Carl Gottlob Eramer * Verfaſſer de s³ Erasmus Schleicher. Zweite verbeſſerte Auflnge Erſter Theil. Arnſtadt und Rdolſtadt, Forles creautur fartibus et bonis: Ee in juventi", ſ in equis, patrum Virtus; nec imbellem feroce⸗ Pragenerant aquilae olumbam. — 3 zfſrſt 1 4— Sr. Hochfuͤrſtl. Durchl⸗ H errn Emmrich Carl Erbprinzen zu Leiningen. unterthaͤnigſt gewidmet. — 7 Der eine ſchlingt mit heißer Gier Dort, jenes kalte Marmorherz Das ſonderbarſte Wunderthier Iſt unſre Leſewelt! Was andern kaum gefäͤllt. Lacht, wo der andre weint; Ein andrer nimmt fuͤr bloßen Scheri, Was man im Ernſte meint; 5 1 und ſchlendert ſo der Naſe nach Der Welt gebahnten kauf Druͤckt ihn nicht einer, der Mit ſeiner Naſe drauf. Dort ſteht ein Hauf um einen Mann 4* So wahr ich lebe! wei iter nichts. 3 Dooch, ſtille! f— denn mich ſtichts . Vneh die Sienei, Trinkt Mandelmilch, und ſchwindelt fort; Denn ihm iſt wohl dabey. —, Mit offnem Maul'’, und gafft Sein juͤngſtes Wunderkindlein an, Das eine Grille ſchafft. Ein Phantaſien ſohn!— Im kleinen Fiicft ſ ſchon. Du Wutderthier! ich kenne dich. Ein Vierte ſekulum, balg: ich mich Und in der Seele thut mir's weh, Daß ich, nach meinem Sinn, Vielleicht auch wenn ich ſchlafen geh, Mit dir nicht weiter bin.— 3 ₰ Schwer iſts— ſ, daß verlorne Muͤh Den Muth ſchier niede erſchlaͤgt— Ein Feld zu bauen, welches nie Was mehr als Dornen traͤgt. Heraus! du Mann voll ſuͤßer Traͤume 4 In dieſes Feld heraust Verſuch' es nur, und— kehre heim, Und ruh' am Pfluge aus. Zwar giebt's auch dort der Feinde viet Die deiner Hoffnung 1 Giebt Maͤußefraß und Wetterſchlag, Und wild und zahmes Vieh; Doch— was auch einer ſagen mag, Totalen Mißwachs nie. Ha! welcher Dämon riß dich hin In der gelehrten Wuth? Halt an! ſonſt tritt, ſo wahr ich bin! Die Galle dir in's Blut. Halt an! und blicke, kalt wie Eis, Mit ruhigem Gehirn Umher in deinem Wrkungsrrriße und— heiter iſt die Stirn! Daß kein gelehrtes Hochgericht Von deiner Stimme kracht, Der hoſenloſe Pöbel nicht Zu ſeinem Gott dich macht?— So kommt doch mancher Ehrenmann Zu dir aus fernem Land, Blickt dich zufrieden laͤchelnd an, Und ſchuͤttelt dir die Sand. Daß nicht Paſtet' und Malvaſter Dein Zimmer parfüͤmirt, Zum ſimpeln Ruͤdesheimer dir Dein Weib nur Baͤmmen ſchmiert?— 91— Mancher der Paſteten ißt, Lebt aller Welt zur Laſt. An deines Fuͤrſten Tafel biſt Du ein willkommner Gaſt. und Du, dort in dem fernen Land, Du guter Fuͤrſtenſohn! Du reichteſt mir, in Deiner Hand, Der Arbeit ſchoͤnſten Lohn. * Ich war ſo muͤrriſch, war ſo krank; Ein Lichtſtrahl in der Nacht!— Du warſt es! Du— nimm meinen Dank!— Haſt mich geſund gemacht. Ein friſcher Athemzug—. Und mit erheitertem Gehirn Beginn' ich dieſes Buch. Vorrede zur zweiten verbeſſerten Auftage des Jaägermaͤdchen. Es iſt der ſchoͤnſte Lohn fuͤr uns arme durch alle Elemente gemarterte Schri agen er, wenn Vekſchrei⸗ und Verbietungen, — troz aller und aller halb und ganz unvernuͤnſtigen Recen: ſionon, unſre Produkte ſo guten Beifall im Publiko finden, daß ſie ſelbſt den Schleich⸗ handel der rechdeucke uͤberwinden, und im erſten Jahre ihres Daſeyns ſchon neu aufgelegt werden muͤſſen. Nichts geht uͤber die Em⸗ pfindungen des ſtillen Triumphs, mit welchen wir uns, unter ſolchen Umſtaͤnden, an un⸗ ſre Schreibtiſche ſetzen. Und ſo ſiz' ich eben an dem meinigen, indem ich dieſes ſchreibe.— — xII— Wie hoch erhaben uͤber ſo manchen kleinen Spott, den man ertragen lernen muß, um nicht mit ihnen unter die Wuͤr⸗ de des Entzwecks herab zu ſinken; und — wie tief unter mir jene kalten Fabri⸗ kanten, die uns, um's liebe taͤgliche Brod, Sotticen ſagen muͤſſen.. Aber, ſtille davon! daß ich mir und meinen beſſern Leſern den Appetit nicht ver: derbe.— 4—„ Das Ganze dieſer neuen Auflage des Jaͤgermaͤdchens leidet keine Veraͤnderung, denn es iſt wahre Geſchichte; wohl aber moͤgten manche kleine Aufhellungen, zu denen ich jetzt erſt berechtigt bin, bey verſchiedenen Leſern ein ganz neues Intereſſe finden. Ich werde thun was ich kann, um dieſelben fuͤr die laͤngere Erwartung doch einiger⸗ — xIII— 4 maſen ſchadlos zu halten, ohne jedoch eit nem andern Menſchen zu nahe zu treten, welches ohnehin nie meine Sache iſt, ſo bittere Vorwuͤrfe mir, wegen eines gewiſ⸗ ſen Familien⸗ Namens in einem meiner neuſten Werke, gemacht worden ſind.— Lieber Himmel! wer kann alle Fa⸗ milien und Familien⸗ Nahmen in dieſer weiten Welt kennen?— Gebraucht' ich alſo den Namen irgend einer Familie, die ich, Gott weiß es! nicht kannte, in irgend einem meiner Buͤcher, und war der Held oder nicht Held, welcher ihn fuͤhrte, nicht juſt einer der beſten Men⸗ ſchen, ſo kann dieſes ohnmoͤglich einen— auch nicht den entfernteſten Bezug auf jene Familie haben.— Oeffentlich erklaͤre ich hiermit: daß nie meine Abſicht war, Per. ſoͤnlichkeiten zu ruͤgen, vielweniger irgend nie beleidigen! denn ich beeis Unarten zu — XIV— einen Menſchen, oder eine ganze Fami zu beleidigen. Ich ehre und liebe alle Men⸗ ſchen, die es verdienen; aber— nur den Menſchen, nie den bloßen Namen. 8 an,;„ Der Name iſt was zuſaͤlliges; warum ſollte ich um ſeinetwillen aus einem Men⸗ ſchen mehr machen als er iſt? oder— war⸗ im weniger?— Soll ich die Familie An⸗ erſtroͤm weniger ehren als din Familie Scipio, weil ein Koͤnig Anker⸗ ſtroͤm hieß?— Got thanine— Die An⸗ kerſtroͤme koͤnnen eben ſo viel Verdienſte haben als jene, deren Namen kein Koͤ⸗ nigsmoͤrder r fuͤhrte; daruͤber zu urtheilen kommi mir nicht zu. Kurz, ich will Sechriftſteller, nicht Pit ſelöſt, ſondern nur⸗ thun⸗— — e— det ſich jemand thut ihm weh— Schuld? Eigentlich denn wenn ich nicht ſcht niemand getroffen weh thun; aber, lieber Himmel! eben ja eigentlich, daß ſich 5 4 eom fi irgend jen nand getroffen ſi n, und— viel⸗ leicht beſſern dnn ſann waͤr ja, ſo wahr ich . eb'! unſer ganz nicht, ſondern erbitter nur; das weiß ich! und will mich hi rdurch, gegen jede t Meinung davon appellando und prote- 4 Kando, fuͤr immer verwahrt haben.— 4 Dieß um der Schwachen willen!— 1 Fuͤr andre Herrn, die ſich ein Spaͤßchen 3 daraus machen, immer an uns zu zwi⸗ cen, und grob und klar unſte Machwerke — — XVI— zu beſchniffeln, hab' ich nichts hinzuzuſez⸗ zen als das Troſtſpruͤchlein unſers Buͤrger: Wenn dich die Laͤſterzunge ſticht, ½ So laß dir dieß zum Troſte ſagen: Die ſchlechtſten Fruͤchte ſind es nicht Woran die Wespen nagen.. Meiningen, den 26. Junii, 1799. C. G. Cramer. Forſtrath. Vorrede. —=— * — Schon vor dreyzehn Jahren erzaͤhlte mir einer meiner Freunde dieſe Geſchich⸗ te, eren Hauptperſonen aus ſeiner Fa⸗ milie waren. Ich hatte ſogleich ein Luͤſtchen; denn uns Schriftſtellern iſt ein ſolch intereſſantes Hiſtoͤrchen, bey welchem man ſich noch obendrein mit der Wahrheit bruͤſten, und ein teufel⸗ maͤßiges Anſehn geben kann, wenigſtens eben ſo lieb, wo nicht noch lieber, als eine gebratene Taube, welche zus V weilen auch dem duͤmmſten Teufel in's — VIII— Maul pfliegt, wenn er es nur fleißig 6— aufſperrt; aber mein Freund zog die Naſe, zuckte die Achſel, ſchuͤttelte den Kopf— und was der Zeichen mehr waren, die man von ſich zu geben einer Sache zufrieden iſt, oder ſie we⸗ nigſtens nicht recht mit gewiſſen ům⸗ ſtaͤnden zuſammenreimen kann.— Es 1 lebten noch ſo viele der Intereſſenten! das war der Haupt; Umſtand, an den ſich ſeine Neigung zur Pußhjicitaͤt ſtieß; ob es gleich einſt nur ſo us von den ge⸗ geweſen war. d 4 aber niemand Wwoͤhnlichen Geheimniſſet — Jedermann wußt' es wo it; es wiſſen! weil man gewiſſen Leuten— wie es oft in 8 pflegt, wenn man nicht ſo recht mit Welt zu — — ſtelleriſche Ehre darauf: nicht ein Wort mehr zu ſagen, als was er wuͤrde fuͤr Buͤcher zu leſen pflege, und er fann * — XxI— *. gehen pflegt— einen Gefallen mit ſeiner Unwiſſenheit that. Ich begeg⸗ 3 nete ſeinem Achſelzucken und Kopfſchuͤt⸗ teln ſogleich mit unſerm gewoͤhnlichen Mitteldinge von Wahrheit und Luͤge, ſchwatzt⸗ ihm, Pvon Veraͤnderung der Namen, der Gegend, und des Zeit⸗ alters, ein langes und breites vor, und verpfaͤndete ihm meine ganze ſchrift⸗ gut befinden; aber, es wollt' ihm nicht, inleuchten: daß eine Geſchichte ſollte geſchrieben werden, und doch ein Ge⸗ heimniß bleiben koͤnnen; indem man- 4 wie er ſehr artig hinzu ſetzte— meine . — x— fuͤr gut, mir kein einziges zu erlauben. Natuͤrlicherweiſe war alſo, durch den Willen des Freundes, meine Zunge ſe⸗ wohl als meine Feder gebunden; auch fand ich bald, bey kalter Ueberlegung, daß mein Freund nicht allein Recht hat⸗ te, ſondern auch die Geſchichte ſelbſt, durch geſuchte Dunkelheiten, an ihrem eigenthuͤmlichen Intereſſe verlieren wuͤr⸗ de, ſchlug mir es alſo vor der Hand aus den Gedanken, und begnuͤgte mich mit dem Ver prechen deſſelben: mir einſt— ſollten wir auch noch ſo weit von einander getrennt werden— das Verſprechen heiliger Verſchwiegenheit ab⸗ zunehmen, und, wo moͤglich, uͤber ei⸗ nige ſelbſt ihm damals noch dunkle — — xxI— Stellen, das noͤthige Licht zu geben.— Beydes hat er ehrlich gehalten!—„Ge ſtern, ſchreibt er, hat ſich endlich das letzte Paar Augen geſchloſſen, welches dich noch an dein altes Verſprechen band; jetzt biſt du alſo frey! und nicht allein frey, ſondern gebeten noch oben⸗ drein von einem nicht unbedeutenden Menſchen⸗ Zirkel, der ſich einen Spaß daraus macht, jene Zeiten noch einmal in deinem Spiegel zu ſehn, welche vor⸗ mals uͤber unſre wuͤſten Gegenden einen ſo romantiſchen Zauber verbreiteten.— Beiliegendes ſind noch einige Fragmente zu verſchiedenen Aufhellungen, welche Stellen du dir einſt, wenn ich nicht irre, mit rothen Kreutzchen bezeichne⸗ - — xxII— teſt. Das gruͤn unterſtrichene ſind bloße Vermuthungen, die dir aber doch vielleicht zu einem Leitfaden dienen koͤn⸗ nen; einige Namen und Orte ſind ganz in die Vergeſſenheit uͤbergegangen, welche du alſo, nach Belieben hinzuſetzen kannſt. — Der Kuͤſter hat Kilian geheißen, und der Bader Kolbe; dieſes erfahre ich alleweile noch, von meinem alten Schulzen. Sollte noch etwas einlaufen, welches das Porto verdiente, ſo melde ich dir es ſogleich; haſt du doch indeß das Noͤthigſte. Die zwey Briefe von meiner Schweſter, uͤbergieb, wegen einiger dir nicht intereſſanten, aber doch fuͤr gewiſſe Menſchen widrigen Aeuße⸗ rungen, den Flammen. Darauf ver⸗ laſſe ich mich!“.. XXIII * Und nun, foͤrmlich autoriſirt zu dieſen Biographien jener durch ſich ſelbſt ſowohl als durch ihr Schickſal intereſſan⸗ ten Menſchen, verſaͤume ich alſo keinen Augenblick mehr, meine Leſer und Le⸗ ſerinnen mit ihnen bekannt zu machen. Ich werde treulich dem Gange der Ge⸗ ſchichte folgen, auch wenn es nicht ganz mit den Regeln eines Romans uͤber⸗ einſtimmen ſollte. Bleibt es doch Wahr⸗ heit! Nur alsdann worde ich den Bernf⸗ Dichter zu ſeyn, empfinden, und ehren, wenn ich die Hand auf das Herz legen muß.— Auch Wahrheit ſteht nicht im⸗ mer am rechten Orte!— . Meiningen, den 12. Novbr. 1796. —— 1 Erſter Abſchnitt. Ein Blick in die vergangnen Zeiten!— Sonſt ſpielten wir ja Blindekuh; Sieht einer aber in der Ferne Schon Sonne, Mond, und alle Sterne, Der druͤcke ſchnell ein Ange zu. Erſtes Kapitel. Enthältn ichts Neuot,. 17 49. Friedrics Heerhorn rief ſeine ſchlummern⸗ den Helden in den erſten ſchleſiſchen Krieg; da floſſen weit und breit die Thraͤnen der Maͤdchen.— 4 Niemand, hoff' ich, wird in dieſem An⸗ fange meines Buͤchleins was Neues, Unna⸗ tͤrliches, oder Uebertriebenes ſinden; nur will ich herzlich wuͤnſchen: daß er auch im Ende deſſelben nichts dergleichen, wo nicht gar noch was ſchlimmeres finden moͤge; we ches mir, um meiner Unſchuld und 3 1. A 2 Unglaubens willen, herzlich leid thun ſollte. — Jeder junge Held hat ein Maͤdchen; das iſt, wenigſtens im Durchſchnitt, ſo gut als ausgemacht; und dieſes Maͤdchen weint, wenn der Ehre Ruf ihn aus ihrem Arme reißt; auch wenn es wirklich bereits einen Troͤſter auf der Seite haben ſollte, ſo iſt es wenig⸗ ſtens pro ferma. Natuͤrlich! Aber— nicht jeder Held iſt ſeinem Maͤdchen achtzehn lange Jahre treu! Das war ſchon bey Vater Ho⸗ mers und Meiſter Ovids Zeiten ſo; wo häͤt⸗ ten ſie denn ſonſt den Stoff zu ihren Büͤ⸗ chern hergenommen? und wird ſo bleiben, io lange die Welt ſteht. Wo ſollien wir denn fonſt den Stoff zu unſern Rittergeſchichten und Romanen hernezmen?— 84 Doch, ich wolte in gicht raͤſonniren, ſondern nur erzaͤhlen. Alſp—: die Helden mußten ein's Feld, und weit und breit floſ⸗ ſen die Thraͤnen der Maͤdchen. Die Fluth derſelben hieng von den Umſaͤnden ab. Eins veinte nur 66 ganz ordentlich ſeine paar was weiß man einem jungen unerfahte — ᷣ— glebesthränchen auf den blanken Küraß hin; ein andres jammerte recht herzbrechend, wie s im Buche ſteht; ein drittes— ſtieß, was man ſagt, der Bock; und das vierte ſchlug gar die Haͤnde uͤber dem Kopfe zuſammen. Wie's nun bey ſolchen Gelegenheiten zu gehn pflegt! Unſereins weiß freilich nicht allemal die Verhaͤltniſſe, kann alſo nicht füglich daruͤber urtheilen: ob dieſes zu viel that, oder jenes zu wenig.— unter dieſen Traurenden aber zeichnete ſich die neunzähnjährige Witbe des alten, im tiefſten Frieden, an Freund Heins Sen⸗ fenſchlage ſanft und ſelig entſchlafenen Ge⸗ neral Haak aus. Sie hatte zwei lange Jahr unter dieſem harten Joche geſeufzt, und fuͤr das bischen Rang und Ehre nicht das ge⸗ ringſte gehabt, als daß ihre ohnehin tief ver⸗ ſchuldeten vaͤterlichen Guͤter noch um einis tauſend Dukaten wohlfeiler geworden waren, ob man ihr gleich einzureden gewußt hatte — 8— nen Mädchen nicht alles einzureden?) daß ſte dieſelben auf keine andre Art retten koͤnne. Sein Sterbeiag— verzeih ihr Gott die Sün⸗ de! wenn es eine war war ihr ein Feſt. Zwar weinte ſie ſeinem Leichnam eine herz⸗ liche Thraͤne; denn er war, abgerechnet ſeine Jahre und den damit verbundenen Eigenſinn, wirklich ein guter Mann, und hatte vorſaͤtz⸗ lich ihr nichts zu Leide gethan; aber es war ihr doch ſo leicht und wohl um's Herz, wie es ohngefaͤhr einem Galeerenſklaven ſeyn mag, wenn ihm die Ketten abgenommen werden. Er hatte ſie bloß aus der Grille geheurathet, eine ſchoͤne Frau zu haben. Freilich hätt' ihm dieſe Grille theuer zu ſtehn kommen koͤn⸗ nen, und ich will es keinem alten Manne rathen: ſeinem Beyſpiele zu folgen; aber Auguſte war edel und gewiſſenhaft, unter⸗ 3 2 druckte Gefuͤhle, die bey der bitterſuͤßen Idee: Weib, in ihrem Herzen erwachten, und konnte jedem jungen Manne, deren eine Menge ſich in ihren Zirkel gedraͤngt hatten, euhig in's Auge ſehn. Sie war wirklich noch —-—m—Q—QQ——— eben Urſache haͤtten— ein bischen die Naſe Maͤdchen, als ſie dem Sarte des Herrn Ge⸗ mahl folgte, welcher ganz füglich ihr Groß⸗ vater haͤtte ſeyn koͤnnen, und beſchloß jetzt: 3 nun ihr Leben zu genießen, von welchem ſie zwei der ſchoͤnſten Jahre Familien⸗Verhaͤlt⸗ niſſen aufgeopfert hatte.— Manche meiner Leſerinnen werden viel⸗ leicht dieſen Entſchluß unſerer Auguſte zu verſtehn glauben, und— ob ſie es gleich nicht ruͤmpfen; aber, ich verſichre; ſie irren ſich! — Auguſte hieng nicht ſo thoͤrigt an ihrem bisherigen Range, der ſie leider zwei der ſchoͤnſten Jahre ihres Lebens gekoſtet hatte, daß ſie ſich nicht, ihres Herzens wegen, oͤf⸗ fentlich von ihm haͤtte herablaſſen ſollen, denn üͤber alles gieng ihr jezt dieſes. dem ſie lange ſeine ſüßeſten Gefüͤhle gra hatte verſagen müſſen. Sie wollte ſich der vermaͤhlen: und, da⸗ die dLanu — pflegen, wie ſie das aötzehnſtürig feurige Maͤdchen heiſcht, ohne Ruͤckſicht auf Stand, in einen Mann, den ſie lieben, und bey dem ſie Liebe ſinden wuͤrde.— Bizssher hatte ſie ſich ſo in ihrer Wuͤrde zu behaupten gewußt, daß keine von allen den jungen Helden, welche taͤglich bei ihnen die Tafel gehabt hatten, oder ſonſt in ihrem Hauſe aus und ein gegangen waren, ſich des geringſten Vorzugs bey ihr ruͤhmen koͤnnen. Dieſes Zeugniß aab ihr die ganze Gegend, und— leider! das ganze Regiment. Ob es ihr Kampf und Ueberwindung gekoſtet hatte? das will ich weder leugnen, noch behaupten; aber ihrer Jugend machte es doch Ehre. Jezt, da ſie frei war, blickte ſie mit andern Augen unter den jungen Maͤnnern umher, die ſie bisher kennen zu lernen Gelegenheit gehabt 1 Der Poͤbel unbaͤrtiger Wüſtlinge dar⸗ „war dieſes Blicks unwerth, und— u 6 gar keine Betrachtung.— 8 8 — nen, dar er mehr, im Cabinett' des Generals, 5 Curt vom Berge, der Adjutant ihres verſtorbenen Gemahls, ſchien unter allen bei ihr ein Uebergewicht zu haben. Zwar kannte ſie ihn zu wenig, um uber ſein Herz und deſſen Empfindungen urtheilen zu koͤn⸗ in Geſchaͤften, als an ihrem Spiel⸗ und Thee⸗Tiſche figurirt hatte; aber eine gehei⸗ me Stimme verſichert' ihr heilig: er koͤnne kein alltaͤglicher Menſch ſeyn! Jezt, da ſich die uͤbrigen, wie eine gewiſfe Sorte Freunde, wenn die Weinfaͤſſer leer ſind, zerſtreut hat⸗ ten, war dieſer, auf Befehl des Inſpecteurs, noch täglich in ihrem Hauſe, um die durch den unerwarteten Tod des Generals in Un⸗ ordnung gekommenen und liegen gebliebenen Regiments⸗Sachen— Accorde, Quittungen, 8 Berechnungen u. dergl. in Ordnung zu brin⸗ gen, und Auguſte lernte ihn nun erſt naͤher kennen. Die Zufriedenheit, mit welcher er alles that, und die Bereitwilligkeit, mit wel⸗ cher er ſich, unaufgefordert, auch Gef ſchaͤften 8 unterzog, die ſie allein augiengen, geſiel ihr — 10— und ſie ſah ihn jeden Tag lieber kommen. Ihre Freunde flüſterten ihr in's Ohr: daß er in der Stille, zum beſten ihrer Kaſſe, man⸗ ches abmache, was ihr habe ſchwer fallen koͤn⸗ nen; das gefiel ihr noch mehr! Noch mehr gefiel ihr die gutmüthige Schonung gegen ſie; denn er ließ ſich nicht das geringſte von der⸗ gleichen Angelegenheiten merken, auch dann nicht, wenn ſie bereits abgethan waren, um ſie weder in Berlegenheit zu ſetzen, noch Dank von ihr haben zu wollen, und— es regte ſich oft unter ihrem Buſentuche, wenn er gieng. Aber Curt bemerkte alle dieſe Vor⸗ theile nicht, die ſo leicht der Eitelkeit eines andern haͤtten ſchmeicheln koͤnnen; denn er war zu groß in ſich ſelbſt, als daß er ſich die Folgen und Wuͤrkungen eines Verdienſtes häite zueignen ſollen, welches er allein bloß für Schuldigkeit eines ehrlichen Mannes hielt. Er betrachtete noch immer Auguſten als ſeine Generalin, nicht als eine junge liebens⸗ wuͤrdige Witbe, und hielt ſich in den Schran⸗ ken der Hochachtung, ob er gleich zuweilen . 2 Welt ſchon dieß und jenes wiſſen; aber— —ͤ—— Q——— — 11— ſeinem Herzen dabey Gewalt anthun mußte, welches oft einen andern Ton anſtimmen wollte; denn er war keiner von den geliebten Wüſtlingen, die auf alles Jagd machen, was ihnen vorkommt. Wer das Herz eines edlen Weibes kennt, und daruͤber zu urtheilen weiß, der wird mir beyſtimmen: daß eben durch dieſe ſtrenge Beobachtung der Grenze der ſchuldi⸗ gen Hochachtung, er das groͤßte Uebergewicht vor allen andern bey Auguſten erlangen mußte, die es ſich nach und nach einfallen ließen, ſie — zwar mit geziemender Artigkeit— als eine rem nullius zu betrachten; aber anbie⸗ ten konnte ſie ſich ihm doch nicht?— So ſtand es lange um die Herzensange⸗ legenheiten dieſer zwei Menſchen. Wie zwei gleich ſtarke feindliche Heere, ſtanden ſie ge⸗ gen einander, von welchen kein's dem andern durch Aenderung ſeiner Poſition eine Bloͤße geben will; ach! und ihre Herzen waren ja ſo warme Freunde.— Zwar wollte die klu -— 12— was weiß die nicht immer alles! kennt ſchon heute das Ei, welches morgen erſt die Henne legen wird. Es war zwar nicht juſt ein hal⸗ bes Sekulum, daß es ſo ſtand, ſondern nur gegen zwei Monate; aber fuͤr einen unſerer rüſtigen Eroberer wuͤrden ſchon zwei Tage zu lang gewaͤhrt haben. Und vielleicht häͤtt' es noch länger ſo geſtanden, wenn Curt nicht mit ſeinen Regimentsaffaͤren ſertig geweſen waͤre.— Der Sommer ruͤckte heran, und Auguſte zraf Anſtalten, ihr leider groͤßtentheis den Schuldleuten gehöͤriges Landgut am Spiel⸗ berge wieder zu beziehen, welches ſie vor zwei Jahren, um eben dieſe Zeit, an der ſchwa⸗ chen Seite ihres Herrn Gemahls mit Thrä⸗ nen in den Augen verlaſſen hatte; da trat Curt unvermuthet zu ihr in's Zimmer— Cſeit kurzem erſt ließ er ſich, auf ihren aus⸗ drücklichen Befehl, nicht mehr melden) legt⸗ ihr die nun abgeſchloßnen Rechnungen vor, um ſie, wo es noͤthig war, durch ihre Unter⸗ ſchrift(cum curarore) vollziehn zu laſſen, — 13— und dem neuen Regiments⸗Chef uͤbergeben zu können.— Auguſte ſah kaum hinein; denn ſie war uͤberzeugt, daß ſie nichts zu ihrem Vortheil entdecken würde, was den Augen ihres Curt entgangen; aber ſo viel ſah ſie doch, daß ſie eine uͤber ihr Erwarten große Summe heraus bekam, und bezeugte ihm ihre Verwunderung daruͤber.— Den Koͤnig wol⸗ len wir doch nicht reich reich machen*— war ſeine ganze Antwort. Auguſte nahm die Fe⸗ der, und— unterſchrieb; und, indem ſie ihm mit der linken Hand die Rechnungen zuruͤck⸗ gab, zog ſie mit der rechten ein Kaͤſichen aus ihrem Schreihetiſche, nahm einen mittelmä⸗ ßigen Diamantring heraus, und reichte ihn ihm, mit den Worten: Es ſoll nicht eiwa eine Belohnung für Ihre bisherigen freund⸗ ſchaftlichen Bemuͤhungen ſeyn, fuͤr die ich nichts habe als herzlichen Dank; nehmen Sie ihn nur zum Andenken!”“.„Gott be⸗ wahre!“ rief er, mit etwas wildem Gelzch⸗ er; adieſer Ring iſt viel zu koſtbar, als doß ich ihn, zu Ihrem Andenken, mit — 14— ren tragen koͤnnte. Nein!— Sie werden mich verſtehn, gnaͤdige Frau! und mir ver⸗ geben. Aber—(auf einen einfachen goldenen Ring mit ihren Haaren zeigend, welchen ſie mit aus dem Käſtchen Lerigen hat) wenn ich um dieſen bitten duͤrfte.“ Auguſte ſchwieg zadenn ſi ſie war wirklich— nicht zwar um eine Ausrede, ſondern nur um eine gute Antwort verlegen, da ſie ihm nicht durch die abgetragne: was ihm an dieſer Kleinigkeit liegen wuͤrde? nur eine noch drin⸗ gendere Bitte voll Schmeicheleien abdringen wollte. Ihr Herz hatte ihm ihn ſchon luge⸗ ſagt.— Eine Pauſe.— „»Doch, fuhr er endlich mit etwas unter, druͤckter Stimme fort; es war vielleicht zu vorlaut, dreuſt, uͤbermuͤthig, oder wie man es ſonſt nennen koͤnnte; verzeihen Sie, gna⸗ dige Frau! rasbgen) Und ich durit ihn doch Aicht nagen 8 ——————O—— wieder in das Käſtchen, und reicht ihm den von ihrem Haar) Da! mit dem groͤßten Ver⸗ gnuͤgen, lieber Curt! wenn es Ihnen Spas macht. Er war fuͤr meinen Bruder beſtimmt, als er nach Amerika gieng, und wurde zu ſpat fertig. Da!—(aanft drohend) Und— daß Sie ihn tragen!— Er.(etwas aberraſcht und verlegen; ihr die Hand küſſend) Wenn ſie es befehlen? Sie. Wollen Sie mich noch fuͤr Ihre Generalin anſehn? gut, ſo befehl' ichs!— (mit einem ftuͤchtigen Lächeln) Ich werde noch heute Gelegenheit haben, es ſelbſt einigen Damens zu ſagen; und wenn dieſe es wiſſen, wiſſen Sie, ſo weiß es die ganze Gegend.— 5 Er haue ſich indeß geſammelt, und war nun unerſchoͤpflich im Dank, ausſchweiſend in der Freude; ſo daß mit mehr als Pfeil⸗ ſchnelle die Zeit verflog, und ihnen beiden überraſchend die Stunde zur Parade ſchlug.— Er erſchrak in allem Ernſte, griff langſam nach Hut und Degen, und empfahl ſich endlich ſo — 16— geeif und finſter, wie ſie es noch nie von ihm in ihrem Hauſe geſehen hatte.— »Run? fragte ſie, mit Befremden; Sie beurkauben ſich ja ſo umßäͤndlich und aufge⸗ ſchürzt, als ob Sie nie wieder zu kommen gedaͤchten?“— 4 w Er.(mit einem langſamen Achſelzucken) Mei⸗ ne Geſchaͤſte, die ich, unter uns geſagt, um vieles haͤtt' abkuͤrzen koͤnnen, ſind leider „ 4 4 Ende. 13 Sie.(mit einem durchdringen und, durfen Sie mich denn nicht ohne Geſchaͤfte beſuchen? oder Sie mich vielleicht fuͤr ein Weib, Maͤnner nur ſo lange zu ſchaͤtzen weiß ſie braucht? Er.(ſchne dige Frau; ſo wahr Gott lebt, neit Sie. Nun denn; ſo beſuche 3 ſo oft Sie wollen und koͤnnen; auch we hier weg bin.— 2 4 ——— -—— Er.(zufrieden, aber ohne, wie es ſcheint, 2u wiſſen, was er ſagt) Wenn Sie es befehlen?— Sie.(etwas verdruͤßlich, von ihm wegge⸗ wandt) Muß ich denn befehlen, was ich wün⸗ ſche?— EFr.(frendig aufwallend) O, nein! Rein, das ſollen Sie nicht!— Ich will bald, ſehr bald— oft, ſehr oft wiederkommen.— 2 Sie.(ruhig) Gut!— Aber jetzt, gehen Sie! daß ſie nicht die Parade verſaͤumen, und etwa gar, um meinetwillen, von Ihrem neuen Chef eine Naſe kriegen.— „Er gieng; aber hielt ehrlich Wort, und kam bald, ſehr bald! und oft, ſehr oft wieder.— 1*—. der erſte Schritt war alſo gethan, und lieber Himmel! wie leicht und ſchnell der zweite, dritte, vierte nachfolgen— das weiß man ja ſchon, wenn man nur halweg' ein bischen der Liebe durch die Schule d Päeeſa iſt. Curt kam immer ſchneller, und B— immer langſamer.— Auguſte gieng auf's Land, und— er kam nicht ſparſamer auch dahin! denn— der Spielberg lag ja nur ſechs Stunden von der Garniſon, und— ſeine Pferde hatten einen Athem, einen Athem ſo— wahr ich lebe! trotz den beſten Zeitungsſchreibern und Journaliſten. 4 Aber, o Himmel! was gab's da fuͤr ei⸗ nen Mordſpektakel, als die Welt nun laut zu ſagen anfieng, wovon ſie zuvor nur gemud⸗ melt hatt', und die allezeit fertigen Pan⸗ 3 toffel⸗„Staffetten das herzbrechende Geſchicht⸗ chen: daß bey der Frau Generalin druͤben im Loh, ſehr oft Un junde⸗ Soldaten⸗ Offizier einzuſprechen, uns, ſichs auch zuweilen des Nachts bei ihr gütigſt gefallen zu aſſen pllege— bruͤhma* Turneiſen, nach Die Gräͤſin Tante war eine herzens Frau; ein Muſter von Edelmuth und derſ un! Noch ſegnet die Gegend ihren S aub; ſte machte nicht allein einzelne Men⸗ er fücklich, ſondern ganze Familien. Nur 1 8 2 artete ihr edler Trieb, gluͤcklich zu machen, oft in eine ordentliche Art von Wuth aus, und wie ſie ſich das Gluͤck dieſes oder jenes Menſchen einmal ausgedacht hatte, darauf beharrte ſie mit ſo einer Feſtigkeit und Haͤrte, daß es, auf den erſten fluͤchtigen Blick, or⸗ dentlicherweiſe Tirannei ſchien. Eine Frau, die Kronen verdiente: Nur konnte ſich mit ihrer Philoſophie und Politik Auguſtens Herz unmoͤglich vertragen. Sie hatte ſich's nun einmal in den Kopf geſetzt: Auguſten, den letzten Zweig der Familie ihres verſtorbenen Bruders, an der Spitze einer der groͤßten reichſten Familien im Lande zu ſehn; und von dieſer Idee, welche im Grunde ihr Gutes hatte, war nichts in der Welt im Stande ſie unr ein Haar breit abzubringen. Der Grund dazu war, durch die Heurath des alten Ge⸗ nerals, gluͤcklich gelegt; die Fortſetzung mußte ſchon folgen; denn Rang, Jugend, und Schoͤnheit, berechtigten ja nun Auguſten zu den groͤßten Eroberungen. So dachte die Graͤfin; Keine Aufopferung war ihr zu groß⸗ 3 B 2 e um dieſen Gedanken auszuführen; und Au⸗ — guſte— wollte geliebt ſeyn.ü O, weh! wie werden endlich dieſe beiden Extreme, ohne ein Ungluck, vereinigt werden koͤnnen?— Geradezu vor den Kopf ſtoßen wollt' und durft Auguſte die Graͤfin Tante ſchlechter⸗ dings nicht, denn ſie erinnerte ſich wohl⸗ daß ihre Familie ihren Flor bloß der guten Graͤfin zu danken hatt', und fühlte mehr als zu tief: daß noch jetzt die Erhaltung ihrer Güter einzig und allein von jener abhieng; was ſollte ſie anfangen, um ihr haͤusliches Gluck mit dem Glück ihres Herzens zu ver⸗ einigen? Ihre Lage war zußerſt kritiſch. Aus der Haut haͤtte die Graͤfin fahren mögen, als ſie das Hiſtoͤrchen von dem Ofſi⸗ zier hoͤrte. Sie kannte die Grundſäͤtze ihrer Nichte zu gut, als daß ſie es für eine bloße, noch allenfalls verzeihliche fluüchtige Sponſi⸗ rung hätte halten ſollen; und wenn ſie denn ſo unvermuthet in ihrem Conzepte geſtoͤrt wurde, war mit dieſer Herzensfrau gar kein Auskommen.— Bei ihrer naͤchſten Zuſam⸗ — — 21— menkunft mit Auguſten, ließ ſie ſich ihre Unzufriedenheit daruͤber deutlich merken, und als ſolches noch nicht abgeſtellt wurde, mit deutlichen Worten ihr, durch ihren Curator, zu wiſſen thun: daß ſie ſolch eine Verbin⸗ dung ſchlechterdings nicht genehmigen koͤnne, und, wenn es nicht unterblieb, ganz ihre Hand von ihr abziehn, und ſie und ihre Guͤter ihrem Schickſal uͤberlaſſen werde.— Den noch haͤrtern Nachſatz: denn ſie wär es herzlich ſatt, die Kinder ſolcher Ehen aus Liebe zu ernaͤhren— ließ der gutherzige Curator, aus Schonung für Auguſten, noch obendrein weg. Auguſte war außer ſich: denn, ſage mir einer was er wolle, von Reſignation der Lieb' auf alles andre der oökonomiſchen und politiſchen Verhaͤltniſſe, einem Weibe von dieſem Range iſt es un⸗ moͤglich gleichguͤltig: alles zu verlieren, was denſelben unterſtuͤtzen kann. Arm zu ſeyn iſt an und fuͤr ſich ſelbſt druͤckend genug; aber unertraͤglich iſt es fuͤr eine Frau von Stande, wenn ſie ſich, mit ihrem Rang und 4 ————— — 22— Titeln, unter den gemeinen Bettlern ver⸗ lieren, und im Grunde noch elender als dieſe ſeyn ſoll. Auguſte wußte, daß ihre Guͤter ohne Rettung verlohren waren, wenn die Gräfin ihre Hand von ihr abzog, und ihre Gelder daraus zuruͤckforderte, welche ſie bloß darum bisher darinnen gelaſſen hatte, um ihr eine wichtige Partie zu verſchaffen, wußte, daß ſie, bei all' ihrer muͤtterlichen Güte, Feſtigkeit genug beſaß, um auch auf dieſen Fall ihr Wort zu halten, welches ſie noch nie gebrochen hatte— ſchon bei dem Tode des Generals hatten ſich die Glaͤubiger von allen Seiten geregt; es bedurſt' alſo nichts, als daß die Unzufriedenheit ihrer Tante mit ihr bekannt wurde, ſo ſielen ſie alle uͤber die Verlaßne her, und ſie mußte mit einem brodloſen Range belaſtet, auf und davon gehn. Ihr Curator, ein grundehrlicher Mann, und weit und breit gefürchteter Rechtsgelehrter, zuckte die Achſel, als ſie ihm eine Gewiſſensfrage darüber vorlegtez Gort! und ſo gabs denn gar keine Auellucht für ihr Herz? Auch ihr Curt— o, daß ſie daran denken mußt'!— Auch ihr Curt konnte ſie nicht retten; denn er hatte fuͤr ſie nichts als ſein Herz, und fuͤr die Welt nichts als ſeinen Kopf und ſeinen Degen. Viel, ſehr viel galt beides im Regiment; deſto weniger aber, unter juͤdiſchen Chriſten und chriſtlichen Juden, ſeine Wechſelz denn ſeine weiland praͤchtigen Familienguͤter auf der ungariſchen Grenze, konnte man jetzt kaum von den Maul⸗ wurfshuͤgeln unterſcheiden. Eben trat er herein, als ſie, vertieft in ihr trauriges Schickſal, die Haͤnde rang. Sie war ſo voreilig, ihm ihre verzweiflungs⸗ volle Lage zu entdecken, und er— auf der Stelle bereit: den fuͤrchterlichſten Kampf mit ſeinem Herzen zu beginnen, um ſie zu retten. Daß daraus nichts wurde, läͤßt ſich denken⸗ Nur deſto feſter ſchloſſen geſellige Leiden das Band ihrer Herzen.— In ſeinem Arme wurd' endlich Auguſte ruhiger; aber mit Müuhe gelang es ihr, auch ihn zu beruhigen. Endlich als ſie ſich gegenſeitig von 1h.* — 2— bis auf beßre Zeiten, ein Geheimniß blei⸗ Welt zu betruͤgen. Aeußerſt ſchwer gieng der edle Curt an dieſe Arbeit; denn zes war ganz gegen ſeinen offenen biedern Karakter; aber— was thut die Liebe nicht? —- Auguſte dankte verſchiedene von ihren Leu⸗ ten ab, auf welche ſie ſich nicht verlaſſen konnt', und nahm andre an, die in der Ge⸗ gend und ihrer Familie nicht bekannt waren; und Curt erhielt einen Schluſſel zu der außerſten Thuͤre ihres Gartens, welcher hart an den dunkeln Spielberg grenzte.— Wer wird nicht uͤberzeugt ſein, daß er bald in den tieiſten Schlupfwinkel dieſer graun⸗ vollen Wildniß ſo bekannt war wie der aͤl⸗ teſte Fuchs derſelben?— Und ſo verſtrich der Sommer, einige moraliſche Schlagregen und in Freuden. Freilich durften ſie nicht oft an ihr Schickſal denken, nicht in die Zu⸗ kunft blicken, um ſich nicht den Genuß des wendigkeit uͤberzeugt hatten: daß ihre Liebe, aben müſſe, wurden Plaͤne gemacht: die und Donnerwetterchen abgerechnet, herrlich — — 29 Gegenmartigen zu verbittern; aber, ſolch eine verbotene Liebe hat doch auch auf der andern Seite viel Reizendes, und vergilt mit Wu⸗ cher die truͤben Augenblicke. Curnt dachte nach der Zeit immer mit Entzuͤcken an dieſen Sommer. Oft zwar knirſcht' er, der nach und nach mit den Wildſchuͤtzen und andren Nachtraben des alten Spielbergs ſo bekannt worden war, wie mit ſeinesgleichen, wuͤthend mit den Zaͤhnen, wenn er ſich von den naſe⸗ weiſen Spuͤrhunden der Gerechtigkeit dann und wann ſogar bis nahe an Auguſtens Gar⸗ tenthuͤre verfolgen laſſen, und wie ein Spitz⸗ bub, um ſeinen richtigen Gang nicht zu ver⸗ rathen, über die Mauer hinein ſpringen mußte— knirſcht, und haͤtte des Teufels werden moͤgen, daß er nicht unter ſie hinaus ſpringen, und ihnen die Haͤlſ' auf den Ruͤcken drehn durfte; da ſchloß ihn aber Auguſte bittend in ihren Arm, und— in einer Mii nute war alles vergeſſen. So ein ſonder⸗ bares Ding iſt die Liebe! Schier glaub' ich ſie koͤnnte nach und nach, ohne daß ers — 26— wüßte, den ehrlichſten Mann zum Spitzbu⸗ ben, und den ausgemachteſten Spitzbuben eben ſo zum ehrlichſten Manne machen. Indeß war Friedrich Wilhelm der Erſte geſtorben, und das Herz unſers Curt ſchwoll hoch auf, als es, gleich nach der Thronbe⸗ ſteigung des kuͤhnen Friedrichs, von Kriege murmelte; denn hier gabs Ausſichten fuͤr ihn! hier gab's Hoffnungen!—„Es giebt Krieg!“ fluͤſtert er Auguſten oft leiſe in's Ohr, und wenn ſie erblaſſen wollte, ſchloß er ſie ſo zufrieden in ſeinen Arm, daß ſie kaum das Bittre von der Schaale ſchmekte, in welcher die füßeſte Frucht verborgen lag. — Aber, alles war bald darauf wieder ruhig, und es ſchien ein's von den gewoͤhnlichen 8 GerUüͤchten geweſen zu ſeyn, die ſich bei der⸗ gleichen Veräͤnderungen durch politiſche Kan⸗ nengießer zu verbreiten pflegen. Curts Stirne bekam wieder tiefere Falten.* Lange ſchon hatte der Herbſtwind di Bläͤtter von den Baͤumen geſchuͤttelt, und niemand dachte mit einem Athemzuge mehr 7 dran; da— da kam's auf einmal, unver⸗ muthet wie ein Blitzſtrahl am hellen Himmel. Curt hatte zu kommen verſprochen, und — kam nicht; und durch einen Jäͤger, der in jener Gegend geweſen war, erfuhr Au⸗ guſte: daß ſein Regiment morgen ausrücken werde. Noch zitterte ihr das Herz von die⸗ ſem Donnerſchlage, noch konnte ſie ihren Ohren nicht trauen, als er, gluͤhend von Heldenentzücken, an der Gartenthur ſich ihr in den Arm warf.— Krieg! rief er ſtuͤrmiſch; Auguſte! Krieg!“— aber in die Erde häͤtt' Auguſte ſinken mögen; denn ſie war ſchon lange nicht mehr auf dieſen Schlag vorbereitet geweſen.— Horch! fuhr er mit wildem Gelaͤchter fort; blick auf!— O! wir ſind raſch, wie die jungen Adler zum 3 erſten Kampf'. Ich konnte bloß noch kom⸗ 8 men, um eine Flaſche Kokaier bei dir zu trinken, den der ehrliche General, fein chriſtlich, fuͤr ſeinen durſtigen Nachkommen ſparte, und— Dir Lebewohl zu ſagen.“— Wie aus einem Traume blickt; Auguſte jetzt auf o, Gott! wuͤrklich ſchon Trompeten und Trommelſchlag ringsumher, und dort dort, auf den entgegenſetzten Bergen alles — alles eine blaue Wolke. Sie erblaßte. „Curt! rief ſie, mit zitternder Stimme; Curt! und Du biſt ſo froͤhlich? Er. O! freue Dich mit mir, Auguſte! freue Dich mit mir! Jetzt—(mit funkelnden Augen ihr die Hand ſchüttelnd) Jetzt geht Dein Curt einen Gang— einen Gang, Auguſte!— Cganz Feuer und Flamme) Dich zu verdie⸗ nen!. n Sie.(mit ausbrechenden Thränen) O, Curt! Curt!— ein ſeinen Arm ſtuͤrzend) viel⸗ jeicht auch zum Grabe!— Er. Freilich geht man auch zuweilen fehl; aber—(in ſtolzer Zufriedenheit) unſer Koͤnig geht ja auch mit! und— nur um ein Fuͤrſtenthum!(nach einer Pauſe) Komm, Auguſte! noch iſt heute kein Tropfen und kein Biſſen uber meine Zunge gekommen! meine Cameraden zechten in den Zirkeln der uns nach weinenden. Buͤrger— ich flog zu Dir, Auguſte!(zufrieden) O! labe Du mich noch einmal in deinem Arme. n Sie giengen! aber kurz waren ihre letz⸗ ten Umarmungen! denn ſein Regiment, von welchem er ſich nicht laͤnger trennen konnte, zog ſchon uͤber den Huͤgel. Bleich und ſtarr, wie eine Marmorbuͤſte, lehnte ſie an dem ſteinernen Pfeiter ihrer ₰ Gartenthuͤr, als er ſich aus ihrem Arme auf den Gaul warf. Weinen konnte ſie niht; — auch nicht ein Lebewohl ihm nachruſen! denn ihre Leiden waren ſtaͤrker als die Kraͤfte der Natur, durch welche ſie der arme Menſch allein auszudruͤcken faͤhig iſt.- Er bemerkt⸗ es; aber, was half's? Auch die letzte Mi⸗ nute, die Dienſt und Ehre ihm verſtattet hatten, war verſtrichen.*Sey dir Gott gnaͤdig!“ rief er mit einem brennenden Blicke zum Himmel, druͤckte ſeinem Gaule die Spo⸗ ren in die Seiten, und- dort flog er * hin! Im Fortſprengen verlohr er ſein Schnupf⸗ tuch. Wie ein Heiligthum rafft' es Auguſte gierig auf, druͤckt es an ihren Buſen, und bald war es zum Ausringen naß, von den Thraͤnen, die nun ihrem gepreßten Herzen Luft machten. Zweites Kapitel. Was Neues; aber- nichts Gut's, E⸗ wurde zwar nie, ſeitdem es Helden gab, unter die beſondern bis zur Maulſperre bewundrungswuͤrdigen Neuigkeiten gerechnet, wenn einer derſelben, bei ſolch einem uner⸗ warteten Ausmarſche, ſein Liebchen in einem eigentlich nur im heiligen Eheſtande gebraͤuch⸗ lichen Zuwachſ' hinterließ, und auch damals Eim Dec. 1740. und im Fruͤhlinge, 1741) fiel es nicht eben auf, wenn ein Maͤdchen Kopf oder Zahnſchmerzen, oder wohl gar die Waſſerſucht bekam von der Schwindſucht doͤrte man nichte! und ein bischen zu ei⸗ ner alten Tante, oder in ein Bad reiſte, um ſich recht auszukuriren, ſondern man ſah es, auf gut chriſtlich, fuͤr die natkrlichſte Fol⸗ ——— — 32— ge des Schreckens uͤber den unvermutheten Ausmarſch der Garniſon an, und—- ließ der Sach ihren Lauf; aber fuͤr uns iſt dieſes eine Neuigkeit, die wir, um der Foölge willen, ſchlechterdings nicht unbemerkt laſſen konnten. Indes hoffen wir's zu der, trotz der franzoͤſi⸗ ſchen Revolution, und allen das Kind mit dem Bad' ausſchuͤttenden Irrlaͤufern des Glaubens, Miſtkaͤfern und Heuſchrecken der eintraͤglichen Dunkelheit, immer fortſchrei⸗ tenden Aufklarung, daß es uns nicht gehn werde, wie damals einigen hypochonderſchen Prredigern, weiche zu viel von der Verderb⸗ niß der Zeiten redeten, und aller Augenblicke das ſechste Gebot zitirten. Dieſe hatten naͤm⸗ lich am Sonntage darauf kein einziges Maͤd⸗ den mehr zu Zuhoͤrern in ihrer Kirche; deſto vollgeſtopfter aber war von denſelben das Schauſpielhaus, wo eben, auf ausdrück⸗ 4 lichen Befehl der ſpekulativen Aeciſe(welche 3 aus der Kaſſe ihren proportionirlichen An⸗ theil erhielt) das Kind der Liebe gege⸗ ben wurde. Da hatten ſie's! die gott⸗ 33 ſeligen dummen Teufel brachten ſich, dder das Kirchen⸗Aerarium—(ich weiß nicht wem dorr der leidige Klingelbeutel zuſiel) mit ihrem lieben ſechsten Gebote da ſo muthwillig um ſo ſchweres Geld, da hingegen, auf dringendes Bitten eines verehrungswuüͤrdigen Publikums das Kind der Liebe, ſechs Sonntage hin⸗ ter einander, bey immer vollem Hauſ' und geſegneter Kaſſe, wiederholt werden mußte; bis es endlich die Thraͤnen der zaͤrtlichen Madchen rein aufgezehrt hatt;, und Men⸗ ſchenhaß und Reue—— kuuͤr die von lauter Uniform traͤumenden Weiber— je⸗ doch mit weniger Gluͤck fuͤr die Herrn Spe⸗ kulanten, an ſeine Stelle trat. Doch die Kinder dieſer Welt waren ja ſchon von alten Zeiten her immer kluͤger, als die Kinder des Lichts. Damit muͤſſen Sie ſich alſo troͤ⸗ ſten, meine Herrn! die ſie doch auch ſo gern Geld nehmen als Acciſ' und Theater, und ein andermal— wenigſtens ſchweigen, wenn ſie, nicht eben ſo gut wie in meen 8 ſchoͤnen Leichenpredigten, bei dergleichen 8* C 1 5— Gelegenheiten, Apologien über ihre Her⸗ zen bringen, und verantworten zu koͤnnen glauben. Aber, o nein! dieſe Kraͤnkung thun mir meine ſchoͤnen Leſerinnen nicht an, denn ſie wiſſen ſchon, daß ich es nicht ſo boͤſe meine, wenn ich auch dann und wann etwas ſage⸗ was ſie nicht von allen Leuten gern hoͤren; wiſſen ſchon, daß ich nur dann und wann etwas bemerke, weil ich es bemerken muß⸗ um nicht der dumme Eſel zu ſcheinen, der ich doch, ohne Ruhm zu melden, nicht bin, und— wenn ich auch zuweilen wirklich ver⸗ wunde, doch gewiß allemal einen Kuß auf die Wunde drücke— nein! Ich bin feſt uͤber⸗ zeugt; daß ſie ganz gewiß auf dem folgenden Blatte weiter leſen, im Fall ſie auch dieſes zu uͤberſchlagen geneigt ſeyn ſollten. und ich rufe Himmel und Erde zu Zeugen an, daß ich die famöͤſe Neuigkeit von der da⸗ maligen Situation der Maͤdchen in und um jener Garniſon, ſchlechterdings nicht mit ei⸗ nem chriſtlichen Stillſchweigen uͤbergehen 7 — 35— konnte, ohne zugleich meine Feder nieder⸗ legen, und dieſes Buͤchlein mit dem erſten Kapitel ſchließen zu muͤſſen. Denken Sie nur— um Ihnen alles zu Gemuͤthe zu füh⸗ ren— denken Sie nur, wie ſchrecklich ich mich damit an ihrer Neugierde verſuͤndigt haͤtte, wenn Sie mein Jaͤgermaͤdchen in dieſer Welt nicht, und— da ich wohl ſchwerlich in der kuͤnftigen ſchreiben werde, auch in der kuͤnftigen nicht zu ſehn bekom⸗ men haͤtten? und neugierig ſind Sie doch darauf; das koͤnnen Sie nicht laͤugnen, Alſo — da nun einmal in der Welt kein Kind⸗ lein, folglich auch mein Jaͤgermaͤdchen nicht, ohne Schmerzen gebohren werden kann, ſo leſen ſie nur zu, was ſie aus allen Kraͤften koͤnnen, daß ſie mit dieſem Kapitel fertig werden. Es liegt mir ohnehin nicht viel dran, wenn ſie ſich's einfallen laſſen ſollten, etwas feinere Gloſſen daruͤber zu machen, indem es eigentlich nur darum daſteht, um am Ende des Buchs die Bemerkung zu rechtfertigen; daß es beſtehen mußte. Sonſt 62 — 36— häͤtt' ich auch eben ſo gut alles hier geſagte, mit ungleich mehe Fug und Recht und Be⸗ quemlichkeit, an einem andern Orte ſagen koͤnnen. So chriſtlich man aber auch damals uͤber die oberwaͤhnten gewiſſen Ereigniſſe unter den Jungfrauſchaften dachte, ſo ſonderbare Folgen hatte die Gelegenheit dazu fuͤr's allgemeine; denn die Menſchen und ihre Denkungsarten ſind nicht uͤberein, und ſo muß oft— wie's nun in der Welt bey ſolchen Gelegenheit zu gehn pflegt— der Unſchuldige mit dem Schuldigen leiden. So iſt's heutzutage! nicht etwa eine neue Mode, Gott bewahre! So war's auch ſchon damals. Es giebt haͤßliche boͤſe Menſchen in der Welt! und die Gedanken ſind nun einmal, leider— zollfrei. Nachdem man den Kopf⸗ oder Zahn⸗ ſchmerzen, der Waſſerſucht oder Reiſe eini⸗ ger Maͤdchen richtig auf die Spur gekom⸗ men war, ſo durfte nun ſchlechterdings kein armes Maͤdchen mehr Zahnſchmerzen haben, ſonſt hieß es gleich: aha! keins durſte, — 37— mit verbundenen Koͤpſchen, auf den⸗ ſchoͤnen Arm geſtuͤtzt, hinter dem Vorhange lehnen, ſonſt hieß es auf der Stelle: richtig! wir wiſſen's ſchon, was ihr fehlt!— Ins Schaux ſpiel zu gehn, wenn das Kind der Liebe oder was dem aͤhnliches gegeben wurde, war fuͤr den Ruf eines Maͤdchen bald hoͤchſt gefaͤhr⸗ lich; denn wenn man den Anſchlagezeddel geleſen hatt', und ein's nach dem Schauſpiel⸗ hauſe gehen ſah, ruͤmpfte man ſchon die Naſe, zupfte ſich am Ohrlaͤppchen, und— dachte was man wollte; ſah man nun vollends etwa gar waͤhrend der Vorſtellung ein Buſentuch ſich ſchneller und maͤchtiger heben, eimg gar im Auge des gefuͤhlvollen Maͤdchens eine Lhraͤne— ſo war in der Welt nichts rich⸗ tiger, als— was man gedacht hatte. Wenn ein Maͤdchen, welches ſich aus dem Gerede der Leute was machte, jetzt unſchuldiger⸗ weiſe krank wurde, ſo konnte man es nur in Gottesnamen auf. die Todtenliſte ſchrei⸗ ben, und den Sarg beſtellen, denn den Dok⸗ tor ließ es um aller Welt 5 —————— nicht holen, da man, wenn der Doktor jetzt in ein Haus gieng, Stein und Bein drauf ſchwur; daß auch die Kindfrau bald nachfol⸗ gen werde. Verreiſen durfte nun vollends jetzt kein's, dem es um gute Nachrede zu thun war, und haͤtt' es, durch ſeine Gegen⸗ wart, von einer alten Tante, die in den lez⸗ ten Zuͤgen lag, ein Rittergut zu bekommen gewußt; denn auf dieſen Fall war dreimal drei nicht ſo gewiß neun, als— ein Solda⸗ tenkindchen auf dem Wege. So haätt' Auguſte fuͤr ihr Leben gern jetzt ihren bisherigen Aufenthalt veraͤndert, und paͤre— o! und häͤtts in eine andre Welt ſeyn ſollen, zu irgend einem Onkel oder irgend einer Tante gegangen;— denn die Erinnerungen hier— und wo konnte ſie hin ſehn, hin gehn, ſich hin ſetzen, oder— (leiſe) ſich hinlegen, ohne ſich an ihn, ach! und die gluͤcklichſten Tage zu erinnern?— Ja! bloß dieſe fußen Erinnerungen verwun⸗ deten ihr verwundetes Herz alle Tage tiefer, ſo daß bei dieſer Wunde gar an keine Narbe 7. men, daß ihr die Bewegung von einigen zu denken war; aber— o, Himmel! was wuͤrden die boͤſen Leute dazu geſagt haben, wenn ſie auf einmal ſo ganz und gar ver⸗ ſchwunden waͤre?— Ihr bleiches Madonnen⸗ geſicht, ihre gaͤnzliche Entfernung von der rauſchenden Welt, ihre mit jedem Tage ſtrengere Eingezogenheit, ſelbſt auf ihrem einſamen Landſitze, und— der Doktor, jetzt der einzige Mann, fuͤr den ſie zu Hauſe war, und der faſt nicht mehr von der Straße nach Loh kam, gab dieſen boͤſen Leuten oh⸗ nehin Stoff genug, zu denken— was man jetzt gewoͤhnlich bei dergleichen Ereigniſſen dachte. Verzweiflung, war hald das einzige Wort, welches zur Schild er Lage paßte; denn, elend und traurig 1 war ſie ſchon lange geweſen. und, als ſie ſich endlich uͤber alles hinwegſetzen, und aus dieſem Zirkel von Menſchen herausreißen wollte, wo jeder Blick ihr ein Dolchſtilch in's Herz war, ach! da hatte die Schwaͤche ihres Koͤrpers ſchon zu ſehr überhandgenom⸗ — 40— Schrütten— und haͤtte ſie das letzte, was / ſie noch hatte, ihr Leben, riſeiren wollen, ſchlechterdings unmoͤglich war; geſchweige denn eine Reiſe von einigen Meilen. Da lag ſie, alſo, die arme Auguſte! Tante, welche den reichen Landshauptmann — K.. für ſie auf dem Korne hatte, und ſich von ihr jetzt, da Curt vielleicht ſchon lange von den Wuͤrmern verzehrt war, wieder die alte Folgſamkeit gegen ihre Plane verſprach; aber— o, Gott! von allem verlaſſen, was nur einige Gemeinſchaft mit ihrem leidenden haben konnte. Nur eine alte Prie⸗ 3 ihrer Leiden Vertraute. ansfuͤllen koͤnnen, auf welchen ſie das mit⸗ leidige Schickſal an Auguſtens Seite geſtellt hatte.— Kann etwas in der Welt dem hoͤchſten Leiden des Menſchen noch einen Drucker geben, ſo iſt es dieſes: verlaſſ⸗ n zit da lag ſie; ausgeſoͤhnt zwar mit ihrer Graͤfin Jahre Wherhu aber waren unter ihnen* zu verſchieden, als daß ſie den Platz haͤtte ſeyn; miemanden zu haben, der mit einem 1 41 fuͤhlt; niemanden, an deſſen Bruſt man ſeiz nen Schmerz ausweinen kann. 2. 8 hatte keinen Freund, keine Freundin; ſie mußte ihre Leiden tief in ihr Herz deree n— Das war zu hart! Doch— Freunde ſind oft Mierhlinge; Freundinnen die ſchmerzhafteſten Geißeln kranker Herzen. Die erſtern aus abgeſonder⸗ tem Intereſſe, die andern aus Neid oder Eiferſucht; denn auch im Ungluͤck kann man noch Neider haben, und Eiferſucht erwecken. O! ſteinfremde Leute thun oft mehr in der Zeit der Noth, als dieſe, die in den Tagen des Gluͤcks unſre Lippen kuͤſſen, unſre Ka⸗ paune freſſen, und unſern Wein ſaufen. 7 — Die Nachrichten, welche ſie von ihrem Curt erhielt, waren nichts wen iger als tröſt⸗ lich, und bunnen alſo nicht nur keinen glücklichen Einfluß auf ihre traurige Lage haben, ſondern mußten ſogar— wenn es moͤglich war, dieſelbe noch zu zerſalcnnem„ 3 —-— 42— das ihrige dazu beitragen; denn es uͤberzeugte ſie immer eine mehr als die andere, in ihrer traurigen Vermuthung: daß er auf dieſem Gange, den er mit ſo viel Freude gieng, weil er ſich darauf ſeiner Auguſte zu naͤhern hoffte, nichtsweniger als ſein ihr ſo theures Leben ſchonen werde. Nach den oöͤffentlichen Nachrichten, war er immer un⸗ ter denen, die ſich ausgezeichnet hatten, aber auch immer unter den Verwundeten. Die⸗ ſer oͤftere ſchnelle Wechſel von Freude und Angſt, dieſer oͤftere ſchnelle Sturz von ei⸗ nem Extreme aufs andre— wenn dieſes nicht auch die letzten Kraͤfte ihrer der gaͤnz⸗ lichen Zerſtoͤrung entgegeneilenden Natur er⸗ ſchoͤpfen ſollte, ſo mußten Zeichen und Wun⸗ her unſichtbar entgegenarbeiten, oder die Fugen ihrer Theile fuͤr mehr als ein Men⸗ ſchenalter gemacht ſeyn. In der Schlacht bei Malwitz(den 10ten April, 1741.) lag er unter den Todten; und nur einer der ſeltnen gluͤcklichen Zufaͤlle reitete ihn noch, als man ſchon den Haufen⸗, — um beliebter Kuͤrze willen, mit Erde bede⸗ 8 cken wollte. Es war Auguſtens Ring, der einem von den barmherzigen Todtengraͤbern in die Augen ſiel; denn uͤbrigens war er ſo voͤllig mit Blut und Staub bedeckt, daß man ihn unmoͤglich von einem gemeinen Todten unterſcheiden konnte. Der Goldnarr hielt an, und wollte den Ring abziehn, in der Meinung: daß dieſer ehrliche Mann am fuͤngſten Tage eben ſo gut, auch ohne dieſes goldne Raͤndchen um ſeinen Finger, aufer⸗ ſtehn, und in die Ewigkeit einwandern koͤnne; aber Curt— ob man gleich nicht behaupten konnte, daß er noch empfunden habe, da er bereits einige Schaufeln Erde ruhig abge⸗ halten hatte, ſchien doch— vielleicht dieſes einzige noch zu empfinden: daß man ihm ſein Liebſtes, was er noch hatte, nehmen wolle, und zog die Hand zuruͤck. Ein eis⸗ kalter Schauer uͤberlief den geſchaͤftigen Hand⸗ langer des Todes, als dieſe kalte Hand ſich in der ſeinigen bewegte, ließ ſeine Schaufe! fallen, und ergriff die Flucht; aber ſeme Cas meraden, welche glaubten er hab' einen be⸗ ſondern Fund gethan, und wolle entfliehn, um es fuͤr ſich allein zu behalten, hielten ihn an. Da fand ſich denn die Kleinigkeit — ein lebendiger Menſch! So wurde Curt erkannt, und erhalten; um nicht den erſten Schritt zu ſeinem Gluͤck in's Grab zu thun. Der große Koͤnig, deſſen Adlerblicken nichts entgieng, hatte in dieſer Gegend ei⸗ nen Ofſizier, an der Spitze eines zuſammen⸗ 5 mengerafften Trupps leichter Reiterei, wacker 3 gegen den eindringenden Feind kaͤmpfen ſehn, bis die etwas zuruͤckgeworfenen Batailtons ſich wieder formiren, und zum Siege vor⸗— dringen koͤnnen;—(es war unſer Curt ge⸗ weſen)— eben kam er uber's Schlachtfeld daher geritten, als man ihn unter den Tod⸗ ten hervor zog.—„»Du haſt tief gelegen, ſagte er; aber du ſollſt ſteigen!“— und wirklich fuͤhrte Curt, da ſeine Wunden ſo ſchnell heilten, daß er, in dieſem kurzen ab raſchen Kriege, beinah keine einzige A —-—,— . —4 45 darüͤber zerilhnen mußte, eine eigne Schwa⸗ dron' aus dem Felde. 1 Sein Grc. war alſo gemacht; denn man weiß, daß jener große Feldherr einen, den er einmal ſo gut gefaßt hatte, nicht wieder aus den Augen verlohr; aber nun— im Be⸗ wußtſeyn, daß er von dieſem großen Auge beobachtet werde— wie konnt er ſich ſcho⸗ nen? auch wenn er es, um ſeiner Auguſte willen, wollte?— Curt! und wie viele Ku⸗ geln werden nun noch an dir voruͤber pfeifen, wie viele Saͤbelhiebe noch an deiner Stirn gbglitſchen muͤſſen, ehe deine gluͤckliche Stunde fuͤr das Herz ſchlaͤgt?— Haͤtteſt du dich nicht ausgezeichnet vor ſo manchem deines⸗ gleichen, an deſſen Stelle eben ſo gut ein ruͤſtiger Bauerjunge ſtehn koͤnnte, der einen guten Dreſch Flegel zu fuͤhren gelernt hat, jetzt kehrteſt du heim, in den Arm der Liebe! Aber Friedrich hatte dich kennen gelernt, und gefunden: daß du zu noch mehr zu ge⸗ brauchen ſeyſt, als ein Paar Dutzend Men⸗ ſchen alanſchlachten⸗ und— du mußteſt üm 1 folgen, wie ſein Schatten. Freilich waͤrſt du dann auch nicht das geworden, was du ſeyn wollteſt, um der ſtolzen Graͤfin und der ganzen Welt unter die Augen treten, und fragen zu koͤnnen: bin ich's werth, die Wilbe des General Haak zum Altare zu fuͤhren?— Lebe wohl! edler Curt; wir ſehn uns wieder! Zwar wird noch manche Thraͤne verrinnen, noch mancher Seufzer verfliegen, und kaum jemand mehr dein gedenken; aber — wie ein Lichtſtrahl in der Nacht wirſt du erſcheinen, und alten und neuen Leiden ein Ende machen. Lebe wohl! Deine krie⸗ geriſche Laufbahn hat der Geſchichtſchreiber nicht vergeſſen; ich wuͤrde nur in matten Zügen ihm nachſtoppeln. Aber er wußte freilich nicht, was fuͤr ein Wurm an deinem Herzen nagte, indeß er um dein Haupt die Lorbeer⸗Krone der Helden flocht. Ich weiß es! und die Welt wird nicht leichter finden: mit ſolch einem Wurme zu kaͤmpfen, 6. mit abgehaͤrteten Feinden. Aber ich kehre an den Spielberg — wo ſich damals gar ſeltſame Geſchichtchen zutrugen: und wenn ich ein heitres Geſicht zum boͤſen Spiel mache, wenn ich lache, indeß andre die Haͤnde uͤber den Koͤpfen zuſammenſchlagen, ſo duͤrfen mir es meine Leſer und Leſerinnen ja nicht uͤbel nehmen, mich ja nicht etwa fuͤr einen gefuͤhlloſen Klotz halten, ſondern muͤſſen nur denken: daß ich meiner Geſchichte, und dem Koſtuͤm der da⸗ maligen Zeit treu bleibe, welches ſo lebhaft vor wir liegt.— Es war eine gar kurioſe Zeit!— Da lief bald mancher Jung' und manches Maͤdchen herum, und kein Menſch wußte, wo es her kam; ſelbſt die Philoſophen und alten Weiber, die doch eigentlich alles wiſſen, ſperrten umſonſt die Maͤuler auf, und konnten es nicht ergruͤnden. Ich weiß ſo manches! aber es laͤßt ſich nur nicht viel von einer Sache reden, die nicht alle Welt eher als mit der Zeit erfahren ſoll.— Man⸗ cher Hausvater muſterte ſorgſam jeden Mor⸗ gen ſeine Familie; denn es war nichts ſelt⸗ naes, daß ſie ſich unvermuthet um ein Maul — 48— vermehrt hatte, und ſieben aus dem Bett⸗ faͤmmerlein krochen, in welches er doch am Abende nur ſechſe gezuͤhlt hatte. Wo wollten guch die armen Maͤdchens mit ihrem mili⸗ tairiſchen Segen all' hin? Lieber Himmel! ſte mußten freilich es beſſer einzutheilen wiſ⸗ ſen als die ſegnende Natur; und manches tanzt' und ſprang in dulci jubilo wieder in der Welt herum, indeß ein gutherziger Nach⸗ bar u. desgl. den unbekannten Pflegling auf dem Schooſe wiegte.— Nehmen mußte hier jeder, wer auch nicht wollte; ſo wie dort im Kriege jeder, wer auch nicht wollte, ge⸗ ben ntubte.— Wie folget.—. Drittes Kapitel. E:n Dr a m 0, in drei Akten. Er ſt er Akt. er alte graͤflich Turneiſenſche Föoͤrſter, Hans Puff, am Spielberge, war bei ſeinen Holzmachern geweſen, und kam, die Schreib⸗ tafel in der Hand, rechnend nach ſeinem Vogelheerde zuruͤck, an deſſen Thur er einſt⸗ weilen, wie er zu thun pflegte, ſeine Flinte und Jagdtaſche gehaͤngt hatte.—„Ja, das „iſt wahr!— brummt'er, vor ſich, in den grauen „Bart; das iſt wahr! wen einmal der liebe „ Gott ſegnet, dem muß das Brod in der D „Taſche, und das Holz unter Axt und Saͤge „wachſen.— In meinem Leben haͤtt' ich „nicht geglaubt, daß die paar Eichen ſo viel „geben ſollten; in meinem Leben nicht! und „die zwei Muͤhl Wellen—(rechnet) jede zehn „Ellen, und die Elle 1 rihl. 8 gr.— richtig „ 26 rhtl. 16 gr.— ſchwer Geld. Ei du mein „Gott! iſt das eine ſchoͤne Summe. Und „das— lauter Segen! nichts als Segen! „denn— wenn das große Waſſer im Fruͤh⸗ „jahre nicht gekommen waͤr, und die Müh⸗ „len der reichen preußiſchen Muͤller zerriſſen „haͤtte— wer in aller Welt wuͤrd' uns 1 rhtl. „ gr.— für die Elle Holz gegeben haben? „Aber ſo eine gute gottesfürchtige Frau, wie „unſre Graͤfin iſt, giebt's auch weit und breit „nicht. Unſereins iſt freilich auch gottes⸗ „fuͤrchtig, und ſo gut und wohlthaͤtig, als „man ſeyn kann—(ſchaͤtteit bedenklich den „Kopf) je nun— kommts auch an uns nicht 3„ mit Scheffelſaͤcken, ſo kommts doch mit 1„Maaßen.—(rechnet wieder) Von der Elle „2 gr. Anweſſegeld, thut doch anh— Ir * „16 gr.— und eine Wurſt, eine Flaſche „Schnaps, fllt doch auch etwa noch.— Rich⸗ „„ tig! Gzufrieden) Bin ich doch in meinem Le⸗ „ben noch nicht hungrig oder durſtig zu Bette „gegangen;—(indem er ſeinen Dachsranzen auf⸗ „„huckt) und wenn andre mit leeren Taſchen „nach Hauſe gehn mußten, hatte der liebe „Gott immer den ehrlichen Hans Puff geſeg⸗ „ net.—(mit einem Blicke voll Ruh', und Ver⸗ „trauen, zum Himmel) Du wirſt's ſchon ma⸗ „chen!— 4 Er gieng. Kaum war er einige Schritte gegangen, als er hart hinter ſich den Schrei eines kleinen Kindes hoͤrte.— Schnell ſah er ſich um; er ſah und höoͤrte nichts mehr, ſchuͤttelte den Kopf, und gieng weiter. Aber er hatte wieder kaum einige Schritte gethan, ſo hoͤrt er wieder einen ſolchen Schrei.— Narrt's mich?“ brummt' er in den Bart, und drehte ſich noch einmal um. Das Ge⸗ ſchrei war hinter ihm. Er drehte ſich noch einmal und noch einmal, und noch einmal um, und das Geſchrei war und blieb immer 8 2 52— hinter ihm.— Muͤßt' der Donner drinn „ſitzen!“ rief er, riß ſeinen Dachsranzen hervor, und— ſiehe da! ein kleines freund⸗ liches Maͤdchen laͤchelte ihm daraus entge⸗ gen. 3 „Das haͤtt'ſt du nun koͤnnen bleiben „“ laſſen!“ rief er, mit einem traurigen Blicke zum Himmel.„Es giebt ja reiche Leute die „Menge, denen du ſolchen Segen haͤtteſt zu⸗ „wenden koͤnnen.“—(vol Mitleiden das Kind betrachtend)““Armer Wurm!— Ohne Zweifel „eines von den jetzt nicht ſeltenen Kindern „der Liebe, deren Vaͤter in Schleſien die „Welt einzureiſen anfangen; und— deine „Rabenmutter—(einlenkend) doch, nein! „vielleicht ein armes Maͤdchen— hatte dich „lieb, und ſchaffte dich in die Taſche des „alten Hans Puff—(es ſchaukelnd) ja Wuͤrm⸗ „chen! denn da wußte ſie, daß du in guten „Haͤnden waͤrſt, und nicht verhungern wur⸗ „deſt.— Ja, ja! da hatte ſie wohl recht, „wenn das ihre Meinung war; aber—(nach. „einigem Nachdenken)— ein Weih zu Hauſe, * das dir jeden Tropfen in's Glas, und jedes „Blaͤttchen Toback— ob gleich die Elle nur „einen Groſchen koſtet, in die Pfeife zaͤhlt—. „(den Kopf ſchuͤttelnd) Hans! Hans!—(ent⸗ „ſchloſſen) Das wird ſich geben!— daß muß „ſich geben!— Cherzlich: das einſchlummernde „Kind betrachtend) Ja! ja!— Schlummre du „nur, armes Würmchen! ſchlummre; ver⸗ „hungern ſollſt du, weiß es Gott nicht! und „ſollt: es mich mein letztes Reſtchen graue „Haare koſten.—(nach einigem tiefen Nachdene 7 ken, unter welchem er immer das Kind mit herz⸗ 8 „lichem Wohlgefallen betrachtet) Doch— was „zerbrech' ich mir auch da noch lange den „Koöpf?— Hunml! ich trage dich hinunter, zu „unſrer guten Graͤfin. Die füttert ja, Jahr „aus Jahr ein, eine Menge Maͤuler, ohne „zu wiſſen warum, und mitunter Hunger⸗ „waͤnſte die kaum unſers lieben Herrgotts „Sonnenſchein verdienen; ja! ſo wird ſich auch „fuͤr dich ein Plaͤtzchen in ihrem guten Herzen, „und an ihrer immer offenen Tafel finden. „Aber—(nach einer Pauſe, mit einem ruhigen L 4— 1 „ cheln den Kopf ſchuͤttelnd) wie du eigentlich „hierher in meinen Dachsranzen gekommen „waͤrſt! das moͤg't ich doch wiſſen.— Die „Noth macht erfinderiſch! ſagte geſtern unſer „Herr Pfarrer, auf der Kindtaufe, bei mei⸗ „nem Gevatter Schulzen; und— das mag „alſo wohl wahr, und eben hier der Fall „ſeyn.—(nach ſeinem Vogelreede zuruͤck drohend) „Warte! warte!— Ich will euch wieder „meinen Dachsranzen dort hin haͤngen, daß „ihr eure Kinder hineinſtecken koͤnnt, an „denen ich keinen Antheil hab' als die Chri⸗ „ſtenheit. Ein andermal behalt' ich ihn auf „dem alten Buckel; und da will ich doch „wohl ſehn, wer mir ſolche Einquartirung „zuſchanzen ſoll.— Alle Blicks! es koͤnnte „nach und nach ordentlich Mode werden, „wenn ſi ſie ſaͤhn, daß es ſo gut abgieng, und „der alte Hans Puff am Ende die Nachkom⸗ „menſchaft des ganzen Regiments verſorgen „müſſen; nein! nein! ſo haben wir nicht ge⸗ „weltet. Mit dem einzigen Zweiglein da mag nes zur Probe genug ſeyn; fuͤr die Fortſes⸗ „„ „ — 7— „zung wollen wir uns ſchon zu hüten ſuchen,. „und fuͤr die Ehre des guten Zatrauens uns 3 „ſchoͤnſtens bedanken.“ So dacht' und murmelte der ehrliche Puff unter einander, packte ſein neues Haus⸗ meubel dabei fein ſaͤuberlich wieder ein, und ſchlenderte ruhig, wie gewoͤhnlich, ſeinen Schritt am Walde hinunter Am Ende deſ⸗ ſelben traf er auf ſeinen Grenz⸗Nachbar, An⸗ dreas Schneuß, der ſich, durch einige nicht unebne Neuerungen in ſeinen Forſten, wel⸗ che er aus einigen Buͤchern armſelig nachbe⸗ tete, zu Spott und Hohn gegen alle ſeine berechtigt glaubte.— Halb⸗Part!“* rief ih von aus der Ferne zu, als er ihn Dachsranzen ſorgſam unter dem gen ſah; denn er glaubte nicht es waͤren lauter Dukaten darin⸗ Soneus So viel als der Zanig von Preußen!— Creicht ihm die and) Taſche ge⸗ gen Taſche! Puff.(ſchlaͤgt nicht ein) Wer Lun zu tau⸗ ſchen hat⸗ hat Luſt zu betrügen!—(ſieht ihm nach der Taſche) Laß doch mal ſehn, was bei Dir zu erodvern waͤr? Schneuß. n duͤrrer Haaſe!— Aber Du? freilich, wer ſolche Baͤum uͤber'n Hau⸗ fen ſchlaͤgt, an denen Kinder und Kindeskin⸗ der ihre Frenude noch ſehn könnten—(ſoöttiſch) der kann freilich alle Taſchen voll haben.— Laß doch mal ſcha⸗ was dir der liebe Gan beſchert hat.. Puff. C(läͤchelnd, indem er dem Deckel feines Dachsranzens aufſchlägt) Ein chen! 4 Scneuß.(aus vemen hahaha!— Tauſendelement! dran gekriegt? alter Kautz! habe dran gekriegt?— Ich tauſche nicht doch wenigſtens zwei Groſchen fuͤr meinen duͤrren Haafen, wennn iß Frau micht ſelbſt den Balg uͤber d ½ —„— 8 — — 57 zieht; aber du— mein Seeſe! Du haſt von Gluͤck zu ſagen, wenn Du mit heiler Haut bei deiner Alten davon kommſt. Puff.(ruhig, indem er ſorgſam ſeine Taſche wieder zu macht) Das wird ſich finden! Schneuß.(ii wilder Freude) Ja! ja!— Hol's der Teufel! jetzt. da die Maͤdchens ih⸗ rer Angſt kein Ende wiſſen fuͤr Kindern, kann unſereins, der immer auf der Straße iſt, zu Familie kommen, man weiß nicht wie.— Mir waͤr's ehegeſtern, bei meiner Seele! ſchier auch ſo gegangen. 3 Puff. Je, das waͤr der Henker!—(ir. dem er ſich eine Pfeife ſtopft) Und, wie denn ſo? „Schneuß. Hum! komm' ich Dir dort oben den Sauſteig herunter, da kautzt, hart am Wege, ſo'n Wuͤrmchen, ruhig iclun⸗ 8 mernd; an einer Eiche— Puff. Chaſti) Und du liemn vor⸗ uͤber? Schneuß. Nein Nachbar!— das hnnt ich dir doch nicht uͤber's Herz bringen koͤnnem ſo'n armen Wurm von den Fuͤchſen freſſen zu — 8—, 3— 4 laſſen; denn es wurde ſchon daͤmmrig. Ich ſteckte mich hinter einen Felſen, und lauſchte; denn ich glaubte den Berg herein hinter mir Fußtritte gehoͤrt zu haben. Puff. Lieber Gott! wer weiß hinter nvelchem Buſch' auch die Mutter des Kindes mit ſchwerem Herzen lauſchte. Schneuß Wies trifft!— die Men⸗ ſchen haben oft Herzen wie die Steine; ſchlim⸗ mer noch als unſereins.— Sieh! wie ich nicht 4 lange gelauſcht hatte, da kam ein’s. Es 4 war der alte Pfarrer von Holzheim. Puff. Aha!— Nun, da kan's an den rechten Mann; denn;— der brauchte nicht einmal Taufgebühren dafuͤr auszugeben, und kanns auch ernaͤhren. Schneuß. Ja haſt du ſonſt nichts!— Er ſchnaubte ſich, that als ob ers tnicht ſaͤh, und gieng ſeiner Wege. Puff.(haſtig auffahrend) Hu, Schwarz⸗ rock und der Teufel! Aber er beſann ſich noch, und kehrte um? Schneuß. Hol's der Teufel, nicht!— * Ich haͤtte gleich hervor ſpringen, und ihm die Peruͤcke vom Kopfe maulſchelliren moͤgen, dem heiligen Bierfaſſe; denn es ſchreit nie⸗ mand mehr auf der Kanzel von Menſchen⸗ lieb' und Chriſtenpflicht, als er, und weit und breit giebt's doch keinen hartherzigern Geitzteufel.— Gleich hinter ihm her kam der Schulmeiſter. Puff.(freudig) Und beſchaͤmte ſeinen hartherzigen Pfarrer? Sch ne uß. Ja, praſit die Mahlzeit!— Die Maſſette hatt' es, allem Anſcheine nach, noch weit ſchlimmer im Sinn'. Wie ein Fuchs ſah er ſich nach allen Seiten um, und als er niemanden witterte, macht' er ſich dran, und viſttirte das arme Wuͤrmchen von oben an bis unten naus; denn er mogte wohl denken, es koͤnnt' ein ſolches dreihun⸗ dert Dukaten⸗Kindchen ſeyn, wie ſein Col⸗ lege in Schwarzbach vor einigen Jahren, beim Morgenlauten, an der Kirchthuͤr fand, und— ſich mit dem Einſchluſſe ſachte davon ſchleichen wollen; aber— darauf war ich ge⸗ 2 faßt, und er waͤr, holes der Teufel! nicht mit ganzen Genick von der Stelle gekommen. Er fand nichts! deckte das Wuͤrmchen wie⸗ der zu, und— gieng ſeinem Pfarrer nach. Puff. Ei, du lieber Gott! das heißt recht:: Prieſter und Leviten gingen voruͤber! aber— nun? Nachbar! kam denn endlich ein mitleidiger Samariter? Schneuß Richtig!— Der Eſelstrei⸗ ber aus der Schlund Muͤhle.— Der ſackt es, mir nichts, dir nichts, auf, ſteckt' es in be leeren Saͤcke auf den Eſel, und trieb uſtig und guter Dinge damit ſeiner Muͤhle zu. Puff. Der arme Teufel! und hat fethg. nichts, als was er ſtiehlt. Schneuß. Deſto leichter wird üöm das Geben!— und, laß du's nur gut ſeyn, Camrad! der pfffge Hund weiß ſich ſchon zu helfen. Ich hab' ihn geſtern geſprochen, und damit aufgezogen. Es iſt ein Jung'; er hat ihn ſchon taufen, und Ei chmann nen⸗ nen laſſen, weil er ihn unter einer Eiche ge⸗ 2. 61— funden. Und da meint er, er gieng mit ihm in der Stadt herum, wo es der gutherzigen Weiber und Maͤdchen die Menge gaͤb, die von Gluͤck zu ſagen haͤtten, daß ſie bei dieſer allgemeinen Soldaten⸗Fruchtbarkeit, ſo mit ein bischen Angſt davon gekommen; die gaͤben ihm gewiß drauf und drein, fuͤr ſeinen klei⸗ nen Soldaten⸗Jungen, ſo daß er ſelbſt mit davon leben koͤnne. 4 Puff. Die Spekulation hat Grund! 4 aber—(den Kopf ſchüttelnd) hoͤre, Nachbar! es waͤr doch beſſer geweſen, Du haͤttſt den armen Jungen für Dich behalten.— Hum, bei dem ſchmutzigen Eſelstreiber! Schneuß. Und warum denn?— Der Junge mag halbwege heraufſchießen, ſo kann er eine Peitſche fuͤhren, dem Pflegevater an die Hand gehn, und ſein Brod ſelbſt verdie⸗ nen. Unſereins haͤtte tauſend Sorge da⸗ mit. 4 Puff. Eben darum!— Dann waͤr aber auch der Junge nicht ein Sbeterrater 8 — 62— ſondern ein Menſch, deſſen ſich kein Vater ſchaͤmen duͤrfte. Schneuß.(lachend) Denkſt Du denn daß ſich die Hechte was daraus machen?— Ich zog vorigen Herbſt beim Ausmarſche, den dicken Wachtmeiſter mit ſeinem Millermaͤd⸗ chen auf, die ſchon damals im Gerede war. —»Hum! ſagt' er, was werden wir lachen, wenn wir einmal wieder in dieſe Gegend kommen, und unſre Kinder die Gaͤnſe huͤten. Das giebt'n Spaß!“ Puff. Spaß hin, Spaß her!— Aber doch edler von Dir, wenn Du die Gelegen⸗ heit, Gutes zu thun, nicht von Dir gewie⸗ ſen haͤtteſt; das nimm mir nicht uͤbel! Schneuß. Narrenspoſſen! Der Balg! iſt für den Füchſen, und dem Verhungern geſichert, und damit gut. Denke nur an mich, was dir dein Fruͤchtchen da für Sorg“ und Spektakel machen wird? Es waͤre denn — heißts in der Eheordnung— daß Du Daenme beſondern Spekulationen damit hät⸗ teſt, wie— ſans comparaiſon— der Eſels⸗ treiber.—. 85 Puff. Ich will damit hinunter, zu meiner Graͤfin; vielleicht thut die ihre ilde Hand auf. Schneuß. Aha! dacht ich's doch.— Und giebt ſo viel her, fuͤr den kleinen Wurm, daß ſich die großen auch mit ein fett Maul davon machen können; nicht wahr?— O, geht mir! ihr, mit eurer Ehrlichkeit, Edel⸗ muth und Chriſtenliebe.— Ihr fallt doch, hol's der Teufel! auch nicht ohne Vortheil von der Bank, wie unſereins. Gute Nacht! —(geht)—. Puff.(mit einem ruhigen Läͤcheln, ihm nach ſehend) Gleichfalls! wenn Dir Deine Suͤnden nicht einfallen. Schneuß. Jeder ſorgt für die ſeini⸗ gen.—(kehrt noch einmal um Apropos!— Wie hoöch haſt Du denn den Cubik⸗Fuß an Deinen Muͤhlwellen gebracht?— Puff. Evbik⸗ Fuß hin, Enbik⸗Fuß her⸗ — 64— — Ich taxire ſo nach meiner Art. Und— wie viel Bat du wohl? chneuß.(flachtig) Ich habe ſte nicht Aegrunſen⸗ ſonſt wollt' ich Dirs auf's Haar ſagen. Puff. Hum! legen Dir denn Deine Augen ſchon ſo ab, daß Du nicht zehn Ellen mehr damit meſſen kannſt? Schneuß. Aha! richtig; zehn Ellen war zede lang; und im Diameter—— Ich weiß's, hobs der Teufel nicht mehr. wurr Im Durchſchnitie, auf Deutſch — als Werkſluͤck, verſteht ſichs— ausge⸗ arbeitet eine und eine halbe Elle. Schneuß. Alſo—(rechnet, mit einem Kichtigen Geſicht, an den Fingern) So koͤ nnteſt Du es immer auf auf— auf— ein Khalerer zwoͤlfe gebracht haben.— Ohnge⸗ fähr, verſteht ſichs; denn ich habe meine Tabellen nicht bei mir; und das auß's hoͤchſte. Puff.(lochend) Hoͤre, Nachbar! Deine Kunſt geht betteln.— Das Fieht noch lange icht: 3 „ —— Schneuß. Ich hab' auch nur geſagt, ohngefaͤhr; haͤtt ich meine Tabellen bei mir, dann wollt ich Dir's auf's Haar ſa⸗ gen. Puff. Und ich habe geſagt: noch lange nicht! alſo kannſt Du Dir vorſtel⸗ len, daß Du weit mehr als um ein Haar ge⸗ fehlt haſt. Sieh, ich rechne ſo, nach mei⸗ ner Art:(demonſtrirend) Die beiden Staͤmme welche die Muͤller zu Muͤhlwellen haben woll⸗ ten, gaben drei Claftern Scheit, und dieſe, als Feuerholz, haͤtten neun Thaler gekoſtet; da wir ſie nun aber als Haupt Werkholz an den Mann bringen konnten, ſo mußten ſie dreimal ſo viel gelten. Alſo rechnete ich die Elle 1 Rthl. 8 Gr.— thut 26 Rthlr. 16 Gr. Schneuß.(mit einem tüͤckiſchen Geläͤchter) Ei, ſo ſchinde Du und der Teufel! Puff. Gott ſey bey uns!— Dafür kann es der Muͤller brauchen, und meine Herrſchaft vergeſſen. ſ 1 Schneuß! Das glaub ich!— Schwer⸗ E 1— 66— 35: Deine Graͤfin aber ſollte ſich ſchaͤmen, Herr Nachbar! denn ſie hat ohnedieß Geld wie Schlamm. Phff. Aber auch Maͤuler genug zuverſo, gen! Kurz, es gilts! und wer es haben will, muß es bezahlen! 5 Schneuß. Da haſt Du wohl rechrt aber—(ſpätuſch) obs edel iſt: anderer Leute Ungluͤck ſich zu Nutze zu machen? und forſt⸗ maͤſig: die ſchoͤnſten Baͤume— ſo, mir nichns, 5 dir nichts, nieder zu ſchlagen! n. Puff. Haͤne der Müller nur ein Wort 1 verlohren, ſo haͤtr ich geſagt: die Bͤume find meiner Herrſchaft! geh Du, und ſuche Dir wohlfeilere. So wußt' er aber, Daß die 2 paar Groſchen ſeinen Kindern und Kindés kindern vielleicht noch zugute kamen, und ſchlug ein. Aus dem Dickig hab' ich die Bͤus— me auch nicht geſchlagen, das weißt Du, ſon⸗.. dernaguf meinem ordentlichen Schlage, wo ſie- ö mcſiegen; und diſſortirt hab' ich mich auh— dadurch nicht.— Reiſſe der liebe Gott in hunders Jahren dieſe Muͤhlen noch zehnmal 3 n Ihr Alten habt's freilich aus der Er⸗ Puff.(gCiſtig) Und vertaͤndeln nicht die rend welcher ein ſolider einheimiſcher Baum tin! ich ſtehe— ohne meinem Forfte Vifin— geringſten Schaden zu thun, allemal m Wel⸗ len zu Dienſten!— Schneuß. Das ſind Künſtel. Wie's aber narch hundert Jahren, in Deinen For⸗ ſten ausſehn wird? Darum haſt Du Dich wohl nie noch gekuͤmmert.— Puff. Ich laſſe meine Stoͤcke zur rech⸗ ten Zeit heraus machen, pfanze die Stock⸗ flecke jedes Jahr orden ish wieder an, und laſſe keinen Schafknecht dazu; ſo muß immer alles in ſeiner Ordnung bleiben, ob ich gieich nicht ſo gelehrt bin wie Du.—. Schneuß. Gehorſamer Diener!— fahrung, und bleibt bei euren fuͤnfundzwanzig Sinnen.— 2 Zeit mit koſtſpieligen Spielereien, waͤh⸗ zu Nutz wachſen kann.— Hoͤre! Im erin⸗ nerſt Dich doch, wie wir zuſammen, dort un⸗ ten im Thale, ver acht Jahren, die wilden E2 — 68— Waſſerriſſe, und oben die Lehden anpflanzten? — Du pflanzteſt oben Lerchen⸗Baͤume; ich Buͤrken. Unten pflanzteſt Du Acacien; ich Weiden.— Wie viel haſt Du denn aus Dei⸗ nen Pflanzungen geloͤßt?— Schneuß.(in Verlegenheit) Ja, das muß ſich erſt finden— mit der Zeit.— Puff. Wenn die Haſen Deine Acgeien vollends abgefreſſen haben, und im Wind' und der Sonnenhitze dein Lerchenbaum vol⸗ lends verkruͤpelt iſt?— Ich hab' heuer ſchon (zieht haſtig ſeine Schreibtafel heraus, und lieſt) an die Boͤttcher, Meiſter Johann Andreas Schramm, und Hieronymus Spund, aus All⸗ wingen, 160 Schock Reifſtaͤbe daraus ver⸗ kauft; das Schock zu s gr.— ein Lum⸗ pen Preiß! um der Kundſchaft willen, fuͤr die Zukunft— thut 33 Rthlr. 8 Gr.— Schneuß. Das moͤgt' alles gut ſeyn? auf den erſten Anblick, verſteht ſich's, der oft die ſchlechteſte Sach' im vortheilhafteſten Lichte zeigt; aber—((ackiſch) an den armen Müllern haſt Du doch, mit. Deiner Schin. derei, die Hoͤlle verdient!— Puff.(Ergerlich, ihn mit Nachdruck auf die Achſel klopfend) Ich laſſe nicht bei ih⸗ nen mahlen!— Er gieng.— Der gelehrte Schneuß biß ſich in die Lippen, und gieng auch.— Viertes Kapitel. Zweiter Aktus. Kaum waren die Jaͤger voruͤber, ſo kamen zwei alte Weiber durch die Buͤſche gekro⸗ chen.— Die eine, etwas edlern Anzugs, ſchien untroͤſtlich, und rang angſtvoll die Haͤnde; die andre ſchien alle ihre Suada zu ſammenzunehmen, um ſie zu beruhigen.— Herzbrechend genug war ihr Geſpraͤch, um in jedem Gemaͤlde menſchlichen Elends ſeinen Platz zu finden; und ob ich gleich, dem Him⸗ mel ſey tauſendmal Dank! kein ſolches, we⸗ der jetzt noch in Zukunft ſchreiben werde, ſo ſoll es doch, im Auszuge wenigſtens, hier ſtehn, um das Original Stuck der da⸗ maligen Zeiten vollends auszuzeichnen.— — 71— „„ Ach, das Gott erbarm! das Gott er⸗ harm! ſchluchzte die eine, mit unterdruckter Stimme, juſt ſo, als wenn man jemanden bei der Gurgel hat; das iſt mein Tod!“— 8 „Was hilft denn nun aber all das Ge⸗ winſel, und Gelamentir', und Gegotterbarme? — Wenn man ſeinem Nebenchriſten nicht mit der That an die Hand gehen will, ſo iſ's gerade ſo, als wenn ein Reicher dem Beitler ein Goldſtück zeigt, ſagte die andre (und darinnen hatie ſie recht; ob wir gleich vor der Hand noch nicht wiſſen, woyon ei⸗ gentlich die Rede war). Wußten wir denn einen andern Rath! heh!— wußten wir einen?— 2 Erſte. Ach! ja wohl, ja wohl! Mir ſchaudert, wenn ich noch dran denke: wie ſie auffuhr, in Verzweiflung, aus der Noth— und, mit rollenden Augen und zuckenden Häͤnden, umher blickt, und griff, als ob ſte es ſuch', und dem armen Wurme die Gur⸗ gel zudruͤcken wollte.—(mit gerungenen Hän⸗ den zum Himmel) Heiligen Gou, und Vater! — à2V2— bebüte doch jede Mutter fur ſolch einem verfluchten Gedanken! Ich will nicht rich⸗ ten; aber— warlich! es war juſt ſo. Zweite. Natürlich;! Und man ſieht oft wie's geht, wenn wir es nicht ſchon auf die Seite geſchafft gehabt haͤtten: der Teu⸗ fel ſchiert zuweilen zu! Und dann, wenn's nun in der Verzweiſtung geſchehen wär, dann haͤtte ſie es auch nicht überlebt; das wiſſen Sie! Erſt e. Ach! ja wohl weiß ich's; fa wohl hätte ſie es nicht überlebt!—(die Haͤnde rin⸗ zend) Ach Gont! ach Gott!. Zweite. Und die Freude, als wir ihr ſagten; daß es ein todtes unvollkommenes Kind geweſen wäir— das herzliche: Gott ſey Dank!— O, Madam! wie häͤtten wie ſie gluͤcklicher betrügen koͤnnen, als ſo?— Ein gemeines Maͤdchen weiß ſich zu faſſen, und zu troͤſten, auch wenn ſo was laut wird; aber ſo ein's, der ihre Ehre vor der Welt mehr iſt als das Leben— Sie wiſſen doch, Madamchen! wie ſie ſchon oft gegen ————;—·— „d— 2— ihr Leben wuͤthete, wie wir oft alle Häͤnde voll zu thun hatten, um ihre grauſamen Anſchlaͤge darauf zunichte zu machen? und das Puͤlverchen— ach Herr Jemine! mir ſchaudert noch die Haut, wenn ich dran denke— das Pülverchen, an dem der ſchwarze Kater ſtarb— Ich weiß nicht was ein Eid iſt; aber, ich ſchwoͤre doch heute ein's drauf: es war Gift! Erſte. Daran hab ich nie gezweifelt: aber— o, Gott! o, Gott! wir haͤtten doch wohl einen andern Weg einſchlagen koͤn⸗ nen. 3 Zweite. Das wüßt ich nicht! Einen andern wohl; aber ſicher keinen beſſern.— Der alte Puff iſt in der ganzen Gegend als der ehrlichſte Mann bekannt; und Sie ha⸗ ben ja mit ihren Augen geſehn, daß er es in der Taſche davon getragen hat. Was wollen wir mehr?— Seine Frau zwar iſt ein Drache; aber er wird ihr ſchon den Dau⸗ men auf's Auge druͤcken. Und— wenn es die Gruͤfin erfaͤhrt— und dis erfaͤhrt es ge⸗ — 74— wiß, ehe vierundzwanzig Stunden in's Land gehen— ſo haben wir vollends gar nichts mehr zu beſorgen; denn die fuͤttert ja genug fremde Hunde, geſchweige denn Kinder. Erſte. Ach! darum iſt mir eigentlich am wenigſten bange, denn, wenn der ehr⸗ liche Puff das Geld findet, muͤßt er doch ein Heid' und ein Türke ſeyn, wenn er den Wurm wollte Noth leiden laſſen.—(in ſchmerz⸗ hofter Erinnerung) Ach, Goit! wenn ich noch an den ſchrecklichen Abend denke, da mir es der gute Herr gab.— Da, da! ſagte er, und die Thräͤnen ſtanden ihm in den Augen; da wenn ſie etwa Noth leidet, oder ſonſt was vorfallen ſollte; dann gebe ſie es ihr, und ſage ſie: haͤtt' er ein Königreich gehabt, er haͤt es Ihnen mit Freuden zu⸗ rückgelaſſen; aber weiß es Gott! er hatte nicht mehr. urer Sie hat's nie erfahren! aber ich däͤchte daß maͤre die groͤßte Noih geweſen, und ich koͤnnt es bey Gott verant⸗ worten, wie ich es angewendet habe; wenn ich's auch 1n erlebe, daß ich dem gu⸗ — haͤtten. ten Herrn v Rechenſchaft davon deben kann. Zweite. Natürlich!— und was haben Sie denn alſo zu ſorgen/ und zu Gotterbar⸗ men? heh! Erſte. Mein Gewiſſen! mein Gewiſ. ſen!—(die Haͤnde ringend) Ach! eine ſolche That ſchreit zum Himmel! Zweite.(ſooͤttiſch) Ich wuͤßte nicht warum. Ja, wenn wir, wie andre gefühl⸗ loſe Dirnen, das Wuͤrmchen hin geſetzt, und es ſeinem Schickſale uͤberlaſſen haͤtten— ja⸗ dann konnten wir uns Vorwuͤrfe machen; aber ſo, da wir alles gethan haben, was nur ein Chriſtenmenſch thun kann, um zwei Seelen zu retten, ſo wuͤßt' ich nicht warum ich nicht ruhig ſchlafen ſollte; meiner Treuei nicht. hätte meinem Kopfe gefolgt, das Wüͤrmchen in meinen Arm geſchloſſen, und waͤr damit gegangen, ſo weit mich meine Beine getragen 1 1 Erſte.(tief ſenfzend) Ach! ich wollt“ 1 Zweite. Das wuͤrde nicht weit gewe⸗ ſen ſeyn! denn ſie ſtecken ohnehin in keiner feſten Haut. Und wenn ſie denn nun, Gott weiß in welchem Land', und unter was für Menſchen, auf der Naſe liegen geblieben wären— ei, du mein Gott! was haͤtte denn dann aus dem armen Wurmchen werden ſollen? Ekſte. Auch wahr!— Auch wahr!— Heiliger Gott! aber— 362 ſo deſer ſehn wird? Zweite. Allemal!— Hier haben wir's doch unter unſern Augen, und koͤnnen ſehn was draus wird. Kommt er zurück; ſo ſa⸗ gen wir's ihm, und er mag dann ſelbſt Sorge tragen, was weiter damit anzufangen iſt; kommt er nicht zurück— wie das leicht der Fall ſeyn koͤnnte, ſo ſtirbt das Geheim⸗ niß mit uns! und das Kind iſt doch ſchon ſo weit in die Hoͤhe gewachſen, daß, auch ohne unſre Sorge, aus ihm werden kann, wozu es das Schickſal beſtimmt hat.— So ſagte immer unſer ſeliger Pfarrer, wenn —o — 77— wir konfirmirt wurden und— das iſt auch wahr! denn in groͤßern Jahren ein Maͤdchen zu huͤten, iſt verlohrne Muͤh'. Erſte. Das weiß dor gerechte Gott! und unſre Zeiten beſtaͤtigen es. Anne! wie wird's aber mit ihr werden? Zweite. Gut! ſag' ich. Der erſte färchterlichſte Sturm iſt voruͤber; denn ſie weiß ja nicht anders, als daß es ſchon im Garten, unter den Roſenbuͤſchen, begraben liegt; und, glauben ſie denn nicht, daß der Gedanke: mir nichts! dir nichts! einſt wieder unter den Menſchen erſcheinen zu koͤnnen, ſie mehr ſtaͤrken wird als alle Pulver und Pillen des ſuperklugen Doktors, der immer noch, in Gottes Herrn Namen, auf Ver⸗ ſchleimung und verdorbene Saͤfte kurirt? Ich glaub's ganz gewiß! Erſte. Ich nicht! denn ich kenne ihr weiches Herz. Sie wird ſich beſinnen, aus dem Sturme der Verzweiflung! o, Gott! und es wird fuͤrchterlich erwachen. Zweite. Mag's dann; So iſ's doch * — 78— nur Trauer einer Mutter um ein derſorhe nes Kind. Die Zeit heilt allee!— Die Sonne verſteckte ſich ſchon hinter die Tannenwipfel, und ſie wendeten ſich eili⸗ ger in's Thal hinab. 1 — Indeß war unſer ehrlicher Hans Maf glüͤcklich und wohlbehalten mit ſeiner Beute auf dem Schloſſe ſei ner Grafin angekommen. Er ſtutzte, und wollte, um nicht zu ſtören, beſcheiden zurücktreten, als er bor dem Gar⸗ tenhauße,/ deſſen Fenſter und Flügelthüͤren heraus nach dem Walde giengen, eilfertig voruͤberſtolpert, und ſah, daß ſi ſie, um den ſchͤnen Abend zu genießen, im Parterre deſfelben, mit einer großen Geſellſchaft bei Tafel ſaß; aber ſie hatte ihn ſchon bemerkt, und ein Bedienter rief ihn naͤher.„Nun! fragte ſie, mit ihrer gewoͤhnlichen Freund lickkeit, als er an der Fluͤgelthür ſein krum⸗ mes Kompliment machte; was bringt Er mir denn noch ſo lirxtigs und ſieht daben ſo zerſtͤrt und verlegen aus, als ob hm die Preußen uͦber ſeine Rehe Serachen waͤren?“ Puff.(mit einem klagenden Bne) Der liebe Gott hat mich geſegnet! Graͤfin.(lachend) Sonderbar! Und darum ſo verlegen? ſo klaͤglich? n Ein Herr(mit der Gräͤſin zugleich) Doch nich mit einem jungen Sohne? Puff(wie zuvor) Nein, gnaͤdiger derr; Mit einer jungen Tochter!— Ein lautes Gelaͤchter ſchallte durch den weiten Saal hin; denn jedermann wußte daß er bereits ſchier vierzig Jahr in kin⸗ derloſer Ehe gelebt hatte, und hielt es für einen Schwang, deren Hans Puff immer noch voll war; aber er zog ſeinen Dacheran⸗ zen hervor, machte ihn auf, und— ein klei⸗ nes freundliches Maͤdchen läͤchelte daraus die Geſellſchaft an. Tauſend Fragen durch⸗ kreuzten einander; und, um allen auf ein⸗ mal zu antworten, erzaͤhlte er kurz die Ge⸗ ſchichte: wie er dazu gekommen; welches wir ſchon wiſſen. Etwas neues war es jetzt nicht, daß jemand unvermuthet Vater wurde; daruͤber hab ich mich ſchon oben erklaͤrt: alſo konnt auch dieſer freundliche Anblick des kleinen Maͤdchens aus dem Dachsranzen weder Staunen noch Bewun⸗ derung erwecken; nur das Abentheuerliche belachten alle: wie der alte ſchlaue Puff da⸗ zu gebraucht worden. „ Aber— rief endlich ein feiſter Praͤlat, den das Gelübde der Keuſchheit nie gedrückt hatte; meine Herrn! es iſt nicht genug, daß wir dieſen ehrlichen Mann auslachen, deſſen Gluüͤck oder Ungluͤck wie er es zu nen⸗ nen belieben mag— eben ſo gut auch jeden von uns hätte zuſtoßen koͤnnen; er braucht auch Pathen! oder— wenn er ſo beſcheiden iſt, uns nicht inkommodiren zu wolle wenigſtens das Eſſentiale derſelben. vivat ſequens!“ Er griff in die Taſche, warf einige Goldſtück' auf ſeinen Teller, und gab ihn weiter.— Alles fuhr in die Taſchen. Herrns und Damens; und da die Geſellſchaft — — 81— groß war, ſammelte ſich eine betraͤchtliche Summe.—„Es wird hinlangen, zur Kind⸗ Taufe! ſagte die Graͤfin, mit einem zufrie⸗ denen Lächeln dieſe Summe betrachtend, als der Teller zuletzt an ſie kam; ich habe nichts bei mir!(indem ſie ihn dem alten Puff hin gab) Er kann indeß jaͤhrlich funfzig Thaler fuͤr Sein Maͤdchen, auf meine Rechnung, in Aus⸗ gabe verſchreiben; und wenn es artig wird ſo leg' ich auch zu.“ Mit Thraͤnen in den Augen dankte der Fehrliche Puff; denn es war ihm nicht anders, als waͤr er wirklich Vater zu dem Kinde, welches, da es uͤber aller Erwarten artig und reinlich angezogen war, unter den Wei⸗ bern von Arme zu Arme gieng, und die gute Graͤfin, an die es endlich auch kam, mit be⸗ ſonderer Freundlichkeit anlaͤchelte.—„Ja, ja! ſagte dieſe koͤnigliche Frau, bei dieſem Läͤcheln; ich will deine Mutter ſeyn!“ und ſchier waͤr, durch ihre gutherzigen Thraͤnen die ganze Geſellſchafft verſtimmt worden. 4 weinte laut, für Ruͤhrung und Freude. 4 ð 4 ſchluchzend, indem er das freundliche Mad⸗ chen wieder in ſeinen duͤrren Arm ſchloß; aber der Herr nimmt dich auf! durch ſein irdiſches Ebenbild, unſere gute Graͤfin.“ Die Graͤfin gab ſogleich ihren Leuten Befehl; fuͤr eine gute Amme zu ſorgen, und Puff eilte ſeinem alten Waldſchloſſe zu; in⸗ dem zu vermuthen war: daß ſich ſein kleines Maͤdchen mehr nach Ruh' und einem war⸗ men Bettchen als nach zaͤrtlichen Schmaͤtz⸗ chen ſehnen, und ſich darinnen ungleich beſ⸗ ſer befinden werde, als in dieſer großen Ge⸗ ſellſchaft⸗ Als er ſchon weg war, ſiel der ſorgſa⸗ men Graͤfin erſt ein: daß ſeine Frau, da ſie nie ſelbſt Kinder gehabt, nicht damit umzu⸗ gehn Piſen werde; ſie ſchickt alſo zu der Wehmüͤtter des Orts den Befehl: ſogleich hinaus auf das Jagdhaus zu eilen, und, bis zur Ankunft einer Amme, fuͤr die beſte Pflege des Kindes zu ſorgen. „Vater und Mutter verlaſſen dich; rief er Haͤtte wohl jenes ehrliche alte Weib⸗ 3 8 — 33— mit all' ihrer Redlichkeit und Treue, beſſe fuͤr dieſes Kind ſorgen koͤnnen? So ſpielt oft das unbekannte Fatum mit uns ohnmaͤchtigen Erdenkindern, lachend unſerer Sorgen und Plane, von der Wiege an bis an's Grab! Fuͤnftes Kapitel. Dritter Aktus. Aber der ehrliche Puff hatte noch einen har⸗ ten Sturm auszuhalten, ehe er mit ſeinem armen kleinen Mädchen in Ordnung und Ruhe kam. Sein Weib— ein Hausweib ohne Gleichen! die es, bei ihrer kleinen Wirthſchaft, ohne ſeine Redlichkeit in Ver⸗ legenheit zu ſetzen, ſo weit gebracht hatte, daß ſich die Herrn Agnaten ſchon bei Leb⸗ zeiten um das Erbe zankten, ſo, daß er, um nicht mit ihrem ſauren Schweiße die Wolfs⸗ magen ewig hungernder Advokaten zu füt⸗ tern, ſich genoͤthigt geſehn hatte, ein Teſta⸗ ment zu machen; aber ein Drache, ſobald es auf mein und dein ankam. Sein Weib, das ihm ſchon ſo manche Freude des Wohl⸗ „. — 85— thuns verbittert, hatte ihn auch dießmal bei dem erſten Anblicke des armen Kindes erſchreckt; aber, ausgerüſtet mit Geld und der guten Sache, gieng er feſten Schrit⸗ tes nach Hauſe, wie der Chriſt zum Grabe. — Sein gelehrter ſchadenfroher Nachbar Schneuß hatt' es bereits mit einem hoͤhni⸗ ſchen Gelaͤchter gemeldet, und— waͤr ihr Grimm ein Sturmwind geweſen, ſo waͤr ſchon keine Ziegel mehr auf dem Dache ge⸗ blieben.— Wie eine Furie, mit Geifer vor dem Munde, und ausgeſtreckten Krallen, empfieng ſie ihn ſchon hundert Schritte vor der Thuͤr; Fluͤche und Schimpfworte: daß der alte Schinderknecht den Balg nicht in's naͤchſte beſte Sumpfloch geworfen, oder ihm den Hals auf den Rücken gedreht— ſuͤrzten ihr Armsdick aus dem geifernden Rachen, und er mußte ſich wirklich auf den Backofen rretiriren, ſonſt haͤtte ſie ihm ohne Zweifel die grauen Haar' aus dem Kopfe gerupft, und dem unſchuldigen Kinde die Augen ausgekraßzt, oder es in die Miſt⸗Grube geworfenz denn 8* 1 *K *. —-— 36— ein altes boͤſes Weib hoͤrt und ſieht nicht: Hoͤrt keine Vorſtellungen, ſo vernuͤnftig ſie ſind, und ſieht keine Gelegenheit, die Pflich⸗ ten der Menſchheit zu erfüllen, ſo nah ſie vor der Naſe liegt— Mancher ehrliche Mann hat vielleicht auch mit einem jungen Weibe ſeine Noth, daß es im Zorne weder doͤrt noch ſieht; doch ich ſpreche hier bloß von den alten, und uͤberlaſſe es jedem Ehe⸗ manne: ſeinem Weibchen in Zeiten den gehoͤrigen Appell beizubringen, da es im Alter dann eben ſo mißlich damit ausſieht, wie mit einem verdorbenen Hühnerhunde.— Man muß alles thun, ſo lange man die Mittel dazu in den Haͤnden hat! It dieſe Zeit vor⸗ über, wie die Zeit der Weiberzucht im Alter; dann hilft freilich nichts, als Geduld. Es war eine Szene zum Mahlen!— Der arme Puff hoch auf dem Backofen, hin⸗ ter einer leichten Bruſtwehr von altem Ge⸗ rümpel ſich und ſeinen Dachsranzen ſchwach vertheidigend gegen die Hopfenſtange ſeiner euren Ehehaͤlfte, mit welcher ſie ihn leb⸗ 4 — 87— haft attakirte— das ſeltſame Scharmützel, von Reden und Gegenreden, wie Peloton⸗ und Diwiſions⸗Feuer unter einander, ſo daß nur dann und wann daraus, wie einen ver⸗ ſtaͤndlichen Kanonenſchuß, ein exaltirtes: du Racker!— Euſebia!— Sollſt die Peſtilenz kriegen!— ſo hoͤre doch! — ich brech dir'n Hals!— und andere dergleichen herzbrechende Floskuln zu unter⸗ ſcheiden waren— und das Gebell der her⸗ beiſpringenden Hunde dazu, welche, zwei⸗ deutig auf weſſen Seite ſie ſich ſchlagen ſoll⸗ ten, bald an den Backofen, bald an der ihren Herrn hopfſtangelnden Frau hinauf ſprangen—; ich moͤchte den Hypochondriſten ſehn, der mir nicht aus vollem Halſe lachen ſollte, wenn uns Hans und Euſebia dieſe Scene noch einmal vormachten! Es vergingen doch wenigſtens fünf kritiſche Minuten, ehe Puff ſo viel Zeit gewinnen konnte, in die Taſche zu greifen, das in's Schnupftuch ge⸗ bundene Geld heraus zu reiſſen, und, unter dem Geklimper deſſelben, durch ein uͤberſtim⸗ mendes:„alles dem Kindel alles dem Kinde!“ ſeinem Plagegeiſte die geſeg⸗ neten Umſtaͤnde deſſelben einigermaßen be⸗ greiflich zu machen.— Er hatte ſich nicht betrogen, in der Kenntniß ſeines Weibes, wie ſo mancher andere Ehemann, der in der Zucht deſſelben aus Unwiſſenheit oder Leicht⸗ ſinn, juſt die unrechten Mittel anwendet, indem er bittet, wo er befehien, und ſchmei⸗ chelt, wo er mit dem Stocke dreinſchlagen ſollte.— Bitten und Befehlen war an ſeiner Euſebia nun verlohren; denn er haite einſt zu viel gebeten, und ſich befehlen laſſen; alſo mußt' er, um etwas uͤber ſie zu gewin⸗ nen, eine ganz andere Saite beruͤhren, und— Dank ſeiner langen, in ſo mancher warmen und kalten Stunde gemachten Erfahrung! — er traf wuͤrklich die richtige. Das Ge⸗ klimper des Geldes veraͤnderte auf einmal die ganze Scene. Die Hopfenſtange ſank der ruͤſtigen Verfechterin ihrer Alleinrechte des heiligen Eheſtandes aus der Hand— 1 ihre Geſichtszuͤge bekamen andere Geſtalten, 4 89 und die Hunde wedelten wieder mit den Schwaͤnzen.„Ei, peis mal!“ ſagte ſie freundlich, und bald, ebnete ſich vollends jede Falte ihres Geſichts,, als ihr Puff das Schnupftuch herunter langte, ſie es haſtig aufwickelte, und zu ihrem groͤßten Erſtaunen, groͤßtentheils Goldſtuͤcke darinnen erblickte. Sie.(mit einem grerigen B licke auf das Gold) Daß dich alle Wetter! Und das waͤr alles dem Kinde? Er. C(langſain vom Backofen herunter ſteigend) Alles!— Und daß iſt Dir noch gar nichts, das ſoll nur fuͤr die Kindtaufkoſten und den andern erſten Aufwand ſeyn; denke Dir nur; unſre gute gnaͤdige Graͤſin thut uns jäͤhrlich! funfzig baare Thaler darauf gut; denke Dir nur! 3. Sie. Ja, das iſt was andres!— funf⸗ zig Thaler! je, nun ja! dafür können wir's recht gut ernaͤhren— ja! ſo lange es klein iſt; recht gut!— Hum! die Woche doch ſchier'n Thaler— o, ja! damit un ſich jetzt ſchon auskommen. Er. Und wenn es groͤßer wird, ſo legt ſie auch zu, die gnaͤdige Graͤfin! das hat ſie ausdruͤcklich geſagt. Sie. Je, nun ja! Und— hum! ein bischen Butter und Eier, und Mehl, und dergleichen— was man nun ſo, fuͤr ſo'n Wuͤrmchen braucht— hum! darauf wird's ihr auch nicht ankommen, das weiß ich ſchon! und ſo'n bischen Leinwand, und Jahrmarkts⸗ zeiten ſo was anzuziehn— ja, ja!— das will ich ſchon machen!— Will's ſchon ma⸗ chen. „»Immer eine melkende Kuh fuͤr dich!“ dachte Puff; aber laut durft' er es freilich nicht ſagen, da er ſie einmal auf ſo einem guten Wege hatte, ſonſt hätte ſie boͤſe wer⸗ den, und das kaum geſchloßne Kapitel mit mehr Energie von neuen anfangen moͤgen, wonach ihn eben nicht geluͤſtete. Wuͤrklich that Euſebia von dieſem Au⸗ genblick' an ungleich mehr, als er, durch eine ſo ſchnelle Wendung hatte erwarten können; denn boͤsartig war ſie im Grunde — 91— nicht, wenn ſie nur einigermaßen ihren Vor⸗ theil vor Augen ſah. Sie nahm ihm das Kind, welches unter dieſer lebhaften Attake wacker accompagnirt hatie, ſorgfaͤltig aus der Taſche, ſucht' es zu beruhigen, und eilte da⸗ mit dem Hauſe zu, um ſeinem etwanigen Ueberfluß' oder Mangel abzuhelfen; indeß ließ er ſie doch immer noch nicht aus den Augen, da er ihr noch eben ſo wenig traute, wie der Teufel einem verfuͤhrten Chriſten. — Es giebt Rückfaͤlle! dacht' er, die zuwei⸗ len gefaͤhrlicher ſind als der erſte Sturm; und— in gewiſſer Ruͤckſicht hatt er auch nicht unrecht. Alles gieng in ſeiner ſchoͤnſten Ordnung und Ruhe!— Sie ſucht' eine alte Wiege hervor, auf welche ſie einem armen Koͤh⸗ lers Weib' einige Groſchen zu Brode fur das Kind geborgt hatte, welches nun unge⸗ wiegt ſchlafen mußte, bereitete dem armen Wuͤrmchen ein weiches Lager, und ſprach ban Chriſtenpflicht und Menſchenliebe wie ein Buch; als ſie aber, beim Auswickeln deſſelben, wieder was klimpern hoͤrt', und einen rothſeidenen Beutel voll Gold ent⸗ deckte— o, wehl! da war auf einmal alle Chriſtenpflicht und Menſchenliebe wieder ver⸗ ſchwunden, und— haäͤtte nicht der alte Puff ein ſo wachſames Auge gehabt, ſo waͤr der Beutel in die Taſche geweſen, und kein Menſch häͤti' eine Silbe davon erfahren. Aber der ehrliche Puff that einen Macht⸗ Griff, und behauptete mit unerſchuͤtterlicher Feſtigkeit: daß er uͤber dieſen Vorfall ſchlech⸗ terdings das gnädigſte Conſilium ſeiner Graͤ⸗ ſin unterthaͤnigſt einholen muͤſſe. Feuer ſpruͤh⸗ te ſie, wie ein Spruͤhteufel, und ihre beiden Krallen waren wieder in voller Activitäͤt; aber dießmal ließ ſich Puff im geringſten nicht derangiren, ſetzte ſich hinter der Leh⸗ nébank, mit ſeiner Hundspeitſche, in eine feſte Poſition, und wuͤrde gewiß den fuͤrch⸗ tertichſten Sturm heldenmuͤthig ausgehalten haben. Doch, ehe dieſer recht ausbrach, unterbrach die Praͤliminarien dazu die An⸗ kunft der Wehmutter, welche ſich, gegen —— das mürriſche Geſicht der Madam Euſebig⸗ mit dem gnaͤdigſten Befehl der Graͤfin au⸗ toriſirte, und— indeß nun das Kind von den beiden alten Weibern hinten und vorne beſchniffelt, und über die ſchönen klaren Win⸗ deln, und einige darunter beſindliche Tuͤcher und dergleichen, die Mäuler aufgeſperrt, und Gloſſen gemacht wurden, ſchlich ſich Hans Puff mit dem Beutel voll Gold auf und davon, zu dem Orakel aller ſeiner Zweis fel— zur gnaͤdigen Graͤfin.— Dieſe ſtutzte nicht wenig, da ſch, bey naͤherer Unterſuchung, in dem ihr producir⸗ ten Beutel wirklich dreihundert Louisd'or. befanden, und faͤllte, nach einigen Minuten Ueberlegung, folgendes menſchenfreundliche Deciſum:* „Daß, ob gleich aus dieſen umgänden „erhelle, daß das Maͤdchen nicht gemeiner „Leuten Kind ſey, ſie dennoch aber ihr ein⸗ „mal gegebenes Wort nicht zuruͤcknehmen „wolle und koͤnne; es alſo, wegen dor funf⸗ „zig Thaler, nicht allein bey ſeine Aowei. 8 theuren Hausplage Schranken geſetzt hatte. „ſung bleibe, ſondern ſie vielmehr noch die „Beſorgung der Waͤſche, Kleidung u. ſ. w. „für das Kind, ihrer Kammerfrau anbefeh⸗ „len, die dreihundert Louisd'or aber in Em⸗ „pfang nehmen, ſie auf Intereſſen, und dieſe „Intereſſen wieder auf Intereſſen geben, „kurz bis zu eiwa einer naͤhern Entdeckung „uüber die Herkunft des Maͤdchen, oder ihrer „Verheurathung, auf's beſte damit wirthſchaf⸗ „ten werde; indem es doch allemal beſſer „ſey— ſie ſey nun welches Standes oder „Herkommens ſie wolle, daß ihre Mitgabe „ gewachſen, als daß ſie vermindert wor⸗ „„ den.“. 1 SDie letzte Häilfte dieſes Deeiſums waͤr vielleicht in der ganzen Welt allein der Frau Euſebia nicht einleuchtend geweſen; aber was that das? Hatte doch unſer Hans Puff ein gut Gewiſſen, und ſeine gnaͤdige Graͤſin, deren nachdruͤckliche Willensmeinung ſchyn peft, in kritiſchen Stunden, dieſer ſeiner 9 2 — Zufrieden machte er ſeinen Reverenz, und gieng— zum Herrn Paſtor; um ihn auf Morgen, zur Taufe des Kindes, hinaus zu beſtellen, da man nicht wuße: ob dieſes ſchon geſchehn oder nicht geſchehen ſey.„In du- bio praeſumitur non!“ ſagte dieſer theure Kirchenlehrer; denn er war geizig, und glaubte nichts gewiſſer, als daß er die gnaͤdige Graͤſin, die ſich, wie er hoͤrte, des Kindes ſo muͤt⸗ terlich angenommen, nebſt einigen andern aus ihrem Zirkel, zu Gevattern bitten werde, unter welchen Umſtaͤnden er das liebe Kind — waͤr es auch ſchon dreimal getauft geweſen, mit Vergnuͤgen zum viertenmale wuͤrde ge⸗ tauft haben. Aber— hum! er zog ein in⸗ fam haͤmiſches Geſicht, als er hoͤrte, daß Herr Puff ſeine gnaͤdige Herrſchaft nicht in⸗ kommodiren, ſondern nur einige ſeiner Nach⸗ barn und Freunde dazu nehmen werde. —— Der Herr Paſtar mußt' aber doch am folgenden Morgen recht herzlich um ſein — 965— bischen täͤglich Brod gebetet haben, daß ihn der guͤtige Himmel auf der Stelle erhoͤrte. Es war ein ſehr ſchoͤner Morgen!— als ſich die liebe korpulente gnaͤdige Gräͤfin aus dem Bette waͤlzt', und dieſen ſchönen Morgen ſah, geſellte ſich zu dem Gedanken an das Findel⸗ Muͤdchen, welches heute ge⸗ tauft werden ſollte, der Gedanke: ſich einen Spaß dabey zu machen.— Reitende Boten mußten ſagioßi fort, an einige ihrer Be⸗ kannten und Freunde; und, als man eben auf dem Iraddauſe zum heiligen Werke ſchreiten wollte, kamen von allen Seiten her Wagens und Reuer, und alle wollten— ohne Zuruͤckſetzung der bereits gewaͤhlten, verſteht ſichs— bey dem freundlichen Maͤd⸗ 4 chen Gevatter ſeyn, wie man es in dortiger Gegend nennt. Außer ſich fuͤr Freude war der ehrliche Puß, geſchaͤftig wie Martha ſeine Hausehre, da ſie unter dieſen hohen Ankom⸗ menden ihre gnaͤdige Graͤfin erblickten, und der Herr Pacoor hätte ſich für Aergerniß alle Haare aus dem J Iſraelitenbarte raufen moͤgen: V daß er ſeine friſch gepuderte Feſtperücke nich aufgeſetzt. Mit gleicher Aengſtlichkeit ent Pwuddime ſich Euſehia wegen ihrer ſchlechten Kuchen, und der Herr Paſtor wegen ſeiner Alltagsperücke; das half aber alles nichts! Die Graͤfin hattte koͤtlichen Wein, und woll⸗ lockere Torten mitgebracht— und herrlich und in Frenden wurd', auch ohne Feſtperuͤcke, das in Verzweiflung gebohrne Maͤdchen ge⸗ tauft, und erhielt den Namen Hen⸗ riette. 4 6 Der Zuname blieb vor der Hand aus⸗ geſetzt. Mit Freuden zwar haͤtte Puff den ſeinigen dazu hergegeben, ob gleich Euſebia mit einem ſchwaͤlbiſchen Geſichte, meinte: ei, Du ſaͤhſt auch ſo aus! aber die Graͤfin ver⸗ ſicherte: daß es zwar der Nante eines ehrli⸗ chen Mannes ſey, das Maͤdchen aber— auch ohne Zunamen, eine rechtſchaſſene Chri⸗ ſtin, und ein gutes Maͤdchen werden koͤnne. — Der Pfarrer ſagte: Ja! denn ſie ließ eben, als ſie dieſes ſagte, einen ſchoͤnen Dop⸗ G del⸗Louisd'or in das Taufwaſſer fallen, um welchen er ſich ſchier mit ſeinem Schulme ſter, der ihn denſelben ſtreitig machen w te, publice gepruͤgelt, und der froͤhlichen Geſellſchaft, zu dieſer ſchönen Comedie, odiͤſes Nachſpiel gegthen halne Sechstes Kapitel. Darwälr 41fo Wein äget⸗Mchsnn S. gluͤcklich und urdenrt ich als: in dieſen Umſtänden nur immer moͤglich, haͤtt' ich es denn unter die Menſchen und auf den Platz gebracht, wo es, nach dem Willen des Schiche ſals, ſeine Rolle ſpielen ſollte; nun will ich aber nicht hoffen, daß meine Leſer, in den folgenden Kapiteln, die ganze Jugend⸗ oder vielmehr Kind: Geſchichte deſſelben, auf dem Nagel her erzählt, erwarten werden, ſon⸗ dern vielmehr um Erlaubniß bitten die ſetbe in dieſes einzige Kanitel zuſammendraͤn⸗ gen zu durfen. Es waͤre mirein leichtes, über alle die Erziehungen und Erziehungs⸗ Anſtalten, die in meinem Leben mir nicht G2 geſielen, bei dieſer Gelegenheit meine Galle auszuſchuͤtten, und uber Erzieher und Er⸗ zieherinnen ein tauſendfaches Wehe zu ru⸗ fen; aber— da es, wie tauſend traurige Beiſpiele lehren, an unſern vom großen Strome der Einfalt oder uͤberhellen, alſo blendenden Aufklaͤrung hingeriſſenen Erzie⸗ — herinnen und Erziehern nichts fruchten wuͤrde ſo weiß ich nicht, ob ich mich dazu wurde entſchließen koͤnnen, auch wenn mich der ſchoͤnſte Roſenmund darum erſuchte; denn— v, Weh! wie viele meiner Zunftgeno ſen Meiſter und Geſellen, haben ſich an Kinder⸗ Geſchichten ſelbſt zum litterariſchen Kinde geſchrieben?— Und dieſe Kraͤnkung moͤgt⸗ ich doch um aller Welt Suͤßigkeiten und Schaͤtze willen, meinem armen Staube nicht anthun, im Fall meine Schriften ſeine Ber⸗ mit einem denkenden Weſen über⸗ llren. Alſo nur ſo viel vom erſten Mandel ihrer Jahre, als unumganglich nö⸗ thig iſt, um zu zeigen, daß ſie nicht aufwuchs wie ein Pilz, nach einem fruchtbaren Regen.— „ — 10ot— inn Luſebia bekam noch am Tauftage von der Graͤfin eine einzige aber nachdruͤckliche Lektion, ward aber dadurch, und durch den taͤglichen Zufluß von Eiern, Buiter, Milch, Waizen, Leinwand, Carttun, u. ſ. w. ſo ganz umgeaͤndert, daß bald ein ungemein geuübtes Auge dazu gehoͤrte, ſie von einer wahren Mutter zu unterſcheiden; und ſo gieng al⸗ les, in der erſten Erziehung unfrer Hen⸗ Nette, ſeinen natuͤrlichen Gang. Eine feſte Geſundhein unterſtützte die forgſame Pflege des Kindes, und es entwuchs allen von den erſten Jahren unzertrennlichen Gefahren mit außerordentlicher Leichtigkeit. D! was gab das fuͤr eine Freude fuͤr den alten Puff, als er das kleine leichtfertige Maͤdchen bald auf ſeinem Knie ſchaukeln, und ihr ein luſtiges Iagerliedchen dazu vorpfeifen konnte. Die Tage ihres erſten Lallens waren lauter geſt⸗ tage. Freund' und Verwandte, Nachbarn und Cameraden, und ſelbſt die Groͤfin mußt herbei, um es zu hoͤren, daß ſie ihn Vater nennen konnte. Wenn ſie ihm nun ſchmei⸗ —— — 102— chelnd die dürren Backen ſtrich, und mit ihren kleinen Haͤndchen die grauen Haar, aus dem Geſichte kammte— warlich! er hätte ſich oft mit dem Himmel zanken mö⸗ gen, daß er nicht noch einmal jung werden, und der Bluͤte dieſes kleinen⸗Engels rühi⸗ ger entgegen ſchauen konnte.+—„Du kommſte und ich gehe! ſogte er oft mit Thraͤnen in den Augen, wenn ſie allein waren; jammer ſchade! daß der Weg ſo kurz iſt, den wir noch mit einander zu machen habe Aber der Himmel hoͤrte ſeinen ehrlichen Wunſch, und als überreifen Greis noch wer⸗ den wir ihn an ihrer rreiſen Bluͤte ſi ſch weiz; den ſhons aIo HS: 4— 24 Als ſie einen Lehrer brauchte, kehrte nu der edle Sebaldus, der den einzigen Sohn der Graͤfin ſchier, von der„Wiege an, dem letzten Willen ſeines den Tag nach der Geburt deſſelben verſtorbenen Vaters ge⸗ uaa⸗t 23. in kremden Kindan umhex geſübri —— 58G 8 2usenen garR. in imnm teſtamen ei hatte, von den Grenzen Italiens zurück, um jenen nun, im funfzehnten Jahre, dort ſich ſelbdſt zu uͤberlaſſen, und hier, ſtatt des alten von der Graͤfin in Ruhe geſetzten — „will und ordne ich. daß mein einziger haute gebohr⸗ aner Sohn, Ludwig, im Fall' es ſeine körperlichen „ Umſtänd' erlauben„ ſo bald als mo lich, und zwar „hochſtens im ſiebenten Jahr’, nee der Aufſicht eie „nes klugen rechtſchaffenen Wannes, mit dreitauſend „Thalern jaͤhrlichem Gehalt, von ſeinen Guͤtern ente „fernt, und unter ganz fremden Lenten auferzogen⸗ mauchz nicht eher als nach Verfluß ſeines fuͤnfund⸗ zwanzigſten Jahres zurückgerufen werde; damit er nnicht, unter der Pflege ſeiner oft zu guten und oft „zu ſtrengen Mutter(für deren edles Herz und andre Naute Eigenſchaften ich uͤbrigens vollt Verehrung ſter⸗ „ven weder verzärtelt, noch zur Verſtellung gereitzt, „ und überhaupt hier, im Schooße ſeiner Beſitzungen „ wo ihm und ſeinem Willen alles ſchmeicheln würde, unicht an’s Herrſchen und Befehlen gewöhnt werde, „bevor er gehorchen gelernt.”* 1 Aus dem Orisinale wörtlich abge⸗ ſchrieben. der Verf. . 2— Pfarrers, eine verwilderte Heerde wieder in DOrdnung zu bringen— Ein ſeltenes Glück! den Unterricht eines ſolchen Mannes zu ge⸗ nießen, unter deſſen weiſen Lehren und klu⸗ ger Führung kein Laſter aufkommen konnt, aber jede Tugend gebeyhen mußte. Ein Glück, welches ſte der guten Graͤfin, die ihn ſogleich bei ſeiner Ankunft dazu beſtimmte, nie ge⸗ nug verdanken konnte; denn es war mehr als alles, was dieſe edle Frau bither fuͤr ſie gethan hatte.— Sie war acht Jahr alt, als ſie dieſen Lehrer erhielt, und ſchon in 4 ihrem zehnten Jahre kannte man ſie kaum mehr. Zwar war ſie immer noch das offene fräͤhliche Mäͤdchen, welches bisher dem alten Puff ſo viel Freude gemacht, und der Graͤfin und ihrer traurenden Nichte, der Generalin von. Haak, die langen traurigen Winter⸗ abende, durch ihre trolligen Einſaͤlle, ſo ſchan verkürzt hatte— denn Sebaldus pflegte die 8 natürlichen Ankagen nicht zu unterdruͤcken, uud aus dem feurigen Juͤngling einen guten moraliſchen Pinſel oder gelehrte Schlafmütze,. . — 105— ulcht aus dem warmen froͤhlichen Maͤdchen ein ſteifes ſyſtenatiſches Gaͤnschen zu machen, dem es, um von ſeiner eingebildeten Hohe deſto tiefer zu fallen, nicht am beſten Willen, nicht an den natürlichſten Schwäͤchen, ſondern nur an Gelegenheit fehlte— nein! er lei⸗ tete nur die Fähigkeiten, und bog, wie ein Luter Gartner, in Zeiten, das don Saft ſtrotzende Baͤumchen, zum beſſern und ſchoͤ⸗ nern Wachsthum— aber eine Feſtig⸗ keit hatte ſie in allen ihren Hand⸗ lungen, und uberhaupt eine Stimmung die man eigentlich nur in der großen Welt fucht, und doch dort am meiſten vermißt. Mit jedem Jahre wuchs ſte, nicht allein an Koͤrper und außertichem Reiz, ſondern auch in jeder Art Bildung und Wiſſenſchaft⸗ die das reizende Maͤdchen auch liebenswuͤr⸗ dig machen; und bey alledem— welches das groͤßte Meiſterwerk des edlen Sebaldus war— verkohr ſie doch ihre kiebenswuͤrdige Natur nicht, durch die ſie jedes Herz an 6 riß. Siß kannte jede Tugend und jedes —— — 106— —,-—ꝛ Laſter nicht bloß den Namen nach, wie ge⸗— moͤhnlich: ſie kaunte die Tugenden, nach all ihren ingern Reizen, und liebte ſie. Zur Ausuͤbung fehli⸗ ihr nur die Gelegenheit. Das Laſter kannte ſie nach all ſeinem graͤß⸗ lichen Umfang', und traurigen Folgen, un haßte es, ohne je Gelegenheit gehabt zu ha⸗ ven dieſelhen zu empfinden. Aber alle, die ſchoͤnen und ſchrecklichen Bulder, von eigner 3 Belohnung der KTugend und Beſtrafung des Laſterz, vom edeln Sebaldus auf, einen na⸗ 5 kuͤrlich guzen und durch ſeine Kunſt noch be⸗ fegligten Grund gemahlt, ſchwebten ſo lebhaft 6 vpor ihrer Feuerſeele, daß man ſich ſicher drauf 1 . wetten konnte;: ſie wuͤrde jede Gefahr aus⸗ halten. In den weihlichen Arbeiten ließ ſie die gute Graͤfin, unter ihren Augen, von ih⸗ rer Kammerfeau unterrichten; bei welcher Gelegenheit ſie denn auch, unbeſchadet ihrer liebenswürdigen Natar, die feine Bildung erhielt, modurch ſie ſich bald unter ihresglei⸗ wen, o ohne ſich zu erheben, ſo ſehr und vor⸗ helbast auszeichnete. Puff—— 0b er dli — den beſten Willen dazu hatte— konnte, bei ſei⸗ nem beſchraͤnkten Geiſte, nichts zu dieſer Bil⸗ dung hinzuthun; aber er that genug, daß er we⸗ nigſtens nichts niederriß, was jene hauten, ſorgfältig über die Ausübung aller guten 4 Lehren wachte, welche ſeine gute Pfiegetoch⸗ ter von jenen empfieng, und— ſelbſt tein . boͤſes Beiſpiel gab. Einige Warnungen, in 1* Geſchichtchen von Entfuͤhrungen und Ver⸗ fuͤhrungen junger unerfahrner Landmädchen 5 eingekleidet, nebſt andern abſchreckenden Bei⸗ ſpielen von den traurigen Folgen der Leicht; glaͤuhigkeit ſolcher Maͤdchen, die ſich durch den Beifall artiger Wuͤſtlinge der höhern Claſſe geſchmeichelt fuͤhlen, und dergleichen aͤhnlrchen Anekdoten, welche er einſt, da er mit dem verſtorbenen Grafen auf Reiſen ge⸗ weſen, in der großen Welt geſammelt⸗ hatte, 3 war alles, was er ihr zu ihrer woraliſchen Ausſtattung mitgeben konnte; aber auch die⸗ ſes wenige, da es von einem Manne kam, der ihr ganzes Vertrauen beſaß, blieb ffeſt 8 in ihrer Seele, ſo, daß es ihr auchdena an, — 108— hieng, als ſte, durch den Umgang mit des Generalin, deren ganzes Herz ſie in nen. Haͤnden hatte, mit der großen Welt eiwas vertrauter wurde. Doch, es war immer nicht nur ſehr vortheilhaft fuͤr ſie, ſondern klei⸗ dete ſie auch ſehr gut, indem es ihrer na⸗ türlichen Offenheit die angenehmſte Miſchung gab.— Ihr von Natur feſter Koͤrper wurde durch ihre ländliche, man könnte faſt ſagen wilde Lebensart, noch mehr abgehaͤrtet; denn ſchon in ihren fruͤheſten Jahren durch⸗ 5b ſtrich ſte, an der Hand ihres Pflegevaters ohne Rüͤckſicht auf Jahreszeit oder Witterung, die wilden Waͤlder, und da ſie ſogar Ge⸗ 8 ſchmack an ſeiner Beſchaͤftigung fand, ſo war es ſchon in ihrem funfzehnten Jahre keine Seltenheit mehr: ſie, mit der Flinte und Jagdtaſche auf dem Ruͤcken, allein zu 1* Buſche ſteigen zu ſehn. Trotz dem beſten Jägerburſchen ſchoß ſie ihren Haaſen, und maß und zäͤhlt ihr Holz ab, ſo daß der alte Puff, deſſen morſche Knochen freilich nicht pecht mehr fort wollten, ruhis auf Eeeinem 0 * — 109— Ohr liegen konnte, wenn er nur wußte daß Henriette ſeine Schlaͤge beſucht hatte; daher kam es denn, daß ſie ſelten einige kleine körperliche Leiden empfand, von Krankheit aber, in ihrem achtzehnten Jahre, noch gar nichts wußte. und ſo ſtand ſie denn da, in ihrer vol⸗ len Bluͤte, das ſchoͤne Jaͤgermaͤdchen— wie ſie bald allgemein genennt wurde— ſtrotzend von Geſundheit, und immer heiter wie ein Maitag. Ein Stern tritt kaum ſo ſchoͤn durch die zerriſſenen Wolken der Wetter⸗ nacht hervor, als Henriette aus ihren dun⸗ keln Waͤldern. Der Kuͤnſtler haͤtte die ſchͤn⸗ ſte Diana nach ihr formen können, wenn ſie ſich's haͤtte wollen gefallen laſſen. Ihr Wuchs glich der ſchoͤnſten Tanne des Spiel⸗ bergs; ihr Gang war leicht, wie der Gang des fluͤchtigen Reh, welches kaum die jungen Grashalme beugt, aber majeſtätiſch, wie der Gang des Edelhirſches, wenn er dem Abend⸗ roth entgegen, aus dem Dickig iennonunat. — õnN;́; o= bkaue Aederchen ſich darunter hinſchlaͤngeln fah, und darauf die reinſte Jugendblüte ſo am heitern Himmel.— Etwas von der Sonne verbrannt!“ wuͤrde das billigſte Städt⸗ maͤdch en geſagt haben, in deſſen Beitchen die liebe Sonne jeden Morgen vrrgebens ſchien, und daran häͤtr es denn auch nicht ganz un⸗ recht gehabt; denn Henrietten fand die Sonne ſelten mehr im Bette, ſondern mei⸗ ſtens im Freien, und ſte pfegt auch ihr Ge⸗ ſichtchen nicht ſo ſorgſani vor ihr zu verſtek⸗ nichts zu verlaſſen wiſſen; Gaber eben dieſes 4 lebhafte Braun ließ ihr ſo gut, daß es, wenn ſie in unſern erleuchteten Zeiten gelebt⸗ haͤtte, wo mah ſögar einer ſchwangern Frau durch den Kleiderſchniit, den dicken Bauch nach⸗ macht) weil er ihr, wie man glaubie, ſehr artig ließ, ob ſie ihn gleich ſelbſt, aus Del fein verwiſcht, wie das ſchon ſte Morgenroih ken, wie andre Muͤdchen, die fich auf weiter zenz, dadurch zu verbergen ſuchte, ganz gewiß Jachgenacry und Hut und Siuna un Neußet zatt ihre Haut, ſo daß mon ſedes .— — — — I11 Sonnenſchirm unter das alte Zeug geworfen worden waͤr. Dickes dunckelbraunes Haar Aoß in natürlichen Locken über Stirn und Nacken; und wenn ſie ſich dieſes, durch eine natürlich freie und daher unnachahmliche Biegung ihres ſchönen Halſes, aus dem Ge⸗ ſichte ſchuͤttelte, ſo war's als ſchüttelte der Loͤwe ſeine Maͤhnen. Hätie ſie ſchwarze Augen gehabt, ſo waͤr es eine fuͤrchterliche Scdoͤnheit geweſen, vor welcher alles huͤtte. zittern muͤſſen; aber ſo ſtrahlten nur unter den dicken ſchoͤn gewoͤlbten Augenbraunen zwei ſchoͤne lichtblaue Augen hervor, und da chrek⸗ ken des erſten überraſchenden Anblicks ver⸗ lohr ſich in die ſanften Empfindungen der Liebe. Die ſchwehenden elaſtiſchen Herz⸗ kirſchen laden nicht ſo den lüſternen Knaben zum Genuß ein, als ihre Lippen den Mann zum Kuß z und doch wußte ſie noch im ei⸗ gentlichen Verſtande nicht, was ein Kub ſey? verſteht ſich, ein Kuß, ſo recht aus Herzensgrunde, wie ich ihn meine, wohei ſich jeder Tioplen Blut nmwäͤtzt, ledes Nervchen zittert. Die Graͤſin zwar, und ihre liebe Generalin, und auch der alte Puff, hatten ſie gekuüßt; aber dabei war es ihr bloß ſo ein bischen warm um's Herz gewor⸗ den. Sie kuͤßte gern; nur hatte ſie noch niemanden, außer dieſen gefunden, den ſie gern haͤtte küſſen moͤgen. Sebaldus hatt' ihr Wander erzaͤhlt, was bei ſolch einem Kuſſe für Gefahr ſey, ſchier war es ihr la⸗ cherlich! und ſie hatte große Luſt, es auf dieſe Gefahr zu wagen, wenn ſich nur jemand gefunden haͤtte, bey deſſen Kuß' es ihr wahr⸗ ſcheinlich noch anders geweſen waͤr, dem Kuß der Gräͤfin, der Generalin,„ und unſchuld!— Aber, es wird ſchon hen aen kommen, wo die Pulsſchlaͤge ſchneller hüp⸗ fen, die Rerven ſich maͤchtiger ſpannen, und die lechzenden Empfindungen ſtuͤrmiſch auf Erfuͤllung dringen werden. Dann waffne dich mit Kraft, muthige Unſchuld! und laß deine ſoſtematiſche Tugend dich ſchützen, von welcher du nur einen Begriff haſt, ohne — 173— das Gegentheil anders als aus dir unmaßr ſcheinlichen Erzaͤhlungen zu ken nen. Tuͤglich blieben nun die Maͤuler, derrs die ſie ſahn, weiter offen ſtehn— taͤglich mußte der rüſtige Juͤngling, den ſie anlaͤ⸗ chelte, ſich einen Knopf mehr an der Weſte aufknoͤpfen— taͤglich runzelte der Mann, fuͤr den die Zeit der Liebe voruͤber war, tiefer die Stirn, und das Maͤdchen, gelehrt ihre Reitze ſo theuer als moͤglich zu verkaufen, bot dieſelben alle Tage wohlfeiler, um ſie, neben dieſem gefaͤhrlichen Aufſchoͤßlinge, mit Eh⸗ ren an den Mann zu bringen. Geizige Vaͤter zitterten fuͤr ihre reifenden Soͤhne; junge Weiber fuͤr ihre Maͤnner Die Vaͤ⸗ ter trafen die gemeſſenſten Anſtalten, um ihre Caſſen und Guͤter zu ſichern, und die Weiber verbannten allen Zank und Streit ſorgfaltig aus ihren Haͤuſern, um ihre noch an Freiheit und Ruhe gewoͤhnten Maͤnner daheim zu behalten.— Alle fuͤhlten es, wie ſchoͤn und gefaͤhrlich Henriette war; nur Henriette ſelbſt fuͤhlt' es nicht, und „. H konnt es immer nicht begreifen, warum die Menſchen ſie ſo begafften?— Wer am Spielberge voruͤber gieng, mußte wenigſtens an ſeinen hohen Felſenwaͤnden hinauf blicken, auch wenn weiter nichts da zu ſehn war als ſchwankende Tannen; denn die Augen wa⸗ ren einmal an dieſen Mechanismus gewoͤhnt. 4 Und wenn ein Fremder in dieſe Berg⸗ Ge⸗ gend kam, und nach ihren Seltenheiten frag⸗ uu ihm immer, als eine der vorzuͤg⸗ das ſchöne Jaͤgermaͤdchen gezeigt.„ ung er, und hatte das ganze reiche Mine⸗ rat und Pflanzenreich in ſeiner ganzen Fücle geſehn, und mit Entzücken bewundert, aber 4 8 das ſchoͤne Jäͤgermädchen: nicht; ſo rief man ihm ſpoͤttiſch nach: Du haſt. nichts. Bre fehn! 3 4 Ich habe ſie geſehn 2 Lange. zuvor ehe ich wußte daß ich einſt ihre Geſchichte ſchreiben wuͤrde. Sie war zwar nicht mehr achtzehn Jahr, und doch mußt' ich meinen Augen und meinem Herzen Gewalt anthun, als ich mich wegwen⸗ dete; denn ſie war noch immer Henkiette— Zweiter Abſchnitt. Ein ſchoͤnes Mädchen, ohne Liebe, Treibt mit Verliebten ihren Spott. „ Drum fuͤt dergleichen Narrenspoſſen,. In welchen ſich mancher ſchier ar erſchoſſen, Herre Gott! Behuͤt uns lieber Siebentes Kapitel. * Eine Narren ⸗Jagd. ein freier Platz, mit einzelnen Baͤumen und Straͤuchen; ohnweit dem Jagdhauſe des alten Puff, am Spielberge. (Ein junger Menſch, in einem elenden ab⸗ geſchabten Ueberrocke, mit abgeſchnittenen Haa⸗ ren, rundem Hute, die zerrißnen Schuh mit Bändern gebunden, ohne Halstuch— ſitzt, eine Schreibtafel vor ſich, tiefdenkend auf einem ab⸗ gehauenen Stamme. Der Kuͤſter Kilian, aus dem Dorfe Lauterbach, mit ſchneeweiß gepuder⸗ ter Perücke, ſehr feſtlich nach ſeiner Art ange⸗ zogen, kommt auf den Zehen geſchlichen, und ſieht ihm uͤber die Achſol.) 3 . — 148— D.. Menſch. Pane den Küſter zu bemer. ken, zwiſchen den Zaͤhnen brummend) Ihr Buſen— weiß wie Kreide, Ihr Haar— ſo weich wie Seide, Ihr Mund zum Kuͤſſen— ach! (nach einigem Nachdenken) Das Ach! war gut, ſehr gut!— herrlich angebracht! Es druͤckt ſo recht den wahren Drang aus, wenn man einen ſchoͤnen Mund ſieht, und ihn gern küſſen moͤchte. Meiſterlich!— Aber nun— der Reim drauf—(ännend) Bach— da komm' ich ſchon her, vom Bache— Schach — das iſt ſchon dageweſen— zach— das waͤr etwas; aber es iſk kein gufes Wort— Fach— ſapperlot!—(nach einigen N dachden⸗ ken; freudig auffahrend) Ich hab's! ich hab's 1— er ſpringt mit ausgebreiteten Armen auf: und ſchlägt zufälligerweiſe den Kaͤſter hinter die Ohren, daß der Puder aus der Perücke weit um⸗ her ſtiebt) Alia n.(mit einem Beuen zurüͤck⸗ a O!— Man nehme ſich doch in acht!— . Menſch.(lachend) Habeas tibi! — du geiſtliches Rindvieh!— Wer heißt Dic die Leute behorche n? Kilian.(indem er ſeine Peruͤcke wieder zurechte ruckt, und den Puder vom Kleide wiſcht) Total ruinirt!— Aber, was treiben Sie denn eigentlich da?— puleiſſime rerum! daß Sie weder hoͤren noch ſehn? 2 D. j. Menſch.(in einer theatraliſchen Stellung, die Hand an die Stirn gelegt) Ich dichte.. Kilian. Ein ſchoͤnes Talent! Aber⸗ wie es ſchien, ſo wollt' Ihnen die heilige vena poetica nicht recht fließen? D. j. Menſch. Fließen?— O! ſie braußt wie ein Strom. Aber— wenn ich's über Deinem geiſtlichen Mehlſtaube, der mir in die Naſe gefahren iſt, daß ich den Schnupfen kriege, vergeſſen habe, was mir eben einſiel— wenn ich's vergeſſen habe! — den Hals dreh' ich Dir wenigſtens auf den Ruͤcken!—(ſinnend) Aha es kommt! es kommt!—(ſinnend) Richtig!— zu Deinem— * 8 Gluck!— Cer ſetzt a wieder in ſeine vorige Sri. lung; ſchreibt, und ſpricht:) O! g3b, in ihrem warmen Herzen, Sie mir und meiner Liebe Schmerzen, Wie dem geſcheuchten Käutzlein, Dach und Fach. Kilian.(in dis Haͤnde ſchlagend) Ei! ja was ganz erſtaunliches!— e. wie im Geſangbuche. d. j. Menſch.(äußerſt zufrieden) Nicht wahr? Iſt es nicht zum Erſtaunen ſchoͤn? — Nicht fürttefflich? †. Kilian. Je, nun ja!—(den Finget an die Naſe gelegt) Ahber, ich ſoltte meinen, etwas ſchleppend. D. junge Menſch.(auffahrend) Das waͤr der Teufel!— Herr! und das ſchoͤne Glriche 3 niß er vergehts nicht! 3 Kilian. YVon der Poeſie verſteh' ich freilich nichts; aber nach der Redekunſt, wel⸗ che eigentlich mein Fach iſt, iſt dieſes Gleich⸗ niß nicht paſſend.—(ihn am Knopfloche faſſend, und demonſtrirend) Es liegt am terrio com· — . — 12— parationis! denn— ſehn Sie nur— Sie und das Käͤutzlein— dagegen haͤtt ich nichts; aber— das Herz— ich weiß zwar nicht⸗ wovon eigentlich die Rede iſt; aber kein Herz in der Welt hat wohl jemals einem geſcheuchten Kaͤutzlein Dach und Fach gege⸗ ben, fondern etwa ein Holer Baum, und dergleichen. In ungebundener Rede wuüͤrde es alſo lauten;(vathetiſch) O! gab ſie mir und meinen Schmerzen in ihrem Herzen Dach und Fach; ſo wie dem geſcheuchten Kaͤutzlein, ein alter holer Baum, und dergl. Dach und Fach giebt. Alſo— bedenken Sie nur ein⸗ mal— welche E Entgegenſtellung!(mir komiſcher Pantomime) Ein Herz, und— ein alter haler Baum! D. j. Menſch.(beeroffen) Hum— Es kann einem dann und wann was entwi⸗ ſchen, im heiligen Feuer—(nachdenkend) Hum;— ja!— da iſt zu helfen—(zufrieden auffahrend) Est— est est Deus in nobis!— (dußerſt zufeieden) Noch ſchöͤner!— Unnach⸗ ahmlich ſchoͤn!—(ihm die Hand ſuͤttelnd) Ein (ſetzt ſich, ſtrei r aus, und ſchreiht haͤlt aber beide Hande, zur Verwahrung. ſeiner Perücke in Beretkſchaft) Wie denn ſ— Laſſen Sie doch hoͤren! 4 Dj. Menſch. Da ſaht man, was ein divinum ingenium iſt.—(er ſchläͤgt ſeine Schreiberafel zu, ſteckt ſie ein und ſteht mit inni⸗ ger Selbſtzufriedenheit auf) Das Bild erreicht ſein non plus ultra, ſobald ich ſage, ſtatt Kau hlein—(in einem cmelzenden Sone) Taͤublein! 1 15 Kilian⸗ Hum! unar vleibt doch jmmer wieder die groteske Entgegenſtellung: Heri vnd Taubenſchlag! e „Schlagt den Hund todt! Es ein Re zenſentr 4, n rief ein vierſchroͤtiger wohl⸗ genaͤhrter Menſch, und ſchlug das verlegne divinum ingenium ſo krafivoll auf die Achſel, vas es haͤtte, gleich einer ausgedorrten alten Weide, zuſammenſtuͤrzen moͤgen. Es war der handfeſte Romanſchreiber, Friedrich Stoppel⸗ Kilnan.(ſieht ihm wieder dber die Achſel, ——y— —— feld, der ſich jetzt in dieſer Gegend herum⸗ trieb.— In Meußels gelehrtem Deutſchland ſteht ſein Name freilich nicht; deſto bekann⸗ ter aber war er in allen Dorfſchenken— Sehnlich warf das geaͤngſtigte Genie ſich ihn in den Arm, als wollt' es, fuͤr den Demuͤthi⸗ gungen eines Dorf⸗Küſters, in dieſem Ha⸗ fen Schutz ſuchen.—„Du biſt außer Dir; armes Luder! fuhr er, in Fleiſcherknechtstone fort. Wer heißt Dich aber auch Deine Perlen vor ſolch eine profane Sau werfen? Hoͤltelement! wenn erſt die Dorfſchulmeiſter anfangen, uns zu rezenſiren— gute Nacht dann, Geſchmack!“ D. j. Menſch. Aber, um's Himmels⸗ willen, Herr Bruder! wo kommſt denn du ſo unvermuthet her? Stoppelfeld. Geradewegs aus Remt⸗ — In den Feuerſtroͤmen des Veſuv bin ich — *) Eine verdammte Luͤgen! Er hatte, in ei⸗ ner Grenzſiadt Deutſchlands, auf Schulden feſt geſeſſen.““ einher gewadet, wie ein Gott auf Sonnen⸗ bahnen, hab' im Herkulanum mit der grauen * Vorzeit gefruͤhſtuͤckt, und an der ewigen Lampe der ſanta caſa mir eine Pfeife Ta⸗ back angezündet. D. j. Menſch.(in Erſtaunen) Ei!— und, iſt auch Dein Genie, unter jenem fruchtbaren Himmelsſtriche, ſtuchrhar gewe⸗ ſen. Stoppelfeld. Das verſteht ſich!— Mein Nero iſt unter der Preſſe—(ihn un⸗ ſanſt auf die Achſel ſchlagend) Menſch! Du mußt verzweifeln, wenn Du ihn lieſt.— Das Blut ſieht man ordentlich fließen, und Rom bren⸗ nen.— Unſern zaͤrtlichen Damen erſpart er gewiß einen Frohndienſt, und ein Digeſtiy⸗ Pulver.— Aber jetzt— ha! jetzt hab' ich Dir einen Roman auf dem Korne, der gewiß alles übertrifft, was, ſeit es Gaͤnſekiele giebt, geſchrieben worden. Ich ſuche nur erſt die Heldin dazu. Kilian. Cfuͤr ſich) Aha!-— und daher ſicher auch den ſeine Verſe, mit deM Ha 8 — 125— zen und dem Taubenſchlage— ſieh, ſieh! kommt mir's da raus? Eil das waͤr auch ein Futter fuͤr euch gelehrte Windbeutel!+ Aber(in ſuͤger Selbſtzufeiedenheit) gefaͤhrlich ſeid ihr mir nicht! denn der alte Drache, der dieſen Schatz bewacht, Herr Puff, iſt gar ein kluger Mann; ein Mann, der nur ſolide Verdienſte ſchätzt.— Clant; ſehr höſlich) Darf man wohl fragen mein wertheſter Herr! wer denn eigentlich dieſe gluͤckliche von Ihnen geſuchte Heldin ſey? Stoppelfeld.(grob) Stand Dir nicht das Maul offen?— So mach's in Gottes⸗ namen wieder zu!—(zum Dichter) Armer Bruder! Du ſiehſt ja ſo verhungert aus, wie die theure Zeit; geh hinunter, in den Gaſthof, und laß Dir ein Paar Eier auf Butter ſchlagen. Ich will's bezahlen! . D. j. Menſch.(in Verlegenheit) Ich danke indeß!— aber— es hat Zeit, bis wir zuſammen hinunter kommen; denn— wer miit auch ob ſie mir trauten. Stoppelfeld. Du darfſt nur meinen Namen nennen, ſo ſteht Dir Küche und Keller offen.— Unter uns geſagt: die Gel⸗ der ſind mir auch ein bischen ausgegangen; aber—(zuſrieden lächelnd) die feurige Frau Wirthin iſt dermalen der wohlthaͤtige Somänm) aus dem ich meine Vivers druͤcke 3 4 2 Kitian. 36: der ſch ind, umgeſehn, und nicht darouf zu hoͤken geſchienen) Ei, eil— Frau Ge⸗ varter! Das muß man gelegentlich dem Herrn Gevatter ſtecken.— Clant) Ein präͤch⸗ tiger Täg! O, meine Herrn, was muß es jetzt dort oben hinter jenem Berge fuͤr eine goͤttliche Ausſicht gehen, wo man die beiden Thaͤler mit ihren wallenden Siroͤmen uͤber⸗ ſehn kann.= Herr Stoppelfeld! das wär ſo was für Sie;»indeß der Herr da zu Tiſche geht.— Sh war vorhin Fiut dem Wegenn 1d22Ä:. 4. 2* Soppelfeld. Susgehkeee Beht Ich bin auf dem St. Gothart geweſen.— (zum Dichter) Und du— zu Tiſche!(dringend Es wird mir orbentlich Angſt, wenn ich Dich — 1227— ſo da lehnen ſeh; denn ich denk' immer: jetzt— jetzt ſtürzt er dir verhungert zu Fu⸗ ßen! und das koͤnnt' ich doch vor Gott und der nganzen Welt nicht verantworten.— (unmer deingender) Geh! Bruder; geh! Laß Dir eine Weinſuppe kochen— eine Kaͤl⸗ berkeute braten—— Ich will alles bezahlen D. j. Menſch. So ſchlimm iſts noch nicht!—(ſech nach dem Waldo u uſehend) Ich dachte nur— Cmit einem fuͤchtigen Seitenblick auf den verſtohlen horchenden Koͤſter) Der infame Kerbl—„(heinlich) 3h hab' auch ſo eine Spk⸗ kulation!unn „Stoppelfeld.(lachend) Du?— des Menſchenelends, und alter Lebensplage na⸗ tuͤrlichſtes Konterfei— Du? 1 4 je Mieneſich. Gmit einem erbärmlichem Geſichte voll ſeltſamer Zuckungen; in einem Armens ſundektone) Ich liebe! in „Stoppelfeld. So erbarme ſich Gott Deiner für die Menſchen biſt Du ver⸗ lohren.—(zum Kilian) Aber, was ſteht denn Er da, und ſperri Maul und Ohren auf!. — Gleich ſcher' er ſich ſeines Wegs(mit dem Stocke ſigurirend) oder— verſteht Er mich? Kilian. Vollkommen! Aber, wenn Sie es erlauben, mein wertheſter Herr! dieſer Grund und Boden gehoͤrt erb'⸗ und eigenthuͤmlich meiner gnaͤdigſten Frau Kir⸗ chen⸗Patronin; alſo hab ich, als Hochdero⸗ ſelben berufener und verordneter cuſtos templi, doch allemal mehr Fug und Recht darauf zu ſtehn, zu gehn, zu liegen, und uͤberhaungt mein Weſen zu treiben, als ſo ein Paar— Gelehrte; werd' alſo mit guͤ⸗ tigſter Erlaubniß! hier bleiben, mir gefällig iſt; verbitte mir alle Anzuglich⸗ keiten und dergleichen, widrigenfalls ich mich genoͤthigt ſehn moͤgte nobile judicis offcium decenter zu mpioriren— verſtehen Sie mich? S toppeſferd. Vollkommen! mein wertheſter Herr Kultus— wollt ich ſagen cuſtos templi Kilian. Chöͤſlich mit dem Finger drohend) Ich bitte: verſorechen Sie ſich nicht noch ein: mal!— Amt und Würde leiden darunter und dieſen darf ich, auch wenn ich Hplte⸗ nichts vergeben. 8 Stoppelfeld. Hat nichts zu ſagen⸗ wir ſind nur wett! denn Sein Gelehrte vorhin war auch nur ſo herausgedruͤckt, weil Er juſt kein ander Wort wußt', und das, welches er auf der Zunge hatte(einen Kno⸗ tenſtock ſchottelnd) aus Reſpekt vor dieſem, nicht auszuſprechen wagte.—(zuſammenfahrend) Alle Wetter! Alle ſahn ſich um, und fuhren, mit ver⸗ ſchiedenen Ausrufungen und Geſtikulationen, unter einander; denn eben trat, nicht weit von ihnen, mit ihrem Flintchen auf dem Ruͤcken, das Tigermaͤdehxn aus dem Gebü⸗ ſche.— Kilian.(ſich raͤuspernd, und ihr entge⸗ „gengehend; hölich zu den andern) Ich empſehle mich Ihnen! Stoppelfeld.(mit dem Fuße ſtampfend,— J * — 130— zwiſchen den Zähnen) Je, ſo bleib, in's Tau felsnamen, bleib! Kilian.(wie zuvor) Bitt' um Berge⸗ bung, mein hochgeehrteſter Herr! Jetzt iſt mür's gefäͤllig zu gehn. Er gieng ihr wuͤrklich entgegen, bot ihr, unter exemplariſchen Kratzfuͤßen, ſeinen ſchoͤ⸗ nen guten Abend, und kam bald drauf— da ſie ſich keinen andern Weg von ihm füh⸗ ren laſſen zu wollen ſchien— mit ihr in Ge⸗ ſprͤch, zu der Geſellſchaft zuruͤck. Hennriette.(indem ſie ſich Sahan Wer ſind denn dieſe Herrn? 4 Kilian. Hum!—(mit einem verzerrten Geſiche und verächtlichem Seitenblick) Ein Paar ſogenannte Gelehrte!—(ſpottiſch) Der eine „ein Dichter— der andere ein— wie man ſagt— Romanſchreiber! Hennriette.(zufrieden) Das enn ja herrlich!— Ich habe beides gern, und mir immer gewünſcht, ſolche Leute kennen zu lernen. 3.— n Kilian. Hum!— ja!—(den Kopf — 131— ſchuͤttelnd, und mit Bedeutung ſich raͤuspernd) Hem! wonach ſie ſind!— An Henriette. Das verſteht ſich!— (mit der ihr eigenen Anmuth und Freimüthigkeit, zu den beiden) Guten Abend, meine Herrn!— (indem ſie den Hut abn immt, und ſich die dicken braunen Locken aus dem Geſichte ſchuͤttelt) Es freut mich, Sie kennen zu lernen. Stoppelfeld.(ungeſchliffen artig),, Mich auch, Mamſell!— Hol mich der Teufel! mich auch.. D. j. Menſch.(in Extaſe; mit rollenden Augen und ſichtbaren Verzuckungen in ſeinen Ge⸗ ſichtszugen; ſchwach und taumelnd) O!— O!!— Das iſt mehr, als eine ſo ſchwache Leibes⸗ konſtitution, wie die meinige, aushalten kann! Henriette. Was Henker?— Wel⸗ cher iſt denn das? der Romanſchreiber? oder der Dichter? . Stoppelfeld.(mit einem mitleidigen Loͤcheln) Der Dichter!— Nein, ich habe, Gott ſey Dank! Nerven wie ein Pferd: J 2 — 132— und die braucht unſereins auch, da man ſich Jahr aus Jahr ein, mit Mord und Kodt⸗ ſchlag, und allen fuͤßen und ſchrecklichen Ge⸗ fuͤhlen der Menſchheit herumzubalgen hat. Henriette.(mitleidig; ohne wie es ſcheint, auf den pferdenervigen Romanſchreiber gehört zu ha⸗ ben, mit ihrem Blick' auf den armen Dichter gehef 5 Was iſt ihm denn? Kilian.(mit einem ſpoͤttiſchen Laͤcheln) Hum!— Er macht ohne Zweifel ſchon Verſe. 1n Ktn Henriette.(wie zuvor) Der arme Menſch!— Greift's ihn denn allemal ſo an, wenn er Verſe macht? Stoppelfeld. O, nein!—— Ohne Zweifel aber iſt jetzt was anders dazu ge⸗ ſchlagen. 4. Henriette.(erſchrocken) Herr Gott! —(angſtlich) doch nicht wa gar ein Schlag⸗ fluß? 4 Stoppelfeld, 36 wils nicht hof⸗ fen!(ihn unſanft rüttelnd) Heh, Bruder!— — 133— Beſinne Dich! und geh; daß Duwas Warmes in den Magen kriegſt. 4 D. j. Menſch.(auffahrend) Ich ſollte gehen?— ich— Nein! und ſollten die Fugen aller meiner Theile nachlaſſen, und ich? vor Ihren Augen, in mein voriges Nichts verwandelt werden— ich muß ſie ſehn!—(die Augen weit aufreiſſend, und ſie hirnlos anſtierend) Ich muß! Ich muß! Henriette.(lachend) Je nun, närri⸗ ſcher Teufel! wer wird Dir's denn wehren?— (ſich mit natuͤrlicher Grazie vor ihn bin ſtellend) Da bin 6 4 . Menſch.(mit ſchweren Athemzuͤgen) Gane— Göoͤtter!— Welch ein Auge! Welch eine Stimme!— Welch ein Wuchs! — O! Wo hat die alte Welt noch dieſe Jugendkraft hergenommen— ſolch ein Mei⸗ ſterſtuͤck hervorzubringen? Henriette égegen den Kilian; mit dem Finger mitteidig laͤchend auf ihre Stirn deu⸗ tend) Es ſpuͤckt! Sioppelfeld. 9, nein! Es 1n dieſen Menſchen ihre Art ſo.— Sie ſehen alles doppelt!— Haben ſeltſame Traͤume!— be⸗ ſonders wenn ſie mit leetem Magen.— welches meiſtentheils der Fall un ant heim Entzuͤckungen laboriren. iont Luen riette. Zuthersis) Dieic aenen Mn ſaani, 1 Sto ppelfeld. Aber vhiet C(an ſein Herz nglogend) hier iſt warmes, tiefes, volles, ge⸗ ſundes Gefühl!—„Hier wallt und kocht's, wie in den großen Schlagadern der Natur— (glähend) O, Maͤdchen! Maͤdchen! und wenn ich mich mittheile—(will ſie immer mit ſeinen Uorvigen Armen umſchlingen; aber Ki⸗ liam dreht ſich allezeit ſo, daß er dazwiſchen iſt) —da rauſcht die Welt unter mir hin, und äber mir kniſtert der Himmel! 14G Henriette. Sachte!— ſachte!— Drei Schritte vom Leibe, wenn ich bitten darf— Ich hab's lieber, wenn die Men⸗ ſchen mit den Maͤulern ſprechen, als mit den Haͤnden.— Erzaͤhten Sie mir lieber ein bis⸗ chen, was Sie geſchrieben haben; daß ich mich freue, wenn ich's geleſen hab', oder noch leſe, den Verfaſſer zu kennen. Stoppelfeld.(etwas verlegen) dum! — ja!— Mein Nero— mein Hunnen⸗ Koͤnig Attila— meine Bartholomaͤus⸗Nacht — mein Trauerſpiel, Mord uͤber Mord, in welchem alle ſechsunddreiſig ſpielende Per⸗ ſonen an Gift und Dolch ſterben, der Lam⸗ pen⸗ Putzer ſich mit der Lichtſchere zuletzt erſticht, und den Souffleur der herunterfal⸗ lende Vorhang todt ſchläͤgt, iſt all nichts! Henriette. Sonderbar!—. Und wo⸗ für ſchreiben Sie es denn, wenn es all nichts its 19 Stoppelfeld. Ei, ich meine, nur für Sie nichts, mein ſchoͤnes Kind! uͤbri⸗ gens giebt es wuͤrklich Menſchen, denen man nichts blutig und graunvoll genug machen kann, und es halt außerſt ſchwer, ſich eines ſolchen Publikums ſo zu verſichern, wie es⸗ ohne Ruhm zu melden, mir geglüͤckt iſt. Henriette. Darunter bin ich nicht! denn ich ſehe die Menſchen lieber ſich freuen 28. als leiden, lieber lachen als weinen, lieber leben als ſterben. Stoppelfeld. Eben darum! Aber jetzt—(in wildem Entzuͤcken) jetzt hab ich ei⸗ nen Roman auf dem Rohre, goͤttliches Maͤd⸗ chen!— einen Roman, wie noch keiner exiſtirt— ſo recht ſchoͤn und ſtark und ge⸗ fuͤhlvoll, worinnen Weinen und Lachen, wie Ebb' und Fluth abwechſelt. Es fehlt mir nicht das geringſte mehr dazu, als nur das Sujet, die Heldin;(wuͤthend auf ſie eindringend) 9 goͤttliches, goͤttliches, goͤttliches Mäͤd⸗ chen! und das—(mit einem Sprung' auf ſie ¹¹) ſolen Sie ſeyn!. uſer will ſie umarmen; aber Kilian tritt ſchnell dazwiſchen, und wird alſo pferdemäͤßig von ihm en empraſſirt, daß ihm die Perücke vom Kopfe 1a liegt) Kilan.(mit einem rauten Schrei) Hülfe! Huͤlfe! Der Herr iſt naͤrrſch! Stoppelfeld. An jetzt erſt ſeinen Irr⸗ thum gewahr zu werden ſcheint) Was Keufel! Quid pro quo Nubem Pro Junons! 2* — (ſchleudert ihn auf die Seite) Wer heißt Dich auch dem Strome meiner Empfindungen Dich in den Weg ſtellen? 3 Henriette. Claut lachend) Eine goͤtt⸗ liche Scene, in Ihrem Ebb' und Fluth⸗Ro⸗ man!(klatſcht in die Haͤnde) Kili an.(indem er ſeine Perüucke wieder aufſturzt) Danken ſie Gott, Mamſel! daß ich dazwiſchen kam. Es haͤtte Sie, ſo wahr ich bin! das Leben koſten koͤnnen. Stoppelfeld.(m ſeinem vorigen ſchwaͤr⸗ meriſchen Tone fortfahrend) Dieſe liebe wilde Natur— dieſes junoniſche Weſen, ſo gluͤck⸗ lich gemiſcht mit dem hoͤchſten Zauber der Liebesgoͤttin— O! du Engel des Him⸗ mels!(mit einem maͤchtigen Satze, wieder auf Henrietten zu) So wahr Gott lebt!— Du mußt— Du mußt, meine Heldin we⸗⸗⸗⸗ Gotts Sapperment!— Au!— Schindluder!. So ſchrie dieſes Kraft⸗Genie, auf die unangenehmſte Art von der Welt im fuͤßeſten Strome ſeiner pferdemaͤſigen Empfindungen unterbrochen; denn, als er jetzt, von dem mit Reperatur ſeiner Peruͤcke beſchaͤftigten Kilian ungeſtoͤrt, auf Henrietten hinein ſprang, hatt' ihn ein großer rother Schweiß⸗ hund(der getreue Waldmann des alten Puff) ſo wacker beim Kragen, das er ſchier das Gleichgewicht verlohren hätt', und über'n Haufen geſtuͤrzt waͤr, und—„Heheh! Heheh!“ rief hinter ihnen der Alte ſelbſt, der eben aus dem Walde heraus trat. Ein verdammter Streich!— Alle waren in Ver⸗ legenheit, und waͤren herzlich gern in die Maäͤuſelocher gekrochen; denn ſie wußten, daß mit dem alten Brummbaͤr nicht viel zu ſpaßen war; Henriette allein huͤpfte ihm fteundlich entgegen, denn ſie hatte ja nichts Boͤſes gethan. Ausreiſſen, oder nur ſo ſachte ihrer Wege gehn, konnten indeß die Herrn nicht, da er ihn ſchon zu nahe war, ſonſt häͤtten ſie ſich noch herdaͤchtiger gemacht; aiſo mußten ſie es abarten: ob er heran kommen, oder vorübergehn würde, welches kehtere ihnen, unter dieſen Umſtnden(ob 7 — 139— ſte gleich auch um Henrietten kamen) un⸗ gleich lieber geweſen waͤr⸗ Aber— er kam wuͤrklich, an Henriettens Hand, und an ſei⸗ nem Kuotenſtocke, muͤrriſch herangewackelt. „Hum! Hum! brummt' er, als ſie näher kamen; Henriette! Du biſt ja in aller⸗ liebſter Geſellſchaft.“ 1 Henriette.(unſchuldig) Ich kenne ſie nicht, Vaͤterchen!— Der eine da macht einen Vers auf mich; aber es greift den armen Menſchen ſchrecklich an; ſehn Sie nur, wie er ſo truͤbſelig ausſteht! Und der andere(frohlich) ſchreibt gar einen Roman von mir! Puff.(mit einem mrriſchen Seitenblicke Narrenspoſſen!(zum Kilian) Und Er auch da, Herr Kidſter!(den Kopf ſcuͤttelnd) Ich daͤcht Er ſchaͤmte Sich, vor Seinem Rocke we⸗ nigſtens. 9. Kilian.(i Vertsgenheit) Ich— ich ſpazierte da ein wenig herum; denn unſereins kommt ohnehin wenig aus dem Joch', und in die freie Luft= da— da—(ſur ſh) Aber— ich thue am beſten, ich mache mich ex pulvere, ehe der alte Drache noch der⸗ ber ausfällt. Es iſt nur um des Reſpekts willen.— C(laut) Gute Nacht, Herr Puff! Gute Nacht, Mamſell Henrietchen!— Meine Herrn! Ich empfehle mich!(ab) Puff.(ihm nachrufend) Eine gute Nacht, an Seinen Herrn Paſtor! Killian.(ſich noch einmal umſehend) Dan⸗ ke ſchoͤnſtens; werd's ausrichten! Puff. Eine verdammte Lüge! Wart' aber! ich werde mich danach erkundigen, und ihm ſagen, bey welcher Gelegenheit ich's be⸗ ſtellte.(zu den andern) Und wer ſind denn wir eigentlich? wenn man fragen darf. Stoppelfeld.(artig) Zu dienen, mein lieber Herr Foͤrſter!— Ein paar reiſende Gelehrte.. 14 8 Puff. Hum! Hum!(ſpöttelnd) Reiſ⸗ ſende Tiger und Woͤlfe kenn⸗ ich wohl; aber die Gelehrten, dächt ich, gehörten auf ihre Stuben.. e 1 Stoppelfeld. Bitt⸗ um Vergebung? —. — Ein Gelehrter, der die Welt nicht ge⸗ ſehn hat, iſt immer nur halb, was er ſeyn ſoll. Puff. Hum! das verſteht unſereins freilich nicht. Und auf was haben Sie denn ſtudirt?— Auf theologiſch? juriſtiſch? oder— Stoppelfeld.(ihn unterbrechend) Un⸗ ſer Fach, mein lieber Herr Foͤrſter! ſind die ſchoͤnen Wiſſenſchaften. pPuff. Aha! das Neue.— So, ſo Nun merk' ich's, warum die Herrn auf Reiſen ſind.— Die ſchoͤnen Wiſſenſchaften— Stoppelfeld.(ihn wieder unterbrechend) Sind das einzige Feld, auf welchem man jetzt noch fuͤglich was bauen kann. Puff. Aber auch füglich verhungern! — Jal(nachſinnend) Da waren auch ein Paar —(ſie genauer betrachtend, und dann lebhaft zu dem Dichter) Ei, ſieh da! ſieh da! Das iſt ja wirklich das ſaubere Früchtchen der ehrlichen Mutter Durſten, unten in Laͤm⸗ mersfeld; von dem ich eben ſagen Kdal⸗ Durſt.(wie aus eitein Traume erwachend) Meine. gute Mutter?— Es geht ihr ddch noch fein wohl? Puff. Cergrimmt) Hoͤre, Zeißig! Haͤtteſt Du dreſchen gelernt, ſo muͤßte Deine arme Mutter nicht in ihren alten Tagen hakken! Durſt. O, weh!— Wenn ich nur einen Verleger zu meinen Gedichten finden koͤnnte—(ſeußend) Ich wollte warlich den Bogen um einen Laubthaler geden, und mit ihr theilen. Puff. Ihre Kummernzähte wären den⸗ noch noch lange nicht bezahlt!(den Stop⸗ Gott lebt! er iſt's auch.(giftig) Das ver⸗ zogne Mutterſoͤhnchen, aus Scheldingen, um welches der wackre Amtsverwalter Stop⸗ pelfeld— ach, der arme Vater!— Gott vergeb⸗ ihm die Suͤnde! an ſeinem Lan⸗ desherrn zum Hundsfott werden mußr, und, Vean üüber dieſe Sdana pelfeld ſcharf ins Auge faſſend) Ja, ſo wahr — — 143— Stoppelfeld.(kalt) Mein Vater war ein ſchwacher Mann, der ſich nicht zu helfen wußt. Ich koſtet' ihm freilich viel Geld; aber— dafur nennt man auch jetzt meinen Namen in allen ſliegenden Blaͤt⸗ tern mit Hochachtung. Puff. Steckbriefe ſind wohl auch flie⸗ gende Blaͤtter? Oder meint Ihr, man kennt Euch Zeißige nicht, ob Ihr Euch gleich, ich glaube ſchier ſeit zehn Jahren, nicht auf vaterländiſchen Grund und Boden gewagt habt?(giftig) Pfui Teufel! So umher zu ziehn, wie die Zahnaͤrzt', und alle Dorf⸗ ſchenken in Contribution zu ſetzen. Stoppelfeld. Es iſt ein Unterſchied— (beleidigt) mein lieber Hans Puff! Freilich giengen wir beide auf einem Wege aus auf dem Wege der ſchoͤnen Wiſſenſchaften; aber—-(ſich, mit inniger Selbſtzufrtedenbeit, auf Unkoſten ſeines Freundes, frech erhebend) auf ganz verſchiedenen Wegen werden wir einſt zum Tempel der Unſterblichkeit und un⸗ ſrer Beſtimmung zuruͤckkehren. — 144— Puff. Das ſoll ein Wort ſeyn!— (zieht ſeine Schreibtafel heraus, und ſchreibt) Der da—(den Dichter meinend) iſt verkuͤmmert an Leib und Seele; muß alſo lediglich der Barm⸗ herzigkeit Gottes und mitleidiger Menſchen üͤberlaſſen werden; aber Du—(zum Stop⸗ pelfeld) ein knochiger Burſche!— Ja, ja! Dir kann noch geholfen werden.—(ſteckt ſeine Schreidtafel ein, und greift an den Hut) Adjes! Und daß Ihr's Euch nicht unterſteht, mir noch einmal hier herum zu ſtankern, Ihr Herrn!— denn eure Pfiffe hab' ich lange weg— ſonſt werd' ich meinen Saubellern eine Narren⸗Hatz geben, womit dieſer(ſeinen Waldmann klopfend) ſchier heute ſchon einen geſegneten Anfang gemacht haͤtte; verſteht Ihr mich?— Siie verſtanden ihn vollkommen, und giengen— was man ſagt, wie die begoſſenen Pudel, ihre Straße. Puff gieng auch; und Henriette, die bey dieſer letzten Scene eine traurige ſtumme Rolle geſpielt hatte, ſchweigend und gedan⸗ A — 145— kenvoll neben ihm her; aber ſein Waldmann wollte ſchlechterdings nicht von der Stelle, ſondern knurrt' immer noch um einen Buſch herum.—„Was Henker ſteckt denn da noch?“— fragte Puff, und kehrte noch ein⸗ mal zurüͤck.— Waldmann balgte ſich mit einem Scheer⸗Beutel herum, und als er naͤher kam, rappelte der Bader Kolbe ſich aus dem Buſch' auf.—„Ich, ich wollte Sie geſchwind noch raſſtren, mein lieber Herr Puff! ſagte er ſtotternd; und da— da— da kroch ich hier herein, und— und— wollt' ein bischen wa— warten. Guten Abend!“— Puff.(greift ſich an den Bart) Hum! was haben wir denn heute? Wie bin ich denn? Kolbe. Freitag haben wir; menn Sis es gütigſt erlauben, mein wertheſter Herr Puff!— Indeß— 8 Puff. Alſo!(drohend) Hoͤre Dogel! mach mir keine Maͤuſe; ſonſt ſoll Dir auch der Donner auf den Kopf fahren. Indek. K— — 146— Waldmann! gieb ihm ſeinen Scheer⸗Sack wieder.(nimmt dem Hunde den Scheer, Beutel, ab, und giebt ihn dem Bader) Sonnabend abends, oder Sonntags fruͤh! Kolbe. Danke!— Sehr wohl!— Ich dachte nur heute— mein lieber Herr. Puff! ja— denn wie Sie wohl denken nein, mein Seele! da thun ſie mir un⸗ recht.(lachend) Aber, nicht wahr, Mamſell⸗ chen! das waren rechte ſchmucke Herrn? nicht wahr? . Hen riette. Sie machten mit wüͤrk⸗ lich anfangs Spaß. 4 3 Puff. Wie gewoͤhnlich dergleichen Men⸗ ſchen— Aber es nimmt ein Ende mit Schrecken. Kolbe. Leute, die die Welt geſehn hatten— allerliebſte Leute!—- Hihi!— Der eine mit ſeinen Verſen vom Kaͤutzlein und dem Tauben⸗Schlag', und der andere mit ſeinem großen Nero. 95 Puff. Was iſt denn das für ein dioae der große Nero? — 147— Kolbe. Hu! das mar ein bitterboöͤſer römiſcher Kaiſer, der Chriſtenblut vergoß wie Waſſer.(wichtig) Und von dem hatte der eine dieſer Herrn ein Buch geſchrieben! Puff. Hum! Was die Menſchen nicht noch alles ſchreiben werden! Ein Buch von einem ſo abſcheulichen Kerl? und-· von einem neuen Geſangbuch' hoͤrt und ſieht man nichts! 1 Kolbe.(zuckt die Achſel) Jal— Die Zeiten ſind verderbt! Das Schlechteſte wird am beſten bezahlt, und das Beſte am ſchlech⸗ teſten; alſo— wird nun geſchrieben. was am meiſten lohnt; denn das ganze Fach der Wiſ⸗ ſenſchafren iſt jetzt leider— Herr Foͤrſter das koͤnnen Sie glauben— eine bloße Fmant⸗ Spekulation geworden. 3 Puf f.(lachend) Schade, daß meine Alte nicht ſtudirt hat! Die wuͤrde was hönes zuſammenkratzen! Kolbe. Ja, W iſt nahrs Sie hat viel Induͤſtrie! 14 Puff Das weiß Gott!— Sie wird 8 2 2 — 148— ſchon knurren daheim, daß eine Kohle mehr an unſrer Suppe verdampft, indeß wir da plaudern.— Auf den Sonntag fruͤh, oder morgen abends alſo, mein lieber Kolbe! Und das zwar auf meiner Stube, nicht hier im Buſche! Verſteht Er mich wohl? Kolbe. Vollkommen! O, vollkom⸗ muen!—(artig) Mein liebwertheſter Herr Foͤrſter!— Mademoiſelle!— Dero getreu⸗ ſter Kolbe wuͤnſcht angenehme Ruh.—(mit Srabfäen. ab. 4 88 Ppuff. Ein Narr!— Aber doch ein guter ehrlicher Narr'.—(hitzig) Jenes Ge⸗ ſchmeiß aber, Henriette! ſchaff Dir vom Halſe! das bitt' ich mir aus! ſonſt ſchaff ich ſie fort; und da weißt Du, laͤuft's vielleicht auf einen Spektakel hinaus, wenn ſie mir mal zur un ecdten Stund' in den Wur kommen.. Henrie te 2an deufan— 36 will ſie ſchon ein andermal abführen; wenn⸗ ſie wiederkommen ſollten. — 149— Puff. Der eine— daß dich, hab' ich's doch vergeſſen!—(dem Kolds nachrufend)„Hök“ Er mal, Kolbe! wenn Er morgen früh nuͤber nach Wuſtingen geht, ſo ſag' Er doch mal dem Werber: er moͤgt' auf den Sanmag ein biſſel bey mir einſprechen. Kolbe.(aus der Ferne) mit vielem Vergnuͤgen! Herr Foͤrſter; mit vielem Ver⸗ gnuͤgen!. 8 Puff.(ausſpuckend) Die Fetzen!— Sie ſind nicht ſo viel werth, als man ſich uͤber ſie aͤrgert. Pfui! Henriette.(naio) Je, Vaͤterchen! wer heißt's Ihm denn, daß Er ſich aͤrgert? Mir macht ſo was ordentlich Spaß!(ernſt) Er wird doch wohl nicht was anders glau⸗ ben? Puff. Nein! Aber, an kleinen Riem⸗ chen lernen die Hunde Leder kauen(mit Nach⸗ druck) und an ſolchen Späschen die Maͤdchen das infame Lummern, und werden am Ende —(LCelaßner) Man redt nicht gern davon! Henriette.(die Naſe rümpfend) Hum! — das waͤren meine Riemchen!— Lhend Hahaha! Puff. Und zur bloßen Narrenspoſſe— n) Henriette! mit ſolchen Menſchen Dei⸗ nen Spaß zu treiben, die unſer Mitleid und unſre Thraͤnen verdienen Henriette! (gutherzig) kannſt Du das über's Herz brin⸗ gen? Henriette. Wahr!—(heiter) Aber, c L wenn es nun ihnen Spaß macht? ihnen, die ſonſt keinen haben?— So kann man ſich ja wohl, daͤcht' ich, von ihnen anſehn laſſen?! Puff.(den Kopf ſchhttelnd) Hum!— Win du denn ihre Spaßmacherin ſeyn? Henriette(ſchneu) Nein! nein! und ſo wollen wir's lieber ganz und gar Vntermegens laſſen. BPuff.(mit einem zusiedenen Kechn) Das ar ich auch! (beide ab) Achtes Kapitel. Beſchuͤtzer meiner Schoͤne, Wachſamer Ariel! Erſchein' auf dieſe Toͤne, 5 und nimm von mir Befehl: Belindens braunen Locken Gab Pope Dich zur Wacht, Nimm nun, gleich unerſchrocken, Selindens Herz in acht. Wenn, äberdeckt mit Treſſen, Der Stutzer um ſie ſchwebt, Und ſeinen Blick, vermeſſen, Der Narr nach ihr erhebt; Dann ſcheuche Dein Geſieder Den leeren Stutzer fort,„ Und donnre Narren nieder 4 4 Durch ein geſcheites Wort, 5 Zacharia. — 152— Enige Tage darauf war Jahrmarkt in ei⸗ nem Grenz⸗Staͤdtchen. Henriette hatte lang' einmal hinaus gewollt, da ihre Augen hier nicht mehr fanden, was unwiderſtehlich ihr Herz ſuchte. Dieſer Jahrmarkt war dazu die beſte Gelegenheit. Zwar hatte ſie keine Idee von alle den Urſachen, warum gewiſſe Maͤdchen— und beſonders Landmaͤdchen, wie ſie— auf allen Dorfkirmſen und Jahr⸗ maͤrkten, ihr bischen Reize, wie die alten Weiber ihre verſchimmelten Nuͤſſe, troͤdeln tragen, auch war's ihr noch nie eingefallen, daß es etwa da einen Spaß geben koͤnne; nein! aber dießmal war's ihr nicht anders als muͤßte ſie hin. und, weil denn das Maͤdchenherz ſagte: Du mußt! ſo ließ der Verſtand es ſich auch bald gefallen, nicht allein gütigſt darein zu conſentiren, ſondern ſogar in Herbeiſchaffung der Mittel und Wege dazu behuͤlflich zu ſeyn. Wie's nun 3 zu gehn pflegt! Es wurd' ihr nicht ſchwer, in der Graͤfin Naͤh Korbchens einige De⸗ ekte bemerkbar zu machen, und es dahin zu bringen, daß ſie ſogar zu dieſem Jahr⸗ markte geſchickt wurde; welches ihr deſtg lieber war, da ſie auf dieſe Art den Ein⸗ wendungen ihres alten Puff entgieng, welche er ihren Bitten um Erlaubniß wurde ent⸗ gegengeſetzt haben. Zwar ſchuͤttelte er teu⸗ felmaͤſig den Kopf, da er ſie, wegen einer drin⸗ genden Wald Expedition, nicht begleiten konnte; was konnt' er aber machen? da es ſein zweiter Herrgott, die Graͤfin, befohlen hatte? nichts, als ihr alle Schubſacke voll Ermahnungen und Inſtructionen mit auf den Weg geben, welche bei jedem andern Mäͤd⸗ chen den geraden Weg zu einen Ohr' hinein, und zum andern wieder heraus, in den Wind gegangen ſeyn wuͤrden. Bey Hen⸗ rietten hatten ſie doch die gute Folge, daß ſie ſie wenigſtens aufmerkſam machten. — Um ein Haar waͤr ſie ſchon auf dem halben Wege zurückgekehrt, als ihr einfiel⸗ daß der eigentliche Zweck ihres Ganges ganz gegen den Willen ihres guten Pflegevaters, und ihr ihm gethanes Verſprechen ſeyz 3 4— doch— es war ja kein Schelmſtreich! und, wem bekannt iſt, was fuͤr eine Fertigkeit auch der beſte Theil des weiblichen Ge⸗ ſchlechts im Entſchuldigen ſeiner zuweilen ſchwachen oft ſogar zweifelhaften Handlungen hat, dem wird es nicht ſonder⸗ bar ſcheinen, daß ſie dennoch gieng. Aber ſie gieng wie auf Kohlen, und je naͤher ſie dem Staͤdichen kam, je fleißiger betete ſie ſich die Ermahnungen und Inſtructionen ih⸗ res Pflegevaters vor. Es waren dießmal ungewähnlich viel Menſchen auf dieſem eigentlich unbedeuten⸗ den Jahrmarkte; denn der ſeit einem Jahre wieder ausgebrochene Krieg—(JIch ſchreibe jetzt 1758.) hatte dergleichen Märkte ſchier in der ganzen Nachbarſchaft gänzlich zerſtoͤrt, und Kaͤufer und Verkaͤufer nach dieſen noch ruhigen Graͤnzen herausgedraͤngt.— Die Er⸗ ſcheinung eines Maͤdchen, wie Henriette war, mußte natürlich Aufſehn machen; und wo ſie gieng oder ſtand, hoͤrte ſie von allen Seiten ein Gefläſter—„vom Spielberge“ — 8s— „das ſchoͤne Jaͤgermaͤdchen“— oft ſogar ihren Nahmen. Jetzt dachte ſie wie⸗ der an die Reden ihres ſorgſamen Pflege⸗ vaters, und es wollt' ihr würklich anfangen bange zu werden, da ſie, unter allen denen, die ſie ſo genau zu kennen ſchienen, auch nicht ein einziges ihr bekanntes Geſicht er⸗ blickte; ſie hatte ja aber niemanden was gethan? alſo konnte ſie ſich unmoͤglich einbil⸗ den, das ihr jemand was thun koͤnne. So hieß es, wie gewoͤhnlich, in ihrer Lebens Philoſophie, die nicht weiter her als vom Spielberge war; und das Anſehn— je nun, das hatten ſie umſonſt! Dieſer leichté Schreck, der ſie wurklich haͤtte wenigſtens ein bischen vorſichtig machen ſollen, gieng alſo ſehr ſchnell voruͤber, und ſie ſah jedem, der ſie anſah, gerade und hell in die Augen; denn ſie fand in ihrer ganzen Leibes und Seelen Conſtitution auch nicht den gering⸗ ſten Grund warum ſie dieſelben haͤtte nie⸗ derſchlagen, oder wegwenden ſollen. Ihre großen Kleinigkeiten naren. untet — 176— einer Menge von Zuſchauern, die ihr von Bude zu Bude folgten, bald eingekauft, und es fehlte ihr nun nichts mehr, als noch ei⸗ nige ſeidne Tuͤcher, zu deren Einkauf ſie von der Graͤfin nur auf den Fall Auftrag hatte: wenn ſie dieſelben, etwa bei einem Juden, wohlfeil bekommen koͤnne, da ſie, — zum herannahenden Chriſtkindchen, für die Maͤgde und andere Bauermaͤdchen beſtimmt waren. Hierzu glaubte ſie ſich alſo Zeit nehmen, und dabey ihren Augen etwas frei⸗ ern Lauf laſſen zu koͤnnen: ob ſie vielleicht doch den erblickten, welchen umſonſt ſchon lange ihr Herz ſuchte.— Meine Leſerinnden und Leſer mögten wohl wunder denken, wer dieſes war; alſo muß ich es nur ſagen. Es war der arme Dichter Durſt!— O, pfui! werden meine Leſer denken, und meine Le⸗ ſerinnen ohne Zweifel die Naͤschen ruͤmpfen; aber— ich kann mir und ihnen nicht helfen; es war würklich dieſer! Indeß kann ich, zur Beruhigung derjenigen, denen ich es 3 an den Naſen anſaͤhe, daß ſie meinen: es war* 1 — 157— ſchade um Henrietten, ſich an ſo einen Irr⸗ laͤufer zu haͤngen, auf Ehre verſichern: daß ſie nichts weniger als in ihn verliebt war; wenn ſich aber meine aufmerkſamen Leſer eines einzigen beſondern Karakter⸗Zugs, aus ſeiner kurzen Bekanntſchaſt erinnern, ſo wer⸗ den ſie finden: wie es dennoch möglich war, daß, auch ohne verliebt zu ſeyn, ein edles gutherziges Natur⸗Maͤdchen wie Henriette, dieſen Irrlaͤufer eben ſo ſehnlich, und viel⸗ leicht ſehnlicher noch ſuchen konnte, als das verliebteſte Mäͤdchen ihren lange vermißten, oder durch die ſtrengſten Verbote verſcheuch⸗ ten Adonis. Sie ſuchte lange vergebens, und hatte bereits die Hoffnung, eins von beiden, Ju⸗ den oder Dichter, oder beides zugleich zu finden, aufgegeben, als ihr auf einmal ein Jude, mit wuͤrklich ſchoͤnen Tuͤchern unter dem Arn, uͤber den Weg ſprang. Sie rief ihm zu; aber er ſchien Eile zu haben, und ſprang in ein huͤbſches Haus, an der Ecke eines kleinen Seitengaͤßchens. Henriette, die wohl — einige Juden bey ihrer Graͤfin geſehn, auch einen gewiſſen Begriff vom Judenthum uͤber⸗ haupt, aber nicht eben einen deutlichen von den politiſchen Verhältniſſen derſelben hatte⸗ hielt dieſes Haus für das Eigenthum des Juden, oder wenigſtens fuͤr ſeine Nieder⸗ lage, und fand nicht das aeringſte Bedenken, ihm dahin zu folgen. Im Parterre des Hauſes fragte ſie einige hin und wieder ge⸗ hende Leute: wo der Jude ſey? und es hieß: oben. Sie gieng die Treppe hinauf⸗ und fragte wieder, einen auf dem Vorſaale, wie es ſchien⸗ wachhabenden Bedienten, und erhielt von dieſem, mit einem zußerſt freund⸗ lichen Geſichte, indem er auf die Thuͤr ei⸗ nes Zimmers zeigte, die Antwort: hier drinnen!— Die beſondere Freundlichkeit dieſes Bedienten, und ſeine Dienſtfertigkeit, mit welcher er, um die Thür aufzumachen, vor ihr hin ſprang, häͤtt' ihr eigentlich wohl auffallen koͤnnen; aber ſie war, bei ihrer Geaͤfin, artige und dienſtfertige Bedienten ge⸗ nebide und gieng undeausen nach der Thüur — 159— zu.— Laͤchelnd machte der dienſtfertige Jehafi die Thür auf, und—— Doch, ehe wir ſie hinein gehn laſſen⸗ müſſen wir uns ſelbſt erſt ein bischen darin⸗ nen umſehen; denn— ich wette! haͤtte ſie gewußt, was wir erfahren werden, ſie waͤr nicht hinein gegangen Ein junger reicher Wuͤſtling, vom Lande, welcher alle Jahrmaͤrkte der ganzen Gegend richtig zu beſucen pflegte, weil er, aus viel⸗ jährigen Praxis, wußte: daß ſich, an ſolchen Tagen, bey den flinken Bauermaͤdchens— worunter auch unerfahrne Pfarrers⸗Pachter⸗ und Muͤller Maͤdchens gehoͤren die, bey dergleichen Gelegenheiten, ihren Catechismus, nebſt Vernunſt und Sittſamkeit, gewoͤhnli⸗ chermaſen zu Hauſe zu laſſen pflegen, immer Nahrung die Menge fuͤr ſeine Menſchlichkei⸗ ten fand— lag in dieſem Zimmer, bey einer Taſſe Chokolade auf ein weiches Sopha ausgeſtreckt, und vor ihm ſtand der eenn. fertige Jude, mit einem außerſt dli⸗ chen Geſichte, worauf ſich ſchon jehes ro⸗ — 160— eentchen abzeichnete, welches er hier zu gewinnen wußte, da dieſer Herr jedesmal eine ziemliche Partie ſolcher Galanterie⸗ Waaren, als Lock Speiße ſowohl als Hono⸗ rarium fuͤr die Maͤdchen, noͤthig hatten, und ihm abzukaufen pflegten. Von dem Geſichte dieſes Wuͤſtlings, als ſich unver⸗ muthet die Thuͤr oͤffnete, und das ſchoͤne Maͤdchen herein trat, wird nur derjenige ſich eine richtige Vorſtellung machen koͤnnen, der im Hinterhalte ihres Netzes, eine alte ausgelernte Haus⸗Spinne beobachtete.— Wie dieſe, mit hervorſchwellenden Augen, glotzt, und jedes Nervchen für Begierde zuckt, wenn ſich eine dumme oder unvor⸗ ſichtige Fliege faͤngt— juſt ſo ſtierte dieſer das unbefangen hereintretende Maͤdchen an. Aber was kuͤmmerte Henrietten das Geſicht die⸗ ſes Menſchen? Sie bat um Vergebung, und wendete ſich ſofort mit ihrem Geſuch an den Juden. Der Jude zeigte ihr mit 3 ſichtbarem Vergnuͤgen alle ſeine Raritaͤten vor, ſotterte aber, und ſah bald das Maͤd⸗ 161 chen und bald den jungen Herrn an, als er bieten ſollte; dieſes ſiel Henrietten auf; aber— zu ſpaͤt.„Handle lieber mit mir, ſchoͤnes Maͤdchen! rief der junge Herr, der ſich indeß von ſeinem erſten Staunen erholt und auf die Beine gemacht hatte; mit dem glbernen Juden iſt nichts anzufangen!“— Henriette ſtutzte noch mehr uͤber dieſen Vor⸗ ſchlag, deſſen Grund ihr einleuchtete, fand, gegen ihre Ueberzeugung, dieſe Waaren nicht nach Geſchmack, und wollte ſich empfehlen; aber der Jude, welcher auf dergleichen Vor⸗ faͤlle ſchon abgerichtet, und mehrmals dabei geweſen zu ſeyn ſchien, ließ alles liegen, huͤpft', unter dem Vorwande: mehr, und andre, und beßre Sorten zu holen, zur Thuͤr hinaus, und— ſie war mit dem jungen Herrn allein. Dieſer bat anfangs ſehr artig: in⸗ deß auf ſeinem Sopha Platz zu nehmen, und eine Taſſe Chokolade zu verſuchen, er⸗ klärte ſich aber, als ſie beides ernſtlich aus⸗ ſchlug, deutlich, und immer deutlicher, ſo daß ſie ſich endlich genoͤthigt ſah⸗ nach ei⸗ 4 nigen zwar immer noch hoͤllichen aber doch etwas harten Zuruͤckweiſungen, mit Gewalt die Thüͤr zu ſuchen. Sie fand dieſe ver⸗ ſchloſſen, und wußte nun vollkommen, woran ſie war.— Zwar verlohr ſie weder den Kopf noch den Muth, denn ſie fühlte ſich ſtark genug, einen gewaltſamen Angriff mit dieſem Maͤnnergeripp', auf den Nothfall, aus freier Fauſt abzumachen; aber— ob auch immer die Parteien ſo einander gleich bleiben, oder nicht vielleicht ein verſteckter Hinterhalt dem Feinde das Uebergewicht geben wuͤrde? das ſiel ihr ein! und machte doch die bisher noch ruhigen Pulsſchläge ihres Herzens ein bischen ſchneller; da ſie ſich ihrerſeits, an einem ſo fremden Orte, von aller menſch⸗ lichen Huͤlfe gaͤnzlich verlaſſen ſah. So mogte denn wohl ein halbes Stuͤnd⸗ chen, unter dieſen unangenehmen Praͤlimi⸗ narien zu noch unangenehmern Tractaten, verfloſſen ſeyn, als endlich der junge Herr, nachdem ſie den ganzen Judenkram, welchen er ihr zu wiederholtenmalen, zum Preiß — 163— ihren Gunſtbezeugungen geboten, rittterlich ausgeſchlagen hatte, mude des eckeln Wi⸗ derſtandes, in allem Ernſte zu einer forſchir⸗ ten Attake ſchritt, Zweimal warf ihr ſtarker Arm den markloſen Wolluͤſtling auf ſein Sopha, das ihm der Hals knackte, zweimal gegen einen Pfeiler, daß das ganze Haus zitterte, bis er endlich einmal ſeinen Vor⸗ theil recht meiſterlich abgeſehn, und ſie in eine Ecke, zwiſchen zwei Betten getrieben hatte, wo ihr nicht das geringſte mehr uͤbrig blieb, als— ihm ihr KTaſchen⸗Meſſer in den Leib zu ſtoßen; wozu ſie denn wuͤrklich bereits Anſtalt machte. Wie groß aber war ihre Freud' und Erſtaunen, als, eben in dem Augenblicke, da ſie das Meſſer aus der Taſche zog, welches ſie, koſt' es auch in der Folge was es wolle, von ſo einem ungeſtuͤmen Liebhaber befreien ſollte, die Thuͤr aufgeſprengt wurd', und ſie, an der Spitze der Diener der Gerechtigkeit, den armen umſonſt ſo lange geſuchten Dichter Durſt erblickte. L 2 S — 164— Die Diener der Gerechtigkeit nannten ſie bei Namen, und als ſie verſicherte: daß ſie dieſes wuͤrklich ſey, ward ihr— vielleicht um, in zweierlei Gerichten, dieſen Criminal⸗ Prozeß deſto weitlaͤuſiger und koſtſpieliger zu machen— mit viel Artigkeit erlaubt: in Gottesnamen ihrer Wege zu gehn; den jun⸗ gen Herrn aber erſuchten ſie ſehr hoͤflich— das heißt, aus der Sprache dieſer Menſchen⸗ art in reines Deutſch überſetzt: mit ge⸗ ſchwungenen ſpaniſchen Roͤhren—: ihnen, ohne Umſtaͤnde, ſogleic auf’'s Rathhaus zu folgen. Aeußerſt zufrieden prong Henriette zur Thuͤr hinaus, und uͤberließ den jungen Herrn und den Judenkram, uͤber welchen ſich gleich⸗ b3 ihre Retter ſogleich hergemacht hatten, Vergnuͤgen der lieben Gerechtigkeit; aber bald überzogen andere Wolken ihre kaum geebnete Stirn, denn— ſie fand nicht vor der Fhür, wie ſie gewiß glaubte, den armen Dichter Durſt. Er war eben ſo ſchnell wieder verſchwunden als erſchienen! Sie —,— — 165— fragte unten im Hauſe: ob man nicht eben einen ſo und ſo gekleideten Menſchen habe herausgehn ſehn? Dieſes wurde zwar bejaet; aber niemand wollte wiſſen, wo er in der Ge⸗ ſchwindigkeit hingekommen ſey. Freilich war das ganze Haus, durch die unerwartete Er⸗ ſcheinung der Gerichtsdiener, in Aufruhr ge⸗ rathen, und— wer ſollt' auch auf ſo einen unbedeutenden Menſchen achten? Haͤtte ſie nicht wenigſtens gehoͤrt, daß man ihn wuͤrklich im Hauſe geſehn habe, warlich! ich glaube ſie waͤr im Stande ge⸗ weſen dieſe Erſcheinung fuͤr ſeinen Geiſt, oder ein Spiel ihrer erhitzten Phantaſie zu halten; ſo geſchwind war er weg; und ſie konnte weder begreifen, wo er her, unter die Gerichtsdiener, noch wo er hin gekom⸗ men.— Ein Seufzer draͤngte ſich aus ih⸗ rer Bruſt, und ſie gieng traurig die Straße hinunter nach dem Thore; denn die Luſt, ſeidne Tücher zu kaufen, war ihr gaͤnzlich vergangen. Sie war nicht weit gegangen, als ſie — 166— jemand etwas unſanft auf die Achſel klopfte. Gerichtsdienern, die ſie eben von dem zu⸗ dringlichen Liebhaber erloͤßt hatten.—„Hoͤ⸗ ren Sie, Frauenzimmerchen! fragt' er, in einem etwas ſanftern Tone als ſein Achſel⸗ klopfen; Sie muüͤſſen ja wohl am beſten wiſſen, wer der junge Menſch war, der uns zu Ihnen fuͤhrte?“— Sie trug kein Beden⸗ ken, ihm ſeinen Namen zu nennen, und ſetzte hinzu: daß es ein Gelehrter, und außer⸗ 8 vrdentlich guter Mann ſey—„Und doch ein Schurke! fuhr der Gerichtsdiener ſort; 9 denn, ſehn Sie nur, Frauenzimmerchen! er verſprach uns ein beſonderes Trinkgeld, weil wir ſogleich, auf ſein Wort, ohne den Spe⸗ eial Befchl E. E. Raths abzuwarten(uͤber welchem wohl einige Stunden hätten ver⸗ ſtreichen koͤnnen) auf unſer eignes Riſiko mit hi hie hneen und nun— indeß wir Sie ſah ſich um— Es war einer von den — 167— — Vielleicht verſprach er mehr als er leiſten konnte.— Claut, zum Gerichtsdiener, indem ſie ihm drei Laubthaler in die Hand druͤckt) Iſt das ſo genug, für Ihre Muͤh?— 8 Gerichtsdiener.(artig) O, vollkom⸗ men! vollkommen!— bedächtig) Aber, hoͤren Sie, Frauenzimmerchen! eigentlich darf ich das nicht einmal von Ihnen annehmen; denn Ihnen waren wir Schutz und Huͤlfe ſchuldig von Rechts wegen; und— darin⸗ nen ſind wir gewiß ſehr fein, und unſre Gewiſſen die zarteſten auf der Welt. Nur von jenem— der eigentlich nicht der lei⸗ dende Theil ſelbſt, ſondern nur Denuneiant war— je nun ja! weil wir ſeinem Geſuche ſchleunig, und nicht nach dem ordentlichen Gange Rechtens fuͤgten— ja! von jenem konnten wir uns etwas ausbitten. Indeß (indem er das Geld einſteckt) da Sie wahrſchein⸗ lich mit ihm naͤhere Bekanntſchaft haben, und ihn ohne Zweifel eher zu ſprechen bekommen als einer von uns, ſo will ich es, in ſeinem Namen, von Ihnen annehmen, und mir an — 168— ihn einſtweiſen den gehorſamſten Dank ab⸗ zuſtatten ausbitten. Henriette Je nun ja, ſo iſt es auch gemeint. Er wird mir es ſchon bey Gelegenheit wieder geben; denn er iſt ein ſehr bra⸗ ver ördentlicher Mann! nur zuweilen ein bischen zerſtreut, und in Gedanken. Gerichtsdiener. Riechtig! Richtig! Das ſah man ihm an; und daruͤber hat er es ſicher vergeſſen, ſicher! Ja, das ver⸗ dammte Denken!— das verdammte Denken! das hat ſchon viel Unheil in der Welt ge⸗ ſtifiet; ja! Ich wußte nicht, wenn unſereins denken wollte, wie es mit der edeln Gerech⸗ tigkeit ſtehn wuͤrde, die nur ſchleunige Hand⸗ 1ung fordert; ja!— und der gute ehrliche Mann! wenn es ihm nun über kurz oder lang einfallen wird, daß er es vergeſſen hat — ei, du mein Gott! was wird er ſich aͤr⸗ gern, Und ſich ein Gewiſſen machen.— Ja! uund da ſſt's recht gut, daß Sie— Frauen⸗ aimmerchen!— Ich weiß nicht ob— hä! ha — Jungfer oder Mamſell— thut auch zur — 169— Sache nichts— haͤ! denn wir ſind ja alle Menſchen; Amt und Pflichten abgerechnet — ja! daß Sie ſich in's Mittel geſchlagen haben, da Sie mit ihm bekannt ſind, und es von ihm wieder kriegen, ja! ſo iſt die ganze Sach' auf einmal abgethan, und unſre Gewiſſen allerſeits rein und underien— Haͤ! haͤ! Mich dankbar empfehlend. Henriette ſah ihm mitleidig nach; denn ſolch ein Menſch war ihr noch nicht vor⸗ gekommen, der immer von Pflicht und Ge⸗ wiffen, ſprict, und doch beides in jedem Athemzuge verletzt.— Ich denke, ſie ſoll ſte noch beſſer kennen lernen, dieſe Lieb⸗ linge des Gluͤcks und der Großen. Sie gieng, und wollt' eben den S06 zum Thore hinaus ſetzen, als ſie eine krei⸗ ſchende Stimme, im Neben⸗Gäͤßchen, noch einmal aufmerkſam machte.—„Daß Er ſich⸗ 3. nicht unterſteht, mir noch einmal un⸗ ter die Augen zu kommen! kreiſchte dieſe impertinente Fiſtelſimme— eine Stimme gegen welcher, in meinem Ohr, das Quit⸗ — 170— ſchen eines ungeſchmierten Wagenrades Wohl⸗ laut iſt— ſonſt will ich den Bettelvogt rufen, und Ihn an Ort und Stelle bringen laſſen!“—- Ad vocem Bettelvogt fie⸗ len ihr die Gerichtsdiener ein, unter denen ſie dieſen Tag ſo hubſche Bekanntſchaft ge⸗ macht hatte, und ſie ſah ſich um.— O, Himmel! da ſtand auf der oberſten Stufe des Eingangs inz ein großes Haus, ein klei⸗ nes hagres Maͤnnchen, in einen ſeidenen Schlafrock gehüllt, roth um den Schnabel, wie ein kampffertiger Hahn, und an der unterſten, mit einem Packet Schriften in der Hand, wie ein armer Sünder, der Dich⸗ ter Durſt.—„Durſt!“rief Henriette ſchnell; denn, häͤtte auch jetzt Puff, die Graͤfin, und die ganze Welt da geſtanden, jetzt haͤtte ſie Durſt gerufen. Er ſah ſich um, und— ach! in der gluͤcklichſten Vergeſengtit alle ſeiner Leiden, flog er ihr entgegen.—„Um Gotteswillen! fragte ſie, was fuͤhren Sie da für einen herzbrechenden Diskurs?“—„Ach! rief er, mit Freudenthraͤnen in den Augen, — —4 —-— 171— ich hatte den Gerichtsdienern, um ihre Schritte zu befluͤgeln, ein Douceur ver⸗ ſprochen, und eilte zu dieſem reichen Ge⸗ lehrten, um mir von ihm, auf den acht⸗ zehnten Band meiner Gedichte da*), einige Thaler leihen zu laſſen.—(mit einem Blicke zum Himmel) Fragen Sie mich nicht wei⸗ ter!“ Henriette.(verſtelt) Ich dachte Sie wollten das Geld fuͤr dieſe Gedichte mit ihrer Mutter theilen? Durſt. Cerſchrocken) O, Gott!— ich hatte jetzt warlich nicht an meine Mutter gedacht! Henriette. Den Gerichtsdienern hab⸗ ich drei Laubthaler in Ihrem Namen ausge⸗ gezahlt, als ſich dieſelben uͤber Ihr Verſchwin⸗ den beklagten, und Sie einen Lügner ſchimpf⸗ ten; Cimmer ernſter) Sie ſind nun mein Schuldner! —— *) Sie ſind, Gott ſey dank! nie im Druck erſchie⸗ nen. 4 8 — 172— Durſt.(freudig ihre Hand faſſend) Ich will's Ihnen, ſo wahr Gott lebt! ehrlich bezahlen... Hen riette.(verweiſend) Durſt!— Was ſind Sie fuͤr ein Menſch!— Ihnen waͤr ich Millionen ſchuldig, wenn ich ſie haͤrte; und Sie— wollen mit drei Laubtha⸗ lern in meiner Schuld ſeyn, die Sie noch obendrein fuͤr mich ausgegeben haͤtten?— Ich will nicht hofſen, daß es Ihr Ernſt iſt; aber— ſey es auch Ernſt, oder Spaß— Schaͤmen Sie ſich!—(ihm ein Packet Geld in die Hand druͤckend) Geben Sie das Ihrer Munter! 5 Sie kehrte ſich geruͤhrt von ihm, und gieng, ehe er ſich erholen konnte, zum Thore hinaus. 1 Da ſtand er, das ziemlich ſchwere Paket Geld in der einen, und ſeine Gedichte in der andern Hand.— Er ſtand, wie im Traume, und glaubte kaum ſeinem untrug⸗ lichſten Sinne trauen zu duͤrfen. Seine Mut⸗ er— ihre Freude,— das Mädchen— das 173 Geld— Alles dieſes warf ſeine Sinne, und Gefuͤhle ſo konfus unter einander, daß er ohne Zweifel noch lange ſo wuͤrde geſtanden haben, wenn nicht eine ganz heterogene Em⸗ pfindung ihn aufgeweckt haͤtte.—.„Bſt! Bſt — Hem! Hem!— rief der reiche Gelehrte, dem die Bekanntſchaft mit dieſem Maͤdchen, einem Lieblinge(wie er wußte) der reichen Graͤfin von Turneiſen, und das ihm zuge⸗ ſteckte Geld—(denn ſolche Menſchen wittern einen Kreutzer ſo weit als der Fuchs ein Huͤhnerhaus)— hatt' ihm eine ganz andere Meinang von dieſem Menſchen beigebracht — Hem! Leinige Stufen von ſeiner Thuͤr hernnter⸗ tretend) Hoͤren Sie doch— Hem!— Viel⸗ leicht waͤr denn doch was mit Ihren Gebich⸗ ten zu machen, wenn Sie— hem!— mir die Beſorgung des Verlags anvertrauten, und ja— denn die Buchdrucker ſind jetzo ſehr bedenklich— hem!— fuͤr Papier, Cen⸗ ſur, et ſie porro— was vorausbezahlten.— Hem!— amice!— was meinten Sie wohl, zu dieſem Vorſchlage?“ 119 — 174— „Was ich meine?— rief Durſt aufge⸗ ſchreckt; das will ich Ihnen gleich ſagen.— (mit unterdrüͤckrem Grimm) Hielten S ie mich vorhin vor einen Bettler— ſo halt ich Sie jetzt vor einen Schurken!“— und ſomit ſprang er Henrietten nach, zum Thore hinaus. Henrietten war's ordentlich leicht um's Herz, daß ſie das Geld los war, welches ſie, von jenem Tage an, da ſie von der ar⸗ men Mutter dieſes Menſchen gehoͤrt, in der Taſche bei ſich herumgetragen, und nur ſehn⸗ lich auf eine Gelegenheit, es ihm ſelbſt zuzu⸗ ſtelten, gewartet hatte, weil ſie weder der Mutter, wegen ihrer bekannten Induͤſtrie, noch dem Vater, wegen ſeiner ſchon geaͤu⸗ ßerten beſondern Gedanken über ihren Wohl⸗ gefallen am Umgange mit dieſen Menſchen, eiwas davon wiſſen laſſen wollen, ob es gleich ehrlich verdientes und von den kleinen Geſchenken der Graͤfin zuſammengeſpartes — 175— Geld war— ſie ſelbſt aber, um es geradezu an dieſe arme Mutter zu ſchicken, keine Ge⸗ legenheit hatte.— Sie ſang froͤhlich ihr Liedchen, und eilte ſchon, mit beſtuͤgelten Schritten, dem Waͤldchen zu, welches ſie noch von ihrem lieben Spielberge trennte; da kam, unerſchoͤpflich in Dank und Ergie⸗ ßungen ſeines Entzuͤckens, Durſt ihr nachge⸗ ſprungen.— Sie hoͤrt' ihn an, und macht' ihm ihre Gegenrechnung, von welcher er je⸗ doch nichts hoͤren wollte, ſondern heilig ver⸗ ſicherte: daß er noch nicht den tauſendſten Theil von dem allen gethan habe, was er mit Freuden fuͤr ſie thun wuͤrde, da es ja bloß, als er, nach einer Viertelſtunde, ſie nicht aus dem Hauſe zuruͤckkommen ſehn, und, aus den Reden des Bedienten und des Juden an der Thuͤr, eine dunkle Idee von dem unangenehmen Vorfalle bekommen,⸗ um einen einzigen Gang zu der allezeit fer⸗ ttigen Gerechtigkeit zu thun geweſen; als er ſich aber, nach dieſen angenehmen Debatten, nicht empfehlen, ſondern, wie es ſchien, ſie — 176— begleiten wollte, hielt ſie es doch ihrem un⸗ beſcholtenen Rufe fuͤr zuträͤglicher: ihn, ſo weh es ihr that, an ſeine duͤrftige Mutter, und die ihr ſchleunigſt zu bringende Unter⸗ ſtützung zu erinnern, als dieſe Begleitung anzunehmen, ob ſie gleich nicht das geringſte dabei gewagt hätte. Noch vor karzem häͤtte ſie es nicht ſo keitiſch genommen, ſondern ihn, da ſie ſich, von alle dem Boͤſen, wel⸗ des ihr der ehrliche Sebaldus vorgemahlt hatte, nicht das geringſte dabei denken konnt', in Gonesnamen neben ſich her laufen laſen, bis er es ſatt gehabt; aber einige ellenlange Predigten ihres Pflegevaters, welche ſie, ſeit dem letzten Vorfalle(welchem ſchon einige aͤhnliche vorangegangen waren) hatte muͤſſen anhoͤren, mogten ſie doch auf den richtigen Grundſatz aufmerkſam gemacht haben: daß man auch nicht ſcheinen müſſe, was man nicht ſeyn wolle. Mit einem wahren Aemenfindetgrſichte oͤrte der arme Durſt dieſes Urtheil an, und Behorche mit Thraͤnen in den Augen, als ſie ihm offenherzig, wie ſie es gewohnt war, ihre Grunde hinzuſetzte. Mit einem tiefen Seufzer blickt' er auf ſeinen Rock, druͤckt ihr die Hand, und gieng. Es that ihr herzlich weh! denn, warlich, es war nicht um des Rocks willen, das ſie ihn fortſchickte, ſon⸗ dern weil ihr juſt, zu ſeinem Ungluͤck, die Predigten ihres Pflegevaters einfielen, gegen welche wir ſie ſedoch, will's Gott! noch oft in ihrem Leben werden ſeegeln ſehn. Er gieng; und erhielt, fuͤr dieſen Gehorſam, von ihr die Erlaubniß: ſie, wenn es ohne Aufſehn geſchehn koͤnne, wiederſehn zu dür⸗ fen. Da haben wir's!— Aber Henriette konnte nun einmal ſchlechterdings nicht un⸗ dankbar ſeyn! und ſollte ſie auch, ſtatt der ellenlangen, in Zukunft meilenlange Predig⸗ ten anhoͤren müſſen;— denn— dabei blieb allemal ihr Herz, wenn es mit Verhaͤlt⸗ niſſen in Colliſion kam, ſie that ſa nichts Boͤſes! 1 Und es war recht gut, daß der arme Durſt gefolgt hatte; denn ſie betrat kaum 3 — — 7— has Waͤldchen, ſot kam ihr ſchon der alte Puff, mit ſichtbarer Freude über ihre gluck⸗ liche Zuruͤckkunft auf ſeinem Geſicht', entgegen geſtolpert. Herzlich gern haͤtte ſie, auf ſeine Frage: wie es gegangen ſey? dem guten Vater alles erzählt, aber ſie fürchtete ſich füͤr ſeiner allzugroßen Sorgſamkeit um ſie; fürchtete, daß ſie dann nicht allein wuͤrde vor's Haus gehen durfen, that alſo, das er⸗ ſtemal in ihrem Leben, ihrer Aufrichtigkeit Gewalt an, und ſchwieg. Er war indeß zußerſt zufrieden mit ihren Erzäͤhlungen von alle den großen Kleinigkeiten, die ſie geſehn; zufrieden, daß er ſie nur wieder hatte; und ſo wandelten ſie froͤhlich durch die dunkeln Buchengaͤnge des alten Spielberges hin, nach dem ruhigen Dorfe zu. Puff wen⸗ dete ſich hier rechts, nach ſeiner alten Wald⸗ burg hinauf, und Henriette huͤpfte vollends hinunter, um der guten Groͤfin von ihren Auftraͤgen Raport abzuſtatten.— Als es auf die Rede von den ſeidnen Tuͤchern kam, ſieng Henriettens Redekunſt an zu ſtocken⸗ * — 179— wie es zu geſchehn pflegt, wenn Geheim⸗ niß und Aufrichtigkeit, und zweierlei Wille mit einander in Colliſion kommt; um ein Haar haͤtte ſie ſich verrathen. Aber, aus dem naͤmlichen Grunde, wie bei dem alten kritiſchen Puff, that ſie ſich auch hier Ge⸗ walt an, behielt wuͤrklich die Verlegenheit, in welche ſie um dieſer ſeidenen Tuͤcher willen gerathen war, fuͤr ſich allein, und er⸗ hielt, zu ihrer groͤßten Freude, den Auf⸗ trag: auf den naͤchſten Jahrmarkt, in einem andern Staͤdichen, darnach zu gehn. Seelen⸗ vergnugt kuͤßte ſie dafür ihrer guten Graͤfin die Hand; denn, was kann einem in ſolch einer Einſamkeit aufgewachſenen geiſtvollen Maͤdchen mehr Freude machen, als— und ſoll es auch nur auf einem armſeligen kleinſtaͤdtiſchen Jahrmarkte ſeyn— die große Welt zu ſehn? Gefahren werden nicht län⸗ ger geachtet, als man darinnen iſt, und die treulichſten Warnungen fuͤr Eigenſinn oder Hypochondrie gehalten. Doch, ich will ſchwei⸗ gen! Meine Leſerinnen mögten ſonſt glau⸗ M 2 1 — 180— ben, es fehlte mir auch unter den kurzen Rippen. Wiſſen ſie es beſſer? je nun, ich habe nichts dagegen! Auf dem Heimwege hatte Henriette noch eine große Haupt, und Staats⸗Action mit abzuwarten.— Der eigentlich gewoͤhnli⸗ chermaſen uüberlaͤſtig artige Gaſtwirth, ſchmiß nämlich eben, als ſie da voruͤber gieng, den pferdenervigen Herrn Stoppelfeld, unter ei⸗ ner ſaft⸗ und kraftvollen Oration, und wech⸗ ſelſeitigen pferdemaͤſigen Lungenhieben auf ihn und die mit zerſtreuten Haaren hinter⸗ drein heulende Frau Wirthin, pflichtmäßig, wie er ſich unter andern ausdruͤckte, zur Thüͤr heraus, und einige Soldaten, die hinter des Nachbars Zaune gelauert hatten, nahmen ihn mit allen militaͤriſchen Ehrenzeichen in Empfang. Er wollte Complimente machen, die Ordre des Koͤnigs ſehn, nach welcher man einen Gelehrten auf ſeinen Reiſen zu inkommodiren berechtigt ſey, und verſicher⸗ te hoch und theuer: daß er ſchlechterdings nicht zu Fuß gehn koͤnne; aber ſie legten ihm den unbedingten militäriſchen Gehor⸗ ſam ſo nah, daß er ſich wie ein Sprenkel zuſammen bog, und verſicherten: daß, ſobald er nur dieſen Gehorſam werde begriffen ha⸗ ben, ſich das uͤbrige alles ſehr leicht geben werde. Fuͤr Henriettens Herz war dieſes keine Lieblings⸗Szene. Sie fuhr dem ungezoge⸗ nen Wirthe auf den Hals, fragte nach der Urſache dieſes ſeines ſonderbaren Benehmens, und drohte, ihn bey der Graͤfin zu verkla⸗ gen, welche ihn ganz gewiß wuͤrde in's Hun⸗ deloch ſtecken laſſen; aber er verſicherte; daß er dieſe Urſache ſeines Benehmens vor ſich behalten, ſeine Frau aber in's Zuchthaus ſchicken werde, und ſchlug ihr die Thuͤr vor der Naſe zu. Sie lief zum nicht weit da⸗ von wohnenden Herrn Kuͤſter, welcher, in füßeſter Zufriedenheit, ſein Pfeifchen zum Fenſter heraus ſchmaucht', und bat ihn drin⸗ gend: ſich doch des armen Menſchen anzu⸗ nehmen; aber dieſer verſicherte ſehr artig: daß es ſein Amt und Stand nicht erlaube, — 182— ſich in dergleichen Sachen zu miſchen; in andern Angelegenheiten aber wuͤrde er ihr mit dem groͤßten Vergnügen und moͤglichem Nachdruck, zu Dienſten ſtehn. Sie lief zur Graͤfin zuruͤck; von dieſer aber erhielt ſte, das erſtemal in ihrem Leben, etwas hart zur Antwort: daß ſich ein Mäͤdchen gar nicht in dergleichen Sachen miſchen muͤſſe, weil es ſie nicht verſtehe.— Dennoch konnte ſie ſich ſchlechterdings nicht vorſtellen, daß es recht ſey, lief nach Hauſe, und fiel mit der dringenden Bitte: doch, um Gotteswil⸗ len! den Soldaten nachzulaufen, und ihnen den armen Herrn Stoppelfeld abzunehmen, ihrem akten Puff um den Hals; aber— ſte kam immer beſſer an; denn dieſer verſicherte ihr geradezu: daß es ſchon recht ſey! denn, wer Vater und Mutter nicht haͤtte folgen wollen, der müſſe dem Kalbfelle folgen.— In der Folge ſoll dieſes wuͤrklich eingetroffen, und, laut ſpaͤtern Nach⸗ richten, aus dem ſchlechten Schriftſteller ein zuner Soldat geworden ſeyn; vor der Hand ———ÿ—ÿ—ꝛ—x˖-— —,— — 183— aber kam er, im naͤchſten Graͤnzſtaͤdtchen, wo das Depot ſtand, da er ſchlechterdings nicht wollte zu Fuße gehen koͤnnen, wuͤrk⸗ lich zum Reiten; nota bene, auf dem Eſel. — 184— Reuntes Kapitel. 23 — SEin Nachtrag. 1 Dai ſ—— pautos hoc tempere nostro un reperire queas, qui quod ratioque de- 3 cusquo 1 Muneris oppoſiti poscat, didiciſſe laborent? BARTH. De⸗ ieſe wichiſge Frage und Klage eines mei⸗ ner wuͤrdige Lehrer, an unſern erhabenen Schul Inſpektor, deſſen Staub ich noch ſegne: wie es zugehe, daß es doch jetzt ſo wenig Menſchen gebe, welche dasjenige, was der Zweck und die Würde ihres Amtes for⸗ dert, lernen und beobachten?— wurde von — 185— ihm, in der Fortſetzung des oben angefauge⸗ nen Gedichtes, nach ſeiner Art, fehr gut und richtig, nur, wie einige meinten, mit ein bischen zu viek Bitterkeit gegen ſeine Reben⸗ Arbeiter, beantwortet. Es ſey mir erlaubt, hier, da wir eben mit zwei verkümmerten Gelehrten Bekanntſchaft gemacht haben, 'eben dieſe Frage zu thun, und ſie— ohne Bitterkeit, nach meiner Art zu beantwor⸗ ten.—„Wie kommts? frage ich alfo, daß wir, in unſerm Jahrhunderte, ſo viek und mancherlei verkruͤpelte Gelehrte, ſo viel und mancherſei Maͤnner haben, die ihren Poſten weder gewachſen ſind, noch ihn mit Wuͤrde, oder ſich in feiner Wuͤrde zu behaupten wiſſen?— Das geht, auf die natuͤrlichſte vn und Weiſe, folgendermaſen zu. Der junge faͤhige Menſch—(ich rechne nicht darunker das verzartelte Mutterſoͤhn⸗ chen, welches ſchon in ſeinem zehnten Jahre ein Herr zu ſeyn glaubt, weil es ſo behan⸗ delt worden)— geht auf Schulen—(ich meine nicht folche Schulen, deren Lehren ihre groͤßte Luſt nicht in den Fortſchritten ihrer Schuͤler, ſondern im Spazirengehen, und ihre groͤßte Forſche im Kartenſpiel ſuchen) — errraͤgt Hitz' und Froſt, und alle Mühſe⸗ ligkeiten einer noͤthigen Knabenzucht, lernt gehorchen, und nach und nach mit Vernunft ſein eigner und ſeiner Leidenſchaften Herr werden.— Er geht, mit Sprachkenntniſſen ausgerüͤſtet, auf Akademien, um ſich nun mit Sachen zu beſchaͤftigen. Hier windet er ſich noch einmal— beſonders wenn er kein Vermoͤgen hat, durch alle Muͤhſeligkei⸗ ten des Menſchenlebens hindurch, ſammelt ſich, mit Schweiß auf der Stirn und Nah⸗ rungsſorgen im Herzen, nützliche Kenntniſſe fuͤr ein halbes Menſchenalter voll Thaͤtig⸗ keit, und kehrt endlich, ſtrotzend von Kraft und Weisheit, in ſein Vaterland— oder, welches eineriei iſt, in irgend ein Land zu⸗ rück, welches ſeine Thaͤtigkeit und Kennt⸗ niſſe nuͤtzen, und ihm die Intereſſen fuͤr ſein ſo muͤhſam geſammeltes Kapital, Brod ge⸗ hen kann.— Da ſeht er, der kraftvolle — 187— Mann—(ich meine nicht den ruͤden Stu⸗ denten, der die eckie Puppe des kommoden Burſchenlehens! nicht ablegen wi will)— da ſteht der kraftvolle Mann, wie der Kraͤmer an ſeiner Bude, wenn er ſie des Morgens f⸗ ſchließt. Er glaubt ſich nun nicht mehr ſchmiegen und biegen zu muͤſſen, ſondern ſich ruhig jetzt den Schweiß von der Stirn wiſchen und fordern zu koͤnnen; aber— o, weh! da ſchluͤpfen Menſchen an ihm vor⸗ uͤber, die in ihrem ganzen Naupenleben nichts thaten, als hirnlos das abſchrieben, was an⸗ dere dachten oder nicht dachten, ma⸗ ſchinenmaͤßig auf die Wagens huͤpften oder die Schuh putzten, oder die Tiſche deckten, aber das Gluͤck hatten beſtaͤndig um den Herrn oder die Frau zu ſeyn, ſich ihnen beiden, oder einem beſonders, immer gefällig, viel⸗ leicht gar, durch kleine Nebendienſte, noth⸗ wendig, und beſonders intereſſant zu ma⸗ chen, da hingegen jene, wenn ſie auch einſt bekannt waren, waͤhrend der langen Zeit ihrer gelehrten Verwandlungen, gaͤnzlich ver⸗ — 183— geſſen wurden. Dieſe! dieſe haben Em⸗ pfehlungen, Fähigkeiten, und Gluͤck, und— freſſen dem armen Teufel, der ſich ein Duz⸗ ens Jahr, auf Schulen und Akademien, elendiglich mit den ſogenannten Brodweſſen⸗ ſchaften herum balgte, das Brod weg. Zeihe mich ein's einer Luͤge!— Sind nicht in allen Ländern die beſten Dienſte mit der⸗ gleichen Menſchen beſetzt? deren einziges Verdienſt darinnen beſtand, daß ſie— eine leidliche Hand ſchrieben, eine gute Büuͤrſte führten, und drei mal drei zuſammen rech⸗ nen— hoͤchſtens der Madam Stadtneuig⸗ keiten und Billets geſchickt zutragen, und meiſterlich dem Herrn ein unerfahrnes oder ausgelerntes Maͤdchen auf die Stube ſchwaͤz⸗ zen konnten? Zu hoͤhern Poſten, in wel⸗ chen ſich einſt im Alter recht gluͤcklich und mit Ehren ausruhen ließ— o! dazu haben wir nur ſelten noch einen ſchwachen Schim⸗ mer von Hoffnung, da jetzt—— doch es mag indeß hier, bis auf beßre Zeiten, eine Läcke bleiben; ich moͤgte ſonſt in einen Ton fallen, der die verwoͤhnten Ohren beleidigen koͤnnte.: Freilich ſchrecken dergleichen traurige Beiſpiele dann die faͤhigſten jungen Men⸗ ſchen ab, ſo daß ſie ſich von den ſogenannten Brodwiſſenſchaften ab, und zu den ſchö⸗ nen wenden, auf welchem Wege ihnen denn natuͤrlicherweiſe kein gluͤcklicher Schuhputzer den Rang ablaufen kann; aber— leider ſind deren zuviel, die nach dieſem Ziele laufen, und nur wenige ͤoͤnnen es erreichen, Alle wollen zur Sonne ſliegen; aber die we⸗ nigſten verſtehen die Kunſt: ſich die Augen nicht zu verderben. O! ſie wiſſen nicht, daß die Grenze zwiſchen Weisheit und Thor⸗ heit nur ein Punkt, und eben dieſen Punkt zu finden und zu halten, die groͤßte Kunſt iſt.— Daher taumelt eine ſo große Menge in der Welt umher, von welchen man ei⸗ gentlich nicht weiß, was man aus ihnen ma⸗ chen ſoll. Die beſten gutherzigſten Menſchen im Grunde(wie Anſor Dichter Durſt) nur — 190— dann Narren, wenn ſie auf ihrem Stecken⸗ pferde ſitzen. Waͤre dieſes nicht— o! dann wuͤrde der gute Jüngling ruhig und ſorglos, und mit Ordnung, den gebahnten Weg zu ſeinem ſichern Brode gehn, und nur das ſchwelgeri⸗ ſche Genie frei zur Sonne fliegen. Und— wie ſieht es denn auf den po⸗ ſten aus, die mit ſolchen Menſchen ohne Erziehung, ohne Grundſaͤtze, ohne Morali⸗ tät beſetzt werden?— Behaupten, je nun ja! behaupten thun ſich wohl einige ſo ziem⸗ lich darinnen; das heißt: ſie koͤnnen ihren Namen ſchreiben, einen Pian durchrechnen, und auch allenfalls alte Sachen neu zu Pa⸗ piere bringen; denn— auch der Staar lernt ja endlich Maͤtzchen! Maͤtzchen! nach⸗ ſprechen, wenn es ihm lange genug vorge⸗ ſchwatzt worden iſt; aber— wie! wie be⸗ haupten ſie ſich darinnen? Jeder hat eine dunkle konſuſe Idee, von dem, was man ſich mit Wuͤrde be⸗ haupten nennt: aber— was verſteht er un⸗ — 191— ter dieſer Wuͤrde?— Daß er alles beſſer wiſſen muͤſſe, als andere Leute, wenn's auch nicht wahr iſt!— daß er grob ſeyn muͤſſe, wie ein Bootsknecht? und ſeine wackern Unter⸗ gebenen ſcheren, daß ſie die Waͤnde hinan⸗ laufen moͤgten?— Nun, wenn das Wuͤrde iſt; dann weiß ich nicht mehr was Unwuͤrde ſeyn ſoll!— Mancher blaͤßt ſich auf, wie ein Truthahn, und denkt es dadurch mit der Wuͤrde zu zwingen; mancher ſcharrt zu⸗ ſammen, wie ein Hamſter, und denkt: man muͤſſe reich ſeyn, wenn man was gelten wolle; und mancher waͤlzt ſich bloß darum nun auch in den Suͤnden herum, deren Die⸗ ner er einſt war, weil ſein Herr einſt ſich darinnen herum waͤlzte, und— ein Mann von Wuͤrde hieß. Kurz— und dann kein Wort mehr von dieſer odioͤſen Materie— bei mir zu Lande hatte man ein Sprichwort, das hieß: Es iſt kein Meſſer das aͤrger ſcbiert, Als, wenn ein Bauer ein Herre wird. Und das iſt wahr! Zehntes Kapitel. Henriette geraͤth unter’s Militaͤr.— Aus dem Regen 4 In die Traufe! Meinetwegen 3 5 Geh, und kaufe; 5 Kaufe ſchönen Heilgen⸗ Chriſt 4 Bis du ſelbſt verhandelt biſt. 1nn Da ein Maͤdchen einmal anrennt, und ſich und ihre ganze Habſeligkeit, das bischen liebe Tugend, in Verlegenheit ſetzt— iſt zu vergeben; denn— wer den Buſch nicht kennt, in welchem die Schlange lauſcht, der darf doch wohl— Nuͤſſe darinnen ſuchen? mer aber einmal mit genauer Noth nch ganzbeinig aus ſolch einer immer geſtell⸗ ien Schlinge der Verführung entkam, und — 133— doch wieder blind auf die Lock⸗ Beerchen zu⸗ flattert, der muß ein ſo verwegener Vogel ſeyn, wie— Henriette. Daß ſie ſich nichts unrechts dabei dachte, wenn ſie ſich auf den naͤchſten Jahrmarkt freute— daß ſie nicht den Lock Beerchen entgegen flog, um gefan⸗ gen werden zu wollen— darauf wollt' ich', daͤcht' ich, ohne Riſiko, Kopf und Kra⸗ gen zur Wette ſetzen, aber— es war und blieb doch immer eine gefaͤhrliche Sache. Nur Henrietten ſchien ſie nicht gefaͤhrlich! Henriette war gewohnt, ihren alien Spielberg bey Tag und bey Nacht zu durch⸗ ſtreichen, und ſich weder vor zweibeinigen, nooch vierbeinigen wilden Thieren zu fuͤrchten; denn fuͤr die vierbeinigen hatte ſie ihre Flinte zur Wehr, und fuͤr die zweibeinigen — als ſo etwan ein leckres Jaͤgerbürſchlein, oder desgleichen, welches, wie ein Raub⸗ Spießerchen umher trabt', und— allenthal⸗ ben von den ernſten Kampf⸗Hirſchen zu⸗ rüͤckgeſcheucht, ſein erſtes bischen Brunſt trͤdeln trug— für dieſe fuͤhrte ſie immer N) ein Paar Maulſchellen bey ſich, welche Zaͤh⸗ ne wackeln machten, die mit den Schneide⸗ mühlen zur Wette arbeiten konnten. Doch trat dieſes Extrem aͤuſſerſt ſelten ein: denn ſie hatte ſich, auch außer dieſem, in ein ſol⸗ ches Anſehn geſetzt, daß ſie niemand anders aͤls artig zu behandeln gewohnt war.— Fürchtete ſie ſich nun alſo nicht in der graun⸗ vollen Einſamkeit des alten Spielbergs, wel⸗ chem mancher alte Jaͤger ſchaudernd ſich nah⸗ te; wie viel weniger ſollte ſie ſich in der gro⸗ ßen geſellſchaftlichen Welt fuͤrchten, wo die Menſchen, wie ſie wußte, die Moral und Tugend aus Büchern lernten, wie die wil⸗ den Jaͤger ihre feinern Kuͤnſte?— Nein! ihr war nie wohler, als wenn recht viel Menſchen um ſie herumſchwaͤrmten; denn dann glaubte ſie juſt am ſicherſten zu ſeyn, und— hatie, in gewiſſer Ruͤckſicht, vollkom⸗ men recht; wenn ſie es ſich nur recht erklaͤrt hätte. Nach ihrer Art, dachte ſie: man hat doch nie gehoͤrt, daß jemand an einem Jahr⸗ markte todtgeſchlagen, oder ſonſt— gemiß⸗ ——— — 188s— handelt worden; ſondern, wenn ſo etwas ge⸗ ſchehn war, ſo war es immer an einſamen enttegenen Orten geſchehn. Haͤtte ſie viel⸗ ſeicht denken ſollen: man braucht aber auch weder todtgeſchlagen, oder ſonſt gemißhandelt zu werden, und kann doch ungluͤcklich genug ſeyn? ja! freilich wohl; aber der Herr Magiſter Sebaldus, der nun einmal ſeine Zöͤglinge nicht wie die jungen Huͤhner⸗Hunde zu dreſſiren, und auf jeden einzelnen Fall abzurichten, ſondern, um nicht elende Ma⸗ ſchinen⸗Menſchen aus ihnen zu ziehn nur ihre Herzen zu bilden, ihnen die Regeln der aligemeinen Klugheit beizubringen, das be⸗ ſondere aber der Natur und Geſellſchaft zu uͤberlaſſen pflegte, der Herr Magiſter Sebal⸗ dus hatt ihr ja nie geſagt: daß es was Boͤ⸗ ſes ſey, ſich unter die Menſchen zu miſchen. Ihre Erfahrungen zu benutzen, war, nach ſei⸗ ner Regel, ihr unerſchütterlicher Vorſatz; aber, ſie hatte deren nur noch leider wenig. Ihr erſter ſorgſamſter Blick, als ſie nun wuürklich die glücklichen Gefilde dieſes Jahr⸗ . N 2 — 196— marktes betrat, welcher noch obendrein auſ⸗ ſerhalb dem Staͤdtchen, auf einer romantiſch ſchoͤnen Wieſe gehalten wurde, forſchte nach Jaden umher; denn dieſe waren, nach den Lehren ihrer Erfahrung, die allergefaͤhrlich⸗ ſten Menſchen, Menſchen, die den Ver⸗ fuͤhrern die Maͤdchens eben ſo meiſterlich in die Haͤnde zu ſpielen wußten, als die Dukaten heraus, und um aller Welt Schaͤtze willen waͤr ſie keinem wieder nachgelaufen, haͤtten auch dieß Jahr die Maͤdchens im Dorfe nicht einen Faſen von ihrer gnaͤdigen Graͤfin zum Chriſt⸗Kindchen bekommen ſollen. Das war ihr feſter unerſchuͤtterlicher Vorſatz! und wir ſehn daraus, daß ſie nicht das leichte Maͤdchen iſt, welches ſie auf den erſten An⸗ blick ſcheint, ſondern recht gut auf Vor⸗ fäͤlle merkt, um daraus zu lernen, und nur in der Feinheit fehlt, mit welcher ein an⸗ dres ſich aus der Affaire wuͤrde gezogen ha⸗ ben.— Ihr Herz wurd' ihr immer leichter und leichter, das ernſte Sorgenwoͤlkchen auf ihrer Stirn verlor ſich, und ihr Geſicht war * bald ganz wieder das heitre, offne, freie Spielbergs⸗Geſicht; denn, da die Abgaben für⸗ die Juden auf dieſem Markte zu druͤk⸗ kend waren, ſo bemerkte ſie nur ſelten ei⸗ nen, aber— da, nebſt einigen Depot⸗Ba⸗ taillons, auch verſchiedene Werbe⸗Poſten in dieſer Gegend lagen, deſtomehr Soldaten. Es iſt ausgemacht, daß die Maͤdchen wie behext ſind, wenn ſie Soldaten ſehn. Henrietten gieng es auch ſo. Sie wußte nicht, woher es kam oder worauf es hinaus wollte— juſt ſo, wie es einem ſeyn ſoll der behext iſt— kurz, es war ihr ſo wohl um's Herz, und— ſie freute ſich. Als ſie ſich ernſtlich ſelbſt um die Urſache fragte, konnte ſie wuͤrklich keine finden, als: daß ſie, da die Soldaten ja fuͤr die Sicherheit des Lan⸗ des wachen muͤßten, unter ihnen in der groͤßten Sicherheit ſey.— Ein gefaͤhrli⸗ cher Schluß! vielleicht für manches Maͤd⸗ chen, welches nicht ihre Sicherheit, in ihren eignen Gefuhlen und Grundſaͤtzen, bey ſich traͤgt. 41 4 85 — 198— Aber die Soldaten waren ja ſo beſchei⸗ den, ſo artig, ſo dienſtfertg— fragten al⸗ ler Augenblicke, wenn ſie ſich nach eiwas umſah:„was ſuchen Sie denn? mein ſchd⸗ nes Kind!“ und ſprangen fort, wenn ſie es ſagte, wieſen es ihr zu, halfen es kaufen, halfen es tragen— kurz, ſie ſchien ganze Regimenter kommandiren zu koͤnnen; und— das geſiel ihr! Das froͤhliche bunte Gewim⸗ mel, von Huſaren, Dragonern, Jäͤgern, und ulahnen, um ſie her, entzückte ſie ſogar.— Bald aber hieß es: die Hand von der Butte! es ſind Weinbeeren drinnen. Denn— Hen⸗ rietten gieng es nicht wie manchem andern Mädchen, welches erſt unter den Offizieren iſt, und dann unter die Gemeinen kommt; es war hier umgekehrt. Was Teufel! haben denn da die Burſche fuͤr ein allerliebſtes Maͤdchen? hieß es; und alles— Hauptmann und Fäͤhndrich, und Major und Korneit— alles machte lange Häͤlſe. Der eine ſtrich ſich den Bart, und trat näher— und be⸗ ſcheiden wichen die Soldaten ihren Meiſtern, —.,— — ¹92— ob es ihnen gleich unbillig ſchien: daß jene nicht bey ihren bepelzten Gips⸗Geſichtern bleiben, und ihnen das artige Kaſchett⸗Mäd⸗ chen, mit dem friſchen Natur Roth auf den apfelrunden Buͤckchen, ungeſchoren laſ⸗ ſen konnten. Henrieite konnte mit allen ſprechen! mit dem General, und mit dem Gemeinen. —“s trat nockh einer hinzu, und noch einer, und noch einer— man fand ſie allerliebſt, fand ſie mehr noch als artig, und— eh man ſich's verſah, war das ganze Korps um ſie verſammelt. Sie blieb keine Antwort ſchuldig, ſtolpert' uͤber keine Neckerey, gab jede mit Feinheit zurück, und erhoͤhte da⸗ durch die gute Meinung, welche man auf den erſten Blick von ihr gefaßt hatte. Man fand ſie ſogar unterhaltend! und ehe ſie ſich's verſah, hatte ſich der glänzende Zirkel ihrer Bewunderer mit ihr nach einem der Zelze gedreht, welche gewoͤhnlich von Wein⸗ ſchenken hier aufgeſchlagen werden, und Er⸗ friſchungen aller Art ſtanden aus jeder Hand ihr zu Dienſte. Sie fuhlte ſich ſehr ge⸗ ſchmeichelt, von ſo ſchoͤnen Herren bewirthet, und eigenhaͤndig bedient zu werden, fand nicht das geringſte Zweideutige darinnen, und würde es ſich mit Vergnuͤgen einige Zeit hier haben gefallen laſſen; aber einige Vor⸗ uͤbergehende, die unter einander vom Nach⸗ hauſegehn ſprachen, erinnerten ſie: daß je⸗ des Ding ſeine Weile habe, und ſie ent⸗ ſchuldigte ſich ſehr artig, daß ſie ſich, da ihr Heimweg etwas weit ſey, und ſie noch verſchiednes einzukaufen habe, das Ver⸗ gnügen ſolch einer angenehmen Geſellſchaft verſagen müſſe. Dafür aber war augenblick⸗ lich geſorgt! Man hoͤrte kaum, was ſie noch etwa zu kaufen habe, ſo wurde gerufen— fortgeſchickt— und die Kauſteute mußten es ihr her in das Zelt bringen, ſo daß ſie mit der groͤßten Beauemlichkeit ausſuchen, han⸗ deln, und kaufen konnte Das geſiel ihr noch mehr! und hätte ſie beinah ſtolz ma⸗ chen können; denn es ſchien ordentlich als ob der ganze Jahrmarkt um itretwillen da — — 201— ſey, und zu ihr kommen muͤſſe. Sie freule ſich ſchon im Geiſte: das alles ihrer lieben Graͤſfin, und der guten Auguſte zu er⸗ zaͤhlen; zu erzaͤhlen: wie artig und galant alle die ſchoͤnen Herrn geweſen, und daß ſie dießmal nicht zum Jahrmarkte ge⸗ gangen, ſondern dieſer zu ihr gekommen ſey.— Zwar ſah ſte ſich oft erſchrocken um; aber— da gab's ja keinen Juden! und man tieß ſie ſo ruhig handeln, und kaufen, als ob es auf ihrem Zimmer waär.— Es wur⸗ den ihr von den gluͤhenden jungen Men⸗ ſchen die koſtbarſten Praͤſente mit Artigkeit offerirt, und— unter den heiligſten Betheu⸗ rungen: daß nicht die geringſte Nebenab⸗ ſicht— auch nicht einmal ein Kuß! da⸗ mit verbunden fey, ſchier aufgedrungen; aber dazu war ſie ſchlechterdings nicht zu bewegen, und die Artigſten ſchaͤtzten ſich gluͤck⸗ lich, daß ſie, ſtatt der glaͤnzendſten Offerten, einige unbedeutende Kleinigkeiten von ihnen annahm, welche ſie, des geringen Werths wegen, ſich zu bezahlen ſchämte.— Dieſe * 8 ————y Delicateſſe erwarb ihr ſogar Bewunderung, und ſetzte ſie in Reſpect; denn einer ſolchen Enthaltſamkeit iſt nur ſelten ein Maͤdchen faͤhig. 4 Unter den vielen Schmeicheleien, die dieſen Tag Henrietten geſagt und gemacht wurden, kann ich eine Aneldote nicht ver⸗ ſchweigen, die ſchon damals ihrem aufkei⸗ menden Geiſte zur groͤßten Ehre gereichte. Der junge Graf E.(jetzt ein ehrwuͤr⸗ diger reifer Greis) ſchon damals einer der reichſten Maͤnner, ob gleich ſein Vater noch lebte, deſſen einziger Sohn er war— hatte ſich eben eine ſehr ſchoͤne goldne Uhr gekauft. Sie wurde von allen bewundert, und gelobt; auch von Henrietten.—„Sie. koſtet hundert Dukaten! rief der glühende Juͤngling; und— um einen einzigen Kuß, Maͤdchen! iſt ſie Dein.“— Laͤchelnd nahm, zu aller Verwunderung, Henriette die Uhr, und gab ihm einen Kuß. Aber, Herr Graf! ſagte ſie dann; Sie haben nicht allein goldne Uhren an einen Kuß zu wenden; ich auch! — 203— — Auf einen einzigen von Ihnen—(ihm ſeine Uhr hinhaltend) ſetz' ich dieſe!“— Der Graf war betroffen.—„Sie koſtet hundert Dukaten! fuhr ſie fort; bedenken Sie, was fuͤr einen Preiß ich auf einen Kuß von Ih⸗ nen ſetze!“— Lautes Gelaͤchter erhob ſich jetzt, da man ihre Meinung errieth. Der beſchaͤmte Graf ergriff die beſte Parthie, wel⸗ che er ergreifen konnte, nahm die Uhr zu⸗ ruͤck und gab ihr einen Kuß; aber— ſchickte ſogleich hundert Dukaten in's Armenhaus. Es war indeß manch Gläschen getrun⸗ ken worden; denn der Wein und die Freude ſind gute Geſellſchafter.— Auch Henriette, die nun mit Einkaufen fertig war, hatte vielleicht mehr getrunken als ſie wohl eigent⸗ lich haͤtte trinken ſollen; nicht als ob es ihr um ein Glaͤschen Wein oder Punſch geweſen waͤr, wie ſo manchem andern Landmäͤdchen, welches zuweilen gar, bey derlei Gelegenhei⸗ ten ſein bischen Tugend wacklig trinft; Gott — 204— bewahre! denn dieſes alles hatte ſie bey ih⸗ rer Graͤfin ungleich beſſer als hier; aber—. wie's nun geht! In der angenehmen Ge⸗ ſellſchaft ſchleicht es hinter.— Die Zunge wurde gelaufiger— das Herz offener; und ſte erzaͤhlte ſo viel Schoͤnes von ihrer Graͤ⸗ fin, und beſonders von ihrer lieben Gene⸗ ralin, daß mancher auf der Stelle beſchloß: letzterer in allem Ernſte die Kur zu ma⸗ chen, und— nur durch einen Blick auf die Erzählerin in ſeinem loͤblichen Vorſatz' irre gemacht wurde. Durch dieſen Ton und den ſprudelnden Weingeiſt, wurde ſie endlich vertraulich, und immer, immer, immer ver⸗ traulicher; ſo daß es ſchien als wollt' alles entſchlummern, was eine Tugend bewacht.— Es wurden Foriſchritte gemacht, die nicht ſelten der Unſchuld den Hals koſten, wur⸗ den ſich Freiheiten erlaubt, die gewoͤhnlich das luſtige Vorſpiel zur Zügelloſigkeit und all ihren traurigen Folgen ſind, und die ganze Scene ſchien ſich merklich andern zu wollen.— Hennriette erſchrack; den jettt — 205— „ 1 erblickte ſie auf einmal die furchtbare Ge⸗ fahr, welche uͤber ihr ſchwebte.— Wohl dem . Maͤdchen, welches noch juſt ſo zur rechten Zeit erſchrickt!— Sie wurde nicht aͤngſt⸗ b lich, noch vielweniger verlohr ſie den Kopf; aber wach wurde ſie auf einmal, ganz wach! Warum haͤtte ſie auch nun aͤngſtlich werden ſollen? denn— jetzt, da ſie wach war, war 1 ja auch alle Gefahr verſchwunden. Nur der demüthigende Gedanke: das darſſt du deiner Graͤfin nicht erzaͤhlen! ſchmerzte ſie. Sie brach ernſtlich auf.— Einige junge Wuͤſtlinge wollten ſich mit Nachdruck dieſem Vorſatze widerſeten, und in dem angefan⸗ genen Tone fortfahren; aber—„Keine Sottiſe! meine Herrn! füſterte leiſe der aukluge Major ihnen zu, der, nun ſchier . ein halbes Sekulum durchliebt, und heute ſich das erſtemal verliebt hatte; Sie ver⸗ derben uns ſonſt einen Spaß, der u dieſer Einſamkeit herrlich unterhalte — Wir alle kennen das Maͤdchen m genug, und haben uns gegen ſte iu⸗ — — 206— gegeben. Dieſer Fehler muß erſt ausgewetzt werden, ehe wir ihr Vertrauen zu gewin⸗ nen hoffen koͤnnen, und— haben wir das nicht, ſo laufen wir mit der Latte!— Claut, zu Henrietten) Nach Hauſe gehn koͤnnen Sie nun unmoͤglich, mein ſchoͤnes Kind! denn dazu iſt es wuͤrklich ſchon zu ſpaͤt; aber warten Sie noch einen Augenblick, und Sie ſollen ſehn wer von uns allen es am beſten mit Ihnen meint.“ Er hatte ſchon nach ſeiner Schweſter geſchickt, und— indem ſie noch uͤber dieſen Vorſchlag debattirten, kam ſchon dieſe— ein gutes harmloſes Geſchopf!— mit dem Wagen vor das Zelt gerollt.—„Das iſt meine Schweſter! ſagt’ er, indem er ſie an den Wagen fuͤhrte.— Jeder von uns wuͤrde ſich ein Vergnuͤgen daraus machen, Sie nach Hauſe zu bringen, die Sie uns einige ſo ſchoͤne Stunden geſchenkt haben; aber— hrer Frau Graͤfin und der Frau Generalin, gnen ich mich zu empfehlen bitte, iſt es ohne eifel lieber, wenn Sie ein Frauenzimmer — 207— bringt.— Cheimlich) Auch iſt es um der Schwachen willen!— Cindem er ſie in den Wagen hebt) Da! macht Bekanntſchaft. Ihr ſollt einander bald wiederſehn.“* Ehe ſich Henriette beſinnen konnte, 1ag ſie ſchon im Wagen, und das harmloſe Ge⸗ ſchoͤpf hatte ſie recht herzlich am Halſe.— Ihre gekauften Sachen wurden ihr nachge⸗ bracht, alles ordentlich in den Wagen gepackt, ein froͤhliches Adje! Adje! Adje! ihr zugeru⸗ fen, und— dort rollten ſie hin! 85 Im Vorbeirollen, ſah ſie dort an einer Linde den armen Durſt lehnen.— hatte ſich dießmal nicht naͤher gewagt, Henrietten hier in einer nicht geringer fahr erblickt, als an jenem Jahrmarkt'; aber — waͤr es noch toller geworden, ſo hätt' er doch alles riskirt, um eine Diverſton zu ma⸗ chen, und— häͤtt er auch das Zelt in Brand ſtecken ſollen. Indeß hatte ſeine Wach keit alles gethan, was nur in ſolchen Um⸗ ſtänden zu thun moͤglich iſt; hati' immer eine Menge neugieriges Volk um das eiwas — 208— einſame Zelt zu ſammeln, und dadurch eine gefährliche Stille zu vermeiden geſucht— der ehrliche Durſt! und jetzt— da er ſie mit dem Fraͤulein allein dahinrollen, und alle die wilden Springer ruhig in das veroͤdete Zelt zurückkehren ſah— ol wie glänzt ihm da die Freude aus den Augen. Er fühlte nicht den Schmerz: ſie nicht ſprechen zu können, ob er ſich gleich ſchon ſo lange dar⸗ auf gefreuet hatte, fühlte nur das Glück: ſie in Sicherheit zu wiſſen, und ein lauter herzlicher Seufzer rief ihr das ehiliane Le⸗ 1t Henrietten weh, ihm nur ihren Gruß verſtohlen zunicken zu koͤnnen; deſts weher noch, da er denken konnte: ſein herz⸗ lich ſchlechter Anzug ſchreckte ſie zuruͤck— ſie verkenne ſeine edle Abſicht— ſey ſtolz auf dieſe Geſellſchaft— und dergleichen mehr; halten laſſen konnte ſie unmoͤglich, und hn ſprechen, ohne den Schwachen oder 8 Spoͤttern den reichhaltigſten Stoff zu den anderbarſten Gedanken von ihr zu geben; und ſo mußte der arme Durſt dießmal um⸗ ſonſt nach einem Labeblicke von ihr ausge⸗ gangen ſeyn, und— hungrig und durſtig nach Hauſe wandern? Nein!— Henriettens freundlicher Nick gegen den armen Teufel, war dem Luchsauge eines ruͤſtigen Kornets nicht entgangen; er theilte dieſe Bemerkung ſeinen Cameraden mit, und man machte ſich ſogleich an ihn, um das Verhaͤltniß zu er⸗ forſchen, in welchem er mit dieſem verſtohl⸗ nen Nicke ſtehe.— Durſt gerieth in Begei⸗ ſterung, und einige hundert Ellen Entzü⸗ cken ſtroͤmt', in Proſa und Verſen, von ſeinen Lippen.—„Arme Canaille! dachten die ruſti⸗ gen Soͤhne des Kriegsgottes!“—„Aber, wa⸗ rum biſt du dummer Teufel denn nicht hin zu uns gekommen, wenn du ſie kennſt?“ rief ei⸗ ner;„Komm! erzaͤhl uns noch was von ihr!“ — ein anderer; ein dritter hatte, da er mit einem wehmuͤthigen Blick' auf ſeinen Anug zeigte, ihn ſchon am Arme, und— da gieng es hin. 4 Der Wein exaltirte die Begeiſterung des „. — — 210ñ— armen durſtigen Dichters, und Henriettens ganze Geſchichte, nebſt allen ihren Tugen⸗ den, Schoͤnheiten, und Verhaͤltniſſen in dem Hauſe der Graͤfin, erhielt einen ſo glaͤn⸗ zenden Anſtrich, daß es mehr einem Feen⸗ maͤhrchen als einem wuͤrklichen Vorfall' un⸗ ter dieſem Monde glich, und manchen nach einer Avantuͤre noch luͤſterner machte. Bald aber erhielt der ſtarke Wein uͤber den ſchwa⸗ chen Geiſt die Herrſchaft, und der uner⸗ ſchoͤpfliche Lobredner unſrer Henriette⸗ lag unter'm Tiſche.— Biele trieben ihren Spaß mit ihm; übet die meiſten hatten herzliches Mitleiden. Als er am andern Morgen erwachte, fand er ſich auf einem weichen Bett' in einem Zimmer des Gaſthofes, deſſen Wirth auch Eigenthuͤmer des Zeltes geweſen war, lichem es ihm geſtern, wie er ſich erin⸗ konnte, ſo trefflich geſchmeckt hatte. or ihm auf dem Tiſche, ſtand ein delikees Fruͤhſtuͤck, und daneben, auf einem Stuhle, lag ein zwar nicht ganz neuer, aber doch ſehr guter voͤlliger Anzug. Sein alter war weg;— ohne Zweifel in die Miſt⸗Grube. — Er wiſchte ſich mehr als einmal die Au⸗ gen aus; denn es war ihm nicht anders, als traͤumt' ihn alles dieſes Er wußte nicht ob er eſſen und trinken, nicht ob er ſich an⸗ kleiden ſollte; da trat der freundliche Wirth herein, und erklaͤrte ihm: daß dieſer Anzug ſein gehoͤrte! daß er das Fruͤhſtuͤck zu ſich nehmen, und auch den Mittag noch hier ſpeißen koͤnne; es ſey alles bezahlt! Auch machte er ihn, da er es zu uͤberſehen ſchien, auf ein Paket Geld aufmerk⸗ fam, welches in der einen Weſtentaſche ſtak; damit er es nicht etwa verliehren moͤge.— Dem armen Durſt trat eine bittre Thraͤne in's Auge; denn jetzt empfand er ſeine Ar⸗ muth.— Sein Geiſt hieng nicht am Reich⸗ thum'; aber ſein Herz— hieng an 1 rietten. Er empfand keinen Mangel, r ſich ſelbſt; aber— ein Koͤnig haͤtte er ſeyn moͤgen, wenn er an Henrietten dachte. Wie lein ſtand er da, gegen dieſe, die ſo groß⸗ O 2 —,— 2 — 212— müthig gegen ihn handeln konnten! und doch füͤhlt er ſich, an moraliſchem Werthe, weit uͤber ſie erhaben; denn ihre thieriſchen Em⸗ pfindungen hingen bloß am thieriſchen Genuſſ, ſein Geiſt genoß nur aͤſthetiſch, und kniet am Altare des Herzens. Er haätte ſollen geben koͤnnen, und ſie— empfangen müͤſſen. Das ſchmerzte! denn dieſe Geber— ob ſich gleich der gefäͤllige Wirth nicht daruͤber er⸗ klaͤren wollte, waren doch niemand anders als die Offiziers?— Und, wenn dieſes Em⸗ pfangen ihn auch— wie er davon feſt überzeugt war, in Henriettens Augen nicht herabſetzte; wie mußte jene das Geben in eben dieſen Augen erheben?— Verlohr er auch nicht durch den Mangel bei ihr, was ſie durch den Ueberfluß eben ſo wenig gewinnen konnten; ſo gewannen ſie 33 durch den edeln Zug der Anwendung deſſelben; gewannen deſtomehr, jemehr ſich Henriette fuͤr ihn, der ihre Großmuth em⸗ pfunden hatte, intereſſirte.— Faſt wünſcht er in dieſem Augenblick: ihr gleichgultiger — 213— zu ſeyn, als ſein Gefuͤhl ihm ſagte, daß er ihr wuͤrklich ſey; damit dieſe nicht, durch ſein eigenes Intreſſe bey ihr, zu viel gewin⸗ nen mögten. Noch nie war ihm das Ankleiden ſo ſauer angekommen, als dießmal!— Herzlich angenehm war es ihm, zu hoͤren: daß ſich die ſaͤmmtlichen Herrn bereits zu neuen Luſt⸗ Partien zerſtreut; denn er haͤtt' ihnen doch danken muͤſſen? und— wie ſauer wuͤrd' ihm, der doch eigentlich fuͤr das geringſte genoßne Gute, ſo herzlich gern dankte, juſt dieſer Dank geworden ſeyn? Er genoß etwas weniges von dem ihm vorgeſetzten reichlichen Fruͤhſtuͤck, dankte fuͤr das Mittags⸗Eſſen, und gieng traurig ſeine Straße. — 214— Eilftes Kapitel. * Wie man ſich irren kannl 82 4— 1.. Aber ſehr hoch nahm es die Graͤfin auf, daß ihre Jette ſo diſtinguirt wurde.— Der Ruf, das ſie gefahren komme, rauſchte vor eihr her, und die alte hochreichsgräͤfliche Naſe bekam ſchon einen ſchisfen Zug, indem „Innhabern dieſe Galanterie nur einem ſuͤ⸗ ßßen Herrn zutraute, dem Henriette, nach ihrer. beliebten. Art, ohne Zweifel in die Haͤnde gelaufen ſey, und es war ſchon in 3 hoͤchſten Gnaden beſchloſſen: ſte auf keinen 3 Jahrmarkt mehr gehen zu laſſen; aber— ſieh! über den Garten Thorweg heruͤber weht' eine weiße Flohrkapp' aus dem her⸗ beirollenden Wagen empor, und ein Gekikker und Geſchnäͤbel erhob ſich— hum! das konnte doch unmoͤglich alſo was Intrikates ſeyn? . Thür, um dieſe lange Predigt wenigſtens halb rechts um, und ſie vernahm in der — 215— denn ſo viel Klugheit traute ſie doch ihrer Henriette zu, daß ſie wenigſtens das Auf⸗ fallende vermeiden, und nicht vor ihren Au⸗ gen ſo kareſſiren werde.— Noch machte ſie einen langen Hals nach dem Garten⸗Thore hin; da kam ein Bedienter, mit einem Arme voll Jahrmarkt, uͤber den Hof geſprungen, gab es unten ab, und man hoͤrt' ihn im Vorzimmer eine lange Empfehlung herorgeln. Dieſe ſchien aber der ſehr verzeihlichen Neu⸗ gier unſrer alten Dame ſich zu ſehr in die Läͤnge zu ziehn; ſie trat alſo ſelbſt in die nicht wiedergekaͤut zu genießen. Der artige Bediente machte ſogkeich moͤglichſten Kuͤrze, was ſie gern wiſſen wollte. Die Relation war, nach dem was wir be⸗ reits davon wiſſen, ſo ziemlich. treuz nur mit einigen kleinen Varianten, als z. B. daß der Herr Major und ſeine Fraͤu⸗ lein Schweſter⸗ das Vergnügen gehabt, * . — 216— 4 dieſes artige Maͤdchen aus Dero Haufe. auf dem Jahrmarkte kennen zu lernen ꝛc. als wovon wir nicht ein Wort wiſſen, ſondern: das Fraͤu⸗ lein und Henriette lernten einander erſt im Wagen kennen; doch— wer wird ſo kriklich ſeyn, uͤber eine ſo unbedeutende Variante? und eine Luͤge war's ja doch nicht; denn der Wagen hielt ja wuͤrklich auf dem Jahrmarkte, da ſie die erſte Be⸗ kannſſchaft machten. Ja, 1 jaf Indeß kann ich’'s keinem Philolsgen verargen, daß er ſich oft durch ganze Volumina mit einigen unb edeutend ſcheinenden Varianten herum⸗ balzt; denn die kleinſte Veraͤnderung oder Berſetzung einiger Worte, giebt der ganzen Sache zuweilen einen ganz andern Sinn. Und— haͤtte der Bediente geſagt: der Herr Major hatien, mit einigen andern Offtzirs, das artige Henriettchen im Wein Zelte kennen gelernt, und ſchickten dann nach Hauſe, zu Deroſelben Fräͤukein Schweſter, um— dieſes artige Maͤdchen artig na Suſe ziingen. zu laſſen— Ich wollte dar⸗ ——‚˖—— ——-y— ——.— * -— 217— auf weiten: die hochreichegräfliche Naſe waͤr um zwei Drittheil ſpitziger geworden, und die ganze Sache haͤty ein ganz andres Anſehn, und eine ganz andre Wendung be⸗ kommen. So aber wurde bloß die gute Seite der alten guten Graſn beruͤhrt, die Sache hatt' und behielt das einfachſte glaubhaſteſte Anſehn, und— der ſchlauſte Argwohn konnte nicht zur Sprache kommen.—„Meine gnaͤdige Fraͤulein wuͤrde ſelbſt ſo gluͤcklich ſeyn, unterthäͤnigſt aufzuwarten, fuhr mit der groͤßten Leichtigkeit der auf dergleichen artige Lügen wohl eingehetzte Jehaſt fort; aber unſre Pferde ſind, beſonders im Dun⸗ keln, etwas ungezogen, und wir haben zu eilen, um wenigſtens die Ebne bey Tage wieder zu erreichen. Sie laͤßt deßhalb un⸗ terthänigſt um Vergebung, aber auch zugleich um gnaͤdigſte Erlaubniß bitten: zu einer an⸗ dern Zeit unterthäͤnigſt aufwarten zu dür⸗ fen.“— Alles in der Welt kommt doch auf den Voörtrag, und auf die Wendung an, welche man einer Sache zu geben wei⸗ — 218— — Die alte ſonſt ſo fuchsſchlaue Graͤfin war, durch die Leichtigkeit dieſes Vortrags, ſo von der Wahrheit der Sache ſelbſt, und aller Umſtaͤnde, wie nicht weniger von der Ungezogenheit der alten treuen Schimmel überzeugt, als ob ſie dieſelben ſchon hun⸗ dertmal haͤtte durchgehn ſehn, und alles un⸗ ter ihren Augen vorgegangen waͤr. 1 Der Bediente— wie's nun mit Aus⸗ theilung der Belohnungen unter dieſem Monde geht!— Der Bediente erhielt, ſtatt einer Ohrfeige, welche ſich auf eine Lüge gehoͤrt, einen Species Thaler, und ihre ge⸗ treue Blandine von Eberſchuͤtz Cihre Geſell⸗ ſchafts⸗ Dame) ſogleich den Auſtrag: das Fraͤulein am Wagen zu bekomplimentiren, ihr viel ſchoͤnes in ihrem Namen zu ſagen, und zu verſichern: daß ſie die Artigkeit zu ſchazen wiſſe, welche ſie ihrer Henrieite er⸗ wieſen, und ſch freue, zu einer gelegenern Zeit ihre angenehme Bekanntſchaft zu machen. Eins ſprang hin, das andere waut en, — — 2419— und endlich kam auch Henriette geſprungen. — Sie war entzückt bis in den dritten Him⸗ mel, uͤber alle die Schoͤnheiten und Artig⸗ keiten, die ſie auf dieſem Jahrmarkte ge⸗ noſſen, ſo, daß es nothgethan häͤtt' es waͤr morgen ſchon wieder einer dort geweſen, und es waͤhrte lang' eh' ſie, fuͤr alle den Herrlich⸗ keiten, zu einer nur etwas zuſammenhaͤn⸗ genden Erzaͤhlung derſelben kommen konnte. 9 Will man von irgend einer Sache ein glaubhaftes, und eben deßwegen intereſſantes Bild entwerfen, ſo huͤte man ſich ja fuͤr jeder Uebertreibung! denn der Menſch, mit alle ſeinem Glauben und Gefuͤhl, iſt nun einmal, ſo lang' er unter dieſem Monde wandelt, nicht fuͤr Himmel oder Hoͤlle or⸗ ganiſirt, ſondern fuͤr das Natuͤrliche. Will man die Welt, oder ſonſt etwas⸗ auf der gehaͤſſigſten Seite darſtellen, ſo haͤufe man ja nicht, mit Verſchweigung alles Gu⸗ zten Elend auf Elend, Niedertraͤchtigkeit auf Niedertraͤchtigkeit, Ungluͤck auf Ungluͤck, ſonſt verfehlt man ganz ſeinen Entzweck; ſondern — 220— man laſſe nur Elend und Ungluͤck immer hervorſtechen, das Gute aber ſtelle man in den Schatten; denn wo nichts als Elend iſt, da verliert ſich endlich das Gefuͤhl, man verſtumpft, und geraͤth, zur Schonung fuͤr die Liebe zum Guten, die doch warlich auch den groͤßten Boͤſewicht nicht verlaͤßt, ſo lange er bei Sinnen iſt, auf den Einfall: es iſt nicht wahr! Und, ſebald dieſer Gedanke Wurzel geſchlagen hat, iſt an keine Wuͤr⸗ kung mehr zu denken.— Man ſtaunt es an. dieſes haͤtliche Bild, fuͤr deſſen Exiſtenz man im Reiche der Wuͤrklichkeiten keinen Plat zu ſinden weiß, ſchuͤttelt ſich hoͤchſtens,⸗ fuͤr Eckel, und geht kalt davon. Ich habe Carl von Carlsberg geleſen, und bin— auf Ehre kann ichs verſichern! nie ſo zufrieden mit der Welt geweſen, als zuſt damals; denn ich fand ja das Elend nur auf dem Papier. War dieſes die Abſicht des Verfaſſers: einen Mißvergnügten mit der Weſt auszuſoͤhnen, indem er ihm mehr Elend vorlegt' ale er, auch bei dem —½—₰ ö 2 widrigſten Geſchick, zu erleben im Stande iſt— auf einer Octav Seite mehr, als er, bei alle ſeinem ungeheuren Unglück, welches ihn ſchier muthlos gemacht haͤtte, bereits erlebt— o! dann allen Reſpect; dann hatte er ſie, bei mir wenigſtens, vöͤllig erreicht. Will man die Welt, oder ſonſt etwas, von der angenehmſten und alſo liebenswuͤr⸗ digſten Seite darſtellen, ſo haͤufe man ja nicht mit Verſchweigung aller nothwendigen Uebel, nur Gluͤck auf Gluͤck, Freude auf Freude, Entzuͤcken auf Entzuͤcken; ſondern laſſe nur das Gluͤck immer hervorſtechen, und mildre das Elend durch die Vortheile des angenehmen Kontraſtes, ſonſt verfehlt man auch dieſen Endzweck; denn— an un⸗ unterbrochnes Glück glaubt man nur in ei⸗ ner Feen⸗Welt.— Der ſchwachkoͤpfige Weichling koͤnnte ſogar mit der Welt boͤſe werden, daß ſie ihm, bei all ſeinem unver⸗ dienten Gluͤck, das Entzuͤcken zu gewaͤhren nicht im Stande iſt, welches ſo ſchoͤn da vor ihm auf dem Papiere ſteht, und— die⸗ — 222— ſer Lumpen⸗Welt zum Schure, ſich die Ku⸗ gel durch den Kopf jagen.— Zwar verloͤhr die Welt nichts an einem ſolchen Menſch⸗ lein, als die Laſt, nach Fleiſcher Gewichte berechnet; aber— wer wollt' an der unnoͤ⸗ thigen Zerſtoͤrung auch eines— Affen, in dieſer ſo wohl kalkulirten Welt Schuld ſeyn?— Dieſes nehme ſich jeder auf ſein Herz und Gewiſſen, in deſſen Gewalt es ſteht, Eindruͤcke zu machen: denn— es muß ſich einer nicht juſt todtſchießen, wenn er die Walt nicht gerade ſo ſchoͤn und fuͤr alle Faͤlle maulrecht findet, wie ſie ihm auf dem Papiere gemahlt wird; auch gemordete Zu⸗ friedenheit iſt Todiſchlag! Henriette wußt alles dieſes nicht, wie wir, aus Büchern, und aus dem großen Buche der Erfahrung; denn, außer einigen moraliſchen Buͤchern, die ſich leider zu viel mit Syſtemen und ſchoͤnen Traͤumen, aber wenig mit der würklichen Welt und ihren gefaͤhrlichen Situationen beſchäftigen, hatte ſie ſehr wenig geleſen, und im Haupt⸗Buch — 223— ihrer Erfahrung— ach! da war ja erſt ſeit einigen Stunden das dritte Kapitel’ ange⸗ fangen worden.— Das erſte handelte von Schoͤngeiſtern, das zweite von Juden, un das ganz neu angefangene dritte— vom Militaͤr. Aber die Natur war ihre getreuſte Führerin. Dieſe gab ihr einen empfindlichen Stoß, als ſie, in ſchwaͤrmeriſchem Ent⸗ zuͤcken, dieſen Tag als einen unentweihten Feſttag der Goͤtter, und das Wein Zelt — wenigſtens ſo heilig wie eine Kirche be⸗ ſchrieb, Auguſte ſie immer bedenklicher an⸗ ſah, und die Graͤfin ihr monotoriſches: So? — So? immer mehr in eine bedachtſame Laͤnge zog; ſie fuͤhlte ſelbſt die Unglaublich⸗ keit deſſen, was ſie doch kluͤgere Leute ſo gern glauben machen wollte, und lenkte juſt noch zur rechten Zeit ein, ehe das Glau⸗ bensthürlein ganz und gar, und auf immer zuſchnappte. Sie ließ durchſchimmern, was unmoͤglich ganz zu verbergen war, wenn das Ganze nicht eine ſchoͤne Idee ſcheinen ſollte, die vielleicht unſre Ur⸗ ur⸗renkel in ei⸗ nem andern Planeten realiſiren werden, uͤber⸗ ſtrich wieder, und erhoͤhte, feilt' und uͤber⸗ kleiſterte— kurz, ſie vertheilte Licht und Schatten ſo gluͤcklich, daß das Gemaͤhlde da⸗ durch nicht nur nicht verliehren konnte, ſon⸗ dern unendlich an ſeinem Intereſſe gewinnen mußte.— Jetzt erſt glaubte die Graͤfin würklich, was ihr zuvor kaum glaubhaft ge⸗ ſchienen hatte, jetzt erſt ſah ſie, was ihr zuvor nur wie ein Traum vor den Augen . zu ſchweben ſchien, und Auguſte ſetzte laut hiinnzu: das konnte nicht fehlen!— Jetzt gewann der Major und ſeine Schweſter unendlich; ſo wie der Mantel erſt dann ge⸗ ſiinnnt, wenn er fuͤr Regen ſchuͤtzt. . 72„Sind die Truthaͤhne fett? und Faſane geliefert?“ fragte die alte gute Mutter Graͤſin, als ſie ſchlafen gieng: und von bei⸗ den hieß es: ja! Da ergieng an den alten Puff der Befehl: ein gelte Thier zu ſchießen, und an den Verwalter: einen Ochſen zu ſchlachten; und am andern Morgen wurde 4 — der Herr Major, nebſt Fraͤulein Schweſter, auf eine Butter⸗Baͤmme eingeladen. Das that nun einmal die alte gute Graͤfin micht anders!— Wer unangemeldet kam— je nun, der mußt, auf ſechs Schuͤſ⸗ ſeln Hausmannskoſt mit ihr vorlieb neh⸗ men; aber— wenn ſie bat! ja, dann mußte St. Mahomed bey ihr in ſeinem tauſend⸗ jaͤhrigen Reiche zu Tiſche zu ſitzen glauben. Daß der Herr Major, nebſt Fraͤulein Schweſter, ſich nicht zweimal bitten ließen, laͤßt ſich denken; denn im Grunde war es ja mit jener beſondern Artigkeit, bloß a dieſe Bekanntſchaft abgeſehn geweſen.— D Graͤfin fand an ihm einen Mann von ſe gutem Ton', und viel feiner Welt; wer dieſes hatte, der hatte bey ihr ge nen Spiel. Seine Schweſter fand ſie auſ⸗ ſerſt intereſſant, ob gleich der Geiſt ihres Bruders nicht auf ihr ruhte.— Sie hatte 5 ja ihre liebe Jette nach Hauſe gebracht! Als ſie von der Tafel aufſtiegen⸗ ſeeng es ſchon an, in den Winkeln zu dunkeln, — 226— und der Majfor wollte aufbrechen; aber die Graͤfin erinnerte ſich an ſeine wilden Pferde, und— wollt' er ſeine Schweſter nicht Luͤgen ſtrafen, ſo mußt' er bleiben. Es ſteht nichts davon in meinen Nachrichten, daß er daruͤber boͤſe geworden waͤr. Und— ſchier waͤr es den andern Tag wieder ſo gegangen! Aber er hatte Auszahlungen.— Er ſchied entzuckt uͤber die Aufnahme, und verſprach: bald wiederzukommen.— Ein ehrlicher Mann haͤlt ſein Wort! Der Herr Major war ein ehrlicher Mann!— und, gleich als ob dieſer Weg durch ihn einen ordentlichen Zug erhalten haͤtte— fanden ihn immer mohrere. Bald ſucht einer einen entſprungenen Rekruten, und hatte ſich dazu von der Graͤfin recht⸗ lichen Beiſtand auszubitten, bald ſpuͤrte ſonſt einer einigen ausgetretenen Landeskindern hier nach, und brauchte die Huͤlfe ihres Gerichtshalters.— Einige Groſchen haͤtten, —., — 227— bey dem Gerichtsfrohn, eben dieſe Dienſte gethan; aber— es war doch kraͤftiger, wenn man vor die rechte Schmiede gieng Und wenn nun ſo einer zum Thorweg' hinein courbettirt kam, ſo wußte man auch ſchon von Henrietten ſeinen Vor⸗ und Zunamen, ſeine Tugenden und Laſter, und— wo nicht ſeine ganze, doch wenigſtens den groͤßten Theil ſeiner Familien Geſchichte. „Wer iſt denn das? Wer iſt denn das?“— fragte die Graͤfin, oder Auguſte zuweilen, ohne daran zu denken, ſogleich eine Antwort zu erhalten.—„Der Lieutnant von Simmern!— ſagte Henriette, kaum einen Blick hinwerſend, und naͤht' oder ſtrickte ruhig fort; er ſchielt auf dem lin⸗ ken Auge! Sein Vater iſt vor dem Jahre an einem Bruſtſieber geſtorben, und ſeine Mutter hat den Kammerherrn Natterbach geheurathet. „Wer iſt denn das?— Wer muß denn das ſeyn d,„— hieß es, ein andermal; als P 2 — 228— das Hundegebell und Huͤhner⸗ und Gaͤnſe⸗ Gekakker einen neuen Auftritt ankuͤndigte. Henriette.(wie zuvor) Es iſt der Rittmeiſter Dietrich von Rauenſtein!— Ein ſchoͤner Mann!— Sein Vater iſt daͤni⸗ ſcher Geſandter, und ſeine Mutter eine ge⸗ bohrne Graͤfin Barnabas.— Aber, ſie ſind vorm Jahre geſchieden. „Woher weißt denn Du das?“— fragte dann etwa die Graͤfin, oder Auguſte. Henriette.(gleichguͤltig) Ich hab' ihn ja damals, auf dem Jahrmarkte, kennen ge⸗ lernt.. und ſo gieng es bey jedem!— Jedes Sommerfleckchen in jedem Geſichte kannte ſie; faſt glaub' ich auch jeden ſeine Wech⸗ ſel⸗ unter Juden und Chriſten.— Und das waxen lauter Jahrmarkts⸗ Bekanntſchaften? — Die Graͤfin ſchuͤttelte mitunter bedenk⸗ lich den Kopf, und ihre getreue Blandine von Eberſchuͤtz meinte: ſie mußten ſehr in's Detail gegangen ſeyn.— Auguſte erklärt“ es am wenſchenfreundlichſten; indem ſie den 4* — 229— Grund der Genauigkeit dieſer Bekanntſchaften in Henriettens Genie ſuchte—; ein Genie, welchem auch die unbedeutendſte Kleinigkeit nicht entgieng. Indeß waren alle dieſe Menſchen auſſerſt artig, wurden ſehr gut gelitten, und, ſo oft ſie giengen, wiederzukommen gebeten.— Mancher gieng ohnehin bloß des Wohlſtan⸗ des wegen, und waͤr am alleerliebſten gleich dageblieben; alſo— wurd ihm das Wieder⸗ kommen deſto leichter; denn— hier lebte man ja, Jahr aus Jahr ein, herrlich und in Frenden, und— zu thun hatte man ja vor der Hand ſonſt nichts. Einige giengen, einige kamen; einige kamen, einige giengen.— Es war ordentlich als ob ſie es ſo mit einander abgeredet häͤt⸗ ten! und eh' ein Monat uͤber die näͤrriſche Welt hinbraußte, glich das hochreichsgräf⸗ liche Schloß Lauterbach einem militzriſchen Taubenſchlage⸗ Es war ſo mancher rüſtige Tauber dar⸗ unter; ſchoͤn von Farb' und edel von Art! und die alte ſchlaue Graͤfin, nebſt ihrer ge⸗ treuen Blandine, ſperrten die natuͤrlichen Augen, und die Augen des Verſtandes alle Tage weiter auf; denn— um ihrer grauen Haare willen kamen dieſe warlich nicht! Auch nicht um des geſegneten Weinkellers und der frugalen Kuͤche willen; denn juſt dieſe tranken wenig oder gar keinen Wein, und nahmen, uberdruͤßig der leckern Hof⸗ Tafeln, von denen ſie eben herkamen, mit Kartoffeln⸗Kloͤſen, und einer Butter⸗ Baͤmm' im eigentlichſten Verſtande vorlieb.— Au⸗ guſte muſte der Magnet ſeyn, der ſie zog! n Ich muß einen Augenblick an dieſem Gegenſtande verweilen, der uns ſchier 8ans aus den Augen gewachſen iſt. 8 Auguſte— dieſes herrliche Weib, wel ches wir faſt in keinem Momente, als an ihres Gemahls Sarge, gluͤcklich geſehn haben — Auguſte war zwar achtzehn Jahr lber 14 — 231— geworden; aber alle Leiden dieſer langen Zeit hatten dennoch ihre Bluͤthe nicht ganz zerſtoͤren koͤnnen.— Aus jedem Zuge ihres ohnehin aͤußerſt intereßanten Geſichts ſprach ſtille Schwermuth, und gab- da dieſe niemals in uͤble Launen ausartete, oder ſonſt den Menſchen, die ihr ſich naͤherten, be⸗ ſchwerlich fiel, ihrem ganzen Weſen ein ganz beſonderes Intereſſe. Sie war nicht mehr das leichte ſpielige Maͤdchen, aber— nach dem ſtrengſten Urtheile— doch immer noch ein aͤußerſt angenehmes Weib. Was ſie an Jugendreiz verlohren hatte, das erſetzte jetzt der Reiz ihrer durch Leiden ausgebil⸗ deten Seele. Es war alſo immer noch moͤg⸗ lich, daß ſie noch eine brillante Eroberung machen konnte; denn es giebt ja noch Maͤn⸗ ner, die ſich feſter in eine ſchoͤne Seele ver⸗ lieben, als mancher Jüͤngling in den ſchoͤn⸗ ſten Koͤrper.— Ihre Unterhaltung war aͤu⸗ herſt lebhaft und angenehm; ich würde ſo⸗ gar hinzuſeten: lehrreich! wenn ich nicht gewiſſe Maͤnner zu beleidigen fuͤrchtete, A welche den weiblichen Unterhaltungen alles Angenehme, nur ſchlechterdings nichts Lehr⸗ reiches zugeſtehn wollen; und ob ſie gleich einen unheilbaren Gram mit ſich herum⸗ trug, der manches andre gefuͤhlvolle Weib gewiß ſchon lange ins Grab gedruͤckt haͤtte, froͤhlicher mit den Fröͤhlichen als manches glüͤckliche Weib oder Maͤdchen, welches die gluͤcklichen Augenblicke des Menſchenlebens nicht, durch Leiden, ſchaͤtzen gelernt hat; ſie machte es ſich ſogar zur angenehmen Pflicht: die Traurigen aufzuheitern; da niemand die Wohlthat dieſer Aufheiterung tiefer fuͤhlen konnte als ſie, die ſie dieſelbe ſo lang und oft hatte entbehren müſſen.— Sie war ge⸗ fühlvoll von Natur, und war es noch jetzt, ohne laͤcherlich zu werden; zärtlich, ohne eine Naͤrrin zu ſeyn; aber— beides nur bis auf einen gewiſſen Punkt, in welchem ſich alles ſchloß. Dieſer Punkt war ihr Curt! Ein einziger Gedanke an ihn riß ſie von der ganzen Welt los, und von allem, was ihr nur einen einzigen ſchnellern Puls⸗ — ſchlag haͤtte verurſachen koͤnnen.— Hierher! ihr, die ihr dem Weibergeſchlechte keine Treue zutraut; hierher!— Ein einzigesmal hatten ſie einander in dieſen achtzehn trau⸗ rigen Jahren geſehn und geſprochen, und dieſes nur auf einige Minuten; denn er war, von einer Streiferei, die ihn gluͤcklicher⸗ weiſe in dieſe Gegenden gefuͤhrt, um ihr keinen unnöthigen Verdruß bei der Graͤfin zu machen, im Rocke ſeines Unterofſtziers, mit Gefahr ſeines Leben, in einer graun⸗ vollen Werternacht, durch den wilden Spiel⸗ berg, in ihren Arm geflogen— ach! und was waren das für Minuten geweſen?— Seit der Zeit hatt' er ſich immer in Ruß⸗ land, und an andern Hoͤfen umhertreiben müſſen— wie's nun damals einem Kriegs⸗ manne gieng, der zu mehr als zum Schlach⸗ ten oder geſchlachtet werden zu brauchen war, und hatt' es dennoch— da jener große Monarch oft ſeine wichtigſten und liebſten Maͤnner am laͤngſten zu vergeſſen pftegte⸗ noch nicht zu einem Poſten bringen koͤnnen, aus welchem er ſich, ohne ſeiner Auguſte Schaden zu thun, der ſtolzen Graͤſin häͤtte praͤſentiren duͤrfen, im Fall es auch ſeine Dienſtleiſtung zugelaſſen, und ſein eigner Stolz darein gewilligt haͤtte. Jetzt trieb er ſich nun wieder mit ſeinem von ſchier aller Welt befeindeten Friedrich in dem dritten ſchleſtſchen, oder ſogenannten ſiebenjaͤhrigen Kriege herum, und ſeit ſchier Jahr und Tag mußte ſie nicht ob er noch über oder unter der Erde ſey.— Dennoch, ſo wenig ſie je⸗ mals Hoffnung gehabt hatte: die Seinige zu werden, ſo praͤchtige Parthien und gläͤn⸗ zende Ausſichten ſie gehabt, und ſo ſehr ſie darum die Graͤſin geaͤngſtiget hatte, und noch jetzt aͤngſtigte— dennoch war nie ein Athem⸗ zug aus ihrer Bruſt verflogen, der ihren Curt verleugnet! Nur geſchaudert hatt' ihr, als er in ſeinem letzten Briefe geſchrieben: ſchon faͤngt das graue Haar an, meinen Schaͤdel zu decken!— Nun dann, hatte ſie gedacht, ſo ſey der Altar, welcher uns vereinigt, das Grab! —-—— — 237— Dieß ohngefaͤhr war, um jene Zeit, Au⸗ guſtens Lage.— Doch hatte die Graͤfin in ihrer Haͤrte gegen ſie jetzt merklich nachge⸗ laſſen, da zetzt eigner Kummer um ihren einzigen Sohn, von dem ſie ſeit Jahr und Tag keine Nachricht hatte, ſo ſchwer ihr Mutterherz druͤckte, und eine Geſellſchaf⸗ terin, wie Auguſte, ihr ſo noͤthig war.— Sie durfte jetzt beinah nicht mehr von Lauterbach weg, und ihre Güter, deren Ver⸗ luſt einſt ſo nah ſchien und unvermeidlich, waren, durch ihre Huͤlfe, und durch die Red⸗ lichkeit eines andern Mannes, den wir auch noch etwas naͤher kennen lernen werden, doch wenigſtens ſo weit hergeſtellt, daß ſie ihr doch etwas eintrugen; nur ein Pro⸗ jert hatte dieſe ſeltſame Frau noch mit ihr, welche ſchlechterdings den Gedanken: ſie reich und gluͤcklich zu machen, und durch ſie der ganzen geſunkenen Familie wieder einen Schwung zu geben, nicht aufgeben zu koͤnnen ſchien; nur ein einziges! aber, lei⸗ der! war es auch das fuͤrchterlichſte, welches — 236— jemals im Gange gewefen war. Es war eine Partie, mit dem alten, durch nichts als durch ſeinen mehr als fuͤrſtlichen Reich⸗ thum bekannten Lands⸗Hauptmann K... Seine Frau war ihm vor einigen Jahren mit dem einzigen Erben geſtorben, und er hatte würklich ein Aug' auf Auguſten; denn, ob er gleich bereits uͤber's Schock hinaus war, ſo fuͤhlt er doch noch mehr Beruf zur Ver⸗ mehrung als zur Verminderung des Men⸗ ſchengeſchlechts. Das war eine Partie!— Sein Einſluß, oder vielmehr der Einfluß ſeines Geldes, an zwei Koͤnigs⸗Hoͤfen war allgemein bekannt; wenn er alſo auch wei⸗ ter nichts mehr auf dieſer Welt that, als — die Familie pouſſirt', und— ein Teſta⸗ ment machte, ſo war es gnug, um auf ſei⸗ nen Leichenſtein zu ſeten: er war uns alles! Aber— nur Auguſten war er nichts, und dieſer einzige kleine Umſtand vern⸗ derte freilich die Lage der Sache merklich. Wie konnt' aber auch ihr ein Mann etwas feyn, auch wenn ſie ihren Curt nie gekannt — 23— hätte— ein Mann, der doch warlich auch nicht das allergeringſte vor ſich hatt, als ſein Geld? auf welchem noch obendrein der Fluch und Seufzer zweier Laͤnder ruhten? Doch— auf das letzte wird ja jetzt nicht gerechnet!— und mancher fuͤr den ehrlich⸗ ſten Mann geltende Herrendiener benutzt in Gottesnamen ſeine Praͤrogativen, Monopolien, Privilegien u. ſ. w. immer noch friſch weg, welcher er ſchlechterdings—(da er dadurch dem ſeufzenden Volke das Brod aus dem Maule nimmt) als er den heiligen Schwur: fuͤr ſein Beſtes zu ſorgen, ablegt', haͤtt' aufge⸗ ben, oder nicht ſchwoͤren ſollen.— So fein denkt und empfindet jetzt ſelten ein Herrendiener mehr! ſondern man denkt: wenn ich's nur habe! für's Bekommen laßt ihr nur mich ſorgen.— Dixi.— Täͤglich lag die Groͤfin Auguſten bisher damit in den Ohren, und macht' ihr manche unangenehme Stunde; auf einmal ſchwieg ſie.— Sonderbar kam es Auguſten vor; aber ſie errieih die Urſache lange nicht. — 238— 8* Dieſe war die Dazwiſchenkunft der Jahr⸗ markts⸗ Bekanntſchaften unſrer Henriette, worunter wuͤrklich einige waren, deren Fa⸗ milien an Glanz und Einfluß ſich mit dem Lands⸗Hauptmann meſſen konnten, und Ju⸗ gend und Schoͤnheit, Artigkeit und Frohſinn, noch vor hatten.—„O! dachte die gute Graͤfin, die dennoch, bey all' ihrer ſonder⸗ baren Haͤrte, ihr edles Mutterherz nicht verleugnen konnte— Ol dachte ſie, da dieſe ſich ihr zu naͤhern ſchienen; O! daß ſie doch einen von dieſen waͤhlte!,— denn ſie ſchien wuͤrklich die Ueberwindung zu empfinden, die es ein gefuͤhlvolles Weib koſten muͤſſe: ſich an ſolch einen lebendigen Geld⸗ Sack ſchmie⸗ den zu laſſen, und Auguſten herzlich gern derſelben uͤberheben zu wollen, wenn nur ihr Zweck auf eine andere Art leidlich zu erfuͤl⸗ ſen war.— Sie theilt' ihren gutherzigen Wunſch, und ihre Freude uͤber die ſchein⸗ bare Erfuͤllung deſſelben, ihrer alten Blan⸗ dine mit, und beide lauerten, wie die Guͤ⸗ terbeſchauer, auf eine gluͤckliche Entſcheidung . k. — Es war nicht anders! und blieb nicht anders!— Sie kamen ja immer zaͤrtlicher geflattert, und ſchieden immer trauriger. Nun war nur noch die Frage: welches wohl eigentlich der ernſtlichſte ſey? und welchen ſie wohl am meiſten beguͤnſtige?— Man war ſchon in Sorge: daß es nur nicht etwa gar ein Unglück geben möge; und— um in Zeiten dahinter zu kommen, und einem ſolchen Unglück' etwa vorbeugen zu koͤnnen, ließen dieſe zwei alten Weiber alle Minen ſpringen. O, Himmel!— Wie groß war der Schreck für die gute Graͤſin, als ihr Blan⸗ dine, die ſich ſogar aufs Horchen gelegt hatte, mit unumſtoͤßlichen Beweiſen belegt, die ſichre Nachricht brachte: daß Auguſte nicht der Magnet ſey, der dieſe ſchoͤnen Herrn ziehe, ſondern— Henriette! 8 — — 240— Zwölftes Kapitel. Gieb dich zufrieden, Herrliches Mädchen! Spinnſt du hienieden Nicht ſo dein Faͤdchen, Wie es der Leute* Launen gefällt. Immier im Streite. Liegt ja die Welt. 3 4 1 Henriete ahndete von dem allen nicht das allergeringſte. Sie freute ſich, wenn die Herren kamen, weil ſich andere freuten, und lacht' und ſchaͤkerte mit jedem, der mit ihr lachen und ſchaͤchern wollte; denn ſie lacht' und ſchaͤckerte uͤberhaupt gern, und hielt es fuͤr keine Suͤnde, mit andern zu ſchackern; aber, wenn ſie fortgiengen— je nun, daͤ ſetzte ſie ſich eben ſo ruhig und liebt? — 241— zufrieden wieder an ihren Nähtiſch, oder hinter ihr Strickſteu upfchen, als ſie dahinter geſeſſen hatte eh' ſie gekommen wa⸗ ren. Das waren doch wohl keine gluͤcklichen Kennzeichen einer Leidenſchaft, fuͤr diejeni⸗ gen welche wuͤnſchten ihr warm um's Herz zu machen?— Ueberhaupt hatte das Herz unſrer Henriette bisher ſeine Ruhe gluͤcklich behauptet, und man konnte nicht ſagen, daß ſie fuͤr einen von alle den jungen Menſchen ihrer Bekanntſchaft mehr empfinde als fuͤr den andern; ſonſt haͤtte ſie, nach ihrem Be⸗ tragen gegen alle, die gemachteſte Kokette ſeyn muͤſſen.—„Die naͤrriſchen Menſchen! ſagte ſie zur Auguſte lachend, da ſie dieſe mit den ſchoͤnen Herrens fexirte; ſie ſpre⸗ chen alle: ſie lieben mich! und machen ſo kurioſe Fratzen dazu, daß ich ihnen oft in's Geſicht lachen muß. Wie muß es denn einem ſeyn? liebe gnaͤdige Frau! wenn man Auguſte. genug erfahren! (ſeufzend) Du wirſt es zeitig und das einmal ehe Du O 2 — 242— Dich's verſiehſt.—(lächelnd) Henriette! dann wirſt Du an mich denken. Henriette. O, Pfui! Da mag ich lieber gar nicht lieben, wenn man ſolche Fratzengeſichter dabei ziehn muß.—(vor dem Spiegel) Wie muͤßt' ich denn ausſehn?— Czieht ein trauriges jammervolles Geſicht, haͤlt dann nell das Schnupftuch vor die Augen, und laͤuft achend davon) Hahaha!. Auguſte freute ſich ihrer Unſchuld, aber zitterte um ihre Unerfahrenheit; denn dieſe Maäͤdchen greift, in der unglücklichen Stun⸗ de, die Lieb' immer am gefäͤhrlichſten an.= „ Was lachſt Du?“ fragte die Graͤſin, welcher Henriette, ſo mit dem Schnupftche vor den Augen, auf der Gallerie gerade in die Haͤnde lief; und Henriette krug kein Be⸗ denken ihr alles zu erzaͤhlen. Sie mußte der Graͤfin auf ihr Zimmer folgen, und haite dort ein ſo ſcharfes Cxamen auszu⸗ ſtehn, als ob ſie was geſtohlen haͤtte.— Zwar ergab es ſich aus allen ihren Erzoͤh⸗ ungen und Antworten, daß ſie ganz un⸗ —— — ſchuldig war, und nicht einmal wußte, was ſie geſtiftet hatte; daß es aber mit der Sach' uͤberhaupt ſeine Richt eken habe, war daraus eben ſo klar.—„Siehſt Du! ſagr endlich die Graͤſin mit latece den Ernſte; Du mimmſt der armen Generalin die Lieb⸗ haber weg! und darum— ob ſie Dich gleich damit fexirt— darum graͤmt ſie ſich im Stillen, und iſt boͤſe, ſehr boͤſe auf Dich! Denn, wenn Du ſie ihr nicht alle weg naͤhmſt, ſo wuͤrde ſie Braut, und machte Hochzeit! und waͤr gewiß recht glüͤcklich.“ Henriette ſchien es lange ni icht begrei⸗ fen zu koͤnnen, was eigentlich die Graͤfin damit ſagen wolle; da ſie es aber endlich zu begreifen ſchien, ſtuͤrzten auf einmal helle Thraͤnen aus ihren Augen, und ſie ſprang laut ſchreiend, und die Haͤnde ringend, die Treppe hinunter, und zum Thore hinaus. Alle Leute erſchraken, die ſie ſo ſprin⸗ gen ſahn; denn ſie konnten nichts geringers als das groͤßte Ungluͤck auf dem Schloſſe vermuthen.— Einigen, die ſie fragten, rief 9 2 — 244— ſie ſchluchzend es zu: daß ſie der Genzralin die Liebhaber weggenommen habe; ſie ver⸗ ſtanden's nur halb, uund ſchuͤttelten die Koͤpfe.„Was giebt's?“ fragte dort einer über die Mauer—„Sie hat was genom⸗ men!“ hieß es; und ſo pflanzte ſich in der groͤßten Geſchwindigkeit dieſe Sage, mit tauſenderley Zuſaͤtzen, durch das ganze Dorf fort. Der taube Eſelstreiber, aus der Bach⸗ muhle, trieb eben mit ſeinen Eſeln da vor⸗ über, und hoͤrte, nach ſeiner Art, auch was davon. Sein Weg nach den Kohlhutten 3 fuͤhrt' ihn am Jägerhauſe voruͤber. Der alte Puff ſchmauchte ruhig ſein Pfeiſchen zum Fenſter heraus.—„Guten Tag! Hans! rief er ihm zu; was giebts guts neues?“— (Hans) Iſt ſie denn noch nicht da?—(Puff) Wer denn?—(Hans) Je, Jungfer Hen⸗ riette!— Sie laͤuft wie naͤrriſch unten im Dorfe herum, und heult und ſchreit.— (pPuff) Hum!— und warum denn?—(Hans) Sie hat halig auf'm Hofe was genommen. * — uUnd dort trieb der taube Hans hin! Juſt ſo ruhig und unbekuͤmmert, wie ein Donnerwetterchen am Himmel hintreibt, das ein Dorf weggebrannt, oder einen Menſchen erſchlagen hat. Puff hatt' eben einen Zug gethan— Das Maul blieb ihm offen ſtehn, und der Rauch zog, ohne Athemſtoß, ganz langſam heraus.—„Genommen?— Genommen?“ brummt' er endlich in den Bart, und es war ihm nicht anders, als ob er bey jedem Haar einzeln emporgezogen wuͤrde.— Seine theure Haͤlfte, die auch was von der Eſels⸗ treiber⸗Neuigkeit vernommen hatte, kam endlich guch dazu.—„Mutter! Mutter! rief er erblaßt; wenn das wahr wär?“—. „Hum! ſagte ſie; was wirds denn auch ſeyn? Ein Baͤndchen— ein Spitzchen—; ˙ heißt auch manchmal bey ſolchen Leuten: viel Laͤrm um nichts!“ „ und wenn's eine Stecknadel wär!“ — ſagte Puff, klopfte ſein Pfeifchen aus, und legte die Hunds⸗Peitſche zurechte. Die geaͤngſtete Henriette lief indeß wohl noch einige Stunden umher, ohne zu wiſſen wohin, ehe ſie ihr unruhiges Gewiſſen nach Hauſe trieb; und die Graͤfin hatt' indeß eine Unterredung mit Auguſten, in welcher ihr dieſe ſtandhaft erklaͤrte: daß ihr Hen⸗ riette ſchlechterdings nicht im Wege ſtehe, da weder in dieſem noch in jedem aͤhnlichen Falle was von ihr zu hoffen ſey.— Die Graͤſin war einige Minuten doͤſe, bald aber, nach ihrer Art, wieder gut, und ordnete ſchon einen neuen untruͤglichen Plan, um mit Gewißheit hinter die Sache zu kom⸗ men. „Ach, Gott! ach, Gott!“ ſchrie Hen⸗ riette, die Haͤnde ringend, als ſie endlich mit fliegenden Haaren geſprungen kam— „Vater! Vater! ich habe was genommen? ich habe was genommen!— In meinem Leben geb' ich mich nicht zufrieden!“— Helle Thraͤnen floſſen noch immer aus den rorhgeweinten Augen, uͤber die gluͤhenden Wangen, und aͤngſtlich, als ob ſie jemand * verfolge, lief ſie im Zimmer umher.— Puff hatte ſchon in die Hand geſpuckt, und die Hunds⸗Peitſche ergriffen; aber Euſebia trat herzhaft dazwiſchen, um erſt Verhoͤr zu hal⸗ ten. Einer der geſcheideſten Streiche, die wir von ihr wiſſen! denn der Alte haͤtte ge⸗ wiß ab executione angefangen. „Wem denn? ſchrie Euſebia, mit einer aͤchten Großinquiſitor⸗Stimme; Du Angſt⸗ Kind!— Wem haſt Du denn was genom⸗ men? Du Raben⸗Aas!— Wem denn?“ Henriette.(laut weinend) Ach, Gott! — Ach, Gott!— Der lieben guten Frau Generalin.. Puff.(grimmig die Peitſche ſchwingend, Du Canaille! Du— Dich ſoll ja gleich— (grimmig auf ſie zuſpringend) Haſt Du das bey mir gelernt? Euſebia.(die Hand vorhaltend) Sachte! ſachte!—(zu Henrietten) Was haſt Du ihr denn genommen?— Du gottvergeßnes Kind Du!— Was?— will ich wiſſen; was? Henriette.(wie zusor) Ach! die arme 2 — 248— gute Frau Generalin! iſt ungluͤcklich— auf Zeitlebens ungluͤcklich! Puff.(erſchrocken) Heiliger Gott!— (auf ſie zuhauend) Du infame Canaille, Du!— (wud) Dich ſoll das blitzhimmelhagelblaue Donnerweiter. Alle Hunde ſprangen auf dieſes Signal heulend empor.— Henriette ſchrie— Eu⸗ ſebia ſchimpfte— Puff fluchte, welches doch eigentlich ſeine Sache nicht war, wie ein 8 Landsknecht— und miemand hoͤrte ſein eigen Wort mehr. „ Ich will ſchon, dahinter kommen! rief Puff endlich, und warf die Peitſche weg; 4 wul ſchon dahinter kommen, Du Naben Aas! und dann ſey Dir Gott gnädig! Er warf den Sonntags⸗ Hut auf den 3 Kopf huckte die Flint' auf, und gieng. 8 In der Nuhe nun erkuärten ſich die Menſchen gegen einander, wie es eigentlich — ummer ſeyn ſollte, wenn nicht Mißverſtaͤnd⸗ niſſe zuweilen groß Unheil ſtiften ſollen. b Herzlich lachte die Graͤſin, als ſie den alten Puff ſo eilfertig über den Hof gher⸗ geſtolpert kommen ſah; denn ſie konnte ſich leicht ſein Antiegen denken, da das Echo von dieſem Mißverſtaͤndniſſe ſchon aus dem Dorfe zu ihr herauf erſchollen war; und er freute ſich herzlich, daß ſich alles, zur Unſchuld ſeiner Henriette, ſo gut au 12* klaͤrte. — „Doch, ſetzte die Graͤfin endlich hinzu, da ſie ihm, zu ſeiner Beruhigung alles er⸗ 5 klart hatte— um mich ganz zu uͤberzeugen, und weil man ſchon die Abſichten ſolcher junger Menſchen kennt, unter welchen ſie derlei Maͤdchen die Kur machen; ſo wird es noͤthig ſeyn, Henrietten eine Zeitlang aus meinem Hauſe zu entfernen. Er wird ihr alſo— wie Er es mit gutem Gewiſſen kann, verſichern: daß weder ich noch meine Nichte, die Generalin, im geringſten boͤſe auf ſie ſind; ihr aber auch zugleich, in mei⸗ — 270— nem Namen, auf vier Wochen Haus⸗ Arreſt anküͤndigen.— Daß Er ſich in Sei⸗ nem Hauſe nicht üͤberliſten laͤßt; dafuͤr bin ich ſicher.“ 4 1 Puff.(löchelnd) Ein alter Fuchs kennt ja die Schliche! — Dritter Abſchnitt. Die Diebe treiben gern ihr Weſen, Wie Nikodemus, bey der Nacht; Und, wie die ausgelernten Diebe, Hat unvermuthet auch die Liebe Schon manchen um die Ruh gebracht. —— — 253— Dreizehntes Kapitel. Spart euer bischen Mutterwitz, Ihr Herrn von Hochgebohren! Und laßt, in ſeinem Felſenſitz, Den alten krummen Tauſendblitz Dort oben ungeſchoren Ihr wollt nicht höoren? Immerhin! Denkt nur an mich; So wahr ich bin! Er kriegt euch bey den Ohren. Dae Graͤfin und ihre Blandine hatten rich⸗ tig gerechnet. Die Herrn kamen; aber— ſie waren kaum warm geworden, ſo ſahn ſie ſich in allen Winkeln um, und es ſchien ihnen was zu fehlen. Indeß fragten ſie nicht, waren wie gewoͤhnlich artig, und ſchluckten nun einige Stunden hinter, ſo gut es gehn wollte; aber— ſie hatten Geſchafte— bedauerten, und empfahlen ſich bald.— „Aha!“ dachten die alten Madonnen, und Auguſte laͤchelte.— Sie kamen wieder; ſahen ſich zwar nicht mehr ſo ſuchend um; hatten aber doch wieder Geſchaͤfte, und waren ſchlechierdings nicht zu halten, ob gleich ſelbſt Auguſte ſich alle Müh gab, ſie zum Schure, durch Artigkeit und Noͤthigen, in Verlegenheit zu ſetzen.— Sie kamen aber doch wieder! und— jetzt fragte der eine, nur ſo wie von ohngeſaͤhr, nach der Mamſell Hen⸗ riette.—„Sie iſt draußen auf dem Jaͤger⸗ hauſe, bey ihrem Vater!“ hieß es; denn jetzt, da ihre Urgeſchichte ſchier vergeſſen war, galt ſie allgemein fuͤr die Tochter des alten Puff.— Es wurde verredet; aber im Discours ließ der eine doch— ohne Zweifel⸗ um einen Ritt nach dieſem Jaͤgerhauſe zu beſchoͤnigen— einſließen: daß er ein ſehr paſſionirter Liebhaber von der Jagd ſey.— „ Geh du nur hin! dachte die Graͤfin; der wird dir ſchon ſagen, was ich nur den⸗ ke.“— Und wuͤrklich hatten ſie ſich, beim —;; — 255— Aufſetzen— wie die abgerichteten Bedienten referirten, nach der Gegend und Lage dieſes Jagdhauſes erkundigt.— Dennoch kamen ei⸗ nige noch einmal, einige noch einmal; end⸗ lich— blieben ſie auſſen wie'’s Röhrwaſſer. Der Major war und blieb der einzige, wel⸗ cher aushielt; denn dieſer hatt' in allem Ernſte Jagd auf Auguſten gemacht, und— als er endlich Temerir daß es nichts ſey, ſich ſchon ſo an dieſes us gewoͤhnt, daß er un⸗ moͤglich wegbleiben k konnte, wenn er auch ge⸗ wollt haͤtte. Auch wuͤrde dieſer einzige der Graͤſin ſelbſt, und auch Auguſten wehe gethan haben, ob er gleich fuͤr die erſte weder reich noch wichtig genug war, um eine Partie mit hm und Auguſten zu wuͤnſchen; aber er wa dc artig, unterhaltend, und immer ſich gleich.— Mit Auguſten wurd' er bald ſo vertraut, daß er ihr geradezu geſtand: daß er einſt auf ſte Jagd gemacht ha abe: da er aber ihre Abneigung— entweder gegen ihn, oder gegen eine zweite Vermahlung uͤber⸗ haupt, unerſchutterlich geſunden, dayon zu⸗ — 26— rückgekommen ſey, und nun ſich gluͤcklich ſchatze, wenn er ſich nur ihren Freund nen⸗ nen duͤrfe. Dieſe Offenherzigkeit gefiel ihr, und ſie gab ihm auf ſeinen letzten Wunſch, Wort und Hand. Dieſer war der einzige Menſch unter der Sonne, der, als ſle ihn gepruͤft hatte, vieles von ihrer traurigen Lage und von ihren Verhaͤltniſſen erfuhr, oft in der Foijge mit ihr trauerte, und ihr ehrlich, unter der Hand manche troͤſtliche Nachricht von ihrem Curt verſchaffte. Soweit indet die Nachrichten vom Schloß Laute jetzt muͤſſen wir auf's Iagerhaus. — Henriettens Augen wurden in den er⸗ ſten Tagen nicht trocken, ob ihr gleich der alte Puff die ganze Sache, ſo gut er ſie ſelöſt begriffen hane, beſtens erklärte, und bey jedem Abſatze, den ein neuer Thraͤnen⸗ ſtrom machte, mit der kraftvollſten Verſtche⸗ rung hiuzuſetzte: daß aber ganz gewiß weder — — 257— die Graͤfin noch Auguſte boͤſe waͤrenz denn— ach! von dieſen verbannt zu ſeyn, denen ſie, nach ihrem eignen Gefuhl, und nach den unyvergeßlichen Reden ihres Leh⸗ rers, alles— nicht allein ihre koͤrperliche Erziehung, ſondern auch die Bildung ihres Verſtandes ſchuldig war, wodurch ſie ſo ſehr gefiel—(denn, wenn ſie nicht das Gefal⸗ len mit in Anſchlag gebracht haätte, ſo muͤßte ſie ja kein Frauenzimmer geweſen ſeyn)— das war ihr unertraͤglich! Und ſie gab ſich wuͤrklich nicht eher zufrieden, bis einſt in der Abenddaämmerung Auguſte, die von ihrer Untroͤſtlichkeit Nachricht erhalten hatte, ſelbſt heraus kam, und ſie von der Nothwendigkeit dieſer Entfernung ſowohl, als auch von ihrem Nicht⸗Böoͤſeſeyn uͤber⸗ zeugte.— Suͤß waren die Thraͤnen der Liebe, an dieſem mehr als freundſchaftlichen Buſen! Suͤß der Nachhall des höchſten Schmerzes, in ſeinem Verſchwinden, und die erſten Eindruͤcke der ſich wieder befeſtigen⸗ den Ueberzeugung: du werſt geliebt!— Em Gefuͤhl brannte jetzt in Henriettens Herzen, fuͤr welches ſie ſchlechterdings keine Sprache hakte!— Selbſt Auguſte war ſo hingeriſſen, daß ſie laut weinen mußte. Sie ſprang auf aus Henriettens Armen, und ſah ſie ſtarr an; wendete ſich ſchnell von ihr, und ſchoͤpfte Luft.— Sie wußten beide nicht wie ihnen war! denn die Natur ſpielte mit ihnen ein Spiel, welches ſich empfinden, ber nicht heſchreiben laßt. Als Auguſte endlich fort muzte, und ſie nun allein war, uͤberlegte ſie in Ruh⸗ alle dieſe Begebenheiten noch einmal, und das natuͤrlichſte Reſultat dieſer Betrach⸗ tungen war: daß das Militaͤr, bey ihr, mit den Juden ſchier in eine Klaſſe gerieth; das heißt: daß ſie eins ſo ſorgſam als das andre zu fiiehn beſchloß. Hätt' ihr Herz nur die geringſte Anlage zum Haß gehabt: ich glaube, ſo wahr ich lebe! ſie haͤtte dieſe Menſchen ſogar haſſen koͤnnen, die ſie, ſo ganz öhn' ihre Schuld, in ein ſo trauri- ges Exilium verwieſen hatten. 8 5 — 259— Vierzehntes Kapitel. —— uamgquam furiale centum ſuniant angues tapur ejus, atqus Spiritus teter, Janiesque manen Ore frilingui. Hon. A. einem ſtuͤr niſchen Morgen, ſaß Hen⸗ riette, mit ihrer Pflegmurter, einſam hinter'm Ofen, an ihrer Arbeit. Ich ſage: einſam! denn Euſebig ſprach von Dorfneuigkeiten— vom Verdacht gegen dieß und jenes Mäd⸗ chen, in po. Pi.— von Weibern, die es mit. andern hielten, und dergleichen: muckirte ſich uͤber ihre Nachbarinnen, von denen die eine zu viel, die andere zu wenig Staat machte — kuarz, raͤſonnirte uͤber Gott und die ganze Welt, und.— Henrieite hoͤrte nicht R 2 — 260— darauf. Es war alſo eben ſo gut, als waͤr ſie ganz allein geweſen; und ſie gab ihren Gedanken Audienz. Die Gedanken eines geſunden achtzehn⸗ jaͤhrigen Maͤdchens mögte wohl mancher gern belauſchen, und ich bekaͤm gewiß keine ſchie⸗ fen Geſichter, wenn ich ſo was davon hier auftiſchte. Das waͤr mir wohl lieb; denn ich ſehe gar gern freundliche Geſichter— beſonders von meinen Leſern; aber— es leſen ja dieſes auch Frauenzimmer! und bey dieſen wuͤrd ich mich uͤbel inſinuiren, wenn ich laut ſagte, was ſie ſich ſelbſt nur leiſe geſtehn. Um alſo aus zwei Uebeln bas kleinſte zu waͤhlen, wollen wir die Gedanken ſelbſt bey uns behalten, und— welches wir doch, und ſollt' es Kopf und Kragen koſten, nicht verdrücken koͤnnen— nur ſagen: daß es au⸗ herſt gefäͤhrlich für die Moralität ſey, wenn ein Maͤdchen bey ſolchen Gedanken und Empfindungen überraſcht wird. Alles iſt 3 geſpannt! aus dieſer Spannung der Einbil⸗ zungskraft entſteht jener gefaͤhrliche Schlun — 261— mer der Moralität, und— man greift zu — was koͤmmt. Ich wuͤnſche keinem Maͤdchen dieſe traurige Erfahrung, ſondern jedem nur den Glauben an dieſe Wahrheit, die ich heilig verbuͤrgen kann. Henriette ſas tief in dergleichen, unter gewiſſen Umſtaͤnden, äußerſt gefaͤhrlichen Gedanken und Gefuͤhle verlohren; und aͤngſtlich, und immer aͤngſt⸗ licher klopft' ihr das Herz. Es war ihr in ihrem Leben noch nicht ſo geweſen!— War's Ahndung zukuͤnftiger Freuden, oder— was war es ſonſt?— Ich weiß nicht! Wie kann man auch alles wiſſen, was in der Dispo⸗ ſition eines Mädchen vorgeht?— Warm, und immer waͤrmer rollte das Blut in ih⸗ ren ſtrotzenden Adern hin— ein Seufzer jagte ſchon den andern— und vor den Au⸗ gen ſieng's ihr an zu flimmern und zu flam⸗ wern. Ei! ei!— Das iſt eine gefäͤhrliche Stunde!— Wenn das warme Maͤdchen uͤberraſcht wuͤrde? Sie wurd' uͤberraſcht!— Es braußten Pferde vor dem Hauſe, und ein Blick durch die gefrornen Fenſterſcheiben entdeckt' ihr zwei ſattlice Ruter. Der ſchöne Graf E... war's, in einem blau manſchegternen, reich mit Gold belaſteten, Blau, Fuchs⸗ Pelze, und— in einem gruͤnen, der unter⸗ nehmende Lieutnant von Simmern. Aber— mag eins auch von meiner Henriene denken, was es will; ſie war ein ganz beſonderes Maͤd⸗ chen! Sie erſchrack.— Je nun, das well ei⸗ gentlich noch nicht viel ſagen; denn— man weiß fa ſchon, wie leicht ein Maͤdchen er⸗ ſchrickt. Manches andre Maͤdchen waͤr auch erſchrocken, und haͤtte doch— eine Freude gehabt. Aber Henriette erſchrack in allem Ernſte! Ehe ſie mit ſihrer Pflegmutter dar⸗ uͤber ſprechen konnte, ſprang dieſe fort, und — zu ihrem groͤßten Vergnuͤgen hoͤnte die lauſchende Henriette, daß dieſe, getreu den Befehlen des Alten, ganz kurzkoͤpfig mit dieſen ſtattlichen Herrn ſprach, ihnen ver⸗ ſicherte: daß ihr Herr Liebſter(wie ſie den Alten zu nennen beliebte) nicht zu Hauſe ken, und ſie, mit ihrem Geſuch, wegen einem —— —— Jagd⸗Divertiſſement, an die gnaͤdige Gräͤfin verwies. Aber— die Herrn ſchienen mehr dabey geweſen, ſchon öfters ſo kalt abge⸗ wieſen, und doch noch angenommen worden zu ſeun.— Henriette war ſchon aͤngſtlich, daß ſie es gar zu grob gemacht, und die Herrn es uͤbel nehmen moͤgten; als ſich auf einmal das Blaͤttchen wendete.— Sie be⸗ klagten herzlich, daß der Herr Liebſte nicht zu Hauſe ſey, befahlen dem Bedienten, wel⸗ cher bereits Flaſchen und allerhand Fruͤh⸗ ſüücks⸗Ingredienzien auspackte, wieder zuzu⸗ ſchnuͤren, klimperten zufaͤllig in den Taſchen, und fragten nach dem Wege zum naͤchſten Jagd⸗Hauſe. Das war zu viel, fuͤr unſre Frau Euſebia!— Weiß der Henker, wer dieſe ſchoͤnen Herrn mit der ſchwachen Seite dieſer nahrhaften Hausmutter ſo bekannt gemacht hatte?— Geitz und Neid und Lüſternheit verbanden ſich jetzt wider ihren, Gehorſam, welcher ohnehin auf ſchwachen Fuͤßen ſtand, und— haͤtt' auch der Galgen darauf geſtanden, ſie haͤtte dieſe Verſuchung — 284— nicht ausgehalten!— Soltte ſie ſich die lek⸗ kern Sachen alle wovon ſie nur einiges fuuͤhng bemerkt hatte— aus dem Hatlſe tragen laſſen? und noch obendrein zu dem hochnaͤſigen Herrn Nachbar? daß er ja recht damit groß thun, und ſie auslachen konnte? — Das war unmoͤglich! alſo machte ſie ge⸗ ſchwind ein freundlicher Geſicht, und lenkte ein— Vielleicht kaͤm ihr Mann bald nach Hauſe— meinte ſie; und da— werde es ſich ſchon geben. Wollten ſie indeß abſtei⸗ gen, und ſich ein bischen bey ihr wäͤrmen? ſo—— Gleich langte der ſchlaue Bediente, der auch nicht heute das erſtemal bey ſo einer Jagd ſeyn mogte, wieder eine große Düte mit Kaffee, und wohl einige Pfund Zucker aus der Taſche, und verſicherte ihr ſeitwaͤrts: daß die Herrns ganz nüchtern ausgeritten; worauf ſie denn, ſchon entzuͤckt nach der Düte langend, einen recht ſchoͤnen Kaffee zu machen verſprach, und die beſte Sahne in der ganzen Gegend zu haben ver⸗ ſicherte. Die Herren, welche indeß, pro forma, uͤber die Annehmlichkeit oder Nicht⸗ Annehmlichkeit dieſes Vorſchlags zur Gute deliberirt hatten, ſprangen endlich ab, und Henriette— kurz entſchloſſen— zum Kam⸗ merfenſter hinaus. „Jette! Jette!“ ſchrie Frau Euſe⸗ bia, die nun alle Haͤnde voll zu thun hatt', aus vollem Halſe; aber da war keine Hen⸗ riette weder zu hoͤren noch zu ſehn.— „Jette! Jette!“— ſchrie ſie die Treppe hinauf, und donnerte mit der Ofengabel ſo fuͤrchterlich auf die Stufen derſelben, daß alle Wuͤrmer, ſeit einem halben Jahrhun⸗ derte die ruhigen Bewohner derſelben, mit all' ihrem Vorrath' herausſtuͤrzten, und das zitternte Haus mit Wolken erfuͤllten; denn ſie glaubte, das eitle Maͤdchen werfe ſich erſt oben in's Zeug, um in ihrem unwi⸗ derſtehlichen Glanze zu erſcheinen. Kein Laut war zu hoͤren! als das angſtliche Gezwietſche der Ranten und Maͤuſe, die, bey dem Ge⸗ — 266— poſter des Pufſiſchen Haus⸗Teufels, ſo aängſtlich unter und wider einander liefen, wie eine Tanz⸗oder reſp. Bade⸗ Geſellſchaft, bey dem ſchrecklicen Rufe: die Franzoſen kommen!— Das gieng, wie wir wiſſen, ganz natürlich zu; denn ſie war zum Fen⸗ ſter hinaus ſpaziert: aber Frau Euſebia, die dieſes nicht wußte, blieb ſteif und feſt da⸗ bey: die Wolken müßten ſie aufgezogen, oder — Gott ſey bey uns! der Teufel geholt, haben, welches ſie gegen den gefaͤlligen Be⸗ dienten, der ſeine Pferde, welche bey den ſchoͤnſten Freudenfeſten ihrer Herrn zu hun⸗ gern gewohnt waren, in einen Stall gezo⸗ gen hatte, und, in Ermangelung Henriet⸗ tens, ihr, beim Kaffee⸗Kochen, treulich Hül leiſtete, ſehr naiv aͤußerte. Die Herrn in der Stube, denen der erſte Gedanke: daß ſie ſich erſt ein bischen putze, beſſer einleuch⸗ tete, lullten ihr Geduld indeß mit einer Pfeiſe Tabak ein, und dachiens ſie wird ſchon kommen! 3 Sie kam!— aber nicht angepußt(wel⸗ ** — des auch ganz und gar nichts auf ſich ge⸗ habt hartes denn Henriette war immer ſchoͤn, und es traf an ihr der Ausſpruch jener mit den weiblichen Reitzen bekannten Dame: wena wir ſchoͤn ſind, ſo ſind wir geputzt am ſchoͤnſten! vallkommen 4e ſondern nur in ihrem ſimpeln. Haus⸗ Habite; aber— huh! vor ihr her, mit einem Geſichte(nach dontiger Provinzial⸗ Sprache) wie ein Feld voll Teufel, der alte Puff, den ſie aufgeſucht, und alles erzaͤhlt hatte. Puff war ohnehin nicht bey Laune; denn die Brummochſen(wie er ſich aus⸗ drückte) ſeine Kreißer hatten den Marder, den ſie dieſen Morgen eingekreißt, zum Teu⸗ fel laufen laſſen, und ſein getfeues eter⸗ maͤnnchen, das Luder! war in dn Pene baue ſtecken geblieben; alſo konnten dieſe Herren dießmal noch weniger auf einen freundlichen Empfang bey ihm rechnen, als zu einer andern Zeit.—„Nun, was giebts? meine Herrn!“ war ſein kurz und erbauli⸗ cher Anſpruch, als er zur Thuͤr hinein trat., 3 und— mogten ſie ſich auch noch ſo höflich— en ſchuldigen— noch ſo artig um eine Jagd bitten, und noch ſo freundlich auf die Fla⸗ ſchen zeigen, die bereits auf dem Tiſche ſtanden— ſein Geſicht blieb immer das naͤm⸗ liche. „Jagd giebt's jetzt bey mir nicht! ſge er endlich, ganz trocken; denn ich ſchieße meine Hirſch' und Haaſen, wenn ſich's ge⸗ hoͤrt; und— ſich den Abend und Morgen auf die Fuchs Baue ſetzen, und Haͤnd' und Fuͤße zu riſkiren— iſt Ihre Sache nicht. Auch merk' ich wohl, daß Sie es nicht ſo meinen; ſondern Sie wollen ſich nur ſo eine Gelegenheit in mein Haus machen, und— ſo—(mit einem Seitenblick auf Henrietten) mit dem Maͤdchen da ihren Spaß haben; aber — Cranh und mit rother Naſe) kurzum, und ein Wort ſo gut als tauſend!— Zum Heu⸗ rathen iſt mein Maͤdel fuͤr Sie zu ſchlecht, und zum— verſtehn Sie mich?— zu gut! Alſ—(zu Henriezen) Marſch!— auf dein Stuͤbchen; und— Sie, meine Herrn!— wenn Sie Ihren Kaffee getrunken, und Ihre Das klang hart in der Grundſprache! Die — 269— Pfeife ausgeraucht haben, reiten in Gotts⸗ namen dahin, woher Sie gekommen ſind, und— inkommodiren ſich weiter nicht!“ Herrn ſtanden wie verſteinert, und wußten nicht ob ſie es fuͤr Spaß oder Ernſt auf⸗ nehmen ſollten; denn— ſie waren oft aber ſo noch niemals abgefertigt wor⸗ den— Jetzt aber ſtuͤrzte Madam Euſebia zur Thuͤr herein, und wollt' in dieſer kriti⸗ ſchen Sache den Mediateur machen. Am Maule dazu fehlt' es ihr eben ſo wenig als am beſten Willen; ſie hieß den ehrlichen Puff kurz und lang— e. g. einen alten Eſel einen groben Flegel— einen unge⸗ hobelten Dummkopf, der nicht mit den Leuten zu reden wiſſe, u. ſ. w.— welches mir jeder, der ein boͤſes Weib zanken gehoͤrt hat, mit Vergnügen ſchenken wird; aber— unſer alter wackrer Puff, welcher wohl wußte, daß er in Redensarten nicht mit ihr aus⸗ kam, gab ihr eine bunter die Ohren, — 270— daß ſie eben ſo ſchnell wieder zur Thür hinaus flog.— Dieſes war, ſeit den acht⸗ unddreißig prüfungsvollen Jahren ſeines hei⸗ ligen Eheſtandes das erſtemal, daß er— leider zu ſpaͤt! ſein Haus⸗ und Eherecht brauchte, und es ſchien als wuͤrd' es ihn Augen Naſ' und Ohren koſten; denn die theure Euſebia, ungewohnt dieſer maͤßigen Züchtigung(mitis caſtigztio) erſchien, mit blutender Naſe, und Schaum vor dem Munde, den Augenblick wieder, und ſchien— nach den vorgeſtreckten Klauen, und der kraftvol⸗ len Vorrede zu urtheilen, welche ſich mit: Du Tauſendſackermenter! anſteng— dieſen Frevel fuürchterlich raͤchen zu wollen; aber die Herren, bey denen ſich unſer alter Hans Puff, durch dieſe Ausuͤbung ſeines ihm ſo ſauer gemachten Hausrechts, in teu⸗ ſelmaͤſigen Reſpect geſetzt hatte, legten ſich drein, achteten einiger Rippenſtoͤße nicht, und— indeß er, um das Angefangene mit Eßren auszufuͤhren, ganz gelaſſen nach ſeiner Hundepeitſche griff— pfegten ſie die Gute: * — 271— denn dieſes gab Ihnen Gelegenheit, noch mt Ehren aus der ſchlimmen Sache zu kom⸗ men, welche ihnen, wenn ſie, nachtheilig vorgetragen, der Graͤſin zu Ohren kommen ſollen, gewiß ein boͤſes Spiel bey ihrem Major gemacht haben wuͤrde, der noch immer dort eine gluͤckliche Rolle ſpielte. Sie verſicherten: es waͤre vom alten Herrn ſo boͤſe nicht gemeint geweſen— es ſey nun einmal ſeine Art ſo— ſie werde ſich ſchon wieder mit ihn vertragen— und was ’der alltroͤſtenden Gemeinſprüche mehr wa⸗ ren; wodurch ſie ſie denn endlich gluͤcklich aus ihrer Richtung brachten, und einen Zweikampf verhuͤteten, uͤber welchen die Engel im Himmel wuͤrden geweint haben. Euſebiens Kraͤfte waren, durch dieſen üͤber⸗ taſchenden Schlag und augenblickliche Furie, zu ſehr erſchuͤttert und angeſpannt worden, als daß nicht der hoͤchſten Spannung eine Abſpannung haͤtte folgen muͤſſen, die dieſer chriſtlicsen Pflegung der Güte trefflich zu ſtarten kam. Sie brach nämlich in Thraͤgen „. — 222— aus, und ſank— aus den Armen dieſer ſchonen Herrn, auf den ledernen Armſeſſel des Alten hin. „Funfzig Jahr hab' ich hier ausgeruht, wenn's im Dienſte mir ſauer geworden war! dacht; er, und hieng, mit einem ruhigen Läͤcheln, die Hundspeitſche wieder an die Wand; ruhe Du auch einmal hier aus, von der kleinen Motion deiner Thorheiten, und ſteh— wills Gott! vernuͤnftiger auf“ Judeß hatte der ſchlaue Jehaſi, als er geſehn wie die Sachen liefen, Braten und Torten und Flaſchen, und— auch in der Küche, die reichlichen Ueberreſte von Zucker und Kaffee, in der guten Meinung: daß die⸗ ſes ſchoͤne Fruͤhſtück anders wo— wär es auch nur in ſeinem eigenen Magen— un⸗ gleich beſſer als hier angebracht ſey, ganz in der Stille wieder zu ſich genommen, aufgezaͤumt, und die Pferde herausgezogen; denn er wußte ſchon, aus Erfahrung, daß, in dergleichen Umſtaͤnden, ein kluger Ruͤck⸗ zug das beſte ſey, was man thun koönne.— 2r el Leiſe klopft' er jetzt an's Fenſter; welches ſeine Herrn ſo gut verſtanden als der Trom⸗ peter, wenn er zur Retraite blaͤßt. Sie baren alſo kuͤrzlich um Vergebung, wegen ge⸗ machter Ungelegenheit, welches durch ein läͤ⸗ chelndes: hat nichts zu ſagen! Ä hat nichts zu ſagen!— vom alten deut⸗ ſchen Degenknopf' erwiedert wurde, ſchwenk⸗ ten ſich auf und trabten quaſi re bene geſta, davon. Denn— den Frieden eines Hauſes zu ſtoͤren, iſt ſolchen Menſchen nichts. Puff huckte ſogleich ſeine Flinte wieder auf, und gieng— ſeiner Graͤfin dieſen Vor⸗ fall, und wie er ſich dabey benommen, pflichtmaͤſig anzuzeigen, denn— daß dieſe wenigſtens ſo bald nicht wiederkommen wür⸗ dan, wußt' er ganz gewiß; und unter den Haͤnden der mitleidigen Henrieitte, welche ſich nun wieder hervorgemacht hatte, er⸗ holte ſich Euſebiag bald von dem Schrek. ken, welches ihr die Herrſchaft des Mannes S 4 — 274— in die Glieder gejagt hatte.— Mit dem erſten friſchen Athemzuge begann ſie einen kernigen Panegyrikus auf die Maͤnner, in welchem auch nicht das allergeringſte vergeſ⸗ ſen wurde, was nur einigermaſen zur Ehre der Weiber, und zur Schunde ihrer(wie ſie ſich ausdruͤckte) Schinder, jemals hatte ge⸗ dacht und geſagt werden koͤnnen, ſchloß ihn endlich— nach einer vollen Stunde(wie⸗ wohl dieſes eigentlich eine fuͤr ihre Suada ganz unerſchoͤpfliche Materie war)— denn auch einen Brunnen ſchoͤpft man aus— mit dem vollſtaͤndigſten Regiſter aller Ehrentitel, welche jemals einem Manne oder Nicht⸗ Manne, mit Recht oder Unrecht gegeben worden ſind, und beſchwur Henrietten— auf ihr annoch etwas angelaufenes Riech⸗ Inſtrument und deſſen benachbarte gleichfalls mit dem Siegel der maͤnnlichen Herrſchaft ſignirte Theile zeigend—: um Galteswillen nicht zu heurathen. Henriette mußte lachen, ſo wenig icer⸗ un es ihr auch jetzt um's Herz war; denn ————— — 235— ſie war fäb rzeugt, daß ſie, an der Stelle des alten Puff, es nicht bey dieſer moͤſigen Zuͤchtigung würde haben bewenden laſſenz und wir finden, in der Folge, nicht die ge⸗ ringſte Spur, daß dieſes Beſchwoͤren, auch muͤtterlicher Rath und Vermahnungen, im geringten an ihr gefruchtet habe, ſondern ſie nahm ſich bloß vor: ihren Mann einſt ganz anders zu behandeln, als der ehrliche Puff von dieſem ſeinen Eheteufel behandelt, und— in ſeinem achtundſiebzigſten Jahre noch, zu dieſem raſchen Juͤnglings Extreme gezwungen wurde. Wie ſich denn dieſes von einem Maͤdchen nicht anders denken laͤßt, in deſſen Herzen ſchon damals edlere Gefuͤhle klopften, ehe ſie noch dergleichen abſchreckende Beiſpiele fühlen konnte. Kaum hatte ſich Euſebia, in dieſem Panegyriko und deſſen Nachtrag', ein bis⸗ chen ihrer Galle entledigt, ſo ſah ſie ſich luſtern nach den Flaſchen und dem fͤß duftenden Backwerk' um; und als ſie dieſes nicht mehr erblickt', und auch in der Küche S 2 — 276— den Zucker und Kaffee nicht mehr fand, der ihr ſchon ſo— wohlfeil geſchmeckt hatte, ſo gieng aus einem andern Tone das Schim⸗ pfen und Schmaͤhn wieder los; denn es ſchien ſchlechterdings zu ihrer weſentlichen Exiſtenz zu gehoͤren, immer was zu ſchimpfen und zu ſchmaͤhn haben zu muͤſſen.— Da gab's unter der Sonne keine groͤßern Windbeutel, keine ver⸗ dammtern Hungerwaͤnſte, keine ſchoftern Men⸗ ſchen als dieſe! kurz, ſie machte ſie ſo herun⸗ ter, daß kein Hund(wie man zu ſagen pflegt) ein Stuͤck Brod von ihnen genommen haäͤtte, da ſie doch wurklich ſo unſchuldig an die⸗ ſem Vorfalle waren, wie am Franzoſen⸗Krie⸗ ge, nicht den geringſten Nutzen daraus zo⸗ gen, und noch obendrein nichts dafuͤr genoſſen, ſondern— umſonſt und um nichts, Muͤhe gehabt hatten, ſich noch, juſt zur rechten Zeit, mit Ehren aus der Affaire zu ziehn.— Eben ſo fließend als vorher ihre Reden, eben ſo kraftvoll als ihre Redensarten zu⸗ vor in genere geweſen waren, waren ſie es ſeßt in ſpecie, und der Schluß auch wieder . ————Q⏑—-— 5. der nämliche; die treu⸗ muͤtterliche War⸗ nung, an Henrietten: heurathe um Gotteswillen keinen Soldaten! — Henriette mußte wieder lachen; denn ſie ſah jetzt augenſcheinlich, was fur ein Geiſt aus der edeln Euſebia ſprach. Und— es war ihr ja, wie wir wiſſen, noch niemals eingefallen, einen Soldaten zu heurathen, da ſie durch dieſelben eben ſo ſehr in Ver⸗ legenheit gerathen war, als durch die Ju⸗ denz wiewohl dieſe, im Grunde, auch eben ſo wenig daran Schuld geweſen waren als jene.— Ein ſeltnes Beyſpiel! denn eigent⸗ lich wackelt doch jedem Maͤdchen das Herz, wenn es eine wohlausgebürſteie Uniform ſieht. Euſebia handelte noch, über eben dieſen Text, einige politiſche Nachſaͤtze ab, als Puff, äußerſt vergnuͤgt, da er ſeiner Graͤfin alles recht gemacht hatte, wieder in⸗ die Stube trat; und Henrieite furchtete, nicht ohne Grund, einen gefäͤhrlichen Ruͤckfall, Dieſer würd' allerdings für Euſebien noch übler abgelaufen ſeyn; denn Puff hatte jetzt, durch die hoͤchſte Approba ion ſeines Ora⸗ kels, Herz wie ein Loͤwe; aber— o, Wun⸗ der! Euſebia gab ihm jetzt in allem recht, lobte ſein Verfahren, nach Abzug des an ihr ſelbſt veruͤbten Frevels, durch alle Praͤ⸗ dikamente, und bat ihn ſehr dringend: ſolche Verfuͤgungen zu treffen, daß ſie nie mehr in dergleichen Verlegenheiten gerathen koͤnn⸗ ten; widrigenfalls ſie für nichts ſtehe Puff erſchrack ordentlich; denn er glaubte nicht anders, als, es waͤren Zeichen und Wundey an ſeinem Weibe geſchehn; aber, aus der Fortſetzung des Geſpraͤchs erhellten bald die Urſachen dieſer Veraͤnderung ihrer Geſin⸗ nungen, und— er fand leider wieder dar⸗ innen ſein altes Wi—iiib. Es häͤtte ſich ſchon der Muͤhe gelohnt, hier ein neues Kapitel anzufangen, und uͤber einen neuen Text zu leſenz aber ſie waren beide zu alt, um in ihrem Gange mit einan⸗ der noch einen andern Schritt zu lernen.— — — „ — 259— „Ja doch! ja doch! ſagte er, aͤrgerlich uͤber ſich ſelbſt, daß er ſie einer ſo gluͤcklichen Veraͤnderung faͤhig gehalten haite— Du haſt recht, in Deiner Art! und ſchlich traurig fort, um ihre niedern Bemerkungen wenig⸗ ſtens nicht hoͤren zu muͤſſen, für denen ihm ekelte.— Seine Meinung ihr ferner handgreiflich beyzubringen; dazu war er ſchon wieder ſo kalt. Der Backen und die Naſe ſetzten ſich nach und nach— der edle Hausfriede war vor der Hand aus dem groͤbſten wieder her⸗ geſtellt, und— es blieb beym Alten. Euſebiag zankte, und Puff— rauchte Ta⸗ back. * 1 Funfzehntes Kapitel. 8 In prächtigen paläſten, Bey Spiel und Freudenfeſten, Gedeiht die Liebe nie! Dort martert um die Wette Die fade Ettkette 1 Mit der Kabaſe ſte. Dort kennt ſchon in der Wiege Das Raͤdchen ſeine Stege, Und ſtiert den JInngling an, Der nicht, nebſt Thurm und Fahnen, Ein Heer verfaulter Ahnen Zu Fuͤßen legen kann. Drum haben, fuͤr den Kenner Des Geiſtes, dort die Maͤnner Auch weder Muth noch Sinn; Und gute Naͤdchen welken, Wie fruͤh getriehne Nelken, Im Sonnenbrand⸗ dahin, — — V * Im ſtillen Blumenthale Reift, in der ſchonen Schaale, Ein hoffnungsvoller Kern; Und glauben wir der Sage Scheint, auf dem Taubenſchlage Sogar, der Liebe Stern. Die ihr, bey Luſt und Scherzen, Mit eurem Geiſt' und Herzen Doch ſtets uneinig ſeyd; Ol ſteigt, mit feſtem Schritte, Herab zur niedern Huͤtte, Und lernt Zufriedenheit. Auf den fuͤrchterlichſten Sturm folgt oft die lieblichſte Stille; und der ſchmerzhafteſte Vorfall im Menſchenleben, hat oft die gluͤcklichſten Folgen. Denn— ſtolzire wie du willſt, auf Selbſtſtaͤndigkeit, hochmuͤti⸗ ger Wurm! mit deinen allmaͤchtigen Ver⸗ ſtande; du biſt und bleihſt doch das ewige Spiel eines eigenſinnigen Etwas, das du nicht kennſt; und, wenn du es kennſt, nicht zu behandeln, und zu deinem Vortheile u ewige Diarrhe hat; u. ſ. w.— und Häaͤns⸗ — 2832— brauchen weißt.— Straͤube du dich wie du willſt; es geht ſeinen Gang, und du— mußt folgen; zitterſt du, ſo lacht es dich aus; freuſt du dich, ſo ſchuͤttelt es den Kopf; denn es iſt kluͤger als du, und weiß mehr als du; und wenn du weiſer waͤrſt als Salomo, welcher doch ungleich kluͤger ſchon geweſen ſeyn ſoll als Nachbars Hans⸗ chen, der, wenn er ein Pferd kauft, einzig und allein nach den Fehlern ſieht, die ſein voriges hatte. Mag es zum Beyſpiel', in Gottesnamen blind ſeyn; wenn es nur nicht lahm iſt. Denn ſein voriges war lahm. Mag es Beine haben wie ein Baͤr, wenn es nur nicht, wie ſein voriges, die chen duͤnkt ſich doch erſtaunlich klug, und weiß alle Fehler des edeln Roß⸗Geſchlechts auf's genaueſte zu zergliedern, ſobald er dar⸗ über— ſein Buch nachgeſchlagen hat, wel⸗ ches er einmal Gott weis von welcher Kaͤſe⸗ frau kaufte; denn merken kann er nicht viel, weil er ein bischen ſchmach im Kopfe iſt; 1 —— * — 283— das gute Haͤnschen!— Verzeih mir Gott die Suͤnde! daß ich von jenem klugen un⸗ biegſamen Etwas auf dieſes— Haͤnschen komme.— Alſo, um von dem Haͤnschen wieder zuruͤck auf jenes unbegreifliche Ei⸗ was zu kommen, welches mehr weiß als alle Haͤnschen und Haͤnſe der Erde— was hilft dir, Wurm! alle dein Gruͤbeln und⸗ Kuͤnſteln, und Jammern und Kuͤmmern? wenn es ſo zugeht?— Was weinſt du, wenn es ſtuͤrmt? da du nicht weißt, ob nicht vielleicht eben dieſer Sturm den heitern Himmel herauftreiben muß, der dir und deinem ganzen Weſen in der Folge ſo wohl thun wird?— Was ſtcolzirſt du im Gluͤck? als ob es dein Werk war, und von dir ab⸗ hieng; da du doch nicht weißt, ob nicht vielleicht eben dieſes Glück der Keim zu dir beſtimmten Ungluͤck iſt? und uͤbertriebene Freuden dir nicht in der Folge deine Leiden verdoppeln werden? Drum— laß gehn was geht, und kommen was konmt! da du nichts fördern, nichis zuruͤckhalten kannſt.— Wenn — 284— du nur auf das, was da iſt, recht auf⸗ merkſt, es nach dem, was da war, richtig beurtheilſt, und es auf's Hoͤchſte zu benuz⸗ zen ſuchſt, ſo haſt du deine Schuldigkeit als Menſch gethan, und jedermann wird dich nicht allein fuͤr einen klugen Mann halten, ſondern du wirſt dich auch, ohne den Kopf zu verliehren, aus dem Gewirre der dun⸗ keln Zukunft finden koͤnnen.— So mach's! und— auf mein Wort! du wirſt dich wohl dabey befinden. 3 Warum fuͤrchteſt du dich, wenn'’s don⸗ nert?— Weil du meinſt, das Wetter koͤnne einſchlagen, und dir dein Haus wegbrennen? — Es iſt nur ein fruchtbarer Regen, der deine Fluren begießt, und dir auf lange Jahre Brod giebt. Warum greifſt du ſo entzuͤckt nach dem leckern Aal, den dir dein Freund auftiſcht? — Weil er deinen Gaum küͤtzelt?— Aber, ich fuͤrcht', ich fuͤrchte: du wirſt dir den Magen verderben, und das Ficber krie⸗ gen. 2 3 8 — 285,— Alſo— beides war umſonſt! und du häͤttſt dir beides erſparen koͤnnen— wenn du weiſe geweſen waͤrſt— Furcht und Fieber.— Nun ertrag' auch das Fieberchen mit Ge⸗ duld; denn der Wein ſodmeckt einſt, auf die bittern Arzeneyen, deſto beſſer. So ſucht ſich freylich der Menſch auf alle Faͤlle zu troͤſten; aber, es waͤr doch beſſer, er wuͤrde klüger; ſo bedürft' er die⸗ ſes Troſtes nicht.— Der wahre Weiſe ver⸗ laͤßt die goldne Mittelſtraße nicht! Weder verzagen, noch den Narren ſchießen laſſen, ſondern alles zu nehmen, wie's kommt.— Das iſt die wahre Philoſophie des Lebens! Laetus in praeſens animus, quod ultra es: Oderit curare, et amara lento Temperet riſu, nihil est ab omni Parte beatum. Das wär etwas! Aber— ein bischen zu leicht, und uͤber die wichtige Sache weg⸗ gepfuſcht, mein lieber Alter!— nimm mir's nicht übel. Du mußt dich deutlicher und — 286— feſter erklaͤren, wenn ich dich für einen Weiſen halten ſoll, der das Leben— ohne weder luͤterlicher Hund noch gefuͤhlloſer Klotz zu ſeyn, in allen ſeinen Lagen zu genießen weiß. Sperat infeſtis, metuit ſecundis Alteram ſortem beno praeparatum Pectus. Informes hiemes reducit Jupiter; idem Summovet; non, ſi male nunc, et olim Sie crir—— Das klingt ſcon ein bischen beſſer, ver⸗ nuͤnfliger, und geſetzter, als das vorige, dem mam es anſieht, daß es beym Weine geſungen iſt. Es liegt ſchon mehr feſter Grundſatz darinnen— iſt nicht ſo bloß flüchtiger Ge⸗ dank', und— haͤlt Probe. Mein lieber Alter!— Es iſt recht, als ob man's fuͤhl⸗ te, wie dieſe Gedanken aus der Seele, und wieder hinein dringen. Rede wei⸗ ter! en 10 t en —. 287— Rebus anguſtis animoſus atque Fortis appare; ſapienter idem Comtrahas vento nimium ſecundo Turgida vela. Wohl geſprochen! und, wie du dich kurz zuvor noch deutlicher erklaͤrt haſt: Zequam memento rebus in arduis Servare mentem, non ſecus im bonis Ab inſolenti temperatam Laetitia—— Richtig! Und wer ſo denkt, der kann mit; der kommt, auf Ehre! durch die Welt, ohne ſich den Kopf einzuſtoßen; den macht weder das Unglück nieder, noch das Gluͤck übermütig und ſicher; und er genießt die wahre Quinteſſenz des Lebens, ohne ſich weder an den Bitterkeiten deſſelben, die Zaͤhne, noch an den Hefen ſogar den Magen zu verderben.— Der, der kann alle The⸗ orien der Vernunft entbehren; denn er iſt practiſch vernuͤnftig. Vernunft ſoll doch gluͤcklich machen; was hilft mir's gber, es — 288— theoretiſch zu ſeyn, wenn ich nicht practiſch es bin?— Entbehren kann er alle den Schwall hochtrabender Worte, wodurch un⸗ ſre Mode⸗Weiſen, indem ſie den Verſtand aufzuklaͤren verſprechen, ihn immer mehr verfinſtern; entbehren, alle die myſtiſchen Worte, weder fuͤr Sinn noch fuͤr Herz, und nur denen genießbar, die es nicht ſchmek⸗ ken, ob ſie Zuckerbrod oder Haferſtroh freſ⸗ ſen— Worte, die diejenigen, die damit die aufſperrende Menge gefraͤßiger Jüͤnglinge fuͤttern, ſelbſt nicht verſtehn, ſondern nur ihre ſuperlunariſche Weisheit darein hüllen, wie die Zigeuner ihre Orakelſpruͤche in— einen Firlefanz, um unter dem Volke, wie Simon der Zauberer, etwas Großes zu ſcheinen, und— bis uͤbers Jahr, wo ohne Zweifel wieder einer auftritt, der es noch beſſer wiſſen will, und eben dieſelben Faxen wieder anders macht, und den Leuten, die ſtill halten die Naſe wieder anders dreht — von einem nachblaͤrrenden Haufen ver⸗ goͤttert zu werden. Das alles kann er ganz — 289— füͤglich entbehren; denn er iſt ſchon, was dieſe Menſchen ſeyn wollen— Weiſe! Nehmen Sie's aber doch ja nicht uͤbel, meine lieben Leſerinnen! daß ich hier ſo einen kritiſchen Seitenſprung gemacht habe; nehmen Sie's ja nicht uͤbel;— Ueberſchla⸗ gen Sie's, wenn Sie wollen, oder denken Sie ſich dabey, was Ihnen beliebt; Sie ſollen allemal vollkommen Recht haben; nur nehmen Sie's nicht uͤbel!— Ich kam nun einmal(wie die Bauern ſagen, wenn der Pfarrer auf der Kanzel ihnen ihre Suͤnden ein bischen vorhaͤlt) auf den Text, und da — giengs nun ſo⸗ Denn, kommt man einmal auf den 1 Text, Iſt man nicht anders als behext. Da muß das ganze Sündenregiſter, Vom kleinen David und dem großen 4 Philiſter, Vom Pfarrer, Calcanten, und Kuͤſter, .So wie vom Teuſel und ſeinem Ge⸗ ſchwiſter, T — 290— Nebſt Anern, Inern und Iſtern dran; Stuͤnd auch ein Galgen hart nebenan, Und zappelte wuͤrklich ſchon einer dran. Stille! Stille!— ſonſt geht's, ſo wahr ich lebe! noch einmal los. Ich will mich dreymal im Kreiße herumdrehen, dieſe gar⸗ ſtige Feder zum Fenſter hinauswerfen, und mit einer ganz neuen ſogleich weiter erzaͤh⸗ len. Vielleicht geht's beſſer! denn— es liegt wuͤrklich zuweilen bloß an der Feder. Wer in aller Welt häͤtt' aber auch denken ſollen, daß dieſer unangenehme Vor⸗ fall für Henrietten ſo glückliche Folgen haben wuͤrde?— Wenn ſie es gewußt, oder wenigſtens ſo natürlich philoſophiſch zu den⸗ ken gepflegt haͤtte, wie wir und unſer alter Horaz, ſo haͤtte ſie gewiß keine Thräne dar⸗ über vergoſſen, ſondern nur die naͤhern Intereſſenten herzlich bedauert.— Die Gräaͤfin hatte naͤmlich jetzt ihren Entzweck erreicht — 291— — die zudringlichen Herrn waren mit Sang und Klang abgefahren und konnten nicht füglich wieder im Schloß' erſcheinen; alſo rief ſie dem alten Puff, als er ihr dieſen Vorfall pflichtmaͤßig angezeigt hatte, laͤchelnd nach:„Henriette kann nun dann und wann wieder herein kommen!“ Unbeſchreiblich war Henriettens Freude, da der Alte, nach gluͤckſich beygelegten Haus⸗ und Ehe Debatten, ihr dieſes gnaͤdige De⸗ ciſum publicirte; denn ſie ſah ſchon voraus⸗ daß es von dieſem dann und wann bald wieder auf den alten Fuß kommen werde; wie denn auch, ſchon am andern oder dritten Tage, geſchah.— Es ſfuͤrmte fürchter⸗ lich, als Henriette nach Hauſe gehn wollte⸗ die Graͤſin lächelte— denn ſie ſah es ihr an, daß es nicht ihr Ernſt war, ob ſie ſich gleich ſtellt' als waͤr ihr nichts drum, und nur ihre Kleider ſie dauerten.—„Wenn du Nachtzeug hinne haͤtteſt, ſagte die gute Mut⸗ ter laͤchelnd; ſo koͤnnteſt du einmal hier ſchlafen.“— Henrieuen war's nicht um s T 2 — 292— Nachtzeug; und Auguſte wußte gleich Rath; denn ihr waren die langen Winterabende, ohne Henrietten, zu unerträglichen Ewig⸗ keiten geworden. Alſo blieb ſie! und, da es den andern Tag immer noch ſtuͤrmte, und vom Hofmeiſter ein Bote auf's Jagdhaus geſchickt wurde, rief die Graͤfin— in deren Augen Nachtzeug ein's der vorzuͤglichſten Erfor⸗ derniſſe zur menſchlichen Exiſtenz war, zur Thuͤr heraus:„Henriette! laß Dir Dein Nacht⸗ zeug mitbringen!“— Es war ſchon beſtellt ge⸗ weſen; ungleich angenehmer aber war es doch Henrietten, daß es die Graͤfin ſelbſt beſtellte; denn nun, durch dieſen Befehl der Graͤfin ſelbſt authoriſirt, blieb ſie ſo lange, bis es wieder einmal hieß: Henriette kann nach Hauſe gehn!— Und daß dieſes ſobald nicht, und nicht ohne ganz beſondere Urſa⸗ che geſchehn werde, verſicherte ihr das eigne Bekenntniß der alten guten Mutter: daß auch ihr jetzt die Winnerahend⸗ nicht halb ſo lang⸗ vorkaͤmen. Aeußerſt vergnügt verſtrichen die erſten — — 223— 1 Abende, unter der Eriählung ihrer Avantüͤre — zum Fenſter hinaus. Erſt wurde ſie dar⸗ uͤber ſummariſch vernommen; und dann, als man ſich bereits daruͤber ſatt gelacht hatte, kam es an's Detail.— Unter Henriettens launiger Darſtellung, gewann immer alles ein neues Intereſſe; beſonders aber machten ihre natürlichen Schilderungen von den Ge⸗ ſichtern der jungen Herrn, als ihnen der alte Puff, ſo ganz fein, nach ſeiner Art, ſeine Meinung zu verſtehn gegeben, und wie ſie dann die wüthende Frau Euſebia ſo chriſtlich getroͤſtet, außerordentlich viel Spaß⸗ obgleich die alten Damen, uber die lebhafte Attake unter dieſen alten Leuten, welche bey Henriettens Schilderung, an Laͤcherlich⸗ keit nicht das Geringſte verlohr, dann und wann ernſtlich die ehrwuͤrdigen Koͤpfe ſchuͤt⸗ telten, und einige Fragmente von morali⸗ ſchen Vorleſungen einſtreuten.— und, als auch endlich niemand mehr uͤber dieſe er⸗ ſchoͤpften Gegenſtaͤnde lachen wollte— je nun, wo's ein ſo lebhaftes Maͤdchen giebt⸗ — 294— wie Henriette, da giebt's auch immer was zu laben; denn— alles, was nur Muth hatte, ſeine Wuͤnſche bis zu einem Jäͤger⸗ maädchen zu erheben, hatte ſich in ſie ver⸗ liebt, und ſie ſich in keinen. An Genie⸗ ſtreichen fehlt' es alſo nicht; und wer alſo nur einige Luſt zum Lachen hatte, der fand immer Stoff dazu ſo viel ihm beliebte. Da war dem Herrn Kilian, beym In⸗ toniren vor der Epiſtel, das Amen in der Kehle ſtecken geblieben, weil eben Henriette zur Kirchthür hereingetreten war, und der Bader Kolbe hatte den Kutſcher mit Sti⸗ felwichſe eingeſeift, weil ſie gegenuͤber geſeſ⸗ ſen; u dergl mehr.— Der Mahler Abel, der eben am Platfond in der Kirche, das fuͤngſte Gericht recht anſchaulich darſtellte, mahlte ſtatt der den Thron des Richters auf dem Regenbogen umgebenden Engel⸗ lauter Henrietten; als Orgel Engelchen bließ ſie rechts die Poſaune, und lipes ſchlug ſie die Pauken; ſie trug den Taufſtein, und die Kanzel, und ſelbſt auf dem Altar⸗Stücke, — weſches er, nach gluͤcklich vollendetem jung⸗ ſten Gericht, vor die Hand nahm, glich— ob ihn gleich der Paſtor Sebaldus ſehr fein erinnert hatte, daß er doch in den Geſich⸗ tern ein bischen varüren moͤgte— Maria unter dem Kreutz, Henrietten, wie ein Ey dem andern; und, als ihn Sebaldus wieder darüber konſtituirte, verſicherte er, mit wei⸗ nenden Augen, hoch und theuer: daß er— und wenn er ſich damit vom Tode retten koͤnne, jetzt kein ander Geſicht zu mahlen im Stande ſey. Sebaldus hatte Mitleiden mit dem armen Teufel, und— ließ es gut ſeyn; denn es war ja wohl moͤglich, daß Ma⸗ ria was Aehnliches mit ihr gehabt hatte. Aber die beyden Schaͤcher, rechts und links, wovon der eine der natürliche Kilian, und der andere der naturliche Kolbe war— als des armen Abel gefäͤhrlichſten Nebenbuhler — und der Kriegs⸗Knecht⸗ welcher viel Aehnlichkeit mit dem Ordonnanz⸗ Reiter des Major hatte, dem es gleichfalls eingefallen war, mit dem ſchoͤnen Jaͤgermaͤdchen ſchone — 296— zu thun, und dieſes zwar in der ernſtlichen Meinung: ſie zu heurathen!“ denn— han⸗ er nur einmal(wie er ſich verlauten laſſen) ſie auf's Fleck, ſo koſtete es ihr ja bey der Graͤfin, und der Graͤfin beym Major, ein einziges Wort, und— er war Corporal! Und— was wollt' ein Jäͤgermäͤdchen mehr haben, als einen K K Unteroffizier? der ſich's ſogar— da es dem Major gewiß lieb ſeyn werde, ſo eine ſchoͤne Unteroffiziers⸗ Frau bey ſeiner Eskadron zu haben bis zum Wachmeiſter zu bringen getraute?— Dieſe mußten, weil haͤmiſche Sottiſe darunter hervorleuchtete, ſchlechterdings abgeaͤndert werden. Henriette blieb ſtehn! und— blaßt noch bis dieſe Stunde dort, als Or⸗ gelengelchen, die Poſaune, ſchlaͤgt, in einer kleinen Abaͤnderung, als ſolches, die Pauken, weint noch bis dieſe Stunde dort, als Ma⸗ ria, neben dem Kreutz, traͤgt den Taufſtein, und die Kanzel, und wohnt ſiebenundacht⸗ zigmal, als Engelskopfchen, dem juͤngſten Ge⸗ richt bey— ſo viel auch, da ſie, fuͤr die zu viel Menſchlichkeit verrieth, einige ſtarr⸗ koͤpfige Bauern, denen Kuhbachs Gebetbuch nunft doch noch maͤchtiger als ſeine Liehe. damalige Zeit, an einigen Orten ein bischen lieber war als ein ſchoͤnes Maͤdchen, daruͤber brummten; dennn— unter uns geſagt!— der Herr Paſtor Sebaldus waren ſelbſt in das ſchoͤne Jägermaͤdchen verliebt. Und— wenn er nicht ſeine Jahre, und ſeinen hin⸗ fälligen Koͤrper erwogen, ſondern Ernſt ge⸗ macht haͤtte, ſo wuͤrd' ihr, da er nicht allein ein fuͤrtrefflicher Mann, und ein Mann, der, auch außer ſeinem guten Dienſt, Brod hatte, ſondern noch uͤberdieß ein Liebling und taͤg⸗ licher Geſellſchafter der Graͤfin war, dieſe Liebe viel Verdruß gemacht haben; denn alles haͤtte gewiß in ſie gedrungen: mit beiden Haͤnden zuzugreifen; und Henriette — ein Maͤdchen von achtzehn Jahren— ob ſie ihn gleich wie ihren Vater liebte, hatte ſich doch ein ander Ideal von dem Manne gemacht, den ſie wuͤrde als Gatten lieben koͤnnen. Zu ihrem Gluͤck war ſeine Ver⸗ — 298— Er uͤberlegte ſich's, in mancher unruhigen Nacht, und fand fuͤr das raſche, von Blut und Geſundheit ſtrotzende Maͤdchen, ſeine Umſtaͤnde zu kritiſch; alſo blieb es— beim Wollen! und von Seiten andrer Leute, beim Denken, Glauben, und Vexiren. Indeß war es ihm doch lieb, daß er ſie, wenigſtens in Effigie, immer in ſeinem Ter⸗ ritorio vor ſich hatt', und er ſaß, bis an kein ſeliges Ende, ſeine Freude an— den Engelskoͤpſchen. Dies war auch, wie meine Nachrichten verſichern, der Grund, warum alle dieſe Gemaͤlde, da ſie mit der Zeit et⸗ was verſchoſſen, niemals aufgefriſcht werden durften; denn— Abel war weit weggezogen, und kein andrer Mahler in der Welt konnte, ſeinen Gedanken nach, ſo ſchoͤne— Engels⸗ koͤpſchen mahlen. Und— hier verrieth auch dieſer ſonſt ſo ſtarke kinnreſſiche Mann, ſeine Menſchlichkeit. Solche, und aͤhnliche Anekdoten liefen nun faſt taͤglich ein, und wurden, fuͤr alt und jung, ſo Nanahat als moͤglich auf⸗ — 299— zetiſcht. Henriette, die natürlicherweiſe bey ſolchen Erzaͤhlungen immer das Stichblatt des Geläͤchters war, weil man ſie hatte, kam nichks weniger als in, Verlegenheit, ſondern ſchmuckte, durch ihre naiven Be⸗ merkungen, die Sache vollends recht aus, und wurde deſſen endlich ſo gewohnt, daß ſie ſelbſt hinzuſetzte, was man nicht wußte, und wenn man fertig war, immer noch was Neueres zum Beſten gab. Eigentlich die beſte Partie, die eins ergreifen kann, wenn es ein Spiel enden will, in welchem es, dem ganzen Innhalt und Zuſchnitte nach, den kuͤrzern ziehn muß; aber auch nur anwend⸗ bar für ein Madchen wie Henriette war⸗ an dem man alles ſo zu nehmen gewohnt iſt, wie man es findet; und nur unter Men⸗ ſchen, wie dieſe waren, unter denen ſie lebte; ſonſt iſt dieſes Stratagem faͤhig in ein ſehr zweifelhaftes Licht zu ſetzen⸗ Henriette dachte ſich nichts dabey, wenn ſie einem Laffen eine Naſe drehte— nichts! als daß ſie ihm ei⸗ nen Genieſtreich ablocken wollte, um damit . * aber— die einen Abend kuͤrzer zu machen; ſie dachte ſich nichts dabey, wenn ſie dieſen Genie⸗ ſtreich zum Beſten gab, als—. den Stoff der angenedugf unerhaun au vexlaͤngern; enſchen haͤtten ſich viel⸗ dabey denken koͤnnen! und wenigſtens ihr Herz haͤtte verlohren. Aber— es war warlich bey ihr nicht jene kalte Schadenfreude, mit welcher manches Maͤ den einem ehrlichen Manne ſeine ſchwache Seite ablockt/ und ihn hinterdrein laͤcherlich macht; o, nein! es war bloß jugendlicher Leichtſinn, welcher den Spaß ergreift, wo und wie er ihn fin⸗ det; bloße Unachtſamkeit auf Umſtaͤnde, wel⸗ che die Sache freilich ſehr veraͤndern.— Einſt aber kam ſie doch wuͤrklich in allem Ernſt' in Verlegenheit, und das bloß durch ihr gutes mitleidiges Herz, und durch ihr unſchuldiges natuͤrliches Verfahren in jeder Sache, wo ſie nichts Unrechts oder Boͤſes vor Augen ſah, folglich ihrer Laune folgen zu koͤnnen glaubte. Sie wuͤrde wacker aus⸗ gelacht worden ſeyn; denn viele, deren —— 2..—. ſchwache Seite ſie hatte preißgeben helfen, hofften ſchon lang' auf eine Gelegenheit, es eine Beſchreibung davon machen, ſuͤß und traurig, wie es Auguſte konnte, und es war ihr unbegreiflich, wie es einem ſo ſeyn koͤnne. Sie glaubt' es bloß, weil es Auguſte ſagte; doch ſchien es ihr unmoͤg⸗ lich, daß auch bey ihr einſt dieſer Fall ein⸗ treten werde, wie doch Auguſte heilig verſi⸗ cherte. Zwar geſtand ſie, daß ſie zuweilen Herzklopfen habe— daß es ihr zuweilen ſo wunderlich zu Muthe ſey, als müſſe ſie ſich recht ſatt weinen— daß ihr oft dieß und 6 ienes einfalle, woran ſie noch vor einigen „„.„„„— ——— 1 — 303— Jahren mit keinem Athemzuge gedacht— u. ſ. w. wenn aber Auguſte weiter fragte, ben ſo a fahe g ⁄ daß ſie tann kenne— n fie 1 und konnte es Gefüͤhle eines rohen Natur⸗ Mädchen gehn nicht ſo leicht in diejenige⸗ Feſtigkeit uͤber, welche dazu gehoͤrt, eine Leidenſchaft zu verbergen. Es war bloß ſchwelgeriſche Laune, wenn ſie ſich mit einem lebhafter unterhielt als mit dem andern; das ſah man ſehr deutlich! denn ſie waͤhlte nicht. Der lebhafte Greis, wenn er ſich mit ihr abgeben wollte, war ihr lieber als der ſchoͤne fade Juͤngling; und Artigkeiten, die ihr geſagt wurden, machten ſie nur au⸗ genblicklich lebhafter— denn ſie war ein Maͤdchen—; aber ſie waren auch in dem naͤmlichen Augenblicke wieder vergeſſen. Die⸗ — 303— zes hatte ſie den guten Lehren der Graͤfin, und ihrer Auguſte zu danken; ab ber— man weiß ja ſchon, wie loicht, dergleichan 3e e nrden noch kein anderes Athemnent kannte, als daßſmige, 4 nſchen 1eseee feſfelt. 45 Aber— um alles i de wie kommen wir von dieſen ſpekulativen Be⸗ trachtungen auf den Taubenſchlag? Auf die natuͤrlichſte Art von der Welt! — hab' ich die Ehre zu verſichern; das ſol⸗ len Sie gleich hoͤren, meine lieben Leſerin⸗ nen, und Leſer!— Ich mußte nur dieſes vor⸗ ausſchicken, um Ihnen den Geſichtspunkt anzuzeigen, aus welchem Sie Henrietten, mit allem was ſie thut und nicht thut, zu betrachten haben. Sie koͤunten mir ſonſt das Maͤdchen fuͤr eine leichte Fliege halten, die man nicht gern auf der Gaſſe aufrafft, oder fuͤr ſonſt ſo ein Dirnchen, welches und veiß 9 ben ette als hen wie elt! ſol⸗ rin⸗ vor⸗ nkt ten, zu onſt ten, fft, hes Be⸗ — 305— allwege bey der Hand iſt, wo es ein Spas⸗ chen giebt; und das waͤr mir nicht halb recht, geſchweige denn 14 denn ich moͤchte gern Ehre damit einlegen, ohne ſie zu einem ſteifen Tugend⸗ Aeffchen zu machen, an wel⸗ chem alle Pfeile des Teuſels abprallen, wie die Thon⸗Kugeln des muthwilligen Gaſſenbu⸗ ben, am ſteinernen Heiligen. Nun wiſſen Sie's alſo, daß vor der Hand noch, weder Liebe noch Liebeley, we⸗ der einfaͤltiger Spas, noch dumme oder feine Koketterie bey ihren Handlungen im Spiel iſt, ſondern alles aus Laune, Mit⸗ leiden, Unbefangenheit, Sorgloſigkeit um Fehler, die ſie nicht kennt, und— um den einen zu vermeiden, nicht auch für dem an⸗ dern ſich zu huͤten weiß, oder aus ſonſt einem aͤhnlichen Etwas geſchieht; Und nun— wird's gleich angehn. —˖ñO⏑V—F—ꝛ—ꝛ——— Henriette ſprang einſt, an einem kalten Abende, froſtig uͤber den Hof. Sie war u — 306— beim Verwalter geweſen, hatte mit ſeiner Tochter ein Viertelſtuͤndchen verſchaͤckert, und eilte nun es wieder einzubringen; denn— die Graͤfin hatte ſchon gerufen; da hoͤrte ſie, von einer klaͤglichen Stimm', an der Gartenthuͤr, ihren Namen nennen, und— kehrte ſic um. O, Himmel! es war der arme Durſt.—„Herr Jemine! rief ſie er⸗ ſchrocken; denn er ſah wuͤrklich ſo aus, daß man ganz fuͤglich vor ihm erſchrecken konnte, und ſie hatte nie mehr— am wenigſtens hier, auf ſeinen Beſuch gerechnet— Herr Jemine! Wo kommen Sie denn einmal her? und, wie ſehen Sie denn aus?“— Er mußt' alſo wohl ſehr ſchlimm ausſehn, daß es ihr ſo ſehr auffiel; denn ſie hatt' ihn doch noch niemals anders als ſchlimm ge⸗ ſehn.— Eine Thraͤne ſtand ihm im Auge; — er hielt zitternd ihre Hand in der ſeini⸗ gen, und konnte lange nicht antworten.— „Meine Mutter iſt geſtorben! ſtotterte er endlich; und da— da— haben mich die Bauern zum Dorfe hinausgeſchmiſſen.“— „Die groben Menſchen! rief Hentiette; das ſoll ihnen übel bekom men!— Jyr Ge⸗ richtsherr iſt ſehr gut Freund mit meiner Graͤün und da ſoll morgen des Tages ein Brief an ihn geſchrieben werden, der Haͤnde und Beine hat.(gifug) Sie muͤſſen, und ſollen Dich behalten!“ Durſt. Das hilft alles nichts! denn ſte haben's“ in ihren alten Gerechtigkeiten: daß jeder, der nicht Guͤter in ihrer Fluhr beſitzt, ihnen wenigſtens hundert Thaler ſichern muß, damit, im Fall er krank und nahrlos werden ſollt', er der Gemeinde nicht zur Laſt falle.— ttief ſeufzend) Und— ich 1 habe nichts!— Henriette. Gar nichts?(ihn de nachtend) Auch weiter gar nichts? Durſt. Nicdts! als was ich auf dem Leibe habe.— Das äbrige alles mußt, ich verkaufen, um meine Mutter unter die Erde bringen zu laſſen.—(freudig) Aber— o, Gott! wie kann ich auch jetzt daran denken⸗ U 2 — 308= daß ich nichts habe?—(ihre Hand ſtarmiſch an ſein Herz druͤckend, Ich habe gnug! Henriette.(freudig) Und alſo!— (ſchaͤkernd) Wie Sie mich auch erſchrecken konnten. Durſt.(in Entzücken) O! Wenn ich dieſe liebe Hand an meine Lippen druͤcke, dann brauch' ich nichts weiter!. Henriette.(naio) Auch nicht die hundert Thaler, für die Gemeine? Durſt. Die Welt iſt meine Gemeine! — Was gehn mich jene groben Flegels an? die mich ausſtießen? Henriette. Lieber Himmel! und alſo doch wahr?— doch wahr?— daß Sie ver⸗ trieben worden ſind? 8 Durſt.(lachend) Vertrieben?— Nein! das bin ich nicht; denn— treiben haͤtt' ich mich nicht laſſen. Henriette. Nun, ſehn Sie!— Sie ſind alſo freiwillig gegangen. Durſt. Auch nicht!— Vhen, es dieh noch ein Drittes. ſch — 305— Henriette. So ſind ſie gelaufen? Aber, wenn man läuft, ſo hat man gewoͤhn⸗ lich Urſache zu eilen. Hatten ſie wuͤrklich Urſache zu eilen? Durſt. O! nichts weniger.— Ich eilte nicht; aber die Bauern. Henriette. Das ſind uͤberlaͤſtige Fle⸗ gels— Aber, warum eilten denn die Bau⸗ ern ſo?* Durſt. Das begreif' ich ſelbſt noch nicht! Sie haͤtten ſich wurklich Zeit neh⸗ men koͤnnen; denn ich waͤr ihnen warlich nicht entlaufen. Aber— freilich, es iſt ein ungeduldiges Volk, das Bauernvolk; und da flog ich, wie ein Ball, aus einer Hand in die andere, bis mich endlich der handfeſte Flur⸗Knecht uͤber die Graͤnze hinüber ſtieß. Henriette. Und alſo doch— doch ausgeſtoßen? Durſt. Im eigentlichſten Verſtande!— Der Kerl hatt' ein Paar Tatzen wie ein Baͤr! — 310— — er wundert mich nur, daß er mir nicht die Rippen im Leib entzweygeſtoßen har 4 hHenriette. aͤngſtlich) Aber—— Du lieber Gott, im Himmel!— Wo wollen Sie denn nun hin?. „Durſt. Wenn ich dieſe Nacht nicht verhungfe, oder erfriere, ſo mill ſch mor⸗ gen nach Carlsruh gehn, und dem Nachdruk⸗ ker dort—⸗ ich haſſe zmar die Nachdrucker, die den Gelehrten und Buchhaͤndlern ihren ſauern Schweiß ſtehlen, von ganzem Her⸗ zen; aber—— Noth bricht Eiſen! ja— ſo will ich dem Nachdrucker dort alle meine Werke verhandeln, und es dann oͤffentlich. anzeigen: daß ich durch den Unſinn unſeret litterariſchen Blutſunger genoͤthigt worden ſey, meine Perlen vor die Saͤu zu werfen. Das wird Aufſehn machen!— Denn, ich merke nun wohl, daran hat mir's gefehlt! — Man muß heut zu Tage nicht ſeinen or⸗ dentlichen vernünftigen Gang ruhig hin gehn, ſondern wenigſtens einen Genieſtreich— das heißt, was Dummes machen, wenn man * — 311— bekannt und beruͤhmt werden will. Ja, das merk' ich!— Henriette.(bedenklich den Kopf ſchuͤt⸗ telnd) Ich nicht!= denn ich muͤßte ſchon lange weltberuͤhmt ſeyn, wenn's darauf an⸗ täm. Berühmter als Sie! Durſt. Und, das biſt Du auch, gött⸗ liches Maͤdchen!— das biſt Du auch!— (entzuct) Du biſt beruͤhmt ſo weit die Sonne ſcheint(eraurig) O! wär ich nur halb ſo be⸗ rühmt; die Buchhäͤndler ſchlügen ſich gewiß um meine Werke. 3 Henriette. Das waͤr ja ſchrecklich! — Ich werd' alſo nichts ſchreiben; denn ich kann's nicht leiden, wenn ſich die Men⸗ ſchen ſchlagen. Aber, um's Himmelswil⸗ len! Ehe Sie nun ſo viel Dummes machen, daß Sie beruͤhmt werden; wovon wollen Sie denn einſtweilen leben?— Wovon denn? Durſt. Das ſag' ich ja eben, engli⸗ ſches Mädchen!— Das ſag' ich ja eben; wenn ich indeß nicht verhungre. Henriette.(ſchaudernd) Das waͤr ia ſchrecklic!— Und, wo wollen Sie denn dieſe Nacht ſchlafen? Durſt. Auch das weiß ich nicht!— In einem Gaſthofe nimmt man mich nicht auf, wenn ich auch meine letzte Doublette verkaufen wollte; denn— ich habe keinen Paß! Alſo muß ich, hinter einem Zaune, den Tag oder den Tod erwarten. Auf beydes bin ich gefaßt! 1. 8 Henriette.(die Hände zuſammenſchlagend) Das Gotterbarm! Haben Sie denn gar keinen Freund in der Naͤhe?—, keinen Be⸗ kannten?— gar niemanden? 4 Durſt. Niemanden! Niemanden, der mir auch nur einen Kropfen Waſſer reichte. Wenn Du Dich nicht erbarmſt? goͤttliches Maͤdchen! Du keinen Rath weißt? ſo bin ich in dem gluͤcklichſten Augenblicke meines Lebens verlohren.(BPauſe Henriette ver⸗ finkt in tiefes Nachdenken)— Ich war entzuckt in der ſuͤßeſten Erinnerung, göttliches Maͤd⸗ chen! und auß meiner Seele ſtromten Feuer⸗ — gedanken. Da begeiſterte mich die Göttin 4 — 313— der Harmonie, wie ſie gewiß noch keinen Sterblichen begeiſtert hat, und ich begann das erhabenſte Lied— Maͤdchen! auf Dich.— O, Gott! Ctief ſeufzend) Es war ſchier voll⸗ bracht, meines Geiſtes groͤßtes Meiſterwerk; da— da— da kamen die verdammten Bau⸗ ern, und—(in Verzweiſung) vergeb' ihnen Gott die Sünde— ich kann's nicht!— und warfen mich auf die Straße.(knirſchend) Haͤtten ſie mich doch meinetwegen zum Teufel in die Hoͤlle geworfen; wenn ſie mich nur nicht in dieſer fuüßen Begeiſterung geſtoͤrt haͤtten. Henriette.(ſreudig aufwallend) Das iſt Schade!— denn ich waͤr doch neugierig, ein Gedicht auf mich zu leſen—(laung) Wie das klingen muß? Durſt.(in Entzuͤcken) O!— Wie die Harmonie der Sphaͤren!— Schoͤn, und er⸗ haben! denn der Gegenſtand iſt es.(traurig) Aber, ſo—— Froſt, Hunger, und Durſt — Das ſind doch wohl die drey grimmig⸗ ſten Feinde der heiligen Dichtkunſt?— Ach! — 314— —(mit einem ſchmerzvollen Blicke) Wenn ich es doch vor meinem Ende vollenden koͤnnte! Henriette dachte hin und her, um eine Moͤglichkeit auszumitteln: dieſen ar⸗ men Dichter und ſein ſchoͤnſtes Gedicht nicht zu Grunde gehn zu laſſen. Ihr mitleidiges Herz, und ihre luxurirende Laune, waren die maͤchtigſten Intereſſenten dabey. War auch an beyden nicht viel verlohren, ſo war doch er ein Menſch, und das Gedicht lie⸗ ferte reichlichen Stoff zu einigen vergnuͤg⸗ ten Abenden. Eitelkeit: ſich in einem er⸗ habnen Gedichte verewigt zu ſehn, miſchte ſich ganz gewiß nicht darein, wie es viel⸗ leicht bey einem andern Maͤdchen der Fall geweſen ſeyn wuͤrde; denn Henriette kannte die Eitelkeit nur vom Hoͤrenſagen; wohl aber hatte ſie, der Neuheit wegen, eine Freude daruͤber. Und ſo ſpanute ſie denn ihre ganze Erfindungskunſt an, um dieſes Kind des Genies nicht, ſaumt dem Vater, in der Geburt ſterben zu laſſen; aber— wo ſie nur hin dachte, da warfen ſich ihr Unmog⸗ —————— — naZ—&☛ 8 8 8 A = 315— lichkeiten entgegen, oder wanigſtens ſolche Schwierigke iten, denen ſie nicht zu trotzen wagen durfte; denn— ſie war erſt vor kurzem im Verdacht einer unklugen Liebe⸗ ley geweſen, und hatte ſo ein trauriges Exilium daruͤber aushalten muͤſſen. Was ſollte man von ihr denken oder halten, wenn’ man ſie wieder in einer Connexion fand, die nur durch genaue Pruͤfung der Um⸗ ſtände zu entfchuldigen war?— Und doch mußte etwas fuͤr dieſen armen Menſchen gethan werden; denn die Gefahr lag vor Augen. Sie hatte zwey Wege vor ſich, um ihrem Herzen Gnüge zu leiſten, und — auch das Gedicht nicht zu Grunde gehn zu laſſen, auf welches ſie ſich, aus zwey Ur⸗ ſachen, ſo ſehr freute; erſtlich— weil es ihr ganz was Neues war: ein Lied auf Henriet⸗ ten! ſo wie ohngefähr im Geſangbuche— dachte ſte ſics— ein Lied auf die Erb⸗ ſünde, auf den Kampf des Erzengels Mi⸗ chael mit dem Drachen, oder ſonſt einen aͤhnlichen wichtigen Gegenſtand, und zwei⸗ — 316— tens— weil ihr die Scene ſchon vor Augen ſchwebte, wo ſie es in Pleno produciren würde;— zwey Wege! Entweder mußte ſie es der guten Graͤfin geradezu ſelbſt ſa⸗ gen; oder mußt' ein Mittel erſinden, bey welchem ſie keinen einzigen Vertrauten oder Augenzeugen noͤthig hatte, ſondern alles ſelbſt ſeyn konnte.— Der erſte waͤr freilich der ſicherſte geweſen, und ſie haͤtt⸗ auf keinen Fall einen Refus riskirt; aber— ein ſchar⸗ fes Examen uͤber dieſe Bekanntſchaft, und — o, weh! was fuͤr Sticheleien haͤtte ſte ris⸗ 3 kirt? wenn dieſer Adonis zum Vorſchein ge⸗ kommen waͤr? denn, war er's auch nicht, ſo machte man ihn doch dazu, um Henrietten einmal wacker ſchrauben zu koͤnnen. Dar⸗ auf kannte ſie das ganze weibliche Perſonale; ſelbſt Auguſten. Alſo— waͤhlte ſie den zwey⸗ ten. Er war zwar ein bischen unſicher; aber doch kurz, und, wenn er gluͤckte, ſehr be⸗ quem Eſſen und Trinken zu ſchaffen, ohne jemandes Beyhuͤlfe, war ihr was leichtes. Gir nahm ein Stück Brod und Braten, — d. — 317— und ein Mas Bier— und lief damit fort. Niemand fragte— niemand ſah ihr nach, wo ſie hin gieng; denn man war's ſchon ge⸗ wohnt, daß ſie immer Arme fütterte, und — die Graͤfin hatte ja genug. Aber— wo ſollte ſie ihn hinſtecken? Das war eine Ma⸗ giſter⸗Frage!— In den Hundeſtall wuͤrd' er mit Freuden gekrochen ſeyn, wenn Sie es gewollt haͤtte; das war ihr aber doch ein bischen zu deſpektirlich. Aber, wo ſonſt hin?. Auf den Ruinen der alten Burg, im ſogenannten Viehhofe, wo die hochſeligen Vorweſen, côriſtmildeſten Andenkens, man⸗ chen Humpen geleert, manche Lanze gebro⸗ chen, und manch Ehrentaͤnzlein gemacht hat⸗ ten, erhob ſich jetzt— iſolirt, wie der ehr⸗ liche Mann unter Hundsfuͤttern, ein Tau⸗ benſchlag. Dieſen erkor Henriette zum Auf⸗ enthalte fuͤr ihren armen Dichter! und haͤtte wuͤrklich, in dieſen Umſtaͤnden, kein beßres Plätzchen waͤhlen koͤnnen; denn er lag ſo ziemlich aus dem Geſichtskreiß' aller Burg⸗ = 3418—. Bewohner— hatte nur einen einzigen be⸗ weglichen Zugang und wurde von nigman⸗ den jetzt beſucht, als von ſeinen friedſichen und verſchwiegenen Bewohnern, die deſſen nicht bedurften. Ungemein war ihre Freude, uͤber dieſen gluͤcklichen Einfall! und, als ſie ſich obendrein erinnerte: daß die Graͤfig jetzt in einigen Kammern dieſes großen Tau⸗ benneſtes Wolle liegen habe 9* ſo zwei⸗ feite ſie keinen Augenblick mehr: daß er hier eben ſo warm und gut, wo nicht noch beſ⸗ ſer als guf ſeinem Dorfe haufen werde, trug 7 IIA S. 48. ⸗) Die Graͤfin verkaufte, von alle ihren Schaͤfereien, kein Pfund Wolle; denn ſie war uͤberzeugt, daß ſie mit dieſem Verkaufe, nur die Wollhäͤndler reich ge⸗ macht hätte, die ſie in's Ausland ſchaffen; da wir denn hinterdrein unſre eignen Produkte fündenthener bezahlen müͤſſen. Sie ließ alles ſpinnen, und verar⸗ beiten; nahm dann nur den Mittelpreiß der rohen Wolle, wie ſie dieſelbe hätte verkaufen können, den Uebesſchuß ließ ſie ihren Unterthanen, die gearbeitet hatten. ihm dieſes Logis an, und erhielt von ihm, unter ſchwaͤrmeriſchem Entzuͤcken, ſchon im voraus, undeſchreiblich zaͤrtlichen Dank. Es war keine Zeit zu verliehren; denn, üͤber dem Geſpraͤchſel und Hinundherdenken, war die Nacht voͤllig eingebrochen, und Heu⸗ xiette konnte ſich denken, wie alles oben nach ihr fragen, und ſich wundern werde, wo ſie ſtecken muͤſſe. Alſo, friſch zur Sa⸗ che! nur erſt den armen Teufel in Sicher⸗ heit. Das war geſchwind geſchehn; denn den Schluͤſſel hatte ſie zufaͤlligerweiſe noch in der Taſche, weil ſie dieſen Nachmittag Futter fuͤr das Federvieh herausgeben müſ⸗ ſen, und eine Leiter war auch in der Nä⸗ he. So gieng's denn mit dem federleichten Dichter in die Hoͤhe, ſo fluͤchtig und unver⸗ muthet, daß er ſich ſelbſt anſtaunte. Frey⸗ lich war's nur ein Taubenſchlag;— aber, in Ermangelung eines andern Emporkommensé, war er mit dieſem vollkommen zufrieden, und machte ſichs kommode; denn es war hier — gegen die freie Gotteswelt wenigſtens, ſo warm, daß er glaubte die Fenſter aufſperren zu muͤſſen, ob gleich mancher andre Zaͤrtling, der an den warmen Ofen gewoͤhnt war, immer noch haͤtte fuͤglich hier erfrieren koͤn⸗ nen.— Ach! und bald kam auch Henriette, ſein Rabe, zuruͤck, bracht' ihm, auf einige Tage reichlich, Speiße und Trank, und— ſogar ein kleines Blendlaternchen, und Fe⸗ der, Dinte, und Papier— um das ange⸗ fangene Gedicht vollenden zu koͤnnen, inſtru⸗ irte ihn wegen Gebrauch des Laternchen, und— muͤnſchte wohl zu ſchlafen. Alles gieng erwuͤnſcht!— Er fand ohne Muͤh das alte Kaͤſefaß, welches ihm Hen⸗ riette zu ſeinem Lichtſchirm' angewieſen hatte, um nicht durch den Schimmer deſſelben, ſeine Gegenwart zu verrathen, drehte ſein Laternchen auf, und arangirte zugleich Speiß⸗ und Schreibtiſch. Erſt— verzeih' ihm Hen⸗ riette die Suͤnde! fuͤttert' er ſeinen Leich⸗ nam ab, und dann, maͤchtig geſtaͤrkt zu allen guten Werken, ſtreckte er ſich, ſo lang er war, in die abgekegten Kleider ſeiner Bru⸗ der hin, und— dicktele. Wie gnugſam! Ein anderer— und veelkeicht ich ſelbſt, haͤtte jetzt gedacht: daß dich der Teufel!£ waͤt doch der wohlthaͤtige Rabe ſelbſt dageblieben! — Aber, auf Ehre! daran dachte dieſe arme Canaille mit keinem Arhemzuge. Nein! Er war uͤberhaupt an jede Art von Gnugſam⸗ keit gewoͤhnt, ſeine Liebe ganz geiſtig; und hait' er auch andere Wuͤnſche, ſo ſtiegen 1 doch zu dieſer Hoͤhe nicht. Auch Henrieite kam leichter weg als ſie befuͤrchtet hatte; denn, es war jemand ge⸗ kommen, der indeß die alte Graͤfin beſchäͤf⸗ tigt; und als dieſelbe dann auf einmal wie⸗ der fragen wollte: wo ſteckt denn aber Hen⸗ riette?— ſaß dieſe ſo unbefangen am Ar⸗ beits⸗Tiſche, bey Auguſten, als hätte ſie ſchon einige Stuͤnden dageſeſſen, und— die Frage blieb unvollendet; ſo, daß Hen⸗ rierte nicht einmal ihr ſchoͤn ausgedachtes Ent⸗ ſchuldigungs⸗ Mährlein anbringen konnte— So kommt gewoͤhnlich das nicht, was man fuͤrchtet, und worauf man ſich recht klug und ſchoͤn vorbereitet hat; wenn nur auch das nicht kaͤm, was man nicht fuͤrch⸗ tet! denn dieſes iſt juſt das Gefaͤhrlichſte, weil es den Menſchen unvorbereitet findet— Aber, was ſollt' auch kommen? Es war ja alles ſo gut eingerichtet, alles ſo fleißig uͤber⸗ dacht.— Auf Morgen waren die Plane be⸗ reits arangirt, und auf uͤbermorgen— hum! wer wird auch einem Maͤdchen von achtzehn Jahren zumuthen: weiter, als hoͤchſtens auf den kommenden Tag— es ſey denn auf Baͤlle, Redouten, oder— auf den heiligen Eheſtand, welcher, bey dergleichen Maͤdchen, immer un⸗ ter dergleichen Luſtbarkeiten gerechnet zu wer⸗ den pflegt— in die Welt hinaus zu blicken? Es war zwar nicht die geringſte Wahrſchein⸗ lichkeit da, daß ſich der Winter, und die poͤkonomiſchen— man köonnte ſagen tauben⸗ ſchlaͤglichen Umſtaͤnde des alleraͤrmſten unter allen armen Dichtern, binnen dieſer Zeit ſo glücklich veraͤndern wuͤrden, daß er —— —28——— ð 2— ſeinen Stab— Cer hatte nicht einmal einen? ſondern brach, wenn er einen haben woll⸗ te, ſich einen von der naͤchſten beſten Weide; denn— einen abzuſchneiden— dazu hatt' er nicht einmal ein Meſſer)— werde weiter ſetzen koͤnnen; aber— das giebt ſich ſchon! denkt ein Maͤdchen; und es thut im Grunde recht dran, daß es ſo denkt; denn — wenn ſich's nicht giebt, ſo haͤtt' es ihm auch nichts geholfen wenn es anders gedacht, und ſich die ſuͤßen Augenblicke geraubt haͤtte, die es durch das Sodenken gewann. Henriette war ſeit langen Zeiten nicht ſo bey Laune geweſen, als dieſen Abend; und ſie hatt' es allerdings Urſache; denn, da dieſe Nacht eine beſonders ſtrenge Kaͤlte ein⸗ fiel, ſo hatte ſie auf alle Faͤlle einem Men⸗ ſchen das Leben gerettet.— Sie dachte zwar nicht gerade daran, ſondern nur an das Ge⸗ dicht, und an den Spaß, einen ſolchen Ge⸗ nieſtreich gemacht zu haben, und ihn einſt — denn es war gar ihr Wille nicht, ihn ewig zu verſchweigen— in einer froͤhlichen X 2 — 324— Stunde, mit allen Umſtaͤnden, zu publici⸗ ren; aber, wir wollen doch nicht in Abrede ſeyn, daß nicht ein dunkles Gefuͤhl dieler Edelthat ihre Froͤhlichkeit exaltirte. We⸗ nigſtens uͤberwand er doch den Gedanken an Unrecht, welcher ſonſt ein Maͤdchen von gutem moraliſchem Geſuͤhl', auch bey der noͤthigſten und unſchaͤdlichſten Intrike beun⸗ ruhigen muß. Alle ſtaunten das ausgelaßne Maͤdchen an; und waͤr nur irgend eine Muth⸗ maſung von einer Liebſchaft aufzutreiben ge⸗ weſen, ſo häͤtt' es geheißen: aha!— wir wiſſen's ſchon! aber ſo— wußten ſie nicht, mas ſie zum Grunde dieſer beſondern Heiter⸗ keit angeben ſollten.. 1* Einigemal zwar— wenn etwa die Hun⸗ de ſchnell, und ungewoͤhnlich laut zu bellen anfingen, oder ein's aus der Geſellſchaft unvermuthet gerufen wurde— wollt' es ihr doch ein bischen wie Schreck durch die Glie⸗ der fahren, und baͤnglich um's Herz wer⸗ den; aber— ſie dachte: du haſt ja keinen Schelmſtreich begangen! und— es mar vor⸗ — 325— oͤber. Denn, wenn das Herz ruhig iſt, ſo bleiben dergleichen Eindruͤcke nur ſo lang als das Blut, von einem uͤberraſchenden Drucke von aufen, in Bewegung geſetzt, die naͤchſten Fbern erſchuͤttert. Auch er befand ſich aͤußerſt wohl, in ſei⸗ ner gluͤcklichen Erhebung über die undank⸗ bare Welt, die ſeine Verdienſte nicht aner⸗ kennen, und ſeine Gedichte nicht leſen woll⸗ te; denn— er mogt' es betrachten wie er wollte, ſo haͤtt er, ſeit ſeinem Abgange von der Schule, wo ſeine Mutter, im Entzuͤk⸗ ken, ihn nun bald auf der Kanzel zu ſehn, die letzte Wieſe verkaufte, und ſeine Lehrer traktirt hatte, in der ganzen ſchoͤnen Welt keine ſo koſtbare Mahlzeit gehalten, als auf dieſem Taubenſchlage, und waͤrmer ſtak er hier, als er jemais geſteckt hatte; bequemer lag er, als er ſich's jemals haͤtte traͤumen laſſen, zu liegen; und— was alles dieſes, welches ſchon an und vor ſich ſelbſt ſeine Lage ſo ſehr begluͤckte, ſie bis zum Goͤttergluͤck erhob⸗ war; daß er es unmittelbar von Henrietten — 326— hatte. Er hatte ſie geſehn, geſprochen— hatt; ihre Hand an ſein Herz, an ſeine Lippen gedruͤckt, und ſie ſelbſt hatt' ihm dieſe Wurſt dieſes Brod— dieſe Gaͤn⸗ ſekäͤule— dieſe Flaſche gebracht; ihre Haͤnde hatten es beruͤhrt! So wahr Gott lebt! er haͤtt' alles dieſes gern in Spiritus geſetzt, und es, als ein Heiligthum, fuͤr Enkel und Urenkel aufbewahrt; aber— es hungerte ihn zu ſehr, und er fraß das Heiligthum, bis auf den unfreßbaren Kno⸗ chen, entzuͤckt hinunter.— Kurz, unſer Dichter war, im eigentlichſten Verſtande, jetzt in der Wolle, und lachte die ganze Welt aus. Er hatte ſie geſehn— hatte ſie geſprochen— war ſatt— ſtak warm und— hoͤhere Wunſche ſtoͤrten ihn nicht! das haben wir ſchon oben gehoͤrt Eigentlich aber iſt doch unter der Sonne kein groͤßerer Jammer, und kein elenderes Elend, als wenn ſich ſo ein armes Luder, auf welches ohnehin aller Welt Elend hinein⸗ kuͤrmt, ſich noch obendrein verliebt.— Häͤtt' — 327— ich nicht eine zu große Idee vom Regierer der Welt und unſerer Schickſale, ſo wuͤrd, ich ſagen: wenn er ein Späschen haben will⸗ ſo laßt er ſo was zu! denn, man weiß ja wohl, was unſereins, in den tollen Jahren, für Angſt und Noth mit der Liebe hat, da man ſich doch eher mit ihr auf einen ge⸗ wiſſen Fuß zu ſetzen weiß, als ſo ein armer an Leib und Seel vernachlaͤſſigter Schelm; wie mag es nun vollends jenem zu Muthe ſeyn, der ſich mit nichts zu helfen, mit nichts ſeine Forderung an das von Natur paſſive Wei⸗ bergeſchlecht zu unterſtützen weiß? Es waͤr die groͤßte Grauſamkeit, die groͤßte Suͤnde gegen ſein eignes Geſchöpf, welches er ſo, uͤber all das Elend, noch obendrein dem Mitleid und dem Geläͤchter des Himmels und der Er⸗ de preiß gäͤb'; aber— nein! esiſt nicht ſo. Vielmehr aͤußert ſich an ſolchen Kindern des Jammers ſeine beſondere Barmherzigkeit; indem er ihnen Gnuͤgſamkeit giebt. 3 Auch er ſah nicht uͤber ſeinen Tauben⸗ ſchlag hinaus, wo er ſich jetzt ſo wohl be⸗ — 328— fand; darum war er ſo ruhig.— Was haͤtt' er auch geſehn? nichts als Elend! Alſo ließ er's wohl bleiben. Und wenn ihm ja ſo ein— wie andere Leute ſagen wuͤrden— kluger Gedanke einfallen wollte, ſo unter⸗ druͤckt er ihn mit aller Gewalt, und— blieb ruhig. Hu! wenn ſo der ſchneidende Wind das Schneegeſtoͤber an ſeine klapvernden Fen⸗ ſter ſtaͤupte, wie kroch er ſo 1” in ſeine Wolle, und dachte: wohl dir! Er kannte würklich jetzt keinen glücklichern Menſchen glé ſich ſelbſt; denn— wenn er ſich auch den reichſten Edelmann vorſtellte, wie der jetzt auch hinter ſeinem Ofen, auf dem wei⸗ chen Supha liegen, ſein Pfeiſchen ſchmau⸗ chen, und ſeinen Punſch trinken werde, ſo⸗ hatte doch jener vielleicht— oder vielmehr 99 nz gewiß keine Henriette, wie er. Er dachte würklich ſchon nach den erſten Stunden, an keinen Aufbruch mehr, und 7 ſieng ſchon an, ſich hier ordentlich einzu⸗ richten, als wäͤr er zu Hauſe.—„Da kommt denn Henriette tͤglich ein; nal, und bringt. dir Eſſen und Trinken, dacht' er, und du — 329— machſt deine Verſe nach Herzens Luſt. Kommt auch dann der Fyühling, und die junge Na⸗ tur geht lächelnd aus ihren Ruinen hervor, welches du ſo gern ſiehſt; ſiehſt du nicht hier Henrietten?— Kommen auch im Freyen dort die Nachtigallen, und grußen mit den erſten Freudentoͤnen ihre alten Wohnplaͤte —— welches du ſo gern hoͤrſt; hoͤrſt du hier nicht Henriettens Stimme?“— Mogt' er ſich auch alle Gluͤckſeligkeit der Welt in ih⸗ rem ganzen Umfange denken(wie er dieſes würklich that, um ſich zu uͤberzeugen, daß er wuͤrklich gluͤcklich ſey, um dieſes Gluͤck deſto tiefer zu fuͤhlen) ſo war das doch al⸗ les nichts, gegen ſeine jetzt ſo zum Benei⸗ den gluͤckliche Fäage.— Sein Taubenſchlag alſo, war das Plaͤßchen, von welchem er oft, im Schlaf', und in ſeinen Gedichten, ge⸗ traͤumt hatte: Ein Pläaͤtzchen, wo man leicht die Welt Und ihren Glanz vergißt, uUnd— ohne Reich, und ohne Geld, Sein eigner Koͤnig ſt. — 330— Das Plätzchen, welches er ſich immer ſo ſchön, und immer ſchoͤner ausgemahlt, und in der Entzuͤckung daruber, oft auf den vor aller Welt Herrlichkeiten ungebeugten Knien ſeiner Seele, bruͤnſtiger als der kalte Heilige mir dem ſchafkoͤpfigen Sonntags⸗ Geſichte, gebetet hatte: Wer's fuͤhlt, wie du die Menſchen liebſt, Der kniet allein vor dir. O, gieb— der du ſo reichlich giebſt— Nur ſolch ein Plätzchen mir. So wenig braucht der Unglückliche, um gluͤcklich zu werden! und— der Gluͤckliche braucht t ſo viel, um— wenigſtens nicht un⸗ gluͤcklich zu ſeyn. Eine Wahrheit, die doch ja jeder beher⸗ zigen ſollte, dem Unzufriedenheit die Stirn in ticfere Falten, und die Augenbraunen in dunklere Bogen zuſammenzieht; denn es kommt auf die Ruh eines vielleicht lan⸗ gen kritiſchen Lebens an, deſſen zufaͤlle ſelbſt der maͤchtigſte klügſte Köͤnig nicht in ſeiner Gewalt hat. Im Marmor⸗Palaſt', und auf -— 331— dem Taubenſchlage, ſitzt der Gnuͤgſame wohl, und in ſeinem Herzen ſchlaͤgt auch die hin⸗ faͤlligſte Freude Wurzel; wie muͤſſen nun vollends ſolche Freuden gedeihen, die ſich auf gewiſſe bleibende Gegenſtaͤnde gruͤnden? — Ungluͤck iſt eigentlich die wahre Schule der Gnügſamkeit; aber es muß doch auch moͤg⸗ lich ſeyn, ſie in leidlichen Umſtaͤnden, und ſogar im Gluͤck zu lernen? ſonſt faͤnd man ja, da Gnügſamkeit allein die Mutter der Zufriedenheit iſt, unter den Gluͤcklichen kei⸗ nen einzigen zufriedenen Menſchen.— O! ſo wendet doch alles an, um dieſe Gnuͤg⸗ ſamkeit ohne Zwang zu lernen, die ihr dem ſogenannten Gluͤck' im Schoße ſitzt; denn ihr wißt doch heute nicht, ob ihr ſie nicht viel⸗ leicht morgen braucht; und— im Fall' ihr ſie auch nicht braucht, im Fall' auch alles ſich vereinigt, um eure Wuͤnſche zu befrie⸗ digen, ſo iſt es doch allemal beſſer, fuͤr die Ruhe des Menſchen zutraͤglicher, und ehren⸗ voller uͤberhaupt: Herr ſeiner Wuͤnſche zu ſeyn, als ſich aller Augenblicke von dieſem — 332— eigenſinnigen Geſindel ſcheren, und— wer weiß zu welchem Abgrunde, bey Gelegenheit hinreißen zu laſſen. Mir ſchaudert, wenn ich einen Sklaven ſeiner Wuͤnſche, im buntſchaͤckigen Getuͤm⸗ mel derſelben, auch mit dem gluͤcklichſten Winde dahinrauſchen ſehe; denn— im Fall' auch viele derſelben erfuͤllt werden, ſo blei⸗ ben doch immer genug ubrig, die ihm die Ruh' aus dem Herzen, und den Sonnen⸗ ſchein von der Stirne ſcheuchen; und— ich will den erſten Liebling des Gluͤcks anneh⸗ men, in deſſen engen oder weiten Wuͤrkungs⸗ kreiße ſich alles vereinigt, was dazu gehoͤrt, dieſe Wuͤnſche alle zu erfüllen, ſo daß ſie würklich alle, bis auf den geheimſten, end⸗ lich erfuͤllt ſind; denkt er darum, er ſey glücklich— O! es iſt nur der Augenblick, in welchem die Erfuͤllungen alle dieſer Wuͤn⸗ ſche ſo gluͤcklich zuſammentreffen, der dieſes Wonnckind bis zu den Wolken erhebt; im Augenblicke drauf werden eben ſo viel neue gevohren werden, als in dieſer ſuͤßen Er⸗ — 3332— fullung ſtarben, und ihn eben ſo gierig wie⸗ der aͤngſtigen.— Das iſt nun einmal ſo der Sterblichen Schickſal! und der größte Mo⸗ narch, der nur winken darf, um ſeine Wuͤn⸗ ſche erfuͤllt zu ſehn, erkrankt jeden Morgen an neuen. Auf die Gnuͤgſamkeit allein kommt es an, ob er ruhig ſchlafen wird, oder nicht; und dieſe allein iſt ſeines Gluͤcks Maßſtab, wenn es ſich der Muͤhe lohnen ſoll, eine kleine Flatterie, die unſern Wuͤnſchen ge⸗ macht wird, Gluͤck zu nennen, und es nicht Satire auf unſern Herrgott ſeyn ſoll, ſich daruͤber zu freuen. Und, nicht allein an und fuͤr ſich ſelbſt iſt ein Menſch ungluͤcklich, der ſich nicht an dieſe weiſe Gnuͤgſamkeit gewoͤhnt, ſondern unbedingter Sklay ſeiner Wuͤnſche und Be⸗ durfniſſe iſt; er macht quch andre ungluck⸗ lich!— Aus unzähligen Lagen des Men⸗ ſchenlebens, in welchen dieſes der Fall ſeyn kann, und es meeiſtentheils iſt, wilt ich nur eine zum Beyſpiele waͤhlen: den Eheſtand. — Hier kann ſehr leicht der Fall eintreten, daß Einſchraͤnkung unumgaͤnglich noͤthig wird. Kann oder will der Mann Ces gilt auch vom Weibe!) dieſes nicht begreifen— und, wenn er es begreift— kann, oder will er ſich nicht einſchraͤnken? ſondern lebt in ſeinem Tone fort, den er, bey minderer Zahl ſeiner Hausleute, vormals ganz fuͤglich hatt⸗ anſtimmen koͤnnen, ſo— wird's naturlicher⸗ weiſe bald alle mit ihm, und Weib und Kinder haben einſt nichts, wohey ſie ſich mit Vergnügen und Dankbarkeit, des Gatten und Vaters erinnern. Auch ehe dieſes ge⸗ ſchieht, reißt ſchon wuͤrklicher Mangel ein, und dieſer iſt leider oft— das Grab der Liebe, und des haͤuslichen Gluͤcks. Begreift es der Mann, iſt klug genug, die Nothwen⸗ digkeit einer ſolchen Einſchraͤnkung einzuſehn, und edel genug, mit dieſer wuͤrklich an ſich ſelbſt den Anfang zu machen, hat aber nicht Standhaftigkeit genug; ſich ſelbſt da⸗ bey zu uͤberwinden— ſo wird er erſt trau⸗ rig, dann mißvergnuͤgt, endlich ſogar mür⸗ riſch, und menſchenfeindlich— denn er ſchluckt, — — 335— in ſeinem Hauſe, mit jedem Athemzug' ei⸗ nen verſagten Wunſch ein, und ſieht daſ⸗ ſelbe fuͤr ſeine Marter⸗Kammer an. Ich frage: ob Weib und Kinder, und alle die⸗ jenigen die um ihn ſind, unter dieſen Um⸗ ſtänden, mit und durch ihn gluͤcklich ſeyn koͤnnen? Noch mehr!— Es hat Einfluß auf alle Geſchaͤfte, denen ein ſolcher Mann vorgeſetzt iſt, und ſie leiden darunter. Wenn ich ein Fuͤrſt, oder ſonſt ein gro⸗ ßer Herr waͤr, und Dienſte zu vergeben haͤtte— ſey es Einheitzer oder Miniſter!— ſo wuͤrd' ich allemal, bey Unterſuchung der Fähigkeiten der etwa dazu vorgeſchlagenen Subjecte, vorzuͤglich fragen: iſt Er etwa Sklav ſeiner Wuͤnſch' und Beduͤrfniſſe?— würde dieſes genau unterſuchen, und ſchlech⸗ terdings mein Wort nicht eher geben, bis ich ganz gewiß wuͤßte: daß es ihm einerley waͤre, Paſteten oder Kartoffeln zu eſſen— ehrlichen Naumburger, oder franzoͤſirten Rheinwein zu trinken— zu ſchlafen, oder zu wachen— in die Comoͤdie zu gehn, oder zu einer Section— auf die Redour, oder in's Arnenhaus— verſteht ſich, wenn ein's noͤthiger thaͤt als das andte—; kurz, bis zum ſuͤßen Mittags⸗ Schlaͤfchen herunter, würd' ich ihn cxammniren: ob dieſes ihm am Herzen laͤg, ehe ich ihm eine Kahe, ge⸗ ſchweige denn meine Unterthauen, oder ſon⸗ ſtigen Angelegenheiten anvertrante; denn— wie leicht koͤnnte der Fall kommen, daß er, im Dienſte, ſich dieß oder jenes verſagen müßte? Geſetzt auch, er verſagte ſich es würklich, und zoͤg den Dienſt ſeinen Wuͤn⸗ ſchen, Bedürfniſſen, oder Beguemlichkeiten vor— wuͤrde dergleichen Aufopferung ihn nicht wenigſtens mürriſch, unzufrieden, und unleidlich machen?— Ich frage: thut ein mürriſcher, unzufriedner, unleidlicher Die⸗ ner ſeine Schuldigkeit eben ſo gut, und mit ſo guͤtem Erſolg, als einer, der ſie mit Freuden thut— Antwort: nein!— und wenn tauſend Dolche nach meinem Herzen gezückt waͤren— ich ſage: nein!— denn 8 — 337— es fehlt ihm alles, was zur richtigen Aus⸗ uͤbung ſeiner Pflichten erfordert wird— es fehlt ihm die Luſt! Er laͤuft fluͤchtig uͤber wichtige Sachen hin, urrheilt nach Laune, befiehlt nach Leidenſchaft; er macht ſeine Untergebenen verdruͤßlich, weil er es ſelbſt iſt, und nicht weiß wie er ſie ſcheren ſoll, krittelt uͤber Kleinigkeiten, und uͤberſieht die gefäͤhrlichſten Gebrechen, weil ſeine Auf⸗ merkſamkeit mehr noch als zerſtreut— gar nicht bey der Sach' iſt. Und ſo iſt ein ſolcher Menſch, der ſich nichts, ohne ſich wehe zu thun, verſagen kann, unbrauchbar nicht allein, ſondern ſogar gefaͤhrlich auch fuͤr das gemeine Weſen!— Unleidlich fuͤr die ganze menſch⸗ liche Geſellſchaft, iſt er uͤberhaupt, ohne Widerrede. Gnuͤgſamkeit iſt die gute Mutter der innern Ruh' und Zufriedenheit, fuͤr den Menſchen ſelbſt, und auch alle der Tugenden, die dem Menſchen hier man⸗ geln.. 5 Y — 3228— Ihr, denen daran gelegen iſt: gluͤcklich und zufrieden in euch ſelbſt, gluͤcklich und zufrieden in euern Haͤuſern, und auch gute, nuͤtzliche, geliebte, geehrte, und geſuchte Mitglieder des Staats zu ſeyn— her, an meinen Taubenſchlag, und lernt, in jeder Lage, Gnuͤgſamkeit. Ihr koͤnnt dieſe große nuͤtzliche Tugend zwar auch bey jedem Bauer lernen, der im Schweiß ſeines Angeſichts zufrieden ſein Brod ißt; aber— lernt es hier von einem, der ſich mehr zu ſeyn duͤnkt als ein Bauer. Er glaubt Anſpruͤche machen zu koͤnnen auf Verdienſt und Belohnung; er glaubt's — mit eben ſo viel Recht wenigſtens als mancher von euch— und, ſeht! wie er ſo zufrieden ſich ausſtreckt in ſeiner Wolle, nach einem Soupe“, wie ihr es kaum denen an⸗ bietet, die euch die Schuh putzen— gluͤck⸗ licher als ihr, auf euren ſeidenen Polſtern, nach vierundzwanzig Schüſſeln; wie er ſo ruhig einſchlaͤft! ·,ͤ — 339— Gute Nacht!— Es waͤr eine Suͤnde, ihn aufzuwecken! alſo verſicern wir nur noch: daß Henriette, mit der Ueberzeugung: keinen Schelmſtreich begangen zu haben, eben ſo ruhig ſchlief, und ſchleichen uns, in der Meinung: unſerm lieben Naͤchſten, und ſonſt guten Freunden, hier nichts uͤbels ge⸗ rathen zu haben, ebenfalls in aller Stille davon. — 340— Siebzehntes Kapitel. Wenn ein Menſch ſtirbt, ſo ſpricht man: „Verleih' ihm Gott eine frohliche Auferſte⸗ hung!“ 4 Geht einer ſchlafen. ſo heiſt es: „Angenehme Ruh!“ Sollt' es nicht billiger, wie beym Sterben, heißen „Angenehmes Erwachen?“ Ich denke: das erſte giebt ſich wohl eher als das letzte. Henrtette erwachte, durch ein graͤßliches Gepolter, Hunde⸗Gebell, und Menſchen⸗ Geſchrey.— Es fuhr ihr durch alle Glieder; denn es ſchien noch obendrein gerade von der Gegend herzukommen, wo der Tauben⸗ ſchlag ſtand.— Sie ſprang auf, und lief nach einem Fenſter, wo ſie konnte hinuͤber⸗ 28 — — 341— ſehn— o, Himmel! was war das füͤr ein Anblick fuͤr das arme Maͤdchen!— Hunde, Jaͤger, Bauern, und Dienſtleut', unter der Anfuͤhrung des alten Puff, tanzten, mit Schwertern und mit Stangen, Flinten und Heugabeln, und graͤßlichem Geſchrey und Ge⸗ raſſel an den Bretern, einen fuͤrchterlichen Tanz um— den Taubenſchlag; denn der alte Puff war dem Sprung' eines Marders bis hierher gefolgt, hatte zwar im Hofe ſelbſt den Sprung verlohren, aber aus dem aͤngſt⸗ lichen Umherflattern der mit ihrem neuen Herrn Nachbar noch unbekannten Tauben nicht anders ſchließen koͤnnen, als— dieſer Raͤuber hab' einen Weg in die friedliche Wohnung der Unſchuld gefunden; und— dieß war— nachdem es, um etwanigen Schreck zu vermeiden, der Frau Graͤfin ge⸗ meldet, und hoͤchſte Conceſſion eingeholt worden— die gewoͤhnliche Anſtalt zu ſeiner Gefangennehmung, oder— da man, um beliebter Kuͤrze willen, in dergleichen Faͤllen, ab executione anzufangen pflegt, zu ſeinem — 342— Tode.— Des Todes haͤtt' Henriette ſeyn moͤgen! ſicherer als der kluge Marder, der mit einer kleinen Leckerey, an einigen Ey⸗ ern in den Souterrains, vorliebgenommen hatt' und ſchon lange, weiß der Himmel, durch welchen unbemerkten Schlupfwinkel— wieder auf und davon warz— des blaſſen Todes! denn das war doch ein Streich, von wel⸗ chem man billig ſagen kunn:„ein verfluch⸗ ter Streich!“ Und doch hatte ſie, mitten in dem Schrecken, noch einen gluͤcklichen Einfall, der ihr vielleicht gegluͤckt waͤr: aber— o, weh! — der arme aus ſeiner ſuͤßen Begeiſterung und dem ſchoͤnſten Morgentraum' aufge⸗ ſchreckte Dichter, welcher nicht anders glaubt', als, dieſe ſchreienden und pochenden Men⸗ ſchen waͤren die wuͤthenden Bauern aus ſeinem Dorf', und wollten ihn todtſchlagen⸗ ſchrie aͤngſtlich zum Fenſter heraus, um Gnad' und Barmherzigkeit, und— nach Henrietten; und mit verdoppelter Energie rieſen die Stuüͤrmer:„ein Spitzbub'! ein Spitzbub'!— — 343— Er hat die Wolle ſtehlen wollen!— Schlagt den Hund todt!“— Henriette hatte jetzt keine Wahl mehr!— Sie hatt' ihn in dieſe gefaͤhrliche Lage verwickelt; ſie mußt' ihn auch retten.— Ohne Ruͤckſicht auf Gelaͤch⸗ ter, uͤble Nachred', und alles was ſonſt fuͤr ſie daraus entſtehn konnte, riß ſie das Fenſter auf, und war im Begriff' hinunter zu rufen: daß ſie um dieſe Einquartirung wiſſe, und es bey der gnaͤdigen Graͤfin verantworten werde; denn— ſie glaubte den armen Teu⸗ fel ſchon von den Miſtgabeln durchbohrt, und von den edeln Dreſch⸗Flegeln zerſchmettert zu ſehn, ob ſie gleich, im Grunde, dem ge⸗ rechten Himmel die Ungerechtigkeit: einen frommen Dichter ſo ganz außer ſeinem Be⸗ rufe ſterben zu laſſen, nicht haͤtte zutrauen ſollen; aber—„Halt!“ rief der alte Puff; denn— circumſtantiae variant rem! dachr er, und mußte, ſeiner Punktlichkeit im Dien⸗ ſte gemaͤß, nun erſt ein ander Deciſum ein⸗ holen, ehe er fortfuhr.— Und ſo rettete er Henrietten aus der Verlegenheit, ſi ſich den — 344— zweifelhaften Meinungen dieſer Leute preißge⸗ ben zu muͤſſen. Sie that naͤmlich jetzt, was ſie zuerſt hätte thun ſollen, ſprang zur Graͤfin, warf ſich ihr zu Fuͤßen und erzaͤhlte weinend ihr die ganze tragikomiſche Geſchichte, ſo kurz und buͤndig als es Zeit und Umſtaͤnde forderten.— „Was das fuͤr Srreiche ſind!“ ſagte die gute Graͤfin, in einem Mittel Ton', und mit einem Mittel⸗Geſichte, zwiſchen Lachen und Zuͤrnen; denn, noch wußte ſie ja ſelbſt nicht, was ſie daraus machen ſollte. Sie würde wahrſcheinlich mehr geſagt, Erklaͤrung gefordert, und ſich erklaͤrt haben; aber da trat der Alte wieder herein, mit der unterthänigſten Frage: was⸗Ihro Excellenz gnaͤdigſt befehlen thaͤten: ob man den Dieb ſofort haͤngen, oder ihn erſt einfangen ſolle?—„Kein's von bey⸗ den! ſagte die Graͤfin; ihr laßt alles in Katu quo, und geht eurer Wege. Das weitere werd' ich ſchon ſelbſt beſorgen.“— — 325— Puff pflegte nie zu widerſprechen, ſondern, weil er alles, was ſeine Graͤfin ſagte und that, fuͤr wenigſtens ſalomoniſche Weisheit zu nehmen gewohnt war, blindlings zu ge⸗ „horchen; aber dießmal macht' er wenigſtens ein Geſicht als wuͤrd' er widerſprechen, wenn dieſes jemand anders befehlen thäͤt⸗ als ſeine gnaͤdige Graͤſiu. Er begriff es frei⸗ lich nicht, wie man einen Dieb in ſtatu quo laſſen koͤnne; doch— vielleicht war dieſes jetzt unter den großen Leuten Mode, dacht er, und that was ihm befohlen war. Haͤtt! er ihn in ſeinen vier Pfählen erwiſcht, dann haͤtt’ er wohl gewußt was er zu thun gehabt haͤtte; und wenigſtens waͤr er doch gehenkt worden. Auch die Bauern und Jaͤger, die indeß, auf ihre Flinten und reſp. Miſt⸗ gabeln gelehnt, um den Taubenſchlag herum geſtanden, und kein Auge davon verwendet hatten— und ſelbſt die Hunde begriffen nicht, was das heißen ſolle? da ſie Puff⸗ auf gnaͤdigſten Special⸗Befehl, abrief, und⸗ bis auf weitere Order, zur Ruhe verwießs ½ aber— Sie hat's beſohlen! hieß es; und alles folgt', und mußte folgen.— Die Koͤpfe ſchuͤttelnd, giengen Bauern und Jaͤ⸗ ger davon, und die Hunde fletſchten knur⸗ rend die Zaͤhne nach dem Taubenſchlage zuruͤck, in welchem ſie ihre Beute zuruͤck⸗ laſſen mußten.— Und ſo war denn auf ein⸗ mal, nach fuͤnf tumultuariſchen Minuten, die aͤußere Ruhe gluͤcklich wieder hergeſtellt. Einige Schwachkoͤpfe meinten zwar: die Graͤ⸗ fin werde— weil dieſer alte Taubenſchlag allein, und juſt auf dem Platze ſtand, der kuͤnftiges Fruͤhjahr, um einem neuen Ge⸗ baͤude Platz zu machen, geraͤumt werden ſollte, das ganze Neſt anzünden, und den Dieb in ſeinem Berufe ſterben laſſen; aber— da ſie, nach einer Viertelſtunde, noch keine An⸗ ſtalt dazu machen ſahn, ſchlichen ſie auch vollends hinter den Ecken weg, wo ſie den Spektakel mit hatten anſehn wollen, und — verwunderten ſich.— Wie wohl aber dem armen Dichter geweſen ſeyn mag, als er die wuͤthenden Menſchen auf einmal ſo . 8. ruhig davon gehn geſehn, daß laͤßt ſich denken!— Beszgreifen hat er dieſe ſchnelle Veraͤnderung ohne Zweifel nicht koͤnnen; und es alſo gewiß ſeinem Ruf' an Henrietten zugeſchrieben, wie der Bauer das gute Wet⸗ ter in der Heu⸗ Erndte, ſeinem Morgen⸗ und Abend⸗Segen.— Er ſtreckte ſich, wie man in der Folge von ihm erfuhr, ruhig, und unbekuͤmmert um den Grund, deſſen wohlthaͤtige Wuͤrkung er empfunden hatte, wieder auf ſein weiches Lager, und fuhr in ſeiner ſuͤßen Begeiſtrung fort. Indeß wurd' Henriette, nach ihrem er⸗ ſten ſummariſchen Geſtaͤndniſſe, nun uͤber Artikel vernommen: und da fand ſich's denn, daß die Graͤfin zwar einigermaſen, oder viel⸗ mehr richtig halb recht, und halb unrecht habe. Sie hatte naͤmlich geglaubt, es herr⸗ ſche unter dieſen zwey Leuten ein komplettes Liebes⸗Verſtaͤndniß, und nur, um Henrietten nicht oͤffentlich zu plamiren, die Sache ſo leicht zu nehmen geſchienen; jetzt aber ſöllt⸗ es mit der frchterlichſten Gardinen⸗Pre⸗ 8 — 248— digt uͤber ſie hergehn, und wer weiß ob nicht dieſer ein abermaliges Exilium, und zwar in hoͤchſten Ungnaden, auf dem Fuße gefolgt waͤr; aber— dieſes Liebes⸗Ver⸗ ſtaͤndniß war nicht komplet! indem zwar er in ſie, ſie aber nicht in ihn verliebt befun⸗ den und erkannt wurde; und damals gehoͤrte noch ſchlechterdings zu einem Liebes⸗Ver⸗ ſtaͤndniſſe: daß beyde in einander wechſel⸗ ſeitig verliebt ſeyn mußten. Dieſes hat ſich freilich in unſern aufgeklaͤrten Zeiten gar ſehr abgeaͤndert, indem man dermalen ſogar Braut⸗Paare ſieht, von denen nicht ein⸗ mal ein'’s in's andre, geſchweige denn beyde in einander wechſelſeitig verliebt ſind; doch — das thut nichts zur Sache!— Zuweilen geſchieht es bloß, um in eine Familie zu kommen, und eine brillantere Carriaͤre zu machen— zuweilen bloß um des leidigen Geldes willen— und was dergleichen ein⸗ leuchtende Gruͤnde mehr ſind.— Haec obi- ter; cetera prozime.— Da nun Hen⸗ riene von jeher den Voriheil der Glaub.. 1. — 34242— wuͤrdigkeit vor ſich gehabt hatte, ſo wurde dieſes alles fuͤr ausgemacht angenommen⸗ und die finſtere Stirn der Graͤfin heiterte ſich wieder auf. Ihr Zorn auf den armen inhaf⸗ tirten Dichter, verwandelte ſich endlich ſo⸗ gar in herzliches Mitleiden, da ſie viel zu billig dachte, als daß ſie unbedingt auf einen hätte boͤſe ſeyn ſollen, der ſich in ein ſchoͤ⸗ nes Maͤdchen verliebt, vielmehr, unter ge⸗ wiſſen, hier beſonders eintretenden Umſtaͤn⸗ den, es fuͤr ein offenbares Ungluͤck hielt; und, als Henriette, der es nun nach und nach wieder leicht um's Herz zu werden an⸗ fieng, in aller Unſchuld hinzuſetzte: daß er eben ein Gedicht auf ſie mache— ſchloß ſich die ganze Scene, die ſich ſo ſtuͤrmiſch angefangen hatte, mit einem kurzweiligen Gelaͤchter. 4 * 25 Achtzehnt Es iſt kein Tag, der nicht aus einer Nacht entſprungen waͤr; und kein Glüͤck entſteht aus homogenen Urſtoffen, ſondern immer— aus Unglück. „Ich bin aber doch neugierig, deinen Dich⸗ ter zu ſehn!“— ſagte die Graͤfin laͤchelnd, als ſte, angekleidet, aus ihrem Cabinett' zum Frühſtück' in das eigentliche Wohnzim⸗ mer zurückkam, und Henriette benutzte die⸗ ſen guͤnſtigen Augenblick: um eine kleine Un⸗ terſtuͤtzung fuͤr dieſen armen Teufel zu bit⸗ ten.—„Das wird ſich finden! ſagte die Graͤfin; erſt aber muß ich ſehn, ob er's verdient!“ Henriette.(traurig) Ob er's ver⸗ dient? weiß ich freilich nicht; aber— un⸗ — 351— ſer Herrgott laͤßt ja ſeine Sonne ſcheinen uͤber alle, die es verdienen, und nicht verdienen, weil ſie es brauchen; und auch Sie, gnaͤdige Graͤfin! geben ja, unter den vielen, denen Sie geben, gewiß auch man⸗ chem, der es nicht verdient, aber es braucht! und— daß dieſer es braucht, bedarf auf den erſten Blick keiner Frage mehr. Graͤfin. Du willſt mir hier, bey Ge⸗ legenheit, eine Lection geben, wie der Pa⸗ ſtor; und haſt recht.— Ich unterſcheide frei⸗ lich nicht allemal genug, und beſtaͤrke viel⸗ leicht manchen in ſeiner Bosheit, indem er, ohne Verdienſt, offene Caſſe findet; aber— doch, laßt uns jetzt nicht ein Kapitel abhan⸗ deln, an welches ich nur dann, mit unan⸗ genehmen Empfindungen denke, wenn ich meine Guͤte gemißbraucht, und meine herz⸗ lichen Gaben uͤbel angewendet ſinde.— Schaff mir ihn her! Henriette war in Verlegenheit— uͤber — 352— das Herſchaffen; denn ſie konnte doch un⸗ moͤglich ihn am hellen lichten Tage vom Tau⸗ benſchlag' herunterholen?— Es wurd' alſo dem mit allen Hunden gehetzten Jaͤger auf⸗ getragen, und dieſer wußt' ihn ſo fein her⸗ unter in die Gartenſtube zu ſpielen, wie der beſte Marder ſeine Beute, ſo, daß kei⸗ ne menſchliche Seele von den übrigen Hofleu⸗ ten das allergeringſte davon merkte. Hier nahm ihn Henriette in Empfang.— Es war eine Srene zum Mahlen! wie ſie ſo fleißig und eilſertig ihm die Woll' aus den ſtraubi⸗ gen Haaren zupft', und an ihm herum putzt' und buͤrſtete, um nar einigermaſen Ehre mit ihm einzulegen; aber— lieber Himmel! was war an ihm zu putzen? da kaum noch ein Fetzen am andern hielt? Sie durfti⸗ ihn kaum ein bischen feſt angreifen, ſo griff ſie durch und durch; durfte mit der Buͤrſte kaum ein bischen mehr als ſanft ſtreichen, ſo gieng alles— mit dem Staub' auch die Fetzen herunter.— Ein herzlicher Seufzer war alles, was ſie jetzt, in der Geſchwin⸗ — 383— digkeit für ihn thun konnt'; und ſo gieng's zur Graͤfin. Henriette bemerkte, daß ihn die Graͤſin, gleich beim Eintritt als er— ſo ziemlich geſetzt und modern— ſein Compliment mach⸗ te, mit einer gezogenen Naſe— kurz, ſo wie einen betrachtete, den man nicht gern ſieht, geſchweige denn riecht, und ſich — als riſkire man, etwas von ihm aufzu⸗ leſen, nach dem Fenſter zuruͤckzog; das dau⸗ erte ſie! „Er hat alles verkaufen muͤſſen; ſagte ſie, mit einem ſeelenvollen um Schonung und Nachſicht bittenden Blicke; um ſeine arme Mutter unter die Erde bringen zu laſſen.“ „So?— ſagte die Graͤfin, und— ihre ſpitzige Naſe war weg, und— ſie trat wie⸗ der vor; denn ſie war ja auch Mutter! Zwar eine reiche Mutter, die dergleichen Aufoyferung des Sohnes nicht bedurfte; aber — thut doch jeder Mutter wohl, wenn 3 — 354— ſie ſo was hoͤrt.— C(ſanft, aber auch mit Nach⸗ druck, zu ihm) Iſt das wahr? Er. Ich that nichts, als was ich thun mußte! denn ſie hatte ja ihr Weniges zwar, aber doch ihr ganzes Vermoͤgen, an mich gewendet.— Daß es wahr iſt, koͤnnen Ew. Excellenz alle Stunden erfahren, wenn Sie es der Muͤhe werth achten, ſich bey unſerm Gerichtsherrn darnach zu erkundigen. Graͤfin. Nun— ſo was lohnt ſich ſchon der Muͤh. Von Ihnen war's brav, daß Sie es thaten; aber von Ihrem Ge⸗ richts⸗Herrn ſehr ſchlecht, daß er es zu⸗ ließ.— Daß muß ich ſagen; ob er gleich ein guter Freund, und ſogar ein Verwandter von mir iſt.— 1 Henriette. Das hat mir eben, gleich als ich ihn kennen lernte, ſo wohl an ihm gefallen, daß er ſo auf ſeine Mutter hielt. — Ach, gnaͤdige Graͤfin! und wenn ich Ihnen erzaͤhlen ſollte, wie redlich er auch an mir gehandelt hat. Graͤfin. Nun!— Schon jetzt bedaure — 355— ich ihn; am Ende werd' ich ihn wohl noch bewundern muͤſſen. Henriette faßte ſich ein Herz, und er⸗ zaͤhlte— was ſie noch niemanden erzaͤhlt hatte— die Geſchichte mit dem Juden, und — daß er, um den Gerichtsdienern ihre ſchleunige Gerechtigkeits⸗Pflege zu belohnen, ſogar ſeine Gedichte habe verkaufen wol⸗ len. „Und Du wußteſt nicht, ob er's ver⸗ diente?— ſagte die Graͤſin, mit einem edeln durchdringenden Seitenblicke, zu Henrietten; ſchier koͤnnt' ich glauben, Du haäͤtteſt mich wollen zum beſten haben.—.(nach einigem Nach⸗ denken zum Dichter) Was haben Sie denn ei⸗ gentlich gelernt?— Er.(mit einem ehrlichen Geſichte; ganz von Herzen weg) Eigentlich—(die Achſel zuckend) nicht viel!. Graͤfin.(uber das aufrichtige Bekenntniß gutherzig lächelnd) Doch Rechnen und Schrei⸗ ben? Er. Schreiben— So viel Ew. Exzellenz 3 2 — 356— befehlen! Aber mit dem Rechnen— Ich habe mich in meinem Leben viel verrech⸗ net! Gräfin. So ſcheint's!— Aber doch nur auf Ihr eignes Kerbholz haben Sie ſich verrechnet?— Nie auf andrer Leute Rech⸗ nung, und in andrer Leute Beutel? Er.(im edeln Bewußtſeyn ſeiner Rechtſchaffen⸗ heit) Nie!— Aber in andern Leuten. Gräfin. Das kann dem eyhrlichſten Manne paſſiren! und juſt dieſem am leichtſten.—(nach einer Pauſe) Wo denken Sie denn Ihr Gluͤck zu ſuchen? Er. O, weh!— Das Gluͤck iſt wie ein Irrwiſch; wenn man ihm nachlaͤuft, ſo entfernt es ſich immer weiter.— Ich denk es ſoll mich ſuchen. Graͤf in. Sie haben einen guten Glau⸗ ben; aber— einen gefaͤhrlichen! Das Gluͤck ſucht nur ſeine Günſtlinge. Sie ſcheinen keiner von denen zu ſeyn! Indeß——(geht ¹nachdenkend nach ihrem Schranke) Ich moͤgte gern Ihrem Gluͤcke einen Schwung geben; aber — 357— ——(cchließt auf) wenn ich Ihnen nun auch hundert Thaler gebe— wenn ich Ihnen tauſend gebe;— damit iſt Ihnen nicht ge⸗ holfen!— Nicht lange wenigſtens; und— ich moͤgt' Ihnen gern auf immer helfen!— (ſchlägt den Schrank wieder zu, und kehrt ſich ent⸗ ſchloſen um) Henriette!— ruf mir einmal jemanden. Henriette ſprang fort, und ein Jäͤger trat mit ihr herein.—„Bringt dieſen Herrn hinuͤber in den Gaſthof.— Der Wirth ſoll ihm ſeine Oberſtube heitzen, und es ihm an nichts fehlen laſſen.(mit Bedeutung) Er iſt mein Gaſt!—(zum Durſt, mit einer Entlaſſungs⸗ Verbeugung) Wir ſehn uns wieder! Der arme Durſt war wie aus den Wol⸗ ken geſallen.— Er hatte wenigſtens ein ſcharfes Examen, wenigſtens Bitterkeiten, wo nicht harte Verweiſe befuͤrchtet, und— wurde, abgerechnet die gluͤckliche Perſpective, welche ſich ihm in der Ferne zeigte, mit Artigkeiten uͤberhaͤuft. Er wollte danken; — 358— aber die Zunge verſagte ihm ihren Dienſt; das Herz empfand zu viel.— Unter ſolchen Menſchen war er noch nie geweſen!— Und, als er mit ſeinem artigen Begleiter im Gaſthofe ankam— o! was fuͤr ein Unter⸗ ſchieb, unter jetzt und einſt, wenn er, ohne noch Henrietten zu kennen, hier ein⸗ gekehrt war. Einſt ſah man ihn kaum uͤber die Achſel an, wenn er ſeine drey Kreutzer hier gegen ein mageres Butterbrod umwech⸗ ſelte; jetzt lief alles gegen einander, um ſeine Wünſche zu erfuͤllen, wo nicht gar ihnen zu⸗ vorzukommen, und alle Buttertoͤpfe ſtanden offen.— Was das gnaͤdige Loͤcheln eines Großen nicht thun kann!— Es macht wich⸗ tig; und ſcheint ſogar Verdienſt zu geben, welches Achtung und Aufmerkſamkeit fordert; und doch irren ſich die Menſchen ſehr oft, indem ſie dieſes vorausſetzen; denn— o! die Großen laͤcheln auch oft, ſo gut wie das launiſche Gluͤck, gewiſſen Menſchen, die nichts weniger haben als Verdienſt, nichts weniger verdienen als Aufmerkſamkeit.— Die gute Graͤfin ließ indeß ihren ge⸗ heimen Rath, den Pfarrer, kommen, erzaͤhlt ihm dieſen tragikomiſchen Vorfall, und trug ihm auf: unvermerkt dieſen Menſchen zu unterſuchen, und ihr von ſeinem moraliſchen und wiſſenſchaftlichen Zuſtande treulichen Ra⸗ port abzuſtatten; denn ſie war nun einmal entſchloſſen: ihn nicht allein zu unterſtuͤtzen, ſondern ihm ganz und gar zu helfen. Und wir wiſſen ſchon aus dem vorigen, wie be⸗ gierig ſie auf eine ſolche Sache war, die ſie ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte. Vor⸗ laͤufg konnt' ihr ſchon der Paſtor verſichern: daß er nichts Moraliſchuͤbles von ihm ge⸗ hoͤrt habe, ſondern nur— daß er, durch ir⸗ rige Meinungen, im eigentlichſten Verſtande litterariſch verkruͤpelt, und, unter ſo vielen brodloſen Künſten, auf die allerbrodloſeſte derſelben, auf die Poeſie gerathen ſey, wor⸗ uͤber er von vielen verachtet, verſpottet, gehaͤnſelt, von vielen rechtſchaffenen Leuten aber herzlich bedauert werde. Dieſes war der guten Graͤfin ſchon genug, um nur, ' — 360— ohne Sorge der Reue, vorlaͤuflg einige Ver⸗ anſtaltungen zu ſeiner aͤußerlichen Ausbeſſe⸗ rung za treffen. Der Pfarrer verſprach ſein moͤglichſtes zu thun, und eilte; denn er kannr ihre Ungeduld in dergleichen Faͤllen, die mit nichts zu vergleichen war, als mit der Un⸗ geduld eines achtzehnjaͤhrigen Maͤdchen, das auf den Geliebten harrt. und von allen Seiten her kamen Ju⸗ den und Chriſten, und boten unſerm armen Dichter, zu ſeinem groͤßten Erſtaunen, neue Kleider und Waͤſche zum Verkauf' an.— Er haͤtt' es freilich gern gehabt; denn in feiner jetzigen Lage fuͤhlt' er, daß ſeine Figur keinen ſonderlichen Proſpert mache, und— es war zu bewundern: daß ihm alles ſo gut paßte, als waͤr es ihm angemeſſen; aber— wo ſollt' er Geld hernehmen, es zu bezahlen? und zum Credit, den ſie ihm antrugen, konnt, er ſich ſchlechterdings nicht entſchlie⸗ ſten, da er nicht die fernſte Hoffnung ſah. * 2 4 — 361— jemals zu ſo viel Gelde zu kommen; bis ihm endlich Tauſch angeboten wurde, der eher Hoffnung zu einem Handel gab. Er erſtaunte! denn die Juden ſchlugen ſeine Garderobe, fur welche er, nach ſeinen Gedan⸗ ken, nicht ein Paar neue Struͤmpfe fordern koönnte, ſehr hoch an, und beſonders fur eine Garnitur metallene Schuh⸗ und Bein⸗ kleider⸗Schnallen, die ſie für das ſchoͤnſte Augsburger Silber hielten, boten ſie juſt ſo viel, als ſie kuͤr Rock, Hoſen, Weſte, und Oberrock hatten haben wollen; der eine ſo⸗ gar ſetzte, um den andern zu uͤberbieten, noch ein Pagr aͤhnliche mit Silber plattirte Schuh⸗ und Beinkleider⸗Schnallen hinzu. —„Was es hier fuͤr einfaͤltige Juden giebr!“ — dacht' er, konnt' es aber nicht uüber's Herz bringen, ſie zu betruͤgen, und ſagte: daß es ja Metall waͤr. Sie lachten ihn aber aus, und verſicherten: er habe ſie alſo gewiß nicht gekauft, ſondern etwa zum Praͤ⸗ ſent erhalten; welches auch würklich der Fall war. Das machte ihn ſtutzig; doch konnt' er ſich nicht vorſtellen, daß jener Freund(ein Dorf⸗Pfarrer) ſollte ſilberne Schnallen zu verſchenken gehabt haben? Sie ſelbſt ſchienen ſtutzig zu werden, und machten alle Proben damit; aber— es blieb dabey! und, da er den Henker von dieſer Probe verſtand, ſieng er endlich an es zu glauben, lachte herzlich uͤber ſich ſelbſt: daß er ſo oft Noth gelitten, und— ohne es zu wiſſen, ein ſo großes Kapital bey ſich herumgetragen; und gieng den Handel ein.— So gieng es mit einem, und ſo mit allem; und, ehe vierund⸗ zwanzig Stunden uͤber die Welt hin flogen, war er, vom Kopf bis auf die Fuͤße, ſo ſchͤn equpirt, daß er ſich vor jedermann ſehn laſſen konnte.— Daß hinter dieſem Han⸗ del jemand anders ſtecke, welches ihm die Verlegenheit erſparen wollte, zu bemerken: daß er dieſe Stuͤcke, zum Umgange mit ge⸗ ſitteten Menſchen, hoͤchſt noͤthig brauch', und ſie doch nicht bezahlen koͤnne, ſiel ihm gar nicht ein; er nahm es alſo wie es ſchien, und es blieb immer die Furcht bey ihm zuruͤck: die Juden moͤgten ſich eines beſſern beſinnen, und ihm das ſchoͤne neue Kluftchen wieder ausziehn; bis ihn endlich der Pfarrer, mit dem er, auf einem Spa⸗ ziergange, Bekanntſchaft machte, daruͤber troͤſtete, und ihm heilig verſicherte: daß ihm niemand dasjenige wieder abfordern werde, wozu er auf die rechtmaͤſigſte Weiſe gelangt ſey.— Ueberhaupt wußte der Pfarrer ſo ge⸗ ſchickt ſein unumſchraͤnktes Vertrauen zu ge⸗ winnen, daß ſich bald jede Falte ſeines Her⸗ zens vor ihm aufſchloß. Und ſo geſchah es denn, daß dieſer, ſchon nach einigen Tagen, der Graͤſin, von den Gegenſtaͤnden ſeiner Auftraͤge, den moͤglichſt puͤnktlichſten Raport abſtatten konnte. Die Gräfin freute ſich herzlich, als er, mit ſeinen weiten ſpaniſchen Schritten, uͤber den Hof geſtiegen kam, und ſie es ihm ſchon anſah, dah er ihr was Neues zu ſagen habe.— — 364— Sie ließ ihn in ihr Cabinett kommen, und rief ihm ſogleich ihre Frage entgegen; aber ſein Herz war zu ſehr angefuͤllt mit Theil⸗ nahme, und ſein Geiſt zu lebhaft empoͤrt uͤber National⸗Gebrechen, daß er ſich ſchlech⸗ terdings erſt, durch eine Vorrede, Luft ma⸗ chen mußte. „Wie ſauer wird's einem doch, ſagte er, wenn man etwas zugeben muß, dem man ſo gern widerſprechen moͤgte!— Da klagt der arme Menſch uͤber Verachtung des wah⸗ ren Verdienſtes, und— hat, ſo wahr Gott lebt, recht!— Ein niedlicher Fuß— ein nett friſirter Kopf— ein artiges Kompli⸗ ment— ein bischen fades franzoͤſiſches Ge⸗ ſchwaͤz— eine Familien⸗Empfehlung— ein verjaͤhrter Anſpruch auf die Tugenden lange verfaulter Vorfahren— und— weiß Gott, was noch alles;— o! das erhebt, ohn“ einen Tropſen Schweiß, zu Reichthum und Ehren; indeß das wahre Verdienſt, welches, unter der Laſt der zu bekaͤmpfenden Schwie⸗ rigkenen, auf dem ſoliden Wege, den es zur * — 367— Wahrheit wandelte, Jahre lang ſchwitzte— das wahre Verdienſt, an welches ſich das ſchwache Jahrhundert halten ſollte— zufrie⸗ den ſeyn, und unterthaͤnigſt danken, und ſich's fuͤr eine Gnade rechnen muß, wenn man ihm eine Brodrinde zuwirft, die die Hunde jener Laffen nicht mogten.“ Gräfin.(in Erſtannen) Aber, ſagen Sie mir, um's Himmelswillen, lieber Paſtor! was Sie ſich da ſo echauffiren? uͤber eine Wahrheit, die ſchon mancher vor Ihnen be⸗ trauert hat, und mancher nach Ihnen noch hetrauern wird; aber— ſo viel ich wenig⸗ ſtens weiß, noch niemand bezweifelte? Paſtor.(wild) Und eben darum hat der junge Menſch lieber— gar nichts gelernt!“ Gräaͤfin.(erſchrocken) Gar nichts?— Nun, das wär aber doch auch warlich gar zu toll! Paſtor. Er ſah, daß das ſolide Ver⸗ dienſt immer ſitzen blieb, hungern mußte, verachtet wurd', und der vergoͤtterte Dumm⸗ * kopf, in ſeiner After⸗Groͤße, die gluͤcklichſte Rolle ſpielte; ſah aber auch, das mitunter ein kuͤhnes Genie gluͤcklich über alles hinaus flog, und— da die vergoͤtterten Lieblinge ihm nicht nachfliegen konnten, ſich in eigen⸗ thümlicher Groͤße behauptete. Da wollt' er ſchlechterdings ein Genie ſeyn!— Der ar⸗ me Teufel!— Kuͤhn war er; aber— kein Genie! Und ſo blieb er elendiglich auf den elendiglichen Hefen ſitzen, aus denen er den Geiſt nicht zu ziehn wußte, wie die an⸗ dern, die zum Spaß nichts ſeyn wollen, und doch mehr ſind als alle, die ſo viel zu ſeyn ſcheinen. Er wollt' es ſchlechterdings zwingen! und ſo gerieth er denn nach und nach in eine Art von poetiſcher Raſerei bey der er verhungern muß. Gräaͤfin. Das ſoll er nichtl— Sagen Sie mir nur, was iſt es denn ſonſt für ein Mann? Paſtor. Der redlichſte Mann von der Welt!— Ich ſag' Ihnen, gnaͤdige Graͤſin! er hat ein Herz wie Wachs, und Grund⸗ * ₰— — 367— ſatze, die einen jammern, daß ſie ſo unge⸗ nuͤtzt daliegen, und verwittern.—(glühend) O, Goit!— was waͤr das fuͤr ein Mann geworden! Graͤfin.(nach einem kurzen Nachdenken) Und, ſollt' er's nicht noch werden koͤnnen? Paſtor. Das nicht, wozu die Anlage da war; denn dieſe iſt total ruinirt; aber nuͤtzlich— unter einer klugen Leitung— o, ja! das kann er noch werden. Gräͤfin. Dieſe Leitung uͤberlaſſ' ich Ihnen!— Das meinige will ich thun.— Ich will ihm die Richtung geben; bringen Sie ihn in den Gang. 3 Paſtor.(ſtust) Ew. Exzellenz wiſſen, daß ich zu allem herölich gern, nach meinen wenigen Kraͤften helfe, wo nur wenigſtens ein Gotteslohn zu verdienen iſt; nur ſeh' ich nicht— wie? oder wo? Wuͤrklich, ich wuͤßte nicht.. Graͤfin. Laſſen Sie das nur gut ſeyn, mein lieber Herr Paſtor! für das wie? und wo? ſoll ſchon geſorgt werden; denn uns — — 368— Weibern fehlt es ſelten an Erfindung. An euch Maͤnnern iſt dann die Reihe, das Er⸗ fundene durchzuſetzen und auszuarbeiten, wo⸗ zu wir ſelten Geduld und Ausdauer genug haben.— Jetzt laſſen Sie uns meinen Ein⸗ fall erſt ein bischen beleuchten, und dann urtheilen: ob er ihn glücklich macht; gluͤck⸗ licher wenigſtens, als mich, im aͤußerſten Fall, ungluͤcklich. Sie hielt auf einigen ihrer entfernteſten Doͤrfer, um ihren Unterthanen die beſchwer⸗ lichen Wege zu erſparen, einen beſondern Einnehmer ihrer Zinßen, und andern Gefälle. — Dieſer war eben jetzt geſtorben, und ſie hatte ſeine Stelle dem armen Durſt zuge⸗ dacht. Der Paſtor billigte ihre Meinung, weil dazu ſchier weiter nichts gehoͤrte als ein ehrlicher Mann, wofuͤr, aus allen ſeinen Handlungen, dieſer erkannt wurde; aber die Graͤſin hatte noch einen Zuſatz, der dieſem * — 369—* Manne, der gegen die Schwaͤchen der Menſch⸗ — heit ſo billig dachte, nicht gefiel.— Der arme Dichter ſollte naͤmlich dieſen Dienſt 1 erhalten; jedoch unter der Bedingung; in ſeinem Leben keine Verſe mehr zu ma⸗ chen.— Wie war das moͤglich, ohne ihm zugleich ſein ganzes Leben zu verbittern?—. . Dieſes ſah wohl der ruhige Sebaldus ein; aber nicht die Graͤſin, welche leidenſchaftlich auch dann handelte, und unbedingt alles nach ihrem Willen haben wollte, wenn ſie jemanden gluͤcklich zu machen dachte. „Was hat Ihnen denn aber der arme Teufel gethan, fragte er; daß Sie ihn ſo 1 ungluͤcklich machen wollen?“— Graͤfin.(in Erſtaunen) Ungluͤcklich? 4 1 Ich glaube Sie traͤumen!— Wer will ihn 3 denn unglücklich machen? 3 Paſtor. Oder, glauben Sie nicht, daß Sie ihn wenigſtens ungluͤcklicher machen, b als gluͤcklich, wenn er bey ſeinem Dienſte, der ihm ohnehin Langeweile im Ueberfluſſe .laͤßt— keine Verſe machen darf? Aa —— 370—* Graͤfin. Nein!— Denn ich mach'⸗ auf alle Faͤlle einen Menſchen nicht un⸗ gluͤcklich, wenn ich ihn von ſeinen Thorhei⸗ ten abziehe. Paſtor. So müſſen Sie ihm wenig⸗ ſtens beweiſen: daß Verſemachen eine Thorheit ſey; dann bin ich uͤberzeugt, daß er, als vernuͤnftiger Mann, es ſich von ſelbſt abgewoͤhnen wird; aber— dieſer Beweis wuͤrd' ihnen ſchwer werden! denn es ma⸗ chen zu viel Maͤnner von Würde Verſe, bey ihren wichtigen Dienſten; und in dieſen findet er allemal einen maͤchtigen Gegenbe⸗ weis.— Indem er es alſo verſpricht, und nicht gehorcht, entwickelt ſich, durch Ihre Schuld, in ihm die erſte Anlage zur Be⸗ truͤgerey; oder— er gehorcht würklich, und— frißt ſich dabey das Leben ab.— Beidez iſt Ihnen gewiß nicht lieb! Graͤfin. Nein!— Aber, was ſoll man ſonſt machen?— Soll man ihn bey dieſer Thorheit laſſen? 71— 90 Paſtor. Muß man nicht viel Men⸗ ſchen, mit noch mehr und groͤßern Thorheiſen, ertragen? und ſie dabey laſſen, um ſie nicht ganz gegen ein Leben zu empoͤren, welches nun einmal nicht ohne Thorheit iſt?— O! und ſolch eine unſcheͤdliche Thorheit, iſt ja kaum der Rede werth.— Wellen aber die gnaͤdige Graͤfin, auch in Ruͤckſicht auf dieſe Verbeſſerung, etwas an ihm thun, ſo ſetzen Sie lieber die Bedingung, hinzu: bey jedesmaliger Einſendung, ſeinen unterthäͤ⸗ nigen Bericht in Verſen beyzulegen.—⸗ Ohne Zweifel wird es ihm nach und nach zum Eckel, und er bittet bald um dieſen Erlaß. Graͤfin. Gut!= Aber die Thorheit mit Henrietten—(ſtreng) muß ſchlechter⸗ dings wegfallen! Paſtor. Das laſſen Sie meſhe Sorge ſeyn! denn ich finde ſelbſt, daß man, auch wenn das unerfahrne Maͤdchen ihn liebte, zu ihrem Beſten, hier den Mittler machen — 372— müußte. Nicht weil er arm, ſondern weil er kein Mann fuͤr Henrietten iſt. Graͤfin. Wird er ſich aber dieſes leichter gefallen laſſen, als— keine Verſe mehr zu machen? Paſtor.(lachennd) O, ja!— Derglei⸗ chen geiſtige Liebhaber erſchießen ſich wenigſtens nicht; wenn ſie auch einige Buch Papier voll Klagen ſchmieren.— An's Heu⸗ vathen denkt er ohnehin nicht— ſo viel merk' ich ſchon an ihm; laſſen Sie ſich ihn alſo auch noch einige Zeit mit ihrer Liebe 5 hinſchwindeln— was thut das? Auch dieſe Debatten wurden alſo glück⸗ lich beygelegt, und nun dem armen Durſt dieſer Antrag gemacht.— Er wußte gar nicht wie ihm geſchah, und ob er es fuͤr Spaß oͤder Ernſt halten ſollte; denn zu ſo einem guten, ihm ganz angemeſſenen Dienſte, hatte er in ſeinem ganzen Leben keine Hoffnung gehabt, auch ſich nicht einmal dazu faͤhig ge⸗ — 373— achtet.—:„Ach! riek er endlich, als er ſich von dem Ernſi' überzeugte, mit Thraͤnen in den Augen; ach! daß doch nun meine arme Mutter noch lebte. Wie wollt' ich ſie nun pfiegen!“— Die Graͤfin wendete ſich geruͤhrt weg, und entfloh ſeinem ſtuͤrmiſchen Danke.— Jetzt haͤtt' er alles verſprochen! aber der kluge Sebaldus benutzte nur dieſe gefuͤhlvollen Augenblicke der erſten lebhafte⸗ ſten Dankbarkeit, um einige Worte, wegen Henrietten, mit ihm im Ernſte zu ſprechen. Er fand ihn vernünftiger, als er befuͤrchtet hatte, bezeichnete ihm die Schranken, in de⸗ nen er ſich, um ſeiner eignen Ruhe willen, zu halten habe, und hatt' alle Urſache zu glauben: daß er ſie, ſeiner Zuſage gemaͤß⸗ nicht uͤberſchreiten werde; denn— es ſchien ihm ſelbſt einzuleuchten: daß er nicht der Mann ſey, der ſo ein feuriges Maͤdchen, wie Henriette, durch Liebe glücklich machen koͤnne. 8 Noch an dem naͤhmlichen Tage wurd' er verpflichtet, und iſeine neunzehn Baͤnde Go⸗ * d bichte, bis ſich ein Verleger dazu finden werde, ſtaft der Caution, in Beſchlag ge⸗ nommen. Eigemtlich geſchah dieſes bloß, um ihn davon zu entfernen; denn, im Fall' er ſonſt ein Spitzbube werden wollte— was konnt' ihnen das Geſchmiet' helfen? und doch war es eine Caution, die ihn mehr als alles an ſeine Pflicht gefeſſelt haben wuͤrde, wenn er die Redlichkeit und Henrietten hatte vemeſſen koͤnnen. Einige Tage drauf reiße er, mit demt Gerichtshalter, an den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung ab, und fand dort alles zu ſeiner Nothdurft und Bequemlichkeit eingerichtet; denn die Gräſin that nichts halb. Nur Henrieiten fand er nicht!— Aber, unter Geſchäften, und vernunftiger Geſellſchaft, lernte er bald vernünftig an ſie denken, und war bis an ſein Ende, welches ihn un⸗ verheurathet antraf, einer der freuſten und puͤnkrlichſten Diener der Graſin.— Auch die poetiſchen Berichte fölgten puͤnktlich, bey jeder Lieferung!— Er wurde deß Dings * .— 225— nicht überdrüßig, wie Herr Sebaldus hatte vorausſehn wollen; und im Archive zu Lau⸗ terbach, liegen würklich noch achtundzwan⸗ zig volle Jahrgaͤnge derſelben.— Ein ein⸗ ziges Proͤbchen davon, wird meinen Leſern Spaß machen. ExXxtractum. menſe Junio, Aus meinem Buch' in folio „Nebſt unterthäͤnigſtem Bericht, Ermangle einzuſenden nicht. 1 Pro primo— fünfundzwanzig Hüͤhner Empfangen Dero treuer Diener, Und ſie verkauft, an Gotthelf Schweitzer⸗ Das Stuͤck fuͤr ſiebenundzwanzig Kreu⸗ 3 tzer.— An Gaͤnſen— einundzwanzig Stuͤck, Worunter einige nicht recht flick; Dooch hab' ich's ſo genau nicht genommen, Und doch pro Stuͤck acht Batzen bekommen. — 376— 1 An Roggen— welcher etwas klamm— Sind Reſt geblieben Andres Schramm, Der alte Michel Hackeſtock, Und Sohneidermeiſter, Adam Bock. An Gerſt' und Hafer— alles richtig! Der Hafer aber etwas fluͤchtig; Doch hat ihn unſer Herrgott heuer Nicht beſſer gegeben; iſt aber theuer, Und werd' ich alles was eingelaufen, Den Scheffel um vier Gulden verkaufen. An Waitzen— troͤſtet alles hier Mich auf die Erndte, die vor der Thür. Und da dieß Jahr ſich vieler Brand, Nebſt Koͤbrich, und deß allerhand, Hier in dem lieben Waitzen fand; So iſt mein unterzhaͤnig Gutachten: Wir gaͤben Sicht bis gegen eyhnachten. Dann wird der neue obendrein Weit beſſer, und— auch theurer ſeyn,— Was— Pro fecundo— an baarem Geld, 8 In dieſen lieben Monat fällt, Iſt— eine Quarkſpitze— ſo zu ſagen— — 37— Und wird auf den Julius ubergetragen. Folgt alſo baar in dem Packetio Fuͤnfundzwanzig leichte Gulden netto; Denn die drey Batzen, ſo druͤber ſind, Erhaͤlt ein neues armes Kind, Das, laut Verzeichniß, zu dieſer Friſt, Zur vorigen Summa genommen iſt.— An Supplicanten— die, Armuths wegen, Sich unterthaͤnigſt zu Fuͤßen legen.— Pro primo— 1 heine alte Frau, Weil ihr geſtorben eine Sau— Bittet unterthaͤnigſt ume Erlaß Auf einige Monat, und um noch was. Das werden Ew. Gnaden denn, wie Sie „. pflegen, In hoͤchſten Gnaden gnaͤdigſt erwegen, Und, in der Hoffnung auf Gottes Segen⸗ Ihr naͤchſtens geruhn was beyzulegen; Sie uͤberlaͤuft mich ſonſt Tag und Nacht, Und ſpricht ich haͤtt's nicht recht beweglich gemacht — 378— Den Namen dieſer alten Frau Weiß ich und kein's hier recht genau; Mit⸗dem Vornamen heißt ſie Lieſe⸗Grethe, Genannt: die lederne Poſt⸗Trompete.— Und— Pro ſecundo— Der ehmals fiedelte zum Tanz: Er liegt bereits total auf der Haut— Wie lange wird's waͤhren, daß er Erde kaut? Der bittet unterthaͤniglich: Sie mögten ſein erbarmen ſich, Und— weil er nichts mehr koͤnnt ergeigen, Ihn aus dem Regiſter laſſen ſtreichen. Wir thaͤten ohnmaßgeblich auch Recht wohl dranz denn— vom alten Gauch Jetzt was zu nehmen, waͤre Suͤnde, Und Reſt zu ſchreiben— verlorne Dinte. Pro tertio— mit Ehren zu melden— Die beyden alten Jungfer Velden; 1 1 2. der taube Hans, — 372— Die machen mir den Kopf ſo warm Als wie der gröͤßte Bienenſchwarm, Und bitten um's bischen Gnadenbrod⸗ Dieweil ſie's brauchten zur Leibesnoth Nun ſagt man zwar: die alten Beſen üren einſt recht gut zum Kehren ge⸗ weſen; Doch iſt dieß jetzt nicht mehr der Fall, Und— öoſe Leute giebt's uͤberall. Ew. Gnaden geruhn in dieſen Stuͤcken Mir baldigſt hoͤchſte Reſolution zu ſchicken; Sonſt— denn ich kann ſie nicht mehr — bezwingen— Muß ich ſie laſſen in den Spittel bringen.— und 4 An Defekten., Die Kanzel⸗ Uhr Laͤuft eine Viertelſtunde nur, Dieweil das Loch halt ausgelauſfen; „Wir werden mäſſen eine neue kaufen! Denn der Pfarrer, ohne Stundenglas, Schwatzt nur ſo hin— er weiß ſelbſt nich 3— was. d .* Zum andern geht die Orgel nicht,* Dieweil es ihr an Wind gebricht. Der Kantor thut zwar allezeit Was ſeine Pflicht und Schuldigkeit; Dieweil er aber, mit bloßem Singen, Den Glauben nicht kann zuwegebringen So fieht er, wegen der Seelenruh Der chriſtlichen Gemeind', um Wind dazu. Zum dritten— hat der Klingelſack Ganz unten am Stiele ſeinen Knack, Und traut der Mann, ſeit drey Sonntagen, Schon ihn nicht mehr herumzutragen; Er nimmt dafuͤr indeß den Hut, Doch thut das in die Laͤnge nicht gut. Die Leute ſagen frank und frey, Es ſaͤh ſo aus wie Betteley. Der heilge Geiſt iſt auch in Stuͤcken. Schon dreymal hab' ich ihn laſſen flicken; Allein, es haͤlt— bey meiner Ehr!— Am Fluͤgel keine Feder meerr. Was ſoll, bey ſo bewandten Sachen „ 8 — 381— Nun Dero treuer Diener machen? Soll ich, bey Meiſter Haſewitzen, Ihm laſſen neue Fluͤgel ſchnitzen? Oder ganz und gar ihn herunter reißen, Und unter's alte Geruͤmpel ſchmeißen?— Zum vierten endlich— . und was das beſt, Iſt auf dem Thurm ein Vogelneſt Geweſen, und haben freventlich Die Jungen daran vergriffen ſich, Da denn die Schalloͤcher nicht alein, Gar ſehr beſudelt worden ſeyn, Sondern auch, vom Hinundwiederkriechen, Die Schieferſtuͤcken umher thun liegen.— Ob dieß nun nicht als Kirchenraub Zu ſtrafen ſey? fragt, mit Erlaub, der zweifelhafte Paſtor an, Und meint, es waͤr recht wohl gethan; Dieweil es wider den Reſpect, Und alles ſonſt die Kirchen neckt'. Und dieſes waͤr's, was Amteswegen Ich wollt' unterthänigſt zu Fuͤßen legen, Und bitten: mir baldigſt zu berichten — 382— Hoͤchſtdero Meinung: daß meine Pflichten Sich wüßten ein bischen darnach zu richten, Um allen Hader und Streit zu ſchlichten; Denn alles ſchreit mich geplagten Mann Um Huͤlf' und Rath und Renung an. Beſonders der Cantor, mit ſeinem Win „Verzeih mir Gott meine ſchwere Suͤnde! Iſt— ſo zu ſagen, ein Hans⸗Wurſt; Und ich Hoͤchſtdero unterthaͤnigſter Durſt. Das Poſt⸗Scriptum wollen wir weg⸗ laſſen; meine Leſer haben ohne Zweifel zum Spaß ſatt, und moͤgte etwa gar Zahnſchmer⸗ zen bekommen. Neunzehntes Kapitel. — Wie froͤhlich ſtromt alles Dem Fraͤhlinge zu! Mit klopfenden Herzen O, Maͤdchen! auch du. Laß klopfen— laß ſehnen— Wer weiß denn, wie fern Noch hinter den Wolken Dein freundlicher Stern. So gieng endlich, aus dieſem Unruh' und Mißvergnuͤgen drohenden Wirwarr', allge⸗ meine Ruh' und Zufriedenheit hervor, wie bald darauf, aus dem rauhen ſtuͤrmiſchen Winter, der herrliche Fruͤhling, im jungen Blumengewande.“ Geneckt wurde Henriette, daß ſie haͤtte weinen moͤgen; und ihre ſcharmante Lieb⸗ ₰ alte Mamobuſe aber, welche ſie ſonſt immer ſchaft mußt' alle Luͤcken ausbuͤßen, deren es, auch bey der fröͤhlichſten Laune, doch immer in der Unterhaltung einige giebt; aber— ſie wurde nicht roth, ſondern half immer beſſer dazu; denn ihr Herz ſprach ſie ja frey, auch von der entfernteſten Unart; und bald ſignaliſirte ſich auch ihr angeblicher Adonis, an ſeinem Beſtimmungs⸗ Orte ſo, daß ſie, wenn es auch wahr geweſen waͤr, keine Schande von dieſer verrufenen Lieb⸗ ſchaft gehabt haͤtte.— Die Graͤftn gieng gewoͤhnlich um dieſe Zeit auf ihre Guͤter umher, um die Som⸗ mer⸗Arbeiten ſelbſt zu arangiren; und Hen⸗ hette freute ſich herzlich, denn ſie ſollte, nebſt Auguſten, ihre Geſellſchaft machen die begleitet hatte, dießmal, zum Schutz des Hausweſens, zuruͤckbleihen.— Aber die Graͤfin war traurig, als die Zuſchickungen zu dieſer Reiſe gemacht wurden; denn dieß⸗ — 385— mal hatte ſie ſie ganz gewiß in Geſell⸗ ſchaft ihres Sohnes zu machen gehofft, deſ⸗ ſen nach dem vaͤterlichen Teſtamente be⸗ ſtimmten Exulanten Jahre jetzt um waren — und mehr noch als traurig, da ſie nicht einmal einige Nachricht von ihm erhielt.— Auch der alte Puff lehnte traurig an der Treppe, da ſchon die Koffers gepackt wurden; denn— er wußt' am beſten wo ihn der Schuh druͤckte. Noch nie hat' ihm ſo fuͤr den Fruͤhlings⸗ und Sommer, Arbeiten ge⸗ graußt, als dießmal!— Immer hatt' er mit Freuden der erſten Schwalb' und dem aufbrechenden Schwarzdorn entgegengeſehnz denn er arbeitete herzlich gern, und war eigentlich nie zufriedner, als wenn er recht viel zu thun hatte;— aber heuer fuͤhlt' er ſich! Seine Knochen wollten nicht ſo recht mehr fort, und die Gedanken fiengen ihm an abzulegen. Was er ſonſt mit einem Blick uͤberſehn hatte, das koſtete ihn jetzt Muͤhe zu begreifen.— Einſt war Vergeſſenheit ſein kleinſter Fehler geweſen; jetzt mußt er 3 B b 88 4 — 386— 16 anſtrengen, wenn er nur zweyerley auf einmal merken ſollte.— Kurz, es war ihm nicht anders, als wär er auf einmal zwan⸗ zig Jahr aͤlter geworden. Auch meldeten ſich Schwindel, und Gicht, und allerhand andre Gefaͤhrten des hinfäͤlligen Alters, die ihn mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt, und haͤng⸗ lich im Dienſte machten; denn Ordnung und Puͤnktlichkeit in demſelben, war immer ſeine ſtrengſte Regel geweſen. Ihm bangte jetzt, bey dem beſten Willen, um die Er⸗ füllung deſſelben.— Noch hatt' er ſich auf Henrietten getroͤſtet; und auch dieſe ſollte fetzt fort!— Juſt in der nothwendigſten Zeit, und unter den Arbeiten, bey denen er ſſich auf ſie verlaſſen konnte? Das war hart! — und doch wagte er es nicht, zu klagen; denn, es war ja ſeine Graͤfin, die, zu ihrer Aufheitrung, Henrietten jetzt eben ſo noͤthig braucht', als er zum Dienſte; welchen er ſſich, nach der guten Meinung derſelben, ſchon lang' hätte leicht machen ſollen und koͤn⸗ nen. Schon lang' hatte ſie naͤmlich ihm einen betraͤchtlichen Zuſchuß an Geld und Getraide gegeben, damit er ſich ſollt⸗ einen tüchtigen Burſchen halten; aber— der arme Puff wußt’ am beſten wo's ihm fehlte! Ein tuchtiger Jaͤger, der ſich was verſucht hatte, gieng nicht zu ihm; denn ſein Haus⸗Drache war zu berühmt; und einen Schenken⸗Jäger, deren immer eine Meng/ umherlaufen, und herzlich froh ſind, wenn ſie nur einmal ſo lang' unterkommen koͤn⸗ nen, als ſie Zeit brauchen ſich einmal die Stiefeln flicken zu laſſen— mogt' er nicht; denn da giebt's Schaden und Verdruß an allen Ecken, weil ſolche Menſchen nichts verſtehn und inachtnehmen; und es iſt ſo gut und noch ſchlimmer, als haͤtt' eins ei⸗ nen Raubſchützen auf dem Reviere.— Auch ſchmeckten der oͤkondmiſchen Euſebia die Laub⸗ thaler zu gut, welche ſie für einige Mal⸗ ter Korn einſtreichen konnt“, als daß ſie ſo einen Freſſer haͤtt, in's Haus laſſen ſollen, die ihnen, ſeit einigen Jahren beſonders, da ſie ein reifes Maͤdchen hier witterten, B b 2 — 388— ſchier die Thuͤr einrennten. Und— eben dieſes reife Maͤdchen, war vielleicht nicht der letzte von den Gruͤnden, die unſern ehr⸗ lichen Puff beſtimmten, ſeinem Haus⸗Dra⸗ chen nicht den Daumen auf's Auge zu ſetzen, ſondern ſich immer noch, ſo lang' es gehn wollt', allein hinzuwuͤrgen; denn— er hatt' in ſeinem Leben ſo manche traurige Fol⸗ gen von hier vernachlaͤßigter Klugheit erlebt. Entſchloß ſich alſo auch jetzt der ehrlichſte brauchbarſte Jaͤger: um des Maͤdchen willen, die Inſolenzen der theuren Euſebia zu er⸗ tragen, und trug ihm ſeine Dienſte an, ſo konnt' er ſich doch nicht entſchließen, ſon⸗ dern ließ ſich von ſeinem Ehe⸗Stuͤck, welche ihre wahre Meinung unter dieſer ſimulirten kluglich zu verbergen wußt', immer noch furchtſamer machen.— Hier lehnt' er alſo, ſtumm und traurig, wie ein Kruͤpel in der Einſamkeit, dem eben ſeine Kruͤcke zerbricht. Er durfte nicht einmal klagen, wenn er auch gern gewollt hatte; denn, was war natuͤrlicher, als der Vorwurf: du willſt's ja 2 x☛ 8ſ=&⏑* ☛—⸗ — 389— nicht beſſer haben! und— er mußt' ihn dulden!— 8 Aber der Graͤfin ſelbſt fiel endlich dieſe Traurigkeit auf, und ſie lockt ihm das Geſtänd; niß ab: er verliere jetzt Henrieiten ungern! — Auf der Zunge ſchwebte ſchon der gefürch⸗ tete Vorwurf; aber die edle gutherzige Frau unterdrückte ihn; denn ſeit einigen Jahren waͤr es ihr ſelbſt unangenehm geweſen, und wuͤrd' ihr viel Sorge gemacht haben; Henri⸗ etten in der Geſellſchaft eines jungen— vielleicht rohen Jaͤger⸗Burſchen zu wiſſen, in welcher leicht in einem Augenblicke niedergeriſſen wor⸗ den wär, was ſie, mit dem guten Sebaldus, in Jahren muͤhſam gebaut hatte.—„Je nunl!“ — ſagte ſie, und ſchien es ſich zu uͤberlegen. Henriette erſchrack; denn die Reiſe, auf welche ſie ſich ſchon ſo ſehr gefreut hatte, ſchien ihr doch lieber zu ſeyn, als der alte Spielberg. Indem trat, mit verbundenem Kopf'“, Auguſte traurig herein.— Das gab der Deliberation unſrer guten Gräfin den Aus⸗ ſchlag!„Armes Gulcchenten ſagte ſie mit⸗ leidig; Du haſt gewiß einmal wieder eine lange Nacht gehabt?“„Und das eine recht lange!— ſagte dieſe, traurig; ich werde mir ihn müſſen herausreizen, laſ⸗ ſen!“ 3 Es war naͤmlich von einem Zahne die Rede, der ſie ſchon oft inkommodirt hatte. Der Bader wurde gerufen, und dieſer wollte ſogar ein ſittulöſes Geſchwür entdek⸗ ken;— verſteht ſich, um ſeine leichte Cur deſto wichtiger zu machen;— und uͤber⸗ haupt eine gallige Schaͤrfe, die ſich nicht anders, als durch ſtrenge Diat, und eine Molken Cur, corrigiren ließ.—„Je nun, weißt Du was, ſagte die Graͤfin; ſo bleib Du zu Hauſ', und warte Dich ab! Puff will ohnehin Henrietten gern hier behalten, die geht dann auf und ab, und vertreibt Dir die Zeit; und ich— nehme meine Blan⸗ dine wieder mit.’— Jetzt heiterten ſich alle Geſichter auf, wie bey einem Sonnen⸗ blicke. Puff dankte laut; die andern mußten ſich's bloß gefallen laſſen; denn danken darf⸗ ten ſie aus Artigkeit nicht. Henriette zog nun wieder, in Auguſtens Geſellſchaft, ihren alten Spielberg der angenehmſten Reiſe vorz und Auguſte—— Weiß der Himmel was das mit dem Zahne war?— Wenigſtens hoͤrte man in der Folge nicht das geringſte; weder von einer Molken⸗ Cur, noch von ſtrenger Diaͤt. 3. Man 4 aua Es blieb bey dieſem Arangement; und in einigen Tagen rollte die gute Graͤfin, mit ihrer vielgetreuen Blandine, zum Thore hinaus. E t ri —— n Auguſte gieng mit Henrietten auf ei⸗ nige Tage nach ihrem Gute Loh; aber— Henriette wird dieſe Tage nie vergeſſen. Es waren fürchterliche Tage!— Die trau⸗ rigen Erinnerungen zergriffen hier Augu⸗ ſtens Herz; und Henriette zitterte.— Bis auf eine einzige Falte, ſchloß ſich hier Au⸗ guſtens Herz auf; und Henriette ternte die Liebe von der ſüßen und ſchrecklichen Seite kennen. Hoch klopft' ihr das Herz, und die Haut ſchauderte ihr.— Auch die letzte tief⸗ ſte Falte des kranken Herzens ihrer leiden⸗ den Freundin, haͤtte ſich ihr um ein Haar aufgeſchloſſen!— Schwachheit befoͤrdert oft einen ſolchen Aufſchluß; hier verhinderte ſie ihn.— Es war im Garten.— Hen⸗ riette ſah an einem Roſenſtock' eine früh⸗ zeitige Knoſpe.—„Darf ich ſie brechen? rief ſie; o! wie ſchoͤn!“— Auguſte ſah ſich um, und ſank, mit einem lauten Schrey in ihren Arm. Henriette war ſchier des Todes für Schreck.— Endlich erholte ſie ſich, und brach in wohlthaͤtige Thraͤnen aus. Und da— da war ſchier der tiefſte Gram ihres Herzens, am Buſen der Freundſchaft uͤbergefloſſen; aber— ſie ſank aus einer Ohnmacht in die andre. Derr ehrliche Verwalter bat Henrietten: ſie aus dem Garten, und ſobald als moͤglich aus der ganzen Gegend zu entfernen, wo ihr nichts als Gram begegnen koͤnne. Den ————+ — 393— andern Tag alſo fuhren ſie ſchon wieder fort, weil Henriette verſicherte: daß ihr Vater ſie ſehnlich erwarten werde; und beyde hüreten ſich, einander wieder an diele Szene zu erinnern. 4.. Auguſte wirthſchaftete nun auf Schloß Lauterbach, und Henriette begab ſich auf ihren alten Spielberg.— Aber, wenn ſie vierundzwanzig Stunden von einander ge⸗ trennt geweſen waren, ſo ſchien es beyden eine Ewigkeit; und— wenn ja der Befehl der Graͤfin erfüllt wurde, ſo geſchah es in dem Stücke: daß Henriette auf und abgehn follte. 3 an z igſtes Kapitel.— 13 11 Ridet hoc, inguam, Venus ipſaz ridens Simplices Nymphae, ferus at(upida Semper ardentes acuens ſagittas i in Cote cruentaua Aade, juod pubes nile ereſcit omnis, Sgervirus creſtir nova; nec priore⸗ Impiae tectum domina relinquunt, Saepe minati, Te ſuis matres metuunt juventis, Te ſenes parci. mi ſeraeque nuper Vitgine: nuptae; tua ne retardes Aura maritos Hok. Wi ſchon war jetzt der alte finſtre Spiel⸗ berg!— O! ſo ſchoͤn, daß ſich jeder gefuͤhl⸗ „— r— e n 1 395— volle Menſch fehnen mußt', hier zu athmen. — Die majeſtätiſche Eiche, mit ihren weit ausgebreiteten Armen, im neuen Gruͤn— die ſchlanke Lerchen⸗Tanne mit ihren ro⸗ then Federbüſchen— die finſtre Kiefer— die freundliche Acacie, mit ihrem. friſchen Bluͤthen⸗Duft— Welch eine Pracht!— Und, in den jungen liſpelnden Buͤſchen, die Tauſende von Nachtigallen, im eiferſuͤchti⸗ gen Wetteifer— Es war nicht anders, als bereitete die Natur für ein Paar ihrer Lieb⸗ linge das Hochzeitbett. 3 ier E Henriette kannte ſchon achtzehn Jahr dieſen alten Spielberg; aber ſo ſchoͤn glaubte ſie ihn noch nie geſehn zu haben.— Er kam ihr juſt ſo jugendlich, ſo feſtlich, und freundlich vor, wie ein Mann, der lang' in ſeinem Hausrock' an ſeiner Arbeit ſaß, jetzt aber ſich waͤſcht, kaͤmmt, den Bart putzen laͤßt, und ſein ausgebuͤrſtetes Sonntags⸗ Kleid anzieht, um dem CEhrentage ſeines wohlgerathnen Patchen bepzuwohnen.— Schon achtzehnmal hatte ſie ihn in eben dieſem Kkeide geſehn; aber ſo ſchön war es ihr noch nie vorgekommen.— Es war ihr ſonderbar um's Herz! So ſonderbar war ihr noch nie geweſen. Es wurd' ihr ſo eng' um die Bruſt, wenn ſie in dieſe ſchauerlichen Wildniſſe trat, und doch ſo wohl!— Der alte Puff ſchuͤttelte den Kopf; denn ſie ver⸗ gaß jetzt mehr als er ſelbſt, und— hatte ſchon einige Sachen ganz verkehrt und ohne Kopf angeſtellt. Das war doch ſonſt ihre Sache nie geweſen. Er konnt' es ſchlechter⸗ dings nicht begreifen! Aber unſereins be⸗ greift es wohl.— Es war ihr noch nie ſo geweſen! Sie war aber auch das erſtemal in ihrem Leben achtzehn Jahr.— Das Ver⸗ geſſen und ohne Kopf handeln war ſonſt nie ihre Sache geweſen!— Ich glaub' es wohl, Alter! aber— weißt du denn nicht, das in gewiſſen Jahren das Herz den Kopf uͤberſchreit, ohne daß man eine Silbe da⸗ von hoͤrt?— Mache deine Sachen felbſt, ſo gut du kannſt, lieber Alter!— hier haſt du dich ſchlecht addreſſirt?!—„Sollten ihr )¼, 2 — 397— denn etwa ſchon die fungen Laffen den Kopf verruͤckt haben, die ſich jetzt hier her⸗ umtreiben?“ dacht er, und macht' ihnen eine Fauſt.—„Laßt euch erwiſchen! ſo ſollt ihr für das Ausklopfen eurer Jacken das ganze Jahr nicht mehr zu ſorgen haben.“ — Aber, er that ihnen allen unrecht! ſo unrecht, als man dem Monde thut, wenn man ihm Schuld giebt, er verruͤckte den Menſchen die Koͤpfe.— Hab' ein's nur ſonſt was Geſcheides darinnen; der arme beſchul⸗ digte Mond hext ihm, ſo wahr ich lebe, keine dummen Streiche hinein. Henriette klagt' es Auguſten: daß ihr jetzt ſo ſonderbar um's Herz ſey; ſonder⸗ barer noch, und wieder anders, als vor eini⸗ gen Wochen. Auguſte lächelte; denn in ihrem achtzehnten Jahre war ihr juſt auch ſo geweſen.—„Gott geb's nur gnaͤdig!“ ſagte ſie.—„Was denn? fragte Henriette, und ſah ſich um; kommt denn ein Don⸗ nerwetter?“ — 338— Auguſte.(ſeufzend) Ach, leider! iſt die Lieb' oft noch fürchterlicher als ein Don⸗ nerwetter. 124Ig Henriette. Liebe?— Das waͤre doch kurios! Aber— ſchier glaub' ich ſelbſt, daß es ſo was iſt; denn ich liehe jetzt alles, was mir vorkommt; die Hirſche— die Ha⸗ ſen— die Rehe— die Hunde— die Eich⸗ hoͤrnchen— die Nachtigallen— o! wenn ſo ein liebes Thierchen im Buſche neben mir herumhuͤpft, ſo haſch ich darnach, und ſehne mich— und ſehne mich— ach! und es uͤberfaͤllt mich ordentlich eine Wuth: das liebe Thierchen an mein„Herz zu drücken. Iſt das Liebe? A u gu ſte.(wie zuvor) Ach, leider!— Und nun, Maͤdchen! biti' ich Dich um f. jes in der Welt: ſey auf deiner Hut!— denn jetzt entſcheidet ein Augenblick uͤber Dein ganzes Leben. 3 Henriette. Ja— wie kann man — 399— ſich aber hier inacht nehmen? Die Liebe laͤßt ſich ja nicht zwingen. Auguſte.(traurig, nach einem kurzen Nach⸗. denken) Weißt Du das auch ſchon? Henriette. Sie haben mir es ja ſelbſt geſagt!— Sonſt wüͤßt' ich es frei⸗ lich nicht. 1 eirns Au guſte. Man muß aber doch alles verſuchen, um den Verſtand wenigſtens in ſeiner Gewalt zu behalten.nn ie de Henriette. Ja, ja!— Ich ſehe wohl ein, daß dieſes hoͤchſt noͤthig iſt.— Cſchneul) Wie machten Sie denn das?* Au guſte.(öberraſche) Ich— hatr es vergeſſen! ſonſt— haͤtt' ich Dir's geſagt.— (ihr gerührt um den Hals fallend) Sobald wir will ich Dir es wieder zuſammenkommen, alles demonſtriren⸗ wie man's machen muß. 1 Henriette. Moͤgt es nicht dann vielleicht zu ſbaͤt ſeyn, wenn wir wieder zuſammenkommen? 14 Airt — 490— Auguſte.(erſchrocken) Um's Himmels⸗ willen!— Henriette!— ſieht ihr feſt ins Auge) Nein!— noch iſt's nicht zu ſpät, hoff' ich; oder— haſt Du wuͤrklich ſchon mehr von der Lieb' als— eine Idee!?— Mehr als Herzklopfen? 1 Henriette.(ganz undefangen) Nein! Aber, Sie ſagen ja ſelbſt, man ſey keinen Augenblick ſicher; alſo—(bittend) demonſtri⸗ ren Sie mir es lieber jetzt. Auguſte. Schlechterdings mußt Du der ſtrengſte Beobachter auf Dich ſelbſt ſeyn! denn— der Augenblick iſt entſcheidend, in welchem die Liebe dich uͤberraſcht.— Wachſt Du; dann iſt der erſte Sehritt glücklich über⸗ ſranden; ſchlaͤfſt Du aber— dann ſey Dir Gott gnädig!— Doch(ihr lächelnd die Hand ſchattelnd) es iſt beſſer, man den Fall, nebſt allen ſeinen Umſtänden vor ſich, den man beurtheilen will; ſonſt geht es ei⸗ nem, wie dem hochgelehrten Profeſſor, der && 2V uͤber Land⸗ und Forſtwiſſenſchaft, hinter dem Ofen ſchreibt.— Ich wuͤrde dir Dinge ſa⸗ gen, die Du jetzt unmoͤglich verſtehn, alſo auch nicht richtig zu Deinem Vortheil' an⸗ wenden koͤnnteſt; alſo—(läͤchelnd) laß immer erſt den Fall eintreten, daß Du den Mann fin⸗ deſt, der die Lieb auf ſich zieht, die ſcoon in Deinem unſchuldigen Herzen brennt; aber — Cernſt heilig verſprich mir: daß ich die erſte bim der Du es entdeckſt; und das— augenblicklich! Henriette verſprach's; und Auguſte fuhr, nach einer herzlichen Umarmung fort:— „Dann will ich Dir ein Kapitel leſen, wel⸗ ches ich, unter Hoͤllenangſt, auswendig ge⸗ lernt habe. Keine Mutter kann es red⸗ licher mit ihrer Tochter meinen, als ich mit Dir! und— daß ich's verſtehe, kannſt Du glauben; denn ich ſprech aus Erfah⸗ rung!“ Henriette war beruhigt; und hüpfte zu⸗ Ce — 4⁸2— frieden wieder in den alten Spielberg, an ihre Geſchaͤfte. Schwebe guter Genius der Liebe! Schwebe ſchuͤtzend uber dieſem unſchuldigen Maͤdchen. Unbekannt mit ihren Feinden— druckt ſie vielleicht den Buben an ihr Herz. „ Ach! und es iſt ſo gut!!? D 8 — Der Tag war ſchwuͤl; denn die erſten Gewitter thuͤrmten ſich am Horizont' auf. Alles lechzte.— Tief im Lindenbuſche ſchnaubte langſam der Hirſch, und der dur⸗ ſtende Rehbock wagte ſich an den offenſten Quell. Kein Vogel huͤpfte von einem Aſte zum andern— kein Blatt regte ſich, und kein Laut unterbrach die ſchauerliche Stille; —-—— denn jede Kehle war ausgetrocknet. Hen⸗ riette kam, mit langſamen Schritten, einen ſteinigen Berg herab.— In mancherley Ge⸗ ſchaͤften hatte ſie dieſen heißen Tag hin⸗ gebracht, und jetzt kaum noch eine Viertel⸗ ſtunde von ihrer Wohnung. Aber— je naͤher die Stadt, je ſchwerer die La 3 pflegt man zu ſagen;— und dieſes erfuhr ſietzt Hen⸗ riette. Sie war muͤde! ſchier mögt' ich ſa⸗ gen: das erſtemal in ihrer Leben.— Sie trank aus dem Quell— marf ſich unter ei⸗ ne ſchattige Eiche— ſeufite und ent⸗ ſchlief. Ein achtzehnjaͤhriges ſchönes Maͤdchen ſchlafen zu ſehn— iſt gewiß ein ſchoͤnes Schauſpiel; und noch obendrein in dieſen Umſtaͤnden.— Ich habe Weib und Kinder; aber— ich wuͤnſchte doch: an jener Eiche zu lehnen. Vielleicht bin ich nicht der einzige Narr, der ſo denkt. Als ſie erwachte, ſtand— auf ſeine Büch⸗ ſe geſtutzt— ein ſchoͤner Jäͤger vor ihr.— Er ſchien vor den Augen zu erſchrecken, die ſie jetzt aufſchlug; und ſie— erſchrack wuͤrklich vor den ſeinigen, die ſchon ſo lange — wer weiß das?— ſie betrachtet hatten. Es waren zwar ein paar ehrliche friedliche Augen— nicht das geringſte von jener zu⸗ rückſchreckenden Wildheit darinnen, von der ſie ſich oft unwillig weggewendet hatte; aber— eben darum erſchrack ſie vielleicht. Doch— ſie 3 Sunes ſelbſt nicht! Sie ſprang auf, und ſah ihn ſtarr an.— Sie wollte was ſagen ⸗ vielleicht ſich entſchul⸗ digen, und dann— gehn; auch haͤtte ſie in der Folge drauf geſchworen, daß ſie was ge⸗ ſagt haͤtt⸗; und es war doch, ſo wahr ich lebe, nicht wahr!— Sie ſah ihn bloß an. „Erſchrick nicht, ſchoͤnes Mäͤdchen! ſagte er, mit einem friedlichen Laͤcheln; Du hat⸗ teſt einen guten Waͤchter!—(ganft verweiſend) Es iſt nicht immer ſicher um die Maͤdchen, wenn ſie ſchlafen!— Da dachte ſie an Auguſten, und ſprang mit einem lauten Schrei davon.. — 485— r ihr nach, und wußte Staunend ſahne kurioſen Maͤdchen nicht was er aus dem machen ſollte. Atqui non ego te, tigris ut aſpera Gaetulusve Leo, frangere perſequor! Dacht er; denn dieſer Jaͤger verſtand den Horas beſſer, als mancher— den Do⸗ bel. —— „Ich habe geſchlafen!— Ich habe ge⸗ ſchlafen!“— ſchrie Henrieite, die Haͤnde ringend, als ſie zu Auguſten ims Zimmer geſprungen kam; denn wohin ſonſt haͤtte ſie jetzt ihre Zuflucht nehmen koͤnnen, als zu dieſer?—„Ach! Sey mir nun Gott gnaͤ⸗ dig!“— und ſiel ihr athemlos, mit kochen⸗ dem Buſen, um den Hals.—„Um Gottes⸗ willen! rief dieſe erſchrocken; Maͤdchen! was iſt geſchehn?,, Henriette. zitternd) Ich ſchlief; und als ich erwachte— da— da— da ſtand er vor mir! — 406— Auguſte.(mit einem ernſten durchdringend forſchenden Blicke) Wer denn? Henrictte.(ſchreiend) Er!— Weiß ich's denn, wer er iſt?— Er!— den ich unausſprechlich liebe! Auguſte.(lächelnd) So!— Und Du weißt nicht einmal, wer er iſt?— Das iſt doch ſonderbar! Henriette. Muß man denn das wiſ⸗ ſen?— O! kenn' ich ihn doch nun!— (ſchwaͤrmeriſch) und will ihn ganz gewiß aus der ganzen Welt wieder herausfinden; denn— (ängſtlich, und doch entzüickt) So giebt's nur einen!. Auguſte. Wurklich?—(forſchend) Und, wie war's denn nun weiter, als er ſo vor Dir ſtand? Henriette.(Zufrieden) Er ſah mich an!— Zwar hat mich mancher angeſehn; aber ſo— noch keiner!— Er ſah mich an, und ſagte: ich ſollte nicht erſchrecken; er haͤtte mich bewacht. Denn ein Maͤdchen waͤr nicht ſicher, wenn es ſchlief.— Er