Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8, Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegen nahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— bBlcher auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 3 9„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſunn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Ein Seiten ſtuk zu dem Jagermaäaͤdchen von Cramer. Zoſingen 1 „ 6 Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —;————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 1 8„— 7„“— 27 4 7.— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei ſolchen Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das lorene oder defecte Buch ein Theil eines der Leſer ſun Erſatz des G J7. Ausleihezeit. beſonders darauf au der Bücher nicht ſelben von mir Ein Seiten ſtuͤk zu dem Jagermaäaͤdchen von — 84 1 7 1 ge ihres beſtimmten Liebhabers zu feſein und Graf Ehrenſtein, einer der erſten und angeſe⸗ henſten Maͤnner im Staate, begieng die Thorheit, die Neigung ſeiner Tochter in der Wiege zu beſtim⸗ men und ihre Hand dem Sohne eines ſeiner Freunde zuzuſichern. ohne auf die mehr oder weni⸗ ger nachtheiligen Folgen Nuͤkſicht zu nehmen. Dies ſe Unbeſonnenheit war um ſo unverzeihlicher, je zwekmaͤſſiger ſelbſt ſeine eigene Erziehung geweſen war, je ausgebreiteter ſeine Kenntniſſe und der 8s Wirkungßskreiß, in dem er ſich erblikte aglaͤnzend und viel umfaſſend war. Aber Geiz und Ehrſucht ver⸗ leiteten ihn, dieſen Schritt zu thun, in der ſchmei⸗ chelnden Vorausſezung, daß Julie dereinſt dem Sohne des erſten Miniſters gefallen muͤßte. Das Herz ſeines Kindes kam in keine Betrachtung; dieß ſchien ihm unter allen in den Weg tretenden Hin⸗ derniſſen das uͤberſteialichſte zu ſeyn Aber er dachte nicht daran, daß die bildende Natur, die maͤchtige Schoͤpferin weiblichen Reize, ihm den empfindlichſten Strich durch die Rechnung machen koͤnnte; daß Krankheiten und ahnliche un⸗ vermeidliche Zufaͤlle Juliens Schonheit fruͤher oder ſpaͤter, zerruͤtten und ſie dereinſt eben ſo haͤßlich, als ſchoͤn, werden koͤnnte. Er dachte nicht daran, daß bei der gluͤklichſten Bereinigung uͤberſchwenglicher Reize der Seele und des Koͤrpers Julie dennoch vielleicht nicht im Stande ſeyn koͤnnte das Au. feſt zu halten. Wer konnte ihm denn fuͤr die Ge⸗ ſinnungen des Juͤnglings buͤrgen? Zwar unterließ der Graf nichts, alles beizutra⸗ gen, was Vaterpflicht und Maͤdchenbeſtimmung heiſchten. Juliens Erziehung war eben ſo glaͤnzend, als zwekmaͤſſig und in jeder Ruͤlſicht gluͤklich zu nen⸗ nen; ſchon verſprach er ſich den beſten Erfolg, der ſeinem Vaterherzen ſchmeichelte. Aber ſie blieb immer nur einſeitig, ſo emſig auch der Graf dem gemeinſchaftlichen Ziele entgegen arbeitete. Leichtſinniger betrieb Graf Opfermann das Ge⸗ ſchaͤft der Erziehung ſeines Sohnes. Stolz und Eigenliebe waren von jeher das Abzeichen ſeines Charackters: leidenſchaftlich huldigte ihnen ſein Herz und der Poſten, auf dem er ſtand, machte ihn nichts gewiſſer glauben, als daß es ihm nie fehlen koͤnne. Er war der erſte Mann im Staate, des Monarchen Guͤnſtling und einzige Mittelsperſon zwiſchen Fuͤrſt und Unterthan. Als dieſem mußte ihm jeder huldigen und jeder ſichs fuͤr ein Gluͤk ſchaͤzen, eines Maͤcenatenblicks von ihm gewuͤrdiger zu werden. Mithin war es auch kein geringes Gluͤk fuͤr die Tochter ſeines Freundes, ſeinem Sohne zur Gemahlin beſtimmt zu ſeyn, benn Graf Ehren⸗ ſtein war ja um einige Stellen unter ihm. Sb Ferdinand mit Julien, oder Julie mit Fer⸗ gluͤklich ſein wuͤrde?— dieß getraueten — — Soldat zu werden. Indeß wuchs Julie, die um ei⸗ fentochter einſt mit ihrer Liebe beguͤnſtige 5 gen. Ehrſucht von der einen und Stolz von der andern Seite ließen ſie gar nicht auf den Gedan⸗ ken kommen, mit vereinten Kraͤften zu arbeiten, um durch gemeinſchaftliches Streben ihren Zwech zu erreichen. Sie handelten jeder nach eigenen und einander geradezu widerſtreitenden Grundſaͤzen, die ihnen nothwendig die Erreichung ihrer Abſicht unmöglich machen mußten. Ferdinand mußte ſtudieren und ſich zum Staats⸗ mann bilden, ſo wenig Neigung er auch zu den Wiſſenſchaften hatte, Sein Sinn ſtand daraufß, nige Jahre juͤnger war, als Ferdinand, heran. Ihre Reize entfalteten ſich zu ihrem Vortheil und eine Menge bunter Schmetterlinge flatterte um die junge Roſe her. So wenig nun auch ſelbſt die Graͤfin, Juliens Mutter, die Abſichten ihres Gemahls und den ihrer Tochter vom Schikſal beſtimmten Gefaͤhrten ihres Lebens kannte, ſo unterließ ſie nicht, nit muͤtterlicher Sorgfalt, Herz und Verſtand der jun⸗ gen Grazie zu bilden und ſie auf dle wichtige Be⸗ ſtimmung ihres Geſchlechts vorzubereiten. Julie trug das ihre dazu ſelbſt bei und Gkaf Ehrenſtein hatte Urſache, auf das Werk der Erziehung ſeines Kindes ſtolz zu ſeyn.“ Jeder von den um ihre Blicke Buhlenden 8 wuͤnſchte der Gluͤkliche zu ſeyn, den die ſod des ſer Foderung berechtiget zu ſeyn; einige ſchlugen um ihrentwillen ſogar vortheilhafter ſcheinende Parthieen aus, die ihnen angetragen wurden; die wenigſten— und dieſe waren die edelſten— ſtrebten, durch Sittlichkeit und Beſcheidenheit ihr und ihren erhabenen Eltern zu gefallen, ehne Auf⸗ ſehen zu erregen und ihre Abſichten vor der Zeit laut werden zu laſſen. Alles betete Julien an und huldigte ihr— alles ſprach mit Enthuſias mus von ihr ais der erſten Schoͤnheit des Landes. Dieß ſchmeichelte zwar dem Herzen ihres Va⸗ kers; aber ſein gegebenes Ehrenwort galt ihm uͤber alles— und er troͤſtete ſich mit dem Beiſpiele ſo manches guten Weibes, dem man wider ſeine Nei⸗ gung einen Mann aufgedrungen hatte. Juliens hohe A gend leiſtete ihm Buͤrgſchaft, daß auch ſie, wenn auch nicht ganz gluͤklich, doch wenigſtens nicht ganz ungluklich, in ihrer vereinſtigen Lage ſeyn wuͤrde, wenn auch der Sohn ſeines Freundes ſeinen Wuͤn⸗ 3 ſchen ſo wenig, als den gerechten Foderung ſei⸗ ner Tochter entſprechen ſollte. Unterwuͤrfigkeit und Ergebenheit in den Willen anderer, waren die Hauptelgenſchaften dieſer ſchoͤnen Seele. Und ſolche Vorausſetzungen haͤtten ſein gegebe⸗ nes Verſprechen nicht entſchuldigen— nicht jede Furcht aus ſeinem Herzen verdraͤngen ſollen?— Niemand ahnete, daß Ferdinand, der Sohn 8 5 allgemein gefuͤrchteten Grafen von Opfermann, Biele glaubten durch Stand und Vermoͤgen zu die⸗ *₰ 7 13 Juliens beſtimmter Gemahl ſeyn köunte. Wie lange haͤtte ſie noch warten ſollen?— Jedermann wußte, daß er ſeine akademiſche Laufbahn kaum bis zur Haͤlfte vollendet hatte und nach deren Ab⸗ lauf noch zwei Jahre auf Reiſen zu gehen beſtimmt war.— Wie haͤtte ſie ihn lieben konnen 2— Dieß war die Meinung vieler, die ihn genauer kannten und aus authentiſchen Nachrichten die ſicherſten Beweiſe ſeiner ausſchweifenden Lebens⸗ art hatten. Fechtboden und Reitbahn, Aſſamble⸗ en, Konzerte, Schauſpiele und Kaffeehaͤuſer'waren die Schulen, in denen er ſein Herz und ſeinen Geiſt bildete.— Ob er den Wuͤnſchen ſeines Va⸗ ters Genuͤge that und ſeine Beſtimmung erreichte? liegt auſſer dem Plane unſeres Beginnens; wir folgen dem Schikſale der liebenswuͤrdigen Julie und naͤhern uns allmaͤhlig dem vorgeſtekten Zlele. Unter den, mehr oder weniger wuͤrdigen, An⸗ betern der allgemein vergoͤtterten Tochter des Gra⸗ fen von Ehrenſtein war auch Kurt von Iſenburg. Er gehoͤrte unter die Klaſſe der edleren Juͤnglinge, die um Juliens Gunſt und Liebe warben. Mit dem Grafen, ihrem Vater, durch die Bande der Blutsfreundſchaft verwandt, hatte er, ſeit ſeiner Anſtellung beim Regiment als Lieutenant, Zuͤtritt im Ehrenſteiniſchen Hauße und wöchentlich ein⸗ auch mehrmals das Gluͤk, zur graͤflichen Tafel ge⸗ zogen 8 werden. Kein Wunder⸗ nenn der neun⸗ —— an die er Anfangs gar nicht gedacht hatte und die I ihn eben ſo gluͤklich als bald nachher ungluͤklich machte, ihm auch mit der Zeit allenthalben Neid und Mißgunſt erwekte. Eine regelmaͤßig ſchoͤne Bildung, ſeinen Jah⸗ ren wie ſeinem Stande angemeſſen, empfohl ihn eben ſo ſehr, als ſeine Verdienſte, die ihm ſogar unter ſeinen Vorgeſezten, Achtung und Bewunde⸗ rung erwarben. Mit dieſen geiſtigen und koͤrper⸗ lichen Vorzuͤgen verband er auch einen moraliſch guten Charakter, um deswillen der Graf ihn beſonders wohl leiden mochte und oft mit ausge⸗ zeichnetem Beifall beguͤnſtigte. Mancher andere weniger verdienſtvolle Juͤng⸗ ling wuͤrde es vielleicht auf ſeinem Plaze kuͤhn ge⸗ wagt haben, ſich mit der Gunſt ſeines vornehmen Verwandten zu ruͤhmen und uͤber ſeine Nebenbuh⸗ ler ſtolz hinwegzubliken; aber dieß that Kurt von Iſenburg nicht. Des Abſtandes zwiſchen dem Grafen und ihm in Anſehungs ſeines Ranges und Vermoͤgens bewußt, unterfieng er ſich nicht, ſein Auge zur Tochter einer Familie zu erheben, fuͤr ddie er nur Ehrfurcht und Achtung zu fuͤhlen waͤhn⸗ te. Doch ſein Herz uͤberzeugte ihn bald eines andern. 3 ebe war es, die ihn ſo angenehm getaͤuſcht Fhren heiſſen Empfindungen, die ſich all⸗ ier Seele bemaͤchtigten, hatten die darbietender Gelegenheit eine Eroberung machte, —— 9 dankbaren ehrfurchtsvollen Gefuͤhle gegen ſeinen Freund und Wohlthaͤter, den Grafen und ſeine achtungswerthe Gemahlin, Plaz gemacht. und doch ſezte er dieſe nicht aus den Augen und blieb ſeinen Grundſaͤzen treu⸗ Der Graf ſchaͤzte ihn um ſeiner Verdienſte willen und liebte ihn, wie ſeinen Sohn, er hatte ihn gern um ſich und fand in ihm einen angeneh⸗ men Geſellſchafter fuͤr ſich und ſeine Familie, ohne daran zu denken, daß dieſer liebenswuͤrdige Juͤng⸗ ling eben ſo leicht der Feind ſeiner haͤußlichen Ruhe werden, als in ſeiner Familie das Grab jugendlicher Unbefangenheit finden koͤnnte⸗ Er gab ihm ſelbſt dazu Gelegenheit. Der Vater konnte ſo wenig, als die Tochter, ohne die⸗ ſen Haußfreund leben und dieſer konnte keinen Tag verleben, ohne die Stunden, die ihn von der Dienſtpflicht dispenſirten, der Ehrenſteiniſchen Familie geopfert zu haben. Taͤglicher Umgang machte ſie einander unent⸗ behrlich. Wenn die Stunde ſchlug, in der er der Ehrenſteiniſchen Familie ſeine Hochachtung bezeu⸗ gen ſollte, ſo wurde ihm der Weg von ſeiner Weh⸗ nung bis zu der ſeiner angebeteten Freundin nner⸗ traͤglich lang;z und wenn er um einige Minuten zu ſpät kam, ſo uͤberftel Julien eine Bangigkeit, die ſie ſich nicht erklaͤren konnte und die ſie⸗ Puſt gefuͤhlt zu haben ſich nicht erinnerte. A 10 Unwillkuͤhrlich und ſchuͤchterner, als ſonſt, be⸗ gegneten ſich ihre Blike. Sie waͤhnten gegenſei⸗ tig etwas darinnen zu leſen, das ihrem Herzen* eine angenehme Beſchaͤftigung gab, ohne ſich das Gefuͤhl entraͤthſeln zu koͤnnen, das in dieſem Au⸗ genblicke ihrer Seelen Meiſter ward. Laͤnger, als ſonſt, weilte die Hand des Maͤd⸗ chens in der Hand des Jünglings und oͤfterer be⸗ dekte ſie ſeine brennenden Lippen mit feurigen Kuͤſſen. Es dauerte lang, ehe es unter ihnen zu einer buchſtaͤblichen Erklaͤrung ihrer gegenſeitigen Em⸗ pfindungen kam. Sie liebten ſich, ohne es zu wiſſen— denn die Liebe war ihnen nur dem Na⸗ men nach bekannt— aber ihre einander gekettet und ſie kannte Augenblike, als in denen ſie Zeugen ſich befanden. Oft waren der Graf und die Graͤfin des Abends auſſer dem Hauße zu Gaſte; Julie war nicht immer von der Parthie. Sie blieb daheim und entſchaͤdigte ſich gern fuͤr jedes andere Ver⸗ gnuͤgen an der Geſellſchaft ihres Freundes. In einer dieſer gluͤklichen Stunde war es, wo ihre Herzen einander naͤher ruͤkten. Sie ge⸗ n keine ſeligeren allein und ohne ſlaanden ſich, was ſie fuͤr einander fuͤhlten und ge⸗ lobten ſich gegenſeitig unverbruͤchliche Treue. Oft wiederholten ſie bei aͤhnlicher Gelegenheit dieſes Seelen waren in Geſtaͤndniß und eben ſo oft ihre Schwuͤre. Kein 3 — Wunder, wenn beide in die Schlingen fielen, die 3 ihnen die Liebe gelegt hatte, und ſie, vom Feuer derſelben uͤberwaͤltigt, die ſchoͤnſte ihrer Schaͤfer⸗ ſtunden feierten. Julie fieng an zu kraͤnkeln. Es aͤuſerten ſich Merk⸗ male, die die muͤtterliche Aufmerkſamkeit der Graͤ⸗ fin rege machten und ſie veranlaßten, die Leidende einem ſcharfen Examen zu unterwerfen, wobei ſie jedoch mit moͤglichſter Schonung zu Werke gieng. Was ſie ahneten, fand ſie leider! durch das aufrich⸗ tige Geſtaͤndniß ihrer Tochter beſtaͤtiget. Sie rath⸗ ſchlagte, was ſie thun wollte und fand es der Klug⸗ heit am angemeſſenſten, um die Ehre ihrer Toch⸗ ter zu retten, den Vorfall ihrem Gemahl unum⸗ wunden mitzutheilen; denn ſie ſtand in der Mei⸗ nung, daß dieſer bei ſo bewandten Umſtaͤnden nicht abgeneigt ſeyn koͤnnte, ſeine Einwilligung zu Ju⸗ liens Verbindung mit dem von Iſenburg zu geben, ohne zu ahnen, daß der Graf bereits ſeine Toch⸗ ter an einen andern verſprochen hatte. Dieſe Nachricht war ein Donnerſchlag fuͤr das Vaterherz des Grafen von Ehrenſtein. Lieber haͤtte er ſonſt etwas hoͤren moͤgen, als daß Kurt von Iſenburg Julien um Tugende und Chre ge⸗ bracht hatte. Es wollt' ihm nicht zu Sinne und eer wußte nicht, ob er die Schuld mehr auf ſich, oder der Gefallenen auf den Hals ſchiehen ſollte⸗ Gern haͤtte er den Bitten ſeiner Gemahlin X nachgegeben und Julien dem Raͤuber ihrer Iugend — vertrauten Umg „un 12 —ᷓ́ᷓ́ᷓ́— überlaſſen; aber ſein gegebenes Wort konnte er nicht brechen, ohne ſich den Guͤnſtling des Fuͤrſten zum Feinde zu machen. Er erblikte ſich in einer unaungenehmen Verlegenheit, die er wohl haͤtte ver⸗ meiden konnen, wenn er vorſichtiger geweſen waͤre. Er war in der That weniger deshalb entruͤ⸗ ſtet, als er zu ſeyn ſchien und nannte ſich im Stil⸗ len ſelbſt die Urſache dieſes fatalen Streichs; aber er konnte nicht umhin, ſeiner Gemahlin die Ver⸗ haͤltniſſe zu erofnen, die ihm die Zuſage ihrer Bit⸗ te unmoͤglich machten. Die Graͤfin erſchrak und wendete vergebens ihre ganze Beredſamkeit an, die Einwilligung ihres Gemahls zur Verbindung ihrer Tochter mit dem von Iſenburg zu erbetteln. Dieſe hartnaͤkige Weigerung hatten die Lie⸗ benden nicht geahnet. Sein gZorn war ihnen ungewoͤhnlich und kaum konnten ſie ſich entſchlieſ⸗ ſen, ihm einen Fußfall zu thun, denn ſie hatten — Urſache ihn zu fuͤrchten. Die Augenblike ſeines Zorns waren ſchreklich. Aber der Graf hatte der Sache bei kaͤlterm Blute nachgedacht und die Fehlenden um ſo we⸗ niger ſchuldig gefunden, je mehr er ſelbſt ihren ang unterſtuͤzt hatte und von der ausſchweifenden Lebensart des ſeiner Tochter zum Gemahl beſtimmten Grafen von Opfermann durch ſichere Nachrichten uͤberzeugt war, auch aus die⸗ ſem Grunde recht herzlich wuͤnſchte, ſeines Ver⸗ pp s entledigt zu ſeyn. —— . ——— 13 „Ihr habt einen dummen Streich gemache⸗ ſagte er, als Julie und ihr Mitſchuldiger ſein vaͤterliches Knie umfaßt hielten und mit Thraͤnen ihn baten, von ſeiner grauſamen Welgerung ab⸗ zuſtehen. „So gern ich auch euren Bitten Gehoͤr geben moͤchte,“ fuhr er ſort—„ſo ſind mir doch die Haͤnde gebunden. Ich kann nicht! Von Juliens Verbindung mit dem Sohne des erſten Miniſters haͤngt Wohl und Weh meiner Familie ab. Ich bin dem Grafen von Opfermann unendlich viel ſchuldig; ſeine Freundſchaft heiſcht dieſe Aufopfe⸗ rung und ſie allein kann mich und ihn quitt machen.⸗⸗ So mußten ſie unverrichteter Sache wieder ihren Abſchied nehmen. Jedoch fütlten ſie ſich beim Hinweggehen noch immer von ſchmeicheln⸗ den Hofnungen belebt z. denn er hatte ihnen ja nicht ausdruͤklich geboten, ihren Umgang abzu⸗ brechen. Aber der naͤchſte Morgen ſprach ihnen ihr Endurtheil. „Julie kann nicht in der Reſidenz bleiben ſagte er beim Fruͤhſtuͤk zu ſeiner Gemahlin, die eben im Begriffe war, ihn von neuem mit ihren Bitten zu beſtuͤrmen— es wird das Beſte ſeyn, wenn ſie den Sommer auf dem Lande zubringt und dort ihre Niederkunft abwartet. Bei dem Grafen will ich es auf mich nehmen, ſie mit einer Unpaͤßlichkeit zu entſchuldigen, die ihr den Ge⸗ 8 14 brauch der Landluft nothwendig macht. Auf dieſe Art, hoffe ich, ſoll der Schandflek, den ihre Tu⸗ gend erlitten hat, unentdekt bleiben; gegen den Winter kommt ſie in die Stadt zuruͤk und niemand darf es wiſſen, daß ſie Mutter ward. Soltte ſie wider alles Verhoffen, ein Opfer ihres Vergehens werden, ſo iſt die Sache fuͤr uns alle entſchieden! Im entgegengeſezten Falle aber bleibt es ein fuͤr allemal dabei, Kurt von Iſenburg kann ihr Ge⸗ mahl nicht werden. re Welch' ein harter Ausdruf!— Welch' ein zu Boden ſchlagender Gedanke: Lieben und geliebt werden und ſich ſosreiſſen muͤſſen auf ewig von dem geliebten Gegenſtande, einem aus Uebereilung ge⸗ thanen Verſprechen Genuge zu leiſten und das Opfer fremder Ehr⸗ und Habſucht zu werden. Noch am nemlichen Tage mußte Julie die Stadt verlaſſen, ohne von ihrem zaͤrtlichgellebten Konrad Abſchied nehmen zu duͤrfen; ohne zu wiſ⸗ ſen, ob ſie ihn je wieder ſehen wuͤrde. Nur jen⸗ ſeits blinkte ihr ein Strahl der Hofnung.„Dort werd' ich ihn wiederſehen!«— Mit troͤſtenden Gedanken verließ ſie das Hauß ihrer Eltern, in welchem ihr die Roſenmonde ihrer Erdenwande⸗ rung ſo paradiſiſch entflohen waren und glaubte nicht, den Augenblik zu uͤberleben, indem ſie Mut⸗ ter werden ſollte. Indeß beſchaͤftigte ſich Kurt von Iſenburg mit Plaͤnen und Entwuͤrfen, den beleidigten Gra⸗ 15 3 fen von Ehrenſtein auf andere Gedanken zu brin⸗ gen und dachte der fatalen Lage, in ber er lich erblikte, ernſtlich nach. Er kleidete ſich eben an und war im Begriffe, auf Parade zu gehen, als ein Bedienter bei ihm eintrat und ein Billet vom Grafen uͤberreichte. Er oͤfnete es und las: „Vetter! „Den begangenen Jugendfehler verzelhe ich „dir; Julie aber iſt unerreichbar fuͤr dich. Indem „du dieſes lieſeſt, iſt ſie ſchon weit von dir und von „uns allen getrennt; auch wird ihr Aufenthalt dir vimmer ein Geheimniß bleiben. Ihn zu entde⸗ „ken, gieb dir keine Muͤhe; ſie wuͤrde vergebens „ſeyn und dein Vergehen vergroͤßern. Begnuͤge „dich mit dieſer Warnung und verdanke es der „Unvorſichtigkeit deines Freundes, daß du ſo „mit einem blauen Auge wegkamſt. Rechne uͤbri⸗ „gens auf meine Unterſtuͤzung; mein Hauß aber pkannſt und darfſt du nie wieder betreten. Sei vein Mann! Handle mit Klugheit und Vorſicht „und erwarte, was die Zukunft uͤber dich verhaͤn⸗ „gen wird. Leb wohl! der deinige Julius Graf von Ehrenſteine⸗ Kurt wußte nicht, ob er ſeinen Augen trauen ſollte. Zwei, dreimal las er den Brief und las 3 7 6 immer daſſelbe. Endlich ergrif er die Feder und ſtund auf dem Punkt, eine Gegenantwort nieder⸗ zuſchreiben; aber der Kiel entſank ſeinen Haͤnden und er war nicht vermoͤgend, einen Gedanken zu faſſen. Er fuͤhlte ſein Unrecht und konnte es dem Grafen nicht verargen, ihm dieſen Brief ge⸗ ſchrieben zu haben, Er fuͤhlte aber auch auf ber andern Seite eben ſo ſehr ſeine Verdienſte und wog ſie gegen die des ausgearteten Miniſterſohns, dem er nachzuſtehen, durch ein ſchimaͤriſches Verſprechen ſich verurtheilt ſah und fand ſich ge⸗ genſeitig beleidigt.. Der Brief ſchien ihm mit eben ſo viel Stolz als Großmuth abgefaßt zu ſeyn und er ſchwank⸗ te von einer Meinung zur andern, Nur die lez⸗ ten Worte deſſelben, die ihm in der That ziemlich dunkel waren, hielten ſeinen Geiſt in Schranken und veranlaßten ihn zum ernſtlicheren Nachdenken. Faſt haͤtte er vergeſſen, das er die Kour hat⸗ te. Die Gloke erinnerte ihn an die Dienſtpflicht und weil es zu ſpaͤt war, ſich entſchuldigen zu laſ. ſen, eilte er auf Parade. Anſtatt nach aufgehobener Parade an der Eh⸗ renſteiniſchen Tafel zu erſcheinen, gieng er miſt⸗ muthig in ſeine Wohnung zuruͤk, ſchloß ſich zwi⸗ ſchen ſeine vier Waͤnde ein und uͤberlegte, was er thun wollte. Schon gerieth er auf den tollkuͤhnen Gedanken, dem Miniſter ſelbſt den Vorfall zu melden 7 —— melden und an ſeiner Forderung an Julzen fuͤr ſeinen Sohn abzuſtehen. Veranlaſſung zu geben; Ferdinanden aber mit duͤrren Worten zu notifizi⸗ ren, daß er ihm das Praͤvenire geſpielt habe; doch tiefe Ehrfurcht fuͤr ſeinen großmuthigen Verwandten und heiße, innige Liebe zu Julten hielt ihn von der Ausfuͤhrung dieſes ungluͤcklichen Unternehmens zuruͤck. Nach einigen Tagen erſt zeigten ſich die Fol⸗ gen dieſer heftigen Alteration. Er fiel in eine ſchwere Krankheit, die mehrere Wochen anhielt und fuͤr ſein Leben fuͤrchten ließ. Waͤhrend ei⸗ nem gluͤcklichen Intervall, in welchem er ſeiner Sinnen maͤchtig war— denn oft ſchweifte ſein Geiſt außerhalb den Schranken ſeines Bewußt⸗ ſeins umher— ſchrieb er mit eigener Hand an den Grafen Ehrenſtein und meldete ihm ſeinen Zuſtand, bat um Verzeihung und nahm in den. ruͤhrendſten Ausdruͤcken Abſchied von ihm und ſeis 4 ner achtungswerthen Familie„ denn er ahnete ſeinen Tod. Doch die Hand der waltenden Vor⸗ ſicht fand es noch nicht fuͤr rathſam, über ihn zu gebieten. Es war nur Pruͤfung und das Stun⸗ denglas ſeines Lebens noch nicht ausgelaufen. Da es mehr Krankheit der Seele als dec Koͤrpers war, ſo hieng ſeine Wiedergeneſung blo von dem Siege ab, den die Vernunft uͤber da Herz zu erkaͤmpfen hatte. Die klugen Vorſteln Hirtenm. B .— 28 gen des Grafen von Ehrenſtein ſelbſt, der ihn waͤhrend ſeiner Krankheit faſt taͤglich beſuchte, auf moͤglichſte Weiſe unterſtuͤtzte und fur ſeine Pflege und Wartung vaͤterlich ſorgte, trugen ſehr viel zu dieſem Siege bei. 1 Er genoß und erfreute ſich von neuem der Gunſt ſeines großmuͤthigen Verwandten, der ihn von ſeiner Krankheit gaͤnzlich geheilt zu ſehen glaubte. Doch es war nur Schein. Sein Schmerz verfolgte ihn allenthalben;z ſein Aufenthalt war thm verhaßt, das Haus, in dem man ihn mit Wohlthaten uͤberhaͤufte und das ihm ehemals ein Eden zu ſein geſchienen hatte, war ihm itzt eine Hoͤlle; denn er fand nicht, was er ſuchte. Sein Loos blieb daſſelbe; ja! man vermied es ſogar mit äußerſter Vorſicht, Juliens in ſeiner Gegenwart zu erwaͤhnen. Um die Ruhe zu finden, die er bedurfte und die er an dem Orte ſeines gegenwaͤrtigen Aufent⸗ halts nirgends zu finden hoffen konnte⸗ beſchloß er zu reiſen. Er theilte ſeinen Vorſatz dem Gra⸗ en von Ehrenſtein mit, der ihn billigte und ſogar aufs thaͤtigſte unterſtuͤtzte. In ſein Vaterland zuruͤck zu kehren, war ſeine Abſicht nicht; darum ſuchte er um ſeine Entlaſſung an und erhielt ſie. Ob er nach England, Frankreich oder Ita⸗ lien reiste, kann uns und unſern lieben Leſern vor der Hand wohl gleichguͤltig ſein; kurz! wir 3 er ihn ichte, ſeine ſehr n der rihn ſehen merz war mit Bein eine bein mit bart ind nt⸗ loß ra⸗ 19 —— laſſen ihn reiſen und wenden uns, nachdem wir ihm am aͤußerſten Grenzſteine ſeines Vaterlandes noch ein theilnehmendes Lebewohl! nachru⸗ fen, wieder Landeinwaͤrts und wandern auf das Doͤrſchen zu, in welchem wir die liebenswuͤrdige Julie wieder zu finden hoffen, die ſo Knall und Fall von der Buͤhne abtreten mußte. Doch— die Glocke ſchlaͤgt ſo eben zwei und damit wir wie⸗ der bey guter Zeit am Schreibepulte erſcheinen koͤnnen, wuͤnſchen wir unſern lieben Leſern und Leſerinnen, beim blaſſen Scheine unſers verloͤ⸗ ſchenden Laͤmpchens, eine gute Nacht, Juliens Zuſtand war nicht minder ſchrecklich und ihr gegenwaͤrtiger Aufenthalt der Geſundheit ihres Koͤrpers, wie der Ruhe ihres Herzens, gleich nachtheilig. Man denke ſich ein Maͤdchen von ſiebzehen bis achtzehen Jahren, in der vol’⸗ ſien Bluͤthe ihrer Schoͤnheit, denke ſich ihre Lage, in der ſie nichts mehr bedurfte, als Zerſtreuung. um ihr das Schreckliche derſelben dergeſſen zu ma⸗ chen. Wie konnte ſie dieſe an einem Orte finden, der vermoͤge der mannigfaltigen Abwechſelungen der Natur, an ſich zwar eine reizende⸗ mahleriſche Lage hatte, dem Zuſtande der leidenden Dulde⸗ rin aber im geringſten nicht angemeſſen w Man bilde ſich ein Thal, deſſen m der E rakter beim erſten Anblicke nichts Anziet B 2 mandeln— oder mit Lebensgefahr uͤber Moos 20 —— verſpricht; rauhe, ſchroffe Felſen, die oft ſo dicht beiſammen ſtehen, daß kaum das Tages licht zwiſchen durchzufallen vermag und die kalte ſchaur⸗ liche Tiefe durch die heruͤber haͤngenden Stein⸗ maſſen, die ſich gleichſam die Hand zum Zwei⸗ kampf zu bieten ſcheinen und den Durchgehenden zu vernichten drohen, noch duͤſterer und gefahr⸗ voller wird. Dieß der Weg, auf dem man all⸗ maͤhlig ſich einem Waldwaſſer naͤhert, das mit fuͤrchterlichem Rauſchen ſich zwiſchen den unerbitt⸗ lichen Steinmaſſen hinabſtuͤrzt und in einem klei⸗ nen Bache verliert, an welchem, da, wo ſich das Thal einigermaßen zu erweitern beginnt, ei. neztleine Muhle liegt, von der man auf einem ſchmalen ſandigen Bergpfade mit unbeſchreible⸗ cher Muͤhe zu einer halbeingefallenen Kapelle hin⸗ auftlimmt, in welcher die von der menſchlichen Geſellſchaft in dieſes ſchauerliche Thal gleichſam verbannten Bewohner der theils auf den Gebuͤr⸗ gen, theils im ſchwarzen Tannenwalde zerſtreut umher liegenden Huͤtten, ihren Gottesdienſt zu halten pfiegen. In einer dieſer Wohnungen follen wir Julien finden?— Sie, ohne die mindeſte Begleitung, nur in Geſellſchaft ibres Kummers und ihrer Lei⸗ den, in den duͤſtern furchtbaren Waldungen mit ſchuͤchternem, menſchenfliehendem Blicke umher⸗ „R ͤ—„ —, ft ſo und glattem Nadelholze den ſteilen Bergpfad hin⸗ licht anklimmen ſehen?— Hoͤren, wie ihr Lied im haur⸗ Thale und zwiſchen den Gebuͤrgen verhallt?— teins Warum hier?— An einem Orte, in einer Ge⸗ zwei⸗ Kuend„ die nur ihren Jammer zu mehren, aber nden nicht zu mindern geſchaffen iſt?— Warum nicht ahr⸗ anders wo, wo ſie der Einſamkeit weniger Ver⸗ all⸗ gnugen und Ruhe des Herzens opfern durfte 2— mit Warum uͤbergab man ſie der Aufſicht einer bigot⸗ bitt⸗ ten Tante, die ſie mehr quäͤlte und praͤnkelte, flel⸗ mehr mit Vorwurfen uͤberhaͤufte, als es im vaͤ⸗ ſich terlichen Hauſe geſchehen ſein wuͤrde?— Mehr ber mit ſcheinheiligen Lehren und Vermahnungen ih⸗ gem re Ohren beleidigte und ihr jedes unſchuldige Ver⸗ bl⸗ gnuͤgen zur Suͤnde anrechnete?— in, Auch dieß gehoͤrte zu den allzuraſchen, über⸗ den eilten Handlungen ihres Vaters, des Grafen am von Ehrenſtein, der zwar ein vortreſlicher, ſee⸗ r= lenguter Mann war, allenthalben die beſten Ab⸗ ut ſichten hatte, aber oft auf falſchem Wege und zu durch niedrige Mittel ſeinen Zweck verfehlte. Dieß war auch hier der Fall. Er wollte, en daß Juliens Schwangerſchaft ein Geheimniß 9, leiben ſollte; haͤtte er wohl einen ſicherern Ort i. waͤhlen koͤnnen, als dieſen?— Eine beſſere⸗ it ſorgendere, vorſichtigere Duegna, als die ſech⸗ 61 zigjaͤhrige Tante, auf deren Verſchwiegenheit 5 und Erfahrung er ſich verlaſſen konnte?— 22 — Der Graf hatte bollkommen recht. Nie⸗ mand im Ehrenſteiniſchen Hauſe ahnete nur das Geringſte von dem, was vorgegangen war, Ju⸗ liens Entfernung aufs Land ſchien Sache der Nothwendigkeit zu ſein und es war weiter nicht auffallend, daß der Graf juſt dieſen Ort gewaͤhlt hatte, weil man wußte, daß dieß der Wohnort der alten Tante war, die ſich ſchon ſeit bielen Jahren dahin gewendet hatte, ihr Leben in moͤg⸗ lichſter Stille daſelbſt zu beſchließen. Sie war ihm ſo ſicher, als der Ort ſelbſt, der kaum des Jahrs einmal von fremden Menſchen beſucht wurde, weil er zu abgelegen und verſteckt lag, auch der Weg dahin rauh und aͤußerſt ſchlecht war. Von dieſer Seite nun erreichte er zwar ſei⸗ nen Zweck; allein er hatte auf die Beſchaffenheit des Orts ſelbſt ſo wenig, als auf den wahren Charakter der Tante gehoͤrig Ruͤckſicht genom⸗ men. Ein Frauenzimmer, das ſich in der Lage befindet, in der wir Julien erblickten, als ſie das baͤterliche Haus verlaſſen mußte, bedarf eben ſo ſehr Zerſtreuung und Abtvechslung, als es mit moͤglichſter Schonung behandelt ſein will. Die Gegend war fuͤr den Seelenzuſtand der Leidenden zu melaucholiſch und gab ihr mehr Stoff, duͤſter und nachdenkend zu ſein, als ſich zu zerſtreuen und aufzuheitern. Die Tante war zu murriſch, zu bigott und in dieſer und jener Forderung, 343 der 23 der ſie in Ruͤckſicht Juliens berechtiget in ſein 5 glaubte, zu hart.. Kein Wunder, wenn unter ſolchen Umſtän.. den Juliens geſunder Koͤrper durch die Kyankheit ihrer Seele zerruͤttet wuͤrde und am Jiel ihrer Buͤrde unter den Schmerzen ihrer Niederkunft erlegen haͤtte. Waͤhrend ihres Aufenthalts bei der Tante, die mit Argusaugen uͤber jeden ihrer Schritte wachte, erhielt ſie nicht die mindeſte Nachricht von dem Geliebten ihres Herzens. Lebt Kurt von Iſenburg noch?— Iſt er geſund?— oder leidet er um ſeiner Liebe willen?— Dieß waren Gedanken, die unaufhoͤrlich ihren Geiſt beſchaͤf⸗ tigten, ſie aber gegen die Alte laut werden zu laſſen, nicht wagen durfte, ohne mit den bitter⸗ ſten Vorwuͤrfen uͤberhaͤuft zu werden.— Ihrer Liebe zu ihm eutſagen und Ferdinanden ihre Hand geben ſollen, dieſer Gedanke ließ ſie in eine ſchreckliche Zukunft blicken und machte ihr das Le⸗ ben zur Hoͤlle; denn dieſen hatte ſie nie leiden koͤnnen und ohne jenen mochte ſie gar nicht leben. e ſchoͤnen Tage des Sommers entſchwan⸗ den Julien, ohne einen derſelben wirklich genoſ⸗ ſen zu haben; denn nur zu gewißen Tagen und Stunden hatte ſie die Erlaubniß, einen Spazier⸗ gang in die umliegende Gegend zu machen⸗ at 8 malchen ſie gemeiniglich die Tante begſeltess⸗ Se 24 ken gieng ſie allein. Geſchah dieß, außer dem taͤglichen Kirchgange, ja einmal, ſo war die Tante gewiß nicht wohl auf und Julie wuͤnſchte recht herzlich, daß dieß der Fall oft ſein moͤchte. Dieſen Wunſch konnte man ihr in der That nicht verargen. Sie war wenigſtens auf einige, obgleich ſehr kurze, Zeit einer Geſellſchaft entle⸗ diget, die ihr in den erſten vier Wochen laͤſtig wer⸗ den mußte. Denn die Alte, die den Ausdruck eingezo gen leben— im ſtaͤrkſten Sinne interpretirte, quaͤlte und peinigte die arme Lei⸗ dende auf eine recht empfindliche Weiſe, indem ſie ihr unaufhoͤrlich von Tugend vorpredigte und den begangenen Ingendfehler als das abſcheulich⸗ ſte Verbrechen ſchilderte, wofuͤr ſie lange wuͤrde huͤſſen muſſen.. Sie hielt ihre Untergebene ſo ſtreng, daß dieſe kaum es wagen durfte, ohne ihre Erlaub⸗ niß aufzuſtehen. Auch dieß gehoͤrte nach ihren wunderlichen Grundſätzen und naͤrriſchen Begriß⸗ fen, die ſie ſich von dieſer oder jener Sache mach⸗ te, zu einer eingezogenen, ſtillen Lebensart; und ſie waͤre um alles in der Welt nicht von dieſen Hypotheſen abgegangen, die ſie ſo anſchaulich zu machen und ſo gruͤndlich zu behaupten wußte, daß ſich niemand unterſteng, ihr zu widerſprechen. Die haͤrteſte Forderung dieſer unleidlichen Fran war, daß Iulie ſich den geliebten Gegen. ſtand 35 —— ſtand aus den Gedanken ſchlagen und nicht mit einem Worte erwaͤhnen ſollte. Und doch redete ſie ihr unaufhoͤrlich ſelbſt von ihrer Liebe vor und noͤthigte ſie, alle Tage, auch bei der rauheſten Witterung, den ſteilen Bergpfad zu ſteigen, um in der auf dem Gipfel des Gebuͤrges befindlichen Kapelle Gott um Vergebung ihrer Sunden anzu⸗ llehen. Welch' eine widrige und der Verfaſſung eines Frauenzimmers, wie Julie war, aàußerſt unan⸗ gemeſſene Behandlung!— Doch wir ſind nicht geſonnen, Langeweile zu erregen und uͤber die Phyſiſche und moraliſche Unrichtigkeit des Verfah⸗ rens der graͤflichen Tante zu philoſophiren; wir uͤberlaſſen dieß der eigenen Beurtheilung unſerer geehrten Leſerinnen und ſchreiten ununterbrochen zur Erzaͤhlung der Geſchichte weiter. Juliens Entbindung nahte heran. Pflege und Wartung war, wie man aus dem der aber⸗ glaͤubiſchen Matrone ganz eigenen Charakter ab⸗ nehmen kann, eben ſo laͤcherlich, als religioͤs, und Julie konnte es der waltenden Vorſicht nicht genug verdanken, daß die gefahrvollſte Kataſtro⸗ phe ihres Lebens ſo gluͤcklich vorubergieng. Nach zuruͤckgelegten lechs Wochen, die ſe ziemlich in die Spatzeit des rauhen Herbſtes fie⸗ 8 len, kehrte Julie wieder in die Arme ihrer Fa⸗ milie zurück. Ihre Reize ſchienen keinen Abbruch 26 erlitten zu haben, vielmehr in den Augen vieler noch mehr erhoͤht, welches man für eine Wir⸗ kung der geſuͤndern Landluft hielt. Niemand ah⸗ nete ſchon gebrochene Roſen zu pfluͤcken, und Ju⸗ lie galt, wie vorher, fuͤr eine Nichtentheiligte, der man allenthalben Achtung, Ehrfurcht und Liebe ſchuldig zu ſein glaubte. Nicht lange nach ihrer Ruͤckkehr in die Reſt⸗ denz kam auch Ferdinand, der Sohn des Grafen von Opfermann, in Begleitung eines Mentors. von ſeinen Reiſen zuruck. Vor ihm mußten alle Aubether der erſten Huldgöttin des maͤnnlichen Univerſums zuruͤcktreten und Jedermann beklag⸗ te die ungluͤckliche Julie, die in der That eines beſſern Schickſals wurdig, als deſſen, das Ihrer in den Armen eines ausſchweifenden Wohlluͤſt⸗ lingſt wartet⸗ Seine augenblickliche Befoͤrderung bei Hofe beſchleunigte ſeine Verbindung mit Julien. So glaͤnzend dieſe auch war, ſo gieng doch die graͤf⸗ liche Braut mit ſchwerem Herzen zum Altar, und Pracht und Aufwand vermochten nicht, ihr Au⸗ ge zu blenden und ihre Sinnen zu benebeln. Im Schooſe immer wechſelnder Freuden und Vergnuͤ⸗ gungen ſich wiegend, fuhlte ſie das druͤckende Joch doppelk, unter welches ſie gezwungen ihrem Nacken bengen mußte. Ihr Herz hieng an dem Einzigem⸗den zu vergeſſen ihr unmäͤglich war ſein Bild ſchwebte ihr vor Augen und begleitete ſie allenthalben ins glaͤnzendſte Gewuhl. Die Antipathie der Neuvermaͤhlten war faſt gleich ſtark. Ferdinand hatte ohne Neigung Ju⸗ lien ſeine Hand gegeben. Ihre Neize waren ihm gleichgultig, ſeine jugendliche Flatterhaftigkeit grenzenlos und ſein Stolz unausſiehlich. In ſeinen Augen hatte die Schoͤnſte wie die Haͤßlich⸗ ſte, die Tugendſamſte wie die Laſterhafteſte glei⸗ chen Werth, ihre Beſtimmung ſchien ihm bloß Befriedigung maͤnnlicher Luͤſte zu ſein. Seine ausſchweifende Lebensart war Urſa⸗ che, daß die natuͤrliche Abneigung, die Julie fuͤr den ihr aufgedrungenen Gemahl fuͤhlte, nur zu bald in Haßund Verachtung ausartete. Ihrer Leiden wurden taͤglich mehr; doch ihre Geduld, ihr muthvolles Ausharren verdiente Bewunde⸗ rung. Selbſt ihr Vater, der Graf von Ehren⸗ ſtein, der Schoͤpfer ihrer Leiden und heſtaͤndiger Zeuge ihres Jammers, wüͤnſchte oft, wenn er allein war, das ungluͤckliche Band wieder zerrei⸗ ßen zu koͤnnen, das er geknuͤpft hatte, nannte ſein gethanes Gelubde unuberlegt und ſein Ver⸗ fahren grauſam, ſo ſehr ihn auch ſeine Verhaͤlt⸗ niſſe mit dem Grafen von Opfermann ſa entſchul⸗ 16 digen ſchienen. Von ihm hatte er ja alles zu ürchten er galt allein alles beim Fuͤrſten; eit Wor bioßer Wink⸗konnte ihn veruichn 23 Zwei Jahre— eine Ewigkeit fuͤr das Herz eines Weibes, das ſeine jungfraͤulichen, kaum zur prachsvollen Entfaltung gediehenen, Reize auf eine ſo unbarmherzige Weiſe dahinſchwinden ſah und der vaͤterlichen Grille zum Opfer bringen mußte— dauerte Juliens ungluͤckliche Verbin⸗ dung mit dem Sohne des erſten Miniſters. Waͤh⸗ rend dieſer traurigen Kataſtrophe ihres Lebens hatte ſie nicht ein einzigesmal Nachricht von dem geliebten Gegenſtande erhalten, nicht ein einzis gesmal das Pfand ihrer Liebe, die kleine Barba⸗ ea, geſehen und an ihr Mutterherz druͤcken koͤn⸗ nen. Abſichtlich hatte dieß ihr Vater zu verhin⸗ dern gewußt und eden ſo vorſichtig ihr jede Gele⸗ genheit benommen, von dem Leben und Aufent⸗ halte Kurts von Iſenburg Wiſſenſchaft zu neh⸗ men. Itzt, da Ferdinand auf dem Siechbette lag und unten den heftigſten Schmerzen ſeine ausge⸗ laſſene, unbaͤndige Lebensart bereuete, blickte ein Strahl der Hoffnung in Juliens Seele. Sie wurde Wittwe und ſah ſich durch dieſes Ereigniß mit einemmal des traurigen Jochs entledigt, das ſie bis hieher mit beiſpielloſer Geduld und Standa haftigkeit getragen hatte. Die ſchoͤne Roſenfarbe kehrte allmaͤhlig wieder auf die von Kummer ge⸗ bleichten Wangen zuruück und ihre Laune begann heitener zu werden, ohnerachtet ſie weniger als bi.. ———& —— visher Luſibarkeiten und Geſellſchaften beiwohnts, deren ſie aus Regard gegen die Familieihres Ehe⸗ 8 gemahls nicht hatte ausweichen koͤnnen. Sie floh in die Arme ihrer Vertbandten zu⸗ vuck und der Graf von Ehrenſtein gratulirte ſich von gainzem Herzen, jenen unverzeihlichen Feh⸗ ler, der ihm und Julien ſo viel Kummer und Lei⸗ den verurſacht hatte, wieder gut machen und ih⸗ ve Wunſche befriedigen zu koͤnnen. In dieſer Abſicht ſchrieb er ſelbſt an Kurt von Iſenburg, deſſen Aufenthalt er wußte und meldete ihm Juliens, durch den Tod ihres Ge⸗ mahls, aufgehobenen Verbindung mit der Opfer⸗ manniſchen Familie, wobei er ihn zugleich veran⸗. laßte, wieder in die Reſidenz zu kommen und aufs feierl chſte um Juliens Hand zu werben. Kurt von Iſenburg kam. Seinen Wuͤnſchen ſtand nun kein Hinderniß mehr im Wege.⸗ Er wars, dem alle, ſelbſt die groͤßten, reichſten und angeſehenſten, Maͤnner weichen mußten, die ſeit Ferdinands Tode der ſchoͤnen zwanzigjah⸗ rigen Wirtwe huldigten. An ſeiner Hand gieng Julie zum end„ muthiger und froher als Vugeſtchts de Aueinſehenden ben 3 Ihre er f und alleinige Sorge war 30 Unterpfand ihrer Liebe, das kleine Baͤrbchen, das bis itzt der Pflege und Wartung der alten aberglaͤubiſchen Tante anvertraut geweſen war. Die Erziehung dieſes liebenswuͤrdigen Kindes veranlaßte ſie, ſich dem Geraͤuſch der großen Welt zu entziehen und in laͤndlicher Stille und Einſam⸗ keit fuͤr die Leiden einer faſt dreijaͤhrigen Tren⸗ nung im Arm der Liebe zu entſchaͤdigen. Bald nach ihrer Vermaͤhlung bezogen ſie ein anſeh nliches Landgut, das der Graf von Ehren⸗ ſtein ſemter Tochter zur Mitgift uͤberlaſſen hatte, und kaum waren ſie mit ihrer haͤuslichen Einrich⸗ tung zu Stande gekommen, ſo eilten ſie nach*** das Liebſte ihres Eigenthums in Beſitz zu neh⸗ men und der ſorgfaͤltigen Pflegerin ihres Baͤrb⸗ chens gemeinſchaftlich ihren Dank zu zollen. Gott! welch eine Freude, welch' ein un⸗ ausſprechliches Vergnuͤgen fuͤr die Neuvermaͤhl⸗ ten, das ſchuldloſe Unterpfand ihrer Liede auf vaͤterlichen Armen zu wiegen und ans hochklo⸗ pfende Mutterherz zu druͤcken. Ihr Entzuͤcken war groß und ihrem Glucke ſchien nun nichts mehr zu fehlen. Der beſtandenen Leiden dach⸗ ten ſie nur als einer Pruͤfung, durch die ſie zum Genuſſe uberirrdiſcher Wonnen hatten uͤbergehen ſollen. Die Vergangenheit ſchien ihnen nur ein ET raum geweſen zu ſein und der gegenwaͤrtige Au⸗ genblick glich dem Erwachen eines heitern Mor⸗ zens⸗. Drei ——— Drei Tage weilten ſie an einem Orte, der Julien einſt Eckel und Langeweile erregte, ihr aber itzt ein Eden zu ſein ſchien, denn ſie hatte ja Alles, Alles und das Eine, auf welchem ſich all ihre Wuͤnſche wie auf einem Zentrum vereinigten. Der Anblick ihres Kindes, die Liebe ihres Ge⸗ mahls machten ſie die Strafpredigten der aber⸗. glaͤubiſchen Matrone vergeſſen und ihren eckelhaf⸗ ten Umgang ihr angenehm. „Nun!“ ſagte Martin, der Hutmann zu an einem.iſchen Grenzdorfe—„wenn ſich des armen Wurmes kein Menſch annehmen will, ſo will ich's thun; hat der liebe Gott bis hieher geholfen, wird Er auch weiter helfen.“ Jedermann, der wohlhabendſte ſo ſehr, als der weniger beguͤterte Bewohner des Dorfs⸗ ſtaunte, daß Martin, der Hutmann, der ge⸗ ringſte, der aͤrmſte unter allen, ſich vor allen auszeichnete und ſich eines unglücklichen Kindes erbarmte, das ohne Vater und Mutter war. Ein kleines Maͤdchen von ohngefaͤhr vier Jahren war der Gegenſtand des allgemeinen Mitleidens der umſtehenden Doͤrfler, in deren Wohnungen Menſchlichkeit und Bartnherzigkeit nicht immer zu Hauſe ſein mochte. „Wer weiß den,“ hub Kunz der Reiche an, „wer's Menſch iſt?— Hiermit meitte er die ——— 22 — nuf dem Raſen vor ihnen todtliegende Weihsper⸗ ſon, die man fuͤr die Mutter des kleinen Maͤd⸗ chens hielt, das weiter keine Auskunft zu geben vermochte, als daß es Baͤrbchen hieß. „Das kann au h all nichts helfen,“ hub Martin wieder an—„die Todte liegt auf Ge⸗ meindegrund und Boden, und begraben muß ſie doch werden. Das Maͤdchen will ich zu mir neh⸗ men. Vielleicht, daß uͤber kurz oder lang Nach⸗ frage geſchieht, denn wohl moͤglich, daß das Kind noch einen Vater hat; und iſt das nicht, je nun! ſo kann ichs Maͤdel mit der Zeit ſelbſt brauchen.“ Man billigte den Vorſchlag um ſo mehr, je angemeſſener man es der Verfaſſung des Hirten fand, ſich eines in der Irre umher laufenden Bettelkindes anzunehmen, das nach der einſtim⸗ migen Meinung hoͤchſtens nur zum Hirtendienſt deſtimmt ſein konnte. Ohne Stolz auf ſein gutes Herz und die eben degonnene Handlung, aber mit inniger Selbſt⸗ zufriedenheit, wanderte Martin mit ſeiner auf⸗ genommenen Tochter geraden Weges nach Hanſe, hofte beim Eintritt in ſeine kleine Wohnung von nner getreuen Chehaͤlfte Lobſpruͤche wegen ſeines menſchenfreundlichen Verhaltens einzuaͤrndten; d gefehlt. Mutker Eochen fand ſich eben nicht 33 r⸗ jedoch ſah ſie ſich genoͤthiget, zu ſchweigen, und d. dachte in ihrer rohen Einfalt, irgend einmal Ge⸗ en legenheit zu finden, ſich dieſes unangenehmen Gaze wieder zu entledigen. 45 Es vergiengen Tage, Wochen, Monatez e⸗ niemand fragte und niemand bekummerte ſich wei⸗ ſie ter um die kleine Pflegetochter des ehrlichen Mar⸗ h⸗ tins. Sie wurde als eine arme verlaſſene Waiſe h⸗ betrachtet, die, wenn ſie groß werden wuͤrde, 1s iyren unterhalt dereinſt durch Dienen zu erwer⸗ je ben genoͤthiget ſein muͤßte. 8 ſt Je mehr der rechtſchaffene Martin die kleine Barbe, die ſich außerordentlich bei ihm zuzuthun je wußte, lieb gewann, deſto weniger konnte Mut⸗ n ter Eochen ſie leiden. Sie wan iß ein Stachelim n* Auge, ſo gut es auch die kleine meinte und fruͤh⸗ 2 zeitig ſich an die Beſchwerlichkeiten des armſeli⸗ ſt gen Hirtenlebens gewoͤhnte; ſie mißgoͤnnte ihr oft den Biſſen Brod, ließ ſie zu halben und ganzen n Tagen Hunger leiden und mißhandelte ſie zuwei⸗ f⸗ len auf eine unbarmherzige Weiſe⸗ f⸗ Anders und weit beſſer meinte es dagegen , Martin. Wenn er des Abends nach Hauſe kam, n nahm er ſeine kleine Pflegetochter auf den Schoos 8 und hatte ſeine Freude an dem ſchuldloſen Ge 8 3 ſchopfchen, das er wie ſein eigen Kind liebte. Er 5t war in der That nicht boͤſe darum, daß weite 3 niemand nach dem Kind agtt, und 8 2 Hirtenm. 34 glüͤcklich, Vaterſtelle vertreten zu muͤſſen. Er mußte manches ſaure Geſicht, manchen bittern Vorwurf um Baͤrbchens willen leiden, aber er duldete ihn gern und ließ es dem armen Maͤdchen nie entgelten. So wenig nun auch der gute Mann auf die Erziehung der Vater⸗ und Mutterloſen Waiſe verwenden konnte, ſo that er doch alles, was ſein geringes Vermoͤgen nur verſtattete und er⸗ hielt zuweilen von dieſem oder jenem edeldenken⸗ den Manne, deren es doch noch hie und da eini⸗ ge im Doͤrfchen gab, eine maͤßige Unterſtuͤtzung. Baͤrbchen gieng in die Schule; ſie lernte fleißig, faßte ſchnell und bleibend, und ſchwang ſich bald uͤber manche ihrer aͤlteren Schulkammeraͤdinnen hinweg. Dieß gefiel dem braven Martin, der bei all ſeiner Niedrigkeit kein ungeſchickter Mann und ein außerordentlicher Freund von den Wiſ⸗ ſenſchaften war, inſofern dieſe einen Mann von ſeinem Stande intereſſiren konnten. Er hatte in ſeiner Jugend mehr gethan, als mancher andere, den das guͤnſtige Schickſal we⸗ niger vergeſſen hatte und der doch kaum etwas mehr als einen Bibelſpruch herſagen konnte. Er ſchrieb und rechnete mit beſonderer Fertigkeit und beſaß Religionskenntniſſe, die einem Dorfſchul⸗ meiſter Ehre gemacht haben wuͤrden. Oft hatte er Gelegenheit, mit dem Geiſtlichen des Orts. „ͤͤ& άη— +———1 D jene Materie ſich zu unterhalten; ohne Scheu ſagte er ſeine Meinung, vertheidigte ſie mit Gruͤn⸗ den und rarf zuweilen Fragen auf, die dem ge⸗ uͤbten Seelſorger in der That zu ſchaffen ä en. Ueberdieß waren Geſchichte und Heilkunde ſein Lieblingsſtudium. Aus den aͤlteren und neueren Zeiten erzaͤhlte er mit vielem Anſtande die wich⸗ tigſten Ereigniſſe der Welt, ſprach von Sitten und Gebrauchen der aͤlteſten Voͤlker, und machte die Bauern, wenn ſie beiſammen ſaßen, auf manche gute Verbeſſerung oder neue Erfindung im Feld⸗ und Ackerbau aufmerkſam. Emſig hat⸗ te er die Natur ſiudirt und Pflanzen und Kraͤuter nicht bloß dem Namen nach kennen gelernt. Ei⸗ gene Verſuche häͤtten ihn mit den Wirkungen der⸗ ſelben bekannt gemacht und in den Stand geſetzt, ſeine Erſahrung bei vorkommender Gelegenheit mit gutem Erfolg anwendbar zu machen. Dieß erwarb ihm Zutrauen und Liebe, je uneigennu⸗ tziger er hierbei zu Werke gieng und ohne Quack⸗ ſalber zu ſein, ſeine Kenntniſſe andern mittheilte⸗ ja oft ſogar den Wundarzt ſelbſt mit gutem Ra⸗ the unterſtuͤtzte. So war der Mann beſchaffen, in deſſen Haͤnden ſich Baͤrbchen befand. Lehr And lern⸗ begierig folgte ſie ihm, wenn er Schaafe und Rinder weidete durch Wieſe und Wald, und ſans 8— 53 der ihn ſehr wohl leiden konnte, uͤber defe und 35 melte Blumen und Kraͤuter in ihren Schoos. „Vater! wie heißt dieſe Blume!— Was wird daraus gemacht?— Wozu iſt ſie gut?— So fragte Baͤrbchen oft, und Martin befriedigte ihre Wißbegierde nicht bloß durch Nennung ihres Na⸗ mens und Geſchlechts, ſondern durch mehr oder weniger weitlaͤufige Auseinanderſetzung ihrer Nutzbarkeit oder Schaͤdlichkeit und zweckmaͤßige Behandlung; und ſo erlangte Baͤrbchen im ſechs⸗ ten Jahre ſchon eine ihr Alter faſt uͤberſteigende Kenntniß der Natur und ihrer Produkte. Des Abends hoͤrte ſie ihm aufmerkſam zu, wenn er erzaͤhlte oder mit ihr uͤber dasjenige 3 ſprach, was ſie am Tage in der Schule gehoͤrk, geſehen und gelernt hatte, und ſie ſchlief keinmal ein, vhne ſeine guten Lehren und Ermahnungen zur ſanften Ruhe aufs kaͤrgliche Strohlager mit⸗ genommen zu haben. Wweniger angenehm, weniger unterhaltend und daher weniger befriedigend war ihr Mutter Eochens Geſellſchaft, die, ſo lange ſie ihr unter den Augen war, unaufeoͤrlich kif und zankte, es oft ſie fuͤhlen ließ, daß ſie arm war und mit dem entehrenden Ausdrucke: Hurenbalg— beim Aufſtehen bewillkommte und beim Schlafengehen verabſchiedete. So geduldig auch dieß alles Baͤrbchen litt und vermöge des unreifen Verſtandes ihrer Kind⸗ 4 heit 37 —— heit ſich dadurch weiter nicht beleidiget fand, ſo emporte ſich doch etwas in der jungen Seele des keimenden Maͤdchens, das ihr ſagte, dieſe Be⸗ gegnung nicht verdient zu haben und einen Haß gegen ihre Pflegemutter erweckte, der mit jedem Tage mehr zu als abnahm. So hatte ſie faſt zwei volle Jahre in der klei⸗ gen Hirtenwohnung verlebt, als der letzte Mor⸗ 5 ihres Hierſeins anbrach und ſie wenigſtens auf lange Zeit von ihrem guten, lieben Martin 4 Es war ein ſchoͤner Fruhlingsmorgen, dereinen eben ſo ſchoͤnen Tag verkuͤndigte und nichts weniger ahnen ließ, als daß ſich uber ih⸗ nem Haupte ein furchterliches Ungewitter auf⸗ thuͤrmen wuͤrde. Martin hatte bei guter Zeit ausgetrieben⸗ und weil er in Verrichtungen auf ein benachbar⸗ tes Dorf gehen mußte, die Heerde ſeiner Frau und der kleinen Barbe uͤbergeben. Lange ſchon war Mutter Eochen mit einem Plane ſchwanger gegangen, wie ſie ſich dieſes Maͤdchens, deſſen Anblick ihr laͤſtig war, enttedigen wollte. Der Zufall begunſtigte ihren gottloſen Entwurf und verſchaffte ihr Gelegenheit⸗ ihr Muthchen an dem anſchuldigen, wehrloſen Geſchopfchen zu kühlen. 4 de Es war eben Mittag und niewand auf der Flur zu hoͤren und zu ſehen. Die Heerde weidet an Thal und auf den Anhdͤhen umbher denn durch Ungehorſam und Widerſpenſtigkeit ih⸗ ven Zorn gereizt, 5 niger Entfernung hatte ſich Baͤrbchen unter ei⸗ nen Baum geworfen. Unbefangen und ſorglos ſchlummerte die kleine Erdenpilgerin unter den ſchattigten Aeſten des hundertjaͤhrigen Eichſtam⸗ mes, indeß Mutter Evchen beim Anblick einer uͤbers nahe Geburg herziehenden Zigeunerbande uͤber laͤngſt entworfenen Plaͤnen bruͤtete und ſo⸗ gleich den gottloſen Gedanken faßte, das ſchla⸗ fende Maͤdchen an dieſe herumziehenden Fluͤcht⸗ linge zu verkaufen. Gedacht und gethan. Die Bande kam naͤ⸗ her und die ſchadenfrohe Hirtin wurde bald we⸗ gen des Kaufſchillings mit dem Vater dieſes Voͤlk⸗ chens, das einige zwanzig Mann ſtark war, fei⸗ nig. Sie entfernte ſich. Denn das boͤſe Gewiſ⸗ ſen ſagte ihr doch, daß ſie unrecht that und ſetzte ſie außer Stand, Augenzeugin des raͤuberiſchen Augenblicks zu ſein, der ihren Wuͤnſchen Befrie⸗ digung gewaͤhren ſollte. 8 Sie wußte wirklich nicht, aus welcher Urſa⸗ iche ſie ſo handelte und warum ſie die kleine ſchuld⸗ loſe Barbe ſo mit ihrem Haſſe verfolgte; denn nie hatte ihr das gute Maͤdchen, nur unzufrie⸗ den zu ſein, Veranlaſſung gegeben, geſchweige 5* Es was, als wollte ſie umkehren und denm m der erhafihten Beute davon eitenden Zigeus ner. 4 nerhaufen nachgehen; aber es war auch, als hiengen ihr die Sohlen am Boden und ſie konnee weder vor⸗ noch ruͤckwaͤrts.„Was wird Mar tin ſagen, ten, hatte ſie Urſache, denn er war gerecht. Martin liebte die kleine Barbe wie ſein eigenes Kind und um aller Welt Schaͤtze nicht haͤtte er die liebenswuͤrdige Kleine hingegeben. Es wurde ihr baͤnger und immer baͤnger ums Herz, je mehr ſich der Tag neigte und ſie der Wiederkehr ihres Hausherrn entgegen ſah. Mar⸗ tin kam. Es war ſchon ſpaͤt; doch traf er die Heerde noch auf dem Felde und Eochen war ſo eben im Begriffe nach Hauſe zu treiben. Ohne die Frage: Wo iſt Baͤrbchen?— ab⸗ zuwarten, ſagte ſie in einem aͤngſtlichen Tone: Ich weiß gar nicht, wo das Blitzmaͤdchen herum⸗ laͤuft; vor zwei Stunden ſchon hab' ich ſie nach Hauſe geſchickt und noch iſt ſie nicht wieder her⸗ ausgekommen. Martin ahnete nichts weniger, als Betrug. „Wer weiß⸗“ ſagte er—„was vorgefallen iſt?— und gieng ruhig beiher. Aber Evchen war nicht wohl zu Muthe. Sie foderte ihre gan⸗ ze Standhaftigkeit auf, um ſich nicht zu verrxg⸗ hen, und meinte es ungewoͤhnlich gut mit ih⸗ wenn er nach Hauſe kommt? darhte ſie bei ſich ſelbſt—„Wie und womit willſt duu dich entſchuldigen?“— Seinen Zorn zu furch,— „ 40 —— rem Manne, ſtellte ſich auch, als ſie nach Hau⸗ ſe kamen und Baͤrbchen nirgends fanden„ außer⸗ ordentlich betruͤbt und lief ſelbſt im Dorfe her⸗ um, ſie zu ſuchen. Martin war außer ſich und uͤber den Verluſt ſeines Baͤrbchens faſt untroͤſtlich. Er bemerkte nicht gleich die Verſtenung ſeiner Frau im erſten Anfalle des Schreckens und der Verwunderung über Baͤrbchens Abhandenkommen; aber die Nacht wurde an ihr zur Verraͤtherin. Gewoͤhnlich ſaß ſie und ſchlief, wenn Mar⸗ ein des Abends in einem Buche laß, oder mit Baͤrbchen koste. Dieß war nun heute der Fall gerade umgekehrt. Martin laß nicht und Eochen konnte nicht ſchlafen. Baͤrbchens Abweſenheit war an allem Schuld. Immer hoffte der gute Martin, mit jedem Augenblicke muͤßte ſie kommen, war fuͤr ſie beſorgt und blieb um ihrentwillen die ganze Nacht hindurch wach und munter. Es fieng ſchon wieder an zu tagen, Martin ſaß noch und Baͤrbchen kam nicht. Nun wurde ihm baß bange und Mutter Evchen faſt ſchwer, ſich in ihrer⸗ Verſtellung zu halten. Sie fieng an auf ihren Mann unwillig zu werden, ſchimpfte auf Bärh⸗ chen und nannte ſie ein verlaufenes, luderliches Ding, das nicht verdiene 2 daß man ſich um ſie ſo haume und graͤme. Weeſe ſichtbare Veraͤnderung ihres Beneh⸗ 3 mens —,— 8 —— — 41 mens, die Erzäͤhlung, daß eine Zigennerbande aufs Dorf zugewandert ſei, die Unruhe und Ver⸗ worrenheit, mit der ſie ſprach und erzoͤhlte, erweckte allmaͤhlig in der Seele des bekummer⸗ ten Martins Verdacht gegen ſeine Frau, deren Denkart und Verhalten gegen die vaters und mutterloſe Waiſe ihm nicht unbekannt war. „Leicht moͤglich, dachte er bei ſich ſelbſt, daß die Zigeuner das Maͤdel mitgenommen haben.“ Wie 2 wenn Mutter Eochen— aber das waͤre ja gottlos— und doch!— ihre Unzufrieden⸗ heit— ihre Haͤrte gegen die arme, unſchuldige Klei⸗ ne— ihr ganzes Benehmen machte ihn bedenklich. Er hatte nicht Unrecht. Eochens Schlaflo⸗ ſigkeit ruͤhrte von den Vorwuͤrfen eines boͤſen Ge⸗ wiſſens her; ihr Blick war ſchuͤchterner als ge⸗ woͤhnlich, und die Art, mit der ſie ſeinen Fra⸗ gen auszuweichen ſuchte, gerade das Gegentheil von ihrem ſonſtigen Benehmen. Ganz natuͤrli⸗ cher Weiſe mußte ihm das auffallend ſein und es gelang ihm, ſo einigermaſſen hinter die Wahr⸗ heit zu kommen; doch, daß ſie ſelbſt die Unter⸗ haͤndlerin geweſen ſein koͤnnte, war ein Gedanke, der ihm ganz und gar nicht zu Sinne wollte, in⸗ dem er ſie einer ſo groben Bosheit nicht faͤhig hielt. Er rathſchlagte, was er thun wollte, und hielt es fuͤr das beſte und ſicherſte, ſich ſelhſt 42 In vieſer Abſicht beurlaubte er ſich mit Bewilli⸗ gung der Gemeindevorſteher auf einige Tage von ſeiner Dienſtpflicht, ſetzte noch am naͤmlichen Tage ſeinen Wanderſtab uͤber die Graͤnze und verfolgte bei Tag und bei Nacht den Weg, den die mehr beruͤhrte Zigennerbande genommen ha⸗ ben ſollte. Aber aller Muͤhe, alles Fragens und Forſchens ohngeachtet, wars ihm doch nicht moͤg⸗ lich, einige Nachricht von ſeiner geraubten Pfle⸗ getochter zu erlangen, oder den Raͤubern nur einigermaſſen auf die Spur zu kommen. Er hatte mehrere Meilen in der Runde um⸗ her zuruͤckgelegt, Thaͤler und Waͤlder durchſtri⸗ chen, aber umſonſt; nirgends wollte man von einer Zigeunerbande etwas gehoͤrt oder geſehen haben. Je weiter er vorwaͤrts gieng, deſto mehr ſchwand die Hoffnung, ſein geliebtes Baͤrbchen wieder zu ſinden, und er mußte traurig und muthlos wieder heim kehren, denn die Zeit ſeiner Beurlaubung gieng zu Ende. Indeß hatte Mutter Eochen daheim weden Ruhe noch Raſt.„Wie wirds dir ergehen, wenn Martin ſein Baͤrbchen nicht wieder findet 2⸗— So dachte ſie oft und bereuete es mit jedem Au⸗ genblicke, ihren Mann ſo hintergangen und das arme, unſchuldige Maͤdchen auf eine ſo ſchaͤnda liche Weiſe von ſich geſtoſſen zu haben. Sie wagte es kaum, die Augen aufzuſchlagen, als W xtin 4 „ d 3 — wieder ins Haus trat⸗ that einige Fragen nach ihr und konnte ſich nicht enthalten zu weinen. Dießmal waren es wirklich keine Krokodills⸗ thraͤnen, ſo leicht es ihr ſonſt auch wurde, beim unbedeutendſten Zank und Ueberwurf aus Bos⸗ heit zu weinen. Baͤrbchens Schickſal gieng ihr nahe und tauſendmal verwuͤnſchte ſie die Ankunft der Zigeuner, deren Anblick den unſeligen Ge⸗ danken in ihr erweckt und ſie veranlaßt hatte⸗ ihn zur Thatſache zu machen. Ihr Gewiſſen ver⸗ folgte ſie allenthalben mit den bitterſten Vorwuͤr⸗ ſen und machte ihrs zum Verbrechen, den erhal⸗ tenen Kaufſchilling an ſich zu behalten. Es war ja Suͤndengeld und der Teufel konnte leicht ſein Spiel damit haben. Dieſen fuͤrchtete ſie eben fo ſehr, als Martin daruͤber lachte“ der weder Teufel noch Holle zu glauben geneigt war. Dem⸗ ohngeachtet getrauete ſie ſich nicht, es ihm zu ſa⸗ gen und vergrub dieſes Geld unter einem Baume in ihrem Garten. Dieß ſchien ihr anfangs eini⸗ ge Beruhigung zu gewaͤhren; aber es dauerke nicht lange. Die ſtete Erinnerung an ihr Verge⸗ hen, natuͤrliche Furcht fur Geſpenſtern und im⸗ mer erhitzte Phantaſie machteu ihr bald den Fleck⸗ wo dieſer Baum ſtand, ja! ſogar den ganzen Garten zu einem grauſen fürchterlichen Oute, an dem ſie nicht einmal am hellen Tage, wenigſtens G der Stunde des Mittags, nicht lang⸗ 49 44 ——— len mochte. Des Abends gieng ſte mit keinem Fuß hinaus— und wenn's ihr das Leben haͤtze koſten ſollen. Dieſe auffallende Veraͤnderung ihres ganzen Weſens konnte dem hellſehenden Auge Martins unmoͤglich verborgen bleiben. Er fragte um die Urſache, konnte ſie aber nicht eher zu einem auf⸗ richtigen Geſtaͤndniſſe der Wahrheit bringen, als bis ſie nach mehrern Wochen genoͤthiget war⸗ wegen eines offenen Schadens am Fuße, den ſie fur eine Hexerei dieſes Suͤndengeldes und unheil⸗ bar hielt, das Bett zu huͤten. Martin ſtaunte und lachte, ſo wenig ihm auch das Lachen nahe war, uber die Einfalt der aberglaͤubiſchen Frau; doch ließ er ſie gern bei ih⸗ rem Glauben, verzieh ihr die begangene Thor⸗ heit und verſprach, ihr Vergehen geheim zu hal⸗ en. Aber vergeſſen konnt' ers ihr doch nichte, Allenthalben ſprach er von der Geſchichte und konnte nicht genug von ſeinem ungluͤcklichtn Baͤrbchen erzaͤhlen. Wenige nur bemitleideten ihn und nahmen an ſeinem gerechten Schmerze Theil; die meiſten aber lachten, meinten: er koͤn⸗ ne Gott danken, daß er das Bettelmaͤdchen auf ine gute Weiſe losgeworden waͤre— und tru⸗ Ketz die Erzaͤhlung von Haus zu Haus, von Dorf n Dorß als eine laͤcherliche Anekdote uber. —— V V V ———ÿ—ÿ—ꝛꝛ-:-A—-— —* Baͤrbchen machte große Augen, als ſie ie er wachte und unter fremden Menſchen und in einer Luns unbekannten Gegend ſich erblickte. Nie hat⸗ ie ſo viel Menſchen auf einmal um ſich her ge⸗ fe 35, nie ſo garſtige, widrige Geſichter von ſo haͤßlicher Farbe. „Sei ruhig, Tochter! ſagte Frau Martha⸗ die Altmutter der braunen Geſellſchaft, in deren Mitte ſie ſtand— weine nicht!— es ſoll dir kein Leid geſchehen.“ Vaͤrbchen weinte unaufhoͤrlich und ſuchte vergebens unter der umſtehenden Menge ihren geliebten Vater Martin, der ihr Alles war. „Wen ſuchſt du?2 hub die Alte von neuem an und faßte die Hand des weinenden Maͤdchens. „Bater Martin⸗ war Baͤrbchens Antwort. „Vater Martin iſt nicht hier“ erwiederte die Alte— auch iſt Martin dein Vater nicht.— Baͤrbchen ſtutzte. „Dein Vater iſt gar ein großer Mann“ ſag⸗ te die Alte weiter, indem ſie die Geſichtszuͤge der Kleinen ſorgfaͤltig examinirte— aber er iſt weit von hier— und ehe du ihn ſehen wirſt, wirßt du noch manche Thraͤne weinen.“ Baͤrbchen warf einen Blick auf die fonderba⸗ re Verſammlung und bedeckte ihr 8 zeſiche mnt Pe den Haͤnden. Furchte dich nicht, Tochter! fahr 3 te 46 fort— du biſt unter ehrlichen Leuten, die es gewiß gut mit dir meinen.“ „Du?⸗ „Zweifelſt du noch Kleine 2 „Aber dein Geſicht?“— Hu, hu, hu! „Kehre dich daran nicht, Tochter! Alter und Gram haben meine Wangen gebleicht und Luft und Sonnenhitze mich mit dieſer braunen Farbe uͤberzogen.“ „„Aber Mutter Eochen ſah nicht ſo haͤßlich aus, wie du.“ „Und doch meinte ſie es nicht gut mit dir.“ „Ach 1l „Laß ſein, Tochter! bei mir ſollſt du's ge⸗ wiß beſſer haben; Mutter Evchen war wohl ein boͤſes Weib?¹⸗ „Je nu!“ „Sie zankte, ſchlug und ſchimpfte dich wohl immer?“ „Den ganzen Tag zankte ſie.“ 2 „Nun ja, das kann ich mir denken; wis würde ſie dich ſonſt von ſich gelaſſen haben?⸗⸗ Frau Marte ſprach noch lange mit Baͤrb⸗ chen und gab ſich alle Muͤhe, durch freundliches Weſen und glimpfliche Behandlung das Zutrauen der furchtſamen Kleinen zu gewinnen und ihr Herz zu feſſeln. Mutter Eochens Stelle zu erſe⸗ 2* bin, wurde ihr zwar leicht, aber Vater Georg⸗ bem ———— 29 3 9 2222 E— H 6 er d dein die ganze Verſammlung auf einen Wink ge⸗ horchte, war ein muͤrriſcher, rauher Mann, an dem Baͤrbchen nur zu ſeht ihren guten BVater Martin vermißte. Die Quelle ihrer Thränen war unverſſegbar. Mit jedem Augenblicke wuͤnſchte ſie bei ihrem Mar⸗ tin zu ſein und lieber Mutter Evchens ungeſtuͤm⸗ mes, zaͤnkiſches Weſen zu ertragen, als ſo haͤß⸗ liche Geſichter um ſich zu ſehen und unter Men⸗ ſchen zu leben, die unſtaͤt und fluͤchtig von einem Orte zum andern zogen, in Hoͤhlen und Waͤl⸗ dern ſich verſteckten und allenthalben, wo Got⸗ tes liebe Sonne ſchien, zu Hauſe waren. Die Lebensart dieſer Leute gefiel ihr nicht. Die kleine Hirtenwohnung hatte ſie doch wenig⸗ ſtens des Nachts fur Wind und Wetter geſchuͤtzt, wenn ſie auch zuweilen am Tage der unangeneh⸗ men Witterung ausgeſetzt geweſen war; itzt aber mußte ſie bei Tag und bei Nacht unter freiem Himmel ſein, auf der kalten, naſſen Erde ſchla⸗ fen und nur ſelten konnte ſie unter ſchauerlichen Felſenmaſſen ſich vor Regen und Stuͤrmen ſichern. Doch dieß waͤre noch zu uͤberſtehen geweſen; Zeit und Gewohnheit wuͤrden ihren Koͤrper um ſo eher dazu geſchickt gemacht haben, je weniger ſie vorher eine weichliche Erziehung genoſſen hatte. ziber der Umgang dieſer Menſchen war niche thres guten Martins, ihre Beſchuͤſtign ——— 48 keln und ſtehlen, und ihre ganze uͤbrige Lebens⸗ ark wild und ſittenlos. Baͤrbchen fand daran kein Behagen. Ihrer zarten Jugend ohngeachtet beſaß ſie doch ſchon ſo viel Verſtand, das Gute von dem Boͤſen zu un⸗ terſcheiden, und hatte Gefuͤhl fuͤr das erſtere, Haß und Abſcheu gegen das leztere; mithin wur⸗ de es ihr leicht, die boͤſe Seite dieſer Menſchen zu entdecken und uͤberwiegender zu finden, als die gute. Schon mehrmals hatte ſie den Einfall, da⸗ von zu laufen. Aber ſie war ja des Weges nicht kundig, wußte hoͤchſtens nichts weiter, als den Namen des Doͤrfchens, in welchem der gute Mar⸗ tin wohnte, nicht aber das Land und die Gegend, wo dieſes Doͤrſchen lag. Ueberdieß hatte man auch ein zu wachſames Auge auf ſie, als daß es ihr haͤtte gelingen koͤnnen, dieſen Eutſchlhß ins Werk zu ſetzen. Frau Martha, die die kleine Barbe nicht von der Seite ließ, merkte bald, was dieſe im Sin⸗ ne hatte und benahm ihr nicht nur jede Gelegen⸗ heit, ſie zu hintergehen, ſondern bemuͤhte ſich vielmehr, ihr auf alle moͤgliche Weiſe den Gedan⸗ ken zu benehmen, meinte es gut mit ihr und un⸗ terrichtete ſie in allerlei geheimen Kuͤnſten, be⸗ ſonders in der Kunſt, aus Häͤnden und Geſcht zu wahrſagen. Dieß 2ͤSS S CSe A e e Dieß war das einzige Mittel, wödech Frau Martha die kleine Barbe einigermaßſen zu gewinnen ſchien, die eben ſo viel Geſchicklichteit als Neigung dazu und an nichts einen ſo großen Gefallen hatte. Alles uͤbrige, was ſie thun muß⸗ te, that ſie mit Zwang und Widerwillen. Zu betteln ſchaͤmte ſie ſich und zu ſtehlen war eine Suͤnde wider das ſiebente Geboth, das ihr Va⸗ ter Martin noch beſſer und nachdruͤcklicher einge⸗ praͤgt hatte, als der Schulmeiſter. Man drohte ihr, ſie mit Schlaͤgen dazu an⸗ zuhalten; doch Frau Martha war immer ihr Schutzengel und ihr allein hatte ſie noch einige Schonung zu danken. Wo dieſe war, war auch Baͤrbchen; allenthalben begleitete ſie dieſelbe und benutzte ihren Umgang, ſo viel ſie nach Alter und Verſtande vermochte, und erlangte bald in den wahrſageriſchen Kuͤnſten eine eben ſo große Fertigkeit, als ſie bereits in der Kenneniß der Kraͤuter und Pflanzen beſaß, die ſie unter der Aufſicht ihrer gegenwaͤrtigen Fuͤhrerin zu erwei⸗ tern Gelegenheit hatte. Demohngeachtet wollte ihr die Lebensart nicht behagen; es war ihr Unmoͤglichkeit, ſich daran zu gewoͤhnen und eifriger, als in den er⸗ 3 8 ſten Tagen ihres Aufenthaltes unter dieſer Men. ſchenraſſe, verfolgte ſie den Gedanken, ſich ee Keſſeln zu entledigen: denn ihr gegench ut des ges Leben glich einer foͤrmlichen Gefangenſchaft. Sie war nicht eines Augenblicks maͤchtig, nicht faͤhig, ungeſehen einen Schritt zu thun, immer von drei, vier, auch mehr Zigeunerkindern um⸗ ringt und Frau Martha ließ ſie nicht aus den Augen. So hatte ſie ſchon Monate unter dieſen Menſchen verlebt und war vielleicht mehr als dreißig, vierzig Meilen von dem friedlichen Doͤrſchen entfernt, wo Vater Martin hauste, als ſich ihr eine Gelegenheit darbot, ihr laͤngſt beabſichtigtes Unternehmen auszufuhren. Die Altmutter des ziehenden Haͤufteins er⸗ krankte und Vater Georg ſah ſich genoͤthiget⸗ im naͤchſten Dorfe Quartier zu machen; da aber der Wirth im Gaſthofe nicht Raum genug hatte, ſo viel Menſchen zu beherbergen, auch ſonſt im Dorfe niemand dieſelben aufnehmen mochte, ſo konnten nur wenige davon im Wirthshauſe blei⸗ hen und die uͤbrigen mußten ihren Weg beiter fortſetzen. Baͤrbchen befand ſich unter den erſte⸗ ren, die zur Pflege und Wartung der Patientin zuruͤckblieben. Unter dem Vorwande, hinauszugehen und Kraͤuter zu ſammeln, welches ſie waͤhrend Frau Marthens Krankheit taͤglich gethan hatte, gieng ſie, da es wieder beſſer mit ihr ward, eines Abends fort, wuͤnſchte der Patientin im Stil⸗ ten 8= w.—,—,:, — 51 len eine gluͤckliche Wiedergeneſung und gieng auf gutes Gluͤck den Weg ruͤckwaͤrts, den ſie herge⸗ kommen waren. Im naͤchſten Dorfe, das ſie mit einbrechen⸗ der Nacht erreichte, wollte man ihr kein Nacht⸗ lager verſtatten. Sie ußte unter freiem Him⸗ mel bleiben und ſich dem Schutz der allwaltenden Vorſicht uͤberlaſſen, ſich außerhalb dem Orte un⸗ ter einen Baum werfen, wo ſie, ohne den min⸗ deſten Gedanken an einige Gefahr, fuͤr Muͤdig⸗ keit bald einſchlief und nicht eher w eder erwachte, als bis es Tag wurde und die wohlthaͤtige Son⸗ ne ihre goldenen Strahlen uͤber das große Erden⸗ rund verbreitete. Als ſie die Augen aufſchlug und ſich von ih⸗ rem Raſenbette emporſchwang, blickte ſie ſchuͤch⸗ tern um ſich und dankte der Vorſicht fuͤr die gluͤckliche Erhaltung ihres Lebens, ohne auf die unbarmherzigen Landleute zu zuͤrnen, die ihr das Nachtlager verweigert hatten. Sie ſagte ihnen Lebewohl! ſetzte ihren Fuß weiter und dachte nicht an dieß oder jenes Hinderniß, das ihr vielleicht in den Weg treten und das bort⸗ kommen erſchweren koͤnnte. 8 Unbekannt mit den Beſchwerlichteiten der Reiſe hatte ſie ihren Weg fortgeſetzt, ohne ſich 1 in dem vor ihr liegenden Doͤrfchen mit Hebens⸗ mitteln zu verſehen, das ſie ſehr lche h Dda ethun koͤnnen, 8 ſie ſich waͤrend ihres Aufeng⸗ haltes bei Frau Marthen einiges Geld geſam⸗ melt und erſpart hatte, womit ſie eine anſehnli⸗ che Strecke Wegs fortzukommen im Stande ge⸗ weſen waͤre. Sie war bloß darauf bedacht, den Zigeunern ſo ſchnell als moͤglich aus den Augen zu kommen und dachte nicht an Durſt und Hun⸗ ger; die Witterung war ihr guͤnſtig, der Weg gut und gluͤcklicherweiſe hatte ſie ihrem Gedaͤcht⸗ niſſe die Namen einiger Ortſchaften eingepraͤgt, durch die ſie fruͤher oder ſpaͤter mit der verhaßten Geſellſchaft gegangen war, bei der ſie einige Monate hatte aushalten muͤſſen. Auch glaubte ſie vielleicht bald wieder ein Dorf oder Wirths⸗ haus, und darinnen gaſtfreundlichere Men⸗ ſchen zu finden; aber die Hofnung taͤuſchte ſie auf eine empfindliche Weiſe. Wenn ſie eine Thurmſpitze ſah, glaubte ſie dem Ziehle ihrer Wanderung nahe zu ſein und freute ſich auf eine gefaͤllige und frohe Auf⸗ nahme, wie im Hauſe ihres guten Pflegeba⸗ ters, der, wie ſie leicht vermuthen konnte, ſein liebes Baͤrbchen vermiſſen und mit jedem Angenblicke zuruͤckwunſchen wuͤrde. Aber dieſe Hoffnung ſchwand nicht nur einmal, ſondern je⸗ desmal, ſo oft die Gegenſtaͤnde, die derſelhen ſchmeichelten, ſich hinter Gebuͤrgen und dicken Waͤldern ihrem Auge entzogen. Nun 53 —— * MNun wurde ihr der Weg uͤberaus lang. Sie war ſchon mehrere Stunden gegangen, als ſie das Beduͤrf niß des Hungers quaͤlte und doch im⸗ mer noch keine Gelegenheit ſich fand, dieſem Bedurfniß abzuhelfen. Ihren Durſt zu ſtillen, warf ſie ſich am Ufer eines Bachs nieder, der rein und lauter, wie Baͤrbchens jugendliche Un⸗ befangenheit, mit ſanftem Gemurmel entlang dem Thale hindurch ſich ſchlaͤngette und den Wandernden ſuͤße Kuͤhlung gewaͤhrte. So erbarmte ſich die wohlthaͤtige Natur der kleinen hulfebeduͤrftigen Pilgerin und verſchaffte in dem Augenblicke, da die Nothwendigkeit ih⸗ rer Nahrungsbeduͤrfniſſe den hoͤchſten Grad er⸗ reicht hatte, ihr Gelegenheit, Durſt und Hun⸗ ger zu ſtillen und zur Fortfetzung ihrer Reiſe neue Kraͤfte zu ſammeln. Sie ruhte einige Minuten, trank aus dem Bache und fuhlte ſich, obgleich nur einſeitig, geſtaͤrkt, ſchwang ſich empor, und kaum war ſtie einige Schritte vorwaͤrts ge⸗ gangen, ſo entdeckte ſie einige Brombeerſtauden, die ihrer Eßbegierde reichhaltige Befriedigung verſchafften. Die Fruͤchte waren voͤllig reif. Sie aß, bis ſie ſich geſaͤttiget und in den Stand ge⸗ ſetzt fuhlte, dem Hunger, dieſem geſaͤhrlichen Feinde, wenigſtens auf einige Zeit Wigerſand zeiſten zu koͤnnen. 1 Spaͤt erſt, es war ſchon N achmittas⸗ er 1 eich. —— reichte ſie im tiefſten Grunde des Thales eine kleine Muͤhle, wo ſie mit genauer Muͤhe fuͤr Geld und gute Worte etwas Milch und Brod zu erlangen im Stande war, aber, ob ſie gleich ſehr muͤde war, doch nicht uͤber Nacht bleiben konnte. Das Dorf, wozu dieſe Muͤhle gehoͤrte, lag, ohngefaͤhr eine halbe Stunde dabvon, auſ⸗ ſerhalb dem Thale und auf den zu beiden Seiten ſich erhebenden Gebuͤrgen. Bis dahin mußte ſie noch gehen, um ein Nachtlager zu erreichen. Die Muͤllerin, eine gutherzige Frau, haͤtte ſich gern der kleinen, muͤden Pilgerin erbarmt⸗ aber ihre kleine enge Wohnung geſtattete ihr nicht, jemanden zu beherbergen und uͤberdieß haͤtte ſie es auch nicht wagen duͤrfen, dieſem Maͤdchen ein Ruheplaͤtzlein einzuraͤumen, ohne ſich bei ihrem Ehemanne Verdruß oder wohl gar uͤble Behandlung zuzuziehen. Baͤrbchen mußte weiter gehen und damit vorlieb nehmen, den La⸗ betrunk unentgeldlich empfangen zu haben; die gute Frau haͤtte ihr gern noch etwas zugegeben, wenn ſie eines Hellers maͤchtig geweſen waͤre. So reizend und angenehm auch der Weg zu dem nah gelegenen Doͤrſchen war, ſo hatte ſie doch einen falſchen eingeſchlagen, auf dem ſie war auch dahin kommen kounte, füͤr jeden Wanderer aber und noch mehr fuͤr ein reiſendes Maͤdchen von ſeben Jahren uͤberaus beſchwerlich und 55 und gefaͤhrlich war. Das Thal hatte mehrere Abtheilungen und ein Seitenweg fuhrte die un⸗ erfahrne Pilgerin von dem Hauptwege ab. Oh⸗ ne daran zu denken, das es Nacht werden koͤnn⸗ te, gieng ſie unbeſorgt den Pfad vor ſich hin, der zwiſchen die Geburge leitete, und da ſie vom eigentlichen Wege ſchon zu weit abgekommen war, noͤthigte ſie, uber einen Theil der Gebuͤr⸗ ge hinwegzugehen, um von der entgegengeſetzten Seite ins Dorf zu kommen Dieſer Weg war nun freilich mit vieler Be⸗ ſchwerde verknuͤpft, ſteil and wegen des glatten Sandes und Nadelholzes, womit er uͤberfaͤet war, ſogar gefaͤhrlich; aber um nicht wieder ruͤckwaͤrts zu gehen, mußfe ſie ihn einſchlagen, wenn ſie noch vor Einbruch der Nacht ins Dorf kommen wollte, wie einige Leute, die auf den Gebuͤrgen umherklaͤtterten, Holz zu ſammeln⸗ einſtimmig behaupteten. Der Wirth, bei dem ſie einſprach, war zwar ein ehen ſo gefaͤlliger als ſtolzer Mann, je nach⸗ dem Zeit und Umſtaͤnde es fuͤgten, aber er war juſt auf Laune und entbrach ſich nicht, das ein⸗ wandernde Maͤgdlein, nach einem ſcharfen, punktlichen Examen, in ſein Haus außuneh⸗ men. Die Erzaͤhlung ihres Schickſals machte ihn mitleidig und ihr artiges Venehmen In ihm Wehlbehagen ein. 2 5 Baͤrbchen ſah ſich hier ſehr wohl aufgenom⸗ men. Ohngeachtet ſie hezahlen wollte, ſo wur⸗ de es doch nicht angenommen und ſie ſah gleich am erſten Abende iyres Hierſeins ihre kleine Baarſchaft anſehnlich vermehrt. Man nannte ſie die kleine Zigeunerin und ihre Zuthunlich⸗ keit geſiel nicht allein dem Wirthe und ſeiner lieben Ehehaͤlfte, ſondern auch den Bauern, die bei einem Kruge Bier beiſammen ſaßen und der kleinen Erzaͤhlerin aufmerkſam zuhoͤrten, ſich auch eines und das andere von ihr ſagen ließen, was ihre Wahrſagerkunſt vermochte, wofuͤr ſie dieſelbe wacker belohnten. Baͤrbchen wollte des angern Tages weiter⸗ aber der Wirth ließ ſie nicht von ſich. Er hoͤrte gern von Zigeunern und Zigeunerkuͤnſten ſpre⸗ chen, um das Gehoͤrte bei Gelegenheit wieder ag den Mann zu bringen, und gieng den ganzen Tag uber ſeiner kleinen Fremden zu Gefallen nicht aus dem Hauſe. Baͤrbchen mußte bleiben; und faſt hatte es den Anſchein, als haͤtte ſie ei dieſem menſchenfreundlichen Manne ihr Unter⸗ kommen auf immer gefunden. Er hatte ſelbſt zwei kleine Kinder, mit de⸗ nen ſich Baͤrbchen ſehr gut abzugeben wußte. Auch dieß gefiel ihm unb daher verſtattete er ihh die Freiheit, ſo lange bei ihm zu bleiben, als es ahr geſiel. Sie war der Wirthin in der Kuche. und* u ss 57 und andern haͤuslichen Arbeiten, ſo weit es ihr Alter und Kraͤfte erlaubten, zur Hand, und des Abend, weun die Bauern zuſammenkamen, mußte ſie ihre Erzaͤhlungen immer von vorn an⸗ fangen und denen, die ſie noch nicht geſehen hatten, wahrſagen. Dieß machte den gluͤcklichen Bewohnern des Doͤrfchens viel Spaß. Zahlreicher, als gewoͤhn⸗ lich, kamen ſie in den Gaſthof, bloß um die klei⸗ ne Zigeunerin zu ſehen und ſich das Prognoſtikon ſtellen zu laſſen. Sogar von einigen andern nah⸗ gelegenen Doͤrfern kamen mehrere herbei und ver⸗ anlaßten die kleine Wahrſagerin, zu ihnen hinuͤ⸗ ber zu kommen und ihre Kunſt zu zeigen. Es ge⸗ ſchah; Baͤrbchen wanderte faſt von Haus zu Haus, war allenthalben willkommen und ſah ſich mehr oder weniger fuͤr ihre Geſchicklichkeit be⸗ lohnt. So hatte Baͤrbchen mehrere Tage unter die⸗ ſer menſchenfreundlichen Landbewohnergattung verlebt, als wit einemmal ihr Lebenswandel zweifelhaft und ihre Wiſſenſchaft fuͤr Betrug und Luͤgen angeſehen wurde. In einem dieſer Doͤrfer, die ſie waͤhrend ihe ves Hierſeins beſucht hatte, war eine Frau, die ſchon ſeit gera mer Zeit an einem offenen Scha⸗ den am Luße krank darnieder lag. Baͤrbchen hat⸗ te auch diefe kennen gelernt und in Ahweſenheit des Feldſcherers, der euf einem andern Dorſe wohnte, der Patientin ein gutes Heilmittel gera⸗ then, das aus den beſten, geſuͤndeſten Kraͤutern heſtand, die ſie ihr ſelbſt uͤberbracht und zuberei⸗ tet hatte. Der Arzt. der ſich um ſo mehr dadurch⸗ beleidiget fand, je wirkſamer dieſes Heilmittel war, und ſeine dreißigjaͤhrige Erfahrung, mit der er ſich allenthalben bruſtete, durch die weni⸗ 4 gen Kenntniſſe eines ſiebenjaͤhrigen Maͤdchens gleichſam an den Pranger geſtellt ſah, aͤrgerte ſich nicht wenig uͤber die Einfalt ſeiner Patienten⸗ die dem unerfahrnen Dinge mehr Glauben beige⸗ meſſen hatte als ihm, und ſchrieb die Heilung ih⸗ res Schadens lediglich auf ſeine Rechnung, nann⸗ te das unſchuldige Baͤrbchen ein verlaufenes Zi⸗ geunermaͤdchen, das wegen ſeiner Quackſalberer und Hexerei in kurzem zum Scheiterhaufen reif ſein wuͤrde. Die Behauptung dieſes Mannes, den man kange ſchon als einen klugen, erfahrnen und ge⸗ ſchickten Mann zu kennen glaubte, wurde allge⸗ mein bekannt und verwandelte die gute Mei⸗ nung, die man von Baͤrbchen hatte, bald in ei⸗ ne entgegengeſetzte, ihr nachtheilige Meinung. Hierzu kamen noch mancherlei Geſchichten und Erzahlungen von blutmelkenden Kuhen, ſich ebs eigneten Ungläcksfaͤllen, Geſpenſtererſcheinun⸗ gen, ziehenden Brachen und dergl., welche der . gott⸗ ͤ1 e ͤ— ͤ gottloſe, ſchadenfrohe Mann, theils aus eige⸗ ner Blindheit des Aberglaubens⸗ theils um ſich an Baͤrbchen zu raͤchen, fuͤr unausbleibliche Wirkungen ihrer Geheimkunſt auszugeben ge⸗ neigt war und ſie darum auf alle mögliche Art und Weiſe verfolgte. Ohngeachtet man ihr nun von allen Seiten der Gerichte um ihrer Jugend willen nichts anha⸗ ben konnte, ſo mußte ſie doch die Gegend ver⸗ laſſen. Baͤrbchen trennte ſich eben ſo ungern von ihren Wirthsleuten, als dieſe von ihr, denn beide hatten ſich in der kurzen Zeit ihres Beiſam⸗ menſeyns ſchon ſo aneinander gewoͤhnt, daß der Abſchied in der That ruͤhrend war. Reicher, als bei ihrer Ankunft, verließ die junge Reiſende dieſen Ort, an dem ſie ſich bei⸗ nahe vierzehn Tage aufgehalten hatte und wo es ihr ſo wohl gegangen war. Die eigentliche Urſa⸗ che, warum ſie ihn verlaſſen mußte, wußte ſie nicht; auch wuͤrde ſie vielleicht nicht haben be⸗ greifen koͤnnen, wie und wodurch ſie einem oder dem andern laͤſtig oder gar ſchaͤdlich geworden wäaͤre. Sie weinte beim Abſchied, ohne die wah⸗ re Quelle ihrer Thraͤnen zu kennen und war noch zu ſehr Kind, als daß ſie die Großmuth ihrer Wirthsleute haͤtte gehoͤrig fuͤhlen und ſich dadurch dankbar erweiſen ſollen. Sie ſah ſich beim Weg⸗ gange nicht allein auf einen ganzen Tag, viele. — leicht— 60 keicht auf noch haͤngere Zeit, mit deb ensmitteln verſehen, ſondern ſogar ihre kleine Boͤrſe gefuͤllt⸗ ihre Kleider und Waͤſche in einem beſſern Zu⸗ ſtande, als bei ihrer Anherokunft und die Fork⸗ ſetzung ihrer Reiſe um ein anſehnliches erleichtert und beſchleuniget, da man ſie einige Meilen zu Wagen fortbringen ließ, ohne es eigentlich zu wiſſen und zu fuͤhlen, was fuͤr eine große Wohl⸗ that man ihr dadurch erwieß. Mittelſt eines Briefs, den ihr großmuͤthi⸗ ger Wirth ihr an einen ſeiner Freunde mitgege⸗ ben harte, gelang es ihr, eine anſehnliche Stre⸗ cke Wegs fortzukommen, ohne zu Fuße wandern zu duͤrfen. Adenthalben, wo ſie hinkam, fand ſie gute Menſchen, die ſich ihrer Jugend erbarm⸗ ken, ihren Bedurfniſſen abhelfliche Maaße ver⸗ ſchafften und wo moͤglich, ihre Wuͤnſche unter⸗ ſtutzten. Ihr gutes Betragen erwarb ihr Freum⸗ de, ihr die Jahre der Kindheit uͤberwiegen er Verſtand und Geſchicklichkeit Bewunderung; uͤberall entließ man ſie ungern, und nirgends, ohne ſich wohlthaͤtig gegen ſie bezeugt zu haben. Auf dieſe Weiſe hatte Baͤrbchen den groͤßten Theil ihrer Ruckreiſe in ihr Vaterland mit moͤg⸗ lichſter Bequemlichkeit und geringen Koſten zu⸗ rückgelegt. Sie war ohngefaͤhr noch dreizehn Meilen von ihrer Heimath entfernt. Dieſe muße te ſie zu Fuße machen. Das kam ihr nun frei⸗ lich — —-— 61 lich wieder hart an; und manche andere wuͤrde vielleicht an ihrer Stelle geſchwankt haben, vors oder ruͤckwaͤrts zu gehen. Aber die Liebe zu Va⸗ ter Martin, den ſie doch wohl manchmal vergeſ⸗ ſen haben mochte, wenn es ihr wohlgieng, ſtaͤhl⸗ te ihren Muth und unerſchrocken ſetzte ſie ihren Fuß in den boͤhmiſchen Waͤldern fort. Je naͤher ſie nun dem Ziele ihrer Wuͤnſche kam', deſto gefaͤhrlicher wurde ihre Reiſe. Sie wußte keinen Ort mehr zu nennen, auf den ſie zugehen wollte und mußte, als den Wohnort ihres guten Martins. Sie erinnerte ſich, die erſte Zeit ihres Aufenthalts unter den Zigeunern bloß in Waͤldern und Hoͤhlen verlebt zu haben⸗ und es waͤre kein Wunder geweſen, wenn ihr wegen des weitern Fortkommens bange gewor⸗ den waͤre. Ihre geographiſchen Kenntniſſe wa⸗ ren noch zu ſehr beſchraͤnkt, als daß ſie das Land nennen konnte, in welchem das Ziel ihrer Wan⸗ derſchaft lag, denn ſie wußte ja nicht einmal; daß Europa der Name eines Weltheils war. Ihr war weiter nichts bekannt, als ihr Doͤrſchen und hoͤchſtens einige kleine Ortſchaften, die ſie eben ſo gefaͤllig als abſichtlich ihrem Gedaͤchtniſſe zur Aufbewahrung uͤbergeben hatte. Aber auch dieſer Vorrath war aͤußerſt gering und bereits erſchoͤpft. Welch eine traurige Ausſicht füur ein kleines Maͤdchen von ſieben Jahren, das ſo vhne alls Lerr 62 —— Leitung in der Welt herumirrte und niemanden finden konnte, der es haͤtte zurecht weiſen koͤn⸗ nen. Immer glaubte ſie, ihrem guten Martin nahe zu ſein, wenn ſie an ein Dorf kam, aber es war Taͤuſchung, andere Namen, andere Gegenden. Zuweilen erinnerte ſie ſich dieſes oder jenes Platzes im Walde, wo die Zigeuner ihr La⸗ ger aufgeſchlagen hatten, aber es war nur dunk⸗ le Erinnerung, und ſie konnte nicht begreifen⸗ warum ihr der Weg nach ihrem Doͤrfchen ſo auſ⸗ ſerordentlich lang wurde? Schon hatte ſie mehrmals in einem Dorfe übernachtet, bald unter freiem Himmel ihr La⸗ ger aufgeſchlagen und— noch war ſie immer nicht am Ziele. Aber ſie wußte ja nicht, daß ſie auf falſchem Wege war, oft ruͤckwaͤrts gieng, anſtatt vorwärts zu gehen, und oft wieder in das naͤmliche Dorf kam, in welchem ſie ſchon Tages zuvor geweſen war. Oft ſaß ſie unter einem Baume und weinte die bitterſten Thraͤnen, und niemand konnte ihr helfen, denn ſelbſt die Spa⸗ che des Landes war ihr nicht gelaͤufig; oft ſogar glaubte ſie verhungern zu muͤſſen, war der Ge⸗ legenheit dieß Beduͤrfniß zu befriedigen nahe und entfernte ſich mit einemmale weit davon, in⸗ dem ſie einen falſchen Weg einſchlug, in dieſen unwegſamen Waldungen umherirrte und ihren Hunger nur kaͤrglich mit einigen ſparſam ſich ihr darbietenden Fruͤchten zu ſtillen vermochte. * 4 63 —— Siebzehnmal ſchon hatte ſie den Sonnenwa⸗ gen ins Meer hinabrollen und faſt eben ſo oft am Horizonte wieder herauffahren ſehen, als ſie matt und eytkraͤftet unter einen Baum hinſank und faſt alle Hoffnung aufgab, das Ziel ihrer Wun⸗ ſche zu erreichen. Ohne zu wiſſen, wie nahe oder wie fern ſie demſelben war, ſchlief ſie unter frei ⸗ em Himmel ſo gut und ſo anhaltend fort, als ſie die ganze Zeit ihrer Fußreiſe uͤber nicht geſchlafen hatte. Es war ſchon heller Tag als ſie erwach⸗ te. Die Gegenwart eines Mannes, deſſen Ge⸗ ſicht ihr auffaltend war, machte ſte ſtaunen; ſte glaubte, ihn irgendwo geſehen zu haben, und konnte ſich doch nicht erinnern wo? 2 und zu wel⸗ cher Zeit dieß geſchehen ſein mochte? „Nein! ſagte der Mann, der gerade vor ihr ſtand und ſie von oben bis unten betrachte⸗ te— biſt Du's oder biſt Du's nicht?⸗ Baͤrbchen wußte nicht, was ſie ſagen ſoll⸗ te, ſah den Mann unveraͤndert an und getraue⸗ te ſich nicht zu fragen: Kennt ihr mich? Der Mann war ſelbſt bedenklich, fragte aber dach:„Biſt Du nicht Baͤrbchen?— „Ja!“ war die Antwort. 3 „Nun! da wird Vater Martin eine Freu. de haben/— ſagte er, und Baröchen ftagte⸗ „Kennt ihr Vater Martin?⸗“ „Ob ich ihn kenne?— Je! Du Näre bin ich nicht oft genug bei ihm geweſen?— Haſt Du mich nicht manchmal bei ihm geſehen?— Aber ſag' mir nur, Du naͤrriſches Maͤdchen! wo biſt Du denn die Zeit her geweſen?— Woll⸗ ten doch die Leute ſagen, Du waͤreſt davon ge⸗ laufen und mit den Zigeunern forigegangen.“⸗ In wie fern dieſe Behauptung der Wahrheit angemeſſen war, haben wir nicht noͤthig weit⸗ laͤufig auseinander zu ſetzen, weil es bereits aus dem Obigen bekannt iſt, wie und auf welche Art Baͤrbchen unter die Zigeuner gekommen war. Dieß war ihr noch bis auf den gegenwaͤrtigen Augenblick ein Geheimniß; ſie dachte ſich itzt nichts als Vater Martin und erinnerte ſich der Vergangenheit bloß wie eines ſchwindenden Traums. Der geſchwaͤtzige Bauer, den ſie ſo hald und halb zu kennen glaubte, ſchien in der That eine Freude uͤber die Wiedererſcheinung des verlohrn en Maͤgdleins zu haben und fragte: Oh ſie gern wieder zu Vater Martin wollte? „Das verſteht ſich!“ erwiederte die Kleine⸗ fragte: ob ſie noch weit zu Hauſe haͤtte? und bat den Mann, ſie auf den rechten Weg zu bringen. Er that es und gieng eine Strecke Wegs ruͤckwaͤrts mit ihr, bis ſte ohngefehr noch eine Viertelſtunde weit zu gehen hatte, ihre alte Wohnung wieder zu erreichen. Welch eine Freu⸗ 1 de, als Baͤrbchen die Thurmſpitzen ihres lieben Doͤrfs⸗ — 55 Dorfchens wieder ſah und ſich auf den Fluren bee fand, wo ſie ſo manchmal die bloͤckende Heerde gehuͤthet hatte. Hier verließ er ſie und Baͤrbchen eilte mit ſchnellen Schritten dem nahen Ziele ent⸗ gegen. —— Eben war Martin im Begriff an ſein Tage⸗ werk zu gehen. Lange war ihm nicht ſo wohl ge⸗ weſen als heute. Er nahm Stock und Peitſche von der Wand, ergriff ſein Horn und gieng heraus. Himmel! welch' eine Erſcheinung— welch' eine herrliche Ueberraſchung.— Lange ſchon hatte er alle Hoffnung aufgegeben, ſein liebes Baͤrbchen wieder zu ſehen und itzt, da er eben ins Horn ſto⸗ ßen wollte und im Begriff war, die Heerde zur Waide zu führen, trat, was das Liebſte von allen ihm war, ſein gutes⸗ fuͤr verlohren geachtetes Baͤrbchin vor ihn hin, hupfte freudig an ihn hin⸗ auf und umſchlang mit beiden Haͤnden ſeinen Hals. Die Scene war anfangs ſtumm, bald aber begann ſie lauter zu werden. Baͤrbchen brach in Thraͤnen der Freude aus und Vater Martin konn⸗ te ſich ſelbſt kaum ihrer enthalten.„Du kleines Blitzmaͤdel!“ ſagte er„wo biſt Du ſo lange geweſen? Haſt mir viel Kummer und Sorge ge macht.“ Mit dieſen Worten trug er ſie in ſeine kleine Wohnung und ſagte beim Eintritt in Stube, in welcher Mutter Evchen noch Hirtenm. E Fruͤhſtuͤck ſaß: Da bringe ich das verlorne Schaaf. Ein Gemiſch von Freude und Schaam be⸗ mächtigte ſich Mutter Evchens reuigem Herzen. Sie reichte Baͤrbchen die Hand und druͤckte ſie ihr ſo herzlich, als ob ſie damit ſagen wollte: Ver⸗ gieb mir. Das erſte, was Mutter Eochen, die ſonſt ſo ſtiefmuͤtterlich an ihrer Tochter gehandelt hatte, itzt aber ganz anders gegen ſie geſinnet war, that, war, alles aufzutragen, was ſie im Leib und Le⸗ ben hatte, wobey Baͤrbchen Vater Martinen, der ihr zur Seite ſaß und ans Austreiben der Heerde nicht dachte, erzaͤhlen mußte, wie es ihr ſeit ihrem Abhandenkommen ergangen war. Baͤrbchen erzaͤhlte und Martin uͤberließ Huth und Weide ſeinen Knechten, ſich aber der Freude und dem Vergnuͤgen ſo ſehr, daß er den ganzen Tag uͤber nichts weiter that, als Eſſen und Trin⸗ ken und mit Baͤrbchen koſen, die, von ihrer lan⸗ gen und beſchwerlichen Reiſe ermuͤdet, ſich bei Zeiten niederlegte und zum erſtenmale wieder auf ihrem ſonſtigen Strohlager dem Gott des Schlafs huldigte, indeß Martin, um dieſen Tag recht feſtlichu feierlich zu begehen, am Abend dem allgemeine, Vergnuͤgen der frohen Doͤrfler, die, weil es juſt Sonntag war, ſich bei Muſik und Tanz verſammelten, beiwohnte und, ohne Nuck⸗ Bhr auf geſellige Theilnahme„ bloß aus Enthu, ſiasmus ——— „· ͤ.. ————— 8 ſasmus der Freude, die Wiederkehr ſeines gelieb⸗ ten Baͤrbchens als eine intereſſante Neuigkeit auspoſaunte. — Barbchen ſieng nun wieder ihre vorigeLebens⸗ art von neuem an. Sie gieng in die Schule, und außer derſelben ihrer Pllegemutter⸗ die ſie itzt beſ⸗ ſer zu halten geneigt war, in der Wirthſchaft und andern Verrichtungen zur Hand, und ubte ſich von Zeit zu Zeit in mehrern ihrem Stande und Geſchlechte angemeſſenen Arbeiten. Es vergiengen nun einige Jahre, binnen welchen ſich nichts ereignete, das unſere Aufmerk⸗ ſamkeit verdiente, als eine ſchwere Krankheit, die dem guten Martin fur das Leben ſeines lieben Baͤrbchens bange machte. Doch ſie uͤberſtand die⸗ ſelbe gluͤcklich und hatte Urſache, ſich der herrlich⸗ ſten Folgen, die ſie begleiteten, zu erfreuen, in⸗ dem ſie einen beſondern Einfluß auf ihre Geſund⸗ heit und Wachsthum hatte. Baͤrbchen wurde groß und ſtark, ihr Koͤrper degann ſich aus ſich ſelbſt heraus zu arbeiten und ſie war im vierzehnten Jahre ein Maͤdchen, das Aufſehen erregte und die Auger der ngen Bur⸗ ſche noch mehr auf ſich gezogen haden wurde⸗ wenn ſie nicht das Hirtenmaͤdchen geweſen waͤre. Dieſe Benennung ſetzte ſie unter die ſaͤmmtli⸗ h Dirnen des Dorfs, ſogar unter die Dienſte „ E 3 maͤd⸗ 6 maͤdchens herab und ſchloß ſie, wenigſtens von manchen Rechten der ſogenannten Nachbarstoͤch⸗ ter aus, die aber in der That alle ihr in jedem Betracht nicht gleich kamen. Baͤrbchen war die ſchoͤnſte von allen, darum erweckte ſie Neid und Eiferſucht unter ihren Zeit⸗ genoſſinnen; ſie war aber auch die kluͤgſte, die geſitteſte, die geſchickteſte. Kein Wunder, wenn ſie auf dieſen oder jenen jungen Bauerburſchen, auf welchen die wohlhabendere Gutsbeſitzerstoch⸗ ter im ſtillen Jagd machte, mit gluͤcklicherem Er⸗ folg wirkte, als dieſe, ohne die Abſicht zu haben, gefallen zu wollen. Baͤrbchen war auf keines der Maͤdchen, die mit ihr aufgewachſen und in die Schule gegangen waren, neidiſch und eiferſuchtig, mißgoͤnnte ihnen nicht die glucklichere Lage, in der ſie dieſelben er⸗ blickte, und war immer mit der ihrigen zufrieden, ohngeachtet ſie etwas in ſich fuͤhlte, das ſie gleich⸗ ſam uber ſich ſelbſt zu erheben ſchien. Sie ſah ſich faß durchgaͤngig verachtet und von der laͤndlichen Geſelligkeit ausgeſchloſſen. Daher kam es, daß ſie immer allein war. Vater Martin war mit dieſer Behandlung ſeiner Pflege⸗ tochter aͤußerſt unzufrieden, wagte es aber doch nicht, ſich etwa gegen die Vaͤter der uͤbermuthi⸗ gen Dirnen deshalb zu beſchweren, weil er haͤtte befaͤcht 1 Muſe„ vom Dienſte zu kommen; 3 er ☛ 8 79 teß es immer nur dabei bewenden⸗ die Tugen⸗ den ſeiner Pflegetochter zu lobpreiſen und Baͤrb⸗ 69 —— chen, die über ihre Erniedrigung in Klagen aus⸗ zubrechen fuͤr Suͤnde hielt, zur Standhaftigkeit zu ermahnen. 3 Haͤtte er den Werth dieſes Kleinods in ſeinem ganzen Umfange gekannt, er wuͤrde zwiefach'ſtolz auf den Beſitz deſſelben geweſen ſein und ſich dop⸗ pelt glucklich geſchaͤtzt haben. Aber vielleicht wäͤ⸗ re er auch weniger aufmerkſam, weniger thaͤtig geweſen, haͤtte er ihre Tugenden und Faͤhigkei⸗ ten aus andern Quellen, als aus ihrem Herzen und Verſtande herzuleiten Urſache gefunden. Baͤrbchens natuͤrliche Anlagen und Geſchick⸗ lichkeiten waren eben ſo groß, als ihr Hang zum Thaͤtigſein. Sie fuͤhlte einen Trieb im Emvorſtre⸗ ben in ſich, den ſie ſich nicht erklaͤren konnte⸗ und machte oft Vergleichungen zwiſchen ſich und den Mäaͤdchen des Dorfs, die gleichen Unterricht mit ihr gehabt hatten, und doch weit unwiſſen⸗ der, weit ungeſitterer und plumper, als ſie, wa⸗ ren. Sie betrachtete oft den Bau ihres Koͤrpers⸗ wußte, daß er aus demſelben Thone gebildet war und fand doch dieſen Thon ſo fein, ſo zart⸗ das ganze Gebaͤnde ſo regelmaͤßſig, ſo nett und unend⸗ lich weit von dem der ſtolzen Bauerdirnen unter⸗ ſchieden, die Wunder was fuͤ ete Maͤdele zr ſein ſich einbildeten. 8 70 Ihr kleiner Spiegel ſtellte ihr, wenn ſie des Sonntags in die Kirche gehen wollte und Buſen⸗ tuch und Kopfzeug muſterte, ein Geſicht vor Au⸗ gen, dergleichen ſie unter den Maͤdchen des Lan⸗ des noch nie geſehen zu haben glaubte. Sie ent⸗ deckte darinnen Züge, die einen mehr als gewoͤhn⸗ lichen Geiſt verriethen, eine oſſene, Wahrheit ſtralende, Stirn, ein Woluſtſpruͤhendes Ange, ein Feuer auf Wang und Lippen, das unmoͤg⸗ lich einem gewoͤhnlichen Bauer entgegen zu flam⸗ men, angezuͤndet ſeyn konnte. Baͤrbchen war itzt in dein Alter, wo die jungfraͤnlichen Reize mit Allgewalt ſich entfalten und den Voruͤbergehenden reizen, ſich eine Roſe zu brechen. Sie war ſechszehn Jahr. Ihre Schoͤn⸗ heit, ihre ganze Perſon war den jungen Burſchen nicht mehr gleichgultig; ſie geſtanden es einander einſtimmig, kein ſo ſchoͤnes Maͤdchen geſehen zu haben und bedauerten, daß die Natur ihre Kunſt an einem bloßen Hirtenmaͤdchen verſchwendet hat⸗ te, denn keiner von ihnen durfte es je wagen, ſel⸗ nem Vater ſeine Neigung fuͤr diejenige zu geſtehen oder nur blicken zu laſſen, die unter allen die Ver⸗ achteſte, die Niedrigſte im ganzen Dorfe war und nach der Meinung der beguͤterten Bewohner deſ⸗ ſelden hoͤchſtensrnur einmal die Hausfrau eines armen Tageloͤhners werden konnte und ſich's zur Ehre ſchaͤtzen mußte, von einem oder dem an⸗ — V V ——;—:— 2 —C—C—C——— andern eines ſchmeichelnden Blicks gewuͤrdiget zu werden. Demohngeachtet ſuchten ſie doch alle an das ſchoͤne Hirtenmaͤdchen zu kommen und verſaͤum⸗ ten keine Gelegenheit, ihr aufzulauern und mit ihr Scherz zu treiben. Doch ihre Abſichten waren nicht edel. Denn entweder geſchah es, um ſich unter einander einen Rang abzulaufen oder das gute Maͤdchen zum Beſten zu haben, oder, wel⸗ ches das ſchlimmſte war, ihrer Tugend Fallen zu legen und durch Entweihung ihrer Reize einem ſchaͤndlichen Naturtriebe Befriedigung zu verſchaf⸗ fen. Aber Baͤrbchen merkte ihre Abſichten und wußte ihnen immer auszuweichen. Heinrich Braun war der einzige, der es mit Baͤrbchen redlich meinte und ſich von ihr beguͤn⸗ ſtigt ſah. Er war der reichſte im ganzen Dorſe und das gemeinſchaftliche Zentrum, auf welchem ſich alle Wuͤnſche der heranwachſenden Dorfju⸗ gend des andern Geſchlechts vereinigten. Vaͤter und Muͤtter richteten ihr Abſehen auf ihn und hielten ſich's zur Ehre, wenn der ſchoͤne Heinrich bei ihnen eintrat. Sie wußten nicht, wie ſie ihn ehrenvoll genug bewillkommen und bewirthen ſollten und ſchrieben die Urſache ſeines Beſuchs allemal auf Rechnung ihrer Toͤchter. Aber wie ſperrten ſie Maul und Naſen auf⸗ als man laut ſagte⸗ daß Brauns Heinrich mie Bärb. 2 Baͤrbchen einig waͤre. Man konnte ſich's gar nicht vorſtellen, wie ein ſo reicher Burſche auf den Gedanken gerathen ſein koͤnnte, ſich in ein armes Hirtenmaͤdchen zu verlieben, da es doch noch Maͤdchen genug im Dorfe gaͤbe, die etwas zu bedeuten haͤtten. Viele, die der Erorberung gewiß zu ſein glaubten, meinten, daß es nichts als ein bloßer Scherz ſein koͤnnte, der nicht lan⸗ ge Beſtand haben wurde; andere verüͤbelten es dem Vater gar ſehr und unterfiengen ſich, ihm deshalb ſpitzige Reden in den Barth zu werfen; noch andere, die auf die Ehre ſeiner Schwaͤger⸗ ſchaft nicht Rechnung machen konnten„ laͤchelten und ſagten: Der Kuhhirt klebe ihm doch immer noch an; ſonſt würde er's mir Heinrichen wohl anders gemacht haben. Vater Braun war in ſeiner Jugend ſelbſt Hirt geweſen, hatte ſich aber durch beſondere Gluͤcksfälle, uͤber die er gegen Jedermann ſo ge⸗ heimnißvoll und zuruͤckhaltend als moͤglich gewe⸗ ſen war, empor geſchwungen und ein großes Vermoͤgen erworben. Demohngeachtet war er nie ſtolz und uͤbermuͤthig, erinnerte ſich oft mit Vergnuͤgen ſeines Hirtenſtandes und hielt denſel⸗ ben in Ehren. Daher war er auch Martins be⸗ ſter Freund, Goͤnner und Furſprecher bei der Ge⸗ meinde, that ihm manches zu Gute, was ihm ein anderer hoch angerechnet haben wuͤrde und ₰h 28 —— hatte wider lnrichs Umgang mit Baͤrbchen nichts einzuwenden. Deſto unzufriedener war die junge Maͤdchen⸗ welt mit Heinrichs Betragen, der gegen alle gleichguͤltig war⸗ nur gegen Baͤrhehen nicht⸗ Dieß gab zu mancherlei Raͤſonnements Aulaß. Neid und Eiferſucht erdichteten falſche Nachreden, bemuͤheten ſich, das gute Baͤrbchen in einen udeln Nuf zu bringen und ſchmeichelde ſich, auf dieſe Weiſe immer noch ihre Abſſchten zu erreichen⸗ Heinrichen auf andere Gedanken zu bringen und auf den Ruin ihrer gemeinſchaftlichen Nebenbuh⸗ lerin ihr Gluͤck zu bauen. Bald raunte man ſich dieß bald das in die Ohren und wollte Baͤrbchen bald da, bald dort mit einer andern Mannsperſon geſehen haben. Bald nannte man ſie eine allgemeine Buhlerin⸗ die einem jeden feil waͤre und ihr Abſehen bloß auf Heinrichs volle Taſchen gerichtet haͤtte; bald machte man ihre Geburt und Herkommen zwei⸗ ſelhaft, ſchalt ſie uͤberhaupt ein luͤderliches, ehr⸗ loſes Weibsbild, das wohl gar mit dem Boͤſen in einem geheimen Buͤndniß ſtehe und dem einfaͤlti⸗ gen Martin ſo gut, wie dem verliebten Heinrich⸗ ein bloßes Blendwerk vormache und ſuchte ſie die⸗ ſem auf alle nur moͤgliche Art und Weiſe verhaßt zu machen. Selbſt Heinrichs Schweſter ſchlug bei. Sie glaubte den Erzaͤhlungen ihrer Freunt⸗ dinnen, ohne ihre Abſicht zu merken und hielt es fuͤr Pflicht, ihren Bruder von ſeiner Krankheit zu heilen. Baͤrbchen war in den Augen dieſer Leichglaͤndigen alles, was die lügenhafte Fama aus ihr machte, eine Gauklerin, Wahrſagerin und Hexenmeiſterin, die unmoͤglich eines natuͤr⸗ lichen Todes ſterben koͤnnte, vielmehr uͤber lang oder kurz der Gerechtigkeit in die Haͤnde fallen muͤßte. Doch ſie erreichten ihre Abſichten nicht. Hein⸗ rich hatte zu viel Verſtand und Einſicht, als daß er nicht haͤtte weiter blicken und die Urſache dieſer Verlaͤumdungen ausſpaͤhen ſollen. Jemehr man von allen Seiten in ihn drang, von Baͤrbchen ab⸗ zulaſſen und durch dieſen entehrenden Umgang ſich nicht ſelbſt in ublen Ruf zu hringen, deſto ſtaͤrker wuchs feine Neigung zu ihr, deſto mehr uͤberzeug⸗ ke er ſich von dem Werthe dieſer Goͤttlichen, die in ſeinen Augen weit uͤber alle erhaben war. Baͤrbchen wußte von alle dem nichts. Hein⸗ rich ſchaͤtzte und liebte ſie zu ſehr, zu aufrichtig, als daß er ihrem Herzen haͤtte wehe thun und ſie wegen ſo offenbarer Lugen und Unwahrbeiten zur Rede ſtellen ſollen. In ſeinen Augen war ſie ge⸗ rechtfertiget, denn er wußte um jede ihrer Hand⸗ lungen, jeden Schritt, den ſie that, und uber⸗ zeügte ſich von Tag zu Tage mehr von der Guͤte 8 ih⸗ 8 e*. 75 — ihres Herzens, wie von der Flarheit ihres Ver⸗ ſtandes. Demohngeachtet konnte es ihr doch nicht ver⸗ borgen bleiben. Sie erfuhr unter der Hand dieß und jenes, was man von ihr ſprach⸗/ läͤchelte uͤber die Einfalt der Menſchen und glaubte in der That nicht, daß man die Bosheit ſo weit treiben koͤnn⸗ te.„Heinrich!“ ſagte ſie eines Abends, als ſie beiſammen ſaßen und uͤber Menſchenwerth und Beſtimmung mit einander ſprachen— weißt Du auch, was die Welt von deinem Maͤdchen ſpricht?“ „Ja! ich weiß es,“ erwiederte er—„nur zu gut weiß ich es⸗ was man von Dir ſpricht, aber 2— „Aber?“. „Du willſt mich doch nicht in Verſuchung führen?“ 88* „Heinrich—! „Ha, Baͤrbchen! wenn dein Geſicht truͤgen koͤnnte, ſo muͤßte die ganze Schopfung eine Lüͤ⸗ ge ſein.“ „Meinſt Du?4. 3 „Bei Gott, Baͤrbchen! mein Herz ſpricht mit Ueberzeugung.“ „Ohne Schmeichelei?— ohne Falſchheit 2 — Wie aber, wenn— „Um Gotteswillen!— Baͤrbchen! was willſt Du?“„Wenn 76 —,— waͤre?, „Ich verſtehe Dich nicht. Was meinſt Du 2 „deinrich! die Bosheit der Menſchen iſt groß— 2. „Aber Deine Liebe— 2 „Wie? wenn man ſie fuͤr ein Unding er⸗ klaͤrte— 2„ „Wer koͤnnte das?— „Wenn andere Hinderniſſe—⸗ „Baͤrbchen, Du wirſt ernſt und dunkel—⸗ „Wir haͤngen nicht von uns ſelbſt ab— ⸗ „Was koͤnnte unſerer Liebe noch im Wege ſehen?⸗ 4— „Viel, ſehr viel!— Pauſe. „Heiunrich!— Wer vermag es in die Zu⸗ kuuft zu ſchauen 20— „Baͤrbchen— ⸗ „ Uudurchdringliches Dunkel umhuͤllt ſie— wir ſind Menſchen, ſchwache Menſchen, un⸗ ſer Blick iſt nicht hinreichend, zu erforſchen, was am Ziel unſer wartet.⸗—: „Tod.“— Dieß iſt die gewoͤhnliche Loͤſungsmethode der Lebenskataſtrophe großer und kleiner Men⸗ 8 5 ſchen.⸗ Beide ſchwiegen einige Augenblicke und „Wenn doch eins oder das andere wahr hr 2 ſt S⸗ 22 —— Baͤrbchen ſchien mehr und inmer mehr in tiefes Nachdenken ſich zu verlieren. Heinrich bemerkte es, druckte ſchweigend ihr die Hand und keß ihr Zeit, ihre Gedanken wieder zu ſammeln. 3 „Wie iſt Dir, Baͤrbchen* fragte er dann⸗ als er glaubte den Augendlick der ruckkehrenden Sinne des begeiſterten Maͤdchens zu haſchen, in einem begierigen Tone voll Herzlichkeir und Theil⸗ nahme, mit forderndem Blicke und einem vielbe⸗ deutendem Haͤndedrucke.— „Mir iſt wohl, erwiederte Baͤrbchen— ſehr wohl— o mein Heinrich!“— Von enthuſiaſiiſcher Freude uͤberwaͤltigt⸗ ſank Baͤrbchen in Heinrichs Arme und hatte einige Mi⸗ nuten lang fuͤr nichts Gefuhl, als fur ihre Liebe und fuͤr den Gedanken ihres eigenen und zweiten Selbſt. An ſeinen Lippen hangend und mit ihren Armen ihn feſthaltend⸗ verfolgte ſie dieſen Ge⸗ danken, bis der Paroxismus porüber war und die lodernde Flamme dieſes Gefuhls in ſanftere Empfindungen ubergieng. „Zeige mir Deine Hand“, ſagte ſie; Hein⸗ rich that's und Baͤrbchen betrachtete ſe forſchend. „Was findeſt Du?“ fragte jener und „Gleichheit und Uebereinſtimmung ni Lineamenten deines Geſichts⸗ war arb Antwort. „Wirſt Du mich auch eine Gan leri 1 G nen' ſagte ſie weiter,„wenn ich Di 78 „Das Prognoſtikon ſtelle?“ wollte vermuth⸗ lich Heinrich, ihr in die Rede fallend, fragen? — Er wollte nicht nur, nein, liebe Leſer und Leſerinnen! er that es wirklich. Heinrich wußte recht gut, was Prognoſtikon auf deutſch bedeu⸗ tet und war von Baͤrbchens phyſiognomiſchen und chiromantiſchen Kenntniſſen zu ſehr uͤberzeugt, als daß er haͤtte Bedenken tragen ſollen, ihr die⸗ ſes Vergnugen zuzulaſſen. Er war kein gewoͤhn⸗ licher Bauer, der bloß Pflug und Egge zu regie⸗ ren wußte; nichts war baͤueriſch an ihm als ſeine Kleidung. Seine Sprache, ſein Anſtand, ſein ganzes Betragen war mehr als zu ſtaͤdtiſch und — ſeine Kenntniſſe?— wuͤrden manchem vale⸗ dicirenden Primaner Ehre gemacht haben. Er laß ſeinen Cicero und vertirte die Verwandlungen des Ovid mit eben der Fertigkeit, mit der er den Telemach und Lafontaine's Fabeln ſtudirte, und ſpielte eben ſo ausdrucksvoll eine Symphonie von Hayd'n und Vanhall, als einen Choral von Ho⸗ milius, laͤnderte und tanzte eben ſo ſchoͤn Menuet als deutſch, und wußte die Feder eben ſo geſchickt zu fuͤhren als Spaten und Hacke. Dieß hatte er doch nicht in der Dorfſchule gelernt?— Als ob es nicht auch gelehrte Dorfſchulmeiſter gaͤbe— nicht auch Bauern, die ihren Kindern einen Hauslehrer halten koͤnnten?— Aber was ſagte denn Baͤrbchen, als ihr 6 Hein⸗ Hei n 8 — — Heinrich ſo querfeld ein in die Rede ſiel und das Wort gleichſam aus dem Munde nahm? 3 „Getroffen!“ ſagte ſie. „Und das waͤre!“ fragte Heinrich weiter. „Ehre und Ruhm!“ „Bravo Madchen!“ „Aber nicht hinter dem Pfluge.“ „Wo denn?“ „Das Feld der Ehre iſt groß.“ „Baͤrbchen! Du ſchwaͤrmſt.“ „Nimms fur Schwaͤrmerei, fuͤr was du willſt, kurz! dieſe Haͤnde ſind nicht geſchaffen, den Acker zu bauen, dieß Geſicht- Hier beſann ſich Baͤrbchen⸗ als ob ſie abbre⸗ chen wollte, um nicht zu viel zu ſagen, aber Heinrich drang in ſie, auszureden, bat und ſag⸗ te: Was lieſeſt du auf meinem Geſicht?“ „Ich leſe— ich ſage, du haſt— es iſt von dem Geſicht deines Vaters unterſchieden, wie Licht von Finſterniß⸗—. „So?— Was haſt d denn an meinem Va⸗ ter auszuſetzen? „Er iſt ein ehrlicher, ein rechtſchaffener Mann, aber— er iſt nicht dein Vater⸗ *Nicht?— Ha, ha, hal Wer ſagte dir denn das?—““ „Ich ſage: Du biſt nicht ſein e4n „Baͤrbchen! der Ernſt⸗ mit deir di dieß ſagſt.“— „Um Gokteswillen, Heinrich! haſt du ſchweigen gelernt, haſt du mich lieb, ſo vetrathe mich nicht.“— „Baͤrbchen! wie koͤnnte ich das 2— „Die Lineamenten deines Geſichts und dei⸗ ner Haͤnde deuten auf etwas Großes, auf etwas erhabenes, das du in der Hirtenwohnung eben ſo wenig verlieren konnteſt, als du es hinter dem Pfluge wieder finden wirſt.“— Heinrich ſtaunte, faßte die Hand der lie⸗ benswuͤrdigen Wahrſagerin, druͤckte und kuͤßte ſie mit Inbrunſt und ſagte! Baͤrbchen! wenn die⸗ ſe Weißagung wahr waͤre.— „Sie iſts!— Aber ehe ſie es werden kann, wirſt du noch manches Ungemach zu bekändfen haben.“⸗ „Um deinetwillen, Alles! „Um meinetwillen? „Nun ja!— Willſt du nicht meine Frau werden!“ „Ich moͤchte es gern⸗— „Aber? „Das ſteht noch im weiten Felde.“— „Wie meinſt du das?“ „Ich meine— ich weiß ja ſelbſt nicht„wer ich bin?— „Was thut das?“ „Ich bin ein armes Mchen.“ . 9„An de lie⸗ 3te ie⸗ n, en an er 8¹ „An zeitlichen Gluͤcksguͤtern; aber deſto Leichlicher und verſchwenderiſcher an Gaben det 88 Seele und des Koͤrpers ausgeſtattet.““ 3 „Kann Heinrich Braun auch ſchmeichein „„Kennſt Du mich nicht beſſer?— Baͤrbchen! ſchluͤpfte je etwas uͤber meine Zunge, das keinen Grund hatte, ſo nenne mich einen Heuchler.*— „Heinrich!“ „Baͤrbchen!“ Pauſe. Umarmung. Soll ich Dir das Prognoſtikon auch ſtellen 2⁰ „Ja! wenn Du das koͤnnteſt“— „Ha, ha, ha— Laß ſehen! „Nun?“⸗ „Dieſe Hand— hier— ja!— ach! ich verſtehe mich darauf doch nicht— aber dein Au⸗ ge— ja, Baͤrbchen! dein Auge— das ſagt— „Nun! was ſagt denn das 2 „Daß Du eine Schwaͤrmerin biſt“— „War das Alles? „Daß du dir Phantomen bildeſt, die— „O Heinrich! wenn es nur Phantomen waͤ⸗ ren, die meine Phantaſie umgaugelen, aber— „Was iſtes denn?— „Bange Ahnungen’— „Baͤrbchen!““ „Man wird unſere Liebe nicht gut heißen man wird uns trennen”—“ Hirtenm. 2 ½ 82 —L—M—:— „Um Gotteswillen, Baͤrbchen! wer koͤnn⸗ te das 7— „Dein Vater“— „O! von ihm haſt du das nicht zu fuͤrchten. Heinrich ſagte dieß mit ſo anmaßlichem Zu⸗ trauen auf die edle Geſinnung ſeines vermeintli⸗ chen Vaters Braun und dachte nicht daran, daß Baͤrbchen einen andern als dieſen gemeint haben koͤnnte.“ „Dieß koͤnnte wohl eher der Fall ſein“, hub er von neuem an,„wenn ſich das Blaͤttlein wen⸗ dete und vielleicht“— „Ich errathe, was du ſagen willſt.“ „.Du nicht Martin Steinbachs Tochter „Das bin ich nicht, daß weißt Du, die gan⸗ ze Welt weiß es; aber niemand weiß, wer und was ich bin? Die fruͤheren Tage meiner Kindheit ſind in Dunkel und Nacht gehuͤllt uͤnd eben das iſt es, warum man mich ſo verfolgt.“— „So laß uns dieſen Verfolgungen ein Ende machen!“ Baͤrbchen hatte nicht Unrecht. Niemand konnte ſich von ihrer Geburt anders etwas den⸗ ken, als daß ſie die Frucht eines unehelichen Bei⸗ ſchlafs ſein muͤßte. Jene Weibsperſon, die man ſin ihas Mutter gehalten und gerichtlich aufgeho⸗ ben R⸗ 83³ den hatte, konnte nichts ſein, als ein luͤderlichet, Frauenzimmer, das hoͤchſtens vom Betteln viell ſeicht wohl gar vom Stehlen und andern dergleis 8 chen ehrloſen Beſchaͤftigungen ſich genaͤhrt und⸗ Gott weiß, auf welche Art?— den Lohn ihres ruchloſen Lebens empfangen haͤtte. „Moͤgen ſie denken, was ſie wollen! ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt— 3 Maͤdel iſt gut und beſ⸗ ſer, als ihr alle.— Von der Wahrheit dieſer Behauptung feſt uͤberzeugt gieng er nach Hauſe und nahm ſichs vor, ſeinen Vater um die Ein⸗ willigung zu ſeiner Verbindung mit Baͤrbchen an⸗ zugehen. Er ſetzte ſich uͤber all das Gerede hin⸗ weg, hoͤrte keine Ohrenblaſereien an und dachte in ſeinen Gedanken, ihren Feinden auf dieſe Art am beſten das Maul zu ſtopfen. Seine Liebe gieng ihm aͤber alles und machte ihm Baͤrbchens Herkunft gleichguͤltig, ohnerachtet er doch zuwei⸗ len wuͤnſchte, uber ihre Geburt wenigſtens in et⸗ was einigen Aufſchluß zu haben, indem er nicht geringe Urſache fand, die Gaben ihres Geiſtes und ihrer Seele eben ſo ſehr zu bewundern, als die koͤrperlichen Vorzuͤge, die ſie vor allen Maͤd⸗ chen des Dorfs ſo merklich auszeichneten. 1 Auch wir uberlaſſen es der Einbildungskraft unſerer lieben Leſer und Leſerinnen, in Anſehung dieſes Punktes zu glauben, was ihnen beliebt, und 1 begnugen uns vor der Hand mit demjenigen 84 was ſich im gegenwaͤrtigen Zeitpunkte wirklich zutrug, ohne uns bei demjenigen aufzuhalten, was vielleicht bloſe Vermuthung waͤre und uͤber lang oder kurz ſich doch aufklaͤren muͤßte, auch die Reugier der Leſenden zu ſpannen ſchwerlich hinreichend ſeyn, vielmehr Widerwillen und Lan⸗ geweile verurſachen moͤchte. Welch eine Demuͤthigung waͤre es fuͤr Nach⸗ bar Guͤrgens Hannchen, Roͤschen, Gretchen ꝛc. geweſen, wenn Heinrich Braun Hirten Stein⸗ vachs Baͤrbchen geheirathet haͤtte. Das konnte und durfte nicht geſchehen und wenn ſie daruͤber aule haͤtten ſitzen bleiben und alte Jungfern wer⸗ den ſollen: eine von ihnen mußte doch ſiegen und Baͤrbchen— mit Schaam und Schande abtre⸗ ten. Ihr hatten ſie alle den Tod geſchworen. Heinrich Braun und Hirtenbaͤrbel ein Paar?— das waͤre ja für die Gemeinde zu«*s ein Schand⸗ fleck geweſen, den ſie, ſo lange, wie die Welt ſteht, nicht haͤtten ausloͤſchen koͤnnen. Als Heinrich nach Hauſe kam und im Begriff war, ſeinem Vater den Entſchluß zu heurathen mitzutheilen, machte irgend ein Ohngefehr ihm einen Strich durch die Rechnung. Vater Braun war ausgegangen und kam, wie die Sage gieng, uͤber den andern Tag erſt wieder. Dieß war ihm 1 Argerlich; und er haͤtte gewiß ſeinen Vorſaß ſo: gleich ausgefuͤhrt, wenn er um ein Stuͤndchen fruͤ⸗ 85 fruͤher nach Hauſe gekommen waͤre, indeß muß⸗ te er ſich zur Geduld bequemen und einen guͤnſti⸗ gern Zeitpunkt abwarten. Es vergiengen mehrere Tage⸗ ehe derſelbe eintrat. Heinrich hatte waͤhrend dieſer Zwiſchen⸗ zeit der Sache mehrmals ernſtlich nachgedacht und, der ſich darbietenden Gelegenheit ohngeach⸗ tet, die Ausfuͤhrung ſeines Vorhaßens immer noch von einem Tage zum andern aufgeſchoben, ohne ſelbſt die Urſache ſeines Zoͤgerns zu wiſſen. Endlich, als er ſich mit ihm allein ſah, faßte er ſich ein Herz und ſagte: Vater! ihr mußt nicht boͤſe werden, wenn ich euch um etwas bitte. „Schlug ich dir je noch etwas ab?“ war Hanſens Antwort—( ſo hieß Vater Braun)— Was willſt du? „Heurathen.“ „Wa— was?— Heurathen 2— Biſt du geſcheut, Heinrich?— „Ju„ Vater!“ 3 „So?— Hm, hm, hm, Du biſt aber noch zu jung. „Sch daͤchte nicht, Vater! „Nun! was haſt du dir den fuͤr eir Liebchen ausgeſucht?“ „Das wißt ihr ja laͤngſt ſchon, Vater! das Baͤrbchen.“ „Nein, Heinrich 4* 86 „Wie?— was?— „Die kannſt du nicht heurathen.“ „Warum nicht?““ „Ich ſage; nein!“⸗ „Wie aber? wenn ich geſagt haͤtte, Kun⸗ zens Dorchen, odrr Schreibers Hannchen, oder— „Schweig! „Vater!“ „Was willſt du 2 „FIhr koͤnnt ja das Maͤdel ſo gut keiden— „Und?“— „Hattet nie etwas dawider, wenn 9 von Baͤrbchen ſprach oder zu ihr gieng und— „Alles gut! aber heurathen kannſt du ſie doch nicht.“ „Nicht?— Warum kann ich ſie nich heu⸗ rathen? „Das weiß ich wohl.“ „Habt ihr vielleicht etwas an Baͤrbchen aus⸗ zuſetzen?⸗ „Nichts.“⸗ „Das ſollt ich ſeibſt meinen, Vater!— Ihr kennt ja das Maͤdchen fruͤher, als ich es kannte und wißt⸗— 3 Laß mich.“ „Aber ich kann ohne Baͤrbchen n leben und eine andere mag ich nicht.“ 3„Glau⸗ ———— ——— — 87 „Glaube das wohl.“ „Nun! ſo gebt mir euer Jawort.“— „Ich kann nicht.“ „Laßt euch doch erbitten!“ „Ich darf nicht.“— „Ihr duͤrft nicht?— Wer hat euch denn etwas zu befehlen?— Wer kann es euch weh⸗ ren?—— „Schweig!“—— Pauſe. „Vater! iſt's euer Ernſt 2 „Glaubſt du, daß ich Scherz treiben koͤnnte, wenn von ſo ernſthaften Dingen die Rede iſt 2 „Nun, ſo muͤßt ihr doch Urſachen haben?— Dieſer Autwort hatte ſich Vater Braun wirk⸗ lich nicht verſehen. Er ſchwieg einige Augenbli⸗ cke und uͤberlegte, was er thun wollte. Indeß merkte Heinrich, daß er den rechten Fleck getrof⸗ fen und den ehrlichen Mann auf derjenigen Seite gefaßt hatte, von der man ſeiner Offenherzigkeit am leichteſten beikommen konnte. Hanns Braun that nichts ohne Urſache; dafuͤr war er bekannt und niemand wußte das beſſer, als Heinrich. Darum kam er ihm anch mit der Antwort ſo quer in den Weg und erreichte ſeine Abſicht damit beſſer, als durch ungeſtuͤmes Bitten und Betteln. Zwar wollte der Alte im⸗ mer noch ausweichen, aber Heinrich hielt ihn feſt, er mußte nachgeben und dieſen zum Vertrau. en 988 ten eines Geheimniſſes machen, das er bis iht p gen ſorgfaͤltig in ſeinem Buſen aufbewahrt hatte. Baͤ „Baͤrhchen kann deine Frau nicht werden, iſte das iſt unmoͤglich!“ ſieng Hanns Braun nach ei⸗ nigen Minuten an— nicht darum, weil ſie arm und, der Vermuthung nach, niedern Herkom⸗ mens iſt; ſondern weil es nicht von mir ab⸗ haͤngt.— T Hier brach er abermals ab und Heinrich ni mußte ihm den Verfolg ſeiner Rede erſt durch mehrere Fragen abgewinnen, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen. d „Was? ſagte er—„es haͤngt nicht von euch ab? „Nein doch!“ erwiederte der Alte mit einer verdruͤßlichen Miene und wollte ſich etwas zu t ſchaffen machen; aber Heinrich ließ ihn nicht da⸗ zu kommen und verfolgte kuͤhner und immer kuh⸗ ner den Weg, auf dem er bereits ſo weit vorge⸗ deungen war. „Das iſt mir doch unerklaͤrbar!“ ſagte er— „ihr ſeyd Vater und— „ Ich bin nicht dein Vater.“— Sapperment! das war herausgeplatzt.— Sanns ſchob ſich die Muͤtze und ſuchte es deeb hinter den Ohren. „Was?— ihr waͤret nicht mein Vater ½.B ragte Heinrich und erinnerte ſich i dieſem Au. gen⸗ 89 —— as, was ihm einige Tage zuvor gen nicht entblodet hatte—„Wer r 74 genblicke au d Baͤrbchen zu ſa iſt denn mein Vate „Weiß ich das?“ „Ihr wißt das nicht? „Laß mich zufrieden!¹ „Sonderbar!— Ihr wißt nicht⸗ wer mein Vater iſt und wollt doch auch ſelbſt mein Vater nicht ſein?“ „Ich bin nur dein Pflegevater.““ „Ihr ſeid nur mein Pflegevater?— Und doch ließt ihr mich's nicht empfinden.“— „Was? Heinrich“ 4 „Daß ihr mein Vater nicht ſeid.“ Hatteſt du je uUrſache, mit meinem Verhal⸗ ten unzufrieden zu ſein 2 4 „Ha! Vater— oder nicht Vater, moͤchtet ihr nie Urſache gehabt haben⸗ es mit dem meini⸗ gen zu ſein.“ „Heinrich 4— Hier ſiel der alte Haus dem Juͤnglinge⸗ der ſich in duͤſterm Nachdenken verlieren zu wollen ſchien, um den Hals, druͤckte ihn, vom Gefuͤhl des gegenwaͤrtigen Augenblicks überwäͤltigt, an ſein Herz und verſicherte ihn durch einen eben ſo 8 herzlichen Kuß ſeine Zufriedenheit. „im Gotteswillen! ſagte er, als er ſich von ihm losgeriſſe mhatte— was iſt dir, Hein⸗ 90 rich?— dein Auge wird truͤbe, dein Blick bex⸗ finſtert ſich.— „Haͤttet ihr mir etwas anders geſagt als das!“ „Bei Gott, Heinrich! waͤr' ich dein Vater, nicht einen Augenblick wuͤrde ich mich beſonnen haben, dir meine Einwilligung zu geben. Bärb⸗ chen iſt ein braves Maͤdchen; aber deine Ge⸗ burt.“— „Meine Geburt?— Iſt ſie denn von der ihrigen ſo ſehr unterſchieden.“— „Wer kann das wiſſen2⸗⸗ „Darunter muß ein wichtiges Geheimniß verborgen liegen.— „Wo liegt es.“ „Und ihr wiſſet nicht, wer mein Vater iſt 2/% „So wenig, als wer deine Mutter iſt. „Sonderbar!⸗⸗ Hanns ſchwie und Heinrich ſann einen Au⸗ genblick nach, faßte ſchnell einen Entſchluß und ſagte: Wohlan! wer auch mein Vater und mei⸗ ne Mutter ſein moͤgen, ſo bin ich itzt mein eig⸗ ner Herr. Habt ihr bis hieher Vaterſtelle an mir vertreten, ſo verlange ich itzt, in dem Augen⸗ blicke, der euch eurer Verbindlichkeiten quitt macht, den Wohlthaten, die ihr mir erzeigtet⸗ die Krone aufzuſetzen. Gebt mir euren Segen!— Ich heirathe Baͤrbchen— MUm lan ☛ A&☛ P⸗ 91 —— „uUm Gotteswillen!— Heinrich! was ver⸗ langſt Du?“ 4 „Euern Segen!“ „Mein Ungluͤck!— Was Aeltern ſagen?“ „So wenig ihr wißt, wer dieſe ſind, ſo wenig wißt ihr auch, ob ſie noch leben?— Und geſetzt auch, es waͤre der Fall, ſo moͤgen mein Vater und meine Mutter ſein, wer ſie wollen, geſchehene Dinge koͤnnen nicht ungeſchehen ge⸗ macht werden. Sind ſie dann mit meiner Hei⸗ rath nicht zufrieden, ſo haben ſie ſich s ſelbſt zu⸗ zuſchreiben. Warum ſchaͤmten ſie ſich meines Daſeins?— Warum übergaben ſie mich frem⸗ den Haͤnden und unterzogen ſich nicht ſelbſt mei⸗ ner Erziehung?— Warum gaben ſie mir Urſa⸗ che, ihnen zu fluchen?— Warum ſagten ſie ſich von mir los?— „Das thaten ſie nicht unterbrach ihn der ehrliche Hanns, der ihn abſichtlich hatte ausre⸗ den und austoben laſſen, und langſam und be⸗ dächtig wiederholte Heinrich die Worte: Sie thaten es nicht?— „Nein 1 4 „Was thaten ſie denn 24* „Sie ſorgten—“ „Sie ſorgten?— Und ihr wiſſet nicht, wer diejenigen ſind, die fuͤr mich ſorgten 2 en „LCben wuͤrden deine 92 „Eben da ſteckt der Knoten. Wenn ich das wuͤßte—— „Aber um's Himmels willen, Vater! ſo ſagt mir doch wenigſtens nur„ was ihr wiſſet und wie ich in eure Haͤnde gekommen din 20⸗ „Wer A ſagt, muß auch B ſagen,“ ſagt's Sprichwort. Hab' ich dir einmal ſo viel geſagt, muß ich Dir ſchon auch das uͤhrige noch ſagen was bis hieher zu deiner Geſchichte gehoͤrt. Hiermit ſetzte ſich Hanns in Poſitur, Hein⸗ richen die Geſchichte ſeiner Jugend zu erzahlen, als mit einmal auf dem Dorfe Laͤrm wurde. Da⸗ durch ſahen ſich beide unterbrochen, dieſer in Be⸗ friedigung ſeiner Wißbegierde, jener in Aus⸗ ſchuttung ſeines Geheimuniſſes.„Was giebt's denn?“ ſchrie Hanns, indem er das Fenſter aufriß und: Feuer! Feuer! toͤnte einmal um's andere ihm in die Ohren. Hulfe!— Hulfe!— Feuer!— Wo denn? Wo?— Am Teiche— beim Hirten— toͤnte es in mehrern Srimmen durcheinander. Hans und Heinrich ſprangen hinaus. Die⸗ ſer, ohne weiter an etwas zu denken, als an Baͤrbchen, flog uͤber Stock und uber Stein„das Dorf hinab, haͤtte beinahe in einem Graben, uber den er hinwegſette, das Bein gebrochen; gber der Gedanke: ſein liebes Baͤrbchen zu ret⸗ 8S 9³3 ten— machte ihm den Schmerz vergeſſen und die lodernde Flamme gab ſeiner Bereitwilligkeit Schnellkraft. Ein Augenblick ſpaͤter und es war geſchehen. Schon hatte die Flamme die kieine friedliche Wohnung ſeines lieben Maͤdchens er⸗ griffen, als er durch die Menge der zu Hulfe Ei⸗ lenden ſich draͤngte und, weil die Flamme bereits den Eingang gefaßt hatte, mit geballter Fauſt das Fenſterchen hineinſtieß⸗ mit Haͤnden und Fuͤßen ſich anklammerte und gluͤcklich das Kaͤm⸗ merlein ſeiner Herzgeliebten erreichte. Wer war froher als Heinrich. Schon ſah er ſich mit dem, was er kuͤhn ſein Eigenthum nann⸗ te, im Freien und lachte der verheerenden Flam⸗ me; aber wie packte ihn der Schreck, als er beim Einſteigen Baͤrbchen halb entſeelt vor ſich liegen ſah. Die Flamme hatte ihr den Ausgang ver⸗ ſperrt; ſie war, ohne zu wiſſen⸗ daß auch ſie das Feuer ſchon gepackt hatte, die Stiege hinauf geklettert mit dem Gedanken, ſich durch einen Sprung aus ihrem Kammerfenſter zu retten⸗ Kaum aber hatte ſie ihr Dachzimmerchen erreicht⸗ ſo ſanken ihr die Fuͤße; ſie fiel ohne Bewußtſein und haͤtte in wenig Minuten im veißenden Stro: me der Flamme ihr Grab gefunden, waͤte nicht Heinrich noch zur rechten Zeit herbeige komm 8 Halb todt lud er ſie auf ſeine Schulte mieten im Kaͤmmerchen und wußte nicht. 94 mit ſeiner Beute hinausſollte. Das Fenſter war klein und der Ausgang durchs Haus unmöͤglich. Schon hoͤrte er die Flamme von außen an der Thuͤre des kleinen Dachzimmers kniſtern und er ſtand noch; dieß mahnte ihn, das Aeußerſte zu wagen. Sieg oder Tod! Baͤrbchen gerettet— denn noch war Leben in ihr— oder mit ihr ver⸗ loren. Sanft legte er ſie aufs neben ihm ſtehen⸗ de Bettchen und verſuchte, mit moͤglichſter An⸗ ſtrengung jugendlicher Kraͤfte, den Ausweg durch's Fenſter zu erweitern. Die Gefahr gab ihm Rieſenſtaͤrke. Mit ei⸗ nem Stoße ſchlug er ein Feld durch gleich neben dem Fenſterſtocke und erreichte gluͤcklich ſeine Ab⸗ ſicht. Triumphirend uͤber ſein herkuliſches Begin⸗ nen hub er, unwiſſend ob lebend oder todt, die Soldin ſeines Herzens von ihrem Lager auf und draͤngte ſich zwiſchen den Balken mit ihr hindurch. Dieſe Erſchuͤtterung brachte die Huͤlfloſe wieder ins Leben zuruck; ſie blickte auf, ſah die Flam⸗ men um ſich her wuͤthen und fiel durch den Sprung, den Heinrich mit ihr begann, zum zweitenmale in Betaͤubung. Ihr Zuſtand war itzt fuͤrchterlicher als zuvor, denn die Ohnmacht war anhaltender, und als ſte die Augen wieder aufſchlug und ihrer Beſin⸗ nungskraft maͤchtig wurde, erblickte ſie ſich in einer ihr ganz fremden Wohnung. Mehrene Men⸗ Le ,— unter den Bewol te und, ſegnete ſich uber 1 Hanns eben ſo ſehr, als uͤber Heinten nes Benehmen, mit welchem er der reißenden Flamme gleichſam die Stirn geboten hatte. Man ſchalt jenen einen eben ſo großen Narren, daß er der leidenden Kranken Schutz, Obdach und Huͤl⸗ fe in ſeinem Hauſe angedeihen ließ, als dieſen, daß er ſich um des einfaͤltigen Hirtenmaͤdchens willen muthwillig in Lebensgefahr degeben hatte. Aber der eine war, bloß als Menſchenfreu. auf ſein Verfahren ſo ſtolz als der andere, aus Liede ſein Leben nicht geachtet hatte, beide arbeiteten, ohne ſich an das Urtheil de Menſchen zu kehren, aus verſchiedenen Beweg grunden einem Ziele entgegen. Dieß war Baͤrbchens Wiedergeneſun nahe ein halbes Jahr vergieng, ehe d folgte. Ihr ſchoͤner, zarter Koͤrper oten durch die Flamme beſchuͤdigt and b g8 (es dauerte gfraͤulichen Wange Keen Standpunkt zuruͤckkehrten. Beh dieß machte keinen Eindruck auf Heinrichs Liebe. Baͤrbchen w hm itzt theurer als jemals. Feſter und inniger nit ganzer Seele an ihr und es wuͤrde oppelt ſchwer geworden ſein, ſich nach dieſer ung von ihr loszurei⸗ ßen. Auch Baͤrbchen fuͤhlte itzt mehr als jemals, wie theuer⸗ wie werth ihr Heinrich war, dem le dem ſie Alles zu danken hatte„ und was Heinrich bereits erfahren butae 1 Aber noch wußte ſie kein Wort von der Be⸗ ſtaͤtigung ihrer Ahnen, noch hatte ihr Heinrich nicht geſagt⸗ was wenig Minuten zuvor, ehe die verheerende Flamme ihre kleine Wohnong in ber erte nge ten. ichs als. ean rden jrei⸗ als, dem und ſich atte„ 3 Be⸗ nrich ehe ig in ſchen 97 —— nem Heirathsantrage, als dieſen rechtſchaffenen Mann mit Erpreſſungen ſeines baͤterlichen Se⸗ gens behelliget. Itzt aber, da Baͤrbchen voͤllig wieder hergeſtellt und waͤhrend dieſer langwieri⸗ gen Kataſtröphe keine Nachricht uͤber ſeine Ge⸗ burt und Herkunft eingegangen war⸗ erneuerte er ſeinen Entſchluß, wiederholee ſeine Forderung und noͤthigte den Alten, ſeine Wißbegierde in Anſehung dieſes wichtigen Umſtands zu befriedis en. be Hanns hatte die ganze Zeit her nicht wieder daran gedacht. Es war ein neuer Schlag fur ſein ohnehin ſchon verwundetes Herz und er gieng aͤußerſt ungern daran; aber Heinrich forderte mit Ungeſtuͤmm und Hans mußte ihm eines A⸗ bends, als ſie mit Baͤrbchen allein waren, die Erzaͤhlung ſeiner Jugendgeſchichte ausfuhrlich und mit allen Nebenumſtaͤnden auftiſchen. 8 — Wer wohl Heinrichs Vater ſein mochte?— Eine Frage, mit der ſich vielleicht ſchon mancher der Leſenden den Kopf zerbrochen haben wurde, wenn nicht die Gefahr, in der Baͤrbchen ſich be⸗ fand, es nothwendig gemacht haͤtte/ alles ſtehen und liegen zu laſſen, um dieſer Ungfückhchen zu. Huſfe zu eilen. Auch wir nahmen eben ſ Hirtenm. wie Heinrich, Anſtand, unſere Reugietde u ber G“ noch hatte er eben ſo wenig ſie auf's neue mit eis 7 98 —— friedigen, weilten mit ihm am Krankenbette un⸗ ſerer unglucklichen Freundin und dachten und wuͤnſchten nichts, als das gute liebe Bauͤrbchen wieder geſund zu ſehen. Dieſer Wunſch ward uns gewaͤhrt. Wir halten es daher fuͤr Pflicht, Ihnen, theure Le⸗ ſer und Leſerinnen, dasjenige mitzutheilen, was uns zur Zeit von Heinrichs fruher Ingendge⸗ ſchichte bekannt iſt und bitten, vorlieb zu nehmen, wenn wir auch dießmal Ihre Neugier nicht ganz befriedigen koͤnnen. .„s wird nug bald ein und zwanzig Jahre her ſein, fieng Hanns Braun zu erählen a an— als ich eines Morgens, da ich noch zu wesn als Schaafknecht in Dienſten war, beim Austreiben nicht weit vom Dorfe auf einem Reine ein Kaͤſt⸗ chen ſtehen ſah, das meine Aufmerkſamkeit rege n ibte und mich veranlaßte,, hinzuzugehen. Ich ofnete das Kaͤſtchen und fand 8 meinem Erſtau⸗ nen ein lebendiges Kind. s ſchlief ſo ſanft, als ob es in der Wiege dr an den Bruſien ſei⸗ ner Mutter ruhte. Es war ein liebenswuͤrdiger Knabe, der hochſtens drei Tage alt ſein konnte. Ich fuhlte, daß das Kaͤſtchen außerordentlich ſchwer war und konnte mir nicht einbilden, daß ein ſo kleines, faſt erſt neugebornes Kind, eine ſolche Laſt ſein koͤnnte. Gern haͤtte ich mich von der Urſache dieſer auffallenden Schwere naͤher uber: Aberzengt, aber ich machte mir ein Gewiſſen dar⸗ aus, das Kind in ſeinem gluͤcklichen Schlummer zu ſtoͤhren und erbackte nichts weier, als ein beChriebenes Papier, das man dem Kinde an die Seite gelegt hatte. Da ich ſchreiben und eſen konnte, wurde mir's leicht, den Inhalt deſſelben zu verſtehen. Es war ungefaͤhr dieſer: „Menſchenfreund! der Du dieſes Kaͤſtchen „findeſt, erbarme Dich des hilfloſen Kleinen⸗ „wenn er noch lebt und ſei ihm Vater. Er iſt „nicht von gemeiner Abkunft, Heinrich iſt ſein „Name. Sorge fur feine Erziehung und imm „einſtweilen mit der beigefuͤgten Summe vorlteb; „ſie wird Dich und Deinen Pflegeſohn wenigſtens „auf ſo lange ſchuͤtzen, bes die Hand, die ihn „Deiner Pflege anvertraut, mehr zu geden im „Stande iſt. Und damit man wiſſen moͤge, ob „das Kind lebend oder todt gefunden worden, ſo „bittet man den Finder, nach Verlauf von vier⸗ „zehn Tagen, ſchriftliche Nachricht daruber zu „geben und dieſe in einem verſchloffenen Billet „in die neben ſtehende hohle Weide zu verwahren. „Im letztern Falle iſt der Finder der Erbe der bei⸗ „gefugten Summe und hat davon nichte zu ent⸗ „richten, als die Begraͤbnißkoſten; im erſtern „aber hat er es zwar auch als ſein Eigenthum an⸗ zuſehen, jedoch wo moͤglich ſo anzuwenden⸗ „daß die Erziehung des Kleinen dadurch nicht G 2„lei 100 „leide; und kann er ſich nach einem Jahre, an „demſelben Tage, des Erfolgs einer aͤhnlichen „Summe ohnfehlbar geſichert halten.“⸗ Dieß war alles, was auf dem Papiere ſtand und ich war ſo klug, wie zuvor. „Kein Name?— Keine Unterſchrift? 277 fragte Heinrich, waͤhrend Hanns einen Augen⸗ blick ruhte und Athem hohlte. „Von dem allen nichts“ antwortete Hanns und ſetzte ſeine Erzaͤhlung fort:„Ich machte das Jäſtichen behutſam zu, vertraute die Heerde einem Knaben an, der mein Gehuͤlfe und juſt bei mir war, und gieng mit dem gefundenen Schatze ſtracks ins Dorf hinein. Wohin mit? dachte ich bei mir ſelbſt. Zur Frau meines Dienſtherrn hat⸗ te ich kein Zutrauen. Ich trug das Kaͤſtchen zu einer armen Tageloͤhnerin, die ich gut kannte und fur rechtſchaffen genug hielt, um nicht ver⸗ rathen zu werden, denn ich glaubte zuverlaͤßig, einen Thaler Geld zu finden.“⸗ „Als ich dahin kam und dieſe Frau zur Ver⸗ trauten meines Geheimniſſes machte, oͤffnete ich das Kaͤſtchen und uͤbergab derſelben das Kind, mit der Verſicherung, daß ich ihre Verſchwiegen⸗ heit und ihre Muhe raͤſonnabel belohnen wuͤrde. Das Geld aber, daß ich auf dem Boden im Kaͤſichen fand, nahm ich um der Vorſicht willen Pohne es nachzuzaͤhlen, zu mir, und dieng zu Meiher Heerde,“ 9„—·— N —— 101 — „Als ich allein und ſicher war, von Nie⸗ manden bemerkt zu werden, warf ich mich auf den Raſen nieder und zog das Geld, das nicht wenig gelaſtet hatte, aus der Taſche. Es war doppelt und dreifach verſiegelt und koſtete mir Muͤ⸗ he, es aufzumachen. Himmel!/ welche Taͤu⸗ ſchung.— Ich hatte geglaubt, vielleicht funf⸗ zig oder hundert Thaler zu finden, und ſiehe!— mein Erſtaunen ſtieg aufs hoͤchſte, als ich zehn Rollen, die einander voͤllig gleich waren, vor mir liegen ſah, und ſtatt der Silbergroſchen⸗ die ich darinnen vermuthete, beim Aufmachen nichts als blanke Dukaten erblickte. In meinem ganzen Leben hatte ich ſo viel Geld nicht geſehen.“ „Ohne die uͤbrigen Rollen aufzumachen— denn ich vermuthete, daß eben ſo viel darinnen ſein mußte, weil eine ſo ſchwer war⸗ als die an⸗ dere— packte ich das Geld wieder zuſammen und verbarg es in die hohle Weide, bei der ich das Kaͤſichen mit dem Kinde gefunden hatte, weil ich mich den ganzen langen Tag nicht damit her⸗ umtragen mochte und gieng noch denſelben Abend zu der Frau, der ich meinen Fuͤndling hatte auf⸗ zuheben gegeben, bat ſie⸗ denſelben wenigſtens ſo lange zu behalten, bis ich eine Aeuderung ge⸗ troffen haben wuͤrde, vermied es aber wei ihr etwas von der Menge des gefundenen Geldes zu offenbaren.“ 102 —— „Ir ch konnte d die ganze Nacht nicht ſchlafen, ſo ſehr beunruhn gle mich dieſer Fall, ob er gleich zu meinem Glücke abzweckte; aber das wußte ich ja damals nicht und war mehrmals geneigt, den⸗ ſelben fuͤr eine Verſuchung anzuſehen. Jedoch ſiegte zuletzt die gegentheilige Meinung und ich⸗ faßte den Entſchluß, mich anzukaufen und zu heurathen.“ „Um nnn aber im Dorfe dein Aufſehen zu erregen, verließ ich meinen Dienſt und zog auf ein anderes in der Naͤhe gelegenes Dorf zu Hau⸗ ſe. Hier fand ich bald, was ich ſuchte, mein ei⸗ gen Haus und Hof und eine Frau, mit der ich ohngefaͤhr ſieben Jahre in einer zufriedenen und. vergnögten Ehe lebte. Sie war die einzige und alleinige Vertraute meines Geheimniſſes und Godtt hab' ſie ſelig! ein braves Weib, denn ſie handelte nicht wie eine Stiefmutter an Dir.“— „Das lohne ihr Gott noch in der Ewigkeit“ fe Heinrich ein—„noch erinnere ich mich ih⸗ rziemlich lebhaft.“ 3„Der Segen Gottes ruhte auf meinem Hau⸗ ſe. Ich hatte Gluͤck in meiner Wirthſchaft und genoß alle Jahre auf die nemliche Weiſe, mittels eines Briefs, eine ſo reichliche Unterſtutzung, daß ich nichts d gewiſſer vermuthete, als daß Dein Vater oder Deine Mutter ſehr reich ſein maß⸗ ten.“* 3 p„lnd — —, e— 2 mein desmal ohne Namen un mehr 103 8 „Und ihr wußtet immer noch nicht, wer Bater oder meine Mutter war 2 cht, denn der Brief war je⸗ d Unterſchrift und ſchien von einer weiblichen Hand zu ſein. Auch as Geſicht, das man mir ein Jahr nach deiner Aufnahme im Bilde zuſchiekte⸗ mit der ausdruͤcklichen Erklaͤrung, es dir nicht eher in die Haͤnd zu geben, als bis Du dein ein und zwan⸗ zigſtes Jahr erreicht haben wuͤrdeſt, nie vorge⸗ kommen, ſo ſehr ich mir auch Muͤhe gegeben ha⸗ be, es hier oder da ausfindig zu machen. Hier iſt es.“4. Mit dieſen Worten tze auf, oͤfnete einen Schr richen einen goldenen Diamantring woͤhnten Bildniſſe. „Ich glaude eben ſo wenig, ſetzte er hinzu, daß Du einen ubeln Gebrauch dayon machen⸗ als deſſen in der kurzen Zeit, die Dir zur Erfuͤl⸗ lung deiner Mundigkeit noch mangelt, zu Dei⸗ ner Rettung noͤthig haben wirſt.“ „Zu meiner Rettung?“ „Ja, Heinrich 1— daß dieſer Rig Kleinnod iſt, das Dich aus jeder Gefahr retten kann; nicht, als ob er eine geheime Feaft hatte, ſandern vermuthlich durch das Blld ſelbſt.—“ Hei Immer noch ni iſt mir d ſtand er von ſeinem Pla⸗ ank und übergab Hein⸗ mit dem er⸗ Ich habe vergeſſen⸗ Dir zu ſagen, g ein unſchätzbares 104 Heinrich und Baͤrbchen ſtaunten uͤber dieſe Erzaͤhlung und konnten ſich nicht genug verwun⸗ dern, daß in ſo langer Zeit Heinrichs Eltern ſich nicht naͤher entdeckt hatten und nicht wenigſtens einmal hieher gekommen waren, oder ihren Sohn zu ſehen verlangt hatten. Sie beſahen das in den Ring gefaßte Bild und konnten ſich daran gar nicht ſatt ſehen; ſo etwas ſchoͤnes, prachtvolles hatten ſie in ihrem ganzen Leben nicht geſehen. Immer nahm es eins um das andere und entdeckte immer mehr ſchoͤnes, mehr bewundernswuͤrdiges, das die kindlichen Gefuͤhle des Juͤnglings erweckte und zu einem ſo hohen Grade aufſteigen machte, daß er es zu wiederholten malen an ſeine Lippen druͤck⸗ te und derjenigen, die er im bloßen Bilde ſur ſei⸗ ne Mutter erkannte und zum erſtenmale ſah, auch, zum erſtenmale dankbare Thraͤnen zollte. „Ob ſie noch lebt?— Oder haben vielleicht widrige Schickſale es ihr unmoͤglich gemacht, ih⸗ ren Sohn zu ſuchen und aufzufinden?⸗ So dach⸗ ke und ſagte er zu ſich ſelbſt und verzieh ihr gern ihr langes Stillſchweigen, ſo ſehr es ihn auch be⸗ unruhigte und auf mancherlei Gedanken brachte, deren er ſich im naͤchſten Augenblicke wieder ge⸗ gen ſich ſelbſt ſchaͤmte. Er war nicht recht mit der aufgetiſchten Er⸗ g ſeiner Jugendgeſchichte zufrieden und hät⸗ 105 — ke lieber einen falſchen Verdacht auf ſeinen Pfler gevater geworfen, weil dieſer von ſeinem rechten Vater nicht das geringſte zu wiſſen behauptete und doch das Bild ſeiner Mutter in Haͤnden hat⸗ te, wenn ihn nicht Baͤrbchens Zuredungen und ſchon laͤngſt geaͤußerte Muthmaßungen, an die ſie ihn itzt erinnerte und die ſchriftlichen Beweiſe⸗ die Vater Braun aufweiſen konnte⸗ nicht einen andern und beſſern uͤberzeugt haͤtten. „Bei Dir moͤchte es wohl beſſer aufgehoben ſein, als bei mir⸗“ ſagte Heinrich, als er mit Baͤrbchen allein war und nichts weniger glaubte⸗ als dieſes Bildniſſes jemals zu ſeiner Rettung zu beduͤrfen. Hiermit gab er ihr den Ring und Baͤrb⸗ chen verſchloß ihn ſorgfaͤltig, machte ſich's aber zur taͤglichen Beſchaͤftigung, ihn zu einer gewiſ⸗ ſen Stunde des Tages herauszunehmen und zu à beſeyen. Das Bild zu betrachten, machte ihr nicht nur viel Vergnuͤgen, ſondern die Zuͤge deſ⸗ felben zu ſtudieren, mit denen ihres geliebten He nrichs zu vergleichen und ſich recht in die Ge⸗ danken zu praͤgen, war die eigentliche Abſicht ih⸗ res Thuns. Denn ſie dachte irgend einmal un⸗ ter der großen Menge dieſem Geſicht zu begegnen und Mutter und Sohn einander in die Arme zu 3 fuͤhren. 8* 4 Mit dieſem ſchmeichelnden Gedanken lagte— ſie ſich des Abends nach vollbrachtem Tagewerk“ 106 —, nieder und erwachte mit demſelben, ſobald et tag⸗ te. Aber ſie ſagte ihrem Heinrich kein Wort da⸗ von, theils um die Freude, wenn der Falt ein⸗ treten ſollte, deſto uberraſchender zu machen, theils um ihn nicht durch dieſe oder ſene Ahnung, deren ſie zuweilen hatte, zu beangſtigen. Mehr als jemals zitterte ſie vor dem Gedan⸗ ken: Trennun g— zuruck und doch ſchien ihr dieſelbe unvermeidlich. An ſich ſelbſt dachte ſie dabei weniger, als an Heinrich— und es war⸗ jedesmal, wenn ſie dieſes furchlerliche Wort in ſeinem ganzen Umfange ſich dachte, als ob ſte ein kalter Schauer üuberſiel, dem im naͤchſten Moment eine Ausſchweifung all' ihrer Sinnen folgte, die fur ihren Verſtand füͤrchten ließ und ihre Kraͤfte aufreiben zu wollen chien. L Heinrich war fan gleichgultiger Od er ſchon. mehrmars den Vorſatz hatte, in die Welt hin⸗ aus zu gehen und Vater und Mutter aufzuſuchen, ſo hieit ihn doch jedesmal die Liebe zu Baͤrbchen zuruͤck. Sie war ein Magnet, der ihn mir Rie⸗ ſenkraft an ſich zag und jeden Widerſtand unge⸗ ſchehen machte. Außer Baͤrbchen liebte er keine menſchliche Seele, als ſeinen guten Vater Braun, den er bisher fuͤr ſeinen Vater erkannt und mit kindlicher Liebe und Gehorſam fur die ihm erzeigten Wohlthaten belohnt hatte. Itzt ſollte er ſich losreißen von dieſem vaͤterlichen Her⸗ ien * zen und ſeine Liebe auf andere Weſen veryſlan⸗ zen, die man ihm als die Urheber ſeines Daſeins aufdringen wollte; auf ſolche Weſen, die ihm um ſo mehr fremd waren, je mehr ſie ſich ſeibſt durch Entbrechung der erſten und heiligſten Pflicht ſeinem kindlichen Herzen entzogen hatten?— Das war eine harte Forderung. Baͤrbchen ſah dieſes nur zu gut ein und eine fuͤrchterliche Zukunft ofnete ſich ihren Augen. Sie ſah vorher, daß Heinrich auf ſeiner Forde⸗ rung beſtehen und Vater Braun doch ſeine Ein⸗ willigung nicht geben wuͤrde. Dieß mußte noth⸗ wendig zu Verdruͤßlichkeiten Anlaß geben. Wie gedacht, ſo geſchehen. Heinrich wie⸗ derholte ſein Geſuch und wurde von Tag zu Tage ungeſtummer, je mehr ſich Vater Braun weigerte und ihn bat⸗ wenigſtens nur noch ſo lange zu warten, bis er ſein ein und zwanzigſtes Jahr voͤllig erreicht haben wurde. Aber Heinrich hatte dazu keine Ohren. Lieber wollte er ſich mit ſeiner Haͤnde Arbeit naͤhren, als bon Raͤrbchen laſſen und auß ungewiſſe Dinge wart Es gelang ihm endlich ſeinen Pnegedater zu vermoͤgen, ſeine Einwilligung zu geben und ſchon war er im Begriffe, das Aufgebot zu beſtellen, als er zu Baͤrbchen gieng, die ihre neue Hirten⸗ wohnung wieder bezogen halte, um ſie abzuho⸗ zen und mit ihr zum Pfarrer des Dorfs zu gehen⸗ und ſie nicht zu Hauſe fand. Tags redet. E kam nicht. Martin hute Er ſuchte ſie ſchwunden. rere Er kannte ke chen, und ko So ſehr was man Martin wußte nicht, wie er d ſehen noch zu hoͤren Tage und ſie kam nicht wieder Dieß machte abermals neues erfuͤllte die Herzen der, um Heinric eifernden Buhldirnen Aber Heinrich dleb aus Leichtſinn oder koͤnnte; es mußte eewas anderes ihm verhaßt zu machen daß ſie ein leichtſinniges, Gott und ehrvergeſſe⸗ nes Weibsbild waͤre, rer Geburt drachte ihn ſie in ſeinen Augen entſchuldigten. Sie konnte ja eben te, von hoͤherer Geb dieß kieß die feine Bildung ihres Koͤrpers eben ſo⸗ ſehr vermuthen, als ihr heller, 108 — Tags vorher hatte er es doch mit ihr verab⸗ r wartete eine Stunde und Baͤrbchen Er gieng heraus auf die Weide, wo te, aber Baͤrbchen war nicht da und as nehmen ſollte. allenthalben, aber ſie war weder zu z kurz! Baͤröchen war ver⸗ Es vergiengen zwei, drei und meh⸗ Aufſehen und hs Liede wett⸗ „ mit neuen Hoffnungen. kalt und fuͤhllos, wie vorher. ne andere Liebe, als die zu Baͤrb⸗ unte ſichs gar nicht denken, daß ſie. Bosheit weggegangen ſeyn dahiuter ſtecken. alles hervorſuchte, ſie. und ihn zu üuͤberreden, man auch ſo erreichte man doch nicht, bſichtigte, und die Dunkelheit ihs⸗ auf ſolche Gedanken, die ſo gut, wie er es ſein ſoll⸗ urt und Herkommen ſein; aufgeklaͤrter Ver⸗ ſtand— 109 ſtand— ſie konnte, von Jugend auf an widre ge Schickſale gewoͤhnt, auf ir gend eine gewaltſc me Weiſe entfuhrt worden ſein, oder in der At ſicht, irgend wohin zu gehen, ſonſt ein Unglu⸗ gehabt haben. Heinrich gab ſich alle erſinnliche Muͤhe ihre Aufenthalt auszukundſchaften; aber umſonſt. Die ſchwindende Hofnung, ſie wieder zu ſehen, machte ihn traurig und niedergeſchlagen; nichts 2 hatte mehr etwas anziehendes fuͤr ihn, nichts machte mehr ihm Freude. Das Leben wurde ihm zur Laſt und er mochte ohne Baͤrbchen nicht leben. Und wenn ſie auch wirklich diejenige geweſen waͤre, als die man ſie ihm ſchilderte⸗ ſo war doch ſeine Liebe zu ihr zu groß, als daß ſie haͤtte einer Verminderung unterworfen ſeyn koͤnnen. Alle Vorſtellungen, alle Zuredungen vermochten nichts uͤber ihn, ſie zu vergeſſen; ſelbſt Vater Braun war nicht im Stande, ſie ihm aus dem Gedanken zu bringen, ob er ſich gleich aus allen Kraͤften beſtrebte, ihn von dem Unterſchiede ſei⸗ ner und ihrer Geburt, wie von der Unmoͤglichkeit, Baͤrbchen zu heurathen, durch die anſchaulichſten Grunde zu uͤberzeugen. 3“ 3 Heinrich wurde ein ganz anderer Menſ ſeinen Verſtand zu fuͤrchten. chen Situation gieng er eines Morge kam nicht wieder. Alle Nachforſchungen um ihn waren umſonſt und Vater Braun fieng allmaͤhlig an, es zu bereuen, daß er ihm nicht den Willen gethan hatte. So wie Baͤrbchens jaͤhes Verſchwinden faſt allgemein die Herzen ihrer Nebenbuhlerinnen mit angenehmen Hoffnungen beſeelte, ſo machte Hein⸗ richs Entfernung gerade eine entgegengeſetzte, unangenehme Senſation unter ihnen und man⸗ ches gute Maͤdchen, das ſich Rechnung auf ihn gemacht hatte, haͤrmte ſich um ſeinetwillen die Wangen bleich und achtete es ſelbſt fuͤr die ver⸗ meinte Strafe ihrer mehr oder weniger eifrigen Verfolgung des ungluͤcklichen Baͤrbchens. Baͤrbchen war fort, Heinrich war auch fort. Mit ihm war Freude und Vergnuͤgen des Doͤrf⸗ chens verſchwunden, denn um ihn hatten ſich Maͤdchen und Juͤnglinge verſammelt und ohne ihn war, wie man ſich auszudruͤcken pflegte, kein Leben. Die Schenke war voll, wenn Hein⸗ rich kam und leer, wenn er fehlte; Tanz und Spiel kamen durch ihn in Aufnahme und mit ſei⸗ nem Verſchwinden in Verfall. Niemand zog ſich's mehr zu Gemuͤthe, als Vater Braun. Er klagte ſich ſelbſt als die Urſa⸗ che dieſes traurigen Ereigniſſes an und uberzeug⸗ te ſich, daß es nicht geſchehen ſein wuͤrde, wenn Heinrichs Verlangen Genuͤge geleiſtet häͤtte, Er 2* 111 —— * Er hatte ja, Gott ſei Dank! ſo viel, daß er und Heinrich leben konnten, und wenn dieſer auch wirklich der Sohn eines großen Mannes geweſen waͤre, was wuͤrde es denn geſchadet haben, wenn er auf dieſe Art unter ſeinem Stande geheir ather haͤtte? Er wuͤnſchte, lieber das ganze Vermoͤgen, das er durch Heinrichs Aufnahme erlangt und nach der Zeit noch erworben hatte, verlohren zu haben, lieber ſich ſelbſt den unangenehmſten Ver⸗ druͤßlichkeiten und Verantwortungen wegen gege⸗ bener Einwilligung von Seiten Heinrichs etwani⸗ gen Aeltern ausgeſetzt zu haben, als dieſen ed⸗ len braven Juͤngling unglucklich zu wiſſen und die Urſache davon in der Verweigerung ſeines wie⸗ derholten Geſuchs zu finden. Die Folge hiervon war eine Krankheit, die ihn einige Zeit unfaͤhig machte, auszugehen und wegen Heinrichen ſelbſt Erkundigungen einzuzie⸗ hen. Schon waren drei Monate voruͤber, als Heinrich in einem Brieſe ſeinen Aufenthalt mel⸗ dete, in den wehmuͤthigſten Ausdruͤcken ihn we⸗ gen des verurſachten Kummers um Verzeihung bat und durch die Nachricht von ſeinem nahen Tode ihn weniger zu erſchutteru glaubte, da er nicht ſein Sohn war.„Ich habe wieder die Sub⸗ „ordination gefehlt,“ ſchrieb er—„das Ur⸗ „theil hat mir den Tod gebracht. Ich ſierbe „gern „gern— wolt ihr mich noch einmal ſehen, ehe „ich ſterbe, ſo eilt!—“ Dieſe Nachricht ſchmetterte den ehrlichen Braun faſt zu Boden, aber er erholte ſich bald, laß den Brief noch einmal und fand, zu ſeinem Erſtäunen, daß Heinrich mit keinem Worte des Bildniſſes ſeiner Mutter gedachte, das ihn nach jener einſt ihm zugeſtellten Urkunde aus jeder Le⸗ bensgefahr retten ſollte und welches er ſo unvor⸗ ſichtig geweſen war, ihm vor der beſtimmten Zeit, in die Haͤnde zu geben. Er ſann einen Augenblick nach und Entſchluß und Ausfuhrung waren eins. Ohne ein Wort zu ſagen, wohin er ſeinen Weg nehmen wollte, ver⸗ ſah er ſich mit hinlaͤnglichem Reiſegelde, nahm ſeinen Stab, in der Abſicht, den ungluͤcklichen Heinrich zu retten und machte ſich, mit der Ver⸗ ſicherung, daß er unter einigen Tagen nicht wie⸗ der kommen wuͤrde, mit ſchon einbrechender Nacht auf die Reiſe.— Faſt koͤnnte es den Anſchein gewinnen, als haͤtten wir uns durch die Erzaͤhlung der Geſchich⸗ te Heinrichs von der der eigentlichen Helden des gegenwaͤrtigen Plans gaͤnzlich entfernt; aber die Nothwendigkeit erforderte es, ſie ſo weit, als bereits geſchehen, hier einzuſchalten. Wir ver⸗ lajln lhn itzt auf kurze Zeit und faſſen begierig den den Faden der Hauptgeſchichte unſers lieben Baͤrbchens, das uns gleic ſam unter den Haͤnden wegkam und finden ſie geſund und wohlbehalten im Gaſthofe zu*n, wo ſie ſich bereits ſchon ei⸗ nige Tagebefand, ohne zu wiſſen, wie ſie dahin gekommen war. Am letzten Morgen, den ſie in ihrer kleinen Hirtenwohnung erlebt zu haben ſich erinnerte, war ein altes Mutterchen zu ihr hereingekommen, das ſie in ihrem Leben nicht geſehen hatte. Dieß war alles, weſſen ſie ſich erinnern konnte; alles uͤbrige war ihr dunkel und wie ein Traum. Sie fuͤhlte ihre Sinnen benebelt und erblickte ſich in einer Metamorpyoſe, die ihr eben ſo angenehm und ſchmeichelhaft haͤtte ſein koͤnnen, als ſie ihr Staunen und Bewunderung entlockte. Ihre Kleider waren von anderm und weit beſſerm Gehalt, als ihre vormalige Hirtenklei⸗ dung, ihre Haare in Locken gekraͤuſelt und ihr ganzer Anzug— Methode. Sie konnte nicht begreifen, was mit ihr vorgegangen war und dachte, das Alles muͤſſe ſo ſein, in der Hoffnung, in Anſehung ihres eigenen Schickſals Auftlaͤrung zu gewinnen. Sie hatte Niemanden um ſich. Die dhurg ihres Zimmers war verſchloſſen, die Fenſter mit eiſernen Gittern verſehen, und doch mangelte es ihr nie an Speiſe und Trank ſo wenig, als an H Nuhe — Auge zu ihr emporzuheben. 5 Sie ſprach oft mit ſich fon und berlohr 8 114 Nuhe und Beqnentichfeit; denn das Zimmer war geſchm zackvoll moͤblirt und mit einem Sopha verſehen, deſſen Elaſtizitäͤt ſie jedesmal, wenn ſie Mudigkeit verſpuͤrte, in einen mehrere Stun⸗ den anhaltenden Schlummer wiegte. Baͤrbchen aß und trank von den fuͤr ſie auf⸗ getragenen Speiſen und Getraͤnken und ließ ſichs ſchmecken, ohne ſich ſonderlich darum zu kuͤm⸗ mern, wie? und auf welche Art? dieſe Beduͤrf⸗ niſſe ihr mitgetheilt wurden. Aber in ihrem Gehirn ſah es zuweilen wun⸗ derlich aus. Bald dachte ſie an Vater Martin, an ihre kleine Hirtenwohnung und an die fruͤhe⸗ ren Jahre ihrer Kindheit, die ihr eben ſo viel ge⸗ heimnißvolles zu haben ſchienen, als der Zu⸗ ſtand, in dem ſie ſich gegenwaͤrtig erblickte; bald an ihren geliebten Heinrich, den ſie im Geiſte, je nachdem ihre Phantaſie mehr oder weniger ſtark war, zum Sohn des erſten Staatsbuͤrgers erhoben und mit ſtolzer Wuͤrde auf ſie herabbli⸗ cken ſah, ihn dann einen Ungetreuen nannte⸗ der das metamorphoſtrte Hirtenmaͤdchen in dem Glanze, der ſie itzt umgab,„ nicht kennen zu wollen ſchien; bald und faſt im nemlichen Mo⸗ ment in ſeiner ländlichen Kieidung erblickte und 212ʃ 18 Að&8 x 8— -. 113 in Betrachtungen, die ſie ohne Zeugen zu halten glaubte; aber ſie ſah ſich immer und nicht ſelten auf eine angenehme Weiſe getaͤuſcht. Sie wunſch⸗ te zum Beiſpiel, ihrem guten Heinrich von ih⸗ rer itzigen Lage Nachricht geben zu koͤnnen— und mit einemmal lag Feder, Dinte und Papier vor ihr. Der Wunſch, den abgefaßten Brief an die Behoͤrde beſtellt zu wiſſen, wurde ihr auf aͤhnli⸗ che Weiſe gewaͤhrt. Kaum hatte ſie vollendet und ſich der Thuͤre genaͤhert, um jemand herbei⸗ zurufen⸗ ſo ſah ſie, weil ſie dieſelbe verſchloſſen fand und wieder an ihr Buͤrean hintrat, ſich die⸗ ſer Muͤhe uͤberhoben. Der Brief war weg. Nur ein lindes Wehen, von dem ſie ſich beruͤhrt glaub⸗ te, war es, was ſie auf den gegenwaͤrtigen Au⸗ genblick aufmerkſam machte und ahnen ließ, ſich unter Weſen hoͤherer Art zu befinden, deren Macht ſie fur mehr als menſchlich zu halten ſich veranlaßt fand. Mehrere Tage ſchon hatte ſie in dieſem Za⸗ ſtande verlebt und zu wiederholtenmalen ſich durch einen erquickenden Schlummer zu ſolchen Auftritten geſtarkt gefuͤhlt, deren ſſe noch keinen geſehen, deſto oͤfterer aber ſich im Geiſte vorge⸗ ſtellt hatte. Sie lag und ſchlief. Ein fuͤrchterli⸗ ches Gepolter weckte ſie alis benn Schlummer. Sie horchte, ohne Furcht in ſich zu verſpuͤren, und war ſchon im Begriffe wieder einzuſan 4 H 2 116 —— als ſie leiſe ihren Namen nennen hoͤrte und eine eiskalte Hand ihr uͤbers Geſicht hinſchluͤpfre. Sie wollte ſich aufrichten, aber ſie konnte nicht; ſie wollte fragen, aber die Zunge klebte ihr am Gau⸗ men. Sie fuͤhlte eine Erſchlaffung ihrer Nerven, eine Ohnmacht ihres ganzen Weſens, die es ihr unmoͤglich gemacht haͤtte, nach Hulfe zu rufen oder ſich zur Gegenwehr zu ſtellen, wenn irgend ein Unhold ſie in dieſem Augenblicke gepackt und mit ſehenden Augen von ihrem Lager hinwegge⸗ ſchleppt haͤtte. DDoch die vor ihr ſtehende Geſtalt, in der ſie jenes alte Muͤtterchen erkannte, das am letz⸗ ten Morgen ihres Aufenthalts in der kleinen Hir⸗ tenwohnung zu er ſie um einen Trunk fri⸗ ſchen Waſſers angeſprochen hatte, redete ſie, ob⸗ gleich mit dumpfer Stimme, jedoch in einem freundlichen Tone an:„Furchte Dich nicht, „Baͤrbchen! ſagte die Geſtalt.— Dein Leben „iſt außer Gefahr. Aber Morgen iſt die Zeit „deiner Prufung zu Ende und mit ihr der gluͤck⸗ „liche Traum, in dem ſich jungfraͤuliche Tugend „wiegte. Doch faſſe Muth, der Raͤuber deiner „unſchuld kommt wehrlos und ohne Gehilfen. „Fur ihn dieſen Dolch, in dem Augenblicke der „Vollendung ſeines Bubenſtuͤcks.“ Mit dieſen Worten verſchwand die Geſtalt und ein aͤhnliches Gepolter begleitete ihr Ver⸗ ſchwin⸗ 2— 8 „ A ——. A A ☛ eTa 117 ſchwinden. Baͤrbchen fuͤhlte, indem, wie zu⸗ vor, ein kalter Schauer ſich uͤber ihren Koͤrper ergoß, die Banden, die ſie gefeſſelt hatten, ge⸗ oͤßt und in ihrer Hand einen Dolch. Ihr Er⸗ ſtaunen war uber alle Beſchreibung. Der Verſi⸗ cherung der freundlichen Warnerin ohngeachtet, bemaͤchtigte ſich ihrer doch die Furcht, die ſie des Schlafs auf lange Zeit beraubte und ihr die Nacht ungewoͤhnlich verlaͤngerte. Sie fuͤhlte ſich außerordentlich entkraͤftet und wünſchte mit jedem Augenblicke, daß es Tag werden moͤchte. Doch dieſer Wunſch wurde ihr nicht ſogleich gewaͤhrt. Unruhig waͤlzte ſie ſich auf ihrem Lager umher und nach zwo langen⸗ ihr zu Ewigkeiten werdenden Stunden erſt⸗ ſchlief ſie wieder ein. Dieſer Wohlthat bedurfte ſie um ſo mehr, je ſtaͤrker die Ermattung war, die ihr die Altera⸗ tion uͤber das beſtandene Abentheuer dieſer Nacht verurſacht hatte, mit welcher ſich überdieß noch das Beduͤrfniß der Natur vereinigte, das juſt um dieſe Zeit ſein monatliches Ziel erreicht hatte. Es war ſchon heller Tag, als Baͤrbchen er⸗ wachte. Das erſte, was ihr ſogleich in die An⸗ gen fiel und ihre Aufmerkſamkeit rege machte⸗ war das Fruͤhſtuͤck. Es beſtand aus einem Be⸗ cher Chokolate und etwas Zwieback, wovon ſie⸗ weil 4 —— 118 —— weil ſie keinen ſonderlichen Appetit hatte, ohn⸗ gefaͤhr nur zuͤr Haͤlfee genoß. Sie trat vor den Spiegel, nicht um ihre Reize zu muſtern und ſie in eine, den wolluſtigen Blick desjenigen, den ſie vielleicht in einigen Minuten als den Anbether derſelben ſollte kennen lernen, anziehende Lage zu bringen; ſondern aus faſt unwillkuͤhylichem Triebe. Sie ſtaunte. So zerſtoͤrt hatte ſie ihr Geſicht noch nie geſehen. Ihr Buſen wallte und der Hammer ihres Herzens ſchlug mit gewaltige n Schlaͤgen einmal um das andere. So hatte er noch nie gewuͤthet. Sein Pochen war eine ſanftere Empfindung geweſen, 4 wenn Heinrich an ihrem Buſen geruht hatte. Itzt dachte ſte an die naͤchtliche Erſcheinung und an die Worte des alten Mutterchens. Laß ſehen, ſagte ſie— unerklaͤrbares Weib! ob es der Waſſen bedarf, die Du, jungfraͤuliche Tu⸗ gend u ſchuͤtzen mir darreichteſt. Vielleicht iſt Dir die Natur ſchon zuvorgekommen— oder ſollte dieſe Verunglimpfung der Reize des ſiebzehnjaͤhri⸗ gen Maͤdchens auch dein Werk ſein?— Was gilts Der Naͤuber meiner Unſchuld ſei bewafuet oder nicht, ein Fuüͤrſt oder Schandbube von der niedrigſten Gattung, er wird, er muß zurück⸗ ſchaudern und— mich verachten. So ſprach ſie und verbarg den Dolch, den ße noch in der Hand hatte, in ihrem Buſen⸗ und ein nicht allzugroßer Knebelbart gab ihm ein darf man der Waffſen des Kriegs nicht.“ So als ſie mit einemmal mäͤnnliche Fußtritte auf ihr Zimmer zukommen hoͤrte. Die Thuͤre oͤfnete ſich ohne das mindeſe Geraͤuſch und vor ihr ſtand ein ſchoͤner wohlgebildeter Manu von ohngefaͤhr etli⸗ chen und dreißig Jahren. Seine Kleidung war militaͤriſch. Ein großer, breiter Treſſenhut mit einem ſchoͤnen Federbuſche bedeckte einen kugel⸗ runden Schwedenkopf; auf ſeinem etwas braͤun⸗ lichen Geſicht ſtrotzte die Farbe der Geſundheit martialiſches Anſehen; ſeine Kleidung war veil⸗ chenblau, ganz einer Uniform aͤhnlich und reich mit Gold geſtickt! an den großen gewichsten Stie⸗ feln klirrten ſilberne Sporen⸗ Aber er war ohne Degen. 5 „Wenn man zum Frauenzimmer geht, be⸗ ſprach der Mann, den Baͤrbchen füͤr den Beſi⸗ tzerihres gegenwaͤrtigen Aufenthalts und als den⸗ jenigen erkannte, fuͤr den der, in ihrem Buſen verſteckte, Dolch beſtimmt zu ſein ſchien. Sie erroͤthete bei ſeinem Eintritt, ohne zu beben und blieb unveraͤnderlich in ihrer Stellung. „So kalt, Baͤrbchen⸗ war die Anrede des ſich ihr naͤhernden Liebesritters. Wer ſagte euch meinen Namen? 7— 3 „Die Stimme, die durch Nacht und Dun⸗ 9 el 120 —— kel mich leitet und alle Geheimniſſe des Uniter⸗ ſums ergruͤnden lehrt. „Ha! wenn ihr das koͤnnt, Mann mit die⸗ fem großen blauen Auge— ſo ſagt mir doch: wer war meine Mutter?⸗ Ein Weib.“ Pauſe. „Und mein Vaker? „Nicht, was ich bin, mehr, als ich ſein konnte und weniger, als ich zu ſein wunſchte. „Raͤthſelhafter Mann— MRaͤthſelhaft oder nicht— Gefall ich Dir in dieſer Attituͤde?“ „Sagte euch das nicht die Stimme vorher, die euch durch Racht und Dunkel leitet und die Geheimniſſe des Univerſums ergründen lehrt? „So war das nicht gemeint—“ „Nun ja!— Ihr ekoͤnntet mir gefallen, wenn—“ „Wozu dieſes Wenn?— Du ſchweigſt?— Was haſt Du an mir auszuſetzen?“ „An eurer Perſon nichts.“ „Aber— 2 „Deſto mehr an eurem Handwerke.“ „An meinem Handwerke?— Wie nennſt Du mein Handwerk?2 „Menſchenpeinigung.“ „Baͤrbchen— 1 ein Dir er, die uſt 121 „Wer gab Ench das Recht, mich zwiſchen dieſe vier Waͤnde einzuſperren?“ „Meine Liebe— „Mußtet ihr darum das Band fremder kiebe zerreißen, um aus ihrem Faden den Faden der eurigen zu knuͤpfen? „Was vermag nicht das Recht des Staͤrkern? „Seyd ihr darum liebenswuͤrdig?“ „Dieß iſt nur Eigenſchaft der Weiber; Maͤn⸗ ner wollen gefurchtet ſein!“ „Glaubt ihr es zu ſeyn 7 „Dieß macht mir des Kummers am wenig⸗ ſten“ „Ha, feiger Wolluͤſtling! von Stund an mache es euch des Kummers am meiſten.“ „Ich lache deiner Drohung,“ „So wie ich eurer Forderung.““ „Ich glaube gar, Du willſt mich ins Ge⸗ bet nehmen, kleine Sirene!— Laß doch ſehen, was meine Kunſt vermag.“ 3 „Zuruͤck 14 Mit dieſem Aufruf wehrte ſie ihrem Gegner ab, der ihr Kareſſen machen und durch unan⸗ ſtaͤndige Handgriffe das Heiligthum ihres unbeta⸗ ſleten Buſens zu entweihen ſich erkuhnte. „Laß gut ſein, kleine Sproͤde! wir wollen 4 Dich ſchon kirre machen.“ Dieſer erniedrigende Ausdruck bteedige ihr Ge⸗ Gefuͤht und ſetzte ihr ganzes Blut in Wallung. Mit verdoppeltem Muthe ſagte ſie: Zuruck!— Was ihr ſucht, findet ihr bloß auf den Gaſſen— den Sieg konnt ihr nur mit Euxem Leben er⸗ kaufen. „Was ſagſt Du?— ℳ Baͤrbchen ſchwieg und der mannhafte Venus⸗ ritter ahnete nicht, ſeine Gegnerin bewafnet zu finden. Er wagte es ſeine Begunſtigungen zu wiederholen, aber Baͤrbchen wich ihm aus und ſagte: Ich bitte euch um der heiligen Jungfrau willen— wer ihr auch ſein moͤgt!— ſchont des ſchwachen Maͤdchens, daß Euch keine Ge⸗ nugthuung gewaͤhren kann— fordert keine Un⸗ moͤglichtt 4= Dieſer bittende Ton, mit dem Baͤrbchen ihm itzt in den Weg trat, minderte ſeinen Unge⸗ ſum und machte ihn gegen die um Schonung Flehende, deren Grazie er in dieſem Augenblicke dop pelt ſchoͤn fand, artiger und geſitteter. Oh⸗ ne der zungfraͤulichen Schamhaftigkeit zu nahe zu treten, forderte er Aufflarung ihrer Herauss laſung, umſchlang ſie mit ſeinem Arm, ent⸗ hielt ſich aber jeder unanſtaͤndigen Begegnung und verſicherte ſie ſeiner Hochachtung, wie ſeiner Liebe, ſchwur ſich in Geduld zu faſſen und ih⸗ rer Ohumacht zu ſchonen, bat wegen ſeiner Iuns dringlichkeit um Verzeihung und giegg. U. Unſere Leſer moͤchten wohl gern wiſſen, wer der Mann war, deſſen Zudringlichkeiten Baͤrb⸗ chen auf die vorbeſchriebene Weiſe zu entgehen das Gluͤck hatte, ohne der Waffen zu bedurfen, die ihr die naͤchtliche Warnerin wenig Stunden zuvor uͤberreicht hatte? 2 So verzeihlich wir auch dieſe Wißbegierde ſinden, ſo hoffen wir doch ge⸗ genſeitig auf Schonung, bitten, wegen der Auf⸗ klaͤrung in Geduld zu ſtehen und antworten auf dieſe Frage mit jenem weiſen Manne des grauen Alterthums: Alles zu ſeiner Zeit! Obwohl der Brief, den Baͤrbchen waͤhrend ihrer Gefangenſchaft in der einſamen, ſie zum eynſtern Nachdenken veranlaſſenden, wie ihre Er⸗ wartung ſpannenden, Waldwohnung geſchrieben hatte, an die Behoͤrde beſtellt worden war?— Abermals eine Frage, auf die wir mit Gewißheit weder mit Ja! noch Nein! antworten koͤnnen; jedoch iſt das letztere wahrſcheinlicher, als das erſtere. Denn welchen Vortheil haͤtte Baͤrbchens geheime Geſchellſchafterin, die un⸗ enterbrochene Augen⸗ und Ohrenzeugin ihrer Handlungen, wie ihrer Gedanken war, ren vier Wäͤnden, als den verſchwiegenſten Zeu⸗ gen ih er„Geheimniſſe mitzutheilen pilegte, da⸗ von gehabt? Ihr einziges Augenmerk war de A 8 die ſie gewoͤhnlich ih⸗ Baͤrbchen 3 124 —— deſſen Beſit ſie bielleicht aus beſondern Abſichten ein dem ſtattlichen Verehrer ihrer Reize nicht göunnen m mochte. Vielleicht hatte ſie einen geheimen Groll wu gegen dieſen Mann weeleicht hatte ſie einen mi andern auf der Seite, der ihre Gaukeleien beſſer vie zu belohnen verſprochen hatte vielleicht war— doch wozu dieß oder jenes Vielleicht?— Wir Ildh halten uns nur auf, gerathen auf Abwege und ar erlangen dadurch nichts mehr und nichts weniger. hi . Baͤrbchen konnte der waltenden Vorſicht de nicht zennafſi ihre dießmalige Befreiung dan⸗ 75 ken und wunſchte recht herzlich, auf immer aus da dieſem Keſicht befreit u ſein, in welchem ſie Ge⸗ ko fahr lief, bei den delikateſten Leckerbiſſen, die 3 man ihr vorſetzte, doch vielleicht uber lang oder di kurz verhungern, oder auf Koſten ihrer Tugend u dem ſtaͤrkern Gegner unterliegen zu muſſen. be Sie ſann auf Mittel, ihre Feſſeln zu zerbre⸗ te chen. Aber wie?— Sie hatte niemanden, dem K ſie ſich vertrauen konnte und ſie ſelbſt war allein. le zu wenig, dieſes Wagſtuͤck zu unternehmen, das 5 ohne menſchliche Beihilfe ſchlechterdings unmoͤg⸗ ei lich war. Sie unterſuchte Fenſter und Thuͤre⸗ 8 Decke, Boden und Waͤnde ihres Zimmers; aber 4 ſie fand allenthalben nichts, daß ihrer Einbil⸗ ſ dung nur einigermaßen haͤtte ſchmeicheln koͤnnen, r nirgends Hofnung, allenthalben unuͤberſteigli⸗ ei che Hinderniſſe. Waͤre auch die Rettung durch 6 einen 8* 125 —— einen Sprung aus dem Fenſter herab ins Freie moͤglich und nicht allzugefaͤhrlich geweſen, ſo wurd e doch durch die dicken Kreuzgitter, wo⸗ mit daſſelbe verſehen war, aͤußerſt langweilig und vielleicht eben ſo gefaͤhrlich, als unmoͤglich. Ohngeachtet ſie nun nicht wußte, wer eigent⸗ lich der Unhold war, der ſie in dieſem, oft von aromatiſchen Duften erfullten Keſicht eingeſperrt hielt, an der Bauart deſſelben auch nichts ent⸗ deckt hatte, das einigen Verdacht hatte erregen koͤnnen, ſo gerieth ſie doch auf den Gedanken, daß es hier nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, und ſie fand Bedenken, ſich dem alten Muͤtterchen zu entdecken, das ſich ſo thaͤtig fuͤr die Sicherheit ihrer Unſchuld zu intereſſiren ſchien und doch, aller Wahrſcheinlichkeit nach, dieſel⸗ be Perſon war, die ſie aus der friedlichen Hir⸗ tenwohnung zu*„e vielleicht durch geheime Kuͤnſte entfuhrt hatte. Sie erinerte ſich, am letzten Morgen ihres Aufenthaltes daſelbſt aus timſelben Kruge getrunken zu haben, den ſie der einſprechenden Matrone mit friſchem Waſſer dar⸗ gereicht hatte; konnte die alte Sunderin nicht unvermerkt etwas da hinein Zethan haben, das ſie augenblicklich der Gegenwart ihres Geiſtes be⸗ raubt hatte?— Wie hätte ſie ſonſt koͤnnen von einem Orte zum andern gebracht werden, ohne es zu wiſſen?— nſ. Dem⸗ 1²26 —— Demohngeachtet wuͤnſchte ſie ihre Gegen⸗ wart, faßte ein Herz und machte ſich auf ihre Ankunft bereit; aber ſie kam nicht. Es vergien⸗ gen mehrere Tage, Wochen ſogar, und as al⸗ re Muͤtterchen ließ ſich mit keinem Being ehen. Daſſee dieſelbe keineswegs fuͤr ein uͤberirrdi⸗ ſches Weſen, ſondern lediglich fuͤr eine in gehei⸗ men Kuͤnſten erfahrne Weibsperſon hielt, ſo zwei⸗ felte ſie nicht im mindeſten, daß es ihr leicht wer⸗ den wurde, ſie durch ſchmeichelhafte Verſorechun⸗ gen zu ihrem Vortheil zu gewinnen und war mit Ernſt auf eine anſtaͤndige Belohnung der gewinn⸗ ſüchtigen Kupplexin bedacht. Siie hofte Tag und Nacht; aber umſonſt. Ihr Ausbleiben machte ſie bedenklich. Im gan⸗ zen Hauſe hoͤrte ſie nichts, das ihr die Anwe⸗ ſenheit eines Menſchen angezeigt haͤtte, oͤhner⸗ achtet ſie taͤglich an den nothwendigen Lebensbe⸗ durfniſſen auf die gewohnliche, ihr unbekannte Weiſe. Zuſchuß erhielt.„ Selbſt der Mann, auf deſſen Koſten ſi ſie hies unterhalten zu werden glaubte und den ſie fuͤr ihs ren Tyrannen erkannte; kam nicht und wieder⸗ holte ſeine Forderu Dieß alles war ihr uber⸗ uns räthſelhaft. Or haͤtte eben ſo gern hieruͤber Aufſchluß gehabt, als ſie ſich nach ihrer Freiheit ſeh Inte, denn die Zeit wurde ihr unertraͤglich lans und ſie wußte nicht„ womit ſie dieſelbe hin⸗ brin⸗ 8 2 æ A— 8SD ☛ 12⁷7 — bringen ſollte. Eſſen, Trinken und Schlafen war ihre ganze Beſchaͤftigung. Bei ihrer Heerde konnte ſie doch zuweilen ſich auf den Naſen nie⸗ derwerfen und den Strickſtrumpf zur Hand neh⸗ men, des Abends in einem Buche leſen oder beim Spinnrocken mit Heinrichen koſen und von ihrer Liebe ſprechen; aber hier ſehlte ihr nicht mehr ols alles. 2 Schon glaubte ſie zu einer ewigen Gefangen⸗ ſchaft verurtheilt zu ſein und im ſteien Genuſſe wolluͤſtiger Speiſen und Getraͤnke, die ihr faſt Ekel erweckten, ihr Grab zu finden, als ſie ſich eines Abends„ in Gedanken verlohren„ durch die Hegeuwart, des alten Mutterchens uͤberraſcht ſah. Die vor ihr hintretende Geſtalt, die eben ſo gut durch die Decke herab, als durch den Bo⸗ den heragfgekommen ſein konnte, kam ihr dieß⸗ mal abſcheulicher und fuͤrchterlicher vor als heim erſten⸗ und zweitenmale. Ihr Geſicht ſchien mit Blute beſpritzt und ihr Hauch war Todtenluft. Dieß ſetzte Baͤrbchen in Staunen, ſchreckte ſie aher doch nicht ab; und ſchon war ſie im Begrif⸗ fe, aufzuſtehen und zu fragen: Biſt Du ein u⸗ ter oder boͤſer Geiſt,?— als die Geſtalt ühr I der Hand winkte und zu ſchweigen befahl. Beaͤrbchen gehorchte, oder ſah ſich ielneßr* durch die Magie der alten Zauberin in die Noth⸗ 8 wendigkeit zu gehorchen verſetzt,„Sraͤumerin! 128 —— „redete die Alte ſie an— was ſitzeſt Du muͤßig „und ſchlaͤgſt die Haͤnde in den Schoos!— Das „Leben eines Menſchen iſt keine taube Nuß.— „Das Schwerd iſt gezuckt uͤber ſeinem Haupte— „ſie wollen ihn toͤdten— Deinen Heinrich wol⸗ „len ſie toͤdten— dort fuͤhren ſie ihn her!— „Der Tambour wirbelt— Eile! Eile!— Das „Mittel ihn zu retten iſt in deinen Haͤnden.“ Hier machte die Geſtalt eine Bewegung mit der Hand, zeigte auf die Thuͤre und trat um ei⸗ nige Schritte ruͤckwaͤrts. Auf dem Standpunk⸗ te, den ſie zuvor gehabt hatte, ſtieg eine blaue Dampfwolke empor. Baͤröchen fuͤhlte ſich ihrer Feſſeln entledigt und ſtand von ihrem Platze auf⸗ der freundlichen Warnerin nachzurufen, aber die Geſtalt war verſchwunden. „Sie wollen ihn toͤdten?— Meinen Hein⸗ „rich wollen ſie toͤdten?“ wiederholte ſie zu ver⸗ ſchiedenen malen—„Aber das Mittel, ihn zu „retten, iſt in meinen Haͤnden.— Wahr ge⸗ „ſprochen, altes Muͤtterchen!— Hier iſt es!— „An dieſem Finger trag ich 755— 64 iſt das Bild „ſeiner Mutter!— 3„Geduld, Heinrich! nur noch einen Au⸗ „genblick.— Ich komme!— Ich komme!“ rief ſie, kuͤßte und druckte den Ring, den ſie an ihrem Finger trug, mit Innbrunſt an die bren⸗ nenden Lippen und war ſchon auf dem Punkt⸗ den zu treiben ſich vorgenommen habe und in duſteres 1²9 — den Befehl der ihr erſchienenen Geſtalt zu vollzies hen, als ſie mit einemmal ſtehen blleb und bit⸗ ter auflachte, das alte Mutterchen eine ſchadben⸗ frohe Gaucklerin ſchalt, die nur Spote mit ihe Nachdenken zuruckſank. Nicht lange hernach oͤfnete ſich die T Thure ih⸗ res Zimmers. Eine lange, hagere, maͤnnliche Figur mit verdecktem Angeſicht, in einen grauen Mantel gehullt, mit einem Schwerdte unguͤrtes und einem dicken Knotenſtocke in der Hand zrat ein, nannte ihren Namen und bat ſie, ihr zu folgen.— Es war, als ob dieſer Augenhlick das erzuͤrnte Baͤrbchen mit dem alten magiſchen Weibe, das ſie bereits ſchon des Haſſes und der Verachtung beleidigter Unſchuld wurdig glaubte auf immer ausſoͤhnen ſollte.— Unerſchrocken fragte ſie: „Wohin ſoll ich Dir folgen?— und: „Zu Heinrich— war die Antwort. Baͤrbchen gehorchte und folgte ihrem Fuh⸗ rer, der ſie freundlich bei der Hand nahm und beim matten Scheine eines Windlichts das in einiger Entfernung vor ihnen hergieng die tie 38 hinab, uͤher einen mit Baͤumen beſetzten ofs rch einen langen, ſchmalen und ſnſern Gang irgenmt⸗ J 130 führte, an deſſen Ausgange ſich die Leuchte ver⸗ lohr und Varbchen im erſten Zwilicht zwiſchen Nacht und Tag ſich auf einer weiten Ebene erblick⸗ te, die ihr ganz unbekannt war. Der Weg, den ſie zuruͤckgelegt hatt, ſchien ihr eben ſo beſchwerlich als fuͤrchterlich geweſen zu ſein. Sie mußte ruhen und ihr Fuͤhrer er⸗ laubte ihr, ſich auf einem Steine niederzulaſſen. Himmel! welch' Erſtaunen— Barfuß und in ihrer Hirtenkleidung erblickte ſich itzt Bäaͤrbchen, ohne zu wiſſen, wie das zugegangen war. Ih⸗ re Fuͤße waren wund, ſie konnte nicht mehr laufen— und doch war ſie auf dem Wege, ih⸗ ren Heinrich zu retten?— Siee that unterſchiedliche Fragen an ihren Fuͤhrer, in Ruͤckſicht der Gefahr, die ihrem Heinrich drohte, erhielt aber keine Antwort. Es war ihr faſt nicht moͤglich, weiter zu gehen, ſo ſehr fuͤhlte ſie ſich, theils durch die kalte Nachtluft, theils durch die Beſchwerlichkiiten des uͤber Sand und Steine zuruͤckgelegten Wegs, enttraͤftet. „Hier koͤnnen wir nicht bleiben“ ſagte ihr Fuͤhrer, nachdem ſie einige Zeit geruht hatte— „die Zeit iſt edel; ein Augenblick und— es iſt „geſchehen.“ Mit dieſen Worten erbarmte er ſicch des jammernden Maͤdchen, lud ſie auf ſeine 131 —— — Schulter und trabte, ohne ein Wort zu reden, bis an die Thore der Stadt mit ſeiner Burde 8 vorwaͤrts. —— Es war zehn Uhr. Die Trommeln toͤnten. Die ution ſollte ihren Anfang nehmen. Menſchen ſtroͤmten heraus: ihnen folgte der Zug und dieſem eine Menge geſchaͤftiger Mußig⸗ gaͤnger, ſchiefer Beurtheiler, kalter Bemitleider. Der Chef kommandirte. Die Reihen para⸗ dirten und ſchloſſen einen Kreis. Das Hochge⸗ richt begann. Heinrich trat in die Mitte und als der Staab uͤber ihn gebrochen war, kniete er nieder und verband ſich ſelbſt die Augen. Feierliche Stille herrſchte im Kreiſe, ſo dure die ganze Natur. Nicht eine menſchliche G getraute ſich laut zu athmen. Thraͤnen rollten üuber die Wangen der Maͤdchen und Weiber her⸗ ab und von maͤnnlichen Lippen toͤnten Fluche und Verwuͤnſchungen dem alten boſen Feldwebel entgegen, der an dem Tode des zwanzigjaͤhrigen Junglings Schuld war. Heinrich betete. Der Augenblick der Vollen⸗ dung, der ſchrecklichſte von allen, trat in die Reihe. Drei ſeiner beſten Kameraden wurden ausgehoben, ſeine Henker zu ſein. Schon kom⸗ mandirte der Offizier: Ladet!— und alles nngchte ſich auf den Anblick des Sinke den gefaßt. △☚ᷣ ₰ 2 Dem 132 Dem alten boͤſen Feldwebel dauerte das Kom⸗ mando ſchon zu lange und Heinrich wuͤnſchte dol⸗ lendet zu haben. Die Ladenden/ ſchwangen mit zitternder Hand das toͤdtiche Gewehr und mit ſchwacher nur halblauter Stimme ſprach der Offl⸗ zier die Worte des Kommandos: Ferti g1— An?— und ehe er noch: Feuer! ſagen konn⸗ te, tonte dicht hinter ihm mit ſtarker vernehmli⸗ cher Stimme dreimal: Gnade! Gnade! Gna⸗ del— Der Offtzier hielt au und auf die Frage des Generals: Wer ſorach das 2.— draͤngte ſich Baͤrbchen, von der Hand des Graumantels ge⸗ leitet, durch die Glieder, ſtuͤrzte auf die Knie, bat um Gnade fuͤr Heinrich und uͤberreichte dem. General den Ring, den ſie eben von ihrem Fin⸗ ger zog.„Kann dieſer ihn nicht retten, ſagte ſie, ſo toͤdte man mich mit ihm zugleich. 3 Man kann ſich leicht denken, daß ihre Er⸗ ſcheinung Auſſehen machte und die Neugierde der Soldaten, wie der Zuſchauer, aufs hoͤchſte ge⸗ aannt wurde. Alles war ſtill und voller Er⸗ wartung. 3 Den Ring in die Hand nehmen, das darauf udliche Bildniß betrachten und ausrufen: Sie war eins.„Ja! ſie iſt es— wie⸗ olte der General— iſt dieſe ſeine Mutter, iſt er mein Sohn.“ Exekution wurde aufgehoben, Heinri⸗ chen ſeiner Gemahlin füͤr ihren Sohn erxkannt und 84— chen die Binde gelost und anbefohlen vor den General zu erſcheinen.““ Man zeigte ihm das Kleinod, an das er 8 4 waͤhrend ſeines Arreſts mit keiner Sylbe gedacht hatte. Er ſtaunte, es in den Haͤnden ſeiner Vorgeſetzten zu ſehen; und als ihm die Ueber⸗ bringerin deſſelben in die Arme ſtuͤrzte, ſchrie er laut; Baͤrbchen! Du hier 2. Die Szene war mahleriſch ſchoͤn, nur fuͤr den Geiſt und das Gefuͤhl, nicht aber fuͤr den Pinſel der Kunſt, erreichbar; ſie zu denken und— zu fuhlen, uberlaſſen wir unſern Leſern. 4 Der Fal bedurfte naͤherer Unterſuchung. 4 Dazu war hier weder Ort noch Zeit. Froher⸗ als beim Ausmarſch, traten die Soldaten den Nuͤckweg an und freuten ſich, ihren Kammerad gerettet zu ſehen. Alles war Jubel und Freude⸗ zur der alte boͤſe Feldwebel ſtimmte nicht ein. Noch in der naͤmlichen St unde ſah ſich Hein⸗ rich in Freiheit geſetzt edoon dem Geneyal und nach Verlauf eines Monats als Faͤhndrich bei dem Regimente ſeines Vaters angeſtellt. Schon glaubte Bater Srau 463 men, als er am Abend erſt des zur E ntidn in 134 — te neues Leben, da er hoͤrte, daß ſie nicht vor ſich gegangen war. 3 Er gieng auf die Hauptwache. Hier erfuhr er bereits etwas von der gluͤcklichen Rettung ſei⸗ nes Pftegeſohns und wurde von da zum General gebracht, der eben bei Tafel ſaß. Faſt ſaͤmmtli⸗ che Offiziere waren gegenwaͤrtig; Heinrich mit⸗ ten unter ihnen an der Seite ſeiner Mutter. „Hieher! ſagte der General zum eintreten⸗ den Bauer und wieß ihm ſeinen Platz dicht ne⸗ ben ſeiner Gemahlin an—„erſt wollen wir uns ſatt eſſen, Bater Braun! dann zur weitern Un⸗ terſuchung der Geſchichte dieſes merkwuͤrdigen Tages ſchreiten.“ Braun mußte eſſen und trinken. In ſeinem ganzen Leben hatte es ihm noch nicht ſo gut ge⸗ ſchmeekt, als an der graͤflichen Tafel, noch nie hatte er ſich ſo gluͤcklich gefuͤhlt, als in dem Aungenblicke, der ihn diejenige kennen lernte, die unwiſſend ihn vom Hirtenſtabe zum gluͤckli⸗ chen Beſitze eines anglonlichen Vermoͤgens ge⸗ fuͤhrt hatte. Nach Tafel unterſuchte man die Briefe, die Vater Braun uber die ganze Geſchichte aufzuwei⸗ ſen und ſorgfaͤltig bis auf den gegenwaͤrtigen Augenblick aufbewahrt hatte. Die Generalin er⸗ chen Vauer fuͤr die puͤnktliche Erfuͤllung ihrer Bit⸗ kannte ſie fuͤr die ihrigen und dankte dem ehrli⸗ 145 Bitte, der Vorſicht aber die gluͤckliche Bildung ihres Sohnes, den ſie im hoͤchſten Ausbruche ihres Muttergefuͤhls zum erſtenmale wieder an ihren Buſen druͤckte⸗ Der General und die Generalin ſchämten ſich nicht, zu bekennen, daß ſie in ihrer Jugend wider Willen ihrer Aeltern einen geheimen Um⸗ gang gepflogen hatten, deſſen Frucht unſer Hein⸗ rich war. Emilie von Roſenau war bereits mit einem andern verlobt und Graf Dedo von Anſe⸗ burg mußte, wollte er wohl oder uͤbel, auf Be⸗ fehl ſeines Vaters die reiche Wittwe eines ſeiner Verwandten heurathen. Dieſer Umſtand noͤthig⸗ te ſie, das Pfand ihrer Liebe geheim zu halten und jenen Schritt zu thun, der ihr viel Ueber⸗ windung koſtete und viel Kummer verurſachte⸗ denn ſie wußte ja damals nicht, ob das neuge⸗ borne Kindlein in gute Haͤnde kommen und die Zukunft einſt ſie und ihren Sohn fuͤr alle uͤber⸗ ſtandene Leiden ſchadlos halten wuͤrde. Emilie und Graf Dedo waren lange Zeit ſo⸗ wohl von einander ſelbſt, als von dem Pfande ihrer Liebe weit getrennt, nachher aber ſo gluͤck⸗ lich geweſen, durch den Tod ihrer beiderſeitigen Ehegatten wieder zu ſammen zu kommen und den alten Bund ihrer Herzen durch prieſterliche Ein⸗ ſegnung zu beſtaͤtigen. Ihr Gluͤck vollkommen zu machen, ſehlte nichts mehr als ihr Sohn⸗ den 136 —— den ſie gewis eher geſunden haben wuͤrden, wenn nicht die Perſon, die ihn ſeinem unbekannten Pflegevater durch die oͤffentliche Wegſetzung gleichſam in die Haͤnde geſpielt hatte, ſchon laͤngſe mit Tode abgegangen waͤre. Seitdem hat⸗ ten ſie von ſeinem Leben keine Nachricht: ſein Aufenthalt aber war ihnen immer ein Geheim⸗ niß geweſen. Doch der Zufall erſetzte, was der Tod ihrer Getreuen ihnen geraubt hatte und ließ ſie die Freuden des Wiederſehens in einem erhoͤh⸗ tern Grade genießen, je unvorbereiteter ſie eben itzt waren und faſt ſchon alle Hoffnung aufgege⸗ ben hatten, ihren Sohn jemals wieder zu finden. —— Wo aber nur Baͤrbchen hingekommen war 2 — Nicht wan, dieſe Frage moͤchten ſie gern be⸗ antwortet wiſſen, werthgeſchaͤtze Leſerinnen 2— Nicht genug, daß Heinrich gerettet und gluͤcklich war; Baͤrbchen verdiente ja wohl eben ſo ſehr, 64 zu ſein. Wer unter allen konnte ſie wohl am meiſten vermiſſen, als Heinrich, dem ſie das Leben ge⸗ rettet hatte?— Aber wer getraute ſich weniger⸗ als er, in ſeiner itzigen Lage nach ihr zu fragen? — Nicht aus Stolz und Uebermuth, durch die gluͤckleche Wendung ſeines Schickſals veraulaßt, zondern aus Furcht, denn er wußte ja nicht, 8 wie ͤ 2 132 wie der General und ſeine Gemahlin zu denken gewohnt waren?“ Aber der Graf erinnerte ſich ſelbſt an die Retterin ſeines Sohnes, verlangte ſie zu ſehen und ſtaunte, als er hoͤrte, daß Baͤrbchen zu⸗ ſammt dem Graumantel nirgends zu finden waͤren. Unter dem Gedraͤnge hatte ſich Baͤrbchen an der Hand ihres Fuͤhrers verlohren und ſchon ſaß ſie wieder einſam auf ihrem Zimmer und weinte⸗ als Heinrich und Vater Braun bei dem General zu Abend ſpeisten. Sie wußte gar nicht, wie es zugegangen war. Es war ihr alles, wie ein Traum. Erſt am andern Tage ſchien ſie ihrer Beſinnungskraft wieder maͤchtig zu ſein und ſich der geſtrigen Rei⸗ ſe nach der Stadt zu erinnern. Sie vermißte den Ring und beſann ſich, daß ſie ihn Tags vorher dem Manne mit dem Federhute gegeben han. ohne zu wiſſen oder nur zu ahnen, wer de⸗ Mann geweſen ſein konnte. Sie befand ſich in einer ſonderbaren Lage⸗ Ihr war, als haͤtte man ihr nur einmal ver⸗ goͤnnt, friſche Luft zu ſchoͤpfen, um aufs neue und vielleicht auf immer in ihrem Keſicht zu ſchmachten, der ihr itzt um ſo verhaßter wurde⸗ je mehr er von Tage zu Tage ein furchterlicher Anſehen gewann. 8 — 4 — 138 Zu ganzen Wochen und Monaten war es ſtill um ſie her. Weder ihr Tyrann, noch der Graumantel, noch das alte Muͤtterchen ließen ſich ſehen. Die Spaßmacherei, die man mit ihr trieb, wurde ihr laͤſtig, ohngeachtet ſie an nichts Mangel litt. Sie ſehnte ſich nach Freiheit. Traͤume und Ahnungen beſchaͤftigten ſie bei Tag nnd bei Nacht. Heinrich war immer der Gegen⸗ ſtand derſelben; ein geyeimes Gefuhl ſagte ihr, daß er, ob er gleich dem Gluck im Schooſe ſaß⸗ ohne ſie nicht wuͤrde leben koͤnnen. Zuweilen und ſelten nur wurden dieſe Gedan⸗ ken durch andere verdraͤngt, wenn die Todten⸗ ſtille ihres Aufenthalts mit einem fürchterlichen Gepolter, Das oft mehrere Stunden anhielt, abwechſelte, wobei ſie dumpfe, rauhe Stim⸗ men zu hoͤren glaubte, die ihr bange machten und fuͤr ihr Leben und Sicherheit fuͤrchten ließen, w.t ſie ahnete, von Raͤubern umringt zu ſein. Eilf Monate ſchwanden ihr in dieſer peini⸗ genden Verfaſſung, binnen welcher ſie mehrmals Anfaͤlle von einem verderblichen Fieber verſpuͤr⸗ te, das ihre jugendlichen Kraͤfte verzeheke und ihrer Grazie Vernichtung drohte, ehe der Tag ihrer Erloͤſung anbrach. Doch ehe wir in der Geſchichte dieſes merk⸗ wuͤrdigen Tags weiter gehen koͤnnen, muͤſſen wir noch einmal in die Stadt zuruͤck, wo Heinrich, 1 als Gn 8 139 als der Sohn eines Regimentschefs, eben ſo viel Eroberungen zu machen ſo gluͤcklich war, wie in ſeinem Doͤrſchen als der vermeintliche Sohn eie nes reichen Guthsbeſitzers. Heinrichs Zufriedenheit mit ſeiner Standes⸗ erhöhung und itzigen Verfaſſung war immer nur einſeitig; ihm fehlte, um ſie vollkommen zu machen, noch viel— ihm fehlte ſein liebes Baͤrbchen, ſein zweites Selbſt, ſein Alles. Sie war ſein Taggedanke und ſein Traum. Oft wuͤnſchte er, ſie, die ihm das Leben ge⸗ rettet hatte,— nicht um ſein ſelbſt willen, ſondern um ſeiner Familie, um des Univerſums willen— aus ihrer Niedrigkeit emporgehoben und ſich gleich zu ſehen; aber auch eben ſo oft ſetzte er ſich uͤber dieſes Vorurtheil hinweg, mach⸗ te Vater und Mutter, deren edle Geſinnungen er beſſer und immer beſſer kennen lernte, zu den Vertrauten ſeiner Herzensangelegenheit und ge⸗ ſtand ihnen ſeine Liebe zu Baͤrbchen. „Wer ſie auch ſein mag“ ſagte der General, „wenn ſie nur ein ehrliches Maͤdchen iſt.“ „Das iſt ſie!“ erwiederte Heinrich—„aber d erſte Augenblick ihres Werdens iſt in Nacht⸗ 8 Dankel gehuͤllt, wie der meinige es war.“ „Sie ſei Dein!“ ſagte der Vater—„muͤ⸗ he Dich, ihren Aufenthalt auszukundſchaften. ,„Und “ 140 —,— „Und wenn ſie in Ketten und Banden ſäße, ſte muß mein werden.“ Dieſer kraftvolle Gedanke begleitete ihn al⸗ lenthalben und ließ ihn mit raſtloſer Thaͤtigkeit g arbeiten, ihren Aufenthalt auszukundſchaften. Beſonders ſeit jenem Tage, da er im Garten des Majors von Iſenburg, bei dem er ſeit ſeinem Avancement zum Offtzzier zu Gaſte geweſen war, ihr Bild geſehen und ſich von der Untruͤglichkeit ſeiner Behauptung: Baͤrbchen iſt des Majors Tochter— uaberzeugt zu haben glaubte, betrieb er dieß eben ſo muhſame, als angenehme Ge⸗ ſchaͤft mit unnmterhrochenem Ileiße und Thaͤ⸗ tigkeit. Ein Monument mit der Inſchrift: Unſerm verlohrten Baͤrbchen gewidmet— in einem Halbzirkel von Zypreſſen hingepflanzt, uͤber wel⸗ chem das Bruſtbild eines dreijaͤhrigen Kindes aufgehangen war, feſſelte ſeine Tritte, als er mit ſeiner wuͤrdigen Gaſtgeberin nach der Tafel im Garten luſtwandelte. Sie hatte ihn ſelbſt da⸗ hin gefuͤhrt. Es war ihr Lieblingsoͤrkchen, wo⸗ ſie taͤglich einige Minuten loeilte, ihrer Melan⸗ cholie ein Opfer zu bringen und dem Andenken ihres Baͤrbchens eine Thraͤne zu widmen. eßender und uͤbereinſtimmender war nichts als die Zuge dieſes Kindes mit denen ſeines ge⸗ er oren Baͤrbchens.„Das iſt Baͤrbchen“ ſagte 141 — er,„bei Gott, Herr Major! ſie iſt es, die 5 Man denke ſich das Erſtaunen der uͤberraſch⸗ ten Aeltern, die in dieſem Augenblicke nichts ge⸗ wiſſer glaubten, als ihre Tochter noch am Leben zu wiſſen. Die Erzaͤhlung der Majorin ſelbſt und eini⸗ ge von ihr angegebene Kennzeichen, die das ver⸗ lohrne Baͤrbchen an den ſichtbarſten Theilen ihres Koͤrpers, an Arm und Wade, trug, machten ſeine Behauptung zur untruͤglichſten Gewißheit. dit vereinten Kraͤften arbeiteten Heinrich und der Major, forſchten und ſtellten allenthal⸗ ben Nachſuchungen an, aber umſonſt!— alles Strebens und Muͤhens ohngeachtet konnten ſie nichts von ihrem Leben und Aufenthalte in Erfah⸗ rung bringen. Heinrich ſcheute keine Koſten. Er reiste da dder dorthin, wo er nur irgend einige Spur zu finden glaubte; alles war vergebens. Vater Braun und Martin, ſein und Baͤrbchens Pflege⸗ vaͤter, leiſteten ihm wackern Beiſtand; aber al⸗ les, was ihm durch dieſe zu Ohren tkam, war ohne Befriedigung. Schon hatte die Bosheit Luͤgen erdacht⸗Baͤrbchen fur Wahnſtunis ausge⸗ geben und in dieſem zerruͤtteten Seelenzuſtande Kraͤutern in der Wildniß umher irren und vor und Wurzeln ſich naͤhren ſehen. — 142 Was Heinrich, Braun und Martin von dieſer Sage hielten, duͤrfen wir doch wohl un⸗ ſern Leſern und Leſerinnen nicht erſt weitlaͤuftig demonſtriren?— Dieſe Perſo nen ſind zu bekannt, als daß vir ſie vielleicht in einem falſchen Lichte darſteuen ſollten. Schon fieng Heinrich an muthlos zu werden, du er ſah, daß ihm alles fehlſchlug. Er wurde traurig, faſt menſchenfeindlich. Bitten, Vor⸗ ſtellungen, Warnungen wollten nichts uͤber ihn vermoͤgen, ſich uͤber Baͤrbchens wahrſcheinlichen Verluſt zu troͤſten. Der General, ſein Vater, that ihm den Vorſchlag zu reiſen, aber er fand keinen Beruf dazu, hatte kein Gefuͤhl fuͤr dieſes an ſich ſo lei⸗ denſchaftliche Vergnuͤgen junger Leute von Stan⸗ de. Was er that, war mehr mechaniſch, nichts enthuſiaſtiſch; ſo ſehr ſchien das Gefuͤhl des ein⸗ und zwanzig jaͤhrigen Juͤnglings abgeſtumpft zu ſein. Alles, was ihm noch einiges Vergnuͤgen zu machen ſchien, war die Geſellſchaft der Majo⸗ rin, mit welcher er faſt taͤglich zum melancholi⸗ ſchen Zypreſſenhain wallfahrtete und dem Bilde des verlornen Baͤrbchens gegen uͤber ſtundenlang unbeweglich ſaß und in duͤſterm Nachdenken bis In die Tiefe der Nacht ſich verlor. gan: 4 Faſt ſchon war ein ganzes Jahr in die Ver b 143 —— gangenheit entſchwunden, ſeit er Baͤrbchen zun letztenmale geſehen hatte, als der Tag an⸗ brach, der Licht und Leben um ihn her verbreiten ſollte. Das Vordringen einer Raͤuberbande im In⸗ nern des Landes hatte Veranlaſſung gegeben, mehrere Regimenter aufzubieten, dieſem Unwe⸗ ſen Einhalt zu thun. Das Regiment ſeines Va⸗ ters ſtand mit auf der Liſte und erwartete mit je⸗ dem Tage Ordre zum Aufbruch. Sie kam. Wer war froher, als Heinrich!— Von neuen Hof⸗ nungen Alebt, ſchwand ſein Unmuth bei der Nachricht, das beſtimmte Kommando binnen zwoͤlf Stunden in Marſch zu ſetzen. Heinrich eilte zu ſeinem Vater, bat, ihn zu dieſer Expedition kommandiren zu laſſen und er⸗ langte, obgleich mit einigem Unwillen, Gewaͤh⸗ rung ſeines Geſuchs. Mit anbrechendem Tage ruͤckte das Kom⸗ mando unter dem Befehl des Majors von Iſen⸗ burg ſelbſt aus; Heinrich war an ſeiner Seite. Noch ehe es Abend wurde, erreichten ſie die*&* Waldungen, die der Gegenſtand ihrer Wirkſam⸗ keit ſein ſollten. Das Kommando theilte ſich in mehrere Haufen. Alle Ein: und Ausgaͤnge des Waldes wurden hinlaͤnglich mit Soldaten beſetzt; mehrere Pikets durchſtreiften das Innere deſſel⸗ ben und der Major legte in jedes der darlanen 144 befindlichen Wirthshaͤuſer hinlaͤngliche Beſa⸗ tzung, er ſelbſt aber nahm ſein Auaftier in naͤch⸗ ſten Dorfe. Niemand war thaͤtiger„ als Helnyich. Ein geheimes Gefuͤhl ſagte ihm, daß er auf dem rechten Wege war. Er ſcheute keine Gefahr, ſo groß ſie auch ſein mochte; denn die Bande war groß und hatte ſich, den eingegangenen Nach⸗ richten zu Folge, tief im Innern des Baldes auf einen Haufen zuſammen gezogen. Mehrere Pikets waren ſchon mit ihnen ins Handgemenge gekommen, hatten aber bald mit ſehrch ringem Vortheil, bald mit einigem Verluſt der Ueber⸗ macht weichen muͤſſen. Nur hier und da waren ſie ſo gluͤcklich geweſen, einzelne Gef ngene zu machen, wovon aber bei naͤherer Unterſuchung mehrere wieder freigelaſſen werden mußten, weil ihre Paͤſſe richtig befunden wurden und man nichts auf ſie zu bringen vermochte. Schon hatte es den Anſchein, als waͤre das Kommando umſonſt in die umliegende Gegend geruͤckt; denn faſt ließ ſich kein Menſch ſehen, der verdaͤchtig und der oͤffentlichen Sicherheit ge⸗ fährlich geſchienen haͤtte; ſchon ſank Heinrichs Muth von neuem und die ſchoͤnen Hofnungen, die ſeine Seele erfuͤllten, mit jedem ſchwinden⸗ den Augenblicke ins Meer der Nichtigkeit dahin als mit einemmal die Ordre kam, aufzubrechen, der ◻ &☛ ☛ „X2 2 der Grenze naͤher zu ruͤcken und ſich der An⸗ hoͤhe zu bemaͤchtigen, welche die Asr und 1* Grenzen bezeichnete und wegen der Gerechtſa⸗ me zweier Laͤnder uͤber den daſelbſt erbauten Gaſthofe einſeitig nicht beſetzt werden konnte. Der kommende Morgen war beſtimmt, dieſen landesherrlichen Befehl zu vollſtrecken und ſich den Grenzen naͤher zu ziehen. Erſt am andern Tage erreichten ſie das vorgeſteck⸗ te Ziel, vereinigten ſich mit dem zu dieſer Ex⸗ peditton gleichermaſſen beorderten un Kom⸗ mando, beſetzten die Anhoͤhe und drangen von allen Seiten in den Gaſthof ein, mußten aber unverrichteter Sache wieder abziehen, weil ſie nichts fanden. Jedoch legte der Ma⸗ jor von Iſenburg einige Beſatzung dahin und ſtreifte laͤngs den Grenzen elnige Meilen hin und her. Dieß dauerte mehrere Tage ohne weiterm Erfolg. Heinrich ſtand an der Spitze eines Haͤufleins von zwanzig Mann, die alle be⸗ herzte Leute waren. Mit dieſen drang er vor⸗ waͤrts, umgieng die nahen Waldungen und ſtieß auf ein iſolirtes Wirthshaus, das ihm verdaͤchtig ſchien, weil er beim Eintritt einige Maäͤnner fand, die ihm nicht Rede ſtehen wollten. Er ließ ſie arretiren, beſetzte die Hirtenm. K Aus⸗ 146 Ans⸗ und Eingaͤnge, ſtellte Wachen aus und durchſuchte das Haus von innen und von außen. Er fand in den dunkelſten und ab⸗ gelegenſten Theilen deſſelben Faͤſſer und Kiſten mit geraubten Kaufmannswaaren und war ſo gluͤcklich, ſich dem Ziele ſeiner Wuͤnſche zu naͤherr. Er umgieng das Haus und fand am hinterſten Theile deſſelben ein Gitterfenſter. Dieß machte ihn aufmerkſam. Er ſtand ei⸗ nige Minuten und uͤberlegte, was er thun wollte, als mit einemmal eine Stimme ihm entgegen toͤnte und um Huͤlfe und Rettung ſliehte. Da das Fenſter ziemlich hoch und von innen nicht geoͤffnet war, konnte er auch nicht wahrnehmen, wer dahinter ſtand; aber eine weibliche Stimme war es und der Gedanke: Wenn das Baͤrbchen waͤre!— befluͤgelte ſei⸗ ne Schritte. Er eilte ins Haus zuruͤck, noͤthigte den Wirth, den er bereits als Arreſtanten bewa⸗ chen ließ, ihm alle Zimmer des Hauſes zu oͤffnen und bei ſchwerer Verantwortung nichts zu verſchweigen. Himmel! welch' eine Freude— Kaum waren die Fluͤgelthuͤren des Zimmers aufge⸗ riſſen, als mit einem lauten Schrei diejeni⸗ . g2 — 147 —— ge ihm in die Arme ſtuͤrzte, die er ſo lan⸗ ge vergebens geſucht hatte. Baͤrbchen! und Heinrich! toͤnte wechſelweiſe und ihre Lippen hiengen an inander, ihre Arme waren um⸗ ſchlungen, wie ihre Seelen verkettet und vom Uebermaß der Freuden des Wiederſehens be⸗ rauſcht und in ſich verlohren. —— Baͤrbchen in den Schoos ihrer Familie zurüͤckzufuühren, war uun Heinrichs erſter und der zunaͤchſt ſtehende, unmittelbar damit ver⸗ bundene, Gedanke, ſie als ſeine Gattin zu erkennen und an den Stufen des Hochaltars ihr den Schwur ewiger, unverbruͤchlicher Treue zu ſchwoͤren. Er eilte und uͤbertrug das Kommando ſeines Haͤufleins einem Korporal, den er zur Bewachung der Arreſtanten und vorgefunde⸗ nen Effekten mit zehen Mann bis auf wei⸗ tere Ordre zuruͤckließ, einige ſchickte er vor⸗ aus, den Major davon zu benachrichtigen und um ſeinen Wagen zur Einholung der gemach⸗ S ten, ihm ſo willkommenen⸗ Beme erfuchen zu laſſn, er ſelbſt aber verfolgte mit dem Reſt ſeiner Leute den Weg gerade darch den Wald nach dem Hauptlager, von o aus er 4a 149 ſie unter hinlaͤnglicher Bedeckung in die Ar⸗ me ihrer Mutter zu fuhren gedachte. Dieß geſchah. Heinrich und Baͤrbchen ka⸗ men gluͤcklich im Standquartier zu*nx an, wohin der Major ihnen einige Tage derauf nachfolgte. Er war ſo gluͤcklich geweſen, ei⸗ nen Theil der Bande aufzuheben, ihre Raub⸗ neſter zu zerſtoͤren und was er nicht hatte in ſeine Gewalt bekommen oder mit dem Schwerdte vernichten koͤnnen, durch die Flucht zu zerſtreuen. Wer war gluͤcklicher, als Heinrich und Baͤrbchen?— Wer ſah mehr Freude, Zufrie⸗ denheit und Wonne in ſeine Wohnung zuruck⸗ kehren, als der Major von Iſenburg und ſei⸗ ne Gamahlin?— Baärbchen war ihre Toch⸗ ter!— Alle Erzaͤhlungen, alle Nachrich⸗ ten waren ubereinſtimmend, alle Merkmale und Kennzeichen vorhanden und deutlich und alle Zuge und Lineamenten die naͤmlichen, wie ſie im Bruſtbilbe des dreijaͤhrigen Baͤrb⸗ chens waren. Mehr aber als alles beſtaͤttigte das Ge⸗ ſaͤndniß des raͤuberiſchen Wirths, den Heis⸗ rich bei dieſer Gelegenheit in ſeine Gewalt bekommen hatte. Baͤrbchens wuͤrkliche Geburt une Abſtammen. Er war es, der ſie ohn⸗ weit 149 weit ihres Schloßgartens vor vierzehn bis fuͤnfzehn Jahren geraubt und einige Zeitlang in Geſellſchaft einer luͤderlichen Weibsperſon, die, wie er damals, ſich vom Betteln ge⸗ naͤhrt, mit ſich im Lande herumgeſchleppt, ihrer aber und des Bettelns uͤberdrußig, ſie zuſammt dem Kinde hatte ſitzen laſſen, wor⸗ auf dann das kleine Baͤrbchen zu dem Hirten gekommen war, den wir als ihren Pfegeva⸗ ter kennen gelernt haben. Faſt die ganze Zeit her hatte er ſich in der Naͤhe dieſes Doͤrf⸗ chens aufgehalten, zu den Raͤubern geſellt und zuletzt dieſes Haus bezogen, wo er unter dem Namen des Wirths nichts als luͤderliches Geſindel, Bettler und Raͤuber beherbergt hatte. Er ſelbſt war es, der unter der Geſtalt des alten Muͤtterchens das ſchuldloſe Baͤrbchen ih⸗ rer friedlichen Hirtenwohnung zu entreißen und in ſeine Gewalt zu bringen gewußt, ſelbſt Abſichten auf ſie gehabt und ſie ſeinen Luͤ⸗ ſten und Begierden auf die ſchon bekannte Weiſe geneigt zu machen geſucht hatte. Er bat um Eaung aber ſte wurde ihm von Seiten der erechtigkeit nicht ge⸗ waͤhrt und er als ein, der oͤßentlichen Si cherheit⸗ gefaͤhrlicher Mann zu behsdis ger Gefaͤngnißſtrafe verurtheilt. —.— 150 — neche gan war die Zteude und dns Leiden ſo uͤber alle Prnarenag ent⸗ igt fullſen Alles nahm mit dem waͤrm⸗ Bafnnung ugfer berion nen un bekannt zu machen ſie Alienthalben als die Verlobte des nngen Grafen: Heilzich von Anſeburg zu prafentiren und alte⸗ die Freunde und Be⸗ kannte waren, in ihrer Verbindung einzu⸗ laden.. 8— Der Tag, an dem Baͤrbchen von Iſen⸗ burg einſt den Armen ihrer Aeltern entriſſen wuͤrde, machte ihrer jungfraͤu K. Wallfarth ein Ende. Heinrich und Baͤrbcheu belohnten einander gegenſeitig die Rettung hres Lebens, reichten ſich die Hand am Altar und verſie⸗ gelten das Band ihrer Herzen dar ch die hei⸗ ligſten Schwuͤre unverbruchlicher Treue. Va⸗ ter Braun„ Martin d Eochen waren Zeu⸗ gen dieſer feierlichen Han lung, nahmen Theil an den Freuden dieſes„ſtes, das um ſei⸗ ner Seltenheit willen acht ganze Tage dauer⸗ te und erfreuten ſich lange der Gnade und Freuußſchafts Heinrichs und Barbchens von — ——