3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von„. 3 4 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 LCeih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ein⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 Uhr r Abends 8. Uhr offen. Ne jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgr: 4 Leihbibliothek 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4 auf 1 Monat: 1Nk. Pf. 1 M 55 Pf. 2 N. Ff. 1 8 u.„ I„ã. u1—„ 1—. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defscte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der keſer jum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Aus. 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das l der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 54 2 * 3———— leinlezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſett und Vien eiterverleihen 4 —— Das Jaͤger⸗Maͤdchen von Carl Gottlob Cramer Verfaſſer de s Erasmus Schleicher. Zweite verbeſſerte Auflage. Zweiter Theil. Arnſtadt und Rudolſtadt, 1800. bey Langbein und Kluͤger. * Qude te canque domat Penus, Non erubeſcendis adurit Ięnibus, ingenuoque ſemper Amore peccas.— Hok. Vorrede. Die ihr, in ſtolzem Uebermuth, Kaum mit dem Kopfe nickt, Wenn euch, mit tief gezuͤcktem Hut, Ein Mann in's Auge blickt— Ein Mann, der ſeine Wuͤrde fuͤhlt, Und doch— ein Maͤdchen gruͤßt, Das, ob's gleich eine Rolle ſpielt, Doch nur— ein Naͤdchen iſt— Und ohne Herz, und ohne Sinn Da kalt voruͤber geht, Wo unerſetzlicher Gewinn Des Lebens Faden dreht— Der Etikette Poſſenſpiel, Von der Mamma kopirt, Als waͤr dieß eures Lebens Ziel, Treufleißig memorirt— ———— — IV— Ein ſchmachtend Gaͤnſebluͤmchen traͤnkt, Und mit dem Monde ſchwaͤrmt, Und kalt von einer Sache denkt, Die ſelbſt den Wilden wärmt— Und, ohne Freud', und ohne Schmerz, Mechaniſch fuͤhlt und liebt, Wenn's wo— nicht juſt zwar Kopf 3 und Herz, Nur Rang und Ahnen giebt; Weg! weg!— Wer meine Buͤcher lieſt, Des Herz ſey nicht von Stein. Ich mag von euch ja nicht gegruͤßt, Und nicht geleſen ſeyn! Weg! weg, auch du aus anderm Blut' Als ich entſproßner Mann, Du mit dem ſchoöͤnen Treſſenhut' Und großen Klunkern dran; Der du ſo zaͤrtlich in der Welt Nichts als dich ſelber liebſt, Dem Salomo ſelbſt— bis auf's Geld, Noch aufzurathen giebſt; 85 — — V— Entſcheidend ſprichſt, als wie ein Buch Voll Evangelium, Und waͤhnſt, du waͤrſt alleine klug, Wir andern alle dumm; Beim Fehlerlein im Poſſenſpiel Dich ungeberdig ſtellſt, Und— wenn ein ſchwaches Maͤdchen fiel, Dein Urteil lachend faͤllſt; Und ſeelenlos am Narrenſeil Der Etikette tanzt, Die ſich im ſichern Hintertheil Der Fuͤrſtengunſt verſchanzt;— Volk!— das ſein Spiel ſo ruhig ſpielt, Und— ach! ſo gluͤcklich iſt Indem es ja nicht einmal fuͤhlt Wie ſo ganz nichts es iſt— O, Volk!— doch, was erhitz ich mich?— Weg! weg, von dieſem Buch! Denn, oft ſchon allarmirte dich Mein kuͤhner Federzug. —j.—— —— Nimm es fuͤr Wahrheit oder Scherz— Sey boͤſe oder gut— Was kuͤmmerts mich?— Ich hab' ein Herz, Ein ruhig Herz voll Muth. Nur hinterwaͤrts— da komm mir nicht! Ich kenne meinen Feind; Und— wiſſe!— meine Stimme ſpricht So weit die Sonne ſcheint.— Ihr, die ihr edel fuͤhlt und denkt, Und ohne Maske mir Ein ſuͤß Erholungsſtuͤndchen ſchenkt, 9! ſeid willkommen hier! Die Ihr die Tugend ſchaͤtzt und liebt, Und deutſcher Redlichkeit— Wo's irgendwo noch welche giebt— Euch auch im Bilde freut; und Wuͤrde nicht nach Ahnen meßt, Verdienſte nicht nach Gold, Und gern einmal Kartoffeln eßt, Wenn's Dank der Armen zollt; „ — VII— Nicht nach Geluſt der Lieb' hoſtrt, Nein!, Euer Herz ihr weiht, Und uͤberhaupt, wie ſich's gebuͤhrt, Sonſt gute Leute ſeid; Fuͤr Euch betruͤg' ich herzlich gern Den Schlaf um manche Nacht, Und wenn der liebe Morgenſtern Mir in die Dinte lacht, So denk' ich: frent es Jene doch, Was dir der Schlaf verſcheucht. Und nie hat eine Klage noch Die Wange mir gebleicht; Und acht' es nicht, ob heller Schweiß Mir auf der Stirne ſteht, Indeß ſo mancher Naſeweis Fuͤr mich ſpatziren geht; Am Lombertiſche mancher Mann Die ſchoͤne Zeit verſpielt, Und aͤrgerlich ſein Muͤthchen dann An Subalternen kuͤhlt. — vIII— Fuͤr Euch, die Ihr was Laune ſpricht, Verſtehn wollt, und verſteht, Und kalt und unbefriedigt nicht Von meinem Buche geht— Fuͤr Euch, fuͤr Euch lebt's ſich ſo ſchoͤn In mancher graußen Nacht, Wenn auch die Spieler ſchlafen gehn, uUnd nur der Weiſe wacht; Und, wenn mein Leben einſt verrinnt— O, Wonne!— leb' ich doch, Wenn alle die vergeſſen ſind, In Euren Herzen noch. C. G. Eramer. —— 4 Erſter Abſchnitt. Genoſſen— oder ungenoſſen;— Die Stunden eilen pfeilſchnell hin, Und mitten in der Liebe Freuden, Sind auch der Liebe grimme Leiden, Fuͤr den, der ſie genießt, Gewinn. —Oͦ—r Erſtes Kapitel. CEur i ſ i s d er ee be. S. ein ſeltſames Ding es mit der Lieb“ überhaupt iſt, da man in den Zeiten des liebefaͤhigen Menſchenlebens nicht weiß, wo⸗ her ſie kommt, noch wohin ſie faͤhrt, und doch ihre Macht empfindet; ſo, wie man, ohne dieſes beides zu wiſſen, das Braußen des Windes hoͤrt; eben ſo ſeltſam, und oft ſeltſamer noch aͤußert ſich die Criſis derſel⸗ ben bey verſchiedenen Menſchen— Der ei⸗ ne laͤuft wie toll umher, der andre vergraͤbt ſich wie der Dachs im Winter, als ſchaͤmt' er ſich ſeiner Natur, und ber ihr eigenen Schwaͤchen.— Der eine zankt mit der gan⸗ zen Welt, der andre moͤgte die ganze Welt, vom Engel bis zum Ziegenbock', im bruͤn⸗ ſtigen Entzuͤcken umarmen.— Der eine ſchreit A2 3 — — 4— und jauchzt andern ehrlichen Leuten die Ohren ſo voll, daß ſie ſelbſt toll werden moͤchten, der andre heult wie ein Quintaner, der den Spruch beten ſoll, oder ſitzt und ſtiert die Waͤnde an, als wollte er Loͤcher hineinſehen; der eine macht proſaiſche Verſe, der andre poetiſche Proſa— kurz, etwas ſonderbares, ihm ſonſt nicht gewoͤhnliches, thut jeder um dieſe Zeit, wenn die Liebe durchbricht, es ſey auch was es wolle! Jeder nach ſeiner Art! oder vielmehr nicht nach ſeiner Art, denn was er in dieſen Umſtaͤnden thut, iſt von dem, was er unter andern thun wuͤrde, immer gerade das Gegentheil.— Der Gei⸗ tzige verſchwendet; der Verſchwender wird genau.—. Der Feige hat Herz im Leibe wie ein Loͤwe; der Held erſchrickt fuͤr einem fal⸗ lenden Eichblatte.— Der dumme Teufel verwundert ſich uͤber die Aufhellung ſeines Verſtandes, wie ſich einſt der heilige Pau⸗ lus uͤber das Licht wundern mogte, welches ihn auf einmal unverſehens umleuchtete; und der Weiſe— ſteht da wie vernagelt, und zennt ſich ſelbſt nicht mehr;— er, der ſich vermißt, alles zu kennen; er, der alles zu wiſſen glaubt, weiß nicht wie ihm geſchah, nicht wie oder wo er ſich helfen ſoll; er, der bey andrer Leute Krankheiten, mit ſei⸗ ner Univerſal⸗Medizin immer ſogleich bey der Hand iſt, und ſie, als das leichteſte und ſicherſte Mittel wider alle innere und aͤußere Schaden der Menſchheit anpreißt, wie der Marktſchreier ſeine Pillen, und nicht begrei⸗ fen kann; wie nicht jeder ſie mit Heißhun⸗ ger verſchlucken, und ihre ganz unbezweifelte Wuͤrkung empfinden muͤſſe?— Ey, ſo ſchlucke doch ſelbſt jetzt, du allmaͤchtiger Mann! den nichts uͤberwinden ſoll, und nur die einſtürzende Welt unter ihre Ruinen begraͤbt— ſo ſchlucke doch! Du haſt's ja aus der erſten Hand, und kannſt dir's alſo reeccht maulrecht machen.— Es iſt zum La⸗ chen! Er, der uͤber alles lacht, geberdet ſich in dieſer Criſis oft am laͤcherlichſten! Juſt wie der Knabe, der, ſeinen hochgeprießnen Himmelsweg in der Hand, geradewegs der —— Naſe nach, auf die ſogenannte Höͤlle zuſchlen⸗ dert, aus vollem Halſe ſein: ich bin ein Chriſt! aus dem Buche herbloͤckt, und— wenn ein ehrlicher Mann ihn an die Wider⸗ ſpruͤch' in ſeinen Worten und Thaten erin⸗ nert, mit dummen Teuſeln um ſich wirft. — Auch der ſolideſte Mann, der weder mit Staͤrke prahlt, noch mit Schwaͤche beladen, den Pfad des Lebens einhertorkelt, ſondern in jeder Epoche, beſonders aber an den ſo⸗ genannten lateiniſchen Zeilen, wo mancher ſtolpert oder ausglitſcht, herzhaft Schritt haͤlt auch der ſolideſte Mann zeigt hier, daß er Menſch iſt, und macht— wenn auch nicht was dummes, doch wenigſtens etwas, was er ſonſt nicht gemacht haben wuͤrde; — wenigſtens etwas, woruͤber ſeine Freun⸗ de nicht gern urtheilen, und die Feinde gern lachen moͤchten, wenn nicht ſeine vorigen Hand⸗ lungen ihn in Reſpeet geſetzt haͤtten.— Es kommt mir juſt vor, wie bey den Kindern, wenn ſie zahnen. Da wiſſen ſie nicht was, oder wo es ihnen fehlt, und ſind — 7— ſo ungeduldig, daß Mutter und Amme zum Hauſe hinauslaufen moͤchte.— So iſt's auch mit den Menſchen, wenn die Liebe ihr Un⸗ weſen in ihren Herzen zu treiben anfaͤngt. Sind die Zaͤhne durchgebrochen— je nun, dann weiß das Kind, was es damit machen ſoll, zeigt ſie jedem, der ſie nur ſehen will, und beißt in ſeine Butterbaͤmme nach Her⸗ zens Luſt.— Hat's der Menſch einmal weg, was es fuͤr ein naͤrriſches Ding iſt, die Lie⸗ be; ſo lernt er ſich auch bald drein finden, und weiß ſie zu applieiren; denn das giebt die Natur eben ſo, wie bey dem Kinde, welches perfect weiß, was es mit der But⸗ terbaͤmme machen ſoll— ſobald es fühlt, daß es Zuͤhne hat.— Unſre zwey Leutchen haben wir nur flüch⸗ tig, im Fluge der Geſchichte geſehn, und— es ſchien doch vielleicht dieſem und jenem, der in dergleichen Schuhen ſchon geſteckt hat⸗ te, mit ihnen nicht richtig zu ſeyn. Ich ſelbſt— der ich es zwar nicht meiner Mutter klagte(wie Henriette der erfahrnen Genera⸗ lin) als mich der kleine blinde Bube das er⸗ ſtemal weidewund geſchoſſen hatte, ſondern — der Sach' ihren Lauf ließ; ich ſelbſt, dächt ich wollte ſicher darauf weiten, daß ſie beyde in einerley Umſtaͤnden waͤren; und zwar alſo— welches bey ſolch einer Sache das beſte iſt— in ſehr guten; es waͤre denn— heißt es in der Eheordnung, daß ſich noch Nebenumſtaͤnde aͤnden, die ganz unvermuthet die gute Sache wieder verſchlimmerten;— wie denn dieſes, beſonders in dieſem Falle, wo der Himmel anfangs immer voll Geigen zu haͤngen pflegn, ſehr oft der Fall iſt. Alſo wollen wir ſie denn doch ein biechen naͤher beaugapfeln, um mit ihnen und ihren Angelegenheiten ein bischen vertrauter zu werden, und ſie, fuͤr die Folgezeit der Geſchichte, recht und rich⸗ tig auf dem Korne zu haben.— Henriette macht es uns nicht ſauer, den Gang der Geſchichte ihres Herzens zu belau⸗ ſchen; denn, ſo wenig wir uns auch eine kom⸗ — 2— plette gruͤndliche Kenntniß aller Weiber zutrauen, ſo ſchmeicheln wir uns doch, ganz gewiß; ein verliebtes Maͤdchen, von ei⸗ nem andern ſiſchbeinernen Aeffchen unter⸗ ſcheiden zu koͤnnen, welches die Liebe ſyſtema⸗ tiſch, und gleichſam als ein Brodſtudium treibt. Es iſt auch gar nicht ſchwer, und wir wuͤrden uns, in unſrer Lage, ſehr übel befin⸗ den, wenn uns nicht manche andre weit ſchwerere Menſchenkenntniß gegluͤckt waͤr'.— Wenn ein ſonſt lebhaftes Maͤdchen wie im Traume herum ſchleicht, und doch nicht über Langeweile klagt— wenn es den Kopf haͤngt, und doch keine Kopfſchmerzen hat— wenn es das Maͤulchen kaum aufthun kann, und doch nicht mit den lieben Zaͤhnchen broullirt iſt— wenn es, auf die Frage: was fehlt Ihnen? mein Engelchen! Nichts! antwor⸗ tet, und doch eine Thraͤne zwiſchen den Au⸗ genliedern zerdruͤckt— o! dann läͤßt ſich's ja ſchon mit ziemlicher Gewißheit ausrechnen, wie viel es in ihrem Herzen geſchlagen hat. Hat ein's nun vollends ſo viel Natur, und ſo — 10— wenig Verſtellungskunſt als Henriette— macht es ſolche Bocksſpruͤnge, und klagt es der Mutter oder der Tante, oder ſonſt einer guten Freundin, wie dieſe, weil es nicht weiß, was ihr fehlt, oder wo das Dings ſitzt, oder was damit anzufangen iſt, und— wiſcht ſich, ſo zu ſagen, ſchon das Maͤulchen, ehe es was genoſſen hat?— dann brauchen wir weiter gar kein Zeugniß, ſondern ſprechen es, mit eben ſo viel Zuverſicht, wie der Jaͤger ſeinen Hirſch, wenn er beitritt und hinter⸗ laͤßt, auf den erſten Blick der Faͤhrde, fuͤr feiſt und jagdbar anſpricht, für verliebt an, und riſkiren eben ſo wenig eine Naſe vom Menſchenkenner, als jener von ſeinem Ober⸗ foͤrſter, oder ſonſt hohen Obern. Und wie ſah es denn mit unſerm Jaͤger aus?— Hat er denn ſchon mehr ſolche Maͤd⸗ chen geſehn? huckte ſeine Buͤchſe auf, und gieng ſeine Straße? oder— umarmte ſich hier, in einem gluͤcklichen Augenblicke, Sehnſucht und Herzensgute ſo ſchweſterlich daß Hader und Neid, und Stolz und Eigennutz, — und alle Daͤmonen der leidigen Convention, wie ſie nur Namen haben moͤgen, die ſich ſo gern in dergleichen Ergießungen der Men⸗ ſchengefuͤhle miſchen, und ſie dem armen Sterblichen, dem die guͤtige Natur ſie zum einzigen Labſal auf ſeinem muhvollen Pfade gab, ſo zu verbittern ſuchen, daß er oft ein in dieſem Betrachte gluͤcklicheres Thier zu ſeyn wünſchen moͤgte, welches allein ſeinem In⸗ Kinkte folgt, und ſich den Henker um das wien? oder wo? kuͤmmert, welches allein im Grun⸗ de den Menſchen zum vorzüͤglichern Thier, und zu ſeinem Herrn machte— daß alle dieſe verwuͤnſchten Daͤmonen, deren Ge⸗ ſchlecht mit dem Jahrhunderte waͤchſt, da es doch mit dem Wachsthume der Vernunft eigent⸗ lich abnehmen ſollte— daß alle dieſe Daͤmo⸗ nen, ſage ich, den Muth, und das Vertrquen auf ihre furchtbare Macht verlohren, und geſchreckt durch die Feſtigkeit der Herzensgüte, ſich in ihren ſichern Hinterhalte zuruͤckzogen, wo ſelbſt der maͤchtigſte Fuͤrſt, und die noch mächtigere Weltweisheit ihnen nicht beyzu⸗ — kommen im Stande iſt?— Hier laßt uns einige Augenblicke verweilen, und doch ſehn, ob und was er für Gefühl hat? und was er mit dieſem Gefuͤhl', oder was es mit ihm macht? denn in ſolchen Umſtaͤnden iſt es leider damit wie man eine Hand umwen⸗ det.— Den Unvernuͤnftigen macht es zu⸗ weilen vernuͤnftig; aber auch ſehr oft den Vernuͤnftigen unvernuͤnftig.— Es iſt damit wie mit der Belladona: ſie toͤdtet, und ret⸗ tet vom Tode. Wie betrug er ſich denn dabey?— Die⸗ ſes iſt wohl die natuͤrlichſte Frage, welche ei⸗ ner hier aufwerfen kann; und daraus koͤnn⸗ ten wir eigentlich ſchließen, wie es unter dem Riemen ſeiner Jagdtaſche ausſah, wenn wir es nur wuͤßten. Aber— er war ja allein! und wenn man allein iſt, ſo pflegt man na⸗ turlicherweiſe keine Zeugen um ſich zu haben, die ſo etwas bemerken, und andern Leuten wiederſagen— alſo auch mir es, im Ver⸗ trauen wenigſtens, geſteckt haben koͤnnten. Naturlicherweiſe!l hab' ich geſagt; aber 8 — 2 8X — 13—. — ich habe oine Art von Spiritus Fa⸗ miliaris, wie es die Alten nannten, der mir allerhand ſolche Sachen, welche andre Men⸗ ſchen— wie man zu ſagen pflegt, aus den Fingern ſaugen, auf dem Nagel hererzaͤhlt; alſo— gelt! ich werd's wiſſen?— Mein Spiritus familiaris. * Itt gar ein naͤrriſcher Kauz, und wohl werth, daß ich ihm hier eine ganz beſondre Rubrik widme; denn er hat mir wirklich ſchon viel Spaß in der Welt gemacht, und macht mir deſſen noch täͤglich eine ſo große Menge, daß ich noch lange darüber zu lachen und dar⸗ an zu ſchreiben haben wuͤrde, wenn mich nicht meine Lunge und— das Papier dauer⸗ te.— Da giebt's denn ſo manche Menſchen in der Welt, die es ſchlechterdings nicht begrei⸗ — — — — 14— fen koͤnnen, wie ich ſo mancherley weiß, wor⸗ auf ich doch eigentlich nicht ſtudirt habe, ſo mancherley, was ich doch nie gehoͤrt, oder mit Augen geſehn, und ſo manchen Men⸗ ſchen von der Wurzel aus kenne, den ich nie geſehn— und mit dem ich nicht. einmal eine Bratwurſt, geſchweige denn eine Metze Salz verzehrt habe;— manche meinen ſogar, weil ſie es nicht begreifen können, als ſpraͤch ich von dieſer oder jener Sach', oder von dieſem oder jenem Menſchen und ſeinen Verhaͤltniſ⸗ ſen zur wuͤrklichen Welt, wie der Blinde von der Farbe; und das iſt doch, ſo wahr Gott lebt! nicht wahr; aber= das iſt er eben, der kleine Schelm, der mir alles einblaͤßt; das iſt er eben!— Nun, nun!— werden Sie nur nicht gleich ſo roth wie ein Butterkrebs, mein lie⸗ bes Mammſellchen! Ich ſage deswegen juſt nicht alles, was ich weiß. O, bewahre! Da waͤr ich ja ein haͤßlicher Kerl.— Machen Sie mir nur nicht gleich ſo ein grimmiges Geſicht, mein liebes Madamchen! die Sie mit Mora⸗ 2 +—**8—2—— 2⏑8—Amn litaͤt und Grundſäͤßeen um ſich ſchlagen, wie der Bettelmann mit ſeinem Stocke, damit Sie die Gaſſenjungen nicht mit ihrem unge⸗ zognen Gelaͤchter anfallen ſollen— machen Sie mir nur kein ſo grimmiges Geſicht, als wollten Sie mir die Augen aus dem Kopfe kratzen, Sie! mit dem furioͤſen Herrſcherblick; ich ſag's nicht: daß es— mit Ihrer Mo⸗ ralitaͤt, und mit Ihren Grundſaͤhen— nichts iſt! und Sie ungleich beſſer thaͤten, und ſich wenigſtens die Verachtung des rechtlichen Mannes erſparten, wenn Sie es machten wie der ehrliche Zoͤllner, an Ihre reſp. Bruſt ſchluͤgen, und ſpraͤchen: ich bin ein armer Suͤnder! denn— ſo haͤtte man doch nicht die Aergerniß: von Ihnen fuͤr dumm gehalten zu werden, und— ließ Sie ſchleichen. Lie⸗ ber Himmel! wie manches Weib muß man ſchleichen laſſen.— Indeß denkt man: je nun — ihre Leibes⸗Conſtitution bringt es nicht anders mit ſich! und iſt deßwegen eben nicht boͤſe auf ſie; wenn ſie nur nicht, wie geſagt, unſereinem eine Naſe zu drehn gedenkt.— 1 Und auch Sie, Madam! die Sie ſo ſtolz wie der Pfau einherſegeln, ziehn Sie mir nur nicht gleich ſo eine haͤmiſche Naſe.— So wahr ich leb'! ich ſag's nicht: daß wenn die Katze nicht daheim iſt, die Maus ihren Lauf hat. Verſtehn Sie mich?— Und Du dort — huh! was fauchſt Du mich ſchon an, da ich von meinem Familiengeiſte rede? Sey Du ganz ruhig! Ich ſag's warlich nicht: daß es nicht eher beſſer wird, als bis derjenige, der die Bauern richten, und ſie Mores lehren ſoll, nicht ſelbſt ein Bauer iſt;— denn, was gehys mich an?— Ich ſag's nicht! Du dort, der Du Dein Reſtchen lumpige Weisheit wiederkaͤueſt, wie der Ochſe das verlegne Heu — warlich! ich ſag's nicht: daß Dir ein Schinken lieber iſt, als deine Pflicht; denn — es will's ja niemand hoͤren! Laß Du Dir ihn in Gottesnamen recht herzlich ſchmecken, und wohl bekommen, wenn Dein Gewiſſen Dir ihn nicht verſalzt, oder zum apokalyptiſchen Buch' im Magen macht; ich mag nicht mit eſſen!„ — 17— Das iſt doch aber ein Teufelskerl der spiritus familiaris; und— wie ſieht er denn aus? Ja!— wie es denn nicht immer in der Welt auf's Aus⸗ oder Anſehn ankommt, ſo iſt es auch hier. Kaͤm es auf dieſes an, ſo guͤb kein Menſch eine taube Nuß fuͤr ihn; aber— es muß ohne Zweifel ſo ſeyn! Je unbemerkter, je gluͤcklicher der Lauſcher, heißt es gewiß in ſeinem Catechismus; und darum iſt's ihm noch niemals eingefallen, ſich in einen großen Herrn, oder ſonſt was merk⸗ würdiges zu kleiden. Uebrigens iſt ſeine Ge⸗ ſtalt und Form immer ſo, wie es ihm zu ſei⸗ nem jedesmaligen Endzwecke(den er deßhalb auch nie verfehlt) am bequemſten iſt.— Als Spitzmaͤuschen durchſtankert er Archibe, wel⸗ che keinem Ungeweihten offen ſtehn;— als Gimpel huͤpft er in den dunkeln Buͤſchen um⸗ her, und belauſcht die Maͤdchen;— als Haus⸗ Käͤtzchen ſchleicht er denen Madamchens in's einſame Zimmerchen nach, wo eben, wie ich ſchon erwaͤhnt habe, wenn die Katze nicht da⸗ II. B — 18— heim iſt, die Maus ihren Lauf hat; er iſt ſo⸗ gar ſo verwegen, ſich, als Fliege, dem Koͤnig' auf die Naſe zu ſetzen, oder in der Lock' ihm ums Ohr zu ſummen, um recht geuau zu hoͤ⸗ ren, was ſeine Guͤnſtling' ihm einſchwaͤtzen. Und wenn er ſo ein Tauſendſapperloter iſt, ſo glaubt ihr doch wohl, lieben Leutchen! daß er mir ſagen kann, was der Jaͤger dort trieb, als Henriette auf und davon ſprang?— Sieh! ſieh!— dort das Eichhoͤrnchen, auf dem Baum', unter dem Henriette ſchlief— ſeht ihr's?— Seht! es wollt' eben ein Nuͤßchen knacken, nimmt es aber bedaͤchtig wieder aus dem Maule— haͤll's in dem Pfoͤtchen— ſpitzt die Oehrchen, und horcht.— Das iſt er!— Und, was gilt die Wette? nun werd' ich's gleich erfahren, auf was er horcht.— Der Jaͤger ſpricht mit ſich ſelbſt! Aha!— Was brauchen wir alſo weiter Zeugniß vom Zuſtande ſeines Herzens? denn niemanden in der Welt ſind doch die Mono⸗ logen ſo ganz beſonders eigen, als den Ver⸗ liebten, ſeitdem die Unterhaltungen mit dem n u—2uͤ—— 8 g — — 19— lieben Monde, dem Himmel ſey Dank! ſo ziemlich aus der Mode gekommen ſind. Und — hab'ich's nicht geſagt, daß jeder Menſch, in dieſen Umſtaͤnden, wo nicht was dummes, doch wenigſtens was kurioſes machen müſſe? — Da haben wir's! B 2 F Zweites Kapitel. Monolog. Der Jager. (Auf ſeine Buͤchſe⸗ gelehnt, dem fliehenden Maͤd⸗ chen, mit einem gluͤhenden ſeelenvollen Blicke nachſehend, und dann— als ſie ſich in die Ge⸗ büſche verlohren, gedankenvoll das Lager betrach⸗ 2 tend, von welchem ſie, mit Zuräcklaſſung einiger Blumen, die ihrem Buſen entfallen, eben aufge⸗ ſprungen. Nach einer langen Pauſe, mit männlichem Gefühl, und ſteigendem Feuer) „ Sie iſt's!— Sie iſt's!— Ja, ſo wahr meine Seele lebt! Das iſt das Maͤdchen, wel⸗ ches ich oft im Traume ſah, wenn ich, unter den erſten Wallungen meines Bluts, und den erſten ſchnellern Pulsſchlaͤgen des Herzens— muͤrriſch, uͤber alle die Verunſtaltungen des Weibergeſchlechts, dem doch alle meine Ner⸗ — 21— ven entgegenſtrebten, mich auf meinem Lager herumwarf.—(ſeine Hand auf's Herz legend) Nicht wahr? Ja, ja!— warlich, ſie iſt's! — Sie iſt das Ideal, welches ich mir damals — freilich vielleicht auf Unkoſten auch man⸗ ches guten Maͤdchen machte, das ich zicht kannte; dann— mit dieſem Ideal im Ge⸗ hirn' und kaltem Herzen, ſo lang' in der Welt umher ſtrich, und— es nicht fand. Jetzt dank' ich dem Himmel dieſe Kaͤlte, die mich vielleicht vor mancher Ausſchweifung be⸗ wahrte, zu welcher meinesgleichen in der wil⸗ den Freiheit ſo ſehr geneigt iſt, und—(Hen⸗ rietten zufrieden nachblickend) dieſem Maͤdchen mich aufhub.— Ich danke ſie den Himmel! ob ſie mich gleich mancher Spoͤtterey meiner Cameraden ausſetzte; denn—(in ſtillem Ent⸗ zuͤcken) was hab' ich gewonnen!(nach einer lan⸗ gen gedankenvollen Pauſe) Wer haͤtte das denken ſollen, als ich eben jetzt in den traurigen Ge⸗ dayken vertieft: wie man ſo reich, und doch ſo arm ſeyn koͤnne? von dieſen alten Bergen herabſtieg?— Wer haͤtt' es denken — 22— ſollen, daß ich hier diejenige finden würde, die mich— wenn dieſer prophetiſche Geiſt nicht truͤgt, der alle meine Gefuͤhle ganz un⸗ willkuͤrlich zu ihr hinriß, uͤber alles erhebt, was das Herz eines Menſchen, den Gott zum Gluͤck ſchuf, zu Klagen herabwuͤrdigen kann? —(ſcch ſelbſt betrachtend) Ich muß mich ordent⸗ lich beſinnen, ob ich noch derjenige bin, der ich vor einigen Minuten war.— Es iſt mir alles ſo leicht— es iſt mir ſo wohl!— Ich will nun nicht eben ſagen, daß ich mich wuͤrde todigeſchoſſen haben; denn— ich war ſchon dran gewoͤhnt; aber— Cfrey athmend) es iſt doch ſo ganz anders!—(an ſeine Stirn fuͤhlend) Hier waren Furchen hu! ſo tief, daß ſie mich oft wie Wunden ſchmerzten; jetzt iſt al⸗ les ſo glatt!— C(ſeeht ſich munter um) Alles ſo hell mir vor den Augen, und in der Seele! —(ſchlaͤgt an ſein Herz) und hier mir ſo wohl! —(uſßerſt zufrieden) Ich moͤchte fliegen!— (Pauſe) Indeß wollen wir aber doch auf Got⸗ tes Erdboden bleiben, und unſre Sachen, ſo viel ſich's thun laͤßt, zu Fuß abmachen.— . — —-— 23— (hebt die Blumen auf, die Henriette verlohren; ſie ge⸗ fuͤhlvoll betrachtend) Ihr lieben Blumen!— Ein andrer wuͤrd' euch kuͤſſen, und ſchwaͤrme⸗ riſch an ſein Herz druͤcken; denn— ihr ruh⸗ tet an ihrem Buſen!—(ſteckt ſie auf ſeinen Hut) Nehmt's nicht uͤbel, daß ich euch blos auf den Hut ſtecke!— denn ich beuge nun einmal vor niemanden meine Knie, als vor Gott; kuͤſſe nun einmal nichts als das Maͤdchen ſelbſt, welches mir gefaͤllt; und mein' es doch ehrli⸗ cher als mancher, der wie ein Narr vor dem Maͤdchen auf den Knien herumrutſcht, und von jedem Weiber⸗ Handſchuh die Farbe leckt. Cindem er ſeinen Hut gelaſſen wieder auf den Kopf ſchleudert) Aber ſie verdienen's auch mei⸗ ſtentheils nicht beſſer!— Verdienen's nicht, daß mau's ehrlich mit ihnen meint; die Drat⸗ puppen, und Feſtmaͤdchen!— Gott verzeih mir die Suͤnde! man ſollt' es recht ausſtudi⸗ ren, an Ihnen zum Hundsfotte zu werden, und recht herzlich ſich freuen auf jede Gele⸗ genheit, Ihnen einen Streich ſpielen zu koͤn⸗ nen—(etwas murriſch) Ihnen, die nicht 224— wiſſen wie ſie naͤrriſch genug das Maͤulchen ziehn ſollen, wenn ein rechtlicher Mann ih⸗ nen zu Leibe geht— nicht wiſſen wie arg genug ſie es mit andern ehrlichen Maͤdchen machen ſollen, die nach ihrem Herzen, und nicht nach der Etikette lieben— mit gerümpfter. Naſe ſie kaum uͤber die Achſel anſehn, und ſich an ihrem Athemzuͤgen zu vergiften glau⸗ ben;(noch mrriſcher) Ihnen, die, im Vergnuͤgen erſoffen, die Beduͤrfniſſe der vier⸗ ten Bitte ſo weit ausdehnen, daß einſt der Mann fuͤr Angſt nicht weiß, wo er täͤglich Brod genug herſchaffen ſoll, und— ihm doch eine eben ſo ausgedehnte Jungferſchaft in's Hochzeitbette bringen.— Wohl mir! daß ich mit euch wett bin!—(zufrieden nach der Gegend hin zeigend, wo Henriette ſich in die Gebuͤſche verloh⸗ ren hat) Hier! Hier iſt reine, gute Natur! —(ſeine Buͤchſe gelaſſen uͤber die Achſel ſchleudernd) Hier will ich Anker werfen!“— (Er dreht ſich raſch und zufrieden um, nach der Gegend zu, wohin Henriette gegangen; ſtutzt aber, und ſieht wieder gedankenvoll) — 25— „Aber— eine Rechnung ohne den Wirth? — ein einſeitiger Kontrakt?— Ha! das ſind zwey Klippen, an denen oft ſchon die ſchoͤnſten Plane der Menſchen ſcbeiderten, daß ſie von der ſchwindelndſten Hoͤh' in die fuͤrchterlichſten Abgruͤnde ſtuͤrzten, und aus dem herrlichſten Traume mit Schrecken er⸗ wachten.—(ſorgſam) Wird ſie mir aufma⸗ chen, wenn ich anklopfe?— Wird ſie: ja ſagen, wenn ich frage: liebſt du mich?— Und, wenn ſie es ſagt; wird's auch ihr Ernſt ſeyn?—(nach einer langen gedankenvollen 8 Pauſe) Thor, du!— Biſt du denn noch un⸗ 8 ter jenen Menſchen, deren Brief und Siegel kaum zu trauen iſt?— Dort, wo der Mann Freundſchaft luͤgt, und das Weib Liebe, je nachdem es Vortheil, und Zeit und Umſtaͤnde mit ſich bringen?— Hier, in dieſer ſchoͤnen milden Natur— hier muß Wahrheit *— und, wo ſollte ſie ſonſt ſeyn, wenn ſie auch hier nicht waͤr?—(Mit Waͤrie, Wenn auch hier das Herz ſein Gefuͤhl an Syſteme ver⸗ kuppelte, eignes Intereſſe ſein Haus auf and⸗ nig zu machen?— Das iſt die natuͤrlichſte — 26— rer Leute Grund und Boden baute, und der reine Geiſt in keiner Sach eine Stimme haͤtte?—(wild) Dann waͤr's keinem ehrli⸗ chen Manne zu verdenken, wenn er, aus Ab⸗ ſcheu fuͤr dieſem ekeln Schmutzwinkel der Na⸗ tur, und aus Mitleid gegen ſich ſelbſt, ſich die Kugel durch den Kopf jagte—(nach einer Panſe; ruhig) Unmoͤglich!— Wie haͤtte fonſt damals, als es nur ſchoͤne wilde Natur und noch keine Conventionen— keine Ge⸗ ſchlechtsregiſter, und kein vom allgemeinen abgeſondertes Intereſſe gab— der große Werkmeiſter ſagen koͤnnen: es ſey ſehr gut? — Gufrieden) Nein!— es iſt gewiß ihr Ernſt, wenn ſie: ja! ſagt; ob ſie: ja ſagen wird?— das muß man freilich ihrem Ge⸗, ſchmack und ſeinem Gluͤck uͤberlaſſen. Aber —(ſorgſam) da geht mich ein Zweifel an, der leicht die andern alle uͤberfluͤßig ma⸗ könnte:— liebt ſie nicht vielleicht ſch und erſchrak nur darum, als ſie mich erblickte, weii ſie ſich fuͤrchtete den Gluͤcklichen eiferſüch⸗ Moͤglichkeit! denn einem Maͤdchen von ſo ge⸗ ſunder Bluͤthe, iſt auf jedem Fall Liebe Be⸗ duͤrfniß. Aber— armer Sterblicher! Haſt du nicht vollauf mit Wirklichkeiten zu kaͤm⸗ pfen? und willſt dir auch noch das bischen Leben durch Moͤglichkeiten verbittern?— Auf gut Gluͤck, meinte mein Vater, ſollt' ich in die Welt gehn, und mich mit ihr und ihren guten und boͤſen Launen und Situatio⸗ nen vertragen lernen. Ich bin gegangen — Schier ſo weit als je Menſchen gegangen ſind, und— habe mich, bey meinem Syſtem und ſeiner guten Meinung, immer ſo ganz wohl befunden; alſo— auch hier(druͤcke zufrieden den Hut in die Augen) auf gut Gluͤck!,,— Will abgehn; indem ſtoͤßt er auf den Labuſch (einen reiſenden Jager) der aus der Gegend herkommt, wohin Henriette gfeflachtet iſt, und nimmt eine andre Miene an. Aber man merkt es, daß ihm nicht viel an dieſem Zuſam⸗ mentreffen gelegen iſt.— — 28— Drittes Kapitel Er wird ſeinen Weg ſchon allein treffen! Labuſch.(aus vollem Halſe lachend) Ei, ei!— Camerad! was haſt Du denn mit ihr gemacht?—. Waller.(ſo nannte ſich unſer Monologiſt; — mit Befremden) Was denn?— Labuſch.(wie zuvor) Weiß ich's? Aber ein Vaterunſer haſt du doch gewiß nicht mit ihr gebetet?— Waller.(mit einem muͤrriſchen Seitenblicke) Ich glaube Du haſt geſoffen.— Mit wem denn?— Labuſch.(in wildem Enthuſiasmus) Ja! — Du kannſt auch noch recht fragen— Du Sapperloter!—(ihn anſchreiend) Mit dem Jaͤgermaͤdchen!—— — —— — 29— Waller.((äberraſcht) Das?— Das waͤr das famoͤſe Jägermaͤdchen geweſen?—(ge⸗ faßt) Nun, gut!— So hab' ich dieſes Meerwunder doch auch kennen gelernt. Labuſch. Was das ſchlabert! Will einem gleich eine Naſe drehn, als od's von ohngefaͤhr ſo getroffen haͤtte.—(lachend) Meinſt du denn wirklich man glaubt' es? Waller. Glaub's, oder glaub's nicht; das iſt mir einerley.(verdruͤßlich) Es iſt doch wahr! Labuſch. Sapperment!— Muckirt ſich der Elementer immer, wenn wir unſern Mie⸗ ken auf dem Tanzboden die Kittel el ausſchwen⸗ ken, und giebt da— mir nichts, dir nichts — in aller Stille, dem Liebchen Audienz— hinterm Buſche. Wenn unſereins das'mal thät— Alle Wetter! was wuüͤrde der Tu⸗ gendſpiegel da moraliſiren. 29 Waller.(aͤrgerlich) Wie ihr Leute aber auch gleich ſo ſchofel denkt! Labuſch.(auffahrend) Denken! Denken! — Was laͤßt ſich da auch weiter denken, als — 30— einerley?— Begegnet ſie mir dort in vol⸗ lem Springen, und gluͤht wie ein Backofen, und er— Keht da, und wiſcht ſich den Angſt⸗ ſchweiß von der Stirn;— heh!— ſag mir: was wuͤrdeſt Du denken, wenn Du ein Maͤd⸗ chen ſo von mir aus dem Buſche kommen ſähſt? Waller. Das brauchſt du mich gar nicht zu fragen! denn, ich bin uͤberzeugt, daß Du es fuͤhlſt, was ich— um nicht zu fehlen, wuͤrde denken maͤſſen. 3 Labuſch. Alſo!(lachend) Und denkſt Du denn, daß man's glaubt, wenn Du Dich ſo weiß brennſt? Du haſt Fleiſch und Blut, eben ſo gut als unſereins, und wirſt Dich— hol's der Teufel! nicht, um's Him⸗ melreichs willen, kombabuſiren— Na! Wall. Du biſt ein Narr! und meinſt Dei⸗ ne Kappe muͤſſe jedem paſſen. Ich mag mich mit Dir in dieſem Streite nicht meſſen. Ge⸗ nug! ich habe dieſes Maͤdchen in meinem Leben das erſtemal geſehn, und kein Wort mit ihr geſprochen. —— — 31—. Labuſch. Das gehoͤrt auch nicht zur⸗ Sach'! Ich hatt' einmal ein Maͤdchen in meinem Leben nicht geſehn, und fein Wont mit ihr geſprochen, und ſie doch richtig— zur Hure gemacht; denn— es war des Nachts, in großer Geſellſchaft, auf dem Heuſtalle. Waller. Ein ſauberes Fruͤchtchen! Und das beurtheilt nun alle Menſchen und ihre Handlungen nach ſich ſelbſt. Labuſch. Jeder nach ſeiner Weiſe! Sag mir aber nur, was Du Dich ſo ereiferſt? Ich daͤchte Du wuͤßteſt, wie billig ich uͤber ſolche Sachen denke. Waller. Eben darum muß ich mich und ſie ſo gegen Dich vertheidigen; denn Deine Laͤſterzunge koͤnnt' ihrer Ehre ſonſt einen haͤmiſchen Schandſlecken anhaͤngen. Labuſch.(ſoͤttiſch) Ehre? Bey die⸗ ſem Begriffe thut auch wohl die Einbildung das Beſte. 24 Waller. Schaͤme Dich!— Ich meiß wohl, daß ihr Menſchen nicht ekel in curen Syſtemen ſeyd— wenn ihr ja welche habt; aber ihr ſolltet doch nur wenigſtens einen Unterſchied machen. Labuſch. Sie ſind alle von Evens Ge⸗ ſchlecht! und— wenn's um und um kaͤm, waͤr ihnen nicht einmal an dem Unterſchiede ₰. was gelegen.—(ſtopft ſich eine Pfeife, und faͤhrt, während dieſer Beſchaftigung, ihm erzaͤhlen⸗ den Tone fort) Ich hatt' einmal ein Mäd⸗ chen— Waller.(ihn nnterbrechend) Ich bitte Dich: verſchone mich mit Deiner Lebens⸗ und Liebes⸗Geſchichte! Labuſch. Nun, nun!— Ich bin ſo gut ein Menſch, wie mancher andre, der ſich wunder was auf ſeine Tugend zugute thut: und wer weiß ob mein armſeliges Suͤndenre⸗ giſter dem ſeinigen die Wage hielt. Waller. Aber die Art und Weiſe macht in jeder Sache gar einen gewaltigen Unter⸗ . ſchied..— 2 6. Labuſch. Hum! Das ſeh' ich nicht ein; oder— ich bin ſo dumm dazu. Schlag“ ich einen todt, ſo iſt's, denk' ich, einerley, ob ich ihn mit dem Brodmeſſer erſtech', oder mit einer vergoldeten Damaſcener Klinge; kurz, er iſt todt! Es muͤßte denn in der großen Welt— wovon du immer ſo viel ſaalbaderſt, anders ſeyn; denn dort macht man ſogar einen Unterſchied unter Steh⸗ len, und etwas, das nicht ſein iſt, mit guter Manier an ſich bringen. Das verſteh ich freilich nicht. Waller. Wohl Dir!— ob ich gleich wuͤnſchte, daß jeder Menſch die Welt ein bischen weiter kennen lernte, als ſeine Naſe langt; ein bischen beſſer, als aus den Spinn⸗ ſtuben und Dorfſchenken; um das Gute deſto⸗ beſſer ſchaͤtzen, und das Boͤſe deſtomehr ver⸗ abſcheuen zu lernen. 1 Labuſch.(mit einem gfeichguͤltigen Naſe⸗ ruͤmpfen) Hum! Ich bin fuͤr mich juſt gut gnug. Waller. Wohl Dir! noch einmal; denn Ueberzeugung ſie gründe ſich nun auf Wahrheit oder Irrthum, iſt jedes Men⸗ II. C ſchen Himmelreich, und ich würde mich der Suͤnde fuͤrchten, einem dieſelbe zu rauben, ſo falſch ſie vielleicht iſt. Ich raubte ihm ja zugleich die Ruhe ſeines Lebens, und wuͤßte nicht, ob ich ſie ihm wiedergeben koͤnnte. Lab uſch. Alſo!— Was predigen wir denn? Es wird doch keiner den andern bekehren. Waller. Es ſcheint mir ſelbſt ſo! Cla⸗ chend) Und, im Grunde— wie ich ſage, moͤgt' ich mich nicht einmal an Dir ſo ver⸗ ſfündigen; denn— jeder Menſch wuͤnſcht doch gelobt zu ſeyn, und wer wuͤrde Dich, zum Beiſpiel, loben, wenn Du es nicht mehr ſelbſt thaͤtſt? Labuſch.(halb und halb boſe) Das iſt doch aber auch, hol's der Teufel, imperti⸗ nent! Waller. Aber doch wahr, will ich hof⸗ fen?— Wenigſtens hab' ich das Gegentheil noch nicht erfahren koͤnnen. Labu ſch.(wie zuvor) Und, geſetzt, es waͤr —.(——⏑—Vʒ—:˖—·f—— — 35— wahr; mußt Du mir es geradezu unter die Naſe ſagen? Waller. Immer doch beſſer, als im Ruͤcken! Denn es hoͤrt's ja niemand als derjenige, der den beſten Gebrauch davon machen koͤnnte. Labu ſch. Und doch impertinent!— Du ſprichſt ja ſelbſt, man muͤſſe die Wahrheit nicht immer auf der Zunge haben; und wenn ichen dummen Teufel einen Eſel nenne, heiß!'s gleich: pfui! Waller. Hab' ich Dich denn einen Eſel genennt? Labuſch. Das nicht!— und ich wollte mir's auch, in allem Ernſte, ſchoͤnſtens ver⸗ bitten. Waller. Nicht Urſache!— unrecht thue ich gewiß niemanden; und das thät ich Dir, wenn ich Dich einen Eſel nennte; denn in deinem Fache biſt Du ſo hundloſe nicht; aber— nur ſo, wegen der Lebensart meyn' ich, und— was das liebe ſechſte Gebot und dergl. anbetrifft; da— Camrad! da koͤnnt's C 2 nicht ſchaden, wenn Du bey Gelegenheit eine Correktion mit ihr vornaͤhmſt. Labuſch. Hum!— wenn's weiter nichts iſt? ſo laß' ich mir noch lange kein graues Haar druͤber wachſen; denn—(demonſtrirend) ich habe noch ſieben Bruͤder, die aͤrger ſind als ich.— Verſtanden? Waller. Vollkommen! Aber, das iſt keine Entſchuldigung; denn jeder muß, ohne Ruͤckſicht auf andre, ſo gut zu werden ſu⸗ chen als moͤglich, und darf ſich dennoch dar⸗ um nicht uͤber ſeine ſchwaͤchern Bruüder erhe⸗ ben, weil er immer noch nichts gethan hat als ſeine Schuldigkeit. Labuſch. Haͤtt ich nur gleich einen Spiegel da, daß ich dich koͤnnte hineinſehen laſſen. Waller. Und was wuͤrde ich darinnen ſehn?— Doch gewiß keinen, der ſich uͤber ſeinesgleichen erhebt, ob ihm gleich allge⸗ mein dieſenigen Vorzuͤge zugeſtanden werden, um derenwillen er ſich manches verſagte, was andern Spaß machte, manches trieb, was an⸗ dre vernachlaͤſſigten. Aber erinnern darf der, der ſich fuͤhlt, andre, die ſich nicht fuͤhlen.— (ihn auf die Achſel klopfend) Es iſt ſogar ſeine Schuldigkeit!„ Lab uſch. Hum!—(ſpitzig) Es iſt aber manchem bloß darum zu thun, den Sonder⸗ ling zu ſpielen; und iſt doch unter der Sonne kein elenderes Ding als ein Sonderling, Waller.(läͤchelnd) Du meinſt mich, Camrad! aber— fehl geſchoſſen!— Bin ich nicht eben ſo herzlich gern froͤhlich mit den Froͤhlichen, als einer in der Welt? Halu' ich nicht aus, unter euch, ſo manche ſchoͤne Nacht, ſo lange ihr in euren Schranken bleibt? — Aber freilich, wenn ihr euch die Naſen begießt, und ungezogen werdet— dann ſchleich ich freilich mich fort; denn— das iſt nun einmal meine Sache nicht, und— wird's nie werden! ob ich gleich einer der juͤngſten unter euch bin, die wir hier mit den Fuͤchſen und Daͤchſen unter einem Dache leben, um nicht dem Kalbfelle folgen zu muͤſ⸗ ſen. Doch— es iſt ja jetzt nicht Zeit zu predigen. Labuſch. Und von der Hauptſache ſind wir ganz und gar abgekommen.—(faßt ihn vertraulich am Arme) Nicht wahr— es iſt ein Kernmaͤdchen? 1 Waller.(läͤchelnd) Aha!— Das alſo die Hauptſache?—(ſorgſam) Es waͤre Schade — jammerſchade! wenn ſie in unrechte Haͤnde gerathen ſollte. Labuſch. Um nichts Schade in der Welt, als was man nicht genießt! Aber— dieſer Schatz wird auch von ein Paar Dra⸗ chen bewacht—(cchuͤttelt ſich) Huh!— Waller. Das iſt gut!(lächelnd) Biſt du etwa ſchon mit ihren Krallen in Colliſton gekommen? 28 5 Labuſch. Um ein Haar! Das Maul waͤſſerte mir, nach dem Braten, und ich bot dem Alten, deſſen Tochter ſie ſeyn ſoll, mei⸗ ne Dienſte an. Er wies mich gleich an der Thuͤre ab; aber ich wollte mich nicht abwei⸗ ſen laſſen, und ſchwatzte mich doch in die — 32— Stube. Hier kam ich zwiſchen zwey Feuer; denn Sie ſchwatzte von muͤhßigen Freſſern, deren ſie(auf ihre Hunde zeigend) ſchon gnug hätte, und Er— predigte von Herumlaͤufern und dergleichen mir die Ohren ſo voll, daß ich haͤtte des Teufels werden moͤgen; ei⸗ gentlich aber merkt' ich wohl, daß es ihnen bloß um's Maͤdchen war, dem ſie kein ſol⸗ ches Spielwerkchen in's Haus ſchaffen wollten. Das verdroß mich noch mehr. Ich wurde ſpitzig, er grob; ich wurde noch groͤber; er griff nach der Hundspeitſche, ſie nach der Ofengabel, und ich— hatte von Gluͤck zu ſagen, daß ich mit heiler Haut davon kam; denn einem andern iſt's wuͤrklich, einige Tage nachher, truͤbſelig ergangen. Waller. So?— Und ſie waͤr alſo nicht ſeine Tochter? Labuſch. Nein! So erzaͤhlte mir erſt geſtern Abend der Muͤller dort unten. Ohne Zweifel, meint' er, waͤr's ein Soldaten⸗Maͤ⸗ del, mit dem die arme Mutter fuͤr Angſt nicht gewußt wohin; denn ſie hatten das — 40— Wurmchen dem Alten einſt in den Dachs⸗ ranzen practicirt gehabt. Das iſt aber jetzt vergeſſen, und ſie paſſirt allenthalben fur ſei⸗ ne leibliche Tochter.— So iſt's! Waller.(mit einem ehrlichen Seufzer) Das arme Maͤdchen! 4 Labuſch Hat ſich wohl!— Zeter! ſie ſoll ein gutes Patengeld bey ſich geführt ha⸗ ben; und das hat dann die Leute vormals auf gar ſonderbare Gedanken wegen ihrer Herkunft gebracht; aber— wer weiß denn was es ſonſt fuͤr'n Haken hat? Jetzt iſt we⸗ nigſtens alles davon fiille, und ſie iſt und bleibt— das Jäͤgermaͤdchen. Indeſſen koͤnnte ſie unſereinen doch ſchon'n biſſel ausheilen, der ſein ganzes Vermoͤgen im Dachsranzen herumträgt; zumal wenn man dem alten Kautze, den ſie ohne Zweiſel auch beerbt, adjungirt werden koͤnnte— Wetter!— Waller. Ja, ja!— Das wär eine gute Sache.—(nach einem kurzen Nachdenken) Haſt Du denn etwa den Schneer geſehen? Labuſch. Nein!— Aha! der ſoll ge⸗ — — — 41— wiß Wind nehmen, und Dir das Schmal⸗ thierchen vorjagen?— Hoͤre, Camrad! was Schneer kann, das kann ich auch!(haͤlt ihm die Hand hin) Topp! ich bringe Dir's zum Schuß, und wenn unſer Herrgott ſelbſt ſeine Hand, oder der Teufel ſeine Kralle druͤber hielt!— denn fuͤr mich, merk' ich nun wohl, iſt der Braten zu delikat, und— des Teu⸗ fels wuͤrd; ich doch, wenn ihn jemand an⸗ ders als ein wackrer Jaͤger ſchmaußte.— (wie zuvor) Topp! Hat einer auf ſolch Wild⸗ pret eine gute Naſe, ſo bin ich's!(immer dringender) Topp) Waller.(ganz kalt und gleichgültig, im Abgehn) Inkommodire dich nicht!(ab) 3 6 Labuſch, allein. (ſieht ihm lange mit offnem Maule uac) Haſt du nun miu ihm geredt, Labuſch?— ſo mache geſchwind's Maul zu.(ſchuttelt den Kopf)'s iſt aber doch zum Teufelholen; was das fuͤr'n Kerl iſt!— Der Henker werd⸗ aus ihm klug!— Er ſpricht wie ein Buch, foͤrmelt unſereinen, daß man die Waͤnde hin⸗ anlaufen moͤcht, und man kann doch nicht boͤſe auf ihn ſeyn: denn— wenn man's um und um bedenkt, ſo hat er Recht! Es fehlt bloß daran, daß unſereins nicht danach zu thun gewohnt iſt.— Ja!—(nach einem tiefen Nach⸗ denken) Eſchenbach denkt Wunder, was er ge⸗ lernt hat, weil er in Stutgard und Braun⸗ ſchweig geweſen iſt, und dem Laſchberg, bey der Expedition im Erzgebirge, die Butter⸗ bemme nachgetragen hat;*)— aber der— hol's der Teufel! der ſieht ja ordentlich die Baͤume wachſen, und iſt allenthalben Mei⸗ ſter, wo der Beſte von uns nur ſtuͤmpert. Und— wenn wir alle die Kuppel fuͤr Hun⸗ ger enger ſchnallen, ſo hat er Geld wie Heu;—(cieder den Kopf ſchuͤttelnd) Das hat ſeinen Haken! mag mir ein's ſagen was 8 *) Ein chronologiſcher Schnitzer, den mir der Leſer, um der Aehnlichkeit der Sache willen, ver⸗ zeihen wird.. es will— Entweder iſt er nicht, was er ſcheint, oder— er weiß die Haͤuſer. Kurz, von rechten Dingen geht es nicht zu; da⸗ bey bleib' ich.—(gedankenvolt) Wenn ich nur wuͤßte, wie man den Schneer bey ihm aus⸗ ſtechen koͤnnte! ſo moͤcht' alles gut ſeyn; denn der— frißt ſich bey ihm auf wie der Haaſe im Kohl.— Hum! er wird doch einmal ei⸗ nen Schritt aus dem Gleiße thun, oder ſeine Flinte abſchießen— C(zufrieden) dann ſoll er aber auch weg ſeyn wie Schnupftaback; das verſprech ich ihm! denn die Werber und Flurſchützen lauern ja in allen Tiefwegen. — Liegt dieſer dann erſt feſt vor, beim Jaͤ⸗ germaͤdchen; ſo braucht er wieder einen zum Zuhetzen; und beſſer kann er den doch im ganzen Spielberge nicht finden, als— den Labuſch. Indeſſen wollen wirs doch den Fez⸗ zen ein biſſel ſauer, und uns vielleicht gar dabey nothwendig zu machen ſuchen.—(win abgehn, indem kommt Eſchenbach, der Sohn eines benachbarten Oberfoͤrſters, im Thale daherge⸗ ſchlendert, und er ſteht wieder ſtille) Sieh! ſieh! — 44— — der kommt mir eben recht. Die muß ich geſchwinde zuſammenhetzen. Crufend) Eſchen⸗ bach! Eſchenbach! Geſchwind lauf, was du kannſt. Waller iſt dem Jaͤgermaͤdchen auf den Hacken!“. Eſchenbach.(indem er, mit ſchnellen Schritten, naͤher kemmt) Das waͤr die Schwer⸗ noth. Labuſch. und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo iſt's ſchon weit hinein boͤſe mit ihnen. Eſchenbach. Soll der Teufel den Na⸗ ſeweis holen! Schlich immer herum als ob er nicht drey zaͤhlen koͤnnte.. Labuſch. Hat ſich wohl! Was das anbelangt, iſt er wie der Teufel; aber er macht nur ſeine Sachen im Stillen. Das habe ich nun weg! Eſchenbach. Siehſt Du aber auch nicht etwa ſchon doppelt?(beſiehr ihn genau) Nein, hols der Teufel! die Augen ſtehen mal noch ordentlich die quere. Nun, ſo 3 ſag a edlet Binder was iſt Di 4 ang egan· gen? Labuſch. Ein Maͤdel, das wie ein Drache gluͤhte, und ein Kerl, der den Him⸗ mel fuͤr'n Dudelſack anzuſehn ſchien.— Haſt Du's begriffen? Eſchenbach. Vollkommen!— Das Maͤdel war Henriette, der Kerl Waller. Die Zeichen ſind unverwerflich. Edler Finder! haſt Du weiter nichts? Labuſch. Nun, zum Teufel! iſt das noch nicht genug? Wenn ich Schweiß im Bett' habe, ſo weiß ich freilich gans gewi iß, daß der Hirſch mein iſt. Eſchenbach. Wohl geſorochen! Auf den Abend biſt du mein Gaſt auf der Brey⸗ hanſchenke. Jetzt geh! Deine Stiefeln ſind zerriſen— Mein Vater ſpielt mit dem Pfarr und dem Forſtmeiſter Lomber. Labuſch.(faͤr ſich) Alle Wetter! (durchſucht eilfertig ſeine Taſche) Schwernoth!— auch nicht'n Schuß Pulver mehr!—(zum Eſchenbach) Ach, Bruͤderchen! ſey doch ſo gut, — 45— und borge mir'n biſſel Dein Pulverhorn. — Man weiß doch nicht— was einem zu⸗ ſtoͤßt. Eſchenbach. Auch verſoffen?—(reicht ihm das Pulverhorn) Geld und Gut hab' ich nicht; aber was ich habe, das geb' ich Dir mit Vergnuͤgen: Geh hin, und ſey ſehend! Labuſch.(außerſt fröhlich) Danke! Bru⸗ derherz; danke!(ſpringt frohlich davon)— Eſchenbach.(auein) Die Lumpe!— Man muß ihnen noch obendrein Pu ver und Bley dazu geben, wenn ſie nicht hier verhun⸗ gern ſollen. 4 (nach der andern Seite, ab) — —ʒ; Viertes Kapitel. Jeder traͤgt die Maſke, von welcher er glaubt, daß ſie ihn am beſten kleidet; es iſt nun die Frage: welcher ſoll man trauen?— Keiner?— das waͤre traurig!— Der ehrlichſten?— Das ware gefaͤhrlich! denn die groͤßten Schurken grif⸗ fen immer nach den ehrlichſten. Alſo bleibt es immer ein Wagſtuͤck. 3 Indeß war unſer Waller ſchon bey dem al⸗ ten Puff angekommen, und ſtand mit ihm in Unterhandlung, wegen der Dienſte, die er ihm anbot.— Ich habe bereits die Urſachen angezeigt, warum dergleichen Unterhandlun⸗ gen mit ihm nicht gut ablaufen konnten: alſv duͤrft' ich hier nur geradezu ſagen: es war nichts! Aber— dieſer artige junge Menſch geſiel dem Alten, und er betete ihm wenigſtens den Spruch nicht vor, welchen „— er ſich ſeit einigen Jahren, in dergleichen Faͤllen, angewoͤhnt hatte, ſondern zuckte bloß die Achſeln, und— entſchuldigte ſich. Es waren der Umſtaͤnde viele, die er ſeiner Ent⸗ ſchuldigung beifuͤgte; der wichtigſte bezog ſich auf die jetzigen ſchweren Zeiten.— Er wollte ſich alſo, meint' er, noch einige Zeit hinzu⸗ flicken ſuchen, bis es vielleicht beſſer und ruhiger wuͤrde. „Ich will Ihm umſonſt dienen! ſagte „Waller; denn ich finde daß ihm Unterſtuͤz⸗ „zung allerdings eben ſo nothwendig iſt, als „die Behutſamkeit in der Wahl eines Ge⸗ „huͤlfen, die ich Ihm anſehe, mein lieber „Alter! und nicht verdenken kann; denn es „laufen allerdings jetzt eine Menge meines⸗ „gleichen umher, die dem mittelmaͤſigſten „Huͤhnerhunde das Brod mit Suͤnden weg⸗ „freſſen. Alles, was nicht dem Kalbfelle „folgen mag, huckt jetzt eine Buͤchſe auf, „und will ein Jaͤger ſeyn. Wenn Er mir „denn aber, wie Er ſagt, die Ehre anthut, „mich nicht in dieſe Claſſe zu ſetzen— 3 — 49— „CTopp!—(keicht ihm die Hand hin) ſo will ich „ihm umſonſt dienen!“ Euſebia, der dieſes ſchmucke Menſchchen gleichfalls behagte, kam jetzt hinter dem Ofen hervorgekrochen, raͤuſperte ſich, und macht einen langen Hals; aber der Alte, ober gleich dieſe Sprache volkommen verſtand, wollte den⸗ noch nichts davon hoͤren „Nein! ſagte er, mit dem Kopfe ſchuͤt⸗ „telnd, das wuͤrd' und koͤnnt' ich nicht thun; „denn— ich muß es geſtehn, meine gnädige „Graͤfin giebt mir ſchon ſeit einigen Jahren „ funfzig Thaler und 6 Scheffel Korn Zu⸗ „ſchuß, auf einen Burſchen, daß ich mir's „kommode machen ſoll, und dieſes koͤnnt' ich, „nach meinen Grundſaͤtzen von Recht und „Billigkeit, ihm nicht vorenthalten, wenn „ich mir einen annaͤhm; da nun aber jetzt die „Zeiten ſo ſchlecht ſind, und ich wirklich jetzt wie⸗ „der beſſer auf den Laͤuften bin, als ich mir's „vor Finiger Zeit ſelbſt vorgeſtellt haͤtte, ſo „kann mir's niemand verdenken—(mit einem „bedenklichen Achſelzucken) daß ich— deutſch zu II. D — 50— „ſagen— dieſen gnaͤdigen Zuſchuß, ſo lang' „es geht, ſelbſt noch zu verdienen ſuche.“ Waller. Gott bewahre: wer wird ihm das verdenken?— Was man ſelbſt verdienen kann, waͤr thoͤrigt einem andern zu geben! Es giebt ohnehin der Beduͤrfniſſe viel, die der Hauswirth aus blanker Kaſſe beſtreiten muß. Und, wenn's denn alſs ſeinem Ge⸗ wiſſen zuwider iſt, mir, als Burſchen, nichts zu geben— hoͤr' er! ſo will ich ihm noch ei⸗ nen andern Vorſchlag thun. Puff.(die Achſel zuckend) Es thut mir leid! denn, ich kann ihn auf jeden Fall auch nicht annehmen. Euſebia.(ſtößt ihn etwas unſanft in die Ripven) Nun, Grobian! Du kannſt ihn doch wenigſtens hoͤren?— doch wenigſtens mit dem Herrn reden? Puff.(verlegen) Was hilft das Reden— Mutter!(mit Bedentung) Du weißt's ja ſelbſt. Waller. Je nun— ein Vorſchlag zur Guͤte, iſt ja noch lange kein Vergleich, und doch wohl des Beherzigens werth?— Höoͤr⸗ Er alſo, mein lieber Alter!— Ich hab' ein bischen Vermögen, und brauche, Gott ſey Dank! nicht um's liebe Brod zu dienen— das ſieht er mir wohl an meinen Federn an; ich bin gut erzogen, und irre bloß der Kriegs⸗ unruhen wegen in der weiten Welt umher. Hier in dieſen friedlichen Wildniſſen, gefaͤllt mir's beſonders, und es ſollte mir herzlich weh thun, wenn ich meinen Stab weiter ſetzen müͤßte. Sollt' es denn nicht moͤglich ſeyn, daruͤber eine Auskunft zu treffen? Denn in den Gaſthoͤfen mich herumzuſchmeiſſen, iſt meine Sache nicht. Alſo— will oder braucht Er mich nicht als Burſchen, ſo nehm' Er mich nur als einen ſremden ehrli⸗ chen Mann auf, den das Ungluͤck des Kriegs aus ſeiner ruhigen Heimath vertrieb; ich will ihm, mit Vergnuͤgen, Koſtgeld geben! Euſe bia. Nun— ja—(Bupft den Alten) daß ließ ſich uͤberlegen— ja!(zupft ihn wieder) Das kleine Gartenſtuͤbchen hinten— ja!— Wie meinſt Du denn? Alter! Das koͤnn⸗ ten wir entbehren. 8 2 — 52—, Puff.(der es indeß zu aͤberlegen geſchienen) Geht nicht an!— So wahr ich lebe, nicht! — Das Haus iſt nicht mein, und ſo— Nein! Es laͤßt ſich ſchlechterdings nicht thun! Euſeb ia.(ſtößt ihn in die Nippen; heimlich) Eſel, Du!—(laut) Du lieber Goit! wie kannſt Du denn aber ſo hart und unerbittlich ſeyn? Denkſt Du denn nicht dran, wie's uns daͤuchten wuͤrde, wenn wir uns ſo unter frem⸗ den Leuten herumdruͤcken muͤßten, und ein guter Freund uns aufnaͤhm?— Pfui, ſchaͤme Dich ins Herz hinein!—(den Waller mitlei⸗ dig betrachtend) Du lieber Gott!— So'n jun⸗ ges Blut! und hat vielleicht auch noch Vater und Mutter zu Hauſe, die taͤglich beten, daß er, unter fremden Leuten, in gute Haͤnde ge⸗ rathen moͤge. Waller. Einen Vater hab' ich nicht mehr!—(in trauriger Erinneruns) Ich hab' ihn nicht gekannt! Euſebia.(mitleidig) du lieber Gon!— Aber doch eine Munrer⸗ — 33— Waller. Ach, ja!— eine gute liebe Mutter! Die ſehr um mich bekuͤmmert ſeyn wird; denn ich hab' ihr leider noch nicht ſchreiben koͤnnen: wo? und ob ich in Sicher⸗ heit bin. das wir ihn in's Haus nehmen. Puff.(müͤrriſch) Iſt ſi ſie denn zu Hauſe? Maulaffe! Euſebia. Ach, ſapperlot! daran ban ich nicht gedacht.— Aber, das thut nichts! Sag du's nur dem Gerichtshalter, und ſchreib es ihr hinterdrein; ſo iſt's auch gut.—(drin⸗ gend) Ich weiß ganz gewiß, daß ſie nichts da⸗ gegen hat. Puff.(mit einem brennenden Blicke) Ver⸗ dammt war alle das Weibergewäͤſch!—(mit Euſebia. Siehſt Du, Mann! gerade— ſans comparaiſon— wie mit unſrer gnaͤdi⸗ gen Graͤſin, und dem jungen Herrn—(bittend) Der arme Menſch!— und iſt doch vielleicht auch huͤbſcher Leuten Kind. Geh! Mann, geh hinunter zur gnaͤdigen Graͤſin, und trag' es ihr vor. Sie exlaubt es uns ganz gewiß, dem Fuße ſtampfend) Es geht nun aber nicht! Euſebia.(ſchnippiſch) Es geht alles; wenn man nur will!—(erbittert) Aber Du — Du biſt ein alter dummer Mann, der ſich zu nichts reſolviren kann; und— Indem trat Henriette herein. Hochroth ſtieg ihr die Gluth in's Geſicht, als ſie den Waller erblickte. Wie viel haͤtte ſie drum gegeben, wenn ſie jetzt nicht hereingekommen waͤr! Aber— wer häaͤtt' auch das vermuthen koͤnnen? Ein Maͤdchen weiß ſich indeß ſo ziemlich aus allen ſolchen Verlegenheiten zu reiſſen, und der eigentlichen Sache wenigſtens ein Mantelchen umzugeben.— Henriette ſchien an der Thure haͤngen geblieben zu ſeyn. Sie ſah ſich wenigſtens eben ſo um, wie man es ich weiß nicht warum zu machen pflegt, oder vielmehr muß, wenn man ſich an etwas geſtoßen hat, oder uͤber etwas geſtolpert iſt, machte dann eine leichte fluͤchtige Verbeu⸗ gung, und gieng, mit niedergeſchlagenen Au⸗ gen, in das Seiten⸗Cabinett.— Aber dem ſchlauen Alten entgieng dieſes Zeichen nicht, 1 welches ihm den ganzen Zuſammenhang der Sache eben ſo richtig und untrüglich dar⸗ ſtellte, wie der Eingriff auf dem Anſchuſſe: daß der Hirſch wüuͤrklich getroffen ſey. Mit einem treffenden Seitenblicke ſah er Euſebien an, welche gleichfalls, was man ſagt, Lunde zu riechen anſieng, und mit weit aufgeriſſenen Augen Henrietten in das Kaͤmmerlein ver⸗ folgte. Auch den Waller ſah er an, um auf ſeinem Geſichte die Beſtaͤtigung ſeiner Ent⸗ deckung zu leſen; aber dieſer— hatte das alltaͤglichſte Mittel, ſich aus dergleichen Ver⸗ legenheiten zu reiſſen, ergriffen, und— ſtack mit der Naſe im Schnupftuche. Vermuth⸗ lich hatt' er ein ganz anders Geſicht mit hin⸗ ter das Schnupftuch genommen, als er jetzt — nachdem er ſich ausgeſchnaubt hatte, wie⸗ der hervorbrachte.. „Nun? Frau! fragt' endlich der alte Puff; Du wollteſt ja was ſagen? Ich wäaͤr ein alter dummer Mann meinteſt Du, der ſich zu nichts entſchließen könnas. Nun? und weiter?“ Eu ſebia.(verlegen) Je nun ich meinte nur ſo; wie es denn auch in manchen Stuͤcken wahr iſt Puff. Aber doch alſs nicht in 4Tle — Clachend) Ha! ha! ha!— Da hat man's Weib!—(zum Waller) Es thut mir herzlich leid, lieber Camrad! daß ich Ihm dießmal alſo nicht willfahren kann; aber— Er wird ſelbſt einſehn, daß ich zwar Herr in meinen vier Pfaͤhlen, aber nicht von meinen vier Pfaͤh⸗ len bin, und mir es nicht uͤbel nehmen, oder fuͤr einen Eigenſinn, noch ſonſt deß etwas aus⸗ legen. Uebrigens(ihm die Hand reichend) blei⸗ ben wir gute Freunde! denn ich halte ihn würklich fuͤr einen auten ehrlichen Mann, und—(dle Achſel zuckend) unter andern Um⸗ ſtanden, wuͤrd ich mich herzlich freuen, naͤher mit Ihm bekannt zu werden. Waller(ſeine Hand feſt haltend) Gut!— Ein jeder hat ſeinen Willen, bey dem man ihn laſſen muß, da man ſeine Gruͤnde dazu nicht kennt. Auch Er hat ſeine Gruͤnde— mir theils geſagt, theils ganz gewiß nicht — 57— geſagt; und ich brauche ſie auch nicht zu wiſ⸗ ſen. Genug— es geht nicht! und ich bin vollkommen zufrieden, daß Er, unter an⸗ dern Umſtaͤnden, wenn alſo dieſe be⸗ ſondern Gruͤnde wegfielen, mich, als einen ehrlichen Mann, aufnehmen wuͤrde.— Puff.(ihm gutherzig die Hand ſchuͤttelnd) Ja, weiß es Gott! das iſt wahr, und thut mir herzlich leid. einn „Waller. Ich bin davon überzeugt; denn — mit ſolch einem grauen Kopfe lügt man nicht mehr ſo fein. Genug davon! Ich will ſchon ſehn wie ich mich anders unterbringe. Aber—(mu Nachdruck) Er ſagt: wir blieben gute Freunde;(die Hand ihm ſchuͤttelnd) hier halt' ich Ihn beim Wort! denn— gute Freunde beſuchen einander!— Im Fall' ich mich alſo noch einige Zeit hier herumtreiben ſollte; darf ich Ihn dann und wann beſuchen? Dieſes konnte der ehrliche Puff ihm un⸗ moͤglich abſchlagen, und haͤtt' es ihn das Leben koſten ſollen! denn ein ganz ungewoͤhnlicher Zug riß ihn zu dieſem fungen Menſchen hin, ſo daß ganz dieſe ſtrengen feſten Grundſätze dazu gehoͤrten, um ſich nicht von ihm zu ei⸗ ner engern haͤußlichen Verbindung uͤberreden zu laſſen.—„In Gottesnamen! ſagte er, ihm nochmals die Hand ſchuͤttelnd, es ſoll mir allemal herzlich lieb ſeyn— wenn ich zu Hauſe bin; denn, wie geſagt, ich halte Ihn fuͤr einen recht guten Menſchen, und wuͤrde mit Vergnuͤgen mit Ihm unter einem Dache woynen, wenn es die Umſtaͤnde zulaſſen woll⸗ ten.“” Das war unſerm Waller vor der Hand genug, und er dankte dem ehrlichen Alten herzlich, in einer herzlichen Umarmung, fuͤr dieſe gute Meinung.— Euſebia, der dieſe Convention geſiel, indem ſie recht gut auch darauf ihre Finanz⸗Speculation fortbauen konnte, war gleich bereit, mit einem Kaffee den geſegneten Anfang zu dieſen freundſchaft⸗ lichen Beſuchen zu machen; aber er entſchul⸗ digte ſich für heute, weil er noch einiges we⸗ gen ſeiner Sachen zu arangiren habe, die er im nachſten Staͤdtchen habe abgeben laſſen, —;— und gieng.— Eigentlich aber fühlt' er ſich wohl noch nicht ruhig genug, um, ohne ſich zu verrathen, den Anblick dieſes Maͤdchens zu ertragen, welches doch ohne Zweifel beim Kaffee erſchien, oder— mögt' er vielleicht das Mäaͤdchen nicht in ſolch eine Verlegenheit ſetzen? ſonſt waͤr er gewiß gern geblieben. Lange ſtand Vater Puff mit ſeiner Euſebia⸗ an der Hausthuͤr, und ſahn dem ſchoͤnen Ja⸗ ger nach. Es that beiden weh, daß er gieng; nur aus verſchiedenen Urſachen.— Puff ſchuͤttelte einmal uͤber's andre den Kopf, als ſie ihm nachſahn, wie er da ſo feſt und ſtatt⸗ lich am Wald' hinunter gieng; denn— das war ein ganz beſonderer Jäͤger; kein ſolcher mit der Holzaxt zugehauener Klotz oder luͤ⸗ derlicher Hund, wie es deren hier taͤglich die „Menge zu ſehn gab.— Den haͤtteſt Du doch behalten ſollen!“— ſagte endlich Euſe⸗ bia, als er um die Waldecke hinum war. Puff.(mit einem muͤrriſchen Seitenblicke) Biſt Du geſcheut?— Willſt ſo eine Kluge — 60— ſeyn, und—(mit dem Finger an die Stun deutend) Merkſt Du denn nichts? Euſebia. Ey wohl merk' ichs!— Aber es iſt ein huͤbſcher artiger Menſch— er hat Geld— Es koſtete Dich ja nur ein Wort, ſo— waͤr er Dir adjunctirt. Puff Allerliebſt!— Das nenn' ich mir doch einen Weiber⸗Plan! Da will's ſchon oben hinaus, und weiß immer noch nicht wer ſeine Huͤhner und Gaͤnſe ſind. Euſebia. Hum!—(altklug) Da müßte man ſich freilich darnach erkundigen. Puff Hinterdrein?— Nein, nein!— Wir wollen's lieber ſo ſchleichen laſſen, und ſehn wo es hinaus will. Euſebia. Schleich Du nur hin, und laß ſchleichen! Wenn's nun aber Gottes Wille waͤr? Puff.(oiftis) Gotts Weiber und kein Ende!— Wenn ihr weiter nichts wißt, ſo kommt ihr mit Gottes Willen.— Wenn ein Maͤdel zur Hure wird, ſo heißt's bey euch am Ende auch: es iſt Gottes Wille geweſen!— — 61— Euſebia. Worauf willſt Du denn aber auch mit deinem Maͤdchen lauren?— Jch wollte doch recht lachen, wenn du etwas mit ihr erlauerteſt.— Ha! Ha! Ha! Puff.(grimmig, Der Teufel lacht uͤber ſo was!- Ich thue meine Schuldigkeit; und damit gut. Euſebia.(läͤchelnd) Und haſt ihm doch erlaubt, uns, ſo oft er will, zu beſuchen? Puff. Das konnt' ich ihm nicht ab⸗ ſchlagen! Aber— es iſt doch was anders, beſtaͤndig im Hauſe zu ſeyn, und— beſu⸗ chen? Da kann man die Augen aufſperren. Euſebia.(laut auflachend) Sperre Du ſie nur auf, wenn ſie einmal bekannt ſind. Der Spielberg iſt groß! Puff. Das Maͤdel hat ihren Verſtand! Und, kurzum, ich thue nun einmal nichts ohne Wiſſen und Willen der Groͤfin; und damit holla!! Das letzte Wort mußte freilich Euſebia haben; und ſo blieb ſie denn dabey: daß es einerley geweſen waͤr, und ſie doch einen Thaler Geld haͤtten mitnehmen koͤnnen.— Puff antwortete ihr nicht mehr. „»Wie geſiel Dir denn heute der Jaͤger?“ — fragte er Abends uͤber Tiſche Henrietten, die den ganzen Tag wie im Traume herumge⸗ gangen war— Sie wurde roth wie ein ge⸗ ſtrichen Blut, und ſtotterte endlich, wider ihre Gewohnheit, die dumme Antwort her⸗ aus: ſie haͤtt' ihn nicht recht angeſehn. »Du kannſt morgen das Gartenſtuͤbchen hinten ausraͤumen; ich hab' ihn angenom⸗ men! und er wird uͤbermorgen einziehn“— fuhr Puff fort; und Henriette wurde noch rother. Unmoͤglich konnte ſie ihre Freude daruͤber verbergen; und ſie wollte ſich den Abend noch über's Aufputzen des Gartenſtuͤb⸗ chens machen. Es waͤr gewiß recht ſchoͤn geworden!— Aber der alte grauſame Puff ließ ſie nur einige Minuten in dieſem ſuͤßen Wahne, und ſtellte— nachdem er ſich ſein Abend⸗Pfeiſchen angebrannt, und in ſeinen Großvaterſtuhl geſtreckt hatte, ein Examen uüͤber ihre Bekauntſchaft mit ihm an, welche b —-— 63— nun nicht mehr bezweifelt wurde.— Sie ge⸗ ſtand, ohne Schwierigkeiten, daß ſie ihn ſchon geſehn— aber wirklich heute, kurz zuvor ehe der hier geweſen, das erſtemal geſehn, und— noch kein Wort mit ihm geſprochen habe; welches letztere jedoch, ſo richtig es auch war, ſehr bezweifelt wurde. Sie ge⸗ ſtand ferner: daß er ihr wirklich gefalle, und gab endlich ſogar den Alten, damit ſie nicht einſchliefen, die ganze Geſchichte ihrer Ueber⸗ raſchung zum Beſten.— Dafar erzaͤhlt' ihr auch Euſebig: was fuͤr gute Worte er dem Alten gegeben haͤtte, daß er ihn in Dienſte nehmen moͤchte, daß er ſogar Koſtgeld gebo⸗ ten, und— welches das beſte und tröſtlichſte für Henrietten war— ſie wirklich eheſtens wieder beſuchen werde.— Der Alte ließ ſich auf dieſe von ihm ſchon abgeurthelten Kapi⸗ tel nicht mehr ein, ſo beißend auch Euſebia bey dieſer Gelegenheit noch zuweilen ausſiel, und— entſchlief. Euſebia war, da ihr nie⸗ mand Widerpart hielt, bald erſchoͤpft, und nickte gleichfalls ein. Henriette— traͤumte! — 64— Sie traͤumte— natürlicher Weiſe von ihm; und ſchon am andern Morgen lehnte ſie mit einem Blicke voll Sehnſucht im Fenſter, und ſah nach allen Wegen hin— ob er etwa kaͤm?— Er kam nicht! und erſt ſpaͤt dachte ſie daran, daß auch der beſte Freund den andern ja nicht alle Tage beſuchen koͤnne, und beru⸗ higte ſich. Fuͤnftes Kapitel. Du hatteſt Recht, Euſebia! Der Spielberg iſt ja groß; Und giebt's gleich keine Betten da, So giehres doch weiches Moas. Ein gur Gewiſſen— weiches Moos— Ein Mädchen hold im Arm'; O! thut doch Fuͤrſten! nicht ſo groß, Ihr ſeyd dagegen arm. 3 Euch druͤckt auf weichem Kanape So manche Sorgenlaſt; Auch läͤßt der Völker Ach und Web Euch weder Ruh noch Raſt. Und Liebe— wie ſie die Natur In Menſchenherzen gab, Gedeihet nur auf ſtiller Flur; Am Throne iſt ihr— Grab. — ᷣ—————ÿ—————:—xxꝛꝛꝛᷓ Drum druͤckt und draͤngt dort ſtiller Schmerz So manchen guten Mann, Der alles— nur ſein eignes Hern Nicht glücklich machen kann. II. E O, dul zu herrſchen nur gewohnt, Woher der truͤbe Blick? Hier, wo der Herzen Friede wohnt, Wohnt auch der Herzen Gluͤck. X — Henriette kuckte den ganzen Tag; aber — er kam immer nicht Wohl zehnmal re⸗ dete ſie ſich's vor: daß auch die beſten Freun⸗ de einander doch nicht alle Tage beſuchen koͤnnten, und— daß es noch obendrein ſo⸗ gar unſchicklich ſeyn wuͤrde, wenn dieſer, nach der erſten ganz nagelneuen Bekannt⸗ ſchaft, ſchon alle Tage wollte gelaufen kom⸗ men; aber— ſie war nicht vom Fenſter weg⸗ zubringen. Es gab freilich Entſchuldigungen die Menge, womit er, nach ihrer Meinung, ſeine Zudringlichkeit wuͤrd' entſchuldigen koͤn⸗ nen, und ſie wunderte ſich hoͤchlich: daß ihm nicht eine davon einfallen ſollte, wenn anders ihm ſo viel daran gelegen waͤr, ſich die Er⸗ laubniß des alten Puff zu nutze zu machen, als ihr; aber— es fiel ihm keiner ein! denn 7 — 67— er kam ja nicht. Die zweite Möͤglichkeit wagte ſie nicht zu denken; denn— es war in der graͤßlichſte Gegenſatz von ihrem ſehn⸗ lichſten Wunſche. 8 Der Tag verſtrich, unter allerhand Necke⸗ reien des alten Puff, uͤber Henriettens Un⸗ tuhe; denn ſie lief von einem Fenſter zum andern, als ob ſie das Wetter beobachtete. Zwar hielt er eigentlich nicht viel von der⸗ gleichen Neckereien, bey ſo ernſthaften Sa⸗ chen, um ſich die zu ſeiner Zeit vielleicht noͤthige Autoritaͤt nicht zu vergeben; aber dieſen— unter uns geſagt— dieſen haͤtt' er im Grunde gern zum Adjunktus und— Schwiegerſohn gehabt Er wußte ſelbſt nicht warum; denn er kannt' ihn ja erſt ſeit vier⸗ undzwanzig Stunden, und das blos aus ſei⸗ nen Reden, die der groͤßte Taugenichts oft eben ſo gut und nock ſchoͤner zu ſetzen weiß. Kurz aber, er war ihm gut! durfte ſich aber dieſes gegen ſein Weibſen nicht ſo merken laſſen, weil ſie ſonſt ohne Zweifel wie die Aron uͤber ihn hergefallen waͤren, und ihn E 2 — 68— zu einem guͤnſtigen Entſchluß', in Betreff ſeiner, beſtuͤrmt haͤtten. Und die Vorſicht, ihn erſt naͤher kennen zu lernen, war doch hoͤchſt noͤthig, und ganz ſeiner Klugheit ge⸗ maͤß. Geſetzt, es waͤr in einem oder dem andern Falle verunglückt— daß heißt; er waͤre kein guter Adjunktus, oder kein guter Schwieger⸗ ſohn— vielleicht gar keins von beiden gewor⸗ den;— ei tauſendſapperlot! wie wuͤrd' er ſich geaͤrgert haben, wenn ihn dann die Leute brav ausgelacht haͤtten, ihn— der immer zu ſagen pflegt'; es ließ nichts abgeſchmackter, als wenn ein Mann mit grauem Kopf', einen Knabenſtreich machte.— Das haͤtt' er ſich in ſeinem Leben nicht vergeben und vergeſſen koͤnnen! Alſo— wenn auch allenfalls hier eine Ausnahme zu machen geweſen waͤr, ſo nahm er doch lieber das Gewiſſe fuͤr's Unge⸗ wiſſe. 4 1 Der Tag verſtrich alſo, und die Nacht— mußte verſtreichen, ſo lang ſie auch dem — 69— armen Maͤdchen wurde.— Wer eine Idee von der Ungeduld eines verliebten Maͤdchen hat, der mahle ſich das Bild davon hier ſelbſt her; ich moͤcht' es uͤbertreiben! denn ich bin eben jetzt in dem Falle, daß ich von einem ſolchen verliebten Maͤdchen ſchier zum Teu⸗ felholen gemartert werde.— Zwar geht die ganze Sache mich eigentlich nichts an als die Chriſtenheit; denn— in mich iſt dieſes Maͤdchen nicht verliebt, als welches ich mir auch ganz gehorſamſt verbitten wollte, da ich dergleichen Gluͤck zwar zu ſchaͤtzen, aber jetzt nicht zu gebrauchen weiß; deſto ſchlimmer aber iſt's fuͤr mich; denn ich betrachte die Sache aus dem wahren Geſichtspunkte, und in der natuͤrlichen Ruh' eines unbefangenen Zuſchauers, treffe danach meine mir oblie⸗ genden Maasregeln, und denk' es auf's beſte zu machen; das Maͤdchen hingegen ſieht alles durch's Vergroͤßerungsglas der Leidenſchaft, und — moͤchkte die Ordnung der Dinge einreiſſen, um ſie beſſer— das heißt, nach ihren einſeitigen Wänſchen und Beduͤrfniſſen einzurichten; und — 70— — da werden wir denn natuͤrlicherweiſe niemals einig. Ei, du mein Himmel! denk' ich oft, was wuͤrd' aus der armen alten Welt werden, wenn die Ungeduld emes verliebten Maͤd⸗ chens allmäͤchtig waͤr, und unter den beſtimm⸗ ten und zufaͤlligen Dingen herumwirthſchaf⸗ ten konnte wie ſie wollte?— Der Kalender wenigſtens mußt' eine Revolution aushalten, im Fall' ihr auch die liebe Sonne zu groß waͤr, um mit ihr und ihrem Weg' eine Re⸗ form anzuſtellen; und die Poſten muͤßten wenigſtens von den fluͤchtigſten Falken gefah⸗ ren und geritten werden; denn— mit den fluͤchtigſten Pferden, um ihre und des trau⸗ ten Geliebten Gedanken und Gefuhle hin und her zu transportiren, ſind die verliebten Maͤdchen ſchon lange nicht mehr zufrieden— Das wuͤrd' eine ſchoͤne Wirthſchaft geben! Es waͤr gar nicht mit ihnen auszukommen Ich weiß was ich jetzt fuͤr Noth hab', und wie viel und mancherley Gaukeleien ich vorma⸗ chen muß, um nur einigermaßen gegen den — 71— Schwung, und uns bey Ehren zu erhalten; koͤnnte das Maͤdchen wie es wollte? ich lief davon! Als der zweite Morgen anbrach, wollt' es Henriette wieder anfangen, wo ſie es den Abend zuvor gelaſſen hatte; denn ſie hatte ſich ja die ganze Nacht uͤber darauf gefreut; aber Puff, der dieſen Spaß zur Luſt ſatt hatte, gab ihr einen Auftrag bey ſeinen Holzma⸗ chern, und— die Herrlichkeit hatt' ein En⸗ de. Zwar hatte ſie ihn im Walde das erſte⸗ mal geſehn, und konnt' alſo dort ihn auch das zweitemal zu ſehn hoffen; aber— der Wald war groß, und ſie wuͤrklich noch nicht eingehetzt genug auf dergleichen Avantuͤren, wie Damens unſrer Zeit, daß dieſes ihre Dispoſition auf eine angenehme Weiſe haͤtte veraͤndern koͤnnen. Sie hoͤrte indeß dieſen Auftrag an, ohne eine Miene zu veräͤndern,. und eilte ſo, daß ihn Puff um ein Haar zu⸗ * — 7²2½— kuͤckgenommen haͤtte, weil ihm einſiel: daß er ihr vielleicht eben dadurch Gelegenheit zu einer geheimen Zuſammenkunft mit ihm köoͤn⸗ ne gegeben haben, um welche ſie vielleicht verlegen geweſen.— Es hatte ohnehin mit dieſem Auftrage keine Eil, und er gab ihr ihn blos um ſie vom Hauſe zu entfernen, und mit ihm— denn er war eben ſo feſt überzeugt, daß erheute kommen muͤſſe, als ſie— von ernſten Sachen ein ernſtes Wort ſprechen zu koͤnnen; daß hieß, nach ſeiner Sprache: ihm ein bischen auf die Naͤhte zu fuͤhlen; alſo— war er noch in der Thuͤr ungewiß: ob es beſſer ſey, ſie gehn zu laſſen, oder— ſie daheim zu behalten; aber Hen⸗ riette war ja von jeher gewohnt, ohne Mur⸗ ren und Verdruß zu gehorchen, und eilte blos darum ſo, um— bald wieder zu Hauſe zu ſeyn; denn— ſie war eben ſo feſt uͤber⸗ zeugt, daß er heute kommen muͤſſe, als der Alte. Dieſes, und daß ſie ja ihren Verſtand habe, fiel ihm ein, und auf ſein zweifelhaf⸗ tes:„wart' einmal!“ welches er ihr in der -—— Thuͤr noch nachrief, folgt endlich das entſchei⸗ dende:„na!— geh nur hin!“ Sie warf ihr Flintchen uͤber die Achſel, und gieng, oder— flog vielmehr am Abhange des Berges dahin.— Rechts und links ſchwanden ihr dießmal unbemerkt Gegenſtaͤnde dahin, die ſonſt ihre Aufmerkſamkeit wuͤrden beſchaͤftigt haben, denn— ſie wollte ja bald wieder zu Hauſe ſeyn. Ein einziger Seufzer entflog ihr, als ſie an der Eiche voruͤber gieng, unter welcher ſie vorgeſtern der ſchoͤne Jaͤger uͤberraſcht hatte; aber die Hoffnung, ihn bald wiederzuſehn, befluͤgelte ihre Schrit⸗ te noch mehr. Ihre Geſchaͤfte, bey den Holzmachern, wa⸗ ren eigentlich bald abgemacht; aber es kam ein Muͤller, der einige Muͤhl⸗Wellen erhal⸗ ten ſollte, und dieſer bat ſehr dringend: ihm dieſelben ſogleich abſchneiden zu laſſen, da er ſie heuze, um einen billigen Preiß koͤnne nach Hauſe gefahren kriegen.— Der arme Mann hatt' ohnehin im vorigen Winter Schaden genug gelitten; Henriette fand es alſo billig, ihm zu dieſem Vortheile behuͤlflich zu ſeyn; aber— ſollte ſie hineinſchicken, und ihren Alten deswegen heraus ſprengen? das fand ſie eben ſo unbillig. Sie wagt es alſo, da die Baume bereits gefaͤllt waren, ihre Kunſt in der kubiſchen Berechnung das erſtemal zu zei⸗ gen, und ihm ſeine Wellen in Gottesnamen abſchneiden, und verabfolgen zu laſſen, ob ihr gleich dadurch vielleicht eine Zeit verlohren gieng, die ihr nichts erſetzen konnte, als das 4 Bewußtſein: dieſem Manne, und ſeinem Weib' und Kindern, einen weſentlichen Nu⸗ tzen geſchafft zu haben.— Sie war nicht ein⸗ mal verdruͤßlich! Aber das Schickſal ſah herab, und ihr gu⸗ tes Herz, welches, mit Aufopferung ſeiner eignen ſuͤßeſten Hoffnungen, fuͤr das Beduͤrf⸗ 4 niß anderer ſo willig geſtimmt hatte, ſollt' auf „der Stelle belohnt werden.. 2* Heenriette gieng, zufrieden uͤber den ver⸗ dienten Dank, der dem ehrlichen Muͤller ſo lebhaft aus den Augeu leuchtete, mit leichten Schritten das Thal hinauf, um nun auch ihre eigenen Angelegenheiren wo moͤglich nachzu⸗ holen. Als ſie ſchon eine gute Strecke weg war, fiel ihr ein: daß ſie ſich dennoch koͤnne geirrt haben, indem ſie vielleicht nicht ſo ganz mit ihren Gedanken dabei geweſen. Sie er⸗ ſchrak!— Zwar konnte der Schade ſo be⸗ traͤchtlich nicht ſeyn, den ſie vielleicht ange⸗ richtet, und vielleicht waͤr er auch noch zu he⸗ ben geweſen; aber der Alte, der in ſeinen Sachen die ſtrengſte Ordnung hielt, haͤtte doch vielleicht daruͤber geknurrt, und ſich geärgert. Dieß war ſchon genug, um ſie in die außerſte Verlegenheit zu ſetzen.— Sie macht' alſo kleinere Schritte, zog ihre Schreibtafel her⸗ aus, und rechnete es noch einmal durch.— Lange war ſie ſo gedankenvoll vor ſich hin ge⸗ gangen, und ats ſie von ohngefaͤhr einmal aufblickte, ſtand Waller vor ihr.— Sie er⸗ ſchrack; aber die Verlegenheit, in der ſie ſich eben befand, uͤberwog doch jetzt den Schreck, und ſie freute ſich, jemanden zu finden, der 4 —- 76— ihr ohne Zweifel daraus helfen koͤnne.— „Ach! rief ſie, mein lieber Jaͤger! Sie koͤn⸗ „nen mir gewiß aus einer großen Noth hel⸗ „ſen, in die mich mein guter Wille geſtürzt „hat. Wollen Sie es thun?“—„Ob ich „will? iſt keine Frage! ſagte er laͤchelnd; es „kommit nur drauf an, ob ich kann? Doch „— es muͤßte ein Schelmſtreich ſeyn, was ich „nicht fuͤr Dich thun koͤnnte, ſchoͤnes Maͤd⸗ „chen!— Laß hören!“— In der möglich⸗ ſten Kuͤrze trug ſie ihm ihr Anliegen vor, und — voll Verwunderung, daß ſie ſogar mit der hoͤhern Rechenkunſt vertraut ſey, uͤbernahm er die Stelle ihres Reviſors.—„Es kann außerſt wenig ſeyn, was Du gefehlt haſt, ſagte er, im Fall Du wirklich ſollteſt gefehlt haben — das ſeh' ich beim erſten fluͤchtigen Ueber⸗ blick; aber— um Dich ganz zu beruhigen, lieber Camrad! und ſicher zu ſtellen— ſo laß uns die wenigen Schritte zuruͤckkehren, und es noch einmal durchmeſſen.“—- Das war ihr recht! denn jetzt hatte ſie nichts mehr zu eilen.— Er ſchien zu vergeſſen, wer an ſei⸗ nem Arm' hieng, und las ihr unterwegs ein ſolides Collegium, uͤber die cubiſche Berech⸗ nung der Koͤrper, wobey er nichts ſo ſehr be⸗ wunderte als ihre ſtrenge Aufmerkſamkeit.— „Iſl's aber nicht eine Raferey? rief er end⸗ lich lachend, als er ſich beſann— einem ſchoͤnen Maͤdchen, bey der erſten Bekannt⸗ ſchaft, ein ſo trocknes Collegium zu leſen?“ —„Alles hat ſeine Zeit! ſagte ſie. Wenn Sie mich belehrt und beruhigt haben, dann koͤnnen wir auch ſchaͤkern und lachen, ſſo vjel Sie wollen.“ Er.(ſchneu) Ei, ſo laßt uns doch um's Himmelswillen eilen!. Jetzt waren ſie wieder auf dem Schlage. Geſchwind maß er die Muͤhlwellen noch ein⸗ mal aus, ſetzte ſich, und berechnete den cubi⸗ ſchen Jahalt derſelben nach ſeiner Art; da es ſich dann fand, daß ſie nur um eine faſt unbedeutende Wenigkeit gefehlt hatte.— „Und, damit Du kuͤnftig gar nicht fehlſt, ſagte er, und Dich auch nicht zu aͤngſtigen noͤthig haſt—(er zog ſeine Brieftaſche heraus, und —.- gab ihr ein zuſammekgelegtes Papier) Hier haſt Du eine Tabelle, woraus Du Dich jedesmal Raths erholen, und Deinen Kopf— ſo lieb er mir iſt— ſicher drauf weiten kannſt, daß Du recht haſt.—(indem ſie es freudig aufſchlägt) Es iſt eine genaue Berechnung allen cilindri⸗ ſchen Koͤrper, die dem Jaͤger und Forſtmanne vorkommen koͤnnen, nach ihrein cubiſchen Inhal⸗ te.— Sieh! da mißt Du nur die Laͤnge, und oben und unten den Diameter, ſuchſt ſodann Deine Zahl hier und hier, und ſin⸗ deſt— hier— die richtige Summe.“— Sie hatt' eine, was man ſagt kindiſche Freu⸗ de daruͤber! Er ließ ihr ſogleich, an den Muͤhlwellen, die Probe machen, um ihr auch in der Art des Verfahrens keinen Zweifel mehr uͤbrig zu laſſen, und ſie giengen dann äußerſt zufrieden davon. Auf dem Rückwege las er ihr— kein mathematiſches Collegium— Zutraulich hatte ſie ihren rechten Arm um den guten Mann geſchlungen, der ihr ſo viel ernſte nuͤtzliche Sachen geſagt, und ſie noch durch keine Nek⸗ kerey roih gemacht hatte— nachlaͤßig hieng auf dem linken ihr Flintchen. Ihr Weſtchen— (ſte trug gewoͤhnlich ein dunkelgruͤnes ſogenanntes Amazonen⸗Habit, mit baille Weſtchen) ihr Weſt⸗ chen war weiter als gewoͤhnlich aufgeborſten — um ihre freie Stirn flogen ihre dunkeln Locken. So blickte ſie mit ihren hellen blauen Augen, offen und ehrlich zu ihm auf Er haͤue kein Menſch, oder einer von jenen Un⸗ gluͤcklichen ſeyn muͤſſen, die ſich, nach mei⸗ ner Meinung, bey ſolch einem Anblick' in Gottesnamen eine Kugel durch den Kopf ja⸗ gen moͤchten; wenn ihm nicht warm gewor⸗ den waͤr. Es war ein Mann! aber— Fluch ihm! wenn er das ehrliche Zutrauen dieſes herrlichen Naturmaͤdchens haͤtte mißbrauchen können. Indeß entdechten ſie einander ihre Herzen ſo ziemlich umſtaͤndlich, und— doch, wir haben ja dergleichen Herzensergießungen, in Büchern und in der wuͤrklichen Welt, ſo zum Ueberfluß, daß ich meine Leſer ganz fuͤg⸗ lich darauf verweiſen kann; und ich ſetze bloß hinzu, daß ſie, nach einigen noͤthigen — 30— Verabredungen, aͤußerſt vergnuͤgt von einan⸗ der ſchieden; denn Waller traute ſich nicht Contenance genug zu, ſie, in dieſer Stim⸗ mung, nach Hauſe zu begleiten. O!— was war das fuͤr ein Augenblick, als ſie, dort am Scheidewege, das erſtemal einander um den Hals fielen!— Ihr ganzes Weſen ſchien ſich aufzuloͤſen, und, ohne Schwur und Ver⸗ ſprechen, ihre Seelen auf ewig ſich zu ver⸗ einigen. Henriette taumelte im eigentlich⸗ ſten Verſtande, und es borſten noch zwey Knoͤf' an ihrem Weſtchen.— Aber es war doch auch gar nicht galant vom Waller, daß er ſie dem armen Maͤdchen nicht zuknoͤpfte. Vergnuͤgt, wie ein Koͤnig— plegte man ſonſt zu ſagen, wenn man je⸗ manden als recht innig vergnügt beſchreiben wollte.— Vergnuͤgt, wie eine Koͤni⸗ gin, wuͤrd' ich alſo jetzt ſagen, wenn mir dieſer Ausdruck noch in unſer Jahrhundert zu paſſen ſchien— eilte nun Henriette nach — 8 1— Hauſe ſtattete dem Alten von ihren Verrich⸗ tungen Raport ab, und ſetzte ganz unbefan⸗ gen hinzu, daß ſie auch dem Muͤler ſeine Muhlwellen angewieſen habe.—„Biſt Du's Teufels? Maͤdchen! rief er erſchrocken; wer hat Dir denn das geheißen?“—„Der ar⸗ me Mann bettelte ſo, ſagte ſie; weil er ſie juſt heute, durch die Froͤhner vom Schloſſe, zum Feierabende, wohlfeil nach Hauſe brin⸗ gen koͤnnte, und— Ihn wollt' ich doch, die⸗ ſer Kleinigkeit wegen, nicht hinaus ſprengen. — indem ſie ihm ihre Schreibtafel vorlegt) Es iſt alles richtig gemeſſen, und nach dem Cu⸗ bik⸗Fuß taxirt; Er kann ganz ohne Sorge ſeyn.“ Der Alte. Dich muß der Henker pla⸗ gen!—(indem er die Berechnung durchſieht) Hum!— Hum!— ſe ſcharf in's Auge faſſend) Was iſt denn da fuͤr eine fremde Hand? Henriette.(wud ein bischen roth; aber erſchrickt nicht) Der fremde Jaͤger, der ehege⸗ ſtern hier war, begegnete mir; und da— weil ich nicht recht gewiß wußt'“, ob ich recht II. F 1 hatte— da bat ich ihn, es mir noch einmal auszurechnen.— Der Alte. Wuͤrklich?—(mit einem ſchalkhaften Lacheln) Und— that er's denn? Henriette. O, ja!— Er that's recht gern. Er gieng ſogar wieder mit zuruͤck auf den Schlag, und mas die Schaͤfte ſelbſt noch einmal, und rechnete es nach ſeiner Art aus, wie's dort auf der andern Seite ſteht.— (Pauſe; der Alte ſchuͤttelt den Kopf)) Und da hat er mir eine Tabelle gegeben, nach welcher man, in der Geſchwindigkeit, den cubiſchen Inhalt eines jeden ſolchen Schaftes den Au⸗ genblick ſinden kann, ohne ſich den Kopf zu zerbrechen.—(giebt ihm die Tabelle) Er laͤßt ſein Kompliment machen, und morgen wuͤrd' er das Vergnuͤgen haben, uns zu beſuchen. Puff. Gehorſamer Diener!— und wa⸗ um iſt er denn heute nicht mit herein ge⸗ kommen? Henriette.(ſtust) Ich bat ihn; aber— er ſagte: heute koͤnnte er unmoͤglich. 8——*“ —— Puff.(der indeß, ohne darauf zu hören, die Tabelle durchgeſehn hat) Da haben wir's!— Woruͤber ich alter Kerl mir drey Jahre lang den Kopf zerbrochen habe, um doch auch, mit Gott und mit Ehren mit dem Sekulo fortzukommen— ſteht da alles haarklein.— Hoͤre, Jeite! das ſchreib Du mir huͤbſch deutlich und ordentlich ab, und gieb's ihm dann wieder.— Henriette.(leicht) Er braucht's nicht wieder!— denn er kann das all aus dem Kopfe. Puff.(gezogen) So?—(Sie ſcharf in's Au⸗ ge foſſend) Haſt Du Dich denn auch recht ſchoͤne bedankt? Henriette.(lächelnd) O, ja!(guthet⸗ zig offen) Es iſt Ihm wuͤrklich ein rechter gu⸗ ter, artiger Menſch! „Meinſt Du?“— ſagte Puff, und gieng an ſeinen Schreibſchrank, um dieſes einzu⸗ tragen.— Er war kein Gelehrter, aber doch F 2 — 84— Menſchenkenner genug, um aus Henriettens Ruh' und Offenheit ſchließen zu koͤnnen: daß ſie ein gut Gewiſſen habe, und— ſtreckte ſich dann ſorglos, wie geſtern und ehegeſtern, in ſeinen Großvaterſtuhl. —— 1 Sechſte⸗ Kapitel. in Freund, oder eine Freundin, iſt unse zum wahren Genuß der Freude, eben ſo nothig, als zum Ertragen der Leiden. Horriette mußte ſchlechterdings dieſen Lbend noch hinein, zu ihrer lieben Auguſte; denn wie haͤtte ſie das Glück dieſes Tages allein tragen können?— Sie war ſo entzückt, ſo ſelig, ſo unerſchoͤpflich in ſeinen Lobeserhe⸗ bungen, daß Auguſte— ohne ihr zu viel thun, mit gutem Gewiſſen nun das Deciſum faͤllen konnte: Du biſt verliebt, bis über die Ohren!—„Je, das iſt ja gut! das iſt ja herrlich! rief Henriette ganz entzuͤckt; ach! ich habe mich immer dafür gefuͤrchtet; aber— Gott Lob und Dank! es iſt alſo recht gut ab⸗ gelaufen.— Ich habe nicht geſeufzt— ich — e— habe nicht geweint— auch nicht ein bis⸗ chen geweint!— Das Herz hat mir nicht einmal weh gethan!— Bloß ein bischen en⸗ ge wurde mir's—(ihr Leibchen zuſammendruͤk⸗ kend) da herum; aber— weiter war's nichts. Und uberhaupt hab' ich mich nicht ſo dumm dazu angeſtellt, als ich glaubte.“ Auguſte.(lochend) Das laͤßt ſich denken! —(ſorgſam warnend) Aber!— Aber!— Wenn's nur nicht nachkommt! Henriette. Was ſoll denn kommen?— (auſſerſt heiter) Es iſt mir ja ſo wohl, wie dem Fiſch' im Waſſer— ſo leicht, wie dem Vo⸗ gel in der Luft.— Ich bin ſo froh— ſo luſtig!—- C(dreht ſich auf einem Beine herum, und befteht ſich im Spiegel) Auch nicht ein bischen blaß bin ich geworden! Auguſte.(mit einem Seußzer) Dieſer Stich galt mir!— Aber, ich verzeihe Dir ihn; denn— Du wußteſt nicht, daß es einer ſeyn ſollte.(ſte auf die Achſel klopfend) Gebe der Himmel, daß es immer ſo bleibt! — — 32— Heuri riette.(lachend) Und warum ſollte es denn nicht ſo bleiben? Auguſte. Das wird ſich finden! denn — wer kann Umſtaͤnde vorher beſtimmen? und von dieſen haͤngt alles ab. Henriette.(wie zuvor) Alles?— Jch gewiß nicht! Auguſte(ſorgſam) Und iſt noch vieler⸗ ley zu bedenken, ehe ich mich recht herzlich mit Dir freuen kann.— Cnach einer Pauſe) Wer iſt er denn eigentlich? Henriette. Das weiß ich nicht! Ein Jäͤger, iſt er— ſagt mein Vater, und ich glaub's auch; denn er ſieht gerade ſo aus, und kann alles, was dazu gehoͤrt; aber— weiter weiß ich nicht, wer er iſt. Auguſte.(lachend) Du weißt wohl auch alſo nicht einmal wie er heißt? Henriette. Nein! Das weiß ich auch würklich nicht; aber— mag er meintwegen heißen wie er will; Sie ſollten ihn nur ſehn! ihn nur ſprechen hoͤren! — 6 Auguſte.(ſchüttelt bedenklich den Kepf) Das kenn' ich! Und, wie iſt er denn ſonſt? huͤbſch artig? Henriette.(mit Nachdruck) Sehr artig! O! mit den Vogelſcheuchen und Wind⸗ beuteln, die taͤglich da herumlaufen, muͤſſen Sie ihn gar nicht in Vergleichung ſiellen. Wenn er nur gethan haͤtte, als wollte er mich unrecht angreifen! Auguſte. Würklich?(forſchend) Aber einen Kuß haſt Du ihm doch gegeben? Henriette.(ſchnell und fröhlich) Ja!— (Auguſte drohr ihr mit dem Finger) Er ſiel mir um den Hals, und— ich glaube warlich. ich ihm auch. Auguſte.(forſchend, und mit einem lan⸗ gen verhalrenen Seufzer) Wie war Dir denn da? Henriette.(mit flammendem Augen) Das weiß ich nicht!— Es war mir— es war mir— Sehn Sie! dieſe drey Knoͤpfe da ſind mir von meinem Weſtchen abgeſprun⸗ gen. Eben hab' ich ſie wieder angenaͤht. Auguſte, Nun, das muß ich ſagen! — 89— ein Kuß, daß die Indpfe von der We ſpringen? Henriette.(naiv) Ach!— es waren ihrer mehr! und—(ſchwaͤrmeriſch) ich mag gar keinen andern Mann in der Welt mehr kuͤſſen, als dieſen!— Auguſte. Daran thuſt Du recht wohl, in deiner Art; wenn wir nur erſt wüßten wer er waͤr? 3 ¹ Henriette. Was kuͤmmert mich das? Und— Sie ſollten ihn nur ſehn— ihn nur ſprechen hoͤren— O! Sie fragten grwiß auc nichts mehr danach. Auguſte. Das kaͤm darauf an.— Aber, neugierig machſt Du mich wiͤrklich; ſehe neugierig; Henriette.(nach einem fruͤchtigen Nach⸗ denken) Sie ſollen ihn ſehen!— Sie mu ſ⸗ ſen ihn ſehen!—(ihr um den Hals fallend) Ich habe ja ſonſt niemanden in der Welt, der ſich mit mir freut!— Ach, niemanden! Auguſte.(gerührt) Armes Maͤdchen! — Du ſollteſt mich herzlich dauern, wenn ☛‿ — 90— Deine erſte Liebe verungluͤckte.—(nach einer Pauſe, entſchloſſen) Ja!—- Ich will ihn ſehn! — Ich muß ihn ſehn!—(nachdenkend) Aber— Henriette. Gufeieden) Ach, er kann mit allen Leuten ſprechen— Er iſt nicht blöͤde!— Augu ſte. So ſcheint's! Aber— ich meine nur, wie das zu machen iſt, ohne daß es auffaͤllt? Henriette. So leicht als was!— Wir fahren ſpatziren, laſſen, unter dem Vor⸗ wande: den Fußweg gehen zu wollen, den Wagen umkehren, und— Auguſte.(lachend) Und— da ſind wir immer wieder allein, wenn er uns nicht juſt aufſtoͤßt. Henriette. Was wetten Sie: ich weiß das Fleckchen, wo er uns aufſtoßen muß? Auguſte. den Kopf ſchüttelnd) Ey, ey! — Du weißt nicht wer er iſt?— weißt nicht wie er heißt?— und doch weißt Du, wo Du ihn triffſt?— Jetzt iſt's ſogar meine — 91— Schuldigkeit, daß ich ihn ſpreche! denn— (drohend) es ſcheint mit euch Leutchen blind⸗ lings ſchon ſehr weit gekommen zu ſeyn.— (ernſt) Ich muß ihn morgen ſprechen!— Sie trafen die Verabredung: daß Au⸗ guſte Henrietten auf dem Jagdhauſe abholen wollte, und zur beſtimmten Stunde rollten ſte zufrieden in's Thal hinab. Es war ein praͤchtiger Abend! und es kam weder dem Bedienten noch dem Kut⸗ ſcher ſonderbar vor, daß ſie am Eingange des Nieder⸗Waldes ausſtiegen, und den Nuͤckweg zu Fuße machen wollten.— Eine feierliche Stille ruht' auf der einſchlummernden Natur, und Zeit, Ort und Umſtäͤnde, ſchie⸗ nen ausdruͤcklich zu ſolch einem Rendezvous gemacht zu ſeyn. Henriettens Falkenaugen durchflogen jeden Buſch, und entdeckten ihn zuerſt.—„Das iſt er!“ rief ſie gluͤhend, und ſprang ihm entgegen! aber— er druͤckt' ihr bloß mit einem zufriedenen Laͤcheln die — 92— Hand, und wendete ſich— wie ſich's ge⸗ hoͤrte, ſogleich zur Generalin.— Unter uns geſagt; er war ſchon zu dieſem Beſuche vor⸗ bereitet.— Auguſte war uͤberraſcht; denn ſie fand wuͤrklich einen ſchönen Mann; und die Ruh' auf ſeinem Geſicht', und der Anſtand, mit dem er ſich naͤheree, verriethen etwas mehr als einen gemeinen Jaͤger, obgleich ſeine Kleidung— die beſondere Reinlichkeit und Nettigkeit derſelben abgerechnet, ganz dieſelbe war.—„Ich ſchaͤtze mich ſehr gluͤck⸗ lich, gnaͤdige Frau! ſagte er, daß Sie dieſes Maͤdchen lieben, und Ihrer Protection wuͤrdi⸗ gen, welches mich ſo ſehr intereſſirt! erlau⸗ ben Sie mir gnädigſt—(ihr die Hand küſſend) meinen unterthaͤnigſten Dank abzuſtatten.“ Auguſte. Soll ich's glauben, daß es Ihnen von Herzen gehi?—(bedeutend) Die⸗ jungen Menſchen pflegen es ſonſt nicht eben gern zu ſehn, wenn ein Maͤdchen, auf wel⸗ ches ſie ihr Auge werfen, unter einer— nicht zwar juſt ſtrengen, aber doch gewiſſen⸗ haften Zucht. ſteht? — 5— Waller. Dieſe Bemerkung iſt ſehr richtig; aber—(mit einem ruhigen Läͤcheln) mir und meinen Geſinnungen nicht druͤckend; im Gegentheil wuͤnſchte ich: daß Ew. Gnaden es wichtig genug finden moͤchten, Ihre ſtrengſten Beobachtungen auch auf mich auszudehnen. Ich hoffe dadurch in den Augen des Maͤd⸗ chen, und— auch in den Augen der Welt zu gewinnen. Auguſte. Sehr ſchmeichelhaft fur mich; und— haͤtten Sie mich nicht dazu aufge⸗ fordert, ſo waͤr es ohne Zweifel in der Stille geſchehn; jetzt kann ich mich nicht darauf einlaſſen; denn einen Mann kennen lernen zu wollen, der es weiß, daß er beobachtet wird, iſt das undankbarſte Unternehmen un⸗ ter der Sonne. Waller.(etwas niedergeſchlagen) Und ſo hätt' ich mich denn ſelbſt des Vergnuͤgens und der Vortheile beraubt, von Ihnen be⸗ obachtet zu werden; und doch—(entſchloſſen) doch hoff' ich mein Ziel zu erreichen. Auguſte. Wenn es edel iſt?— — 94— Vielleicht! Iſt es aber ein alltägliches?— Dann werden Klugheit und Grundſaͤtze mit mir ſich vereinigen, und das unſchuldige Herz dieſes Maͤdchen ſchützen, welches ein beſſeres Schickſal verdient. Waller. Es verdiente ſchon manches ein beſſeres Schickſal; aber— was ſind Klug⸗ heit und Grundſaͤtze fuͤr ein ſchwacher Damm, gegen die tobenden Wellen des heißen Blu⸗ tes? 1 Auguſte.(betroffen; aber auch gleich wie⸗ der gefaßt) Es ſcheint, Sie ſprechen aus Er⸗ fahrung?— Fuͤhlen Sie aber auch, was es heißt: ſich dieſe Schwuͤchen zunutz', und ein unerfahrnes Maͤdchen ungläcklich zu ma⸗ chen? Waller. Ja!— Das heißt: dem Allmaͤchtigen ans Herz greifen— Tugend und Ehre mit Füßen treten— und jedes rechtſchaffenen Mannes Abſcheu verdienen! (etwas wild) Es giebt aber auch welche, die es nicht beſſer haben wollen! Die die Farbe der Unſchuld nur auf dem Leibe tra⸗ — 25— gen, und— uns auslachen, und für dum⸗ me Teufels halten, wenn wir nicht— neh⸗ men wo wir ſinden.(wild lachend) Ha! dann drück ich freilich dem wackern Came⸗ raden die Hand, und ſpreche: wohl be⸗ fkomm's! Auguſte.(mit einem langen unverhalte⸗ nen Seufzer) Wenn man doch euren Reden trauen duͤrfte! Waller So laſſen Sie ſich die Muͤh nicht verdrießen, meine Handlungen zu be⸗ obachten. 7 4 Auguſte.(mit einem zweifelhaften Achſel⸗ zucken) Daruͤber hab' ich mich ſchon erklaͤrt. — In der Freiheit ſind Handlungen die richtigſten Documente des Herzens; unter dem beobachtenden Auge— falſche Wech⸗ ſel! 1 Waller.(mit einem raſchen warmen Haͤn⸗ dedrucke) O, weh! gnaͤdige Frau!— Sie ha⸗ ben traurige Erfahrungen gemacht! Auguſte.( ſeufzend) In dieſem Falle nicht! Aber— was mich haͤtte ungluͤcklich machen koͤnnen, hat mich— ſichtig gemacht— und das iſt andre zu ſehen und zu denk gluͤckliche Leidenſchaft Verſtand blöde gemacht hat. 4 Waller.(Lraſch, und ſie ſcharf faffend) Sind Sie gluͤcklich? Auguſte.(überraſcht: aber ſogleich wieder gefaßt; in dem ihr eignen feſten Tone) Was iſt Gluck 2 2 Waller. Freylich ein relativer Be⸗ griff.—(beſcheiden) Ich beruͤhrte vielleicht eine Saite ihres Herzens, der ich eine beſ⸗ ſere Stimmung wünſchen ſollte?—(küßt ihr die Hand) So bitt ich um Vergebung—(nach einer kurzen Pauſe, mit Laune fortfahrend) Trauen Sie alſo weder meinen Worten noch mei⸗ nen Handlungen; wohlan! ſo laſſen Sie es uns auf allerhand Art und Weiſe mit ein⸗ ander verſuchen, und nehmen mich dann— wie ich Ihnen am beſten gefalle.—(leicht und luſtic) O!— wenns drauf ankömmt, ſo kann ich allerhand artige Rollen ſpielen.— . ber auch geradezu gehn, wie ein Deutſcher! und dann bin ich unerſchuͤtter⸗ licher als dieſer Fels; aber— unter uns ge⸗ ſagt,— in meinem Fache! Auguſte.(die ihm aufmerkſam zugehoͤre hat; beobachtend) Und, haben Sie denn das al⸗ les bey ihrem Foͤrſter gelernt? Waller. O, nein!—(bereilt) Ohne Vater, und ohne Fuͤhrer, in der großen Schule der Welt;— was lernt man da nicht alles?—(einlenkend; indem er gewahr wird, daß ihn Auguſte beobachtet) Denn in allen Staͤn⸗ den hat man zu gewiſſen Zeiten eine Maske nothig, um mit Ehren durch die Welt iu kommen. Auguſte.(mit einem dedenklichen Kopfſchne teln) So moͤcht' ich doch wiſſen: wie Sie jetzt maskirt waͤren? Waller. Sie verzeihen gnaͤbigſt!— Jetzt bin ich im Neglige. Denn— ich hab' ff. G 1 „ wenn es mich zu haben glaubt, es ja im Grupde bloß mit dieſem unſcu digen Natur⸗Maͤdchen zu thun.— Auguſte. Richtig!— Aber, ich daͤchte das haͤtten wir, uͤber unſern Tiraden da, ſchier ganz und gar vergeſſen? Waller. Gott bewahre!— Das Herz des ehrlichen Mannes weiß, in dieſen Um⸗ ¹. Raͤnden, den Henker davon, was die Zunge ſpricht.—(Henriettens Hand faſſend) Ich habe manches ſchoͤne Maͤdcen geſehn, und— vergeſſen. Muß ich auch Dich vergeſſen? —(ihre Hand weg ſchlendernd) Dann ſey das ganze Weibergeſchlecht vergeſſen! Auguſte.(mißt ihn mit großen Augen,) Sind alſo wirklich ihre Abſichten ernſtlich?— Waller. Ein ſchlechter Menſch ver⸗ ſpricht etwas, ehe er gewiß weiß, daß er's hal⸗ ten kann!— Und eben ſo ſchlecht iſt derfe⸗ nige, der ſich uͤber eiwas erklaͤrt, das er nicht kennt!—(roſch.) Gnaͤdige Frau! Wie lange kenn' ich Henrietten? 3 Au guſte.(mit einem Haͤndedruck⸗) Ich . verſtehe Sie! und habe nichts dagegen.— * —— — — 23— (zu Henrietten) Er iſt ein ehrlicher Mann!-— Gieb ihn einen Kuß, und komm.—- Henriette.(knopft einige Knöpf' an ihren Weſtchen auf) Daß ihr mir nicht etwa wie⸗ der abſpringt!(ſtiagt ihm in den Arm) Nun da, garſtiger Menſch!—(giebt ihm einen herz⸗ haften Kuß) Ob Du gleich nicht ein Wort mit mir geſprochen haſt. Waller.(ſtreicht ihr freundlich die Backen, und käͤßt ihr die Stirn) Wir holen es nach!— Auguſte. Noch ein's!— Wollen Sie uns denn nicht ein bischen näͤher mit Ihnen bekannt machen? Wer ſind Sie? Wal ler.(bittend) Gnaͤdige Frau!— Siie haben mir eben den groͤßten Ehrentitel zugeſprochen, den ich kenne; laſſen Sie mich ihn, bey Ihnen, behalten! Er kuͤßte ihr raſch die Hand, und war, mit einem Sprung, in die Ce iſce, ihnen aus den Augen.— 6 22 — — 100— um ein Haar waͤr ihm Henriette nachge⸗ ſprungen; aber Auguſte faßte ſie feſt, und ſie mußte mit ihr nach Hauſe wandern.— Sie hieng den Kopf, wie eine geknickte Blume, und ihr Geſpraͤch auf dem Wege, war uͤber⸗ haupt einſylbig und abgebrochen; denn dieſer ſonderbare Jäger hatte Auguſtens Herz er⸗ ſchuͤttert, und ihr uͤberhaupt unerſchoͤpflichen Stoff zu ſonderbaren Gedanken gegeben.— Sie wagte es kaum, das nur fuͤr moͤglich zu halten, was ihr dunkel ahndete; wie haͤtte ſie ſich ſonſt ſeine— wie es ſchien— ſo war⸗ me Anhaͤnglichkeit an Henrietten erklaͤren koͤnnen, deren Herkunft er doch wohl wiſſen mußte? Dennoch war's ihr auch nicht moͤg⸗ lich, ihn blos für das zu halten, was er ſchei⸗ nen wollte.— Verſtand ſie ſeine letzten Worte recht, ſo war ſein Name vielleicht die leidlichſte Maske, die er trug; aber— eben hinter dieſer Maske ſteckte vielleicht noch ein ganz ander Geſicht als das ſeinige?— Mit Henrietten konnte ſie nichts anfangen; denn dieſer hatte ſie einmal weisgemacht⸗ daß er ein ehrlicher Mann ſey, was kuͤm⸗ merte ſich alſo dieſe drum: wer er war? oder: wie er hieß?— Sie lachte, indeß ſich Auguſte den Kopf daruͤber zerbrach; denn— ſteliebte ja, wie ſie ſagte, nicht den Namen, ſondern den Mann; und nur dann erſt, als Auguſte ihr ſehr ernſtlich verſicherte: daß die⸗ ſes auch ihr vielleicht einen ſehr weſentlichen Unterſchied machen koͤnne— nur dann erſt⸗ verſprach ſie: ſich alle moͤgliche Muͤhe zu ge⸗ ben, um es heraus zu bringen.— Auguſte warf ſich die ganze Nacht, mit dieſen Gedanken, unruhig im Bette herum, und als ſie, gegen Morgen, kaum ein⸗ geſchlummert war, erhob ſich ein entſetzlicher Laͤrm an ihrer Thür. Sie rief.— Athem⸗ los ſtuͤrzte Henriette herein, warf ſich der Laͤnge lang uͤber ihr Bette her, und ſchrie: „Er heißt Waller!— iſt ein reiſender Jaͤ⸗ ger!— aus Preußen, in Stettin— hat aber in Sachſen, bey dem Hofjaͤger Grum⸗ bach in Lodersleben gelernt, und iſt mit dem Landjäͤgermeiſter von Laßberg auf Expedition 8 — 102— geweſen— von welchem er auch dem Vater noch einen Paß gezeigt hat;— jetzt aber iſt er ausgetreten, weil er ſonſt Soldat werden muͤßte’—„Affenſchwanz! ſagte Auguſte; wenn Du weiter nichts weißt, als dieſes Hi⸗ ſtͤrchen? ſo hätteſt du mich koͤnnen ſchlafen laſſen!“—„und koſtet mich ſo viel Muͤh', es auswendig zu lernen!“ klagte Denrirttes und ſaha ſich traurig davont 1 Zweiter Abſchnitt. 4 Sey nie voreilig in der Freude, Zag' und verzweifle nicht im Schmerz; Denn— jede Menſchenfreude ſchwindet, Und in dem tiefſten Leiden findet Doch Ruh' und Troſt ein muthig Herz. —äööö im Siebentes Kapitel. Deine Feinde rings um dich, o Waller! Ihre Zungen beſchmutzen deinen Namen, Lecken das Gift der Verlaͤumdung Koſend einander von den Lippen, Und— du laͤchelſt?— — Jo bin ſo geizig nicht auf einige Gogen, ſonſt koͤnnte ich, mit allerhand artigen Hi⸗ ſtoͤrchen von den geheimen Zuſammenkünften unſerer Liebesleutchen, meine Lefer hier ganz artig in den Schlaf lullen; denn— niemand wird hoffentlich zweifeln, daß dieſes einſame Thal von ihnen oͤfters beſucht worden?— Henriette hatte hier noch oft das Malhoͤr⸗ daß— wenn ſie nicht die Vorſicht brauchte, ihrem voll Jugendkraft hochwallenden Buſen ein bischen freies Spiel zu laſſen, ihr noch — 1065— oft die Knoͤpfe vom Weſtchen ſprangen, ſo, daß ſie ſich endlich genoͤthigt ſah, auf dieſen Wallfahrten immer Nadel und Zwirn bey ſich zu fuͤhren, um die Ungetreuen immer auf der Stelle wieder feſſeln zu koͤnnen; welches jedoch oft eben ſo wenig half, als ein Geſetz unter Republikanerkoͤpfen.— Es feſſelt nicht laͤnger, als in dem Augenblicke, da es gegeben wird! u. ſ. w.— wie es denn in dergleichen Umſtäͤnden ſehr oft zu gehn pflegt. Aber— dergleichen Saͤchlein findet man ja eben ſo haͤufig in unſern Romanen als Concordanzen in der Bahel; alſo bitte ich meine lieben Le⸗ ſer, wenn ſie gern einſchlafen wollen, mein Buͤchlein lieber weg zu legen, und es mor⸗ gen fruͤh, bey hellen Augen und Verſtande, wieder zur Hand zu nehmen; Denn es moͤg⸗ ten vielleicht bald Dinge darinnen vorfallen, die ſie ſchlechterdings nicht zum Schlafe kom⸗ men ließen; und das ſollte mich, der ich herzlichgern jedem Menſchen ſeine Ruh, wie jedem Narren ſeine Kappe, und jedem Phi⸗ loſophen ſeine Meinung, und uͤberhaupt je⸗ dem Menſchen heine Menſchheit laſſe, ſehr dauern. Indeß aber alles dieſes geſchah— daß nämlich Henrietten die Knoͤpfe vom Weſtchen ſprangen— u⸗ſw.= Indeß arbeiteten Wal⸗ lers Feinde gar fleißig an einer Grube fuͤr ihn. Feinde?— wird mancher hier fragen, der in der Welt nichts that, als— lebte, allenfalls ſich ein Weib nahm, und— ſicher weiter nichts thun wird als— ſter⸗ ben; ob dieſes gleich auch ſo unbedeutend ſeyn duͤrfte, daß man kein Wort davon er⸗ fahren wuͤrde, wenn man nicht die Glocken brummen, und die Chor⸗Schüͤler blerren hoͤrte— hatte denn Waller auch Feinde?— Ja, ja! ſag' ich: Feinde! Als ob's einen Gluͤcklichen gaͤb, der keine Feinde haͤtte?— Und, Waller war ja noch mehr! Er war noch obendrein ein gerader biedrer Mann, der Schleifwege ſo wenig, als Schleifgaͤnger leiden konnte; o, weh!— da mußt' er ja Feinde haben wie Sand am Meer, ob er gleich kein Kind erzuürnte.— Alſo, ſeine — 108— Feinde arbeiteten an einer Grube für ihns das heißt: um ihn hinein zu ſtuͤrzen.— Hier hätten wir denn zu betrachten: wer dieſe Feinde waren?— was es fuͤr eine Grube war?— und, wie ſie daran arbeiteten?— Es waren verſchiedene Leute! verſchieden an Stand und Wuͤrden, Verhaͤltniſſen und Geſinnungen;— zum Beyſpiel, der Amt⸗ mann Sportel, aus Lauterbach, dem die Leute Schuld gaben, er waͤr— kein Heren⸗ meiſter, und— aͤß gern Schinken und Trut⸗ haͤhne; der Amtsverwalter Schierling daſelbſt — der blos darum Amtsverwalter geworden war, weil er ſich, bey den hochſeligen Gra⸗ fen, zum Stiefelausreiten ſo dumm angeſtellt hatte, und viel von Oekonomie— ſchwatzen konnte;— deſſen Frau Gemalin, die bey ei⸗ nem Praͤlaten— Ausgeberin geweſen warz der Herr Oberfoͤrſter Eſchenbach, der nicht eher wußte ob's Maſt gab, bis ihm die Ei⸗ cheln auf die Naſe kleckten, und alle Befehle des Landesherrn— richtig in ſein Protokoll eintrug;— deſſen Herr Sohn, und zufünf⸗ — 109— tiger Adjunktus, von deſſen guter Hoffnung wir bereits ein kleines Proͤbchen zu bemerken Gelegenheit gehabt haben; u. ſ. m.— Der Herr Amtmann wollte ihm in die Haare; weil er geſagt hatte: es waͤre hier eine Juſtitz für die Hunde, und— der Herr Amtmann aus gewiſſen Urſachen, doch nicht fuͤr gut be⸗ fanden dieſes laut werden zu laſſen;— der Herr Amtsverwalter, weil er ſich erkuͤhnt hatte, uͤber ſeine geprießnen Meliorationen einige ohnmaßgebliche Bedenken zu hegen;— deſſen Frau Gemalin, weil er geſagt: er habe mit dem Herrn Amtsverwalter, und nicht mit ihr zu ſprechen. Eine unerhörte Frech⸗ heit! denn— es ſprachen wohl groͤßere Leute lieber mit ihr als mit dem ledernen Amtsver⸗ walter; auch hatte er nicht einmal Kaffee mit ihr trinken wollen— der Gehlſchnabel! und— ſie hatte doch ihr ſchoͤnſtes Unterroͤck⸗ chen zur unuͤberwindlichen Fahne des Muha⸗ med ausgehaͤngt, und alle aus den Ruinen der geiſtlichen Ravagen gerettete Feuerwerke ſwielen laſſen; der Herr Oberfoͤrſter— wel⸗ cher uͤberhaupt nicht viel wußte— wußte ſelbſt nicht warum; und— deſſen Hoffaungs⸗ voller Herr Sohn— weil er ihm— wie's der Augenſchein gab— das Maͤdchen vor dem Maule weggeſiſcht hatte. Die Grube, welche ſie ihm zu graben ge⸗ dachten, war nichts mehr und nichts weniger, als— um beliebter Kuͤrze willen, ihn ſich ganz und gar vom Halſe zu ſchaffen; ſey's unter die Soldaten, oder auf's Zuchthaus— das war unbeſtimmt. Und wie arbeiteten ſie daran 4— geder that das ſeinige, nach ſeiner Art; je nachdem er Klugheit, Macht, und Gelegenheit dazu hatte, oder wenigſtens zu haben glaubte.— Wer kennt und ſchildert aber alle die gehei⸗ men Naͤnke, die bey derlei Gelegenheiten angelegt und geſchmiedet werden? Es wär oſt an einem einzigen völlkommen und üuber⸗ fluͤßig gnug, um einen ehrlichen— vielleicht gar ſorgloſen Mann in'’s Verderben zu ſturzen; aber— es iſt dabey ſchon auf's Ver⸗ ungluͤcken einiger gerechnet, damit, auf die⸗ — 111— ſen Fall, immer noch gnug derſelben in Be⸗ reitſchaft bleiben. Um jedoch meinen Leſern, damit ſie, wenn etwas geſchieht, gleich wiſ⸗ ſen woher es kommt, wenigſtens einen ober⸗ flaͤchlichen Begriff von dieſer geheimen Con⸗ foͤderation zu machen, ſo wollen wir dieſe einmal in Pleno behorchen. Es war bey einer Abpoſtung, auf dem an⸗ dern Jagdhauſe der Graͤfin. Hier war blos ein Holzfoͤrſter, und der junge Eſchenbach fuͤhrte — elend genug! die Oberauſſicht daruͤber, weil es ſchier mitten in dem Landesherrlichen lag, und die Jagd ohnehin nur Koppel war. Puff hatte ſich freilich ſchon oft das Maul uͤber dieſe ſaubere Einrichtung ver⸗ brennt; aber— Eſchenbach war ja dazu vom Domherrn a Humpen empfohlen, bey wel⸗ chem ſeine Schweſter— Ausgeberin war; und ſo hieß es immer: es iſt Eigenſinn!— — 112— Actus. Amtmann Sportel, Amtverwalter Schier⸗ ling und Madam, und der Oberförſter Eſchenbach, ſitzen um einen wohl beſetzt ge⸗ weſenen Tiſch, beym Deſſert; Eſchenbach junior, als Wirth, geht auf und ad— ſetzt friſche Flaſchen anf⸗ und raͤumt ledige Teller weg. 8 Eſchenbach jun.(läͤchelnd, zur Frau Amts⸗ gerwalterin) Aergern Sie ſich doch nur nicht, liebe Frau Gevatter!— Es iſt ja alles zu anachen. Eſchenbach ſen.(mit ſchwerer Zunge) Ja wohl!—(oill mit dem Amtmann anſtoßen) Noch ein's!—(indem der Amtmann, mit dem Kopfe ſchüͤttelnd, nach einem Glaſe greift) Die e Ju⸗ ſtiz fuͤr die Hunde! 4 Amtmann.(ſtößt ſein Glas wieder auf den Tiſch, daß der Wein umher ſprützt) Hol' euch der Teufel!— Eſchenbacch ſen.(trinkt allein) Hahaha! — Wie war denn aber eigentlich die Sache?— Amtmann.(giſtig) Haͤtt' ich nur nicht ſonſt meine Urſachen, warum ich keinen Laͤrm blaſen wollte, ſo ließ ich den Kerl gleich feſt machen, und wollt' ihm— die Naſe ſchon wiſchen.—(trinkt) Denken Sie nur, Herr Gevatter! da hat der Naſeweis einen Wech⸗ ſel, und will in der Geſchwindigkeit, vom Juden Simon in Exhauſen, Geld darauf ha⸗ ben. Der Wechſel iſt richtig, und Simon zahlt; zieht ihm aber, da er den Wechſel ſchon hat, fuͤnf Ducaten pro cura, und auf den Monat drey Quart ab.— Wie's nun geht!— Er kommt, und klagt; und ich— denn man wird doch allemal eher einem Ein⸗ heimiſchen durchhelfen, als ihn von ſo'n Her⸗ umlaͤufer ſchuͤtteln laſen?— Ich, ſprech⸗ alſo den Juden ſeine Berechnung fuͤr richtig, und— der Herr Waller faͤhrt ab. Hilf Him⸗ mel; was macht das Menſchenkind daruͤber fuͤr'n Spektakel? Stuͤrm't mir bald's Haus, und ſpricht, auf oͤffentlicher Straße: das wär hier eine Juſtiz für Hunde! follr aber ſchon anders werden.— 1I. H — 114— eéſchenbach ſen, Ei, ei!—(den Koyf ſchäͤttelnd) Man kann freilich dergleichen Maul⸗ affen eher entbehren, als— die Juden. Und —(mit weit aufgeriſſenen Augen) Wie kommt denn ſo ein Menſch zu'n Wechſel? Amtmann. Eben darum!—(bedenklich) Ich glaube, wenn man es naͤher unterſuchte, koͤnnte ſich mancherley ſinden! Eben darum — ſollte ſich der Naſeweis gegen unſereinen nicht ſo mauſig machen. Amtsverwalter. Man muß den Vo⸗ gel ſchlechterdings bey Gelegenheit ein bis⸗ chen rupfen ſonſt wird er zu keck— Er ſoͤrt allenthalben herum, und haͤngt ſein Maul in alles.—(ärgerlich) Ich weiß gar nicht, warum wir ſo viel Weſens mit ihm machen? Amtmann. Chi va piano, va ſano!— Freilich hat er Sie, mit ihren Meliorationen auch garſtig mitgenommen; aber—(die Achſel zuckend) ich weiß doch nicht— wenn ich an Ihrer Stelle wär, ob ich nicht lieber denken würd', als haͤtte mich ein Eſel getreten.— — 115— Amtsverwalter.(barſch) Soll man ſich und ſeine ſauern Arbeiten denn aber von jedem ſolchen Gehlſchnabel beſchniffeln laſſen? — Das waͤr doch zum Teufelholen! Amtmann(bedenklich) Es iſt nichts ge⸗ faͤhrlicher, in gewiſſen Umgaͤnden, als die Publicitaͤt!—(cchlauköpfig) Ich haͤtt ihn ja ſonſt lange ga zbeinig. 8 Amtsverwalter. Es war nah dran, daß ich ihm ehegeſtern geradewegs beim Kopfe nehmen ließ, und Ihnen ſchickte.— Denken Sie ſich nur!— Er macht ſich in meinem Hauſe bekannt— ſettt Geld um, und derglei⸗ chen;— und da uͤberredet er ehegeſtern, in meiner Abweſenheit, meinen Schreiber, daß er ihn in's Archiv laßt.— Meine Frau horcht. Da ſtort er und ſtankert allenthalben herum, ſpricht von Uebernehmen der Unter⸗ thanen, bey Lehnsfaͤllen, u. ſ. w.— und haͤlt ſich, ſumma ſummarum, uͤber alles auf. Ich denk' ich ſoll mit Beinen drein ſpringen, als mir's meine Frau den Abend ſagt!— Lieber Himmel! die Beduͤrfniſſe ſteigen taͤglich in 3 9 2 — 116— den Preißen, der Luxus in den Rubriken— und da ſchlaͤgt unſereins freilich auch auf ſeine Waare, wie der Kaufmann und der Bauer auf die ſeinige. Was geht denn aber das ſo einen Naſeweis an?:— Den Eſel, meinen Schreiber, jagt' ich ſonika zum Teufel; und um ein Haar haͤtt' ich ihn auch beim Ohr ge⸗ nommen. Aber— das Blut wurde kaͤlter, und da dacht' ich:— er mag ſchwaͤtzen! Amtmann. Auch nicht gut! aber doch immer eins beſſer als das andere; denn, wie geſagt, nichts iſt gefaͤhrlicher als die Publici⸗ taͤt. Die unſchuldigſte Sache macht Aufſehn, ſobald ſie legal zur Sprache kommt.—(war⸗ nend) Auch den Schreiber haͤtten Sie behal⸗ ten ſollen! Amtsverwalter.(hitzig) Der Hunds⸗ fott!— Den Hals auf den Ruͤcken haͤtt' ich ihm drehn moͤgen!— Und ich haͤtte wieder mit ihm reden ſollen?— Nein, ſo wahr Gott lebt! das waͤr ich nicht im Stande gewe⸗ ſen.— ———„ — 117— Amtmann.(ihn auf die Achſel klopfend) Aber, Maͤnnchen! Maͤnnchen!— Sie haben ſich bloß gegeben! Eſchenbach jun. Und, wiſſen Sie denn was neues?— Er hat's dem Waller geſtern geklagt, daß Sie ihn deßwegen fortgeſchickt; da hat er ihm funfzig Thaler gegeben, und ihn nach Leipzig gehn geheißen, bis er ihm weitere Nachricht geben werde. Amtsverwalter(cerblaſſend, und ihn, anſtierend) Das waͤr die Schwerenoth! Amtmann.(ſchlau) Sehn Sie? Maͤnn⸗ chen!— das ſind die Folgen der voreiligen Hitze.— Sie haͤtten ihn behalten, und— verwickeln ſollen; dann— haͤtt' er ſchon ſchweigen muͤſſen. Frau Amtsverwalterin. Es muüͤßt⸗ aber doch auch nicht gut ſeyn, wenn man ſich nicht fuͤr ſolchen Schwaͤtzern wollte retten koͤnnen.— Ihr ſeyd Maͤnner!— Macht nicht ſo viel Weſens; ſonſt beſchaͤmt euch ein Weib! — 118— Amtmann. Ei, was iſt da zu ſchaͤmen? — Unſre Sach' iſt auch die Ihrige.— Wer am geſchickteſten den Pfeil wirft— C(lachelnd) der trifft. Frau Amtsverwalterin. Jch werde wohl treffen!—(mit einem ſchlauen Lächeln, zum jungen Sſchenbach) Wollen wir Partie ma⸗ chen? Eſchenbach ſen.(ſich ſchneil umwendend) 's iſt wahr, Conrad! Dir hat er ja's Maͤd⸗ chen weggeſiſcht?— Nun, ſo macht denn los! Eſchenbach jun.(kalt) Um des Mäd⸗ chen willen juſt nicht; denn— wer ſich um eines Maͤdchen willen aͤrgert, der— iſt ein Narr! rhaupt ein naſe⸗ weiſer Burſch' iſt, der aller Welt Sottiſen ſagt—(tuckiſch) O! meine Dispoſition iſt ſchon lange gemacht; wenn ich nur weiß, daß Sie mich nicht ſtecken laſſen. Amtmann. Wenn Sie mich meinen? — ſo iſt's keine Frage.(Sedächtig) Nur in meiner eignen Sache mag ich nicht Klaͤger man fuͤr euch behalten; — 119— und Richter zugleich ſeyn— Nur aufhetzen mag ich das Wild nicht— um in eurer Sprache zu reden; aber fangen—(in wildet Freude) fangen!— Da ſollt ihr eure Luſt ſehn! Eſchenbach jun.(ſpottiſch) Auch das Fangen uͤbernehm' ich allenfalls noch: aber — den Genickfang(tackiſch) den muͤſſen Sie ihm geben! Amtmann.(ceicht cm die Hand)'s gilt! — Das mäͤchtige Civil⸗ und Criminal⸗Recht, wird doch wohl dieſen kuͤhnen Nacken um⸗ ſpannen? Eſchenbach jnn.(mit einem unterdruͤckten Lächeln) Ich denke bloß das Forſt⸗Recht zu brauchen. Frau Amtsverwalterin.(aufſprin⸗ gend) Ei, ſo wollt' ich daß die Welt einſtuͤrzte! — Keinen einzigen Orignalgedanken kann Eſchenbach jun. Eonfkieden) Begegnen einanderz zwey große Geiſter?—(zum Amtmann,) Kurz, ich liefre ihn Ihnen in die Haͤnde.— * — 120— Amtmann. Das uͤbrige— iſt meine Sorge. Mein Arm ſoll immer ausgeſtreckt ſeyn, durch den ganzen Spielberg; Gieb nur das Zeichen, wenn er greifen ſoll. Eſchenbach jun. Und— daß es ihn recht ſchmerze, ſo ſterb er durch ſeinen be⸗ ſten Freund. Amtmann. Das iſt der alte Puff.— Hexenmeiſter! ich moͤgte wiſſen, wie Du das anſtellen wollteſt? Eſchenbach jun. Ich ſchwaͤtze von ſol⸗ chen Sachen nicht gern.— Wenn es geſchehn iſt, dann aͤrgert ſich gewiß manches daruͤber, und kann nicht begreifen: wie es nicht auch auf dieſen natuͤrlichen Einfall gerieth. Frau Amtsverwalterin. Nehmen Sie ſich aber inacht, daß ich ihn Ihnen nicht wegfiſche!— denn, noch hab' ich nicht Luſt mir vorgreifen zu laſſen. Eſchenbach jun.(eeicht ihr die Hand) Glück zu!— Wenn der Endzweck erreig 4 iſt; dann wollen wir uns nicht um die tel ſtreiten.— 1 — 121— Eſchenbach ſen.(auftanmelnd) Aber doch— ein Glaͤschen darauf trinken!— (ſie ſtoßen an, und trinken) Amtmann.(ſchattelt den Kopf, ſchenkt noch einmal ein, und bringt es dem jungen Eſchen⸗ bach) Acti labores jucundi!— So war's beſchloſſen!— Ob ſie die Rech⸗ nung nicht ohne den Wirth gemacht hatten? — Das wird ſich im zehnten Kapitel fin⸗ den. Achtes Kapitel. Feſt, wie der Tritt des Lwen— Unbekuͤmmert, wie der Held in der Schlacht. In Gefahren kalt, wie Grönlands Eißberge: Warm, wie der Glaube des Chriſten⸗ Im Arme des Mädchen; aber Klug wie die Schlang', und Ohne Falſch, wie die Taube— Waller! Dieß ſind Abzeichen der höchſten Maͤnnertugenden: trittſt du Nicht in ihre Fußtapfen? — E. wußte von dem allen nichts, was im vo⸗ rigen Kapitel ſeinetwegen verabredet worden; und— haäͤtte er auch was davon gewußt, oder erfahren, ſo wuͤrde er ſich eben ſo we- nig darum gekuͤmmert haben als um den fuͤnften Welt Theil; denn er hatte jetzt mehr zthun, als ſich mit ſolchem Geſindel ab⸗ — 123— zugeben, das mit den Embrionen ſeiner ſka⸗ bioſen Nachkommenſchaft alles beſchmeißt, wie der frugale Fortpflanzer des kriegsnden Ge⸗ ſchlechts, der vielfarbige Schmetterling. Er war mißtrauiſch, wie wir ſchon ge⸗ ſagt haben; nicht zwar von Natur; denn, wie haͤtt dieſes ſein gutes Herz zugelaſſen? aber Erfahrung hatte ihn vorſichtig, und in gewiſſen Faͤllen ſogar mißtrauiſch gemacht; welches jedoch nichts weiter war als eine exaltirte Vorſicht.— Wir duͤrfen alſo ſein Mißtrauen ja nicht mit dem Mißtrauen ei⸗ nes feigherzigen Tirannen oder alten Wei⸗ bes verwechſeln, ſondern koͤnnen es keck füͤr eine maͤchtige Welttugend anſprechen.—* Er wollte Henrietten kennen lernen!— Das war ſein ſeſter Vorſatz, als ſchon das Herz ihr entgegen geflogen war. Der Ver⸗ ſtand befahl dieſes; denn dieſer war des Her⸗ zens Herr und Meiſter. Er mar nicht ei⸗ ner von denen, die jedem Madchen, ohne Unterſchied, mit der Latte nachlauſen, und ſich nichts draus machen, wenn ſie auch al⸗ 4 lenfalls einmal blind ankommen, oder— was man ſagt, abfahren. Abgeſchliffen war er, von der großen Welt aber nücht ver⸗ dorben. Ein anderer war ohne Zweifel damit zu⸗ frieden geweſen, daß eine Dame von ſo ho⸗ hem Stande, und ſo gutem Ruf, wie Au⸗ guſte war, Henrietten unterſchied, und ſich für ſie intereſſirte; gewiß! und niemand wuͤrde ihn haben einen Leichtfuß nennen koͤnnen, wenn hier das Ziel ſeiner Vorſicht geweſen waͤre; aber— ich habe geſagt: ſeine Vorſicht war exaltirt! und ſo mußte er, da man der Damen von Stande auch ver⸗ ſchiedene Sorten hat, und von dieſer der Ruf doch einiges wiſſen wollte, Beweiſe haben. Eben ſchlug er ſich mit dieſen Gedanken herum, als ſein getreuer Schneer ihn ohn⸗ gefaͤhr begegnete.—„Was Henker! rief die⸗ ſer.— Sie ſind ſo gluͤcklich und machen ſo ein Alltagsgeſicht?“ — 125— Waller. Du haſt recht nach deiner Art!— Wenn dieſe Liebe nur einige Tage, Wochen, oder hoͤchſtens Monate dauern ſoll⸗ te? dann noͤchte wohl dieſes Geſicht am höͤchſt unrechten Orte ſtehn; aber— auf eine Lebenszeit zu verkruͤppeln?— Das iſt was anders!— Ich denke, da ſperrt man doch die Augen ein bischen auf.— Schneer. Ich, fuͤr meine Wenigkeit, druͤckte von Herzen gern ſogar ein's zu, wenn mir's ſo kaͤm; aber— dafuͤr hat's denn freylich guten Frieden.— Und, was wollen Sie denn nun eigentlich noch? Das moͤcht ich wiſſen.. Waller. Ohne Vergleichung! Wenn Du ein Pferd kaufen willſt— laͤßt Dir's vorreiten— vorführen— hum! es gefaͤllt Dir; aber— nicht wahr? Du gehſt auch in den Stall, und ſiehſt es freſſen? u. ſ. w. —(mut Nachdruc) Ich muß ſie kennen ler⸗ nen! — 126— Sohneer. Hum!— Wer ſcheut Kropfen Spath, und Gall'; Der kriegt kein gut Pferd in den Stall.— (mit einer ſchnellen Verbeugung, und komiſcher Ad⸗ dreſſe) Sans comparaiſon!— Waller.(argerlich) Aber Du faͤllſt auch einmal gleich mit der Thuͤr in's Haus. Scheer. Iſt doch wohl beſſer, als wenn ich heraus ſiel?— Und, was kanns hel⸗ fen?'s doch wahr!— Alles Weibſen hat ſeine Mokkes! und der Kluͤgſte wird ange⸗ fuͤhrt; denn— bey den jetzigen kurzen Tail⸗ len, kann man nicht einmal ſehn, ob ein's 'n grades Kreutz hat, oder nicht ſchiefbeinig oder kuhheſtig iſt.— Waller. Sprich mit Reſpekt!— In⸗ deß, haſt Du recht; man kann nicht einmal jetzt das Auge uͤberzeugen. Aber, bey die⸗ ſem Maͤdchen iſt dieſes der Fall doch nicht. Und mit allem, was ich ſehe, bin ich zufrie⸗ den; nur moͤcht' ich wiſſen; ob ſie mich wuͤrk⸗ — 227— lich liebt? und— ob ſie mir Farbe haͤlt? Das iſt's, was mir im Kopfe herumgeht!— Schneer. Aha!— Nun das wollen wir bald ſehn. Ich will ihr die Cur ma⸗ chen!— Ich bin doch, hol's der Teufel! auch ein Kerl, der manchen Maͤdchen warm unterm Halstuche gemacht hat; und— wenn ich mich waſch' und kaͤmme, und mir die Naͤgel abſchneide, ſo traue ich mirs mit je⸗ dem aufzunehmen. Soll ich?— Waller. Mache deine Sachen; ich werde Dir aus dem Wege gehn. Und— noch mehr! Ich gebe Dir alle Waffen in die Haͤnde, die jemals uͤber ein Maͤdchen ohne Feſtigkeit und Grundſaͤtze ſiegten.— Da!(giebt ihm ein Kaͤſtchen voll Ringe und andre Koſtbarkeiten) blende die Augen— reize die Eitelkeit!— Eine Ueberzeugung von dieſer Art, iſt nie zu theuer erkauft.—(giebt ihm eine Rolle Geld) Da!— Meliorire Deine Gar⸗ derobe, ſo geſchmackvoll und praͤchtig Du willſt.— Ich will die Meinige vernachlaͤſſt⸗ gen. — 128— Schneer.(in Erſtaunen) Alle Wetter! — Herr! und— iſt es denn alſo wuͤrklich Ihr ordentlicher Ernſt? Waller. Mein ordentlicher ernſtlicher Ernſt!— Ich gebe Dir dazu die ungebun⸗ denſte Vollmacht. Schneer.(in wilder Freude) Sapperlot, Herr!— und wenn nun etwa der Teufel ſein Spiel haͤtte? Waller.(kalt) Je nun, ſo hat er's! — Es iſt doch beſſer, ich erfahr' es zu fruͤh, als zu ſpaͤt?— Auch den Labuſch, und an⸗ dre, werde ich ſe hetzen, um mich ganz zu uͤberzeugen. einheit und Ungeſtuͤm— Ueberraſchung und Diamantenglanz muß ſie aushalten, eh' ich mit Ruhe ſagen kann: Du biſt mein!—(fkalt und ruhig ſeine Buͤchſe Aber die Achſel ſchleudernd) Vertragt euch! (ab) Schneer.(allein) Das geht uüber mei⸗ nen Horizont!— Unſereins moͤchte des Teu⸗ fels werden, für Eiferſucht, wenn ein ande⸗ rer dem Maͤdel zu nah kommt, das man in's Herz geſchloſſen hat; dieſer— giebt einem Commiſſion dazu!— Je nun, ˙s muß halt ſo in der großen Welt gebraͤuchlich ſeyn, daß einer an des andern Maͤdchens Tugend wak⸗ kelt.— Mir komme keiner! denn die feſte⸗ ſte Sache wird endlich wacklich, wenn zu viel dran handirt wird.— Aber, was kuͤm⸗ mert das mich?— Er will's haben; und— ſo thut unſereins ſeine Schuldigkeit. (ab, nach einer andern Seite) Und, ehe vierundzwanzig Stunden uͤber die Welt hinflogen? ſah ſich Henriette taͤg⸗ lich ja faſt ſtuͤndlich, von artigen und un⸗ artigen, ſeufzenden und dringenden Liebha⸗ bern umringt, die bisher das Anſehn, in wel⸗ chem ihr Waller unter dieſen Fluͤchtlingen ſtand, zuruͤckgehalten hatte. Nicht allein be⸗ fugte, ſondern auch unbefugte Verſucher fiengen taͤglich mit mehr Ernſt an, an ihrer KTugend zu wackeln; denn— als es einmal einer ungeſtraft wagte, ſich an ſie zu draͤn⸗ I. — 130— gen, ſo hielt man ſie allgemein wieder für eine rem nullius, und jeder wollte der gluͤck⸗ liche Occupans ſeyn, dem ſie gehoͤre. Schier wußte ſie ſich nicht mehr zu ret⸗ ten! denn aus jedem Buſche ſprang ſo ein Hecht, wenn ſie nur den Fuß aus dem Hauſe ſetzte.— Zum groͤßten Unglüͤck be kam ſie jetzt ihren Waller nur ſelten zu ſehn, denn er hatte ihr geſagt: daß er jetzt et⸗ was zu beſorgen habe, worauf ſich ihr bey⸗ derſeitiges Gluͤck gruͤnde; und wenn ſie ihn ja auf einige Augenblicke ſah, ſo hieng ſie traurend an ſeinem Halſe, aber wagt' es nicht, ihm ihre Verlegenheit zu entdecken, indem ſie nicht ohne Grund befurchtete: ſeine Rache moͤchte ein Ungluͤck anrichten. — Indeß entdeckte ſich ſchon in ihrem Truͤb⸗ ſinn, und in ihrem ſehnlichen Fragen: wenn bleibſt du wieder bey uns? ihm ihr ehrli⸗ ches ſchuldloſes Herz, und er freute ſich ſei⸗ ner immer wachſenden Ueberzeugung, ob's ihm gleich weh that, daß ihr dieſe ſo viel Unruhe koſtete. 1 — = 131— Sp oft er gieng, beſchloß ſie von neuem: dieſes Unweſen in Geduld zu ettragen, und ſich im Stilten ihrer eigenen Standhaftig⸗ keit zu freuen; aber— auch eine Engelſeele verliert die Geduld, wenn die Widerſacher es zu toll machen. Henriette verlohr ſie denn auch endlich; und ihre jungfraͤuliche Sittſamkeit artete bald in rauhen Maͤnnergrimm aus. Am erſten empfand dieſen der ungezogne Labuſch. Als er eben im Begriff war, ſeinen bisherigen Ungezogenheiten eine neue hinzuzuſetzen, ſchlug ſie ihn hinter die Ohren, daß er taumelnd uͤber die Kraft eines Maͤdchen ſich wunder⸗ te.— Dem Schneer giengs um ein weni⸗ ges beſſer; und einem andern, der ſie im Pflanzgarten ihres Vaters uͤberraſchte, ſetzte ſie, mit geſpannten Hahn, die Büchſe auf die Bruſt, und ſchwur hoch und theuer! ihm die Kugel durch's Herz zu jagen, wenn er ſich nicht den Augenblick entferne, und nie wieder komme. .— 2 J 2 — 132— Vielen vergieng der Muth; die uͤbrigen wurden wenigſtens artiger; aber auch dieſes fruchtete nichts, als daß ſie, ſich in der Artigkeit zu uͤben,„Gelegenheit hatten. Für manchen ein koſtbarer Gewinn!— Herrlich war der Triumph unſers Waller! als mit blutiger Naſe Labuſch, und andre — wenigſtens mit aͤuſſerſt muͤrriſchen Geſich⸗ tern, Raport abſtatteten.—„Sie ſchmeißt und beißt!“— brummte Labuſch; hol der Teufel ſolche Commiſſionen!“—„Man iſt ſeines Lebens nicht bey ihr ſicher!“— ſetzt ein anderer fluchend hinzu.—„Legt' ihr Koͤnigreiche zu Fuͤßen, ſagte Schneer, indem er ſeine Diamanten wieder überlieferte; dieſe ziehn nicht! und ich zweifle, daß jene ziehn moͤgten.— Indeß dank' ich fuͤr dergleichen Commiſſionen! Und wenn's mich meinen Kopf koſten ſollte, ſo thu' ich keinen Schritt weiter; denn laͤcherlich und verhaßt mag ich mich nicht zugleich machen.“— Auch Labuſch — 733— wollte nichts mehr mit der Sache zu thun haben, ſo wenig es ihm eigentlich, in ſolchen Fällen, auf Sottiſen, oder ſonſt eine Maul⸗ ſchelle ankam; als welchen Fall er ſchon oft erlebt hatte. Waller lächelte heimlich; bezeugt aber, in Worten, allen ſein herzliches Mitleiden ſo⸗ wohl als ſeine Zufriedenheit, und beſchenkte ſie reichlich. 1 Aan —— Und mit vogelleichtem Herzen eilt' er nun zu ſeiner Henriette, die er in einigen, fuͤr ſie beide ſo traurigen Tagen nicht geſehn hatte. Deſto ſchoͤner war nun die Szene ihrer Ver⸗ einigung. 3 Er fand ſie weinend an dem beſtimmten Ort ihrer Zuſammenkünfte, den ſie richtig alte Tage zu beſuchen pflegte; wenn ſie auch wußte, daß ſie ihn nicht dort fand. Unver⸗ muthet erſchien er heute. Sitee flog ihm in den Arm, und Freuden⸗ thraͤnen kämpften in ihren Augen mit den gall⸗ .— — 134— bittern Thraͤnen des Schmerzes.„Schaff mir dieſe Menſchen vom Halſe! rief ſie, mit denen ich mich taͤglich herumbeißen muß; ich ertrag's nicht laͤnger!“— Er ſtellte ſich an⸗ fangs unbekannt mit der ganzen Sach', und ſte mußt es ihm erzaͤhlen. Sie gerieth in den auſſerſten Grimm der beleidigten Tugend, und ſetzte hinzu: daß ſie, um Unheil zu ver⸗ huͤten, bisher geſchwiegen, und ſich ſelbſt ſo gut als moͤglich zu helfen geſucht habe; nun aber, da ſie ſich zu ſchwach zur alleinigen Hülfe fuͤhle, koͤnne ſie nicht mehr ſchweigen, und ſollt' auch das groͤßte Unglück daraus entſtehn. Sie hatte ſich hierinnen ſehr ge⸗ irrt! denn, ſtatt daß ſie ihn, durch ihre Er⸗ zaͤhlung, zum verderblichen Grimm gegen die Stifter ihrer Leiden zu reitzen gefürchtet hat. te, ſchlang er ruhig laͤchelnd ſeinen Arm um ihren Nacken, und fragte: was ſie ihr denn eigentlich gethan haͤtten?—„Gethan haben ſie mir eigentlich noch nichts, rief ſie ſchluch⸗ zend; aber— ſie wollen mich alle lieben, oder — was ſie ſonſt wollen, und— ich kann mich — 135—* nun einmal von niemanden— lieben laſſen, als von Dir.“—„und, das hab' ich nur wiſſen wollen!“ rief er entzuͤckt, druͤckte ſie an ſein Herz, und erklaͤrte ihr: daß es nicht allein mit ſeiner Bewilligung, ſondern ſogar auf ſein Anſtiften geſchehn ſey, um ſie auf die Probe zu ſtellen. Sie ſtaunte, beklagte ſich uͤber die Haͤrte dieſer Probe, und wollte ſogar boͤſe ſeyn; aber — dazu ließ er, und ihr eignes Herz es nicht kommen.—„Ich habe Dich herzlich bedau⸗ ert; rief er, das weiß Gott!— Dein Herz fann aber unmoͤglich den Schmerz empfunden haben, der indes das meinige quaͤlte; denn— ihm ſtand in dieſem Augenblicke nicht alles auf dem Spiele, wie dem meinigen.— Jetzt iſt's voruͤber! und nun, Maͤdchen!— komm an mein Herz! und(feierlich) ſey mein, vor Gott!“— Ein heiliger Schauer uberlief Henrietten, als er dieſes ſprach, und ſie ru⸗ higer als jemals in ſeinen Arm ſchloß.— Sie fuͤhlte, daß dieſes ein großer Augenblick ſey.—„Vor den Menſchen kannſt Du es 2 „»— 136— noch nickt ſeyn; fuhr er fort; denn zwiſchen jetzt und jenem Augenblicke gaͤhnt uns noch manche Kluft an; aber— was auch indeß geſchieht— laß Dir nicht graußen! Nichts trennt uns von nun an, als der Tod!— Es werden Menſchen Dich auslachen; laß ſie lachen! Sie werden uͤber Dich ſpotten; laß ſie ſpotten!— Einige werden Dich bedau⸗ ern; laß den Muth nicht ſinken!— Be⸗ ſchwoͤren werden Dich diejenigen, die es, naͤchſt mir, am redlichſten mit dir meinen— beſchwoͤren werden ſie Dich, und ſagen: Du ſtehſt ſchon mit einem Fuß' im fuͤrchterlichſten Abgrunde, Maͤdchen; rette Dich!— Zucke Du keinen Fuß, als ob Du Dich retten woll⸗ teſt, ſondern— danke ihnen, die es ſo gut meinen, und traue auf mich!—(feierlich; ſie feſt an ſein Herz druͤckend) So wahr die Sonne welche ſich jetzt dort hinter die Berge ſchleicht, morgen fruͤh wiederkehrt— Du biſt mein! — Nimm dieſe Göttliche, nebſt dem der ſie machte, zu unſers unaufloͤslichen Bundes hei⸗ ligen Zeugen! und wenn ſie niederſinkt, und wenn ſie aufſteigt, ſo erinnre ſie Dich an dieſen Augenblick, und ſtrahle Ruhe Dir in's Herz.“ es 1 Henriette lag wie betaͤubt in ſeinem Ar⸗ me.— Sie begriff das alles nicht, was er ihr ſagte; aber ſie fuͤhlte es. Der Gedanke: Du biſt ſein! herrſcht' uͤber alle andern; ein Nebengedanke konni' alſo nicht aufkom⸗ men.—„Indeß verſchließ dieſes alles hei⸗ lig in dein Herz— fuhr er fort; denn es wuͤrde Dir Stuͤrme verurſachen, die wir, durch ein künſtliches Schweigen vermeiden koͤnnen.“ „Schweigen?— rief ſie traurig; denn freilich haͤtte ſie ſich jetzt lieber an alle Kreutz⸗ wege geſtellt, und es jedem Voruͤbergehenden zugerufen;— ſchweigen ſoll ich? ſoll nie⸗ manden haben, der, wenn Du weg biſt, ſich mit mir freut?— Ach, Waller! und wenn ich Dir alles in der Welt verſpreche, ſo kann ich Dir dieſes nicht verſprechen!“— Er zah endlich die Unbilligkeit dieſer ſeiner For⸗ derung ein, ſah ein, daß es eben ſo viel hieß, als, ſie zur erſten Sunde gegen ihn zu werleiten, und gab anfangs nur ſo viel nach: daß ſie es ihrer Auguſte ſagen koͤnne: aber — Henriette bat noch immer mehr, erſtlich nur den alten Puff, dann noch eine gute Freundin, und immer mehr gute Freun⸗ dinnen heraus, denen ſie es, unter dem heiligſten Siegel der Verſchwiegenheit, wollte anvertrauen dürfen, ſo daß er end⸗ lich einſoh, daß es ein oͤffentliches Geheim⸗ niß werden wuͤrd', und ſich lieber geduldig in die Publicitaͤt ergab.—— Aber, klage dann nicht! ſetzte er warnend hinzu: klage dann nicht! wenn es Stuͤrme giebt, denen wir, durch kluge Verſchwiegenheit, auswei⸗ chen koͤnnen.“—“Laß ſie kommen!— rief Henriette froͤlich; es kann doch— wenn’s auf's hoͤchſte kommt, nichts mehr gelten, als mein Leben?—(entzückt) O, Waller! und wenn mein Kopf auf dem Blocke liegt, und das Beil uber mir ſchwebt, ſo werd' ich doch eben ſo feſt und zufrieden als jetzt ſagen: er iſt mein!“ — 439— Waller.(ruhig loͤchelnd) Dahin kommt's nicht!— Das kann ich Dir eben ſo heilig verbuͤrgen als meine Liebe. Henriette.(ufrieden) Nicht?— Und was hat's denn alſo fuͤr Noth;(mit Laune) ſteht nur der Kopf ſicher auf dem Rumpfe, ſo kann man ſchon was wagen!— ſoricht der Herr Curator unſrer Graͤſin, der dicke Dom⸗ Probſt.— Ihm iſt's freilich bloß um's Eſſen und Trinken; aber mir—(ihm um den Hals ſallend) um Deine Liebe.— Waller! wenn's alſo wuͤrklich nicht den Kopf koſtet— o! ſo laß mich's immer allen Leuten ſagen.— Waller. Llaͤchelnd) Welcher Fremdling in dieſer Gegend, wird's denn ttoshen nicht wiſſen?— Henriette. Du foppſt mich!— Aber, Res iſt doch wirklich mein Ernſt:(ſchwärmeriſch) ich wollte, daß es die ganze Welt wuͤßte!— Waller.(wie zuvor) So wollen wir es in de Zeitungen ſetzen laſſen!— Henriette.(ſchlaͤgt nach ihm) O, pfui! .— — 140— Ich mein' es ſo ernſtlich; und Du treibſt Deinen Spott mit mir.— Waller. Unmöglich kannſt Du es ernſt⸗ licher meinen, als ich!— denn ich gebe die Haut dazu her, auf welcher die Leute Laͤrm ſchlagen werden. 4 Die Sonne war indeß ſchon hinunter ge⸗ ſchlichen, und ſie mußten ſich trennen.— „Henriette!— rief Waller, wie wird's dann ſeyn, wenn wir nicht mehr aͤngſtlich nach der Sonne blicken, und ich nicht mehr ſorgſam zu Dir ſagen werde: brich auf, Henriette! dort funkelt ſchon der Abend⸗ ſtern?“— Eine ſtuͤrmiſche Umarmung war Antwort und Abſchied.— Ohne Zwelfel giengen wieder ein Paar Knoͤpfchen drauf!— Neuntes Kapitel. Sie lauren, Waller! wie auf dem Aſte Der weitſehende Luchs— Er ſitzt Dem ſicher weidenden Reh Gierig im Nacken, und tuͤckiſch Eilt der Schadenfroh dann davon.— Dlwauße ſchüttelte ſorgſam den Kopf, als ihr Henrieite dieſe ſüße nagelneue Neuigkeit bruͤhwarm hinterbrachte, und der alte Puff konnte auch im Schlafe ſein bedenkliches: ei! ei! nicht los werden; denn— mogt er's auch uͤberlegen wie er wollte, ſo kam nichts guts heraus. Und, als er vollends am an⸗ dern Morgen ſchon allerhand anzuͤgliche Re⸗ den hoͤren mußte— zum Beiſpiel: daß nun der Herr Schwiegerſohn die Feiſthirſche recht belauern werde, und dergl.— ſo war es als — 142— ob ihm ein Meſſer durch's Herz gieng; denn nichts in der Welt konnte ihn mehr aus ſei⸗ ner Faſſung bringen, als eine zweifelhafte Bemerkung uͤber ſeinen Dienſt, in deſſen bis in's Laͤcherliche weit getriebner Ordnung und Ehrlichkeit er ſeine groͤßte Gluͤckſeligkeit ſuch⸗ te. Schier waͤr er ſeiner Euſebia zu Leder geſtiegen, als er nach Hauſe kam; denn die⸗ ſe erzählte eben in voller Freude einer alten Kaͤſefrau: was für ein Gluͤck ihre Pflegetoch⸗ ter mache?— welches Gluͤck ihm nun einmal ſchlechterdings nicht einleuchten wollte, ſo ſehr er ſich bemüͤhte den ſuͤßen Vorſpieglun⸗ gen derſelben nur irgend einen Geſchmack abzagewinnen⸗ und, aus eignem Intereſſe ſeines Herzens, ihren Ahndungen nur eini⸗ germaßen glauben zu lernen.— Nur alsdeun ſchwiegen ſeine Vorwuͤrfe gegen ſich ſelbſt, und gegen ſein ſchwaͤchliches Nachgeben, wenn Waller— dem er oft ſchon das Haus zu verbieten beſchloſſen hatte, wirklich da war; denn er liebte ihn ſo herz⸗ lich, als er nur immer ſeinen eigenen Sohn wuͤrde geliebt haben, wenn er einen gehabt haͤtte; und die vernünftigen Reden des ſitt⸗ ſamen Juͤnglings lullten dem eingeroſteten Dienſteifer und alle dergleichen altfraͤnkiſche Bedenklichkeiten, in einen modernen behaͤg⸗ lichen Schlaf. Kam er aber wieder hinaus, und hoͤrte von allen Seiten wieder die ſpitzi⸗ gen Reden, ſo haͤtte er wieder mit Schuh und Kammaſchen dreinſpringen moͤgen. Lange dauerte dieſer ungleiche Streit in den Empfindungen des ehrlichen Alten, und in jedem Augenblicke neigte ſich nach einer andern Seite der Sieg.— Es war als ob er nicht leben koͤnnte ohne ihn, und doch mußte er taͤglich beißendere Sottiſen um ſeinetwillen verſchlucken.— Zwar war ſein Gewiſſen rein, denn er verſtattete ihm auch nicht die gering⸗ ſte Freiheit; aber eben darum aͤrgerten ihn dieſe Sottiſen und Stichelreden mehr, als ſie einen andern wuͤrden geaͤrgert haben, der ſich nicht ſicher gewußt haͤtte.— Schon oft war er im Begriff geweſen, ſeiner Graͤfin zu ſchreiben, und ihn perpflichten zu laſſen, um — 144— all' das Gerede auf einmal zu enden; aber ich weiß nicht welcher feindſelige Daͤmon ihn ab⸗ hielt? Henriette war es nicht mehr; denn mit dieſer und dieſem war es ja ſchon ſo weit hinein boͤſe, daß es läͤcherlich geweſen waͤr, ſie noch huten zu wollen. Und ſo blieb ees denn immer bey der traurigen Ebbe und Fluth der haͤuslichen? Ruh und Einigkeit, und der Kus erigen Aergerniß. um die Mitte des Auguſts kam endlich die Graͤſin zurück, und ihr erſter Befehl war: keine Hirſche mehr zu ſchießen; denn ſie hoffte noch immer auf die Ruͤckkehr ihres Sohnes, und wollt⸗ ihm gern dieſen Spaß aufheben. Der alte Puff hieng alſo ſeine Buchſe an die Wand, und ſagte Amen! Waller laͤchelte.— Den Alten aͤrgerte dieſes Lächeln, und er ſchopfte daraus den erſten Verdacht gegen ihn. Und das Gerede wurd⸗ auch wütklich mit ſedem Tag ärger. Er wurde von verſchiede⸗ * 185 n nen Fieunden und Nachbarn gewarnte auf ſeiner Hut zu ſeyn; und Eſchenbach ſagte laut: der alte Puff thaͤt immer ſo groß mit ſeiner Ordnung und Ehrlichkeit, und gieng doch auf keinem Reviere jetzt toller her, als auf dem ſeinigen.— Man hoͤrte würklich hin und wieder Schuͤſſe fallen, und ſeine Buͤchſe kam doch nicht von der Wand. Er haͤtte des Teufels werden mögen! und lief ſich mit ſei⸗ nen Kreihern ſchier die Beine weg.— Aber, umſonſt! denn er war das Spiel der andern. Sogar von ſeiner Graͤſin mußte er endlich den Vorwutf hoͤren: daß es auf ſeinem Re⸗ viere ſo unordentlich zugehe.—„ Wenn Er ein junger Laffe waͤre, ſagte ſie ſpoͤttiſch, ſo ſolll' es mich nicht wundern; aber— daß ſich ſo ein alter Mann, der noch obendrein immer ſo viel von Klugheit und Vorſicht ſchwaht, ſich mit ſolchen windigen Herumlaͤu⸗ fern einlaſſen wuͤrde? das haͤtt' ich nicht ge⸗ glaubt!— Sie moͤgen ſchoͤne Wirthſchaft treiben! denn ich hoͤre die Schüß' in meinem Bette—(der Alte biß ſich in die Lißpen; denn ſie II.. K — 146— hatte echt) Und Henriette mag auch ſchoͤne Bekanntſchaft unter ihnen gemacht haben— wie man hoͤrt;— doch, davon ein andermal.“ — Puff gieng; aber tief in der Seele kraͤnk⸗ ten ihm dieſe Vorwuͤrfe, deren er ſich nie⸗ mals einen hatte zuſchulden kommen laſſen; und nun war's alle!— rein alle!— Gleich von der Graͤfin weg gieng er zum Amtmann', und beſtellte ſich Folge und den Schließer, und ſchwur hoch und theuer: und wenn er ſeinen Bruder traͤf, ſo ſollt er in Ketten und Banden ſeine Luſt buͤßen, und vom Pran⸗ ger aus, mit Staupenſchlaͤgen des Landes ewig verwieſen werden; u. ſ. w. Er hatte dießmal nicht Urſache, ſich uͤber die Saumſeligkeit des Herrn Amtmann's zu beſchweren, wie ſonſt; er erhielt nicht allein augenblicklich alles, was er verlangte, ſondern noch obendrein, unter herzlichen Bedauern, das heilige Verſprechen: ihm auf's ſtrengſte zu ſeiner Satisfaction behuͤlflich zu ſeyn. Die Frau Amtsverwalterin aber, die der bekannten Guͤte der Graͤfin nicht traute, = 147 ſchrieb— als ſie dieſen Laͤrm hoͤrte, ge⸗ ſchwind ein Billet an einen gewiſſen Werb⸗ Unteroffizier, mit dem ſie in beſonders ge⸗ nauer Connexion ſtand.. ——— Unbekannt mit alle dem, was indes vor⸗ gefallen war, wandelte Waller indeß im dun⸗ keln Spielberg' umher, ſah mit Vergnuͤgen die ſtolzen Feiſt⸗Hirſche graſen, und ruhig zu Holze ziehn, da ſie, durch keine Beiſpiele mehr geſchreckt, Aecker und Krautlaͤnder fuͤr ihr Eigenthum hielten, und verſaͤumte ſogar Henrietten, die ſich angſtlich und immer ängſtlicher heute nach ihm umſah, um ihm Nachricht zu geben von den fuͤrchterlichen Anſlten ihres Vaters, der, auch in Betreff ſeiner, einige bedenkliche Worte hatte fallen laſſen.— Er kam nicht! und mit aͤngſtlich und immer aͤngſtlicher klopfendem Herzen, irrte das ſorgſame Maͤdchen in allen Thaͤlern umher, wo ſie nur einige Hoffnung, ihn zu finden, zu haben glaubte.— Umſonſt!— K 2 — — 148 1 Umſonſt fioſſen ihre gutherzigen Thraͤnen— Umſonſt verſchlang ihre Stimme der Wieder⸗ hall! 4 Aber zu ihm geſellte ſ ſih, im Lebuſch⸗ eine gefaͤhrliche Schlange. „Sapperlot, Bruderherz!— nuͤgert er leiſe; laͤuft einem da nicht's Maut vült Waſſer?“ Waller. Das geht jedem Naͤſcher ſol — Mir macht's Spaß: ſie da ſo ruhig gra⸗ ſen zu ſehn.—(winkend) Stille! Labuſch. Hum!— die Kruͤpel!— Aber, dort unten geht einer— Alle Wetter! Da gab ich doch meinen kleinen Finger drnn. wenn ich duͤrfte fahren laſſen— Wohl durchſchaute jetzt Waller den Plan, und die Tücke des Verführers; aber es ſchoß ihm jetzt ein Gedanke durch den Kopf, und er ließ ſich von ihm hinunterfuͤhren in's Thal, wo wuͤrklich ein feiſter Zwanziger ruhig ſich aßte.— Labuſch zupft' ihn, und winkte— „Meinſt Du?“— ſagte Waller läͤchelnd, und ſpannte ſeine Doppel⸗Buͤchſe.—„Sap⸗ — 149— verment! ſagte Labuſch, haͤtt' ich nur einen Dukaten ſo üͤbrig, wie Du deren hunderte, ſo muͤßt' er dran! denn geſetzt auch es käm ſo'n hungriger Kreißer— hum!— einen Dukaten auf's Maul geſchmiert, macht alle ſolche Leute ſtumm, wie die Fiſche.“. Waleer legt ruhig an;— krach!— und der edle Zwanziger ſtuͤrzu⸗ im Feuer zuſam⸗ men.— Labuſch hatte eine ſo innige Freude, wie der Teufel, wenn er eine Chriſtenſeele ver⸗ fuͤhrt hat.— Hoͤllelement! rief er; Camrad! — ich wette, Du biſt mehr dabey geweſen; denn mir— haͤtten wenigſtens die Manſchet⸗ ten gewakkelt.“—„LCodt iſt er! ſagte Waller, ruhig; und ich ſchenke Dir ihn mit Haut und Haar; ob ich gleich weiß, daß Du eine Erz⸗ Canaille biſt.“— Er wollte ſich verantworten; aber— indem ſteckten einige NKreißer und Werber ſchon die Koͤpfe durch die Büſche, und— er ſprang davon.„Aha! ſagte Waller, drehte ſchnell ſeinen Lauf her⸗ um, und ſchlug auf ihn an; hatt' ich recht? — Doch(cieder abſetzend) ich kann vielleicht hier meinen Schuß beſſer brauchen; Du ent⸗ Itufſ mir nicht!“. Indeß hatten ihn die Werber ſchon ſo feſ eingeſchloſſen: daß er keinen Schritt mehr weder vorwaͤrts noch ruͤckwaͤrts noch ſeitwäͤrts thun konnte. „Ergieb Dich, Camrad! ſagte ein alter baͤrtiger Werber: Du haſt hier'n dummen Streich gemacht, und kommſt doch nirgends leichter durch, als bey uns.“ Waller. Du ſprichſt vernuͤnftig, nach Deiner Art, alter Kriegsknecht! und magſt mir wohl ſo manchem Mutterſoͤhnchen den Schießpruͤgel Deines Koͤnigs aufgeſchwaͤtzt haben; aber—(Leuhig, auf ſeine Büchſe geſtuͤtzt) ich moͤgte doch wiſſen, wer euch hier zu Rich⸗ tern uͤber Forſt⸗ und Jagd⸗Frevel geſetzt haͤtte? 3 Werber. Sapperment!— Das Buͤrſch⸗ chen will uns ordentlich examiniren.— Warte! warte!— Wenn Du nicht willſt —(eufend) Allon!— ſo mußt Du! Waller. Das kommt drauf an!— (ſtellt ſich ſo, daß er, durch eine Kruͤmmung des Bachs, und eine Eiche, den Rüuͤcken völlig frey be⸗ kommt, ſchlägt an, und faßt den naͤchſten auf's Korn) Wer noch einen Schritt thut— ſo wahr Gott lebt! der liegt auf der Haut, wie der Zwan⸗ ziger dort! Alle ſtutzten; denn es mogt's doch keiner auf die Probe ankommen laſſen: ob's ſein Spaß, oder ſein Ernſt ſey.— Indem kam auch der alte Puff, mit den Gerichtsdienern unnd der Folge, den Berg herein geſtolpert. — Erſtarrt fuͤr Schreck, blieb er an einer Felſenklippe lehnen, als er den Delinquenten ſah; aber— Vater oder Bruder— hieß es in ſeinem Siſteme: wer gefangen wird, der wird gehangen!— und er gieng ermannt an das Werk ſeiner Pflicht. „Er iſt mein! ſagte er zu den Werbern; wer euch hierher geſchickt hat, den laßt euch's Tagelohn bezahlen.—(zum Waller) Deine Buͤchſe!—„(knirſchend) Du!—„— Das —õʒõ=—— — 152— Wort erſtarb ihm im Munde, fuͤr Grimm, der ihm ſchier die Kehle zuſchnuͤrte. Nuhig gab ihm Waller die Buͤchſe. „Macht ihn feſt!“ ſagte Puff knirſchend, und ſchleuderte ſie auf ſeine duͤrre Achſel; aber die vielen Menſchen achteten ſich's für eine Schande, einen einzigen wehrloſen zu feſſeln; und er folgt' ihnen freiwillig. Einige lachten den Naſeweis aus— andre ſchimpften— andre bedauerten ihn.— Brumme nd, wie ein Baͤr, ſtolperte der alte puff voran, und ſpuckte, wie ein Advokat, der den Prozeß verloren hat. —— Die allezeit fertige Fama trug dieſes Ge⸗ rücht bald durch die ganze Gegend.— Eu⸗ ſebia ſchlug die Haͤnde uͤber dem Kopfe zu⸗ ſammen, ſchimpft' und flucht' und betete un⸗ ter einander, was zum Halſe heraus wollt', und auf der ganzen Welt gab's nach ihrer Meinung, keinen duͤmmern Teufel, als den ehrlichen Puff. — 13— Auf dem Schloſſe— wohin geradewegs 1 die noble Caravane zog, war man ſehr be⸗ gierig, den Vogel zu ſehn, den der alte Fuchs geſangen. Henriette allein, die ſich, 1 ſeitdem ſie Wallern kannte, fuͤr alles inter⸗ eſſirte, was reiſender Jaͤger hieß, und mit ihr Auguſte, die überhaupt fuͤr dergleichen Scenen nicht geſtimmt war, ſtimmten nicht in den Ton dieſer kalten Neugier, ſondern ſchlichen beiſeits, und bedauerten das auf alle Fäͤlle traurige Schiickſal dieſes Ungluͤck⸗ lichen im voraus; denn ſie wüßten, daß die ſonſt ſo guͤtige Graͤfin unerbittlich war, wenn es Eingriff in ihre Rechte betraf.— Aengſtlich, und immer angſtlicher klopfte Henrietten das Herz, und— o, weh! es war ein prophetiſches Klopfen.— Jetzt kam der Heldenzug zum Thor⸗' herein, und— ach! — es war ihr Waller!— 1 Ihn erkennen, und wie eine Furie den alten Puff anfallen war ein's. Auguſte konnt' ihr nicht folgen.— Aber der Alte war ſo ſehr im Amtseifer, daß die liebe Suppli⸗ .8 cantin um ein Haar das erſtemal in ihrem Le⸗ ben, die Hundspeitſche zu koſten gekriegt haͤtte. So ſanft als moͤglich— nach ſeiner Art— ſtieß er ſie von ſich, und zog unerbittlich mit ſeinem eleganten Inquiſiten voruͤber— Henriette ſprang fort⸗ und warf ſich der Graͤſin zu Fuͤßen; aber— auch dieſe war nicht allein unerbittlich, ſondern kraͤnkte ſie noch obendrein mit hoͤhniſchen Anmerkungen, uber den Gegenſtand ihrer Zaͤrtlichkeit, den jedoch alle— wenn ſie es nicht mit Gewalt laͤugnen wollten— auch als Inquiſiten, ar⸗ tig und ſchoͤn fanden. Die Graͤfin allein hielt ſeine Ruhe fuͤr Verſtocktheit, und wurde— da ſie nichts mehr liebt' als zerknirſchte Un⸗ terwerfung, und nichts weniger leiden konnt' als Bewußtſeyn und edeln Trotz, nur noch erbitterter auf ihn. Jetzt rang Henriette mit Verzweiflung!, denn ſie war ja in allen Inſtanzen abgewie⸗ fen.— unſern Herrgoit hatte ſie in der Angſt vergeſſen.— Sie mußte mit Gewalt fortgebracht werden.— — — Ihre Leibes⸗ und Seelenkraͤfte waren erſchoͤpft, und ein gluͤcklicher Wahnſinn ſchien ſicch ihrer zu bemaͤchtigen.— Sie ſah ſtarr vor ſich hin, und rang die Haͤnde, ohne den geringſten Laut von ſich zu geben.— Thraͤ⸗ nen hatte ſie nicht— Auguſte, die ſie nicht verließ, ließ den Arzt rufen; und dieſer zuckte die Achſel.— Ein hitziges Fieberchen, meinte er, waͤr un⸗ vermeidlich.. ———— Indeß wurde, der Inquiſit— weil die Gefängniſſe erſt rein gemacht werden mußten; denn unter uns geſagt— die Frau Amtmaͤn⸗ nin hatte ihre Kartoffeln drinnen— auf die Domeſtiken⸗Stube gebracht, und durch zwoͤlf Mann bewacht, die ihn jedoch mit Vergnuͤgen wuͤrden haben laufen laſſen, wenn er ihnen vekſprochen haͤtte: ſo ferner Hirſche zu ſchießen, die ihnen ihre Fruchtfelder ver⸗ wuͤſteten.— 85 um Mitternacht erwachte Henriette wie aus einem Todten⸗Schlummer. Sie wußte nicht, wie ihr geſchehen war; aber die Schreck⸗ ſeene des vorigen Abends ſchwebte noch fuͤrch⸗ terlich vor ihrer Seele.— Auguſte lag neben ihrem Betu' auf dem Sopha, und— ſchlief; das Maͤdchen im Sorgenſtuhle,— Sie ſchlich ſich an's Fenſter; ach! es war eine ſo ſchoͤne mondhelle Nacht und— eine ſo granenvolle ruht' auf ihrer Seele.— Sie mußte in's Freie!— Wie gern waͤr ſie ganz frey von dieſer angſtvollen Verbindung mit der Welt, oder— mit ihrem Waller gefeſſelt geweſen! — Das eine Fenſter der Domeſtiken⸗Stube gieng in den Garten.— Ein Gedanke, ſchoͤn und ſchnell wie ein Meteor, erwacht in ih⸗ rer Seele.— Sie flog hinab in den Gar⸗ ten— ach und der Gedanke war auch eben ſo nichtig.— Jetzt erſt bemerkte ſie, zum erſtenmal', in ihrem Leben: daß dieſes Fenſter mit doppelten eiſernen Staͤben verwahrt war. — Ihr Schmerz loͤßte ſich jetzt in wohlthaͤ⸗ tige Thraͤnen auf; da ſetzte ſie ſich, dem Fen⸗ ſter gegenuͤber, in eine Laube, und wollie — da ſie ſonſt nichts thun fonnte— ſich wenigſtens recht ſatt weinen.— Walter, der auch nicht ſchlafen konnte, hoͤrte es, und dachte gleich an Henrietten.— Er oͤfnete leiſe das Fenſter, und gab ein Jagd⸗Zei⸗ chen. Sie verſtand es, und naͤherte ſich ſchluchzend.—„Was weinſt Du? Henriette! — Haſt Du ſchon vergeſſen, was ich Dir ge⸗ ſagt habe?“ rief er leiſe herunter.— Henriette. Waller!— O, Gott!— (in eine helle Thraͤne ausbrechend) Die Sonne iſt untergegangen!— Er.(in ſeinem natuͤrlichen ruhigen Tone) und— wird morgen wieder auf⸗ gehn!—. Es war als ob Henrietten ein Stein vom Herzen gewaͤlzt wuͤrde, da er dieſes ſprach. Sie konnte es nicht begreifen; aber— es gieng ihr wie den Chriſten, in vielen Sachen: — ſie glaubt' es doch. 1 — 158— Er hatt' indeß, da er nichts eben noth⸗ wendiges mehr mit ihr zu ſprechen hatte, das Fenſter wieder zugemacht, und ſie gieng, und ſchlief nun ruhig, bis an den folgenden Morgen.— — — 159— Zehntes Kapitel. Erwache!— Waller; erwache!— Die Kecken emporen Gort und alle Welt. Dritt hervor aus deiner Nacht! Schuͤttle dich; und— Sie ſind nicht mehr!— — Ma dem fruͤhſten Morgen war der Herr Amtmann, der Herr Amtsverwalter, Eſchen⸗ bach jun. und noch viele andre ſolche Leut⸗ chen, ſchon auf dem Platze, um der gnaͤdi⸗ gen Graͤfin, deren guten Herzen ſie den Henker nicht trauten, von dem Inquiſiten noch die⸗ ſen und jenen pflichtmaͤſigen Floh in's Ohr zu ſetzen— Sie hoͤrte alles ruhig an, und ſchien ſich mehr uͤber die Verwegenheit die⸗ ſes jungen Menſchen zu wundern, als dar⸗ — — 160— über boͤſe zu ſeyn.—„Ich wilos kurz ma⸗ chen! ſagte ſie endlich; denn was frommen lange Un nterſuchungen in einer Sache, wo⸗ rinnen alle Beweiſe odioſa ſind?— Jetzt gehn ſie hinunter zum Fruͤhſtuͤck, meine Herrn! ich will ſie dann ſogleich mit meinen Entſchließungen hieruͤber bekannt machen.— Sie neiaten ſich tief, vor dieſer ſlalono⸗ niſchen Weisheit— wie dergleichen Men⸗ ſchen, in dergleichen Umſtaͤnden u thun pflegen, und giengen.— Die Graͤfin ſchien e was von Privat⸗ intsreſſe bey den Herrns zu merken, und war gerecht gnug, ihn nicht üren Häͤnden und Federn zu uͤberlaſſen.— 6 „Es iſt ein ſchöner junger Menſch; ſagte ſie, da jene weg waren, zu ihrer getreuen Blandine; ich glaub' ich mach' unſerm Ma⸗ jor eine Careſſe damit?— und die getreue Blandine ſagte:„ja wohl!“— denn dieſe gute Frau, welche unter den Koͤrpern einen ungleich hoͤhern Rang als umer den Gei⸗ * — 161— ſtern hatte, pflegte ja alles goͤtrlich zu finden, was die Graͤfin that.— Es wurde alſo ſo⸗ gleich ein reitender Bote an den Major*) abgefertigt, und— ehe drey Stunden ver⸗ ſtrichen, rollte der Ar tige ſchon zum Thore herein; denn er war einer von denen, die dem Rufe der Damen eben ſo willig gehor⸗ chen als dem Befehle des Dienſtes; einer von denen, die gern auch dann noch jeder⸗ manns Freund ſind, wenn ſie feindſelig zu handeln, durch ihre Pflichten gezwungen wer⸗ den.— Ein edler Mann!— Ich wuͤrde mit Ehrfurcht und Entzuͤcken hier ſeinen Namen nennen, wenn es mir nicht— ich weiß nicht, aus was fuͤr großen oder kleinen Urſachen, unterſagt waͤr. 3 In ihrem ſchoͤnen Morgenhabite trat an der Thuͤr ihm, mit einem zufriedenen La⸗ * Ich hoffe, meine deſer werden ſich dieſes Herrn Majors noch aus dem erſten Theile erin⸗ nern. 8 II. 2 — 162 K— cheln, die holde Graͤfin entgegen, und macht ihn ſogleich mit der Urſache ihrer ſo eiligen Sendung an ihn bekannt.—„Ich will Ihnen einen recht ſchoͤnen Rekruten ſchenken! ſagte ſie laͤchelnd, der ſich aus langer Weile wahr⸗ ſcheinlich— oder aus Uebermuth— aus Bos⸗ heit ſchwerlich, oder aus Beduͤrfniß— ſich in meinen Forſten ein bischen luſtig gemacht hat; denn Sie haben die beſte Gelegenheit, dergleichen junge Leute zu beſchaͤftigen, und ihrem Muth eine gewiſſe Richtung zu geben.“ — Der Herr-Major dankte zierlich; und ſie kfuͤhrte ihn in den ſogenannten Audienz⸗Saal, wo ſchon der. Amtmann, der Amtsverwal⸗ ter, Eichenbach, und alles ihre harrte, um, mit tiefer Ehrfurcht, das ſalomoniſche Ur⸗ theil anzuhoͤren, und zu bewundern: denn dieſes war eine von den ſchwachen Seiten dieſer ſonſt ſo fürtrefflichen Frau: daß ſie alles mit einer gewiſſen Fuͤrſten Groͤße that, zund ſich gern anſtaunen nnd bewundern ließ. — Dazu fanden ſich denn immer Menſchen die Menge, weil ſie ſich dadurch ein fett — 163— Maul zu machen wußten; nur Schade, daß ſo der Hauptzweck eines Herrſchers und Rich⸗ ters der Menſchen verlohren gieng— Die Gerechtigkeit. Dann und wann traf ſie's; aber— da niemand ihr widerſprechen durft', und ſie alſo nach und nach lauter Leute in ihre Dienſte gezogen hatte, die den guͤldnen Boden des Schmeichler Handwerks zu ſchaͤz⸗ zen und zu benutzen wußten, ſo— traf ſie es auch oft nicht! und unter der Rubrik der Mutter⸗Guͤte, ſchlich ſich manche Ungerech⸗ tigkeit hin; denn, wer ihr nur ſchmeicheln, und alles, was ſie ſagte, gut, und alles, was ſie that, fuͤrtrefflich finden konn⸗ te, der konnt' uͤbrigens machen, was er woll⸗ te.— Die Unterthanen ſchwiegen; denn es war nun einmal, ſeit ſchier zwanzig Jahren, was hergebrachtes: daß man, durch Bitten und Unterwuͤrſigkeit, von ihr unmittelbar alles, durch den Weg Rechtens aber, von ihren Beamten, nicht das geringſte er⸗ halten konnte.— So ſtand ſie im Ruf' ei⸗ ner wohlthaͤtigen Goͤttin, die man laut bis L 2 — 364— Stillen gehaßt und verabſcheut, und bis zur Hoͤlle verflucht wurden. Sie befand ſich wohl dabey! denn— welchem Menſchenherzen ſchmeichelt nicht eine ſolche Verehrung? und — von den heimlichen Bedruͤckungen ihrer Beamten, die ihr eben ſo haͤufige Gelegen⸗ heiten gaben, ſich perſoͤnlich beliebt zu ma⸗ chen— wußte ſie nichts!— Gott bewah⸗ re! wer haͤtt' es auch wagen ſollen, ihr eine ſolche Wahrheit zu ſagen?— Sie häͤtt⸗ es nicht allein— als traue man ihr nicht Einſicht gnug zu, dieſes alles ſelbſt zu wiſ⸗ ſen— außerſt uͤbel genommen; und dann — waͤr es ſchon fuͤr Empoͤrung angeſehn worden, und ein ſolcher Wagehals haͤtte nie wieder auf eine Gnade rechnen duͤrfen, durch 4 die nun einmal— nach der Graͤfin Syſtem, in ihrer Herrſchaft alles ſein Daſeyn und Ge⸗ deihen haben ſollte. Konnte man es alſo ſo wohlfeil und ſicher haben; wozu ſich alſo in unſichre Gefahr ſtuͤrzen? 4 So gieng es ihr denn gerabe, wie man⸗ zum Himmel erhob, indeß ihre Beamten im — chem großen Herrn, der, bey ſeinen edel⸗ ſten Abſichten, bey ſeinem. edelſten Beſtreben, fuͤr das Wohl ſeines Landes, dennoch das ſchoͤne Ziel nie vollkommen erreicht, nach wel⸗ chem ſein erhabner Geiſt, und ſein edles Herz ſtrebt, indem er juſt das nicht erfaͤhrt, wo⸗ durch er ſich am unſterblichſten machen koͤnn⸗ te, weil er ſich einſperren läßt, oder— bey aller ſeiner Humanitaͤt, durch unerſchuͤtter⸗ lichen Hang an gewiſſen Perſonen, und ei⸗ ſenfeſten Urglauben an die unerreichbaren Fuͤr⸗ trefflichkeiten der Handlungen derſelben, vor der Stimme der Wahrheit des ehrlichen Man⸗ nes ſich ſelbſt einſperrt; denn— wer in al⸗ ler Welt wird ſich mit Gewalt vordraͤngen, und ſeinen Kram auszulegen ſuchen, wenn er damit nichts zu verdienen weiß, als— ſich verhaßt zu machen? Wer wird's wagen, von Dingen zu ſprechen, die man nicht hoͤ⸗ ren will? von Dingen, die ſchon darum kein Gehoͤr finden koͤnnen, weil ſie Sachen und Leute betreffen, die ſchon lang' als unerreich⸗ bar fuͤrtrefflich anerkannt ſind?— und ſo — 166— reißen dumme— ſtolze— habſüchtige Die⸗ ner, die einmmal— Gott weiß wodurch!— in den Credit der Redlichkeit und des am beſten Wiſſens, geſetzt worden ſind, durch ihre Sudeleien, Schwaͤchen, Intereſſen, Lau⸗ nen, und Thorheiten— oder was ſonſt der⸗ gleichen Menſchen von Jugend auf anhieng, oder ihnen mit der Zeit, durch Syſteme und Verbindungen eigen wurde, nach und nach, oder auf einmal alles wieder nieder, was der beſte Fuͤrſt, im redlichſten Beſtreben: ſeines Landes Vater zu ſeyn, auf dem verqueckten Acker der rohen Menſchheit baute.— Die den Segen, den der Furſt verdienen will, im Fluch verwandeln! Wehe ihnen!— wenn's einſt ein Ge⸗ richt giebt, vor dem auch diejenigen ſtehen muͤſſen, die hier den von Natur ſchwachen oder durch Kunſt geblendeten Augen der ge⸗ rechten Fuͤrſten ſo meiſterlich zu entſchluͤpfen gelernt haben. Aber wir kehren zur Graͤfin zurüͤck — 4 Ihr Befehl: den Inquiſiten herbeizufüh⸗ ren, alarmirte das ganze Schloß, und alles braͤngte ſich nach dem Saale, wo ihn ſein Schickſal erwartete; denn alles intereſſirte ſich für ihn. Unter den Hereindringenden war quch Henriette.— Die Nachricht: daß die Graͤfin ihn dem Mafor ſchenken wolle, hatte ſie mit neuer Hoffnung belebt; denn von die⸗ ſem menſchenfreundlichen Manne, der ihr noch uͤberdieß ſo manche Beweiſe ſeiner be⸗ ſondern Gnade gegeben hatte, glaubte ſie ihn leicht wieder loszubitten, wenn die grauſame Graͤfin nichts mehr uͤber ihn zu gebieten ha⸗ ben wuͤrde.— Dann gieng er, ſuchte ſich ei⸗ nen Dienſt, und holte ſie nach.— es war ein Maͤdchen⸗Plan! Jetzt trat er herein.— Niemand hatte in ſeinem Leben noch einen ſolchen Inquiſtten geſehn! und jedes Maul ſtand offen, fuͤr Staunen. Eine Ruhe herrſcht' auf ſeinem Geſicht', und in ſeinem ganzen Weſen— eine Ruhe, die man ſogar auf dem Geſicht des Amtmanns vermißte, ob er gkeich eigentlich hier Richter ſeyn ſollte.— Nach einer arti⸗ gen, aber nicht uberfluͤßig tiefen Verbeugung, flog ſein treffender Blick rings in der Ver⸗ ſammlung umher, und ruhte— wie man be⸗ merken wollt, am laͤngſten auf dem ſich raͤus⸗ pernden Herrn Amtmann; juſt als wollt' er ſagen: dich darf ich nicht aus den Augen laſ⸗ ſen! Hoch ſchlug Hehdn das Herz füͤr Ent⸗ zücken, ob ihr gleich, in den Augen, der Ver⸗ zweiflung gallbittre Thraͤnen brannten; denn — dieſer Ingutſit, dem aller Herzen entge⸗ genflogen, war ihre! Mit innigem Vergnuͤgen betrachtete der Major ſeinen ſchoͤnen Rekruten; und die Gräfin laͤchelte.— Blandine nahm ein Prieschen, und ihr gnaͤdiges Gaͤnslein Toch⸗ ter wedelte mit dem Faͤcher. Auguſten die ne⸗ ben ihr ſtand, ſiel eine koͤnigliche Thraͤne auf's Buſentuch. „Jn's nicht jammerſchade um ſolche junge Menſchen, daß ſie fuͤr Langerweile zu Spit⸗ buben werden? ſagt' endlich die Grͤfin lä⸗ — 169— chelnd zum Major; hoͤchſtens iſt's ein unver⸗ zeihlicher Uebermuth! denn— zur Bosheit, hat er ein viel zu ehrliches Geſicht, und an Gelde ſoll es ihm auch nicht fehlen. Alſo— denn ich pflege dergleichen überfüͤhrte Verbre⸗ cher mir gern in der Kuͤrze, und auf die beſte Art vom Halſe zu ſchaffen, damit ſie meinen Unterthanen nicht zur Laſt fallen, und— wo moͤglich noch gebeſſert werden.— Herr Ma⸗ jor! Sie haben die beſte Gelegenheit, ſolche muͤßige muthwillige junge Menſchen zu beſchaͤf⸗ tigen, und ihrem Muthe eine— fuͤr ſie ſelbſt, und für die Welt beßre Richtung zu geben; —(mit einey artigen Verbeugung) Nehmen Sie ihn hin!— Ich gratulire Ihnen, zu einem ſchoͤnen hoffnungsvollen Rekruten!“— Indeß war auch der Paſtor hereingetreten, ſtand, wie verſteinert, an der Thuͤr, und ſtierte dieſen Rekruten an.—„ Iſt das der, der den Hirſch geſchoſſen hat?“ fragte er jetzt, als der artige Major, mit vielen unter⸗ thaͤnigen Kratzfuͤßen der gnaͤdigen Graͤfin dankte, einige Umſtehende.— Sie bejgeien —— es.—„Nun, ſo hat er ihn ja auf ſeinem eignen Grund und Boden geſchoſſen!“— ſchrie er—(ihm in die Arme ſtärzend) Willkom⸗ men, Louis!“— Ein lauter Schrei durchlief den ganzen Saal, und niemand wußte daß er geſchrien hatte.— Freude flammte jedem ehrlichen Manne aus den Augen; nur rückiſche: Buben erblaßten.— 2 Der ehrliche Sebaldus aͤrgerte ſich uͤber ſeine Unvorſichtigkeit; denn ſie hͤtte der Graͤfin das Leben koſten können.— Sie lag würklich in einer ſtarken Ohnmacht. Alles war um ſie beſchaͤftigt.— Henriette allein freute ſich nicht mit!— Um ein Haar waͤr's ihr gegangen wie der al⸗ ten Graͤfin.— Dieß alſo— dachte ſie, da ſich alles freute— dieß der reiche Graf von Turneiſen?— O, weh! denn ſo mar er ja ſichrer fuͤr ſie verlohren, als durch Juſtiz und Werber.— Eine fuͤrchterliche Kluft gaͤhnte ſie an; denn ſie hatte, durch ihren Umgang mit Auguſten, einen ziemlich deutlichen Be⸗ 3 1 — 171— griff von dergleichen traurigen Conventionen bekommen, und— ſie ſchlich weinend davon.— ——— Endlich erwachte die Graͤfin.— Ob durch die Zauberkraft der ſchier unzaͤhligen Riech⸗ Flaͤſchchen, die ihr unter die hochgraͤfliche Naſe gehalten wurden, oder durch die Macht der Gebete, die jetzt, in einer Mittelſtim⸗ mung zwiſchen Angſt und Freude, von ihren treuen Unterthanen, fuͤr ſie zum Himmel flogen, oder— ob's, auch ohne dieß alles, eben jetzt von Natur geſchehn waͤr? das weiß ich nicht!— Kurz, ſie erwachte.— Nun muß ich aber meine Leſer und Leſerin⸗ nen herzlich bitten: mir die Beſchreibung alle der Gruppen, Umarmungen, Fragen, und Ausrufungen, die unmittelbar auf den Augenblick dieſes Erwachens folgten, guͤtigſt zu ſchenken; ich lief ſonſt, ob ich gleich nicht zu Ohnmachten geneigt bin, wuͤrklich Ge⸗ fahr, ſelbſt in eine zu fallen.— Jedes kann ſich ja ſelbſt den freudigen Wirrwarr eines ,— — 172— gluͤcklichen Wiederſehns, nach ſo langer Tren⸗ nung, denken, und ich habe nichts dagegen, es mag ſich ihn ſo toll denken als es will, und ich ihn, mit der möglichſten Anſtren⸗ gung aller meiner Denk⸗ und Schreib⸗ Werkzeuge, doch unmoͤglich wuͤrde haben ſchildern koͤnnen. Auch gewinn' ich auf alle Faͤlle dabey; denn jedes denkt ſich ihn nach ſeiner Art, und— die iſt ihm recht; ich aber, der ich ihn nach meiner Art wuͤrde geſchildert haben, wuͤrd' es doch unmoͤglich allen haben recht machen koͤnnen. Die Menſchen ſind in ſolchen Augenblik⸗ ken in einer gewiſſen Art von Raſerey, de⸗ ren Grad durch eines jeden köoͤrperliche und Seelen Dispoſirion beſtimmt wird; ich aber habe es— wenigſtens ſo viel als moͤglich, lieber mit vernuͤnftigen Leuten zu thun. Alſo ſtelle ich mich— mit gnaͤdigſter und guͤ⸗ tigſter Erlaubniß:— mit meiner Erzaͤhlung wieder an die Stelle, wo die Menſchen— vielleicht zwar noch nicht wieder ganz ge⸗ ſcheid waren, aber es doch nach und nach — 173— wieder zu werden anfiengen; das heißt: wo man wieder ein deutlich Wort oder eine zuſammenhaͤngende Rede hoͤrte, und— ein geſcheides Wort mit den Leuten ſprechen konnte.— Dieſes war nach einer halben Stunde.—. Die Hausleute ſprangen nicht mehr, wie die Boͤcke, unter einander herum, ſondern giengen ordentlich, ihrer Beſtimmung gemaͤß, auf und ab.— Einer und der andre blieb zwar vielleicht noch in der Thuͤr ſtehent, ſchlug noch einmal die Haͤnde freudig zuſammen, und rief:“ei, Du mein Gott!— wer haͤtte das denken ſollen?“— aber doch alles mit Ordnung;— die Leute aus dem Dorfe, be⸗ ſonders Richter und Schoͤppen, drängten ſich herein(denn alles wollte Junker Wieschen ſehn) und— erſtaunten; es war ein rü⸗ ſtiger Louis geworden!— der Herr Amtmann zupfte ſeinen Buſenſtreif und Manſchetten aus— Der Herr Amtsverwalter knaupelte am Hute;— beide wünſchten ohne Zweifel jetzt zu ſeyn, wo der Pfeffer waͤchſt.— Eſchen⸗ — 124— bach hatte kaum noch einige Schritte zur Thuͤr; ſo weit hatte er ſich, Gott ſey Dank! nach und nach zuruͤckgezogen; nur verrennten ihn die ſappermeniſchen Bauern den Paß im⸗ mer, ſonſt waͤr's noch um einen herzhaften Sprung zu thun geweſen, und er haͤtte ſich — vor der Hand wenigſtens ſalvirt gehabt. — CTrunken, in mutterlicher Seligkeit, hielt die Graͤfin ihren Sohn noch immer im Arme; der Major war unerſchoͤpflich in Gra⸗ tulationen.— Die edle Blandine nahm me⸗ chaniſch alle Minuten ein Prieschen, und aller fünf Minuten ſagte ſie, eben ſo mechaniſch einmal: ja!— mocht' auch die Rede ſeyn wovon es wollte; ſo wie der hoͤchſtſelige Koͤnig von Preußen, Friedrich der Einzige —(verzeih mir Gott, und du— großer Schatten! die Sunde, daß ich dich in dieſe Vergleichung ſtelle)— wenn er durch ſein ſchoͤnes Berlin ritt', aller dreyßig oder vier⸗ zig Schritte mechaniſch einmal an ſeinen Hut griff, und ihn etwas luͤftete, mochte nun juſt ein Miniſter ihm begegnen, oder ein Bettler; — 1275— und ihr Gaͤnslein Tochter uͤbte ſich mit ihren Schooshuͤndchen in Liebesblicken.— Auf des ehrlichen Sebaldus Geſichte, wechſelten Son⸗ nenblicke der Freude, und Wolken der Aer⸗ gerniß.— Auguſte lehnte am Stuhle der Graͤfin, ſah den Louis an, und— hatte ſo ihre Gedanken.— Louis verſtand ihren ſpre⸗ chenden Blick, laͤchelte, und druͤckt ihr die Hand.— Und dieß waͤren ohngefaͤhr die Situa⸗ tionen, worinnen ſich jetzt alle diejenigen befanden, die an dieſer Szene des Wieder⸗ ſehens, gern oder ungern, Antheil genom⸗ men hatten.— „Noch kann ich nicht begreifen, Louis! rief, immer noch wie im Traume, die Gräͤ⸗ fin; wie Du auf dieſen ſonderbaren Einfall gerathen konnteſt?— Louis.(lächelnd) Und er haͤngt doch ſo natuͤrlich mit meiner ganzen Situation zuſam⸗ men als was von der Welt!(erzaͤhlend)— Ich zog, unter boͤſen und guten Aſpecten, in der Welt umher, und fand: daß mein ſeliger — 176— Vater ſehr klug gethan hatte, mich, mit ſelbſt üͤberlaſſen, in dieſe große Schule zu ſchicken.— Ich ſollte daheim, in meiner Herrſchaft, nicht verzaͤrtelt, nicht durch Schmeicheleien verderbt werden— ich ſollte nicht wiſſen, daß ich Herr ſey, bevor ich ge⸗ horchen gelernt haͤtte— ſollte nicht mit meinen Unterthanen und einſtigen Offizian⸗ ten aufwachſen, damit ſie meine Schwaͤchen nicht kennen lernten, und ihre Maſken da⸗ nach einzurichten wuͤßten— u. ſ. w.— Das war ſehr gut!— denn ich habe, leider! die traurigſten Beyſpiele vom Gegentheile gefun⸗ den. Aber— der gute ſorgſame Vater, dem ich dieſe Vorſicht herzlich Dank weiß, hatte doch eins vergeſſen! Es iſt wahr, man kann verblendet werden, durch allzugroßen Glanz; aber— auch durch die Dunkelheit! Jetzt waͤr ich nun zuruͤckgekommen, und— kennte meine Leute ganz und gar nicht! — Wie viel wuͤrd' es mich Zeit, und ge⸗ faͤhrliche Verſuche gekoſtet haben, ehe ich ſie nur einigermaßen haͤtte kennen gelernt? und juſt bey den wichtigſten waͤr mir's vielleicht gar nicht gegluͤckt! alſo ſteckt' ich mich unter allerhand begueme Masken, und— (mit einem ſtuͤchtigen Blick auf den erblaſſenden Amt⸗ mann) ich hoffe ſie ſo ziemlich alle kennen gelernt zu haben.“ Graͤfin. Ich wuüͤnſche Dir Gluͤck!— Louis! und ſo biſt Du vielleicht ſchon lange hier? Louis. Ueber ein Jahr ſchon!— Meine letzten beiden Briefe ließ ich einem Freunde in Italien zurück, durch den Sie dieſelben nach und nach erhalten haben.—(zufrieden) Einſt war ich Kaufmannsdiener, dann Kunſt⸗ pfeifergeſell in W..., wo ich das Vergnuͤ⸗ gen hatte Sie auf der Hochzeit der Baroneß Ambach zu ſehn; als es grun wurde, macht ich mich in den Buſch. Graͤfin. Du Chamaͤleon!— Häͤttſt Du Dich doch wenigſtens nur geſtern Abend noch entdeckt, ſo haͤtteſt Du doch nicht ig der Domeſtikenſtube ſchlafen muͤſſen. n. M — 178— Louis.(lächelnd) O!— dieſe Nacht waͤr mir um wie viel nicht feil! denn— ſo habe ich doch auch Ihr Haus ⸗ Perſonale kennen gelernt. Graͤfin.(edeneich) Haſt Du was Butes darunter gefunden? Louis. Davon ein anderdcaß—(zum Major) Herr Major! Ich bin doch Ihr Rekrut, wie Sie wiſſen; denn meine Mutter kann und darf ihr Wort nicht zuruͤcknehmen.— Aber, Sie ſind doch wohl einen guten Tauſch zufrieden? Major, Mit Vergnüͤgen— Ich moͤgte ohnehin, bey Ihnen, wegen des Handgelds in Verlegenheit kommen. Louis. Gut! So will ich Ihnen drey fuͤr einen liefern, die noch groͤßer und ſtaͤrker als ich ſind, und zum Todtſchießen—(mit einer komiſchen Pantomime) kapital! Er rief ſeinen Schneer, der im Vorſaale den Leuten der Graͤfin das Verſtaͤndniß uͤber ihr Daſein eroͤffnete, ſtellt' ihn, als ſeinen Getreuen, ſeiner Mutter vor, und ſetzte hin⸗ zu: daß dieß— ein wilder Teufel, aber ein Kerl ſey, auf dem ſich man in Freud' und Leid verlaſſen koͤnne.—„Schneer! ſagt er dann; der Labuſch, und die beiden andern, ſind des Herrn Major Rekruten; Du wirſt ſie ihm, binnen vierundzwanzig Stunden, überliefern.“—„Zu Befehl!“— ſagte Schneer, und gieng.—„Labuſch— fuhr Louis, mit einem Seitenblick' auf den Eſchen⸗ bach, fort— verfuͤhrte mich, den Hirſch zu ſchießen.— Es war nicht ſein Einfall, ſon⸗ dern Plan; das weiß ich recht gut! und— es war mir nichts drum; aber— er haͤtt's doch nicht thun ſollen!“ Indem kam auch der alte Puff hereinge⸗ ſtolpert.— Wild hieng ihm ſein Reſtchen graues Haar um den Kopf herum, Schweiß lief ihm uͤber die Stirn, und an den Schlaͤ⸗ fen herein, und in den Augen ſtanden ihm helle Freudenthraͤnen.— Er hatte eben jetzt erſt dieſe glückliche Neuigkeit gehoͤrt, und war, ohne ſich in ſeinen Glanz zu werfen, in Angſt und Freude fortgeſprungen.— Ohne M 2 — 180— Worte, aber mit Freude bebenden Lippen, als ob er was ſagen wollte, ſtolpert er herein, und wollte ſich ſeinem neuen Herrn zu Fuͤßen werfen; aber— dazu ließ es dieſer nicht kommen, ſondern ſieng ihn auf, und ſchloß ihn in den Arm—„Hierher, ehrlicher Mann! rief er, wohin Deinesgleichen gehoͤ⸗ ren.— Laß Schurken, die kein gut Gewiſſen haben, vor ihren Herrn knien; wir knien nur vor Gott!—(Um die Backen klitſchend) O! daß ich Dich noch einmal jung machen koͤnnte! Puff. Chaſcht nach ſeiner Hand, und will ſie ihm kuͤſſen) Ich bitte tauſendmal um Verge⸗ bung! Louis.(läßt auch dieß nicht zu) Wollte Gott, daß mich alle meine Diener ſo beleidigt haͤtten!—(ihn immer noch freundlich ſtreichelnd) Alter!— aber deine morſchen Knochen ſol⸗ len nun nicht mehr an den Felſenklippen des alten Spielbergs herab zittern; Du ſollſt Ruhe haben, wie Du ſie verdienſt!—(ſchnel, u ſeiner Mutter) Liebe Mutter!— Seyn Sie -— 181— doch ſo gnäͤdig, und laſſen fuͤr meinen Ober⸗ foͤrſter hier, noch ein Couvert aufſetzen. Graͤfin.,(heiter) Mit Vergnuͤgen!— Eſteht auf, und klopft den Alten freundlich auf die Achſel) Ich gratulire!— mein lieber Herr Oberfoͤrſter!—(giebt Befehl) Puff.(derangirt) Aber— gnaͤdiger Herr! — ich habe ja nichts gethan, als meine Schul⸗ digkeit. Louis. Eben deswegen!— Wäͤr ich Fürſt; ſo muͤßteſt Du Forſtmeiſter ſeyn. — Nimm indeß vorlieb!— Mein Schneer iſt Dein Adjunktus; und Du— führſt, ſo lange Du noch fort kannſt, als Oberfoͤrſter, die Aufſicht uͤber alle Reviere.— Wer nicht unter Dir ſtehn will, der—(ſieht ſich nach dem Eſchenbach um, welcher ſich aber indeß vollends zur Thuͤr hinausgeſchlichen hat) aha!— der iſt ſchon fort? Man kann ihm ſagen: daß er nicht noͤ⸗ thig hat wiederzukommen. Es wurde gemeldet, daß angerichtet en — Min Vergnügen hoͤrt' er, daß im Garten geſpeißt werde. „Mutter! rief er froͤhlich, gute Mutter! — ſo laſſen Sie beide Thorfluͤgel aufmachen, und fuͤr Wein genug ſorgen; denn die Leute werden mich doch alle ſehn wollen.—(zu den Bauern) Kommt!— liebe Leutchen; kommt! — Ceinigen die Häͤnde ſchuͤttelnd) Trinkt, und ſeyd froͤhlich mit mir.—(entzuͤckt) Ich feire ja heute unter euch meinen erſten Geburts⸗ tag!“ Alles ſtroͤmte froͤhlich die Treppen hinun⸗ ter.. Lo uis.(im Getuͤmmel, leiſe zur Auguſte) Speißt Henriette gewöhnlich mit an Tafel? . Auguſte.(mit einem forſchenden Seitenblicke) Gewoͤhnlich juſt nicht; aber oft! Louis.(flüchtig, aber etwas warm) Ich will doch hoffen, daß ſie heute erſcheinen wird? Au guſte.(wie zuvor)) Wenn Sie's wuͤn⸗ ſchen?—(macht ſich von ſeinem Arme los) Er⸗ lauben Sie mir! ——— — 183— Louis.(küuͤßt ihr ſchnell die Hand) Es bleibt alles bey dem, was Sie wiſſen! Auguſte.(im Abgehn, die Häͤnde zuſammen⸗ ſchlagend) So ſey uns Gott gnaäͤdig! (alle, im Getuͤmmel voruͤber) — 184— Silftes Kapitel. Pihriera enſis cui Iue imgia Cervice pendet, non gichlae rapes Dulcem elaborabunt ſaporem ero. Hor. Tafel im Garten. — . Das ganze Dorf, klein und groß, war um die Tafel her verſammelt; und ſogar von den benachbarten Doͤrfern kamen die Men⸗ ſchen herbeigeſtroͤmt, um ihren neuen Herrn zu ſehn.— Anfangs blieb es bloß beim An⸗ gaffen, und gieng ganz ſtill zu; bald aber aͤu⸗ ßerte der Wein, welcher auch in diefem Zir⸗ kel fleißig herumgieng, ſeine begeiſternde Kraft, und die zuvor heimliche Freude wurde ſo —— — —— 4 8 — 1835— kaut, daß eins kaum ſein eigen Wort mehr hoͤrte.— Daß an der Tafel exemplariſch gegeſſen und getrunken wurde, laͤßt ſich denken; denn uͤberhaupt war bey unſrer alten Graͤfin nie Schmalhans Koch, und Saurampf Kellermei⸗ ſter; beſonders aber heute, mußt alles her, was nur, den Gaum kuͤtzeln und die Gurgel geſchmeidig machen konnte, haͤtt' auch der letzte Kapaun herhalten und das letzte Oxt⸗ hof auf dem Kapfe ſtehn ſollen. Am Koch und Keller alſo lag es nicht, wenn es je⸗ manden nicht ſchmeckte. Den meiſten ſchmeckt' es auch würklich außerordentlich; und beſon⸗ ders dem neuen Herrn, der ſich, die ganze Zeit daher, in den elenden Dorfſchenken her⸗ umſchmeißen, und noch geſtern Abend, zum Nachtbrod', als Inquiſit, mit einem erbaͤrm⸗ lichen, erbärmlich zuſammengehackten Ragout hatte verlieb nehmen muͤſſen. In der Freu⸗ de zaͤhlte mancher die Glaͤſer nicht, die er trank, und— es gab verſchiedene Haarbeu⸗ tel! ſo daß ſich ein armſeliger Galanterie⸗ Handler hier ganz fuͤglich damit füͤr den naͤch⸗ ſten Jahrmarkt haͤtte verſorgen koͤnnen. Selbſt der ehrliche Sebaldus hatte ſich ein niedli⸗ ches Reitbeutelchen zugelegt.— Nur dem Herrn Amtmann und Herrn Amtsverwalter wollt' es durchaus nicht ſchmecken! Wir koͤn⸗ nen leicht errathen: warum? und der alte Puff, dem ohnehin die Sprache nicht ſchwer ſiel, wenn es Wahrheit galt, haͤtt es jetzt, da ihm der Achtundſechziger den Zwanziger in den Kopf trieb, um ein Haar laut her⸗ aus geſagt.— Ein Wink des Louis machte, daß er daß ſchon halb geſagte Wort, in ei⸗ nem Glaſe Channpaaner⸗ wieder hinunter⸗ ſchluckte.— 4 Louis ſchaͤckerte viel mit Henrietten, die ihm gegenüuͤber ſas; und Henriette aß und trank immer, um nur was zu thun zu haben, um nicht aller Augenblicke roth zu werden. — So ſchoͤn hatte Louis dieſes Maͤdchen noch nie geſehn! Ihre ſtille Traurigkeit mäßigte das wilde Feuer ihrer Augen, und gab uͤberhaupt ihrem ganzen Weſen ein be⸗ — 187— ſonderes Intereſſe; denn man intereſſirt ſich doch immer herzlicher fuͤr cine duldende als fuͤr eine ſiegende Schoͤnheit.—„Ihr kennt einander ſchon? wie ich hoͤre,“— ſagte die Graͤfin laͤchelnd.— Wohl! rief Louis froͤhlich; ich haͤtt's ja Schande vor der ganzen Jaͤgerey gehabt, wenn ich auf dem Spielberge geweſen waͤr, und das famoͤſe Jaͤgermaͤdchen nicht gekannt haͤtte.— Den⸗ ken Sie nur, Mutter! ich wollte mich, um ihretwillen, beim Alten, als Jaͤgerburſch', einthun; aber der Fuchs witterte den Bra⸗ ten und ließ mich ablaufen.“— um aller Welt Schaͤtze willen, häͤtte jetzt Henriette nicht aufgeblickt! und Auguſte ſelbſt wurde roth, fuͤr Schrecken uͤber dieſe freie Sprache; denn— ſo war man hier nicht gewohnt mit der Graͤfin— der Koͤni⸗ ginn dieſer Gegend zu ſprechen.— Die Graͤfin ſchien es fuͤr Scherz zu nehmen, und lachte ihn aus. Vielleicht aber wollte ſie auch nur dieſes Tages Freude nicht ſtren, und un⸗ terdruͤckt' ihre Bemerkungen.— —— —— 4 1 —— —— — 188— Allgemein wurde endlich der Ton der Freude; ſelbſt der Herr Amtmann und Herr Amtsverwalter ſiengen nach und nach an, ſich beſſer zu befinden, und ſtimmten mit ein; denn ſie glaubten, dieſer froͤliche junge Herr werd' es mit ihnen doch wohl ſo ge⸗ nau nicht nehmen? und hofften, ihm einen blauen Dunſt vormachen zu koͤnnen; aber darinnen betrogen ſie ſich!— — Als ſie von der Tafel aufgeſtanden wa⸗ ren, draͤngten ſich die alten Schulzen und Richter, und uͤberhaupt alle Bauern, froͤh⸗ lich um ihren neuen Herrn herum, druͤckten und ſchuͤttelten ihm die Haͤnde, und em⸗ pfohlen ſich und ihre Gemeinden ſeiner Gna⸗ de.—„Seyd verſichert, meine Kinder! rief er geruͤhrt, daß ich den Sinn eurer bie⸗ dern Haͤndedruͤcke tief empfinde, und es in Zukunft mein groͤßtes Gluͤck ausmachen wird: euch das zu ſeyn, was jeder Unterthan von ſeinem Herrn hoffen und verlangen kann. ————J— — 189— — Indeß(mitten unter das Volk tretend) ſeyd mir alle herzlich gegruͤßt, auf vaterlaͤndi⸗ ſchem Grund und Boden; ihr liehen Leut⸗ chen! Wir werden einander ſchon naͤher ken⸗ nen lernen.— Es freut mich herzlich, euch ſo froͤhlich zu ſehn! denn es iſt mir ein Zeichen, daß ihr mich gern ſeht. Und— damit ihr doch auch was habt, das euch an dieſen froͤhlichen Tag erinnert, ſo laßt euch mit einem kleinen Andenken dienen, welches ich euch vor der Hand machen kann.—(außerſt heiter fortfahrend) Mein ſelger Vater bedachte mich ſehr gut auf meine Verbannung; ich habe nicht armſelig gelebt, aber auch nicht verſchwenderiſch; und von meinen bisherigen Revenuen juſt ſo viel übrig behalten, daß ich euch, ohne mir weh zu thun, von heut an, bis uͤber's Jahr, alle Steuern, Zinßen Lehnen, und Zehenden— und was ſonſt eure Abgaben, die ich nicht einmal noch kenne, für Namen haben mögen— erlaſſen kann. Meine Einnahme iſt alſo, auf Jahr und Tag, für euch geſchloſſen!“— „Bravo!, rief die Graͤfin, indeß die erſtaunten Bauern die Maͤuler aufſperrten; und mit ihr viele, Auguſte, mit einer Thraͤne im Auge, gab ihm einen Kuß. Henriette haͤtt' es gern auch gethan; und war ordent⸗ lich eiferſuͤchtig auf ihre Freundin.— Jetzt nahten ſich auch der Amtmann und der Herr Amtsverwalter; denn dieſe Szene hielten ſie fuͤr die beſte Gelegenheit, ihrer Sache eine gute Wendung zu geben. Sie waren unerſchoͤpflich in Schmeicheleien, und erhoben ihn, als Schoͤpfer des Gluͤcks ſeiner Unterthanen, ſchier in den Himmel; aber— ſie kamen blind an!—„Aha! ſagte er, mit einem ſchnell veraͤnderten Geſichte; Sie den⸗ ken mich auch durch Schmeicheleien blind zu machen?(ernſt und ſtreng) Herr Amtmann! Sie thun keinen Federzug mehr, in ihrem Amte, bis ich aus der Reſidenz zuruckkomme, woohin ich morgen abgehn werde, und Ihnen einen Juſtiz⸗Actuarius habe beſtaͤtigen laſſen. Und Sie, Herr Amtsverwalter! laſſen ſo⸗ gleich, auf ihre Koſten, ihren Schreiber —— — 191— aus Leipzig zurückkommen, den Sie verſtie⸗ ßen, weil er mich in ihre Karte kucken ließ, und ſchreiben mir die funfzig Thaler gut, die ich ihm, zu ſeinem einſtweiligen Unter⸗ halte, vorgeſtreckt habe.— Cſich von ihnen wen⸗ dend) Das uͤbrige— wird ſich finden!— Graͤfin. Cerſchrocken) Was iſt das— Sohn!— lieber Sohn!— Du erſchreckſt mich!—: 3 4 Louis.(wild gefuͤhlvoll) O, Mutter!— Gewoͤhnen Sie ſich das ab.— Ich fürchte Sie werden noch viel hoͤren muͤſſen!— (mit Nachdruck) Ich habe meine Leute kennen gelernt!—(will ſich wegwenden) Gräͤfin.(halt ihn; wie zuvor) Und ich alſo nicht?— 1 Louis.(gefuhlvoll) Ich will die Regie⸗ rung meiner guten Mutter nicht tadeln; aber mir auch— ohne ihre großen Tugenden erreichen zu koͤnnen, ihre kleinen Fehler nicht zu Schulden kommen laſſen.— Gräfin.(wie zuvor; und faſt ängſtlich) Ich habe gefehlt?— — 3 Louis.(ihr um den Hals fallend) Mutter! — Ihre Abſichten waren fürtreffich! aber— man ſchmeichelte Ihnen, weil man wußte, daß man Sie ſo am beſt jen und ſicherſten be⸗ truͤgen konnte; und Sie thaten mit all Ih⸗ ren Wohlthaten⸗ nichts, als daß Sie wie⸗ der gut machten was jene verbrachen— (knirſchend) ſche nkten, was jene raub⸗ ten!— Graͤfin. antt mit verhuͤlltem Geſicht“, auf einen Stuhl) O, weh!—(ſchmerzhaft) Wenn doch alſo Weiber nicht die Sache der Maͤnner führen wollten!— Louis.(dhr die Hand ſchuͤttelnd) Es ſoll anders werden!— Seyn Sie wo hlrbätig; ich will gerecht ſeyn!— Alle ſperrten nun vollends die Mauler auf.— Die Bauern hatten den Vortheil, daß, vom vorigen Staunen, die ihrigen noch offen ſtanden.— (alles zerſtreut ſich) — Gegeen Abend, im Garten. Einſam und traurend ſchlich Henriette im Garten umher, indeß das ganze Dorf, und die ganze Gegend vom lauten Jubel uͤber ihren neuen gnaͤdigen Herrn ertoͤnte. Sie fuͤhlte nicht minder die Groͤße dieſes Mannes, als jene Gluͤcklichen, und betete denjenigen an, den ſie zuvor nur geliebt hatte; aber — ach! je groͤßer er war, deſto weiter der Abſtand zwiſchen ihm und ihr!— Im Geiſte gluͤht Ehrfurcht; im Herzen Liebe. Welches Maͤdchen giebt nicht dem Herzen den Vorzug. —„Als er noch Waller war, dachte ſie, wie freudig flogſt du ihm da entgegen?— Wenn or, erhitzt von der Jagd, den Berg herab kam — ol wie trokneteſt du ihm da ſo froͤhlich den Schweiß von der hohen Stirn, und weh⸗ teſt ihm Kuͤhlung, mit dem Eichen Bruch? Und— wenn du dann an ſeinem Halſe hiengſt, und er an deinem Buſen verſchnaufte — Maͤdchen! wie warſt du da ſo gluͤcklich! I.. N — 194— Jetzt— immer zwar noch ſo gut und frei⸗ muͤthig; aber, wehe dir!— einer der reichſten Grafen Deutſchlands.— Jetzt darfſt du dich nicht mehr an ſeinen Hals haͤngen, neben des Kaiſers Bildniß und das Ordensband!— Cſchandernd) Wie mir ſchauderte, da er es vor⸗ hin umhieng!— Es war juſt als ob er mich herabgeriſſen haͤtte.— Und er— hieng's ſo kalt und gleichgiltig drum— Gewiß dachte er nicht dran!— Das arme Vater⸗ und Mutter⸗ loſe Maͤdchen, das ihn ſo warm liebt, haͤtt' ihn doch wohl ein bischen ge⸗ ſchmerzt.— Und, auch nicht ein einzigmal noch zuruͤckkehren duͤrfen, in jene gluͤcklichen Zeiten?— Nicht ein einzigmal noch ihm um den Hals fallen duͤrfen?— Das waͤr grauſam! (duldend) Er iſt ſo groß, ſo edel; und— macht Menſchen gluͤcklich,— wie Gott uns alle; (glͤhend) ſey ſtolz drauf, Maͤdchen! ihn darum zu verlieren,—(nachdenkend) Er macht Menſchen gluͤcklih!— Muß denn aber darum ein armes Maͤdchen unglüͤcklich ſeyn?“ 1 — 195— So dachte das arme Maͤdchen, kümpfenb mit ihren Wünſcheen und Gefühlen; und ſchlich traurend in die dunkelſten Gebüſche. Der Graf— welcher ſie ſchon lange ge⸗ ſucht hatte, fand ſie, auf ihren Arm geſtuͤtzt, in gedankenvoller Betrachtung der unterge⸗ henden Sonne.— Eine volle Thraͤne war eben im Begriff auf ihren bloßen Arm herab⸗ zurollen, wo er deutlich die Spuren ihrer Vorgaͤngerinnen entdeckte.— Sie wollte auf⸗ ſpringen, als ſie ihn gewahr wurde; aber er hielt ſie ſchon feſt in ſeinem Arme.— Wohl errieth er den Gedanken, uͤber welchem er ſie uͤberraſcht hatte; aber ihr Geſicht ſtimmte nicht dazu; denn es ſollte ein troͤſtender Ge⸗ danke ſeyn. Er verwieß es ihr, und ſuchte ſie aufzuheitern; aber ſie blieb niedergeſchla⸗ gen und einſilbig, und er ſah, daß ſie mit Muh' Thraͤnen zurüͤckhielt.— Ste hatten einen langen Streit; denn ſie wollte ihn ſchlechterdings nicht mehr Du nennen, N 2 — „Ich habe eine Bitte an Dich!“ ſagte ſie dann, als ſie es von neuem verſprochen hatte. 3 Nun!— ſagte er laͤchelnd, das wird einmal was rechts ſeyn. Laß hoͤren!“ Siie.(nach ſeiner Bruſt zeigend) Nimm ein⸗ mal das Bild und das Band da herunter! — Er. Aha!—(mit einem ruhigen zufriedenen Lächeln) Dacht' ich's doch! Er nahm beides herunter, und ſteckte es gleichguͤltig in die Taſche. „Waller!“— rief ſie froͤhlich, und fiel ihm um den Hals.— Eine lange Umar⸗ mung.—„O! fuhr ſie dann fort, nur noch dieſes einzige— dieſes einzigemal noch, laß mich an Deinem Buſen ruhn!—(fiierlich) Dann geh, Graf! und mache Menſchen glüͤck⸗ lich, wie Gott.- Ich werde nicht ungluͤcklich, ſeyn; denn— ich traͤumte ja nur den ſchoͤnen Traum.“ „Nein! rief er, und druͤckte ſie feſt an ſein Herz, nein, Henriette!— Mache ich Dich nicht gluͤcklich, ſo ſey auf ewig fuͤr mich die Wonne verlohren: einen Men⸗ ſchen gluͤcklich zu machen! Aber— Gufrieden) O! wenn mich Gott nicht bald toͤdtet, ſo follſt Du noch oft, in ſchweſterlicher Eintracht, mit dieſem Bild' und dieſem Bande, die Dir jetzt ſo verhaßt ſind, an meinem Buſen ruhn.“—(nach einer langen Panſe) Jetzt komm!— man hat Dich ſchon lange ver⸗ mißt.—(ernſt und feſt) Ich hab' es Dir ſchon einſt geſagt, und wiederhole Dir's noch einmal auf's feierlichſte: was man Dir auch vorſchwatzt, und weismachen will — Henriette!(ihre beiden Hände feſt faſſend, und ſchuͤttelnd; mit einem feierlichen flammenden Blicke) Trau' auf Gott, und mich!“ — Ein eiskalter Schauer uͤberlief Henriet⸗ ten, und mit ihm drang neue Kraft in ihr zagendes Herz.— Sie trocknete ihre Thraͤ⸗ nen ab, und folgte ihm, mit einer wenig⸗ ſtens leidlichen Auſſenſeite, zur Geſellſchaft. Es waren viel Freunde und Verwandte aus der Nachbarſchaft angekommen, um das neue Wunderthier in Augenſchein zu neh⸗ — 198— men, und der Abend verſtrich ſehr geraͤuſch⸗ voll, unter welchem ſich Henriettens ſonder⸗ bare Stimmung unbemerkt verlohr, die ſonſt ohne Zweifel allerhand ſonderbare Senſatio⸗ nen erweckt haben wuͤrde. Den Morgen drauf warf ſich ihr Louis, mit ſeinem getreuen Schneer, der wuͤrklich ſchon die drey Rekruten, gegen Empfang⸗ ſchein in das Werbhaus des Majors abgelie⸗ fert hatte, froͤhlich in den Wagen, und fuhr nach der Reſidenz, um, in Perſon, die Hauptlehn uͤber ſeine Guͤter zu empfangen, und dann ganz ſein eigner Herr zu ſeyn. — ͤ — — 199— Zwolftes Kapitel. Iu lene tormentum ingenio admoves, Plerumque duro; tu ſapientium (Quas er arcanum jocoſo Conſilium retegi⸗ Lyaco; Tu ſpem reducis mentibus autviis, Viresque, et addis cornua pauperi erc. Hok., — Hae man ihn jetzt angeſtaunt, da er in ei⸗ nem bisher ganz ungewoͤhnlichen Tone ſprach, ſo ſtieg dieſes Staunen zur hoͤchſten Hoͤhe, als er zuruͤckkam.— Er handelte ganz als Mann: frey und gerade.— Niemand durfte mehr hoffen, wie ſonſt, etwas mit einer Schmeicheley durchzuſetzen; alles gieng, in der groͤßten Ordnung und Ruh, den Weg der Gerechtigkeit.— Er ſetzte eine Commiſſion nieder; und der Herr Amtmann, in deſſen Rechtepflege ſich verſchiedene Anomala fanden, mußte ſpringen, ob er gleich hohe Protection hatte; der Amtsverwalter hielt ſich mit ge⸗ nauer Noth. Er mußte einige Tauſend Me⸗ liorationsgelder erſtatten, und die Caſſe uͤber⸗ geben. Eſchenbach wurde mit Schande und Spott aus den Forſten verwieſen, weil er nur mit dem Maule, und aus den Buͤchern ge⸗ wirthſchaftet hatte.— Bey ſeiner Mutter, die noch immer das alte Syſtem nicht vergeſ⸗ ſen konnte, und ſich, durch Schmeicheleien, pft noch— da ſie nicht mehr unmittelbar helfen konnte, wenigſtens zu einer Vorbitte bey ihrem Sohne bewegen ließ, rechtfertigte er ſich durch die Protocolle ſeiner Commiſ⸗ ſion, und erhielt endlich von ihr, da ſie die dringende Nothwendigkeiz dieſes Verfahrens einſah, das feſte Verſprechen: ihn nie mehr in die Verlegenheit einer abſchlaͤglichen Ant⸗ wort zu ſetzen, die ihm, als Sohne, ſo weh that. 7 2 2 —-v 8&-—* — 201— Jetzt fuͤhlte das verwilderte Roß den Zuͤgel des Mannes, und gab ſich bey.— ——— Und eben ſo gerad' und ungezwungen handelt' er auch in den Angelegenheiten ſei⸗ nes Herzens.— Er gieng, er fuhr mit Hen⸗ rietten ſpatzieren; und es fehli' uͤberhaupt in kurzem nichts, unter dieſen zwey Leuten, um Mann und Frau zu ſeyn, als— daß f nicht bey einander ſchliefen.— In der ganzen Gegend fiel es auf; denn freilich hatte manches hochwohlgebohrne Aeff⸗ chen, ſeit ſeiner Zuruͤckkunft, ſein baßgeigen⸗ farbenes Haͤrchen fleißiger gekaͤmmt, und ſchoͤ⸗ ner gelockt, und— er kam nicht! Freilich hatte mancher kluge Vater, in deſſen Finanz⸗ ſyſtem ſich unvermuthet einige bedenkliche Widerſpruche gefunden, und manche ſorgſame Mutter, die ihr hochbuſiges Toͤchterlein, auf Baͤllen und Redouten, und auf Wall⸗ und Schlittenfahrten, nicht fleißig gnug huͤten konnte, ihr Augenmerk auf diefen reichen — 202— Grafen gerichtet, und— o, weh!— er be⸗ merkte es nicht einmal, ſondern ſtrich ruhig uͤber das alles hin, wie der Falk, der einen edeln Faſan im Auge hat, uͤber ein ganzes Heer armſelige Lerchen;— o, weh!— wenn er von ihren brillanteſten Gaſtereien aufſtand, wiſcht' er ſich's Maul, dankte und flog dem Jaͤgermädchen entgegen, das auf der Anhoͤhe mit dem Wagen ihn erwartete.— Seine Mutter war zwar viel zu aufgeklaͤrt, als daß ſie es haͤtt' uͤbel nehmen koͤnnen, daß ein hübſches Mädchen einem zungen Men⸗ ſchen geſiel; aber als er immer kalt und im⸗ mer kaͤlter vor jedem andern Maͤdchen vor⸗ übergieng, wurd es ihr doch faſt ſelbſt zu rund. — Indeß dachte ſie doch noch immer an nichts weniger als an das, woran Louis und Hen⸗ riette ſehr oft dachten— an's Heura⸗ then.— Einſt uͤberraſchte ſie dieſe beiden Leut⸗ chen in einer exemplariſchen Umarmung.— Sie laͤchelte, und ſchwieg, bis Henriette fort war.—„Louis! ſagte ſie dann laͤchelnd⸗ — 203— und drohte ihm mit dem Finger;— Louis! mache mir dem armen Maͤdchen den Kopf nicht verruͤckt!“— Louis. Das waͤre Suͤnde!— denn ich glaube, dieſes Maͤdchen verdient wuͤrklich ein gluͤckliches Schickſal.— Gräaͤfin. Allerdings!—(ſehr gnädig) Es iſt wuͤrklich ein rechtes gutes Maͤd⸗ chen! 1— Louis. Das find' ich.—(freimüthig) und— wie wär's, Mutter! wenn ich das Maͤdchen heurathete?— Das hochadliche Blut ertarree der Graͤ⸗ fin in den Abern; ſie konnte nicht antwor⸗ ten, und wendete ſich, um Athem zu ſchoͤ⸗ pfen, mit einem hochrothen Truthahngeſſ chte von ihm— „Wiſſen Sie was, gegen die Ehre?— gegen ihren Karakter?— fragt' er haſtig, und hielt ſie zuruͤck, Mutter! ſo bitt' ich Sie um's Himmelswillen, ſagen Sie mir's ge⸗ rade heraus.— Denn, unſereinem kann würklich, bey ſo viel Reizen und Tugen⸗ den, manches Laſter entwiſchen.— Sie iſt unter ihren Augen aufgewachſen—(immer dringender) Mutter!— Sagen Sie mir's, auf Ihr Gewiſſen!— Graͤfin.(ctwas gefaßt) Ihr Herz iſt gut! das weiß ich gewiß: und auch auf ihre Tugend und Unſchuld daͤcht ich einen Eid ſchwoͤren zu koͤnnen.— Louis.(frendig) Alſo!—(gefuͤhlvoll) O, Mutter!— Mutter!— Was wiegt, in unſerm Sekulo— wo Weibertugend und Herzensguͤte ſich ſchier ſo rar macht als Treu und Glaube, ſolch ein Maͤdchen auf?— Graͤfin. Da haſt Du voellkommen recht? Aber—(mit einem etwas ppottiſchen Laͤ⸗ cheln) ich kann unmoͤglich glauben, daß es Dein Ernſt iſt!— 3 Louis.(mit einem forſchenden Blicke; lächelnd) uUnd wenn er's nun doch waͤr? Graͤfin.(erhaben) Sohn! dann wuüͤßt' ich nicht, was ich von Dir denken ſollte, — Deinem Verſtande wenigſtens, der ſich doch in der großen Schule der Welt, gebildet — 205— gnug haben koͤnnte, machſt Du dadurch ein ſchlechtes Kompliment, wenn Du— denn von der Ausführung eines ſolchen Einfalles — Gott bewahre! davon wollen wir gar nicht reden— Wenn Du nur, ſag' ich, im Ernſte daran denken koͤnnteſt.— Louis.(mit einem ruhigen Lächeln) Und — Ihre Gruͤnde?— Mutter! Ich bin bey Laune, und moͤchte mich gern ein bischen mit Ihnen zanken.— Gräͤfin. Zum Scherz' iſt die Sache zu ernſt, und zum Ernſte zu laͤcherlich.— Louis. Und doch, Mutter! und doch iſt's vielleicht ſo laͤcherlich nicht, als Sie denken.— Ihre Gruͤnde wenigſtens moͤgt⸗ ich hoͤren.— Gräͤfin. Ich will nicht von Enteh⸗ ehrung unſrer Geſchlechter reden, wie ſo man⸗ . cher Schuft, der kein Verdienſt hat— Du weißt, daß ich keinen Menſchen perachte, und mir jeder, in ſeiner Art, lieb und ſchaͤtzbar iſt; aber—(erhaben) Sohn! Du haſt eine ſo ſchoͤne Laufbahn vor Dir— alle Ehren — 206— und Ehrenſtellen ſtehn. Dir jetzt offen, und — ſind fuͤr Dich, und Deine Kinder, und Kindeskinder, auf immer verſchloſſen, wenn Du Dich unter deinen Stand verheuratheſt. Doch— was ſag' ich Dir da vor Dinge vor, die Du ſelbſt eben ſo gut als ich weißt; denn — Du kennſt ja unſre Conventionen, und die Welt.— Louis. Und eben darum, Mutter!— Eben darum, weil ich die Welt kenne, kom⸗ men mir dieſe Conventionen ſo läͤcherlich vor, und— machen mich ſchaudern.(Gefuͤhlvol) Ach Mutter! wie mancher Fuͤrſt, und wie mancher König, ſitzt harmvoll auf ſeinem gläͤnzenden Throne, wälzt ſich ſchlaflos und bejammernswürdig auf ſeinem ſeidnen Lager herum, und beneidet ſeinen aͤrmſten Bauer. —(mit einem lebhaften Haͤndedrucke) Mutter!— ich mochte warlich kein Koͤnig ſeyn! Gräͤfin.(uackt die Achſel) Du haſt recht! aber— ungleich zahlreicher ſind die Geſchlech⸗ ter, unter welchen Du ſuchen kannſt, was Dein Herz wuͤnſcht.— — 267— Louis. Mein Herz ſucht unverdorbene Natur; und dort— wo ſie meinen, daß ich ſuchen koͤnnte, giebt's lauter verkruͤppelte Kunſt!— Mutter! mir ekelt, wenn ich dran denke.— Graͤfin. Du haſt Dir den Magen ver⸗ dorben, lieber Sohn!— wie ihr jungen Leute es zu machen pflegt.— Faſte dann eine Zeitlang;(laͤchelnd) und, es wird Dir ſchon wieder ſchmecken.— Louis. Warum aber N zeser um einer einzigen Art loſer Speiſe willen, die einen aneckelt?— Warum faͤſten? wenn einen andre deſto lieblicher duften?— Graͤfin. Wird Dir aber nicht, nach dem Genuſſe, auch fuͤr dieſer eckeln?— Louis. Nein!— Denn der Schoͤpfer ſchuf kein Produkt zum Ekel; nur die Men⸗ ſchen verſudelten es, durch ihre geprießne Kunſt.— Gräͤfin.(ſeufzend) Unſre ganze Familie bekleidete Maiterchargen.—(etwas bitter) Keiner ſtarb vergeſſen, hinter ſeinen Kraut⸗ — 208— ſtauden, ſondern alle im erſten Glanze der großen Welt.— Louis. Ich habe die große Welt ſatt; herzlich ſatt!— Mag nicht, fuͤr mein baa⸗ res Geld, den Glanz eines Fuͤrſten oder Koͤ⸗ nigs vermehren, und— elend ſeyn!(warm) Gluͤcklich will ich ſeyn! und glücklich ma⸗ chen!— Ich bin uͤber den Rhein gegangen, wie eine Gans; das iſt wahr! aber nicht als ein Kikak wieder nach Hauſe gekommen.— Jetzt will ich in Ruh anwenden, was ich dort, in der großen Unrah ſammelte; will aus mei⸗ nen Bauern bilden, was aus Bauern zu bilden iſt, durch haͤusliches Gluͤck ſie an Haͤus⸗ lichkeit gewoͤhnen, durch Erwerb an Arbeit, durch Gerechtigkeit an Gehorſam, durch Her⸗ ablaſſung an Offenheit, und durch nuͤtzliche Anſtalten und Verbeſſerungen in der Wirth⸗ ſchaft, ſie zur vortheilhaften Nachahmung reizen. Meine Freude ſoll ihr Gluͤck ſeyn; ihre Liebe mein Ruhm.— Und, meinen Sie denn, Nachbarn und Freunde wuͤrden mich — 2869— darum verlaſſen, weil ich keinen kalten Hof⸗ glanz um mich zu verbreiten ſuche, ſondern unter gluͤcklichen Bauern mein Gluͤck finde? — Mir ſcheint's nicht ſo!— Der Freund folgt dem Zuge eines freundſchaͤftlichen Her⸗ zens, welches ich jedem zeigen werde; und die Herrn Nachbarn— o! wenn die nur einen ſeiſten Hirſchzimmer, und ſiebenund⸗ zwanziger Johannisberger wittern, ſo werden ſie auch ſchon kommen.— Meinen Sie denn, ich werde darum vergeſſen hinter meinen Kraurſtauden ſterben?— Gott bewahre!— Wenn auch weder Marſchallſtab, noch Kam⸗ merherrnknoͤpfchen einſt auf meinem Sarge liegen, ſo wird doch der Unterihan eine Thraͤne darauf weinen. Er tuͤßte geruͤhrt ihr die Hand, und gieng. Sie ſeufzte, ſchuͤttelte den Kopf, und gieng dann ihrer Blandine entgegen, die von der Seite geſchlichen kam. Ohne Zweifel ſchuͤttete ſie gegen dieſe ihr Herz aus, und es wurden Plane gemacht: denn es klang II. O 3 — 210— bald alles im Schloſſe aus dieſem wohlbekann⸗ ten Tone, roch bald alles nach Blandinen. 4.— 7 1 Einigemal noch band die Graͤfin mit ihrem Sohne über dieſes Kapitel an; da ſie ihn aber in ſeinen ohnmasgeblichen Meinungen darüber einmal wie das andere unerſchütterlich fand, ſo ſchlug ſie einen andern Weg ein, auf welchem ſie ſchneller und ſicherer zu ih⸗ rem Zwecke zu gelangen hoffte. Daß doch dergleichen Menſchen immer ſo viel eigene Zwecke haben, und ſo viel hof⸗ ſen!— Und wenn es dann— da es doch nun einmal in der Welt ſo viel Koͤpfe, und netto auch eben ſo viel Sinne giebt, irgend einmal(vielleicht gar oft) nicht juſt nach dem ihrigen geht, ſo ſind ſie bitter boͤſe auf die⸗ jenigen Menſchen, deren Kopf und Sinn nicht mit dem ihrigen harmonirte.— O, Vanitas! Vanitas! quam totus homuncio nihil eſt!. ————— — 211— Jetzt gieng es alſo— nach den neuern Planen der gnaͤdigen Graͤſin, uͤber Henriet⸗ ten her. Diesmal waren die Plane der treuen Blandine, zu dieſer Operation, gaͤnzlich verworfen; denn ſie ſchmeckten zu ſehr nach dem Alterthume, wo man, in dergleichen La⸗ gen, noch Stoff zu laͤcherlichen Trauerſpie⸗ len gab.—„Bey hoͤchſter Ungnade, es un⸗ terſagen.“— Lieber Himmel! aber ſie kuͤm⸗ merte ſich den Henker um Gnad' und Ungna⸗ de, und that doch was ſie wollte.—„Sie einſperren.“— Aber, ſie ſchrie; und da holte er ſie ohne Zweifel mit Sang und Klang, heraus.—„Sie wegſchaffen.“— Und, wo denn hin? daß er ſie nicht auswit⸗ terte?— Gnade Gott dem, den er uͤber einer ſolchen Operation traf! Eine Kugel waͤr ihm wenigſtens durch den Kopf geflo⸗ gen; denn man ſah ihm an, daßer auf die⸗ ſem Fleckchen teufelmaͤßig empfindlich ſey. Dieſes alles alſo wurde geradezu unter die Antiquitaͤten geſchmiſſen, und— zwar nicht . H 2 — 212— eben was neues, aber doch was beſſeres und vernünftigeres hervorgeſucht. Ihr Herz ſollt' in die Klemme genommen werden. Auguſte, welche bey ihr in Herzensange⸗ legenheiten das meiſte galt, ſollte dabey die Hauptrolle ſpielen; und ſie uͤbernahm die⸗ ſelbe wirklich gern, und gab ſich alle moͤgli⸗ che Muͤhe, dieſelbe gut zu ſpielen; denn ihr ſelbſt war, als beſonderer Freundin und Ver⸗ trauten von beiden, jetzt daran gelegen, dieſe Leutchen zu trennen, da ſie, mit ihrem Menſchenverſtande, fuͤr beide nichts andres als Ungluͤck kommen ſah; wie es denn davon Beiſpiele die Menge giebt, welche, zu ſeiner Zeit, mit den graͤßlichſten Farben ausge⸗ mahlt, beſtens produzirt wurden. Auf offenem Felde, und auf geradem Wege— daß heißt: mit Demonſtrationen von alle den tauſenderley Schwierigkeiten ſol⸗ cher Heurathen, und Schilderungen der un⸗ gluͤcklichen Folgen derſelben— daß naͤhmlich gewoͤhnlichermaßen bald nach der Hochzeit, oder wenigſtens wenn der Kalk vom Geſicht⸗ — 213— chen der Frau abzufallen anfange, der Mann ſei⸗ nen dummen Streich einzuſehn, und die Frau wenigſtens zu vernachlaͤßigen, wo nicht gar zu haſſen und zu verachten pflege, zumal wenn— wie gewoͤhnlich, eben dieſe Frau ihn in ſeiner Laufbahn hemme, daß er allenthalben verach⸗ tet und zuruͤckgeſetzt werde; daß auch ſelbſt das Schickſal der Frau, ſo glaͤnzend es ſchei⸗ ne, hoͤchſt traurig ſey, indem ſie doch immer, als das elendeſte Mittelding, zwiſchen dem Adel und Buͤrgerſtande ſchwebe, von dem einen verachtet, und von dem andern geflohn, nicht wiſſe zu welchem Stande ſie eigentlich gehöre, und in zu ſpaͤtem Gram ihr Leben elend vertrauren muͤſſe,— u. ſ. w.— Auf dieſem offenen Felde und ebenen Wege, ſage ich, kam ſie nicht weit; denn Henriette lacht' ihr in's Geſicht, und ſagte: er brauche weder Glanz noch Ehre mehr, und ſey ihm nichts drum, ob ein's das Maul uͤber ihn ruͤmpfe oder nicht.— Man mußte alſo Schleifwege einſchlagen. Die Graͤfin wurde ſtill und traurig; ſie — 214— kam nicht mehr zur Tafel, und vermied uͤberhaupt die Menſchen.— Henriette frag⸗ te: was ihr wohl fehlen moͤge?— Da zuckte Auguſte die Achſel, und es hieß: die gute Mutter hat freilich viel Gram!— Henriette erſchrak.— Kurz darauf ſtieß der Graͤfin würklich eine kleine Unpaͤßlichkeit zu.— Dieſe wurde ſehr vergroͤßert; und Henrietten ſchauderte fuͤr dem Gedanken: die Urſache ihres Todes zu ſeyn.— Jetzt erſchien von fern ein gewiſſer junger Menſch, den ſie ehemals ſehr gut hatte leiden koͤnnen, und— man machte ſie auf die gläͤnzendſten Ausſichten aufmerkſam. — Louis wurde ſo viel als moͤglich zerſtreut, und auswaͤrts gehalten.— Der geſtimmte Medikus zuckte die Achſel, und ſprach von einem geheimen Grame der guten Graͤfin, der, wenn er nicht ſollte gehoben werden koͤn⸗ nen, ohne Zweifel ihr Tod ſeyn werde.— Dies ſluͤrzte Henrietten in Verzweiſlung! und ſie wankte.— Haͤtte man ihn nur eini⸗ — 215— germaßen anderswo intereſſiren, oder nur die geringſte Zwiſtigkeit bewuͤrken koͤnnen, daß man von ihm nicht unglück befuͤrchten muͤſfen— jetzt waͤr ihr vielleicht ein raſcher Entſchluß abzulocken geweſen; denn ſie liebte die Graͤfin ſchwaͤrmeriſch. Alle Anſtalten, zur ſchnellſten Verbindung mit jenem jungen Menſchen, waren auf dieſen Fall getroffen; aber die Hitze der Graͤfin, welche freilich ei⸗ nen ſo hartnaͤckigen Widerſtand gegen ihren Willen nicht gewohnt war, verdarb alles. Henriette lag einſt, kämpfend mit ſich ſelbſt, auf den Knien am Bette der kranken Graͤſin, und weinte.—„Was ſoll's denn aber endlich werden? rief dieſe ſtuͤrmiſch. Seine Frau kannſt Du nie ſeyn! alſo nichts, als— ſeine Hure!“ Starr für Schreck, ſank Heuriette nie⸗ der; aber das Gefuͤhl ihrer Wuͤrde kam ihr zu Huͤlfe, gegen dieſen empoͤrenden Gedan⸗ ken.* 3. — 216— „Trau' auf Gott, und mich!“ rief ſie, mit zum Himmel geſtreckten Haͤnden, und ſprang fort.— Von dieſem Augenblicke an vermogte keine Kunſt oder Vorſtellung mehr was uͤber ſie.. 1 Dritter Abſchnitt. ein Mann— nicht von dem ſeinſten Tone; Ein Baͤr jedoch, ein braver Baͤr; Ein Mann— nicht zwar in ſeiner Bluͤte, Jedoch von wahrer Herzensguͤte— Kurzum, ein guter Mann war er. Dreizehntes Kapitel. Der tertius interveniens Hat oft des Teufels Dank; Denn alles nimmt, per conſequens, Ganz einen andern Gang. Was ehmals ſchwarz war, wie die Nacht, Daß wird nun kreideweiß, Und wer zu mauſig ſich gemacht, . Dem geht der Steiß auf Eiß. Denn tertius interveniens Paßt ſelten in den Plan, Und bringt das Ding, per. conſequens, Juſt an den rechten Mann. Aber dieſe Belagerung des Herzens unſrer armen Henriette, wurde, durch ein ganz un⸗ vermuthetes Ereigniß, unvermuthet aufge⸗ hoben.— — 220— Schnell, im Fluge der Adler, wimmelte der ganſe Spielberg von Preußen.— Alles was dieſe ſchoͤnen Wildniſſe bewohnte, floh, wie eine Heerde Schafe, wenn der Wolf kommt, nach den Doͤrfern herein: um Mit⸗ ternacht klopfte auch Puff und Euſebia.— Schlaf und Ruhe war dahin!— Schreck und Staunen trat an ihre Stelle Noch ſprach man nur von der Mög lich⸗ keit, daß ſie vielleicht auch dieſe friedlichen Thaͤler heimſuchen koͤnnten; und— ſie wa⸗ ren ſchon da.— Alles war uͤberſchwemmt!— Alles jammerte.— Die Graͤfin reoͤſtete ſich mit ihrem Anſehn, in welchem ſie an jenem Hofe ſtand, und mit den maͤchtigen Connexio⸗ nen, die ſie dort hatte.—„Trap! Trap! Trap!“— kam's mit Sporengeraſſel, die Treppe herauf, und, ehe ſie ſich nur in's Ne⸗ benzimmer retiriren konnte, trat ein Offizier — Lein ſchoͤner ſtarker Mann! ein Mann, was man ſagt, von gewiſſen Jahren) mit ei⸗ nem Ordonanzreiter herein, der einen Man⸗ felſack, Chatoulle, und allerley andres klei⸗ nes Gepaͤck trug.—„Laß dir Zimmer anwei⸗ ſen! ſagte er in einem rauhen Tone zur Or⸗ donnanz, im Hereintreten; und dann ruf mir die Adjutanten zuſammen.“— Das war der Graͤfin ein ganz neuer Ton! und ſie zog das Maul bis an die Ohren—„Um Ver⸗ zeihung! fuhr er nun, da der Reiter uͤber den Saal hin raſſelte, deſſen furchterliche Spuren noch nach Jahr und Tag nicht aus dem ſchoͤn gebohnten Fußboden zu tilgen wa⸗ ren— mit einer leichten Verbeugung, zur Graͤfin fort; um Verzeihung, gnaͤdige Graͤfin! daß ich mich ſo geradezu hier einquartire.“— Graͤfin. Das muß ſich immer der Schwaͤchere gefallen laſſen! aber— O ffizier.(indem er Stock, Hut, und Saͤbel auf einen Tiſch legt, ſein Kollett luͤftet, und über⸗ haupt thut, als ob er zu Hauſe wär) Wir lieben die Abers nicht in unſerm Syſteme.— (wirft ſich nachläſſig in einen ſeidenen Armſeſſel, und zurchſieht einige Papiere) Sie werden die Gnade haben, und dafüͤr ſorgen, daß meine Leute — 222— behoͤrig untergebracht, und verſorgt werden. — Ich habe heute hier Raſttag.— Gräfin. Haben Sie nur die Guͤte, ſich an das Amt zu wenden. Dieſes wird es ſchon beſorgen.—. Offizier. Mein Koͤnig pflegt ſich im⸗ mer an die erſte Inſtanz zu wenden, und— wenn dieſe Umſtaͤnde macht— ſelbſt An⸗ ſtalten zu treffen.(ſteht auf, und geht nach der Thar.—. Graͤfin.(betroffen) Bemühn Sie ſich nicht!— Es ſoll gleich beſorgt ſeyn.— Offizier. Sie werden auch beſſer dabey fahren!—(leht in eine Liſte) Es kommen auf Ihre Doͤrfer: Dreitauſend Mann Infanterie, und mein Regiment Dragoner— ſieht in ein andres Blatt) Nur funfzehnhundert Mann, aund dreißig Wagen.—. Graͤfin.(erſchrocken, und mit einem lauten Seaßer) Das iſt viel! Sehr viel!— Offizier.(mit einem leichten Achſelzucken). Es iſt manches viel in der Welt!— — — 223—. Graͤfin.(bittend) Haben Sie Mitleiden, mit meinen armen Unterthanen!— Offizier.(mit Befremden) Mitleiden? — Kennt man hier auch Mitleiden?— Graͤfin. Ich ſuche meinen Unterthanen ihre Laſten ſo viel als möglich zu erleichtern, und mein Sohn— der jetzt die Herrſchaft angetreten hat, iſt auch ſo geſinnt.— Offizier. Wuͤrklich?(mit auffallendem Befremden) Das haͤtte ich nicht gedacht!— eidn(beleidigt) Und, was giebt Ih⸗ Urſache zu dieſer ſonderbaren Mei⸗ vun 21— Offizier.(e und gerade) Weil Sie gegen andre Menſchen ſo grauſam ſind.— Gräfin.(gluͤhend für Alteration) Auch der Krieg gieht niemanden das Recht, eine Pri⸗ vatperſon muthwillig zu beleidigen— Offizier. Beleidigen?— Das will ich nicht! Ich ſage bloß Wahrheit.— Daß dieſe bitter iſt(artig) iſt nicht meine Schuld.— Graͤfin.(im Bewußtſeyn ihrer Würde) Beweißt— daß Sie mich nicht kennen.— — 224— Offizier. Und doch!—(deutet auf ſein Herz) Hier— hier blutet eine ganz alte Wun⸗ de— Graͤfin! ich haͤtte mich ſett fürchterlich raͤchen koͤnnen.— Gräͤfin.(betroſſen) Sie mſſen ſich ir⸗ ren!— Ich bin die verwittwete Graͤfin von Thurneiſen.— Offizier. Richtig!— Und ſoltten Sie mich nicht mehr kennen?— Nicht?— Graͤfin. Ich erinnre mich wuͤrklich nicht, das Vergnügen zu haben.— Offizier. Ich bin der ehemalige Adju⸗ tant, vom Berge, bey dem Regiment Haack.— (die Graͤfin erſchrak, und er fuhr ruhig fott) Jetzt — leider jetzt erſt!— Obriſter und Chef ei⸗ nes Dragonerregiments, und Commandant dieſes Corps, welches Ihrem Vaterlande vor⸗ kaufig ſeine Aufwartung macht.— Gräfin.(in aufallender Verlegenheir). des freut mich herzlich!— Obriſter.(lächelnd) Und wenn Sie in Ihrem Leben keine Unwahrheit geſagt haben, Gräfin! ſo iſt dieß eine.— Thut aber nichts, — 225— gar nichts!— Mir iſt's lieb, daß ich da bin; Sie moͤgen mich nun gern ſehn oder nicht. — Ueberhaupt iſt das jetzt bey uns der Fall, daß wir immer da ſind, wo wir nicht gern geſehen werden; und ich rechne auf gar kein freundliches Geſicht mehr. Aber doch— Graͤ⸗ fin! doch hoff' ich bey Ihnen noch ein’s zu finden.— Auguſte iſt hier! Graäͤfin. Sie iſt hier!— Und Sie, Herr Obriſter! handeln, wie ich nun wohl merke, noch aus altem Groll feindſelig gegen mich.— Ich muß mir's gefallen laſſen; aber — ob's edel iſt?. Obriſter. Handelt' ich feindſelig ge⸗ gen Sie, ſo legt' ich mich in's Hirtenhaus, und Ihr Schloß— waͤr mein Lazareth. Aber — nicht wahr, Sie fuͤhlen, daß ich Urſache dazu haͤtte? Graͤfin. Gott bewahre!— Mein Herz iſt ſo ruhig als je; denn Vorwuͤrfe dieſer Art ehren mehr als ſie ſchmerzen. Ich konnte nicht anders handeln!— daß muß mir die ganze Welt recht ſprechen.— Au⸗ II. P — 226— guſte hatte die glaͤnzendſten Ausſichten vor ſich, um, durch eine vortheilhafte Verbin⸗ dung ihrer Familie wieder aufzuhelfen; und —(mit einem etwas verzogenen Munde) der Ab⸗ ſtand war zu groß. Obriſter.(ruhig) Jawohl!— 3 Eneer bißnem Grimm, auf und niedergehend) fuͤr euch Menſchen, hinter den Toiletten und Kraut⸗ ſtauden, denen Geld, Rang, und Convention alles, und das Herz nichts iſt.—(wild) Wo iſt ihr Zimmer? 4 1 Gräͤfin.(in Verlegenheit)) Sie wird oh⸗ ne Zweifel— ihre Toilette machen. DObriſter.(ſtaͤrmiſch) Ach— was Toi⸗ lette! was Toilette!—(geht raſch nach der Thuͤr) 3 Ich will ſie ſchon finden. Gräͤfin.(bittend) Sie wuüͤrden ſe er⸗ ſchrecken. Obriſter.(zurückkommend) Wenn nur Sie ſie nicht mehr erſchreckt haben, als ich ſie erſchrecken wurde. Graͤfin. Ich that meine Schuldigkeit! welche freylich oft bitter ausfaͤllt, weil nicht ——— — 2—— — 82 2 ☛☚☚m m m½ſ A22ͤ— dH — 227— jedermann ſein Glück einſieht, und zu bauen weiß. Ob riſter.(bitter lächelnd) Man haͤu⸗ ßelt und künſtelt aber auch oft ſo lange dran, bis der ganze Bettel— einſtuͤrzt.(mit wil⸗ tem Gelächter) Die kurgen Menſchen! Graͤfin.(ſchmerzhaft) Gottt iſt's bekannt! das ich ſie wie eine Mutter liebte. Indeß. war Auguſte zur Thuͤr hereinge⸗ treten, und ſtand, ſtarr fuͤr Schreck und Freude, ſprachlos hinter ihnen.— Ihr rech⸗ ter Arm war nach ihm ausgeſtreckt, und druͤckte, nebſt dem auflebenden Freudenblicke, das aus, was ihre Zunge nicht ausſprechen konnte; mit der linken Hand hielt ſie ſich an einen Stuhl, denn ſie ſchwankte wirklich von einer Seite zur andern.— Curt hoͤrte ein leiſes Geraͤuſch, und ſah ſich um.— Es gieng ihm nicht beſſer als Auguſten; und ſie ſtanden lange, von der Graͤſin, die ſich etwas mehr nach d dem Fenſter gewendet hatte, unbe⸗ merkt, in einer mahleriſgem Grhope gegen einander. „ 2 — 228— „Da!— da!— rief endlich Curt, mit gepreßter Stimme; die Graͤfin etwas unſanft nach Auguſten wendend— da!— Graͤfin! Cauf Auguſtens blaſſes Geſicht zeigend) da!— Das iſt Ihre Mutterliebe!—(wild) Ha! wenn dieſes bleiche Geſicht— Dieſer ſterbende Blick, Ihnen Ihre Todesſtunde nicht verbittern ſoll, ſo muß unſer Herrgott bey ſeltſamer Laune ſeyn! 3 Gräfin.(ſinkt in einen Armſeſſel, und ver⸗ hüllt ihr Geſicht) Meine Abſichten waren gut! Curt.(in wildem Soldatendialekte) Hol der Teufel die Abſichten, wenn ſie den Men⸗ ſchen Glück und Ruhe, Geſundheit und Le⸗ bensmark koſten!— Juſt als wenn ich einem Stickenden Luft ſchaffen will, und— ihm die Gurgel abſchneide.— Graͤfin!— Graͤfin!— (mit immer ſteigendem Gefuͤhl) Haben Sie denn nie dieſes bleiche Geſicht angeſenn?— Ich daͤchte, in jedem Augenblicke haͤtte es Ihnen ein Stich in's Herz ſeyn muͤſſen— Jch bin Soldat, und ſchier unter Mord und Todt⸗ ſchlag nun grau geworden, und doch— doch &☛— 2232 22 5 , e ☛ 3 1 — 222— — wenn einer, unter meiner Klinge oder von meiner Kugel, mit Todtenblaͤſſe auf dem Geſichte dahin ſinkt— giebt mir's immer noch einen Stich in's Herz.—(ſchnaubend) Und— Cauf Auguſten zeigend) Iſt dieß nicht offenbarer Todtſchlag?— Aber, freilich— freilich hat Convention kein Gefuͤhl.— (ſchauervolle Pauſe.— Curt reißt der Gräfin das Tuch vom Geſicht, und wendet ſich wieder gegen Au⸗ suſten) Hierher, ſchauen Sie, Graͤfin! hieher! .— Dieß iſt eine Lektion fuͤr Sie, die Sie nichts als Schmeicheleien gewohnt ſind— eine Lektion, die Ihnen trefflich bekommen wird.— Hier! hier reifen die Fruͤchte Ih⸗ rer geprießnen Wohlthaͤtigkeit und Menſchen⸗ liebe!— hier ſchreit das Gluͤck, welches Sie jedem, nach Ihren eignen Prinzipien, auf⸗ dringen, das Elend um Mitleid und Erbar⸗ men an!— Hier kroͤnte der Fluch des Stol⸗ zes und der Eitelkeit durch Sie ſein Werk! — Caußer ſich) O! daß ich die ganze Welt, welche von Ihnen, und Ihren großen Tugen⸗ den ſo ſchoͤn ſpricht, hierher ſtellen, und, auf — 230— diefem blaſſen Geſichte, ihr dieſe prächtige Luͤge demonſtriren koͤnnte.—(wirft ihr das Luch hin) Ha, Schande!— daß die Menſch⸗ heit mit ihren edelſten Gefuͤhlen einen ſo ſcheußlichen Handel treibt!—(gegen Auguſten, mit zuſammengeſchlagenen Handen) O! du armes — armes Geſchöpf! 4— Was haſt Du dgelit. ten! 1 Au guſte.(noch immer in der vorigen Stal⸗ lung; in ſanften Tone) Nichts! Curt. Sprachſt Du, vor fuͤnf Minuten noch, auch ſo?— Komm! armes Weib! 4 komm!-— aſt noch eine Funke Kraft in Dei⸗ nem geaͤngſteten Herzen, daß Liebe genießen kann, ſo komm nun an meine Bruſt! und laß uns die armſeligen Truͤmmern unſers verkruͤ⸗ pelten Glücks, aus dem Schiffbruche, ſo gei⸗ zig als moͤglich zuſammen leſen. Sie flogen einander in die Arme.— Nach einer langen Umarmung, blickte Auguſte zuerſt auf, und betrachtet ihn froh und ſchüch⸗ tern/ als ob ſie aus einem Traume erwachte. —„Biſt Du's? rief ſie, in ſein Anſchaun 8 8 — 231— verfunken; Curt!— ach, Curt! biſt Dus wirklich?—“ „Ich bin's wirklich!— rief er, zufrie⸗ den; aber— nicht wahr, Auguſte! ich bin alt geworden?— Hal freilich, vor achtzehn Jahren— da war's anders! Da war glat⸗ ter meine Haut— da war feuriger mein Kuß!— Aber, ſo wahr Gott lebt! doch noch eben ſo herzlich.—(umarmung) Damals — o! damals, war ich ein raſches artiges Garniſonoffizierchen; jetzt— vom Pulver⸗ dampfe und von der Sonne verbrannt— ein rauher Krieger! Cin wilder Erinnerung) Ha! — aus einer Schlacht in die andre— wie's nun geht!— und ſelbſt unſre Maͤrſche Schlachten; und— wenn es auch einen Tag Ruhe gab, und die Camraden ſich eine Luſt machten— ſo dachte ich an Dich, und — ſehnte mich wieder in die Schlacht.— Da muß man freilich altern!“ Au guſte.(zufrieden) Der Jüngling iſt ein Mann geworden. Aber, ich—— Ach, — 232— Furt! die Roſen ſind abgefallen; ſtich Dich nicht in die Dornen! Curt.(druäckt ſie raſch an ſein 2 Ich fühle nichts!— Aber(indem er ihr bleiches Ge⸗ ſicht betrachret; wild) Haͤtte ich doch meinem Kopfe gefolgt, da mein wuͤthendes Heer uͤber den Spielberg herein ſtuͤrmte.— Macht euch luſtig! wollte ich ſagen.— Häͤn ich's geſagt; ſo wahr Gott lebt! jetzt ſtuͤnd hier kein Stein mehr auf dem andern; und ich truͤg Dich uͤber die Ruinen der hochgeüßichen Eitelkeit, in's Brautbette. Die Graͤfin.(ſpringt erſchrocken auf, und ſteht ſich ſchuͤchtern um) Um Gotteswillen! Curt Ja, ja! Gnaͤdige Graͤfin! das hätte ich thun koͤnnen, und kein Hahn haͤtte druͤber gekraͤht; aber—(Auguſten, die bittend an ſeinem Halſe haͤngt, die Backen ſtreichelnd) dieſe war ihr Schutzengel!— Bey Gott, Graͤfin! ſonſt fuͤhlten Sie jetzt, was aus einem verach⸗ teten Adjutanten binnen achtzehn Jahren werden kann; denn— wo ich meinen Leuten — 233— den Zuͤgel ſchießen laſſe, da kann ſich unſer Herrgott ein Donnerwetter erſparen.— Auguſte.(bittend) Vergiß!— Ach, Curt! es iſt ſo edel, Faankangen zu vergeſ⸗ ſen.— 3 Curt. Ja, dann— wenn dieſe bleichen Wangen wieder aufblühn, und dieſe Thraͤ⸗ nenriſſe verwachſen ſind— dann allenfalls, will ich vergeſſen;—.(n ſchmerzhafter Rührung ſie an ſein Herz drückend) Auguſte! wer wird uns die ſchoͤnen Jahre wiedergeben? Doch— damit auch kein Augenblick mehr verlohren geht— C(rufend) Ordonnanz!—(der Ordon⸗ nanzreiter trat herein) Sag dem Pfarrer: er ſolle ſogleich hierher kommen— in ſeinem Ornate.— Macht er Umſtaͤnde; ſo lege ihm fünfundzwanzig Uhlanen auf Execution in's Haus.— Reiter.(mit einem affroͤſen Laäͤcheln; im Adgehn) Die werden ihm ſchon Beine ma⸗ chen!—(ab)—. Curt.(ur Gräfin) Unter einem Garniſon⸗ general und einem Obriſten, der zwanzig tau⸗ ſend Mann kommandirt, iſt doch wohl der Unterſchied ſo groß nicht mehr? gnaͤdige Gra⸗ ſin!— Sie haben alſo doch nichts dagegen, daß ich mir die Hand der Frau Generalin auf eine Partie Hochzeit ausbitte?— Graͤfin. Nicht das geringſte denn— Sie kommandiren ja zwanzig tauſend Mann.— Curt. Alſo— darum?— nur darum? — O, haͤtte ich doch nur meinem Kopfe ge⸗ folgt! daß doch dieſer enorme Stolz nur ein bischen wäͤr gedemuͤthigt, und fut Ertenntniß gebracht worden.— Gräaͤfin. Wir wollen uns nicht um den Rang darinnen ſtreiten.—(mite einer leichten Verbeugung) Ich gratulire von Herzen! und auch mein Sohn, und ſeine Nachkommen koͤnnen ſich's gratuliren; denn jene ſind alle⸗ weile um dreißig tauſend Gulden reicher ge⸗ worden.—(mit einem hoͤhniſchen Lächeln, ab)— Curt. Und Auzuſte um ſo viel aͤrmer! meinte ſie wohl.—(Auauſte ſeufzt, und ſieht gedankenvoll zur Erde) Laß ſie gehn!— Laß ſie meinen!— Ich habe fetzt Geld und Gut ge⸗ — 235— nug, Auguſte! mit meinem Blute verdient. — In einer Stunde ſollen alle Deine Schul⸗ den, und auch die Graͤfin, bezahlt ſeyn— (ufeteden) Vor achtzehn Jahren waͤr's freilich beſſer geweſen!— Damals lag noch nicht ſo viel auf mir, und meine Stehe haͤtte ſehr leicht erſetzt werden koͤnnen. Ich haͤtte alſo meinen Abſchied genommen, und wir haͤtten unſer Gluͤck in Ruhe genoſſen. ere. habe ich vielleicht morgen Schlacht, und bin todt.— Indeß ſollſt Du doch nun auf jeden Fall un⸗ abhaͤngig von dieſer Gozlißinnen Tirannin leben koͤnnen.— 33 Auguſte.(traurig, an ſeinem Han) Du kannſt alſo nicht bey mir bleiben?— 3 a2 Curt. Unmoͤglich!— Ich bin: ſo glück⸗ lich, einer von den wenigen Vertrauten un⸗ ſers großen Koͤnigs zu ſeyn. die um ſeine Pla⸗ ne wiſſen. Und— geſetzt auch, es waͤr das nicht; einen ſo großen Ungluͤcklichen, in ei⸗ nem ſo kritiſchen Zeitpunkte zu verlaſſen, waͤr doch die ſchaͤndlichſte Suͤnde.—(uufrieden) Doch— was verbittern wir uns das Gegen⸗ — 236— wärtige mit der Zukunft?— Lihr um den Hals alen) Ich habe mich ſo lange auf dieſe Stunde gefreut.. Auguſten Sch nicht mehkl— Ac, Eurt!— Es war mir nicht anders, als ſaͤhn wir erſt jenſeits uns wieder.— Curt. Dazu haͤtte auch leicht Ruth wer⸗ den koͤnnen! denn ich war immer um unſern Friedrich; und, um dieſen iſt jetzt ſelten gut ſeyn, als bey Tafel. Da uns aber nun ein⸗ mal das Schickſal dieſen gluͤcklichen Streich geſpielt hat! Auguſte! ſo laß uns nicht undank⸗ bar ſeyn.—(an ibrem Halſe) Freudiger Genuß ehrt den Geber! Ein Undankbarer krittelt: ob der Geber ſeine Gaben nicht beſſer haͤtte anbringen koͤnnen.—(umarmung)— 412 Es war Auguſten nicht anders als ob ſich in der ganzen Natur die gluͤcklichſte Ver⸗ aͤnde ung ereignet haͤtte. Alles ſchien ihr ſai und liebenswuͤrdiger; alles erhob ſich über das Altägliche des eceln gemeinen = 237— chenlebens, welches ſie bisher gelebt — hazte. Leichter und ruhiger huͤpft' ihr fetzt ſeper Pulsſchlag durch die Adern hin, und in ihrer Seele wurd' es ſo helle, wie nach ei⸗ nem Champagner⸗Rauſche; denn ſie fühlte ſich ja ſo frey, im Arme der Liebe, mitten in dieſen Unruhen, und erloͤßt von der po⸗ litiſchen Longe der Graͤfin, die, bey all der geprießnen Mutterliebe, ſo oft ihr unerträg⸗ lich geworden war.— Ihr ſchwindelte noch, und ſte konnte ſich kaum aus dem glücklichen Traume finden, konnte kaum glauben was ſie ſah und hoͤrte, und empfand nur was ihrem Herzen am naͤchſten lag; da kam ihr Verwalter Herrmann, aus Loh, gleichfalls verſcheucht durch das vordringende Corps ih⸗ res Curt, und— ihm ſchwebte die Frag' auf der Zunge: ob's nicht vielleicht klüger ſey: jetzt die Guͤter den dringenden Schuldnern zu uͤbergeben, als, durch dieſen Einfall, noch mehr Schulden darauf zuß häufen, und ſie doch am Ende nicht retten zu koͤnnen?— Herrmann war der ehrlichſte Mann ſeiner Art! und— eine ungluͤckliche Leidenſchaft hatt' ihn noch mehr an Auguſten gekettet. — Er hatt' alſo bisher alles moͤgliche ange⸗ wendet, um dieſe zum Concurs reifen Gu⸗ ter zu retten; jetzt da ihm die Unmoͤglich⸗ keit einleuchtete, ſtanden ihm die Thraͤnen in den Augen, und mit blutendem Herzen, ſucht' er doch wenigſtens noch das wenige zu retten, was ein ſeindlicher Einfall noch hin⸗ raffen konnte.— Aber ſein Verſtand ſtand ihm ſtille, da er jetzt den Commandanten dieſes Corps in Auguſtens Armen fand.— Das Herz wollte zwar rebelliſch werden; aber die Redlichkeit trat auf die Seite des Verſtandes, und ſo ſtarb ihm die Trauer⸗ frage im Munde, und Heiterkeit der Hoff⸗ nung uͤberflog ſein Geſicht.— 7N „Gut, daß Sie kommen! rief ihm Curt entgegen, der ſeine ſeltne Redlichkeit kannte; eben wollt' ich ihnen eine Ordonnanz ſchik⸗ ken. Haben Sie viel Hafer und Heu?“— Herrmann.(uckt die Achſel!) Leider! — Ich hoffe auf die beſten Zeiten; jetzt— wie es ſcheint— überraſchen mich die ſchlech⸗ teſten!— Curt. Mitnichten! Mein Regiment iſt an Sie gewieſen; denn ich glaubte daß Sie ſich wenigſtens zu helfen wiſſen wuͤrden. Geben Sie ab, gegen Empfangſcheine, ſo viel Sie entbehren koͤnnen; wo es fehlt, da muß bezahlt werden. Aber— eilen Sie nach Hauſe! denn die Quartiermeiſters koͤnnten, mit dem Vortrabe ſchon angekommen ſeyn. — Morgen fruͤh fruͤhſtuͤcke ich bey Ihnen! dann mehr.— Herrmann war entzuͤckt bis in den drit⸗ ten Himmel, ſtand ſchon mit dem einen Fuße wieder jenſeits der Schwell', und be⸗ rechnete ſchon, wie viel hier zu verdienen ſey; da rief ihn Curt noch einmal zuruͤck.— „Es werden jetzt Gelder geſucht werden — ſagte er laͤchelnd; denn— ich brandſchatze. Laſſen Sie ſich einmal von meiner Ordonnanz die Chatoulle geben.— — 240— Herrmann gieng, brachte die Chatoulle, und Curt ſchloß auf.— Auguſten zitterte das Herz; denn ſie wußte ja, daß ihn die⸗ ſes Geld Blut koſtete.— „Hier, nehmen Sie, vor der Hand, die drey tauſend Carolin; ſagte Curt; was Sie daran verdienen, iſt Ihre; die reine Sum⸗ me zahlen ſie auf die Guͤter. Und hier— auf dieſen offnen Creditbrief, von*** neh⸗ men Sie, wo möglich heute noch, in Z.. ſo viel Geld auf als ſie bekommen konnen. —(heimlich) Ich gehe jetzt einen gefaͤhrlichen Gang; komme ich nicht zuruͤck, ſo— legen Sie meiner Frau Rechenſchaft ab.“— Bey dem Worte Frau, blieb dem ehr⸗ lichen Herrmann das Maul, welches er uͤber das viele Geld aufgeſperrt hatte, ſperrangel⸗ weit offen ſtehn; und ſo, mit aufgeſperrtem Maule, ließ er ſich vom eilfertigen Curt rücklings zur Thür hinaus ſchieben. Aber den Kopf verlohr er dabey nicht!— Er gieng, und ſcharrte dieſen Tag noch uͤber — 241— zwanzig tauſend Thaler zuſammen; denn je⸗ dermann gab herzlich gern ſein Geld auf einen ſo ſichern Creditbrief her, da er in Gefahr ſchwebte daſſelbe ohne Creditbrief hergeben zu muſſen; und in der Freude uͤber die Geſichter, welche verſchiedene Glaͤubiger der Generalin ziehn wurden, die ſich ſchon laͤngſt auf ihre fetten Güter gefreut hat⸗ ten, vergaß der Ehrliche gluͤcklich ſein Herz. 1I. Q — 242— . So legen ſich von ſelbſt die Wellen Nach langem, Srurm im Meer; Und wo noch heute Thranen quellen, Quillt morgen keine mehr. Hab' alſo in des Lebens Kränpfen, O Sterblicher, nur Muth; Denn gegen dieſen Strom zu käͤmpfen Thut warlich nimmer gut; Dem philoſophiſchen Giganten Läßt's juſt ſo lächerlich, Als ſtritte mit dem Elephanten Die ſchwache Muͤcke ſich. Und— all das kindiſche Geklage Und Weiber⸗ Ungeduld, Vermehrt nur deines Lebens Plage, Woran du ſelber Schuld⸗ Vierzehntes Kapitel. — 243— Ein unbiegſames Fatum waltet Unſichtbar uͤber dir; Und wann der waͤrmſte Wunſch erkaltet, Erſcheint die Hoffnung hier. U. ein Haar haͤtte ſich die guͤte Graͤfin jetzt laͤcherlich gemacht! denn ſie war eben im Begriff eine Shaffette an ihre guten Freunde in Berlin abzuſenden, woher ſie doch vor der Hand keinen Troſt erwarten konnte, als— ſich zu gedulden! welches ſie ſich eben ſo gut ſelöſt ſagen kounte. Curi hatze ja, auf ſeinem Wege, keine Magazine; freſſen wollten ſeine Pferde und Menſchen, und— auch ein bis⸗ chen ſaufen; alſo mußte er nehmen, wo er fand. Dieſe Nothwendigkeit, mit all' ihren unvermeidlichen Folgen, leuchtete jedermann ein; nur der Graͤfin nicht, weil ſie in ihrer Herrſchaft nicht allein Herr zu ſeyn gewohnt war, ſondern auch, durch Schmeicheleien ver⸗ woͤhnt, die ihrer allezeit wohlbeſetzten Tafel, und ihrem frugalen Weinkeller— mitunter 4 Q 2 auch ihrer jedem Schmeichler immer offenen Caſſe, taͤglich geſagt wurden, uͤber auswaͤrtige Meinungen und fremdes Intereſſe, ſo gut als uͤber ihre Stubenkaͤtzchen, und ihre Gefuͤhle — ſo gut uͤber das Perſonale fremder Cabi⸗ netter, als uͤber die Bauern in ihrer Schenke gebieten zu koͤnnen glaubte.— Freilich war es was ganz unerhoͤrtes, daß ſich jemand ſo ſans facon bey dieſer Graͤfin einquartirte.— was unerhoͤrtes, daß ſo ein baͤrtiger Dragvo⸗ ner ihre gebohnten Fußboden mit ſeinen Huf⸗ eiſen und ſeinem Saͤbel durchſchleifte.— was unerhoͤrtes, daß er ihre ſeidnen Zimmer mit ſeinem Lauſewenzel parfuͤmirte— was uner⸗ hoͤrtes, daß jemand was von ihr forderte! denn von ihr war alles nur durch Unterwuͤr⸗ figkeit und Schmeicheleien zu erlangen.— Jedermann ſchickte ſich in die Zeit; denn— es war leider boͤſe Zeit! die Graͤfin allein wollte ſich nicht darein ſchicken, ſondern im⸗ mer noch uͤber Umſtaͤnde gebieten, deren Herr ſie nicht mehr war. Eine Thorheit, die ſelbſt ihr Sohn belaͤcheln mußte, der in der großen — 245— Schule der Welt ſich in Zeiten und Umſtaͤnde zu ſchicken gelernt hatte.— Mit groͤßter Muͤh brachte er ſie von der Idee der Eſtaffette zuruͤck, und uͤberredete ſie von der Unmoͤglich⸗ lichkeit des Widerſtandes ſowohl, als von der Gefahr, in welche man ſich, unter ſolchen Umſtaͤnden, dadurch ſtuͤrzen koͤnne; mit alle ſeiner Ueberredungskunſt war er jedoch nicht, im Stande, ſie zu einer freundſchaftlichen Herablaſſung gegen den Obriſten zu bewegen, wodurch man oft mehr gewinnen kann als durch Geld.— Ob er ihn gleich nicht kannte (denn er war noch nicht bey ihm geweſen) ſo war er doch uͤberzeugt, daß durch Artigkeit alles bey ihm auszurichten ſeyn muͤſſe; denn Auguſte liebte gewiß keinen ungeſchliffenen Bataillenbrecher, als wofuͤr ihn die Graͤfin— da er ihr nicht einmal die Hand gekuͤßt, ſon⸗ dern ſich's ſogar in ihrer Gegenwart kommode gemacht hatte, ſchlechterdings gehalten wiſſen wollte—(von welchem Betragen jedoch un⸗ ſer Curt die Urſache auf den erſten Blick ein⸗ ſah) ſondern es mußte— wo nicht ein Mann — 246—— 3 von Geiſt, doch wenigſtens ein Mann von Ge⸗ fühl und gutem Herzen ſeyn; er drang alſo ſchlechterdings, und alles Ernſtes, bey ſeiner Mutter auf Vernichtung des Briefs, in wel⸗ chem ſie Auguſten befahl: augenblicklich ihr Haus zu verlaſſen; wodurch ſie—(weich ei⸗ ne Weiberidee) zu bewirken hoffte, daß auch der Obriſte mit abziehn werde; gieng dann, und ordnete ſelbſt alles aufs beſte, was zur Verpflegung ſeiner Leute noͤthig war, und ſtattete ihm perſoͤnlich Raport ab. Curt hatte indeß ſeine Zimmer bezogen, und Auguſte und Henriette, mit deren roman⸗ tiſcher Jugendgeſchichte er ſchon bekannt ge⸗ macht worden war, leiſteten ihm treulich Ge⸗ ſellſchaft, ob gleich die Graͤfin daruͤber aus der Haut fahren wollte— Das kuͤmmerte jetzt niemanden! denn es war Krieg, ihre Herzen, durch uͤbel angebrachte Haͤrte, be⸗ reits ſo ziemlich von ihr entfernt, und uͤber⸗ 6 — 247— haupt die Zeit voruͤber, wo alles nach ihrer Pfeife tanzen mußte. Curt und Henriette kannten einander da⸗ mals erſt ohngefähr eine Stunde, waren aber ſchon beynah ordentlich in einander verliebt, ſo, daß Auguſte und Louis häͤtten eiferſuͤchtig werden koͤnnen.— Henriette trug ihm, in Geſellſchaft der Ordonnanz, unermuͤdet alle ſeine Beduͤrfniſſe herbey, und er— wußte ſelbſt nicht, was ihn an dieſes ſchoͤne dienſt⸗ fertige Maͤdchen feſſelte.— War es Mitlei⸗ den, zu welchem ihre traurige Geſchichte je⸗ des gefuͤhlvolle Herz hinreiſſen mußte?— war es ihre Artigkeit und Intereſſe fuͤr Au⸗ guſten, mit der ſie ein Herz und eine Seele ſchien?— oder, war es ein geheimer Zug, uͤber den kein Menſch urtheilen kann, bis er ſich von ſelbſt aufhellt?— Er wußte es nicht, und ich weiß es auch nicht; aber— es war doch ſo. Curt vergaß ſchier die ſo noͤthige Sorge für die Pflege ſeiner Soldaten, unter dieſen Weibern, und trug eben Auguſten, die ihm die kritiſche Lage dieſes Maͤdchen mit — 248— dem jungen Grafen entdeckt hatte, eine Idee zur Verbeſſerung ihrer Umſtaͤnde vor, als eben dieſer junge Graf ſich melden ließ. 4 Auch Curr und Louis geſielen einander. auf den erſten Blick! „Ich wollte gehorſamſt melden, Herr Obriſter ſagte Louis, da ihn Auguſte vorgeſtellt hatte: daß Ihre Soldaten gehoͤrig unterge⸗ bracht, und zur Verpflegung derſelben, von meiner Seite, die beſten Anſtalten getroffen ſind. 77 „Tauſend Schwernoth! rief Curt, auf⸗ ſpringend, hatte ich doch mit keinem Athemzuge dran gedacht, daß ich noch Leute bey mir hatte. — Weiber! was man unter euch nicht alles vergeſſen lernt!—(dem Grafen die Hand rei⸗ chend) Herr Graf!— Ich danke Ihnen!— Aber, Ihre Mutter, Graf! Ihre Mutter— die hatte mir vorhin auch den Kopf teufel⸗ maͤßig warm gemacht.“ Louis Macht ſie mir's anders? Indeß — mit einem leichten Achſelzucken) es iſt meine Mutter! — 2☛7, Curt. Und eine fuͤrtrefliche Frau, im Grunde, wenn ſie nur nicht ſo viel angebohr⸗ ne Schwachheiten, und ſo ſonderbare Ideen haͤtte. Doch— der Menſch kann ſich nun ein⸗ mal nicht anders machen als er iſt;(ihm die Hand ſchuͤttelnd) Wir ſind gute Freunde!— Graf! und— ſchreiben Sie nur auf was Sie liefern— es iſt ſo arg nicht gemeint, und— wird ſich ſchon finden. Ich kann zuͤchtigen und loslaſſen!— Verſtehn Sie mich?— Indeß freut's mich herzlich(auf Auguſten zei⸗ „gend) durch dieſe— wie Sie ſchon wiſſen werden— in Ihre Verwandſchaft zu kom⸗ men.(laͤchelnd) Der Pfarr iſt beſtellt!— (auffahrend) Wo der Elementer auch bleibt?— Louis. Einige noͤthige Krankenbeſuche halten ihn ab; dann wird er ſogleich aufwar⸗ ten!—(Auguſten die Hand kuͤſſend) Ich gra⸗ tulire!— ¹. Curt. Vor Achtzehn Jahren— ja, Graf! da waͤr die Gratulation gut angebracht geweſen; jetzt— bin ich ein alter Kerl, ſteif von Fatiken und Wunden— Aber alles— 1 * alles auch die Schuld ihrer Mutter! denn an mir lag's warlich nicht, daß ich ſie nicht gleich damals heurathete, da das gefaͤllige Zipperlein uns den Gefallen that, und den alten Haak abſchlachtete. Graf!—(mir Be⸗ deutung) Ich wollte ich koͤnnte Ihnen auch ſchon gratuliren.— Louis.(mit einem ſorgloſen Lächeln) Das ſoll, hoffe ich, wenigſtens nicht achtzehn Jahre dauern.—— Curt. Wills Gott!—(ihm mit dem Fin⸗ ger drohend) Graf! Graf!— Ihr habt eine teufelmaͤſig lange lateiniſche Zeile vor euch, die euch noch manchen Tropfen Schweiß auf die Stirn treiben wird, ehe ihr ſie euerm ge⸗ ſtrengen Schulmeiſter herbuchſtabirt; Aber— das thut nichts! Nur friſch drauf!— Und ich habe eine Idee, Graf! eine Idee— Sie iſt noch nicht ganz reif; ich ſprach eben hier mit Auguſten davon; aber— wenn ſie reif iſt— Ich denke es ſoll ſich was draus machen laſſen.—— — 27 I— Indem erhob ſich ein Larm vor der Thür, und blutroth trat Henriette herein; hin⸗ ter ihr her, in ſichtbarer Verlegenheit, einige Adjutanten.— „Sie ſind ein rechter braver Mann⸗ Herr Obriſter! ſagte Henriette, lachend und argerlich zugleich, und ich habe Sie herzlich lieb; aber— ihre Adjutanten da(murriſch) weiß der Teufel, wo ſie's Greifen gelernt haben!“—. „Im Kriege!— mein Toͤchterchen im Kriege!— rief Curt lachend; aber— laß Du's nur gut ſeyn, und ſey nicht boͤſe mit ihnen. Wenn ſie Dich werden kennen lernen, ſo werden ſie ſich's ſchon abgewoͤhnen.—(zu den Adjutanten) Meine Herrn!— Einmal fuͤr allemal—(auf Henrietten zeigend) Es iſt keine Koppel!“— Aeußerſt artig baten die Adjutanten um Vergebung; und ſöͤhnten ſich, durch ihr fer⸗ neres Betragen, auch mit dem Grafen wieder aus, der es um ein Haar in allem Ernſte uͤbel genommen haͤtte.— 8 — 252— Sie konnten es ihrem Chef nicht genug ruͤhmen: wie gut, auf des Grafen Anordnung, ihre Menſchen und Thiere verpflegt wuͤrden, und— da es dieſem einfiel: ob ſie nicht viel⸗ leicht damit ſagen wollten, daß auch ſie ſich ſeiner Pflege empfohlen zu ſeyn wuͤnſch⸗ ten? bat er jenen um Erlaubniß: ſie, auf ſeinem Zimmer, vorlaͤufig ein bischen bewir⸗ then zu duͤrfen, indem es heute— weil die Leute im Hauſe alle zerſtreut geweſen, mit der Mittagstafel etwas ſpaͤt werden duͤrfte, und— trank ſie bald dort in eine andere Begeiſterung.— Der Pfarrer kam immer noch nicht!— und Curt wurde ſchier ungeduldig; denn er hatte ſich's nun einmal ſo ſchoͤn gedacht: heute ſeinen Hochzeittag zu feiern, und jeder Augenblick ſchien ihm der unerſetzlichſte Ver⸗ luſt.— Ueberdieß mußte er ja auch aller Au⸗ genblicke Laͤrm fuͤrchten, und— er haäͤtte ſich's auf dem Todbette nicht vergeben, wenn — 253— er ſich, ohne ſie als Weib umarmt zu haben, noch einmal von ihr haͤtte trennen muͤſſen.— Auguſte konnte ihm kaum, durch die Ver⸗ ſicherung: daß es ein ſehr fuͤrtrefflicher Mann ſey, und ganz gewiß, ſo bald es ihm möͤglich, kommen werde, beſaͤnftigen, und abwehren, daß er ihn nicht durch ein Commande holen ließ.—— Kapitel. n Wer dich leugnet, o Vorſehung! nA Die du ſpielſt, im Verborgenen, Ein verborgenes Spiel Mit den Menſchen— Die du mätterlich wallteſt Ueber ihren geliebteſten—— Wuͤnſchen und Hoſſnungen, und Lachelſt, wenn ſie ſich ängſtigen; f. Und im Hui die Gefahr wandelſt in Sicherheit, Und in Freude den Schmerz, Und in Lachen das Trauren, Und in Wonne die Thraͤnenfluth— Ha! wer hier dich verkennt, ewige Vorſehung! Und dich leugnet, und dich Eine romantiſche Grille nennt?— Der verdient nicht ein Nenſch zu ſeyn! Arn in Arm geſchlungen ſas Curt und Au⸗ guſte, ſehnlich harrend des zoͤgernden Prie⸗ ſters, und ſchwelgten in ſuͤßen Umarmungen. — Zwar waren ſie ſchon lange nicht mehr Juͤngling und Maͤdchen— ſchon lange waren die Stunden und Jahre der wilden Leiden⸗ ſchaft uͤber ihnen hingeflogen, und ruhiger rollte das Menſchenblut in ihren Adern hin; aber vor ihren Seelen ſchwebten, gluͤhender als jemals, Erinnerungen der vergangenen Seiten, und ſie genoſſen, in luxurirender Ein⸗ bildungskraft, alle jene Seligkeiten noch ein⸗ mal.— Ein nagender Gram miſchte ſich zwar in dieſe Erinnerungen, und mit ge⸗ ſchaͤrften Stachel drang in ihre Herzen Va⸗ ter⸗ und Mutterſchmerz; aber auch dieſer Schmerz gab ihren Empfindungen ein beſondret Intereſſe, und ſie überließen ſich, ohne Zu⸗ ruͤckhaltung, ihrem Strome, der ſie, mit wilden Wellen der ſtuͤrmiſchen Jugend, un⸗ aufhaltſam hinriß.— Sie haͤtten es nicht thun ſollen! denn ſie hatten an Henrietten eine Zuſchauerin, die nicht eines ſo lockenden — 256— Beiſpiels zur Beflügelung einer Leidenſchaft bedurfte, die nur allzuzuͤgellos die Sinne da⸗ hinreißt, nur allzugern den Zaum der Ver⸗ nunft abwirft, und die luͤſternen Begierden in eine gefaͤhrliche Freiheit ſetzt; aber— wer denkt auch in dergleichen Augenblicken an eine ſolche Regel der Klugheit?— Curt lag an Auguſtens Buſen, der, trot alle der fuͤrchterlichen Leiden, die ihn bisher geängſtigt hatten, doch immer noch voll und elaſtiſch genug war, um den geſetzteſten Mann in die Zeiten der unbedachtſamen Jugend und ſtͤrmiſchen Wuͤnſche zuruͤck zu werfen, und — ich glaube, jetzt haͤtte der Feind von allen Seiten hereinbrechen koͤnnen, es waͤr dieſem Glücklichen einerley geweſen, ſeinen Ruhm, und ſeinen Degen an ein altes Weib zu ver⸗ lieren. Auguſte— lag auf's Sopha zuruͤck⸗ geworfen, und aus ihren halb geſchloſſenen Augen ſprachen laut die ſuͤßen Gefuhle der gluͤcklicen Menſchheit, und brennender Athem ſtroͤmte melodiſch aus ihrem halbge⸗ oͤffneten Munde;⸗ ihr voller bloßer Arm —.—.“ ☛——☚ 2 ⸗ s„ͤͤ ͤ e — 257— hieng erſchlafft uͤber den Nacken des Gelieb⸗ ten herab. Henrietten wurde es bald kalt bald warm, um's Herz. Sie that als ob ſie's nicht ſaͤh, und konnte es doch nicht laſſen, dann und wann hin zu ſchielen.— Sie waͤr gern, herzlich gern weg geweſen; aber— wie ſollte ſie das machen?— wie ſollte ſie wegkom⸗ men?— Um aller Welt Scaͤtze willen haͤtte ſie ſich jetzt nicht geruͤhrt! Sie ſchoͤpfte ſo leiſe als moͤglich Athem, und druͤckte ſich immer feſter in ihr Eckchen. „Ach, Curt!— Curt!— vor acht⸗ zehn Jahren!“— rief Auguſte ſtam⸗ melnd; und Curt druͤckte ſie ſtürmiſcher an ſein Herz. Henriette wußte nicht was Au⸗ guſte damit ſagen wollte; ihr fiel nur ein: daß ſie vor kurzem achtzehn Jahr geweſen ſey; und mit dieſem Gedanken verband ſich die Erinnerung an ihre traurige Herkunft, die ſie zwar nur aus Erzaͤhlungen kannte, aber doch immer tiefer fuͤhlen lernte.— Sie kaͤmpfte lange mit inniger Wehmuth, denn 1I. R , ihre Nerven waren einmal geſpannt, ihre Gefuͤhle gereizt; ein andermal haͤtte ſie viel⸗ leicht nicht ſo tief und angreifend empfunden; — endlich ſieng ſie an zu ſchluchzen, vom Gefühl uͤbermannt, und— überließ ſich ihm unverhalten. Sie zog ein weißes Tuch aus der Taſche, druͤckte es ſchwaͤrmeriſch, mit einem brennenden Blicke zum Himmel, an ihren Buſen, und— weinte laut.* Curt bemerkte es zuerſt.—„Was fehlt Dir, Maͤdchen! fragte er, ſich aufrichtend aus Auguſtens Armen; was treibſt Du?“ „Vor achtzehn Jahren!— rief ſie ſchluchzend— Ach, Gott!— Gott!— Ich armes unglüͤckliches Maͤdchen!“ Eurt.(mit Befremden) Nun?— und was war's denn, vor achtzehn Jahren? Henriette.(wie zuvor⸗ Da war ich ge⸗ bohren!— Ach! ich armes unglluͤckliches Mädchen!—(laut weinend) Habe weder Va⸗ ter noch Mutter, noch Heimath!—(druckt ſarmiſch das Tuch an ihren Buſen) Du— du zallein biſt mir der traurigen Erinnerung — — 2§9 1— trauriger Zeuge!— Ch4: das 22uc vor die Angen, aund weind lalt). 4 Fn Tse rerih im ne 5 Auguſte.(mit: gufftenden S hremden) Was iſt denn das für ein Tuch?k ai „Heriette.„(ſhluchzend), Es war mit un⸗ ter den Windeln, in denen der Alte mich fand.* Auguſte.(wie zupor.) Ich habe ja das Tuch noch nicht bey Dir ge ſehn? lonnain ho Henrierte. Es war lange verlegt draußen; geſtern, als die, Alte was aus ei⸗ ner Kiſte rafft, hat ſie’s gofunden, und es mir mit herein gebracht r Lgefaͤhlvol) Und nun— nun ſoll es auch nicht mehr von mei⸗ ner Seite kommen, dieſes einzige heilige An⸗ denken an Vater oder Mutter! 8(kuͤßt das von ihren Thraͤnen benetzte Tuch, und drückt es wie⸗ der an ihren Buſen) Und— wenn ich terbe— mit mir. begraben werden! Curt. Brav!— meine Tochter; bray! — Es laͤßt ſehr gut, wenn Aeltern ſo liebt, zug, Venn kennt. 4R — 260— „Henriette.(das Tuch auf verſchiedenen SGeiten mit ſtiller Wehmuth betrachtend) Es ſteht ein verzogener Name drinnen;— ja! wer ihn kennte—(traurig) aber— wenn ich ihn auch leſen und ausſprechen koͤnnte— Cmit einem lauten Seufzer) iſt's doch nur ein Name! Curt.(ſteht auf, und geht auf ſie zu) Laß doch einmal ſehn! Henriette gab ihm das Tuch. Er ſah den Namen, und—— O! daß doch die Sprache juſt für des Lebens ſtärkſte Gefühle Feinen Ausdruck hat!— Er fuhr zuſammen, ſtand wie verſteinert, und ſtierte mit ſtarrem Blicke das Tuch an. Auguſte ſprang auch auf, riß ihm das Kuch aus der Hand, und— ſtand eben ſo ſtarr als er. Henriette, das arme Maͤdchen! wußte nicht wie ihr geſchah.— Sie ſprang auch auf, und—— da ſttanden ſie nun alle drey, und ſahn einander mit hogarthiſchen Geſich⸗ tern an.— Aus jedem Munde ſtroͤmte ein * — 261— hallender Hauch, aͤhnlich dem Geſaͤußel des Herbſtwindes im dürren Graſe;— jede Lippe bebte;— kein's konnte ſprechen. Indem trat, unangemeldet, der Paſtor Sebaldus eiligſt herein. Er ſtutzte, da er dieſe Gruppe ſah; aber zu erſchrecken ſchien er nicht.— Ein froh Erſtaunen herrſcht' auf ſeinem Geſichte.— Vielleicht ſchon an der Entdeckung! ſagt' er leiſe; und mir Einlei⸗ tung und Vorrede gluͤcklich erſpart.“— Es hoͤrt' ihn niemand— es ſah ihn niemand; — denn jedes war mit ſich ſelbſt, und eins immer mit dem andern beſchaͤftigt. „Auguſte!— rief Curt, dumpf und in ſich gekehrt; Auguſte!— Bewahre mir Gott meinen Verſtand!— Auguſte!— Wie kommt mein Tuch in dieſe Haͤnde?“— „Du verlohrſt es, ſtammelt' Auguſte, wie im Traume, da du dich einſt, an meiner Gartenthuͤr, auf den Gaul ſchwangſt, und in den Krieg giengſt.— Heilig bewahrt’ ich's auf, zur traurigen Erinnerung;—(habd laut 31 1, 1 Eu rt.(in ſentem Lſange und— unter ben; Windeln bibles Aläitne.; 9 Sott. Sa 9 mir die lunnar Lufetja von Jugend auf erzuͤhlt.— cRngſthich). 8 hab's nicht geſtohlen!, em neten 9 Auguſte.(mit zum Himmel gäſtrockten Him zen) Gott!—o, Gott!— deine Wege ſind wunderbar. r(mit einem brennenden Blicke) das mich in dieſe Nacht ſſchauen! msG zim ann —(feierliche Pauſe) ni Sebakhur. nm einem unden Waſch ſetvortrered 5 und der Freüde.* Curt.(ſich aaſs) Aihan— ider Herr Paſtor.(gehtrihm diniger Schzitte eytgegen) m Sebaldus.(miteiner Verhengung) Sie hatten gnäͤdigſt befohlen, Herr Obriſter! aber n eine doypelte Pflicht hield mian 86 ei⸗ ner Sterbenden, guf, A 9 8 unhune oendm — 263— Curt. Hat nichts zu ſagen!— Herr Paſtor! Sie ſollen ein kluger Mann ſeyn. Vielleicht konnen Sie uns ein Naͤthſel loͤſen. — Doch, eine ſeltſame Zumuthung!— Sie konnen's unmoͤglich! Sebaldus. Und dochvielleicht!— Ha⸗ ben Sie die Gnade wich es hoͤren zu laſ⸗ ſen. Curt.(auf Henrietten zeigend) Dieſes Maͤd⸗ chen hat ein Kuch, welches ich, auf Ehre und Gewiſſen! für das meine erkenne.— Paſtor! Wie mag das in ihre Haͤnde gekommen ſeyn? Sebaldus.(laͤchelnd) Vielleicht auf die natürlichſte Weiſe von der Welt.(zu Auguſten) Gnaͤdige Frau! Sie ſind erhaben über ſo manches Vorurtheil, womit ſich unſre Men⸗ ſchen quälen. Koͤnnen Sie, mit Aufopf⸗ rung eines ſolchen Vorurtheils, eine Wahr⸗ heit hoͤren, die das Daſeyn eines Menſchen betrifft? Auguſte. Wozu dieſe rage? Paſtor! Sie kommen mir ſeltſam vor. Sebaldus. Ich mir ſelbſt!— Eben komme ich von der alten Mutter Anne, die einſt bey Ihnen in Loh war.— Sie konnte, wie dergleichen Leute zu ſagen pflegen, we⸗ der leben noch ſterben, weil ſie ein Geheim⸗ niß auf ihrem Herzen habe. 1 662 Auguſte.(berroffen) Ein Geheimniß?— Ein wichtiges Geheimniß? Sebaldus. Ein ſehr wichtiges Ge⸗ heimniß!— Sie hat mit's entdeckt! mit Buͤrgſchaft für die Wahrheit! ſo wahr ſie die Seligkeit zu ſchauen hoffe!— und iſt drauf geſtorben. Auguſte.(mit gepreßter Stimme) Fahren Sie fort!— Fahren Sie fort! Paſtorl— (bebend) Und ſollt' es mich das Leben koſten! — So theuer es mir in dieſem Augenblicke iſt. Fahren Sie fort!. Sebaldus.(lächelnd) Ihnen das Leben koſten?— Dann ſchwieg ich gewiß; und wenn mich zwey Welttheile zwiſchen einander auetſchten. 3 Curt. Deſto beſſer alſo!— Nun?— Und was war das fuͤr ein ſo wichtiges Ge⸗ heimniß? Sebaldus.(erzählend) Eine Dame lag in Kindesnothen. Aber mehr mit Verzweiflung als mit Geburtsſchmerzen kaͤmpfte ſie; denn — es waren die Folgen einer unglücklichen Liebe.—(Curt und Auguſte ſahn einander an: Sebaldus fuhr fort) Zwey redliche alte Weiber, die um alles wußten, wußten daß dieſe Un⸗ gluͤckliche die Publicität nicht überleben wuͤrde, benutzten ihre Schwaͤche in der Geburtsſtunde, nahmen das Kind weg, und ſpielten es heim⸗ lich einem ehrlichen Manne in die Haͤnde.— (Auguſte erblaßte; aber ihre Augen ſiengen an fuͤr Freude zu glänzen. Sebaldus fuhr fort) Als ſie wieder zu ſich ſelbſt kam, und nach dem Kinde fragte, machten die Weiber ihr weis, es waͤr todt zur Welt gekommen, und zeigten ihr ſein Grab.(Auguſte ſchwankte) So war die Ungluͤckliche gerettet von der Schmaͤhſucht der Welt, und die ganze Sache blieb ver⸗ ſchwiegen bis auf dieſe Stunde.— Die redli⸗ — 266— chen Weiber ließen das Kind, um jeden Irr⸗ thum zu verhuͤten, nicht aus den Muee es lebt noch! und—(heiter und zufrieden) 3 8 ein ganz fürtreffliches Maͤdchen geworden.— Auguſte.„Emit außerſt geſpannter Aufmerk⸗ famkeit) Und wer war der ehrliche Mann, dem F de Kind in die Hände ſpielten?— d 3 eb du n Kenu zun aneaen) Det brſte Puff! 8 Henriette shat einen mauten Schrey.— „Meine Tochter— ſchrie Auguſte, und ſuͤrzte, mit hervorbrechenden Serudenhr We ihr um den Hals.— Curt.(Sürch und durch erſchhttert, ſ0 daß er 1— Was?= Was?— Was?—(häͤlt ſich an den Siuh) Hat mich denn eine Kugel gettoffen? g Auguſte.(an Henriettens Halſe, ſtickend von Freudenthränen) Ach, Curt!— Curt!— und in ſprachloſem Entzuͤcken ſtürzte Curt in dieſe Gruppe, ſchloß ſie beide in ſeinen Arm, und ddae ſie, daß ſie haͤtten ſchrei⸗ en moͤgen.— Sftn d mesime oc, Vater! rief der ehrliche Sebaldus, mit einem brennenden Blicke zum Himmel; Va⸗ terl= kaunſt du aünnen Aauf dieſe gluͤckliahen Suünders fer an nund das waͤr denn wieder eine von der Art Szenen, an deren Schilderung ſich manchet inm Stuͤmper kuͤnſtelte.— Wo die Narur ſpielt, da trete doch ja die Kunſt beſcheiden zurücke, um ſich nicht laͤcherlich zu machen. — Ich häͤtte hier einen ſchoͤnen Raum, um meine Phantaſte ſpielen zu laſſen; ob's aber jemand glauben wuͤrde? das waͤr eine andre Frage. Fuͤr den, der in einer aͤhnlichen Lage war— fuͤr eine, die durch eine aͤhnliche Ent⸗ wickelung der Zufälle, vom tiefſten Leiden zur hoͤchſten Mutterfreude ſtieg, wuͤrde ich viel zu fad und kalt ſchildern, und— ſie lachten mich aus; fuͤr einen, oder eine, deren oder deſſen ſyſtematiſche ſchriftmaͤßige Liebe es nie zu ſolch einem Extreme kommen ließ, ſo, daß er oder ſie ſich ſchlechter⸗ dings keinen Begriff von ſolch einem Zuſtand und deſſen bittern und ſuͤßen Empfindungen machen kann, wuͤrde ich auszuſchweifen ſchei⸗ nen, und— ſie lachten mich wieder aus! Und alſo waͤr denn das Ausgelachtwerden ſchlechterdings nicht zu vermeiden? Ei, ſo muͤßte ich ja wohl ein Narr ſeyn, wenn ich mich ihm muthwillig preisgeben wollte.— Schweigen alſo, iſt— wie in vielen Faͤllen, auch hier beſſer als reden; und ich begebe mich, unausgelacht, wieder auf den immer ſichern Poſten des einfachen Erzaͤhlers.— Vater und Mutter fuͤhlten tief; Hen⸗ riette wußte nicht, was ſie fuͤr Freude ma⸗ chen ſollte. Sie ſiel ihrem Vater, als er ſich nun laut und deutlich dazu bekannte, bald zu Fuͤßen, bald um den Hals; und der Mutter— ol der hatte ſie die bleichen Wan⸗ gen bald ſo hochroth gekuͤßt, als nur immer der beſte Kurkenmahler ein Orgelengelchen pinſeln kann.— „O, Friedrich! Friedrich!— rief der edle Curt, in uͤberſtroͤmender Empfindung, und druͤckte mit jedem Arme eins an ſein Herz;— jetzt laß mich deinem Rock ausziehn, und ein gluͤcklicher Bauer werden!— Das war doch wohl alles moͤgliche, was einem Manne in dieſer Situation einfallen konnte, der ſo ganz mit Leib und Seele Gol⸗ dat war, wie dieſer!— Der junge Graf kam mit den Adjutanten zuruͤck, an deren Fußtritten man in der Ferne ſchon hoͤrte, daß ſie ein bischen ſchwer geladen hatten, und Sebaldus erinnerte wohlmeinend— die Damens wenigſtens— in ein andres Zimmer zu gehn; denn er wuß⸗ te ja nicht, ob es der Obriſte ſo geradezu wollte laut werden laſſen; aber—„Nein! rief dieſer brave Mann, nein!— Was jetzt hier vorgefallen iſt, das kann und ſoll die ganze Welt wiſſen!(die Thür weit aufſchlagend) Her⸗ ein! meine Herren!— Hier—(auf Henriet⸗ — 270— ten zeigend) Hier habe ich das Vergnügen, Ihnen meine Tochter zu praͤſentiren.“— Die Adjutanten ſtaunten, und Henrriette — flog ihrem Louis in den Arm.— „ Und wer ſich's eiwa ſollte einfallen laſ⸗ ſen, ſie weniger zu achten, weil damals der Pfarrer's Kreutz noch nicht drüber gemacht hatte— fuhr Curt fort— dem dient zur Nachricht: daß es ſo gut iſt, als ſchluͤg er mich hinter die Ohren.— Meine Herren! das koͤnnen ſie bekannt machen; damit ſich niemand an meinen Piſtolen verbrennt.“— Das war deutſch!— Und alles was zuvor ſeine Wuͤnſche kuͤhn zu dem ſchoͤnen Jaͤger⸗ mädchen erhoben hatte, beugte ſich jetzt hoch⸗ achtungsvoll vor dem goͤttlichen Fraͤulein vom Berge.— 2 13 G.64 ebntes Kapiter., Kein laͤcherlicher Ding i in der ae tann een . Als ein ſtolzes altes Weib!* Denn es incommodirt nicht ſi ſich allein Und kreutzigt ihren Leib: 29 mua andern Leuten geht es ſo, Sie werden nun und nimmer froh. Doch, wer nur Herz im Leibe het n Beſteht mit ihr den Straus; 9659 Sie beufre ſich alleine ſutt, Er kommt ſchon mit ihr aus. Wer aber traut auf Schmeicheley, Var den iſt Spiel und Tanz vorhen.— dis Kette klirt an Fuß und Hand, Und endlich gar um's Herz, Aluf ewig— ewig iſt verbanne Der Freybeit Spiel und Scherz. O, weh! o, weh! dem armen Mann Hängt gar das Weib noch Schellen an. — 81 Al⸗, habe ich geſagt, beugte ſich vor dem goͤttlichen Fraͤulein von Berge:— nur die Graͤfin nicht. muß ich leider hinzuſes⸗ zen.— In das Spſtem dieſer großen Frau paßte freilich das alles nicht, was ſo viel Herzen glücklich machte; denn— ſchreie ſie auch noch jetzt die ganze Welt für ſo groß aus als ſie wolle— ich, fuͤr meine Wenigkeit, behaup⸗ te: ſie hatte kein Herz! Ich meine nicht dieſes herzfoͤrmige Stuͤck Fleiſch im Leibe; denn das hatte ſie ohne Zweifel; ich meine jenes ſuͤße ſanfte Gefühl, wodurch ſich die Menſchen unter einander ſelbſt auszeichnen. Das hatte ſie ſicher nicht! ſondern that alles, was ſie, mit dem Scheine jener ſanften Ge⸗ fühle that, blos aus Stolz oder Eigenliebe, welche der eigentliche wahre Grund des Stol⸗ zes iſt— that es bloß darum, damit von ihr geſprochen werden, und ihr Name unter den ehrwurdigen Namen edler Frauen glaͤnzen ſollte.— Meine Leſer werden bereits Be⸗ weiſe gnug fuͤr dieſe meine Meinung aufge⸗ — 273 fangen haben, und mir Gerechtigkeit wieder⸗ fahren laſſen; ſollt es aber jedoch einem oder dem andern einfallen, eine tadelhafte Vor⸗ eiligkeit darinnen finden zu wollen, den bitte ich: ſich nur umzuſehn, und bin uüberzeugt, daß er bald anders denken, und mich— im Gedanken ſes e— um tMerseidund bit⸗ ten wird. Es iſt uͤberhaupt mit derley Weibern ein ſonderbares Weſen, Sie ſcheinen Kronen zu verdienen; und verfündigen ſich doch auf der andern Seite ſo gegen die leidende Menſchheit, daß man ſie haſſen koͤnnte. Iſt's genug, einem Heere Menſchen die Gurgeln zu ſchmieren? die Magens voll zu ſtopfen? die Leichname zu belumpen? worunter noch obendrein vielleicht die Haͤlfte ſolche ſind, die nicht arbeiten wollen, weil ſie ihr bischen taͤglich Brod, und was dem anhaͤngt, auf dem ungleich der Schmeicheley zu verdiene — wenn ſie dieſen nicht wuͤßte t. S auf jeden =— 274— Fall arbeiten, und nuͤtzliche Glieder der menſch⸗ lichen Geſellſchaft werden wuͤrden?— Gott bewahre!— Der Menſch hat nicht allein einen Magen, eine Gurgel, und einen Rumpf; er hat auch ein Herz, und eine Seele!— Fuͤttre den Wanſt, und druͤcke das Herz.— Wunde gegoſſen. Was haſt du gethan?— Seifenſpiritus auf einen Nadelriß, und Gift in eine tͤdtliche Aber, es laͤßt ſich nicht viel daruͤber ſa⸗ gen.— Man hetzt ſie nur ein Heer alte Weiber und junge Laffen auf den Hals, die ſich in dergleichen Kuͤchen be gern füttern laſſen. Henriette ſprang, fuͤr Freude: Vater und Mutter gefunden zu haben, wie ein Boͤckchen im Haus umher, und umarmt alles, was ihr vorkam; um ein Haar haͤtte ſte auch den ſchmuzigen Kuͤchenjungen um⸗ armt.— Ihrem Louis fuhr ſie ordentlich anf den Hals, weil er ſich— zwar auch freute, aber nicht ſo ausgelaſſen war, wie ſie; nda⸗ ſie doch nun auch eine Fräulein ſey(wie ſie ſich ausdrückte) ſo gut als eine andere.— Das ſchnackiſche Maͤdchen! freute ſich aber bloß darum, ein Fraͤulein zu ſeyn, weil ſie glaubte, der Abgrund, der ſie bisher von ihrem Louis getrennt haͤtte, waͤr nun aus⸗ gefüͤllt; denn Stolz oder Eitelkeit— wie es vielleicht bey einem andern Maͤdchen der Fall geweſen waͤr— war es bey ihr warlich nicht! —„Denkſt Du denn, Du waͤrſt mir jetzt um ein Haar lieber, als erſt? ſagte er; da be⸗ truͤgſt Du Dich ſchrecklich!— Du warſt mir,. als Jaͤgermaͤdchen eben ſo lieb, als Du mir nun als Fraͤulein vom Berge biſt.— Nur darum freu ich mich, daß Du ſo einen bra⸗ ven Vater, und ſo eine koͤnigliche Mutter haſt; und— daß wir bey meiner Mutter nun ein beſſer Spiel haben.“ Aber er betrog ſich gleichfalls!— Se⸗ baldus erhielt den Auftrag: ihr dieſe Ent⸗ deckung vorzutragen, und uͤbernahm ihn mit S 2 — 276— Freuden, da er auch ihr ein Bote des Frie⸗ dens und der Freude zu ſeyn hoffte; wie denn niemand im ganzen Hauſe mit einem Athem⸗ zuge daran dachte, daß es jemand unter der Sonne geben koͤnne, der ſich nicht uͤber die⸗ ſe gluͤckliche Entwicklung freuen jmuͤſes 2r. Sie betrogen ſi ſich alle! 226 835 5 Wie eine Furie wüthete die Gräfin, uber dieſen vermeinten Schandſlecken in ihrer Fa⸗ milie, ſtieß Schimpfreden aus, die noch kein Menſch aus ihrem Munde gehoͤrt hatt', und ertheilte ſogleich den ohnmaͤchtigen Befehl: daß ſi ſich Auguſte ſoaleich aus ihrem Hauſe entfernen, und auch nicht der geringſten Nach⸗ * ſicht und Liebe von ihr mehr getroͤſten ſollte. — Wahrſcheinlich haͤtte ſie auch den Ober⸗ ſen verwieſen, wenn er nicht mit zwanzig⸗ tauſend Mann dagelegen haͤtte. Der ehrliche Sebaldus erblaßte, fuͤr Schreck! und machte ſich, mit den bitterſten Voͤrwuͤrfen und anzuüglichſten Verweiſen be⸗ lladen: daß er, als ein Pfarrer, ſich, in ſo =— 272— ſchmuzigen Sachen, zum Unterhaͤndler gebrau⸗ chen laſſe, ganz ſachte davon. Deſto groͤßer war die Freude des alten Puff.— Es iſt ein ruͤhrender Anblick: ei⸗ nen ſolchen alten Mann für Freude weinen zu ſehn; Puff— konnte nicht weinen! aber — auf den Knien lag er im Garten, und betete laut, und dankte Gott.—. Um ein Haar wär er bey der Graͤfin darum in Un⸗ gnade gefallen! denn ſie wollt' es ſchlechter⸗ dings nicht leiden, daß jemand eine Freude daruͤber haben ſollte.— Der alte Eſel(wie ſie ihn zu nennen gnaͤdigſt beliebte) machte ſich aber nichts daraus, und war ihr das erſtemal in ſeinem Leben ungehorſam; denn er blieb dabey: kein Herr der Welt koͤnne ihm wehren, ſich zu freuen, und ſeinem Gott zu danken; und— die Graͤfin war ja nicht einmal mehr ſein Herr.— Er hätte gern auch Henrietten im erſten Entzuͤcken umarmt, als ſie aus einem Arm' in den andern flog; da ſich nun aber dieſes, weil es ſchlechterdings nun wider den ſchuldigen Reſpekt lief, nicht thun ließ, ſo druͤckt er dafür ſeinen alten Dachsranzen, in dem er ſie nach Hauſe ge⸗ tragen hatte, ſo recht herzlich an ſein Herz, und ſchwur hoch und theuer: daß dieſer, von nun an, auf der Welt ſein groͤßtes Heilig⸗ thum ſey. N Ein verdammter Unterſchied!— Hen⸗ rieite, und der alte Dachsranzen.— Indeß war er damit zufrieden, und rechnete ſich bey der ganzen Sache, wie billig, mit un⸗ ter die Hauprperſonen.— Der Obriſter be⸗ ſchenkte ihn, da er hoͤrte, daß Geld und Gut, in ſeiner Lage, ihm nichts nuͤtze fey, mit ei⸗ nem Faß rothen Ofner, wovon an ſeinem Begrabnißtage(ob er gleich noch fünf Jahr lebt', und nicht kaͤrglich davon gezehrt hatte) noch eine gute Quantitaͤt uͤbrig war, und beſtimmte jaͤhrlich fuͤr ihn zwanzig Pfund Knaſter.— Ein herrliches Legat fuͤr den Aan. — Aber ſchrecklich boͤſe war dieſer gute Obriſte auf[die alte Graͤfin! und beſchloß— ſo viel auch alle dagegen hatten:— in eigner Per⸗ ſon, für ſeine Tochter und ihren Sohn, um's Jawort bey ihr anzuhalten.—„Es iſt ja ein Weib ſagte er; dieſe kann mir ſagen was ſie will; es ſetzt kein Ungluͤck! Aber — ſagen will ich es ihr doch wenigſtens; daß ſie's nur weiß, und empfindet, daß ſie nicht allein, und uͤber alles, Herr in der Welt iſt.“ em Unangemeldet trat er zu ihr in's Zim⸗ mer; denn häͤtt' er ſich anmelden laſſen, ſo waͤr ſie ohne Zweifel fuͤr ihn nicht zu Hauſe geweſen.— Sie ſchien zu erſchrecken; aber in dem Augenblicke war dieſer Schreck vor⸗ über, und der Kopf der alten Graͤfin Rand wieder auf ihrem Halſe. „Was ſteht zu Dienſten?— fragte ſ ſe ſoibig⸗ daß Sie ſich ſelbſt bemuͤhn?“ Er verſtand dieſen Stich; aber er wollte ſich nun einmal nicht aus ſeiner Faſſung bringen laſſen, zunde mogte ihn nicht ver⸗ ſiehn. „Gnaͤdige Gräͤfin; ſagte er fanft und mit Waͤrme; Sie koͤnnen wohl denken, daß ich komme, Ihnen fuͤr die ſo mancherley Wohlthoten, die Sie, durch Lieb' und Gunade, Unterhalt und Erziehung, gute Aufſicht und Bildung, meiner Tochter erzeigt haben, mei⸗ nen warmſten Dank unterthantgne abzuſtat ten. Gräͤfin. Hat nichts zu ſagen!— Ich neh⸗ me mich herzlich gern ſolcher armen Wuͤrmer an. und laſſe mich's weder Geld noch Muͤhe dauern, wenn man nur(mit einem ſpötti⸗ ſchen Naſeruͤmpfen) nicht immer ſo ſchlechten Dank daron häͤtte. Curt. Dieſes iſt enigſtens bey uns der Fall nicht! denn wir wiſſen es zu ſchaͤz⸗ zen. Graͤfin.(in einem n ſpöttiſchen dans) Würk⸗ lich?— Ich häͤtt' es nicht geglaubt, wenn Sie mir's nicht ſagten, Herr Obriſt! Denn — 281— — nach dem Schein zu urtheilen— macht man ſich, in Ihrem Zirkel, juſt aus dem am wenigſten, was ich am beſten meine.— Obriſter. Der Schein truͤgt!— Gnͤ⸗ dige Graͤfin! das kann ich Ihnen aus meinen eigenen Beyſpiele erlaͤutern und beweiſen.— Ich halte Sie, zum Beiſyiel, fuͤr eine recht gute menſchenfreundliche Frau, und es ſindet ſich doch— wenn man's recht bey Lichte be⸗ ſieht— daß Sie Ihre Leute, denen Sie Wohlthaten erweiſen, tyranniſtren.— Grafin.(Eeleiigt) Tyranniſiren?— Ich moͤgte doch Beyſpiele wiſſen.— Herr Obriſter!— 8 Obriſter. Beyſpiele ſind allemal gehaͤſ⸗ fig!— Laſſen Sie uns davon ſchweigen.— Ich moͤgte mich ſonſt wieder an die bleichen Wangen und vermeinten Augen meiner Au⸗ guſte erinnern, und die Gelaſſenheit verlie⸗ ren.—(nach einer Pauſe, unter welcher ſie beide ihre Aergerniß zu verbeißen ſuchen) Gnaͤdige Graͤfin!— Ich komme eigentlich, um Frie⸗ denstraktaten einzuleiten.— 4 — 282— X Graͤfin.(mit einem ſatiriſchen Laͤcheln) Ha⸗ ben wir denn Krieg mit einander gehabt?— Obriſter. So ſcheint's!— Aber, das liegt gewiß nicht an uns, ſondern blos an unſern Meinungen und Grundſätzen, die ſich etwas von einander entfernen, und alſo uns trennen Graͤfin. Das iſt wahr!— Unſre Mei⸗ nungen und Grundſäͤtze ſcheinen ſehr ver⸗ ſchieden; und ſo denke ich wir kommen ein⸗ ander nie naͤher.— Obriſter. Um Vergebung?— Meinun⸗ nungen und Grundſätze ſind nicht das Ich des Menſchen, ſondern Geiſt und Herz; und— was dieſes anlangt, ſind wir einander ge⸗ wiß nicht ſo fern, als Sie glauben; denn— ich daͤchte ich wollte ſicher drauf wetten, daß wir beide recht gute Herzen haben. Nur die Meinungen und Grundſaͤtze— welche ſich, unbeſchadet des eigentlichen Ich des Men⸗ ſchen, ſo gut als andre zufaͤllige Dinge ver⸗ aͤndern koͤnnen— nur dieſe liegen lei⸗ der zwiſchen uns! Aber— ich duͤchte, wenn wir von beiden Seiten ein bischen nachgaͤben, ſo müßten ſich auch unſre Herzen einander uhern; meinen Sie nicht?— 1 Gräfin. Das waͤr moͤglich!— Und wenn Sie meinen?—(artig) ſo ſeyn Sie ſo güͤtig, und machen den Anfang.— Qbriſter(auffahrend Ich?— mit Nachdruck) Ich habe achtzehn Jahr nachgegeben!—(Celaſſen) Die Reihe iſt an Ihnen!— und damit es Ihnen nicht an Gelegenheit dazu mangle—(mit einem freunde lichen Lächeln) Laſſen Sie ſich dienen!— Graͤfin. Nur keine Bitte fuͤr Auguſten! denn dieſe hat ſich gan von meinem Herzen losgeriſſen.— Obriſter. Gott bewahre!— Die Sorgs für Auguſten liegt nun mir ob.— Ob ich es gleich ſehr ungerecht finde, daß ſie, um des Stolprians willen, den wir in den heiligen Eheſtand gemacht haben, bei Ihnen verlieren ſoll, da doch niemand daran Schuld iſt, als (mit Nachdruck) eben Sie!— Gräͤfin.(ſcottiſch lachend) Woran werd⸗ ich doch nicht noch alles Schuld ſeyn ſollen!— Obriſter. Am dritten ſchleſiſchen Kriege freilich nicht; aber hieran— allerdings! 4 aätte die achtzehnjährige Generalin den ruͤ⸗ igen Adjutanten heurathen dürfen, und nicht auch wieder auf einen ſchlotternden Ge⸗ neral, oder ſonſt großen Mann warten ſollen, ſo waͤr's natürlicherweiſe nicht geſchehn. Doch— dieß iſt vorbey, und wird nun nicht wieder geſchehn; denn ich laſſe eben mein Regiment ausrücken, und die ſaͤmmtlichen Of. fiziers vom gäanzen Corps zuſammenrufen, um mich, in ihrer Gegenwart, frauen zu laſſen. Und— Ihre Forderungen am Stamm⸗ guthe Loh, wird Ihnen, ohne Zweifel heute noch, der Verwalter Herrmann, mit unter⸗ thaͤnigſten Dank für gnaͤdige Nachſicht— welche das arme Weib aber gnug hat fühlen müſſen— nebſt Imtereſſen und Agio, richtig abzahlen.(die Gräfin macht große Augen, und Lurt fährt fort) Der Befehl: Ihr Schloß zu verlaſſen, wird ſich alſo heben; denn— Ihrer Nichte konnten Sie wohl das Haus ver⸗ bieten, aber—(mit einem tu hei Echeih) mei⸗ ner Frau nicht!— 4 Graͤfin.(öhn heerien) Gott bewah⸗ re!— Sie kommandiren ja zwanzig tauſend Mann. Dbriſter.(auffahrend) Und immer wie⸗ der die zwanzig tauſend Mann? Alſo— wenn ich ſie nicht kommandirte, ſo wuͤrfen Sie mich wohl ſelbſt zum Hauſe hinaus?— Graͤ⸗ ſin machen Sie mich nicht toll!— Machen Sie nicht, daß ich fordre, wo ich jetzt bitte! Sie werden ſonſtzittern!—(Gelaſſen) Doch— was hilft all das Gezaͤnk? Hören Sie Vernunft und Herz, ſo hoͤr' ich die Billigkeit; alſo— zur Sache.(legt ſeinen Hut weg, und naͤhert ſich ihr ſehr artig und gelaſſen) Gräͤfin! Ihr Sohn liebt meine Tochter— Als ſie noch ein Maͤdchen pon zweifelhafter Herkunft war, verdacht' es Ihnen ſo leicht niemand, daß Sie ſich— wenigſtens ſo lang als moͤglich, gegen den reißenden Strom der = 286— Liebe⸗ ſtemmten; jetzt aber— da ich mich ben, vor wenigſtens zweihundert Sdelleuten, 85 klich indeß fuͤr ihren Vater bekennen m 2, bis ich ſie von meinem Könige. kann legitimiren laſſen jegt werden Sie hof⸗ fentlich nichts mehr dogegen haben, und— ich bitte Sie, in ſeinem Namen, um Ihre gndige Linkzltgung. ne) 12 u „Gräͤfin. Seit wenn kennt denn amdn Svhn den Weg zu meinem Herzen nicht mehr? Aber freiſich weil er ſich nicht ſicher weiß, ſo ſchickt um es forciren 3u laſſen. 4 „briſer.(agffhrenz) Grifa!— 6 laſſen) Kraͤnken Sie mich nicht!— 2 Graäͤfin. Das will ich miat, eHerr Obriſter! aber— in dieſe Heurath meines Sohnes willigen—(mit einem bichen Achſ zucken) kann ich auch nicht.— 1 4 Obriſter.(auRabrend) Und warum nict? — Gelaſfen) Graͤfin! Ich moͤcht Ihnen geru er zwanzig tauſend Mann, „22 ſ — 287— recht herzlich dankbar ſeyn, fuͤr die Guade, die Sie meiner Tochter erzeigt haben, und für die Bildung ihres Herzens und Ver⸗ ſtandes, welche doch allein Ihr Werk war, ehe ihr Gluͤck das arme Maͤdchen vom Her⸗ zen ihrer Wohlthaͤterin entfernte.— Graͤ⸗ fin! ſeyn Sie nicht hart, wo Sie nur bil⸗ lig ſeyn duͤrfen; und- machen Sie mich nicht undankbar.— Graͤfin. Ich bin weder hart noch un⸗ billig; aber— Sie ſehn ja ſelbſt— wenn Sie nur einigermaſen billig ſeyn wollen, daß, unter dieſen Umſtaͤnden, Ihre Tochter mei⸗ nes Sohnes Frau nie ſeyn kann,— Obriſter. Nein— ſo wabr Gott lebt! das ſeh' ich nicht.— Erklären Sie mir's! Graͤfin. Dergleichen Erklaͤrungen ſind von Natur odioͤs. Ich daͤchte Sie ſchenkten ſie mir, und gaͤben ſich weiter keine Muͤh. — Mein Sohn wird hoffenilich auch anders denken.— DObriſter.(auffahrend) Anders denken? — Er!— anders denken?— Sie glauben alſo wohl gar, ich wollt Ihrem Sohne mei⸗ ne Kochter aufhaͤngen?— Nein! Gort verdamm mich! dazu dünk' ich mich noch viel zu groß!—(etwas gelaßner) Ich bitt' um — wegen der umſtände- Gräͤfin. Ich bin dem Mäͤdchen herz⸗ na gut!— Es iſt ein fuͤrtreffliches Maͤd⸗ chen! und verdient das brillanteſte Gluͤck; aber für unſre Familie— fuͤr meinen Sohn — Gucke die Achſel) ſie bleibt dean Snnter ren unehrliches Kind!— 16 Obriſter. Kanſehdnd) Ha!—* Caelaſfen) Doch, ja— daß weiß ich; aber—(wild) ſobald ich ſag': es iſt meine KTochter! — wehe dem Manne, der noch was gegen ihren Stand ſpricht—(artig) Sie find eine Dame.— Graͤfin. Ich 8 um Scofungaf fuͤr meinen Sohn! denn ich glanb immer- er wird allen Reſpect fuͤr Ihre Tochter ha⸗ — 289— ben, aber— im Betreff der Familienverbin⸗ dungen, anders denken. Obriſter. Gut!— So mag er ſich ſelbſt gegen Sie daruͤber erklaͤren.—(man hört Trompeten und Pauken aus der Ferne) So viel kann ich Ihnen, auf Ehre, verſichern: daß, in funfzehn Minuten, Henriette, drun⸗ ten auf ihrem Schloßplatze, mit Vater und Mutter zugleich getraut wird. Graͤfin.(erſchrocken) Herr!— derglei⸗ chen Gewaltthaͤtigkeiten ſind gegen das Kriegs⸗ und Voͤlkerrecht.— Ich laſſe ſtůr⸗ men! O briſter. Und ich— an jedes Haus zehn Pechkraͤnze haͤngen!— Leben Sie wohl! Er warf laanen Hut auf den Kopf, und gieng.— Aber der Graͤfin ſiels nicht ein, daß er Wort halten koͤnne; denn ſie verließ ſich, wie es ſchien, auf ihre gerechte Sache. II. T — 290— * Siebzehntes Kapitel. Aber— er haͤlt Wort! 4 4 8 ¹ Von allen Seiten her kamen Ofſiziers ge⸗ ſprengt, und ſammelten ſich in Haufen, auf dem Schloßplatze; und, unter Trompeten⸗ klang, ruͤckte eine Eskadron nach der andern an, und formirten eine Quarre— o, Him⸗ mel! und ſelbſt die Aelteſten aus den Ge⸗ meinden, und Schulzen und Richter, kamer in ihren Sonntagskleidern angezogen, und— zwöoͤlf feſtlich gekleidete Maͤdchen mit Kre zen— Henriettens liebſte Geſpielinnen.— Jetzt wurde es der Graͤfin bange, daß es doch wohl Ernſt werden moͤgte.— Sie ſchickte ihren Sekretar ab, um dem Unfuge zu ſteuern, und wenigſtens den Bauern, und den Mädchens, und dem andern herbeiſtroͤ⸗ menden Volke den Heimweg zu zeigen; aber — die Bauern ſchuͤttelten laͤchelnd die Koͤpfe, und ſagten: der Herr hat's befohlen!— und das Volk ſtroͤmte haufenweis unaufhalt⸗ ſam herbey. 3 Die Graͤfin wuͤthete, fur Grimm.— Sie wollte würklich ſtürmen laſſen; aber— es fand ſich niemand, der einen Strang zog. — Sie hätte ſich zum Fenſter hinunter ſtuͤr⸗ zen, und mit Beinen drein ſpringen moͤ⸗ gen. Und— gleich einem Engel aus der ge⸗ mahlten Apokalypſe— von einem weißen Florkleide, wie von einer Silberwolke um⸗ floſſen, einen friſchen Myrthenkranz im Haar, ſtuͤrzte jetzt Henriette an der Hand des Grafen heran.— Sie warfen ſich zu den Füßen der harten Mutter, und flehten um ihren Segen. Aber— da war an keinen Segen zu denken; Gott bewahre!— Was nur von Drohungen und Schimpfreden zum hochgebohrnen Halſe heraus wollte, das T 2 7 ₰„ — 292— ſtürzte uͤber das ſchmucke Ehepaͤrchen her, und— als endlich der Grimm ihr die Stimme verſetzt, bebten die Lippen noch— ohne Zweifel einen herzhaften Hausfluch uͤber ſie hin 6 Chn Henriette weinte laut; denn ſie war's nun einmal gewohnt geweſen von Jugend auf, ihre Graͤfin fuͤr die allernaͤchſte Perſon nach unſerm Herrgott anzuſehn; aber Louis, der die Welt kannte, und unter Perſon und Sache zu diſtinguiren wußte, raffte ſie auf.—„Komm, Henriette! ſagte er: komm!— Laß uns unſern Herrgott um ſei⸗ nen Segen anflehn; der wird nicht ſo grau⸗ ſam ſeyn, als unſre grauſame Mutter.“— Und ſo faßte er ſie unerſchrocken in ſeinen Arm, und trug ſie zur Thuͤr hinaus. Die Graͤfin war außer ſich! denn jetzt war's auch nicht dem geringſten Zweifel mehr unterworfen, daß es ernſtlicher Ernſt ſey. O, des unerhoͤrten Frevels! Solche Sa⸗ chen vor ihren Augen zu treiben? und— — ſo wahr Gott lebt! dort gieng auch der Pa⸗ ſtor— ihr getreuer Sebaldus, in ſeinem Ornate, nach dem Kreiße zu.— Sie ließ ihm ſagen: er waͤr auf der Stelle abgeſetzt, wenn er nicht ſogleich nach Hauſe gieng; aber auch er laͤchelte des ohnmächtigen Be⸗ fehls, und ließ ihr zuruͤck ſagen: er waͤre auf Befehl ſeines jetzigen Kirchenpatrons, in ſeinem Amte, worinnen ihm auch der Kaiſer nichts zu befehlen haͤtte.— Er gieng, und hinter ihm drein, kroch, wie eine Schlange zuſammengekruͤmmt, als ob er ein Duzend Laxanzen im Leibe haͤtte, der Herr Kuͤſter Kilian. Wohl tauſendmal wuüͤnſchte ſie ſich den Tod, indeß Curt dem Kerne ſeines Corps Henrietten als ſeine rechtmaͤſige Tochter vor⸗ ſtellte, und alle ſeine Offiziers, gegen jeden, der ſie nicht dafuͤr erkennen und ehren wollte, zu Zeugen aufrief, welches ſie denn auch alle einſtimmig, mit einem lauten zum Him⸗ mel aufdonnernden Ja bekraͤftigten.— Mancher baͤrtige Krieger zuckte ſchon an ſei⸗ — 294— nem Saͤbel, um für dieſes ſchoͤne Mäͤdchen einem den Hals zu brechen, und mancher, der in ſechs Jahren, unter lauter Kampf und Schlachten, die Liebe verlernt zu haben glaubte, wuͤnſchte den Herrn Grafen— auf gut chriſtlich, zum Teufel und ſich an ſeine Stelle. Die Graͤfin mogte gar nichts mehr davon hoͤren und ſehn, warf ſich grimmig auf ihr Bette, und huͤllte ihre Ohren in's Kopf⸗ küſſen. Jetzt ſtieg, unter'm Geſchmetter von ſechszehn Trompeten, der feierliche Geſang zum Himmel, und— drang auch durch der Graͤfin Kopfkiſſen. Sie war doch neugierig, ſptang auf, und blickte noch einmal, hinter'm Vorhange, durch's Fenſter hinab. Da ſtanden, mit entbloͤßten Haͤuptern, die rauhen Krieger, voll Ehrfurcht und Andacht⸗ und auf manchem kahlen Schädel funkelten 4 ehrwuͤrdige Narben— und die baͤrtigen Rei⸗ ter rings umher gedraͤngt, mit klopfenden Herzen, fuͤr das Gluͤck ihres geliebten Chef — auf den Wink, bereit, denjenigen zu Ra⸗ gout zu hauen, der es wagen wuͤrde ihn da⸗ rinnen zu ſtoͤren— und, mit ihren Muͤtzchen in den Haͤnden, die alten Schulzen und Richter— und die niedlichen Maͤdchen um den kleinen mit Roſen und Myrthenkraͤnzen umwundenen Altar— und die beiden Brautpaare;— alles ſo voll Andacht!— auch kein Gaul ſchnaubte!— Und langſam und feier⸗ lich ſtieg der Hochgeſang zum Himmel.— Der Graͤfin Herz wurde warm.— Die ſchmetternden Trompeten ſchwiegen.— Tau⸗ ſendſtimmig hallte es empor: Ich will dich all mein lebelang, O, Gott! von nun an ehren. Man ſoll, o Herr! den Lobgeſang An allen Orten hoͤren. Die falſchen Goͤtzen macht zu Spott; Der Herr iſt Gott! Der Herr iſt Gott! Gebt unſerm Gott die Ehre.— a, ja!— die falſchen Goͤtzen: Stolz, Ahnen, und Convennon— und wie all das Geſindel heißen mag, welches die reine Na⸗ tur allenthalben in die Naſe zwickt, und dem beſten Manne voft ſeine ſuͤßeſten Freuden ver⸗ bittert, wo nicht gar zu Waffer macht; zu Spott! mit ihnen; zu Spoit!— Und:— So kommet vor ſein Angeſicht Mit Jauchzen vollen Springen, Bezahlet die gelobte Pflicht, Und laßt uns froͤhlich ſingen: Er hat es alles wohl bedacht! und alles, alles recht gemacht! 4 Geht unſerm Gott die Ehre!— Jetzt brach der Graͤfin das Herz!— Jetzt ſiegte das reine Menſchengefuͤhl uͤber alle den hochtrabenden Schnickſchnack des Stolzes und der Eitelkeit, und der Wahrheit Sonne ſtrahlte durch den alten Nebel der Verblen⸗ dung.— Eine gluͤckliche Stunde!— Sie ſprang hinunter; und als eben der Geſang endete, war ſie am Kreiße.— „Kinder! rief ſie, indem ſie ſich durch den dichten Kreiß draͤngte; Kinder!— auch meinen Segen nehmt mit zum Altare!“ — Da gab's offne Maͤuler die Menge! denn — unter andern Umſäͤnden, waͤr ſie wenig⸗ ſtens mit einem Zuge von Sechſen gefahren gekommen.— Sie ſiel ihrem Sohne um den Hals, und Henrietten und Auguſten; auch Curt wiſchte das Maul ſchon; aber dieſer erhielt bloß ei⸗ nen biedern Haͤndedruck, und dachte: auch gut!— und, mit Freudenthraͤnen in den Augen, fuͤhrte ſie die beiden Paare ſelbſt an den Altar, wo ſie mit einem zufriedenen Lä⸗ cheln der ehrliche Sebaldus empfieng, der nun ganz gewiß uͤberzeugt war, daß er nicht abgeſetzt wurde, wenn auch dieſes noch von ihr abgehangen haͤtte.— Jetzt war die Graͤfin groͤßer als ſie jemals geweſen war!— Sie hatte bisher alles be⸗ herrſcht; nur ſie ſelbſt war, durch Schmeiche⸗ leien beherrſcht worden. Jetzt beherrſchte ſie ſich ſelbſt! und tauſend verjaͤhrte Thorheiten erlagen unter der unverkennbaren Macht der reinen Natur.— Jetzt floſſen Stroͤme von Freudenthraͤnen! — Selbſt dem bhaͤrtigen Ulahnen, der einen Menſchen eben ſo gleichguͤltig als einen Ham⸗ mel ſchlachtete, naͤßte ſo was an der Wimper, das einer Thraͤne glich, und mit Freuden ſprach der froͤhliche Sebaldus den Segen des Himmels uͤber die Gluͤcklichen.— „Sitzt ab!“— kommandirte zuletzt der Obriſte; denn Louis hatte ein Faß Wein fuͤr ſeine braven Reiter, und fuͤr das Volk, an⸗ ſtecken laſſen.— Alles lagerte ſich!— Die Honoratiores thaten ſich im Schloſſe ein, ſo gut es gehn wollte! und einer der froͤhlichſten Tage des Jahrhunderts flog uͤber die traurende Welt hin.— Ueber die Privatfreuden der neuen Ehe⸗ leute, breitete die gefaͤllige Nacht den beſchei⸗ denen Vorhang. Es iſt nichts davon bekannt geworden, als— daß Auguſte nicht trau⸗ rend rief: vor achtzehn Jahren!— Ehre genug fuͤr unſern Braͤutigam, dem ſchon der Bart zu grauen anfieng!— Henriette ſchlich ſich am andern Morgen an den Waͤnden weg, und wollte ſich von gar niemanden anſehn laſſen.— 4 A Achtzehntes Kapitel. Wo lebt der hochbegluͤckte Mann, Der ſich mit dieſen meſſen kann? Gieng's auch mitunter krumm und krauß: Sie laͤchelten, und hielten aus, Und rufen nun, in ſuͤßer Ruh Dem jammernden Herr Bruder zu: Ein Narr, der eine Roſe bricht, Und jammert, wenn der Dorn ihn ſticht!— U ſo gieng's auch der Mutter.— Sie ſchämte ſich vor der Tochter.— Einige Tage ſchlichen ſie um einander herum, und keins wagte es, das andre anzuſehn.— Der Graͤ⸗ fin machte es viel Spaß, dieſe beiden jungen Weiber aller Augenblicke roth zu machen.— Und damit ſie deſtomehr Gelegenheit dazu ha⸗ ben moͤgte, durfte jetzt das Haus keine Stunde von Fremden leer werden. Da wurde denn die ganze Geſchichte täͤglich wohl zwan⸗ zigmal erzaͤhlt, und jeder fragte natuͤrlicher⸗ weiſe, wie ſie auf dieſe Motion geſchlafen haͤt⸗ ten?— Eine Frage, die nicht fuͤglich anders als durch ein Erroͤthen beantwortet werden konnte.— So war denn das Schloß Lauterbach jetzt ein wahres Eliſium, ſeitdem die Graͤfin uͤber⸗ zeugt worden war, daß das Gluͤck der Men⸗ ſchen bloß auf ihren Herzen beruhe.— Zwang und Zurückhaltung, Heucheley und Schmei⸗ cheley, und all die Gefolge des leidigen Stsl⸗ zes, und einer uͤbel verſtandenen und noch uͤbler angebrachten Hoheit, waren verſchwun⸗ den, und Lieb und Freundſchaft, Offenheit und Ruhe, und alles was zur haͤuslichen Glückſeligkeit gehört, an ihre Stelle getreten. — Nur Schade, jammerſchade! daß es— vor der Hand wenigſtens— nicht lange dau⸗ erte; denn Curt erhielt, noch am Abende ſei⸗ ner Hochzeit, Ordre: mit ſeinem Corps wie⸗ der zur Armee des Koͤnigs zu ſtoßen, indem — 302— dieſer, muͤde der kleinen Zerſtoͤhrungen, dem Feinde, der ihn jetzt von allem— ſogar von ſeinem Muthe verlaſſen glaubte, geſchwind einmal das Weiße in den Augen zeigen wollte.— Doch, es war ihm ja nichts Uner⸗ wartetes. Er ſteckte die Order laͤchelnd in die Taſche, ſchrieb den Feldjaͤger ſeinen Em⸗ pfang ein, und ſchlief— wie nun ein Braͤu⸗ tigam ſchlaͤft!— Am andern Morgen traf er ſeine Einrichtungen eben ſo ſtill.— Er ließ ſeine Vorpoſten, um ſeine Abſichten zu ver⸗ bergen, noch einige Stunden tiefer in's Land ruͤcken, und entſetzliche Lieferungen ausſchrei⸗ ben.— Der Graf ſelbſt, den er, als ſeinen Schwiegerſohn, am wenigſten ſchonen durfte, erhielt eine ſo reichliche Portion Zahlen, daß er faſt erſchrak; aber Curt läͤchelte⸗ und ſagte: es ruinirt dich nicht!—— Alles ſchrie ihn um Schonung an; aber er war ſo hart und unerbittlich, daß es die Grä⸗ fin ſchier verdroß, und Auguſte ſeufzte.— „Seufze nicht! ſagte er; es muß ſo ſeyn!— Wenn die armen Leute kommen, und den — 303— Schweiß ihrer Arbeiten meinen Pferden vor⸗ ſchuͤtten, dann erlaube ich dir, zu ſeufzen, zu weinen, und mich zu ſchimpfen ſo viel du willſt.—(laͤchelnd ihr drohend) Eher nicht!— ———— Indeß ſuchte er auch das Oekonomiſche ſeiner Heurathsgeſchaͤfte ſo viel als moͤglich zu arangiren, woran noch mit keinem Athem⸗ zuge gedacht worden war. Er ließ, faſt mit Widerwillen der Graͤfin, ihre Schulden abzah⸗ len, und den Verwalter Herrmann zu ſeinem Hauptrentmeiſter verpflichten; u. ſ. w.— Alles Anſtalten und Ausſichten zu einer lan⸗ gen Trennung! welche leicht Auguſten haͤtten traurig machen koͤnnen; aber ſie hatte ja ge⸗ wußt, daß er nicht bleiben konnte, und kaum auf einen glücklichen Tag gerechnet; deſto tiefer fuͤhlte ſie die Freude: daß doch wenig⸗ ſtens einige draus wurden.— Alles war geizig im Genuß dieſer Tage, und eine Fei⸗ erlichkeit draͤngte die andre.— So wurde, unter andern, auch eine Fei⸗ erlichkett angeſtellt, die ſich, meines Wiſſens, nur an einigen wenigen Orten aus dem Al⸗ terthume erhalten hat. Man pflegte nämlich, bey beſonders glücklichen und ſonderbaren Ereigniſſen, etwas, das entweder auf die Per⸗ ſon oder die Sache unmittelbaren Bezug hatte, in den Kirchen des Orts, zur ewigen Erinne⸗ rung aufzuhaͤngen, und, nach Gelegenheit, auch eine milde Stiftung hinzuzufuͤgen.*— Dieſes ſollte denn auch hier geſchehn.— Eine Stiftung hatte bereits Henriette ge⸗ macht; denn, als ihrem Vater und Gatten die Graͤfin die Berechnung uͤber das Capital vorlegte, welches bey ihr gefunden worden war, und ſich außerordentlich gemehrt hatte, ») Daß dieſes in den alten Zeiten Sitte geweſen ſey, zeigt folgender Vers des Horaz: 25:——— me tabula ſacer anwotiva paries indicat, uvida Suſpendiſſe porenti. bat ſie: es der ohnehin ſeit kurzer Zeit eini⸗ gemal verungluͤckten Kirche ſchenken zu dür⸗ fen, und— es laͤßt ſich denken, daß niemand etwas dagegen hatte. Nur um ein recht an⸗ ſchauliches Simbol der Erinnerung, um es der kurzen Innſchrift des Sebaldus beyzufü⸗ gen, war man einigermaſen in Verlegenheit; denn das bekannte Tuch, welches einigerma⸗ ſen die Entdeckung verurſacht, und die Aus⸗ Veſtimenta maris Deo— 8 Od. Lib, 2 Ode V. Und aus den neuern Zeiten eriſtirt, von dieſer Gewohnheit, noch, unter andern, dieß Beiſpiel: Zur Erinnerung des Raubes der ſächſiſchen Prinzen, Ernſt und Albert, durch Kunz von Kaufungen, und deren gluͤckliche Rettung, wurden in der Kir⸗ che— zu Altenburg oder Zwickau— ihre ſtrei⸗ ſisen Rachtkleider, in welchen ſie entfuͤhrt wor⸗ den, aufgehangen⸗ II. u ——— — 306— ſage der alten Frau beſtätigt hatte, wollte Henriette ſchlechterdings nicht dazu hergeben, danes ihr ſelbſt eine angenehme Erinnerung, an die Vergangenheit, in der ſpaͤteſten Zu⸗ kunft ſeyn ſollte.— Man ſann lange hin und her, und zerürachſi chedie Koͤpfe. Jedes that ſeinen Vorſchlag, und er wurde immer vom andern verworfen. Alle Menſchen, wel⸗ che hier aus und ein giengen, wurden ge⸗ fragt; allen war es zu rund! denn die Sache war zu außerordentlich, als daß man nicht auch durch etwas außerordentliches ihr Ge⸗ daͤchtniß hne zu verewigen ſuchen ſol⸗ len.— iasm ganen 102 7 8 Mls end! 10 endomand mehr Nath wußte, ſprang einſt, da man unzufrieden davon ſprach, in voller Freude, der alte Puff auf. „ Das hat mir Gott eingegeben!— Das haw mir Gott eingegeben!“— rief cer, und hüpfte, wie eine Bachſtelze, froͤlich zum Thore hinaus.— Aue waren neugierig, was doch der alte Kauz werd' erſonnen haben, und harrten ſehnlich auf bein Zuruckkunft. 1 —— — Er kam, und brachte— den alten Dachs⸗ ranzen, in welchem er Henrietten gefunden, und nach Hauſe getragen hatte.—„Das iſt's wahre! rief er, und Thraͤnen ſtanden ihm in den Augen;— o, Gott! wenn ich mich daran erinnre!“— Hier druͤckte er zaͤrtlich den Dachsranzen an ſein Herz. „Wahr! riefen alle, beiſtimmig; und ſon⸗ derbar gnug das Simbol, für eine ſo ſonder⸗ derbare Begebenheit!“— und, unter haͤufigen Thräͤnen des ehrlichen Puff, der in ſeinem Leben ſich's nicht haͤtte traͤumen laſſen, daß ſeinem verſchabten Dachsranzen ſo viel Ehre wiederfahren würde, wurde dieſer Dachsran⸗ zen in Prozeſſion nach der Kirche transpor⸗ tirt, und daſelbſt, hinter dem Altar aufge⸗ hängt; allwo er, nebſt der Inſchrift, welche dieſe ganze Geſchichte im Umriß enthaͤlt, noch bis dieſe Stunde zu ſehn iſt. Ich habe zwar nicht das Vergnügen ge⸗ habt, dieſen hochgeehrteſten Dachsranzen mit u 2 — 308— Augen zu ſehn; aber— zur Glaubwuͤrdigkeit der Sache, wird hoffentlich meinen Leſern gnug ſeyn, wenn ich ihnen auf Ehre be⸗ theure: daß mir dieſes eben dieſe Hen⸗ riette ſelbſt verſichert hatt. — 309— Seſchluß. — *. u 5 An dritten Abende legte ſich Curt mit ſei⸗ ner Auguſte noch einmal ruhig ſchlafen; aber — um Mitternacht ſtand er auf, kleidete ſich an, und weckte ſie. Man kann denken, wie ſie erſchrack, als ſie die Augen aufſchlug, und ihn reiſefertig vor ihrem Bette ſah.— „Stille! ſagte er; Du haſt einen Mann, der ſchweigen gelernt hat; Du mußt's auch lernen!— Unter drey Stunden darf niemand hier wiſſen was vorgefallen iſt.— Lebe wohl! So Gott will, ſehn wir uns wieder.“— Er drückte ſie an ſein Herz, und— ehe ſie ſich recht beſinnen konnte, war er fort.— Sie weinte, aber ſchwieg.— Als der Morgen anbrach, war von ſeinem Corps kein Mann — — 3r8— mehr in der ganzen G gegend zu zu Fin die aus⸗ geſchriebenen Lieferungen fielen weg, und bald darauf hoͤrten ſie die Nachricht von der fürchterlichen Schlacht bey Liegnitz.(d. 15. Aug. 1760.)— ugtues was ihn lieb hatte, zitterte für ihn; denn ſie wußten, daß er auch jetzt— zwar nicht Gefahren ſuchen, aben. auch keine ſcheuen werde. Henriette leiſtete treulich ihrer guten Mutter Thränengeſellſchaft. Aber— ſie hatten ſich umſonſt geaͤngſtigt. Er ſchrieb ihnen bald einen lieben Troſtbrief: daß er friſch und geſund ſeine Reiter in's Feuer, und auch wieder heraus gefühtt habe. Daß er einen Finger verlohren hatte, ließ er nicht einmal in der Armee melden.— Und noch oft, ach! noch oft zitterten 1umd weinten ſie um ihn; denn noch manche blu⸗ ige Schlacht mußte Friedrich kämpfen, um ſeinen Feinden ehr 3 ch zu machen, daß er unuͤbe Dank! immer umſont— Er kam zurück! kam, mit Wun nden und Ehrenzeichen bedeckt; aher— er kam nur, um ſeine Auguſte zum in — 311— Grabe zu begleiten.— Das arme Weib hatte freilich viel gelitten, daß auch der feſteſte Koͤrper erſchoͤpft worden waͤr.— Er goͤnnte ihr die Ruh, nach ſo manchem harten Kampfe; bedauerte aber nur: daß ſie von dieſem armſeligen Leben ſo viel Boͤſes und ſo wenig Gutes genoſſen, und konnte die Graͤfin nie leiden lernen, weil er ſie inmer für den Quell alle dieſer Leiden anſah, die ſein liebes Weib vor der Zeit in's Grab gedruͤckt hat⸗ ten.— UMebrigens ſchlummerte er nun in Ruhe auf ſeinen verdienten Lorbeern; denn Fried⸗ rich, welcher wußte, daß er kein eignes Ver⸗ moͤgen hatte, ſchenkte ihm eine fette Pfruͤnde; und Henriette genoß noch lange das Gluͤck: ihren guten Vater in ſeinem Alter zu pflegen.— Ende des zweiten und letzten Theils. ——— “