Das junge Mädchen war die jetzige Beſitzerin von Breitenfeld. Ihr Bruder, der Großhändler Weimar, hatte die Beſitzung für ſeine Schweſter gekauft, und leitete die Gutsverwaltung bis zu ihrer Volljährigkeit. „Anton, wie leid thut es mir jetzt, daß mein Bru⸗ —— 44 Erben entzogen wurde“, ſagte Martha mit inniger Theilnahme. „Nein, Fräulein, nicht durch den Antm Herrn Weimar's, wohl aber durch die Bosheit der Stiefmutter meines armen jungen Herrn.“ „Wer dächte aber auch, daß dem rechtmäßigen Erben der Verkauf einer Beſitzung verſchwiegen würde“, meinte das junge Mädchen erſtaunt. „Das wußte ich auch nicht, Fräulein; ich meinte, er ſei mit Allem einverſtanden, denn ſonſt, Gott weiß, hätte ich ſelbſt dem armen jungen Herrn Alles geſchrie⸗ ben, obwohl es auch zu nichts geholfen haben würde.“ „Sprach der junge Freiherr nicht ſoeben von dem Rückkaufe des Mauſoleums hier, Anton?“ „Ja, Fräulein, das that er.“ „O! da können wir ihm vielleicht behülflich ſein“, ſagte das junge Mädchen mit freundlicher, herzlicher Bereitwilligkeit,„und vielleicht dadurch das Unrecht theilweiſe wieder gut machen, das wir dem armen, jungen Freiherrn unabſichtlich zugefügt.“ „Wie gut und theilnehmend Sie doch ſind, Fräu⸗ lein Martha!— Sie haben wohl das beſte Herz von der Welt. Aber ich bitte Sie, ſorgen Sie ſich nicht wegen einer Sache, an der wede er Sie, noch Ihr Herr der Breitenfeld gekauft, das dadurch dem einſtigen „ 45 Bruder ſchuld ſind. Mein armer junger Herr weiß am beſten, daß er nur ſeiner Stiefmutter alles Ueble zu danken hat, was ihm in ſeinem jungen Leben wieder⸗ fahren iſt. Was das Mauſoleum betrifft, ſo glaube ich, hatte Herr Weimar ja die Abſicht, es an einen Steinmetzmeiſter zu verkaufen, nicht wahr, Fräulein?“ „Ja, es war dies die Abſicht meines Bruders und wurden auch deshalb ſchon Briefe zwiſchen meinem Bruder und dem Steinmetzmeiſter gewechſelt. Aber ich bin überzeugt, daß ſich eine Abänderung dennoch leicht treffen läßt, ſelbſt wenn das Mauſoleum ſchon verkauft wäre.“ „Wenn das wäre, Fräulein Martha, ſo bin ich überzeugt, geſchähe meinem jungen Herrn ein großer Gefallen, obgleich es auch da wieder ſeinen Haken hat. Der Steinmetzmeiſter wird natürlich wieder den Preis zurückverlangen, um welchen er das Mauſoleum erkauft, vielleicht obendrein Schadenerſatz wollen, und woher ſoll mein junger Herr'ne ſo große Summe nehmen? Der alte Herr hält den Geldbeutel gar feſt, nament⸗ lich dem Sohne gegenüber.“ „O, wie gerne wird mein Bruder ihm dieſe Summe vorſtrecken!“ rief beinahe jubelnd Martha,„das wäre ja gleich eine geringe Vergütung des Unrechtes, was ihm durch uns widerfahren iſt.“ 8 4 46 „Wie gut Sie doch ſind, Fräulein Martha. Aber Sie kennen meinen jungen Herrn nicht, er iſt gar ſtolz, und es möcht' ihn gar gewaltig geniren, gleich bei der Rückkehr in die Heimath wieder neue Schulden machen zu müſſen.'s iſt freilich wahr, Baron Max iſt ſchon ſeit zwei Jahren majorenn, der alte Herr kann ihm ſein mütterliches Erbe nicht vorenthalten, wenn er es verlangt; aber der junge Herr iſt'n ſo guter Sohn, ſo voller Rückſichten, daß ich zweifle, ob er es über's Herz bringt, ſein Erbtheil zu verlangen. Aber es könnt' ja doch ſein, und dann, Fräulein Martha, wenn Sie es beim Steinmetz zu Wege brächten—“. „Wie gerne, Anton, werde ich dazu beitragen. Mir iſt ſo leid um den jungen Baron, und ich wollte, ein Anderer als wir hätte die Beſitzung gekauft.“ „Dann wäre es noch ſchlimmer, Fräulein Martha, denn wer weiß, ob ein Anderer ſo ein Mitleid hätte.“ „Da haſt Du wieder Recht, Anton—“¹. „s iſt ja auch nicht der Verkauf von Breitenfeld, der meinem jungen Herrn ſo an's Herz geht, obgleich es auch keine Kleinigkeit iſt, mit einem Mal ſo'ne ſchöne Beſitzung zu verlieren, und dafür ſpäter viel⸗ leicht das Drittel an Werth zu erhalten. Aber was ihn am meiſten kränkt, iſt der Verkauf des Mauſo⸗ —2— leums. Sein Gemüth erträgt leichter den Verluſt einer Beſitzung, als den Mangel an Pietät für ſeine Mutter.“ „Was an uns liegt, Anton, ſoll gewiß in dieſer Beziehung geſchehen, ſage dies Deinem einſtigen jungen Herrn“, meinte das junge Mädchen herzlich, mit einem freundlichen Gruße. Der alte Diener dankte gerührt. Martha Weimar entfernte ſich und ſchlug einen Pfad ein, der durch einen Theil des Parkes nach einer Anpflanzung führte, auf welcher ein kleines, im engliſchen Styl erbautes Gartenhäuschen ſtand. In dieſes begab ſich nun das junge Mädchen, um ſich dort ſcheinbar mit Leſen zu beſchäftigen, in Wahrheit aber des jungen unglücklichen Mannes zu gedenken, der durch ſie ſeine Heimath ver⸗ loren hatte. Martha Weimar war ein tief empfindſames Ge⸗ müth und ihr Verſtand für ihre Jahre weit voraus⸗ geeilt, wie dies gewöhnlich bei Verkrüppelten der Fall zu ſein pflegt, indem die Natur ſie gleichſam durch Geiſtesgaben für den Verluſt körperlicher Schönheit zu entſchädigen trachtet. Bei ihrem guten Herzen war es erklärlich, daß der einſtige, jetzt ſo unglückliche Erbe von Breitenfeld ihr Intereſſe raſch in Anſpruch nahm und all' ihr Denken und Fühlen in dem des Mitleids aufging. 48 Es war ein gar ſchattiges Plätzchen, traulich und anheimelnd, was ſich das junge Mädchen für ihre Träumereien auserkoren, und einem Schattenbilde gleich zog das Schickſal des jungen Erbherrn vor ihrer beweglichen Seele vorüber. Ein Intereſſe bannte ſie an ſein Bild, das nur erſt mit ihrem Leben enden ſollte. Zweites Kapitel. Die Fauilie Breiten. Max von Breiten war der einzige Sohn einer einſt glücklichen Ehe. Bei deſſen Geburt widerhallte das Schloß vom Jubel und den Feſtlichkeiten, welche dem neuen Weltbürger zu Ehren veranſtaltet wurden. Die erſte Frau des Freiherrn Breiteg war von außer⸗ gewöhnlicher Schönheit, dabei mild und wohlthätig ge⸗ gen die Armen und von außerordentlicher Herzensgüte. Sie hatte in dem katholiſchen Lande nur einen Fehler, ſie war Proteſtantin. Trotzdem aber ſchwärmte der Freiherr für ſeine junge Gattin, und der Vater ihres Kindes war ſü die junge Frau Alles auf Erden. Die Geburt eines Sohnes vervollſtändigte das Glück der Gatten. Auf Breitenfeld herrſchte damals ein heiteres Leben. Tanz und Muſik, Mittag⸗ und Abendeſſen, -. re.—: 6 7;; 4 Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. 4 ſ ————— 50 Jagden folgten einander, und der Luſtigſte und Heiterſte bei all' dieſen Feſten war der Freiherr ſelbſt, trotz ſeiner zweiundvierzig Jahre. Der Erbe von Breitenfeld wuchs im Glanze des Reichthums auf, und ſein Vater war ſtolz auf ihn. Als er ſechs Jahre alt war, begleitete er ſchon ſeinen Vater auf einem kleinen Pony in die umliegenden Ort⸗ ſchaften der Beſitzung und der Freiherr wurde nicht müde, ſeinem Sohne die mächtigen Ländereien zu zei⸗ gen, die alle einſt ihm gehören ſollten. Er machte ſo⸗ mit das Kind ſchon frühzeitig mit dem Gedanken ver⸗ traut, ſich als den einſtigen Herrn von Breitenfeld zu betrachten. Max von Breiten aber war ein munteres Kind voll Liebenswürdigkeit und Herzensgüte, freund⸗ lich gegen ſeine Umgebung, voll Dankbarkeit für jede ihm bewieſene Zuvorkommenheit. Mit dem freiherrlichen Hauſe auf Breitenfeld ver⸗ kehrten häufig die Gutsnachbarn und namentlich die Familie auf Adlerberg war dort häufig zu ſehen. Das Gerücht ſagte ſogar, daß Freiherr Breiten vor ſeiner Heirath viel und angelegentlich die zweitgeborne Tochter des Freiherrn auf Adlerberg umworben, ſo zwar, daß man damals bereits von einer bevorſtehenden Ver⸗ lobung der Beiden geſprochen. So weit jedoch kam es nicht. Breiten's Aufmerkſamkeiten für die ſtolze, weit und breit als ſtreng katholiſch und herrſchſüchtig bekannte Adelhaide vom Adlerberg, blieben ſich immer gleich, ohne den Freiherrn zu verpflichten, wobei jedoch nicht geſagt ſein ſoll, daß Adelhaide ſich keine Hoff⸗ nung auf den reichen Gutsbeſitzer gemacht habe. Viel⸗ leicht hätte ſie auch mit der Zeit ihr Ziel ſchon damals erreicht, wenn nicht plötzlich in den faſhionablen Kreiſen der Reſidenz, in welcher beide Familien während des Winters verkehrten, die junge, ſchöne Proteſtantin als Stern erſter Größe aufgetaucht wäre. Von jener Stunde an hatte Breiten nur Augen für Erneſtine von Weilheim, die bald ſeine Neigung in gleichem Maße erwiderte. Adelhaide ſah ſich zurück⸗ geſetzt und obwohl in ſtreng katholiſchen Grundſätzen erzogen, heirathete der reiche Gutsbeſitzer doch bald darauf die ſchöne Proteſtantin. Die Freiherrin vom Adlerberg erbleichte, als ſie die Verlobungskarte der Beiden erhielt, und konnte es kaum faſſen, daß man eine Andere ihr vorgezogen. Ihr Stolz litt furchtbar bei dieſer Niederlage. Als zweitgeborene Tochter hatte ſie bei der Fideikommis⸗ herrſchaft ihres Vaters, welche auch in der Erbfolge auf die Töchter überging, nur einen geringen Vermö⸗ gensantheil zu erwarten. Der ehrgeizigen Dame wäre alſo der reiche Freiherr eine willkommene Beute ge⸗ 52 weſen. Aber ſie war zu ſtolz, um ihre verwundete Eitelkeit, die Zerſtörung ihrer liebſten Wünſche der Welt zu zeigen. Im Gegentheile, ſie that Alles, um dieſelbe zu täuſchen. Sie überhäufte die junge verhei⸗ rathete Freifrau mit Aufmerkſamkeiten aller Art und gewann durch dieſe ſcheinbare Herzensgüte die Achtung Breiten's. Obgleich die junge Frau ſich mehr zu Adelhaids älterer Schweſter Joſefa hingezogen fühlte, deren Weſen mehr zu ihrem heiteren, frohſinnigen Charakter paßte, als das der bigotten, ernſten Adelhaid, ſo war ſie doch zu arglos, um der Letzteren Aufmerkſamkeiten gegen ſie nicht für wirkliche Freundſchaft zu halten. Dazu kam noch der Umſtand, daß Joſefa, die einſtige Erbin vom Adlerberg, ſich weniger zu Hauſe aufhielt und größten⸗ theils bei einer Verwandten im Auslande lebte, indem ſie ſich mit Vater und Schweſter nicht recht vertragen konnte und nur zu genau wußte, daß der Erſtere die jüngere Schweſter ihr vorzog. Erneſtine von Breiten war daher namentlich in den Sommermonaten auf den Umgang mit Adelhaide angewieſen. Der neuver⸗ mählte Gatte freute ſich dieſes näheren Verkehrs.„Adel⸗ haide vom Adlerberg“ pflegte er zu ſagen,„iſt nach Dir, meine Erneſtine, diejenige, welche ich am meiſten unter den Damen unſerer Bekanntſchaft hochſchätze.“ 5— — —— — — So glücklich die Ehe der Beiden Anfangs war, ſo gab es doch bald einen Punkt, der gleich einer Wolke den heiteren Ehehimmel zu verdunkeln drohte. Es war dies der zwiſchen beiden Gatten beſtehende Unterſchied der Confeſſionen. In dem erzkatholiſchen Lande, in welchem die Beſitzung Breiten's lag, zu einer Zeit, wo die katholiſche Geiſtlichkeit noch unumſchränkte Gewalt über Adel und Volk übte, war es nicht zu verwundern, daß man die junge Freiherrin, als zu dem katholiſchen Adel gehörend, zu überreden ſuchte, Katho⸗ likin zu werden. Die Geiſtlichkeit that Alles, um dieſes zu bewerkſtelligen, und ſelbſt der Freiherr ſuchte ſeine Gattin zu dieſem Schritte zu vermögen. Umſonſt. Erneſtine machte nach der Geburt ihres Sohnes wohl keinen Einwand, denſelben in dem Glauben ſeines Vaters erziehen zu laſſen, aber ſie ſelbſt blieb ihren Grundſätzen getreu. Das gab nun zu den erſten Miß⸗ verſtändniſſen Anlaß. Bei kirchlichen Feierlichkeiten namentlich, wie ſelbe ſo häufig auf dem Lande vor⸗ kommen, trat der Religionsunterſchied der jungen Guts⸗ herrin am deutlichſten zu Tage; fungirte ſie doch na⸗ türlich bei ſolchen Gelegenheiten nicht als Patronin des Kirchſprengels, wie ſie es als Gutsherrin hätte thun müſſen. Ihr Platz in der Kirche blieb leer und es fehlte dann bei ſolchen Gelegenheiten nicht an an⸗ ——ne 2—— —— — 3 54 züglichen Redensarten aller Art ſeitens der benachbarten Gutsbeſitzer. Das verdroß nun den Freiherrn, und die Folge davon war, daß er mehr als je in ſeine Gattin drang, durch einen Glaubenswechſel allen der⸗ artigen Weiterungen ein Ende zu machen. „Du haſt mich als Proteſtantin kennen gelernt und trotzdem mich geliebt“, pflegte dann die junge Frau, ſich zärtlich an ihn ſchmiegend, zu antworten, „laß mich daher auch jetzt bei meiner Ueberzeugung! Dieſelbe ſchadet ja unſerer Liebe nicht!“ Der Freiherr beſänftigte ſich dann freilich wieder, aber die nächſte ähnliche Veranlaſſung erweckte den Stachel in ſeiner Bruſt auf's Neue und ließ endlich 82 ſogar den Gedanken in ihm auftauchen, ob er nicht vielleicht beſſer gethan haben würde, in dem katholiſchen Lande auch eine katholiſche Gattin zu wählen. Daß ſeine Gemüthsſtimmung unter ſolchen Umſtänden litt, iſt erklärlich. Der ewige Anſtoß mit der Geiſtlichkeit, welche keine Gelegenheit verabſäumte, ſeiner jungen Gattin ein Hölzchen in den Weg zu werfen, der böſe Einfluß, den namentlich Freiherrin Adelhaide in dieſer 3 3n Beziehung auf ihn ausübte, indem ſie ſcheinbar ihr größtes Mitleid bei ähnlichen Fällen dem Freiherrn bewies, es dabei aber an anzüglichen Reden nicht fehlen ließ, endlich ſeiner jungen Gattin Starrköpfigkeit ſelbſt, ¹ . 85 wie er ihre Feſtigkeit nannte, trug nach und nach bei, einen Stein nach dem andern zu lockern von dem Ge⸗ bäude eines Glückes, das für die Ewigkeit errichtet geſchienen. Dadurch kam es denn auch, daß der Freiherr ſich wieder mehr und mehr zu der geiſtreichen, in ſeinen Religionsgrundſätzen ihm ähnlichen Adelhaid vom Adler⸗ berg hingezogen fühlte und gern mit ihr verkehrte, ohne dabei ein anderes Gefühl als jenes der Freundſchaft für ſie zu fühlen. So ging es eine geraume Zeit fort. Da geſchah es plötzlich, daß die junge Frau durch einen böſen Zu⸗ fall von den Gerüchten erfuhr, die vor ihrer Verhei⸗ rathung im Umlauf geweſen waren und die auf eine beinahe zu Stande gekommene Verlobung ihres Gatten mit Adelhaid hinzielten. Obgleich dieſe Gerüchte nun gänzlich aus der Luft gegriffen waren, indem der Frei⸗ herr in ſeiner Rechtlichkeit ſich gewiß für gebunden erachtet, und um keine Andere geworben haben würde, falls es zwiſchen Adelhaide und ihm zu ernſten Er klärungen gekommen wäre, ſo trugen ſie dennoch nicht wenig dazu bei, die Eiferſucht der Gattin zu wecken. Wäre Erneſtine von Breiten noch im Vollbe⸗ ſitze ihres ehelichen Glückes geweſen, ſo hätte ſie viel⸗ leicht ſelbſt über die krankhaften Einbildungen gelacht, —— 4 56 welche ihre Phantaſie ſich ausmalte, aber die öfteren Mißhelligkeiten, welche zwiſchen ihr und ihrem Gatten herrſchten, wirkten betäubend auf ihr Gemüth ein und ließen endlich den Gedanken bei ihr aufkommen, daß Breiten ſie niemals ſo geliebt habe, wie ſie geglaubt. So erſchütterte ſich das gegenſeitige Vertrauen immer mehr und mehr. Mit den leidenſchaftlichſten Worten ſuchte die junge Frau oft ihren Gatten zu vermögen, den Um⸗ gang mit der Familie auf Adlerberg aufzugeben. Brei⸗ ten gehorchte ihr dann wohl für ein paar Tage; bald aber ſah er in dieſem ſeinen Verfahren eine unverzeih⸗ liche Schwäche und Nachgiebigkeit, welche zu ſeinem feſten Charakter, mit dem er von jeher kokettirt, in Widerſpruch wäre und ſo beſuchte er denn die Familie auf Adlerberg nach wie vor. „Ich darf ſie durch Nachgiebigkeit nicht verwöh⸗ nen“, dachte er bei ſich,„ſie muß in meinem Beneh⸗ men eine Strafe für ihr eigenes Widerſtreben gegen meinen Willen ſehen.“ Von allen menſchlichen Leidenſchaften iſt Eiferſucht die marterndſte. Sie kehrt immer wieder, ſucht man ſie auch zu verdrängen, namentlich aber ſobald ſie ein leidenſchaftliches, leicht erregbares Gemüth beherrſcht, wie dies bei Erneſtine der Fall war. Umſonſt bat ſie * 57 der Gatte oft, ſolch' häßliche Träume zu bannen, ſich nicht durch Trugbilder zu quälen; aber das Einzige, was er in dieſem Falle hätte thun ſollen, Nachgiebig⸗ keit gegen die Gattin üben, die er noch immer liebte, das that er nicht, weil er damit ſeiner männlichen Würde etwas zu vergeben fürchtete. Die Freiherrin ward immer gereizter, bis endlich eines Abends der Sturm losbrach. Der Freiherr war an jenem Tage ſpäter als gewöhnlich vom Adlerberg zurückgekehrt und gab damit der Gattin Veranlaſſung zu neuen Vorwürfen. „Sie hat Dich einſtmals geliebt, ſich Hoffnung auf Deine Hand gemacht und deshalb wäre es Deine Pflicht, Adelhaide zu meiden“, ſagte die Freiherrin in dem heftigen Tone, welchen die gereizte Frau in letzterer Zeit ſo leicht anzunehmen pflegte. Ein Wort gab das andere, Beide wurden immer heftiger, bis endlich der Freiherr, von jeher vom Jäh⸗ zorn leicht erfaßt, in die leidenſchaftlichen Worte aus⸗ brach: „Beſſer würde ich freilich gethan haben, Adelhaide vom Adlerberg zu heirathen, als eine mir in Allem widerſtrebende Proteſtantin.“. Das war ein böſes Wort, welches aus dem Munde des Freiherrn gefallen und Erneſtine von Breiten bis ———— b b 58 in's Herz hinein traf. Todtenbleich wurde ſie dabei, indeſſen entgegnete ſie darauf keine Silbe. Schon im nächſten Momente hatte wohl Breiten ſeine unüberlegte Rede bereut, doch es war zu ſpät. Noch in der näm⸗ lichen Nacht erkrankte die Freiherrin an einem Nerven⸗ fieber, durch die Gemüthserſchütterungen der letzten Zeit herbeigeführt, und durch dieſen letzten Sturm zum Ausbruch gebracht. Breiten geberdete ſich wie wahnſinnig an ihrem Krankenlager. Der Himmel hatte Mitleid mit ſeinem Schmerze, ſeiner Reue; die Freiherrin genas ſcheinbar von dieſer ſchweren Krankheit, aber ein innerer Kum⸗ mer nagte an ihrem Gemüthe und weder die wieder⸗ gekehrte Zärtlichkeit ihres Gatten, noch ſein ſichtliches Bemühen, Alles wieder gut zu machen, vermochte den⸗ ſelben zu erſticken, das einſt ſo ſonnige, heitere Lächeln des Glückes auf ihre Lippen zurückzuzaubern. Kein Vorwurf traf mehr den Gatten; ſie blieb gleich auf⸗ merkſam gegen ihn wie in früherer guter Zeit und täuſchte ſomit Alle. Sie lebte nur mehr ihrem Kinde, an dem ſie mit überſchwänglicher Zärtlichkeit hing. 3 Sechs Monate nach den ſoeben geſchilderten Er⸗ eigniſſen ſtarb die Freiherrin an einem allmähligen Hinſchwinden ihrer Kräfte. Der Arzt konnte ſich dieſe allmählige Auflöſung kaum erklären. Wußte er doch 59 nicht, daß dieſes zarte Gemüthsleben in ſeinem innerſten Nerv zerſtört war. Breiten war vor Schmerz über den Verluſt ſeiner Gattin wie von Sinnen. Täglich ging er zu jenem Monument, daß er der Verſtorbenen errichten ließ und verweilte dort ſtundenlang in Schmerz aufgelöſt. Er zog ſich ganz von der Welt zurück und lebte nur ſeinem Kinde. Selbſt den Winter verbrachte er in düſterer Abgeſchloſſenheit auf Breitenfeld, und Spaziergänge in einſam abgelegene Gegenden waren ſeine einzige Zer⸗ ſtreuung. Da begegnete er einſt auf einem dieſer Spa⸗ ziergänge Adelhaid vom Adlerberg, die er bis jetzt ab⸗ ſichtlich, wie alle Welt, vermieden hatte. Verwundert, ſie hier zur Winterszeit auf dem Lande zu treffen, er⸗ fuhr er von ihr, daß auch ſie, der Weltzerſtreuungen müde, den Vater überredet habe, den Winter auf Adler⸗ berg zu verbringen. Von jenem Tage an wurden Adelhaide und ihr Vater der Troſt des einſamen Wittwers. Abgeſchieden von der übrigen Welt, ward es Adelhaide mit der Zeit ein Leichtes ihren einſtigen Einfluß auf Breiten wieder zu gewinnen. Niemand verſtand es ſo ſehr, in ſeine Anſichten einzugehen, mit ſolcher Theilnahme von der Dahingeſchiedenen zu ſprechen, dem mutterloſen Knaben ſich gefällig zu zeigen, als Adelhaide. Vielleicht er⸗ ——— 60 innerte ſich der Freiherr auch der Hoffnungen, welche er einſt in jener ſtolzen Bruſt erweckt und bewunderte dabei die Selbſtbeherrſchung, welche Adelhaide ſeit Jah⸗„ ren geübt hatte. Nichts iſt aber mehr im Stande, die Gefühle eines Mannes zu erwecken, als die Achtung vor dem Weibe und ſo kam es, daß die Freiin vom Adlerberg den einſamen Wittwer ſo lange tröſtete, bis ſie ſich nach Verlauf von anderthalb Jahren die Hand des reichen Grundbeſitzers ertröſtet hatte. Ob⸗ gleich bereits neunundzwanzig Jahre alt, hatte Adel⸗ haide noch nichts von ihrer impoſanten Erſcheinung eingebüßt, im Gegentheil, ihre Schönheit hatte eine glühendere, wärmere Färbung angenommen. Es war das Weib in ſeiner vollen Bedeutung, ſchön, ſchlau und begabt, welches dem trauernden Wittwer entgegen⸗ trat und durch ein fein angelegtes Spiel ſein Ziel erreichte. Der kleine Max war vor der Wiederverheirathung ſeines Vaters der Obhut und Sorgfalt einer Tante ſeiner Mutter anvertraut worden, welche es verſtand, in dem Knaben eine gewiſſe Furcht, ja Abneigung, vor der künftigen Stiefmutter in ihm zu erwecken. Das alternde Stiftsfräulein hatte ſich nach dem Tode ihrer Nichte ein trautes Daheim auf Breitenfeld ge⸗ dacht und die ſchlaue Freiherrin durchkreuzte nun ihre „. liebſten Pläne. Sie rächte ſich dafür, indem ſie dem Knaben Widerwillen gegen die Stiefmutter einzuflößen verſtand. Das neuvermählte Paar ging nach der Hochzeit durch einige Zeit auf Reiſen. Bei der Rückkehr ver⸗ langte die Freiherrin den Stiefſohn von der Großtante in der Reſidenz zurück. Das alte Stiftsfräulein wehrte ſich gewaltig gegen eine ſolche Zumuthung und that Alles, den Vater zu überreden, ihr das Kind zu laſſen, aber je mehr ſie ſich ſträubte, je feſter beſtand die Frei⸗ herrin auf ihrem Willen und ermangelte nicht, ihren Gatten darauf aufmerkſam zu machen, wie verderblich eine Trennung der Kinder von ihren Eltern gerade in dieſem zarten Alter einwirke. Dieſe Vorſtellung ver⸗ fehlte nicht, den Freiherrn in der Meinung zu be⸗ ſtärken, wie vortrefflich die Stiefmutter es mit ſeinem Knaben meine. Er durchblickte nicht, daß es der ſchlauen Frau weniger um den Stiefſohn, als darum zu thun war, denſelben vor fremdem Einfluſſe zu hüten — ihn ſelbſt in die Gewalt zu bekommen. Mit der ſcheuen Furcht vor der Stiefmutter, mit der genährten Abneigung gegen dieſelbe, kehrte Mar iws Elternhaus zurück. Adelhaid's kaltes, förmliches Weſen war wenig geeignet, das verzärtelte Kind zu feſſeln, ſein Gemüth zu gewinnen, um ſo mehr, als ſie ſich nur Gewalt anthat, ihre volle Abneigung gegen den Knaben, den Erben der von ihr erträumten Reich⸗ thümer zu zeigen. So wuchs der Knabe auf zwiſchen Liebe zu ſeinem Vater und Bitterkeit gegen die Stief⸗ mutter. Des Kindes Abneigung gegen Letztere konnte dem Vater nicht lange verborgen bleiben, und wiederholte Vor⸗ würfe waren die natürliche Folge. Max, der ein gutes Herz hatte, bezwang dann wohl dem Vater zu Liebe ſeinen Widerwillen und näherte ſich mit der ganzen Kindlichkeit, welche ihm eigen, der Stiefmutter. Die Freiherrin jedoch war nicht die Frau, welche dieſe rüh⸗ renden Verſuche eines Kindergemüthes, welches ſich beſtrebte, ſeine Pflichten zu erfüllen, zu würdigen ver⸗ ſtanden hätte; ja, ſie wollte ſie nicht verſtehen, und der eiſige Blick, der in ſolchen Momenten aus ihren kalten, grauen Augen den Knaben traf, die harte Stimme, welche wohl Worte der Ermahnung, nie aber der Güte und Liebe für ihn hatte, wurden dann noch eiſiger, kälter und härter als gewöhnlich, und ängſtlich und ſcheu zog ſich dann das Kind zurück. Der Freiherr dagegen erwartete ſtrengen Gehorſam von ſeinem Sohne; ſetzte er es doch als ſelbſtredend voraus, daß dieſer ihm ſeine Gefühle opfere. Wenn Klagen über Mar einliefen, daß er der Stiefmutter den gehörigen Reſpekt verweigert, oder wenn er ſelbſt Aehnliches ſah, ward eer zum unerbittlichen Richter. Des Knaben heiteres, ſorgloſes Gemüth ſetzte ſich Anfangs über ſo manche, auch unverdiente Züchtigung hinweg, aber mit der Zeit, je älter er wurde, fühlte er deſto mehr, wie ſeines Vaters Liebe und Zuneigung ſich von ihm hinweg der Stiefmutter und der mittlerweile geborenen Stief⸗ ſchweſter zuwandte. Der muntere Knabe wurde mit der Zeit gedanken⸗ voll und niedergeſchlagen. Mit aller Wißbegier ſeiner ſtrebſamen jungen Seele widmete er ſich nun dem Studium der Landwirthſchaft und fand Gefallen an dem reichen Grundbeſitz, der einſt ihm gehören ſollte. Da änderte plötzlich der Freiherr ſeinen Entſchluß be⸗ züglich der Laufbahn ſeines Sohnes. Adelhaide hatte den Gatten zu überreden gewußt, den Sohn der mili⸗ täriſchen Laufbahn zu widmen, bei welcher ſie ſelbſt hohe Verwandte beſaß, die, wie ſie ſagte, dem Knaben behilflich ſein ſollten, zu Rang und Chrenſtellen zu ge⸗ langen. Max ward nun von ſeinem Lieblingsſtudium, der Landwirthſchaft, entfernt und in eine Cadettenſchule geſteckt. Umſonſt bat und flehte der Knabe, man möchte ihn doch Landwirth werden laſſen, der Freiherrin Ent⸗ ſchluß aber ſiegte, ſo wie überall, auch hier. Ein offener Groll, eine entſchiedene Bitterkeit machte ſich nun bei dem Knaben gegen die Stiefmutter, welche er als die Urheberin alles Leid's, das ihn traf, a. klagte, geltend. Am letzten Abende vor ſeinem Ein⸗ tritt in das Cadettenhaus kam dieſer Groll zum Aus⸗ bruch, und der Freiherr in ſeinem Zorne über das reſpektwidrige Benehmen ſeines Sohnes gegen die Stief⸗ mutter, züchtigte ihn mit eiſerner Strenge. Daß dieſes bei dem mehr als zwölf Jahre alten Knaben gefehlt war, werden uns Erzieher und Eltern zugeben, denn in dieſem Alter hilft körperliche Züchtigung nicht mehr, im Gegentheile vrrhärtet ſie das Gemüth. Der Frei⸗ herr jedoch wollte dies nicht anerkennen.„Der junge Baum ſoll ſich biegen oder brechen“, ſagte er an jenem Abende in leidenſchaftlicher Erregung. Der alte Anton, der dieſe Worte gehört hatte, antwortete zitternd:„Ja, gnädiger Herr, aber der junge Baum verträgt auch keine Kälte, nachdem er ſeit ſeinem Entſtehen an Wärme 8 3 gewöhnt worden.“ Der Freiherr wandte ſich bei dieſen kühnen Wor⸗ ten zornig um, aber ſein aufbrauſender Groll ver⸗ ſchwand bei dem Anblick des tiefbekümmerten Geſichtes des alten Dieners. „Wenn Du ſchon dem Jungen die Stange hältſt“, ſagte er wieder heftig,„ſo würdeſt Du auch gut thun, auf ſein Gemüth einzuwirken, das voll Widerſpruch und Eigendünkel iſt.“ 65 „Das will ich gewiß“, meinte der treue Diener und ging, den Knaben aufzuſuchen. Er fand ihn im Garten beim Grabmal ſeiner Mutter, auf daſſelbe ſchluchzend hingelehnt. „Mutter! Mutter! warum haſt Du mich verlaſſen?“ ſo tönte es von den zuckenden Lippen des Knaben. Anton ſuchte ihn zu beruhigen.„Nein, nein“, rief der Knabe ſchluchzend,„ich weiß es, Papa liebt mich nicht mehr und daran iſt nur meine böſe, harte Stiefmutter ſchuld. Großtante hat Recht, ſie will mein Geld und deshalb mag ſie mich nicht leiden und thut Alles, um mir wehe zu thun: ſie iſt eine böſe Frau; wenn ſie auch in die Kirche läuft, ſo hat ſie das Herz doch nicht auf dem rechten Flecke, ſonſt könnt' ſie es nicht mit anſehen, wie Papa jetzt ſo ganz anders gegen mich iſt.“ „Da ſind aber nur Sie ſelbſt Schuld daran, junger Herr“, meinte Anton,„Sie müſſen ſich etwas bezwingen;'s iſt freilich hart, wenn einem der Lieblings⸗ wunſch vor der Naſe weggeſchnappt wird und man auf einmal Alles im Stiche laſſen ſoll, was Einem lieb war, aber wenn es einmal der Herr Vater wünſcht.“ „Weil meine Stiefmutter ihn dazu beredet hat, ich habe es ſelbſt mit angehört.“ „Und wenn ſelbſt das der Fall iſt, junger Herr, 3 Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. ſo hilft da kein Aufbrauſen. Sehen Sie, junger Herr, mit Geduld wird Manches beſſer. Geben Sie Ihrem Vater zu Liebe nach und Manches wird beſſer werden.“ „Aber ich mag meine Stiefmutter nicht und habe meine wirkliche Mutter ſo lieb gehabt!“ meinte ſchluch⸗ zend der Knabe. „Sehen Sie, junger Herr, mir iſt's auch nt ſo gegangen; ich hatte bei den Küraſſieren, als ich noch diente, ein Pferd, das ich ſehr lieb hatte, mit dem ich jeden Biſſen Brod getheilt. Da ſtarb's mir und ich bekam ein anderes, das mich ein über das andere Mal geſchlagen und gebiſſen hat. Ich meint' auch, ich könnt's nicht aushalten, aber's ging doch, junger Herr, und mit der Zeit gewöhnten wir uns an einan⸗ der. So wird's Ihnen auch gehen. Nur ein bischen Geduld und es geht Alles.“ Der Knabe ſah den Diener an und die einfach ſchlichten Worte des alten Anton brachten einen mäch⸗ tigen Eindruck auf ſein biegſames, weiches Gemüth⸗ hervor. Von jener Zeit an ſchickte er ſich in ſeinen neuen Beruf. Mit jungen Jahren zum Offizier befördert, zeigte ſich bei ſeinen zeitweiligen Beſuchen im Elternhauſe die Kluft immer mehr und mehr, welche die Stiefmutter zwiſchen Vater und Sohn künſtlich heranzubilden ge⸗ —y 3 67 wußt. Immer ſchwieriger wurde es dem jungen Manne, das richtige Gleichgewicht da herzuſtellen, wo abſicht⸗ liches Entgegentreten es ihm erſchwerte. Es war da⸗ her begreiflich, daß Max mit der Zeit ſich dem Hauſe ſeines Vaters entfremdete, weil er Auftritte vermeiden wollte, die oft unvermeidlich waren. Es war der Frei⸗ herrin ein Leichtes, dieſes„Sich entfernt halten“ dem Vater gegenüber als Mangel an Kindesliebe auszu⸗ legen und der Freiherr glaubte ihr. Obgleich Max die Ehrfurcht vor ſeinem Vater nie außer Augen ſetzte, galt er doch dieſem als ein ſchlechter Sohn. Ein junger Mann, dem das Elternhaus keine Hei⸗ math bietet, verfällt gar leicht in jugendliche Thorheiten, und dies war auch bei Max von Breiten der Fall. Außer ſeiner Gage erhielt er nur eine geringe monat⸗ liche Zulage von ſeinem Vater, zum Gegenſatze ſeiner Stiefſchweſter, die ein überreichliches Taſchengeld hatte. Von dem Glanz des großen Babels einer Reſidenz angezogen, noch ſehr jung, und als Offizier gezwungen, ſo manches koſtſpielige Vergnügen mitzumachen, ſtürzte ſich Max in Schulden, bei welchen ſeine Gutmüthig⸗ keit, ſein ſorgloſer Sinn oft mißbraucht wurden. Um die Schulden tilgen zu können, fing er an zu ſpielen und ſo kam es, daß er eines Tages eine eingegangene Chrenſchuld nicht einzuhalten im Stande war. In ſeiner Verzweiflung wandte er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben bittlich an die Stiefmutter um ihr Fürwort bei dem Vater. Die ſchlaue Dame ergriff bereitwillig die Gelegenheit, um ſcheinbar die Vermitt⸗ lerin zu ſpielen, in Wirklichkeit aber, um dieſen Vor fall zu benutzen und auf die Entfernung des ihr ſo verhaßten Stiefſohnes einzuwirken. Der Erbe von Breitenfeld wurde auf ihre Veran⸗ laſſung in's Ausland geſendet. Wie die Stiefmutter ſeine Abweſenheit benutzt, haben wir geſehen. Drittes Kapitel. Iſabella. Wir haben Martha im Gartenhäuschen gelaſſen, wohin ſie ſich nach ihrer Unterredung mit Anton zu⸗ rückgezogen. Ein unbeſtimmtes Intereſſe für Den⸗ jenigen, deſſen einſtige Heimath nun ihr gehörte, ließ ihre Gedanken bei dem jungen Freiherrn verweilen. Das junge Mädchen wurde in ſeinen Träumereien durch eine Dame unterbrochen, welche ſtürmiſch in das Gartenhäuschen eintrat. Es war eine ſtarke Frau in mittleren Jahren, mit einem rothen, fetten, nichtsſagen⸗ den Geſichte, einer Stumpfnaſe und einem flachs⸗ blonden, falſchen Scheitel, der ſich bei jeder raſcheren Bewegung verſchob. „Sie haben Iſabella erlaubt, auszugehen?“ ſprach ſie in zänkiſchem Tone zu Fräulein Weimar. ſſſ“ 70 „Ja, und ich hoffe, meine kleine Freundin wird bald zurückkommen von ihrem Spaziergang“, antwortete Martha, ruhig das Buch, in welchem ſie geleſen, ſchließend. „Wann iſt Iſabella jemals pünktlich von irgend einem Spaziergang zurückgekehrt; ſie iſt das eigenwil⸗ digſte Geſchöpf von der Welt, und thut Alles nur nach ihrem eigenen Kopfe“, meinte grämlich die Dame. „Dann iſt es ja doch an Ihnen, Madame Blanchard, das liebe, nur etwas zu lebhafte Kind zu leiten“, ant⸗ wortete Martha kühl. „Ich ſoll ſie leiten, wenn ſie mir immer davon⸗ läuft?“ meinte die Dame zänkiſch, und ſtrich ihren flachsblonden Scheitel zurecht, der ihr ſoeben wieder auf die Naſe zu fallen drohte. „Sie haben als Gouvernante die Verpflichtung, zeitweiſe mit ihrem Zögling ſpazieren zu gehen, Madame Blanchard, aber ſo oft meine kleine Freundin Sie da⸗ rum bittet, haben Sie jedes Mal eine andere Ausrede. So war es auch heute der Fall, und deshalb wandte ſich das gute Kind an mich, und bat mich, ihr einen kleinen Spaziergang zu erlauben, was ich ihr dann auch zuſagte.“ „ Sie hat nicht ohne mich wegzulaufen, noch dazu, wenn ein Gewitter am Himmel ſteht.“ „Ein Gewilter?“ fragte Martha, beſorgt zur Thüre eilend.„Wahrhaftig, der Himmel hat ſich ja ganz umwölkt, im Luſthäuschen bemerkte ich dies nicht. Aber wie plötzlich ſich hier auch die Gewitter zu ſammenziehen; 6 vor wenigen Minuten noch war es ja ganz hell und 6 licht.“ „Sie vergeſſen, daß wir in einem Gebirgslande ſind“, bemerkte ſpöttiſch die Gouvernante, welche einen mürriſchen Charakter beſaß, und mit ſich ſelbſt und der übrigen Welt in ſtetem Hader lebte. „Wo Iſabella nur hingegangen ſein mag?“ meinte Martha und blickte ängſtlich zu dem ſchwarzbedeckten Himmel hinauf. „Ja, wer das wüßte“, ſagte biſſig die Gouvernante. „Aber, da wird nur ſo fortgelaufen, und wer hat die. Verantwortung? Niemand Anderes als ich!— Die Blanchard iſt immer an Allem ſchuld. Schön!— Die Blanchard wird aber dieſes Mal nicht die Verantwor⸗ tung übernehmen, wenn das eigenwillige Mädchen— da jetzt fallen die erſten Regentropfen— wenn das eigen⸗ 3 willige Mädchen, ſage ich, ſich bei dieſem Gewitter eine 3 Erkältung zuzieht;— nein, wahrhaftig nicht!“— und die kleinen, fahlen Augen blitzten vor Zorn und Aerger bei dieſer langen Rede. 5 „Dieſe unnützen Reden führen jetzt zu nichts; laſſen 72 Sie uns lieber nach dem Schloſſe gehen, und dort fragen, ob Jemand weiß, wohin meine kleine Freundin gegangen ſein mag, damit ihr ein Wagen entgegenge⸗ ſendet werden kann.“ Mit dieſen Worten eilte Martha aus dem Garten⸗ häuschen. Das junge, für ihr Alter ſehr beſonnene Mädchen war mehr dazu aufgelegt, über die ſtets keifende, ſelbſtſüchtige, alte Dame zu lachen, als ärgerlich zu ſein. Brummend folgte ihr die Gouvernante nach dem Schloſſe.. Der heiße Tag hatte wirklich ein Gewitter zu⸗ ſammengezogen, das jeden Augenblick loszubrechen drohte. Eine ſchwüle Beklommenheit verbreitete ſich ringsum, und Max von Breiten verdoppelte ſeine Schritte, um Adlerberg zu erreichen. Immer tiefer führte ſein Weg in's Gebirge hinein, und tauſend Erinnerungen ſeiner Kindheit traten auf dem einſamen Fußpfade vor ſein geiſtiges Auge. Sein ganzes Leben lag in Rücker⸗ innerungen vor ihm. Die Binde war von ſeinen Augen gefallen, und ließ ihn die Selbſtſucht ſeiner Stiefmutter im grellſten Lichte erſcheinen. Zorn, Wehmuth und Haß bemächtigten ſich des jungen Mannes, und drohten ihm ſeine klare Willenskraft zu rauben. Aber die körper⸗ liche Bewegung that ihm wohl, kühlte ſein erhitztes Blut, klärte wieder ſein Gemüth. 1 — — 3 1 — 73 Die Landſchaft nahm einen immer wilderen Cha⸗ rakter an. Trotzig ſtiegen zu Seiten des Fußpfades die Felsmaſſen immer näher vor dem Wanderer auf und durch die Einſamkeit tönte das Brauſen und Rauſchen des nahegelegenen See's immer mächtiger an ſein Ohr. Die uralten Bergesrieſen um ihn her, die großartige Ein⸗ ſamkeit der Natur gaben dem jungen Manne ſeine ver⸗ lorene Gemüthsruhe wieder. Was war aller Erden⸗ ſchmerz gegen die Allgewalt des Schöpfers! Noch eine Wendung des Weges, und der See, von Bergen umſchloſſen, lag in ſeinem ſmaragdgrünen Alpen⸗ waſſer zu Füßen des einſamen Wanderers. Das Bregenzer Waldgebirge, die Vorlande der Schweiz, da⸗ hinter die ſchneeigen Berghäupter, traten in vollſter Klarheit hervor, und dicht am Geſtade des See's, das ſich hier zu einer großen Bucht auswölbte, lag ein majeſtätiſches Schloß. Weiter oben, zur Linken des jungen Mannes, auf einem hohen Felſenvorſprung, zu welchem der Fußpfad leitete, den Breiten eingeſchlagen, lagen die Ueberreſte einer alten Ruine. Dieſer Felſen⸗ vorſprung war der Adlerberg. Von dem Felſen entſtammte der Name der Frei⸗ herrn, eines der älteſten Geſchlechter des Landes. Manche Sage erzählte von den Raubzügen der alten, wilden Ritter, welche von dem Felſen aus mit ihren 74 5 Knappen und Leibeigenen das Land beherrſchten. Zu Anfang des ſiebzehnten Jahrhunderts war das am See gelegene Schloß erbaut worden, in welches die Freiherrn vom Adlerberg ſich zurückzogen, da es ihnen dort oben ſchon lange nicht mehr behagte, ſeit die Argumente Maximilians I. den wilden Schloßherren humanere Weltanſichten aufgezwungen. Die Ruine oben aber wurde in ziemlich gutem Zuſtande erhalten, und bis zur Zeit, in welcher unſere Geſchichte ſpielt, bot ſie Touriſten ihrer herrlichen Fernſicht halber einen ſehens⸗ werthen Punkt. Sah man doch von hier aus tief in's Rheinthal hinein, und erblickte überraſcht die hervor⸗ ragendſten Punkte der ganzen Umgebung des Bodenſee. Die Zeit hatte den einſt ſtattlichen Bau wohl theil⸗ weiſe zerſtört, aber noch gab es namentlich auf der weſtlichen Seite bewohnbare Räumlichkeiten, in denen verblichener Sammtbrokat und vergoldete Armſeſſel von einſtiger Pracht erzählten. Ja, ein Zimmer war ſogar noch vollſtändig eingerichtet mit wunderlich ge⸗ ſchnitzten Käſten und Stühlen, einem rieſigen Himmel⸗ bette mit verblaßten Vorhängen, einer mit Silberbrokat überzogenen Toilette, über welcher ein alterthümlicher, von der Zeit blind gewordener, verſchnörkelter, ſtahl⸗ eingefaßter Spiegel hing. Ein alter tauber Thor⸗ wärter führte die Aufſicht über all' dieſe Schätze der 75 Vorzeit und bezog, wie man ſagte, ganz hübſche Emo⸗ lumente von ſeiner Bereitwilligkeit, Fremden die alte Ruine zu zeigen. Seit dem Tode der Freiherrin Joſefa, der Schweſter Adelheid's von Breiten, knüpften ſich an dieſe Ruine mancherlei Gerüchte, und war dieſelbe namentlich für das abergläubiſche Landvolk ein Ort des Schreckens. Es hieß, daß der Geiſt der Erbherrin dort herum⸗ wandle. 14 Joſefa vom Adlerberg war in Folge einer ſehr anſteckenden Krankheit, welche ſie befallen, hierher auf die Ruine vom Schloſſe gebracht worden, und war auch hier geſtorben. Es war dies der einzige Krank⸗ heitsfall der Art, welcher in der dortigen ſo geſunden Gegend je vorgekommen, und ein arger Schrecken ver⸗ breitete ſich daher vor der Cholera in der ganzen Um⸗ gegend. Um jeder weiteren Anſteckung vorzubeugen, hatte man deshalb die Schwerkranke auf die einſame Ruine gebracht, und dieſer Vorſicht glaubte man es auch damals danken zu müſſen, daß die böſe Krankheit nur dies eine Opfer forderte. Für die Landleute aber bildete die Ruine ſeit jener Zeit einen Ort des Ent⸗ ſetzens.— Man erzählte ſich über dieſelbe die abenteuerlichſten Ereigniſſe. Gewiß aber war nur, daß die Freiherrin, von Allen gemieden, dort nach wenig Tagen ihren Leiden erlegen war. Ohne jeglichen Prunk war ſie des Nachts beerdigt worden in der Ahnengruft des Schloſſes. Niemand als der Arzt und der damalige Thorhüter der Ruine gaben ihr das Geleite, indem die Furcht vor einer Anſteckung unter den Leuten ſo groß war, daß ſelbſt der Geiſtliche ihr die Sakramente auf einer langen Stange gereicht, um nicht in die unmittelbare Nähe der Schwerkranken zu kommen. Der damalige Schloßarzt Brandt und der Thor⸗ wärter der Ruine waren auch die einzigen Menſchen, welche bei dem Tode Joſefa's zugegen waren und welcher Todesfall die Freiherrin von Breiten nach dem bald darnach erfolgten Ableben ihres Vaters zur Erbin vom Adlerberg machte. Die Ruine blieb, wie geſagt, ein Ort des Schreckens für das abergläubiſche Landvolk, und man erzählte ſich in den Spinnſtuben an langen Winterabenden darüber die abenteuerlichſten Dinge. Alte Leute erinnerten ſich ganz beſtimmt, wenige Tage nach dem Tode der Erb⸗ herrin deren Geiſt an einem der ſchmalen Fenſter der Ruine geſehen zu haben, und die alte Ortsbotin von Bregenz wollte damals ganz deutlich bemerkt haben, wie der Geiſt der Freiherrin ſich eines Abends, als ſie mit Briefen und Zeitungen beladen an der Ruine vor⸗ beikam, zum Fenſter herausgebeugt und hülfeflehend die Arme ihr entgegengeſtreckt. Ja! ja!— es gingen ganz abſonderliche Dinge damals auf der Ruine vor; Dinge, welche der Verſtand der Landleute zu ſchwach war zu begreifen. Dieſem gefürchteten Orte näherte ſich nun Breiten. War es nun Verhängniß oder ein eigener Zufall, gerade als der junge Freiherr kaum mehr hundert Schritte von der Ruine entfert war, brach das Unwetter los. Der Himmel bedeckte ſich mit einem Male mit einem dichten Wolkengrunde. Grellleuchtende Blitze fuhren aus den bleifarbenen Wolkenmaſſen nieder, und grollend brach ſich der endlos wiederhallende Donner an der Gebirgskette. Ein heißer Wind jagte durch die Wipfel der Bäume und warf einzelne Zweige mit unheimlichem Getöſe herunter, Staub und Blätter vor ſich her jagend. Die Stämme knarrten, und laut ſchlugen die Aeſte gegeneinander; vom See jedoch herauf brauſte und ziſchte es in unheimlicher Wuth, und die vor wenigen Minuten noch ſo ruhigen, lichten Wellen prallten in grimmiger Kraft gegen einander. Blitz folgte auf Blitz und Donner auf Donner, kräftig rauſchte der Regen hernieder auf die ausgedörrte Erde, während der Wind in wilder Macht über dieſelbe hin⸗ jagte. —— —— Max von Breiten hatte kaum die ſchützende Ruine erreicht, als auch ſchon ein entſetzliches Hagelwetter losbrach, welches jedem lebenden, ſich noch im Freien befindenden Weſen Verderben drohte.. Förmlich geblendet von dem jähwechſelnden Licht des Blitzes und der darauf folgenden Dunkelheit, trat der junge Mann in den ihm noch von ſeiner Knaben⸗ zeit her erinnerlichen bewohnbaren Theil der Ruine, und befand ſich bald in einem kleinen, länglichen Ge⸗ mach, das einſtmals wohl als Schlafzimmer gedient hatte. Viele Jahre mochten gewiß vergangen ſein, ſeitdem hier Jemand in dieſem alterthümlich geſchnitzten Bette geruht. Die lautloſe Stille des alten Gemaches, das Toben des Elementes draußen, die Gerüchte über die Ruine ſelbſt, welche auch Max aus ſeiner Knabenzeit her kannte, dazu ſeine eigene trübe Stimmung, wirkten drückend auf das Gemüth des jungen Mannes ein. Immer lebhafter traten die Bilder der Vergangenheit vor ſeine Seele, und ſeine erregte Phantaſie zauberte ihm das Bild der Erbherrin Joſefa vor, die ja hier in dieſem Zimmer geſtorben war, und vor deren Bi dniß er unten im Schloſſe zu Adlerberg ſo oft träumend als Kind geſtanden. Dort in jenem alterthümlichen Beite hatte ſie den letzten Seufzer ausgehaucht, die ſchönen nacht⸗ ſchwarzen Augen zum ewigen Schlafe geſchloſſen. ₰ Dort 79 hinter jenen verblichenen Bettvorhängen hatte ſie geruht, und wie oft mochte ſie dieſelben mit ihren fiebernden Händen getheilt haben. Unwillkürlich, wie von einer innern Macht getrie⸗ ben, näherte ſich Max von Breiten bei jenen Erin⸗ nerungen dem Bette und zog die ſtaubigen, moderigen Bettvorhänge auseinander. Mit einem leiſen Ausruf des Staunens, ja beinahe des Erſchreckens, fuhr er aber zurück, als von jenem Bette aus ſich die Geſtalt eines kleinen, etwa zwölfjährigen Mädchens erhob, das bis jetzt hingekauert auf dem Bette gelegen, und den Kopf tief in die mottenzerfreſſene Matratze vergraben hatte. Zwei große, ängſtlich blickende ſchwarze Augen begeg⸗ neten dem jungen Manne, und Max von Breiten, deſſen Einbildungskraft ſich in den letzten Momenten ſo ſehr mit der verſtorbenen Schweſter ſeiner Stiefmutter be⸗ ſchäftigt hatte, wurde durch jene ſchwarzen Augen des kleinen Mädchens mit unheimlicher Kraft an die Ver⸗ ſtorbene erinnert.— Ja!— das waren die nämlichen großen Augen, wie er ſie unten im Schloſſe zu Adler⸗ berg in der Ahnengallerie ſo oft an dem Bildniß der Erbherrin geſehen, der nämliche ſchwärmeriſche Blick, der ihm aus ſeiner Kinderzeit her noch erinner⸗ lich war. Wie kam dieſe wunderbare Aehnlichkeit hierher? Faſt mußte er ſelbſt über ſich lachen, daß ſeine Einbildungskraft ihn ſo weit fortgeriſſen. Die kleine Verirrte hier, die ſich gleich ihm vor dem Unwetter auf die Ruine geflüchtet, was hatte die mit der verſtorbenen Freiherrin Joſefa zu thun, von der ſie vielleicht nicht einmal gehört? Dieſe kurzen Betrachtungen hatten genügt, bei dem jungen Manne ein Lächeln hervorzurufen, und mit freundlicher Stimme be⸗ fragte er die Kleine, wie ſie denn hierher auf die einſame Ruine gelangt ſei. Schon öffnete ſie den Mund zur Gegenantwort, als ein Blitz ſie auf's Neue das lieb⸗ liche kleine Köpfchen in die Matratze vergraben ließ, um es nach einigen Minuten wieder zu erheben, bis erneutes Blitzen ſie abermals ihrer Furcht vor dem Gewitter in gleicher Weiſe Ausdruck geben ließ. Endlich ließ das Unwetter etwas nach. Die Blitze wurden ſeltener, der Donner weniger hörbar. Es war eine Pauſe in dem Toben der Natur einge⸗ treten, und ſchien dies dem kleinen Mädchen wieder Muth einzuflößen. Ihre elſengleiche Geſtalt erhob ſich, und mit kindiſcher Neugierde ſah ſie forſchend und er⸗ ſtaunt in das Geſicht des jungen Mannes. Wie ſie ſo daſtand in dem duftigen weißen Sommerkleide, die dunklen natürlichen Locken von einem immergrünen Bande gehalten, glich ſie der Waſſernixe des alten See's da 81 unten, von der die Sage geht, daß ſie aus ihrem naſſen Bette zeitweiſe auf die Erde komme, um die Menſchen zu bezaubern. Etwas unendlich Anmuthiges lag in der Geſtalt des kleinen Mädchens, und in den tiefdunklen Augen ſpiegelte ſich der Ausdruck hellen Verſtandes. Da zuckte noch ein greller Blitz durch das Gemach, dem raſch ein ſchwerer Donnerſchlag folgte Das kleine Mädchen ſtieß einen leiſen Angſtruf aus, und flüchtete ſich mit kindlicher Unbefangenheit zu dem jungen Manne hin, welcher die lieblichen kleinen Hände faßte, die vor Angſt zitterten. „Sie ſcheinen ſich ſehr vor dem Gewitter zu fürch⸗ ten?“ ſagte er theilnehmend.— „O ſehr— ſehr!— Sie glauben nicht, was ich für eine Angſt hatte, als das Wetter losbrach und ich hier ganz allein auf der ſchauerlichen Ruine war.“ „Fürchten Sie ſich nicht, wir ſind ja ſtets und überall in Gottes Hut“, tröſtete Breiten. „Aber wird denn das Gewitter noch lange dau⸗ ern?“ fragte die Kleine ängſtlich und zum Fenſter tretend. „Ich glaube kaum. Geſtrenge Herren regieren ja nie lange! Sehen Sie, dort zeigt ſich ſchon wieder ein kleines Stück des blauen Himmels. Wir können noch einen ſehr ſchönen Abend bekommen.“ Creſſieur, Die Kunſtreiterin. I.. 6 — —. —— ꝗů-’ö—— „Aber wie naß es geworden iſt, und ich habe meine Saffianſtiefeletten angezogen.“ Bei dieſen Worten zeigte die kleine Eitelkeit ihren niedlichen Fuß. „Ja, da heißt es freilich in Geduld abwarten bis der Regen gänzlich aufgehört, und die Erde etwas ge⸗ trocknet iſt“, meinte Breiten lächelnd. „Wie werden ſich Alle zu Hauſe um mich ängſtigen.“ „Weiß man denn nicht, wo Sie ſind?“ „Nein“, antwortete die Kleine niedergeſchlagen.„Ja, wenn man das wüßte, ſo würde Martha mich mit einem Wagen abholen laſſen.“ „Wer iſt Martha?“ fragte Breiten, von dem nied⸗ lichen Geplauder angezogen. „Martha iſt meine Freundin, bei der ich meine Ferien zubringe. Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich im Kloſter Sacré Ange erzogen werde. Sie kennen doch das Kloſter Sacré Ange?“ „Nein“, entgegnete der junge Mann lächelnd. „Wie! Sie kennen Sacré Ange nicht, in welchem ſo viele junge Mädchen erzogen werden?“ fragte die Kleine in der reizenden Art junger Backfiſche, welche immer glauben, alle Welt müſſe die Orte kennen, in welchen ſie ihr junges Leben zubringen. „Wie ſonderbar!“ fuhr ſie fort.„Sacré Ange iſt ein großes Kloſter, in welchem Martha gleich mir er⸗ zogen wurde. Martha mußte aber voriges Jahr aus⸗ treten; weil ſie immer krank iſt, und der Arzt ſagte, daß ſie ihre kranken Nerven ſchonen müſſe. Deshalb kaufte ihr Bruder das ſchöne Schloß, auf welchem wir nun wohnen. Ich habe Martha ſehr lieb, aber Madame Blanchard mag ich nicht.“ „Iſt das auch eine Freundin?“ „Madame Blanchard! meine Freundin? Ach wie komiſch“, ſagte die Kleine, hell auflachend.„Nein, Ma⸗ dame Blanchard iſt meine Gouvernante, die mich während der Ferien beaufſichtigen ſoll. Aber ich habe ſie gar nicht lieb, ſie iſt ſo zänkiſch, und wenn ſie nicht gar ſo arm wäre, ſo hätte ich Papa längſt gebeten, mir eine andere Gouvernante zu geben, aber ſo dauert ſie mich. Was finge ſie denn an ohne uns? Kein Menſch würde ſie ja mit ihrem falſchen Scheitel und ihrem ewigen Brummen nehmen. Das ſagt Theobald auch, und ſo laſſe ich mir denn in Gottesnamen ihr ewiges Brummen gefallen.“ „Iſt Theobald ein Bruder von Ihnen.“ „Mein Bruder?— Nein! Ach, ich wollte er wäre mein Bruder, aber ſo wird er mein Mann wer⸗ den, wie Papa ſagt, wenn ich einmal groß bin. Bis dorthin iſt er aber mein Vetter.“ 3 Das kleine Mädchen ſprach dieſe Worte mit jenem entſchiedenen Ernſt, den man in ſolchem Alter ſo gerne anzunehmen pflegt, um ſich das Anſehen einer erwach⸗ ſenen Perſon zu geben. Unwillkürlich fühlte ſich Breiten durch das anmuthige Geplauder erheitert, ja es zog ſeine Gedanken von der trüben Gegenwart ab. Die fliehenden Wolken hatten unterdeſſen wirklich einem blauen Streifen am Firmament Platz gemacht. Das Gewitter ſchien ſich über die Berghöhen zu ziehen, und mit aller Gewalt brach die Sonne wieder hervor, einen wahren Goldſtrom ausſprühend. Die fern liegen⸗ den Berge jedoch bargen ſich noch in tiefem Schatten, während die röthlichen Mauern des gegenüber liegenden Schloſſes Adlerberg wie in helles Licht getaucht dalagen. Aber das ſchwarze Gewölk von drüben, das man hinter den Bergrücken wähnte, kam nach kurzer Zeit wieder näher und näher, und man bemerkte es ordentlich, wie Wolken und Nebel ſich wieder herandrängten, um das goldene Himmelslicht mit ihren dunklen Schatten von Neuem zu verſcheuchen. Von allen Seiten wälzten ſich die grauen Dunſtmaſſen heran, und der helle Sonnenglanz, der auf den brokatenen Möbeln der Ruine, den wun⸗ derlichen Schnörkeleien der Tiſche und Käſten einen Augenblick geſpielt hatte, verſchwand wieder mit einem Male. Ein greller Blitz kündete an, daß das Unwetter 85 wiedergekehrt war, wie dies in Gebirgsländern ſo häufig der Fall zu ſein pflegt. Sein zuckendes Licht ließ das kleine Mädchen auf's Neue erſchauern und unwillkürlich legte Breiten wie ſchützend ſeinen Arm um die kleine Geſtalt. Wie ein ängſtliches Vögelein verbarg das Kind ſein Köpfchen an der Schulter des jungen Mannes, und ſo oft der Donner grollte, erbebte der kleine Kör⸗ per in Angſt vor den tobenden Elementen. Endlich ſchien wirkliche Ruhe in die aufgeregte Natur einkehren zu wollen, wenn auch der Regen noch in Strömen floß. Mit der wiedergekehrten Ruhe aber kam auch dem jungen Mädchen die Faſſung wieder. Es hob ſein Köpfchen erneut empor, und auf die kind⸗ lichen Geſichtszüge kehrte die Heiterkeit zurück. Von einem Fortgehen konnte bei dem noch ſtrömenden Regen nicht die Rede ſein. Es hieß ſich demnach in Geduld fügen, was die Kleine auch inſofern that, als ſie ſich auf einen hochbeinigen Seſſel niederließ, und ihren Beſchützer bedeutete, ein Gleiches zu thun. „Gehen Sie noch nicht fort, bleiben Sie bei mir, ich fürchte mich ſo ſehr hier in der ſchauerlichen Ruine“, bat ſie in ſchmeichelndem Tone, dem Breiten nicht zu widerſtehen vermochte, trotzdem er ſich vorgenommen hatte, nach Adlerberg zu gehen, und von dort her einen Wagen für die kleine Geflüchtete zu holen. Er ſetzte ſich demnach zu ihr. „Aber warum fürchten Sie ſich vor der Ruine?“ fragte er lächelnd.. „Vor der Ruine ſelbſt fürchte ich mich nicht, das dürfen Sie mir glauben, aber vor dem Geiſt der Erb⸗ herrin, der hier herumwandeln ſoll, fürchte ich mich“, erwiderte das Mädchen in geheimnißvollem Tone, ſich ſcheu umblickend. „Und doch hatten Sie den Muth, allein hierher zu gehen?“ „Ach, es war auch recht keck von mir, nicht wahr? Aber ich war ſo neugierig, die Ruine einmal zu ſehen, und Madame Blanchard will nie ſo hoch hinaufſteigen und Martha iſt zu kränklich dazu.“ „Nun und was ſahen Sie denn ſo Abſonderliches hier?“ „Was ich ſah?— Mein Gott, iſt es denn noch nicht genug, ein Zimmer zu ſehen, in welchem einmal ein Geiſt geweſen iſt?“ fragte die Kleine erſtaunt.„Und hier in dieſem Zimmer war es ja, wo der Erbherrin Joſefa Geiſt geſehen wurde, hier an dieſem Fenſter ſoll ſie geſtanden haben, als ſie mit einem weißen Tuche winkte. Der alte Thorwärter unten erzählte es mir, als er mich heraufbegleitete. Mir iſt nur unbegreiflich, . — . 87 wie der frühere Thorwärter, der vor dem jetzigen hier 9 7 jetzigen h oben auf der Ruine war, es nach dem Tode der Erb⸗ 7 herrin hier ausgehalten hat.“ „Weil er vernünftig war und an keine Geiſter glaubte. Er war es ja auch, wenn ich nicht irre, welcher die Verſtorbene hier oben auf der Ruine gepflegt hatte.“ „Aber auf einmal war er verſchwunden, und die Leute ſagen, der Geiſt der Freiherrin habe ihn geholt, denn Niemand weiß, wohin er gerathen iſt.“ „Es gibt keine Geiſter“, meinte erklärend der junge Mann. „Was? Sie glauben nicht an Geiſter— und fürchten ſich auch nicht?“ „Nein, ich fürchte mich nur vor böſen Menſchen; die Geiſter der Verſtorbenen thun Niemand ein Leid Böſe Menſchen aber thun uns oft recht weh.“ „Gibt es denn auch böſe Menſchen?“ „Ja wohl“, antwortete Breiten mit einem weh⸗ müthigen Blick auf das junge Weſen da vor ihm, das noch keine böſen Menſchen kennen gelernt hatte. „Ach ja, Sie haben Recht, Madame Blanchard zum Beiſpiel, kann recht böſe ſein“, antwortete das Mädchen nachdenklich. „Glückliches Geſchöpf, das bis jetzt nur eine böſe Gouvernante kennt“, dachte der junge Mann. „Aber mein Papa iſt ſehr gut, der gehört ge⸗ wiß zu den guten Menſchen“, plauderte die Kleine weiter. „Wer iſt denn Ihr Papa?“ „Mein Papa iſt der Kommandant der Feſtung Karnſtein, und ich heiße Iſabella Alſing“, antwortete ſie ſtolz.„Aber wie heißen Sie denn eigentlich?“ ſetzte ſie neugierig hinzu. „Ich heiße Breiten.“. „Kurzweg Breiten? Das iſt nicht möglich“, ſagte die Kleine altklug. „Alſo Freiherr Breiten, wenn Ihnen das lieber iſt“, erwiderte lächelnd der junge Mann. „Dann ſind Sie am Ende gar der frühere Be⸗ ſitzer von Breitenfeld, welches Gut nun meiner Freundin Martha gehört?— Wie komiſch!— Ich dachte mir den früheren Beſitzer von Breitenfeld immer alt und häßlich, und jetzt ſind Sie auf einmal jung.“ Das junge Mädchen lachte fröhlich auf.. „Sie verwechſeln mich mit meinem Vater. Ich war nicht der Beſitzer, ſondern nur der muthmaßliche Erbe von Breitenfeld“, antwortete der junge Mann wehmüthig.„Aber“, fuhr er haſtig fort, wie um den 2 — 89 düſteren Gedanken zu entfliehen, welche die Wendung des Geſpräches neuerdings wachzurufen drohte,„Sie ſcheinen Ihren Papa ſehr lieb zu haben?“ „Und ob ich ihn gerne habe. Ich glaube nicht, daß ich meine Mutter lieber hätte haben können, wenn ſie am Leben geblieben wäre.“ „Iſt ſie ſchon lange todt?“ „O ſehr— ſehr lange— ich war noch ganz klein, als ſie ſtarb. Ich bin oft recht traurig, daß ich keine Mutter habe, und auch Papa verſtimmt es jedes Mal, wenn ich von ihr zu ſprechen anfange. Ich rede daher auch ſeltener mit ihm über Mama. „Sahen Sie Ihrer Mutter ähnlich?“ „Ich glaube nicht; ich weiß es nicht. Sehen Sie einmal ſelbſt.“ Mit dieſen Worten zog die Kleine aus ihrer Bruſt ein kleines goldenes Medaillon hervor, welches an einem ſchwarzen Sammtbande um ihren Hals hing, und öffnete es. Es zeigte das Bildniß einer bleichen, zarten Frau mit ſanften blauen Augen. „Nein, Sie gleichen Ihrer Mutter nicht“, antwortete Breiten, indem er das Bild betrachtete. „Wiſſen See, was der alte Anton im Schloſſe unten immer ſagt?“ fragte die Kleine, indem ſie das Medaillon wieder zuklappte. „Nun, was denn?“ 90 „Ich hätte ganz die Augen der verſtorbenen Frei⸗ herrin Joſefa.“ Breiten zuckte betroffen zuſammen. Alſo hatten gleich ihm auch ſchon Andere dieſe merkwürdige Aehn⸗ lichkeit entdeckt! Ein eigenes Spiel des Zufalls ſchien hier zu walten. Wie hätte ſonſt die Kleine zu dieſer merkwürdigen Aehnlichkeit kommen ſollen. „Nun, und freut Sie das?“ „Warum ſollte es mich nicht freuen? Freiherrin Joſefa ſoll ja ſchöne Augen gehabt haben“, meinte die kleine Eitelkeit.„Aber haben Sie dieſelbe denn nicht gekannt? War ſie nicht die Schweſter Ihrer Stief⸗ mutter?“ „Ich erinnere mich nur dunkel an ſie. Sie lebte für gewöhnlich im Auslande. Aber erzählen Sie mir doch von Ihrer Mutter; war ſie noch jung, als ſie ſtarb?“ „Ich glaube wohl, ich weiß es nicht. Ich muß einmal Vetter Tbeobald über ſie fragen.“ „Vetter Theobald ſcheint überhaupt eine große Rolle bei Ihnen zu ſpielen?“ meinte Breiten lächelnd. „Theobald? O ja, der iſt Alles in Allem! Mein Spielkamerad, wenn ich zu Hauſe bin, und mein Hilfs⸗ lehrer bei meinen Aufgaben. Er ordnet meine Bücher und Puppen, Schaukeln und Reifſpiele, holt mich mit d 91 Papa aus dem Kloſter ab, und bringt mich wieder da⸗ hin zurück. Auch von hier wird er mich abholen, weil Papa auf einer Dienſtreiſe iſt und keine Zeit dazu hat. Manchmal ſtreiten wir uns, aber das thut nichts. Theobald gibt mir immer nach, weil er mein Mann werden will. Aber bis dahin hat es noch Zeit, ich gehe erſt in das dreizehnte Jahr.“ „Ich würde Ihnen auch in Allem nachgeben, wenn ich Ihr Vetter wäre.“ „Wirklich?— Ach, wie mich das freut! Aber da müßten Sie ja auch ſtreiten mit mir?“ „Ich glaube, das würde ich ſelten thun, denn ich meine, Sie würden mir keine Veranlaſſung zum Streite geben!“ Das kleine Mädchen ſah den jungen Mann ver⸗ wundert an, dann brach ſie in ein fröhliches Geläch⸗ ter aus. „Ach ja, bisweilen würde ich Ihnen doch Anlaß zum Streite geben“, ſagte ſie dann,„beſonders wenn Sie mir wie Theobald verbieten würden, die Gefange⸗ nen meines Vaters auf Karnſtein zu beſuchen, ihnen Kuchen und Wein zu bringen.“ „Das würde ich Ihnen aber auch nicht verbieten. Es iſt ja ſo ſchön und gut, Mitleid mit Unglücklichen zu haben.“ „Gerade das Nämliche meint Papa auch— o, wie lieb von Ihnen, daß Sie auch ſo denken“, meinte Iſabella freudig.„Sehen Sie“, fuhr ſie fort,„ich fürchte mich gar nicht vor den Gefangenen, ſelbſt nicht vor den Schanzſträflingen, unter denen es doch Mörder und Diebe gibt. Papa verwendet ſie zumeiſt zu häuslichen Arbeiten, bei uns ſowohl, als auch im Städtchen Karn⸗ ſtein, um ihnen Beſchäftigung zu geben, und da ſpreche ich denn oft lange mit den Schanzſträflingen. Die Armen ſehen ſo traurig aus, und es thut mir ſo leid, ſie mit ihren langen Ketten an den Füßen ſo mühſam gehen zu ſehen. Auch in die Zellen der politiſchen Sträflinge be⸗ gleite ich Papa oft auf ſeinen Rundgängen, und da meint dann Theobald, das dürfe ich nicht thun, das ſchicke ſich nicht, und darüber ſtreiten wir dann. Und was für ſchöne Sachen mir die Sträflinge ſchon ſchenkten, das ſollten Sie nur einmal ſehen. Roßhaaringe mit Perlen durchflochten, Zuckerdoſen aus Stroh, und vorige Weihnacht erhielt ich ſogar ein Pferd aus Brodteig, das die Arreſtanten ſelbſt zuſammenkneteten. Das freute mich am meiſten, denn ich habe Pferde ſehr lieb. Wiſſen Sie auch, daß ich reite?“ „Auf einem Holzpferde?“ fragte Breiten entgegen, denn es ſchien ihm unmöglich, daß die feine zarte Ge⸗ ſtalt des kleinen Mädchens ſchon die erforderliche ———— 93 Muskelkraft beſitzen ſollte, um ein wirkliches Pferd zu leiten. Iſabella ſah den jungen Mann bei dieſer Frage mit wahrer Entrüſtung an, und ihre ſchwellende Ober⸗ lippe verzog ſich ſchmollend zu einem reizenden Pfanne⸗ mäulchen, wie dies bei Kindern vor Ausbruch eines Thränenſtroms zu ſein pflegt. Sie unterdrückte jedoch dieſe weiche Stimmung mit wahrem Heldenmuthe, und nur ihre Stimme zitterte etwas, als ſie erwi⸗ derte: „Nein, auf einem wirklichen großen Pferde.“ „Fallen Sie denn da nicht herunter, und fürchten Sie ſich nicht?“ Dieſer Zweifel an ihrem Heldenmuthe war der kleinen Reiterin denn doch zu viel. Vergebens kämpfte ſie einige Sekunden zwiſchen Trotz und verletzter Kindes⸗ eitelkeit, bis endlich Letztere, in Wehmuth aufgelöſt, die Oberhand gewann. „Wie garſtig von Ihnen, ſo zu fragen, ich glaube gar, Sie ſpotten über mich!— Das Spotten kann ich nicht leiden,— auch bin ich kein kleines Kind mehr!“ Dieſe Worte kamen in abgeriſſenen, von Schluch⸗ zen unterbrochenen Sätzen über ihre Lippen, und jetzt erſt ſah Breiten, daß er die Kleine ernſtlich gekränkt habe. „ 94 „Ach, ſo war es ja nicht gemeint“, ſagte er gut⸗ müthig und begütigend„ich wollte Sie ja nicht kränken, und war nur über Ihren Muth ſo ſehr erſtaunt, weil ich einen ſolchen bei einer ſo jungen Dame nicht vor⸗ ausſetzte. Verzeihen Sie mir, und geben Sie mir Ihre Hand zur Verſöhnung.“ 5 „Waren es die Worte„junge Dame“ oder des kleinen Mädchens Gutmüthigkeit— kurz die gekränkte Miene verſchwand ſchnell, und dem ſo eben vorüberge⸗ gangenen Gewitter gleich, zog ein Sonnenglanz wieder⸗ gekehrter Heiterkeit über das liebliche Geſicht, und die kleine Hand legte ſich in die dargebotene Rechte Breiten's. Einen kurzen Augenblick ruhten die beiden Hände zweier Menſchen in einander, die offenbar beſtimmt einander anzugehören, durch des Lebens bitterſte Prüf⸗ ungen dieſes Ziel nicht erreichen ſollten. „Haben Sie mir verziehen? Ich will nie mehr zweifeln!“ „Ich verzeihe Ihnen, aber nur unter der Beding⸗ ung, daß Sie Ihren Fehler gut machen und nach Breitenfeld kommen, um mich reiten zu ſehen.“ „Das will ich recht gerne thun, meine gute, liebe Iſabella.“ „Gut, es bleibt dabei— Sie beſuchen uns, aber — 95 gewiß, auch wenn es in den nächſten Tagen regnen ſollte?“ „Und wenn es Steine regnet, ich halte mein Ver⸗ ſprechen!“ antwortete Breiten lächelnd, der ſich immer mehr und mehr von der niedlichen Kleinen angezogen fühlte. „O, wie ich mich freue“, rief die Kleine mit leuch⸗ tenden Augen. „Da wollen wir zuſammen ſpazieren gehen oder fahren, und Martha muß auch dabei ſein.“ In dieſem Augenblicke hörte man von unten herauf das Geräuſch eines nahenden Wagens. „Ich wette, man holt mich. Martha wird ſich gedacht haben, daß ich hier oben bin“, rief Iſabella freudig, und eilte zu einem der ſpitzen Bogenfenſter. Sie hatte ſich aber getäuſcht. Es war ein leerer Korbwagen, wie ihn die Bauern der dortigen Gegend zu ihren Marktfahrten benutzen und der von Schloß Adlerberg zu kommen ſchien. Breiten öffnete das Fenſter, und rief den Fuhrmann des Gefährtes raſch an. „Fahren Sie vielleicht bei Schloß Vreitenoſd vor⸗ über?“ rief er hinab. „Ja, mein Weg in's Dorf führt da vorbei.“ „Da könnten Sie wohl in's Schloß hineingehen, und ſagen, daß hier oben auf der Ruine Fräulein Iſa⸗ bella ſei, man möchte ſie abholen.“ „O bitte“, ſagte Iſabella heiter,„laſſen Sie mich lieber gleich auf dem Korbwagen mitfahren, das müßte ſo luſtig ſein.“ Der Fuhrmann lachte und meinte, das ſei das Einfachſte; aber Breiten ſträubte ſich etwas, bis endlich Iſabella's inſtändige Bitten ihn bewogen, ihr beizu⸗ ſtimmen. Er hob das kleine Mädchen in den Korbwagen. „Bitte ſchön, fahren Sie mit“, ſagte Iſabella ſchmeichelnd. Lachend willfahrte Breiten auch dieſer Bitte und ſetzte ſich Iſabella gegenüber. Jubelnd klatſchte Iſabella in die Hände, als Brei⸗ ten in dem Korbwagen ſaß, der ſich nun in Bewegung ſetzte; obwohl es noch etwas regnete, ſo waren Beide in dem Korbwagen doch genügend geſchützt. „Wollen Sie nicht mein Taſchentuch um den Hals legen?“ fragte Breiten Iſabella, beſorgt daß die etwas kühle Luft dem zarten Mädchen ſchaden könnte, welches bei dem heißen Wetter nichts zum Schutz mitgenommen hatte. „Recht gerne, ich danke ſchön.“ Iſabella beugte bei dieſen Worten den niedlichen Kopf herab, und Brei⸗ ten legte ihr das Taſchentuch um den Hals. „Sie werden ſich doch nicht erkälten?“ fragte er. 97 „O nein, ich bin ja ein Soldatenkind, das muß ſich frühzeitig an Alles gewöhnen“, antwortete Iſabella lachend.„Bei Martha wäre es freilich etwas Anderes“, fuhr ſie fort.„Die Arme iſt immer ſo leidend, und dabei doch ſo geduldig und lieb.“ „Sie haben Ihre Freundin wohl recht gerne?“ „O ſehr— ſehr! Aber alle Menſchen haben ſie auch lieb; ſie iſt ſo herzensgut. Nun! Sie werden ſie ja ſelbſt kennen lernen und mir dann gewiß Recht geben. Aber da ſind wir ja ſchon auf Breitenfeld. O bitte, kommen Sie doch gleich mit zu Martha.“ „Heute nicht, meine liebe Iſabella, ich muß nach Adlerberg, meinen Vater nach jahrelanger Abweſenheit zu begrüßen.“ „Da wird ſich Ihr Vater gewiß ſchon recht auf Sie freuen. Mein Papa freut ſich auch ſo ſehr, wenn er mich nach längerer Abweſenheit wieder ſieht. Aber Sie kommen doch gewiß bald zu uns?“ „Ganz gewiß, ich halte mein Verſprechen.“ Noch ein herzlicher Händedruck und Iſabella ver⸗ ſchwand unter dem Portal des Schloſſes, das einſt Breiten's Heimath geweſen. Wehmüthig ſah der junge Mann ihr einen Moment nach, und lenkte alsdann ſeine Schritte wieder Adlerberg zu. Vorbei war die glückliche, ſorgloſe Stunde, welche CGreſſteur, Die Kunſtreiterin. I. 7 8 . ,,— 98 das Gewitter ihm gebracht, und bittere Kämpfe gegen Habſucht und Haß warteten ſeiner. Der Himmel breitete ſich wieder in blauer Klar⸗ heit über die Erde. Das Gewitter hatte ausgetobt. Ein ſcharfer Luftzug jagte die letzten Nachzügler deſſel⸗ ben, die grauen ſchweren Wolken vor ſich her, und der See, wenn auch noch dumpf grollend, glättete unter dem Eindruck der Sonnenſtrahlen nach und nach ſeine ſturmbewegte Oberfläche. Viertes Kapitel. Eine Stiefmutter. Schloß Adlerberg, der Stolz ſeiner Beſitzer, war ein prachtvolles Gebäude und bildete einen reizenden Punkt der Umgegend. Es hatte vor Breitenfeld den Vorzug voraus, daß es unmittelbar am See lag, was ihm einen faſt magiſchen Zauber verlieh. Namentlich des Nachts, wenn die Lichter des Schloſſes ſich in den Fluthen des See's wiederſpiegelten, gewährte es einen geheimnißvollen Reiz. Doch ſo ſchön und lebendig die Natur vingsum war, ein um ſo düſterer Ernſt breitete ſich über das Innere des Schloſſes. Kein heiteres Lachen erſchallte dort, Alles war ruhig und ſtill und die Schloßherrin war die ruhigſte von Allen. Kein äußeres Ereigniß —— war im Stande, ſie aus ihrer kalten, ſtrengen Ruhe aufzurütteln. Sowie die Frau ſtets auf ihre Umgebung einwirkt, ſo war dies auch hier der Fall. Freiherr Breiten, einſt der lebensfrohſte Mann, war durch die Jahre, welche er an der Seite ſeiner zweiten Gattin verlebte, zu einem krankhaft gereizten, nur die Ruhe liebenden Greiſe geworden, trotzdem er erſt fünfund⸗ ſechzig Jahre zählte. Sein Charakter, von jeher zu ſelbſtſtändiger Feſtigkeit geneigt, hatte ſich unter dem Einfluß ſeiner zweiten Gattin zu ſtarrem Eigenſinn herausgebildet, von der Freiherrin als Charakterfeſtig⸗ keit bezeichnet und unterſtützt; eine Charakterfeſtigkeit, die namentlich dem Sohne aus erſter Ehe gegenüber grell zu Tage trat. Wie oft verwechſeln die Menſchen, gleich dem Frei⸗ herrn, ſtarres Beharren mit Charakterfeſtigkeit, jene beiden, im Großen und Ganzen ſo ähnlichen und bei näherer Prüfung doch ſo verſchiedenen Gemüthsrich⸗ tungen! Die Begriffsverwechſelung aber war es, welche, von der Freiherrin ausgebeutet, vom unheilvollſten Einfluß auf die Stellung zwiſchen Vater und Sohn zu werden beſtimmt war. Durch den Einfluß der Gattin war es bereits ſo weit gekommen, daß der Freiherr ſogar ſtolz war auf die unbeugſame Eckigkeit ſeines Charakters, und 101 daß er die einſtige Liebe zu ſeinem Sohne von jener Stunde an aus ſeinem Herzen verbannte, in welcher Max ſich nach ſeiner Anſicht derſelben unwerth ge⸗ macht. Die Freiherrin in ihrer kalten Ruhe, ſah den 5 einſtigen Leichtſinn ihres Stiefſohnes durch die Brille des Haſſes, der Gatte aber richtete ſich blind nach ihren Anſichten und verurtheilte den Sohn, der es ge⸗ wagt hatte, am Spieltiſche ſein Geld zu verlieren. Adel⸗ haide wollte nichts von Schwächen und Nachgiebigkeit wiſſen und der Gatte, welcher ihr allein vertraute, theilte ihre Anſicht. Sie beſaß eine ſo volle Gewalt über ihn, daß ſie es durch die Jahre ermöglicht, ſeinen „ Willen ganz dem ihrigen unterzuordnen. Namentlich beherrſchte ſie den leidenſchaftlichen, ſo leicht aufbrau⸗ ſenden Mann durch ihre wahrhaft eiſerne Ruhe, welche bei ihr jedes Hervortreten eines Affektes unmöglich machte, ſelbſt wenn die wildeſte Leidenſchaft ihr Inneres durchtobte. Dieſe Ruhe aber, eine Folge ihrer Herzens⸗ kälte, welche nur dem Verſtande Rechte einräumt, mußte einem Manne imponiren, welcher von Jugend auf mehr mit dem Herzen als dem Verſtande gerechnet hatte. So beugte ſich denn der alte Freiherr umſomehr vor ihrer kalten Berechnung und Herzloſigkeit, als er auch der Schmeichelei nur zu leicht zugänglich war, wenn dieſelbe es verſtand, derlei Anſichten als von ihm aus⸗ 102 gehend darzuſtellen und ſeiner Charakterfeſtigkeit jeder⸗ zeit Weihrauch zu ſtreuen. Die Jugendfehler ihres Stiefſohnes boten dazu der Freiherrin die natürliche Handhabe, welche geſchickt von ihr benutzt, Jenen mehr und mehr dem Vater ent⸗ fremden mußten. Den Riß zwiſchen Beiden zu ver⸗ vollſtändigen war dann nur eine Frage der Zeit; ſcheute die Stiefmutter doch kein Mittel, um zu dem einmal vorgeſetzten Ziele zu gelangen. Adelhaide war eine willenskräftige und ausdauernde Frau und dem⸗ nach wohlberechtigt, an die Durchführung des Gedankens zu glauben, das Erbe von Breitenfeld dem Stiefſohne zu entwinden, um es ihrer einzigen Tochter Johanna zu ſichern. Die Klugheit, mit welcher ſie dabei zu Werke ging, mußte ihr eine weitere Bürgſchaft ſein, daß ſie nicht umſonſt ihre Hand nach unrechtmäßigem Gute aus⸗ ſtrecken werde. So verbarg ſich denn hinter der Maske gleisneriſcher Opferwilligkeit und ſteter Beſorgniß für das Wohl des Gatten, ein gefühlloſes kaltes Herz gegen den Sohn, welcher ſich um des Vaters willen in die Unterwerfung gegen die Stiefmutter fügte. Er ehrte ſie als die Frau ſeines Vaters, trotzdem daß eine innere Stimme ihn vor ihr ſtets gewarnt. Es lag indeſſen gleichzeitig in den Berechnungen 103 der ränkeſüchtigen Frau, auch dieſen öfter zu Tage tre⸗ tenden Widerwillen, dieſe inſtinktive Abneigung des Stiefſohnes zu brechen— ihn ſicher zu machen. Sie ergriff deshalb jede ſich darbietende Gelegenheit, um als Vermittlerin zwiſchen Vater und Sohn aufzutreten und ſich damit in den Augen des Letztern ein Anrecht auf deſſen Dankbarkeit zu erwerben. Der argloſe Stieſ⸗ ſohn hielt denn auch die Berechnungen der Gattin ſei⸗ nes Vaters nach und nach für Edelmuth und ohne daß er es ahnte, befand er ſich in ihrer Gewalt. Die erſte Folge davon war ſeine mehrjährige Entfernung aus der Nähe ſeines Vaters— eine Folge, deren wei⸗ tere Conſequenzen ſich nur zu bald herausſtellten. Das über den Vater geworfene Netz wurde dieſem aber um ſo weniger fühlbar, als ſeine Frau ſcheinbar die unterwürfigſte, liebenswürdigſte, ja vollkommendſte Gattin war, die ſich in jede Laune des alternden Mannes bereitwillig fügte. Wie ſie gegen ihre Tochter die liebvollſte Mutter war, ſo zeigte ſie ſich gegen ihren Stiefſohn ſtets als deſſen treue uneigennützige Freundin, ſobald es galt, den Vater zu täuſchen. Daß nach jeder ſolchen Vertheidigung des Sohnes gegenüber ſeinem Vater eine um ſo kräftigere Reaction folgte, war ſelbſt⸗ verſtändlich, aber, weil klug berechnet, auch ſtets für ſie gefahrlos. 104 Dazu kam, daß es den angeborenen Anſichten des alten Herrn außerordentlich convenirte, ſich mit ſeiner Frau in confeſſioneller Beziehung einig zu wiſſen, wo⸗ bei denn bei Rückblicken auf ſeine erſte Ehe das An⸗ denken an die dahingeſchiedene liebenswürdige erſte Gattin ſelbſtredend im Nachtheile blieb. Außerdem paßte dem alternden Mann das ſelbſtbewußte, ernſt⸗ ruhige Weſen Adelhaid's mehr, als die heitere Lebens⸗ luſt und unterwürfige treue Liebe Erneſtinens. Dazu kam ferner, daß der alte Freiherr mehr und mehr ſich ultramontanen Anſichten zuwendete, wodurch es denn ſeiner Gattin leicht wurde, ihm nach und nach ſeine erſte Ehe faſt als eine Verletzung ſeiner heiligſten Pflichten gegen die Kirche erſcheinen zu laſſen. Sein Sohn Max war die Perſonifikation dieſer Ehe; wie natürlich erſcheint es daher, wenn in dem Gemüthe des Vaters ſich gegen den abweſenden Sohn mit der Zeit eine Abneigung herausbildete, welche geſchickt be⸗ nutzt, den Zwecken der Stiefmutter ein mächtiger Bun⸗ desgenoſſe werden mußte. Schien der Freiherr Anfangs nur froh, den Sohn nicht zu ſehen, ſo war es nun den Bemühungen Adelhaid's umſomehr ein Leichtes, darauf weiter zu bauen, als Max ſowohl in religiö⸗ ſer als politiſcher Beziehung einer viel humanitären Anſicht huldigte und dieſe unbedacht oft ſchon in leb⸗ —y 8 105 haften Controverſen dem Vater gegenüber bethätigt hatte. So ſchien denn Alles zuſammenzuwirken, um der Freiherrin den Sieg über den gehaßten Stiefſohn zu ſichern. Und doch gab es in dem ſo ruhigen und gotter⸗ gebenen Leben der klugen Frau einen dunklen Punkt, welcher drohend an ihrem Lebenshorizonte ſtand. Wir waren unſern Leſern dieſe Abſchweifung und Schilderung der Charaktere der Bewohner von Schloß Adlerberg ſchuldig, bevor wir in deſſen ſtolze, ſchein⸗ bar ſo ruhige Hallen eintreten. An jenem gewitterſchweren Nachmittage befand ſich die Freiherrin in ihrem kleinen, mit ausgeſuchter Pracht ausgeſtattetem Salon, welcher an einer Eckſeite des Schloſſes lag. Die Freiherrin liebte es, ſich von allem Glanze des Reichthums umgeben zu wiſſen, wußte ſie doch den Einfluß zu würdigen, welchen dieſer im Allgemeinen auf die Menſchen ausübt und mochte hierin vielleicht der Pomp der von ihr ſo bevorzugten Kirche ihre Lehrmeiſterin oder doch nur ihr Vorbild geweſen ſein. Die Flügelthüren, welche auf einen mit tropiſchen Gewächſen und Blumen gezierten Altan führten, ſtan⸗ den weit geöffnet, um die würzige Luft nach dem er⸗ friſchenden Gewitter einzulaſſen. Im Hintergrunde des 106 großen, ſymmetriſch angelegten Raumes ſaß an einem Tiſche die Dame des Hauſes, über Schriften und Rech⸗ nungen gebeugt, welche ein gutgekleideter, ihr gegenüber ſitzender Mann in mittleren Jahren ordnete und ihr nach Bedarf überreichte. Es war die Zeit der erſten Nachmittagsſtunden, in welchen der Freiherr in ſeinen Zimmern ſtets der Ruhe pflegte, während die Gebieterin von Adlerverg die Wirthſchafts⸗ und ſonſtigen Guts⸗ angelegenheiten mit dem Schloßverwalter beſprach und regelte. Wir ſehen in der Baronin eine majeſtätiſche Er ſcheinung, in deren Geſicht die Spuren großer einſtiger Schönheit noch nicht verwiſcht ſind und vielleicht nur durch die Kälte und Schärfe des Ausdruckes beeinträch⸗ tigt werden. Die Geſichtszüge erſchienen regelmäßig geformt; in den kleinen ſtahlgrauen Augen aber, wie in der feingeformten, faſt ſpitzzulaufenden Naſe und in den feſtgeſchloſſenen blaſſen Lippen lag der Ausdruck eines entſchloſſenen unbeugſamen Willens, welcher dem tiefer Beobachtenden entſchiedene Herzloſigkeit verriethen. Unweit der Freiherrin an einem Blumentiſche ſtand ein Mädchen im Alter von beiläufig ſechszehn Jahren, damit beſchäftigt, einen ſchönen weißen Kakadu, welcher neben dem Blumentiſch he auf einer Stange ſaß, zu necken. Das junge Mädchen hutte einen graubleichen Teint. 107 Ein unangenehmer, wir möchten ſagen liſtiger Aus⸗ druck ließ das ſonſt hübſch geformte Geſicht faſt häß⸗ lich erſcheinen, umſomehr, als die ſcharfen ſtechenden Augen der Mutter bei ihr noch entſchiedener hervor⸗ traten.. Dies war die junge Stiefſchweſter des Baron Max von Breiten. Der Verwalter Brandt war während der herzloſen Beſchäftigung des jungen Mädchen, wie erwähnt, be⸗ müht, ſeiner Gebieterin die letzten Monatsrechnungen über ſeine Thätigkeit vorzulegen. Sein nicht ſchönes, aber intelligentes Geſicht drückte dabei volle Ueberlegen⸗ heit aus, ſowie ſein ganzes Weſen jene Energie aus⸗ ſprach, welche nur bei ganz entſchiedenen Charakteren in die Erſcheinung tritt. Durch die Stille des Zimmers hörte man zeit⸗ weiſe den gedämpften Ton ſeiner Stimme, gleichſam in kurzen Worten die Schriften erläuternd, welche er der Herrin überreichte, und die ſcheinbare Geduld, mit welcher er ſtets wiederholte:„ſechshundert Gulden Pachtgelder für die Lochauer Wieſen, zweihundert Gul⸗ den Reinertrag von der Abſtockung des Kronfelder Eichenkampes, wurde nur von den ungeduldigen Blicken Lügen geſtraft, welche die dunklen Augen zeitweiſe auf das junge Mädchen ſchoſſen. War dieſes Letztere nun endlich müde, den armen Papagei zu quälen, oder lang⸗ weilte ſie das Anhören der für ſie trockenen Wirth⸗ ſchaftsangelegenheiten, kurz ſie drehte ſich plötzlich um und verließ gähnend das Zimmer, wahrſcheinlich um ſich andere Gegenſtände für ihre Launen aufzuſuchen. Dieſen Moment hatte der frühere Schloßarzt und jetzige Verwalter von Adlerberg nur erwartet. Eine merkwürdige Veränderung ſchien ſich mit dem Hinweg⸗ gehen des jungen Mädchens in ſeinem ganzen Weſen zu vollziehen und die geiſtige Ueberlegenheit, welche ſich ſchon früher ſchlecht verhüllte, trat ſchärfer hervor, während er rückſichtslos die vor ihm liegenden Papiere zur Seite ſchob und ohne Beachtung der finſtern Blicke ſeiner Herrin die Abſicht dokumentirte, auf einen an⸗ dern Gegenſtand überzugehen. Das Gewitter hatte ausgetobt. Die goldene Sonne drang mit ihrem hellen Schein trotz der ſchwe⸗ ren Vorhänge durch die geöffneten Balkonthüren. Aus dem unter den Fenſtern des Gemaches liegenden Schloß⸗ garten ertönte das fröhliche Gezwitſcher der Vögel, welche durch die belebende Kraft der erfriſchten Natur zu neuem Leben erwacht waren. Die Bäume ſchüttel⸗ ten, durch einen leiſen Luftzug bewegt, die gleich Per⸗ len in der Sonne blitzenden Regentropfen aus ihren Häuptern. Alles duftete, grünte, ſproßte und verkündete 109 Frieden in der Natur. Vergebens aber dufteten die er⸗ friſchten Gräſer, ſangen die Vögel und ſchien die Sonne belebend in das Gemach. Adelhaid fühlte nicht das göttliche Walten, hörte nicht die Gottesſtimme, die ſo laut zu allem Lebenden ſprach. Für ſie war die Blume des Feldes, das Rauſchen der Gewäſſer, der allgewal⸗ tige Trieb des Weltalls nicht vorhanden; die gewaltige Sprache der Natur fand keinen Widerhall in ihrem kalten ſelbſtſüchtigen Herzen. Für ſie gab es nur einen Götzen, dem ſie fröhnte— die Herrſchſucht! Und der Genoſſe ihres Strebens ſaß ihr gegenüber, kalt und herzlos, wie ſie es ſelbſt war. „Haben Sie mit dem Freiherrn über die jährliche Summe von zehntauſend Gulden geſprochen“, unter⸗ brach endlich mit hartem Tone der Verwalter die ſeit dem Weggange des jungen Mädchens faſt peinlich ge⸗ wordene Stille,—„welche aus dem Verwaltungsfonds des Breitewſchen Vermögens, wie ich Ihnen geſagt, für die nächſten Jahre zur Ausbeſſerung Adlerberg's nöthig wird?“ „Ja, er findet aber die Summe zu groß“, erwi⸗ derte die Dame kalt. „Das darf und wird er nicht, wenn Sie ernſtlich auf ihn einwirken. Ich will vielmehr glauben, daß Sie noch gar nicht mit ihm darüber geſprochen.“ 110 Beider Augenpaare begegneten ſich gleich Dolch⸗ ſpitzen bei dieſer mehr als vertraulichen Anrede. „Und wenn es nun ſo wäre, wenn ich wirklich keine Luſt hätte, Sie, Herr Verwalter, noch mehr zu bereichern?“ fragte die Freiherrin kurz und mit einem faſt höhniſchen Ausdrucke um die ſchmalen Lippen. „Dann würde ich dies nur um Ihretwillen be⸗ dauern“, entgegnete Brandt mit Entſchiedenheit, wäh⸗ rend ſeine Geſtalt zu wachſen ſchien.„Uebrigens“, fügte er leichthin hinzu,„wir ſind allein! Die Maske der Gebieterin ſcheint mir alſo übel angewendet, zum Mindeſten unnöthig, da ſie mich nicht einſchüchtert.“ Die ſtahlgrauen Augen der Freiherrin richteten ſich für einen Moment auf den Angreifer— mit einem Blick ſo voll grauſamer Tücke, daß jeder Andere als Brandt vor ihm zuſammengeſchauert hätte— ein Blick, welcher um ſo ausdrucksvoller war, als ſonſt keine Muskel des ſteinharten Geſichtes eine Aufregung, eine innere Wallung errathen ließ. „Ich wiederhole es nochmals: nur um Ihretwillen“, fuhr der Verwalter in dem kälteſten und ſcheinbar ruhigſten Tone fort,„würde mir Ihre Weigerung leid thun, denn ich erhielt ſoeben einen Brief aus der Re⸗ ſidenz. Unſer beiderſeitiger Schützling hat ſich von dem letzten Krankh tsanfalle erholt— iſt geneſen.“ — 411 Eine ſichtliche Veränderung ging bei dieſen Wor⸗ ten in dem Weſen der Freiherrin vor. Die eiſerne Ruhe, welche ſie ſtets behauptete, ſchien für einen Augen⸗ blick zu weichen; über ihr Geſicht verbreitete ſich eine tiefe Bläſſe und ihre ſchmale weiße Hand, welche ſie wie zur Stütze auf den Tiſch gelegt, erzitterte leicht. Doch ſchon nach wenigen Sekunden hatte der willens⸗ ſtarke Geiſt über den Körper geſiegt, und war die Ruhe wiedergekehrt. „Zeigen Sie mir das Schreiben“, ſagte ſie ruhig und kalt. Mechaniſch reichte ihr der Verwalter einen Brief, den er aus der Bruſttaſche ſeines Rockes zog. Mit dem Ausdrucke befriedigter Erwartung ruhten ſeine Blicke auf dem ſtolzen Geſichte der Freiherrin und ein leiſes ſpöttiſches Lächeln zuckte um ſeinen Mund. Jetzt hatte ſie den Brief zu Ende geleſen und gab ihn ſeinem Eigenthümer zurück. Ihre kalten grauen Augen ſahen zu ihm auf und ein unheimlicher Ausdruck lag in ihnen. „Und wenn ich mich nun trotzdem weigerte, Ihre Wünſche zu erfüllen?“ ſagte ſie ruhig. „Dann wäre ich genöthigt, dem Freiherrn und der Welt die Stunde in's Gedächtniß zurückzurufen, in welcher die Freiherrin Joſefa vom Adlerberg ſtarb“, entgegnete er ſicher und feſt. „Und wenn ich dies nun ſelbſt thäte, wenn ich das Erlebniß jener Stunde zur Qual meiner Mitſchul⸗ digen ſelbſt veröffentlichte?“ fragte die Dame leiſe, aber mit dem Ausdruck kalter Entſchloſſenheit. „Das können Sie thun, wenn Sie wollen, ich hindere Sie nicht daran. Es wäre ja ein Schauſpiel für Götter, die ſtolze Freiherrin vom Adlerberg auf der Anklagebank eines Gerichtsſaales zu ſehen.“ Der Verwalter ſprach dieſe Worte in ſpöttiſchem Tone. Er ſelbſt glich einem böſen Dämon, wie er ſo da ſaß und die ſtolze Frau vor ſich betrachtete, in deren Mienen ſich in vergeblichem Kampfe die ſteigenden und fallenden Wogen furchtbarer Erregung abſpiegelten. Eine kleine bedeutungsvolle Pauſe trat ein, in welcher das Ticken der werthvollen Uhr auf dem Tiſche von Ebenholz das einzige Geräuſch im Zimmer bildete. „Sie ſollen die zehntauſend Gulden jährlich er⸗ halten“, ſagte endlich die Freiherrin tonlos, wie geiſtes⸗ abweſend. „Das wußte ich ja, alſo zu wa⸗ ſolch' überflüſ⸗ ſige, nur zeitraubende Scenen“, entgegnete Brandt mit an Roheit ſtreifender Sicherheit.„Jetzt, da Sie Ihren Gatten vermocht haben“, fuhr er fort,„Breitenfeld zu 113 verkaufen, den Erlös in Papieren anzulegen, und der Freiherr zu Ihren Gunſten teſtirte, iſt wohl die Summe von zehntauſend Gulden kaum der Rede werth für die Erbin von Millionen, welche es ſo gut verſtand, den präſumtiven Erben von Breitenfeld unſchädlich zu machen.“ „Es war nie meine Abſicht, meinem Stiefſohn zu ſchaden“, erwiderte die Freiherrin trotzig.„Beweis dafür iſt, daß im Teſtamente ſeines Vaters ihm die Summe von dreimalhunderttauſend Gulden geſichert werden ſoll.“ Ein höhniſches Lachen Brandts erfolgte. „Ein ſchöner Erſatz für die dem einſtigen Erben entgangene Million“, ſagte er.„Ueberdies werden Sie wohl Sorge tragen, daß auch dieſe Summe Ihrer Tochter zufällt.“ Ein Ausdruck des Haſſes lag in den grauen Au⸗ gen der Freiherrin, als ſie bei dieſen höhnenden Worten dem Blicke des Verwalters begegnete; aber ihre Lippen blieben geſchloſſen. „Unſere Geſchäfte ſind für heute beendet, Frau Baronin, ſollten Sie meiner jedoch noch bedürfen—“. Eine raſch abwehrende Handbewegung Adelhaid's unterbrach ihn. „Ich wünſche nichts weiter!“ ſagte ſie kalt. Creſſieur, Die Kunſtreiterin. I. 8 Der Verwalter erhob ſich von ſeinem Sitze und machte der Freiherrin die Verbeugung eines Weltman⸗ nes, mit den äußeren Formen der Ehrfurcht vor der Gebieterin, welcher aber der ſpöttiſche Ausdruck ſeines Geſichtes völlig widerſprach. Die Thüre hatte ſich kaum hinter ihm geſchloſſen, als Adelhaide von Breiten wie gebrochen ſich in ihrem Fauteuil zurücklehnte. Sie drückte die feinen Hände gegen die pochenden Schläfe, als wolle ſie dem Blute Einhalt thun, welches gegen dieſelben tobte. Ihr ſtarker Geiſt bäumte ſich vergebens auf gegen die unheimliche Macht ihres Gegners. Unbeweglich, einer Statue gleich, ſaß ſie da. Endlich erlangte ſie ihre Ruhe wieder. Eine eiſige Kälte umpanzerte gleichſam die ganze Geſtalt. „Ich muß es tragen, dieſes entſetzliche Joch, das ich mir ſelbſt aufgebürdet“, flüſterten ihre Lippen,„aber der, um deſſentwillen dies Alles geſchehen— er ſoll es büßen!“ Und als wolle das Schickſal ſich mit der tückiſchen Frau verbinden, ſtürzte Johanna nun in's Zimmer. „Mama, denke nur, Max iſt wiedergekehrt und iſt ſoeben auf Adlerberg angekommen, ich ſah ihn ſelbſt“, ſagte das junge Mädchen eilig. Ein ſchneidender Zug flog über das marmorweiße Geſicht der Freiherrin. 4 4 115 „Er ſprach mit Madame Grünlein“, fuhr das junge Mädchen fort,„und kam zu Fuß an, wie ein Bauernjunge.“ „Oder wie ein Dieb, welcher kommt, um Dir das Erbe Deines Vaters zu entreißen“, entgegnete Adel⸗ haide bitter. „Das ſoll er aber gewiß nicht, Mama!“ antwor⸗ tete entſchloſſen Johanna. „Nein, gewiß nicht, mein Kind, wir wollen ihn daran hindern.“ „Er frug ſogleich nach Papa, und Madame Grün⸗ lein ſagte ihm, Papa ſei in ſeinen Zimmern.“ „Er darf nicht zuerſt ſeinen Vater allein ſprechen“, antwortete haſtig die Freiherrin,„geh' ſo ſchnell als möglich nach Papa's Zimmern, dort wirſt Du Max vielleicht noch in den Corridors treffen. Sage ihm, daß Papa ſchläft und nicht geſtört ſein will und ſuche ihn ſodann zu mir zu bringen.“ Das junge Mädchen flog hinaus, den Willen der Mutter zu erfüllen. Die Freiherrin beugte ſich über die vergeſenen Schriften, ihren Stiefſohn erwartend. „Der Kampf beginnt— er findet mich gerüſtet“, flüſterte ſie. Es dauerte nicht lange, ſo hörte man die feſten, 8* 116 elaſtiſchen Schritte Max von Breiten's auf den Flieſen des Corridors, welcher zu dem Zimmer der Freiherrin führte. Dieſe kräftigen Schritte ſtachen ſonderbar ab gegen die drückende Ruhe, welche ſonſt im Schloſſe herrſchte. Die körperliche Bewegung in der freien Luft, das anheiternde Geſpräch mit der kleinen Iſabella in der Ruine, hatten den jungen Mann geſtärkt, ſeinen Geiſt erfriſcht. Unten auf der Hausflur war er der alten Wirth⸗ ſchafterin begegnet, für deren Neffen er ſich im Wirths⸗ haus ausgegeben. Mit einem Freudenſchrei hatte dieſe ihn erkannt und plaudernd aufgehalten. Seine Stief⸗ ſchweſter kam hinzu, auch ſie begrüßte er mit der ihm eigenen Herzlichkeit nach jahrelanger Abweſenheit und jede Abneigung vergeſſend. Sowie Johanna ihrer Mutter berichtet, lenkte er alsdann ſeine Schritte nach den Zimmern ſeines Vaters. Auf dem Wege dorthin be⸗ gegneten ihm mehrere Dienſtleute, die ihn ſcheu betrach⸗ teten; er war ihnen fremd, ſowie ſie ihm. In der zeit ſeiner Abweſenheit hatte das ganze Dienſtperſonal bis auf die Wirthſchafterin gewechſelt. Die Freiherrin liebte es nicht, ſich durch zu lange Zeit der Beobachtung ihrer Leute ausgeſetzt zu wiſſen. Ein gleiches Loos blühte auch der alten Wirthſchafterin; ſollte ſie doch 1 1 4 117 in wenigen Tagen ſchon das Schloß verlaſſen. Schon hatte Max von Breiten ſeine Hand an die Thürklinke gelegt, die zu den inneren Gemächern ſeines Vaters führte, als Johanna, dem Befehl ihrer Mutter gemäß, zu ihm mit dem Bedeuten trat, daß Papa ſchlafe und nicht geſtört ſein wolle, er möge einſtweilen bei Mama eintreten. Das junge Mädchen hatte die nämliche ſanfte Stimme ihrer Mutter, wenn es galt zu täuſchen. Der junge Freiherr folgte ſeiner Stiefſchweſter, von früher her wiſſend, daß ſein Vater beim Nach⸗ mittagsſchläfchen nicht geſtört werden dürfe. Ihm gegenüber galt ja ſelbſt die Ausnahme der Rückkehr des Sohnes nach jahrelanger Abweſenheit nichts, denn er war ſeinem Vater entfremdet worden; das ſchöne Verhältniß zwiſchen Vater und Sohn war ja zerſtört. Nach wenigen Augenblicken ſah er ſich Derjenigen gegenüber, welche das Schickſal ihm als die Gattin ſeines Vaters entgegengeführt. Mit der conventionellen Form des Weltmannes beugte er ſich über die zarte Hand und berührte dieſelbe mit ſeinen Lippen. Seinem Rechtlichkeitsgefühl widerſtrebte es, da Herzlichkeit zu heucheln, wo ſolche fehlte. Die Freiherrin fühlte dieſen froſtigen Willkommsgruß, war aber zu ſchlau, ihn äußer⸗ lich zu beachten. „Welche Ueberraſchung, lieber Max“, ſagte ſie 118 mit ſcheinbarer Herzlichkeit,„wir erwarteten Dich nicht ſo bald.“ „Man benöthigte meiner im Orient nicht mehr und deshalb kehrte ich früher zurück. Uebrigens er⸗ innere ich mich, Euch dies geſchrieben zu haben. War Papa immer wohl; ich erhielt ſolange keine Nachricht?“ „Gott ſei Dank, er iſt wohl, nur ſeine Nerven ſind ſehr erregbar, man muß daher jede Aufregung vermeiden.“ „Das will ich gewiß thun.“ „Du dürfteſt müde ſein, lieber Max, ruhe Dich aus, bis Papa erwacht. Johanna, zeige Deinem Bru⸗ der das für ihn beſtimmte Eckkabinet.“ Max von Breiten verbeugte ſich vor ſeiner Stief⸗ mutter und verließ, von ſeiner Schweſter begleitet, das Zimmer. Er wurde in ein kleines, ſehr einfach möblirtes Gemach geführt, das, wie er wußte, in früheren Zeiten die Gouvernanten Johanna's bewohnt hatten. Ob⸗ wohl ſeit ſeines Vaters Wiederverheirathung gewöhnt, manche Zurückſetzungen zu erleiden, hatte doch keine ihn je ſo unangenehm berührt, als dieſe hier. Das kleine ärmliche Zimmer, das ihm ſeine Stiefmutter abſichtlich angewieſen, erſchien ihm doppelt zurückſetzend. Ein ohnehin gebeugtes Gemüth empfindet die kleinen — Nadelſtiche menſchlicher Bosheit viel ärger, als einen offen geführten Schlag. Der natürliche Stolz des Mannes jedoch ließ ihn ſich beherrſchen. Nach einigen Stunden ward er in den Salon ſeiner Stiefmutter zurückgerufen, wo ſein Vater ſich bereits befand. Mit Herzlichkeit begrüßte er denſelben, doch ſein freundlicher Willkommsgruß erſtarrte förmlich bei dem kühl höflichen Entgegenkommen ſeines Vaters. Adelhaide hatte wohl berechnet. Ein überraſchen⸗ des Wiederſehen würde wahrſcheinlich die väterlichen Gefühle erweckt haben; die frühere Mittheilung von des Sohnes Anweſenheit jedoch, überdies von den kalten Lippen der Stiefmutter gegeben, hintertrieb von vornherein jede Art von Herzlichkeit und machte über⸗ legter Berechnung Platz. Wie oft hatte Max ſich in der Zeit ſeiner Ab⸗ weſenheit nach dem Vater geſehnt, und dies war jetzt die Begrüßung zwiſchen Vater und Sohn nach jahre⸗ langer Trennung? Der junge Mann fühlte, daß jedes thatkräftige Bereuen ſeiner einſtigen jugendlichen Fehler nichts nütze, daß alle Vorſätze, alle Liebe da nichts helfe, wo eine unüberſteigbare Kluft ſich gebildet! Ein Herz, in welchem kalte Förmlichkeit, abſicht⸗ liches Vorurtheil an die Stelle einſtiger Zärtlichkein getreten iſt, erwärmt ſich nimmer, denn die ſtarre Hülle der Gleichgültigkeit iſt dauernder, als der glühendſte Haß. 3 „Du kamſt früher, als wir Dich erwarteten“, ſagte der Freiherr, nachdem die gegenſeitige kühle Be⸗ grüßungsſcene vorüber war, welche gebildete Leute in jeder Lage des Lebens beizubehalten pflegen. „Ja, lieber Vater, man benöthigte meiner Dienſte nicht mehr, wie ich Dir bereits ſchrieb.“ „Kommſt Du direkt von der Reſidenz.“ „Ja, das heißt mit dem kleinen Umwege über Breitenfeld, wo ich mich heute eine Stunde aufhielt. „Du warſt in Breitenfeld?“ fragte der Vater for⸗ ſchend und die Freiherrin ſah von ihrer Handarbeit überraſcht empor. „Ja, lieber Vater, und ich weiß auch, daß Brei⸗ tenfeld verkauft iſt“, antwortete Max feſt und ruhig. „Und biſt natürlich empört darüber, daß es mir beliebte, über mein rechtmäßiges Eigenthum während Deiner Abweſenheit zu verfügen?“ ſagte der alte Herr höhniſch. „Nein, lieber Vater, denn ich weiß, daß Du über Dein Eigenthum verfügen kannſt, wie Du willſt“, er⸗ widerte der junge Mann gelaſſen. Die kalten grauen Augen Adelhaids richteten ſich ——‧ 1 8 ü 121 durchbohrend auf den Stiefſohn. Sie ſchien in ihrer Erwartung getäuſcht.„Ich dachte nicht, daß Dir der Verkauf des Gutes ſo gleichgültig wäre“, meinte ſie. . Max von Breiten ſchwieg. Eine leichte Unruhe bemächtigte ſich der Freiherrin. Was ſollte dieſe plötzliche Gefügigkeit in einer ſo ern⸗ ſten Sache bedeuten! „Es freut mich, daß Du gelernt haſt, Dich in unabänderliche Dinge zu fügen“, ſagte der alte Herr freundlicher.„Uebrigens weißt Du ja, daß ich von jeher freier Herr meines Willens war, es daher auch wenig nützen würde, ſich gegen mich aufzulehnen.“ 3„Ich ehre vor Allem die Pflichten eines Sohnes, lieber Vater.“ „Warum haſt Du das nicht immer bewieſen und demnach keine Schulden gemacht?“ „Laſſen wir die Vergangenheit ruhen, lieber Vater, ich bin gebeſſert zurückgekehrt. Die Atteſte meiner Vor⸗ geſetzten, welche ich Dir kürzlich einſandte, beweiſen Dir, lieber Vater, wie ſehr ich mich bemühte, meine Pflichten zu erfüllen.“ „Wir wollen gern glauben, lieber Max“, miſchte ſich hier die Freiherrin in's Geſpräch,„daß Du von Deinem einſtigen Leichtſinn gebeſſert biſt, aber was die „Atteſte Deiner Vorgeſetzten anbelangt, ſo weißt Du, — ———— 122 daß Papa auf ſolche nichts hält, und nur zu gut weiß, wie leicht ſolche zu erhalten ſind.“ Todtenbleich ward der junge Mann bei dieſen Worten, und mühſam rang er durch einige Sekunden nach einer Antwort.„Du irrſt, liebe Mutter“, ſagte er endlich nach einer Pauſe, in welcher er ſeine Ruhe wiedergewonnen,„meine Atteſte ſind nicht erſchlichen; ich war vielleicht leichtſinnig, aber ſchlecht war ich nie.“ „Ach, wie ſchwer Du doch gleich Alles nimmſt, lieber Max“, ſagte ſie mit ſanfter, einſchmeichelnder Stimme,„ich war ja weit entfernt an ſo etwas auch nur zu denken; wie kannſt Du nur gleich auf ſolche Ideen verfallen.“ Sie ſprach dieſe Worte mit einem freundlichen Lächeln und beugte ſich dann über ihre Stickerei hinab, an der ſie mit vollendeter Sicherheit weiter arbeitete. „Was bezweckeſt Du eigentlich hier?“ fragte der Frreeherr, wieder in ſeinen alten kalten Ton verfallend, denn vorbei war die Minute, in welcher die Gefügig⸗ keit ſeines Sohnes ihn milde geſtimmt hatte. Vorbei durch der Freiherrin herzloſe Bemerkung. „Ich wollte Dich bitten, mir die Verwaltung von Breitenfeld zu übergeben, was nun natürlich unmög⸗ lich geworden iſt.“ „Und glaubſt Du denn wirklich, daß ich Dir, einem 123 Spieler und Schuldenmacher die reiche Beſitzung an⸗ vertraut hätte?“ „Ich büße meine einſtigen Fehler ſchwer, lieber Vater, denn ich büße ſie mit Deinem Mißtrauen, aber nochmals, laſſen wir doch die Vergangenheit ruhen!“ „Und war das die einzige Bitte, welche Du an mich ſtellen wollteſt?“ „Sie war es, bis vor wenigen Stunden, lieber Vater.“ „Nun— und jetzt?“ „Wäre es nicht gut, lieber Karl“, unterbrach hier die Freiherrin auf's Neue das Geſpräch,„wenn Du heute alle Geſchäftsangelegenheiten ruhen ließeſt? Das Wiederſehen hat Dich angegriffen. Max wird für ſeine Angelegenheiten gewiß morgen gern eine paſſendere Stunde wählen.“ „Du haſt Recht, liebe Mutter, die jetzige Stunde iſt ſchlecht gewählt“, ſagte Max von Breiten aufſtehend, „und wenn Du es mir erlaubſt, lieber Vater, ſo komme ich morgen in Dein Arbeitszimmer, um mich mit Dir über meinen Lebensplan zu beſprechen.“ „Gut, ich bin bereit morgen Dich anzuhören“, antwortete der Freiherr wieder milder und entließ mit freundlichem Kopfnicken den Sohn. „Ich muß die Annäherung Beider zu hintertreiben ſuchen; die Fügſamkeit des Sohnes ſtimmt ihn zu milde“, dachte die Freiherrin bei ſich. Und ſie hielt Wort. Des andern Tages war plötzlich der Freiherr für einige Tage in eine nahege⸗ legene ſüddeutſche Reſidenz gereiſt, um dort einen Arzt wegen ſeiner zerrütteten Nerven zu conſultiren. Der junge Mann fügte ſich in das Unabänderliche und faßte ſich in Geduld, mit der er Vieles zu überwinden hoffte. Um der trüben Gemüthsſtimmung zu entgehen, welche ihn bei all' dieſen Vorgängen unwillkürlich er⸗ faßte, beſchloß er, ſein Iſabella gegebenes Verſprechen zu halten. und nach Breitenfeld hinüber zu gehen. Mußte er ja doch auch, im Falle ſein Vater ſeiner Bitte will⸗ fahren würde und das Grabdenkmal für ihn zurück⸗ kaufte, der Zuſtimmung des jetzigen Beſitzers gewiß ſein und ſo wollte er denn nicht ſäumen, mit Weimar über dieſen Punkt zu ſprechen. —————————————— Fünftes Kapitel. Trennung für das Leben. Der Hochſommer lag in herrlichſter Pracht auf Berg und Thal, auf Flur und Wald, als Breiten den Weg nach Breitenfeld einſchlug. Es war ein Morgen voll ſonniger Schönheit. Kein Grashalm krümmte ſich unter dem Hauche eines vorbeiſtreifenden Lüftchens; der tiefblaue Himmel war von keiner Wolke beſchattet, das Summen der Bienen, das Zwitſchern der Vögel erfüllte die Luft, tiefer Gottesfriede lag über der ganzen Natur.. Max von Breiten's Weg führte an dem nahege⸗ legenen Kirchhof von Breitenfeld vorbei. Er ſäumte nicht, dort einzutreten. Der Todtengräber, neu auf ſeinem traurigen Poſten, wies den einſtigen Erben von Breitenfeld ohne ihn zu kennen auf ſeine Anfrage hin 126 nach dem Winkel rechts;„dort ruhe die Proteſtantin“, meinte er. „S'iſt eine Ausnahme mit ihr gemacht worden“, ſetzte er roh hinzu,„die Freiherrin auf Adlerberg gilt bei der Geiſtlichkeit viel, na, und da ging's halt, daß man die Proteſtantin am katholiſchen Friedhofe be⸗ erdigte.“ Schon öffnete Breiten ſeine Lippen zu einer ſchar⸗ fen Entgegnung, doch er beſann ſich. Was ſollte er dem rohen ungebildeten Menſchen gegenüber ſich in Weitläufigkeiten einlaſſen. So ſchritt er denn dahin, in die dunkelſte, feuch⸗ teſte Ecke des Friedhofes, in welche man die Gebeine ſeiner Mutter gelegt hatte. Ein einfacher kleiner Hügel mit einem einfachen Kreuze bedeckte ihre ſterblichen Ueber⸗ reſte. Ein friſch gewundener Kranz von Vergißmein⸗ nicht und Roſen ſchlang ſich jedoch um das hölzerne Kreuz. Friedhof! Du ſtille, heilige Stätte, auf welcher jede Mühe, jede Sorge verſtummt! Vornehme wie Nie⸗ dere, Reiche und Arme trifft hier gleiches Loos. Die Erde nimmt ſie Alle gleich auf, ohne Unterſchied. Nur der gebrechliche Menſch ſtreitet und ringt auch hier noch um ſeine verſinkende Macht und ſucht in prunkenden Denkmälern das einfache Kreuz der Armuth zu über⸗ ſtrahlen! —— ————— 127 Mit leiſem Schritte näherte ſich der junge Mann dem Grabe ſeiner Mutter, und ſchluchzend kniete er nieder an dem ſchmalen Hügel. „So muß ich Dich wiederfinden, arme Mutter“, rief er leiſe,„verlaſſen von Allen, die Dich einſt geliebt! Aber Dein Sohn iſt wiedergekommen, um Dein An⸗ denken zu ehren!“ Lange blieb der Freiherr am Grabe ſeiner Mutter. Endlich erhob er ſich von ſeinen Knien. Sein von Thränen feuchter Blick fiel auf den friſchen Blumen⸗ kranz. „Wer mag denſelben hierher gebracht haben“, dachte er,„vielleicht Anton oder die alte Grünlein, oder ſollte mein Vater?“ Er befragte den unweit an einem neuen Grabe arbeitenden Todtengräber. „J, bewahre“, antwortete Jener,„der Herr Baron und die Frau Baronin auf Adlerberg bekümmern ſich gar nicht um das Grab. Das junge Fräulein von Breitenfeld iſt's, die dieſen Kranz erſt heute Morgen hierher gebracht hat. Ich weiß ſelbſt nicht, warum das kleine Fräulein ſo viel Antheil an der Proteſtantin nimmt, um die ſich doch ſonſt keine Seele kümmert, nicht einmal der eigene Mann. Ja, ja, erſt heute brachte das Fräulein den Kranz und ſo geht's beinahe jeden Tag.“ 128 Es gab alſo doch noch ein Weſen, welches gleich ihm Theilnahme für die Verſtorbene empfand! O, wie dankte Breiten im Stillen der freundlichen Kranz⸗ ſpenderin. Wehmüthig geſtimmt verließ er den Kirchhof, nach⸗ dem er noch dem Todtengräber ein reiches Trinkgeld mit dem Bedeuten gegeben, auf das Grab zu achten, was Jener auch bereitwillig zuſagte. Er lenkte ſeine Schritte dem Schloſſe zu. Wie ſie ſo friedlich dalag, die Stätte ſeiner Hei⸗ math, ſeines einſtigen Glückes! Schien nicht die näm⸗ liche Sonne wie damals, blühten nicht dieſelben Blu⸗ men wie vor vielen, langen Jahren, zwitſcherten nicht die nämlichen Vögel in den nahegelegenen Geſträuchen, die ihn ſo oft mit ihren fröhlichen Liedern erfreut hatten? Ja, es war Alles wie einſtmals; die Natur war ſich gleich geblieben, nur der Menſch in ihr hatte ſich geändert! Da lag ſie vor ihm, die breite freundliche Schloßhalle, in welcher er als Knabe ſich ſo oft her⸗ umgetummelt, er den heimkehrenden Vater erwartet hatte, um ihm jubelnd entgegenzulaufen! Ueberall drängten ſich ihm ſüße Erinnerungen auf; das Glück einer fröhlichen Kinderzeit trat wie ein ſonniger Traum vor die Seele des Mannes. Wie ſchlug ihm das Herz ſo ungeſtüm in der Bruſt, bei all' dieſen Rückerinnerungen! 129 „Was wünſchen Sie?“ hörte er ſich plötzlich an⸗ rufen. 8 Breiten beſann ſich einen Augenblick. Galt dieſe fremde Anrede denn wirklich ihm, dem Erben dieſer Räumlichkeiten? O Jammer! Er ſtand ja als ein Frem⸗ der vor der Stätte ſeiner einſtigen Heimath. „Ich wünſche Herrn Weimar zu ſprechen“, ant⸗ wortete er dem fragenden Bedienten, der am Fuße der teppichbelegten Treppe, die in die oberen Gemächer führte, ihm entgegengetreten war. Mit einem geringſchätzenden Seitenblick auf den ſchlichten Fußgänger mit den beſtaubten Stiefeln ant⸗ wortete der Diener:„Der Herr Handelsrath ſind nicht zu Hauſe.“ „Dann kann ich vielleicht die Fräuleins ſprechen?“ „Nein, das geht auch nicht, denn die Fräuleins ſind auch ſpazieren gegangen“, antwortete noch unver⸗ ſchämter der Diener. „So werde ich auf Herrn Weimar warten.“ „Der Herr Handelsrath beſichtigen ſoeben ein neues Grundſtück, das man kaufen will, denn man iſt ſehr reich, und da kann der Herr lange warten“, ſagte der Bediente in geringſchätzendem Tone.„Ueber⸗ haupt“, fuhr er fort,„kann man auch nicht wiſſen, ob man empfangen werde, denn man iſt auf Breitenfeld Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. 9 130 nicht gewöhnt, Burerſonde zu empfangen; man wiſſe daher nicht—, Im erſten Augenblicke fühlte ſich Breiten durch die freche Anrede des Dieners betroffen, doch ſchon der nächſte ließ ihn deſſen übermüthiges Benehmen in einem komiſchen Lichte erſcheinen. Der wahrhaft Gebildete fühlt ſich durch taktloſes Ueberheben Niedrigſtehender niemals beleidigt; iſt man auch im erſten Moment davon betroffen, ſo fühlt man ſich ſpäter doch davon umſomehr erheitert. Auch bei Breiten war dies der Fall. „Man weiß überhaupt gar Manches nicht, wie mir ſcheint“, ſagte er lächelnd und in die hochtrabende Redeweiſe des Dieners eingehend,„man erkundige ſich daher früher, wen man eigentlich abweiſt. Man wird dann Manches erfahren. Einſtweilen aber beſehe man ſich hier meine Karte und prüfe ſie genau.“ Mit unübertrefflichem Achſelzucken nahm der Be⸗ diente die dargereichte Karte entgegen und warf einen Blick auf dieſelbe. Da zuckte es plötzlich über das bartloſe Geſicht des Dieners hell auf. Die Winkel ſeines breiten Mundes verzogen ſich plötzlich zu einem grinſenden Lächeln und ſein Rücken krümmte ſich vor der Krone, welche auf der niedlichen kleinen Karte prangte und die ja nicht einmal der ritterliche Kom⸗ miſſionsrath beſaß, der immer mit einem Viererzug wöchentlich auf Breitenfeld vorfuhr. „Gnädiger Herr“, ſtammelte er beſtürzt,„man geht zu Fuß, man hat eine ſolche Krone— kann man da wiſſen—“. „Man alterire ſich nicht, ſondern man führe mich hinauf, um Herrn Weimar zu erwarten“, unterbrach Breiten lächelnd den Diener. Froh, ſo leichten Kaufes davonzukommen für ſein Verſehen, vollzog der Diener dieſen Wunſch und ge⸗ leitete den jungen Freiherrn die Treppe hinauf, die langen Gänge entlang, welchen ſich zu beiden Seiten die Zimmer anſchloſſen. Die Thüren zu den Letzteren waren der Hitze halber zum Theil geöffnet und Breiten warf einen begierigen Zlick in dieſelben. Ja, das waren ſie wieder, die ſonnigen, ſchö⸗ nen Räumlichkeiten, auf die er ſich durch Jahre hin⸗ durch gefreut, die er ſich während ſeiner Abweſenheit ausgemalt hatte mit den Farben des Glückes, der frohen Wiederkehr. Vorbei!— vorbei!— ihr luftigen Träume voll heiterer Zuverſicht! Da, rechts lag ſein einſtiges Wohn⸗ zimmer. Ach! Nimmer konnte es das ſeinige werden. Freiwillig hatte ja der Vater die ſehdne Heimath auf⸗ gegeben. 9r Das Zimmer ſah ſo behaglich aus wie früher. Auf einen Stuhl hingeworfen lag in reizender Un⸗ ordnung ein duftiges weißes Kleid mit meergrünen Schleifen beſetzt. „Da wohnt Fräulein Alſing, die zu Beſuch bei unſerm Fräulein iſt“, erklärte der Diener im Vorüber⸗ ſchreiten. Er ahnte nicht, daß Breiten das weiße Kleid ſogleich wiedererkannt hatte. Sie traten hindurch durch den Speiſeſaal, auch jetzt, wie einſt als ſolcher benutzt, in das kleine Em⸗ pfangszimmer der verſtorbenen Freiherrin, wo Breiten ſo oft zu den Füßen ſeiner Mutter geſeſſen und ge⸗ ſpielt hatte. Und hier— war das nicht das einſtige Schlafzimmer derſelben? Die gleiche Behaglichkeit von einſtmals herrſchte darin, nur ward es jetzt als Muſik⸗ zimmer benutzt, dies bewies das große Klavier, an welches ſich eine Harfe und eine Cither anſchloſſen. Neben dieſem Gemache befand ſich ſein einſtiges Lehr⸗ zimmer, in welchem er die Anfangsgründe einer Kunſt geübt, in welcher er es mit den Jahren durch ſeine Vorliebe faſt zur Meiſterſchaft gebracht hatte. Max von Breiten war Maler. Auch jetzt ſtand in dieſem Zimmer eine Staffelei, von welcher herab eine begon⸗ nene Blumenſtudie dem jungen Manne entgegenblickte. „Fräulein Martha's Zeichnenzimmer, in welchem 133 auch Fräulein Iſabella Unterricht erhält“, erklärte der Diener.„Aber mir ſcheint, ſie lernt nicht viel,'s iſt ein kleines wildes Ding, das junge Fräulein Iſabella. Man muß ſie nur einmal reiten ſehen, ſo etwas lebt nicht, ſo klein und ſchon ſo verwegen, wie ein junges Fohlen.“ Breiten blieb vor der Blumenſtudie ſtehen, die mit meiſterhafter Vollendung entworfen war. Doch nicht die Zeichnung ſelbſt ſchien ihn zu feſſeln, vielmehr der Blumenkranz von Vergißmeinnicht und Roſen, das treue Conterfei des Kranzes, den er auf dem Grabe ſeiner Mutter geſehen. Nach einigen Sekunden wehmüthigen Nachſinnens ſchritt er weiter. Was für Erinnerungen! tauchten, bleichen Schattenbildern gleich, in des jungen Mannes Gemüth auf, als er die Reihe der Gemächer durch⸗ ſchritt, bis er in ein kleines Erkerzimmer trat. Ach, dieſes Zimmer! Es war das Sterbegemach ſeiner Mut⸗ ter. Hierher war die Kranke der friſchen Waldesluft halber gebracht worden, die vom nahen Tannenwald durch die Fenſter ſtrömte, und hier war ſie geſtorben. Hier hatte er ſeinen Vater in Schmerz aufgelöſt um Diejenige weinen ſehen, die er doch bald vergeſſen gelernt. Auch ſein kleines Kinderherz hatte in dieſem Gemache im erſten Schmerz des Lebens gezuckt, um die 134 verlorene Mutter geweint! Dort in jener Ecke war auch damals, wie jetzt, ein Bett geſtanden, in welchem die Verblichene geruht, und hier hatte ſein Vater den mut⸗ terloſen Knaben an ſich gezogen, verſprochen, ihm von nun an auch die Mutter zu erſetzen. O, dieſe Erinnerungen! Wer ſie bannen könnte im menſchlichen Leben! Hinweg über ſie— vorwärts, mit neuer Kraft, dem Dunkel der Zukunft entgegen! Sie waren im großen Empfangsſaal angelangt und hier bat der Diener, auf Weimar zu warten. „Wo iſt der alte Anton?“ fragte Breiten. „Er iſt mit dem Herrn Handelsrath gegangen, bei dem er ſehr in Gnaden ſteht“, erwiderte der Diener und entfernte ſich. In ſeiner ganzen Herrlichkeit lag es vor Breiten's licke, das glänzende Gemach mit ſeinen werthvollen Gobelinstapeten, ſeinem prachtvoll gemalten, in Gold eingelegten Plafond. Es war nicht mehr der Empfangs⸗ ſaal ſeines Vaters, wo in früherer Zeit ſo viele fröh⸗ liche Gäſte ſich eingefunden hatten! Muthwillig war das ſchöne Erbe den Ränken einer geldſüchtigen Frau zum Opfer gefallen. Ungefähr eine Viertelſtunde mochte Breiten auf die Rückkunft Weimar's gewartet haben, als er plötz⸗ lich von dem nahegelegenen Gange her, von dem eine —.— 135 Treppe hinunter in die Gärten führte, die ſcheltende Stimme einer Dame vernahm, welche in einer Miſchung von deutſch und franzöſiſch ihrem Unmuthe Luft machte. „Vous êtes incorrigible, Mademoiselle— glauben Sie, es ſei eine bagatelle de déchirer sa robe in die- ſer Art?“ „Aber, was kann ich denn dafür, daß die Roſen Dornen haben, an welchen mein Kleid hängen blieb?“ antwortete eine Breiten ſeit Kurzem ſo wohlbekannte melodiſche Stimme.„Habe ich Sie denn nicht ſchon zehnmal deshalb um Verzeihung gebeten, Madame?“ fuhr die niedliche Sünderin fort,„alſo müßten Sie mir von Rechtswegen ſchon zehnmal verziehen haben.“ „C'est la troisieème robe dans cette semaine, Mademoiselle!“ „Und wenn ich ſelbſt ſchon drei Kleider dieſe Woche zerriſſen habe, ſo ſind es am Ende doch meine Kleider und nicht die Ihrigen“, antwortete das junge Mädchen in leichtem Trotz. „C'est affreux, vraiment! Aber warten Sie nur, ich werde Monſieur Theobald Alles ſagen.“ „Meinetwegen ſagen Sie es dem Kaiſer von Japan, wenn Sie Luſt haben ſo weit zu gehen!“ „Mademoiſelle!“ tönte es ernſt entgegen. „Nun ja, es iſt ja wahr. Sie können nicht auf⸗ 136 hören zu zanken und wiſſen doch, daß ich mich durch das ewige Brummen nicht beſſere.“ „Sie beſſert gar nichts! Vous étes incorrigible!“ „Und Sie ſind langweilig— was iſt ſchlimmer?“ fragte die kleine Sophiſtin entgegen. Unwillkürlich öffnete Breiten die Thüre des Em⸗ pfangszimmers, welche nach dem Gange hinausführte. Da ſtand ſie, die kleine Sünderin, etwa zehn Schritte entfernt, den Rücken ihm zugekehrt, und be⸗ trachtete ein großes Loch, das in ihr himmelblaues Sommerkleid hineingeriſſen war. Sie befand ſich allein. Die zürnende Gouvernante hatte ſie bereits ver⸗ laſſen. „Man ſollte meinen, ich hätte ein großes Verbre⸗ chen begangen“, murmelten halblaut die roſigen Lippen. „Wie man nur ein ſolches Weſen aus einem zerriſſenen Kleide machen kann; was kann ich dafür, daß der Stoff ſo leicht zerreißt!“ „Und daß die Fabrikanten keine unzerreißbaren Stoffe liefern?“ fügte Breiten lachend hinzu, der Klei⸗ nen näher tretend... Sie drehte ſich überraſcht um, mit einem freudigen Ausruf des Erſtaunens. Vergeſſen war das zerriſſene Kleid, wie Madame Blanchard, und mit kindlicher Vertraulichkeit bot ſie ihrem neugewonnenen Freunde die kleinen Hände zum Gruße dar. „Ach, wie ſchön, daß Sie Wort halten, wie mich das freut, aber nun kommen Sie geſchwind mit mir, daß ich Sie zu Martha führe“, rief ſie fröhlich. Sie hing ſich mit kindlicher Unbefangenheit an ſeinen Arm und behandelte den jungen Mann wie einen langjährigen Freund. Es that Max von Breiten wohl, wieder einmal nach langer Zeit herzlich behandelt zu werden und ſein offenes Gemüth thaute förmlich auf bei dieſem Beweiſe von Sympathie. Sie traten in einen kleinen Salon ein. Am ge⸗ öffneten Fenſter deſſelben ruhte auf einer Cauſeuſe die junge Dame des Hauſes, Martha Weimar. Das junge Mädchen ſchien von dem Spaziergang etwas ermüdet zu ſein und ihr Kopf lag auf einem geſtickten Kiſſen. Die weiche, warme Gottesluft ſtrich durch das ge⸗ öffnete Fenſter herein über das leidende, ſanfte Geſicht der Verkrüppelten, und die ſchräg hereinfallenden Son⸗ nenſtrahlen ſpielten in den goldblonden, reichen Haar⸗ flechten, in denen die ganze Kraft dieſes zarten Weſens ſich concentrirt zu haben ſchien, ſo reich war dieſes Haar. Ein weiter Schlafrock umhüllte die Geſtalt und ließ die verkrüppelten Formen weniger ſichtbar werden. 3 3 138 Bei Breiten's und Iſabella's Eintritt erhob ſie ſich und begrüßte den Erſteren mit ſichtlicher Herzlichkeit. „Es freut mich, den Beſchützer meiner Freundin kennen zu lernen und ich danke Ihnen herzlich, daß Sie ſich ihrer während des Gewitters angenommen“, ſagte Martha mit Offenheit, welche Breiten aufrichtig er⸗ widerte. „Ein eigener Zufall ließ auch mich Schutz in der Ruine ſuchen und ich bin nur herzlich froh, daß Sie einer Erkältung entgangen ſind“, wandte er ſich ſchließ⸗ lich an Iſabella. „Ich ſagte Ihnen ja, daß es mir nichts ſchaden würde“, antwortete lachend die Kleine. Wie ſie ſo daſtand neben der leidenden Freundin, ſchien auch ihre Bemerkung gerechtfertigt. Neben Mar⸗ tha war ſie das Bild der Geſundheit; das lebhafte Blut drang in hellen Farben durch die weiße Haut und die dunklen Augen blitzten im Feuer der Jugendluſt. Dieſe Augen— ſie waren ein Räthſel für Max von Breiten geworden! Erſt am heutigen Morgen, vor ſeinem Fortgehen, war er auf einen Augenblick in die Ahnengallerie auf Adlerberg eingetreten und hatte dort vor dem lebensgroßen Bilde der Freiherrin Joſefa ge⸗ ſtanden und abermals fiel ihm jetzt die wunderbare Aehnlichkeit auf, die in dem Schnitte, der Farbe, ſelbſt 139 dem Blicke von Iſabella's Augen mit denen der ver⸗ ſtorbenen Freiherrin beſtand. „Ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet“, wandte ſich Breiten an Iſabella,„ich war auf dem Breitenfelder Friedhofe und fand dort das Grab mei⸗ ner Mutter mit Blumen geſchmückt, welche Ihre Hand dorthin gelegt, wie mir der Todtengräber ſagte.“ „O, danken Sie nicht mir“, antwortete Iſabella beinahe beſchämt.„Ich handelte nur im Auftrage Martha's. Meine Freundin iſt es, welche täglich das Grab Ihrer Mutter mit Blumen ziert.“ Ueberraſcht ſah der junge Mann auf Martha, deren liebliches Geſicht ſich mit einer ſanften Röthe überzog. „Meinen herzlichen innigen Dank für die Theil⸗ nahme an einer mir theueren Todten“, ſagte er gerührt. „Es freut mich, wenn dieſe kleine Aufmerkſamkeit Ihnen nicht unangenehm iſt“, meinte die Verkrüppelte einfach.„Auch ich weiß, was der Verluſt einer Mutter bedeutet, ich habe dieſen Schmerz vor einem Jahre em⸗ pfunden.“ „Dann werden Sie auch begreifen, Fräulein“, ſagte Breiten ernſt,„wie tief ergriffen ich mich fühlte, als ich die Grabſtätte meiner Mutter nicht mehr dort fand, wo ich ſie ſuchte.“ 140 „Gewiß, Herr Baron, und es thut uns herzlich leid, die unſchuldige Veranlaſſung dazu geweſen zu ſein.“ „Sie mißverſtehen mich, mein Fräulein. Nicht Ihnen oder Ihrem Herrn Bruder galt meine Bemerk⸗ ung; meine Stiefmutter allein fügte mir dieſen Schmerz zu.“ „Wir ſind bereit, Herr Baron, unſer Möglichſtes beizutragen, denſelben zu lindern“, ſagte Martha in ihrer einfach herzlichen Art. „Ich danke Ihnen für dieſe theilnehmenden Worte, Fräulein, ſie thun mir wohl, nach all' den bittern Er⸗ fahrungen der letztverfloſſenen Tage.“ „Mein Bruder iſt bereit, Herr Baron, Ihnen das Grabdenkmal wieder zu überlaſſen.“ „Sie kommen meinen innigſten Wünſchen zuvor, denn ich war eben im Begriffe, Ihren Herrn Bruder um ſeine Vermittlung in dieſer Sache anzugehen. Ich möchte das Grabdenkmal auf den Breitenfelder Fried⸗ hof überſetzen laſſen.“ Der Eintritt Weimar's unterbrach das Geſpräch. Der Handelsrath war eine kleine, etwas gedrungene Geſtalt in mittleren Jahren. Es lag viel Gutmüthig⸗ keit in ſeinem vollen, freundlichen Geſicht. Herzlich begrüßte er ſeinen Gaſt, und Breiten fühlte 141 ſich von der Art des Kaufmanns angenehm be⸗ rührt. Bald kehrte das Geſpräch wieder auf den unter⸗ brochenen Gegenſtand zurück und Weimar bedauerte, gleich ſeiner Schweſter, den Verkauf des Mauſoleums. „Die Freiherrin“, ſagte er,„leitete die ganze Ver⸗ handlung wegen des Verkaufes der Beſitzung, und be⸗ griff das Mauſoleum ausdrücklich mit in den Verkauf ein. Ich geſtehe aufrichtig, ich ließ mich von dem werth⸗ vollen Kunſtgegenſtande blenden, und ſetzte nicht voraus, daß ein Mitglied Ihrer Familie, Herr Baron, mit dem Verkauf nicht einverſtanden ſei, indem die Freiherrin im Namen ihres Gatten handelte, mir aber unbekannt war, daß der Sohn aus erſter Ehe überhaupt nichts von dem beabſichtigten Verkaufe der Beſitzung wußte. Von mir, als einem Fremden, war es aber natürlich, daß ich die Ephumirung der Leiche verlangte. Ich be⸗ dauere dieſen Vorfall jetzt herzlich, da ich ſehe, wie pein⸗ lich derſelbe auf Sie, Herr Baron, wirken muß; doch bin ich ſehr gern bereit, in irgend einer Weiſe es wie⸗ der gut zu machen. Sollten Sie, Herr Baron, daher vielleicht das Grabdenkmal wieder zurück nehmen wollen, ſo unterliegt dies keiner Schwierigkeit, denn noch ge⸗ hört es mir; der Steinmetzmeiſter, mit dem ich unter⸗ handeln wollte, iſt zufällig verreiſt und ſein Geſchäfts⸗ leiter will ſeine Rückkehr abwarten, bevor er ſich zu etwas entſchließt.“ „Ich bin Ihnen zu großem Danke verbunden, Herr Weimar, für die Gefälligkeit, die Sie mir, einem Ihnen ganz Fremden, erweiſen wollen und danke dem glück⸗ lichen Zufalle, der es gefügt, daß das Denkmal noch in Ihrem Beſitze iſt. Wollten Sie mir daher noch die Bedingungen ſagen, bezüglich des Rückkaufes, ſo will ich ſogleich mit meinem Vater darüber bei ſeiner Rück⸗ kunft reden.“ „Die ſind bald geſagt, Herr Baron; ich nehme keine Bezahlung für einen irrthümlich abgeſchloſſenen Ankauf“, meinte gutmüthig der Kaufmann. Betroffen ſah Breiten ihn an. „Ihre edle Denkart, mein Herr“, ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„iſt anerkennenswerth, aber ich glaube, Sie werden bei mir nicht ſo wenig Pietät vor⸗ ausſetzen, daß ich im Stande wäre, von Ihrem Edel⸗ muthe Gebrauch zu machen. Sie haben das Mauſo⸗ leum gekauft, ich will daſſelbe zurückkaufen und ich bitte Sie daher, mir den Preis zu beſtimmen.“ Max von Breiten ſagte dieſe Worte mit einem unverkennbaren Anflug von Selbſtgefühl, der nicht verfehlte, auf Weimar eine Wirkung zu üben. „Verzeihen Sie, Herr Baron, ich wollte Sie nicht 143 verletzen“, ſagte der Kaufmann herzlich und bot dem jungen Manne ſeine Hand, welche derſelbe bereitwillig entgegennahm. Bald war man über die Bedingungen einig, und Breiten verlebte eine anheiternde Stunde in dem Kreiſe der liebenswürdigen Familie. Er ſchied von derſelben mit dem Bewußtſein, ehrlich und recht gehandelt zu haben. Seit jenem Morgen verkehrte er öfter auf Brei⸗ tenfeld und ward ſtets herzlich empfangen. Der junge Freiherr fühlte ſich, trotz des Wehes über den Verluſt ſeiner Heimath, wohl in derſelben. Stundenlang konnte er in dem einſtigen kleinen Salon ſeiner Mutter ſitzen und dem niedlichen Geplauder Iſabella's zuhören, oder den ernſten, ſinnigen Reden Martha's lauſchen, an deren Staffelei ihren kunſtgeübten Fingern folgen, da lobend oder tadelnd eingreifen. Iſabella's lebhafter Sinn er⸗ heiterte ihn, während Martha's klarer Verſtand wohl⸗ thuend auf ſeinen Geiſt wirkte. Auch mit dem Kauf⸗ mann unterhielt er ſich oftmals, fühlte ſich von deſſen biederen, offenen Grundſätzen angezogen, und ſo ent⸗ ſtand ein freundlicher Verkehr, welcher, weil auf wahre Herzlichkeit begründet, allſeitig angenehm nachwirkte. Eine Woche war bereits ſeit der Abreiſe des alten Freiherrn verſtrichen, da endlich, an dem zehnten Tage 144 hielt der Wagen vor dem Schloßportale, welcher die beiden Gatten und Johanna zurückbrachte, und Max von Breiten hoffen ließ, endlich mit ſeinem Vater ſpre⸗ chen zu können. Er ſollte ſich jedoch täuſchen; acht Tage vergingen abermals, ohne daß es Max gelang, mehr als die einfach höflichen Redeformen mit dem Vater zu wechſeln. Seine Stiefmutter löſte ihr Wort. Sie verhinderte jedes nähere Entgegenkommen. Eines Tages jedoch erhielt ſie Beſuch aus der Nachbarſchaft, der ſie ungewöhnlich lange aufhielt. Max benutzte dieſe Gelegenheit, unangemeldet in die Zimmer ſeines Vaters einzutreten, welche ſonſt ſo ſtrenge von Adelhaid bewacht waren. Der junge Freiherr riskirte viel bei dieſem Schritte, der gegen die ſonſtigen, peinlich eingehaltenen Gewohn⸗ heiten des Vaters grell abſtach. Er fand den alten Herrn wider ſein Erwarten milde und freundlich geſtimmt. Die Eisrinde, welche ſich unter Adelhaid's Einfluß ſeit Jahren gegen den Sohn um ſein Herz gelegt, ſchien geſchmolzen, und war dies auch der Grund, weshalb die Stiefmutter bis jetzt jedem näheren Entgegenkommen vorzubeugen getrachtet. Seit langer Zeit ſtanden ſich die Beiden wieder als Vater und Sohn gegenüber und der alte Herr erklärte A 145 ſich gern bereit, dem Sohne eine gewiſſe Summe zum Rückkauf des Monumentes zu bewilligen. „Ich hoffe“, ſagte er,„daß Brandt, der Verwalter, die Summe flüſſig machen kann. Ich habe mich ſeit Langem nicht mehr um Geſchäfte bekümmert. Adelhaid leitet Alles.“ „Vielleicht biſt Du ſo gut, lieber Vater, ihm Dei⸗ nen Willen auseinander zu ſetzen.“ „Gewiß will ich das thun, und kannſt Du ſo⸗ gleich zum Verwalter gehen und ihm unſer Geſpräch mittheilen.“. Dankbar und voll froher Hoffnung verließ Max das Zimmer ſeines Vaters, um ſich zu Brandt zu be⸗ geben, dem er den Wunſch ſeines Vaters, ihm die be⸗ ſtimmte Summe von fünftauſend Gulden auszuzahlen, mittheilte. „Ich bedauere ſehr, Herr Baron“, antwortete der Verwalter mit kühler Höflichkeit,„Ihrem Wunſche nicht ſofort nachkommen zu können, aber wie Ihr Herr Vater Ihnen wohl ſelbſt geſagt haben wird, leitet die Frau Baronin alle Geſchäfte. Ohne deren ſpecielle Erlaubniß kann ich daher nichts thun.“ „Sie unterſtehen ſich, meines Vaters Befehle zu mißachten?“ rief der junge Edelmann bleich vor Auf⸗ regung bei dieſer Antwort. Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. 10 146 „Das thue ich nicht, Herr Baron, Sie mißver⸗ ſtehen mich. Die Auszahlung dieſer geringen Summe kann ja keinem Zweifel unterliegen, nur muß ich, der Geſchäftsmann, mich nach den ſtrikten Befehlen des Herrn Vaters richten, der mir den Auftrag gegeben, in allen vorkommenden Geſchäftsangelegenheiten mich an die Frau Baronin zu wenden.“ Max fühlte, daß hier nichts weiter zu erreichen ſei, und hoffte auf das Wort ſeines Vaters, das ja genügen werde, um jedes ernſtliche Hinderniß hinten zu halten. Um ſeinen Vater in ſeiner jetzigen, weichen Stimmung ihm gegenüber zu erhalten, vermied er es auch, ihm Brandt's Weigerung mitzutheilen; mit ſeiner Stiefmutter noch an dieſem Tage über die Angelegen⸗ heit zu ſprechen, fehlte ihm aber die Gelegenheit. Es ſchien ſogar, als weiche die Freiherrin einer ſolchen gefliſſentlich aus. So verging der Reſt des Tages unter einem beengenden Eindrucke, deſſen Max ſich nicht erwehren konnte. Es war ihm, als ob trotz des freundlichen Entgegenkommens ſeines Vaters ſich eine feindliche Nebelſchicht rings um ihn verbreitete, welche den hellen Glanz der frohen Erwartung zu verdunkeln drohte. Mechaniſch irrte er durch die großen Gemächer von Adlerberg, ſeine innere Unruhe verbergend. Da 147 ſah er ſich plötzlich, ohne es zu wollen, in der Ahnen⸗ gallerie des Schloſſes. Sowie ſchon ſo oft, blieb er auch jetzt vor dem Bilde der Freiherrin Joſefa, dem vorletzten in der langen Reihe, ſtehen. Mit ſinnendem Blick betrachtete er die weichen milden Züge, die ſo wenig Aehnlichkeit mit dem harten, ſchroffen Geſichts⸗ ausdruck ſeiner Stiefmutter hatten. Er hatte oft und viel von ſeiner Stieftante vernommen und ſie von den Leuten loben gehört. Er ſelbſt erinnerte ſich ihrer aus ſei⸗ ner Knabenzeit nur dunkel, weil er ſie nur flüchtig bei ihren kurzen Beſuchen auf Adlerberg geſehen. Er hatte von den Leuten ſagen gehört, daß der alte Freiherr gewünſcht habe, daß ſie in ein Kloſter ginge, daß aber ihr froher Sinn ſich dagegen geſträubt und daß ſie ſo zum Steine des Anſtoßes geworden zwiſchen dem rei⸗ chen Erbe und der vom Vater begünſtigten Schweſter. Bei ihrem raſchen Tode, der wenige Tage vor dem⸗ jenigen ihres Vaters erfolgte, war Max bereits im Cadettenhaus. Er vernahm von den abſonderlichen Gerüchten, die ſich an dieſen Todesfall knüpften und hielt dieſelben, gleich ſo Vielen, für Ammenmärchen der winterlichen Spinnſtuben. Aber ein eigenes In⸗ tereſſe feſſelte ihn doch ſeit jener Zeit an die Verſtor⸗ bene. Die räthſelhaften dunklen Augen wirkten auch heute auf Max von Breiten eigenthümlich ein. Immer 148 und immer wieder meinte er Iſabella's Augen in den⸗ ſelben zu begegnen. Er lachte über ſeine rege Ein⸗ bildungskraft und wiederholte ſich hundertmal, daß ja ſonſt kein Zug von Iſabella Alſing's lieblichem Ge⸗ ſichte dem Bilde da oben gleiche. Aber immer und immer wieder verfolgten ihn die dunklen, räthſelhaften Augenſterne und er mußte ſich ſagen, daß nicht er allein, ſondern auch Anton, der ja die Verſtorbene beſſer gekannt als er, die nämliche Aehnlichkeit entdeckt habe. Wie ein Alp laſtete dieſe Wahrnehmung auf ihm und er ſchrieb dieſelbe dem aufgeregten Gemüthszu⸗ ſtande zu, in welchem er ſelbſt ſich befand. Er ging in's Freie, und wie ſchon ſo oft, lenkte er trotz des regneriſchen Wetters ſeine Schritte Breitenfeld zu und verbrachte dort den Abend im häuslich, ennüthichem Verkehre. Des andern Tages ward er in ſeines Vaters Ar⸗ beitszimmer gerufen. Er folgte dieſem Rufe mit eigen⸗ thümlicher Beklommenheit, die ihn nicht täuſchte. Die weiche Stimmung des Vaters war abermals der ge⸗ wohnten Schroffheit gewichen; es war erſichtlich, daß feindlicher Einfluß gegen ihn thätig geweſen war. „Wo warſt Du den geſtrigen Abend?“ wendete ſich der Freiherr herriſch an ihn. 4 149 „Auf Breitenfeld, bei Weimar's“, antwortete er offen,„ich lernte die Familie zufällig kennen.“ „Dieſer Umgang iſt mir nicht angenehm, Du haſt ihn aufzugeben“, ſagte der alte Herr froſtig. „Wenn Du einen gewichtigen Grund haſt, ſo werde ich Deinen Wunſch gewiß zu ehren wiſſen, Vater.“ „Mein Befehl muß Dir genügen“, polterte der alte Herr. Bei dieſen, einem Schulknaben gegenüber ange⸗ meſſenen Worten regte ſich das ſtürmiſch aufwogende Blut des jungen Mannes, aber er bezwang ſich. Wollte er ja Alles vermeiden, was den Vater reizen konnte. „Das nebenbei“, fuhr Jener fort,„jetzt zur Haupt⸗ ſache. Deiner Bitte, Dir die Summe von fünftauſend Gulden auszuzahlen, kann ich nicht nachkommen. Es iſt gerade jetzt ſchwerer als ſonſt, Gelder flüſſig zu machen.“ „Darf ich fragen, lieber Vater, warum, da es Dir doch geſtern recht war?“ „Ich habe Dir keine Rechenſchaft abzulegen. Uebri⸗ gens will ich Dir nur ſagen, daß ich Dich durchſchaue. Ich weiß, daß das Monument nur ein Vorwand Dei⸗ nerſeits iſt, um Geld von mir zu verlangen. Ich werde mich aber hüten, Dir für Deine Extravaganzen die 150 Mittel zu bieten und Dich zu neuen Sihniden zu ver⸗ leiten.“ „Es thut mir leid, lieber Vater, daß Du mich ſo ſehr verkennſt, aber ich hoffe, Dih vom Gegentheil zu überzeugen.“ Max ſagte dieſe Worte anſcheinend ruhig, obwohl ihm das Herz wild an die Rippen pochte vor Auf⸗ regung. „Das magſt Du thun oder laſſen, wie Du willſt, von mir bekommſt Du doch keinen Kreuzer. Uebrigens finde ich es angemeſſen, daß Du Dich endlich nach einer Beſchäftigung umſiehſt, Du biſt alt genug dazu. Daß Du hier lebſt und nichts thuſt, muß ich mir ver⸗ bitten!“ „Das iſt auch gar nicht meine Abſicht, Vater. Nachdem der Zweck meines Hierſeins ſcheiterte, werde ich ſchon morgen Dein Haus verlaſſen. Der junge Freiherr ſagte dies leiſe, vor Auf⸗ regung bebend und verließ das Zimmer. Sein Blut kochte; die ganze ſo lange ſtandhaft bewahrte Selbſtbeherrſchung war von ihm gewichen; das Herz war ihm ſo ſchwer, daß er ſich ſcheute, Men⸗ ſchen zu begegnen. Und gerade jetzt in ſolcher Stim⸗ mung ließ ihn ein unglückliches Verhängniß ſeiner Stiefmutter begegnen, die mit Johanna im Begriffe war, zu ſeinem Vater zu gehen. Mit faſt übermenſchlicher Anſtrengung ſuchte er ſich zur Ruhe zu zwingen, trotzdem ſein ganzes Innere vor Erbitterung und in gekränktem Stolze erbebte. „Mutter“, ſagte er feſt und vertrat ihr den Weg, „haſt Du den Vater veranlaßt, mir meine Bitte ab⸗ zuſchlagen?“. „Ich befaſſe mich nicht mit Deinen Angelegenhei⸗ ten“, erwiderte die Freiherrin in kaltem, abweiſenden Tone. „Doch, Mutter! Du haſt Dich leider zu ſehr ſeit meiner Kindheit mit meinen Angelegenheiten befaßt. Ich begehre daher wohl nicht zu viel, wenn ich Dich nun bitte, es heute auch einmal im Guten zu thun und den Vater zu überreden, mir ſein Wort zu halten, das er mir geſtern gegeben, ich würde es Dir nie ver⸗ geſſen. „Du haſt wahrſcheinlich wieder neue Schulden gemacht und da ſoll Mama wieder helfen“, miſchte ſich hier Johanna ein und ſah ihren Stiefbruder her⸗ ausfordernd an. 3 „Miſche Dich nicht in Angelegenheiten, die Du nicht verſtehſt“, ſagte der junge Mann gereizt. „So— das ſoll ich nicht verſtehen, wenn es ſich um Papa's Geld handelt?“ „Schweige, ſage ich Dir noch einmal“ „Du haſt eine eigene Art, Etwas zu erbitten“, fiel die Freiherrin höhnend ein.„Uebrigens muß ich Dich erſuchen, mich vorbei zu laſſen, ich habe Eile. „Nein, Mutter, Du wirſt bleiben und mich an⸗ hören“, ſagte Max immer gereizter und legte ſeine Hand auf der Stiefmutter Arm. „Nun alſo, ein für alle Mal, das Geld iſt jetzt nicht flüſſig zu machen!“ ſagte Adelhaid ruhig und kalt. „Mutter, es iſt mein Geld, um das es ſich han⸗ delt, ich bin majorenn, ich könnte es von Rechtswegen fordern, wo ich ja nur bitte; es iſt mein Geld, was Du mir vorenthälſt.“ „Und auch das Meine“, fiel Johanna ſchnippiſch ein. Des jungen Mannes Geduld war zu Ende. Er hob die Hand und ein ſchallender Schlag fiel auf die Wange ſeiner Stiefſchweſter— fügen wir hinzu, daß ſie dieſe Züchtigung wohl verdient hatte. Einer gereizten Löwin gleich, der man ihr Junges verwundet, mit unheimlichem Leuchten der ſtahlgrauen harten Augen, ſtand die Freiherrin ihrem Stiefſohne —,., 153 gegenüber, kein Wort kam über ihre bebenden Lippen, indeſſen Johanna in einen Thränenſtrom ausbrach. In dieſem Augenblicke öffnete ſich eine Thüre; der alte Baron ſtand auf der Schwelle und Johanna ſtürzte ſich ihm entgegen. „Was geht hier vor, was bedeutet der Lärm?“ fragte er mit ſcharfer Betonung. „Max hat Mama beſchimpft und mich geſchla⸗ gen“, jammerte Johanna. „Rege Dich nicht auf, Karl“, fiel die Freiherrin ein, als ſie die Zornesröthe ſah, die über ihres Gatten Geſicht flog,„ein Sohn, der mit Prozeſſen gegen ſeine Eltern droht, iſt ſelbſt Deines Zornes unwerth.“ „Mit Prozeſſen gegen ſeine Eltern droht“, wieder⸗ holte der alte Herr;„Du haſt gewagt, zu drohen, Dich ſo weit vergeſſen?“ „Höre mich an, Vater, bevor Du mich verur⸗ theilſt“, fiel Max ihm in die Rede.„Es thut mir leid, daß es ſo weit gekommen iſt“, fuhr er in kaltem, harten Tone fort,„aber die Mutter hat mich gereizt, indem ſie hindernd zwiſchen mich und Dich trat. Seit Jahren fühle ich ſchon, daß ihr Einfluß ſich zwiſchen mich und Dein Herz drängt, aber ich ſchwieg und er⸗ trug manche Kränkung. Heute kam es endlich zum Ausbruch und nun glaube ich auch, was die Leute 154 ſagen, daß meine Stiefmutter allein ſchuld daran iſt, daß Du das Erbe unſerer Väter verkauft— verkauft zu meinem Nachtheile.“ Eine fahle Bläſſe lagerte ſich bei dieſen Worten über des alten Herrn Geſicht, wie erſchrocken fuhr er zuſammen. Doch ſchnell faßte er ſich wieder und ſchnei⸗ dend ſcharf tönten die Worte ſeiner Gattin, welche ihm zurief:„Karl, er iſt von Sinnen!“ „Du wirſt ſofort Deine Mutter wegen dieſer Ver⸗ leumdung um Verzeihung bitten“, tönte es mit heiſerer Stimme von des Freiherrn Lippen,„Du wirſt wider⸗ rufen, was Du ſoeben geſagt haſt.“ „Vater“, rief Max bittend,„ich habe bis jetzt jeden Deiner Wünſche geehrt, dieſes Mal würde ich mich entehren, wollte ich gegen meine eigenſte Ueber⸗ zeugung handeln!“ „Widerrufe— ſage ich Dir nochmals!“ „Ich habe Nichts zu widerrufen, Vater.“ Der Freiherr ſtand vor ſeinem Sohne, am ganzen Leibe bebend. Sein Geſicht war dunkelroth, die Adern auf ſeiner Stirne ſchwollen an. „Widerrufe!“ ziſchte er nochmals zwiſchen den Zähnen hervor. „Nein, Vater, ich kann es nicht, ich würde gegen meine innerſte Ueberzeugung handeln.“ 155 „Dann ſind wir geſchiedene Leute für's Leben; Du haſt aufgehört, mein Sohn zu ſein“, ſagte der Frei⸗ herr in feſtem, entſchloſſenem Tone. Der junge Mann zuckte zuſammen, ſein Geſicht ward leichenblaß. „Ich wußte, daß es ſo kommen würde, Vater, ſeit Jahren ahnte ich es“, antwortete er nach kurzer drückender Pauſe, merkwürdig gefaßt, trotz der Leichen⸗ bläſſe ſeines Geſichtes.„Möge Gott Dir Deine Härte gegen mich verzeihen. Für Dich aber“, wandte er ſich an ſeine Stiefmutter,„für Dich wird der rächende Tag anbrechen, daß Du den Sohn vom Herzen des Vaters geriſſen!“ Stumm wandte ſich der junge Mann dann zum Gehen— ein Blick, tief flehend, fiel noch auf den Vater. Aber eiſiger Trotz lagerte um den feſtgeſchloſſe⸗ nen Mund des Freiherrn— der Trotz des ſtarren Alters— von dieſem ſo gern Charakterfeſtigkeit ge⸗ nannt. So ſchieden Vater und Sohn, um ſich für's Leben zu trennen. Der junge Mann verließ noch den nämlichen Tag Adlerberg und ſchon den nächſtfolgenden wollte er aus 156 der Gegend für immer ſcheiden. Was ſollte er hier noch, wo ihm ſo bitteres Leid widerfahren war? Er kehrte in dem nämlichen Gaſthauſe ein, wo wir zuerſt ſeine Bekanntſchaft machten. Ein Diener brachte ihm von Adlerberg ſeine zurückgelaſſenen Sa⸗ chen, nehſt einem kurzen Schreiben ſeines Vaters. Mit bebender Hand öffnete er daſſelbe. Es enthielt einen Wechſel auf zehntauſend Gulden, und beigefügt die wenigen Worte: „Hier eingeſchloſſen ſeiide ich Dir das Erbtheil Deiner Mutter. Mein Advokat in der Reſidenz wird es Dir ausz zahlen. Du haſt von mir nichts mehr zu erwarten, ſuche auch nicht, Dich mir ferner zu nähern, es wäre vergebene Mühe.“ Der Brief entſiel der Hand des Sohnes. Wie gebrochen lehnte er ſich in den Stuhl zurück und be⸗ deckte ſein Geſicht mit beiden Händen. So ſaß er lange regungslos, ein Bild des tiefſten Schmerzes. Endlich raffte er ſich auf. Seine ſtarke Natur trug den Sieg davon; er begann zu überlegen. „So ſei es denn“, ſagte er tief aufathmend,„ich will es verſuchen, allein durchs Leben zu gehen. Der Genius der Kunſt möge mich begleiten, nachdem der Vater mich verſtoßen.“ Ungefähr zwei Stunden mochten nach Erhalt jenes ——— 157 Briefes verfloſſen ſein, als der junge Freiherr ſeine Schritte gegen Schloß Breitenfeld lenkte, um von den neugewonnenen Freunden Abſchied zu nehmen. Es war ein herrlicher Sommerabend. Der geſtrige Morgen hatte die Natur erfriſcht. Die Strahlen der ſcheidenden Sonne vergoldeten die ſich leiſe kräuſelnden Fluthen des nahe⸗ gelegenen See's, und von den entfernten Berghöhen herab begann es aufzuleuchten in wunderbarer Pracht. Die ſchneebedeckten Gipfel, die zackig hervortraten in der reinen Luft, erglühten im ſchönſten Roſenroth und färbten ſich immer in tiefere Tinten, jemehr das Tages⸗ geſtirn ſank. Wie ſchön war doch die Welt, und die Men⸗ ſchen in ihr thaten Alles, um ſich das goldene Leben zu verbittern! — H QQ—ꝭ—Q—ę—,—x+y†y,’,ü,,—— 4 Breiten durchſchritt den nun etwas verwilderten Thiergarten von Breitenfeld. Der neue Beſitzer hatte noch nicht Zeit gefunden, ſeine Aufmerkſamkeit auf den⸗ ſelben zu lenken und Max's Vater hatte ihn ſchon lange vernachläſſigt. Das luſtige Hallali der Jäger von „ einſtmals war längſt in demſelben verſchollen und das prachtvolle Wild eine Beute der Wilderer. In dem dicht verwachſenen Haine zeigte ſich ein kleines Häus⸗ chen, einſt zu fröhlichen Jagdgelagen benutzt. Das Gebäude ſtand jetzt leer, und ward nur hier und da noch zur Aufbewahrung von Wald und Gartengeräth⸗ ſchaften benutzt. Wie überall, wo der Menſch ſich zu⸗ rückzieht, entwickelte ſich auch hier ein reiches Naturleben. Wilde Blumen und Geſträuche wucherten auf dem Bo⸗ den. Unmittelbar vor dem Häuschen ſtand eine rohgezim⸗ merte Bank; Max von Breiten war nur noch wenige Schritte von derſelben entfernt, als er durch das Laub der Geſträuche hindurch ein helles Kleid ſchimmern ſah. Es war die kleine Iſabella, die auf der Bank ſaß und ſich in die Lectüre eines Buches vertieft zu haben ſchien, ſo daß ſie der nahenden Schritte nicht achtete. Da ringelte ſich plötzlich aus dem Gebüſch heraus, nahe an ihre Füße heran, eine Natter und berührte mit grauſiger Behendigkeit bereits den Saum des Kleides der Acht⸗ loſen. Max von Breiten ſah das Thier, und im Mo⸗ ment war er bei Iſabella, die erſchreckt empor fuhr, als der junge Mann ſeinen Fuß auf das zuckende Thier ſetzte. Ein Stein genügte, daſſelbe zu tödten. „Eine Schlange— mein Gott, wie bin ich er⸗ ſchrocken“, ſagte das kleine Mädchen und der friſche, fröhliche Uebermuth des Kindes war einer ſichtlichen Angſt gewichen. „Aengſtigen Sie ſich nicht weiter, das Thier iſt todt.“ Breiten ſchleuderte es mit dem Fuße in das nahe Gebüſch. 159 „Dieſer Schrecken iſt aber die Strafe dafür, daß meine kleine Freundin trotz meiner neulichen Bitte ſich immer wieder allein vom Schloſſe entfernt“, ſagte er beinahe ſtrenge. „Es ſoll auch nicht mehr geſchehen, gewiß nicht, ſeien Sie nur nicht böſe auf mich“, ſchmeichelte Iſa⸗ bella.„Es war gar nicht meine Abſicht, ſo weit zu gehen, aber der Abend war ſo ſchön und das Buch hier ſo intereſſant, daß ich es mit mir nahm, um von Madame Blanchard nicht geſcholten zu werden, die es gar nicht leiden mag, wenn ich leſe.“ „Was leſen Sie denn?“ fragte Breiten, ſich neben die Kleine auf die Bank ſetzend. „Adolar von Treuenfels, eine rührende Ritterge⸗ ſchichte. Kunigunde wird von Adolar aus dem Schloſſe ihres Vaters geraubt und folgt ihm dann in ein fernes Land. Ach, wie ſchön muß das ſein, wenn uns Je⸗ mand ſo lieb hat, wie Adolar ſeine Kunigunde!“ Iſabella ſagte dies mit jenem Anflug von Ro⸗ mantik, der jungen Mädchen in dieſem Alter ſo eigen iſt.“ „Wiſſen Sie, daß dieſe Lektüre ſich für Sie nicht eignet?“ ſagte Breiten ernſt. „Das meint Madame Blanchard auch und des⸗ halb verſteckte ich ja auch das Buch vor ihr.“ „Das ſollten Sie aber nicht, es iſt nicht recht von Ihnen. Was würde Ihr Papa ſagen, wenn er wüßte, daß Sie Bücher leſen, die von Madame Blanchard nicht gebilligt werden?“ „Ach, Papa hat keine Zeit, ſich um all' Dies zu bekümmern.“. „Um ſo mehr müſſen Sie thun, was man Ihnen ſagt. Weiß Fräulein Martha, was ſie leſen?“ „Nein“, antwortete die Kleine etwas beſchämt; „aber Sie ſind mir doch nicht böſe deshalb?“ „Wollen Sie mir verſprechen, ſo lange Sie noch hier ſind, Fräulein Martha um Alles zu befragen, ihr die Bücher zu zeigen, die Sie leſen?“ „Gewiß— warum ſollte ich nicht. Aber wäre es nicht beſſer, ich zeigte ſie Ihnen 20 „Das geht nicht, denn ich reiſe morgen von hier fort.“ „Sie reiſen fort?“ „Ja, meine kleine Freundin. Morgen in Lindau will ich Ihnen Bücher beſorgen, die beſſer für Ihr jugendliches Alter paſſen.“ „Und Sie kommen nicht wieder zurück?“ fragte die Kleine, welche Breiten's letzte Worte gar nicht ge⸗ hört zu haben ſchien, ſo ſehr war ſie über ſeine Ab⸗ reiſe beſtürzt. „Sobald kaum.“ —— 161 4 „Wiſſen Sie, daß mir das ſehr leid thut— daß ich weinen könnte darüber?“ meinte das kleine Mäd⸗ 5 chen leiſe. „Das müſſen Sie nicht, meine theure, liebe Iſabella“, antwortete der junge Mann gerührt und faßte ihre Hand. „Aber wie kam denn das Alles ſo ſchnell, geſtern wuß⸗ ten Sie ja noch gar nichts, daß Sie abreiſen würden?“ fragte das Mädchen mit vor Thränen erſtickter Stimme. „Familienverhältniſſe, I Iſabella, zwingen mich zu dieſer Abreiſe“, antwortete Breiten in leiſe vibrirendem Tone. „O, wie wird das auch Martha leid thun! Wiſ⸗ ſen Sie, daß wir Beide Sie recht lieb haben?“ „Wie ſoll ich Ihnen dafür danken, meine liebe kleine Freundin!“ „Sie werden uns aber doch nicht vergeſſen?“ „Niemals!“ „Vielleicht kommen Sie einmal nach Karnſtein und dann beſuchen Sie uns?“ „Gewiß will ich dies thun. Laſſen Sie uns jetzt in's Schloß gehen, meine kleine Freundin, ich möchte Abſchied von Fräulein Martha und Herrn Weimar nehmen.“ Sie ſchritten neben einander hin durch die immer Creſſteux, Die Kunſtreiterin. I. 11 länger werdenden, geheimnißvollen Schatten des Wal⸗ des. Der leiſe Abendwind bewegte die Kronen der Eichen und Buchen, flinke Eichhörnchen ſchlüpften bei den nahenden Schritten erſchreckt durch das Laub, um ihr Nachtlager in dem Wipfel eines Stammes aufzu⸗ ſchlagen. Das kleine Mädchen aber war ſtill und in ſich gekehrt. Es war traurig, daß es den neugewon⸗ nenen Freund ſo bald wieder verlieren ſollte. Auch Breiten hing wieder ſeinen trüben Gedanken nach, die auf Augenblicke durch die unvermuthete Nähe Iſabella's verſcheucht worden waren. Nahe dem Schloſſe begegneten ſie dem alten An⸗ ton. Iſabella flog voraus, Martha die Ankunft Brei⸗ ten's zu verkünden. Dem alten Diener gegenüber öff⸗ nete ſich das Herz des jungen Mannes und er erzählte ihm die Vorfälle auf Adlerberg. „Sie haben Recht, junger Herr“, ſagte der treue Diener tief bekümmert,„es mußte ſo kommen. Auch ich hab's längſt gefühlt, daß es ſo enden würde.“ „Erkläre meine plötzliche Abreiſe von Adlerberg ſo gut Du es vermagſt, Anton, nur verſchweige die Wahrheit. Laß allen Tadel lieber auf mich fallen.“ „Was werden Sie jetzt anfangen, armer junger Herr?“ „Wenn ich auch Vieles verlor, Anton, das Leben „— 163 gehört mir. Männliches Streben und Thatkraft ſoll mich durch daſſelbe leiten. Ich bin jung und vertraue feſt auf die Zukunft!“ „Laſſen Sie mich mit Ihnen gehen, Herr!“ „Nein, Anton, bleibe Du hier, Du biſt wohl ver⸗ ſorgt bei Deiner neuen Herrſchaft. Ich übertrage Dir die Pflege für das Grab meiner Mutter, Du wirſt für daſſelbe ſorgen.“ Er drückte dem alten Manne die Hand und wandte ſich gegen das Schloß. Kurz, aber ſchmerzlich war der Abſchied von den neugewonnenen Freunden. Der junge Freiherr bat Weimar, für die Uebertragung des Monumentes auf den Friedhof Sorge zu tragen, was Jener bereitwillig verſprach. Die Summe von dreitauſend Gulden ſollte Max von der Reſidenz aus ſenden. Das kleine Mädchen weinte, als Breiten ihre Hand zum Abſchiede ergriff; auch Martha ſagte ihm gerührt Lebewohl. Ein leiſer Druck ihrer Hand offenbarte ihm, daß er ihr werth geworden. So ſchied der junge Mann aus ſeiner Heimath, die er noch vor wenigen Wochen ſo hoffnungsreich betreten. Des andern Tages erhielt Iſabella von ihm An⸗ derſen's Märchenbuch, nebſt Stifter's Studien zugeſen⸗ det. Ein paar freundliche Worte waren beigelegt. — II8 ͤ⅓ Sechstes Kapitel. Das Kloſter Sacré Ange. Ein Jahr war ſeit den letzten Ereigniſſen verfloſſen. Obwohl es nicht in unſerer Abſicht liegt, unſern Leſern das düſtere, oft geheimnißvolle Treiben eines Kloſters vor Augen zu führen, und Enthüllungen voll Schauer und Entſetzens zu machen, ſo ſind wir den⸗ noch genöthigt, unſere ſchönen Leſerinnen, ja ſelbſt deren Männer, Väter und Brüder, trotz der ſtrengen Clauſur, in das Kloſter Sacré Ange zu führen. Zwiſchen dem Grenz⸗ und Feſtungsſtädtchen Karn⸗ ſtein und Tyrols Landeshauptſtadt Innsbruck liegt friedlich gebettet zwiſchen üppigen Wald und Wieſen⸗ gründen, von Gebirgen umgeben, das Kloſter Sacré Ange. Es iſt ein ſtattliches Gebäude von drei Stockwer⸗ 165 ken und war der einſtige Sitz eines Edelmannes. Mit ſeinen hellblinkenden Fenſterſcheiben, ſeinen blühenden Gärten ringsum gleicht es einem Paradieſe des Frie⸗ dens. Die Schweſtern des Kloſters ſtanden von jeher hoch in der Achtung der Umgebung, und die Superiorin bildete den Stolz der Anſtalt. Es war eine behag⸗ liche kleine Colonie, dieſe Kloſterſchule, eine friedliche, abgeſchloſſene Welt. Geradeaus vor dem Gebäude, über den großen gepflaſterten Hof hinüber lag der wohl⸗ gepflegte weitausgedehnte Kloſtergarten, an den ſich eine üppige Wieſe anſchloß, rundherum von Schatten ſpendenden Obſtbäumen umgeben. Es war dies der Spiel⸗ und Tummelplatz der Penſionärinnen von Sacré Ange. Zur Heuerntezeit durfte hier über die Heuſchober geſprungen, im Herbſt das reife Obſt von den Bäumen geſchüttelt werden und von hier aus hörte man durch die ſtille friedliche Natur das heitere glück⸗ liche Lachen einer ſorgenloſen Jugend, das frohe Ge⸗ plauder einer fröhlichen Kinderſchaar.. Ueber hundert Penſionäre, meiſt dem höheren Adel und Bürgerſtande angehörend, befanden ſich unter der Obhut der geiſtlichen Schweſtern, welche die Erziehung und Pflege ihrer Schutzbefohlenen mit ge⸗ wiſſerhafter Sorgfalt leiteten. Es war dort nicht jene Kloſtererziehung, wie man ſie leider ſo häufig findet, 166 und welche beſorgte Eltern, durch ein Syſtem von bloßem Beten und Kaſteien, mehr abſchreckt als an⸗ zieht. Das Erziehungsprincip der Ordensſchweſtern zu zu Sacré Ange theilte ſich erfriſchend in die Pflichten gegen Gott, den Nächſten und ſich ſelbſt. Das Haupt⸗ beſtreben der frommen Damen war, ihren Zöglingen jenen inneren Halt zu geben, der auch außer dem Klo⸗ ſter, auf dem rauhen Wege durch's Leben zur Stütze dient. Die Penſionäre lebten mit ihren Lehrerinnen wie im Kreiſe einer großen friedlichen Familie, und vorherrſchende Milde, gepaart mit rechtzeitigem Ernſte, war der Hauptleiter dieſer Erziehung. Ohne uns über Erziehungsmethoden auslaſſen zu wollen, müſſen wir doch bemerken, daß namentlich bei der Erziehung von Mädchen, die der weiblichen Natur ſo eigene Empfindſamkeit und Weichheit des Gemüthes zu berückſichtigen iſt. Bilden dieſe ja doch ſo oft eine nur zu gefährliche Klippe im weiblichen Leben, je nach der größeren oder geringeren Willenskraft eines jungen Weſens. Zu große Strenge oder gar Härte zum Bei⸗ ſpiel laſſen oft die beſtgemeinten Abſichten ſcheitern, das Gemüth verhärtet ſich, der junge Baum wird vor der Zeit geknickt. Werden die herrlichen Anlagen eines weiblichen Herzens hinwieder nicht mit der gehörigen Sorgfalt überwacht, oder gar ſich ſelbſt überlaſſen, 167 ſo artet die angeborene Weichheit ſehr oft in über⸗ ſchwängliche Sentimentalität oder Schroffheit aus— zwei gleichtraurige Begleiter für das Leben. Die frommen Schweſtern von Sacré Ange waren bemüht, ihre Zöglinge auf den richtigen Mittelweg zu leiten; durch Kräftigung des Willens dieſelben vor Ueberſchwenglichkeit zu wahren und ihnen jene Friſche und Lebendigkeit des Geiſtes, ſowie Heiterkeit des Ge⸗ müthes zu ſichern, die als köſtliche Früchte einer ge⸗ gelten Thätigkeit entſpringen und das Weib im Fa⸗ nmilienkreiſe ſeiner wahren Beſtimmung zuführen. Der Verkehr mit den Eltern war in Sacré Ange den Penſionären zu je der Jahreszeit geſtattet und eine zweimonatliche Ferienzeit im Elternhauſe erlaubt. Die natürliche Liebe der Kinder zu ihren Angehörigen ward daher nicht, wie in andern derartigen Erziehungs⸗ anſtalten, durch völlige Abſonderung der Schülerinnen und dem bloßen Verkehr derſelben mit ihren Eltern im Beiſein der Lehrerinnen erſtickk. Im Kloſter Sacré Ange huldigte man dem ſchönen Grundſatze: „Laſſe Deine Eltern Deine erſten beſten Freunde ſein.“ Daß es unter den jugendlichen Pfleglingen der Kloſterſchule auch welche gab, die nicht leicht im Zaume zu halten waren, iſt wohl erklärlich. Es gab gute SBe æv 168 und böſe Schafe unter der jungen Heerde, deren Leitung denn auch verſchieden ſein mußte. Es war ein ſchöner, ſonniger Nachmittag zu An⸗ fang des Monates Auguſt. Die Roſen in dem großen Kloſtergarten ſtanden noch in vollſter Blüthe. Der tiefblaue Himmel wurde von keiner Wolke beſchattet, das Zwitſchern der Vögel und das Summen der Bie⸗ nen erfüllte die Luft, und über die Blumenbeete und die grüne Wieſe flatterten in luſtigen Kreiſen bunte Schmetterlinge. In den großen, dichtbelaubten Alleen des Gartens ſtanden lange, weißgedeckte, blumenge⸗ ſchmückte Tiſche, auf denen ein reichliches Vesperbrod der jungen Gäſte harrte. Von der kurzgeſchorenen Wieſe herüber, durch die ſchattigen Obſtbäume hindurch hönte man das dumpfe Schwirren von Menſchenſtim⸗ men und fröhliches Lachen wurde laut, von mun⸗ teren Ausrufen des Jubels unterbrochen. Es wurde an dieſem Tage das Namensfeſt der Superiorin von Sacré Ange gefeiert; ſtets ein Tag des Jubels und der Freude für die Zöglinge. Zur Feier deſſelben waren ſie von jedem Lernen enthoben, und durften ſich ihren Vergnügungen ganz hingeben. Das war ein Toben und Jagen, eine erfriſchende Heiterkeit! Hier tummelte ſich eine Schaar um eine hohe, H—— 169 luftige, zwiſchen zwei Bäumen errichtete Schankel, dort ward Blindekuh geſpielt, und über die Kieswege her⸗ über jagte ein kleiner Korbwagen, mit zwei Eſeln be⸗ ſpannt, mit fröhlich plaudernden Mädchen darin. Auf einer andern Seite wurde Ball geſchlagen, Verſtecken geſpielt, über Seile geſprungen, während geſetztere Mäd⸗ chen, keine aber über ſechszehn Jahre alt, in Büchern laſen oder miteinander plauderten. Ueberall herrſchte Luſt und Freude.. Von den Tollſten, Uebermüthigſten war Iſabella Alſing unſtreitig die Ausgelaſſenſte. Sie war die An⸗ führerin von den meiſten Spielen und das war ein Jubeln und Jagen, gleich dem wilden Heere, wobei ſie ſtets den Ton angab. Iſabella warf den Ball am höchſten, ſchaukelte ſich am verwegenſten, lief am ſchnellſten und ward deshalb auch im Kloſter die„wilde Hummel“ genannt. Trotzdem war ſie aber eine der beliebteſten Schülerinnen, ihrer Gutmüthigkeit halber ſehr geliebt, und deshalb auch von manchen Mitſchü⸗ lerinnen beneidet.„ Ihr raſches Blut, das wild durch die jungen Adern tobte, hatte ihr ſchon manchen Streit gekoſtet, manchen Verweis zugezogen, aber das leidenſchaftliche kleine Mädchen bereute auch bald wieder den began⸗ genen Fehler und flehte ſo lange, bis man ihr verzieh ſſ Zu den entſchiedenen Gegnerinnen Iſaballa's, die ſie am meiſten um Alles beneidete, gehörte Marie Langer, die Tochter des Landrichters aus Karnſtein, die gleich Iſabella in Sacré Ange erzogen wurde. Marie hatte dieſen Neid von ihren Eltern gleichſam geerbt, welche des Commandanten Alſing bevorzugte Stellung zu Karnſtein von jeher mit ſcheelen Augen betrachteten. Es that der Frau Landrichterin in der Seele weh, wenn vornehme Durchreiſende dem Com⸗ mandanten des Städtchens zuerſt ihren Beſuch abſtat⸗ teten und erſt dann der Frau Landrichterin ihre Auf⸗ wartung machten, und der Herr Landrichter ſelbſt ver⸗ zieh es Alſing nie, daß er, obwohl die höchſtgeſtellte Perſon im dortigen Beamtenſtande, bei öffentlichen Feſten doch dem Feſtungscommandanten den Vorrang laſſen mußte. So entſtand ein gewiſſer Neid, wie er ſich ſo oft im Leben, namentlich aber in kleinen Städten kund⸗ gibt und war nur natürlich, daß die Kinder in die Fußtapfen der Eltern traten. Dazu kam noch, daß IJſabella's angeborene Anmuth, Marie Langer's lin⸗ kiſches Weſen unwillkürlich in den Hintergrund drängte. Sowie es überall große und kleine Egoiſten gibt, ſo befanden ſich deren auch in der Kloſterſchule, und drängten ſich dieſelben um die reiche und freigebige — 171 Tochter des Commandanten, die von ihrem Vater ſtets die herrlichſten Spielſachen, die ſüßeſten Näſchereien zugeſendet erhielt. Die kleine Schönheit bildete auch heute bald den Mittelpunkt einer auserwählten Schaar. Sie glänzte als hellleuchtende Sonne der Kloſterſchule, um welche ſich treue Trabanten ſchaarten, ſie war die Königin eines kleinen Reiches, in welchem ſie als launenhafte, aber freigebige Fee herrſchte. Doch ſowie es in jedem, auch dem conſtitutionellſten Staate klei⸗ nere und größere Widerſacher der beſtehenden Ordnung gibt, ſo war dies auch hier der Fall. Dieſelben ſchmei⸗ chelten ihrer Königin wohl, doch hinter deren Rücken 1 nannten ſie dieſelbe„ein eingebildetes, eitles Ding.“ Dieſe heimtückiſche Rebellenſchaar benutzte nun Marie Langer zu ihren Zwecken, und bald ſammelten ſich um die hochaufgeſchoſſene, magere Blondine kampf⸗ bereite Anhänger, mächtig genug, um unſerer kleinen Heldin manchen Aerger zu bereiten, welcher von ihr um ſo lebhafter empfunden wurde, als ſie gewohnt war, ſich von aller Welt geliebt zu wiſſen. Doch ihr „ junges Herz beachtete dieſe kleinen, unbedeutenden Wölkchen von Mißgunſt nie lange, und ſie ahnte nicht, daß ſich dieſelben einſtmals zu ſchweren, drücken⸗ den Gewittern für ſie geſtalten könnten, welche ihren ſonnigen Lebenshimmel verdunkeln ſollten!— 472 Als einziges Kind ihres Vaters war Iſabella von dieſem vergöttert. Sie war der Lichtſtern ſeines Lebens⸗ abends. Der Commandant von Karnſtein, ſeit Jahren Wittwer, hatte Iſabella der Leitung der frommen Frauen übergeben, da er ſich in ſeiner Schwäche gegen ſie deren Erziehung nicht gewachſen fühlte Außer dem Sohne eines in Amerika verſtorbenen Bruders beſaß Alſing keinerlei Verwandte. Iſabella war zwei Jahre alt geweſen, als die Gattin des Commandanten ſtarb. In ſpäterer Zeit hatte ſich Alſing des Sohnes ſeines Bruders angenommen, und ließ Theobald in ſeinem Hauſe erziehen. Wir haben aus den damaligen Aeußerungen der Kleinen auf Breitenfeld erſehen, welche Pläne der Commandant für die Zukunft ſeiner Tochter und ſeines Neffen hegte. Ob dieſelben ſich verwirllichten, ſoll unſere dem Leben entnommene Erzählung enthüllen. Nach dieſer Abſchweifung kehren wir zu den Pen⸗ ſionären in den Kloſtergarten zurück. Der niedliche Korbwagen mit den zwei davor ge⸗ ſpannten kleinen Mauleſeln näherte ſich ſoeben einer kleinen Schaar von Schülerinnen, welche plaudernd auf einem der breiten Kieswege beiſammen ſtanden. Der Wagen mußte dieſen Weg einſchlagen, um zu den, an der rechten Seite des Kloſtergebäudes befindlichen —— 8 4 473 Stallungen zu gelangen. Es gab wohl noch einen zweiten, aber entfernteren Weg zu denſelben, der ſeltener benutzt wurde. Iſabella leitete das kleine Geſpann, ein Geſchenk ihres freigebigen Vaters. Neben ihr auf dem Kutſchenbocke ſaß noch ein anderes Mädchen, wäh⸗ rend das Innere des Korbwagens einen Blumenflor freundlich erregter Geſichter beherbergte. Als unſere kleine Freundin ſah, daß die Mädchen am Kieswege ihr den Weg abſperrten, hielt ſie ihr niedliches Gefährt an. „Ihr ſeid wohl ſo gut und macht mir Platz“, bat ſie freundlich. „Fällt uns nicht ein, der Kiesweg hier iſt auch für uns, fahre Du nur den andern Weg“, erwiderte ein Mädchen im Alter Iſabella' Es war dies Marie Lunger mit einer Schaar ihrer Ergebenen. „Die armen Thiere ſind müde, zu was ſoll ich ſie den weitern Weg führen“, meinte gutmüthig Iſabella. „Das iſt uns gleichgiltig!“ riefen mehrere ihrer Gegnerinnen dagegen. „Aber Ihr thut ja ſo nichts, zu was wollt Ihr mir alſo nicht Platz machen?“ fragte Iſabella noch immer geduldig. „Weil wir nicht wollen“, ſagte trotzig kalt Marie und vertrat abſichtlich noch mehr den Weg, und ihre Genoſſinnen thaten das Gleiche. Iſabella ſchoß das leicht erregte Blut bis in die weiße Stirn hinauf, doch bezwang ſie ihren Unmuth tapfer. An dieſem Feſttage wollte ſie keinen Streit anfangen. Sie lenkte deshalb auch mit meiſterhafter Geſchicklichkeit ihr kleines Geſpann um, ohne ein Wort zu erwidern und ſchlug den weiteren Weg nach den Stallungen ein. „Die haben wir ſchön abgetrumpft“, meinte ein Mädchen aus der Schaar Marie Langer's. „Ich werde es noch mehr thun, gebt nur Acht“, ſagte Marie,„das aufgeblaſene Ding, das ſich bei allen Lehrerinnen einſchmeichelt, ſoll mich noch kennen lernen. Deshalb zerbrach ich ihr auch heute Morgen abſichtlich die Blumenvaſe, die ſie der Oberin als Ge⸗ ſchenk geben wollte und mir zeigte.“ „Sie iſt auch ganz roth vor Aerger darüber ge⸗ worden, als Du wie unabſichtlich die Vaſe fallen ließeſt“, lachte ein zweites Mädchen. „Sie ſoll auch noch blaß vor Galle werden, die Tochter des Gefängnißwärters.“ „Ja— ja, Marie, da haſt Du Recht; ſie iſt auch nichts Beſſeres als die Tochter eines Gefängnißwärters“, riefen Mehrere zugleich. 175 „Das müſſen wir ihr nächſtens ſagen“, jubelten vor Bosheit Andere. „Laßt mich nur machen“, meinte Marie. Unterdeſſen fuhr der kleine Wagen raſch dahin. „Weißt Du, Bella, daß Marie recht boshaft iſt“, ſagte die dreizehnjährige Comteſſe Schrattenbach, die neben Iſabella ſaß. „Boshaft glaube ich nicht, aber neidiſch darüber, daß mich die Kloſterfrauen lieber haben“, antwortete gutmüthig die Angeſprochene. „Nein— glaube mir, ſie iſt boshaft; ſie zerbrach die Vaſe heute Morgen abſichtlich.“ „Pfui! Wer wird gleich ſo übel von Andern denken, Malvine. Zu was ſollte ſie denn boshaft ge⸗ gen mich ſein, ich that ihr ja doch nie etwas zu Leid, und die kleinen Streitigkeiten zwiſchen uns bedeuten nicht viel. Du und ich, Malvine, wir ſtreiten uns ja auch manchmal, und keine von uns Beiden iſt, glaube ich, boshaft.“ „Ja, wir zwei!— Das iſt ganz etwas Anderes!“ „Laſſen wir lieber dieſe Reden, Malvine, zu was wollen wir uns ärgern— es iſt heute ſo ſchön und luſtig! Sieh, da ſind wir ſchon bei den Stallungen. Hier, nehmt den Wagen und die Thiere“, rief Iſabella einem Stalljungen zu. Das junge Mädchen reichte ihren vierfüßigen Lieblingen noch einige Stücke Brod, küßte ſie auf die grauen glatten Köpfe und ging dann mit ihren Ge⸗ ſpielinnen wieder nach der Wieſe zu. „Was ſollen wir jetzt ſpielen?“ ſragte ſie.„Bis fünf Uhr, wo die Oberin zum Vesperbrod kommt, iſt es noch eine halbe Stunde Zeit. Wollt Ihr Ball werfen, Reife ſchlagen oder über Seile ſpringen?“ „Keines von Allen, wir wollen uns gegenſeitig fangen.“ „Gut, ich bin dabei!“ Wild ſtürmte die kleine Schaar von dannen, unter den Wildeſten Iſabella, deren Wangen glühten, deren ſchwarze ugen vor Heiterkeit glänzten. Wer das junge Mädchen ſo ſah— ein Bild des Frohſinns und des Glückes— hätte nicht gedacht, daß auch auf dieſe roſigen Wangen einſt der Kummer ſeinen bleichen Stempel drücken würde! Darum Ihr Eltern! laßt Euren Kindern die kurze Zeit fröhlicher Jugendluſt— ſie kehrt ja niemals wieder!— Der Ton einer Glocke erſcholl. Es war der Mahn⸗ ruf an die Zöglinge, ſich zum bereit gehaltenen Vesper⸗ brod zu verſammeln. Die frohe Schaar eilte den Alleen zu, unter welchen ſich die gedeckten Tiſche be⸗ ——— 177 fanden. Die Oberin im ſchwarzen Kloſterkleide, mit dem ſilbernen Kreuze auf der Bruſt, umgeben von einigen der Lehrerinnen, harrte dort der munteren Jugend. Wohlwollen lagerte in den edel geformten, blaſſen Geſichtszügen der würdigen Vorſteherin, und mit jubelnder Herzlichkeit ſtürmte Iſabella ihr entgegen. „Wie Du heiß biſt, Kind“, ſagte die beſorgte Pflegerin, ihr das ſchwarze Haar aus der weißen Stirne ſtreichend. „Das ſchadet nichts, liebe Bonne More, es war ja ſo luſtig.“ Bonne Moͤre war die Benennung für die Oberin. Die hellen, weißen Kleider der Zöglinge, mit dem blauen Seidenband um die Hüften, ſtachen grell ab zu der ſchwarzen Kieidung der Kloſterfrauen. Der Ernſt und die Heiterkeit des Lebens waren hier vertreten. Wie manch' ſchwere bange Sorge barg ſich hinter dem düſteren Kloſtergewande, wie viel herbes Weh zuckte vielleicht noch in den Herzen, die ſich in die Stille des Kloſters geflüchtet, um dort die erſehnte Ruhe zu fin⸗ den! Mit welch' heiterer Zuverſicht ſahen hingegen die jungen Penſionäre eben jener Welt entgegen, die ihren Pflegerinnen ſo manches Leid zugefügt hatte. Sie bildete für dieſe das Paradies, für Jene eine Stätte bangen Wehes, trüber Erinnerung! Creſſieur, Die Kunſtreiterin. I 42 178 Bald hatten ſich die Penſionäre um die langen Tiſche gruppirt, und man hörte nur das Klappern der Meſſer und Gabeln. Die Oberin mit den Leh⸗ rerinnen gingen an den Tiſchen ab und zu, hier ord⸗ nend, dort ermahnend. Der herrlichſte Tag voll Sonnenglanz breitete ſich über dieſes Bild des Friedens, umgab die alltäglichſten Gegenſtände mit einem Abglanz ſeiner Heiterkeit. Es ſchien kaum möglich, daß an einem ſolchen Tage Kum⸗ mer oder Mißgunſt ſeine ſchwarzen Fittige ausbreite! Um Iſabella hatte ſich eine Schaar ihrer Getreuen verſammelt. Unweit von ihr ſaß Marie Langer mit ihren Genoſſinnen, flüſternd und ſich berathend. Die Tochter des Commandanten ſchälte eben an einer großen Melone, ein Geſchenk ihres Vaters, der dieſelbe, nebſt vielen andern Früchten zur Feier des Tages geſchickt hatte. Man drängte ſich um ſie, wohl wiſſend, daß ſie die ſüße Gabe nicht allein verſpeiſen, ſondern mit ge⸗ wohnter Freigebigkeit auch Andern davon mittheilen werde. Iſſabella's Wangen glühten noch von dem Herumtollen von früher, ihre Bruſt hob und ſenkte ſich in raſchen Athemzügen. Mit unnachahmlicher Anmuth ſchüttelte ſie zeitweiſe die ſchwarzen Locken aus der erhitzten Stirne, welche in ihrer Fülle immer wieder —— herniederfielen. In jeder Bewegung des ſchönen Kin⸗ des lag angeborene Grazie, und die ſonſt in dieſem Alter ſo eigenthümlich eckigen, ungeſchlachteten Manieren ſchienen ihr fremd. Mit Herzlichkeit theilte ſie Schei⸗ ben der Melone rechts und links unter ihre Neben⸗ ſchülerinnen aus und erndete je nach dem Charakter der Betheiligten größeren oder geringeren Dank. Ihr kleiner Mund lächelte dabei ſo ſüß, daß die weißen Zähne unter den kirſchrothen Lippen ſichtbar wurden. Soeben hielt ſie die letzte Spalte ihrer Melone in der Hand, im Begriffe, dieſe ſelbſt zu eſſen, da ſie bis jetzt nur ausgetheilt hatte. „Ich habe noch keine Melone bekommen“, hörte ſie da plötzlich neben ſich die Stimme eines kleinen, etwa achtjährigen Mädchens klagen. Es war dies Marie Langer's jüngere Schweſter. „Nicht?— nun, da nimm dieſe Spalte hier“, antwortete freundlich Iſabella und reichte der Kleinen die Frucht, die ſie ſoeben ſelbſt eſſen wollte. „Du wirſt Dich nicht unterſtehen und die Melone nehmen!“ rief dagegen Marie Langer vom Tiſche herüber. Die Kleine fing an zu weinen. „Du weißt, was Mama uns beim letzten Beſuch ſagte!“ fuhr Marie drohend fort. 12* 180 „Deine Mutter meinte wohl, als ſie vorige Woche zu Beſuch bei Euch war, daß Obſt der kleinen Roſa ſchaden könnte?“ entgegnete freundlich Iſabella,„ich glaube aber nicht, Bonne More würde uns ſonſt ge⸗ wiß nicht erlauben, Obſt zu eſſen. Hier, Roſa, nimm auf meine Verantwortung“, ſetzte ſie herzlich hinzu. Die Kleine ſah ängſtlich zu ihrer Schweſter hin⸗ über, aber ihr Weinen war geſtillt, ſie griff nach der Scheibe. Doch ſchon war Marie an ihrer Seite, und ent⸗ riß ihr die Melonenſpalte und warf die Frucht auf den Boden. „Wir brauchen nichts von Iſabella, wir haben es nicht nöthig, Geſchenke von ihr anzunehmen!“ ſagte Marie höhnend, faſt herausfordernd. „Das weiß ich“, entgegnete Iſabella noch immer ruhig.„Nicht, weil Ihr es nöthig habt, gab ich Roſa die Melone, ſondern aus gutem Herzen.“ „Wir brauchen Deine Güte nicht, behalte ſie für Dich, Du haſt ſie nöthiger.“ „Du willſt damit doch nicht ſagen, daß ich böſen Gemüthes ſei, Marie?“ „Ich ſage und meine damit, was ich will“, ant⸗ wortete boshaft Marie. Ein Kreis von Zuhörerinnen bildete ſich um Beide. 181 „Laß das ſtreitfüchtige Ding, Bella, hier ſchäle lieber dieſe ſchöne Birne“, meinte die kleine phlegma⸗ tiſche Comteſſe Schrattenbach. Iſabella nahm die Birne, ſchälte ſie, und theilte auch von ihr aus. „Seht doch, wie gnädig ſie thut, als ob ſie eine Königin wäre!“ höhnte auf's Neue Marie Langer. Iſabella that, als hörte ſie nichts, trotzdem ihr das Blut verrätheriſch in die Wangen ſchoß. „All' ihr Großthun, ihre Schmeicheleien helfen ihr aber doch nichts“, fuhr Marie fort,„deshalb bleibt ſie doch nur die Tochter eines Gefängnißwärters, der Tag und Nacht ſeine Gefangenen quält.“ „Ja, ja, die Tochter eines Gefängnißwärters iſt ſie und nichts Anderes“, ſtimmten ſpöttiſch lachend Viele bei und ſelbſt einige der ihr Ergebenen fielen von der Verhöhnten ab, deren Glanz ſo arg durch dies eine Wort verdunkelt wurde. Doch plötzlich verſtummte dieſes Lachen, und en⸗ dete in einem grellen Aufſchrei mehrerer Lippen. Dem weißen Aermel von Marie Langer's Kleid entfloß das helle Blut! Iſabella's Höchſtes, die Ehre ihres geliebten Va⸗ ters war angegriffen, und das junge Mädchen kannte ſich nicht mehr in plötzlich aufwallendem Jähzorn. Mit zornfunkelnden Augen hatte ſie den Arm erhoben, deſſen Rechte noch das kleine Taſchenmeſſer hielt, mit welchem ſie ſoeben die Birne geſchält. Eine unwill⸗ kürliche Bewegung Marie Langer's ließ dieſelbe dem Schlage ausweichen, von dem ſie ſich von ihrer zorn⸗ glühenden Gegnerin bedroht ſah, doch das Unglück wollte, daß ſie gerade durch dieſe raſche Bewegung mit ihrem Arme das Meſſer ſtreifte und ſich blutig ritzte. 1r Eine arge Verwirrung entſtand. Oberin und Lehrerinnen ſtürzten herbei. Bedauern und Ausbrüche des Zornes wurden laut. Noch niemals hatte Iſabella's lebhaftes Tempera⸗ ment ſie ſo weit unterjocht. Durch Tage hindurch abſichtlich gereizt, war ſie endlich dem Jähzorn erlegen. Doch eben ſo ſchnell, als die Leidenſchaft ſie erfaßt hatte, eben ſo ſchnell entſchwand ſie, um bitterer Reue Platz zu machen. In den rührendſten Worten bat die kleine Sünderin ihre Gegnerin um Verzeihung, und jene verzieh ihr ſcheinbar, um den Groll deſto tiefer in ihrem Herzen zu vergraben. Marie Langer's ſchein⸗ bare Güte täuſchte Alle, und wandte ihr die volle Theilnahme Aller zu, während Iſabella's wahre Reue nur von Wenigen verſtanden wurde. All' Jene, welche der Tochter des Commandanten noch vor Kurzem zu⸗ 183 gejubelt, wandten ſich von ihr ab, und vergeſſen war durch eine raſche That alles Gute, alle Freundlichkeit einer langen Vergangenheit. Man bedachte nicht, daß ſie abſichtlich auf's Aeußerſte gereizt worden, ſondern ſah nur ihren Fehler und verurtheilte ihn. Willenlos, bleich, abgeſpannt folgte die kleine Sünderin der Lehrerin, die ſie in das„Strafzimmer“ der Anſtalt brachte. Mit grellem Mißton hatte das ſchöne Feſt geen⸗ det! Ein Mißton, der durch der Umſtände Verkettung in ſeinen Diſſonanzen durch Iſabella's ferneres Leben klingen ſollte. Da ſtand ſie nun in dem langen einſamen Ge⸗ mach, ein Bild der Reue, und vor ihre wölbte ſich der blaue Himmel, nach welchem ſie durch die ſchmalen Gitterfenſter hindurch ſah, noch eben ſo blau und ſon⸗ nig wie früher. Nur in ihrem gefolterten Kinderge⸗ müth war es traurig geworden, und die hellen Thrä⸗ nen rannen über die roſigen Wangen. Jeder Puls⸗ ſchlag Iſabella's vibrirte unter der Laſt des began⸗ genen Unrechtes. Mit der krankhaften Heftigkeit eines aufgeregten Gemüthes wurden alle Schrecken einer überreizten Einbildungskraft in ihr rege, und ſie ſah Marie Langer als Krüppel, unglücklich durch ſie ge⸗ macht für's Leben. 184 Die Oberin trat in's Strafzimmer. Die verſtän⸗ dige Frau hatte Iſabella's wahre Reue erkannt, aber ſie mußte gerecht ſein. Schluchzend warf ſich das junge Mädchen ihr zu Füßen, milde hob die würdige Vorſteherin ſie auf. „Was wird mein Papa ſagen?“ ſchluchzte Iſa⸗ bella.„O, ſtrafen Sie mich, ich verdiene es, aber ſagen Sie mir nur, daß Marie durch mich nicht zum Krüp⸗ pel-gemacht iſt!“ „Gott hat ein größeres Unglück abgewendet— Marie iſt unr leicht am Arme geritzt, Du aber biſt deshalb nicht minder ſtrafbar“, ſagte die Oberin ſanft. „Ich weiß es, ich bin ſehr ſtrafbar, aber Gott iſt mein Zeuge, ich wollte Marie mit dem Meſſer nicht verwunden, in meinem Jähzorn dacht' ich nicht daran, daß ich es noch in der Hand hielt.“ „Ich muß Dich für Deine Heftigkeit ſtrafen, mein Kind, Du mußt in Einz zelnhaft bleiben, bis ich Alles Deinem Vater berichtet, ſeine Meinung eingeholt habe.“ „O, ich will ja Alles gern erleiden, nun ich weiß, daß Marie kein größeres Leid durch mich widerfah⸗ ren iſt.“ Sowie die Oberin geſagt, ſo geſchah es; Alſing wurde der ganze Vorfall geſchrieben. Der biedere Mann war mehr als beſtürzt über das Vernommene, 185 und doch konnte er ſein Kind nicht tadeln, da es ſeine Ehre gewahrt hatte. Der Umſtand, daß die Wunde ganz unbedeutend, beruhigte ihn ebenfalls, jedoch er beſchloß, um allen weiteren Streitigkeiten vorzubeugen, nach den bevorſtehenden Ferien ſein Kind gänzlich bei ſich zu behalten, und ſchrieb dies auch er Er bat ſie aber, Iſabella den wahren Grund ihres baldigen Austrittes aus der Anſtalt zu verſchweigen. „Sowie wir ſie Beide kennen“, ſchrieb der bie⸗ dere Soldat,„würde ſich Iſabella nie verzeihen, ihren Austritt aus dem Kloſter ſelbſt veranlaßt zu haben. Ihr zartes Gemüth würde durch dieſe Selbſtanklage vielleicht für's Leben leiden.“ „Obwohl ich glaube“, ſchrieb die Oberin entgegen, „daß Iſabella's Erziehung noch lange nicht beendet iſt, ſo kann und muß ich Ihrem Wunſche, Herr Oberſt, die Kleine gänzlich nach Hauſe zu nehmen, doch bei⸗ pflichten. Es thut mir leid, Iſabella zu verlieren, ſie hat ein vortreffliches Gemüth; aber ſowie die Umſtände ſich einmal geſtaltet haben, iſt es ſo das Beſte. Nur möchte ich Sie bitten, dem jungen Mädchen eine ver⸗ ſtändige Leiterin zu geben, da ja Sie, Herr Oberſt, zu viel beſchäftigt ſind, um die Leitung Ihres Kindes allein zu übernehmen.“ „Eine ſehr vernünftige Perſon, dieſe Oberin“, 186 meinte der alte Soldat, nachdem er dieſe Zeilen geleſen. „Ich hoffe, Madame Blanchard ſoll allen Anforderungen entſprechen.“ So faßte der biedere Commandant die Sachlage auf, indeſſen ſeine Tochter nach überſtandener Straf⸗ zeit Alles that, um Marie ihren Fehler vergeſſen zu machen. Es gab keinen Wunſch, den Iſabella der Tochter des Landrichters nicht erfüllt hätte, ſobald er im Bereiche ihrer Macht lag und etwas Rührendes war in dieſem Bemühen, das Vorgefallene vergeſſen zu machen. An ihren Vater ſchrieb die kleine Reumüthige ei⸗ nen herzlichen Brief. „Du glaubſt gar nicht, Herzenspapa“, ſchrieb ſie, „wie leid es mir thut, Dich durch meine Heftigkeit ver⸗ letzt zu haben. O, es ſoll nie mehr geſchehen! Ich war nur ſo erſchrocken darüber, daß man ſagen konnte, Du quälteſt Deine Gefangenen und da hatte ich das unglückſelige Meſſer in der Hand, aber abſichtlich that ich Marie gewiß nichts zu Leid; glaube mir! Marie verzieh mir, verzeihe Du mir auch, Herzenspapa, ich wäre ſonſt ſehr unglücklich. Bitte, ſende mir die gol⸗ denen Ohrgehänge, die ich vorige Weihnacht von Dir erhielt, ich möchte ſie Marie ſchenken, ſie hat noch keine und Ohrgehänge gefallen ihr ſo gut.“ 187 In wenigen Tagen ſchon langte der Schmuck an, und mit ihm ein Schreiben Alſing's. Freudeſtrahlend gab Iſabella Marie die Ohrringe. „Höre, Bella“, meinte die Comteſſe Schrattenbach, „Marie hat ja ſchon einen ganzen Kaſten voll Geſchenke von Dir. Nächſtens fange ich auch einen Dir an, man profitirt dabei., „Pfui, Malvine, wer wird ſo reden, man ſollte meinen, Du ſeieſt eigennützig und das biſt Du doch gar nicht!“ meinte ein drittes Mädchen. „Nun, wenn Andere Alles annehmen!“ „So— alſo bin ich vielleicht eigennützig?“ fragte Marie ſtreitſüchtig wie immer. „Na, fange nur mit mir keinen Streit an, Du weißt, bei mir ſchaut nichts heraus“, ſagte phlegma⸗ tiſch Malvine, indem ſie an einem Zuckerbrod kaute. „Ja, bei Euch ſchaut freilich nichts heraus, Ar⸗ muth und Edelſinn paart ſich in der Familie Schrat⸗ tenbach“, antwortete boshaft Marie. „Gerade ſo wie bei Euch, nur daß da der Edel⸗ ſinn fehlt“, erwiderte Malvine ruhig. Wer weiß, wie lange der begonnene Streit noch gedauert hätte, doch eine Lehrerin unterbrach denſelben. Solche kleine Vorfälle trugen jedoch nicht dazu bei, Iſabella's Gegnerinnen zu verringern und Alſing 188 that Recht daran, ſeinen Liebling aus Sacré Ange zu entfernen. Sein Brief war voll Güte und Nachſicht, voll verzeihender Milde. Nach einiger Zeit erſt theilte er ihr En balngen Austritt aus der Anſtalt mit. hne mich nach meinem Goldkinde“, ſchrieb da der alte Herr,„und mein Haushalt ſehnt ſich nach ſeiner Gebieterin, Theobald nach ſeiner zukünftigen kleinen Frau. Iſt das nicht genug, um meiner Bella den Austritt aus den ſtillen Kloſtermauern zu erleich⸗ tern? Obgleich Deine Erziehung noch nicht vollendet iſt, ſo kann dies auch hier geſchehen. Nach reiflicher Ueberlegung habe ich den Entſchluß gefaßt, Dich bei den bevorſtehenden Ferien ganz nach Hauſe zu nehmen. Ich ſehne mich in meinen alten Tagen nach Deinem lieben roſigen Geſicht, und der Thee des Abends will mir nicht mehr ſchmecken, weil Du mir ihn nicht ein⸗ ſchenkſt. Komm deshalb zu Deinem alten Vater, an Zerſtreuungen ſoll es Dir nicht fehlen. Martha Wei⸗ mar muß Dich recht oft beſuchen und auch Deine üb⸗ rigen Freundinnen können dies thun. Ich habe der würdigen Mutter bereits meinen Entſchluß mitgetheilt, empfehle mich ihr und den andern würdigen Damen. Ich werde alt, Bella, und alte Leute ſehnen ſich nach ihren Kindern.“ 189 Das junge Mädchen faltete den Brief und Weh⸗ uſ, vermiſcht mit Freude, bemächtigte ſich ſeiner. Es that Iſabella leid, Sacré Ange ſchon ſo bald zu verlaſſen, und doch freute ſie ſich auf das uſammen⸗ leben mit ihrem Vater. In dieſer Sti kam auch ihre Antwort zum Ausdruck. „Ich habe Dich ſehr lieb, Herzenspapa“, ſchrieb ſie,„ſo lieb, daß ich es Dir gar nicht ſagen kann, und doch thut es mir leid, die Anſtalt zu verlaſſen. Mein Herz iſt mir ſo voll, daß ich Dir ganze Bücher ſchreiben könnte, Papa, aler ich bin eine ſchlechte Brieſ⸗ ſchreiberin, wie Bonne Ignace, unſere Schreiblehrerin, ſagt, und das iſt wohl möglich, denn ich kann nicht Alles ſo zu Papier bringen, wie ich möchte. Aber bin ich nur wieder einmal bei Dir, dann will ich mich mit dem alten Ungeſtüm in Deine Arme werfen, und Dir ſagen, wie lieb ich Dich habe. Wie freue ich mich auf die Winterabende, an denen ich Dir die Zeitung vorleſen und den Thee einſchenken werde! Niemand wird Dir den Zwieback reichen dürfen als ich, und ich ſelbſt will Deine liebe alte Pfeife mit dem Meerſchaumkopf ſtopfen, und Dir die Pfeiſenfleckchen ausſchneiden. O, wie freue ich mich auf Alles, auf Bijon, unſern alten Hund, auf die beiden grauen Katzen, meinen Papagei, vor Allem aber auf Dich, Du Herzenspapa. Das weiße Kleid zu meiner letzten Prüfung, das Du mir geſchickt, paßt mir vortrefflich. Meine letzte Prüfung! Wie komiſch das klingt! Faſt ſo, als i üi wirklich ſchon ein erwachſenes Mäd⸗ etwas rührend Schönes in ſolchen Er⸗ gießungen einer in der Entwicklung begriffenen Men⸗ ſchenknospe, welche unſer leider zu früh verſtorbener Dichter ſo ergreifend ſchildert: „Ein Buch iſt jedes Mädchenherz, mit gar geweihten Lettern— Die meiſten Menſchen leſen's nicht, ſie wollen d'rinn nur blättern, Und ſchlagen, wie der Wirbelwind, ein Blatt um nach der Reihe, Verſtehen nicht ein Verslein d'rinn, nicht einen Spruch voll Weihe.“ Die Zeit verflog raſch, und die letzte Nacht vor dem Prüfungs⸗ und Scheidetage brach an. Im Kloſter Sacré Ange war es Brauch, daß an dem Vorabend des öffentlichen Prüfungstages die aus der Anſtalt tretenden Zöglinge Abſchied nahmen von Lehrerinnen und Mitſchülerinnen. Es war dies ein Gebrauch, der in den ſich aufeinander drängenden Ge⸗ ſchäften des folgenden Tages ſeinen Grund fand, in⸗ dem es an ſelbem an Zeit und Muße gebrach, ſich den herzlichen Gefühlen des Abſchiednehmens hinzugeben. An jenem Abende drängten ſich dann Allle an die austretenden Zöglinge heran, und erhielten dieſe da⸗ 191 durch vor den in die Anſtalt Wiederkehrenden eine Art letzter Bevorzugung. Iſabella befand ſich dieſes Mal unter den Be⸗ günſtigten. Obgleich an Jahren unter den Scheidenden die Jüngſte, ward ſie eben deshalb von t lehrerin⸗ nen am wärmſten umarmt. Der Abſchied was dem jungen Mädchen während des Zeitraumes von ſechs Jahren lieb geworden, fiel Iſabella ſchwer. Der Menſch hängt ſtets mit den feſten Banden der Gewohnheit an jenen Orten, wo er eine Zeitlang ge⸗ lebt, um wie viel mehr aber, wenn herzliches Entgegen⸗ kommen dieſe Gewohnheit zu einer freundlichen geſtal⸗ tet, wie dies bei dem jungen Mädchen, dem einſtigen Kloſterliebling der Fall war. Trotzdem, daß ſie einer ſorgenloſen ſchönen Heimath entgegenging, bangte es Iſabella plötzlich vor der wunderbaren, mährchenhaften Welt da draußen. Sie ſehnte ſich zurück nach dem Altgewohnten und konnte ſich einer leiſen Furcht vor dem Neuen nicht erwehren. War dieſe plötzliche Regung eine Vorahnung⸗ Wer wollte es beſtimmen? In Trennungsweh aufgelöſt, lag Iſabella an der Bruſt der Oberin, und zum letzten Male ſtreichelte die Matrone das glänzende Haar ihres Lieblings. „Tritt Deine neue Lebenslaufbahn muthig an, ——öööö 192 mein Kind; ſei Deinem Vater eine brave Tochter“, ſagte die Oberin,„und vertraue in allen V zerhältniſſen Deines Lebens auf eine höhere Schickung, ſowie wir gelehrt haben.“ f ge Mädchen war tief ergriffen, und der Nachhall Abſchiedes wirkte noch in der ſtillen Ein⸗ ſamkeit des Schlafzimmers, welches ſie mit Malvine zum letzten Male theilte, und es dauerte lange, bis der Schlaf die müden Lider ſchloß. „Ich begreife nicht“, meinte Malvine,„wie Du ſo traurig ſein kannſt. Du gehſt ja doch zu Deinem guten Papa! Ich wollte, ich wäre an Deiner Stelle, und könnte für immer zu Hauſe bleiben. Ich habe freilich heute auch ſchon um Dich geweint, aber nun iſt es vorbei, und ich hoffe, Du wirſt mich einmal nach Karnſtein einladen.“ So tröſtete die kleine Comteſſe, bis ſie ſich ſelbſt endlich in den Schlaf getröſtet und Iſabella mit einem letzten Aufſchluchzen ihrer jungen Bruſt entſchlief. Eine ſternenhelle klare Nacht breitete ſich über die Erde. Der Mond ſchien mit ſeinem bieichen Glanze über das ſtille friedliche Kloſter, als wolle er es ein⸗ hüllen in ſein mildes Licht. Iſabella warf ſich im Schlafe unruhig hin und 7 ——————— 193 her. Plötzlich aber ſchrie ſie laut auf, und richtete ſich ſchweißgebadet im Bette empor. „Was iſt Dir denn?“ fragte die durch den Schrei erwachte kleine Comteſſe. „Mein Gott! Ich hatte einen entſetzlichen⸗ Malvine. Mir träumte, ich ſtünde am F. tungsberg zu Karnſtein neben meinem Vater. Wir ſahen dem Treiben mehrerer Männer zu, die immer etwas vom Boden aufhoben, was ich nicht ſehen konnte, und Vet⸗ ter Theobald ſprach zu ihnen. Da plötzlich ſtrauchelte mein Vater und fiel den Feſtungsberg tief, tief hinab!“ „Träume ſind Schäume, trinke ein Glas Waſſer, Bella.“ Das junge Mädchen befolgte den Rath ſeiner phlegmatiſchen Freundin. „Gott ſei Dank, es war nur ein Traum“, flüſterte ſie noch immer aufgeregt und entſchlief zum zweiten Male, dieſes Mal aber ruhig und feſt. Der liebliche Sonnenſchein eines heiteren Sep⸗ tembermorgens weckte die jungen Schläferinnen, und verſcheuchte alle Schreckgebilde der verwichenen Nacht. Iſabella fühlte ſich neu gekräftigt. Das rege Le⸗ ben und Treiben, das ſich bald in den ſonſt ſo ſtillen Räumen, welche an dieſem Tage auch Fremden geöff⸗ net waren, entwickelte, dämpfte den Schmerz des be⸗ Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. 13 194 vorſtehenden Abſchieds. Es gibt Menſchen, auf welche das Wetter von großem Einfluſſe iſt; Iſabella war eine von dieſen Naturen. Der Abſchied wäre ihr noch ſchwerer geworden, würde ein bleigrauer, trüber Him⸗ 8 mel ſich i über ihr junges Haupt gebreitet haben. Die Stunden flogen dahin. Zum letzten Male wurde das junge Mädchen in ihren Kenntniſſen ge⸗ prüft. Sie beſtand dieſe Prüfung tapfer. Ihr Auge flog dabei hinüber nach den Reihen der anweſenden Fremden, die gekommen waren, derſelben in Saecré Ange beizuwohnen. Da erblickte ſie plötzlich das gut⸗ müthige Geſicht ihres Vaters, und deſſen liebe, treue Augen winkten ihr ein herzliches Willkommen zu! Ein heller Glücksſchimmer breitete ſich über ihr roſiges Ge⸗ ſicht; vergeſſen war Alles, jeder Trennungsſchmerz, und mit einem Freudenſchrei warf ſie ſich nach been⸗ deter Prüfung in die Arme ihres Vaters. Zum letzten Male war Iſabella geprüft worden, um nun den Prüfungen des Lebens entgegenzugehen. Siebentes Kapitel. Geiſtes⸗Proletariat. 7 In einer der belebteren Vorſtädte der großen, 7 deutſchen Reſidenz, in der unſere Erzählung begonnen,— lag in einer freundlichen volkreichen Straße, der ſoge⸗ nannten Jägerzeile, ein altes zweiſtöckiges Haus. Zu der Zeit, als unſere Erzählung ſpielt, war dieſes Haus— bis an den Dachgiebel hinauf von ruhigen ſtillen Partheien bewohnt. Das erſte Stockwerk hatte ein älterer, ziemlich an⸗ ſtändiger Mann inne, der dort mit ſeiner geiſteskranken Schweſter lebte. Herrn Allen's Schweſter war keine von den gefährlichen Irren, die andern Menſchen Furcht und Schrecken einflößen, im Gegentheile, ſie war ruhig und ſtill, und nur ihr zei itweiliges, blödes Lächeln, wie ihre wirren Reden bewieſen ihren getrübten Geiſteszuſtand. Sie kam ſelten, beinahe nie aus, und wenn dies geſchah, meiſtens zu Wagen, nur in Be⸗ gleitung ihres Bruders. Ueberhaupt entwickelte Herr Allen in der Pflege ſeiner Schweſter eine theilnahm⸗ volle Thätigkeit. Er ſchien vermögend zu ſein; dies bewies ſein ganzer Haushalt, an dem er, außer in ſei⸗ ner eigenen Bedienung, in nichts ſparte. Zu ſeiner und ſeiner Schweſter perſönlichen Bedienung hielt er ſich jedoch außer einer Wärterin für die Kranke, nur eine alte taube Dienerin, die ab und zu kam, und alle häuslichen Arbeiten verrichtete. Die Leute im Hauſe mmeinten, er thue es abſichtlich, um jedem unnützen Ge⸗ pplauder über ſeine Schweſter vorzubeugen. Die ebenerdigen Räumlichkeiten des Hauſes beher⸗ bergten einen Kleinhandel, an welchen ſich die Wohnung des Beſitzers des Ladens anſchloß. Ueber der Gewölbe⸗ thür las man auf einer Tafel:„Euphroſina Eſch⸗ müllers Vermiſchtwaarenhandlung zu den zwei bren⸗ nenden Herzen.“ Dieſe zwei brennenden Herzen waren grellroth auf der Tafel zur Anſchauung gebracht. Frau Euphroſina Eſchmüller war die eigentliche Inhaberin der Firma„Zu den zwei brennenden Herzen“, die mit Seifen und Schinken, Würſten und Kleider⸗ ſtoffen, gedörrtem Obſt und Zucker, Kaffee und Stiefel⸗ 25 197 wichſe handelte. Daß das Geſchäft aber auf ihren Namen lautete, hatte ſeinen triftigen Grund. Nicht etwa, weil ſie ſich eines glücklichen Wittwenſtandes er⸗ freute, im Gegentheile, weil die ſtarke willenskräftige Frau einen kleinen, aber ſehr gelehrten Mann beſaß. Herr Euſebius Eſchmüller war in ſeinen jüngeren Jahren das Factotum eines noch gelehrteren Profeſſors, der ihn zum Erben ſeiner ſtaubbedeckten Folianten ge⸗ macht. In Folge deſſen entpuppte ſich denn eines Tages Herr Euſebius aus der Larve eines harmloſen Famulus zu einem Copiſten für die gelehrte Welt. In dieſer Stellung behagte ihm nun freilich das Aus⸗ theilen von geräuchertem Speck und eingelegtem Kraute nur wenig und ſelbſt dem äſthetiſcheren Abmeſſen von Band und Kleiderſtoffen konnte er keinen Geſchmack abgewinnen; und ſo kam es denn, daß Frau Euphro⸗ ſina nach und nach das Staatsruder„der zwei bren⸗ nenden Herzen“ allein und unumſchränkt führte. Nach ihrem in der Taufe erhaltenen Namen zu urtheilen, wären eigentlich unſere Leſer vollkommen be⸗ rechtigt, in Frau Eſchmüller ein ſogenanntes„höheres Weſen“ zu vermuthen; allein trotz ihres romantiſchen Namens ſtand die Frau des Schreibers in ihren Lebens⸗ anſchauungen vollkommen auf praktiſchem Grund und Boden, und ihr dickes, freundliches Vollmondsgeſicht, 198 ihr allezeit friſches Lachen paßten wenig zu irgend welchem romantiſchen Gedankenfluge. Man kaufte nirgends billigere und beſſere Waare, und nirgends be⸗ kam man mehr Credit, ſei es nun auf Mancheſter⸗ hoſen oder Vollhäringe, als in„den zwei brennenden Herzen“, aber man fand auch nirgends eine beſſere Rechnerin, wenn es galt, die Zukunft der Ihrigen feſt⸗ zuſtellen. Die Folge davon war, daß ſich in der rück⸗ wärtigen Stube auch ein unſern jetzigen feuerfeſten „Werthheimern“ ſehr ähnlicher ſchwerer Schrank nicht umſonſt befand, trotzdem die Welt behaupten wollte, die gutmüthige Frau vermöge es ſelten, den flehend⸗ lichen Bitten vermögensloſer Aſſeſſoren und ſchwachbe⸗ ſoldeter Lieutenants zu widerſtehen, bei etwaigem Apell an ihren Geldbeutel. Es war dies, wie geſagt, eine ihrer Schwächen, doch wer hätte dergleichen nicht meh⸗ rere— und ſo ging es auch unſerer Freundin. Sie plauderte für ihr Leben gern; zu ihrer Ehre aber müſſen wir hinzufügen, daß ihr Geplauder nie die Grenzen der Harmloſigkeit überſchritt, und nur die Folge einer übergroßen, durch die Lebhaftigkeit ihres Charakters bedingten Neugierde war. Wenn aber Frau Euphroſina ihren werthen Nachbarinnen beim Nach⸗ mittagskaffee von ihrem früheren Herrn, dem braven Herrn Oberſten erzählte, oder gar von der Urahne, =——OOö— ——— — 199 ihrer Großmutter ſprach, deren Bruſtbild in ſchwarzen Holzrahmen im ſogenannten Staatszimmer hing, ſo hob ſich die ſtattliche Geſtalt und ihr Anblick hatte etwas wahrhaft Majeſtätiſches. Bemerkte doch die gute Frau dann nicht einmal, daß hinter ihrem Rücken ſich gar ungläubige Geſichter zeigten und daß ein ſeltſames Kopfſchütteln der Zuhörer Proteſt einlegte gegen die Zuſammengehörigkeit der Habichtsnaſe auf dem frag⸗ lichen Bilde und der auffallenden Stumpfnaſe unſerer Freundin. Wenn nun aber gar einige Gegner Euphro⸗ ſina's— und wer hat deren nicht— behaupteten, das Bild vor Jahren auf dem Tandelmarkt zum Ver⸗ kaufe ausgeſtellt geſehen zu haben, ſo glauben wir doch ſagen zu dürfen, daß die Gehäſſigkeit hierin zu weit ging, und ihren Urſprung nur eben⸗darin hatte, daß die gute Eſchmüller vielſeitig wegen des guten Fort⸗ ganges ihrer Geſchäfte beneidet wurde. Herr Euſebius mit den bebrillten, gutmüthigen Augen und der mehr als hohen Stirne, kannte aber auch nebſt ſeiner Gelehrſamkeit nichts Höheres als ſein Weib. Frau Euphroſina war ſein Alpha und Omega, wie er ſich gern ausdrückte; aber ſein Alpha und Omega hatte einen gründlichen Widerwillen gegen, wie ſie ſagte, alle altbackene Gelehrſamkeit, die ſie nur un⸗ nützen Tandelkram nannte, der nur zur Magerkeit 200 führe. Trotz alledem lebten aber die beiden Gatten in herzlichſter Eintracht; Euſebius ſchrieb— Euphroſina wog Salz und Pfeffer ab— Beide aber vereinigten ſich in aufrichtiger Liebe zu einander und zu ihren Kindern. Neben dem Laden befand ſich die Privatwohnung des würdigen Ehepaares, welche aus einem Staats⸗, Wohn⸗, Schlaf⸗ und Mietherzimmer nebſt einer ſtets ſpiegelblanken Küche beſtand. In dem Staatsgemache hing, wie erwähnt, das Bild der Urahne und weiß überzogene Sophas und Stühle, nebſt einem mit Gaze ſorgfältig bedeckten Spiegel, rieſige Bouquets von ge⸗ machten Blumen in Glasvaſen, auf Tiſchen und Schrän⸗ ken zur Schau ausgeſtellte Zuckerdoſen und Kaffee⸗ ſchalen nebſt ein⸗Paar ſtark röthlich verſchämten ſilber⸗ plattirten Leuchtern, geben Zeugniß von der Sorgfalt, welche dieſem Allerheiligſten zugewendet wurde. Von da aus führt eine Thüre in das Schlafzimmer der Gatten. Dort ſteht in einer Ecke nächſt dem Fenſter der Schreibtiſch des„Herrn“, wie Euſebius nach dor⸗ tiger Volksſitte genannt wird; in der anderen Ecke, dem Schreibtiſch gegenüber, der feuerfeſte Kaſten. Die Thüre zu dieſem Heiligthum wird gewöhnlich von zwei Hunden, Caligula und Nero, bewacht. Dann folgt das Wohngemach zum täglichen Gebrauche für die Fa⸗ ,„— 201 milie, welches in ſeiner Einrichtung mit dem großge⸗ blümten Zitzſopha und der alten Schwarzwälder Uhr mit obligatem Kuckucksruf einen gemüthlichen, ja an⸗ genehmen Aufenthalt darbietet. Von der Küche aus, durch einen eigenen Ausgang, gelangte man endlich in das Mietherzimmer, das ſich wieder an das Staats⸗ gemach anſchloß und welches von der praktiſchen Haus⸗ frau gewöhnlich an Herren vermiethet wurde. Der jetzige Miether war ein luſtiger junger Mann von kaum fünfundzwanzig Jahren, der als Schrift⸗ ſteller bei einer der vielen damals neu aufgetauchten Zeitungsephemeriden ſein etwas kärgliches Brod fand. Trotz ſeiner knappen Einnahme aber, die ſtets zu ſei⸗ nen Ausgaben im Mißverhältniſſe ſtanden, war der ſorgloſe Literat doch immer bei frohem Muthe. Nie⸗ mand beſaß ſo viele Schulden wie er, aber Niemand beſaß auch wie er die ſeltene Gabe, ſeinen Gläubigern ſo geſchickt aus dem Wege zu gehen, wobei er ſich hauptſächlich des einfachen Mittels bediente, ſeine Wohnung ſo oft als möglich zu wechſeln. In Folge eines dieſer Manöver wurde denn auch Frau Eſch⸗ müller das Glück zu Theil, ihn unter ihre Mieths⸗ herren zu zählen. Die heitere Laune, ſowie die Gut⸗ müthigkeit des jungen Mannes machte ihn bald zum Lieblinge der braven Familie und wenn auch Frau Eſchmüller durch die mehr als geniale Unordnung, welche ſtets im Zimmer des jungen Schriftſtellers berrſchte, oft in gelinde Verzweiflung verſetzt wurde, ſo reichte doch jedes Mal ſein Verſprechen, ſich beſſern zu wollen, hin, die gute Frau zu bewegen, ſelbſt die Ordnung in dem literariſchen Chaos wiederherzuſtellen, wobei wir indeſſen nicht verſchweigen dürfen, daß ſie gar gewaltig vor ſich hinbrummte, wenn die Haar⸗ bürſte nebſt einem paar Socken in gemüthlicher Ein⸗ tracht auf dem neuen Hute lagen,(oder gar die Stie⸗ feln auf einem friſchgebügelten Hemde ſtanden— War dann die Ordnung wieder hergeſtellt, ſo ſchien auch die Sonne wieder am häuslichen Himmel und es herrſchte ſo lange wieder zwiſchen Miether und Ver⸗ mietherin das beſte, durch Lachen und Scherze erhöhte Einvernehmen, bis ein neuer Act grober Sorgloſigkeit ſeitens des Erſtern wieder Anlaß zu neuen Plänkeleien bot. An einem trüben, naßkalten Apriltage, zwei Jahre nach dem Austritte Iſabella's aus dem Kloſter, ſaß der junge Literat in ſeinem Zimmer und ſchrieb fleißig an einer Recenſion für ſein Zeitungsblatt, welches ihn beauftragt hatte, den Erſtlingsroman eines jungen Autors„gründlich zu verreißen“. Es war dies für den gutmüthigen jungen Mann keine kleine Aufgabe, 203 denn ſein gutes Herz ſträubte ſich dagegen, die Zu⸗ kunftsträume des jungen Romanciers mit ein paar herzloſen Federſtrichen ein für alle Mal zu vernichten; aber es brachte Geld ein und Geld hatte er gerade jetzt nöthiger als jemals. Er ſchrieb alſo darauf los, wobei wir nicht verſchweigen dürfen, daß er nach jeder den armen Autor vernichtenden Redewendung, gleich⸗ ſam wie bereuend, wieder Blicke in das vor ihm lie⸗ gende Erſtlingswerk warf und, wie mit ſich ſelbſt zür⸗ nend, ſeinen Schlafrock von höchſt zweifelhafter Farbe als Federwiſcher wüthend bearbeitete. Der junge Zeitungsſchreiber hatte ein ſchönes, et⸗ was markirtes Geſicht und der gutmüthige Ausdruck ſeiner blauen Augen ſtand im grellſten Gegenſatz zu dem Unmuthe, mit welchem er die ihm verhaßte Ar⸗ beit zu überwältigen ſuchte. „Der Teufel hole dieſe Arbeit!“ ſagte er endlich zu ſich ſelbſt und warf ſeine Feder einen Moment von ſich, um ſie im nächſten wieder zu ergreifen oder auf's Neue in dem ſeinem Richtſchwerte verfallenen Werke zu blättern. „Ja, käme wenigſtens einer meiner Gläubiger auf den Gedanken, ein Buch zu ſchreiben“, fuhr er in ſeinem Selbſtgeſpräche fort,„da ſtünde es noch dafür, ihn ordentlich zu verarbeiten, aber ſo ein harmloſer 204 Menſch, den Niemand kennt, der dauert mich. Es iſt freilich wahr, zu was hat er es nöthig, hier ſchon im erſten Kapitel ſeinen Helden dem Publicum auf ſolche Weiſe und gar noch auf kahler Haide vorzuführen. Meint er am Ende gar, daß durch ein ſolches Hin⸗ ſtarren Vergißmeinnicht aus dem kahlen Boden ſprie⸗ ßen werden, oder bildet er ſich ein, daß die Leſewuth des Publikums ſo groß iſt, um gedankenloſes Hin⸗ ſtarren auf eine ausgedörrte Haide gar für einen ge⸗ nialen Schachzug zu erklären? Armer Teufel von einem Autoren! Keine Gedanken und dazu Niemand, der Dir Reklame gemacht!? Da hatte ich es geſtern beſſer bei meiner Beſprechung der diesmonatlichen Kunſtaus⸗ ſtellung. Es war aber auch eine wahre Perle, dieſe „Furcht vor dem Gewitter“! Ich ſehe es noch vor mir, das nette kleine Mädchen mit den angſterfüllten Zügen und den großen ſcheublickenden ſchwarzen Augen, wie es furchtbebend oben auf einer Ruine ſteht. Das war Wahrheit, erquickende Friſche! Wer nur der Künſtler ſein mag? Ich habe den Namen noch nicht gehört unter der Maſſe von Malern, die unſere Ausſtellung unſicher machen. Er heißt——“ Ein leiſes Pochen an der Thür unterbrach das Selbſtgeſpräch. Ein junger Mann trat ein und näherte ſich dem aufblickenden Schriftſteller. — 205 „Ich komme, Ihnen meinen herzlichen Dank aus⸗ zuſprechen für die freundliche Beurtheilung meines Bildes“, begann der Eintretende; doch plötzlich ſtockte er mitten in der Rede und wie feſtgebannt ſtarrte er den jungen Literaten vor ſich an, welcher ſich erhoben hatte und gleichfalls zur Salzſäule geworden ſchien. „Ja, Bruderherz, Goldjange, alter Freund! Biſt Du es wirklich?“ rief der Letztere endlich auf's Freu⸗ digſte überraſcht aus. „Hermann— Braun! Wie kommſt Du daher?“. tönte es entgegen. Ja, ſie waren es Beide wirklich; die Jugend⸗ freunde, welche ſich hier ſo unerwartet begegneten— der gutmüthige, ewig heitere Hermann Braun und der vom Schickſal ſo ſchwer betroffene Max von Breiten! Sie hatten in ihren Knabenjahren einander ſehr lieb gehabt, zuſammen gelacht, geweint und getollt, luſtige Streiche zuſammen ausgeführt und ihre geiſtige Ausbildung zuſammen gewonnen. So etwas vergißt ſich nicht ſo leicht und wenn auch der Ernſt des Lebens den Blüthenſtaub von ſolchen Erinnerungen abſtreift, ganz verlöſchen laſſen ſich dieſe doch nicht. Wir wiſſen, daß Zeit und Verhältniſſe Beide ſchon ſeit Jahren ge⸗ trennt, daß ſie ſich nur in größeren und kleinern Intervellen wiedergeſehen, ſeit Max' Verwendung 206 im Orient aber nichts mehr von einander gehört hatten. „Und Du biſt nun Künſtler geworden?“ fragte endlich Braun, nachdem er den Freund unzählige Male umarmt und ihm die Hand geſchüttelt. „Sowie Du Schriftſteller, Hermann!“ und ſeine guten ehrlichen Augen ruhten wie befriedigt auf dem Freunde, worauf er nach einer Pauſe fortfuhr:„Ja, darüber vergeſſe ich ja ganz, daß ich Dir die ſchöne Anerkennung meines Bildes danke!“ „Nicht mir, Max, wohl aber Deinem Talente, Du Mordjunge! Wer hätte doch in Dir einen ſolchen Künſtler vermuthet?“ 3„Und doch reicht meine Kunſt nicht aus, um meine Exiſtenz zu ſichern.“ „Tröſte Dich, Freund, geht es Dir doch wie mir. Auch meine Börſe leidet faſt immer am Ueberfluß an Geldmangel und doch bin ich darum keine Minute weniger heiter. Man muß das Leben nehmen wie es ſich gibt, ihm ſtets die freundlichſte Seite abgewinnen. Uebrigens iſt es ja auch bei Dir etwas ganz Anderes, denn Du haſt es ja nicht wie ich nothig⸗ Dir Dein Brod zu verdienen.“ Max hatte hierauf kein Geheimniß mehr vor dem Freunde und erzählte ihm die jüngſten Vorfälle, welche dieſer mit aufrichtiger Theilnahme anhörte. „Ja, Freund“, ſagte Braun mit faſt trüber Miene, als Breiten geendet,„das habe ich nicht erwartet. Der Kuckuck ſoll all' die habſüchtigen Weiber holen“, fuhr er dann wieder raſch ſich erheiternd fort,„mach' Dir nichts daraus, Max, es iſt noch nicht aller Tage Abend. Ich halte mich immer an das Lied des Nar⸗ ren in der Oper„der Templer und die Jüdin“:„Es wird beſſer gehen, die Welt iſt rund, ſie muß ſich drehen.“ Warum ſoll es nicht bei uns auch ſo ſein? Und nun, Freund, auf nach Valenzia! Feiern wir unſer Wiederſehen wie unſere Hoffnungen! Ich führe Dich in eine Reſtauration, wo Du gleich in medias res kommſt und nur Künſtler und Schriftſteller findeſt. Iſt es Dir recht?“ Breiten nickte zuſtimmend. „Dabei“, fuhr Braun redeſelig fort,„mußt Du nicht vergeſſen, welches Opfer ich durch dieſen Schritt der Freundſchaft bringe, indem ich für Dich am hellen Tage meinen Drängern ungeſcheut auf offener Straße entgegentrete. Und nun fort! Begegnen wir aber einem meiner Gläubiger, ſo werde ich der Geldſeele zurufen:„Ja, ich bin's, den Ihr genannt, bin's, den alle Wuchrer ſuchen, bin's, dem Pfandverleiher fluchen, 208 bin der flotte Braunomir!“ Und unſer verehrter Grillparzer wird mir das Plagiot vergeben, um un⸗ ſerer Freundſchaft willen.“ Lachend und ſcherzend verließen die Freunde das Zimmer. In der Hausflur begegnete Beiden ein Mann, der ſoeben aus dem Eſchmüller'ſchen Laden trat und der Treppe zum oberen Stock zuſchritt. Es war ein Mann in mittleren Jahren, von intelligentem und entſchloſſenem Geſichtsausdrucke. Die Haare waren ſchon ſtark ergraut, die Geſichtsfarbe bleigrau, wie ſie oft bei Branntweintrinkern gefunden wird, der Gang war etwas ſchleppend. Die elegante Kleidung contraſtirte auffallend mit dem Geſammteindrucke, wel⸗ chen das Aeußere des Mannes machte und das ſich als dasjenige eines verkommenen Menſchen darſtellte. Frau Eſchmüller ſtand unter der Thüre und knixte nach allen Seiten, blickte aber freudig überraſcht auf als Braun ſich an ſie wendete. „Ich habe einen Freund wiedergefunden, liebe Frau Eſchmüller, einen lieben theuren Jugendfreund, den Freiherrn Max von Breiten“, ſagte Braun zu ihr und die gute Frau erſchöpfte ſich gegen die beiden jungen Männer in Bezeigung ihrer aufrichtigen Theil⸗ nahme; der Mann aber, welcher die Treppe hinan⸗ ſtieg, blieb plötzlich ſtehen und drehte ſich überraſcht, 7 — 209 ja faſt erſchreckt um. War es der Name, welcher ge⸗ nannt worden, war es Braun's Stimme, welche die⸗ ſen Effekt hervorriefen? Braun wie Breiten hatte das auffallende Benehmen des Fremden nicht entgehen können. „Wer war das?“ fragte Breiten. „Herr Allen, der Miether des erſten Stockes“, er⸗ widerte die Ladenbeſitzerin.„Er hat eine blödſinnige Schweſter bei ſich, die der ganzen Nachbarſchaft viel zu ſchaffen macht, da ſie gar ſo einſam gehalten iſt.“ „Und Ihnen gewiß auch“, fiel Braun lachend ein,„nicht wahr?“ „Warum ſoll ich es leugnen, ja mir auch. Man will doch gern wiſſen, wer die Leute ſind, mit denen man unter einem Dache wohnt. Aber Herr Allen iſt ein gar verſchloſſener Mann, da iſt Alles vergebens.“ „Er kommt mir ſehr bekannt vor“, flocht Breiten ein.„Ich ſollte dieſem Geſichte ſchon begegnet ſein.“ „Mir geht's ebenſo, Max, aber wir täuſchen uns gewiß Beide. Was mir beſonders auffiel, war die faſt erſchrockene Miene deſſelben, als er ſich nach uns umſah.“. Es lag etwas von einem Polizeiagenten in dem Blicke— etwas Prüfendes und doch zugleich Tückiſches. Die Freunde verließen das Haus und eilten der Creſſieux, Die Kunſtreiterin. I. 14 — 6 210 Stadt zu, hatten das Glacis überſchritten und nun in einem wahren Straßenlabyrinth ſich zurecht ge⸗ funden. Bald näherten ſie ſich dem Reſtaurant; er führte das wenig verſprechende und doch ſo viel lei⸗ ſtende Wahrzeichen„Zum rothen Igel“ und wurde dieſes Lokal zur damaligen Zeit beſonders von den ſogenannten geiſtigen Capazitäten der Reſidenz beſucht. Daß ſich an dieſe dann die Halbheit und Hohlheit herandrängte, lag in den Zeitverhältniſſen, welche, durch den Donnerſchlag des 24. Februar 1848 hervor⸗ gerrufen, ihrer Entwickelung mehr und mehr entgegen⸗ reiften. Das ſchon ſeit frühem Morgen anhaltend naß⸗ kalte Wetter ließ die behagliche Wärme eines gemüth⸗ lichen Mittagmahles doppelt angenehm empfinden, be⸗ ſonders da die Freunde ſich ſo viel zu ſagen hatten; und wo böte ſich dazu eine ſchönere Gelegenheit zum Austauſch der Gedanken, als da, wo für Augenblicke alle Sorgen ſchwinden. Es hatte ſich heute ſchon eine ziemliche Anzahl von Gäſten eingefunden; Braun wurde von allen Seiten herzlich begrüßt, der von ihm vor⸗ geſtellte Maler Breiten freundlich aufgenommen. Bald war ein Tiſch gefunden und ein kräftiges Mahl beſtellt, welchem die Freunde mit guter Laune zuſprachen. Wir ſind in den Tagen jener jugendlichen poli⸗ ———— —————.—— 211 tiſchen Erregung, deren Anſtoß von Außen gegeben, zugleich den Umſturz eines faſt patriarchaliſchen Poli⸗ zeiſtaates bezeichnete. Alles, was nur an geiſtiger Schnellkraft ſich, trotz des vorhergegangenen Druckes, Lebenskraft bewahrt hatte, alle Jugendkräfte, welche in der Zeit ſchönſter Entwickelung ſtanden beim Herein⸗ brechen dieſes allgemeinen Völkerfrühlings, Alle hatten das Herz geſchwellt von Hoffnung, träumten eine ſchöne Zeit freiheitlicher Entwickelung und Neugeburt. Die Herzen fanden ſich, gleiche Geſinnung näherte gleichſam durch Intuition die Gleichgeſinnten, und Menſchen, welche geſtern noch gleichgültig einander begegnet, waren heute, ohne daß ſie es wußten, ſchon Freunde. Es war bei ſolcher Anregung der Geiſter daher 9 nichts natürlicher, als daß in einem Locale, in welchen ſich mehr oder minder geiſtig Höhergeſtellte zuſammen⸗ fanden, auch das Geſpräch beinahe ein allgemeines war und daß es ſich faſt nur um die Ereigniſſe des Tages drehte.— Wer hat ſie nicht mit Freuden begrüßt dieſe Zeit, als noch der Moſt der Freiheit in den Fäſſern gährte und wer hat nicht gern dem Ueberſchäumen der Volks⸗ ideen ein verzeihendes Lächeln gewidmet, ſo lange die⸗ ſelben noch nicht zum Werkzeuge politiſcher Intrigue erniedrigt waren. 14* 212 Die Geſpräche, denen ſich die zahlreich hier Ver⸗ ſammelten überließen, trugen noch alle den Stempel politiſcher Reinheit, aber, geſtehen wir es offen, auch politiſcher Unreife, wie ſolche als nur zu ausgeſprochene Folge einer zu väterlichen Volkserziehung ganz natür⸗ lich war. Dabei traten aber auch ſchon jetzt mehr oder weniger, wenn auch ſchüchtern, perſönliche Intereſſen in den Vordergrund und waren es vorzüglich Jene, welche ſchon damals in ihrer Feder die einzige Exi⸗ ſtenzberechtigung fanden, die ihren eigenen Ideen we⸗ niger als dem Gedanken ihrer Brodgeber folgend, das Gebiet der freiheitlichen Entwickelung im Sinne einer Profeſſion ausbeuteten. Es war nicht die geiſtige Armuth allein, welche dieſes Proletariat des Geiſtes erzeugte, welche auf jene Abwege führte, die für ſchwächere Charakter dann zum Abgrund wurden, es war auch der Kampf perſönlicher Intereſſen, der ſchon in jener Zeit begann und damals wie heute den Schwachen unter die Bot⸗ mäßigkeit des Starken, Gewiſſenloſen beugte. So ſehen wir denn auch hier in dem freundlichen Locale des„Rothen Igels“ Dasjenige üppig empor⸗ blühen, was wir mit dem oben gebrauchten Ausdruck kennzeichneten, ſowie in einer ſpäteren Periode jeuer poetiſch ſchönen erſten Freiheitsregungen eben faſt allein ↄ7ͤ 213 dieſes Proletariat es war, welches durch Schwäche oder durch ſelbſtiſche Regungen und unzeitiges Vor⸗ drängen alle dieſe Blüthen knickte. Iſt es ſchon ein trauriges Sprüchwort, zu ſagen: „Die Kunſt geht nach Brod“, ſo iſt es gewiß noch viel trauriger, ebenſo ſagen zu müſſen:„Der Geiſt geht nach Brod“; und doch iſt dies ſo häufig der Fall und war es auch leider zum großen Theil hier. Man war heiter, faſt ausgelaſſen geweſen. Breiten hatte in der, wenn auch etwas oberflächlichen Unter⸗ haltung ſeines Leides vergeſſen und mit der alten Claſticität freute er ſich aufrichtig dieſes heiteren Mo⸗ mentes. Sein Lachen klang ſo herzlich wie einſtmals bei den Scherzen ſeines Freundes und deſſen Erzählun⸗ gen, wie er jüngſt wieder einem oder dem andern ſei⸗ ner„unbezahlbaren“ Gläubiger dieſen oder jenen Streich geſpielt, regten ihn ſowie die naheſitzenden Bekannten ſtets zu neuer Heiterkeit an. Wer hätte wohl vorausgeſagt, daß es gerade dieſer Augenblick im Leben Breiten's ſein werde, welchen ſich ein unerbittliches Geſchick erkoren, abermals ſeine dunkeln Kreiſe um ihn zu ziehen? Und doch war es ſo. Ein noch junger Mann war ſoeben eingetreten und näherte ſich den Fröhlichen. Er war klein von 214 Statur, ſeine Augen hatten etwas Unſtätes, eine Folge ſeiner Kurzſichtigkeit, doch lächelte der Mund freundlich und verbindlich; ſein ganzes Benehmen war herzlich und gewinnend, trotz eines eigenthümlich ſchwermüthigen Zuges, welcher allen Jenen eigen ſein ſoll, welche be⸗ ſtimmt ſind, eines gewaltſamen Todes zu ſterben. Die Haltung war leicht gebückt, die Kleidung einfach, Kappe und Abzeichen verriethen den Studirenden und trugen die Farben, welche die Märztage in den Vordergrund geſchoben hatten. Sein Blick hatte ſuchend die Anweſenden über⸗ flogen, jetzt trat er zu den Freunden heran und reichte Braun die Hand. „Sie kommen ſpät, Meſſenhauſer“, ſagte dieſer, ihn herzlich begrüßend und Platz machend.„Sie dürf⸗ ten kaum mehr etwas Genießbares bekommen.“ „Ich war beſchäftigt“, erwiderte der Angeredete und blätterte in der Speiſekarte. Braun machte den Neuangekommenen mit ſeinem Freunde bekannt. Sie waren ſich nicht völlig fremd. Sie hatten einſt zuſammen, wenn auch nicht in dem⸗ ſelben Truppenkörper, in der nämlichen Garniſon ge⸗ dient, und ſo ſich oberflächlich gekannt. Sowie Breiten ſchon früher aus den uns bekannten Urſachen den Dienſt verließ, ſo hatte Meſſenhauſer auch vor kurzer Zeit die militäriſche Laufbahn quittirt. Man ſagte, wohl nicht ganz mit Unrecht, wegen ſeiner für einen Officier etwas zu vorgeſchrittenen politiſchen Haltung. Er lebte nun als Literat in der großen Reſidenz, fre⸗ quentirte fleißig die Vorleſungen der Univerſität und ſchloß ſich der damals ſchon etwas exaltirten Parhtei der Aula eng an. So mochte es ſich denn erklären, wenn man behaupten wollte, er beſchäftige ſich mehr mit Politik als mit den Muſen. Seine faſt gewitter⸗ ſchwülen Anſichten traten durch deren magiſche An⸗ ziehungskraft verlockend in die Kreiſe ſeiner Freunde und führten, ohne daß er es wollte, manchen ſeiner Bekannten auf Irrwege, welche eine ſchwere Sühne forderten. Dies war der Mann, welcher beſtimmt war, eine ſo wichtige Rolle in dem kaum begonnenen Volks⸗ drama zu ſpielen und der auf Braun wie auf Breiten den unheilvollſten Einfluß ausüben ſollte. Mit dem Eintritt des künftigen Volksführers drehte ſich das faſt harmloſe Geſpräch bald um ern⸗ ſtere Dinge und wandte ſich der Politik des Tages zu, welche damals immer mehr in den Vordergrund trat. Man tauſchte gegenſeitig Anſichten aus und Breiten ſelbſt, welcher mehr als ſein Freund allem Ueberſchwänglichen fern ſtand, fühlte ſich unwillkürlich 216 durch ein Geſpräch angeregt, welches durch den Ernſt ſeines Charakters ihm den Beweis zu liefern ſchien von der Ueberzeugungstreue des früheren Kameraden. „Und dennoch laſtet die Zeit gleichſam gewitter⸗ ſchwül auf Jedermann“, ſagte Breiten ſoeben in Er⸗ widerung der Auseinanderſetzung Meſſenhauſer's über die glückverheißenden Folgen der Märzereigniſſe.— „Solche Stadien des Ueberganges wollen überwunden werden, das Alte muß gründlich, aber überlegt abge⸗ ſchüttelt, das Neue von aller Ueberſchwänglichkeit rein erhalten, der Bodenſatz gleichſam abgeſtoßen werden⸗ Gelingt dies ohne heftige Kriſen, wird den realen Verhältniſſen Rechnung getragen, ſo iſt Hoffnung auf eine beſſere Zeit. Der denkende, der geſunde Theil des Volkes muß ſich aber an dieſer Klärung bethei⸗ ligen, die freiheitliche Entwicklung ſich an der Geſetzes⸗ achtung emporranken. Nur ſo iſt eine gewiſſe Berech⸗ tigung zur Selbſtbeſtimmung jeden Volkes über die Art ſeiner Regierung denkbar, nur ſo die Durchfüh ung wahrhaft liberaler Inſtitutionen möglich, alle übrigen Phraſen von einer Souveränität des Volkes quant- méme, von der Nothwendigkeit des Umſturzes alles Alten und Hergebrachten, von dem alleinigen Heile einer alles nivellirenden Republik, möchte ich nicht ſo ohne Weiteres unterſchreiben, da ich in dieſen Dingen 217 nur den Hebel erblicken kann, deſſen ſich von jeher jede Reaction bediente, um den jungen Neubau zu erſchüttern.“ „Darin bin auch ich Ihrer Anſicht“, entgegnete lebhaft Meſſenhauſer.„Auch ich möchte ſolche Sätze nicht unterſchreiben und hoffe, daß Sie mich darin nicht mißverſtanden haben. Gott behüte uns bei des Unreife unſeres Volkes vor einer Republik der Art, mehr aber noch vor einer Pöbelherrſchaft! Die Un⸗ gleichartigkeit der Culturſtufen unſerer vielfachen, ſo in Sprache wie Sitte verſchiedenen Volksſtämme, müßte zur Anarchie, zum Kriege Aller gegen Alle führen, deſſen Ende nur in der Vernichtung alles Beſtehenden, in dem Chaos zu ſuchen wäre. Das aber zu bewah⸗ ren und auszubauen, was ſeit Kurzem Eigenthum des Volkes, das heißt der Geſammtheit geworden, halte ich für Pflicht jedes freiheitlichdenkenden Mannes!“*) Es war ſpät geworden; die Tiſche des beliebten Locales hatten ſich geleert, das Geſpräch hatte durch Meſſenhauſer's letzte Worte gleichſam einen Abſchluß gefunden. „Laſſen wir für heute die Politik“, meinte nach einer Pauſe der ſtets heitere Braun.„Gönnen wir dem Augenblicke ſein Recht. Habt Ihr ſchon das *) Eigene Worte Meſſenhauſer's, des nach der Einnahme Wiens erſchoſſenen Anführers der Volksparthei. A. d. Verf. — 218 neueſte Stück von Neſtroy geſehen? Es ſoll, wie noch keine ſeiner Schöpfungen, anregend ſein.“ „Ich ſah es noch nicht“, meinte Meſſenhauſer, „doch wird es ſehr gelobt.“ „Nun ſo gehen wir hinein. Was meinſt Du, Max?“ „Ich bin einverſtanden“, antwortete dieſer. „Und Sie, Meſſenhauſer, halten Sie mit uns?“ fragte Braun. „Herzlichen Dank, doch bin ich leider beſchäftigt. Unſer Comité hat heute Abend eine Sitzung, bei wel⸗ cher ich nicht fehlen darf. Ich hoffe indeß, wir ſehen uns von jetzt ab öfter als bisher, und auch Sie“, wandte er ſich an Breiten,„ſollte es mich freuen, recht oft zu begegnen“ Man ſchüttelte ſich die Hände und die e len Ge⸗ ſellſchaft trennte ſich. „Wie gefällt Dir Meſſenhauſer?“ fragte Braun im Nachhauſegehen.„Was hältſt Du von ihm?“ „Mir ſcheint, er iſt eine aufrichtige, ehrliche Natur; nur fürchte ich, daß er ſich ſelbſt nicht ganz klar iſt; ſeine Anſichten leiden an poetiſcher Ueberſchwänglich⸗ keit. Solche Charaktere laſſen ſich leicht durch falſche politiſche Doktrinen verwirren, beſonders wenn ſie das Unglück haben, in die Hände von politiſchen Intri⸗ — 219 ganten zu fallen. Grundſätzlich unehrliche Menſchen ſind aber in einer ſo bewegten Zeit wie die jetzige mehr als gefährlich für Idealiſten, wie leider unſer Meſſenhauſer es iſt.“ „Da haſt Du vollkommen Recht. Indeſſen halte ich Meſſenhauſer doch für klug genug, die ihm drohende Gefahr rechtzeitig zu erkennen.“ „Hoffen wir es“, bemerkte Breiten ernſt.„Dann aber wird er auch gewiß noch ſeinen Weg machen.“ „Ich wußte gar nicht, daß Ihr Euch kanntet!“ Die Freunde verbrachten auch den Abend gemein⸗ ſam, nachdem ſie in einem damals ſehr beliebten Vor⸗ ſtadttheater dem Gotte des Scherzes gehuldigt. Das alte Band einſtiger Freundſchaft ſchlang ſich erneut um zwei Menſchen, welche ſich ſo unerwartet wieder⸗ gefundetit. Für Breiten begann nun eine Zeit des Ringens, wie ſie jeder echten Künſtlernatur nicht erſpart bleibt; aber die heilſame Thätigkeit, der er ſich hingab, zer⸗ theilte auch jene trüben Gebilde der Muthloſigkeit, welche nach den letzten Ereigniſſen auf Adlerberg über ihn Herr zu werden drohten. Das neue Leben an Braun's Seite, ſo ſeltſam in ſeinen Contraſten von Armuth und zeitweiliger Fülle, je nachdem dem nach Brod gehenden Schriftſteller geringere oder reichliche 220 Zahlung wurde für die Producte ſeines Geiſtes, wirkte erheiternd auf unſern Helden und der Umgang mit den Geiſtesverwandten ſeines etwas leichtſinnigen Freundes berührte ihn oft angenehm, wenn er ſich nach anſtrengender Arbeit losriß von ſeinen ernſten Studien. Seit der Wiederverheirathung ſeines Vaters hatte auf Breiten's Gemüth gleichſam ein fortwährender Druck gelaſtet. Dieſen Druck hatte Braun verſtanden von ihm zu nehmen und da die Erfahrung lehrt, daß man nie lebhafter das Entzücken der Unabhängigkeit fühlt, als wenn man ſich derſelben längere Zeit be⸗ raubt fühlte, ſo darf es nicht verwundern, daß Breiten ſich doppelt dem Genuſſe der Gegenwart hingab und auch den Tagesintereſſen eine faſt ungewohnliche Be⸗ theiligung zuwendete.* Ende des erſten Bandes. 8. —